— — Band. Zweiter u Bühnen⸗Spiele von Fr. Grafen von Rieſch. Der Sturz in den Abgrund. Gabriele. Zweiter Band. 4 8 Wien, bei Tendler und Compagnie. 1 82. CinLeit ung —-— So unbekannt uns vor nehreren Jahrzehnden noch die ſpaniſche Litteratur war, ſo viel iſt in neuern Zeiten darüber geſchrieben und geſpro⸗ chen worden. Auguſt Wilhelm Schlegel, dem unſere Litte⸗ ratur ſo vieles Treffliche dankt, verdankt ſie auch die erſte, unſerem Geſchmacke und unſerer Zeit angemeſſene Einführung des Calderon auf deutſchem Boden, und hierdurch wurde die Bahn zu dem unbekannten Lande gebrochen, das uns jetzt in ſeinem Innern ſo viel Reitz, Anmuth und Kraft offenbaret. Obgleich eine gewiſſe Fremdartigkeit uns aus dem bunten Gewebe 1 11 entgegenſchimmert, ſo iſt es doch eben ſie, wel⸗ che uns reger anſpricht; etwa wie die gänzlich fremde, wunderbare Welt eines Mährchens; es entzückt uns ferner die höchſt ſinnreiche Er⸗ findung der Fabel, die mit ſo vielem Scharfſin⸗ ne angelegten Verwickelungen, und endlich die allen Völkern angehörende Poeſie, die dem gan⸗ zen Werke zum Grunde liegt und ſelbſt in den kleinſten Ausſchmückungen herrlich hervortritt. Daher kommt es wohl, daß unſern Schau⸗ ſpielern von einiger Bedeutung, denen die zisance im franzöſiſchen Luſtſpiele beinahe gänz⸗ lich fehlt, die Darſtellung der ſpaniſchen Charak⸗ tere vollkommner gelingt, da das Pathetiſche in der Deklamation und die dazu erforderliche äu⸗ ßere Grandezza viel eher bei ihnen anzutreffen iſt. Die Spanier und Engländer, die in der Reihe ihrer Dichter die zwei größten zählen, die je gelebt haben: Calderon und Shakes⸗ peare, ſind die einzigen Nationen, die ihr ei⸗ genthümliches Theater beſitzen. Die Franzoſen, die ſich mit ihren chef- d'oeuvres ſo ſehr brü⸗ ſten, ſind auf die verfehlte Nachahmung der Alten gefallen, und die Deutſchen ſind nach und nach— wie es die Mode wollte— bald antik, bald engliſch, bald ſpaniſch geweſen, ja ſelbſt in unſeren großen Meiſterwerken treffen wir die⸗ ſe Miſchung, und wir können die fremdartigen Beſtandtheile leicht herausfinden. Sind unſere Dichter echt deutſch, ſo vernachlaͤfſigen oder ver⸗ achten ſie die Regeln des Zwanges, die ihnen das Theater auferlegt, und ſo ſehen wir uns ge⸗ nöthigt, zum Fremden immerfort unſere Zu⸗ flucht zu nehmen, wozu unſere herrliche Spra⸗ che, die trotz ihrer Eigenthümlichkeit ſo leicht ſich jeder Form anſchmiegt, ſich oft bequemen muß.— So fing Schlegel an, ſo folgte Gries, ſo folgten von der Malsburg und Andere, und auf eine ganz andere Weiſe Herr Weſt in Wien. Zwei Meiſterſtücke verdanken wir dieſem ein⸗ ſichtsvollen Gelehrten, die durch ſeine ſinnreiche Bearbeitung alle Repertorien zieren, indeß die nicht minder meiſterhaften bloßen Ueberſetzun⸗ gen unmöglich aufzufuhren ſind. Das Leben ein — — —— ————— IV Traum und Donna! Diana, wer kennt dieſe herr⸗ lichen Stuͤcke nicht unter uns? Schon früher haben Dichter anderer Nationen in der Fundgrube der ſpaniſchen Poeſie gewühlt, weil kein Volk mit einer ſo reichen Erſindungs⸗ gabe ausgeſtattet ſcheint, als die Spanier. Die Fruchtbarkeit ihrer Dichter gränzt an's Wunder⸗ bare, und der nicht aus eigener Erfahrung da⸗ von überzeugt iſt, muß die Angaben für über⸗ trieben halten, da in Deutſchland die Werke ſelten und wohl nie vollſtändig anzutreffen ſind. Mit Cervantes, der als dramatiſcher Dichter durch ſeine Zerſtörung der Stadt Nu⸗ manz, einen erſten Platz behauptet, nennt man als Schriftſteller vom erſten Nange dieſer Gat⸗ tung, den Fürſten der ſpaniſchen Schauſpieldich⸗ ter D. Pedro Calderon de la Barra, d. Lope de Vega, D. Agoſtino More⸗ to, und beſonders wegen einiger, namentlich des nachfolgenden Stückes, D. Juan de la⸗ Matos Fragoſo. Von erſterem Dichter, dem berühmten Schöpfer des Don Ouirotte, exiſti⸗ Vv ren außer dem genannten, noch zwei bekannte Stücke: die Chriſtenſklaven in Algier(los baüos de Argel) und das Labyrinth der Liebe. Vom zunächſtgenannten läßt ſich nur in den Ausdrücken des gewählteſten Lobes ſprechen. Er war, wie Schlegel ſagt, ein Dichter, wenn je einer den Nahmen verdient hat. Er ward 1600 gebohren und war im ſechzehnten Jahre, da Cervantes, und im fünf und dreyßigſten, da Lope ſtarb, und erreichte ein Alter von faſt fünf und achtzig Jahren. Er ſoll 120 Schau⸗ ſpiele geſchrieben, über 100 geiſtliche allegori⸗ ſche Akcr und 10o ſcherzhafte Zwiſchenſpiele oder Saynetes und eine Menge nicht dramatiſcher Ge⸗ dichte verfaßt haben. Seine Schauſpiele zerfal⸗ len in vier Hauptklaſſen: Darſtellungen heiliger Geſchichten aus der Schrift und Legende; hiſto⸗ riſche; mythologiſche oder aus andern erdichte⸗ ten Stoffen gebildete; endlich Schilderungen des geſelligen Lebens der d damahligen Zeit.— Die über allen Glauben zahlreichen Stuͤcke des Lope de Vega, ſind zum Theil nie gedruckt wor⸗ — VI den, nnd die Sammlung der herausgegebenen iſt außer Spanien ſelten anzutreffen. Vermuth⸗ lich iſt Vieles fälſchlich auf ſeinen Nahmen ge⸗ ſchoben worden, ein Mißbrauch, über den ſich auch Calderon beklagte. Es iſt nicht bekannt, ob Lope ſelbſt irgendwo ein Verzeichniß der wirklich von ihm herrührenden Stücke giebt; am Ende hatte er ſelbſt wohl ſchon viele davon vergeſſen. Man rechnet, daß Lope jeden Tag im Durchſchnitte habe fünf Bogen ſchreiben müſ⸗ ſen, um alles das zu dichten, was ihm zuge⸗ ſchrieben wird. In einigen ſeiner Stücke, beſon⸗ ders in den hiſtoriſchen, die ſich auf alte Ro⸗ manzen und Sagen gründen, z. B. der König Wamba, die Jugendſtreiche des Bernardo de Carpio, die Zinnen von Toro, u. ſ. w. herrſcht eine gewiſſe Rohheit der Darſtellung⸗ die aber gar nicht ohne Charakter iſt, und abſichtlich für die Gegenſtände gewählt zu ſeyn ſcheint; in an⸗ dern, welche Sitten der damahligen Zeit ſchildern, z. B. die muntere Toledanerinn, die ſchöne Häßli⸗ che, zeigt ſich ſchon ein ſehr gebildeter, geſelliger Ton. —— 2 VII Moreto endlich iſt uns durch ſeine Donna Diana auf's Vortheilhafteſte bekannt geworden. Moliere und Gozzihaben Moreto's Stück, das im Spaniſchen: el desden con el desden heißt, benutzt; Erſterer auf eine Weiſe, die es beinahe unkenntlich machte; Letzterer, außer kleinen Veränderungen, mit unſerem deutſchen Stücke übereinkommend, obgleich er in der Vor⸗ rede ſich viel damit weiß, daß ſein Drama ſo⸗ wohl in Anlage als Ausführung vom desden con el desden des Moreto himmelweit verſchie⸗ den iſt.— Wie weit Herr Weſt in ſeiner Bear⸗ beitung vom Original gewichen iſt, ſoll hier nicht zergliedert werden; doch kann man annehmen, daß der Ausdruck von dem poetiſchen Farben⸗ ſchmelze und der darüber ausgegoſſenen Glut der Empfindung verloren hat, und daß Herr Weſt dieſes nicht aus Unvermögen ſondern ab⸗ ſichtlich verſäumte, um es uns näher zu bringen. Die zum Grunde liegende Idee, eine unempfind⸗ liche, philoſophirende Schöne auf dieſe Weiſe zu beſiegen, das ewige Umkreiſen derſelben, und VIII der in den mannichfaltigſten Wendungen den Gegenſtand auf das Feinſte erſchöpfende Scharf⸗ ſinn, das ſind Vorzüge der Dichtung, die jedem Zuſchauer leicht in's Auge fallen. Mit welcher Kunſt dieſes aber geſchehen iſt, wie ſich mit dem erſten Akte die Expoſition ſo klar und herrlich abſchließt, wie nun im zweiten der Kampf be⸗ ginnt, wie die Charaktere ſo tief und meiſter⸗ haft gezeichnet ſind, dieſe Schönheiten erfor⸗ dern ein oftmahliges und zergliederndes Beo⸗ bachten und erheben das Stück zu einem der Vortrefflichſten in ſeiner Gattung. Die herrliche Rolle des Perrin iſt im Spaniſchen luſtiger, als bei uns, da ſie ziemlich gleichförmig in ihren Späßen überall vorkommt, grazioso genannt wird und uns aus andern Stücken bekannt iſt. Bei Gozzi wurde ſie zu dem alten, ehrlichen Venetianer, und, obgleich nicht ſo benannt, doch zum Pantalone, und bei Moliere iſt es ein förmlicher Hanswurſt, dem auf der Jagd allerlei Unglück begegnet, und den er ſelbſt dar⸗ ſtellee, wie ſein Stück bei Gelegenheit der Hof⸗ 1 — 7 —— IX feſte in Verſailles gegeben wurde. Herr Weſt hat ihn mit mehr Anſtand bekleidet, und dieſes müſſen wir ihm Dank wiſſen, denn nationelle Komik läßt ſich nie wirkſam übertragen.— Noch giebt es eine alte Bearbeitung dieſes Stückes, das in Spanien la comedia famosa heißt, und wohl mit Recht dieſen Namen verdient, wahr⸗ ſcheinlich aber nicht nach dem Originale, ſondern nach dem Gozzi, unter dem Titel: die philo⸗ ſophiſche Dame, vor längerer Zeit in Wien aufgeführt wurde. Alles war nach damahliger Zeit moderniſirt; der Graf von Barzellona ein Landedelmann, u. ſ. w. Von Movelo's ſelte⸗ nen dramatiſchen Werken iſt uns noch eines in einer Privatſammlung eines Gelehrten in Bres⸗ lau bekannt, unter dem Titel: el galeolo cau- tivo(der gefangene Galeerenſklave), das aber für unſer Theater kein beſonderes Intereſſe ha⸗ ben würde, und überdieß dem ſtandhaften Prin⸗ zen des Calderon ähnlich ſieht. Die Zeitge⸗ noſſen des Lope de Vega, Guillen de Caſtro, Montalban, Molina, Matos t —jjjj —ꝛ—ꝛ—ꝛ————— — —— Fragoſo, wie die ſpaͤteren D. Franzisco de Roxpas und D. Antonio de Solis u. a. ſtrahlen alle mit vortrefflichen Werken. Die dramatiſche Litteratur der Spanier hat ſogar ei⸗ nen königlichen Dichter aufzuweiſen, nämlich Philipp IV. Calderons großen Gönner und Bewunderer, dem man verſchiedene namenlos, mit der Ueberſchrift: de un ingenio de esta corte, erſchienene Stücke zuſchreibt; unter an⸗ dern auch das von Leſſing ſehr ſcharfſinnig, doch nicht ganz frei von der Einſeitigkeit des damah⸗ ligen Geſchmackes durchgenommene: Conde de Sex; dar la vida por su Dama,(der Graf Eſ⸗ ſep). Die ſpaniſchen Dichter waren nicht Hoͤſ⸗ linge, ſondern wie bei den Alten, Krieger. Schon Garcilaſo, der Erſten einer, abgeſtammt von den peruaniſchen Incas, ſiel vor dem erſtürmten Tunis; Camoens ſegelte als Soldat in's ent⸗ fernteſte Indien; D. Alonſo de Erzilla dichtete während des Krieges mit empörten Wil⸗ den; Cervantes erkaufte die Ehre, unter dem großen Johann von Oeſtreich die Schlacht — — XI von Lepanto als gemeiner Krieger mitgemacht zu haben, durch den Verluſt eines Armes und lange Gefangenſchaft in Algier, welcher Vorfall den tüchtigen Kuffner zu einem ſchönen Drama begeiſterte; Lope de Vega diente auf der un⸗ üͤberwindlichen Flotte; Calderon zog mit nach Flandern und Italien.— Ueber die Eintheilung der ſpaniſchen Stücke in: comedias de capa y espada, comedias de figuron und fiestas, deu⸗ te ich auf Schlegel hin. Durch dieſe kurze Einleitung hoffte ich den ge ehörigen Standpunkt vorzubereiten, um das nachfolgende vortreffliche Scück des D. Juan de la Matos Fragoſo, la venganza en el espeño— der Sturz in den Abgrund, (eigentlich die Rache im Abgrund) beurtheilen zu können. Ueber das Stuͤck ſelbſt ſage ich nichts, da es für ſich ſelbſt ſprechen ſoll. Daß ich den Schauplatz nach dem Norden verlegte, ſchien mir aus demſelben Grunde nothwendig, als Calderon ſein Leben ein Traum, nach Pohlen verlegte. Die nordiſche Vorzeit iſt für ——————— ——nn ——y — XII den wild⸗ phantaſtiſchen Stoff meiner Meinung nach geeigneter, als der weichere Süden. Die herrlichſten Situationen wechſeln und wetteifern darin mit der vortrefflichſten Sprache; ob es mir gelungen iſt, dies hohe Muſter zu erreichen, bleibt den nachſichtsvollen Kennern zu beurthei⸗ len überlaſſen. Die phantaſtiſche Erfindung und Fabel des Stückes wird hoffentlich Niemand un⸗ befriedigt laſſen.— Noch bleibt mir einiges über das zweite Stück dieſes Bandes, über das Trauerſpiel: Ga⸗ briele, ſein Entſtehen und ſeine Quellen, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, zu ſagen. In der vor mehreren Jahren erſchienenen Ein⸗ ſtedlerzeitung, die ihrer Hypergenialität wegen, die größte Aufmerkſamkeit auf ſich zog, befindet ſich ein Aufſatz, wie mich deucht, von Achim von Arnim, der, ich zweifle nicht, rein geſchicht⸗ lich iſt. 8 Der Graf Phöbus von Foix, ſein Sohn Gaſton, ſein Baſtard Ivain, ſind daraus ent⸗ lehnt, eben ſo die Entfernung der Gräfinn am Hoſe des Koͤnigs von Navarra, doch aus ande⸗ rem Grunde; ſerner der Vorfall mit dem Gifte und Gaſtons Tod, jedoch auf andere Art. Der Graf hatte nähmlich die Gewohnheit, ſo heißt es dort, Freitags die Nägel zu ſchneiden, und geht mit einem kleinen Meſſerchen verſehen, das er noch von dieſem Geſchäfte in der Hand hatte, zu Gaſton, der des Giftpulvers wegen eingeſperrt war, in den Kerker, wo er ſich dergeſtalt uͤber deſſen Hartnäckigkeit und Verſtocktheit erzürnt, daß er ihm das Meſſer in den Hals drückt; kurz darauf ſtirbt er ſelbſt, und Ivain wird Graf. Die Liebe zur Gräfinn Gabriele d⸗Armagnae, ihr Tod, wie der Charakter Ivains, ſind eigene Erfindung, und waken, wie ich glaube, nöthig, den etwas magern Stoff, dem jedoch ſchon Zeit und Ort Intereſſe verleihen, auszuſtatten. Die Miniſtrels mögen als eine Art moderner Chor, der wohl in die Provence hinpaßt, gedeutet werden. Eben ſo iſt das zum Fenſter Hinein⸗ ſteigen zwar nicht neu, aber auf der Bühne wirkſam, und als ein dramatiſches Gemeingut — ——4 —-““ — — 2 —nönöö— ————n XIV zu betrachten, wie ſo manches Andere, was Einer vom Andern ohne Scheu entlehnt. Ueber das mächtige, berühmte und durch höchſt tragi⸗ ſche Vorfälle bekannte Heldengeſchlecht der Grafen von Foir ſetze ich nichts weiter hinzu, da dies zu weit führen möchte. Nur für die Nichtkenner des Voltaire ſey mir noch er⸗ laubt hinzuzufügen, daß mein Stüuück von dem⸗ ſeinigen(Adelaide du Guesclin) ganz verſchie⸗ den iſt.— Wien, 1820. Der Verfaſſer. — Der Sturz in den Abgrund. Drama in drei Aufzügen. II. Theil. A Perſonen. 1—— Fürſt Boris. Olaf, Felbyerr. Waldemara, ſeine Gattinn. Marfa, verbannte Fürſtinn.) Beibe in ber Boleslas, Olafs Vater„vormahls 8 Wilbniß le⸗ Miniſter.—₰ bend. Prusko, ein Bauer. 3 Michal, ſein Sohn. 3 Anno, ein Hofmann. Siwa, Begleiterinn ber Walbemara. Hauptmann der Leibwache. HKofleute. Jäger. Bauern. Diener und Dienerinnen. —VVʒ⏑ʒ⏑;ͦ’UOEBn—⸗—⸗⸗⸗——————————————— (Die Handlung ſpielt in Pohlen). —— — 1 AN 1 Erſter Aufzug. (Halle im fürſtlichem Schloſſe. Frommeln unb Honeurs). Erſter Auftritt. Die Wache. Der Hauptmann. Olafkommt. Hauptmann. Seod mir willkommen Herr, ſo hald noch nicht Erwarteten wir Euch— Olaf. Ich eilte, Freund, Auch ſchmerzen alle Glieder ſehr vom Ritte. Doch es gelang, den Frieden herzuſtellen.— A 2 Der Nachbar, der noch unſ're Gränzen jüngſt Mit ſeiner ganzen Heeresmacht bedrohte, Zog ſich zurück, und Handelsfreiheit wird Heruͤber und hinüber ſorgenlos Die Handelsleute beider Völker locken. Doch, ſprich, wo weilt der Fürſt, laß mich zu ihm— Hauptmann. Es thut mir leid, jetzt kann es nicht geſchehn. 3 Sl af. Ihr weigert mir den Eingang zu dem 5 Furſten? Hauptmann. Mit nichten Herr, das wahrlich wagt' ich nie— Jedoch— — Slaf. Nun ſprich— Hauptmann. Der Fürſt iſt ausgezogen, Zur Jagd— r Hlaf. Wohin? In welches Jagdrevier? Hauptmann. Fern von der Stadt. Ihr kennt den großen See Am Fuße des Gebirges ausgebreitet. Von dieſem See erſtrecket ſich ein Wald Gar tief hinein in's Land— Hlaf. Wohl kenn' ich ihn Sehr gut, ich hab ein Landgut dort, nur weiter— Hauptmann. A Vor langer Zeit ſchon zeigten in der Gegend Zwei Thiere ſich, ſehr fürchterlich zu ſchauen— Slaf. Das iſt es? Ha, ich kenn' das tolle Mährlein— Hauptmann. Kein Mährlein, Herr! die Sache iſt erwieſen. Schon wieder waren Abgeſandte hier, Die Thiere hat man neuerdings geſehn. Sie rauben nicht, doch ſchreckbar anzuſchauen Iſt die Geſtalt, nie ſah man noch dergleichen. 6 Mit Haaren iſt der Körper ganz bedeckt, Und rieſig ſchreiten ſie daher, wie wenn Ein Elephant ſich auf die Hinterbeine Gleich einem Affen ſtellt und ſo nun wandelt. Aus ihren Schlünden dampfet Pech und Schwefel, Und ihre Zungen, grün wie friſches Laub, Sieht man aus dem furchtbaren Rachen hängen. Sie ſollen Fangball mit den Felſen ſpielen, Und Fichtenſtämme zum Spazierſtock' brauchen— Sl a f. O ſchweigt mit dieſem lächerlichen Mährchen. Hauptmann. Was Mäaͤhrchen, Herr? Die Sache iſt erwieſen, Und längſt ſchon wartete ich auf ſolch Wunder. Die Thiere deuten Uebeles dem Lande.— Und wenn Ihr auch mit Allen Frieden ſchließet, Die unſ'res Landes Ruhe je bedrohn, So werden wir ihn nimmer doch erringen. 3 Slaf. Ihr ſchwatzt— Hauptmann. Ei immerhin, o laßt mich ſchwatzen.— 7 Soll denn der Himmel ruhig Unbill ſchauen, Und keine Strafe auf uns niederſenden? Ich weiß gewiß, daß dieſe Höllgeburten, Uns zu beſtrafen, nur erſchienen ſind. Wo ſolche grauſe Thaten ſind geſchehn, Da müſſen auch der Hölle wilde Mächte Herauf zerſtörend grauſe Schrecken ſenden. Slaf. O ſchweig' davon— Hauptmann. 3 Noch immer ſeh' ich ſie, Wie ſie ſo da ſtand noch in unſ'rer Mitte, Das königliche Weib, im Bußgewande. Die edlen Züge leuchtend durch den Schleier, Den Trauer um den Gatten und ihr Schmerz um ihre hohe Bildung faltig wob. Ja Steine häͤtt' der Anblick rühren mögen— Doch härter waren unſ're Herzen— Slaſ. Schweig'!— Hauptmann. Erlaubt, ich mahle immer mir das Bild ——ꝛ8—— —— 8 Mit allen Farben aus, es tröſtet mich. Sie weinte, ſie beſchwor, doch nichts half ihr. Sie zeigte auf die Frucht, die unterm Herzen Schon lebend ſich zu regen anfing: Hohn Ward ihr dafür, wie eine leichte Dirne Ward ſie den Mißhandlungen Preiß gegeben. Ihr ſeidnes Haar zerrauft von rohen Händen, Ihr königlicher Leib beſchimpft, ſo ward Hinausgeſchleppt ſie aus des Schloſſes Mauern, Hinausgeſtoßen in die rauhe Wildniß.— Gewiß hat nun ein wildes Thier ſchon längſt Mitleidiger als ihre Unterthanen, Der Hartbedraͤngten Qual ein End' gemacht. Hlaf. Was ſoll das jetzt? Hauptmann. Herr, was es immer ſoll.— Vergebt, jedoch ich ſag' es frei heraus, Wir alle Beide, Ihr und ich, ſind ſtrafbar. Ich, der ich damahls ſo wie heut' befehligte Den Kern der Truppen, ſtand unthätig da, Und Ihr— doch— * „⁹ 9 Slaf. Still— Hauptmann. Run ja, ich ſchweige ſchon. Olaf. Wie konnte Boris aber durch das Mährchen Bewogen werden, auf die Jagd zu ziehn In jene Wildniß, die kein Fuß betritt? Nicht dieſe Thiere hoff' er dort zu finden, Doch andre, ſchlimmere drohn ihm Gefahr. Hauptmann. Ihr kennet ja das leichte Blut des Fuͤrſten. Geſchickte Jaͤgerhaufen nahm er mit, Und wie ein Spaß, nicht um die Ungeheuer Aus ihren Höhlen aufzuſtöbern, ſchien Das Ganze mir ein Anſehn zu gewinnen. Slaf. Du ſagſt: ein Spaß— das leichte Blut des Fürſten! Ja wohl, ich kenn's. Wie heißt die Gegend, ſprich, Wohin der Zug zuerſt die Straße nahm? ——— 10 Hauptmann. Nach Meſchek Herr, dort ja beginnt der Wald, Und dort ſahen Bauern auch die Thiere eben— Slaf. Nach Meſchek, meinſt Du 2 Haſt Du recht gehört? Hauptmann. Nach Meſchek, recht hab⸗ ich, o Herr, gehört.— Doch Ihr erſchreckt?— Ha, jetzt fällt mir's erſt bei, Ihr habt ein einſam Schloß in jener Gegend— Slaf. Cfür ſich). Ein Schloß, ja wohl— owär' es das allein!— Caut) Iſt lang der Fürſt ſchon fort? Hauptmann. Seit geſtern fruühß— Ola f. Cfür ſich). 3 Seit geſtern früh? So kann er dort ſchon ſeyn!— O welch ein Schmerz iſt dies, den ich empfinde! Welch finſtrer Argwohn Lodert plötzlich auf? Er— der Tyrann, dem Orte nah zu ſeyn, — — 11 Wo Waldemara, all mein Leben, weilt. Der böſe Wurm ſo nahe meinem Herzen? Welche Gefahr für meines Hauſes Ehre! Gewiß, es war ein bloßer Vorwand nur, Daß er zu dieſer Jagd ſich ruſtete. Er hatte Kunde von dem ſeltnen Schatze, Den Olaf in der Wildniß dort verbirgt. Er will mir rauben all mein Lebensglück. Ha ſchnell zu Roß! nach Meſchek, dort will ich Dem frechen Buben helfen, Thiere jagen. (Schnell ab). Zweiter Auftritt. Der Hauptmann.(allein). So mußt' es dahin kommen? Mußte Boris Nach Deinem Herzen zielen, Deine Ehre Dir zu beflecken drohn, damit Du fühlteſt, Welch eine Schmach Dein Vaterland erduldet?— O pfui der Sclaverei! nur immer heucheln, Nur immer höfiſch ſeinen Rücken beugen; Nun magſt Du es empfinden, armer Mann. Was ihn erſchreckt, das weiß ich nun zwar nicht, 12 Doch ſchien es ganz den Muth ihm zu benehmen. Ich konnte ſonſt mit Dir als Vater ſprechen, Und müßt' ich hier nicht auf der Wache bleiben, Ich zöge mit Dir, Vater Dir zu ſeyn.— Gar Schlimmes ſtehet unſerem Land bevor, Wenn der Verraͤther fällt, und wir mit ihm, Die wir das Ungerechte dulden konnten.— (Er geht pinein). Dritter Auftritt. (Garten bei Olafs Burg, tief im Gebirge; Links ein altes Schloß; vorn unter einem Baum eine Raſenbank). Waldemara. Siwa. Begleiterinnen. Michal. Landleute. Michal.(iingt ein Lieb zur Zither). . Waldemara. Hab' Dank für dieſes Lied, mein Herz fühlt ſich Bei Deinen Tönen freudiglich erhoben. Wer lehrte Dich die holde Weiſe, ſprich? Michal. 5 Ich hab' es ſelbſt verfertigt, hohe Herrinn. „ ——õ— S 13 Waldemara. Du hätteſt ſelber dieſes Lied gedichtet? Michal. Ich ſinge oftmahls ſo— was in der Seele Heraufzuſprudeln ſcheint, nennt Ihr das Dichten? Wohl möglich, doch ich kenn' den Ausdruck nicht. Ich nenn' es ſingen. Doch das Euch das Lied Beſonders wohlgeſiel, das macht mich ſtolz. Ich ſehe wohl, daß es was andres ſey, Euch, hohe Frau, zu Dank zu ſingen, wie. Den Burſchen und den Mädchen unſres Dorfs. Ja, deren Beifall, traun, entgeht mir ſelten, Doch Euch ein Lächeln zu entlocken, Euch Ein ſüßes Beifallslächeln— o vergönnt, Daß ich dafur die Hand Euch kuͤſſen darf. Waldemara. Tritt näher! Gu ihrer Begleiterinn) Sehet doch den ſchmucken Knaben, Er ſcheinet nicht des Bauern Sohn zu ſeyn. Siwa. Ja in der That, ich find'ihn zart geſtaltet. 14 3 Waldemara. Wie heißt Dein Vater? Michal. Prusko, gnaͤd'ge Frau. Und ich— Waldemara. Du heißeſt Michal— (die Begleiterinnen, Siwa ausgenommen, und die Land⸗ leute verlieren ſich nach und nach). Michal. Wie? Ihr wüßtet— Waldemara. Ich hörte Dich bei Deinem Nahmen nennen. (für ſich) Ich muß geſtehen, ſonderbar ergreift Mich dieſes holden Knaben ganzes Weſen. (aut) Schick' Deinen Vater her— Michal. 1 Ich gehe ſchon. Gehabt Euch wohl, geſtrenge Frau, und zurnet Ob meiner vor'gen dreiſten Bitte nicht. —(ab). Waldemara. Wie wär' es möglich? Dieſer feine Sinn, — — 15 So ſittig und ſo edel im Venehmen. Er kann des armen Bauern Sohn nicht ſeyn. Vierter Auftritt. Vorige. Prusko. Waldemara. Biſt Du der Vater? Prusko. Ja, geſtrenge Frau. Mein Sohn fand mich im Hofe, und da ſagt⸗ Er mir, ich ſollte mich zu Euch verfügen. Kaum traut' ich meinem Ohr', da ich's vernahm. Hat er vielleicht mit ſeinem dummen Weſen Euch, hohe Herrinn, Aergerniß bereitet? Vergebt es ihm, er meint es niemahls böſe, Doch hat er ſtets was Störr'ſches im Gemuͤthe. Waldemara. Nein, keineswegs hat Michal mich gekraͤnkt. Er hat mich durch ſein Lied ſo ſehr erfreut, Daß ich von Euch' was Naͤh'res wiſſen möͤchte Von dieſem Knaben— 16 Prusko. Ei, geſtrenge Frau! Der Knab' iſt guter Art, das iſt gewiß. Die Liedergabe iſt ihm angeboren, Gewachſen und gebildet iſt er gut, Und auch mit großer Stärke ausgerüſtet. Da denk' ich nun, das ſind der Vorzüg' viel, Und dann bedaure ich, daß ich, ſein Vater, Nur bin ein Bauersmann und dieſer Knabe Mithin nur auch ein Bauer werden kann. Waldemara. Warum das? Laßt ihn nur was Tücht'ges lernen, So kann dereinſt was Tücht'ges aus ihm wer⸗ den. Prusko. Was Tücht'ges? Ei, Ihr ſcherzet gnäd'ge Frau, Wir tragen zwar die Feſſel nicht zur Schau, Doch wißt Ihr wohl, daß wir nur Sclaven ſind. Waldemara. So ſchenk' ich Beiden Euch die Freiheit— 17 Prusko. Himmel! Wär's möglich?— Dank! Waldemara Und Beide ſeyd Ihr nun Fortan zu meinen Dienſten angenommen. Zieht in das Schloß, das Weit're wird ſich finden. Prusko. O hohe Gnade, doch ich wag' es nicht, Für ſolche Gunſt Euch ſchändlich zu belügen. Bis jetzt ſchwieg meine Zunge ſtreng davon. Sie ſollte nicht das dicke Dunkel hellen, Das meines Knabens Jugendzeit umwob. Warum ſollt' ich des Lebens reine Luſt, Die Lauterkeit in ſeinem ganzen Weſen, Ihm ſtören durch die ſchreckliche Entdeckung? Waldemara. So wär' er nicht Dein Sohn?— ich ahndet' es— Prusko. Er iſt mein Sohn, ich geb' mein Recht nicht auf. 18 Er iſt vom Himmel ſelber mir geſchenkt, Ich lieb' ihn, wie ein Vater es nur kann. Doch wie ich zu ihm kam, vernehmt nunmehr. Einſt zog ich in den Wald, um Holz zu fällen, Da lockte mich vom Wege ein Geſchrei, So kläglich und ſo zu dem Herzen redend, Daß meine Art ich auf die Schulter warf, Und dann ſogleich den Weg mir dahin bahnte, Woher mein Ohr den Klageton vernahm.— Bald blieb ich an dem Boden feſtgewurzelt, Denn wie ich ſo die ſtarken Zweige bog, Die dicht verſchlungen meinen Weg durchkreuz⸗ 1 ten, Gewahrte ich auf einem Steine liegend, Ein holdes Fraunbild ganz in Thränen badend. Ich tret' hinzu— und was erblickt mein Auge? In ihren Armen hält ein zartes Kind, Das eben weinend ſich dem Schooß entwunden, Die Schwerbetrübte matt, in ſtarrem Schmerz. Ich zweifle, ob es Wahrheit ſey, ob Trug, Von tück'ſchen Geiſtern ausgedacht, mich nur Zu necken. Doch wie ich noch zweifelnd ſinne, 8 —— 19 Erhebt das Fraunbild eine ſanfte Stimme. „Erbarm' Dich mein, und nimm hier dieſen Kna⸗ ben, Erziehe ihn, wie Deinen eignen Sohn. Gieb ihm den Nahmen Michal in der Taufe, Der Himmel wird Dir Deine That einſt lohnen, Ich bin zu arm, ich bin es nicht im Stande.“ Und ſomit drängte ſie mit Ungeſtüm, Daß ich den ſchrei'nden Knaben nehmen mußte. Sie ſelbſt jedoch wollt' keine Kunde geben Von ihrem Leid, nah wollt' ſie mit mir gehn. Und wie ich nun mich bückte, um den Knaben Fein ſorglich in die Windeln einzuhüllen, Verſchwand ſie in dem Felſenlabyrinthe, Das uns umgab, ich wußte nicht wohin. Ein einz'ger Ring lag bei dem Kinde, und Gab durch ſein ſchönes Glänzen ſich mir kund. Den Ring bewahr' ich noch dem lieben Knaben. Waldemara. Sehr ſeltſam in der That, ich ſah es gleich Daß edles Blut in ſeinen Adern fließet. Wie lange iſt's, daß dieſes Euch geſchehn? Prusko. Jetzt ſind es achtzehn Jahre, gnaͤd'ge Frau. Waldemara. lind haſt Du ſeit der Zeit, wenn Du den Wald Beſuchteſt, keine Spur eichane †f r u s Sne Keine.— Doch wie ich nach zwei Jahren einſtmahls wieder Von Ungefähr die Stell' im Walde fand, Da lagen Todtenbeine rings zerſtreut, Wo meines Knaben Felſenwiege ſteht. Sie ruht in Gott, ſo denk' ich; nach der Zeit Wohl hat mitleidig eines Wolfes Zahn Der Armen Elend ſchnell ein End⸗ gemacht. Wahrſcheinlich ſtammte ſie aus gutem Hauſe, Und hat— man weiß ja wohl— wie es ſo geht— Waldemara. OH ſchweige Prusko, denn ihr hartes Loos Hat längſt die Schmach geſühnt— Prusko. 4 Sie ruh' in Frieden!— Wie freu' ich mich, daß meines Michal Loos 21 So freundlich ſich nunmehr gewandelt hat. Ich hohle ihn hieher, doch bitt' ich Euch, Sagt ihm noch nichts von ſeinem frühſten Schickſal. Der Hochmuthsteufel ſpucket ohnedieß Oftmahls in ſeinem Kopfe, und ich möchte, Daß er nur dann erfahre, wer er ſey, Wenn Thaten, eines Ritters würdig, ihm Die Schranken zu der Ehrenlaufbahn öff'nen. Waldemara. Schon gut. Er mag indeß am Hofe hier, Dem Knappentroß geſellet ſeyn. Prusko. Lebt wohl!— (ab). Fünfter Auftritt. Waldemara. Siwa. Waldemara. 9 wäre Olaf doch nur heimgekehrt, Er ſollte ſorgen, daß des Knaben Herkunft Nicht länger mehr verborgen bleibe, denn 22 Mich kümmert ſehr das Loos der armen Mutter.— Ich muß geſtehn, ich wollte gern, daß mich Die frohe Ahndung, die ſich in mir hebt, Nicht trüge, denn mir iſt's, als träte Olaf Hinein in's Zimmer, von der Reiſ' ermuüdet. Es iſt doch ſchöner in der Einſamkeit, Wenn er mit uns hier lebt. Zwar fehlt mir nichts, Womit ich mir die Langeweile ſcheuche. Ich habe gute Bucher, Inſtrumente, Dich liebe Siwa, dieſen ſchönen Garten, Und eine Schaar von frohen Dienerinnen, Die durch Geſang und Tanz und frohes Spiel Mich aufzuheitern ſtreben— Siwa. Ich muß lachen!— Nichts habt Ihr im Vergleich mit dem, o Herrinn, Was Ihr wohl haben könntet, haben müßtet. Ihr kennt die Freuden nicht, die an dem Hof Sich Euch bereiten wuͤrden. Ihr, die Frau Vom erſten Mann im Staate, Ihr, ſo ſchön, Daß Alles huld'gend Euch begrüßen würde: Ihr lebet hier in dieſer Felſen⸗Nacht, 23 In einem oͤden Schloß, zu dem der Pfad, Der unwegſame, durch die rauhe Wildniß Sehr wen'gen Menſchen kundig nur, ſich ſchlän⸗ gelt.— Die magern Spiele Eurer Dienerinnen, Der kleine Gartenfleck, dem kahlen Felſen Mit Mühe abgetrotzt, iſt Alles, was Euch Freuden beut; o ich muß d'rüber lachen. Und da fühlt Ihr Euch glücklich? Ja, wenn noch Der theure Eheherr die Wildniß theilte, Doch ſelten wiederfahret Euch dieß Glück. Indeß der Mann am Hof' des Fürſten ſchwelgt, Muß ſeine Frau im Waldſchloß einſam darben. Waldemara. O ſprich nicht ſo, ich lieb' nicht dieſe Sprache. Gern weil' ich hier, und bin beglückt genug, Wenn Olaf eine Stunde bei mir iſt. Siwa. Ihr wiſſet wohl, daß ich Euch innig liebe, Und dies allein hält mich noch hier zurück. Ich kenne alle Freuden eines Hofs— 24 Doch ich will ſchweigen, denn mich üͤbermannt Der Schmerz— Waldemara. O ſchweig', ich bitte Dich darum.— Wie ſich der gute, alte Prusko freute! Glaub' mir es Siwa, auch ich theil' die Freude; Es iſt ein ſchön Gefühl, der Menſchen Loos Verbeſſern.— Sechſter Auftritt. Vorige. Michal, im Hintergrund mit ei⸗ nem Jagdſpieß erſcheinend. Michal.(für ſich). Wie es immer her mich zieht, In ihren Kreis, zu ihren lichten Augen. Ich weiß nicht, was es iſt, doch immer wieder Muß auf derſelben Spur zurück ich gehn. Waldemara.. Mich freut auch Siwa, daß ich mich nicht täuſchte, Daß dieſer Jüngling hohem Blut entſproſ⸗ „ ſen— Siwa. Ei das war leicht zu ſehn— Micha l. Cfür ſich). Spricht man von mir? Waldemara. Du ſcheinſt zu ſchmollen gute Siwa, weil Ich Deinen Reden keinen Beifall zollte. Ich bitte, laß mir meine Einſamkeit, Ich neide nicht den Flitterprunk des Hofes. Komm', laß uns von dem neuen Knappen ſpre⸗ chen. Nicht wahr? Du freuſt Dich auch mit mir recht herzlich? Siwa. Ja wohl, recht ſehr. Waldemara. Iſt Olaf heimgekehrt, So ſoll das Forſchen nach dem Elternpaar Des Knaben alſobald den Anfang nehmen. . Michal.(für ſich). Man ſpricht von mir. Schon lange merk' ich es, Denn die Geſinnung und mein niedrer Stand II. Theil. B. 26 Wollt' nimmermehr ſo recht zuſammenpaſſen. § Gott, Gewißheit! Nicht mehr halt' ich mich— (er ſtürtt vor) Vergebung hohe Frau! Ich hörte Alles. Waldemara. Wie? Du belauſchteſt uns? Michal. Ich kam hieher, Um, eh' ich auf die Jagd der Thiere zog, Die lange meines Herrn Revier bedrohn, Euch, hohe Herrinn, um Befehl zu bitten. So eben wollt' ich mich zu Füßen werfen, Doch hielt die Scheu mich ehrbar noch zurück, Da horte ich, was Ihr von mir— Waldemara. Du weißt, Daß wir von Dir hier ſprachen: Michal. Ja, ich weiß es.— Denn lange ſchon vermuthe ich, daß nicht Des Bauern Blut in meinen Adern fließet. 27 Ich liebe Prusko herzlich, doch den Vater, Ich fühle es, würd' ich noch heißer lieben. Waldemara. Je nun, weil Du erhorcht, was Du nicht ſollteſt, So mag Dir Alles denn enthüllet ſeyn, Was wir von Deiner räthſelhaften Herkunft Erfahren haben.— Prusko hat Dich einſt In dieſes Waldes Dunkel hier erhalten, Als eben Du das Licht der Welt erblickteſt; Doch Deine Mutter, die mit Thraͤnen Dich Ihm anvertraut, war bald darauf verſchwun⸗ den. Gewiß ward ſie ein Opfer jener Thiere, Die in den Felſenſchluchten hauſen, denn Es war von ihr ſonſt keine Spur zu finden. Bloß Todtenbeine fand er einſtmahls wieder, Da ſein verirrter Fuß den Ort betrat, Wo Du ihm früher eingehändigt wurdeſt.— Bleib' hier im Schloſſe in der Knappen Troß, Und kehret mein Gemahl nach Hauſe wieder, So wird er ſorglich forſchen, Deiner Herkunft B 2 28 Den nebelhaften Schleier zu entreißen, Daß Du zu Ehren kommeſt vor der Welt. Michal. Vergönnet mir das Wort. Ihr denket wohl, Daß mir ein ſchöner Hoffnungsſtern jetzt leuchte? O wähnt das nicht; der Zweifel der Geburt, Der ſchmettert jetzt erſt mit Gewalt mich nieder. Wer meine Eltern waren, ihren Nahmen, Der Eltern Stand, das war es nur allein, Was mich beglücken konnte. Aber jetzt Seh' ich mich in die Nacht zurückgeſchleudert. Zin ich denn nicht die Frucht des ſchnöͤden Laſters? O Himmel, nein, ich fluche nicht der Mutter, Jedoch viel lieber hätte ſie mein Hirn An jenen Felſen gleich verſprützen ſollen, Als ſo mein elend Daſeyn mir zu friſten. Konnt' ſie nicht wiſſen, daß in dieſen Jahren Das Selbbewußtſeyn nach und nach erwacht, Und ich die Herkunft wohl errathen würde? Ich bin ein Kind der Schande, ewiglich Iſt ſie an meinen Sohlen feſtgebunden. Was ſoll ich an dem Hofe, bei den Knappen? 29 Wird jeder nicht mit Fingern nach mir zeigen, Und rufen: ſeht den eiteln Baſtard nur? O wär' ich Pruskos Sohn, ein ſtiller Bauer, Und kocht' und gährte nicht in dieſer Bruſt Der glüh'nde Strom der Ehre und des Blutes! Ach in der Wäͤlder grauſer Einſamkeit Will ich mich bergend meiner Schmach entfliehn!? Waldemara. Was hör' ich? Welche Worte, Michal, ſtrömen Von Deinen Lippen ſo verraͤth'riſch nieder? Ich ſehe wohl, der Hochmuth nur allein Reitzt Dich ſo ſehr. Pfui! einem edlern Muthe Glaubt' ich den edeln Sprößling hingegeben. Die Bahn iſt offen. In des Fürſten H er Wird mein Gemahl Dir einen Platz verſchaffen, Den Du durch Heldenmuth behaupten ſollſt. Michal. Wohlauf! Ich will zur Jagd der wilden Thiere, Die heut Fürſt Boris ſelber jagen wird. Ich will mich ihnen keck entgegen ſtellen, 30 Vielleicht daß dann mein ehrlos niedres Blut Sich raſch dem Staub vermählet.— (man hört Hörner.) Hört Ihr wohl? Der Hörner Klang erſchüttert ſchon die Luft, Fürſt Boris jagt. Hinaus, auch ich will jagen.— (ab). Waldemara. O Siwa, hätte Prusko auch geſchwiegen, Der Geiſt, die Sprache würden ihn verrathen.— (ſie ſetzen ſich). Siebenter Auftritt. Vorige. Fürſt Boris und Anno er⸗ ſcheinen im Hintergrunde in Jagd⸗ kleidern. Boris. Wie überraſchend iſt der grüne Platz Mit ſchönen Blumen freundlich üͤberfät, Wenn man aus jenen Felſengründen tritt. Wir wollen hier verweilen; der Beſitzer Thut ſeinem Fürſten wohl die Thüre auf. Fürwahr, der Ritt hat mude mich gemacht. —— Ann o.(bie Frauen erblickend). Was ſeh' ich, Herr?— Ihr Augen haltet ein, Entſchlüpft mir nicht vor freudigem Entzücken. Schaut hin, zwei Frauen, Blumen uͤberſtrah⸗ lend, Und Sonnenglanz und Perlenreine, was weiß ich? Zwei Frauen, ſag' ich Euch, ſo blendend ſchön, Wie noch mein Auge nimmer ſie geſehn. Boris. Ja in der That, zwei allerliebſte Weſen! Wir wollen näher gehn, ſie zu beſchaun. Waldemara. Hörſt Du nicht flüſtern, Siva? Si wa. S war der Wind. Der durch der Baͤume Laub ſo eben ſtreifte. Boris.(zu Anno). Ich nahe mich, begehrend einen Trunk. Anno. Auf dieſe beiden Weſen Jagd zu machen, Das will mir wahrlich viel genehmer ſcheinen, Als in den Wald die Ungeheuer ſuchen. Waldemara. Ach Siwa, ſieh Dich um; dort ſind zwei Jäger; Sie nahen ſich— Siwa. Nun? Waldemara. Siwa, laß uns gehn— Siwa. Das ſchickte ſich— Boris. Warum entfliehen, Holde? + glaubet mir, wir wollten Euch nicht ſchrecken, Wir dachten nicht daran Euch hier zu finden. Doch nun, da plötzlich unſer Aug' Euch ſchaut, Stehn wir geblendet da und wiſſen nicht, Ob Zauberei uns unſre Sinne feſſelt.— Wir ſind zwei Jäger, die des Wegs nicht kundig, Vom großen Jagdzug ſich verloren haben. Wollt Ihr uns eine kurze Ruh' vergönnen, Und einen kühlen Labebetrunk zur Stärkung, So fagen wir Euch unſern beſten Dank. — Anmo. Es trüget nicht ſolch holdes Angeſicht, Die Milde leuchtet ja aus jedem Zuge; Die edeln Frauen wollen uns willfahren— Waldemara. Des Olafs Dach iſt wirthlich jedem Fremden. Wollt Ihr hinein in's Haus, ſo ſoll alsbald Ein Wein und guter Imbiß Euch erfreu'n. Boris. Viel lieber wär' es uns hier in dem Kühlen. Doch Ihr allein nur habt hier zu gebiethen. Waldemara. So gehe, Siwa, hin und ſage, daß Man einige Erfriſchung bringen möge. (Siwa ab). Boris. Wozu ſo viele Mühe? Sprudelt nicht Unweit von hier die ſchönſte Silberquelle? O, wolltet Ihr mit Eurer Liljenhand Mir einen Trunk von ihrer Welle ſchöpfen, Er wär' mir lieber noch, als Euer Wein. 34 Waldemara. Ihr ſpottet wohl— Boris. Ich ſpotten, ſchoͤne Frau? O wollet das von mir nicht glauben. Doch— Ich muß Euch bitten, mir den Trunkzu hohlen. Aus Euern Augen bricht ein lodernd Feuer, Das meinen Buſen zu verbrennen droht; O geht, denn fahrt Ihr fort mit ſolchen Blicken, So ſchürt Ihr immer mehr die heißen Flammen. Waldemara. Der Imbiß wird ſogleich zu Dienſten ſtehn. Boris. O weg mit dieſer kalten Sprache, Holde! In mir iſt Gluth und auch, ich wollte wetten, In Deiner Schwanenbruſt kein Eis, d'rum laß Nicht aus den Wonnethoren von Nubin So eiſig kalt bedächt'ge Worte gleiten. O gieb mir Deine Hand, ſie iſt ſo weich, Laß Dich umfaſſen— Waldemara. Ha! Was waget Ihr? 02 Ich traute Eurem Anſtand, Eurer Rede, Daß Ihr zu Boris Hofgefolg' gehört. Doch wagt nicht mehr, als Ihr bis jetzt gewagt, Denn wiſſet, die mit Euch die Worte wechſelt, Iſt Waldemara, Eures Feldherrn Weib. Boris. Wie? Olafs Weib? Waldemara. Ja— Olafs— den Ihr kennt. Boris. Sein Weib, ſagt Ihr?— Ich ſtehe ganz erſtarrt, Olaf vermählt?— Hört' ich doch nie davon. Waldemara. Ehrt Ihr mich nicht, ſo ſoll es Euch gereuen! Boris.(für ſich) Der Selav' iſt weit von hier, und ich bin Herr!— (laut) Laßt Euch beſänft'gen, gebt mir Eure Hand. „ 36 Waldemara. Ha Ünverſchämter, laßt mich!— (Siwa bringt das Verlangte. Boris ſpricht leiſe und angelegentlich mit Waldemara.) Achter Auftritt. Vorige. Olaf erſcheint im Hintergrunbe, u bleibt wie angewurzelt ſtehn. Skaf. Ich Verlorner! (eilt in den Vordergrund und kniet) Mein Fürſt und Herr, ſo eben kehr' ich wieder Aus unſers Nachbars Hauptſtadt, mir gelang's, Nach Euren Willen Frieden abzuſchließen. Waldemara. O Gott! Fürſt Boris! Boris. 3 An mein Herz, Getreuer! DOlaf.(aufſtehend) Hier find' ich meinen Fürſten, in der Nacht So wilder, unwegſamer Felſenſchünde, Wo karg die Sonne ihre Strahlen ſpendet? 4 — Boris. Der Klagen viele tönten hin zum Thron, Der Thiere wegen, welche Angſt und Schrecken In dieſer Gegend ringsherum verbreiten. Da habe ich nun ſelbſt mich aufgemacht Mit meinem Jagdzug! Doch nun abgekommen Vom rechten Wege, fanden wir dies Haus Und dieſe ſchöne Frau— Slaf. Es iſt mein Weib! Bor z. Ihr hieltet Euren Ehſtand ſo geheim?— Slg f.. Dies Waldemara, iſt des Landes Herr, Den Du nicht kannteſt— Waldemara.(zu Boris). D'rum vergebt mir— wenn— Olaf.(für ſich). Er iſt ſo gluͤhend, ſie verwirrt, o Himmel! Boris. Ich hätte zu vergeben? O mit nichten.— Es thut mir leid, daß Ihr mich jetzo kennt, 33 Denn eine ſchwere Laſt möcht' ich nicht werden. Doch höret meine Bitte, denkt nicht d'ran, Daß Euer Fürſt in Eurem Schloſſe weilt! Dann will ich gern, recht gern bei Euch noch bleiben. Geht holde Frau, bald ſollt Ihr Eurem Gatten Die ſchönſte Wiederſehensſtunde ſchenken; Der erſte Augenblick gehört dem Staat. Waldemara So ſeh' ich Dich, mein theurer Olaf wieder, Wenn unſer hoher Fuͤrſt es uns erlaubt. 4 (ab mit Siwa). NMeunter Auftritt. Boris. Anno. Olaf. Boris.(für ſich). 8 Der holde Engel! welche ſüße Anmuth! (laut) Wie aber, Olaf, konntet Ihr ſo heimlich Den Schatz, um den Euch Kön'ge neiden moͤchten, In dieſer Waldeseinſamkeit vergraben?* Im Grund⸗ iſt freilich das Beginnen klug; 39 Indeß, iſt es nicht grauſam, dieſe Blume, Die königliche Gärten zieren würde, Bei wilden Thieren bluͤhen nur zu laſſen?— O ſchämt Euch Olaf, dieſe Klugheit iſt Hier nicht an ihrem Platze; leuüchten ſoll Die Sonn fuͤr Jedermann; der Bergmann zieht Den edeln Demant aus der Gruben Nacht Hervor an's freundlich helle Tageslicht, Damit er hier der Strahlen Pracht entfalte. Und endlich— was habt Ihr wohl zu befürchten? Ihr ſeyd ſo ſchön und wohlgebildet, daß Fürwahr am Hofe keiner Euch verdränget, Ihr ſeyd ſo mächtig, daß es Niemand wagt, Euch Eurem Eigenthum den Blick zu wenden; Ja, glaubt mir Olaf, an des Fürſten Hof Wird Keiner wahrlich ſolchen argen Frevel Nur denken— Olaf.(für ſich). Heuchler, ich durchſehe Dich! (laut) Verzeiht o Herr, Ihr irrt Euch, wenn Ihr meint, Daß Waldemara hier ſo einſam ſchmachte. 40 Zwar iſt die Gegend rauh, und weit und breit Hauſt keiner Eurer Diener. Dieſe Burg Iſt eine gute Wohnung. Dienerinnen Mit Sang und Saitenſpiel ſind Waldemaren Zu ihrer Luſt und Kurzweil beigegeben. Hier fehlet nichts, und in den alten Mauern Ertönet oft ein muntres Lied und tanzend Streift junger Dirnen Fuß den glatten Eſtrich. Die Zeit, die mir des Staats Geſchäfte laſſen, Verträum' ich hier im Arme einer Gattinn, Die ich ſo innig liebe,, die mein Glück— Mein ganzes Glück auf dieſer Erde macht. Boris. Da lob' ich Euch, und preiſ' Euch glücklich Olaf!— Hlaf. O glaubet mir mein Fürſt, ich bliebe gern, Wenn höoͤh're Pflichten nicht hinaus mich riefen, In dieſen Bergen, wo die Liebe weilt. Boris. Hört Olaf, könnt' ich jemahls neidiſch werden, Ich würd' es hier ob Eurem reinen Glück. 41 Olaf. Ihr ſcherzet hoher Fürſt, mit Eurem Knechte— (leiſe) O wär' er ſerne ſchon— — Boris. 4 Ich bin. Euch gnädig, Das wißt Ihr, und muß ich ungnädig ſcheinen, So liegt gewiß nur an Euch ſelbſt die Schuld.— Ihr machet möglich, was unmöglich ſcheint. Der Friede mit dem Nachbar iſt Euch ja So raſch gelungen, daß ein Wunderwerk Es ſcheint. Mein Zutrau'n waͤchſt daher zu Euch. Ich muß Euch bitten, einen neuen Auftrag Jetzt anzunehmen— eine kleine Reiſe, Jedoch von allergrößter Wichtigkeit, Sla. Nichts, Fürſt, ſoll meinen regen Eifer lähmen. Bori s. Wie ſoll ich Euch die vielen Dienſte lohnen 2 Ich bin Eu'r großer Schuldner, General. Um meiner Krone neuen Glanz zu leihen, Wie auch dem Bündniß, daß Ihr jüngſt ge⸗ ſchloſſen, 4² Mehr Feſtigkeit zu geben, hab' ich mich Beſtimmt, der Tochter meines nächſten Nachbars Die Hand zu reichen; ſie ſoll reizend ſeyn, Und dieſe Heirath wird dem Lande frommen. Hha f.(leiſe). Himmel! Ich verſteh' ihn.— Qaut). Gro⸗ ßer Fürſt— Boris. Durch dieſen Dienſt verbindet Ihr mich ſehr. Doch kurze Naſt nur gönn' ich Euch, ſogleich Müßt Ihr das Roß beſteigen, denn in Eile Will ich dem Freundſchaftsbunde Feſtigkeit Durch dieſes Eh'verſprechen geben, weil Ich fürchte, daß des Nachbars Wort nicht hält. Schmählt Eure Frau, ſo bitt' ich, macht ſie gut; Das Wohl des Staats muß auch die Frau be⸗ denken. Kehrt Ihr zurück, ſo gonn' ich Euch mit Freuden, Lang Raſt und Ruh' zum ſchönſten Zeitvertreib. . Ola f.(eiſe). Mich druͤcket Centnerlaſt darnieder— Boris.. Freund, Ich ſeh' Euch ungern dieſe Reiſe thun; Doch nein, ich täuſch' mich nur— ich kenne Euch. Ihr ſeyd mein Freund zu ſehr, der Pflicht Er⸗ füllung, Und was dem Staate frommt, iſt Euch zu heilig. D'rum gehet nun, daß mich nicht Reue quäle, Dem lieben Weih' zu ſchnell Euch zu entreißen. Slaf. Ihr leſ't in meinem Herzen, hoher Herr! Boris, Ich eile jetzt zu dem Gefolge, das Unweit von hier im nahen Forſte hält. Dort haben ſie auf gruͤner Wieſe Teppich Die Zelte aufgeſchlagen, denn die Jagd Wird wohl ſo bald noch nicht geendet ſeyn. Ich wünſch' Euch Glück und bald'ge Wiederkehr! (ab mit Anno). Zehnter Auftritt. Olaf.(allein). So war's gemeint; entfernen will er mich, 44 Um ungeſtört dem Schändlichſten zu froͤhnen! Durch Gleißnerei will er die That beſchönen.— Elender Heuchler! Frecher Böſewicht! Fürwahr Du haſt Dich ſchlecht genug verborgen; Dein Schurkenſinn ſah überall hervor.— Doch bin ich nicht ein Thor? Warum ihm folgen? Warum ihm nicht mit dieſem Schwert das Herz Zum wohlverdienten Lohne raſch durchbohren? Fort wär' mein Gram und fort wär' all mein Schmerz— Doch nein— kein Ausweg iſt— ich bin ver⸗ lohren!— (nach einigem Nachſinnen). Ich ſelber mußte die Verſchwörung lenken, Die ihn auf dieſes Reiches Thron geſetzt, Die Fürſten⸗Krone konnte ich verſchenken, Ich gab ſie ihm, der alle Pflicht verletzt!— O arme Marfa, hoher Geiſt, verzeihe! Schon foltert meinen Buſen bittre Reue! Boleslas, mein Vater! ſieh herab— Ach wühlten meine Thränen mir ein Grab. Ich fühl' es wohl, Verderben naht heran. Was damahls meine Höllenliſt erſann, Fällt ſchmachvoll jetzt auf's eigne Haupt zurück⸗ Verwelkt, zerſtört iſt meines Lebens Glück!— Ich reiſe nicht— man ſage hier im Schloſſe, Olaf ſäß' lange ſchon auf ſeinem Roſſe; Indeſſen halt' ich lauſchend mich verborgen. Will Waldemara in den Arm ihm ſinken, Soll heut noch Beider Blut die Erde trinken. Bald naht die Nacht. Sie ſtille meine Sorgen!— 1(ab). Eilfter Auftritt. Boris. Annſo. Boris.(in bie Scene ſehenb). Schon ſteiget er auf's Roß. Dort fliegt er hin. Sehr pünktlich in der That, ich muß ihn loben. Der eitle Narr! Ein güldnes Gnadenkettlein Iſt ihm ein Gott! Dies nur allein will er. Nun wohl, er hab's, ich will's ihm gerne geben.— Doch Anno, jetzt, jetzt muß gehandelt werden; Schon naht die Nacht.— Den Schluͤßel mußt Du ſchaffen 64 Von Waldemarens ſtillem Schlafgemach. Dort läßt Du mich hinein. Dem Fürſten kann Und wird ſie wohl nicht widerſtehen. Schnell An's Werk— Anno⸗ Jedoch— Bori s.(aufgebracht). Fedoch? Was ſoll dies Wort? Wo iſt der Schlüſſel? Hieß ich nicht ſo eben Den Schuſſel hohlen? Wie? Kennſt Du mich nicht? Anno. Sogleich— Boris. Noch Eins— Du ſchließeſt auf und warteſt, Bis daß ich dort bin— Anno. Wohl!— Boris, Jetzt folge mir.— (Beibe ab). (Ende des erſten Aufzugs). ————L—L: ,:.:,yZ— 47 Zweiter Aufzug. (Walbemarens Gemach. Nacht. Links ein offenes Fen⸗ ſter. Im Hintergrunbe in einer Niſche ein pracht⸗ volles Bett; auf Tiſchen ſtehen transparente Alaba⸗ ſter⸗Baſen und Blumen). Erſter Auftritt. (Man hört von Außen einen Schlüſſel im Schloſſe um⸗ brehen, dann öffnet Anno bie Thüre, und tritt ſcheu auf, inbem er ſich überall umſieht). Annmno. Da wär' ich denn in Waldemarens Zimmer— Weiß ich doch nicht, warum ich ſo betroffen, Warum ſo ſchwer die Angſt im Herzen laſtet— (ſich ermannend, Allein was ſinn' ich denn und grüble lange— 2 Boris bleibt immer ja der Herr und Fürſt, Und kann befehlen, ſchalten, wie er will— D'rum war kein Ausweg, und ich mußt' ihm 48 Den Schluͤſſel ſchaffen, denn es war ſein Wille. Das edle Roß, es muß ja laufen, traben, Der arme Eſel, muß er ſich nicht quälen? Und um viel beſſer, wie die Eſel, Noſſe, Sind wir, wir armen Teufel, wahrlich nicht! Wer noch im unteren Geſchoſſe wohnt, Und doch das Große liebt, und darnach ringt, Und ſchnell hinauf will, muß ſich buͤcken, krümmen, Denn arge Tücken hat fürwahr Fortuna— Doch ſind wir nur beharrlich, reicht zuletzt Sie dennoch uns verſöhnt die Hände, und Vom ſtolzen Thron ſehn wir ſie gnädig nicken.— Wozu die Angſt? Was hab'ich denn verbrochen? Daß ich den Schlüſſel ſtahl, die Thuür geöffnet, Zu ſehn, ob Waldemarens Zimmer leer, Je nun, mein Gott, das iſt doch keine Sünde.— Was weiter daraus werden kann, mir gleich!— 3 Doch horch, ich hör' Geraͤuſch— es nahen Schrit⸗ te— Vielleicht der Fürſt, ich ziehe mich zuruck. (ab). 4 5 49 Zweiter Auftritt. Bori s.(vermummt, eine Larve vor). Ha wie das Blut ſo ungeſtümen Laufs In meiner Adern heißen Höhlen rollet!— Die Sinne wollen ſchwindelnd mir vergehn— Doch labend iſt der Blumen ſüßer Duft, Der in dem ſtillen Raume mich umweht! Der laue Südwind fächelt lind und leiſe Durch's off'ne Fenſter, blaue Flämmchen gluͤhn Aus Alabaſter⸗Vaſen leuchtend mir Entgegen.— Horch, es kniſtert auf dem Gange, Ha wie die leichten Füſſe leiſe ſchweben, Mit ihrem Saume kaum die Erde küſſend— Ach nein, er war's noch nicht der holde Engel— Doch bald umſchließen dieſe Arme ihn, Und drücken ihn an dieſe heiße Bruſt.— Horch— jetzt— jetzt kommt's— nein— wieder leere Täuſchung.— (auf bas Bett im Hintergrunde deutend) Dort ſtrahlt das ſüße Heiligthum!— Zu nennen Wag' ich es kaum, was meine Augen ſehen. Verſchämt gehüllt in himmelblaue Wolken, II. Theil. C 50 Die ſelbſt des Himmels reines Blau beſchämen, Mit goldnen Blüthenknospen leicht beſtreut, Als hätte ſie ein Zephir d'rauf gehaucht: Erhebet auf den hocherhabnen Stufen, Die weit ein prachtvoll reicher Teppich decket, Sich hehr ein Thron in milder Unſchuldsreine, Gleich faſt wie zarter Tauben ſtille Neſter.— Ha welche ſüße Wonne mich ergreift! Iſt dieſe Seligkeit wohl auch noch Leben?— Doch ſtill, nun höre ich es endlich kommen, Und Lichter ſeh' ich in der Nähe blitzen— Ja wahrlich, ja— im hellen Gange kommt Schon ſtill die Kammerfrau herangeſchritten.— Jetzt ſchnell hinein in dieſes Kabinee, Dort will ſo lang' ich mich verborgen halten, Bis mir's gelingt, ſie ganz allein zu ſprechen. (zur Seite ab). Dritter Auftritt. Waldemara. Siwa mit einem Lichte. Waldemara. Es iſt umſonſt, es ſolgt mir uͤberall— — 51 Wo ich auch weile, fliehet mich die Ruh'— Ach Siwa, weiß ich ferne den Gemahl, Bangt mir ſo ängſtlich das beklomm'ne Herz.— Setz' dort die Leuchte hin, laß mich allein— Siwa. O theure Frau, laßt mich bei Euch, ich flehe, Nur bis der Tag durch unſre Wäͤlder bricht, Bis uns die Sonne Nuhe mitgebracht. Denn glaubt mir, ihre frohe Wiederkehr Verjaget alle Schrecken todter Nacht, Und alle grauſen Hirngeſpinnſte ſchwinden Vor ihrer Macht, wie gift'ge Nebeldünſte Vor ihrer Strahlen goldner Sieges⸗Pracht!— wn Tdemara. O nein, o nein, die Sonne iſt ein Feuer, Und wildverheerend drohet ſie uns nur. Denn eint im Spiegel ſich der Strahl zum Strahle, Da giebt es Rauch, und endlich ſchlagen Flammen Und wilde Gluchen drohend hoch emvor!— Ach wohl, wohl blendet ſie das ſcheue Auge, Und wohl entzücket ihre hehre Pracht, Doch ihre Macht, ſie iſt verheerend nur.— C 2 52* Wenn aber ſanft, in kühler Sommer⸗ Nacht, Durch junger Birken grüne Schattenzweige Und hoher Linden leisbewegte Wipfel Zwar kalt, doch mild der ſtille Mond uns ſtrahlt, Wenn dann ſo ſanft ſein freundlich Silberauge, So friedlich auf den weißen Lämmchen ſchwimmt, Und jeden Kummer unter füßen Thränen Vertraulich aus dem tiefſten Herzen nimmt— Das iſt dann meine liebe, holde Sonne, Nicht jener Gluthenball, der da mich blendet, Wo meines Mondes blaſſes Angeſicht So milde und ſo labend zu mir ſpricht— Der Sonne bleibe ihre Majeſtät, Doch in der Sterne leicht verſchlung'nem Kranze, Da ſcheinet, wenn der ſtille Abend weht, Der Mond mit ſtillerem, mit zarter'm Glanze.— Laß mich allein jetzt, Siwa— Siwa. Herrinn!— Waldemara.⸗ Geh'!— (Siwa macht eine Verbeugung und geht ab). ◻1 &s Vierter Auftritt. Waldemara.(allein). Der Sonnengluth iſt Liebe zu vergleichen, Sie wärmt und glänzt in ungemeß'nen Räumen, Sie locket Knospen aus den jungen Bäumen, Und alles muß der ſtolzen Herrinn weichen. Der Ehe Glück gleicht jener milden, bleichen, Doch ſtarken Kraft des Mond's; kein glühend 3 Träumen, Ein ſüß Bewußtſeyn iſt's; kein brauſend Schäu⸗ men, Ein ſäuſelnd Gleiten iſt's; und Palmen reichen Am Heerde roſ'ge Englein.— Friede wehet, Und häuslich Gluck ſtill ſeine Kugel drehet, Kein Ungemach die ſel'ge Ruhe ſtöret. Was iſt nun ſüß? Die Gluth, die ſich verzehret, Das Licht, das uns zum Heil der Himmel ſen⸗ det?— (nach einer Pauſe, ſchwer aufſeufzenb) O wäre Olafs Reiſe ſchon geendet!— (die Flammen in den Alabaſter⸗Baſen verlöſchen)⸗ Fünfter Auftritt. W aldemara. Boris, vermummt hervor⸗ ſtürzend. Boris. Ha endlich nahte ſich der ſüße Augenblick!— Geliebte! Laß mich hier zu Deinen Füßen In ſtiller Demuth huld'gen Deinen Reizen! O laß mein Flehen nicht vergebens ſeyn! Ein milder Blick von Dir kann meine Qual Verſüßen— Waldemara. 4 * Großer Gott! ein Mann iſt hier?— Boris.(betonend). Ganz recht, ein Mann! Waldemara. Spät in der dunklen Nacht In meinem Schlaf⸗Kloſett?— Nicht unbewacht Iſt die Gebieterinn von dieſer Burg. D'rum flieh', Verwegner! Boris.* Laßt— ☛ ₰ Waldemara. Flieh'! ehe noch Der Diener Schaar von meinem Auf erwacht. Boris. O drohe nicht, Du holde Schöne— Waldemara. Fort! O Himmel! Bor ſ s. Theuere! Geliebte! ende Mit Milde Deines Fürſten heiße Qual— Waldemara. O heil'ge Jungfrau!— Boris.(ſich entmummend). Ich bin Boris.— Waldemara. Herr, Ich ſiehe— Boris. 3 Du biſt mein! und Niemand ſoll Dich meinem ſtarken Arme mehr entreißen! 1 V Waldemara. V § Sott! ſo bin ich wirklich denn verloh⸗„ ren? O Herr des Lebens, ſchuͤtz' mich, leih' mir Stär⸗ ke!— Boris.(ſie feſt umſchlingend). Verſuch' es, zu entfliehen, wenn Du kannſt— Waldemara.(ſchreienb). Ha Hülfe! Rettung! Schnell herbei, Ihr Die⸗ ner! Prusko! Michal! Antonio! Boris. Du rufſt Umſonſt, d'rum ſchweige! Waldemara.(wie vor). Rettet Eure Frau! Boris. Still! ſag' ich, ſtill! Waldemara.(wie vor). Herbei! O rettet! rettet!— ◻☛☚ —₰ Sechſter Auftritt. Vorige. Michal, mit einem bloßen Degen. Michal. Was geht hier vor? Dein ängſtlich Rufen drang Bis in mein Schlafgemach—(Boris erblickend) Ha wie— 2 Ein Mann— 2 Boris.(wieder vermummt, zu ihr). Ich komme wieder—(will gehn). Michal. Halt, Verwegener! Sonſt blitzt mein Schwerdt in Dein verworfnes Herz! Boris. Schweig' frecher Knab'! Du weißt nicht, wer Dein Gegner! Waldemara. Ha günſt'ger Augenblick! Jetzt ſchnell geeilt, Der Diener Schaar herbeizurufen! 4(ab). SNichal. Sey Ein Teufel! Mir iſt's einerlei! 58 Boris. Es kann„ Mein Nahme Dich zerſchmettern, junger Thor— M i chal. Was kümmert's mich! Steh' Rede mit dem Schwerdt! Bo r 3. 3 Ha frecher Trotz!(entmummt ſich) So wiß, ich bin Dein Fürſt!— Michal. Du wärſt mein Fürſt?— Ich ſah Dich nie⸗ mahls noch. Doch wenn bei Nacht ich einen Dieb ertappe, Der lauernd in die Schlafgemächer bricht, Und er, er ſpricht zu mir: ich bin Dein Fürſt, So lach' ich grad' ihm in's Geſicht, und ſo Auch Dir, Du frecher Wicht! Boris. Es reut Dich— Michal. Zie! 2 den Degen!— 3 (Woris löſcht das Licht aus), Siebenter Auſtritt. Vorige. Prusko mit einer Fackel. Her⸗ V nach Olaf. Prusko. Welch ein Lärmen! Moͤrder! Diebe! Boris.(wieder vermummt). Jetzt ſchnell die Fackel ausgelöſcht.—(ſolägt mit dem Degen Prusko die Fackel aus der Hand). 1 Es glückte! So hab' ich ihre Ehre doch gerettet— Nun gilt es noch, die Thüre zu gewinnen— Prusko. 3 Fort ſchnell, um Fackeln und um ſchleun'ge Hülfe! (ab). Michal. Ha Boͤſewicht! Dich werd' ich dennoch fin⸗ den!— 5 (er ſucht ihn mit dem Degen. Olaf tritt mit bloßem Degen auf). 60 Slaf. Was mag der Laͤrm im Schlafgemach bedeu⸗ ten— 2 Ein Glück, daß ich zu Hauſe blieb— Boris. Ha, das Iſt Olaf, an der Stimme kenn' ich ihn— SBla. Wie? Eine fremde Stimme? Höll' und Teufel! Mir ahnt es faſt— Er iſt's— ha, find' ich ihn, So zuckt mein Degen in ſein ſchwarzes Herz! Boris. Ha, endlich iſt es mir geglückt! Hier iſt Die Thür— jetzt ſchnell hinaus; bald kehr' ich wieder!— (ab). Dlaf.(ſtößt auf Michal). Setz' Dich zur Wehre, frecher Ehrenräuber! Michal. Ha, Ehrenräuber ſelbſt! (ſie fechten wüthenb) 61 Achter Auftritt. Vorige. Waldemara. Diener mit Fa⸗ ckeln; unter ihnen Prusko. Waldemara. Was ſeh' ich— Halt! Mein Gatte! (Pauſe. Alles ſteht entſetzt. Olaf betrachtet Alle ſtill⸗ ſchweigend). 3 Michal. So iſt Jener denn entfloh'n? Prusko. Wie kommſt Du hierher? Sprich, Du toller Sohn! Olaf.(zu Waldemara). Wie? Du noch wach und alle dieſe Leute? Und Michal mit entblößtem Degen hier? Und Aller Blicke ſo verwirrt, verlegen? Sprecht! Wiſſen will ich, was hier vorgefallen! Prusko. Ich höͤrte aus dem Schlafgemache hier: O rettet! rettet! ſchallen, und da lief „ 62 Ich eilig her,(zu Michah Doch ſprich, was brachte Dich? Michal.(für ſich). Ich kann, ich darf die Wahrheit nicht geſtehen, Um meiner Herrinn zarter Ehre willen. (laut) Mir ſchien's, als riefe man mir angſt⸗ lich zu. 1 Obla f. Das Alles klingt ſo ſeltſam, ſo verworren!— (für ſich). Ha, ich Verlohr'ner! Sonnenklar iſt jetzt Mir ihre Untreu', denn ich hörte ſprechen Von einem Andern, und Verwirrung liegt Ja deutlich auf den bleichen Nachtgeſichtern— Doch nur Geduld, ich will mich furchtbar rächen— (laut) Wahrhaftig, toll, betrunken ſeyd Ihr Alle, Das Ihr gewähnt, es könnten Räuber ſich Dem Schlafgemache nahen.— Fort jetzt! Geht! 1 Michal. Wohlan denn, fort! Zur wilden Jagd hinaus! Schon bricht die Morgenröthe blaß hervor! (Alle ab): 63 Neunter Auftritt. Waldemara. Olaf. (Pauſe). Waldemara.(kür ſich). § Gott, ich zittere vor Angſt, denn wild Rollt Olaf ſeinen finſtern Blick umher. Sag' ich es ihm, ſo iſt das ganze Glück, Die ganze Ruhe unſres Lebens hin, Sag' ich's ihm nicht, ſo kehret der Verräther Zu mir zurück, und nur noch ſchlimmer wird Alsdann mein Mißgeſchick, und—(aut) Olaf, wie? Du ſchweigſt? Olaf.(für ſich). Die wilden Träume werden wach! Nur ruhig, ruhig rache⸗ſchäumend Blut!— Waldemara. Geliebter Mann, Du fragteſt mich, warum ich Noch angekleidet ſpät um Mitternacht— Hl gf. Mir gleich.— 64 Waldemara. Und ohne Abſchied reiſteſt Du, Da wurde mir das Herz ſo weich, und Alles War mir verleidet, ſelbſt der Schlaf—d'rum blieb Ich wach— Olaf(halblaut). Und ſchrieſt im finſteren Gemach Um Hülfe— Waldemara. 3 Hlaf! Wend' Dich nicht ſo weg Von mir.— Wie kommt es, daß Du wieder hier? Slaf. Hm. meine Zaͤrtlichkeit iſt Schuld daran. Ich konnte es durchaus mir nicht verzeihn, Daß ohne Abſchied von der Gattinn ich Gereiſt, und da ich auch vermuthete, Daß nun der Fürſt⸗wohl wieder heimgekehrt, So wandt'ich ſchnell das heiße Roß und zog, Verſäumtes nachzuhohlen, in das Schloß— Waldemara. Ach nein!— Denn anders ſpricht Dein Mund, und anders Zuckt Deiner Augen zornig wildes Blitzen, Und Argwohn lagert auf der ſinſtern Stirne— O laß das grauſe Ungluck ferne ſeyn, Die Treue Deines Weibes zu bezweifeln. Olaf.(für ſich). Ha, ißre Bruſt iſt wild beweget!(laut) Zweifel?— Mir iſt ja Deine Zärtlichkeit bekannt. Ich zweiſeln?— Deine Liebe— Deine Treue— Wird ſicher noch dereinſt zum Sprüchwort werden. Waldemara. Unmöglich kann ich dieſen Spott ertragen. Es heuchelt ruh'ge Worte nur Dein Mund, Denn ach, Dein Herz, es will ganz anders ſprechen. In Deinem Zlick' flammt wilde Eiferſucht, Und nimmer kannſt die Gluth Du mir verbergen. O ſprich doch frei, und gieb mir Alles kund, Warum willſt Du ſo langſam denn mich tödten? Ich ſehe, was in Deinem Aug' ſich mahlt— Ach Olaf, ſprich, oſprich! was argwöhnſt Du? 66 O laf.(für ſich) Halt— wär; es wirklich Unſchuld?— Höll⸗ und Teufel! Wär' es nicht trügeriſcher Schein?— O wenn Ich dieſes Einzige nur hoffen dürfte!— (laut) Nun wohl, ich leugn' es nicht, für treulos halt' Ich Dich— Du buhlſt um eines Fürſten Gunſt! Waldemara. Das iſt zu viel— ich kann es nicht ertragen!— Wohlan denn, ſo vernimm jetzt jene Kunde Von dem, was hier die ganze Buryg erſchreckte, Auch nicht das Kleinſte will ich Dir verhehlen.— Verruchte, wilde Leidenſchaft entglomm In Boris Blute, Leidenſchaft zu mir— Ich ſah es, da er heute mich beſuchte, Erzählend, daß vom Jagdͤzug er verirrt, Als ich im Schatten dunkler Buchen weilte, Der Gluth des heißen Mittags zu entfliehn— O meinem Antlitz möcht' ich fluchen, daß Es Reiz beſitzt, den Fürſten zu entflammen!— Doch höre weiter. Meine Ruhe war Den ganzen Tag verlohren. Aengſtlich wallte . 67 Mein Buſen— ach, ich kann es Dir nicht ſchildern.— Zum Scheine war er aufgebrochen nur Mit ſeinem Jagdgefolge, denn er hielt In meiner Nähe liſtig ſich verborgen. Und ſo, vermummt, da er entfernt Dich glaubte, Drang plötlich in mein Schlafgemach er ein. Vor Schrecken ſtarr, vermocht'“ ich kaum zu 3 ſchreien. Da endlich kommen auf den Lärm die Diener, Die Du bei Deiner Ankunft noch geſehn, Allein der freche Fürſt war ſchon verſchwun⸗ den.— Ach Olaf! Olaf! Flieh' mit mir von hinnen, Mir iſt ſo ängſtlich, ſchwer beklemmt zu Mu⸗ the— O flieh' mit mir aus dieſem Lande, Trauter— S iſt eine Mördergrube, glaub' es mir!— Ich laß Dich jetzt allein— bedenke, ſinne— Und wandle bald den Vorſatz zum Entſchluſſe. (ab). Zehnter Auftritt. Olaf.(allein). Ha Hölle! Grimm! Verzweiflung! Wuth und Schrecken! Tobt nicht ſo wüthend in der heißen Bruſt! Mit meinen Zähnen will ich ihn zerreißen, Und jede Krampfesbebung ſeiner Muskeln, Das Hüpfen ſeiner Pulſe, ſey mir Wonne! So ſchnöde That macht plötzlich mich zum Tiger.—, Die Altarſtufe wo ich gläubig kniete, Der Gott, zu dem mein Flehen ſich erhob, Was ich— mein Heiligſtes— im Buſen trug, Das ſuchte er mir niedrig zu beſchimpfen?— Wie er noch daſtand in dem kurzen Kleide, Da er zum erſten Mahl' am Hof' erſchien, Ein armer Edelmann vom Lande, wie Er ſo daſtand, da war er mild und gut. Wie nun der alte Fürſt ſein Auge ſchloß, Wie er nun auftrat mit der frechen Lüge, Die Furſtinn hätt' in Buhlſchaft ſchnöd' gelebt, ——— 69 Die Frucht, die ſie in ihrem Schooße trage, Sey eines Andern, nicht des alten Fürſten, Wie d'rauf der ehrenloſe Schurk' erſchien, Von ihm gedungen, und mit frechem Muthe Sich rühmte jener edeln Fürſtinn Gunſt. Wie Eine Stimme ſie darauf verbannte, Wie man ihm nun, dem ſchlauen Böſewicht, Die Krone antrug.— Ha! und dieſer Gräuel Bin ich theilhaftig, ſo wie er; mein Vater— Mein hoher, edler Vater fluchte mir, Und zog es vor, der unglücklichen Fürſtinn In der Verbannung Nacht zu folgen, als Vom neuen Fürſten Würden anzunehmen— Was ſoll ich thun?— Ha, kann ich denn noch 4 zuͤgern? Hier iſt mein Schwert— ich heiße Olaf! Kann Ich denn noch zoͤgern?'S iſt der einz'ge Weg!— Was aber flüſtert unſichtbar um mich: „Die That heißt Fürſtenmord!?“— Boris iſt Fürſt!— Was iſt da Schreckliches? Er iſt ein Teufel!— O Gott, haſt Du denn keinen Blitz für ihn?— 7⁰ Mir iſt die Hand geläͤhmt, ich will verſuchen, Dem Liſtigen durch Liſt mich zu entziehn.— Eilfter Auftritt. Olaf. Prusko. Hernach Boris mit Gro⸗ ßen in Jagdkleidern und Jägern, unter denen auch Anno. Prusko. So eben Herr, zieht ein in unſre Burg Das Jagdgefolge unſres hohen Fuürſten; Bald iſt er hier— Slaf. 4 Ich werd' ihn hier erwarten. (Jäger mit Hörnern ziehn auf, bleiben aber außerhalb der ganz geöffneten Thür ſtehn, ſo daß ſie zu ſehn ſinb. Dann Boris, Anno und Große in Jagbkleibern). (für ſich) Du zieheſt Deinem ſichern Tod' ent⸗ gegen! Boris. Noch Olaf ſeyd Ihr hier? Ich glaubte Euch Schon fern— 1 Slaf. Mein Füͤrſt und Herr, verzeiht, ich kehrte Noch einmahl um, den Abſchied von der Gattinn Hatt' ich vergeſſen— Boris. Gern iſt Euch verziehn. Und jetzo, da ich Euch noch hier gefunden, Befehl' ich Euch, die Reiſe aufzuſchieben. Begleitet mich vorerſt hinaus zum Walde, Und helfet mir die Ungeheuer tödten. Geſchickte Jäger häben ſchon die Spur Im thau'gen Graſe heute aufgeſpürt, Und lange wird's nicht währen, dann ſind wir Den Ungethümen nahe auf dem Halſe. 1 Olaf. Auch der Befehl iſt mir willkommen, Herr! (leiſe) Das gab ſein böſer Dämon ihm jetzt ein!— Boris. Ihr ſeyd nicht böſ', daß ich Euch überfallen. Ich habe ſchlecht geſchlafen, und da wollt⸗ Ich Eure Gattinn um ein Zimmer bitten, Denn in den Zelten ſchläft es ſich nicht gut. Skaf. Ich ruf' ſogleich— 3— Boris. Mit nichten, laßt's fur jetzt. (für ſich) Ich ſpräche Waldemara heut nicht gern. Claut) Ihr ſeyd ja Herr im Hauſe, und Ihr könnt Ein Zimmer wohl, zur Ruhe mir eröffnen. Nur kurze Friſt zur Ruh', dann brechen wir Auf's Schleunigſte zu unſrem Waidwerk auf. Olaf.(eine Thüre öffnend). Beliebt es Euch, hieher Euch zu begeben?— Boris. Ich nehm' es an.—(zu den Großen) Ihr Alle ſeyd entlaſſen! (die Großen ab). (zu Anno) Du Anno, folgeſt mir. Anno. . Sehr wohl, Geſtrenger! (zu den Jaͤgeen) Ihr laßt indeß ein muntres Jag⸗ lied tönen!— (Beibe ab. Leiſe Hornmuſik). Zwölfter Auftritt. Olaf. Hernach Waldemara. Slaf. Das war ein Wort von oben. Ja, er muß Noch heute hin vor meiner Rache ſinken.— Im Dickicht drück' ich los— er fällt!— Ha ruhig Du ungeſtümes Herz, die Rache naht!— Am Abgrund wo der ſteile Fels ſich ſpaltet, Stürz' ich ihn raſch hinein, der Hoͤll' ein Opfer!— Waldemara.(hereinſtürzend, leiſe zu Olaf). Mein Olaf! Höre! Er iſt hier! Olaf. Er ſchläft Nur kurze Zeit, dann ſoll er ewig ſchlafen. Waldemara. Du wollteſt? Olaf. Ja ich will— was ich muß wollen— Waldemara. O Gott! Du willſt ihn tödten? II. Theil. D Slaf. Wie? Was hör' ich? Er dauert dich?— Du liebeſt ihn wohl gar— Waldemara. Welch böſer Argwohn, ich ihn lieben! Doch Du willſt ihn hier im Hauſe— Gaſtfreundſchaft Iſt heilig!— Denkſt Du jenes alten Schotten, Der ſeinen Herrn— mich ſchaudert!— als dem Schlaf“ Er unbeſorgt ſich in die Arme warf— Slaf. Du Thörinn!— Jener Held und dieſer— Raͤuber. Doch fern von hier— in meinem Hauſe nicht. Im Walde— auf der Jagd— da ſoll's geſchehn— Waldemara.„ Ach Olaf, wie Dein Blick ſo ſtarr ſich heftet Auf's leere Nichts!— Iſt dieſe That auch gut? Olaf. Mein heilig Recht, es fordert ſie von mir— Waldemgra. Ich fuͤrchte— 75 Shaf. (aufhorchenb) Still!— Waldemara.. Was werd' ich noch erleben? Olaf. Er kommt. Schnell weg! Sein Blut läßt ihn nicht ſchlafen!— (Beide ab). Dreizehnter Auftritt. Boris. Anno. Boris.(zu den Säͤgern hinausrufend). Ha, ſchweiget! Fort!(Jäͤger ab) Das Zimmer ward zu enge Für meine glüh'nde Bruſt. Wozu Verſtellung? Wir brechen auf ſogleich, dann, auf der Jagd Drängſt Du Dich ſtets an ihn— allein mit ihm In dem Gebüſch'— dann ſtoße— fehle nicht—— Anno. O Gott!— Boris. Dein Lohn iſt groß.— Wenn heute Abend D 2 76 Die Sonne hinter jene Berge ſinkt, Dann trübe ſich das himmelblaue Auge Der holden Waldemara, bis ich Troſt Und einen neuen Gatten ihr verſchaffe. Jetzt folge mir!'s iſt Zeit, wir brechen auf!— (Beibe ab). Vierzehnter Auftritt. (Wildniß. Zur Seite zwiſchen zwei Steinen eine Höhle, davor eine Buche und eine Cypreſſe. Im Hintergrunde wegſame Felſen). Marfa. Boleslaf.(Beihe in Fhierfelle geklei⸗ det, die Haare wild herunterhängenb. Letzterer mit einem langen Barte). Marfa. Ich glaubte nicht, daß achtzehnjähr'ge Schmer⸗ zen So neu ſtets und ſo giftig blieben, daß ſie Nicht gleichſam eng verſchwiſtert mit dem Herzen, Es nicht mehr folterten; doch wahrlich nie Zerwühlten ſie mich ſo, wie dieſen Morgen— Boleslas. Ich merkt' es gleich. Ihr weintet heute frůh. 77 Doch Furſtinn, auf! entſchlaget Euch der Sorgen. Ein Licht will mir mein Innerſtes erleuchten— Glaubt mir, die Krone iſt für Euch geborgen. Marfa. Wenn Engel mir die Marterkrone reichten!— Boleslas. Verliert den Muth nicht— Marfa. Ach verlör' ich den, Was hätt' ich noch? Boleslas. Da die Geſtirn' erbleichten, Schlich ich hinaus bei leiſem Windes⸗Wehn, Und warf mich auf des Felſen Scheitel nieder. Dort ſchlief ich ein— doch hat mein Aug' geſehn Des Himmels Glanz— es tönten ſel'ge Lieder, Und ſchöne Engel ſenkten ihren Zug, Und ſchwebten um mich her mit Lichtgefieder. Ich ſchwamm hinauf, in Seligkeit. Genug, Dacht'’ ich; doch ſtrich ich an den Purpurſäumen Des höchſten, ew'gen Lichts, mit raſchem Flug⸗ 78 Ich ſah das ew'ge Lichtmeer hoch aufſchaͤumen, Und denkt, ich Staub, ich ward nicht blind davon. Mar fa. Ja guter Alter, denn es war im Traͤumen. Boleslas. Der Traum verkündet Wachen, hohen Lohn. Der mir im Traume dieſe Gnad' erwieſen, Der rettet uns, dem kecken Feind zum Hohn! Marfa. Euch wollte ich zum Schmerzensfreund erkieſen, Ihr treuer Mann, auch irrte ich mich nicht. Wie Ihr mir feſte Treue ſtets bewieſen, So tröſtet jetzt mit ſchöner Hoffnung Ihr; Doch iſt das Unglück, welches mich betroffen, Ein ſo ertödtend grauſes Strafgericht, Daß keinem Troſte mehr die Seele offen.— Was iſt die Krone? Was ein Kaiſerthron? Dürft'’ Eines ich nur von dem Himmel hoffen, Zu drucken an mein Herz den theuern Sohn, Zum Paradieſe ſollt' die Wildniß werden, Der kahle Fels zum ſchönſten Freuden⸗Thron. Denn alle Luſt, auf Gottes weiter Erden, Iſt dem Gefühl der Mutterluſt nicht gleich. Alch, wenn das Kind mit zärtlichen Gebehrden Sich anſchmiegt an die Bruſt! wer iſt ſo reich, Wie eine Mutter, die in ihren Händen Den Säugling hält, ihr ganzes Himmelreich?— Und Menſchen konnten meiner Hand ent⸗ wenden Das Theuerſte!— Ach könnte ich doch nur Den letzten Hauch fort in die Lüfte ſenden. Ich lebe noch? O grauſe Unnatur!— Ich lebe noch, getrennt von meinem Kinde?— Und doch will ſich kein Ausweg, keine Spur Mir zeigen aus der Felſen Irrgewinde. O ſende einen Blitz, daß meinen Tod Ich in der ſchreckenvollen Wildniß finde!— Boleslas. Doch Fürſtinn, wie? Ihr leidet Hungersnoth. Seit geſtern nahmt Ihr nichts, als wen'ge Kräuter,; Die leider meine Hand Euch zitternd bot. Ich will hinaus, aus dieſem Thal, denn weiter, Wo dieſer Bach ſich in den Strom ergieße, Da lachen Wieſen uͤppig grün und heiter, 80 Wo froh der Hirt, die muntre Hirtinn grüßt; Dort raube ich ein Lamm— Marfa. Nein bleibt! Gefahren Sind dort— Boleslas. Für Euch wird jede Müh⸗ verſußt. Marfa. Nein bleibet hier! Gewaffnet ziehen Schaaren Durch dieſen Wald, die Hörner hörten wir. D'rum laßt uns denken, beſſer uns zu wahren, Denn wahrlich ſonſt entdecket man uns hier. Ihr ſollt Euch nicht dem Tod' entgegenſtellen, Ich fürcht', man jaget Euch als wildes Thier, Habt Ihr vernommen nicht der Hunde Bellen? Boleslas, Traut meiner Vorſicht— Marfa. Nein, ich trau' ihr nicht. Bleibt hier— 1 Boleslas. 4 So laßt mich nur bis zu den Quellen, 81¹ Ich hohle Waſſer, koch' dann ein Gericht Geſunder Kräuter. Nur den Hunger ſtillen Will ich; doch Ihr entfernt von hier Euch nicht. . Marfa. Wohlan— ſo geht! Ich laſſe Euch den Willen. 4(Boleslas ab). Fünfzehnter Auftritt. Mar fa.(allein; ſie kniet nieber und betet). O güt'ger Himmel, ſende eine Kunde Mir von dem theueren, geliebten Sohne! Und müßt' ich ſterben, ohne zu vernehmen, Ob heitern Sonnenſchein, ob trübe Wolken Du auf des Armen Lebenspfade ſendeſt: O ſo vernimm, allmächt'ger Weltenvater, Vernimm der bangen Mutter heißes Flehn Aus wunder Bruſt, und gieß herab aus Deiner— (man hört Hörner; ſie ſpringt auf) O Gott! Was war das? Aus der Nähe drang, Ganz aus der Näh' des Hornes Ton zum Ohr!— Dort dringt ein Jäger ſchon hervor— ha, wenn Sein Auge mich erſpähet— Gott! ſchon iſt Er hier! und zu entfliehen wäre jetzt Vergebens— Sechzehnter Auftritt. Marfa. NMichal, mit aufgehobnem Wurf⸗ ſpieß auftretend. Michal. Stirb Du wuͤthend Höllenthier! Mar fa.(ſich in größter Angſt hinwerfenb). O Himmel!— Herr, o ſchone meines Lebens!— Micha l.(erſtaunt, den Spieß ſinken laſſenb). Wie? Hör ich recht? Du ſprichſt? Was ſeh⸗ ich? Wie?— Wohl ſah ich niemahls ſolche Majeſtät Der Züge— Marfa, Schone mein— denn— ich— erliege— (ſinkt erſchöpft hin) Michal. Vergieb, verzeihe mir, Du edles Bild — — — Aus fabelhafter Zeit!— Biſt Du vielleicht Die Nymphe dieſes Waldes, aufgeſtört Von Schall des Jagdhorns, das in dieſen Weiten Nicht tönen darf?— Ein Schild will ich Dir ſeyn, Daß Deinem Kreiſe ſich kein Frecher nahe. Sieh dieſen ſtarken Wurfſpieß, ſchwer und ſcharf, Ich werf' ihn nach geübter Jäger Weiſe— D'rum fürchte nichts.— Mar fa.(für ſich). Wie edel!— Und wie ſchön!— Für einen Knaben faſt zu ſchön!— Wie ſich Mein Auge labet an dem holden Reitze Der bluͤhenden Geſtalt!— Micha l. Cfür ſich). Weiß ich doch wahrlich nicht, Was für ein Zauber, welche Allgewalt Mich wechſelweis ergreifen—(laut) Sprich, wer biſt Du? Marfa. Ach elend bin ich, der Verzweiflung Raub, Denn aus der Menſchen froh geſell'gem Kreiſe Warf mich des Schickſals ſtrenges Straſgericht. Michal. Wie? Iſt denn ein Geſtirn am Himmel, das Solch Leiden noch verfolgt? Marfa. Doch wer biſt Duꝛ Michal. Elend, gleich Dir!— Im Walde hier ge⸗ bohren— Marfa. Sprich, wer iſt Deine Mutter? Sprich! O ſprich! Michal. Längſt hab' ich ſie verloren!— Marfa. Wer Dein Vater? Michal. Er iſt mir unbekannt.— O laß uns ſchwei⸗ gen!— Marfa.(für ſich. Waͤr's moͤglich? Engel neigen ſich zu mir.— (aut) O Michal, höre— Gott!— 8⁵ Michal. Du weißt, wie ich Genannt? Marfa. Ich hörte Dich von Jaͤgern nennen. (bei Seite) O alter theurer Freund, o wärſt Du hier!— Michal. Ach hohe Frau, ich flehe, zieh' mit mir, Wenn irgend Dir ein Unrecht iſt geſchehn, So ſoll des Fürſten ſtrenger Spruch ergehn. Und Alles, Alles ſoll Dir wieder werden. Marfa. 4 Mit nichten!— Nein, mein Sohn!— Mich beuget tief Des Unglücks ſchwere Laſt. Wollt'ich Dir folgen, Wuͤrd' ich in's ſichere Verderben rennen. O gehe jetzt! Michal. Doch mußt Du Dich mir nennen. Marf a. Ich heiße Hannah— Michal. Wohl, ich gehe— Marfa. Halt— Ach weile noch!—(ei Seite) O Himmel, ich vergehe! (laut) Laß Ein Mahl Dich noch anſehn!— Ach, 4. Dein Blick, Er mehret nur mein grauſes Mißgeſchick!— Cfür ſic) O welche Höllenqual!— Und doch welch Gluck!— (Hoͤrner). Michal. Jetzt fliehe ſchnell! Sie ſuchen Dich!— Wann ſoll; Ich wieder zu Dir kommen? Marf g. Theuerer! Am Abend komm' hieher, doch darfſt Du's Keinem Geſtehen. Ach vielleicht kann ich Dir klagen 3 8, Die Schmerzen und die Qualen ohne Zahl, Die lang in meinem Herzen ich getragen.— (ab in die Höhle). Michal. nd Ha, wie das Blut in meinen Adern brauſt! O wär' es Abend bald!— Ach alle Stunden Möcht' ich mit Sturmeseile überſpringen, Und in das Rad der Zeiten möcht' ich greifen, Daß ſchnell der tragen Morgenröthe Lichter An die erſehnte Abendröthe ſtreiften!— (ab). 4(Ende des zweiten Aufzugs). Dritter Aufzug. (Rauhe Walbgegend). Erſter Auftritt. Boris. Schon glühn die Abendlichter an den Bergen, Und immer zögert Anno noch, und immer 88 Lebt der Verhaßte noch. So glühend heiß Und bang' iſt mir— ich weiß nicht, was es iſt, Das mir die Bruſt beenget.— Truͤbe Ah⸗ nung Hat meines Innern ſchmerzlich ſich bemaͤch⸗ tigt. Der Wald ward ja der Marfa angewieſen.— Ja, dieſer Wald iſt's, der die finſtern Traume Gebiert. Der alte Wald iſt es allein.— Hu! Hu! Der Wind geht ſcharf. Wo bleibt nur Anno? Wer wankt dort durch's Geſtraͤuch? Iſt's nicht der Alte, Der ſeine Fürſtinn ſucht, der Boleslas?— Fort Hirngeſpinnſt! Mein Kopf fängt an zu . träumen, Der Boleslas, der iſt ja längſt ſchon Staub! Nur Olaf muß ich fuͤrchten, der allein Steht meiner höchſten Seligkeit im Wege. Fort muß er, fort!— Der Anno zögert lan⸗ ge!— Sollt' er wohl gar vielleicht— 38 Zweiter Auftritt. Boris. Anno. ttritt auf). Anno. Rieft Ihr, o Herr? Boris. Ha traͤger Mörder, wo iſt Olafs Kopf? Anno. So ſoll ſie denn geſchehn die grauſe That? Ich glaubte, daß die Nacht Euch milder ſtimmte. Oft will am Tage man das Geauſe wohl, Doch bricht die Nacht herein mit ihrem Schauer, So denkt man anders— Boris. Du einfalt'ger Thor! Mißt meine Leidenſchaft mit Deinem Maaße. Die Nacht beſtärkt mich eben in dem Vorſatz. Ein ſüßes Glück hätt' mir die vorige Gebracht, wenn Olaf nicht erſchienen waͤre; D'rum tödt' ihn mir noch dieſe Nacht, damit Er mir die Seligkeit der kommenden Nicht ſtören kann; doch ſaͤume laͤnger nicht!— 90 Noch toſ't die Jagd durch dieſe wilden Schluͤnde, Und Olaf felbſt, der Jägerei ſo liebt, Giebt ganz der Luſt ſich hin bis ſpät am Abend. Wohlauf! mein Jäger, jage mir dies Wild! Bei'm Mondesaufgang fordr⸗ ich ihn von Dir!— (ab). Anno. So muß ich denn.— O wie verderblich iſt Das Netz, worin der Arge mich gefangen. Ich kann nur widerſtreben, nicht mich retten! Wohlan, es ſey! Ich ſuche Olaf auf! Ein Stoß! ſo iſt's gethan;— o guter Himmel! Sieh meine Noth, und ach! erbarm⸗ Dich mei⸗ ner!— (ab). Dritter Auftritt. (Wilbniß mit der Höhle, wie im zweiten Aufzug). Marfa, ſchlafend. Boles las. Boleslas. So ſchlaf' denn fromme Dulderinn, ſchlaf⸗ 1. ſanft! 9¹ Mag hold ein Traumbild Deinen Schlaf um⸗ ſchweben. O moͤcht' er Dich in ſüßen Wahnſinn wiegen, Daß Du vergäßeſt, was die Gegenwart Dir Grauſes beut, und was Vergangenheit Dir Glänzendes einſt gab.— Du arme Frau! Iſt dies Dein Pfühl, ſonſt üppig aufgebläht? Wo ſind die goldnen Franzen? Wo die Krone, Die über allem Glanz ſo prächtig ſchwebte?— Mar fa.(im Schlafe). § Michal! Bolesl as. Hal ſie rufet ihren Sohn! So wollte ſie, daß er genenrt werde.— Ich glaube Aberwitz hält ſie umfangen, Wohl wußte ich, daß es ſo kommen wuüͤrde. Sie ſagte mir, ſie hätte ihn geſehn, Mit ihm geſprochen, ſeine Stimm' vernommen, Er ſey ſo ſchoͤn, ſo tugendreich— Mar fa.(im Schlafe). Mein Sohn! Boleslas. Schon wieder! O des liebend kranken Herzens! Splat ſüß o Fürſtinn, traun, denn Du nur biſt's, Und der den Thron beſitzt, iſt nur ein Näuber!— Jetzt jagt er in dem Wald.— Ha, wenn ſein Roß Ihn trüg' in dieſes Felſenlabyrinth, Wenn er in dieſer Bäume Dickicht traͤte, Und ich ihm ſo entſtellt und wild erſchiene, Wie ein Geſpenſt, ihm furchtbar dräuend, Ha! Und er, erſchreckt vor meinem Anblick, ſtürzte Vom Pferde todtenbleich, ſo wie vom Blitz Getroffen— Himmel, ſchenk mir dieſe Wonne!— Wie aber, wenn en uns gleich wilden Thieren, Von einem Felſen zu dem andern jagt? Wenn ſeine wüth'gen Hunde, wenn ſein Speer Uns unſer Leben raubt?— Wer kommt?— Ein Jäger!— Vierter Auftritt. Vorige. Michal, tritt auf. Micha l. Cfür ſich). Was ſeh' ich? Ha!— 3 9⁸ Boleslas.(für 1ch. Ein junger, ſchöner Mann— Miiccha l.(für ſich). Die Schreckgeſtalt! qaut) Wer biſt Du, Wald⸗ bewohner? Boleslas. Ich bin ein Menſch wie Du. Wen ſuchſt Du hier? Michal. Ich ſuche einen Menſchen und auch Keinen, Weiß ich doch ſelbſt nicht, wo ich mich beſinde— So ſchrecklich ſeht Ihr aus, und doch ſo ſuß Klingt Eure Stimm' und ſchöne Worte tönen Aus Eurem wildverwachſ'nen Munde. Sprich! Iſt nicht ein Frauenbild in dieſer Höhle? Ich muß ſie ſprechen, dieſe hohe Frau, Sie hat mich auf den Abend herbeſchieden. Boleslas. 8 Iſt's Wahrheit oder Traum? Wie heißeſt Du? Michal. Man nennt mich Michal; doch wer biſt denn Du? So ſagt man, Sohn des alten Bauern Prusko; Boleslas. So laß mich Deine Hände— Ha, was wollt⸗ ich!— Michal. Woher kommt dieſe Nuhrung Dir ſo plötzlich? Boleslas Du wohnſt hier in dem Dorfe? Michal. Ja, ich bin, 5 Doch heut erfahr' ich, daß hier in dem Walde Ich ward gebohren— ach! und Niemand kann Mir meine Mutter, meinen Vater nennen, und ich muß glauben, ſchnödes Laſter hat, Zu meiner Qual, mir dieſes Licht gegeben!— Boleslas. Wer ſagte Dir— 2 Michal. ceinfallenb). Du willſt auch Alles wiſſen. Führ' zu der Frau mich hin, ſie will ich ſprechen. Die Stunde drängt, Euch Beiden droht Gefahr. Der Aberglaube hat in dieſer Gegend Von Euch gar Wunderbares aufgebracht. 0 6r Man ſpricht von Ungeheuern, Bauern die Geſehn Euch haben, ſprechen mit Entſetzen Von Eurer Schreckgeſtalt. D'rum hat der Fürſt, Ob dem Geruchte und zum Schutz des Landes, Ein großes Jagen hier nun angeſtellt. Man ſucht Euch auf und ſtöbert alle Winkel Des Waldes durch, und wenn gleich unwegſam Der Zugang in dies Thal iſt, werden doch Sehr bald die Jäger hier ſeyn, eh' Ihr's denkt. D'rum ſchnell ruf' jene Frau, und dann verherg⸗ Ich Euch— 1 Boleslas. Wohlan, es ſey, ich wecke ſie.— Michal. So thu⸗ es denn! Doch weck' ſie nicht zu jäh 1 Wie ſüß ſie ſchläft, es thut mir wahrlich leid Welch edle Züge! So verwildert auch 3 Sie bei dem erſten Anblick ſcheinen— mild Glänzt das Geſicht und himmliſch ſanft hervor— Mar fa.(im Schlafe). O Michal! Sohn!— 96 Michal. Du Freund! Was höre ich? Boleslas. Sie ruft im Schlaf⸗— Michal. Wen rufet ſie? O ſprich! Boleslas. Sie ruft den Sohn— Michal. Den Sohn— den Sohn— er heißt— Boleslas. Er heißet Michal— Michal. Michal? So auch ich— Boleslas. Auch Du? Du biſt— Michal. O ſprich es aus das Wort! O ſprich es aus! Eröff'ne mir den Himmel! Im Walde hier ward ich zehohren— Gott! Ich hin— ihr Sohn! 97 Boleslas. Erweck' die Schlaͤferinn, Sie nur vermag dies Räthſel uns zu löſen. Michal. Erwache, liebe Frau!— Boleslas. Erwache Marfa!— Marfa. Wer weckt mich? Ha! in einen ſchönern Himmel Verſetzt mich dies Erwachen. Iſt's noch Traum?— Iſt das Erwachen ſelbſt noch in dem Traume?— Iſt dies nicht der, von dem ich eben träumte? Michal. Du haſt von mir geträumt? Marfa. Ja Theurer, ja— Michal.— Du hatteſt einen Sohn der Michal hieß, Sagt dieſer Mann— Marfa. Ich hatte einen, ja— II. Theil.. E 98 Michal. Wo weilet er? Haſt Du ihn nun nicht mehr? 5 Marfa. Ich fürchte die Entdeckung. Rede Michal, Du ſprachſt, Du ſeyſt im Walde hier gebohren, Wo dich ein Bauer fand, und Niemand kenne Den Nahmen Deines Vaters, Deiner Mutter; Haſt Du indeß kein Kleinod? Keinen— Michal. Ja— Hier dieſen RNing— Marfa. Ha wo? O Boleslas, Jetzt hab' ich Thron und Krone, Alles wieder!— (ſie ſinkt in Michals Arme). Michal. § Mutter! Marfa. 3 Nein, jetzt laß ich Dich nicht weg! Hier an dem Herzen ruh', Du theurer Sohn! Sieh ſeine Locken, Boleslas, wie ſchön, 4 Sieh ſeinen Wuchs, wie ähnlich ſeinem Vater. * 93 Wie hielt der Bauer dich?— Was frag' ich noch! Der edle, gute Mann, der Dich erzog! Bring' ihn mir her, ich will ihn fürſtlich lohnen. Wo bin ich?— Gott, was hab' ich denn für ihn?— Nein, nein, bring' keinen Fremden her, Dich, Dich, mein einzig Kind will ich allein!— Himmel! welche Wonne— ich erliege! Michal. O theure Mutter, kunde mir nunmehr, Welch Schickſal Dich verfolgt? Warum in Waͤl⸗ dern Du Deine Tage kümmerlich verlebſt? 3 Marfa. So wiſſe Kind, ich bin die Fürſtinn Marfa— Die früher dieſes Landes Krone trug. Doch da Dein Vater von dem Leben ſchied, Ward ich mit niedrer Schmach behäuft; ein Schurke, Der niederträchtigſte an unſrem Hofe, Erſchlich die Krone;— dieſer edle Mann, Er nur allein iſt mir in dieſes Elend E 2 100 Voll Muth gefolgt. Sein eigner Sohn hat ſelbſt Dem frechen Böſewicht den Eid geleiſtet, Und konnte zuſehn, uns in's Elend gehn. Michal. 5 Kaum faß' ich dieſe raͤthſelhaften Worte. Ich Fürſtenſohn, Du Fürſtinn, meine Mut⸗ ter! Gejagt als wildes Thier! Ha, ſchrecklich will ich Den frechen Buben zucht'gen! Ew'ges Licht, Du konnteſt ſolche Frevelthat beleuchten? Laß mich— Marfa. Nein weile— Boleslas. Bleib'— zu kuhne That Verdurbe Alles. Laß uns überlegen,. Wie ſchnell und ſicher wir zum Ziel gelangen. Begleite uns in unſre Höhle, komm'! Des Wiederſehens Stunde froh zu feiern— 4 Marfa. 1 O guͤt'ger Gott! ſchon dachte ich, erliegen 101¼ Müßt' ich dem Schmerz, da hebſt Du mich durch Wunder. (Alle in die Höhle ab). Fünfter Auftritt. Opaf, tritt auf. So träumend hab' ich mich vertieft, daß ich, Wenn gleich der Gegend kundig, doch kaum weiß, Wohin mich dieſer karg betret'ne Fußſteig Wohl bringen mag. Wie wild hier Alles iſt!— Sind wirklich jene fürchterlichen Thier In dieſem Walde, iſt's nicht eine Fabel, So hauſen ſie gewiß an dieſer Stätte.— Die Mordgedanken ſind aus meiner Seele Entflohn, wie Nebel vor der Sonne Strahl; Woher kommt dieſe ſonderbare Stimmung? Iſt's dieſer Wildniß eigen, ſiedend Blut Zu einer ſanften Wärme wohl zu mildern? Ich denk' an Dich, geliebter, theurer Vater! Du Ehrenhold der Unterthanentreue! Wie groß ſtehſt Du vor mir, wie klein bin ich. Ha, wo verberg' ich mich vor meiner Schmach? 102 So mußt' es kommen. O ich Ungluckſel'ger!— In dieſen wilden Gründen will ich weilen, Wo ſchroff die Klippe uͤber'm Abgrund ſchwebt, Wo ſchwindelnd Niemand wagt hinanzuſteigen, Dort will ich meine kleine Hütte bauen, Dem Aar und ſeiner wilden Brut ein Nachbar. Dort zieh' ich hin mit Waldemara, dort Wird Treu und Unſchuld nicht verhöhnet werden, Dort wird der Glanz des Hofes, des verruchten, Mir in die Ohren donnernd nicht zurufen: Du biſt ein Böſewicht, ein ſchändlicher Ver⸗ räther!— (Er bleibt im Hintergrunde, ſetzt ſich auf einen Fels und verſinkt in tiefes Nachbenken). Sechſter Auftritt. (Es beginnt zu bammern). Hlaf. Boleslas. Boleslas.(aus der Höhle tretenb). Das iſt ein Küſſen, Herzen, ſattgeweinet Hat ſich mein altes Auge ob der Luſt; 108 Nun ſchleich' ich fort in Gottes freie Luft.— (will gehen) Doch wie? Ein Mann ſitzt dort gedankenvoll— Auch er iſt wie ein Jäger angethan. Der Wald iſt ganz lebendig heute worden, Nun fürcht' ich nichts, denn lichte Hoffnung zog Hinein in meine bange, finſtre Seele.— Olaf.(aufſtehenb). Doch wie? der Abendröthe Lichter bleichen, Und weit von hier iſt meine Heimath noch. (Er geht vor, und erblickt Boleslas). Ha! Alle gute Geiſter! Was iſt das? Da iſt das Ungeheuer—(er iſt im Begriff den Spieß zu werfen) Boleslas. Ghm entgegentretenb). Halt! Was willſt Du? Slaf. Kann dieſes wilde Ungethüm auch ſprechen? Boleslas.(für ſich). Was ſeh' ich? Gott, es iſt mein eigner Sohn!— Slaf. Fort Höllenſpuk, verpeſte nicht die Luft! (er will wieber den Spieß werfen, haͤlt aber wieder inne) Wie iſt mir doch?— Entfalten ſich nicht Züge, So ehrwürdig, ſo volle Ehrfurcht heiſchend, 5 Daß ich, gelähmt, den Arm nicht rühren kann? Entwirrt ſich nicht aus dieſen wilden Haaren Ein Auge, das mir einſt nur Liebe ſtrahlte? Seh' ich den Mund nicht, der ſo oft die Stirne Dem kleinen Knaben väterlich geküßt? Iſt nicht die ganze klägliche Geſtalt Von einem Schein ſo milder Art umfloſſen, Daß ich— doch nein! der Teufel will mich necken Durch Hirngeſpinnſte, leeren Trug! Wohlan! Fort Ungethüm! Fahr' hin in Deine Hölle!— 4 (er verwundet Boleslas) Boleslas. O tödt' mich nicht, damit nicht Schuld auf Schuld Auf Deine Seele ihre Laſten waͤlze. Ich bin, glaub' mir's, ich bin der Boleslas, Der Unglückſel'ge, Deines Daſeyns Schöpfer!— . Slaf. Ach, dieſe Stimme, wie ſo mild toͤnt ſie! Sie ziehet ſiegend in mein Herz hinein. 4 O Vater! theurer Vater! ſieh mich hier, Bereuend, Nache knirſchend, auf den Knien. Ja Rache ſoll Dir werden! Blut'ge Rache!— Boleslas. Ich will nicht kennen meinen Sohn hinfort, Der ehrvergeſſen dem Tyrannen diente. Nicht tödten ſollſt Du mich. Nicht an mein Leben Denk' ich dabei, zu elend iſt's fürwahr, Alsadaß ich drückend ſchwere Feſſel Nicht abzulegen gerne wünſchen ſollte. Allein Du ſollſt mit Vaterblut beflecken Nicht Deine ohnedieß ſchon ſchuld'gen Hände. D'rum weiche von mir, laß mich jetzt allein, Wir haben miteinander nichts gemein. Hlaf. 9 Vater, laß dich rühren, ſprich zu mir Ein einzig Wort der Liebe— Boleslas. Foͤrt, ſag' ich. Gedenkſt Du noch, Elender, jenes Tages, Wo du die Fürſtinn höhnteſt und auch mich? Wo ſtolz Du warſt auf alle Deine Wuͤrden, 106 Womit die Gunſt Dich des Tyranns geſchmuͤckt? Gedenkſt du jenes Tages, wo in Schmerz Das treue Unterthanenherz verging, Indeß in Wonn' und Luſt du üppig ſchwelgteſt? Mit dem Verräther hab' ich nichts gemein, Du biſt mein Soyn nicht, laß d'rum mich allein!— Olaf. O welche finſtre Stund⸗ ſah mich gebähren, Welch tückiſch böſer Stern ſchien auf mich nieder? Verblendet war ich, ich geſteh' es frei. Mich blendete der Hölle trügend Netz; Daß nie ich jenen Tag erlebet hätte!— Der Liſt'ge brauchte mich. Verwaltet hab’— Ich ſeinen Staat, indeß er Lüſten fröhnte, Und nun— o Vater, fühle nun mein Leiden, Nun trachtet er mit Schmach mich zu bedecken, Und mein geliebtes Weib mir zu entreißen— Boleslas. Ich kenne nicht des Mitleids ſanfte Regung Du haſt's verwirkt, ich bin Dein Vater nicht. Slaf. Du hörſt mich nicht? 107 Boleslas.(faͤngt an einen Berg zu erſteigen). Du gehſt nicht? Wohl ich gehe!— Slaf.. So hab' ich meinen Vater denn geſehn, Um ihn auf ewig wieder zu verlieren?— (Boleslas ſteigt ſtillſchweigenb weiter). Wohlan, ſo laß ich meiner Wuth den Lauf! Er falle hin vor meinen mächt'gen Streichen, Ich ſag' mich los von dieſem Afterfürſten!— Boleslas. Und willſt vielleicht den Thron für Dich er⸗ — ringen? Hlaf. Verwaiſt ſteh' er, bis daß der würd'ge Sproß, Wenn nehmlich er noch lebet, ihn beſteige!— . Boleslas. Du wärſt entſchloſſen, wirklich dies zu thun? Slaf. O könnt' ich mehr, mein Unrecht gut zu ma⸗ chen— Ich ſelbſt will wandern bis an's End' der Welt Ihn ſuchend— 108 Boleslas Gut— Olaf. Verſöhnt Dich das mein Vater? Boleslas.(für ſich). Ich bin erweicht, ich kann ihm nicht mehr zurnen— (tteigt herunter; laut) So höre mich, der rechte Fuürſt iſt da, Auch ſeine Mutter lebt— Slaf. Wo ſind die Theuern? Boleslas. Hier dieſe Felſenhöhle birgt den Schatz. Slaf. Laß mich zu ihnen, Vater! Boleslas. Wohl, es ſey! Komm, folge mir! ſo wirſt Du Beide ſehn. (Beibe ab in bie Höhle). (Man hört Hörner von mehreren Seiten). 109 Siebenter Auftritt. Anmo.(kommt über die Felſen). Die Jagd zieht ſich hieher, der ganze Wald Iſt ſchon durchſtöbert bis auf dieſen Fleck. Auch Olaf muß in dieſen Gründen ſtecken. Daß auch gerade mich der Fürſt erwählte, Mit Olafs Blute dieſen Dolch zu faͤrben— Welch ein Geräuſch in jener Felſenhöhle? Man kommt— wer mag es ſeyn?— Schnell berg' ich mich.— (Er verbirgt ſich auf dem Felſen, wo er ſteht). Achter Auftritt. Olaf. Boleslas. Marfa. Michal. ckom⸗ men Alle aus ber Höhle). Sla f.(an Boleslas Halſe). 4 O Vater! Theurer Vater! Mar fa.(Michal umarmend). Welch ein Gluͤck!— (ange Umarmung). 1 Ann o.(erſcheint auf dem Felſen). Was ſeh' und höre ich? Die wilden Thiere, 110 Sie ſprechen, kuͤſſen, ſie umarmen ſich. Und Olaf ſelbſt iſt mitten unter ihnen? Das iſt ja ſeltſam in der That; ich hohle Mir Hülfe ſchnell herbei, und fange ſie.— 3(ſchnell ab). Slaf. Jetzt eile ich zu Boris Hofgefolge, Dort künde ich, daß Ihr gefunden ſeyd. Schon längſt ſind die Gemüther ihm entwendet, Die ſeine Tyrannei zu ſehr gedrückt. Verbergt Euch noch indeß in jener Hoͤhle, Bis ich mit froher Kunde wiederkehre. Mit Freuden werden alle Große dann, Die Boris Ruf in dieſen Wald verſammelt, Sich herbegeben, ihrer Fürſtinn Antlitz, Das langentbehrte, wiederum zu ſehn. Marfa. Kaum wag' ich es, für Wirklichkeit zu nehmen, Was mir in dieſer Stunde wiederfährt. So ſoll nach achtzehnjähr'gen Leiden wieder Ich zu dem höchſten Menſchenloos gelangen? Um ach! vielleicht von Neuem Unruh', Angſt, 111 Und andre Laſten ſolcher Größ' zu dulden— Nicht mehr beweinte ich den goldnen Reif, Nicht mehr die hohe Luſt des Herrſchens; nein! Nur meinen Sohn wollt' an mein Herz ich drücken, Ich hab' ihn wieder, laßt mich nun bey ihm. Wir wollen einſam, fern vom Hofe leben, Und nur allein uns unſres Gluckes freuen!— 3 Olaf. Nein, dieſes Landes Zügel ſoll er führen, Er ſtammt von einem großen Vater ab, Er wird, wie er es that, das Land beglücken. Boleslas. Wo große Pflichten rufen, ſchweig' die Furcht; Dein Sohn muß fürder dieſes Land beherrſchen, Er iſt ſein Fürſt, ihm nur allein gebuͤhrt's. Michal. Auch fühl' ich mich von Muth dazu entflammt; Die Bande, die mich hielten, zu zerſprengen. War ſtets mein Arm bereit; ich bin befreit, Und frei ſoll nun mein Weſen ſich entfalten. Marfa. So ſey es denn, mein edler Sohn! Beſteig⸗ 112 Den Thron, und ſey dem Land Dein Vater wieder!— Slaf. Er wird es ſeyn— ſein Auge bürgt es mir!— Boleslas.(zu Olaf). Nun ziehe fort, und künde es den Großen! M ichal. Ich ziehe mit und zeige mich— Boleslas. Mit nichten.— Noch wär's zu früh; erforſchen ſoll er erſt, Wie die Gemüther Aller— M i i ch a l.(einfallenb). Edler Greis, Wenn die Gemüther nun an Boris hängen? Wenn viele Schlechte nun an ihm noch hängen? Soll darum meinem Rechte ich entſagen? Soll meine Mutter etwa d'rum noch leiden, Und Beide wir jetzt in der Höhle wohnen? Mein Recht iſt feſt gegruͤndet, ich bin Fürſt!— Boleslas. Wohl wohr— Doch wollteſt Du mit Boris kriegen? 113 Soll Bürgerblut Dein Vaterland beflecken? Willſt Du noch ärg're Gräuel aus dem Schooß Der Höll' herauf in unſre Fluren rufen? Michal. Mit nichten, theurer Greis; doch zeig; ich mich, Sprech' ich von meiner theuren Mutter Elend, Erkennen ſie die Züge ihres Fürſten, Der lange Zeit ſie ſo beglückt, gewiß, Sie fallen ab von jenem Kronenräuber, Und fallen an die treue Vaterbruſt, Und an ein Herz, das liebend für ſie ſchlägt!— 3 Boleslas. Du edles Herz, voll Muth und zarter Milde! Ich ſehe ſegenvolle Zeiten nahn!— Slaſf. So kommt denn, hoher Herr, ich folge Euch! Mich al. Lebt, Mutter, wohl für einen Augenblick, Ich bring' dem Volke, mir und Euch das Glück!— (mit Olaf ab). Boleslas.(zu Marfa). Ihr zieht Euch noch zurück in jene Höhle, 114 Indeß ich dieſen Fels beſteigen will. Es treibt die Neugier mich, zu ſehen wie 5 Die frohe Schaar, Euch jubelnd zu begrüßen, Hieher zieht, Euern Sohn in ihrer Mitte. Marfa. Ich will indeſſen beten, dankend beten Zu Gott, für dieſe Gnade! (ab in bie Höhle). Boleslas. Guter Gott! Für alle Leiden iſt ein Tröpflein Huld Aus Deinem ew'gen Gnadenborn Erſatz!— (Er ſteigt auf einen Felſen hinter der Höhle). Hier will ich ſtehn, und wirbelt Staub empor, Und ſieht die frohe Schaar mein Auge nahen, O dann verleih' mir Kraft, nicht umzuſinken!—— Neunter Auftritt. Boleslas, halb verborgen hinter dem Felſen. Boris und Anno treten auf. Anno. Hier war es. Ja, mein gnäd'ger Furſt, ich 3 habe 115 Den Ort mir gar zu gut gemerket; hier Lag Olaf in dem Arm der Ungeheuer, Und viele waren es— Boris. Wo aber ſind Sie hingeſchwunden? Anno. Ja, das weiß ich nicht— Ich ſuche ſie ſo eben— Boris. Dummer Thor!— Du ſucheſt Ausflucht, Deinen feigen Sinn Mir zu verbergen— ſag' es nur heraus: Ich furchtete mich, Olaf zu ermorden. Anno. Gewißlich— nein— ich fürchtete mich nicht. Ich ſah ihn hier mit jenen wilden Thieren, Da eilt' ich meinem Herrn es zu verkuütden. Boris. Wart' Lügner! Memme! Das ſollſt Du mir büßen, Nicht ungeſtraft laͤßt Boris ſich verhöhnen. (im höchſten Zorn). Wo iſt der Kopf des Olaf, den . Du mir Nach Sonnenuntergange bringen ſollteſt? Anno. O Herr! Ihr zürnt— vergebet— Boris. Stirb Du Memme! (er dringt auf ihn ein, Jener flieht). Anno. Verſchonet mich, ich flehe um mein Leben! Boris. 3 Ha, Du entkommſt mir nicht!—— 3 (er hohlt ihn ein, und ſchleppt ihn in den Vorbergrund). Ann o.(fallt auf bie Knie). Ich bin vermählt!— Raub' meinen Kindern ihren Vater— Bori s. ceinfallend). Stirb!(er burchſtößt ihn mit einem Dolche). Elender Wicht! und fahr' zur Hölle hin!— Boleslas.(auf dem Felſen). Allmächt'ger Gott! Ein Mord geſchah!— O Himmel! Der Wuͤtherich iſt unſrer Höhle nah!— 1 117 Boris.(in die Höhe nach Voleslas blickenb). Welch ein Geraäuſch? Ha, ſeh' ich nicht im Dunkel Dort oben ſich das Ungeheuer regen? So ſprach am End' der Narr doch wahr;— dieß iſt Der Ungeheuer Wohnung, mir allein War's aufbehalten, ſelbſt ſie zu erlegen!— (Er klettert auf einen Felſen gegenüber von Boleslas, und zielt mit bem Wurfſpieß auf ihn. Boleslas ringt in größter Verzweiflung die Hände. In bieſem Augen⸗ blick tritt Olaf yinter dem Fürſten auf, unb ſtürzt ihn in den Abgrunb. Unten ziehn die Großen des Reichs mit Michal ein. Boleslas kniet auf dem Felſen, bdie Handbe dankenb zum Himmel gebreitet. Olaf eilt zu Boleslas und hilft ihm herunterſteigen). Boleslas. Gottlob! Es iſt geſchehn! Slaf. Ich hab' die Pflicht Des Sohns erfuͤllt und auch mein Wort gelöſt. Mar fa.(aus der Höhle ſtürzenb). Welch froh Getümmel regt ſich um die Höhle? Doch wo iſt Boris? 118 Slaf. Unten tief im Abgrund— Er fand die Strafe ſeiner Bosheit hier.— Alle. Heil Marfa, Fürſtinn, Dir! und Dir, Fürſt Michal! Prusko.(brängt ſich aus dem Haufen hervor). Sie iſt es ja, ich ſehe ſie nun wieder! Gedenkt Ihr noch, da Ihr im Elend mir Den Knaben gabt? Marfa. Ihr ſeyd ein wuͤrd'ger Mann! Wie ſoll ich Euch die edle That belohnen? Michal.(zu Prusko). Ihr ſeyd mein Vater ſtets— Prusko. O theurer Herr!— Slaf. Ha, welch ein Augenblick!— Michal. Nun laßt uns nach Der Hauptſtadt ziehn, Ihr meine theuern Frenude! 1¹9 Und hier, wo dieſe Reine, Leidensjahre Verlebte, hebe ſich ein prächtig Kloſter, Für ew'ge Zeit, ein Denkmahl dieſer Stunde!— Czum Gefolge auf Anno zeigenb) Den hier beſtattet. Uns laßt fürderziehn!— (Der Zug ſetzt ſich in Bewegung und zieht um bie Bühne. Jaͤger mit Hornmuſik. Marfa auf Michal und Olaf ge⸗ ſtüßt. Boleslas. Prusko. Große des Reichs. Jaͤger). (Der Vorhang fällt langſam). Gabriel e. Trauerſpiel in fünf Aufzügen. II. Theil. F Perſonen. Gaſton Phöbus, regierenber Graf von Foir⸗ Gaſton, ſein Sohn. Gabriele, Graſinn von Armagnac. Beatrix, ihre Amme. Klaudine, ihre Zofe. Ivain, Baſtarb von Foix. Der König von Navarra. Margarethe, Graͤfinn von Foix, ſeine Schweſter. Espaing Roger dͤvom ſofe bes Grafen. Filidor Menaulb) Raimund vom Hofe bes Königs. Albret Abdul, ein Maure. Hugo, Gaſtons Page. Zwei Miniſtrels. Ebelfrauen unb Zofen. Pagen. Ritter. Reiſige. (Die Hanblung geht theils in Ortais, theils in Pam⸗ pluna vor). — Erſter Aufzug. (Dickicht. In ber Ferne Jagbgetöſe. Gaſton Bater eilig ſeinen Sohn hinter ſich herziehend). 4 Erſter Auftritt. Gaſton Vater. Gaſton Sohn. Gaſton. S. Warum mein Vater, eileſt Du ſo ſchnell Dem frohen Jagdgelärme zu entkommen, Die Straße meidend, die zum Schloſſe führt? Schon mancher dichte Dornſtrauch ritzte leicht Uns das Geſicht, und durch verſchlungne Aeſte Mußt' oͤft das Schwert die rauhe Bahn uns brechen. F 2 124 Schon längſt ſchwebt auf der Lippe mir die Frage, Die immer noch vor Blödigkeit erſtickte— Was treibt Euch, Vater, ſo? Geſteht es mir!— Gaſton V.(ſich umſehenb, tief Athem hohlend). So; hier mein Sohn, hier iſt die rechte Stelle, Hier iſt der Lauſcher reges Ohr nicht wach, Hier iſt der Ort, wo ich zum letzten Mahle Die Holde ſah, die mir mein Glück gegeben, Und die mein Glück auf ewig mir geraubt. Nicht ferne von der Straße ſind wir, Gaſton, Nur dies Gebüſch, das dichte, trennt uns noch. Dort hielten ihre Roſſe, ihre Knappen, Die ſie mir herzlos von der Seite riſſen. Ja, dieſer Bäume altbemooſte Stämme, Sie ſahen meinen Schmerz und ihre Leiden. In ſtummer Wehmuth hielt ſie meine Hand, Mit Thränen und mit Küſſen ſie benetzend, Doch unſichtbare Mächte zogen ſie, Die Sträubende, an ihres Bruders Hof. Du ſtauneſt, Gaſton, da Du graues Haar Noch wilde Leidenſchaft bedecken ſiehſt;— du ſtauneſt, Gaſton, daß ein ſchwacher Greis „— 125 Von Liebe noch erfüllt iſt, gleich dem Jüngling. Du ſtauneſt, Gaſton, daß erſt heut Dein Vater Zum erſten Mahl Dir ſaget, was ihn druͤckt. Ja, Gaſton, jenes göttergleiche Weib, Das mich verließ in dieſem Waldesdunkel, Es war die Gräfinn, Deine Mutter, Gaſton! Am Hofe hieß es, ihrer Erſtgeburt Hätt' ſie ihr eignes Leben mitgegeben. Nur Wen'ge wußten's, Ein'ge ahndeten; Doch ſtreng verbothen war, davon zu ſprechen. Und ſo verhüllten, in dem Flug der Jahre, Ihr Angedenken ſorglich dunkle Schleier. Und was von ihrem Tod' erſt fabelhaft Erſchien, gewann der Wahrheit lautre Reine. Gaſton S. Vater, was mußt' ich von Dir vernehmen! Das theure Leben, dem ich meines danke, Noch iſt's hienieden, ſchwand noch nicht dahin? O ſprich, wo weilt die theure, liebe Mutter 2 Gaſton V. Ich künd' es Dir ſogleich, mein guter Sohn.— Sie war das ſchönſte Weib des ganzen Landes, — Das mir mein Vater ſterbend hinterließ. 5 126 Zur Herrſcherinn beſtimmt, und haͤtte auch Nicht ihr zur Wiege ſchon ein Thron gedient, 3 Nicht Königsglanz ſchon die Geburt umfloßen. Ein ſolcher Stern glänzt aus der niedern Hütte Mit Allgewalt, und Alles beuget ſich,— Wohl wiſſend, daß ſolch Licht vom Himmel nur Hernieder auf die Erde fließen könne. Sie ward mein Weib— und all das ſüße Glück, Das mir zur Theil ward, Worte nennen's nicht. Noch jetzt erfaßt mich nahmenloſes Bangen, Wenn ich mir jener längſt entflohnen Tage Glückſeligkeit hinträume— o wer könnte—* Vom Himmel ſcheiden, und trüg' nicht das Bild Vom Inbegriff der höchſten Seligkeit Mit ſich hinfort in's trübe Erdenleben?— Sie hatte einen Bruder. Rauhe Art Iſt ſeltſamlich gepaart bei ihm mit Wiſſen. Navarras König iſt der böſe Mann, Der unſer Glück mit frechem Muth zerſtörte. Mit ſcheelem Aug' ſah er das ſchöne Erbe, Als nun mein erſtes Weib geſtorben war, Bevor ſie dieſem Land den Erben gab, So dachte er durch enge Schwägerſchaft Sich ſeinem maͤcht'gen Nachbar zu verbinden, Und— blieb vielleicht die Ehe kinderlos— Das ſchöne Land mit ſeinem zu verſchmelzen. Der Himmel lenkt' es anders, denn mein Weib Gab einen Sohn mir, und dem Reich den Er⸗ ben.— Gaſton S. O weiter, weiter, lieber, theurer Vater! Gaſton W. Nun wurden vielfach Ränke angeſchmiedet.— An des Navarrers Hofe leben ſtets Viel weiſe Sarazenen, und der König Iſt ſelbſt in tiefe Wiſſenſchaft gedrungen. Dies wußte ſeine Schweſter, und ſie ehrte Und liebt' ihn d'rum, als einen weiſen Mann. Auch glaubte feſt vertrauend Alles ſie, Was man aus den Geſtirnen ihr gedeutet. Nun ſcholl in frühſter Jugend ihr der Spruch Aus eines alten Mauren weiſem Munde, Daß einſt, wenn ſie ein Kind zur Welt gebracht, 128 Ihr Gluͤck ſich ſchnell in Unſtern wandeln werde. Sie muſſe Kind und Gatten dann verlaſſen, Weil Alles, was ihr nahe, leiden müſſe. Wohl möglich, daß der ältre Bruder da, Schon Alles lenkte, wie es wirklich kam, Damit er, wenn das Band er ſo getrennt, Das ihn durch ſeine Schweſter mir verband, Er offen und feindſelig handeln konnte. 3 GaſtonS. O unnaturlich heuchleriſcher Bruder! Gaſton V.. Obgleich ſie dieſes Spruchs nicht mehr gedachte, So ward ſie dennoch öfters trüb' geſtimmt, Und manchmahl ängſtlich— ihr Geſchick bekla⸗ gend. Wie aber Du das Licht der Welt erblickteſt, Da erſt geſtand ſie mir, was ſie empfand. Ich konnte ihre langen Zweifel nicht Mit aller Gluth der Liebe unterdrücken. Jur ſelben Zeit erſchien an meinem Hof Ein Abgeſandter von dem Navarreſer, — 129 Die Schweſter mahnend in des Bruders Nah⸗ men, Zu laſſen ihren Gatten und den Sohn, Gedenkend jener trauerſchwangren Kunde. Die Sterne hätten Schreckliches von Neuem Und Fürchterliches nochmahls ihm gezeigt. D'rum ſollt' ſie ſchnell den Grafenhof verlaſſen, Und ſich geleiten laſſen in die Arme Des Bruders, der voll Sorge ſie erwarte.— Gaſton S. O arme, arme, unglückliche Mutter! Gaſton V. Ich konnte nicht die Bangbetruͤbte halten, Und ſo zog ſie, die Vielgeliebte, fort. Nacht war's. Der Fackel Schein erleuchtete Den Pfad, auf dem wir ſtumm und zoögernd ſchritten. „Wir nahmen unſern Weg durch dies Gehöͤlz; An jener Stelle hielt das Reiſ'gefolge. Hier hielt ſie mich umarmt, und Thränen floſſen Auf dieſes Tuch, das ſtets ich bei mir trage. Stumm lagen wir einander in den Armen. 130 8 Die Nacht verſchwand; die Sonne röthete Mit ihrem Purpurglanz das Thor im Oſten. Der erſte Strahl zuckt' auf, ſie ſah mich an— Er brach verklärend ſich im Thränenauge— Da floh ſie fort; ich ſank voll Schmerz zurück; Vertraute trugen mich in's Schloß hinein,— Seit jenem Tage ſah ich nimmer ſie.— 1(in Schmerz verſinkend). Gaſton S. O Gott, mein Vater! Wie mit Freude mich Der erſte Theil von der Erzählung füllt, So donnert ſchreckbar nun der zweite mich Hinab in grauſe Nacht. Die Mutter lebt— Doch hat ſie wohl ein fühlend Mutterherz?— Das wilde Thier, das nur dem heißen Trieb Nach Blute lebt, der grauſig wilde Leu, Läßt er ſein Kind?— Und ſie, ſie konnte grauſam Sich ihren Sohn vom Herzen reißen laſſen? Gaſton V. Nicht ſo, mein Sohn. Ach glaube, thränen⸗ ſchwer Hebt Deine Mutter ihren Blick zum Himmel. 131 Sie liebt Dich innig— doch des Bruders Macht, Die myſtiſch ſchlauen Netze, die er wob, Sie halten ſie beſtrickend dort umſangen. Doch leuchtet mir ein Strahl noch in der Nacht. Vernimm mein Sohn, die Urſach', die mich trieb, Dich abwärts vom Getön der frohen Jagd An dieſen Ort zu ziehn, der mir ſo theuer. Seit jener Zeit ſind viele Jahr' entflohn, Und möglich iſt's, daß Deiner Mutter Sinn, Nach Dir ſich ſehnend, anders ſich gewandelt. Zieh gen Pampluna hin, ſieh Deine Mutter, Und ſprich mit ihr; die Stimm’ des Kindes ſiegt. Es ſiegt der Mutterliebe Allgewalt, Sie folget Dir, verläßt des Bruders Hof. Gaſton S. Mit ſüßer Wonn'’ erfüllt mich Deine Rede— Sie ſehn, die mir das Daſeyn gab, welch Glück!— Gaſton V. O wenn es Dir geläng', mein tbeurer Sohn, Wenn Du ſie heimführſt in des Vaters Hallen— Wie löſet der Gedanke ſchon mein Herz 132 Mit Zaubermacht in Freudenthränen auf. Schon jetzt biſt Du der Nächſte meinem Herzen, Der Nächſte durch Geburt dem Grafenſtuhl— Was kann ich Dir alsdann zum Lohne reichen?— Du zögerſt— Deine Lippe bebet, doch Sie will nicht ſprechen, was das Herz ihr fluſtert. Du liebſt; und edle Wahl haſt Du Ketroſfen. Du liebſt Gabriele— Gaſton S. Wie mein Vater?— Saſton V. Du liebſt ſie; und ſie werde Deine Gattinn!— Gaſton S. Ihr leſet mir im tiefſten, tiefſten Herzen! Gaſton V. Ich find' mein Glück ja in dem Deinen nur. Du kennſt die mächt'ge Leidenſchaft, die Alles Mit ihren Roſendecken hold erwärmt, An Blumenfäden ſtarke Seelen leitet, Den Flügeljüngling, der den Löwen bändigt, Du kennſt die Macht, die alle Weſen kettet, 133 Die keine Zeit auflöſ't— derum fühleſt Du Gleich mir— Gaſton S. Ich bringe ſicher ſie daheim; Noch heute Vater, tret' die Reiſ' ich an— Dann ſegnen Mutterhände unſern Bund— Gaſton V.(ihn unterbrechenb). Jetzt ſtill mein Sohn, denn das Gefolge naht.— Zweiter Auftritt. Vorige. Ivain. Espaing. Mehrere Gro⸗ 1 ße und Gefolge. Espaing. Gottlob! da ſeyd Ihr ja! Es machte Euer Verſchwinden, gnäd'ger Herr, uns vielen Kummer! Ivain. Sehr ſonderbar iſt's, Gaſton, daß nicht kundig Ihr hier im Walde aller Wege ſeyd; 1 Des Landes Herr ſollt' wahrlich es doch kennen! Ihr führt den Vater in das tiefſte Dickicht, Und ſeyd dann nicht im Stand', berauszufinden. 134 Gaſkon B. Spar' Deine Worte, Ivain, denn ich ging, Ich ſelbſt hieher, und kenn' den Ort zur G'nüge. Ivain. Ihr hättet's ſagen ſollen, denn die Edeln, Ich ſelbſt— wir waren voller Sorge d'rob, Das etwas Böſes Euch wohl gar geſchehn. Gaſton V. Nicht ziemt's Vaſallen, ihren Herrn zu meiſtern; D'rum denke, daß Dein Vater nie dem Grafen Das kleinſte Recht vergeben wird— Ivain. Sehr ſtreng Fuͤrwahr ſeyd immer Ihr— ich kenn' es ſchon, Wie ich im Hintergrund' ſtets bleiben muß. Doch murr' ich nicht, und kämpfe mächtig nieder Die Stimm' des Bluts der hohen Herrn von Foix, Die mir im Herzen kräftig wiedertoͤnt. Daß meine Mutter niedrer Herkunft, weiß ich, D'rum weiche ich dem Pilzgewächs der Ehs, 135 Gaſtou S.(auf Ivain zugehend). Du biſt mein Bruder ja—(ſeine Hand faſſend) wer kann es ſagen, Du ſeyeſt mir nicht gleich an dieſem Hofe? Ivain. Wer? Ich!— Biſt Du etwa denn nicht mein Herr? Bin ich Vaſall nicht? Sklav? D'rum laß mich los. Entehre nicht die gräflich hohen Hände, Zu faſſen eines Baſtards niedre Hand. Gaſton V. Kein wilder Streit ſoll zwiſchen Euch entſtehn. Beendigt iſt das Jagen, auf! zum Schloß. Laßt unſre Hörner froh zum Aufbruch tönen, Und dann bei'm Mahl' umfließ' uns muntre Rede, Und Sang und Scherz, und lautre Fröhlichkeit.— (Alle ab unter dem Klange der Walbhörner). Dritter Auftritt. * (Gabrielens Zimmer im Schloſſe Ortais). Gabriele, eine Schärpe ſtickend. Beatrip. 136 Beatrix, 3 Was iſt Euch, Fräulein? Ungeduldig ſeht Ihr von der Arbeit auf; Ihr ſchafft nicht viel, Und thätet beſſer, ganz davon zu bleiben. Ihr ſcheint bewegt? Was iſt's, daß Euch be⸗ kümmert? Gabriele. Nichts, gute Amme, nichts— Beatrix. O ſeht doch nur, Ihr wollt's verbergen, doch gelingt's Euch nicht. Ich will Euch weiter nicht beſchwerlich fallen, Denn was Euch drückt und preßt, ich ſag' es Euch: Die Sehnſucht, Euern Gaſton zu umarmen— Wie? Hab'ich's nicht getroffen, holdes Fräulein? Ihr ſchweigt, die Augenlieder ſenken ſich— Und plötzlich flammet ſchöne Purpurgluth Euch in's Geſicht, der Buſen pochet laut— Ja, ja, der Nahme ſchon kann Wunder thun; Es iſt ein ſeltſam Ding wohl um die Liebe. Ich hab' ſie auch gefühlt, mich ihr gebeugt. Doch Alles iſt dahin, und mahnt mich nur, — ——— ——', 137 Wie ein entſchwund'ner Traum.— Wenn ich Euch ſagte, Wie mich als Zöſchen Ritter liebten, wie ich Die ſchwarzen Buſchelchen des Hermelins Mit meinen Fingern ſpielend oft bezupft, Indeß das ſtolze Mannlein, das ihn trug, An meinem Buſen ſuͤße Seufzer hauchte; Wenn ich Euch ſage, daß dies matte Auge, Das jetzt vor Alters⸗Schwäche faſt erloſchen, Einſt überlief von ſchwärmeriſchen Thränen, Und große Herzen fing, geich Schmetterlingen, Daß dieſer Fuß— ja ſchaut nur einmahl her, Den ſeht ihr noch, es iſt das Einzige, Was mir Natur von jener Pracht gelaſſen; „Den hab' ich noch, er iſt mir treu geblieben, Indeſſen Haare, Augen, Alles ſchwand— Ja, liebe Gräſinn, glaubt mir, Alles ſchwindet, Die Zeit treibt's fort mit grauſem Flügelſchlage, Und gleich als hätt's ein Sturmwind fortgeführt, Steht Ihr entblößt von jedem Liebesreize, Wie Ihr die Hand umdreht. Ja zweifelt nur, Ich glaubte auch, es müßte ſtets ſo bleihen;— Doch wie? Da ſitzt Ihr ſtumm und blickt nicht auf, Ich glaub', Ihr hört und ſeht nichts— Gabriele. Liebe Amme! Bevor mein Gaſton mir nicht heimgekehrt, Wie könnt' ich etwas anders, als ihn denken?— Du weißt, er iſt hinaus zum edlen Waidwerk, Wohl freut ſein fürſtlich Herz ſich ſolcher Luſt, Doch leicht kann eines Ebers ſcharfer Zahn Die rothen Bäche ſeines Lebens öffnen.— Beatvip. Ja, ja, ſo ſind die jungen Maͤnner, traun! Sie achten's nicht, vergeh' auch die Geliehte. Macht Jagen ihnen Luſt, ſo treiben ſie's Nach beſtem Wohlgefall'n, indeß daheim Die bange Mädchenſeele d'rob vergeht. Die höſen Männer! Wilde, rauhe Jäger! Gabriele. Nein, liebe Amme, ſo war's nicht gemeint, Denn keins von Beidem iſt mein guter Gaſton! Wenn wäre jemahls er wohl rauh geweſen? Wer iſt ſo ſanft, an Tändeleien reicher? 4 139 In Schlachten Sturm, im Kath ein weiſer Richter, Dem Feind ein Blitz, dem Böſ'wicht ein Ver⸗ derben— Doch wenn er bei mir iſt, voll zarter Minne. Beatrix. Nun habt Ihr gleich die Sprache wieder, Fräulein, Ja, wenn's an's Loben geht, da hat's kein Ende. Gabriele. Ich hätt' ſo gerne heute ihn begleitet; Wenn die Gefahr ich theile, dünkt es mich, Als ſey ſie gar nicht da— doch dieſe Schärpe— Beatrix. Ja, ja, die Schärpe; bald kehrt er wohl heim, Und findet Euch damit— dann wär's vorbei Mit all der Freude, die die Ueberraſchung Gewährt— Gabriele. Ja, Du haſt recht; doch möcht' ich noch Den Roſenkranz vollenden, der den Nahmen Umgeben ſoll; nur wen'ge Stiche noch, Und ſertig kann ich ſie bei Seite legen. 240 O gehe auf den Soͤller, gute Amme, Und ſpäh' in's Weite. Wenn Du Staub erblickſt Aus jenem Walde wirbelnd ſich erheben, Wenn dir der blaue Buſch hoch in der Luft Von dem Barete leuchtend winkt, ſo ruf' Es mir herunter, und ich berg' die Schärpe— Beatrip. Ich gehe gern für Dich, und zwinge freudig Die alten Beine, mich hinauf zu tragen, Den vierzig Stufen ſind es bis zum Söller. Gabriele. O habe Dank, geliebte, gute Amme!— (Beatrix burch eine Seitenthüre ab, die ſie offen läßt). * Gabriele. Wie iſt mir doch?— Aus einſam ſtiller Burg Der freundlichen Provence kaum entronnen, Find' ich mich hier nun an dem Grafenhof, Wo Glanz und üpp'ge Pracht mich rings umgeben. Ein Heer von Knappen und von Zofen iſt Bereit, mir auf den kleinſten Wink zu dienen, Mir, die ſonſt Keiner je beachtete, — 141 Die einſam und verlaſſen ſonſt geblüht— Noch kann ich mich in all die Prachtnicht finden— Stimme der Amme. Ein blank Geſchwader ſprengt die Ebne her, Aus jenem Walde kommend, doch der Staub, Der Waffen Blitzen in dem Sonnenſchein, Macht, daß ich noch nichts Näh'res ſagen kann. Gabriele. O liebe Amme, nur dies Eine ſage, Siehſt Du den blauen Buſch nicht und den Zelter?— Stimme der Amme. Jetzt ſind ſie nah, und ich erkenne ſie. Voraus der alte Herr, noch raſch zu Pferde. Er trägt ein ſchwarzes Wamms, und Hermelin Zeigt, daß von fürſtlichem Geblüt er ſey. Gabriele. Doch ſiehſt Du weiter nichts? O zög're nicht— Stimme der Amme. Der edle Espaing auch gleich hinter ihm, Und Roger, den man nennt von Spanien; Die beiden Herrn, aus alten, großen Tagen, Sie blicken, gleichſam Rieſenbildern ähnlich, In unſre kleine Zeit. Der witz'ge Fant, Der Filidor, in ſeiner Narrentracht, Das Schellenwämmslein ganz mit Gold beflittert, Und Pluderhoſen, wo zehn Kerlchen noch Gleich ihm die Lenden gut verbergen könnten— Gabriele. Wie böſe biſt Du, Amme, daß Du nicht Mir meines Herzens Sehnſucht ſtillen willſt. Stimme der Amme. Ich nenn' ſie Euch, ſo wie ſie aufgezogen. Jetzt kommt ein kühner Reiter. Schön! fürwahr! Der Zelter bäumt ſich hoch, knirſcht ſchäumend; doch Der Ritter bändigt ihn zu kleinen Sprüngen. Wie er es will, ſo muß ſich nun das Pferd, Das ſtols aufbrauſend Schäumende, bequemen. Ein blauer Buſch auf ſammtenen Baret, Das Reiterkoller Leder, blau geſchlitzt— Gabriele. komme ſchnell, Beatrix; jg, er iſt's— Stimme der Amme. Sein Auge ſchweift zum Söͤller her— er nickt— Ein art'ger Rittersmann— Gabriele. O Gott, er iſt's!— Mein Gaſton hier— kann ich die Freude faſſen?— Mein Gaſton hier— o alle Fiebern zucken, Und Gluth der Liebe füllet mir die Bruſt. Ihn mein zu nennen, Himmel, welche Wonne! Ja, ſie erdrückt mich faſt, ich trag' ſie nicht— Doch ſchämen muß ich mich, ich ſchwaches Mädchen, Gaſtons Geliebte ſollte ſtärker ſeyn.— (die Amme kommt). O komm, Beatrix, leite mich hinunter, Ich will den Jägern freundlich grüßend nahn.— (Beide ab). Vierter Auftritt. (Großer Saal, mit einem offnen Portal, burch das man den Garten ſehen kann). Der alte Graf. Gaſton. Ivain. No⸗ ger. Hugo. Große und Gefolge treten 144 Alle durch das Portal ein. Hernach Gabriele und Zofen. Graf.„ Wo weilt die Gräfinn? Rufet ſie hieher, Wo iſt die holde Blum'? Der klare Stern? Hug o. So eben, edler Graf, ſeh' ich ſie kommen Begleitet von den Frauen— Graf.(zu Gabrielen). Tretet naͤher! (Er küßt ihre Stirne). Seyd mir gegrüßt! Ich deute mir's als Gluͤck, Das Herrlichſte, was dieſes Haus enthält, Im Reize holder Anmuth hier zu ſehen.— Gleicht einer Wetternacht des Mannes Leben, Wo nur Orkane wüthen, Schlachtenruf Stets furchtbar d'rin ertönt, und wilder Kampf Der Leidenſchaften ſeine Bruſt zerreißt: So iſt der Frauen Leben eine Nacht Vom Mondenlicht gar zauberiſch erhellt— Die Nachtviolen und die andern Blumen, Die nur im Däͤmmerlicht die Kelche öffnen, . 145 Sie hauchen ſüßen Wohlduft rings umher; Der Nachtigallen ſanfte Liebesklagen Vermählen ſich mit zarten Blumenhauchen Und werden eins. Dem ſtillen Mondesglanz Möcht' ich vergleichen holder Frauen Liebe; Das lange Sehnen, das den Buſen füllt,⸗ Iſt gleich dem milden Licht, das ihm entquillt.— Dem zärtlich ſpäh'nden Vater, der ſo gern Der Sein'gen Glück begründet, konnte dem— Wohl fremd der Kinder inn're Regung bleiben? Ja ſchauet Euch nur fo betroffen an; Im Innerſten der Herzen konnt' ich leſen. Ihr liebet, ſchöne Nichte, meinen Sohn; Du, Gaſton, liebſt die holde Gabriele⸗ Nie keimte wohl die zarte Himmelsblume In hoͤheren Gemüthern würd'ger auf. Hier bin ich Vater, Oheim dort— und doch Sag' ich es frei: Ihr ſeyd einander werth!— Und hiermit füge ich im Angeſicht Des Himmels und der hohen Ritter hier, Die Hände Euch voll Vaterlieb' zuſammen. Nehmt meinen Segen hin für's ganze Leben. II. Theil. 1 G Gaſton. Czu Gabrielen). Du kennſt mein Herz; des Vaters milder Segen Hat nur die Form erfüllt—(zu ſeinem Vater) wir waren eins, Eh' Du dies Wort geſprochen hatteſt— Gabriele. GCzum Grafen). Ja— O zürnet nicht! Wir hatten uns gelobt, Im Drange unſrer heißen, treuen Liebe, Nie mehr zu laſſen Eines von dem Andern. Graf. Mein Gaſton iſt der Beſten Einer, d'rum Durf't er den Blick zur Beſten frei erheben, Und ſicher ſeyn, daß ihm der Preis dann würde.— Doch weil auf dieſer Erde nie die Freude Ganz ungetrübt in Menſchenherzen weilt, So muß nun wieder Herbes ich Euch künden. Gaſton verläßt auf kurze Zeit Ortais, Um an des Oheims Hof ſich zu begeben. Nur Wengen iſt's bekannt, daß Gaſtons Mutter, Mein vielgeliebtes Weib, nicht todt iſt; nun — 147 Sag' laut ich's vor Euch Allen, wiſſet denn: Sie lebt an ihres Bruders Hof, doch trennt Ein ſchwer Geſchick ſie von des Gatten Haus. (Bewegung bes Erſtaunens unter den Rittern). Dem Sohn' gelingt's, ſie wieder heimzuführen, Sie widerſteht gewiß nicht feiner Stimme. Denn wie der Sonne Macht der Nebel weicht, Wie er verrinnt in leichte, helle Wolken: So wird die Rinde ſich vom Herzen löſen, Die Schwärmerei und Irrwahn dru'm gezogen, Und ſanft erleichternd wird die Thräne rinnen, Wenn ſie dem mächt'gen Rufe der Natur, Der Stimme ihres lang entbehrten Kindes Mit Freuden folgt— Gaſton. O bang' nicht, Gabriele-— Ich führe Dir die liebe Mutter zu, Sie ſegnet auch dann unſern Bund— Gabriele. Mein Gaſton! Zieh⸗ hin, und möge Dir das Werk gelingen. Ich bin zu klein, um in Betracht zu kommen. G 2 248 Dich rufen große Pflichten oft hinaus, Des Helden Weib darf dann nicht ängſtlich zagen. Die reinſte Liebe wahrt Dir dieſes Herz, O ſey gewiß, Du throneſt ewig dr'in!— Wahr' Deine Liebe mir— dies iſt mein Wunſch, Der Einz'ge, den ich auszuſprechen wage!— Graf. Der Grüße viel' entbiete meinem Bruder, Dem königlichen Herrſcher von Navarra. Sprich freundſchaftliche Worte, hörſt Du Gaſton, Und ſuch' ein gut Verhältniß herzuſtellen.— Jetzt, lieber Sohn, jetzt wähle Dir den Mann, Der Dich begleiten möge auf der Fahrt. Auch ſey ein ſchmucker Troß von Knappen Dir Zum Einzug in Pampluna gern gewährt, 3 Damit der Sohn des mächt'gen Gaſton Phöbus Mit Würde an dem Konigshof erſcheine. Ivain.(bei Seite). Ha, Dank Dir Hölle, jetzt, jetzt iſt er mein!— Gaſton. Wenn Ihr's vergönnt, mein Vater, wähl⸗ — ich mir 7 149 Den Lehrer meiner Kindheit, Roger, gern. Wie, guter Roger, wollt Ihr mich geleiten? Roger. Mit Frenden folg' ich Euch, geliebter Graf⸗ Graf. So tritt, mein Sohn, nun Deine Reiſe an. In meinem Schutz bleibt Deine Gabriele, Ich wahr' ſie Dir, wie meiner Augen Licht⸗ Gabriele. Wann ſeh' ich Dich, mein theurer Gaſton, wieder? Ga ſto n. Bald bin ich wieder bei Dir, Gabriele!— — Graf. 1 Nun Gaſton, druücke Deiner Liebe Siegel Hier dieſen ſüßen Roſenlippen auf. Wenn wieder heim Du kehrſt, ſollſt dieſen Kuß Du weg von ihrem keuſchen Munde küſſen. Gaſton.(indem er ſie küßt). Ja Gabriele, dieſer holde Kuß, Den Du mir jungfräulich erroͤthend ſpendeſt, Iſt unſrer Liebe feierliches Siegel. 150 Auf meiner Fahrt umweht mich nun Dein Hauch, Dein ſüßer Hauch, gleich Edens Wohlgerüchen. Gabriele. Mit frorumner Treu' will ich das Siegel ehren— Sraf. Nun kommt, die Zeit enteilt. Zu Pferde! auf!— Alle ab; nur Ivain bleibt zurück. Gabriele mit den Frauen zur Seite ab). Fünfter Auftritt. Ivain. qallein). So fahre hin!— Dein guter Stern ver⸗ ſchwindet.— Bald indeft Du die eh'rnen Schreckensſäulen, Woran dein Schaͤdel Dir zerſpringen wird, Inmitten Deines Weges aufgeſtellt, Mit furchtbar ernſtem Schickſalswort: nicht weiter!— Ein Jeder läuft die vorgeſchrieb'ne Bahn;— Der Zufall bringt uns nichts, nichts weiſe Len⸗ 1 kung. 151 Ein Stern macht's oft, der die Geburt beſchienen, Kein ſtreng Geſetz ſchwebt über unſrem Haupte, Das Gute lohnend und das Böoͤſe ſtrafend. Ein wunderſeltſam Ding, Geſchick genannt, Das uns nach ſeinen Launen bei dem Werden, Bald zu dem Glück, bald zu dem Ungemach, Bald zu dem Guten und bald zu dem Böſen Beſtimmt, iſt alles; dann kann man ſich quälen, Nicht ändert dann der Menſch, was ihm Willkühr, Eh' er kaum war, ſchon für die Lebensreiſe Beſchied.— So war es mit uns Beiden auch.— Dir ziert' ein Baldachin die goldne Wiege, Die Grafenkrone ſchwebte prangend d'rauf. Die Windel ſchmückte herrlich Hermelin, Und alles nahte ſich die Händchen küſſend; Wenn das Geſicht der kleinſte Schmerz verzog, So bebte Alles ſorglich für Dein Leben.— Mir ward von Schloſſe ſern auf Heu gebettet. Kein Fremder ſah mich an, denn Niemand wußte. Daß in der Hütte graͤflich Blut von Foir Jetzt vaterlos zum Himmel Klagen ſandte. Die ſchöne Mutter ſaß gebeugt bei mir, 15²2 Verzweifeind ſtürzten Thränen aus den Augen, Und ſchon war ſie bereit, ihr Kind zu tödten— Da plötzlich— denn zu meiner Schande mußt', So wollt' es das Geſchick, ich leben bleiben— Da plötzlich ſprang der Graf herein in Haſt, Und von den Reizen meiner Mutter neu Umſtrickt, vermaß er hoch und theuer ſich: Er woll' das Kind ſtets wie ſein eignes lieben. Nun bin ich hier; an Alter und an Kraft Dem Weichling Gaſton vielmahl überlegen; Doch er geliebt, geehrt, ein Graf— ein Herr! Und ich kaum angeſehn; ein bloßer Knecht. Durch welch Verdienſt haſt Du dies wohl er⸗ rungen? Das gräflich Blut der Herrn von Foiy durchſtroͤme Auch meine Adern, gleich wie Dir;— mich hat Der Vater noch in beſter Kraft gezeugt, Als ihn Mathildens feu'rig Auge ſtrahlte, Dich ſchuf nur kalte, ſteife Konvenienz, Weil er dem Land' den Erben ſchenken mußte. Hier ſey's geſchworen bei dem ew'gen Gott! Vernichten will ich Dich! Es ſoll Dein Gluͤck, 153 So groß jetzt es zu ſeyn ſcheint, ſtolzer Träumer! Vor meiner Macht dahin in Trümmer ſinken. Durch dieſe Fahrt rennſt Du in Dein Verderben, Erſt raub' ich Alles Dir!— Dann mußt Du ſterben!— (ſchnell ab). Sechſter Auftritt. Gabriele. Hernach Hugo. Zuletzt die bei⸗ den Miniſtrels. Gabriele.(ängſtlich aus einem Seitengemach kommend). Schon iſt er fort!— O könnt'ich ihn erreichen Mit meinen bangen, ſchmerzenvollen Tönen! Ha, welche Angſt, welch nahmenloſes Sehnenz Und doch kann ich zu Thraͤnen nicht erweichen.— Warum ließ ich ihn ziehn von meiner Seite In's fremde Land, wo rings Gefahren lauern— Jetzt muß ich einſam und verlaſſen trauern.— Ihr ſtillen Lüfte, die ihr mich umhauchet, Tragt meine Seufzer zu dem Theuern hin! Und bringt ihm meine Küſſe, meine Thraͤnen— (ſte verſinkt in truͤhes Nachbenken). 4 Hugo.(trütt auf). Geſtrenge Herrinn!— Gabriele. Hugo, biſt Du's? Sprich— O ſprich, wo weilt Dein Herr? Iſt er noch hier? Hugo. Nicht mehr, und wenn er fort ſo immer reitet, So wird er bald Pamplunas Thüurme ſehn. Kaum ſtrich das Roß mit ſeinem Huf den Thau, Kaum ſtreift der Gräſer Spitzen Brillandor— Ich grämte mich, wie mir Herr Gaſton ſagte, Daß ich ihn nicht zum Ohm geleiten ſollte, Doch da er mich zum Truchſeß hat beſtellt Bei Euch, Gebieterinn, ſo weil' ich gern Zu Hauſ', indeß die Andern ruhmvoll theilen, Was dieſe Fahr Gefährliches mag bringen. Gabriele. 3 Wie liebevoll er meiner immer denkt! Hugo. Viel Grüße läßt er Euch noch überdieß, Geehrte Herrinn, nun durch mich enthieten, lihr einen Ning überreichend) 155⁵ Und ſendet Euch, ſchon ſaß er auf den Pferde, Da gab er's mir, dies ſaubre Ringelein. Von himmelblauen Steinen prangt darauf Sehr künſtlich eingefügt, ein zartes Blümchen, Vergißmeinnicht, dies ſollte ich Euch ſagen, Und dann fügt' er hinzu: wenn meine Liebe Zur Herrinn meines Herzens je erkaltet, Dann wandle ſich das tröſtlich holde Blau In trübes Schwarz— Gabriele. O das wird nie geſchehen!— (die Miniſtrels zeigen ſich im Garten beim Portal mit ihren Harfen). Hugo. Nun harr' ich, Gräfinn, Euerer Befehle, Was Ihr nur wunſchen möget, führ' ich aus. Wollt Ihr Geſang und Spiel? So ſind bereit Zwei Troubadours, die wandernd eingezogen, Gar weiſe Meiſter in der Liederkunſt, 2 Euch durch Geſang die Weile zu verkürzen. Gabriele. So laß die Meiſter ein in dieſe Halle, 156 Dem liebekranken Herzen frommt Gefang. Ich geh' indeß in mein Kloſett hinein, Zu horchen ihren Tönen. Laß ſie kommen!— (ab in ein Seitengemach, deſſen Thüre ſie offen läßt). Hugo.(zum Portal eilenb). So kommt herein, verehrte, edle Meiſter! (bie Miniſtrels treten ein). Bald hohl' ich Stühle her— Erſter Miniſtrel Das laßt nur ſeyn; der deſege Raſen an der hohen Schwelle Iſt lieber uns, denn jeder andre Sitz. Hu g o. So laſſet den Geſang nur friſch ertönen; Ein liebend Herz, getrennt von dem Geliebten, Hört jeden Eurer Laute— (ab in Gabrielens Gemach). Zweiter Miniſtrel. Nun wohlan!— (ſie ſetzen ſich auf die Schwelle am Portal, und ſingen nach einigen Akkorden auf den Harken). 157 Erſter Miniſtrel. 2 Was deutet das Wähnen, Was fühleſt Du Bruſt? Wohin willſt Du Sehnen In bangender Luſt? Zweiter Miniſtrel. In freundliche Ferne Verlanget mein Sinn, . Zur Hoffnung, zum Sterne, Dem Leuchtenden, hin! 3 Beide Miniſtrels. Lichte Hoffnung! Himmelsſchein! Du allein Senkeſt Troſt in's Menſchenherz, Bannſt den Schmerz. (Zu Anfang der letzten Strophe fallt langſam der Vorhang). 3(Ende des erſten Aufzugs). —— Zweiter Aufzug. (Pampluna. Zimmer im köͤniglichen Pallaſte). Erſter Auftritt. Gaſton, in einem Seſſel. Roger. Später Abdul. NRoger. Geliebter Graf— Gaſto n.(ohne aufzuſehen, ſich die Stirne reibend) Was giebt's?— Roger. Ihr ſeyd verſtimmt? Gaſton. Wie koͤnnt' ich anders?— Wie gefällt's Euch, Roger? Roger. Gächelnd). Je nun— G a ſt o n. Du ſtockſt?— Roger. Es iſt ſo ſeltſam hier— Ein traurig, ſtiller Aufenthalt— Saſton. Ein Neſt Iſt dies Pampluna— und welch ein Empfang Hier an dem Königshofe meines Oheims—! In Ortais iſt es anders— Roger. 1 Saht Ihr wohl, Wie elend Alles im Pampluna ausſah? Geſichter bleich vor Hunger, kleine Hütten Dem Umſturz nah'— die Meng' von Bettlern, die Die Pferd' umringten, daß wir halten mußten— Gaſton. Das eben war es ja, d'rob Brillandor Sich ſcheute, und mit heft'gem Sprunge mich So derb an die verdammte Mauer drückte, Daß mir davon faſt alle Sehnen ſchwollen, Und träg' im Seſſel ich jetzt weilen muß, Nicht die geliebte Mutter ſehen kann. 160 Ein Fratzenbild, ein wahres Ungethüm, Hob die von Fleiſch entblößten, dürren Haͤnde Zu mir herauf, mir eine offne Wunde Mit Thraͤnen zeigend— öffnete den Mund, Und ob dem Schauſpiel ſcheute ſich mein Brauner. Ein wahres Bettelvolk die Navarreſer. Wie iſt's doch anders bei uns Provencalen. Der gute Wein, die frohen, offnen Herzen, Die grüne Flur, der bunte Wieſenteppich, Der luſt'ge Fluß, auf dem die Maſten ſchweben, Deß Ufer ſtets von Liedern wiederhallen: Und hier die Kreidefelſen, eine Wüſte.— Was bracht' die Mutter nur zu ſolchem Tauſch? Vom luſt'gen Liederhof des mächt'gen Grafen, In dieſes Königs dunkle Zauberhallen? Es iſt gewiß, er haͤlt ſie hier umſtrickt, Der finſtre Bruder, mit der Hölle Banden, Die er mit Zauberkraft zu weben weiß— O Gott, geläng's mir doch, ſie zu befreien!— Roger. Nur Muth, mein junger Degen, Stand ge⸗ halten— 161¹ Das Pflaſter iſt hier glatt; ich fuͤrchte mehr Die unſichtbare Macht der tück'ſchen Geiſter, Als alle Bosheit feiler, niedrer Diener. Gaſton. Ja trüben, finſtren Ausgang ſcheinet mir Die froh begonn'ne Fahrt für uns zu nehmen. Ich fürchte mich davor, ſie anzuſehn, Die mir das Leben gab— mein heißes Fleh'n Wird nicht den ſtarren Sinn des Oheims wenden. (Abdul zeigt ſich an der Thüre). Roger. Nehmt Euch zuſammen, Graf, nehmt Euch zuſammen— Da kommt der Arzt— Abdul.(vorgehend). Nun ſeht, hier bin ich ſchon— Iſt Euch die Zeit zu lang geworden, Graf? Wer hieß Euch auch ſo wild und tollkühn reiten— Nun iſt der Fuß verrenkt, und ſchmerzhaft iſt's— Gaſton. Nun macht's nur ſchnell, ſonſt lauf' ich Euch davon— 162 Ab d u l. Ei mit dem Laufen wird's Euch nicht gelin⸗ gen— Seyd nich ſo ungeduldig—(ihm den Fuß entblößenb) laſſet ſehn— Nur ruhig— nicht gezuckt— Gaſton. Laßt mich zufrieden— (ſpringt auf, und ſtampft auf die Erbe). Abdul. Bei'm Allah! Was iſt das? Was wollt Ihr machen? Der Fuß iſt ſo geſchwollen— laßt Euch ſagen— Gaſton. Was iſt's denn weiter? War es nicht ein Ruck, Der dieſe Knochen aus den Fugen trieb?— Nun wohl, ſo muß ein tücht'ger Ruck auch wieder In's rechte Gleis zurück ſie bringen können. Kommt Roger, kommt, mich treibt mein heiß Gefühl— Die Mutter will ich ſehen— wer verargt mir's?— — 163 Abdul. S' iſt ohnedieß nicht Zeit, bevor die Meſſe Zu Ende iſt— Gaſton. O ſchweigt mir, traͤger Arzt!— Komm Roger, komm, ich will ſie ja nur ſehn; Halt an, mein Herz, zerſpringe nicht vor Wonne— Komm Roger, komm! ich muß die Mutter ſehn. (ab; Roger folgt). Zweiter Auftritt. Abd u l.(allein). So alſo ſteht's, mein alter Freund Ivain? Nun wenn Du's haben willſt, mir iſt's ſchon recht. Ja liſtig ausgeſonnen, wohl, ſehr wohl— Man könnt' ihn leicht vergiften, leicht ermorden. Doch wär' das nichts, nur ein gemeiner Streich, Auch wüßte man den Thäter gleich zu nennen. Nein, ſo iſt's beſſer— Ivain, traun, iſt ſchlau; Ich führ' es aus mit Freuden; eh' die Sonne 164 Heut ihren Lauſ vollbracht, foll Gaſton haben, Was ihm Verderben bringt, uns aber frommt. (ab). Dritter Auftritt. (Schmale Gallerie). Menauld. Raimund. Albret und mehre⸗ re Ritter treten auf. Später der König. Grä⸗ finn Margarethe. Pagen und Gefolge. Zuletzt Gaſton und Roger. Raimund. Saht Ihr den Ritter einziehn? Welche Pracht!— Bei einem Grafen hätt“ ich's nicht vermuthet— . Menauld. Seit vielen Jahren ſchon ſind Gaſtons Ahnen In dem Beſitz von Reichthum, Macht und Ehre— Ein junger Ritter. Ein ſchoͤnes Knäbchen, traun, der junge Graf. Man ſieht's ihm an, er weiß ſich zu benehmen. Wär's auch ein Wunder? Seines Vaters Hof Iſt ſtets der Aufenthalt von hohen Rittern. Da giebt es Liederſpiele und Turnire, Da giebt es Troubadours und ſchöne Damen, Der Ritter ſingt ein Lied, bricht eine Lanze, Die Dame ſpendet ihm den Minneſold. Welch ſüße Sklaverei, die einer Herrinn, Die Farbe tragen, Truchſeßamt verrichten. Nicht ſo an dieſem Hof, wo Trauer waltet; Die Gräfinn betet, weint, indeß der König Mit ſeinen Zauberkünſten ſich beſchaͤftigt. Das iſt mir nichts; für einen Nittersmann Iſt ein Pallaſt wie dieſer, keine Wohnung— Die Hall' muß offen ſeyn, ſtets Fremdes, Neues Und Ungewohntes will ſein Auge ſchauen, Und mit dem Starken ſeine Kräfte meſſen, Und mit dem Schönen ſüße Minne tauſchen. Aklbpe. Wenn's Euch ſo mißbehagt an dieſem Hof, Ei ſo verlaßt ihn doch— die Welt iſt groß— Ritke r. Schon längſt trieb's mich hinaus— doch blieb ich noch, Weil ich nicht wußte, wo die Schritte wenden. Glaubt mir's, wir ſind verſchrieen in der Welt, Man nennt uns ſpottweiſ' nur: die Sternendeuter, Die Ritter ohne Geiſterfurcht und Muth— Dieweil die erſten hier am Hofe hauſen, Die zweiten nimmer wir in Kämpfen proben— Menauld. Dies Feuer muß ich loben, edler Jüngling!— Zieh hin mit Gaſton— bilde dann Dich aus In Ritterkünſten, feiner Art und Sitte— Die Jugend hier verträumen, ziemet nicht Dem Jüngling, der aus edlem Blut entſproſſen. 3 Albre. 43 Dort naht der König— er kommt aus der — Meſſe— (Der König, Gräfinn Margarethe. Pagen. Gefolge, gehn langſam im Hintergrunde vorüber. Wenn ſie vor⸗ über ſind, tritt Gaſton von Roger begleitet raſch auf). 1 G6 a Kon. 8 Ha! war's der König nicht und meine Mutter: Menauld. 4 Sie ſind's— und kommen aus der Meſſe,. Herr!— 167 Gaſton. Die! meine Mutter!— Welch ein hohes Weib! Sieh Roger, Jene dort iſt meine Mutter, Darf ich mich ihrer ſchämen, ſieh nur hin— Welch hoher Wuchs, welch königlicher Anſtand. Komm, komm! Wir folgen ſchnell jetzt ihnen nach!— (ab mit Roger). (Die Ritter zerſtreuen ſich). Vierter Auftritt. (Zimmer bes Königs von Navarra. Auf verſchiedenen Liſchen Bücher, Tobtenköpfe, Globen und bergleichen. Auf einem Tiſch ein großes aufgeſchlagnes Buch. Ganz im Vorbergrunbe rechts eine zugemachte, links gegenü⸗ ber eine offen ſtehenbe Thüre. Im Hintergrund ein off⸗ nes Portah). Der König. Hernach Gräfinn Margarethe. Zuletzt Gaſton. König.(tritt auf; indem er zum Jiſch geht, und in dem großen aufgeſchlagnen Buche blättert). Habt Dank, Ihr krauſen Zeichen; wunderbar 168 Habt in dem Leben oft Ihr mir genützt, Und ob ich ſchon Euch nicht zu deuten weiß, So werd' ich dankbar immer Euch doch ehren. (vorgehenb). Denn wenn geheimnißvoll ich bei Euch weile, So glauben ſie mich bei der Zukunft Bildern, Und ſcheu nur nahn ſie ſich dem Zauberer, Den ſie im Bund mit mächt'gen Geiſtern wäh⸗ nen— Bleibt nur bei Eurem Wahne, der mir frommt, Bleibt nur bei Eurem finſtern Aberglauben, Der meinem Wink' Euch zitternd unterwirft— Gräfinn.(ſchnell auftretenb). Mein Bruder— König. Ha, wer ſtört mich?— Gräfinn. Margarethe— König. Was ſucheſt Du? Gräſinn. O Gott!— Und der Euch ſklaviſch meinem Willen beugt, 169 König. Sag' mir es ſchnell— Gräfinn. Bedarf es da der Frage—? Ich bin Mutter— König. Du weißt, was Dir das Schickſal offen⸗ barte— Grä. fin n. Ich bin nicht ſtark genug, daran zu glauben— König. D'rum ſtütze Dich auf mich, ich will Dich leiten.— Gräafinn. Ich weiß den Sohn, den theuern, hier am Hofe, Und darf nicht einmahl ſeine Stimme hoͤren— König. Verſißlirß Dein Ohr— ſie könnte Dich be⸗ ſtricken— * Gräſfinn. Welch grauſem Unglück ſoll ich noch entfliehn, Nich hat das Gräßlichſte ja ſchon ereilt. II. Theil. 5 1 170 Von Sohn und Gatten ſo getrennt zu ſeyn, Wo ward wohl Schlimm'res einer Mutter noch?— (burch das Portal ſpähenb). Doch ha, ein Ritter nahet eilend ſich, Schon iſt er in der großen Gallerie, Welch hoper Jungling— ja, dies iſt mein Sohn! 4 Mein Duſen ſchlägt ihm ungeſtüm entgegen. König. Wie? Sollt's der Kecke wagen, meinem Zimmer Sich ſo zu nahen?— Sihiweſter, geh' hinaus— Gräſfinn. 8. Ich bleibe, Bruder— ha— ſchon tritt er ein— König. Im nahen Schlafgemach magſt Du verweilen, Bis Zeit es iſt, daß Du dem Sohn' erſcheinſt. (führt ſie burch die Thüre rechts ab). König.(zu dem eintretenden Gaſton). Wer ſtört mich? Gaſton. Euer Neffe, gnäd'ger Herr— Verzeiht, daß ich mich kühnlich unterfing, f 171 In dies Gemach ſo plötzlich einzudringen. Mich trieb die heiße Sehnſucht, meine Mutter, Die Theure, Vielgeliebte, bald zu ſehn— König. Du hätteſt warten ſollen, Neffe, bis Ich Dir Gehör geſchenkt. Du ſtörſt mich hier In wichtigen Geſchäften. Doch nun ſag', Weil Du ſchon einmahl hier biſt, Deine Borh⸗ ſchaft. Gaſton. Mein Vater, Gaſton Phöbus, ſendet mich, Und laͤßt Euch, Ohm, den Brudergruß entbieten— König. Nur ohne viele Umſchweif'— ſchnell zur Sache, Denn meine Zeit iſt koſtbar, ich hab' viel, Sehr viel zu ſchaffen noch, und bin ſchon alt— Gaſton. Das Kürzeſte wär' wohl, ich nähm' die Mutter, Und trüg' ſie fort aus dieſem alten Schloß; Laß ſie mir, König— ſie geht gerne mit— König. Will's da hinaus?— H 2 Gaſton. Iſt's Euch nicht angenehm, Der Schweſter Glück in ihrer Kinder Mitte, An ihres Gatten Buſen neu zu ſchaffen? Was ſoll ſie hier, von Allem abgeſchieden, Was Liebe mit ihr tauſcht? O laßt ſie fort— König. Iſt, Gaſton, dies nur Deiner Bothſchaft Ziel, So zieheſt Du mit leeren Händen heim— Die Schweſter kann von meinem Hof nicht ſcheiden. Sie feſſeln andre Bande, als Du wäͤhnſt. Es iſt nicht meine Schuld, daß freudenlos, Und vom Gemahl getrennt, ſie hier verblüht. Wie hätt' ich wohl zu dieſer Schwägerſchaft So willig meine Hände dargeboten, Haͤtt' ich vorausgeſehn, wie's kommen kann? Ich glaubt', ein glänzend Loos der lieben Schweſter Durch dieſe Heirath zu bereiten— und Daß die Geſtirne nachmahls mir geboten, Das Band zu trennen, das ich freudig knuͤpfte, 5 Daß ich das Fuürchterliche las am Himmel, Das iſt fürwahr nicht meine Schuld, mein Neffe!— Wer zeiht des Treubruchs mich, der Hinterliſt? Darf ich mich ſträuben, wenn das Schickſal waltet? Verderben von Euch Allen abzuwehren, Vermochte mich, die Gräfinn herzuziehen, Denn nach der Frucht, die ihrem Schooß ent⸗ . ſproſſen, Sollt' Unglück ſie auf Kind und Gatten haͤufen. Es iſt nicht leerer Wahn, der mich erfüllt. Dankt's meiner Weisheit, den geheimen Kräften, Die mir zu Gunſten ſind„und freut Euch deß. Nicht aber bürdet ſchwarze Frevelthat Dem alten König auf, der Euer Wohl Selbſt mit der eignen Ruhe gern erkaufte. D'rum ziehe hin, mein Neffe, ſprich zum Vater. Don Aſtolf laſſe ſeinen Gruß entbieten, Und wurde thun, was Allen frommt und nützt. Gaſton. So traurig will ich meine Rückreiſ' nicht Zur väterlichen Veſte ſchon beginnen—— Ich will die Mutter ſehen, will ſie ſprechen; Was Du mir ſagſt von grauſen Himmelszeichen, Soll mir den Sinn nicht wandeln; unſre Liebe Soll jene ſinſtern Schickſalstücken bannen. O glaube mir, der Liebe Macht iſt groß— König. Thörichter Jüngling! wage nicht zu viel— Die finſtre Macht iſt neidiſch ob des Gluücks, Das frohe Menſchen oft in ſich empfinden. Folg' mir, mein Sohn, ſieh Deine Mutter nicht— Verlaß Pampluna, kehre heim nach Ortais, Sehr vieles kann ſich ändern— kehre heim. Gaſton. Ich werde Euern Hof nicht eher meiden, Bis mir vergönnet ward, der Mutter Ton, Den Ton der lieben Stimme zu vernehmen— König. So warte hier, iſt Dein Begehr ſo ſtark, Und willſt Du weiſem Rath' nicht Folge leiſten. cer geht zum Tiſch im Hintergrund, ſetzt ſich, und lieſt in dem großen aufgeſchlagenen Buche). Gaſton. Ich will's verſuchen. Ja, ſie wird mir folgen. — . 175 Wenn er nur nicht geheime Zauberkräfte Gebraucht, ihr Herz mir gänzlich abzuwenden.— Was er dort bruten mag?— Wie graus und ſchaurig Rings Alles iſt.— Die Bruſt iſt mir beengt; Wär's nicht um dieſen Preis, ich eilte fort. Hör' ich nicht rauſchen in dem Nebenzimmer?— Horch— ja, ſie iſt's— wie mir mein Herz pocht— (die Gräfinn tritt ein, und bleibt unbeweglich ſtehn; Gaſton geht ihr einige Schritte entgegen, und beugt ein Knie). 4 Gräfinn. An Mein Herz, geliebter Sohn!— Gaſton. Sie iſt es, Gott!—(er ſtürzt an ihr Herg). Gräfinn. O ſeliges Gefühl, an dieſem Herzen Dich, mein geliebter Sohn, zu wiſſen— Gaſton. Laßt Mich, Mutter, weinen, ſolchen Augenblicken 176 2 Sind Worte nicht gegeben—— (lange und ſimame Umarmung). Gräafinn. Gaſton hier?!— Mein vielgeliebter Gaſton, ja, Du biſt's!— Die hohe Stirne, dieſer Blitz der Augen, Die Haare;— Himmel] welche ſüße Mahnung! So ſah er aus.(Pauſe; dann wehmüthig) Wie geht es Deinem Vater? Gaſton. Dem Vater geht es— ſchlecht. Getrennt von Euch, Härmt er ſich ab und trauert.— Glaubet mir, Es iſt ein einzig Mittel nur für ihn, Ihm die verlorne Ruhe zu verſchaffen, Dies Eine iſt— Gräſinn.(ihn unterbrechenb). Ich ahnd' es, lieber Sohn. O larich 3 nicht aus— denn ach, ich weiß es ſelbſt; Hie Nichterfüllung bricht auch mir das Herz— —— Gaſton.. Warum denn nicht erſüllen mein Geſuch? Ihr könnt es ja— es ſteht in Eurer Macht. Seyd Ihr nicht frei?— Gräfinn. Ach nein, ich bin gebunden. Du weißt, mein Sohn, warum ich Euch verließ; Dies Schickſalswort hält mich noch hier gefangen— Gaſton. Ach Mutter, ſähet Ihr, wie dieſe Kälte Mein Innerſtes zerreißt— Gräſinn. O zurne nicht. Wie zieht es mich ſo ſehnend zu Euch hin! Hier in der ſinſtern, öden Königsburg Stey' ich allein, dem Grame uͤberlaſſen. Wie ſchön mahlt ſich nun dem Gedächtniß vor, Die Zeit, die ich bei Deinem Vater lebte. Schon achtzehn Jahre ſind ſeitdem entflohn; So alt biſt Du, mein Gaſton, und ich wette, Ich weiß noch Alles; denn ich wiederhole Mir jeden Baum, mir jeden Stein mit Sorgfalt— 178. Da mir dort Alles— ach! ſo theuer war.— Wenn man die Burg verläßt, und nun die Schritte Zum Garten wenden will, zwei große Eichen— Nicht wahr? Sie ſtehen herrlich bei dem Eingang; Dann läßt man rechts den großen Weiher liegen, Und überſchreitet jene leichte Brücke, Die hingehaucht und luftig, Roſenufer Verbindet— Mars und Venus ſtehen dort, Der Graf ließ ſie aus Welſchland kommen, und Er hatte ſeine große Freude deran.— Iſt denn noch Alles ſo, wie ich's Dir ſage? Gaſton. Roch Alles iſt ſo— Gräfinn. Süße Rückerinn'rung!— Gaſton. O komm, und ſieh dies Alles freudig wieder;— Geh' Allen wieder, eine Sonne, auf. Der ganze Hof will huld'gend Dich empfangen; Dort weilen Gattentreu' und Lieb'— ein Sohn— Und— Nutter komm!— auch eine liebe Tochter * — —— — 179 Ein hohes Fruͤulein ſchenkt mir ihre Gunſt, Ein Tugenbild— der Sonnenſtrahlen Spiegel, O Mutter komm, denn ſie kann Alles wenden, Was Finſtres unſrem Hauſe nahen ſoll. Des Engels Gegenwart wird Alle ſchützen; Die Gräfinn Armagnac iſt meine Braut— O Mutter, ſegne unſern Ehebund— Gräfinn. Wie alle Freuden in mein ödes Herz Bei Deinen Worten einziehn. Thränen fuͤllen Das Auge mir— ſelbſt dieſe ſpenden mild Ein Labſal— eine längſt entbehrte Luſt— Gaſton. Nein, Mutter, nein! die Sterne wollen nicht, Daß Du in dieſem Grabe weilen ſollſt, Von mir und Allen, die Dich lieben, fern. Gräfinn. Wie dieſe Stimme mir zum Herzen ſpricht, Wohlan, mein Sohn, ich kehr' zum Leben wieder. Gaſton. O ſo verlaſſe ſchnell die dunkeln Hallen, 180 Flieh ſchnell mit mir— ſieh, Mutter, Dich nicht um, Und hörs ihn nicht die Zauberformeln murmeln, Sie könnten plötzlich deinen Sinn verwandeln; Aus jenem Buche ſpinnen lange Fäden Um Deine Füße ſich— Dich feſt zu bannen.— Fort, fort mit mir!— Gräfinn. Ich kann nicht widerſtehn.— K ön i g.(ſich plöplich erhebend, und vorgehend). Beſtuͤrme nicht der Mutter banges Herz. Zu groß für eines Weibes ſchwachen Buſen Iſt die Verſuchung.— Deine Mutter bleibt.— Gaſton. Sie bleibt? König. Sie geht nicht mit.— Gaſtonn.(zur Grafinn). Was ſagſt Du mir?— Gräfnn. Ich muß— wie es der König will. 185 Gaſton. Ich trage Dich fort aus dieſes Hofes finſtrem Kreis, Wo rings umher nur grauſe Nebel bruͤten, Die Dich mit Zaubermacht umfangen halten. Fluch allem Zauber, ſtürz' verderbend er Doch ob des Zaub'rers Haupte jäh zuſammen— König. Mein Neffe fuͤhret kecke Reden hier— Gaſton. Sch rede ſo, wie ich es meine, Herr! König Doch ziemt es vor dem Könige ſich nicht— Gaſton. In dieſer Sache ſeyd Ihr nicht der König, Und ich ſteh' nicht als Sklave vor Euch da— König. Gar ungebuhrlich iſt, was Ihr da ſaget— Gaſton. Ein Graf von Foix kennt Sitte und Gebühr— König. Mit nichten, Knahe; ſolches lehr' ich Dich— 182 Ga⸗ſton. 3 Ihr wahrlich mich mit aller Weisheit nicht— 8& Gräfinn. Welch wilder Wortſtreit will ſich hier ent⸗ flammen, Ich ſehe, Gaſton, Deine Augen blitzen— König. Der junge Graf von Foix ſpricht keck mit mir; Von ſolchem Knaben laß' ich mich nicht höhnen— Gräfinn. Reizt dieſes jungen Löwen Zorn nicht auf— Gaſton. 4 Seyd unbeſorgt.— Ich handle ſtets der Pflict, Die mir die Ehre auferlegt, getreu.— Doch ſoll mich keiner einen Knaben ſchimpfen, Dem ich den Pandſchuh nicht in's Auge ſchleu⸗. dre— 3 (wirft den Handſchuh hin). Gräfinn. Weh mir, mein Sohn, welch trotziges Be⸗ ginnen!— „ . König. Ganz andre Waffen ſtehn mir zu Gebote, Als dieſes leichte Schwert, zur Zierde mehr, Als andrem Zwecke, an der Seite ſchwebend. Ein Wink von mir— und ploͤtzlich ſinkſt Du nieder; Verblendeter! nicht wähne mir zu trotzen. Zeuch hin gen Ortais, künd' es Deinem Vater, Daß er ſich rüſtig mir zur Wehre ſetze, Weil ich ihm Krieg dunch ſeinen Sohn verkünde. Nur ſolchen Waffen, die Du führen kannſt, Soll die Entſcheidung übertragen werden. Gern will ich andrer Macht mich nun begeben, Folg' Schweſter, mir, laß dieſen hier allein— Nicht länger ziemt es uns, hier noch zu weilen; Doch büßt er's mir— Gräfinn.(zu Gaſton). Gott! was haſt Du gethan!— (ſie treten einige Schritte zurück, ein grüner Vorhang trennt ſie von Gaſton). Gaſton. O Mutter, weile noch!— Sie hoͤrtm ich nicht— * Unſelig Schickſal, was gebiehrſt Du noch? (verſinkt in Nachdenken; dann durch bie offne Thüre links ſehend). Wer Meahe da herum— faſt will mir's grauen, Gleich einem Teufel ſchwarz; es iſt der Arzt. Abdul.(durch die Thüre links eintretend). Geſtrenger Herr— ich komme, Euch zu helfen, Sind wir auch hier allein? Gaſton. Welch' dumme Frage! Ein guter Menfch will nie allein ſeyn— — Abdul. Hm!— So wie man's nimmt; vor Gott und dem Pro⸗ pheten Hab' ich Geheimes nicht— auch bin ich gut— Ich habe lang ſtudirt— 3 Gaſton. Ihr ſeyd der Arzt. Sch weiß nun ſchon, Ihr wollet Euern Lohn— Abdul. Mit nichten, Herr; mir iſt die Kunſt nicht feil. —— 185 Ich kenne alle Pflunzen; werther Herr, Die Blumen, Kräuter— weiß geheime Kraͤfte Aus ihren Dolden, Stengeln und Pyſtillen Herauszuziehn und Pulver d'raus zu machen. 4 Den weiſen Abdul nennen mich die Leute, Und wahr iſts, ich verſtehe meine Kunſt. an Gaſtorn. Schon gut.— Doch was ſoll's mir? Ich bin nicht krank. Könnt ein zerrißnes Herz Ihr wieder heilen? Die Thraͤnen, die in Kummernächten floſſen, Der Liebe bange Seufzer ſtillen? Könnt Ihr's?— 5 Abdul. Auch dafür giebt es Mittel, lieber Herr.—f Ich weiß ſchon, was Euch fehlt, Ihr könnt es glauben. Die Kund', daß Eure Mutter hier verbleibt, Nicht heim mit ihrem Sohne ziehen will, Hat alle Herzen ſchon Euch zugewandt, Und jedes trauert heimlich nun mit Euch. So hat auch mich der Schmerz darob ergriffen, Und kann ich ol ſo helf' ich wahrlich gern. * 186 Ich hab' um Mitternacht, im dickſten Walde, Nicht tück'ſche Geiſter fürchtend, noch die Nacht⸗ 88 luft, Die mit dem Barte mir gar lieblos ſpielte, Die kräft'gen Kräuter ſorgſam mir gepflückt, Um Herzen, die ein Mißgeſchick getrennt, Auf's Neu' in Liebe wieder zu verbinden. D'raus machte ich— ſeht her— die weißen Pulver. Gebt Ihr das Eine Eurem hohen Vater, Indeß das Andre ich der Mutter gebe, So ſeyd verſichert, das von Stunde an, Die Mutter ihre Heimkehr ſehnlich wünſchet, Nicht achtend jene dunkeln Schickſalsſprüche, Die ihr des Bruders Mund ſtets warnend ſagt; Es zieht ſie mächtig hin, zu widerſtehen Vermag ſie nicht; die hohe Sympathie, Die in den Pflanzen dieſer Pulver webt, Vereinigt Beide dann mit neuer Liebe.— Was meint Ihr Herr, das iſt ein gutes Pulver? Gaſton, Fuͤrwahr, wenn's wirkte— 187 Abdul. O! es wirkt gewiß— Gaſton. Ihr bürgt mir mit dem Kopf'— Abdul. Cheimlich für ſich). Ihr mit dem Euern.— Gaſton. Was brummt ihr in den Bart? Abdul. Ich uͤberlege— Gaſton. Noch zweifelhaft?— Abdul. Ich kann getroſt es wagen— Gaſton. So gieb denn her dies ſtarke Wunderpulver. Ich nehm' es zwar, doch mit ſeltſamer Scheu. Das Andre giebſt der Mutter Du, nicht wahr? Abbul. Verlaßt Euch d'rauf. Seyd des Erfolgs gewiß; Doch berget es. Ich ſehe Jemand naben. 188 Fuͤnfter Auftritt. Vorige. Albret.(tritt auf burch die offne Thůre links). kbre. Der König, mein Gebieter, läßt durch mich Euch eine gute Heimkehr wünſchen, Graf! An ſeinem Hof will er nicht länger Euch Mehr dulden, dieſes ſein Befehl— Gaſton. 4 Schon gut! Geht heut die Sonne unter, bin ich wohl Schon auf dem halben Wege.— Sedd Ihr nicht Der Ritter Albret? Alzret. MNieines Königs Diener— Gaſton.(ſeine Halskette abnehmenb). Für den Befehl, den Ihr mir überbringt, Dank' ich Euch ſo—(ſie ihm umhängend) ſchlagt mir's nicht aus, Herr Mitker,:— Albre. Ich that nur meine Pflicht. Glück auf die Fahrt.— (ab). Abdul. Gehabt Euch wohl— vergeſſet nicht das Pulver; Es iſt das Einzige— Gaſton. Wie lohn' ich Dir?— Abdul. Ich ſagt Euch ſchon, mir iſt die Kunſt nicht feil. Seyd Freund mir— dieſes Eine wunſch' ich nur. (ab). * Gaſton. Verwieſen bin ich alſo— ſie bleibt hier. O jammervoller Ausgang meiner Fahrt. Sechſter Auftritt. Gaſton. Roger.(tritt auf burch bie Thüre links). Gaſton. Mein Roger, weißt Du ſchon?— Roger. 3 Schon Alles, Herr! Die Pferde ſind bereit— Gaſton. Nicht einmahl noch Soll ich die Mutter ſehn— Roger.) So kommt doch nur— Was zögert Ihr? Ein Glück, daß es ſo kam— Nur fort— geſchwind! ich fürchte Schlimm'res noch— Gaſton. So kehr' ich denn vernichtet nun nach Hauſe; Doch bleibt mir noch der Talisman des Mau⸗ ren— Wieleiche gelingt's.— Es tagt in meiner Seele, Auf, fort, geſchwind, zur väterlichen Veſte!— (ab mit Roger durch die Thür links). 1 Siebenter Auftritt. (Der grüne Vorhang rollt in die Höhe; alle magiſchen Apparate ſind verſchwunden). Der König von Rittern umgeben. König. Des Grafen Frevelthat hat mich gezwungen, Euch, edle Ritter, hieher zu berufen. Ihr wißt's, uns hatten Freundſchaftsband' um⸗ ſchlungen, 191 Doch keck drang er zu meines Thrones Stufen, Nicht ehrend weißes Haar, noch Königskrone, Verachtend meine Macht mit frechem Hohne.— Noch eh' die Mutter ihren Sohn gebohren, Laſ' ich Verderben in den mag'ſchen Hallen. Bei'm weiſen Salomon ſey es geſchworen, Ich wollte nicht: Der ſtolze Graf ſollt' fallen; Ich hatt' die Schweſter ihm zur Frau gegeben, Und ſorgte für ihr Glück und für ihr Leben. Denn was im tiefen Dunkel wird gewoben, Was mir geheimnißvolle Macht verkündet, Das muß der Menſch im Staub' anbetend loben, Weil blitzesſchnell Verheißnes ſich entzündet; Und die Vernichtung naht auf ſtillen Pfaden, Des Unglücks Fülle plötzlich zu entladen.— Jetzt rüſte ſich mein Heer;— ich an der Spitze, Will eilen hin gen Ortais, dort zu kämpfen; Wir wechſeln Friedensruh' mit Kampfeshitze, Den Uebermuth des Stolzen raſch zu dämpfen. Bei'm ew'gen Gotte will ich mich verpflichten, Durch Untergang nur dieſen Kampf zu ſchlichten, Und was ich teieb in dieſem mag'ſchen Schloſſe, Was höh're Macht mir in die Hand gegeben: Es bleib' zurück— ich ſchwinge mich zu Roſſe, Nicht Zauberei ſoll ferner mich umweben, Der Panzer hüll' die alterſchweren Glieder— Erliegt der Feind, ſo kehren bald wir wieder.— Die ew'gen Leiter, mir befreundet, werden Mich ſorglich auch auf dieſem Zug begleiten; Ich blick' hinauf; in ihren Silberheerden Wird mancher Troſtesſpruch ſich mir bereiten. Nun auf, Ihr Freunde, auf! Trompeten ſchmet⸗ tern! 1 Wir ſehn uns wieder in des Kampfes Wettern!— (ob; die Ritter folgen ihm). (Ende des zweiten Aufzugs). 193 Dritter Aufzug. (Ivains Gemach). Erſter Auftritt. Ivain, an einem Tiſche mit Briefen. Vor ihm ſteht Abdul ganz vermummt. . Ivain. So ſeyd willkommen— ſetzt Euch, wenn Ihr müde— Abdul. Ich dank' Euch, Graf— FJoain. Der Ton ſcheint mir bekannt— Abdul. Wohl möglich— Ivain. Deutlicher wird mir's— wer biſt Du? Abdul. Herr! Abdul, Deiner treuſten Knechte Ei⸗ ner.— II. Theil.. 3 194 4 Ivain. Wie, Abdul! Du? Es freut mich, Dich zu ſehn— Abdul. Auch ſoll mein Hierſeyn Euch viel Freude bringen; Was Ihr von mir verlangtet, iſt geſchehn— Ivain. Er hat das Pulver, das verderbliche? Abdul. Er nahm es zögernd— doch er nahm's— Ivain. Vortrefflich! Das Netz iſt ausgeſpannt, er fäͤngt ſich d'rinn— Abdul. Des Koͤnigs Heerszug iſt ſchon auf dem Wege. Noch einen Tagmarſch, und er ſteht vor Ortais— Ivain. Die Kunde geben mir des Königs Briefe. Was hältſt Du von dem Alten, ſage mir's— Soll ich Vertrauen ſchenken ſeinem Wort?— Er iſt gar ſchlau, denn wohl iſt's mir bewußt, 4 - „ —— 195 Wie trefflich er den Aberglauben nützt— Abdul. Traut nicht zu viel, mein werther, junger Herr. Gebt Euch nicht ganz; behaltet immer noch Was für den Fall— nun, Ihr verſteht mich . wohl— Fvain. Die Waſſerpfort', durch die Du eingeſchlichen, Steht offen für des Königs ganzes Heer. Sag's ihm, ſo fällt ihm ohne Blutvergießen Die Veſte zu— das Weit're wird ſich finden. Ich kann nicht anders, als mich ihm vertraun, Um mich als Graf von Foix geehrt zu ſehn— Abdul.. Mit Freudenthraͤnen werd' des ThronesStufen, Die Ihr beſteigt, ich netzen, theurer Zögling, Ivain. Verbirg Dich— Jemand naht— (Abdul durch eine Geitenthüre ab, die er offen läßt; von Zeit zu Zeit zeigt er ſich horchend). J 2 196 Zweiter Auftritt. Ivain. Filidor.(tritt auf). Ivakn. Ei Ihr, Herr Ritter— Was bringt Ihr Neues?— Filidor. . Schlimme Neuigkeiten. So eben zieht der Graf in's Schloß, die Mutter Hat er nicht heimgebracht— Ivain. Das wiſſen wir— Filidor. Der Alte iſt gebeugt, denn Gaſton hat Sich mit dem königlichen Ohm entzweit— Ivain. Das Alles wiſſen wir— Filidor. So ſprecht doch nur, Woher ward Euch die frühe Kunde? Denn Kaum eine Stunde iſt's, daß Gaſton kam, Und keine halbe, daß er ſelbſt es ſagte. . —— 197 Ivain. Verzeiht, wenn Eure Neugier, Filidor, Ich nicht gleich ſtille; ſagt vorerſt mir an— Ihr ſeyd ein Ritter und ein Edelmann, Und ſolchem kann Vertrauen man wohlſchenken. Jedoch ich möchte, mißverſteht mich nicht, Sehr gerne wiſſen— ob für große Pläne Im Herzen Raum Euch iſt— Filidor. Wie meint Ihr das? Ivain. Je nun, es iſt nicht Jedermannes Sache, Viel über große Pläne nachzuſinnen— Was mich betrifft— ſo lieb' ich es gar ſehr— Ich habe mir ein Plänchen ausgeheckt, Recht ſäuberlich, und denks es auszuführen. Dies Plänchen iſt mein Liebſtes nun auf Erden, Es raubt mir Nachts den Schlaf, am Tag' die Luſt, Die andern Menſchen wohl das Herz erfuͤllt. Verſtehet mich, dies Plänchen iſt— nun ja— Es iſt— ſo wie man ſagt— mein Steckenpferd · 198 Filidor. Ja, ſo ein Steckenpferd, wie's jeder Menſch hat— So ich zum Beiſpiel auch— ich hehl's Euch nicht⸗ Das meine iſt der bunte Mädchenflor, Der hier am Hof ſo wonniglich erblüht— Ich ſage Euch, fuͤr ſo'was laß ich Alles, Mag's noch ſo lieblich ſeyn, gern ſtehn und liegen. Das Reiten und der Tanz ſind doch gewiß Zwei Dinge, die nicht zu verachten ſind; Jedoch das Minneſpiel thront uͤber Allem⸗ Ivain. Ich pflicht' Euch bei— Filidor. Nehmt nur das Reiten an— Es iſt zwar hübſch, das Thier zu bändigen, Das ſtarke, kühne, durch der Lenden Kraft; Wenn es den Schaum im Zuügel ſprüht, und knirſcht, Wenn's ſpringt und bäumt, der Reiter dann gelaſſen Und kunſtgewandt es hin zur Ordnung weiſ't, -— 199 Ja, das iſt ſchön, der Sieg könnt' ſtolz uns machen; Jedoch es iſt ja nur ein dummes Thier, Und wenn ein Pferd uns noch ſo ſehr gefällt Durch ſeiner Formen Regelmäßigkeit, Es bleiht ein Pferd.— Nicht wahr? Ein blo⸗ ßes Pferd. Ivain. Ja, ohne Deck' und Sattel, weiſ' bemerkt— Filidor. Das Tanzen, ſeht— das iſt was Andres ſchon, Wenn mit dem Liebchen man ſich dreht und ſchwenkt— Im Tanz iſt leicht ein leiſes Minneſpiel Mit vieler Kunſt unmerklich anzuſpinnen. Iva in. Ihr ſeyd, bei Gott! ein ſchlauer Praktikus— Filidor. Ein Druck der Hand— ein Blick— ein Lä⸗ cheln oft Kann Einverſtaͤndniſſe zu Wege bringen; Und iſt's dann richtig, willigt froh ſie ein, Man waget nicht zu athmen, und der Puls, 200 So wird gekoſ't, ein Herz ſchlägt an dem andern, Und wer's geſchickt dann anzufangen weiß, Kann oft im Fluge ſüße Küßchen naſchen— Ivain. Vortrefflich, Ritter— herrlich— wie beredt— Filidor. 3 Doch iſt das Alles nichts— gar nichts, mein Freund— Der Künſte Höchſte will ich Euch verkünden. Nun merkt wohl auf— jetzt kommt mein Stecken⸗ pferd—. Wenn fern der Lauſcher iſt— im dunkeln Gang Von Taxus, oder in der Geisblattlaube— Wenn es ſchon dammert, und der Mond am Himmel— Das rechte Zauberlicht— Ihr kennt es— dann geharrt Der Liebſten ſtill geharret— dieſes Bangen, Es iſt ein ſüß Gefühl!— Ein fallend Blatt, Das Summen eines Käfers— was es ſey, Man glaubet der Geliebten Nah'n zu hören. 201 Der laut und hörbar ſchlägt, ſtoͤrt unwillkommen. Nun merkt wohl auf— nun naht ſie endlich ſich— (er begleitet bas Folgende mit manierirten Geſten). Man ſinkt dahin in's weiche, duft'ge Moos— In bunten Klee— noch beſſer— in die Blumen— Man küßt die Hand, den Hals— noch beſſer — auf Den Mund— man ſeufzet leiſ' ein O— ein Ach— Ein Lieber— Süße— ſpricht von Zaͤrtlichkeit— Anm beſten aber— man iſt ſtumm.— Es werden Die Augen nun zum Reden aufgemuntert. Kurz glaubt, es iſt die höchſte Seligkeit— D'rum es iſt auch mein beſter Zeitvertreib— Mein Steckenpferd, Baſtard! mit einem Worte. IJyvai n. Ihr ſeyd ein Teufelskerl— die Maͤdchenherzen, Sie fliegen Euch— wie Schwalben in das Neſt— Zu Hunderten entgegen— Vogelſteller!— Filidor.(ſchmunzelnb). Ich bitt'— Ihr ſeyd zu gütig— Ivain. Ihr ſeyd ſchoͤn— 202 In den galanten Kuͤnſten wohl erfahren. Wenn ich Euch brauchen könnte zu dem Plane, Der mich beſchäftigt— dann koͤnnt wahrlich Euch Zugleich mit mir geholfen werden— Filidor. Baſtard! Ihr ſeyd ein Gott— kein Menſch! Ihr wolltet mich Zu Eurem Plane brauchen, Ihr vergebt— (umarmt ihn) Die Freude macht mich toll— Ihr wolltet mich Nun endlich auch einmahl zu etwas brauchen? Ivain. Wenn Ihr mir Eure Kräfte widmen wolltet— Filidor. Mit Freuden, Goldmann! Endlich will man mich Doch auch zu etwas brauchen— Ivain. Ihr entzückt mich— Solch regen Eiſer hab' ich nicht vermuthet— 3 V Filidor. Wie ſollt' ich nicht— der dumme Lehrer pflegte, Wenn ich nichts lernen wollte, ſtets zu ſagen: Du wirſt einmahl zu nichts zu brauchen ſeyn. Bis jetzt traf auch die Prophezeihung ein. Im Felde wollt' ich nicht dem Grafen dienen, Im Rathe wollte er mich nicht gebrauchen. Nun endlich kommet Ihr, und wollt mich brau⸗ chen— Soll das mich nicht mit inn'ger Freude füllen?— Ivainn. Ihr ſeyd ein Mann, wie ich ihn laͤngſt ge⸗ wuͤnſcht; Doch mußt Ihr mir Verſchwiegenheit geloben. Filidor. 3 Das thue ich hiermit, mein großer Freund— Ivain. Koͤnnt Ihr auch ſchweigen? Filidor. Ob ich ſchweigen kann?— Ein Ritter ich— ein Filidor— was meint Ihr?2— 204 Fvain. Nun wohl— ſeht dieſen Brief— die Chif⸗ ferſchrift— Iſt Eure Sach' wohl nicht— Filidor. In meinem Leben Hab' ich dergleichen nimmer leiden können— 1 Ivain. So hört. Mir ſchreibt der König von Navarra, Daß er mit Heeresmacht der Stadt ſich nahe— Den Graf entthronen wolle und dann mir Den Grafenſtuhl von Foix ertheilen werde— Filidor. Ei was Ihr ſagt— Ivain.. Still! unterbrecht mich nicht— Ihr ſollt nun eine Rolle uüͤbernehmen, Die Euch Vergnügen macht— wollt Ihr's?— Filidor. Sehr gern— Ivain. Ein großer Lohn erwartet Euch alsdann, Wenn ich der Herr von Foir bin— Filidor. Ei ſo ſprecht— Was ſoll ich thun, um Euch, Herr, zu gefallen? Ivain. Ein kleines nur— kennt Ihr die braune Zofe? Das Schelmgeſicht— Klaudine heißet ſie— Sie ſchläft zunächſt der jungen Armagnac— Filidor. Ich kenne ſie— ſie iſt nicht von den Spröden— Ivain. Nun um ſo beſſer, Freund! ſo geht es leichter. Ihr knüpft mit ihr ein art'ges Abentheuer, Und überredet ſie, zu Nacht durch's Fenſter Euch in's Gemach zu laſſen— wollt Ihr das?— Filidor. Recht gerne; aber wozu ſoll es führen?— 3 Ivain. Es ziemt Euch nicht, zu fragen, denn— genug, Ich ſteh' dafür— Euch wird einſt großer Lohn. Ghalblaut) Ich weiß, mein junger Freund, daß Gabriele Dich mit der Liehe Gluth entzündet hat— 205 Filidor. Ich lieb' das ganze weibliche Geſchlecht, Und ſollte dieſen Stern der erſten Größe, Dies Götterbild nicht mit darin begreifen?— Ivain. Ich weiß, Ihr ſeyd ihr oftmahls nachge⸗ ſchlichen— Filidor. Doch ſtets hat ſie mich ſpröd'zurückgewieſen— Soain. Nur muthig die Bemühung fortgeſetzt!— Der Jungfrau zeigen, daß man ſie nur liebt, Daß man vergeht vor ihres Blickes Helle— Das kann ihr Herz mit Wunderkraft verwandeln, Und an des kalten Sinnes Stelle tritt Die Liebe— d'rum getroſt— laßt ſie nicht fahren. Und bin ich Graf, dann durft Ihr Alles hoffen.— Filidor. § Herzensfreund! kaum halt' ich mich vor Freude! Ivain. Nur ruhig. Spinnt das Abentheuer an 207 Getroſt und muthig. Weiter laſſet mich, Den treubeſorgten Freund, verſtändig handeln. Der Gräfinn ſchleichet nach, wenn gegen Abend Sie, unſrer Sitte nach, das kühle Dach Der Pomeranzenbäume ſuchen wird; Dann folgt ihr ſchnell, und ſprecht mit ihr von Liebe, 3 Wie Ihr's ſchon ſonſt mit ihr gethan; auch könnt Ihr Manches Euch erlauben, als zum Beiſpiel: Die Hand ihr küſſen und dergleichen mehr. Zur Nacht vergeſſet nicht das Kammerzöfchen, Das iſt nun Eure Sache, macht ſie klug, Der Graf ſoll's Euch einſt köſtlich lohnen— Ftlidor. Gut!— Ich ſuch' ſie auf— für's Andre ſorget Ihr— Ivain. Nun lebet wohl— Filidor. Auf Wiederſehen, Graf!— (ab). 208. Dritter Auftritt. FIvain. Abdul.(hereinſchleichend). Ivain. Nun iſt er unſer— Abdul. Ja, dem Scheine nach— Zu feu'rig, edler Herr, ſtrömt Euer Blut— Und feu'rig beim Beginnen, wird das Ende Oft kalt und matt. Bedenkt, es durchzuführen. Dem Alter ziemet reifliche Erwägung— Der Jugend, raſches Thun.— Mir ſcheinet faſt, Ihr hättet Filidor zu tiefen Blick In das Geheimniß werfen laſſen. Alles Kann er verrathen, wenn er will. Bei Hofe Steht Ihr, Herr Graf, im beſten Rufe nicht. Man weiß, das ſtolze Herz, zu groß zum Dienen, Strebt nach der Herrſchaft— und die Grafenkrone Seyd ſtets bereit Ihr, Gaſton zu entreißen. Zu groß, den Haß zu bergen, der Euch füllt, Habt Ihr ihn offen immer dargelegt, Und beide Gaſton, wie die Großen, wiſſen, 209 Was man von Euch wohl ſtark beſorgen muß. Nun könnte leicht Verrätherei ſich ſchmieden, Und dieſer Fant, den eben Ihr's vertraut, Kann mit geſchwätz'ger Zunge Unheil ſtiften. Ivain. Die Ausſicht auf den Lohn ſchließt ſeinen Mund.— Und wär' es nun, und wagt' er es, zu plaudern, So flöh' ich ſchnell zu des Navarrers Heer, Und wuͤrde gleich mein Plan nicht ganz vollführt, Würd' Gaſton nicht vernichtet in dem Maaße, Wie ich es wünſche, immer ware doch Ihm Kron' und Leben ewig hingeſchwunden— Abduüul. Nun Allah ſchenke Eurem Werk Gedeihen. Jetzt Herr, entlaßt mich— Kunde muß ich bringen Dem edeln Herrſcher von Navarra— Ivain. Wohl!— Jetzt gehet— grüßt den König— 210 Abdul. Eins noch, Herr! Vertrau' ich Eurem Wort, wie Ihr dem Meinen, So ſprecht es aus— was ſoll zum Lohn mir werden, Wenn ich die blut'gen Stufen Euch hinan Zum Throne Eurer Väter führen werde?— Fvain. Was Du dann bitten wirſt, ſey Dir gewährt— Abdul. Ein kleines, Herr; ich brauch' nicht Ehr' und Anſehn, Mir iſt genug, was ich am Hofe bin. Der Leibarzt iſt mir recht— nach Gelde auch Steht nicht der leckre Sinn— wer Schätze häuft, Iſt nur ein Thor— doch Eins erbitte ich. Noch ſag' ich's nicht— doch iſt's mein heißer Wunſch. Da Ihr den Pabſt nicht zwingen könnt, den Turban Zu nehmen und zum Koran ſich zu wenden, So iſt's dies Eine nur, was Abdul wünſchet. — 211 Noch ſag' ich's nicht. Doch ſollt Ihr's ſchon er⸗ fahren— Ihr thut es?— Ivain. Unbedingt!— Abdul. So lebt denn wohl!— ceilig ab). Vierter Auftritt. Ivain.(allein). Ja, Alles gehet gut. Der Navarreſer Nur einen Tagemarſch von dieſer Stadt; Der Filidor belehret zu der Liſt; Der Knabe Gaſton im Beſitz des Pulvers, Das ihm Verderben bringt. Jetzt ſchnell zu ihm, Argwohn zu ſtreuen in ſein Herz, und dann Des Alten Sinn gewendet von dem Sohne.— Schon hat er meinen Brief, und wahrlich ſtark Hat ihn des Inhalts Räthſel wohl erſchuttert. Das Alter lebt und webet nur in Zweifeln; Je mehr ſich aufzehrt von dem Lehensſtoffe, 212 Je köſtlicher wird uns der kleine Reſt; Und ſorgend ſtets, daß uns das Feu'r erlöſche, Sind wir bemüht, es kümmerlich zu nähren, Ergreifen gerne Alles was ſich zeigt, Zu ſchützen es vor plötzlichem Erſticken. Glaubt nun der Alte erſt, daß Gaſton trachte, Das Leben ihm zu rauben, wird bewieſen, Daß Gaſton gift'ge Pulver aufbewahrt— So ſinkt er hin— ich aber bleibe rein— Wenn ihn alsdann der Stahl des Moͤrders trifft. (ab). Fünfter Auftritt. (Garten. Im Hintergrund ein Laubgang und eine Sta⸗ tue; Abenbröthe, die nach und nach verſchwindet; Vorn eine Raſenbank). Der alte Graf. Gaſton. Espaing. Große. (ſie treten von der linken Geite luſtwandelnb auf). Gaſton.(zu ſeinem Vater). Solch trüben Ausgang nahm die luſt'ge Fahrt. Ich mocht' nicht ferner gute Worte ſäͤen, Da ich den Boden kannt', in den ſie fielen. 213 Graf. Wie nahm ſich Deine Mutter denn dabei? Gaſton. Ach Vater, gerne wollt' ich davon ſchweigen; Du nennſt ſie Mutter— und ſie iſt es auch. Wohlwollend ſchlug ihr Herz mir leiſ' entgegen, Denn laut durft' dieſe Regung ſie nicht zeigen. Man ſah es wohl, was ihr im Innern tobte; Sie ſah das Kind, das ſie im Schmerz gebohren, Sie hörte ſeiner Stimme ſanften Laut, Ihr Herz flog hin zu ihm— ſie durft' es nicht. In magy'ſchen Netzen feſter ſtets umſtricket, Hielt ſie der König mit bedächt'ger Liſt. Da ich darob entbrannt' in Zorneswuth, Und es dem Kön'ge keck und offen ſagte, Daß mir es nicht gefalle, wie er's trieb', Mit jenen gelben Heiden, Sarazenen Sind ſie geheißen, die ihn Weisheit lehren, Und daß mir's ſchien', als brauch' er Mittel, die Dem Chriſten nicht erlaubt ſind anzuwenden, Die aus der Heiden Bücher er entwandt, Womit der Schweſter er das Herz abwendig 214 Von ihrem Gatten und vom Ainde mache: Da zuͤrnte er, und ſchalt mich einen Knaben;. Ich aber, fühlend meine Manneskraft,— Die freche Rede nicht mehr weiter duldend, Warf ihm den Handſchuh hin, dem alten Ohm. Darauf verließ er ſchnell das Zimmer und Die Mutter nahm er mit— ich blieb allein— Da ſchlich der Maure— doch wozu das Weitre!— Schon das Erzählen wecket meine Gluth, Gern wollte ich den Schimpf mit Blute tilgen, Der mir vom eignen Blute widerfuhr.— Graf. Du ſagſt, ſie war gerührt— ſie wollte folgen? Gaſton. Ich fand in ihr die liebevollſte Mutter! Graf. Doch kam ſie nicht— nun bricht mein Gat⸗ 1 tenherz— Und zornig ließeſt Du Navarras König; Ich fürcht', er ſchmiedet böſe Ränke aus, Ein neuer Krieg wird jetzt mein altes Haupt In Sorgen wiegen— 215 3 Gaſton. Und wenn es nun wäre! Was gäb' es weiter? Nichts als blut'ge Köpfe. Wir ſchlagen die Navarren und ſie werden Das Wiederkommen laſſen— (es fängt nach unb nach an dunkel zu werben). Graf. . Ach genug Floß unſrer Söhne Blut. Vor Kurzem erſt Erfreuten uns des Friedens ſanfte Strahlen, Und ſchon ſoll abermahls die Kampflawine, Rings Alles tödtend und verheerend, nahen? Den ritterlichen Muth, die Kampfesluſt Mögt ihr in feſtlichen Turniren uͤben. Du thaſt nicht wohl, die Furie des Haſſes Auf's Neu' zu wecken in des Oheims Bruſt.— Gaſton. Schmält Ihr mich d'rob, mein Vater?— Graf. Nein, mein Sohn!— Doch wär' es gut geweſen, hätteſt Du Den Oheim nicht erzurnt, das Feu'r gedaämpft— 216* Espaing. Ein ſolches Feuer dämpfen? Herr, verzeiht, Das lehrt uns nicht der Ahnen großer Ruhm. Graf. Auch weißes Haar deckt oft noch Vorurtheile.— O glaubet mir, ein einz'ger Tropfen Blut, Gefloſſen aus des Unterthanen Herzen, Für eignen Zweck, nicht für gemeine Sache, Schreit laut um Rache einſt am großen Tage. Gaſton. Wie Vater? Suchen wir denn Krieg? Iſt's nicht Ein Feind der uns in's Land fällt? Müſſen den Wir nicht vertreiben von den theuern Stätten, Von unſrer Väter Heerd? Wohlan, er komm'!— Er finde uns bereit zu Kampf und Fehde. Wir ziehen in den Streit mit luſt'gem Muth, Und haben wir den ſtolzen Spanier Zurückgewieſen in ſein eignes Land, Dann kehren wir getroſt zu unſren Hütten. Was man durch Müh' erzwingt, ſchmeckt dop⸗ pelt ſuͤß.— 217 Ihr Alle ſeyd bereit in's Feld zu ziehn, Ich leſ' es in den Blicken, in den Mienen. D'rum rufe Jeder, der den Grafen liebt, Was ich hier rufe, nach, mit lauter Stimme: Hoch lebe Gaſton Phöbus, Graf von Foix!— Al be. Hoch lebe Gaſton Phöbus, Graf von Foixy!— Gaſton. Jetzt ziehe Jeder hin zu der Geliebten, Und weih' ihr liebevoll die letzten Stunden, Wer weiß, ob er aus dieſem Kampfe kehrt. Ich ſuch' die Meine auf. Macht Euch bereit! Bald iſt's wohl nöthig— denn wir durfen nicht Den Feind zu nah' der Hauptſtadt kommen laſſen. (ab; Alle folgen ihm, bis auf ben alten Grafen, ber zurückbleibt). Sechſter Auftritt. (Nach und nach wirb es finſter, und in einer Weile geht der Mond auf). Gra f.(allein). Dort geht er hin, und Alles folget ihm, II. Theil. K 218 Nicht nur der Jugend brauſend Ungeſtuͤm, Selbſt trägen Alters Wohlbedächtigkeit. Dort ziehn ſie hin— ich bleib' allein zuruck. Der Knabe iſt ein Abgott aller Herzen. Sie lieben mehr ihn, als ſie je mich liebten. Das iſt des Volkes Uubeſtändigkeit, Den Wechſel liebt es und verſpricht ſich gern Von einem jeden Wechſel recht viel Gutes. Die alten Formen werden nicht geehrt, Und neuer Tand erſetzt der Väter Weiſe. Bald iſt das Alte eingeſtürzet, doch Kein lieblich Grün ſieht man dem Schutt ent⸗ keimen, Nicht mehr vermag geringe Kraft alsdann, Den alten, morſchen Rieſen wieder in Die Herrlichkeit zu ſetzen; Trümmer liegen, Als Trümmer grauſig noch und groß zu ſchau'n; Das neue, zierliche Gebäud' daneben, Sieht lächerlich und kleinlich dabei aus.— Ich leb' zu lang Euch— Euern jungen Götzen Wollt gerne Ihr auf dieſem Throne ſehn. 4 219 Und wenn's nun wäre— wenn's auch Gaſton 4 wollte!— Die Krone blendet ſtark— wenn's Gaſton wollte!— Der Brief, den ich vor Kurzem erſt erhielt, Er warnte mich— ſoll ich dem Sohn' miß⸗ trauen?— Wenn er Gehoͤr gäb' ihren Bitten— wenn ihm Der alte Mann— doch ſchweige finſtrer Arg⸗ wohn.— Mich drücken große Sorgen ſchwer danieder.— Daß ich mein Leben durch Euch treu gedient, Daß ich die Bruſt dem Feind' entgegenſtellte, Daß mir für Euer Wohl, die Sorg' den Schlum⸗ mer Allnächtlich von den Augenliedern ſcheuchte, Daß ich den Nahmen eines weiſen Herrſchers Mühvoll verdient— das lohnet Ihr mir ſo. Beklagenswerthes Loos der Erden ⸗ Herr⸗ ſcher!— K 2 Siebenter Auftritt. Graf. Ivain. Ivain.(zum Grafen). So ſpät noch ſeyd Ihr hier?(will wieder gehen) Graf. 3 Mein Ivain, bleibe!— S henk' eine Stunde mir, dem alten Manne!— Jeh ſteh' allein— Ivain. Wie? Ihr allein? Ihr habt Ja einen Sohn— doch ich— hab' keinen Va⸗ ter!— Ich ehe mich geworfen in die Welt, Allein im wilden Ozean des Lebens. Wo wär' ein Herz, an das ich ſinken könnte? Das liebevoll ſich meiner annähm', wo?— D'rob trug den Schmerz ich in der Bruſt herum, Und wurde rauh— da ich entbehren mußte, Was von der Kindheit an, den Menſchen adelt. Mich hat Natur ſtiefmütterlich behandelt, Nun bruüͤt' ich Rache; kommt der Augenblick, —,— — Vę˖——ę—Q—:———— — Den ich erſehne, o ſo will ich gern Jedwedes lächerliche Band zerreißen, Woran ſich Kinder von ihr gängeln laſſen. . Graf. Es iſt ja eben Deine rauhe Art, Die Dich dem Vaterherzen ſo entfremdet. Ivain. Wo ſollt' zu mildrer Art ich denn wohl kommen? Die Bären und die Wolfe in dem Forſte Sind abhold den galanten Gaſtereien, Womit an Höfen man die Zeit vertändelt. Wenn Ihr Euch hier im Glanz der Freude ſonntet, Schlich ich hinaus in's wilde Reich der Freiheit, Dort ward mir wohl— dort bildete ich mich. Ich lernte Heulen— bin d'rin Meiſter worden; Ich mordete— und wahrlich bin kein Stümper; Nun will ich noch die letzte Stuf' erklimmen: Und meinen heißen Durſt mit Blute kühlen.— Graf. Du Unnatürlicher! Ich ſuchte Troſt— Und Du giebſt mir den Tod.— 222 Ivain. Kann ich dafuͤr? Geht zu der Schlange Gaſton, daß ſie Euch Mit Schmeicheleien Eure Ohren fülle, Um Euch das ſüße Gift weit ſichrer dann In's unbeſorgte Vaterherz zu flößen— Ich kann des Hofes glatte Sprache nicht, D'rum laſſet mich bei meinen Freunden heulen— (will gehn). Graf. Bleib' hier, mein Sohn— vergieb's mir, daß ich oft Wohl manche trübe Stunde Dir gemacht— Ich liebe Dich, ſo wie ich Gaſton liebe— Dein finſtres, ſtörriſches Gemüth allein Iſt ſchuld, daß ich mein zärtlich Vaterherz Von meinem lieben Kinde wenden mußte. Ich liebte Deine ſchöne Mutter einſt, Mathilde war ein wundergleiches Mädchen, Sie ſchenkte viele Wonneſtunden mir, Wie liebte mich das liebe, holde Weſen— Doch Gaſtons Mutter untergräbt mein Leben, ——-— —— Sie hält's mit meinem Erzfeind, ihrem Bruder, Und furchtbar, in der That, wird mir die Frucht, Die ſie mir gab, in unſrer kurzen Ehe. Der Anhang Gaſtons hier an meinem Hofe Iſt furchtbar groß— was er beginnen will, Das führt der wilde Troß mit Freuden aus— Und ich— ich fühl's, bin nur ein alter Mann. O Jvain, böſer Argwohn fuͤllt mein Herz, Und ſtarke Wurzeln hat er d'rin geſchlagen— Wie, wenn an meines Feindes Königshof Er Ränke ſchmiedete, mich zu entthronen? Wie, wenn nun dieſer neuentſtand'ne Krieg Nur ein gar ſchlau erſonn'nes Mittel wäre, Des Feindes Söldner in mein Land zu ziehn? Ivain.. Daß dies ſo ſey, kann ich Euch wohl ver⸗ buͤrgen— Graf. Was ſprichſt Du? Ivain. Ich verbuͤrg' es— Graf. Alſo wahr Wär“, was ich fürchtete von meinem Sohne?— 4 Ivain. Es koſtet Euch den Thron— wohl gar das Leben!— (Pauſe) Da ſteht der Graukopf nun, und bebe und zittert! Ja, ja, was ich Euch jetzt geſagt, iſt wahr. Ihm ward am Hof des Königs von Navarra Ein giftig Pulver heimlich anvertraut, Das er in ſeinem Wamms, in einem Beutel Nun immer mit ſich führt. Glaubt mir, es iſt Das allerſchnellſte Gift, und fördert Jeden, Der es genießt, in's Reich der Ewigkeit— Graf. Was ſagſt Du, Ivain? Wie, mein Sohn? Er hätte— Ivain. Nun ja, ich ſag's; auch werd' ich's Euch be⸗ weiſen— Und bald entlarv' ich ihn— . —, —y 225 Graf. Ha Böſewicht— So hinterliſtig— ſo verſtockt— ſo graufam! Mich treffen Deine Blitze fürchterlich!— Dies muß ich noch vom eignen Blut erleben; So war mein Argwohn alſo wohlgegründet— Ivain. So lang ich wache, könnt Ihr ſorglos ſchlafen. Geht alter Mann, laßt mich das Werk voll⸗ bringen, Die Larve ſinke hin, vor allen Rittern— Ihr ſollt das Ungethuͤm dann ſchau'n— Graf. Sch geh!! Mein Ivain— ach verzeih's dem ſchwachen 3 Mann— Darf— doch verarg' mir's nicht, des Unglücks Laſt, Die mich daniederbeugt, iſt ſchuld daran— Darf ſich der Arm des Greiſes unbeſorgt Auf Deinen ſtützen? Ivain. Haltet's, wie Ihr wollt. Schenkt Ihr mir nicht Vertrau'n, ſo iſt mir's gleich. Graf. 3 Nun wohl, ich traue Dir—(ihn feſt anſehenb) Ich traue Dir, Mein Soyn!— 8 3(ab). Achter Auftritt. Ivain. galein). Du alter Schwächling, geh' nur hin!— Dies alſo iſt der Erden⸗Großen Gunſt!— Ich acht' und lieb' Dich nicht, Du Nabenvater. Von meiner frühſten Kindheit her haſt Du Mich ſtets zurückgeſetzt, mein Herz verſchmäht.— Ja, ich veracht' das ganze Wurmgeſchlecht. Wie ſchaal und flach ſind Eure beſten Köpfe, Wie aufgeblaſen brüſtet Jeder ſich. Wer von der Tugend redet, kennt ſie nicht, Wer von der Liebe ſchwatzt, hat nie empfunden. 8 * — — Die ganze Welt ſteckt voller Teufelslarven, Die, ſich verhüllend, ihre Krallen bergen. Ja, dies Geſchlecht zertret' ich ohne Neue, Und noch zertreten ſoll am Boden es Den Blick bewundernd auf zur Höhe ſenden, Zu ſchauen, was ein kühner Geiſt vermocht.— Doch ſieh— dort kommt mir Gaſton in den Wurf; Ich berge mich in jenen dunkeln Hecken— Und will zur rechten Zeit ihm dann erſcheinen. (ſchnell ab). Reunter Auftritt. Gaſton. Nachher Ivain. Gaſton.(eintretend). Wie ſchön der Mond ſcheint; milde Luͤfte ſpielen Mit meinen Locken, ſüße Duͤfte wehen. Der Abendſchmetterlinge leichtes Heer Durchrauſcht die Luft mit leiſem Flügelſchlage. Der Mücken Haufen ſpielen froh getäuſcht Im Mondesſtrahl, als wär's noch Abendſchein. 228 Ringsum iſt Alles ſtill— es regt ſich nichts, Der Teich liegt da, des Mondes ſilbern Bild Faßt ganz er auf in ſeinen klaren Spiegel, Den nicht der kleinſte Hauch zur Welle kräu ſelt. Wie groß iſt die Natur in ihrer Feier, Sie gießet Ruhe in mein banges Herz. Die Bruſt, vom ſchweren Grame tief verwundet, Fühlt ſich geheilt. ESrain zeigt ſic) Doch welch ein kecker Störer Draͤngt ſich durch jene Büſche eilig durch?— Ha, Jvain, Du biſt's? Ivain. Guten Abend, Gaſton. Gaſton.(ſich auf die Raſenbank ſetend). Der Abend iſt wohl gut und ſchön; ich dank⸗ Dir. Setz' Dich zu mir, wir wollen plaudern, Bruder. (Ivain bleibt vor ihm ſtehen). Ich hab' ſo eben Alles aufgefaßt, Wie mich es hier umgiebt, und fand's ſo ſchoͤn, So heilſam für mein Inn'res, daß gerührt Mein Herz ſich froh zum guten Schöpfer hob. 229 „ Ivain. Ja ſchoͤn iſt's wohl— doch nur für Kn aben⸗ ſinn, Der ewig tändelnd ſeine Zeit verträumt. Gaſton.(aufſtehend; ihn bei der Hanb nehmenb). O wende Dich nicht ſtets ſo weg von mir. Ach Ivain, glaube mir, ich bin nicht glücklich, Wenn ich Dich feindlich hier am Hofe weiß. Sey Freund mir— Bruder! Alles! lieber Ivain. Sey mein, ich öffne freudig Dir mein Herz.— —D blick' mich nicht ſo finſter zürnend an,. Ich fürcht die Flamm', die heimlich in Dir gluͤht. Noch hält des Vaters Anſehn dich in Schranken, N Doch wenn er einſt im Grabe liegt, ſo wird Sich plötzlich dann Dein wilder Grimm befreien, Und Dich und mich in das Verderben ſtürzen.— Ivain. Unnütze Sorgfalt, Keiner kann entgehn Dem Loos, das das Verhängniß ihm beſtimmt. 1 Gaſton. So Finſtres— wähn'’ ich nicht— ſey mir beſchieden. 230 Kann uns das ſchoͤne Land nicht Beide naͤhren? Mußt Du nach Weſten, ich nach Oſten ziehn? Sind wir nicht Aeſte eines edeln Stammes? Rinnt gleiches Blut in unſern Adern nicht?— Du kannſt, o nein, Du kannſt nicht grauſam ſeyn; Ich ſpür's in meiner Art, Du kannſt's nicht ſeyn. Warum denn dieſe finſtre Maske tragen? Warum ſich mir verbergen? Sprich, o ſprich! Was ſoll ich Dir gewähren? Alles gäb' ich Mit Freuden d'rum, wollt'ſt Du mein Bruder ſeyn.— Ivain. Nie, Gaſton, können wir vereinet ſtehn.— Schroff wie ein Fels im ungeſtümen Meer, Das Haupt von Ungewitter rings umlagert, So ſteh' ich da an Deinem Grafenhof. Oöbgleich die Woge ſchmeichelnd bald, bald ſchaͤu⸗ mend, Sich an des Felſens harten Rippen bricht, ———— — 231 So ſteht er feſt— nichts kann ihn wankend machen, Nichts ihn erweichen— ewig bleibt er Stein. So ſteh' ich da— und Deine Schmeichelworte, So wie Dein Schmahen, Alles bricht ſich nur An meinem Starrſinn, und nichts kann ihn beugen. Gaſton. Ein wahres Bild haſt Du jetzt aufgeſtellt. Doch ſag' mir, Ivain, was ſoll daraus werden? Ich ſeh' es kommen. Dieſes ſchöne Land, Worin nicht lange erſt der Friede wohnet, Der Oehlzweig grünt und ſcheue Tauben niſten, Wo nur der Pflug den fetten Boden ritzt, Dies ſchöne Land es wird getränket werden Mit Bruderblut, und drohend ziehn herauf Der dunklen Wetterwolken finſtre Schaaren. Ach Ivain, wild wird ſich durch Dich ent⸗ flammen— Des Aufruhrs rothe Fackel, und der Mord Wird wüthend ſchreiten über ruh'ge Hütten. Der Glaube wird verſchwinden. Grauſenhaft „ 7 232 1 Wird ſich dem Vater bang der Sohn verbergen, Und eben ſo dem Sohne bang der Vater. Ich ſeh’ es kommen— laß mich lügen, Ivain!— O laß den Platz mich an dem Herzen finden, Den ich ſo lange ſchon mir hab' erſehnt— Ivain. Es kann nicht ſeyn.— Willſt Du den Frie⸗ den haben, So gieb das Land mir, und verlaß es bald. Ich will den Frieden gerne ihm erhalten, Und mild und ruhig will ich es beherrſchen. Warum beſtehſt Du d'rauf, hier Herr zu ſeyn— Ich will den Herrn nicht über mir erkennen, Weil ich mich ſelbſt dazu gebohren fühle.— Gaſton. Dies Land, es iſt von Gott mir anvertraut, Was Er mir gab, das kann ich nicht verſchenken. Der Herrſcher, der ſich ſeines Land's entäͤußert, Wie könnte der dereinſt vor Gott beſtehn? Soll ich in Deine Hände frevelnd geben Das Schickſal Tauſender? Wer gäbe wohl Die Kinder, die er liebt, in fremde Haͤnde?— „ 4 233 Ja— theilen will ich mit Dir die Gewalt, Du ſollſt mein Bruder mir zur Seite ſtehn; Sey du im Feld', im Rathe ich der Erſte— Und wenn es gilt— berathen wir uns Beide. Ivain. Du biſt zu weich, die Zügel gut zu lenken. Ein Andres iſt es Maͤdchenherzen kirren, Ein Anderes ein Volk ſich unterwerfen. Zieh in ein Thal, und hüte dort die Lämmer, Das iſt für Dich.— Dicht' Lieder, winde Kränze, Und ſchläf're Dich mit feilen Dirnen ein, Wie Du es haſt ſeither am Hof gehalten.— Gaſton.. Ha Ivain! Das iſt ſelbſt für mich zu viel!— Nicht nur, daß meine Liebe Du verſchmähſt— Du wagſt es, meine Ehre anzugreifen?— Jetzt ſchweig'— ich rath' es Dir— nicht wei⸗ . ter treib's! Sonſt ſoll mein Arm wohl Beſſeres Dich lehren. 4 Ivain.* Schon laͤngſt geizt ich nach dieſem Augenblick. Fall' aus auf dieſe Bruſt, miß Dich mit mir. De Tödt' ich Dich dann im ritkerlichen Zweikampf, So iſt am Hof wohl Niemand über mir. Beſiegſt Du mich, ſterb' ich von Deiner Hand, So rinnt das Blut, das Dir Verderben brächte, Im Sand dahin, und kann Dir nicht mehr ſchaden. Du kannſt fürwahr den Schimpf nicht dulden, Gaſton, Ich habe Deine Ehre frech verletzt. Ich ſprach von ſchnöder Luſt, von feilen Dirnen, D'rum räche Dich— Gaſton. Du aberwitz'ger Thor! Du willſt mich zwingen, mich mit Dir zu meſſen. Was treibt Dich, kühnen Wahnſinns voll, zu toben? Ivain. Wie? Feile Dirnen— was?— Das krankt 8 Dich nicht? Gaſton. Jetzt ſcheint's ein Spaß mir, übel angewendet, Laß das— Ivaitn. Ich nehm' mein Wort nicht mehr zuruck— Gaſton. Ich werde gehn— JIoain. So hör' noch erſt zuvor— Du wilſſ mit Gabrielen Dich verbinden— So wiſſ' denn, ich erlangte ihre Liebe— Gaſton. Wer ſaget das? Ha, fahre hin zur Sölle!— (er zieht). Ivain.(aieht), So komm'— Gaſtan. Doch ſprich vorerſt, Du Lügengeiſt, Der ſich erfrecht, die himmelslautre Klarheit Mit ſeinem gift'gen Geifer zu beſprützen— Was hat Dich wohl vermocht, dies Gräßliche Mit wild verzog'nem Munde auszuſprechen? Ivain. Willſt Du Beweiſe? Wohl, ich kann ſie geben.— 236 Doch dürſtet mich nach Deinem Blute, komm!— Ich möcht' nicht gern zum Meuchelmoͤrder werden— Gaſton. Ha Ivain, Grauſer! gieb Gwißheit mir, Dann ſtoße zu.— Nein, weiche von mir, Satan— Wie kann ich Deinen böſen Worten trauen?— Sie iſt ſo rein— nenn ſie nicht mehr, Verbrecher, Ich will nichts wiſſen, fort! ſonſt ſinkeſt Du!— (Im Hintergrunde zeigt ſich Filibor mit Gabrielen). Ivain.(bei Seite). Dein Blut entgeht mir nicht. Claut). Doch ſieh — nur dort Im Nebelflor ergehn ſich zwei Geſtalten, Siehſt Du, im Laubgang— bei dem alten Gott Aus Marmor— unweit jener Taxusbüſche— Gaſton. O Gott!— Ivain. Sieh nur recht zu— damit Dich nicht Vielleicht im Dämmerlicht Dein Auge täuſche— 2 9 237 Jetzt ſcheint der Mond dort hin, nun wird Dir's klar— Der freche Burſch, wie er die Hände ſchmiegt Um ihren zarten Leib; ſie ſträubt ſich zwar, Doch ſieht man wohl. daß es zum Scheine nur— Mir ſcheint die Dirn⸗ bekannt, die Kammerfrau Der jungen Gräfinn, iſt's nicht ſo?— (Filibor verſchwinbet mit Gabrielen). Gaſton. Wo bin ich?— Svain. Jetzt ſind ſie fort. Du, Gaſton biſt noch hier. Und ſie— ſind fort. Wo iſt nun Deine Kraft?— (ſehr ernſt) Suchſt morgen Du mich, bin ich ſtets bereit; Doch wirſt Du keinen Lügner vor Dir finden. 3(ſchnell ab). Gaſton. O Himmel! Filidor— und— Gabriele!— Wie haͤnget das zuſammen? Schrecklich dunkel!— (langſam) Doch wirſt Du keinen Lügner vor Dir 3 finden! (ab). Zehnter Auftritt. Klaudine, tritt halb laufend auf. Filidor, ihr nacheilend. Filidor. Nun Herzchen, hab' ich Dich. Die Maus 3 d'rinn, Und hinter ihr fällt raſch die Falle zu. Klaudine. Was wollen Sie von mir? Ich armes Kind!— Mich faßt die Furcht— Filidor. O nicht ſo, ſüßes Taͤubchen. Glaubſt Du, daß ich im Stande wäre, wohl Dir das geringſte Leid nur zuzufügen? Sieh mich doch an. Was das für Augen ſind— Doch nein, ſieh nicht mich an— was wollt' ich ſagen? Verwirrſt den Kopf mir, Maͤdchen, mit den Augen. Klaudine.(bei Seite)⸗ Ein art'ger Herr, was mag er doch nur wollen? — ͦ— . 239 Filidor. Sieh, liebes Mädchen, lang' ſchon liebt' ich 3 Dich Mit heißer, ſtummer Liebe.— Sprich es aus Das Wort, das glücklich macht aus Deinem 5 Munde. Sprich: Filidor, Du wirſt von mir geliebt. Klaudine. Sie uͤberraſchen mich— Filidor. So haſt Du nie Gemerkt, wie meine Blicke Dich verfolgten? Haſt nie das Feuer meiner Leidenſchaft In meinem Aug' geleſen?— Wahrlich dann Beklag' ich Dich— 3 Klaudine. Ihr liebtet mich ſchon lange? Filidor. Mit welcher Gluth, Du holdes, liebes Kind!— Hier nimm den Kuß zum Pfand'— Klaudine. Ein ſchönes Pfand— 1 240 Sie nehmen's ſich— ich geb's ja nicht.— . cbei Seite) Doch wurde Ein art'ger Liebeshandel mir behagen— Filidor. Du murmelſt—o ich bitte— ſage mir, Was ich erſehne— ſprich das Wörtchen aus. Klaudine. Was ſoll ich ſagen? Ei, ich ſage nichts— So mögt Ihr es nach Wohlgefallen deuten— (will gehn) Filidor.(ſie aufhaltend). Wie ſchlau Du biſt— doch ſo entkommſt Du nicht— Sprich: liebſt Du mich? Klaudine. Nun ja, ich bin Euch hold— Filidor. Welch Glück!— Doch ſprich: wann ſehen wir 1 uns wieder? Klaudine. Im Garten morgen Abend— Filidor. Nein, da könnte Ein ungebel'ner Gaſt ſich dazu Anden— Wie wäre es wohl, wenn Du heute Nacht Dein Fenſter offen ließeſt— ja, das geht; Es iſt zu eb'ner Erde, und da können Ein ſüßes Stündchen wir vielleicht verplaudern— 4 Klaudine. Bewahre Gott! Filidor. Warum denn nicht, mein Kind? Was thut es denn? Wir ſind ja ungeſtört— Klaudine. Nein, nein, die Grafinn könnt' erwachen; ſchlimm Säh's dann mit unſrem Abentheuer aus— Filidor. Wird nicht erwachen.— Welche Furchtſamkeit! Liebhabersſchritte klingen leiſe, leiſe; Das Fenſter haſt Du früher angelehnt, Damit's nicht knarrt, und bei der Zither Tönen II. Theil. L Thuſt Du es auf, dann plaudern leiſe wir— Wie ſollte das die Gräfinn wohl erwecken? Klaudine. Ihr ſeyd ſo minnevoll und ſo galant— Weß Herz blieb' Euern Reden wohl verſchloſſen? Filidor.— Heut alſo, noch vor Mitternacht? Klaudine. 8 So kommt!— Das Fenſter ſollt Ihr angelehnet finden.— (hüpft ab). Filidor. Vortreffllich! himmliſch! Wär's auch weiter nichts! Und hülf' ich Ivain nicht zum großen Plane, So wär' die holde Stunde bei dem Mädchen Mir Lohn's genug im vollſten, reichſten Maaße. (ab). (Ende des dritten Aufzugs). — 243 Vierter Aufzug. (Lager des Königs von Navarra, in einem Thale vor der Burg Ortais. Abenbröthe, die nach und nach ver⸗ ſchwindet). Erſter Auftritt. Der König, auf einem Feldbette in einem offnen Zelte. Um ihn herum Menauld, Al⸗ bret, Raimund und Große. Pagen. König. Durch's offne Zelt erblick' ich denn die Veſte, Wo jener Gaſton hauſt im frechen Stolz. Gar trotzig ſchaut ſie in das Thal herab— Doch bald weht von der hohen Zinne nieder Das königliche Panner von Navarra. Menauld. Mir iſt, als ſprächen jene alten Mauern: Wir fallen nicht, und, ſollt' es doch geſchehn, Begraben wir im Falle die Bewohner, Die auch zu ſtolz ſind, Schmach zu überleben. 8 2 Albret. Ihr meſſet Rede jenen Mauern bei; Ich denk' jedoch, ſelbſt die Bewohner haben Bei unſrem Nahen ſchreckbleich ſie verloren.— — Menauld. Auf ernſte Rede gebt ein Späßchen Ihr, Und weiter nichts— ſo macht's die junge Welt. Naimund. O würde nur ſchon jetzt zum Sturm geblaſen, Ich bin ſchon längſt nach gutem Weine lüſtern; Denn auf dem Marſche war ſtets ſchlechte Koſt. Die Söldner nahmen'’s Geld, die Ritter Dirnen. Menauld. Schaͤmt, Raimund, Euch, ob ſolcher frechen Rede; Kein ebenbuͤrt'ger Ritter darf ſo ſprechen. (es fängt an zu daͤmmern). Raimund. Verſchonte Euer weißes Haupt ich nicht— Müßt' ich des Königs Gegenwart nicht ehren, Ich würd’ Euch dieſes nicht ſo hingehn laſſen. . Menauld. Ihr ſchonet meiner, nun, ich nehm's ſo hin; Verwahrt die Hitze, bis des Feindes Mannen Euch gegenüberſtehn— König. Die Vaterſorge, Die ſtets ich für mein ganzes Reich bewieſen, Hat nun gemacht, daß ich dem weiſen Rathſchlag Gehör gab und die Burg nicht ſtürmen laſſe. D'rum höret, was ich ſage. Jeder eile, Es ſchleunig ſeinem Haufen zu verkünden. Wenn dunkle Nacht ſich auf die Fluren ſenket, Dann nahen wir der Burg in größter Stille, Wer nur ein Wort ſpricht, muß getödtet werden, Denn daran häͤngt das Glück des Unternehmens. Der Fackeln Glanz erhelle unſern Pfad, Wir ziehn uns ſtill am ſand'gen Ufer hin, Gelangen dann zum kleinen Waſſerpförtchen, Ein ſichrer Mann, Abdul zeigt uns den Weg. Dort finden Niemand wir, denn ſorglos ward Dies Pförtchen nie mit Wachen noch beſetzt; Vielleicht iſt Einer, der im Weg' uns ſteht, Den ſtößt man nieder, und die Burg iſt unſer. 1 Menauld. Wohl, gnaͤd'ger Herr; ich will's den Trup⸗ pen kuͤnden. (ab). Kön: g. Verlaßt mich, Ritter, jetzt. Ich will allein ſeyn. (Alle entkernen ſich; Gräfinn Margarethe naht ſich)⸗ (zu einem Pagen) Du ruf' die Gräfinn her, ich will ſie ſprechen. Page. So eben, großer König, naht ſie ſich. (ab). Zweiter Auftritt. (Nach und nach wird es finſter). König. Gräfinn Margarethe. Gräfinn.(tritt auf). Voll Bangen, ſchüchtern, nah' ich Euch, mein König! Der Wehmuth tief gefühlter Schmerz ergreift Mich plötzlich bei dem Anblick jener Thuͤrme, And reichlich fließen meine Thraͤnen hin. 297 Dort wohnt der Gatte, dort der liebe Sohn, Die theuern Weſen, die ich innig liebe; Und da mir unbewußt, was Ihr beſchloſſen, Ob Gutes oder Böſes ihrer harrt: So treibt es mich zur ungewohnten Stunde Den Bruder, nicht den König, zu beſuchen. Legt ab die Majeſtät, mein guter Bruder, Und offenbart mir, wie Ihr handeln werdet.— 1 König. Die Veſte fällt noch dieſe Nacht— es iſt Bei mir und den Geſtirnen ſo beſchloſſen. Gräfinn. Doch welches Loos wird Gaſton theilen müſſen?— Ich bin gefaßt— was wird dem Sohn geſchehn?— König. Er theilt das Loos des übermüth'gen Vaters— Gräfinn. § König, weiſe magſt Du immer ſeyn, Doch kennſt Du nicht, was unſer Weſen iſt. Des Menſchen Herz war ewig Dir verſchloſſen; Wie könnteſt Du es grauſam ſonſt zerfleiſchen Der eignen Schweſter—. König. Thoͤricht ſchwaches Weib!— Was das Geſchick verhängt, das muß geſchehn. Gräfinn. Nein, nein! Du kennſt ſie nicht die Macht der Liebe!— 3 Du haſt mich weggezogen von den Meinen; Ich folgte Dir; denn ach, ich wußte nicht, Daß plötzlich Du ſo finſtre Ränke ſchmiedeſt. Du hatteſt, nicht die Sterne, Alles dies, Da Du mich abriefſt, lange ſchon beſchloſſen. Du ſanneſt ſtets, die Großen zu verderben. Jetzt fällt die Binde mir von meinen Augen; Warum hab' fruͤher ich's nicht ſo geſehn?— Jetzt erſt, da ich nicht mehr erretten kann Den Gatten und den Sohn, jetzt erſtlich werd Dein Thun, Du grauſer Mann, mir licht und klar— Laß mich in's Schloß, ich ſcheue nicht den Tod— 1 König. Du wollteſt ſterben, Schweſter, wie? 249 Graͤfinn. —. Ich ſterbe! Vermag ich nicht, ſie Beide zu erretten.— König Glaubſt Du mich zu erweichen, wenn Dein Mund Solch grauſe Drohung oftmahls wiederholt, So irrſt Du ſehr, mich kann nichts wankend maachen. Gräfinn. Sieh her auf meine Schmerzen, harter Mann! (kniend) Hier beuge ich im Staube meine Knie— Erhebe mich, o laß ein Wort des Troſtes Mit ſeinem ſanften Laute mich beleben— Seit jener Stund', wo Gaſton ich gebohren, Empfand ich nie, was heute ich empfinde— Das Schickſal ſtreute Dornen meinem Pfad; Doch was iſt wohl der Schmerz der ganzen Welt, Wenn ich ihn dem vergleiche, der mich foltert In dieſem Augenblick, da ich ihr Leben Gefährdet von dem rauhen Bruder ſehe. 250 König.(ſie aufhebenb). Der Gott, der Kön'ge ſetzt auf hohen Thron, Vertrauet ihrer Hand der Menſchen Schickſal. Die Sonne, die in ew'ger Klarheit prangt Am hehren Himmelblau, ſie ſpendet Licht Und Wärme, foͤrdert aller Weſen Leben; Doch ſengt ſie auch mit wildem Brand, erzieht Aus dem erhitzten Erdreich gift'ge Pflanzen, Erzeugt durch ihre Gluth der Thiere Grimm, Begabt die ſchöne Schlange mit Verderben.— Des Waſſers freundlich mildes Element, Ergötzet und erfriſcht's nicht alle Weſen?2 Doch wie, wenn es mit ſtürmender Gewalt Sich Bahn macht, Dämm' und Teiche wild zerſtört?— So frägt nichts in der ewigen Natur,„ Ob's Dieſen oder Jenen wohl verdirbt, Es geht den Gang, den das Geſchick ihn leitet. Zu großem Zwecke wirken alle Kräfte, Und wer könnt' da wohl Kleines noch beach⸗ ten— 251 Graͤfinn. Das wilde Element iſt nicht ſo rauh, Als Menſchenthun von wilder Wuth beſeelt. König. Soll ich mit Liebe Nattern mir erziehn? Gräfinn. Sie waren ſtets Dir liebevoll ergeben— König. 3 Dein Blick kann nicht die Gleisnerey durch⸗ ſpähn— Gräfinn. Des Grafen Herz lag offen vor mir da— K ö n i g. Der Staatskunſt Treiben konnt'ſt Du nie be⸗ greifen; 3 Du ſahſt im Grafen nur den Liebenden— * Was er im Kabinete emſig ſpann, Das blieb mit dunklem Schleier Dir verdeckt. Gräſfinn. 4 So ſchwindet mir der Hoffnung holdes Licht 2 So muß ich denn um Sohn und Gatten weinen 2 25²2 König. Die dunkle Macht wird ihr Geſchick beſtim⸗ men—— Gräfinn. So wein' auch Du, wenn Du noch Thraͤnen - haſt,. Denn Deine Schweſter wird's nicht uͤberle⸗ ben.— (ab). König. Dem Weibe ward die Red', dem Mann die That; Doch bin ich ſtarker Art; die Rede macht Mich nicht abwendig vorgeſetzter That.— Schon bricht die Nacht herein,— die Sterne 3 ziehn In ew'ger Pracht am Himmel wieder auf. (ſchellt; ein Page kommt) Berufe alle Feldherrn ſchnell zuſammen. (Page ab). Jetzt raſch hinaus, den ſtillen Zug zu ordnen. (ab; ſein Zelt wird fortgeſchafft). Dritter Auftritt. (Garten; vorn eine Raſenbank. Im Hintergrund ein Seitenflügel des Schloſſes. Nacht). Ivain. Gaſton.(treten Beihe auf). Ivain. Bald ſind zur Stelle wir— Gaſton. So ſprich doch nur— Was treibt Dich an, mich in der finſtern Nacht Hinauszuführen? Fvain. Bald ſollſt Du's erfahren. Beſitzeſt Nuth Du?—. Gaſton. Seltſam iſt die Frage. Waͤr' ich Dir wohl gefolgt ſo unbewehrt, Da Du nichts Gutes ſinneſt gegen mich?— Der Argwohn ſchleicht ſich ſchwer nur in mein Herz, Und Furchtſamkeit hab' ich noch nie gekannt. Ivain.(ſeine Hand feſt haltend). Doch nimm nun Deine ganze Kraft zu⸗ 5 ſammen; Du zitterſt— Gaſton. In der That, mir iſt ſo ſeltſam. Die kalte, finſtre Nacht, der ernſte Führer,— Mir iſt, als wär' ich nicht auf gutem Pfade. O laß mich los— was drückſt Du meine Hand ſo? Ich will nach Hauſe, mag nichts ſehn noch horen.. (man hört Zitherklänge). Ivain.(ſeine Hand loslaſſenb). Horch!— Gaſton. Nun, was giebt's?— Ivain. Vernimmſt Du denn noch nichts?— Gaſton.. Ja, Saitenklänge ſchwirren dort im Laub⸗ gang— Ivain. Jetzt merke auf— — Gaſton. Sehr ſonderbar!— Ivain. Nur ſtill!— (Filibor mit einer Zither. Nachdem er ein wenig darauf geſpielt hat, öffnet man ihm ein Fenſter Eine weiße Maͤhchengeſtalt zeigt ſich daran, und ſpricht leiſe mit ihm). Gaſton. Ha Ivain! Sprich, was iſt das? IJyain. Nun, es iſt Ein kleines Abentheuer, weiter nichts. Der Ritter ſchlägt die Zither gut; es hört Die Schöne in dem Schloſſe gerne zu— Die Thuüre iſt verſchloſſen, darum wird Das Fenſter gern dem Kunſtler aufgemacht. Ja, weiter iſt es nichts— Gaſton. Das aber war Der Schurke Filidor, den geſtern wir Im Garten hier mit Gabrielen ſahen; 2⁵6⁶. Und jenes, o zerſchmett're Elend mich! Und jenes ſind ja Gabrielens Fenſter— Ivain.. Ja, ja, dort wohnt die Gräfinn Armagnac— Und= ſeht Ihr wohl— er ſteiget jetzt hinein.— (Filidor ſteigt in's Fenſter). Gaſton. Allmaͤcht'ger Gott! Täuſcht mich auch nicht mein Auge?— .. Ivain. 1 Wie aber, Gaſton, iſt es Euch entgangen, Daß Gabriele Filidor geliebt?— Sie wechſelten ja ſtets verliebte Blicke; Wie Ihr den Rücken kehrtet, waren ſie In einem Nu auch Beide ſchon beiſammen. Seht, ich bin Euer Feind, will Euch nichts Gutes, Doch wahrlich— Gaſton. Schweigt! Mich täuſchen meine Sinne. Ich bin verwirrt— nichts habe ich geſehn!— Sie ſchläft ſchon laͤngſt— 1 1 ſ 257 Ivain. Und doch ließ ſie ihn ein— Gaſton. Wohlan, mir werde Licht. Ich will zu ihr. Find' ich den Frechen dort, iſt ſie verloren. (einen Dolch ziehend) Hier dieſen Stahl tauch' ich in's falſche Herz. Was zögr' ich noch— Gewißheit und den Tod!— (will abſtürzen). Ivain.(ihn aufhaltend). Du hin zu ihr? Bedenke, was Du thuſt. Wird man in das Kloſett hinein Dich laſſen? Nur dem Geliebten öffnet ſich das Fenſter, Die Thür' iſt wohl verriegelt und bewacht. Es wär' vergebner Lärm— d'rum Gaſton, bleib'— Du kannſt es ja auf andre Weiſ' erfahren, Denn hier gilt's, mit Beſonnenheit zu handeln. Gaſton. Wie kannſt Du von Beſonnenheit mir ſprechen, Wo heiße Flammen meine Bruſt durchglüh'n? (Pauſe) Wenn jenes Himmelslächeln ihrer Augen, 258 Wenn alle Anmuth die ſie uüberfloß, Nur Schein war— bloßer Schein— und nichts als Schein— Wem iſt zu trau'n dann noch? Wem könnte dann Man Glauben ſchenken hier auf dieſer Welt?— Fvain. Dein Schmerz iſt gräßlich, doch er iſt gerecht; So ſchändlich ward noch Keiner hintergangen.— Doch laß Dich nicht zu raſcher That verleiten. Bedenke, was Du thuſt. Auf raſche That Folgt meiſtens bittre Reue. Ueberlege! Ihr Leben ſchwebt auf Deines Dolches Spitze, Ein Druck— es iſt dahin— Gaſton. Fühl' ich's denn nicht, Daß meine Hand zur Todtenhand erſtarrte, Wenn ſtahlbewehrt ſie ihrem Herzen nahte? Wuͤrd' ich's vermögen, in den zarten Leib Das kalte, eiſ'ge Werkzeug meiner Nache Hineinzuſenken? Nimmer könnt' ich das.— Wie würden ſchnell die kindlich frohen Bilder, Die mich umgaukelten, da ich von ihr 259 Geliebt mich wähnte, wieder mich beglucken!— Rein— Filidor den Tod; ſie ſoll nicht ſterben— Wenn ſie das Leben trägt, iſt ſie nicht werth, Daß dieſe edle Hand den Tod ihr giebt.— (ſinkt auf die Raſenbank). Ivain. Komm' mit in's Schloß— Gaſton. Daß aber, Ivain, Du Mir dieſen ſchwarzen Schreckensdienſt erzeigt, Das bürgt mir jetzt, Du ſeyſt mein böſer Engel.— Ja, fürchterlich erſcheinſt Du mir fortan. Zum erſtenmahl zeigſt Du als Freund Dich mir, Da ſink' vernichtet ich vor Deiner Naͤhe. Laß Ivain, mich, laß mich mit meinem Schmerze, Dem bitterſten— ich bitte— nun allein.— Ivain. Wohlan, ich gehe, und ich ſag' Dir's frei, Daß mir Dein Elend hohe Freude macht. Kein Erdbewohner träume ſelig ſich; Was das Geſchick verhängt, es kommt gewiß!— (ab). . Gaſton.(Pauſe). Ich lag an Deiner Bruſt, Natur! und ſog Mit vollem Athemzuge ein die Luſt, Die Wonne, die in Deinem Arm' ich traum⸗ E te— Du gabſt mir Gift— ja Gift!(aufſpringenb) Ha, welch ein Blitz!— Das Pulver, das der Maure mir gegeben, Von deſſen Wirkung er ſo viel verſprach, Die ich jedoch noch ſtets in Zweifel zog— Hier prob' ich es;— hier mag's bewährt ſich zeigen. Gelingt's, ſo wendet wieder ſich ihr Herz Zum rechten Wege— ſie wird wieder mein. Iſt's Gift, wie ich vermuthete, ſo ſey's! Sie falle dann, wie ſie's um mich verdient. Nicht länger will ich in dem Dunkel ſchweben, Entweder Liebe oder Tod ihr geben!— (ſchnell ab). —,— —,— Vierter Auftritt. (Gallerie im Schloſſe, mit einem großen offnen Porta! im Hintergrunde; die Seitenwände ſind durch Fackeln erleuchtet. Man hört in der Ferne Trompeten). Der alte Graf tritt ein. Bald dar⸗ auf Ivain. Espaing. Roger. Große. Ritter und Knappen. Graf. Welch grauſer, kriegeriſcher Schall toͤnt noch Um Mitternacht herauf, den Schlaf verſcheu⸗ chend— (Das Gefolge tritt nach und nach auf). . Espaing. Zur ungewohnten Stunde rufen uns Trompeten von dem Lager— Roger. Sonderbar!— Ein Knappe.(zum Grafen). Geſtrenger Herr! die Ebne hin erſtreckt ſich Ein zahlreich Kriegerheer; geſchmückte Ritter Ziehn ſtill voran, und rothe Fackelgluth Erleuchtet hell den dunkeln, nächt'gen Himmel. Der Wart erkennt das königliche Panner Navarra— Graf. Alſo wirklich Krieg?— Nun wohl, Der Navarreſer ſoll bereit uns finden! JPvai n.(ſchell). Seht Ihr, mein Vater! wie ich's ſagte, kommt's— Ein zahlreich Heer im Anzug— Gaſtons Werk!— Espaing. Wie? Gaſtons Werk? Der lügt, der dieſes ſagt— Noger.. Mein Gaſton konnte nie verräth'riſch handeln— Espaing. Was ſollte ihn vermögen, es zu thun?— Ivain. Je nun, ein alter Mann hat zähes Leben, Und Jünglingsfeuer kann nicht lange warten.— O er ging ſicher. Bald, ſehr bald ſollt Ihr 263 Sein ſchwarzes Bubenſtuck wohl ganz durch⸗ ſchauen. Espaing.⸗ Es iſt nicht wahr, ich zeih' den frecher Luͤge, Der Gaſtons Ehre anzutaſten wagt. Graf. Halt!— Denn ich weiß, wie Ihr ihn liebtet ſtets— Wie Ihr ihm anhingt— wie er Euch beſtrickte— Dies eben konnte mir verderblich werden. I Fünfter Auftritt. Vorige. Gaſton, tritt bleich und ver⸗ ſtört auf. Espaing. Ha, da iſt Gaſton! Himmel, welch ein Aus⸗ ſehn— Ivain. Die böſe That mahlt ſich in dem Geſichte— Espaing. 3 Mich treibt es ſort.— Nicht länger hier zu weilen 264 Erlaubt die Pflicht mir. Auf des Schloſſes Wällen Will fechtend ich dem Tode mich vermählen. (ab). Gaſton. Was treibt Euch auf, ſo ſpät um Mitternacht? Verwirrung und Entſetzen mahlen ſich In Eurem Blick.— Wenn Gräßliches geſchah, So traf's nicht Euch, ſo trifft's nur mich allein— Ivai n. Hoͤrt nur, er ſpricht ganz irr'— da ſeht Ihr's nun— Gra f.(zu Gaſton). Was trieb Dich denn hinaus, um Nitter⸗ nacht?— Der gute Menſch ſchleicht nicht ſo ſcheu herum, Wenn Andre ihrer Ruhe pflegen; doch Dich treibt die Sorge, Andrer Ruh zu ſtören. 8 Gaſton. Wie meint Ihr das, mein Vater? Welche Reden! Graf. So wiß', Dein Werk, das künſtlich Du gewebt, Jetzt iſt's zu Stande; der Navarrerkönig Steht vor den Mauern meiner Grafenburg. Schon iſt Espaing hinaus, das Volk zu ordnen, Um ihm das Werk nicht gar zu leicht zu machen. Gaſton. Wie? Feinde hier?— Und Ihr ſteht noch ſo müßig? Auf! zu den Wällen fort! Bald bin ich dort, Und biete mich dem Tode freudig dar. (Mehrere ab). Ivain.(zum Grafen). Dem Winke folgt man mehr, als Eu⸗ rem Wort. Gaſton. Auf, auf! ich will nun meine ganze Wuth In ihre Reihen ſprühen, und Verderben Bezeichne jeden meiner Schritte. Auf!— (will abſtürzen). II. Theil. M 266 Ivai n.(ihn aufhaltend). Halt! Länger ſchweig' ich nicht. Stürzt Wän⸗ de ein, Bergt länger nicht Verrathes ſchnöde Tücke; Heraus, heraus, Du Furie, gift'ger Groll! Leg' ab den falſchen, gleisneriſchen Mantel!— Gaſton. Wem gilt das, Ivain? Sprich! wo iſt Ver⸗ rath?— Roger.(zu Ivain). Nennt ihn Verräther nicht, ich rath' es Euch!— Fvain. Der auf dem rechten Wege, fürchtet nichts. Ich Ivain Baſtard, zeuge gegen Gaſton, Und wer's bezweifelt, heb' den Handſchuh auf. (ſchleudert den Hanbſchuh weit weg). Noger. Bald irr' ich ein Jahrhundert ſchon hienieden, Doch wag' ich's, für die Unſchuld hier zu kämpfen. Gott wird mir Kraft verleih'n; den Teufel ſelbſt Hoff' ich mit ſeiner Hülfe zu beſiegen- (will den Hanbſchuh aufheben). 267 Gaſton.,(ihn baran verhinbernd). Laßt das, geliebter Greis! Seht Jenen nur, Wie wüthend er die Augen rollt im Kreiſe.— (zu Ivain) Doch was hat Dich vermocht, mein Elend kennend, Jetzt noch verleumderiſch mich anzuklagen? Ein Glück fürwahr, mein unbeſcholtner Nahme Und was ich ſonſt gethan noch, ſpricht mich frei.— Ivain. Nicht ganz ſo, wie Du wähnſt; mit Deinen Nänken Schluͤpfſt Du nicht mehr hindurch, denn Alles weiß ich. Willſt Du verdachtlos jetzt von hinnen gehen, So öffne Dir das Wamms, und birgſt Du nicht Ein Pulver d'rinn, deß ſcharfer, gift'ger Zahn Des Vaters Lebenswurzel zehren ſollte, So will ich Lügner heißen allezeit— Gaſton.(empört). Ha! Graf. Himmel! Gaſton, gieb mir jetzt Gewißheit!— M 2 268 War's wahr, was dieſer ſagt? Du waͤreſt ſchuldig 2 Gaſton. Man gab dies Pulver mir am Königshof, Von weiſer Hand ward es mir anvertraut. Den Vater und die Mutter zu verſohnen, Sollt's dienen— doch ich zögerte noch ſtets, Weil ich Vertrau'n nicht ſchenkte dieſem Pulver. Ivain. Hört nicht die Lüge an— gebt's einem Hunde, Und ſehet, was es dort bewirken wird— Gaſton. Hier iſt es— mag's d'rum ſeyn— ich bin nicht ſchuldig— (ein Diener trägt das Pulver hinaus). Roger. Bei Gott! er iſt's nicht— iſt das Pulver Gift— So iſt das Ganze finſtrer Bosheit Werk— Ivain.(hinausſehend). Seht nur den Hund, wie er ſich krümmt und windet— Iſt es nicht Gift? So ſeht doch hin, und leugnet.— 269 Ein Ritter.(hinausſehend). Fürwahr, die Wirkungen des Gifts ſind da— Der Hund verſcheidet unter Zuckungen— Ivain. Nun? Iſt er überführt? Habt Ihr genug? Graf.„ Dank, Ivain, Dir! Entſetzlich grauſe That Haſt Du durch Deine Kühnheit jetzt gehindert.— O Gaſton, wehe thut es mir fuͤrwahr, Doch kann ich anders nicht, als ſtreng Dich richten. Ein unnatuͤrlich ſchwarzes Bubenſtück Wollt'ſt Du begehn, davor die Höll' erbebet. Was thaten meine weißen Locken Dir? Wie konnt'ſt Du Sohneszärtlichkeit mir luͤgen, Und tief im Herzen Schlangenliſt bewahren? Roger. Bewieſen zwar iſt, daß das Pulver Gift, Doch weiter nichts damit— man bhoͤr' den Grafen. Ein Ritter. Welch ſchwere Schuldlaſt fällt auf Euch, e Herr! 270 Sprecht;— löſet uns den fuͤrchterlichen Irr⸗ thum. Gaſton. Was ſoll ich ſagen zur Vertheidigung?— Den Wellen gleich im wildbewegten Meer', Wo eine grauſender die andre drängt, 1 Durch ewiges Verſchlingen neu gebährend: So drängt ſich Unglück mir auf Unglück auf— Sechſter Auftritt. Vorige. Gabriele, aus einem Seiten⸗ gemachſchnell auftretend, von Frau⸗ en begleitet. Gabriele. Was tobt und larmt in dieſer wilden Nacht? Trompeten ſchmettern— welches rege Leben Hält hier die Ritter noch beiſammen? G a ſt o n.(ſich abwenbend). Ha!— . Graf. 4 O mußteſt, ungluckſel'ges Mädchen, Du „Den Fuß in dieſe Halle ſetzen, wo. Der Sohn nach ſeines Vaters Leben ſtrebte?— Gabriele. Was ſprecht Ihr, Oheim, Ivain hat gewagt— 2 Ivain. Nicht Ivain, ſchönes Fräulein, Gaſton war s— Gabriele. Wie? Gaſton? Ivain. Der ein Pulver miſchen wollte. Graf. Dein Gaſton iſt des Hochverrathes ſchuldig.— Ja, ſieh mich an— ichſprech' das grauſe Wort— Gabriele.(zu Gaſton). Du hätteſt— doch Du wendeſt Dich von mir!— Hat die Natur denn andern Lauf genommen? Geht Alles umgekehrt? Was ſich geliebt, Verfolgt ſich's unverſöhnlich jetzt in Haß?— Gaſton. Ja, die Natur hat andern Lauf genommen.— Doch ihren rechten nur gewann ſie wieder. Sonſt gab ſie zu, daß ſchwarze Teufelsſeelen In Engelleiber ſich verbergen konnten, Nun iſt es aus, die Täuſchung iſt entflohn!— Ja, höre, Falſche, daß ich gut es weiß, Wie meine Liebe Du ſo hochgeehrt, Daß Du, indeß ich Deine Hauche trug In meinem Buſen zärtlich, rein und keuſch, Indeß ein Blick von Dir mich ſelig machte, Du einem Andern Dich verſchenket haſt, Der Frechſten Einem, die am Hofe ſind. Ja wiß es, und in meinem Elend hier, Will ich's der ganzen Ritterſchaft verkünden— Du, Gabriele, biſt es nimmer werth, Daß Dich ein Rittersmann zum Weib begehre, Die Schande ruh' nun ewiglich auf Dir, Die Dein Vergött'rer jetzt auf Dich gehäuft!— Roger. O Himmel, welche Flüche donnert er! Hat ihm ſein Unglück ſo den Kopf verwirrt? Gabriele. Mein Gaſton, welches Ungeheure hat Dir den Verſtand ſo ganz und gar bethört? 273 Kennſt Du mich nicht? Kennſt Du nicht Ga⸗ brielen? Gaſton. Oob ich Dich kenne?— Gabriele, traun, Biſt Du es nicht, die geſtern mir noch ſagte: Sie lieb' mich über Alles?— Lügnerinn!— Was ſagteſt Du dem kecken Filidor, Als er im Bogengange mit Dir koſ'te, Als er— o flög' der letzte Hauch mir fort— Als er zu Dir herein durch's Fenſter ſtieg?— O trocknete mein Hirn doch ſchnell jetzt aus Durch dieſe Gluth, die mein Gebein durchzuckt— Graf. O Gott, ſo iſt denn ſein Verſtand dahin— Das iſt die Frucht ſo ſträflichen Beginnens. Roger. Ich fürchte ſelbſt, daß Wahnſinn ihn ergriff— Gabriele. So iſt denn dieſes hohe Meiſterſtuͤck Des ew'gen Schöpfers plötzlich ſo geſunken— Gaſton. Ja wohl, es ſank! und Engel weinen d'rum.— 274 Doch will ich Deine Bosheit nicht vergelten. Du haſt mit Liſt mir Alles dies bereitet— Wenn ich im Kerker ſchmachte, kannſt Du ja Mit Deinem Buhlen ungeſtoret koſen, Du ehrvergeſſ'ne Dirne! Doch ich will Daß die, die Gaſton einſt durch Liebe ehrte, Nicht ſo hinabſink' zur gemeinſten Rohheit— D'rum ſterbe—(dringt mit gezücktem Dolche auf ſie ein) Ivain.(ihm den Dolch entreißenb). Knechte, bindet ihn ſogleich! Eh' er dem edeln Fraͤulein Böſes thut— (Knappen feſſeln Gaſton). Gaſton. Ich trag's geduldig, meine Kraft iſt hin. Roger.(zu Ivain). Erröthet nur, Ihr ſchwarzer Böſewicht!— Ihain. Ihr haltet es mit dem Verbrecher hier?— Roger. Waͤr' er ein ſolcher: nein! Doch glaub' ich's nicht, — 4 6 1 1 — 42 —2 Und darum lieb' ich ihn noch wie zuvor— Doch Euer Widerſacher din ich ewig— Gaſton. Iſt's denn auch, Roger, wohl der Muhe werth, Mit Jenem dort der Rede noch zu pflegen? Stoßt mich hinab in Eure finſtren Kerker— Legt ſchwere Ketten mir an Hand und Fuß— Der Glaub' an mich iſt unter Euch erloſchen. Ich muß es dulden; wohl, ich murre nicht.— O Gabriele, könnt' Dein holdes Bild Ich in den Kerker mit hinunternehmen, Zum Paradieſe würd'er mir voll Luſt— Doch jetzt zerreißen Schmerzen mir das Herz. Lebt wohl, die Ihr mir Liebe ſchenkt; lebt wohl!— 3(wird abgeführt). Gabriele. Mein Gaſton!—(ſinkt ohnmächtig in die Arme der herbeieilenben Frauen). Ivain.(zu den Frauen). Fuhrt ſie fort.— (bie Frauen führen ſie in das Seitengemach, deſſen Thuͤre ein wenig geöffnet bleibt). 3 A oger. Wie ſchreckenvoll!— Graf. § Gott, Du haſt mich ſchwer gebeugt; wohl fühl' ich's, Das Ende meiner Tage rückt heran— Ich konnte ihn nicht retten, konnte nicht, Zu ſchwer ruht ſeine ſchwarze Schuld auf ihm.— (Trompeten). Roger. Krieg alſo, und der beſte Held fehlt uns— Wer wird uns Führer ſeyn im Schlachtgedrän⸗ ge?— Ivain. Ich eile jetzt und ordne unſre Mannſchaft, Und laß' zum Kampfe Alles vorbereiten. Auf! folget mir, ich trotze kühn dem Tode, Und führe Euch zum Nuhme und zum Sie⸗ ge!— (ab mit vielen Rittern). Roger. Der junge Loͤwe liegt in ſchnoͤden Ketten, N — Gott wahre unſer Schloß vor Feindeshänden; Ich bin zu alt, mir iſt die Kraft dahin. .(ab). Ein Ritter. Ich will hinaus, und ſehn, wie's draußen ſteht, Mir iſt das Herz beengt, der Sinn verwirrt. (ab). Graf. Ha! welchen Anhang er noch immer hat!— Kommt, Ritter, kommt hinaus in's Schlachtge⸗ wühl— Dort wollen Gottes Fügung wir erwarten.— (ab mit Allen). Siebenter Auftritt. (Pauſe). Ivain.(hereinſchleichend). Die Schlacht tobt gräßlich ſchon an allen Ecken, Die Krieger reiben wechſelweiſ' ſich auf, Im Finſtern ſehn ſie nicht, ob Freund ob Feind Vor ihrer Klinge Schärfe röchelnd fällt: 4 Indeß die Navarreſer ſtill und ruhig Zum Waſſerpförtchen ihre Schritte wenden; Da ſtoßen ſie auf nichts— Abdul fuͤhrt ſie— Und bald ſind ſie inmitten dieſer Burg. Dann halte Wort, Du alter Navarreſer!— Doch wo bleibt Filidor?— Wir muüſſen ſchnell ſeyn!— Achter Auftritt. Ivain. Filidor, kommt vermummt. Filidor. Es harrt Dein treuer Diener Deines Wink's— Ivain. Haſt Du den Dolch? Verſtehſt Du ihn zu 1 führen? Filidor. Iſt mir der Lohn gewiß, den Du verſprachſt? (Gapbriele will aus dem Seitengemach treten, prallt aber erſchrocken zurück, und bleibt in der wenig geöff⸗ neten Thüre horchend ſtehen.) Fvain. Und mehr noch, Filidor— doch ſtoße ſicher— Ein köſtlich Wild iſt's— fehle nicht— (Gabriele zeigt bei dem, was ſie hört, ihr Entſetzen). —— 8 —— 279 Filidor. Gewiß nicht!— Ivain. Die große Stieg' hinunter, dann geht's rechts— Den langen Gang verſperrt Dir eine Thüre— Hier iſt der Schlüſſel— dann geht's wieder links— Filidor. Ich bin bekannt im Schloß, verlaßt Euch d'rauf— Ivain. So geh' und mach' es gut.—(Filibor ab) Tri⸗ umph! Triumph! Bald wird das Ziel mir und die Grafenkrone, Und Gabriele, die er ſchwer beleidigt, Die er verſtieß in tollem Wahn, ſie muß Dem neuen Grafen dann zum Altar folgen.— (ab). Neunter Auftritt. Gabriele.(wie Ivain fort iſt, haſtig auftretend), Gott! Hab' ich recht gehört? Ihr wollt ihn S tödten? 280 Ihn toͤdten, der in Kerkernacht jetzt ſchmachtet? Ihr gönnt ihm nicht die feuchte Moderluft, Die er in unterirrd'ſchen Klüften athmet? Ihn ſoll ich ſterben laſſen, der mein Leben? Was wäre mir's wohl, wenn ich todt ihn wüßte?— 3 O könnt' ich ihn erretten, welche Wonne! Wie ſchön wär's dann in dieſer Welt zu wohnen Mit Gaſton, einſam lebend und geſchieden Von höſti Menſchen— wie ich's einſt mir träumte, In einem Thal', wo Fried' und Ruhe weilt, Wo Glück und Liebe Roſenketten winden, Und wo das Leben, wie ein froh Gedicht, Verträumt wird unter uüpp'gen Blüthenlauben— Doch halt— iſt denn dies Eden mir verſchloſſen? Ich ſchleiche zu dem Theuern mich, verkleidet Als Page läßt die Wache mich hinein— Mit einem Dolche ſtoßen wir ſie nieder— Wir fliehn nach Spanien— dort ſind wir ſicher— Mir hat ſein Leben er dann zu verdanken, Und jeder Zweifel, jeder Argwohn ſchwindet.— ——— Doch nein— zu tiefe Wurzel hat er ſchon In Gaſtons ſonſt ſo freies Herz geſchlagen— Mit welchem Abſcheu ſtieß er mich hinweg— Der Eiferſucht, des Argwohns Natterkamm, Ein Wahnſinn unbegreiflich ſeltner Art, Hat giftgeſchwollen ſich zu hoch erhoben Und mir ſein Herz auf immerdar entriſſen. Für mich iſt er ſchon todt— was ſoll ich nun Hier auf der Welt, ſo wüſt' und ach ſo öde— (Pauſe) Ha, welch ein Blitzſtrahl! ja— es geht — ſo ſey's— Für ihn will ich ein freudig Opfer fallen. Verkleidet ſchleich' ich mich zu ihm hinein— Mit einem leichten Schlaftrunk iſt's gethan— Er ſchlummert ein— ich raub' den Mantel ihm, In ihn gehüllt erwarte ich den Mörder, Der, ſo getäuſcht, ſtatt Gaſton mich durch⸗ bohrt— So ſey es, ja, ſo ſey's, es iſt beſchloſſen, Sein Leben ſey durch meines ihm erkauft, Die Liebe reichet mir die Marterkrone, Und jauchzend ſink' dem Tod' ich in die Arme. 282 (Sankte Harfentöne mit Geſang). Doch welche ſüßen Laute hör' ich ſchallen?— Die lieben Meiſter ſind es, die ſo tröſtlich Zu mir die ſanften Töne klingen laſſen.— Ha, wie ſo freundlich ſchwebet der Geſang Von jenem Hügel dort zu mir hernieder; Mich deucht, ich höre ſüßen Sphärenklang, Nicht irrd'ſche Weiſe ſcheinen dieſe Lieder; Weit iſt das Herz, es pochet nicht mehr bang, Und froher Muth beſeliget mich wieder. Den höchſten Lohn ich muß ihn mir erwerben, D'rum eil' ich fort zum Sieg, nicht zum Ver⸗ derben!— (ſchnell ab). (Ende des vierten Aufzugs). Fuͤnfter Aufzug. (In berſelben Nacht. Walb. Im Hintergrunde Hügel. Seitwärts ein Thurm. Es bonnert und dlitzt). Erſter Auftritt. Espaing. Roger und mehrere Andere, be⸗ ſchäftigt, die Mauern des alten Thurms zu durchbrechen. Espaing. Die nt iſt hold dem Thun, das wir hier treiben, Das Ungewitter ſcheuchet jeden Störer— Rogerv. Ifrs nicht ein löͤblich Werk, das wir vollbringen? Espaing. In dieſen Mauern ſeufzt der Beſten Einer, In dieſem Schachte hauſen große Kräfte, D'rum laßt zu Tag uns fördern edles Erz. Roger. Das Kampfgetös hat jetzt ſich ganz verloren— Ob wohl das Blutvergießen ſchon geendet? 284 Espaing. Ich kann's nicht glauben, Fluͤcht'ge haͤtten ſonſt Nach dieſer Oede ihren Weg genommen, Wär' der Navarrer von der Burg getrieben.— Und wär' er ſiegreich darin eingezogen, So wär' das Lärmen näher uns erklungen. Ich glaub', ſie fechten d'rüben immer noch; Doch eilet Euch, ſind hier wir durchgedrungen, So haben wir wohl mehr gethan, als kämpfen.— (Sie arbeiten eine Weile ſtillſchweigenb; dann hört man Harfenklänge mit Geſang von den beiden Miniſtrels). Koger. Ey, hört Ihr nichts? Espaing. Ich hörte längſt die Töne. Es iſt ein Spuk, laßt uns darauf nicht achten; Wir wollen unſer Werk vollenden, ſchließt Die Ohren zu, daß Euch's nicht irre mache. Roger. Iſt Spuk ſo zarter Art, da mag es hingehn; Hört nur, wie ſüß und mild die Töne ſchallen Auch klingen Worte d'rein— 285 Espaing.(einfallend). . Uns zu umſtricken; Ich warne Euch, hört nicht darauf, Ihr Brüder!— (Sie arbeiten wieder eine Weile, und hören habei zu). Roger. Hort Ihr das Lied von dem gefangnen König? Espaing. Still, ſtill! Roger. Es iſt kein Spuk; ich denk', wir ſind Bald mit dem Werk zu Stande; Gaſton iſt's, Der dieſes Liedlein ſingt, es tönt herauf Aus ſeines Kerkers enger Unglücksnacht. Espaing. Nein, aus der Tiefe iſt es nicht erklungen. Und ob's gleich ſeltſam iſt, zu dieſer Stunde, An dieſem Orte Klänge zu vernehmen, So wollt' ich doch bezweifeln, es ſey Spuk. (Die Klänge ſchallen ſtärker, und die beiden Miniſtrels mit ihren Harfen wandern langſam über die Hügel, und verſchwinden auf der andern Seite). Horch, horch, die Harfenklänge ſchallen naher. 286 Was giebt's dort? Seht nur hin, da oben leuchten Im Nebelduft zwei große Mannsgeſtalten, Geſpenſterart'ger Schein umgiebt ſie— Roger. Wohl Bemerk' ich ſie, dort oben auf der Höhe; Nicht Geiſter ſind's, ſie tragen ſchöne Harfen, Es ſind die Troubadours, die wandern gern; Wahrſcheinlich wollen ſie den Aufgang ſehn. Espaing Auf! Fördert Eure Arbeit, laßt ſie gehn!— (Sie warten eine Weile. Die Harfenklänge tönen noch hinter der Scene). Roger. Die Oeffnung iſt nun groß genug. Hinein! Espaing. So drängt Euch zu, die Feſſeln ihm zu löſen!— (Alle durch die Oeffnung ab). Zweiter Auftritt. (Gaſtons Kerker, von dem im Hintergrunde eine Stie⸗ ge hinaufführt. Vorn eine Bank; hdaneben ein Waſſer⸗ „ —— 7 287 krug. Mattes Ampelnlicht. Das Ungewitter hat nach⸗ gelaſſen).— Gaſton.(gefeſſelt; aus bem Hintergrunbe vorſchrei⸗ tend, und ſich auf die Bank ſetzenb). Im hellen Sonnenſchein, an eines Baches Rand, Von ſchönen, bunten Blumen rings umblüht, Genaß die Mutter eines ſchoͤnen Knaben. Das Kind war blind, von allen ſchönen Sachen, Von allem ſüßen Tand' bemerkt' es nichts.— Die ſchönſte Blum' zerriß es ungeſtüm, Da es der Farben Schmelz, die holde Pracht Nicht ſah.— In Jähzorn wuchs es auf, da ihm Der ſchönſte Sinn, die milde Sehkraft fehlte.— (aufſtehenb) Doch plötzlich leuchtete in ſeine Nacht Ein holdes Bild mit wunderſamer Macht. Erhellet hob des Auges offner Stern Zu ihm ſich auf, und ſank geblendet nieder. So hoher Reiz, ſo reine Lichtgewalt, Mußt' den ſo lange Blinden wohl befährden, Das große Glück auf's Neue zu verlieren. Da lieh die Lieh' dem Bild den zarten Schleier, 288 Und mit der Anmuth duftgewobnem Reiz Konnt' es der blinde Knabe ſchon erſchauen⸗ Von Tag zu Tag' ſank immer mehr die Binde, Und nun erſt ſah er, was ihn rings umgab.— Ein milder Frühling breitete ſich aus. In Knospenpracht der Bäume grüne Reih'n, Der Bach mit ſeiner luſt'gen Silberwelle, Zog magiſch an, des Himmels Luftgewölbe, Der Sonne majeſtät'ſche Allgewalt, Die Silberheerde mit dem Reihenführer— In Thränen floß des Knaben Seele über. Da wunderſeltſam prangend, überirrdiſch, In nie geſchauter, nie gefühlter Schoͤne, Erſchien ein engelgleiches Weſen ihm. Er fühlt ſo ſanft, ſo mild ſich angezogen— Mehr als vom weiten, hellen Himmelsbogen, Mehr als von aller Sterne lichter Pracht, Von dieſer holden, ſüßen Wundermacht. Nichts g'nügt ihm mehr, und doch iſt er ſo ſelig, Sein ganzes Weſen fühlt er aufgelöſt.— Was war das ſüße, ſchmerzliche Gefühl, Die Wehmuth, das ſonſt nie gefühlte Bangen, * — 289 Das ſeltſam ſcheue Sehnen?— Ach— die Liebe, Die Allbeglückende, hielt ihn umfangen.— Doch plötzlich— ach! wer kann die Qualen ſchildern, Die ihm im wunden Herzen ſchmerzlich toben— Verſinkt das Bild, der Zauberſchein erliſcht, Die Nacht ſpannt wieder ihre Flügel aus. Wo blieb das holde Bild?— Wo kam es her?— Kannſt dieſes Räthſel, kannſt Du jenes löſen?— Blind iſt der arme Knabe wieder worden.— Und was er früher nimmer fühlen konnte, Das fühlt er jetzt— denn einſt hat er geſehn. O hätt' er Blumen— doch auch dieſe welkten.— Ein feucht Gewölb, ſtatt Himmels⸗Lichtazur— Statt bunten Frühlingsſchmelzes, gift'ge Pilze— Statt milder Sternenpracht, die ekeln Spinnen, Die am Gewölbe hundert Füße regen— Statt Wellenſpiels, die naſſe Ausdünſtung, Die von den Wänden ſtromweiſ' niederfließet— II. Theil. N 290 Von all dem fruͤhern Gluͤck blieb nur Erinn'rung⸗ Die Gegenwart noch ſchrecklicher zu machen.—— Iſt denn mein Hirn von Eiſen, kann es nicht An dieſen Steinen gräßlich ſich zerſchellen?— (ſinkt ſeufzend auf ſein Lager). Dritter Auftritt. (Man hört Schlüſſel brehn. Gaſton richtet ſich auf und porcht. Die Thüre öffnet ſich. Gabriele, als Page ge⸗ kleidet, ſteigt die Stiege herab, eine Fackel in der Hand, die ſie beim Eintreten umkehrt und ſo auslöſcht.) Gaſton.. Da kommt der Tod. Ein wunderſchöner Knabe, Mit umgekehrter Fackel. Freund, willkommen!— Gabriele. Ich bring' Dir Leben, Gaſton! Gaſton. . Hugo, Du!?— Wer gab den Wohllaut dieſer Stimme Dir?— Gabriele. Liebt mich mein Gaſton noch? Gaſton.(vom Lager aufſpringend). Wie.— Gabriele— 291 Biſt Du gedungen, mir den Tod zu geben?— Süß und erwünſcht iſt er von Deiner Hand. Gabriele. Laß jene trüͤben Wolken jetzt entfliehn; Wir wollen ſprechen, was uns Beiden frommt. Gaſton. Ja, was uns Beiden frommt, ein gutes Wort. Weißt Du es, lieblich Kind? Ich denk', es iſt Nur Ein's, was Dich und mich von Schmach befreit— Es iſt der Tod— Gabriele. Nein, Gaſton, laß uns leben! Entflieh' mit mir— Gaſton. Dazu kannſt Du mir rathen? Gabriele.(heftiger). Entflieh' mit mir— Gaſton. Hal ſollt' es möglich ſeyn?— Gabriele. Was, Gaſton?— Gaſton. Was?— Die Unbefangenheit— Wie konnt' ich an des Engels Reinheit zweiſeln— Auch das hat jene Bosheit mir bereitet- Gabriele. 3 In ihren Kreiſen rollen wild die Augen— Die Hand wühlt krampfhaft in dem wall'nden Buſen— Was ſinnſt Du Böſes, Gaſton? Gaſton. Wär' es wahr!— Doch, blöder Thor— was— was ſoll wahr ſeyn? Sah Nicht dieſes Aug' das frevelhafte Thun— 2 Nein, Augentäuſchung war's nicht— Filidor, Der freche Wicht, er ſtieg zu ihr hinein— . Gabriele. 4 1 Wie? Noch bezweifelſt meine Unſchuld Du, Und dieſes Herz, das Dich nur lieben kann?— Gaſton. Wo iſt jetzt meine Kraft— vor ihrer Stimme 293 Zerſchmilzt des Löwen Muth in bange Feig⸗ heit— Wie konnt' ich zweifeln— ſahn'’s nicht dieſe Augen?— Gabriele. Die Zeit verrinnt, mein Gaſton, folge mir, Noch ſteht die Pforte offen unſrer Rettung, Bald wird's zu ſpät ſeyn, feile Mörder drohn, Mit ſtahlbewehrter Hand dem theuern Leben. (halblaut) O könnt' ich ihn bewegen mir zu folgen, Bald naht ſich Filidor— Gaſton. Ha! Hölle, grinze Mich nicht ſo furchtbar an; nun ja, ſie nennt Des Schurken Nahmen, hör' ich's etwa nicht? Warum noch mit ſo grimmen Wüthen mir Verhundertfach in Ohr und Herz ihn gellen? Gabriele. Du folgſt mir nicht? Gaſton. . Nein! nein! ich folg Dir nicht.— O ſtuͤrzten dieſe Mauern auf uns ein, „ 294 Und deckten uns und unſrer Schande Schmerz— Welch großen Schatz von Lieb' und Heuchelei Hat dieſes Herz nicht aufbewahrt im Innern— . Gabriele. Folgſt Du mir nicht, ſo wirſt Du mich ver⸗ lieren— Gaſton. Hab' ich Dich noch in dieſem Augenblick? Gabriele. Es druckt mich keine Schuld— ich ſchwör' es Dir— 1 Gaſton. Wer traut dem Schwur von ſolchen Lippen wohl? Gabriele. Dein rauhes Weſen zwinget mich dazu— Drum ſag' ich's nun: die Heiligkeit der Lippen Entweihte Deiner Küſſe Gluth— Gaſton. Sonſt keine?— Gabriele. Du rauher Mann, Du führſt ein Herz voll Liebe, Das Leben bietet, hin zur Todesnacht— Gaſton. O moͤchte ſie mich doch nur bald umfangen! Der Uebergang iſt leiſ' aus dieſem Dunkel— Gabriele. Wohlan es ſey, ich will mich nicht beſtreben, Die Luſt zum Leben in Dir anzufachen. Die Stunde ruft— das Werk hat Eile— d'rumt Thu' kund mir, Gaſton— weſſen zeihſt Du mich?— Gaſton. Sagt's Dir Dein Buſen nicht?— Erſpar⸗ es mir— Gabriele. Nie will ich Gottes ew'ge Klarheit ſchauen, Die hehre Jungfrau wende ſich von mir, Zu ew'ger Pein will ich hinüberſchlummern, Wenn meine Treue jemahls ich verletzt.— Gaſton. So war's denn Trug— ſo ſpricht das La⸗ ſter nicht— Gabriele. Mein Gaſton, laſterfrei und rein wie immer, Iſt Gabriele noch in dieſer Stunde— Was liſt'ge Bosheit heimlich angeſponnen, Womit man Deine Augen frech getäuſcht, Das will ich wiſſen— Gaſton. Kaum wagt es mein Mund!— Ein Uüberird'ſcher Reiz fließt auf ſie nieder, Der Himmel leuchtet herrlich in dem Kerker, Verklärend dieſe hehre Lichtgeſtalt. Der Himmel zeugt für ſie! Mit Allgewalt Zieht ſiegend wieder in mein Herz ſie ein— Gabriele. 3 Ich dank' Dir, Gott!— Gaſton. 3 O theure Gabriele!— Kannſt Du verzeihn— ich bin nicht ſchuld da⸗ ran— —— — 297 Man zeigte mir Dein Fenſter; Nacht war rings; Es öffnet ſich— Du ſtandeſt da im Nachtkleid— Und Filidor der Bube ſtieg hinein— Gabriele. Das glaubteſt Du? Gaſton. Man wußte fruͤher ſchon Durch Mährchen meinen Argwohn zu erregen— Man zeigte mir— im Garten— in dem Laub⸗ gang— Zur Nachtzeit Dich und Filidor luſtwandelnd— Gabriele. Seit Deiner Reiſe hielt er mich umlagert, Ich konnt' mich ſeiner Frechheit nicht erwehren. An jenem Abend ſuchte er mich auf, Ich wies ihn fort— ich droht', es Dir zu ſagen— Da floh der Feige ängſtlich fort, darauf Sah ich ihn nimmer wieder— Gaſton. . Engelrein Erſcheinſt Du mir.— Verblendeter! wie konnt' Ich jener Lüge Glauben ſchenken- Gabriele.(bei Seite). . Doch Mir war's, als hört' ich leiſe Schlüſſel drehn, Bald iſt der Mörder hier— Gaſton. Mir iſt ſo heiß— Gabriele. Ich werde einen Labetrunk Dir reichen— Gaſton. Ja, theure Gabriele, reich' ihn mir— Erweiſe mir den letzten Liebesdienſt— Gabriele.(nimmt den Waſſerkrug und ſchüttet ſchnell ein Pulver hinein. Mit einem Blick gen Himmeh. Es wird dich laben und zum Heil gereichen— Gaſton. Du zitterſt, Gabriele— Gabriele. Wonne iſt's— Gaſton.(nachdem er getrunken). Die Liebe ſchafft zum Paradies den Kerker.— Nun Dich ich hab', fürcht' ich nicht mehr die . 3 Schlingen, 299 Die Neid und Bosheit mir zu legen ſtreben. Umarme mich— Gabriele.(thut es). Geliebter— theurer Gaſton!— Gaſton. Du weinſt? Dein Buſen pocht ſo fieberhaft— Die bleiche Wange röthet plötzlich ſich— Gabriele, Nichts, mein Geliebter— bald iſt es vorüber— Gaſton. Ja, bald— was iſt das Leben— ein Moment— Was iſt die Erde wohl— ein Hauſen Sandes— Ein Staubkorn in dem großen Schöpfungsall!— Die Lieb' allein ſie iſt ein lichter Punkt, Ein Funke in dem truͤben Erdennebel.— Was iſt der Menſch— er wähnet ſich ſo groß, Und ſteht er erſt am Thor der Ewigkeit, Liegt hinter ihm der bunte Lebensteppich, Wie klein ſcheint ihm dann Alles, was er that. Nur was die Liebe webte, ſcheinen Blumen, Die ewig blühend ihren Duft ihm ſpenden, Wenn er durch's ernſteThor hindurchgeſchritten.— 300 (Pauſe). Doch in dem Augenblick noch hell mein Auge, Zieht finſtrer Flor ſich plötzlich d'rüber hin— Wie wird mir?—(er ſinkt langſam zu Boben) Wunderbar! Des Kerkers Decke Sie hebt ſich auf— ein milder Himmel lacht Hinein— und Gabriele Du! Du ſchwindeſt— Gabriele.(ſchwärmeriſch).. Ha, jetzt den Bräut'gamskuß!—(küßt ihn) Der Sieg iſt mein!— (man hört ein Raſſeln). Ein Raſſeln tönt; es ſchleicht der Mord her⸗ ein— (Die Ampel verliſcht und es wird ganz finſter). G aſton. Chalb träumend). Ich faß nicht Deine Worte— und doch wünſcht⸗ Erklärung ich— ich ahnde, was Du thuſt— Nicht ändern kann ich's— meine Kraft iſt hin— Und tiefe Nacht umdunkelt meinen Sinn!— (er entſchläft). (Gabriele bedeckt Gaſton, hüllt ſich in ſeinen Mantel 301 und ſetzt ſich auf ſein Lager, den Vlick nach oben ge⸗ richtet). Vierter Auftritt. (Riegel klirren. Dann wieder eine dumpfe Stille. Aber⸗ mahliges Geraſſel. Gabriele fährt zuſammen. Eine Sei⸗ tenthüre öffnet ſich hinter ihr. Filidor, in einen Man⸗ tel gehüllt, mit einer Laterne, ſchleicht ſcheu herein, ſtößt Gabrielen mit einem Dolche nieder und entflieht. Gabdriele ſinkt mit einem dumpfen Schrei vom Lager auf die Erde). Gabriele.(gebrochen und in langen Pauſen). Des Mörders Stoß war— gut— er traf— das Herz— Der Schmerz— entflieht— die— ew'ge— Freude— bleibt— (ſtirbt). Funfter Auftritt. (Das Fheater iſt eine Weile leer und finſter. Dann fallen von ber rechten Geite Steine aus der Wanb; bie Oeffnung wird größer, und Espaing, Roger und die Andern treten aub). 302 Espaing. Hier iſt der Ort, Ihr Freunde; doch ſo ſtill Iſt's rings— mir ſcheinet Niemand hier zu ſeyn— He, Gaſton! Gaſton! Lieber junger Herr! Die Freunde nah'n, es fallen Eure Feſſeln.— Kein Laut regt ſich. He, Fackeln ſchnell herbei— Koger. Die Fackeln hat die Fäulniß ausgelöſcht, Die in den tiefen Gängen grauſig brütet— Espaing. Sollt' Gaſton wohl entflohen ſeyn, Ihr 3 Freunde?—. He, Gaſton! Gaſton!— Keine Antwort tönt— Eilt ſchnell und hohlet Lichter wohlverwahrt— Damit der Graͤber Hauch ſie nicht verlöſche— (Trompeten). Roger. Durch jene Gitter ſchimmert Licht herein, Auch hör' ich krieg'riſch Schmettern— Espaing. Ha, wer naht?— 303 Sechſter Auftritt. Vorige. Ivain. Gefolge mit Fackeln, die Stiege herunter. (Das Gewitter fäaͤngt wieder an, und man ſieht bas Blitzen burch die Fenſter bes Kerkers). Ivain. Was macht Ihr hier? Wen ſucht Ihr?— Viel zu ſpät! Schon iſt er meiner Nache hingeſunken. Jetzt zittert nur, die Ihr's mit ihm gehalten— Ich bin der Herr, dem Ihr Euch beugen muͤßt— Espaing. Was ſprecht Ihr, Baſtard? Hättet Ihr's ge⸗ wagt, Das uns ſo theure Leben zu vernichten? Ivain. Wer treu mir war, der ſoll fortan zu Ehren In Gnaden angenommen werden; doch Die Ihr's mit Gaſton hieltet, werdet nun In dieſen unterierrd'ſchen Klüͤften wohnen. Ihr, Espaing, büßet Euern böſen Willen, 304 Den Ihr ſtets gegen mich an Tag gelegt, Und Euer ſaubrer Spießgeſelle, Roger, Mit Eurem Leben— Knechte, feſſelt ſie— (Knechte wollen Espaing und Roger feſſeln) Espaing. 1 Mit welchem Rechte darfſt Du Dich erfrechen, Hier als Tyrann zu ſchalten und zu walten?— Wenn auch der edle Sproß des Grafenhauſes Vor Deiner gift'gen Wuth verſank, ſo lebt Der hohe Gaſton Phöbus noch, Dein Vater— (Es blitzt und bonnert fortwaͤhrenb ſtärker). Ivain. Auch er iſt hin— der Alte iſt eneflohen— Doch der Vertraut'ſten Einen ſchickt' ich nach, Sein Herz und ſeine Zunge mir zu bringen. Er trifft ihn ſicher, denn der ſchwache Mann Wird noch nicht weit von dieſer Veſte ſeyn. Espaing. Wenn's ſo iſt, o ſo fahre hin mein Leben!— Roger. 1 Nicht ſolchen Frevel will ich länger ſehn— (Beibe werden gefeſſelt). Siebenter Auftritt. (Trompeten). Vorige. Der König von Navarra. Grafinn Margarethe und Gefolge, die Stiege herunter. Gr a finn. Mit ſcheuem Zlick betret' ich dieſen Boden, Mir ahndet's, etwas Grauſendes zu ſehn— So kann den Fuß zum erſtenmahl' ich nun Nicht in die freundlich ſchönen Hallen ſetzen, Ich muß hinunterſteigen in das Grab, Um all mein Leben todt darin zu finden— 1 König. Wo iſt der Baſtard? Sehen kann ich nicht— Geblendet iſt das Aug', wenn aus der Helle Es in das Grabesdunkel ſich verſenkt— Ivain. Hier bin ich, König!— Köni g. Wo iſt Gaſtons Leiche?— ———— 306 Gräfinn. So iſt er wirklich todt? Wo iſt er— wo?— Ivain. Dort in dem Mantel, der am Boden liegt— Gräfinn.(ſich auf ihn werfenb). O meines Lebens Stern, nach dem ſich ſtets Der thränenfeuchte Blick voll Hoffnung ſehnte— Da liegſt Du nun, Du meine ganze Luſt!— O klage Deine Mutter dort nicht an— Sie iſt nicht ſchuld daran— o ſie vergeht Ja ſelbſt in Schmerz— ſie hat das nicht be⸗ reitet— König. Man trag' den Todten fort, dem Mutker⸗ herzen Entſerne man den Anblick— Gräfinn. Nein, nicht ſo— Laßt mir die theuern Ueberreſte hier. Ihr wißt nicht, Unbarmherz'ge, was ich fühle. Was gehet über Mutterliebe wohl? Ihr ſtehet da— Ihr hattet Alle Mütter— 307 Was war Euch Cure Mutter, fuͤhlt Ihr das?— Und ich— ich konnte dieſem gar nichts ſeyn, Und doch hat er ſo innig mich geliebt. O nein, mein Gaſton— Du klagſt mich nicht an— König. Den Todten ſchaffet fort— Gräfinn. Nein, ſag' ich— nein!— Ich klamm're mich mit der Verzweiflung Kräften An dieſen todten Leib voll Liebe an. Raub' mir ihn nicht im Tode, böſer Bruder! Ich will die Wunde ſehn, aus der das Leben In rothen Strömen floß— der Mantel deckt ſie. Voll Grauen wag' ich's nicht, ihn aufzuheben— Ich fürchte Schreckliches zu ſchau'n— doch wieder Treibt's mich dazu mit wilder Allgewalt— So hebe Dich!— Ha welch ein Anblick!— Gott!— Die ſchoͤnſte Blume hat der Sturm geknickt!— (ſinkt bei der Leiche hin). Koönig. Was giebt es?— Leuchtet her— ein Maͤd⸗ chen iſts— 3 7 308 Alle Umſtehenden. Todt liegt die junge Gräfinn Armagnac. Gaſto n.(ſich langſam aufrichtend. Alle entſetzt zurückweichenb. Noch halb im Schlummer). Und, theure Gabriele— Du— Du— ſchwin⸗ deſt— (langſam erwachend) Das Licht entweicht, da ſich die Augen öffnen— Die ſüße Himmelsmelodie verhallt— Und Grauſes tönt in meine Ohren wieder— Mich weht der finſtre Mord auf's Neue an— Foain. Ha, Gaſton lebt!— Und Gabriele ſank Vom Stahl des ungeſchickten Mörders hin— Gräfin n.(ſich ermunternb) Mein Gaſton lebt? Gaſton. Was wollen dieſe Menſchen— Die Mutter hier und jener böſe König?— Gra fin n. Komm an mein Herz, mein theurer Ga⸗ ſton!— 309 Gaſton. Wie 2.— Blend't mich die Hölle mit dem grellen Schein? Iſt's wirklich Gabriele, die hier liegt?— Gräfinn. Sie iſt es, armer Gaſton, Deine Braut!— G a ſt o n. Sie iſt es! Meine Braut! Nun wird mir's klar, Was die nun Hochverklärte mir geweſen.⸗ Sie gab es hin— ihr jugendliches Leben Für mich, der ſie mit Schmach und Schimpf bedeckt. Nah' Keiner ihr, denn heilig iſt ihr Leib, Den ich ſelbſt nicht frech anzutaſten wage, So lang' noch Leben in den Adern wogt. Der Tod nur ſoll mich erſt mit ihr vermaͤh⸗ len, Dann ſey ſie ewig mein zu ſteter Luſt. Gräfinn. Mein Sohn, LEitiiſt Du nicht auf zu Deiner Mutter? 310 Gaſton. Nein, Mutter! Nein! Die Sterne hatten 1 recht— Es half Dir nicht, daß Du von uns Dich wand⸗ teſt, Hier liegt die Eine ſchon, der Bräut'gam folgt. Nicht dieſer Ivain trägt die Schuld davon. Wer wird der Schlange zürnen, die ihr Gift Geſchäftig in des Biſſes Wunde gießt. Wo ſoll ſie damit hin; ſie ſelbſt zerſtört es, Wenn ſie es nicht auf andre Weſen Reömt. Ivain. 3 Die Schlange fürchte— jetzt iſt ſie hier Herr— König. Nicht ganz ſo wie Du waäͤhnſt, Verblendeter!— Ivain. Gaſton verläßt nicht mehr des Kerkers Mauern, Der Alte iſt dahin— wohl bin ich Herr!— König. Hier ſteht ein Größerer— Du biſt gefangen!— Ein Baſtard ſchände nicht den Grafenſtuhl, Der Graͤfinn, meiner Schweſter, fällt er zu— 311 Gräafinf. Genieß' Du ſelbſt die Frucht von Deinen Thaten, Mir öffnet ſich des Kloſters Friedenszelle— Wer ſo wie ich nichts mehr zu hoffen hat, Der tritt getroſt in klöſterliche Stille. D'rum will für immer ich die Augen wenden Vom Roſenlicht der freundlich ſchoͤnen Welt— Ivain. Du haſt mich überliſtet, falſcher König— Ich ſteh' allein— Du an der Deinen Spitze— So habe, Teufel, denn hier Deinen Lohn— (Er bringt mit gezücktem Dolch auf ihn ein; in dem⸗ ſelben Augenblick ſtürzt er von einem Blitzſtrahl getrof⸗ fen zu Boben).. Köniig.(ernſt und feierlich). Gott der Allmächtige hat ihn gerichtet!— (Alles iſt entſetzt. Das Ungewitter hört auf). Achter Auftritt. Vorige. Der alte Graf verkleider hereinſtürzend. Graf. Und wenn es auch mein Leben koſten ſollte! 812 In Elend, ungekannt ſchlich ich herum, Da töͤnten grauſe Stimmen in mein Ohr. Das Volk ſchüei gräßlich Mord— was geht hier vor?— König. Was ſehe ich? Wie? Seyd Ihr's wirklich denn? Graf. Ich bin es, ehrvergeſſner Schwager. Gott Hat mich vor Deinem Arm geſchützt. cer erblickt die Gräfinn, und wendet ſich weg) O Gott!— Gräfinn. 5 Mein Gatte!— Graf. emit ſich ſelbſt kämpfend). Margarethe!— Gräfinn. Du vergiebſt?— Dies Blut fällt nicht auf mich, ich bin unſchul⸗ dig!— Graf. Dies Blut?— Was ſeh ich!— Gaſlon.(ſich von der Leiche erhebend). Vater, ſchaut hieher!— Hier lieget meine Luſt— ſie iſt dahin— Ich bin ein Bettler— nichts hält mich zurück— D'rum eil' ich, reiche Schätze zu empfangen— cer erſticht ſich, und ergreift ſchnell Gabrielens Hand) Sraf. Allmächt'ger Gott!— Gräfinn. O Himmel! Gaſton! Sohn!— Gaſton. Den Segen, Vater! Mutter! unſrem Bunde!— (ſie legen Beibe ſegnend ihre Hände in einander). Nun flieg'— ich— auf— zu Dir— verklärte— Gattinn— (ſtirbt). Graf. Todt iſt nun meine Hoffnung.— Starr und kalt Faßt das Geſchick mich an mit eh'rnen Händen. (Ivain erblickenb) Ha, was? Auch dieſer Sohn ward mir entriſſen? So ſteh' ich nun, ich alter Mann, verwaiſt— II. Theil. 9 — K nig. Noch nicht ſo ganz— denn Eines bleibt Dir noch. Solch Leiden muß den grimmſten Haß ver⸗ ſöhnen— Die Geaſſchate die ich mit dem Schwerdt erobert, Ich geb' der Scweiler ſie zum Brautſchatz wie⸗ der— Nimm Deine Gattinn hin aus meiner Hand!— (er führt ihm die Graͤfinn zu). Graf. § Margarethe!— Sräfinn. Gaſton!— Graf. Theure Gattinn!— (ſie fallen ſich in bie Arme) König. Habt Ihr die dunkeln Mächte nun erkannt?— Noch raucht der Mordi in dieſen grauſen Hallen— Dem Schickſal ſind die Opfer heimgefallen, Erfüllet iſt's, was in den Sternen ſtand!— (Der Vorhang fällt). (Ende des zweiten Bandes). — — fſfſſſſſſſſſſſin 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18