Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines T den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſeines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. ] 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ¹ 3 Buches wird von ages iſt zu 24 Stun⸗ auf 1 Monat: Vr— Pf. 1 Mk. 55 Pf. 2 Nr— Pf. 1 4 1 „ 5„ 1—„„—„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hir und Zurückſendung ihr ſelbſt zu ſorgen. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Ge 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 2 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Aeusfu ne t. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————-—— 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Gm⸗. Vater und Sohn. Roman von C. F. Ridderſtad. Aus dem Schwediſchen überſetzt von Dr. Gottlob Fink. Dreizehntes bis ſechzehntes Bändchen. Stuttgart. Franckh'ſche Merlogs haddäus. 1854. Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel'’ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Der Tag vor der Hochzeit. „Keine Jeremiaden, Bruder Hermann, keine Klage⸗ lieder; Du weißt, daß ich lieber lache als weine. Du mußt wiſſen, daß ich nicht melancholiſch bin... nicht im Geringſten.“ Charlotte lachte, während ſie ſo ſprach. Der düſtre Ernſt in Hermanns Geſicht wollte indeß nicht ſchwinden. Ich verſtehe mich zwar allerdings nicht viel auf die Laune der Herrn,“ fuhr das in hohem Grad frei⸗ müthige Mädchen fort,„aber Tegnér ſpricht im Namen des ganzen menſchlichen Geſchlechts alſo:„Klagen und Seufzer um eines Weibes willen? Die Welt iſt leider voll von Weibern! ſchlägt es Dir mit der Einen fehl, ſo ſtehen tauſend wieder da.“ Und ich glaube, daß er euch Alle zuſammen ganz richtig dabei charakterifirt hat. Nun, Hermann, kann ich Dich nicht zum Lachen bringen? Willſt Du nicht einmal den Mund verziehen? Ich glaube, die Liebe hat Dich gegen allen Scherz aſſekurirt. Pfui, ſo ſauertöpfiſch würde mir die Liebe nicht gefallen! Nein, Hermann, ſie muß heiter und gemüthlich ſein, nur dann glaube ich, daß man mit wahrem Vergnügen ſeine Ge⸗ danken damit beſchäftigen kann. Blicke alſo doch wenig⸗ ſtens auf, Bruder Hermann, ſo ſollſt Du etwas recht Verſtändiges zu hören bekommen. Du biſt ja Seemann, Hermann?“ Ridderſtad, Vater und Sohn. II. 1 „Nun und dann?“ „Werde nur nicht böſe. Weißt Du, was Tegnér einen Seemann zu einem Freund ſagen läßt? Höre jetzt:„Willſt Du, ſo hole ich Dir von dieſem Kram...“ „Begreifſt Du unverbeſſerlicher Menſch,“ unterbrach Char⸗ lotte ſich ſelbſt,„daß der unbarmherzige Geſell von uns Frauenzimmern ſpricht...2 Nun höre!„Willſt Du, ſo hole ich Dir von dieſem Kram ſogleich eine ganze Ladung aus dem glühenden Süden, rotb wie Roſen und ſanft wie Lämmer. Dann looſen wir darum oder thei⸗ len uns als Brüder darein.“ Halte Du da auch mit, Hermann, und beweiſe, daß Du ein friſcher tüchtiger Seemann biſt.“ Hermann hörte kaum auf ſeine Schweſter, ſondern ſaß da und kritzelte auf ein Papier. Je näher Emmas Hochzeitstag herangerückt war, um ſo untröſtlicher war ihm zu Muth geworden. Als Mutter und Schweſter es am allerwenigſten ahnten, beſchloß er daher, nach Gothenburg zurückzukehren unter dem Vorwand, daß er mit Ausbeſſerung eines Schiffes beſchäftigt ſei. Sie grämten ſich allerdings ſehr über dieſe ſo un⸗ erwartete Abreiſe, aber er beharrte unerſchütterlich darauf, und da Beide ſeine Neigung zu Emma kannten, ſo woll⸗ ten ſie ſich nicht hartnäckig widerſetzen. Seine Sachen waren bald eingepackt, die Koffer ſtanden bereits im Saal. Die Reiſe war auf den nächſten Morgen oder auch auf den Tag, wo Emma Hochzeit halten ſollte, feſtge⸗ etzt. ſes Charlotte, die mit inniger Theilnahme die Kämpfe beobachtet hatte, welche er in ſeinem Herzen ausfocht, bot inzwiſchen all ihr Talent auf, um ihn wieder zu er⸗ heitern; allein es wollte ihr nicht glücken. Gleichwohl verzagte ſie nicht. Ein fröhliches Mädchen verzagt nie; ſo bald ſie die Hoffnung verliert, ſo hat auch die Freude 3 bei ihr Reißaus genommen. Da Charlottens letztes Ci⸗ tat aus der Frithjofſage indeß nicht anſchlug, ſo ver⸗ ſtummte ſie einen Augenblick und beſann ſich auf ei⸗ nen neuen Stoff Hermann fuhr fort, mit einem Bleiſtift auf ein Papier zu ſchreiben. Charlotte, die ſich vorgenommen hatte, ihm keine Ruhe zu laſſen, bevor ſie ihn wieder heiter und ruhig ſähe, ſtreckte ſchnell und ſchalkhaft ihre Hand aus und entriß ihm lachend den Papierſtreif. „Was ſchreibſt Du denn? Ich will es ſehen!“ Ohne Widerſtand blickte Hermann auf; aber eine leichte Röthe glitt dabei in ſein Geſicht. Charlotte las: „Was macht Emma jetzt? An was denkt Emma? Von was träumt Emma? Werde ich Emma wieder einmal treffen?“ Und ſo kamen ein Paar Dutzend Fragen, ſämmt⸗ lich von einer Liebe zeugend, die ein wahrhaft kindliches Gemüth beſeelte. Charlottens Lippen verzogen ſich zu einem heiteren Lächeln und ihre Augen ſpielten ſo ſchalkhaft, daß Her⸗ mann ſich ein wenig ärgerte. Nichtsdeſtoweniger ergriff ſie den Bleiſtift und be⸗ gann ebenfalls Zeile um Zeile zu ſchreiben, und erſt als das Papier bis an den Rand vollgekritzelt war, gab ſie es lächelnd Hermann zurück. Er las: „Emma beſchäftigt ſich mit ihrem Brautkleid. Emma denkt an Alfred. Emma lernt die Trauungsformel auswendig. Emma küßt ihren Verlobungsring. Emma iſt wirr im Kopf. Emma hüpft vor Freude. Emma lacht über...“ 4 „lleber wen?“ fragte Hermann, da der Satz nicht ausgeſchrieben war. „Ueber Dich, Bruder Hermann, über Dich.“ „Emma,“ las er weiter,„fühlt ſich geſchmeichelt, 41 Auch dieſer Satz ſchloß mit einem Gedankenſtrich. „Durch was fühlt ſie ſich geſchmeichelt?“ fragte Hermann. „Dadurch, daß es ihr gelungen, Dich in ſie ſo ver⸗ narrt zu machen. Begreifſt Du das nicht? Ach ja, es muß recht angenehm ſein, die Herrn über alle Maßen beſeſſen zu ſehen... der Tauſend, wie luſtig müſſen ſie nicht dreinſchauen...“ Ungeachtet Hermann tief betrübt war, konnte er ſich nicht enthalten, den Mund zu verziehen. Ueber dieſes Lächeln wurde Charlotte ſo entzückt, daß ſie vor Freude in die Hände klatſchte. „Endlich iſt es mir doch gelungen,“ rief ſie aus, „endlich verziehſt Du doch wenigſtens den Mund.“ Hermann mißgönnte zwar ſeiner Schweſter den klei⸗ nen Sieg nicht, den ſie errungen hatte, aber ſo ernſt auch ſeine Gedanken waren, ſo dachte er doch daran, ſich ein wenig zu revanchiren. „Apropos, Hochzeit, ſagſt Du, da kann ich Dir eine Neuigkeit verkünden, die ich dieſer Tage erfuhr.“ „Eine Verlobung! wirklich?“ „Eine Verlobung...“ „Ei wie angenehm... Du weißt alſo eine Ver⸗ lobung... 2“ „Ja, wie Du ſagſt... aber...“ „Aber... was iſt das für ein Aber?“ „Aber ſo was intereſſirt Dich ganz gewiß nicht... Du lachſt ja blos über die Liebe...“ „Gleichviel; ſage mir immerhin wenigſtens, wer die Verlobten ſind. Du begreifſt, daß es für uns Mädchen 5 immer etwas Wichtiges iſt, an ſolche Sachen zu denken. Kenne ich ſie?“ „Die Braut nicht.“. „Aber den Bräutigam? Jetzt, Hermann, ſpannſt Du meine Neugierde gar zu ſtraff... Wer iſt er... ſage mir... ſage mir...“ „Carl Auguſt.“ „Carl Auguſt?“ Charlotte erblaßte. Das Blut drang zu ihrem Herzen zurück und ſie heftete einen ſtarren, erſtaunten Blick auf ihren Bruder. „Mit wem iſt er verlobt?“ fragte ſie.„Mit wem.?“ „Er ſoll mit einem Frauenzimmer verlobt ſein, de⸗ ren Bekanntſchaft er auf einem Carlbergsball gemacht hat; ſie ſei, ſagt man, ein höchſt anziehendes, bezau⸗ berndes Dämchen, eine wahre Blume von Jugend und Schönheit, eine Zauberin, fröhlich, toll, liebenswürdig, gut...“ Aber Charlotte hatte bereits ihre Gedanken über die Nachricht. „Jetzt ſcherzeſt du, Hermann,“ ſagte ſie;„Du willſt blos Deinen Spaß mit mir treiben. Ich weiß ganz ge⸗ nau, daß er nicht verlobt iſt.“ „Du? Wie kannſt Du das wiſſen?“ Charlotte war ihrer Sache ganz ſicher. „Das weiß ich pro primo darum...“ „Darum...“ Charlotte wußte nicht recht, welchen Grund ſie an⸗ geben ſollte. „Darum...“ ſtammelte ſie...„darum... nun wohl... darum weil ich es ihm in den Augen angeſehen habe...“ „Wahrhaftig ein höchſt zuverläſſiger Grund,“ geſtand Hermann zu;„aber pro secundo...“ „Pro secundo darum..“ 6 Aber jetzt wußte Charlotte noch weniger, was ſie anführen ſollte. „Pro secundo,“ wiederholte Hermann. „Darum... ſiehſt Du... darum...“ Charlotte merkte wohl, daß Hermann ſie nur foppen wollte, und ſie hatte keine Luſt, ihm irgend einen An⸗ haltspunkt zu geben. „Darum,“ ſagte ſie daher,„darum...“ Aber weiter kam ſie nicht. Hermann wollte ſie je⸗ doch nicht ſo leicht loslaſſen. „Darum,“ fuhr ſie alſo fort,„darum... darum ... aber Du willſt ja gar keine Raiſon annehmen, be⸗ ſter Hermann... ich habe Dir's ja bereits geſagt... darum weil ich es ihm an den Augen angeſehen habe.“ Hermann lachte über ihre Verlegenheit. „Arme Schweſter,“ ſagte er,„Du biſt, wenn es Dir ſelbſt gilt, nicht ſo erfindſam, als wenn es Andern gilt. Siehſt Du, ich könnte Dir einen weit beſſern Grund angeben.“ „Wirklich!“ „Pro tertio alſo, darum weil...“ „Nun...“ 5 „Weil er dort auf der Landſtraße einher kommt.“ Charlotte ſprang von ihrem Platze auf, während ein hochrother Purpur ſich über ihre Wangen breitete. „Mein Gott,“ ſagte ſie, er kommt wahrhaftig.“ „Nun, nun, Schweſter,“ fiel jedoch Hermann ein, „Du brauchſt Dir gar nicht zu ſehr zu ſchmeicheln, denn ich kann Dir nur ſagen, daß ich ihn erſucht habe, hie⸗ her zu kommen. Du weißt, daß ich von ihm Abſchied nehmen und einen Beſuch auf Edsbro vermeiden will.“ Charlotte war wieder ruhig, und betrachtete Her⸗ mann mit einem ſchalkhaft ſchlauen Blick. „Glaube alſo nicht,“ fügte Hermann hinzu,„daß 7 Carl Auguſt deinetwegen hieher kommt; der Beſuch gilt einzig und allein mir.“ „Willſt Du wiſſen,“ ſagte jedoch Charlotte nach einer kleinen Pauſe, wobei ihre Augen immer mehr zu ſtrahlen anfingen,„willſt Du wiſſen, was ich glaube?“ „Natürlich.“ „So halte Dein Ohr daher und Du ſollſt es er⸗ fahren.“ Hermann kam ihrer Aufforderung nach und Char⸗ lotte ſchlang ihren Arm um ſeinen Hals und flüſterte: „Ich glaube... was ich will.“ Dann ſprang ſie von Hermann weg und in ihr eigenes Zimmer. Hermann konnte nicht umhin, das fröhliche gemüthliche Mädchen herzlich zu lieben, und folgte ihr mit innigſter Theilnahme. Nach einem Angen⸗ blick war ſie wieder zurück und ſah dann ganz ernſthaft aus. „Warum biſt Du mir entſprungen?“ fragte Her⸗ mann.„Was thateſt Du drinnen?“ „Nichts, ganz und gar nichts.“ „Soll ich Dir ſagen, Charlotte, was Du drinnen gethan haſt?“ „Das weißt Du nicht, denn ich habe nichts ge⸗ than.“ Hermann drohte mit dem Finger. „Geſtehe die Wabrheit, Schweſter... Du haſt Dich im Spiegel beſehen...“ „Wie einfältig du ſchwatzeſt. Warum ſollte ich mich jetzt im Spiegel beſehen? Ihr Männer meint immer etwas zu wiſſen und doch wißt ihr nichts. Aber Du haſt mich mit Deiner Bemerkung ganz verwirrt. Es war jedoch etwas, das ich ſagen wollte. Jetzt erinnere ich mich. Du gehſt alſo nicht nach Edsbro?“ „Rein.“ „Du willſt Emma nicht treffen?“ „Nein.“ „Niemals?“ „Nein.“ „Aber ich bin dennoch überzeugt, daß Du, wenn Du unter vier Augen einen recht freundlichen und herz⸗ lichen Abſchied von ihr nehmen könnteſt, es gewiß thäteſt.“ Hermann wandte ſich ab, um ſeine Bewegung zu verhergen, aber Charlotte verſtand ihn ſo wohl und er⸗ griff herzlich ſeine Hand. „Ach Hermann,“ flüſterte ſie,„wenn ich nur Et⸗ was für Dich thun könnte, aber ich vermag nichts.“ In dieſem Augenblick trat Carl Auguſt ins Zimmer und das Geſpräch wurde unterbrochen. Es verging eine Stunde. Hermann richtete ſich zu ſeiner Reiſe und der Schmerz legte warme aufrichtige Worte auf ſeine Lippen. Charlotte hatte ihren Platz am Nähtiſchchen wieder eingenommen und ſaß jetzt ſtill und ernſthaft da, gleich als ob nie wieder ein Lächeln ihr Geſicht beleben könnte. Aber ihr Buſen hob ſich und aus ihrem Gefühl ent⸗ wickelten ſich abwechſelnd rothe und weiße, ſchnell ver⸗ ſchwindende Roſen auf den Wangen. „Ich verſtehe Dich ſo wohl, Hermann,“ ſagte Carl Auguſt,„aber ich kann Dich blos herzlich beklagen. Du weißt, ich fürchte, daß Emma mit Alfred unglücklich werden wird; ich kenne ihn; aber die Sache iſt ſchon zu weit gediehen und läßt ſich jetzt nicht mehr ändern. Im Uebrigen kennſt Du meinen Vater: ſein Handſchlag iſt ſein Leben, ſein Wort iſt ſeine Ehre. Auch meine Mutter wünſcht dieſe Verbindung, und glaubt darin ein — — 9 großes Glück zu erblicken; ich ſelbſt habe wahrlich nicht den Muth, meinen Eltern die Binde von den Augen zu reißen. Möchten die Ereigniſſe dieß allmählig ſo gelind als möglich thun; das iſt mein einziger Wunſch. Wie viel habe ich nicht inzwiſchen während dieſer Zeit gelit⸗ ten! Aber laß uns von etwas anderem ſprechen. Dieſer Gegenſtand ergreift mich gar zu ſehr.“ Um ſeine Gedanken zu verſcheuchen, begab er ſich von Hermann hinweg zu Charlotte. Das hieß jedoch aus der Aſche ins Feuer kommen. Charlotte ſah von der Arbeit auf, als er ſich auf den Stuhl ihr gegenüber ſetzte. „Ach Herr Lieutenant,“ ſagte ſie. Aber ſie ſetzte ihren Satz nicht fort. Trotz all ihrer Scherzhaftigkeit hatte ſie etwas Be⸗ drückendes auf ihrem Herzen. Das Lächeln auf den Lippen erſtirbt, wenn das Gefühl ſpricht. Obſchon ſie ganz närriſch thun konnte, wenn ſie mit Hermann allein war, ſo war ihr dieß doch nicht möglich, wenn Carl Auguſt ſich zugegen fand. In ſeiner Geſellſchaft war ſie verſtimmt, wenn nicht gerade das Geſpräch ſie mit ſich riß. Die Wehmuth kommt immer mit der Liebe, ſie iſt ihr Schatten, wenn man ſo will. Gleichwohl war es nicht blos die erwachende, wenn auch nicht klar verſtan⸗ dene Sympathie für Carl Auguſt, die eine gewiſſe me⸗ lancholiſche Dämmerung über ihr Inneres verbreitete; auch ihre Ergebenheit gegen Hermann trug dazu bei⸗ deſſen Lage ſie weit mehr ſchmerzte als ſie geſtehen wollte. Ohne daß ſie eigentlich viel davon geſehen hatte, begriff ſie wohl, was in ſeinem Innern vorging; und ihr von ihrer eigenen aufkeimenden Liebe durchbohrtes Herz nahm den innigſten Antheil daran. Für Niemand intereſſirt ſich das ſanfte Frauenherz ſo ſehr als für den⸗ jenigen, der in der Liebe nnglücklich iſt. Er darf im⸗ mer auf ihr Wohlwollen rechnen, und bewußt oder unbe⸗ 10 wußt haben die Frauenzimmer ihm ſtets einen Seufzer zu opfern. Als Charlotte ihre Aeußerung gegen Carl Auguſt unterbrach, betrachtete er ſie ſo herzlich, um aus dem Ausdruck ihres Geſichts zu erforſchen, was ſie ſagen wolle. Charlotte fühlte ſich verlegen und erröthete unwill⸗ kührlich; ohne daß ſie ſelbſt daran dachte, heftete ſie dabei einen holden, ahnungsvollen, langen Blick auf ihn. Carl Auguſt fühlte ſich wie magnetifirt. „Sie wollten etwas ſagen, mein Fräulein,“ erin⸗ nerte er. Charlotte hatte es beinahe vergeſſen. Wie oft um⸗ ſchließt nicht ein tiefes und aufrichtiges Gefühl unſere Gedanken und begräbt dieſelben oder vielleicht richtiger, drückt ſie gleichſam zu Tod in ſeinem Schooße! Etwas Aehnliches fand auch bei Emma ſtatt; aber bei Carl Au⸗ guſts Anrede kam ſie wieder zu ſich ſelbſt. Es war nicht ihr Stolz, der wiederkehrte. In die⸗ ſem Augenblick konnte ſie nicht ſtolz ſein. Es war etwas, das ſie blos gut und hingebend machte. „Ja, ja, ich wollte etwas ſagen,“ antwortete ſie; „aber Sie verſtehen mich ja? Ach wie Schade iſt es doch um meinen Bruder! Fortreiſen, wie er, und nie⸗ mals...“ „Niemals? Ich verſtehe Sie, mein Fräulein, nie⸗ mals hoffen zu duͤrfen auf...“ „Und ihr nicht einmal ein Lebewohl ſagen zu dürfen.“ Carl Auguſt erhob ſich heftig. Erſt jetzt ſchien er Hermanns Kummer recht zu verſtehen. „Ach, mein Fräulein,“ ſagte er,„Hermann möchte alſo gern meine Schweſter noch einmal ſehen?“ Charlotte ſchlug ihre Augen nieder. 11 „Mein Gott,“ fuhr Carl Auguſt fort,„er wünſcht .. er wünſcht... aber...“ Er ſchien nicht ganz mit ſich ſelbſt einig zu ſein. „Es würde ihn ſehr hart ankommen, ſie blos in Geſellſchaft mit Andern ſehen zu dürfen.“ Charlotte wagte nicht zu antworten. In ihrem Mädchengefühl lag etwas, was ihr dieß verbot; aber Carl Auguſts Worte drückten vollkommen ihren Gedanken aus, obſchon dieſer Gedanke kaum aus ihren Augen zu blicken wagte. Carl Auguſt hatte indeß bereits ſeinen Entſchluß gefaßt. de ſi hn wohl,“ ſagte er,„Hermann ſoll von ihr Ab⸗ ſchied nehmen dürfen.“ Aber kaum hatte er dieß erklärt, als Charlotte be⸗ reits bereute, daß ſie dieſen Gegenſtand auf die Bahn gebracht hatte. „Nein, nein, Herr Lieutenant, ſo habe ichs nicht gemeint. Ich wollte Ihnen blos eine der Urſachen ſeiner düſtern Gemüthsſtimmung ſagen, ohne Sie jedoch um etwas bitten zu wollen, was vielleicht nicht recht wäre.“ „Nicht recht? Ich weiß nicht. Sie kennen ſich ja von frühſter Kindheit auf. Warum ſollte er ihre Hand nicht drücken dürfen?“ „Aber...“ Charlotte gönnte ihrem Bruder ſo gerne die Freude, Emma noch einmal zu ſehen, und gleichwohl fürchtete ſie das. „Willſt Du meine Schweſter noch einmal treffen?“ fragte Carl Auguſt den Freund. Hermann fuhr zuſammen, warf aber Carl Auguſt einen kalten und ernſten Blick zu. „Willſt Du?“ wiederholte er. „Nein.“ Die Antwort überraſchte Carl Auguſt. 12 „Warum nicht?“ „Weil ich nicht darf.“ „Warum darfſt Du nicht?“ „Weil ſie einem Andern gehört.“ „Warum gehört ſie einem Andern? Liebt ſie ihn?“ „Ich weiß nicht.“ „Warum weißt Du es nicht?“ „Weil ich es nicht glaube.“ „Warum glaubſt Du es nicht?“ „Darum,“ ſtammelte Hermann,„darum... Carl Auguſt folgte ſeinem Gedankengang Wort für Wort, Schritt für Schritt. „Weil,“ fügte Carl Auguſt hinzu,„weil ſie einen Andern liebt.“ Hermann fuhr blos mit der Hand über die Stirn. „Nun wohl,“ fuhr Carl Auguſt fort,„wenn ſie einen Andern liebt und von ihm geliebt wird, was iſt er ihr dann ſchuldig?“ „Daß er ſich entfernt.“ „Das mag ſein, aber iſt er ihr nicht auch auf dem Wege durchs Leben ein aufmunterndes Abſchiedswort, einen theilnehmenden letzten Blick, einen freundſchaftlichen letzten Handſchlag ſchuldig? 2“ Hermann wußte nicht, was er antworten ſollte. „Darf er ſich,“ fuhr Carl Auguſt fort,„ſo kalt ent⸗ fernen, daß ſie nicht weiß, ob er dieß aus Gleichgiltig⸗ keit oder aus Verachtung thut?“ „Verachtung? Mein Gott...“ „Sag' mir, Hermann, willſt Du einen guten Ein⸗ druck bei ihr zurücklaſſen?“ „Ach ja!“ „So vergiß niemals die Rechte des ſchwachen Her⸗ zens gegen die kalte Pflicht in Schutz zu nehmen.“ Hermann ging im Zimmer auf und ab; dann blieb er vor dem Freunde ſtehen. „Willſt Du mir,“ ſagte er,„nur auf ein Paar 741 13 Minuten zu einem Geſpräch unter vier Augen mit Dei⸗ ner Schweſter behilflich ſein?“ „Ich verſpreche es Dir.“ „Wohlan, ich folge Dir.“ Als ſie ſich eine Weile nachher nach Edsbro bega⸗ ben, ſtand Charlotte am Fenſter und blickte hinaus. Mit ihrem weißen Tüchlein winkte ſie ihnen nach. Die Liebe geht gerade auf ihr Ziel zu, und bringt all die Hinderniſſe, die ihr im Wege ſtehen, nicht in Anſchlag. Nachdem ſowohl Abrahamsſons Tod, als auch das Abſcheiden des jungen Schlangengras der Behörde ge⸗ meldet worden, und dieſe alle Maßregeln ergriffen hatte, welche das Ereigniß veranlaſſen konnte, erbot ſich Baron Horner das Begräbniß zu bewerkſtelligen. Horner wollte keine Gelegenheit aus den Händen laſſen, um ſeinen Leuten ſo tief als möglich den Ab⸗ ſcheu vor dem Laſter einzupflanzen, das ſo Manchen zu Fall gebracht. Unläugbar war es auch eine entſetzliche Lection, die jetzt ertheilt wurde. Auf der einen Seite war es ein durch die Völlerei in wilde, ausſchweifende Verbrechen geſtürzter, zu Jah⸗ ren gekommener und ergrauter Sünder, der die ganze Reihenfolge von Geſetzesübertretungen und Strafen durchgemacht hatte; auf der andern war es ein junger Knabe, der in einer geheimen Schenke erzogen wurde und im Begriff ſtand, jeden Augenblick denſelben Weg zu hetreten. Es war der Anfang und das Ende, die Jugend 14 und das Alter deſſelben Laſters, was hier am Rand des Grabes zuſammentraf. Die Zeit der Beerdigung war bekannt worden, und die Neugierde lockte von allen Seiten Menſchen herbei. Düſtere Wolken hatten den ganzen Tag über dem grauen, nebligen Himmel geſchwebt. Der Wind heulte im Wald, und ein pfeifendes Sturmwetter ſchien jeden Augenblick ausbrechen zu wollen. Nichts ſchien jedoch das neugierige Publikum, das zu der ſo ungewöhnlichen Beerdigung dringen wollte, abzuſchrecken. Man hatte für beide Leichen ein gemeinſchaftliches Grab gegraben und ſie bereits hineingelegt. 4 De Kirchhof war vollgedrängt; Kopf ſtand an topf. Das Ungewitter nahm immer mehr überhand. „Aus Erde biſt Du genommen,“ ertönte die Stimme des Prieſters. Der Sturm, der über die Kirchhofweiden wehte, ſchien beinahe die Worte eines Leichenliedes zu ſingen. Der Schnee flog wie eine Wolke vorüber, gefolgt von eiſiger Kälte. Die Leute ſahen ſich erſchrocken um. War das der Prieſter, der durch den Sturm ſprach, oder der Sturm, der durch den Prieſter ſprach? „Und zur Erde ſollſt Du wieder werden.“ Die Worte klangen ſo mächtig. Sie drangen ſo tief durch jede Bruſt. Der Sturm zitterte, wie wenn die Melodie in einer Orgel von einem Ton in einen andern übergeht, wie wenn der Orkan ſeine Schwingen ſchüttelt, während eine Wolke an der andern vorbeijagt. Ein Schneegeſtöber erhob ſich ein Stück vom Kirch⸗ hof hinweg und nahm augenblicklich rieſige Verhält⸗ niſſe an. „Und am jüngſten Tag.. 1⁵ Die Worte des Geiſtlichen wurden nicht mehr ge⸗ hört. Heulend raſte der Sturm und der Schneewirbel hüllte die Anweſenden in undurchdringliches Dunkel ein. Aber dieß währte blos einige wenige Minuten, her⸗ nach wurde es wieder ruhiger und ſtiller. Jetzt erhob der Prieſter ſeine Stimme, und indem er ſich dem Eindruck des Augenblicks überließ, entwarf er eine entſetzliche, aber wahre Schilderung von dem Le⸗ benswandel der zwei Abgeſchiedenen. Mit düſtern, ab⸗ ſchreckenden Farben beſchrieb er die entſetzlichen Folgen des Laſters der Völlerei, er ſtrafte, er belehrte, er warnte, er bat. 8 Das Unwetter dauerte indeß fort, aber nicht mehr mit der gewaltſamen Wuth wie vorher. Die Verſammlung lauſchte den Worten des Red⸗ ners, hingeriſſen von den Gefühlen, welche ihn leiteten. Als er endlich das Gebet verlas, da entblößte die zahlreiche Verſammlung ihre Häupter, und die blaſſen Geſichter, die zum Himmel erhobenen Augen bezeugten den Eindruck, den er auf ſie machte. Von der Kirche hinweg begab ſich Baron Horner ſogleich nach Haus. Um ſeine Fahrt zu beſchleunigen, nahm er einen Nebenweg am Krähenneſt vorbei; aber als er auf die Nebenſtraße kam, war dieſe beinab gänzlich durch das Geſtöber unbrauchbar gemacht, ſo daß er es unmöglich fand, ohne Hilfe weiter zu kommen. Der Zufall hatte ihn indeß bis zu der geheimen Schenke geführt. Der Baron ſah ſich gezwungen, aus dem Schlitten zu ſteigen und in die Stube zu treten. Da er in der Gegend gut bekannt war, ſo wußte er nur zu wohl, was für einen Ort er jetzt beſuchte. Eine aufregende und garſtige Scene ſiel ihm auch gleich beim Eintritt in die Augen. Jan Erik und ſeine Frau, Jans Maja, wie man 16 ſie zu nennen pflegte, waren nämlich eben beſchäftigt, aus Leibeskräften auf einander loszuſchlagen. Maja hatte Jan Erik ſo geſchlagen, daß ihm das Blut über die Wangen lief, und Jan Erik hatte ſie dermaßen durchgeprügelt, daß ſie grün und gelb aus⸗ ah. 3„Ich will es,“ ſchrie Jan Erik. „Ich will es nicht,“ antwortete Maja. „Aber die Gäſte verlangen einen ſolchen Trank, den nur Du bereiten kannſt— Du Höllenhexe!“ „Ich mache ihn nicht!“ „Du mußt!“ „Nein, nein!“ „Aber ich befehle Dir... hörſt Du, ſie rufen ſchon drinnen.“ „Sie mögen ſich zu Tod rufen, ſo werde ich doch immer noch ſchreien, nein, nein, nein! Ein ſolcher Trank — aus Porter, Arac und Fenchel— war es, den ich dem Gerichtsbauern und Johansſon gab, worauf ſie mei⸗ nen lieben Goldjungen, den armen Schlangengras todt ſchlugen, und ich kann es nicht übers Herz bringen zu ſehen, daß noch Andre ſich auch todt ſchlagen. Jan Erik raste; Maja gleichfalls. Der erſtere fluchte, die letztere ſchrie, während ſie einander gegen⸗ ſeitig angriffen und ſich vertheidigten, je nach den Um⸗ ſtänden. Baron Horner gedachte ſich ſogleich zu entfernen, aber er wurde durch einige heftige Rufe zurückgehalten, die aus dem innern Zimmer kamen, deſſen Thüre offen and. ü„Schlag das Satanswe ib zu Boden, Jan Erik,“ rief eine Stimme von innen, ‚da ſie uns den Trank ver⸗ weigert, den wir verlangen. Reiß der Hexe die Au⸗ gen aus dem Kopf. Bedarfſt Du Hilfe, ſo ſteh ich zu Dienſten.“. Horner glaubte die Stimme Alfreds zu erkennen. 89 17 Aber Horner konnte ſeinen eigenen Ohren nicht trauen. „Schlag drauf, ſchlag drauf!“ riefen die Aufhetzer, „ſchlag drauf, ſchlag drauf!“. Damit ſich kein unangenehmer Argwohn in ſeiner Seele feſtſetzen könne und um ſich mit Sicherheit zu überzeugen, daß er ſich wirklich nicht täuſche, dachte Horner einen Augenblick daran, geradewegs bineinzu⸗ gehen und zu ſehen, wer der Hauptſchreier wäre. Aber er bewegte ſich gleichwohl nicht vom Platz, weil er in dieſem Augenblick ſich ſelbſt Vorwürfe machte und ſein Mißtrauen als eine unwürdige Eingebung be⸗ trachtete. Horner hatte inzwiſchen ſeit vielen Jahren kein ſo unbehagliches Gefühl empfunden, wie in dieſem Au⸗ genblick. Es war ein Gefühl des Kummers und Ab⸗ ſcheus zugleich über das menſchliche Elend. Kummer er⸗ füllte ſein Herz, Abſcheu ſein Gemüth, und er wurde von dem Centnergewicht beider zur Erde gedrückt. Seine Seele füllte ſich mit Grimm über das Laſter, ſeine Ge⸗ danken mit Schrecken über den Leichtſinn, und vereinigt wurden ſie in einer Qual, welche alle die ſchönen Be⸗ griffe, die er ſich von einer edeln Menſchheit gemacht hatte, zerſtört. Noch flog ſein Blick fragend, voll Entſetzen und namenloſem Schmerz über die Scene, die ſich ihm dar⸗ bot; aber im nächſten Augenblick wandte er ſich mit einer heftigen Bewegung um und entfernte ſich eilig. Hinausgekommen warf er ſich in ſeinen Schlitten und befahl dem Kutſcher zuzufahren. „Sollten wir nicht lieber warten, bis man Bahn ge⸗ ſchleift hat?“ fragte dieſer. „Fahr zu,“ antwortete Horner,„es mag gehen, wie es will! Fahr zu!“ Für ihn gab es kein Schneegeſtöber, keinen Wir⸗ Ridderſtad. Vater und Sohn. III. 2 18 belwind, keinen Sturm mehr. Nur die empörende Scene ſtand vor ſeinen Augen und eine Thräne entglitt ihnen ..aber ſie fiel nicht hinab... ſie gefror zu einer Eisperle auf der Wange. Wir wiſſen, daß die Baronin Horner Emmas Nei⸗ gung zu Hermann entdeckt hatte, und daß ſie mit ihm darüber zu ſprechen wünſchte; aber als ſie deßhalb ſeine Mutter beſuchte und auch ihn wirklich traf, erhoben ſich ſo viele unerwartete kleine Hinderniſſe, daß dieſe Beſpre⸗ chung nicht ſtattfinden konnte. Um jedoch Horner nicht zu beunruhigen, hatte ſie das Geheimniß nicht entdecken wollen. So ſehr Baron Horner ſelbſt ſeinen Argwohn gegen Alfred mißbilligte, ſo wollte dieſer doch nicht ganz wei⸗ chen; inzwiſchen verſchloß er auch dieſen Verdacht in ſei⸗ ner Bruſt. Emma hatte ſich inzwiſchen Sophie anvertraut. Sie beſaß allerdings zwei Freunde, an die ſie ſich offen wen⸗ den konnte, da außer Sophie jetzt auch Carl Auguſt all ihre Bekümmerniſſe kannte; aber es wird einem Frauen⸗ zimmer immer leichter, alle Sorgen ihrer Seele gegen ein anderes Frauenzimmer auszugießen, als gegen einen Mann. Sophie hatte auch herzlich und theilnehmend der Freundin mit Rath und Troſt beigeſtanden, und ſie hatte dieß um ſo beſſer zu thun vermocht, als ſie ſelbſt bereits ſo mancherlei Prüfungen durchgemacht und, wie man ſich wohl vorſtellen kann, bis zu einem gewiſſen Grad juſt ſolche Verhältniſſe erlebt hatte, die vielleicht in zoch ſchwererem Maaße die arme Emma erwarteten. in 19 Wenn Emma auch bei der einen und andern Gele⸗ genheit ſchwach ſchien, ſo war ſie es dennoch nicht. Ihre ſcheinbare Schwäche kam von nichts anderem als von der Unbekanntſchaft mit dem Weſen der Liebe, einer Unbe⸗ kanntſchaft jedoch, die für ſie wie für jedes Mädchen juſt den ſchönſten Schmuck ihrer Jungfräulichkeit ausmachte. Da es an jüngeren Nebenbuhlern ganz fehlte, ſo hatte Alfred ſich allein in ihrer Aufmerkſamkeit feſtgeſetzt. Im Beſitz einer ſchönen Figur und bei der leidenſchaftlichen Sprache, die er führte, wußte er bei ihr die Liebe in ihrer flammenden Geſtalt hervorzurufen. Ohne dieß ſelbſt zu bedenken, wurde ſie von ihm hingeriſſen wie von einem brennenden Wirbelwind und ihre Adern ſchwol⸗ len von einer vorher unbekannten Gluth; ihr Herz wurde von Neigungen erfaßt, die ihr bisher ganz fremd, ja ſo⸗ gar dem Namen nach unbekannt geweſen. Auch dieß iſt Liebe, aber dieß iſt die Liebe im Sinne einer Bachan⸗ tin, und das junge Herz bebte in einer fortwährenden unerſchütterlichen Selbſttäuſchung bis zu dem Augenblick, wo Hermann kam. Von dieſem Augenblick an ſah ſie die Gegenſtände klarer. Aber der Schleier fiel gleichwohl nicht auf einmal. Zwar leuchteten viele neue Gedanken in ihrer Seele auf bei Hermanns erſtem Auftreten, aber es wurde da⸗ rin doch nicht völlig Tag, bis er zurückkam und die Ver⸗ kündigung bereits vor ſich gegangen war. Auf einmal empfand ſie jetzt den ganzen Schmerz ihrer Lage. In welcher Beziehung war ſie ſchwach 2 Nur darin, daß ſie einer Neigung, die ihren Pflichten widerſtritt, auf einen Augenblick Gehör ſchenkte; aber dieſe Pflichten waren ja noch ſo neu... verſtand ſie dieſelben wohl in ihrer ganzen Bedeutung? Gleichviel, ihre Schwachheit für Hermann wurde von ihrem Herzen vertheidigt und der unwiderſtehliche Zug des Gefühls brachte alle Vernunftgründe zum Schweigen. Wir haben die Kämpfe geſehen, die ſie mit ſich 20 ſelbſt hatte, nicht blos als Alfreds blinde Leidenſchaft ſeiner unbändigen Sinnlichkeit die Krone aufſetzte und er durch ein dämoniſches Spiel mit ihrer Furcht ihre Einwilligung zu einer geheimen Zuſammenkunft erzwang; wir haben... wenn auch nur durch ein dunkles Seh⸗ rohr... geſehen, wie ſie mit ſich ſelbſt kämpfte von dem Augenblick an, wo die Neigung für Hermann im⸗ mer mehr überhand nahm, und wie ſie in einem unbe⸗ wachten Moment den Zuſtand ihres Herzens vor ihm entblößte. Hätten die Ereigniſſe ſich langſamer entwickelt, ſo würde ihr Leben ein anderes Ausſehen gewonnen haben; aber ſie kamen, eines um das andere ſo ſchnell über ſie, daß ſie von ihnen fortgeriſſen wurde, ehe ſie Gelegenheit hatte ſich recht zu bedenken. Aber Sophie, welche ſie früher ermahnt hatte, jede Verbindung mit Alfred abzubrechen, rief ſie jetzt wieder zu ſich ſelbſt zurück. „Du mußt Dich aus Deinen Phantaſieen heraus⸗ reißen,“ ſagte ſie,„Du darfſt nichtohnmächtig einem Ge⸗ fühle nachgeben, das Deinen Pflichten widerſtreitet; Du mußt es bekämpfen und Dein gutes reines Herz wird Dich ſiegreich aus dem Kampf führen. Da Deine Ver⸗ heirathung ſich jetzt nicht mehr rückgängig machen läßt, ſo mußt Du Dich mit ganzer Seele darein ergeben und fremden Gedanken, welche die Gefahr nicht beſchwören, ſondern nur noch vergrößern, keinen Raum geſtatten. Du fürchteſt Alfreds Charakter— warum fürchteſt Du ihn? Mit Furcht kannſt Du ihn nicht bezwingen und leiten, dazu iſt Liebe nöthig. Die Liebe iſt in den Schwachen mächtig; wie oft hat ſie nicht im Familienleben die ſtreit⸗ ſüchtigſten Gemüther verſöhnt, Widerwärtigkeiten beſei⸗ tigt und ſelbſt aus dem rauhen Granitblock ein herrlich ſchönes Götterbild auf Hymens Altar geſtaltet! Ver⸗ liere nur den Muth nicht, Emma! Weihe Dich durch feſte Entſchlüſſe, durch Gebet und Andacht, dadurch daß 21 Du ſelbſt immer reiner und reiner wirſt, zu Deinem Be⸗ rufe ein; betrachte Deine Liebe als ein Miſſionsamt, Deine Ehe als den heiligen Weg, auf welchem Du Deine Miſſion ausführen mußt. Mit Gott im Herzen wirſt Du Dich ſtark fühlen, alle böſe Neigungen Deines Mannes zu bekämpfen; und wie herrlich, wie ſchön, wie ermunternd, wie belebend für ein Weib iſt nicht das Ziel juſt den Mann zu beſſern, mit dem ſie auf Leben und Tod verbunden iſt! Bedenke das Wonnegefühl, welches jeder Erfolg Dir ſchenken wird. Bei jeder guten Regung, die in ihm geweckt wird, wird er Dir immer lieber wer⸗ den, und wenn Du einmal ſagen kannſt, er iſt gerettet, ich habe ihn gerettet, glaube mir, Emma, daß er Dir in dieſem Augenblick auch unſäglich theuer ſein wird, theurer, als wenn Du gar nicht für ihn zu kämpfen ge⸗ habt hätteſt, denn ſiehſt Du, ſo wie er dann vor Dir ſteht, iſt er ein Werk Deines Herzens, Deiner Zärtlich⸗ keit, Deiner Liebe. Ach Emma, zweifle nie an der Macht eines zärtlichen und guten Frauenherzeus, ſeine Macht iſt unendlich wie die Liebe ſelbſt. In Deiner Che erblicke ich einen höheren Auftrag der Vorſehung, und ich kenne Dein ſanftes, gutes, freundliches Herz zu gut, um auch nur einen einzigen Augenblick an ſeiner Kraft zu verzweifeln, wenn die Sache einmal vollkom⸗ men abgemacht iſt.“ Emma hatte aufangs mit geſenktem Haupte So⸗ phiens Worten gelauſcht: aber als die Freundin ihre Gedanken ſo klar entwickelte, da hob und klärte ſich auch ihre Stirn. „Du kennſt,“ fuhr Sophie fort,„mein Leben und wunderſt Dich vielleicht über meine Bemerkungen. Siehſt Du, Emma, auch ich verſuchte ſo zu handeln wie ich jetzt ſpreche. Man ſtreitet über die Stellung des Weibes, aber ich glaube, daß ihr vornehmſter und ſchwerſter Beruf der iſt, den Mann mit ſich ſelbſt zu verſöhnen, ſeine von weltlichen Angelegenheiten geweckten Leidenſchaften zu mildern, mit der Macht der Liebe und Zärtlichkeit ihn von den gröbern, materiellen Neigungen abzubringen, die bei ihm ſo oft durch äußere, beſtändig auf ſeine Sinne wirkende Umſtände hervorgerufen wer⸗ den, und ihn auf die Bahn des Guten, Edeln, Schö⸗ nen, d. h. des Reinſten und allein ſchönen Menſchlichen zu lenken. Die Welt gehört dem Mann, aber ſind wir nur recht demüthig in unſerer Seele, ſo gehört ſie durch ihn auch uns. Reize ihn zu Hauſe, ſondre ihn ab von dem ſanften Einfluß der Liebe, ſo wird er fortgehen und darnach handeln; mache ihn dagegen glücklich, froh, vergnügt, wecke Liebe, Vertrauen, Achtung, ſo wird er in ſeinen Handlungen auch von dieſen Gefühlen belebt werden. Je mehr es uns gelingt, mit unſerer Güte die böſen Mächte zu bekämpfen, die ſo gern bei dem ſtarken, heftigen, unruhigen, in die Weltereigniſſe eingreifenden Mann wuchern, um ſo mehr bekämpfen wir ſie auch in der Welt. Ach Emma, wie ſuchte ich nicht auf Brun zu wirken! Aber entweder vermochte ich nicht zu ſeinem Herzen zu dringen, oder auch war es zu ſchwach, um einen Eindruck feſtzuhalten. Mit Alfred iſt es etwas Au⸗ deres. Er iſt wild, heftig und leidenſchaftlich; unbedacht⸗ ſam braust er dahin, ohne etwas zu überlegen; er gibt ſich blind ſeiner Leidenſchaft hin und verlangt dieſelbe ſo⸗ gleich erwiedert und befriedigt zu ſehen; er iſt hart und kalt, ich glaube ſogar berechnend, aber bei alledem fin⸗ det ſich dennoch ein gewiſſer Charakter, eine Art von Kraft, eine gewiſſe, wenn auch wilde Entſchloſſenheit, und ich bin überzeugt, daß wenn die Liebe ihn recht ſanft und rein umfängt, ſo wird ſie früher oder ſpäter auch in ſein Herz eindringen und der Schlange den Kopf zertreten. Deine Miſſion iſt groß; jedes Weib, das einem ſchwachen Mann zur Seite geſtellt wird, hat eine ſolche Miſſion. Aber das Herz, dieſer Grundtext zu dem Bibelwort, wird Dir Kraft verleihen. Vielleicht daß Du manchmal in Zweifel kommſt; aber, athme und 23 gewinne neuen Muth. Das Gute muß im Stande ſein, das Böſe anders zu machen, das Milde muß das Starke leiten, das Reine muß das Unreine beſiegen. Sei gut, ſei mild und rein, und Deine Liebe wird nicht vergebens au die Thüre ſeines Herzens klopfen. Aber deßhalb mußt Du Dir auch alle andern Gedanken aus dem Kopf ſchlagen, mußt Dich gänzlich einem einzigen Gefühl hin⸗ geben und Dich durch Reſignation zu der Arbeit vorbe⸗ reiten, die Dir bevorſteht. Gute Emma, weißt Du, was es für ein Unterſchied iſt zwiſchen einem Herrn und einem Frauenzimmer?“ „Nein, Sophie, nein...“ 1 „Ein Mann kann verzagen, ein Weib niemals. Bei ihr ſtirbt die Hoffnung nicht eher als mit ihr ſelbſt. Aber es gibt auch noch einen andern Unterſchied.“ „Laß hören.“ „Ich habe geſagt, daß die Welt dem Manne ge⸗ hört.“ „Ja, das haſt Du geſagt.“ „Und ich will hinzufügen, daß der Mann die Welt des Weibes iſt. Um ihres eigenen Glücks willen muß ſie dieſen Unterſchied verſtehen lernen.“ Dieſe Anſichten, welche Sophie bei mehreren Gele⸗ genheiten äußerte, wurden von Emma mit der ganzen Lebhaftigkeit eines jungen Mädchens aufgefaßt. Die Frauenzimmer vermählen ſich aus allerlei Gründen, einige aus Liebe, andere aus Verlangen nach Selbſtſtändigkeit; einige aus Bedürfniß, andere aus Verzweiflung. Zu allem iſt Muth erforderlich. So ſprach auch Sophie und ſo kehrte endlich Emmas Muth zurück, und bei ihrer Jugend war es nicht ſo leicht zu ſagen, durch welche der hier angedeuteten Urſachen ſie ſich mit dem Gedanken an ihre bevorſtehende Vermählung verſöhnte, wenn man nicht etwas von ihnen allen in die Wagſchale legen und annehmen dürfte, daß ſie ſich blos darum ergebungsvoll ihrem Schickſal unterwarf, weil ſie aus vollem Herzen 24 wußte, daß ſie Weib war, und weil ſie den Entſchluß gefaßt hatte, ihre Pflicht als ſolches wirklich zu erfüllen. Ruhe und Frieden kehrten daher immer mehr in ihre Seele zurück, aber es war eine Ruhe ohne Lächeln, eine Ruhe voll von Ernſt und Wehmuth. Bei einem Geſpräch über allerlei unbedeutende Ge⸗ genſtände erwähnte Horner am Tag vor der Hochzeit, daß Hermann die Abſicht habe, ſich auf ſeine Station in Gothenburg zurückzubegeben. Hermanns Name machte einen unbeſchreiblichen Ein⸗ druck auf Emma. Das Blut drang mit gewaltſamer Heftigkeit nach ihrem Kopf und auf einmal dunkelte es vor ihren Au⸗ gen. Ihre Füße wankten unter ihr. Aber in demſel⸗ ben Augenblick ſank das Blut wieder und ſie ſtand blaß und verwirrt da, jede Minute bereit, zu Boden zu ſinken. Der Baron und die Baronin, wie auch Sophie, eilten alle zugleich ihr zu Hülfe. Horner erinnerte ſich jetzt an etwas, das ihm bis⸗ her gänzlich aus dem Gedächtniß verſchwunden war, nämlich daß er ſchon vorher hie und da eine erwachende Neigung zwiſchen Hermann und Emma zu bemerken ge⸗ glaubt hatte. Jetzt trat dieſe Erſcheinung mit Macht hervor und er ahnte ihre Gefühle. Weder die Baronin noch Horner ließen es inzwi⸗ ſchen an freundſchaftlichen und tröſtenden Ermahnungen fehlen, ohne jedoch den empfindlichen Punkt geradezu zu berühren. „ Muth, mein Kind, flüſterte die Mutter,„Muth!“ „Bedenke, daß Du meine Tochter biſt,“ ſagte der Vater,„und Du mußt Deiner Zukunft ruhig und wür⸗ dig entgegen gehen.“ Als die Eltern ſie zuletzt verließen, ſank ſie an So⸗ phiens Bruſt, und bittere Thränen ſtürzten aus ihren Augen. 2⁵ Sophie ſchien den Schlüſſel zu Emmas Herz voll⸗ ſtändig in ihrer Hand zu haben. Mit den milden Worten der Liebe und Freundſchaft ging ſie auf alle Bekümmerniſſe deſſelben ein, erforſchte ſeine geheimſten Gefühle, beruhigte und ſtärkte es, brei⸗ tete Licht und Freude darüber. Emma athmete wieder leichter, und indem ſie dank⸗ bar die Hand der Freundin drückte, begab ſie ſich auf ihr Stübchen, um in ſtiller Einſamkeit den letzten Tag zu genießen, wo ſie noch ſich ſelbſt gehörte. Man zeichnet das Weib ſo gern von Liebe belebt, von einer warmen Neigung hingeriſſen, tief ergriffen von einem glühenden oder brenuenden Gefühl. Aber iſt ſie nicht noch ſchöner, wenn eine edle Pflicht ſie belebt? Die Liebe regt die Wogen des Buſens anf, ſie ſchmückt die Wangen mit zierlich wechſelnden Roſen und befeuert den Blick; das Pflichtgefühl hingegen legt ſeine milde Hand ſo kühlend und beſchwichtigend auf die un⸗ ruhige Bruſt, und ihre Wogen beruhigen ſich, und wenn auch der Blick etwas von ſeiner feurigen Lebhaftigkeit verliert, ſo wird er doch klarer und reiner. Emma hatte ſich in eine Sophaecke geſetzt und ihre Gedanken ſchweiften umher. Zwar war es ihr, als ſpie⸗ len noch einmal lebendige und lächelnde Cupidos um ſie her; aber bald fielen die Köcher von ihren Schultern und ſie hielten mitten in ihrem ſpielenden Tanze ein, in ſanfte, holde Engel verwandelt, die ſich ſo freundlich näherten und mit weißen Schwingen Bekümmerniſſe und OQualen wegfächelten. Jedes Mädchen muß einmal in ihrem Leben einen Kampf in ihrem Herzen durchmachen. Während dieſes Kampfs iſt ſie nicht immer ihrer ſelbſt mächtig, aber Wohl derjenigen, die ſiegreich daraus hervorgeht! 26 Selbſt ihre Liebe iſt nicht ſo ſchön, daß nicht ihr Sieg noch ſchöner wäre. Emma dachte wohl nicht daran, daß ſie eine Nei⸗ gung beſiegt hatte, aber ſie fühlte ſich dennoch ſo glück⸗ lich in der Ruhe, die ſie wieder gewonnen. Wie ganz anders, meinte ſie, würde nicht Alfred unter ihrer Leitung werden! Sie würde... ach mein Gott... was würde ſie nicht? Sie würde ihn erzie⸗ hen, würde die Milde ihres Herzens in das ſeinige gießen, ſie würde ihn umſchaffen. Ihre Miſſionsarbeit hatte in ihren Gedanken bereits begonnen, und ſie däuchte ſich ſogar ſchon an dem Ziel und bei dem Augen⸗ blick angelangt, wo ſie in ihm ihr eigenes Werk lieben könnte. Wie glücklich, wie ſchön, wie liebenswürdig machten ſie nicht dieſe Gedanken! Das Auge ſpiegelte ſie ſo friedlich zurück und die Bruſt hob ſich leicht bei dem Ge⸗ fühl der Befriedigung, das ſie erfaßte. Sie hatte ein Ziel für ihre Vorſorge und Wirkſam⸗ keit erhalten, ein Ziel, das ihr Gelegenheit geben mußte, ihren vollen weiblichen Werth zu entwickeln. Bei all ihrer Unbedeutſamkeit und Schwäche meinte ſie jetzt etwas zu bedeuten. Sie war jetzt nicht mehr blos ein Gefühl, ein Seufzer, eine Neigung, ein bloßes an und für ſich ſelbſt, ſondern ſie liebte jetzt auch für etwas Anderes. Es kam ihr vor, als hätte ihr Leben eine höhere Bedeutung, eine ſchönere Beſtimmung er⸗ halten. Die Demuth hat auch ihren Stolz, die Reſtgnation ihre Zuverſicht, der Kummer ſeine Hoffnung. Das Unglück zermalmt nicht immer. Die recht gu⸗ ten Menſcheu werden dadurch geprüft und veredelt; ſie werden nichtwie Niobe in Steine verwandelt, deren Thrä⸗ nen ewig fließen, ſondern ſie ſchmücken vielmehr wie Daphne ihren Kummer juſt im Augenblick der Verwand⸗ lung mit einem Lorbeerkranz. 27 Für die Guten gehen die Sterne auf, wenn die Sonne untergeht; für die Kalten und die Verbrecher iſt es blos Nacht. Leiſe öffnete ſich die Thüre zu ihrem Zimmer, und Carl Auguſt trat ein. Geföolgt von Hermann war er ſo eben nach Hauſe gekommen. Hermann folgte ihm auch dicht auf der Ferſe. Bei der kaum hörbaren Bewegung der Thüre wandte ſich Emma um und bemerkte Hermann beinah zu gleicher Zeit wie ihren Bruder. „Kommen Sie herein,“ bat ſie mit beinah flü⸗ ſternder Stimme,„kommen Sie herein!“ Hermann war tief erſchüttert. Es war ja auch das letztemal, daß er ſie ſehen ſollte. Es war die Stunde des Abſchieds. Sein Blick umgab ſie mit dem Glanz eines war⸗ men Herzens, und er ſah nichts anderes als ſie. Haſtig eilte er vor: er wollte ihre Hand ergreifen, ſie an ſeine Bruſt drücken und ſich vielleicht ebenſo ſchnell wieder entfernen. Aber Emma begegnete ihm mit ſo viel Unſchuld in ihrem Auge, mit ſolcher Ruhe in ihrem Geſicht und ſol⸗ chem Frieden in ihrem ganzen Weſen, daß er ſich plötz⸗ lich durch die wunderbare Milde, welche ſie umgab, zu⸗ rückgehalten fühlte. „Warum treten Sie nicht herein, Hermann?“ ſagte ſie,„und auch Du Carl Auguſt... kommt herein und ſetzt Euch Iſt es wahr, Hermann, daß Sie uns wie⸗ der zu verloſſen gedenken?“ „Ich beabſichtige das... ja, ach ja.. 4 Hermanns Heftigkeit hatte ſich bereits gelegt. Emmas Stimme war ſo friedvoll, ſo rein, hatte aber keinen Ausdruck der Liebe. Man höͤrte ihr ſo wohl an, daß ihr Herz jetzt ganz anders geſtimmt war, als das letzte⸗ mal, wo er fie geſehen. 28 „Ach Hermann,“ ſagte ſie,„ich habe Sie um et⸗ was zu bitten.“ „Sie mein Fräulein, Sie?“ „Ich bin kindiſch, ſchwach, unvorſichtig geweſen; Sie haben Grund unzufrieden mit mir zu ſein, mich zu tadeln.“ „Wie? ich verſtehe Sie nicht.“ Hermann verſtand jedoch Emmas Worte und ihre Art ſich auszudrücken ganz gut. Er erblaßte. All ſeine glühenden Wahnbilder ſtürzten über den Haufen. War alſo alles Schöne, was er erträumt hatte, blos ein Traum geweſen?“ „Vergeſſen Sie, Hermann, was zwiſchen uns vor⸗ gefallen. Ich ſchäme mich deſſen beinah. Aber ich ver⸗ ſtand ſelbſt mein Herz nicht, und von meinen Pflichten hatte ich blos einen unklaren Begriff. Haben Sie jeden⸗ falls keine böſen Gedanken von mir. Es würde mir ſo unendlich weh thun, wenn ich glauben könnte, daß Sie übel von mir dächten.“ Hermann erhob ſich. „Mein Fräulein,“ fuhr er jetzt fort,„ich wollte nicht aus der Gegend reiſen, ohne Ihnen zuvor Lebewohl geſagt zu haben.“ Emma lauſchte aufmerkſam jedem ſeiner Worte. „Wir ſcheiden alſo als Freunde,“ bemerkte ſie,„als gute Freunde.“ „Als Freunde, mein Fräulein, und jetzt leben Sie wohl...“ „Wirklich? Wollen Sie ſich ſo ſchnell entfernen? Setzen Sie ſich doch noch ein Weilchen... ich bitte . ſetzen Sie ſich...“ Hermanns Pulſe klopften unruhig. Die Angſt hob ſeine Bruſt; aber ſein Aeußeres blieb eiskalt. Er ſetzte ſich inzwiſchen nieder Aber beinahe in demſelben Augenblick hörte man 29 in dem Gang außen Tritte, die auf Emmas Zimmer zu⸗ kamen. Carl Auguſt lauſchte. „Still!“ flüſterte er. Es ſind unſere Eltern, die kommen,“ bemerkte Emma.„Ich erkenne ſie an ihrem Gang.“ „Vater und Mutter. Ja, ja!“ Carl Auguſt und Hermann ſprangen auf einmal von ihren Plätzen auf, einen unruhigen Blick mit einander wechſelnd. „Was ſollen wir thun?“ ſagte Carl Auguſt. „Thun?“ fragte Emma.„Ich verſtehe Dich nicht.“ „Sie treffen uns hier.“ „Nun ja!“ Emma betrachtete Carl Auguſt mit verwunderten Blicken. In dieſem Augenblick ging die Thüre auf und Hor⸗ ner und die Baronin traten ein. Als ſie Hermann im Zimmer bemerkten, blieben ſie mit nicht geringer Beſtür⸗ zung in ihren Geſichtern ſtehen. Aber ohne irgend eine Veränderung, ruhig und ernſt, ging Emma ihnen entgegen. „Ach Mutter,“ ſagte ſie,„wie fröhlich und glück⸗ lich bin ich! „Wie? Was? Glücklich?“ Hermann iſt doch nicht abgereist, ohne mir Lebe⸗ wohl zu ſagen. Das war recht artig von ihm.“ In Emmas ganzem Weſen lag etwas ſo unerklär⸗ lich Mildes und Gutes, Reſignirtes und Ruhiges. Von ganz eigenthümlichen Gefühlen erfaßt, betrach⸗ teten die vier Anweſenden einander. Es kam zu keiner Erklärung. Emma zog die ganze Aufmerkſamkeit Aller auf ſich. Beinah in einen tränmenden Zuſtand verſetzt, ſchien ſie gänzlich von einem einzigen Gedanken einge⸗ nommen zu ſein. Nicht ohne Bekümmerniß ergriff die Baronin ihre Hand „Wie ſteht es mit Dir, Emma?“ fragte ſie.„Du ſiehſt ſo ſonderbar aus.“ „Findeſt Du das, Mutter? Ich weiß nicht. Sollte ich ſonderbar ausſehen? Mir iſt ſo wohl, Mutter, ja vollkommen wohl. Warum ſollte ich nicht wohlgemuth ſein? Morgen iſt ja meine Hochzeit, Mutter. Ich denke mit Freude daran. Alfred...“ „Was willſt Du von Alfred ſagen?“ „Oh, nichts, Mutter; ich dachte blos an ihn.“ Emmas Worte ſchmerzten Hermann ſo tief, und es wurde ihm unmöglich, länger zu bleiben. Aufgeregt und verſtimmt, kaum wiſſend was er that, gab er Carl Auguſt einen Wink, und beide entfernten ſich ſchweigend. Es gibt eine Periode im Leben des Weibes, wo die Welt voll von Selbſttäuſchungen vor ihr ſteht und ſie ſelbſt blos eine Selbſttäuſchung iſt. Die Erfahrung hat ihr noch keinen Maßſtab gegeben, nach welchem ſie die Erſcheinungen beobachten kann; nur mit ihrem Ge⸗ fühl ſucht ſie ſchen und bebend ihre Wege zu ſinden. Kindliche Unſchuld ruht noch auf ihrer Seele, und ſie betrachtet die Zukunft blos als einen erſehnten Freund, betrübt ſich blos darüber, daß ſie ſo lang auf ſich war⸗ ten läßt. Selbſt der Kummer ſchlägt dann keine tiefere Wur⸗ zeln als die Blume, und ſie pflegt ihn ſogar mit größe⸗ rer Sorgſamkeit, weil ſeine Roſen ſchön duften für das junge, ſchwärmeriſche Gemüth. ten 31 Trotz all den Dingen, die ſie ſchon durchgemacht hatte, lebte auch Emma noch immer im ſchönen Früh⸗ ling der Selbſttäuſchung. War ſie unbedachtſam? Sie wußte wenigſtens ſelbſt nichts davon. War ſie ſchwach? Sie dachte nicht daran. Was war ſie? Sie war eine Jungfrau, die von ihrem Herzen geleitet wurde, ohne Kenntniß von all den garſtigen Seiten der Welt, von ihren Schwachheiten und Verläumdungen. Mit tauſend Hoffnungen und holden Jugendträumen ſpielte ſie noch am Strand ihrer Zukunft und betrachtete die Wogen in der Ferne blos durch ein roſenfarbiges Phantaſieglas. 3 Die Nacht verging, der Morgen brach an, die Sonne erhob ſich ſtrahlend und klar. Der Himmel brei⸗ tete ſich ſo rein aus und die Erde glänzte ſo ſchnee⸗ weiß. Es war ihr Hochzeitstag. Sie batte ſoeben ihre Toilette vollendet. Mit kindlich ſpielendem Gemüth, und dennoch mit Wehmuth auf dem Gruud ihres Herzens hatte ſie vor dem Spiegel in ihre Augen geblickt, gleich als wollte ſie recht tief nachſehen, ob ſie darin entdecken könnte, wie es in ihrem Innern ſtand; aber ſie meinte juſt nichts zu ſehen. MNiit einem leichten, anmuthigen Morgenkleide ange⸗ than, ſchob ſie den Stuhl vom Tiſch weg und ſank auf denſelben zurück. Wer kann berechnen, wie ma che Ahnungen und Ge⸗ fühle im Herzen eines jungen Mädchens an ihrem Hoch⸗ zeitsmorgen erzeugt werden? Wer kann all die knoſpenden Lilien zählen, die neue Blätter und Schößlinge in der Tiefe deſſelben treiben? Emmas Augen ſchloſſen ſich. Was ſie nicht im Spie⸗ gel geſehen hatte, ſah ſie jetzt. Alle Vorſtellungen Sophiens vom Werth und Ein⸗ fluß des Weibes zeigten ſich vor ihr. 32 Aber ein Lächeln ſpielte gleichwohl nicht auf ihren Lippen, und keine leichte jungfräuliche Röthe breitete ſich über ihre Wangen; im Gegentheil drückte ſich in ihrem Geſicht ein ſolcher Ernſt aus, als hätte ihr Ge⸗ danke ſeine Fluͤgel auf einem ſtillen, ſonnbeglänzten See ruhen laſſen, während ſie ihr eigenes Spiegelbild darin betrachtete. Wohin jedoch die Gedanken ſie auch führten, ſo glitt bald eine kleine, düſtere Wolke über ihre Stirne. Hatte ſie etwas in ſich ſelbſt vermißt? Vermißte ſie gleichwohl in dieſer kleinen Welt, die in ihrem Innern aufblühte, die Liebe, oder war es Hermanns Bild, das noch einmal wie ein Schatten an ihrem Blick vorbei⸗ ſchwebte? Die Wolke blieb indeß nicht lange da; aber ein Seufzer folgte, als ihre Spur verſchwunden war. Ein leiſes Klopfen an die Thüre ſtörte ſie in die⸗ ſem Augenblick. Anna trat ein. Guſtavs Erzählung von Fräulein Emma hatte dem Mädchen eine ſo innige Ergebenheit gegen ſie eingeflößt. Das hübſche Mädchen erblickte in ihr eher eine ſanfte, gute Fee, wie ſie ſolche aus Märchen kennen gelernt, als ein Weſen aus Erde und Staub gleich andern Men⸗ ſchenkindern. 3 Emma hatte dadurch auch bedeutend auf die Ent⸗ wicklung des Guten und Sanften in Annas Gemüth eingewirkt. Wenn ſie etwas Uurechtes gethan zu haben glaubte, ſo ſchwebte Emma wie ein vorwurfsvolles Ge⸗ wiſſen vor ihren Gedanken; that ſie dagegen etwas, was ihr gut und recht erſchien, ſo kam es ihr vor, als lä⸗ chelte ihr Emmas Bild aufmunternd und freundlich ent⸗ egen. 8 Als die Zeit herannahte, wo Emmas Vermählung mit Alfred vor ſich gehen ſollte, wollte daher Anna auch 33 durch irgend ein unbedeutendes Geſchenk ihre ganze Er⸗ gebenheit zeigen. Aber was konnte wohl ſie— das arme und geringe Mädchen— geben? Tag und Nacht grübelte ſie darüber, ohne zu einem Entſchluß zu kommen. Aber während dieſer Zeit begann eine Blume, die ſie vom Gärtner erhalten hatte, zu knoſpen und auszu⸗ ſchlagen. Es war eine weiße Camelie, und je mehr ſie ihre Blätter ausbreitete, um ſo ſchöner wurde ſie. Bald ſammelten ſich auch all ihre Hoffnungen um die Blume, als um den einzigen Beweis von Ergeben⸗ heit, den ſie geben könnte. Früh und ſpät beſchäftigte ſie ſich mit dem ſchönen Strauß von Blumen, die jetzt Knoſpe um Knoſpe unter den grünen Blättern ausſchlugen. Am Hochzeitmorgen ſtand ſie in vollem Flor, und wie klopfte Aunas Herz voll Freude, als ſie von Frau Boijer die Erlaubniß erhielt, ſich damit nach Edsbro zu begeben und ihr ungekünſteltes Geſchenk ſelbſt zu über⸗ bringen. In einem hübſchen Sonntagskleide ſtand ſie jetzt er⸗ röthend vor Emma. Emma hatte auch Guſtav ſo viel Gutes von Anna ſprechen hören, daß ſie das Mädchen ſehr liebte. Kein Beſuch hätte an dieſem Morgen willkommener ſein können. Anna war ja auch ein ſo unſchuldsvolles und holdes Mädchen, daß ſchon ihre Anweſenheit ſanft und behag⸗ lich wirkte. Ihr Blick war ſo offen und friſch, ihre Wangen ſo roth, und ihre Stirn ſo frei. Emmg empfing ſie daher ſo freundlich, daß Anna in Verlegenheit gerieth. „Was haſt Du da?“ Rid derſtad, Vater und Sohn. II. 3 34 „Blos eine Blume, Fräulein; blos eine einfache Blume; ich möchte ſo gern...“ Anna kam aus dem Concept. „Was möchteſt Du ſo gern?“ „Ach ja, wenn ich aufrichtig ſagen darf, was ich denke, ich möchte ſo gern, daß Sie dieſe Blume nicht verſchmähen, ſondern ihr einen Platz in dem Bouquet 6 gönnen möchten, das Sie heute an Ihrem Ehrentag zu tragen gedenken. Es würde mich ſo ſehr freuen, es würde mich ſo glücklich machen.“ „Laß ſehen, Anna! Laß ſehen!“ Anna öffnete jetzt ihr Tuch, und die ſchöne, weiße Camelie zeigte ſich in ihrer zierlichen Farbenpracht. „Wie ſchön, wie ſchön,“ meinte Emma.„Und Du haſt ſie wohl ſelbſt gezogen? „Ja gewiß, gutes Fräulein. Sie iſt die ganze Zeit in meinem Fenſter geſtanden, und da dachte ich, ich könnte ſie nicht beſſer anwenden, als wenn Sie die Gnade hätten...“ „Dank, artige Anna, Dank! Sie wird den ſchön⸗ ſten Schmuck meines Hochzeitbouquets machen. Mein Gont, wie unendlich ſchön ſie iſt! Aber... aber... aber...“ 3 Anna wurde unruhig über die vielen„Aber“, welche nachfolgten, nachdem Emma bereits ihren Beifall ausge⸗ ſprochen hatte. „Aber,“ wiederholte ſie,„aber... Sie ſind viel⸗ leicht nicht zufrieden damit, Fräulein?“ „Ach ja, Anna, ſie iſt ja ſo ſchön; aber merkſt Du nicht etwas?“ „Was, Fränlein, was?“ „Daß ſie glänzt und ſtrahlt... daß ſie eine weiße und klare Farbe hat... aber keinen Wohlgeruch?“ „Daran habe ich nicht gedacht, Fräulein; fehlt ihr das? Ei wie ſchlimm!“ 35 28 Emma lehnte den Kopf zurück und verſtummte eine eile. „Noch einmal herzlichen Dank, Anna,“ ſagte ſie dann;„dieſe Blume ohne Wohlgeruch paßt juſt in mein Brautbouquet.“ Anna verſtand ſie nicht. „Die Camelie iſt auch eine kleine Braut,“ fuhr Emma inzwiſchen fort,„eine Braut mit ihrem weißen Schleier, ihrem grünen Kranz und ihrer Krone...“ Emma unterbrach ſich wieder und ihre Augen ſchloſſen ſich.. „Aber der Blume fehlt der Wohlgeruch, Fräulein,“ klagte Anna.„Welch ein Unglück... daß ſie nicht riechen ſoll!“. „Es iſt eine Braut ohne Liebe,“ fügte Emma flü⸗ ſternd hinzu. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Theologiä Doctor N. Humle. Jeſpersſon hatte einen Theil von Majas Bekennt⸗ niß gehört, als er ſie ungeduldig unterbrach, worauf ſie ihn mit einer heiligen Verſicherung von der Wahrheit ihrer Angabe überzeugte. Ohne einen Augenblick zu verſäumen, warf er ſich in den vor dem Haus wartenden Schlitten und befahl nen Kutſcher, den Pferden die Zügel ſchießen zu aſſen. „Wohin, Herr? fragte der Mann. „Nach Oerebro.“ „Gut.“ Der ſchwediſche Poſtillon fährt ſchnell oder langſam, je nachdem er von den Reiſenden bezahlt wird. Jeſpersſon beſaß große Menſchenkenntniß, vor allem aber wußte er Naturkinder anzufaſſen. So bereitwillig man ihm auch in den Gaſthäuſern begegnete, und ſo ſehr alle eilten, ſeinen Wünſchen nachzukommen, ſo war doch an mehreren Orten der Poſtillon ausgegangen und er mußte warten. Auf dieſe Art gelangte er erſt beim Anbruch der Nacht nach Oerebro. Aber er wartete da nicht, ſondern verlangte neue Pferde. Mit einer Ungeduld, als gälte es ſein Leben, ſetzte er die Reiſe fort. Es war am Montag, als er Edsbro verließ, und am Sonntag ſollte die Hochzeit ſtattfinden. Außer dem Aufenthalt in dem einen und andern Wirthshaus waren auch an mehreren Orten in Folge des gefallenen Schnees die Wege beinahe unfahrbar. Inzwiſchen bot Jeſpersſon ſeine ganze Beredtſamkeit auf und unterſtützte ſie auch reichlich mit klingender Muͤnze, um ſo ſchnell als möglich alle Hinderniſſe zu überwinden. Wenn er ſchlechterbings genöthigt war, in einigen Wirthshäuſern eine Stunde und auch noch länger zu ver⸗ weilen, warf er ſich auf eine Bank oder einen Stuhl und ſchloß ſeine Augen; aber die Ruhe war blos eine Fieberphantaſie, welche entflog, ſobald die Pferde wieder vorgeſpannt da ſtanden. Bei Tag ſtarrte er über die Gegend hinaus, durch die er kam; bald irrten ſeine Blicke zwiſchen den hohen Tannen hin, deren ſtolze Kronen ſich im Winde bogen, oder flogen ſie über die weite Ebene oder zwiſchen Hü⸗ geln und Bergen hin. Bei Nacht betrachtete er den 37 ſternbeſäten Himmel oder die dunkeln düſtern Wolken⸗ maſſen, die bald langſam, bald haſtig heranſchwebten. So ging die Reiſe Tag und Nacht fort; und erſt am Donnerſtag Abend kam er nach Norrtelje. Jeſpersſon war mißvergnügt und niedergeſchlagen. Trotz all ſeiner Opfer hatte er in drei Tagen nicht mehr als ungefähr dreißig Meilen zurückgelegt, und da er gänzlich erſchöpft war, fürchtete er bereits, er möchte unter ſolchen Umſtänden auf den Sonntag nicht mehr nach Edsbro zurückkommen können. „Haben Sie die Güte und ſagen Sie mir,“ redete er den Gaſtwirth des Orts an,„wie weit ich von hier bis in die Gemeinde Frötuna habe?“ „Frötuna,“ erklärte der Wirth,„grenzt ganz an un⸗ ſere Stadt.“ „Um ſo beſſer. Der Pfarrer in Frötuna heißt doch Humle?“ „Sie meinen wohl den Doctor und Probſt?“ „Ganz richtig... den Doctor, ja... er heißt alſo Humle?“ „Ja wohl, ſo heißt er.“ „Wie weit iſt es zu ihm?“ „Das Dorf liegt hinter den Hügeln hier... es iſt höchſtens eine halbe Meile... weiter nicht...“ „Wiſſen Sie, ob er daheim iſt?“ „Ganz gewiß, Herr, ganz gewiß. Er geht bei⸗ nahe nie aus, wenigſtens nicht öfter als ſein Dienſt es fordert. Doctor Humle iſt ein verdammt tüchtiger Pfarrer und ich glaube wohl behaupten zu dürfen, daß er mehr werth iſt als ein Duzend anderer.“ „Kann ich ein Paar Pferde dahin bekommen?“ „Jetzt ſogleich?“ „Ja allerdings.“ „Es iſt ſo ſpät, Herr, ſo entſetzlich ſpät. Ehe Sie 1 St und Stelle kommen, iſt bereits Jedermann im ett. 38 „Gleichviel... das iſt meine Sache... laſſen Sie immer anſpannen.“ Der Wirth murmelte zwar allerlei zwiſchen den Zähnen, und die Anſpannung ging nicht aufs Raſcheſte vorwärts, wurde aber dennoch bewerkſtelligt, und nach einer halben Stunde ſaß Jeſpersſon wieder im Schlitten. Es war ſchon ſpät Abends und das vom Schnee be⸗ deckte Erdreich wurde nur durch den klaren Sternhimmel beleuchtet. So weit Jeſpersſons Blicke reichten, war kein Menſch ſichtbar, Die wenigen Häuſer, an denen er vorbeikam, glichen blos dunklen Schatten. All die Müdigkeit, die er vorher von der Reiſe em⸗ pfunden hatte, entwich bei dem Gedanken, daß er jetzt ſeinem Ziel nahe war. Er gab zwar die Richtigkeit der Bemerkung des Wirths zu, nämlich daß ein ſo ſpäter Beſuch nicht voll⸗ kommen paſſend ſei; aber er hatte keine Zeit zu verlie⸗ ren. Unter allen Umſtänden wollte er wenigſtens einen Verſuch machen. Von der Hochebene, über welche der Weg ging, ent⸗ deckte er nämlich gleichſam einen ſchmalen, pyramiden⸗ artigen Schatten, der ſich gegen das Sternenlicht empor⸗ hob, und es ſchien ihm beinahe, als ob er im Himmel ſelbſt verſchwände. Er begriff, daß dieß der Kirchthum war, und das überzeugte ihn, daß er jetzt endlich dem Pfarrhaus ſelbſt näher kam, das, wie er wußte, in der Nähe der Kirche lag. Einen Augenblick ſpäter fuhr er wirklich in den Hof ein. Ueberall um ihn her war es dunkel. Kein freund⸗ liches Licht glänzte in den Fenſtern. Es war alſo be⸗ reits Nacht da und Alle waren zur Ruhe gegangen. Das einzige lebendige Geſchöpf, das noch wachte, Sie den heſte und im be⸗ mel kein chen em⸗ jetzt des oll⸗ lie⸗ nen ent⸗ den⸗ vor⸗ mel das aus der Hof nd⸗ be⸗ hte, 39 war ein großer Haushund, der bellend an ſeiner raſſeln⸗ den Eiſenkette riß. 1 Jeſpersſon ſtieg aus und klopfte ſelbſt an die Haus⸗ thüre; er brauchte das nicht oft zu wiederholen, als er bereits hörte, daß man ihn bemerkt hatte. 3 „Wer klopft da außen?“ rief eine pipende Stimme von innen. „Ein Reiſender,“ antwortete Jeſpersſon. „Ganz recht; aber was iſt das für ein Reiſender?“ „Eine Perſon, die mit dem Pfarrer zu ſprechen wünſcht.“ „Der Probſt liegt im Bett.“ 3 „Ich glaube es wohl; aber melden Sie nichts deſto⸗ weniger, daß eine Perſon auf ein halbes Stündchen mit ihm über eine Angelegenheit zu ſprechen wünſche, die kei⸗ nen Aufſchub dulde.“ Jeſpersſon hörte, daß die Magd murrend ſich ent⸗ fernte; gleichwohl war ſie bald wieder an Ort und Stelle, ſchob ſchweigend den Riegel von der Thüre zurück und ließ ihn herein. „Haben Sie die Güte und treten Sie hier in den Salon,“ bat ſie; der Pfarrer wird ſogleich kommen.“ Nachdem das Mädchen ein Paar Lichter angezündet hatte, ließ ſie ihn allein. Jeſpersſon hatte vollkommen Zeit, ſich umzu⸗ ſchauen. Das Zimmer war einfach, aber angenehm möblirt. Was ihm vor allen Dingen in die Augen fiel, war die Ordnung und Sauberkeit, die vorherrſchte. Der Boden war rein und weiß; alles ſtand an ſeinem Platz. Eine alte Wanduhr ſchlug zehn, und Jeſpersſon war noch beſchäftigt, die Schläge zu zählen, als er von außen her Tritte hörte. Jeſpersſon brauchte auf den Mann, der ſich jetzt zeigte, nur einen einzigen Blick zu werfen, um zu ſehen, daß er der Herr des Hanſes war. 40 Er war ein hochgewachſener, breitſchultriger, kräftig gebauter Mann mit langen ganz ſchneeweißen Haaren, die in üppigen Locken ſeitwärts vom Geſicht herabfielen. Jeſpersſon hatte nie eine ehrfurchtgebietendere und mann⸗ haftere Geſtalt geſehen; denn die Zeit hatte zwar das Haar des Mannes gebleicht, aber ſeine Schultern nicht zu beugen vermocht. Ohne daß er Jeſperſons Anweſenheit auch nur zu bemerken ſchien oder irgend ein Wort ſagte, ſchritt er ruhig durch das Zimmer bis an die nächſte Seitenthüre, begab ſich von da in ein anderes Zimmer, zündete noch ein Paar Lichter an und kehrte dann ins äußere Zimmer urück. 1 Mit demſelben ruhigen Gang, womit er eingetreten war, ſchritt er jetzt auch auf Jeſpersſon zu. Sobald er näher kam, bemerkte Jeſpersſon, daß er mit forſchenden Blicken betrachtet wurde. Jeſpersſon blieb gänzlich ſtill. Wenn er auch den Charakter des Pfarrers nicht ſogleich erfaſſen konnte, ſo glaubte er doch bereits gemerkt zu haben, daß er ſelbſt — vielleicht hauptſächlich wegen der Zeit ſeiner Ankunft — einige Verwunderung bei ihm erregt hatte. „Mein Herr,“ begann der Pfarrer endlich,„Sie haben alſo ein dringendes Geſchäft mit mir abzumachen. Iſt ſtehe Ihnen jetzt zu Dienſten.“ Jeſpersſon achtete wohl auf die Stimme; ſie war wohllautend, klar und ſtark. „Ich komme etwas ſpät,“ antwortete Jeſpersſon; „aber, Herr Pfarrer, es gibt etwas, was weder Tag noch Nacht, weder den Gang der Sonne noch des Mondes, weder die Stunden noch den Augenblick in Rechnung nimmt.“ Inſofern Jeſpersſon den Charakter des Pfarrers nicht falſch beurtheilte, glaubte er ſich nicht auf eine ein⸗ fache Erklärung der Abſicht ſeines Beſuchs beſchränken zu dürfen. Er meinte in dem ganzen Weſen des Man⸗ äftig aren, elen. ann⸗ das nicht r zu t er üre, noch mer eten 41 nes zu viel ſelbſtſtändige Kraft entdeckt zu haben, um ſich darauf verlaſſen zu können, daß er ihn ohne ein ausführliches Geſpräch für ſeine Zwecke gewinnen könnte. „Ich kenne blos einen einzigen Ort,“ bemerkte der Pfarrer, wo man Zeit und Stunde nicht in Rechnung bringen darf, und das iſt ein Pfarrhaus. Meinen Sie das, mein Herr?“ „Weit entfernt, Herr Pfarrer, ich meinte das Gewiſſen.“ Die Antwort ſchien dem Pfarrer zu gefallen und er trat einen Schritt näher.— „Wer ſind Sie, mein Herr?“ fragte er. „Mein Name iſt Jeſpersſon, Doctor der Medicin.“ „Ich kenne dieſen Namen nicht. Ich habe nie von Ihnen reden gehört; aber gleichviel. Jeder Leidende gehört immer zur Gemeinde Gortes. Treten Sie herein, Herr Doctor, und laſſen Sie uns Platz nehmen. Der Pfarrer kehrte um und begab ſich ohne alle Ceremonien in das innere Zimmer. Jeſpersſon folgte nach. „Setzen Sie ſich, Herr Doctor, ſetzen Sie ſich.“ Der Pfarrer hatte bereits auf einem Stuhl am Schreibtiſch Platz genommen. Auch auf dieſem Tiſch herrſchte die größte Ordnung. Bücher, Papier und Dintenfaß, alles ſtand an ſeinem beſtimmten Platz. Jeſpersſon erhielt jetzt auch Gelegen⸗ heit, den Mann etwas näher zu betrachten, und auf ſeinem ernſten, zugleich ſtrengen, offenen und guten Ge⸗ ſicht zeigte ſich ein ſo lebendiger Ordnungsſinn, daß er ſchon daraus vortheilhafte Schlüſſe auf die Harmonie in ſeinem Innern, auf die ruhige Kraft ſeines Herzens, auf die friſche und gleichmäßige Bewegung ſeines Ge⸗ müths, auf die reine und zur Reife gekommene Selbſt⸗ ſtändigkeit ſeiner Gedanken und Gefühle zog. Während der Pfarrer ſich bequem im Stuhl zurecht⸗ 42 ſetzte, griff er nach einer viereckigen, großen, eichenen Doſe, die ihm zur Seite ſtand, und nahm daraus eine Priſe. „Was haben Sie mir anzuvertrauen, Doctor?“ ſagte er darauf.„Ich bin jetzt bereit, Sie zu hören.“ Jeſpersſon hatte ſeinen Stoff bereits überdacht. „Sagen Sie mir, Herr Pfarrer,“ fragte er,„iſt 2 Menſch frei in ſeinem Willen, oder was glauben ie 2⸗ Der Pfarrer antwortete nicht ſogleich, ſondern ſchlug ſeine Augen auf und betrachtete Jeſpersſon. „Ich verſtehe Sie nicht,“ verſetzte er dann.„Was meinen Sie?“ „Ich wünſche von Ihnen zu erfahren, wie weit der freie Wille des Menſchen, wie auch ſein Beſtimmungs⸗ recht über ſeine Handlungen ſich erſtreckt? Dieß iſt mir als Ausgangspunkt für das Folgende wichtig. Ich wünſche zu wiſſen, nicht was das Civilgeſetz davon ſagt, ſondern was die Religion ſagt. Alſo, Herr Pfarrer, bis zu welchem Grad iſt der Menſch frei in ſeinem Innern?“ „Der Wille iſt blos als ein vernünftiger Wille frei,“ antwortete der Pfarrer nach augenblicklichem Bedenken, ges gibt keine Freiheit, ſoweit ſie nicht durch ein freies Beſtimmungsrecht wirklich gemacht wird. Aber das Beſtimmungsrecht muß innerhalb der Grenzen der Vernunft liegen. Ohne dieß verliert die Freiheit juſt ihr göttliches Recht, d. h. die Freiheit ſelbſt. Eine wahre Freiheit muß alſo gut ſein oder in Gott verblei⸗ ben, ſonſt wird ihre eigene Bedeutung aufgehoben. Deß⸗ halb iſt der Menſch niemals wirklich frei von Natur, ſondern wird es erſt durch Gott, der in dem Augenblick, wo er ſeine Freiheit bekräftigt, auch ſeinen Menſchen⸗ werth bekräftigt, welcher ihn über die übrigen Thiere er⸗ hebt. Alſo, Sie verſtehen mich doch, mein Herr, iſt blos der ſittliche Wille frei, während zu gleicher Zeit nur ein freier Wille ſittlich ſein kann.“ denen eine ſagte 43 „Sie glauben alſo,“ antwortete Jeſpersſon,„daß der Wille des Menſchen immer in der ſittlichen Hand⸗ lung frei ſei oder werde. Aber ob man jetzt von dieſem Geſichtspunkt ausgeht oder die Unabhängigkeit des Wil⸗ lens längnet, welche, ſtreng genommen, die vollkommene Ungebundenheit oder Geſetzloſigkeit des Willens wäre, ſo müßte ja hieraus auch folgen, daß die Religion in Ue⸗ bereinſtimmung mit dem weltlichen Geſetz jede Handlung verurtheilen und mißbilligen müßte, die nicht ſittlich iſt, oder die, um mich Ihrer eigenen Worte zu bedienen, nicht in Gott iſt?“ „Ja gewiß, mein Herr, ja gewiß.“ Jeſpersſon blieb einen Augenblick ſtill.“ „Herr Doctor,“ fuhr er dann fort,„Sie ſind doch ein wahrer Diener des Herrn?“ Der Doctor wandte ſich haſtig gegen Jeſpersſon. „Ich glaube es, mein Herr,“ antwortete er.„Ich ſtrebe wenigſtens darnach, und flehe Ihn, von welchem alle guten Gaben kommen, täglich um Kraft an, meinen wichtigen Beruf erfüllen zu können.“ „Als Diener des Wortes Gottes, Herr Doctor, würden Sie alſo immer jedes Verbrechen verurtheilen und mißbilligen, das von dem weltlichen Geſetz mißbil⸗ ligt wird.“ „Gebet Gott, was Gottes, und dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt. Ja Herr, ich würde es verurtheilen.“ Der Pfarrer, der Jeſpersſon bisher mit einer ge⸗ wiſſen Gleichgiltigkeit behandelt hatte, obſchon auch ein gewiſſer natürlicher Ernſt darin lag, heftete jetzt einen feſteren und prüfenderen Blick auf ihn. Er ſchien den Mann, den er vor ſich hatte, nicht recht beurtheilen zu können und daher erforſchen zu wollen, auf was er eigentlich abziele. Jeſpersſon hatte ſich inzwiſchen von ſeinem Platze aufgerichtet. „Herr Doctor,“ ſagte er,„unſer weltliches Geſetz verdammt einen Mord, das göttliche thut es doch auch?“ „Ganz unzweifelhaft, mein Herr.“ Jeſpersſon ſtellte ſeine Frage ſo kurz und unverſtellt als möglich, während er den Pfarrer beharrlich betrach⸗ tete. Er hatte erwartet, irgend eine Bewegung, eine Veränderung in ſeinem Geſicht oder auch einen Wechſel in ſeinem Blick zu ſehen, aber es war nichts Derartiges zu bemerken. Mit demſelben offenen, ruhigen, ernſten Ausſehen wie früher, trat er auch jetzt Jeſpersſon entgegen. Wenn in Jeſpersſons Worten ein Angriff lag, ſo war er gänzlich mißglückt. Die Ruhe, die den Pfarrer umgab, ſchien ſich nicht im mindeſten verändern zu wollen. Jeſpersſon behielt indeß ſeine Stellung bei. „Augenommen,“ fuhr Jeſpersſon fort,„ich hätte einen Bekannten, der eine ſolche Handlung begangen, angenommen, er wende ſich an Sie, wie würden Sie ihn dann behandeln?“ „Das weltliche Geſetz iſt blos eine äußere Aner⸗ kennung des göttlichen Geſetzes. Das letztere iſt eine Form, worin unſer innerer Menſch lebt, das erſtere iſt eine Form, worin der äußere Menſch lebt: aber beide müſſen in Uebereinſtimmung mit einander leben. Wenn ein ſolcher Verbrecher vor mir ſtände, würde ich zu ihm ſagen: Die Aufrichtigkeit gegen Gott fordert Aufrichtig⸗ keit gegen die Menſchen; gehen Sie hin, mein Freund, und bekennen Sie Ihr Verbrechen vor dem weltlichen Richterſtuhl... Ihre Reue wird Sie zum Glauben, und durch den Glauben wieder zu Gottes Gnade zurück⸗ führen.“ Humles Stimme war ebenſo klar und ruhig, wie vorher. Er äußerte ſich ohne alle Schwachheit und ohne Widerwillen. Feſt und oft begegneten ſich auch die Augen der zeſetz ich?“ rſtellt rach⸗ eine echſel tiges ſehen war nicht hätte agen, Sie Aner⸗ eine re iſt beide Venn ihm htig⸗ eund, ichen iben, rück⸗ wie ohne 1 der 4³ beiden Männer. Jeder ſchien den andern ausforſchen zu wollen. Jeſpersſon wollte wiſſen, ob die Worte, die der Pfarrer ſprach, vollkommen mit ſeinen innern Gedanken übereinſtimmten. Der Pfarrer dagegen wollte ausforſchen, ob Je⸗ ſpersſon ſelbſt der Verbrecher ſei, der hieher gekommen, um ſeine Anſichten zu hören, oder ob er wirklich, wie er angab, für einen Bekannten ſpreche. „Auf den Grund Ihrer erſten Angabe, ergriff Je⸗ ſpersſon wieder das Wort, ermeſſen Sie alſo jede Hand⸗ lung nach dem Geſetz der Sittlichkeit und des Guten, und verurtheilen ſomit im Namen deſſelben jedes Ver⸗ brechen gegen die Geſetze der Geſellſchaft.“ „Ganz richtig, ſo thue ich.“ „Darf ich eine Frage an Sie richten?“ „Gerne.“ „Haben Sie auch immer in Uebereinſtimmung da⸗ mit gehandelt?“ Dieſe Frage ſchloß nicht eigentlich das Bedürfniß nach einem Aufſchluß in ſich, ſondern klang beinahe wie eine Anklage. Wenn die Stirne ſich verfinſtert, geht eine Sonne unter entweder in unſerem Herzen oder in unſerer Seele⸗ dün ſein Haupt zu ſenken, wurde Humle ſtill und düſter. Dabei fühlte er, wie Jeſpersſons Blick dennoch in der Tiefe ſeines Herzens brannte. Jeſpersſon begann zu fürchten, nicht daß er zu weit gegangen ſei, ſondern daß er zu ſchnell auf eine Frage überging, die ſogleich ſeine Abſichten verrathen konnte. „Ich habe angenommen“ fuhr er alſo fort,„daß ich einen Bekannten habe, der des Todſchlags ſchuldig ſei. Neh⸗ men Sie jetzt auch an, er ſei aufgefordert worden, offen ſich ſelbſt anzuklagen und durch eine aufrichtige Reue Troſt und Gnade zu ſuchen; aber ſtellen wir uns auch 46 vor, er ſei in ſeinem Glauben zu ſchwach, um Schande und Unehre, ſowie die Qual einer äußern Strafe zu er⸗ tragen, und er appellire jetzt an Sie, als einen wahren Diener des Herrn, ſtark im Glauben und weiſe durch die Erfahrungen eines langen Lebens, um von Ihnen zu vernehmen, ob es nicht ein neues Verbrechen von ihm wäre, den Kampf in ſich ſelbſt, in ſeinem eigenen Herzen auszufechten und da womöglich einen Sieg über das Böſe zu erringen. Aus Barmherzigkeit, Herr Pfarrer, antworten Sie mir ganz aufrichtig.“ Der Pfarrer hörte Jeſpersſon mit der größten Auf⸗ merkſamkeit an. Aber er unterließ nicht, dabei eine Beobachtung zu machen. Da er nänlich jetzt Jeſpers⸗ ſons Aeußerungen in einem einzigen Bild ſammelte, glaubte er darin etwas ganz Unerklärliches zu entdecken und begann an ſeiner Aufrichtigkeit zu zweifeln. Er ſtellte ſogar an ſich ſelbſt die Frage, ob nicht wirklich eine Schlinge in ſeiner Art die Sache vorzuſtellen liege. Um ſo mehr achtete er daher auf jedes Wort, das ge⸗ äußert wurde. Dieſe ſtille Bemerkung veränderte indeß weder ſein Inneres noch ſein Aeußeres. Sein Geſicht blieb ſo klar und rein, wie ein auf⸗ geſchlagenes Buch. Als Jeſpersſon verſtummte, ſank das Haupt des Pfarrers ein wenig auf die eine Seite und er ſchien bei ſich ſelbſt zu überlegen. Der Gegenſtand gehörte unſtrei⸗ tig auch zu den wichtigſten, auf welche ein geiſtlicher Herr eine Antwort ertheilen kann. „Sie wünſchen meine Anſichten zu hören,“ ſagte der Pfarrer endlich,„und ich will ganz aufrichtig ſein.“ Jeſpersſon war ganz Ohr. „In Ausübung ſeines Berufs,“ fuhr der Pfarrer fort,„kann ein Diener der Kirche für das religiöſe Le⸗ ben wichtige und tief eingreifende Fragen zu behandeln haben, worin er, inſofern er die große Bedeutung des 47 ihm anvertrauten Amts kennt, lediglich ſich ſelbſt und ſeinem chriſtlichen Gewiſſen überlaſſen iſt. Sehen Sie, mein Herr, das weltliche Geſetz iſt mit dem göttlichen geſchmiedet, aber nicht das göttliche mit dem weltlichen. Das weltliche Geſetz iſt ſtreng, es iſt ein Block oder eine Halskette, die durch äußere Mittel mit dem Guten zu verbinden ſucht. Das göttliche Geſetz dagegen öffnet ſeinen Schooß, um die Menſchen an ein warmes und klopfendes Herz zu drücken, während es das demüthig betende fromme Herz mit den Schätzen der Liebe und Gnade ſchmückt. Ich bin an manchem Todtenbett ge⸗ ſtanden und habe im Namen des Verſöhners manchen Verbrecher getröſtet, der in den Augen der Geſellſchaft verdammt, aber durch Reue und Glauben vor Gott be⸗ gnadigt war. Wenn Sie wollen, ſo bin ich in ſolchen Augenblicken zu gleicher Zeit Lehrer und Richter, Stra⸗ fer und Begnadiger, Apoſtel und Gott geweſen. Ich habe gehandelt, wie mein Gewiſſen mir gebot. Ich habe als ein durch mein Amt und meinen Geiſt bevoll⸗ mächtigter Bote Gottes auf Erden gehandelt. Der Pfarrer machte hier eine Pauſe. „Einmal,“ fuhr er fort,„ich vergeſſe es nie, ſah ich auch einen jungen Mann eine ſolche Handlung be⸗ gehen, wie Sie von einer ſprechen.“ Jeſpersſon verſtand, worauf er abzielte. „Es war der entſetzlichſte Augenblick in meinem Leben.“ „Weiter, Herr Doctor, weiter...“ „Der Zufall führte mich in ein Zimmer, wo ich einen Mann überraſchte, der einen kranken, bereits ſter⸗ benden Greis tödtete.“ Der Pfarrer wurde immer aufgeregter, während er ſo ſprach. Der Gegenſtand ergriff ihn, als hätte er ihn eben jetzt vor ſeinen Angen. „Wie der Blitz über Paulus kam, ſo kam ich über den Verbrecher. Ich ſprach entſetzliche Worte des Zorns und der Strafe. In ſeiner Reue und Furcht ſich krüm⸗ mend und windend bat er um Gnade und Verſchwie⸗ genheit. Was war er? Ein verdammter Verbrecher. Was bedurfte er? Gottes Barmherzigkeit. Auf welchem Wege konnte er ſie erhalten? Auf dem Weg der Reue. Nicht die äußere Strafe, ſondern nur das einzige Ge⸗ fühl ſeiner Schuld vor dem Heiligen, nur die reinſte innere Ueberzeugung, daß er vor Gott verloren ſei, nur die Angſt und Reue des zermalmten Herzens konnte für ihn der Weg werden, um wieder in Gottes Reich einzutreten.“ Der Pfarrer athmete neu auf. „Wo die Reue vollkommen lebhaft iſt, da iſt ſie un⸗ zertrennlich von Hoffnung auf Erbarmen. Gott hat juſt ſein Bild in jedes Herz niedergelegt, ſowie daſſelbe das Gefühl des Verbrechens hat und durch dieſes Gefühl einen Rückweg zur Beſſerung gewinnen mag. Das Thor der Verzeihung iſt Allen geöffnet, nur nicht den Verhär⸗ teten, denn Gott iſt die Liebe. Wenn die Reue das Herz zermalmt und der Glaube es recht tief und wahr erfaßt hat, dann werden, ſpricht der Erlöſer, eure Sün⸗ den, und wären ſie auch blutroth, weiß werden wie Schnee. Die Gewiſſensqual iſt ein Wurm, der nicht ſtirbt und ein Feuer, das ſich nicht verzehrt. Nur durch Reue und Glauben gehen wir durch das Bad der Wieder⸗ geburt. Was iſt wohl gegen Gottes Guade die menſch⸗ liche? Nur eine Vergoldung des Elends.“ Der Pfarrer wandte ſich nicht gegen Jeſpersſon, ſon⸗ dern ſtierte gerade vor ſich hin. „Ich ſage Ihnen, daß ich ſeine Qual, ſeine Leiden ſah, und ich wurde gemartert von dem Gedanken, der Ankläger des Verbrechers vor dem weltlichen Gerichte zu werden. Nun wohl, mein Herr, ich war der einzige Zeuge, und ich verſprach, den Frevel zu verſchweigen; ließ mir aber dagegen von dem Verbrecher ſelbſt ein 49 ganzes Leben voll der tiefſten, aufrichtigſten und innigſten Reue verſprechen.“ Nicht eine Muskel bewegte ſich in dem Geſicht des Pfarrers. 1 „Gott zieht durch ſein Wort in uns ein,“ ſagte er, mehr vor ſich hin, als zu Jeſpersſon,„und wer ihn annimmt, ſo wie er ſich vor uns geoffenbart hat, der nimmt ihn auch in ſeiner Seele und in ſeinem Herzen auf.“ Es lag ſo viel wahrhaft religiöſes Gefühl in ſeiner Art ſich auszudrücken, im Uebergang der Stimme ſelbſt zur Andacht, in der ergebungsvollen Klarheit des Blicks, daß Jeſpersſon ſich unwillkührlich zu dem Mann hinge⸗ zogen fühlte. In den Worten drückte ſich ein warm und rein füh⸗ lendes Herz aus. Er litt mit dem Verbrecher, er ſchien alle Qualen der Reue mit ihm zu überſtehen, aber auch die ganze Seligkeit des Glaubens und der Hoffnung zu empfinden. Jeſpersſon war von ſeinem tiefen Eindruck noch nicht zurückgekommen, als der Geiſtliche ſich erhob. Wenn er ihm vorher durch ſein Wort imponirt hatte, ſo imponirte jetzt die mannhaft kräftige Geſtalt, vereh⸗ rungswürdig durch in Wogen herabhängende, ſchneeweiße Haare und überglänzt wie durch eine Verklärung der freundlichen Güte, die mit ſo großer Milde aus ſeinem ſo offenen und reinen Geſicht ſtrahlte. „Ich habe Ihnen jetzt ganz offen geſagt,“ begann er wieder,„wie ich mein Amt aufgefaßt habe, und ich habe hinzugefügt, daß ich in einem Fall im Namen der Religion verdammt habe, ohne im Namen des Staats ein Verbrechen anzuzeigen; und jetzt ſteht es Ihnen, wenn Sie wollen, frei, mich anzuklagen.“ Jeſpersſon erhob ſich unwillkührlich. „Ich kenne Sie nicht, mein Herr,“ fuhr der Pfar⸗ rer fort,„aber Sie haben meine Gedanken wiſſen wol⸗ Ridderſtad, Vater und Sohn. In, 4 50 len, und ich habe als ein Diener des Herrn nicht heu⸗ cheln können, ſondern ſie Ihnen geſagt. Thun Sie jetzt mit mir, was Sie wollen. Wollen Sie ein Verbrechen bekennen, ſo habe ich Ihnen einen mildernden Weg zu einem für den reuevollen Sünder warmen Herzen eröff⸗ net; wollen Sie dagegen mich anzeigen, ſo thun Sie es. Ich werde, wenn man mich dazu auffordert, vor dem weltlichen Richterſtuhl ſprechen, wie ich zu Ihnen ge⸗ ſprochen habe, und wenn man mich als ſchuldig gegen das weltliche Geſetz erachtet, ſo werde ich mich ruhig fühlen, weil ich blos in dem Geiſt handelte, in welchem ich Gottes Wort aufgefaßt habe, und weil mein Gewiſ⸗ ſen mir ſagt, daß ich recht thue.“ Die letztere Aeußerung des Pfarrers gab dem Geſpräch eine Feierlichkeit, die tief ergreifend war. Aber wenn Jeſpersſon ſich auch einen Augenblick hinreißen laſſen konnte, ſo zwangen ihn doch ſeine Ah⸗ ſichten in den Kreis ruhiger Ueberlegung zurück. Er hatte inzwiſchen bereits gar zu tief in das Herz des Geiſtlichen geblickt, um noch länger an ſeinem Erfolg zweifeln zu können. In dieſem Augenblick ſchlug es zwölf Uhr; die Zeit war raſch entſchwunden. „Herr Doctor,“ ſagte Jeſpersſon,„laſſen Sie uns Alles bei Seite ſetzen, was man vom weltlichen Stand⸗ punkt möglicherweiſe über Ihre Handlungen denken und ſagen könnte. Ich bin kein Ankläger; aber Herr Doctor, Sie nannten die Reue als einen Grund zur Barmherzig⸗ keit, welche Sie in Gottes Namen ausübten.“ „Ja, mein Herr.“ „Aber wenn jetzt die Reue des Verbrechers nicht wahr und aufrichtig wäre, wie würden Sie dann handeln?“ „Viele Jahre, mein Herr, ſind vergaugen, ſeit die von mir genannte That verübt wurde, und obſchon ich allerdings weit von meinem Gewiſſenspatienten entfern 51 wohne, folge ich doch allen ſeinen Handlungen, und ich habe keine Urſache, etwas anderes zu vermuthen, als daß er ſich noch heutigen Tags durch ſein Verbrechen zermalmt fühlt und in Glaube und Liebe Gottes Gnade zu gewinnen ſucht. Ich habe erſt neulich einen Brief von ihm erhalten. Zwar bemerke ich darin, daß die Reue eher zur Verzweiflung, als zu Licht, Frieden und Troſt zu führen ſcheint; aber ſein Herz wacht doch, und ich hoffe noch. Er iſt übrigens ein guter Gatte, ein zärtlicher Vater, ein ſorgſamer Hausherr, und thut un⸗ läugbar Gutes im großen Fuß durch Anlegung von Schulen, Armenhäuſern u. ſ. w. Die Hoffnung ſtirbt niemals in der Bruſt eines Dieners Chriſti.“ „Aber ſtellen wir uns vor, daß auch die Hoffnung ſterbe.“ „Wenn dieß der Fall iſt, mein Herr, ſo werde ich mit meinem Gewiſſen zu Rathe gehen, um darnach zu handeln. Aber laſſen Sie uns jetzt dieſen Gegenſtand verlaſſen und uns an das halten, was Sie hieher ge⸗ führt hatte. „Sie haben Recht, Herr Doctor, laſſen Sie uns zu der Sache übergehen.“ Jeſperſons Bruſt hob ſich. „Die That, die Sie erzählten, enthält die Haupt⸗ ſtücke deſſen, was ich Ihnen anzuvertrauen habe. Aber was ich zu ſagen habe, iſt gleichwohl von weit entſetzlicherer Art.“ „Seien Sie nur ganz aufrichtig, mein Herr.“ In Jeſpersſons Geſicht ſah man ein ungeduldiges Muskelzucken bei dieſer Aufforderung. „Ich will aufrichtig ſein, wie das Gewiſſen. Ich habe geſagt, daß einer meiner Bekannten einen Mord begangen habe, aber ich habe nicht geſagt, daß es ein Vatermord war.“ Eine unwillkührliche Bewegung des Entſetzens zeigte ſich bei dem Pfarrer. 5² „Ein Vatermord,“ wiederholte er,„das iſt ent⸗ ſetzlich.“ „Die Handlung iſt folgende. Der Mann, von dem ich ſpreche, hatte einen Vater, der in ſeinenletzten Zügen lag. Ein Geiſtlicher wurde berufen. Als der Geiſtliche an⸗ kam, nahm er und der Sohn ein ſtarkes Frühſtück ein. Der Sohn, der mehrere Nächte gewacht hatte, überließ ſich dem Augenblick und nahm allzuviel zu ſich, mit an⸗ dern Worten, er betrank ſich. In dieſem Zuſtand begab er ſich zu dem Vater hinein, um ihm die Ankunft des Religionslehrers zu melden. Aber er kam nicht ſogleich zurück. Eine Viertelſtunde verging, und der Prieſter wartete inzwiſchen im äußeren Zimmer. Hin und her gehend hörte er endlich einen heftigen Ruf, einen Klage⸗ ſchrei, woraus er den Schluß zog, daß etwas Entſetzli⸗ ches ſich zugetragen haben müſſe. Sogleich faßte er ſei⸗ nen Entſchluß und eilte hinein, worauf er den Sohn in voller Wuth die geballten Fäuſte über den alten Mann erhoben antraf— und trotz ſeiner Eile trafen die Schläge, bevor er ſie abwehren konnte.“ Die unerſchütterliche Ruhe, welche der Pfarrer die ganze Zeit vorher beibehalten hatte, verſchwand, als Je⸗ ſpersſon in ſeiner Erzählung weiter kam. „Wann hat ſich das Ereigniß zugetraägen?“ fragte er⸗ „Vor etlichen und zwanzig Jahren.“ „Etlichen und zwanzig Jahren? Aber, mein Herr, das iſt ja... das iſt ja...“ „Hören Sie mich weiter, Herr Doctor. Der her⸗ zukommende Geiſtliche glaubte inzwiſchen der einzige Zeuge zu ſein, und auch er handelte wie Sie, er ſtrafte, er gebot Reue und verhieß Stillſchweigen.“ „Ums Himmels willen...“ Jeſpersſon ließ ſich nicht unterbrechen. „Der Prieſter ſah,“ fuhr er fort,„die Verzweiflung und Qual des Mörders, ſah ihn ſich krümmen und win⸗ den, um Nachſicht flehen, und er glaubte, das geſcheht 53 aus Reue; aber war es nicht vielmehr aus Furcht vor Entdeckung? Der Prieſter glaubte der einzige Zeuge zu ſein. Aber war er es? Der Prieſter nahm es als ge⸗ geben an, daß blos der betrunkene Zuſtand den Verbre⸗ cher zu ſeiner That verleitet habe. Aber gibt es keinen andern Grund?“ Der Pfarrer verdüſterte ſich immer mehr. „Unterbrechen Sie ſich nicht, mein Herr,“ ſagte er. „War noch ein anderer Zeuge zugegen?“ „Die Krankenwärterin, Herr Doctor. Sie hatte ſich ſoeben in ein anderes Zimmer begeben und ſah durch die halbgeöffnete Thüre das ganze Ereigniß. Sie hat mir Alles geſtanden, nachdem ſie gleichwohl viele Jahre lang aus Furcht vor Verfolgung kaum daran zu denken ge⸗ wagt hatte, aber ſie hat in einem Augenblick gebeichtet, wo ihr Gewiſſen ſich in wahnſinnigen Worten und halb⸗ verſtandenen Sätzen offenbarte.“ „Ihre Schilderung iſt ſchrecklich. Aber Sie ſcheinen auch andeuten zu wollen, daß es nicht der Rauſch allein war, der ſein Gemüth verwirrte?“ „Es iſt höchſt wahrſcheinlich, daß die That nicht begangen worden wäre, wenn nicht der Ranſch den Ver⸗ ſtand des Thäters verrückt hätte, ſo daß er nicht ganz wußte, was er that; aber der Rauſch machte die Hand⸗ lung blos möglich, ohne ſelbſt das Motiv deſſelben aus⸗ zumachen. Der Vater hatte den Prieſter berufen, nicht blos um die letzten Gnademittel zu empfangen, ſondern auch um ihm anzuvertrauen, daß der größere Theil ſei⸗ nes ganzen Vermögens eigentlich ein Diebſtahl ſei. Gleich⸗ viel wie es dabei zugegangen. Das gehört jetzt nicht daher. Aber als der Sohn eintrat und meldete, daß der Prieſter warte, glaubte der Vater vermutblich dem Sohn Aufſchlüſſe über eine für ihn ſo wichtige Sache er⸗ theilen zu müſſen, worüber er ihm nie vorher auch nur das mindeſte Bekenntniß abgelegt hatte. Der Sohn, überraſcht von der Nachricht und von dem ſchrecklichen 54 Gedanken ergriffen, ſich auf einmal des ganzen bereits ſeingeglaubten Vermögens beraubt zu ſehen, und überdies von dem entſetzlichen Dämon des Rauſches beſeſſen, ver⸗ übte die That. „Unerhört, entſetzlich!“ murmelte der Pfarrer. „Mein Gott... das Verbrechen...“ „Sprechen Sie aus, Herr Doctor.“ „Während ſeiner ſcheinbaren Reue betrog er ja auch den Pfarrer?“ „Er betrog ihn, denn er entdeckte ihm nicht einmal den Grund ſeiner That. Und welche Reue hat er wohl nachher gezeigt? In Folge ſeines großen Vermögens war er von Allen geehrt und geachtet, und während er im Intereſſe ſeines Anſehens ſehr ſchöne und ehrende Plane zu allgemeinen Wohlthätigkeits⸗Inſtituten förderte, hat er zu gleicher Zeit, um ſich an den Schwachheitsſünden des armen Volks zu bereichern, die allgemeine Moral durch eine Brennerei, die im größten Maßſtab angelegt iſt, untergraben. Damit nicht genug; da ihm ſelbſt alle Begriffe von dem Werth und den Forderungen einer höheren Moral abgehen, ſo hat er die Erziehung ſeines eigenen Sohnes verwahrloſt, und dieſer iſt gleich dem Apfel nicht weit vom Stamm gefallen. Aber noch mehr. In gegenwärtiger Stunde will er dieſen Sohn mit einem edeln und guten Mädchen vermählen, mit der Tochter des Mannes, dem er juſt ſein ganzes Vermögen geſtoh⸗ len hat. Iſt das Reue, Herr Doctor? Iſt das die De⸗ muth eines tief zermalmten Herzens? Beweist das, daß die Gewiſſensqual ein Wurm iſt, der nicht ſtirbt, und ein Feuer, das nicht erliſcht? Zeugt dieß von einem in⸗ nigen Schuldgefühl vor dem Heiligen? Nein, Herr Doc⸗ tor, es beweist Rene blos vor Ihnen, als einem Manne, den er aus weltlichen Rückſichten fürchtete.“ „Hören Sie auf, mein Herr, um Alles in der Welt hören Sie auf. Ihr Bekannter iſt alſo...“ „Kein anderer als Boijer, Herr Doctor.“ 5⁵ „Ich ahnte es, ich verſtand es.“. 1 „Nun wohl, Herr Doctor, wie beurtheilen Sie die Sache jetzt?“ „Boijer muß das unrecht erworbene Vermögen dem Eigenthümer zurückgeben.“ „Weiter...“ „Die verabredete Verbindung darf nicht vor ſich gehen.“ 1 Jeſpersſon erhob ſich von ſeinem Platz. Zum erſtenmal ſeit langer Zeit ſtrahlte ſein Geſicht von Be⸗ friedigung. „Und Ihr Wort iſt unwiderruflich?“ „Unwiderruflich.“ „Aber ich habe vergeſſen, zu erwähnen, daß die Verkündigung bereits vor ſich gegangen iſt, und daß die Heirath nächſten Sonntag ſtattfinden wird. Wir haben kaum noch drei Tage vor uns. Sind Sie bereit, Tag und Nacht nach Wardnäs zu reiſen?“. „Dieß iſt unnöthig; ich will ſchreiben. Mein Brief iſt ſo mächtig wie mein Wort. Zweifeln Sie nicht da⸗ ran, Wann reiſen Sie ab?“ „Der Poſtillon wartet noch draußen im Hof.“ „Derr Pfarrer ergriff die Feder und begann ſogleich einen Brief; aber Jeſpersſon war nicht damit zufrieden, weil er fürchtete, der Brief würde nicht ſcharf genug ausfallen. All ſeine Vorſtellungen blieben inzwiſchen ver⸗ geblich. Der Pfarrer beharrte feſt bei ſeiner Ueberzeu⸗ gung und betheuerte vor Gott, daß er blos einige Zei⸗ len zu ſchreiben brauche, um ſelbſt im Brautſtuhl noch die Verbindung abzubrechen. „Um Sie vollkommen ſicher zu ſtellen,“ fügte der Pfarrer hinzu,„will ich Ihnen etwas übergeben, bei deſſen Anblick Boijer der Muth finken ſoll. Als ſein Vater todt war, ſchrieb ich ihm einen heiligen Eid vor, unbedingt meinen Befehlen zu gehorchen. Der Eid wurde im Angeſicht des Todten abgelegt, und ich ver⸗ 56 langte von dem Verbrecher, daß er mir noch eine blutige Locke geben mußte als äußeres Erinnerungszeichen an den entſetzlichen Augenblick. Nehmen Sie es mit ſich.“ Als Jeſpersſon auch den Inhalt des Briefs geleſen und ihn in einer Sprache abgefaßt fand, die auf die Umſtände berechnet war, verſchwand ſeine Unruhe, und er zweifelte nicht länger, daß dieß vollkommen für den Zweck genüge. Eine halbe Stunde ſpäter ſaß er wieder im Schlitten. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Der Menſch denkt, Gott lenkt. Auf Wardnäs war Alles Leben und Thätigkeit. In und außer dem Hauſe arbeitete man raſtlos, um dem Gut all die feſtliche Pracht und Ordnung zu verleihen, welche die Feierlichkeit des Tages erforderte. Für die Familie Boijer war Alfreds Verheirathung die Erfüllung tauſend ſehnſüchtig gehegter, theils offen ausgeſprochener, theils in ſtillem Herzen bewahrter Wünſche. Die Baronin knüpfte all ihre mütterlich zärtliche Hoffnung für Alfreds Zukunft daran. Es war ihrer Aufmerkſamkeit nicht entgangen, daß er ſeit der Verkün⸗ digung ſich bereits ſehr verändert hatte, und ſie glaubte hierin ſchon jetzt einen veredelnden und beſſernden Einfluß Emmas zu erblicken. Dieſe Verbindung hatte ſchon lange Zeit in Boijers tige an ö.“ eſen die und den im 57 Berechnungen eine große Rolle geſpielt. Wir kennen die⸗ jenigen, welche er mit ſeiner Frau theilte. Aber nach⸗ dem wir jetzt über die Entſtehung ſeines bedeutenden Vermögens Bericht erſtattet, können wir hinzufügen, daß er in dieſer Verbindung ein paſſendes Mittel erblickte, es gewiſſermaßen auch für die Familie Horner wieder nutzbar zu machen, ohne daß er und ſeine eigene Fami⸗ lie etwas dabei verlor. Er betrachtete nämlich die Ver⸗ heirathung zwiſchen Alfred und Emma als einen Weg, auf welchem er ſein Gewiſſen beſchwichtigen zu können hoffte, das mitunter noch immer ſeine anklagende Stimme erhob. Die letzteren Ereigniſſe hatten überdieß ſeinen Wünſchen in gedachter Beziehung neue Kraft ver⸗ liehen. 5 Aus mehr als einem Grund war daher der Hoch⸗ zeittag für dieſes Haus ein Tag der Freude, der Hoff⸗ nung, ja ſogar, wenn auch blos für einen gewiſſen Theil, ein Tag der Verſöhnung. Von allen Geſichtspunkten aus war er inzwiſchen einer der ſchönſten Tage, denen dieſe Familie je entge⸗ gengeſehen hatte. Aus einem ganz natürlichen Gefühl entſtand daher auch ſowohl bei Boijer, als bei ſeiner Frau der Wunſch, daß es ihnen ſelbſt geſtattet ſein möge, die Hochzeit auf Wardnäs zu feiern, und nachdem dieſer Wunſch einmal unter den Gatten ausgeſprochen war, umfaßten ſie ihn mit ſo großer Vorliebe, daß ſie ihn nicht blos ſogleich der Familie Horner vortrugen, ſondern auch beharrlich daran feſthielten und baten, der Baron und die Baronin möchten ihnen ihr ſchönes Familienrecht in dieſem Fall überlaſſen, was ſie als den größten Beweis alter Freund⸗ ſchaft erkennen würden; und Horners gingen auch end⸗ lich darauf ein in der Hoffnung, daß dieſes Opfer ihrer Tochter, für deren Zukunft ſie ſo herzliche Wünſche heg⸗ ten, einen weitern Vortheil in Alfreds Augen verleihen 2 58 würde. Um Emmas willen und nur Emma zu lieb ver⸗ gaßen ſie ſich ſelbſt. Als Alfred von dieſer Nachgiebigkeit erfuhr, jubelte er laut. Ohne über die Motive nachzudenken, welche Barons oder ſeine Eltern dabei beſtimmt haben konnten, erblickte er darin nur eine neue Bekräftigung ſeiner be⸗ reits adoptirten Anſicht über die Macht und den Einfluß des Reichthums. Von dieſem Augenblicke an war es auch ein ganz anderes Leben auf Wardnäs. Die ganze Arbeitskraft des Guts wurde in Bewegung geſetzt um da und dort zu repariren und zu verändern. Kein Mittel wurde ge⸗ ſpart um den kleinſten wie größten Dingen Glanz und Pracht zu verleihen. Auch die Eitelkeit ermangelte nicht ihren Einfluß geltend zu machen. Alfred, der jetzt frei und nach eigenem Behagen ſchalten und walten konnte, ſollte ſich zum erſten Male als mündiger und ſelbſtthätiger Mann zeigen, und er wollte ſich dabei als reicher Herr präſentiren. Wir finden Frau Boijer in demſelben Prachtgemach wieder, worin wir ſie fanden, als wir ſie zum erſten Mal dem Leſer vorführten. 3 In vielen Jahren war ihre Erſcheinung nicht ſo glänzend geweſen wie jetzt. Die Freude über die nahe Erfüllung ihres Lieblingsplanes hatte ſie ſogar verjüngt. Alle Bekümmerniſſe, welche Alfred ihr bereitet, waren vergeſſen. Die ſtolze Schönheit, welche ſie charakteriſirte, blitzte jetzt mit erhöhtem Glanz aus ihren Augen, und die Stirne ſtrahlte gekrönt vom Diadem der Anmuth. Es war kein Frühling von Schönheit, der blos von einer unbeſtimmten Zukunft träumte, es war ein überaus ſchöner Nachſommer, der in ſeiner entwickelten Farben⸗ pracht zwar von Blumen geſchmückt wurde, aber von Blumen, die zu Früchten herangereift waren. Des Frühlings Roſe lag bei ihr beinahe einbalſa⸗ 59 mirt in der ſchönſten Form, und des Lenzes holde Schwärmerei glänzte wie ein klares und reines Bewußt⸗ ſein in dem offenen Blick. „Wie glücklich bin ich,“ ſagte ſie zu ihrer alten Freundin Marie, die ihren Platz an ihrer Seite niemals verließ.„Ach, mein Gott, ich hätte niemals geglaubt, daß eine ſo große Freude, wie ich ſie jetzt empfinde, meiner noch warten könne.“ „Freue Dich nicht allzuſehr, gute Amalie,“ be⸗ merkte Marie.„Wer weiß... das Glück iſt wankel⸗ müthig.“ Amalie wandte ſich heftig gegen Marie. „Sagſt Du, daß ich mich nicht freuen ſoll? Ach, Marie, Du haſt doch immer Einwendungen zu machen. Ich erinnere mich jetzt wieder, wir ſaßen auch einmal juſt hier an demſelben Platz gerade wie jetzt. Ich war verdrießlich, melancholiſch, unzufrieden mit der ganzen Welt, aber vor allem mit meinem eigenen Schickſal, mit mir ſelbſt; aber je mehr ich da in meinem launen⸗ vollen Weſen klagte, Marie, deſto mehr ermunterteſt d mich fröhlich zu ſein— und jetzt, da ich fröhlich in 2 „Du mißverſtehſt mich, beſte Amalie; ich nehme warmen und aufrichtigen Antheil an allem, was Dich betrifft; aber Du verfällſt immer ſo leicht in Uebertrei⸗ bungen, und das thut mir leid, weil ich daraus die Ueber⸗ zeugung ſchöpfen muß, daß Du immer noch nicht den Seelenfrieden gewonnen haſt, welcher allein das wahre Glück zu ſchaffen vermag. Wenn ich ſehe, wie Du Dich von Kummer oder Frende hinreißen läſſeſt, ſo werde ich immer unruhig.“ „Um alles in der Welt, liebe Freundin, kein Wort mehr. Du brauchſt ganz und gar nichts zu fürchten. Als Gattin habe ich wenig Freude gekannt, und als Mutter habe ich erſt jetzt einige zu genießen angefangen. Darum will ich meine Freude auch mit der ganzen Le⸗ 60 bendigkeit eines lebensfriſchen Herzens genießen. Ach Marie, mißgönne mir das nicht! Du biſt ſonſt nicht meine Freundin. Du weißt ſelbſt am Beſten wie viel närriſche Launen mich früher beherrſcht haben; das alles iſt jetzt vergangen und die ganze Freude meiner Seele concentrirt ſich um meinen Sohn. Ich erinnere mich noch ganz gut wie Du meine thörichten Phantaſieen aus einer längſt entſchwundenen Jugend beklagteſt, und wie ich nur wünſchte, daß ich 20 Jahre meines Lebens noch nicht erlebt hätte; erinnerſt Du Dich vielleicht noch, was Du damals äußerteſt?“ „Sehr wohl, Amalie; ich ſagte, das Unglück allein könne Dich zu Dir ſelbſt zurückbringen.“ „Es hat das auch gethan. Alfred entwickelte Cha⸗ rakterzüge, die mich zermalmten, und ich fühlte mich ſo unglücklich, wie ſich eine Mutter nur fühlen kann; aber jetzt, da alles wieder ins rechte Geleiſe zu kommen an⸗ fängt, ſoll ich da nicht heiter, nicht glücklich ſein, nicht die Entzückungen meiner Seele ergießen dürfen? Um alles in der Welt ſtöre mich nicht, ſondern lache jetzt mit mir, wie Du früher immer mit mir geweint haſt.“ Marie vermochte inzwiſchen nicht einnal den Mund zu verziehen. „Arme Amalie,“ ſagte ſie.„Du haſt nie geliebt; Du haſt Dein ganzes Leben lang nur vom Schatten der Liebe gelebt und im Dunkel deſſelben vergebens nach einem wahren Glück getappt.“ „Mag ſein, Marie; aber da ich jetzt vergnügt bin, ſo lohnt es ſich kaum der Mühe, von all dem zu ſpre⸗ chen.“ „Deine Freude iſt nicht natürlich, Amalie. Sie ruht nicht auf dem Grund eines glücklichen Herzens. Möchte ich mich doch täuſchen, und nicht auch jetzt Recht erhalten!“ 61 „Recht? Was willſt Du damit ſagen? Worin willſt Du nicht Recht haben?“ „Darin, Amalie, daß das Unglück Dich auch jetzt zu Dir ſelbſt zurückführen werde.“ Auch Boijers Stimmung war nicht mehr ſo be⸗ drückt und mißvergnügt, wie früher. Zwar blieb er immer gleich verſchloſſen, aber ſeine Anſichten hatten eine Lebendigkeit gewonnen, die ihnen viele Jahre lang, ganz beſonders aber in den letzten Wochen gefehlt hatte. Re⸗ dete man ihn an, ſo antwortete er nicht immer, aber er lächelte. Mit ſichtbarer Selbſtzufriedenheit betrachtete er alle die Veränderungen und Verbeſſerungen, die um ihn her vorgenommen wurden; aber wenn man ihn um Rath fragte, ſo nickte er gewöhnlich blos und rieb ſich vergnügt die Hände. Es lag in alle dem eine gewiſſe Geiſtesabweſenheit, die aber durchaus nichts aberwitziges hatte. Frau Boijer, die an alle Sonderbarkeiten bei ihm gewöhnt war, legte inzwiſchen wenig oder gar kein Gewicht darauf, aber bemerkte um ſo mehr, und zwar zu ihrer herzinnigſten Freude, daß das Verhältniß zwi⸗ ſchen ihm und Alfred vollkommen gut zu ſein ſchien. Dieſer Umſtand war für ihr Mutterherz von der größten Wichtigkeit. Sie hatte Boijers frühere Urtheile über den Sohn nicht vergeſſen, deßhalb flößte ihr auch jetzt ſein Beifall ein um ſo größeres Vertrauen ein und war von um ſo größerem Werth für ſie. Amalie kannte die heimlichen Bande nicht, welche den Knoten zwiſchen Vater und Sohn allmählig zuge⸗ zogen hatten. Während des vorerwähnten Geſprächs zwiſchen Amalie und Marie war Boijer im äußern Salon auf und ab gegangen und hatte dazwiſchen hinein auf die Landſtraße hinausgeblickt, als erwartete er mit Unge⸗ duld Jemand. Seine Miene war froh und freundlich, mitunter ſpielte ſogar ein vergnügtes Lächeln auf ſeinen Lippen. Die Augen, dieſe Spiegel der Seele, die bei Boijer meiſtens immer matt und gläſern waren, und nie ſein Inneres wiederſpiegelten, glänzten jetzt auf eine bei ihm ganz ungewöhnliche Art. Endlich ſah man einen Bedienten auf der Straße herankommen, und bei ſeinem Anblick rieb er ſich ver⸗ gnügt die Hände. Eine Weile ſpäter ſtand der Bediente vor ihm. „Nun,“ ſagte Boijer,„haſt Du den Brief dem Fräulein ſelbſt eingehändigt? fohl„Ja gewiß, Herr, ſo hatten Sie mir ja be⸗ ohlen.“ „Sie erbrach ihn? Sie las ihn?“ „Sogleich, gnädiger Herr.“ „Sah ſie vergnügt und fröhlich aus?“ „Ei das kann ich juſt nicht ſagen.“ „Was ſagſt Du? kannſt Du es nicht ſagen? Ging ſie zum Baron hinab?⸗. „Ja augenblicklich, Herr, ſobald ſie den Brief ge⸗ leſen hatte... ſogleich...“ „Trafſt Du den Baron?“ 4 „Nein, ich traf ihn nicht; aber Guſtav übergab mir dieſen Brief hier von ihm.“ „Gib her, gib her.“ Noch ehe Boijer den Brief hatte erbrechen können, kam Amalie aus dem Wohnzimmer heran. „Du haſt einen Brief erhalten, glaube ich,“ ſagte ſie,„kommt er nicht von Baron Horner? Ich meine das Siegel zu erkennen.“ „Allerdings, Amalie! ſiehſt Du..“ 63 „Du ſcheinſt bereits zu wiſſen, was er ent⸗ hält,“ bemerkte ſie,„und Du haſt ihn gleichwohl noch nicht geleſen. Es kann ja auch etwas Unangenehmes ein.“ „O nein, Amalie; es kann nichts Unangenehmes ſein. Du mußt wiſſen, daß ich meinem lieben Schwie⸗ gertöchterchen ein kleines Geſchenk gemacht habe, und noch überdieß eines, das...“ „Nun, das war aufmerkſam von Dir, Boijer; warum haſt Du mir nicht auch davon geſagt? Du biſt ſo geheimnißvoll. Was haſt Du ihr denn ge⸗ ſchenkt?“ „Geheimnißvoll... nun ja, Amalie, darin liegt weiter nichts Böſes. Uebrigens war das Geſchenk eigent⸗ lich nicht für ſie... ſondern...“ „Nicht für ſie?“ „Du haſt oft geſagt, daß ich etwas einfältig ſei, aber dießmal mußt Du zugeben, daß ich ſchlau genug geweſen bin.“ „Aber um Gottes willen, was haſt Du denn ge⸗ than, Boijer? ich fange wahrhaftig an, unruhig zu wer⸗ den. Laß hören.“ „Du weißt, daß ich noch eine Forderung von etwa zwanzigtauſend Reichsthalern an Horner hatte.“ „Das weiß ich: aber Du haſt doch nicht...“ „Unläugbar müſſen wir geſtehen, daß Horners uns mit einer Artigkeit behandelt haben für welche wir nicht dankbar genug ſein können. Wie ſehr ſind wir ihnen nur zum Beiſpiel dafür verbunden, daß ſie in unſeren Wunſch, die Hochzeit hier zu halten, einwilligten! Du haſt ſelbſt geſehen, wie ſchwer es ſie ankam.“ „Das iſt wahr, unläugbar wahr; aber Du haſt doch wohl keinen Verſuch gemacht, unſere Dankbarkeit mit baarem Geld zu liquidiren?“ „Keine Bezahlung! Ah, pfni nein! Ich ſandte blos den Revers zerriſſen und über und über verſchrie⸗ ben als Geſchenk an Emma ab, und bat meinem Namen ihrem Vater zu übergeben.“ „Mein Gott, was haſt Du gethan?“ „Bwanzigtauſend Reichsthaler, das iſt mein Seel' ein Geſchenk, das etwas heißen will, und könnte er es wohl auf eine ſchönere Art empfangen, als durch ſeine eigene Tochter? Ich meine...“ 2 „Du meinſt gewiß etwas Einfältiges, wenn Du glaubſt, daß Du Horner damit eine wirkliche Freude bereitet habeſt. Du biſt kein Menſchenkenner. Warum haſt Du nicht zuerſt mit mir geſprochen? Laß uns den Brief leſen und ſeine Antwort ſehen.“ Als ſie ihn öffneten, fielen die Stücke der zerriſſenen Obligation zu ihren Füßen nieder. „Siehſt Du, Boijer. Dieſe Antwort gefällt mir nicht.“ 4 Die Freude in Boijers Geſicht verſchwand und die Augen bekamen ihr gewöhnliches verſchleiertes Ausſehen wieder. wlikali hatte ſich inzwiſchen des Briefs bemächtigt und las: ſie ihn in „Mein alter Freund! „Während der vielen Jahre unſerer Bekanntſchaft haſt Du mir mannigfache Beweiſe redlicher Freundſchaft gegeben. Du haſt dieß ſowohl in der Art gethan, wie Du Deine Anſprüche auf Bezahlung meiner Verbind⸗ lichkeiten, die Du von Deinem Vater ererbteſt, nach meinen Mitteln einzurichten ſuchteſt, wie auch in Deinem und Deiner Familie perſönlichem Verhalten gegen mich und die Meinigen. Einen neuen Beweis Deines guten Herzens haſt Du unzweifelhaft mir auch jetzt ſchenken wollen, indem Du mir auf eine ſo zartſinnige Weiſe durch meine eigene Tochter meine letzte Schuldverſchrei⸗ bung zurückſchickteſt; aber ſo groß Dein Zartgefühl iſt, ſo aufmerkſam muß ich auf mich ſelbſt ſein. Mein gan⸗ zes Leben hindurch habe ich, wie Du am allerbeſten weißt, an den verwickelten Angelegenheiten meines Vaters zu laboriren gehabt; aber für die vielen Bekümmerniſſe, die mich dabei niederdrückten, für die Sorgſamkeit, die ich dabei ſtets entwickeln mußte, danke ich innig dem lieben Gott, weil ich fühlte, wie ſehr dieſe Sorge nicht blos meine Thätigkeit erhöhte, ſondern auch meinen Charakter beſſerte, meine Seele erleuchtete, mein Herz erwärmte und mich im Allgemeinen Schritt für Schritt zu einem ernſtern und beſſern Menſchen und Bürger machte. Da ich nun bisher gegen meine eigene Umſorge und Wirkſamkeit in ſo großer, zugleich menſchlicher und moraliſcher Verpflichtung geſtanden habe, ſo glaube ich auch für die noch übrige Dauer meines Lebeus mich auf ſie und auf die Gnade des Allmächtigen ſtützen zu müſſen, nicht aber auf einen zufälligen Glücksfall, der, wenn ich darauf einginge, vielleicht meine Gedanken zu fremden, mir bisher unbekannten Eingebungen hinreißen würde, ſo daß ich in meinem einfachen Glauben an die über jedes redliche Streben wachende Allmacht der Vor⸗ ſehung erſchüttert werden könnte. Magſt Du Dich da⸗ her nicht beleidigt finden, wenn ich Dir hiemit den Revers in dem Zuſtand, worin ich ihn bekommen habe, zurück⸗ gebe und ihn als vollkommen giltig erkläre. Du findeſt gewiß, daß meine Dankbarkeit gegen Dich darum nicht kleiner iſt. Ich verſtehe ſo wohl und achte ſo dank⸗ bar Deine in die Augen fallende ſchöne Abſicht mir und den Meinigen heute am Hochzeittage meiner Toch⸗ ter eine noch größere Frende bereiten zu wollen.“ Frau Boijer ſchenkte dem Brief ihren Beifall. Boijer war verdrießlich und mißſtimmt. Aber der Brief war noch nicht zu Ende und Amalie las weiter: „„Willſt Du mir eine Freude— und zwar eine weit höhere Freude machen, ſo liegt es in Deiner Macht. Ridderſtad, Vater und Sohn. II. 5 66 „Obſchon es mir unmöglich iſt unverdiente Beweiſe von Güte für meine eigene Rechnung anzunehmen, ſo halte ich mich nicht für zu gut und bin auch nicht zu ſtolz um eine Bitte an Dich zu richten und Deine Theil⸗ nahme für Fälle in Anſpruch zu nehmen, die das All⸗ gemeine betreffen. „Du kennſt meine Art über den Branntwein zu denken. Ich bin weit entfernt ihm alle Verbrechen und Laſter der Welt zuſchreiben zu wollen, aber das unter⸗ liegt doch keinem Zweifel, daß ein großer Theil davon aus dieſer Quelle eutſpringt, einer Quelle, aus welcher die Leidenſchaft Feuer, das Herz Raſerei, und der Ver⸗ ſtand Wahnwitz trinkt. „Es iſt Dir auch nicht unbekannt, daß meine Eitel⸗ keit mir mit der Vorſtellung geſchmeichelt hat, ich möchte Dich zur Niederlegung Deines Rieſengeſchäfts vermögen können, das nicht blos die reelle Produktivität der Gegend verzehrt, ſondern auch die Verirrungen, die Armuth, die gräulichſten Laſter in derſelben kräftig vermehrt. Geleitet von der Eingebung dieſer Eitelkeit habe ich diejenigen, welche die mir in der letzten Zeit überreichte Adreſſe unterzeichneten, halb und halb auf dieſen heutigen Tag zu verweiſen gewagt. Allen Vermuthungen nach werden ſie ſich auch, belebt vom Iutereſſe für ihre Wünſche, und neugierig Deinen Entſchluß zu erfahren, einfinden. Geſtützt darauf möchte ich Dir noch einmal Alles, was ich vorher über die Sache geſagt habe, ans Gewiſſen legen und Dich daran erinnern, daß Du mir wahrlich auf keine ehrenvollere und edlere Art einen hohen Beweis Deiner Freundſchaft ſchenken könnteſt, als wenn Du in dieſem einzigen Fall meinem Wunſche nach⸗ kämeſt. Ueberzeugt, daß u. ſ. w.“ Boijer bewegte ſich nicht vom Fleck. „Du hätteſt dieſen Schuldſchein nicht fortſchicken ſollen,“ ſagte Amalie;„aber ich danke inzwiſchen Gott, daß Baron Horner die Sache ſo aufgefaßt hat, wie er 67 ethan. Ich geſtehe, daß er ſich dadurch meine Achtung tetz in rhee Grade erworben hat. Willſt Du in⸗ deß Dich ebenfalls von einer wirklich edeln und ſchönen Seite zeigen, Boijer, ſo würdeſt Du ſeinem Wunſche willfahren und Deine Branntweinbrennerei aufgeben. Wenn ſie auch Einiges zur Vergrößerung Deines Ver⸗ mögens beiträgt, ſo wiſſen wir doch ſelbſt am aller⸗ beſten, daß ſie keinen Segen mit ſich gebracht hat. Bewillige alſo ſeinen Wunſch, Boijer, ich bitte Dich darum.“ „Es iſt unmöglich, Amalie; jetzt noch unmöglicher, weil Alfred es nicht will.“ 4 „Alfred?“ „Wie ich ſage, Alfred.“ Mitten vor der Facade des Hauptgebäudes, ein paar Büchſenſchüſſe davon, war eine bedeutende Abthei⸗ lung kräftiger Arbeiter beſchäftigt, verſchiedene Gerüſte von höchſt ungleichem Ausſehen zu errichten. Alfred war auf die Idee gekommen, am Abend während des Trauungsaktes ſelbſt ein Feuerwerk ab⸗ brennen laſſen. Der Vorſchlag wurde ſowohl von Boi⸗ jer als von Amalie mit großer Befriedigung aufgenom⸗ men, weil es dem Feſt einen noch höheren Glanz ver⸗ leihen ſollte. Im Allgemeinen freute ſich beſonders Amalie über jeden Vorſchlag von Alfreds Seite, wel⸗ cher Intereſſe für den Tag zeigte, weil ſie darin weitere Beweiſe von Liebe zu entdecken glaubte, und wir kennen all die Hoffnungen, welche ſte darauf baute. fred war unläugbar in dieſen Tagen unermüd⸗ lich. Vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend be⸗ 68 fand er ſich in beſtändiger Thätigkeit. Man hatte einen gelernten Feuerwerker verſchrieben, unter deſſen Aufſicht das Ganze geleitet wurde; aber Alfred ſetzte alle Arme und Beine in Thätigkeit. Abgeſehen von gelegenheitli⸗ chen, heftigen Ausbrüchen, wo er weder den Stock noch ſeine Worte ſparte, war er heiter und freundlich, und ermunterte die Leute durch allerlei luſtige Einfälle. Im Allgemeinen raſch, flink und in Nichts langſam, ergriff er, wenn es ihn gerade ankam, mit ebenſo großer Kraft die Art wie den Spaten und ſtellte ſich an die Spitze der Arbeiter. Alles ging auch munter von ſtatten und die Arbeit näherte ſich bereits ihrem Ende. „Ein verdammt tüchtiger Junge,“ murmelte Lars zwiſchen ſeinen zuſammengepreßten Zähnen, während er an den Thürpfoſten der Brennerei gelehnt daſtand,„und er ſollte für mich verloren gehen?“ Eine abſcheuliche Grimaſſe verzerrte dabei ſein Geſicht. „Je mehr ich ihn ſehe,“ ſagte Lars wieder,„um ſo mehr liebe ich ihn. Ich fühle, daß ich nicht leben köunte, ohne ihn gleichſam in meiner Gewalt zu haben. Es iſt ein Satansding, wenn man hier(in der Welt ein Herz hat. Das haben wir um unſrer Sünden willen bekommen. Da ſehe man, ob er nicht Sprünge macht gerade wie eine wilde Katze. Ja, er iſt ein ganzer Kerl, aber ich bin auch ein Kerl. Jetzt denkt er blos an ſie, aber wir wollen ſchon ſehen. Wer zuletzt lacht, lacht am beſten.“ Alfred war mit Aufrichtung eines Geſtelles für eine in verſchiedenen Farben ſchimmernde Sonne beſchäftigt, welche das Hauptſtück des Feuerwerks werden ſollte, und damit dabei keine Verſäumniß ſtattfinden könne, begab er ſich ſelbſt in die Region der beabſichtigten Sonne. Als er hoch oben ſtand, kam er auf eine Idee. 69 Alfred hatte während dieſer Tage raſtloſer Thätig⸗ keit gar vielerlei Ideen gehabt. Im Augenblick, wo die Idee über ihn kam, wurde er jetzt Lars anſichtig. „Lars,“ rief er,„Lars Persſon!“ Lars ſtrich das Haar aus ſeinem trübſeligen Geſicht und ſtarrte hinauf. „Was iſts, Herr Alfred, was gibts?“ „Haſt Du etwas, was einer durſtigen Seele ſchmecken kann, ſo gib es her. Aber ſpute Dich, Lars! Die Stel⸗ lung da iſt nicht ſonderlich bequem.“ Lars eilte in ſein kleines Comtoir hinein. Als er den Schrank öffnete, glitt ein ſchreckliches Lächeln über ſein Geſicht. Im Schrank ſtanden fünf bis ſechs verſchiedene Fla⸗ ſchen, alle ſehr wohl aufgefüllt. „Dieſe hier,“ murmelte er, indem er die dunkelſte von ihnen nahm,„dieſe hier wird ihm hoffentlich den Kopf warm machen. Wenn der Teufel ſelbſt ſie gebraut hätte, ſie könnte nicht beſſer ſein, darauf ſchwöre ich.“ Lars beeilte ſich nicht ſehr. Während ſeiner langen Thätigkeit hatte er gefunden, daß man mit der Lang⸗ ſamkeit nichts verliert. Nach ſeiner Anſicht flößte das Reſpect ein. Alfred warf einen Strick hinab, und Lars band die Flaſche feſt, worauf ſie hinaufgezogen wurde. „Ein Hoch auf die Geſundheit meiner Braut!“ rief Alfred und führte die Flaſche an den Mund. Sein Geſicht klärte ſich unwillkührlich, ſobald er den Trank zu ſchmecken bekam. „Der Tauſend, Lars,“ ſagte er, nachdem er einen tüchtigen Zug gethan,„Du beginnſt wahrhaftig Dich ſelbſt zu übertreffen. Was zum Teufel iſt das? Es brennt wie Feuer und iſt doch ſüß wie Zucker. Haſt Du noch mehr ſolche Flaſchen da?“ „Ein Dutzend, Herr Alfred.“ 70 „Ein Dutzend? Du biſt ein Millionär, Lars. Ich ſage Dir, ſobald ich Zeit habe, werde ich kommen und Dir einen Beſuch machen. Mit dem Dutzend Flaſchen da muß ich Freundſchaft ſchließen, das ſehe ich wohl. Deine Geſundheit, Lars!“ Alfred ſetzte die Flaſche wieder an den Mund. Das Getränk verbreitete eine ſo ungewöhnliche Wärme vom Kopf bis zum Fuß. Das Blut lief haſtiger in ſeinen Adern. G! meinte ſich ins Himmelreich verſetzt. „Noch einen Schluck,“ meinte Lars.„Dreimal iſt des Burſchen Pflicht, Herr Alfred.“ „Es ſei!“ Darauf ließ er die Flaſche wieder hinab und Lars nahm ſeinen Schatz zurück. „Ein verdammt tüchtiger Burſche,“ ſchwatzte Lars auf dem Rückweg nach der Brennerei vor ſich hin,„und er ſollte mir entgehen?“ Seine Zähne knirſchten. „Er ſoll mir beim Teufel nicht hinauskommen,“ beantwortete er ſeine eigenen Gedanken.„Mit ihm werde ich mich am Gutsherrn rächen, ſo viel iſt ſicher.“ Von Hans hatte man ſeit dem Augenblick, wo er Abrahamsſon verließ, nichts mehr gehört. Das Ver⸗ ſchwinden des Burſchen erregte im Anfang kein geringes Aufſehen; aber bald vergaß man ihn wie noch vieles Andere. Sobald Boijer und Alfred durch Maja von dem Ereigniß erfuhren, unterließen ſie nicht, alle möglichen Maßregeln zu treffen, um ihm nachzuforſchen; da jedoch alle Verſuche nutzlos blieben, ſo hielten ſie es endlich für Ich und chen ohl. Das vom inen liſt Lars kars und en, erde » er zer⸗ ges eles dem chen doch für 71 ausgemacht, daß er ſich beſoffen, ſodann in ſeinem Rauſch verirrt habe und irgendwo eingeſchneit worden ſei. Hanſens Tod, den man jetzt für ganz gewiß anſah, trug nicht wenig dazu bei, Alfred und Boijer aufzuhei⸗ tern und zu beruhigen. Man hatte alſo wegen des Abenteuers mit dem Poſtillon auf der Landſtraße gar nichts mehr zu fürchten. Alfred überblickte jetzt auch ſeine Stellung nicht ohne eine gewiſſe Selbſtzufriedenheit. „Wenn man nur nicht ängſtlich iſt in der Welt, ſo geht Alles gut,“ meinte er.„Ich kam von Upſala heim .. ich war relegirt und ſteckte bis über die Ohren in Schulden.. aber verlor ich deßhalb den Muth? Bah! wäre ich ſo ein zimperliches Bürſchchen geworden, wie meine Eltern wünſchten, ſo hätte ich mir dieſes Ungezie⸗ fer von der Akademie her noch nicht vom Halſe ſchaffen können. Aber jetzt habe ich den lieben Papa in ſeinem eigenen Netze gefangen und ich kann hier als Herr ſchal⸗ ten und walten, wie ich will. Kann wohl Jemand ſa⸗ gen, daß ich mich wie ein dummer Junge aufgeführt habe?“ Aber wenn Boijer und Alfred Urſache hatten ſich zu tröſten, während ſie zu gleicher Zeit Maja mit der Hoff⸗ nung zu tröſten ſuchten, daß ſie, ſobald der Schnee ge⸗ ſchmolzen, ganz gewiß die Leiche ihres Hans finden würde, ſo ging die verunglückte Nachforſchung Lars Persſon deſto mehr zu Herzen. Hans hatte ihm die Geſchichte mit dem Poſtillon anvertraut und Lars beſchloß ſogleich, ſich die Sache zu Nutze zu machen, zwar nicht um Alfred anzuzeigen, denn er hatte ihn ſo lieb, daß er es vorgezogen hätte, ſich ſelbſt anzuklagen, aber um Alfred mit Hans im Schach zu halten und dadurch Alles von ihm zu erzwingen, was er wollte. Da jedoch Hans ſich jetzt nicht mehr vorfand, ſo mußten andere Pläne ausgeſonnen werden, und wenn 72 Lars einen ſolchen auch nicht ſogleich fertig in ſeinem Kopf vorfand, ſo gelang es ihm doch zuletzt. Inzwiſchen fluchte und brummte er gewaltig über Hanſens Dummheit, ſich einſchneien zu laſſen, dann aber vergaß auch er ihn gänzlich. Als Lars mit der Flaſche ins Comptoir kam, füllte er ſie von Neuem, und rief Johann zu ſich. „Möchteſt Du vielleicht einen Schluck thun, Johann?“ ſagte er;„was ſagſt Du?“ „Nun ja freilich, Vater Lars; was ſoll ich ſagen ... da Sie mir anbieten...“ Lars reichte ihm die Flaſche, und Johann begann zu ziehen. „Bei Gott,“ ſagte er,„ein ganz närriſcher Ge⸗ ſchmack, gerade wie Brennneſſeln und ſüße Blumen auf einmal.“ „Noch einen Schluck, Johann, und fürchte Dich nicht vor dem Grund der Flaſche, Du erreichſt ihn doch nicht ſo bald. Nun, Johann, hätteſt Du Luſt, heute Abend um die Dirne zu freien?“ „Ich hätte immer Luſt dazu.“ „Aber Du ſiehſt juſt heute wie ein recht elender Schlucker aus, und es iſt am Beſten, wenn Du der Flaſche noch ein wenig zuſprichſt, damit Du Muth be⸗ kommſt; man bekommt ein Mädchen nicht mit Milch⸗ händen, ſage ich Dir; es geht weit leichter mit Leder⸗ handſchuhen. Wie ſchmeckt das Ding?“ „Das... das...“ Johann ſchnappte nach Athem .„das brennt... gerade wie ein Fluch.“ „Wie dumm Du Dich ausdrückſt; Du wirſt ſehen, daß Segen hintennach kommt. Willſt Du noch einen Schluck?“ „Jetzt nicht, Meiſter; aber ſpäter... heut Abend...“ „Wenn Du freien ſollſt; nun, es iſt recht, Johann. Dann mußt Du freilich Muth im Herzen haben. Du darfſt Dich dannnicht zufrieden geben, bis Du einen Kuß von ihr haſt. Das iſt doch etwas.“ 73 Wir müſſen uns noch auf einen Augenblick nach Edsbro begeben. Der Tag war weit vorangeſchritten, und die Zeit zur Reiſe nach Wardnäs war herangerückt. Die Equipagen warteten bereits vor dem Hauſe. Horner und die Baronin waren bereit, ſich ſogleich hinabzubegeben. Horner ging im Zimmer auf und ab. Die Baronin ſtand an ihrem gewöhnlichen Nähtiſchchen, die Hand auf die Ecke deſſelben geſtützt und mit geſenk⸗ tem Blick. Sie überlegte etwas; ſie hatte einen Wunſch, man ſah es deutlich. Horner merkte ihre Ueberlegung, und ein Lächeln ſpielte auf ſeinen friſchen, ſchönen Lippen, auf welchen ſonſt ſo viel Güte und zuweilen auch einige Selbſtgefäl⸗ ligkeit ruhte.: „Sei jetzt nicht kindiſch,“ ſagte er, während er ſei⸗ nen Gang auf und ab fortſetzte.„Du biſt ja ganz närriſch, meine liebe Amalie.“ „Es iſt unmöglich, Horner, ich muß; Du magſt ſcherzen, ſo viel Du willſt.“ Die Baronin hatte ihren Entſchluß gefaßt, und jetzt zog ſie das Schublädchen, nahm ein Kartenſpiel heraus und begann es zu miſchen. So ſehr Horner auch die Schwachheit ſeiner Frau zu belächeln pflegte, ſo konnte er doch manchmal nicht umhin, aufmerkſam den Prophezeiungen zu lauſchen. „Es iſt ſehr wunderbar,“ ſagte die Baronin, noch mit dem Kartenmiſchen beſchäftigt,„daß ſeit dem Ver⸗ kündigungstag Emma's immer nur unglückliche Sachen vor dem Hauſe gelegen haben. Da ſieh jetzt her.“ Sie begann die Karten zu legen. „Vielleicht,“ fuhr ſie fort,„haben wir unrecht ge⸗ than, daß wir die Veranſtaltung der Hochzeit Boijers überließen. Ich habe es nachher bereut.“ „Jetzt haſt Du Unrecht, Amalie. Man muß immer vorher wiſſen, was man thut, und es dann nie be⸗ reuen. Wo die Hochzeit iſt, daran liegt nichts, wenn ſie nur Glück mit ſich bringt. Nun, was ſprechen die Karten?“ „Warte ein wenig; ſie ſind noch nicht ganz gelegt⸗ Aber hier handelt es ſich um Geld, das ſeh' ich. Sollte Boijer es mißbilligt haben, daß Du ihm ſeinen Schuld⸗ ſchein zurückſchickteſt?“ „Das glaube ich nicht. Ich erkenne gern ſeine wirk⸗ lich edle Abſicht, und habe in ſeiner Handlung einen neuen Grund gefunden, meinen alten Freund zu ehrenz aber deßungeachtet konnte und durfte ich nicht anders handeln. Ich bin überzeugt, daß Boijer es ſelbſt einſieht.“ „Allmächtiger Gott!“ rief die Baronin,„das di iſt gar zu ſonderbar.“ „Wie? was?“ Die Karten waren gelegt. „Komm her, Horner, komm her! So etwas habt ich noch nie geſehen. Siehſt Du auf dieſer Seite blot ſchwarz... kohlſchwarz... Unglücksfälle, Verderben, Tod, und auf dieſer Liebe, Glück, Freude und Geld viel Geld.“ Ein Lächeln ſpielte wieder auf Horners Lippen. „Das ſind ſo ziemlich entgegengeſetzte Sachen. Wie willſt Du ſie wohl mit einander reimen?“ „Ich weiß nicht. Die Karten ſind noch niemals ſ gefallen. Es gibt irgend ein großes Unglück.“ „Und zu gleicher Zeit ſagſt Du ja auch ein großes Glück. Du kennſt ja das Schickſal der Prophetinnen.“ „Scherze nicht, Horner. Irgend etwas Wichtiges erwartet uns.“ „Soll ich Dir die Karten erklären?“ Du 2 „Du glaubſt nicht, daß ich prophezeien kann; aber Du haſt Dich ſo lange damit beſchäftigt, daß auch ich 75⁵ ſo ziemlich in die edle Kunſt hineinzupfuſchen verſtehe. Willſt Du...“ „So erkläre ſie, wenn Du kannſt.“ „Merkſt Du nicht, daß Emma den ſchwarzen Karten den Rücken kehrt?“ „Du haſt ganz Recht.“ „Und den rothen das Geſicht?“ „Ja, ja!“ „Die Sache iſt alſo leicht erklärt. Mit dem heuti⸗ gen Tag, verſteh mich wohl, ſind ihre und unſer Aller Bekümmerniſſe vorüber, und ſie geht hinfort der Liebe, der Freude, dem Glück und dem Geld entgegen... vielem Geld, wie Du Dich ausdrückteſt.“ Die Baronin blickte vertrauensvoll in Horners Geſicht. „Ach Horner, Du haſt mich von einer großen Un⸗ ruhe gerettet. Du biſt unläugbar ein geſchickterer Pro⸗ phet als ich glaubte, und um Dich nicht in noch mehr unangenehme Gedanken zu verwickeln, nachdem die Sache jetzt eine ſo heitere und gute Wendung genommen hat, verſpreche ich, nicht mehr Karten zu legen...“ „Bis zum nächſten Mal,“ ergänzte Horner lachend ihren Satz.“— Emma war bald in ihrem Brautkleid bei ihren El⸗ tern unten angekommen. Sie hatte Sophie und Charlotte aufgefordert, ihr bei der Toilette behülflich zu ſein. Dieſe war auch im höchſten Grad ausgeſucht. Das Kleid war zwar ganz einfach von ſchwarzer Seide, aber es lief in reichen tiefen Falten um die ſchlanke, feine Geſtalt, und hob auf eine einnehmende Art die blaſſen, nur von einem leich⸗ ten, kaum merkbaren Schimmer bedeckten Geſichtszüge. Der luftige Schleier fiel von dem mit weißen Blu⸗ men durchflochtenen Myrthenkranz herab wie ein Silber⸗ nebel von einer grünenden Roſenſtaude, die mit funkelnden Thauperlen geſchmückt iſt. Im Bruſtbouquet glänzte Annas ſchöne Camelie, die Blume ohne Wohlgeruch. Charlotte und Sophie hatten auch ihr ganzes Ta⸗ lent aufgeboten, um den Schmuck der Braut ſo bezau⸗ bernd wie möglich zu machen; aber die Natur ſelbſt war zu jeder Zeit Emmas beſte Kammerjungfer. Schweigſam und ſtill, beinah gleichgiltig für ſich ſelbſt, hatte ſie die beiden andern mit ſich machen laſſen, was ſie wollten. Als die Toilette fertig war, begab ſie ſich hinab⸗— Aber als ſie an die Thüre kam, kehrte Emma noch ein⸗ mal um. Welchen Blick voll Feuer und Leben warf ſie jetzt um ſich! Ihr Buſen hob ſich, und ſie legte ihre Hand auf ihr Herz. Ein tiefes Gefühl ſchien ſie zu bewälti⸗ gen. Ihre Lippen bewegten ſich, ſie ſchien ſprechen zu wollen, aber kein Wort wurde gehört; ſtatt deſſen konnte man glauben, daß alle ihre Gedanken in dem Seufzer verſchmolzen, den ſie aushauchte. Emma nahm Abſchied von ihrem Stübchen; von dieſem hübſchen, gemüthlichen Stübchen, wo ſie ihres Lebens glückliche Lenztage verträumt, von wo ſo man⸗ cher ſtille, friedliche Gedanke friſch und heiter über die Welt hinausgeſchwebt, wo ſo manch herrliche und ſchöne Hoffnung eine ganze Welt von Seligkeit um ſie her ge⸗ ſchaffen hatte. Alle die todten Dinge, die ſie umgaben, ſchienen ihr in dieſem Augenblick lebendig. Sie waren die Vertrauten ihrer Freude und ihres Schmerzes, die Bekannten ihrer Kindheit. Jede Kleinigkeit hatte in die⸗ ſem Augenblick irgend eine freundliche Erinnerung zu er⸗ zählen; jedes noch ſo unbedeutende Ding mahnte an leich⸗ üge. Blu⸗ bilber⸗ eInden länzte 3 Ta⸗ dezau⸗ t war rſich aſſen, inab. ein⸗ jetz Hand välti⸗ en zu onnte ufzer von ihres man⸗ rdie chöne rge⸗ aben, aren die die⸗ u er⸗ 2 an 77 etwas, was ihrem Herzen jetzt ſo theuer war. Unwill⸗ kührlich öffnete ſie ihre Arme, als wollte ſie das ganze Zimmer an ihren Buſen drücken. Eine Thräne zitterte in ihren Wimpern. Wie theuer war ihr nicht jetzt die⸗ ſes Zimmer! es ſchloß die Erinnerung an ihre ganze Jugend in ſich, die Erinnerung an ein ganzes Leben von friſchen und ſpielenden Phantaſteen. Als ſie es endlich verließ und die Thüre zuſchloß, war es ihr, als hätte ſich die Pforte des Paradieſes hinter ihr verſchloſſen. Aber als ſie vor ihre Eltern trat, da war ſie wie⸗ der ruhig.„ Horner ſowohl als die Baronin bemerkten leicht, daß ſie einen Kampf mit ſich ſelbſt gekämpft hatte. „Nun Emma, biſt Du reiſefertig?“ „Ja, mein Vater.“ Die Antwort war offen, die Stimme war ruhig und natürlich. Nichtsdeſtoweniger weilte Horners Blick noch fragend auf der Tochter. „Sag' mir, mein Kind, fühlſt Du Dich glücklich?“ Emma ſchaute auf, fiel aber ohne zu antworten ihrem Vater an die Bruſt. „Komm anch an mein Herz,“ flüſterte die Mutter. „Leb wohl, mein Kind, leb wohl!“ Horner fühlte die unendliche Wichtigkeit des Augen⸗ blicks ſo wohl, und er wollte ihm gern einen fröhlichen Charakter geben. „Willſt Du ſehen, Emma, was für ein großes Glück Deine Mutter Dir prophezeit hat? Komm her, Emma!“ Er führte ſie zu den Karten vor. „Siehſt Du, Emma?“ „Hu, wie ſchwarz, mein Vater!“ „Komiſches Mädchen, Du mußt hieher ſehen. Siehſt Du, wie die Herzen...“ 78 Aber in dieſem Augenblick überreichte Guſtav dem Baron einen ſoeben angekommenen Brief. Horner öſſnete und las ihn. Der Brief beſtand blos aus einigen wenigen Zeilen, aber Horner wechſelte die Farbe, als er den Inhalt durchſchaute. Noch mit dem Brief in der Hand ſah er ſich er⸗ ſchrocken rings um. „Was iſt's, Horner.? Du erſchreckſt mich.“ Horner antwortete nicht, ſondern durchlas den Brief noch einmal. Der Inhalt lautete wie folgt: „Herr Baron! Obſchon ich nicht die Ehre habe, Ihnen perſönlich bekannt zu ſein, ſo halte ich es doch, da man mir erzählt hat, daß Ihre Tochter heute mit dem jungen Herrn Boijer vermählt werden ſoll, für meine Pflicht, Sie zu benachrichtigen, daß heute Dinge berichtet worden ſind, deren Wahrheit ich zwar noch nicht verbürgen kann, die aber dennoch, wenn ſie ſich beſtätigen, von der Art ſind, daß ich mich erkühne, Ihnen vorzuſchlagen, die Hochzeit auf einen andern Tag aufzuſchieben.“ Der Brief war von einem etliche Kirchſpiele ent⸗ fernt wohnenden und neuerdings ernannten Juſtizbeam⸗ ten unterzeichnet. 3 „Mein Gott, Du antworteſt nicht!“ bemerkte die Baronin wieder.„Was iſts, das Dich ſo verſtummen macht?“ Horner betrachtete noch immer den Brief. „Um alles in der Welt, Horner, ſprich...“ Horner hielt den Brief zwiſchen beiden Händen, Als er ſein Haupt erhob, war ſein Blick unruhig. „Du ſiehſt ſo erſchüttert aus. Ums Himmels wil⸗ len, was enthält der Brief?“ „Blos gemeine Lügen,“ antwortete er.„Weiter nichts.“ Horner war bereits mit ſich einig. 79 „Nichts?“ wiederholte die Baronin. „Wie ich ſage.“ Und in dieſem Augenblick zerriß er das Billet zu Stückchen, die er verächtlich wegwarf. „Laß uns jetzt fortfahren.“ Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Fortſetzung. Die Familie Horner kam eine Viertelſtunde vor der Zeit, auf welche die übrigen Gäſte eingeladen waren, nach Wardnäs. Die Braut wurde von ihren künftigen Schwieger⸗ eltern empfangen und in ein Seitenzimmer des großen Salons geführt. Alfred hatte ſich bereits in das andere Zimmer ge⸗ genüber begeben. Vor jeder Thüre ſtand ein Marſchall, und man hatte verabredet, daß auf ein Zeichen von Carl Auguſt, welchem das erſte Marſchallamt anvertraut wurde, beide Thüren auf einmal geöffnet werden, ſodann die Braut⸗ leute eintreten und ſich bei dem Prieſter treffen ſollten. Von dem Augenblick an, wo die Gäſte zu kommen anfingen, bis zu dem Augenblick, wo alle angelangt waren, ſollten Braut und Bräutigam, jedes auf ſeiner Seite, gleichſam verhaftet bleiben. Dieſe Zeit konnte wenigſtens auf eine halbe Stunde, vielleicht ſogar auf eine Stunde berechnet werden. Für Alfred war dieß eine Stunde der qualvollſten 4 3 —õ——õ-— Erwartung. Er begann beinahe Gewiſſensqualen über ſeine Dummheit zu empfinden, daß er jetzt herging und noch ſo jung ſich verheirathete. 5 „Der Teufel weiß,“ meinte er,„ob ich nicht dennoch beſoffen war, als ich freite.“ Um die Zeit auf irgend eine vernünftige Art ver⸗ treiben zu können, hatte er einige Flaſchen Punſch in ſein Zimmer ſtellen laſſen. Alle Betrachtungen über die Vergänglichkeit des Junggeſellenlebens mußten auch in der That mit demn einen oder andern Glas interpretirt werden. Die Einſamkeit wurde ihm inzwiſchen immer uner⸗ träglicher. Es iſt nicht ſonderlich angenehm, allein zu ſein, wenn man nicht mehr Frieden in ſeinem Inner beſitzt, als Alfred zu Theil geworden war. f nd hatte er alle Mittel ſich zu zerſtreuen er⸗ ſchöpft. Er hatte wohl zum zwanzigſten Mal ſeine Friſur verändert, zum dreißigſtenmal ſein Halstuch geordnet, zum vierzigſtenmal ſich geſpiegelt. Einmal ums andre wiederholte er ſich Alles, was er bei der Ceremonie zu beobachten hatte, und überlegte alſo ganz genau, wel⸗ ches Ausſehen er annehmen mußte, wenn er allein in den Salon trat, wie er ſich anſchicken mußte, wenn er auf den Brautſchemel niederknieete u. ſ. w. In all dieſen Betrachtungen meinte Alfred, daß er zu ganz geſunden und klugen Reſultaten komme, und glaubte daher auch zu ſeiner Labung wohl ein Glas Punſch verdient zu haben. Er leerte es bis auf den Grund. Eine Equipage um die andere fuhr im Hof auf. Wie wenn das ein paſſender Zeitvertreib wäre, ſetzte er ſich ans Fenſter, um die Ankommenden zu be⸗ trachten, ihre Aufzüge zu muſtern und über das Lächer⸗ liche, das zuweilen zum Vorſchein kommen konnte, im Stillen ſeine Witze zu reißen. &— m n über und nuoch ver⸗ h in des dem uner⸗ in zu anern ! er⸗ riſur dnet, andre ie zu wel⸗ in in in er aß er und Glas 81 Anna ſprang während dieſer Zeit über den Hof. Frau Boijer, die immer größere Liebe für ſie ge⸗ faßt, hatte ſie mit neuen hübſchen Kleidern verſehen, und beſonders auf dieſen Tag, wo die Familie Boijer den größtmöglichen Luxus zu entwickeln wünſchte. Alfred folgte ihren Bewegungen mit brennenden licken. „Zum Henker,“ ſagte er,„das iſt doch etwas,“ Alfred wurde gedankenvoll, und in ſeinen Gedanken füllte er ſich ein neues Glas. Mit gekreuzten Armen ſchritt er im Zimmer auf und ab.. Das Gemurmel im äußern Saal nahm fortwäh⸗ rend zu. Je lauter es außen wurde, um ſo wärmer und ſon⸗ derbarer wurde es Alfred zu Muth. Es glühte in ſeiner Bruſt, es glühte in ſeinem Kopf. Jetzt hörte er ein Pochen an die Thüre. Er blieb ſtehen und fühlte, wie es in ihm ſelbſt pochte. Es pochte noch einmal, aber er fand, daß er ſich in ſeiner Vermuthung getäuſcht hatte, daß es an der Thüre zu dem großen Salon war. Aergerlich begab er ſich dahin, um nachzuſehen, wer es wäre, der ihn ſtörte. Als er öffnete, wurde ihm ein Brief überreicht. Der Brief war von Lars,— er kannte ſogleich die richt ſonderlih zierliche Handſchrift. r las: „Beſter Herr Alfred! Um Gotteswillen, kommen Sie auf einen Augenblick in die Brennerei hinab. Ich habe Ihnen eine hochwichtige Sache anzuvertrauen. Sie haben mir die Geſchichte mit dem Poſtillon verſchwiegen .. Sie wiſſen... ich kann nicht mehr... kommen Sie ſogleich hieher... ſonſt ſind Sie ganz unglück⸗ lich. Alles hängt davon ab... aber eilen Sie... eilen Sie... ſonſt... möge Gott ſich erbarmen..“ Ridderſtad, Vater und Sohn. III. 6 4 83 Schon bei den erſten Zeilen ſchwindelte Alfred der Kopf; als er ans Ende des Briefes kam, verlor er alle Faſſung.. Heftig brauſte das Blut in ſeinen Adern. Die Pulſe pochten. Eine Schreckgeſtalt nach der andern flog an ſeinem Sinne vorüber. Er wußte nicht, was er thun, nicht was er beginnen ſollte. Die Art, wie Lars ſich ausgedrückt hatte, war trotz ihrer Zuſammenhangsloſigkeit, oder vielleicht juſt in Folge derſelben geeignet, ihm den größten Schrecken einzu⸗ agen. dna Noch einmal las Alfred. 4 „Sie haben mir die Geſchichte mit dem Poſtillon verſchwiegen... Sie wiſſen... aber... ich kann nicht mehr... kommen Sie ſogleich hieher... ſonſt ſind Sie ganz unglücklich. Alles hängt davon ab... aber eilen Sie... eilen Sie... ſonſt... möge Gott ſich erbarmen.“ Die Buchſtaben tanzten vor Alfreds Augen. Es koſtete ihn ſogar große Mühe, ſie zu leſen. ollte er in die Brennerei hinabeilen oder die Sache unterlaſſen? Er hatte in der feſten Ueberzeugung gelebt, daß das Ereigniß mit dem Poſtillon keinem Menſchen bekannt ſei, zumal nachdem Hans... Aber ſollte vielleicht Hans nicht todt ſein? Wie dem auch ſein mochte, ſchon der Umſtand, daß juſt Lars die Sache wußte, bewies deutlich, daß wirk⸗ lich eine Gefahr drohen konnte, und daß er ihr um alles in der Welt zuvorkommen mußte. Ein Augenblick war ja nichts. Er pochte an die Salonthüre und der Marſchall ſtreckte ſeinen Kopf herein. „Steht es noch lange an mit dem Trauungsakt?“ „Noch eine Weile.„ vielleicht eine Viertel⸗ ſtunde. 83³ „Gut.“ Alfred ſchob die Thüre zu, warf einen Mantel über ſich und eilte in die Brennerei hinab. Boijer hatte auf dieſen Tag die Beamten und Ho⸗ noratioren der Gegend nebſt allen angeſehenen Leuten eingeladen.. Um nicht hinter Horner zurückzuſtehen, der bei Bruns Beerdigung manche Leute aus den Arbeiterklaſſen bei ſich gehabt, hatte Boijer auch mehreren von ihnen Einladungen zugeſchickt. Die Geſellſchaft füllte mehrere Zimmer und noch entlud eine Equipage um die andere neue Gäſte. Auf die beſondere bewegliche Bitte ſeiner Frau hatte Boijer verſprochen, ſich an dieſem Tag womöglich alle Bekümmerniſſe aus dem Kopfe zu ſchlagen und nicht ſo zerſtreut auszuſehen wie gewöhnlich. Seine Bemühungen waren auch nicht ganz er⸗ folglos. Der Tag war ja auch ganz beſonders bemerkens⸗ werth für ihn, und dieſer Umſtand mußte vortheilhaft auf ſeine Stimmung einwirken. Vor etlichen und zwanzig Jahren hatte er, ſchweig⸗ ſam und verſchloſſen, den qualvollen Gedanken in ſich getragen, daß ſein Vermögen doch blos ein vom Zufall begünſtigter Raub an der Hornerſchen Familie ſei. Allerdings hatte er ſich manchmal ſelbſt darüber ge⸗ wundert, daß der alte Horner keine Gegenobligationen von dem Landrichter genommen hatte; denn er meinte, ſolche ſeien vorhanden, weil man nie von der Sache ſprechen hörte. Während der erſchütternden Umſtände, wo er von ſeinem Vater über die Sache unterrichtet wurde, und während des unmittelbar darauf erfolgten gewaltſamen Todes deſſelben konnte er natürlich über dieſen Theil der Frage keine Aufklärung erhalten; in ſeiner leiden⸗ ſchaftlich aufgeregten Stimmung fiel es ihm nicht ein⸗ mal ein, daran zu denken. Sein Sicherheitstraum verſchwand indeß in demſel⸗ ben Augenblick, wo Jeſpersſon mit ſeinen Behauptungen hervorzurücken anfing. Wir wiſſen auch, wie ſein Muth dabei ſank und erſt dann wiederkehrte, als Alfred ihm die Aktenſtücke ſelbſt übergab. Eine Gelegenheit wie dieſe Hochzeit, durch welche die Intereſſen beider Familien gleichſam um Wardnäs her verknüpft wurden und das Gut alſo gewiſſermaßen auch als nützlich für die Familie Horner betrachtet werden konnte, erfüllte ihn daher mit aufrichtiger Freude. Während man noch auf die einen und andern Gäſte wartete, waren Horner und Boijer im Salon zuſam⸗ mengeſtoßen. Aus Achtung vor einander wollte keiner von ihnen beiden die Frage von dem zerriſſenen und zurückgeſchick⸗ ten Revers aufnehmen: aber ſie drückten einander herz⸗ lich die Hände und Beide betrachteten dieß als die freund⸗ lichſte und aufrichtigſte Erklärung zwiſchen ihnen. Bei den innigen Familienbanden, die jetzt geknüpft werden ſollten, that es Boijer zwar weh, ſein Verbre⸗ chen noch dadurch vergrößern zu müſſen, daß er noch mehrere ihm bloß unrechtmäßig zukommende Summen von Horner erheben ſollte, aber er tröſtete ſich gleich⸗ wohl damit, daß er nicht blos alles Mögliche gethan hatte, ſondern daß auch der Revers ein für allemal zer⸗ riſſen war und folglich die Bezahlung ſelbſt ſowohl, als auch die Zeit derſelben gänzlich in Horners eigenes Gut⸗ dünken geſtellt war. Im Uebrigen war er auch nicht — — 2——+ u 8⁵ abgeneigt, zu vermuthen, daß er vielleicht bald genug dieſe Grille überwinden könnte, welche Boijer für ſeinen Theil nicht ſo hoch reſpectiren konnte, wie ſeine Frau. Inzwiſchen drückten ſie einander die Hände und das beſte Einverſtändniß ſchien nicht blos obzuwalten, ſon⸗ dern waltete in Wahrheit vor. 3 „Haſt Du meinen Vorſchlag in Betreff der Brennerei näher überlegt?“— „Ich habe ihn wohl überlegt, beſter Horner, aber für den Augenblick iſt es mir unmöglich, obſchon mein Verluſt allerdings nicht ſo groß werden könnte. Doch verſpreche ich Dir am Ende des Brenntermins....“ „Aufzuhören?“ „Ich ſage das nicht...“ „Was verſprichſt Du alſo aufs Ende des Termins? „Die Sache wieder zu bedenken. Du kannſt doch nicht wohl mehr verlangen?“ „Aber was ſoll ich alſo den Bittſtellern antworten?“ „Zucke die Achſeln, lieber Bruder, das iſt immer⸗ hin auch eine Antwort.“ Die Gäſte bewegten ſich inzwiſchen in den Zimmern hin und her und man gruppirte ſich um die Damen, theils um den erwarteten Augenblick heranzuſcherzen, theils um ſie ſelbſt oder ihre ſchöne Toilette zu bewun⸗ dern; man ging ſchweigſam, betroffen von der Pracht, die ſich überall zeigte, herum, man plauderte, man flü⸗ ſterte, kurz man beſchäftigte ſich ſo gut man konnte. Frau Boijer ſtrahlte in all ihrer ſtolzen Schönheit: unter den ſchönen, etwas zu Jahren gekommenen Damen errang ſie unläugbar den Preis. Die Baronin Horner, ſo einnehmend ſie auch war, verlor bei der Vergleichung mit ihr, aber ſie fühlte ſich auch nicht ſo heiter und glücklich. Von den jüngern Damen ſah man blos auf einige wenige. Die Meiſten von ihnen waren zu Brautjungfern auserſehen und hielten ſich drinnen bei der Brant auf. Die jungen Herrn ſehnten ſich nicht ohne Ungeduld nach der Trauungsſtunde, in Erwartung, daß ſie dann einen ganzen Strom von Schönheit zu Geſicht bekom⸗ men würden, der ſich auf einmal aus einem und dem⸗ ſelben Zimmer ergießen ſollte.. 4 ſülic meldete einer der Wirthe, daß alle Gäſte a ſeien. Boijer und Horner ſprachen noch miteinander. Boijer hatte kurz zuvor einen Blick durchs Fenſter geworfen, und er meinte dabei einen dunkeln Punkt weit weg in der Allee zu bemerken. „Ei der Tauſend, ſagte er daher, unſere Wirthe müſſen ſich getäuſcht haben: noch können nicht alle ge⸗ kommen ſein. Siehſt Du dort den Schlitten in der Allee? er ſcheint offenbar hieher zu wollen. Warten wir noch einen Augenblick.“ Boijer ſprach ſo laut, daß ſeine Worte von den Umſtehenden gehört wurden. Die Neugierde und vielleicht auch die Artigkeit trieb anfangs Einige, zuletzt die Meiſten an das Fenſter, um den Ankommenden zu betrachten und zu ſehen, wer er ſein möchte. 3 „Der Mann muß große Eile haben,“ meinten Einige. „Sehen Sie, wie er die Peitſche braucht.“ „Die Pferde ſchnauben. Der Rauch geht von den armen Thieren aus wie von einem Kohlenmeiler.“ „Ich möchte um Alles in der Welt kein Poſtpferd ſein,“ philoſophirte ein Anderer. „Wahrhaftig, Du wirſt ſehen, daß dieſe Pferde da zuſammenſtürzen, eh ſie hieher kommen. Es iſt etwas wahrhaft Krankhaftes in ihren Bewegungen. Wer zum Teufel mag der Reiſende wohl ſein?“ „Er trägt einen Wolfspelz,“ bemerkte ein junger Mann mit einer Brille. as um 87 Boijer lächelte vor ſich hin, weil für ihn etwas Schmeichelhaftes in dem Umſtand lag, daß ein Gaſt ſo große Eilfertigkeit zeigte. Vielleicht hätte er ſogar nichts dagegen gehabt, wenn beide Pferde vor der Hausthüre zuſammengeſtürzt wären. „Was meinſt Du, Bruder,“ fügte Boijer hinzu, „es ſcheint, dieſer Mann da will durchaus nichts von dem Feſt verlieren. Wir können ja wohl noch ein Weil⸗ chen warten. Er iſt ſogleich hier.“ 3 Horner nickte beifällig. Nachdem der Reiſende einmal Gegenſtand der all⸗ gemeinen Aufmerkſamkeit geworden war, drängte man ſich jetzt um die Fenſter. Der Reiſende kam inzwiſchen immer näher und Jedermann ſuchte ihn nach ſeiner Art zu muſtern. Das Fuhrwerk war ein ganz gewöhnlicher Korb⸗ ſchlitten, ſowie man ſie in den Wirthshäuſern erhält. Daraus ſchloß man, daß der Reiſende von weit her komme, und dadurch warde er nur noch intereſſanter. Der Mann war, wie Jemand richtig bemerkt hatte, in einen Wolfspelz gehüllt. Die Mütze war tief über den Kopf hinab gedrückt. Aber der ſtarke Winter machte das Coſtüm ganz natürlich und darüber war nichts zu ſagen. Mit unverminderter Haſt trieb er die Pferde voran. Während alle ihn noch aufs Aufmerkſamſte beobach⸗ teten, vernahm man ganz deutlich ein ſonderbares Getöſe. Man hörte einen Laut, gerade wie wenn ein Schlit⸗ ten vor der Thüre angefahren wäre, und gleichwohl ſah man deutlich, daß nichts der Art ſtattgefunden hatte. Verwundert betrachtete man einander. Dieß erſchien jedem ſo unheimlich und ſpukartig. „Was bedeutet das?“ flüſterte Einer.„Hört Ihr? Es war ganz ſonderbar.“ Einige lachten darüber als über eine akuſtiſche Täu⸗ ſchung, andere erblaßten. Alle hatten das Getöſe gehört, Niemand konnte es erklären. 1 Aus den ausdrucksvollen Blicken, die man einander zuwarf, ſowie aus dem Geflüſter, das von Mund zu Mund ging, war leicht zu erſehen, daß man dieſes Wunderzeichen als einen unglücklichen Vorboten betrachtete. Horner und Boijer ſahen einander überraſcht an. „Es iſt Jeſpersſon,“ bemerkte der erſtere. Boijer fuhr zuſammen. Er erinnerte ſich an ihre letzte Begegnung. So angenehm des Doctors Abreiſe aus der Gegend ihm geweſen war, ſo widerwärtig und läſtig wurde ihm jetzt ſeine Rückkehr. „Wenn Du Luſt haſt,“ ſagte er daher jetzt zu Hor⸗ ner,„ſo holen wir unſere Kinder ſogleich, und laſſen den Akt vor ſich gehen. Die Gäſte haben ſchon lang genug gewartet.“ „Du haſt Recht. In Gottes Namen denn!“ Ein Ausruf von Theilnahme und Schrecken ging in dieſem Augenblick durch den Saal. „Entſetzlich,“ flüſterte man,„abſcheulich!“ Die Urſache des Ausrufs war, daß eines der Pferde des Reiſenden in dieſem Augenblick vor dem Haus zu⸗ ſammenſtürzte. 3 Aber dieſes Unglück ſtörte den Fremden nicht. Er ſprang aus dem Schlitten und eilte die Treppe hinan. Horner und Boijer reichten einander noch einmal die Hände, bevor ſie ſich wegbegaben, um ihre Kinder zu holen, der erſtere ſeine Tochter, der letztere ſeinen Sohn. Carl Auguſt hatte den Auftrag erhalten, im näch⸗ ſten Augenblick den Marſchällen ein Zeichen zu geben, daß ſie zu gleicher Zeit die Thüren öffnen ſollten. In dieſem Augenblick wurde die große Flügelthüre vom Ausgang her aufgeworfen, und der Reiſende im Wolfspelz zeigte ſich. „Halt,“ rief er,„halt!..“ 89 Der Mann war kein anderer als Jeſpersſon. Sein Eintritt ſowohl, als ſein Ausruf machte einen gewaltigen Eindruck. Man betrachtete nicht mehr einander, ſondern man ſtierte ihn an. Die Damen, die aus dem inneren Zimmer heraus⸗ gekommen waren, wechſelten die Farbe. Die Baronin und Frau Boijer ergriffen aus Schreck unwillkürlich einander bei den Händen. Sie erblaßten und zitterten, und ihre Augen hafteten, wie zu kriſtall⸗ klarem Eis gefroren, auf einem und demſelben Fleck. Bei Horner, der Jeſpersſons Charakter kannte, regte ſich ein heftiger Verdruß über ſeine Dreiſtigkeit. Er ſtellte ſich zwar vor, daß eine Art von Wohl⸗ wollen ſeiner Handlungsweiſe zu Grund liege; aber ganz gewiß hieß dieß allzu weit gehen. Boijer, welcher wußte, was auf ſeinem Gewiſſen laſtete, konnte ſich kaum aufrecht halten. Trotz des Zu⸗ rufs beabſichtigte er, ſeinen Gang zu Alfred fortzuſetzen, aber er vermochte keinen Schritt mehr vorwärts zu thun. Das Ganze bot einen Anblick erhabenen Schre⸗ ckens dar. Jeſpersſon benützte die allgemeine Ueberraſchung, um ſeine Reiſekleider abzuwerfen, worauf er einen Brief hervorzog, den er ſogleich Boijer überreichte. Er hätte ihn zwar laut vorleſen können, aber er wollte, ſoweit er dieß mit ſeiner Ueberzeugung verein⸗ bar fand, einen Skandal vermeiden. Boijer hatte ſich inzwiſchen etwas beruhigen können. Er ſah ein, daß er jetzt, da er von allen ſeinen Gäſten beobachtet wurde, würdevoll handeln und ſich beherrſchen mußte. In dieſem Augenblick ſtanden, das ahnte er, allzu wichtige Intereſſen auf dem Spiel, daher die Klug⸗ heit ihm gebot, jede Uebertreibung zu vermeiden. Nichts deſto weniger bebte ſeine Hand, und man bemerkte ein unruhiges Zucken in ſeinem Geſicht, als er 90 den Brief erbrach, und als das erſte, auf was ſein Blick darin fiel, eine Haarlocke ſeines Vaters war. Ohne daß er noch eine einzige Zeile geleſen hatte, verſtand er ſogleich ganz gut, von wem der Brief war, und kannte zum Voraus ſeinen Inhalt. Mächtig griff gleichſam eine kalte Hand in ſeine Bruſt. Wäre er allein geweſen, ſo würde er nieder⸗ geſunken ſein. Jetzt ſtand er zwar aufrecht, aber das Blut hatte in ſeinen Adern zu rollen aufgehört. Er fühlte ſich ſo ſchwer und unbeweglich als wäre er ein Bild von Eiſen. Die Augen flogen über die Zeilen hin, aber er konnte nicht ein einziges Wort leſen. Die Buchſtaben tanzten vor ſeinen Blicken. In dem wimmelnden Chaos, das ſeinen Kopf an⸗ füllte, ſtand blos eine einzige Frage deutlich vor ihm, die Frage: was ſoll ich thun? Irrend flogen ſeine Gedanken umher. Die Auf⸗ merkſamkeit der Gäſte, die von allen Seiten auf ihn ge⸗ richtet war, brannte ihn gleichſam, und mit Entſetzen be⸗ merkte er die grabartige Stille, die ihn umgab. Krampfhaft hielt ſeine Hand noch den Brief feſt, und er ſtarrte in denſelben hinein wie in einen ſchwarzen Abgrund. 8 Plötzlich veränderte ſich ſeine Miene. Er begann zu lächeln. Und mit ſolcher Seelenſpannung war die Aufmerk⸗ ſamkeit der Anweſenden auf Boijer gerichtet, daß ſein Lächeln unwillkührlich ein gleichförmiges Lächeln bei allen Uebrigen hervorrief. Ein fröhliches Gemurmel ging alſo durchs Zimmer⸗ Horner ſowohl als die erſchreckten Damen ath⸗ meten neu auf. Jeſpersſon wußte noch nicht, wie er dieſen Aus⸗ druck unberufener Freude beurtheilen ſollte, aber die Er⸗ klärung ſollte nicht lange auf ſich warten laſſen. 8 +ᷓ 28 91 „Um was handelt es ſich, Boijer?“ fragte Horner; „ich verſtehe nicht, was all dieß heißen will.“ „Es iſt nichts, mein Bruder,“ verſetzte Boijer, „ganz und gar nichts. Es iſt blos ein Gratulations⸗ ſchreiben von einem alten Freunde, den ich droben in Roslagen habe. Ich danke Ihnen, Doctor, für Ihre Mühe,“ fügte er gegen Jeſpersſon hinzu,„aber Sie hät⸗ ten uns deßhalb nicht auf ſolche Art zu ſtören gebraucht.“ Trotz einer gewiſſen Schärfe in Miene und Stimme beherrſchte Boijer ſich vollkommen. Jeſpersſon wollte voraneilen, um ihm den Brief aus der Hand zu reißen, aber Boijer ſteckte dieſen nebſt der Haarlocke ganz ruhig in ſeine Taſche. „Laß uns jetzt unſere Kinder holen,“ ſagte er dann zu Horner, wandte ſich um und verſchwand unter den Gäſten. Jeſpersſon war nahe daran, in Verzweiflung zu gerathen. Alles was er gethan hatte, all ſeine Opfer, alles war auf einmal in Rauch aufgegangen. Ein Fluch wollte auch über ſeine Lippen dringen, ein Fluch über ſeine Schwäche, daß er den Probſt nicht gezwungen hatte, mit ihm nach Wärdnäs zu kommen, ein Fluch lcher ſeine Dummheit, den Brief Boijer ſelbſt zu über⸗ geben. Von ſo vielen Hoffnungen, die während der langen, mühſamen Reiſe ſeine Kraft und ſeinen Muth aufrecht gehalten hatten, blieb jetzt nicht eine einzige mehr übrig. Carl Auguſt gab das verabredete Zeichen. Alle richteten ſogleich und vorzugsweiſe ihre Auf⸗ merkſamkeit auf die Seite, von welcher die Braut kom⸗ men ſollte. In einem und demſelben Augenblick öffneten die Marſchälle die Thüren der beiden Zimmer des Braut⸗ paares. „Eine ſchöne Proceſſion einnehmender junger Braut⸗ mädchen ging Paar und Paar vor der Braut her. — 92 Zuerſt kam Adine und Conſtanze mit Blumenkränzen um den Kopf, von welchen die zierlichſten Locken herab⸗ wallten. Darauf folgten gleich gekleidet und im Verhältniß ihrer Größe ein Paar Brautjungfern um das andere. Zuletzt trat Emma ein, geführt von ihrem Vater. Bei ihrem Anblick ging unwillkürlich ein Gemurmel des Beifalls durch das Zimmer. Unläugbar war ſie auch der ſchönſte Glanzpunkt der kleinen Prozeſſion. Mit ſcheuen Tritten und geſenktem Blick kam ſie voran; aber ihre ganze Erſcheinung war ſo liebenswür⸗ dig, ſo hold, ſo weiblich einnehmend, daß Niemand ſei⸗ nen Blick von ihr abzuwenden vermochte. Schon war ſie am Brautſtuhl und ſie ſchlug das Auge auf, um nebſt Alfred vor den funktionirenden Geiſt⸗ lichen zu treten; aber ſie bemerkte mit Verwunderung, daß Alfred ſich nicht zeigte. Es wurde ſo ſtill im Zimmer, ſo unendlich ſtill. Alle vermißten ihn erſt jetzt, aber Alle vermißten ihn auch auf einmal. Gefolgt von den unruhigen Blicken aller Gäſte eilte Horner in das Zimmer, wohin Boijer ſich ſoeben be⸗ geben hatte, um Alfred abzuholen. Der Marſchall kam ihm auf halbem Wege ent⸗ „Wo iſt Boijer?“ fragte Horner.„Wo iſt „Ich weiß nicht,“ antwortete der Marſchall,„das Zimmer iſt leer.“ So ſtill dieſe Worte geflüſtert wurden, ſo gelangten ſie doch zu den Ohren der Umſtehenden. „Das Zimmer iſt leer,“ ſo hieß es von Mund zu Mund.„Herr Boijer und der Bräutigam ſind ver⸗ ſchwunden.“ Die Aufregung wurde allgemein. auf gel rol und rot! dab get miß kufe auff meh däm len Glu ind er⸗ 93 „Wir müſſen ſogleich Nachricht über ſie haben,“ be⸗ fahl Horner;„eilt, um alles in der Welt, eilt.“ Horner führte inzwiſchen ſeine Tochter nach dem Stübchen zurück, wohin die Baronin und Frau Boijer, kaum im Stande ſich zu beherrſchen, ihr bald nach⸗ folgten. Die Gäſte betrachteten einander mit verwunderten, fragenden Blicken. Rachgierig, düſter und finſter ſtand Lars Persſon auf ſeinem gewöhnlichen Platz über die Brennereimauer gelehnt, aber kein Branntwein lief aus dem Pfannen⸗ rohr; dem Tag zu Ehren war die Brennerei auf vier und zwanzig Stunden geſtellt. An der Ecke der Mauer hing eine Laterne, die ihren rothen Schein auf ſein Geſicht warf. Lars hatte ſo eben Johann betrunken gemacht und dabei ſich ſelbſt nicht geſchont. Er hatte aus Wahnſinn getrunken, weil er zu fürchten anfing, daß ſein Plan mißglücken möchte. Ein Stück von ihm ſtand Johann auf eine Maiſch⸗ kufe geſtützt. „Während Lars mit Johann trank, hatte er ihm un⸗ aufhörlich Anna vorgeſpiegelt, um ſeine Leidenſchaft noch mehr zu entflammen. Johanns Augen brannten auch von einer kaum ge⸗ dämpften thieriſchen Sinnlichkeit, ſeine Lippen ſchwol⸗ e Snd ſein Geſicht glänzte von einer wollüſtigen uth. Mitunter wollten ihn die Beine nicht recht tragen, ſondern er taumelte; aber die Maiſchkufe war eine treue Bundesgenoſſin, welche er immer feſt anfaßte, um ſich aufrecht zu halten. Ein Stück von ihnen hinweg lagen allerlei Feuer⸗ werfſtitke⸗ die ſpäter am Abend angezündet werden ollten. „Nun, Meiſter, kommt Anna nicht bald?“ fragte Johann.„Jetzt hätte ich Muth alles zu wagen.“ „Sie wird kommen, wenn es Zeit iſt.“ Lars hatte ſo eben ſeinen Brief an Alfred abge⸗ ſchickt und alle ſeine Gedanken ſammelten ſich um ihn. Selbſt an dem Erfolg ſeiner Wünſche zweifelnd, war er bereit gegen ſeine eigene Perſon in Wuth aus⸗ zubrechen. Entſetzliche Leidenſchaft verzerrte ſein Geſicht. Wie ein in wilde Raſerei verſetzter Stier, ſchien er die Kette, die ihn hier feſſelte, zerreißen zu wollen, ohne daß er es vermochte. Aber die Ohnmacht vermindert den Zorn einer ſol⸗ chen Natur nicht, ſondern vergrößert ihn. Schnell drang ſein Blick funkelnd wie ein goldener Strahl durch die Thüre und nach dem Hochzeithauſe hinauf. gur Leben und Bewegung. Alfred kam. 4 „Johann!“ rief Lars.„Willſt Du jetzt Anna treffen?“ „Ja, Meiſter, ja!“ „Erinnere Dich, um was es ſich handelt. Laß ſſe nicht los, ich bitte Dich. Ich will auch ein Wort dabei zu ſprechen haben; vergiß das nicht.“. Johann brummte einen Fluch zwiſchen den Zähnen, das war alles, was er antworten konnte. Lars ließ ſich nicht weiter in Wortwechſel mit ihm ein, ſondern begab ſich ins Comtoir, ſchob den Riege von der Thüre weg und öffnete ſie. Anna ſaß darin leidend und bekümmert. Aber auf einmal bekam ſeine ſonſt unbewegliche Fi⸗ bei nen, ihm egel 9⁵ Lars hatte kurz vorher ſelbſt ſie abgeholt und hier. eingeſchloſſen, um ſie zur Hand zu haben, wenn er ihrer bedürfte. „Du brauchſt jetzt nicht zu wimmern und zu win⸗ ſeln,“ ſagte er.„Komm mit heraus... Johann will mit Dir reden... nimm Dich wohl in Acht... Du darfſt keinen Spaß mit mir treiben.“ Anna, die ihren Pflegevater fürchten gelernt hatte, wenn er ſich in einem gewiſſen Humor befand, wagte nicht einmal einen Seufzer auszuſtoßen. Sie folgte ihm wie ein Opferlamm. Lars führte ſie in die Brennerei hinein und auf die andere Seite der Mauer, von wo aus weder Johann noch ſie Alfred ſehen konnten, als er eintrat. „Sage jetzt alles heraus, Johann, was Du auf dem Herzen haſt, und Du, Anna, ſei verſtändig, wenn ich Dir gut zum Rath bin.“ Alfred war bereits am Eingang. „Schöne Sachen, Herr Alfred,“ ſchwatzte Lars, in⸗ dem er ihm entgegen ging,„verdammt ſchöne Sachen.“ „Aber was zum Teufel gibt es denn? Du haſt mich ja bis auf den Tod erſchreckt.“ Alfred hatte ſich von ſeiner Angſt noch nicht erholt. „Der Poſtillon, Herr Alfred, der Poſtillon! Kom⸗ men Sie ins Comtoir herein.“ Schon die entfernteſte Erinnerung an dieß nächt⸗ liche Abenteuer war für Alfred ein Gegenſtand des Ent⸗ ſetzens, und ganz beſonders jetzt. „„Der Poſtillon,“ wiederholte er;„was haſt Du zu ſagen? Sprich ſchnell, ich habe keine Zeit lange Worte zu machen.“ Alfred folgte ihm ins Comtoir, Er war aufgeregt und verwirrt. „Sie ſchaudern, Herr Alfred; koſten Sie einmal das hier.“ Alfred griff inſtinetmäßig nach der Flaſche. 96 „Der Poſtillon, ſagſt Du; was meinſt Du damit? Spute Dich.“ Alfred ſetzte die Flaſche an den Mund. Es brannte in ſeinem Kopf und in ſeinen Adern. „Sie waren dabei, als Hans die Poſt beſtahl. nuunten Sie, Herr Alfred; das thut gut, wenn es draußen kalt iſt.“ „Ich... ich...“ ſtammelte Alfred,„ich... Alfred knirſchte mit den Zähnen und nahm einen Schluck. Unruhe und Zorn gährte in ihm. 1 „Sie haben den Poſtillon zuerſt überfallen. Wie ſchmeckt dieſer Trank?“ Es funkelte vor Alfreds Augen, die Pulſe klopften mit gewaltſamer Heftigkeit. „Während Sie ihn durchprügelten, ſchnitt Hans das Poſtfelleiſen ab.“ „Mag ſein... aber... aber...“ Alfred ſtand geſchlagen da: Lars wußte alſo alles. Dieſer einzige ſchreckliche Gedanke jagte alle andern durch ſeinen wirren Kopf. „Man hat weit und breit nach dem Dieb geſucht,“ fuhr Lars fort. Alfred zitterte.. „All das mag ſein,“ unterbrach er jedoch Lars, „aber was für eine Gefahr iſt es denn, die mich be⸗ droht? Sprich die Sache ſchnell heraus.“ „Trinken Sie, Herr Alfred, Sie bedürfen neue Kraft. Trinken Sie.“ Alfred gehorchte mechaniſch. Es wimmelte in ſei⸗ nem Kopf. Kleine Sterne tanzten vor ſeinen Augenz bald waren ſie ſo klar, bald erloſchen ſie und wurden ſo dunkel. In demſelben Augenblick, wo er die Flaſche vom Mund wegſetzte, wurde er von einer qualvollen, ſchreck⸗ lichen Angſt überfallen. Er erinnerte ſich eben jetzt, doß 97 er bereits wieder oben ſein ſollte, wo man ihn vielleicht juſt jetzt erwartete; aber der Schwindel des Rauſches zog ſeinen Zauberkreis immer enger um ihn, und mit abnehmenden Kräften arbeitete der Verſtand der dämo⸗ niſchen Uebermacht entgegen. Durch eine gewaltſame Anſtrengung erhob er jedoch ſeinen Kopf wieder über die wogenden Nebel. „Sprich, Lars, ſprich!“ rief er;„was habe ich zu fürchten?“ „Still,“ ſagte Lars.„Hören Sie... es iſt Jemand da außen.“ Die Thüre öffnete ſich. Lars glaubte, es ſei Johann, der herein komme, und er eilte auf die Thüre zu um ihn zurückzuweiſen. Aber es war nicht Johann. Lars war nahe daran vor Schrecken umzutaumeln, und Alfred ſank von Entſetzen ergriffen auf den nächſten Stuhl beim Anblick des leichenblaſſen Hans, der vor ihm ſtand. Lars erholte ſich zuerſt wieder. Ihm war Hanſens Rückkehr in dieſem Augenblicke ganz willkommen. „Trinken Sie,“ ermahnte er Alfred,„nehmen Sie ſich zuſammen; Sie bedürfen Muth. Trinken Sie!“ Er führte die Flaſche an Alfreds Mund. Lars wollte jetzt die Anweſenheit Hanſens benützen, um ſeinen Plan mit Vortheil weiter ausführen zu kön⸗ nen, aber als er ſich nach ihm umſah, war er fort. Es ging dabei ſo ſonderbar in Larſens Kopf um und um. War es wirklich der leibhaftige Hans, den er ge⸗ ſehen hatte, oder war es ſein Geſpenſt? War es eine Wirklichkeit oder eine Einbildung, die vor ihm da kun Die Gedanken begannen auch bei Lars zu zer⸗ allen. Aber juſt der Schreck, welchen Hans im erſten Au⸗ genblick Alfred einjagte, wirkte durch ſeine Heftigkeit dennoch wohlthätig auf ihn. Ridderſtad, Vater und Sohn. II. 7 98 Er erinnerte ſich jetzt wieder an das Feſt des Ta⸗ ges, an die Wichtigkeit des Augenblicks, und er brauſte auf, um zum Trauungsakt zurückzukehren. In ſeiner Verzweiflung hatte er keine Augſt mehr, ſondern wollte allen Gefahren trotzen, in welcher Geſtalt ſie ſich zeigen mochten. „Aus dem Weg, Lars,“ rief er,„aus dem Weg! Ich muß fort, man erwartet mich!“ —„Sehen Sie, Herr Alfred,“ meinte Lars,„ſehen ie 7⸗ Er lehnte die Thüre ein wenig auf, und ein ganz eigenthümliches Schauſpiel zeigte ſich vor ſeinen Augen. Sobald Anna mit Johann allein war, merkte ſie ſo⸗ gleich, daß er zu viel getrunken hatte, und ſtieß ihn da⸗ her unwillig von ſich weg. Aber Johann war nicht in der Stimmung, daß er ſich gutwillig darein fügte. Seine ſonſt ſo demüthige Liebe war jetzt leidenſchaftlich und wild. Ein Wortwechſel entſtand. Er forderte einen Kuß. Anna machte ſich auf die Beine und begann um eine Maiſchkufe herumzuſpringen. „Können Sie Johann erlauben, daß er das Mäd⸗ chen ſo jagt?“ meinte Lars;„es iſt doch ein verdammt 1 hübſches Mädchen, dieſe Anna.“ Lars hatte berechnet, daß eine Art von Eiferſucht bei Alfred erweckt werden könnte; aber hierin täuſchte er ſich. Die Angſt hatte jede Leidenſchaft dieſer Art ver⸗ ſcheucht, und mit unbändigem Trotz auf ſeiner Stirn war er bereit zum Brautſtuhl zurückzukehren, und ſollte es über Larſens Leiche gehen. „Ich will hinaus, Lars,“ erneute er ſeinen Befehl, „laß mich los, ſonſt ſchlage ich Dich zu Boden!“ Alfred faßte Lars an. Anna hatte inzwiſchen die Flucht von der Maiſch⸗ 1 kufe hinweg und durch die Thüre hinaus ergriffen. Als Alfred den Brennmeiſter am Kragen packte, ließ er die Thüre los, und Alfred eilte hinaus. — O— 99 Aber in dieſem Augenblick ſtieß Johann, der Anna verfolgte, mit ihm zuſammen. Johann hatte Alfred immer gehaßt, weil er wußte, daß dieſer gewiſſe Pläne auf Anna hegte. Jetzt war er von Sinnen und in ſeinem Zorn darüber, daß Anna ihm entging, ſah er ſich kaum Angeſicht zu Angeſicht Alfred gegenüber, als er auf ihn losſtürzte. „Herr,“ ſchrie er,„ich will Sie zeichnen dafür, daß Sie mir Anna entreißen wollen!“ Johann, der Alfred nicht durch die Brennerei kom⸗ men geſehen hatte, ſtellte ſich gleichwohl vor, als könne er blos ihretwillen erſchienen ſein. Alfred war nicht faul ihm mit einem Schlag auf die Stirn zu antworten. Der ſonſt ziemlich indolente Johann war jetzt außer ſich vor blinder Raſerei. Johann ließ ſeinen Fang nicht los. Um nicht um⸗ gezogen zu werden, ergriff Alfred jetzt auch ihn. Es ent⸗ ſtand ein Kampf, ein heftiges, wildes, wahnſinniges Ringen. Die Dämonen des Rauſches raſten durch ſie. gegen einander. Alle beide waren geſunde und kräftige junge Männer. Verzweiflung ſtritt gegen Verzweiflung, Wahnſinn gegen Wahnſinn, Raſerei gegen Raſerei. Lars war zu ſeinem Ziel gekommen, obſchon auf einem andern Weg als er glaubte. Dieſer Streit, meinte er, werde Alfred gewiß aufhalten.) Die Kämpfenden zogen ſich immer mehr ins Zimmer zurück. Halb außerhalb und halb innerhalb der Brennerei ſtand eine rieſige Hefenkiſte in die Erde ſelbſt eingegra⸗ ben und auf gleicher Höhe mit dem Boden. In der blinden Wuth, worein ſie verſetzt waren, er⸗ innerten ſie ſich nicht daran. Die Schlägerei währte fort. Die Wuth ſtrengte auf beiden Seiten all ihre Kräfte an. Johann erin⸗ 100 nerte ſich nicht mehr, daß er mit ſeinem künftigen Herrn rang; er erblickte in ihm nur einen Nebenbuhler. Alfred vergaß, daß er ſich mit ſeinem Knechte ſchlug. Er ſah in Johann nur einen Menſchen, der ihn über⸗ fallen hatte. Sie hielten einander ſo feſt, daß keiner den andern mehr loslaſſen konnte. enr Bald ſtießen ſie an die Wand, bald an die Maiſch⸗ ufe. Flüche, Drohungen und Ausrufungen kamen ver⸗ worren über die Lippen beider. Jetzt balgten ſie ſich am Rande der Hefenkiſte. Lars lächelte. Er konnte zwar die Streitenden nicht ſehen; aber er hörte wie die Schläge hageldicht fielen, und das war ihm vollkommen genug. Das Gegrinſe auf Larſens kalten und zuſammenge⸗ biſſenen Lippen verwandelte ſich jedoch ſchnell in ein ſataniſches Hohnlachen, als er beim Getön kommender Fußtritte ſich umwandte und den Gutsherrn Boijer ſelbſt hereineilen ſah. „Gut,“ dachte er bei ſich ſelbſt;„jetzt iſt meine Stunde gekommen.“ Aber in dieſem Augenblick hörte man einen ent⸗ ſetzlichen Angſtſchrei; zu gleicher Zeit ein Platſchen und einen Fall, wie wenn Jemand ohnmächtig zu Boden ge⸗ ſtürzt wäre. Lars bekümmerte ſich nicht viel darum; er hatte jetzt Boijer ſelbſt vor ſich. Als Boijer und Horner ſich trennten um das Braut⸗ paar in den Salon zu führen, und Boijer ſeinen Sohn vermißte, da eilte er fort um nach ihm zu ſehen. Auf der Treppe begegnete er Anna, die eben athemlos aus der Brennerei kam. Er fragte ſie, ob ſie Alfred geſehen habe, und ſie ſetzte ihm auseinander wo er war. Er eilte jetzt, da er ſich auf keine andere Perſon mehr verlaſſen wollte, ſelbſt fort um ihn zu holen. & X 5 —„— ——— 2 —*—+—— A 101 „Iſt Alfred da?“ rief er Lars entgegen. „Ja, Herr.“ Kaum zuvor durch den Brief von Humle an die Todesart ſeines eigenen Vaters erinnert, hatte Boijer in dem Angſtſchrei, der ihm beim Eintritt in die Brennerei entgegenſcholl, einen Todesruf erkannt. Des Vaters letzter Moment ſtand mit unverwiſch⸗ barem Entſetzen vor ſeinen Augen. „Wo iſt Alfred?“ „DO... da... Boijer ſtürzte vor. Ein Ausruf des Entſetzens drang ſich aus ſeiner beklommenen Bruſt bei dem Anblick, der ihm entge⸗ gentrat. Alfred lag mit blutendem Geſicht und mit zerriſſe⸗ nen Kleidern mehr todt als lebendig am Rande der Hefenkiſte. Boijer ſank neben ihm auf ſeine Kniee nieder. Er blickte ihm ins Geſicht, er unterſuchte ſeine Pulſe, er wiſchte ihm das Blut von der Stirn. Jetzt meinte er, Alfred bewege den Mund, als wollte er ſprechen, und er lehnte ſein Ohr darüber, um hören zu können, ob er etwas ſage. „Fluch!“ murmelte Alfred. Boijer ſchauderte zurück. Des Sohnes Fluch tönte in ſeinem Herzen nach, wie ein Echo von ſeines Vaters letztem Wort. Aber Lars ſtand an ſeiner Seite, einen feſten, rach⸗ ſüchtigen Blick unverwandt auf ihn geheftet. „Herr Boijer,“ ſagte er,„was denken Sie von Ihrem Sohn?“ 2 Boijer hörte die Frage und wandte ſich gegen Lars um. „Iſt das nicht ein prächtiger Bräutigam?“ fuhr Lars fort;„haben Sie nicht Urſache fröhlich zu ſein?“ Boijer begriff nicht ein einziges Wort von Larſens 10² Fragen. Er litt blos, er litt unausſprechliche Qualen. Mit beinahe wahnſinnigem Ausdruck ſtarrte er verwun⸗ dert in Larſens Geſicht. „Mein Gott, mein Gott!“ ſtammelte Boijer, niſt der Augenblick der Strafe gekommen? O mein Vater, mein Vater!“ Aber dann beugte er ſich wieder über den Sohn hinab und begann ihn zu ſchütteln, um ihn ins Leben zurückzurufen. „Alfred, Alfred,“ rief er,„wache auf! Deine Braut erwartet Dich.“ „Zur Hölle mit Dir!“ ertönten halbgeflüſterte Worte über Alfreds Lippen.„Zur Höll... „Ha, ha, ha!“ lachte Lars,„ha, ha, ha!“ 5 5.uge Vorſehung,“ klagte Boijer,„wie rächſt Du 2 i. „Sie haben Recht, Herr Boijer,“ ſprach Lars wie⸗ der,„die Vorſehung ſtraft und rächt. Auch ich, Herr, habe einen Sohn gehabt. O mein Gott, ein zartes, neugebornes Weſen mit einem Geſicht ſo ſanft und gut, daß ich, wenn ich ihm hineinſah, meinte ich habe ein Engelein vor mir. Aber ich war ein armer Schlucker, Herr Boijer, und Alles, was ich in Ihrem Dienſt ver⸗ diente, verſoff ich in Ihrem Branntwein. Das waren entſetzliche Tage. Hören Sie nur. Eines Abends als ich betrunken nach Hauſe kam, ſtreckte meine Frau mir den Neugeborenen entgegen. Gott weiß, was ich in dieſem Augenblick empfand, aber ich wurde ſogleich nüch⸗ tern. Sie müſſen auch wiſſen, daß es mir entgegen lächelte, das arme Würmchen; es war das erſte Men⸗ ſchenkind, das ſeit vielen, vielen Jahren mich angelächelt hatte. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und jetzt ſah ich den ganzen Jammer, der mich umgab, ich ſah die Armuth des Strohbettes, ſah das Elend die⸗ ſer Lumpen, ſah die nackten Wände um mich her, ſah den Schmutz, Armuth und Elend. Es war kein Stück⸗ 103 cen Brod im Haus, im Ofen kein Feuer, im Topf keine Speiſe, im Krug kein Tropfen Milch. Alles, alles hatte ich in Ihrem Branntwein verſoffen. Es durchzuckte mich wie ein Schauder, und ich würde mich umgebracht haben, wenn nicht mein Weib ihre magern Arme gegen mich ausgeſtreckt, und wenn nicht das kleine Würmchen an ihrer Seite ſo ſanft gelächelt hätte. In meiner Ver⸗ zweiflung betete ich zu Gott und glaubte an barmherzige Menſchen. Ich ging zu Ihnen. Ha, ha, ha! das war wohl der Mühe werth. Ihr Buchhalter erklärte mir in Ihrem Namen, daß ich nicht blos meinen Verdienſt, ſon⸗ dern auch noch den Lohn von mehreren Wochen verſoffen habe. Ich ging in die Schenke, da erklärte men mir daſſelbe und nach einigen Tagen verſcharrte ich in der Erde alles, was mir darauf lieb geweſen war. Ich rang die Hände, aber ich lachte voll Hohn und ſchwur Rache. Jetzt habe ich mich gerächt, Herr.“ Boijer merkte ſehr wohl, daß Lars ſprach, aber er hörte nicht ein einziges Wort. Es dröhnte blos wie ein brauſendes Meer vor ſeinen Ohren. Eine einzige ſchreckliche Scene ſtand noch lebendig vor ſeinem Gedächtniß, nämlich die Todesſtunde ſeines eigenen Vaters. „Alfred iſt betrunken,“ murmelte er,„auch ich war betrunken. Allmächtiger Gott!“ „Dieſe Brennerei,“ fuhr Lars fort,„wurde die Waffe meiner Rache. Je mehr ich brannte, um ſo mehr Unglück verbreitete ſich um Sie her. Je reicher es Sie machte, um ſo unglücklicher machte es Sie auch. Sie hatten auch einen Sohn, Herr. Betrachten Sie ihn recht wohl! Hieher habe ich ihn geführt.“ Larſens Stimme erſcholl wie ein Donner an Boijers Ohren; aber der Blitz hatte ihn bereits getroffen, und alles, was Lars ſagte, verſchwand wie ein unklares Getöſe. „Alfred, Alfred!“ rief er blos,„habe Barmherzig⸗ keit mit Deinem Vater!“ Aber dieſe Worte waren kaum über Boijers Lippen gegangen, als ſeine Glieder wie von einem Froſtſchauer geſchüttelt wurden. Er erinnerte ſich, daß er ſelbſt ſie vorher einmal gehoͤrt hatte, und zwar an ſich ſelbſt gerichtet. „Ewiger Gott,“ murmelte er,„ſo hat auch mein Vater mich gebeten!“ „Fluch,“ flüſterte Alfred wieder,„Fluch!“ In wahnſinniger Wuth ſprang Boijer von ſeinem Platze auf, aber jetzt fiel ſein Blick auf etwas, was ihn mit neuem Entſetzen erfüllte. Er ſah zwei Füße, zwei Beine aus der Hefenkiſte emporgeſtreckt. Er konnte nicht daran zweifeln— es war ein Menſch, der darin ertrunken war. „Lars,“ ſagte er, indem er den Brennmeiſter beim Arm ergriff,„was iſt das, Lars?“ Trotz ſeiner halb betrunkenen, von Haß und Rache aufgeregten Gemüthsſtimmung ſah auch Lars nicht ohne Schrecken was Boijer bemerkt hatte. Auf einmal erinnerte er ſich jetzt des Streites zwiſchen Alfred und Johann, welchen er in ſeinem Haß gegen Boijer beinahe vergeſſen hatte.. „Das iſt Johann!“ rief er. Und er ergriff ihn jetzt und zog ihn hinauf. „Todt! Johann iſt todt!“ Boijer ſtand einen Augenblick unbeweglich. Mit dem Feuer wilden Wahnſinns flogen ſeine ſonſt ſeelen⸗ loſen Augen umher. Weder Boijer noch Lars wußten ſich mehr zu hel⸗ fen. Die augenblicklich ergreifende Macht der Leiden⸗ ſchaft und der Ereigniſſe riß ſie in ihrem brauſenden Strudel fort. „Ich bin gerächt,“ rief Lars,„ha, ha, ha!“ ———— 10⁵ Alfred mußte nothwendig an Johanns Tod ſchuld ein. Dieſer Gedanke kam mit neuem Entſetzen über Boijer. Der blutige Schatten ſeines eigenen Vaters ſtand vor ihm. Verwirrt ſuchten ſeine Sinne nach einem Mittel, um Alfred von der entehrenden Todesſtrafe zu retten, die er in Gedanken bereits erblickte. Sein Auge fiel auf die Lampe in der Mauer der Brennerei. „Rettung,“ rief er,„Rettung.“ Er ſah nur ein einziges Mittel dazu. Er nahm von dem aufgeſchichteten Feuerwerk eine Rakete weg, eilte an die Laterne und zündete ſie an.. Wenn die ganze Welt zuſammengeſtürzt wäre, er hätte in dieſem Augenblick nichts dagegen gehabt. Die Rakete ſprühte Flammen um ſich her. Mit der Raſerei eines Dämons zündete er die Brennerei an, und warf dann die Rakete wieder unter das übrige Feuerwerk. Krachend entzündete es ſich und flog flam⸗ menſprühend nach allen Seiten. Mit kräftigen Armen erhob Boijer Alfred vom Boden und eilte mit ſeiner Laſt zur Thüre hinaus, wo k ihn niederlegte und jammernd ſich über ihn hinab⸗ eugte. Lars liebte Alfred auf ſeine Weiſe. Johanns Tod hatte die ſtürmiſchen Gefühle in ſeiner Bruſt nicht ge⸗ mildert, aber die Furcht um Alfred gab ihnen eine an⸗ dere Richtung. Die Brennerei verbrennen zu laſſen und den Mord in der Aſche zu begraben, das war auch nach ſeiner An⸗ ſicht das einzige Rettungsmittel. Sein perſönlicher Haß beſänftigte ſich daher in dem Augenblick, wo er ſich bewußt war Boijer und Alfred auf den Standpunkt von Verbrechern hinabgezogen zu haben und ſie vermöge ſeiner Kenntniß von der Sache ganz in ſeiner Gewalt zu beſitzen. 106 Lars meinte auf den Zinnen des Tempels zu ſtehen und über alles zu herrſchen, was er um ſich her ſah. Wie manches Jahr hindurch hatte er nicht auf den Knieen die Furien der Rache angefleht! „Jetzt beginnt meine Herrſchaft,“ dachte er bei ſich ſelbſt;„die Rache hat dieſe Leute in meine Hände ge⸗ worfen.“ Bald verließ er die Brennerei und begab ſich zu Boijer und Alfred. 3 Der Abend war bereits vorangeſchritten; der Nacht⸗ himmel wölbte ſich finſter und düſter darüber hin. Durch die Eingangsthüre zur Brennerei ſah man, wie die Flammen um ſich griffen, aber noch hatten ſie nicht zum Dach hinausgeſchlagen. Alfred hatte ſich wieder bewegt und einige unklare Worte geflüſtert. Mit unverwandter Aufmerkſamkeit betrachtete ihn Boijer. Das Gemälde war unheimlich und entſetzlich, und gleichwohl fehlten noch einige Figuren, die es noch nn⸗ heimlicher machen ſollten. Lars warf einen Blick voll von dämoniſcher Freude um ſich her. Er rief nicht mehr nach Rache, er lachte nicht mehr voll Hohn, aber es war ihm, als trete er mit ſeinem Fuß auf Boijers Nacken, und als müſſe ſich dieſer unter ihm nach ſeinem Willen winden und krümmen. Das Siegesgefühl des rohen Haſſes ſchmeichelte ihm. Aber jetzt hörte er einige Stimmen ganz nahe bei ſich ſprechen und ſah einige Perſonen nach der Seite zu eilen, wo ſte waren. „Es kommen Leute hieher, Herr Boijer,“ ſagte er; „ſollen wir Alfred weiter hinweg tragen?“ „Still,“ flüſterte Boijer,„ich meinte, Alfred habe geſprochen. Still! hörteſt Du nichts?⸗ Plötzlich ſtand Hans neben ihnen. Das magere Geſicht war leichenblaß. —,— en 107 Lars bebte bei ſeinem Anblick zurück. Boijer be⸗ merkte ihn nicht; Alfred nahm ſeine ganze Aufmerkſam⸗ keit, alle ſeine Gedanken, ſeine ganze Seele in An⸗ ſpruch. „Lebſt du, Haus,“ fragte Lars,„oder biſt Du ein Todter, der umläuft?“ Hans antwortete nicht, ſondern klatſchte nur in die Hände. In dieſem Augenblick eilten vier Männer voran. Unter ihnen ſah man zuvörderſt den Juſtizamtmann des Bezirks. „Wo iſt er?“ fragte der Amtmann. „Hier,“ antwortete Hans, und deutete auf Alfred. Der Amtmann bemerkte jetzt, daß Boijer zugegen war, und er nahm höflich ſeinen Hut ab. „Bitte um Entſchuldigung, Herr Boijer,“ ſagte er, „aber die Juſtiz muß ihren Gang nehmen, und der Dienſt geht vor Allem. Ich kann Ihnen nicht ſagen wie leid es mir thut, aber Sie wiſſen ja ſelbſt, daß das Geſetz über uns Allen ſteht, und... und. Boijer und Lars betrachteten ihn, ohne zu wiſſen was ſie glauben ſollten. „Kommt her, Leute,“ fuhr der Amtmann fort,„ver⸗ haftet jetzt den jungen Herrn Boijer da. Macht die Sache kurz.“ Die Jiebe für Alfred drang bei dieſem Befehl wie ein Dolchſtoß durch Larſens Bruſt. Das Blut floß ſiedend heiß aus der Wunde durch ſeine Adern, und wie raſend wollte er ſich zwiſchen Alfred und die Diener der Juſtiz werfen; aber Hanſens bleicher Schatten ſtand vor ihm, und mit dem Gebrüll eines wilden Thiers ſtürzte er zurück und eilte hinweg. Boijer war von ſeinem Platz aufgeſprungen. „Ihn verhaften!“ wiederholte er.„Wollen Sie ihn verhaften?“ 3 108 Der Amtmann wollte ſich erklären, aber Boijer war nicht mehr im Stand eine Erklärung anzuhören. Ein wildes Hohnlachen erſcholl über ſeine Lippen, während man Alfred wegführte. „Vater und Sohn,“ rief er,„ha, ha, ha!“ Oben im Salon konnte ſich Niemand das ſonder⸗ bare Verſchwinden Boijers und Alfreds erklären. Die⸗ jenigen, welche die Sache zunächſt berührte, preßten ihre Gefühle in ſich zurück und ſuchten eine Ruhe zu zeigen, die ſie nicht beſasßen. Alle waren in geſpaugte Erwartung verſetzt, und in jedem Augenblick hoffte man Boijer und Alfred ein⸗ treten zu ſehen. Der einzige, der ſein Haupt noch emporrichtete, war Jeſpersſon. Schweigen und Verſtimmung herrſchte übrigens unter allen Gäſten. Nur leiſes Geflüſter wurde zuweilen zwi⸗ ſchen ihnen gewechſelt. Die Baronin und Frau Boijer zeigten ſich nicht. Sie waren drinnen bei der Braut geblieben. Unter den Arbeitern, welche Boijer zur Hochzeit eingeladen hatte, waren auch mehrere Unterzeichner der Adreſſe, welche den Zweck hatte, daß eine Art von Damm der Sündfluth entgegengeſetzt werden ſollte, die in der übermäßigen Branntwein⸗Produktion Land und Reich überſchwemmte. Dieſe glaubten die Pauſe, welche in der Trauungs⸗ ceremonie eingetreten war, benützen zu müſſen, um mit Baron Horner über den Gegenſtand zu ſprechen. Sie näherten ſich ihm alſo und fragten ihn. ͤ——— 109 Horner war verlegen und ſuchte nach einer Ant⸗ wort, die für Boijer am wenigſten verletzend wäre. „Feurio!“ rief es in dieſem Augenblick,„ſeht! ſeht!...⸗ Einige eilten ans Fenſter, andere ſprangen die Treppen hinab. Das Feuer hatte ſich durch das Dach der Brennerei Bahn gebrochen und loderte jetzt wie eine Fluth von rothen Flammen gegen den düſtern Himmel empor. Ein tiefes Entſetzen verbreitete ſich unter den Anweſenden. Der Anblick war aber auch ſchrecklich, und doch ſchön. Als der Feuerſtrom ſich hoch oben in den Räumen auf⸗ löſte, ſchwamm noch da und dort die eine und andere Flamme in einer Wolke von glänzendem Gold. Am Glanz der lodernden Flammen ſah man jetzt einen Schatten ſich bewegen. Es war ein Menſch hoch oben auf der Dachfirſte der Brennerei. „Lars Persſon!“ rief einer der Zuſchauer;„mein Gott, es iſt Lars, der Brennmeiſter!“ Der Schatten erſchien und verſchwand. Der Eindruck war entſetzlich. Jeder glaubte jetzt die Urſache des Ausbleibens von Boijer und Alfred zu begreifen; man vermuthete nämlich, ſte ſeien vom Ausbruch des Feuers unterrichtet worden und auf den Platz geeilt. Die Bittſteller ſtanden noch um Horner her. Der unvermuthete Ausbruch der Feuersbrunſt hatte ſie ihr ganzes Intereſſe vergeſſen gemacht. Ein entſetzliches Gekrach ließ ſich vernehmen, es war ein Theil des Daches, der einſtürzte. Das Feuer breitete ſich aus. Die Flammen ſpielten am ganzen Ge⸗ bäude entlang und rollten immer höher und höher. Die Funken flogen wie leuchtende Feuerpünktchen weit um⸗ her. Die lodernden Flammen toſten wie ein ferner Fluß. 110 Horner wandte ſich zu den Bittſtellern. „Ihr wollt eine Antwort auf eure Fragen haben,“ ſagte er zu ihnen. Er deutete zum Fenſter hinaus. „Was habe ich zu antworten?“ fügte er hinzu. „Die Vorſehung ſelbſt hat Euch geantwortet. In einer halben Stunde liegt die Brennerei im Schutte da.“ Aber ein entſetzlicher Eindruck ſollte in dieſer, unter der Gewalt einer rächenden Nemeſis ſtehenden Stunde auf den andern folgen. „Vater nnd Sohn!“ erſcholl eine Stimme in der Pantſlur⸗„Die Völlerei... die Völlerei! Ha, ha, a!“ Alle ſchauderten bei dem Anblick Boijers, der ſich jetzt in der Thüre zeigte. Gleich bei ſeinem Eintritt fand man, daß er wahn⸗ witzig war. Horner wollte auf ihn zu eilen, aber er hatte be⸗ reits ſeine Augen auf Jeſpersſon geworfen. Der Anblick des Doctors ſchien ihm augenblicklich einen gewiſſen Zwang anzuthun. „Jeſpersſon,“ ſagte er,„Du heißt ja doch Jeſpers⸗ ſon? Welch eine drollige Geſchichte? Still, ſtill! Alfred war betrunken und ich auch; aber er iſt im Gefängniſſe und ich nicht. Sie ſind betrogen; ha, ha, ha! Warum lachſt Du nicht? Du willſt den Brief zurück haben... da... ſieh da... nimm ihn hin... er brennt in meiner Hand... nimm... ſpute dich... und dann die Haarlocke... hu... es iſt Blut daran... ſiehſt du... es iſt meines Vaters Blut...“. Die Anweſenden hatten einen Kreis um den Un⸗ glücklichen gebildet. „Ha, ha, ha! Jeſpersſon, es iſt ein garſtiges und doch ſo luſtiges Ding betrunken zu ſein,“ fuhr Boijer fort.„In der Trunkenheit habe ich Wardnäs geraubt, — 111 in der Trunkenheit... folge mir, Jeſpersſon, folge mir... ha, ha, hal“ Er ergriff Jespersſons Arm und zog ihn mit ſich. Jespersſon folgte. Die Gäſte ſtanden wie verſteinert da, aber noch kannte Niemand Alfreds Schickſal. Man vermuthete, er ſei mit dem Löſchen beſchäftigt; aber bald kamen Einige vom Feuer zurück und erzählten, was geſchehen war. Horner ſagte zu Carl Auguſt, er ſolle die Frauen⸗ zimmer ſogleich hinweg und nach Hauſe führen. Er ſelbſt wollte da bleiben, um Frau Boijer zu tröſten, die das Ereigniß noch nicht kannte; aber juſt, als er ſich zu ihr hineinbegeben wollte, kamen Boijer und Jespersſon urück. 1 Boijer hielt ein Bündel Papiere in ſeiner Hand. Kein Wort kam über Boijers Mund; ſeine Augen ſtarrten mit unverkennbarem Entſetzen Horner an. Als er ihm näher kam, ſchien er ſprechen zu wollen, aber ſeine Lippen zitterten blos. Entſtellt und wahnſinnig übergab er Horner den Papierbündel. Sobald er ſich davon befreit ſah, brach wieder ein Hohnlachen über ſeine Lippen, während er hinauseilte. Aber wenn die Leidenſchaft einen Augenblick mit blinder Wuth geraſt und dabei ihr Opfer in einen bo⸗ denloſen Abgrund mit ſich geriſſen hatte, wenn alle an⸗ weſenden Gäſte gleichſam von verheerenden dämoniſchen Mächten fortgeriſſen wurden, und für einen Augenblick eine Schaar von Furien zu ſehen geglaubt hatten, die mit roth flammenden Fackeln einander jagten, ſo wurden ſie doch auch unwiderſtehlich von einer ſo lieblichen und hinreißenden Erſcheinung eingenommen, daß ſie ſich mit ihren eigenen Gefühlen verſöhnten, während die Stürme in ihren Gemüthern ſich legten und ein friedliches Be⸗ hagen ſich über ihre Herzen ausbreitete. Die Gegend wurde nämlich jetzt wie durch einen Zauberſchlag von 112 einem ſo unendlich klaren und milden Schein beleuchtet, und als man hinausblickte, glänzte es wie eine Sonne in der Finſterniß. Als die Wände der Brennerei einſtürzten, und in ihrem Fall das Feuer ſelbſt dämpften, da ſprühten die Funken weit umher, und vom Winde geführt entzündeten ſie das Stück vom Feuerwerk, das Alfred ſelbſt herge⸗ richtet hatte, als er aus Larſens Flaſche auf Emmas Wohl trank. Die Brennerei lag in der Aſche. Finſterniß brei⸗ tete ſich über die Gegend. Die in wechſelnden Farben leuchtende Sonne des Feuerwerks ſtrahlte allein über das Feld hin, ruhig, friedvoll, erfreuend, verheißungsreich. Man hätte beinah glauben können, ſie verkünde mit ihren Wechſeln in der Farbenpracht eines dämmernden Morgens einen neuen, einen beſſern, einen ſchönern Tag. Wir wollen den Schmerz und Kummer, den alle dieſe erſchütternden Ereigniſſe verurſachten, nicht zu ſchil⸗ dern verſuchen. Als die Baronin Horner nach Hauſe kam, ſchloß ſie ihre Tochter in die Arme. „Jetzt verſtehe ich meine letzten Prophezeiungen,“ ſagte ſie.„Deine Karte lag darin mit dem Rücken ge⸗ gen die ſchwarzen gekehrt und mit dem Angeſicht gegen die rothen. O Gott, möge es ſo ſein, daß Deine Be⸗ kümmerniſſe jetzt vorüber ſind und daß die Zukunft Dich mit Freude und Seligkeit erwartet!“ Als Horner ſpäter nach Hauſe kam, drückte er Carl Auguſt an ſeine Bruſt. 113 „Mein Sohn,“ ſagte er,„ſeit ich den Gang und die Entwickelung der inneren Verhältniſſe der Familie Boijer klar erfahren, habe ich meine Anſicht über die Trunkenheit auf eine ſchreckliche Art bekräftigt gefunden.“ „Carl Auguſt,“ fügte er hinzu,„verſprich Deinem alten Vater, daß Du die Völlerei für immer verabſcheuen willſt, denn ſie führt doch früher oder ſpäter gewiß zu beklagenswerthen Reſultaten.“ Der Sohn gab ſeinem Vater einen feſten Hand⸗ ſchlag. Achtundzwarnzigſtes Kapitel. Der lebenslängliche Gefangene. Acht Monate waren verfloſſen, ſeit die vorſtehende Kataſtrophe ſich zugetragen hatte. Der Monat Auguſt war da mit ſeinen herrlich war⸗ men Tagen, ſeinen freundlichen, idylliſchen Mondſchein⸗ nächten, mit Tagen, ſo wichtig für das arbeitſame, thä⸗ tige Leben, mit Nächten ſo lau, ſo durchſchimmert von dem bezauberndſten Mondſchein, voll von Geſang und Liebe, von Serenaden und Schwärmerei. Marſtrand iſt in den letzten Jahrzehnten zu einem der vornehmſtn Badeorte der weſtlichen Küſte heran⸗ geblüht. Die Stadt iſt unbedeutend; aber hoch oben auf der Krone der Klippen liegt die Feſtung Carlſtein mit ihren Thürmen und Wällen. Sie iſt ein Koloß, der keinen Rivalen an ſeiner Seite duldet. Ridder ſtad, Vater und Sohn. II. 8 114 5 8 Ein Geſchichtſchreiber hat die Feſtung Carlſtein das ſchwediſche Gibraltar genannt. Ein berühmter Arzt hat Marſtrand als Badeort das ſchwediſche Madeira genannt. Wir verlaſſen jetzt die Feſtung, um der Badeeinrich⸗ tung einen Beſuch abzuſtatten. In dem zwar kleinen, aber recht hübſchen Park mit ſeinem Geſellſchaftshaus und ſeiner Alpenhütte wimmelte es von Badegäſten auf und ab, von fröhlichen, lebhaften und zuvorkommenden Leuten, deren Ausſehen vielmehr be⸗ wies, daß ſie der Geſundheit und des Vergnügens wegen, als daß ſie wegen Kränklichkeit hiehergekommen. Eine wohllautende, ſilberhelle Stimme tönte lieblich und mild vom Salon her, und erſtarb in dem Park, M noch in ihrem Erſterben jeden Lauſcher bezaubernd. b „Deine Tochter hat unlängbar eine wunderbar ſchöne Stimme,“ ſagte eine ältere Dame zu ihrer Nachbarin, „und es iſt wahrhaft zu verwundern, daß Ihr beide ſelbſt es nicht wußtet, bevor man es hier bemerkte.“ „Ganz richtig,“ antwortete die Nachbarin,„Char⸗ lotte ſang immer recht gern, das iſt wahr, aber weder ſie noch ich wußten es zu beurtheilen.“ Der Geſang ging jetzt von einem ſanften Adagio 8 zu einem lebhaften Creſcendo über. 1 „Höre nur! Welch ein liebliches Colorit in den Nüancirungen iſt! Die Uebergänge ſind ſcharmant; die höheren Töne ganz beſonders ſind ausgezeichnet. Man 3 ſollte glauben, ſie hätte bereits bei Garcia ſtudirt.“ 1 Die ſprechenden Perſonen waren die Baronin Hor⸗ ner und Frau Hjelm. 1 Nach den im vorhergehenden Kapitel beſchriebenen Ereigniſſen war eine tiefe Schwermuth über Emma ge⸗ kommen. Nachdem die Verbindung mit Alfred geſetzlich aufgelöſt und alles wieder auf dem alten Fuß war, riethen die Aerzte, ſie ſolle in ein Bad gehen; aber 115 Emma wollte ſich von ihren Freundinnen und ganz be⸗ ſonders von Sophie und Charlotte nicht trennen. Nachdem man lang hin und her gerathen, vereinig⸗ ten ſich beide Familien endlich zu dem Entſchluß, mit nach Marſtrand zu kommen. Charlottens friſche und blühende Schönheit und ihr freundliches lebhaftes Gemüth machten ſie bald zum Ge⸗ genſtand allgemeinen Entzückens. Selbſt die Damen konnten ſie nicht um die Triumphe beneiden, welche ſie errang, da die Reinheit und Unſchuld des Herzens ſo ungekünſtelt und natürlich bei ihr her⸗ vortrat. Carl Auguſt, der nach den Jahresexercitien eben⸗ falls hieher geeilt war, wußte ſich vor Freude und Zu⸗ friedenheit kaum zu faſſen. Da er von Natur heftig und lebhaft, zudem bis über die Ohren in Charlotte verliebt war, ſo hätten die finſtern Mächte der Eiferſucht ſehr leicht ſich ſeiner be⸗ mächtigen können; aber obſchon vom rauſchendſten Bei⸗ fall umgeben, behielt Charlotte für ihn doch das Lieb⸗ lichſte, was ein ſchönes Mädchen einem Manne ſpenden kann, nämlich jenen glühenden Blick, jenen wunderbaren Blick, durch welchen das Weiberherz ein ganzes Himmel⸗ reich in das Herz des Mannes verſenken kann. Zufällig hatte Charlotte eines Morgens einmal, als ſie ſich allein im Salon glaubte, ein Liedchen geſungen; aber kaum war ſie über die erſten Stanzen hinausge⸗ kommen, als der Salon ſich mit Gäſten aus den übrigen Zimmern füllte. Verlegen wollte ſie aufhören, ließ ſich aber doch überreden fortzufahren. Als ſie zu Ende war, brach unwillkührlich ein ſtür⸗ miſcher Beifall los. Charlotte war eine Naturſängerin erſten Rangs. Von dieſem Augenblick an war ſie allmächtig über alle Herzen, obſchon ſie ſich ſchüchtern einer ſo ausge⸗ 116 dehnten Herrſchaft entzog, weil ſie in ihrem eigenen Her⸗ zen nur über ein einziges zu regieren wünſchte. Wenn die Familie Horner bisher auch Charlottens ganzen Werth noch nicht erfaßt hatte, ſo that ſie es jetzt. Die Baronin war im höchſten Grad von ihr bezau⸗ bert, und der Baron ſelbſt hielt ſich gern in der Nähe des talentvollen, gleichſam zu einem neuen Leben erwa⸗ chenden, friſchen und fröhlichen Mädchens auf. „Was für ein Ausdruck!“ fuhr die Baronin in ihrer Bewunderung gegen Frau Hjelm fort;„ſie iſt eine wahre Meiſterin.“. Charlotte brachte jetzt einige freie Coloraturen in der Melodie an und ging darauf mit einem tiefen und natürlichen Gefühl zu einem Doloroſo über, das auf alle Herzen tiefen Eindruck machte. t Ein neuer Beifallsſturm erſcholl vom Salon, und als die Gäſte wieder in den Park hinausſtrömten, ſchloß ſie ſich an die Majorin Hjelm und die Baronin Horner an und ließ ihrer Bewunderung freien Lauf. Aber bald verſtummte der Jubel und die Umſtehen⸗ f i — den traten auf die Seite, um Emma Platz zu machen, die mit Schrecken auf ihrem Geſicht ihre Mutter ſuchte. Sophie folgte ihr auf der Ferſe. „Ach, Mama,“ ſagte Emma,„ich habe dieſen ent⸗ ſetzlichen Mann wieder getroffen.“ „Wen?“ fragte man ringsumher,„wen?“ g „Den lebenslänglich Gefangenen.“ 4 Die Baronin drückte ihrer Tochter die Hand und ſuchte Ruhe und Troſt in ihre Seele zu gießen. Die Badegäſte ſahen einander verwundert an.. i Emma hatte die Aufmerkſamkeit nicht weniger an⸗ gezogen als Charlotte; aber bei ihr war ſie von ganz anderer Art. Die Melancholie, die über ihr ganzes Weſen aus⸗ S gebreitet lag, deutete auf einen tiefen, innern Kummer. Man erfuhr auch bald das ſchreckliche Ereigniß, das der⸗ ens tzt. au⸗ ähe va⸗ rer hre in und alle und loß ner en⸗ en, nt⸗ 117 im Augenblick, wo ſie mit Alfred vermählt werden ſollte, am Brautſtuhl ſelbſt ſie getroffen hatte; und ohne zu wiſſen, ob ſie Alfred geliebt hatte oder nicht, hielt man ſie für ſehr unglücklich. In Liljen blühte auch der innere Schmerz auf ihren blaſſen Wangen. Wir, die wir wiſſen, daß ihr Herz blos eine Art Pflicht erfüllte, als es ſich bereit erklärte, ihr Schickſal Alfred anzuvertrauen, ſehen gleichwohl leicht ein, daß ſchon der bloße Gedanke ſich beinah mit einem wirklichen Verbrecher vermählt zu haben, jedenfalls ein entſetzliches Gefühl in ihr hervorrufen mußte, demjenigen ähnlich, das jeder empfinden müßte, der nur durch einen Zufall einem zermalmenden Blitzſchlag entronnen wäre. Die Salzbäder zeigten inzwiſchen einen vortheilhaf⸗ ten Einfluß, und man hatte ſeit ein paar Wochen geſe⸗ hen, daß eine fröhlichere Stimmung ſich wieder einzu⸗ finden anfing. Der eine und andere Strahl von Freude ſchoß auch bereits in ihre tiefblauen Augen und verkündete verhei⸗ ßungsreich, daß noch ein ſchöner und reicher Frühling in ihrem Buſen blühte. Es war Hermann, der als Erinnerung, vielleicht auch als Hoffnung in ihrem Blick und in ihren Wangen ſo ſchön wieder aufblühte. Aber ſollte er wohl wiederkommen? Bei dem letzten Zuſammentreffen mit ihr hatte ſie ihn ja, von ihrem Pflichtgefühl geleitet, mit aller Beſtimmtheit abgewieſen. So ſchwach und zart die Roſe auch war, welche die Hoffnung in ihrer Bruſt pflanzte, ſo entwickelte ſie ſich inzwiſchen dennoch. Nichtsdeſtoweniger war Emma in den letzten acht Ta⸗ gen in ihre frühere Melancholie zurückverſunken. Niemand wußte die Urſache außer der Baronin und Sophie. „ Aber als die Baronin hörte, daß Emma bei ihrer jetzt ſo leicht zu erſchreckenden Sinnesart ganz unbedacht⸗ 118 ſam einige unüberlegte Worte äußerte, und als ſie die Verwunderung bemerkte, welche dadurch bei den Anwe⸗ ſenden hervorgerufen wurde, da glaubte ſie Grund zu haben, den wirklichen Sachverhalt zu erklären. Sie erzählte alſo, daß Emma im Verlauf der letz⸗ ten Woche geſehen habe, daß ſie Gegenſtand der unge⸗ dgäüihen Aufmerkſamkeit eines lebenslänglich Gefange⸗ nen ſei.. Von einem Soldaten bewacht, hatte er einige Ar⸗ beiten im Park zu beſorgen gehabt. Sein Ausſehen konnte ſie nicht beſchreiben, weil er die Mütze tief übers Geſicht, und das Halstuch ſo hoch hinaufgezogen hatte, daß blos die Augenlinie unbedeckt war. Im Uebrigen hatte er ſich ſehr oft weggewandt und Schutz unter den Bäumen geſucht u. ſ. w. Aber er hatte ſie nicht blos mit ſcharfen wilden Blicken verfolgt, ſondern war ihr auch ein paarmal nach⸗ gegangen, obſchon er von der Wache daran verhindert wurde. Bei einem Zuſammentreffen mit ihr hatte ſie ſogar gemeint, er rufe drohend ihren Namen. Da ſie einen Augenblick vermuthete, er wolle von ihr betteln, ſo hatte ſie ihm einmal etwas Geld gegeben, aber er hatte es unter Verwünſchungen auf den Boden geſchleudert. Die Erzählung machte einen unbehaglichen Eindruck auf die Gäſte. Emma war ſo einnehmend in ihrem Kummer, ſo lieblich in ihrem Unglück. Alle beſchloſſen die Sache näher zu unterſuchen, um ſie für die Zukunft vor aller Gefahr zu beſchützen. Carl Auguſt machte nicht viel Worte, aber er begab ſich ſogleich an den Platz, wo man den Gefangenen zum letztenmal getrof⸗ fen hatte. Er fand ihn auch da, jedoch im Begriff wegzuge⸗ hen; aber ſobald er Carl Auguſt erblickte, blieb er tro⸗ tzig ſtehen. 119 Er trug das gewöhnliche Gefangenen⸗Koſtüm, grobe Hoſen von Segeltuch, ein ditto Wams und Holzſchuhe. Hinten auf dem Wams ſtanden die Buchſtaben: Dieſe Buchſtaben bedeuten: Lebenslänglich Gefan⸗ gener. Auch jetzt hatte er die Mütze tief herabgezogen, ſo daß ſein Geſicht theils von ihr, theils vom Halstuch, theils von ſeiner einen Hand bedeckt war. „Hör einmal, guter Freund,“ redete ihn Carl Auguſt freundlich und mild an,„durch einige unvorſichtige Ge⸗ berden haſt Du ein Frauenzimmer hier im Park erſchreckt, und ich bitte Dich deßhalb, ein andermal vorſichtiger zu hinen wenn Du zufällig einmal wieder hieher kommen ollteſt.“ 3 Der Gefangene wandte ſich mit dem halben Leibe ab, ſo daß es Carl Auguſt unmöglich war, etwas von ſeinem Geſicht zu ſehen. Statt der Antwort ſtieß er einen boshaften Schrei aus. Er tönte wie ein halb erſticktes Gebrüll. Dieſer heftige Ausbruch des Gefangenen kam Carl Auguſt ganz unerklärlich vor. „Wenn Du Geld bedarfſt,“ fuhr Carl Auguſt von wirklicher Theilnahme für den Unglücklichen geleitet, fort, „ſo gebe ich Dir gern was ich habe. Komm her, mein Freund, da haſt Du etwas.“ Der Gefangene bewegte ſich nicht vom Platz, ballte aber nichtsdeſtoweniger die Fauſt. „Das Frauenzimmer, das Du beleidigt haſt, ſagt, 55 habeſt einmal ihren Namen genannt. Kennſt Du ie? 4 Ein neues unartikulirtes Gebrüll war die einzige Antwort. Carl Auguſt gerieth in immer größeres Staunen. „Aber was willſt Du denn von ihr?⸗ 120 „Sie tödten!“ Carl Auguſt wurde todesblaß. „Sie tödten?“ wiederholte er. Aber der Gefangene war bereits weggeeilt, und Carl Auguſt ſtierte ihm verwundert nach Gedankenvoll begab er ſich zur Geſellſchaft zurück. Die Drohung war an und für ſich ſelbſt ſchrecklich, aber ſie wurde es noch mehr durch die wilde, leidenſchaftliche Art, womit ſie ausgeſprochen wurde. Nach langer Ueber⸗ legung, was er thun ſollte, beſchloß Carl Auguſt, die Sache Niemand anders mitzutheilen, als ſeinem Vater. Die Badgäſte hatten ſich inzwiſchen verlaufen und nach Hauſe begeben. Die Damen hatten verabredet, auf den Abend den Herrn ein Feſt zu veranſtalten. Seit mehreren Tagen war man mit den Vorberei⸗ tungen dazu beſchäftigt geweſen. Der Geſchmack und der Eifer der Damen, ſowie das warme Intereſſe, womit Alle den Vorſchlag umfaß⸗ ten, verſprach das Feſt ungemein glänzend zu machen. Durch eine bewunderungswürdige Schweigſamkeit war es den Damen gelungen, die Neugierde der Herru aufs Höchſte zu ſteigern. Dieſe wurden eingeladen, ſich zu einer beſtimmten Stunde beim Glockenſchlag im Park einzuſtellen. 4 Aber eine drohende Wolke ging am Himmel der Vergnügungen auf, als er juſt am allerheiterſten zu glän⸗ zen ſchien. 5 Charlotte, die in dem bunten und wimmelnden kleinen Reich der Badgäſte ganz unwillkührlich und den⸗ und rück. aber liche ber⸗ die ter, und rrei⸗ 121 noch mit vollem Recht den Thron des fröhlichen Geſell⸗ ſchaftslebens eingenommen hatte, wurde nämlich auf ein⸗ mal ganz ernſthaft. Einige Stunden, bevor das Feſt beginnen ſollte, hatte Frau Hjelm ein Geſpräch mit ihr. Frau Hjelm wußte, daß ihr Sohn Hermann dem⸗ wiuhſ von einer langen Seereiſe nach Hauſe kommen ollte. In ſeinem letzten Brief hatte er ihr Hoffnung auf einen bald zu erwartenden neuen Brief gegeben, worin er die Zeit ſeiner Rückkehr näher beſtimmen würde. Sie hatte ausgerechnet, daß dieſer Brief mit der Poſt des Tages ankommen mußte, und ſie hatte daher ſo eben einen Boten abgeſchickt, um auf dem Poſtkomp⸗ toir darnach zu fragen, 1 Inzwiſchen ſchaute ſie jetzt ungeduldig zum Fenſter hinaus, um zu ſehen, ob der Bote ſich nicht zeige. Aber etwas anderes beſchäftigte ganz ſichtlich ihre Gedanken; denn mitunter ruhte ihre Aufmerkſamkeit mit ſo forſchendem Ernſt auf der fröhlichen Charlotte, als hätte etwas Schmerzliches ſie bedrückt, das ſie nicht gern geſtehen wollte. Charlotte ſchwatzte fröhlich und glücklich, ohne etwas Böſes zu ahnen, dieß und jenes. Ihre Freude ſchien die Mutter beinahe zu beun⸗ ruhigen. Der Poſtbote blieb noch immer aus. Je mehr Charlotte ſcherzte, um ſo mehr verdüſterte ſich die ernſte Miene der Majorin zu einer kleinen Wolke. Dieſer Ernſt war jedoch keine Donnerwolke, ſondern eine leichte, flüchtige Wolke, wodurch ein milder Stern aus einem zarten und guten Mutterherzen ſchimmerte. Endlich wandte ſie ſich, nicht ohne einen gewiſſen innern Streit, an ihre Tochter. „Charlotte,“ ſagte ſie zu ihr, nich fürchte, däß ich Dich betrüben könnte, aber ich muß Dich gleichwohl 12² bitten, in einem gewiſſen Fall mehr Vorſicht zu beob⸗ achten.“ Charlotte war mit ihrer Toilette beſchäftigt; aber bei dieſer ernſten Anrede wandte ſie ſich mit fragender Miene um. „Was meinen Sie, meine gute Mutter? Sollte ich auf irgend eine Art... „Nimm meine Warnung nicht als einen Tadel, Charlotte. Höre mich nur ruhig an, ſo wirſt Du ſo⸗ gleich begreifen, daß ich wohl Urſache habe, zwar nicht Dich zu tadeln, aber doch Dir einen freundlichen Rath zu ertheilen. Du erinnerſt Dich gewiß, in welcher Stim⸗ mung Hermann an dem Tag abreiſte, wo Emma ihre Hochzeit halten ſollte?“ „Hermann war verzweifelt, düſter, aufgeregt.“ „Ganz richtig. Er war nicht mehr der heitere, fri⸗ ſche, lebhafte Hermann, wie ſonſt, ſondern heftig und ſich ungleich. Du erinnerſt Dich auch, daß er uns ſagte, Emma habe ihn auf eine ſehr ſonderbare Art empfan⸗ gen, als er von den warmen Gefühlen ſeines Herzens geleitet kam, um ihr ſein letztes Lebewohl zu ſagen.“ „Nun wohl, Mutter.“ „Ferner weißt Dn auch, daß alle Briefe, die wir ſeither von ihm erhielten, ganz getreu dieſelbe Gemüths⸗ ſtimmung verriethen: Unzufriedenheit mit der Welt nnd ſich ſelbſt.“ „Das iſt wahr, Mama, es iſt nur zu wahr.“ „Eine ſolche Schwermuth, Charlotte, bei einem Cha⸗ rakter wie Hermanns bedeutet etwas. Ich fürchte, daß er von Emma tief beleidigt worden iſt. Iſt es Dir viel⸗ leicht entgangen, daß er niemals, daß er in keinem ein⸗ zigen von ſeinen Briefen auch nur ein Wörtchen von ihr geſagt oder ihren Namen genannt hat?“ „Auch ich habe das Alles wohl bemerkt; aber ich begreife nicht, welchen Einfluß es auf mich haben kann.“ „Läugne eine Sache nicht, Charlotte.“ 123 „Welche Sache?“ „Daß Du Carl Auguſts Artigkeiten gern annimmſt.“ Charlotte ſtand purpurroth da, wie eine friſch aus⸗ geſchlagene Tulpe. „Ach Mutter,“ flüſterte ſie blos. „Obſchon ich mich ſo ſelten wie möglich mit den kleinen Heimlichkeiten Deines Herzens befaſſen will, weil ich der Anſicht bin, daß jedes Mädchen das Recht haben muß, ihren Verſtand dadurch zu erproben, daß ſie ſich allein mit denſelben beſchäftigt, ſo folge ich Dir dennoch mit der ganzen Aufmerkſamteit einer zärtlichen Mutter, mein gutes Kind. Es iſt mir alſo nicht entgangen, daß Carl Auguſt einen gewiſſen Eindruck auf Dich gemacht hat, und daß Du es nicht ungerne ſiehſt, wenn er ſich mit Dir beſchäftigt. Darüber wäre auch im Ganzen nichts zu ſagen. Baron Horners ſind eine höchſt achtungs⸗ werthe Familie und Carl Auguſt iſt unſtreitig ein junger Mann von redlichem Charakter, edlem Herzen und einer über alles Gemeine erhabenen Denkungsart.“ „Nun ja, Mama, das finde ich ja auch.“ Die Röthe verſchwand dabei und ein ſchalkhaftes Lächeln flog über ihre Lippen. „Aber deßungeachtet dürfen wir dennoch den abwe⸗ ſenden Hermann nicht vergeſſen. Ich bin überzengt, wenn er zu Dir ſagte, befaß Dich nicht mit einer Fa⸗ milie, die Deinen Bruder beleidigt hat, ſo würdeſt Du ihm an die Bruſt ſinken und, wenn auch vielleicht mit einer Thräne im Auge, ſeine Mahnung befolgen.“ Charlotte hatte die Sache niemals von dieſer Seite angeſehen, und es wurde ihr auf einmal ganz anders zu Muth als bisher. „Auch etwas anderes darfſt Du nicht vergeſſen, Charlotte.“ „Ach mein Gott, haben Sie mir noch etwas ande⸗ res zu bemerken, Mutter?“— „Ich möchte von unſerem unbekannten Wohlthäter — — 124 ſprechen, von ihm, der mit der Zärtlichkeit eines Vaters und redlichen Freundes für Deinen Bruder und Dich von Euren frühſten Jahren an geſorgt und uns zuletzt durch eine ganz unerklärliche Güte in eine wirkliche Unabhän⸗ gigkeit verſetzt hat; ich kann nicht glauben, daß Du nicht mit Vergnügen ſeinen Namen hören würdeſt.“ „Um Gottes willen, ſprechen Sie doch, Mutter, ſprechen Sie.“ 3 „Du haſt doch Hermanns letzten Brief auch nicht vergeſſen können?“ „Ihn vergeſſen? Ach nein, ich erinnere mich ſeiner ganz lebhaft.“ „In dieſem Brief war gleichwohl etwas, Charlotte, wovon ich Dich nicht ſogleich unterrichten wollte, was ich aber jetzt nicht länger verſchweigen kann.“ „Was ſagen Sie, Mutter? Sie zeigten mir nicht das ganze Schreiben?“ Frau Hjelm betrachtete Charlotte mit Theilnahme, aber bald ſchien ein höheres Pflichtgefühl ſich ihrer zu bemächtigen und ſie erhob ihr Haupt mit einem Ausdruck von Ruhe und Stärke, der überhaupt zu ihrem ganzen Weſen ſo wohl paßte. „Ich bin überzeugt,“ ſagte ſie jetzt,„daß Du nie⸗ mals einem Wunſch, von welcher Art er ſein möchte, zu⸗ wider handeln würdeſt, wenn er von einer Perſon kommt, der wir all unſer Beſitzthum zu verdanken haben. Kannſt Du das thun, Charlotte?“ „Niemals, Mutter, niemals.“ „Dieſe Antwort habe ich erwartet, Charlotte. Nun wohl, derjenige Theil dieſes Briefs, den ich Dir bisher vorenthalten habe, enthielt einen Wunſch von unſerem Wohlthäter.“ Charlotte ſah ganz verwundert aus. „Er betraf fürs Erſte Hermann.“ „Sie machen mich unruhig, Mama.“ „Beruhige Dich, mein Kind. Er wünſcht, daß Her⸗ 12⁵ mann keine Wahl treffen möchte, ohne ſich zuvor mit ihm berathen zu haben.“ „Was ſagen Sie... er ſoll ſeine Wahl nicht ſelbſt treffen dürfen..“ „Unſer Wohlthäter gibt ſehr triftige Gründe dafür an. Auf ſeine Erfahrungen geſtützt, meint er, die Jugend folge in ſolchen Fällen eher blinden Leidenſchaften, als einer verſtändigen Einſicht in ihr eigenes Glück.“ Charlotte konnte kaum erwarten, bis ihre Mutter ausgeſprochen hatte. „Und Hermann, Mutter, Hermann... er iſt doch darauf nicht eingegangen... nein, nein, das iſt un⸗ möglich... er hat das nicht thun können.“ „Hermann iſt jetzt ganz anders als vorher, Char⸗ lotte; Du hgſt das ſelbſt geſehen. Er iſt darauf ein⸗ gegangen.“ „Das iſt ſchrecklich.“ „Ich weiß natürlich nicht, mit welchen Gefühlen Hermann es gethan hat, weil er ſich gar nicht darüber äußert; aber ich bin überzeugt, daß er ſich vom edelſten und redlichſten aller Gefühle, nämlich dem der Dankbar⸗ keit, hat leiten laſſen. Kannſt Du undankbar ſein, Charlotte?“ Sie antwortete nicht, aber ſie ſtand zweifelhaft und bleich da, den Blick gegen den Boden geſenkt. „Du antworteſt nicht, Charlotte. Ach mein Kind, was wäreſt Du ohne unſern Wohlthäter geweſen? Was wäre Deine Mutter und Dein Bruder ohne ihn geweſen? Darbende, unglückliche, arme, abhängige Geſchöpfe.“ Charlotte ſchlug ihre ſchönen Augen auf und blickte in die Augen der Mutter; aber die Hand, welche ſie dabei an ihre Bruſt führte, zitterte ein wenig. Die Worte der Mutter waren zu ihrem Herzen ge⸗ drungen, dieſer lebendigen Quelle ſo mancher guten Entſchlüſſe, aufopfernder Handlungen und lebendiger Eindrücke. 126 „Ich ahne, wo Sie hinaus wollen, Mutter; ſagen Sie es auf einmal heraus.“ Frau Hjelm ſah nur zu gut, daß Charlotte in die⸗ ſem Augenblick die Kraft beſaß, Alles zu hören. „Daſſelbe, was unſer Wohlthäter von Hermann gewünſcht hat,“ ſagte ſie daher,„das wünſcht er auch von Dir.“ Charlotte blieb einen Augenblick ſtill. Ein beinahe unmerkliches Zucken eilte über die Augenlinie, und ſie drückte die Hand feſter auf die Bruſt; aber ihre Stirn hob ſich. Ihr Verſtand ſtritt mit ihrem Gefühl, und er ging ſiegreich aus dem Kampf hervor. „Alſo, Mutter,“ fragte ſie,„hat Hermann ſich dazu verſtanden, dem Wunſche unſers Wohlthäters vollkommen zu entſprechen?“ „Ja, das hat er gethan, Charlotte, und ich bin überzeugt, daß... aber es iſt wahr...“ „Unſer Wohlthäter, liebe Mutter, iſt ja doch kein Barbar?“ „Wie kannſt Du nur an ſo etwas denken? Wie manchen Beweis haben wir nicht von ſeiner Redlichkeit, ſeiner Güte und Freundſchaft?“ „Wohlan, Mutter, ich unterwerfe mich.“ Frau Hjelm ſchloß ſie in ihre Arme. „Dank, mein Kind,“ ſagte ſie.„Ehret Vater und Mutter, ſo wird es Euch wohl gehen. Mag Gott Dich beſchützen und ſegnen, Charlotte.“ Aber ſo ruhig auch Charlotte war, ſo war doch ihre Heiterkeit verſchwunden und in den Geſellſchafts⸗ kreiſen war ſie nicht mehr das friſche, lebhafte Mädchen wie früher. Da ſie mit ſich ſelbſt nicht recht in Harmonie ſtand, ſo wurde ſie launiſch, und in ihrem erſten Mißvergnügen beſchloß ſie, an dem beabſichtigten Feſte keinen Theil zu nehmen. 127 Das war die kleine Wolke, die am Himmel des Vergnügens aufging. Von allen Seiten ſuchte man ſie inzwiſchen zu einem andern Entſchluß zu beſtimmen; aber ſie widerſtand dem Sturm lang, und erſt als Frau Hjelm von ihrem launi⸗ ſchen Benehmen erfuhr und einige Worte des Vorwurfs und zugleich der Beruhigung zu ihr ſprach, da gab ſie nach. Aber wenn dieß der ſichtbare Grund ihrer Nach⸗ giebigkeit war, wer kann da wiſſen, ob ſich nicht auch noch ein anderer vorfand? Vielleicht war ſie dennoch nicht ſo ſtark, wie ſie ſich zeigen wollte. Carl Auguſt hatte ſie vorwurfsvoll angeſehen und ſich mißvergnügt zurückgezogen. Konnte ſie es wohl über ihr Herz bringen, ihn zu betrüben? Lag vielleicht nicht in der Rolle, die ſie zu ſpielen übernommen hatte, etwas, was noch überzeugender war, als der Mutter Worte? Alles dieß mag ſich der geneigte Leſer nach eignem Behagen deuten. Der Abend war inzwiſchen vorangeſchritten und das Feſt ſollte beginnen. Die Damen hatten ſich früher als gewöhnlich in den Park begeben, um ihre Gäſte zu empfangen. Wir entlehnen die Beſchreibung dieſes ſchönen Feſtes aus Notizen, die ein unſichtbarer Zeuge außzeichnete. Um den weißen Muſchelſandplan herum ſaßen die Damen in einem Halbkreis. Cin Kreis von Damen iſt immer ein Zauberkreis. Die Herrn ſahen auch die Bezauberung, der ſie ent⸗ gegen gingen, vollkommen voraus, als ſie in denſelben eintraten. Oben auf der.Salontreppe ſtanden vier Wirthinnen, einen freundlichen Willkomm zuwinkend. 128 Am Abhang des Hügels ruhte die Najadenkönigin mit Roſen in dem blonden Lockengeflecht. Die Najadenkönigin war von ihrem Hof umgeben, von ſchilfbekränzten Najaden und Elfen, welche ein Be⸗ willkommnungslied ſangen nach der ſo ſchönen und rüh⸗ renden Melodie:„Tief im Meere“ u. ſ. w. Sobald der Geſang zu Ende war, öffnete ſich die Thüre des Salons und die Geſellſchaft wurde in ein Wachskabinet eingeladen. Die Anordnung war prachtvoll. Wir übergehen die vielen Gruppen, die hier gezeigt wurden, und halten uns nur an diejenigen, bei denen ſich Perſonen betheiligten, für welche ſich der geneigte Leſer intereſſiren kann. Obſchon Emma ſich nicht gern Vergnügungen hingab, hatte ſie ſich doch überreden laſſen, als Maria Stuart aufzutreten. Das blonde, ſchwermüthige Mädchen war auch eine bezaubernde Maria Stuart. Wäre nicht eine Königin, ſondern an ihrer Stelle ein König auf Englands Thron geſeſſen, er hätte gewiß nicht den Muth gehabt, dieſen ſchönen Kopf von ſeinem ſchönen Platz zu trennen, ſondern er hätte ſie ganz und ungetheilt zu beſitzen gewünſcht. Emma war in ihrem ſanften, ſchwärmeriſchen Kum⸗ mer ſo einnehmend, daß in jeder männlichen Bruſt ſich ein Seufzer hob. Wer wünſchte nicht der Leiceſter dieſes ſanften Her⸗ zens oder wenigſtens ſein Beichtvater zu ſein? Sophie trat als Jungfrau von Orleans auf. Anſpruchslos und einfach, wie ſie war, ſchien die Rolle für ſie nicht paſſend; aber die Anſpruchsloſigkeit hat auch ihren Helm und ihre Lanze, und Sophie war eine höchſt einnehmende Jeanne d'Arc. Als ihr Blick, belebt von der Rolle, in die ſie ſich einſtudirt hatte, über die Geſellſchaft hinausflog, begriff u 8 129 Jedermann ſo wobl, wie es ihrem Vorbild möglich ge⸗ weſen war, das ſtolze Albion zu beſiegen. Die kleine wilde Adine zeigte ſich als Ruſſin in der Tracht einer Bojaren⸗Tochter. Sie war eine wahrhaſt einnehmende Perſonifikation Rußlands in ſeiner erſten Kindheit, ehe es noch ein ge⸗ ordneter Staat war; aber die Herzen der Herrn ahnten, als ſie in ihre feurigen, tiefblauen Augen blickten, daß eine Stunde für ſie kommen mußte, wie für Rußland, wo es gefährlich genug ſein würde, ihr zu nahe zu kommen. Aber eine wahrhaft bezaubernde Gruppe war Ju⸗ dith und Holofernes. Carl Auguſt ſchlummerte, als Holoferues, im Schooße Charlottens, als Juditb. Sie ſchien ſeinen Kopf einnehmen zu wollen, aber es war ſicherlich ſein Herz, was ſie einnehmen wollte. Carl Auguſt lächelte mit verſchloſſenen Augen, ohne die Gefahr zu ahnen, die ſein Haupt bedrohte, obſchon dieſelbe Gefahr in dieſem Augenblick noch mehrere der anweſenden jungen Cavaliere bedrohte, weil ſie beim Aublick Charlottens nahe daran waren alle zuſammen den Kopf zu verlieren. Aber die Lippen des Feldhauptmanns bewegten ſich; es ſchien offenbar, daß er im Traum etwas flüſterte. Alle bückten ſich daher vorwärts um zu hören, ob ſie nicht ſeine Worte verſtehen könnten; aber kein Wort ſchlug an ihre Ohren. Die geflüſterten Worte ſänſelten blos wie ein er⸗ ſterbender Windhauch. Dagegen bemerkten alle, wie Charlottens Wangen in dieſem Augenblick von einer Purpurröthe übergoſſen wurden, und das Auge mit erhöhtem Feuer glanzte. „Wie glücklich bin ich nicht,“ hatte Carl Auguſt ge⸗ flüſtert. Die leiſen, ſäuſelnden Worte erreichten nur ihre Ohren. Ridderſtad, Vater und Sohn. U. 9 130 „Tödten Sie mich,“ hatte er hinzugefügt,„wenn Sie mir Ihr Herz nicht ſchenken wollen.“ Während dieſe liebeglühenden Worte noch ihre Ge⸗ danken umſchmeichelten, erinnerte ſie ſich an das ihrer Mutter gegebene Verſprechen, und von unbeſchreiblicher Angſt erfaßt, ſprang ſie von ihrem Platz auf. „Was iſt das?“ rief man von allen Seiten,„Sie ſind unwohl, Sie werden blaß.“ Carl Auguſt war nicht derjenige, der am wenigſten überraſcht war. Still betrachtete er ſie blos. Charlotte hatte noch Niemand zu antworten ver⸗ mocht. „Aber mein Gott,“ ſagte endlich Carl Auguſt, „was kommt Sie denn an? Sie ſehen wirklich krank aus.“ „Krank? Ich?“ Sie ſtrich ihre Locken verwirrt auf die Seite. „Ach nein,“ fügte ſie hinzu,„ich bin vollkommen wohl. Es war nichts.“ Die Tableaux waren zu Ende. Die Muſtk ſpielte vom Chor herab und der Ball begann. Es war ein koſtbarer Ball, ſo bunt und lebhaft wie nur irgend einer. Maria Stuart wollte nicht daran Theil nehmen, wurde aber gegen ihren Willen dazu verlockt, und die Hoffnung kehrte in ihre Bruſt zurück, während ihr Herz Hermanns Bild umſchwärmte. Aber bald ſtellten ſich wieder düſtere Gedanken in ihrer Seele ein und ſie zog ſich von der Geſellſchaft zurück. Das drohende und unerklärliche Bild des lebens⸗ länglichen Gefangenen ſchwebte wie ein düſterer Schatten an ihr vorüber. Die kleine Ruſſin that ihre erſten Schritte auf der Bahn der Eroberung. Judith hieb den Kopf des Holofernes nicht ab, aber ſte verwirrte ihn. Sie tanzte. 131 Die Poſt war inzwiſchen angelangt. Frau Hjelm bekam einen Brief von Hermann. Ungeduldig den In⸗ halt zu erfahren, erbrach ſie ihn ſogleich. Wie heftig klopfte es nicht in ihrer Bruſt, als ſie ihn las!. Hermann erzählte, daß er, ſeit ſein alter Kapitän die Flagge geſtrichen und in den heitern, friedlichen Län⸗ dern über dem Sternenzelt, wohin ein redliches Leben der beſte Frachtſchein ſei, ſeinen Anker ausgeworfen habe, zum Kapitän des Schiffes ernannt worden ſei. Ferner erfuhr ſie, daß er bereit ſtehe den Anker zu lichten, um von London aus direkt nach Marſtrand zu fahren, und daß es ſogar nicht ganz unmöglich wäre, noch vor der Poſt dorthin zu gelangen. Er bat alſo ſeine Mutter ihn jeden Augenblick zu erwarten. Aber dieſe fröhliche Nachricht wurde noch erhöht durch eine andere, nämlich daß er von ihrem Wohl⸗ thäter ein Schreiben empfangen habe, worin er melde, daß er ſich auf der Rückkehr nach Schweden befinde und bald an den erſehnten Geſtaden des Vaterlands landen zu dürfen hoffe. Mit innigem Gefühl ihrer großen Verbindlichkeit gegen ihn, faltete Fran Hjelm ihre Hände und brachte ein ſtilles Dankgebet der Vorſehung dar, die ihr alſo eine Gelegenheit bereitete zu zeigen, wie ſehr ſie ſich gegen ihn verpflichtet glaubte. Aber in Hermanns Brief fand ſie auch ein Billet⸗ chen an Charlotte. Es war unverſiegelt. Frau Hjelm pflegte zwar die Briefe, welche die Geſchwiſter mit einander wechſelten, nie zu leſen, aber dießmal fühlte ſie ein ſo ſtarkes Intereſſe ſo viel als möglich zu hören, daß ſie das Billet öffnete und las. Sie war jedoch nicht weit gekommen, als ſie zu 13² ihrer Beſtürzung darin Sachen von der allerbeunruhigend⸗ ſten Art fand. Offenbar hatte Hermann blos aus Verſehen ſeinen Brief nicht verſiegelt.. Charlotte tanzte mit Carl Auguſt. Hingeriſſen von dem freundlichen Eindruck und Behagen des Augenblicks, ſchien ſie alles vergeſſen zu haben, was ſie hätte ver⸗ ſtimmen können. Ihren Gefühlen ſich überlaſſend ſchwatzte und ſcherzte ſie, um ſo mehr als ſie ſah, daß ihre Hei⸗ terkeit ſich nicht blos in Carl Auguſts Geſicht lebhaft wiederſpiegelte, ſondern auch in ſeinen manchmal recht ſinnigen Antworten ein entſprechendes Echo gefunden hatte. Frau Hjelm hielt ihren Blick feſt auf ſie gerichtet. Aber bald verſtummte die Muſik, der Tanz hörte auf, und die Cavaliere führten die Damen an ihre Plätze zurück. 3 „Wenn ich Sie recht verſtehe,“ ſagte Carl Auguſt, „ſo wurden Sie über einige Worte mißvergnügt, von welchen Sie ſagten, daß ich Sie geäußert habe, während mein Kopf in Ihrem Schooß lag.“ „Nun wohl, ich läugne nicht...“ „Aber ich weiß nicht, daß ich etwas geflüſtert habe.“ „Ich...“ „Ich weiß blos, daß ich einen ſo herrlichen und lieblichen Traum hatte... ich meinte...“ In dieſem Augenblick ſtand Frau Hjelm vor Char⸗ lotte. „Ein Wort, mein liebes Kind,“ ſagte fie. „Was befehlen Sie, Mutter?“ 3 „Ich habe von Hermann einen Brief erhalten. Darin lag auch ein Billet für Dich, und da es unverſiegelt war und ich glaubte, es würde keine Geheimniſſe ent⸗ halten, ſo las ich es.“ „Nun liebe Mutter, enthielt es denn etwa⸗Geheim⸗ niſſe?“ — 133 Die Majorin antwortete noch freundlicher als ge⸗ wöhnlich; doch waren ihre Worte kurz und beſtimmt. „Hermann bekräftigt in ſeinem Billet an Dich, was er auch mir geſagt hat, nämlich daß er jeden Tag hier ſein könne.“ „Hermann hier! Ach, ach, wie freue ich mich!“ „Freue Dich nicht zu früh, liebes Kind. Er wen⸗ det ſich jetzt auch an Dich und bittet Dich mit brüder⸗ licher Innigkeit auf den Wunſch unſeres Wohlthäters einzugehen, den Du bereits kennſt.“ Charlotte ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Aber das war es doch nicht, was ich ſagen wollte, ſondern ein Gegenſtand von weit ſchlimmerer Art.“ „Von weit ſchlimmerer? Wie...“ „Dein Bruder ſpricht in höchſt zweideutigen Aus⸗ drücken von ſeiner Stellung zu Doctor Jeſpersſon. Er ſcheint in Betreff Eures verſtorbenen Vaters in einiger Correſpondenz mit ihm geſtanden zu haben, und miß⸗ verſtehe ich ſeine Ausdrücke nicht, ſo muß Jeſpersſon eine genügende Erklärung verweigert haben. Ich kann die Sache nicht anders auffaſſen, als daß es ſich hier um nichts Geringeres als ein Duell handelt. Hermann ſchwankt ſichtlich zwiſchen dem Wunſch vollkommen auf⸗ richtig gegen Dich zu ſein und dem Bedürfniß ſich Je⸗ mand anzuvertranen. Er bittet Dich, durchaus nichts zu fürchten, und ſagt zu gleicher Zeit, daß er einen ernſten Gang vorhabe. Ach Charlotte, was ſollen wir glauben?“ „Aber Jeſpersſon, meine gute Mutter, hat Sie ja verſichert, daß Sie nichts zu fürchten brauchen.“ „Das iſt wahr, aber gerade darum hat ſich Jeſ⸗ persſon auch auf keine Erklärung einlaſſen wollen.“ „Darin können Sie Recht haben.“ Auch Charlottens Muth ſank. „Jeſpersſon meinte es gewiß nicht böſe mit uns,“ fuhr die Majorin fort;„das glaube ich wenigſtens, aber er iſt wunderlich, ſonderbar, und Hermann iſt heftig, 134 hat heißblütige Anſichten von Ehre, er iſt des Lebens überdrüſſig; ach, mein Gott, ich ahne ein ſchreckliches Unglück.“ Charlotte hatte keine Troſtworte zu ſpenden. Der Tanz verlor für ſie allen Reiz, und ihre Gedanken füllten ſich mit den Schreckbildern einer kummervollen Zukunft. Als bald darauf der Ball zu Ende ging, trat einer der Herrn vor und lud die Damen ein im Hafen eine kleine extemporirte Veranſtaltung zu betrachten. Die Herrn brachen ſogleich auf um Alles in Ord⸗ nung zu bringen. Die Damen folgten gruppenweiſe. Aber als die Baronin gehen wollte, kam Emma nicht zum Vorſchein. Nach langem Suchen fand man ſie und Sophie auf dem Sopha in einem Nebenzimmer des Salons, das am Abend nicht beleuchtet geweſen war. Sie ſchloß ſich jetzt an die Uebrigen an, um mit in den Hafen zu gehen. „Meine gute Emma,“ redete Charlotte ſie an, während ſie ſie unter dem Arm nahm,„über was grü⸗ belſt Du denn ſo beſtändig nach?“ „Ueber dieſen Mann,“ antwortete ſie,„er ſteht fort⸗ während vor meinen Augen. Ich ſehe noch immer ſeine wilden, brennenden Blicke. Du kannſt mir glauben, Charlotte, das war ſchrecklich.“ „Aber von wem ſprichſt Du denn, Emma? Ich ver⸗ ſtehe Dich nicht.“ „Von dem Gefangenen.“ Ein ſehr ſchöner Anblick zeigte ſich dem Kai entlang. Man ſah da eine Flotille von ſegelnden kleinen Booten, ſämmtlich koſtbar beleuchtet mit Tivolilampen. 13⁵ Unter einem gut ausgeführten Manöver glitt die bunte, farbenſchimmernde Linie auf der wogenden Waſſer⸗ fläche hin und her. Das Dunkel des Abends hatte ſich bereits ausge⸗ breitet und bildete den Hintergrund des beweglichen, leuchtenden Gemäldes. Die Flügelboote waren vor allen reich geſchmückt; aber an Bord des einen befanden ſich auch die Sänger und auf dem andern die Harmonie⸗Muſik, die jetzt ab⸗ wechſelnd manche ſchöne Nummer aufführten. Die ſtarken und hellen Männerſtimmen erklangen ſo herrlich, und des Waldhorns mächtiger Schall tönte ſo hinreißend über die Tiefe hin. Die Damen ſpazierten am Kai auf und ab, dankbar für das prächtige Schauſpiel. Endlich bildeten ſich die Boote zu einem Halbkreis vor dem Platz, welchen ſie vorzugsweiſe eingenommen hatten Ein hellrothes bengaliſches Feuer wurde angezündet und verbreitete ſeinen feinen ätheriſchen Schimmer mit dem ganzen Glanz ſeiner durchſichtigen, hellen Morgen⸗ röthe über die Gegend, und in ſeinem Schein erhob nun eine Geſtalt ſich gleichſam aus den Wogen empor. Es war der ſchilfbekrönte Nix mit ſeiner Harfe, der jetzt die Najadenkönigin des Abends, die Elfen und die Najaden begrüßte und ihnen ſeine Huldigung darbrachte für die ausgezeichnete Art, wie ſie ſeinen Hof reprä⸗ ſentirten. Ein Wechſelchor zwiſchen der Harmoniemuſik und den Sängern begann unmittelbar darauf. Inzwiſchen hörte man von dem Kai her, wo die Damen ſtanden, einen ſchwachen Angſtſchrei. Er ſtörte zwar den Geſang nicht, aber er zog die Aufmerkſamkeit der Umſtehenden auf ſich. Der Angſtſchrei kam von Emma. Sie hatte nebſt Sophie einen einſamen Platz ge⸗ 136 ſucht, um ungeſtört und für ſich ſelbſt eine Veranſtaltung betrachten zu können, die mit ihrer eigenen Gemüths⸗ ſtimmung harmonirte. Es lag für ſie etwas ſo unendlich Erhabenes in dem tiefen Dunkel der Nacht, in dem magiſchen Glanz der matten vielfarbigen Lampen, in den dunkeln Wogen, über welche der Lampenſchein ſo wunderbar zitterte, und end⸗ lich auch in dem herrlichen, männlich klangvollen Ge⸗ ſang, und in den tiefen, bebenden Stimmen des Wald⸗ horns, daß ihre Bruſt ſich von der lieblichſten, mildeſten, ſchwärmeriſchſten Schwermuth erhob, welche ſie je em⸗ pfunden hatte. Aber während ſie da ſtand und ſich ihren Einge⸗ bungen hingab, fühlte ſie, daß Jemand ganz haſtig ihre Hand ergriff, und unmittelbar darauf flog ein Augſtſchrei über ihre Lippen. Von allen Seiten her eilte man auf ſie ein unvermuthetes Uebelbefinden befürchtete. „Wo iſt er?“ fragte Emma mit irrenden Blicken. „Wohin hat er ſeinen Weg genommen? Hu, mein Gott!“ Sie ſchauderte, während ſie ſprach. „Von wem ſprechen Sie?“ „Von ihm... ihm...“ „Von wem?“ „Von dem Gefangenen.“ Man glaubte, daß ſie ſich täuſche. Um dieſe Zeit waren bereits alle Gefangenen in ihren Zellen ein⸗ geſperrt. „Ich ſah ihn ganz deutlich hier,“ erklärte Emma. „Er ergriff gewaltſam meine Hand. Ich wandte mich erſchrocken ab, und als ich mich wieder umſah, war er verſchwunden.“ Man zweifelte an ihrer Ausſage und vermuthete, ſie habe ſich bei ihrer aufgeſchreckten Einbildungskraft ſelbſt zu, da man 137 getäuſcht; indeß ſchloß man einen freundlichen Kreis um ſie her. Nach dem Gefangenen ſuchte man vergebens. Noch fuhr der Wechſelchor zwiſchen den Sängern und der Harmoniemuſik fort, aber dieſe ſollte das herr⸗ liche Muſikſtück nicht in gewöhnlicher Ordnung zu Ende bringen dürfen. Ein Kanonenſchuß, dröhnend und ſtark wie ein Donnerſchlag, rollte von den wiederhallenden Echos be⸗ antwortet über die Klippen herab. Die Muſik hörte auf. Es wurde ringsum ſo ſtill wie in Aegyptens Katakomben. Der Kanonenſchuß kam von der höchſten Spitze der Klippe Marſtrands von dem Feſtungswall. Er war heftig wie die Schüſſe, mit denen man ge⸗ wöhnlich zu erkennen giebt, daß ein Gefangener die Flucht ergriffen habe. Nach einigen Minuten erſcholl ein neuer Kanonen⸗ ſchuß. „Sollte ein Gefangener entflohen ſein?“ begann man einander zu fragen.„Still!“ Drei grobe Kanonenſchüſſe von der Feſtung her ver⸗ künden die Flucht eines Gefangenen. Der dritte Kanonenſchuß ließ ſich jetzt gleichfalls vernehmen. „Ein Gefangener iſt entflohen,“ hörte man von allen Seiten rufen. Die Damen zogen ſich voll Angſt in Gruppen zurück. Die Herren ſtiegen ſogleich ans Land und ſchloſſen ſich an ſie an, um ſie nach Haus zu begleiten. Wenn dabei die Aufmerkſamkeit vorzugsweiſe auf Jemand gerichtet war, ſo war ſie es auf Emma, weil man nicht mebr bezweifeln konnte, daß ſie wirklich Recht gehabt, als ſie ſoeben behauptet hatte, daß ſie einen Ge⸗ fangenen an ihrer Seite geſehen. 3 „Wer mag wohl dieſer Gefangene ſein?“ fragte Je⸗ 138 dermann; aber Niemand konnte Aufſchluß darüber er⸗ theilen. Emma war ſtill und verſchloſſen; ängſtlich und bang drückte ſie ſich blos dicht an Sophiens Arm. Ahnte ſie wohl, wer der Gefangene war? Als man weiter hinauf in den Straßen kam, hörte man überall Trommeln. Die Truppen ergoſſen ſich von der Feſtung herab, und man begann bereits den bei ſol⸗ chen Gelegenheiten gewöhnlichen Soldatenkordon um die Inſel zu ziehen. Der Staat hat für jeden entflohenen Gefangenen einen Preis feſtgeſetzt, welcher demjenigen zufällt, der ihn feſtnimmt. Um dieſes Preiſes wegen iſt jeder Fluchtverſuch für die Bewohner der Stadt eine nicht unbedeutende Merk⸗ würdigkeit. Die große Menge greift nach ihren Waffen, und es beginnt da eine wirkliche Jagd, nicht minder wild, als man ſie in den Sklavenſtaaten Amerikas auf einen entwichenen Neger anzuſtellen pflegt. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Fortſetzung. Baron Horners Geſchäfte hatten ſich nach dem Schlag, welcher die Familie Boijer getroffen, bedeutend ausge⸗ dehnt. Um Wardnäs nicht in fremde Hände übergehen zu ſehen, machte er, da ſeine Rechte auf das Gut in Folge der Dokumente, die Boijer ihm ſelbſt übergeben, vor der ganzen Gegend bewieſen waren, ſeine juridiſchen lag, sge⸗ ehen in ben, chen 139] Anſprüche geltend. Frau Boijer reichte, als ſie vom wahren Stand der Dinge unterrichtet wurde, ganz un⸗ aufgefordert ein Schreiben an das Gericht ein, worin ſie freiwillig auf alle Anſprüche verzichtete. Auch während der Badſaiſon in Marſtrand ſah ſich daher Baron Horner genöthigt ſich viel mit ſeinen An⸗ gelegenheiten zu beſchäftigen, ſo daß er blos ausnahms⸗ weiſe Gelegenheit erhielt an den Vergnügungen des Ge⸗ ſellſchaftslebens Theil zu nehmen. Vieles, was in ſeiner nächſten Umgebung vor ſich ging, war ihm alſo unbekannt. Aber ſobald ihm Carl Auguſt das Ereigniß mit dem Sträfling anvertraute, begab er ſich ſogleich nach der Feſtung hinauf, um etwas über dies Verhältniß zu erfahren. Die Feſtung bietet eine großartige Front dar. Die hohen Wälle mit ihren Schießſcharten, aus welchen die Kanonen wie aus ſchwarzen Pupillen hervorſchauen, die bombenfeſten Gewölbe, die ihre drohenden Stirnen, eines über dem andern erheben, die äußeren und inneren Werke, die Glacis und Waſſerdämme, die Thürme und Mauern bilden zuſammen ein gigantiſches Ganze, das die Bewunderung und Aufmerkſamkeit auf ſich lenkt. Aber abgeſehen von dem, was die Feſtung jetzt auch in militäriſcher Beziehung ſein kann, iſt ſie ſchon ſeit langer Zeit ein Aufbewahrungs⸗ und Strafort für grobe Verbrecher geweſen, die zu lebenslänglicher Strafe ver⸗ urtheilt waren. Welch ein Abgrund von menſchlichem Elend findet ſich daher nicht hier! Baron Horner, welcher unangenehme Entdeckungen zu fürchten hatte, beſchloß ſelbſt das Gefängniß zu be⸗ ſuchen, um womöglich auf eigene Fauſt Klarheit über die Sache zu erhalten, die ihn intereſſirte. Er hatte den Feſtungs⸗Arzt beredet, ihn auf der Runde, die er machte, mitzunehmen. 4 „Bereiten Sie ſich auf keinen ſchönen Anblick vor, 140 Herr Baron,“ ſagte der Doctor unterwegs.„Man kann nicht leicht einen entſetzlicheren zu Geſicht bekommen. Ich läugne nicht, daß ich wirklich jedesmal, ſo oft ich die Unglücklichen beſuche, und dieß geſchieht täglich, mich ſehr ſchmerzhaft berührt fühle. Der Arzt hat in Wahrheit den ſchwerſten Beruf da, weil er am tiefſten in das Elend eindringen muß.“ „Sie kennen den Ort vollkommen, Herr Doctor?“ „So vollkommen wie irgend ein Menſch von der Welt. Die Gefangenen ſind zu zwei und zwei im Ge⸗ wölbe eingeſchloſſen. Durch die koloſſale Feſtigkeit der Mauern ſind ihre Wohnungen eigentlich Bergklüfte, fin⸗ ſter, ſtinkend, feucht, mit einem Wort im höchſten Grade ungeſund. Nach kurzem Aufenthalt dahier zehren daher die Gefangenen ab und verſinken in elendes Siechthum. Der Scorbut graſſirt hier wie eine Peſt. Sie werden Patienten ſehen, Herr Baron, welche leben... das iſt wahr... aber im Ganzen dennoch bereits verfault ſind.“ „Sie malen entſetzlich, Herr Doctor; aber ſolche Leute werden doch wohl ſogleich ins Krankenhaus ge⸗ ſchafft?“ „Ins Krankenhaus? Allerdings, Herr Baron, wer⸗ den ſie dahin geführt; aber leider ſind die Krankenſtuben juſt die ungeſundeſten und gefährlichſten Neſter. Als Arzt kann ich nicht anders als ſchaudern und meine Pflicht thun.“ „Ich achte Ihr Gefühl, Herr Doctor, und finde, daß es Ihnen ſowohl als Arzt, wie als Menſch Ehre macht; aber diejenigen, welche die Vorſchriften der Ge⸗ ſetze übertreten, welche ſozuſagen die Majeſtät der Ge⸗ ſellſchait verletzt und feindſelig gegen dieſelbe gehandelt haben, können und dürfen wohl auch nicht mit allzu großer Duldſamkeit behandelt werden.“ „Das mag ſein, Herr Baron; ich will auch nicht über eigentliche Ungerechtigkeiten klagen; aber für den inn Ich die ehr heit end 24 der Ge⸗ der in⸗ ade her um. den iſt nult lche ge⸗ ver⸗ ben Als eine de, hre He⸗ Ge⸗ delt ßer icht den 141 Privatmann iſt es nichts deſtoweniger ein höchſt aufre⸗ gender Anblick, wenn er ſehen muß, wie die Menſchen⸗ natur hier ſowohl phyſiſch als moraliſch in einen Zu⸗ ſtand der Erniedrigung verſinkt. Dieſes Gefühl der Theilnahme wird noch geſteigert, wenn man bedenkt, daß die Geſellſchaft jedenfalls nicht ganz unſchuldig iſt in Bezug der Verbrechen der Gefangenen. „Die Geſellſchaft, ſagen Sie? Ich verſtehe Sie nicht recht, Herr Doctor, wie meinen Sie?“ „Als Arzt muß ich natürlich nach dem früheren Le⸗ ben der Gefangenen fragen, nach den erſten Veranlaſſun⸗ gen, welche ſie auf den Weg des Verbrechens geführt, und auf den Grund einer langjährigen Erfahrung hin kann ich vor Gott und den Menſchen verſichern, daß von hundert Verbrechern wenigſtens neunzig— jedenfalls das erſte Mal— in Folge der Völlerei die Grenze der Ge⸗ ſetze überſchritten haben. Unſere Branntweingeſetzgebung, Herr Baron, iſt die hauptſächliche, entſetzliche, niemals verſiegende Quellader all des Elends, von welchem Sie ſich bald umgeben finden werden.“ Dieſe Anſicht ſtimmte vollkommen mit Horners eige⸗ ner Anſchauungsweiſe überein. „Ich glaube es wohl, Doctor, ich glaube es wohl. Aber Ihr Urtheil iſt jedenfalls von größtem Gewicht, weil Sie an Ihrer Stelle unzweifelhaft mehr als irgend ein Andrer Gelegenheit haben die Motive des Verbre⸗ chens zu erforſchen.“ „Jedermann kann ſich ganz leicht von der Richtigkeit meiner Bemerkung überzeugen. Man braucht blos mit den Gefangenen ſelbſt zu ſprechen, ſo wird man bald ein⸗ ſehen, was ſie zu Fall gebracht hat.“ „Sie bekräftigen vollkommen, Doctor, was ich lange geglaubt habe, und es iſt mir intereſſant meine Ueber⸗ zeugung durch die Erfahrung beſtätigt zu ſehen. Ich läugne auch nicht; daß ich gleich Ihnen aufrichtig alle diejenigen beklage, die wenigſtens in nicht geringem 142 Maaße beinahe von der Geſellſchaft ſelbſt auf den Weg des Verbrechens geführt worden ſind; und ich ſuche ver⸗ gebens nach Ausdrücken, um die Geſellſchaft zu verur⸗ theilen, die ſich auf Grund von vereinzelten Intereſſen juſt zum Handlanger der Demoraliſation hergeben mag. Ich habe auch Alles, was in meinen Kräften ſtand, für die Ausbildung einer beſſeren Denkungsart gethan, und ich hoffe, die Nation wird bald einſehen, daß ſie, um ſich ihren Platz unter den civiliſirten Ländern zu retten, ſolche Maßregeln ergreifen muß, welche einem weiter um ſich greifenden Sündenfall nothwendig Grenzen ſetzen. Unſere Moralität ſo ſehr wie unſere Nationalehre, un⸗ ſer⸗ Selbſtſtändigkeit ſo gut wie unſere Zukunft gebieten es laut.“ „Hoffen Sie wirklich etwas, Herr Baron?“ „Ja, ich hoffe in dieſem Fall auf Kraft von Seiten der Regierung, auf Einigkeit unter den Ständen und auf Feſtigkeit beim Volk. Wehe uns ſonſt!“ „Niemand würde dafür dankbarer ſein, als ich, Herr Baron, weil ich überzeugt bin, daß meine Praxis dahier dann weit angenehmer würde, d. h. ſie würde nicht mehr ſo erſchütternd ſein, wie ſie jetzt iſt. Sie müſſen näm⸗ lich wiſſen, Herr Baron, daß die meiſten Verbrecher nicht blos niedergedrückt unter der ſchon an und für ſich ſelbſt ſchrecklichen Laſt des Verbrechens hieher kommen, ſondern auch in Folge langjähriger Völlerei bereits alle Keime phyſiſcher und moraliſcher Fäulniß tragen. Der Freiheit beraubt, in die engen Löcher eingeſperrt, wie ſie ſind, entwickeln ſich dieſe Krankheitskeime mit einer wahrhaft entſetzlichen Schnelligkeit.“ „Moraliſche Fäulniß, ſagen Sie? Ich weiß nicht, ob ich Sie recht verſtehe.“ „Das Leben der Gefangenen unter ſich zeugt von einer ſolchen Verderbtheit. Wenn die Geſellſchaft ſie hart, ich ſage nicht ungerecht behandelt, ſo behandeln ſie ſelbſt einander noch härter. Man ſollte nicht glauben, daß es 143 hier Gelegenheit zu Laſtern gebe; ſie finden dieſelben aber doch, und ſelbſt das Thier kann keine ſolche begehen, wie ſie hier vorkommen. Man ſollte nicht glauben, daß die Bosheit und die Intrigue hier großen Spielraum fin⸗ den, und nichts deſtoweniger blühen auch ſie. Man ſollte nicht glauben, daß die Gefangenen unter ſich eine Art von geordnetem Staat bilden mit Geſetzen, Gerichten und Strafen, und gleichwohl findet dieß ſtatt. Dieſe Strafen nennt man„Gewölbeſtrafen,“ und man kann ſich gar nichts Gräßlicheres denken. Ich bin juſt gegen⸗ wärtig berufen, um einen Mann zu beſichtigen, der allen Anzeichen nach von den Gefangenen heute Nacht zum Tod verurtheilt und auch getödtet worden iſt.“ Die Sprechenden waren inzwiſchen in den innern Burghof der Feſtung gekommen, und der Wachtmeiſter öffnete das Gefängnißgewölbe. In dieſem Gewölbe war im Verlaufe der Nacht eine abſcheuliche That begangen worden. Wir wiſſen, daß es einem Gefangenen gelungen war zu entfliehen. Die drei Kanonenſchüſſe hatten es donnernd verkün⸗ det. Alle Gefangene lauſchten aufmerkſam. Die Span⸗ nung der Gemüther war allgemein. Eine Flucht iſt ein wichtiges Ereigniß für ſie. Leben und Tod ſind nicht wichtiger. Lauſchend hatten die Gefangenen ſich von ihren Lagern erhoben, um zu erforſchen, ob Jemand unter ihnen ſelbſt vermißt wurde. Lachend erzählte jetzt einer von ihnen, daß er gegen das Verſprechen einer ehrlichen Vergeltung in der Zu⸗ 144 kunft zur Flucht ſeines Kameraden beigetragen habe, da⸗ durch daß er den Wachtmeiſter juſt in dem Augenblick, ſ wo das Gewölbe geſchloſſen werden ſollte, zu ſich herein gelockt. „Du biſt alſo immer ein liſtiger Geſell, Maths,“ bemerkte ein anderer;„es iſt nicht das erſte Mal, daß Du dem Wachtmeiſter eine Naſe gedreht haſt; aber ein⸗ mal wird er Dir wohl auf die Spur kommen und dann holt Dich der Teufel. Darauf kannſt Du Dich ver⸗ laſſen.“ Noch tönte das Echo der erſterbenden Schüſſe in ihren Ohren, und die Gefangenen wünſchten ihrem glücklich entwiſchten Kameraden allen möglichen Erfolg. Aber der Schlüſſel des Wachtmeiſters raſſelte bereits im Schloß der Gewölbthüre, und im nächſten Augenblick trat der dienſtthuende Offizier, gefolgt von einem Trupp Soldaten ein, um in Betreff des Flüchtlings eine Unter⸗ ſuchung anzuſtellen. Im Gefängnißgewölbe befanden ſich zwei Verbrecher von kräftigem Körperbau. Der eine von ihnen war der ehemalige Gerichts⸗ bauer und Kirchenvorſteher, der andere der ehemalige Gaſtgeber Johansſon. Die Anklage, daß ſie Schlangengras oder den ſo⸗ genannten Satansjungen erſchlagen, war leicht bewieſen. Zwar behauptete der Gerichtsbauer, daß Johansſon, und Johausſon, daß der Gerichtsbauer das Verbrechen begangen habe; aber die Zeugen beſtätigten, daß ſie es gemeinſchaftlich verübt, und beide wurden verurtheilt da⸗ für mit dem Leben zu büßen, obſchon man die Strafe zu lebenslänglichem Gefängniß milderte. Sie wurden beide nach Marſtrand abgeführt. Aber ſo gute Freunde ſie vorher geweſen waren, ſo ſehr haßten ſie einander jetzt. Der Gerichtsbauer bielt ſich für ſchuldfrei und glaubte feſt, daß er unſchuldig leide. Aber auch Jo⸗ begangen habe, 1⁴⁵ hausſon konnte ſich nicht überzeugen, daß er den Mord ſondern blieb ebenſo beharrlich auf ſei⸗ ner Behauptung, daß der Gerichtsbauer der Schuldige ei. Sobald ſie auf dieſes Thema zu ſprechen kamen, geriethen ſie jedesmal in Wuth. Da beide die einflußreichſten und geachtetſten Män⸗ ner ihrer Gemeinde geweſen, ſo war ihre Lage jetzt im höchſten Grad gräßlich, und ſie theilten das entſebliche Loos ihrer Kameraden, der übrigen Gefangenen. Elend umgab ſie von allen Seiten, drang mit Verzweiflung in ihr Inneres, und ſie ſanken immer tieſer und tiefer, ohne ein Ende abzuſehen. Die Feindſchaft, die ſie auf einander geworfen hat⸗ ten, machte ihre entſetzliche Lage noch ſchlimmer, ſie ging in einen lauernden Haß gegen einander über. Die übrigen Gefangenen, die in ihnen etwas von dem Hochmuth und der Aufgeblaſenheit erblickten, die ſich nicht ſelten beim Bauern zeigt, meinten jetzt auch eine gute Gelegenheit gefunden zu haben, um ſich für alte Unbilden zu rächen. Von welcher Seite ſie daher ihre Lage in Betracht zogen, ſo war ſie im höchſten Grad entſetzlich. Mit jedem Tag ſchwanden Geſundheit und Kräfte, und bald blieb von ihrer früheren Wohlhäbigkeit nichts übrig als Beingerippe. Sie hatten, wie tauſend andre, ihr ganzes Leben hindurch immer ein wenig getrunken und keine Gelegen⸗ heit vorbeigelaſſen, um diejenigen auszulachen, welche gegen die Völlerei und die Laſter arbeiteten, die ihr bei⸗ nahe unaufhörlich auf den Ferſen nachfolgen. In ihrem eigenen Schickſal ſahen ſie jetzt, daß ein entſetzlicher zermalmender Blitz ſich unſichtbar in dieſem Feuertrauk verbirgt und jeden Augenblick einſchlagen lann. Ridderſtad, Vater und Sohn. III. 10 146 Um alles in der Welt hätten ſie ſich jetzt von dem Fluche, der auf ihnen laſtete, befreien mögen, aber es war zu ſpät. Das Verbrechen kettete ſie an die Strafe, die Strafe an die verpeſtete Gefängnißluft. Das tiefſte Elend umgab und verzehrte ſie von allen Seiten. Kein Wunder, wenn ſie beſtändig voll Neid auf eine Gelegenheit lauerten, wodurch ſie ſich eine Beſſe⸗ rung oder wenigſtens Veränderung ihrer Lage zu ver⸗ ſchaffen hoffen konnten.. Als der wachhabende Offizier hereinkam, ſah der Gerichtsbauer, daß Johansſon ſich ihm näherte. Es pochte in ſeiner Bruſt. Konnte Johansſon wohl etwas zu ſagen haben, das ihm vielleicht eine Milderung ſeiner Lage eintrug? Dieſer Gedanke fuhr wie ein Blitz in ſeine Seele. Aber was konnte er wohl zu ſagen haben? Der Gerichtsbauer zitterte vor Mißgunſt. Der Kopf ſchwindelte ihm. Aber ein neuer Gedanke ſtieg in ihm auf. Sein Geſicht verzerrte ſich. Er glaubte Jo⸗ hansſons Abſicht entdeckt zu haben. Er erinnerte ſich nämlich an das, was er ſoeben den Kameraden über die Flucht erzählen gehört hatte, und... natürlich... was konnte er jetzt wohl an⸗ ders glauben, als daß der Gerichtsbauer die Abſicht habe, das anzuzeigen, was er ſoeben Maths ſagen ge⸗ hört hatte? Der Gerichtsbauer ſchwitzte vor Angſt bei dem Gedanken, daß Johansſon es beſſer bekommen ſollte, als er. „Herr Lieutenant,“ ſagte er. „Tauſend Teufel, weißt Du etwas von der Flucht, Gerichtsbauer... ſage es heraus...“ Unſer Gerichtsbauer hatte auch im Gefängniß aus Hohn ſeinen Gerichtsbauertitel beibehalten dürfen. 147 Der Lientenant donnerte und fluchte wie ein brül⸗ lender Löwe. Als die Gefangenen einen der Kameraden ſprechen hörten, erhoben ſie ſich von den Betten und hefteten brennende Blicke auf ihn. Johansſon, der ſogleich die Abſicht ſeines alten Birandes zu begreifen glaubte, beneidete ihn jetzt eben⸗ alls. „Auch ich weiß etwas,“ meinte er. Dieſe wenigen Worte genügten, um den Gerichts⸗ bauer noch eifriger zu machen. „Ein Kamerad hierinnen hat ihm zur Flucht ge⸗ holfen.“ „Erzähle alles, Du Höllenhund,“ ſchrie der Offi⸗ zier,„ſonſt ſoll Dich der Teufel regieren.“ Das Gewölbe wiederhallte von den Drohungen des Lieutenants. „So, man hat ihm alſo geholfen? Wer hat das gethan? Er ſoll die ſchwere Noth bekommen!“ „Was der Gerichtsbauer ſagt, das kann ich auch bezeugen,“ fügte Johansſon hinzu. Wenn ſie den boshaften Haß bemerkt hätten, der dabei aus den Augen der Gefangenen glänzte, ſo würde die Anklage auf ihren Lippen erſtorben ſein. Der Gerichtsbauer fühlte ſich durch Johansſons Worte angeſpornt und beeilte ſich Maths anzugeben. Maths wurde ſogleich feſtgenommen. Aber ‚ſobald der Offizier ſich mit ſeinen Soldaten entfernt hatte, brach die ganze Wuth der Gefangenen gegen den Gerichtsbauern und Johansſon aus. Der Vogt, ein von den Gefangenen ſelbſt zu dieſer Würde ernannter Verbrecher, rief alle zuſammen. Man zündete einige Talgſtumpen an, die man bei der Hand hatte. Die Gefangenen verſammelten ſich zum Gericht. Ein Kamerad war verrathen worden, und zwar in Ge⸗ 148 genwart Aller. Das war ein unerhörtes Verbrechen. Die Sache wurde wie vor einem gewöhlichen Gericht vorgetragen. Der Gerichtsbauer und Johansſon wurde angeklagt. Die Erörterung war lebhaft und währte lang. Das Zuchthausgeſetz, das im Jahr 1803 zu Carlskrona in dem Smedjegardsgefängniß gegeben wurde, iſt der Codex, nach welchem die Gefangenen im ganzen Reich unter ſich Juſtiz üben. Das Urtheil fiel nach Art. 5 des beſagten Geſetzes aus. Derſelbe lautet alſo: „Derjenige, der dem Kommando unſere Geheimniſſe offenbart u. ſ. w. u. ſ. w., welcher Art ſie auch ſein mögen, wird je nach Umſtänden in den Bock geſpannt.“ Der Gerichtsbauer wurde auf Grund dieſes Geſetzes zu dreiſtündigem Bock verurtheilt. In Anbetracht, daß Johansſon ſich blos in zweiter Linie als Verräther erwieſen hatte, ſiel ſeine Strafe milder aus, und er wurde zu einer einzigen Stunde ver⸗ urtheilt. Die Gefangenen ſelbſt geſtehen, daß dieſe Strafe eine der allerentſetzlichſten iſt. Sie beſteht darin, daß Schultern und Kopf des Verbrechers zwiſchen ſeine Knie zuſammengepreßt werden, ſo daß ſein Leib die Geſtalt einer Kugel bekommt. Im ſchlimmſten Fall wird der Gefangene mit dem Kopf abwärts über die Kloake ge⸗ hängt und in dieſer ſchauerlichen Lage gelaſſen. Eine Tracht Prügel iſt gewöhnlich noch damit verbunden, und an dieſer Exekution müſſen alle Gefangenen ſich betheili⸗ gen, um ſich bei dem Verbrechen gleich ſchuldig zu ma⸗ chen. Der Gerichtsbauer und Johansſon wurden ohne alle Schonung auf dieſe Art behandelt. Wir laſſen den Vorhang über die abſcheuliche Un⸗ that fallen. hen. richt urde hrte zu eben im etzes niſſe gen, etzes eiter rafe ver⸗ rafe daß Knie ſtalt der ge⸗ Eine und eili 149 Als Baron Horner und der Doctor hereinkamen, war der Gerichtbauer bereits todt. Er war über der Latrine am Blutſchlag geſtorben. Johansſon lebte zwar noch, aber es wäre gar zu ſchauerlich, ſeine Lage zu be⸗ ſchreiben. Zu ſeinem Schrecken erkannte Baron Horner in ihnen ſogleich alte Bekannte aus ſeiner Heimathgegend. Er entſetzte ſich und ſchauderte zurück. In welch grauenhafte Tiefe des Elends und Jammers hatte nicht die Völlerei ſie geſtürzt. Er erinnerte ſich ſowohl, wie dieſe beiden Männer noch vor wenigen Monaten wohl⸗ habende und geachtete Bürger geweſen, und daß ſie blos in Folge der Verirrung eines einzigen Augenblickes jetzt ſo tief geſunken waren, daß das Leben ihnen ein Eckel und der Tod die einzige Wohlthat für ſie ſein mußte. Vergebens ſuchten die Feſtungsbeamten die Urſache vom Tod des Gerichtsbauers zu erforſchen. Die Ge⸗ Fngenen erklärten einhellig, daß er ſich ſelbſt entleibt abe. Aber dieſe Scene war nicht die einzige, welche Hor⸗ ners Beſuch dahier zu einem der abſcheulichſten Augen⸗ blicke ſeines Lebens machte. Als er ſich umſah, fand er alles, was der Doctor geſagt hatte, mehr als beſtätigt. Die Gewölbe waren eigentliche Höhlen des Abgrunds: ungeſund, feucht, düſter, ſtinkend, dunſtig. Und die Gefangenen? Ein Patient wurde vorge⸗ führt. Es iſt nicht zu viel geſagt, wenn wir behaupten, daß ſein ganzer Körper ein eckelhaftes Eitergeſchwür war. Baron Horner fühlte ſich beinah unwohl und ent⸗ fernte ſich ſo ſchnell als möglich. 3„Run wohl, Herr Baron, was ſagen Sie von alle⸗ em?“ „Ich ſage,“ antwortete er,„daß jeder junge Mann dieſe gräßlichen Kloaken des Verbrechens und Elendes ſehen ſollte, weil das für ſein ganzes Leben eine Lec⸗ 150 tion wäre, die ihn warnte, ſich vor Allem zu hüten, was ihn auf einen Weg führen könnte, deſſen Ziel dieſe Feſtung hier iſt.“ Horner hatte nicht den Muth, mehrere Gewölbe zu beſuchen. Um jedoch über die eigentliche Veranlaſſung ſeines Beſuchs etwas zu erfahren, begab er ſich jetzt unmittel⸗ bar zu dem Gefängnißdirektor. Dieſer ſaß an ſeinem Pult und arbeitete, als Hor⸗ ner eintrat. Horner trug ſeine Angelegeuheit vor und erzählte von den Unannehmlichkeiten, die ſeiner Tochter zuge⸗ ſtoßen waren. Beſonders lenkte er die Aufmerkſamkeit des Direktors auf den Umſtand, daß der Gefangene auf dem Kai zu ihr getreten ſei, einige Augenblicke bevor man von der Feſtung aus zu erkennen gegeben, daß eine Flucht ſtattgefunden, woraus er den Schluß zog, daß es juſt derſelbe Gefangene geweſen ſein müſſe, dem die Flucht gelungen. Er bat ihn, den Namen des Mannes zu nennen. Sobald Horner mit ſeinem Anliegen begann, be⸗ merkte er deutlich, daß der Direktor genirt und verlegen wurde, und daß er einer beſtimmten Antwort auszuwei⸗ chen ſuchte. Horner ließ ihn jedoch nicht los, ſondern hielt ſich feſt an die Sache. „Sie geben doch zu, daß ein Gefangener geſtern Abend entwiſcht iſt?“ „Das kann nicht geläugnet werden... das heißt...“ „Daß er entwiſcht iſt, ja! Nun wohl, und Sie werden wohl auch wiſſen, wer der Entflohene iſt, Herr Direktor.“ „Natürlich; aber er war blos acht Tage hier ... er kam nämlich mit dem letzten Gefangenentrans⸗ port hier an.“ ten, dieſe zu ines ttel⸗ dor⸗ hlte ige⸗ nkeit auf nan eine daß die be⸗ gen vei⸗ ſich ern das Sie derr hier ns⸗ 151 „Vor acht Tagen? Das ſtimmt ganz mit der Zeit überein, wo meine Tochter, wie ſie ſagt, ihn unten im Park beobachtet hat. Dem Mann wurde wohl irgend eine Arbeit darin anvertraut?“ „Ja gewiß, Herr Baron; er wurde dahin komman⸗ dirt, und es thut mir ſehr leid...“ „Er muß ein grober Verbrecher geweſen ſein?“ „Er iſt wegen Raubs verurtheilt...“ „Wegen Raubs?“ „Das heißt darum, weil er auf der Landſtraße einen Poſtillon überfallen hat.“ Horners Geſicht veränderte ſeinen Ausdruck. „Aus welcher Gegend iſt er?“ „Das kann ich nicht ſo genau ſagen; ich glaube er iſt von... „Von Weſtgothland?“ „Ganz richtig, Herr Baron, ganz richtig.“ Horners Unruhe nahm immer mehr zu. „Wiſſen Sie vielleicht einige nähere Umſtände von ſeinem Verbrechen, Herr Direktor?“ fragte er. „Nein, Herr Baron, ich weiß nichts. Das Ur⸗ theil iſt allerdings hieher geſchickt worden, aber ich habe es noch nicht geleſen, und ich... es verſteht ſich . aber.. „Wollen Sie die Güte haben, Herr Direktor, und mich die Akten ſehen laſſen?“ „Die Akten? Mit größtem Vergnügen, Herr Ba⸗ ron; aber ich habe ſie jetzt nicht zur Hand. Ein ander Mal, wenn Sie mir erlauben wollen. Meine Zeit iſt jetzt ſo in Anſpruch genommen...“ Der Baron betrachtete den Direktor mit einem prü⸗ fenden und feſten Blick. „Verzeihen Sie mir, Herr Direktor,“ verſetzte er, aber ich fürchte, daß ich aus Ihren ausweichenden Ant⸗ worten einen Schluß ziehen kann.“ 152 „Wirklich? Und welcher Art wäre dieſer Schluß, wenn ich fragen darf?“ „Daß Sie nicht aufrichtig gegen mich ſein wollen, daß Sie mich aufzuregen oder zu verletzen fürchten, wenn Sie den Namen des Gefangenen ſagen, daß Sie es vermeiden wollen, durch eine ſchmerzliche Mit⸗ theilung mein Gefühl zu erſchüttern. Aber täuſche ich mich nicht in dieſen Vorausſetzungen, ſo kann ich hinzu⸗ fügen, daß ich entſchloſſen bin, hier zu bleiben, ſo lang Sie wollen, bis ich erfahren habe, wer dieſer lebens⸗ länglich verurtheilte Gefangene iſt.“ „Sie verlangen es alſo unter allen Umſtänden?“ „Es iſt für meine eigene Ruhe nothwendig, daß ich weiß, wer er iſt. Alſo...“ „Ich kann Sie alſo nicht länger hinhalten, ſehen Sie, hier iſt das Urtheil.“ Der Baron brauchte blos einen Blick in das Doku⸗ ment zu werfen, um den Namen des Gefangenen zu er⸗ fahren. „Unglücklicher!“ murmelte er vor ſich hin. Der Direktor wandte ſich ab. Er wußte ſchon lange, daß ein ſchmerzlicher Schlag ſich doppelt ſchmerz⸗ lich empfindet, wenn er durch die Aufmerkſamkeit einer fremden Perſon profanirt wird. Wir haben von der Alpenbütte geſprochen. Die Alpenhütte iſt eigentlich eine kleine Reſtauration, welche, gut im Stand erhalten, einen ſehr pikanten An⸗ blick darbietet. Auf der Höhe ſelbſt angelegt, mitten vor dem Ein⸗ gang des Parks, und mit dem einen Giebel gegen den on, n⸗ in⸗ en 153 Bergrücken hinter ihr geſtellt, ſtreckt ſie den andern über den Abhang des Hügels hinab, und ruht alſo auf dem hohen Fußgeſtell. Es führen auch einige Treppen zur Alpenhütte hinauf. Indem wir den Leſer in den Park zurückführen, müſſen wir ſeine Aufmerkſamkeit auf zwei finſtre, feurig glänzende Augen lenken, die da und dort zwiſchen den Steinen in dem genannten Fußgeſtell hervorſchauen. Aber nicht vom unterſten Theil des ſteinernen Fußes, ſondern von demjenigen, welcher der Berghöhe zunächſt lag, ſtarrten dieſe von düſterem Feuer brennenden Augen hervor. War es ein Unthier, das ſich da verborgen hatte? Wäre es in einem Land geweſen, wo die Rieſenſchlange lebt, ſo hätte man glauben können, es ſei eine ſolche, die hier Schutz geſucht habe, und jetzt mit wilder Ge⸗ fräßigkeit auf ihren Raub laure, bereit ſich jeden Au⸗ genblick darüber zu werfen. Die Alpenhütte und die ganze Höhe, auf welcher ſie ſteht, iſt auf der einen Seite von ſteilen Bergen um⸗ geben, und auf der andern— oder derjenigen, die nach dem Park zu liegt— von Bäumen und Gebüſchen umkränzt, welche den oberen Platz verdecken und kleine Lauben bilden. Die finſtern Augen wandten ſich nach dem Park hinab, über das Plateau des Hügels hin, deſſen äußer⸗ ſtes Ende zunächſt gegen die See vorſpringt, umſchattet von Bäumen und dichten Gebüſchen. Eine allerliebſte kleine Gruppe zeigte ſich jetzt auch auf dieſem zierlichen und einſamen Plätzchen, wo man ſelbſt ungeſehen gegen den Park hinabſchaut, und ohne an den geſellſchaftlichen Zerſtreuungen unten eigentlich Antheil zu nehmen, gleichwohl alles ſehen kann, was da vorgeht. 154 Die Gruppe beſtand aus Emma und Sophie, ſowie aus Anna und Guſtav. Auf dieſe Gruppe hefteten auch die ſchwarzen Augen unverwandt ihre drohenden Blitze. Emma las in einem Buch, das all ihre Gedanken in Anſpruch nahm. Sophie dagegen war mit dem Flechten einiger Kränze beſchäftigt, welche bei irgend einem neuen Feſt, das man verabredet hatte, gebraucht werden ſollten. Anna und Guſtav halfen ihr theils beim Binden, theils beim Anordnen der Blumen. Die Gruppe war anziehend und allerliebſt. Es war noch Vormittags. Die Sonne brannte nicht heiß, ſon⸗ dern ſtrahlte klar und mild herab. Von der Seeſeite her wehten Winde ſo angenehm. Sophie war von ihrer kleinen Arbeit in Anſpruch genommen, und Anna und Guſtav hatten Gelegenheit, einander mitunter einen verſtohlenen Blick zuzuwerfen. Anna war nach dem Unglück der Familie Boijer zu Horners gezogen. Die Ueberſiedlung machte auch zwei Herzen glück⸗ lich: die Herzen Annas und Guſtavs. Die Anhänglichkeit zwiſchen ihnen blühte immer mehr auf, und Guſtavs ſtille Liebe brachte noch über⸗ dieß Geſundheit und Kraft mit. Als ſie Erlaubniß erhielten mit Horners nach Mar⸗ ſtrand zu gehen, um ſie während des Aufenthalts daſelbſt zu bedienen, ſo geſchah es auch in der Abſicht ihnen das friſche und geſunde Klima ſowie die ſtärkenden Bäder zu gut kommen zu laſſen. Auf Niemand wirkte auch die Badkur ſo vortheil⸗ haft wie auf Guſtav. Sein Geſicht bekam jetzt Farbe, ſein Körper mehr Kraft, ſein Gang wurde ſicherer und ebenmäßiger. Anna war auch ſo aaa und gut gegen ihn, wie gen aken ger feſt, den, war ſon⸗ eite ruch heit, zu ück⸗ mer ber⸗ Lar⸗ ebſt nen ider heil⸗ rbe, und ihn, 15⁵ und in jedem Windhauch, der ihn umſäuſelte, meinte er Wonne und Seligkeit einzuathmen. „Ei, was machſt Du denn, Guſtav?“ zankte Anna, „Du faſſeſt ja die Blumen an, wie wenn ſie von Eiſen wären. Siehſt Du, jetzt haſt Du gerade der allerſchön⸗ ſten den Stiel abgebrochen.“ „Was machſt Du da, Guſtav?“ fragte auch Sophie, die um ihre Blumen bange war;„wie kannſt Du ſo hinſitzen und ſie zerbrechen.“ „Verzeihen Sie mir,“ bat Guſtav;„es war ſo, wie ſoll ich doch ſagen...“ „Was willſt Du jetzt wieder ſagen, Guſtav,“ unter⸗ brach ihn Sophie;„vielleicht daß Du wieder da geſeſſen und geträumt haſt, da dieß ja doch Deine gewöhnliche Beweisführung iſt, wenn Du eine Dummheit begehſt. Es wäre angenehm auch einmal erfahren zu dürfen, an was Du denkſt. Es müſſen wirklich höchſt erbauliche Sachen ſein.“ Guſtav wagte nicht aufzuſchauen. Er fühlte, daß Anna ihn betrachtete. „Guſtav hat die Sprache verloren,“ ſchwatzte Anna. „Wiſſen Sie auch, Madame, an was er wahrſcheinlich denken wird?“ Während Anna ſprach, warf Sophie mitunter einen Blick auf Emma, und wenn ſie auch mit den Andern ſcherzte, ſo konnte man doch leicht bemerken, daß ſie ihrer Freundin etwas zu ſagen hatte, obſchon ſie in Ge⸗ genwart der Andern nicht damit heraus wollte. Anna ſah höchſt ſchalkhaft aus. „Wenn ich es nicht weiß,“ meinte inzwiſchen Sophie mit demſelben ſcherzenden Ton,„ſo kann das gerade nicht ſehr zu verwundern ſein; dagegen glaube ich beinahe, daß Du, Anna, beſſer Auskunft ertheilen kannſt.“ „Ich glaube es faſt ſelbſt, das kann ich wohl ſagen; denn.. denn.. 156 Guſtav ſchaute auf, als wartete er ungeduldig zu vernehmen, was Anna ſagen wollte. „Denn... denn,“ ſtammelte ſie,„ich glaube, daß er ſich in der Kunſt übt, juſt an Nichts zu denken.“ „Du haſt eine ſchöne Meinung von Guſtav,“ fügte Sophie hinzu;„aber gib mir jetzt eine rothe Blume her, gleichviel welche, wenn ſie nur roth iſt.“ „Eine rothe... die rothen ſind bereits ausge⸗ gangen.“ „Ausgegangen?“ „Eine ſolche war es, die Guſtav ſoeben abgebro⸗ chen hat.“ oben. Gehe einmal hin, Gnſtav aber tummle Dich erinnere Dich blos, daß es eine rothe ſein muß.“ „Ich will hinaufſpringen,“ meinte Anna,„Guſtav iſt immer ſo langſam.“ „So thue Du es.“ Sophie ſchien nichts dagegen zu haben alle beide los zu werden. „Bin ich langſam?“ brummte Guſtav.„Das darfſt Du nicht ſagen, Anna. Willſt Du, ſo ſpringen wir in die Wette.“ „Topp... wir ſpringen.“ Beide ſprangen ſogleich von ihrem Platz auf und begannen den Berg hinanzuklettern. Sophie, die ſich jetzt allein mit Emma ſah, wandte ſich ſogleich zu ihr. „Wie war es, Emma,“ fragte ſie,„iſt der Baron auf die Feſtung hinaufgegangen?“ Emma war in ihrem Buch an eine beſonders in⸗ tereſſante Stelle gekommen, und liebte es nicht, wenn » 1⁵57 ſie geſtört wurde. Sie beantwortete daher die Frage ganz kurz. „Du haſt nicht gehört,“ fuhr Sophie fort,„welche Aufſchlüſſe Dein Vater erhalten hat?⸗ „Nein.“ „Aber es iſt doch gar zu ſonderbar, daß man den Gefangenen noch nicht bekommen hat.“ Emma hörte die Bemerkung, und die Hand ſank unwillkührlich mit dem Buch nieder. „Es iſt wahr,“ ſagte ſie, nes iſt höchſt ſonderbar, daß man ihn nicht bekommen hat, nachdem man doch ſolche Maßregeln ergriffen.“ „Die Soldaten bilden noch immer eine ganze Kette um die Inſel.“ „Thun ſie das?“ „Das Volk von der Stadt iſt noch draußen auf den Beinen und macht Jagd auf den Gefangenen.“ „Wie ſchauerlich muß es nicht ſein auf dieſe Art gehetzt zu werden!“ „Ja gewiß. Aber es wäre doch wohl noch ſchauer⸗ licher, wenn...“ „Wenn ſie ihn bekämen, willſt Du ſagen?“ „Ich läugne es nicht.“ „Ach nein, Sophie, ich geſtehe, daß ich zu Gott für ihn bete.“ In dieſem Augenblick rief Jemand unten im Park, Sophie möchte mit ihren Blumenkränzen herab⸗ kommen.. Emma, die ihre Lektüre wieder aufnehmen zu bauiden wünſchte, ſah es nicht ungern, daß ſie ſich ent⸗ ernte. Sophie begab ſich alſo hinab. Emma las eben Charles Tyrrel von James. Sie hatte mit erſchütterten Gefühlen die heftigen Ausbrüche eines leidenſchaftlichen Charakters geleſen mit geſpanntem Intereſſe die fein gezeichnete Scene ver⸗ 1⁵⁸ folgt, welche den Mord des Vaters in einen Schleier der Ungewißheit einhüllt, ſie hatte mit Charles vor Gericht geſtanden und ſich mit ihm gefeſſelt gefühlt. Als ſie jetzt ihre Lektüte wieder begann, befand ſie ſich bei Lucy, beinahe in der Mitternachtszeit. Wie manch bittere Qualen waren nicht für das arme Mädchen in den Kelch des Schickſals gegoſſen worden. 1 Emmas Herz klopfte mit dem ihrigen. Mit unruhigem Eifer las ſie, wie Morriſon ein⸗ trat und erzählte, daß ſein Jugendfreund, Sir Char⸗ les, ſo glücklich geweſen aus dem Gefängniß zu ent⸗ fliehen. Vor Ungeduld den Ausgang zu erfahren, hatte ſie kaum Zeit Athem zu ſchöpfen. Sie las: „Im nächſten Augenblick fühlte ſich Lucy von Charles Tyrrels Armen umſchloſſen, und unter einem Strom von Thränen drückte er ſie einmal ums andere mit dem Gefühl reinſter Freude an ſeinen Buſen.“ „Meine Lucy, meine theure, geliebte Freundin,“ rief er,„ſehe ich Dich alſo wieder.“ Lucy trocknete ihre Augen und ſtierte beim Mond⸗ licht in ſein Geſicht empor. „Du biſt ſehr bleich und abgezehrt, Charles,“ ſagte ſie.„O wie mußt Du gelitten haben!“ Emma ſeufzte mit Lucy. Durch ihr Herz bebte daſſelbe Wonnegefühl wie durch Lucys. Eine Thräne zärtlicher Theilnahme glänzte in ihren klaren Augen. Auch die Schwermuth iſt ſchön; aber mitten unter dieſer romantiſchen Schwärmerei war es Emma, als ob eine eiskalte, harte Hand ſich auf ihre Schulter legte. 3 Mit einem Ausdruck des Entſetzens ſprang ſie von ihrem Platze auf. Augenblicklich zog ſich ihre Bruſt 159 auf eine ſo krampfhafte Art zuſammen, daß ihre Wangen erblaßten und der Angſtſchrei, der ſich ihrer Bruſt entrang, nicht über ihre Lippen zu kommen ver⸗ mochte. Der zu lebenslänglicher Gefangenſchaft Verurtheilte ſtand vor ihr. Es war kein Anderer als Alfred. Nachdem es ihm gelungen aus den Feſtung zu ent⸗ kommen, hatte er ſich unker dem Schüuz der Dunkelheit auf den Kai hinabbegeben. In ſeiner ebenſo wilden als blinden Leidenſchaftlichkeit hatte er beſchloſſen, Emma zu rauben, und wäre es mitten aus der größten Geſell⸗ ſchaft. Aber er glaubte ſich ſtärker als er war. Die Maſſe der Badgäſte, Emmas Ausruf, die Beleuchtung der See, der Geſang, dieſes ganze bunte, wimmelnde Leben, das ſich vor ſeinen Augen zeigte, jagte ihn in die Flucht. Durch die dunkeln Gaſſen der Stadt eilend hörte er die Schüſſe von der Feſtung, bemerkte, daß die Leute in Bewegung kamen, und um der Gefahr zu ent⸗ gehen, eilte er in den Park, wo er ein Verſteck ſuchte und es unter der Alpenhütte fand. Seine Augen waren es, welche lauernd Emma be⸗ trachteten. Sobald er ſie allein ſah, kroch er aus ſeinem Ver⸗ ſteck hervor. Er hatte ihren Arm ergriffen. „Still!“ befahl er.„Wagſt Du ein Wort, einen Ausruf, ſo tödte ich Dich.“ Wenn Emma auch gewollt hätte, ſo hätte ſie doch nicht einen einzigen Laut über ihre Lippen zu bringen vermocht. „Ich habe wie ein wildes Thier gelebt,“ ſagte der Gefangene,„ich bin verurtheilt, auf lebenszeit ver⸗ urtheilt und verdammt; es bleibt mir jetzt kein anderer Weg offen, als ein wildes Thier zu ſein. Die Geſell⸗ ſchaft hat mir den Krieg erklärt, und ich habe den Hand⸗ ſchuh aufgenommen. Alle haben mich aufgegeben, und 160 auch ich habe alle aufgegeben. Man haßt, man verab⸗ ſcheut mich; ich will auch haſſen und verabſcheuen. Aber es gibt noch einen Stern in meinem Abgrund, und der biſt Du. Ich weiß nicht, ob ich Dich früher liebte. Jetzt ſchlingen ſich meine Gedanken um Dich wie eine Boa Conſtrictor um ihren Raub: ich will Dich an mei⸗ nem Herzen zu Tode drücken. Du biſt meine Braut, Du mußt meine Gattin werden. Du mußt mich für den Himmel oder für die Hölle einweihen. Höre, was ich Dir zu ſagen habe.“ Während Alfred ſprach, begann jedoch Emma wieder zu ſich zu kommen. „Ich gedenke aus Schweden zu fliehen, weit weg zu fliehen. Heute Abend wird man die Poſten um die Inſel einziehen. Der Weg wird frei; um Mitternacht verlaſſe ich dieſe Höhle des Fluchs.“ Emma ſuchte ihren Arm frei zu machen, aber er ließ ihn nicht los. „Höre mich; ich verlaſſe jedoch die Inſel nicht außer in Deiner Geſellſchaft. Schon um 11 Uhr mußt Du hier ſein. Die Art, wie Du Deine Eltern verläſſeſt, geht mich nichts an. Du haſt die Wahl: Du kannſt kommen oder nicht kommen. Kommſt Du, ſo ſchwöre ich Dir, daß Dir nichts Böſes widerfahren ſoll, daß ich Dich wie ein Sturmwind fortführen werde, Niemand ſoll wiſſen, wohin Du Deinen Weg genommen haſt. Meine Mutter iſt bereit ihren letzten Schilling für mich zu opfern, wenn ſie mich frei weiß. Wir wollen nach Amerika fahren, wir wollen uns vermählen, wir wollen einander lieben. Kommſt Du dagegen nicht, ſo ſchwöre ich bei der Hölle, daß Du, Deine Eltern, Deine Ge⸗ ſchwiſter, Deine Freunde, alle die Du liebſt, eine ſchreck⸗ liche Rache zu fürchten haben. Mein Schwur iſt kein Schreckſchuß. Ich habe nichts zu verlieren, ſondern blos etwas zu gewinnen. Das Leben gilt mir ſehr wenig. Ich kann es opfern, und wäre es auch blos einer Laune ſeſt, unſt 161 wegen. Sind Deine Angehörigen Dir theuer, ſo rette ſie. Mein Schwur ſteht feſt. Ich habe nie Jemand hintergangen. Hintergehe jetzt auch Du mich nicht. Nun antworte mir; Du kommſt doch?“ Emma ſah Alfreds Raſerei und wußte, daß er zu Allem fähig war. Sie gewann indeß bald ihren ganzen Muth wieder. „Du willſt Dich an meinen Eltern rächen,“ ſagte ſie,„wenn ich nicht komme?“ „Ich habe es geſchworen.“ Emma machte eine neue Bewegung ſich loszu⸗ reißen, aber der Gefangene packte ihre Arme noch feſter. „Du ſagſt, daß ich ſie rette, im Falle ich komme.“ Es wurde Emma ſchwer, ihre Worte hervorzuſtam⸗ meln, ſo gänzlich war ſie außer ſich. „Ich habe meinen Eid darauf abgelegt.“ Emma ſtrengte alle ihre Kräfte an. „Aber ich komme nicht,“ ſagte ſie,„ich werde nicht kommen.“ „Du kommſt nicht? Nun wohl, ſo ſoll die nächſte Sonne für Dich über einem enſetzlichen Gemaͤlde auf⸗ gehen.“ Emmas Lage war ſchrecklich. Sie bezweifelte nicht, daß er ſeine Drohungen ins Werk ſetzen würde. Emmas Herz trat in dieſem Augenblick in ſeiner ganzen auf⸗ opfernden, natürlichen Güte hervor. „Das ſoll nicht geſchehen,“ ſagte ſie,„nein, das ſoll nicht geſchehen!“ Der Gefangene lachte höhniſch. „Was willſt Du thun?“ fragte er. „Ich rufe jetzt ſogleich um Hülfe.“ „Dann tödte ich Dich.“ „Tödte mich; das mag ſein, aber ich habe dann doch die Meinigen gerettet.“ Ridderſtad, Vater und Sohn. UI. 11 16² Der Gefangene zog ein Meſſer hervor und ſchwang es über ihr. „Schweig!“ befahl er. Alfred war ſchrecklich. Aber Emma war nicht mehr ein ſchwaches Mädchen, ſie war eine ſtarke Tochter. Mit ihrer freien Hand ergriff ſie jetzt die Kleider des Gefangenen, um ihn ihrerſeits feſtzuhalten. „Hieher!“ rief ſie,„Hilfe, Hilfe! hieher!“ Das Meſſer blinkte in der Sonne. „Hieher, hieher!“ Ein entſetzlicher Hohn verzerrte Alfreds Geſicht. Er ſenkte das Meſſer gegen ihre Bruſt. Eine einzige Bewegung, und es wäre aus geweſen; aber er be⸗ dachte ſich. „Bei der Hölle!“ ſchwur er.„Ich verſtehe Deine Abſicht, Du willſt Dich und mich zugleich tödten, aber es ſoll Dir nicht gelingen.“ Mit einer kräftigen Bewegung riß er ſich los. „Wir ſehen einander heute Nacht wieder... mor⸗ gen Nacht... in irgend einer Nacht... wehe dann Dir und den Deinigen!“ Emma hörte ihn nicht, ſondern fuhr fort um Hilfe zu rufen. Alfred dagegen wandte ſich haſtig um in der Ab⸗ ſicht, nach ſeinem Verſteck zurückzufliehen; aber in dieſem Augenblick begegnete ihm Sophie nebſt mehreren Bad⸗ gäſten, die auf Emmas Angſtruf jetzt hieher eilten. Alfred warf ſich ſogleich auf die Seite, um ihnen aus⸗ zuweichen. Aber der Weg wurde durch den Bergrücken verſverrt. Mit kecken Sprüngen eilte er denſelben hinan. Man ſah ihn von Fels zu Fels, über Spalten und Klippen hinſpringen. Die Mütze war ihm vom Kopf gefallen, ſein Haar flatterte im Wind, aber als er oben ankam, ſah er ſich nicht blos von hinten verfolgt, ſon⸗ dern entdeckte auch Leute vor ſich. In ſeiner Hitze und 6 8 ——— wang ſchen, eider 163 Furcht nahm er ſich nicht einmal Zeit zu ſehen, wer ſie wären. Er hielt es für ausgemacht, daß es Leute ſeien, die Jagd auf ihn machen. Hätte er gewußt, daß es Niemand war, als Anna und Guſtav, die Blumen ſuchten, ſo würde er ſie ſicherlich nicht gefürchtet haben. Zu ihrem Schrecken hatte jedoch Anna ihn ſogleich entdeckt.. „Der Gefangene iſt hier,“ rief ſie,„ergreift ihn, ergreift ihn!“ Von allen Seiten verfolgt und gehetzt, eilte Alfred von Fels zu Fels, und als er gerade vor ſich endlich eine einſame und ſteile Klippe entdeckte, begab er ſich dahin in der Hoffnung, daß Niemand es wagen würde ihn zu verfolgen. Alle Mächte böſen Haſſes ſtürmten durch ſeine Seele, er trotzte, er fluchte, er raste. Endlich nahte er ſich der Höhe, aber in dieſem Augenblicke blinkte ein Gewehr unten am Ufer. 1„Ergib Dich,“ rief eine Stimme,„ſonſt ſchieße i h. 774 Alfred ſieht ſich um. Er entdeckt ein Stück weit vor ſich eine Höhle; er will dahin eilen... er macht einen kühnen Sprung... Der Schuß knallt... Die Kugel durchbohrt ſeinen Kopf... noch einmal macht er eine Bewegung... dann ſtürzt er über den Felſen hinab. Einen einzigen Augenblick wird er von einer vorſpringenden Spitze des Berges in ſeinem Fall aufgehalten... aber der todte Körper ſchlug dabei blos in der Luft um und fiel noch weiter, bis endlich das Meer ihn in ſeinem kühlenden Schooß empfing. 164 Sophie war zu Emma geeilt. Emmas Kräfte waren erſchöpft. Erſchüttert von dem Vorfall, zitterte ſie am ganzen Leibe. Die Hand an die Stirn gelegt, wußte ſie kaum, wo ſie war. Bebend und todesblaß ſank ſie auf dem Platz nie⸗ der, wo ſie vorher geſeſſen. Wie gut und liebenswürdig war nicht Sophie in dieſem Augeublick! Sie tröſtete und ſcherzte, ſie bat und lächelte. Alle die holden kleinen Mittel, die einem braven Weib zu Gebot ſtehen, wurden von ihr ange⸗ wendet, um wieder Ruhe in die Seele der Freundin zu gießen. Sie hatte ihren Kranz fertig bekommen und ſie legte ihn jetzt auf Emmas Kopf, als wollte ſie denſelben zu einem Feſt ſchmücken. „Emma,“ rief ſie,„denke an Hermann, dann wirſt Du wieder Muth bekommen. Ich kann Dir etwas Neues erzählen, was ſoeben Charlottens Lippen entfahren iſt. Denke Dir, Hermann kommt bald nach Hauſe.“ Und Emma hörte Hermanns Namen, und ein Lä⸗ cheln ſpielte wieder ſo ſauft auf ihren Lippen. Als Anna und Guſtav zurückkamen, nahm Sophie ihnen die Blumen ab, machte ein Bouquet und ſteckte es Emma an die Bruſt. Hätte ſie eine junge Schweſter vor ſich gehabt, ſie hätte ſich nicht herzlicher bemühen können, auf die ein⸗ nehmendſte Art wieder Hoffnung und Ruhe in ihren Bu⸗ ſen zu ſchmeicheln. von num, nie⸗ e in bat inem nge⸗ n zu d ſie elben wirſt twas ahren 44 Lä⸗ phie te es „ſie ein⸗ Bu⸗ Dreißigſtes Kapitel. Sturm. Duell. Schluß. Ein heftiger Sturm war ausgebrochen, ein Herbſt⸗ ſturm, wie er nur auf Schwedens Weſtküſte raſen kann. Der Orkan hatte das Meer aufgewühlt, und aus der Tiefe ſchleuderte es ſeine Wogen wider die Klippen, um ſich zermalmt an der ſteinharten Bruſt derſelben in einen Schaumwirbel aufzulöſen und in die Tiefe zurück zu verſinken. Kohlſchwarz flogen die Wolken um einan⸗ der her; und man hörte, wie ſie zuweilen drohend zu⸗ ſammenſtießen. Von dem Augenblick an, wo Frau Hjelm den letz⸗ ten Brief von Hermann erhalten, hatte ſie keine Ruhe mehr gehabt. 1 Der Brief enthielt auch ſo viel. Vor allen Dingen die Nachricht von Hermanns eige⸗ ner Wiederkehr und ſodann die Hoffnung, den gemein⸗ ſchaftlichen Wohlthäter recht bald treffen zu dürfen. Aber wenn dieß zwei Freudenpunkte waren, ſo fan⸗ den ſich auch zwei Gegenſtände des Kummers darin vor. Der eine von ihnen war der Wunſch ihres Wohl⸗ thäters, über Hermanns und Charlottens künftiges Schick⸗ ſal entſcheiden zu dürfen, der andere die Furcht vor einem Duell mit Jeſpersſon. Hatte ſie nicht im Schickſal ihres eigenen Mannes einen Beweis von Jeſpersſons Muth und von der Sicher⸗ heit, womit er die Waffe handhabte? Je mehr ſie daher die Verhältniſſe überlegte, um ſo unmöglicher wurde es ihr, alle die Kümmerniſſe, die ſich um ſie her ſammelten, in ihre Bruſt zu verſchließen. 166 Mit vollkommener Aunfrichtigkeit vertraute ſie ſich daher der Familie Horner an. Gleichwohl wurde ſie dahei nicht blos von ihren eigenen Bekümmerniſſen gequält, ſondern auch von der ſchuldigen Achtung für das Gefühl, von welchem ſie fürch⸗ tete, daß Emma es noch immer für ihren Sohn hege. Als Emma erfuhr, daß Hermann ſeine Zukunft von dem Willen eines Unbekannten abhängig gemacht habe, beherrſchte ſie ſich zwar ſehr wohl, aber nichts deſto weniger bemerkten ihre näheren Freunde, daß die Nach⸗ richt für ihr Herz eine ſchwere Hiobspoſt war. Die Gemüther in der Familie Horner befanden ſich in einer nicht geringeren Spannung als in der Fa⸗ milie Hjelm. Carl Auguſt ſuchte Charlotte nicht mehr auf; er ſchien ſogar wenigſtens einer Unterredung mit ihr aus⸗ weichen zu wollen. Dagegen folgte ihr ſein Blick überall; es war ihm unmöglich, denſelben von ihr abzuwenden. Alle ohne Ausnahme erwarteten alſo jetzt mit der größten Ungeduld Hermanns Rückkehr als die wichtigſte Bedingung zur Löſung des Räthſels ihrer Zukunft. Kein Menſch konnte je mit ſchmerzlicherem Verlan⸗ gen erſehnt worden ſein, als er. Sogar Sophie, die ſonſt ſo ruhig und immer in Harmonie mit ſich ſelbſt war, auch ſie wurde ſtiller und unruhiger. Aber war es wohl Hermann allein, den ſie erwartete? Die Theilnahme und die Achtung, welche die Fa⸗ milie Horner ſich unter den Badgäſten erwocben hatte, verlieh ſelbſt den unbedeutendſten Umſtänden, die ſie be⸗ trafen, ein allgemeines Intereſſe. Als man erfuhr, daß die beiden Familien mit Un⸗ geduld auf Charlottens Bruder warteten, ſo erwarteten ihn auch alle andern mit derſelben Ungeduld. Man ſah daher jetzt täglich, um nicht zu ſagen de ſich ihren n der ürch⸗ hege. t von habe, deſto Nach⸗ nden Fa⸗ ; er aus⸗ erall; nden. t der tigſte rlan⸗ 167 ſtündlich, Perſonen, die von Marſtrands Felſen aus nach dem Meer hinausſchauten. Bei jedem Segel, das herannahte, wurde eine Hoff⸗ nung geboren, und bei jedem Segel, das entſchwand, ſtarb eine Hoffnung. Carl Auguſt hatte jedoch in ſeiner Ungeduld einen Platz gefunden, von welchem er unendlich weiter als die übrigen über die Meeresfläche hinausſchauen konnte, er hatte ſich nämlich an den Leuchtthurm der Feſtung hinauf⸗ begeben, von wo ſich ſeine Ausſicht bis über die Pater⸗ noſter⸗Scheere hinaus, über die im blauen Horizont ver⸗ ſchwindende Fläche des unendlichen Meeres hin erweiterte. Als er endlich den Platz mit einem Tubus ausge⸗ geſtattet hatte, blieb ihm nichts mehr zu wünſchen übrig. Von ihm erhielten jetzt auch die Damen die aller⸗ zuverläſſigſten Berichte, und von den Damen gingen die⸗ ſelben zu den Herrn über. Aber eines Tags harrte man voll Unruhe wegen eines anbrechenden Sturms. Die Wolken jagten einander am Himmel, als wären ſie auf einer Hetzjagd begriffen. Die Luft war trocken, aber grau und kühl. Die Wogen wölbten ſich, der Wind pfiff und die Sonne verbarg ſich den ganzen Tag hinter den Wolken. Gegen Abend kam es zu einem vollkommenen Sturm, und gleichwohl ſchien derſelbe unaufhörlich noch an Hef⸗ tigkeit zuzunehmen. So ſehr man vorher gewünſcht hatte, daß Hermann bald anlangen möchte, ſo wünſchte man jetzt, er möchte die Themſe noch nicht verlaſſen haben. Alle Seeleute am Platz erklärten einſtimmig, daß es ein Unglück bringender Sturm ſei. Die Lootſen ſagten, ſie können ſich kaum auf die ee hinauswagen. War die Erwartung vorher groß geweſen, ſo war doch die Angſt jetzt noch größer. 168 Carl Auguſt ſtand getreulich Schildwache am Leucht⸗ thurm. Von da aus recognoscirte er das Meer jede Stunde einige Mal und erſtattete ganz regelmäßig ſeine Berichte. Jedermann begriff ſo wohl, daß dieſe Berichte keine bloßen Beweiſe von Aufmerkſamkeit, ſondern daß ſie für ſein eigenes Herz ein Bedürfniß waren; aber er ſagte nichts, ſondern ſetzte beharrlich und ſchweigend ſeine Beobachtungen und Berichte fort. Charlotte drückte ihm im Vorbeigehen freundlich und dankbar die Hand, aber über ihre Lippen kam nicht ein einziges Wort. Beide ſchwiegen, aber beide verſtanden einander. Ihre Liebe hatte niemals ein Hinderniß gehabt; aber die Liebe bedarf eines Widerſtands, um ihre Kraft zu entwickeln. Die ihrige hatte jetzt einen ſolchen erbalten, und nun blühte ſie wie auf ihrem eigenen vulkaniſchen Boden auf. Sie war niemals ſtärker geweſen als jetzt. Eines Tags... der Sturm währte noch fort... kam Carl Auguſt heftiger als je zuvor von ſeinem Obſer⸗ vatorium herab. Der am Leuchtthurm wachſtehende Lootſe hatte zwei Segel entdeckt, wovon das eine von Gothen⸗ burg zwiſchen den Scheeren her, das andere vom offenen Meer kam. Um das Gothenburger Schiff, eine kleine Jacht, war man nicht ſonderlich bekümmert, weil es von keiner Gefahr bedroht war; um ſo größere Angſt aber flößte das andere Fahrzeug ein, ein ſtattliches Schiff, das vom Sturm wider die Scheeren getrieben wurde, ganz offenbar, ohne daß man am Bord genaue Kenntniß von der Küſte hatte. Der Lootſe mußte alſo hinaus. Carl Auguſt war zu ſehr intereſſirt, als daß er nicht bereits beſchloſſen hätte mitzugehen. Er wagte es jedoch nicht, den Seinigen etwas davon zu ſagen. Inzwiſchen rapportirte er die Sache, ſodann eilte er auf ſein Zimmer, kleidete ſich den Umſtänden gemäß an, und ucht⸗ jede ſeine keine 2 für ſagte ſeine dlich nicht 1 abt; Kraft lten, ſchen jetzt. t... bſer⸗ votſe then⸗ vom eine weil Angſt liches ieben enaue alſo daß vagte agen. r auf und 169 eilte auf den Landungsplatz hinab, wo das Lootſenboot ihn bereits erwartete. Die Nachricht vom Herannahen des Schiffs ver⸗ breitete ſich bald unter den Gäſten. Könnte es wohl Hermann ſein? fragten ſich Alle. Das Intereſſe, das er bereits erweckt hatte, wurde dadurch noch vermehrt. Man verſammelte ſich unten am Landungsplatz, man beſtieg die Berghöhe, Einige begaben ſich ſogar auf den Feſtungs⸗ thurm hinauf, um deſto beſſer über das Meer hinaus⸗ ſehen zu können. Der Tubus brachte das entlegene Schauſpiel den Augen ganz nahe. Es war auch unläugbar ein Anblick, der in Betracht gezogen zu werden verdiente, nämlich einer jener dreimaſtigen Rieſen, der mit einem raſenden Meer kämpfte. Man hatte erfahren, daß Carl Auguſt mit dem Lootſenboot hinausgefahren war, und dieß trug in nicht geringem Maaß dazu bei, die Theilnahme noch höher zu ſteigern. Es wurde erzählt, daß die Lootſen, bevor ſie ſich hinausbegaben, bedenklich die Köpfe geſchüttelt hatten, und man behauptete ſogar, einer von ihnen habe ſeine Seele in Gottes Hand befohlen, als er das Boot vom Land hinabgedrückt. Die Wellen gingen hoch, und je höher ſie gingen, um ſo tiefer erweiterte ſich der Abgrund zwiſchen ihnen. Noch ſah man blos vom Leuchtthurm her das ſtolze Schiff ſich kühn herumtummeln. Das Lootſenboot da⸗ gegen konnte man mit bloßen Augen verfolgen. Mehr als ein Ausruf erſcholl daher auch von Seiten der Zu⸗ ſchauer, als man in einem Augenblick das Boot ganz wie ein ſchwarzes Pünktchen ſah, das ſich auf dem Rücken der Wogen erhob, und in der andern Sekunde wieder im Abgrund zwiſchen den Wogen verſchwand. Sowie es ſich dem Auge zeigte, ſchien es in den bodenloſen Schooß des Meeres hinabzuſinken. Die Un⸗ 170 gewißheit über ſein wirkliches Schickſal wiederholte ſich jedesmal, wenn es hinabſank, und mit der Ungewißheit kam eine lautloſe Stille, eine qualvolle Unruhe. Mehr als ein Schreckensruf entfloh den Lippen der Damen, mehr als eine Wange erblaßte. Endlich verſchwand das Lootſenboot gänzlich aus dem Geſichtskreis. Eine Stunde verging, vielleicht anderthalb. Man war nach dem Park zurückgekehrt, um dort den Ausgang zu erwarten. Es war eine ſchreckliche Stunde. Das Le⸗ ben trat in ſeinem ganzen Ernſt hervor. Jetzt handelte es ſich nicht um Spiel und Scherz; man wußte, daß Leben und Tod auf dem Meer mit einander ſtritten, man wußte, daß die Meuſchenkraft einen harten Strauß mit den Elementen zu beſtehen hatte. Einige wandelten un⸗ ruhig um einander her, andere ſuchten irgend einen einſamen Platz, um ſich in ſich ſelbſt verſchließen zu kön⸗ nen. In wichtigen Augenblicken wendet man ſich von der Welt ab und ſeinem eigenen Innern zu. Das Ver⸗ gnügen befindet ſich in großer Geſellſchaft wohl, der Kum⸗ mer in der Einſamkeit. Der Strahl des Lebens ent⸗ hält alle Farben; ſie theilen ſich in dem wechſelnden Prisma des Augenblicks. Wie durchlebte man nicht in dieſer Stunde ungewiſſer Erwartung alle Uebergänge zwiſchen Hoffnung und Zweifel, alle dieſe beunruhigen⸗ den Wechſel von Licht und Schatten, welche, ein zweites Schattenſpiel der Vorſehung oder des Schickſals, über die ſich wölbenden Wogen unſeres Herzens gehen und kommen. „Das Lootſenboot kommt zurück,“ rief man endlich, „das Lootſenboot kehrt allein zurück.“ Alle ſtrömten aus dem Park hinaus und wieder zur Landungsbrücke hinab. Das Lootſenboot zeigte ſich wirklich. Aber warum kehrte es zurück? War irgend ein Unglück eingetroffen? Einige Minuten ſpäter ſprang Carl Auguſt ans b 171 Land. Man wollte ihn mit offenen Armen empfangen, aber er ſuchte ſich ſogleich zu ſeinem Vater Bahn zu machen. „Nun,“ ſagte der Baron,„iſt es Hermanns Schiff?“ „Ja, Vater.“ „Gott ſteh uns bei, und die Lootſen haben ihn aufgegeben?“ 1 „Alle Verſuche waren vergebens, Vater. Die Loot⸗ ſen haben mich verſichert, daß ſie noch nie in einem ſolchen Wetter draußen geweſen ſeien. Sie können mir glauben, daß wir nichts unterließen, um an Bord zu kommen. Als die eine Woge uns gegen das Schiff ſchleuderte und unſer kleines Fahrzeug zu zermalmen drohte, ſo kam eine andere Woge, und warf uns weit, weit zurück. Ich bin kein Seemann, aber die Lootſen thaten Alles, was ſie vermochten, das kann ich ver⸗ ſichern. Wir forderten Hermann auf ſein eigenes klei⸗ nes Boot auszuwerfen und ſich mit der Mannſchaft zu retten; aber er erklärte, daß er nicht vom Schiff weiche, ſo lang ſich eine Diele auf demſelben befinde, und ſeine Worte wurden von der Mannſchaft mit Hurrahruf be⸗ grüßt. Hermann nahm ſich prachtvoll aus, als er ſo auf ſeinem Halbdeck ſtand. Als wir uns genöthigt ſahen, ihn zu verlaſſen, ſteuerte Hermann kühn dem Wind ent⸗ gegen, um wieder die See zu gewinnen. „Und was gedenkt ihr jetzt zu thun?“ „Wieder zur See zu gehen, ſobald wir nur ein beſſeres Lootſenboot bekommen haben.“ „Willſt Du wieder mitgehen, Carl Auguſt?“ „Haben Sie etwas dagegen, Vater?“ „Geh in Gottes Namen, mein Sohn, geh!“ Die Einwilligung kam Horner ſchwer an; aber er konnte nicht umhin, ſeinem Sohn den väterlichen Segen mit auf den Weg zu geben. 172 Horner meinte, daß man Frau Hjelm nichts ver⸗ hehlen, ſondern ihr aufrichtig Alles erzählen müſſe. Er vertraute nicht blos auf ihren ergebungsvollen Charakter, ſondern auch auf die Ruhe, welche die Auf⸗ richtigkeit jederzeit einflößt. Carl Auguſt benützte dieſen Augenblick, um mit Charlotte zu ſprechen. Er fand ſie und Emma beiſammen, und er theilte auch ihnen jetzt mit, was er ſoeben ſeinem Vater eröff⸗ net hatte. 2 „Und Sie gedenken wieder hinauszufahren?“ fragte Charlotte.„Das Meer iſt ja in gänzlichem Aufruhr.“ „Es handelt ſich um das Leben Ihres Bruders.“ „Rette ihn,“ bat Emma,„rette ihn.“ 8„Gehen Sie,“ bat jetzt auch Charlotte,„gehen Sie!“ Während man noch beſchäftigt war, ein großes Boot anzuſchaffen und mit Tauen und Zugehör zu ver⸗ ſehen, bog ein Segel um Marſtrands ſüdlichſte Spitze, den ſogenannten Schädel, und wandte ſich ganz nah bei Björktangen in den Sund hinein, zwiſchen der Kuhinſel und Marſtrand. Man erkannte ſogleich das Segel, das man von Gothenburg aus ſignaliſirt hatte. Es war ein kleiner Einmaſter mit drei Segeln, eine jener kleinen Jachten, die als Segler einen ſo aus⸗ gezeichneten Platz in den Scheeren einnehmen. Wie eine leichte, fliehende Gazelle lief ſie über die Wogen dahin. Ihre Bewegungen waren im höchſten Grad anmuthsvoll. Nachdem ihr Takelwerk einigemal dem Eindruck des Windes nachgegeben hatte, hob ſie ſich wieder empor. Das ganze Schiff war ſo leicht und lebhaft, ſo ſtattlich und geſchmeidig. Obſchon der Sturm ringsum raste und das Meer unter ihm brauste, ſchien doch weder das eine noch andre ihm beikommen zu kön⸗ nen. Es ließ die Wogen wie ſpielend hinter ſich, und 173 im Sturm ſchien es ſich wohl zu befinden, gleich als wäre es ſein Vergnügen. Je näher es kam, um ſo ſchöner zeigte es ſich. Gleich einer Meernymphe tanzte es über das ſchäumende Waſſer hin. Aber auf einmal fielen ſeine Segel— die Schnel⸗ ligkeit nahm ab— der Anker ſank in die Tiefe. Der Bau und das Takelwerk der Jacht, ihre haſti⸗ gen Bewegungen, worin man eher ein lebendiges Weſen, als eine bloße Maſchine zu erblicken glaubte, und dabei noch die Raſchheit und Pünktlichkeit, womit alle Theile des Manövers ausgeführt wurden, feſſelten jeden Zu⸗ ſchauer aufs Angenehmſte. Es war etwas beinahe Zauberhaftes an der kleinen Jacht, ſie war ein Meiſterſtück, entſprungen aus dem beſten Gedanken eines geſchickten Seemanns. Als ſie ſich nach dem Wind hinſchwenkte, kehrte ſie den Hinterſpiegel dem Lande zu. Sophie war natürlich auch wie die Uebrigen unten am Strand, und ſie konnte ſich eines angenehmen Ge⸗ fühls nicht erwehren, als ſie ſah, daß die hübſche Syl⸗ phide ihren Namen trug. Sie las nämlich auf der oberen Kante des Spiegels in vergoldeten Buchſtaben den Namen„Sophie“, um⸗ geben von einem grünen Myrthenkranz. Beinahe in demſelben Augenblick, wo der Anker fiel, ſprang ein Mann in ein kleines Boot, das von ſechs Matroſen gerudert gegen das Land zu ſteuerte. Aber die Matroſen erhoben bereits ihre Ruder, und das zierliche Boot wurde ſo trefflich geſteuert, daß man ſagen konnte, es bleibe von ſelbſt ſtehen, als es an der Landungsbrücke anlangte. Der Mann, der herausſtieg, war Jespersſon. Wie elaſtiſch iſt nicht das Gefühl gegen den Gedan⸗ ken, beſonders in der Bruſt eines jungen Weibes! Wenn 174 der Gedanke ſeinen Gegenſtand fixiren will, ſo will das Gefühl ihn umſchließen. Sehr häufig faßt es auch das Schönſte, was Him⸗ mel und Erde beſitzen, in ſeinen Rahmen ein, ohne je⸗ doch einen einzigen Gedanken zu finden, womit es ſich ausdrücken kann. Sophie empfand ein ſolches Gefühl in dieſem Augenblick. Jespersſon war als ein entſchloſſener und höchſt un⸗ gewöhnlicher Mann für Sophie ein koſtbarer und redli⸗ cher Freund geweſen, zu welchem ſie trotz all ſeiner Sonderbarkeiten gleichwohl mit unbeſchränktem Vertrauen aufblickte. Es fehlte ihm viel, das geſtand ſie gern, es fehlte ihm Ruhe, Frieden, Milde, im Allgemeinen Liebe ‚zur Welt; aber ſie war überzeugt, daß ein ſo offener und friſcher Charakter, deſſen Neigungen natürlich und rein waren, leicht mit ſich ſelbſt und mit dem Leben ver⸗ ſöhnt werden könnte, wenn ſich nur eine gute und ver⸗ ſöhnende Frauenhand beruhigend und friedlich auf ſeine ſtürmiſche Bruſt legen würde. Nicht ohne Herzklopfen erſah ſie daher jetzt, daß die ſchöne kleine Jacht nach ihr ſelbſt getauft worden war. Aber als Jespersſon ans Land ſtieg, zog ſie ſich nichts deſto weniger zurück. Ihr Blick folgte ihm gleich⸗ wohl, und wie anders fand ſie ihn jetzt, als bei ihrem letzten Zuſammentreffen mit ihm! In ſeiner ganzen Miene lag Ernſt, in ſeinem Gang war Würde und Haltung, aber über der Stirne und in den Augen lag jetzt ein düſterer Zug, als trüge er ein tiefes Leiden in ſeiner Bruſt. Sie begriff nicht, woher dieſe ſo bemerkenswerthe Aenderung kommen konnte, aber dieſelbe erfreute und beunruhigte ſie zu gleicher Zeit. Sobald Horner den Doctor bemerkte, ging er ihm entgegen. „Treffe ich Dich doch endlich,“ grüßte ihn Horner. „Um Gotteswillen, wohin biſt Du denn an dem unglück⸗ V V 175 lichen Tag auf Wardnäs gegangen... Du weißt ſchon, was ich meine?“ „Ich reiste fort, Bruder,“ antwortete Jespersſon; „Ich hatte ja nichts mehr dort zu ſchafſen. Eine Frage: Iſt Hermann Hjelm hieher zurückgekommen?“ „Noch nicht.“ Jespersſons Stirne runzelte ſich. „Wie, noch nicht? Wir haben uns hier ein Ren⸗ dezvous gegeben.“ Horner erzählte jetzt, daß Hermann draußen vor der Paternoſterſcheere mit ſeinem Schiff ſich abkämpfe, und daß man einen Verſuch gemacht habe, vor Einbruch der Nacht daſſelbe hereinzulootſen. Jespersſon hörte ihn mit vollkommener Ruhe an. „Und Dein Sohn will ſich in dieſem Sturm von Neuem hinausbegeben?“ fragte er blos, als Horner zu Ende war. „Er wünſcht es.“ „Das macht ihm Ehre; Du erlaubſt es.“ „Was ſoll ich thun? Ich darf ihm nicht verwei⸗ gern, eine Gelegenheit mitzumachen, wo er ſeinen Muth und ſein Herz prüfen kann.“ „Das macht Dir Ehre, Horner. Ich danke inzwi⸗ ſchen Gott, daß ich zur Zeit hieher gekommen bin. Carl Auguſt ſoll mit mir fahren.“ „Beabſichtigſt Du..“ „Fürchte nichts für Deinen Sohn; ich verſpreche, daß er zurückkehren wird. Iſt Frau Hjelm hier?“ Die Majorin ſtand ganz nahe dabei, und er begab ſich ſogleich zu ihr. „Einige Worte, Madame,“ ſagte er.„Haben Sie Briefe von Hermann erhalten?“ „Mehrere.“ „Hat er darin etwas von mir geſagt?“ „Ach ja, Doktor.“ 176 Die Majorin erinnerte ſich jetzt des Duells, und ſie ſprach ihren ganzen Schrecken aus. „Beruhigen Sie ſich, Madame,“ bat er.„Sie brauchen um ſein Leben nicht bange zu ſein; ich habe Ihnen dieß ja ſchon einmal verſichert.“ „Verſprechen Sie mir alſo, daß das Duell nicht ſtattfinden wird?“ „Das verſpreche ich nicht.“ „Wie?“ „Er hat nicht mich gefordert, Madame, ſondern ich habe ihn gefordert.“ „Sie?“ 3 „Das muß Ihnen Ihre vollkommene Ruhe wieder⸗ geben, Madame; der erſte Schuß gehört dadurch ihm.“ „Was ſagen Sie?“ „Er hat eine ſichere Hand, Madame; ich habe ihn eine Schwalbe im Flug ſchießen geſehen. Er iſt der erſte Piſtolenſchütze, den ich kenne. Wie der Indianer Pfeil in Pfeil ſchießt, ſo ſchießt er Kugel in Kugel. Seien Sie deßhalb ruhig; Ihr Sohn hat nichts zu fürchten. Ich bürge mit meiner Ehre für ſein Leben. Jetzt muß ich Sie verlaſſen.“ „Jetzt? Sogleich? Wohin?“ „Ich gehe zur See, um Ihren Sohn zu retten.“ „Sie ſind unbegreiflich, Herr Doktor; Sie geden⸗ ken, ihn zu retten, um ſich ſodann mit ihm zu duelliren?“ „Das iſt wahr, doch ich hätte beinahe einen Brief an Sie von einer Perſon vergeſſen, welche Sie vermuth⸗ lich ſchätzen; es iſt ein Brief von Ihrem ſogenannten Wohlthäter. Er iſt bereits in Gothenburg; Der Brief unterrichtet Sie, daß er morgen hieher kommt.“ Als Jespersſon ſich zu ſeiner Jacht hinabbegab, fiel ſein Blick auf Sophie, und er näherte ſich ihr. „Gefällt Ihnen meine kleine Jacht?“ fragte er. „Es iſt ein recht artiges Boot?“ 177 „Es iſt allerliebſt, Doktor,“ antwortete Sophie „ich kann nicht umhin, es zu bewundern.“ „Auch ich thue das,“ fügte Jespersſon hinzu. „Wir werden jetzt ſehen, ob es auch ein Menſchenleben retten will; dann werde ich es um ſo mehr lieben.“ Es kam Sophie vor, als ob in ſeinen Worten mehr Bedeutung läge, als ſie zu verſtehen geben ſollten. „Ich bin überzeugt, daß dieß der Fall ſein wird.“ antwortete Sophie, indem ſie Jespersſon die Freiheit ließ, ihre Antwort nach Belieben zu erklären. Horner, der inzwiſchen zu Carl Auguſt geſagt hatte, er ſolle mit Jespersſon fahren, näherte ſich ihm. Die Veränderung, die mit Jesperſſon vorgegangen war, entging auch ihm nicht, und er konnte nicht umhin, eine Bemerkung darüber zu machen, die ſowohl ſeine Zu⸗ friedenheit, als ſeine Verwunderung ausdrückte. „Ich kenne Dich ja gar nicht mehr,“ ſagte Horner; „was in aller Welt hat dieſe Veränderung bei Dir her⸗ vorgerufen?“ „Es gibt,“ antwortete Jespersſon mit Hamlets be⸗ rühmten Worten,„viel Dinge im Himmel und auf Er⸗ den, die eure Schulweisheit nicht begreift.“ Jespersſons Seitenblick auf Sophie entging Horner nicht, und noch weniger Sophie ſelbſt. Horner faßte ver⸗ trauensvoll ihre Hand und bat um ein Geſpräch mit ihr. Wir ſparen den Inhalt dieſes Geſprächs auf ein ander Mal. Carl Auguſt ſaß bereits im Boot, als Jespersſon kam. Die ſtille Bewunderung der Badgäſte über ſeine unerſchrockene Entſchloſſenheit und ſeinen ruhigen Ernſt folgte ihm, als er das Land verließ. Sobald er an Bord kam, wurde der Anker gelich⸗ tet, das Segel zugeſetzt, und die Jacht wandte ſich wie⸗ der nach der See hinaus. Ridderſtad, Vater und Sohn. III. 12 178 Das Meer tobte. Die hohen Wogen tummelten ſich am Himmel, wie dunkelgrüne Wallfiſche. Die Wellen jagten einander. Es war eine wilde, entſetzliche Jagd. Bald ſpritzten ſie ſchneeweißen Schaum gegen den Him⸗ mel empor, bald ſanken ſie hinab in den ſchwarzen Abgrund. Dröhnend ſchlugen ſie wider die grauen Klippen, ihre nackten Scheitel und harten Stirnen in Säulen von Schaum einhüllend, welche glänzten, wie die edelſten Perlen. Hoch über dieſem in Aufruhr raſenden Meere kämpften die dunkelgrauen Wolken einen andern Zwei⸗ kampf. Der Orkan brauste zwiſchen Erde und Himmel, mit dem einen Flügel die Wolken, mit dem andern die Tiefe peitſchend. Nur daun und wann glänzte ein ſchwa⸗ cher Sonnenſtrahl herein, aber ſcheu zog er ſich wieder zurück, als fürchtete er das Chaos, worein der Zwei⸗ kampf die Elemente der Natur verſetzte. Aber geſchmeidig und leicht bewegte ſich die kleine Jacht dahin. Und wenn man ihre weißen Segel, ihr ſchlankes Bugſpriet, ihren kühnen und doch anmuths⸗ vollen Gang betrachtete, ſo meinte man eine lanzen⸗ bewehrte Amazone zu ſehen, welche mit einer von Zu⸗ verſicht und Muth erfüllten Bruſt nicht eigentlich kämpfte, ſondern vielmehr ſpielte auf einem verheerenden und ſtürmiſchen Mächten überlaſſenen Schlachtfeld. Der Dreimaſter hatte die See zu gewinnen geſucht, war aber unaufhörlich gegen die Paternoſterſcheere zurück⸗ getrieben worden, in dieſe ſo gefährlichen Fahrwaſſer, wo ſo mancher Seefahrer den letzten Stern in ſeiner Nacht erlöſchen geſehen. Hermann verzagte indeß nicht. Er kämpfte muth⸗ voll, und ſeine Kameraden wurden belebt von ſeiner Ent⸗ ſchloſſenheit und ſeinen Anſtrengungen. Aber immer ſchwerer geſtaltete ſich ſeine Lage. So lang der Tag glänzte, zweifelte er nicht daran, den Sturm beſtehen zu können, aber er fürchtete die finſtere Nacht. Drei Blitze hatte er, gefolgt von drei dröhnenden 179 Donnerſchlägen, aus ſeinen Kanonenſchlünden über das Meer losgelaſſen. Aber wenn dieſe drei Nothrufe nach dem Lootſen ihm auch ein Lootſenboot zugeführt hatten, ſo war es ihm doch nicht gelungen, einen Lootſen an Bord zu be⸗ kommen. Nach einem noch mehrere Stunden andauernden Kampf mit den wilden Elementen entdeckte er das kleine Segel, das ſich näherte. Ein neuer Kanonenſchuß blitzte von der Langſeite des Schiffes her über die ſchwarze Meeresfläche hin; es war jedoch nicht mehr ein Nothruf, es war ein Gruß. Als die Jacht näher kam, war das Schiff kurz zu⸗ vor mitten zwiſchen die Grund⸗Berge hineingerathen, wurde aber von da zwiſchen die Grönlinge und den Stumpen hineingetrieben. Die Gefahr wurde dadurch noch mehr vergrößert. Hermann verſuchte die Segel gegen den Wind zu ſtellen, um die Jacht zu erwarten, er wurde aber noch mehr gegen den Grund getrieben. Auf allen Seiten rings umher erhoben ſich ziſchende Pfeiler von Schaum. Jeder Augenblick war entſcheidend zwiſchen Leben und Tod. Entſetzt blickte er hinaus; aber die Seekarte war unvollſtändig, und er beſaß keinen Wegweiſer aus dem Labyrinth, in welches er gerathen war. Ein ſchrecklicher Windſtoß mit Sturzwellen ſchleu⸗ derte das Schiff auf die Seite; aber es erhob ſich wieder. Man erwartete einen neuen. Die Seeleute ſtanden mit Aexten am Maſt und harrten nur auf Hermanns Befehl, denſelben zu fällen und ſodann mit den Wogen fortzutreiben. Die Jacht war ganz nahe. Sobald Hermann Jespersſon an Bord erblickte, verfinſterte ſich ſein Ge⸗ 180 ſicht; aber es verdüſterte ſich noch mehr, weil er nicht begreifen konnte, warum er nicht wegblieb, ſondern mit vollen Segeln gerade auf die Langſeite des Schiffes zuſteuerte. Wollte er ſich ſelbſt vernichten oder das Schiff zu erdrücken verſuchen? Jespersſon hatte mit einem einzigen Blick die Ge⸗ fahr des Schiffes durchſchaut. Sogleich ſammelte er ſeine Mannſchaft um ſich her: „Kennt ihr dieſe Waſſer da?“ fragte er ſie. „Vollkommen.“ „Wir haben keinen Augenblick zu verlieren.“ „Das iſt wahr.“ „Seid ihr zu Allem bereit?“ „Zu Allem.“ „Ein jeder alſo an ſeinen Platz.“ Der Augenblick war entſcheidend. „Halten Sie ſich an meiner Seite, Carl Auguſt,“ ſagte er zu dieſem. Jespersſon ergriff das Sprachrohr. „Hollah!“ Hermann antwortete vom Schiff. „Hervor mit allen Enterhaken,“ kommandirte Jes⸗ persſon;„hervor damit und aufgepaßt!“ 3 Hermann verſtand ihn. Die Aexte wurden weg⸗ geworfen und man griff nach den Enterhaken. In dieſem Augenblick, wo Jespersſon bemerkte, daß man ſeinen Befehl befolgt hatte, warf er das Sprach⸗ rohr von ſich und griff ſelbſt nach der Ruderſtange. Mit einer ſchnellen Bewegung ſteuerte er die Jacht gegen den ſtärkſten Theil der Langſeite des Dreimaſters. Die Mannſchaft achtete auf jedes ſeiner Worte und all ſeine Bewegungen. Der Befehl an das Schiff war auch ein Befehl an ſie geweſen. Alle hatten ſich mit Enterhaken verſehen. Carl Auguſt war entzückt. 181 Welche Gefahren, welche äußerſte Noth, welche er⸗ ſtaunliche Anſtrengungen, welch ein mannhaftes Leben! Die Jacht eilte voran. Bald war man gänzlich unter dem Schiff, und in demſelben Augenblick, wo man es berührte, wurde das Bugſpriet hineingeworfen, der Maſt wankte, eine Sturzwelle ſpielte über das Verdeck hin. Aber vom Schiff und der Jacht her hatten die Enterhaken feſt aneinander gepackt, und nach einigen Minuten befand ſich die ganze Mannſchaft der Jacht auf dem Dreidecker. Ohne ein Wort zu ſagen, eilte Jeſpersſon auf das Ruder zu. Mit einem Blick auf den Wind und den Platz warf er ſich darüber. Das Schiff gehorchte. „Wir ſind gerettet!“ rief er. Mitten zwiſchen zwei Brandungen hinſteuernd, die ſo nahe bei einander waren, daß ſie das Schiff in ihre ſchäumende Wirbel einhüllten, führte er es aus dem Be⸗ reich der Gefahr. Mit vollkommener Kenntniß der Scheeren komman⸗ dirte Jeſpersſon das Schiff. Als ſie an Grönlingen vorbei kamen, übergab er das Ruder einem Andern. Hermann wollte ihm danken. „Es iſt nicht der Mühe werth,“ antwortete Jeſpers⸗ ſon;„Sie haben nichts zu danken, Capitän. Auch meinem Feind erweiſe ich gern einen Dienſt.“ Es entging Hermann nicht, daß er eines der wich⸗ tigſten Worte beſonders betonte. Hermann und Carl Auguſt waren einander in die Arme gefallen. Jeſpersſon begab ſich ſoweit als möglich aufs Hinter⸗ theil des Schiffes. Sein Blick ſuchte die kleine Jacht, und eine Thräne rollte aus ſeinen ſonſt ſo kalten Augen, als er ſah, wie ſein Wimpel ihm ſeinen letzten Gruß 18² zuwinkte, während die Wogen ihre Schlünde öffneten und darüber zuſammenſtürzten. „Lebewohl, Sophie!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen.„Jetzt biſt auch Du fort. Lebe wohl, Sophie!“ Eine Stunde ſpäter lief der Dreimaſter in der in⸗ nern Rhede Marſtrands ein, und ſein Anker fiel unter lebhaftem Beifallsgeſchrei vor dem Kai, wo die Mehr⸗ zahl der Badgäſte und der ſtädtiſchen Bevölkerung ſich verſammelt hatte. Die Bohusländiſche Scheere iſt eine Welt für ſich, eigenthümlich und wunderbar. An der ganzen Weſtküſte entlang zieht ſich ein Ar⸗ chipelagus von Bergen und Felſen in allen möglichen Formationen, abgebrochen, kahl, wild und öde. Man erſchrickt, wenn man zum erſtenmal in dieſe unfruchtbare Gegend kommt, die ohne alle Vegetation zu ſein ſcheint. 2 Aber der Eindruck verändert ſeinen Charakter, wenn man weiter voranſegelt; man wird da überraſcht von einem ewig fortgeſetzten Einerlei, und findet, daß die überall ſo ſtark hervortretende Armuth nicht mehr blos eine Laune der Natur iſt, ſondern ihre wirkliche Beſchaffenheit, ihr Charakter, eine großartige, furchtbare Conſequenz. Die Stürme und die Wogen ſind es, die von den Höhen und den Ufern alle grünende Fruchtbarkeit weg⸗ geblaſen und weggeſchreckt haben. In Sund und Buchten ſchneidet das Meer hier überall in eine ſublime Wüſte von Granitblöcken und eiſengrauen Bergmaſſen ein. ten en 1 in⸗ ter r⸗ ich 183 Ungeachtet man blos die Armuth ſieht, zeigt ſie ſich hier dennoch in majeſtätiſcher Größe. Iſt die Luft angenehm und mild, ſo kann es nichts Lieblicheres geben, als eine Luſtfahrt an dieſer Küſte entlang. Man hat zwar faſt nichts anderes als nackte Berge zu betrachten, aber wie dieß auch iſt, ſo befindet man ſich ſo wohl unter ihnen. Entdeckt man dann dort einen Baumwipfel, der aus ſeiner Kluft gleichſam auf die See hinauszuſchauen wagt, oder einen grünenden Fleck, welchen die ſalzige Woge noch nicht verſengt hat, oder das Dach eines Hauſes, oder die Spitze eines eutlegenen Kirchthurms, ſo hat man ein ſo behagliches Gefühl, und es iſt als hätte man einen Baum, einen grünen Raſen, ein Dach, einen Kirch⸗ thurm früher noch nie ſo ſehr geliebt wie jetzt. Man waidet ſich daran wie ein Ausgehungerter an einem Stück Brod, oder wie der Bettler an einer Kupfer⸗ münze. Aber wenn das unfruchtbare Gemälde dem Reiſen⸗ den einen ſolchen Anblick darbietet, wie ganz anders zeichnen ſich gleichwohl nicht viele von dieſen Bergmaſſen, wenn man bei ihnen ans Land ſteigt und in die kleinen Thalgänge hinabtritt, die ſich innerhalb der Bergrände der Ufer bilden. Die Sagen erzählen von verzauberten Bergen, welche ſich in der Vorzeit vor dem einen oder andern glücklichen Sterblichen geöffnet, Reichthümer und para⸗ dieſiſche Pracht gezeigt und das Auge verblendet haben. Etwas Aehnliches findet ſich auch hier vor. In der Nähe von Marſtrand, nur mit einem kleinen ſchmalen Sund dazwiſchen liegt die Kuhinſel. Man kann vom Fahrwaſſer aus keine garſtigere, ödere, kahlere Klippeninſel entdecken; aber ſteigt man da ans Land, wie manche ſchöne und herrliche Plätzchen finden ſich da nicht vor. —— 184 Jeder, der zum erſtenmal dieſe ſo höchſt roman⸗ tiſchen, zierlichen und einnehmenden Orte beſucht, wird ſich ſehr überraſcht finden. Es ſind da Müſterchen von der ſchönſten ſüdlichen Natur in die rauheſten und härteſten Steinrahmen ein⸗ efaßt. 3 bee beinahe tropiſche Sonne ſcheint auch über dieſen zanberiſchen Plätzen zu weilen: der Boden iſt hier ſo grün, die Bäume ſo ſchlank und buſchig, die Blumen ſo friſch und üppig. Man iſt von einer Wirklichkeit amgeben, die jedoch einem Zauber gleicht. Drei Plätze zeichnen ſich vorzugsweiſe aus: der Hals, die Hügelſpitze und Roſenhain. Welchen von die⸗ ſen Plätzen man beſuchen mag, überall wird man gleich⸗ ſehr überraſcht. Aber die Kunſt weiß hier auch der Natur ihren gebührenden Werth zu verleihen. Da wo letztere nicht ohne eine gewiſſe anmuthvolle Koketterie eine wilde blühende Geisblattranke unter den Bäumen emporwirft, iſt die erſtere bei der Hand geweſen, um eine kleine Laube anzulegen, oder eine Moosbank zu ordnen, in ſtiller Ahnung, daß ein müder Wanderer das Beduͤrfniß haben werde ſich hier abzukühlen und auszuruhen. 5 Die Hügelſpitze und Roſenhain liegen ganz nahe bei einander, nur durch einen ſchmalen Bergrücken ge⸗ trennt, voll von Blöcken und Klippen, die auf einander geſtappelt ſind. Ein kleiner Fußſteig lauft zwiſchen ihnen hin. Oben auf der Hügelſpitze, wo die beiden den Thal⸗ gang umgebenden Bergwände ſich zuſammenſchließen, finden wir Hermann und Carl Auguſt wieder. Beide ſtützten ſich gegen einen großen Granitblock, der in einen kleinen Hain von prächtigen Eichen hinein⸗ ragte. „Du haſt vollkommen Recht, Carl Auguſt,“ ſagte —— 18⁵ Hermann;„auch mir thut dieſes Duell im höchſten Grad leid. Aber als ich von der Art und Weiſe erfuhr, wie Jeſpersſon meinen Vater getödtet hat, da hielt ich es ffür meine Pflicht die Sache in die Hand zu nehmen, ohne daß ich eigentlich noch wußte, welche Geuugthuung ich fordern ſollte und könnte. Im Allgemeinen war ich damals mißvergnügt über das ganze Leben, weil die bevorſtehende Verbindung Deiner Schweſter mit Alfred mir tief zu Herzen ging, wie Du wohl weißt. Ich räſonnirte da nicht lang, ich handelte nach dem Gefühl des Augenblicks. Jeſpersſon und ich wechſelten einige Briefe; er weigerte ſich auf eine Erklärung einzugehen; ich behandelte ihn mit harten Worten, und da forderte er mich. Unläugbar bin ich alſo zum großen Theil die Urſache des bevorſtehenden Duells, und gleichwohl kann ich es nicht über mich bringen eine gütliche Entſcheidung der Sache anzubahnen. Ich läugne nicht, daß es mich wundert, daß er Urſache gefunden hat mich zu fordern, da doch ganz unzweifelhaft ich ihn hätte fordern ſollen. Aber der Mann iſt ſehr wunderlich, und da er jetzt das gethan hat, ſo mag die Sache ihren Verlauf nehmen.“ „Aber er hat Dir doch geſtern das Leben gerettet?“ „Ganz richtig, und dafür ſchieße ich ihn heute viel⸗ leicht todt, willſt Du ſagen. Es iſt hart, aber kann ich es wohl ändern? Ich habe ihn nicht gefordert und ihn kaum beleidigt. Wäre es nicht eine erbärmliche Feigheit, ihn um Entſchuldigung zu bitten? Ich billige Duelle nicht, und würde dieſes abgelehnt haben, aber die Um⸗ ſtände ſind von der Art, daß ich mich in Wahrheit nicht aus dem Spiele ziehen könnte, ohne alle Achtung vor mir ſelbſt zu verlieren.“ „Ich will Deine Anſicht durchaus nicht beſtreiten; aber ſo viel ſteht immerhin feſt, daß er nicht bloß Dein Leben gerettet hat, ſondern auch das Schiff, deſſen Werth Du, glaube ich, ebenſohoch ſtellſt.“ „Ich läugne die Gewichtigkeit Deiner Bemerkung 186 nicht; aber zur See und im Augenblick der Gefahr gibt es eine eigene Moral, die allmächtiger iſt, als jede andre: nämlich jeden Nothleidenden zu retten, und wäre er auch Se unſer ſchlimmſter Feind. Jeſpersſon erfüllte dieſe Pflicht indem er ſein und ſeiner Begleiter Leben dabei aufs Spiel ſetzte; aber ich bin überzeugt, daß er nichts an⸗ unf deres gethau hat, als was auch ich an ſeiner Stelle ge⸗ Sc than haben würde. Meine Dankbarkeit iſt deßhalb um laß nichts geringer; ſie kann mir gebieten mein Leben für Sch ihn zu opfern, niemals aber meine Ehre.“ Lel „Deine Ehre? Wenn ich Deine Worte wohl ver⸗ che ſtehe, ſo mußt Du Dich alſo vielleicht zum Beiſpiel ver⸗ thä pflichtet glauben, ihm den erſten Schuß abzutreten, nicht für aber vom Duell abzuſtehen.“ ſei, „Nun ja, warum nicht? Ich darf gleichwohl zwei Du Umſtände nicht überſehen: erſtens, daß Jeſpersſon ein ſoll ſolches Anerbieten niemals annehmen würde, und zwei⸗ terl tens, daß mein Schuß eigentlich nicht mir gehört, ſon⸗ wor dern meinem Vater. Aber ich ſehe Dir an, daß Du mich bei kalt, vielleicht ſogar hart findeſt.“ Zei „Ich läugne es nicht, Hermann. Du biſt Dir in Hät der That nicht mehr gleich.“ den „Das mag wohl ſein, aber ich habe meine Gründe. Jesſpersſon hat mich gefordert.“ „Nun ja!“ zeie „Natürlich würde er das nicht gethan haben, wenn er ſich nicht durch meine Ausdrücke ſo beleidigt gefühlt ſper hätte, daß er ſich in allem Ernſt revauchiren will.“ „Das ſehe ich ein.“ entf „Jeſpersſon iſt ein ausgezeichneter Schütze. Sein gut Blick und ſeine Hand ſind gleich ſicher. „Auch das hat man mir geſagt.“ blei „Hätte er den erſten Schuß, ſo würde er mich tödten, 1 wie eine Fliege.“ daß „Ich glaube es.“ guſ „Ich bin vollkommen davon überzeugt.“ Lan in 187 „Was gedenkſt Du alſo zu thun?“ „Was ich zu thun gedenke? Ich habe den erſten Schuß.“ „Nun und dann? Du denkſt alſo...“ „Ihn zu tödten? Ja wohl, oder ihn wenigſtens unſchädlich zu machen. Auch ich kann mich auf meinen Schuß verlaſſen. Ich ſehe Dein Mißvergnügen, aber laß mich ausreden. Ich habe eine Mutter und eine Schweſter, und für dieſe beide muß ich leben. Mein Leben gehört ihnen. Genug damit: Du weißt, in wel⸗ chen Verpflichtungen wir zu einem unbekannten Wohl⸗ thäter ſtehen. Er hat erklärt, daß die einzige Belohnung für Alles, was er für uns gethan habe, ſein Wunſch ſei, mich ſehen und an ſeine Bruſt drücken zu dürfen. Du ſollteſt ſeinen Brief ſelbſt leſeu, Carl Auguſt, Du ſollteſt ſehen, wie liebevoll er ſich hieher ſehnt, wie vä⸗ terlich er mich bittet, meine Geſundheit und mein Leben wohl in Acht zu nehmen, welche unendliche Freude ſich bei dem Gedanken, daß er mich ſehen werde, in jeder Zeile, in jedem Worte zeigt; dann würdeſt Du in meiner Härte gegen Jeſpersſon nur eine Schale erblicken, welche den Kern innigſter Liebe enthält.“ „Du tödteſt alſo Jeſpersſon?“ „Ich ſage das nicht; aber ich gedenke ihn ſo zu zeichnen, daß er ſein ganzes Leben an mich denken ſoll.“ „Aber bedenke doch, wenn Du fehl ſchößeſt? Je⸗ ſpersſon hat den zweiten Schuß.“ „Ich wage nicht daran zu denken. Das wäre ein entſetzlicher Schlag für meine arme Mutter und meine gute Schweſter.“ „Laß uns von etwas anderm ſprechen. Jeſpersſon bleibt lange aus.“ „Cs iſt noch nicht 11 Uhr. Ich bin überzeugt, daß er auf den Schlag kommt. Weißt Du, Carl Au⸗ guſt, was er that, als er geſtern Abend nach unſerer Landung ſo lange bei Deinem Vater war?“ 4 4 188 „Nein!“ „Du haſt auch nicht das Mindeſte davon gehört?“ „Ich weiß blos, daß mein Vater ſehr ernſthaft aus⸗ ſah, als Jeſpersſon ihn verließ.“ „Ernſthaft? Sollte Jeſpersſon vielleicht ahnen...“ „Was meinſt Du? Jeſpersſon?“ „Es gibt Perſonen, die gewiſſe Ahnungen haben, beoor.... bebor... „Bevor ſie ſterben. Du haſt Recht; aber ich ver⸗ ſtehe Dich dennoch nicht.“ „Ich will ſagen, ob Jeſpersſon vielleicht Deinem Vater ſeine letzte Willensmeinung übergeben hätte?“ „Das iſt möglich.“ „Dein Vater... aber ſieh, da kommt Jeſpers⸗ ſon... er ſieht leidend aus.“ Jeſpersſon kam ganz allein. Der Ernſt in ſeinem Geſicht hätte nicht ſtrenger ſein können; er ſchien alle Rechnung mit dem Leben abgeſchloſſen zu haben. Als er auf den Platz kam, grüßte er ungekünſtelt und erklärte dann, er habe es nicht für nöthig gefunden einen Sekundanten zu ſuchen, ſondern er vertraue ſich mit vollkommener Ruhe Hermann und Carl Auguſt an, da er wiſſe, daß er in ihnen zwei ehrenhafte und red⸗ liche junge Männer habe. Ihr ruhiges Bewußtſein, daß er ſich hierin nicht täuſche, machte alles weitere Gerede über dieſen Punk überflüſſig. „Eine Frage wünſche ich ſtellen zu dürfen,“ ſagte Jeſpersſon;„haben Sie irgend eine Vorliebe für dieſen Platz, meine Herrn?“ „Weit entfernt, im Fall Sie einen andern vor⸗ ſchlagen wollen, Herr Doktor.“. „So kommen Sie mit mir. Ich weiß einen, der noch beſſer paßt... Jeſpersſon pauſirte hier, fügte aben hernach hinzu:„das heißt, wenigſtens für mich.“ ben, ver⸗ nem ers⸗ nem alle ſſtelt den ſich an, red⸗ nicht untt agte leſen vor⸗ der aben . 189 Er ging voraus; Carl Auguſt und Hermann folg⸗ ten nach. Nachdem ſie um den nächſten Berg umgebogen, kamen ſie in einen ſchmalen Thalgang hinab, der düſter war, wie ein Grabgewölbe. Jeſpersſon nahm ſeinen Weg nach einigen prächtigen Linden, deren Kronen ſo angenehm ſäuſelten und ſo freundlich ihre Schatten weit⸗ aus um ſich her warfen. Als er mitten in den Kreis der Linden gekommen war, blieb er ſtehen. Carl Auguſt und Hermann kamen unmittelbar dar⸗ auf nach, und zu ihrer Verwunderung ſahen ſie ein nen⸗ gegrabenes, tiefes Grab mitten zwiſchen den zwei ſchön⸗ ſten Linden. Beim Anblick dieſes düſtern Todtenbettes durchlief ein Schauder die Bruſt der jungen Männer. Sie begriffen nur zu gut, daß Jeſpersſon es hatte aufwerfen laſſen, und daß es ſich hier nicht um ein Spiel, ſondern um vollen Ernſt handelte. Alle Schwatzluſt erſtarb, und eine eiſige Kälte über⸗ lief beide. Carl Auguſt maß den Abſtand nicht weit von bei⸗ den Seiten des Grabes. Darauf lud er die Piſtolen und ließ die Gegner wählen. Alles das wurde bewerk⸗ ſtelligt, ohne daß ein einziges Wort gewechſelt wurde. CEhe Jeſpersſon ſeinen Platz einnahm, näherte er ſich inzwiſchen Hermann. „Laſſen Sie mich Ihre Hand drücken,“ ſagte er, ves iſt das letzte Mal, daß ich es thue.“ Seine Stimme zitterte; obſchon ſein Aeußeres große Ruhe zeigte, ſo hörte man doch ſehr wohl, daß es in ſeinem Innern ſtürmte. „Wir kommen überein,“ fügte er, noch immer Her⸗ manns Hand haltend, hinzu,„daß der Ueberlebende den Todten in dieſes Grab hier legt, und es dann zuſchaufelt, A— 190— V ſowie daß die ganze Sache damit vergeſſen ſein ſoll. Verſprechen wir einander das?“ „Ich verſpreche es.“ „Gut; jetzt an unſere Plätze.“ Hermann hatte ſich einen Augenblick erſchüttert ge⸗ fühlt, aber er beherrſchte ſich wieder. Auch Jeſpersſon ſchien weit ruhiger zu ſein, nachdem die Uebereinkunft einmal getroffen war. 3 Schon ſtanden beide auf ihren Plätzen. Der erſte Schuß gehörte Hermann. Carl Auguſt hatte verſprochen das Zeichen zu geben. Als Jeſpersſon ſeinen Platz eingenommen hatte, kreuzte er die Arme auf den Rücken und kehrte ſein Ge⸗ ſicht unerſchrocken gegen Hermann, dann ſchloß er ſeine Augen. Hermann hatte einen Augenblick Gelegenheit ihn zu betrachten. Wie offen und rein, wie freundlich und gut erſchien ihm nicht jetzt dieſes Geſicht, das ihm gleichwohl ſo manch⸗ mal von Leidenſchaften und einigemal ſogar von rohen Eingebungen aufgeregt geſchienen hatte. Es lag ſo viel Würde und Ergebung, ſo viel Muth und Kraft, ſo viel männliche Haltung und doch ſo wahre Demuth darin, daß es Hermann ganz übel zu Muth wurde. Jespersſon hatte ſeinen Hut abgenommen und ſtand mit entblößtem Haupte da. Das graue Haar faatterte leicht im Winde. Als Hermann bedachte, daß er dieſen Mann vor die Stirn ſchießen ſollte, da pochte ſein Herz ſehr un⸗ ruhig. Aber wenn ich ihn nicht tödte, wandte ſein Verſtand ein, wird er mich tödten. Aber ſein Herz erhob wieder ſeine Stimme. Es erinnerte ihn, daß Jespersſon ein Freund ſeines Wohlthäters war, daß er Brieſe von ihm überbracht, 191 daß er den Kauſvertrag wegen des kleinen Guts, das ſein Wohlthäter ſeiner Mutter geſchenkt, abgeſchloſſen, daß er höchſt weſentlich dazu beigetragen, daß die Ver⸗ bindung zwiſchen Emma und Alfred abgebrochen wurde, daß er ſchließlich auch ſein Leben, und vielleicht ſogar ſeine Seemannsehre gerettet hatte. Carl Auguſt gab das Zeichen. Hermann erhob inſtinctmäßig ſeine Piſtole. Aber in dieſem Augenblick wurde er von einer ſol⸗ chen Gewiſſensqual überfallen, daß er ſeine Abſicht nicht zu erfüllen vermochte, ſondern die Piſtole weit von ſich warf. Jespersſon ſtand noch mit geſchloſſenen Augen da. „Schießen Sie zuerſt, Herr Doktor,“ rief Hermann, gich habe keine Luſt, ſchießen Sie, aber laſſen Sie die Sache ſchnell vorangehen!“ Jespersſon öffnete ſeine Augen und betrachtete ihn. 3„Gedenken Sie nicht zu ſchießen?“ fragte er. „Nein, Herr Doktor, nein! Ich bin noch zu jung, um Mörder zu werden. Schießen Sie!“ Wer kann die tiefe Rührung beſchreiben, welche jetzt Jespersſon erfaßte? Die Piſtole fiel aus ſeiner Hand, und ſein Geſicht leuchtete. Schöne Gedanken tagten in ſeiner Seele und durchſchimmerten ſein Weſen. Seine Kniee bogen ſich, ſeine Hände falteten ſich zuſammen und er dankte Gott in einem ſtillen Gebet. Weder Carl Auguſt noch Hermann konnten ſich er⸗ klären, was dieß bedeuten ſollte. Aber bald richtete ſich Jespersſon wieder auf. „Sie betrachten mich mit Verwunderung,“ ſagte er zu ihnen,„und wünſchen eine Erklärung; Sie ſollen ſie erhalten.“ Er ergriff die Hände beider Jünglinge. „ Als ich die entſetzliche Strafe des Schickſals ſah, die ohne irgend ein Verſchulden von meiner Seite die 192 Familie Boijer traf, da blickte ich mit unwiderſtehlicher Angſt auf mein eigenes Leben zurück. Ich ſtellte eine Vergleichung an. Was war wohl die Urſache, welche die Familie Boijer zu Fall gebracht hat? Die Trunken⸗ heit, der Rauſch. Unter verſchiedenen Umſtänden hatten ſie auf dieſe Familie gewirkt. All ihre Verbrechen hatten mehr oder minder tief ihre Wurzel in dieſem Laſter. Es war gleichſam eine Familienkrankheit, die herrſchend und entſcheidend in das ganze Leben dieſer Familie ein⸗ griff. Die Völlerei iſt keine Entſchuldigung für ein Ver⸗ brechen, ſie fügt nur noch ein weiteres Laſter zum Ver⸗ brechen. Aber von dieſer Familie wandte ich meine Augen auf mich ſelbſt. Sie wiſſen, daß Ihr Vater von meiner Kugel fiel. Von dem Augenblick an, wo ich den Kummer Ihrer Mutter an ſeiner Leiche ſah, be⸗ reute ich das Verbrechen. Zwar ſuchte ich gegen die Vorwürfe meines Gewiſſens Schutz in dem leichtſinnigen Gedanken, daß die That in der Trunkenheit begangen worden ſei. Gleichwohl aber irrte ich wie ein Geächte⸗ ter auf der Erde umher, und lachte höhniſch über die Welt, da ich noch nicht begriff, was eine wahre Reue beſagen wolle. Aber als ich jetzt die Nemeſis ſah, welche die gräßliche Geißel der Strafe über die Familie Boijer ſchwang, da fühlte ich, was die Strafe iſt, und was die Reue vermag. Da begriff ich ſowohl, was kurz zuvor ein Diener der Kirche zu mir geſagt hatte, ich verſtand, daß nur eine tiefe und wahre innere Reue mir meinen Frieden mit mir ſelbſt, Verſöhnung mit Gott und Liebe zu Andern wiedergeben könnte. Ich verließ Wardnäs, ich zog mich in eine ſtille Einſamkeit zurück. Da kam Ihr Brief an, Hermann. Sie verlang⸗ ten eine Erklärung über Ihres Vaters Tod. Aus dem ganzen Styl erſah ich Ihre düſtere Gemüthsſtimmung. Wie ich mich auch hätte erklären wollen, ſo glaubte ich vorausſehen zu können, daß Sie mich gefordert haben —— 193 würden. Ich mußte dem zuvorkommen. Hätten Sie gefordert, ſo hätte dieß vorausgeſetzt, daß Ihr Herz er⸗ zürnt geweſen wäre. Ich mußte dem zuvorkommen, und ich forderte Sie. Aber ich hatte auch andere Gründe— hören Sie mich zu Ende— ich hatte Ihren Vater getödtet. Die Nemeſis zögert oft mit ihrer Strafe, aber früher oder ſpäter kommt ſie. Ich wollte ſelbſt den Blitz herabrufen, oder ihn auf ewig erloſchen ſehen. Wohlan, Hermann, der Blitz hat in Ihrer Hand gelegen. Ich kenne die Menſchen zu gut, um nicht zu wiſſen, daß Ihre Seele von all den Gefühlen entflammt iſt, die bei einem Sohn ſo natürlich ſind, welcher mit der Mordwaffe in ſeiner Hand den Mörder ſeines Vaters vor ſich ſieht; nur eine einzige Bewegung mit Ihrem Finger, und Alles wäre zu Ende geweſen; aber Sie haben Ihren Finger nicht bewegt, Sie haben freiwillig den Blitz weggeworfen, ja noch mehr. Sie thaten es mit Gefahr Ihres eigenen Lebens und während Sie mich aufforderten zu ſchießen. Wiſſen Sie, was das beſagen will, Hermann?“ „Vollkommen.“ „Sie haben mir in Ihrem Herzen verziehen; ich habe die ſicherſten Beweiſe dafür.“ „Ja, die haben Sie, Jespersſon, die haben Sie;z und wenn mein Vater mich in dieſem Augenblicke ſieht, ſo bin ich überzeugt, daß er meine Handlungsweiſe bil⸗ ligen wird.“ „Verſöhnlichkeit auf Erden, Hermann, iſt auch Ver⸗ ſöhnlichkeit im Himmel. Noch einmal, Hermann, ſind wir jetzt Freunde... Freunde auf immer.. 2„ „Auf immer.“ „So laſſen Sie uns dieſen Platz verlaſſen... wir haben noch mehr zu thun.“ Jespersſon nahm Carl Auguſt und Hermann unter en Armen und führte ſie auf demſelben Weg, den 3 Ridderſtad, Vater und Sohn. IM. 13 194 ſie ſoeben gegangen waren, nach dem kleinen Fußſteig, der über die Hügelſpitze nach Roſenhain geht. Hier zeigte ſich ein ganz anderes Gemälde.. Im Schatten einer zierlichen Laube ſah man auf — der grünen Grasmatte die übrigen Mitglieder der Familie Horner und Hjelm. Horner hatte am Morgen der Majorin Hjelm einen Brief übergeben, in dem er behauptete, er habe ihn kurz zuvor aus Gothenburg erhalten, und worin ſie die frohe Nachricht empfing, daß ihr unbekannter Wohlthäter Vor⸗ mittags eintreffen würde. Aus dieſer Veranlaſſung, und weil Horner der Majorin gerne einen Beweis ſeiner Achtung geben — wollte, veranſtaltete er, daß man den unbekannten er⸗ warteten Gaſt auf irgend eine feſtliche Art empfangen ſollte, und die Folge davon war eine Einladung nach Roſenhain. In wie weit Horner noch von andern Abſichten ge⸗ leitet wurde, wußte Niemand. Man war inzwiſchen bereits da. Trotz der feſtlichen Veranſtaltung zeigten ſich jedoch in der Geſellſchaft ſelbſt nicht viel Spuren von Ver⸗ gnügen. Horner— ihr Wirth— ſchien ſelbſt ſo ernſthaft und unruhig, ja ſogar ſo düſter, daß die Freude ſich ſcheu zurückzog, ſelbſt in der Bruſt derjenigen, bei denen ſie ſonſt ihre Alltagsheimath hatte. Man hatte bemerkt, daß Horner ſich ſeit ſeiner langen Unterredung, die er Abends zuvor mit Jes⸗ 8o“ —₰2 2——.,.— u — 195 persſon gehabt, ſtill und gedankenvoll in ſich ſelbſt ver⸗ ſchloſſen hatte. In dem kleinen gemüthlichen Kreis, welchen die Familie jetzt in der zierlichen Laube bildete, vermißte man Jespersſon, Carl Auguſt und Hermann, und Jeder⸗ mann fragte verwundert nach ihnen. Vor Allem beunruhigte ihre Abweſenheit Diejenigen, welche wußten, daß es ſich wirklich um ein Duell han⸗ delte; aber Horner ſuchte ſie mit allerlei Verſicherungen zu tröſten, unter anderem damit, daß er ſagte, ſein Ge⸗ ſpräch mit Jespersſon am vorhergehenden Abend habe ſich juſt um dieſen Gegenſtand gedreht, und er ſei über⸗ zeugt, daß die Sache ſich gütlich ausgleichen werde. Was ihre augenblickliche Abweſenheit betraf, ſo ſagte er, Carl Auguſt und Hermann ſeien dem erwarteten theuern Gaſt entgegengegangen, und er hoffe, daß ſie bald juſt mit ihm ankommen würden. Gewohnt auf Horners Worte zu vertrauen, über⸗ ließen ſie ſich ihren Hoffnungen; aber um ſo mehr wurde ihre Neugierde geſpannt, den Mann zu ſehen, gegen welchen die Majorin Hjelm in ſo vieljähriger Dankbar⸗ keitsverpflichtung ſtand. Sie ſelbſt dachte beinahe ausſchließlich daran. 3 Die Uebrigen intereſſirten ſich nicht weniger für einen Mann, auf deſſen entſcheidendem Urtheil ihre Zu⸗ kunft beruhte. Charlottens und Emmas Herzen klopften mit ein⸗ ander in die Wette. Abz es fand ſich in der Geſellſchaft eine Perſon, deren Augen Horner mit größerer Aufmerkſamkeit folgten, als die Uebrigen; dieſe einzige Perſon war Sophie. Sie bemerkte auch bald, wie unſicher, lauſchend, beinah furchtſam er ſeine irrenden Blicke um ſich her warf. Beim leiſeſten Tone blieb er ſtehen, bei der geringſten unerwarteten Bewegung fuhr er zuſammen. Sie ſah⸗ daß er nicht die nöthige Ruhe hatte, um einen Augen⸗ 196 blick ſtille zu ſtehen, und daß er zuweilen ganz verkehrt und geiſtesabweſend die Fragen beantwortete, die an ihn geſtellt wurden. Aber Sophie hatte ſelbſt ſich beherrſchen gelernt, und man hätte in ihrem Geſicht die Zweifel nicht zu entdecken vermocht, die in ihrem Innern ſtritten. Eine Viertelſtunde verging, eine halbe Stunde ver⸗ ging; die Erwartung wurde immer höher geſteigert, und die Damen zeigten ſich immer ungeduldiger. Auf einmal jedoch klärte ſich Horners Geſicht auf, und als Sophie nach der Seite ſchaute, welcher ſich ſeine Aufmerkſamkeit zukehrte, da war auch ein Ausruf der Freude nahe daran über ihre Liopen zu brechen, weil ſie Jespersſon an den Armen Carl Auguſts und Hermanns herankommen ſah; als ſie ſich vollends über⸗ zeugte, daß alle drei von Freude und Wohlwollen ſtrahlten, da vermuthete ſie, ihre argwöhniſchen Befürchtungen ſeien unbegründet geweſen. Ihre Ankunft war ein wahres Signal zur Freude. Lang zurückgehalten brach ſie jetzt nach allen Sei⸗ ten aus. Horner eilte ihnen entgegen. „Du kannſt Dir gar nicht vorſtellen, Jespersſon,“ ſagte er,„welche Qualen ich in dieſer halben Stunde erlitten. Hätte ich geglaubt, daß Deine vertrauliche Mittheilung mir eine ſolche Unruhe verurſachen ſollte, ſo wäre ich nie auf Deine Anſichten eingegangen. Ju der That war es eine ſchreckliche Strafe, die Du Dir auferlegteſt, als Du beſchloßeſt, Dein Leben vom Edel⸗ muth eines Jünglings abhängig zu machen. Inzwiſchen danke ich Gott, daß Du lebſt und hier biſt.“ Er wandte ſich darauf zu Hermann. „Hermann,“ ſagte er,„Dein Herz iſt in einer harten Probe geſtählt worden; aber ich glaubte immer, daß Du ſie mit Ehren durchmachen würdeſt. Du haſt — —— 197 es gethan, mein Freund, und Du kannſt Gott nicht ge⸗ nug dafür danken.“ Horner verſtummte einen Augenblick. „Bedenke,“ fügte er jedoch hernach hinzu,„wenn eure Leidenſchaften in dieſem entſetzlichen Angenblick von einem... ich wage kaum das Wort auszuſpre⸗ chen... von einem Rauſch geſteigert worden wären. Welches Ende würde wohl die Sache dann genommen haben?“ „Aber kommt jetzt,“ fuhr Horner fort,„die Ge⸗ ſellſchaft wartet.“ Er hatte Recht; ſie wartete. Horner hatte bereits Jespersſon unter dem Arm genommen und ſo eilten ſie voran. „Nun, Hermann, wo iſt er?“ rief die Majorin ihm entgegen, als ihr Sohn näher kam;„iſt er nicht bei euch 2“ „Wer? „Unſer Freund, unſer Vater, unſer Wohlthäter.“ „Er? Wir haben ihn nicht geſehen.“ „Nicht?“ „Nein.“ „Der Baron hat uns verſichert, daß Ihr euch zu ihm begeben hättet.“ „Wir 2 Carl Auguſt und Hermann ſahen einander verwun⸗ dert an. Horner und Jespersſon wechſelten einen Blick. „Frau Majorin,“ ſagte Jespersſon, indem er vor⸗ trat,„Ihr Wohfthäter iſt ein ſchüchterner Mann.“ „»Schüchtern?“ Er hat durchaus keine Urſache dazu. Nächſt Gott kann Niemand unſere Dankbarkeit ſo wohl verdient haben, wie er.“ Jespersſon warf einen verzweifelnden Blick auf Horner. Horner nickte ihm aufmunternd zu. 198 „Er mißt ſich inzwiſchen kein ſo großes Recht auf Ihre Dankbarkeit bei,“ fuhr Jespersſon fort,„weil Niemand Ihnen ein ſo großes Leid zugefügt hat, wie er.“ „Sie täuſchen ſich, Herr Doktor; er hat mir und meinen Kindern nie etwas anderes als Gutes zuge⸗ fügt.“ 3 Angſtſchweiß tropfte von Jespersſons Stirue. „Sagen Sie das nicht, Madame,“ verſetzte er; „Sie kennen ihn nicht.“ „Ich kenne ihn aus ſeinen Handlungen, und dieſe zeugen von dem edelſten Herzen, vom reinſten Charakter, von der uneigennützigſten Freundſchaft.“ „Und gleichwohl... „Und gleichwohl... ſagen Sie?“ Jespersſon ſuchte nach Worten, ſchien aber keine zu finden. Mit einem Lächeln trat Horner vor. „Ja, Madame, und gleichwohl...“ ſagte er, ...„gleichwohl hat er Ihren Mann getödtet.“ „Was ſagen Sie, Baron? Meinen Mann getödtet ... wie... ich verſtehe nicht.“ Ihre Blicke irrten zwiſchen Horner und Jespersſon. Sie ſchien den Sinn dieſer Worte nicht begreifen zu können. Aber Hermann kam ihr zu Hilfe. „Mutter, Mntter!“ rief er.„Verſtehen Sie nicht? Jespersſon iſt es, der... der...4 Hermann hielt hier inne, da er die heftige Bewe⸗ gung bemerkte, die ſich bei ſeiner Mutter kund gab. Es war Kummer und Freude, Erinnerung und Hoffnung, Liebe und Bewunderung, was ſich in dieſem Augenblick in ihrer Seele durchkreuzte. Im erſten Moment ſanken ihre Gedanken in das Reich der Erinnerung zurück, aber im nächſten Augen⸗ blick leuchtete ihre Stirn und ſie trat einen Schritt auf Jespersſon zu. 199 „Alſo Sie ſelbſt ſind unſer Wohlthäter?“ fragte ſie. „Kein Wohlthäter, Madame; aber da ich Ihre Familie ihrer natürlichen Stütze beraubte, ſo wurde es für mich eine theure Pflicht, helfend und tröſtend an ſeine Stelle zu treten, und ich ſchätze mich glücklich, einen ſo großen Verluſt auch nur einigermaßen wieder gut gemacht zu haben.“ Um ihre Rührung zu verbergen, bedeckte Frau Hjelm einen Augenblick das Geſicht mit beiden Händen, aber Alsgſt es wieder erhob, da ſtrahlte es von Freude und uhe. „Herr Doktor,“ ſagte ſie,„ſoweit ein Sterblicher einen Fehler gut zu machen vermag, haben Sie es ge⸗ than. Zwei und zwanzig Jahre lang habe ich Sie an⸗ geklagt und zu Gott für Sie gebeten, ohne zu wiſſen, daß der Mörder meines Mannes und der Wohlthäter ſeiner Familie eine und dieſelbe Perſon waren. Künftig werde ich nur noch für Sie beten.“ Jespersſon war inzwiſchen fortwährend der Gegen⸗ ſtand der allgemeinen Aufmerkſamkeit geweſen. Man erblickte in ihm einen Mann von unbändigem Charakter, voll von Kraft und Entſchloſſenheit, der jedoch von einem wahren Gefühl geleitet wurde. Nie hatte Sophie ihn höher geſchätzt, als in dieſem Augenblick. Horner wußte jedoch der allgemeinen Stimmung eine heitrere Richtung zu geben. „Wir ſind hier blos eine Familie,“ ſagte er;„täu⸗ ſche ich mich nicht, Jespersſon, ſo haſt Du Hermann und auch Charlotte ein gewiſſes Verſprechen abgenom⸗ men, das ihnen großes Kopfzerbrechen verurſacht hat, Weit ihr zukünftiges Glück dadurch in Deinen Händen iegt.“ „Die Geſellſchaft verſtand, was Horner meinte; alles ächelte jetzt rings um ihn her. 200 Unwillkürlich begegneten ſich dabei die Blicke der jungen Leutchen, und ſie errötheten alle auf einmal, da ſie ſich von einander verſtanden ſahen. Jespersſon antwortete Horner nicht ſogleich, aber nach einer Weile erhob er ſein Haupt. „Es iſt wahr,“ ſagte er;„aus Furcht, Hermann möchte in ſeiner Verzweiflung eine Unvorſichtigkeit be⸗ gehen, habe ich ein Verſprechen von ihm verlangt und auch erhalten; aber Charlotte hat noch keines gegeben.“ Charlotte hatte die Löſung dieſes Räthſels bereits geahnt; ihre Augen blitzten. „Ach ja,“ ſagte ſie nicht ohne einen gewiſſen Eifer, „ich verſpreche Alles, was Sie wollen.“ 4„Recht ſo, Charlotte,“ rief Horner,„recht ſo, mein ind!“ Jespersſon wechſelte noch einen Blick mit Horner. Horner nickte freundlich; ſie verſtanden einander. Aber Jespersſon war mehr ein Mann der That, als der Worte. Er machte auch jetzt kurzen Proceß. Er führte Hermann zu Emma und Carl Auguſt zu Charlotte. Und keines der beiden Paare unterließ jetzt, die Angelegenheiten ſeines Lebens zu entſcheiden; in ih⸗ ren Herzen waren ſie längſt vorher entſchieden. Die Freude war allgemein. Horner hatte für ein Mittageſſen geſorgt, das im grünen Gras eine Stunde von da aufgetragen war. Man ſchwatzte nnd lachte. Jespersſon blieb jedoch ernſthaft. Er ſchien ſich von den ſtarken Bewegungen, die in ihm gekämpft hat⸗ 201 ten, noch nicht recht erholt zu haben. Mehrmals ſuchte er Sophiens Blick, aber ſie wich ihm aus. Um die Geſellſchaft zu beleben, brachte Horner mehrere Toaſte aus. Juſt jetzt erhob er das Glas auf den von Jespersſon geretteten Dreimaſter. Aber ſobald Hermann ihn nennen hörte, ſprang er von ſeinem Platze auf. „Herr Doktor,“ ſagte er,„da Sie unſer alter Wohlthäter ſind, ſo ſind Sie auch mein Rheder?“ Jespersſon gab es zu. „Der Dreimaſter iſt Ihnen.“ Jespersſon lächelte. „Und auch die Laſt?“ Jespersſon lächelte wieder. „Eine koſtbare Laſt?“ „Sie beſteht hauptſächlich aus Geſchenken von mei⸗ nen Patienten... ich kann beinahe ſagen aus allen verſchiedenen Theilen der Welt.“ „Aber Doktor,“ fiel Horner mit heitrem Lächeln ein,„Du haſt nichts deſto weniger einen ſehr ſchweren Verluſt gehabt, als Du Sophie verlorſt.“ Als Horner ihren Namen nannte, wandten ſich Alle gegen ſie. „Sophie verloren?“ fragte man. „Nun, nun,“ erklärte Horner,„ich meine nicht Dich, Sophie, ſondern die kleine Jacht da, die geſtern unter⸗ gegangen.“ Sophie vermochte ihre Gefühle nicht zu verbergen. Horners Aeußerung kam ja ſo unvermuthet. Sie hatte wie eine Bombe in ihrem Herzen eingeſchlagen. Sie wurde abwechſelnd roth und blaß. Wie be⸗ klommen fühlte ſie ſich nicht! Sie wollte tief Athem ſchöpfen und dennoch mußte ſie ſich beherrſchen. „Horner bemerkte ihre Bewegung und hörte mit ſeinen Scherzen auf. Das Mittagsmahl war zu Ende. 202 Die Geſellſchaft theilte ſich in kleine Gruppen, die ſich da und dort ergingen. Auch Sophie blieb nicht lange zurück. Jespersſon fühlte ſich unwiderſtehlich nach ihr hin⸗ gezogen. Bald ſaßen ſie auch neben einander. Der Tag war ſo ſchön, die Wogen umkosten ſo freundlich den grünen Strand, die Bäume ſäuſelten um ſie her; dieſe glückli⸗ chen Menſchen aber ſchienen durchaus keinen Eindruck davon zu haben. Jespersſon liebte; aber er war ein älterer Mann, der ſich unter Stürmen herumgetrieben hatte, und er wußte nur zu gut, daß er unter den Kämpfen des Le⸗ bens gewiſſe Einſeitigkeiten und Eigenbeiten ſeines viel⸗ leicht auch nicht in jeder Beziehung preiswürdigen Cha⸗ rakters eine ſtarre Form hatte annehmen laſſen. Sophie dagegen war noch ſo jung. In ihrer Nähe ſah er all ſeine Fehler und ganz und gar keine Verdienſte. Man ſprach auch jetzt von allem andern, nur nicht von Liebe. 1 Doktor unterbrach ſie ihn endlich,„Sie ſind rank.“ „Ich höre in Allem, was Sie ſagen, daß Ihr Herz leidet.“ „Sie hören es.“ „Niemand hat feinere Ohren, Doktor, als das Weib, wenn es gilt, etwas zu hören, was im Herzen eines Mannes vor ſich geht.“ „Aber, Madame, wenn dem auch ſo wäre?“ „Herr Doktor, Sie ſind gut gegen mich geweſen, Sie waren mein Arzt, als ich krank und aufgegeben war.“ „Ich that meine Pflicht.“ „Wenn ich jetzt Ihr Arzt werden dürfte, ſo weiß ich auch, was ich thun würde.“ 203 „Ach mein Gott... werden Sie es... werden Sie es...“ „Dann würde ich meine Hand auf Ihre Bruſt legen und Ihr Herz bitten ruhig zu ſein.“ „Sie würden das thun?“ „Dann würde ich in Ihre Augen blicken und zu Ihrer Seele ſagen: Glaube und hoffe!“ Jespersſon wagte kaum zu athmen. „ Und ich würde hinzufügen,“ ſagte ſie,„hinzu⸗ fügen... A Aber ſie hielt inne. „Hinzufügen?“ wiederholte Jespersſon. Sophie nahm ihren Muth in beide Hände. „Nun wohl denn,“ fuhr ſie fort,„und ich, ich würde hinzufügen, daß Sie in vier Monaten mich wie⸗ derſehen.“. Jespersſon fuhr zuſammen. In vier Monaten war Sophiens Trauerzeit um ihren Mann vorbei; aber als Jespersſon ihre Hand ergreifen wollte, zog ſie ſich zurück und entfernte ſich. Jespersſon konnte kaum glauben, was er gehört hatte. Sollte wirklich Sophie ihn lieben? Aber er war ja ſo alt und ſo grauhaarig; es ſchien ihm un⸗ möglich. Wie ſehr bereute er jetzt ſein ganzes vergeudetes Leben, ein Leben ohne Liebe. Nie war er auf einmal zu gleicher Zeit glücklicher und unglücklicher geweſen als jetzt. Er beſchloß mit ihr zu ſprechen, und bei der erſten Gelegenheit legte er ſeine ganze ſtürmiſche Seele offen vor ihr dar. Sophie hörte ihn mit freundlichem Lächeln an. „Sehen Sie in meine Augen,“ bat ſie ihn. Er ſah hinein, „Was ſehen Sie?“ „Aufrichtigkeit und Güte.“ „Jespersſon,“. fuhr ſie fort,„wenn Sie mir zu 204 Willen ſein wollen, das heißt, wenn Sie recht artig gegen mich ſein wollen, ſo ſprechen Sie nie mehr von Ihren grauen Haarenz denn wiſſen Sie, warum ich Sie lieb habe?“ „Nein.“ „Juſt um Ihrer grauen Haare willen.“ Nach Ablauf der Badſaiſon kehrten die Familien nach Edsbro zurück. Mit neuer Thätigkeit wandte ſich Horner jetzt zu ſeiner ausgedehnten Oekonomie, die in ihrem ganzen Umfang nach den Grundſätzen geordnet wurde, von denen ihm die Erfahrung gezeigt hatte, daß ſie mit dem Nutzen der Menſchen, mit der Ehre des Vaterlandes, und der Veredlung des bürgerlichen Lebens am meiſten übereinſtimmten. Freude und Segen ver⸗ breiteten ſich hier auch von ſeinem Gute aus weit um⸗ her, und Edsbro und Wardnäs wurden bald als Muſter⸗ güter betrachtet, ſo daß es in Kurzem zur Mode wurde, den Ackerbau ſo zu betreiben, wie hier. Welchen Nutzen nur ein einziges ſchönes Beiſpiel ſtiften kann, zeigte ſich ganz deutlich da. Mit ernſter Conſequenz wandelte Horner ſeine Bahn weiter, und dieſe Conſequenz beſiegte rings umher alte, jämmerliche, fehlerhafte Gewohnheiten, deren Verderblichkeit man ſchon lange erkannt hatte, aber ohne daß man den Muth beſaß mit ihnen zu bre⸗ chen. Frieden und Gedeihen fanden ſich in ſeinem Haus; mit der vermehrten Sittlichkeit unter ſeinen Leuten nahm auch die Arbeitskraft und mit dieſer ihr Wohlſtand zu. Das himmliſche und das irdiſche Glück ſind ſehr oft auch in ihrem moraliſchen Werth nur Abſpiegelungen von ein⸗ ander. Niemals hatten ſie einander beſſer abgeſpiegelt, — 20⁵ als jetzt in der häuslichen Seligkeit, die nicht blos auf dem Herrnhofe, ſondern auch ſelbſt in der geringſten Hütte aufblühte. Die häusliche Andacht ſtellte ſich von ſelbſt ein. Mit dem Wohlſtand kam der Friede in jedes Herz, mit dem Frieden kam das Gebet. Es war kein Zwang mehr ſo zu handeln, wie ein guter Chriſt und ein guter Menſch handeln ſoll; es war ein Bedürfniß. Man war übereingekommen, mit der Vermählung der jungen Paare noch ein wenig zu warten. Die Verlobungszeit iſt der Frühling der Liebe, und man gönnte den jungen Leutchen noch, ſich an der Anmuth der Frühlingsblumen zu laben. Der Leſer hat ſicherlich errathen, daß Haus es war, der aus Reue über ſein Verbrechen in einem Augen⸗ blick der Gewiſſensqual Alfred anzeigte und ſeine Ver⸗ haftung veranlaßte. Gleichzeitig wurde auch Maja, ſein Weib, ergriffen. Loh Sie wurde zum Zuchthaus verurtheilt, Hans zum od. Man rieth ihm beim König um Gnade einzukom⸗ men, aber Hans freute ſich zu ſterben. Er betrachtete den Tod als das einzige Mittel, die Gnade Gottes zu gewinnen. Für ſein ewiges Leben, und er dachte jetzt an nichts anderes mehr, glaubte er kein anderes zu bedürfen. An demſelben Tag, wo Maja ins Zuchthaus ge⸗ führt wurde, beſtieg Hans das Schaffot. t 4. Wüit tief religiöſer Ergebung trat er an den Richt⸗ ock. Als er hinaufkam, bat er um die Erlaubniß, einige 206 Worte zu der unüberſehbaren Volksmenge zn ſprechen, welche die Neugierde hierher gelockt hatte, und als man ſeinem Wunſch willfahrte, erhob er ſein Geſicht und warf einen Blick über die Maſſe hin. „Kennt ihr die Urſache,“ ſagte er dann mit feſter Stimme,„warum ich mich auf dieſem Platz befinde?“ Alle ſchwiegen. Alle lauſchten. „Die Urſache meines Verbrechens iſt der— Brannt⸗ wein.“ 1 Er ſchien noch mehr ſprechen zu wollen, aber ſeine Stimme begann ihm bereits zu verſagen. Inzwiſchen ſtrengte er ſich noch einmal an und ſprach dann: „Nehmt eine einzige Warnung von mir an.“ Er hielt einen Augenblick ein. Das Volk betrach⸗ tete ihn unter tiefem Schweigen. „Seht mich an,“ fügte Hans dann hinzu,„und denkt an euch ſelbſt.“ Dieſe Worte Hanſens machten ein großes Auf⸗ ſehen. Sie enthielten ſo viel Unterweiſung und Be⸗ lehrung, ſie zeigten ſo viel Selbſtkenntniß und Verſtand, eine ſo große, auf eigener tiefer und aufrichtiger Reue ruhende Lebensweisheit. Beinahe zur ſelben Zeit ſchenkte Kerſtin ihrem Manne, Anders, einen Sohn. Welch eine unendliche Freude und Wonne trat nicht jetzt über die Schwelle des redlichen Mannes! Wenn er ſich jetzt mit ſeinem alten Nachbar, Hans, verglich, der ſo manches Jahr unter demſelben Dache mit ihm gewohnt hatte, und zuletzt dem Beil anheim⸗ 1 F 207 gefallen war, dann fiel er auf ſeine Kniee nieder, dankte und ſegnete Gott, der ihn zu rechter Zeit von einem Laſter gerettet, welches auch ihn beinahe auf den Weg des Verderbens fortgeriſſen hätte.* An dem Tag, wo das neugeborne Kind getauft wurde, verſammelte er einige Freunde um ſich. 3 Ihnen erzählte er die Wechſelfälle ſeines Lebens, und ſprach von den Segnungen eines nüchternen ſtillen Wandels gegenüber den Ausſchweifungen der Trunken⸗ heit und Völlerei. Mit freudeſtrahlenden Augen hob er dann ſeinen Neugebornen in die Höhe. „Seht mich an, meine Freunde,“ rief er, von ſeinem Glück hingeriſſen, mit Hanſens Worten,„und denkt an euch ſelbſt!“ Ein großes Gaſtmahl wurde auf Edsbro zugerichtet. Eine vierfache Hochzeit ſollte gefeiert werden, und wir brauchen dem Leſer nicht aufzuzählen, wer die Paare waren. 4 Einige Tage vor der Hochzeit kam ein wohlver⸗ ſchloſſener Reiſewagen an, aus welchem eine ſchwarzge⸗ kleidete Dame ſtieg. Als ſie ihren ſchwarzen Schleier zurückſchlug, er⸗ kannte man Frau Boijer. Sie kam, um von ihren alten Freunden Abſchied zu nehmen, weil ſie das Vaterland verlaſſen und ſich mit ihrer Freundin Marie, ſowie mit ihrer Tochter Conſtanze im Ausland eine Heimath zu ſuchen beabſichtigte. Das Unglück hatte Frau Boijer beinahe zermalmt; aber die milden Wahrheiten der Religion waren in das 208 zerriſſene Herz hinabgeſtiegen, und unter den entſetzlichen Kämpfen des Mißgeſchicks gewann ſie allmählig eine Ruhe, die mit ergebener Demuth vor der Allmacht der Vorſehung ihre Kniee beugte. Marie hatte wahr prophezeit. Das Unglück veredelte ſie. Ihre Gedanken irrten nicht mehr ruderlos über ein wimmelndes Meer von Erinnerungen und Hoffnungen hin; ſie leiteten ſie jetzt in Frieden weiter, und während ſie die Schwachheit und Vergänglichkeit des menſchlichen Lebens erkannte, fühlte ſie ſich glücklich und ſtark im Gebet für die Ihrigen und ſich ſelbſt. 3 Sie ſprach auch von ibren früheren Verhältniſſen. Boijer lebte noch, war aber gänzlich wahnfinnig und man hatte keine Hoffnung auf Beſſerung. Das Hoſpital Waldſtein war jetzt ſein Zufluchtsort. Von Alfreds letzten Schickſalen hatte ſie ſchon vorher ge⸗ hört, aber jetzt wurde ſie vollſtändig davon unterrichtet. Als man die Erzählung ſchloß, faltete ſie ihre Hände zuſammen. „Möge jede Mutter, die ein Kind hat,“ ſagte ſie, „ſein Herz im Guten zu erziehen wiſſen. Es iſt des Weibes Pflicht,“ fügte ſie hinzu,„das Herz des Kindes zu erziehen; dem Mann kommt es zu, ſeinen Verſtand zu erziehen.“ Ihr Kopf ſank gedankenſchwer hinab. „Ihr Mütter,“ fuhr ſie dann fort;„ach, ihr Müt⸗ er... Sie ſchwieg einen Augenblick. „Seht mich an,“ bat ſie dann mit Hanſens Wor⸗ ten;„aber denkt an euch ſelbſt.“ — — 209 Der Hochzeitstag war bereits angebrochen auf Eds⸗ bro. Es war ein Tag der Liebe, der Treue, der Hoff⸗ nung. Horner hatte alle Unterthanen des Guts zuſammen⸗ kommen laſſeu. Glück und Freude ſtrahlte von ihren Geſichtern. Die Segnungen der ſtlllen, der nützlichen, der redlichen Arbeit breiteten Frieden und Vergnügen über alle aus. Als der Trauungsakt gefeiert war, trat Horner auf den Balkon zu dem zahlreich verſammelten Volk hinaus. Horner war von den Neuvermählten umgeben. Jeſpersſon führte Sophie an ſeiner Hand, Carl Auguſt Charlotte, Hermann Emma, und Guſtav Anna. Lieb Es war ein ſchönes Gemälde, reich an Wonne und Liebe.. Der redliche Horner ſtand wie ein guter Vater oder wie ein friedlicher Pätriarch da. Bei ſeinem Anblick ging ein Beifallsgemurmel durch die dichten Reihen des Volks: ſie liebten und achteten in ihm einen vortrefflichen Herrn, einen redlichen Freund, einen guten und vorſorglichen Mann. Auch Horner wollte ſprechen, aber er wurde von einer ſo tiefen Rührung erfaßt, daß die Worte auf ſeinen Lippen erſtarben. Niemals hatte er in ſeinem Herzen aufrichtiger für alle die Segnungen, die ihn umgaben, Gott ge⸗ dankt, als jetzt; niemals hatte er ſich glücklicher ge⸗ fühlt, als in dieſem Augenblick. Welche Seligkeit fand ſich nicht auch in ſeiner Familie vor; wie viel Vergnügen und Zufriedenheit weilte unter ſeinen Unterthanen. Alles das hätte er mit der ganzen Wärme eines gerührten Herzens ausdrücken mögen, aber er verſtummte vor dem Beifall des Volks. „Seht mich an,“ rief er endlich im Uebermaaß ſeines Gefühls,„und denkt an euch ſelbſt.“ Ridderſtad, Vater und Sohn. III. 210⁰ Dieſe wiederum Hans nachgeſprochenen Worte machten einen unausſprechlichen Eindruck auf die An⸗ weſenden. Wo nicht eine Thräne der Rührung die Augen feuchtete, da erſcholl ein ſtürmiſcher und entzückender Bei⸗ fallsruf. Am weiteſten hinweg ſaßen zwei Perſonen, in deren Augen keine Thräne kam, und über deren Lippen kein Laut ſich erhob. Dieſe zwei waren in Lumpen gekleidet: ſie waren zwei Bettler. Die eine von ihnen war Jan Erik, die andre ſeine Frau, Maja, die früheren Wirthsleute der geheimen Schenke. Die Gemeindeverwaltung in der Gegend hatte im letzten Jahr ein ernſtes Auge auf ſie gehabt, und da ſie in Johansſon und dem Gerichtsbauern ihre eigent⸗ lichen Gönner verloren hatten, ſo ging jetzt alles mit ihnen rückwärts. Sie hatten nach Reichthum geſtrebt, waren aber zur Armuth gekommen; in der Richtung, worin ſie ar⸗ beiteten, gab es keinen Segen. Eines ſchönen Tages wurden ſie aus ihrer Woh⸗ nung vertrieben und ſchleppten ſich jetzt unter allge⸗ meiner Verachtung weiter, gezwungen von den Scherf⸗ lein zu leben, welche dieſe Verachtung ihnen zuwarf. — Als ſie Horners Wort hörten, hob ein Seufzer ihre Bruſt, und wie ein fernes Echo wiederholten auch ſie: „Seht uns an; aber denkt an euch ſelbſt!“ Ende. 4* ſifffffnfſſſſſnnſn 15 16 17 ſfffſſſſſſſſ 9 10 11 12 13 14