6 8 8 Vierter 8— r—*%— Bühnen⸗Spiele von F. Grafen von Rieſch. Der Freiſchütz. Die Bleikammern von Benedig. Scherz, Gefahr und Liebe. VBierter Band. —— Wien, bei Tendler und v. Manſtein. 182 1. Inhalt. Seite. Der Freiſchutz. Trauerſpiel in fünf Aufzügen.. 3.... 1 Die Bleikammern von Venedig. Drama in drei Aufzügen... 149 Scherz, Gefahr und Liebe. Roman⸗ tiſches Schauſpiel in drei Aufzügen. 287 Vor wort. Wa⸗ die Stücke dieſes Bandes be⸗ trifft, ſo ſteht an der Spitze derſelben: der Freiſchütz, Trauerſpiel in fünf Aufzügen. Die unter demſelben Titel bekannte treffliche Erzählung von Apel gab den Stoff dazu, indem einige darin vorkommende intereſſante Charaktere mir vorzüglich geeignet ſchienen, in drama⸗ tiſcher Form auf eine anziehende Weiſe entwickelt werden zu koͤnnen. Carlo, II Benno's Oheim, iſt jedoch in ſüdliche⸗ rem Farbenton gehalten, auch Hugo's S Individualität anders angelegt und durcha geführt worden, als in der Erzählung geſchah.— Das zweite Stück: die Blei⸗ kammern von Venedig, Drama in drei Aufzügen, iſt eine freie Nachbil⸗ dung des franzöſiſchen Melodrama's: le Prisonier Vénitien, ou le Fils Geolier, 4 von Victor, das, beſonders auf größe⸗ ren Bühnen, vielleicht ſeine Wirkung nicht verfehlen dürfte, vorzüglich wenn — wie ich es anrathe— die Rolle des Antonio durch ein junges, in mimi⸗ ſcher und plaſtiſcher Hinſicht gewandtes weibliches Individuum beſetzt wird.— — III Das oͤritte Stück enoͤlich: Scherz, (Gefahr, und Liebe, romantiſches Schauſpiel in oͤrei Aufzügen, iſt frei nach dem Franzöſiſchen des Guilbert- Pixerécourt bearbeitet worden. Die hu⸗ moriſtiſchen Züge in Fialla h's Cha⸗ rcreakter, die, gut gegeben, gewiß auf je⸗ er Bühne ergötzen müſſen, veranlaß⸗ ten mich hauptſächlich zu der Verdeut⸗ ſchung des Stückes, das im Franzöſi⸗ ſchen: Koulouf, ou les Chinois heißt. Wien, 1821. — Der Verfaſſer. „— Trauerſpiel in fünf Aufzügen. * Perſonen. Hugo, Wild⸗ und Walbdwart zu Laubheim. Ilſe, ſeine Frau. Bertha, ihre Jochter. Ruppert, Benno, Heinze, Rubolph, Jäger. Jakob, Kurt, Heinrich, Carlo, Benno's Oheim. Otto von Wolffenburg. Knappen. Jäger. Rübebuben. Gefolge. Lanbleute Erſcheinungen. (Die Hanblung fällt in bas Jahr 1520, und ſpielt in Hugo's alter Warte und hem ſie umgebenhen Wald.) Erſter Aufzug. (Eine große Halle mit einem breiten, offenen Portale im Hintergrund, burch welches man auf einen et⸗ was bunkelen Gang ſieht. Links eine Geitenthüre. Im Vordergrunde links ein offenes Gitterfenſter, mit der Ausſicht in ben Wald. Im Hintergrunde hängt bas Bildniß eines ſchönen Kinbes. Es iſt grauer Morgen.) Erſter Auftritt. Im Hintergrunde Rubolpb und Jak ob mit mehreren Jägern und Rüdebuben, welche Gewehre putzen. Vorn ſeitwaͤrts ſteht, auf ſeine Büchſe gelehnt. Benno bei dem Gitterfenſter und ſchaut tiefſinnig in den Wald hinaus. Rudolph.(zu den mit dem Putzen der Gewehre beſchäftigten Jäͤgern unb Rüdebuben). 84 Nun, tummelt Euch, Ihr Burſchen, mit dem Putzen! Es dämmert grau der Morgen ſchon herauf, A 2 5 Und Zeit wird's, daß wir auf den Weg uns machen— Herr Hugo pflegt bei ſo was nicht zu ſpaßen. Jakob.(eiſe zu Rubolph, auf Benno zeigend). Was muß dem Benno nur ſchon wieder ſeyn? Sieh nur, wie finſter brütend er dort ſteht, Die Augen nach dem Walde ſtarr gerichtet— Rudolph.(eben ſo zu Jakob). Hm, weißt ja doch, wie übel es ihm geht, Daß ihm ſeit ein'ger Zeit kein Schuß mehr gluͤckt; Es iſt, als wär' die Büchſe ihm verhert— So was muß einen braven Jägersmann Wohl derb verdrüßen, und beſonders ihn, Der unter uns der beſte Schütze war— Jakob.(wie vor). Ja, ja, haſt recht; ich kann mir's leichtlich denken; Ich würde krank vor Aerger, ging mir's ſo.— Er, der vor wenig Monden noch uns Allen Zuvor es that in jedem Waidmannswerk Und lachend, ſcherzend uns die Zeit vertrieb, Schleicht jetzt mit finſtrem, ſtierem Blicke nur Hinaus zur Jagd und ſehlet Schuß auf Schuß. Rudolph.(wie vor). Und weißt Du wohl, ſeit wenn es ihm ſo geht— 2 t 9 Ich hab' mir's gut gemerkt. Seitdem der Heinze Von unſrem Herrn in Dienſt genommen ward, Iſt Benno ganz verändert, und es glückt Bei ſeinem Waidwerk kein Geſchäft ihm mehr. Jakob.(wie vor). Ja, ja, ich glaub', Du haſt wahrhaftig recht; Mir iſt es auch, als wäͤr's ſeit jener Zeit— Es iſt ein widerlicher Kerl, der Heinze! Es grauet mir vor ihm.— Doch ſprich, was meinſt Du, Soll ich den Benno wohlzum Aufbruch mahnen? Rudolph.(wie vor). 1 Nein, nein, laß ihn nur gehn— Du weißt ja doch, Wie zornig ſtets er wird, wenn's Einer wagt, In ſeinem finſtren Bruten ihn zu ſtören.— (laut zu den Jägern und Rüdebuben, von denen einige noch immer Gewehre putzen). Nun, werdet Ihr bald fertig ſeyn? Ein Jäger. Sogleich! Jakob.(leiſe zu Rubolph). Doch hör', er könnt' vielleicht dann böſe ſeyn, Daß fort wir zogen, ohne ihn zu mahnen— Rudolph.(eben ſo zu Jakob). Sey unbeſorgt, er kommt gewiß bald nach! (lant zu bden Jägern und Rüdebuben, die indeß Alle mit dem Pußen der Gewehre fertig geworden ſind). — 6 Nun, auf jetzt in den Wald! Wir müſſen heu⸗ te— So will's Herr Hugo— reiche Beute bringen!— ab mit Jakob, den Jägern und Rühebuben burch bas Portah). Zweiter Auftritt. Benno. Kurz nach dem Abgange der Jäger Heinze, durch das Portal eintretend. Heinze.(tritt zu Benno). Ich grüß' Euch, Benno— wünſch' Euch guten Morgen! Benno. Wollt Ihr mit Eurem Gruße mich erfreu'n, So ſprechet lieber: Benno, grüß⸗ Euch Gott! Denn ohne den kann Gutes uns nicht werden.— Viel lieber, Heinze, wär' es mir jedoch, Wenn fürder Ihr mit mir nicht ſprechen woll⸗ . tet. 85 Heinze. Ihr ſeid ein närr'ſcher Kautz! Was that ich Euch, Daß Ihr mit ſchwarzem Groll mich ſtets ver⸗ 3 folgt? Ihr ſeid verliebt— nun gut, das weiß ich ſchon, Und dabei ſteh' ich Euch doch nicht im Wege. Der Vater giebt ſie Euch— Benno. Ha Teuſel!— Heinze. 4 Wie? Kennt Ihr den auch? Benno. Von Anſehn nun ja wohl Ihr ſeid ſein Ebenbild. Doch kurz und gut: Sprecht nicht mit mir und laßt mich ungeſchoren. Heinze. Schon gut, ich kann ja meiner Wege gehen. Sehr lieblos iſt's jedoch von Euch gehandelt. Ich red' Euch an, ich wünſch' Euch guten Mor⸗ gen, Und Ihr— Ihr ſchmählt ihn mir vom Munde weg. Beleidigen iſt leichter, denn es tragen, Daß man von Andern ſchwer beleidigt wird. D'rum räume ich das Feld, obſchon ich weiß, Daß Eure Hitze Euch noch reuen wird. Benno. Verzeiht mir, Heinz', ich ſeh' mein Unrecht ein. Ihr ſtoͤrtet mich vorhin im Grillenfangen, Uind das vermochte mich, Euch anzufahren. Heinze. Wie kommt es aber denn, das Grillen Euch 8 Die ſonſt ſo heitre Stirne jetzt umwölken— 2 Ihr ſeid geliebt— Benno.(einfallend). 4 O ſchweigt davon, ich bitt Euch! Heinze. Sagt mir doch nur, was eigentlich Euch fehlt— Hat man vielleicht den Waidmann Euch geſtellt? Auch dafür weiß ich Rath, ſagt's grad' heraus.— Benn o. Bewahre Gott!— Doch, Heinze, ſagt mir doch, Iſt es denn wahr, was alte Jüger ſprechen, Daß man's Gewehr ſo arg verhexen könne? b Heinze. Ja wohl iſt's wahr. Ich könnt' Euch viel erzählen, Was ich mit eignen Augen ſchon geſehen— Die Jäger nennen das: den Waidmann ſtellen. Das Uebel iſt zwar groß, doch leicht zu heben. Gedt mir, iſt Euch denn in der That— Benno.(ihn unterbrechend). — „ Was meint Ihr? 6 Heinze. Der Waidmann— Benno.(einfallend). 3 Zauberei ſicht mich nicht an.— Heinze. Auf meinen Reiſen iſt ſchon Vieles mir Und Seltſames begegnet. Hört mich an! Als ich durch Frankreichs ſchöne Gauen zog. Da traf ich auch, in einem Meierhofe, Ein junges Bürſchgen in Verzweiflung an, Weil ihm kein Schuß mehr glücken wollt'. Doch ich War bald mit meinem Rathe da zur Hand. Er folgte, und ihm war ſogleich geholfen. Doch nicht dem Einz'gen hab' ich es gelehrt, Gar Vielen hat ſich's noch bewährt gezeigt. Das Ding ſteht Jedem frei, verſteht mich wohl Und Niemand iſt noch ſchlecht dabei gefahren; Wer immer ſeine Waidtaſch' füllen will, Der kann es nicht auf leicht're Weiſe haben. Benno. Ihr ſprecht in Näthſeln. Sagt es grad' heraus, Das Grade iſt ſo meine Sitt' und Art— Heinze. Ei ſeht doch! Haltet mich wohl gar zum Narren!. So leicht geb' ich Euch mein Geheimniß nicht. Erſt ſaget mir, ob Ihr ˙s verſuchen wollt, Dann rück' ich mit der Sprach' ſogleich heraus, So grad' als Ihr's nur immer haben möget.— „ ————— ———õ— 7— 2 ——— —ꝛ— 10 Benno. Mein Wort verpfänden, Schwarzer! eh ich weiß, Welch Mittel Ihr mir an die Hand wollt geben? Nein, ſparet Eure Ränke, Zungenheld! Heinze. Schaut, wie Ihr abermahls ſo zornig wer⸗ det— Warum ſo feindlich wieder gegen mich? Benno. S ſtellt Euch nicht ſo ſanft und liebreich mir, Der Teufel guckt doch überall hervor.— Am End' ſollt' ich wohl gar ein Freiſchütz wer⸗ den— 2 Nein, ehe das geſchieht, mag's lieber bleiben So wie es leider jetzt beſchaffen iſt.— Heinze. Seht nur, wie falſch Ihr ſeid. Erſt ſag⸗ tet Ihr, Euchi ſey nichts im Geringſten wiederfahren, Und nun ſprecht Ihr— ei ſeht, das iſt nicht, ſchoͤn; Warum nicht offen ſprechen mit dem Freunde? Was wär' es denn nun weiter? Glaubet Ihr, Daß Euch der Freiſchütz Hals und Kragen koſtet? Benno. O waͤre nur ein Spiegel bei der Hand, 11 Daß Eure Larve ich Euch zeigen koͤnnte! Schweigt mir mit dem Gewäſch, ich glaub' Euch nicht. Der Jäger nur allein iſt etwas werth, Der auf die Kunſt, Geſchicklichkeit vertraut. Der aber Zuflucht nimmt zu Hexerei, Zu Zauberwerk und nächtlichen Geburten, Der iſt ein Kind der Finſterniß, die feindlich Den frohen Menſchen anzulocken ſtrebt, Gar liebliche Gebild' und Freud' verheißt, Wenn er ſich aber hingiebt ihrer Macht, Ihn nicht mehr läßt, ihn in's Verderben ſtürzt. Nein, gehet nur, und werd' ich gleich nichts ſchießen, Ha ſo umfängt mich doch der grüne Wald, Ich darf ergehen mich im Luſtrevier, Die Bruſt iſt offen jedem Hochgefühl, Das Auge hebet froh ſich auf zum Himmel, Ich darf ein Kind mich nennen dieſer Welt, Die rings ſo ſchön, ſo freundlich zu mir lacht, Und alle Menſchen darf ich Brüder nennen.— D'rum ſich nicht losgeſagt von dem Verein', Der alle Menſchen liebevoll umwindet, Sie unter ſich, ſie an die Gottheit knuͤpft. Heinze. Ihr ſprechet klug, Ihr ſprechet ſchoͤne Worte. Man hoͤret gleich, Ihr habt etwas geleſen. 12 Doch wie man durch die Welt ſich winden muß, Und oftmahls das ergreifen, was man lieber Gern unterlaſſen möchte, wißt Ihr nicht.— D'rum lebet wohl, und mög' es gut Euch gehen.— (ab burch das Portah). Dritter Auftritt. Benno. aallein). Gut, daß er fort iſt. Schier Gewitterluft Schien, da er hier war, dieſe Hall zu füllen. Nie war ein Menſch mir ſo wie der zuwider. (er ſieht zum Gitterfenſter hinaus). Doch dort kommt ja der alte Knabe Ruppert— Wenn den ich ſeh', da wird's mir leichter gleich. Er war der Erſte, der die Büchſe mich, Dem damahls Dreizehnjähr'gen, ſpannen lehrte. Vierter Auftritt. Benno. Ruppert.(burch das Portal eintre⸗ tend). Benno. Gott grüß' Euch, Ruppert, alter, treuer Freund! Ruppert. Gott nehme Dich in ſeine heil'ge Wacht! — 8 6 —— 13 Benno.(leiſe fuͤr ſich). Ein Himmelstroſt bricht mir aus ſeinen Au⸗ gen. Ruppert. Ich ſah den Heinz' ſo eben Dich verlaſſen— Benno. Ganz wider meinen Willen war er hier— Ruppert. Der Heinz' gefällt mir nicht. Du biſt noch jung, Haſt die Erfahrung nicht, ich muß Dir's ſagen. Weiß man doch nicht, wo ſein Geburtsort iſt. Er fand ſich bettelnd her, doch ſchießt er gut, Und da hat ihn der Herr in Dienſt genommen. Mir iſt's nicht lieb, daß er mein Lager theilt, So Einer kann ſo Seel' als Leib vergeſſen. Es iſt zwar ſonderbar, daß ich's erzähle, Doch iſt es ſo, und lache immerhin. Den linken Fuß, der etwas länger ſcheint, Entkleid't er nie; er ſagt, es ſchmerze ihn; Und ſeine kleinen, rothen Augen leuchten Im Finſtern grauſend faſt— Benno. Hm— ſonderbar! Gar Vieles mag die Phancaſie wohl ſchaffen, Weil uns der Menſch ganz ungewöhnlich ſcheint. 14 Mir war es eben, wie er mit mir ſprach, Als läg' Gewitterſchwüle auf der Halle.— Ruppert. Des Heinze Gegenwart bringt uns nichts Gutes— O ließ Herr Hugo ihn doch weiter ziehen!— Benno. Er hält gar viel auf ihn; er ſchießet brav, Und jetzt fehlt's leider ihm an guten Schützen. Du biſt zu alt, die Andern Lehrlinge, Und ich— o laß mich ſchweigen— Ruppert. Benno, ſieh— Ich wette, was Dich drückt, es iſt ſein Werk. Benno.. Du ſcherzeſt— hexen kann er doch wohl nicht. Ruppert. Warum nicht? Solches Volk kann noch gar Vieles, Davor uns Andern wohl das Haar ſich ſträubt. Denn früher ging er mit Zigeunern um, Das ſagt er ſelbſt, und iſt wohl ſelber Einer. Doch Eins noch, Benno— nimm vor allen Dingen Dich vor dem Heinze ſorgſamlich in Acht. Ich lieb' Dich wie den Sohn, der früh mir ſtarb; 15 D'rum beuge nicht dies Haupt, von Alter grau, Durch eine That, die Dir Verderben bringt. (ab burch das Porta!) Fünfter Auftritt. Benno. qallein). Ja geh nur, alter Mann; was in mir tobt, Das können Deine Worte nicht beſchwicht'gen. O Bertha, lieblich Bild!— Unſelig Mißgeſchick, Ich fühl' es wohl, ich werde Dich verlieren! Werd ich die Schmerzen wohl ertragen koͤnnen?— Mein Arm, nur einmahl noch im Leben ziel', Und triff! Nur dies, mehr will ich nichts er⸗ flehen.— So fahret hin, ihr kindlich frohen Träume, Laßt mich allein in öder, ſchwarzer Nacht. Der Wald iſt ein Gefängniß mir. Zerſpringt Ihr Bande, die ihr mich an's Leben ſeſſelt, Vor wüthender Verzweiflung rett' ich mich.— (er ſpricht das Folgende beinahe gänzlich abweſend, wie traͤumend:) Ein Mittel nur wär' da, mich zu erretten Von ſchwerer Schmach und vom noch ſchwerer'n Tod— Das Leben iſt ſo ſchön, ich könnt's genießen— Doch durch welch Mittel müßt' ich es ge⸗ . winnen?— 16 Ein Freiſchütz werden, freie Kugeln gießen— Was iſt's denn weiter, fehlt es mir an Muth? Für die Geliebte kann ich alles wagen, Denn ihr Beſitz beut mir Entſchädigung. Warum ſich ſcheu'n, mit Geiſtern umzugehn, Die doch das Höchſte leichtlich uns verſchaffen— 2 Das höchſte Gluck genießen hier auf Erden, Das iſt ein Preis, der wohl des Wagens werth! Was and're Welten uns davon beſcheren, Das deckt, ein ew'ger Schleier ſorgſam zu. Wär's nun nicht thöricht, Ammenmährchen 4 glauben, Und uns die Freud⸗ vergäll'n, die uns umgiebt?— Hat mir ein böſer Geiſt den Streich geſpielt, Den Waidmann mir geſtellt, ſo kann ich auch Hinwiederum den böſen Zauber bannen. Soll ich den finſtern Maͤchten nur zum Spiel, Zum bloßen Spiel nur hingegeben ſeyn? Nein, nein, den ſchwarzen Zauber den ihr brütet, Vernichte ich durch ſtarke Gegenwehr, MUInd ſo erring' ich mir die Heißgeliebte, Und lache eurer Ohnmacht, Herenvolk!— (er ſieht durch das Gitterfenſter). Da gehet Heinz' vorüber— ruf⸗ ich ihn?— Er ſchöpfet Waſſer für ſein ſchwarzes Roß— Ein ſchauderhaftes Paar, ſo Roß als Reiter. Er dreht ſich nach mir um, er lacht herauf— 17 (zu ſich kommend). Den ruf' ich nicht. Ihr Himmelsſchaaren, ſteht Mir Armem bei! Was ſprach ich denn ſo eben?— O Vater führ' mich in Verſuchung nicht!— Nichts will ich, nichts will ich geſprochen haben!— O Himmel!— Sechſter Auftritt. Benno. Bertha(durch die Seitenthüre links eintretend). Bertha. Benno!— Benno. Welche Stimme, wie? (Bertha erblickend). Ha, Bertha, Du biſt es? So früh am Morgen? Bertha. Ach Angſt und Sorge treiben mich zu Dir, Denn unſrer treuen Liebe ſchwand die Sonne! Benno. Schwand, ſageſt Du? Nein, Bertha, das noch nicht! Sie iſt im Schwinden, alſo willſt Du ſagen. Doch, glaube mir, ich werd' ſie bannen können, Und ſtiller Liebe ſchöner Zauber ſoll Von Neuem unſren Herzen ſich erſchließen, 18 Von Neuem uns mit holdem Glanz umfließen. Denn nicht, um traurig nur dahinzuwelken In trüben Kummers dunkler Grabesnacht, Erblühte uns die ſüße Himmelsblume In unſrer Herzen tiefſtem Heiligthume. O glaub' mir, der ſo weit ſie keimen ließ, Wird ihr auch ferneres Gedeihen ſchenken. D'rum nicht verzagt, denn treue Liebe währet So unvergänglich, Bertha, wie die Sonne. Bertha. Verzeihe mir die Angſt und meine Zweifel— Ich bin ein ſchwaches Reis nur, lieber Benno, Das von dem Hauch, dem leiſeſten, bewegt, Erzittert, ſchwankt und wohl gar leicht auch bricht— Doch Du, Du biſt ein ſtarker Mann, Du gleichſt Der Eiche, die dem Sturme muthig trotzt. Bin ich bei Dir, mein Benno, ſo vergeſſe Ich leicht den Kummer, der im Innern nagt, Wenn drinnen ich bei'm Vater weilen muß. Und ſo lebt auch in mir der feſte Glaube, Daß, wären wir beiſammen immer nur, Ein ſtilles Glück uns bald erblühen würde, Wenn auch Gefahr und Sorge uns umgäbe. Benno. Du thuſt Dir ſelber Unrecht, liebe Bertha, Wenn Du dem ſchwachen Neiſe Dich vergleichſt— 19 Nein, Mäadchen, nein, Du biſt bei Gott nicht ſchwach; Die Liebe hat die zarte Bruſt geſtählt— O, meine Bertha, halte feſt an ihr— Bertha. Mein Benno, nie ſollſt Du mich wanken ſehen.— Ach jetzt, bei Dir erſt, wird mir wieder wohl. Es preßte eine fürchterliche Angſt Mit ihren Schrecken mir das Herz zuſammen, Und furchtbar ängſtigten mich ſchwere Träume Durch wunderbar geheimnißvolle Bilder; Und grauſer wurden ſie und immer wilder, Als ſich der Morgen nahte. Ich erwachte, Und als ich bebend in das Zimmer trat, Wo meine Aeltern weilten, ach da ward Mit einem Mahle plötzlich mir es klar, Was ich verworren erſt geträumet hatte. Denn abgewendet ſtand mein alter Vater, Die grauen Locken hingen tief herab— Ach, g'rade ſo ſah ich im Traume ihn. Und meine gute Mutter, neben ihm Erſchöpft und matt auf einem Seſſel ruhend, Schlug ſcheu die rothgeweinten Augen nieder.— Da winkte Mutter ſtill mir mit der Hand, Daß ich dem Vater nicht zu nahe käme— Jedoch zu ſpäͤt, ich hatte ſeine Hand, 20 Dem Herzen folgend, ſchon zum Mund geführt, Und deckte ſie mit liebevollen Küſſen. Da ſah er auf, und ſah mir in's Geſicht— Und tief erſchaudernd bebte ich zuſammen, Denn plötzlich ſchien er nicht mein Vater mir— In ſeinen ſonſt ſo klaren, hellen Augen Sah eine düſterrothe Gluth ich brennen, Die nicht gelöſchet, nur gedämpfet ſchien, Und zuckend ſchoß er einen grellen Blitz Nach mir— er traf mein Herz, ich hielt mich kaum. Da hörte dumpf ich ſeine Stimme dröhnen: „Nie kann der Mann Dein Gatte jemahls werden, „Für den in heißer Liebe Du entbrannt— „D'rum meide ihn, denn Beide ſeid Ihr ſonſt „Unrettbar fuͤr die Ewigkeit verloren!“— Da ſchwankte ich, es ſchwanden mir die Sinne, Bewußtlos ſank ich in der Mutter Arm— Und wie darauf ich zu mir ſelber kam, Da fand ich mich in meinem Bette wieder, Die Mutter ängſtlich mir zur Seite ſtehend, Und ſorgſamlich und bang um mich beſchäftigt. Und all das ganze Wunderbare war Mir gar nicht wiederfahren noch und nicht Geſchehen; nein, es war ein Traum im Traume. Benno. Dein Blut iſt aufgereget, liebe Bertha, Und dieß allein nur iſt der Grund des Traumes! Bertha.. Doch nie geſchah es mir, daß mich ein Traum Noch bei'm Erwachen ſo ergriſfen hätte. Und wäre ſelbſt der Traum bedeutungsleer, Iſt nicht das Wachen ſchrecklich ſchon genug? Denn aufgebracht und zornig rief mein Vater, Es wäre Zeit, Du müßteſt uns verlaſſen, Und nimmer würdeſt je Du mein Gemahl. Nur einen tücht'gen Jäger woll' er einſt Als ſeinen Freund und Schwiegerſohn begruͤßen. Und als in Schmerz und Trauer ich ihn flehte, Da ward er zornig und ſchwur feierlich, Er gäbe nimmer mich zum Weibe Dir, Bevor Du nicht es Allen vorgethan Und die verlor'ne Jägerehr⸗ gerettet.— Doch, Benno, trag's dem ſtrengen Mann' nicht nach, Ich bitte, flehe dringend Dich darum, ind thue lieber pünktlich, was er will. Nimm auf der Jagd Dich recht zuſammen, Benno, Und kehre reich an Beute wieder heim, Damit Du Dir von Neuem ſeine Liebe Gewinnen mögeſt„die Du jetzt verſcherzt. Benno. 3 Ach Bertha, ſtünd' es nur in meiner Macht, Ich wollte Alles, Alles wollt' ich wagen, Dich, Heißgeliebte muthig zu erringen, 22 Dich, meines Lebens höchſtes, einz'ges Glück!— Vermeinſt Du denn, ich wollt' vielleicht nicht mehr In Demuth meinem Herrn als Jäger dienen? Wie? Oder glaubſt Du, dieſer ſtarke Arm Hätt' ſeine vor'ge Spannkraft ganz verloren, Und dieſes Auge trüge mich nicht mehr, Dem Falken gleich, zum fernſten Ziele hin?— Nein, Bertha, Alles dieſes iſt es nicht, Nichts hat die vor'ge Kraft in mir verloren— Doch ach, es ruht ein ſchwerer Fluch auf mir, Der mich erdruͤckt— mir kann kein Schuß mehr glücken. Bertha. Wie ſagſt Du? Wie? Ein Fluch?! O ſprich es aus— Benno. Haſt Du in Deinem Leben nie gehört, Daß man dem beſten Jägersmanne auch Durch böſe Kunſt die Büchſ' verhexen könne? Man nennt es insgemein: den Waidmann ſtel⸗ len— Wie er ſich auch dann mühen, plagen mag, Nichts iſt im Stand, den Zauber aufzulöſen, Nur Eins allein— doch dieſes iſt nicht da— Berlha. Es iſt nicht da, und dennoch kann es Eins 7— 8 23 Benno. § Bertha, laß es mich Dir ſtets verſchwei⸗ gen— Bertha. So weißt Du gar nichts denn als Nettung mit Zu ſagen?— Benno. Nur auf Gott laß uns vertrauen Und feſt an unſre treue Liebe halten— Was uns auch immer wiederfahren mag, Bleibt dann der Troſt uns ſicherlich nicht aus. Bertha. Ja ewig, ewig Dich allein zu lieben, Das ſchwör' ich, Benno, Dir, mein Heißge⸗ 4 liebter! Nichts ſoll auf Erden je uns trennen— Benno. 7 Nichts— Bertha. Und eins im Leben, eins im Tode— Benno. Eins— Bertha. Und ſollte ſelbſt in ſeinem wilden Zorne Der harte Vater Beide uns verſtoßen, Benno dann, dann wollen wir im Forſt 24 And unter Gottes freiem Sternenhimmel Die heitern Feſte unſrer Liebe ſeiern. Benno.. Ja Hoffnung, holde Bertha, Hoffnung muß In dieſem wilden Sturm uns aufrecht halten. Laß uns, Geliebte, immer muthig kämpfen, Gott wird uns nicht verlaſſen— (Hugo tritt burch die Seitenthüre links ein, mit einem Briefe in der Hand). Bertha.(ſich umſehend und ihren Bater bemerkend, halblaut zu Benno:) Ha, der Vater! Siebenter Auftritt. Vorige. Hugo. Hugo.(indem er ſich Beiben nähert, zu Benno 5 Wie, Benno, Du noch hier? Nicht aus . zur Jagd? Du, Bertha, haſt ihn wohl zurückgehalten— 2 Viel Wild wird zwar gebraucht, doch thut's nicht Noth, Das Benno eben ſich darum bemühe. Der gnäd'ge Herr zieht morgen zeitig ein In meine alte Hütte hier im Walde, Mir ſagt es dieſer Brief, den mir ein Bothe So eben bringt— ja, morgen zieht er ein!— Er ſoll ein Mahl hier finden, unſer Herr, 87 10 ◻* Wie es nicht beſſer in der Burg ihm wird. Die Jäger ſind ſchon Alle aus, heut gilt's, Denn Hirſche, Keuler, Rehe will ich haben. G'rad' morgen trifft des Herrn Geburtstag ein, Und da iſt, wie Ihr wißt, das Probeſchießen. (er ſteckt ben Brief in den Buſen). Benno. Das Probeſchießen?— Hugo. Ja doch, morgen iſt's— Wer morgen ſchießt den Vogel von der Stange, Der hat die Anwartſchaft auf meine Stelle— Bertha. O Gott! Und morgen ſchon? Benno. Nur Hoffnung, Bertha! Hugo. Du ſchießeſt doch wohl, Benno, gar nicht mit— Du würdeſt nicht das ferne Ziel erreichen, Und wäreſt ſo den Lachern Preis gegeben. Benno. Nur böſe Menſchen, Hugo, können la⸗ chen, Wo Anderen das Herz im Leih' zerſpringt. IV. Theil. B 26 Hugo. 3 Ja, wenn das Herz zerſpringt, iſt's freilich ſchlimm— Doch wär' es beſſer wohl, Du träf'ſt in's Herz Das Jägerziel— d'rum bleib' auch von der Jagd, Um's Pulver iſt's nur ſchad', Du bringſt nichts heim. Benno. Ihr neckt und foppt mich— wohl, ich ge⸗ he fort, Und treff' ich nichts, werd' Eins ich nicht ver⸗ fehlen!— (ſchnell ab durch das Portal). Achter Auftritt. Bertha. Hugo. Bertha. Ach Vater, laßt ihn nicht verzweifelnd gehen! Hugo. Es hat nicht Noth, beruh'ge Dich, mein Kind; Laß ihn nur auf die Jagd, ich wett', er ſchießt. Was alte Jaͤger von der Hexerei, Vom Waidmann ſtellen, munkeln, iſt nichts mehr, Nichts weniger, als Ungeſchicklichkeit. Die Liebe macht den Burſchen blind und ſchwach. 27 Er denkt an Dich, er träumet ſtets von Dir, Und da vergißt er d'rüber Schuß und Ziel. Er ſchießt ſelbſt nicht einmahl, der Heinze hat Mir's für gewiß erzählt, er hab' geſehen, Wie Benno Pulver ſtreute in den Bach, Und dann zu Hauſe ſagt', er hab's verſchoſſen. Bertha. Der Heinze, Vater, ſcheint voll arger Liſt— Hugo. Ja freilich, neben Benno iſt er ſchwarz, Verwachſen, häßlich, rauh und was noch mehr! Allein mir iſt er theuer als ein Schütz, Der ſeines Gleichen ſucht— (man hort ein Geraäuſch). Bertha. 3 Was fur ein Lärm? Hugo.(an bas Gitterfenſier tretend). Die Rüdejungen ſtehen ſo verwirrt, Der Hofhund heult, was Teufel muß es geben? Bertha.(eiſe für ſich). O Himmel, welche ſchreckenvolle Ahndung! Hugo.(zum Gitterfenſter hinausrufend). He, Heinrich, komm herauf!— B 2 28 NReunter Auftritt. Vorige. Heinri ch.(burch has Portal eintretenb). Heinrich. Geſkrenger Herr! So eben ging der Heinze über'n Hof, Nach jenem Stall, ſo ſeltſam angethan, Das Alles d'rob erſtaunt. Ein ſchwarz Gewand Mit Noth beſetzt, gleich ſchlängelten ſich Flammen Darauf, den Kopf deckt eine hohe Mütze— Er zäumt ſein Roß, um in den Wald zu reiten— Hugo.(wieber zum Gitterfenſter hinausſehend). Iſt's weiter nichts? Er iſt ein toller Kerl, Der Heinz'. Dies iſt der Anzug, den er trug, Da er noch mit Zigeunern wanderte— Heinrich. Ginter Hugo zum Gitterfenſter hinaus⸗ ſehend:) 3 Jetzt reitet er davon— Hugo. . Ganz ſonderbar Sieht er in dieſem fremden Anzug aus. (Heinrich ab burch das Portah⸗ Bertha.(hat zum Gitterfenfter hinausgeſehen, und wenbet ſich mit Abſcheu weg). Ich muß hinaus— mir wird es hier zu 6. enge! (ab burch das Portah). 29 Zehnter Auftritt. Hugo.(allein; den Brief hervorziehenb und be⸗ trachtend). Ob ich den Brief wohl ganz durchleſe? — Ha 7 Wie wild in meinem Innern es doch tobt! Wie wunderbar die Zeichen ſich durchkreuzen— Mir iſt's, als ſollt' was Schreckliches ich ſehen. Ich fürchte mich, die Hülle zu entfalten, Die ernſte, ſchwarze Schrift zu ſchau'n, die mir Auch Ernſtes in's Gedächtniß rufen ſoll.— Ich leſ' ihn nicht den Brief; wie, wenn nun gar Mir etwas groß entgegenſtarrt' aus ihm, Den Sinn verrückend—— leichtlich kann's ge⸗ ſchehen. Ich leſ' ihn wahrlich nicht. die Zeit geht ſchwanger Mit irgend etwas Gräßlichem— ich merk's. Die Hirngeſpinnſte laſſen mich nicht ruh'n.— Mit einemmahle werd' ich bang und zagend. Ich fühl's, mein guter Stern iſt mir erloſchen— Doch iſt der's nicht ſchon längſt, da ich die That Im Wald verübte?— Schweig, Du alter Thor! Wenn Jemand es nun hoͤrte.— Schier verwirrt 30 Iſt mir der Sinn!— Der Brief bleibt ungeleſen; Er macht nur ſchlimmer, was ſchon ſchlimm genug.— (ab burch die Seitenthüre links). Eilfter Auftritt. (Dichter Wald). Rudolf und Jakob.(con der rechten Seite kommenb). Hernach Benno„Ruppert und mehrere Jäger. Rudolf. Dies iſt der Ort, wo wir uns finden wollten. Wohlan, ſo will ich dem̃ das Zeichen geben. (Er ſtößt mehrere Mahle in's Horn.— Benno, Rup⸗ pert und mehrere Jäger kommen von der linken Seite Alle wenden ſich zum Abgehen, bis auf Benno, welcher zurückbleibt).. Jakob. Czu Benno). Nun, Benno, bleibt Ihr hier? Kommt Ihr nicht mit? Benno. Ich komme bald. Vorerſt will ich verſuchen, Ob ich den Hirſch nicht ſchieße, den wir ſahen— Geht nur indeß voraus, ich komme nach. Ruppert.(im Abgehen). Der arme Junge dauert mich fürwahr! (Alle, bis auf Benno nach her rechten Seite ab). Zwölfter Auftritt. Benno.(allein). Die Waidtaſch' leer. Schon wieder nichts geſchoſſen.— Grämt Euch nur Vater Hugo, Ihr und ich Sind dieſem Hexenwerke nicht gewachſen. Doch Euren Spott, den kann ich nicht ertragen. Wer durfte ſonſt des Jägers Benno ſpotten? Und jetzt? Steh' ich nicht da in voller Kraft? Was iſt's, das meine Sehnen ſo erſchlafft?— Wohlan, es ſey!—(er verſinkt in Nachdenken). Leb' wohl, geliebte Bertha!— Dreizehnter Auftritt. Benno. Heinze.(von der linken Seite kommenb). Heinze.(tritt raſch zu Benno). Ha, guten Morgen, Bennd; ſo allein? Die andern Jäger ſind ſchon heimgezogen. Benno. Ja wohl— ſchon heim— doch ich— laßt — mich— Heinze. Ihr ſeht So luſtig aus, ſchaut ſonderbar umber. 32 Ich glaub', Ihr bringet reiche Beute heim. So laßt doch ſehn! Zeigt her! Benno. . Ich bringe nichts, Und will nicht einmahl dieſen Leichnam hier Nach Hauſe bringen— Heinze. Wie verſteh' ich Euch? Benno. Kommt nur, und zaudert nicht, wir wollen gehen— Heinze. Doch ohne Beute wolltet heim Ihr kehren? Benno. Nein, beſter Freund, ich kehre nimmer heim, Uind kommt Ihr mit, ſo werdet Ihr bald ſehen, Wie ich's verſtanden wiſſen will— Heinze.(will nach ber rechten Seite abgehen). So kommt! Benno. Nicht hier, es iſt zu weit, die Hitze drückend, Wir gehen lieber jenen Weg, der ſchneller Uns zu der alten Wart' hinüberbringt. 4 Heinze. Wie aber, Benno, wollten wir die Klippen, Die dort zum Himmel ſtarren, überſchreiten 2 Ihr kennt die Stelle nicht, wo wild der Bach 22 99 Sich über Felſen ſtürzt und ſeinen Schaum Bis an des Himmels Wölbung brauſend ſprützt. Ein ſchwaches Brett ſchwebt über jenem Grunde, Und gäͤhnend droht die Kluft dem Schwindelnden. Benno. Ich kenn' die Stelle wohl; gar oft ging ich Mit meiner Bertha hin. Doch ſtill davon. Kommt, Heinze, kommt, ſonſt gehe ich allein! Heinze. Ihr ſeid ſo aufgeregt, laßt ab, laßt ab! Der Bach iſt tief, die Felſen ſind ſo ſchrecklich. Wer da hinein fällt, kommt nicht mehr an's Licht. Benno. O doch, er kommt. Wie ich ein Knabe war, Da fiel des Ziegenhirten kleiner Sohn „Hinunter in den Bach. Er kam hervor, Wo unten an dem Abhang wieder ſanft Die klare Welle über Kies dahinfließt. Da fand man ihn. Doch ſah er lieblich aus. Ach herrlich, prächtig, o ſo blühte nie Der friſche Knabe in des Lebens Lenze. Ganz blühend und mit Wunden ſchön ge⸗ ſchmückt.— Komm, Heinze.— Ha, was rauſchte da im Dickicht? Heinze. Dem Jäger kann ja dieſer Ton nicht fremd 4 ſeyn— 'S iſt ein Rudel Hirſche— hier, ganz nah'— Nur angelegt, hier kannſt Du nicht verfehlen. Benno. Ich mag, ich kann, ich will nicht ſchießen— Heinze. Sieh Nur einmahl hin, und laß den Eigenſinn— Einmahl nur noch— Benno. Ich möcht' es wohl verſuchen— Doch hab' ich Blei und Pulver ſchon verſchoſſen. Heinze.(eine Kugel hervorſuchenb unb ihm reichend). Hier nimm— ich habe noch— hier dieſe Kugel— Benno. Gieb her in's Teufels Nahmen.(er labet ſeine Büchſe) Sonderbar— Die Kugel wird ſo ſchwer mir in der Hand— Heinze. Die kann auch mehr, als alle andren Kugeln. Benno.(der unterbeſſen mit dem Laben fertig ge⸗ worben iſt). 3 Was ſagſt Du?— Wie? Es iſt doch nicht . vielleicht— 2 (das Gewehr geht von ſelbſt los). Heinze. Nun, hohl' das Wild, drei Sechszehnender ſind's, So viel hat heut kein Jäger noch geſchoſſen. Nur fein auf mich vertraut, mein lieber Sohn!— Jetzt folge mir, Du ſollſt mich kennen lernen. (ab nach der rechten Seite. Benno bleibt in Nachben⸗ ken verſunken ſtehen. Der Vorhang fällt raſch). (Ende des erſten Aufzugs). Zweiter Aufzug. (Zimmer in der Warte, mit einer Thüre im Hinter⸗ grunde, und zwei Seitenthüren. Links im Vorber⸗ grunde ein offenes Gitterfenſter, Rechts ſeitwarts an der Wand haͤngt das Bilbd eines Jünglings, links eine Zither. Ganz vorn rechts ein großer Tiſch). a Erſter Auftritt. Hugo. Ilſe.(am Spinnrocken ſitzend). Hugo. Und Punktum nun. Ich ſag's und bleib' dabei. Mein Schwiegerſohn kann nur ein Jäger werden. Ilſe. Ach Gott, das arme Blut, wie dauert's mich-. Das Madchen liebt den Benno ſchon ſo ünge Und wie ſie liebt— das weiß ich, lieber Hugo. Solch' zarte Lieb' im Wald iſt aufgeblühet, Daß Eng'lein ſelber ihre Freud' d'ran haben. Hugo. Ja, gutes Weib, Du weißt es, daß ich oft Dir ſagt': ich freu' mich ob der Kinder Liebe, Wiewohl die Freude ſelten bei mir einkehrt— Doch wenn ich ſah das ſüße Einverſtändniß Des Benno mit der Bertha, o ſo ward Nit einemmahle mir ganz leicht und wohl. Ilſe. Und doch wollt'ſt Du das ſchöne Band zer⸗ reißen? Der Benno iſt geſcheut, er iſt der Mann, Den ich zum Schwiegerſohn' mir wünſche— Hugo. Wohl, Ich hab' ja nichts an Benno auszuſetzen. Doch muß mein Schwiegerſohn ein Jäger ſeyn. Der gruüne Rock allein macht ihn nicht aus, Das Schießen und das Treffen giebt ihn kund. Vor allen Dingen muß den Probeſchuß —— 37 Er leiſten, wen er meine Stelle will Nach meinem Tod' dereinſt zum Lehen haben. Von dieſem kann ich nimmer ihn entbinden. Beſteht den Schuß er nicht, ſo iſt's vorbei, Die Hut des Forſtes wird ihm nicht zu Theil, Und dann nimmt unſre Tochter einen Andern. Ilfe. Ich fürcht', noch vieles Leid wird mir vom Himmel Zu tragen auferlegt. Das arme Kind Thut ſich ein Leid's an, wenn es dieſes hoͤrt. Hugo. Hat keine Noth. Sie wird ihn wohl vergeſſen. Der Benno war ein Jäger ſonder Gleichen, Warum iſt er ſo ungeſchickt geworden? Nähm' er ſich nur zuſammen, ſo geläng's; Doch iſt das ſtets im Sinnen wie verloren. Umfängt ſich's hier, ſo trägt's das Bild mit fort, Und in des Waldes Räumen träumt ſich's ſüß; So iſt man träumend auf die Jagd gezogen, Hat unter Buch' und Eiche auch geträumt, Und kehrt getroſt dann träumend wieder heim.— Ilfe.. Du ſchmählſt ſchon wieder, Hugo; doch Du weißt, Was unſre Jäger munkeln— Hugo. 5 Dummes Zeug! Ruft ihr den Teufel nicht, er wird nicht kommen. Doch ſprechen ſie ſo lang' vom Satanas, So kommt er wohl, und frägt nach dem Be⸗ gehr.— Es war mir lieber, Mutter, wenn der Benno Von unſrem Maͤdchen ließ— Ilſe. Wie meinſt Du das? Hugo. Ich wollt', er ließ' das Mädchen— glaub⸗ es mir, Es wird nichts Gutes Allen d'raus erwachſen; Mir iſt, als ſollten wir uns gar nicht freu'n; Die Freude iſt nicht heimiſch hier im Forſte.— Das Mädchen wird zur Baſe hingethan, Die Stadt wird ihr die Grillen ſchon verſcheuchen, Und da wird leichtlich Einer ſich wohl finden, Der ſie zur Kammer führt.— Nun, tröſt' Dich nur, Das Töchterchen iſt hübſch, d'rum unverzagt. (ab burch bie Thüre im Hintergrunde). 39 Zweiter Auftritt. Ilſe. Bertha.(betrübt zur Seitenthüre links hereintretend). Flſe. Nun, Tochter: Bertha. Ach, ich hörte alles an.— Was iſt zu machen? Flſe. Nichts als Beten, Kind. Wenn Gott hilft, nun ſo gehet Alles gut, Er iſt der Einzige, der retten kann. Ob Zauberei, ob Ungeſchicklichkeit Im Spiele iſt, das iſt dann Alles gleich. Bertha. So iſt denn alle Hoffnung hingeſchwunden!— Flſe. Du läſterſt, Kind— iſt das Gebet zu Gott? Bertha. Ach, Mutter, ſonſt da flehte ich voll In⸗ brunſt, Und glaubte dann ſo feſt und ſtark: er hilft! Doch jetzt iſt mir, als würde er nicht helfen, Die inn're Stimme ſagt's, die truͤget nie. Ilſe. Verzage nicht— wenn er den Probeſchuß Beſteht, dann wird noch alles gut ſich enden. 40 Bertha.— Dooch ſaget mir, wozu iſt es denn nöthig, Daß Benno morgen dieſen Probſchuß thue?— Flſe. 3 So höre denn.— Vor vielen Jahren einſt, Da ritt des Ritters Ahnherr auf die Jagd, Und da begab ſich's, daß, als einen Hirſch Zie hetzten, einer aufſprang aus dem Buſch', * Auf dem ein Menſch feſt angeſchmiedet war. Da herrſchte noch das gräßliche Geſetz— Wenn man die Grauſamkeit ſo nennen darf— Den Wilddieb anzuſchmieden auf den Hirſch, Und ihn zu hetzen dann waldein, waldaus. Der Hirſch, dann doppelt wild, die ſchwere Laſt Auf ſeinem Rücken ſpührend, rannte flugs Durch Dorn und dicht verwachſenes Geſtrippe; So ward der Arme oben ſchier zerriſſen.— Der Ahnherr ſchrie und ſchwur Demzenigen, Der dieſen Hirſch erlege, doch den Menſchen, Der oben war, im mind'ſten nicht verletze, Die Stell' als Huüter dieſes Forſtes zu. Da trat Herr Kuno— dorten an der Wand Siehſt Du ſein Bild— ein Knäblein faſt an Jahren, Hart an den edeln Herrn und ſprach: ich will's— Und Alle lachten ob des Jünglings Muthe. Der Ahnherr aber ſprach: ſofern Du triffſt, 41 Halt' ich mein Wort, Du ſollſt die Stelle haben. Doch füg' ich noch hinzu, wenn du den Menſchen Ein wenig nur beſchädigſt, iſt der Tod Dein ſich'res Loos. D'rum bleibe von dem Schuſſe, Wenn Du nicht feſt Dich fühlſt; mir wär' es leid. D'rauf legt Herr Kuno an in Gottes Nahmen; Er zielt und trifft, der Hirſch ſtürzt und verendet; Der Menſch lebt' aber noch, der Schuß hatt' ihn Im mind'ſten nicht verletzt. D'rob Alles jauchzte. Doch aus dem Kreis trat Einer ſchadenfroh, Und ſprach: der Kuno hab' in's Blaue nur, Auf's gradewohl gezielt, da träf' es immer, Wenn man des Teufels Nahmen dabei ſpräche. Das nahm der Herr dem übel, und er büßte Das freche Wort drei Wochen in dem Kerker. Von Stunde an verordnete der Ritter, Alljährig müß' ein Probeſchießen hier Gehalten werden, wo die Jäͤger ſich Geſchickt bemühten, ihre Kunſt zu zeigen. Den Beſten dann nahm ſtets der Herr in Schutz, Und lohnte ihn.— So iſt's ſeither geweſen.— Dritter Auftritt. Vorige. Ruppert.(burch die Thüre im Hinter⸗ grunbe eintretend). Ruppert. Nun Freud' und Glück, nicht länger mehr geweint! 4 Ilſe.(zu Ruppert). Was giebt's? Die Augen funkeln Dir vor Freude— 1 Nuppert.. 'S iſt Alles gut, der Zauber iſt gelöſt— Bertha. Vom welchem Zauber ſprecht Ihr, lieber — Ruppert? 2 3 Ruppert. Vom Zauberbann auf ſeiner Büchſe— 9 Bertha. * Nun?— Ruppert. Der Zauber iſt gelöſt, ich ſag' Euch's ja— Drei Hirſche zieh'n die Jungen in den Hof, Mein lieber, goldner Benno hat geſchoſſen. Ich ſag' Euch's ja, er iſt ein Schütz zum Küſſen. Bertha. So iſt der Vater mit ihm ausgeſöhnt? Ruppert. Er liebte ſtets ihn, doch er konnt' nicht 3— leiden,— Daß er dem lieben Gott die Tage ſtahl, Und's Pulver in den Bach warf. Nun ſchon gut— Jetzt iſt's vorbei, ich ſprech' nicht weiter d'ruͤ⸗ ber.— 43 Doch ich muß fort, hinunter in den Hof, Die Rüdejungen warten ſchon auf mich.— (ab durch die Thüre im Hintergrunb). Vierter Auftritt. Ilſe. Bertha. Hugo.(durch bie Thüre im Sin⸗ tergrund eintretend).*— Bertha.(ihrem Vater entgegen eilend). Der Himmel lächelt wieder unſrem Bunde— Hugo.* Schnell iſt das Weinen in ein frohes Lächeln Bei Dir gewandelt, Kind;— doch iſt's nur Schein, Der Himmel lächelt nicht— Bertha.. Wie meint Ihr das? Ilſe.(zu Bertha). Dring' weiter nicht in ihn; Dein Vater iſt Nun einmahl ſo, er ſpäht ſtets bang voraus Und wähnet immer, unheilſchwanger ſeyen Die Fügungen des Himmels— (es fängt an, nach und nach dunkel zu werden.) Bertha.(ihren Vater liebkoſend). Vater, laßt Doch dieſe finſtern Grillen— werdet froh; Bald bin ich glücklich— freut Euch doch mit mir— Hugo. Ich freue mich.(leiſe bei Seite). Nimm Dich 3 zuſammen, Hugo. (laut). Ihr habt mein Wort, und Benno wird Dein Mann.— Den Probeſchuß nur ſoll er nicht verfehlen, Und trifft er morgen den, ſo ſoll er Dich — Auch gleich ntachher als Braut zum Altar führen. Wie ich's geſagt hab', ſey's; der Himmel laͤchle Euch gnädig Ruh' und Fried' in's Herz hinein.— (leiſe für ſich). Ihr habt ja nichts verſchuldet; Ihr ſeyd rein.— Fünfter Auftritt. Vorige. Benn 0.(durch bie Thüre im Hinter⸗ grunde eintretenb). 4 Benno. Gott grüß' Euch, Vater, Mutter, liebe 1 Bertha! Bin wieder ich zu Gnaden angenommen? * Hugo.. Du biſt mein Sohn, und Bertha wird Dein Weib.— 2 Bertha. Wird nun der Waidmann nicht mehr wie⸗ derkommen? Benno. Wir wollen's hoffen.— Bertha, Du nun mein! (ſie umarmen ſich). Hugo. q(zu Ilſe und Bertha). Nun, Kinder, fort und flink das Wild be⸗ reitet, 1 Denn morgen mit dem frühſten kommt Herr Otto. Der Abend dunkelt ſchon— Ilſe.(zu Bertha). 8 Komm, Bertha, komm, Begleit' mich in die Küche— Benno.(zu Ilſe). Liebe Mutter, Vergönnt doch noch ein Weilchen mir die Holde— Im Walde dunkelt's ſchon, doch in den Triften Da ſpielet Alles noch im Strahl der Sonne, D'rum bleibt— Ilſe. Nein, laß' ſie gehn. Ihr möchtet wohl Euch immerwährend in den Armen liegen. Das ſchickte ſich. Komm, Mädchen, in die Küche. (ab mit Bertha burch die Seitenthüre links). Sechſter Auftritt. Hugo. Benno. Hugo.— Ich ſteige in den Felſenkeller nun, Und hohle ein'ge Flaſchen von dem Alten. Benno.„ Dann wollen wir eins ſingen und uns freu'n. Hugo.(ſehr ernſt). 4 3 Die Freude iſt nicht heimiſch hier im Forſte.— (ab hurch die Thüre im Hintergrunde.) Sieb enter Auftritt. Benno.(allein). Ein ernſtes Wort!—(eine Weile nachdenkenb) Doch ſie ſoll heimiſch werden.— Die Stunde treibt! Mich rufet Lieb' und Ehre. Wär's thöricht nicht, das Einzige zu fliehen, Was nur im Stande wäre, mir zu helfen?— Weil das Geheimnißvolle ich nicht faſſe, Muß darum es wohl etwas Böſes ſeyn?, Und iſt's ſo unnatürlich was ich ſuche, Daß Geiſterhülfe dazu nöthig wäre? So reich iſt die Natur an Wunderkräften, Die unbegreiflich ſind— ſollt' ich mein Glück 47 Um eines Vorurtheiles willen fliehen? Nicht Geiſter will ich rufen. Dich Natur Mit Deinen Kräften will ich nur gebrauchen, Wenn ſtets ein Dunkel ſie mir auch verhuüllte. Ich ſuche Heinz', er ſoll es mir verkünden, Wie ich die Kugeln gieße in der Nacht. Die Liebe ruft, die Ehre— wohl, es ſey! Noch dieſe Nacht zum Kreuzweg' in dem Walde! Ich habe Muth, will Alles unternehmen, Was er mir ſagt. Der ſtille Platz am Moor, Dort iſt es einſam, Niemand ſiehet da, Was ich in jener ernſten Stunde treibe.— Niemand?— Ja, Einer ſieht's— und wird er zuͤrnen? Hat er den reinen Strahl von ſeiner Liebe Nicht in mein Herz geſenkt? Er wird nicht zuͤr⸗ nen— (er verſinkt in Nachdenken). Achter Auftritt. Benno. H einze.(burch bie Thüre im Hinter⸗ grunde eintretenb). Heinze.(zu Benno treten b). So in Gedanken, Freund? Was fehlet Dir 2 Biſt Du in Ehren angenommen worden? Liebt Bertha Dich?— Wird— Bennn o.(ſchnell einfallend) Alles, Alles gut. Nur Eins, mein Heinze noch, ſo bin ich glücklich. Heinze. Das Eine wär'— ſoll ich es etwa rathen? Benno. Der Probeſchuß— Heinze. Liegt da der Hund begraben? Dogh Bennchen ſieh, das kann Dich ja nicht drücken; Bennſo. Und doch, wie, wenn der Sn mißglück⸗ 6e— Heinze. Ei! Wie käme das! Du biſt der Schütze Benno. Nichts iſt zu hoch, zu fern Dir, d'rum getroſt. Benno. Ich muß es Dir geſtehn, da heimgekehrt Sich Alles freute ob der reichen Beute, Die Deine Kugel in dem Walde ſchoß, Da lief ich ſchnell zu meinem Kämmerlein Und lud's Gewehr, weil ich verſuchen wollte, Ob's alte Glück bei mir nun eingekehrt. Allein, was ich auch wählte mir zum Ziel, Die Kugel mied's, war ſie dem Lauf entfahren. 49 Da ſah ich wohl, die Hexerei ſey ſtark, Und Deine Kugel nur hab' ſie gebannt. Heinze. Ich ſagt' es Dir ja gleich, die Kugel ſey's, Die immer treffen müßt', und gerne wohl Gäb' ich Dir ein'ge noch, allein ſie ſind Mir ausgegangen— Benno. Doch was thueſt Du, Um wiederum die Kugeln zu erlangen? 3 Heinze. Ich gieß' ſie mir— Benno. Du ſelber? Heinze. 1. 2 Schon öfters es verſucht.— Si, ich hab Benno:(keiſe bei Seite). Sollt' ich's nicht auch?— Ja, wenn es Heinz' nicht wär', der mir es riethe— Heinze. Gehabt Euch wohl— Benno. Heinze, bleibt noch hier— Heinze. Laßt mich, wir ſehen uns ja auf den Abend, Da ſoll getrunken und geſungen werden, Ich ſtell' mich ein— l(er will gehen). IV. Theil. Benno.(Leiſe für ſich) Er geht!— Nun wohl, es ſey! Ich bitt' ihn d'rum.(laut). He, Heinze hört!— Heinze. Was giebt's? Benunſo. Was ſoll ich thun, die Kugeln mir zu ſchaffen? Heinze. Ihr wolltet wirklich?— Benno. Ja— Heinze. Hm! Laßt's nur ſeyn— Bei Euch thut's ja nicht Noth— Benno. . Ha, Spötter! Wie? Kennt Ihr des alten Hugo ſtarren Sinn? Kennt Ihr mein Unglück? Kennt Ihr meine Liebe? Ja Alles muß ſo groß ſeyn, wie es iſt, Um mich auf dieſen Weg gebracht zu haben— Heinze. Das Erſt' iſt wahr. Hugo iſt ſtarr und finſter; Das Zweite auch— Ihr konntet nicht mehr treffen; Das Dritte? Nun— iſt's die nicht, giebt's ja Andre. 51 Benno. Ihr, Heinze, wolltet von der Liebe ſprechen? Ihr ſeid ſehr klug, ſeid weit herumgekommen, Doch von der Liebe habt Ihr nichts empfunden. Heinze.(ſchmunzelnb). So eigentlich wohl nicht, Ihr mögt recht haben. Benno. Die Liebe iſt's ja eben, die mich treibt, Dem Gräßlichſten mit feſtem Sinn' zu trotzen. Die Liebe giebt mir Kraft, ſie giebt mir Muth. Würd' ich mit ſchwacher Hand zu ritzen wagen Die Rinde, d'runter Höllenflammen wüthen? Doch reine Liebe wird die Gluthen löſchen, Ich berge ruhig mich in ihren Fitt'gen!— Wenn Bertha ſich in reinem Aetherglanz Dem ſchwaͤrzeſten Verbrecher anſchmiegt, wird Von jenem Aetherglanz er mit verklärt— Heinze. Dies Blumlein Wunderhold iſt es denn alſo, Das Euch das Herz ſo aufregt— . Benno. Höret, Heinze!— Jetzt ſteh' ich da, wo man nicht weiter kann. Mein Blut wogt auf und ab wie fließend Feuer, Die Pulſe alle ſind gefüllt zum Berſten.— Ein Sprung nur rettet mich; ſo oder ſo!— C 2 52 Lehrt Ihr mich nicht, wie ich die Kugeln gieße, So ruf' den Schwarzen ſelbſt ich in die Schran⸗ ken— Heinze. Schreit nicht— er köoͤnnt' es hören— Benno.(außer ſich). Sagt Ihr's nicht? Heinze. Nun, wenn durchaus Ihr's wiſſen wollt— Benno. So ſprecht!— Heinze. Es iſt ein ſtarker Freundſchaftsdienſt von mir. Ich ſag's nicht Jedem, das mußt Du Dir mer⸗ ken.— Auf ſchmalem Kreuzweg' in dem dunklen Walde, Da mußt Du ſeyn, bevor des Kirchthurms Glocke Noch Mitternacht getönt mit vollem Schalle. Dort ziehſt Du einen Kreis von Todtenbeinen, Und gehſt hinein und ſchichteſt Reis zum Feuer, Und zünd'ſt es an, und wie die Glocke Zwölfe Summt, läßeſt in die Form das Blei Du fallen. Doch was Du ſieheſt, was Du höreſt, darf Dich nicht bewegen, aus dem Kreis zu treten. Merk' es Dir wohl, denn ſonſt biſt Du verloren. Auch ſprechen darfſt Du nicht, es iſt verpönet Bei jenen Maͤchten, die Dich dann umringen. 53 Nur Drei und ſechzig gießeſt Du der Kugeln,⸗ Und Sechzig treffen, Dreie davon äffen. Und wenn Sie alle nun gegoſſen ſind, So wirſt die Todtenbeine Du begraben, Das Feuer löſchen und nach Hauſe gehen. Nichts kann im Zauberkreiſe Dir geſchehen, Doch wehe Dir, wenn Du ihn überſchreiteſt.— Benno. Mir grauſt es. Ha, ein fürchterlich Ge⸗ ſchäft— Jedoch es ſey— Heinze. Um Zwölf, merk' Dir die Stunde, Nicht ſpäter darfſt das Gießen Du beginnen, Sonſt könnte leicht Dir Böſes wiederfahren. Benno. 2 Heut Abend will der Alte froͤhlich ſeyn, Wie, wenn ich da nicht fort kann?— Heinze. Das waͤr' ſchlimm. Benno. Und morgen iſt das Schießen— Heinze. Dann müßt's bleiben— Benno. Das Probeſchießen bleiben— 2 7/ Heinze. 9 Nein, das Gießen— Benno. Nein, nein, ich will es wagen, ſollte auch Die ganze Höll' ſich mir entgegendämmen!— Um Mitternacht am Kreuzweg'— (Bertha zeigt ſich in der Thüre im Hintergrunde). Heinze.(Bertha bemerkend). Da kommt Bertha!— Neunter Auftritt. Vorige. Bertha. Bertha.(freudig). O Benno! Benno! Freude über Freude, Weißt Du wohl auch, wer eben angekommen? Heinze.(zu Benno, der in Traͤumen verſunken iſt:) Ei ſeht doch nur, die Jungfer iſt ſo luſtig— Bertha. Erräthſt Du es, ſo geb' ich Dir ein Küßchen— Benno. Iſt es vielleicht ſchon gar der edle Herr? Soll heut das Schießen noch den Anfang nehmen? Bertha. Der Ritter? Nein, der iſt es nicht.— Doch ſieh, 4 Sieh, dort zur Thure tritt er eben ein— Zehnter Auftritt. Vorige. Carlo.(durch bie Thüre im Hinter⸗ grunde eintretenb). Benno(freubig erſtaunt). Ha! Wie, mein Oheim? Carlo.(indem er auf Benno zueilt). Ja, mein lieber Benno! Die Freude raubt mir ſchier den Athem noch— 6 Benno.(ihn umarmend). Ach Oheim, Ihr geliebter, theurer Oheim!— Schnell, Bertha, küß' die Hand des edlen Grei⸗ ſes— (Bertha küßt Carlo die Hand). O Sott! Ein Himmelsſegen leuchtet wieder Jetzt in mein Herz, das öde und verwaiſt ſtand. Carlo. Gebt, Kinder, einen Stuhl, ich ſinke nieder— (ſie bringen ihm einen Stuhl; er ſetzt ſich. Heinze hat ſich indeß etwas in den Hintergrund zurückgezogen). Wie? Ode und verwaiſt, geliebter Benno?— Wenn Du Dich gleich geſehnet nach dem Alten, Den warm Du liebeſt, weil er Dich erzogen Mußte darum Dein weites Herz verwaiſen? Mußte daraus der Himmelsfriede weichen? Ich hab' Dir Vieles in Dein Herz geſäet. 56 Und hoffte feſt, daß es gedeihen wuͤrde Und lieblich bluh'n und ſchöne Früchte tragen. Benno. Ja, Vater, ja, Ihr pflanztet mir in's Herz Wohl alles Edle, und es war gediehen— Carlo. Nun? Welch ein Sturm hat ſie dann wohl zerſtöret Die ſchöne Pflanzung?— Benno. Fraget mich nicht weiter, Ich bitt' Euch, guter Vater.— Seht dies Mädchen, Sie iſt mir Alles, was ich jetzt noch habe, Und was ich fühle, was ich denke, ſtrömet Nur hin zu ihr!— Carlo.(freunblich zu Bertha). Du lieblich mildes Weſen— Benno. O ſegnet ſie mit Eurem frommen Segen— Carlo.(zu Bertha). So mach' ſein Gluͤck denn einſt und d'rinn 3 das Deine!— Bertha. O guter Mann! Kaum ſah ich Dich, ſo floß Auch ſchon mein Herz voll Liebe Dir entgegen. 57 Benno. Wen koͤnnte d ie Geſtalt wohl lieblos laſſen?— (ſie küſſen des Alten Hände). Heinze.(eiſe bei Seite). Doch!— Einen läßt ſie lieblos— dumme Kinder! Ha, dieſer wird Euch wahrlich nicht erretten!— (ab burch die Thüre im Hintergrunde). Eilfter Auftritt. Vorige ohne Heinze. (Es iſt unterdeß faſt ganz bunkel geworden). Carlo.(zu Benno). Ja, glücklich preiſ' ich mich, daß mir vom Schickſal Es noch vergönnet wurde, Dich zu ſchauen, Bevor der Tod mir meine Augen ſchloß. Ich fühl' von Neuem wieder mich verjüngt, Und ich gedenke jener frohen Stunden, Da Benno ich bei mir noch hegt' und pflegte. Ach hingeſchwunden ſind ſie, jene Zeiten, So wie ein Strom, der ſich ein andres Bett Erwählt und nur den Sand, den alten, läßt, Und nur die Hügel, die einſt Ufer waren. Fort iſt ſie dann, die klare, muntre Welle, Die nur das Leben giebt. Wird man wohl ſagen Bei'm leeren Bette: ſehet da den Fluß?— So war es auch mit mir. Nun ſtehet einſam Im dichten Forſte meitle kleine Hütte, Und alles Leben iſt daraus gewichen. Die kahlen Wände und die leeren Kammern, Sie mahnen ernſtlich mich: hier wohnte Leben, Und bald wirſt alles dieſes Du verlaſſen Und noch viel enger und ganz einſam ſchlafen.— Doch ſieh, da bin ich wohl ganz ernſt geworden, Und wollte ſcherzen doch und fröhlich ſeyn.— Benno.. O ich beſinn' mich d'rauf, wie noch der Oheim Gar rüſtig ritt und ſchoß, gleich einem Jungling'; Und dieſes Aug', aus dem jetzt Friede lächelt, Das blitzte da noch ſtark in ſtolzer Thatkraft. Ja, hehr und edel, etwas braun von Farbe, So wie die meiſten Menſchen aus dem Wälſch⸗ land. Ach wenn er dann mir zu erzählen pflegte Von jenen paradieſiſch ſchönen Hainen, Wo die Zitronen, Feigen, Datteln reifen, Und wo die Luft, von Wohlgerüchen ſchwanger, Vergnügt und heiter frohe Menſchen athmen. Vom edlen Weine, ſüß und voller Feuer, Der feſt mit ſeiner Kraft die Menſchen ſtählet, Und der ſie kühn und feurig macht zu lieben. 59 Bei Gott, ich glaube, dieſe Suͤdenſpende Iſt meinem Herzen auch zu Theil geworden, Denn alles wage ich für meine Liebe. Bertha.(zu Benno). In unſres Deutſchlands hohen Eichenwaͤl⸗ dern, Genähret nur von einer milden Sonne, Blüht Dir ein anſpruchloſes Blümchen— Carlo.(zu Benno). — Nun Wohlan, ſein Duft wird Deine Hitze mildern. Ach, Kinder, mir wird's wohl in Eurer Nähe; Zwar hab' ich nimmer wohl darob zu klagen, Denn Gott verleiht in meinen alten Tagen Die Himmelsruhe mir in vollem Maaße. Und um ſie jetzt noch ſchöner zu genießen, Will ich bei Euch, Ihr lieben Kinder, wohnen. Nun, Bertha, werden wir uns wohl vertragen?— Bertha. Ihr wolltet wirklich uns die Freu⸗ de machen? Benno.(zugleich Wie, lieber Oheim, immer bei uns wohnen? Carlo. Ja wohl, ich will's, da ihr mich gerne neßmet Es ſoll der Alte ſicher nicht beſchwerlich 60 Euch fallen, denn er weiß ſich einzuſchränken, Und wird nicht, gleich ſo vielen alten Leuten, Geplaget und gequält von böſen Launen; Ach nein, er iſt ſtets froh und aufgeweckt, Und ſinget oft, und macht auch wohl ein Sprüng⸗ chen. Benno. O bitte, guter, lieber Oheim, ſingt Uns doch ein Lied nach jenen fremden Weiſen, Die oft Ihr, da ich noch ein Kind war, ſanget, Und mit der Zither zu begleiten pflegtet. Carlo.. Jetzt nicht, mein Sohn, die Reiſ' hat mich ermudet; Doch auf den Abend, Kinder, ſollt Ihr's hören. 3 Benno. Ach— auf den Abend— Carlo. Ja— doch wie ſo ernſt?— Benno. Es fuhr mir ein Gedanke durch die Seele, Doch ſchon iſt es vorüber, lieber Oheim. Ja, ja, wir wollen auf den Abend froh ſeyn, Und ſingen, ſcherzen, trinken nur und lachen. Carlo. So iſt es recht, und was Du früher ſagteſt Von Deinem Herzen, das verwaiſt und öde, 61 Das moͤchte ich nicht wieder von Dir hoͤren. Denn was das Herz Dir früher wohl erfüllte, Das mußte Platz der holden Bertha machen, Das iſt ja klar— Benno.(zum Gitterfenſter hinausblickend). Dort ſteht der Vater Hugo Mit unſrem alten Ruppert in dem Hofe— Carlo. Nun denn, hinab zu ihm, zum lang ent⸗ behrten, Geliebten Freund— kommt, Kinder, kommt mit mir, Des Wiederſehens Stunde froh zu feiern!— (ab mit Benno und Bertha durch die Thüre im Hinter⸗ grunde). (Ende des zweiten Aufzugs). 62 Dritter Aufzug. egimmer in der Warte, wie im zweiten Aufzuge. Es iſt faſt ganz bunkel!). Erſter Auftritt. Benno. Carlo. Bertha. Carlo.(er ſitzt bei dem Ziſche). Vermag ich doch es kaum zu ſagen, Kinder, Wie wohl in dieſem Augenblick mir iſt— Der langentbehrte Freund, der gute Sohn, 5(auf Bertha deutenb) Dies holde Weſen— Alles zaubert mich In ſchöne Tage der Vergangenheit.— Doch wo nur Hugo bleibt?— (Hugo und Ilſe zeigen ſich in der Thüre im Hintergrun⸗ de. Hugo trägt zwei Kannen Wein). Benno. Dort kommt er eben. Er trägt herbei zwei ſchwere Kannen Weines, Ich muß zu ihm und ihm die Laſt erleichtern. (er eilt zu Hugo, und nimmt ihm die Kannen ab. Carlo ſteht vom Stuhle auf). Zweiter Auftritt. Vorige. Hugo. Ilſe.(mit einem Lichte, has ſie auf den Ziſch ſtellt). Hugo.(zu Benno, der ihm die Kannen abnimmt). Ach laß nur, laß!— So recht!— Nun Car⸗ lo, ſetzt Euch. Setzt Euch, Ihr Kinder.(ſte ſetzen ſich Alle um den Tiſch herum) Heinze auch wird kommen, Und wird uns manchen Schwank zum Beſten geben, Die Knappen werden tuͤchtig muſtziren, Und unſre jungen Dirnen werden tanzen. Ilſe. Ja, Luſt und Freude ſoll uns heut um⸗ ſchweben. Zu. Vater Hugo, heut iſt unſer Abend, Den morgen können wir's nicht ſo genießen Und uns nicht ganz der Freude uberlaſſen. (zu Benno herzlich:) Mein lieber Sohn! Jetzt darf ich Dich ſo nen⸗ nen— Benno.(eben ſo zu Ilſe:) Ich will Euch auch wie meine Mutter lie⸗ ben!— 64 Dritter Auftritt. Vorige. Heinze mit Rudolf und Rup⸗ pert.(burch die Thüre im Hintergrunde eintretenb). Heinze.(in der Thüre ſtehen bleibend). Nun, mit Verlaub— da kommt der alte Heinze. Hugo.(zu Heinze). Nur näher, und zum Tiſche hergetreten! (zu Benno und Bertha:)— Schenkt ein!(zu Heinze) Wo ſind die Muſi⸗ kanten? Sind Sie da? Heinze.(naher tretenb). Sie ſind im Hof', und die Muſik Und auch der Tanz wird gleich den Anfang neh⸗ men. Carlo.(Heinze betrachtend, zu Hugo:) Seun; Ihr ihn lange ſchon den alten Waid⸗ mann? Hugo. Ei freilich wohl— 8 Carlo. Ein ſonderbares Ausſehn Hat dieſer Jäger— . Hugo. War einmahl Zigeuner. Carlo. Nun d'rum— die Farbe zeigt es deutlich an. (man hort die Tanzmuſik, aber nur ſehr leiſe, wie aus weiter Ferne.) Hugo.(zu Benno). Doch Benno ſcheint mir gar nicht frohgelaunt. Ei ſprich, was fehlt Dir, Benno? Das Gewehr Iſt jetzt ja wiederum in gutem Stande— (zu Carlo). Kein Schuß wollt' ihm ſeit ein'ger Zeit . gelingen. Da hat man nun geſagt, er ſey beherxt— Iſt aber eitel Narrethei geweſen. Den guten Schützen kann man nicht behexen. He, Rudolph, ſag' einmahl den Waidſpruch her, Ich frage Dich: Mein lieber Waidmann mein! Was müſſen's denn wohl fuͤr drei Stück ſeyn, Die ein geſchickter Jaͤger haben ſoll und kann? Jo, Jo, ho, ho, ſo ſag' doch an!— Rudolph.(ſich räuſpernd). Jo, jo, ho, ho, mein lieber Waidemann, Das will ich Dir wohl ſagen an. Gute Wiſſenſchaft, Gewehr und Hund, Der Waidmann braucht zu ſeinem Grund, Wenn er was Tücht'ges will verrichten, Und ſich nicht laſſen gar vernichten, D'rum wird das gar wohl treffen ein—— 96 Hugo.(zu Rubolph, ihn unterbrechend) Genug, mein Sohn!(zu Benno). Wer dieſe Drei beſitzt, Der iſt ein Schütz nach ächtem Schrot und Korn, Und jeder Zauber iſt damit zu löſen, 3 Sonſt iſt's ein bloßer Peter Ungeſchick— Benno. Ei mit Verlaub, Herr Hugo, das iſt hart. Die Buͤchſ' iſt gut, und ſchießen kann ich auch— Wo ſollt' der Peter Ungeſchick nun ſtecken? Gleichwohl iſt es, als ging die Kugel krumm, Als nähm' der Wind ſie vor dem Laufe fort. Carlo. Je nun, es trifft ſich wohl bei Jägersleuten, Ich hab' es oftmahls ſelber ſchon erlebt. Doch hüte Jeder ſich, Freiſchütz zu werden.— Wenn Ihr es wollt, erzähl' ich eine Mähr', Die ſchrecklich iſt, doch wahr, ich bürg' dafür. Vor mehrer'n Jahren lebt' an Wälſchlands Gränze Ein junger Burſche, keck und wohlgemuth, Der liebte ungemein das edle Waidwerk, Und zog gar oft mit uns zum Jagen aus. Doch war er wild und unvorſichtig, ſo Daß er gar oft vorbeiſchoß, und nur ſelten Gelang es ihm, ein tüchtges Wild zu ſchießen. Wir kannten ihn und liebten ihn recht ſehr. Einſt klopft's des Morgens früh an unſre Thüre. 8 67 Es war ein fremder Jägersmann, der ſagte, Nicht weit vom Hauſe läg' ein todter Menſch, Zerkratzt, zerfleiſchet, wie von Katzenkrallen.— Wir gehen hin, und fſinden unſern Burſchen Halbtodt, und tragen ihn in's Haus hinein. Nach vieler Mühe kommt er endlich zu ſich, Und ſagt': er wollte freie Kugeln gießen, Die immer treffen, nie ihr Ziel verfehlen, Ein alter Jäger aus den Schweitzer⸗Bergen Hab' ihm's gelehrt. Nun müß' er dafur büßen, Weil bei dem Gießen er's verſehen habe. Benno.(ber mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu⸗ gehört hat). Was aber hatt' er wohl verſehen, Oheim? Iſt denn der Teufel allemahl im Spiel, Wenn man dergleichen thut? Carlo. Ja wohl, mein Sohn! Wer ſollte ſonſt die Kraft den Kugeln geben? Man ſpricht zwar viel vom Einfluß guter Sterne Und von geheimen Kräften der Natur, Doch iſt es nichts damit, ich bleib' dabei, Das Ganze iſt nur arges Teufelsſpiel. Benno. Hat jener Menſch Euch nicht erzählet, Oheim, Was eigentlich ſo arg ihm mitgeſpielt? 68 Carlo. Ja freilich, vor Gericht hat er's eſir Noch immer törtet mir die grauſe Stimme, Mit der er jenes ſagte, grell in's Ohr. 3 Und ganz hab' ich das Schreckliche behalten. „Auf ſchmalem Kreuzweg' in dem dunklen Walde, „Da mußt Du ſeyn, bevor des Kirchthurms Glocke „Noch Mitternacht getönt mit vollem Schalle. „Dort ziehſt Du einen Kreis von Todtenbeinen, „Und gehſt hinein und ſchichteſt Reis zum Feuer, „Und zünd'ſt es an, und wie die Glocke Zwölfe „Summt, läßeſt in die Form das Blei Du fallen. „Doch was Du ſieheſt, was Du höreſt, darf „Dich nicht bewegen, aus dem Kreis zu treten. „Merk'es Dir wohl, denn ſonſt biſt Du verloren. „Auch ſprechen darfſt Du nicht, es iſt verpönet „Bei jenen Mächten, die Dich dann umringen. „Nur Drei und ſechzig gießeſt Du der Kugeln, „Und Sechzig treffen, Dreie davon äffen.“— So hatt' er's auch gemacht, ganz nach der Vor⸗ ſchrift, Doch kamen ſolche grauſe Schreckensbilder, Daß er vor Furcht und Grauen ſchier vergangen, Bis endlich ob des fürchterlichen Zwanges Vergeſſen er der Vorſchrift ſtrenge Worte, Hinausgeſprungen aus dem Zauberkreiſe Und helles Angſtgeſchrei von ſich geſtoßen. „ 69 D'rauf ſey er auf den Boden hingeſtürzet Und erſt erwacht in unſrer Jägerhütte. (Benno iſt in Nachbenken verſunken). Flſe. Bewahre Gott vor ſolchen Satansränken Doch jeden guten Chriſtenmenſchen— Bertha. Amen. Heinze.(zu Carlo). Da hatte der— verzeiht mir werther Herr— Wohl mit dem Satan einen Pakt gemacht? So einen Pakt— ſich gleichſam ihm verſchrie⸗ ben?— Carlo. Das kann ich Euch nicht ſagen, will's auch nicht, Dieweil wir Menſchen nicht gleich richten ſollen; Doch bleibt es ſtets ein arger Frevel, wenn Der Menſch ſich unterſtehet zu handthieren, Wo leichtlich ihn der Böſe packen kann. Der kommt wohl oft, auch ohne daß man ruft, Und gleichſam einen Pakt mit ihm verſchließt. Ein frommer Jäger hat es auch nicht Noth. Ruppert.(zu Benno). Du haſt's ja ſelbſt erprobet, Benno. Nun Geht's wiederum ja gut mit Deinem Schießen. 70 Nur gut Gewehr und gute Wiſſenſchaft, Da kann man leicht das Zauberwerk entbehren.— Heinze. Ja, ja, ſich nur bewahrt, ſo lang man kann.— Ilſe. Die Mähr' hat mich mit Schrecken ſo erfüllt, Wie wär's, wenn Einer nun ein Liedchen ſänge? Hugo. Wohl wär' es gut.— Nun, Bertha, ſing' uns Eins— Bertha. Wenn Ihr's befehlt, mein Vater— Carlo. Wie? Befehlt? Singt Ihr nicht gerne, Bertha? Bertha. O ich ſäng Wohl für mein Leben gerne Euch ein Lied, Das Euch erheiterte und fröhlich machte. Mir iſt jedoch, als müßt' ein Lied ich ſingen, Das ich in frühſter Jugend oft gehört, Und das mich ſtets mit Trauer nur erfüllt. Ich kann, obgleich im Herzen froh und leicht, Nichts Andres ſingen— Hugo.(zu Carlo) Nehmet es nicht übel, Sie iſt nun einmahl ſo— ν Carlo. Gzu Bertha). So ſingt das Lied, Das Euch am meiſten heut behagen will, Wir hören's gern von Eurer Stimm' geſungen. (die Tanzmuſik hat aufgehört). Bertha.(nimmt die Zither von der Wand herunter, und ſingt, indem ſie ſich damit begleitet). Wohl tanzen die Gaͤſte im glänzenden Saale, Bei’m Rauſchen der Saiten, bei'm Klang der Pokale Hinhüpfend verſchlungen, verwebet bei'm Tanze Im magiſchen Kranze. Da tönet die ſchaurige Mitternachsſtunde, Der Wächter verkündet's mit gellendem Munde, Doch Niemand vernimmtes; den bräutlichen Reihen Nicht kann ſie zerſtreuen. Es öͤffnet die Thüre, ſo linde, ſo leiſe, Es ſchweben herein in der Tanzenden Kreiſe Zwei Nebelgeſtalten, von Niemand beacht't.— Urplötzlich wird's Nacht.— 7² Das Tönen verſtummet; doch dreh'n ſich die Gäſte „Wie vorhin bei'm freundlichen, fröhlichen Feſte. Zum Kirchhofe geht es in Jubel und Graus, Zum friedlichen Haus. 8 Uind als man am Morgenzur Fruhmetten gehet, Ein ſchauriger Wind über'n Kirchhof hinwehet, Die Gäſte betäubet, doch Bräut'gam und Braut— Dem Tod' angetraut! 1 Carlo.(zu Bertha). Ein ſeltſam Lied, wer hat es Euch gelehrt? Bertha. Die Amme ſang es oft, doch ich vergaß es— Nur ſtellenweiſe kann ich es jetzt ſingen. Doch hab' ich mir's ergänzt, ſo gut ich konnte. Den Verſen mag das Künſtliche wohl abgehn. Höugo. Du haſt mit Deinem Lied uns trub geſtimmt, Es wäre gut, man ſänge nun ein Andres— Wie wär' es, Heinze, Ihr? Heinze. 2 Ich ſinge ſchlecht. Die Stimm' iſt ein Gemiſch von Horn und 2 Flöte— —— 73 Hugo. Das wär' ja ſchön, das klänge angenehm— Heinze. Auch weiß ich Euch kein froͤhlich Lied zu ſingen; Die meinen ſind veraltet, aus der Zeit, Da ich ein wandernd Leben noch geführt. Erlaßt es mir diesmahl. Der Benno wird Euch Eines ſingen. Gzu Benno, der noch in Traͤumen verſunken iſt:) He, Herr Benno, auf! Singt uns ein Lied— Ihr ſitzt ſo in Ge⸗ danken— Benno. Ich in Gedanken—? Nein!— Ich ſoll Euch ſingen? Hugo. Laßt ihn, er iſt ein Träumer und verliebt, Da käme wieder leichtlich Eins zu Markte, Das uns noch alleſammt den Kopf verruckte. Nein, etwas Luſt'ges will ich hören, Heinz'!— Heinze. Nun, weil Ihr denn gebiethet, lieber Herr, So will ich mich d'rein fügen und Eins ſingen; Doch noch einmahl, verzeiht, denn ſchlechte Toͤne Kann meine heiſ're Kehle nur Euch ſpenden. Die Schul⸗ iſt nicht die beſte, die Manier Iſt auch ſo ſo nur, da iſt gar nichts Wälſches, IV. Theil. d 74 f Nichts Colorirtes; doch Ihr hört es ſelbſt— Ein gnädig Urtheil wollet jedoch fällen.— (er nimmt die Zither und ſingt, indem er ſich bamit begleitet:) Der Teufel iſt ein närr'ſcher Kautz, Verliebt ſich auch zu Zeiten, .. Und dann iſt wahrlich ſpaßhaft er 3 Bei ſeinen Zärtlichkeiten. Er nimmt es nimmer wohl genau Mit Jungen oder Alten; Wenn's ihm zu runzlicht iſt, ſchon gut, Da glättet er die Falten. Auch iſt's nicht wahr, ſo wie man ſagt, Miit ſeinen Schwefeldünſten, Die feinſten Duͤfte zaubert er * Mit pfiff'gen Teufelskünſten. Nur Eins kann dieſer gute Mann Nicht allzuwohl verbergen, Das iſt der Pferd'ſuß mit Verlaub, D'ran kennen ihn die Schergen. 75 D'rum iſt der Lahme übel d'ran Ob dieſen Aehnlichkeiten; Doch wer den Teufel wittern kann, Denn muß er ſelber reiten. Hugo. Ei brav, fürwahr, recht ſchön, ei ſeht doch nur! Heinze. Ein Schelm nur giebt es beſſer als er kann.— Doch muß ich gehn, die Stunden rücken vor, Und morgen heißt es zeitig aufgeſtanden. Benno.(der die ganze Scene durch viel und haſtig getrunken hat:) Wie hoch iſt's an der Zeit? Heinze.(mit Bebeutung).. Bereits eilf Uhr. Benno.(zu Carlo). So wär' es denn wohl Zeit, wir braͤchen auf— Carlo.(zu Benno).. Ei, junger Burſch', Du biſt mir gar zu ſchläfrig; Wer gehn will, geh'; Du bleibeſt noch bei uns, Wir trinken eins und ſchwatzen vom Vergang'⸗ nen. 3 D 2 78 Heinze. Ich muß jetzt fort— ich kann nicht länger bleiben. Gehabt Euch wohl— wünſch' eine gute Nacht.— (ab mit Ruppert unb Rubolph burch bie Thüre im Hin⸗ tergrunbe). Vierter Auftritt. Hugo. Ilſe. Benno. Carlo. Bertha Ilſe.(zu Bertha). Nun Tochter, komm, jetzt iſt an uns die Reihe, Zu ſchleichen in das ſtille Kämmerlein Und uns auf's Ohr zu legen; morgen früh Da müſſen munter wir und rüſtig ſeyn— Bertha. Ach bleibt noch, Mutter; Benno bleibt ja auch— Benno.(zu Bertha).* Nein, geh' zu Bette, Bertha, ſchlafe aus Die Nacht iſt kurz und Ruhe haſt Du noͤthig; Geh' ſchlafen— Bertha. Ach ich blieb' ſo gern noch hier— Mein trauter Benno, laß mich bei Dir bleiben!— 77 Hugo. Ei, Kinder, geht das Faſeln wieder los? Geh' ſchlafen, Bertha— laß den Benno hier, Er hat mit ſeinem Oheim noch zu ſprechen. Bertha. So ſchlafet wohl— ich werd' nicht ſchlafen können.— (ab mit Ilſe burch bie Seitenthüre links). Fünfter Auftritt. Hugo. Benno. Carlo. Hugo. Nun geh' auch ich zur Ruh'— Ihr Beiden bleibt, Und laßt's Euch hier bei'm vollen Becher gut ſeyn. 3 Verwandte haben Manches abzumachen, D'rum ſchwatzet hier und laßt mich ſchlafen gehn. Schlaft, Carlo, wohl, auch Du, mein lieber Benno!— (ab durch die Seitenthüre rechts). Sechſter Auftritt. Carlo. Benno. Carlo.(zu Benno). Komm her zu mir. Jetzt wären wir allein Schütt' mir Dein Herz aus, laß mich alles wiſſen. 78 Der väterliche Freund nimmt gerne Theil An Freud' und Leid— wie ging es Dir bisher? Benno. 3 O gut, ſehr gut, geliebter Oheim. Doch Ihr ſeid gewißlich müde von der Reiſe. Ich muß geſtehn, ich bin es von der Jagd. Wie wär's, wenn morgen früh ein kleiner Gang In das zunächſt uns liegende Gehäge Die Herzen öffnete bei'm Strahl der Sonne?— 8 Carlo. O ſchenk mir noch ein Stuündchen, lieber Benno— Dann ſich aſt Du wohl noch ſanfter; bleibe noch— Benno.(unruhig). Der Wein fürwahr— es war ein alter— ſeht, Der iſt mir mächtig in den Kopf geſtiegen. Nun iſt es mir ſo ſchwer in allen Gliedern— Fantome ſcheinen um mich herzugaukeln— So ſcheint's mir jetzt, als ſäh' ein neblicht Ding Durch's Fenſter her, und wink', hinauszukommen. Die zwölfte Stunde naht, da ſpukt's herum, Wenn auch nicht in der That, doch im Gehirne. 79 Carlo. Da haſt Du recht. Von Furcht entfernt, kann ich Doch niemahls ein geheimes Grau'n bezwingen, Das um die zwölfte Stunde mich ergreift. Willſt Du nun ſchlaſen gehn, ſo iſt's mir recht, Und morgen mit dem Frühſten ſtehſt Du auf— Du weckſt mich, und wir gehen in den Wald.— Nun, ſchlafe wohl indeſſen— Benno. 7 Schlafet wohl!— (Carlo ab durch die Thüre im Hintergrunbe). Siebenter Auftritt. Benno. Gleich darauf Hugo. Benno. gallein). 3 Nur dieſe Nacht iſt's möglich, oder nie— D'rum fort, der Augenblick iſt günſtig, fort!— (wie er fortſtürzen will, tritt Hugo aus der rechten Seitenthüre, mit einem Lichte, im Nachtkleibe, die Augen feſt geſchloſſen; Benno bleibt erwartungsvoll ſtehen). Hugo. So! So! Nur nicht zu laut! Es wache Niemand— Der alte Hugo nur allein will wachen— So! So! Schon recht— ſie ſchnarchen Alle ſchon. Nun werde ich den Weg auch nicht verfehlen— 80 Wenn ich auf Niemand ſtoße, wär' mir's lieb— Ja, Niemand möcht' ich ſehen.— Auch den Geiſt nicht, Den weißen Schaͤdel grinzend, hohl und ſchau⸗ . rig— Doch wie— wer wankt dort?— Nah' ſich Kei⸗ ner mir!— Benno. Iſ Euch nicht wohl?— Was treibt Euch 5 auf, Herr Hugo? Hugo. Weh Dir! Weh Dir! Dreifaches Wehe Dir!— Ich ſtehe da mit unnahbaren Händen, Wer näher tritt, muß gleich ſein Leben laſſen— Benno. Weich', ſchaudervoller Spuk!— Gekleidet haſt Du zwar Dich in ehrwürdige Geſtalt— Doch zeigt Dein tolles Handeln Deine Art— Hugo.(die Augen plöglich öffnend). Wer ſpricht zu mir? Die Stimme ſcheint bekannt— Benno. Der Benno iſt's— doch Du?— Hugo. Ich bin der Hugo. Der alte Hugo iſt's, kennſt Du ihn nicht?— 81 Und Benno, Du noch hier?— Das freuet mich. Ich fühl' mich ſo beklommen, weiß nicht, was Mir fehlt. Ich ſchreib's dem alten Weine zu. Bleib bei mir Benno, komm zu mir herein. Benno. Verzeiht; ich will Euch Bertha wecken. Die Verſtehet es wohl beſſer, Euch zu pflegen; Auch ſingt ſie Euch in Schlummer, wenn Ihr wollt. Hugo. Ach, laß das Mädchen. Thu' es mir zu Liebe, Und bleibe hier; ich werde ruhiger, Wenn ich Dich bei mir habe, lieber Benno⸗ Benno. Doch ſprecht— die Augen waren zugeſchloſſen, Und doch ging't Ihr wie wachend— Hugo. Benno, ach! Wenn unſre Augen erſt geſchloſſen ſind, Dann ſehen ſie das Wahre und das Rechte. Jetzt treibt es mich von meinem Lager auf, Die Geiſterwelt umrauſcht mich, mir wird bang; Ich ſuche lebend wachende Geſchöpfe, Daß ich mich rette vor den Nachtgeſpenſtern— Benno.. Was zwinget Euch denn, ſo herumzuwan⸗ 4 deln? Kann Euch der Schlaf nicht feſt, gleich Andern, binden An Eures Lagers ruhevolle Stäͤtte? Erquickt er Euch nicht gleich dem müden Waller? Stärkt er Euch nicht zur Müh' des andern Ta⸗ ges? O ſprecht, iſt Euch die Himmelsſpende fremd, Die Gott für jeden guten Menſchen ſendet? Hugo. Ich kenn' den Schlaf, auch hält er mich umfangen; Doch eine inn're Macht unwiderſtehlich Reißt mich dahin, wie einſt zu einer That, So jetzt allnächtlich fort.— Nun ſchleiche ich Mit Katzen um die Wette auf den Dächern, An Felſengründen halte ich mich ſchwankend, Und wo am Tag' mich Schwindel jäh ergriff“, Da geh' ich ſchlafend, munter und behende. Das iſt die finſtre Macht, die in mir tobt, Die Helle iſt vor ihr dahingeſchwunden— O kämpfe, daß ſie Dich nicht auch verlaſſe, Denn ewig ſtreitet es im ſchwachen Menſchen, Ein ſtetes Stemmen gegen Sünd' und Laſter Iſt nur des Guten Leben. D'rum ſey ſtark! Und trägſt Du immerdar den Sieg davon, Dann wird Dich auch der ſüße Schlaf erquicken. Benno. Welch grauſam ſchwarze That haſt Du be⸗ gangen, Die ſo mit Folterqual Dich ſtets zerreißt, Die Dich zum Stoͤrer macht der naͤcht gen Ruhe 2 Hugo. Ich ſoll Dir's ſagen?— Wohl, und wenn ich's thäte, Dann würdeſt Du mich den Gerichten liefern— Sieh her, auch nicht ein Blutfleck iſt geblieben, Der Dolch iſt gut vergraben, Niemand kennt ihn. Die Knochen des Erdolchten zeugen nicht. Schon zwanzig Jahr' und d'rüber ſind entflohen, Kein Zeuge war— nur jener alte Mond, Und dieſer drückte ſelbſt das Auge zu, G'rad' ſo wie heut, verhüllet halb in Wolken, Als wollt' er meine ſchwarze That nicht ſehn. Benno. Was hör' ich, Himmel! Wie? Iſt's nur ein Traum, Der Euren bleichen Mund zu Lügen öffnet? Ich glaub' es nicht, ich mag, ich will's nicht 3 glauben! Dies wirthlich liebe Dach, das Bertha ſchützt, —ÿ—ÿ—ÿÿᷣ—ÿ—ÿ—ÿ—ᷣ—ᷣ̃—ͥ—ʃ——.-ͤͤ —. 2 84 Das ich ſo lieb⸗ und ehre, ſollte das Den Thäter eines grauſen Mordes bergen? Hugo. Laß, laß, mein Sohn! Die Schuld trag . ich zur Hälfte, Die größ're Hälfte trägt ein großer Herr, D'rum kann er auch die größ're Hälfte tra⸗ gen— Benno.(eiſe für ſich). Der Alte faſelt ſchier— doch wird mir's bang, Die Zeit rollt fort, ich bringe ihn zu Bette. (laut) Kommt, kommt, Herr Hugo! Laßt zu 4 Bett' Euch führen! Hugo. Ich laß' Dich nicht eh' Mitternacht vor⸗ über— Benno. O geht zu Bette, Alter! Fürchterlich Verzieht ein inn'rer Krampf Euch Eure Mus⸗ 3 keln. Hugo.(Benno anpackend). Ha, Thorichter! Du wollteſt mir entfliehn? So wie den Höllenmächten ich zu eigen, So darfſt Du jetzt nicht von der Stelle weichen!— 85 Benno. Was packſt Du mich, willſt Du mich hier erwürgen? Bedenk', ich bin an Kraft Dir überlegen, Und zwingſt Du mich, zur Wehre mich zu ſetzen, So könnt' es leichtlich Dich zu Schaden bringen. Hugo. Ha, winz'ger Frauenknecht, des Alters ſpotten Das iſt ſo Deine Sache. Willſt Du bleiben?— Jetzt gehe, gehe, wenn Du kannſt— Benno. Nur ſchonen, Nicht ſpotten wolle' ich Deiner, alter Mann! Doch laß' mich los, ich bitte Dich darum. Hugo. Ha, rolle nur ſo wüthig mit den Augen, Noch ſpricht die Zunge mild, doch in Dir kocht's. Ich ſeh' in Deinen Augen Flammen lodern, Zur Hälfte biſt Du ſchon der Höll' verfallen— Benno. Laßt Ihr mich nicht, ſo muß ich anders handeln, So muß Gewalt ich mit Gewalt vertreiben— Hugo. O halt' nicht länger inne, ſtoße zu! Das Waidemeſſer hängt Dir ja zur Seite. (er reiut Benno bas Waibemeſſer aus der Scheide, und haut damit nach ihmy). Benno.(inbem er Hugo das Waibemeſſer entwindet). Jetzt iſt's genug— ganz unerklärlich iſt Mir Euer Zuſtand, Euer Wort und Handeln. Ich trag' Euch fort, geht Ihr in Güte nicht. Hugo.. Du Schrecklicher! Jetzt ſehe ich es ja, Du biſt ein Höherer, ich beug' mich Dir; Ich gehe ſchon. O grolle nicht mit mir. (er ſchwankt mit bem Lichte ab in das rechte Seiten⸗ zimmer). Benno. Ich folge ihm, zu ſehen wo er bleibt, Daß er nichts Tolles mehr noch unternehme. (er nimmt bas Licht, welches auf dem Tiſche ſteht, und geht Hugo nach in das rechte Seitenzimmer). Achter Auftritt. (Das Zimmer iſt ganz finſter. Aus dem linken Seiten⸗ zimmer hört man folgenden Geſang von Bertha:) Und als man am Morgen zur Frühmetten gehet, Ein ſchauriger Wind über'n Kirchhof hinwehet, Die Gäͤſte betäubet, doch Bräut'gam und Braut— Dem Tod'’ angetraut!— 37 Benno.(aus der Thüre bes rechten Seitenzimmers, die er leiſe hinter ſich zuzieht, heraustretenb, und das Licht auf den Ziſch ſtellend). Er ſchläft. Jetzt kann ich gehn.'S iſt hohe Zeit. Als wenn geheime Zauberkräfte ihm Die müden Augenlieder ſchnell vorſchlöſſen, So ſank er plötzlich in den tiefſten Schlaf. Welch grauſer Zuſtand— nie ſah ich ihn ſo!— Nun nicht geſäumt!(er will abeilen, Bertha kommt aus ber linken Seitenthüre, und vertritt ihm den Weg). Neunter Auftritt. Benno. Bertha. Bertha. Wohin ſo ſpät, mein Benno 2 Benno. Im Walde hab' ein Wild ich angeſchoſſen, Das ſuch' ich jetzt—— Bertha. Laß ab vom dem Beginnen. Nicht freundlich iſt die Nacht, o bleib' davon. Benno. Die Nacht iſt hold und freundlich— da⸗ rum laß Mich ziehen in den Wald, ich fürchte nichts, Als das, was unſrer Liebe drohen könnte. 88 Bertha. Du läßeſt hier die Braut vergehn im Schmerz? Benno. 4 9 Bertha! Bertha! Nein, das ſollſt Du nicht. Bei Gott! Bei ſeinen Sternen droben, laß mich! Ich kann nicht anders— Bertha.(hre Thränen verbergend). Harter, rauher Jäger!— Benno. Du weinſt! O dieſe Thränen rühren mich— Und doch darf ſich mein Herz nicht rühren laſſen. D'rum fort, fort, gehe ſchlafen Bertha! Fort! (er ſtuͤrzt ab burch die Thüre im Hintergrund). Zehnter Auftritt. Bertha.(allein; an das Gitterfenſter tretend, und hinausblickend:) Dort ſtürzt er hin. Ich bleib' allein zurück, Von Schauer ringsumher und Angſt umgeben. Ddie Nacht iſt trüb', des Mondes milder Strahl Kämpft mit den rieſenhaften Wolkenbildern. Mir iſt ſo bang, als wär' ich hier nicht heimiſch, Und doch umfängt mich noch der alte Wald. Ein heller Maitag war mein kurzes Leben, Es floß dahin mit Spielen und mit Beten. Das zahme Hirſchkalb war das Liebſte mir, 89 Was nach den Aeltern ich auf Erden hatte. Wenn es mich anſah mit den klaren Augen, So ſchien es mir, als läch'le es mir zu. Doch wo iſt jene Ruhe hingeſchwunden?— Was iſt's, das jetzt mich auf vom Lager treibt? Ein neidiſches Geſchick wollt' mir ihn rauben, Nicht rauben, nein, vernichten mich und ihn. Doch jetzt, da er mein Gatte werden ſoll, Was iſt's, das noch mit Schrecken mich er⸗ füllt?— Ich lieb' ihn noch mit all der heißen Liebe, Nur in ihm, durch ihn kann ich glücklich werden. Doch da fährt gleichſam ſtarr, die Fauſt geballt, Ein bleich Geſpenſt auf zwiſchen ihn und mich; Es will uns trennen, und voll Angſt und Graus Drück' Benno heißer ich dann an mein Herz. O könnt' ich mir das trübe Räthſel löſen, Warum ich, kämpfend zwiſchen Lieb' und Furcht, In des Geliebten Arm vergehen möchte, Und dennoch höchſte Seligkeit dort finde.— (Pauſe). Der Maitag iſt verſchwunden, Sommer iſt's, Und glutherfüllt die ganze Himmelsdecke, Auch Wolken ziehen drohend d'ran herauf. Ob milden Negen ſpendend, oder blitzend? Das wird der Abend bringen. D'rum geharrt.— (ab in das Seitenzimmer links). Eilfter Auftritt. (Rauhe Wilbniß. Seitwarts ein Erlengebüſche. Mond⸗ blicke burch bunkele Wolken. Von Zeit zu Zeit heftige Winbſtöße.). Bennmo.(cilig auftretenb). Hier war's! Ja hier— hier iſt der Ort des — 1 Schreckens, Den ich am Tage ſchon mir auserwählt. 'S iſt ſchauerlich im Walde; wie Geſpenſter, So ſchauen mich die ſchlanken Birken an: Der Silberpappel freundlich mildes Glänzen Scheint winkend mir zu ſagen: kehre um, Nicht iſt's der rechte Weg, worauf Du wandelſt.— Ja, wahr iſt's— ſonderbar, höchſt ſonderbar Schien ſich mein Schutzeiſt ſorglich zu bemühen, Um mich von dieſem Gange abzuhalten— Und ſollte ich im Vorſatz nicht jetzt wanken? Da wunderähnlich, ſtörend mir erſchien Mein alter Oheim, gleichſam mich zu warnen?— Doch welch ein Thor bin ich! Der Zauber iſt Von mir gebraucht; wenn's eine Sünde iſt, So hab' ich ſie ſchon auf mein ⸗„Herz geladen. Die Mühe des Ewerbes ſcheu' ich nur— D'rum wär' es lächerlich, hier umzukehren. Dort ziehn die Wolken hin, der Mond tritt klar Und herrlich jetzt hervor, dort glänzt das Haus Von ſeinem Licht umfloſſen, auch ihr Fenſter 91 Verkläret jetzt ſein ſanfter Silberſchein. Ich ſehe Bertha händeringend weinen— O GSott! Ich muß ſie tröſten— fort zu ihr. (er geht mit ausgebreiteten Armen nach jener Gegenb). Dort wohnen ja die Freuden alle, alle! Die ich erflehte von dem güt'gen Himmel— Jetzt bin ich hier— ich will von ihm mich trennen, Ich werde einer andern Macht zu Theil. O ſchweige inn're Stimme die mich treibt, Den grauſen Kreis zu ziehn und zu mir fluͤſtert: Der Lieb' und Ehre bringſt Du dieſes Opfer, Und feige wär' es, wenn Du jetzt es ließeſt. (ein heftiger Windſtoß. Es ſchlägt halb). Geſchäftig bringt der Wind den Schall herüber. O Gott, ſchon halb. Die Zeit verrinnt ſo ſchnell. Zur That! Zur That! Ich bin nicht feig und kin⸗ diſch. Das Große zu verſuchen hab' ich Muth, Da ich um Kleineres mein Heil gewagt. Ich will vollenden, was ich kühn begann!— (er tritt vorwärts). Hier ſind die Knochen, die am Tag' ich fand. (er legt die Knochen in einen Kreis und zünbet ein Feu⸗ er an. Man hört eine ſanfte, leiſe Muſik und fernes Glockengeläute). Horch, horch, der Spuk beginnt. Doch ſanft und zart— 92 Wenn's ſchrecklicher nicht kommt, ich bin's zu⸗ frieden.— Der Wald umfängt mich geiſterhaft und graus. Die alten Bäume recken ihre Arme, Mich feſt zu bannen hier an dieſen Ort. Das Nachtgeflügel bricht jetzt ſcheu hervor, Vom Schlummer aufgeſcheucht durch dieſe Helle. Die Eulen wie ſie glotzen, wie ſie ſchnarchen— Ha, ſeltſame Geſellſchaft!— Wie ein Menſch, Der ſich ſo ſtark am hellen Tage waͤhnt, So ſchwach ſich fühlt bei dieſen Nachtbewohnern. Sie fallen von den Zweigen, ungewohnt Sind ſie des Scheins. Sie ſcheinen gar zu flüſtern Mit dieſen abgebleichten Menſchenbeinen. Das Laub durchſchlüpft manch wolkicht Schatten⸗ bild; Die Geiſter tanzen ihren Ringelreihen, Vom Erlenufer tönet es herauf. Doch, ha! Was ſehe ich? Welch trauernd Bild, Den Thränenblick gehoben zu dem Himmel? Es iſt— ich halt' mich kaum— der Mutter Bild— Die theure Mutter weinet jammervoll—* Fort, Nebelbild! Mein Hirn fängt an zu ſieden— Auf, in den Kreis hinein— und fort biſt du!— (er ſchreitet in den Kreis. Es ſchlägt zwölf Uhr voll. Er kniet am Kohlenheerde, und mit dem letzten Glo⸗ kkenſchlage fällt bie erſte Kugel aus der Form. Er fährt fort, Kugeln zu gießen). 93 Geſang der Geiſter. Die Kobold' und Gnomen umgaukeln die Erlen, Wenn lieblich im Mondſchein die Thautropfen perlen; Sie ſchweben ſo leiſe, ſie ſchweben ſo leicht. Die Bäche verrauſchen in wonnigen Tönen, Den luſtigen Reigen durch Klang zu verſchönen, Als Fackel im Schilfe der Glanzkäfer ſchleicht. Und uͤber die Erlen ein thauig Gewebe, Sich plötzlich ein Tempel uns Allen erhebe, Daß Eulen und Mauſe ſtets bleiben von fern; Doch nahet ein Menſch ſich mit Jammergebehrde, Gedrücket von Sorge, von Kummer, Beſchwerde, Er nahe und wahrlich wir helfen ihm gern.— (Nach einiger Zeit hört man Bertha's Stimme: Benno, Benno! ängſtlich rufen. Bertha ſlieht barauf durch ben Walb, verfolgt von einem alten Weibe. Jene ſammelt ihre letzten ermattenden Krafte zur Flucht. Da tritt ihr Heinze in den Weg; ſie ſtockt im Laufe und die Alte ergreift ſie mit den entſleiſchten Knochenhänden. Benno will über den Kreis ſpringen. Es ſchlägt Eins; das Zauberbilb verſinkt in die Erbe, uub Benno ſinkt er⸗ ſchöpft zu Boden.)* Geſang der Geiſter.(der gegen das Enbe im⸗ mer ſchwächer wird und zuletzt verhallt. Wir brüten den ſtärkeſten Zanber behende; Ohn’ Ende, Die Hände Verſchlingend, verwebend die magiſche Spende; Sie blende, Und wende Den ſuchenden Blick. Und was wir nun zaubern und was wir geſtalten Zu ſpalten, Gewalten Der ewigen Maäͤchte nur ſey's vorbehalten; Bei'm Schalten Und Walten Stör' nichts unſer Glück!— Benno.(ſich ermattet aufrichtenb). O Gott im Himmel, darf ich Dich noch nen⸗ nen?—„ Zwölfter Auftritt. Benno.(Ein Reiter auf ſchwarzem Roſſe, welcher links bei bem Eingang in die Scene ſtehen bleibt). Reiter. Du haſt, mein Freund, die Probe gut be⸗ ſtanden; Was willſt Du von mir haben? Ich gewaͤhr Dir's.— Benno. Nichts, nichts von Dir, denn was ich nöthig brauchte, Hab' ich mir ſelbſt durch eigne Kraft bereitet. 95⁵ Reiter. Mit meiner Hülfe, d'rum will ich mein Theil. Bennſo. Ich rief Dich nicht, noch hab' ich Dich gedungen— Neiter. Du biſt fürwahr ſehr kuͤhn, doch freut es mich. Ghöhniſch lächelnd) Nimm hin die Kugeln, die Du Dir bereitet. Nur Drei davon für mich, die Andern Dein; Die Erſter'n äffen und die Letzter'n treffen. Auf Wiederſehn, dann wirſt Du mich verſtehen! Bennwo.(ſich abwenbend). Nie will ich Dich, Du Schwarzer, wiederſehen. Verlaß mich jetzt— Reiter. Cfurchtbar lachenb). . Warum wend'ſt Du Dich weg? Kennſt Du mich wohl? Benno.(ſchaubernd). Nein, nein, ich will es nicht! Wer Du auch ſeyn magſt, weiche ſort von mir! Reiter.(ſehr ernſt). Dein Haupthagr, das ſich ſträubt, Dein rol⸗ lend Auge. Geſtehen, daß Du weißt, wer mit Dir ſpricht. 96 Ja, ich bin der, den Du im Geiſte jetzt Mit Schaudern nennſt. Auf Wiederſehen, Freund! (ab). Dreizehnter Auftritt. Benno.(allein). 3 Ha, er iſt fort. Nun will ich mit den Kugeln Nach Hauſe ſchnell; doch, ſehe ich auch recht? Der Waidenbaum, darunter er gehalten, Senkt welkend und verdorrt die Aeſte nieder— Das ſind der Höllenflammen Grausgewalten!— (wankt rechts ab). (Ende des dritten Aufzugs.) Bierter Aufzu g. (Zimmer in der Warte, wie im zweiten und dritten Aufzuge. Ein Licht brennt dunkel auf dem Tiſche. Im Hintergrunde hängt an ber Wanb eine brennende Leuchte. Man hört burch bas ofſene Gitterfenſter den Sturm). Erſter Auftritt. Ruppert. Jakob.(Setterer im Hintergrunbe rechts in einem Winkel auf einem Lehnſtuhl eingeſchlafen). Ruppert. Ich möchte doch nur wiſſen, wo der Venno So lange bleibt.— Ein ſeltſames Beginnen, —— 97 Am Abend vor der Hochzeit wegzuſchleichen, Die Braut vor Angſt und Gram vergehn zu laſſen. Der Benno hat ſich um und um gewandelt, Sonſt war er mir ganz anders traun! der Junge. (zum Gitterfenſter gehenb und hinausblickenb) Die Nacht iſt graus, ein ungeſtümer Wind Spielt mit den Kronen unſrer alten Eichen Und peitſcht die Wolkenbilder hin und her, So daß der Mond mit ſeinem hellen Auge Nur ſpärlich auf uns niederſchauen kann.— Ha, wie das tobt und brauſt hier in dem Walde, Und nun vollends von jener Seite her, Da iſt das Waſſer und die Felſenbrücke; Als wenn der Böſe hauſt', ſo lärmt es dort. Doch horch, iſt's nicht der alte Hackelberg, Der rechts dort weg, hoch in den Lüften jagt?— Das iſt ein Lärm! Ja, bell' und blaſe nur Und tob', Du thuſt uns doch nichts an. Es wird Mir ordentlich ganz wohl, wenn ich ihn höre Den wilden Hackelberg mit ſeiner Jagd.— Wenn nur der Wind ſich legte, ging' ich wohl Noch ſelbſt zum Thor hinaus, doch aber der Erregt mir meinen böfen Huſten gleich. Im Dorf iſt alles ſtill. Kein Lichtchen brennt; Der Wächter ſingt die erſte Stunde ab. Ein neuer Tag bricht an, ich danke Dir, Daß Du ihn mich erleben läſſeſt, Vater! IV. Theil. E 98 Schon Siebenzig Jahre beugen dieſen Nacken, Und noch kann dieſes Aug' die Sonne ſchau'n, Noch höret dieſes Ohr die Liebesſtimmen, Die unſern alten Wald beleben. Freudig Bin ich auf meinem Pfad' ſtets fortgewandelt, Und hab' mit treuem, dankerfulltem Herzen Empfangen Gut' und Böſes, wie Du's ſchickteſt— D'rum bin ſo ſroh und glücklich ich geblieben.— (zu Jakob ſich wendend). Der Junge ſchläft.— Ja, ja, in dieſen Jahren Da ſchläft ſich's leicht; inſonders junge Buben, Die ſich dem Waidwerk widmen und am Tage Im Forſt ſich tummeln müſſen—(es klopft). Horch, es klopft— Das iſt der Benno.(zu Jakob gehend und ihn aufweckenb.: 3 Jakob, geh' und oͤffne! Jakob.(im Schlafe). Was giebt's, geſtrenger Herr? Was giebt's? Ich? Schießen? MNRuppert. Was Schießen, Schrafras Geh' hinaus und öffne, Am äußern Hofthor' klopft's— Jakob.(erwacht) Ja ſo, Herr Ruppert. Verzeiht! Ich ſoll das Hofthor oͤffnen? Laßt Der Waldmohr äfft' uns— bes 99 Ruppert. Ei potz Velten, öffne— Jakob. Wo iſt die Leuchte? Ckreust ſich). Alle guten Geiſter! (er nimmt die Leuchte von der Wanb und geht burch die Thüre im Hintergrunde ab). Zweiter Auftritt. Ruppert. Lallein). Der Tyras ſchweigt. Ja, ſicher iſt's der Benno, Wie würde der ihn ſonſt paſſiren laſſen! Er läuft ſo ſchnell, ich höre ſeine Schritte. Was muß es geben? Himmel, welche Ahnung Steigt in mir auf? Doch ſchweige, böſer Argwohn. Mein Benno weicht vom rechten Wege nie. Dritter Auftritt. Ruppert. Jakob. Benno.(SFakob tritt dem Benno, der ſehr bleich und verſtört ausſieht, mit der Leuchte voran, und bleibt dann im Hintergrunbe). Benno. Ha guten Abend, Ruppert! 4 E 2 100 Ruppert. Guten Morgen 1. Zum Abend, Benno, iſt's noch lange hin. Wo kommſt Du her, Du bleiches Nachtgeſpenſt? Benno. Ich ging ſpazieren— Alter— wild iſt's ³ draußen, D'rum bin ich müde— laß mich ſchlafen gehn. Ruppert. 4 Die arme Bertha war beſorgt um Dich— Benno. Schon gut, ſchon gut, ich dank' für Deine Liebe. Es freut mich, daß ich Dich hier g'rade fand Und keinen Andern— Ruppert.(beſieht ihn bedenklich). Laß uns ſchlafen gehn! Doch Benno, haſt nichts Böſes vorgehabt? Gieb mir die Hand. Doch wie? Du reichſt ſie 3—— nicht?— Benno.(giebt ihm die Hanb). Wie köͤnnt Ihr nur ſolch finſtre Grillen fangen?— Nun, gute Nacht, mein alter, guter Ruppert! Ich ſetz' in jenen Lehnſtuhl mich, und ſchlafe— 106¾ Ruppert.(ſchmunzelnb). Ei, Ei, Ihr bleibet hier?— Nun meinet⸗ halben, Das kann dem altem Jägersmann gefallen. Es iſt ein herrlich Mädchen, Ihr ſeid glücklich— Doch ſuchet dieſes Glück ganz zu verdienen. Nun gute Nacht, Du loſer Schelm! Schon gut— Jetzt bin ich wieder ruhig— macht's nun gut Durch viele ſüße Küſſe, was Ihr erſt Durch Euer wildes Fortgehn ſchlimm gemacht. (ab burch bie Thüre im Hintergrunde mit Jakob, wel⸗ cher mit der Leuchte vorangeht). Vierter Auftritt. Benno. oallein). Nun hätt' ich ſie(er zählt) die Drei und ſechzig alle, Drei ſind für ihn und Sechzig ſind für mich. Ich will den Schatz mir aufzuſparen wiſſen. Das Köſtlichſte ſoll er für mich erringen. Sie ſind ſo ſchwer die Kugeln in der Hand— Sie ſind dafür auch größer.— Eine nur Steck' ich zu mir, den Probeſchuß zu leiſten, Die Andern mag mir Heinze aufbewahren.— Ich möchte ſchlafen— dann verträumt' ich wohl Das Grauſe, das im Wald' mir wiederfuhr. —⸗—ꝛ—xℳʒñõ „ 102 (er geht in ben Hintergrund und ſetzt ſich in den Lehnſtuh!). Nun, all ihr guten Geiſter, ſchirmet mich. (im Einſchlafen). Gar mächt'gen Gönner hab' ich, das iſt wahr— Ob er auch Wort hält?— Immer ſoll er's nicht.— (er entſchlaft). Fünfter Auftritt. Benno.(ſchlafenb). Bertha.(mit einer Leuchte aus dem Seitenzimmer links tretend). Bertha.(inbem ſie die Leuchte auf den Fiſch ſtellt). Es läßt mir keine Ruh', bevor ich weiß, Ob Benno noch nicht glücklich heimgekehrt. Ich ſchlief zwar, doch war das wohl Schlaf zu 3 nennen?— Wenn grauſe Traͤum' allnächtlich mir mein Lager Umſchweben, o ſo war der grauſendſte Doch der, den eben ich halb wachend träumte. Mein Buſen iſt zu eng, das Schreckliche Zu faſſen. Meine Mutter will ich rufen, Dann mach' die Zung' dem bangen Herzen Luft. (in die Seitenthüre links hineinrufend). Ach Mutter! Liebe Mutter! Komm heraus!— 4. Sechſter Auftritt. Vorige. Ilſe.(aus der Seitenthüre links ein⸗ tretend). Ilſe. Warum, Kind, wandelſt nächtlich du herum? Es iſt nicht rathſam, jetzt ſich zu beſprechen. Zu Bette, Kind! Das Geiſterreich iſt los, Der Waldmohr ſpukt— Bertha. D'rum fuͤrchte ich mich ſo. Das Häuschen in dem Walde iſt doch ſchaurig. Ilfe. Ja wohl iſt's das, mein Töchterchen. Den„ Vater. Hab' oftmahls ich gebeten: zieh doch fort, Und ſiedle Dich in einer großen Stadt Als Krämer oder irgend ſonſt was an; Doch Vater ſchuͤttelte dann ſtets den Kopf.— Mir wollt's im Walde früher nie behagen, Jetzt hat Gewohnheit vieles ſchon geaͤndert.— Ja eh'dem, als der Vater mich gefreit, Und ich nun meine Vaterſtadt verließ, Da hab' ich d'rob der Thränen viel vergoſſen. Und wenn in langen Winterabenden Der Vater nach dem Dorf', zur Schenke ging, Die Jäger unten zechten, ich allein 104 Hier oben in der Stub⸗ am Rocken ſaß, Und dann bald dies, bald jenes polterte, Bald Hackelberg ſich in die Lüfte ſchwang, Und immer dann die Hunde heulend zeigten, „Was Unheimliches ſei der Warte nah, Dann bebte ich und betete und kreuzt' mich.— Doch iſt— ich kann's getroſt Dir hier geſtehn— Im Leben mir vom Spuk nichts wiederfahren; Wer fromm und züchtig auf dem Pfade wandelt, Der jedem Chriſten vorgeſchrieben iſt, Stets Gott im Herzen trägt, dem ſchadet nichts.— * Bertha. Ich möͤchte gern einmahl zur Stadt hinein— Ilſe. Du liebes Kind, da treibt's, da wogt's, da lebet's! Da grauſet's Keinem, wenn der Abend kommt. Hat hier er ſeine Flügel ausgeſpannt, Fängt ſich im Walde an der Spuk zu regen, Streift Dir die Fledermaus mit feuchtem Flügel Die Wang' vor Schrecken blaß, kreiſcht Dir die Eule Aus Moosgeſtein ihr Sterbeliedlein zu: Dann ſpotten kauſend Lampen in der Stadt Die Schreckniſſe der Finſterniß Dir fort. Da wogen bunte Haufen in den Gaſſen, Da fahren Kutſchen prächtig anzuſchauen. 4* * 105 Dort giebt's ein Schauſpiel, hier giebt's ein Bankett. Der Kaufherrn reiche Laden ſind erleuchtet, Sie bieten Dir das Schönſte feil für's Gold. Und was der Teufel Dir dort ſchickt, das iſt Kein Nachtmohr und kein Elſe— nein, das traͤgt Die lieblichſte Geſtalt, bald Mägdelein, Bald Stutzerchen in einem Schellenwamſe. Ich für mein Theil, ich zöge gerne wohl Aus dieſem Wald'!— Doch will's der Vater nimmer. (Starke Winbſtöße). Bertha. Der Vater ſcheint mir dennoch recht zu ha⸗ ben— Die Stadt mag immerhin wohl prächtig ſeyn— Doch wenn am Tage ſchön die Sonne ſcheint, Iſt's eine Pracht nicht, hier den Wald zu ſchauen? Die Nacht, obſchon ſie ihn wohl anders macht, Iſt oftmahls angenehm— doch immer nicht. Zum Beiſpiel heute ſchreckt mich jeder Ton. Hörſt Du die Windsbraut wohl, wie ſie das Laub Der alten Eichen ſingend hin und herwirft!— So eben träumte mir von jenen Eichen, Die hoch und majeſtätiſch vor der Thüre Die Zweige ſchattend weit hinüberſtrecken. 106 Dort war an einer ich ganz feſtgebunden, Nicht regen konnt' ich mich, es that mir weh. Ein gräßliches Geſicht— es glich dem Heinze— Das hatte ſo die Knoten feſt verſchlungen, Daß Niemand mich vom Baum' befreien konnte. (Der Wind legt ſich allmählig gäͤnzlich). Nun kam mein Benno, angethan als Jäger, Wie ich ihn immer ſeh', er nahm die Büchſe— Er lud— ha! Mutter, haſt Du nichts gehört?— Ilſe. Nein, Bertha— es iſt alles ſtill ringsum— Doch fahre fort, er lud— Bertha. Nichts, Mutter, nichts. Ich kann das Gräßliche Dir nicht erzählen. Es war ein Traum, nichts als ein Traum 2 nicht wahr? ein böſer Traum bedeutet oft wohl Gutes— Ilſe. Gewöhnlich, liebes Kind— d'rum fuͤrcht' Dich nicht— Bertha. Wird's nicht bald Morgen?— Ilſe. Ja, bald. Sieh nur her Schon zuckt's im Hſt herauf.— * 107 Bertha.(anu's Gitterfenſter tretend, und tief Athem holend).. h Sey mir gegruͤßt! O gieß' Dein tröſtlich Licht, Du Himmelsauge, Mir in das Herz und lindre meine Qual!— Das Erdreich dampft, auf jedem Hälmchen zittert Der Demanttropfen Thau von ihr verklärt. Und meinen Augen auch entſtürzen Thränen!— (mit ausgebreiteten Armen eine Weile ſtarr hinaus⸗ ſchauenb). Ja Gott, Du kannſt mit Freude uns erfüllen— Und alles Trübe, was uns quält und peinigt, Das ſchaffen wir uns mit Geſchäftigkeit. Der Bäume Wipfel blinken ſchön vergoldet, Der Felſen Spitzen ſchimmern veilchenblau, Die Ferne ſchwimmt verklärt in blauen Wolken, Der Vögel Lied belebt die reine Luft; Das iſt die Arzenei für unſre Laune, Die uns, da es noch finſter war; ſo druͤckte. Jetzt lachen wir des Waldmohrs, iſt's nicht ſo? O ſüße Wonn'’, du ſtrahleſt mir herauf— Und neues Leben fließt durch meine Glieder!— Heut, liebe Mutter, iſt mein Hochzeittag— Ilſe.. Wenn's Gott ſo will, wir Alle wollen es— Bertha. Sollt' gher Benno noch nicht heim ſeyn, Mutter? 108 Slfe. Ja, heim iſt er ſchon längſt, der Ruppert ſagt's— Er bracht' die Nachricht Deinem Vater gleich. 4 Bertha.. Wißt Ihr's gewiß auch, Mutter? Flſe. Sicherlich. (nach dem Hintergrunde blickend). Doch, ſieh nur hin— in jenem Winkel dort— Iſt's Benno nicht?— Bertha.(zu Benns gehend). O leiſe, leiſ'— er ſchläft. Sieh nur, er ſchläft ſo ruhig, o gewiß Es wäre Suünde, ihn jetzt aufzuwecken.—(ſie geht wieder vor). Doch Mutter, biſt Du mir auch wieder gut? Ich war vorhin ſo ſonderbar geſtimmt, Und habe Dir den nöth'gen Schlaf geraubt. Doch jetzt, da mir die Morgenſonn' in's Herz ſcheint, Bin ruhig ich und heiter, liebe Mutter. * Fl ſe. Das freut mich Kind, Du warſt's ja immer ſonſt. 109 Bertha. Ich will im Garten nun den zahmen Hirſihen. Das Futter geben— Slſe. Und ich will noch ſchlafen, Gar vieles hab' ich ſpäter noch zu ſchaffen— Bertha.(ſich im Abgehen noch einmahl nach Benno umwenbenb). O traͤumte doch mein Benno jetzt von mir!— (ab mit Ilſe burch die Seitenthüre links). Siebenter Auftritt. Benno.(allein; erwachend). Welch ſüßer Traum— ach, warum floh er ſchon? Ihn feſt zu bannen, moͤcht' ich ewig ſchlafen.— Ein Engel hat die Augen mir berührt, Geſtärkt ſeh' ich dem ſchönen Tag' entgegen. Und ferne nun, vom Strudel jäh ergriffen, Seh ich die Träum' vergangner Nacht entfliehn. (er ſteht auf und geht vor). Ja, was die Nacht, die finſtere, gebrütet, Sey wieder auch mit ihr hinweggeſchwunden, Und was der heitre Tag uns freundlich ſpendet, Sey mit geruͤhrtem Danke froh empfangen.— O Gott, ich möchte alle Weſen ja Umfangen, küſſen, an den Buſen druͤcken. 110 Es iſt doch wahr, die frohe Morgenſtunde Heilt mit dem friſchen Balſam manche Wunde!— D'rum will ich die Gedanken auch erſticken, Die wieder in mir aufzukeimen droh'n. Wird nicht die Schönſte, Lieblichſte der Frauen, Die holde Bertha heute noch mein Weih? Iſt heute nicht der Tag, der meinen Wunſch, Den ſehnlichſten des heißen Herzens, ſtillt? (an's Gitterfenſter tretenb). Der Morgenſonne Purpur röthet ſchon Die alten Föhren an dem blauen Weiler!— Auf, in den Garten denn! Auf, auf, hinab! Dort will ich, in dem friſchen Thau mich badend, Der Blumen erſte Morgendüfte athmen, Und dann vergehn vor Wonn' und Seligkeit!— (er will ſchnell abeilen, bleibt aber, indem hinter der Scene ein Marſch erſchallt, plößlich wieder ſtehen). Doch hör' ich recht?— Es tönt ein froher . Marſch— Gewiß zieht Ritter Wolffenburg ſchon ein— D'rum ſchnell hinfort, den wild verworr'nen . Anzug Mit hellem Feſtgewande zu vertauſchen. (ſchnell ab burch die Thüre im Hintergrunde) 1 4¹ Achter Auftritt. 2 (Große Haile, wie im erſten Aufzuge. Im Hintergrunde das Bild. Man hört hinter der Scene den Marſch erſt aus der Ferne, dann immer näher). Hugo.(burch bas Portal im Hintergrunde hereinei⸗ eilend und links zum Gitterfenſter tretenb). Dort zieht der Alte auf, ein ſchmucker Zug; Voraus er ſelbſt— er hält ſich wahrlich gut.— (vom Gitterfenſter weg in ben Vorbergrunb tretenb) Jetzt kommt die Stunde, die ich immer fürchte; Die Uterredung iſt mir ſtets zuwider.— Wie jener Drache, dem die Köpfe wuchſen, So wie man ſie ihm abgehauen hatte, So keimt's Gewiſſen plötzlich in mir auf. 3 Und wenn ich eine Stimm', die gräßlich mir In's Ohr hinein mit Donnerkrachen gellt, Erſtickt zu haben wähne, kuͤndet mir Ein neuer Blitzſtrahl neuen Donner an. So fühl' ich mich umwoget und umtoſt; Bin gleich ein ſtarker Fels ich, könnte doch Die Well', die ſtets an meinem Fuß ſich bricht, Mich untergraben und zum Fall mich bringen. Wenn ich nicht ſtets mit rieſenhafter Macht Das Gräßliche, das in mir kocht und ſiedet, Erſticken wollte, was wär' ſchon geſchehn?— Nun kommt der alte Weichling, und wohl leicht Koͤnnt' er den Kopf mir ganz und gar verdrehen. 112 Er quält ſich ſtets mit ängſtlichen Gedanken, Die ihm das lockre Hirn zerfreſſen haben, Daß oft er wie ein kleines Kindlein faſelt.— (Der Marſch hinter der Scene ſchweigt). Reunter Auftritt. Hugo. Otto von Wolffenburg.(burchdas Portal im Hintergrunde eintretend). Hugo.(Wolffenburg erblickend, leiſe für ſich). Da iſt er ſchon— Hugo, nimm Dich zuſammen. Wolffenburg. Gott grüß' Euch, alter Wart! Doch nein, nicht ſo, Ihr ſeid nicht alt; Ihr ſeht noch rüſtig aus, Hell blitzen Eure ſahwarzen Falkenaugen, Und auf dem Scheitel pranget noch das Haar— Hugo. Das macht die friſche Luft, geſtrenger Herr! Hier in dem Forſte wird man ſelten krank. Wolffenburg. 5 5 Ei ſeht doch! Meint Ihr, oben auf der Burg Sey nicht ſo rein die Luft, wie hier im Forſte? Die Luft hat mir das Haar nicht weggeblaſen, Auch hat die Sehkraft ſie nicht ausgetrocknet. Nein, nein, was Euch ſo jung erhalten hat, Es iſt der leichte Sinn, der Euch erfüllt— (ſeufzenb). Ich kann den Stein nicht von dem Her⸗ zen wälzen. 4 113 Hugo.* O ſtill davon— wozu die finſtern Reden— Seht um Euch—nach bem offenen Gitterfenſter deutend). ſeht doch nur die Hütte dort, Seht doch, wie ruhig, friedlich alles iſt.— Wolffenburg. So ſtill und friedlich iſt auch meine Burg. Wenn ſie der Wandersmann erblickt, ſo ſcheint Sie ihm wohl auch der Sitz des ew'gen Glücks. Die Thürme ſtreben in die Luft gar kühn, Die goldnen Kreuz' und Fähnlein blinken hold In's grüne, waſſerreiche Thal hinab. Die alten, hohen Linden ſchatten lieblich Den großen Burgplatz und der Silberbrunnen Verbreitet ſanfte Kühlung. Ueberall, Wohin der Wand'rer ſeine Blicke ſendet, Wird freundlich er gefeſſelt.— Doch was d'rinn In dieſer Burg fur ſchnöde That geſchah, Das ach, verbirgt das truͤbe Herz des Zwingherzn⸗ Und dieſer Wald an ſchaueriger Stätte. Ha Hugo,(auf ſein Herz beutenb) wie's hier tobt, 3 das fühlſt Du nicht; Ich quäl' mich ab durch Buße und Kaſteien, Doch will die inn're Folterqual nicht enden. Hugo. Wie iſt's nur moͤglich, Herr, bedenket doch— Gott hat Euch ja nichts wiederfahren laſſen, Wodurch er ſeinen Zorn Euch kund gethan— Wolffenburg. Ha, iſt das nichts? Iſt es nicht Straf genug, Daß ich im Grame mich verzehren muß?— Hugo. Das aber könntet Ihr wohl leichtlich ändern— Wolffenburg. Nein, Hugo, nein— das eben iſt der Fluch, Der jeder böſen That mit Schnelle folgt. Du biſt verſtockt, Du haſt gar kein Gewiſſen, Du biſt ein Teufel, oder wirſt ihm noch Zu Theil— Hugo.(lachend). § Herr, vergebt, daß ich nun lache. Was iſt es denn, das ich verbrochen habe? Ich hab' dem alten Herrn das Blut gezapft— Wie lange hätt' er wohl noch leben Können? Erſt lag er Jahre lang im finſtern Kerker, Und war vom Faſten ſchon durchſichtig worden. Wolffenburg. O theurer Bruder! Könnt' in's Leben Dich Zuruͤck der Trauernde beſchwörend rufen! Hugo. Ich führt' ihn her, nach dieſem dichten — Walde; Er bath, er flehte: mord' mich, lieber Hugo, 115 Verhaßt iſt mir das Leben, eine Laſt, Die gern ich von den müden Schultern werfe. Nun, wie er das geſagt, da ſtieß ich ſchnell Den Dolch bis an das Heft ihm in die Bruſt, Und bald war er verſchieden auf dem Raſen. Ich muß es frei geſtehn, mir grauſte wohl Im erſten Augenblick, da ich allein Mit dem Erdolchten war an ſtiller Stätte. Doch wie die Grube fertig ich gegraben, Und ihn hineingelegt und zugeſcharrt, Da war's vorbei mit allen Hirngeſpinnſten. Er bath mich ja, ſo ſagte ich mir ſelbſt, Herr Otto hat's befohlen, ſagt' ich ferner, Und d'rob kann Dir kein Haar gekrümmet werden. Wolffenburg. Ha, Schrecklicher! Die gräßlich blut'ge Schuld Liegt einzig nur auf mir, auf mir allein! Hugo. Die Schuld, Herr Ritter, iſt ſo groß auch . nicht. Hätt' er Euch nicht befehdet, blieb er leben! Ihr kanntet ja den Jäͤhzorn, der ihn trieb; Er konnte nimmer ſich mit Euch vertragen. Und ſtatt im Kerker ihn ver ſchmachten laſſen, Da war's wohl beſſer, ihn zu morden— 116 Wolffenburg. . Cain! So ruft mir das Gewiſſen ewig zu, Und peitſcht mich hin und her im heißen Schmerz. Hugo. Erfreut Euch doch bei uns im Grünen, Herr! Sogleich ſoll meine Tochter Euch bedienen— Auch guter, alter Wein iſt in der Klauſe— Wolffenburg. O laß mich, laß mich— nichts von alle dem— Sag' mir, wo haſt den Bruder Du begraben? Hugo.(der nach und nach finſter wurde) Nicht weit von dieſem Ort, am Schmer⸗ lenbach, Wo unter Erlen, Molch und Unke niſten— Da iſt das Erdreich Moor, es gräbt ſich leichter— Wolfſenburg. Ja dort war's, wo mein Pferd ſo plötlich 3 ſcheute. Hugo.(ſinſter). Ein Ungefähr, nichts weiter, lieber Herr! . Wolffenburg. Das Gras war abgebrannt an jener Stelle, Auch lagen Menſchenknochen an dem Wege, Der dort ſich kreuzte— gräßliche Gewißheit! Es ſind des Bruders Todtenbein' geweſen, 117 Die Frevelhände ausgegraben haben, Und die ich frech vom Pferd' zerſtampfen ließ. Hugo.(beinahe ganz abweſend). O laßt das Herr, ich bitt' Euch ernſtlich d'rum. Seid wieder guten Muths, nehmt Euch zuſam⸗ 1 men— Wolffenburg. Vielleicht zerſchmilzt die ſtarre Eiſesrinde, Die alle meine Kraft gefangen hält. Vielleicht beleben wieder ſich die Pulſe.— Vielleicht— doch ach!— Er kehret nimmer wie⸗ der!— Zehnter Auftritt. Vorige. Bertha.(burch bas Portal im Hinter⸗ grunbe eintretend; ſie iſt feſtlich gekleidet). Hugo.(Bertha bemerkend; ſich ermannend, zu Wolf⸗ 3 fenburg). Hier dies iſt Bertha, meine liebe Tochter— (zu Bertha). Komm, liebes Kind, und reich' dem Herrn die Hand!(ſie thut es). (zu Wolffenburg). Das kleine Ding iſt ſchüchtern, ſieht ſonſt nichts Als mich, die Mutter, Jäger und die Leute Aus unſrem Dorf' am Abhang dieſes Verges— 118 Wolffenburg. Ein ſchönes Früchtchen, traun! Im Walde hier Hätt ich's ſo lieblich wahrlich nicht vermuthet. Bertha. 3 Und doch bin ich im Walde groß geworden. Ich kenne keine Städte, keine Burgen; Ihr bloß, Herr Ritter, ſeid der Einzige, Den jährlich ich an dieſem Feſte ſchaue— Wolffenburg. Wie ſchoͤn und zierlich ſie die Worte ſetzt. Hugo. Das macht der Benno, vielgeſtrenger Herr! Wolffenburg. Der Benno?— Hugo. Ja, ſo nennt ein Jager ſich, Geſchickt und ſchön, in Vielem wohlerfahren, Der liebt das Mädchen, und mit Eurer Gunſt, Wenn er den Probeſchuß heut noch beſteht, Und ſo ein Brod hat, eine Frau zu nähren, Bekommt er ſie zum Weib'. Er hat mein Wort.— Doch gnäd'ger Herr, verzeiht die kuͤhne Mahnung, Die Zeit rückt vor, wie wär' es, wenn Ihr jetzt In Augenſchein's Gehäge wolltet nehmen, Dann ſchritten wir alsbald zum Probeſchuß— 119 Wolffenburg. Wohlan, ſo kommt. Hier fühlte ich mich wohl, Der Furien Macht zerſchmilzt vor dieſem Engel— Aus dieſen milden Augen ſtrömte mir Ein tröſtlich Licht in's wunde Herz hinein. Ich ſeh' Dich wieder, Bertha, und Du zeigſt Mir Deinen lieben Benno dann wohl auch. Bertha. 3 Mit Freuden, wenn Ihr's wollt, geliebter Herr!— (Wolffenburg und Hugo ab burch das Portal im Hin⸗ tergrunbe). 3 Eilfter Auftritt. Bertha.(alkein).. Es iſt ein lieber Herr— nur ſtets ſo traurig— Es muß wohl ſchwerer Kummer auf ihn laſten; Er dauert mich, und könnte ich ihm helfen, Bei meiner Seligkeit, ich thäte es.— (Pauſe). Die Stunde naht— wird er das Ziel erringen?— Mir iſt ſo bang, und doch iſt mir's auch wieder, Als könnt' das Ziel er nimmermehr verfehlen.— Es pocht das Herz ſo zaghaft unter'm Mieder— Was ich empfind— ich ſuch's ihm zu verhehlen.— Zwölfter Auftritt. Bertha. Benno.(burch das Portal im Hin⸗ tergrunde eintretenb; er iſt feſtlich gekleibet). Benno.(wild bewegt). Ha lieblich, waznig anzuſchauen iſt Die Braut im ſeſtlich ſchönen Hochzeitkleide. Ei laß Dich doch beſehen, holdes Kind— Nun, nun, hübſch munter nur— Bertha. Ach lieber Benno, Iſt das nicht wilde Ausgelaſſenheit, Die ich in Deinen Blicken funkeln ſehe— 2 Denn Frohſinn iſt das nimmer wohl zu nennen? Benno.(wie vor).. Heiſa mein Püppchen, komm mit mir und tanze, Ja tanze, fliege, luſtig, munter, flink! Bertha. O Benno, lieber Benno, ach wie wild, Wie ungeſtüm und tobend biſt Du heute— Benno.(gemäßigter). Die Freude nur, die Freude iſt's, mein Mädchen. O Bertha, Bertha, bald nun biſt Du mein, Bald darfſt Du ohne Scheu mich hold umfangen, Und nicht, wie Du geſprochen, in den Forſt 121 Zu fliehen zwingt des Vaters Strenge uns; Im Gegentheil, er ſegnet unſern Bund. Bertha. War mir's doch anders, ach ganz anders ſtets, Wenn ich mir dieſe ſchöne Stunde dachte— Viel lieber, ja viel lieber möcht' ich fliehn, Als hier in dieſem Hauſe länger bleiben, Wo ſchwere, wilde Träume fürchterlich Allnächtlich mich von meinem Lager ſcheuchen, Und wo mir furchtbar, vorbedeutungsvoll— Benno.(ſchnell einfallend und ſie ſanft beruhigend:) Ach laß die böſen Grillen, liebes Kind; Sieh doch, der Morgen lacht ſo heiter uns, Und jubelnd ſteigt empor aus tauſend Kehlen Zum Schöpfer aller Weſen froher Dank! Bertha. Mein Benno, ſieh, ich freu⸗ mich, daß Du wieder Jetzt ruhig, ſtill und froh und heiter biſt; Ach geſtern ſahſt Du trüb' und finſter aus, Und wilder Schmerz zerriß Dein Angeſicht; In Deinen feuerrothen Augenwimpern War gänzlich faſt das Licht bereits verloſchen, Die Augenbrauen zogen krampfhaft ſich Zuſammen auf der tiefgefurchten Stirne; Des Mundes Winkel krümmten ſich hinabwäͤrts, Die Haare ſträubten ſchrecklich ſich empor IV. Theil. F 2122 Und furchtbar zuckten alle Deine Fiebern— O ſprich, was war es doch, das Dich ergriff?— Benno. „. Laß dieſe Fragen jetzt, mein gutes Kind. (leiſe für ſich) Ach warum mußte ſie daran mich mahnen?— (laut zu Bertha). Denk' nur an Heute, laß das 4 Geſtern ruhen. Bertha. Ich möchte gern wohl heiter ſeyn und froh, Und hüpfen, ſingen, jubeln und mich freuen, Doch käm' es wahrlich aus dem Herzen nicht. Ich weiß nicht, was in meiner Bruſt ſich regt Und mich mit Furcht und ſcheuer Angſt erfüllt, Ich weiß nicht, welche Bangigkeit mich faßt Und welcher heiße Schmerz mich tief ergreift. Benno.(bewegt). Ha, ſollte dies vielleicht die Straſe ſeyn? Allmächt'ger Gott im Himmel, zürne nicht, Der Suünder kehret reuig zu Dir wieder. Bertha. 4 Was ſprichſt Du, lieber Benno? Welche Worte! Wie kann der güt'ge Gott dem Frommen zürnen? 3 Benno. MRichts, nichts; was ſagt' ich? Siehſt du, Bertha, wohl, 4 123 Daß endlich Dir's gelungen iſt, mich auch Mit Deinen truͤben Grillen anzuſtecken?— Bertha. Du ſiehſt ſo ernſt mit einemmahle aus— Benno. Ich muß ja wohl.— Ha— ſtill— wie? Hörſt Du nichts? War mir es doch, als lachte Jemand— Bertha. Nein, Ich habe nichts gehört. Benno. So war's wohl Täuſchung— Bertha. Wer ſollte denn auch wohl hier lachen, Benno? Benno. Je nun, der Hexenmeiſter— Bertha. Hexenmeiſter?!— Benno. Nun ja, der Heinz’— Bertha. 3 Und was ſollt' den bewegen? Du ſprichſt in Räthſeln heute, lieber Benno— 2 Benno. Nun ſiehſt Du wohl, mein Schätzchen, ſagt' ich's nicht, Es würden Deine Grillen mich verſtimmen? Du mußt mich nicht ſo trübe machen, Kind— So ſey doch luſtig, Mädchen, lache doch— Bertha.(ihre Thraͤnen verbergend). Himmel, ich jetzt lachen— ich vergehe. Benno.(wieder wild bewegt). Ei wie? Ich glaub', Du weinſt?— Das wäre ſchön! Heiſa mein Püppchen, komm mit mir und tanze, Ja tanze, fliege, luſtig, munter, flink! Die Trauer will zu Zeiten freilich wohl Hienieden graus und eiſig uns erfaſſen, Doch nur darob den Athem nicht verloren, Nur immer friſch und munter, denn die Luſt Muß ſtets die Oberhand in uns behalten. Ha, allen Tücken finſtrer Höllenmacht Kann leicht der Menſch durch wilde Kühnheit trotzen. Auf, auf zum Schuß! Und dann zum frohen Tanze! Bertha. Ja, ja, zum Schuß!— Ich armes Opfer⸗ — lamm!— O Benno, haſt Dich wahrlich ſehr verändert, 125 Und furchtbar, gräßlich ſcheinſt Du heute mir, Denn Deine Trauer drücket mich danieder, Und Deine Luſtigkeit iſt wilder Frevel!— Benno. Wie ſagſt Du? Frevel? Frevel giebt es nicht, So lang' es dem dort oben wohlgefällt, Mit Menſchen wie mit Puppen nur zu ſpielen. Iſt denn der Menſch ein blinder Sklave nur? O nein! Fuͤrwahr, er kann das Joch zerbre⸗ chen!— Bertha. O Gott im Himmel! Benno! Welche Worte!— Dreizehnter Auftritt. Vorige. Ilſe.(mit einem Kranze in ber Hand, aus der linken Seitenthüre tretenb). Ilſe. Hier, liebe Bertha, bringe ich den Kranz. Setz' ihn jetzt auf— am frohen Hochzeittage Ziemt er der jungen, hochbegluͤckten Braut. Doch wie? Seh' ich auch recht? Du haſt ge⸗ weint—. Ei nun, was ſtaun' ich denn? Hab' ſchier ver⸗ geſſen, 126 Daß Bräute wohl nur Freudenthränen weinen! (indem ſie ihr ben Kranz aufſetzt). Sieh, Benno, doch einmahl, wie er ihr ſteht! * Bertha. Ei, liebes Mütterchen, Ihr ſtecht mich ja— Ilſe.(nimmt den Kranz wieber herunter). Wie, Kind?— Und ſieh, gar blutig— Benno. Blut? Ha, wo? Bertha. Es war nur eine Nadel, Benno, die Von ungefähr ſich in die Stirn' mir drückte. Benno. Ei, liebe Mutter, ei, wie unvorſichtig— Jlſe., Sprich, liebe Bertha, ſchmerzt es Dich noch ſehr? Bertha. Ach nein, der Schmerz wird bald vorüber ſeyn. (ben Kranz betrachtend, den ihre Mutter in der Hand hält). Allein was ſeh' ich, Mutter, welch ein Kranz? Dies iſt nicht der der Braut beſtimmte Kranz, Das iſt ja meines Bruders Todtenkränzlein, Das auf dem Haupt er trug, als ſchon im Sarg' Er ruhte, aus Zypreſſen iſt's gewunden— Ihſe Ach Himmel ja, jetzt merke ich es erſt. Es hingen Beide in dem großen Schranke, Da hab' ich mich vergriffen, und Zypreſſen Statt bräutlich ſchönen Myrthen mitgenommen. Doch wart', ich hole gleich den Andern her. Benno.(zu Ilſe). O laßt ihr den, er ſtand ihr ja ſo ſchön— Ilfe. Ei welch ein Einfall, Benno!— Wie, Du willſt Doch nicht in dem Kranz' ſie zur Kirche führen? Benno. Warum denn nicht?— Sie ſah ſo lieblich aus— So bleich der Kranz in ihren dunklen Locken. Wohl g'rade ſo ſah auch der Bruder aus. Nur jenen rothen Flecken hatt' er nicht Auf ſeiner Stirne Mitte. (bas Bild fällt von der Wand herunter). Bertha. Ha, was war das? Benno. Des Bruders Bild fiel von der Wand herab— (er geht hin und hebt es auf). Doch wie? Was ſeh' ich?(es Bertha und Ilſen zeigenb) Seht Ihr nichts? 128 Bertha. Ein Loch hat's in der Stirn'. Ilſe.. Was wird nun wohl, Wenn er es ſieht, der Vater dazu ſagen— 2 Benno.(ſtellt bas Bild bei Seite). Ha, welch ein ſeltſam Ungefähr!— Il ſe. Nun ja, Das hätt' Ich lange ſchon voraus Euch ſagen können, Daß es einmahl herunterfallen werde; Die Wand iſt morſch, der Nagel hing nur noch. Doch ſagt dem Vater heute nichts davon, Denn ſonſt wird er verdrüßlich, und ich möchte, Daß nichts die Freude ſtörte— Benno. . Wollte Gott, Es wäre ſo, daß nichts die Freude ſtör⸗ te!— (man hört aus der Ferne Hörner). Ilſe. Hort nur, die Jäger blaſen drauſſen ſchon. (zu Benno) Geh' zu den Andern jetzt hinaus, mein Sohn. Ich will mit Bertha in die Kammer gehen Uim ihr den andern Kranz auf's Haupt zu ſetzen. Dann komme ich mit ihr ſogleich Dir nach. „ 129 Benno. Laß mich nicht lange warten, liebe Bertha. Bertha. Nein, nein, mein Benno— bald— ge⸗ wiß ſehr bald!— (ſie geht bis an die linke Seitenthüre, dann kehrt ſie plößlich um, und fällt Benno in großer Bewegung um den Hals). Ach komm, mein Benno, komm!— 9 laß das Schießen— Komm Benno, komm— flieh' in den Forſt mit mir— Ilſe. Fort, ſeltſam Kind! Was ſoll das Alles heißen? Laß ihn, Du wirſt ihn ja bald wiederſehen. Bertha. O nein, o nein, mir wird ſo weh, ſo bang, Hab' Mitleid mit der Armen, liebe Mutter— Benno. Was ſoll denn Alles das, Du thöricht Mäd⸗ chen? Bertha. O lieblos harte Menſchen, ich vergehe— So lebet wohl, lebt wohl auf ewig denn. Nur meinem Vater kann ich Lebewohl Nicht ſagen, denn ich kenn' ihn aus dem Traume, Der mich mit ſeinen Schrecken noch erfuͤllt. Komm liebe Mutter, ziere bräutlich mich, Komm Mutter, komm! Den Brautkranz in die Locken!—. (ab mit Ilſe burch bie Seitenthüre links. Benno bleibt in Gedanken verſunken ſtehen. Dann nimmt er einige Kugeln aus der TZaſche und beſieht ſie eine Weile. Die Hörner erſchallen muthiger brauſſen, er wirft ſie weit von ſich, eine nur ſteckt er in's Kollet und eilt ab durch das Portal im Hintergrunde). (Ende des vierten Aufzugs). Fünfter Aufzug. (Freier Platz vor der Warte. Auf der Schießſtange der Bogel. Seitwärts ein kleines Häuschen, wo die Büchſen geladen werden. Im Hintergrunde ſitzen mehrere Bauern und Baͤuerinnen feſtlich ge⸗ kleidet und ſchwatzen; Jäger gehen ab und zu). Erſter Auftritt. Kurt. Heinrich.(ſie kommen aus dem Hinter⸗ grunbe vor). Kurt. Es iſt ganz ſonderbar— der Heinz iſt ſort— 2 Heinrich. Ei, wirklich? Sprich, wo iſt er denn geblieben? Kurt. Das weiß man nicht— Heinrich. Sehr ſeltſam in der That. Da hat er den Herrn Hugo wohl beſtohlen— Kurt. Wohl möglich— wollt' er mir doch nie ge⸗ fallen— Ich freu' mich recht, daß wir ihn nicht mehr ſehen— Heinrich. O höre, nun geht mir ein Licht auf— doch Ich wag's nicht auszuſprechen— Freund— Kurt. Ei, was? Heinrich. Sollt' wahr es ſeyn— was ich vermuthe— Kurt. Nun 2 Heinrich. Der Heinz' iſt fort— wie— doch Du giebſt Dein Wort, Daß Du es Keinem ſagſt, ich rechne d'rauf— Kurt. So gieh's nur von Dir— werd' es ſchon verſchweigen— 132 Heinrich. Der Benno— ſprach— je nun, ich mein' nur ſo— Weil Du mir ſagteſt, daß der Heinz' entfloh'n— Da ſteiget die Vermuthung in mir auf— Der Benno und der Heinz' die munkelten Seit ein'gen Tagen ſchon— der Himmel weiß, Was ſie ausbrüteten; das iſt gewiß, 1 Der Benno weiß, wo Heinze hingekommen— Und dann— Kurt. Nun weiter— Heinrich. Aber plaud're nicht— Denn wenn's dem Benno zu den Ohren käme— Bekäm's mir übel, er macht's kurz und 1 ſcharf— Der Jakob hat mir heimlich zugeſteckt, Er und der Ruppert hätten wachen müſſen— Verſteh' mich wohl, der Ruppert; denn der — Jakob— Deer ſchlief im Sorgſtuhl, weil ihn ſchläferte— Kurt. Du köͤnnteſt leichtlich Dich wohl kuͤrzer faſſen— Heinrich. Nun, unterbrich mich nicht, ſonſt bleib' ich ſtecken— Ja, ſieh— wo war ich— ja, die ſchliefen Beide— Nein, Ruppert ſchlief— nein, Jakob— ja, der Jakob!— Siehſt Du, mit Deinem Schwatzen— ganz konfus Kann mich es machen— und da klopfte nun Um Eins der Benno an das äuß're Hofthor— Das Haar verwildert, bleich und ganz verſtört— Vom Schweiße triefend und die Kleider naß Vom Nachtthau— und als Ruppert ihn befragt, Was ihn hinausgejagt am Polterabend, Da ſagte er: ei nun, ich ging ſpazieren— Und wollte ſich nicht in ſein Bette legen— Nun ſag', iſt es nicht ſonderbar?— Was gilt's, Der Benno war mit Heinze einverſtanden— Kurt. Was aber ſollt' er treiben ſpät im Walde? Heinrich. Gar Vieles— ſieh, das, Freund, verſtehſt Du nicht— 1. Ja wohl— Du haſt nicht viel Erfahrung; ich— Ja, ja— im Walde läßt ſich Manches treiben— Kurt. Nun, was, zum Beiſpiel?— — 0 Heinrich. Kann es Dir nicht ſagen— Das iſt noch nicht für Deinen gelben Schnabel— Weißt Du die Kraft des Nahmens Sanimel. Kudt. Was ſollt' in dem denn wohl teſond⸗ res ſtecken? Heinrich. Sprich ihn nicht aus, ich will Dir's freund⸗ lich rathen— Er hat gar vieles zu bedeuten, wahrlich! Der Oberkellner Luzifers heißt ſo, Und der tiſcht Dir im Nu'was Art'ges auf— Es thut mir leid um Benno, wahrlich leid— Das junge Blut— es wär' doch ſchade d'rum!— Kurt. Ein Jeder traägt die eigne Haut zu Markte. Heinrich. Was ſagſt du denn zum alten Knaſterbart, Der geſtern ankam? Kurt. Zu dem alten Carlo? Ja, das iſt mir ein ſchnurr'ger Herr Patron. Es iſt fürwahr doch eigen mit den Leuten, Die fern aus Wälſchland hergezogen kommen. Stets zeichnen ſie ſich aus in Sitt' und Art— Da lob' ich mir die deutſche, die iſt beſſer. 135 Heinrich. Haſt Du geſehn, wie zeitig früh im Garten Er mit der Zither auf dem Rücken ging? G'rad' wie ein Bänkelſänger ſah er aus— Und was für Lieder ſang er. Nicht ein Wort Hab' von dem Singſang' ich verſtehen können. Das war ein rechtes Kauderwälſch— Kurt. Je nun, Das ſprechen ja die Leut' in ſeinem Lande— Heinrich Ich glaub' am End', das ganze Wälſchland iſt Von ſolchen Zitherſchlägern nur bewohnt, Und dann von Solchen, die Figuren ſchreiben, So was wir Mahler nennen— denn ſie ziehn Ja mit Muſtk und Bildern ſtets herum.— Das muß dort ein Geklimper ſeyn und Lärmen— Schon wenn ſie ſprechen— wie das geht vom Maule, Ein Wort drängt's and're von den Lippen weg. Kurt. Ja, ja, wie ſie ſich nur verſtehen können! Heinrich.(ſich nach der linken Seite zu umſehenb). Dort kommt der Alte, ſtehen wir ihm Rede? — ‿ Zweiter Auftritt. Vorige. Carlo.(von der linken Seite kommenb). Kurt.(zu Heinrich, wie Carlo auftritt). Da iſt er ſchon— Carlo. 1 Nun guten Morgen, Kinder! Kurt. Ei ſchönen Dank— Heinrich. Wir danken, werther Herr! (Kurt und Heinrich ziehen ſich etwas zurück). Carlo. Cfür ſich). Der Benno hat mich warten laſſen— ei, Das pflegt ſonſt ſeine Sache nicht zu ſeyn. Mit ungeſtümer Haſt trieb geſtern Abend Er mich zum Schlafengehn, und heute früh Hält er nicht Wort, und doch hätt' ich fürwahr So Vielerlei mit ihm noch abzumachen— Kurt.(zu Heinrich leiſe:) Sieh doch nur, immer ſpricht er zu ſich ſelbſt— Carlo.(wie vor). Was mag es ſeyn, das ihn zu fliehen treibt Den väterlichen Freund?— Er war ſo froh, Da er mich geſtern ſah, die Jugendbilder Sie zogen wieder in ſein Herz hinein. 137 Und nun nicht Wort zu halten. Seinem Oheim Ein Stündchen nicht zu ſchenken. Unbegreiflich! Mein Benno hat ſich wahrlich ſehr verändert.— (er geht kopfſchüttelnd links ab). Dritter Auftritt. Kurt. Heinrich. Gleich darauf Ruppert. Kurt.(mit Heinrich wieder in ben Vordergrund tretenb). Ich ſag', der Wälſche iſt ein Sonderling. Ruppert.(von der linken Seite aus dem Hinter⸗ grunde kommend, zu Kurt und Heinrich). Habt Ihr den Heinz' noch immer nicht geſehen? Kurt. 3 Er iſt im ganzen Hauſe nicht zu finden, Auch will ihn Niemand hier geſehen haben Seit geſtern Mitternacht— Rupper t. Sehr ſonderbar! (ſich nach der rechten Seite zu umſehend). Ich ſehe Benno kommen, laßt uns jetzt. (Kurt und Heinrich gehen nach den Hintergrund zu den übrigen Jägern). 138— Vierter Auftritt. Ruppert. Benno.(von der rechten Seite kommend) Ruppert. Cfür ſich). Wie ſcheu er auftritt.(zu Benno) Benno, ſieh mich an. Du kannſt es nicht— welch eine finſtre That Haſt Du verübt, mein Sohn? O ſag' es mir, Der Dich ſo zärtlich liebt— Dein Auge wühlt Im Sand'— was iſt geſchehn?— Benno. Nichts, Vater! Nichts! Ruppert. Bekenn⸗ mir's frei, es macht den Buſen leichter. Die ſchwerſte Schuld, ſie drücket uns nur halb, Wenn einem Freunde wir ſie anvertrauen. Theil' mir es mit, was Dich daniederbeugt, In meinem Buſen hier ruh' es vergraben, Doch willig theile ich mit Dir den Schmerz. Benno. Das Alter fängt oft ſeltſamliche Grillen, Und viel muß man ihm d'rum zu Gute halten. Ruppert. Nicht leere Seifenblaſen, fürcht' ich, ſind Die Grillen, die in meinem Kopf ſich bilden. Glaub' mir, dem zärtlich ſpäh'nden Vaterauge 139 Entging das Kleinſte nicht von Deinem Treiben. Schon geſtern ſagt' ich, es mißfalle mir, Daß Du mit Heinze heimlich immer ſprächeſt. Sein ſchwarz Geſicht, die ſonderbare Tracht, Sein linker Fuß, dies Alles war es nicht, Was mich bewog, vor ihn Dich ſtreng zu warnen. Ich bin nicht ſo dem blinden Wahn zu Theil, Daß ſo etwas mich ſchon beſtimmen ſollte. Doch hab' des Heinze Treiben ich bemerkt— Das häm'ſche, tül'ſche Weſen wollte nicht Zu ſeiner äußern Gleisarrei wohl paſſen. Ich warnte Dich— Du hörteſt mich auch an— Du gabſt mir recht— und ich— ging fort zufrie⸗ den.— Der Waidmann ward gebannt, Du ſchoſſeſt wie⸗ der— Je nun, ich ſchwieg.— Wenn gleich der alte Glaube— In mir noch lebt, und was mein Vater mir Von jenem ſeltſamlichen Spuk erzählte, Ich nimmer aus dem Herzen drängen kann— So wollt' ich Alles mir doch anders denken Bei Dir, und glaubte, einzig käm' es her Von Deinem Träumen und von Deiner Liebe— Ja Alles— Alles wär' noch gut geblieben, Nur Cins erſchrecket mich— ich ſag' Dir's frei— Des Menſchen Aug' iſt ſeiner Seele Spiegel— 140 Und ach— den Spiegel hat ein gift'ger Hauch, Du armes Kind, Dir böslich nun getrübt— Benno. Noch kann ich nicht begreifen, was Ihr wollt!— Ruppert. Vor wenig Tagen noch, da Du nichts ſchoſſeſt, Da alle Hoffnung Dir verſchwunden war, Das Mädchen Deiner Liebe Dein zu nennen, Da ſank Dein Blick nicht abwärts ſo wie heut, Da ſchauteſt Jedem offen Du in's Auge, Und ſchaͤmteſt Dich der vielen Thränen nicht, Die aus den Augen Dir herniederfloſſen. Doch jetzt, da Du am Ziele endlich ſtehſt, Da Du die Braut zum Altar führen ſollſt, Jetzt ſcheint Dir Sinn und Zlick ſo ſchnell ge⸗ 3 3 wandelt— Wo iſt die Luſt, die Dich beleben ſollte? Du biſt nicht mehr der Alte— ſelbſt die Worte, Die Dir der väterliche Freund jetzt ſagt, Sie gleiten ab von Deines Herzens Decke, Sind nicht im Stand, Dich freundlich zu er⸗ wärmen— Bennſo. Laßt ab, laßt ab, wollt Ihr mich nicht ver⸗ nichten! 141 Ruppert. Wohl mir! Jetzt ſeh' ich meinen Benno wie⸗ der!— Gottlob! Noch iſt mein Zögling nicht verloren— Benno. Ihr irrt Euch, guter Mann— mir iſt ſehr wohl, Ich bin vergnügt, mich drücket keine Schuld— Nuppert. Was rang vorhin die Angſt Dir aus dem Buſen? 3 Du batheſt: höre auf, vernicht mich nicht!— Die Worte wären nimmer Dir entfahren, Wenn wahr es wäre, was Du eben ſagteſt. Benno. Ihr geißelt mich mit Euren harten Reden,— Was ſoll ich Euch geſtehn?— Ich that nichts 5 Böſes. Soll ich Euch lügen?. Ruppert. Nein, das thue nicht— D'rum ſchweige lieber— Benno. Ha, wie meint Ihr das— 2 Ruppert. Wie ich es mein,, das, ſeh' ich, gilt Dir gleich. 142 Benno. Ich halte Eurem Alter viel zu Gute— Ruppert. O zürne nicht, ich will Dich ja nicht reizen. Willſt Du mich gehen laſſen, wie ich kam, Nichts mir entdecken, wohl! DannSott befohlen!— (will abgehen). Benno.(ihn zurückhaltend). So bleibt doch wunderlicher Alter, bleibt! Was ſoll ich Euch entdecken? Ruppert.. Höre, Benno! Der Heinze iſt verſchwunden, g'rad' heraus: Weißt Du darum? Ihr ſprachet geſtern heimlich. Beunlſo. Verſchwunden, ſagt Ihr? Ruppert. Ja. Du wirſt ſo blaß?— Benno. Ich blaß? O nein— doch, iſt er wirklich fort? Ruppert. Ja, ja, und Niemand weiß bis jetzt, wohin. Benno. Nun denn, ſo wär' es richtig— 143 Ruppert. Was, mein Sohn?— Benno.(wilb bewegt). Schweigt, alter Mann! Ihr könnet mich nicht faſſen!— (außer ſich). Ja, ſtehe nur auf glatter Felſenwand, Umſtrömt, umſauſt, von Flammen rings umſpruͤht, Und ſchau' in einen Hain voll lieber Bilder, Doch trennt Dich eine tiefe Kluft von ihm. Und brächſt Du gleich den Hals, Du ſprangſt . hinüber. Da ſprang ich— doch der Hals iſt ganz geblieben. Was Leute ſchwatzen, ſind nur Ammenmährchen. Alle Jäger.(im Hintergrunde). Es lebe Ritter Otto Wolffenburg!— Benno.(leiſe zu Ruppert). Seht Freund, Herr Otto naht— nun geht es los. Wir wollen uns dem Haufen beigeſellen. Was ich Euch ſagte, ruh' in Eurer Bruſt. Ich wag' den Probeſchuß, ich ſchieß' nach Euch. Gebt Acht, ich ſiege— Ruppert. Doch biſt Du verloren!— (Benno und Ruppert ziehen ſich zu den Andern in den Hintergrund zurück.) 144 Fünfter Auftritt. Vorige. Wolffenburg. Hugo. Carlo. Gefolge.(von ber linken Seite). Wolffenburg. Ich neide, Hugo, Euch dies heitre Leben! 3 Hugo. ₰ Herr, ich wunſchte, daß Ihr's eben ſo Genöſſet— Wolffenburg.(mit dem Ausbruck bes heftigſten 3(Schmerzes:) Ich?!— Doch ſprich, wo iſt der Jäger, Der Deine Tochter frei't, wenn ihm der Schuß Gelingt— 2 Hugo.(nach bem Hintergrunbe rufend). He Benno, komm einmahl herbei! Der gnäͤd'ge Herr verlanget Dich zu ſehen. (Benno tritt vor). Wolffenburg. Ein ſchmucker Junge— und ein guter Schütze? Hugo. Ein Schütze, Herr, der ſeines Gleichen ſucht. Ihr werdet es alsbald wohl ſelbſt bemerken. Wie wär es— Wolffenburg.(einfallenb). Ja, wir wollen uns nun ſetzen. Das Schießen mag jetzt ſeinen Anfang nehmen. (ſie ſetzen ſich. Die Jager blaſen waͤhrenb des Folgenden). Sechſter Auftritt. Vorige. Ilſe und Bertha.(von der linken Seite kommend) Später Heinze. Ilſe. Nun Tochter, ſchnell! Das Schießen geht jetzt los— So bleich dacht' ich Dich nicht am Hochzeits⸗ morgen— Was iſt Dir denn? Bertha. Nichts, liebe Mutter, nichts! (ſie ſetzen ſich). Ruppert.(gzielt). Nun denn, in Gottes Nahmen! cer ſchießt). Wolffenburg. Brav, mein Alter! Der Schuß war gut, er macht Dir wahrlich Ehre!— Hugo. Jetzt, Ritter, kommt der Benno andie Reih'. Benno.(für ſich). Ihr Himmelsſchaaren, ſteht mir ſazem „ bei! (er legt an, laͤßt wieber ſinken) IV. Theil. G Hugo. Was fehlet Dir denn, Benno?— Druck doch los— Benno. Wohlan denn, wenn es ſeyn ſoll— wenn ich 4 1 muß— (er legt an; in bemſelben Augenblicke erſcheint Heinze hinter Bertha). Was ſoll dies Blendwerk? Ha! Fort von dem Engel, Verruchter! (er brückt los, Bertha ſinkt mit einem Schrei zu Boben. Die blaſenden Jager ſchließen mit einer Diſſonanz. Hein⸗ ze geht hohnlächelnb auf Benno zu. Alles weicht erſtarrt — 5 zurück). Heinze. Goͤhniſch zu Benno:) Sechzig treffen, Dreie äffen! (ab). Hugo.(mit Anbern um Bertha beſchäftigt, entſetzt:) O Sott! 4 3 Ilfe.(verzweiſtungsvoll). Mein Kind!. Hugo.(wie vor). 5 Er traf ſie in die Stirne!— Wolffenburg.(ſchmerzlich). Iſt todt ſie?— Hugo.(wie vor). Ha! Zerſchmettert das Gehirne!— · 147 Benno.(aus ſeiner Betäubung erwachenb:) Nun denn, ich fahr' ihr nach— bald bin ich bei ihr! Doch ſie ſchwebt hin zum Himmel, ichzur Höl⸗ le!— Doch nein, nein, vor dem Thron' des ew'gen Vaters Wird mild'res Recht der The und meinen Leiden! Gott wird vergeben mir— eer ſtürzt ſich in ſein Waidemeſſer). Wolffenburg. Die Straf' iſt gräßlich— Dein freundlich Leben, Hugo, hat geendet— Nun biſt Du elend, gränzenlos, wie ich!— Hugo. Du elend? Ha! Du haſt kein Kind verlo⸗ ren— Nicht plötzlich erſt erwacht mein träg' Gewiſſen, Schon lang verzehrte mich's mit heißem Grimme, Doch mit des Teufels Macht erwehrt' ich mich. Nun will die Qualen ich nicht länger tragen! Fort! Fort! Zum Fels, zum wilden Gießbach hin!— eer ſtürzt fort) Wolffenburg.(feierlich). Es frage Keiner nun, wie iſt's gekommen, Und wie geſchah's?— Die Hölle hat gewaltet!— G 2 143 Folgt mir zum Wald mit Spaten und mit Schaufeln, Und höhlt ein Grab, die Leichen d'rinn zu bergen, Und auch die Knochen, die wir dorten finden, Und pflanzt ein Kreuz darauf in gläub'gem Sinn. Ich werd' im Kloſter reuevoll mich nahen Dem großen Gott, dem gnädigen Erbarmer!— (Der Vorhang fällt.) —— Die Bleikammern v on VBenuedig. Drama in drei Aufzügen. — 4 „½ Perſonen. Ludoviko Graf von Donalto, verbannter Ab⸗ miral der venetianiſchen Flotte. Marko, ſein alter Diener. Erneſto Graf von Dellaporta, Kommandant der Bleikammern. TZorpetoſo, Oberrichter. Roberto, Kaſtellan der Bleikammern. Antonio, ſein Enkel.*) Pietro, Gonbolier im Dienſte des Trihunals. Laurette, ſeine Frau. Niſida, ihre TJochter. Zanetti. Orſano. Belcaſtro. Verſchworene. Malateſta. 8 Brighello. Paolo Bandini, Geheimſchreiber des Tribunals. Rupino. Perotti. Delponto.„ Ofſſteiers im Dienſte des Tribunals. Lothario. Vieenti. — Nikolo, ein Bauer. Sapiello. Abruzzo. Serbelloni. Agoſto. Benetianiſche Bürger. Zenaldi. Trevagno. Leonelli. Savoglio. 1. Officiere. Solbaten. Kerkermeiſter. Verſchworene. Landbleute. Bauerdirnen. Muſikanten. Sbirren. Gonboliere. Wache. Volk. (Die Hanblung ſpielt im Dorfe St. Marko und in Venebig, und fällt in das ſechzehnte Jahrhunbert). *) Die Rolle des Antonio iſt von den Bühnen⸗Di⸗ rektionen am zweckmäßigſten durch ein junges, in mi⸗ miſcher und plaſtiſcher inſicht gewandtes weibliches Indivibuum zu beſetzen. Erſter Aufzug. (Freier Platz vor dem Dorfe St. Marko bei Benebig; links im Vorbergrunde ein Häuschen; gleich dane⸗ ven eine Laube; hinter derſelben, halb von Baͤu⸗ men verſteckt, eine Kirche; rechts mehrere Baum⸗ gruppen. Im Hintergrunde ſteile Felsmaſſen, durch die ſich ein Fußpfab ſchlängelt. Am Fuße der Felſen ein großes eiſernes Kreus; nicht weit havon ein Fluß, über den eine breite, zierliche Brücke führt). 6 Erſter Auftritt. (Nacht. Die Uhr am Kirchthurme ſchlägt Vier.) Marko.(er tritt, in einen Mantel gehüllt, von der rechten Seite auf, und blickt ſpähend nach allen Sei⸗ ten umher). Vier Uhr— ja, ja, der alte Marko iſt punktlich— das weiß mein armer Herr gar wohl.— Doch— hab' ich mich auch nicht ge⸗ irrt?— Vor dem Dorfe St. Marko, nahe bei der Stadt, bei'm Kreuz' am Wege nach Vene⸗ * 154 digs Bleikammern ſollt⸗ ich am St. Markustag' mit dem vierten Glockenſchlage ſeiner harren— (ſich umſehend) da iſt der Weg— das Kreuz— ich irrte nicht— ich bin zur Stelle—(bie Thüre des Hauschens öffnet ſich. Donalto, als gemeiner Sol⸗ bat verkleibet, tritt behutſam und ſpaͤhend heraus) doch ſtill— ich höre Geräuſch— Zweiter Auftritt. Marko. Donalto. Donalto. Ich zählte doch richtig— es ſchlug vier Uhr — ob Marko wohl pünktlich war— 2 Marko. Ein Mann naht ſich— mich duͤnkt, ein Soldat— Donalto.(halblaut). Biſt Du es, Marko? 8 Marko. Ihr ſeid es, gnäd'ger Herr? O Gott, ich zitterte für Euer Leben!— 4 Donalto. Dieſe Verkleidung und falſche Päſſe entriſſen mich den Händen meiner Feinde. Geſtern Abends kam ich hier an, und erhielt in jenem Hauſe ein gaſtfreundliches Nachtlager.— Noch einen 155 Tag, und ich ſpotte des blutdurſtigen Tribu⸗ nals, das mich und ſo viele edle Venetianer zu ſeinem Opfer erkohr!— Marko. Wie?— Wär' es möglich?— Donalto. Es iſt!— Der morgende Tag— wenn Gott Sieg verleiht der gerechten Sache— bringt Untergang den Tirannen.(begeiſtert). Aus ihrem Blute ſoll— wie der Phönix aus ſeiner Aſche — herrlicher als je die goldene Freiheit auf⸗ blühen dem geliebten Vaterlande!—— Doch, Marko, auch andere, theuere Bande zogen den Geächteten zurück in die heimiſchen Fluren.— Sprich, warſt Du gluͤcklich in Deinen Nachfor⸗ ſchungen? Bringſt Du Troſt meinem dangen Herzen?— Marko. 9 laßt mich ſchweigen! Donalto. Warſt Du in Novento? Marko. Ich war. Donalto.(ſchmerzlich geſpannt). O ſo ſprich ſchnell! Lebt Niſida noch, das geliebte, theuere Weſen? Lebt ſie noch, die Un⸗ glückliche? Marko. Man zeigte mir ihr Grab. Donalto.(ſchmerzlich). Gerechter Gott!— So iſt denn keine Sühne mehr für die einzige Schuld, die auf meinem Herzen laſtet!— Marko. Alles was ich erfahren konnte, iſt folgen⸗ des:— Ihr wißt, daß Roberto, ihr Vater, ab⸗ weſend war, als wir uns in Novento aufhiel⸗ ten. Wenige Tage nach unſerer Abreiſe kehrte er zurück, und Niſida, vom Schmerze überwäl⸗ tigt, bekannte ihre Schuld. Rauh, aber voll Ehrgefühl, verſtieß der alte Krieger ſeine un⸗ glückliche Tochter und ſandte ihr ſeinen Fluch nach. 2 Donalto. O Gott! Auf m ein Haupt allein hätte er fallen ſollen!— Marko.(fortfahrenb). Nur zu ſchrecklich ging er in Erfüllung. Niſida floh die väterliche Hütte; verlaſſen, hulſ⸗ los, jeden Augenblick ihre Niederkunft erwar⸗ tend, ſchleppte ſie ſich mühſam bis an die Thüu⸗ re einer Hütte, die jetzt unbewohnt iſt, und dort gab ſie ſterbend einem Knaben das Leben. 6— Donalto. Einem Knaben! O Himmel, die ganze Fuͤl⸗ 157 le meiner Liebe fuͤr ſeine unglückliche Mutter will ich auf ihn übertragen! Sprich, Marko, was geſchah mit dem verlaſſenen Kinde? Marko. Ich konnt' es nicht erfahren. Nach dem Tode ſeiner Tochter verkaufte Roberto, der Ver⸗ zweiflung nahe, ſeine Hütte, und verließ auf immer den ſchrecklichen Schauplatz ſeines Un⸗ glücks; ſeit jener Zeit hörte man nichts mehr von ihm. 3 Donalto. Schrecklich!— O furchtbar bin ich dafuͤr beſtraft, daß ich Niſida, das engelreine Weſen, dem Stolze meiner Familie opferte, das ich ihr meinen Nahmen verbarg, daß ich mit trügeri⸗ ſcher Hoffnung ihr ſchmeichelte!— Nein, nichts, nichts nimmt die ſchwere Schuld von meinem Herzen! Nichts verjagt die drei Schreckensbil⸗ der, die ewig mich umſchweben werden! Ein Mädchen in der Blüthe der Jahre dem Verder⸗ ben Preis gegeben! Ein Greis am Rande des Grabes entehrt, beſchimpft! Ein Kind— mein Sohn, verlaſſen, vielleicht im Elende ſchmach⸗ tend!— Doch fruͤh ereilte mich des Schickſals Rache— ſeit achtzehn langen Jahren büße ich Niſida's Tod und ihres Vaters Fluch!— Marko.(ihm freundlich zuſprechend). Mein guter Herr— beruhigt Euch— Donalto.— Folge dem langen Zeitraume, Marko, und ſage dann, ob ich nicht wahr ſprach.— Ich ver⸗ laſſe Niſida, um in einer glänzenden Verbin⸗ dung die Quelle meiner Leiden zu finden. Mei⸗ ne Familie, reich und mächtig, ſteht auf dem Punkte, das Tribunal zu ſtürzen und Venedig zu befreien. An meinem Hochzeittage muß ich die Meinen durch ſchändlichen Verrath der neu⸗ en Schwiegerältern unter meinen Augen bluten ſehen. Auf ewig verbannt, fliehe ich die geliebte Heimath, und Schmach, Schande, Verzweif⸗ lung folgen meinen Schritten; in meinen Ar⸗ men erbleicht— ein unſchuldiges Opfer dieſer Schreckensſcenen— mein junges Weib, und läßt mich troſtlos, einſam, verlaſſen zurück!— Marko. 3 Verlaſſen? Nein, mein guter, theurer Herr! Noch ſteht der alte, treue Marko Euch zur Sei⸗ tte, bereit ſein Leben für Euch zu laſſen— und auch warme, treue Freunde habt Ihr— wür⸗ den ſie Euch wohl ſonſt in Euerem fernen Schlupfwinkel aufgeſucht und Euern Händen anvertraut haben die Rettung des Vaterlandes? 8 159 Donalto.(degeiſtert). Rettung des Vaterlands! Ja, Marko, dieſe Worte allein flammen neue Lebensgluth durch die ſchwellende Pulſe! Venedig muß ich retten, und rächen den Mord der geliebten Aeltern!— Und bei'm allmächt'gen Gotte, ich werd' es! — Alles iſt bereitet— noch dieſe Nacht fällt der entſcheidende Schlag. Der erfahrene Aldini erwartet nur einen Wink, um das Kommando der Truppen in Venedig zu übernehmen, die der Doge ſeloſt ihm heimlich zugeführt hat, in⸗ deß ich, an der Spitze der entſchloſſenſten Ve⸗ netianer, mich der Flotte bemächtige, die mit Freuden ihren alten Admiral empfangen wird, und ſo, im Beſitze aller Streitkräfte der Republik, ſtürzen wir dann das verhaßte Tribunal, das ſeine Schritte mit Verbrechen und Schandthaten bezeichnet!— In dem nahen Gehöͤlze wollen wir zum letztenmahle uns verſammeln, um Zeit und Plan des entſcheidenden Angriffes feſtzuſetzen. Marko. Wie, gnäd'ger Herr, ſo nahe bei den furcht⸗ baren, geheimnißvollen Bleikammern? Bei dem ſchrecklichen Gefängniſſe, in deſſen Eingeweiden die dem Tode verfallenen Opfer des Tribunals ſchmachten? Des Tribunals, das ſelbſt nur mit geheimem Schauder den Nahmen dieſer ſchwarzen 160 Kerker ausſpricht, die Alles vereinen, was un⸗ menſchliche Grauſamkeit und hölliſche Bosheit erſinnen konnten— ſo nahe dieſem ſchauderhaf⸗ ten Orte?— Donalto.— Heut iſt das Feſt des Schutzheiligen dieſes Dorfes— unter der großen Anzahl der Frem⸗ den, die alljährlich an dieſem Tage ſich hier ein⸗ finden, und in dem Gewühl der Menge, die bald zuſtroͤmen wird, ſind wir am ſicherſten ge⸗ borgen, und gerade in der Naͤhe der fuͤrchterli⸗ chen Bleikammern wird man uns am wenigſten vermuthen.— O Marko, wenn Du ahnden könnteſt, wer der gefürchtete, allmächtige Herr⸗ ſcher in jenen Mauern iſt, von deſſem leiſeſten Winke das Leben unzähliger verborgener Schlacht⸗ opfer abhängt!— 3 Marxrko. Sprecht, gnäd'ger Herr, wer iſt's? Donalto. Ein Mann, der der ſtete Gefährte, der treueſte Freund meiner Jugend war, der im Kreiſe unſerer Familie auferzogen, von meinem Vater wie ein Sohn, von mir wie ein Bruder geliebt ward— Marko. Wie! Wär' es möglich! Graf Dellaporta? 161 Donalto. So iſt's!— Dellaporta— Ungluͤcklicher— wenn wir ſiegen, ſo— doch nein, nein, ich will nicht unterſuchen, wie ſtrafbar Du biſt— des Jugendfreundes Rettung ſey dann mein er⸗ ſtes Werk— Marko.(auſchend und nach dem Fluß ſpaͤhend). Still, Herr— ich höre Ruderſchlag auf dem Fluſſe— richtig— eine Gondel nähert ſich— Donalto. Entferne Dich— Du kennſt den Werſamm lungsort— wenn alle Freunde beiſammen ſind, holſt Du mich ab.(Marko verliert ſich rechter Hanb hinter den Baͤumen. Pietro landet, von der lin⸗ ken Seite kommend, mit einer Gondel in Begleitung des in einen Mantel gehüllten Bandini),. Dritter Auftritt. (Die Morgenbämmerung bricht an, und es wirb nach und nach Tag.) Donalto. Pietro. Bandini. Pietro.(indem er aus ber Gonbel ſteigt, zu Ban⸗ dini, der noch an Bord iſt). Nur eine kleine Geduld, verehrteſter Herr Geſandter; ich will nur erſt meine Gondel an⸗ 162 binden, dann könnt Iyr nach Herzensluſt her⸗ ausſpazieren. Donalto.(halblaut für ſich). Sie ſteigen an's Land— ich muß mich ver⸗ bergen—(er ſchlüpft wieber in bas Haus hinein). Pietro.(der Donalto's Einſchleichen in die Huͤtte be⸗ merkt). Teufel!— Was war das?— Vierter Auftritt. Bandini. Pietro. Pietro. Cfür ſich). Ein großmächtiges Mannsbild iſt in mein Haus geſtolpert— Sapperment— und mein Weib iſt ganz allein—. Bandini.(der aus der Gondel geſtiegen iſt und ſich dem Vorbergrunde naͤhert, zu Pietro:) He, Gondolier— Pietro.(ohne barauf zu hören, wie vor). Alle Teufel!— Ja, ja, der St. Markus⸗ tag ſpukt ſchon wieder herum! Das iſt immer mein Unglückstag geweſen! 2 Bandini. Czu Pietro). 1 Biſt Du ſchon lange im Dienſte des Tribu⸗ nals?(Pauſe, in ber Pietro immer argwöhniſch nach 163 ſeinem Hauſe ſpäht) So antworte doch— was gaffſt Du denn? Pietro. O nichts, gar nichts— iſt nur ſo eine Ge⸗ wohnheit von mir—(leiſe für ſich) das iſt ſo ein gewiſſer, kitzlicher Punkt, den der Herr Ge⸗ ſandte nicht zu wiſſen brauchen— aber wenn Rer fort iſt, alle Wetter, da ſoll der Tanz los⸗ gehn— Bandini. Was murmelſt Du denn?— Antworte, wenn ich Dich frage, wie— Pietro.(ſchnell einfallend). Ihr Euern Weg zu nehmen habt?— Seht, dort rechts bei'm Kreuze, ſteigt Ihr immer auſ⸗ wärts.—(wieder nach ſeiner Hütte ſpähend, bei Seite) Sapperment, das Mannsbild läßt mir keine Ru⸗ he.—(laut) Ungefähr hundert Schritte von hier werdet Ihr auf den erſten Poſten ſtoßen; dort wird man Euere Papiere unterſuchen and, wenn Alles richtig iſt, Euch zum Schloſſe führen. Dort em⸗ pfaͤngt Euch der Kaſtellan, und läßt Euch zu dem Herrn Kommandanten geleiten, dem Ihr dann vorbringen könnt, was Ihr ihm zu ſagen habt— nun, jetzt glaub' ich, wißt Ihr genug— alſo glückliche Reiſe! Ich muß jetzt zu Hauſe eilen, 164 um mein Weib auf eine angenehme Art zu überraſchen.(er will abeilen). Bandini.(ihn bei'm Arme zurückhaltend). Halt! Noch ein Wort— Pietro.(für ſich, ärgerlich:) Teufel, ſo lang' ich auf meiner Gondel ru⸗ dere, hab' ich noch keinen ſchwatzhafteren Men⸗ ſchen geführt!(laut) Wißt Ihr denn nicht, daß das Sprechen ſtreng verbothen iſt? Daß ein einz'ges Wort zu viel mir meine Stelle, und noch mehr koſten kann? 2 Bandini. Mir kannſt Du ohne Furcht antworten. Pietro.(immer ungebulbiger). Das kann ſeyn; aber ich hab' keine Zeit dazu.— Bandini.(lauernd). Was ſpricht man vom Kommandanten, vom Grafen Dellaporta?— Pietro.(wie vor). Daß er ein hraver Herr iſt. Empfehle mich. (will fort)— Bandini.(ihn wieder aufhaltenb, wie vor). Beſonders von den Bewohnern dieſes Dor⸗ fes wird er ſehr geliebt, nicht wahr? 165 Pietro.(wie vor). Ja, ja, ganz recht.(bei Seite) Hab' ich in meinem Leben ſo einen Schwätzer geſehen! Bandini. Du ſcheinſt verſchwiegen— Pietro.(wie vor). Man muß wohl— denn, meiner Seel' ſelbſt die Mauern haben hier Ohren und Augen! Bandini. Du haſt recht, mein Freund; das Tribunal braucht aber auch treue und verſchwiegene Diener.. Pietro.(wie vor). Sapperment, das bin ich gewiß! Bandini. Nun denn, leb' wohl. (ab, indem er den Fußpfad über bie Felſen hinaufſteigt und linker Hand verſchwindet). Pietro. Gehorſamer Diener!— Gott ſey Dank, jetzt bin ich ihn los! Jetzt geſchwind zu Haus— (inbem er in's Haus will, tritt Laurette aus der Haus⸗ thüre) aha, da kommt mein Weib! 166 Fünfter Auftritt. Pietro. Laurette. Laurette.(indem ſie ihren Mann erblickt). Sieh da, ſchon zurück, mein lieber Pietro? Pietro.(trocken). Aufzuwarten. Laurette. Nun das freut mich. Ich hatte Dich nicht ſo früh erwartet. Pietro.(barſch). Hm!— Ich glaub' es gerne. Aber jetzt, da ich einmahl da bin, will ich Red' und Aus⸗ kunft haben. D'rum beicht' mir gleich auf der Stelle, wer das Mannsbild iſt, das vor kur⸗ zem in unſer Haus ſchlich— Laurette. Sahſt Du Jemand hineinſchleichen? Pietro. Zu dienen, wenn Du nichts dawider haſt — ſtell Dich nur nicht ſo unſchuldig— Laurette. Ach, ich errathe— ein ſchöner Mann, nicht wahr? Pietro. Ob er ſchöͤn oder garſtig iſt, das hab' ich nicht geſehen; aber alle Wetter— 167 Laupeete. Nun, das iſt gar kein Geheimniß; mich wundert's nur, daß er ſo zeitig ausgegangen iſt— Pietro. Was? Ausgegangen? Er hat alſo wohl gar in meinem Hauſe geſchlafen? . Laurette. Allerdings. Pietro. Und das unterſtehſt Du Dich mir ſo trocken zu ſagen? Laurette. Warum denn nicht? Ich war verſichert, daß es Dich freuen würde. . Pietro. Mich freuen! Alle Teufel! Ich hab' mich ſchon unmenſchlich geärgert, und wiſſen will ich jetzt auf der Stelle, wer der Menſch iſt, und was er bei Dir gemacht hat in der Nacht, wenn ich nicht dabei bin! Laurette. Nun, nun, ereifere Dich nur nicht ſo.— Geſtern Abends nach zehn Uhr pochte es an un⸗ ſere Hausthüre; ich glaubte, Du wäreſt es, und öffnete; aber es war ein armer, abgematteter Soldat, der mich um ein Nachtlager bath, auf 168 dem Boden, oder in der Scheune, oder wo es immer wäre, er wolle Niemand beſchwerlich fallen; das iſt die ganze Geſchichte— Pietro.(beſänftigt). Hm, hm— der arme Teufel! Alſo der war es— Laurvette. Kein Anderer.— Ein Soldat, dacht' ich, dabei iſt keine Gefahr, das iſt gewiß ein ehrlicher Menſch, und da ließ ich ihn denn her⸗ ein und ihm durch die Magd im kleinen Gar⸗ tenhauſe ein Nachtlager bereiten. Pietro. Nun, haſt recht gethan, Laurette— man muß keinen Unglücklichen verſtoßen— aber, ſapperment, ſiehſt Du, es war mir in den Kopf geſtiegen— ein Mannsbild in meinem Hauſe— Laurette. Wie? Der Herr Gemahl waren alſo eifer⸗ füchtig? Pietro. Zum Teufel auch! Am St. Markustage, da fürcht' ich mich vor Allem.— Aber ſiehſt Du, Weib, weil Du den heuerigen gleich mit einer guten Handlung begonnen haſt, ſo hoff' ich, ſoll er glücklicher ſeyn, als die vergangenen.— Ja, ja, ich wiederhol' es, Du haſt recht gethan— 169 ein Soldat— ſapperment, ſeit der alte, brave Noberto nach Venedig gekommen und Kaſtellan in den abſcheulichen Bleikammern geworden iſt, und ſeit er unſere Niſida aus der Taufe geho⸗ ben hat, lieb' ich die Herren Soldaten noch viel mehr als vorher, denn er iſt ja auch einmahl einer geweſen, und iſt doch die Güte und Recht⸗ ſchaffenheit ſelbſt!— Laurette. Ja, ja, das iſt er. Pietro. Zwar iſt er eben nicht ſehr artig— denn manchmahl nennt er mich einen Dummkopf und einen Einfaltspinſel über den andern, und flucht und brummt und ſchimpft— Lauretke, Das iſt ſchon wahr; aber alles das thut er doch ohne die geringſte Bösartigkeit. Es muß ihn ein ſchweres Leiden drücken, den armen Mann, das ihn zu Zeiten ſo mürriſch und auf⸗ fahrend macht— übrigens darfſt Du nicht kla⸗ gen, denn er macht es mit ſeinem eigenen Enkel nicht beſſer. 4 Pietro. Das iſt wahr; und Antonio iſt doch gewiß ein prächtiger Junge. IV. Theil. H 170 Laurette. Ja wohl. Er iſt zwar erſt ſeit drei Wochen im Schloſſe, wohin ihn ſein Großvater hat kom⸗ men laſſen, damit er ihm ſeinen Dienſt verſehen hilft, aber ich hab' ihn ſchon ſo liebgewonnen, wie einen Sohn. 3 Pietro. Ja, ja, es iſt ein feines Bürſchgen; er hat ſo einen gewiſſen vornehmen Anſtand, ſo ei⸗ ne noble Phyſiognomie— hör' einmahl, Weib, ich bin ſchon öfters auf den Gedanken gera⸗ then, daß der alte Roberto— weißt Du wohl, daß das ein recht kurioſer Nahme iſt, den er unſerer Tochter gegeben hat— Niſida— er iſt hier zu Land gar nicht gebräuchlich— hm, ich möchte wohl wiſſen— Laurette.(einfallend). Still— damit iſt's nichts— hüte dich ja, ihn über ſo etwas zu befragen— Pietro. Warum? Laurette. Einmahl— es war noch vor Antonio's An⸗ kunft— wagte ich die Frage an ihn, ob er ver⸗ heirathet geweſen ſey, und Kinder gehabt habe— Pietro. Nun? 9 171 Laurelte. O Gott, mir iſt noch jetzt leid, wenn ich daran denke. Kaum war die Frage heraus, ſo riß er unſere Tochter in ſeine Arme, preßte ſie an ſein Herz und ſchluchzte und weinte, daß es mir das Herz zerſchnitt. Dann raffte er ſich auf, ſtürzte, ohne ein Wort zu ſprechen, ſort, und kam ſechs Wochen lang nicht in unſer Haus. Pietro. Alſo deswegen blieb er aus? Teufel! Da muß ein Geheimniß d'runter ſtecken! Laurette. Das glaub' ich auch— und gewiß ein recht großes Geheimniß. Nun, jetzt, da Antonio da iſt, werd' ich Alles erfahren, und das zwar noch heute. Pietro. Nun, nun, ſieh Dich vor! . Laurette. Laß mich nur machen— wir Weiber wiſſen ſo etwas ſchon anzufangen— bei uns muß ein Geheimniß heraus, und wenn's unter hundert Schlöſſern ſteckte! Pietro. Nun— ich will jetzt in's Haus und mich in mein Feiertagskleid werfen und unſern Gaſt bewillkommen—. 3 H 2 ₰ Laurette. Nun, ſo geh'—(horchend) doch ich hör'’ et⸗ was— Pietro.(ſich umſehend) Mir ſcheint— richtig— Antonio iſt's— er kommt über die Felſen herab— 1— Antonio erſcheint auf ber Spitze der Felſen; zu gleicher Zeit tritt Niſiba aus ihrer Aeltern Haus). Sechſter Auftritt. (Es iſt völlig Jag geworben). Vorige. Niſida. Antonio. Antonio.(noch auf den Felſen). Gott grüß' Euch, meine Freunde!(er ſteigt raſch herab). Niſida.(zu ihrer Mutter, ohne ihren Vater zu be⸗ merken:) Nun, Mutter, bin ich ſo recht gekleidet zum heutigen Feſte?— Laurette. Recht gut, mein Kind— Niſida.(plöglich ihren Bater erblickend). Sieh da, mein guter Vater iſt ſchon zurück— (ſie eilt in ſeine Arme). Pietro.(ihre Wangen ſtreichelnd). Ja wohl, mein gutes Kind. 173 Antonio.(in den Vorbergrund eilenb). Nun, guten Morgen, meine Freunde!(inbem Lauretten umarmt). Ihr erlaubt doch, Pietro? Pietro. Ei, warum denn nicht! Ihr gehört ja mit zur Familie. Niſida.(traurig und naiv zu Antonio). Du haſt mir doch erlaubt, Dich Bruder zu nennen, und umarmſt nun nicht einmahl Dei⸗ ne Schweſter!— Antonio. Nur Geduld, mein Engel; nicht nur ein Mahl, ſondern ſogar zwei Mahl.(indem er ſie umarmt) Siehſt Du— ein Mahl für mich, und das andere Mahl(ſie wiederum umarmend) für Deinen guten Pathen!— Niſida. Wird er denn nicht zum Feſte kommen? Antonio. Nein, meine gute Niſida; mein armer Va⸗ ter kann nicht kommen— er iſt leit einiger Zeit ſehr kränklich. Laurette. Das iſt recht ſchade! Pietro. 'S iſt doch recht ärgerlich! Jetzt iſt Alles umſonſt! Ich hatte ſchon eine Flaſche alten Fa⸗ 174 lerner mitgebracht— denn Ihr wißt ja, das Feſt unſeres Heiligen iſt zugleich der Nahmenstag des guten Alten— die wollt' ich mit ihm aus⸗ ſtechen zum Fruhſtück, und noch einen Kamera⸗ den von ihm dazu einladen. Antonio. Einen Kameraden? Laurette. 3 Es iſt ein Soldat, der heute bei uns uüber⸗ nachtet hat. Antonio. Ein Soldat!— O meine Freunde, verſtoßt niemahls dieſe brahen Leute! Ihr ahndet nicht, zu welchem heißen Danke ich gegen Einen von ihnen verpflichtet bin!— Pietro. Wir ſie verſtoßen! Was glaubt Ihr! Wir lieben ſie wohl eben ſo, wie Ihr.— Nun denn, lſo es bleibt einmahl dabei, daß wir den guten Roberto nicht bei uns ſehen ſollen?— Antonio. Ja, meine Freunde; aber deswegen ſoll ſein Nahmenstag dennoch recht ſchön gefeiert werden. Ihr kommt nämlich heute Abend auf's Schloß— mein guter Vater weiß von nichts— da will ich ihn denn durch Euere Ankunft recht freudig überraſchen. Ich habe ſchon Alles ein⸗ 175 geleitet, und den Herrn Kommandanten um die Erlaubniß dazu gebeten, die er mir auch gege⸗ ben hat, und zwar mit der herablaſſendſten Gute und Freundlichkeit. Pietrvo. Ei, das will ich wohl glauben. Der Graf Della⸗ porta— obgleich er in den abſcheulichen Mauern hauſt— iſt doch die Güte und Sanftmuth ſelbſt. — Aber, ſapperment, ich hab' ganz vergeſſen, daß ich mich noch umkleiden muß—(zu Niſida) Komm, Niſida, Du mußt mir den Schranken aufſchließen—— . Niſida.. Gleich, lieber Vater.(zu Antonio). Höre, An⸗ tonio, wenn Du mich nur ein wenig lieb haſt, ſo mußt Du heute bei'm Feſte mit mir tanzen. Hörſt Du?(ihm komiſch drohend) Sonſt— Antonio. Ei das verſteht ſich, meine gute Schweſter, Pietro.(lachend). Ha, ha, ha! Seht mir doch die kleine När⸗ rinn! Chalblaut zu Laurette). Höre, Weib, ſie wird einmahl verdammt hübſch werden— was meinſt Du?— Sie hat ganz(mit komiſch manierirten Ge⸗ ſten) meinen Anſtand, meine Manieren—(zu Antonio, der lächelnd zugehört hat) was meint Ih Antonio? 176 Antonio.(inbem er Niſiba umarmt) Ich meine, daß meine gute, liebe Niſida ein kleiner Engel iſt!—(er betrachtet Niſida mit ſicht⸗ licher Rührung, entfernt ſich bann ein paar Schritte, und ſcheint ſich die Augen zu trocknen. Pietro und Lau⸗ rette betrachten ihn mit Neugierde und Verwunderung. Laurette winkt ihrem Manne, mit ihrer Tochter ſich zu entfernen. Er geht mit Niſiba in bas Häuschen.) Siebenter Auftritt. Antonio. Laurette. Laurette.(zu Antonio, der in Träume verſunken . iſt, theilnehmenb:)— Antonio!—(Pauſe) Antonio!— Antonio.(gplößlich ſich ſammelnd) Ha! Ihr rieft, Laurette— verzeiht! 3 Laurette. Was ſehlt Euch, Antonio? Antonio. Mir? Nichts, liebe Laurette. Im Gegen⸗ theile, ich bin recht vergnügt, denn heute iſt ja der Nahmenstag meines guten Vaters. Laurette, Ja wohl, und wir müſſen ihn ſo viel als möglich zu erheitern ſuchen, den guten Alten, den wir Alle ſo herzlich lieben.— Aber ſagt mir nur, Antonio, warum ihm jedesmahl Thraͤnen 17 in die Augen ſteigen, ſo oft er unſere Niſida anſieht, die er immer ſeine Tochter, ſeine ge⸗ liebte Tochter nennt? Antonio. Seht Laurette, das geht ganz natuͤrlich zu. Mein Großvater hatte eine Tochter, die Niſida hieß— ſie war meine Mutter. Laurette. Eure Mutter!— Und Euer Vater? Habt Ihr ihn vielleicht verloren? Antonio. Ja, Laurette. Mein guter Großvater ver⸗ trat bis auf den heutigen Tag ſeine Stelle. Achter Auftritt. Vorige. Pietro, der ſich umgekleidet hat, tritt mit Donalto und Niſida aus dem Häuschen. Donalto.(indem er aus der Hausthüre tritt, zu Pietro:) Habt Dank für Euere Gaſtfreundſchaft! Pietro. Ei was! Da iſt nichts zu danken!— Kommt, ich will Euch unſerem jungen Freunde vorſtellen. Antonio.(Donalto bemerkend, freudig bewegt:) Ha! Seh' ich recht— — ꝗ— 1 178 Donalto.(burch ben Ausruf aufmerkſam gemacht?) Sieh da— ich glaube nicht zu irren; das iſt der junge Menſch, der— Antonio.(wie vor). Gott im Himmel! Ja, Ihr ſeid es!— (ſich in Donalto's Arme werfend) Mein Wohlthäter! Mein Lebensretter! O ſo at der Himmel doch mein heißes Gebet erhört! Denn täglich, täglich erflehte ich von ihm das einzige Glück, Euch noch einmahl an mein Herz drücken zu können! Pietro. Wie, Antonio, das iſt wohl gar der Soldat, von dem Ihr uns— Antonio.(tcaſch einfallenb). Ja, meine Freunde, ja, er iſt's!— 1 Donalto. Mäßige Dich, junger Menſch; zu was— Antoni o.(ſchnell einfallend, mit Begeiſterung). Ich, mich maͤßigen? Ich meine Liebe, meine Dankbarkeit, Euere ſchöne That vielleicht ver⸗ heimlichen? Nein, edler Mann, nie, nie werd“ ich das können!— Gedenkt Ihr des Augenbli⸗ ckes, da Ihr den bleichen Jungling den wilden Fluthen entriſſet?— Ihr gabt ihm das Leben wieder— ach, mehr noch als das Leben! Denn wie ein tröſtender Engel erſchient Ihr in der ein⸗ ſamen Hütte am Sterbelager der edlen Frau, die 179 Mutterſtelle vertrat an dem verwaiſten Knaben— hülflos, gänzlich von Geld entblößt, hätt' ich nicht einmahl mit einem Steine das Häuſchen Erde decken können, das die Huͤlle der edelſten der Frauen birgt. Nur durch Euere Hülfe konnte ich die letzte, ſchmerzliche Pflicht erfüllen. Nein, nein, nie, nie wird Antonio das vergeſſen!— Donalto. Du legſt zu viel Werth, junger Menſch, auf die einfachſte That— Pietro.(zu Donalto). Ei was da! Da Ihr ſo ein braver Mann und der Freund unſeres lieben Antonio ſeid, ſo kommt Ihr nicht ſo weg— wißt Ihr was, Ihr mußt heute den ganzen Tag bei uns bleiben!— Donalto. Herzlich gerne, Ihr guten Leute; aber— Pietro. Ei, bleibt mir mit Euerem„Aber“ weg und hübſch bei uns— wir wollen heute einmahl Alle recht luſtig ſeyn!— Laurette. Ach ja, bleibt zu dem Feſte; es wird Euch gewiß unterhalten!— Antonio.(Donalto bei der Hand faſſenb, herzlich:) O bleibt, edler Mann, ſchlagt Antonio die herzliche Bitte nicht ab!— „ 180 Donalto. Noch liegt ein weiter Weg vor mir, und— Pietro.(cafch einfallend). Ei was! Jetzt wollen wir einmahl mit dem Fruͤhſtück anfangen! Komm, Weib, und hilf mir den Tiſch heraustragen. Laurette. Nun denn! Niſida, komm! Donalto.(heftig bewegt). Niſida!—(er faßt Niſida, bie ſich ſcheu zurück⸗ ziehen will, bei der Hand, und betrachtet ſie mit tiefer Rührung). Pietro.(indem er ſich wieder vertraulich Donalto nähert, halblaut zu ihm:) Es iſt unſere Tochter— eine ſchmucke Dir⸗ ne, nicht wahr?— Ja, ja, das iſt ganz natur⸗ lich, ſie iſt ganz wie ihre Mutter, und die iſt wieder ganz wie ich— Donalto.(indem er die Hand ber beſtürzten Niſi⸗ ba an ſein Herz drückt, wieder heftig bewegt:) Niſida!— cleiſe bei Seite). Theurer Nahme! Schmerzliche Rückerinnerung!— ler läßt ihre „Hand los, und verſinkt in Nachbenken). Pietro. Cfür ſich). Kurios! Der Nahme muß eine wahre Zau⸗ berformel ſeyn, denn wie er nur genennt wird, ſo gaffen ſie gleich Alle mein Mädchen an, wie ein Meerwunder.— Nun, meinetwegen.(laut — 8 ———— 181 zu ſeiner Frau und Tochter). Nun, kommt, wir wol⸗ len aufdecken!—(er gehtmit Lauretten und Niſida in bas Hauschen. Gleich darauf kommen ſie Alle wie⸗ der, indem ſie einen Tiſch, Stühle und alles zum Früͤh⸗ ſtück Nöthige heraustragen, was ſie unter der Laube bei'm Häuschen aufſtellen und in Oronung bringen). Antonio.(indem er den noch immer nachbenkenben Donalto auf die entgegengeſetzte Seite zieht) Lieber Herr!— Donalto. Was willſt Du? Antonio.(ſchüchtern und zögernd). Seht, Ihr habt eben geſagt, daß noch ein weiter Weg vor Euch läge— verzeiht— ein Soldat kann nicht reich ſeyn— Ihr habt mich mit ſo viel Güte unterſtützt— und jetzt bin ich nicht ſo arm, als damahls in Orvano— ach, und es würde mich ſo glücklich machen— Cherz⸗ licher und bringender) O ich bitte, ich beſchwore Euch, ſchlagt es mir nicht ab—(indem er einen kleinen Geldbeutel hervorgezogen hat) hier iſt Alles, was ich mir erſpart hatte, um meinem guten Vater heute an ſeinem Nahmenstage eine heim⸗ liche Freude zu machen— aber gewiß kann ich ihm keine größere machen, als wenn er hört, daß es mir damit gelungen iſt, Euch, meinem Retter, ach, nur den tauſendſten Theil Euerer Wohlthaten zu vergelten— 182 Donalto. Wie— Du wollteſt— Antonio.(herzlich und bringend). O nehmt, nehmt— Donalto.(gerührt) Guter Jüngling!—— Nun mohl— ich nehm' es an—(indem er den Beutel oͤffnet und eine Münze herausnimmt) doch nur dieſe einzige Mün⸗ ze— Antonio. O mein Gott, was thut Ihr!— Dieſe Klei⸗ nigkeit— Donalto.(einfallend). Sey unbeſorgt; ich bin vor Mangel geſchützt — doch dieſe Münze will ich bewahren als ein theueres Andenken der zarteſten Herzensguͤte. Wenn Gott gerecht iſt, und das Glück mir lächelt, dann, dann, Antonio, werd' ich Dich einſt an dieſe Stunde mahnen! Pietro.(dber unterbeſſen, ſo wie die Uebrigen, mit der Anordnung des Frühſtücks fertig geworden iſt). Nun, Antonio, und auch Ihr, Herr Soldat, kommt und ſetzt Euch mit uns an den Tiſch!— Dies Jahr ſcheint der heilige Markus an meinem Unglückstage einmahl eine Ausnahne machen zu wollen, und ich bilde mir immer ein,(zu Donalto) daß Ihr es ſeid, der mir dies Gluͤck bringt!— 183 Wenigſtens mußte ſchon ein derbes Schickſal kom⸗ men, das uns zum Beiſpiel verhinderte, jetzt zu frühſtuͤcken. Niſida. Nimm Dich in Acht, Vater; denn Du weißt wohl, was mein guter Pathe immer ſagt, daß man das Schickſal niemahls herausfordern ſoll— 4 Pietro. Pah!— Diesmahl wird es uns gewiß un⸗ geſchoren laſſen!— Nun, ſetzen wir uns.(ſie ſe⸗ ten ſich Alle in bie Laube um ben Ziſch) Bei'm Frü⸗ ſtück können wir recht gemächlich alle Gondeln mit den Fremden ankommen ſehen, die ſich zum Markusfeſte jährlich bei uns einfinden.— Nun, eingeſchenkt!—(ſie ſchenken die Gläſer voll). So— jetzt wollen wir einmahl vor allen Dingen die Gläſer leeren auf die Geſundheit des—(in dieſem Augenblick pört man einen fernen Trommelwirbel. Alle ſetzen ihre Gläſer nieber, und horchen geſpannt) alle Teufel!— Donalto. Was bedeutet das? Laurette. Ach, nichts! Das iſt bei'm erſten Poſten, gleich dort oben, und verkündet, daß der Kom⸗ mandant ſeine gewöhnliche Runde macht. Donalto.(für ſich). Ha! Dellaporta! Neunter Auftritt. Vorige. Nikolo, mit einem Briefe von der rechten Seite. 4 Nikolo.(noch im Hintergrunde, für ſich). Kurios! Kurios! Ich bin ſchon im ganzen Dorfe herumgelaufen, und kann den verdammten Soldaten nicht finden.(indem er vorgeht und bdie Anweſenden gewahr wird). Aha, da wollen wir uns einmahl anfragen.(laut). Iſt nicht ein Soldat un⸗ ter Euch, der geſtern Abends hier angekommen iſt? Donalto.(aufſtehend und aus der Laube tretenb; unruhig!:) Ich bin es. Was giebt's? Nikolo. Da iſt ein Brief, den mir Jemand für Euch gegeben hat— 2 Donalto. Wer war es? . Nikolo. Hm, ein närr'ſcher Kauz! Da unten im Ge⸗ hölz hab' ich ihn begegnet— da rennt er her⸗ um, wie unſinnig, und ſtößt ſich aller Augen⸗ blicke die Naſe an einen Baum—(ſich umſehenb). Doch, ſeht nur— er iſt noch da— ſeht Ihr ihn?— 185 Donalto.(üngſtlich ſpähend; bei Seite:) Ha! Marko! 3 Nikolo. Er will wahrſcheinlich ſehen, ob ic meinen Auftrag ordentlich ausgerichtet habe— Sapper⸗ ment— ich werd' doch wohl— er hat mir ja mehr dafuͤr bezahlt, als ich das ganze Jahr durch verdiene. Nun, Gott befohlen!(ab zur linken Seite). Donalto.(inbem er, während die Andeen dem Bauer nachſehen, halblaut lieſt:) „Verlaßt augenblicklich das Dorf— flieht in unſere Mitte— Euer Leben iſt in Gefahr.“—— Ha!—(er verbirgt den Brief ſchnell in ſeinen Buſen). Pietro.(der mit den Uebrigen aufgeſtanden iſt, zu Donalto:) Nun? Was iſt's denn? Donalto. 3 Ich muß Euch verlaſſen, meine Freunde, und zwar in dieſem Augenblick— Antonio.(Donalto's Hand faſſend; beſtürzt:) Uns verlaſſen? Laurette. Ohne etwas gefrühſtückt zu haben? Pietro. So trinkt wenigſtens noch vorher einen Schluck!— 186 Donalto. Ich kann nicht— ich muß augenblicklich fort— Antonio.(noch immer Donalto's Hand haltend; ängſtlich:) 3 Ihr ſcheint ſo beſtürzt— ſolltet Ihr vielleicht etwas zu fürchten haben— 2. Donalto. Czu Pietro, der ihm ein Glas Wein bringt, und zu Antonio ber ihn noch immer mit ängſt⸗ lich forſchenden Blicken bei der Hand hält:) Laßt mich, meine Freunde, haltet mich nicht auf.— Lebt wohl, ehrlicher Pietro—(inbem er Niſida's Hanb an ſein Herz brückt) auch Du, holde Niſida— und Du, Antonio— lebt wohl— nie werd' ich Euch vergeſſen!—(ſtürzt ab, und ver⸗ liert ſich rechts hinter den Bäumen) Zehnter Auftritt. Vorige ohne Donalto. Antonio. Mir iſt ſo bang um ihn— ſeine ſchnelle Flucht— Laurette.(Donalto nachblickenb). Er eilt wie auf Windesflügeln— jetzt i⸗ er verſchwunden— 287 Niſida. Es iſt mir recht leid um ihn— ich hatte ihn ſchon ſo liebgewonnen— Pietro. Hm— hört einmahl— dieſe Eile— dieſe Beſtürzung— Alles zuſammengenommen— ich fürchte, daß unſer Soldat—(in dieſem Augenblicke ertönt von Neuem, boch viel näher als das erſte Mahl, ein Trommelwirbel, der von mehreren anhern Wirbeln in der Ferne beantwortet wirb). Lauret 3 6. Was muß das ſeyn— A ntont o. Es iſt das Signal, auf das alle Poſten in der ganzen Gegend die Waffen ergreiſen müſſen. Pietro. Hm, das muß etwas Wichtiges ſeyn. Antonio. Mich befremdet es nicht.— Der Abgeord⸗ nete des Tribunals, der heute im Schloſſe an⸗ kam— Pietro. ceinfalend). Sapperment, das iſt derſelbe, den ich auf meiner Gondel hatte— Antonio.(fortfahrend). Er ſchloß ſich ſogleich mit unſerem gnädig⸗ ſten Herrn ein, und ich bin verſichert, daß alle 188 dieſe Maßregeln, die man jetzt nimmt, die Folge ihrer Unterredung ſind.(nach bem Hintergrunde zu umherſpahend). Doch— dort kommt er ſelbſt— rich⸗ tig— unſer gnäͤdigſter Herr, der Kommandant, naht ſich—. Pietro. Da haben wir's— mein alter Unglückstag fängt ſchon wieder ſein Weſen an— ich wollte wetten, der gnäd'ge Herr kommt nur her, um mich wieder mit einer Gondel, Gott weiß nach wem zu ſchicken, und ich werde, wie alle Jahre, wieder nicht bei'm Feſt ſeyn koͤnnen. Laurette. Mir fäͤllt etwas bei. Weißt Du was, ſchiff⸗ Dich geſchwind ein, und rudere den andern Gon⸗ dolieren nach, die unſere jungen Dirnen abholen. Wenn der gnäd'ge Herr nach Dir frägt, ſo werd' ich ihn von Deiner Abweſenheit unterrichten— nun— und wenn's etwas zu thun giebt, ſo iſt ja Geronimo da, und kann Deine Stelle erſetzen. Pietro. Du haſt recht— meiner Seel', das war ein geſcheidter Einfall!— Laurette. Nun, ſpute Dich!— Pietro.(inbem er ſeine Gondel losbindet). Tragt das Frühſtück wieder in's Haus, damit ** — 189 man nichts merkt. Nun, leb' wohl, Laurette! ler ſtoßt vom Lande und rudert nach der linken Seite fort). Niſida.(ihrem Vater nachrufend). Komm aber bald wieder, Vater!— (Währenb Niſida mit ihrer Mutter Ziſch, Stühle und Alles wieder in's Haus trägt, erſcheinen Dellaporta und Bandini, von Solbaten und mehreren Officieren beglei⸗ tet, auf den Felſen, und ſteigen herab. Zu gleicher Zeit eilen, von ben Trommelwirbeln gelockt, rechts und links Landleute aus bem Dorfe herbei. Niſida bleibt im Hauschen). Eilfter Auftritt. Dellaporta. Bandini. Antonio. Lau⸗ rette. Officiere. Soldaten. Land⸗ leute. Dellaporta.(in der einen Hand eine Rolle Schrif⸗ ten, mit dem Gefolge in den Vorbergrund tretend; zu Bandini:) Ihr habt Euch überzeugt, Herr Geheim⸗ ſchreiber, daß ich, den Befehlen des Tribunals zu Folge, alle nöthigen Maßregeln getroffen habe — der Verbrecher, den wir verfolgen, kann uns nicht entgehen. Aber in der Perſonsbeſchrei⸗ bung, die Ihr mir überliefert, fehlt der Nahme— Bandini. Dieſer Fall wird Euch wohl heute nicht zum erſten Mahle vorgekommen ſeyn.— Ihr wißt, 190 daß das Tribunal öfters dieſe Vorſicht für nö⸗ thig erachtet. Dellaporta. „SIch ehre ſeinen Willen.—(Lauretten be⸗ merkend, freunblich:) Sieh da, Laurette, guten Morgen! Laurette. ſich tief verneigend) Euere Dienerinn, gnädigſter Herr!— Dellaporta.(Antonio gewahrenb). Du auch ſchon hier, Antonio? Antonio. Ich benutzte EuereErlaubniß, gnädigſter Herr. Dellaporta.(zu ber verſammelten Menge:) Habt Ihr ſeit geſtern keinen Fremden im Dorfe bemerkt? Laurette. Einen Fremden?— Nein, gnädigſter Herr. Bei unſerem Hauſe wenigſtens kommen nie welche vorbei— ausgenommen die armen Ge⸗ fangenen, die mein Mann immer nach Venedig führen muß,.. Dellaporta. Und doch hat man mir verſichert, daß heute ein Reiſender bei einem der Bewohner dieſes Dorfes übernachtet hat.— Laurette.(Antonio unruhig anblickend). Ein Neiſender? 191 Antonio.(keiſe bei Seite). Großer Gott— wenn es— Dellaporta. Er iſt als Soldat verkleidet. Laurette.(wie vor). Als Soldat?. 4 Antonio.(keiſe bei Seite). Himmel, er iſt es! . Laurette. Nun, wenn das iſt— Antonio.(Lauretten raſch in's Wort fallenb, leiſe zu ihr:) Um Gotteswillen, ſchweigt Laurette, ſonſt iſt es um den Unglucklichen geſchehen!— Laurette.(coerlegen fortfahrend) Wir wenigſtens haben keinen geſehen, gnaͤ⸗ digſter Herr. Bandini.(zu der Menge). Gebt wohl Acht— es iſt ein Verbrecher, den das Tribunal verfolgt— wenn Einer unter Euch ihn unſeren Blicken zu entziehen wagte, ſo würde die härteſte Strafe die Folge ſeines un⸗ beſonnenen Mitleides ſeyn. Laurette.(bei Seite, ängſtlich:) Gerechter Gott!— Bandini.(zuLauretten ſie durchdringend anblickend). Ihr ſcheint verlegen— ☚ 85 Laurette. Ich, gnäd'ger Herr? Antonio. ſ(ſich zu faſſen ſuchend). Es wäre wohl nicht zu verwundern, nach dem, was Ihr eben ſagtet, Herr Geheimſchrei⸗ ber. Ihr könnt leicht auf Jeden Verdacht wer⸗ fen, und wenn man ſich auch wirklich nichts vor⸗ zuwerfen hat, ſo— Laurette. ceinfallend). Ja, ſo muß man ſich demohngeachtet fürch⸗ ten— Antonio.(zu Laurette). Beruhigt Euch aber, Laurette; der gnäbig⸗ ſte Herr kennt Euch ſchon zu lange und zu ge⸗ nau, um dem geringſten Verdachte Raum zu ge⸗ ben— und dann iſt ja auch Pietro, Euer Mann, im Dienſte des Tribunals, und alle Welt kennt ſeinen Eifer und ſeine Treue. Dellaporta. Es iſt die Wahrheit— ich kann ihm nur un⸗ bedingtes Lob ertheilen, und habe mich über⸗ zeugt, daß er meines Vertrauens vollkommen würdig iſt.— Nun denn, Herr Geheimſchrei⸗ ber, wir wollen unſere Nachſuchungen fortſe⸗ tzen, um den Befehlen des Tribunals auf das Gewiſſenhafteſte nachzukommen.(in dem Augen⸗ blicke, wo er mit Bandini und dem Gefolge abgehen 193 will, hört man hinter ber Scene den Jubel einer fröhlichen Menge). Was iſt das?. Laurette. Es iſt das Volk, das zum heutigen Feſte herbeiſtroͤmt, gnädigſter Herr, Dellaporta. Richtig; ich hatt' es ganz vergeſſen. Das iſt ein ſeierlicher Tag für das Dorf.(zu der Menge) Nun, ſeid fröhlich, meine Kinder, und macht Euch luſtig.(zu Bandini) Wenn es Euch gefällig iſt, ſo gehen wir.(zu den Solbaten) Folgt mir! (ab mit Banbini und dem Gefolge zur linken Seite). Zwölfter Auftritt. Antonio. Laurette. Pietro, der in Be⸗ gleitung mehrerer Gondoliere mit zwei mit Mäd⸗ chen gefüllten Gondeln landet, und Allen an's Land hilft. Von allen Seiten junge Bauerdir⸗ nen, Landleute und Muſikanten. Später Niſida. Laurette.(zu Antonio, ängſtlich), fährt—. Antonio.(einfallenb). Seid unbeſorgt, Laurette— wenn der Sol⸗ dat ſelbſt gefangen wird, ſo iſt er ein viel zu ed⸗ ler Mann, als daß er Euch verrathen würde— wenn ich nur erfahren könnte, was er verbro⸗ chen hat— IV. Theil. J Gerechter Gott, wenn der gnäd'ge Herr er⸗ 8 194 Pietro.(in den Vordergrund eilenb). Run, Weib, wie ſteht's? Hat's wieder ei⸗ nen Auftrag gegeben?— 1 Laurette. Diesmahl nicht; Du kannſt ruhig ſeyn. Pietro. Nun, Kinder, ſo wollen wir auch luſtig ſeyn! Ich will heute ſelbſt ein Tänzchen mitma⸗ chen. Nun, ſtellt Euch an, und laßt die Muſik losgehen!— 8„ Antonio. Ei, da muß ich gleich meine Niſida holen— ſie würde mir ſonſt zürnen, wenn ich ſie zum Tanze abzuholen vergäße.(er eilt in's Haͤuschen, und kommt gleich darauf mit Niſida zurück. Die Tanzmuſik fängt an, und Alles fiellt ſich in einen Kreis. In dem Augenblicke, wo der Zanz beginnen ſoll, fallen hinter der Kirche fünf bis ſechs Flintenſchüſſe. Die Muſik verſtummt. Alle fahren entſetzt auseinander.) Dreizehnter Auftritt. Vorige, Dellaporta und Bandini,⸗ von der linken Seite eilig auftretend. Dellaporta.(zu der beſtürzten Menge:) Beruhigt Euch, meine Freunde— es gilt den Verbrechern, die wir verfolgen. Pietro. Verbrecher?— Cfür ſich). Das ſind wieder — 195 kurioſe Neuigkeiten!—(bas kleine Gewehrfeuer dauert unausgeſetzt fort, und wirb nach und nach von Waffengeklirre begleitet. Soldaten eilen im Hintergrun⸗ de von allen Seiten über die Felſen nach dem Gehölze). Alle Teufel—(orchend und ſpähend) es iſt im Gehölze! Antonio.(heftig beſtürzt:) Im Gehölze! Gerechter Gott!— Pietro.(wie vor). Sie kommen ſchon!—(zu der Menge). Ret⸗ tet Euch! Flieht! Flieht!—(bie jungen Bauerbir⸗ nen fliehen und verbergen ſich hinter den Baͤumen rechter Hand. Die Gondoliere unb Lanbleute flüchten in die beiden Gonbeln, um den Ausgang des Gefechtes abzu⸗ warten. Pietro bringt ſeine Frau und Tochter in das Haͤuschen. Dann kommt er, inbem er bemerkt hat, daß Antonio nach bem Gehölze will, ſchnell zurück, eilt ihm nach und erfaßt ihn. Zu Antonio, indem er ihn zu⸗ rückzuziehen bemüht iſt:) Antonio! Was fällt Euch ein! Kommt mit mir! Antonio.(indem er ſich losreißen will, heftig:) O laßt mich! Laßt mich— Pietro.(ihn zurückziehend). Den Teufel auch! Ich laß' Euch nicht— Laurettte.(die den Auftritt von der Hausthüre aus geſehen hat, indem ſie wieder herbeieilt, und ihrem Manne bei Antonio's Fortſchaffung hilft). Antonio! Folgt uns! Ihr wäret verlohren!— J 2 196 Antonio.(ſich vergebens ſträubend, ſchmerzlich:) O Gott im Himmel!— (Pietro und Laurette ziehen ihn in's Haͤuschen und ſchließen die Thüre). Vierzehnter Auftritt. Dellaporta. Bandini. Mitten im Gefech⸗ te Donalto, Marko, Verſchworeneund Soldaten. An mehreren Stellen zwiſchen den Felſen erſcheinen fechtende Haufen. Eine Menge bewaffneter Verſchworener, unter denen Za⸗ 3 netti, Orſano, Belcaſtro, Malateſta und Brighello, ſammelt ſich bei der Brücke. Zanetti⸗(indem er nach ber rechten Seite zu winkt) Hierher, Gefährten!—(mehrere Verſchwore⸗ ne eilen noch von ber rechten Seite herbei). Orſano. Laßt uns die Felſen erklimmen 1. . Beleaſtro. Donalto iſt hart bedrängt— Malateſta. Fort, ihm zu Hülfe! 1 Brighello. Auf, über die Brücke! (lle ſtürzen über die Brücke, aber das fortgeſetke Ge⸗„ wehrfeuer der Goldaten auf den Felſen zwingt ſie nach und nach zur Flucht). — 2 3 Be⸗„ 197 Donalto.(gegen mehrere Solbaten fechtend). Bei Gott, Ihr fangt mich nicht lebendig— nur mit meinem Tode fall' ich in Euere Hände!(er feuert ſeine beiden Piſtolen ab, wird aber in dieſem Augenblicke übermannt unb am Fuſſe des eiſernen Kreuzes zu Boben geriſſen). Marko.(ſich Luft machend und ſeinem Herrn zu Hül⸗ fe eilenb:) Allmächt' ger Gott! Mein theuerer Gebiether! cer ſtellt ſich vor Donalto unb ſucht ihn noch einmahl den Feinben zu entreißen. In bieſem Augenblick erſcheint auf hen Felſen ein neuer Haufen Soldaten, der auf Mar⸗ ko die Gewehre abfeuert, welcher entſeelt zu Donalto's Füßen ſinkt). Donalto.(ſich auf Marko's Leiche werfend, im höchſten Schmerze). § Gott! Mein alter, treuer Diener! Auch Dich mußt' ich verlieren!—(zu den Soldaten). Was zaudert Ihr? Gebt mir den Tod, Ihr fei⸗ gen Henker!— 4 Dellaporta.(u den Soldaten, die von Neuem auf Donalto eindringen wollen:) Halt! Schonet ſein Leben, und bringt ihn hieher!(Die Goldaten ergreifen Donalto und führen ihn in den Bordergrund. In dieſem Augenblick kommen die Bauerbirnen, Landleute und Gondoliere wieder zum Vorſchein. Pietro, Laurette, Antonio und Niſida tre⸗ ten wieder aus dem Häuschen). 198 Fünfzehnter Auftritt. Dellaporta. Bandini. Donalto. An⸗ to nio. Pietro. Laurette. Niſida. Soldaten. Sondoliere, Landleute. Bauerdirnen. Gefangene Verſchworene. Später Vicenti. Antonio.(wie er aus dem Häuschen tritt, unb Do⸗ nalto erblickt; für ſich, heftig ergriffen:) Gott! Er iſt's!—. Pietro und Laurette.(Donalto gewahrenb, ſich zugleich halblaut zurufend) Ha! Der Soldat!— Vicenti.(von der rechten Seite eilig auftretend, zu Dellaporta) Der Sieg iſt vollſtändig, gnädigſter Herr. Alle Verſchworenen, die ſich im Gehölz zuſam⸗ mengerottet hatten, ſind theils niedergemetzelt, theils gefangen.— Antonio.(der ſich zu Donalto geſchlichen hat, ber 4 ſeine Blicke die ganze Zeit über ſtarr auf den Boben geheftet hielt, leiſe zu ihm:) Faßt Euch— ſeid unbeſorgt— der Kom⸗ mandant iſt ein edler Mann— Donalto.(bumpf und tonlos:) Der Kommandant— ſagſt Du— Antonio.(wie vor). Er ſteht vor Euch. — 199 Oonalto.(olötlich aufblickend und Dellaporta ge⸗ wahrenb). Ha! Dellaporta! Dellaporta.(Donalto erkennenb⸗ heftig eſgu tert:) Gott im Himmel— Donalto!. (Der Vorhang fällt ſchnell). (Ende des erſten Aufzugs). —’⏑—⸗——— Zweiter Aufzug. (St. Markusplatz in Benebig). Erſter Auftritt. Mehrere Gruppen venetianiſcher Bürger. Unter ihnen Sapiello, Abruzzo, Serbelloni, Agoſto, Zenaldiund Trevagno. Im Hin⸗ tergrunde Volk und Sbirren. Später Leon el 14 Zuletzt Savoglio. Sapiello.(zu Abruszo). Alſo Donalto wirklich gefangen? Abruzzo. Wie ich Euch ſage— ich hab' es von mei⸗ nem Sohne, der mit im Gefecht war— 200 3 Serbelloni. Nun ſo erbarme ſich Gott! Mit ihm iſt un⸗ ſere letzte Hoffnung geſunken!— Agoſto.(zu Serbelloni). Still, Alter— ſeht Ihr nicht(ſcheu nach bem Hintergrunde deutend) die Sbirren herumſchleichen? Die verſtehen Euch die Kunſt, in den Augen zu leſen, woran Ihr manchmahl noch gar nicht zu denken gewagt habt— Zenaldi. Ja, ja, Agoſto hat recht— ein Wort zu viel, und der Kopf wackelt ſchon auf dem Rumpſe Trevagno. Bei Gott,'s iſt eine Schreckenszeit— der Vater iſt vor dem Sohne, der Freund vor dem Freunde nicht mehr ſicher— denn überall dringen die Verräther hin— wie wär' es ſonſt möglich, daß der furchtbare Oberrichter, wie durch Zaubereinejedes Wort gleich weiß, wenn's kaum noch aus dem Mund' heraus iſt— Leonelli.(von der rechten Seite auftretenb) Der Zug der Gefangenen nahet ſchon— Zenaldi.(zu Leonelli) Iſt Donalto unter ihnen 2 „ Leonelli. Er iſt— —,— Trevagno.(u Leonelli:) Nun, iſt's Euch gelungen, zu erfahren, welches Loos ihn erwartet? Leonelli. Leider.— Er wird erſt zum Verhoͤr in das Schloß des Kommandanten und dann in die Blei⸗ kammern abgeführt— Serbelloni. In die Bleikammern?— Gott im Himmel, ſo iſt er verlohren!— Abruzzo. Was fällt Euch ein, Serbelloni— warum ſollt' er denn gerade deswegen verlohren ſeyn? Serbelloni. Ihr Sorgloſen! Ihr kennt nicht dieſe furcht⸗ baren Mauern!— Abruzzzo. Gzu Serbelloni). 4 So ſprecht— Serbelloni.(ſich ſcheu umblickend). Sind wir auch unbeachtet?— Abruzzo. Die Sbirren ſind mit dem Volke beſchäftigt— (Alle drängen ſich um den alten Serbelloni). Serbelloni. So wißt, nur den einem geheimen, qual⸗ vollen Tode geweihten Opfern öffnen ſich die Pforten dieſer Wohnung der Hölle— 202 Zenaldi. Ha, ſchrecklich— Serbelloni(fortfahrend). Vor dem alten Roberto war mein armer Bruder Kaſtellan des furchtbaren Zwingers.— Ich mußte manchmahl in ſeinem Dienſt ihm hel⸗ fen— da ſah ich mit Schaudern das Meiſter⸗ werk des Satans.— Mit Blei ſind die Kerker gedeckt, Blei die Wände, Blei der Boden, Zlei die Mauern.—— Wenn dann der heiße Sdtrahl der Sonne die Gemäͤcher erhitzt zur fürch⸗ terlichſten Gluth, daß das Gehirn der Unglück⸗ lichen kocht und ſiedet: da werden ſie vor ihre Henker gebracht, die mit teufliſcher Schlauheit ihnen Ge⸗ ſtändniſſe entlocken, die den von den Qualen des in⸗ nern Brandes Verzehrten bewußtlos über die Lippen gleiten— 3 Abruzzo. Ha, furchtbar!— Serbelloni(eortfahrenb). Unzählige Fallthüren Verſenkungen, geheime Oeffnungen dienen, um die gemarterten Schlacht⸗ opfer jeden Augenblick zu belauſchen— Trevagno. Ha! Und in dieſen Schreckensmauern ſoll Donalto, unſere einzige Hoffnung, untergehen? (feuerig:) Freunde! Wem noch ein muthig Herz 203 im Buſeu ſchlägt, der geſelle ſich zu mir— Donalto werde gerettet— Tod oder Freiheit ſey unſere Loſung!— Serbelloni.(warm:) Heil Dir, wackerer Trevagno— noch darf Ve⸗ nedig hoffen!— Ja, meine Freunde, ich ſelbſt biethe Euch meine einſame Hütte an zum Verſamm⸗ lungsorte— zum ſchoͤnſten Siegestempel ſoll ſie mir werden, wenn aus ihr hervorgeht Venedigs Freiheit und der Sturz des verhaßten Tribunals!— 8 Abruzzo. Rechne auf uns— 4 Zenaldi. Wir finden uns ein— . Agoſto. Das ſchreckliche Tribunal falle— Sapiello. Und vor Allen ſein Haupt, der ſchändliche Torpetoſo!— Savoglio.(von ber rechten Seite eilig auftretend). Schon iſt der Zug der Gefangenen da— 3 Trevagno.(zu den Uebrigen:) Kommt, laßt uns Platz machen—(ſie zie⸗ hen ſich Alle zurück). 3 204 Zweyter Auftritt. Vorige. Gefangene Verſchworene, unter de⸗ nen Donalto, Zanetti, Orſono, Bel⸗ caſtro, Malateſta und Brighello, von Rupino, Perotti, Delponto, mehreren Officieren und Soldaten begleitet. (Der Zug kommt von der rechten Seite, und ſtellt ſich auch auf berſelben Seite). Rupino.. Geht, Delponto, und meldet dem Ober⸗ richter die Ankunft der Gefangenen. Delponto. Wohl— doch, iſt er in ſeinem Pallaſt? Perottt. Suverläſſig. Ich war ſo eben dort, und em⸗ pfing ſeine Befehle.(Delponto ab zur linken Seite). Abruzzo. Chalblaut zu den Uebrigen). Seht Ihr Donalto? Zenaldi.(eben ſo). Starr ſchlägt er die Blicke zu Boden— Agoſto.(eben ſo). Ha, auch Orſano und Zanetti ſind unter den Gefangenen— Sapiello. Cnach ber linken Seite ſpahend). Still— der Furchtbare naht—(bas Volk im Hintergrunde drängt ſich ſcheu zurück). —— 205 Dritter Auftritt. Vorige. Torpetoſo, ganz ſchwarz gekleidet und in einen ſchwarzen Mantel gehüllt. Hinter ihm Bandini, der links ſtehen bleibt. Torpetoſo.(er tritt von ber linken Seite auf. Honeurs der Solbaten. Er geht einige Schritte vor, und muſtert die Berſammlung. Indem er wieder weiter vorgeht, und mit ſtechenden Blicken die Reihe der Ver⸗ ſchworenen durchläuft, auf Donalto deutend). Der iſt's!—(zu Donalto). Nennt Euch!— Donalto.(ruhig und feſt). Ich bin's— ich bin Donalto.— Torpetoſo.(kalt). Ein feiner Nahme— ſchad' darum— 4 Donalto. Verachtlicher Tyrann!— Torpetoſo. 3 Ei, ei, ſo ſpröde— nun— wird ſich geben— (zu den Officieren) fort mit ihm— einſtweilen in das Schloß des Kommandanten—(Donalto und die Berſchworenen werben zur linken Seite abgeführt. Alles verliert ſich, bis auf Torpetoſo und Bandini). Vierter Auftritt. Torpetoſo. Baundini. Torpetoſo.(Banbini winkend). Bandini!(Banbini nähert ſich ehrerbietig). In's 206 kleine Kabinet—bei'm Gitter— an der Sprachroͤhre — verſtanden?— Jeden Laut belauſcht und auf⸗ geſchrieben— dann zum Rapport— fort!(Ban⸗ dini verbeugt ſich ſchweigend, und geht links ab. Tor⸗ petoſo allein). Die Schlinge iſt bereit, der Augen⸗ blick da— willkommen ſüßer Donalto— jetzt magſt Du glühen, zärtlicher Ritter, in den Blei⸗ kammern, und liebäugeln mit dem Beile des Henkers— Fort jetzt, zum Tribunal, der Nache Lauf zu beflügeln.—(ſchnell ab nach der rechten Seite)⸗ Fünfter Auftritt. (Zimmer Roberto's, mit einer Thüre im Hintergrunde. Vorn ein Tiſch, auf dem ein Schreibzeug und ein gro⸗ ßes, aufgeſchlagenes Regiſterbuch; daneben ein Stuhl. Links ſeitwaͤrts eine Thüre). Roberto. Später Antonio. Roberto.(er tritt burch die Thüre im Hintergrunbe mit einem Papier in der Hand, ein, und ſetzt ſich zum Tiſche. Indem er die Feber eintaucht, und etwas aus dem Papier in's Regiſterbuch einträgt:) Nun— wieder ein Zuwachs— das nimmt kein Ende— bald werd' ich in den Regiſtern keinen Platz mehr haben—(indem er mit bem Schreiben fertig iſt, die Feder niederlegt, und aufſteht) So, damit wär' ich fertig—(rufend) Antonio! (Pauſe) Antonio!(Pauſe) Wo muß nur der ver⸗ dammte Junge wieder ſtecken?— Antonio!— 207 Antonio.(noch von außen). Gleich! Gleich!— Roberto.(aufbrauſend). Alle Teufel, ſo komm doch, wenn man Dich ruft!— Antonio.(burch die Thüre im Hintergrunde ein⸗ tretend). Da bin ich ſchon, mein guter Vater— Roberto.(wie vor). Ei, Vater hin, Vater her!— Du weißt, wie ich mich ärgere, wenn ich immer eine Stunde rufen muß, ehe Jemand kommt— aber ſo geht's— jetzt, da ich ein alter Invalide bin, verläßt mich alle Welt— ich muß oft Tage lang allein ſitzen— Antonio. O mein guter Vater— mir koͤnnt Ihr die⸗ ſen Vorwurf machen?— Roberto.(wie vor). Wo haſt Du geſteckt? Antonio. Ich war nur einen Augenblick bei den Ar⸗ beitern im Garten— NRoberto.(wie vor)⸗ So? Und läßeſt mich dieſe ganze Zeit über allein?— Ich rufe, ſchreie, erzürne mich— und Du weißt, wie mir das ſchadet— Antonio.(ihm ſchmeichelnd). Es iſt wahr, mein guter Vater; verzeiht mir— aber damit Ihr Euch nicht mehr erzürnt, will ich Euch von nun an keinen Augenblick mehr verlaſſen— Roberto.(beſänftigter). Keinen Augenblick?— Nein, das verlang' ich nicht— den Teufel auch, ich weiß wohl— in Deinem Alter— nein, nein, das will ich nicht. — Nun, komm her— ich bin ſchon wieder gut— bleibſt doch mein braver, guter Junge.(indem er ſeine Wange ſtreichelt) Du weißt ſchon, ich bin oft zornig, aufbrauſend, heftig— aber's iſt gleich wieder vorbei— ich mein' es nicht ſo— ich bin deswegen doch— Antonio.(raſch einfallend, indem er ſeinen Groß⸗ vater liebkoſt, herzlich:) Mein lieber, guter, guter Vater!— Roberto‧, Ja, ja, hat mir ſchon viel gekoſtet, mein Aufbrauſen— das Liebſte was ich hatte— mei⸗ ne arme, arme Tochter.— Weil ich ſchreie, zanke, bei der geringſten Kleinigkeit auffahre: da glaubten ſie, ich paßte für meine Stelle, ich muüßte ein harter Mann ſeyn, und machten mich zum Kaſtellan in den abſcheulichen Bleikammern —(ſehr gutmüthig) Keiner hat aber noch die 2 09 Thränen geſehen, die ich ſeit den langen Jahren meines Dienſtes, den unglücklichen Schlacht⸗ opfern weine, die meinen Händen anvertraut werden— doch, davon hab' ich nicht mit Dir ſprechen wollen.— Der Kommandant hat mir den Befehl ertheilt, daß ich den Gefangenen in den großen Saal führen laſſen ſoll— . Antonio. Der Unglückliche! Roberto. Ich beklage ihn, wie Du— denn ich weiß ja, wie ſehr Du dem braven Manne verpflichtet biſt— und wenn ich im Stande wäre— doch, das iſt unmöglich— ich kann nichts, auch nicht das Geringſte für ihn thun.— Führ' ihn alſo jetzt in den Saal, wo der Herr Kommandant ihn ſprechen will— doch, ich empfehle Dir die ſtrengſte Wachſamkeit— wenn nur die gering⸗ ſte Gefahr ſich zeigte, ſo— Du weißt die Sturm⸗ glocke— hörſt Du?— Antonio.(ſchmerzlich). Ja, mein Vater.—(bei Seite) O Gott— Roberto. Nun, ſo geh' jetzt— (Antonio mit ſtummem Gebehrdenſpiele des Schmerzes⸗ ab durch die Thüre im Hintergrunde). Sechſter Auftritt. . Roberto. gallein). Ein braver guter Junge, mein Antonio— ganz das Herz ſeiner Mutter, meiner armen Niſida.— Der arme Narr— meine verdammte Heftigkeit— er muß viel mit mir ausſtehen— wenn mich der Zorn übermannt, ſo ſchelt' ich oft den ganzen Tag mit ihm— und doch iſt er die Güte, die Sanftmuth, die Geduld ſelbſt— ach, wenn er wüßte, daß ich nur wegen ihm dieſe verhaßte Stelle angenommen habe— es war ja meine Pflicht, wenigſtens für ſeinen Un⸗ terhalt zu ſorgen, nachdem ich durch mein un⸗ ſeliges Aufbrauſen ihm ſeine Mutter geraubt hatte.— Nun, der gütige Gott wird mir ja beiſtehen, an ihm mein ſchweres Vergehen, ſo viel als möglich wieder gut zu machen.— Doch, ich muß zum Kommandanten.— (er nimmt das Regiſterbuch vom Tiſche, und geht ba⸗ mit durch bie Seitenthüre links ab). „ Siebenter Auftritl. **(Großer Saal in gothiſchem Geſchmack. Im Hintergrun⸗ 4 de eine offene Borhalle mit einem breiten, eiſernen Gitter, das die Ausſicht auf einen Garten eröffnet. Im Vordergrunde links ſeitwaͤrts die eiſerne Kette 211 einer Sturmglocke, und rechts ein Tiſch und Stuhl. Rechts ſeitwärts im Hintergrunde eine Treppe, die von den Gemächern des Kommandanten herabführt). Donalto. Antonio.(Beibe durch die Vorhalle im Hintergrunbe eintretend, und in den Bordergrund gehend). Antonio.(zu Donalto, der finſter und in ſich ge⸗ kehrt den Boben anſtarrt, ſcheu und halblaut, ſich ängſt⸗ lich umſehend). 3 Noch war's mir bis jetzt unmöglich, nur ein einziges Wort unbelauſcht mit Euch reden zu können— die Mauern haben hier Ohren und Augen— o Gott, wenn Ihr wüßtet, wie ich für Euch zittere— ſprecht, ich bitt' Euch— nicht wahr, die Urſache Euerer Verhaftung iſt unbedeutend?— Ihr könnt nicht ſtrafbar ſeyn, es iſt nicht möglich— man wird Euch verhören — Ihr werdet Euch rechtfertigen— Ihr ſeid nicht ſtrafbar, nicht wahr, Ihr ſeid es nicht? Donalto. Nein, Antonio, ich bin es nicht— Antonio. O wenn Ihr wüßtet, wie Ihr dadurch mein Herz erleichtert!— Alſo könnt Ihr auf Euere Freiheit rechnen? 4 Donalto.(finſter). Nie!— 18 —B 40 Antonio. Nie?— Und Ihr ſeid doch ſchuldlos— 2 Donalto.(wie vor). Schuldlos— aber im Voraus verurtheilt— ich kenne mein Schickſal— es heißt: qualvoller Tod.— 3 3 Antonio.(ſchmerzlich). Gott im Himmel!— Achter Auftritt. Vorige. Dellaporta.(er ſteigt die Treppe 1 herab). Donalto.(Dellaporta bemerkend, mit Abſcheu). Ha, Dellaporta!— Vor ihm, dem Verrä⸗ ther, zu ſtehen, das, bei Gott, iſt die härteſte Strafe, die das Schickſal mir auferlegte!— Dellaporta.(ber ſich indeß genähert hat, zu 3 Antonio). Entferne Dich, Antonio! (Antonio ab burch bie Vorhalle mit Zeichen bes tiefſten Schmerzes). Reunter Auftritt. Dellaporta. Donalto. Dellaporta.(mit ausgebreiteten Armen auf Do⸗ nalto zueilend, herzlich und gerührt). Ludoviko— Donalto.(ſich abwenbend). Verſchone mich!— 2 — 213 Dellaporta. Wie! Du ſtößeſt den Freund zurück— 2 Donalto. biitter). Du— das Werkzeug des ſchändlichen Tri⸗ bunals— mein Freund—! Spare Deinen Spott — ich bin Dein Gefangener— wohlan, gieb mir den Tod— ſchleppe mit eigenen Händen den Freund Deiner Ingend zum Blutgerüſte, damit Du durch die Heldenthat dem Bubenſtü⸗ cke die Krone aufſetzeſt— führ' mich meinen Henkern zu— ich bin bereit!- Dellaporta. Halt ein, Ludoviko— Du zerreißeſt mein Herz— Dein Mitleid wohl, doch nicht Deine Verachtung verdien' ich— der Augenblick iſt nahe, wo Du den kränkenden Verdacht zurück⸗ nehmen wirſt.— Du hältſt mich für ein Unge⸗ heuer, für einen Verräther des theuern Vater⸗ landes— und doch ſollteſt gerade Du, Du, Ludo⸗ viko, mich beſſer kennen!— Ach Du ahndeſt nicht das ſchwere Verhängniß, das in dieſe ſchrekli⸗ chen Verhältniſſe mich bannte.— cheftig bewegt, und herzlich:) O Ludoviko! Gieb mir Dein Herz — Deine Liebe wieder!— Donalto.(erſlaunt). Dieſe Sprache— ich faſſe Dich nicht— „ Dellaporta.(ihn unterbrechend). Wie war es möglich, daß Du nur einen Augenblick an mir zweifeln, daß Du glauben konnteſt, daß ich, ich, der Dich wie einen Bru⸗ der liebte, der Dein Schickſal Jahrelang bewein⸗ te, meine Hände biethen würde zu Deinem Un⸗ tergange!—(warm) Der Allmächtige ſieht in mein Herz— ſein ſchrecklichſter Fluch möge mich treffen, wenn nicht wahr iſt, was ich Dir ſage, wenn es nicht wahr iſt, daß ich nie, nie auf⸗ hörte Dein Freund, Dein wärmſter, treueſter Freund zu ſeyn! Donalto.(wie vor). Wie?— Wär' es möglich— 2 Dellaporta. Es iſt— es iſt— mein Ludoviko!—— Doch laß uns die flüchtige Zeit nicht verlieren durch unnütze Erklärungen— die Augenblicke ſind koſtbar— darum höre— mein Plan iſt ge⸗ macht— noch heute biſt Du durch mich frei, und gerettet—. . Donalto. Großer Gott— iſt's möglich?— O Erne⸗ ſto, vergieb den kraͤnkenden Verdacht!— Dellaporta.(ſchnell fortfahrend). Dein Tod iſt beſchloſſen, ich weiß es gewiß. Dein ganzer Plan iſt dem Tribunal verrathen— 4. ———., nur auf Deinen Sturz baut es ſein Heil und ſeine eigene Rettung— Donalto. Es irrt— denn bei Gott, es kennt nicht das ganze Gewitter, das über ſeinem Haupte ſchwebt!— Dellaporta.(wie vor). Möglich— doch je mehr es bedroht iſt, um ſo ſchrecklicher ſind ſeine Maßregeln.— Aber fey unbeſorgt, ich entreiße Dich ſeiner Rache! — Lang' genug hab' ich gezwungen ſeiner Macht mich beugen müſſen, und nur die Linderung, die ich bisweilen dem Schickſale der Unglückli⸗ chen bereiten konnte, war der einzige Erſatz für mein furchtbares Amt— doch jetzt iſt der Au⸗ genblick gekommen, wo ich die läſtige Feſſel ſprengen, Dich retten, oder mit Dir ſterben will!— Donalto.(ihn an ſein Herz ſchließend). Mein Erneſto!— Dellaporta.(wie vor). Höre weiter.— Unter dem Vorwande Dich ſtrenger zu bewachen, werd' ich Dich in meinen eigenen Gemächern behalten, und dann ſchlaͤgt in dieſer Nacht noch die Stunde Deiner Frei⸗ heit!— In einer halben Stunde wird der Oberrichter, das Ungeheuer, Dich in meiner 216 Gegenwart verhören— dann— ſo fagte er mir — hat er dem Tribunal, das ſich heute im Dor⸗ fe St. Marko verſammelt, wichtige Schriften vorzulegen, die ſeine Gegenwart die ganze Nacht erfordern— dieſer glückliche Zufall, der mich ſeinen Argusaugen entzieht, macht allein mein Vorhaben ausführbar— nach beendetem Ver⸗ hör kommſt Du zurück, gehſt jene Treppe hin⸗ auf in meine Gemächer, und harreſt, bis ein Zeichen von mir Dir den günſtigen Augenblick zur Flucht beſtimmt.— Donalto.(tief gerührt). Edler Freund!— Doch die Gefahr, die Dir droht— wenn man entdeckt— Doell a p orta.(ſchnell einfallenb). Iſt keine im Vergleich mit der, die über Deinem Haupte ſchwebt— 4 Donalto. Ich weiß, daß ich dem Tode geweiht bin— Dellaporta. Doch weißt Du nicht, daß jeden Augenblick Dein Leben gefährdet ſeyn kann, ohne daß ich im Stande bin, den Schlag abzuwenden, ja ſelbſt ohne daß ich weiß, wenn er Dir droht— Donalto. Wie ſo?— — 3 Dellaporta. Kann ich den Augenblick, wo das Gift un⸗ ter Deine Speiſen gemiſcht wird, kann ich die Hand errathen, die ſie Dir reicht? Oft, wenn ſchon der Tod in den Adern des Unglücklichen ſchleicht, erhalte ich gerade die Weiſung, ihm durch⸗ Nachſicht und Aufmerkſamkeit ſeine Feſſeln zu⸗ erleichtern— Donalto. Ha, ſchrecklich— und die teufliſche Rache dieſer Unmenſchen ſollte ich durch meine Ret⸗ tung auf Dein Haupt leiten?— Nein, Erne⸗ ſto, nein, nimmermehr!— Dellaporta. Höre mich!— Wenn ich in einen Abgrund ſturzte, und Du könnteſt mich, den geliebten Freund, durch einen kühnen Sprung mit Ge⸗ fahr Deines Lebens retten, würdeſt Du wohll einen Augenblick zaudern? Donalto. Nein— Dellaporta. Nun, hier iſt derſelbe Fall— d'rum halte⸗ mich nicht auf.— Unumſchränkter Herr im Schloſſe, gelingt es mir vielleicht, Dein Leben ohne Gefahr des Meinen zu retten.— Doch⸗ wenn Du Dich weigerſt, wenn Du⸗ wider⸗ IV. Theil.,. 218 ſtrebſt, dann erſt iſt mein Fall gewiß; denn nimmer, nimmer werd' ich mich zu Deinen Henkern geſellen, ſondern öffentlich und laut dann bekennen, daß Du mein einziger, treueſter Freund biſt, und daß ich lieber unter Martern ſterben, als Deinen Fall überleben will— Donalto.(einfallend). Halt ein, edler, großer Menſch— mein Schickſal ſey in Deine Hand gelegt— ich wi⸗ derſtrebe nicht länger— 3 Dellaporta. Güt'ger Himmel, dir danke ich— dieſer Augenblick iſt der ſchönſte Lohn achtzehnjähriger Leiden—(zartlich) Ludoviko— mein Freund— mein Bruder—(ſtumme innige Umarmung). Donalto.(nach einer kleinen Pauſe). Ich höre Schritte nahen— Dellaporta.(indem er ſich von ihm entfernt). Verſtelle Dich— wir muſſen uns fremd ſeyn— Zehnter Auftritt⸗ Vorige. Antonio. Später ein Officeier mit Wache. Antonio.(burch die Vorhalle links eintretenb, zu Dellaporta). Der Oberrichter, gnädigſter Herr, iſt be⸗ 219 reits im Gerichtsſaale, und läßt Euch benach⸗ richtigen, daß er Euch und den Gefangenen⸗ erwartet.— Dellaporta. Wohl; ich komme ſogleich—(in den Hin⸗ tergrunde gehend und rufend:) Wache!—(Ein Officier mit vier Mann Wache durch die Borhalle von der linken Seite. Donalto wird von den Solbaten in die Mitte genommen und links abgeführt. Dellaporta folgt ihm. Antonio blickt den Abgehenden ängſtlich nach). Eilfter Auftritt. Antonio. Roberto.(burch die Vorhalle von der rechten Seite kommenb). Roberto.(zu Antonio, den er eine Weile betrach⸗ tet, und der in Träumen verſunken da ſteht, indem er ihn von rückwarts auf die Schulter klopft). He! Antonio! Was träumſt Du denn da? Antonio.(heftig erſchreckend und ſich umbrehend). Ha— Ihr ſeid es, Vater— Ihr habt mich recht erſchreckt— der Gefangene— Roberto. Nun, was iſt mit ihm? Antonio. Er iſt eben in den Gerichtsſaal abgeführt worden— der Herr Kommandant hat ihn ſelbſti dahin begleitet.. K 2- Roberto. Nun, da können wir einen Augenblick Athem hohlen— Antonio. Ach, lieber Vater, glaubt Ihr, daß noch einige Boffnung für den Unglücklichen iſt? Roberto. Nein, mein Kind, gewiß nicht— die Art, wie man ſich ſeiner bemächtigt hat— das Ge⸗ heimnißvolle der ganzen Verhandlungen— das ſchnelle Verhör— Alles das verkundet nichts Gutes— Antonio.(ſchmerzlich). Gerechter Gott!— Roberto. Nun, nun, mein Sohn, mußt Dich nicht ſo betrüben— da iſt nun Linnuiht nichts zu ändern— Zwölfter Auftritt. Vorige. Pietro. Laurette. Niſida. (ſie kommen Alle durch die Vorhalle von der linken Seite). Pietro.(mit einem Korbe, den er auf bie Erbe ſtellt; noch im Hintergrunde zu ſeiner Frau und Tochter:) Nun, da iſt er— er ſpricht mit ſeinem Enkel— wartet, ich werde den Anfang machen. (er nähert ſich dem alten Roberto). 221 Roberto.(durch das Geräuſch aufmerkſam gemacht). Ich höre Schritte—(ſich umſehend) ſieh da, meine Freunde— nun, das freut mich recht herzlich— Pietro.(Komplimente ſchneibend und feierlich:) „An dieſem Tage, wo ohne Plage die Freu⸗ de ſtrahlt—“ Roberto. Was— was ſoll denn das heißen? 2 Pietro. So laßt mich doch nur ausreden— alſo: (wie vor)„an dieſem Tage, wo ohne Plage die Freude ſtrahlt—“ Roberto.(ihn ungedulbig unterbrechend). Aber was Teufel fällt Dir den ein mit Dei⸗ ner Freude? Seh' ich etwa luſtig aus? Pietro. Mein Gott, darauf kommt's ja nicht an— heut iſt einmahl Euer Nahmenstag, und da muß von Rechtswegen— Roberto.(ihn unterbrechend). Aha— alſo das iſt es?— Nun, nun, mein Nahmenstag hätte wahrhaftig auf keinen ſchlechtern Tag fallen können— aber fahr' in Gottes Nahmen ſort— alſo weiter! Pietro. Den Teufel auch! Ihr habt mich ganz kon⸗ fus gemacht— 222 Antonio. Was braucht es da viel Ueberlegen! Mit einem Wort: wir wünſchen meinem guten Va⸗ ter zu ſeinem Nahmenstage alles Glück! Laurette. Ja, und das von ganzem Herzen— Roberto. Ich danke Dir, meine gute Laurette— (er umarmt ſie).. Piecro. Czu ſeiner Jochter). Nun, Niſida— Roberto.(zu Niſida, die ſich ihm naͤhert). Sieh da, auch Du biſt mitgekommen, mei⸗ ne gute Niſida— Laurette. Ei, das glaub' ich— ſie wird doch nicht auf den Nahmenstag ihres Pathen vergeſſen! Niſida.(zu Roberto). Ich bin ja heute ſchon in aller Frühe auf⸗ geſtanden, um meinen Glückwunſch recht zu lernen—(zu ihrem Vater) Vater, ſoll ich ihn ſagen?— Pietro. Ja wohl— nur angefangen!— Nun? (ir einhelfend:)„Mein guter Pathe“— Niſida. „Mein guterpPathe“— nmein guterpathe—“ — —— Pietro. Nun, weieer, weiter! Niſida. O weh— ich weiß kein Wort mehr— Pietro. Wie? Du haſt's vergeſſen?— Willſt Du gleich—!. Niſida.(ſchelmiſch). Gleich, gleich, Vater— ich komm' ſchon wieder d'rauf—„mein guter Pathe——“ (auf Roberto zulaufend und ihn umarmend, herzlich:) ich wünſche Euch einen glücklichen Nahmenstag, und liebe Euch von ganzem Herzen!— Pietro. Aber was treibſt Du denn?— Das iſt ja gar nicht das rechte— 3 Roberto.(Niſida liebkoſend, zu Pietro:) Ei wohl iſt's das rechte!— Die paar Wor⸗ te da ſind mehr werth, als alle Redensarten Eueres albernen Dorfſchulmeiſters! Denn die kommen aus dem Herzen— nicht wahr, Niſida? Niſida. Gewiß, lieber Pathe. Roberto.(indem er Niſtda an ſein Herz drückt, ſehr gerührt). Liebes, gutes Kind!—(ſeufzend) Ach, wa⸗ rum mußte— 224½ 22 Laurette.(ihn unterbrechend). Macht Euch unſere Tochter ſchon wieder traurig? Roberto. Traurig— ach nein— im Gegentheile— ich kenne keine größere Freude, als ſie zu ſehen— Laurette. Gzu ihrem Manne, der ſtumm und ver⸗ brüßlich daſteht:) Nun, was ſtehſt Du denn ſo verdrußlich da? Willſt Du etwa auch traurig werden— 2 Pietro. Den Teufel auch! Es geht mir nicht aus dem Kopf— hab' den zwei Seiten langen Wiſch ſo theuer bezahlen müſſen, und ſie hat nicht einmahl eine halbe Zeile davon geſagt— Saurekte. Ei nun, ſo heb' es auf's künftige Jahr auf! — Wißt Ihr wohl, Herr Kaſtellan, daß wir mit Euch vespern wollen?— Wir haben dort in dem Korbe Alles mitgebracht— 4 Roberto. Das freut mich, meine Freunde! Pietro. 3 Ja, wir haben Alles mit— bis auf den Wein— den müßt Ihr ſpendieren— Roberto. Mit Freuden, Kinder, mit Freuden!— 225 Wißt Ihr was, geht jetzt in den Garten, und richtet Alles her— Antonio mag Euch begleiten und einige Früchte zum Nachtiſch pflücken— Antonio. Ja, lieber Vater, das will ich. Roberto. Ich werde unterdeſſen— orchend) doch ſtill, ich hör' etwas— Antonio. Vermuthlich iſt's der Gefangene, der wie⸗ der hergeführt wird— Roberto. Geht, geht, meine Kinder, damit man Euch nicht hier antrifft— 1 Pietro.(wieder ſeinen Korb nehmend, zu Frau und Tochter). Nun ſo kommt— auf Wiederſehen, Herr Kaſtellan!(ab mit Laurette, Niſida und Antonio links durch die Borhalle). Dreizehnter Auftritt. Roberto. Dellaporta. Torpetoſo. Do⸗ nalto. Bandini.(Sie kommen, von Officieren und Wache begleitet, links burch die Vorhalle). Torpetoſo.(er hat ein Packet Schriften in ber 3 Hand; zu Dellaporta:) Graf Dellaporta, Eueren Händen uͤberliefere 226 ich den Gefangenen— er iſt des ſchweren Ver⸗ brechens überwieſen— ſchärft Euere Wachſam⸗ keit— laßt ihn jetzt in ſeinen Kerker führen— Dellaporta. Verzeiht, Herr Oberrichter, ich habe ſchon alle Maßregeln getroffen, daß er meine Gemä⸗ cher nicht verläßt— nothwendige Ausbeſſerun⸗ gen in den Gefängniſſen nöthigen mich zu dieſer Vorſicht— ich ſelbſt werde ein wachſames Auge auf ihn haben. . Torpetoſo. Ich hab' Euch hierin nichts vorzuſchreiben — Ihr bürgt mit Euerem Kopfe für ihn. Donalto.(leiſe zu Dellaporta). Großer Gott! Hörſt Du? Dellaporta.(eben ſo zu Donalto). Still— Du verräthſt uns— Torpetoſo. Das Protokoll des Verhör's, Herr Komman⸗ dant, iſt zwar ſchon mit Euerer Unterſchrift ver⸗ ſehen— habt Ihr aber vielleicht noch etwas zu erinnern? 8** Dellaporta. Nichts, Herr Oberrichter— Alles iſt in der Ordnung.(eiſe und ſchnell zu Donalto ꝛ) Jetzt wird er wohl nach St. Marko abgehen— 227 Torpetoſo.(Bantini herbeiwinkend). Bandini!(ihm die Schriften übergebend) Ihr nehmt dieſe Schriften, eilt ſogleich nach St. Marko, und legt ſie in meinem Nahmen dem Tribunal vor, das heute dort ſeine Sitzung hält. Dellaporta.(eiſe bei Seite, erſchrocken:) Ha, was hör' ich! Torpetoſo.(zu Bandini, fortfahrend). Beſchleunigt Euere Rückkunft, und hohlt mich wieder ab— hier.(er beobachtet Dellaporta mit ſtechenben Blicken). Bandini. Sehr wohl, gnädigſter Herr! Ainks ab durch die Vorhalle). Dellaporta und Donalto.(ſich ängſtliche Blicke zuwerfend, leiſe zugleich:) Hier!— Dellaporta.(eiſe kür ſich). Gott! Alles iſt verlohren! Torpetoſo. Wichtige Urſachen nöthigen mich, mehrere Tage in Euerem Schloſſe zu bleiben, Herr Kommandant— ich werde dieſen Aufenthalt benutzen, den Zuſtand der daran ſtoßenden Ge⸗ fängniſſe zu unterſuchen, und gleich damit den Anfang machen. Dellaporta.(gefaßt). Ihr könnt den Augenblick herumgeführt werden— ich ſelbſt will Euer Führer ſeyn, Herr Oberrichter. 1 Torpetoſo. 3 Nicht nöthig— gebt mir nur Eueren Ka⸗ ſtellan. Dellaporta.. Nun denn; ich habe nur noch einige Be⸗ fehle in Rückſicht des Gefangenen zu ertheilen, und werde mich dann ſogleich wieder bei Euch einfinden. zu Roberto) Roberto, führt den Herrn Oberrichter. (Roberto geht, den Weg zeigend, voran durch die Vor⸗ halle rechts ab. Torpetoſo folgt ihm, von ben Officie⸗ ren und ber Wache begleitet. Dellaporta und Donalto pleiben allein zurück). Vierzehnter Auftritt. Dellaporta. Donalto. Dellaporta.(nach einer Pauſe, auf Donalto zu⸗ eilend, ſchmerzlich:) Ach, Ludoviko! Donalto.(gefaßt). Alle Hoffnung iſt geſchwunden— jetzt mußt Du Deinen Plan aufgeben. . Dellaporta. Aufgeben? Jetzt in dem entſcheidenden Au⸗ 229 genblicke, wo ich die ſchrekliche Gewißheit Dei⸗ nes nahen Sturzes erhalten habe? Denn nicht umſonſt iſt das Ungeheuer hier geblieben— aufgeben?— Nimmermehr!— Noch hab' ich zwar keinen Plan— es kam zu ſchnell— aber bei Gott, ich wage Alles— und ſollt' ich mich unter den Ruinen des Schloſſes begraben!— Donalto. Großer Gott— Du wollteſt dennoch— Dellaporta.(ihn unterbrechend). Ludoviko, faſſe Muth! Vertraue auf mich! Ich kann jetzt nicht mehr ſagen— ich muß ihm nach, um keinen Verdacht zu erwecken— aber bei'm allmächt'gen Gotte, ich rette Dich, oder ſterbe mit Dir!— (ſtürzt rechts ab durch die Vorhalle). Fünfzehnter Auftritt. Donalto. Hernach Antonio. Donalto.(allein). Edler, ſo ſehr von mir verkannter Freund — wie werd' ich je Dir lohnen können!— (er ſetzt ſich an den Tiſch, und verſinkt in trübes Nachbenken). Antonio.(inks burch die Vorhalle kommenb; noch im Hintergrunde, für ſich, bewegt:) 3 Ha— er iſt allein— alles ſcheint günſtig 230 — ich bin ſo beklommen— kaum wag' ich's, ihn anzureden— doch Muth— es gilt ſeine Ret⸗ tung.—(inbem er vorgeht, und den nachdenkenden Donalto ſanft bei'm Arme faßt) Lieber, guter Herr— Donalto.(zu ſich kommend). Ha— Du, Antonio— was willſt Du?— Antonio. Ich— ich bin ſo froh, daß Ihr hier im Schloſſe des Herrn Kommandanten bleiben dürft— Donalto. Ich danke Dir, mein junger Freund, für Deine Theilnahme. Antonio. Ach— ich kann mir nicht helfen— aber noch nie hat mich das Schickſal eines Gefange⸗ nen ſo bewegt, wie das Euere!— Selbſt wenn Ihr ein Verbrecher wäret, würde mein Herz Euch zugewandt bleiben; denn nie, nie kann ich ja vergeſſen, was Ihr für mich gethan habt— aber Ihr ſeid nicht ſtrafbar— nein, nein, Ihr könnt es nicht ſeyn— mir ſagt es mein Herz — und Ihr habt mir es ja verſichert— ach, ich fühle es ſo lebhaft— Donalto. Guter Jüngling! 4 231 Antonio. Darum ſeid auch unbeſorgt— die Erlaub⸗ niß hier zu bleiben, die Achtung, die der Herr Kommandant Euch bezeigt— Alles beruhigt mich.— Ach, Ihr kennt nicht das ſchreckliche Schickſal der andern Unglücklichen, die in den furchtbarſten Kerkern ſchmachten und unter der ſtrengſten Aufſicht meines Vaters ſtehen, indeß es Euch vergönnt iſt, hier zu weilen— Donalto.(aufſtehend). Nur der Güte des Kommandanten verdanke ich dieſe Gunſt; aber wenn es ihm auch gelang, die Leiden meiner Gefangenſchaft dadurch zu mildern, ſo iſt es ihm doch unmöglich, mich der Nache des furchtbaren Tribunals zu entziehen. Ankonio. Unmöglich?— Nein— das glaub' ich nicht — und vielleicht könnte ſelbſt ohne ſein Wiſſen— Donalto. Ich verſtehe Dich nicht— Antonio. Die Nacht naht— die Thüren des Schloſ⸗ ſes werden um acht Uhr geſpert— das Signal der Trommeln wird Euch von dieſem Augenbli⸗ cke benachrichtigen— mein Vater muß dann immer dem Herrn Kommandanten alle Schlüſ⸗ ſel übergeben, und begiebt ſich nachher in ſein 232 Zimmer zur Ruhe— wenn alles ſtill iſt, ſo laßt Euch hier finden— Donalto. Hier?— Warum?— Antonio. ſich ſcheu umſehenb, halblaut:) Ich war vorhin einen Augenblick im Garten — da bemerkte ich bei dem kleinen Luſthauſe, das der Herr Graf wieder in Stand ſetzen läßt, ein Loch in der Mauer, durch das eben ein Ar⸗ beiter herausſtieg— da dacht' ich— wenn ein armer Gefangener bis hierher gelangen könnte — das Gitter iſt nicht verſchloſſen—(auf bas Gitter deutenb) ſeht— Ihr könnt das Hauschen bemerken—, Donalto. ggerührt). Antonio! Guter Antonio! Antonio.(wie vor). Still, Herr— ich konnte nicht dem heißen Wunſche widerſtehen, Euch meine Dankbarkeit zu zeigen— aber— hört— wenn ein Argwohn auf mich fiele, ſo würde mein alter Vater viel Verdruß haben— und, ich geſteh' es, ich hätte nimmer Euch etwas geſagt, wenn ich hätte fuͤrch⸗ ten müſſen, daß ein Unſchuldiger dadurch in Verdacht kommen könnte— aber es iſt unmög⸗ lich, daß irgend Jemand ahnden kann, auf welche Art Ihr entflohen ſeid—(begeiſtert) o Gott, 8 233 und ich, ich hab' ich Euch dann gerettet— ach— es wird der ſchönſte Tag meines Lebens ſeyn!— Donalto.(ihn gerührt an ſein Herz ſchließenb). Antonio! Guter, edler Jüngling! Antonio.(horchend). Still— ich höre Geräuſch— man naht— eilt ſchnell die Treppe hinauf in die Gemächer des Herrn Kommandanten— man darf uns hier nicht beiſammen finden— Donalto.(noch einmahl Antonio an ſein Herz ſchlie⸗ ßend, ſehr gerührt:) Antonio— nie, nie werd' ich dieſen Augen⸗ blick vergeſſen!(er eilt bie Treppe hinauf in die Zim⸗ mer des Kommandanten). Sechzehnter Auftritt. Antonio. Gleich darauf Roberto und Pie⸗ tro. Später Laurette. Zuletzt mehrere Ker⸗ kermeiſter. Antonio.(allein; bewegt:) Güͤtiger Gott— verleihe Deine Hülfe!— Sch habe ein gutes Werk gethan— ich fühl' es — mein Herz iſt ſo leicht— ſo froh— Roberto.(mit Pietro durch die Vorhalle von der rechten Seite kommend, zu Antonio:) Nun Gott ſey Dank, Antonio, jetzt wären wir fertig— alles iſt wieder in Ruhe, und der 234 Herr Kommandant iſt durch das Waſſerpförtchen in ſeine Zimmer gegangen. Antonio.(ſeinen Großvater liebkoſenb). Mein guter Vater!l— Laurette,(burch bie Vorhalle von der linken Seite kommend; auf Pietro zueilend:) Nun, endlich find' ich Dich! Sage. mir nur, we Du geſteckt haſt?— Pietro. Ich war bei'm Herrn Kaſtellan, um ihn zu fragen, wenn wir ihn zur Vesper abhohlen könne Laurette.(zu Roberto). Nun, wollt Ihr jetzt mit uns kommen?— Roberto. Noch nicht, Laurette. Ich und Antonio kön⸗ nen vor acht Uhr nicht abkommen. Jetzt muß ich meine Runde anfangen und alle Thüren ſchlie⸗ ßen— dann geh' ich in den Keller, und hohle den Wein herauf— Pietro: Ja, ja, thut das, Herr Kaſtellan— Ihr wißt ſchon, von dem alten— da wollen wir eine tüchtige Breſche ſchießen— Roberto.(lachend). Ja, ja, eine tüchtige Breſche—!(mehre⸗ re Kerkermeiſter treten links burch die Vorhalle ein, 235 und bleiben im Hintergrunde ſtehen). Aha, da ſind ſchon die Kerkermeiſter— nun, jetzt muß ich fort. (zu Antonio). Du, Antonio, bleibſt hier, und war⸗ teſt bis Schlag' acht uhr— man koͤnnte Dich vielleicht nöthig haben.— Hoͤrſt Du? Antonio. Ja, ja, lieber Vater. (Roberto ab mit den Kerkermeiſtern rechts burch hie Vorhalle). Siebenzehnter Auftritt. Antonio. Pietro. Laurette. Gleich dar⸗ auf Dellaporta. Pietro. Nun, jetzt denk' ich doch, ſoll nichts mehr dazwiſchen kommen— endlich einmahl wird der unglückſelige Markustag doch ſeine Tücken laſ⸗ ſen!— Dellaporta.(die Treppe herabkommend und in den Bordergrund tretenb, zu Pietro:) Gut, daß ich Dich treffe, Pietro; ich wollte Dich eben rufen laſſen.. Pietro.(erſchrocken). Mich, gnädigſter Her? cbei Seite) O weh, was wird's da wieder geben? 236 Antonio.(indem er bemerkt, daß ihn Dellaporta mit Theilnahme betrachtet, ängſtlich, bei Seite:) Er ſcheint mich zu beobachten— ſollte der Gefangene vielleicht— Dellaporta.(ber noch immer Antonio theilneh⸗ mend betrachtet, für ſich, gerührt:) — Guter Jüngling!—(laut zu Pietro:) Pietro, Du begiebſt Dich ſogleich an das Ufer, an den gewöhnlichen Ort— Du weißt ſchon— Pietro.(für ſich) Da haben wir's! Jetzt iſt's mit meiner Freude ſchon wieder aus! Dellaporta.(fortfahrenb) Dort wirſt Du in Deiner Gondel warten— Pietro. Werd' ich lange warten müſſen, gnädigſter Herr? Dellaporta. Nein— auf jeden Fall aber— weil es mög⸗ lich wäre, daß vielleicht ein unvorhergeſehener Be⸗ fehl des Tribunals Dich abriefe— vergiß nicht, ehe Du weggehſt, Deinem Kammeraden Gero⸗ nimo zu ſagen, daß er ſich mit dem Schlage acht Uhr mit ſeiner Gondel bei den Felſen von Olbano einfindet, und dort meine Befehle er⸗ wartet. W. —— — 237 Pietro. Werden der gnädigſte Herr meinen Kam⸗ meraden die ganze Nacht brauchen? Dellaporta. Nein— in einer halben Stunde iſt ſein Ge⸗ ſchäft abgethan. Pietro. In einer halben Stunde? Dellaporta. Ja— doch mach' Dich jetzt auf den Weg!— Pietro. Sogleich, gnädigſter Herr.—(leiſe zu ſeiner Frau). Ich hab' einen prächt'gen Einfall— ich werde Geronimo meinen Auftrag übergeben, und ſeinen übernehmen; da kann ich in einer halben Stunde wieder da ſeyn, und komme noch zur Vesper zurecht.—(ab links durch die Vorhalle) Achtzehnter Auftritt. (Es wird nach und nach finſter.) Dellaporta. Antonio. Laurette. Laurette.(ihrem Manne nachſehend, für ſich:) . Armer Pietro— er freut ſich, und denkt nicht daran, daß in einer halben Stunde ſchon längſt alle Thuͤren geſchloſſen ſind!— 238 Antonio.(unruhig von ber Seite Dellaporta be⸗ trachtend, welcher nachſinnenb baſteht, für ſich:) Er ſpricht kein Wort mit mir— ich getraue mich gar nicht, ihn anzuſehen— Dellaporta. Cfür ſich:) Die Augenblicke ſind gemeſſen— ich muß in den Garten, muß mich überzeugen, ob das, was meinem Ludoviko von Antonio anvertraut ward, wahr iſt—(er eilt nach dem Gittter zu, kehrt aber plößlich wieder um) halt— ich muß dem guten Jünglinge vorher noch ein paar freundliche Wor⸗ te ſagen—(indem er ſich dem zitternden Antonio nä⸗ hert, herzlich) Antonio— ſeit Du bei Deinem Vater biſt, kann ich Dir nur das größte Lob er⸗ theilen— Du verdienſt ſeine ganze Liebe— doch auch auf meine Freundſchaft, auf meine wärm⸗ ſte Freundſchaft darfſt Du rechnen.—(ab in ben Garten durch das Gitter im Hintergrunde). Reunzehnter Auftritt. Antonio. Laurette. Antonio. noch ſtarr vor Erſtaunen über Dellapor⸗ ta's Worte; freubig, für ſich 5 Ich lebe wieder auf— er weiß nichts— er kann nichts wiſſen, denn niemahls noch hat er ſo freundlich mit mir geſprochen, als jetzt. —— ———— 8 Laurette.(ſich Antonio nähernb). Nun, ich wünſch' Euch Glück, Antonio; der Herr Kommandant war ſehr gnädig— Antonio.(gerührt). O er iſt der Beſte, der Gütigſte der Men⸗ ſchen!— Aber demohngeachtet würde ich mich ſehr unglücklich fühlen, wenn ich noch lange in dieſem ſchrecklichen Schloſſe bleiben müßte. Laurette. Ich will'sEuch gerne glauben! Denn hundert⸗ mahl hab' ich mir ſchon gedacht, wie's möglich iſt, daß Euer Großvater und Ihr Antonio, der Ihr ſo gut, ſo ſanft, ſo mitleidig ſeid, Alles das mit anſehen könnt, was hier vorgeht. Ihr ſeid wahrlich nicht für das Handwerk gemacht— Antonio. Nein— bei Gott nicht!— Glaudt mir, Laurette, wenn ich ſo alle die armen Unglückli⸗ chen ſehe— ich wäre wahrhaftig im Stande, wenn ich die Gelegenheit dazu hätte— Alle ent⸗ fliehen zu laſſen!— Laurette.(ſich ſcheu umſehend, halblaut:) Um Gotteswillen, ſtill— man ſieht wohl, daß Ihr noch nicht lange hier ſeid, und die furchtbare Strenge des Tribunals nicht kennt— Wenn Euch Jemand gehört hätte— Antonio. Nun?— Laurette.(fortfahrenb) So könnt' es Euerem Vater großen Verdruß machen. Antonio. Meinem Vater? Laurette. Allerdings!— Doch, ſchweigen wir davon— Antonio. Nur noch Eins, liebe Laurette.— Wenn es nun zum Beiſpiel Einem der Unglücklichen ge⸗ länge, zu entfliehen, ohne daß mein Vater etwas davon wüßte— Laurette. Gott bewahre den Herrn Kaſtellan davor! Er wäre verlohren! 5 Antonio.(erſchrocken). Verlohren?!— Aber, wenn er nicht unter der Aufſicht meines Vaters ſtünde— 2 Laurette. 4 Es ſtehen Alle darunter. So wie nur ein Gefangener die abſcheulichen Bleikammern, ja ſelbſt nur dieß daran anſtoßende Schloß betreten hat, muß er mit ſeinem Kopfe für ihn bürgen. Antonio.(heftig bewegt, bei Seite:) Gott im Himmel! Was hab' ich gethan! Lauretrte. Gerade ſo ein Fall, wie der, von dem Ihr eben ſpracht, hat ſich einmahl vor vielen Jahren wirklich ereignet— Antonio.(geſpannt) Ereignet— 2 Laurette. Ja.— Ein Gefangener entfloh— man weiß noch bis jetzt nicht, auf welche Art— Antonio.(wie vor) Nun— 2 . Laurette. Nun, der Herr Kommandant und der Ka⸗ ſtellan, Beide mußten ſterben! Antonio.(ſchmerzlich) Gott im Himmel! Laurette. Was iſt Euch denn, Antonio? Antonio,(ſich zu faſſen ſuchend) Nichts— nichts, Laurette— Laurette. Hat Euch vielleicht das erſchreckt, was ich Euch erzählt habe?— Ei, Ihr könnt ganz ru⸗ hig ſeyn— der Fall kann nie mehr eintreten— denn man hat ſeit der Zeit die Wachſamkeit ver⸗ doppelt.—(ſie tritt in den Hintergrund an das Git⸗ ter, und ſieht in den Garten) 3 IV. Theil. L. Antonio.(heftig bewegt, für ſich:) O Himmel, was ſoll ich thun?!—(man hoͤrt aus verſchiebenen Entfernungen den Zapfenſtreich) Ha! — Ich muß jetzt den Saal verlaſſen, und der Gefangene wird— o Gott, laß mich nur ein Mittel finden— mein armer, armer Vater— (nachbenkenb) ja— ſo geht es— ich muß ihm Al⸗ les entdecken.—(er ſieht durch das Gitter den Kom⸗ manbanten nahen) Großer Gott— der Komman⸗ dant— ich weiß mir nicht zu helfen—(Lauret⸗ te macht bei'm Gitter dem eintretenben Kommandanten eine Verbeugung) Zwanzigſter Auftritt. (Es iſt ganz dunkel geworben). Vorige. Dellaporta. Bald darauf Ro⸗ berto mit mehreren Kerkermeiſtern und Soldaten, welche brennende Fackeln tragen. Dellaporta.(burch das Gitter aus dem Garten kommend und eilig auftretenb; noch im Hintergrunde, für ſich:) 4 4 Alles iſt ſo, wie Antonio erzählt hat— jetzt iſt ſeine Rettung gewiß— Antonio.(Dellaporta angſtlich betrachtend, heftig bewegt, für ſich:) O Gott— auch er ahndet nicht, welche Gefahr durch meine Schuld über ſeinem Haup⸗ — te ſchwebt!(ſeinen Großvater bemerkenb, der eben auftritt) Ha! Mein Vater—! Roberto. mit den Kerkermeiſtern und Soldaten burch die Vorhalle von der rechten Seite kommend, und dem Kommanhanten bie Schlüſſel uͤberreichend:) Hier, gnädigſter Herr, ſind die Schlüſſel. (Dellaporta nimmt ſie und legt ſie auf ben Tiſch) Alles iſt ruhig— Niemand iſt mehr im Schloſſe, als (auf Laurette zeigend) hier meine Gevatterinn.(Lau⸗ zette macht dem Kommandanten eine Verbeugung). Antonio.(eiſe für ſich) Jetzt gilt es— ich muß in den Garten— (er will abeilen) Roberto.(ber es bemerkt, ihn aufhaltend) He, wo willſt Du denn hin? Warte doch auf mich! Dellaporta.(zu Lauretten). Iſt Pietro fort?2 Laurette. Ja wohl, ſchon längſt, gnädigſter Herr. Dellaporta.(eiſe für ſich) Geronimo wird alſo bereit ſeyn— Roberto. Der arme Teufel, der Pietro, freute ſich ſchon, mit uns vespern zu können.— Braucht Ihr noch meinen Sohn, gnädigſter Herr?— L 2 7 244 Dellaporta.. Nein— Ihr könnt Euch Alle entſernen. Roberto. Gut, gnädigſter Herr.—(zu Antonio) Komm, Antonio. 4 A Antonio. Sogleich, mein Vater—(bei Seite) bei Gott, ich will das Gitter nicht aus den Augen ver⸗ lieven— 2 Roberto. Wir wollen Euere Geſundheit trinken, gnã⸗ digſter Herr. Laurette. a, ja, gnadigſter Herr, und das von ganzem Herzen! Dellaporta. Ich dank' Euch, meine Kinder— doch geht jetzt, geht!. Roberto.(zu Lauretten). MNun ſo kommt— aber wo iſt denn meine Miſida? Laurette. Sie iſt im Garten— Roberto. Nun, wir wollen zu ihr. Kommt. Antonio.(im Abgehen, heftig bewegt, für ſich). Mein armer, armer Vater!— Doch bei 245 Gott, und wenn ich ſterben ſollte, ſo darf der Gefangene nicht entfliehen!— (Roberto mit Laurette und Antonio ab durch die Vor⸗ halle links. Die Kerkermeiſter und Solbaten folgen ih⸗ nen. Das Theater verfinſtert ſich wieber). Einundͤzwanzigſter Auftritt. 8 Dellaporta. Gleich darauf Donalto, in einen Mantel gehüllt. Dellaporta.(indem er zweimahl in die Kände klatſcht, halblaut rufend:) Ludoviko!— Ludoviko!—(Donalto eilt bie Treppe herab) Schnell! Der Augenblick iſt günſtigt Donalto. O Gott, Erneſto, ich zittere für Dein Schnt⸗ ſal!— 4 Dellaporta. Sey ruhig— heute wirſt Du frei— und morgen, mit Deinen verborgenen Freunden, ſtürzeſt Du das ſchändliche Tribunal. 1 Donalto. Ja, bei Gott, das will ich, und Freund⸗ ſchaft und Vaterlandsliebe ſollen mir zur Seite ſtehen!— Dellaporta. ichnell und bringend). Die Augenblicke ſind koſtbor— Du weißt Alles— das Gartenhaus ſteht am Ende der Al⸗ 4 246 lee— nicht weit davon, bei den Felſen von Ol⸗ bano, findeſt Du Geronimo, den Gondolier— lihm ein Schreiben übergebenb) auf dieſen ſchriftli⸗ chen Befehl wird er Dir unbedingte Folge lei⸗ ſten—(indem er ihm zwei Piſtolen und einen Dolch reicht) hier, nimm dieſe Waffen, doch nur für den äußerſten Nothfall— Donalto. O mein Freund— Dellaporta.(wie vor). Fort! Fort! Leb' wohl! Donalto.(ihn umarmend). §O Sott! Wenn ich vielleicht zum letzten Mahle Dich umarmte—! Dellaporta.(immer bringenber). G Sort, ſag' ich, ſort— es iſt die höchſte Zeit!— Donalto. Nun denn, in Gottes Nahmen!(ihn umar⸗ mend) Leb' wohl! Leb' wohl!— cer ſtürzt ab burch das Gitter in den Garten). Dellaporta.(Donalto mit ben Alugen folgend). O Gott— nimm ihn in Deinen Schutz— nimm mir mein Leben, aber rette das ſeine— Ha— jetzt iſt er bei Roberto's Fenſtern— Gott, wenn man ihn ſähe— er bückt ſich— jetzt iſt er vorüber— er naͤhert ſich dem zweiten Gitter— „—— —,— — 267 er eilt hindurch— er verſchließt es wieder— Gott im Himmel, Dir dank ich, er iſt gerettet!— (man hört eilige Schritte, und das Geſchrei: Haltet! Haltet!) Ha, was iſt das? Dies Geſchrei? Zweiundzwanzigſter Auftritt. Dellaporta. Antonio. Antonio.(durch die Vorhalle von der linken Sei⸗ te athemlos hereinſtürzend, außer ſich:) O Gott im Himmel— haltet!— Haltet!— Dellaporta. Antonio!— . Antonio. O Himmel, gnädigſter Herr! Rettet! Helft! egegen den Hintergrund rufend) Zu Hülfe! Zu Hül⸗ fe! Ein Gefangener entflieht durch den Garten! Dellaporta.(ihn zu beſchwichtigen ſuchend). Antonio! Was thuſt Du?! Antonio.(nach den Garten blickenb). Großer Gott! Dort flieht er! Er iſt ſchon bei den Felſen!— Dellaporta.(für ſich, freudig). Er iſt gerettet! 1 Antonio. Mein Vater iſt verlohren! 3 Dellaporta. uUm's Himmelswillen, halt ein! 248. Antonio.(ſich verzweiflungsvoll zu Dellaporta's Füten werfenb). O Gott! Rettet, rettet meinen Vater! Dellaporta. Um Gotteswillen— Dein Geſchrei bringt uns Verderben—— Antonio.(verzweiſtungsvoll wieber aufſpringenb:) O mein Vater! Mein Vater!(indem ihm plötzlich die Kette der Sturmglocke in die Augen fällt:) Ha!—(er ſtürzt zu der Kette unb fängt aus allen Kraͤften zu läuten an). Dellaporta. Biſt Du raſend?! cer eilt ihm nach, und be⸗ müht ſich, ihn von der Kette wegzureißen). Antonio.(noch immer heftig läutend, und ſich ge⸗ gen Dellaporta ſtraubend). Laßt mich! Laßt mich! Dellaporta.(wie vor). Halt ein! Um Gotteswillen!(man hört meh⸗ rere Flintenſchüſſe und einen großen Lärm) Ha! Zu ſpät!. * Dreiundzwanzigſter Auftritt. Vorige. Roberto mit Laurette und Niſida durch die Vorhalle von der linken Seite. Torpetoſo mit Officieren, Sol⸗ daten, die den gefangenen Donalto führen, 249 und Kerkermeiſtern mit brennenden Fa⸗ ckeln durch die Vorhalle von der rechten Seite. Antonio.(ſeinem Großvater in die Arme fliegend:) Ha! Mein Vater, Du biſt gerettet! Torpetoſo. Der Allarm ſoll aufhören— Ihr koͤnnt ruhig ſeyn— das Schloß iſt von meinen Wa⸗ chen umringt— der Verbrecher konnte nicht ent⸗ fliehen— ich wußte Alles— er iſt gefangen. Dellaporta.(bei Seite, entſetzt). Gefangen! Großer Gott! Torpetoſo.. Hier iſt er. Antonio.(bei Seite, ſchmerzlich:) O Himmel!— (Donalto wird in den Vorbergrund geführt). Torpetoſo.(zu Dellaporta). Schon längſt, mein ſauberer Graf, war dem Tribunal Euere Treue verdächtig— und in dem Augenblick, wo es rings von Factionen umlagert ward, mußte ihm wohl Alles daran liegen, ſeine Diener kennen zu lernen. Man wußte, daß Donalto einſt Euer Freund war, und zweifelte nicht, daß Euere zärtlichen Ge⸗ fühle wieder ausbrechen würden. 3 Dellaporta.(mit Kühnheit und Würbe). Nun wohlan, man hat meinem Herzen Ge⸗ 25⁰0 rechtigkeit wiederfahren laſſen, und ich bin ſtolz darauf— nichts bedauere ich— nur Eines: daß ich ihn nicht retten konnte!— Torpetoſo. Das iſt, Euch denn freilich mißlungen— Torpetoſo, der Schlaue, ſah Euer Plänchen voraus, und lachte des aberwitzigen Thoren.— (ihm ein Papier reichend) Hier iſt Euere Entlaſ⸗ ſung— mir ſelbſt hat das Tribunal von jetzt an Eueren Poſten anvertraut. Donalto.(heftig bewegt, für ſich:) Unglücklicher Erneſto!— Torpetoſo.(zu Dellaportad. Was übrigens das Verbrechen betrifft, deſ⸗ ſen Ihr Euch ſchuldig gemacht, ſo gehört es vor den Richterſtuhl des Tribunals— von dieſem Augenblicke an ſeid Ihr ſein Gefangener, und ich befehle Euch hiermit, Eueren Degen zu übergeben.(Dellaporta übergiebt ſeinen Degen, den ein Officier in Empfang nimmt. Torpetoſo zu Antonio:) Euch, junger Menſch, bezeuge ich hiermit öf⸗ fentlich meine Zufriedenheit. 8 Antonio.(ſchmerzlich). Gnädigſter Herr—(bei Seite) o Gott!— Donalto.(bei Seite, erſtaunt). Wie?! Antonio?! Was ſoll das heißen?!— 8 25¹ Torpetoſo.(zu Antonio, fortfahrend). Ihr habt ſo eben einen wichtigen Dienſt ge⸗ leiſtet— hätte ich nicht das ſaubere Complott vorausgeſehen, ſo würde ich Euch allein die Hintertreibung desſelben zu danken haben. Ich werde Euere That bekannt machen, und ver⸗ ſpreche Euch im Nahmen des Tribunals, daß Euere Treue nicht unbelohnt bleiben ſoll. Donalto.(bei Seite). Ha! Iſes möglich?! Antonio?! Er hat mich verrathen?! Dellaporta.(zu Antonio, verächtlich:) Elender Verräther! Torpetoſo.(zu der Wache).. Fort mit dem Gefangenen! (der Zug, der Donalto und Dellaporta in ſeine Mitte nimmt, fäaͤngt an abzugehen; Torpetoſo, Roberto, Laurette und Niſida folgen). Antonio.(im Bordergrunde niederknieend, und ſeine Arme gegen Himmel breitend, ſchmerzlich). Allmächt' ger Gott! Vergieb mir! Ich mu ß⸗ te! Es galt ja das Leben des geliebten Va⸗ ters!— (Ende des zweiten Aufzugs). 252 Dritter Aufzug. (Tagesanbruch. Vorhalle der Bleikammern. Im Hintergrunbe ein geſchloſſenes Thor, das in eine Gallerie führt. Rechts und links daneben mehrere niebrige bleierne Thüren. Im Hintergrunde links ein Tiſch. Im Vorbergrunde rechts ein Tiſch und ein Stuhl. Seitwaͤrts links und rechts eiſerne Git⸗ terfenſter unb hervorſpringenbe verdeckte Gange mit bleiernen Thüren). 8 Erſter Auftritt. (Antonio ſitzt bei'm Tiſche, iſt eben eingeſchlafen, und ſcheint von ſchweren Traͤumen beunruhigt. Auf dem Tiſche eine brennende Lampe und ein paar Piſtolen). Antonio.(im Schlafe). O Gott!— Haltet ein— o haltet ein— (es wird an das Thor geklopft; er fährt aus bem Schla⸗ fe auf, und erwacht) Ha— welch ſchrecklicher Traum!(es wird von Neuem geklopft) Es klopft— vielleicht mein Vater— Stimme von außen. Aufgemacht— es iſt die Nunde! Antonio.(für ſich). Die Nunde? Jetzt ſchon?— Aber richtig, der Tag bricht ſchon an— nun, ich will auf⸗ machen!— eer eilt nach dem Thore, kehrt aber auf 253 halbem Wege wieber um, und löſcht bie Lampe aus. Sobann öffnet er bas Thor, unb Perotti mit acht Sol⸗ baten tritt ein. Der halbe Thorflügel bleibt geöffnet). Zweiter Auftritt. Antonio. Perotti. Soldaten. Perotti. Guten Morgen, Antonio. Habt Ihr dieſe Nacht die Wache gehabt? Antonio. Ja, Herr Officier. Perotti. Ich ſoll die Wachen im Innern der Gefäng⸗ niſſe ablöſen— ſeid alſo ſo gut, und ſchließt mir auf. Antonio. Sogleich.—(er öffnet im Vordergrunde die Thüre des erſten Ganges linker Hand). Perotti.(waͤhrend Antonio aufſchließt, auf die Pi⸗ ſtolen beutend). Ihr ſeid gut bewaffnet— aber Ihr habt recht— ſeit dem geſtrigen Vorfalle werdet Ihr Euch überzeugt haben, daß nicht zu trauen iſt. Antonio. Mein Vater wollt' es ſo— ich mußte ſeine Piſtolen nehmen. 4 Perotti.(zu den Solbaten). Fort jetzt!(während er die Solbaten burch die links geöffnete Thuͤre voran gehen läßt, zu Antonio:) Wir werden durch das Thurmpförtchen wieder yerausgehen.(ab burch die Thüre in den Gang). Antonio. Sehr wohl.(er ſchließt die Thüre hinter ihm zu; in den Vorbergrund tretend) O Gott— welche ſchreckliche Nacht!— Das Bild des Unglückli⸗ chen verfolgte mich unaufhörlich!— Wenn ich auch immer und immer mir wiederhohle, daß ich das Leben meines Vaters retten mußte, daß ich meine Pflicht erfüllte— es giebt mir nicht die Ruhe wieder—— Dritter A uftritt. Antonio. Roberto.(burch das Thor eintretend). Antonio.(für ſich). Ha, mein Vater.. Reberto.(vorgehenb). Es hat mir keine Ruhe gelaſſen— ich war um Dich beſorgt— Antonio. Ach Vater, noch nie hab' ich eine ſchreck⸗ lichere Nacht zugebracht! Roberto. Es iſt Dir doch nichts zugeſtoßen? Antonio. Das nicht, mein Vater— aber— Roberto.(ihn ungedulbig unterbrechend). Den Teuſel auch! Du haſt mich ordentlich erſchreckt.— Nun, gieb mir die Piſtolen wieder — Du brauchſt ſie jetzt nicht mehr; auch iſt's nicht rathſam, ſie jetzt, wo aller Augenblicke aus⸗ und eingegangen wird, ſo frei auf dem Tiſche liegen zu laſſen— Antonio.(ihm die Piſtolen reichenb). Hier ſind ſie— doch, Ihr ſolltet ſie nicht bei Euch tragen, Vater— wie leicht könnte ein Unglück geſchehen— Roberto. Hm— Du haſt recht— weißt Du was, leg' ſie in die Tiſchlade, da kommt Niemand da⸗ zu, und ich finde ſie dann gleich für die nächſte Nacht, wo ich wachen werde. Antonio.(indem er die Piſtolen in die Tiſchlade legt:) Ja, ſo iſt's am beſten, lieber Vater.— Aber ſagt mir, was war denn das für ein Lärm dieſe Nacht? Warum iſt denn Niemand ſchlafen gegangen? 8 256 2 Roberto. Warum? Hm, es iſt ja Alles d'rüber und d'runter gegangen. Um Mitternacht ward auf ein⸗ mahl unſer armer Kommandant aus dem Ker⸗ ker gehohlt— Antonio.(einfallend, freubig). Und in Freiheit geſetzt? Roberto. Bewahre! Wie einen Verbrecher hat man ihn fortgeführt! Antonio. Ach Vater, wir dienen rechten Ungeheu⸗ ern!— 3 Roberto.(ſich ſcheu umſehenb, halblaut). Still— wir werden ihnen vielleicht nicht lange mehr dienen— es verbreitet ſich das Ge⸗ rücht, daß ganz Venedig zu den Waffen greift— Antonio.(freubig). 3 Wie?! Wär's möglich?! Roberto.(wie vor). Stille, ſag' ich!— Antonio.(ſich umſehenb). Seid unbeſorgt, Vater; wir ſind ja allein und unbeobachtet— Roberto.(einfallend). Keinen Augenblick!— Du haſt geſtern den Beweis davon erhalten— 257 Antonio. Nun, ſo ſprecht leiſe— o Gott, wenn es noch möglich wäre, den ungläcklichen Gefange⸗ nen zu retten!. Roberto. Höre weiter. Seit geſtern Abend kommen ſtündlich Bothen auf Bothen— was ſie brin⸗ gen, iſt ein Geheimniß; doch nach den manich⸗ faltigen, die ganze Nacht durch aller Augenbli⸗ cke ergriffenen und wieder verworfenen Maßre⸗ geln zu urtheilen, müßen ihre Nachrichten nicht die beſten ſeyn— es ſend neue Truppen ange⸗ kommen— alle Poſten ſind verdoppelt, verdrei⸗ facht worden— der Oberrichter ſelbſt hat zwei⸗ mahl die Runde gemacht— Antonio.(ihn unterbrechent) Alſo beſorgt man einen Angriff? Roberto. Alles ſcheint darauf hinzudeuten, beſonders die Unruhe des Oberrichters— es ſind in der Nacht wieder neue Verhaftungen erfolgt— zwei Männer, die ſich dem Walle zu nähern verſuch⸗ ten, ſind ereilt und auf der Stelle niedergeſchof⸗ ſen worden. 1* Antonio. Großer Gott! Roberto. Nan fand Schriften bei ihnen, nach deſſen Durchleſung der Oberrichter auf's Neue unſeren Gefangenen verhörte— Antonio. Dieſe Nacht? Roberto. Ja, gegen ein Uhr; ich mußte ihn in den Gerichtsſaal begleiten.— Iſt er hier durch zu⸗ rück geführt worden? 7. Antonio. Nein. 3 Roberto. Nun ſo iſt er noch im Schloß.— Ich müß⸗ te mich ſehr irren, aber es ſcheint, als ob Alles auf dem Sturze oder der Freiheit dieſes Mannes beruhe. Antonio.(ſchmerzlich). 9 Gott! Und ich bin es, der ihn— Roberto.(ihn unterbrechenb). Nun, was giebt's denn da zu klagen?— Alle Wetter! Du haſt den Muth, die Geiſtesgegen⸗ wart gehabt, ſeine Flucht zu vereiteln und— Du weißt nicht, was Du mir dadurch für einen Dienſt geleiſtet haſt! Wenn ihm ſeine Flucht ge⸗ lungen wäre, ſo war's um mein Leben ge⸗ ſchehen! 259 Antonio.(wie vor) O mein Vater, hätt' ich wohl ohne dieſen Gedanken ihn verrathen können?! Roberto. Wie?! Alſo für mich haſt Du—(ihn umar⸗ mend, gerührt:) Braver, guter Junge!(man hoͤrt eilige Schritte) Ha, wer kommt? Vierter Auftritt. (Es iſt völlig Jag geworden). Vorige. Laurette mit Niſida durch das Thor hereinſtürzend. Laurette.(zu Roberto) Gott im Himmel! Herr Kaſtellan, ich be⸗ ſchwoͤr' Euch, rettet meinen armen Mann! Roberto. Pietro?! Antonio. Was iſt ihm denn geſchehen? Laurette.* 4 Er iſt verhaftet!. Roberto und Antonio.(zugleich) Verhaftet?! Niſida. Eben wird er hergeführt— Roberto. Was Teufel, ſoll das heißen?! „ 260 Fünfter Auſtritt. Vorige. Pietro, von Vicenti und meh⸗ reren Soldaten begleitet, durch das Thor ein⸗ tretend. Pietro.(auf ſeine Frau zueilend; mit komiſcher Ver⸗ zweiflung): Ach, meine gute Laurette! Mein lieber Herr Kaſtellan! Ich ſitz' in einer verdammten Brühe! Roberto. Nun, nun, ſey nur ruhig; wir werden ja hören— Pietro. Ich ſag' Euch, s' iſt rein aus mit mir! Meine Frau iſt ſchon eine Wittwe! Wer einmahl in den Klauen ſteckt, der kann in Gottes Nah⸗ men ſein Teſtament machen! Niſida.(ihren Vater liebkoſend) Ach, mein armer Vater! Laurette.(zu ihrem Manne) Wenn Du nichts verbrochen haſt, kann man Dich auch nicht ſtrafen— Roberto. Verſteht ſich!—(zu Pietro) Zwar biſt Du, unter uns geſagt, ein loſer Schelm; was aber Deine Treue betrifft, ſapperment, da will ich mit Leib und Seele für Dich gutſtehen! Pietro. Ach Gott, um alles das handelt ſich's nicht. Geſtern war einmahl der Markustag— der iſt Schuld an Allem! Roberto. Aber zum Teufel— nun, wir werden ja gleich hören—(zu Vitenti) Herr Officier, wäret Ihr wohl ſo gut, uns zu erklären— Vicentti.(einfallenb) Recht gern.— Der Gondelier hier, ward lauernd bei den Felſen von Olbano angetroffen — er behauptete, er ſey dort auf Befehl des Herrn Kommandanten— Pietro. Nun zum Teufel— es war ja die reine Wahrheit, weil ich Geronimo's Stelle vertrat— 3 Vicenti.(fortfahrend) 3 Das ſchien verdächtig— Pietro.(ärgerlich) Verdächtig—— Und es war doch nur, um noch zur Vesper zurecht zu kommen! Vicenti.(fortfahrenb) Man führte ihn alſo in's Schloß, und (indem er Roberto ein Papier überreicht) hier iſt der Befehl des Oberrichters, ihn einzuſchließen, bis er Zeit hat, ihn zu verhören. — 262 Roberto. Nun, alſo!— Das iſt nichts, als ein Miß⸗ verſtändniß, das ſich aufklären wird;(zu Pietro) unterdeſſen aber, mein Schatz— Pietro.(einfallenb) Ja, ja, unterdeſſen werd' ich in eine von den verdammten Bleikammern ſpazieren müſſen! (man hört ganz in der Ferne einen Trommelwirbeh Antonio.(zum Thore laufend, hinausſehenb und wieber zurückkommend, zu ſeinem Großvater:) Vater, der Oberrichter naht ſich! Roberto.(zu Pietro) Nun, mein armer Pietro, jetzt kann ich Dir nicht helfen— 3 Laurette. Ach Gott— es iſt doch wahrhaftig ein rech⸗ tes Unglück! Pietro.(zu Roberto„.. Ihr könnt's alſo wirklich über's Herz brin⸗ gen, Herr Kaſtellan? Roberto.. Den Teufel auch, ich muß wohl!— Aber ſey nur ruhig— 1 3 Pietro. Sapperment! In ſo einem Käfig d'rin muß man wohl ruhig ſeyn, man mag wollen oder nicht— Roberto. Nun, nun, ich werde ſelbſt mit dem Herrn Oberrichter wegen Dir ſprechen— und alle Teu⸗ fel, ich will Dich gewiß verantworten! Laurette. Ach ja, lieber Herr Kaſtellan, thut das; auf Euch baue ich noch meine einzige Hoffnung! Pietro. Aber hört! Herr Kaſtellan, wenn's möglich iſt, ſo ſteckt mich nicht in ein gar zu finſteres Loch— ich bekomm' im Dunkeln gleich ſo gewiſſe ängſtliche Gedanken. Roberto.(die Thüre des erſten Ganges rechter Hand öffnend). 3 Nun, ich will Dir das freundlichſte unter allen meinen Zimmerchen geben— ſieh nur hin⸗ ein— Pietro.(hineinſehend und ſich ſchüttelnb) Prrr!— Da iſt's freundlich d'rin zum Da⸗ vonlaufen! Roberto.(zu Pietro) Nun, jetzt mach' aber, daß Du hineinkommſt, denn der Herr Oberrichter wird den Augenblick da ſeyn! Pietro.(ſeine Frau und Tochter umarmend:) Nun, lebt wohl— und ſeid ruhig— der ungluckſelige Markustag iſt ja vorbei, und kommt, 264 Gott ſey Dank, erſt in einem Jahre wieder! (ab in ben Kerker. Während Roberto die Thüre hin⸗ ter ihm ſchließt, hört man ganz in ber Nähe einen Trommelwirbel. Die Soldaten mit Vicenti ziehen ſich gegen has Thor zurück, und machen dem eintretenden Torpeto ſo die Honeurs.) Sechſter Auftritt. Vorige ohne Pietro. Torpetoſo tritt mit finſterer Miene durch das Thor ein, begleitet von Rupino, Delponto und Lothario.— Laurette und Niſida werfen ſich zu ſeinen Füßen. . Laurette. Gnade, gnädigſter Herr„ Gnade für mei⸗ nen armen Mann! Niſida. Gnade für meinen Vater! Torpetoſo.(zu Roberto) Wer iſt dies Weib? 8* Roberto. 4 Es iſt die Frau des armen Teufels, gnädig⸗ ſter Herr, des Gondoliers„ den man ſo eben verhaftet hat. Torpetoſo. Pietro? — 265 Roberto. Ja, gnädigſter Herr— und ich kann beſchwö⸗ ren— Torpetoſo.(einfallenb) Ich werd' ihn ſelbſt verhören— iſt er ſchuld⸗ los— gut für ihn— ſo hat er nichts zu fürchten. Laurette.(flehenb) Gnädigſter Herr—. Torpetoſo.(zu Roberto) Schafft das Weib fort.(Laurette und Niſida ſtehen auf) Niſida.(bei Seite, halblaut:) Abſcheulicher Tirann! Laurette.(ihrer Tochter die Hand auf den Mund 4 legend; leiſe:) Schweig', Unbeſonnene!. Roberto. Komm Laurette— auch Du, Niſida—(zu Antonio) Antonio, führe ſie in mein Zimmer. Antonio. Sogleich, lieber Vater. Roberto.(Lauretten und Niſida heimlich und ſchnell zuftüſternd:) Jetzt iſt nicht der Augenblick, für Pietro zu ſprechen; aber ſeid unbeſorgt, ich ſteh' Euch für ſeine Freiheit. (Antonio ab durch das Thor mit Lauretten und Niſibs. IV. Theil. M 266 Torpetoſo winkt Bicentt, ſich mit den Solbaten zu ent⸗ fernen. Vicenti ab mit ben Solbaten). Siebenter Auftritt. Torpetoſo. Roberto. Rupino. Del⸗ ponto. Lothario. Torpetoſo.(zu Roberto). Roberto, Euer muſterhaftes Betragen macht Euch meines Vertrauens würdig. Es iſt nöthig, daß Ihr die ganze Gefahr kennt, die uns bedroht. Ich zähle auf Euere Ergebenheit, auf Euere Treue. Roberto. Ich diene ſeit achtzehn Jahren, gnaͤdigſter Herr— nie hab' ich meine Pflicht verletzt— Torpetoſo.. Venedig hat ſich empört— der Doge ſelbſt beſchützt die Aufrührer.— Die ſtarke Bedeckung, die Dellaporta abführte, iſt von den Rebellen niedergemetzelt worden, und der Verraͤther ſteht jetzt an ihrer Spitze. — Roberto. 3 Wie, gnädigſter Herr, Graf Dellaporta—— 2 4 Torpetoſo.(einfallenb) Iſt jetzt unſer furchtbarſter Feind. Mit allen Schlichen genau bekannt, hat er bereits jeden Zugang zum Schloſſe abgeſchnitten— um die entfernten Hülfstruppen von unſerer Gefahr zu 1 — 267 benachrichtigen, bleibt uns nichts üͤbrig, als die, Nothfahne aufzuſtecken. Roberto.(bei Seite, freubig: Hal Der Augenblick der Freiheit iſt vielleicht nahe! 3 Torpetoſo.(fortfahrend) Ich würde der Macht Dellaporta's ſpotten wenn wir nicht von Verräthern umgeben wären — ich weiß genau, daß ſie mitten unter uns herum⸗ ſchleichen— aber wehe ihnen! Ich werde ein fürchterlich Gericht halten.—(zu Rupino) Rupi⸗ no, Ihr eilt auf den nördlichen Wachtthurm und pflanzt die ſchwarze Fahne auf— von Stunde zu Stunde ſoll ein Kanonenſchuß den ſernen Hülfstruppen unſere Gefahr verkünden—(Rupi⸗ no mit einer Berbeugung ab durch das Thor. Zu Del⸗ ponto:) Ihr, Delponto,(ihm ein Schreiben überge⸗ bend) ſchickt auf der Stelle einen Bothen mit die⸗ ſem Schreiben nach St. Marko—(Delponto ſcheint erſtaunt) es wird von den Rebellen aufgefangen werden— das eben will ich— es wird ſie irre leiten.(Delponto mit einer Berbeugung ab burch das Thor. Zu Lothario:) Ihr, Lothario, bleibt hier! 8 268 Achter Auftritt. Torpetoſo. Roberto. Lothario. Torpeto ſo.(zu Roberto) Noberto, Ihr hohlt jetzt den Gefangenen aus meinen Zimmern, bringt ihn hieher, und fahrt fort, ihm die größte Achtung zu bezeigen— Roberto. Sehr wohl, gnädigſter Herr!(will ab) Torpetoſo.(zu Roberto) Noch Eins. Ich befehle, daß alle ſeine Wün⸗ ſche befriedigt werden— nichts ſoll ihm abgehen — aber, die größte Wachſamkeit— nur Euch und Euerem Sohne vertrau' ich ihn an. Roberto. Verlaßt Euch auf uns, gnädigſter Herr— Torpetoſo.(zu Roberto) Für ſeinen Tiſch— für beſſere Speiſen hab' ich ſelbſt geſorgt— 4 Roberto. Cfür ſich) Ich fange wieder an zu hoffen— die e Mil⸗ de— es kann keine Gefahr mehr für ihn ſeyn— Torpetoſo.(zu Roberto) Geht!—(Roberto ab burch has Thor) Reunter Auftritt. Torpetoſo. Lothario. Torpetoſo. Lothario, wir ſind allein, tritt näher! chalblaut:) Donalto muß ſterben— ſo will es das Tribunal. Doch ſein Tod— wenn die Abſichten der Rebellen vereitelt werden ſollen— muß ſchnell ſeyn und geheim, denn wir ſind von Verrä⸗ thern umgeben.— Wenn Dellaporta nur den ge⸗ ringſten Wink erhielte, ſo könnt' es uns höchſt gefährlich werden.— Du kennſt die Art, wie das Tribunal die heimlich Verurtheilten ver⸗ ſchwinden läßt.— Sobald Donalto hier iſt, lä⸗ ßeſt Du ſeine Mahlzeit herbringen— den Wein — verſtehſt du wohl— den Wein giebſt Dar Antonio.— Der junge Menſch iſt unbefangen, und ahn et nichts— bei ihm wird Donalto kei⸗ nen Verdacht ſchöpfen— ich ſelbſt werde mich entfernt halten.— Gehe jetzt, und vollziehe mei⸗ ne Befehle. 1 Lothario. Pünktlich.— Ihr kennt mich, gnaͤdigſter Herr.(mit einer Verbeugung ab burch das Thor). Zehnter Auftritt. Torpetoſo.(allein) „Ha, endlich naht ſich nach achtzehn langen Jahren der Augenblick, nach dem ich heiß ge⸗ lechzt!— Nun, nun, das Tränkchen ſoll dem ſüßen Ritter munden.— Hm— Gift— es iſt ein niedlich Ding— das gleitet ſo hinunter— macht keinen Lärm— kein Menſch hört's, wenn bei der Muſik der dröhnenden Glieder die zap⸗ pelnde Seele ihr letztes Tänzchen hält mit allen Nerven und Muskeln.— Nun— ſollſt den Spaß verſuchen, liebes Männchen— wird Dir freilich nicht ſo behagen, als einſt das weiche Lager in Niſida's Armen—(heftig) Niſida— Cheftiger) Niſida, die Du mir geraubt.—(plötlich auffahrenb) Ha! Tod und Teufel! Der Hölle Gluth flammt dieſer Nahme in mein entbranntes Hirn.— Doch. ruhig, wildes Herz— der Becher, den Du heute leerſt, Donalto, träuft bald den rechten Balſam in die heiße Wunde.— Und wenn Du dann in Qualen Dich am Boden windeſt, die Pulſe bis zum Springen ſchwellen— und wie ein Wetter⸗ leuchten Deine Fiebern zucken: dann will ich wie ein Racheengel vor Dich treten, und Dir: „Niſida“ in die Ohren donnern!(er ſtürzt ab durch das Thor). Eilfter Auftritt. Roberto mit Donalto durch das Thor eintretend. Roberto.(bei'm Thore ſtehen bleibenb und Donal⸗ to vorangehen laſſenb) Nur hier herein, lieber Herr.—(Donalto tritt ein; Roberto für ſich:) Ich weiß nicht, was es iſt, aber Antonio hat recht— der arme Menſch hat etwas in ſeinen Zügen, das unwillküͤhrlich anzieht.—(laut zu Denalto) Hier, in dieſer Vor⸗ halle der Bleikammern, iſt einſtweilen Euere Wohnung. Donalto.(ſnſter) Ich hoffte, man würde mich zum Tode führen— Robertko. Zum Tode—! Wo denkt Ihr hin!— Gott bewahre!— Der Oberrichter hat uns ſo eben veſohlen, alle Achtung, alle Aunfmerkſamkeit fuͤr Euch zu haben— Donalto.(geſpannt) Achtung—? Aufmerkſamkeit— 2 Roberto. Ja, und noch mehr— er befahl mir und Antonio, Euch unbedingt zu gehorchen— alle Euere Wünſche zu befriedigen— * to —₰ 10 Donalto. Cfür ſich) . Ha! Das war's, was Erneſto mir ſagte— ich ahnde Alles— hölliſches Meiſterſtuck der Bosheit, die ſich der unſchuldigſten Hände be⸗ dient— Roberto. Ihr ſeht alſo, daß alles dies Euch ein weit beſſeres Schickſal verſpricht— Donalto.(für ſich) O Gott, wenn ich nur wenigſtens über Er⸗ neſto's Schickſal Auskunft erhalten könnte— vielleicht weiß—(laut) Ihr liebtet den Komman⸗ danten— o ſagt mir— ich beſchwöre Euch— was iſt mit ihm geſchehen?— Roberto. Verzeiht— ich darf Euch darauf nicht ant⸗ worten— ich habe den ſtrengſten Befehl, dar⸗ über zu ſchweigen.— Ihr werdet ſelbſt füͤhlen, daß meine Pflicht mir heilig ſeyn muß. 88 Donalto.(bei Seite) Fürchterliche Ungewißheit! MNRoberto.(gutmüthig) Nicht wahr, Ihr zürnt mir deswegen nicht? — Es ſchmerzt mich, Euch dieſen Troſt verſagen zu müſſen, beſonders nach Allem, was Ihr für meinen guten Antonio gethan habt— aber ich kann nicht anders— doch, faßt Muth— Alles —.,— 273 aͤndert ſich im Leben— und viel kann man tra⸗ gen, wenn das Gewiſſen rein iſt.— Glaubt mir, nicht immer triumphiren die Böſewichter, und der Himmel läßt nichts unbeſtraft.— Donalto.(getroffen) Nichtsunbeſtraft— jawohl— ja wohl— ſtreng iſt ſeine Gerechtigkeit— ach, meine Leiden ſind der deutlichſte Beweis— wäre mein Herz vorwurfsfrei, ich würde ruhig meinem Tode entgegengehen; aber Gewiſſensbiſſe zerfleiſchen es— 3 Roberto. Gewiſſensbiſſe— 2 Donalto. Nur einen Fehltritt beging ich— aber er hat die Ruhe, das Glück meines ganzen Lebens zerſtört!— Ueberall verfolgen mich die ſchreck⸗ lichen Worte:„Unglücklicher, Du haſt den Tod eines engelreinen, vom Vaterfluche verfolgten Weſens auf Deiner Seele!“—(er ſinkt in den Stuhl bei'm Tiſche) Roberto. Vaterfluch—? ggetroffen) In, Vaterfluch iſt ſchrecklich, ſchrecklich wie der Zorn Gottes—! (er verſinkt in trübes Nachdenken. Man hoͤrt einen Ka⸗ nonenſchuß). Donalto.(für ſich) Ha!— Vielleicht das Signal meines Todes!— Einbem er den eintretenden Antonio bemerkt) Ha— Antonio— Zwölfter Auftritt. Vorige. Antonio.(burch das Thor eintretenb) Antonio.(indem er ein Bret mit einer Weinfla⸗ ſche und einen Becher auf den Tiſch im Hintergrunbe ſtellt; vorgehend, zu ſeinem Großvater:) Laurette läßt Euch bitten, lieber Vater, nur auf einen Augenblick zu ihr zu kommen. 3 Roberto. Nun, ich gehe— bleib indeß hier, Antonio— (ab burch das Thor) 3 Dreizehnter Auftritt. Donalto. Antonio. Antonio.(ſich Donalto, der in trübes Nachſin⸗ nen verſunken iſt, zogernb unb furchtſam naͤhernb, für ſich:) Ich wag' es nicht, ihn anzublicken— er mu ß mich ja für einen treuloſen Verräther halten— ach, wenn er mich nur eines einzigen Wortes würdigte— ich fiele ihm zu Füßen, und ſagte ihm Alles— —— —— 275 Donalto.(Antonio von berSeite betrachtend, für ſich:) Sollt' er es wiſſen— ich kann's nicht glau⸗ ben—(aufſtehend, laut:) Antonio— Antonio.(inbem er ſich zu Donalto's Füßen ſtür⸗ zen will) O Gott!— Donalto.(ihn aufhaltend, ſanft:) Antonio, ich will Dir keine Vorwürfe machen — aber ſprich: warum haſt Du mich verrathen? Antonio. Sott— um meinen Vater zu retten! Donalto.(befrembet) Um Deinen Vater zu retten— 2 Antonio. Als ich mit ſo vieler Freude Euch das Mit⸗ tel zur Erlangung Euerer Freiheit vertraute, da wußte ich noch nicht, daß der Kaſtellan mit ſei⸗ nem Leben für Jeden der Gefangenen ſtehen muß — gerne, gerne hätt' ich ja das Meine hingege⸗ ben, Euch zu retten, und noch jetzt wär' ich jeden Augenblick bereit, es zu thun— aber konnt ich, durft' ich das Leben meines Vaters opfern?— Denn nur auf ihn allein wäre die Rache des Tri⸗ bunals gefallen! Donalto. ggerührt) Das alſo war der Grund—? Guter Anto⸗ 276 nio— Du haſt Deine Pflicht erfüllt— und nur um ſo inniger muß ich Dich jetzt lieben! Antonio. O könntet Ihr in meinem Herzen leſen! Donalto. Ruhig, Antonio— ich kann meinem Schick⸗ ſale nicht entgehen—(indem er ſeine Blicke auf die Weinflaſche im Hintergrunde der Vorhalle wirft) Was enthält jene Flaſche? Antonio. 3 Wein, den der Oberrichter Euch zu bringen befahl. Donalto.(bei Seite) Kein Zweifel bleibt.—— Nun wohl!— Es ſey!— Claut zu Antonio:) Antonio, bringe mir Dinte, Feder und Papier. Antonio. Sogleich!(inbem er abgehen will, tritt ihm durch das Thor Niſida entgegen). Vierzehnter Auftritt. Vorige. Niſida. Niſida.(zu Antonio) Ach Antonio, kannſt Du mich nicht, nur auf einen Augenblick, zu meinem guten Vater führen? 3 Antonio. Nein, liebes Kind, mein Vater hat den Schlüſſel— d'rum gehe, gehe— Du darfſt nicht hier bleiben. Donalto. Ha—(zu Niſida) Du biſt das Mädchen, das ich geſtern— 3 Niſida.(einfallend) Ja, ich bin's, lieber Herr— ach, Ihr habt uns viele, viele Thränen gekoſtet— Donalto Du heißeſt Niſida—? Niſida. So heiß' ich— Donalto.(bei Seitc) Sonderbar— alles— alles vereint ſich, mei⸗ ne letzten Augenblicke zu den ſchmerzlichſten zu machen!—(laut zu Niſida) Nun denn, komm her, meine gute Niſida— hier⸗ cihr einen Ring reichend, den er vom Finger zieht) nimm dieſen Ring— ich erhielt ihn einſt von einer Niſida, die mir über Alles theuer war— verſprich mir, ihn immer zu tragen— Niſida.* Ich dank' Euch, lieber Herr.(den Ring betrach⸗ tend) Welch ein ſchöner Ning! Antonio.(zu Niſida) Komm jetzt, Niſida, komm. Niſida.(zu Donalto). Nun, lebt wohl, lieber, guter Herr! (ab mit Antonio burch das Thor). Fünfzehnter Auftritt. Donalto. Später Antonio. Donalto.(allein; nach einer Pauſe). Niſida— ſo fällt wenigſtens das letzte, theuere Pfand Deiner Liebe nicht in ganz frem⸗ de Hände— bald, bald ſchlägt ja die Stunde der ewigen Wiedervereinigung!—(zu Antonio, der mit Papier, Dinte und Feden eintritt:). Antonio — das Schickſal hat mich unglücklicher gemacht, als vielleicht je ein Menſch es war!— Ich bin allein— ich habe auf der ganzen Erde kein Wefen, das mir angehört— Weib und Sohn hab' ich verlohren— meine Familie iſt ausge⸗ ſtorben, mein Nahme vergeſſen— nichts, nichts iſt mir geblieben— Du Antonio, Du, der Du ſo treu und herzlich Dich gegen den Unglückli⸗ chen zeigteſt, Du ſollſt jetzt Alles mir erſetzen, was ich verlohren habe. 3 Antonio. Ich, lieber Herr—? O wie gerne! Donalto. Ehe ich mein Vaterland verließ, legte ich bei einem Kaufherrn eine große Summe nieder, die ich nie berühren wollte— denn ach, ich hoffte noch, daß ich einſt durch meine eifrigen Nachforſchungen, vielleicht auch durch Zufall, meinen Sohn, mein einziges, geliebtes Kind wiederfinden könnte— 8 Antonio. Ei, Ihr könnt ihn ja vielleicht noch finden — d'rum müßt Ihr für ihn— Donalto.(einfallend). Nein, es iſt unmöglich— alle Hoffnung iſt geſchwunden! Darum, Antonio, biſt Du es, dem ich dies Geld beſtimme— Antonio. Mir? Donalto.(indem er ſich ſetzt unb ſchreibt). Mit dieſer Vollmacht kannſt Du jeden Au⸗ genblick die Summe erheben— nie köͤnnt ich ſie beſſer anwenden— wie heißeſt Du? Antonio. Antonio. Donalto. Das weiß ich— das iſt aber Dein Tauf⸗ nahme— ich meine den Nahmen Deiner Fa⸗ milie— Antonio. Meiner Familie?— Ich weiß ihn nicht— mein Großvater heißt Roberto.— Donalto. Auch das weiß ich— Cfür ſich) ſonderbar — ſo hieß auch—(laut zu Antonio:) und Dein Vater?— 5 3 Antonio. Ich hab' ihn nie gekannt.— Donalto. Nie gekannt—? Gür ſich) Gott, welche Ahn⸗ dung— Haut zu Antonio) Dein Geburtsort? Antonio. Novento. Donalto.(für ſich, heftig bewegt). Ha, kaum vermag ich zu vollenden— (laut zu Antonio:) Deine Mutter— hieß— Antonio. Niſida. Donalto.(läßt die Feber fallen; bei Seite in ber 8 heftigſten Bewegung:) Großer Gott! Es iſt mein Sohn! (er ſinkt halbohnmächtig in den Stuhl zurück). Antonio.(der ihn ber Ohnmacht nahe ſieht). Um's Himmelswillen! Was iſt Euch?! (ſich ängſtlich umſehenb) Gott, wie ſoll ich ihm hel⸗ fen— ruſen darf ich Niemand—(indem ihm die Weinſtaſche in die Augen faͤllt) Ha!—(er läuft in 281 den Hintergrund und füllt ben Becher mit Wein. Mit dem Becher zurückeilend und ihn Donalto an die Lippen ſetzend:) Trinkt— es wird Euch ſtärken— trinkt! Ich beſchwöre Euch!— Donalto.(der in dieſem Augenblicke wieder zu ſich kommt; indem er den Becher mit Abſcheu zurückftößt, zu Antonio). Ungluͤcklicher— welche Qualen hätteſt Du Dir bereitet!— Antonio.(verwundert). Qualen?—(er ſtellt den Becher wieder auf den Ziſch im Hintergrunbe). Donalto.(heftig bewegt, bei Seite:) Unglücklicher Jüngling!— Welcher Augen⸗ blick!— Ja— ich muß— ich muß ihm ſein größtes Unglück verbergen— nie ſoll er ſei⸗ nen Vater kennen!—. Antonio.(zurückkommend, theilnehmenb und herzlich:) Iſt Euch nun beſſer, mein guter Herr? Donalto.(ihn ſtürmiſch umarmend). O mein theuerer, geliebter Antonio!— Doch die Minuten ſind koſtbar.—(indem er bie Schrift vollendet, und Antonio übergiebt) Hier, Anto⸗ nio— nimm— Gott, es iſt der erſte glückliche Augenblick ſeit achtzehn langen Jahren! Antonio.(ſehr innig). Nein, mein guter Herr, nein, ich kann 282 nicht— behaltet Euer Gold— der Himmel wird Euere Leiden enden— Ihr werdet leben, leben, um geehrt, um geliebt zu ſeyn!— (er kniet vor Donalto nieber, und bebeckt ſeine Hanb mit Küſſen). Donalto.(ſich abwenbend, bei Seite, ſchmerzlich:) Allmächt'ger Gott— Niſida— es iſt un⸗ ſer Sohn— und ich darf nicht— (in bieſem Augenblicke hört man hinter der Scene eilige Schritte und das Geſchrei: laßt mich! laßt mich!) Sechzehnter Auftritt. Vorige. Roberto. emit einem Ring in ber Hanb zum Thore hereinſtürzend). Donalto. Ha! Roberto! Antonio.(aufſpringend und ſeinem Großbater ent⸗ gegeneilend:). Gott! Mein Vater, was iſt Euch?! Roberto.(Antonio auf die Seite braͤngend, heftig bewegt:) 3 Laß mich! Laß mich!(zu Donalto) UIm Got⸗ teswillen, Herr, ſprecht— dieſer Ring— von wem bekamt Ihr ihn— 2 Donalto. Ha!— Nun denn— ſo hort, und flucht mir— von Euerer Tochter!— 283 Roberto.(ſich abwenbenb). Großer Gott! Antonio.(heftig bewegt). Von meiner Mutter?! Donalto.(vor Roberto auf ſeine Knie ſtürzenb:) Vater meiner Niſida! Dein Fluch iſt er⸗ füllt! Die Stunde meines Todes hat geſchlagen! (zu Antonio) Antonio— herbei! Erflehe Verge⸗ bung Deinem Vater! Antonio. Allmächtiger Gott! Ihr! Mein Vater! (er ſtürzt neben Donalto zu ſeines Großvaters Füßen). Noberto.(zwiſchen Haß und Mitleid kämpfend, zu Donalto vorwurfsvoll und heftig). Unglücklicher!(in dieſem Augenblicke hört man hinter der Scene einen großen Lärm). 1 Siebenzehnter Auftritt. Vorige. Torpetoſo, von Officieren und Soldaten begleitet, durch das Thor hereinſtürzend. (Von dieſem Augenblicke an hört man die ganze Scene hindurch bald langſamer, bald ſchneller auf einander folgende Kanonenſchüße). Torpetoſo. Schließt das Thor!—(es geſchieht) Die Re⸗ bellen nahen— doch hierher ſollen ſie nur 284 über meine Leiche. Czu den Solbaten) Ergreift Donalto— fort mit ihm in die Blutkammer!— (die Solbaten bringen auf Donalto ein). Antonio. Allmächt'ger Gott! Mein Vater! Roberto. Haltet ein— um Gotteswillen!(Antonio und Roberto decken Donalto mit ihren Körpern). Torpetoſo. Was ſoll das heißen? Elende! Auch Ihr Verräther?!. RNoberto.(ſich mit Antonio zu Torpetoſo's Füßen werfend). Gnade, gnädigſter Herr, Gnade! Es iſt mein Sohn! Es iſt der Vater dieſes Jünglings! Torpetoſo.(Beide mit bem Fuße wegſtoßenb, — kalt, mit einem Winke:) Soldaten, gehorcht!(bie SGolbaten bringen wie⸗ der auf Donalto ein). Roberto.(aufſpringend, und ſchnell einem Solbaten dbas Seitengewehr entreißenb). Nun denn, Unglücklicher— retten will ich Dich, oder mit Dir ſterben!(er ſtellt ſich vor Donalto). Donalto. q(zu Roberto). Laßt mich! Mein Schickſal hat mich ereilt!— Eher Tumult von außen tönt immer lauter und näher). —y— — 285 Torpetoſo.(heimlich einen Dolch ziehend für ſich). Keine Minute iſt zu verlieren— der Tu⸗ mult tönt immer näher— den nächſten Augen⸗ blick kann das Thor geſprengt werden— nun denn, ſo falle der Verhaßte von meiner eigenen Hand.—(er ſtürzt mit dem Dolche auf Donalto). Antonio.(er hat den Oberrichter die ganze Zeit über keinen Augenblick aus den Augen verlohren, iſt ſchon früher, wie Torpetoſo den Dolch zog, unbemerkt zum Tiſch hingeſtürzt, und hat aus ber TZiſchlabe eine ber Piſtolen genommen. Indem er den Oberrichter auf Donalto ſtürzen ſieht:) Ha! Himmel, ſteh' mir bei!(er feuert auf den Oberrichter die Piſtole ab). Torpetoſo.(indem er getroffen zu Boden ſlürzt, und den Dolch fallen läßt). Ha! Tod und Teufel!(er windet ſich am Bo⸗ ben und ſtirbt. Roberto kämpft mit den auf ihn und Donalto eindringenden Soldaten. Der Kanonendonner ſchweigt, und in demſelben Augenblicke wird von der draußen tobenden Menge das Fhor geſprengt). Achtzehnter Auftritt.. Vorige. Dellaporta, an der Spitze der Verſchworenen hereinſtürzend. Später Lau⸗ rette, Niſida und Pietro. (Kurzes Gefecht. Die Soldaten werhen überwaͤltigt.) Dellaporta.(zu den Berſchworenen). Sprengt die Kerkerthüren! * 4 283 (es geſchieht, und die Berſchworenen machen gleich den Anfang mit ber erſten Kerkerthüre rechts im Vorder⸗ grunb. Pietro ſtürzt hHeraus, und in bie Arme ſeiner herbeieilenden Frau und Jochter). Antonio.(ganz im Vordergrunde niederknieend, bie Piſtole wegſchleubernd und die Arme zum Himmel erhebend:) Er iſt gerettet, der geliebte Vater! All⸗ mächt'ger Gott! Nimm meinen heißen Dank!— (er ſpringt auf, und fliegt in Donalto's Arme). Dellaporta.(in Donalto's Arme ſtürzend unb 4 ihn ſtürmiſch umarmend; begeiſtert:) Mein Ludoviko!— Gott hat Sieg verlie⸗ hen der gerechten Sache— Du biſt gerettet— Das Tribunal iſt geſtürzt und Venedig frei!— (zu den Verſchworenen) Freunde! Ruft jubelnd mit mir: Heil ſeinem edlen Admiral!— Alle. Heil dem edlen Admiral! (Der Vorhang faͤllt.) Scherz, Gefahr und Liebe. Romantiſches Schauſpiel in drei Aufzügen. Perſonen. Achmet, Groß⸗Khan, und Befehlshaber der Pro⸗ vinz Irak. 3 Mir Ali, erſter Miniſter. Zaliba, eine junge Waiſe im Harem des Groß⸗Khan. Malika, eine arme Wittwe. 3 Fiallah, Aufſeher der Gärten in Llſarbſcherib.) ihre Omar, ſein Bruber.(Eöhne. Abbul Rahim, Oberhaupt der Verſchnittenen. Kiuß, Anführer ber Turkomanen im Solde der Zeli⸗ ma, der ehemaligen Geliebten bes Groß⸗Khan. Turkomaniſche Hauptleute, Gemeine Turkomanen. Jä⸗ ger. Bajaberen. Weiber. Berſchnittene. Skla ven. Wache. Volk. (Die Handlung ſpielt in Aſardſcherib, dem Luſtſchloſſe des Groß⸗Khan, nahe bei der Stabt Iſpahan, der Hauptſtabt der Provinz Frak in Perſien). * Erſter Aufzug. * 8. (Park des Groß⸗Khan in Aſardſcherib. Rechts und links dichter Wald, der ſich nach der Mitte hin erhellt. Im Hintergrunde ein Hügel, an deſſen Fuß ein Bach rieſelt, über den an verſchiedenen Stellen mehrere Brücken führen. Rechts im Vorbergrunde eine alte verfallene Moſchee. Dicht daneben eine zierliche Bambushütte. Rings umher und in der Mitte des Parks einzelne Bäume). Erſter Auftritt. Jäger.(ſie ſind theils auf dem Hügel, theils in dem Walbe gruppirt. Einige haben den Wurfſpieß er⸗ hoben, Anbere den Bogen geſpannt; Alle ſpähen dem Wilde nach, das ſie verfolgen). 4 Ein Jäger.(er tritt den Jägern, die eben ab⸗ gehen wollen, entgegen). Freunde: So eben ſtürzt ſich ein wüthender Ti⸗ ger vom Gebirge in's Thal— IV. Theil. N 290 Ein anderer Jäger.(der ſchnell nach dem 6 erſten auftritt). uſn Panther läßt ſich blicken, und ſcheint auf dieſe Gegend loszugehen— Ein Jäger. Kommt! Laßt uns ſpähen.(Sie beſteigen alle den Hügel, unh ſpähen nach der Gegend, wa angeblich die Thiere ſeyn ſollen). 4 Ein Anderer. Ha! Seht Ihr den Panther? Dort in der Felsſchlucht— mir nach, Freunde! (Alle ab). Zweiter Auftritt. Omar.(er hat ſchon bei'm Abgange der Jäger in der halbgeöffneten Thüre gelauſcht, unb tritt jetzt aus der Hütte).— Ja, meine lieben Herren und Freunde, geht und tödtet bis zum letzten dieſe verderblichen Gäſte.— Man muß geſtehen, der Gedanke iſt neu und einzig, Thiere— wilde Thiere von Weiten herzubringen, und ſie dann in dieſem Park loszulaſſen und zu jagen, um die Herrn Miniſter zu ergötzen, welche der Groß⸗Khan an ſeinem Geburtsfeſte hier zu verſammeln pflegt.— Meinetwegen ging es noch hin, wenn der Spaß ohne Gefahr wäre; allein jährlich be⸗ —, y— 291 zeichnet dieſen Tag ein trauriges Ereigniß. So zum Beiſpiel vor'm Jahre, wo wäre die ſchöne Za⸗ lida ohne meinen Bruder— und nun, derarme Fiallah!— Doch e(er ſieht ſich um) wahrhaftig, ich bin ganz allein geblieben— das Jagdgetöſe hat ſich dort hinunter gezogen, und ich halte es für gut, Menſchen zu ſuchen, weil mir ganz bänglich zu Muthe wird.(er will rechts abgehen, und hört einen Hörnerton) Ach, mein Gott!(er will links ab; eben ſo) Noch einmahl— von allen Seiten dieſelbe Gefahr.— Was iſt zu thun?— Das Beſte wird ſeyn, zu Hauſe zu gehen und dort ſich ſo gut als möglich zu verſchanzen.— (er will zur Hütte ſchleichen; bleibt aber plötzlich ſtehen, lehnt ſich an einen Baum, unb brückt Entſetzen aus). Ha, wer iſt der Mann, der dort ſo geheimniß⸗ voll herbeiſchleicht?— Ich weiß nicht, wenn es ein Jäger iſt, ſo muß man geſtehen, es giebt kurioſe und abſonderliche Phyſiognomien unter dieſen Menſchen, daß man ſie gar nicht für Menſchen halten ſollte.(er verſteckt ſich hinter den Baum). Dritter Auftritt⸗ Omar. Ein Turkomane.(er kommt rechts aus dem Gebüſche, hält eine Rolle in der Hand, ſpäht ſorglich umher, um ſich zu verſichern, haß ihn Nie⸗ 2 2 292 mand beobachtet, geht um bie Moſchee, um ſie zu burch⸗ ſuchen, klatſcht dann breimahl in die Hanb, um ſeine Geſſhrten zu rufen, und verſchwinbet, da Niemander⸗ 2 ſcheint, wieber im Gehölze). Oma r.(aus ſeinem Schlupfwinkel vorgehenb). Ha, ha, das war kein Jäger. Das muß ein Dieb, oder ſonſt irgend ein ehrlicher Mann ſeyn.— Gut— an ſo einem großen Feſttage kann's vortreffliche Ausbeute geben.— Doch ſeine forſchenden Augen richteten ſich wechſel⸗ weiſe auf die Moſchee, auf unſere Hütte, auf das Papier, welches er in der Hand hielt. Da liegt irgend ein böſer Streich zum Grunde, und ich werde mich wohl hüten, in die Hütte zu ge⸗ hen.— Doch ich möchte wohl wiſſen, was uns eigentlich die ausgezeichnete Ehre dieſes ausge⸗ zeichneten Beſuches verſchafft.— Wenn ich könn⸗ te— ohne entdeckt zu werden— ha.— dieſer Baum bietet mir einen Schutz an, und ver⸗ ſchafft mir zu gleicher Zeit ein Mittel, ihr Vor⸗ haben kennen zu lernen. Das Geſcheid'ſte iſt, ich klettere hinauf.— Halt— ſie nahen ſich— jetzt nicht gezaudert!(er klettert ſchnell auf einen Baum, faſt in der Mitte des Parks). Vierter Auftritt. Omar, auf dem Baume. Sechs Turkoma⸗ nen mit Bogen und Pfeilen. 6 Zweiter Turkomane.(zum Erſten). Wohin führſt Du uns? Erſter Turkomane. Bald ſollſt Du's erfahren— Zweiter Turkomane. Werden wir bald zur Stelle ſeyn? Erſter Turkomane. Hier iſt's— Omar.(bei Seite). Das iſt richtig auf uns gemünzt— Erſter Turkomane. Ja, dies iſt die alte Moſchee, die mir Kiuß in ſeinem Briefe bezeichnet hat— hier ſollen wir uns verſammeln— Zweiter Turkomane. Kiuß? Der Vertraute Selimens, jener Afrikanerinn, die der Groß⸗Khan ſo zärtlich einſt liebte, und die jetzt ſchon ſeit ſechs Mona⸗ ten, drei Tagereiſen von Aſardſcherib, nach ei⸗ nem alten feſten Schloſſe verbannt iſt? Erſter Turkomane. Eben dieſer Kiuß. Hört, was er mir ſchreibt— 294 Alle Turkomanen. Wir hören! Omar.(bei Seite). Ich auch.— Erſter Turkomane.(lieſt:). „Treuer Freund! Ich habe Dir wichtige „Dinge zu vertrauen. Deshalb werde ich am „zweiten Tage der jährlichen Feſte in Aſardſche⸗ „rib eintreffen, und mich vor Sonnenuntergang „bei der alten Moſchee, die in der Mitte des „Parks ſteht, einfinden. Du wirſt nicht erman⸗ „geln, Dich mit einigen tapfern und entſchloſſe⸗ „men Freunden einzuſtellen, die Du aus jenen „Vielen erwählen magſt, die von Selimen mit „Wohlthaten überhäuft wurden, als ſie noch „den Groß⸗Khan beherrſchte. Ihr mußt Alle nals turkomaniſche Jäger gekleidet ſeyn. Ich ha⸗ „be dieſen Ort und dieſe Zeit gerade gewählt, „weil man uns in dem Getümmel des Jagdfeſtes „nicht ſo leicht beobachten wird. Ich komme in „der Verkleidung eines Prieſters in Euere Ver⸗ „ſammlung. Verſchwiegenheit und Treue iſt „die Loſung!“— Omar.(bei Seite). Daraus kann ich nicht klug werden. Erſter Turkomane. Pünktlich habe ich ſeine Vorſchrift befolgt. Hier ſind wir nun zur Stelle! Zweiter Turkomane. Ich bin begierig, das Vorhaben zu kennen, welches er in ein ſo Geheimnißvolles Dunkel hüllt. Omar.(bei Seite). Ich auch.— Erſter Turkomane. Ich hoͤre Geräuſch. Durch jene Blätter cer zeigt zur Linken) erkenne ich die Kleidung ei⸗ nes Prieſters des Yerd!— Alle ſehen nach der bezeichneten Stelle) Er iſt es ſelbſt!— Fünfter Auftritt. Vorige. Kiuß, als Prieſter. Kiuß. Ja, meine Freunde, Kiuß iſt es ſelbſt, welcher erſcheint, Euern Arm zu waffnen, und den Meineid zu beſtrafen!— Alle Turkomanen. Befehle, Herr! Omar.(bei Seite). Meineid— das geht uns wieder nicht an— Kiuß. Die Unternehmung erfordert Kühnheit— Erſter Turkomane. Um ſo beſſer— 296. Kiuß. Die Ausführung iſt gefahrvoll— Erſter Turko mane. Und die Belohnung? Kiuß. Dem Dienſte angemeſſen— Alle Turkomanen. Wir ſind bereit— . Kiuß. Der Frevler iſt mächtig— Erſter Turkomane. Gleichviel!. Kiuß. Seid Ihr entſchloſſen, der Rache hinzu⸗ würgen, wer es auch ſey? Alle Turkomanen. Wer es auch ſey! Kiuß.— Im Nahmen Selimens Euerer gekränkten, tiefbeleidigten Wohlthäterinn„ flehe ich um Rache— Erſte r Turkomane. Sie ſoll ſie erhalten— Kiuß. Achmet— Alle Turkomanen.(entſetzt). Der Groß⸗Khan?!— 297. Erſter Turkomane. Wie? Er? Omar.(bei Seite). Der Statthalter?! Kiuß. Ihr zaudert? Alle Turkomanen.(gefaßt). Nein!— Erſter Turkomane. Fahre fort!— Kiuß. Achmet hat, wie Ihr wißt, die Gewohn⸗ heit, ſeinen Geburtstag durch eine große Jagd zu verherrlichen. Wenn dieſe zu Ende iſt, be⸗ giebt er ſich in die innern Gemächer, um ſich den froheſten Feſten hinzugeben, zu welchen je⸗ doch kein Fremder hinzugelaſſen wird. In die⸗ ſen Fällen iſt die Wache nicht zahlreich, und uͤberläßt ſich der Freude und dem Rauſche— Erſter Turkomane. Folglich werden wir leichte Arbeit haben. Aber wie bis zu den innern Gemächern vordrin⸗ gen, ohne entdeckt zu werden? I Kiuß. Wir überſteigen die Mauern des Harems. Sind wir einmahl im Garten,(indem er einen Schlüſſel aus den Buſen zieht) ſo öffnet uns dieſer Schlüſſel den Weg zur Rache. 298 Erſter Turkomane. Dieſer Schlüſſel? Kiuß. Er öffnet die Thüre zu einer dunkeln Gal⸗ lerie, die zu den Frauengemächern führt, durch welche oftmahls die Liebe die zärtliche unglück⸗ liche Selima leitete, wenn der Treuloſe ihrer harrte. Erſter Turkomane Und Dein Plan? Kiuß. Tretet näher.—(wie die Turkomanen ſich nä⸗ hern, erblickt Kiuß bie Hütte) Was ſeh' ich? Eine Wohnung?— Ich kannte keine auf dieſem Platze. Seit wann iſt dieſe Hütte erbaut? Erſter Turkomane. Seit ſehr kurzer Zeit. Kiuß. Wißt Ihr, von wem ſie bewoynt iſt? Erſter Turkoman. Ich glaube, von einem gewiſſen Fiallah und ſeiner Familie. Kiuß. Wir müßen ſie durchſuchen. Omar.(bei Seite). Gut, daß ich nicht d'rinn bin. 299 Kiuß. Augenblicklicher Tod dem Kecken, der unſer Geheimniß belauſcht hätte— (die Turkomanen klopfen an die Hütte an). Omar.(bei Seite). Wenn nur Niemandem ein Tropfen auf die Naſe fällt, daß ſie in die Höhe ſchauen. Die Turkomanen. Hollah! Aufgemacht! Im Nahmen des Groß⸗Khan!— Erſter Turkomane(nach einer Pauſe). Keine Antwort. Kiuß. So erbrecht die Thüre. Wir wollen uns überzeugen. (die Turkomanen erbrechen die Thüre, und dringen mit Kiuß in die Hütte). Omar. So. Gott ſey Dank!— Das Klügſte wäre, ich liefe fort, ſo ſchnell als ich kann. Muth! (er ſteigt vom Baume herunter) So, ſo. Fein ſachte — bald ſind wir unten—(er iſt in der Mitte des Baumes). Kiuß.(mit den Turkomanen aus der Hütte zurück⸗ kommend deren Thüre er wieder zumacht). Die Hütte iſt leer— 2 300 Omar.(indem er wieber ſchnell hinaufklettert, bei⸗ Seite:) O weh! H weh! Kiuß. Tretet näher, und hört.(die Turkomanen um⸗ geben Kiuß). Omar.(bei Seite). Wenn mein Zaͤhneklappern mich nur nicht verräth! 8 3 Kiuß. Wenn Achmet nach dem Feſte allein ſich der Ruhe überläßt, dann dringt unſere kleine, tapfere Schaar, in das Dunkel der Nacht ge⸗ hüllt, in ſein Schlafgemach. Dort morde ihn und den Gegenſtand ſeiner jetzigen Zuneigung der Nacheſtahl, wenn Beide ſchlafend in den Ar⸗ men der Wolluſt liegen!— Alle Turkomanen. Wir morden ihn! Omar.(bei Seite). O Himmel! Kiuß.(indem eer ſeinen Dolch zieht, und ihn den Turkomanen hinhaͤlt). Schwört!. Alle Turk omanen.(indem ſie Ihre Dolche zie⸗ hen, und bie anbere Hand auf Kiuß Dolch legen.) Wir ſchwören!— 3 301 (Omar erſchrickt ſo heftig, baß ber Aſt, auf bem er ſitzt, bricht, und ſeine Mütze den Turkomanen auf die Köpfe fällt, welche nun in die Höhe ſehen.) Kiuß. Wer ſitzt da oben?— Erſter Turkomane. Er hat gehorcht. Er muß ſterben! Alle Turkomanen. Ja, er muß ſterben. Kiuß. Herunter mit Dir!— Omar. cherunterſteigend, fuͤr ſich). Unglückſeliger Zufall. Jetzt iſt's um mich geſchehen. Kiuß. Was machteſt Du dort oben? Omar. Nichts geſehen, noch gehört. Kiuß.(indem auf ſeinen Wink alle Turkomanen ihre Dolche ziehen). Du mußt ſterben! 1 Omar.(indem er auf die Knie faͤllt). Gnade! Gnade! Kann Euch ein armer Teu⸗ fel, wie ich bin, wohl in Furcht ſetzen? Woll⸗ ten ſo rechtſchaffene Leute, wie Ihr, wohl ihre Hände mit dem unſchuldigſten Blute von der Welt beflecken? 302 Erſter Turkomane. . Unſer Heil verlangt ſeinen Tod. Alle Turkomanen.(inbem ſie ihre Dolche auf⸗ 5 heben). Er ſterbe!— Omar.(indem er mit dem Geſichte zur Erbe fällt). Ich bin ſchon todt. (es läßt ſich in der Ferne ein gebämpfter Marſch hören). Kiuß. Stille! Man kommt hieher.(Er geht in den Hintergrund, und ſpaht umher. Zurückkommenb:) Es iſt Mir Ali, der erſte Miniſter. Erſter Turkomane.(indem er ebenfalls ſpäht). Ja, er iſt es— Kiuß. Was mag er hier wollen? Sollt' er uns auf der Spur ſeyn? Omar.(noch immer liegend, für ſich). Mir könnte nichts erwünſchter kommen, als er. Kiuß.(zu Omar).. Elender, ſteh' auf.(zu den Turkomanen) Ihr nehmt die Stellung von Jägern an, die auf ein Thier lauern— Erſter Turkomane.(auf Omar zeigend). Und dieſer Wicht— 303 Kiuß. Seinetwegen ſeid unbeſorgt. Omar.(ſich frei wähnend). Ja, ja, ſeinetwegen ſeid unbeſorgt— Kiuß. Ich nehm' ihn mit, und bürge Euch für ihn— Omar. Da bin ich gut aufgehoben. . Kiuß.(zu Omar:) Du folgſt mir.(zu den Turkomanen) Ruhe und Beſonnenheit. In Kurzem ſehen wir uns wieder. Verſchwiegenheit und Treue! Alle Turkomanen.(eiſe). Verſchwiegenheit und Treue!—(ſie nehmen ihre Stellungen an. Kiuß und Omar verlieren ſich links im Geſträuche). 1 Sechſter Auftritt. Vorige. Mir Ali. Verſchnittene. Jäger. Mir Ali.(zu den Furkomanen:) Freunde, die Jagd iſt beendigt. Nehmet jetzt Theil an dem Feſte, welches der Groß⸗ Khan ſeinen Gäſten veranſtaltet hat. In ſeinem Nahmen ladet Euch ſein Miniſter dazu ein. 304 Calle Turkomanen grüßen ihn, und entfernen ſich links in den Hintergrund, indem ſie den Hügel hinaufſteigen. Mir Ali zum Gefolge:) Gehet, und benachrichtiget den Groß⸗Khan, daß ich Alle entfernt habe, und daß er, ohne Beſorgniß entdeckt zu werden, herkommen kann.(Gefolge rechts ab). Siebenter Auftritt. Mir Ali.(allein). Ich hoffe, daß der Anblick dieſes Originals (auf Fiallah's Wohnung beutend) ihn von ſeiner fin⸗ ſtern Melancholie befreien wird. Alles ruft ihm die Erinnerung zurück, daß ſo viele Jahre hin⸗ durch Selima die herrlichſte Zierde dieſer Feſte war, welche er füͤr ſie angeordnet hatte, und dieſe Erinnerung an eine herrſchſüchtige und treuloſe Geliebte macht ihn unempfindlich für die Beweiſe unſerer Anhänglichkeit, welche wir ihm geben, und gleichgültig gegen die Luſtbar⸗ keiten, die ihn umkreiſen. Welche Schwäche!— Doch anſtatt ihm deshalb zu grollen, muß ich ihn vielmehr beklagen, und meine Bemühungen verdoppeln, einige Milderung für ſeine üble Laune herbeizuſchaffen.— Da iſt er ſchon.— 2 3 305. Achter Auftritt. Mir Ali. Der Groß⸗Khan.(als Krieger verkleidet) Nir Ali. Erhabener Khan, Deinen Befehlen gemäß, habe ich alle Jäger nach dem Verſammlungs⸗ platze geſchickt, wo die Feſte gegeben werden ſollen; mithin wird Dich nichts in der Ausfüh⸗ rung Deines Vorhabens ſtören. Groß⸗Khan.. Alſo hier wohnt Fiallah? Mir Ali. Indem Du ihn zum Gartenaufſeher be⸗ ſtimmteſt, ſchienſt Du zugleich den Wunſch äu⸗ ßern zu wollen, daß er ſeine Hütte an demſel⸗ ben Platze hinbaute, wo er ſein Leben für Za⸗ liden wagte, und ich habe ſonach Deinen Willen zu vollführen geſucht,(er zeigt. ihm die Hütte) Groß⸗Khan. Ich bin mit Dir zufrieden. Mir Ali. Wenn es wahr iſt, was man ſich von ihm erzählt, ſo muß er ein unterhaltender Menſch ſeyn, und wird Deine trübe Laune gewiß ver⸗ ſcheuchen. 306 Groß⸗Khan. Ich geſtehe, daß ich neugierig bin, ihn zu ſehen und zu ſprechen. Mir Ali. Dieſes kriegeriſche Gewand verbirgt Dich genng, um nicht von einem Menſchen wieder erkannt werden zu koͤnnen, der Dich nur ein einziges Mahl und zwar vor einem Jahre ſah. Groß⸗Khan. Wir wollen uns als ein paar Officiere des Khan bei ihm einführen. Geh' hin und klopfe.— (Mir Ali eilt zur Hütte, unb klopft; der Groß⸗Khan folgt ihm). Neunter Auftritt. Vorige. Malika.(von der linken Seite). Malika.(bei Seite). Zwei Krieger an unſerer Thüre! Was wol⸗ len die?— Claut) Was befehlt Ihr, Ihr Herrn? 3 Groß⸗Khan. Gute Frau, wir ſuchen Fiallah. Malika. Er iſt nicht zu Hauſe. Aber ich bin ſeine Mutter, Malika. Könnte ich an ſeiner Stelle— 2 Mir Ali. Nein, er muß ſelbſt— * Malika. Duͤrft' ich nicht zum wenigſten wiſſen, mit wem ich die Ehre habe zu ſprechen? Groß⸗Khan. Mit Zweien von ſeinen beſten Freunden. Malika. Als Freunde meines Sohnes ſeid mir herz⸗ lich willkommen. Groß⸗Khan. Wir haben ihn ſeit jenem Tage nicht wie⸗ der geſehen, an dem er den wüthenden Löwen bezwang. Malika. Wollten die Götter, ein Anderer hätte die⸗ ſen Sieg davon getragen. Groß⸗Khan. Warum? Dieſe muthvolle Handlung hat ihm unendlich viel Ehre gemacht. Malika. Schon gut; Ihr wißt indeſſen nicht, daß ſeit jener Begebenheit der arme Junge den Ver⸗ ſtand verloren hat? Groß⸗Khan. Wirklich? Malika. Ja; die Liebe hat ihm das Hirn verruͤckt. 308 Mir Ali. Kennt Ihr den Gegenſtand dieſer mächtigen Leidenſchaft? Malika. O ja, Zalida is— Groß⸗Khan.(bei Seite) Zalida!— Malika. Ja, die Tochter des tapfern Hoambi, die liebenswürdige Waiſe, die der Groß ⸗Khan ſeit dem Tode ihres Vaters aufgenommen hat, und für die er zu ſorgen verſprach. Nun bitt' ich Euch, die Tollheit meines Sohnes zu bedenken. Vor jenem unglücklichen Zeitpunkte war Fiallah die Freude meines Lebens; aber ſeitdem ihn dieſes Hirngeſpinſt von Liebe erfüllt, hat ſich die Ehr⸗ ſucht in ſein Herz geſchlichen. Er träumt nur von Macht und Größe. Er hofft nur, vornehm und reich zu werden, um die erhalten zu kön⸗ nen, die er ſo zärtlich liebt—* Groß⸗Khan. Die Art und Weiſe dieſer Narrheit hat nichts Verächtliches; ich bemerke vielmehr einen recht edeln Sinn darinn— Malika. Ich wollte ſie ihm gerne hingehen laſſen, wenn er nicht ſeine Pflicht ſo ganz und gar ver⸗ 309 ſäumte; aber ich zittere, wenn ich denke, daß ſeine Nachläßigkeit ihn noch am Ende um die Gunſt des Groß⸗Khan bringt. Groß⸗Khan.(ſich vergeſſend). Fuͤrchtet nichts— ich werde— Mir Ali.(ſchnell einfallend). Wir werden uns ſeiner bei Hofe annehmen. Malika. Sprecht Ihr alſo dann und wann mit ſei⸗ ner Hoheit? Mir Ali. Ich—— wir haben die Ehre, von ſeinem Gefolge zu ſeyn. Malika. O welch ein Glück für mich!(ſie tritt zwi⸗ ſchen Beibe; vertraulich zu ihnen:) Sollte man mei⸗ nem guten Fiallah bei'm Groß⸗Khan ſchaden wollen, ſo ſagt— ich bitte Euch darum — daß der Staat keinen treuern und ergebne⸗ ren Diener hat, als meinen Sohn. Sein Herz iſt edel, nur die Liebe— die Liebe iſt ſeine ein⸗ zige Schwachheit; doch wäre ſelbſt ſie noch im Stande— wenn ſich ihm die Gelegenheit dazu darböte— ihn zu Heldenthaten zu entflammen, daß man von ihm hören ſollte.— Wollt Ihr mir verſprechen, ſo von ihm zu reden?— * 310 Groß⸗Khan. Gute Frau, es iſt ſo gut, als hättet Ihr dieſes Alles zu Achmet ſelbſt geſagt.— Doch wo iſt Euer Sohn? Ich und mein Freund, wir wünſchen Beide ſehnlichſt, ihn zu ſehen— Malika. Er iſt nach Iſpahan zum großen Sterndeu⸗ ter gegangen. Groß⸗Khan. Warum? Malika. Um zu erfahren, ob er je ſeine geliebte Za⸗ lida wiederfinden wird. Seit einem Jahre ver⸗ geht kein Tag, an dem er nicht irgend einen Wahrſager beſucht, welche ſich Alle das Wort gegeben zu haben ſcheinen, ihm tauſend Albern⸗ heiten aufzuheften.— Ach Gott, meine lieben Herrn, er giebt das Wenige, was wir beſitzen, dieſen Schwarzkünſtlern hin, ſo daß uns oft das Dürftigſte mangelt.— Denkt nur, er geht ſelbſt ſo cheit, ſich einzubilden, daß er einſt Mi⸗ niſter, ja Groß⸗Khan und was weiß ich, ſeyn wuͤrde— Zehnter Auftritt. Vorige. Fiallah. Fiallah.(hinter der Scene). Gebt Euch zufrieden, Ihr Leute; ich wer⸗ de Euer gedenken und ver ſichere Euch meines Schutzes!— Malika. Jetzt kommt er. Da hört Ihr— ſeines Schutzes!— Dieſer Aſtrolog hat ihm gleich den Andern daſſelbe in den Kopf geſetzt— Fiallah.(indem er, ohne Mir Ali unb ben Groß⸗ Khan zu ſehen, auf ſeine Mutter zuläuft). Mutter! Mutter! Freue Dich, jetzt bin ich reich— es ſoll uns an nichts mehr fehlen, wir Alle werden glücklich ſeyn. Ach, ich bin auf dem Gipfel des Glücks! 3 Malika.(die Achſeln zuckend). Leider, immer noch bei'm Alten. Fiallah. Bis jetzt konnteſt Du noch immer zweifeln, ich ſeh' es ein; ich hatte mich nur ſtets an un⸗ tergeordnete Wahrſager gewendet; aber heute, Mutter, iſt es ein eigenes Ding. Jetzt iſt es einmahl ausgemacht: ich werde ein großer Kerl!— 312 Malika. Wer hat Dir das geſagt? Fiallah. Der Weiſeſte aller Menſchen— der Mann, der alle Geheimniße der Magie, Aſtrologie und Negromantie inne hat— mit einem Worte: der große Hof⸗Reichs⸗Aſtrolog ſelbſt— (Mir Alli und ber Groß⸗Khan lachen heim lich) Malika. Der Herr Hof⸗Reichs⸗ Aſtrolog iſt ein Windbeutel gleich den Andern. Fiallah. Er ein Windbeutel?— Welche Beſchim⸗ pfung!— Höre nun aber, was er mir weiſſag⸗ te. Unter den angenehmſten und blühendſten Far⸗ ben hat er mir die Zukunft geſchildert; die Göt⸗ ter werden mir ihre Gunſt ſchenken, und das Glück wird bei mir beſtändig werden, Du wirſt — tönte es ferner aus ſeinem weiſen Munde— zu den höchſten Ehrenſtellen gelangen und Deine Geliebte beſitzen— 4 Malika. Wahrhaftig, ich verliere die Geduld.— Komm zu Dir ſelbſt, mein lieber Sohn; höre Deine Mutter— Fiallah. Göttliche Zalida, Du haſt mir einen ganz △‿ 13 00 neuen Geiſt eingeflößt. Stets will ich Dir treu ſeyn und nur für Dich leben. Du biſt mein Schutzengel— und durch Dich werd' ich einſt ſo glücklich werden, daß ich keinen Gott benei⸗ den will!— Groß⸗Khan.(eiſe zu Mir Ali:) Seine Liebe und ſein ganzes Weſen entzu⸗ cken mich. Malika. Verzeiht, Ihr Herrn; ſein Wahnwitz wird ſtärker.— Sohn, beſinne Dich! Laß Deine Thorheiten und ſtehe dieſen beiden Herrn Rede, die ſo gütig ſind, ſich nach Dir zu erkundigen. Fiallah. Ach vergebt, meine Herrn, ſeid willkom⸗ men. Worin könnte ich Euch nützlich ſeyn? Groß⸗Khan.(eiſe zu Mir Ali:) Wir wollen ſeinem Wahne ſchmeichein. (nachdem er Malika gewinkt hat, laut zu Fiallah:) Wir ſind Abgeſandte des Prinzen Idamir, eines der Eingeweihten in den tiefen Geheimnißen der ſchwarzen Kunſt. Fiallah.. Ich habe ſchon einige Mahl von ihm ſpre⸗ chen gehört, und ſtets mit der Verehrung, die ſeine Weisheit einflößt. 4 IV. Theil. 2 Groß⸗Khan. Er weiß durch ſeine große Wiſſenſchaft, daß Ihr in Kurzem dahin gelangen ſollt— Fiallah.(einfallend).. Wie? Was? Er weiß es ſchon?(zu Malika), Da hörſt Du's, Mutter! Idamir weiß es, und Du zweifelſt noch?— Nun, mein Herr? Groß⸗Khan. Da er ſtolz darauf ſeyn würde, ſich Euch zu verbinden, und fürchtet, daß ſpäterhin ein Anderer ihm die Ehre raubt, ſo bietet er Euch jetzt ſchon die Hand der ſchönen Irma, ſeiner Tochter, an. Fiallah.. Zaliden entſagen? Nein, nimmermehr. Mag Idamir meine Schätze, kurz Alles von mir fordern— Malika.(leiſe zu Fiallah). Deine Schätze! Wahnſinniger! Fiallah. Wenn ich welche haben werde, ſo ſoll er ſie von mir erhalten.— Kehret zurück zu Euerem Gebieter, Fremdlinge! Mahlet ihm meine auf⸗ richtige Dankbarkeit ſowohl, als auch das leb⸗ hafteſte Bedauern, das ich empfinde, ſeine eben ſo ſchmeichelhaften als ehrenvollen Anerbietun⸗ Len nicht annehmen zu können.— C(für ſich War⸗ — 315 um biſt Du nicht da, geliebte Zalida! um zu ſehen, wie froh ich Dir dies Opfer bringe. Groß⸗Khan.(eiſe zu Mir Ali:) Er unterhält mich ſehr. Mir Ali.(eben ſo zum Groß⸗Khan:) Man könnte ihn für das Feſt dieſer Nacht brauchen. Groß⸗Khan.(eben ſo)⸗ Glaubſt Du? S Mir⸗Ali.(eben ſo). Es würde ſpaßhaft ſeyn, ihn glauben zu machen, daß der Sterndeuter die Wahrheit ge⸗ fagt habe. Groß⸗Khan.(eben ſo). Aber wie? Mir Ali.(eben ſo). Ich habe mir ſchon einen Plan erſonnen— wenn Du erlaudſt— Groß⸗Khan.(eben ſo). Ich kenne Deine Klugheit und verlaſſe mich auf Dich. Malika.(indem ſie Fiallah bei Seite zieht). Wie? Siehſt Du denn nicht, daß ſie Dich zum Beſten haben? Sie wollten Dich in Dei⸗ nem Wahne beſtärken; aber nimm Dich zuſam⸗ men und zeige ihnen, daß Du den Kopf nicht ganz verloren haſt. O 2 316* Fiallah.(noch immer in ſeinen Träumen verloren). Ach könnte ich ſie von meiner Liebe über⸗ zeugen!— Malika. Ich beklagenswerthe Mutter!— Doch noch einmahl: es ſind Officiere— Fiallah. Sie kennen meinen Entſchluß und mögen gehen. Groß⸗Khan.(zu Fiallah?) Herr!. Fiallah. Man ſpreche nicht mehr davon. Groß⸗Khan. So wollen wir uns empfehlen. Fiallah. Gut. Geht. Cfür ſich) Doch möͤchte ich ih⸗ nen gerne eine Höflichkeit erzeigen—(ſinnenb) aber wie—— ha, ha—(zu Malika) höre Mutter, lade ſie zu Gaſte auf den Abend, ohne Umſtände. Malika. Wie? Wir haben—— Fiallah.(indem er das Zeichen des Eſſens macht, ſchnell einfallenb).. Nicht einmahl—?(Malika macht eine vernei⸗ zende Bewegung) Das iſt entſetzlich! 2 — * 8 317 Groß⸗Khan.(welcher mit Mir Ali Alles behorcht hat, freubig, da Jener ihm etwas in's Ohr ſagt:) Gut, gut. Fiallah.(etwas verwirrt). Meine Herrn— ich erſuche Euch, von mir anzunehmen—— den Wunſch und die Verſi⸗ cherung der Freundſchaft und der—— ja— was wollt' ich doch ſagen— gehet jetzt, möge Yerd Euch geleiten. (Mir Ali und der Groß⸗Khan verneigen ſich tief) Groß⸗Khan.(leiſe zu Mir Ali). Komm, um Deinen Vorſchlag bald in's Werk zu ſetzen. Malika. Verzeiht, edle Herrn! Ihr ſehet wohl ein, daß er nicht im Stande iſt, Euch zu verſtehen. Ich flehe Euch, ſagt dem Groß⸗Khan nichts von dem, was Ihr hier geſehen und gehoͤrt habt. Groß⸗Khan. Ich verſpreche Euch, daß er nichts davon erfahren ſoll. Cinks ab mit Mir Ali. Malika beglei⸗ tet ſie ein Stück. Fiallah iſt in Träumen verſunken). Eilfter Auftritt. Fiallay. Malika. Malika.(zurückkehrend). Wahrhaftig, da haſt Du ſchöne Sachen an⸗ gerichtet! 8 318 Fiallah. Wie ſo? Was hab' ich gethan, Mutter? Malika. Trotz ihres Verſprechens werden dieſe Her⸗ ren dennoch Alles erzählen und Du, wahnſinni⸗ ger Burſche, wirſt Deine Stelle verlieren und wir können betteln gehen. Fiallah..— Was kümmere ich mich darum, dieſen Platz zu verlieren!— Kann ich, ſo lang' ich hier im Dunkeln lebe, auf Zalidens Beſitz Anſpruch ma⸗ chen? Und werd' ich nicht in Kurzem zu den höchſten Ehrenſtellen gelangen? Malika.. Thor! Ehe dies geſchehen wird, biſt Du längſt vor Hunger geſtorben. Fiallah. Unmöglich. Malika.. Es wird immer toller mit Dir. Fiallah. Unmöglich, ſag' ich noch einmahl. Ein Menſch, der von den Göttern auf eine ſo ſicht⸗ bare Weiſe beſchuͤtzt wird, kann nie ein ſo ſchmähliches Ende nehmen. Malika. Aber indeß wir die Erfüllung Deiner ſchö⸗ — 31¹9 nen Traͤume erwarten, ſage mir nur, wo wir ein Abendbrot hernehmen? Fiallah. Dch weiß ich nicht. Der Sterndeuter hat mir das nicht geſagt. Aber glaube nur, Mutter, das Gluͤa wird ſeinen Liebling nicht verlaſſen. Malika.. Armer Narr, das Glück hält Dich, wie ſo manchen Andern, zum Beſten.— Halt, man kommt; es ind Leute des Groß⸗Khan. Sie kommen viellocht, um Dich fortzuſchleppen. Un⸗ gluͤcklicher Füllah! Meine Weiſſagung trifft eher ein, als die der Sterndeuter.— Zwölfter Auftritt. Vorige. Abdul Rahim. Sklaven. Wa⸗ 4 che. Später Mir Ali. (Der Zug naht ſich ſtil und feierlich. Sie grüßen ehr⸗ furchtsvoll Fiallah und ſeine Mutter. Dieſe betrachtet ſie mit Erſtaunen, jemr empfängt ſie mit einer komi⸗ ſchen Würde. Die Skladen tragen einen perſiſchen Trag⸗ ſeſſel, Früchte, Thee, u. ſ. w.). Fiallah.(nach einer Pauſe zu Abdul Rahim). Irrt Ihr Euch nicht? Elle machen ein vernei⸗ nendes Zeichen). Iſt alles dies für mich?(Alle be⸗ jahen es durch ein Zeichen. Nun Mutter, was ſagſt Du? Noch iſt es keine Minute, daß /ich mit Dir davon ſprach. Du ſiehſt, wie ſichtt ich meiner Sache war. 4 Malika. 6 Ich kann mich von meinem Erſtaunen nicht „erholen. Fiallah. Alles recht ſchön, recht gut.(er ſetzt ſich auf ein Polſter, welches ihm die Sklaver reichen). Es ſitzt ſich recht gut darauf.(zu Abbul Tahim.) Wem verdanke ich alle dieſe Geſchenke?(Niemand ant⸗ wortet) Ich verſtehe, man hat EYrch verbothen, mir es zu ſagen. Mir gleich; ich will mich ſei⸗ ner Güte freuen, und werde mich bei ihm be⸗ danken, wenn's ihm gefällig ſeyn wird, ſich zu nennen. Komm her, Mutter, hier iſt Platz für Zwei. Setze Dich an meine Seite, und iß und trink' mit mir von den Gabm, die ein guter Geiſt uns beſchied. Mali ka. an ſeiner Seit⸗ Platz nehmend). Alles iſt mir unglaublich— ich bin wie im Traume. Fiallaß. Wirſt Du noch die Weiſſagungen des gro⸗ ßen Sterndeuters bezweifeln?— Man muß ge⸗ ſtehen, der Hof⸗ Reichs⸗Sterndeuter iſt ein recht geſchickter Mann in ſeiner Kunſt. 8 321 Malika. Necht ſchade iſt es, daß Omar nicht hier iſt. Er wird es uns nicht glauben, wenn er nach Hauſe kommt. Fialda h. Gu den Sklaven, welche einen Fiſch vor Beide geſetzt haben, und nun mit den Gefäßen in der Hand ſtehen geblieben ſind, um ſeine Befehle zu er⸗ 3 warten). 1 Gebt Euch keine Mühe, gute Freunde, ſtellt nur hin auf die Erde, wir ſind gewohnt uns ſelber zu bedienen. Geht, geht!(alle Sklaven ſetzen ſich nieber). Ach, man hat Euch befohlen, zu bleiben?—(Alle machem ein beiahendes Zeichen). Nun ſo bleibt, mir iſt es gleich.(er nimmt Früch⸗ te, ißt und giebt ſeiner Mutter). In der That vor⸗ trefflich. Ebdul Rahim ſchenkt Getränke ein, und reicht das Gefäß dem Fiallah; dieſer will es ſeiner Mut⸗ ter geben, Abdul Rahim bedeutet ihn aber, daß es für ihn beſtimmt ſey). Ach, warum ſoll denn nicht mei⸗ ne Mutter—— 2(Abbul Rahim zeigt ihm, daß ein anberer Sklave der Malika Thee anbietet) Nun, nun, ich bin ſchon zufrieden.(er trinkt haſtig) O wohlthätiges Glück, ich danke Dir.— Aber ſonderbar— ich weiß nicht, welche Kälte plötz⸗ lich durch meine Adern rieſelt— ich fühle mich unwohl und ſchläferig— Mir Ali erſcheint im Hin⸗ tergrunde). Malika. Himmel, was iſt Dir? Fiallah. Nichts, Mutter; laß mich im Schooße der Hoffnung einſchlummern.(er ſchläft ein). 2* Mir Ali.(bei Seite). Jetzt iſt es Zeit.(er tritt hervor). Malika.(Czu Mir Alu's Füßen). Mein guter Herr— Mir Ali. St! St Mali ka.(aufſtehend). Wie kommt es— Mir Ali. Stille! Schweigt!(zu den Sklaven) Legt ihn auf den Tragſeſſel, ſchneidet duftige Zweige im Gehölze ab und deckt ihn damit, daß kein ſte⸗ chendes Inſekt ſeinen Schlummer ſtöre. Dann — tragt ihn fort!— Malika. Ihn forttragen, nimmermehr! Habt Erbar⸗ men—(ſie wirft ſich wieder vor Mir Ali nieber). Mir Ali. Cie aufhebend).. Kein Widerſtand, Weib; es geſchieht auf Befehl des Groß Khan. Malika. Des Groß⸗Khan? Das verdoppelt meine 4 * 323 Angſt. O mein armer Sohn!— Was ſoll aus ihm werden? Mir Ali. Beruhigt Euch; ſeid ohne Furcht. Das Ge⸗ * heimniß ſoll Euch Beiden keinen Schaden brin⸗ gen— ganz im Gegentheil— doch genug. (er geht zu Fiallah, und ruft ihm im Orakeltone in die Ohren:) Die Zukunft enthüllt ſich Dir im yerrlichſten Glanze. Du ſollſt zu hohen Ehren⸗ ſtellen gelangen und Deine Zalida beſitzen. Fiallah. Em Schlafe). Komm Geliebte, komm mit mir, Zalidchen! Was waͤre all dies Glück für mich ohne Dei⸗ nen Beſitz! (die Sklaven heben den Tragſeſſel auf). Malika. Ich gehe mit. Mir Ali. Bleibt, gute Frau; ſo will es der Groß⸗ Khan. Ihr mußt ihm gehorchen. Malika. Ich muß gehorchen, aber ich vergehe vor Angſt!—(die Sklaven theilen ſich in zwei Theile. Der eine Theil begleitet Fiallah, der, auf dem Fragſeſſel ſchlummernd, fortgetragen wird, der andere mit Mir Ali bleibt bei Malika, und ſucht ſie zu tröſten). Dort tragen ſie ihn hin, und ich darf nicht folgen. O ich unglückſelige Mutter! (Ende des erſten Aufzugs). * Zweiter Aufzug. (Reich verziertes Gemach im Pallaſte des Groß⸗Khan. In ber Mitte eine Eſtrabe mit Stufen, auf wel⸗ cher die Bilbſäule bes Yerd befindlich. iſt. Die Eſtrade iſt ganz burch Vorhange drappirt, und nur vorn offen. Im Hintergrunbe eine ſtark erhöhte gangbare Gallerie, zu welcher man burch Treppen hinaufgelangt. Das Gemach iſt durch bunte Later⸗ nen auf eine mahleriſche Weiſe erhellt. Die Gallerie allein iſt ganz finſter. Zwei Seitenthüren, von de⸗ nen die linke in bas Schlafgemach des Groß⸗Khan führt. Im Hintergrunde zwei Thüren). . Erſter Auftritt. Mir Ali. Abdul Rahim. Sbla ven. (Die Sklaven tragen den ſchlafenden Fiallah herein. Er iſt reich gekleidet, und wird auf prächtige Polſter zu den Stufen ber Eſtrade gelegt). Mir Ali.(zu Abbul Rahim: Haſt Du alle Vorkehrungen recht ſorgſam getroffen? Abdul Rahim. Der Obriſt der Hofwache und ich, wir ha⸗ ben die gemeſſenſten Befehle ertheilt. Alle Ein⸗ gänge ſind beſetzt. Jene Gallerie,(er beutet nach dem Hintergrunde) welche zum Garten der Favo⸗ ritinnen führt, iſt der einzige Weg, hieher zu gelangen. Der Groß⸗Khan allein hat aber den Schluſſel dazu. Mir Ali. Auf dieſem Wege konnte Selima, die herrſch⸗ ſüchtige Favoritinn, zu jeder Stunde zu ihm — Doch— hier kommt er ſelbſt— Zweiter Auftritt. Vorige. Groß⸗Khan. Zalida. Mir Ali.(indem er dem Groß⸗Khan entgegen geht). Du ſiehſt, Herr, Alles iſt bereitet—— Groß⸗Khan. Wohlan meine Ferunde⸗ ſo wollen wir uns der Freude überlaſſen. Liebenswürdige Zalida und Du, mein theuerer Mir Ali, üͤberdenkt wohl Euere Rollen, die Ihr zu ſpielen habt, damit ſeine Täuſchung ganz vollſtändig werde— gelangen, ohne von Jemand bemerkt zu werden. 326 Mir Ali.(zu Abbul Rahim und ben Sklaven). Weckt ihn auf!(Abdul Rahim haͤlt Fiallah ein Fläſchchen vor die Naſe; dieſer nieſt und ermuntert ſich nach und nach). Groß⸗Khan. Fort jetzt! Fort! Mir Ali. St! St! Zalida.. O welch ein Zwang! Wie gerne blieb' ich bei ihm,—. (Alle ziehen ſich in den Hintergrund und verbergen ſich hinter den Vorhängen. Zalida geht ab). Dritter Auftritt. Fiallah.(noch halb im Schlafe:) Mutter! Mutter! Omar! Auf! Auf! In den Garten! Die Sonne ſteht ſchon hoch! An die Arbeit! Auf!(Er richtet ſich auf, und bleibt ganz ſtarr vor Entſetzen) Was ſeh' ich?(er ſieht ſich überall um) Was iſt das?(er ſteht auf Iſt dies ein Traum? Ich ſchlafe wohl noch.(er reibt ſich die Augen, und reißt ſte bann groß auf) Es ſcheint mir aber, ich habe die Augen offen.(er läuft hin und her) Welche Zauberei! Iſt alles dies auch Wahrheit?— Was ich hier ſehe, entzuͤckt und 327 verwirrt mich.— Wo bin ich?— Ha!— (nach einigem Sinnen) Der Wahrſager hatte recht! Freue Dich Fiallah, Du biſt ein großer Herr geworden. Das iſt kein Traum, kein Irrthum, keine Täuſchung, kein Blendwerk— das iſt Wahrheit, himmliſche, ſuͤße Wirklichkeit!— Mein Kopf fängt an zu ſchwindeln! Ich werde noch vor Uebermaaß von Luſt und Wonne ver⸗ gehen!—(er fällt in Nachdenken) Aber wo biſt Du, liebenswürdiger Gegenſtand, der meine Seele erfüllt? Das Schickſal hat meine Wünſche erhört; warum weilſt Du noch fern von mir? — O komme zu mir, und theile, was ein güti⸗ ges Geſchick mir beſcherte. Ich allein in allen dieſem Glanze?— Nein— nein— Du— Du allein ſollſt herrſchen und der mächtige Fiallah wird, ſtolz auf ſeine Ketten, mit Freuden Dein Sklave ſeyn.—(Pauſe) Aber wenn's dennoch nur ein Traum wäre?— Eines iſt gewiß, in Perſien bin ich noch, denn hier iſt der Gott, den wir Parſen anbeten.—(er ſteigt zur Statue hin⸗ auf, und betrachtet ſie mit einer naſenweiſen Laune. Hierauf betrachtet und betaſtet er plötlich ſeine eigenen Kleider) Welch glänzendes Gewand! O Zalid⸗ chen, könnteſt Du mich darin ſehen!(es erſchallt plößlich ein munterer Marſch; er ſpringt ſchnell herunter). Ach Himmel! Welche melodiſchen Töne, welche 328 ſüße Harmonie! Man kommt hieher. Wird man jetzt meinen ſchönen Zauberhimmel zerſtören? — Wir wollen thun, als ſchliefen wir, um de⸗ ſto leichter hinter Alles zu kommen. Iſt es ein neckender Traum, o mein Gott, ſo mache, daß ich nie daraus erwache.(er legt ſich wieber/ wie zum Schlafen, nieber). Vierter Auftritt. Der Groß⸗Khan. Mir Ali. Fiallah. Abdul Rahim. Verſchnittene von ei⸗ er, Frauen von der andern Seite. Abdul Rahim.(wenn der Marſch ſchweigt, nä⸗ hert er ſich Fiallah). Herr, erwache; die Morgenröthe färbt ſchon den Himmel. Fiallah.(abgewendet, leiſe:) Herr?— Mit wem ſpricht er?— Ich glaube wahrhaftig, mit mir. Wir wollen doch aufpaſſen, vielleicht habe ich nicht recht gehört. Abdul Rahim. Herr! Fiallah.(erhebt ſich, Alle ſtürzen nieder; für ſich)⸗ Ich täuſche mich nicht.(laut) Was wollt Groß⸗Khan. — 329 Fiallah.(für ſich). Herr!(er ſieht ſich überall um, und bezeugt ſein Erſtaunen) Es iſt doch wohl Alles nur Traum. (er winkt einer Sklavinn) Du, komm einmahl her, kleines Schelmgeſicht, beiß' mich einmahl— (er ſtreckt ihr den Finger hin; die Sklavinn zaubert) Nun, ich befehl es Dir!—(ſie thut es) O weh! O weh! Schon gut. Ja, ja, ich wache, jetzt hab' ich mich überzeugt.—(indem er ſich ein An⸗ ſehen zu geben ſucht) Nun, was will man? Groß⸗Khan. Euere Hoheit ſchläft gewöhnlich nicht ſo lange— Fiallah. Ja, Ihr habt Recht, iſt ſtehe gewöhnlich mit der Sonne auf— Groß⸗Khan. Wir glaubten ſchon, Euere Hoheit wären nicht wohl— Fiallah. O ganz und gar nicht; ich befinde mich un⸗ vergleichlich. Mir Ali. Yerd und die ſchützenden Götter dieſes Rei⸗ ches ſeyen dafür gelobt. Wir waren recht be⸗ ſorgt um Euere Hoheit. 330 Fiallah.(ich vergeſſend). Sieh doch—(ſich plöglich beſinnenb; mit komi⸗ ſcher Würde:) Ich danke Euch, meine Freunde! Groß⸗Khan. 5 Es iſt nicht eine Seele in der ganzen Pro⸗ vinz, die Euch nicht wie ihren Vater liebte— Fiallah.(mit komiſchem Pathos). Wie ihren Vater— ah— MirAli. Während der ſchrecklichen Krankheit, die Euch befiel, war das Volk immer in der tiefſten Trauer und Beſtürzung. Fiallah. Sonderbar, ich befinde mich jetzt ſo wohl, daß ich ſchon gänzlich jene Krankheit vergeſſen habe.— Groß⸗Khan. 3 Das iſt nicht zu verwundern, Herr; denn ſie hat Euer Gedächtniß ſo angegriffen, daß es wohl manchmahl geſchieht, daß Ihr die wich⸗ tigſten Dinge vergeßt, ſelbſt die Nahmen der Perſonen, die ſtets um Euch ſind— Fiallah. Das bemerk' ich ſo eben. Zum Beiſpiel, ſo weiß ich recht gut, daß ich Euch oft geſehen ha⸗ be, aber Euern Nahmen könnt' ich nicht ſagen, und wenn man mich todtſchlüge— 9 ———— Groß⸗Khan. Ich heiße Zareb, und habe die Ehre, Euer erſter Miniſter und Günſtling zu ſeyn— Fiallah. Zareb— erſter Miniſter— Günſtling— ganz richtig!—(zu Mir Ali) Und Ihr, wie heißt Ihr? 5 Mir⸗Ali. Mirſa. Fiallah. Mirſa; ſo heißt Ihr— richtig! Was ſeid Ihr? Mir Ali. Vergnügungsanordner— und Anführer der Verſchnittenen. Fiallah. Jetzt beſinne ich mich— ſchon recht. Ihr habt mir ſchon weſentliche Dienſte geleiſtet; ſeid daher überzeugt, daß die Nahmen Mirſa und Zareb(er irrt ſich, inbem er bei Ausſprechung des Nahmens ſich an ben Falſchen wendet; ſie machen ihm aber den Irrthum vemerklich, und er verbeſſert ſich). nein— Zareb und Mirſa— mir unvergeßlich bleiben werden.— Groß⸗Khan. Zu viel Güte— 5 Fiallah. Verdient Ihr ſie nicht?— Doch weil Ihr denn dazu beſtimmt ſeid, meinem ungetreuen Gedächtniße hüͤlfreich beizuſtehen, könntet Ihr mir nicht ſagen— denn die Wirkungen jener Krankheit ſind in der That ſeltſam— könntet Ihr mir alſo nicht ſagen, wie ich heiße und was ich hier mache? Denn, auf meine Ehre, ich beſinne mich nicht mehr darauf. 4 Groß⸗Khan. Euere Hoheit ſcherzen— Mir⸗Ali. Ohne Zweifel— Seine Hoheit will ſich auf Koſten Ihrer unterwürfigſten Sklaven unter⸗ halten— Fiallah. Nein, nein, in der That. Ich kann es Etuch, meine Freunde, wohl ſagen, weil Ihr mir erge⸗ ben ſeid. Ich habe nur ganz konfuſe Gedanken über das Alles, und ich bitte, berichtigt ſie ein wenig— Größ⸗Khan. Ihr ſeid Groß⸗Khan und Befehlshaber der Provinz Irak, der größten und reichſten in ganz Perſien— Fiallah. Das weiß ich— ——— Groß⸗Khan. Ihr habt über Zehn Millionen Menſchen zu gebieten— Fiallah. Das weiß ich— Groß⸗Khan. Ihr heißet Achmet— Fiallah.(für ſich). Das will ich mir merken.(laut) Das weiß ich Alles, und darum frag' ich Euch auch gar nicht. Glaubt Ihr denn, daß ich ſo den Kopf verloren habe, nicht mehr zu wiſſen, daß ich Groß⸗Khan und Befehlshaber der Provinz Irak bin, und daß ich über Zehn Menſchen gebiete?— Mir Ali. Zehn Millionen— wolltet Ihr ſagen— Fiallah. Behn Millionen— und daß ich jetzt mich befinde, in— Mir Ali. Aſardſcherib— Fiallah. Ja, in Aſardſcherib— in— Groß⸗Khan. In Euerem Pallaſte— Fialah. Ja, in meinem Pallaſte. Groß⸗Khan. Mitten unter Euern Sklaven. Fiallah. Ja mitten unter Euern Sklaven. Ihr be⸗ greift wohl, daß dies zu vergeſſen eine Unmög⸗ lichkeit iſt.(bei Seite). Der Wahrſager hatte recht. — Qaut) Doch uüber einen einzigen Punkt wünſch⸗ te ich Aufſchluß— Groß⸗Khan. Wir ſtehen zu Befehl. Fiallah. Es ſcheint mir, ehe ich Groß⸗Khan war, nannte ſich der erſte Miniſter: Hoambi— Groß⸗Khan. Er iſt todt, und ich trat in ſeine Stelle. Fiallah. Iſt es ſchon lange her, daß Du erſter Mi⸗ niſter biſt?—. Groß⸗Khan. Nein, Herr. Fiallah.(bei Seite). Dem geht's, wie mir. Gaut). Uind was warſt Du früher? Groß⸗Khan.(verlegen), Euere Hoheit— ich war— Fiallah.(bei Seite). Der iſt ganz in meinem Fall. daut) Um 7 22 55535 wieder auf Deinen Vorgänger zu kommen, ſo weiß ich noch, daß er eine liebenswuͤrdige Toch⸗ ter hatte— Mir Ali. Ihr irrt Euch, Herr. Fiallah. Wie? Ich irre mich?— Ich weiß, er hat⸗ te eine Tochter Nahmens Zalida, der ich das Leben gerettet habe. Mir Ali. 8 Das iſt wieder eine von Eueren Geiſtesab⸗ weſenheiten, denen Euere Hoheit ſeit einiger Zeit unterliegen. Fiallah. Nein, das iſt zu ſtark. Werdet Ihr mir auch ableugnen wollen, daß ich im Kampfe mit einem fürchterlichen Löwen, der ſie zerrei⸗ ßen wollte, dieſe Wunde bekommen habe? (er zeigt eine Narbe au der Hand). Groß⸗Khan. Dieſe Narbe, o Herr, hat einen viel glor⸗ reicheren Urſprung. Ihr erhieltet jene Wunde in der blutigen Schlacht gegen den König von Tunkin, wo Ihr Wunder der Tapferkeit thatet. Fiallah. König von Tunkin? Den habe ich nicht die Chre zu kennen. 336 Groß⸗Khan. Er kennt Euch wohl; er wird daran den⸗ ken, Euch beleidigt zu haben— Fiallah. Du glaubſt, daß er daran denken wird? Groß⸗Khan. Nun ja; weiß denn Euere Hoheit nicht—? Fiallah. Ja— ja— jetzt weiß ich Alles.(für ſich) Ich will ſterben, wenn ich ein Wort weiß. Doch Alles muß ſich aufklären. Claut) Ihr ſagt, daß meine Gewalt unumſchränkt ſey? Groß⸗Khan. Euere Sklaven ſind nur allzuglücklich, wenn Ihr einen Blick der Milde auf ſie werft— Fiallah.(zu Mir Ali). So befehle ich Dir hiermit, ſogleich zu ge⸗ hen und eine arme Frau, Nahmens Malika, aufzuſuchen, welche eine kleine Hütte in mei⸗ nem Garten bewohnt, neben einer alten Mo⸗ ſchee. Sie hat zwei Söhne, ein paar ſcharmante Jungen, die ich innig liebe. Vorzüglich der äl⸗ tere, Fiallah, für den ich mich ſehr intereſſire, iſt ein prächtiger Burſche. Ich weiß, daß dieſe liebenswürdige Familie nicht glücklich iſt, und ich will ihr Gutes erzeigen. Ich will mich durch gute Handlungen auszeichnen, weil— man 337 weiß nicht— weil ich meine Gründe habe.— Sage mir, Zareb, ich habe doch einen Schatz— nicht wahr? Groß⸗Khan. Ja, Herr! Fiallah.(bei Seite). Den kann ich brauchen.(aut) Iſt viel Gold darinn? Groß⸗Khan. Gold, Silber und Edelſteine— Fialah. Alles das?— Nun gut— ſo überbringe den guten Leuten ein recht anfehnliches Geſchenk von mir— was meinſt Du? Groß⸗Khan. Nicht mehr als billig— Fiallah. Wie viel könnte ich wohl hinſchicken?— Dreißig— Funfzig— Achtzig—(bei jebem Wor⸗ te ſieht er den Groß⸗Khan forſchend an, ob dieſer et⸗ wa ein unwilliges Geſicht macht; da bieſer aber kein Zeichen giebt, fährt er ſchnell fort:) Hundert Gold⸗ ſtücke— was? Groß⸗Khan. Tauſend, wenn Ihr wollt— Fiallah. Du glaubſt, ich könne Tauſend Goldſtucke IV. Theil. 5 P wegſchenken, ohne daß Jemand etwas dawider ſagen darf? Groß⸗Khan. Auch Zehntauſend— Fiallah. Nein, Tauſend ſind genug— ach, wie glücklich ſie ſeyn werden. Du haſt mir da einen herrlichen Rath gegeben.(zu Mir Ali:) Mirſa, fordere dieſe Summe von meinem Schatzmeiſter, und trage ſie zur guten Malika hin— Mir Ali.. Er wird ſie mir ohne Eueren ſchriftlichen Befehl nicht verabfolgen wollen— Fiallah.(zum Groß⸗Khan). Zareb, gieb ihm, was er verlangt. Ich mag mich mit dieſen Kleinigkeiten nicht befaſſen.— Gzu Mir Ali) Uebrigens wirſt Du dem alten, gu⸗ ten Mütterchen ſagen, daß ich ſie ſprechen will, und ſie mir herführen. Mir Ali. Will Euere Hoheit auch, daß man Fial⸗ lah herbringe? 5 Fiallah. Nein, das iſt nicht nöthig. Laßt Fiallah, wo er jetzt iſt; er befindet ſich recht wohl. (er lieſt bas, was ber Groß⸗Kahn unterbeſſen geſchrie⸗ ben hat, und ihm ierkeicht)„Ueberbringer dieſes er⸗ 339 hält Zweitauſend Goldſtücke aus dem Schatze.“ — Ach, Du biſt ein braver Kerl, Du haſt Zweitauſend geſchrieben— doch Du haſt fuͤr mich unterſchrieben, wird das keine Schwierig⸗ keiten machen? Groß⸗Khan. gigelndd. Ich glaube nicht— Fiallah.(Mir Ali das Papier reichenb) Hier nimm, und eile— Mir Ali. Ich gehorche.—(er macht eine ehrfurchtsvolle Berbeugung, die Fiallah noch ehrfurchtsvoller erwie⸗ dert; da er aber bemerkt, daß er etwas unrecht ge⸗ macht hat, nimmmt er ſogleich eine gravitaͤtiſche Miene an und nickt bloß mit dem Kopfe). Fiallah.(inbem er Mir Ali, der langſam und feier⸗ lich abgeht, nachſieht). Er ſieht mir nicht luſtig genug für einen Vergnügungsanordner aus. 4 Fünfter Auftritt. Vorige ohne Mir Ali. Fiallah.(indem er bemerkt, daß Aller Augen neu⸗ gierig auf ihm ruhen; bei Seite:) Dieſe Leute ärgern mich.— Wie ſie mich angaffen— man ſollte meinen, ſie ſähen mich P 2 340 6 zum erſten Mahle.(laut zum Groß⸗Khan:) Hore Zareb, Du gefällſt mir— Groß⸗Khan. Mein hoher Herr iſt zu gnädig— Fiallah. 1 Nein, nein, ich bin geradezu, und ſpreche, wie ich es meine. Du biſt ſanft, herablaſſend, großmüthig— kurz, es herrſcht zwiſchen uns ei⸗ ne Sympathie, ſo daß ich Dich mehr liebe, als den Andern, der eben hier fortging. Ich möchte gern mit Dir plaudern. Doch ſage mir, muß ein Groß⸗Khan denn immer von ſo vielen Muüſſiggängern umgeben ſeyn, deren neugierig forſchende Blicke— Groß⸗Khan. Ein Wort von Euch, und ſie entfernen ſich— Fiallah. So, ſo.(er geht zu den Sklaven; doch plötlich dreht er ſich um; leiſe für ſich:) Ich wag' es nicht. (laut zum Groß⸗Khan:) Sag' Du es Ihnen für mich— Groß⸗Khan.(zum Gefolge). Seine Hoheit will allein ſeyn. Man ent⸗ ferne ſich. Fiallah.(ſich vergeſſend). Ich bitte um Entſchuldigung; Sie kön⸗ nen bald wieder kommen„ wenn—(ſich plöplich 341 beſinnenb; mit komiſcher Würde) ich Euch werde rufen laſſen.(indem er ſeitwärts nach dem Groß⸗ Khan ſchielt; leiſe für ſich:) Er ſtellt meinen erſten Miniſter recht artig vor. Er hat ein recht fei⸗ nes Benehmen. Es iſt doch angenehm, ſolche Leute in ſeinen Dienſten zu haben.(Alles ab). Sechſter Auftritt. Fiallah. Groß⸗Khan. Groß⸗Khan. Nun ſind wir endlich allein— Fiallah. Weil Du mein Liebling biſt, ſo muß ich Dir auch mein ganzes Vertrauen ſchenken— Groß⸗Khan. Ich höre— Fiallah. Mein Freund, ich bin wie ein Narr ver⸗ liebt. Groß⸗Khan. Dürft' ich fragen, in wem? Fiallah. In wem?— In einen Engel. Groß⸗Khan. Wenn ich nicht beſorgen muͤßte, Euer Miß⸗ fallen zu erregen— 342 Fiallah. Nun? Groß⸗Khan. So würde ich ſagen, daß mir dies Alles eine Phantaſie aus der letzten Krankheit ſcheint— Fiallah. Wie meinſt Du das? Groß⸗Khan. Ihr glaubt zu lieben— Fiallah. Ich glaube? cbei Seite) Ich werde wahrhaf⸗ tig verrückt. Claut) Ich ſage Dir, daß ich ſeit einem Jahre ſchon einen Engel liebe— — Groß⸗Khan. Wie ſollte ich das Ew. Hoheit glauben, da Hochdieſelben uns täglich und ſtündlich das Mu⸗ ſter einer vortrefflichen Ehe zeigen— Fiallah. 3 Einer Ehe?— Du willſt mich am Ende wohl noch glauben machen, ich ſey verhei⸗ rathet?— 3 Groß⸗Khan. Ew. Hoheit will mich necken, und ich muß ees dulden. Aber ich darf nicht verſchweigen, daß Ihre Ehe als ein Muſter für's ganze Land erſcheint— Fiallah. Kennſt Du meine Frau? Groß⸗Khan. Ja, Herr! Fiallah.(bei Seite). Er iſt bewanderter, als ich. dlaut) Kannſt Du mir denn auch wohl ſagen, wie meine Frau heißt? Tonkala. Fiallah.(in komiſcher Verlegenheit). Iſt ſie ſchön? Groß⸗Khan. Groß⸗Khan. Ihre Tugenden machen ſie ſchön— Fiallab. Ei.— Groß? Groß⸗Khan. Durch ihre Seele— Fiallah. Herrlich.— Beſitzt ſie Reize? Groß⸗Khan. Die ihres Alters— Fiallah.. O weh.— Wie alt iſt ſie denn? Groß⸗Khan. Das weiß Ew. Hoheit beſſer, als ich. 344 Fiallah. So'was vergeſſ' ich leicht— alſo— wie alt? Groß⸗Khan. Sechzig Jahre- Fiallah. Gerechter Himmel! Groß⸗Khan. Es iſt wahr, dieſe Heirath ſcheint ein we⸗ nig unverhältnißmäßig— aber es iſt eine Hei⸗ rath aus Konvenienz— Fiallah. Die mir indeß nicht konvenirt; ich mag nichts davon wiſſen. Groß⸗Khan. Das geht ja nicht an— Fiallah.. 3 Das ginge nicht? Man kann eine Frau ver⸗ ſtoßen, wenn ſie ihr vierzigſtes Jahr zurückge⸗ legt hat, ohne dem Staate einen Erben gegeben zu haben. Groß⸗Khan. Schon recht. Du biſt ja aber ſo gluͤcklich, eine zahlreiche Nachkommenſchaft zu beſitzen.— Fiallah. Was waͤre das?— Ich häͤtte Kinder?— 345 Groß⸗Khan. Zwölf, Herr! Fiallah. Zwölf Kinder?— Groß⸗Khan. Die ſchönſten und liebenswürdigſten auf der Welt. Fiallah. Du ſcherzeſt mit mir— Groß⸗Khan. Wie dürft' ich es wagen— Fiallah. Nun, wenn's denn nicht anders iſt, ſo be⸗ halte ich die Kinder, aber was die Mutter be⸗ trifft— ſo— Groß⸗Khan. Bedenke nur, Herr, daß ſie die Tochter des Kaiſers von China iſt, der ein grimmiges Geſicht machen würde, wenn— Fiallah. So iſt's deſto ſchlimmer für ihn— Groß⸗Khan. Er wird Euch den Krieg erklären— Fiallah. Nun zut, ſo werde ich ihn nach Hauſe ſchicken, wie ſeinen Kameraden, den König von Tunkin— nicht wahr? Du weißt—(er zeigt ihm die Narbe an ber Hanb) er ſoll nur kommen, der Herr Kaiſer— ich werd' ihm gewiß Rede ſtehen.— Ach, da kommt Mirſa— was bringt der? Siebenter Auftritt. Vorige. Mir Ali. Fiallah.(zu Mir Ali). Nun, haſt Du meine Mut—— Malika geſehen? Mir Ali. Ja, Herr. Sie dankt Euch für das großmůthi⸗ ge Geſchenk. Jedoch dieſen Augenblick kann ſie ſich nicht, Euerem Befehle zufolge, hieher verfü⸗ gen. Morgen ſollt Ihr ſie ſehen— 3 Fiallah. Morgen? Schon gut.— Jetzt hab' ich mich genug um Andere bekümmert; nun ſcheint mir's Zeit, an mich zu denken— Groß⸗Khan. Ihr waret geſtern ſo gnädig, mir zu erlau⸗ ben, Euch meine zukünftige Gemahlinn vorzu⸗ ſtellen- Fiallah. Willſt Du Dich vermaͤhlen? 8 Groß⸗Khan. Ihr hattet die Huld, mir es zu erlauben. Fiallah. So? Groß⸗Khan. Und habt ſelbſt geſtattet, daß ich Euch mei⸗ ne Braut zeigen dürfe— Fiallah. Das wird doch wohl indeß keine Heirath aus Konvenienz ſeyn?— Groß⸗Khan. Vergebt, allerdings— Fiallah. Wie? Iſt es auch ein altes Weib? Groß⸗Khan. Urtheilet ſelbſt; ich hole ſie her— Fiallah. So eile!— (Der Groß⸗Khan unter tiefen Verbeugungen ab). Achter Auftritt. Fiallah. Mir Ali. Fiallay. Ich liebe dieſen Zareb ſehr— Mir Ali.(mit doppelter Beziehung). Er iſt ſehr gluͤcklich zu preiſen. 1 6 6 6ſ 8 —— 348 Fiallah. Er hat etwas ſo einſchmeichelnd Verführe⸗ riſches, daß man an ihm hängt— ich weiß nicht wie.— Mirſa, ich will eſſen— Mir Ali. Ich wag' es, in tiefſter Ergebenheit Ew. Hoheit vorzuſtellen, daß Sie Audienz ertheilen muß, ohne etwas gegeſſen zu haben— Fiallah.(bei Seite). Ich werde dieſen dummen Gebrauch ab⸗ ſchaſſen. Mir Ali. Die Miniſter erwarten den Wink Ew. Ho⸗ heit, um vor Ihrem Throne zu erſcheinen. Sie wollen heute dringende Bittſchriften vorlegen, deren Entſcheidung ſich nicht aufſchieben läßt. Fiallah. Ich kenne nichts Dringenderes, als meine Liebe und meinen Hunger. Sogleich ſoll man die Speiſen auftragen, allen Gebräuchen zum Trotz. 5 Mir Ali. Weil Ihr es ſo wollt, wird man Euch ſo⸗ gleich zu Tiſche führen— Fiallah. Ich möchte ſchon dort ſeyn— 349 Mir Ali. Auch habt Ihr vergeſſen, daß es Euere Gewohnheit war, vor dem Eſſen ein Gebet an Yerd zu richten, dann in den Saal der Gebete zu gehen, dann den der Wohlgeruche zu durch⸗ wandeln, dann— Fiallah.(hn unterbrechend). Weswegen that ich dies Alles? Mir Ali. Das ſind alte Gebräuche— Fiallah. Schon gut. Du wirſt für mich beten, wan⸗ deln und Wohlgerüche einathmen, und ich wer⸗ de mich an den Tiſch ſetzen und eſſen—(er will ab) Reunter Auftritt. Vorige. Der Groß⸗ Khan. Zalida. (verſchleiert und anders gekleidet, wie früher). Groß⸗Khan.er kommt aus dem Hintergrunde, und führt Zaliba bei der Hand). Herr, hier iſt meine Braut—(er ſchlägt Zalidens Schleier zurück). Fiallah. 8 Ich bin doch neugierig—(indem er ſich um⸗ dreht und Zaliben erblickt) ha, was ſeh ich! Ihr Götter, das iſt ſie— 350 Groß⸗Khan. Woher, o Herr, kommt dies Erſtaunen? Fiallah. Zalida— endlich ſeh' ich Zalida wieder— Groß⸗Khan. Salida? Wer heißt ſo?— Ihr iert Euch, Herr— Fiallah. Nein, nein, ſie iſt es— ich ſeh' ſie wieder — ihr Wuchs, ihre Züge, ihre Huld; ſie— keine Andere kann es ſeyn— mein Herz ſpricht zu laut— mein armes Herz ſagt es mir— Groß⸗Khan. O Herr, verzeihe, es iſt meine Zukünftige— Fiallah. Deine Zukünftige? O Himmel! Zalida, iſt es wahr? Sprich—„ Zalida.(bewegt). Herr— Du willſt wiſſen— Fiallah.(ſchnell). Er betrügt mich, nicht wahr?— Zalida, ſo ſprich doch— ſieh mich an, kennſt Du mich nicht mehr? Zalida.(wie vor). Ja, ich kenne Euch, mein Herr und Ge⸗ bieter—. —— 351 Fiallah. So ganz haſt Du mich vergeſſen! Bin ich nicht Dein Lebensretter? Groß⸗Khan.(eiſe zu Zaliden, beren Bewegung er bemerkt). Verſtellung! Zalida.(eben ſo). Ach, was koſtet ſie meinem Herzen! Fiallah. Du ſchweigſt noch immer? Um des Him⸗ melswillen, Zalida, ſage mir die Wahrheit. Auf den Knien fleh' ich Dich um dieſe Huld. (er fällt Zaliben zu Füſſen). Zalida.(ihn aufhebend). Was thut mein Gebieter? Mir Ali. Wenn Tonkala Euch überraſchte, ſo wäret Ihr Beide verlohren— Groß⸗Khan. Sie iſt ungemein heftig— Mir Ali. Und liebt Euch mit einer großen Zaͤrtlich⸗ keit; doch wenn ſie erführe, daß eine Andere Dich entflammt, ſo würdeſt Du alles von ihrer Eiferſucht fürchten müſſen. „4 * 8 352 Groß⸗Khan. Kein Mittel der Rache würde ſie unver⸗ ſucht laſſen— Mir Alt, Dolch— Groß⸗Khan. Gift— Mir Ali. Feuer— Groß⸗Khan. Waſſer— Fiallah. Dann iſt mein Weib ja ein Tiger— Mir Alt. So ziemlich— Groß⸗Khan.(rechts nach den Hintergrund ſpä⸗ hend). Gerechte Götter! Sie naht ſich— Fiallah.(zu Mir Alli). O Himmel! Mirſa, ich bitte Dich, nimm dies liebenswürdige Mädchen mit Dir und brin⸗ ge es in Sicherheit—(zu Zaliba) wir werden uns wiederſehen, ſchöne Zalida.—(Mir Ali führt Zaliba ab) Du,(zum Groß⸗Khan:) Zareb, geh' meiner Frau entgegen, und mach' es ſo klug, daß ſie nicht herkommt; ich will ſie in dieſem Augenblicke nicht ſehen— ſag' ihr— ſag' ihr— 3⁵³ hörſt Du— ſag' ihr, was Du willſt, wenn ich ſie jetzt nur nicht ſehen darf. Groß⸗Khan. Ich eile—(ab durch die Seitenthüre rechter Hand). Fiallah.(zu Mir Ali, welcher zurückkommt). Nun, Mirſa, iſt Zalida in Sicherheit? Mir Ali. Ja, Herr! Fiallah. Ich danke Dir.(zum Groß⸗Khan, welcher wieberkommt:) Nun, Zareb?— 3 Groß⸗Khan. Herr, Deine Frau iſt wuͤthend. Sie weiß, daß ein anderes Weib ſo eben bei Dir war. „Er zittere, der Ungetreue“— ſagte ſie—„er „ſoll bald erfahren, was gekränkte Liebe ver⸗ „mag.“— Fiallah. Ouͤber das böſe Weib! Ich zittere am gan⸗ zen Leibe. Mir Ali. Herr, es iſt Zeit zum Eſſen, und Alles iſt bereitet. Fiallah. Das kommt mir gelegen.(bei Seite) Ich weiß nicht, wohin ich gehen ſoll, aber was thut's, nur zugegangen, damit ſie meine Verlegenheit nicht merken.(er will links ab). Miy Ali. Wo geht Deine Hoheit hin? Fia lah.(mit Zuverſicht). Nun— doch wahrſcheinlich in den Speiſe⸗ ſaal. Mir Ali. Dort iſt aber Dein Schlafzimmer 4 Fiallah. Ja ſo— die Tonkala hat mich ganz ver⸗ wirrt gemacht. Mir Ali.(rechts beutend). Alſo hier— Fiallah. Schon recht— 5 Mir Ali.(ruft). Sklaven! Fiallah. Ich werde ſchon allein gehen. Mir Ali. Das iſt nicht Sitte. Zehnter Auftritt. Vorige. Abdul Rahim mit Sklaven. und Gefolge. (Mir Ali deutet dem Fiallah an, welchen Platz er im Zuge einnehmen foll. Dieſer thut alles, was man von ihm verlangt; doch plöoglich bleibt er ſtehen). Fiallah.(ganz vertraulich zu Mir Ali und dem Groß⸗Khan). Nun? Wie iſt's? Kommt Ihr nicht mit? (ber Groß Khan und Mir Ali deuten ihm an, baß bie Ehrfurcht ihnen nicht erlaubt, zu folgen, bis ſie bie Erlaubniß dazu von ihm erhalten haben; indem er es bemerkt). Ich erlaube Euch, heute mit mir zu eſſen, doch nur für heute.(er geht rechts ab, in⸗ dem er ſich auf bie Schultern zweier Officiere ſtützt. Der Groß⸗Khan und Mir Ali gehen hinter ihm. Die Sklaven nehmen im Aögehen alle Laternen mit, ſo daß bas Gemach ganz finſter wird). Eilfter Auftritt. Kiuß. Turkomanen. (Sie erſcheinen rechts auf der finſtern Gallerie und ge⸗ hen leiſe links ab). Kiuß.(im Gehen). Selima, Du ſollſt gerächt werden.(iu den Turkomanen? Nur leiſe, leiſe! Kein Geräuſch! „ —O—— p:Q:: 4.s:—⏑Q——— 356 Er iſt vielleicht noch wach; doch bald ſollen ſich ſeine Augen auf ewig ſchließen.— Clinks ab). Zwölfter Auftritt. Fiallah. Groß⸗Khan. Mir Ali.(Alle aus ber rechten Seitenthüre). Fiallah. Cfür ſich). Ha! Was mußt' ich hören! Alle Speiſen vergiftet?!(laut zu Mir Ali und dem Groß⸗Khan, welche ihm folgen) Laßt mich, ich will allein ſeyn— Mir Ali. Aber, Herr— Fiallah. Ich will allein ſeyn, ſag' ich Euch— Groß⸗Khan. Alles iſt bereit, Dich zu empfangen, wenn Du der Ruhe pflegen willſt—. Fiallah. Schon gut. Groß⸗Khan.(leiſe zu Mir elli 9 Wenn er einſchläft, ſo laſſen wir ihn wie⸗ der in ſeine Hütte bringen, um uns an ſeinem Erſtaunen zu weiden. Trage Sorge, daß ihn Niemand ſtöre.—(ſie verbeugen ſich, und gehen ab). — Dreizehnter Auftritt. Fiallah.(allein; nachbem er eine Weile unruhig auf⸗ und abgegangen iſt). Es ſcheint, das Schickſal gefalle ſich recht darinn, mich zu necken.— Ein glücklicher Zu⸗ fall läßt mich einer liebenswuͤrdigen Perſon das Leben retten. Ich liebe ſie bis zum Vergöttern, aber ohne Hoffnung. Nur ein Wunder konnte mich dahin gelangen laſſen, um ihre Hand bit⸗ ten zu dürfen. Ein Jahr verfließt, und dies Wunder geſchieht und trägt mich auf den Gi⸗ pfel meiner Wünſche. Man ſagt mir, ich ſey allmächtig— und Gebräuche und Gewohnheiten ſchränken meine geringſten Handlungen ein. Ich ſpreche von meiner Liebe— man ſagt mir, ich ſey bereits verheirathet.— Nun find' ich meine Geliebte, und ſie will mich nicht kennen, und ich ſtehe auf dem Punkte, von einem Weibe ge⸗ mordet zu werden, das ich nie geſehen habe und das ſie meine Gemahlinn nennen. Um mich al⸗ len dieſen Widerwärtigkeiten zu entziehen, will ich zu Tiſche gehn, als eine wohlgemeinte War⸗ nung mir meldet, daß die Speiſen, die Geträn⸗ ke, ja die Früchte ſelbſt vergiftet ſeyen, und daß meine Feinde im Geheim über mein Verderben brüten. Armer Fiallah, Gott weiß, wie das endigen wird; aber dieſes Pröbchen Macht kann mir nicht die Luſt erwecken, ſie lange behalten zu wollen. Ich will in das Schlafzimmer gehen, um ungeſtört von Zaliden träumen zu können, Ich hoffe, daß man mir wenigſtens dieſen Ge⸗ nuß nicht ſtören wird.(wie er abgehen will, hört er ein Geräuſch) Ha, was iſt das? Laͤrm in jener Gallerie?(indem er ganz in ben Hintergrunb eilt und horcht) Man ſpricht von Tod und Nache! Was ſteht mir bevor?— Es iſt einmahl rich⸗ tig, ich ſoll keinen Augenblick Ruhe haben.— (er verbirgt ſich rechter Hand). Vierzehnter Auftritt. Fiallah. Kiuß. Turkomanen. Kiuß.(zu ben Turkomanen). Alles ſchläft im Pallaſte, nur die Rache nicht. Die Stille der Nacht hüllt uns in ihr Dunkel und begünſtigt unſer Vorhaben— Fiallah.(bei Seite). Was wollen die? Kiuß.(wie vor). Der Ungetreue ſterbe. Fiallah.(wie vor). Wer? Ich?— Ich ſehe nicht die Nothwen⸗ digkeit davon ein. zimmer des Groß⸗Khan.) Kiuß.(wie vor). Er falle als Opfer gekränkter Liebe— Fiallah.(wie vor). Gekränkte Liebe? Ach Gott, die hat Tonka⸗ la abgeſendet! Kiuß.(wie vor).. Alſo fort, Freunde, auf zur Rache!(die Turkomanen wenden ſich, um abzugehen). Fiallah.(wie vor). O Gott, ich zittere— ein wenig ſpäͤter nur, ſo wär's um mich geſchehen geweſen.(er kommt hervor, unb will auf den Zehenſpitzen fortſchleichen, als plötzlich Kiuß, der im Begriff ſtanb abzugehen, ſich umwenbet und mit den Turkomanen auf's Neue in den Vorbergrund kommt. Fiallah verſteckt ſich aber⸗ mahls mit Zeichen bes Entſepens). Kiuß. Freunde, laßt uns vorſichtig ſeyn. Man könnte uns überraſchen. Es iſt nöthig, daß Zwei als Schildwachen hier zurückbleiben— Fiallah.(bei Seite). Jetzt bin ich gut d'ran!—(Kiuß ſtellt zwei Furkomanen in den Hintergrund zu den Ausgängen, und giebt Ihnen den Befehl, hinauszuſehen. Kiuß.(indem er wieber aus dem Hintergrunbe vor⸗ kommt). Auf jetzt, meine Freunde, zur Rache!— (Clinks ab mit den übrigen Turkomanen in das Schlaf⸗ Fünfzehnter Auftritt. Fiallah. Zwei Turkomanen. (Die beiben Turkomanen im Hintergrunde, bewachen die Ausgange, und haben faſt beſtändig den Rücken ge⸗ gen den Vorbergrund gekehrt). Fiallah.(ein wenig vortretenb).— Was iſt jetzt zu thun? Wie ſoll ich entflie⸗ hen?— Alle Ausgänge ſind beſetzt. Allmächti⸗ ger Yerd, wirſt Du mich verlaſſen? Gieb mir ein Rettungsmittel ein!—(er denkt nach) Die Finſterniß, dieſe Kleidung, Alles begünſtigt mich. Iſt in einer ſo verzweifelten Lage der Frevel nicht verzeihlich?—(Geräuſch) Da kommen ſie ſchon— ich kann nicht anders! Verzeihe mir's Yerd!—(er ſteigt zur Statue hinauf, und nimmt hinter berſelben gerabe die Stellung des Gottes an). Allmächtiger Yerd, verdunkele ihren Blick! Sechzehnter Auftritt. Kiuß. Turkomanen. Später Mir Ali mit Verſchnittenen, Kriegern und Sklaven, welche Laternen tragen. Kiuß.(mit den Turkomanen aus dem Schlafgemach des Groß⸗Khan ſtürzend). Ha, wo iſt er? Welch ein Zufluchtsort ent⸗ zieht ihn unſern Blicken?— Laßt uns zu Yerd 36¹ flehen, dem Rächer des Meineids.(Alle wenden ſich zur Bildſäule) O Du, großer, allmächtiger Gott, der Du Alles ſiehſt und den Meineid ſtrafſt, gekränkter Liebe Dich annimmſt und Be⸗ leidigungen rächſt, Yerd! Du weißt es, daß unſer Zorn gerecht iſt. Erhelle unſern Blick in dieſer Dunkelheit, leite unſere Schritte zum Schlachtopfer hin, damit wir unſere Dolche mit ſeinem Blute färben. Fiallah.(mit furchtbarer Stimme). Entflieht, Böſewichter!— Kiuß und die Turkomanen.(entſetzt). Ein ſchreckliches Wunder! Flieht!(ſie flie⸗ yen beſtürzt durch die Thüre rechts im Hintergrunde). Fiallah.(von ber Eſtrabe herabſpringend). Hülfe! Herbei! Mir Ali.(mit Verſchnittenen, Soldaten und Gkla⸗ ven welche Laternen tragen, herbeieilenb). Was giebt es? Wo? Was? Fiallah. Man trachtet mir nach dem Leben.— Suchet! Mir Ali. Wen? Fiallah. Ueberall ſuchet, ſag' ich Euch!—(wie bie Verſchnittenen, Solhaten und Sklaven mit Laternen IV. Theil. Q 362 ſich wenden, um abzugehen, erſcheinen die Turkomanen von ber rechten Seite auf ber Gallerie und wollen hin⸗ übergehen, werfen ſich aber platt nieder, da ſie entbeckt zu werben befürchten. Wie Jene, nachdem ſie alles burchſucht haben, wieder in den Vorbergrund vorgekom⸗ men ſind, erheben ſich die Turkomanen und entfliehen durch die linke Seite). Siebenzehnter Auftritt. Vorige, ohne Kiuß und Turkomanen. Mir Ali. Aber ſo ſage mir, Herr, wer trachtet denn nach Deinem Leben? Fiallah. Tonkala, meine Gemahlinn— ſie hat Moͤr⸗ der gedungen— Mir Ali. Mörder? Fiallah. Ich habe ſie ſelbſt geſehen. Mir Ali.(bei Seite). Er hat ſie ſelbſt geſehen— welche Narrheit! Fiallah. Lieber Mirſa, laſſe alle Anſtalten treffen, die Mörder zu entdecken. 3 Mir Ali.(bei Seite). Zum Scheine will ich ihm willfahren.— Claut zum Gefolge) Man beſetze dieſen Augenblick jeden Ausgang des Pallaſtes. Die Gefahr iſt dringend.(ein Theil des Geſolges entfernt ſich, um den Befehl zu vollziehen). Fiallah. Jetzt will ich mich in mein Zimmer begeben, und zu ruhen ſuchen. Schicke mir Zareb, mit ihm will ich ſprechen.(ab durch die Seitenthüre linker Hand). Mir Ali. Schade um ihn. Er iſt vollkommen närriſch, der arme Junge!—(ab mit Gefolge). (Ende des zweiten Aufzugs.) Dyitter Aufz ug. (Ein Vorſaal, welcher in den großen Aubienzſaal führt. Dieſer iſt durch einen Vorhang verborgen, welcher im Hintergrunbe die ganze Breite der Bühne ein nimmt). Erſter Auftritt. Groß⸗Khan. Mir Ali.(Beide von verſchiedenen Seiten kommend). Groß⸗Khan. Nun, Ali, was macht Fiallah? Schläft er? 9 2 364 Mir Ali. Nein, Herr; im Gegentheile ſcheint er ſehr bewegt. Wie Du es befohlen hatteſt, habe ich neben ihn Früchte und jenen ſchlafbringenden Trank ſtellen laſſen, der geſtern ſo gut wirkte, aber er hütete ſich wohl, es anzurühren. Groß⸗Khan. Das dachte ich. Doch heute beſchäftigen uns wichtigere Dinge. Es iſt Zeit, daß wir Fiallah wieder in ſeinen frühern Zuſtand verſezen. Mir⸗Ali. Wenn Du es beſiehlſt, will ich augen⸗ blicklich— Fiallah. Nein, Freund, nicht zu plötzlich, ſondern nach und nach. Die Viſion von den Mördern, die er vergangene Nacht hatte, überzeugt mich, daß ſeine Einbildungskraft ſehr gelitten hat— da⸗ her wird es uns Mühe koſten, ihn auf den rech⸗ ten Weg zu bringen, ohne Alles zu verderben. Mir Ali. Durch welches Mittel alſo, Herr—— Groß⸗Khan. Das ſicherſte, ihn ſanft zu recht zu bringen, ohne daß ſein Verſtand dabei Gefahr läuft, wäre, ihm Jemand aus ſeiner Familie ſehen zu laſſen— 2 365 Mir Ali. Vortrefflich. So eben meldete ſich an der gro⸗ ßen Pforte ein junger Burſche, Nahmens Omar, der ſich für Fiallah's Bruder ausgiebt. Er ſagt, er habe dem Groß⸗Kahn wichtige Aufſchluͤſſe zu geben— Groß⸗Khan. Wahrſcheinlich weiß er, daß man ſeinen Bruder in den Pallaſt gebracht hat. Wo iſt er? Mir Ali. Die Wachen haben ihn nicht eingelaſſen. Er aber iſt noch immer da, und behauptet, er müſſe Deine Hoheit ſprechen— Groß⸗Khan. Dieſer Zufall taugt zu ſehr in unſeren Plan, als daß wir ihn ungenützt vorüber gehen laſſen ſollten. Schnell, führe ihn ein. Ich freue mich, die Zuſammenkunft mit ſeinem Bruder zu ſehen— Zweiter Auftritt. Vorige. Fiallah. Fiallah.(noch von außen). Mirſa! Zareb! Wo ſeid Ihr denn?(er tritt ein). Mir Ali. 8 Hier ſind wir, Herr!— Fiallah. Schon gut. Laß uns, Mirſa; ich will mit Zareb allein ſprechen.(Mir Ali verneigt ſich, und geht ab, indem er dem Groß⸗Khan ein Zeichen giebt). Dritter Auftritt. Fiallah. Groß⸗Khan. Fiallah. Ich bin froh, Dich allein zu ſprechen. Ich habe dieſe Nacht einen Plan ausgeſonnen, der Dir großes Vergnügen machen wird. Groß⸗Khan. Deine Hoheit ſcheint ſehr bewegt— Fiallah.. Du haſt Recht.— Höre mich. Alles, was mir ſeit geſtern wiederſuhr, hat mich zu ſehr ernſten Betrachtungen geführt, deren Ende für Dich von der größten Wichtigkeit iſt.— Groß⸗Khan.(bei Seite). Wo will das hinaus? Fiallazßz Ich will Dich gluͤcklich machen. Groß⸗Khan. Welche Gnade!. Fiallah. Nichts von Gnade, ich bin nur gerecht. ——— 367 Ich hab' es Dir bereits geſagt und wiederhol es Dir, ich ſchätze Dich als den erſten Edelſtein meiner Krone. Doch eh' ich mich näher erkläre, ſage mir: beſitzeſt Du Ehrgeitz? Groß⸗Khan. Einen Ehrgeitz, wie ihn jeder kluge Mann haben ſoll, und der darin beſteht, ſo viel ich kann, meinem Nächſten nützlich zu ſeyn. Fiallah.(bei Seite). Vortrefflich; ich würde nicht beſſer geant⸗ wortet haben.(laut) Möchteſt Du wohl ein recht ſehr vornehmer Mann werden? Groß⸗Khan. Ich?—— Ich verſtehe Dich nicht. Fiallah. Du— ja— ſprich ja oder nein— Groß⸗Khan. Mein Gebieter—— Fiallah. Nun? Ja!— Ich ſeh' Dir's ja an— Du willſt! Alſo, ich ernenne Dich zum Groß⸗Khan. Groß⸗Khan.(bei Seite). Darauf, zum Beiſpiel, war ich nicht gefaßt. (laut). Wie?—— Fiallah. Stille da, keine Einwendung! Es iſt mein 368 feſter Wille. Ich entſage dem Glanze und ernen⸗ ne Dich zu meinem Nachfolger. Groß⸗Khan. Aber, Herr— Fiallah. Ich wiederhol es noch einmahl, Du be⸗ ſitzeſt alle nöthigen Eigenſchaften dazu— kurz, ich weiß Niemanden, außer Dir, der dieſen ge⸗ fahrvollen und ſchweren Poſten bekleiden könnte. Groß⸗Khan. 3 Glaubt Ew. Hoheit, daß der erhabene Schach es beſtätigen wird?— Fiallah. Das laſſe meine Sorge ſeyn. Groß⸗Khan. Dachteſt Du daran— Fiallah.(in unterbrechend). An Alles dachte ich.— Doch ich merke, wo⸗ her Deine Verlegenheit entſteht— ſey aber deshalb nur ruhig— wenn auch im Anfange ſchwere Fälle dann und wann Dir den Kopf verwirren werden, ſo bin ich ja noch immer da.. Du ſuchſt mich dann immer auf, und ich ſtehe Dir mit meinem Rathe bei— Groß⸗Khan.(bei Seite). Man kann nicht herablaſſender ſeyn. — 369 Fiallah. Doch es verſteht ſich, daß Du zu gleicher Zeit mit meiner Würde auch Diejenige nimmſt, die ſie mit mir theilte, ich meine Tonkala— Groß⸗Khan. Wie? Du wollteſt—— Fiallah. Nur gelaſſen, Freund; den Aemtern folgen die Gnadenbezeugungen— Groß⸗Khan. Und meine Geliebte? Fiallah. 4 Das iſt etwas Anderes. Die heirathe ich. Uebrigens ſprich offen mit mir. Du ſagteſt mir ſelbſt, es ſey eine Konvenienzheirath, daher trenne ich ſie.— Nun? Du biſt zufrieden? Nicht wahr? Groß⸗Khan. Wenn Du es durchaus befiehlſt— Fiallah. Ja. Du paßeſt viel beſſer dazu, als ich. Beſtelle Alles zur Feierlichkeit. Noch heute, vor allen meinen Großen, will ich Dich zu mei⸗ nem Nachfolger ernennen. Groß⸗Khan. Ich gehorche.(gerührt, leiſe für ſich) Guter Fiallah!— Jetzt ſchnell zu Ali, um uns mit⸗ 370 einander zu verbergen und Zeuge der Seene zu ſeyn, die jetzt ſich unſern Blicken darbieten wird. (ab). Vierter Auftritt. Fiallah.(allein). Freue Dich, Fiallah, Du haſt einen guten Handel gemacht. Dem lieben Zareb habe ich ei⸗ ne recht angenehme Ueberraſchung bereitet! Er hätte ſich's nicht träumen laſſen. Ich bin zufrie⸗ den, bald Zaliden zu beſitzen, den einzigen Ge⸗ genſtand aller meiner Wünſche. Gern entſage ich Allem für ſie. Ein ruhiges und ſtilles Leben ziehe ich dieſem geräuſchvollen Glanze vor, der mit dem Opfer der Ruhe und der liebſten, ſü⸗ ßeſten Regungen erkauft werden muß.— Fünfter Auftritt. Fiallah. Omar. Omar.(noch im Hintergrunde; bei Seite:) Wie neugierig doch der Miniſter war— er hoͤrte nicht auf zu fragen.— Er ſagte mir, ich würde den Groß⸗Khan in dieſem Saale finden. Wahrſcheinlich iſt es Jener dort— Fiallah.(breht ſich um). Wer iſt da? 371 Omar.(wirft ſich, ohne die Augen aufzuſchlagen, auf die Knie nieder; ſtammelnb:)— Herr!— Fiallah.(bei Seite). Welche Stimme!— Omar. Ich komme— ich— Omar— Fiallah.(bei Seite). Gott, mein Bruder!— Omar. Man trachtet Euch nach dem Leben— die Turkomanen haben ſich verſchworen— ſie hat⸗ ten mich im Park aufgegriffen— ich konnte an⸗ fänglich nicht fort— endlich entfloh ich— lief was ich konnte— und— bin nun hier— Fiallah. Chebt ihn auf). Nun? Omar. Nun, o Herr—(hier ſchlägt er die Angen auf; indem er Fiallah erblickt, leiſe bei Seite:) Ach, mein Gott! Was ſeh' ich?(er reibt ſich die Augen). Fiallah. Was iſt Dir? Omar. Niicchts, Herr! Nichts— ich dachte nur— (bei Seite) er iſt es ſelbſt— und doch— wie ſollte er es ſeyn? Fiallah. Mach' ein Ende— Omar. Gnade denn, mein Gebieter— Du ſiehſt— meinem armen Bruder ſo ähnlich, der naͤrriſch geworden iſt— Fiallah. Närriſch? 4 Omar.. Noch einmahl Gnade, Herr! Aber ich bin ſo verwirrt— ich bitte Dich, Bruder, ſage mir, biſt Du es ſelbſt?—(über ſeine Frage erſchrocken, bei Seite) Ach Himmel, was hab' ich gethan!— (er will auf bie Knie fallen) Fiallah. Ghält ihn auf). Ja, ja, guter Omar, ich bin Dein Bruder. (er breitet ſeine Arme aus). Komm an mein Herz, ich bin Fiallah—.. Omar.(er ergreift ſeines Bruders Hand und ver⸗ beugt ſich; dann weicht er wieder, als habe er eine aus⸗ geseichnete Gunſt erhalten, in eine ehrerbietige Entfer⸗ nung zurück). Wie, Herr? Du biſt mein Bruder?!— Was geht mit uns denn vor? Wer hätte je geglaubt — doch erkläre mir nun— cer kommt nach und nach vertraulich naͤher). ₰ Fiallab. Du ſollſt es ſpäter erfahren.— Doch jetzt ſage mir, was bringt Dich her?— Omar. Das Wichtigſte in dieſem Augenblick— ich muß dem Groß⸗Khan ſagen, was ich geſehen habe— Fiallah. So ſprich; Du ſtehſt ja vor ihm. Omar. Ach geh'! Fiallah. Wenigſtens hat man mich's ſeit geſtern glauben machen wollen— Omar. Man hat Dich zum Beſten gehabt. Fiallah. Wie, Du glaubſt? Omar. Ganz gewiß. Du heißeſt ja nicht Achmet, Deine Geliebte hieß nie Selima. Fiallah. Selima? Nein! Nein! Omar. Nun alſo, die Turkomanen, welche ich im Park belauſchte, und die mich mit ſich fortſchlepplen, 374 ſind durch jene eiſerfuchtige Afrikanerinn abge⸗ ſandt, um des großen Achmet Tage zu kürzen— Fiallah. 1 Wär' es möglich? Omar. Dieſes boshafte Weib hat den Tod ihres Geliebten beſchloſſen, um ſeine Untreue zu be⸗ ſtrafen. Fiallah. Welch ein Licht! Ja, Alles, was geſtern Abends vor unſerer Hütte ſich zutrug— jene Sklaven— jener Trank, den ſie mir reichten— ich kann nicht länger zweifeln, Alles war nur ein Spiel. Aber Eines von Allem iſt kein Spiel, nehmlich die Gefahr, die über dem Haupte des großen Mannes ſchwebt. Gott, ohne mich wäre es um den guten Fürſten geſchehen geweſen— Omar.. Was willſt Du damit ſagen? Fiallah. Die Verräther waren wirklich in den Pal⸗ laſt gedrungen, und durch den glücklichſten Ein⸗ fall habe ich ſie in die Flucht gejagt. Omar.(ihn umarmend). Ach, mein Bruder, da haſt Du eine herr⸗ liche Handlung verübt. — V 375 Fiallah. So lange indeß die Boͤſewichte frei ſind, müſſen wir für die Tage des Groß⸗Khan zit⸗ tern. Man muß Sorge tragen— anzeigen— DOmar. Ich laufe— Fiallah. Bleibe. Wenn ich könnte, mit Hulſe dieſer Kleider und der Art von Macht, die ich jetzt noch beſitze— ſage mir, weißt Du ihren Schlupfwinkel? 3 Omar. Er iſt ganz in der Nähe— Fiallah. Glaubſt Du, daß ſie noch dort ſind? Omar. Sicher. Sie können kaum noch meine Flucht bemerkt haben. Fiallah. So begleite mich dahin. Wir nehmen eini⸗ ge Freunde mit, und bemächtigen uns ohne Mü⸗ he der Verbrecher. Ich will die Freude haben, ſie ſelbſt dem Groß⸗Khan zu uͤberliefern— Omar. Bartrrfſtiher Gedanke! Welch Gluͤck für uns! 375 Fiallah. Noch weiß ich nicht, aus welcher Abſicht man mit mir ſo geſpielt hat; aber wie dem auch ſey, der Tag wird ſtets der ſchönſte meines Lebens ſeyn, an dem ich ſo glücklich geweſen bin, unſerem guten Fürſten das Leben zu retten. Komm!— 3 Omar. Laß uns gehen. (man hört von außen Tumult, kriegeriſche Muſik und Geſchrei). Sechſter Auftritt. Vorige. Mir Ali. Abdul Rahim. Sol⸗ daten. Mir Ali. Treue Unterthanen, Euer Vorhaben iſt aus⸗ ührt— zerihr Fiallah. Wie das? Mir Ali. Omar hat mir den Schlupfwinkel der Bo⸗ ſewichter angezeigt. Omar.(zu ſeinem Bruber, ber ihm ſeine Schwatzhaf⸗ tigkeit vorzuwerfen ſcheint). Man wollte mich ja ſonſt nicht vorlaſſen, da mußte ich wohl die Urſache meines Kommens anzeigen. 4 ——— 377 Mir Ali. Alle ſind in unſerer Gewalt, und unſer er⸗ habener Gebieter iſt keiner Gefahr mehr ausge⸗ etzt— ſes Omar. Schade, daß ich nicht dabei war; nichts kann mich daruͤber tröſten— Fiallah. Alle meine Wunſche ſind erfüllt. Mir Ali. 3 Jetzt kommt, Freunde; der Groß⸗Khan erwartet Euch. Er weiß Alles, und brennt vor Begierde, Euch öffentlich zu danken und einen glänzenden Beweis ſeiner Gnade zu geben. (in dieſem Augenblicke fliegt der Borhang im Hinter⸗ grunbe auf). Siebenter Auftritt. (Ein glänzender Saal. Vorige. Der Gro ß⸗Kyan unter einem prachtvollen Thronhimmel. Zalida und Malika ihm zur Seite. Um ihn herum die Großen ber Provinz, unter die ſich Mir Al i und Abdul Rahim ſtellen. Frauen. Verſchnit⸗ tene. Bajaberen. Sklaven. Soldaten. Gefolge.) Fiallah. Gu ben Füßen des Groß⸗Khan auf die Knie ſtürzenb). 3 Herr, ich umfaſſe Deine Knie; ich war ſo R 378 glücklich, Dein Leben zu erhalten, und wünſche nun nichts mehr— Groß⸗Khan. Näher an mein Herz, mein Retter! An meiner Seite iſt fortan Dein Platz!— Fiallah. O mein Gebieter, welche Gnade!— Gro ß⸗Khan.(inbem er auf Malika, Zaliha und Omar zeigt). Alles was Dir theuer iſt, habe ich um mich verſammelt— Zalida, brich jetzt das Stillſchwei⸗ gen!— * Zalida. Zalida, mein Fiallah, liebt Dich über Alles! (Umarmung). Groß⸗Khan. Zalidens Hand ſey der Preis des Muthes— Zalida.(einfallenb). Und der zärtlichſten Treue!—— Fiallah.(im größten Entzücken). O ich Glücklicher! czu ſeiner Mutter) Nun, Mutter, nicht wahr? Diesmahl hat der Aſtro⸗ log doch Recht gehabt!— (Der Vorhang fällt). Ende des vierten Bandes. — ſſnſinſffffſnſſſſſſſſſſſnſſ 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16