Re— Leihbibliother deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 voſt Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Buücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. pf. „ 7 3„„„„—„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Ge hr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt d der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. heus iarne⸗ell. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— 83 * —--— ⁰a---—— 8 er e en —— Vater und Sohn. P Roman 3 Ron von C. F. Ridderſtad. Aus dem Schwediſchen überſetzt von Dr. Gottlob Fink. Siebentes bis zwölftes Bändchen. 3 OoO Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1854, 2 2 5 = E E S = 5 2 8 — 2 5 2 G 55 5 2 5 + 5 8 8 5 — 2 8 Schne Elftes Kapitel. Der Gefangene. Eine Scene auf Edsbro. „Aus Barmherzigkeit geben Sie mir einen Schnaps!“ rief eine Stimme Jeſpersſon entgegen, im Augenblick, wo er ſeinen Kopf aus dem Stübchen hervorſtreckte. Um Gotteswillen, geben Sie mir einen Schnaps!“ Es lag ein ſo herzzerreißender und wehklagender Schmerz in der rauhen Stimme, daß Jeſpersſon unwill⸗ kürlich auf der Schwelle einhielt. Die Bitte erſcholl ganz laut wie ein Gebet, das unmittelbar aus einem ausgetrockneten oder zermalmten Herzen kam und zu Got⸗ tes Thron emporſtieg; aber es flehte nicht um Gnade und Barmherzigkeit, um Frieden und Verſöhnung— ſondern um einen Schnaps. Einen ſo gräßlichen Eindruck die Sache auf Jeſpers⸗ ſon machte, ſo wurde er doch nicht gemildert durch die wenigen Worte, womit man den Wunſch des armen Elen⸗ den beantwortete. 1 Wenn die Bitte eine hölliſche war, ſo war es die Antwort nicht minder. „Zeige mir zuerſt, daß Du Geld haſt, ſo ſollſt Du Branntwein bekommen; ha, ha, ha!“ Schlangengras war es, der ſo antwortete. Ridderſtad, Vater und Sohn. II. 1 2 „Schweig, Burſche it wies ihn eine Stimme zurecht, „und gib ihm den Schnaps, ich bezahle ihn.“ Es war der Brenukuecht Haus, der ſich ſo theil⸗ nehmend ausdrückte. Das Zimmer war nicht voll von Neugierigen und Gaffenden, aber gleichwobl ziemlich beſetzt. Jeſpersſons Anfmerkſamkeit flog an der Menge vor⸗ bei und heftete ſich ausſchließlich auf eine hochgewachſene, magere und blaſſe Perſon, welcher man einen Stuhl in die Thürecke geſtellt hatte. Des Doctors ſichrer Blick merkte ſogleich, daß er der Kranke war. Das Ausſehen des Mannes machte einen unwider⸗ ſtehlich ſchauerlichen Eindruck auf Jeſpersſon. Er hatte viel in der Welt geſeben, aber noch nie eine garſtigere Ruine von dieſem Hochwild, das ſich Got⸗ tes Ebenbild nennt. Das Haar ſtand in huſchigen, ſchneeweißen Locken um ſeinen Kopf empor. Das Ge⸗ ſicht war mager, nur Knochen und Haut. Die tiefliegen⸗ den Augen, die mitunter hin⸗ und herrollten, waren roth und entflammt, und während die grauen Augenli⸗ der darüber hinfielen, war es, wie wenn eine Flugaſche auf brennende Kohlen ſich legt. Die Farbe war grau⸗ bleich und kränklich; der Tod ſchien ſich bereits darein eingezeichnet zu haben. Der Mann war ein alter Sünder. 3 Unter einem grauen Mantel ſchimmerten ſchmutzige Lumpen hervor.: Aber alles das war noch nicht genug; das Bemer⸗ kenswertheſte an ſeinem Aufzug muß noch genannt wer⸗ den. Die Handſchuhe, die er an ſeinen Händen trug, waren Handklammern. Die Füße waren mit einer Feſſel verſehen. Sobald die Anweſenden Jeſpersſon bemerkten, wurde es ſtill im Zimmer. Jeſpersſon, der ſeinen ſchnellen und ſichern Blick v 8 3 wieder erhalten hatte, bemerkte, daß Hanſens Theil⸗ nahme für den Gefangenen ſich nicht blos auf den Schnaps beſchränkte, ſondern daß er und der Gefangene von Zeit zu Zeit auch einen geheimnißvollen Blick wech⸗ elten. Die Sache rührte ihn indeß nicht, und er nahm ſie ſich weiter nicht zu Gemüth, ſondern näherte ſich dem Kranken. Unbeweglich und ſtill betrachtete er ihn. Es war Jeſpersſons Gewobnheit, nie ein Wort zu ſagen, wenn er einen Patienten vor ſich hatte. Man ſagt, das Genie eines Arztes liege in ſeinem Blick. Dieß war auch die einzige Sonde, die Jeſpersſon zu gebrauchen. pflegte, wenn er einen Kranken unterſuchte; aber das genügte ihm nicht. Je länger er den Gefangenen betrachtete, um ſo verwunderter wurde er. Das ſtelettartige, vom Elend des Lebens ſo entſetz⸗ lich verheerte Geſicht beſaß ja etwas, was er ſchon zu⸗ vor geſehen zu haben meinte. Jeſperſons Augen wurden immer ſchärfer. Er wußte nicht, wo in dem erinnerungsreichen Lexfkon ſeines Le⸗ bens er die Umriſſe dieſes Mannes ſuchen ſollte, und dennoch überzeugte er ſich immer mehr, daß er ihn ſchon zuvor geſehen hatte; aber wo? Im nördlichen oder ſüd⸗ lichen Polarcirkel, ſoviel wußte er gewiß, aber damit war ſein Wiſſen auch aus.. Schlaugengras hatte inzwiſchen den Schnaps einge⸗ ſchenkt und brachte ihn dem Gefangenen. Dieſer, der das Glas nicht annehmen konnte, weil ſeine Hände gefeſſelt waren, bückte ſich vor, damit der Junge ihm den Branntwein an den Mund halten ſollte. Aber als Schlangengras, der ſogleich ſeine Meinung be⸗ griff, das Glas richtete, um ſeinen Wunſch zu erfüllen, da machte Jeſpersſon gleichwohl eine Bewegung mit der Hand gegen das Glas, ſo daß es dem Jungen aus der Hand und auf den Boden fiel, wo es klingend zu tau⸗ ſend Stückchen zerbrach. Der Gefangene ſtöhnte dabei, Es ſollte ein Seuf⸗ zer ſein, der ſich aus ſeiner hohlen Bruſt hervordrängte. „Herr, Herr,“ ſagte er,„das war das Einzige, was ich mir in meinem Leben noch wünſchte.“ „Ein ſchlechter Wunſch, mein Freund,“ antwortete Jeſpersſon,„Du ſollſt beſſere Dinge von mir erhalten.“ Unter den vielen, die dazu kamen, ſeit Jeſpersſon die geheime Schenke betreten, war der Wächter des Ge⸗ fangenen ihm nicht entgangen. Er war aber auch leicht zu erkennen an ſeinen Piſtolen im Gürtel, ſowie an dem breiten, raſſelnden Säbel an ſeiner Seite. „Wohin ſoll dieſer Mann da gebracht werden?“ fragte ihn Jeſpersſon. „In's Bezirksgefängniß hier neben der Kirche. Er ſoll morgen die Kirchenbuße erleiden.“ „Was hat er für ein Verbrechen begangen.“ „Er iſt ein entlaufener Feſtungsgefangener, der zu Aufang dieſes Jahres in dem anliegenden Kirchſpiel ei⸗ nen Einbruchsdiebſtahl begangen hat und jetzt verurtheilt iſt Kirchenbuße zu thun, dann aber nach Marſtrand zu⸗ rückgeſchickt zu werden.“ „Wie heißt er?“ „Hanſſon, Herr.“ Jeſpersſon wiederholte den Namen, konnte ſich je⸗ doch nicht erinnern, Jemand gekannt zu haben, der ſich ſo nannte. „Der Mann iſt ſchwer krank,“ fuhr Jeſpersſon fort, „und wenn er nicht gut verpflegt wird, ſo werden Sie ihn morgen nicht vom Platze bringen können.“ „Gleichviel, wenn ich auch nur eine Leiche bei mir habe, ſo macht mir das nichts aus.“ „Sie können ihm aber doch die ärztliche Pflege, die er begehrt, nicht verweigern.“ „Allerdings nicht; meine Befehle enthalten nichts 5 davon. Er erkrankte unterwegs, und ich führte ihn hie⸗ her, damit er über Nacht ein warmes Zimmer bekommen ſollte. Wollen Sie ihn verpflegen, Herr, ſo erlaube ich es recht gern. Ich werde ihn ſchon bewachen.“ „Nehmen Sie ihm alſo die Feſſeln ab.“ „Warum nicht? Er ſpringt meiner Seel nicht weit. Morgen, bevor ich ihn an das Gotteshaus führe, muß ich ihm ja das Eiſen auch abnehmen.“ Als der Gefangene ſich frei fühlte, ſchüttelte er ſich wie ein Hund, wenn er aus einem See auf das trockene Land kommt.. Jeſpersſon hatte Mutter Maja ein Paar ſilberne Reichsthaler in die Hand gedrückt und beherrſchte jetzt das ganze Haus.. Nachdem er ein Privatzimmer erhalten, ließ er ein ordentliches Bad für den Gefangenen zubereiten. Mit der Uhr in der Hand war Jeſpersſon ſelbſt dabei. Aus der Badwanne wurde der leidende Mann in ein warmes und weiches Bett gebracht. Ein wohlthätiges Dekokt, das Mutter Maja nach Anleitung des Doctors zubereitet hatte, ſetzte dem Werk die Krone auf. Es war als Menſchenſtudium, ſehr intereſſant, die Veränderungen zu beobachten, welche die wohlberechnete mediziniſche Pflege herbeiführte. Als man ihn ins Bett gebracht hatte, ſchlummerte er beinahe ſogleich ein, aber es ſchien ganz klar, daß das in Folge eines friedlichen Behagens, eines heilſamen Genuſſes, eines vereinigten Wohlbeſindens der Seele und des Körpers geſchah. Das Blut kam wieder in Gang. Die Glieder wurden von neuem weich. Die Haut erhielt eine andere Farbe. Das vorher ſo blaß⸗ graue Geſicht bekam Leben und Röthe. Die Augenlider des Mannes waren zugefallen, aber ſeine Hand tappte umher, gleich als ſuchte er etwas. Damit nichts den Kranken ſtören ſollte, hatte Jes⸗ persſon alle andern aus dem Zimmer entfernt und be⸗ fand ſich allein mit ihm. Wir haben Beiſpiele, daß Jeſpersſon als Arzt auch voll von Launen war, deun der allen Zwanges ledige Mann ließ ſich nicht gern durch irgend etwas kommandiren. Aber griff er das Werk an, ſo be⸗ ſaß er eben ſo viel wiſſenſchaftliches Studium, als Men⸗ ſchenkenntniß, ohne weich letztere noch niemand ein ge⸗ ſchickter Arzt geworden iſt. Es war indeß nicht blos die Krankheit des Gefangenen, was Jeſpersſon ſo großes Jutereſſe einflößte; die Ueberzeugung, daß er ihn vorher ſchon geſehen habe, feſſelte ſein Gedächtniß und, wie wir wiſſen, lebte Jeſpersſon mehr im Reich der Erinnerung als der Hoffnung. Ausgenommen, daß er ein paarmal auf einen Augenblick ſich zu Sophie hineinbegab, um ſie zu ſehen, verließ er ſeinen neuen Patienten nicht. Un⸗ verwandt betrachtete er ihn und beobachtete genau jede Veränderung. Er überſah auch die wohlthätigen Wir⸗ kungen des Bades nicht. Als der Gefangene ins Bett gebracht war und die Blutceirkulation mit ihren Aeußer⸗ ungen der Wirkſamkeit eines innern Lebens zurückkehrte, kam er wieder zu ſich und Jeſpersſon überzeugte ſich immer mehr, daß er ſich nicht täuſchte, ſondern daß das Geſicht ihm bekannt war. Den Namen Hanſſon konnte er ſich indeß nicht erinnern je gehört zu haben. Jesperſſon bemerkte die tappende Handbewegung des Patienten und er beugte ſich hinab und fragte, ob er etwas wünſche. „Ihre Hand,“ antwortete er. FJeſpersſon reichte ſie ihm und der Patient drückte ſie dankbar und führte ſie an ſeine Lippen. „Wie befinden Sie ſich jetzt?“ fragte Jesperſſon. Der Gefangene öffnete die Augen nicht, bewegte die Lippen nicht, aber er faltete ſeine Hände. Die Antwort war rührend und überraſchte Jeſpersſon, der ſich ſonſt juſt nicht überraſchen zu laſſen pflegte. „Wenn Sie etwas wünſchen, ſo ſagen Sie es, und ich will alles für Sie thun, was ich kann.“ Der Gefangene ſchüttelte den Kopf; dann aber 7 machte er, gleich als hätte er ſich an etwas erinnert, mit der Hand ein Kreuz über ſich, ein Kreuz vom Kopf und bis über die Bruſt hinab, wie auch zwiſchen den Schultern. Es ſollte ein Grabkreuz bedeuten. „Wünſchen Sie zu ſterben?“ Er deutete auf ſein ſchönes weißes Haar und legte ſodann die Hand auf ſein Herz. „Wollen Sie mir ſagen,“ fragte Jeſpersſon,„was die Urſache all des Elends iſt, worin Sie ſich jetzt be⸗ finden?“ 1 Der Mann runzelte blos die Augenbrauen. „Die Urſache?“ wiederholte Jeſpersſon. Der Gefangene richtete ſich mit einer gewaltſamen Anſtrengung im Bette auf. Seine Augen öffneten ſich und ſeine Blicke flammten mit hochrothem und wildem Glanz. „Der Branntwein,“ ſtieß er aus. Es war, als hätte er mit dieſem einzigen Ausdruck einen ganzen Felſen von ſeiner Bruſt gewälzt, als hätte er alle Qualen und Kümmerniſſe ſeines ganzen Lebens in dieſes Wort zuſammengedrängt, als hätte er auf ein⸗ mal einen Fluch auf die Menſchheit geſchleudert und ſie zu gleicher Zeit wegen ſeiner eigenen Verbrechen an⸗ geklagt. Dann ſank er wieder auf das Bett hinab und ver⸗ ſchloß ſeine Augen. Jeſpersſon ſuchte mit unermüdlichem Eifer in dem ungeordneten Magazin ſeiner Erinnerungen nach dem Modell dieſes Mannes, aber vergebens. „Sagen Sie mir Ihren rechten Namen,“ ſagte er endlich.„Ich weiß, daß ſolche Perſonen wie Sie den Namen oft verändern... Sie heißen nicht Hansſon.“ Der Gefangene bewegte ſich nicht. „Wir ſind allein, mein Freund,“ fuhr Jeſpersſon fort;„wenn ich Sie anſehe, meine ich Sie wieder zu kennen; aber ich weiß nicht, wo ich Sie in meinem er⸗ innerungsreichen Leben ſuchen ſoll. Wollen Sie nicht ſprechen?“ Der Gefangene ſchlug ſeine Augen auf und ſchaute ſich um. „Sind wir allein?“ fragte er. Der Blick, den er im Zimmer umher warf, die Art wie er fragte, verbreitete gleichſam ein Licht unter Je⸗ ſpersſons Gedanken. „Sie ſind... Sie ſind...“ „Sie ſind ſehr gut gegen mich geweſen,“ bemerkte der Gefangene.„Kann Niemand uns hören?“ „Niemand.“ „Ich könnte Ihnen viel anvertrauen,“ fügte der Ge⸗ fangene hinzu,„aber ich bin ſo matt, ſo ſchwach.“ „Sagen Sie mir Ihren rechten Namen.“ „Abrahamsſon.“ „Ums Himmelswillen, jetzt erkenne ich Dich! Du warſt es, der bei dem Vater des jetzigen Barons Horner diente, als er in Stockholm ſo plötzlich ſtarb. Du wur⸗ deſt in derſelben Nacht oder den Tag darauf verhaftet und eines Verbrechens angeklagt.“ „Ja, ja.. Jeſpersſon wagte kaum zu glauben, daß er dieſe für ihn und ſeine Abſichten ſo wichtige Perſon vor ſich habe, und gleichwohl konnte er es nicht bezweifeln. Jetzt kehrten in ſein Gedächtniß alle die Umſtände zurück, die bei dem Tod des alten Barons ſtattgefunden, und all die Betrachtungen, welche hernach, in Folge des Verkaufs von Wardnäs an den Landrichter Boijer in ihm aufge⸗ taucht waren. Ueberzeugt, daß Abrahamsſon der ein⸗ zige war, der den Schlüſſel zu all dieſen Räthſeln in ſeiner Hand beſaß, betrachtete er ihn jetzt als einen Mann von ſo großem Intereſſe und Einfluß, als ob Alles auf ſeinem Wort beruhte. Aber Jeſpersſon zwei⸗ felte an den Menſchen, und er erblickte in Abrahamsſon „ 3 — 9 einen Mann, der mit der Geſellſchaft gebrochen, und der, falls er ſeine eigene Bedeutung entdeckte, ohne zuvor mit der Ergebenheit des Herzens gefeſſelt zu ſein, ſehr leicht aus Laune oder Menſchenhaß im Allgemeinen ſeine Na⸗ tur verwandeln und eine Schwenkung machen könnte. Jeſpersſon mußte ſich alſo entweder des Angeublicks be⸗ dienen oder mit der größten Vorſicht zu Werke gehen. „Du warſt alſo bei dem alten Baron im Dienſt 2 Du antworteſt nicht...“ Während des kurzen Augenblicks, den Jeſpersſon mit ſtiller Ueberlegung verbracht hatte, war Abrahamsſon in einen Schlummer verfallen. Das Bad wirkte noch ſtärkend und wohlthuend. Jeſpersſon, welcher wußte, daß er ſehr kurze Zeit darauf rechnen durfte, mit dem Gefangenen allein zu ſein, rang ſeine Hände vor Unruhe. Er unterſuchte den Puls. Dieſer ſchlug gleichmäßig. Er lehnte das eine Ohr gegen das Geſicht des Kranken; er athmete ruhig und gleichmäßig. „Mein Gott,“ murmelte Jeſpersſon,„er kann bis morgen ſchlafen, und wenn man ihm ſeine Feſſelu wieder angelegt hat, ſo wird ganz gewiß auch ſein Herz ſo hart und kalt werden wie dieſe. Er muß jetzt ſprechen... jetzt.. Auf einmal klärte ſich Jeſpersſons Geficht auf, und mit einer haſtigen Bewegung führte er die Hand an ſeine Taſche. Im nächſten Angenbiick glänzte ein Fläſchchen in der Hand; aber er hatte es noch nicht öffnen können, als Mutter Maja eintrat. „Was wollen Sie 2“ fragte der Doctor. „Sie haben den Schlüſſel ins Zimmer auf der an⸗ dern Seite genommen.“ „Und dann?“ „Wir hören Rufe von innen und wir können nicht hinein.“ „Rufe?“ „Die Stimme iſt jammernd und leidend; wollen Sie mir den Schlüſſel geben, Doctor?“ Jeſpersſon hatte keine Luſt, irgend eine fremde Per⸗ ſon zu Sophie hineinzulaſſen. Er begriff, daß ſie aus ihrer Ohnmacht erwacht war, und ſtellte ſich vor, ſie würde in große Angſt gerathen, wenn ſie erführe, wo ſie ſich befände, ohne daß ſie ſich möglicher Weiſe erin⸗ nerte, wie ſie von ihrem Mann mißhandelt worden. Das Stübchen mit ſeinem elenden Ameublement glich mehr einer Gefängnißzelle, als einer Wohnſtätte für freie Menſchen, und konnte alſo nichts anderes als einen un⸗ behaglichen Eindruck hervorrufen. Jeſpersſon, deſſen ſonſt nicht ſentimentale Seele ſoeben den Nektar eines wonni⸗ gen Behagens aus dem Kelch ihrer unſchuldsvollen, blaſſen Geſichtszüge getrunken, meinte ihre Lage ſo wohl zu begreifen und wäre gern ſelbſt zu ihr geeilt— aber konnte er wohl Abrahamsſon jetzt... jetzt ſogleich ver⸗ laſſen? Wie viel beruhte nicht auf einem Geſpräch mit ihm? „Verlaſſen Sie mich,“ befahl er Mutter Maja. „Den Schlüſſel gebe ich nicht her. Ich werde im Augen⸗ blick kommen.“ Er antwortete, ohne daß er ſich ſelbſt klar machte, was er thun ſollte. „Aber das Frauenzimmer ruft um Hilfe.“ „Das iſt ganz gut, laß ſie rufen. Das beweißt, daß ſie noch am Leben iſt. Geh Deines Wegs. Du köunteſt durch dein Gerede den armen Mann da aufwecken .. ſein Leben beruht daranf, daß er ſchlafen darf... ich komme ſogleich... verlaß uns... verlaß uns.“ Mutter Maſa entfernte ſich, jedoch nicht ohne über die Eigenmächtigkeit zu murren, die ſich Jesſpersſon in ihrem Haus aumaßte. Sie hatte kaum die Thüre hinter ſich zumachen 11 können, als Jeſpersſon die Flaſche öffnete und ihre Mündung unter Abrahamsſons Naſe hielt. Abrahamsſon athmete ihren ſtarken Dampf ein und fuhr zuſammen. „Biſt Du wach?“ fragte Jeſpersſon. Abrahamsſon ſtreckte blos die Arme aus. Jeſpersſon führte von Neuem die Flaſche an ſein Geſicht: eine neue heftige Bewegung zeugte von ihrer Kraft. „Hörſt Du, daß ich mit Dir ſpreche... beſinne Dich... Du mußt hören und mir antworten.. 3 wach auf... wach auf!“ Die Spannung, worin Jeſpersſon ſich befand, zeugte von der ungeheuren Wichtigkeit, welche dieſer Augenblick für ihn beſaß. Durch welche Mitlel es auch ſein mochte, er wollte Leben in den Gefangenen hinein⸗ zwingen. Mit den Tropfen in der Flaſche rieb er dem Patienten Schläfe und Pulsadern, endlich aber wurde er von ſeiner Ungeduld dermaßen hingeriſſen, daß er ihn ſchüttelte. „Abrahamsſon,“ rief er,„Du mußt erwachen, Du mußt ſprechen.“ Mit einer matten Bewegung ſchlug Abrahamsſon endlich ſeine Augen auf. „Endlich,“ ſagte Jeſpersſon.„Reich mirDeine Hand, damit ich ſehen kann, ob Du mich hörſt oder nicht.“ Abrahamsſon ſtreckte ſeine Hand aus. „Du dienteſt bei dem alten Baron Horner, ſagteſt Du.. ſo ſagteſt Du doch...“ „Ich diente... Die Stimme war ſchwach und matt und ſeine Worte erſtarben, doch hörte man ſehr wohl, daß der Gefangene ſich bei voller Beſinnung befand.“ „Erinnerſt Du Dich der Art, wie der Baron ſtarb?“ Der Gefangeue nickte. Jeſpersſon verzweifelte. In ſeinem ganzen langen bunt bewegten Leben konnte er ſich an nichts erinnern, was ſeine Seele ſo ſehr in Anſpruch genommen hätte, wie dieſer Augenblick. So unerwartet die einzige Per⸗ ſon wieder gefunden zu haben, die einige Aufſchlüſſe ertheilen konnte; dieſe Perſon vor ſich zu beſitzen und zu ſinden, daß ſie außer Stand war, eine Erklärung abzugeben, das brachte Jeſpersſon außer ſich. Die Thüre öffnete ſich wieder und der Begleiter des Gefangenen ſtreckte den Kopf herein. Mutter Majas Gemurre über den Doctor, als ſie ihn verließ, veranlaßte den verantwortlichen Gefangen⸗ wärter, ein wachſames Auge auf ſeinen Mann zu werfen. „Wie ſtehts, Doctor?“ fragte er,„lebt Hansſon oder ſtirbt er?“ „Er wird am Leben bleiben, wenn Sie ihn nicht ſtören. Leben und Tod hängen einzig und allein davon ab, daß man ihn in Ruhe und Frieden läßt. Verlaſſen Sie mich. Ich habe nicht im Sinn...“ Der Doctor wollte ſagen: ich habe nicht im Sinne, Ihnen Ihren Gefangenen fortzuſchmuggeln; aber er un⸗ terbrach ſich, denn ein neuer Gedanke tauchte in ihm auf. Der Beſuch des Gefangenwärters überzeugte Je⸗ ſpersſon, daß er unmöglich abwarten konnte, bis Abra⸗ hamsſon vollkommen zur Beſinnung und zum Verſtand zurückgekommen war. Er konnte überdieß nicht länger ſäumen zu Sophie zurückzukehren. Gewohnt einen ſchnellen Entſchluß zu faſſen, that er dieß alſo jetzt. Er hatte auch keinen Augenblick zu verlieren. 4 Als der Gefangenwärter ins äußere Zimmer zurück⸗ 13 kehrte, nahm Jeſpersſon das Fläſchchen wieder auf, und gebrauchte es bei Abrahamsſon. Abrahamsſon fuhr aufs Neue zuſammen. „Verſtehſt Du mich,“ fragte Jeſpersſon,„wenn ich mit Dir ſpreche?“ „Ich verſtehe... ſprechen Sie... ſprechen „Willſt Du entfliehen?“ Heftiger als die Medikamente wirkte dieſe Frage auf das Nervenſyſtem des Gefangenen. Er ſchlug ſeine Augen auf und ergriff Jeſpersſons Hand; er wandte ſeinen Kopf gegen ihn und ſchien auf jedes Wort lau⸗ ſchen zu wollen, wenn es ihm auch nur zugeflüſtert wurde. „Höre auf meinen Vorſchlag,“ fuhr Jeſpersſon fort. „Ich will Dir helfen. Du begreifſt doch, was ich ſage 20 „Vollkommen.“ „Heute Nacht bleibſt Du hier. Du biſt krank und bedarfſt Ruhe. Du wirdeſt ſouſt nicht mehr weit kommen.“ „Sie haben Recht; ich fühle das.“ „Morgen unterziehſt Du Dich Deiner Kirchenſtrafe. Bei dieſer Gelegenheit wirſt Du aus der Gefangenſchaft befreit. Wenn Du aus der Kirche trittſt, ſei auf Dei⸗ ner Hut. Sollte ein Gedräng unter dem Volk ent⸗ ſtehen, ſo benütze den Augenblick. Das Schlimmſte iſt, daß ich Niemand habe, dem ich mich anvertrauen kaun.“ Jeſpersſon ſprach mit einer unverkennbaren Auf⸗ richtigkeit. Gefangenen fehlt es ſelten an Menſchen⸗ kenntniß. Sie iſt für dieſe Leute eine Stufenleiter zu ihren Verbrechen. Der Doctor hatte übrigens Abrahams⸗ ſon bereits ſo viel Wohlwollen und Güte bewieſen, daß es ihm nicht einmal einfiel, ſeine gute Abſicht zu be⸗ zweifeln. Sie 14 „Sie bedürfen einer Perſon,“ bemerkte Abrahamsſon, „der Sie ſich anvertrauen können?“ „Kennſt Du Jemand?“ „Ja...“ „Hans..“ „Ah, ich weiß, den Brennknecht auf Wardnäs.. „Ganz richtig, Herr. Seine Frau iſt...“ „Sage es beraus; der Augenblick iſt koſtbar; ich muß Dich verlaſſen. Was wollteſt Du ſagen? Seine Frau iſt...“ „Meine Schweſter, Herr.“ „Deine Schweſter? Gut, ich will mit Hans ſpre⸗ chen. Jedenfalls ſoll er an der Kirche aufpaſſen. Sieh Dich ſelbſt nur vor...“ „Seien Sie deſſen überzeugt.“ Aufgeweckt durch das künſtliche Mittel, das Jeſpers⸗ ſon gebraucht, hatte Abrahamsſon auf eine kurze Weile ſein Bewußtſein wieder bekommen; aber die Natur machte ihr Recht aufs neue geltend, und er ſank in ſeine Betäubung zurück. 3 Jeſpersſon verließ ibhn. Als er ins äußere Zim⸗ mer hinauskam, hörte er Sophie in dem Stübchen, wo⸗ hin er ſie getragen hatte, um Hilfe rufen. Er wollte alſo dahin eilen, wurde aber von dem Gefangenwärter aufgehalten, der ihn erſuchte, ihm ein ärztliches Zeug⸗ niß über Hansſons Krankheitszuſtand auszuſtellen. Der Doctor glaubte ihm dieß nicht verweigern zu dürfen und ſagte ihm, er könne das Schreiben am folgenden Mor⸗ gen bei ihm abholen. Hierauf trat er zu Sophie ein. 15⁵ Als Sophie aus ihrer Ohnmacht erwachte, ſtarrte ſie verwundert um ſich. Ibre Gedanken irrten bin und her wie die erſten matten Strahlen der zarten Morgen⸗ röthe: es war weder Licht noch Dunkel in ihrer Seele, ſondern eine unbeſtimmte, zitternde Dämmerung. Alles war ſo wunderbar ſowohl in ihr als außer ihr; ihr Kopf fühlte ſich nicht ſchwer, ſondern eber leer. Sie wußte nicht, ob ſie träumte oder wachte. Aus dem Halbdunkel traten die Gegenſtände im Zimmer in ſo fremde, ſonderbare Bilder. Auf einem unangeſtrichenen, kaum gebobelten Schreibtiſch ſah ſie ein dünnes Licht, das bereits mit matter, erſterbender Flamme am Ende eines unreinen Dochtes keuchte. Das Licht, das ſich von da aus verbreitete, glich mehr einem röthlichen Rauch, als einer wirklichen Flamme. Auf einem Tiſch weiter hinweg ſtanden eine Flaſche und etliche Gläſer. In einer Ecke lagen verſchiedene hölzerne Gefäße auf einander ge⸗ ſtapelt. Auf einem Ständer ſah ſie allerlei zerbrochene Haushaltungsgegenſtände unordentlich hingeworfen. An einem andern Orte entdeckte ſie einen Haufen Lum⸗ pen. Von allen Seiten traten neue, fremde und un⸗ heimliche Gegenſtände ihren matten, unſichern Blicken entgegen. War nicht alles zuſammen eine optiſche Täu⸗ ſchung? Aber der Blick gewann allmählig immer mehr Schärfe. Das Getöne ſtampfender Füße nahte ſich ihr vom obern Zimmer her. Sie hörte jetzt verworrene, um ein⸗ ander her kreiſchende Stimmen. Aber ſo unſicher kaum noch ihr Geſicht geweſen, ebenſo war auch ihr Ge⸗ hör. Sie vernahm blos ein Brauſen, kein klares Wort, keine verſtändliche Stimme, keinen reinen Ton. Mit einer lebhaften Bewegung ſprang ſie indeß auf einmal von ihrem Platze auf. Ein Wort hatte ſich ihr genaht. Die Hand an ihre Stirne gehoben, ſtand fie ſtill und lauſchend da. Noch einmal ertönte daſſelbe Wort, es war ihr eigener Name. Sie fühlte, wie warm ſie um ihre Wangen wurde und daß eine Röthe ſich über dieſelben verbreitete; aber auf ihren Namen folgte nach einer kurzen Pauſe eine Lachſalve, und die Wärme floh von ihrem Geſicht, und die Wangen wurden wieder kalt und bleich. Die Erinnerung mit ihren matten Schatten kehrte jetzt zurück. Wie eine Landſchaft in der Morgendämmerung auf⸗ wächst, ſo wuchſen jetzt auch die Erinnerungen in ihrer Seele empor. Sie entſann ſich der Ereigniſſe des Abends, aber ſie verbarg dabei das Geſicht in ihrer Hand, gleich als hätte ſie ſich vor ihren eigenen Erinne⸗ rungen verbergen wollen. Ein unwillkührlicher Schander erſchütterte ihr Herz, als das Gedächtniß mit ſichern Federzügen ihr die Scene vorzeichnete, die ſich ſo eben zugetragen hatte. Mit einem düſtern und unheimlichen Gefühl erin⸗ nerte ſie ſich der gewaltſamen, obſchon wahrſcheinlich nur durch einen Rauſch veranlaßten Handlungsweiſe ihres Mannes. Schon manches Jahr hatte ſie zwar über die Lei⸗ denſchaft geſeufzt, die ihn ſo tyranniſch beherrſchte, aber ſie hatte ſich gleichwohl vorgeſtellt, zwar nicht, daß er der einzige in dieſer Art ſei, ſondern doch, daß man in den Geſellſchaften, wo er ſeine Abende zubrachte, ſich wenigſtens wie Menſchen aufführe. Sie glaubte, man betrinke ſich da ein wenig und gehe dann nach Hauſe. Und welches Frauenzimmer kann denn auch begrei⸗ fen, daß man juſt, wenn man ſich ein wenig betrunken hat, am allerärgſten zu zechen anfängt? So lange man nüchtern bleibt, iſt man verſtändig und nimmt immer nur ein paſſendes Maß zu ſich; aber iſt man einmal voll, ſo hat man gar keinen Boden mehr.. 22—— — ——,————.,.,——— 47 Bei keinem Laſter emancipirt ſich das Thieriſche im Menſchen ſo gänzlich vom Moraliſchen wie bei der Völle⸗ rei. Der Eine und Andere kommt zwar nicht weiter, als daß er mit dem Göttlichen ſcherzt, andere lachen höhniſch darüber; in der letzten Inſtanz handelt man wie man ſpricht, und wenn ſich auch eine Gränze da⸗ zwiſchen befindet, ſo kommt es blos auf den Wahnwitz de Augenblicks an, ob man ſie überſpringt oder nicht. Sophie hatte ſich vorgeſtellt, daß es etwas Poeti⸗ ſches in der Trunkenheit gebe; ſie hatte hie und da ſelbſt ein Glas Wein oder Carolina genommen und dieß war ſo ſüß und gut geweſen, ſie hatte ſich davon ganz belebt gefühlt. Sie hatte zwar allerdings Bellmans Schriften nicht geleſen, aber ſie hatte ſeine Lieder ſingen gehört, und wenn ſie auch in der Tiefe ſeiner Schilderungen eine gewiſſe Melancholie entdeckte, ſo war dieſelbe doch ſo geiſtreich, ſo voll von Poeſie, ſo witzig und toll, daß ſie in jeder Figur, die darin hervorſchimmerte, eine nordiſche Ba⸗ chantin zu ſehen glaubte, die wenn auch eine erfrorene Thräne in ihren Augen zitterte, gleichwohl tanzend den Thyr⸗ ſus um ihre traubenbekränzte Stirne ſchwang. Auf ſolche Art hatte ſie den einen und andern flüchtigen und jung⸗ fräulichen Blick in die blühenden Vorhöfe der Trunken⸗ heit geworfen, wo die lebendige, aber doch reine Freude wohnt, wo die Adern der Kraft von neuem Behagen ſchwellen, wo Vergnügen und Scherz gleich glücklichen Kindern ſpielen, unbändig da und dort einen Zipfel an der Schürze der unſchuldigen Myſterien des Lebens em⸗ porhebend, wo die Liebe ihre Leier ſchlägt, und der Geſang in hinreißende Dithyramben übergeht, wo das Herz ein Herz und Freundſchaft die Freundſchaft ſucht, wo die Schönheit lächelt und die Tugend erröthet, ohne ihre Augen niederſchlagen zu müſſen. Aber was hatte ſie jetzt geſehen? Ridderſtad, Vater und Sohn. II. Ein Gemälde ohne alle Poeſie, ohne alle Illuſion, ohne alle Blüthe, ohne allen Duft. Sie hatte die aufgedunſene Rohheit, die betrunkene Grobheit, die eckelerregende Unverſchämtheit, den plum⸗ pen Hohn und das beſoffene Gegrinſe geſehen. Sie hatte ſich das Glas als eine Freude gedacht; jetzt hatte ſie es als Abgrund geſehen. Sie entſetzte ſich, denn in dieſem Abgrund hatte ſie ihren Mann und mit ihm ſein Glück, ſeine Liebe, die vor einigen Jahren ſo ſchön geträumte Seligkeit ihres Lebens den Furien preisgegeben gefunden. Sie entſetzte ſich. Der Dämon der Völlerei hatte vor ihr die Thore ſeines Reichs weit geöffnet und ſie hatte brennende Ge⸗ ſichter und flammende Augen geſehen, hatte... doch wofür uns in die Schilderung eines Abgrunds vertiefen, wenn der Wahnwitz den Verſtand entthront hat und die Handlungen des Menſchen keinen Regulator mehr beſitzen? Aber aus dieſen Erinnerungen kam ſie bald in die Gegenwart. Sie ſchaute ſich um. Eeſt jetzt ſtellte ſie die Frage an ſich, wo ſie ſich befinde. f Zu ihrem äußerſten Schrecken erkannte ſte nicht einen einzigen von allen Gegenſtänden, welche ſie um⸗ aben. 1 Sie erinnerte ſich lebhaft, daß ihr Mann ſie ge⸗ ſchlagen hatte und daß ſie umgefallen war, nachher erinnerte ſie ſich nicht mehr. 3 Ihr Herz ſchlug gewaltſam. Hatte man ſie wohl einſperren können? Noch leuchtete der Lichtdocht im Leuchter, konnte aber jeden Moment erlöſchen. Haſtig flog ihr Blick im gimmer umher, und als ſie jetzt die Thüre entdeckte, eilte ſie dahin um ſich einen Ausgang zu ſuchen. Aber die Thüre war verſchloſſen. Es war alſo wirklich wahr, daß man ſie in dieſen kleinen Ab⸗ grund eingeſperrt hatte. Sie hörte Stimmen draußen 4 luſion, unkene plum⸗ dacht; tte ſie ie vor eebens ich. Thore Ge⸗ doch tiefen, d die tzen! n die 19 und polterte an die Thüre. Man antwortete ihr nicht, aber es wurde gleichwohl ſtill und nun rief ſie; jedoch vergebens. Mit zurückgehaltenem Athem beugte ſie ſich ans Schlüſſelloch und lauſchte. Sie rief noch einmal. Keine Antwort. Sie konnte nicht länger bezweifeln, daß man ſie während ihrer Ohnmacht hierher geführt hatte; aber in welcher Abſicht? Immer unruhiger pochte ihr Herz, immer erſchrockener ſchaute ſie ſich um und ſann nach, ob ſich denn keine Möglichkeit des Entrinnens dar⸗ biete. Vor jeder Kleinigkeit zitternd machte ſie einen Gang im Zimmer umher. Unterſuchend blieb ſie am Fenſter ſtehen und blickte hinaus; die dunkle Nacht brei⸗ tete ſich da aus. Erſchrocken über ihre eigenen Gedanken zog ſie ſich wieder zur Thüre zurück. Klagend und betend erhob ſie ihre Stimme. Eine Lachſalve war die einzige Antwort, die ſie erhielt. Still! man ſprach. Sie er⸗ kannte die Stimme. Täuſchte ſie ſich wirkiich nicht? War es nicht Alfred Boijer, welcher ſprach? Mit der Kraft der Verzweiflung ſtrengte ſie ihr Hörorgan an. Nein, nein! ſie täuſchte ſich nicht. Er war es unzweifelhaft. Er liebte ja ihre Freundin Emma, und ſie bezweifelte nicht, daß auch ſie einen Freund an ihm haben würde. Dieß war ein Hoffnungsſtrahl, der ſich in ihre angſter⸗ füllte Seele ſchlich. Sie wollte ihn um Hilfe anrufen, und ſie war überzeugt, daß er ſich nicht entziehen würde. Aber, was war es wohl, was er ſprach? Auch er lachte auf dieſe rohe und gräßliche Art, welche ſie bereits ſo ſehr erſchreckt hatte. „Füllet die Gläſer!“ rief er.„Deine Geſundheit, Vater Lars! Deine Geſundheit!“ Sophie zog ſich ſeufzend zurück. War auch er ſo roh, wie die Uebrigen? „Komm Lars,“ ſagte er dann;„Du kannſt mir juſt folgen. Komm, komm!“ Sie hörte Tritte ſich entfernen und jetzt wollte ſie ihn zurückrufen, aber es war bereits zu ſpät. In dieſem Augenblick erloſch das Licht und ſie ſant klagend an der Thüre nieder. Als Jeſpersſon endlich eintrat, fand er ſie in knieen⸗ der, betender Haltung auf dem Boden. Er kam mit Licht und mit einem beruhigenden, tröſtenden Ausdruck in ſeinem Geſicht. Er kam mit freundlichen und milden Worten, die auf jedes zerfleiſchte Herz ſo wohlthuend wirken. Er kam mit Hoffnung, Frieden und Liebe, mit dieſen Engeln, die allein würdig ſind die Welt einzu⸗ nehmen, nnd die immer einen Wiederhall in jeder Bruſt finden, wo das Gute einen Reſonnanzboden hat. Nach⸗ dem er ihr die nöthigen Aufſchlüſſe ertheilt, erbot er ſich, ſie nach Haus zurückzuführen. Mit Freude nahm ſie ſein Anerbieten au. Als er an der äußern Stube vorbei⸗ ging, hatte er befohlen ſein Pferd an einen Schlitten zu ſpannen, und als er mit Sophie hinauskam, war Hans damit beſchäftigt. Bei dem Anblick Hanſens erinnerte ſich Jeſpersſon des Verſprechens, das er Abrahamsſon gegeben hatte. „Ich habe Dir etwas zu ſagen, Hans,“ redete er ihn an.„Du kannſt mit mir uach Haus kommen.“ „Weiß wohl,“ meinte Hans,„aber ſehen Sie, ich habe Befehl erhalten dazubleiben. Denn es iſt ſo, ſage ich...“ Hans hatte den Schlucken. Jeſpersſon argwöhnte, daß Hans und Abrahamsſon vielleicht bereits in einem Complott miteinander ſtehen könnten, und er wollte ſie um keinen Preis auf eigene Fauſt handeln laſſen, weil ſonſt der letztere ihm ſehr leicht hätte entkommen können. „Wer hat es Dir befohlen?“ fragte er alſo. „Ja ſehen Sie...“ 3 „Nun heraus mit der Sprache!“ „Gott ſteh mir bei, es ſoll allerdings ein Geheim⸗ nß bleiben; aber Ihnen, Herr Doctor, darf ich es wohl agen.“ e ſank enieeu⸗ m mit Sdruck milden thuend e, mit einzu⸗ Bruſt Nach⸗ r ſich, e ſein orbei⸗ ten zu Hans ersſon tte. ete er . ich ſage nsſon tehen igene ſehr eim⸗ wohl 21 Haus ſchluchzie wieder. „Herr Alfred iſt da,“ fuhr Haus fort,„um ſich eine kleine Kurzweil zu machen.“ „Alfred Boijer? Iſt er hier geweſen?“ Sophie erzählte es ihm jetzt auch. Haus lachte verächtlich und ſchluchzte dabei. „Alfred? Hier? Wohin iſt er gegangen?“ „Nach dem Herrenhof, verſteht ſich. Er ſoll ja morgen ausgerufen werden. Hi, hi, hi!“ Ein düſtrer Gedanke bemächtigte ſich Jeſpersſous. Er wußte jetzt genug von ihm und glaubte ihn zu allem fähig. Noch hatte Jeſpersſon die Schlittenfahrt auf dem übernächtigen Eiſe nicht vergeſſen. Lars Persſous Aeuße⸗ rungen hatten den jungen, aber nichtsdeſtoweniger ver⸗ härteten Windbeutel bereits vollſtändig vor ihm ent⸗ ſchleiert. „Trank er etwas, als er hier war?“ „Hm... „Iſt er allein fortgegangen?“ „Lars ging mit ihm.“ Dieſe Mittheilung verminderte Jeſpersſons Unruhe nicht. Im Fall jedoch Alfred etwas Böſes im Schilde führte, ſo war es jedenfalls klüger die Heimreiſe zu be⸗ ſchleunigen, als die Zeit hier zu verplaudern. Während Sophie in den Schlitten ſtieg, nahm der Doctor Hans auf die Seite und theilte ihm das Nöthige von ſeinem Geſpräch mit Abrahamsſon, von der beabſichtigten Flucht deſſelben und was er dabei zu beobachten hatte, mit. Hans hegte große Freundſchaft für Abrahamsſon und es freute ihn aufrichtig, daß Jemand etwas für ihn that; er verſprach daher gern und bereitwillig Alles was man nur verlangte. Jeſpersſon ergriff hierauf die Zügel, und nun ging es auf die Straße. Zwei Gedanken beſchäftigten Sophie ausſchließ⸗ lich; der eine drehte ſich unaufhörlich um ihren Manu, der andere um Emma. Die wahre Liebe hatte bei S Maß abgenommen, als Brun immer tiefer ſank und der Gegenſtand des Unwillens ſeiner Vorgeſetzten, der Ver⸗ achtung ſeiner Freunde zu werden anfing, bis er endlich gar keine Rückſicht mehr darauf nahm, mit wem er um⸗ ging, wenn er nur Gelegenheit fand, ſeine garſtige Lei⸗ denſchaft für geiſtige Getränke zu befriedigen. Als Sophie nach der Grauſamkeit, womit er ſie das letztemal und noch überdieß in Gegenwart frem⸗ der Perſonen behandelt hatte, wieder zur Beſinnung ge⸗ fonumnen war, hatte ein eiſiger Abſcheu gegen ihn ſie er⸗ aßt. ophie in demſelben Aber trotz dieſes Abſcheues vergaß ſie nicht, daß ſie ſeine Gattin war, und ſie ſann darüber nach, ob er nicht noch immer kurirt werden könnte. Sie berieth ſich darüber mit Jeſpersſon, dieſer aber ſchüttelte ſeinen Kopf. „Hätte Ihr Mann Charakter,“ antwortete er,„ſo wäre die Rettung nicht unmöglich, ſo aber zweifle ich ſehr daran. Alle Säufer ſehen, wenn ſie nüchtern ſind, wohl ein, daß ſie unrecht handeln: es iſt alſo nicht der Verſtand, was ihnen fehlt, ſondern Feſtigkeit des Wil⸗ lens, Muth und Kraft, die Leidenſchaften zu zügeln, kurz und gut es fehlt ihnen der Charakter. Aber die⸗ ſer iſt juſt auch das erſte, was das Laſter der Völlerei angreift und untergräbt, und erſt wenn er gebrochen und zu Grunde gerichtet iſt, dann thut es einen zweiten Schritt, d. h. es greift den Verſtand an... und dar⸗ nach das Herz. Mit ihrem Manne iſt es ſchon weit ge⸗ kommen.“ „Ich glaube gleichwohl,“ wandte Sophie ein,„daß ſein Herz noch gut iſt.“ „Mag ſein, daß es nicht angegriffen iſt, ich gebe „—— ſchließ⸗ Mann⸗ aſelben nd der Ver⸗ endlich r um⸗ e Lei⸗ er ſie frem⸗ ig ge⸗ ie er⸗ aß ſie ob er dieſer e„ſo e ich ſind, t der Wil⸗ geln, die⸗ lerei chen eiten dar⸗ ge⸗ daß gebe 23 es gerne zu; aber wenn das Herz auh eine unſrer edel⸗ ſten innern Kräfte iſt; wenn auch von da aus alle unſre zärtlichſten Gefühle auf uns einwirken, wenn es alſo juſt die Quelle iſt, aus welcher wir, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, beſtändig im Guten und Schönen neu geboren werden, ſo iſt gleichwohl das Herz doch nichts anderes, als die Wurzel unſeres denkenden und handeln⸗ den Weſens. Aber wenn nun der Stamm ſammt ſeiner Krone von Blüthen und Früchten gebrochen daliegt, da hat dieſe Wurzel nichts, worauf ſie wirken kann, und ihre Lebenskraft erſtirbt allmählig, juſt weil ſie keine Gelegenheit hat, ſich zu entwickeln. In dieſer Lage iſt das Herz ganz wie eine Perſon, die dem Ertrinken nahe iſt und auf allen Seiten nach einem Rettungs⸗ mittel greift, aber nicht einmal einen Strohhalm erfaſſen kann. Um Ihretwillen inzwiſchen will ich mit ihm ſpre⸗ chen und Sie können überzeugt ſein, daß ich die Wahr⸗ heit nicht maskiren werde. „Da fällt mir gerade etwas ein,“ fügte Jeſversſon nach einer Pauſe hinzu,„während meines letzten Aufent⸗ halts in Amerika begann man von einem neuen Heilmit⸗ tel zu ſprechen, das man die Braunntweinkur nennt. Ich hätte Luſt, es zu verſuchen.“ „In wie weit Dankbarkeit...“ „Sprechen Sie nicht davon, Madame. Ich erweiſe gern der Menſchheit einen Dienſt, auch wenn ich mich nicht dazu verpflichtet glaube. Bei Ihnen ſtehe ich je⸗ doch in einer Verpflichtung.“ „Bei mir?“ „Ich habe zu lang unter Barbaren und Wilden ge⸗ lebt, als daß ich eigentlich wiſſen ſollte, wie ich mich gegen Frauenzimmer benehmen muß. Wenn ich artig ſein will, ſo werde ich unverſchämt, wenn ich heiter ſein will, werde ich fad. Alle Verſuche, anders zu ſein, als man wirklich iſt, machen den Menſchen lächerlich oder dumm. Als ich das erſtemal bei dem Baron Horner 24 auftrat, war ich etwas von alle dem und ich merkte ſehr wohl den Verdruß, den ich hervorrief. Ich habe ſeit⸗ dem mein Möglichſtes zu thun verſucht, um dieſen Ein⸗ druck bei Ihnen Allen zu verwiſchen. Ueberdieß...“ Sophie hatte bisher Jeſpersſon immer gefürchtet und mehr einen Waldmenſchen als etwas Anderes in ihm erblickt; aber es lag jetzt ſo viel Ehrlichkeit und Redlichkeit in ſeinen Worten, daß ſie ihn mit wirklicher Frende anhörte. Es war ein Mann, der ganz unge⸗ heuchelt, aufrichtig und natürlich mit ihr ſprach, und dieß macht immer einen guten Eindruck auf ein vorurtheils⸗ freies und gebildetes Frauenzimmer. Gewöhnlich um⸗ geben ſich die Männer vor dem ſchönen Geſchlecht mit einer ſo feinpolirten Schale von Artigkeiten und Com⸗ plimenten, daß das Weib ſelten oder eigentlich vor der Vermählung niemals erfährt, wie der Kern beſchaffen iſt, ob er geſund oder wurmſtichig iſt. Wie ſehr fühlte ſich daher nicht Sophie angeſprochen, als Jeſpersſon ganz ehrlich und ernſthaft, ungehenchelt und einfach, ohne alle Verblümung aus ſeinem Inneru hervortrat. „Ueberdieß...“ ſagte ſie alſo, Jeſpersſons letztes Wort wiederholend, weil ſie zu hören wünſchte, was er hinzuzufügen hätte...„überdieß...“ „Ueberdieß, Madame,“ antwortete der Doctor, „haben Sie mir heute Abend eine ſchöne Stunde ge⸗ ſchenkt.“ „Ich?“ „Wäre ich nicht ein älterer Mann, ſo vürde ich vielleicht Anſtand nehmen, Ihnen meine Gedanken ſo aufrichtig zu ſagen, wie ich es jetzt thun will. Sie la⸗ gen ohnmächtig da.⸗ „DOhnmächtig... nun aber... „Während ich Sie ins Leben zurückzurufen verſuchte, hatte ich Selegenheit in Ihr Geſicht zu blicken.“ „Wie?“ 2 13* 2 ſehr ſeit⸗ Ein⸗ 3. rchtet s in und licher inge⸗ dieß eils⸗ um⸗ mit Com⸗ vor affen hen, helt nern tes S er 2⁵ „Aufrichtig geſagt, ich hatte Sie juſt vorher nicht ſehr ſtark ins Auge gefaßt, aber jetzt that ich es. JIu den bleichen, milden, feinen, gleichſam von des Todes kalter Hand berührten Geſichtszügen entdeckte ich ein ſo gutes und gefühlvolles Herz, einen ſo milden und er⸗ gebungsvollen Charakter, ein ſo liebendes und reines Gemüth, daß Sie mich unwiderſtehlich anzogen.“ „Ach, Herr Doctor.“ „Erzürnen Sie nicht, Madame. Niemand hat das Weib mehr ſtudirt als ich.“ 41 „Als Sie... ſoeben ſagten Sie... „Verſtehen Sie mich recht. Wenn ich ſage, daß Niemand das Weib beſſer ſtudirt habe als ich, ſo meine ich, daß ich es im Anatomieſaale gethan habe.“ Sophie ſchauderte.: „Aber bei aller Achtung für die Wiſſenſchaft iſt der Anatomieſaal gleichwohl der ſchlimmſte Platz, wo man das Weib ſtudiren kann. Nichts deſto weniger habe ich es bisher blos als einen vortrefflichen anatomiſchen Körper betrachtet und demgemäß behandelt. Sie ſind die Erſte, Madame, die mir andere Gedanken einflößt. Ich danke Ihnen dafür und hoffe, daß mich das zu einem beſſern Menſchen machen wird, als ich geweſen bin.“ Sophie lauſchte verwundert auf ſeine Erklärung. Sie war ſo eigentzümlich und ſo neu. Aber obſchon Sophie ihn gern. ſorechen hörte, ſo beläſtigte ſie der Gegenſtand gleichwohl, und ſie ſuchte auf etwas Anderes zu kommen. Dieß war auch nicht ſchwer, denn ſobald Jeſpersſon ihre Abſicht bemerkte, verſtummte er und zog ſich in ſeine harte Schale zurück. Sophie kam jetzt mit ihren andern Gedanken hervor. „Was ſagen Sie von Emmas und Alfreds Verbin⸗ dung?“ fragte ſie. Jeſpersſon ſchaute auf. „Glauben Sie, daß es eine glückliche Ehe ſein werde?“ fügte ſie hinzu. 26 „So wie es zwiſchen ihnen ſteht,“ autwortete Jeſpersſon,„will ich ſieben gegen zwei wetten, daß ſie unglücklich ſein wird.“ „Ach mein Gott, das iſt dieſelbe Anſicht, die ich auch habe.“ „Alfred Boijer war ſchon als Junge höchſt über⸗ müthig.“ Man hat mir das auch geſagt.“ „Er ſpielte in der Brennerei, wie in einer Kinder⸗ ſtube, und von ſeinen zarteſten Jahren an hat er ſchlechte Grundſätze eingeſogen. Der Brennmeiſter hat unter einer freundlichen Oberfläche, obſchon in gehäſſigen Ab⸗ ſichten, ſeine erſten Gedanken und Schritte geleitet, wie⸗ wohl ich nicht begreife, zu welchen Zwecken. Alfred iſt jetzt auch ein ruinirter Jüngling.“ „Glauben Sie das?“ „Alfred Boijer beſindet ſich auf demſelben Weg, wie Ihr Mann, und ſein Weg geht auch nach derſelben Richtung, obſchon er bei einem weit ſchlechteren Herzen auch noch viel weiter gehen wird. Für Ihren Mann gibt es ein einziges Ziel: den Tod. Für ihn findet ſich vorher noch ein anderes...“ „Was meinen Sie?“ „Das Verbrechen hat immer ſeine Strafe vor dem Tod.“ „Sie erſchrecken mich.“ „Eine gräßliche Prophezeiung hat immer etwas Schreckliches.“ „Aber wie wird man ſeiner Verbindung mit Emma vorbeugen können?“ „Daran habe ich lange gedacht, Madame.“ 3 „Wirklich? Als ich da oben aus meiner Bewußt⸗ loſigkeit erwachte und im änßern Zimmer Alfreds Stimme hörte, da wurde ich durch den Gedanken aufgeſchreckt, daß er ſich mit Emma vermählen ſolle. Ich habe zwar manchmal meinen Mann das eine und andere Wort über 27 ihn hinwerfen gehört, aber ich glaubte immer, dieß komme vom NReid oder einem perſönlichen Unwillen, und ſo hatte ich auch nicht das Herz, Emma meine Gedanken mitzu⸗ theilen, aber jetzt... ſeit ich ſein robes Lachen ge⸗ hört... ach, ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ſehr ich von Gewiſſensbiſſen gequält werde, weil ich Emma nicht ſchon früher von Allem, was ich gehört, unterrichtet habe. Bedenken Sie, wenn ſie ſo unglücklich werden ſollte, wie ich.“ „An Alfred's Seite wird ſie noch unglücklicher werden.“ „Das iſt unmöglich.“ „Der Verhärtete iſt immer ſchlimmer, als der Schwache.“ „Und die Verkündigung, die morgen ſtattfinden ſoll!“ „Sie kann nicht mehr abgewendet werden.“ „Nicht?“ „Unmöglich. Ich bin überzeugt, daß Fränlein Emma wenigſtens im gegenwärtigen Augenblick Boijer zu lieben glaubt. Die Neigung iſt blind. Ihr Vater iſt übrigens ein Mann, der ſich vor allen Dingen durch ſein Ehrge⸗ fühl leiten läßt, und nur die vollſtändigſten Beweiſe von der wirklichen Sittenloſigkeit Alfreds könnten ihn ver⸗ mögen, ſein Verſprechen zurückzunehmen. Ich habe ihn bexeits einmal geprüft und will es nicht unnöthiger Weiſe wiederholen. Ich hoffe inzwiſchen...“ „Sie hoffen... ach, ſagen Sie mir, was Sie hoffen.“ „Ich hoffe... auf Gott, Madame.“ „Sie wollen mir ausweichen.“ „Die Menſchen können einander ausweichen, das iſt wahr, aber ſie können dem Wege nicht ausweichen, den Gottes Finger ihnen vorzeichnet. Was er will, ge⸗ ſchieht... auch wenn wir nicht wollen. Will er, daß Sie und ich..“ Jeſperſon unterbrach ſich plötzlich. 28 „Daß Sie und ich?“ bemerkte Sophie.„Was wollen Sie ſagen, Doctor?“ „Nichts, Madame, gar nichts.“ Jeſpersſon fuhr jetzt in den Hof, und Sophie wagte es nicht, ihre Frage zu erneuern. Eine eigenthümliche Unruhe bemächtigte ſich ihrer, und ein ſtiller Seufzer... ſie wußte nicht warum... bebte durch das Blumenreich ihres Herzens. Als der Schlitten ſich dem Thore des Flügelgebäu⸗ des näherte, das der Baron zu Sophiens Verfügung ge⸗ ſtellt hatte, ſtand ihr Dienſtmädchen an der Treppe⸗ Obſchon es ganz dunkel war, erkannte Sophie ſie ſogleich und wunderte ſich blos darüber, daß ſie unbe⸗ weglich auf ihrem Platze ſtehen blieb, ſtatt herbeizukom⸗ men und ihr aus dem Schlitten zu helfen. „Nun, Letty,“ rief Sophie ihr zu,„warum kommſt Du nicht und hilfſt mir, ſondern ſtehſt wie feſtgewach⸗ ſen da?“ Das Mädchen bewegte ſich nicht vom Flecke. .„Letty, Letty, ich glaube, Du hörſt und ſiehſt mich nicht!“ Es war wirklich ſo. Letty hörte und ſah ihre Ge⸗ bieterin nicht. Jeſpersſon reichte inzwiſchen Sophie die Hand und half ihr mit Verguügen aus dem Schlitten. Nachdem Sophie ihm für alle erwieſene Freundſchaft gedankt hatte, eilte ſie die Treppe hinan. „Pfui, Letty,“ ſchalt ſie das Mädchen,„warum ſtehſt Du wie ein Wachsbild da?“ „Still, beſte Madame, ſtill,“ bat Letty blos. Spre⸗ chen Sie nicht ſo laut. Still, ſtill!“ „Biſt Du verrückt, Letty? Was kommt Dich an?“ „Hören Sie nichts, beſte Madame! Hören Sie doch! Aber ſprechen Sie um Gottes Willen leiſer. Dort hinter der Thüre ſteht ein Mann.“ SeSS=ZoSUS=ESB ——— 29 „Ein Mann?“ „Ich hörte ſoeben deutlich ein Getöſe bei des Barons. Hörten Sie Nichts?“ Letty ſprang die Treppe hinab und Jeſpersſon nach, welchen ſie erſuchte ſich nicht zu entfernen, ſondern zu⸗ rückzukehren, indem ſie behauptete, es trage ſich etwas Schreckliches zu. 3 Zu Sophiens Ohren drang in dieſem Augenblick auch das Getöſe eines verworrenen Lärms. 3 Letty zog Beide mit ſich in die Hausflur. Sie zitterte an allen Gliedern vor Angſt. „Was gibt's?“ fragte Jeſpersſon,„erkläre Dich.“ „Unruhig über das lange Ausbleiben von Madame,“ erzählte jetzt Letty,„und da es mir verboten wurde... wie Madame ſelbſt weiß... des Barons davon in Kenntniß zu ſetzen, daß Madame ſich nach Krähenneſt begebe, ſetzte ich mich drinnen an's Fenſter, um recht genau auf die Landſtraße hinausſehen zu können. Stunde um Stunde verging, ohne daß Jemand ſich zeigte, und ich kann gar nicht ſagen, wie ängſtlich ich wurde. Endlich bekam ich etwas Dunkles zu ſehen, das ſich in der Allee bewegte, und ich ſprang auf die Treppe hinaus, denn ich glaubte, es ſei Madame, die zurückkomme; aber als ich hieher kam, ſah ich, daß es ſtatt ihrer zwei Männer waren.“ „Zwei Männer?“ Letty konnte ihre Worte kaum hervorbringen, ſo ängſtlich war ſie. „Wie ich ſage, zwei Männer,“ fuhr ſie fort.„Es war mir unmöglich zu hören, was ſie flüſterten, aber ſie ſchlichen ſich ſo vorſichtig und ſonderbar heran, daß ich ganz ängſtlich wurde und mich hier an der Treppe ver⸗ barg, um zu ſehen, was ſie auſtellen würden. Es ſind ſicherlich Diebe.“ „Keine ſo lange Beſchreibung... zur Sache, zur Sache..“ 30 „Still!“ flüſterte Sophie, Man hörte deutlich ein neues Getöſe von oben. „Wohin nahmen die Männer ihren Weg?“ fragte Jeſpersſon. „Der Eine,“ verſetzte Letty,„ſchlich ſich ſeitwärts von der Thüre, und als der Herr Doctor im Hofe anfuhr, ſah ich, daß der Mann ſich hinter derſelben verbarg. Er ſteht gewiß noch da.“ „Und der Andere?“ „Er ſchlich ſich ins Haus hinein.“ Jeſpersſon wollte ſogleich von ihnen wegeilen, aber Sophie bat ihn, einen Augenblick zu warten, weil ſie glanbte, man müſſe ſich mit einer Laterne verſehen. Der Doctor hörte jedoch auf dieſem Ohr nicht, ſondern ſprang über den Hof und auf die Thüre zu, die er aufſtieß. Ganz wie Letty beſchrieben hatte, fand er da einen Mann, obſchon die Dunkelheit ihn hinderte, denſelben zu erkennen. In der Abſicht ihn aus ſeinem dunkeln Verſteck her⸗ vorzuziehen, packte Jeſpersſon ihn am Kragen; aber der Mann ſchien ſich nicht ſo leicht gefangen geben zu wollen, und Jeſpersſon, der ſelbſt ſehr ſtark war, hatte es hier mit keinem Täubchen zu thun. Es entſtand alſo ein hef⸗ tiger Kampf, der nicht ſo bald aufhörte. Mit der Laterne in der Hand kam Sophie aus dem Flügelgebäude heraus und eilte hinzu. Aber in demſelben Augenblick, wo ſie ſich der Thüre näherte, hörte ſie vom Hauptgebäude her haſtige Schritte und einen kurzen, aber erſchütternden Angſtſchrei, weß⸗ halb ſie ſich von Jeſpersſon abwandte, um da zu Hilfe zu eilen, wo die Gefahr ihr am größten ſchien. Sie nahm alſo den Weg in die Hausflur der Woh⸗ nung des Barons; aber als ſie an die Thüre kam, ſah ſie eine Perſon in voller Haſt auf ſich zueilen, und um nicht über den Haufen gerannt zu werden, zog ſie ſich auf die Seite. Unwillkürlich hob ſie indeß, als der 31 Fliehende näher kam, die Laterne in die Höhe, um zu ſeben, wer er wäre, und da ſie glaubte, es ſei ein Ver⸗ brechen begangen worden, ſo ſtand ſie im Begriff, die Laterne aus Verwunderung fallen zu laſſen, denn ſie er⸗ kannte... Noch ehe ſie ſich vom Fleck bewegte, hörte ſie von außen her und zwar von Jeſpersſons Seite einen Ruf. Unſchlüſſig, was ſie thun, ob ſie ſich zuerſt eine Treppe hinauf oder zu Jeſpersſon auf den Hof hinaus⸗ begeben ſollte, folgte ſie der erſten dunkeln Eingebung ihres unklaren Gefühls, und eilte hinaus, fand aber den Doctor in einen Schneehaufen geworfen und ſah die bei⸗ den Männer haſtig entſpringen. Jeſpersſon war wüthend, er fluchte und donnerte. Er war ſeiner Sache ſo ſicher geweſen, daß er den Kerl hinter der Thüre züchtigen und ergreifen könnte, als der andere Flüchtling dem erſten zu Hilfe kam und die Kraft des Doctors unter der gemeinſchaftlichen An⸗ ſtrengung beider erliegen mußte. Als man ihn umwarf, fiel er in einen zuſammengefegten Schneehaufen, wo er glücklicher Weiſe keinen Schaden nahm. „Sie ſind entflohen,“ ſagte er.„Erkannten Sie einen von ihnen?“ „Ob ich ihn erkannte?“ Sophie wußte nicht, ob ſie es ſagen ſollte oder nicht. „Sie müſſen dem einen derſelben in der Hausflur begegnet ſein; ſahen Sie nicht, wer es war?“ Sophie dachte an Emma. „Nein,“ antwortete ſie. „Und Sie hatten doch die Laterne?“ Wie hart fiel es ihr nicht zu lügen, aber konnte ſie gleichwohl etwas anderes thun? „Es iſt wahr... aber ich war ſo erſchrocken...“ „Zum Henker,“ murmelte Jeſpersſon.„Laſſen Sie uns hineingehen und hören, was geſchehen iſt.“ An der Hausflur hörte man das Getöſe von Fuß⸗ 32 tritten von allen Seiten her, und ein Geſicht nach dem andern kam zum Vorſchein, alle aber eilten eine Treppe hinauf. Jeſpersſon und Sophie begaben ſich nach derſelben Richtung. Als ſie oben auf der Treppe ankamen, ſtellte ſich ihnen ein unerwartetes Gemälde dar. Die Thüren zu den Zimmern Fräulein Emmas und Carl Auguſts, die neben einander lagen, ſtanden ſperrweit offen. In dem einen zeigte ſich Emma, ein erſchütterndes Bild des Entſetzens und Schreckens; über ihr gewöhnlich ſo roſenrothes mildes Geſicht ſchien der Tod ſeinen kalten Hauch geblaſen zu haben, die Wangen waren bleich; man konnte in ihnen den Schimmer vom Leichentuch der im Herzen ſterbenden Freude ſehen; die Augen flogen verwirrt, ängſtlich und ſtarr umher, gleich als vermöchte das arme Mädchen keinen ganzen Gedanken mehr mit ihnen zu telegraphiren, ſondern nur noch ab⸗ gebrochene, zerſtückte und unklare Fragmente der Unruhe eines zerfleiſchten Inneren. Bei jeder neuen Perſon, die hinzu kam, fuhr ſie zuſammen, und man konnte glauben, daß ſie mit dem ganzen Beben einer aufgeregten Seele in jeder neuen Perſon eine zermalmende Hiobspoſt fürchte. Sie ſtand jedoch allein da. Aber in einiger Entfernung ergab ſich eine Scene, um welche die Anweſenden ſich verſammelten. Da ſah man Baron Horner, der Carl Auguſt ſtützte. Der Baron war zuerſt angekommen. Auf der Treppe hatte er eine Perſon an ſich vorbei raſen geſehen, aber da er in demſelben Augenblick den Klage⸗ ruf ſeines Sohnes vernahm, ſo eilte er zu dieſem und fand ihn im Korridor auf dem Boden liegend. Auf ſei⸗ nen Ruf waren bald mehrere Mitglieder des Hauſes hinzugekommen, man hatte Lichter angezündet, und nach⸗ dem der Baron ſeinen Sohn aufgerichtet, war man jetzt beſchäftigt, ihn in ſein Zimmer zu führen. Wir wiſſen, wie ſehr Baron Horner ſeine Familie liebte heftis ſcheh einer Ged 33 liebte. Man wird ſich auch leicht vorſtellen können, wie heftig aufgeregt er ſein mußte. Horner beherrſchte ſich jedoch und ſprach ruhig. „Sag' mir, Carl Auguſt,“ bat er,„was iſt ge⸗ ſchehen? Obſchon es finſter war, ſah ich den Schatten einer Perſon, die ſich haſtig entfernte.“ Carl Auguſt antwortete verworren und hatte ſeine Gedanken noch nicht zu ſammeln vermocht. „Springe Jemand hinauf,“ befahl der Baron,„und ſehe, ob Doctor Jeſpersſon zu Hauſe iſt; iſt er da, ſo möge er die Güte haben, hieher zu kommen.“ „Ich bin hier, Bruder,“ antwortete der Doctor. „Beunruhige Dich nicht um Deinen Sohn, mit ihm hat es keine Gefahr. Er hat ſich zu ſehr angeſtrengt, das iſt Alles; aber er wird bald wieder zu ſich kommen.“ Der Baron drückte Jeſpersſon dankbar die Hand für die tröſtenden Worte. Dem Leſer wollen wir hier erzählen, was ſich zu⸗ getragen hat. Alfred hatte auf eine im Ganzeu eigenthümliche Weiſe Emmas Einwilligung zu einem abendlichen Rendez⸗ vons auf ihrem Zimmer nach dem Beſuche auf Wardnäs zu erhalten vermocht. Dieſes Verſprechen war für ſie ein abſtoßendes und beunruhigendes Gefühl geblieben. Alfred war jedoch, nachdem er ihre Einwilligung in ſeinen Wunſch erhalten, ſo freundlich und ſo herzlich geweſen, weit freundlicher, als er ſich ſeit langer Zeit gezeigt, und ſo lange nichts anderes dazu kam, fühlte ſich Emmas Seele von Liebe und Freude umflattert. Ridderſtad, Vater und Sohn. II. 3 34 Aber Boijer erklärte, daß die Hochzeit zwiſchen ihnen ſtattfinden ſollte, und nun kam es ihr vor, als würde der luftige Roſenſchleier auf einmal entzwei ge⸗ riſſen. Durch dieſe Erklärung bekamen alle die Selbſttäu⸗ ſchungen, welche ſie gaukelnd umſcherzt hatten, gleichſam ein irdiſches Daſein. Die Himmelfahrt, die bisher ihr unerfahrenes jun⸗ ges Herz hingeriſſen hatte, ſtockte auf einmal. Der Himmel verlor gleichſam ſein Sonnenlicht, die Erde ihre Blumen. Sie hatte mit der Liebe geſchwärmt und ſich glück⸗ lich gefühlt; die Liebe kam als Wirklichkeit und ſie er⸗ ſchrack. All die glühenden und entflammenden Reizmittel, deren Alfreds charakterloſe Leidenſchaft ſich bedient hatte, un ihre Neigung zu unterhalten und zu befeuern, erloſchen, und es wurde ſo finſter.. ſo finſter in ihrer Seele. Jetzt erinnerte ſie ſich des Verſprechens, das ſie ihm während der Schlittenfahrt gegeben hatte. Es war nicht mehr ein Wolkenfleck, der zwiſchen den Zweigen eines Roſenbuſches hervorſchimmerte, es war ein Samum, welcher die Blumen in ihrer fchwärmeriſchen jungen Seele zu verheeren drohte. Was die kindlichen Träume ſpielend ihr verborgen hatten, das hielt die Wirklichkeit entſchleiert und nackt ih⸗ ren Blicken vor. Als ſie von Wardnäs zurückkam, warf ſie ſich ihrer Mutter in die Arme. Die Baronin glaubte, ihre Unruhe komme von ge⸗ wöhnlicher jungfräulicher Scheu, und ſuchte ſie wegzu⸗ ſcherzen, ſo daß Emma, die ſich ſelbſt nicht verſtand, end⸗ lich daſſelbe zu glauben anfing. Aber es war doch nicht wie vorher. Mitunter kam eine Angſt über ſie, deren ſie ſich nicht erwehren konnte. 35 hal Einige Kleinigkeiten trugen noch bei, dieſe zu unter⸗ alten. Die neugierige kleine Conſtanze war mit der wilden Adine nach Edsbro gekommen, um Caros unbeſchreibliche Kunſtfertigkeit zu bewundern, und wie er ſeine Tatzen in Adinens Hand legen und das Alles ſo zärtlich und rührend machen konnte, daß man nothwendig darüber la⸗ chen mußte. Mit einer kleinen Frauenzimmerarbeit beſchäftigt, ſaß Emma am Fenſter. Sie nähte und nähte, den Kopf über ihre Arbeit gelehnt, aber in der Wahrheit träumte ſie blos und träumte. Weiter weg im Zimmer waren Conſtanze und Adine mit Caro beſchäftigt. Unermüdlich in ihren Poſſen mit dem frommen Hund hatten die Mädchen ihn als ihren Kavalier ſowohl bei Watzern als bei Polkas agiren laſſen, und verſäumten auch nicht den zottigen Hofmacher ſeine Tatzen in ihre Hand legen zu laſſen, und ihn zu zwingen, daß er ſie anſchauen mußte, wie ein Ritter von der traurigen Ge⸗ ſtalt. Und obſchon Caro ſein Experiment unläugbar mit einem ganz unübertrefflichen Ausdruck und einer höchſt bewundernswerthen Contenance machte, wurden die un⸗ bändigen Mädchen es doch nicht müde, ihn ſeine Lieb⸗ haberrolle aufs neue wiederholen zu laſſen; aber wer der Sache zuletzt überdrüſſig wurde, das war Caro. Ein Hund hat auch ſeine Launen, und als er gegen Jedermann ſeine Schuldigkeit gethan zu haben glaubte als ein ächter Ritter ohne Furcht und Tadel, ſprang er vom Sopha zs⸗ begab ſich zu Emma, und nahm zu ihren Füßen atz. bzäber wenn auch ſehr viele Perſonen möglicherweiſe das Selbſtſtändigkeitsgefühl reſpectirt haben würden, das ſo ehrenhaft bei unſerem Freund Caro zum Vorſchein kam, ſo betrachtete gleichwohl Adine die Sache nicht von dem gleichen Geſichtspunkt. 36 Sie hielt es für ein Majeſtätsverbrechen von Seiten ihrer erklärten Flamme und glaubte, daſſelbe müſſe auf der Stelle gezüchtigt werden, damit nicht etwa Emanzi⸗ pationsideen Gelegenheit bekämen ſich bei dem gnädigen Herrn zu entwickeln. Adine befahl ihm alſo auf der Stelle als gehorſamſter Seladon zurückzukehren, aber Caro hatte nun einmal ſeinen Entſchluß gefaßt, und hörte nicht mehr auf die⸗ ſem Ohr. Als Adine ſah, daß ihr kleiner Zorn an Caros Hart⸗ näckigkeit ſcheiterte, drehte ſie klüglich das Blatt um, und ſuchte ſeine Kälte durch zuckerſüße Worte zu beſiegen. Aber obſchon Caro durch freundliches Gewedel mit dem Schwanz ihr ein cum laude für den Takt ausſtellte, den ſie dadurch an den Tag legte, ſo blieb er gleichwohl ruhig wie ein Muſelmann. Conſtanze war ganz entzückt darüber, daß Caro doch nicht ſo gehorſam war, wie Adine ſich eingebildet hatte. „Was habe ich geſagt?“ bemerkte ſie;„Caro gehorcht Dir nicht... er gehorcht Dir nicht.“ „Nicht?“ fragte Adine.„Das wollen wir doch ſehen. Daher, Caro, daher,“ fuhr ſie fort,„daher, dann bekommſt Du einen Kuß von mir.“ Obſchon Emma von vielen andern Sachen träumte, ſo ſchlug doch zuweilen das eine und andere Wort vom Geſchwatze der Mädchen an ihre Ohren. „Nun, Caro, kommſt Du nicht?“ Conſtanze lachte ihre Freundin aus, als Caro ſich nicht vom Fleck bewegte. Adine wurde wirklich böſe. Sie hatte einen Kuß⸗ verſprochen, und er kam nicht. Das war ja im höchſten Grade unartig.. „Ich bin überzeugt, daß, wenn Schweſter Emma ihrem Alfred irgend etwas, auch nur das Geringſte ver⸗ ſpra laſſe flog beit dach Sch ſcha rüht koſt und haſt viel ſie gen erkl Ohlt wor vorl ſich ein ſeine iten auf nzi⸗ gen ſter mal die⸗ art⸗ und hen. dem den hig aro det rccht en. mſt tte, om ich uß ten na ⸗ 37 ſpräche, ſo würde Alfred keinen Augenblick auf ſich warten laſſen.“ 3 Die Worte drangen an Emmas Herz und eine Röthe flog über ihre Wangen. Es war ihr unmöglich ihre Ar⸗ beit länger fortzuſetzen, ſie legte ſie daher weg, und ge⸗ dachte ſich auf ihr Zimmer zu begeben. In der Hausflur angekommen, begegnete ſie Guſtav. Schwankend und blaß wie immer, blieb er ſtehen und ſchaute ihr nach, als ſie vorbeiging. Die innige Ergebenheit, die aus ſeinem Blick ſprach, rührte Emma. Theilnahme war ihr in dieſer Stunde koſtbarer als je. Sie erinnerte ſich jetzt auch an etwas, und wandte ſich zu Guſtav. „Ich ſoll Dich von Anna grüßen,“ ſagte ſie.„Du haſt viel Gutes von ihr geſagt, Guſtav; aber nicht zu viel. Ich traf ſie geſtern bei Boijers.“ „Bei dem Gutsherrn? mein Gott iſt ſie dort?“ Guſtav wurde todesbleich. „Warum erbleichſt Du, Guſtav? Iſt eine Gefahr für ſie vorhanden, wenn ſie dort iſt?“ Ihre eigene Stellung bedenkend hatte ſie eine Frage gemacht, vor welcher ihr Herz erſchrack. Guſtav, der nicht den Muth hatte ſich aufrichtig zu erklären, wünſchte blos ſeines Weges gehen zu können. Ohne etwas ſagen zu wollen, ſtammelte er einige ver⸗ worrene Worte, die Emma noch ängſtlicher machten als vorher. Ein Mädchen, das ausgerufen werden foll, fürchtet ſich vor Allem; in der geringſten Kleinigkeit erblickt ſie ein Geſpenſt. „Ich verſtehe Dich nicht, was meinſt Du?“ Guſtav faßte ſeinen Entſchluß. „Nichts,“ antwortete er,„nichts.“ Und damit kehrte er ihr den Rücken und ging ſchnell ſeines Weges. 38 Aber dieſes Nichts führte Emma gleichwohl auf den Hauptgegenſtand ihrer Unruhe zurück. „Was meinte Guſtav?“ fragte ſie ſich.„Kann eine Gefahr drohen?“ Die Gedanken verwirrten ſich in tauſend Labyrin⸗ then, und Ahnungen kamen und gingen, und alle führten Schrecken und Angſt mit ſich. Am Abend legte die Baronin wieder Patience, d. h. ſie ſuchte zu weiſſagen. Emma ging ans Fenſter. Scherzend erklärte die Mutter, ſie wolle nachſeben, ob ſie mit Alfred glücklich werde; natürlich bezweifelte ſie es nicht. Als ſie die Karten gelegt hatte, konnte ſie jedoch nicht umhin, in ein leichtes und fröhliches Lachen auszubrechen. Emma beobachtete genau jede Veränderung in ihren Geſicht. 3„Nun, Mama,“ bemerkte ſie ungeduldig.„Wal ſagen die Karten? Du lachſt darüber.“ „Was ſoll ich thun, liebe Emma? die Ausrufung iſ ja bereits feſtgeſetzt, und morgen wird Deine bevorſtehende Vermählung zum erſten Mal in der Kirche verkündigt.“ „Nun ja, Mama...“ „Und weißt Du, was hier liegt?⸗ „Nein, Mama, nein!“ „Daß die Hochzeit gar nicht zu Stande komme, denke Dir nur. Die Karten ſind verrückt. In den letzten Wochen habe ich nicht mehr das Mindeſte von ihnen be⸗ griffen.“ Ein ſonderbares Gefühl erweiterte Emmas Bruſte Sowohl Freude als Kummer zog in ihr ein. Sie konnte nicht erklären, was in ihrem Innern vor ſich ging, es war ihr indeß unmöglich, in die Scherze der Mutter einzuſtimmen. Heftig klopfte das Herz und ſie legte ihre Hand darauf. tben, felte e ſie chen Freu Was g iſ ende gt.“ enke 39 Je weiter der Abend vorſchritt, um ſo düſterer wurde ſie auch. Das Alfred gegebene Verſprechen, daß er ſich ein⸗ finden dürfe, nahm tauſenderlei Geſtalten an. Bald ſtand es lächelnd und bezaubernd, bald kalt und höhniſch vor ihr; bald meinte ſie, es winke ihr wie eine tanzende Ba⸗ jadere, welche ſie verführeriſch in die verzauberten Luſt⸗ gärten nach ſich führe, aber im nächſten Augenblick fiel die Maske vom Geſicht des verlockenden Traumbildes und ſie erblickte in ihm eine Furie, welche ſie an den Rand eines bodenloſen Abgrunds verlockt habe. Obſchon voll⸗ kommen wach, träumte ſie dennoch. Sie meinte am Rande der Tiefe zu ſtehen, ſie ſah, wie die Furie gleich einem düſtern Schatten immer höher über ſie emporwuchs, und mit Entſetzen fühlte ſie, daß ſie von ihr ſachte hinab⸗ geſchoben wurde. Dieſe Vorſtellung ſchwebte ihr ſo leb⸗ haft vor, daß ſie zuweilen ſogar ihre Hand ausſtreckte, gleichſam um ſich im Fallen halten zu können. In dieſer Stimmung ſagte ſie ihren Eltern gut Nacht und begab ſich auf ihr Zimmer hinauf. Einen Augenblick hatte ſie ſich mit dem Gedanken getröſtet, daß Alfred blos geſcherzt habe, aber wenn ſie ſich ſeines wilden, brennenden Blicks erinnerte, ſo verdun⸗ ſtete dieſer tröſtende Gedanke wie ein von Sonnenſtrahlen verjagter, farbenſchimmernder Nebel. Einen andern Augenblick bildete ſie ſich ein, er werde nicht kommen, aber auch dann meinte ſie in ſein leidenſchaftliches Geſicht zu ſehen und die Hoffnung ver⸗ ſchwand. Während dieſes Kampfes zwiſchen den guten und finſtern Mächten in ihrer Seele ſtürzte jedoch der ganze, von einer unreifen, kindlichen Laune errichtete Zauber⸗ palaſt, wo Alfred bisher ein Zimmer gehabt hatte, in ihrem Herzen ein. Sie mußte einen Entſchluß faſſen, aber welchen Ent⸗ ſchluß ſollte ſie faſſen! 40 Ihre Bruſt wogte auf und ab. Roſen und Lilien löſten einander ab auf ihren Wangen. Das heitere liebenswürdige Lächeln, das ihr ſo gut ließ, ſchien für immer verſchwunden zu ſein. Sie ging im Zimmer auf und ab. Ihre Abſicht war, es bei ſich ſelbſt zu überlegen; aber Gedanken kamen und Gedanken verſchwanden, ohne daß einer lange genug haften blieb, daß ſie Zeit genug gehabt hätte ihm feſt ins Auge zu ſchauen. Sie beſchloß die Thüre zu verriegeln; aber Alfred — ſie wußte, wie heftig und wild er war— konnte ja Lärm machen und ſowohl ſich ſelbſt als ſie blosſtellen. Wieder fiel es ihr ein, ſie ſollte ſich zu ihren Eltern hinabbegeben; aber ſie konnte ihnen ja doch nichts davon erzählen... nein, nein... ſie würden ſie ja blos auslachen, wenn ſie ſo ſpät kam und keinen Grund dafür anzugeben wußte. Unentſchloſſen nahm ſie am Fenſter Platz. Es hatte ſchon lang zehn Uhr geſchlagen. Sie konnte alſo jeden Augenblick Alfred erwarten. Mit verwirrter Miene blickte ſie in den Hof und auf die Allee hinab, die an demſelben anfing. So vex⸗ ging noch eine Viertelſtunde. Jetzt flog ein Ausruf über ihre Lippen. Sie ſah Jemand, der ſich wie ein Schatten in der Allee bewegte. Dieß konnte kein anderer ſein als Alfred. Ihr Herz hörte auf zu ſchlagen. Die Pulſe ſtockten in ihrem haſtigen Flug. Alle Gedanken ſchwanden... ſtatt deſſen handelte ſie jetzt.... handelte gänzlich be⸗ wußtlos. Leicht wie ein Wind eilte ſie an die Thüre und ſprang vor, um ſich zu verbergen. In ihrer Verwirrung erinnerte ſie ſich an ihren Bruder. Sie war bereits an ſeiner Thüre vorbeigegangen, aber .. es kam ihr ſo natürlich vor... ſie kehrte dahin zurück. lien gut 41 Der Schlüſſel ſteckte in der Thüre, und in demſelben Augenblick, wo ſie die Hand daran legte, hörte ſie in der unteren Hausflur Jemand hereinſchleichen. Sie lauſchte, ſie war überzeugt, daß es Alfred war. Sie drehte den Schlüſſel um. Die Thüre von Carl Auguſts Zimmer ging auf, und ſie verſchwand darin. Carl Auguſt war im Begriff ſich zu entkleiden. Ein Licht brannte auf dem Nachttiſchchen. Als Emma eintrat, ſteckte er ſeine Arme wieder in ſeinen Hausrock. „Was gibts?“ fragte er,„Du ſiehſt ſo erſchrocken aus, ſo blaß...“ „Rette mich... rief ſie... rette mich!“ „Dich retten... was iſt denn geſchehen?“ Emma bereute ihren unvorſichtigen Ausruf, ſobald er ihr entfallen war; denn ſie konnte ja nicht einmal ih⸗ rem Bruder entdecken.. Das Getön eines kurzen und ziemlich harten Anpo⸗ chens außen im Corridor zog Carl Auguſts Aufmerkſam⸗ keit in dieſem Augenblick von ſeiner Schweſter ab. „Still!“ flüſterte er;„hörſt Du?“ Emma vermochte nicht zu antworten. Von Neuem hörte man, daß es draußen an die Thüre pochte. Carl Auguſt lauſchte. Emma ſtand bleich vor Furcht da. Man hörte eine Stimme; es war ein halblautes Rufen. „Ohne Zweifel iſt Jemand draußen; zum Teufel, Du kannſt ja vor lauter Schrecken nicht ſprechen, Schweſter. Ich will nachſehen, wer es iſt.“ „Um Gotteswillen, thue es nicht... man kann..“ Sie wollte um Alles in der Welt nicht, daß ihr Bruder mit Alfred zuſammentreffen ſollte. „Hab keine Angſt um mich.“ 42 Carl Auguſt ergriff das Licht und ſtand bereits au der Thüre. Emma war aufgeregt und verwirrt. Sie fürchtete, ſich in dieſem Augenblick ebenſoſehr vor Carl Auguſt, wie vor Alfred. Sie fürchtete, die beiden jungen Män⸗ ner möchten zuſammentreffen, einander erkennen, und dann mußte es zu einer Erklärung kommen; ſie fürchtete einen feindſeligen Auftritt zwiſchen ihnen und zugleich die Schande, die auf ſie ſelbſt zurückfallen mußte. Sie erinnerte ſich dabet, wie Hermann ſie einmal gerettet hatte. Es war ein augenblicklicher Gedanke, auf welchen auch eine augenblickliche Handlung folgte. Sie blies das Licht aus. „Was machſt Du, ums Himmelswillen?“ bemerkte Carl Auguſt,„Deine Angſt grenzt ja an Wahnſinn.“ Da Carl Auguſt ſich durch die Dunkelheit nicht ab⸗ ſchrecken ließ, ſo bereute auch Emma ſogleich wieder, daß ſie das Licht ausgelöſcht hatte. Schon war die Thüre aufgeflogen und er befand ſich draußen im Cor⸗ ridor.. „Wer iſt da?“ fragte er. Das Getöſe hörte ſogleich auf und Alles wurde ſtill. Emmas Athem ſtockte. Sollte Alfred wohl von Carl Auguſt entdeckt werden? Ihr Herz, ihre Seele, ihr ganzes Weſen war in dieſem Augenblick ein lauſchendes Ohr. Sie hörte Tritte, ſie hörte weiter weg eine ſchleichende Bewegung. Jeder Ton klang in ihrem Innern wieder. „Antworten rief Carl Auguſt von Neuem,„wer iſt da?“ 4 Aber ſei es nun, daß Alfred ſich wegſchleichen wollte, und dabei gerade auf Carl Auguſt gerieth, oder daß die⸗ fer, indem er im Finſtern umhertappte, ihn endlich in der Ecke, wohin er ſich zurückgezogen hatte, ergriff; ge⸗ nug, ſie hörte deutlich, daß ſie zuſammenſtießen. „Hieher!“ rief Carl Auguſt,„Guſtav, Anders, Pet⸗ 43 ter, hieher, hieher! Ich habe einen Dieb ergriffen, hie⸗ her... Guſtav... Hilfe!“ 3 13 Ein heftiger Kampf entſtand in der Finſterniß. Der eine der Kämpfer war Emmas Bruder, der andere ſollte ihr Gatte werden. Sie entſetzte ſich vor der Lage, worein ſie gerathen war. Sie wollte hinauseilen, um ſie zu trennen, aber ſie wagte es nicht, weil ſie den Einen ebenſo fürchtete, wie den Andern.“ Carl Auguſt fuhr fort, das Hausgeſinde zuſammen⸗ zurufen. Alfred rang, ohne daß ein einziges Wort über ſeine Lippen kam. Auf beiden Seiten wurden alle Kräfte aufgeboten. Emma bebte vor jeder Bewegung, gleich als hätte ein zitterndes Echo ſich in ihrem Innern wiederholt. Wenn ſie im einen Augenblick fürchtete, Jemand von dem Geſinde möchte mit Licht kommen und entdecken, daß der als Dieb ergriffene Niemand anders ſei als Alfred, ſo fürchtete ſie im andern Augenblick, daß ihr Bruder, der nach ſeiner Krankheit noch immer ſchwach war, irgend einen gefährlichen Schlag bekommen möchte. Zerriſſen von zwei entgegengeſetzten Wünſchen, würde ſie in Ohumncht gefallen ſein, wurde jedoch von der Spannung, in die ſie verſetzt war, aufrecht erhalten. Kräftige, gewaltſame Griffe murden zwiſchen den beiden Jünglingen ausgetauſcht. Alfreds feines, aufmerk⸗ ſames Ohr hörte endlich, wie unten Thüren geöffnet und geſchloſſen wurden. Es galt alſo jetzt die Sache kurz und gut machen, wenn ihm die Flucht gelingen ſollte. Mit einer unwiderſtehlichen Heftigkeit warf er ſich alſo über Carl Auguſt her, riß ſich dann von ihm los und entfloh.— Emma hörte wie es auf dem Boden donnerte, und da ſie in demſelben Augenblick die flüchtigen Tritte ver⸗ 44 nahm, ſprang ſie heraus, überzengt, daß ihr Bruder Hilfe bedürfe. Einen Augenblick ſpäter ſtand der Vater an ihrer Seite und bald kamen noch Mehrere hinzu. Emma zog ſich zurück, noch unſicher, ob Alfred un⸗ bemerkt entkommen ſei oder nicht. Beim Anblick ihres Vaters erſchrack ſie mehr als vorher über die Möglichkeit, man möchte entdecken, daß Alfred es geweſen. Als Sophie mit Jeſpersſon ankam, bemerkte ſie ſo⸗ gleich Emma an der Thüre, und da ihr die Aufregung des Mädchens nicht entgehen konnte, eilte ſie ſchnell zu ihr. 3„Um Gotteswillen,“ flüſterte ſie ihr zu,„was iſt ge⸗ ſchehen? Du ſiehſt ſo verſtört aus.“ Emma vermochte die unklaren Gedanken, die in ihr wimmelten, noch nicht zu beherrſchen. „Alfred iſt da geweſen?“ flüſterte Sophie.„Ich habe einen Verdacht... Du ſiehſt ſo aufgeregt aus... ſo verſtört...“ „Still!“ „Fürchte nichts von mir. Ach, Emma, Du haſt keine beſſere Freundin, als mich. Vertraue Dich mir an. Ich begegnete Alfred in der Hausflur.“ „Sahſt Du ihn?“ „Ja.“ „Weißt Du, ob ſonſt Jemand ihn bemerkte?“ „Niemand.“ 3 „Du biſt deſſen gewiß?“ „Vollkommen.“ „Komm jetzt mit mir herein, Sophie; ich habe Dir ſo viel zu ſagen.“ Sobald Sophie die Thüre hinter ſich verſchloſſen hatte, ſanken die beiden Freundinnen einander in die Arme. 4⁵ Zwölftes Kapitel. Noch ein Nachtſtück. Iſt die Lawine einmal in Gang gekommen, ſo rollt und wächſt ſie, bis ſie ſelbſt zuletzt in der Tiefe zertrüm⸗ mert wird. Auf dieſelbe Art verhält es ſich mit jeder ſchlechten That. Haben wir einmal eine ſolche begangen, ſo werden wir vom Rauſch des Verbrechens fortwährend anf dem gleichen Weg weiter gejagt, bis wir ermattet zu Boden ſinken. 3 Das Laſter iſt eine Tarantel. Von ihrem giftigen Stachel geſtochen, tanzen wir in unſerem Wahnwitz, bis alle Kräfte vergendet ſind und die Ohnmacht über uns kommt. Von zarteſter Jugend auf war Alfred ein Raub wilder Begierden geweſen. Die eine hatte zugenommen, wenn eine andere aufhörte, und im gegenwärtigen Augen⸗ blick gaukelten die Leidenſchaften um ſeine für jede Wol⸗ luſt offene Seele, und zogen ihn von Laſter zu Laſter, von einem Extrem zum andern. Sein leichfertiges, ſinn⸗ liches Weſen befand ſich in einem beſtändigen Aufruhr gegen die hemmende und ernüchternde Macht des Ver⸗ ſtandes. Von zügelloſen Trieben erfaßt, wurde er unauf⸗ hörlich durch blendende Phantome auf den Weg unbän⸗ diger Ausſchweifungen verlockt. Er befand ſich nirgends ſonſt wohl; nur da meinte er zu leben. Als er mit Lars auf die Landſtraße hinauskam, war er nicht niedergeſchlagen über den Vorfall, ſondern prahlte damit und beklagte blos, daß er in ſeinem Vorhaben über⸗ raſcht wurde. „Aber mein künftiger Herr Schwager hat auch ſein Fett dafür bekommen,“ fügte er, gleichſam um ſich zu tröſten, hinzu,„und ich denke, er wird das Abenteuer nicht ſobald vergeſſen. Denke Dir nur, Lars, man hielt mich für einen Dieb.“ „That man das? das iſt doch luſtig, ha, ha, ba!“ Nach einiger Zeit war man wieder im Krähenneſt. „Punſch!“ rief Alfred, indem er eintrat,„Punſch, Rhumpunſch, wenn Ihr habt!“ Mutter Maja ſtellte zwei kleine Gläſer auf einen Tel⸗ ler und wollte ſie fülleu. „Ha, ha, ha!“ lachte Alfred;„Du alte Hexe, hältſt Du uns denn für kleine Kinder, denen man den Punſch in Fingerhüten anbieten darf? Bringe die größten Glä⸗ ſer her, die Du haſt. Schoppengläſer, und keine ſolchen Naſenklemmer. Auch dem Hans ſchenke ein ſolches ein. Ich bin von dem Kaliber, Mutter Maja, daß ich meinem Nächſten ebenſowohl Gutes gönne, wie mir ſelbſt.“ „Aber ich fürchte, Hans hat ſich bereits mehr als ge⸗ nug verſehen...“ „Dummes Geſchwätz, Alte! Die alte Garde ſtirbt, aber ſie ergibt ſich nicht. Komm hieher, Hans.... Willſt Du einmal etwas ordentliches auf Deine Zähne? „Danke all... Hans hatte den Schlucken... aller⸗ unterthänigſt...“ Alfred, Lars und Hans ſtürzten jeder ſeinen Schop⸗ pen hinab, aber man hatte immer noch nicht ſein gehö⸗ riges Quantum, ſondern füllte die Becher noch einmal, und dann erſt brach man auf. Lars war ungewöhnlich ſchläfrig, und es war wirklich nicht ſein, ſondern des Pferdes Verdienſt, daß der Heimweg richtig gefunden wurde. Die Thiere denken wirklich mehr und klarer als ſie es zu verſtehen geben können, behauptet der ſchwediſche Philoſoph Törnros. Aber wenn Lars Persſons Pferd juſt kein Philoſoph war, ſo wußte es gleichwohl vollkommen genau, wo es ——,—— des den ſie ſche oph es 47 ſeinen Stein der Weiſen, nämlich die Heuraufe ſuchen mußte. zt. Alfreds Kopf dagegen ſpielte ein ganzes Feuer⸗ werk von Sonnen und Sternen, und die Welt hatte für ihn niemals transparentere Anſichten gehabt. Hans da⸗ gegen, der einen böſen Rauſch führte, verſchloß ſich in ſich ſelbſt, und obſchon ſeine Grübeleien aus der Quelle von Gewiſſensqualen floſſen, drehten ſie ſich doch nichtsdeſto⸗ weniger um verbrecheriſche Abſichten. Alfred fuhr raſch von dannen. Als ſie auf die Land⸗ ſtraße hinauskamen und ein Stück weit gefahren waren, kam ihnen Hörnerſchall entgegen. „Hols der Teufel,“ fluchte Alfred,„hahen wir nicht wieder die verdammte Poſt da? Vielleicht will der Schurke von Hornbläſer uns heut wieder wie das letztemal in den Graben werfen; aber das ſoll ihm ſchlecht bekom⸗ men.“ Als der erſte Stoß des Poſthorns zu Hanſens Ohren drang, ſperrte er ſie weit auf, und bei jedem Wort, das Alfred ſprach, erweiterte ſich der Tummelplatz ſeiner Ge⸗ danken. Aus den unklaren Nebeln, die ſich in ſeinem Kopf herumwälzten, tauchte eine alte Vorſtellung auf, nämlich, daß er durch einen kühnen Griff auf einmal reich werden und ſodann das alte Schweden verlaſſen könnte, wo die Völlerei nach ſeiner Anſicht Jedermann die Möglichkeit raubte, es in einem ehrlichen Geſchäft und durch Arbeit⸗ ſamkeit zu irgend etwas zu bringen. Der Rauſch iſt eine vortreffliche Stelze für die Ge⸗ danken. Wenn ſie auch ihren Gang nicht ſicher macht, ſo gibt ſie ihnen doch eine hohe Stellung, von welcher mit Verachtung auf alle Gewiſſensſcrupel herabſchauen önnen. Das Gewiſſen war immer Hanſens ſchlimmſter Schreckensmann geweſen. Getheilt zwiſchen dem Guten und dem Laſter, war er im Ranſch laſterhaft und im 48 nüchternen Zuſtand gut. Im Branntweinglas ertränkte er immer ſein Gewiſſen, und wie ſein Verſtand taumelte auch dieſes dann dahin. Jetzt brannte der Gedanke an einen reichen Fang wie ein Feuerfunken in ſeinem Kopf. Darin verſchwand alles Andere. Alfred ſchien geneigt die letzte Beleidigung des Po⸗ ſtillons zu rächen. Die heftigen Peitſchenhiebe, womit er dem Pferd zuſetzte, überzeugten Hans, daß auch ſeine Abſichten hef⸗ tig und gewaltſam waren. Wenn ein junger Burſche voll iſt, glaubt er auf einem Bucephalus zu ſitzen und ſtark genug zu ſein, um mit der alten und ueuen Welt zugleich zu kämpfen. Wenn ein älterer Mann getrunken hat, ſtellt er ſich gern vor, daß er die ganze Welt auf ſeinen Schul⸗ tern trage; daß beide zuſammen Don Quixotes ſind— verſteht ſich von ſelbſt. „Was ſagſt Du,“ bemerkte Alfred,„ſoll ich dieſen Meſſingtuter da in den Graben werfen? Die Reihe iſt jetzt an uns.“ „Ja freilich.“ „Glaubſt Du nicht, daß ich es kann, oder was grunzeſt Du da vor Dich hin?“ „Stark genug ſind Sie wohl dazu, Herr Alfred; aber es iſt doch ſo eine Sache...“ Alfred gab dem Pferd von Neuem die Peitſche. Für ſeine Leidenſchaft war es ein Bedürfniß ſich an irgend etwas zu brechen. „In Upſala,“ ſchwatzte er,„galt ich als einer der gefährlichſten Raufbolde, und ſo viel iſt auch gewiß, daß ich den Teufel nicht fürchtete. Mehr als ein kräftiger Geſell iſt vor meiner geballten Fauſt zu Boden gefallen. Eines Tags ſchlug ich mich mit fünfundzwanzig auf ein⸗ mal herum, und von dieſen wurden zehn lahm, zehn krüppelhaft, und fünf lahm und krüppelhaft zugleich. Meine Freunde trugen mich, das kannſt Du dir denken, im 49 Triumph vom Wahlplatz heim. Soll ich einmal mit die⸗ ſem Poſtillon da eine Polka tanzen? Es wäre luſtig den Kerl ein bischen Mores zu lehren; weißt Du was Mo⸗ res iſt?“ „Nein, das weiß ich nicht.“ „Mores... das heißt den Bauerntölpeln das Fell ausklopfen...“ Der Poſtſchlitten kam immer näher. Die Nacht war finſter und düſter. In den Wipfeln des Waldes ſauſte es, aber der Sturm ſpannte ſeine Flügel nicht zu einem tollen Fluge aus, vielmehr ſchien er in den Kronen der Bäume ſitzen und rumoren zu wollen. Gleich weißen Silberbergen lagen die Schnee⸗ maſſen um die von der Dämmerung der Nacht übergoſ⸗ ſene Straße her. Ringsum breitete ſich ein feierliches Schweigen, ſowie es in dem eingeſchloſſenen, leeren Tem⸗ pel, welcher Nacht heißt, zu herrſchen pflegt. Noch einmal erſcholl das Poſthorn, und Alfred gab, gleich als wollte er darauf antworten, ſeinem Pferde einen neuen knallenden Peitſchenhieb. Die beiden Schlitten waren jetzt ganz nahe beiſam⸗ men und der Poſtillon zog ſich ein wenig auf die Seite, um Platz zum Vorbeifahren zu laſſen; aber in demſelben Angenblick lenkte Alfred ſein Pferd quer über den Weg, ſo daß der Poſtillon nicht weiter kommen konnte. Blitz⸗ ſcnelt ſprang Alfred aus ſeinem Schlitten und griff ihn an. „Haſt Du dießmal auch wieder Luſt mich in den Graben zu werfen?“ ſchrie er;„wir wollen doch vorher ein Bis⸗ chen mit einander reden.“ Zugleich verſetzte er dem Manne einen wohlzuge⸗ meſſenen Peitſchenhieb, und nun entſtand ein Ringkampf. Alfred war ganz wild. Er berechnete weder ſeine Be⸗ wegungen, noch ſeine Kräfte, ſondern griff unaufhörlich an. Der Poſtillon dagegen, der auf einen Angriff un⸗ Rid derſtad, Vater und Sohn. II. 4 1. 50 vorbereitet war und die einzige Vertheidigungswaffe, welche die Poſtillone damals beſaßen, nämlich den Säbel, nicht gleich zur Hand hatte, konnte den erſten Schlägen nicht ausweichen, aber ohne Uebereilung bereitete er ſich ruhig zur Vertheidigung vor, und endlich blinkte dier Waffe in ſeiner Hand. Alfred ſah jedoch nichts. Je dichter ſeine Hiebe fielen, um ſo heftiger wurde er; aber als es ihm auf einmal entgegenblinkte, da begriff er in⸗ ſtinctmäßig die Gefahr, die ihn bedrohte, und mit einem heftigen Sprung warf er ſich auf die Seite, ſo daß er juſt noch einem kräftigen Schwertſchlag ausweichen konnte. Nichts deſto weniger hatte er ein ſo eigenthümliches Ge⸗ fühl, daß er überzeugt war, er ſei verwundet, obſchon er in ſeiner aufbrauſenden Ueberreiztheit nicht einmal wußte, wo; aber die Ueberzeugung davon war bereits ſtark ge⸗ nug, um ſeine Rachgier hervorzurufen, und mit erneuter Wuth ſtürzte er auf ſeinen Gegner ein. Er ging ihm aber jetzt ſo nah auf den Leib, daß der Säbel ihm nichts half. Der ſonſt kräftige und entſchloſſene Poſtillon war zu gut in ſeine Kleider eingehüllt, um ſich mit der erforderlichen Gewandtheit bewegen zu können. Ohne daß Alfred die Waffe aus ſeiner Hand reißen konnte, warf er ihn aus dem Schlitten, und der Mann fiel wie ein Mantelſack tief in den Schnee. Mit dem Peitſchenſtiel in ſeiner Hand und von dem hitzigen Naturtrieb blinder Wiedervergeltung geleitet, ließ Alfred dem Poſtillon jetzt einen ganzen Hagel von Schlägen über den Leib kommen. Vermuthlich wirkten ſie nicht ſonderlich, weil die Kleidung des Mannes ihm den Dienſt einer undurchdringlichen Schildkrötſchale that. Aber mit ſeinem Stock wollte Alfred zugleich eine gewiſſe Mentorslection über die beſte Art anſtändig und ſäuberlich mit ſeinem Nächſten zu verfahren verbinden. Er begleitete daher jeden neuen Hieb mit einer mora⸗ liſchen Sentenz, und in dieſer Beziehung hatte er viel Aehnlichkeit mit unſeren Volksſchullehrern, welche dafür ihm llon der hne arf ein ſtiel der etzt en. ung hen ine und en. ra⸗ viel für 51 halten, daß die Würdigkeit des Lehrers in der richtigen Anwendung des Stocks beſtehe und der Katechismus ſich am ſicherſten mit Prügeln einbläuen laſſe. Aber alles in der Welt nimmt ſein Ende, auch katechetiſche Lectionen, und ſo ſchnell der Angriff vorgenommen worden war, ebenſo ſchnell hörte er auch auf. Alfred warf ſich in ſeinen Schlitten und jagte wie eine Windsbraut davon. Erſt als er nach Haus kam, ſah er ſich nach Haus um ... aber Hans wurde vermißt. Die langſam ſchaukelnden Nachtwolken vertheilten ſich und ein ſchwacher Schein des hinter ihnen verbor⸗ genen Mondes glitt hervor. Es war eine hellere Däm⸗ merung, die auf eine trübere folgte. Gleich als hätte ſich die Bewegung in den Wolken auch dem Walde mitgetheilt, ſauſte ein tiefer Ton durch denſelben. Eine einſame Perſon ſchien haſtig auf einem Neben⸗ wege nach dem Käthnerhäuschen zu taumeln, mit welchem wir in einem vorhergehenden Kapitel den Leſer bereits bekannt gemacht haben. Auf dem Rücken trug der Mann ein Felleiſen, und obſchon es nicht ſchwer war, ſo bog er ſich doch unter demſelben, während er ſich zuweilen ſcheu umſchaute. Da erſcholl eine männlich klare Stimme im Wald: „Auf dem Waldäckerlein Hinter’m Pfluge drein Geht luſtig gelaunt ein Bäuerlein. Hat gepflügt eine Stund, Steckt die Pfeif' in den Mund, Iſt zufrieden von Herzensgrund. Zufrieden mit dem Ländchen klein, ſchmal und knapp, Zieht er die Furchen d'rin auf und ab. Und war ſo fröhlich in ſeinem Muth, Er dachte ſo ehrlich, brav und gut, Sein Frieden und Glück ſtand in guter Hut.“ Der Wanderer blieb ſchon beim Klang der erſten Strophe dieſes einfachen Liedes, das ſo metallrein und friſch durch die Luft erſcholl, ſtehen. Wie viel Geſundheit und Zufriedenheit mit der Welt drückte ſich nicht darin aus! Es war auch ein ſchuld⸗ freies Herz, das ſich darin im Walde ergoß. Der Ge⸗ ſang kam immer näher und näher. Hans, denn der Wanderer war kein anderer als er, ſtand noch immer ſtill. Er hatte das Felleiſen weg⸗ geſtellt, und blickte ſchen um ſich. In der Halbbeleuch⸗ tung, die aus den Wolken auf ihn fiel, ſah man Unruhe und Verwirrung in ſeinen Geſichtszügen. Auf einmal ergreift er das Felleiſen, wirft es auf ſeinen Rücken und beginnt zu ſpringen; aber die Beine ſchwankten unter ihm, er ſtrauchelte und fiel. Dabei verzog ſich ſein Ge⸗ ſicht und ein halberſtickter Jammerruf kam über ſeine Lippen. Der Geſang ertönte wieder: Schon die Sonn' ſich bereit't, Noch ſchlafen alle Leut, Das Morgenroth klar ſein Herz erfreut. Immer der erſte heraus, Immer der letzte nach Haus, Nie ohne Schweiß zum Abendſchmaus. An Fröhlichkeit thuts kein Menſch ihm gleich, Der Segen der Arbeit macht ihn reich. Doch in Schweiß und Müh Vergißt er nie: Gott allein iſt's, der ihn mag ſegnen hie. ten ein delt ild⸗ Ge⸗ als eg⸗ ich⸗ uhe mal und iter Ge⸗ eine 53 Der männliche, friſche, von einem vergnügten Herzen zeugende Geſang machte einen unwiderſtehlich gewaltigen Eindruck auf Hans. Er tönte ſo rein durch die Nacht und ſprach ihn ſo innig an. Es war die Ehrlichkeit und Rechtſchaffenheit, die in der harmoniſchen Sprache einer ſchönen Melodie an den Segen der Arbeit, an das Glück ſtillen Fleißes und an den unendlich friedlichen Einfluß des religiböſen Glaubens auf unſere Herzen und unſer ganzes Leben erinnert. Hans wurde wie von einem Froſtſchauer ergriffen, während er krampfhaft das Felleiſen hielt. Er hatte an der Stimme des Sängers ſeinen Nachbar Anders erkannt und erſchrocken vor ihm eutfliehen wollen, war aber zu Boden geſtürzt. Nach einer Weile richtete er ſich zwar wieder auf, aber der Geſang tönte ihm wie eine entſetz⸗ liche Beſchwörung und er vermochte ſich nicht vom Fleck zu bewegen. Mit dem Felleiſen in der Hand ſah er ſich ſtarr um, gleich als wollte er ſich tief, tief unter die Erde verbergen. Die Wolken hatten ſich wieder zuſammengezogen und die Dunkelheit breitete ſich von Neuem über die Gegend. „Guten Abend, Haus,“ grüßte Anders, der ihn jetzt erreicht hatte.„Es iſt recht angenehm Jemand zu treffen, ſo daß man ein Bischen plaudern kann. Du gehſt auch heim, wie ich. Aber was haſt Du denn, warum biſt Du ſo ſtill? Hans murmelte blos einige unverſtändliche Worte, während er Anders an ſich vorbeigehen ließ. „Was iſt's, Hans, willſt Du hinter mir drein kommen?“ „Geh Du Deines Weges und laß mich den meinigen gehen,“ ſchnauzte Haus ihn an.„Was haſt Du mit mir zu ſchaffen? Ich bin müde, das kannſt Du wohl ſehen.“ 3 Anders trat näher zu ihm. , 54 „Wir ſind⸗Na Fn,, Hang⸗ und müſſen einander helfen ſo Inn Bnnen⸗ Biſt Du müde, ſo laß mich dieſes Felleiſen da tragen— 5 Hans riß es heftig aß ſich. Mit einem unerklärlichen Eifer ſtieß er Anders zurück. „Das Felleiſen 1⸗ ſchrie er,„willſt Du mir das Fell⸗ eiſen nehmen? Ich verſtehe Dich... Du willſt es mir ſtehlen. So heilig Du thuſt, ſo biſt Du doch nicht beſſer als ein Anderer. Komm mir nicht an den Leib... komm nicht hieher. Du willſt mein Felleiſen tragen? Bei der Hölle, Du haſt ja ſelbſt eines. Iſt es nicht ſchwer genug? Packe Dich fort und bekümmere Dich nicht um Andere. Was geht es Dich an, ob ich müde bin oder nicht? Geh' voraus, ſage ich Dir, geh nur.. geh... geh.. 4 Anders betrachtete Hans ganz ruhig. „Hör nur, Hans,“ ſagte er,„ich wollte Dir ja blos das Ding da abnehmen und Du brauchſt deßwegen nicht ſo heftig zu werden. Aber ich ſehe wohl wie es ſteht⸗ ... „Wie ſteht es? Behaupteſt Du vielleicht, ich habe geſtohlen, ich habe eingebrochen? Glaubſt Du, ich habe Jemand umgebracht? Es iſt Dein Glück, daß Du allein diſt, denn wenn ich Zeugen hier hätte, ſo würde ich eine ſolcht Anſchuldigung nicht dulden. Nimm Dich in Acht, Anders, ich laſſe nicht mit mir ſcherzen, das ſage ich Dir. Ich habe ſchon lang geſehen, daß Du etwas gegen mich haſtz aber..“ „Schwatz jetzt keine Dummheiten, lieber Hans; ich ſage ja blos, daß ich ſehe, wie es mit Dir ſteht; ganz kurz und gut, Du biſt betrunken, Hans. Ich weiß⸗ daß Du im Krähenneſt geweſen biſt, und von da kommt man niemals mit heiler Haut heim. Laß und jetzt in Frieden und Ruhe weiter gehen. Wie kannſt Du ſo einfältig ſein und glauben, ich habe etwas wider Dich? Das blos nicht ſteht habe habe allein ſolche ders, 5⁵ Einzige was ich weiß, iſt, daß ich denke, es ſei Schade um Dich, Haus.“ „Denk was Du willſt; auch ich denke gar mancher⸗ lei. Und es iſt gleichviel was wir denken; das was iſt, iſt dennoch.“— „Du ſprichſt gottlos, Hans; nichts iſt, wie es iſt, ſondern es wird viel beſſer, wenn man nicht blos denkt, was man will, ſondern was man ſoll. Ach Haus, wenn ich Dir doch ſagen dürfte, was ich denke! Wenn ich Dich betrunken ſehe, Haus, ſo geht es mir recht zu Herzen. In der Zeit, als ich ſelbſt noch ein Saufaus war, warſt Du vernünftig und nüchtern, Hans. Damals hatteſt Du'’s, wie ich es jetzt habe, und jetzt, Hans, haſt Du's wie ich es damals hatte. Wenn die Völlerei in ein Haus kommt, ſo geht der Segen hinaus, aber die Nüchternheit bringt den Segen mit ſich. Siehſt Du, Haus, die Munterkeit des Gemüths, und die Kraft zur Arbeit verlaſſen uns, wenn wir zu ſaufen anfangen, und mit jedem Tag wird es ſchlimmer mit uns, aber die Nüchternheit vermehrt unſere Zufriedenheit und unſere Arbeitskraft, und je mehr ſie zunehmen, um ſo mehr nimmt auch unſer Vertrauen zu Gott zu, und dann wird es gerade als ob er immer gütiger und liebevoller gegen uns würde. Als ich zu ſaufen aufhörte, da wurde ich mit allem zufriedener; vorher konnte ich keinen Menſchen ausſtehen, ich war böſe auf Gott und die ganze Welt. Ich fluchte über meinen Dienſtherrn, fluchte über den Inſpector, fluchte über den Prieſter, über den Amtmann, über meinesgleichen, ich fluchte über meine Frau und am Ende gar über mich ſelbſt. Woche um Woche lebte ich eigentlich in einem fortgeſetzten Rauſch von Flüchen. Das iſt jetzt anders. Jetzt lobpreiſe ich Gott, denn er hat doch Alles wohl gemacht, und er ſieht auf unſere Herzen und will uns ſo wohl, und je mehr ich bete und ſein Lob ſinge, um ſo beſſer ſehe ich, daß es mir geht. Ich bete auch Morgens und Abends für alle Menſchen, ich bete zu Gott, daß ſie 56 in ihrem Herzen gegen alle Verſuchungen ankämpfen und mit jedem Tag beſſer werden mögen. In dem Pfarrer erblicke ich den Gottesdiener, der ſein Leben lang predigt und lehrt und beſtändig für unſer Beſtes arbeitet. Ja, Hans, es iſt mit mir jetzt Vieles anders als es früher war. Meine Herrſchaft liebt mich, und ich liebe ſie auch. Und dann meine Alte, wie gut und hübſch kommt ſie mir nicht jetzt vor! Früher fand ich ſie gar nicht ſo. Da haderte und kreiſchte ſie beſtändig, daß ich ein Schwein ſei, und obſchon ſie Recht hatte, ſo konnte ich das doch nicht ausſtehen. Jetzt iſt ſie freundlich und zärtlich und wird mir mit jedem Tag immer lieber. Wie nett habe ich's nicht jetzt daheim! Alles ſo zierlich wie in einem Herrſchaftszimmer; alles iſt ſo ordentlich und ſo an ſeinem Platz, wie wenn es dahin gemalt wäre. Du glaubſt gar nicht, Hans, wie vergnügt ich bin, wenn ich einige Thaler erſpart habe und meiner Frau etwas Neues kaufen kann, etwas von dem ich weiß, daß ſie es ſich ſchon lange ge⸗ wünſcht hat. Erräthſt Du wohl Hans, was ich in meinem Säckchen da trage?“ „Geſtohlene Waaren, vermuthlich, geſtohlene Waa⸗ ven... „Du biſt verrückt, Hans. Geſtohlene Waaren ſind ſchwer zu tragen, und nie iſt mir eine Laſt leichter ge⸗ worden, als dieſe da. Denke Dir, meine Frau wünſchte ſich ſchon lange...“ Haus war im höͤchſten Grade aufgeregt. Glücklicher⸗ weiſe war es dunkel genug, daß Auders aus ſeinen ver⸗ ſtörten Zügen nicht ſehen konnte, was in ſeinem Innern vorging. „Sind geſtohlene Waaren ſchwer,“ unterbrach er arg⸗ wöhniſch ſeinen geſprächigen Nachbar,„was willſt Du da⸗ mit ſagen, Anders!“ „Heute Abend biſt Du bei garſtigem Humor,“ antwortete Anders.„Ich wollte Dir gar nichts damit 57 ſagen, denn ſieh, ich begreife wohl, daß auch Dein Sack... „Mein Sack?“ Hans fuhr zuſammen vor Schrecken. „Daß auch Dein Sack, wollte ich ſagen, das eine oder andere Weihnachtsgeſchenk enthält,“ fuhr Anders fort. Seine Worte ſtachen wie eine Meſſerſpitze in Hanſens Herz. „Hol Dich der Teufel,“ brummte er,„und die Weih⸗ nachten mit!“ „Das iſt abſcheulich, auf ſolche Art fluchen,“ bemerkte Anders.„Es iſt ja wahrhaft grauenhaft, wenn man es nur anhört. Gerade wie Brodſchnitten zur Suppe ge⸗ hören, ſo gehört das Fluchen zum Saufen. Laß uns von etwas anderem reden. Es macht einem ganz un⸗ heimlich, wenn man mitten in der Nacht ſo fluchen und toben hört. Ach, Haus, wenn Du wollteſt, wie ich.. „Was willſt Du denn?“ „Wenn Du wollteſt wie ich, ſo würdeſt Du auch thun wie ich, Du würdeſt aufhören zu ſaufen. Damit würdeſt Du auf einmal all dies Satauszeug in Dir mit Stumpf und Stiel ausrotten. Thu es, Hans, und dann wird es mit Dir gehen, wie mit mir.“ „Aufhören zu ſaufen? Glaubſt Du, Du ſprecheſt mit einem alten Weib? Ich bin niemals glücklicher, als wenn ich beſoffen bin. Ha, ha, ha! Dann ſürchte ich den leibhaftigen Teufel nicht. Saufen und Fluchen...“ „Und hernach betteln und zuletzt ſtehleu...“ Dobſchon Hans ſich über alles ärgerte, was Anders ſagte, ſo drang doch jedes ſeiner Worte zugleich auf eine entſetzlich qualvolle Art zu ſeinem Herzen. Ohne daß er im Stande war, ſeine Gefühle klar zu machen, zerriß ihn eine erſchütternde Gewiſſenspein. Vor ſich hatte er Anders, der ihn ſo freundlich belehrte und berieth, und hinter ſich meinte er vom Teufel verfolgt zu werden. 58 Bald wollte er vor der finſtern Geſtalt in ſeinem Rücken fliehen; aber dann ſtieß er auf Anders, der von Gott ſprach; bald wollte er umkehren um Anders auszuweichen, aber da meinte er, daß alle Geiſter der Hölle ihm in's Geſicht grinſen. Fluch um Fluch ging über ſeine Lippen, als bildeten dieſe Flüche die einzige Zauberformel, womit er das Entſetzen beſchwören konnte, das von beiden Seiten auf ihn eindrang. Anders meinte auch, es ſei ein wenig rauh, und er fand es um ſo unbehaglicher, als er über das fortwäh⸗ rende Fluchen Hanſens beinahe erſchrak. Als ſuchte er ſich gegen das Schauerliche darin zu wahren, erwachte in ihm ein ſo inniges unwiderſtehliches Bedürfuiß ſeine Ge⸗ danken mit den beſſern Gefühlen zu beſchäftigen, denen er ſich jetzt ſo gänzlich hingegeben hatte. „Es gibt etwas, Haus,“ ſagte er daher,„an was ich immer denken muß. Du haſt einen Sohn, Hans.“ „Ja, Guſtav, dieſen Satans⸗Taugenichts!“ „Sage das nicht, Hans. Du und Deine Frau ſoffet bereits, als er geboren wurde, wenn auch damals noch nicht ſo arg, wie jetzt, und da ließet ihr auch ihn Schnaps ſaufen, als er noch klein war. Deßhalb wurde er ein ſchwacher Tropf, und ſicherlich würde er für ſich ſelbſt eine Laſt, und vielleicht auch für euch ein Fluch ge⸗ worden ſein, wenn nicht Barons auf Edsbro ihn aus dem Elend geriſſen hätten. So viel iſt gewiß, daß ich Gott gedankt habe und noch immer danke, daß mein Weib mir keinen Sohn ſchenkte, ſo lang ich ein Säufer war, denn ſonſt wäre es mit mir daſſelbe Elend geworden; aber jetzt moͤchte ich ſehr gern einen Sohn haben... bedenke einen Sohn, Hans... den man zu. einem tüch⸗ tigen Jungen und wackern Mann heranziehen könnte... wie wollte ich da arbeiten, Hans... meiſt Gott, mein Gott... und wenn ich einmal alt würde... ihn dann um mich zu haben... o das wäre ein gar zu großes Glück für mich.“ ——————— N 59 Hans hörte nicht mehr auf das, was Anders ſagte. Im Kopf des armen Burſchen brannte und ſpukte jeder Gedanke, und in ſeinem Innern verfluchte er ſein Zuſam⸗ mentreffen mit dem rechtſchaffenen und ordentlichen Nach⸗ bar ſo ſehr als ſich ſelbſt. In ihrem hübſchen gemüthlichen Stübchen im Käthner⸗ häuschen ſaß Anders Fran, die in ihrer Haushaltung ſo tüchtige Kerſtin, noch immer wach und munter die Heim⸗ kehr ihres Mannes erwartend. 6 Aber ſie erwartete ihn ohne alle Furcht und Unruhe; ſie wußte ſo gut, daß er, obſchon er ungewöhnlich lang ausblieb, gleichwohl immer ſeinen Verſtand bei ſich hatte, und ſie fürchtete deßhalb nichts Böſes. Es war ſo warm und angenehm um ſie her, und nachdem ſie das Abendeſſen gerichtet, ſo daß Anders es ſogleich fertig antraf, hatte ſie ein Licht angezündet und die Bibel vorgenommen. le Schon lang war ſie beſchäftigt geweſen, darin zu eſen. Sie hatte von der Verkündigung der Jungfrau Maria geleſen, und wie der Engel zu ihr kam. „ Und ſie wird einen Sohn gebären, hatte der Engel geſagt,„und du ſollſt ſeinen Namen Jeſus heißen.“ Wenn Anders fort und Kerſtin allein zu Haus war, wir aft hatte ſie nicht da dieſes Eoangelium Matthäi geleſen! Aber ſie ſprach zu Anders nie davon. Es gab ein geheimes Sehnen, ein ſtilles Gebet, einen leiſen Seufzer in Kerſtius Bruſt, einen Schmerz, den ſie für ſich be⸗ hielt. Sie wünſchte nämlich einen Sohn. Niemals kam jedoch das Wort in Anders Anweſenheit über ihre Lippen. Sie ſah wohl wie ſehr er ſelbſt den gleichen Wunſch hatte, und ſie wollte ſeinen Kummer nicht ver⸗ mehren; aber je geheimer ſie ihren Wunſch vor ihm hielt, um ſo lebhafter ergoß er ſich in Gebeten zu Gott, wenn ſie allein war, und dann fielen ihre Gedanken immer auf Mariä Verkündigung. Jeden Abend... das war zu einer ordentlichen Gewohnheit bei ihr geworden... las ſie daher, was die heilige Schrift darüber erzählt, und ſie hatte dieſe Stelle ſo oft geleſen, daß, wenn ſie jetzt die Bibel vorzog, das betreffende Capitel immer von ſelbſt ſich vor ihr öffnete, wie wenn eine unſichtbare Hond es aufgeſchlagen hätte. Dieſen Abend hatte ſie ſich mehr als gewöhnlich der religiöſen Verzückung hingegeben, welche dieſe Stelle in ihrem Herzen hervorrief. Das Muttergefühl war ſo reich und vollkommen in ihrer Seele entwickelt; aber ihr Schooß war leer. Sie hatte Niemand, in deſſen Leben und Weſen ihre ganze Liebe ſich zurückſpiegelte, und ſie ſeufzte ſo ſchwer. Während ſie ſo daſaß, hörte ſie im äußern Zimmer ein leiſes Getöſe und Gepolter und ſie lauſchte. Das Getöſe fuhr fort... es wurde noch ärger... ſie hörte ſogar, wie etwas Hartes auf den Boden fiel. Je ſtiller es vorher um ſie geweſen war, um ſo mehr zog jetzt das ihre Aufmerkſamkeit an. Leiſe ſchob ſie alſo die Bibel weg und begab ſich mit dem Licht hinaus, um zu ſehen was es war. Aber ſie blieb ganz verwundert auf der Schwelle ſtehen, als ſie hinauskam und Hanſens Frau, Maja, ſah, welche bleich und entſtellt, zerlumpt und ſchmutzig auf einen Stuhl geklettert war, und im Begriff ſtand, von ihrem Brodbrett einen Laib zu ſtehlen. Als Maja, die geglaubt hatte, Kerſtin ſei ſchon lange eingeſchlafen, ſich entdeckt ſah; ſprang ſie erſchrocken vom Stuhl herab. „Schäme Dich, Maja,“ war das Einzige, was Ker⸗ —-—————J—— 61 ſtin ſagte.„Du brauchſt mir nichts zu ſtehlen, denn Du weißt ja wohl, daß Du, ſo lang ich einen Brodlaib habe, immer auch die Hälfte bekommſt, wenn Du mich nur ordentlich und anſtändig darum anſprichſt.“ „Ich war hungrig,“ ſagte Maja. Maja fluchte und tobte nicht. Ungewöhnlich genug war ſie nüchtern. „So ſage es denn in Gottes Namen,“ meinte Kerſtin,„aber ſtiehl nur nicht. Was man durch Arbeit gewinnt, das ſchmeckt gut, was man geſchenkt bekommt, iſt bitter, was man ſtiehlt, das ſättigt nicht, ſondern brennt im Munde. Erinnerſt Du Dich nicht des Ka⸗ techismus, Maja? Da ſteht: du ſollſt nicht ſtehlen.“ „Ich ſchämte mich zu betteln.“ Maja's Demuth war die Schlaffheit eines von Branntwein verzehrten Gemüths. „Wenn Du Dich auch ſchämteſt zu ſaufen, Maja,“ bemerkte Kerſtin,„ſo hätteſt Du nicht nöthig zu betteln.“ Kerſtin war ungewöͤhnlich mild geſtimmt. Sie hatte ſoeben Gottes Wort geleſen, und gleich einem himmliſchen Schein ruhte der Eindruck noch auf ihrem ganzen innern Weſen. Ihre Freundlichkeit war die Güte eines von der Religion erquickten und belebten Gemüths. „Komm herein, Maja, ſo will ich Dir etwas zeigen.“ Als ſie ins Zimmer kam, ſchlug Kerſtin die Cpiſtel Jacobi, das erſte Capitel auf: „Niemand ſage,“ las ſie Maja vor,„wenn er ver⸗ ſucht wird, daß er von Gott verſuchet werde; denn Gott verſuchet Niemand, er verſuche denn ſich ſelbſt.“ Im Rauſch ſehen Diejenigen, die ſich der Völlerei hingegeben haben, ihre Erbärmlichkeit nicht, wohl aber, wenn ſie nüchtern geworden ſind. Mit Gewiſſenspor⸗ würfen und ſcheuer Reue betrachten ſie dann die Ver⸗ achtung oder Kränklichkeit, das Elend oder das verbre⸗ cheriſche Treiben, worein ſie geſunken ſind. Mit düſterer Niedergeſchlagenheit ſah auch Maja jetzt, wie tief ſie gefallen war, und da Kerſtin es nicht über das Herz bringen konnte, die Wunde noch weiter aufzureißen, welche von ſelbſt ſo tief und ſo augenſcheinlich am Lebens⸗ faden des armen Weibes zehrte, ſo ſprach ſie ihre Ge⸗ danken nicht vollſtändig aus, ſondern ließ Maja in ihr Zimmer zurückwanken. Kerſtin nahm ſodann ihre abgebrochene Lectüre in der Bibel wieder auf. Aber ſie dachte nicht mehr an ſich ſelbſt, ſondern an Maja. Es war jedoch nicht Maja's äußere Armuth, was ſie ſo ſehr rührte, ſondern ihr inneres Elend. Sie las: „Und er ſah zu und beobachtete, wie die Reichen ihre Gabe in das Opferbecken legten. „So ſah er auch eine arme Wittwe, die zwei Scherf⸗ lein hineinlegte. „Und er ſprach: Wahrlich, ich ſage euch: dieſe arme Wittwe hat mehr hineingelegt, als alle Andern. „Denn die andern alle haben von ihrem Ueberfluß zum Opfer Gottes hineingelegt; ſie aber hat von ihrer Armuth alles hineingelegt, was ſie beſaß.“ Kerſtin meinte, dieſes gelte auch der geiſtigen Armuth. Sie erinnerte ſich ſowohl der Zeit, wo auch ſie in Armuth und Elend verſetzt geweſen, und ſie war ſo feſt überzeugt, daß erſt von dem Augenblick an, wo das Gebet recht ernſt in ihrem Innern erwachte, und ſie alles, was ſie beſaß, in Gottes große Opferkaſſe gelegt hatte, die Beſſerung ihres Mannes begonnen und ihre glücklichen Tage angefangen hatten. Als ſie am unglücklichſten war, hatte Gott am 63 mildeſten auf die ſchwachen Bewegungen ihrer Bruſt herabgeſehen. 2 „Hat,“ dachte ſie,„nicht auch Maja etwas in die für Alle geöffnete unendliche Opferkaſſe Gottes zu legen?“ 4 Kerſtin bereute beinahe, daß ſie Maja ſo ſchnell fortgelaſſen und nicht die Sprache ihres Herzens zu ihr geſprochen hatte. Konnte ſie nur Maja dazu bringen, daß ſie recht innig betete und ſich von Gott Kräfte erflehte, ſo meinte ſie, daß es auch mit ihr noch immer beſſer gehen könne. Nur zu denjenigen, deren Herz durch das Gebet recht gerührt iſt, kommt Gott endlich mit ſeiner Stärke. Gott würde auch zu Maja kommen, glaubte Kerſtin, wenn nur Maja ſich dem Gebet hingäbe. In ihrem chriſtlichen Wohlwollen gegen ihre Nach⸗ barin beſchloß ſie ſogleich zu ihr hineinzugehen, und in dieſer Abſicht nahm ſie auch das Licht, aber ſie kam nicht weiter als bis zur Thüre. Im Augenblick, wo ſie die Klinke berührte, überkam ſie eine ſo ſonderbare Bewegung. Nie in ihrem Leben hatte ſie etwas Aehnliches empfunden. Einige Sekunden lang wurde es ſchwarz vor ihren Augen, aber bald dar⸗ auf lichtete es ſich wieder und ſie ſah jetzt gleichſam den Himmel vor ſich offen. Sie wagte es nicht, ſich vom Platze zu bewegen, und ſie wollte es auch nicht. Es war etwas ſo unausſprechlich Liebliches, was ſie empfand, und ſie fürchtete, es möchte in der nächſten Minute ver⸗ ſchwinden. Mit einem Gefühl der Freude und Glück⸗ ſeligkeit, wie nur ein wahrhaft mildes Weiberherz empfin⸗ den kann, ahnte ſie, was in ihr vorging. „Barmherziger Gott!⸗ flüſterte ſie, und ſie legte dabei die Hand an ihre Bruſt und eine hohe Röthe ergoß ſich über ihre blaſſen Geſichtszüge.„Ach mein Gott, täuſche ich mich nicht,“ fuhr ſie fort„ſollte es wirklich möglich ſein?“ 7 64 Kerſtin ſtand in einer träumenden, lauſchenden Hal⸗ tung da. Ihre Hand lag noch auf ihrer Bruſt und mit ſtrahlendem Geſicht ſchien ſie die entſcheidende Antwort einer höheren Vorſehung zu erwarten. Nach der Klar⸗ heit in ihren Augen, nach dem ruhigen, aber glückſeli⸗ gen Ausdruck in ihren Zügen konnte man glauben, ſie erwarte eine höhere Offenbarung. Dieſe mußte auch gekommen ſein, denn mit unbeſchreiblicher Lebendigkeit in ihrem Ausſehen kehrte ſte an den Tiſch zurück, fiel vor der Bibel auf die Knie nieder und faltete betend ihre Hände. „Ich danke dir, gnädiger Gott,“ ſagte ſie.„Wie unendlich liebevoll ſtreckſt du nicht deine Hand gegen deine Dienerin aus, juſt in dem Augenblick, wo ihre Gebete am wärmſten erglühten! Mein Gott, mein Gott, möchte ich in meinem gerührten Herzen innig genug deine Gnade preiſen können.“ Kerſtin lag noch betend vor dem heiligen Wort Gottes, als ſie hörte, daß Anders zurückkam, und nun erhob ſie ſich haſtig. Erröthend und glücklich ſtand ſie vor ihm, als er in die freundliche Wohnung trat. Anders kam froh und freundlich, aber er merkte doch ſogleich, daß mit Kerſtin etwas Wunderbares vor⸗ gegangen war, und er dachte, ſein langes Ausbleiben habe ſie beunruhigt. 4 „Ich ſehe wohl, Du biſt ein wenig unzufrieden mit mir, daß ich ſo lang ausgeblieben bin,“ redete er ſie an;„aber ſiehſt Du, ich habe Dich dafür auch nicht vergeſſen... Da ſieh nur den Sack an!“ Kerſtin trat ihm freundlich und herzlich entgegen, aber ſie blieb ſtill. „Kannſt Du errathen, Kerſtin, was er enthält? Es iſt ein Weihnachtsgeſchenk für Dich... fürs Erſte.. 4 Anders hatte den Sack bereits geöffnet. „Fürs Erſte einige Pfund Kaffee.“ Hal⸗ mit vort lar⸗ ſeli⸗ ſie auch kkeit fiel tend Wie egen* ihre nein nug Vort nun 3 er erkte vor⸗ iben mit r ſie nicht egen, Es .4 65 „Wie artig Du biſt,“ begann Kerſtin;„ich gebe zu, daß ich...“ 1 „Daß Du das wünſchteſt, ja, obſchon Du nicht ein einziges Wörtchen ſagteſt; aber ich ſah es Dir wohl an. Und ſieh, hier haſt Du Zucker... ein paar Pfund.. und noch überdieß feinen Zucker. Nun, biſt Du jetzt zufriedener, Kerſtin?“ „Warum ſollte ich es nicht ſein? Siehſt Du, Anders, wenn Du nur zu Haus und nüchtern biſt, ſo bin ich üfrieden⸗ Du magſt mir eiwas geben oder nichts, ſiehſt u.„ Kerſtin ſah ganz verlegen aus. Sie hatte etwas zu ſagen und wußte doch nicht, wie ſie es an den Mann bringen ſollte, „Ich habe Dir auch etwas anzuvertrauen,“ fuhr ſie jedoch fort. „Ci,“ meinte Anders,„glaubſt Du denn, mein Sack ſei ſchon leer?“ „Ach Gott, Anders, haſt Du mir denn noch mehr gebracht?“ Anders nickte vergnügt. hal„Du ſollteſt dießmal beinah errathen, was ich noch ha be.“ „Meinſt Du? Dann ſollteſt Du auch errathen, was ich Dir zu ſagen habe.“ „Siehſt Du, Kerſtin, als ich dieſe Sachen da kaufte, da dachte ich, ich wolle es Dir erſt am Chriſtmorgen geben, denn es iſt juſt ein ordentliches Chriſtmorgen⸗ präſent; aber das iſt ja ganz gleich. Dein Geſangbuch iſt ganz zerriſſen, ſieh, da haſt Du ein neues, ein bageineues und noch mit Bildern darin... Da ſieh er.. Daß Anders ſo beſtändig an ſie dachte, ging Kerſtin tief zu Herzen. Aber auf einmal legte ſie ihre Hand wieder an ihr Herz, gleich als bedürſte deſſen unruhige Bewegung eine beruhigende Stütze. Ridderſtad, Pater und Sohn,. II. 5 66 „Aber ich meine, daß Du doch nicht ſo vergnügt ſeiſt, wie ich geglaubt hätte,“ bemerkte Anders,„was haſt Du denn... iſt etwas Unangenehmes vorgekommen, ſeit ich fort war?“ „Ach nein, nichts Unangenehmes, Anders.“ „Aber Du ſiehſt ja gar nicht vergnügt aus?“ „Ich bin nicht vergnügt, Anders, ich bin glücklich. Ich bin nie glücklicher geweſen als jetzt.“ „Was iſt denn vorgefallen, Kerſtin? Es iſt wahr, Du ſagteſt wirklich ſoeben, Du habeſt mir etwas anzu⸗ vertrauen.“ „Du haſt mir etwas gegeben, Anders, was ich nicht erwartete; vielleicht kann ich Dir auch etwas ſagen, was Du nicht erwarteſt.“. t hören, Kerſtin. Wenn es nur etwas Gu⸗ es iſt.“ „Es iſt beſſer, als Du glaubſt, Anders. Ich ſtand eben mit dem Licht an der Thüre.“ Anders ſah nach der Thüre. „Du ſtandeſt da?“ „Da empfand ich auf einmal etwas ſo Wunder⸗ bares. Etwas, was gerade ſo war, wie wenn der Prie⸗ ſter etwas ſagt, das mir recht tief zu Herzen geht und es aufregt.“ „Und das empfandeſt Du?“ Anders nahm eine recht nachdenkliche Miene au. „Nicht blos ein einziges Mal, ſondern zwei Mal, und das dritte Mal empfand ich ganz dasſelbe juſt in dem Augenblick, wo Du mir dieſes ſchöne Geſangbuch ſchenkteſt.“ „Das iſt doch ſonderbar, Kerſtin.“ „Das iſt gar nicht ſonderbar, Anders, weil ich Dir jetzt ſagen kann, daß ich Mutter bin.“ Anders betrachtete Kerſtin mit einem Ausdruck voll unbeſchreiblicher Zufriedenheit: es lag in dieſem Aus⸗ druck nicht Freude, ſondern eine tiefe, dankbare, innige 67 Rührung; es war nicht ein Lächeln, was über ſeine Lip⸗ pen flog, ſondern es war eine Thräne, die in ſeinem Auge glänzte, eine Thräne der Dankbarkeit gegen Gott und der Ergebenheit gegen Kerſtin. Ein ſo großes und unvermuthetes Glück hätte er nicht erwartet. Sie waren ſchon ſo viele Jahre verhei⸗ rathet, und da er ſeine Jugend ſo ſchlecht angewendet hatte, ſo glaubte er, er habe ſich eines ſolchen Glückes unwürdig gemacht. Die Freude ſtand nicht hoch im Dach bei ihnen, aber die Seligkeit breitete ſich rund um ſie her. Wir müſſen ein anderes Gemälde ſchildern. Als Maja in ihre Stube zurückkehrte, warf ſie ſich auf ihr ſchmutziges Lager, und verzweiflungsvoll klagte ſie und rang die Hände. Da ihr Alles fehlte, womit ſie ihre innern Vor⸗ würfe hätte betäuben können, ſo geberdete ſie ſich wie ein von ſchmerzlichen Gefühlen zerriſſenes, troſtloſes Weſen. Der Brodlaib, den ſte, vom Hunger verführt, zuerſt geſtohlen, dann von Kerſtin zum Geſchenk erhalten hatte, wollte ihr nicht ſchmecken. Die Ruhe fehlte in ihrer Seele, und die Gedanken löſten ſich in Zweifeln und Klaglauten auf. Endlich kam Hans nach Haus. „Biſt Du doch einmal da,“ brummte ſie ihn an. „Wo biſt Du ſo lang geweſen, Du erbärmliche Kröte? Haſt Du mir etwas mitgebracht?“ „Zünde Licht an, Du nichtsnütziges Ding! Tummle Dich... zünde Licht an!“ 68 „Thu es nur ſelbſt, die Schwefelhölzchen liegen auf dem Kamin.“ „Brumm mir jetzt nicht, Du alte Hexe, denn ſonſt werde ich Dich kriechen lehren. Ich bin jetzt nicht bei der Laune, mich von Dir beherrſchen zu laſſen. Steh auf! Es iſt ja hier finſter wie in einem Abgrund.“ Maja hörte an der Stimme, daß es am Beſten war, zu gehorchen, und ſie erhob ſich daher murrend, um ſei⸗ nen Befehl auszuführen. „Hänge einen Lumpen vor das Fenſter,“ gebot Hans weiter, ſobald das Licht angezündet war.„Ich will nicht, daß Jemand hier hereinſehen kann. Hänge einen Lumpen auf.“ 3 „Ich habe keinen.“ „So nimm einen Rock, und thu, was ich ſage, ſonſt ſchlage ich Dir den Sack um den Hals, daß Du bis zum Tag des jüngſten Gerichts daran denken ſollſt.“ „Was für Satans Dummheiten haſt Du wieder im Kopf! Siehſt Du nicht, daß der liebe Gott ſelbſt einen Vorhang von daumendickem Eis vors Fenſter gemacht hat? Was willſt Du noch mehr?“ „Nun, dann iſt's recht. Kann ich Vertrauen zu Dir haben, Maja?“ „Vertrauen? Ha! habe ich denn ſchon etwas aus⸗ geſchwatzt, und das, was Du mir anvertrauſt, wird mich nicht zu Boden drücken.“ 4 „Sieh dieſen Sack da; was glaubſt Du davon? Sticht er Dir nicht in die Naſe?“ „Ein Bettelſack. Fort damit.“ „Wenn Du jetzt mit willſt, ſo reiſen wir aufs Früh⸗ jahr nach Amerika, und werden dort anſtändige, nüch⸗ terne Leute.“ Maja riß ihre Augen weit auf. „Dieſer Sack da, dieſer Sack...“ „Er enthält Reiſegeld, mußt Du wiſſen.“ 69 „Mein Gott, was haſt Du gethan, Haus? Sollteſt Du geſtohlen haben?“. 3 Maja erinuerte ſich des unbehaglichen Gefühls, das ſie kaum vorher ſelbſt empfunden hatte, als ſie von Ker⸗ ſtin über dem Broddiebſtahl ertappt wurde, und etwas von Kerſtins Lection war an ihr hängen geblieben. „Kein dummes Geſchwatz jetzt, Maja,“ ſagte Hans, „und auch keine Jeremiaden. In einem Land, wo man zum Säufer erzogen wird, kann man nichts anderes wer⸗ den, als ein Dieb, das begreifſt Du wohl. Hänge jetzt kein Geſicht herunter, ſage ich, ſondern denke daran, wie wir den Sack bewahren und dann auf gute Art weit, weit von hier wegkommen können an einen Ort, wo Niemand uns kennt, und auch wir Niemand kennen. Dort wird der Sack, über welchen Du jetzt das Maul ver⸗ ziehſt, Dein Glück werden. Aber es iſt wahr. Sieh, da haſt Du etwas, was ich aus dem Krähenneſt mitge⸗ bracht habe, denn man muß ja doch auch an die Leute daheim denken, die nie etwas Gutes bekommen.“ Maja griff mit beiden Händen nach der Branntwein⸗ flaſche, welche Hans aus ſeiner Taſche zog, und ſetzte ſie ſogleich an den Mund. „Wie gut, wie gut,“ ſagte ſie, als ſie zwiſchen dem Schlucken Athem ſchöpfte,„wie gut, wie gut!“ Maja kam auch ſogleich in eine ganz andere Stim⸗ mung. „Nun,“ ſagte ſie,„Du haſt geſtohlen... wo... wann... wie haſt Du es angeſtellt?“ Hans bemerkte die Veränderung an ſeinem Weib und freute ſich darüber. „Wo?“ antwortete Hans mit blitzenden Augen,„auf der Landſtraße habe ich es dem Poſtillon genommen. Wann? Soeben. Auf welche Art? Oh, es hat ſich ganz gut geſchickt. Ich mußte heute Abend mit Herrn Alfred, um nach ſeinem Pferd zu ſehen. Ein galanter Herr, dieſer Alfred, er bot mir Alles, was ich nur wollte. 70 Aber auf dem Heimweg, ſiehſt Du, da begegneten wir dem Poſtillon, und Herr Alfred, der nicht meinte, daß es juſt immer ſeine Schuldigkeit ſei, vor dieſem Horubläſer in den Grghel zu fahren, begann ihn durchzuprügeln.“ „Nun?“ „Ja, ſiehſt Du, während ſie ſich berumſchlugen, zog ich mein Meſſer heraus, ſchnitt das große Poſtfelleiſen auf und nahm dieſen Sack da heraus. Ich that einen wahren Männergriff.“ „Und das thateſt Du? ich hätte es Dir nicht zu⸗ getraut. Laß uns den Sack öffnen, Hans.“ „Es wird am beſten ſein, wir warten auf ein ander⸗ mal damit, Maja. Aber wohin wollen wir ihn ſchaffen?“ „Das hat keine Gefahr, Haus. Dieſe Bodendiele da, auf welcher der Fuß vom Bette ſteht, iſt ganz aufgelockert, und da drunten... da drunten... aber laß uns den Sack aufmachen und zuerſt ſehen... man muß doch vorher wiſſen, was man zu thun im Stand iſt. Stärk Dich mit einem Trunk, Hans... die Flaſche reicht wohl aus.“ Hans ſchlürfte. „Laß mir den Sack,“ ſagte Mutter Maja; nich will ihn aufmachen.“ Hans überreichte ihr den Sack, während ſie einen neuen Schluck nahm. Majas Hände zitterten, als ſie den Sack in Empfang nahm; er enthielt ja für ſie eine ganz neue Zukunft: Glück, Reichthum, Segen und alles Gute. Sie glich einer der unſterblichen Shakeſpeare'ſchen Hexen in Macbeth, jener Hexen, welche der Typus aller weiblichen Abſcheulichkeit geworden ſind. Majas Augen funkelten wie Kohlen. Ihr Haar ſtand klettenartig um ihren Kopf her, und eine ſtarke leidenſchaftliche Röthe brannte auf ihren Backen⸗ knochen. Der Sack war bald geöffnet, und eine unzählige Maſſe Briefe fiel auf den Tiſch. 71 Hans erſchrak beinahe, als er all dieſe viereckigen weißen Lappen mit ſchwarzen und rothen Siegeln ſah. „Man kann doch wohl nicht hereinſehen?“ meinte er; „der Teufel hat gute Augen.“ „Dummheiten, nichts als Dummheiten. Der Teufel iſt uns nicht mehr gefährlich. Laß uns die Briefe er⸗ brechen.“ Im erſten Brief, den ſie erbrachen, bekamen ſie ſo⸗ gleich einen Hundert⸗Thaler⸗Schein zu Geſicht. „Siehſt Du,“ rief ſie,„ſiehſt Du... das iſt die Fahne nach Amerika.“ „Weiter, Maja, weiter.“ 3 Brief um Brief wurde erbrochen. In vielen fanden ſie nichts, in andern aber ſehr ſchöne Summen. Die ganze Erute belief ſich auf zwei⸗ bis dreitauſend Reichs⸗ thaler Banko. „Bringe einen Lumpen her,“ meinte Hans,„um dieß Geld hineinzuwickeln, und dann wirf all dieſen Plunder da ins Feuer.“ 3 Er meinte die Briefe. Während Hans die Bankſcheine zuſammenband und beſchäftigt war, ſie unter die Bodendiele zu verbergen, machte Maja das Feuer an; aber als ſie die Briefe neh⸗ men wollte, um ſie hineinzuwerfen, fiel ihr Blick auf einen, und ſie that ſich Einhalt. „Dieſe Hand da erkenne ich,“ murmelte ſie;„der Brief iſt vom Fabrikanten; den muß ich leſen.“ Sie ſteckte ihn in ihren Unterrockſack, nahm dann die übrigen und warf ſie ins Feuer. Die Flamme ſtieg hoch auf und breitete einen rothen, unheimlichen Schein über die beiden würdigen Gatten, welche jetzt die letzten Tropfen in der Flaſche leerten. Eine Viertelſtunde ſpäter war es wieder dunkel, und ohne daß eins von ihnen daran dachte, ſich zu entkleiden, legten ſie ſich in das ebenſo zerlumpte als ſchmutzige Bett, wo ſie bald einſchliefen. 72 An den nervöſen Zuckungen, die ihre Geſichtszüge vexzerrten, konnte man ſehen, daß ſie noch im Schlaf von den Leidenſchaften verfolgt wurden, welche ſie wachend zerfleiſcht hatten. Dreizehntes Kapitel. Der Ausrufungstag. Die Sonne rollte ſo ſtrahlend und klar empor. Höhen und Thäler glitzerten in ihrer ſchneeweißen Win⸗ tertracht, als wären ſie mit Diamanten überſät. Das Auge wurde vom Glanz geblendet. Gleich Silberpappeln erhoben ſich die Stämme des fernen Waldes mit ihren üppigen Kronen; aber ſie zitterten nicht vor jedem Wind, dieſe Kronen. Wie erfrorene Schneepappeln, ſo ſtarr und ſtill ſtanden ſie da. Der Himmel wölbte ſich hoch und klar, und man konnte ihn in dem ſäuſelnden Wind beinahe einzuathmen glauben: ſo belebend, ſo hingeriſſen von Friſche und Klarheit fühlte man ſich. Aber ſo herrlich das Gemälde auch war, ſo mangelte ihm gleichwohl Le⸗ ben, das Leben nämlich, welches der Menſch, dieſer ſo herrlich ausgeſtattete Repräſentant der innern Bedeutung der Natur, allein zu geben vermag. Es war ein Sonn⸗ tagsmorgen zur Winterszeit auf dem Land. In jedem Häuschen richtete man ſich, um nach der Kirche zu gehen; aber noch hatte Niemand zur Thüre hinausgeſchaut. Der Gutsbeſitzer Boijer ſtand in ſeinem Privatzim⸗ mer am Fenſter. Auf der Stirn ruhte eine düſtere Wolke, und der gläſerue Blick des verſchleierten Auges irrte matt über das Feld hin. Die Hand an die Lehne eines hohen Emma ge⸗ ſtützt, ſtand ſeine Gemahlin da. Obſchon ihre Züge das Gepräge einer ſchlafloſen Nacht trugen, und Melancholie nicht mit ihrer Thräne, aber doch mit ihrer Wehmuth in dem klaren glänzenden Bette des Auges lag, wie auch der Schmerz in dieſem Augenblick ihre Bruſt mit einem Seufzer hob, als hätte dieſer Seufzer— des Herzens frommer und ſtiller Engel— mit ſchwachen Kräften einen ganzen Fels von ihrer Bruſt gewälzt; obſchon, ſagen wir, ihr ganzes Aeußere in des Auges Wieder⸗ ſchein von einem tiefen innern Leiden, in den blaſſen Lilien und in dem düſtern Ernſt der Stirn die ganze ſchmerz⸗ liche Unruhe eines aufgeregten Weibes abſpiegelte, ſo ſchien es gleichwohl, als ob das Leiden ſie nicht gebeugt, ſondern vielmehr gehoben, als ob der Kummer ihre Kraft nicht beſiegt und im Triumphzug fortgenommen hätte, ſondern als ob ſie mit der Haltung eines ſtolzen Herzens den Leiden ſelbſt Achtung abzwingen wollte. Die Bekümmerniſſe, die ihren Buſen füllten, hatten die friſche Schönheit ihres Geſichtes geplündert, aber aus den Ju⸗ welen derſelben ein Diadem gemacht und über ihrer Stirn befeſtigt. Sie forderte die Welt nicht heraus, weit entfernt, aber ſie zwang ihr Achtung ab. Die Be⸗ kümmerniß, die ſie aufregte, war eine Königin unter den Bekümmerniſſen; aber ihr Reich, das Mutterherz, war auch tief bewegt und zwiſchen aufrühreriſche Gefühle der Qual und Unruhe, der Ungewißheit und Furcht ge⸗ worfen. „Du wendeſt Dich ab, Boijer,“ ſagte ſie;„aber ſeit Horners letztem Beſuch allhier, ſeit dem Augenblick, wo die Verbindung zwiſchen Alfred und Emma feſt entſchie⸗ den und der Ausrufungstag beſtimmt worden iſt, biſt Du Dir gar nicht mehr gleich. Es iſt allerdings wahr, daß Du während unſerer ganzen Ehe in vielen Bezieh⸗ 5 74 ungen gewiſſermaßen den Räthſelhaften geſpielt haſt; ich läugne auch nicht, daß Deine Gleichgiltigkeit, oder, wie ſoll ich's nur nennen, die kalte Alltäglichkeit, womit Du mich behandelſt, mich manchen Seufzer über meine Stel⸗ lung gekoſtet und mich von entflohenen fröhlichen Tagen träumen gemacht hat; aber Alles das iſt jetzt auf einmal verſchwunden, und wenn je, ſo fühle ich's jetzt, daß ich Dein Weib, Deines Sohnes Mutter bin. Du erinnerſt Dich, daß Du ſelbſt auf den Gedanken kamſt, man ſollte die beabſichtigte Verbindung mit Emma jetzt ſogleich oder ſobald als möglich ins Werk ſetzen; nun wohl, es iſt Dir gelungen; aber ſtatt daß Du Dich, wie ich hoffte, dar⸗ über freuen ſollteſt, biſt Du ſeitdem immer düſtrer ge⸗ worden. Geſtern verſchloſſeſt Du Dich in dieſes Zimmer da, und ſo zärtlich ich Dich bat mich zu Dir hinein zu laſſen, ſo antworteteſt Du mir nicht einmal. Ich hörte das Getön Deiner Schritte, aber Du erwiederteſt meine Bitten nicht mit einer einzigen Sylbe. Wie entſetzlich iſt darum nicht dieſe Nacht für mich geweſen! Vergebens habe ich in meinem Bett zu ſchlafen geſucht. Deine Tritte haben ſich beſtändig meinen Ohren genaht. Sei barmherzig, Boijer, und ſage mir, was Dich ſo aufregt. Iſt irgend ein neues Unglück eingetroffen? Hat Alfred einen neuen liederlichen Streich gemacht? Autworte mir um Gotteswillen! Dein Schweigen verletzt mich tief und zermalmt mich zu gleicher Zeit. Glaubſt Du nicht, daß ich Muth habe, das Unglück zu ertragen? Sieh mich doch an, Boijer. Wie tauſend Mütter vor mir habe ich aus Schwachheit für meinen Sohn ſeinen Feh⸗ lern und Laſtern vielleicht Vorſchub geleiſtet, ohne es auch nur zu ahnen, bis ich zu meinem Schrecken auf einmal ein verhärtetes Herz, einen unbändigen Sinn und einen ausgebrannten Charakter an ihm entdeckte. Nie konnte das Unglück auf eine ſchrecklichere Art eine Mut⸗ ter treffen, als es mich getroffen hat. Aber das Unglück ſoll mich nicht vernichten; ich will mich darin ſtärker als 7⁵ je aufrichten, um mit Hilfe der Vorſehung für Alfreds Rettung zu ſtreiten. Du mußt nur aufrichtig gegen mich ſein, Boijer. In der Lage, worin wir uns befinden, müſſen wir einander die Hand reichen und gemeinſchaft⸗ lich arbeiten. Deine Liebe für Alfred iſt nicht kleiner als die meinige. Vertraue Dich alſo mir an. Du glaubſt gar nicht, wie nuruhig mich dieſe Ungewißheit macht.“ Boijer drehte ſich nicht um, ſondern blieb am Fen⸗ ſter ſtehen und blickte beharrlich hinaus. Fürchtete er wohl den Blick ſeiner Frau? „Du biſt ein harter und kalter Mann,“ fuhr dieſe fort;„kein Wunder, daß unſere Ehe nicht ſo glücklich geworden iſt wie ich früher träumte; kein Wunder, daß auch unſer Sohn ein herzloſer Junge geworden iſt. Hätte er etwas von meinem Charakter geerbt, Boijer, ſo würde er ſtolz geworden ſein, und der Stolz kann ſeinen Cha⸗ rakter nicht beſchmutzen; aber er artet Dir nach. Härte und Herzloſigkeit fallen möglicherweiſe nicht ſo leicht, aber wenn ſie fallen, ſo fallen ſie tiefer als Andre.“ Frau Boijer ſprach mit einer Lebendigkeit und einer ſeelenvollen Wärme, die unwiderſtehlich ſelbſt die härteſte Eisrinde durchdringen mußte. Ihre letzten Vorwürfe machten ganz beſonders einen ſchrecklichen Eindruck auf Boijer und er wandte ſich unwillkührlich um. 14„Amalie,“ ſagte er,„Du biſt mehr als hart gegen mich.“ In Boijers ganzer Erſcheinung lag in dieſem Augen⸗ blick etwas Anderes als gewöhnlich. Die ihm ſonſt ſo eigene glasartige Verſchleierung ſeiner Augen war wie weggeblaſen, und ſie ſchimmerten klar und rein, der ſonſt ziemlich bedentungsloſe Ansdruck ſeines Geſichts hatte jetzt Leben und Sinn erhalten, und die gewöhnlich ſo eintönige Stimme zitterte von einem eigenthümlichen und ſonderbaren Klang. Frreu Boijer erhob lauſchend ihr Haupt; es kam ihr vor, als ſollte ſie von Boijer etwas Aehnliches hören 76 und ſehen, wie in der Stunde, wo ſie ihn zum erſtenmal geſehen hatte. Ohne zu wiſſen, durch welche von ihren Aeußerun⸗ gen Boijer ſich beſonders getroffen gefühlt, konnte es doch ihrem feinen weiblichen Blick nicht entgehen, daß ſie einen ungewöhnlich empfindlichen Punkt berührt hatte. Die gänzliche Veränderung an ihm bewies das ganz un⸗ zweideutig. Aber ſie raiſonirte weniger darüber als ſie es fühlte. Die unvermuthete Bewegung Boijers rief auch in ihr eine gleich unvermuthete Bewegung hervor. Wie in zwei Magnetuhren ſchlugen auf einmal dieſelben Schläge in ihren Herzen. Es war, als ſei ein ganzes Leben von Kälte verſchwunden, und als hätten ihre Ge⸗ fühle unter dem Einfluß ihrer erſten Sympathieen neues Leben gewonnen. 3 Es entſtand eine kurze Pauſe, gefolgt von einem ganz wunderbaren Gefühl ihrer Herzen. Beide waren ſo wenig daran gewöyhnt, ein gemeinſames Leben in den warmen Hingebungen reinen und ungeſchminkten Gefühls zu leben, daß Mann und Frau gleich ſtumm blieben. Es kam ihnen beinah vor als hätten ſie tiefer als ge⸗ wöhnlich aufgeſeufzt und für einen Augenblick ihren Athem verloren. Wenn Boijer je daran gezweifelt hatte, ob er geliebt wurde, ſo fühlte er gleichwohl jetzt, daß es ſich ſo verhielt, und dennoch nahm er nach einer kurzen Pauſe ſeine ganze ruhige und berechnende Miene wie⸗ der an. Ganz anders wirkte die ſo unbeſchreibliche, um nicht zu ſagen unerklärliche innere Bewegung auf Amalie. Hatte das verſchloſſene und räthſelhafte Weſen Boijers ihr Leben nicht blos zu einer langweiligen und einförmigen Wüſte gemacht, aus welcher ihre Gedanken zuweilen ſchwärmeriſch nach den herrlichen Fatamorgana flogen, die noch in ihren Jugenderinnerungen lagen, ſondern waren auch manche ſonderbare Vorſtellungen über ſeinen Charakter bei ihr aufgetaucht, ſo fühlte ſie ſich jetzt vergewiſſert, daß er 28—9— n 77 wirklich, ob nun auf ſeinem Herzen oder ſeinem Gewiſſen, etwas trage, was ihn mit eigentlicher Nothwendigkeit zwinge ſich verſchleiert oder maskirt zu zeigen. Amalie bezog indeß die Entdeckung, die ſie gemacht zu haben glaubte, auf Alfred und hielt es für eine aus⸗ gemachte Sache, daß Boijer ihr etwas verhehle, was ihn betreffe.. „Boijer,“ ſagte ſie daher,„ich ſehe, daß ein wich⸗ tiges Geheimniß Dich bedrückt. Du mußt ſprechen. Ich bin Mutter und Gattin, mein ganzes Leben iſt an Dich und unſre Familie feſt geknüpft. Jedes Unglück, das Dich trifft, trifft auch mich. Wenn ich bisher aus Kin⸗ derei oder Unverſtand es verſänmt habe in Dein Inne⸗ res einzudringen, ſo mußt Du mirs verzeihen. Jetzt da ich den Kummer ſehe, der Dich bedrückt, werde ich auch für meine Verſäumuiß durch eine herzzerreißende Unruhe geſtraft, die ich Dir nicht beſchreiben kann. Ich beſchwöre Dich, öffne mir Dein Herz. Hat Alfred irgend eine That begangen... o, ſprich, ſprich... die Du mir mitzutheilen Dich fürchteſt? Ach fürchte nichts. Ich bin nicht ſchwach. Wie hart der Schlag auch ſein mag, es wird mir leichter ſein ihn zu ertragen, als mich von den Qualen der Ungewißheit zerfleiſchen zu laſſen. Du bleibſt ſtumm. Ach, Boijer... wenn Du bei mir auch nicht die Rechte Deiner Frau reſpectirſt, ſo mußt Du doch die Rechte einer Mutter achten. Boijer, kannſt Du mein Leiden ſehen und Dich zurückziehen, kannſt Du mit den kürllichen Wünſchen meines Herzens ein grauſames Spiel reiben?“ Boijer hatte zwar ſeine Kälte wieder angenommen, aber es war nicht ſo leicht ſie zu behalten. Amaliens Worte erſchütterten ſeine erkünſtelte Ruhe wie ein vul⸗ kaniſches Feuer. Vergebens bemühte er ſich die Stimme des Gefühls zu unterdrücken. Er mußte ſprechen, er mußte ſie beruhigen. „Amalie,“ ſagte er daher endlich,„faſſe Dich doch, Amalie. Ich betheure Dir, daß ich kein Geheimuiß habe, daß nichts mein Gemüth bedrückt, daß..“ Trotz dieſer Verſicherungen flogen ſeine Blicke irrend umher, und ſeine Stimme zitterte. Amalie meinte in dieſem Augenblick alles zu hören und zu ſehen, was in Boijer vorging. „Du täuſcheſt mich,“ unterbrach ſie ihn,„beim Him⸗ mel, ich ſehe, daß Du mich täuſcheſt!“ Das ſtolze, ſchöne Weib war unwiderſtehlich. Boijer fühlte ſich mächtig ergriffen von ihrer ganzen Erſcheinung, aber noch mächtiger wurde er von ihren Worten durch⸗ drungen, die ſie mit einer Sicherheit ausſprach, als hätte ſie dieſelben aus ſeiner eignen Seele genommen. Vor dieſem, von der Natur ſo reich ausgeſtatteten, jetzt durch ihre Mutterliebe ſtarken Weib fühlte Boijer ſich ſchwach. Es war nicht derſelbe Flug in ſeinen Ge⸗ danken, nicht dieſelbe Gluth in ſeinen Gefühlen. Die Bogenſehne in ihrem Charakter ſchien geſpannt zu ſein, als drohte ſie zu ſpringen. Was ſollte er thun? Was ſollte er ſagen? „Du fürchteſt für Alfred,“ ſagte er.„Du glaubſt, ich wiſſe etwas von ihm, was... was.. 41 „Ja, ja! „Um Gotteswillen, beruhige Dich. Ich betheure Dir bei allen Heiligen, daß ich durchaus nichts mehr von ihm weiß, als Du. Ich verſichre Dich...“ Aber plötzlich verſtummte Boijer; ſein Blick war nämlich auf den Schreibtiſch gefallen und haftete auf einem Briefconcept, das er vermuthlich aus Unachtſamkeit wegzuſchaffen oder zu zerreißen vergeſſen hatte. „Ich bin überzeugt, daß Du nicht aufrichtig biſt,“ fuhr Amalie fort;„iſt es auch wahr, daß Alfred nichts begangen hat, was Du mir verhehlen willſt... ſo... 44 ſo 4 „SO... ſo. 79 „So haſt Du etwas auf Deinem eigenen Gewiſſen, Boijer.“ Boijer ſtarrte entſetzt auf. Das Blut ſchwand aus ſeinem Geſicht, als würde es durch einen Zauberſchlag verjagt. Es war keine gewöhnliche Ueberraſchung, ſon⸗ dern wirkliches Entſetzen, was ſich an ihm zeigte. „Auf meinem eigenen Gewiſſen,“ wiederholte er. Aber Amalie handelte jetzt nicht nach einer augen⸗ blicklichen Grille, ſondern nach einer Art von Eingebung. Sie hatte Boijers Blick angſtvoll auf den Brief ſich ſenken geſehen, und ſie folgte ihm. „Boijer,“ ſagte ſie wieder,„Du fürchteſt dieſen Brief da... Du fürchteſt, ich könnte...“ Als ſie mit dem Finger auf den Brief zeigte, that Boijer unwillkührlich einen Schritt, um ſich deſſelben zu bemächtigen. Aber Amalie ſtreckte ihre Hand aus und legte ſie darauf. „Ich will wiſſen was dieſer Brief enthält,“ ſagte ſie.„Verſuche es nicht ihn mir zu nehmen.“ „Amalie, Amalie!“ Die Gährung, worin Amalie ſich befand, hatte all ihre Kräfte geſpannt. Mutterzärtlichkeit hatte die lebhaften Irrlichter in ihrer Seele zu einem einzigen Gedanken, zu Liebe und Furcht um Alfred verſchmolzen; aber in demſelben Augenblick machte auch ihr Bewußtſein als Gattin ihr Recht geltend, und der einmal angeregte Verdacht ſpürte jetzt allem nach, was ihm in den Weg kam. Ihre Freun⸗ din Marie hatte ſie nicht unrichtig beurtheilt, als ſie ſagte, ſie würde von ihren flüchtigen Phantaſieen außer⸗ halb ihres Heimweſens zurückkehren, zu ſich ſelbſt zurück⸗ kehren, und dadurch glücklich werden, das heißt durch das Unglück in ihrem eigenen Herzen ſtark werden. Das Unglück hatte ihr unleugbar ihre ganze Liebe zu der Familie zurückgegeben, und während ſie ſich Vorwürfe machte, bisher einige ihrer Pflichten verſäumt zu haben, forſchte ſie jetzt mit dem Fanatismus einer inſpirirten Heilkünſtlerin nach Mitteln, das Verſäumte wieder gut zu machen. Nie war es ihr ſo klar geworden, wie in dieſem Augenblick, daß Boijers berechnendes und kaltes Weſen nur eine Maske war, womit er einen großen, ihn allein betreffenden Kummer bedeckte. Ein wirkliches Verbrechen fürchtete ſie nicht. Aber gleichwohl überkam ſie ein leichter Schauer, als ſie ihre Hand auf den Brief legte, und muthig erklärte, daß ſie ihn leſen wolle. Boijer fühlte nicht blos ſeine Unterlegenheit gegen⸗ über ſeiner Frau, deren imponirende Schönheit ihm viel⸗ leicht niemals ſo ſehr in die Augen gefallen war wie jetzt, ſondern er ſah auch ein, daß er es nicht vermeiden konnte ſie den Brief leſen zu laſſen, wenn er ſich nicht gar zu ſehr vor ihrem Urtheil blosſtellen wollte. 1 Kaum war dieſer Gedanke in ihm aufgetaucht, ſo machte er ihn auch ſchon zur That. „Wohlan denn,“ ſagte er ganz ruhig,„ſo lies den Brief, meine Liebe. Er enthält weiter nichts.“ Die ruhige Stimme wirkte auch auf Amalie be⸗ ruhigend. Wie ihre Lebhaftigkeit und Heftigkeit eine na⸗ türliche Folge der Furcht geweſen war, die ſie mit fieber⸗ haften Phantaſieen aufgeregt hatte, ebenſo natürlich und haſtig trat jetzt eine Reaktion in ihrem Gemüth ein. Einen Augenblick ſchämte ſie ſich ſogar der Uebertreibung, womit ſie die Sache behandelt hatte. Es kam ihr bei⸗ nahe vor, als erwache ſie aus einem hektiſchen Traum, und ſehe ſich jetzt wieder in die alltägliche Wirklichken verſetzt. b6. ſo gut und lies,“ wiederholte Boijer. „Nazn, nein, Boijer,“ antwortete ſie blos,„nein!“ Boijer kannte den feurigen, mehr ſüdländiſchen als nordiſchen Charakter ſeiner Frau, der ſich manchmal durch eine Kleinigkeit zu leidenſchaftlichen Extremen hinreißen en zu em en ein ber hre ſie en⸗ iel⸗ wie den icht ſo den be⸗ na⸗ ber⸗ und ein. ung, bei⸗ aum, chkeit ein!“ n als durch eißen 81 ließ, im andern Augenblick aber wieder im Stand war, ſich zu beherrſchen, da ber Verſtand niemals ganz den ügel aus ſeiner Hand gab. Big„Verzeih mir, Boijer,“ fuhr ſie fort.„Ich glaube, ich habe mich gar zu ſehr hinreißen laſſen. Es iſt gut, daß Du Deine Ruhe behalten haſt, deunn dadurch habe ich auch die meinige wieder bekommen. Um Alles in der Welt, Boijer, nimm jetzt den Brief wieder.“ Boijer ließ ſich das nicht zweimal ſagen. „Liebe Amalie,“ bemerkte er,„es freut mich, daß ich Dich auf dieſe Art ſprechen höre; inzwiſchen weißt Du vielleicht ſelbſt nicht, welchen Argwohn Du gegen mich ausgeſprochen haſt.“ „Ach ja, Boijer, ich weiß es, aber ich weiß nicht, was an mir war. Ich war wie in einem Rauſch. Ich meinte in Deinem Innern zu leſen, Deine Seele zu durchſchauen. Ich war nicht mehr ich ſelbſt, ſondern befand mich in einer wahren Exaltation. Entſchuldige mich, Boijer.“ „Hat nichts zu bedeuten, Amalie, hat nichts zu be⸗ deuten. Aber jetzt mußt Du den Brief leſen.“ „Erlaß mir das. Ich will nicht... nein... nein... ich will ihn nicht leſen.“ Mit ihrer fieberhaften Stimmung war auch ihr klarer Blick verſchwunden. „Aber jetzt will ich, daß Du ihn leſen ſollſt,“ drängte Boijer. Um meinetwillen mußt Du es thun. Du brauchſt Dich Deines Argwohns nicht zu ſchämen, aber Du mußt meinen Wunſch, vor Dir rein dazuſtehen, reſpectiren.“ Der Brief beſtand aus drei loſen Blättern, und während Boijer ſie in ſeiner Hand hielt, löſte er unbe⸗ merkt das mittlere ab, drückte es zuſammen und ſteckte es in ſeine Taſche. Erſt nachdem er dieſes kleine Manöver ausgeführt Ridderſtad, Pater und Sohn. II. 6 82 hatte, begann er ſo hartnäckig in Amalie zu dringen, daß ſie leſen ſolle, was er geſchrieben hatte. Um ihm zu Willen zu ſein, nahm Amalie den rief. Es war ſehr ſchwer, Boijers Miene zu beſchreiben, als ſie ihn zu leſen anfing. Die ganze Gleichgiltigkeit, die er im letzten Augenblick gezeigt hatte, verſchwand jetzt, als er ſich von ihrer Aufmerkſamkeit befreit glaubte. Amalie hatte ſich ans Fenſter begeben und Boijer hatte ihren Platz im Emma eingenommen, auf deſſen Lehne er ſeinen Kopf und die zuſammengelegten Hände fallen ließ. Zwar ſtand das Muskelſpiel in ſeinem Ge⸗ ſicht ganz ruhig, aber obſchon er ſich bemühte, ſeine innere Bewegung zu unterdrücken, ſo arbeitete nichts deſto weniger ſeine Bruſt gewaltig. Amalie las: „Mein redlicher Freund! So oft ich die Feder ergreife, um durch ihre Zaubermacht meinen innern Men⸗ ſchen vor Deinen Richterſtuhl zu verſetzen, überkommt mich ein unwillkürlicher Schauder. Das Verhältniß, worin ich zu Dir ſtehe, die eutſetzlichen Bande, worin Du mich geſchloſſen hältſt, erwecken in mir, zumal wenn ich Deinen ſcharfen Blick und Deine unbeſtechliche Strenge in Betracht ziehe, eine ähnliche Furcht, wie ſie etwa Cyrus angewandelt haben mag, als er auf Lesbos vor dem todten und doch ſprechenden Haupt des Orpheus ſtand. Du biſt für mich ein ſolches Haupt, das ſich von Zeit zu Zeit aus der Grabesnacht erhebt, das mich mit den vereinigten Rechten des Lebens und des Todes zur Verantwortung ruft, über mich gebietet und meine Hand⸗ lungen leitet. Ich fürchte Dich, ſage ich, weil der Tod in Deiner Hand noch heute und jeden Augenblick ſeine Gewalt über mich erſtreckt, aber damit noch nicht genug, Du jagſt mich auch mit den ſchrecklichſten Mächten des Lebens, mit Drohungen der Unehre und Strafe unwill⸗ kürlich in den engen Kreis Deines Willens zurück. Nicht —,—-—,——.—,—,———— 2———O——6,——— 2 & — 8G—õ* 83 blos über mein Leben, ſondern auch über meine Chre verfügſt Du wie ein anderes mittelalterliches, heimliches, unerklärliches, myſteriöſes Gericht. Du gebieteſt, ich gehorche. Und wohin geht der Weg? Zur Verſöhnung, ſagſt Du. Ach, mein Freund, möge er nicht zum Wahn⸗ ſinn führen!“ Je weiter Amalie las, um ſo mehr verwunderte ie ſich. Kid nuurir wandte ſie ſich gegen Boijer, um Auf⸗ ſchluß über die vielen unerklärlichen Gegenſtände, die auf ſie eindrangen, zu begehren; aber da ſie ihn in einer Stellung ſah, aus welcher ſie den Schluß zog, daß er ſich um nichts bekümmere, ſo ſetzte ſie ihre Lektüre wie⸗ der fort. „Meine Lage erinnert mich an die Schilderung, welche Plutarch von den Geheimniſſen des Trophonius entwirft. Die Erde zittert unter mir, der Donner rollt um mich her, entſetzliche, drohende Geſtalten ſchaaren ſich um mich, und obſchon ich mich in mich ſelbſt zurück⸗ dränge, ſo ertönen doch des Orakels mächtige Worte von Deinen Lippen zu mir. Ich bin ein zweiter Timarch; aber Timarch ſtarb drei Monate nach ſeinem Beſuch in der Grotte, während ich mit dem Tod in meiner Bruſt, mit der Qual in meinem Herzen, verfolgt von entſetz⸗ lichen Erinnerungen lebe und Jahre lang gelebt habe. Wann wird die Welt aufhören, eine Trophonius⸗Grotte voll von Schrecken und Entſetzen zu ſein?“ Amalie blickte wieder zu ihrem Manne auf. „An wen iſt dieſer Brief geſchrieben?“ fragte ſie. „Mein Gott, er enthält ja ſchreckliche Dinge.“ Boijer hörte ſie nicht. Amalie fuhr fort zu leſen. „Aber vergebens ſuche ich Dir meine Stellung durch ein Gleichniß zu ſchildern: jedes Gleichniß kann blos einen Theil meiner Lage wiedergeben, nicht aber das Ganze, das aus tauſend ſchmerzlichen Theilen zu⸗ 84 ſammengeſetzt iſt. Gefeſſelt in Deinen Banden, bin ich nicht mehr, was ich war, nicht mehr, was ich ſein wollte. Obſchon ich mich mit raſtloſem Eifer in die mannig⸗ faltigen Sorgen des Geſchäftslebens geworfen habe, finde ich doch keine Ruhe, ſondern fühle, daß meine Lebensfreude zerſtört iſt. Du weißt, wie innig ich die Meinigen liebe; Du kannſt Dir alſo auch vorſtellen, welche Qualen es mir macht, beſtändig maskirt unter ihnen herumgehen zu müſſen. Du kennſt meine Amalie, die ſtolze, ſchöne Amalie und all die Triumphe von Seligkeit, die mein armes Herz an ihrer Seite erträumte. Du ſollteſt jetzt unſer Verhältniß ſehen. Da ich genöthigt bin, mich mit einem undurchdringlichen Schleier zu bedecken, ſo ent⸗ fernt ſich die wahre, die ungekünſtelte Aufrichtigkeit, die allein eine Ehe glücklich machen kann, von uns. Wenn ich vor Amalie trete, ſo tritt Dein Bild zwiſchen uns. Wage ich's ihre Hand zu ergreifen, ſo fürchte ich, ſie möchte in der meinen verwelken; wage ich's in ihre Augen zu blicken, ſo fürchte ich auch darin eine Anklage zu leſen. Was kann ich alſo thun? Ich ziehe mich in mich ſelbſt zurück, verberge mich hinter einer Oberfläche von Gleichgiltigkeit, hinter einer kalten Miene, hinter der Maske großer Alltäglichkeit. Wie eine unnatürliche Mutter ihr Kind an ihrer eigenen Bruſt zu Tod drückt, ſo tödte ich mein Gefühl, um ſie nicht zu entweihen.“ Amalie wurde durch das, was ſie geleſen, auf eine wunderbare Art gerührt. Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen, während gleichwohl neue Schuppen nach⸗ wuchſen. Boijers verſchloſſenes Weſen war alſo blos ein entlehntes Mittel, um die gedrückte Lage ſeiner Seele zu verbergen, und obſchon er alles Andere gänzlich zu vergeſſen und ſich lediglich dem Geſchäftsleben zu widmen ſchien, ſo war doch ſein Herz bei ihr. Jedes Weib er⸗ freut ſich an dem Gedanken geliebt zu werden. Aber welche Verhältniſſe mochten wohl auf die hier beſchrie⸗ 85⁵ bene Art ſein Leben in eine ſolche Abhängigkeit von einem Andern gebracht haben! Düſter wie eine Nacht⸗ wolke, die den Blitz tief in ihrem Buſen verbirgt, tauchten dieſe Fragen in ihr auf.. Nur einen Augenblick verweilte indeß Amalie bei dieſer Bemerkung. Der Brief zog ſie jetzt an. Es war gleichwohl nicht Neugierde, was ſie verlockte weiter zu leſen, ſondern ein Intereſſe, das ſie mit unwiderſtehlicher Gewalt hinriß. „Mit Andern zu leiden veredelt uns, allein ieiden zu müſſen zermalmt uns. Die Vereinſamung in meinen Qualen iſt es, die am meiſten an mir zehrt.“ 4 „Um mich aufzumuntern, ſprichſt Du von der Vor⸗ ſehung. Du ſagſt, Gott habe nichts ſich ſelbſt über⸗ laſſen, um in Folge der verliehenen Kräfte auf eigene Fauſt ſeine Bahn fortzuſetzen, ſondern er ſelbſt leite Alles juſt durch dieſe ſeine eigenen Kräfte zu einem mit ſeinen Abſichten übereinſtimmenden Ziel. Mag ſein! Aber wie kann dann das Verbrechen entſtehen? Woher entlehnen wir, wenn auch nur auf einen Augenblick, die Fähigkeit, aus einer Bahn abzuſchweifen? Warum ſind wir wohl von allen dieſen gegen ſeine Abſichten feind⸗ lichen Lockungen umgeben, wovon die Welt ſo voll iſt? Warum enthalten unſere Herzen und unſer Charakter unaufhörlich neue Elemente, die in unſerer eigenen Bahn ſeine Abſichten bekämpfen und ihn manchmal auch darin beſtegen? Du biſt ein ausgezeichneter Theologe; ich habe niemals Theologie ſtudirt. Du organiſirſt das Leben aus einer göttlichen Ordnung, und ich verirre mich in einem Labyrinth, das auf die Grundlage der Leitung einer allmächtigen Vorſehung gebaut iſt, neben welcher Du die Freiheit unſerer Vernunft geſtatteſt. Nimm dieſe Freiheit weg, und ich verſtehe Dich. Aber ohne gleich⸗ wohl Dein Troſtwort von mir zu ſtoßen, finde ich darin nicht den Troſt, den Du mir geben willſt. Worin be⸗ ſteht für mich dieſe göttliche Leitung? In Deinem 86 Willen. Worin meine Zukunft? In demſelben Willen. Gegenwart und Zukunft ſind für mich von Deinen Be⸗ fehlen umzäunt. Ueber ſie hinaus wage ich keinen Blick zu werfen. Du ſagſt, Du handelſt in der Abſicht, mich mit Gott zu verſöhnen. Ich ſehe ein, daß ich deſſen bedarf. Aber die unerſchütterliche Nothwendigkeit tritt mir überall entgegen, und ich ſehe keine Verſöhnung, inſofern ich nicht das dafür halten ſoll, daß ich glaube, die Strafe komme mir mit jedem Tage immer näher.“ Amalie hatte endlich Etwas im Brief zu finden ge⸗ hofft, was ihr ſeinen myſtiſchen Inhalt erklären könnte, aber ſie glaubte jetzt immer weiter davon abzukommen. Boijer blieb unbeweglich auf ſeinem Platz. „Stelle alſo das Schickſal,“ las Amalie weiter, „dieſe Göttin mit der Binde vor ihren Augen und dem eiſernen Scepter in der Hand, als die Macht hin, die allein über uns herrſche, ſo begreife ich mich ſelbſt. Sage mir, daß die Sterne, die ich in der Höhe ſehe, Diamanten aus ſeiuer Krone, und daß die Erde ſein Fußſchemel ſei, ſo will ich Dir glauben. Lehre mich, daß die Fügungen meines Lebens im Buch einer uner⸗ ſchütterlichen Allmacht eingezeichnet geſtanden und noch heute ſtehen, dann werde ich nicht blos verſtehen, warum mein Leben dieſe Richtung erhalten, die es jetzt hat, ſondern ich werde mich auch mit Deiner Handlungsweiſe verſöhnen.“— „Laß uns der Frage näher treten.“ Amaliens Augen flogen über den Brief hin, ſie ahnte, daß jetzt ein Licht vor ihr aufgehen und die Finſterniß verſcheuchen müſſe, welche ſie umgab. Aber dieſe letzten Worte des Briefes bildeten den Schlußſatz des erſten Blattes, und Amalie begann ietzt das zweite, fand aber die Fortſetzung des Sinnes nicht, weil ein Blatt dazwiſchen fehlte. Es war das Blatt, das Boijer weggeſchmuggelt hatte. Das Geleſene hatte vor ihren Blicken eine neue 87 Seite an Boijer entwickelt, die ſie vorher nie geahnt hatte. Sie wußte jetzt, daß er ein entſetzliches Geheim⸗ niß in ſich verbarg, daß das Räthſelhafte in ſeinem Weſen eine unfreiwillige Nothwendigkeit war, unter welcher er ein zehrendes Seelenleiden geheimhielt. Mit welcher Begierde waren daher nicht ihre Blicke von Blatt zu Blatt, von Zeile zu Zeile geflogen! Noch wußte ſie nicht, ob ſie ſich über dieſe Einweihung in ſein Vertrauen freuen oder entſetzen ſollte. Endlich kam ſie an den⸗ jenigen Theil des Briefs, worin ſie den Schlüſſel des Räthſels zu ſinden hoffte. Immer eifriger wurde ihr Henülh von zunehmender Ungeduld befeuert. Ihr Blick 09g... 3 Mitten in einem Satz ſchlug ſie ihre Augen auf und betrachtete Boijer fragend; aber Boijer ſtand kalt, verſchloſſen, düſter, gleichgiltig gegen ihre Aufmerkſam⸗ keit da. Ohne ihn etwas zu fragen, las ſie alſo weiter: „Ich bin heute auf eine entſetzliche Art an die Nemeſis erinnert worden, welche durch die Welt geht. Ich bin nämlich heute auf eine, für einen Vater höchſt ſchmerzliche Weiſe zu dem düſtern Ereigniß in meinem Leben zurückgeführt worden, das mich in Deine Hände geworfen hat. Soll ich an die Vorſehung oder das Schickſal glauben? Soll ich glauben, daß der Finger eines lebendigen Gottes es ſei, was uns beherrſcht, oder blinde Schickſalsmächte? Ich geſtehe, daß iche tief aufge⸗ regt, daß ich mit meinen eigenen Waffen geſchlagen bin. Ebenſo zärtlich, wie ich weiß, daß mein Vater mich liebte, liebe auch ich meinen Sohn. Aber wie belohnt er dieſe Zärtlichkeit? Mein Gott, ganz auf dieſelbe Art, wie ich meinen Vater belohnte. Aber wenn das Schick⸗ ſal in die Hand des Sohnes die Geißel legt, um da⸗ mit den Vater zu züchtigen, paßt dieß wohl zu den höheren Abſichten einer göttlichen Vorſehung, oder zu den unbeſtechlichen Beſchlüſſen des heidniſchen Fatums? 88 Alfred hat mir heute auf einmal die ganze Herzloſigkeit ſeines Charakters blosgelegt und ich habe vergebens die ganze Tiefe der Verhärtung zu ermeſſen geſucht, in welche er verſunken zu ſein ſcheint. Iſt dieß eine neue Strafe? Du kennſt meine Reue. Aber wird das Schwert des Zornes Gottes ewig an einem Strohhalm über mir hän⸗ gen, ohne daß ſich mir ein Schimmer vom Reiche der Gnade zeigt? Wenn unſere Opfer, die wir dem Himmel darbringen, wenn unſere gute Thaten uns nicht aus dem Naturzuſtand emporheben, worin die ſinnliche Sündhaf⸗ tigkeit uns verſetzt hat, auf welche Art ſollen wir uns dann aufrichten? Wenn die Strafe der Allmacht nicht blos den Fehlenden trifft, ſondern der Blitz auch ſeinen nächſten Angehörigen zerſchmettert, wo findet ſich da eine Ausſicht auf Verſöhnung? Wenn das Verbrechen nicht blos auf den Schuldigen den rächenden Unwillen der Vorſehung herabzieht, ſondern auch Kinder und Kindes⸗ kinder zu Verbrechern gemacht werden, damit er in dem entſetzlichen Eindruck ihrer Verbrechen ſeine Strafe finde, liegt darin nicht eine Unverſöhnlichkeit, die, wenn ſie unſere Herzen bluten macht, mit dem Herzblut gleichwohl blos die Keime neuer Verzweiflung, neuer verbrecheriſcher Verhärtung begießt?“ In den vielen Jahren ihres Zuſammenlebens hatte Boijer ſeiner Frau niemals Veranlaſſung zu der Ver⸗ muthung gegeben, daß er ſich je mit wiſſenſchaftlichen Haarſpaltereien oder theologiſchen Spitzfindigkeiten befaßt habe, und gleichwohl fand ſie hier etwas Aehnliches. Aber ſein Raiſonnement wirkte nicht gut auf ſie ein, ſondern erregte ihr vielmehr einen unbehaglichen Ein⸗ druck, weil es ihr mehr als ein verworrenes Aufſtapeln von Phraſen, denn als ein Beweis von klarem Verſtand oder von lebendigem und klarem Gefühl erſchien. Aller⸗ dings meinte ſie zu bemerken, wie eine Pulsader tiefen Schmerzes durch den brauſenden Wortſchwall ſich hinzog⸗ aber das war anch Alles. Einen Augenblick begann ſie ——u 89 ſogar die Aufrichtigkeit der Reue zu bezweifeln, welche der Brief ſonſt mit ſo großem Ernſt anzudeuten ſchien. Seit dieſer neue Gedanke in ihr aufgetaucht war, bekam die Reflexion wieder ihre Macht bei ihr. Boijer hatte ſich aufgerichtet. Er ſchien ſehen zu wollen, welchen Eindruck ſein Brief machte. Man muß geſtehen, daß er durch den anfänglichen exaltirten Zuſtand ſeiner Frau überraſcht worden war, und ihr den Brief in einem minder gut bewachten Augen⸗ blick überlaſſen hatte. 4. Er hatte allerdings einen Theil davon weggeſchmug⸗ gelt in der Ueberzeugung, daß er den Reſt Amalien wohl zeigen könne, aber nach der Hand erinnerte er ſich, daß auch darin das Eine und Andere vorkam, was ihn bedeutend blosſtellen mußte. Während er ſein Haupt über den Emma hinlehnte, überlegte er alſo bei ſich ſelbſt, was er thun müſſe. Die Augen der beiden Gatten hatten ſich bereits begegnet. Amaliens Blick brannte: ſie wollte in ſeine Seele eindringen, um darin den wirklichen Inhalt des Briefes zu leſen; aber ihr Blick ſtutzte zurück vor der kalten Ruhe, die er jetzt wieder gewonnen hatte. Ihr ganzes Inneres lag dagegen jetzt vollkommen vor ihm: er ſah den Zweifel im Herzen des reichbegab⸗ ten Weibes mit der Ergebenheit kämpfen. „Haſt Du den Brief jetzt zu Ende geleſen?“ fragte Boijer. Seine Frage war kurz, aber die Antwort war es „Sogleich,“ ſagte ſie. Sie ſenkte noch einmal ihren Blick in den Brief; aber dieß hatte keinen Werth mehr für ſie, und ſie warf ihn auf den Tiſch. nuu Boijer wandte ſich kalt gegen Amalie, blieb aber ill. auch Amalie legte dieſes Schweigen als eine Aufforder⸗ ung aus das ihrige zu unterbrechen. „Dein Schreiben iſt ſehr ſeltſam, Boijer,“ ſagte ſie. „Ich vermag zwar freilich nicht das ganze Wortgewebe zu durchſchauen, aber aus ſeinem trüben Chaos taucht gleichwohl deutlich eine Schuldhaftigkeit auf, die unerhört ſein muß, wenn ſie Dich zu einem Spielball in der Hand eines andern Mannes verwandeln konnte. Wenn Du Vertrauen zu mir haſt, Boijer, ſo weihſt Du mich in Dein Geheimniß ein.“ „Nein, nie, Amalie, nie; beruhige Dich damit, daß meine Bekümmerniſſe nicht Alfred gelten, ſondern nur mir ſelbſt.“ „Haſt Du mich je geliebt, Boijer?“ „Ob ich Dich geliebt habe?“ „Liebſt Du mich noch in dieſem Augenblick?“ „Ob ich Dich liebe?“ „So vertraue Dich der Liebe an.“ „Nein, nein!“ „Aber ums Himmelswillen, willſt Du denn meine letzte Freude, meinen Glauben an Deine Rechtſchaffenheit zerſtören?“ „Glaube was Du willſt.“ Amaliens Stolz war gewichen. Ihr Gedanke warf einen ſchwarzen Schlagſchatten über Boijer, und ſie bebte zurück vor der Idee die Frau eines Verbrechers zu ſein. Aber wenn ihr Leben bisher ohne alles Intereſſe an Boijers Seite dahin gefloſſen war, ſo war es jetzt nicht mehr ſo.— Ein großes Feld hatte ſich für ihre lebendige Seele geöffnet, und obſchon ein chaotiſches Dunkel darüber ruhte, ſo wurde ſie doch von einer inneren Stimme gemahnt, nicht davon zu weichen. Aber Amalie fühlte ſich zu ſchwach, um auf dem Wege des ſtrengeren Raiſonnements etwas auszurichten, ne eit arf bte in. ſſe etzt ele bte, nt, dem ten, 91 und ſie wurde auf den des Gefühls geführt, dieſen Weg, auf welchem das Weib immer am unwiderſtehlichſten iſt. Boijer ahnte den Angriff, der ihn bedrohte. Das Gefühl des Weibes hatte einen für den Mann gefährlichen Bundesgenoſſen in ihrer Schönheit. Boijer mußte nicht blos um ſeiner ſelbſt, ſondern auch um Amaliens willen ihrem gegenſeitigen Verhältniß einen ruhigen Charakter wiederzugeben ſuchen. In welchen geheimnißvollen Beziehungen er auch zu einer dritten unbekannten Perſon ſtehen mochte, ſo ge⸗ hörte dieß ja einer Zeit an, die ſchon ſo lang hinter ihnen lag... aber warum jetzt daran denken? Boijer hatte bereits ſeinen Entſchluß gefaßt über die Art und Weiſe, wie er Amaliens Argwohn und Zweifel brechen könnte. Er begann zu lächeln. 3 Die Verlegenheit kann ſich vor dem Abgrund, an deſſen Rand ſie ſo oft ſteht, nicht beſſer retten als auf der Windbrücke, welche das Lächeln oder ein witziger Einfall darüber wirft. 4 Wer ſich unvorſichtig blosgeſtellt hat, braucht nur an den Scherz zu appelliren: er iſt immer bereit eine Volte zu ſchlagen oder eine Hanswurſterei zu machen, um dir gegen dich ſelbſt zu helfen. Das Lächeln kann zwar der Widerſchein einer hüb⸗ ſchen Lenzblume unter deinen Gefühlen ſein, aber es kann auch eine Bajazzopoſſe ſein, womit ein glitſchiger Gedanke die Aufmerkſamkeit von ſich ablenkt. Venn die Lüge fliehen will, ſo flieht ſie immer auf die krummen Wege des Scherzes. Amaliens Herz war voll, übervoll, und ſie wollte ſprechen, wollte ihn bewegen, ihn beſiegen. Aber ihr Enthuſiasmus verſchwand auf einmal, als ſie ihn lächeln ſah. „Wie?“ ſagte ſie,„Du lächelſt.“ 92 Sollte ich mich getäuſcht haben? flüſterte eine Stimme in ihr. Boijer bemerkte, welche Wirkung das Lächeln machte, und begann zu lachen; dieſes Lachen war ein kaltes, abkühlendes Bad für ihre fieberglühenden Phantaſieen. Sie zog ſich zurück. Sie ſchämte ſich. „Amalie,“ begann Boijer, während das Lächeln noch auf ſeinen Lippen ſpielte,„wir ſind alle Beide in eine Verwirrung gerathen. Deine feurige und überſpannte Heftigkeit hat auch mich elektriſirt und ich läugne nicht, daß ich einen Augenblick ſelbſt etwas wie ein kleiner Ver⸗ brecher zu ſein mir einbildete.“ „Aber dieſer Brief... dieſer Brief...“ „Ich ſchrieb ihn neulich kurz nach unſerem Auftritt mit Alfred in meinem damaligen Mißmuth.“ „Aber wie ſoll ich dieſe unauflöslichen und nieder⸗ drückenden Verpflichtungen erklären, die dich feſtketten an...“ Boijer ſchlang, noch immer lächelnd, ſeinen Arm um Amaliens Leib. „Kindereien, liebe Amalie, bloße Kindereien aus meinen Jugendjahren. Ich war wie mancher Andere damals exaltirt und ſchloß mit einem Freunde eine Art von geheimem Bund mit der gegenſeitigen Verpflichtung, nie Erwas ohne Benachrichtigung und Einwilligung des Andern zu unternehmen. Mein Freund hat ſich in den letzten Jahren viel ſtrenger an dieſe Verpflichtung ge⸗ halten als ich.“ Amaliens Geſicht heiterte ſich auf; es war als ſänke ein Nebel von ihrer Stirn und als fiele ein klarer Son⸗ nenſtrahl darauf. „Darf ich Dir wirklich glauben, Boijer? bemerkte ſie jedoch. „Vollkommen, Amalie, vollkommen.“ „Aber Du ſprichſt von Schuldhaftigkeit...“ —— ime hte, tes, r. och eine inte cht, er⸗ ritt er⸗ ten rm aus ere Art ng, des den ge⸗ nke on⸗ kte 93 Es war in Amalie noch immer ein Argwohn, der nicht ſogleich weichen wollte. 1 „Man iſt ja immer ſchuldhaft,“ antwortete Boijer, „wenn man ein Verſprechen nicht halten will.“ „Aber Du äußerſt Dich über Deinen Vater, wie wenn...“ „Wie wenn ich mich ebenſo gegen ihn vergangen hätte, wie Alfred gegen mich.“ „Ja, ja! „Die Sache iſt ganz einfach. Mein Vater hatte meine Verpflichtungen gegen dieſen Freund erfahren, und wir geriethen deßhalb in Streit miteinander. Jetzt be⸗ reue ich es hintendrein, und da Alfred jetzt..⸗ Der letzte Schatten von Amaliens Argwohn ver⸗ ſchwand hiemit aus ihren Geſichtszügen. 3 „Ich verſtehe,“ ſagte ſie,„ja, ja, ich verſtehe Dich jetzt ganz gut, und finde Deinen Schmerz höchſt natür⸗ lich. Wie grauſam kann man nicht einander mißver⸗ ſtehen! Du biſt neuerdings an Deinen alten Freund er⸗ innert worden. Nicht wahr?“ „Allerdings... ganz neuerdings...“ „Er hat Dich an Deine älteren Verpflichtungen erinnert?“ „Natürlich.“ „Und in der erhitzten Stimmung, worin Alfreds Benehmen gegen uns Dich verſetzte, haſt Du dieſen ſo erſchütternden Brief geſchrieben?“ „Ganz richtig, ganz richtig.“ Amalie war überzeugt und ſie ſank in ſeine Arme. „Ach Boijer,“ flüſterte ſie,„Du kannſt gar nicht ahnen, was ein Weib empfindet, wenn ſie an der Recht⸗ ſchaffenheit des Mannes zweifeln muß, an den ſie ſich für ihr ganzes Leben gebunden hat. Hat ſie nicht ſchon vorher ſeine ganze Wichtigkeit und Bedeutung für ſie be⸗ griffen, ſo begreift ſie dieß jetzt. Man lobt die Frau, wenn ſie einen Mann nicht verläßt, der von einem har⸗ ten Schickſalsſchlage getroffen wurde, ſondern ihm treu folgt, und wäre es bis auf das entehrende Schaffot. Siehſt Du, Boijer, ich glaube gleichwohl, daß ein ſolches Han⸗ deln nicht ſo gar viel Liebe beweist oder ſo gar viel Seelenſtärke erfordert. Du weißt ſelbſt, Boijer, daß unſere Ehe eine der allergewöhnlichſten geweſen iſt, wo die Frau daſitzt und an ihrem Stickrahmen näht, der Maun aber ſich im Comptoir aufhält, und gleichwohl... wenn eine Gefahr Dich bedrohte, ſo bin ich überzeugt, daß das Pflichtgefühl mich zu einem ſo aufopferungsvollen Benehmen leiten würde, wie wenn die erhabenſte Liebe mich leitete. Siehſt Du, Boijer, jetzt erſt begreife ich, daß unſer Leben eines iſt. Ich will Gott danken für die Lection, die Du mir gegeben haſt. Wenn mein Herz ſpät erwachte, ſo iſt es doch erwacht. Wie viel mehr gehöre ich jetzt meinem Familienleben an als vorher! Du biſt ja doch wirklich unſchuldig, Boijer“ Das Lächeln, womit Boijer auch jetzt ihre Frage zu beantworten ſuchte, verwandelte ſich indeß auf ſeinen wenigſtens in den Schatten eines Lippen in ein Grinſen, 1 ſolchen. Aber glücklicherweiſe entging dieß Amalie. „Wir haben mit Alfred Kummer genug... ohne 1 1 auch noch... aber Du weichſt ſo ſcheu meinem Blicke aus... „Du biſt kindiſch, Amalie... hörſt Du... ich glaube, es kommt Jemand...“. 4 „Du haſt wirklich Recht...“ v — 4 n n Alfred war ſo eben in ſeinem Bette erwacht. Die 4 Abenteuer des geſtrigen Tages und der Nacht richteten 6 ſich wie Nebenbilder aus den unklaren Vorſtellungen, die Die teten die 95⁵ auf ſeinen Rauſch folgten, empor. Als er heim gekom⸗ men, war er ſogleich eingeſchlafen und hatte Alles ver⸗ geſſen. Auf den müden Schwingen der Erinnerung be⸗ gannen jetzt ſeine Gedanken über die Creigniſſe hinzu⸗ ſchweben, bei welchen er einen verzweifelten Mitternachts⸗ helden geſpielt hatte. 1 So erinnerte er ſich der Geſchichte auf Edsbro und ſeines Kampfes mit Carl Auguſt. 14. „Zum Teufel!“ fluchte er.„So nah dabei ſein und darum geprellt werden. Das iſt wahrhaft peinlich. Aber wer war es denn, der mir ins Geſicht leuchtete, als ich entſprang?“ 4 Dieß war die einzige Erinnerung, die ſein Gewiſſen ſchlug; aber er vermochte ſich nicht klar daraus zu werden. Von Edsbro ſchwebte ſeine Erinnerung am Krähen⸗ neſt vorbei und zum Abenteuer mit dem Poſtillon. Je länger er darüber nachdachte, um ſo mehr legte ſich ſeine Stirn in Runzeln. „Dummheiten,“ brummte er,„nichts als Dummhei⸗ ten! Das hätte ich nicht gethan, wenn ich nicht voll ge⸗ weſen wäre. Glücklicherweiſe war nur Hans anweſend und er war noch voller.“ Zwiſchen dem erſten und letzten Glas eines aus⸗ ſchweifenden Windbeutels liegt eine ganze Welt mit Blüthenpracht und Vernichtung. Im Anfang entwickelt ſich ſo lieblich die ſchönſte Scenerie voll von Lenz und Morgenluft, aber dann wird es immer bunter und wil⸗ der, bis endlich die Verſuchung unſre eigene Leidenſchaft verleitet und das ganze farbenſchimmernde und lebhafte Panorama zu einer einzigen Ruine zerfällt, ſo daß wir uns außer und in uns in einem Dunkel befinden, wo wir vergebens nach dem rechten Weg umhertappen und immer auf den unrechten gerathen. Für den Leichtſinn gibt es keinen leichteren Tritt als in die Schenke hinein, keinen ſchwereren als heraus, Die 96 Exaltation, wozu geiſtige Getränke das Gemüth hin⸗ aufſchrauben, iſt unnatürlich. Der Rauſch hat nie⸗ mals, ſelbſt wenn man darin keine wirklichen Verbre⸗ chen begangen hat, eine Erinnerung hinterlaſſen, mit der man zufrieden war. Wenn der Nebel ſich vertheilt, fühlt ſich unſere beſſere Natur von dem phyſiſchen Unbehagen, das übrig bleibt, ebenſo angeeckelt, wie von den Thor⸗ heiten, die wir geſchwatzt oder begangen haben. Alfred war unzufrieden mit ſich ſelbſt. Unbegreiflich genug ſucht man jedoch juſt in dem Laſter, das die Dummheiten veranlaßt hat, einen Troſt; man ſagt nämlich: Ei was, ich war voll. So that auch Alfred. Weit mehr als ſeine Raiſonnements trug der körper⸗ liche Schmerz, den er erlitt, dazu bei ſeinen Humor nie⸗ derzudrücken. In ſeinen Adern kochte das Blut ſo heiß und heftig, und ein ſchreckliches Kopfweh ſchlug ſein eiſernes Baud um die Stirne. Im Uebrigen verſpürte er im Geſicht einen brennen⸗ den Schmerz und eine Steifheit, die er niemals gekannt hatte, und er verſchloß ſeine Augen wieder in der Hoff⸗ nung von Neuem einzuſchlafen und dadurch beſſer zu werden. Aber als er ſich in dieſer Abſicht im Bette um⸗ wandte, trat der Bediente ein. „Was willſt Du?“ brüllte er ihn an,„warum ſtörſt Du mich mitten in der Nacht?“ „Es iſt bereits 8 Uhr Morgens,“ antwortete der Bediente,„und ich glaubte, ich... „Was geht es mich an, wie viel Uhr es iſt und was Du glaubſt?“ Der Bediente, der ſehr wohl ſah, daß es ſich nicht der Mühe lohnte, etwas zu ſagen, näherte ſich ſchwei⸗ gend dem Bett und legte einige Briefe auf das Nacht⸗ tiſchchen. 97 „Was willſt Du hier?“ fragte Alfred.„Was iſt das?“ „Die Poſt, Herr,“ antwortete der Bediente ganz kurz, worauf er ſich eutfernte. Die Antwort rief die übermüthigen Thaten der Nacht in Alfreds Erinnerung zurück; er rieb ſich die Augen aus, und griff nach den Briefen. Er befand ſich noch in dem ſogenannten Nachrauſch, einem Rauſch, bei welchem die Reue ſpricht, jedoch zu tauben Ohren. Man nennt dieſe Reue gewöhnlich Bauernreue. Der Nachrauſch iſt auch ein Chaos in unſern Ge⸗ danken, nach einer Schwelgerei die Unordnung in unſern Gefühlen, nach dem Schmaus der Kehricht, der von den Illuſionen zurückbleibt, die unſer Kopf beherbergt hatte. Der erſte Brief, den Alfred erbrach, war von dem Kellermeiſter Nro. 1 in Upſala, der ihm mit Einkla⸗ gung drohte, wenn er ſeine Schuld nicht augenblicklich bezahle. Alfred warf das Schreiben verächtlich in den näch⸗ ſten Winkel. Der zweite Brief kam von dem Kellermeiſter Nro. 2, und da der Inhalt von derſelben Beſchaffenheit war, ſo war auch ſein Schickſal daſſelbe. Gleichwie ein Echo das andere wiederholt, ſo ſchie⸗ nen auch der dritte, vierte, fünfte und ſechste Brief Re⸗ petitionen der zwei erſten zu ſein. In allen zuſammen wurde er bedrängt und bedroht, wofern er ſeine Schulden nicht berichtige, und alle zu⸗ ſammen warf er zu ihren Vorgängern in der näch⸗ ſten Ecke. Verdrießlich über die ſich wiederholenden Drohungen war er nahe daran, auch die letzte Epiſtel zu ihren Schweſtern zu werfen, als er bemerkte, daß die Ueber⸗ ſchrift nicht blos ganz neuerdings geſchrieben ſchien, ſon⸗ Ridderſtad, Vater und Sohn. II. 7 98 dern daß auch ſein Name mit beſonders in die Au⸗ gen fallenden Krähenfüßen gezeichnet war. Der Brief war übrigens ziemlich dick und ohne Poſt⸗ ſtempel, wie auch verſiegelt, und zwar nicht mit Lack, ſondern mit Kleiſter. Dieß Alles war doch höͤchſt ſon⸗ derbar, deßhalb änderte er ſeine urſprüngliche Abſicht und erbrach ihn. Sobald er den äußern Umſchlag geöffnet hatte, fand er darin einen andern bereits erbrochenen Brief. Etwas überraſcht erkannte er die Handſchrift ſeines Vaters und ſah, daß der Brief an einen Geiſtlichen adreſſirt war, deſſen Name ihm bis jetzt gänzlich unbe⸗ kannt geweſen. „Was zum Teufel habe ich damit zu ſchaffen 2“ murmelte er;„was geht mich das an, was der Alte ſchreibt?“ Aber inzwiſchen drehte er den Brief hin und her, und ſein Blick fiel auf das eine und andere Wort, das ſeine Neugierde reizte. „Das Ding da muß man leſen,“ daſhte er,„denn es lautet ja recht kurios.“ Er begann alſo den Brief von vorn zu leſen. „Mein redlicher Freund! Jedesmal, wenn ich die Feder ergreife, um durch ihre Zaubermacht meinen innern Menſchen vor Deinen Richterſtuhl zu verſetzen, überkommt mich ein unwillkürlicher Schauder..“ „Vor Deinen Richterſtuhl,“ wiederholte Alfred. „Aha, mein theurer Papa, Du dürfteſt wohl in Deinen jungen Jahren auch das eine und andere Abenteuer be⸗ ſtanden haben, merke ich.“ Der Leſer hat ſicherlich an den zwei Zeilen, die wir angeführt, denſelben Satz und dieſelben Ausdrücke er⸗ kannt, womit das Concept anfing, das ſoeben in Ama⸗ liens Händen gelegen. Der Brief, der jetzt in Alfreds Hände gefallen, war auch blos eine getreue Abſchrift davon. 99 Je weiter er darin kam, um ſo mehr beluſtigte ihn die Sache. „So, ſo, mein liebenswürdiger Herr Vater,“ be⸗ merkte er,„auch Du befindeſt Dich alſo in einer gewiſſen Klemme.“ Als er an die religiöſen Grübeleien im Brief kam, ſpielte ein zweifleriſches Lächeln auf ſeinen Lippen. „Wie ſtark Du auch ſonſt biſt, lieber Papa, ſo biſt Du es doch nicht in der Theologie,“ murmelte er. Du raiſonnirſt wie ein abgedankter Magiſter; aber das kann man Dir in den Kauf geben, da Du doch blos ein Na⸗ turmenſch biſt. Es iſt gleichwohl philoſophiſch genug von Dir, ſolche ſpitzfindige Fragen in die Luft zu thun, gerade wie Don Juan's Bedienter auf dem Kirchhof. Gott helfe Dir blos, daß Du nicht, wie er, Antwort von den Todten erhältſt. Das Fragen wäre immer ſchon gut, aber der Himmel bewahre uns davor, daß wir auf alle unſere Fragen Antwort bekommen.“ Alfred las weiter. In dem Brief, den er empfangen hatte, war nichts unterſchlagen worden. Er kam alſo auch an denjenigen Theil des Textes, welchen Amalie nicht im Concept ge⸗ funden hatte. Seine Verwunderung ſtieg daher bei jeder neuen Zeile, die er las. Ohne daß er es mit deutlichen Worten ausgedrückt fand, wurde es ihm vollkommen klar, daß ſein Vater ein Verbrechen begangen, wegen deſſen eine dritte Perſon ihn gebunden in ihren Händen hatte. Um den Namen dieſer dritten Perſon zu erfahren, brauchte er blos die Adreſſe auf dem Couvert zu leſen. Darauf ſtand: „An den Probſt, Mitglied des königl. Nordſtern⸗ ordens, Philoſophiä Magiſter und Theol. Doctor, N. Humle.“ 100 Alfred hatte niemals von dieſem Namen gehört und war alſo nicht klüger als vorher. Er fuhr in ſeiner Lectüre fort. Dabei empfand er mitunter ein unbehagliches, qual⸗ volles Gefühl, begleitet von einem von Zeit zu Zeit wie⸗ derkehrenden Stechen auf der einen Wange, begriff aber nicht, was es war. „Zum Henker, mein hochgeliebter Herr Vater,“ murmelte er von Neuem,„Du biſt beinah noch ſchlim⸗ mer, mein Alter, als ich. Das da ſieht düſter aus, wie die Wolfsſchlucht im Freiſchütz, And ich wage meinen Hals gegen einen Strohhalm, daß Samiel im Hintergrund ſteht. Dein Pfarrerzeugniß iſt nicht beſſer, als mein akademiſches Abſchiedszeugniß; beide taugen, beim Him⸗ mel, zu nichts anderem, als zu einer Freikugel geladen zu werden, die der Teufel ſelbſt geſegnet hat. Schon gut, mein Alter, wir wollen uns der Sache erinnern.“ Der Brief ging jetzt auf ihn ſelbſt über. Aber er kam nicht weit im Leſen, ſondern warf ihn bald mit einem lauten Lachen von ſich. „Welch ein langweiliges Gechwatze an einen Doctor der Theologie und Mitglied des Nordſternordens! Solche alte Geſellen glauben ſich berechtigt, einem heranwach⸗ ſenden Geſchlecht Vorleſungen über Moralphiloſophie zu halten. Muͤnchhauſen und mein theurer Papa haben mein Seel ihre Federn aus demſelben Gansflügel ge⸗ nommen; das unterliegt keinem Zweifel.“. Ein heller Gedanke tauchte dabei in Alfreds Kopf auf. Er ſprang haſtig aus ſeinem Bett und zog ſich an. Hierauf ſammelte er die zuerſt weggeworfenen Briefe und begann darin zu blättern. Aber wieder ſtach es ihn auf der einen Seite im Geſicht, und er ſchob die Briefe weg, um im Spiegel zu ſehen, was es wäre. 1 „Tauſend Teufel,“ brummte er,„wie ſehe ich aus!“ Die ganze eine Seite ſeines Geſichts war blutig⸗ 101 Der Kampf mit dem Poſtillon ſchoß ihm jetzt ins Ge⸗ dächtniß. Er erinnerte ſich des Säbelhiebs und wie er wirklich einen Augenblick ſich verwundet geglaubt hatte. Aber Alfred war an dergleichen Schmarren zu ſehr ge⸗ wöhnt, um die Sache ſchwer zu nehmen. Nachdem er das Blut abgewaſchen, lachte er über die ganze Sache, zumal da er entdeckte, daß die Haut blos leicht geritzt war, und überdies an einer Stelle, wo der Backenbart ſie bedeckte, den er blos etwas beſſer darüber herzukämmen brauchte. Zufrieden und vergnügt darüber, daß er mit dem erſten Schrecken davon gekommen, vollendete er ſeine Toilette und begab ſich dann wieder an die Briefe. „Laß mich jetzt ſehen,“ ſagte er.„Brief Nr. 1. Die Forderung beträgt eine Summe von 233 Rthlr. 16 Sch. Die Herrn Kellermeiſter ſchreiben 7 für 2. Aber das haben ſie wohl vor dem lieben Gott zu ver⸗ antworten. Weiter der Brief Nr. 2. Eine Forderung von 66 Rthlr. 32 Sch. Unläugbar eine theure Zeche; aber ſehr luſtig hatten wir's, das muß ich geſtehen; wenn ich mich recht erinnere, ſchlief ich die Nacht über in einem Rinnſtein. Dritter Brief, 500 Rthlr. Das iſt ſcharf. Täuſche ich mich indeß nicht, ſo war es ein Mittag⸗ eſſen, auf welches noch ein Souper folgte, und noch über⸗ dieß ein Mittageſſen und Souper mit einer pikanten Sauce obendrein. Der vierte Brief...“ Während er die Summe zuſammenrechnete, zeichnete er ſie auf einem Papier auf. Der Bediente kam jetzt zurück mit einem Gruß von ſeinem Vater, der ihn erſuchen ließ, zu ihm zu kommen. „Ich habe jetzt nicht Zeit,“ antwortete er,„aber ſage, ich werde bald kommen.“ Alfred fuhr fort, einen Brief nach dem andern durchzugehen und Ziffer um Ziffer aufzuzeichnen. „Viele kleine Wäſſerlein geben auch einen Bach,“ ſchwatzte er vor ſich hin.„Ich kann mir ſchon denken, 10² was für ein Geſicht mein lieber Papa ſchneiden wird. wenn ich ihm das Sündenregiſter da vorlege; aber man muß das Eiſen ſchmieden, ſo lange es heiß iſt. Zum Teufel, er wird doch wohl begreifen, daß es Chren⸗ ſchulden ſind, und will er nicht gutwillig, ſo... wir werden ſchon ſehen.“ Aber der Bediente trat von Neuem ein. „Was ſpringſt Du ſo?“ brüllte Alfred ihm ent⸗ gegen;“ ich habe Dir ja geſagt, daß ich noch keine Zeit für Dich habe.“ „Herr Boijer,“ ſtammelte der Burſche. „Was will er? Um was handelt es ſich?“ htnn kann ich nicht ſo genau wiſſen, inſofern nicht...“⸗ „Inſofern nicht... ſprich einmal aus dem Bart.“ „Für’s Erſte iſt ein Brief von dem Baron auf Edsbro angekommen.“ „Nun, und dann! Was geht das mich an?“ 5„Ich weiß nicht; aber ſehen Sie, ich ſage es blos weil es ſo ſteht, daß...“ „Haſt Du noch etwas zu ſagen?“ „Der Amtmann iſt hier.“ „Der Amtmann? Was geht es mich au?“ „Ich ſage das auch... aber weil Sie es wiſſen wollten, Herr Alfred...“ „Was wollte ich wiſſen?“ „Ich weiß nichts; aber ich dachte doch, Herr Alfred, Sie könnten...“ „Schwatz keine Dummheiten und pack Dich fort.“ Der Bediente entfernte ſich und Alfred nahm ſein Geſchäft wieder auf. Nach einer Weile erinnerte er ſich an etwas und zog an der Klingel, um den Bedienten zurückzurufen. Als die Thüre geöffnet wurde, war Alfred gerade im Begriff, die angezeichneten Ziffern zuſammenzu⸗ rechnen. 103 „Von wem,“ fragte Alfred, ohne aufzuſehen,„haſt Du dieſen Brief da bekommen, der mit Kleiſter zuſam⸗ mengeklebt war? Alles das kam nicht mit der Poſt, be⸗ greife ich wohl; aber wer hat es hiehergebracht?““ Als Alfred nicht ſogleich Antwort erhielt, wandte er ſich ärgerlich um, fand aber zu ſeiner Ueberraſchung ſeinen Vater vor ſich. Boijer ſtand ſchweigend und mit gekreuzten Armen da. Unwillkürlich ſprang Alfred von ſeinem Stuhl auf. Er ſchien zu ahnen, daß ein für Beide wichtiger Augen⸗ blick gekommen war. „Du haſt nicht Zeit, mich zu beſuchen,“ bemerkte Boijer.„Was haſt Du denn zu thun, Alfred?“ „Sehr wichtige Angelegenheiten. Nichtsdeſtoweniger gedachte ich augenblicklich zu kommen.“ Boijer ſchien ſeine Würde und ſeine Ruhe beibe⸗ halten zu wollen. „Ich habe ſoeben von Baron Horners eine unan⸗ genehme Botſchaft erhalten, welche Dich gewiß ſehr ſchmerzlich berühren wird. „Man gedenkt doch wohl die Ausrufung nicht abzu⸗ beſtellen?“ „Das nicht, Alfred, das nicht. Aber die Sache iſt gleichwohl ernſthaft. Der Baron erzählt mir, heute Nacht ſei ein Einbruchsverſuch bei ihm gemacht worden.“ Alfred ſah weg. Er konnte das Unbehagen nicht ganz unterdrücken, das er empfand, als ſein eigener Vater ſein Abenteuer alſo bezeichnete. „So,“ ſtammelte er blos,„ſo, ſo.“ „Der Dieb wäre beinahe von Karl Auguſt feſtge⸗ nommen worden; aber unglücklicher Weiſe riß er ſich los und entkam.“ „Er entkam, ſagen Sie?“ „Ja, leider. Im dunkeln Gang fand ein Kampf zwiſchen Karl Auguſt und dem Dieb ſtatt, und der 104 Erſtere unterlag, weil er von ſeiner Krankheit her noch geſchwächt iſt.“ Alfred hatte Mühe, ſeine Sinne zu ſammeln, aber er ſah ein, daß er nothwendig etwas antworten mußte. „Ah ſo, er unterlag. Nun aber... was wollte ich nur ſagen.... er iſt doch wohl nicht verletzt worden?“ „Das ſoll nicht der Fall ſein; aber ſeine Reconvales⸗ cenz wird dadurch auf die lange Bank geſchoben, weil ſeine Kraft ſehr mitgenommen wurde. Jeſpersſon...“ „Eine Frage, mein Vater... der Dieb... wie Sie ihn nennen... der Dieb!“ Es ging Alfred wider den Strich ſich ſelbſt ſo zu nennen. „Was willſt Du ſagen, Alfred?“ „Hat man auf Jemand Verdacht?“ „Darauf kann ich Dir nicht antworten. Aber die Familie iſt im höchſten Grad aufgeregt, und die Baronin, die, wie Du weißt, an Prophezeiungen, Träume und dergleichen Dinge glaubt, betrachtet das Ereigniß als ein unglückſeliges Omen für Emma's Zukunft.“ „Wie ſo, mein Vater?“ 3. „Ja, ſiehſt Du, Alfred, der Dieb ſoll juſt im Be⸗ griff geſtanden haben, in ihr Zimmer einzubrechen?“ „Nun?“. „Und dieß geſchah gerade am Abend vor ihrer Aus⸗ rufung.“. „Aber ich verſtehe nicht...“ „Auch ich verſtehe es nicht; aber das gehört jetzt nicht hieher, weil man ſich dießmal wohl nach dem Wunſch der Baronin wird richten müſſen, die in Folge ihrer Schwach⸗ heit für Prophezeiungen und dergleichen Sachen Alles beſſer zu verſtehen glaubt, als wir.“. „Und was wünſcht ſie denn?“ „Daß wir Alle mit einander in der Kirche zuſam⸗ mentreffen ſollen.“ 10⁵ „In der Kirche? Was ſagen Sie, mein Vater! Man ruft ja dort Emma und mich aus.“ „Ganz richtig; eben deßhalb will die Baronin, daß wir uns dabin begeben ſollen, um unſere Gebete für euer Glück und eure Wohlfahrt mit denen des Prieſters zu vereinigen.“. „Aber, Vater, das iſt ja gegen allen anſtändigen Brauch, hinzufahren und ſeine eigene Ausrufung mit an⸗ zuhören, und beſonders das erſte Mal.“ „Es gibt hierüber verſchiedene Bräuche, Alfred. Ein ſolcher Brauch kann kein Geſetz werden, zumal wenn es ſich um einen Beſuch im Gotteshauſe handelt. Die Baronin will es jetzt einmal, und Du weißt, wenn ſie etwas will, ſo will es auch die ganze Familie auf Eds⸗ bro. Hier zu Land pflegt man auch an einem der Aus⸗ rufungstage die Kirche zu beſuchen, und ob man dieß am erſten oder letzten Tag thut, das iſt ganz gleichgiltig. Ich für meinen Theil richte mich gern nach der Baronin, zumal da Deine Mutter in ihren Wunſch einſtimmt. Frauenzimmer haben ihre kleinen Launen, und wenn dieſe Launen ſo hübſch nnd unſchuldig ſind, wie dieſe hier, ſo darf man ſie nicht durch eine Weigerung ver⸗ letzen. Der Tag iſt ein Entſcheidungstag für uns Alle, ganz beſonders für Dich, Alfred, und für Emma; deß⸗ halb geſtehe ich, daß ich von Herzen für Dein und ihr Glück zu Gott beten werde. Aber es iſt ſchon ſpät, und wir müſſen uns fertig machen. Man hört bereits die Schellen im Hof. Die Schlitten fahren vor.“ Alfred hatte bei ſich ſelbſt überlegt, und wie es nun war, er bebte zurück vor dem Gedanken, im Gotteshaus mit der Horner'ſchen Familie zuſammenzutreffen, einige Stunden nach... „Ich gehe nicht mit,“ erklärte eer daher,„nein Vater, nein, nein, ich gehe nicht mit.“ „Was ſagſt Du? Du fährſt nicht mit in die Kirche?“ 106 „Nein, das thue ich nicht. Wenn auch Baron Horner und Sie, mein Vater, nebſt meiner Mutter, Luſt haben, ſich lächerlich zu machen dadurch, daß Sie ſich über eine Mode, einen Brauch, eine allgemein angenommene Sitte wegſetzen, ſo kann doch ich mich nicht dazu ent⸗ ſchließen. Ich habe überdieß Verſchiedenes zu thun. Ich habe heute viele Briefe bekommen, die beantwortet werden müſſen. Apropos, mein Vater...“ Boijer war höchſt mißvergnügt, um nicht zu ſagen aufgebracht über Alfreds beſtimmte Erklärung; aber Alfred ließ ihm keine Zeit zu weitläufigen Ergießungen. „Apropos, mein Vater, haben Sie jetzt das Geld abgeſchickt, das Sie mir neulich verſprachen?“ „Zum großen Theil, Alfred. Aber...“ Alfred fürchtete ein neues Geſpräch über die Kirchen⸗ fahrt und unterbrach ſeinen Vater gleich im Anfang. „Es iſt ſehr unangenehm,“ fiel er ein;„aber aus den heute aus Upſala gekommenen Briefen ſehe ich, daß ich einige kleine Sümmchen vergeſſen habe, welche Sie wohl auch gefälligſt liquidiren werden.“ „Was ſagſt Du? Du haſt mir ja neulich, als ich die Bezahlung Deiner Schulden auf mich nahm, Dein Ehrenwort darauf gegeben, daß Du alle geſagt habeſt.“ Boijer vergaß, erſchrocken über Alfreds neue For⸗ derungen, auf einmal Kirche und Ausrufung. „Ich erinnere mich nicht ſo genau, wie ich mich damals äußerte,“ erklärte Alfred,„aber ſo viel iſt ſicher, daß ich die Richtigkeit der Forderungen, woran man mich heute erinnert hat, nicht läugnen kann. Ich habe einen kleinen Auszug gemacht. Darf ich Ihnen dieß kleine Promemoria da überreichen?“ Wenn ſchon die Frage ſelbſt Boijer aufregte, ſo verdroß ihn wie immer noch weit mehr die nachläſſige und gänzlich unehrerbietige Art, wie Alfred zu Wege ging. — x— ☛‿— „Behalte Dein Promemoria,“ autwortete er daher, „ich befaſſe mich nicht damit.“ Alfred lächelte. 3 Dieſes Lächeln erinnerte Boijer daran, wie er kurz zuvor durch ein ähnliches Amaliens erwachten Argwohn zu täuſchen gewußt hatte. Es zuckte in ſeinem Innern, und er trat einen Schritt zurück. 3 Mit einem Blick voll von Zuverſicht und Spottſucht maß Alfred ihn vom Kopf zu Fuß.— „Sie ſagen alſo, mein Vater,“ verſetzte er,„daß Sie dieſe Verbindlichkeiten nicht bezahlen wollen.“ „Ich wiederhole Dir, ich thue es nicht.“ 4 „Sprechen Sie nicht ſo beſtimmt, mein Vater; ich kann im Gegentheil verſichern, daß Sie es thun werden.“ „Du biſt gar zu keck, Alfred.“. „Glauben Sie das, mein Vater? Was wollte ich doch ſagen? Ich ſoll Sie von einem alten Bekann⸗ ten grüßen.“ „Du?“ „Sie kennen doch, mein Vater, den Probſt und Ordensritter Dr. Humle?“ Boijer glaubte kaum recht gehört zu haben. „Humle?“ wiederholte er blos.„Humle?“ „Allerdings, mein Vater. Und Sie ſtehen unläug⸗ bar in einem höchſt ſeltſamen Verhältniß zu dem Mann. Soviel iſt ſicher, daß ich mich nie darauf eingelaſſen hätte, mich in eine ſolche Abhängigkeit zu begeben, einem andern das Recht zu überlaſſen, ſelbſt über meine ge⸗ ringſte Handlungen zu verfügen und mir mein ganzes Leben hindurch die Hände zu binden; nie, nie hätte ich mich dazu beſtimmen laſſen, ſofern...“ Je weiter Alfred in ſeinen Aeußerungen kam, um ſo mehr entſetzte ſich Boijer. Ein Blutstropfen um den andern ſchwand aus ſeinem Geſicht, und er ſtand endlich ganz todtenblaß da. „Sofern,“ wiederholte er mechaniſch. 108 „Sofern ich nämlich irgend eine Möglichkeit gehabt hätte, mich mit geretteter Kriegsehre aus dem Spiele zu ziehen. Ich ſehe, daß meine Worte Sie aufregen. Aber das wundert mich ganz und gar nicht, denn ich kaun Ihre Lage nur mit der eines Menſchen vergleichen, wel⸗ cher... Man konnte ſagen, daß Boijer hörte und nicht hörte. „Welcher... welcher,“ ſtammelte er blos. „Welcher ſich dem Teufel verſchrieben hat,“ fuhr Alfred fort.„Haben Sie Luſt, meine kleinen Schulden zu bezahlen, mein Vater*“ Es gibt Schickſalsſchläge, die zermalmend unſer Herz treffen: ſie ſind ſchmerzlich; aber noch ſchmerzlicher ſind ſie gleichwohl, wenn ſie uns durch unſere Kinder treffen. Das Bedürfniß von unſern nächſten Angehörigen geachtet und geſchätzt zu werden, iſt größer als das Bedürfniß zu leben. Vermuthlich hat man entehrende Verbrechen bloß deßhalb mit der Todesſtrafe belegt, weil man die Nothwendigkeit dieſes Bedürfniſſes nicht umgehen konnte. Die Todesſtrafe iſt da eine Barmherzigkeit, die im Na⸗ men der allgemeinen Moral ausgeübt wird. Boijer war bisher von ſeinem eigenen Herzen an⸗ geklagt worden; jetzt fühlte er ſich beinahe vernichtet. Er ſah ein, daß er nicht mehr Alfreds Richter, ſon⸗ dern daß Alfred der ſeinige war. Hätte Alfred ſich auch blos an das gehalten, was er in dem Brief ſeines Vaters geleſen hatte, ſo hätte er ihn damit zu Allem bringen können, was er nur wollte; aber da er dieſen Vortheil gar zu ſichtlich blos dazu ausbeutete, um ihm Geld auszupreſſen, ſo entzün⸗ dete er dadurch in ſeines Vaters Bruſt einen Feuer⸗ funken, der ſeine Seele bald wieder in Flammen ſetzten Der Funken war der des Verdruſſes. „Alfred,“ ſagte er daher jetzt,„ſeit vielen Jahren haſt Du mit beinahe ſataniſcher Berechnung die Schwach⸗ 109 heit Deiner Eltern als ein Mittel benützt, um jeden Dei⸗ ner Wünſche durchzuſetzen; vor einigen Tagen trateſt Du, als wir gegen Deine Forderungen Einſprache erho⸗ ben, zum erſten Mal trotzend und drohend uns entgegen, und blos um einem öffentlichen Scandal auszuweichen, bewilligte ich damals Deine Wünſche, Jetzt thuſt Du einen noch größeren Schritt, indem Du mir ein Ver⸗ brechen unterſchiebſt...“ Obſchon der Verdruß in Boijer flammte, ſo er⸗ drückte er dennoch die Flamme und äußerte ſich mit einer Ruhe, die überzeugend ſchien. Aber Boijer ſprach jetzt ſeinen Satz nicht aus, ſon⸗ dern unterbrach ſich und nahm einen andern Faden von demſelben Garn auf. „Wer iſt dieſer Doctor der Theologie, von dem Du ſprichſt?“ Wit ſollten ihn nicht kennen, mein Vater 2“ „Nein.“ „Sie ſtehen alſo vielleicht auch in keinem Verhält⸗ niß zu ihm?“ „Da ich ihn nicht kenne, wie könnte ich da in Ver⸗ hältniſſen zu ihm ſtehen?“ „Sie haben ihm alſo auch nicht Ihr Leben und Ihre Seele verſchrieben?“ „Unverſchämter! Woher haſt Du dieſes genommen? „Ha, mein Vater, muß ich Sie etwa daran erin⸗ 8 wie Sie ſich gegen Ihren eigenen Vater aufgeführt aben?“ „Was meinſt Du damit?“ Alfred antwortete nicht ſogleich; er beſann ſich einen Augenblick. Dann aber ſchlug er ſeine Augen auf und wandte ſein bleiches Geſicht gegen Boijer. „Haben Sie nie daran gedacht, mein Vater, daß ich Sie ebenſo behandeln könnte, wie Sie ihn Boijer bebte, preßte aber eine Lippen zuſammen um ſich nicht bloszuſtellen. 1 Pden anß 110 „Erkläre Dich... Du ſprichſt in Räthſeln.“ „Da Sie es verlangen, ſo will ich mich alſo er⸗ klären. Kennen Sie dieſe Schrift da?“ Er zeigte Boijer den erhaltenen Brief. Boijer beſaß keine ungewöhnlichen Eigenſchaften. Er hatte ſich niemals mit höheren Ideen befaßt, niemals eine deutliche Grenzlinie zwiſchen dem abſoluten Recht und Unrecht gezogen, niemals eine vollkommenere mora⸗ liſche Ueberzeugung in ſich zur Entwicklung gebracht. Er gehörte zu den ganz gewöhnlichen Naturen, die ſich im Geleiſe des Egoismus und der kleinen Intereſſen durch die Welt treiben, und ſo ſelten in Meinungskämpfen über die Beſtimmung des Lebens, zumal wenn es die Ideale desſelben betrifft, mit ſich markten laſſen. In gewöhnlichen Fällen war es ihm alſo nicht ſehr ſchwer, ſich zu beherrſchen. Aber beim Anblick des Briefes— dieſes Briefes, worin er ſein ganzes Inneres vollkommen unverdeckt ent⸗ ſchleiert hatte, verlor er alle Selbſtbeherrſchung. Dazu kam auch noch etwas Anderes, eine Sache, die für Boijer noch weit entſetzlicher war, als das Be⸗ wußtſein, ſich vor ſeinem Sohn entlarvt zu wiſſen. Der Leſer wird dieß bald einſehen. Mit Heftigkeit warf er ſich über Alfred her und ergriff ſeine Arme. „Unglückſeliger, wie haſt Du dieſen Brief bekommen?“ Alfred blieb unbeweglich. „Mein Vater,“ ſagte er,„in dieſem Brief ſprechen Sie auch von mir. Was ſoll ich von Ihrer Wahrheits⸗ liebe glauben, wenn Sie Ihren Freund aufs Heiligſte und in den wärmſten Ausdrücken verſichern, daß eine Verbindung zwiſchen Fräulein Emma und mir noch gar nicht zur Frage gekommen ſei? Was veranlaßt Sie, eine ſolche Unwahrheit zu ſagen 2“ Aber Boijer hörte nicht mehr auf Alfreds Aeuhe⸗ rungen. 111 Ein einziger entſetzlicher Gedanke ſchlägt ſeine Seele gleichſam in ein enges Zwangskamiſol. „Woher haſt Du dieſen Brief erhalten? Wie haſt Du ihn bekommen?“. „Das gehört nicht hieher, mein Vater. Ich habe ihn auf eine ehrliche Art bekommen.“ „Unerhörte Lüge!“ ſtöhnte Boijer,„Du haſt ihn geſtohlen.“ „Ihn geſtohlen 2 „Der Brief wurde geſtern von mir auf die Poſt ge⸗ geben.“ „Und dann?“ „Heute Nacht iſt er abgegangen.“ „Heute Nacht?⸗ „Ich hatte ſoeben Beſuch von dem Diſtriksamtmann.“ „Nun wohl?“ 4 „Der Poſtillon iſt heute Nacht auf der großen Land⸗ ſtraße überfallen und beraubt worden. Die Gerichte und die Polizei ſind bereits in Bewegung.“ „Sie täuſchen ſich, mein Vater; nein, nein, er wurde nicht beraubt. Er wurde geſchlagen... nicht beraubt.“ „Er wurde ſowohl das Eine als das Andere... und Du, Alfred, biſt der Thäter... ſonſt befände ſich dieſer Brief nicht in Deiner Hand.“ Alfred erinnerte ſich jetzt an Hans und an deſſen plötzliches Verſchwenden jeh 8 3 „Bei der Hölle!“ fluchte er,„ſollte Hans.. „Allmächtiger, rächender Gott,“ ſeufzte Boijer, „Dein ſtrafender Blitz hat alſo mein Herz getroffen.“ oijer und Alfred ſanken in einem und demſelben Augenblick jeder auf ſeinen Stuhl nieder, aber Alfred blieb nicht lange ſitzen. Er ſprang bald wieder auf und trat zu ſeinem Vater vor. Der Schlag, der ihn getroffen, hatte wenigſtens für einen Augenblick ſeine beſſere Natur geweckt. 112 „Sehen Sie hier, mein Vater, nehmen Sie Ihren Brief zurück. Ich verſpreche, nie mehr daran zu denken.“ „Behalte ihn,“ antwortete Boijer.„Du kannſt jetzt meine Schande, an welchem Pranger Du willſt, anſchla⸗ gen und Dich zu gleicher Zeit auch in Deiner eigenen ſpiegeln. Behalte ihn... behalte ihn.“ Alfred hielt den Brief noch in ſeiner Hand. „Mein Vater,“ ſagte er,„Sie dürfen doch nicht glauben, daß ich einen Poſtdiebſtahl begangen habe. Ich geſtehe, daß ich den Poſtillon angriff und durchprügelte .. aber den Diebſtahl... wenn irgend ein ſolcher begangen wurde... habe nicht ich begangen... ſon⸗ dern Hans.“ Boijer erhob ſich haſtig. „Hans war alſo bei Dir?“ „Allerdings, mein Vater. Es war unrecht, daß ich den Poſtillon angriff, das gebe ich gerne zu. Ich habe blos eine einzige Entſchuldigung für mich anzuführen.“ „Laß hören.“ „Es iſt dieſelbe Entſchuldigung, die Sie in Ihrem Brief geltend machen für... für...“ „Sprich Dich aus, Alfred.“ „Für Ihre Handlungsweiſe gegen Ihren Vater.“ „Allmächtiger Gott, Du warſt betrunken!“ „Ich geſtehe es, mein Vater.“ In der aufgeregten Stimmung, worin Boijer ſich jetzt defand, hörte und ſah er Alles mit feineren und ſchärferen Organen als ſonſt. „Still,“ rief er,„ſtill!“ Aber Alfred dachte immer noch an den gegen ihn erweckten Verdacht. „Ich werde mit Hans ſprechen, mein Vater.“ „Still, ich höre Tritte.“ „Ja, ja, es kommt Jemand.“ „Es iſt Deine Mutter, Alfred. Wir wollen uns zu 28——½—— nd 113 beherrſchen ſuchen, mein Lieber. Fort mit dieſen Pa⸗ pieren.“ „Sie haben Recht, fort mit dieſen Papieren.“ Alfred warf ſie ins Feuer, und kaum hatte die Flamme über ihnen zuſammengeſchlagen, als die Thüre aufging und Frau Amalie herein trat. „Nun, mein beſter Boijer, warum zögerſt Du ſo lang? Die Schlitten warten ſchon eine gute Weile. Es i*ſt ſchon ſpät... ſeid Ihr noch nicht fertig?“ So ſehr auch Boijer und Alfred ſich bemühten, die ſo hoch hinaufgetriebene Aufregung zu unterdrücken, ſo war es ihnen doch unmöglich, alle Spuren davon zu vertuſchen, und Amaliens einmal geweckter Argwohn be⸗ kam leicht, ſelbſt in dem unbedeutendſten Umſtand, neue Veranlaſſung. „Verzeih, Amalie“... ſtammelte Boijer... „wir kamen... wir.. „Es iſt hier etwas vorgefallen,“ bemerkte jedoch Amalie.„Du biſt ſo aufgeregt, Boijer... und Du, Alfred..“ „Keinen Argwohn jetzt, gute Amalie,“ antwortete Boijer.„Du darfſt uns nicht Unrecht thun. Alfred und ich ſchwatzten von... von... und als Beweis...“ Boiſer war im Begriff, ſich zu verwickeln. Welchen Beweis konnte er wohl geben? „Als Beweis?“ wiederholte Amalie. Boijer kam jetzt auf eine gute Idee. „Als Beweis,“ ſagte er,„drücke ich meinen Sohn an meine Bruſt.“ Alfred verſtand ihn und eilte in ſeine Arme. „Deiner Mutter zu lieb,“ flüſterte Boijer dabei in Alfreds Ohr,„gehſt Du doch mit in die Kirche? „Ja, mein Vater, ja!“ Wie unendlich wohl that es nicht der zärtlichen, in ihrer Seele ſo ſtolzen, aber im Herzen für ihren Ridderſtad, Vater und Sohn. Il. 8 114 Sohn ſo ſchwachen Mutter, dieſe ſo aufrichtige Freund⸗ ſchaftsprobe zwiſchen den beiden Männern mit anzuſehen, ja welche ihr ganzes Leben ſo innig verkettet war. Mit Thränen in den Augen nahm ſie Boijers und Alfreds Hände in die ihrigen und betrachtete Beide mit Freude. „Mein ganzes Lebensglück,“ ſagte ſie,„hängt von Dir ab, Alfred. Gott gebe, daß der Bund, den Du jetzt mit Emma zu ſchließen im Begriff ſtehſt, Dich recht glück⸗ lich machen möge! Viele, mein Alfred, werden darum glücklich, weil ſie gut ſind; aber viele werden auch darum gut, weil ſie glücklich ſind. Gehen wir jetzt nach der Kirche.“ „Ja, ja.“ Schon in unſern zarteſten Jahren trägt uns der gute Genius des Familienlebens auf ſeinen Armen in die Kirche, welche, nachdem ſie den Segen über unſere Hänpter geſprochen, uns der Geſellſchaft überläßt. Die Kirche iſt die heilige Pforte, um nicht zu ſagen die Jeruſalemspforte, durch welche das Familienleben uns in den Staat hineinzieht. Das Familienleben und der Staat ſind zwei Kin⸗ der der Kirche und ſie hält dieſelben in ihren Händen. Das erſtere iſt ihre Tochter, das letztere ihr Sohn. Aber zuſammen ſind ſie noch etwas mehr. Die Kirche iſt der Glaube, das Familienleben iſt die Liebe, der Staat iſt die Hoffnung. Durch den Glauben wird die Liebe zur Hoffnung. An den Glauben müſſen daher Liebe und Hoffnung d⸗ —n, nd nit on tzt ck⸗ im im der 11⁵ ſich wenden, wenn ſie einander geſucht, aber darum nicht immer gefunden haben.. Wo Du eine Kirche ſiehſt, wirſt Du von einem ge⸗ wiſſen unerklärlichen Gefühl ergriffen. Das kommt daher, daß ſie ein Zeugniß iſt vom Glauben der Menſchen, und zwar ein Zeugniß, das ſich durch Jahrhunderte fortge⸗ pflanzt hat. Der Kirchhof liegt rund um die Kirche her. Es iſt ein ganzes Jahrtauſend und noch mehr, was ſich um den Altar ſchlingt. Siehſt Du die Kreuze auf den Gräbern? Das ſind die Todten, die ihre Hände gen Himmel erheben und noch aus den Grüften ihren Glauben be⸗ zeugen. Man nähert ſich der Kirche auch nicht blos in Feſt⸗ kleidern, ſondern auch mit feſtlichen Gedanken. In Feſt⸗ gedanken kleidet ſich unſer Herz durch das Gebet. Ueber Thäler und Höhen klingen ſie durch das ganze Land von Gemeinde zu Gemeinde— die klaren Metall⸗ ſtimmen der Kirchenglocken. Dieſe ſo mächtig zu unſern Herzen ſprechenden Stim⸗ men rufen: zur Kirche, zur Kirche! Je näher man ihr kommt, um ſo ernſter werden die Gedanken, denn mit jedem Schritt entfernen wir uns mehr vom Gewimmel und Getöſe des Alltagslebens und nähern uns der Wohnung, wo Gott durch ſeine Diener zu uns ſpricht. Moſes ſtieg mit den Geſetztafeln vom Sinai herab. Vom Sinai des heiligen Wortes kommen die rech⸗ ten Diener des Herrn noch heute mit Tafeln, um die⸗ ſelben gleichfalls den Herzen entgegenzuhalten, in welchen der Leichtſinn oder die Bosheit um das goldene Kalb tanzen. Die Kirche in der Gemeinde Wardnäs war ein ſchö⸗ ner, geräumiger und heller Tempel. Hunderte von Armen hatten jahrelang daran gear⸗ 116 beitet, aber als das Werk fertig war, fand ſich blos ein einziger, der darauf hinarbeitete, einen ebenſoſchönen Tempel in der Arbeiter eigenem Herzen aufzurichten. Dieſer einzige war der Prieſter. Bereits hörte man die Glocken im Kirchthurm zu⸗ ſammenläuten, und die Volksmaſſe, die ſich bisher unauf⸗ hörlich auf dem Kirchplatze vermehrt hatte, begann ſich immer mehr zu lichten und in den Tempel hineinzu⸗ wogen. Der Wirth von Backa, der rothbackige Johanſſon hatte ſoeben ſeinem Freund, dem Gerichtsbauern und Kirchenälteſten die Hand geſchüttelt, als das in ſeinen Augen nicht minder wichtige Gemeindemitglied, der Brenn⸗ meiſter Lars Perſſon, heranſchritt. „Ei ſieh da,“ bemerkte Johanſſon,„biſt Du auch da? Es ſcheint, es iſt ein Feſt auf dem Herrenhof, denn ſonſt ginge die Brennerei wohl auch heute, kann ich mir wohl denken.“ Lars fand die Bemerkung ganz angenehm und grinste ſeinem Kameraden zu. „Ich komme um die Ausrufung des Herrn Alfred anzuhören,“ meinte er.„Ich habe den jungen Herrn recht lieb, wie wenn er mein eigener Sohn wäre.“ Trotz der freundlichen Verſicherung lag etwas Höh⸗ niſches in der Stimme, ſo daß man nicht recht wußte, wie man es nehmen ſollte. „Und ſieh, Du auch, Jan Erik,“ bemerkte der Kir⸗ chenvorſteher,„auch Du haſt Zeit, Dich am Sonntag Vormittag von Haus wegzubegeben. Ich dächte, die geheime Schenke ginge am Beſten, während wir andern im Gotteshauſe ſind.“. „Meine Frau iſt daheim,“ verſetzte Jan Erik.„Wir wechſeln jeden Sonntag mit einander ab, damit die Geiſtlichkeit keine Urſache hat über uns zu ſchimpfen. Glaubt nicht, daß wir darum etwas verſäumen. Hol mich der Teufel, wenn nicht mein Weib ebenſogut iſt, A— u u 117 wo nicht noch beſſer; denn das muß man doch zuge⸗ ben, ſie iſt ein dreiſtes Weib.“ Von der Straße her ertönte Schellengeläute, und auf einmal ſah man vier bis fünf Schlitten in Eile herbeikommen. „Seht, da kommen Barons und Boijers,“ fiel Jo⸗ hanſſon ein.„Das Ding ſieht allerliebſt aus, das muß man ſagen.“ „Johanſſon,“ flüſterte Jan Erik,„haben Sie ſchon gehört, was man munkelt... Sie wiſſen doch die Geſchichte... von dem Einbruchsverſuch, der heute Nacht bei Barons ſtattgefunden haben ſoll.“ „Einbruchsverſuch? Was ſagſt Du?“ Lars, der ſich entfernt hatte, blieb lauſchend ſtehen, als er die letzten Worte hörte. „Dann haben Sie vielleicht auch nichts davon ge⸗ hört, daß die Poſt heute Nacht beſtohlen worden iſt?“ Der Kirchenälteſte hob ſein Kinn in die Höhe, und blinzelte mit den Angen. „O ja,“ ſagte er,„ich habe von Beidem gehört. Ich glaube, der Pfarrer ſagte, es ſolle deßhalb eine Verkündigung verleſen werden. Es iſt verteufelt, wie viele Verbrechen und Diebſtähle in unſern Tagen began⸗ gen werden.“ „Das iſt wohl wahr,“ gab Jan Erik zu,„aber daran ſind die Pfarrer ſchuld.“ „Und die Repräſentationsfrage... „Und die Steuervereinfachungsfrage, das iſt auch ſo eine Frage. Es iſt ſchrecklich, wenn man nur daran denkt.“ 4 „Es iſt gerade, als ob es ganz und gar kein Chri⸗ ſtenthum mehr gäbe.,. „Und dennoch,“ fügte der Wirth der geheimen Schenke hinzu,„thue ich Alles, was ich kann.“ „Das iſt wohl wahr, aber es ſieht aus, als ob nichts mehr helfen könnte,“ 118 Die Herrſchaften von Edsbro und Wardnäs waren jetzt aus ihren Schlitten geſtiegen und näherten ſich. Die Frauenzimmer gingen voraus und die Herren folg⸗ ten nach. Alfred ſchritt ſtolz, beinahe ſpöttiſch einher; aber Boijer ſchien tief niedergeſchlagen zu ſein. In Horners Blick ſtrahlte Güte und offene Freund⸗ lichkeit. Die Ereigniſſe der Nacht ſchienen keine Spur bei ihm zurückgelaſſen zu haben. Mit fröhlicher und vertrauensvoller Miene näherte er ſich dem Gotteshaus, wo das künftige Schickſal ſeiner Tochter jetzt zum erſten⸗ mal verkündigt werden ſollte. lle Jeſpersſon ging in einiger Entfernung von ihnen allein. Die Baronin und Frau Boijer waren Beide zwei ſehr ausgezeichnete Damen. Wenn auch Fran Boijer in plaſtiſcher Beziehung ein ſchöneres und ſtolzeres Ausſehen hatte, ſo beſaß dagegen die Baronin eine moraliſch voll⸗ kommnere Erziehung, und obſchon ſie allmählig einen Anſtrich von Schwaͤrmerei und Aberglauben bekam, ſo gab dieß doch ihren Geſichtszügen einen verbindlicheren und herzlicheren, dadurch auch populäreren Charakter. Wenige Damen konnten wohl von Allen, die ſie wirklich kannten, mehr geliebt und geſchätzt werden, als ſie. Emma und Sophie führten einander am Arm. Die erſtere war blaß, wie das Schneefeld, auf welchem ſie ging. Alfred und ſie hatten einen Blick gewechſelt, aber kein Wort. Hätte Emma über ſich ſelbſt verfügen können, ſie hätte ſich nicht zur Kirche begeben. Sophie hatte ihre eigenen Bekümmerniſſe vergeſſen, blos um ihrer Freundin beizuſtehen, die jetzt ihrer Stütze ſo ſehr bedurfte. Als Barons und Boijers zur Kirchthüre hinein⸗ gingen, blieb Jeſpersſon auf der Treppe ſtehen. Er hatte einige weniger gut gekleidete Figuren an der Ecke 119 der Kirche umherſchleichen geſehen und in ihnen Hans und ſein Weib erkannt. Der Platz war bereits leer und Jeſpersſon winkte ihnen zu ſich. „Iſt alles fertig, Haus?“ fragte er. „Ja, Herr Doctor, ich habe den Schlitten dort.“ „So paß nur recht auf, wenn der Gottesdienſt zu Ende iſt.“ „Ich werde Alles thun, was ich kann, Doctor; ſeien Sie davon überzeugt. Es gilt ja meinem Schwager.“ „Gehſt Du in die Kirche hinein?“ Hans ſchauerte zuſammen. „Nein, Doctor, nein.“ Die Orgel, dieſe Königin unter den Inſtrumenten, erhob ihre mächtige Stimme in demſelben Augenblick, wo die Damen in die Kirche traten. 9 7 Orgel iſt eine auf die Erde verſetzte Seraphs⸗ arfe. Sie iſt ein Palaſt für den unſterblichen Geiſt der Muſik, ein Palaſt mit glänzenden Silberſäulen. Gleich dem Echo der Poſaune des jüngſten Gerichts erklangen ihre erhabenen, zugleich tiefen und hohen Stim⸗ men, als beabſichtigten ſie in jedem Herzen einen breiten Weg für Gottes Wort zu bahnen. „Wenn unſere weltlichen Bekümmerniſſe und eigenen Leidenſchaften ſich auch noch ſo hartnäckig in uns feſtge⸗ biſſen haben, ſo erſterben ſie doch bald bei dem brauſen⸗ den Gedröhne dieſes Katarakts von Tönen, der durch die Orgel aus den Sternen ſelbſt zu kommen ſcheint. Unſere Privatbekümmerniſſe ſind ja doch ſo klein. Unwiderſteh⸗ 120 lich empfinden wir die Größe und Allgegenwart einer unendlichen Gottheit. Unſer Herz zittert und unſere Seele wird hingeriſſen. Die kleinen Gedanken des All⸗ tagslebens ſchrumpfen zu Atomen zuſammen vor dem uns ſelbſt verklärenden Gefühl der Andacht, das ſich auf einmal im Herzen ausbreitet, unſerer Seele ein höheres Licht und unſern Gemüthern eine höhere Richtung mit⸗ theilend. So geſchah es auch jetzt. Die wilden und düſtern Spukgeſtalten, die durch Emma's Seele geirrt waren, verſchwanden plötzlich, und ein himmliſches Entzücken ergriff ſie. Es war ihr, als wäre Gottes klarer Tag erſt jetzt aufgegangen, als er⸗ wachte ſie erſt jetzt aus dem Dunkel der Nacht, und als ließe die Morgenröthe erſt jetzt ihr Licht über die Welt ausſtrömen. Der Uebergang war augenblicklich, aber er wirkte um ſo eindrucksvoller. Man war ein Stück in der Kirche vorangekommen, und Emma ſehnte ſich, ihr Haupt niederbeugen und zu Gott beten zu können. Aber auf einmal blieb ſie ſtehen. Ihr Blick fiel auf Etwas, was ſie noch nie zuvor geſehen hatte. Es war ein alter Mann mit ſchneeweißem, ſtrup⸗ pig herabfallendem Haar und mit magerem, knochigem, verfallenem Geſicht. Die Augen rollten tief in ihren dunkelgrauen Höhlen. Der Mann trug einen grauen Mantel, unter wel⸗ chem einige Lumpen hervorſahen. Auf einem Schand⸗ ſchemel mitten im Kirchengang knieend, ſchien er von Allen mit Schrecken betrachtet zu werden, und Alle zogen ſich vor ihm zurück. Auf Emma machte er einen gräßlich widerwärtigen Eindruck. 121 All die ſchönen Gefühle, welche ſie kaum noch beſeelt hatten, entſchwanden. 1 1 Es war ja eine Geſtalt aus der Hölle, die ſich im Tempel ſelbſt vor ihr aufgerichtet, und juſt an dem Tag, wo ihre beſchloſſene Verbindung mit Alfred zum erſten Mal verkündigt werden ſollte. Sie war unwillkührlich ſtehen geblieben und wußte kaum, ob ſie es wagen ſollte, an ihm vorbeizugehen. Wie heftig klopfte nicht ihr Herz! Schon vorher ſo erſchüttert, wurde es jetzt wieder ſo leicht aufgeregt. Es war ihr, als ſtünde der Mann zwiſchen ihr und dem Altar. Aber nicht genug. Stand er nicht auch zwiſchen ihr und Alfred? Sophie, welche fürchtete, Emma möchte die allge⸗ meine Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen, ſuchte ſie zum Weitergehen zu bewegen; aber Emma hörte nicht auf ſie. Horner und Boijer folgten ihr indeß dicht auf der Ferſe und waren ſogleich an ihrer Seite. „Was iſt das, Vater?“ flüſterte ſie.„Dieſer Mann da... wer iſt er?⸗ „Ein Verbrecher.“ Die Antwort war nicht beruhigend und Emma ſchau⸗ derte unwillkührlich zuſammen. „Ein Verbrecher,“ rief ſie aus. „Er muß öffentliche Kirchenbuße thun. Gib mir Deinen Arm, Emma.“ Horner führte ſie an ihre Bank. Während dieſer kurzen, glücklicherweiſe nur von eini⸗ gen Wenigen bemerkten Scene wechſelten Boijer und Alfred einen haſtigen Blick. In Boijers Blick drückte ſich ein ſichtbarer Schmerz aus; aber Alfred, der jetzt ſeinen Muth wieder gewonnen hatte, war kalt. Horner war zur rechten Zeit herangekommen, um das Ereigniß auch zu beobachten, aber er heſtete ſeine Aufmerkſamkeit weniger auf Emma, als auf Abrahamsſon, 122 der, ohne daß ſich in ſeinem abgelebten, ſtarren Geſicht auch nur eine Muskel verzog, blos Boijer und Horner mit rollenden Augen folgte, in deren Innerſtem ein Funke zu kniſtern ſchien. Der Gottesdienſt ging vor ſich. Der Orgel mächtiger Tonfall hatte aufgehört und die Andacht war wie in einem ruhigen und breiten Flußbett dahin gefloſſen, wo die klare Oberfläche in reinem Licht den Himmel über ihr zurückſpiegelte, blos zuweilen gekräuſelt von der innern Bewegung, die da und dort hervorbrach. Es verhält ſich mit dem Herzen, wie mit der Saite eines Inſtruments. Schlage ſie an, wie du willſt, wenn ſie nicht geſtimmt iſt, ſo antwortet ſie nur mit einer Diſſo⸗ nanz. Die geſtimmte Saite dagegen braucht nur ganz leicht ſelbſt von der ungewohnteſten Hand berührt zu werden um einen Akkord, einen vollen und harmoniſchen Tonfall, einen bekannten Theil einer vielleicht noch un⸗ bekannten, nur unter den Sternen oder über denſelben von ihrem künftigen Leben träumenden Ouvertüre von ſich zu geben. Laß uns unſere Herzen ſtimmen und Gottes Wort wird immer rein zu dir kommen. Es kann durch unſere Lehrer oder durch die Natur kommen. Wenn du allein einen Gegenſtand um dich her, einen Baum, eine Blume, einen Bach betrachteſt, ſo kommt es dir vor, als ob dieſer Gegenſtand wirklich lebte, als ob er ſprechen wollte, aber nicht könnte; betrachte ihn noch länger, dann wirſt du ganz deutlich ſehen, daß er wirk⸗ lich ein lebendiges Wort in dem großen bedeutungsvol⸗ len Bibeltext der Natur iſt, deſſen Ausdrücke freilich cht ner ake 123 von Staub ſind, wo aber gleichwohl die göttliche Quelle des Lebens unverſiegelt hervorfließt. So iſt es auch mit dem Menſchen, der ſein Gefühl für Gottes Wort öffnet. Eine Jakobsleiter, mit ihrem offenen Himmel dar⸗ über und ihren ſtrahlenden Engeln darauf, erhebt ſich über jedem Wort der Wahrheit, wenn nur unſer Herz es begreift. Wie manche Herzen erhoben ſich nicht im ſtillen Frie⸗ den zu dem Gott der Welt auch während des Gottes⸗ dienſtes, der jetzt vor ſich ging! wie mancher Gedanke wurde nicht dabei im Weinberge des Herrn aus einer ſchlechtern in eine beſſere Erde verſetzt! wie manches Ge⸗ fühl erſchloß nicht ſeine Blumenhülle, um das Licht em⸗ pfangen zu können, das von oben her ſtrömte! Aber wie Manche verſanken nicht auch blos in ſich, in der harten Schale eines für alle höhere und innigere Rührung er⸗ ſtorbenen Herzens! Der falſche Gottesdienſt iſt ein todtes Opferwerk, ſagt ein ausgezeichneter Theologe, wenn man äußerlich fromme Uebungen beobachtet, aber innerlich fortfährt zu ſündigen. Der Tag hatte für die Familien Horner und Boijer eine ſolche Bedeutung, daß nicht blos ſie ſelbſt, ſondern auch ihre Freunde innig und warm zu Gott beteten, er möchte die Verheißung einer glücklichen Zukunft für die⸗ ſelben in ſich ſchließen. Die betrübenden Ereigniſſe, die beide Familien, jede ihrerſeits getroffen, hatten ſie durch ihre herzerſchüttern⸗ den Wirkungen gleichſam zur Andacht eingeweiht. Nie⸗ mals hatten ſie Gottes Haus herrlicher gefunden, als jetzt; niemals hatten ſie geglaubt, daß Gottes Wort ſo tief in ihre Bruſt dringe; niemals war ihr Gefühl wär⸗ mer und empfänglicher geweſen. Aber beſonders Emma war in eine religiöſe Ver⸗ zückung verſetzt, welche zwiſchen Wehmuth und Seligkeit 124 die Mitte hielt, zwiſchen jener lieblichen Wehmuth, welche die Thräne in einem Seufzer, und den Seufzer in einem Gebet auflöſt, und der Seligkeit, welche die Freude des durch die Andacht beruhigten Gemüths in der Thräne wiederſpiegelt, welche die unnennbare Wonne des Her⸗ zens in dem Seufzer ausathmet, und das unerklärlich Erhabene in den geringſten Bewegungen unſeres Gefühls im Gebete verſchmilzt. Wenn eine Saite an einem Inſtrument ertönt, ſo klingt derſelbe Ton, wenn auch matter, von jeder gleich⸗ geſtimmten entſprechenden Saite jedes andern Inſtru⸗ ments in demſelben Zimmer. 4 Sophie, die Emmas ganzes Vertrauen erhalten hatte, dachte nicht mehr an ſich ſelbſt, ſondern fühlte nur mit ihrer Freundin. Die Freundſchaft zwiſchen ihnen beſaß dieſelbe mag⸗ netiſche Kraft, welche man ſonſt blos für eine Eigenſchaft der Liebe hält. Zu gleiche Zeit ſpr ache n ihre Lippen dieſelben Ge⸗ bete, gleich alshätte eine einzige Perſon ſie geſprochen. Zu gleicher Zeit erhob ſich die Bruſt Beider wie von demſelben Seufzer. Es war rührend, dieſe gleiche Stimmung zu ſehen. Je nach den verſchiedenen Eindrücken verklärten oder verdüſterten ſich ihre Augen, errötheten oder erbleichten ihre Wangen. Man hätte glauben können, derſelbe Engel habe 4 ſeine Hand ebenſowohl über ihre Häupter, als über ihre Herzen ausgeſtreckt. Mit Alfred verhielt es ſich anders. Auch er vergaß zwar das unheimliche Abenteuer, aber er vermochte gleichwohl ſeine Gedanken nicht zu ſammeln, und der Gottesdienſt war für ihn blos eine Art von Wortſchwall, der um ſeine Ohren brauſte und ſchäumte. Um ſich mit etwas zu beſchäftigen, hatte er ſtatt 12⁵ deſſen ſeine Braut zu betrachten angefangen, und er mußte ſich ſagen, daß ſie ein verdammt hübſches Mädchen ſei; aber auch Sophie ſah gar nicht übel aus, und wie es nun kam, er begann eine Vergleichung anzuſtellen, wobei er zu dem Reſultat gelangte, daß wenn Emma auch ſchön ſei, doch Sophie etwas verteufelt Intereſſantes an ſich habe. Aber ſeine Augen ſielen dabei auch auf Auna, die ihrer Herrſchaft in die Kirche gefolgt war, und nun vergaß er Emma und Sophie zugleich. Dieſes Hexlein hatte es ihm angethan. Um das ſchöne Mädchen ſchloß ſich auch eine ganze Geſchichte von Kindheitserinnerungen, und mit ihr war er jedenfalls am heimiſchſten. Anna hatte die ganze Welt vergeſſen. Wie ein argloſes Täubchen ſaß ſie da ohne alle Ahnung, daß Al⸗ fred ſie mit brennendem Raubvogelblick als eine vollkom⸗ men ſichere Beute betrachtete. Die Predigt war zu Ende. Als der Pfarrer die allgemeine Verkündigung be⸗ gann, fing auch Alfred an ſeinen Worten etwas mehr Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Der Gedanke, daß ſein Name jetzt von demſelben Platz her ertönen ſolle, von wo ſoeben Gottes Herrlichkeit verkündet wurde, glitt nur wie ein flüchtiger Schatten an ihm vorüber. „Ein chriſtlicher Ehebund,“ las endlich der Pfarrer 8 lauter, deutlicher Stimme,„wird in dieſer Gemeinde ente...“ Jedermann wußte, daß dieß den Bund zwiſchen den Familien Horner und Boijer betraf, und es wurde ſo 8 ſtill in der Kirche, daß man kaum einen einzigen Athem⸗ zug hörte. Die Mitglieder der beiden Familien beugten ihre Häupter und aus der Tiefe ihrer Bruſt ſtiegen warme Ge⸗ bete zum Himmel auf. Vor Emmas Augen wurde es ſchwarz. Sie ſank beinah ohnmächtig zuſammen. Ihr Herz hörte auf zu 126 ſchlagen. In dieſem Augenblick hatte ſie kein Gebet, keinen Seufzer, keinen Gedanken. In ihrem Innern herrſchte gleichſam eine vollſtändige Betänbung; es war darin ſo düſter und ſtill, wie in einem Grab. Sophie drückte ihr die Hand. Ohne dieſen Hände⸗ druck hätte Emma nicht gewußt, daß ſie noch lebte. Ein kalter Schauer lief Alfred über den Rücken; aber er beſiegte dieſe Anwandlung bald, und von all den Seinigen war er der einzige, der ſein Haupt nicht beugte, ſondern dreiſt dem Geiſtlichen ins Geſicht ſchaute. Dieſer fuhr fort: „... heute zum erſtenmal verkündigt zwiſchen...“ Aller Augen waren auf die Familien Horner und Boijer gerichtet. Die Grabesſtille konnte nicht tiefer ſein, als die in der Kirche. 3 Der Geiſtliche ſprach weiter: „.. zwiſchen dem hochwohlgebornen Fräulein Emma Horner und dem hochedeln Herrn Alfred Boijer...“ Aber in demſelben Augenblick, wo der Name ver⸗ kündet wurde, erſcholl ein halberſtickter Ausruf und ſtörte die allgemeine Stille. Der Ruf kam von dem Kirchgang her; er ertönte beinah wie eine Proteſtation, ſoviel Hohn und Beſtürzung drückte er aus. Unwillkürlich wandte ſich die ganze Gemeinde nach der Gegend, von wo der Schrei kam. Er kam von dem Gefangenen. In ſeinem grauen zerriſſenen Mantel hatte er ſich aufgerichtet, ſein Auge brannte, ſein abgezehrtes Geſicht ſah ſchrecklich aus und er ſtand da, die Hand gegen die Kanzel ausgeſtreckt, gleich als wollte er auch dadurch ſei⸗ nen Worten Gewicht verleihen. Alfred hatte ſich mechaniſch erhoben. Außer ihm bewegte ſich Niemand. Aber als er den Gefangenen au⸗ 3 n 127 ſichtig wurde, da ſetzte er ſich ſchnell wieder, erſchrocken über den Anblick. Emma und Sophie drückten einander die Hände noch feſter. Auf den Lippen der Uebrigen erſtarb das Gebet und ſie lauſchten in tiefſtem Schrecken. Nach der Verkündigung ging der Prediger zu einem Gebet für den Gefangenen über. Soeben noch hatte dieſer gleichſam eine Unglück prophezeihende Proteſtation gegen die Verkündigung von ſich gegeben; jetzt betete man zu Gott für ihn. Es lag darin kein Widerſpruch, ſondern es waren zwei beſondere Umſtände, die ſich verknüpften. Der Prediger ging hierauf zu rein weltlichen Ver⸗ kündigungen über. Das Gericht hatte eine Anzeige des in der Nacht vorher ausgeführten Poſtdiebſtahls erlaſſen. Alfreds Muth ſank. Da er nicht wußte, wo er ſeine Blicke verbergen ſollte, ſo ſtarrte er um ſich her, um zu ſehen, ob Jemand ihn beobachte. Und er zitterte un⸗ willkührlich, als er ſah, daß Jeſpersſon ihn feſt betrach⸗ tete, während zugleich auch ſeines Vaters Zlick ſcheu an ihm vorüber glitt. Ohne zu wiſſen, was er that, neigte er in betender Haltung das Geſicht in ſeine Hände. Er erſchrak nicht darum, weil die Anklage ihn im Gotteshaus überraſchte, ſondern darum, weil dieß in Gegenwart der ganzen Gemeinde geſchah. Er erſchrak nicht, weil ſie an ſeinem Ausrufungstag kam, ſondern weil ernſie nicht erwartet hatte. In ſeiner Verwirrung vergaß er, daß Niemand wußte, daß die Frage ihn be⸗ traf. Er glaubte in ſeiner Unruhe, daß alle daſſelbe wiſſen, was er wußte. Aber damit war es noch nicht genng. Der Prieſter begann eine neue Ankündigung. Dießmal war es eine von Horner ausgefertigte An⸗ 128 zeige über den in ſeinem Hauſe ſtattgehabten Verſuch zu einem Einbruchdiebſtahl. Schlag auf Schlag fühlte ſich Alfred von ſeinen eig⸗ nen Handlungen getroffen. Hätte er fliehen können, er wäre nicht einen einzigen Augenblick geblieben. Im einen Moment drückte er das Geſicht feſt gegen ſeine Hände, im andern riß er dieſe davon weg und ſchaute ſich trotzig um. Dabei begegnete er Sophiens Blick; dieſer ängſtigte ihn noch mehr als alles Andre, weil er ihn ſogleich wie⸗ der erkannte und ſich jetzt ſo deutlich erinnerte, was bis⸗ her gleichſam in einem Nebel vor ihm geſtanden, daß ſie und keine andre Perſon es geweſeu ſein mußte, die ihm mit der Lampe in der Hand begegnete, als er durch die Hausflur entſprang. Wie von Furien wurde er jetzt von einer Idee in die andere gehetzt. Obſchon er es nicht wagte, Jeſpersſon anzuſchauen, fühlte er, daß der Blick dieſes Mannes ihn gleichſam brannte. Weiter hinweg bemerkte er jetzt Lars. Lars lächelte. Er betrachtete das als eine Aufmunterung, und obſchon der Blick des Manues etwas Eiſiges hatte, ſo wurde er gleichwohl dadurch etwas beruhigt. Es war eine eiſige Ruhe.. Glücklicher Weiſe hatte Emma nicht gewagt, oder vielmehr ſie war nicht im Stande geweſen ihr Haupt, aufzurichten, und Alfred entging alſo dem Entſetzen auch von ihr betrachtet zu werden. Emma war mehr todt als lebendig. Sie empfand dieſelben Qualen wie ein Scheintodter; ſie hörte näm⸗ lich Alles, was um ſie her vorging, aber ſie konnte ſich nicht bewegen. Sobald die Verkündigung geleſen war, begann der Prieſter die Gebete, welche die Kanzelandacht beſchließen ſollten. 129 Die ganze Gemeinde beugte ihre Köpfe gegen die Bänke herab, während der Segen über ſie herabgerufen wurde. Wenn auch Alfreds trotzige Kälte durch kein war⸗ mes Gefühl aufgethaut war, ſo wurde ſie dennoch ge⸗ brochen, und auch er ſenkte ſeinen Kopf. Er wollte ſich vor den Blicken der Gemeinde verbergen, denn es däuchte ihn, als ſeien dieſelben gleich Dolchſpitzen auf ihn gerichtet. Endlich verſtummte auch der Geiſtliche, und beugte ſich betend nieder, während Alle das ſchönſte aller Gebete„Vater unſer, der Du biſt im Himmel...“ ſprachen. Dieſes vom Erlöſer ſelbſt geſprochene Ge⸗ bet ging wie ein Seufzer durch den Tempel. Als die Zuhörer ihre Köpfe wieder emporrichteten, erhob die Orgel ihre gewaltige Stimme. Ein verworrenes Getöſe ſtörte jedoch in dieſem Au⸗ genblick die Andacht weiter unten in der Kirche. Von Neuem wandte man ſich unruhig und fragend um, und man ſah jetzt den Gefängnißwärter, der den Gefangenen in die Kirche geführt hatte, unter lebhaften, heftigen Geberden mit dem Kirchendiener an der Thüre einige Worte wechſeln. Noch wußte Niemand, was das bedeutete, aber es ſtand nicht lange an, ſo erfuhr man, daß der Gefangene den Augenblick, wo Alle in die ſtille Andacht des Ge⸗ bets verſunken lagen, benützt hatte, um in der Stille zu entfliehen. Niemand hatte ſein kühnes Unternehmen bemerkt, kirdas Gebet zu Ende war und man ſeinen Platz leer and. Rid derſtad, Vater und Sohn, I. 9 130 Vierzehntes Kapitel. Der königliche Sekretär Brun. Jeſpersſon gewann mit jedem Tag mehr Einfluß bei der Familie Horner. Unberufen ſchien er ſich in Nichts zu miſchen, aber man fand ihn immer, wenn ir⸗ gend ein Kummer zu drohen ſchien. Er war auch nicht mehr der übellaunige oder dreiſte, zudringliche alte Narr, ſondern er war ſtill und zurückgezogen; aber was er ſagte, zeugte bei all ſeiner Wortkargheit immer ebenſo⸗ wohl von ſcharfſinnigem Verſtand als von entſchloſſenem und klarem Blick. „Du haſt zwei ſehr hübſche Flügelgebäude,“ ſagte Jeſpersſon eines Tags zu Horner.„Das eine haſt Du Bruns überlaſſen, aber wozn benützeſt Du das andere?“ „Es ſteht leer.“ „Zum Teufel, das habe ich auch gedacht. Höre, Bruder, da iſt mir etwas eingefallen.“ „Laß hören.“ „Dieſes Gebäude würde mir paſſen. Haſt Du etwas dagegen, wenn ich hineinziehe?“ „Ganz und gar nicht, Jeſpersſon. Es freut mich, wenn ich Dir in irgend etwas ein Vergnügen machen kann. Ich will die Zimmer in Ordnung bringen laſſen.“ „Das iſt ſchön, Bruder; aber mach' Dir nicht viel unnöthige Mühe. Bei den Tſcherkeſſen und Abaſſen war der Feldmantel mehrere Jahre lang mein einziges Mobiliar.“ Noch am ſelben Tag bezog Jeſpersſon den Flügel. Mit kindlichem Vergnügen betrachtete er die ſchönen Zimmer. „Zum Henker,“ murmelte er,„dieſe Zimmer da gefallen mir wirklich. Ich glaube beinahe, daß ein ge⸗ 131 regeltes Leben auch ſeine Reize hat; hier fehlt mir jetzt nur... Aber die ungeheuchelte Freude, deren klarer Strahl einen Augenblick ſein Geſicht beleuchtete, verſchwand auf einmal, Ein düſterer Ernſt legte ſich über ſeine Züge und er verſank in ſtille Betrachtungen. Inzwiſchen rüttelte er ſich ſchnell wieder daraus empor. „Er würde ſterben, wenn ich ihn ſich ſelbſt überließe,“ murmelte er;„aber es iſt edler, wenn ich ihn ſeiner Frau, der Vernunft, der Welt und dem Leben zurück⸗ zugeben verſuche.“ Hierauf nahm er ſeinen Hut und begab ſich zu Bruns hinüber. Als wir Brun das letztemal verließen, lag er be⸗ wußtlos unter einem Tiſch im Krähenneſt. Sobald der Rauſch ſoweit verdunſtet war, daß Brun ſeine Gedanken wieder einigermaßen ordnen konnte, begab er ſich auf den Heimweg, wobei ſein Verſtand die Gegenſtände ein wenig beleuchtete und ihm den Weg zeigte, ungefähr wie eine matte Hornlaternene Nur zwei Vorſtellungen ſtanden deutlich vor ihm, und alle beide waren Wiederſpiegelungen deſſen, was ihn in ſeinem beſoffenen Zuſtand erzürnt hatte. Die eine richtete ſeinen Unwillen gegen Sophie, die er im Allge⸗ meinen ſtets als die Haupturſache all der Dummheiten betrachtete, welche er beging, und die andre war der Aerger über Jeſpersſons ungebührliche Einmiſchung in ihre, nach ſeiner Anſchauungsweiſe niemand anders be⸗ treffenden häuslichen Familien⸗Verhältniſſe. In dieſem Aerger verſchmolz die letzte Kraft des Rauſches, und der Zorn wuchs immer mehr bis zu wirklichem Haß an. Da er jedoch einſah, daß er ſich an Jeſpers⸗ ſon nicht rächen konnte, ſo beſchloß er, ſich an Sophie ſchadlos zu halten. Sophie war ſoeben von Emma, bei der ſie ſich meh⸗ 13² rere Stunden aufgehalten hatte, zurückgekommen, als Brun hereintaumelte. Wir übergehen hier den herzzerreißenden Auftritt, der zwiſchen Brun und Sophie ſtattfand. Sophie war in Verzweiflung. Ihr Jammer erſtarb vor tauben Ohren. Erſt als der dem Moloch der Völle⸗ rei verfallene Elende müde und ohmächtig in ſein Bett ſank, fand ſie Ruhe und Frieden. Welch ein häusliches Glück! Sophie weinte bittre, bittre Thränen. Welch eine Gegenwart, welch eine Zu⸗ kunft! Seufzend warf ſie ihre Blicke auf ihre Jugender⸗ innerungen zurück, und die guten Engel dieſer Erinner⸗ ungen erbarmten ſich über ſie, kamen mit duftenden Kränzen in ihren Händen und wehten ihr Frieden zu, bis ſie endlich im ſchönen Reich der Träume ihrer Phan⸗ taſie den friedevollen, heitern Tempel der Kindheit er⸗ ſchloſſen, wo Alles ſo ſchön und lieblich war, wo der Himmel lächelte und Blumen dufteten. Als ſie aus ihrem leichten Schlummer erwachte, ſtand die Sonne bereits hoch am Himmel und Brun war fort. Er hatte ſich nach dem Krähenneſt zurückbe⸗ geben.. So vergingen zwei, drei Tage. 4 Brun war bis jetzt im Allgemeinen ziemlich gut⸗ müthig geweſen, ſelbſt in ſeinen Räuſchen; aber nach⸗ dem er die Grenze einmal überſchritten hatte, ſchien die⸗ ſelbe auch für immer verſchwunden zu ſein. Sein Weſen befand ſich in einem beſtändigen Gäh⸗ rungszuſtand, während ſein Körper ſchwoll und ſein Blut unaufhörlich in der bennruhigendſten Weiſe kochte. Schaute man ihn an, ſo mußte man bald einen innern, wahrhaft revolutionären Fieberzuſtand bei ihm entdecken. In den wenigen nüchternen Pauſen, die er hatte, ärgerte er ſich darüber, daß er die Hand an ſeine Frau gelegt, und um ſich gegen ſeine Selbſtvorwürfe zu N un 133 ſchützen, brach er in neuen Unwillen gegen ſie aus; war er dagegen voll, ſo gab ihm der Rauſch die wahnwitzig⸗ ſten Gedanken ein, und Sophie mochte nun freundlich oder ernſt ſein, ſo erblickte er im einen wie im andern nur neue Veranlaſſungen zu gewaltſamen Ausbrüchen. Eines Tags kam er ungewöhnlich aufgeregt nach Hauſe. 8 „Du mnßt mir Geld anſchaffen,“ rief er ihr zu, „Du biſt Schuld, daß man mir im Krähennäſt nichts mehr auf Borg geben will. Seit man dort gefunden hat, daß es mit der Bezahlung meiner erſten Schuld ſo leicht ab⸗ ging, will man mich jetzt preſſen. Das habe ich Dir und dieſem Schurken Jeſpersſon zu danken.“ Sophie wollte entfliehen, aber Brun ſtellte ſich vor die Thüre. „Geld,“ ſchrie er,„Geld!“ „Ich habe keines.“ „Du haſt ſilberne Löffel... bring ſie her...“ „Ich habe blos ſechs Löffel, Brun, die ich im vori⸗ gen Jahr von Barons zum Chriſtgeſchenk erhielt.“ „Du haſt ſechs Löffel, ſagſt Du? Ich glaubte, daß wir blos zwei beſäßen. Wir haben alſo vier zu viel. Wo haſt Du ſie?“ „Mein Gott, mein Gott!“ „Sperre Dich jetzt nicht lang, und ſei mir ſtill von Gott. Hier bin ich Dein Gott... bringe die Löffel her.“ „Nein, nein.“ „Du weigerſt Dich... beim Himmel!...“ „Warum das Einzige, was wir noch beſitzen, auch vollends hinausbringen, Brun?“ Bruns Geſicht flammte. Die Augen traten aus liren Höhlen, und die Pulſe an ſeinen Schläfen pochten eftig. Die Völlerei beſteht nach Clarus Die in einer durch langwierigen Gebrauch ſtarker Getränke hervorgerufenen 134 Verſtimmung der Empfänglichkeit des Menſchen für phyſiſche und moraliſche Bedürfniſſe, ſowie in einer da⸗ raus entſtandenen Niedrigkeit ſeiner Denk⸗ und Hand⸗ lungsweiſe. Bei Trinkern, bemerkt Berndt, und beſonders bei ſolchen, die wenig oder gar keine Bildung haben, beur⸗ kundet ſich eine moraliſche Verdorbenheit, die an Wild⸗ heit grenzt. Ihr Benehmen iſt trotzig, brutal, heftig und ſtürmiſch, ſie ſind leicht aufgereizt, argliſtig, unge⸗ hobelt und gefühllos, ſie verrathen eine ungezügelte Neigung zu Streit und Krakehl, eine wahre Zerſtörungs⸗ wuth und eine Feindſeligkeit gegen Alles, was nicht mit ihrem Willen übereinſtimmt. Brun war ein Sänfer. Als Sophie erklärte, daß die ſilbernen Löffel ihr einziges Beſitzthum ausmachten, ſchimmerten ſeine Augen roth unterlaufen. „Du lügſt!“ rief er. Er hatte etwas entdeckt, was vor ſeinen Blicken glänzte. „Ich lüge?“ „Du gehſt ja ſelbſt in Gold und Geſchmeide um⸗ her. Ah, ſieh da... da... da iſt wenigſtens etwas ganz Ueberflüſſiges. 5 „Wo? Was meinſt Du?“ „Deine Ohrringe. Gib ſie her... ich will ſie haben... tummle Dich, oder ich reiße ſie Dir aus den Ohren.“ Sophie ſah ſich bange und furchtſam um. Sie wußte nicht, wie ſie entkommen ſollte. Die Ohrringe waren koſtbare, theure Erinnerungen an ihre Eltern. Bruns Raſerei war auf den höchſten Grad geſtiegen. Als er bemerkte, daß Sophie ſich umſchaute, als wollte ſie ihm entfliehen, da verdüſterten ſich ſeine Gedanken auf einmal und er warf ſich über ſie her, um ſeine Drohun⸗ 13⁵ gen auszuführen; aber, wie von der Vorſehung ſelbſt geſendet, trat in dieſem Augenblick Jeſpersſon ein. „Was machen Sie, Herr Brun?“ ſagte der Doctor mit einer Ruhe, die vielleicht juſt dadurch um ſo größe⸗ ren Eindruck auf ihn machte;„wie können Sie ſich ſo weit vergeſſen, ein wehrloſes Weib auf dieſe Art anzu⸗ greifen, und noch überdies ein Weib, das aus Erge⸗ benheit gegen Sie Alles aufgeopfert hat... ſagen Sie irgend etwas, was ſie nicht aufgeopfert hätte.“ Aber der Eindruck, den Jeſpersſon auf Brun machte, währte blos einen kurzen Augenblick. Der ganze Unwil⸗ le, den er von der Scene im Krähenneſt her auf Jes⸗ persſon geworfen hatte, erwachte jetzt zu neuem Leben. Brun glaubte auch ein förmliches Recht gegen Jer⸗ persſon zu haben, der ſich ſo unberufen in ſeine Privat⸗ angelegenheiten einmiſchte. Aber aus den Zuckungen in Bruns Geſicht erſah Jeſpersſon, was bei ihm vorging, und mit einer Kälte, die zugleich würdevoll und abküh⸗ lend war, ergriff er ſeine Hand. „Wenn Sie ſich nicht zu beruhigen ſuchen,“ ſagte Jeſpersſon, während er ihm den Puls fühlte und auf⸗ merkſam ins Geſicht ſchaute,„ſo ſterben Sie binnen we⸗ nigen Minuten an einem Blutſchlag.“ Das ſchreckliche und gleichwohl ſo ruhig ausgeſpro⸗ chene Todesurtheil kam wie ein Blitz über Brun. Jeſpersſon griff augenblicklich nach einem Waſſer⸗ glas. „Trinken Sie!“ befahl er. Ein haſtiges Zittern eilte durch Brun's Glieder. Er leerte das Glas in einem Zuge. Dann führte Jes⸗ persſon ihn an einen Stuhl. „Madame,“ ſagte er zu Sophie,„haben Sie die Güte, mich einen Augenblick mit Ihrem Mann allein zu laſſen. Ich habe etwas mit ihm zu reden.“ Sophie drückte ihm dankbar die Hand. 136 „Seien Sie nicht allzuſtreng gegen ihn,“ bat ſie jedoch.„Sie ſehen, daß er ſchwach und leidend iſt.“ Ohne etwas zu antworten, blickte Jeſpersſon ihr in die efreundlichen Augen und nickte mit ſtillem Beifall ihrem Wunſch zu. Sobald ſie ſich entfernt hatte, nahm er Platz an Bruns Seite. „Sind Sie ruhiger, mein Herr?“ fragte er.„Kön⸗ nen Sie mich jetzt ohne alle Erhitzung anhören?“ „Sprechen Sie, Herr Doctor, ich höre.“ „Sie ſind krank, mein Herr, ſchwer krank.“ „Krank?“ wiederholte Brun. „Die Völlerei, mein Herr, iſt eine Krankheit. Sie haben die Polydipsia ebriosa, einen unauslöſchlichen Durſt nach geiſtigen Getränken. Sie ſcheinen blos geſund zu ſein, wenn Sie Ihren Durſt befriedigen, das heißt, weun Sie etwas betrunken ſind. Nichtsdeſtoweniger ſind Sie dann gleichwohl kränker, als wenn Sie krank ſind, d. h. als wenn Sie nüchtern ſind. In welcher Lage Sie ſich befinden mögen, ſo find Sie krank, und obſchon Sie in einem Zuſtand kränker ſind, als im andern, ſo wirken gleichwohl beide gleich zerſtörend auf Ihr phyſiſches und pſychiſches Leben. Es iſt ſchon ſehr weit mit Ihnen ge⸗ kommen. Ich bin überzeugt, daß ſogar Ihre Seele ſchon alle eigene Kraft verloren hat, ſich aus dem ungeſunden Krankenbett Ihres Körpers wieder emporzurichten. Was glauben Sie?“ Jeſpersſons Art die Sache zu betrachten, war für Brun etwas neu, und er wußte nicht, was er antworten ſollte. „Sie haben alle Grade des Krankheitszuſtandes der Völlerei durchgemacht und befinden ſich jetzt im höchſten Grad. Ich will den Weg beſchreiben, den Sie gegangen ſind, damit Sie ſelbſt ſehen können, ob ich mich täuſche oder nicht. Sie begannen damit, daß Sie mit guten Freunden und luſtigen Brüdern tranken, um in ihrer 137 Geſellſchaft eine freie Stunde angenehm zuzubringen. Nicht wahr?“ „Das iſt wahr.“ „Zu jener Zeit betranken Sie ſich noch nicht, aber ohne daß Sie daran dachten, geſchah es endlich. Zwar empfanden Sie damals einigen Abſcheu darüber, aber nachdem es einmal geſchehen war, wiederholte es ſich, ungeachtet Sie jetzt daran dachten.“ „Ich geſtehe es.“ „So kamen Sie allmählig zum erſten Grad der Völlerei oder zur unregelmäßigen Trinkſucht. In dieſem Grade beſäuft man ſich, wenn es gerade ſo kowmt und die Völlereikrankheit ſich noch nicht vollkommen ausgebildet hat. Dieſer Zuſtand enthält gleichwohl die Elemente aller übrigen Stadien. Denken Sie nach, mein Herr, ob ich Recht habe.“ „Fahren Sie fort, Herr Doctor, fahren Sie fort.“ „Von der unregelmäßigen Trinkſucht kamen Sie in die periodiſche, die regelmäßige. Dieſer Krankheits⸗ zuſtand iſt hauptſächlich durch die Regelmäßigkeit merk⸗ würdig, womit das Verlangen wiederkehrt. An gewöhn⸗ lichen kritiſchen Tagen hört es von ſelbſt auf, kommt aber unwillkürlich an andern Tagen wieder. Der dritte, fünfte, ſiebente, neunte, elfte, dreizehnte oder einundzwan⸗ zigſte Tag ſind in dieſer Beziehung ſehr bemerkenswerth. Haben Sie dieſe Erfahrung gemacht, mein Herr?“ „Nein, Doctor, nein.“ „Dann ſind Sie an dieſem Stadium vorbeigeeilt und haben ſich auf einmal weit vorwärts in die Krankheit hinein verſetzt.“ „Was meinen Sie, Herr Doctor? Haben Sie die Güte, ſich zu erklären.“ „Ich will damit ſagen, daß Sie aus der unregelmäßi⸗ gen Trinkſucht unmittelbar zu der remittirenden überge⸗ gangen ſind, nicht zu derjenigen, wo man zu verſchiede⸗ nen Zeiten des Tages trinkt, aber ſich noch in den Gränzen 138 des Anſtandes hält, bis gegen Abend, wo das Verlangen nach Spirituoſen ſeine ganze entflammende Gewalt ent⸗ wickelt, und man durch alle Uebergänge hindurch bis in die unverſtändige Verwirrung des Rauſches ſtürzt, und auf ſolche Art Tag um Tag, Abend um Abend, Nacht um Nacht fortfährt. Erkennen Sie dieſes Stadium wieder?“ „Sehr gut, Herr Doctor. Sie wollen wohl ſagen, daß ich demſelben angehöre.“ „Sie? Nein, mein Herr, Sie gehören einem noch ſchlimmern an.“ „Einem noch ſchlimmern?“ 4 „Ihre Krankheit iſt eine anhaltende Trinkluſt, ein fortwährendes, immer gleich gewaltſames und unauslöſch⸗ liches Verlangen nach berauſchenden Getränken. Früh am Morgen, gleich nach dem Erwachen, den ganzen Tag hindurch verlangen Ihre Eingeweide nach dem Labetrank. Die Beſtandtheile Ihres Körpers ſind von einem fixirten Bedürfniß ergriffen worden: das iſt ein phyſiſcher ſowohl als ein pſychiſcher Wahnwitz, eine Raſerei im Körper ſowohl als in der Seele. Jeder Gedanke ruft nach Branntwein, und jeder Punkt in Ihrem ganzen Weſen ſtimmt gleichſam im Chor in dieſes Verlangen ein. Sie meinen, daß Sie nicht leben könnten, wenn dieſes Ver⸗ langen nicht erfüllt würde; und Sie ſaufen... ſaufen, bis Sie ihren Verſtand ertödtet und Ihren Körper un⸗ fähig gemacht haben, ſich ſelbſt zu pflegen. Ihre Krank⸗ heit iſt entſetzlich. Um in dieſer elenden Weiſe weiter zu vegetiren, müſſen Sie durch berauſchende Getränke Ihre Vernunft und Ihre Kräfte ermorden. Und ſo ſind Monate und Jahre vergangen und werden noch vergehen, bis Sie entweder Kraft genug haben, ſelbſt mit dem Saufen aufzuhören, in welchem Fall die Natur Sie all⸗ mählig heilen wird, oder bis irgend eine Krankheit die Empfänglichkeit des Organismus für das krankhafte Ver⸗ langen verändert, oder bis eine gewaltſame, durch Ihre 139 eigene erniedrigende Unmäßigkeit hervorgerufene Kriſis augenblicklich das diaboliſche Spiel Ihrer Leidenſchaften ⸗mit den Kräften abkürzt, welche die Vorſehung Ihnen zu nützlichen und nicht zu zerſtörenden Zwecken verliehen hat.“ „Was meinen Sie, Herr Doctor?“ Brun war erſchreckt. Er hatte bis jetzt aus Leiden⸗ ſchaft geſoffen, ohne darüber zu raiſoniren, ohne daran zu denken, daß auch das Laſter der Völlerei ſich zu einem wirklichen normalen Uebel ausbilden könnte; aber in der von Jeſpersſon entworfenen Zeichnung erkannte er ſich vollkommen wieder, und er entſetzte ſich jetzt vor dem Gedanken, daß er ſich einem Verlangen hingegeben, das allmählig ſeine Natur in einen Krater diaboliſcher Lei⸗ denſchaften verwandelt hatte, die an ihm zehren mußten, bis ſie ihn ganz verzehrten, ihn brennen mußten, bis ſie ihn vollſtändig verbrannten. „Was ich meine?“ antwortete Jeſpersſon.„Ich habe es Ihnen bereits geſagt. Im weitern Verlauf eines ſolchen Lebens, wie das Ihrige, bilden ſich unge⸗ ſunde Flüſſigkeiten, die Blutgefäße werden mit gährenden Stoffen gefüllt, die Nerven werden in einen Zuſtand un⸗ geregelter Gereiztheit verſetzt, die materiellen Funktionen des Körpers werden geſchwächt und ſchlaff gemacht, und es bilden ſich Abnormitäten, die außer aller Berechnung ſtehen; bis die von zerſtörenden Elementen überfüllte Natur, wenn ſie durch irgend eine erhitzende Zufälligkeit aus ihrer gefühlloſen Betänbung aufgerüttelt wird, ſich zuletzt auf einmal in einem zermalmenden Blitz entladet, das Blut in den Kopf aufwärts treibt, denſelben mit der⸗ Schnelligkeit des Gedankens ſprengt, und Sie augenblick⸗ lich tedt zu den Füßen Ihrer Freunde niederwirft, die vielleicht noch mit dem Glas in der Hand lachend glauben, daß Sie blos ein wenig zuviel getrunken haben, und deßßhaſ höhniſch den Kadaver unter dem Tiſch mit Füßen reten.“ 140 Jeſpersſon ſah, daß ſeine Worte nicht ohne Wirkung blieben, und dieß ermunterte ihn fortzufahren. „Ich habe,“ fuhr er alſo fort,„als Arzt mir es immer zur Regel gemacht, meine Patienten ihre Krank⸗ heit ſo vollſtändig als möglich wiſſen zu laſſen. In dem⸗ ſelben Augenblick, wo ich fie in das wiſſenſchaftliche Ge⸗ heimniß ihres eigenen Uebels einweihte, iſt ſehr häufig ihre Natur mir entgegengekommen und das rechte Heil⸗ mittel um ſo leichter gefunden worden. Hören Sie mich alſo an. Ich will Ihnen nämlich beſchreiben, wie Sie ſich im Allgemeinen vor dem Rauſch und während des⸗ ſelben befinden, damit Sie ſelbſt beurtheilen können, in wie fern ich mich getäuſcht habe oder nicht. Verſtehen Sie mich recht, Herr Brun. Täuſche ich mich nicht, ſo müſſen Sie ja auch Vertrauen in mich ſetzen können.“ Jeſpersſon übte bereits einen unwiderſtehlichen Ein⸗ fluß auf Brun aus. All der Haß, den er gehegt hatte, war bereits verſchwunden, und er lauſchte begierig auf jedes Wort. „Sie ſchlafen unruhig,“ fuhr Jeſpersſon fort. „Die Nacht iſt für Sie keine Ruhe. Verworrene Bilder ſpielen mit Ihren Gedanken. Das Blut gährt, die Pulſe pochen, der Kopf iſt ſchwer, und wenn Sie erwachen, ſind Sie nicht ausgeruht. Habe ich Recht?“ Brun wurde immer niedergeſchlagener. „Wenn Sie erwachen, haben Sie unbehagliche Ge⸗ fühle, peinliche Gedanken. Manchmal ſind Sie mit ſich ſelbſt, manchmal mit allen Andern unzufrieden, gewöhn⸗ lich das Eine und das Andere. Wenn Sie etwas zu thun haben, ſo beſchweren Sie ſich darüber, und glauben, es ſei eine Arbeit, die Sie zerſtöre; haben Sie dagegen nichts zu thun, ſo verfluchen Sie auch das, gleich als ob die Unthätigkeit die einzige Quelle Ihrer untergrabenen Geſundheit wäre. Nichts iſt Ihnen nach Wunſch. Sie ſuchen nach einer Veranlaſſung Ihren Zorn ausbrechen zu laſſen. Sie ſchweigen.“ 8 ☛ 7 141 Brun wandte ſcheu ſeinen Blick ab. „Sie zittern an allen Gliedern; das iſt ein galva⸗ niſches Zittern. Der geſtrige Rauſch ſpielt noch in den Nerven. Sie empfinden einen Eckel. Sie huſten, und je mehr Sie huſten, um ſo mehr eckelt es Ihnen. Der Tag geht hin, vielleicht auch blos einige Stunden. Dann ſtellen ſich einige Schauer ein, die Ihnen über den Rück⸗ grath laufen. Es iſt ganz wie Froſtſchauer, und Sie meinen etwas Erwärmendes zu bedürfen. Sie nehmen einen Schnaps. Das thun Sie ja doch?“ „Ja, Doctor, ja!“ „Sie verſchlingen gierig den erſten, zweiten und drit⸗ ten, und dann fühlen Sie ſich etwas munterer; Ihr vor⸗ her ausdrucksloſes Geſicht bekommt wieder Leben, der Eckel hört auf, das Zittern in den Gliedern nimmt ab, und Sie werden zufriedener mit Ihren Umgebungen. Sie hören vielleicht eine Stunde oder auch mehrere auf szu trinken, aber die Krankheitsſymptome kehren zurück und verlangen neue geiſtige Getränke. So geht der ganze Tag hin, und ſo Tag für Tag, Jahr um Jahr. Im Anfang der Krankheit iſt das Nervenſyſtem in einem ere⸗ thiſchen Zuſtand, was jedoch allmählig und nach Maß⸗ gabe der Heftigkeit und Andauer des Reizes früher oder ſpäter zur Torvidität übergeht. Nun wohl, mein Herr, habe ich Ihre Symptome richtig beurtheilt?“ „Das haben Sie, Herr Doctor, ich kann es nicht läugnen. Wollen Sie ſo gut ſein und mir etwas ſagen?⸗ „Laſſen Sie hören.“ „Glauben Sie mich unrettbar verloren?“ „Niemand iſt unrettbar verloren, ſo lange er noch Seelenkraft genug beſitzt, um ſich ernſtlich emporrichten zu wollen.“ Brun’s Kopf ſank erſchlafft nieder. Er fühlte, der Beklagenswerthe, daß er dieſe Kraft nicht beſaß. „Eine lange Rüchternheit kann Ihren Körper neu 2 142 gebären und Ihnen die Geſundheit wieder ſchenken, wenig⸗ ſtens zu einem ſehr großen Theil.“ Brun ſchüttelte blos den Kopf. „Eine ordentliche Lebensart kann Ihnen Arbeitsluſt und ein fröhliches, ruhiges Gemüth wieder geben.“ Brun ſtieß einen tiefen Seuzer aus. „Nüchternheit und Ordnung könnte Sie der Geſell⸗ ſchaft und dem Familienleben wieder ſchenken, ſo daß Sie mit Andern und mit ſich ſelbſt zufrieden würden.“ Brun ergriff Jeſpersſons Hand. „Doctor,“ ſagte er,„retten Sie mich, weun Sie können, aber verlaſſen Sie ſich nicht zu ſehr auf meine eigenen Kräfte.“ Dies war Jeſpersſons höchſter Wunſch, und er war Füerveignügt⸗ daß er ſein Ziel ſo leicht erreicht haben ſollte. „Wenn ich mich Ihrer annähme,“ fügte er hinzu, „würden Sie ſich dann allen Forderungen unterwerfen wollen, die eine ſtrenge Kur nothwendig macht?“ „Wohlan, Doctor, ich will es thun; aber laſſen Sie mich ſogleich anfangen, bevor ich es bereue.“ „Aber ich bin ſtreng,“ bemerkte Jeſpersſon,„und ich ſage Ihnen zum Voraus, daß die geringſte Abweichung von meinen Vorſchriften Sie das Leben koſten kann.“ „Gleichviel, ich will Ihnen gehorchen.“ „So folgen Sie mir.“ Als Brun auf die Treppe hinauskam, blieb er jedoch zögernd ſtehen. „Sagen Sie mir, Dortor,“ fragte er,„muß ich ſo⸗ gleich gänzlich allen geiſtigen Getränken entſagen?“ „Nicht ganz. Sie werden hinfort, und ſo lange ich es für nöthig halte, nichts Anderes bekommen, als Branntwein... blos Branntwein... die Speiſen werden mit Branntwein durchtränkt ſein... das Brod wird in Branntwein ſchwimmen... das Waſſer ſelbſt wird Branntweingehalt haben.“ doch ſo⸗ unge als eiſen Zrod elbſt 1⁴4³ „Mein Gott, täuſche ich mich nicht?“ Jeſpersſons Worte erſchloſſen vor Brun's Augen den Vorhof eines wahren Paradieſes. Wir gehen über einige Tage weg. Damit Brun ſich nicht im Widerſtreit mit ſeinem Gelübde entfernen, ſondern ſeine Kur ordentlich aushal⸗ ten ſollte, ſperrte Jeſpersſon ihn in einem beſonderen Zim⸗ mer vor ſeinem eigenen ein. Jeſpersſon liebte als Arzt nichts mehr als die Ex⸗ perimentenmacherei. Um paſſende Subjecte dazu zu be⸗ kommen, konnte er jedes Opfer bringen. Mit dem menſch⸗ lichen Elend zu laboriren und eine Zeit lang auf ein wohlberechnetes Reſultat zu hoffen, das war für ihn ein ebenſo großer Genuß, wie es für den kühnen Condor iſt, in den Wolken eine Volte zu ſchlagen. Nachdem er ſeine eigene Wohnung bekommen hatte und über mehrere Zimmer verfügen konnte, erinnerte er ſich an Schlangengras, den elfjährigen Waiſenknaben, den man aus dem Waiſenhaus genommen hatte, um ihn in der geheimen Schenke zu erziehen. Jeſpersſon brauchte ihn blos ein einziges Mal ge⸗ ſehen zu haben, um zu begreifen, daß der Junge wirk⸗ lich ein höchſt ungewöhnliches Exemplar war. Man mußte auch zugeben, daß er es für ſeine eilf Jahre in den, wenn auch nicht ſchönen, aber doch unläugbar freien Künſten des Fluchens und Saufens ſchon ſehr weit ge⸗ bracht hatte. Der Doktor beſchloß, ihn als Bedienten anzunehmen. Zwar verſtanden ſich Jan Erik und ſeine Frau ungern dazu, einen Jungen von ſich zu laſſen, der bereits ſo viele Anlagen zeigte, ſich in dem herrlichen 144 Geiſt des Geheimſchenkenlebens zu entwickeln; aber als Jeſpersſon einestheils drohte, ſie bei den Behörden an⸗ zuzeigen, weil ſie die Erziehung des Jungen vernach⸗ läßigt, anderntheils ſeinen Vorſchlag mit einem hübſchen runden Sümmchen unterſtützte, ſo gaben ſie endlich nach, Schlangengras hatte übrigens ſelbſt eine Neigung für Jeſpersſon gefaßt, der immer, wenn er tüchtig fluchte und ſoff, in eine gewiſſe ſtille Verwunderung verſank, welche der Junge für Bewunderung nahm, weßhalb er auch bei allen Teufeln ſchwur, daß er mit oder ohne Jan Eriks Einwilligung das Krähenneſt verlaſſen und der Knecht des Doctors werden wolle, wobei er hoffte, ſeine keimende Talente ganz beſonders vollſtändig und ſchnell entwickeln zu können. Der Junge zog alſo bei Jeſpersſon ein, und der erſte Auftrag, den er erhielt, war, daß er Brun beob⸗ achten und bewachen ſollte. 3 Dieſer hatte inzwiſchen ſchon einige Tage hindurch die Branntweinkur mitgemacht. Der Leſer weiß, daß dieſe Kur dem Patienten kein Eſſen und kein Getränk geſtattet, das nicht mit Brannt⸗ wein getränkt oder vermiſcht wäre, 3„Wie ſchmeckt es?“ fragte Jeſpersſon am erſten age. „Sie machen doch wohl blos einen Spaß mit mir,“ lächelte Brun;„dieß Ding da kann doch nicht lang dauern?“ „Länger als Sie wünſchen,“ antwortete Jeſpers⸗ ſon.„Schlangengras,“ fügte er gegen den Jungen hin⸗ zu,„bedenke wohl, daß Du Dich nicht von hier entfer⸗ nen darfſt.“ „Zum Teufel, ich bliebe gern da,“ ſagte der Junge; „aber ich bekomme doch auch etwas von dem Brannt⸗ wein zu koſten?“ „Thu was Du willſt, mein Junge; aber ſieh Dich wohl vor... Du ſiehſt, wohin die Völlerei Herrn Brun geführt hat.“ 145 Unter grinſenden Geberden verglich Schlangengras ſein ſchmächtiges unbedeutendes Figürchen mit Brun's auf⸗ gedunſenem, geſchwollenem Leib und brach in ein lautes Lachen aus. Nach einer Woche erhielt Sophie die Erlaubniß, ihren Mann zu beſuchen. Die Branntweinkur iſt eigentlich die Völlerei eines ganzen Lebens zuſammengenommen. Man könnte ſie eine Art Branntweintreibhaus nennen, die zuerſt alle Lebens⸗ elemente der Sauferei entwickelt, um deſto ſchneller zu den zerſtörenden Elementen derſelben zu gelangen. In einigen wenigen Tagen hat man es durch die ſchwindeln⸗ den Räume der Völlerei bis zum Gipfelpunkt gebracht, worauf man wieder zuſammenſinkt, die Kräfte ſchwinden und der Abſcheu beginnt.*) Als Sophie eintrat, fand ſie ihren Mann tief her⸗ abgeſtimmt. Vergebens bot ſie ihre ganze Zärtlichkeit auf, ihn aufzumuntern und zu beleben. Brun blieb un⸗ beweglich an ſeinem Platz, ſtierte nur auf einen einzel⸗ nen Fleck und ſchien ihre Anweſenheit gar nicht zu be⸗ merken, wie auch von ihrer Rede gar keine Notiz zu nehmen. Mitunter ſanken blos ſeine Augenlieder ſchlaff hinab, wie wenn er ſchläfrig wäre, und die Lippen be⸗ wegten ſich gerade, wie wenn er mit ſich ſelbſt ſpräche. „Aber, mein Gott, Doctor,“ ſagte Sophie zu Feidersſon⸗„Brun's Lage erſchreckt mich. Sie tödten ihn.“ „Fürchten Sie nichts. Brun's Leben iſt mir um *) Obſchon dieſe Kur allerdings ſehr viele Leute geheilt hat, ſo dürfte man ſie im Allgemeinen doch nicht für vollkommen zuverläſſig halten. In ihren Motiven iſt ie nämlich unnatürlich und gibt deßhalb feine ſichere Reſultate Eine Zeit lang glaubte man jedoch blind aran. Ridderſtad, Vater und Sohn. II. 10 146 Ihretwillen heilig. Ich habe in Amerika Hunderte von Patienten ſeiner Art ſtudirt, und ich weiß, was ich thue. Begeht er nur ſelbſt keine allzugroße Unvorſichtigkeit, ſo iſt nicht die geringſte Gefahr vorhanden. Seine gegen⸗ wärtige Lage iſt blos ein Uebergang. Er wird noch ſchlimmer werden. Kommen Sie in acht Tagen wieder.“ Eine Weile, nachdem Carl Auguſt im Finſtern mit Alfred gerungen, den er für einen Dieb hielt, verſchloſ⸗ ſen ſich Emma und Sophie im Zimmer der erſteren. Hier öffneten die beiden Freundinnen ihre Herzen vor einander. Emma machte aus ihren dunkel geahnten Befürchtungen für ihre Zukunft keinen Hehl, und Sophie, die hieraus den Schluß zog, daß ihre Neigung für Al⸗ fred blos ein Hirngeſpinnſt geweſen ſei, das, wenn es anch eine Zeit lang durch das magnetiſch Wollüſtige in ſeiner verführeriſchen Art aufrecht erhalten worden, gleichwohl jetzt, nachdem er die ſchöne Maske abgewor⸗ fen und mit blos thieriſchen Forderungen hervorgetreten, auf einmal verdunſtet ſei; Sophie nahm alle Mitthei⸗ lungen ihrer Freundin mit der geſpannteſten Aufmerk⸗ ſamkeit auf. Je offener Emma ihr Innerſtes bloslegte, um ſo feſter wurde bei Sophie die Ueberzeugung, daß ſie die Sache richtig beurtheile. Aber noch mehr wurde ſie erſchreckt, als ſie endlich zu fürchten begann, daß eine andere, eine zugleich weit ältere und dennoch neuere Laune, wenn auch nur wie eine ſchwache Ranke unter den Ruinen der bereits eingeſtürzten Neigung zu Alfred emporzukommen angefangen habe. Emma drückte ſich zwar ſehr undeutlich aus, vielleicht wußte ſie ſogar ſelbſt nicht, daß ſie etwas Aehnliches audeutete, aber wie we⸗ nig bedarf nicht ein Frauenzimmer, um die Sympathie R 147 einer Freundin zu ahnen! Die Frauenzimmer wohnen in durchſichtigen Glaspaläſten; durchſichtig zwar nicht für die Herrn, aber doch für einander. Sophie, die kaum vorher aus dem Krähenneſt nach Hauſe gekommen war und allerlei erſchütternde Ereigniſſe daſelbſt noch lebhaft im Gedächtniß bewahrte, hatte natür⸗ lich auch Alfreds Beſuch allda nicht vergeſſen. Derſelbe Gedanke, der ſie während ihres Geſprächs, das ſie auf dem Heimweg mit Jeſpersſon führte, beun⸗ ruhigt hatte, erhielt jetzt neues Leben. Sie kam auf den Gedanken, daß die Verbindung noch immer abgebrochen, und die Verkündigung rückgän⸗ gig gemacht werden könnte. Das Geſpräch fand nämlich in der Nacht vor dem erſten Verkündigungstage ſtatt, wie der Leſer aus dem Gang der Ereigniſſe wohl erſehen dürfte. Sophie beſchloß alſo, die Gelegenheit zu benützen, und Emma alles zu ſagen, was ſie von Alfred gehört hatte, wie auch, daß ſie fürchte, er ſei ein ausgelaſſe⸗ ner Wüſtling, ein ausſchweifender Trinker. Emma wollte nicht glauben, was ſie hörte, hatte aber keinen Grund, an der Aufrichtigkeit ihrer Freundin zu zweifeln. Als Sophie mit ihrem Vorſchlag hervorrückte, daß Emma den kühnen Schritt thun und die Verbindung ſogleich abbrechen ſollte, ſprang Emma von ihrem Platze auf. „Sprich nicht davon,“ bat ſie.„Es iſt zu ſpät ... ich kann nicht... ich will nicht... meine El⸗ tern ſind für Alfred eingenommen... und ich ſelbſt...“ „Liebſt Du ihn alſo?“ „Was ſoll ich Dir antworten?... In einem Augenblick liebe ich ihn, im andern nicht. Ich verſtehe mich ſelbſt nicht... beklage mich blos. Auf der einen Seite zieht er mich unwiderſtehlich an ſich... und gleichwohl möchte ich auf der andern ihm entfliehen.. 148 weit, weit hinweg von ihm entfliehen... ich bin über⸗ zeugt, daß er mich unglücklich machen wird, und nichts⸗ deſtoweniger wünſche ich ihn glücklich zu machen.“ „Aber bedenke doch, wenn er ein Vüſtling iſt. Siehſt Du, Emma, ich weiß, was das heißen will. Heirathe, wen Du willſt, Emma, aber nur keinen Säu⸗ fer. Für ihn hat das Weib nichts Heiliges. Wenn der Wahnſinn der Völlerei ſich ſeiner bemächtigt, ſo wird ſelbſt ihre Liebe blos ein Mittel ſie zu verachten. O mein Gott, Du glaubſt gar nicht, wie voll von Auf⸗ opferung und Demüthigung das Leben eines Weibes an der Seite eines Mannes iſt, der ſich dem Laſter der Völlerei ergeben hat. Aller Frieden, alle Freude ver⸗ laſſen Deine Wohnung, und dieſe Wohnung, von der Du ſo viel gehofft, verwandelt ſich in einen Abgrund, aus dem Du jeden Augenblick entfliehen möchteſt und wo Du Dich gleichwohl beſtändig gefeſſelt fühlſt. Aber noch mehr. Außerhalb Deines Hauſes ſiehſt Du alle Ehre und Achtung einem Mann ſich entziehen, in deſſen Ehre Du Deinen eigenen Stolz und Dein eigenes Glück zu⸗ rückgeſpiegelt zu ſehen hoffteſt. Für einen Jüngling zu erröthen, darin liegt zuweilen etwas Schönes und An⸗ genehmes; aber für ſeinen Mann erröthen zu müſſen, das zermalmt uns in unſern edelſten Gefühlen. Du weißt, Emma, wie tief ich meine Gedanken in mir be⸗ graben habe. Die Worte haben aus ſchüchterner Scheu nicht über meine Lippen kommen wollen. Wie oft... wie täglich... wie unaufhörlich iſt nicht mein armes, leidendes Herz voll geweſen; Du glaubſt vielleicht von Kummer, ach nein, es war voll von einer Verzweiflung, von welcher der Kummer blos ein Schatten iſt. Du biſt, wie ich, und wie jedes unerfahrene Mädchen, eine ſchwache Ranke. Höre, was ich Dir ſage, Emma. Wir geben uns unſerer Liebe hin in dem Glauben, daß wir in dem Geliebten eine Stütze bekommen werden⸗ Aber ſtelle Dir jetzt vor, nicht blos, daß dieſe Stütze —=ͤ= N☛ SA G2 S — ⁸1 R 149 fällt, nicht blos, daß ſie unſer Tyraun wird, nein, nein, daß ſie unſer Abſcheu, unſere Verachtung wird, juſt das⸗ jenige, wovor uns am allermeiſten eckelt. Du erwar⸗ teſt, derjenige, der Dir im Anfang ſo herzlich und freundlich zugelächelt, werde Dir die zärtlichſte Sorge ſeines Lebens widmen; Du erwarteſt zwar den einen und andern häuslichen Kummer, aber auch daß ſolche häus⸗ liche Bekümmerniſſe durch Liebe und Aufrichtigkeit, Güte und Liebenswürdigkeit wieder gut gemacht wer⸗ den; allein wirſt Du wohl all das auch finden? NRie⸗ mals, Emma, an der Seite eines Säufers. Unaufhör⸗ lich erweitert die zur Leidenſchaft gewordene Völlerei einen Abgrund nnter ſeinen Füßen und er ſinkt immer roher und herzloſer in denſelben hinab, und— es gibt da keine Rettung— Du mußt ihm folgen. Du ſitzeſt eines Abends zu Haus. Der Tag iſt unter einer beſtän⸗ digen Ungewißheit vergangen, nicht darüber wo er iſt⸗ — denn Du weißt, daß er in irgend einem Wirthshaus iſt,— ſondern wann und wie er nach Hauſe kommen werde, taumelnd, roth im Geſicht, fluchend oder hohn⸗ lachend. Er kommt. Du erſchrickſt. Es iſt nicht ein Menſch, was Du ſiehſt, ſondern ein wahres Unthier. Du begehrſt keinen freundlichen Blick, kein freundliches Wort von ihm. Alles was Du wünſcheſt, iſt, daß er Dich blos nicht ſehe und ſich nicht um Dich bekümmern möge. Ob er aus Zorn oder aus Liebe raſt, er iſt gleich widerlich, vielleicht am widerlichſten in ſeiner Liebe: einer Liebe, die nach Branntwein ſtinkt, welche die Luft mit ihrem Athemzuge verpeſtet und Deine Seele mit Worten, die der Hefe der Sprache angehö⸗ ren. Ach nein, Emma, möge der Himmel Dich und jedes Mädchen vor einem ſolchen Leben bewahren! Ich möchte Dich lieber an Deinem Hochzeittag ſterben als ſo unglücklich ſehen, wie ich geweſen bin. O, mein Gott! Wenn alle Mädchen von der Welt hier wä⸗ ren, ich möchte ſie auf meinen Knieen warnen. Ich 150 würde ihnen beweiſen, um wie viel glücklicher ſie ſind, wenn ſie ganz allein und verlaſſen durchs Leben wandern, als wenn ſie ihr Schickſal mit dem eines Menſchen ver⸗ ketten, deſſen niedriger, thieriſcher Wahnwitz die ſchön⸗ ſten Träume unſeres Herzens verkehren wird und uns ſtatt all unſerer Hoffnungen blos Erinnerungen zukom⸗ men läßt. In der Bruſt des einſamen Mädchens erhebt ſich, das iſt wahr, mancher unruhige Seufzer; aber auch dieſe Unruhe, ſo ſchwer ſie ſcheint, hat doch ihre Selbſt⸗ ſtändigkeit, ihren Reiz; und wenn auch ihr ſchwärmeri⸗ ſches Gefühl ihr gern eine Perſpective der Liebe vormalt, die unaufhörlich vor ihr entflieht, ſo lebt gleichwohl ihr ſchöner Glaube an die Liebe fort, und dieſer Glaube iſt noch immer ein über das Leben gebreiteter Schimmer von Seligkeit; was beſitze hingegen ich? Nichts... gar nichts... ich kann jetzt nicht einmal mehr von Liebe träumen, weil ich den Glauben an ſie verloren habe. Handle deßhalb entſchloſſen, Emma, ſo lang es noch Zeit iſt. Begib Dich zu Deinen Eltern. Sage ihnen ganz aufrichtig Deine Gedanken und brich... noch iſt es nicht zu ſpät.. die Verbindung ab.“ Aber alle Vorſtellungen Sophiens waren vergebens. So unruhig Emma auch war, ſo ließ ſie ſich doch nicht überreden. Nichtsdeſtoweniger hatten Sophiens Worte einen tiefen Eindruck auf ſie gemacht. Vielleicht trug auch dieß Geſpräch viel zu der Niedergeſchlagenheit bei, die Emma in der Kirche zeigte. Nachdem die Ver⸗ kündigung vor ſich gegangen und ſomit Alles abgemacht war, wurde Emma jedoch allmählig ruhiger, wenn auch ernſter. Sophiens Warnungen ſchwebten ihr mittlerweile ſehr oft vor. Zwar pflegten ihre Eltern zuweilen mit dem größten Abſcheu von denjenigen zu ſprechen, die zu viel trinken, aber das Urtheil derſelben war ihr nicht ſo tief zu Herzen gedrungen, wie Sophiens Worte. Erſt jetzt meinte ſie, daß die Frage auch ſie ſelbſt angehe, 151 und zwar auf das allernächſte. Vorher hatte ſie in der Völlerei nur ein beklagenswerthes und für die Männer ſchädliches Laſter erblickt; aber Sophie hatte ihr gezeigt, wie ſchrecklich, wie erſchütternd und zerſtörend es auch auf des Weibes Leben und Zukunft eingreift. Sie hatte Carl Auguſt ein einziges Mal voll ge⸗ ſehen, aber es war dunkel und er ſchlief ſogleich ein, ſo daß ſie im Ganzen nicht recht wußte, wie ein Betrun⸗ kener eigentlich ausſah. Als Sophie nach ihrem Beſuch bei Brun von ſei⸗ nem Zuſtand erzählte, erwachte in Emma ein unwider⸗ ſtehliches Verlangen, ihn zu ſehen. Jeſpersſon hatte nichts dagegen, und nach einigen Tagen erſuchte er die Damen, ihm zu folgen. Eine drückende Qual lag auf Sophie, als ſie ſich der Thüre näherte, die ins Zimmer ihres Mannes führte. Nicht eigentlich Neugierde, ſondern vielmehr ein tiefes, inneres Bedürfniß, mit eigenen Augen zu ſehen, was wirklich an all den Beſchreibungen, die ſie gehört hatte, wahr ſein möchte, leitete Emmas Tritte. Es kam ihr beinahe vor, als ſtände ſie im Begriff, den Vorhang ihrer eigenen Zukunft zu lüften. Ob Jeſpersſous Vereitwilligkeit von irgend einer eigenen Berechnung herkam, laſſen wir dahin geſtellt ſein. Als ſie bei Brun eintraten, ſtand er lauſchend ganz nahe bei der Thüre. „Still, ſtill,“ rief er ihnen entgegen.„Still, ſtill. Man will mich ermorden. Man will Horner ermorden und ſein Haus plündern. Still. Wollt Ihr wiſſen was ich weiß? Jeſpersſon iſt ein Bandit, ein Bube, ein Schurke. Ach, ich weiß viel, ich... es gibt Diebe hier im Haus.... hi, hi, hi... biſt du da, Sophie ... nimm mich bei der Hand, Sophie, und komm hieher in die Ecke, ich will Dir etwas anvertrauen ... ſtill... daß uns nur Niemand hört... ſiehſt Du... ſtrecke Deine Hand aus... ſtrecke ſte aus 1⁵² ſage ich Dir... ſo, ſo... halte die meinige feſt... nein, nein. da iſt die Ratte weggeſprungen. Hu, welch eine Schlange, welch eine ſchreckliche Schlange ſich um uns ſchlingt. Die Schlange hat Jeſpersſons Kopf ... erkennſt Du ſeine Augen wieder? Sophie... Du biſt ja meine Frau... Du mußt mich von hier fort⸗ ſchaffen. Du weißt nicht, daß Jeſpersſon mich ermorden will.. Alles was ich eſſe, tränkt er für mich in Gift. Das Waſſer iſt vergiftet, das Brod iſt vergiftet.“ Sophie ſuchte ſich von ihm loszureißen. „Ach mein liebes Kind, Du darfſt Dich mir nicht entziehen.“ Emma war voll Verwunderung über das, was ſie ſah, an der Thüre ſtehen geblieben. „Aber, mein Gott,“ flüſterte ſie Jeſpersſon zu,„er iſt ja wahnſinnig.“ 1 „Allerdings,“ antwortete der Doktor;„berauſchende Getränke wirken ſowohl auf das geiſtige als körperliche Leben des Menſchen ein und daraus entſtehen natürlich mehrere Gemüthskrankheiten. Wenn ſie nur die Blut⸗ gefäße auftreiben, ſo erfolgen Sinnesveränderungen, aber wenn ſie ſo ſtark wirken, daß die Thätigkeiten des Ge⸗ hirnes und des Nervenſyſtems erſchüttert werden, ſo rufen ſie eine wahre Sinnesverirrung hervor.“ „Das iſt entſetzlich,“ bemerkte Emma;„aber es wer⸗ den doch nicht Alle ſo?“ „Alle, die ununterbrochen fortfahren ſich der Völlerei zu überlaſſen, müſſen früher oder ſpäter zum gleichen Ziel kommen.“ Emma wagte keine weitere Frage mehr. Mit Ver⸗ wunderung und Entſetzen betrachtete ſie Brun. Sie hatte ſich nichts vorſtellen können, was ſich mit dem vergleichen ließe, was ſie jetzt ſah. Brun wollte Sophiens Hand nicht loslaſſen. Eine neue Selbſttäuſchung hatte ihn erfaßt. „Hörſt Du,“ rief er,„der böſe Geiſt ſpielt auf, wir — 88——-O—— — 15⁵³ wollen tanzen, Du und ich. Still, fuhr er fort, nicht der böſe Geiſt iſt es, der ſpielt, ſondern Jeſpersſon. Er will, daß wir uns zu todt tanzen ſollen, damit er hohn⸗ lachend meine Seele ergreifen kann. Bewege Dich nicht, bleibe ruhig, bleibe ruhig.“ Er drückte dabei Sophiens Hand ſo feſt, daß ein Angſtſchrei ſich über ihre Lippen drängte. Jeſpersſon eilte vor, um ſie aus ſeiner Gewalt zu befreien; aber Brnn hatte kaum Jeſpersſons Anweſenheit bemerkt, als er Sophie losließ und ſich erſchrocken in eine Ecke zurückzog, wo er ſich zu verbergen ſuchte. Er ſchrie dabei laut, wie wenn der Satan leibhaftig vor ihm ſtände. „Doktor,“ flüſterte Sophie,„Sie tödten ihn. Ich habe Ihre Verſicherung gehört, aber ich kann meine Furcht nicht unterdrücken.“ „Als ich Ihren Mann annahm,“ antwortete Jeſ⸗ persſon,„befand er ſich bereits auf dem Wege in dieſel⸗ ben Symptome zu verfallen, die er jetzt zeigt. Keine menſchliche Macht hätte das verhindern koͤnnen. Ich habe blos die Entwicklung der Krankheit beſchleunigt, und eine Kriſis ſteht nahe bevor, vielleicht tritt ſie ſchon heute ein. Hier, wo es keine Möglichkeiten zu andern Gemüthsauf⸗ reizungen gibt, als ſolche, die in die vorausgeſehene Berechnung der Kur fallen, hier iſt nichts zu fürchten.“ „Aber wenn gleichwohl ein Zufall...“ „Zufälle können nicht eintreffen. Er iſt wohl be⸗ wacht. Schlangengras... hieher Schlangengras!“ Der grinſende„Satausjunge,“ wie er ſich ſelbſt zu nennen pflegte, kam ſogleich vor. „Bedenke, daß Du Herrn Brun nicht einen einzigen Augenblick allein laſſen darfſt. Du hafteſt mir für ſein Leben, verſtehſt Du mich?“ Der Junge nickte. „Wenn ich länger hier bliebe,“ ſagte Emma,„ſo 1³⁴4 würde ich krank. Um Gotteswillen, Doktor, laſſen Sie uns gehen.“ „Wie Sie befehlen, laſſen Sie uns gehen.“ Sie entfernten ſich. 5 Der Eindruck, welchen Brun auf Emma und Sophie machte, überſtieg alle Vorſtellungen. Emma vermochte jedoch nicht ein einziges Wort zu ſagen. Mit abgewand⸗ tem Geſicht drückte ſie blos ihrer Freundin die Hand, und gab mit einigen verworrenen Worten ihr Entſetzen und ihre Theilnahme zu erkennen. Der Weihnachtsabend war bereits gekommen. Die Familie Horner war zu Boijers eingeladen worden. Man ſollte da gemeinſchaftlich dieſen Abend feiern, welcher das fröhlichſte Karnevalsfeſt des ſchwediſchen Familien⸗ lebens iſt. Die Dämmerung begann einzubrechen, und die Schlitten ſtanden bereits vor dem Hauſe. Wohl in die Pelze gehüllt, kam eine Perſon um die andere, um ſich hinein zu ſetzen. Carl Auguſt ging das erſtemal ſeit ſeiner Krankheit aus; er war vollkommen wieder hergeſtellt. Nach dem in der Hausflur ſtattgehabten Kampf mit Alfred war er ſtiller geworden, als gewöhnlich. Emma fürchtete zwar, er möchte etwas ahnen; aber wie es ſich damit auch verhalten mochte, er äußerte wenig⸗ ſtens nichts. Irgend etwas ſchien gleichwohl auf ſeinem Gemüth zu laſten. Er verſchloß ſich oft auf ſeinem Zim⸗ mer und man hörte ihn dann unruhig auf und ab ſchreiten. Was beſchäftigte indeß ſeine Gedanken? Dieß war ———— 1⁵5⁵ nicht leicht zu erklären. Mehr als einmal blieb er je⸗ doch während ſeiner gedankenſchweren Wanderungen am Fenſter ſtehen und betrachtete dann mit tiefſinniger Auf⸗ merkſamkeit keinen geringeren Gegenſtand, als ſein Nastuch. Es lag etwas ganz Unbegreifliches darin. Mittlerweile hörte man ihn gleichwohl auch nach Alfred fragen, und ob er ſich nicht gezeigt habe. Aber wie es nun kam, man mußte ihm immer antworten, er ſei juſt eben da geweſen, habe ſich aber bereits entfernt. Alfred ſchien ſich vor jedem Zuſammentreffen mit ihm in Acht nehmen zu wollen. Ein dunkles Gefühl warnte ihn beinahe davor. Sophie hatte zu Haus bleiben wollen, um ihren Mann zu überwachen; aber man hatte fie vielmehr ge⸗ zwungen, als durch freundliche Ueberredung dazu ge⸗ bracht, mitzukommen. Auch Jeſpersſon war zu Boijer eingeladen worden und er hatte verſprochen zu kommen, aber erſt ſpäter am Abend. Als die Abfahrt ſtattfand, lag Brun am Fenſter und ſah hinaus. Sein gäͤnzes Nervenſyſtem hatte eine ſo krankhafte Empfindlichkeit, daß jeder Gegenſtand nicht blos ins Un⸗ endliche vor ſeinen Augen vergrößert wurde, ſondern zu⸗ gleich auch beirrende, phantaſtiſche Formen annahm, die gleich einem Gaukler mit ihm ſpielten. Damit nicht ge⸗ nug. Das Gefühl jeder krankhaften Veränderung im Sinnesorganismus wirkte ſogar ſo lebhaft, daß es zu⸗ weilen zur Vorſtellung eines äußern Bildes überging, das er deutlich zu ſehen meinte. Wenn der Verſtand die ſtarke Hand in uns iſt, welche die Zügel der ſonſt — wenn ſie ſich ſelbſt überlaſſen ſind— extravagirenden pſychiſchen Eigenſchaften hält, die wir Phantaſie und Ge⸗ fühl nennen, ſo hatte bei ihm der Verſtand dieſelben gänzlich weggeworfen, und die losgelaſſenen Elemente 156 gingen jetzt ohne alles Hemmniß, das eine nach dieſer, das andere nach jener Seite durch. Unklare Worte murmelnd ſah er den Wegreiſenden nach, und fie kamen ihm bald wie die wilde Jagd vor, die vorbei fliege, bald wie eine nebelige Phantasmagorie, bald wie regelloſe Luftgebilde. Der Haß, den er ſeit der Scene im Krähenneſt auf Jeſpersſon geworfen hatte, war wiedergekehrt und hatte ſich zu einer fixen Idee ausgebildet. Aber ſein verwirrter Zuſtand gab ſeinem Haß auch einen verwirrten Charakter. Es war, als hätte er Alles entweder durch das Vergrößerungsglas geſehen, oder durch eine Brille, die Alles verkehrte. Jeſpersſon erſchien ihm bald als Dieb, bald als Mörder, bald als der Satan ſelbſt. Eine Selbſttäu⸗ ſchung folgte der andern, und alle ſtellten Jeſpersſon auf eine ſchreckliche Art dar. Inzwiſchen war es nicht blos die Branntweinkur, die ſo exaltirend auf ihn wirkte, ſondern auch ſein eingeſperr⸗ ter Zuſtand. Außer dem Haß gedeiht auch der Argwohn zwiſchen allen Gefängnißwänden. Brun beargwöhnte Alles. Sobald Horuer fortgereiſt war, ſah er zwei Per⸗ ſonen, die ſich näherten und die Allee entlang nach dem Hofe ſchlichen. Für ſeine Vorſtellung hatten ſie unge⸗ wöhnliche Proportionen. Seine Einbildung rüſtete ſie mit brennenden Augen, Hörnern und Pferdefüßen aus. Einen Augenblick vorher hatte ſein Feind Jeſpersſon ſich auf der Treppe der Flügelwohnung gezeigt. Jetzt ſah er, wie die zwei gräßlichen Geſtalten zwi⸗ ſchen den Häuſern heranſchlichen und ſich näherten. Jeſpersſons Tritte ertönten im Zimmer neben ihm. Er hörte die Thüre ſich öffnen und verſchließen, wie auch daß Perſonen eintraten. Er hatte von dem erſten Verſuch zum Einbruchsdieb⸗ — — u 15⁵57 ſtahl reden gehört und dieſer kam ihm von Neuem in den Sinn. Seine Neigung zu gewaltſamen Sinnesaufregungen gewann dadurch neue Nahrung. Mit argwöhniſcher Reiz⸗ barkeit, von heftigen Affecten belebt, eilte er an die Thüre zu lanſchen, ob er etwas hören könne. In ſeiner er⸗ ſchütterten Gemüthsverfaſſung glaubte er einem Complott gleich einem neuen Diebſtahl auf der Spur zu ſein. Schlangengras hatte ſo eben ein Glas Branntwein⸗ waſſer geleert und ſaß ſingend auf einem Stuhl, indem er Brun mitunter angrinſte und anlachte. Das Schnapsglas an den Mund! Das macht dich friſch und munter Wohl vierundzwanzig Stund.— Im Anfang der Hallucinationen eines Säufers, ſagt Friedreich, hört er ein Sauſen oder Klingen vor den Ohren, das zunimmt oder, erſteres ins Gedröhne eines ungeheuren Waſſerfalls, ins Geraſſel eines Wagens oder in ſchreckliches Donnergekrach, letzteres in näheres oder entfernteres Glockengetön, in eine melodiſche und har⸗ moniſche Vereinigung, von Tönen, oder in ein wildes und verworrenes Getöſe verſchiedener Inſtrumente über⸗ geht. Ein ganzes Pandämonium ſchrecklicher Stimmen er⸗ ſcholl auch in Bruns Ohren. Es brauſte und toſte, aber aus dem brauſenden Getöſe hörte er einzelne Worte; und er hatte ſich nicht getäuſcht, man ſprach von Diebſtahl, von Tod, von Mord. Das Haar ſtand ihm zu Berg. Sein Blut rauſchte empor. Wilde, ſchreckliche Fieberbil⸗ der ſtürzten durch ſeine Gedanken. Schlangengras ſang mit eintöniger, heiſerer Stimme weiter: Das Schnapsglas an den Mund! So kannſt du lügen und trügen Zehn Teufel in den Grund. 158 Inzwiſchen war es immer dunkler geworden; der Abend ſchritt voran. Auf einmal hörte Brun, daß die Stimmen im Zimmer außen verſtummten, und daß man ſich entfernte. Es war Brun zu Muthe, als verſchwände ein Don⸗ nerwetter aus ſeiner Nähe, und er eilte an's Fenſter, um es wo möglich mit ſeiner Aufmerkſamkeit zu verfolgen. Im Hof ſah er ein Licht, das ſich nach dem Haupt⸗ gebäude zu bewegte, und er erkannte Jeſpersſon, der ſich in Begleitung derſelben unheimlichen Geſtalten, die er ſoeben in der Allee geſehen hatte, hinauf begab. Das Herz pochte ſchrecklich in Brun's Bruſt, es ſchien ſeine Schale ſprengen zu wollen. Angſt und Un⸗ ruhe riſſen ihn fort. Funken flogen vor ſeinen Augen, unter ſeiner Haut kroch es wie Ameiſen. Tauſend ver⸗ worrene Bilder ſchwebten vor ſeinen Blicken. Aber wie ein Blitz aus einem Chaos ſchoß ein einziger Gedanke hervor, der Gedanke nämlich, daß hier etwas Schreckliches auf dem Wege ſei. Noch lag er im Fenſter und blickte zum Hauptge⸗ bäude hinauf; auch ſah er bald ein Licht oben und einen Augenblick ſpäter glaubte er in ſeinem viſionären Zuſtand in allen Fenſtern Licht zu ſehen. „Hilfe, Hilfe,“ rief er,„Hilfe!“ Der Gedanke an einen Mordbrand bemächtigte ſich ſeiner verworrenen Seele. Als er das Fenſter verließ, ſtürzte er auf die Thüre zu, aber ſie war verſchloſſen. Das Schnapsglas an den Mund! Hält Leib und Seel zuſammen, Wohl vierundzwanzig Stund. Die Stimme des Jungen ertönte vor Brun's Ohren wie ein Echo von Allem, was er ſoeben gehört zu haben glaubte. ren den 159 Mit wahnſinnigem Eifer arbeitete Brun an der Thüre um hinauszuſchlüpfen, und je mehr er arbeitete, um ſo mehr wurden die ſtürmiſchen Irrbilder in ihm aufgejagt. Sein ganzes Weſen war erſchüttert, ſeine ganze Seele war zerfleiſcht. Schlangengras betrachtete gleichgiltig ſein wahnſin⸗ niges Toben. Der Junge wußte, daß er den Schlüſſel in ſeiner Taſche hatte. Das Schnapsglas an den Mund! So kannſt Du lachen und ſpotten Zehn Teufel in den Grund. Brun lauſchte. Aber auf einmal hörten ſeine An⸗ ſtrengungen auf und er näherte ſich Schlangengras. Seine Augen glänzten hochroth. Er ſchien einige Gedanken in ſeinem Kopf zu wälzen. „Weißt Du, wer ich bin?“ redete er den Jungen an. Schlangengras ſah verwundert aus. „Haſt Du je von dem Tyrannen Chiſtian gehört?“ „Von dem Tyrannen Chriſtian? Was habe ich mit ihm zu ſchaffen?“ „Du unförmliche Figur, wiſſe, daß ich der König Chriſtian bin, den man mit Dir hier eingeſperrt hat, Du Zwerg!“ „Bah.. „Ich bin kein Tyrann, Schlangengras, und um Dir das zu beweiſen, will ich Bruderſchaft mit Dir trinken.“ Wenn es aufs Trinken hinauskam, ſo ging Schlan⸗ gengras gern auf jeden Vorſchlag ein. „Das läßt ſich hören. Her mit der Kanne!“ Brun nahm einen Schluck und reichte hierauf die Kanne dem Jungen. „Trink,“ ſagte er. Der Junge trank. 160 „Trink aus,“ ermunterte er. Schlangengras ließ ſich das nicht zweimal ſagen. Er leerte die Kanne bis auf den Grund. „O, wie gut!“ ſeufzte er. 3 Einige Zuckungen in ſeinem Geſicht bewieſen die ſchleunige Wirkung, welche das Getränk hervorbrachte. Mit flammenden Blicken betrachtete ihn Brun. Die Zuckungen kehrten wieder. Brun ſtand wie auf glühen⸗ den Kohlen. Schlangengras ſchüttelte ſich. Ein ver⸗ worrenes Getön kam über ſeine Lippen. Brun athmete kaum mehr. Einige Sekunden lang ſchloſſen ſich die Augenlieder des Jungen und dann fiel er vom Stuhl auf den Boden. Mit raubgieriger Schnelligkeit warf ſich Brun über ihn, knüpfte ſein Wamms auf, nahm den Schlüſſel aus der Taſche, ſtürzte ſich dann auf die Thüre zu, öffnete ſie und eilte mit einem gellen Hohngelächter hinaus. Eine Weile ſpäter kam Jeſpersſon mit den zwei an⸗ dern Männern aus dem Hauptgebäude zurück. Jeſpersſon trug unter ſeinem Arm einen Bündel Papiere, den er ſorgfältig in ſeinem Schreibpult verſchloß. Die Männer waren an der Thüre ſtehen geblieben. „Ihr habt mir einen großen Dienſt erwieſen,“ ſagte er zu ihnen,„und ich verſpreche, daß ich euch bei dem erſten offenen Waſſer eine ſichere Gelegenheit nach Ame⸗ rika verſchaffen werde. Abrahamsſon bleibt jetzt bei mir, da ich ihn leichter vor Entdeckung ſchützen kann, als Du⸗ Hans. Aber Du mußt das Bett hüten, mein lieber Abrahamsſon. Als ein in meiner Pflege befindlicher, gefährlich kranker Patient entgehſt Du allem Argwohn du N o 161 am beſten. Folge mir... Du ſollſt Dein beſonderes Zimmer haben.“ Abrahamsſon wurde in ein Zimmer auf der andern Seite des kleinen Saals geführt, und Hans entfernte ſich. Als Jeſpersſon zurückkam, ſetzte er ſich an ſeinen Pult. Mit Befriedigung in ſeinem Geſicht ſchien er den ſoeben darin niedergelegten Papierbündel hervorziehen zu wollen, als er hinter ſich ein Geräuſch hörte. Er wandte ſich ſogleich um, und bemerkte erſt jetzt, daß die Thüre in Brun'’s Zimmer offen war. Schnell ſprang er auf und hinein. Sein Geſicht verzerrte ſich vor Schrecken, als er Schlangengras auf dem Boden liegen und Brun verſchwunden ſah. „Barmherziger Gott! Brun iſt fort. Er wird ſich tödten, ohne daß ich ihn zu retten vermag.“ Aber Jeſpersſon war gewohnt zu handeln und nicht zu ſchwatzen. Aufgeregt und bleich ergriff er ſeinen Hut und eilte hinaus. Fünßehntes Kapitel. Der Weinachtsabend. Das Weihnachtsfeſt war gekommen. Jedermann weiß, welche Thätigkeit das Familien⸗ leben bei uns aus Veranlaſſung dieſes Feſtes entwickelt. Man hat ja da auch an ſo viel zu denken. Der Weihnachtsabend iſt der Abend der Ueberraſchun⸗ gen, der Geſchenke, der kleinen Artigkeiten. Da haben Ridder ſtad, Vater und Sohn. II. 11 162² Freundſchaft und Liebe die Freiheit, den Gegenſtänden ihrer Sympathie Alles zu verehren, was ſie wollen: vom ächten Perſerſhawl bis zur Confectdüte, von der koſtbaren Vaſe aus Kitſchelts berühmter Fabrik bis zum irdenen Töpfchen; da erlauben die Damen nach mehrmonatlichem, geheimnißvollem Arbeiten, verbunden mit vielen intereſ⸗ ſanten Vertrauensergießungen und noch mehr Kopfzer⸗ brechen und Geflüſter, endlich ihren Freunden ihren Kunſt⸗ fleiß zu bewundern; da wird die Tiefe der Kaſſe der Ehemänner von allen kleinen und großen Händen der Familie unterſucht, und die jungen Geſellen haben Ge⸗ legenheit ihre ganze Jahreserſparniß in artige Bagatelle umzuſetzen; da müſſen alle Menſchen nothwendig einan⸗ der etwas ſchenken, und der häusliche Kreis verwandelt ſich in eine große Kinderſtube, wo vor Allem die leben⸗ digen kleinen Hoffnungen die Herrn ſpielen, und es ſich nicht nehmen laſſen mit Trompeten und Pfeiſchen Papa, Mama u. ſ. w. das Trommelfell zu ſprengen. Der Weihnachtstag kommt mit ſeinem feſtlichen Weih⸗ nachtsgeſang, ſeinem bedentungsvollen religiöſen Feſt; ein Tag, der in vollem prieſterlichen Ornat im Altarkreis unſerer Kirche mit Lobgeſang und Licht, mit Gebet und Geſang auftritt, unter allen Tagen des Jahres ein wirk⸗ liches Hallelujah. Hierauf beginnen die Vergnügungen ſich ihr Recht zu nehmen. Nie iſt das ſchwediſche Familienleben gläu⸗ zender, als während der letzten und erſten Tage des Jahrs; nie ſteht die Freude höher, nie blühen die Ver⸗ gnügungen reicher. Ueberall zeigt ſich die ſchwediſche Gaſtfreiheit, nur jetzt verſchwenderiſcher als vorher. Die Familien Horner und Boijer hatten auch viel zu beſtellen gehabt; in ihnen gab es überdieß eine beſon⸗ dere Veranlaſſung dazu, nämlich die ſo haſtige Verbin⸗ dung zwiſchen Emma und Alfred. Abgeſehen von den allgemeineren Geſchäften hatte jede noch ibre beſondern kleinen Erfindungen, wodurch 8 —— 163 man den Freunden eine angenehme Weihnachtsüber⸗ raſchung zu bereiten hoffte. Die wilde Adine und dieſchalkhaft neugierige Conſtanze waren nicht die müßigſten dabei. Jeden Morgen fragten ſie:„Iſt der Weihnachtsabend noch nicht gekommen?“ Und jeden Abend ſeufzten ſie:„Ach, wie lang ſteht es noch an bis zum Weihnachtsabend! Auch ſie hatten verſchiedene Kleinigkeiten angeſchafft, womit ſie Papa, Mama und Geſchwiſter recht in Ver⸗ wunderung ſetzen wollten. „Kannſt Du errathen, Schweſter Emma,“ fragte Adine mit funkelnden Augen,„was Du von mir bekom⸗ men wirſt?“ „Nein, das iſt unmöglich, liebe Adine.“ „Aber Du mußt jetzt rathen, Schweſter. Liebe, ar⸗ tige, beſte Schweſter... rathe doch einmal!...“ „Wie ſoll ich es errathen können?“ „Ich will Dir etwas ſagen, Schweſter... es fängt mit L an... und endigt mit... g.“ „Ich kann es nicht errathen.“ „Du mußt, Schweſter. Verſteh mich wohl, es be⸗ ginnt mit... „Mit was beginnt es?“ „Es beginnt mit Lack und endigt mit Stang.“ Emma lachte. „Beſte Adine, es iſt ja ganz unmöglich, ſolche Räth⸗ ſel zu errathen.“ „Du biſt recht garſtig, Schweſter.. aber jetzt h Du es auch nicht erfahren,... das verſpreche ich ir..., Aber endlich kam der ſo ſehnlich herbeigewünſchte Abend. 164 Während Frau Boijer mit vorſorglichem, aber freund⸗ lichem und herzlichem Eifer die ſo comfortable und ge⸗ ſchmackvoll eingerichtete Prachtwohnung öffnen und die Lichter an den großen, vergoldeten Kronleuchtern anzün⸗ den ließ, ging ihre alte Freundin Marie Alles beaufſich⸗ tigend und ordnend umher. „Seit vielen Jahren, Marie,“ ſagte Frau Boijer, „bin ich an keinem Weihnachtsabend ſo glücklich geweſen, wie heute. Seit die Verbindung mit Emma einmalfeſt beſchloſſen iſt, habe ich auf Alfreds Rettung zu hoffen angefangen. Glaubſt Du nicht, daß Alfred jetzt weit beſſer iſt, als vorher?“ „Er iſt ein ganz anderer Menſch geworden, meine Liebe. Man hört ja gar nichts mehr von ihm. Er iſt artig und freundlich; aber Boijer ſelbſt...“ „Ich habe dieſelbe Bemerkung gemacht. Boijer wird immer düſterer. Ich bekomme nie mehr ein Wort von ihm.“ Boijer ging in demſelben Augenblick durch das Zim⸗ mer. Unläugbar war er ſehr verändert, und der gläſerne Blick war ſtarrer und verſchloſſener, das Geſicht bleicher, aber obſchon die Stirn in Runzeln lag, ſchien ſie gleich⸗ wohl böher und kühner. „Boijer, Boijer,“ rief Amalie,„komm hieher, Boijer!“ Aber Boijer hörte nicht, ſondern ſchloß die Thüre hinter ſich zu. „Er geht ganz gewiß zu Alfred hinauf,“ bemerkte Marie,„er beſucht ihn jetzt weit öfter als früher.“ „Auch das iſt ein gutes Zeichen, Marie. Die wie⸗ derkehrende Freundſchaft zwiſchen ihnen vermehrt auch meine Hoffnungen.“ Boijer ging wirklich zu Alfred hinauf. Alfred hatte ſich den ganzen Nachmittag damit be⸗ ſchäftigt Weihnachtsgeſchenke zu verſiegeln und ging jetzt in ſeinem Zimmer auf und ab. +— 2—— ν— ————,j rL— 28A==— — ——P— —— Ein bleicher, leidenſchaftlicher Zug ſpielte um ſeine Lippen, aber Zufriedenheit ſtrahlte aus ſeinen dunkeln Augen. Der Zuſammenſtoß, der zwiſchen Vater und Sohn ſtattgehabt und das Herz des erſteren zermalmt, hatte dagegen dem letzteren eine, wie er ſelbſt wenigſtens meinte, weit vortheilhaftere und angenehmere Stellung verſchafft, als vorher. Alfred mußte ſich allerdings ſelbſt geſtehen, daß er ſich in eine Maſſe dummer Abenteuer verwickelt hatte, und er fluchte ſogar über die Verirrungen, worein ſeine hitzige und zügelloſe Gemüthsart ihn beſtändig warf; aber als die erſte Furcht einmal vorbei war, und er be⸗ merkte, daß kein Menſch auch nur den entfernteſten Arg⸗ wohn gegen ihn hegte, ſtellte ſich die Ruhe wieder ein, und er hoffte, die Nachforſchungen in Betreff der be⸗ gangenen Verbrechen würden bald ein glückliches Ende nehmen. Mehr als irgend eine andere Perſon hatte er Ge⸗ legenheit gehabt zu beobachten, wie die Verdrießlichkeit ſeines Vaters ſich immer mehr ausbildete. Nicht genug daß er in einigen Tagen bedeutend ge⸗ altert zu ſein ſchien, er hatte jetzt auch beinah ganz auf⸗ gehört zu ſprechen. Boijer ging bald dahin, bald dorthin, äußerte aber ſelten ein Wort gegen Jemand. Oefter als früher beſuchte er Alfred. Manchmal trat er ein, blieb am Tiſche ſtehen, betrachtete Alfred eine Weile, und entfernte ſich dann ebenſo langſam und ſtill, als er gekommen war. Redete er dagegen Alfred zuweilen an, ſo beſtanden ſeine Fragen gewöhnlich aus einigen wenigen, einſilbigen Worten. „Haſt Du mit Hans geſprochen?“ „Ja, mein Vater.“ „Was verlangt Hans?“ 166 „Er wünſcht nach Amerika zu reiſen.“ „Das iſt gut, Alfred. Eile zu ihm, eile zu ihm. Ich wollte, er wäre bereits fort. Brauchſt Du Geld, Alfred?“ „Ah ja, ja, mein Vater.“ „Hier haſt Du den Schlüſſel zu meiner Kaſſe, geh' und nimm ſelbſt.“ Alfred hatte Urſache, recht vergnügt zu ſein, und er war es auch. Als Boijer jetzt zu ihm eintrat, begann er auf die⸗ ſelbe Weiſe. „Haſt Du mit Hans geſprochen?“ fragte er. „Ja, mein Vater.“— „Wann reiſt er nach Amerika?“ „Mit dem erſten offenen Waſſer.“ „Es iſt noch lange bis dahin, Alfred. Brauchſt Du Geld?“ „Jetzt nicht, mein Vater.“ Boijer ſab ihn verwundert an. Es war das erſte Mal, daß Alfred erklärt hatte, er brauche keines. „Du biſt krank, Alfred... mein Gott, Du biſt krank. Da ſieh her, nimm den Schlüſſel. Du brauchſt Geld. Ich will keines haben. Nimm Du es... nimm jeden Schilling... Das Geld brennt mich. Sieh, da iſt der Schlüſſel... es iſt noch einiges da.“ Und er warf den Schlüſſel auf den Tiſch und drehte ſich, um zu gehen; aber als er an die Thür kam, blieb er ſtehen. „Hans kommt ja heute Abend hieher?“ fragte er. „Ja, mein Vater.. 8 „Wann ſoll Deine Hochzeit ſtattfinden?“ „Der Tag iſt noch nicht feſtgeſetzt.“ „Könnte man ſie nicht heute Abend feiern, Alfred?“ „Heute Abend? Das iſt wohl nicht möglich.“ „So, Du glaubſt, es ſei nicht möglich?“ Und damit verließ er ihn. 1 852 167 Wir haben geſagt, daß Alfred ſeinen Muth wieder gewonnen habe, obſchon er die dummen Streiche, die er begangen, manchmal verwünſchte; aber ſein Leichtſinn wurde dadurch um Nichts verringert, und die Leiden⸗ ſchaften in ſeinem Herzen gediehen auch in der Nachbar⸗ ſchaft ſeiner Selbſtverwünſchungen. Um zu erfahren, wie es ſich mit dem Poſtdiebſtahl verhalte, hatte er Haus zu ſich gerufen. Hans kam. Alfred ging ihm heftig zu Leib, und nun bekannte er ſchnell. „Alſo Du haſt mir dieſen verkleiſterten Brief ge⸗ ſchickt?“ fragte Alfred.„Was war Deine Abſicht da⸗ bei? Haſt Du den Brief geleſen?“ Hans ſperrte blos den Mund auf. Er wußte ven keinem Brief. Als jedoch Alfred ſich näher erklärte, er⸗ innerte ſich Hans, geſehen zu haben, wie Maja ein Pa⸗ pier verkleiſterte, und nun fiel es ihm auch ein, daß ſie geſagt hatte, ſie wolle es in's Herrenhaus tragen. Al⸗ fred rief deßhalb Maja zu ſich. Sie erſchrak allerdings im Anfang ein wenig, als Alfred ihr mit all der Hef⸗ tigkeit, die ihm ſein Zorn eingab, zu Leibe ging; aber bald nahm auch ſie eine ſpitzige Miene an, und ſchien ſichtlich nichts zu fürchten. „Haſt Du den Brief geleſen?“ fragte er. „Ja, Herr Alfred.“ „Was denkſt Du von ſeinem Inhalt?“ „Ei was.. ſollte er mir etwa nicht gefallen...“ „Warum ſchickteſt Du ihn mir?“ „Wollen Sie das wiſſen, Herr 2“ „Sonſt würde ich Dich nicht fragen. Was war Deine Abſicht, als Du ihn mir ſchickteſt?“ „Erinnern Sie ſich, Herr, wie Sie meinen Jungen, den Gaiflar„ſchlagen wollten?“ „Ah... EbVrinnern Sie ſich, Herr, wie Sie darum, weil ich es wagte, zwiſchen Sie und den armen, Jungen zu 168 treten, über mich herfielen und mich durchpeitſchten, bis ich wie ein Lumpen auf den Boden niederfiel? Etwas für Etwas, Herr. Sie haben mich mürb geſchlagen, Herr. Dieſer Brief da, denke ich, hat Ihnen auch ein Bischen wehe gethan“ „Unverſchämtes Weib! Weißt Du, wie das Geſetz Leute beſtraft, die fremde Briefe erbrechen?“ Maja lachte höhniſch. „Ich dürfte noch mehr wiſſen, als der Brief,“ meinte ſie. „Du wirſt immer kecker. Willſt Du, daß ich Dich anzeigen ſoll?“ „Thun Sie das, Herr Alfred, ich habe nichts da⸗ gegen... aber vergeſſen Sie nicht, daß Sie...“ „Daß ich... 2⸗ „Daß Sie bei Hans waren, als die Peſt überfallen wurde.“ Alfred merkte, daß er gefangen war, und daß er am beſten that, das gemeine alte Weib anders zu be⸗ handeln. Höflicher und ruhiger trat nun auch Hans dazwi⸗ ſchen, und erklärte, daß ſie beide keinen höhern Wunſch hegten, als das Land zu verlaſſen und ſich nach Ame⸗ rika ſo weit weg als möglich begeben zu können, wobei ſie nicht blos ſelbſt allen Entdeckungen zu entgehen, ſondern auch Alfred von aller Unruhe und Furcht zu befreien hofften, daher ſie ihn jetzt auch um ſeine Fürſprache bei ſeinem Vater baten, daß er ſie nicht blos aufs Frühjahr aus dem Dienſt entlaſſen, ſondern ihnen auch Päſſe und Aufſchluß über die zweckmäßigſte Art der Ueberfahrt ver⸗ ſchaffen möchte. Alfred ſprach noch an demſelben Tag mit ſeinem Vater, und dieſer ergriff den Vorſchlag mit dem wärm⸗ ſten Eifer, der bewies, wie ſehnlich er dieſe Leute los zu werden wünſchte. Unter den ſchon an und für ſich genugſam drohen⸗ ǴS 169 den Wolken alter, ſchmerzlicher Erinnerungen blinkte der Poſtdiebſtahl wie ein ſcharf geſchliffenes Damoclesſchwert, das nur an einem Strohhalm hing, über Boijers Haupt. Es verging kein Augenblick, ohne daß er fürchten mußte, die Spitze des Schwertes werde ihn durch⸗ dringen. Da Hans jedoch das Land nicht ſogleich verlaſſen kounte, ſo beſchloſſen Vater und Sohn beſtändig ein auf⸗ merkſames Auge auf ihn und ſein Weib zu haben, und ſie verſäumten das auch nicht. Alfred war jedoch überzeugt, daß Hans und Maja daſſelbe Intereſſe hatten, wie er ſelbſt, um ſich in Acht zu nehmen und die Sache zu verſchweigen; weßhalb er ſich bald neuen Leideuſchaften hingab, und allmählig die Geſchichte beinahe vergaß. Lars hatte ſeinen ſtierartigen Blick beſtändig auf Alfred geheftet. In Folge der Erfriſchungen, die er und Alfred nach der verunglückten Expedition auf Edsbro im Krähenneſt einnahmen, hatte Lars alles Bewußtſein verloren, und das ganze Abenteuer ſtand am folgenden Tag nur noch wie in einem Rauch vor ihm. Er eriunerte ſich an Alfreds Abſicht bei dem Gang nach dem Herrenhof, und daß er es auf ſich genommen hatte, an der Thüre Wache zu ſtehen, wie auch, daß er ſich mit Jemand geſchlagen und dann nebſt Alfred die Flucht ergriffen hatte; aber auf mehr konnte er ſich ſchlechterdings nicht entſinnen. Der Beſuch im Krähen⸗ neſt, und daß er ſeine glückliche Heimkehr blos ſeinem Pſerd zu verdanken hatte, das war ihm ganz entfallen. Er hoffte indeß von Alfred ſelbſt Aufſchluß über Alles zu erhalten; aber als Alfred eines ſchönen Tages ihn beſuchte, fand Lars ihn nicht ſo geſprächig und offen, wie gewöhnlich. „Sollte ſich das Garn verknotet haben?“ murmelte 170 Lars, dann habe ich es ſchlecht geſponnen. Sie ſcheinen mir nicht ſagen zu wollen, wie es nachher zuging...“ „Du erinnerſt Dich doch, daß wir den Weg unter die Füße nahmen und entflohen, was das Zeug hielt ... Kannſt Du Dich nicht mehr darauf beſinnen... 2“ „Ich glaube, ja... aber nachher... nach⸗ her... Lars hatte die Verkündigung auf der Kanzel gehört und er wünſchte genau zu erfahren, wie ſich die Sache verhielt. Alfred dagegen hatte durchaus keine Luſt, Ent⸗ hüllungen zu machen, ſondern ließ ſichs vielmehr ange⸗ legen ſein, allen Verdacht auch bei ſeinem Freund Lars auszumerzen. Zum erſten Mal war Etwas eingetreten, was das gewöhnliche gute Einverſtändniß zwiſchen Beiden ſtörte. Lars bemerkte ſogleich und nicht ohne einen gewiſ⸗ ſen Schrecken, daß Alfred ſich gleichſam zurückzog, und er grübelte darüber nach, was er thun ſollte. Aber ehe er zu einem Entſchluß gekommen war, begab ſich Alfred weg. „Ah ſo,“ bemerkte er,„hängt die Sache auf dieſe Seite hinaus? dann iſt es nicht mehr Zeit, läuger zu zö⸗ gern, ſondern man muß aufſchauen.“ Als nun Alfred, der jedem Geſpräch mit Lars über dies unangenehme nächtliche Abenteuer auszuweichen wünſchte, weil er fürchtete, dieſer möchte ihm etwas ent⸗ locken, mehrere Tage von der Brennerei wegblieb, da wurde Lars immer nachdenklicher. Eines Tags ſah Lars, daß Alfred ſich in den Stall begab, und er eilte ihm nach, um ihn wie zufäl⸗ lig zu treffen. „Guten Tag, Herr Alfred,“ grüßte er, als er ein⸗ trat,„Sie ſind jetzt ſo ſelten bei mir; aber ich begreife die Sache wohl, und es iſt auch kein Wunder.“ „Was meinſt Du, Lars.“ „Wenn man ans Heirathen denkt und bis über die 1 — 22 ——— 171 Ohren verliebt iſt, ſo vergißt man leicht ſeine alten Be⸗ kannten.“ „Jetzt biſt du dumm, Lars.“. „Hm, ich ſehe wohl, wie ſich die Sache verhält; ſeit jener Schlittenfahrt auf dem See, wo Sie mit kal⸗ tem Blut ſich ſelbſt und Ihre Braut ertränken wollten, haben Sie mich kaum mehr angeſehen.“ Alfred wandte ſich gleichgiltig um. „So, ſo, Du meinſt das, Lars. Geſtehe nur, daß Du ſehr einfältig biſt.“ „Einfältig?“ „Du ſagteſt, ich ſei bis über die Ohren verliebt?“ „Nun ja, das iſt doch wohl nicht gelogen.“ „Du ſagſt, ich habe mit kaltem Blut ſowohl mich als ſie ertränken wollen.“ „Das habe ich ja mit eigenen Augen geſehen und mich über Ihr halsbrecheriſches Wageſtück beinah zu Tod geärgert.“ „Aber jetzt kann ich Deinen einfältigen Schädel aufklären und Dir ſagen, daß ich weder ſie, noch mich ertränken wollte.“ „Nicht... wie.. 20 „Das Mädchen ſchrie, das iſt wahr, und das Eis ſchwankte unter uns... aber das war auch Alles. Glaubſt Du wohl, ich habe meinen Verſtand verloren, da Du denkſt, ich wolle mich um eines Weibsbildes wil⸗ len in den Tod ſtürzen? Dann kennſt Du mich nicht, Lars. Ich wollte ſie blos ein wenig ängſtigen, denn ich weiß ſchon lange, daß Mädchen dann immer etwas will⸗ fähriger werden, aber Du kannſt mir glauben, daß ich wohl wußte, was ich that. Für Emma, die nichts be⸗ griff, und für euch, die ihr am Lande ſtandet, ſah das Ding gefährlich aus, das denke ich mir wohl, und ich kann blos darüber lachen...“ Lars war mit dieſer Erklärung keineswegs zufrieden, 172 aber er antwortete nicht darauf, ſondern wollte Alfred nur noch ein wenig näher ausforſchen. „Aber ſehen Sie einmal mit Anna,“ ſagte er nach einer Weile,„es war doch nicht der Mühe werth, daß ich ſie hieherbrachte, und dieß würde auch nie geſchehen ſein, wenn ich hätte vorausſehen können, daß die Verbindung mit dem Fräulein uns ſo plötzlich über den Hals kom⸗ men ſollte. Sobald ich Frau Boijer treffe, will ich ſie um Erlaubniß bitten, das Mädchen wieder nach Hauſe zu nehmen, denn jetzt hat ſie nichts mehr da zu ſchaffen.“ „Heute, lieber Lars, biſt Du recht eigentlich über das wilde Gras gegangen,“ antwortete Alfred.„Ich habe Anna lieb, das weißt Du Aber jede Sache für ſich. Meine Mutter bewacht ſie, wie ein Drache den Schatz, und ich kann ſie kaum einen Augenblick zu ſehen bekommen. Glaubſt Du, daß ich ſie verlieren möchte?“ Aus der Heftigkeit, womit Alfred antwortete, ſchloß Lars, daß er in Anna noch immer ein Mittel beſaß, Alfred feſtzubalten, und da in dieſem Augenblick der Stallknecht hereinkam, ſo ſchlenderte er nach der Breune⸗ rei zurück. Lars war jedoch noch lange nicht mit ſich ſelbſt einig, aber an die Mauer der Brennerei gelehnt und mit ſtetem Blick den ſilberhellen Branntweinſtrahl be⸗ trachtend, der aus der Pfanne rann, hatte er gut Zeit zu überkegen, was er thun mußte. Wir haben hier in Kürze die Umſtände angedeutet, welche Alfred die Sicherheit und Zuverſichtlichkeit zurück⸗ gaben, von der wir geſprochen. Die Freude und Zärtlichkeit ſeiner Mutter überzeugte ihn, daß ſie Nichts ahnte. Der Vater war ganz anders geworden. Zwar wurde er von einer düſtern und ſchweren Melancholie darniedergedrückt, aber Alfred konnte da nicht hel⸗ feu, und er dachte weniger daran, als an den Umſtand, daß er freien Zutritt zu ſeiner Kaſſe erhielt, daß ſein 173 Vater auf alle ſeine Wünſche einging und ihn bei Allem, was er that, unterſtützte. Das Ereigniß in der Kirche bei der Verkündigung hatte ihn im Anfang erſchreckt; aber er erklärte ſich den Ausruf des Gefangenen, wie alle Andern, blos als einen Zufall, während er nicht umhin konnte, die Kühnheit und Schlauheit zu bewundern, womit er entwiſcht war in dem Augenblick, wo alle Andern betend ihre Köpfe beugten. Was die übrigen Ankündigungen betraf, ſo waren ja Lars und Hans die einzigen, welche von ſeinem An⸗ theil an den nächtlichen Thaten wußten, und da er jetzt mit ihnen geſprochen und gefunden hatte, daß ſie ein⸗ ander nicht einmal in das eingeweiht hatten, was Jeder von ihnen beſonders wußte, ſo wurde er vollkommen ruhig. Nachdem die Verkündigung jetzt geſchehen war, hatte die Sache im Uebrigen nicht ſo viel zu bedeuten, ob man wirklich erfuhr, daß er es geweſen, den man bei einem beabſichtigten Beſuch bei Emma für einen... Es war Alfred immer ſchwer und widerlich, das Wort Dieb auszuſprechen. Die Poſtberaubung war eine mißlichere Sache und die einzige, die ihn manchmal noch erſchreckte; aber nach einigen Monaten, wenn Haus und ſein Weib einmal nach Amerika geſchifft waren, ſollte ja nicht eine einzige Aunge im ganzen Land mehr ein Wort davon flüſtern oͤnnen. Wenn er dabei noch bedachte, daß er ſeine Ange⸗ legenheiten geregelt und keine Schulden mehr hatte, ſo meinte er allen Grund zu haben, mit ſeiner Stellung zufrieden zu ſein. Ei der Tauſend,“ ſchwatzte er für ſich ſelbſt, ſo⸗ bald Boijer ſich entfernt und den Kaſſenſchlüſſel hinge⸗ worfen hatte,„ich bin ja jetzt eigentlich der Herr im Hauſe. Mein lieber Papa iſt ein ganz vortrefflicher Alter; ich könnte mir nichts Beſſeres wünſchen. Eigent⸗ lich habe ich jetzt doch das Alles nur mir ſelbſt zu ver⸗ danken; denn...“ Und jetzt zählte er an den Fingern. „Hätte ich Emma nicht während der Schlittenfahrt Angſt eingejagt, ſo hätte ich vermuthlich das nächtliche Abenteuer gar nicht unternommen, und wenn ich es nicht unternommen hätte, ſo wäre ich nicht nach Edsbro ge⸗ kommen; und wenn ich nicht nach Edsbro gekommen wäre, ſo hätte ich nicht ſo verdammt viel Punſch im Krähenneſt getrunken und Hans eingeladen, mit mir zu kommen; und wenn ich das nicht gethan hätte, ſo hätte ich ſicherlich den Poſtillon nicht angegriffen, und wenn icht ihn nicht angegriffen hätte, ſo hätte Hans den Brief nicht geſtohlen; und wenn Hans den Brief nicht geſtohlen hätte, ſo hätte ich das Schreiben meines Vaters an ſei⸗ nen alten Freund Humle nicht bekommen; und wenn ich das nicht bekommen hätte, ſo wäre es nicht in meine Hände gefallen; nnd ergo wäre ich nicht Herr über ihn und ſein Geheimniß geworden. Alfred rieb ſich nicht ohne innige Selbſtzufriedenheit die Hände. „Man ſage, was man will, vom Saufen,“ meinte er;„aber ſo viel iſt gewiß, daß die Vorſehung die Betrunke⸗ nen ſchützt, wenigſtens habe ich Urſache, es zu glauben.“ Er ſprach nicht von ſeiner Liebe; aber aus den flammenden Wangen und den brennenden Blicken konnte man wohl ſchließen, daß auch ein Strahl von Leiden⸗ ſchaft in dieſem Augenblick durch ſein Herz fuhr. Für ſeine leidenſchaftliche, ſtürmende Natur war Emma ein Champagnerglas und Anna eine prächtige Möringe. Alfred ſteckte des Vaters Kaſſenſchlüſſel in ſeine Taſche und ſetzte ſich wieder an den Tiſch, um die letz⸗ ten Weinachtsgeſchenke zu verſiegeln. Während er damit noch beſchäftigt war, hörte er⸗ 17⁵ daß die Familie Horner ankam, aber es ſiel ihm nicht ein, hinabzueilen und die Gäſte zu empfangen. Bei dem Gedanken an ein Zuſammentreffen mit Carl Auguſt überkam ihn ein leichter Schauer. Das große Appartement mit ſeiner ſo koſtbaren als ausgeſucht geſchmackvollen Einrichtung und Möblirung war glänzend beleuchtet. Auf einem Tiſch ganz oben im äußeren Saal, wel⸗ cher für den Abend zum Schauplatz des fröhlichen Feſtes auserſehen war, brannten mehrere vielarmige Leuchter, einer für jeden der Erben beider Familien; zuſammen waren es ſechs Lichter, jedes mit vier Zweigen, im Gan⸗ zen vierundzwanzig Flammen. Mitten im Zimmer ſtand ein hoher Weihnachts⸗ baum mit vielen brennenden Wachslichtern auf den äu⸗ ßeren Aeſten der ſchwankenden Zweige, und Bonbons und Früchte waren da und dort daran gebunden. Als Frau Boijer Anna annahm, beſchloß ſie die ſtrengſte Aufſicht zu führen; aber Anna ſelbſt wünſchte nichts ſehnlicher, als den Schutz zu empfangen, deſſen ſie ſo wohl bedurfte, und das Mädchen wurde ihr mit jedem Tage lieber. Wir wiſſen, daß Guſtav ſich bei Baron Horners in demſelben Verhältniß befand. Anna und Guſtav, die beinahe unzertrennlich von ihren Herrſchaften geworden, hatten unter allerlei Aufträgen auch den er⸗ ula. für die Zweiglichter und den Weihnachtsbaum zu ſorgen. Als Alfred eintrat, warf er einen haſtigen Blick auf die verſchiedenen Gruppen, begab ſich aber ſogleich zu Emma, bei der er ſich niederlaſſen zu wollen ſchien. 176 Während er an Carl Auguſt vorüberging, wechſelte er mit dieſem blos einige wenige Worte, die dieſer ganz kalt und kurz beantwortete. Die einzige Perſon, die es bemerkte, war Emma, die auch allein Verdacht hegte. Adine und Conſtanze, wie auch Anna und Guſtav kamen nicht zum Vorſchein. Die wilden Mädchen hatten irgend einen Poſſen im Kopf, und die zwei letzteren wa⸗ ren ihnen dabei behilflich. Etwas Schweres und Bedrückendes ſchien über der Geſellſchaft zu liegen; das Geſpräch wollte nicht recht in Gang kommen. Auch waren noch nicht alle Gäſte angelangt. Außer Jeſpersſon erwartete man noch Hermanns Mutter, Frau Helm, und ihre Tochter, die jedesmal am Weihnachtsabend ihre Zurückgezogenheit verließen, und mit ihren Freunden entweder auf Wardnäs oder Edsbro ein paar Stündchen zu verbringen pflegten. „Du biſt ſo eruſt, Boijer,“ bemerkte Horner; eich kenne Dich gar nicht mehr. Darf ich fragen, was Dich ſo ſehr verſtimmt?“ Boijer ſchaute auf, gleich als hätte er die Frage nicht gehört, ohne jedoch zu wiſſen, um was es ſich eigent⸗ lich handelte. Aber ſeine Aufmerkſamkeit konnte ſich nicht fiyiren, weil man in dieſem Augenblick unten im Hof Glöckchen⸗ getön hörte und eine ganz deutliche Stimme, welche rief: „Iſt Brun hier?“ Alle wußten, daß Brun wohl verwahrt in Jeſpers⸗ ſons innerem Zimmer ſaß, und die Frage kam daher den Meiſten ganz unheimlich und ſonderbar vor. Sophie erblaßte und richtete ſich unwillkührlich auf. Nach kurzer tiefer Stille eilten Alle ans Fenſter, um zu ſehen, wer es war, aber man entdeckte nichts, und nun betrachtete man einander natürlich mit Verblüfftheit und Verwun⸗ derung. 177 „Ich höoͤre gleichwohl Glöckchen,“ bemerkte Alfred, „und zwar ganz unten in der Allee.“ Um den unbehaglichen Eindruck zu verwiſchen, er⸗ klärte Horner, er habe bemerkt, daß Jeſpersſon öfter einen ſogenannten Schatten als Vorläufer ſich voraus⸗ ſchicke, und führte als Beweis dafür an, daß auch ſeinem erſten Auftreten in Edsbro ein ſolcher vorangegangen ſei. Ehe Horner ſeine Erzählung vollendet hatte, trat auch Jeſpersſon ein und zwar, wie es ſchien, in der allerbeſten Laune von der Welt. Nachdem er die Anweſenden begrüßt, begab er ſich zu Sophie, deren unruhiger Blick ihn nicht verließ. „Ich kann Sie von Ihrem Manne grüßen,“ tröſtete er ſie;„als ich Edsbro verließ, befand er ſich im er⸗ freulichſten Wohlſein. Ich glaube ſogar...“ „Was glauben Sie, Herr Doctor?“ Sophie ſah ihm in die Augen; ſie war allzu ſehr erſchreckt worden, als daß ſie es wagen konnte, an ſeine Worte zu glauben. „Ich glaube, daß die Krankheit juſt heute Abend ſich brechen wird. „Sie täuſchen mich doch nicht, Herr Doctor?“ Jeſpersſon war bereits weit von ihr und ſtand bei Horner und Boijer. „Wie ſteht's?“ fragte Horner.„So heiter Du aus⸗ ſiehſt, ſo ſehe ich doch, daß Dein Blick bekümmert iſt. Iſt Brun etwas Böſes widerfahren? Du weißt vielleicht nicht, daß Dein Schatten...“ „Hat auch er heute Abend.. „Einige Minuten vor Deiner Ankunft hörten wir deutlich eine Stimme, in der ich ganz beſtimmt die Dei⸗ nige erkannte, fragen:„Iſt Brun hier?“ „um Alles in der Welt, ſchweig Bruder; man weiß alſo bereits...“ „Was?“ „Daß es Brun gelungen iſt, aus dem Zimmer zu Ridderſtad, Vater und Sohn II. 12 178 entwiſchen, ohne daß man noch weiß, wohin er ſeinen Weg genommen hat; aber ich bitte Dich, ſprich nicht ſo laut.“ „Was ſagſt Du?“ „Ich habe ihn überall geſucht, und endlich begab ich ulich hieher. Alle Leute, die mir in den Wurf kamen, habe ich auf Wegen und Stegen ausgeſchickt. Bei Gott, Bruder, ich fühle mich zum erſten Mal ſeit vielen, vielen Jahren aufgeregt.“ „Du fürchteſt alſo für ſein Leben?⸗ Jeſpersſon zuckte die Achſeln. Carl Auguſt, der das Geſpräch mit angehört hatte, erbot ſich ſogleich fortzugehen, um ebenfalls nach Brun zu forſchen; aber er konnte ſeinen Satz nicht ausſprechen, als die Worte auf ſeinen Lippen erſtarben und er plötz⸗ lich verſtummte.— Jeſpersſon zog ſich in demſelben Augenblick wie von einer unerwarteten Erſcheinung getroffen auf die Seite. Eine blaſſe, magere Dame, ader mit ſanftem und reſignirtem Geſicht zeigte ſich nämlich in der Thüre. Voll Anmuth und Würde trat ſie vor, gefolgt von einem einnehmenden jungen Frauenzimmer. Die ältere Dame war Niemand anders als Hermanns Mutter, Frau Hjelm, und die jüngere war ihre Tochter Charlotte. Jeſpersſons Aufmerkſamkeit war auf die ältere Dame geheftet. Charlottens kaſtanienbraunes Haar lag in weichen, ſeidenzarten Locken um die feingebildeten Wangen, auf denen eine Roſe ſoeben halb ausgeſchlagen hatte. Ihre Augen, die ſo ſchön, ſo lebhaft und ſprechend waren, wie die Augen Emmas, beſaßen vielleicht gleichwohl noch mehr Blitz. Carl Auguſt hatte ſie mehrere Jahre nicht geſehen, und er hatte nicht erwartet, daß das unbedeutende, we⸗ nig verſprechende Mädchen einmal das werden könnte, was ſie jetzt war— eine Schönheit erſten Ranges. 179 Charlottens und Carl Auguſts Augen hatten ſich be⸗ gegnet, und ſie ruhten eine kurze Weile in einander, als wäre die Ueberraſchung auf beiden Seiten gleich groß. Die Roſen auf Charlottens Wangen ſchlugen dabei mit orientaliſcher Pracht in ihrem vollen Glanz aus; und Carl Auguſt fühlte ebenfalls wie der Purpur auf ſeinen Wangen in gleichem Maaße zunahm wie auf den ihrigen. Aber dieſer unerklärliche, elektriſche, in der Seele unſterbliche, im Herzen unausſprechliche Augenblick war bald vorüber. Emma und Charlotte ſprangen bereits einander ent⸗ gegen. Es war anziehend, die lebhafte Freude der beiden Mädchen zu ſehen, die beinahe in gleichem Alter ſtanden. Charlotte war aſchblond, Emma war blond. Die dunkeln Locken der erſteren erinnerten an eine nächtliche Dämmerung, bei der letzteren ſtrahlte der Morgen in ſei⸗ nem glänzendſten Licht. Durch die Vergleichung kommt das Individuelle in der Schönheit der zwei Mädchen aufs Vollſtändigſte an den Tag. Wir haben Emma bis⸗ her noch nie mit einem andern jungen Mädchen zuſam⸗ mengeſehen, ſondern das iſt das erſte Mal. Bei Char⸗ lottens Anblick vergaß ſie auf einmal alle Sorgen und Bekümmerniſſe, welche ſie in der letzten Woche aufgeregt hatten. Ihre frühere kindliche Freude kehrte wieder. Das Geſicht ſtrahlte wieder von einem ſo milden Schein, und ans den Augen leuchtete der Himmel mit der gan⸗ zen Unſchuld eines reinen Herzens. Sie waren ſo lang getrennt geweſen und ſo viel war unterdeß geſchehen, aber darum handelte es ſich jetzt nicht. Ihr junges Herz ver⸗ gaß Alles, nur nicht die Freude, daß ſie ihre Freundin wiederſah. Es war als hätte ſie bei dieſem Anblick Troſt für alle Widerwärtigkeiten gefunden. Emma glich in dieſem Augenblick einer jener ſchönen, luftigen Peris, die ſo bezaubernd aus Thomas Moores reicher und prachtvoller Phantaſie hervorgeſchwebt, und um welche der Gedanke unwillkürlich, aber auch unwiderſtehlich, ſich das ganze Blumenreich von Leben und Poeſie träumt. Alles Irdiſche verſchwand auf einmal, und ihre Freude .. ſie war die Freude ſelbſt... ſchien ſich auf den Purpurwolken vom lieblichſten Blumenduft zu ſchaukeln: es war darin ſo viel weibliche Grazie, eine ſolche lächelnde Liebenswürdigkeit, ſo viel hinreißende Unſchuld. Niemals hatte ihr Herz auf eine entzückendere, einfachere und natürlichere Art ſeine blühenden Blumen in ihre ganze Geſtalt ausgehaucht, als in dieſem Augenblick. Ohne an etwas zu denken, war ſie auf die einnehmendſte Weiſe ſie ſelbſt. Charlotte war nicht weniger ſchön, aber dennoch etwas ganz anderes. Es war ein klarer Stern, der durch die warme Flamme ihres Weſens ſchimmerte. Ihre Geſtalt war eben ſo geſchmeidig und weich, wie die Ge⸗ ſtalt Emmas, aber ihre Farben waren nicht ſo mild, dagegen ſtärker, vielleicht prachtvoller, und ihre Zeichnung war nicht ſo fein, aber ſtolzer, vielleicht klaſſiſch reiner. Sie war eines der dreiſteren, aber nicht üppigeren Weſen, die ſo genial aus Byrons Leyer hervorgeſprun⸗ gen, nicht während ſeiner ſchwermüthigen und miſanthro⸗ piſchen Stunden, wenn eine Wolke mit Donner und Blitz ſeine Seele umgab, ſondern in den Stunden hin⸗ reißender und kühner Inſpiration, wo die Erde wie ein Frühling unter ſeinen Füßen rollte, und der Himmel ſich klar und ſtrahlend mit tauſend Sternen ausbreitete. Es war Emma zu Muth, als hätte ſie ſo viel mit Char⸗ lotte zu ſprechen, und ſie zog ſie daher mit ſich ins Wohnzimmer, wo ſie Gelegenheit hatten, ſich ihren eige⸗ nen Gedanken zu überlaſſen. Karl Auguſts Blick folgte ihnen. Jeſpersſon hatte ſich von dem Augenblick an, wo Frau Hjelm eintrat, nicht vom Platz bewegt. In ge⸗ wöhnlichen Fällen beſaß er, wie wir wiſſen, Kälte und Kraft genug um ſich zu beherrſchen; aber heute ſchien 181 er dieſe Kunſt vergeſſen zu haben. Seine Furcht um Bruns Leben, die Aufmerkſamkeit ſeiner Umgebung, an beides erinnerte er ſich nicht mehr. Ein einziger Gedanke beſchäftigte ihn gänzlich, und ſein nicht mehr irrender, ſondern feſt auf Frau Hjelm gerichteter Blick bewies, daß er ſie betraf. Sobald ſie Platz genommen hatte, ging er auch gerade auf ſie zu. Horner und Bojer hatten ſich zurückgezogen, und aus Veranlaſſung der beklagenswerthen Lage, worein Brun durch ſeine Leidenſchaft verſetzt worden, nahm Hor⸗ ner ſein altes Geſpräch mit Bojer wieder auf, das heißt, er trug aufs Neue ſeinen Wunſch vor, daß er mit ſeiner Branntweinbrennerei aufhören möchte. Bojer war blos ein ſcheinbarer Zuhörer. In ſeiner damaligen Stimmung wünſchte er nichts ſehnlicher, als daß Andere ſprechen möchten und er Gelegenbheit fände ſtill zu bleiben. Jeſpersſon näherte ſich Frau Hjelm mit ſolcher Ach⸗ tung und Verehrung, daß er ein ganz anderer Mann zu ſein ſchien, als man ſonſt gewohnt war. Frau Hjelm bemerkte ihn ſogleich, und man ſah wie ſie von einer plötzlichen Bewegung geſchüttelt wurde, wobei ihr Geſicht etwas in Weiß ſpielte. „Obſchon etliche und zwanzig Jahre vergangen ſind, ſeitdem Sie mich geſehen haben, Madame, begann Je⸗ ſpersſon, ſo ſehe ich doch, daß Sie gleichwohl mich wieder erkennen.“ „Wie alt ich auch ſein mag,“ antwortete Frau Hjelm mit wiedergewonnener Ruhe,„ſo wiſſen Sie wohl, daß ich Sie niemals vergeſſen kann.“ Frau Hjelm ſaß glücklicher Weiſe an einem Platz, wo ſie ungeſtört ſprechen konnte. „Jeden Tag,“ verſetzte Jeſpersſon,„ſeit ein paar Wochen, die ich mich bei Baron Horner aufhalte, habe ich im Sinn gehabt Sie zu beſuchen; aber meine Furcht hat mich zurückgehalten.“ Im Verhältniß zwiſchen ihnen lag etwas unbeſchreib⸗ lich Rückhaltſames und Geſpanntes. Frau Hjelm ſah ſtolz und rückhaltend aus. Jeſpersſons vorſichtige Art und Weiſe hatte dagegen einen demüthigen und verehrungs⸗ vollen Charakter. „Vom Hörenſagen wußte ich, daß Sie bei Barons wären,“ ſagte Frau Hjelm,„und um ganz aufrichtig zu ſein, dieß war ein Grund für mich von da wegzubleiben, weil man in meinen Jahren, mein Herr, alte und unan⸗ genehme Erinnerungen nicht aufreißen ſoll.“ Jeſpersſon drückte unmerklich ſeine Hand gegen die Bruſt, gleich als müßte er ein gewaltſames Gefühl er⸗ ſticken. „Ich habe Sie gleichwohl aufſuchen müſſen,“ ver⸗ ſetzte Jeſpersſon,“ weil ich es auf mich genommen habe, perſönlich einen Brief an Sie zu beſtellen.“ „Sie, Herr Doctor?“. „Als ich im Verlauf des letzten Sommers das ſtille Meer paſſirte, nahm der Schiffer ſeine Richtung durch den Samona⸗Archipel, wo ich zufällig mit einem Mann zuſammentraf, deſſen Charaktereigenſchaften ſehr viel mit meinen eigenen übereinſtimmten. Wir wurden bald in⸗ time Freunde, und im Geſpräch über Schweden, unſer gemeinſchaftliches Vaterland, nanute er auch Ihren Namen und behauptete ein Verwandter von Ihnen zu ſein. Ich vertraute ihm damals das unglückſelige Ereigniß, durch welches ich Sie eines theuren, trefflichen Gatten, und Ihre Kinder eines rechtſchaffenen, zärtlichen Vaters beraubte, und ſprach ganz ungeheuchelt den Kummer aus, den ich noch darüber empſinde. Ohne auf ein Ge⸗ ſpräch darüber einzugehen, ſetzte er ſich nieder, ſchrieb einen Brief, und ich mußte ihm meine Hand darauf ge⸗ ben, daß ich ihn perſönlich überliefern wolle. Verzeihen Sie, Madame, daß ich es nicht bereits gethan habe. Es iſt beute Weihnachtsabend,“ fügte Jeſperſon nach einer kurzen Pauſe hinzu,„und ich hoffe Ihnen ein liebes Weih⸗ nachtsgeſchenk zu bringen.“ 183 Seine kurze Erzählung hatte Frau Hjelms Auf⸗ merkſamkeit erweckt, und ſie lauſchte neugierig auf jedes ſeiner Worte. „Ich ahne,“ ſagte ſie,„daß der Brief von meinem unbekannten Wohlthäter iſt, von dem Manne, der mich und die Meinigen aus ſo mancher Noth gerettet, für den wir jeden Abend Gebete zum Himmel emporſenden ... o, geben Sie ber... geben Sie her. Ja⸗ ja,“ fuhr Sie fort, als Sie den Brief empfangen hatte .. ich täuſche mich nicht... er iſt von ihm... Sie kennen ihn alſo... ach ſetzen Sie ſich doch.. Sie müſſen mir Alles erzählen, was Sie von ihm wiſſen .. Sie thun es ja doch?“ Jeſpersſon erlabte ſich ſchweigend an ihrer Freude. „Leſen Sie zuerſt den Brief, Madame.. 8 „Nein, Herr Dortor, nein! Nicht hier, ſondern in meinem einſamen ſtillen Haus, mit meiner Tochter an meiner Seite, wenn Alles Ruhe und Frieden um uns her iſt, dann... dann... Sprechen Sie dagegen von ihm... doch es iſt wahr, er hat mir das Ver⸗ ſprechen abgefordert nicht nachzuforſchen wo er ſei... Sagen Sie nichts, mein Herr, nichts.“ Frau Hjelm drückte ſich mit rührender Wärme aus. „Ich will ſchweigen,“ bemerkte der Doctor,„und mich mit dem Glück begnügen, daß ich doch nicht gänzlich unwillkommen bin.“ „Sie wiſſen, wie viel Urſache ich habe, mich über Sie zu beklagen,“ antwortete Frau Hjelm,„aber durch dieſen Brief haben Sie mir einen ſo freundlichen Augen⸗ blick geſchenkt, daß ich.. erlauben Sie mir Ihre Hand zu drücken... dieſe Hand... die meinen Mann getödtet hat... kann ich auf eine vollkommenere Art meine Dankbarkeit beweiſen*“. Jeiversſon vermochte nicht ſogleich zu antworten. Hätte man recht in die Augen des ſonderbaren Mannes 184 geblickt, ſo würde man eine Thräne darin entdeckt haben. „Ich bin tief gerührt, Madame,“ ſtammelte er,„und befinde mich glücklicherweiſe im Fall meine Dankbarkeit noch weiter beweiſen zu können. Vor einigen Tagen er⸗ hielt ich einen neuen Brief von unſerem gemeinſchaftlichen, ſonderbaren Freund. Er meldet mir darin, daß er im nächſten Sommer nach Schweden zurückkommen werde, und daß in Folge deß die Seeexpedition, um welcher willen er neulich Ihrem Sohn befahl ſich nach Gothenburg zu begeben, noch einige Monate ausgeſetzt bleiben ſoll.“ „Ich werde ihn alſo ſehen, und mein Sohn könnte ſomit...“ 4 Er könnte ſchon heute Abend zurück ſein, Madame.“ Ueberwältigt von Ihren Gefühlen ſank Frau Hjelm in ihren Stuhl zurück und Jeſpersſon verließ ſie, damit ſie frei Athem holen könnte. Der Doctor ſuchte wieder Horner und Boijer auf, die ſich noch mit der Brannt⸗ weinfrage beſchäftigten. Da Alfred ſich von Emma verlaſſen ſah, konnte er nicht umhin ſich Carl Auguſt zu nähern, der ſeinerſeits nicht einen einzigen Schritt thun zu wollen ſchien, um mit ihm in Berührung zu kommen. „Haben wir Dich doch endlich einmal wieder geſund, Carl Auguſt,“ begann Alfred.„Wir ſind recht unruhig um Dich geweſen.“ Carl Auguſts Stirn runzelte ſich und ein kaltes, zweifelndes Lächeln zog ſich über ſeine Lippen. „Du biſt ſchwer krank geweſen?“ „Ja. Kennſt Du den Dieb, der bei uns einbrechen wollte?“ „Ob ich ihn kenne?“ Alfred zog etwas heftig an ſich. „Ich meine ob Du die Geſchichte kennſt. Den Dieb kannſt Du natürlich nicht kennen.“ Carl Auguſt betrachtete Alfred mit nuverrücktem be⸗ 18⁵ harrlichem Blick. Alfred fühlte ſich etwas beläſtigt, denn es kam ihm vor, als hätte Carl Auguſt ihn durch und durch geſchaut, und als läge in ſeinem ganzen Benehmen etwas Anklagendes. Dabei zog Carl Auguſt ſein Nas⸗ tuch hervor und entwickelte es in der ganz einfachen Ab⸗ ſicht Gebrauch davon zu machen. Alfred, der gern nach jeder Gelegenheit griff, die ihn von dem unangenehmen Geſpräch über den Diebſtahl befreien konnte, glaubte jetzt auch eine ſolche zu ent⸗ decken. „Wie,“ ſagte er,„das iſt ja mein Nastuch; wie biſt Du dazu gekommen?“ Carl Auguſt vermochte die vielerei argwöhniſchen Gedanken, die ſchon lange 4 ihm gegährt hatten, nicht länger zuſammenzuhalten. Das Feuer des Zornes leuch⸗ tete aus ſeinen Augen und ſeinr Lippen zitterten. „Alfred,“ ſagte er, Du warſt ein böſer Bube, Du biſt jetzt ein erbärmlicher Jüngling.“ Unwillkürlich ballten ſich Alfreds Fäuſte. „Wie, Du wagſt mich anzuklagen, weil ich behaupte, daß das mein Nastuch iſt? Es iſt wirklich ſo.“ „Leider gehört es Dir. Ich fand es in Edsbro, im Gang, am Morgen nach unſerem... verſtehſt Du.. unſerem Kampf. Du haſt es dort ver⸗ loren.“ Alfred ſtand geſchlagen da. „Ich will mit Dir ſprechen, Alfred. Folge mir.“ Carl Auguſt und Alfred begaben ſich in ein Kabi⸗ net ſeitwärts vom Salon. Unglücklicher Weiſe befand ſich blos eine dünne verborgene Thüre zwiſchen dieſem Kabinet und dem Zimmer, worin Charlotte und Emma noch ſaßen. Das heitere, muntere Geſchwatze der Mädchen war im beſten Gang. Unbemerkt von allen Andern überließen ſie ſich ihren Eingebungen, und ihre lebhafte Vorſtellung kleidete die kleineren Verhältniſſe, welche die ſchönſten Träume ihrer Herzen ausmachten, in bunte Farben⸗ pracht. Aber wie ein Wort das andere gab, ſo kam man auch auf Hermann zu ſprechen. Emma erzählte jetzt mit vieler Wärme, wie ſie in der Dunkelheit im Hof des Wirthshauſes mit ihm zu⸗ ſammengetroffen ſei, und wie er ſich freundlich erboten habe ihr in ihrer Noth zu helfen. Sie beſchrieb ihre Heim⸗ kehr nach Edsbro, wie er ſich geſehnt, ſeine Mutter und Schweſter umarmen zu dürfen, und wie ſeine Gedan⸗ ken unaufhörlich zu ihnen zurückgekehrt ſeien. Charlotte, die ihren Bruder ſo innig liebte, als ſie von ihm geliebt wurde, hörte Emma mit dem ganzen lauſchenden Intereſſe eines Schweſterherzens zu. Sobald Emma zu Ende war, bemerkte Charlotte, obſchon nicht ohne eine gewiſſe Schalkhaftigkeit, daß ſie eine Kleinigkeit vergeſſen habe. „Ich ſollte etwas vergeſſen haben... nein, das glaube ich nicht... unmöglich... nein...“ „Es iſt eine Bagatelle, die man übrigens jetzt, da Du verlobt biſt, am Beſten vergißt.“ Das Blut lief wärmer in Emmas Adern. Sie er⸗ blühte wie zu einem zweiten, einem ſchönern Frühling. „Warum ſo geheimnißvoll, Charlotte? bemerkte ſie. „Du mußt mir beſtimmt ſagen, was Du meinſt. Her⸗ mann hat Dir geſchrieben, wie ich merke.“ Charlotte überlegte einen Augenblick. Ihre Züge nahmen dabei ein entſchloſſeneres Ausſehen an. Ihr Geſicht ſtrahlte. Es war, als ob ein Gefühl eigenen Lebens durch das feine Blutgefäß einer edeln Blume ge⸗ gangen wäre, und ihre hübſche Krone ſich kühner als vorher erhoben hätte. —y——— —» ω— 187 „Warum denn nicht?“ ſagte ſie;„Du haſt ja Her⸗ mann ſelbſt erlaubt...“ „Was meinſt Du? was habe ich ihm erlaubt? Ich geſtehe, daß ich ihn recht lieb habe... daß...“ „Still, gute Emma, ſtill! Laß uns von einer Klei⸗ nigkeit nicht mehr Aufhebens machen, als ſie verdient; ich glaube wirklich, daß ich es bereits gethan habe. Was Du mir zu erzählen vergeſſen haſt, iſt die Thatſache, daß Hermann, als er Abſchied von Dir nahm, Dich um Er⸗ laubniß bat, von Dir träumen zu dürfen.“ Emmas Augen leuchteten immer ſtrahlender. „Ja, allerdings; allerdings erlaubte ich ihm das. Wie hätte ich es ihm verweigern können? Träume gehen wie Ströme. Wer kann wiſſen, was man ſelbſt träumt? Aber ſage mir Charlotte, hat er vielleicht von mir ge⸗ träumt, hat er davon geſchrieben? Liebe, beſte, artige, koſtbare Charlotte, erzähle mir was er...“ „Träumte?“ fiel Charlotte ein. Emma legte ihr weißes Händchen an ihre Stirn und blickte recht freundlich in Charlottens Augen. „Ich meine immer, es ſei recht Schade um meinen Bruder,“ ſagte Charlotte. Du glaubſt gar nicht, wie melancholiſch er in ſeinem Brief iſt, und wie dringend er mich bittet Dich zu grüßen. Meinſt Du nicht auch, daß es Schade um ihn iſt, Emma? So warm und feurig wie er, wie tief muß er nicht ſein Unglück empfinden! Siehſt Du Emma... unter Anderem hat er ein kleines Gedicht an Dich geſchrieben...“ „An mich...“ „Ja, und obendrein juſt über das Recht, das er er⸗ halten hat, von Dir zu träumen.“ Ach laß mich ſehen... laß mich ſehen...“ Charlotte zog einen Brief hervor, und Emma las: Ich hab das Recht von Dir zu träumen, ſageſt Du, Dieß Wort trägt tiefen Sinn in ſich, 188 Denn, wem das Recht von Dir zu träumen ſtehet zu, Der hat das Recht zu lieben Dich! Recht innig und recht herzlich an einander denken In ſüßem Traum, iſt höchſte Seligkeit, Wenn ſo ſich Seelen nun in Seelen ganz verſenken, Die Welt verſchwindet in Vergeſſenheit. Mit Roſenſchwingen unſre Lieb als Traum ſich ſchwingt Hoch über dieſes Erdenrund, Zu unſrem Bett ſchleicht ſie von Grazien umringt Als Traum in ſtiller Mitternachtsſtund. Und darf von Dir ich träumen, holdeſtes der Weſen, Uuendlich iſt es, meiner Träume Reich, Darf ich in Deinem Auge, Deinem Herzen leſen, Was iſt hienieden ſolcher Wonne gleich! Du lächelſt und erröthend ſich Dein Köpfchen neigt, Du ſchweigſt, es trifft Dein Auge mich, In welchem Frohſinn ſich mit Lieb gepaaret zeigt, O ſchweige, ich verſtehe Dich! Des Mondes und der Sterne Licht erhellt die Räume Des Himmels, nun flieg aus, mein Geiſt, dahin, Dahin, wo in dem freien Reich der ſüßen Träume, Von Ihr ich ſehnſuchtsvoll erwartet bin. Je weiter Emma in dem Gedichte kam, um ſo wun⸗ derſamer wurde es ihr zu Muth. Ein ſo warmes Ge⸗ fühl zog ſich um ihr Herz, ein ſo tiefer Seufzer hob ihre Bruſt, eine ſo milde Wehmuth nahm ihre Seele ein. Dich. Emmas Hand ſank hinab mit dem Gedicht, während die andere über ihr Geſicht fuhr. „Arme Emma,“ flüſterte Charlotte, ich beklage auch 189 Es entſtand ein Schweigen, ein tiefes, ein heiliges Schweigen, ein Schweigen in ihren Herzen. Aber auf einmal hörten Beide, daß im Nebenkabi⸗ net heftig geſprochen wurde. Unwillkürlich lauſchten ſie. Das Geſpräch wurde immer hitziger, und zu ihrer Ver⸗ wunderung erkannten ſie die Stimmen Carl Auguſts und Alfreds. Scharfe Vorwürfe wurden gewechſelt. Man forderte Genugthuung. Man hörte wie Carl Auguſt, der im höchſten Grade aufgebracht war, in ſtrengen Worten Alfred herausforderte; aber Alfred antwortete, der Vorſchlag ſei, da er blos von einem Cadettenbübchen komme, ſo ſpaſſig, daß er blos darüber lachen könne. Seinem Vorſatz getreu, erſt am Weihnachtsabend ſeine Eltern mit der freudigen Nachricht zu überraſchen, daß er bereits Offizier ſei, hatte Carl Auguſt noch gegen mfnann, als gegen Emma ein Wort davon verlauten aſſen. Alfreds höhniſche Antwort brachte ihn jedoch außer ſich. „Um Alles in der Welt, komm mit da hinein, Char⸗ lotte, bat Emma; ich ahne, um was es ſich handelt. Komm, komm!“ Alle ſchwärmeriſchen Träume wichen weit, weit von Emma, und ohne die Antwort ihrer Freundin abzuwarten, öͤffnete ſie die geheime Thüre. Charlotte war verwirrt und folgte beinahe me⸗ chaniſch. Im Kabinet fanden ſie Carl Auguſt und Alfred in voller Wuth gegen einander. Emma zögerte einen Au⸗ genblick, dann aber eilte ſie, nur von ihrem reinen, wenn auch bangen Gefühl geleitet, zwiſchen Beide. Carl Auguſt bewegte ſich nicht vom Platz, aber Al⸗ fred wich zurück, nicht jedoch ohne einen Blick voll Haß auf ſeinen Gegner zu werfen. „Ich habe auch mit Dir ein Wort zu ſprechen, Schweſter,“ ſagte Carl Auguſt. 190 Emma ahnte was er ſagen wollte, und ihr Blick ſank zur Erde nieder; aber obſchon Charlotte nicht wußte, um was es ſich handelte, oder vielleicht juſt, weil ſie es nicht wußte, erwachte jetzt ihr Muth, ſie näherte ſich Carl Auguſt und ergriff ſauft und herzlich ſeine Haud. Charlotte war in dieſem Augenblick bezaubernd. „Es iſt ſchon lang her,“ ſagte ſie,„daß wir einan⸗ der nicht mehr geſehen haben. Wollen Sie mir verſpre⸗ chen, eine Bitte zu erfüllen... ich ſehe es Ihnen an, daß Sie mir es nicht abſchlagen können...“ Carl Auguſt hatte bereits ſein Concept verloren, und ſo viel iſt gewiß, daß ein Mann von Herz es nie ſo leicht verliert, als wenn ein ſchönes Mädchen ihn mit offenen, blauen und freundlichen Augen betrachtet. „Dein Bruder hat entdeckt, daß ich es war,“ flüſterte Alfred Emma zu,„der... Du verſtehſt mich.“ „Ich fürchtete es,“ antwortete ſie,„und...“ Aber ſie unterbrach ſich und wandte ſich zu Carl Anguſt. Schönheit und Liebeuswürdigkeit haben mehr als einmal heftigen und aufbrauſenden Jünglingen das Schwert aus der Hand gewunden, und es war nichts anderes als ein altes Zauberkunſtſtück, was auch jetzt wiederholt wurde. Carl Auguſt und Alfred reichten einander die Hände, obſchon die Freundſchaft vielleicht nicht allzugroß war. „Ich will, daß Sie Freunde blelben, hatte Char⸗ lotte geſagt. „Ich bitte darum,“ bat Emma. Wie oft endigt nicht die Kühnheit des Mannes da⸗ mit, daß ſie in dem Willen oder in der Bitte eines ſchö⸗ nen Weibes als Ruine zuſammenſtürzt; aber das iſt eine Ruine, worin ſogleich Blumen wachſen. „Laßt uns jetzt in den Salon hinausgehen,“ ſiel Emma ein.„Ich höre, daß Sophie ſich aus Klavier 191 k geſetzt hat. Die Weihnachtsgeſchenke werden wohl bald . ausgetheilt werden.“ 8 Es war ungewiß, ob nicht Carl Auguſt und Alfred l einander noch ein Wort zu ſagen hatten, denn ſie mach⸗ ten kein Zeichen, daß ſie mitkommen wollten. Charlotte betrachtete Carl Auguſt noch einmal, und 5 Emma ſprang zu ihm vor. ⸗„Ach Carl,“ ſagte ſie,„Du haſt doch wohl die Ueberraſchung nicht vergeſſen... Du verſtehſt...“ Sie meinte die Offiziersuniform. 5„Du haſt Recht... nein, nein...“ e Carl Auguſt zögerte indeß noch immer. t„Nun, mein Herr,“ redete ihn Charlotte an,„da Sie mir Ihren Arm nicht bieten, ſo muß ich wohl Ihnen e den meinigen bieten. Laſſen Sie uns jetzt zu den Andern hinausgehen und fröhlich und vergnügt ſein.“ Charlotte war bezaubernd und unwiderſtehlich. 1 Emma beſchwor auch die Stürme in Alfreds Bruſt mit einem ihrer ſo reichen, ſo holden Blicke; die Freund⸗ 8 ſchaft ſchien vollkommen wieder hergeſtellt zu ſein und tt man begab ſich in den Salon zurück. 8 lt 2, Sophie hatte ſich ans Klavier geſetzt. Man hatte ſie erſucht einen Marſch zu ſpielen— es wurde ein Trauermarſch. 52 Als Jespersſon ſich nach Wardnäs begab, that er ie es in der Abſicht ſich zu erkundigen, ob nicht Brun in ſeinem Wahnwitz dahin gekommen ſei. Aber als er ihn nicht fand, gedachte er ſogleich umzukehren. Wenn jedoch der Aublick von Frau Hjelm ihn im 192 erſten Augenblick zurückhielt, ſo hielt Sophie ihn im zwei⸗ ten zurück. Da ſie fürchtete, Jeſpersſon ſei nicht aufrichtig ge⸗ gen ſie geweſen, heftete ſie ihre Aufmerkſamkeit unaufhör⸗ lich auf ihn, und er fürchtete jetzt, wenn er ſich entfernte, ihre qualvolle Unruhe noch höher zu ſteigern. Indem er alſo bedachte, daß beinah alles Volk auf den beiden Schlöſſern bereits draußen war und ſuchte, ſo⸗ hielt er ſeine perſönliche Betheiligung dabei nicht gerade für beſonders nöthig. Es gab überdieß eine andere Macht, die Jeſpersſon feſſelte: er wollte ſehen, welche Wirkung Hermanns Rück⸗ kehr machen würde. 3 „Sie ſpielen einen Trauermarſch, Frau Brun,“ be⸗ merkte er,„Sie vergeſſen vielleicht, daß es heute der Weihnachtsabend iſt.“ 2 Sophie änderte ſogleich den Ton und der Saal er⸗ ſcholl von einem fröhlich muntern Marſch. In demſelben Augenblick, wo Charlotte und Emma mit ihren Kavalieren zurückkamen, öffnete ſich auf der an⸗ dern Seite die Doppelthüre und man bekam einen klei⸗ nen Zug zu ſehen, der allgemeine Heiterkeit erweckte. Conſtanze und Adine waren zwei kleine Rivalinnen, die einander beſtändig an Poſſen zu überbieten ſuchten. Erſtere war auf letztere etwas eiferſüchtig geweſen, weil ſie nichts beſaß, was mit Caro verglichen werden konnte. Aber ſie hatte einen Rath ausgeſonnen und brauchte jetzt nicht mehr zu beneiden, ſondern durfte triumphiren. Sie war nämlich auf die Idee gekommen, daß ein wohlge⸗ waſchener und gehörig herausgefütteter Hammel eben ſo gut ſein könnte, wie ein Pudel. An der Spitze des hereinkommenden kleinen Zugs befand ſich Guſtav. Man hatte ihn mit einer großen Kindertrompete verſehen und mit Fanfarenſtößen gab er zu erkennen, daß der Kaiſer Chang⸗y⸗Chongking, nebſt Gemahlin, aus dem himmliſchen Reich angelangt ſei, um 193 den Norden mit dem Sonnenſchein ſeiner Gegenwart zu erleuchten. Guſtav war ganz vortrefflich. Er ſprach den kaiſerlichen Namen unter anderem mit einem ſo ächt chineſiſchen Dialekt, daß nicht eine einzige der anweſenden Perſonen ihn verſtand. Aber dieß bedeutete weniger, wenn man nur eine Veranlaſſung zu lachen bekam. Mit einem ganz unübertrefflichen Ernſt gab er weiter zu er⸗ kennen, da die unſterbliche kaiſerliche Majeſtät Chang⸗y⸗ Chongking noch niemals von ihrem himmliſchen Thron in die kalte Zone des Nordens hinabgeſtiegen ſei, ſo ha⸗ ben ſie ſich, von ihrer holden Gemahlin hiezu überredet, in ihrer hohen Weisheit entſchloſſen durch koſtbare und ſeltene Geſchenke ihre Gewogenheit zu bezeugen. Auf Guſtav folgte Anna. Beide waren den Umſtänden gemäß verkleidet, aber Anna ganz beſonders hatte ſich aus jungfräulichem In⸗ ſtinkt wirklich ganz allerliebſt zu ſchmücken gewußt. Anna hatte große Körbe an ihren Armen, und wäh⸗ ran ſie voranſchritt, ſtreute ſie Weihnachtsgeſchenke um ſich aus. Jetzt folgte Caro. Der fromme und geduldige Pu⸗ del ging ganz allein und ſah beinah verdrießlich und betrübt aus. War es vielleicht darum, weil er einen ſo gefähr⸗ lichen Rivalen bekommen hatte, wie dieſer garſtige Ham⸗ mel war? Die Hanptperſonen des Zuges waren Conſtanze und Adine, die mit Shawlen und anderen Stoffen reich aus⸗ geſtattet, die chineſiſchen Unſchätzbarkeiten des himmliſchen Reichs vorſtellen ſollten. Sie ſaßen neben einander in einem koſtbar ausgeſchlagenen Korbwagen, über welchem eine Art kaiſerlicher Himmel von blauer Seide befeſtigt war. Dieß ſollte einen Baldachin vorſtellen. Langſam ſchritt der Wagen voran, gezogen von dem Hammel. Der Zug ging vorwärts. Die Muſik fuhr fort. Guſtav tutete in die Trompete und verlas ſein Programm. Ridderſtad, Vater und Sohn. II. 13 194 Weihnachtsgeſchenke wurden ausgetheilt und alle waren fröhlich, Niemand aber ſo glücklich, wie Conſtanze und Adine. Während der allgemeinen Freude ſagte Carl Auguſt zu ſeinen Eltern, er habe ihnen nur ein einziges Weih⸗ nachtsgeſchenk zu geben, und dann verließ er das Zimmer. Die beiden Gatten ſahen ihm verwundert nach. Sie glaubten nicht, daß er, der in den letzten Wochen beinahe immer krank gelegen, an den Weihnachtsabend gedacht haben werde, und ſie waren wirklich neugierig zu ſehen, was er bringen würde. Carl Auguſt gab Emma ein geheimes Zeichen, als er hinausging. Trotz aller Unruhe wegen des kühnen Nachtaben⸗ theuers Alfreds hatte ſich die Freude bei Emma wieder eingeſtellt. Wohl ſchwebte mitunter die Erinnerung an Bruns Schreckbild und der Gedanke, daß ihre eigene Zu⸗ kunft möglicherweiſe nicht ſehr glücklich werden würde, gleich düſtern Schatten an ihrem Geiſt vorüber; aber ihr Schickſal war ja bereits entſchieden und überdieß war es jetzt Weihnachtsabend, und ſie hatte ihre Freundin Charlotte getroffen, und Charlotte hatte von Hermann geſprochen... warum ſollte ſie alſo traurig ſein? Sobald Carl Auguſt fort war, kam ihr etwas in den Sinn, was ſie noch mehr belebte. „Charlotte,“ flüſterte ſie,„darf ich Papa und Mama ſagen, daß auch Du verlobt ſeieſt? Blos im Scherz, blos im Scherz, ich will Dich mit einem Offizier verloben, wenn Du willſt.“ Charlotte zog heftig an ſich. elt nd „Das will ich nicht, meine Liebe... durchaus nicht... Mein Gott... verlobt...“ Verlobt! das iſt ein Wort, das Damenherzen immer in Bewegung ſetzt, wenigſtens auf ein Paar Wochen. „Du liebſt vielleicht Offiziere nicht,“ bemerkte Emma, „ſondern mehr...“ „Was meinſt Du... mehr... „Kadetten... ich habe Alles geſehen, ich...“ „Wie kannſt Du doch ſo ſprechen, Emma...“ Emma ſprang lachend zu ihren Eltern. „Sie müſſen wiſſen, Papa und Mama,“ ſchwatzte ſie, „daß Charlotte auch verlobt iſt... mit einem Offizier, Papa... und er kommt heute Abend hieher, Mama...“ „Wirklich? das iſt recht angenehm. Und er kommt hieher, ſagſt Du? Dürfen wir gratuliren?⸗ „Nein Papa. Er iſt draußen, und da er hier un⸗ bekannt iſt, ſo wünſcht er, daß Sie ihn empfangen mögen.“ „Wie heißt er?“ „Das wird er Ihnen ſelbſt ſagen. Wollen Sie ihn jetzt an der Thüre empfangen, Papa? Er kann jeden Au⸗ genblick kommen.“ Horner begab ſich ſogleich an den untern Theil des Zimmers, um Emmas Wunſch nachzukommen. Er brauchte nicht lange zu warten, als die Thüre ſich öffnete und ein Offizier in voller Paradeuniform ein⸗ trat. Aber wie läßt ſich ſeine freudige Ueberraſchung be⸗ ſchreiben, als er ſeinen eigenen Sohn erkannte! Carl Auguſt war in das Leibregiments⸗Huſarencorps getreten und ſeine ſchlanke, ſchöne Geſtalt wurde durch die ſchimmernde, mit Silberſtickereien ſo reich beſetzte Uni⸗ form äußerſt hübſch herausgeputzt. 3 Horner öffnete ſeine Arme und drückte ihn an ſein klopfendes Herz. „Dank für dieß Weihnachtsgeſchenk, mein Sohn,“ ſprach er.„Du haſt errathen, was meines Herzens inner⸗ ſter Wunſch war. Komm jetzt zu Deiner Mutter.“ Aber der Baronin aufmerkſamer Blick hatte bereits Alles durchſchaut und Carl Auguſt brauchte ſich blos von des Vaters Bruſt los zu reißen, um in die Arme der Mutter zu ſinken. Die herzliche Freude und der Stolz, womit Carl Auguſts Ueberraſchung ſeine Eltern erfüllte, drückte mit Centnergewicht auf Boijer und ſeine Frau. Welche Freude gewährte wohl Alfred ihnen! Horner bedrohte Emma ſcherzhaft wegen des Spucks, den ſie ihm geſpielt; aber auch ſie ſprang in ſeine Arme, und ſtatt zu ſchelten, drückte er einen Kuß auf ihre Stirn. „Es war blos, um ein wenig mit Dir und Papa zu ſcherzen,“ flüſterte Emma zu Charlotte,„daß ich Dich ſo bald verlobt habe. Jetzt können wir die Verbindung wieder aufheben... thun wir es?“ Ein Strahl leuchtete in Charlottens Augen, während ein friſches Gefühl die rothen Roſen auf ihrem Geſicht wäſſerte. Carl Auguſt hatte ſich die Aufmerkſamkeit Aller zu⸗ gezogen. Sein Erfolg ſtach jedoch Alfred wie ein Dorn ins Herz. 4 Aber Carl Auguſt ſchien etwas im Sinne zu haben und er näherte ſich Frau Boijer. „Meine gute Tante,“ ſagte er,„ich habe Sie um etwas zu bitten.“ „Ich bewillige es zum Voraus. Sei ſo gut, Carl Auguſt... Herr Lientenant wollte ich ſagen.“ „Sie bewilligen es alſo?“ „Unbedingt...“ „Die Sache iſt die,“ fuhr Carl Auguſt fort,„daß, als ich draußen die Uniform anzog, ein Reiſender, den ich kenne, ankam, und ich wünſche, daß Sie ihm erlau⸗ den au⸗ 197 ben möchten an unſerem fröhlichen Weihnachtsabend Theil zu nehmen.“ „Gern, ſehr gern! Er iſt unendlich willkommen. Je⸗ denfalls bitte ihn ſogleich hereinzukommen... Deine Freunde ſind auch die meinigen.. 4 Carl Auguſts Worte lauteten ſo wunderbar für Frau⸗ Hjelms Ohren. Eine frohe Ahnung ſagte ihr, daß ſie etwas verkünden, was ſie ſchon ſeit einer Stunde er⸗ wartete. Als Carl Auguſt das Zimmer verließ, ging er an Charlotte vorbei. „Mein Fräulein,“ ſagte er,„Sie haben ſo eben mein aufgeregtes Herz beruhigt, und ich habe jetzt Ge⸗ legenheit Ihnen aus Dankbarkeit eine recht große Freude zu bereiten.“ Man lauſchte auf Carl Auguſts Worte, aber Nie⸗ mand wußte recht, was er meinte. Jeſpersſon lehnte ſich gegen den Fenſterpfeiler, wo er ſtand, und beobachtete mit feſtem Blick, was ſich um ihn her zutrug. Er ſchien ſich ſelbſt auf einen genußrei⸗ chen Abend vorbereiten zu wollen. Ein neugierige Pauſe trat ein, als Carl Auguſt das Zimmer verlaſſen hatte; aber im nächſten Augenblick fehrte er zurück, einen jungen Mann in Seemannstracht an der Hand führend. Geblendet von der ſtarken Beleuchtung und verwirrt durch die vielen Anweſenden, blieb der Seemann gleich vor der Thüre ſtehen und ſah ſich eine Weile um. Aber mit einem Freuderuf ſtürzte er dann vor und ſchloß Frau Hjelm und Charlotte auf einmal in ſeine Arme. Die Mutterliebe iſt tief und ſtumm; die Schweſterliebe iſt lebhaft und zärtlich. Eine Thräne glänzte in Frau Hjelms Augen, ein Ausruf erſcholl von Charlottens Lippen. Niemand hatte Hermann erwartet— man hatte ge⸗ glanbt, er würde vielleicht Jahre lang ausbleiben. Um ſo erfreuter waren auch alle über ein ſo unerwartetes Wiederſehen. Nur Alfred zog ſich noch finſterer in die Fenſterniſche zurück, wo er ſtand. In dieſem Angenblick dachte Niemand an Jeſpers⸗ ſon; aber ſeine Bruſt ſchwoll von unendlicher Befrie⸗ digung. Bei Hermanns Anblick ſank Emmas Kopf nieder. Ein ſo wunderbares Gefühl ergriff ſie. Sie fühlte ſich zugleich glücklich und unglücklich. Sie erinnerte ſich des Gedichts, das ſie geleſen; aber ſie erinnerte ſich auch an Alfred, und ihr Geſicht erblaßte, als wäre ein Mond von ſchneeweißem Silber über ihr aufgegangen, und hätte ſeine bleichen Strahlen darauf geworfen. Aber an dieſem Abend ſollten die Ereigniſſe raſch auf einander folgen— es war ja auch der Weihnachts⸗ abend.— Ernſt und Scherz, Traurigkeit und Vergnügen, dieſe ungleichen Looſe des Lebens, fallen neben einander aus der unerſchöpflichen Urne der Ereigniſſe. Dieſe entgegengeſetzten Erſcheinungen von Licht und Dunkel ſind gleichwohl kein Spiel des Zufalls, ſondern juſt die Mittel, wodurch eine höhere Vorſehung das große und ewige Problem des Schöpfers löſt, die lebendige Entwicklung und der Fortgang der Menſchenkräfte, der Reiz des Guten, die Niederlage des Böſen. Ein ſchreckliches Ereigniß ſollte auch an dieſem hei⸗ tern Abend den Herzen der Glücklichen einprägen, daß eine wahre Freude nicht auf einem andern, als auf einem guten und reinen Grund wachſen kann, und daß die Strafe früher oder ſpäter mit ſchrecklichen Schlägen immer denjenigen trifft, der unter Verirrungen und La⸗ ſtern fortvegetirt. Unter den Freudeäußerungen der Einzelnen war man wieder zu dem Gemeinſchaftlichen übergegangen. 3 Der Schatten, der einen Augenblick über dem Ge⸗ müth der Frau Boijer geſchwebt, wich jetzt auch in dem⸗ —õ——— —— 199 ſelben Maaß, wie die Hoffnung, daß Alfred ihrer Mut⸗ terliebe wohl auch einmal Freude und Befriedigang bereiten werde. ihre Seele zu füllen anfing. Sogar der jetzt ſo ſchweigſame und düſtere Boijer ließ ſich von der allgemeinen Freude hinreißen. Die Weihnachtsgeſchenke hatten wieder angefangen ihren Gang zu gehen; man ſchwatzte, man lachte, man ſcherzte. Aber eine Perſon war da, über deren Geſicht kein Lächeln flog; dieß war die arme Sophie. Sie konnte es ſich ſelbſt nicht erklären, aber eine nu⸗ aufhörliche Unruhe bedrückte ſie. Nachdem Jeſpersſon mit ſcharfem Blicke genau die verſchiedenen Eindrücke beobachtet hatte, die Hermanns Auftreten hervorrief, wandte er ſeine Blicke mit einem Seufzer wieder auf Sophie zurück. „Laßt uns um den Weihnachtsbaum tanzen.“ rief Jemand. „Eine Polka, gute Sophie, eine Polka, eine Polka! Sophie ſpielte eine Polka. Alle— Alt und Jung— mußten an dem Kreis Theil nehmen, und man ſchwang ſich recht tüchtig unter fröhlichen Einfällen und Bemerkungen herum. Aber auf einmal hörte der Tanz auf, das Klavier verſtummte, und Jedermann blieb wie eine Bildſäule ver⸗ wandelt ſtehen. Die Thüre hatte ſich geöffnet, und ein Mann mit wildem flammendem Geſccht ſtürzte herein. Es war kein anderer als Brun. Wir haben ihn im Vorhergehenden genugſam ge⸗ ſchildert, um es jetzt nicht mehr nöthig zu haben. Er ſtammelte. Er ſchien ſprechen zu wollen; aber nur ein unklares Gemurmel verworrener Worte kam über ſeine Lippen. Entſetzt ſank Sophie mit einem Angſtſchrei von ihrem Stuhl herab. 200 Jeſpersſon war der erſte, der auf Brun zueilte. „Laßt uns ihn hinausführen,“ flüſterte er.„Er iſt verloren. Die Wärme im Zimmer— der haſtige Uebergang aus der Winterkälte— der Lichtſchein— das Gewimmel all der Anweſenden— Sophiens Angſtſchrei— der An⸗ blick Jeſpersſons— Alles wirkte auf ihn— das Blut ſchoß ihm in dem Kopf... Man hatte kaum Zeit ihn in ein anderes Zimmer zu führen. Er bot einen ſchrecklichen Anblick dar. Wie von einem gewaltſamen elektriſchen Stoß durch⸗ bebt, zitterten all ſeine Glieder. Zuckungen fuhren durch ſeinen ganzen Leib. Das Geſicht wurde dunkelroth. Eine haſtige Bewegung mit der Hand nach dem Kopf— ein kaum hörbarer Ausruf— und er fiel. bewegungslos in dem Zimmer nieder, wohin man ihn geführt hatte. Die Frauenzimmer waren im Salon geblieben. Die Herrn ſtanden von Schrecken und Entſetzen erfüllt um Bruns entſeelten Körper. „Für die Wiſſenſchaft,“ ſagte Jeſpersſon endlich,„iſt er dennoch ein intereſſantes Exemplar.“ Ueberraſcht von der Kälte dieſer Worte wandten ſich Alle gegen ihn. Jeſpersſons Worte ertönten allein in dem Zimmer, wo ſonſt tiefe Stille herrſchte. „Ich habe Manche ſterben geſehen,“ fuhr er fort, „und ich weiß, daß der Tod eines guten Menſchen einen unendlich herrlichen und erhebenden Einfluß auf die Le⸗ benden ausübt; der Tod eines Säufers dagegen flößt— nur Abſcheu ein.“ 201 Sechzehntes Kapitel. Vertrauliche Mittheilungen. „Sag, Hermann,“ ſagte Carl Auguſt,„hat Deine Schweſter etwas über mich geäußert?“ „Nicht ein einziges Wort, ſo viel ich mich erinnern kann.“ Carl Auguſt machte einen Gang im Zimmer. Die Antwort gefiel ihm nicht. Hermann ſah zerſtreut durchs Fenſter. „Deine Schweſter muß viel zu Haus ſein,“ begann Carl Auguſt wieder.„Hieher kommt ſie wenigſtens nicht oft. Was thut ſie den Tag über?“ „Was ſie thut,? Ich glaube nichts; aber ich kann es nicht ſo genau ſagen.“ Eine noch längere Pauſe entſtand jetzt. „Die Poeten haben doch ohne Zweifel Recht,“ be⸗ gann Carl Auguſt.„Das Leben beſitzt in der That kein Morgenroth, bevor die Liebe ihre Sonnenkugel über uns hinrollt: mit der Liebe kommt Leben, Licht, Freude, Hoff⸗ nung...“ „Und Zweifel und Sorge mußt Du nicht vergeſſen,“ fügte Hermann hinzu,„oder was noch ſchlimmer iſt,— Hoffnungsloſigkeit.“ „Hoffnungsloſigkeit?“ ſiel Carl Auguſt ein.„Sag mir aufrichtig, Hermann, haſt Du je geliebt?“ In dieſem Augenblick ging Emma über den Hof, nach dem Flügelgebäude, worin Sophie wohnte, und Hermann hörte nichts mehr, ſondern ſah nur ſie. Carl Auguſt bemerkte die ſtarke Bewegung, die bei 202. Hermann ſich kund that, und als auch er jetzt einen Blick durchs Fenſter warf, verſchwand Emma gerade am Ein⸗ gang des Flügelgebäudes. Gleich als wäre ihm ein Licht aufgegangen, klärte ſich auf einmal ſein Geſicht, und mit ebenſo verwunderter als forſchender Aufmerkſamkeit begann er jetzt Hermann zu betrachten. „Hoffuungsloſe Liebe?“ bemerkte er.„Ach, beſter Hermann— Du ſcheinſt mir gleichwohl viel zu jung zu ſein, als daß Du davon zu reden brauchteſt.“ „Hoffnungslos... zu jung!“ wiederholte Hermann. „Du kannſt Recht haben und gleichwohl...“ Hermann pauſirte beinah zwiſchen jedem Wort, gleich als wäre er mit ſich ſelbſt nicht ganz einig. „Man pflegt zu ſagen, der und der ſei alt, und der und der ſei jung,“ fuhr er indeß mit großer Sicherheit fort,„aber wenn man ſich auf dieſe Art ausdrückt, ſo ſpricht man vom Leben. Des Herzens Jugend oder Alter, mußt Du wiſſen, hängt nicht von der Zahl der Jahre ab. Ich habe grauköpfige Maͤnner geſehen, die in ihrem Herzen jung und friſch, und wiederum Jünglinge, die bereits ab⸗ gelebt waren. Was mich betrifft, ſo weißt Du, daß ich Seemann bin. Wenn das Meer raſte, wenn die Wogen auf und niederſtürzten, wenn die Stürme in den Segeln beulten und in den Wolken bereits der Stab über die Segler gebrochen ſchien, dann ſind alle gleich alt oder gleich jung im Gefühl der gemeinſamen Gefahr. Das Unendliche, das Mächtige, das Göttliche in dem Augen⸗ blick kann nicht mit dem gewöhnlichen Maßſtab der Zeit gemeſſen werden, ſondern blos mit dem Herzen. Die großen Eindrücke bilden uns auf einmal aus. Der Tod und die Liebe, die Gefahr und das Entzücken entſpringen auf einmal mit der Erfahrung eines ganzen Jahrhunderts in unſerer Bruſt. Was geht es das Herz an, ob der Kopf von blonden, oder von ſchneeweißen Locken bekränzt iſt? ob ein Kind oder ein Greis in den Wald hineinruft, 203 antwortet das Echo, ohne ſich darum zu bekümmern, ob es der Stimme eines Kindes oder eines Alten antwortet; aber all die Gelegenheiten, die man zur See hat, den Gefahren ins Auge zu ſehen, bilden zwar friſchen Muth und Ernſt aus, laſſen jedoch nie eine ſolche Hoffnungs⸗ loſigkeit auffommen, wie mir das Leben auf dem Land eingeflößt hat. Wie ſehr ſehne ich mich daher nicht auf das Meer zurück!“ Carl Auguſt folgte aufmerkſam jedem ſeiner Worte. „Willſt Du mir anvertrauen, Hermann, wen Du liebſt?“ „Nein, das will ich nicht.“ „Aber wenn ich gleichwohl das errathe, wer es iſt.“ „Ich glaube, daß Du nicht kannſt.“ Carl Auguſt war vor Hermann ſtehen geblieben. Beide betrachteten einander mit offenen und fragenden Blicken. Ueber Carl Auguſts Geſicht glitt ein Lächeln, und auf ſeinen Lippen ſpielte ein freundliches, ſcherzhaf⸗ tes Zucken. Hermann dagegen ſchien ſich in ſich ſelbſt zurückzuziehen, als fürchtete er, daß man ihn durchſchauen könnte. „Hermann,“ begann endlich Carl Auguſt,„es iſt mir ſeit einigen Tagen ſo wunderlich zu Muth geweſen. Ich habe keinen Augenblick Ruhe gehabt. Alles, an was ich vorher ſo gern dachte, hat ſein Intereſſe für mich ver⸗ loren. Etwas Neues hat ſich in mir zugetragen. Ich möchte beinahe ſagen, es ſei, als ob in mir ſelbſt etwas vorgegangen wäre. Eine weiblich ſchöne, jugendlich friſche und liebenswürdig erobernde Geſtalt iſt in mein Herz binabgeſtiegen. Wachend oder träumend ſehe ich immer ſie. Sie iſt unaufhörlich mitten unter meinen Gedanken. Ich kann jetzt nichts mehr thun, ohne es unter ihren An⸗ gen zu thun. Ich glaube mich auf allen Seiten von ihrer Schönheit umſchloſſen. Wie nennſt Du eine ſolche innere Lage, Hermann?“ „Liebe,“ 304 „Aber ich bin ſo unausſprechlich glücklich. Die Welt iſt ſo freundlich und hell um mich her geworden. Früher war Alles ſo alltäglich; jetzt dagegen iſt Alles wie ein Feſttag: es kommt mir nicht mehr vor, als brächen die Menſchen in Lumpen gekleidet unter den ewigen Laſten der Bekümmerniß und Geſchäfte zuſammen, ſondern als kämpften ſie vielmehr einen großartigen und edeln Kampf unter einem von Licht und Leben erfüllten Himmel. Früher waren meine Hoffnungen ſo eng begrenzt, jetzt beſitzen ſte etwas unendliches, aber die Hoffnung hat auch ihre Geſtalt angenommen: kaſtanienbraune Locken glänzen um die Stirn und friſche Träume ſpielen um die weichen, ſchaſfzanten Lippen. Du hörſt, daß ich nicht hoffnungs⸗ os bin.“ „Glück zu, Carl Auguſt, Glück zu.“ „Du ahnſt alſo nicht, wer Diejenige iſt, die meinen armen Kopf und mein armes Herz auf dieſe Art zuge⸗ richtet hat. Sprich, ahnſt Du Nichts?“ „Ich? Nein.“ „Ich habe viel über die Liebe gelacht; aber man lacht nicht länger, als bis man ſelbſt verliebt wird.“ „Darin haſt Du Recht.“ „Ich habe wie tauſend Andere geglaubt, die Liebe mache ſich nicht auf einmal zum Herrn über uns, ſon⸗ dern ſie entwickele ſich durch eine längere Bekanntſchaft allmählig wie der Schmetterling aus ſeiner Puppe; aber ich habe jetzt erfahren, daß ſie plötzlich, beinahe augen⸗ blicklich kommt wie der Frühling im Norden, wie das Sturmgewölk am tropiſchen Himmel; ja wahrhaftig, die Liebe iſt ein zweiter Cäſar, ſie kommt, ſieht und ſiegt. Willſt Du wiſſen, wer mich bezaubert hat?“. „Nun?“ „Deine Schweſter, Hermann.“ Hermann ergriff mit einer haſtigen Bewegung Carl Auguſts Hand. „Iſt es ſo, Carl Auguſt? ach ich habe nicht daran ———,— au an 2⁰⁵ gedacht,“ ſagte er,„aber jetzt begreife ich, warum meine Schweſter...“ Aber Hermann verſtummte auf einmal. „Warum Deine Schweſter?“ „Was ſoll ich ſagen? Darf man auch die kleinen Geheimniſſe ſeiner Schweſter verrathen?“ „Das juſt nicht. Aber da ich Dir anvertraut habe, daß ich ſie recht herzlich liebe, ſo darfſt Du wohl auch aufrichtig gegen mich ſein.“ „Nun wohl denn, aber ich habe in der That nichts Großes zu ſagen. Ich habe blos bemerkt, daß ſie mir ſo wunderlich und zerſtreut vorkam, und daß ſie, wenn ich manchmal Deinen Namen nannte, lauſchend aus ihren Phantaſieen auffuhr.“ „Hat ſie das gethan? Wie glücklich machſt Du mich, Hermann! Du glaubſt alſo, daß ſie manchmal an mich denke? Mein Gott, dürfte ich zu glauben wagen...“ Carl Auguſt machte einen Gang durchs Zimmer. Seine ſchlanke, zierliche Geſtalt ſchien beinahe zu wach⸗ ſen. Die Stirn glänzte und ſein Gang war lebhaft und elaſtiſch. Aber auf einmal blieb er vor Hermann ſtehen. „Du ſprachſt ſoeben von Hoffnungsloſigkeit,“ ſagte er,„und wenn ich jetzt an Deine Worte denke, beginne ich ſie zu verſtehen. Das Herz hängt von unſerer Liebe ab, nicht von den Jahren, aber Hoffnungsloſigkeit, Hermann, das muß etwas Entſetzliches ſein.“ „Den Titanen gleich den Oſſa auf den Pelion zu wälzen und gleichwohl den Himmel nicht erreichen zu können.“ „Armer Hermann.“ „Wie Tantalus am Fuß des Baumes von Hunger gequält zu werden; die Frucht, die einem über den Kopf hereinhängt, beſtändig weggeriſſen zu ſehen, während man gleichwohl glaubt, daß man blos die Hand nach ihr aus⸗ zuſtrecken brauche.“ „Wie beklage ich Dich, Hermann!“ 206 „Schon in meinen Jahren ſich ein ganzes Leben zu denken, ohne daß ein einziger Hoffnungsſtrahl hervor⸗ ſchimmert und die Ausſicht erheitert.“ Es war jetzt an Carl Auguſt, die Hand des Freun⸗ des zu ergreifen. „Ich ahne, wer diejenige iſt, die Du liebſt““ ſagte er.„Läugne es nicht... es iſt meine Schweſter...“ Hermann wandte ſein Geſicht ab. „Welch ein Unglück!“ fuhr Carl Auguſt fort;„ſie gehört bereits einem Andern. Mein Gott, wenn ich das fruͤher gewußt hätte, ſie wäre nie in Alfreds Hände ge⸗ rathen; denn wie das auch ſein mag, ſo...“ Hermann drückte Carl Auguſts Hand. „Laß uns nicht davon reden. Gott lenkt wohl Al⸗ les zum Beſten. Sag mir, glaubſt Du, daß man Je⸗ ſpersſon noch treffen kann?“ Carl Auguſt bewunderte Hermanns Muth. Vielleicht war er jedoch nicht ſo groß, wie er ausſah. Abrahamsſon blieb in dem Zimmer, das man ihm einmal angewieſen hatte. Der Doctor hatte aus Vor⸗ ſicht befohlen, daß er das Krankenbett einnehmen ſolle; aber Abrahamsſon war von Jahren, Leiden und Kämpfen verzehrt, und in demſelben Augenblick, wo er ſich den Annehmlichkeiten der Ruhe und Sicherheit überließ, nah⸗ men ſich die kränklichen Elemente in ſeinem Körper und in ſeiner Seele auch ihr Recht. Er erkrankte ſehr ernſtlich und bedurfte vorläuſig die ganze Pflege des Arztes. Ohne den Baron Horner in ſeine Pläne einzuweihen, verrieth er dieſem, daß er die Pflege eines armen Bur⸗ —.————.,.— —.,——ꝛ,y, —,————,y,„„— öt 207 ſchen übernommen habe, den er bedenklich krank gefunden; und Horner, der bereits gewohnt war, ihn in allen Stücken gewähren zu laſſen, bekümmerte ſich nicht weiter darum. Jeſpersſon zeigte ſich übrigens jetzt ſeltener als früher bei Horners. Statt deſſen ſchloß er ſich unter dem Vorwand von Stndien in ſein Zimmer ein. Mit dieſem Vorwand hatte es auch ſeine Richtigkeit, obſchon er keine Wiſſenſchaft ſtudirte, ſondern blos den Papier⸗ bund, den er am Weihnachtsabend ſo ſorgfältig in ſeine Chiffoniere geſteckt hatte. Je mehr er ihn ſtndirte, um ſo wichtigere Aufſchlüſſe erhielt er auch. In einer beſondern Abhandlung von dem alten Ba⸗ ron Horner, den Jeſpersſon vor vielen Jahren unter ſeinen Augen ſterben geſehen, fand er einen vollſtändigen Bericht über ſein Leben, aus welchem der Doctor wich⸗ tige Schlüſſe zog, nicht blos in Betreff der Urſachen ſei⸗ nes Todes, ſondern auch, wie er dazu gekommen ſei, den größten, bedeutendſten Theil ſeines Eigenthums zu ver⸗ äußern. Jeſpersſon triumphirte. All der Argwohn gegen die Boijerſche Familie, der während ſeines von Aben⸗ teuern und Meditationen ſo bunt durchkreuzten Lebens in ihm erwacht war, fand auf einmal Beſchäftigung. Es war alſo nicht mehr eine bloße Phantaſie, daß Horner auf unehrliche Art des größten und wichtigſten Theils ſeines Vermögens beraubt worden. Hielt er ja doch die Beweiſe davon in ſeiner Hand. Bedurfte es wohl mehr, als ſie vorzulegen, um den Sachverhalt hand⸗ greiflich darzuthun? Gleichwohl tauchten von Zeit zu Zeit einige Be⸗ denken in ihm auf. Obſchon er nicht Iuriſt war, ſtellte er ſich dennoch die Frage, ob nicht die Aktenſtücke ſchon zu alt ſeien, und 208 folglich ihre Kraft und Wirkſamkeit verloren haben könnten. Unruhig darüber, verlor er auf einen Augenblick allen Muth. Auch andre Umſtände waren nicht minder unſicher. Er fragte ſich alſo, in wie weit der Landrichter Boijer auf ſeinem Todtenbett ſeine Söhne über den unrechtmäßi⸗ gen Erwerb ſeines Vermögens in Unkenntniß erhalten, oder ſie darein eingeweiht habe? Es ſchien ihm nämlich natürlich, daß das Verhältniß, wie es nun ſein mochte, wenn es auch die Sache ſelbſt nicht weſentlich veränderte, dennoch mehr oder weniger auf die Löſung der Frage einwirken müßte. Im Uebrigen überſah er auch Horners Charakter und ſeine Begriffe von ſtrenger Redlichkeit nicht, wozu noch die freundſchaftlichen Verhältniſſe kamen, worin er zu Boijers ſtand, Verhältniſſe, welche durch den Ehe⸗ bund zwiſchen ihren Kindern bald einen noch innigeren Charakter erhalten ſollten.— Aber wenn er es auf der einen Seite als abgemacht nehmen mußte, daß Boijer alle Mittel aufbieten würde, um ſein Beſitzthum zu vertheidigen, ſo durfte er auch nicht glauben, daß Horner leichtſinnig ſeine Rechte auf⸗ geben könnte. Er beſchloß aſſo zuerſt mit Horner zu ſprechen. Da er bei jedem vorkommenden Fal, der ihn ſelbſt betraf, ſo verſchloſſen und ſtill war, ſo kennen wir die Urſache noch nicht, die ihn veranlaßte, ſich ſo unermüd⸗ lich für die Hornerſche Familie zu intereſſiren, aber ent⸗ weder mußten dieſe Gründe noch lebhafter auf ihn zu wir⸗ ken begonnen haben, oder müſſen neue hinzugekommen ſein, da er mit ſichtlich vermehrtem Eifer die Sache zur Hand zu nehmen ſchien. Er hatte Horner auf ſein Zimmer bitten laſſen und er erwartete ihn jeden Augenblick. — 209 Abrahamsſon hatte ſich am Morgen beſſer befunden und konnte ſich mit vollkommener Klarheit ausſprechen. Jeſpersſon hatte ſoeben die Papiere zu Ende geleſen, als Horner eintrat. Sein freundliches, aber ſtolzes Weſen imponirte Je⸗ ſpersſon immer. Sein Geſicht war ſo voll von Ehre und Redlichkeit, und ſein Blick ſo reich an Menſchenliebe, daß Jeſpersſon ſelbſt ſich vor ihm ſtets in einer gewiſſen moraliſchen Unterlegenheit fühlte. Der erſte Blick, der zwiſchen ihnen gewechſelt wurde, hatte für Jeſpersſon etwas Niederſchlagendes. „Du haſt mit mir zu ſprechen gewünſcht,“ ſagte er, „Kann ich Dir in irgend Etwas zu Dienſt ſein?“ Jeſpersſon fand es ſehr unangenehm, daß er genö⸗ thigt war, Horner aus dem glücklichen Vertrauen zu reiſ⸗ ſen, das er für alle Menſchen hegte, und ihn in Argwohn und Zweifel zu verwickeln. Es mußte jedoch geſchehen. Die Gefühle, die gleichwohl jetzt ſo mächtig auf Je⸗ ſpersſon wirkten, waren in der That ſelbſt ihm ganz neu. Wir haben auch geſehen, wie ſeit ſeinem erſten Auf⸗ tritt allmählig eine immer größere Veränderung mit ihm vorgegangen war. Das herzliche Wohlwollen der Hor⸗ nerſchen Familie, die entſchloſſene und edle Art, wie der Baron den gegen Boijers Ehrlichkeit erweckten Verdacht von ſich abgewieſen, Jeſpersſons daraus erfolgte Ver⸗ pflichtung ſeinen Gegenſtand allein zu überlegen und zur Ausführung zu bringen im Verein mit dem häuslichen Leben, das er jetzt führte, und vielleicht auch Sophiens mildes Weſen: Alles das hatte gemeinſam mächtig auf ihn eingewirkt und Tag für Tag die Disharmonie in ihm zu einer immer größeren moraliſchen Reinheit und Har⸗ monie bearbeitet. „Ich wünſche,“ ſagte Jeſpersſon nach kurzer Ueber⸗ legung,„von Deinem Vater mit Dir zu ſprechen.“ Ridderſtad, Vater und Sohn. II. 210 „Von meinem Vater?“ Horner ehrte ſeine Vorfahren hoch und Jeſpersſon wollte dieſen Umſtand benützen, um ihn allmählig zu ſei⸗ nem Ziel zu leiten. „Willſt Du die Urſache ſeines Todes kennen lernen?“ Es lag in dieſer kurzen Frage etwas Myſtiſches, das ſogleich anſchlug. „Laß uns ſitzen, Jeſpersſon,“ bat Horner.„Was weißt Du von meines Vaters Tod? Sprich... ſprich...“ Jeſpersſon beſchloß geradewegs auf ſein Ziel los⸗ zugehen. „Du weißt vielleicht nicht,“ begann er alſo,„daß Dein Vater einen weitläufigen Proceß hatte, der von dem öffentlichen Ankläger wegen ungeſetzlicher Branntwein⸗ brennerei, zur Zeit, wo das Brennen noch ein Regal war, eingeleitet wurde, und daß er ſich von dieſem Pro⸗ ceß nur dadurch retten konnte, daß er einen Inſpector, Namens Abrahamsſon, vermochte, die ganze Sache auf ſich zu nehmen?“ „Ach ja, Jeſpersſon, ich kenne dieſen Proceß genau.“ „Dann weißt Du vielleicht auch, daß dieſer Inſpec⸗ tor zu mehrjähriger Feſtungsſtrafe auf Marſtrand ver⸗ urtheilt wurde?“ „Auch das weiß ich.“ „Ganz ſicher weißt Du auch, daß Deines Vaters nahes Verhältniß zu Guſtav III. es war, was ihm haupt⸗ ſächlich die Pflicht aufnöthigte, allen Argwohn gegen ſich zu entfernen.“ „Fahre fort, Jeſpersſon... ich weiß es... fahre fort... „Du weißt auch, daß Dein Vater von ganzer Seele dem König Guſtav und ſeiner Familie ergeben war.“ „Auch das... auch das.“ Jeſpersſon war hoch erfreut zu ſehen, mit welchem Eifer Horner den Gegenſtand auffaßte. —.——,————,, NSSUN 2m 211 „Deines Vaters Ergebenheit ſtarb nicht mit dem Könige.“ „Nein, nein...“ „Sie überlebte die vormundſchaftliche Regierung.“ „Ja wohl...“ „Sie überlebte auch die Revolution von 1809.“ „Ich glaube das, obſchon...“ „Obſchon Du es nicht beſtimmt weißt, willſt Du ſagen?“ 3 „Ganz richtig, Bruder, ganz richtig.“ „Du kennſt die Geſchichte des ſogenannten Baueru⸗ aufſtandes im ſüdlichen Schweden und vor allen Dingen in Schonen?“ „Natürlich.“ „Aber Du weißt vielleicht nicht, daß dieſer Bauern⸗ aufſtand eigentlich eine maskirte politiſche Mine war, bei deren Anlegung Dein alter Vater auch ſeine Hand im Spiele hatte.“ „Was ſagſt Du?“ „Vielleicht haſt Du auch nicht davon reden gehört, daß die Regierung die politiſche Kriegsliſt rechtzeitig entdeckte, und daß in Folge deß die Hauptperſonen ſich genöthigt ſahen, ihre Rettung in ſchleuniger Flucht zu ſuchen.“ „Davon habe ich nie reden gehört.“ „In derſelben Woche, wo der damalige Baron Arm⸗ felt den ruſſiſchen Unterthaneneid ſchwur, hatte Dein Vater beſchloſſen, nach einer andern Seite hin zu eut⸗ fliehen.“ „Mein Gott, was erzählſt Du mir? Ich habe etwas geahnt, das iſt wahr. Dieß trug ſich im letzten Lebensjahr meines Vaters zu. Ja, ja! ich glaube, was Du ſagſt. Dieß erklärt mir ſeine plötzliche Reiſe nach der Hauptſtadt, ſeinen räthſelhaften Aufenthalt daſelbſt, die ſo abgelegene Wohnung, die er nahm, die verſchie⸗ denen Verkleidungen, worin er mitunter nächtliche Aus⸗ 212 flüge machte... ich glaube Dir, Jeſpersſon... aber weiter, weiter...“ Jeſpersſon wußte nicht, ob er ſich jetzt ſogleich auf die Geldgeſchäfte werfen oder ſich noch bei dem Vater aufhalten ſollte.. Er beſchloß jedoch die Sache kurz und gut zu nehmen. „Aber Dein Vater fürchtete nichts deſto weniger, die Sache möchte gerichtlich anhänglich gemacht werden.“ „Nun wohl?“ „Er fürchtete auch, die Krone könnte möglicherweiſe ſeine Güter einziehen.“ „Ah!“ „Deßhalb beſchloß er auf den Rath ſeines alten Freundes, des Landrichters Boijer, kraft einer verfaſ⸗ ſungsmäßig ausgeſtellten Verkaufsurkunde ſich derſelben zu entäußern.“ Horner griff mit beiden Armen in die Stuhllehnen. „Und an wen verkaufte er ſie?“ „Natürlich an denjenigen, dem er am meiſten ver⸗ trauen konnte, an den Landrichter Boijer...“ „Was meinſt Du damit?“ „Der Verkauf war fingirt... denn, Du begreifſt wohl... daß Boijer genügende Gegendokumente aus⸗ ſtellte.“ Horner zog ſeine Hände von der Stuhllehne ab und ſank zurück. Jeſpersſon verſtummte. Er hatte die Sache auf den gewünſchten Punkt gebracht. Als Horner ſich nicht äußerte, ſuchte er aus ſeinen Geſichtszügen zu erforſchen, was er zu hoffen oder zu fürchten hätte. Horner fuhr mit der Hand über die Stirn, und Jeſpersſon bemerkte, daß einige finſtre Runzelu ſich dar⸗ auf lagerten. Was bedeuteten ſie wohl? Jeſpersſon wagte kaum zu hoffen. 213 „Weißt Du auch, Jeſpersſon,“ fragte Horner end⸗ lich,„warum mein Vater ſich erſchoß?“ Die Frage war kurz und kalt. Jeſpersſon hatte eine Bemerkung in Betreff der Güter erwartet und er ahnte, daß Horner einen andern Gegenſtand ſuchte, um dieſer Sache auszuweichen. „Warum Dein Vater ſich erſchoß?“ wiederholte Jeſpersſon, nicht ohne einigen Verdruß.„Er war des Lebens überdrüſſig, Bruder, und hatte keine Luſt, land⸗ flüchtig in der Welt herumzuirren. Im Uebrigen war ſeine Geſundheit untergraben, ſeine Laune kränklich... und in einem exaltirten Zuſtand... Du erinnerſt Dich wohl, daß er ein wenig trank... faßte er ſeinen Ent⸗ ſchluß, auf dem kürzeſten Wege zu ſeinem Ziel, d. h. ins Grab zu gelangen.“ Jeſpersſons Mißvergnügen gab ſeinen Worten einen gewiſſen Anſtrich von Gleichgiltigkeit, der Horner ver⸗ letzte, obſchon er dieß bloß durch eine beinahe unmerk⸗ liche Bewegung verrieth. Horner war inzwiſchen Herr ſeiner Gefühle gewor⸗ den und beurtheilte ſeine Stellung jetzt kalt. „Alſo davon wollteſt Du mit mir ſprechen,“ ſagte er, indem er ſich erhob.„Haſt Du noch etwas hinzu⸗ zufügen?“ Horner war vollkommen ruhig, aber verſchloſſen. Jeſpersſon begriff, daß er ſich ihm entziehen wollte, aber er beſchloß, ihn nicht ſo bald loszulaſſen. Meine Aufklärungen ſind ja von der höchſten Wich⸗ tigkeit,“ verſetzte er daher,„da Du einſehen mußt, daß die Güter...“ „Beſter Jeſpersſon,“ unterbrach ihn Horner,„Du weißt, daß ich Dich ſehr hochſchätze, aber ich bitte Dich, miſche Dich nicht in meine Angelegenheiten. Jeder hat ſeine eigene Anſichten, ich die meinigen, Du die Deini⸗ gen. Laß uns zuſammenleben, ohne ſie mit einander zu vermiſchen. Zwiſchen meinem Vater und dem Landrichter 214 Boijer beſtand eine alte und treue Freundſchaft; ebenſo zwiſchen mir und Boijer, und ich hoffe, daß wir dieſe Freundſchaft rein und unbefleckt auch auf unſere Kinder vererben werden.„Du biſt ein Mann, der den Ideen der neuen Zeit huldigt, und Dureſpektirſt vor Allem den Augenblick und die Zukunft, die ſich in ſeinem Geſichts⸗ kreis zeigt. Aber ohne die Gegenwart im mindeſten zu unterſchätzen, da ich mich vielmehr verpflichtet glaube, nach Maßgabe meiner Einſicht und meiner Kraft für nützliche Beſtrebungen der Geſellſchaft mitzuarbeiten, ehre ich auch die Traditionen, als die Erde, auf welche ich trete, und weil ſie die Wurzeln zu den Entwicklungen unſerer Zeit enthalten. Dieß im Allgemeinen: im Be⸗ ſondern verehre ich meine eigenen Vorväter für das Gute, was ſie gethan, und beklage Mißgriffe, die ſie gemacht haben. In dem Namen, den ſie mir ge⸗ ſcheukt, erblicke ich einen Ritterſporn zu edler Wirkſam⸗ keit für mein Vaterland. Alte Freundſchaft, ſiehſt Du, iſt mir deßhalb eben ſo heilig, wo nicht heiliger, als eine junge. Meine Natur kann nicht unaufhörlich ihre Haut wechſeln. Mein Herz iſt kein Gaſthof, meine An⸗ ſichten liegen nicht wie Poſtillone da, die jedem Reiſen⸗ den paſſen, welcher kommt. So wie ich die Welt auf⸗ gefaßt habe, geht durch das Jahrhundert raſtlos ein großer und breiter Fluß: es iſt der Fluß des Guten, des Wahren, des Rechten, des Lichts und der Freiheit. Er geht auf dem Boden des tiefen Meeres der Welt⸗ geſchichte und wirkt mächtig verändernd und belebend auf das große Ganze, ohne daß darum alle ſeine Bewegun⸗ gen für Jedermann ſichtbar werden. Aber wirf das Senkblei aus, oder tauche ſelbſt hinab, und dann wirſt Du erfahren, daß die Fluth Dich vorwärts führt, und daß das Senkblei niemals den Boden erreicht, denn auch das wird unaufhörlich fortgeführt... weit... weit vorwärts. Der Fluß macht kein großes Getöſe... das iſt wahr... ein Frühlingsbach, der nach einer N u B8n SB=n—. N U u — . 215 Stunde verſiegt, lärmt viel mehr und eine Goſſe nicht weniger. Aber ich habe zu viel Erfahrung, und bin auch zu alt, um mich jetzt daran halten zu können: meine Vernunft und mein Herz forſchen nach dem Strom der großen, ewig voranſchreitenden Ideen, weil er in Wahrheit ſelbſt eine fortgeſetzte Entwicklung deſſen iſt, was die Vorſebung mit allem Beſtehenden vorhat. Die verſchiedenen Meinungsſchattirungen des Tages ſpielen für mich wie die Winde und Wogen auf der Oberfläche: glaube deßhalb nicht, daß ich ſie für unnöthig halte, weit entfernt, ich glaube ſie nothwendig zum Beſtand und Gedeihen des Ganzen; aber auf dieſelbe Art, wie die Lungen und der Atbem es für das Leben des Menſchen ſind: das große Ganze athmet unaufhörlich dur h ſie gleichſam neue Kräfte aus dem Augenblick ein. Das Ewige in der Tiefe, und das Momentane auf der Ober⸗ fläche erhalten einander allerdings bei lebendiger Friſche, ohne daß das erſtere deßhalb ſeine Beſtimmung und Richtung von dem letzteren entlehnt oder das letztere über den Gang und das Ziel des erſteren klar iſt. Du ſiehſt mich an und denkſt, ich entferne mich vom Gegen⸗ ſtand. Das mag wohl ſein. Ich will jedoch im Allge⸗ meinen ſagen, daß ich nicht unbedingt Eindrücke von den Creigniſſen nehme, ſondern zuerſt immer recht tief ins Auge derſelben forſchen will, um zu ſehen, was darin liegt und wie weit es wirklich mit der Liebe überein⸗ ſtimmt, die ich für die Weisheit einer höheren Macht halte. In dieſem Fall ſind große oder kleine Ereigniſſe für mich von ganz gleichem Werth. Die Freundſchaft zwiſchen der Boijer'ſchen Familie und der meinigen be⸗ ſteht bereits ſeit ungefähr einem Jahrhundert. Du willſt meinen Glauben daran erſchüttern, und wenn Dir das gelänge, würdeſt Du zu gleicher Zeit meinen Glauben an die Freundſchaft im Allgemeinen erſchüttern, wie auch die feſte Zuverſicht auf das Gute und Edle im Menſchen⸗ geſchlecht, die mich ſo glücklich macht. Du würdeſt Zweifel 216 in meine Seele werfen, und der Zweifel an den Men⸗ ſchen iſt der erſte Schritt zum Zweifel an Gott. Nein, mein Bruder, die Sache mag ſich verhalten, wie ſie will, aber ich will ſie nicht erforſchen. Wenn ich auch Eigen⸗ thümer von Wardnäs wäre, ſo wäre ich nicht glücklicher als ich jetzt bin, im Gegentheil, ich wäre unglücklicher. Ich hätte eine Familie geſtürzt, die ich liebe, und einen Betrug entdeckt, den ich verabſcheuen müßte. Laß mich alſo ruhig und mit dem Geringeren zufrieden ſein Ich bin kein Egoiſt. Allerdings habe auch ich zuweilen die Macht des Bedürfniſſes empfunden, aber dieſe Macht iſt ein vortrefflicher Hebel, der unſere Thätigkeit in Bewe⸗ gung ſetzt und zu ehrlichem Erwerb treibt. Ich erbte von meinem Vater nicht unbedeutende Schulden an Boi⸗ jer, und noch bleibt eine ſehr ſchöne Summe davon zu⸗ rück; aber dieſe Schulden haben mich zu nützlichen Unter⸗ nehmungen geſpornt, und dieſer Unternehmungstrieb hat mich ſeinerſeits ſowohl moraliſch als phyſiſch geſtärkt. Ich habe auch jedesmal, ſo oft ich eine Abbezahlung machen konnte, eine innere Freude empfunden, wie wenn ich einen ſchönen Sieg erfochten hätte. Dieſe Genüſſe würde ich ohne Kummer nicht gehabt haben. Ach nein, Jeſpersſon, laß uns Freunde ſein, aber rege nicht einen Argwohn auf, der meine Ruhe und meinen Glauben au Andere erſchüttern würde; ich könnte zuletzt anfangen, allem zu mißtrauen. Du ſiehſt mich verwundert au. Kann es Dich wundern, daß ich glücklich und ruhig, daß ich mit meiner Welt zufrieden ſein will? Eine Sache verſtehe ich gleichwohl nicht, Jeſpersſon. Sage mir ganz aufrichtig, haſt Du irgend beſondere Urſachen, auf dieſen Gegenſtand zurückzukommen?“ Das Uneigennützige, das wirklich Reine und Offene dringt, wie der Sonnenſtrahl durch alte Nebel dringt, immer bis zu ſeinem Ziel vor. Jeſpersſon hatte wirk⸗ lich Horner mit Verwunderung angehört, aber es war diejenige Verwunderung, die man empfindet, wenn man —,— OSSͤSeͤ———2— ———, 217 etwas Gutes und Beruhigendes erfährt. Sein aufmerk⸗ ſamer Geiſt, ſein ſo zu ſagen lauſchendes Herz hatte ſo⸗ wohl vernommen, daß Horner das, was er ſagte, nicht blos dachte, ſondern tief empfand, und er zweifelte nicht mehr daran, daß das Bedürfniß für ihn an die Menſchen zu glauben eben ſo groß ſei, wie ſein Bedürfniß an die göttliche Weisheit und Liebe einer höheren Vorſehung zu glauben. Bei ſich noch ungewiß, ob er die Hoffnung aufgeben müſſe, Horner zu einem thätigen Antheil an der Sache zu vermögen, fühlte er gleichwohl den unwider⸗ ſtehlichen Wunſch in ſich, vor Horners Augen rein dazu⸗ ſtehen. „Du fragſt mich,“ ſprach er,„warum ich mich ſo ſehr für eine Sache intereſſire, die mich eigentlich nichts angeht. Ich könnte Dir ſebr umſtändlich antworten, aber die Antwort würde dadurch nicht beſſer.“ Jeſpersſon hatte alle Spitzfindigkeit aufgegeben. Er war jetzt ſelbſt eben ſo einfach, wie der Mann, vor wel⸗ chem er ſtand. Nur von ſeinem Gefühl geleitet, trat er jetzt zu Horner. „Laß mich Deine Hand drücken, Horner,“ bat er, „Du biſt ein achtungswürdiger und rechtſchaffener Mann. Ich will Dir auch ganz aufrichtig die Motive meiner Handlungsweiſe mittheilen.“ „Nun?“ „Der Grund iſt einfach der, Horner, daß auch ich wie Du, ein redlicher Mann bin und demgemäß handeln will. Wir haben blos verſchiedene Begriffe vou der Art, redlich zu ſein.“ Horner hatte eine verwickeltere Erklärung erwartet und die Antwort machte deßhalb um ſo größern Eindruck auf ihn. „Im Ernſt geſprochen,“ ſagte er,„Du läßt Dich alſo von keinen andern Gründen leiten?: „Nein, Horner, ganz gewiß nicht.“ 218 „Du drückteſt mir ſoeben die Hand, Jeſpersſon; laß mich Dich jetzt in meine Arme drücken.“ Einige Wochen vorher würde Jeſpersſon vielleicht keinen wirklichen Werth auf dieſen Beweis von Achtung gelegt haben, aber jetzt that er es. „Ich will mich vollſtändig gegen Dich erklären, Hor⸗ ner,“ ſagte Jeſpersſon nach einer Weile, damit Du mich recht verſtehen kannſt.“ „Thue es, Jeſpersſon, thue es!“ Jeſpersſon ſetzte ſich neben Horner. „Im Verlauf des letzten Sommers— an einem ſchönen Juniabend“— begann Jeſpersſon,„ſtand ich am Fuß des herrlichen Waſſerkoloſſes des Niagara. Zuſam⸗ mengepreßt zwiſchen den rieſenhohen Gebirgsfelſen ſtürzte der brauſende, gigantiſche Fall in den Abgrund hinab, um allda zermalmt zu werden und ſich wieder gen Him⸗ mel zu erheben, aufgelöſt in glitzernden Silbernebel. Aber aus dem erhabenen Eindruck ſtieg die Erinnerung an mein Vaterland nach einer Vergeſſenheit von etlichen und zwanzig Jahren auf einmal vor mir auf. In mei⸗ ner Vorſtellung waren es ſeine klaren Waſſerfälle, die um mich her brauſten, ſeine dunkeln Wälder, die mich umgaben, ſeine Stimme, die ſo dröhnend zu mir ertönte. Die Natur in ihrer großen und einfachen Kraft hat immer ſtark auf meine Seele gewirkt.“ Jeſpersſon ſprach mit Gefühl, und er machte tiefen Eindruck auf Horner. „Ich ſah einen Condor in den Wolken,“ fuhr Je⸗ ſpersſon fort,„er flog ſo einſam, ſo ganz allein. Der Gedanke an mein Vaterland brachte mich zum Gedanken an mich ſelbſt. Auch ich war wie der Condor ſo einſam umher geflogen. Zum erſtenmal ſtellte ich die Frage an mich, ob dieß immer ſo bleiben ſolle, and bei dieſer Frage erwachte eine unwiderſtehliche Sehnſucht nach dem Vater⸗ land in mir.“ 219 Jeſpersſon pauſirte hier einen Augenblick, gleich als bedürfte er eines tiefen Athemzugs. „Geleitet von einem Ureinwohner der amerikaniſchen Erde, irrte ich noch immer unter Nomadenſtämmen um⸗ her; aber meine Sehnſucht wich nicht, ſondern ordnete ſich zu wirklichen Betrachtungen in mir. So traten die Ereigniſſe, die kurz vor meiner Reiſe aus der Heimath ſich zugetragen hatten, mit unbeſchreiblicher Lebendigkeit vor meine Seele. Aber Vieles, was ich vorher nicht geſehen hatte, ſah ich jetzt. Meine Gedanken bewegten ſich vor allen Dingen um zwei Gräber.“ „Um zwei Gräber?“ wiederholte Horner. „Wie ich ſage. Das eine war das Grab Deines Vaters... „Und das andere?“ „Sowohl während meines Aufenthalts auf der Aka⸗ demie als auch in der Hauptſtadt war mein Leben unter luſtigen Brüdern verfloſſen. Jedermann ſagte, ich ſeig originell und ein großer Weltverächter. Im Anatomie⸗ ſaal wird man oft genug Beides. Ich lachte auch über die Welt und floß über von Verachtung gegen ſie. Ich gebe gerne zu, daß ich juſt nichts eigentlich Heiliges an ihr ſaͤh. Nach Allem, was meinen materiellen Sinn vergnügte, griff ich mit Leidenſchaft. So kam der Abend, wo Dein Vater ſich erſchoß. Du erinnerſt Dich, daß ich mich überreden ließ, ein falſches Zeugniß über Deines Vaters Tod auszuſtellen...“ „Ich habe es nicht vergeſſen... auch nicht die Bedingung...“ „Das war übermüthig von mir, aber ich mußte es auch theuer bezahlen...“ „Wie ſo?2“ „Du fragteſt mich, weſſen Grab das andere ſei?“ „Ja, ja!“ „Das Grab des Major Hjelm.“ 220 „Ah, Hjelm? Das Gerücht täuſcht ſich alſo nicht, wenn es ſagt, daß Du...“ „Daß ich mich mit ihm duellirte und daß er durch meine Kugel fiel... Es iſt wahr... Die Sache ver⸗ hielt ſich wie folgt...“ Jeſpersſon richtete ſich von ſeinem Platze auf und ging ein paarmal im Zimmer umher. Aufrühreriſche Gefühle ſchienen ihn in dieſem Augenblicke zu erſchüttern. Seine Stiru hüllte ſich gleichſam in eine Wetterwolke. Seine Bruſt erweiterte ſich und aus dem Auge fuhren von Zeit zu Zeit gleichſam Flammen von den Blitzen in ſeinen Gedanken.“ „Horner,“ fuhr er fort,„ich bin nie grauſam ge⸗ weſen wie ein Tiger, wobl aber wild wie ein Leopard. Ich bin hinangebrauſt und habe Nichts geſcheut. Ein Einfall war für mich ein Geſetz; eine Laune eine Ein⸗ gebung Ich wußte niemals, was Liebe hieß; ich lachte ſogar der Liebe. Das Leben war für mich eine große Thierjagd, wo es blos galt, wer der beſte Jäger war. Moral und alles das— waren blos Jagdgeſchichtchen.“ Jeſpersſon verſtummte für einen Augenblick. „Apropos,“ ſagte er dann,„weißt Du, wie man in Afrika die Leoparden zu fangen pflegt?“ „Nein, Jeſpersſon, nein!“ „Man bringt einen Spiegel in der Falle an. Das Thier, das ſein Bild ſieht, hält es für einen Feind, ſtürzt darauf zu, die Falle ſchnappt, und es iſt gefangen. Wenn man ſo lebt, wie ich, ſo geht es mit uns Men⸗ ſchen ſehr oft auf die gleiche Art. Zuletzt fand auch ich mich gefangen. Du ſollſt es hören. Einige Tage nach der Beerdigung Deines Vaters trafen Landrichter Boijer, Major Hjelm und ich am blauen Thor zuſammen und wir dinirten mit einander. Das Mahl war heiter und lebhaft. Wie gewöhnlich zechten wir tüchtig. Hjelm ſprach von Deines Vaters Tod; ich ſcherzte darüber. Wir waren beide reizbar. Landrichter Boijer füllte die —8—9— O ch h, eeeenee Een — ———, SͤSSeͤ e 221 Gläſer ſchnell ein und wir ſtürzten eines nach dem andern hinab. Je hitziger das Blut wurde, um ſo hitziger wurden auch die Worte. Endlich warf man mir mein falſches Zeugniß vor. Ich wurde wahnſinnig, hauptſächlich darum, weil noch einige unbekannte Perſonen im Saal ſaßen. Kurz und gut wir forderten einander. Wir wollten die Sache ſogleich abgethan wiſſen. Der Rauſch wirkte natürlich. Wir entlehnten Piſtolen von unſerem Wirth, begaben uns auf den Thiergartenberg und in einer hal⸗ ben Stunde lag Hjelm todt zu meinen Füßen. Damals glaubte ich noch recht gehandelt zu haben und nahm die Sache ganz ruhig. Inzwiſchen wollte ich mich vor den Folgen ſchützen, bedeckte die Leiche mit Reiſig und ließ ſie uach Haus in den Anatomieſaal führen, wo ſie bald darauf unter dem Meſſer verſchwinden ſollte. Der Ma⸗ jor wurde indeß binnen Kurzem nicht blos von ſeiner Familie, ſondern auch von ſeinen Freunden vermißt. Man ſprach in den Geſellſchaftskreiſen von ſeinem ſonder⸗ baren Verſchwinden, man ſchrieb in den Zeitungen da⸗ von, und es begann mir wirklich etwas heiß um die Ohren zu werden. Ich ſprach mit Landrichter Boijer, dem einzigen, der um unſern Streit wußte, und er ver⸗ ſicherte mich, daß er das Geheimniß nicht entdecken werde. Kaum waren indeß zwei oder drei Tage vergangen, ſo erhielt ich auf dem Anatomieſaal einen höchſt unerwar⸗ teten Beſuch, nämlich von der Majorin Hjelm. Später erfuhr ich, daß der Landrichter es geweſen, der ſie zu dem Beſuch veranlaßt hatte. Du kannſt Dir die Ver⸗ zweiflung und den Kummer der armen Frau bei dem Anblick der theilweiſe bereits zerſtückelten Leiche ihres Mannes wohl vorſtellen. Etwas Aufregenderes habe ich nie geſehen und mir nie denken können. Noch heute er⸗ füllt mich die Erinnerung daran mit Entſetzen. Ich er⸗ zählte ihr den Gang des Ereigniſſes; ich beſchwor ſie, mich unicht bloßzuſtellen, und ſie verſprach es— nicht um meinetwillen, ſondern aus Achtung für das Gedächtniß 222 des Todten. Von dieſer Stunde an hatte ich jedoch keine Ruhe mehr, ſondern beſchloß mich fortzubegeben... je weiter, deſto beſſer.“ Jeſpersſon war auf und abgegangen, während er in abgebrochenen Sätzen dieſe Erzählung hervorſtieß. Als er damit fertig war, blieb er vor Horner ſtehen. Horner war ganz Ohr. „In Amerikas Wäldern, Horner,“ fuhr Jeſpersſon fort,„trat Alles das wieder vor meine Seele; aber ich. begann jetzt auch zu forſchen.“ „Du hatteſt das früher nicht gethan?“ „Nie. Ich nahm den Tag wie er kam, und wenn er vorbei war, dachte ich nicht weiter an ihn. Aber jetzt erhob ſich eine Frage um die andere. Unſere Vernunft braucht blos eine Frage zu ſtellen, ſo wird dieſe mit tauſend neuen beantwortet. Ich fragte mich, ob nicht wirklich Bojer es geweſen, der Hjelm und mich gegen ein⸗ ander gereizt habe, theils durch ſein beſtändiges Einſchenken, theils durch ſeine Worte; ich fragte mich, warum er von uns verſchwand, als wir das Wirthshaus verließen, und warum er ſich ganz und gar keine Mühe gab unſern Streit zu ſchlichten; ich fragte, warum er mir ver⸗ ſprochen die Sache zu verheimlichen, und warum er ſie nichts deſto weniger der Frau Hjelm entdeckte; ich fragte, ob er irgend eine Urſache haben konnte, Hjelms Ver⸗ ſchwinden zu wünſchen, und ob er nicht dadurch, daß er ſein Verſprechen gegen mich brach, vielleicht auch mich los zu werden ſuchte. Dabei erinnerte ich mich der Kaufsurkunde, die ich im Zimmer Deines Vaters ge⸗ ſehen habe, ſowie daß Major Hjelm einer der Zeugen geweſen, und wenn ich überdieß noch bedachte, daß der andere Zeuge verhaftet und ich weiß nicht zu was ver⸗ urtheilt worden war, ſo geſtehe ich, daß mein Argwohn raſch voranſchritt... und was that ich 2... ich ſetzte ——,—— vw———-——, ————,— ‿ 223 ſogleich meinen Eutſchluß ins Werk mich nach Haus zurück⸗ zubegeben.“ Jeſpersſon merkte ganz gut, daß er wieder auf dem kitzlichen Punkt war, welchen Horner ein für alle mal bei Seite zu laſſen ihn gebeten hatte; aber er war dieß⸗ mal auf einem andern Weg dazu gekommen, und es ent⸗ ging ſeiner Aufmerkſamkeit nicht, daß Horner ihn jetzt ohne alles Mißvergnügen anzuhören ſchien. Man konnte vielleicht glauben, dieß habe den ein⸗ fachen Grund gehabt, daß Jeſpersſon jetzt keine Abſicht verrieth, ihn zu irgend einem feindſeligen Schritt zu ver⸗ anlaſſen, ſondern daß er ihm ganz einfach ein Ereigniß erzählte; aber es kam noch hinzu, daß Horner, obſchon er der Erzählung Jeſpersſons ganz genau folgte, dazwi⸗ ſchen hinein auch bemerkt hatte, wie im Nebenzimmer etwas polterte, und daß er zu vernehmen meinte, daß Jemand herumging, und eine Hand gleichſam an der Thüre herumtappte. Dadurch wurde ein Theil ſeiner Aufmerkſamkeit abgelenkt und er lauſchte noch immer auf die ihm ſonderbar erſcheinende Bewegung, als Jeſpersſon aufhörte. Der Doctor, der die Veränderung ſah, das Geräuſch aber nicht bemerkt hatte, glaubte einen neuen ſanfteren Weg zu ſeinem Ziel gefunden zu haben, und war nicht faul ihn zu benützen. „Aber wenn zwei Gräber mich aus dem Vaterland jagten,“ begann er wieder,„ſo führten zwei lebendige Iutereſſen mich dahin zurück. Der Gedanke an die Ma⸗ jorin Hjelm, deren aufrichtige Ergebenheit ich verdienen wollte, war das eine, und die Hoffunng ihr nützen zu können, war das andere. Dieß war ein grillenhafter Einfall, wenn Du ſo willſt, aber ein Einfall, der mich gänzlich beherrſchte. Ich...“ Aber Jeſpersſon kam nicht weiter. Horner richtete ſich in dieſem Augenblick auf. Sein Geſicht ſah ſo verwirrt aus, und ſeine Blicke ſtierten ſo ſeltſam. Jeſpersſon fand, daß es etwas ganz anderes, als ſeine Erzählung war, was ſich der ganzen Aufmerk⸗ ſamkeit des Barons bemächtigt hatte. Unwillkürlich wandte auch er ſich um, um zu ſehen, was einen ſolchen Eindruck auf Horner gemacht, und nun erblickte er, wie die Thüre von Abrahamsſons Kranken⸗ zimmer leiſe aufging, und der von Krankheit und Leiden gänzlich erſchöpfte Mann hereintrat. Der Anblick mußte für Jeden, der Abrahamsſon nicht kannte, oder nicht an ihn gewöhnt war, etwas Un⸗ heimliches haben. Seine Länge, ſein verſtör tes Ausſehen, ſein ſchneeweißes, ſtruppiges Haar erregte einen unbehag⸗ lichen Eindruck. Das weiße Krankenkleid vollendete das Bild. Für Horner, der bereits vergeſſen hatte, daß Je⸗ ſpersſon einen Kranken zu ſich genommen, war der An⸗ blick des lebendigen Gerippes um ſo überraſchender. „Was iſt das?“ fragte er daher.„Aber mein Gott, ich glaube ihn wieder zu erkennen. Das iſt ja..“ 1 Jeſpersſon konnte nicht antworten. „Herr Baron,“ begann der Gefangene,„es iſt ſchon lang her, daß ich Sie ſah... ich meine, Sie ſagten, daß Sie mich erkennen.“ „Allerdings, Sie ſind der Gefangene, der Kirchen⸗ buße leiſten mußte und während des Gebets entfloh, nachdem Sie zuvor den Kircheufrieden geſtört hatten, während die Verkündigung meiner Tochter verleſen wurde. Wie ſind Sie hieher gekommen?“ Horner drückte ſich ſtreng aus. Abrahamsſon ließ den Kopf ſinken. Jeſpersſon fand ſich verpflichtet ins Mittel zu treten. „Erzürne Dich nicht, Bruder,“ ſagte er.„Du ſiehſt, der Mann iſt krank, und jeder Kranke muß mit Scho⸗ nung, wenn nicht mit Zartheit behandelt werden. Du täuſchteſt Dich übrigens nicht; der Gefangene iſt es, der vor Dir ſteht. Als Arzt fand ich, daß er meiner Hilfe bspdrfte und ich habe ſie ihm angedeihen laſſen. Ueber⸗ ieß.. „Ueberdieß?“ wiederholte Horner. „Iſt er unſer Freund.“ „Unſer Freund? Ich bin Freund jedes Leidenden, aber kein Freund eines Verbrechers.“ Die ganze Lebhaftigkeit, die Jeſpersſon vorher ſo ausgezeichnet hatte, kehrte jetzt wieder. Eine neue Mög⸗ lichkeit Horner für ſeinen Plan zu gewinnen war in ihm aufgetaucht. „Horner,“ ſagte er,„erlaube mir noch Dich mit eini⸗ gen Worten an Deinen Vater zu erinnern.“ „Was willſt Du ſagen?“ Horner war erzürnt darüber, daß man in ſeinem Haus einen entlaufenen Feſtungsſträfling zu verbergen wagte. Abrahamsſon ſtützte ſich an den Thürpfoſten. „Erinnerſt Du Dich,“ begann Jeſpersſon,„daß Deines Vaters letztes Teſtament an Dich ein kleiner Schlüſſel war, den er auf ſeiner Bruſt trug?“ „Nun was denn?“ „Als Du ihn aus ſeiner Taſche zogſt, flüſterte er den Namen ſeines Kammerdieners Abrahamsſon.“ „Ich erinnere mich deſſen ſehr wohl.“ „Dein Vater wollte Dir damit offenbar ſagen, daß nur er Dich über das Geheimniß aufklären könne, das mit dem Schlüſſel verknüpft war.“ „Ich glaube es; aber wie gehört das hieher?“ „Einige Zeit nachher, als Du die Sache zu unter⸗ ſuchen beabſichtigteſt, war Abrahamsſon bereits verſchwun⸗ den. Er war indeß nicht, wie man Dir angab, in der Todesnacht Deines Vaters verhaftet worden, ſondern hatte ſich noch eine Stunde bevor Dein Vater ſich er⸗ ſchoß, auf ſeinen Befehl hieher nach Edsbro begeben, um hier in einer geheimen Schenke einige wichtige Doenmente Ridderſtad, Vater und Sohn. II. 15 226 aufzubewahren, beſtehend aus den vom Landrichter Boijer ausgeſtellten Gegenobligationen, von denen ich bereits geſprochen habe. Erſt auf der Rückreiſe wurde Abra⸗ hamsſon ergriffen. Verſtehſt Du, Horner?“ Jeſpersſon kam abſichtlich beſtändig auf daſſelbe Thema zurück, weil er hoffte ſeiner Anſicht früher oder ſpäter damit Bahn brechen zu können. Horner hörte ihn auch nicht mehr mit demſelben Widerwillen an wie früher. „Nun,“ fügte Jeſpersſon hinzu,„wenn ich ſoeben ſagte, daß der Gefangene unſer Freund ſei, ſo will ich Dich jetzt anch darüber belehren, daß er kein anderer iſt, als derſelbe Abrahamsſon, welchem wenigſtens Dein Va⸗ ter ſein Vertrauen ſchenkte, und Vertrauen iſt immer auch Freundſchaft.“ Horner hatte bereits geahnt, daß der abgelebte, ab⸗ gezehrte Mann wirklich der alte Diener ſeines Vaters ſein könnte; aber es waltete in Horner ein Gefühl des Abſcheus gegen alles Gemeine und Unreine vor, das mächtiger war, als jedes andere. Die Stirn, die Horner gegen Abrahamsſon kehrte, war daher drohend und düſter. „Herr Baron,“ ſagte Abrahamsſon,„ich ſehe, was Sie von mir denken; aber da ich hier innen hörte, daß der Doctor da außen Sie mit Namen nannte, ſo vermu⸗ thete ich, daß Sie hier ſeien, und ich ſehnte mich ſehr Sie zu ſehen. Ihr Vater war ſehr gut gegen mich. Mein Vater hatte ſich für ihn geopfert, und wenn er auch ſelbſt die Urſache all des Verfalls war, worin zu⸗ letzt nicht blos er ſelbſt zu Grund ging, ſondern auch uns mitzog, ſo machte doch Ihr Vater ſich deßhalb Vorw ürfe und er that für mich Alles, was er konnte, ja vielleicht mehr, als er ſollte, obſchon es nichts half, weil es ſonſt anders mit mir hätte gehen müſſen, als es ging. Sie ſind unzufrieden mit mir, Herr Baron. Sie hätten den alten Diener Ihres Vaters nicht in meiner Lage zu —,— 8 G— DdD— oH,——.-—————.,———— 2 22 =. 4—* 227 ſehen gewünſcht. Sie haben Recht, Herr Baron, und dennoch, Herr Baron, erlauben Sie mir Ihnen ein ein⸗ ziges Wort zu ſagen. Ich bin alt, ich bin krank, meine Kräfte ſind gebrochen und meine Tage gezählt. Aber als ich hörte, daß in der Kirche die Verlobung zwiſchen Ihrer Tochter und dem Sohne des Herrn Boijer ausge⸗ rufen wurde, ach wenn Sie gewußt hätten, was ich da empfand! Ich war einer der Zeugen all der Verhand⸗ lungen, die Ihr Vater und der Landrichter Boijer mit einander pflogen, und obſchon man mir nicht Alles klar auseinander ſetzte, ſo begriff ich doch das Eine und das Andere, und als ich nachher erfuhr, wie es ſtand, da ſah ich auch ein, daß man einen groben Betrug gegen Sie begangen hatte. Ich habe in meiner Zeit geſtohlen. Das iſt wahr. Ich habe fremdes Eigenthum nicht reſpektirt — aber ich habe niemals meine Freunde beſtohlen, Herr Baron. Mußte ich alſo nicht nothwendig erſchrecken über eine Verbindung zwiſchen... aber Sie ſehen erzürnt aus... entſchuldigen Sie mich, Herr Baron. Mögen Gott und Sie, Herr Baron, inzwiſchen mir verzeihen, daß ich in der Kirche meinen Schrecken nicht zu unter⸗ drücken vermochte. Ich weiß nicht was ich that, nicht was ich ſagte. Ich glaube jedoch, daß blos ein einziger Ausruf über meine Lippen kam. Ach, Herr Baron, man hat Sie nicht recht behandelt.“ Horner war nicht ohne Theilnahme für Abrahams⸗ ſon, aber er konnte es nicht über's Herz bringen, die⸗ ſelbe zu zeigen. „Laß uns das vergeſſen,“ antwortete er blos.„Du haſt Recht. Deine Lage ſchmerzt mich; aber es wäre am beſten geweſen, wenn wir uns nicht getroffen hätten. Jeſpersſon,“ fügte er hinzu,„ich tadle es, daß Du einen entflohenen Gefangenen in meinem Hauſe verborgen haſt. Du haſt mich in die unangenehme Nothwendigkeit verſetzt ihn eutweder auszuliefern oder durch die Finger zu ſehen ei.“ 228 „Es iſt gut ein redlicher Mann zu ſein,“ antwortete Jeſpersſon,„aber Du biſt gar zu ſerupulös. Du haſt Dir nichts vorzuwerfen. Iſt ein Fehler begangen wor⸗ den, ſo habe ich ihn begangen. Aber der Arzt kann verantworten, was der Menſch gethan hat, und ich habe wegen meines Benehmens ganz und gar keine Furcht. Doch gleichviel. Abrahamsſon hat das Geheimniß mit dem Verkanuf von Wardnäs entſchleiert, er hat mir den Platz entdeckt, wo die Documente verwahrt wurden, welche Dein Vater ihm übergab.“ In einem unbewachten Augenblick erglänzte Horners Stirn. Jeſpersſon faßte das ſogleich auf und hoffte ihn theilweiſe bereits beſiegt zu ſehen. 3 „Er hat...“ „Dieſe Akten,“ ſiel Horner ein,„ſind alſo wirklich vorhanden?“. „Allerdings.“ Horner ging unſchlüſſig im Zimmer auf und ab. „Haſt Du ſelbſt ſie geſehen?“ fragte er. „Geh auf meine Anſichten ein und ſie werden Dir ſogleich vorgelegt werden. Ich geſtehe, daß ich am Weih⸗ nachtsabend, einen Augenblick nachdem Du Dich von hier weg begeben, mich ihrer bemächtigt habe. Soll ich ſie holen?“ „Warte, Jeſpersſon, warte einen Augenblick.“ Die Gedanken kreuzten ſich in Horners Kopf. Er hatte das Gleichgewicht verloren, das ihn ſonſt ſo ſtark machte. ab ging, trat Carl Auguſt ein. Horner blieb ſogleich ſtehen und betrachtete die offe⸗ nen und freien Züge ſeines Sohnes. Ein Gedanke ſtrahlte dabei in ſeiner Seele. „Jeſpersſon, ſagte er;„Du ſollſt meinen Beſchluß hören, mein Sohn wird Dir antworten.“ Jeſpersſon verſtand ſeine Meinung. Aber während er mit ſich ſelbſt uneins noch auf und 229 „Darf ich die Fragen ſtellen?“ bat er. „Nein, Jeſperſon, das will ich ſelbſt thun. Höre mich an, Carl Auguſt. Laß mich annehmen, ich wäre Beſitzer eines größeren Gutes, und ich fände mich z. B. durch die Furcht, daß die Krone irgend eine Veranlaſ⸗ ſung finden könnte, es ſich zuzueignen, veranlaßt es zum Schein an einen Andern abzutreten. Jetzt frage ich Dich, glaubſt Du, daß die Perſon, die unter der beſagten Vorausſetzung das Gut annahm, mir einen Freundſchaftsdienſt gethan habe oder nicht?“ „Natürlich, mein Vater,“ antwortete Carl Auguſt; „wäre er nicht mein Freund, ſo würde er ſich mit einer ſolchen Sache gar nicht befaſſen.“ „Höre mich weiter an, Carl Auguſt. Nimm jetzt ferner an, ſowohl ich als der fragliche Freund ſeien ge⸗ ſtorben, ohne daß das Gut zurückgegeben worden; nimm auch an, unſere Erben wiſſen nicht blos nichts von der ganzen Verhandlung, ſondern der Sohn meines Freun⸗ des habe das Gut in vollem Glauben an die Recht⸗ mäßigkeit ſeiner Erbſchaft angetreten, und Du habeſt niemals an die Möglichkeit gedacht, Eigenthümer deſſel⸗ ben werden zu können. Setze dabei voraus, daß eine alte langjährige Freundſchaft zwiſchen ihnen beiden ſtatt⸗ gefunden babe, wie würdeſt wohl Du handeln, wenn die Sache Dir endlich bekannt würde? Bevor Du ant⸗ worteſt, muß ich Dir indeß ſagen, daß der Glaube an den rechtmäßigen Beſitz bereits über zwanzig Jahre alt geworden, und daß die Freuudſchaft während dieſer Zeit rein und ungeſtört fortgedauert hat. Würdeſt Du, ant⸗ worte mir ganz aufrichtig, dann das alte Freundſchafts⸗ band zerreißen und einen Proceß anfangen, der Hader und Feindſchaft verurſachen, den häuslichen Frieden ſtö⸗ ren und zu Haß und Zwietracht reizen müßte? Ich bitte Dich, Carl Auguſt, Deine Antwort wohl zu über⸗ legen, denn Deine Antwort iſt ſowohl für Dich, als für mich wichtig. In der einen Wagſchale liegt ein 230 größeres Vermögen, in der andern die Freundſchaft. Darf das erſtere die letztere zerreißen?“ Horner und Jeſpersſon betrachteten Carl Auguſt mit gleich großem Intereſſe. Er war auf einmal eine ganz wichtige Perſon ge⸗ worden. Aber ſeine Miene bekam in dieſem Augenblick eine unverkennbare Gleichheit mit dem Geſichte ſeines Vaters: ſein Herz war ſichtlich belebt und ſpiegelte ſich in ſeinem ganzen Weſen wieder. „Wie würdeſt Du handeln?“ „Ich, mein Vater, würde die Freundſchaft dem Vermögen vorziehen.“ „Hörſt Du, Jeſpersſon, da haſt Du meine Ant⸗ wort. Dank, Carl Auguſt, fügte er dann hinzu, Deine Antwort war die Antwort meines eigenen Herzens. Laß uns gehen.“ Horner und Carl Auguſt entfernten ſich. Jeſpersſon blieb eine Weile ſtill und niedergeſchla⸗ gen, hernach aber richtete er ſein Haupt empor und warf einen entſchloſſenen Blick um ſich her. Im nächſten Augenblick ergriff er die Klingel und Schlangengras trat ein. „Hat nicht Hermann Hjelm mich geſucht?“ fragte er. „Zum Henker, ja.“ „Wohin iſt er gegangen, als ich keine Zeit für ihn hatte?“ „Er iſt zum Teufel gegangen.“ „Sagte er nicht, daß er zurückkommen würde?“ „Hol mich der Kukuk, wenn er das geſagt hat.“ „Du mußt ihn ſogleich aufſuchen und ihn bitten, ſchnell hieher zu kommen. Tummle Dich!“ Abrahamsſon war bereits in ſein Krankenzimmer zurückgetaumelt. — n Siebzehntes Kapitel. Emma und Hermann. Leichengäſte. Aber wohin ging Hermann? Er wollte ja auch zu Jeſpersſon. Wir werden bald ſehen, wohin der Zufall ihn führte. Der verſtorbene königliche Sekretär Brun ſollte be⸗ erdigt werden. Baxon Horner hatte gewünſcht, daß der Trauerakt ſo einfach und ſtill als möglich vorüber gehe. Aber auf dem Land kann man bei ſolchen Gelegenheiten nicht umhin, ſeine nächſten Bekannten einzuladen, und wenn man den einen einladet, muß man auch den an⸗ dern einladen. Die Verſammlung wurde daher ziemlich groß. Horner, der mit ſeinen Kirchſpielgenoſſen im All⸗ gemeinen und hauptſächlich mit ſeinen eigenen Arbeitern auf dem beſten Fuße lebte, lud auch von ihnen Manche ein, um ihnen einen äußern Beweis der Achtung zu geben, die er ihnen im Herzen wirklich ſchenkte. Die Gäſte begannen anzukommen, und da und dort ſah man bereits kleine Gruppen im Hof ſich bilden. Es war drei Uhr Nachmittag und die Sonne hing wie ein hochrothes Geſchmeide in den dunkeln Locken di Wolken, als wollte ſie jeden Augenblick heraus⸗ allen. Als Geſellſchaft für die Baronin waren auch einige Frauenzimmer eingeladen, worunter natürlich Frau Boijer und Frau Hjelm. Boijers hatten verſprochen ſich einzufinden, waren aber noch nicht erſchienen. Frau Hjelm hatte ihren Sohn geſchickt, für ſich 232 ſelbſt aber die Einladung abgelehnt. Sie befand ſich am allerliebſten in ihrer Einſamkeit. Die Bedienung ſprang Treppen auf und ab und in den Gängen umher, Alle hatten zu thun. Horner be⸗ kam nicht oft Gäſte, aber wenn er ſein Haus öffnete, da wünſchte er, daß es ihnen an Nichts fehlen follte. Auf dem Land ſind die Anſprüche größer, wenn auch nicht ſo raffinirt, wie in den Städten. Die Baronin Horner und Emma ſtanden bereit, die Ankommenden zu empfangen. Schwarze Farben oder auch ſehr helle und leichte ſtehen allen Blondinen gut. Die erſteren heben ihre einnehmende Grazie mehr hervor, die letzteren vol⸗ lenden ſie; die erſteren geben ihnen etwas Diſtinguirtes, letztere machen ſie bezaubernd. Emma war ſchwarz gekleidet. Bruns Tod hatte Sophie im höchſten Grad aufge⸗ regt, und ihr Kummer war tiefer, als der Verſtorbene verdieut hatte. Sie wußte ſich zwar nichts Beſtimmtes vorzuwerfen, und dennoch machte ſie ſich große Vorwürfe. Sie erkrankte deßhalb auch und mußte auf Jeſpersſons Befehl das Bett hüten. Die Baronin hatte Emma geſchickt, um ſich nach Sophiens Befinden zu erkundigen. Als ſie in dieſem Auftrag durch den Hof ging, ſah Hermann ſie von Carl Auguſts Fenſter aus. Aber ſie war bald bei ihrer Mutter zurück. Sophie befand ſich etwas beſſer. 3 Noch war das Haus leer. Noch hatten ſich keine Gäſte eingefunden. Die Baronin und Emma gingen hin und her, um dafür zu ſorgen, daß Alles ſo in Ordnung käme, wie ſie wünſchten. Beide wußten, daß ſie in Horner einen ſtrengen Be⸗ obachter hatten.. —nn= 233 Bei dieſer kleinen Muſterung bemerkte die Baronin ein Papier auf dem Boden und hob es auf. Es war kein Brief, aber es war dennoch beſchrie⸗ ben. Es war ein kleines Gedicht. Die Baronin begab ſich an die Fenſterniſche, um es zu leſen, und je mehr ſie las, um ſo ernſter wurden ihre Züge. Emma ging jetzt juſt durchs Zimmer. „Komm her, Emma,“ bat die Mutter,„ich will mit Dir reden.“ Es lag in der Stimme und ihrem Ausdruck etwas ſo Ungewöhnliches, daß Emma verwundert aufſchaute. „Sag mir,, mein Kind, iſt dieſes Papier nicht Dein?“ Emma hatte ſich von Charlotte das Gedicht erbeten, das Hermann geſchrieben, und als Charlotte ibrem Bruder Emmas Wunſch mittheilte, machte er ſogleich eine Abſchrift und überſchickte es in einem Brief, den ſeine Schweſter ſchrieb. Dieſe Abſchrift war es, welche die Baronin jetzt Emma vorhielt. Emma erröthete bis unter die Augen. „„Dieſes Gedicht; ja wohl, Mutter, es gehört mir.“ „Ich fand es auf dem Boden, da wo Du ſo eben ſaßeſt, und ich vermuthe, Du habeſt es fallen laſſen. An wen iſt dieſes Gedicht, weißt Du es?“ Emma erröthete womöglich noch ſtärker. „Es iſt alſo an Dich; nun, Du brauchſt deßhalb nicht zu erröthen. Ein ſchönes Mädchen hat das Recht beſungen zu werden, und ein Poet hat auch das Recht zu ſingen. Aber Du biſt verlobt, Emma, und dieſe Handſchrift iſt nicht die Alfreds. Wie lang haſt Du das Gedicht ſchon?“ „Ein paar Tage, Mutter.“ 234 „Blos ein paar Tage? Von wem iſt es denn, Emma?“ Die holde Röthe, welche Emmas Geſicht ſo ſehr verſchönte, verſchwand auf einmal, und ſie ſtand jetzt ſo blaß wie eine Lilie da. Aber das währte blos einen Augenblick. Plötzlich ſchlug ſie ihre hellen ſchönen Augen auf und ſchaute der Mutter ſchalkhaft ins Geſicht. „Ach Mutter,“ ſagte ſie,„darf ich mir einige Fra⸗ gen an Dich erlauben?“ „Gern, mein Kind.“ Je lebhafter man iſt, deſto ſchueller ſind die Ueber⸗ gänge zwiſchen Kummer und Freude. Emmas Geſicht war in dieſem Augenblick wirklich naiv und ſie entwaff⸗ nete die Mutter. Der Anblick deſſen, was hübſch und ſchön iſt, erweckt ſanfte Gefühle. „Ich habe,“ ſagte Emma,„in Papas Zimmer ein Porträt von Dir aus Deinen jüngeren Jahren ge⸗ ſähen⸗ Mutter. Weißt Du, was ich dachte, als ich es ah 2 „Nun, was dachteſt Du da?“ „Daß Du ſehr ſchön geweſen ſein mußt, Mutter, als Du ſo jung warſt wie ich.“ „Nun?“ Einer ſolchen Argumentation gegenüber war es nicht leicht mißvergnügt zu bleiben. „Sag mir aufrichtig,“ fuhr Emma fort,„hat Niemand zu Dir geſagt, daß Du hübſch ausſeheſt, Mutter?“ „Nun ja, freilich, Emma, ich läugne das nicht. Man war artig gegen mich. Man...“ „Schrieb man nicht auch Verſe auf Dich, Mutter? Man war entzückt über Dich; ſage mir, war man es nicht? Man wetteiferte mit Dir tanzen zu dürfen, man verſchwendete Artigkeiten an Dich, man machte Dir ſo zu ſagen ein wenig den Hof.“ 235 „Allerdings... ach ja... ich... das heißt .. man... Die Baronin wußte juſt nicht recht, was ſie auf dieſe Frage antworten ſollte. Emma erhob ſchalkhaft die Hand, und während ein herzliches Lächeln in ihren Augen ſpielte, drohte ſie neckiſch mit dem Finger. „Aber, Mutter, ſage mir auch noch etwas An⸗ deres.“ Die ungekünſtelte und unſchuldsvolle Heiterkeit, die aus Emmas Geſicht ſtrahlte, machte auf das Mutterherz einen behaglichen Eindruck. Es war ein Begräbnißtag, dürfte Jemand bemer⸗ ken, und dennoch konnte man heiter ſein und ſcherzen. Aber darf man ſich wohl verwundern, wenn Sophie die einzige war, auf welche Bruus Tod betrübend und herabſtimmend einwirkte? „Haſt Du wieder neue Poſſen im Kopf, Emma?“ bemerkte die Mutter.„Du darfſt nicht vergeſſen, daß Du verlobt biſt und jetzt verſtändig werden mußt.“ „Hat nicht ein Mädchen das Recht, Mutter, eine Artigkeit von einem Manne anzunehmen, ohne ſogleich Papa und Mama Alles erzählen zu müſſen?“ „Du fragſt ſo ſonderbar, Emma. Ich weiß nicht, was ich Dir antworten ſoll.“ „Wie machteſt Du's, Mutter, als Du jung warſt?“ Die Baronin war wirklich verlegen. „Sag mir, Mutter, darf man nicht eine Laune, eine Neigung, ein Gefühl haben, ohne daß Papa und Mama davon wiſſen?“ „Das kann allerdings ſein... man... man...“ „Man hegt ſie dennoch, willſt Du ſagen, und zwar ohne daß man es ſelbſt weiß. Ja gewiß, Mutter, es iſt wahrlich nicht ſo leicht, ſich von allen Gefühlen Rechenſchaft zu geben, die man hegen kann. Gott weiß, woher ſie kommen. Und von allen ſprechen, ach 236 das iſt unmöglich; dann könnte man ja nichts anderes thun als unaufhörlich ſchwatzen und dennoch wäre man nicht ſicher, ob man nicht ſowohl Andre als ſich ſelbſt getäuſcht hätte. Darf ich Dir ſagen, was ich glaube, Mutter?“ „Laß hören, Emma.“ „Ich glaube, daß wir Mädchen das Recht haben zu lieben, ſo viel wir wollen, zu träumen, ſo viel wir wol⸗ len, die Herrn artig gegen uns ſein zu laſſen, ſo viel wir wollen, auch ein klein wenig... wie ſoll ich nur ſagen... ein klein wenig... nun ja... nach un⸗ ſern Jahren zu leben, Mutter, nach unſerer Laune, zumal wenn man Launen für uns hat. Wir könnten ja nie⸗ mals ſelbſtſtändig werden, wenn wir immer Papa und Mama um Rath fragen müßten. Ueberdieß, ſiehſt Du, Mama... 3 „Nun, was ſoll dieß überdieß bedeuten?“ „Ueberdieß ſind kleine Geheimniſſe, d. h. eine kleine Pouſſage und dergleichen, Mama, blos die Vorworte der Liebe, und wenn auch die Kritik meint, alle Vorworte ſeien unnöthig, ſo denken doch die Verfaſſer nicht ſo⸗ Mama.“ „Das iſt Alles ganz recht, meine gute Emma; aber Du mußt wohl bedenken, daß Du nicht blos verlobt, ſondern bereits ausgerufen biſt.“ Emma ſeufßzte. „Es iſt freilich wahr, Mama; aber juſt das iſt un⸗ angenehm.“ „Wie ſo? Du haſt ja ſelbſt Dein Herz verſchenkt.“ „Das mag wohl ſein, Mama; aber ebenſo gewiß⸗ wo nicht gewiſſer iſt es, daß ich es niemals ſelbſt beſeſ⸗ ſen habe.“ „Du haſt es niemals ſelbſt beſeſſen?“ „Nein, Mutter, nie.“ „Was ſagſt Du? Wer hat es denn beſeſſen?“ „Gott im Himmel, Mutter, aber ich niemals. Wir ———-—„—,—— 237 ſind mit Blindheit geſchlagen, Mutter, und ſo gehören wir einem Andern an, ohne daß wir nur daran denken konnten.“ „Wie magſt Du nur ſo herausſchwatzen, mein Kind? Wenn Gott es beſeſſen hat, ſo begreifſt Du, daß er es iſt, der es in ſeiner Allweisheit aus Liebe weggegeben hat, und Du mußt alſo mit ſeinem Willen zufrieden ſein.“ Ein neuer Seufzer hob Emmas Bruſt. „„Willtt Du mir ſagen, wer dieß Gedicht geſchrieben hat?“ „Hältſt Du es für ein Verbrechen, daß ich es ange⸗ nommen habe?“ „Warum fragſt Du das?“ „Darum, weil Du in dieſem Falle nicht erfährſt, von wem es iſt, weil ich nicht will, daß Du den Ueber⸗ ſender für verbrecheriſch halten ſollſt. Ach nein, Mutter, er iſt nicht verbrecheriſch... er iſt... er iſt...“ „Er iſt, ſagſt Du, was iſt er?“ Die Baronin begann recht unruhig um ihre Emma zu werden. „Hältſt Du mich für verpflichtet Dir Alles zu ſagen, Mutter?“ „Nicht für verpflichtet, mein Kind. Die Vorſehung hat in jedes Weibes Buſen ein zärtliches Herz nieder⸗ gelegt. Nur dieſes kann natürlich, unterſtützt vom Ver⸗ ſtand, welchen die Erziehung entwickeln ſoll, über Dein Leben und Dein Schickſal beſtimmen. Dein Vater und Deine Mutter können nicht immer an Deiner Seite ſtehen; Du mußt Dich deßhalb bei Zeiten daran ge⸗ wöhnen mit Dir ſelbſt zu Rathe zu gehen. Aber ich bitte Dich, Emma, ſei aufrichtig... er iſt nicht ver⸗ brecheriſch, ſagſt Du, ſondern er iſt... er iſt... was iſt er denn?“ „Aber vielleicht begehe ich ein Unrecht gegen ihn, Mutter?“. „Ganz und gar nicht, Emma. Wie könnte ich böſe 238 ſein auf Jemand, der Dich lieb hat, der Dir ſeine Be⸗ wunderung ſchenkt, der... ach ja, wenn er Dich auch liebt? Nein, mein Kind, man wird niemals böſe auf diejenigen, die uns lieben, oder die wir ſelbſt lieben. Aber Du ſcheinſt die Wichtigkeit der Verbindung, die Du bereits eingegangen haſt, zu überſehen, und ich habe Furcht um Dich. Deßhalb, Emma, bitte ich Dich noch einmal, habe Vertrauen zu mir... er iſt, ſagſt Du ... er iſt?... Emma ſchlug die Augen nieder. „Er, er,“ ſtammelte ſie,„er liebt mich, Mutter.“ „Hat er es Dir geſagt?“ „Ich habe es geſehen. Ich fühle es.“ „Du mußt mir ſagen, Emma, wer dieß Gedicht ge⸗ ſchrieben hat, und von wem Du ſprichſt?“ „Ach Mutter.“ 1. „Ich will ſeinen Namen wiſſen, Emma. Du ſagſt ihn mir doch?“ „Nun wohl denn, da Du zugibſt, daß er nichts Böͤſes gethan hat, ſo will ich ihn ſagen. Das Gedicht iſt von Hermann, Mutter.“ Die Baronin erſchrack, als ſie Hermanns Namen hörte. Nicht als ob ſie etwas gegen ihn einzuwenden gehabt hätte; im Gegentheil, juſt deßhalb, weil ſie nichts einzuwenden hatte. Schon in ſeinen jungen Jahren hatte ſie ihn beinahe wie einen Sohn geliebt, aber er war lang zur See geweſen, und während dieſer Zeit war ſein Bild aus ihrem Gedächtniß verſchwunden; jetzt aber nachdem er zurückgekehrt war, hatte er ſeinen Platz in ihrem Wohlwollen wieder eingenommen. „Aber, mein Gott, Emma, Du liebſt ja Alfred?“ Emma antwortete nicht. „Um alle Welt, ſprich Emma; liebſt Du ihn denn nicht mehr?“ 9„Ich weiß nicht ſo recht.. ich verſtehe mich ſelbſt nicht...“ 4☛——,— d — 239 „In Wahrheit, Du beunruhigſt mich im höchſten Grad. Verſuche Dich zu erklären.“ „Wenn ich mit Alfred beiſammen bin...“ Aber Emma wußte nicht, wie ſie ſich ausdrücken ſollte, und ſie verſtummte verlegen. 3 „Lege die Hand auf Dein Herz, mein Kind,“ ermun⸗ terte die Baronin, und laß es dann ſprechen.“ „Ich will Dir ſagen, wie es iſt, Mutter; in Alfreds Geſellſchaft fühle ich mich ſo unruhig, das Herz klopft ſo heftig, das Blut wird heiß und brennt, die Pulſe ſchla⸗ gen ſchneller und die Gedanken gehen mit mir im Kreis umher, es kommt mir beinahe wie ein Schwindel vor. Vor der Verkündigung da war noch etwas Angenehmes darin, aber ſeither... ach ſeither Mutter, iſt es blos unangenehm geworden. Der Gedanke an ihn erhebt mich nicht, ſondern bedrückt mich eeher. Alle holden Träume verſchwinden vor mir, ſobald er ſich nähert. Entweder iſt er nicht mehr derſelbe oder bin ichs nicht. Es iſt, als wäre der Himmel weggefallen und blos die Erde geblieben. In meinem Herzen ſpielte früher ein Engel, Mutter, aber mir iſt, als hätte er mich verlaſſen. Der Tag hat keine Illuſionen und iſt blos ein einfacher Ar⸗ beitstag, die Nacht bringt keine Träume und iſt blos ein trübes Chaos. Ich fühle mich unglücklich, Mutter.“ Mit dem lauſchenden Herzen einer ſorgſamen Mutter hörte die Baronin das Bekenntniß ihrer Tochter an. „Und wie iſt Dirs denn in Hermanns Geſellſchaft zu Muth?“ fragte ſie.„Ich zweifle nicht mehr an Dei⸗ ner Aufrichtigkeit, Emma.“ „In Hermanns Geſellſchaft, ach Mutter, da bin ich ſo ruhig, aber zu gleicher Zeit ſo unausſprechlich glück⸗ lich. Es iſt mir, als kleide ſich meine ganze Seele wie ein milder Lenzmorgen, in Licht und Blumen. Ich werde wie⸗ der Kind, ſo heiter und belebt. Ich könnte noch einmal ſpielen, wie ich früher mit ihm geſpielt. Ach ja, es iſt mir, als wollte ich mit ihm in die Wette ſpringen oder 240 blinde Kuh ſpielen, und ich bin überzeugt, daß er mich im erſten Spiel gewinnen ließe, und im zweiten es nicht verſäumte mich zu finden. Ach nein, Mama, das hat er nie verſäumt. Wenn ich an ihn denke, kommen von allen Seiten her gleichſam heitre, ſchalkhafte Träume über mich. Sie gleichen tanzenden Feen, vor deren Zauber⸗ ſtab neue entzückende Ausſichten ſich eröffnen. Was ſoll ich ſagen, Mutter? Es iſt nicht mein Ohr, das ihn hört, nicht mein Auge, das ihn ſieht: nein, es iſt mein Herz. Ach Mutter, iſt es nicht eine Thräne, die in Deinem Auge glänzt? Dank dafür, Dank! Jetzt ſehe ich, daß Du mich verſtehſt. Siehſt Du, Mutter, als er neulich hieher kam, da war ich ſo verlegen, ſo verlegen: ich wußte nicht, wo ich mein Geſicht verbergen ſollte, ſo erröthete ich. Und als er mich begrüßte und bei der Hand nahm, da war ich nahe darau zu gleicher Zeit zu weinen und zu lächeln, und dennoch fühlte ich mich ſo glücklich, ſo glücklich.“ Die Baronin erſchrak über das, was ſie hörte. „Und dieſe Gefühle, mein Kind, ſind Dir erſt nach der Verkündigung gekommen?“ „Ich hatte ſie nie früher, Mutter.“ „Aber als Hermann das erſte Mal daheim war oder als er Dich aus dem Wirthshaus hieher führte?“ „Er war heiter und freundlich, und ich fand ihn in⸗ tereſſant und hörte ihm mit großem Vergnügen zu; aber er reiſte damals ſo ſchnell wieder weg...“ „ und da vergaßeſt Du ihn.“ Emmas Kopf ſauk wieder hinab. Alfred kam, Mutter.“ Was auch Emma mit ihrer Antwor Baronin fand darin gleichſam etwas Ber „Aber jetzt meinſt Du, daß es ga den ſei?“ 8 ℳ „Ja., 3 Die Baronin hatte nicht blos Emmas Erklärung einte, die ung 241 aufs Aufmerkſamſte angehört, ſondern während derſelben auch allerlei überlegt. Im Bewußtſein des Einfluſſes, den fie auf Emma zu beſitzen glaubte, hoffte ſie das Mädchen wieder auf den Weg der Beſonnenheit zurückführen zu können, obſchon ſie es fürs Beſte hielt, nicht ſo aufzutreten, als ob ſie gar zu ſtark auf ſie einwirken wollte, ſondern die Sache als eine Bagatelle zu nehmen, die man ihrem eigenen Verſtand überlaſſe. Die Baronin hatte einen Blick auf den Hof hinaus⸗ geworfen und ſah, daß immer mehr Leute ſich zu ſam⸗ meln anfingen, deßwegen mußte ſie nothwendig das Ge⸗ ſpräch abbrechen. „Willſt Du hören, mein Kind,“ ſagte ſie daher, „was ich über all dieß denke?“ „Ach ja, Mutter, gib mir Deine Anſicht zu er⸗ kennen.“ „Ich glaube, daß Du ein kindiſches Mädchen biſt, in deſſen Kopf allerlei ſchwärmeriſche Gedanken hin und her ſurren. Dein Herz iſt zärtlich und lebhaft, es läßt ſich leicht anregen, aber das Gute darin behält doch im⸗ mer ſein Recht. Einmal im Leben erfährt das Weib im⸗ mer etwas Aehnliches, wie Du jetzt; ich ſage einmal, denn bevor ſie verſtehen gelernt haben, was Liebe iſt, halten ſie ihre Phantaſieen dafür. Du gabſt indeß ſo eben zu, daß, als Hermann das letzte Mal wegreiſte— dann Alfred kam— und glaube mir, Emma, Hermann wird noch einmal wegreiſen, und Alfred wird dann noch einmal kommen. Ich bin deſſen ganz ſicher. Von ſolchen kleinen Reiſen in einem Mädchenherzen braucht man, nicht ſoviel zu ſprechen; aber ſie können immerhin ſakffinden Du für Deinen Theil, mein Kind⸗ mußt ürigen aus eine einzige Sache bedacht ſein... und zwar niußt Du ſie recht ernſtlich bedenken.... nämlich daß Dein Hochzeittag bereits feſtgeſetzt iſt. Ridderſtad, Vater und Sohn. II. 16 242² Als die Baronin dieſe Worte ausgeſprochen hatte, entfernte ſie ſich, überzeugt, daß ſie am Klügſten handle, wenn ſie Emma der Einſamkeit überlaſſe. Vielleicht hatte ſie ſich indeß im Herzen ihrer Toch⸗ ter getäuſcht. Sobald Emma ſich allein fand, brach ſie in eine Fluth von Thränen aus. „Dem Einen angehören,“ ſeufzte ſie,„und den An⸗ dern lieben. O mein Gott!“ Von dem Augenblick an, wo ſie Hermann wieder ſah, hatte ſie erſt Gelegenheit gehabt, Alfred ein anderes Bild an die Seite zu ſtellen. Die Liebe treibt ihre Knospen und Blüthen ſehr häufig blos auf dem kleinen Zweige einer Vergleichung. In demſelben Maaß, wie Alfred in ihrem Urtheil ſank, erhob ſich dagegen Hermann vor demſelben. Alfred war die maskirte Wolluſt, die unter ihren gegenſeitigen Verbindlichkeiten glimmende Sinnlich⸗ keit. Im Buſen des keuſchen Mädchens konnte daher ſeine Gewalt nicht länger reichen, als bis eine reinere Liebe kam. Sie kam mit Hermann. Da Alfred ſich ihres Be⸗ ſitzes ganz ſicher glaubte, ſo haben wir geſeben, daß er immer kecker und kecker wurde. Aber während die Sinn⸗ lichkeit durch ihre Keckheit das Band feſtzuknüpfen meinte, löste es ſich dagegen auf. Je reiner die Liebe iſt, um ſo kindlicher und demüthiger iſt ſie auch, und wenn ſie ſelbſt es am wenigſten ahut, hat ſie zwiſchen zwei Herzen ein unauflösliches Band geknüpft. ℳ 1 2 2 —* Als Hermann das Geſpräch mit Carl Auguſt ab⸗ brach, nahm er ſeinen Hut, um ſich zu Jeſpersſon zu be⸗ b⸗ e⸗ 2⁴3 geben; aber als er in die Hausflur kam, beſchloß er den Freund zu erwarten, der noch einen Augenblick verweilte. Während er noch daſtand, kam Guſtav vom Salon her. Guſtav war mit rührender Ergebenheit nicht weniger Emma, als Hermann zugethan. „Ich wollte Sie juſt aufſuchen, Herr Hermann. Wie glücklich, daß ich Sie treffe!“ „Was gibt es? Du ſiehſt ſo aufgeregt aus.“ „Ach ja, ſollte ich es auch nicht ſein? Das Fräulein iſt ſo betrübt. Mein Gott, wie Schade iſt es um ſie!“ „Was ſagſt Du? Iſt Fräulein Emma betrübt? Was iſt denn geſchehen? Sprich, ſprich!“ „Ich weiß nicht recht; aber die Baronin und ſie haben ſoeben ein langes, langes Geſpräch gehabt, und als die Baronin ſich entfernte, da begann das Fräulein zu weinen. Die Baronin ſah beinah böſe aus, als ſie in das Zimmer kam, wo ich war. Ach ja, wenn es um irgend Jemand Schade iſt, ſo iſt es wahrlich um Fräu⸗ lein Emma. So gut und doch ſo unglücklich.“ „Unglücklich? Was ſchwatzeſt Du? Sie ſoll ſich ja verheirathen? Sie liebt ja Alfred? Sie...“ „Sie wird ſich verheirathen, ja! Ach, Herr Her⸗ mann... Das iſt es juſt, ja. Ich ſehe wohl, wie es ſteht, ich! Fräulein Emma und Herr Alfred paſſen ganz und gar nicht zuſammen, das kann Jedermann leicht ſehen; daß ſie unglücklich werden, das iſt ſo ſicher, als daß ich jetzt daſtehe. Aber ich Weiß wohl... Doch ich wage es nicht zu ſagen...“. Es bedurfte blos eines Windhauchs, um alle Flam⸗ men in Hermanns Bruſt zu hohem Aufflackern zu bringen. Heftig ergriff er Guſtav am Kragen. „Was weißt Du? Was meinſt Du? Was iſt es, das Du nicht zu ſagen wagſt? Erkläre Dich Guſtav, er⸗ kläre Dich. Sprich, ſprich!“ 24⁴4 Guſtav erſchrak. „Ich weiß nicht, ich wollte ſagen, ich glaube...“ „Glaubſt Du, daß Fräulein Emma Alfred nicht liebe, daß ſie mit ihm unglücklich werde, daß ſie ihn nicht haben wolle? Antworte, Guſtav, antworte...“ „Ja gewiß... ich muß es wohl glauben...“ „Liebt ſie einen Andern?“ „Aber, mein Gott, laſſen Sie mich doch los, Herr Hermann, Sie erwürgen mich ja.“ „Nun ja... ſo ſage mir, was Du weißt... wen glaubſt Du, daß ſie liebt?“ „Das werden Sie ſelbſt wohl am Beſten errathen können, Herr Hermann.“ i „Sch.. zu. „Als Sie klein waren, da waren Sie ja Spielka⸗ meraden von einander.“. i Hermann blieb einen Augenblick ſtumm. Voll Un⸗-⸗ 1 ruhe flog die Hand über ſeine Stirn. Die Brauen legten ſich in Runzeln über den dunkeln blauen Augen aus denen die Seele mit der klaren Glut eines Die 4 mants ſtrahlte. f „Guſtav,“ ſagte er dann,„Du biſt doch mein Freund, Guſtav?“ 6 „Ach ja, und auch der Freund von Fräulein Emma.“ „Wo iſt das Fräulein jetzt?“ „Im Kabinet neben dem Salon.“ „Und wo iſt die Baronin?“ r „Drin in ihrem Zimmer.“ e „Der Baron iſt ja unten bei Jeſpersſon?“ u „Ja; aber was gedenken Sie zu thun?“ „Die Gäſte werden wohl noch einen Augenblick auf f ſich warten laſſen?“ 5 „Das iſt wahr; aber...“ g „Hinweg, Guſtav, ich gehe da hinein.“ „Ach nein... um alle Welt... bedenken Sie . doch n 245 Hermann öffnete entſchloſſen die Thüre und ging durch den Saal ins Seitenkabinet. Emma ſaß in einem tiefen Lehnſtuhl. Ihr Kopf 3 auf den Arm gelehnt. Ihre Blicke ruhten auf dem oden. Der tiefe Schmerz, der ſie nach dem Geſpräch mit ihrer Mutter aufregte, hatte einer wehmuthvollen Ruhe Platz gemacht. 8 In ihrer Bruſt ruhten für einen Augenblick alle ihre Vorſtellungen. Ein tiefer, aber ſtiller Friede brei⸗ tete ſeine Schwingen über ſie aus. Es gibt Augenblicke, wo das Gefühl den Gegen⸗ ſtand unſerer Unruhe und Sehnſucht gleichſam mit einem einzigen Seufzer umgibt. Unſer Kummer iſt es, der un⸗ ſere Liebe in ſeinen Buſen verſchließt. Etwas Aehnliches findet auch in der Bruſt eines einnehmenden jungen Mädchens ſtatt. Hermann war auf der Schwelle ſtehen geblieben. Emma hatte nicht gehört, daß Jemand ſich näherte. Wie ſchwärmeriſch und ſchoͤn ſaß nicht das träume⸗ riſche Mädchen da, eine liebreizende Tochter der Sonne, ein Kind des reinen Himmels, ein Liebling der Roſen und Lilien! Hermann wagte ſich nicht näher, und gleichwohl fehlte ihm die Kraft, ſich zu entfernen. Er war in einen Zauberkreis gekommen, welchen Schönheit und Liebe zu gleicher Zeit um ihn beſchrieben hatten. Er ſtand ſtille da und betrachtete ſie. Hatte er vorher noch nicht gewußt, daß er ſie liebte, ſo hatte er es jetzt gefühlt. 246 Unbewußt hob ſich ſeine Bruſt von einem Seufzer. Emma fuhr zuſammen. Sie hatte deſſen Echo in ihrem eigenen Herzen gehört. Haſtig ſchlug ſie die Augen auf. Bei Hermanns Anblick erröthete ſie nicht, ſondern ſie lächelte ihm ſo freundlich und ſanft entgegen. War ſie wohl aus einem Traum erwacht und ſah ſie jetzt den Traum lebendig vor ſich? Hermann vermochte ſein Gefühl nicht länger zu un⸗ terdrücken, er ſtürzte zu ihren Füßen und barg ſein Geſicht in ihren Händen. Emma ſaß ſo ruhig und friedlich da. Keine Leiden⸗ ſchaft regte ſie in dieſem Augenblick auf. Sie ſchien beinahe verklärt zu ſein.— „Laß mich in Dein Geſicht ſehen, Hermann,“ bat ſie.„Hörſt Du, Hermann, ich will in Dein Geſicht ſehen.“. Hermann blickte auf. „Du liebſt mich alſo, Hermann,“ flüſterte ſie,„Du thuſt es doch ²“ „In Leben und Tod.“ „Ach Hermann, wie glücklich macht es mich, das zu hören! Aber warum haſt Du es mir nicht früher ge⸗ ſagt? Doch es iſt wahr, wir ſind ja in den letzten Jah⸗ ren blos ſelten zuſammengetroffen.“ Sie verſtummte einen Augenblick. Hermann lauſchte. Ihre Worte ſäuſelten wie ein milder Wind über ein von der Sonne verbranntes Feld. „Du weißt, daß auch ich Dich liebe, Hermann,“ begann ſie nach einer Weile wieder. Willſt Du mit mir über eine Sache übereinkommen?“ Ihre Augen blickten dabei ſo fragend in die ſeinen hinab. „Sage, was Du wünſcheſt, Emma,“ antwortete Hermann,„ich verſpreche Dir Alles.“ „Willſt Du mit mir übereinkommen, daß wir ein⸗ ——— u 247 ander lieben werden, obſchon wir einander nicht beſitzen dürfen?“ „Du ſprichſt aus meiner eigenen Seele. Ach ja, laß uns das einander geloben.“ „Laß uns alſo immer von einander träumen, träu⸗ men von dem, was wir als Kinder waren, und was wir ſpäter für einander hätten werden können.“ „Ja, Emma, ja!“ Hermann hatte vergeſſen, ſich aufzurichten. Von einer unendlich holden Schwärmerei befangen, lag er zu ihren Füßen und blickte in ihre Augen empor. Das Schönſte, was Himmel und Erde für ihn be⸗ ſaßen, war in eine einzige Geſtalt verſchmolzen, und dieſe Geſtalt war ihm ſo nahe, und er hätte blos ſeine Arme auszubreiten gebraucht, um ſie an ſein Herz zu drücken, aber die Arme ſanken erſchlafft an ſeiner Seite nieder bei dem Gedanken: ſie gehört einem Andern. Aus ihrer träumeriſchen, wehmüthigen Lage wurden ſie auf einmal durch das Getön von lebhaften Glöck⸗ chenklängen und von Pferdehufen geweckt. Hermann ſprang auf. Emmas Augen glänzten. „Horch!“ „Unſere Gäſte ſind hier. Entferne Dich, Her⸗ mann.“ Hermann legte die Hand an ſeine Stirne. Sein Geſicht wechſelte haſtig in roth und weiß. „Es iſt doch ſchrecklich,“ ſeufzte er. „Was iſt ſchrecklich, Hermann?“ „Sich entfernen.“ „Still, ſie kommen bereits auf der Treppe.“ Hermann hörte nicht. Er ſchlang ſeinen Arm um ihren Leib. „Mögen ſie kommen,“ ſagte er.„Wir empfangen ſie, Emma. Was haben wir zu verlieren, nachdem wir die Hoffnung verloren haben? Laß uns unſere Liebe retten.“ 248 Emma war zu ſich ſelbſt zurückgekommen. „Um Gotteswillen, nein, nein! Eile hinweg; aber es iſt bereits zu ſpät. Was ſollen wir thun? Hörſt Du?“ Emma hatte einen Blick zum Fenſter hinausgewor⸗ fen und geſehen, daß die Boijerſche Familie angekommen war. Zu ihrem Schrecken hörte ſie die Gäſte bereits auf den Treppen. den„Du zitterſt, Emma. Siehſt Du, wie ruhig ich „Denke an meine Eltern.“ „Wenn dieß Gefühl das Herz erfüllt, ſo hat kein andrer Gedanke darin Platz.“ „So denke an mich.“ Man hörte bereits die Tritte im Saal. Die Thür ſtand offen. Hermann ſchlang ſeinen Arm noch feſter um ſie. Es waren die Liebe und die Aufrichtigkeit, welche ſich die Seligkeit nicht aus den Armen reißen laſſen wollten. „Emma muß drin im Kabinet ſein, hörte man eine Stimme im Salon ſprechen. Ich ſah ſie im Fenſter.“ Es war Alfred, der ſprach. „Laß uns nachſehen,“ antwortete eine andere Stimme. Es war Carl Auguſts Stimme. Emma bebte. Hermanns Bruſt hob ſich. In dieſem Augenblick war man bereits an der Thüre. Glücklicherweiſe war es nicht Alfred, ſondern Carl Auguſt, der ins Zimmer hineinſchaute. Ueberraſcht von dem, was er ſah, wandte er ſich ſcheu zurück. Er liebte Hermann und noch mehr ſeine Schweſter. Wie ſollte er ſie retten? Carl Auguſt verlor indeß ſeine Ruhe nicht. „Nein,“ ſagte er, und wandte ſich gegen Alfred⸗ 249 „hier iſt Niemand. Emma iſt ſicherlich auf ihrem Zimmer.“ „Glaubſt Du es; aber ich meinte ſie doch hier im Fenſter zu ſehen.“ „Laß uns gehen, Alfred. Laß uns gehen.“ „Wohin?“ „Wer ſucht, wird ſinden. Gehen wir zu mir hin⸗ auf.“ Carl Auguſts Stimme und Miene waren indeß nicht ganz natürlich, und Alfred ſchien nicht vom Platz gehen zu wollen. „Ich glaube, Du ſcherzeſt mit mir,“ bemerkte er, „gewiß ſind ſie hier. Still... ich hörte etwas da innen. Du täuſcheſt mich, Emma muß gewiß da ſein.“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Salonthüre, und mehrere Gäſte traten ein. Carl Auguſt wußte nicht, was er beginnen ſollte. So mißvergnügt und erzürnt er über Hermann ſowohl als Emma war, ſo fürchtete er doch für ſte, und prophe⸗ zeite ſchreckliche Folgen ihrer Thorheit. Carl Auguſt mußte die Gäſte empfangen. Er wentr Alfred nicht länger verhindern, ins Kabinet zu gehen. Glücklicherweiſe kam in dieſem Augenblick Baron Horner an, und Carl Auguſt wandte ſich ſogleich zu Alfred. Bei dem Gedanken an den Auftritt, der vor allen Gäſten und in Gegenwart ſeines Vaters jetzt ſtatt⸗ ffnden ſollte, war er nahe daran, den Muth zu ver⸗ ieren. Alfred begab ſich ins Kabinet. Carl Auguſt folgte. Aber als ſie hineinblickten, war weder Hermann noch Emma zu ſchauen. Sie waren beide verſchwunden. Carl Auguſts Bruſt hob ſich vor Freude. 1.7 haſt Recht,“ ſagte Alfred,„es iſt Niemand hie 250 Carl Auguſt antwortete nichts, bemerkte aber, daß die geheime Thüre nicht recht verſchloſſen war. Das Kabinet, worin Hermann und Emma einen Augenblick verträumt hatten, war ganz von derſelben Art, wie das auf Wardnäs, wo Carl Auguſt und Al⸗ fred am Weichnachtsabend ihren Streit aufführten; es hatte nämlich eine kleine Tapetenthüre, die es mit dem Wohnzimmer in Verbindung ſetzte. Emma erinnerte ſich nicht ſogleich an die Thüre, ſondern erſt als ſie hörte, daß Alfred herein wollte. Mit geängſtigtem Herzen glitt ſie ſachte aus Her⸗ manns Armen, ſchob den Riegel von der geheimen Thüre weg und zog Hermann hinein.— Aber wenn ſie ſich aus einer Gefahr gerettet hatten, ſo kamen ſie dafür in eine andere. Sie waren Alfred ausgewichen, ſtanden aber jetzt vor der Baronin, welche eben den Gäſten entgegengehen und ſie empfangen wollte. Die Baronin warf einen fragenden, aber kalten Blick auf ſie. Nach der Art, wie ſie in's Zimmer kamen, ahnte ſie, was ſich zugetragen hatte. Hermann war nahe daran, ſich zu ihren Füßen zu werfen. Emma ließ erröthend ihr Haupt ſinken. Beängſtigend tauchten jetzt vor der Baronin all die düſtern Prophezeihungen auf, welche die Karten ihr ein⸗ geflöͤßt hatten, nämlich daß die Verbindung zwiſchen Emma und Alfred ſich auflöſen würde. Aber in dieſem Augenblick fürchtete ſie nicht blos das, ſondern ſelbſt einen unangenehmen Auftritt. Mit wirklichem Verſtand beherrſchte ſie jedoch ihr Gefühl. Ihre Aufmerkſamkeit fiel jetzt auf eine Gemälde⸗ ſammlung, die auf dem Tiſche lag; es war ein pittores⸗ kes Univerſum, oder Illuſtrationen aus der ganzen be⸗ kannten Welt. we we fir da ſer 251 „Hermann,“ ſagte ſie,„beſchäftige Dich doch ein wenig mit dieſer Gemäldegallerie. Ich möchte wiſſen, was... was... was Du ſelbſt darin am Beſten findeſt.“ Hermann verſtand ſie und antwortete blos mit einem dankbaren Blick. „Komm, Emma,“ fügte ſie hinzu,„wir müſſen un⸗ ſeren Gäſten entgegen gehen. Gib mir Deinen Arm.“ Achtzehntes Kapitel. Die zweite Petition der Arbeiter. Mehr von Alfred. Bruns plötzliche und traurige Todesart blieb nicht lange ein Geheimniß. Die Erzählung davon ging mit düſteren Ausſchmückungen von Mann zu Mann, von Weib zu Weib, von Dorf zu Dorf. Lange hatte nichts ſo großes Aufſehen gemacht. Die arbeitenden Klaſſen, die im Bewußtſein der gefährlichen Wirkungen geiſtiger Ge⸗ tränke bereits für die Beſchränkung ihres Umtriebs pe⸗ titionirt hatten, bekamen jetzt neue Gründe zu ihren Vor⸗ ſtellungen. Dießmal erhob man ſich alſo mehr in Maſſe. Das entſetzliche Exempel belebte ſie und flößte ihnen neue Hoffnung ein. Wie manche ähnliche Opfer hatte nicht der Branntwein, und zwar auf noch ſchrecklichere Art aus ihren Gliedern geriſſen! Eine neue Petition wurde aufgeſetzt, überall im Kirchſpiel umher getragen und bald mit Namensunterſchriften bedeckt.. Die arbeitenden Klaſſen wußten jetzt auch, daß ſie un⸗ —— 2⁵5² ter einer nicht geringen Zahl ſelbſtſtändiger Vaterlands⸗ freunde Sympathien hatten, und dieſer Umſtand trug nicht wenig zur Erhöhung ihres Eifers bei. Das Intereſſe, das Baron Horner ihnen unverholen bewieſen, hatte ihn zu einer Art von Vorſehung für ſie gemacht. Die Petition war ungefähr deſſelben Inhalts wie die bereits angeführte, nur mehr concentrirt. Man war übereingekommen die Gelegenheit von Bruns Beerdigung zu benützen, um Baron Horner die Schrift zu überreichen. Zwar hatte der Eine und Andre geglaubt, der Augenblick zu ihrer Vorbringung ſei nicht zum beſten gewählt; aber die Mehrzahl entſchied ſich fürs Gegentheil, und hielt den Zeitpunkt für den aller⸗ paſſendſten, weil da Bruns Beiſpiel als lebendiges Zeug⸗ niß ihnen zur Seite ſtehen würde. Vielleicht überſah man auch nicht ganz, daß Boijer— gegen welchen die Pe⸗ tition ganz beſonders gerichtet war, obſchon er nicht per⸗ ſönlich angeführt wurde— bei dieſer Gelegenheit einen Ausdruck der allgemeinen Meinung zu vernehmen bekom⸗ men würde. Die Arbeiter hatten einige wohlbekannte und ge⸗ achtete Deputirte unter ſich gewählt um die Schrift zu überreichen; unter ihnen erkennen wir auch den Käthner Anders wieder. Horner und Boijer ſprachen etwas mit einander, als die Deputirten ſich näherten; aber ſobald Boijer er⸗ fuhr, um was es ſich handle, zog er ſich mißvergnügt zurück. Jeſpersſon hatte Schlaugengras abgeſchickt um Her⸗ mann aufzuſuchen; aber als Schlangengras mit der Ant⸗ wort zurückkam, daß die Leichengäſte im Begriff ſtehen ſich zu verſammeln, und daß Hermann bereits oben im Salon bei den Frauenzimmern ſich befinde, warf ſich Jeſpersſon in einen Frack und ging ebenfalls dahin. =ͤSE— 2⁵³ Der erſte, dem er bei ſeinem Eintritt begegnete, war Boijer. Boijer ſah verſchloſſen und betrübt aus. Nach dem Geſpräch mit Horner hatte Jeſpersſon beſchloſſen ſich unmittelbar an Boijer zu wenden. Jeſ⸗ persſon war nicht der Mann, der ſeine Hoffnungen ſo leicht aufgab, und da er ſich jetzt ſo ganz unverhofft ihm gegenüber ſah, ſo fiel es ihm ein, er könnte viel⸗ leicht jetzt ebenſo gut mit ihm ſprechen, wie ein ander Mal. Er bat alſo Boijer um eine Unterredung unter vier Augen. Boijer hatte, wie alle Andern, in Jeſpersſon einen Sonderling erblickt, aber wenn die Andern bald etwas Gutes und Grundehrliches in ihm entdeckten, ſo fand Boijer dagegen etwas, was ihm ein unwiderſtehliches Gefühl der Scheu und Furcht erregte. Die geheimnißvolle Art, wie Jeſpersſon ſich näherte, erſchreckte ihn auch jetzt. Inzwiſchen begaben ſie ſich ins nächſte Zimmer, wo Niemand ſie hörte oder ſtörte. Ein neuer Schucht hatte ſich in Alfreds Charakter geöffnet. Von ſeiner Mutter hatte er einen Keim zum Stolz, von ſeinem Vater einen kalten, unabhängigen Charakter geerbt. Aber keiner dieſer beiden Keime ent⸗ wickelte ſich in einem guten Erdreich. Unter Leitung von Lars Persſon bildete ſich der ausgelaſſene Knabe zu et⸗ was Anderem. Aus dem Stolz wurde ein ſtörriges, un⸗ bändiges Weſen, aus der Kälte Eigenſinn und Berech⸗ nung. Karl Auguſt überraſchte ſeine Eltern am Weihnacht⸗ 254 abend mit der fröhlichen Nachricht, daß er bereits Offi⸗ zier ſei. Das ärgerte Alfred. Und als noch dazu Hermann jetzt nach Hauſe kam, und Alfred ſah, welch eine allgemeine Freude ſeine Rück⸗ kehr erregte, da wurde ſein Verdruß noch größer. Eine ſolche Freude hatte er ſelbſt nie bei Jemand erregt, und er empfand ein bitteres Mißvergnügen. Jedes herzliche Wort, das zu Karl Auguſt und Hermann geſprochen wurde, betrachtete er als eine Be⸗ leidigung gegen ſich ſelbſt. Um ſich dafür ſchadlos zu halten, begab er ſich zu Emma; aber auch ſie zeigte ſich rückhaltſam gegen ihn. Ein Fluch donnerte in ſeinem Innern. Aber als er inzwiſchen am folgenden Tag ſeine Stellung zu überlegen anfing, konnte er dennoch nicht unterlaſſen, ſowohl über Karl Auguſt, als über Hermann zu lachen. Das Lachen kam indeß nicht aus ſeinem Herzen, ſondern aus ſeinem Kopf. „Ich bin reich,“ ſagte er,„gegen dieſe Burſchen: ſie mögen ſich in Acht nehmen.“ Aber er hatte auch bemerkt, daß Emma und Her⸗ mann den einen und andern freundlichen Blick mit ein⸗ ander gewechſelt, und Argwohn befeuerte bereits ſeine Eiferſucht, während er mit peinlicher Unruhe ſich erin⸗ hefie daß Hermann ſich im Beſitz des Verlobungsringes efand. „Sollte es ſo ſein?“ brummte er.„Ha, ha, ha! hat man Luſt zu tanzen, je nun ich kann immer auf⸗ ſpielen.“ Mehrere Tage vergingen und aus Edsbro kam die Einladung zur Beerdigung. Er ſollte alſo ſeine Freunde wiederſehen. Der Gedanke daran gab ſeinem Unwillen neues Leben. Lars Persſon war mit ſeiner Gemüthsart vertrant; 2⁵⁵ darum aber nicht immer auch mit ſeinen Handlungen. Was dieſe betraf, ſo war er zuweilen ſehr verſchloſſen, obſchon er manchmal von berauſchenden Getränten hin⸗ geriſſen wurde und ſich dann nicht beherrſchen konnte, ſondern ſich ganz närriſchen und wunderlichen Grillen überließ.* Man war übereingekommen unmittelbar nach dem Kaffee nach Edsbro zu fahren. Alfred ſagte indeß, er wolle ein wenig ausgehen, bevor er ſich dabin begebe, und beſchloß bei Lars Pers⸗ ſon einen Beſuch zu machen; aber als er die Thüre öff⸗ nete, kam ihm der Bediente mit dem Kaffeebrett ent⸗ gegen. „Iſt es ſchon ſo ſpät?“ fragte er.„Zum Teufel, die Zeit vergeht ſchnell. Stelle das Brett hieher. Er warf die Mütze von ſich. „Du haſt den Cognac vergeſſen. Bringe mir eine Flaſche,“ fügte er binzu.„Tummle Dich. Kaffee ohne Cognac iſt wie Butterbrod ohne Schnaps. Lauf!“ Die Cognacflaſche ſtand bald neben dem Kaffee. Ein Gedanke um den andern fuhr durch ſeinen Kopf. Er wollte ſie in Cognac erſäufen, und ſie lebten bereits gleich Salamandern im Feuer. Er dachte an Karl Auguſts. Lieutenantspatent. Und er nahm ſchnell einen Kelch Cognac. Er dachte an den ſo allbeliebten Hermann, wobei die Erinnerung an den goldenen Ring von Neuem in ſeiner Seele ſchimmerte. Und er nahm ein zweites Glas. Er dachte an den Blick, welchen Emma dem neuen Goldjungen zugeworfen, und er ließ ein Stück Zucker, das er in Cognac getaucht, in ſeinem Mund zerſchmelzen. Aber wiederum lachte er über all dieſe kleinen Ver⸗ drießlichkeiten, wenn er ſich des Reichthums erinnerte, der einmal ſein werden ſollte und von deſſen Annehm⸗ lichkeit er bereits einen nicht unbedeutenden Vorſchmack 2⁵⁶ genoſſen, ſeitdem mit der Gemüthsart ſeines Vaters eine ſo wunderliche Aenderung vorgegangen war. Und nachdem Alfred bei dieſem Gedanken ein neues Glas Cognac geleert hatte, ſtellte er das Glas ſo ſchnell von ſich, daß es in Stücke zerſprang. Die Schlitten ſtanden bereits fertig, er warf ſich in den ſeinen, ergriff die Zügel und man fuhr ab. Als er nach Edsbro kam, ſuchte er, wie wir bereits bemerkt haben, mit einer gewiſſen Ungeduld nach Emma. Mit ihrer Liebe wollte er zu allererſt Karl Auguſt und Hermann weh thun, im Fall letzterer ſich etwa Einbil⸗ dungen machen ſollte. Aber Emma empfing ihn rückhalt⸗ ſam und ſchweigend, und er wurde dadurch noch mehr gereizt, ohne jedoch ſeine Abſicht aufzugeben. Hermann trat jedoch bald an Emmas Seite und ſeine Anweſen⸗ heit ſchien ihr neues Leben zu verleihen. Alfred empfand dabei etwas, was man einen Cog⸗ nacſchwindel nennen konnte. „Hermann,“ flüſterte er, ohne daß die Uebrigen es bemerkten,„ich wünſche mit Dir zu ſprechen.“ Sie zogen ſich in eine Fenſtervertiefung zurück, wo ſie ungehört einige Worte wechſeln konnten. „Du dürfteſt nicht vergeſſen haben,“ ſagte Alfred halblaut,„daß Du im Backa⸗Wirthshaus beim Würfel⸗ ſpiel mir meinen Verlobungsring abgewonnen haſt.“ „Ich habe es allerdings nicht vergeſſen.“ „Täuſche ich mich nicht, ſo erboteſt Du Dich ihn mir ſpäter zurückzugeben?“ „Das iſt ebenfalls wahr; aber Du wieſeſt mein Anerbieten mit Verachtung zurück.“ „Das mag wohl ſein, Hermann; aber jetzt wünſche ich ihn zurückzuerhalten. Willſt Du ihn mir gütlich zu⸗ rückgeben?“ „Gütlich? Kann wohl auch eine andere Art in Frage kommen?“ 257 „Ja allerdings; denn gibſt Du ihn nicht freiwillig zurück, ſo würde ich Dich dazu zu zwingen wiſſen.“ Hermann fixirte Alfred ſcharf. Er meinte, daß dieſer ſehr ſonderbar ſpreche. „Ich will Dir nur ſagen, Alfred,“ antwortete Her⸗ mann,„daß ich mich zu nichts zwingen laſſe. Was indeß den Ring betrifft, ſo ſehe ich gar wohl ein, daß er einen hohen Werth für Dich hat; aber er kann ja auch...“ „Für Dich dieſen Werth haben, willſt Du ſagen.“ „Das war wirklich meine Meinung.“ „Emma iſt meine Braut, und wird bald meine Gattin ſein.“ „Aber Emma war in den Kinderjahren meine Spiel⸗ kamerädin. Ich war einige Jahre älter, das iſt wahr, aber nichtsdeſtoweniger...“ „Du mußt mir den Ring zurückgeben.“ „Willſt Du es ertrotzen, ſo antworte ich mit einem beſtimmten Nein.“ „Ich bezahle, was Du verlangſt, aber den Ring mußt Du herausgeben.“ „Ich bin kein Kaufmann und noch weniger ein Wucherer.“ „Gott weiß, was Du biſt,“ lachte Alfred;„ein armer Schlucker wie Du mag ſein was er will, ſo muß er ſich zurückziehen. Da Du mir den Ring verweigerſt, ſo haſt Du ihn vermuthlich bereits verkauft.“ Hermann fühlte ſich tief verletzt, beruhigte ſich aber. „Dein Ausſehen ſowohl als Dein Gerede überzeugt mich, daß Du getrunken haſt. Dein Gemüth und Dein Blut gähren in Folge des Ueberreizes. Ich verzeihe Dir, daß Du mich beleidigſt; aber damit Du nicht glaubſt, daß ich Deinen Ring weggegeben habe, deſſen Werth auch ich ſchätzen kann, ſo will ich ihn Dir zeigen.“ Hermaunn zog ein Papierchen hervor und wickelte den Ring heraus. Aber im Moment, wo Alfred ihn er⸗ Ridderſtad, Vater und Sohn. II. 17 8 258 blickte, ſchlug er mit der Hand darnach und der Ring ſiel hinab und rollte auf den Boden. Hermann wurde blaß vor Wuth. Alfred, der blos in der Hitze der Ueber⸗ eilung ſo gehandelt hatte, ſtand ſelbſt erſchrocken über ſeine That da. Die Unvorſichtigkeit war indeß hinter dem Fenſtervorhang begangen und ſomit von Niemand bemerkt worden. Aber was mehr? Der Ring rollte inzwiſchen ins Zimmer... er rollte immer näher und näher bis zu dem Sopha, wo die Damen ſaßen, und Alfred ſah, daß Emma ihn bereits bemerkt hatte. Was ſollte er thun? Natürlich mußte Hermann ſich erklären. Das Herz zog ſich krampfhaft in ſeiner Bruſt zuſammen.. Hermann eilte auch vor. Alfred folgte ihm mechaniſch. Beide wollten den Ring aufheben, um allen Fragen und Erklärungen auszuweichen. Der Ring blieb in dieſem Augenblick zu Emmas Füßen ſtehen, und Hermann und Alfred bückten ſich zu gleicher Zeit hinab ihn anfzuheben.. Aber Emma kam ihnen zuvor: lachend ſetzte ſie ihr Füßchen darauf. „Wem gehört der Ring?“ fragte ſie.„Ihr bekommt ihn nicht bevor ihr ſagt, wem er gehört“ Alle Anweſenden richteten ihre Augen auf Alfred und Hermann. Alfred ſtand ſtumm da. Was ſollte er antworten? Hermann athmete auf. „Wem er gehört?“ wiederholte er.„Es iſt... Alfred fürchtete ſein Wort wie ein Todesurtheil. „Es iſt,“ fügte Hermann hinzu,„Alfreds Verlo⸗ bungsring.“ Es wurde Hermann ſehr ſchwer, das Ringlein von ſich zu laſſen, aber er konnte nicht unedel handeln. Emma zog ſogleich ihren Fuß zurück, und Alfred hob den Ring auf. Aber ſo ſehr er eine Erklärung von Hermanns Seite 5b te 2⁵59 gefürchtet hatte, ſo ſehr ärgerte ihn jetzt deſſen Edelmuth, und mit ſteigendem Verdruß entfernte er ſich. Man hatte verſchiedene Erfriſchungen zu ſerviren angefangen. Alfred ergriff ein Glas und ſtürzte es hinab. „Was zum Teufel iſt das da?“ fragte er. „Moſelwein,“ antwortete der Bediente. „Brunnenwaſſer,“ bemerkte er;„kann man nicht ein Glas reinen Punſch bekommen?“ Carl Auguſt hörte ſeinen Wunſch und nahm Alfred beim Arm. „Folge mir, bat er, und Du ſollſt es bekommen.“ Sie entfernten ſich in ein anderes Zimmer, und bald ſtand ein Brett mit einer Flaſche vor ihnen. Man trank. „Hermann iſt ein elender Tropf,“ ſagte Alfred; „dieſer Burſche da will den Edelmüthigen ſpielen, aber ich verſtehe ihn, ich...“ „Was hat er denn gethan, daß Du ſo aufgebracht über ihn hiſt? Mir gefällt Hermann ſehr gut...“ „Glaub's wohl,“ meinte Alfred;„Du biſt mehr ſein Freund als der meinige. Deine Geſundheit, Bruder! Es gibt nichts Beſſeres, als ein Glas zu trinken, wenn man zornig iſt. Deine Geſundheit!“ Carl Auguſt wurde in dieſem Augenblick hinausge⸗ rufen, und als er zurückkam, fand er, daß Alfred fort und die Flaſche leer war. Alfred hatte ſich in den großen Saal zurückbegeben. Erhitzt und halb betrunken warf er ſich in einen Stuhl ſo weit als möglich von den Uebrigen entfernt. 260 Alfred ſchaukelte ſich im Stuhl. Als er in den Saal zuruckkam, ſpürte er, daß es in ſeinem Kopf ſchwirrte, und daß die Füße unter ihm wankten. Aber er war voll Muth, voll Uebermuth, und einen Augenblick fiel es ihm ein, er ſollte ſich zu den Damen hineinbegeben, um auf der einen Seite ſeine ganze Zärtlichkeit gegen Emma zu zeigen, und auf der andern ſeinem ganzen Unwillen über Hermann Luft zu machen. Seine Leideuſchaften tanzten auf dem Seil mitten zwiſchen zwei Abgründen, nämlich dem der Liebe und dem des Haſſes. Seine vom Rauſch angefeuerte Einbildungskraft ſchranbte ſein Ge⸗ fühl zu ſchwindelnder Uebertreibung hinauf. Er liebte ebenſo zügellos, wie er haßte, während es ihm ſchien, als ob Alles um ihn her ſo klein, ſo unbedeutend, ſo werthlos und leer ſei. Aber da er für den Augenblick juſt von Nichts beſonders gereizt wurde, ſo verſchwanden ſeine wirren Betrachtungen ſo haſtig, wie ſie gekommen waren, und er ließ ſich ganz gleichgiltig in den nächſten beſten Stuhl nieder, den er traf. Hier begann er ſich umzuſchauen. Für ihn ſah Alles recht luſtig aus, und wenn er zu ſeiner Seite einen Freund gehabt hätte, würde er in ein herzliches Lachen ausgebrochen ſein; allein glücklicher oder unglücklicher Weiſe hatte er das nicht. Vor ſich hatte er den Baron Horner, der noch von ſeinem Geſpräch mit den Arbeitern und von ihrer Petition in Anſpruch genommen war. Aber ſtatt eines einzigen Baron Horner ſah Alfred ganz deutlich einen auf jeder Seite von dem rechten, und alle einander ſo gleich, wie nur ein Spiegelbild dem andern gleichen kann. Jeder der übrigen Gäſte war auch verdreifacht. Drei Köpfe ſtatt eines einzigen, er hatte noch nie etwas ſo Komiſches geſehen, und unlängbar war es ein höchſt ſpaßhaftes Gemälde. Wenn Baron Horner einen ſeiner 261 Arme ausſtreckte, ſo ſtreckten die zwei andern Barone Horner ebenfalls die ihrigen aus. Nie zuvor hatte er dieſe Wirkung des Rauſches wahr⸗ genommen, und dieſe neue Erfahrung beluſtigte ihn un⸗ gemein. Um ſich an der Erſcheinung recht zu laben, be⸗ gann er ſich umzuſchauen: Alles war verdreifacht, oben an der Decke ſtrahlten drei Kronleuchter, zwiſchen jedem Fenſterpfeiler bingen prei Spiegel u. ſ. w. Aber nachdem das Pikante darin ſeinen Reiz ver⸗ loren hatte, begann er zu lauſchen, was man um ihn her ſchwatzte. Horner war auf eine von der Reinheit und dem Ernſt ſeines Herzens zeugende Schilderung in Betreff der verderblichen Folgen der Völlerei für das Familienleben eingegangen. Alfred lächelte. „Ich habe Hoffnung,“ ſagte Horner,„daß ich den Gutsherrn Boijer überreden kann ſeine Brennerei aufzu⸗ geben. Natürlich kann dieß nicht ſogleich geſchehen, weil ſeine Oekonomie darauf gebant iſt, aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, und verſpreche Ihnen, meine Freunde, eine entſchiedene und beſtimmte Antwort in acht Tagen, wo die Hochzeit ſeines Sohnes mit meiner Tochter gefeiert werden ſoll. Wenn Ihr dann nach Wardnäs kommt, ſo glaube ich Euch mit der Nach⸗ richt erfrenen zu dürfen, daß wenigſtens der größte Brennereibeſitzer der Gegend aus Liebe zum allgemei⸗ nen und Privat⸗Wohl ſich zu einem Opfer bereit zeigen werde.⸗ „Ahha, mein Alterchen,“ murmelte Alfred für ſich, „glaubſt Dun das? Darüber werden wir wohl hinter. Kiſander kommen. Die Brennerei aufgeben? Ei, ich danke chön!“ Leute, die kein anderes Verdienſt beſitzen, als den Reichthum, machen ſich immer große Begriffe davon. Das Geld iſt unläugbar auch ein ſehr wichtiger Hebel in der 262 Welt, aber ſeinen größten Werth bekommt es dennoch nicht von ſich ſelbſt, ſondern von der vernünftigen Art, wie es zum Nutzen der Menſchheit angewandt wird. Aber für Alfred, wie für tauſend Andere, war es etwas ganz Anderes: ein Mittel ſowohl um das wirkliche Ver⸗ dienſt auf die Seite zu drängen, als auch um alle die einbildiſchen Träume und eyniſch materiellen Genüſſe zu befriedigen, die ſeine Sinnlichkeit forderte. Schon betrachtete er ſich als Eigenthümer von Wardnäs, und ſchon überlegte er, wie er ſich auf eine recht glänzende Art würde zeigen und die ſtolzen kleinen Herrſchaften um ſich her zermalmen können. Aber plöͤtzlich ſtrömte das Blut in ſein Geſicht, und er wandte ſich mit einer heftigen Bewegung um. Er hatte deutlich gehört, daß man im Seitenzimmer von Wardnäs ſprach, und Wardnäs war nunmehr der kitzlichſte Punkt in ſeinen Gedanken. „Aber ich nehme es auf mich zu beweiſen, daß der Kaufkontrakt in Bezug auf Wardnäs falſch iſt:“ Da die Thüre ein wenig offen ſtand, ſo war Alfred in den Stand geſetzt einen Blick ins Zimmer zu werfen, und er ſah etwas von Jeſpersſon. Die Antwort auf dieſe Bemerkung war mehr ein hervorgeſtoßener, unartikulirter Laut, als ein wirklicher Satz. baAtfred beugte ſich auf die Seite und erkannte ſeinen Vater. „Was bedeutet das?“ fragte er ſich.„Sollte der Kauſvertrag falſch ſein?“ „Herr Boijer,“ ſprach Jeſpersſon weiter,„ich habe den unter dem Deckmantel des Geſetzes abgeſchloſſenen Kauf ganz genau geprüft, und ich habe beſchloſſen, daß Sie, koſte es was es wolle, den Ranb zurückgeben ſollen, ſei es nun freiwillig oder gezwungen durch den Arm des Geſetzes.“ Alfred ſaß wie auf glühenden Kohlen. Sein Geſicht —'— 263 verzerrte ſich. Schon vorher wirr im Kopf und reizbar, wurde er es jetzt noch mehr. „Ich ſage nicht,“ fuhr Jeſpersſon fort,„daß Sie Kenntniß von der Sache batten, wenigſtens kann ich es nicht beweiſen, ſondern ich klage blos Ihren Vater dieſes unrhörten Betrugs an.“ Alfred brauſte auf. Die Adern ſeiner Schläfe ſchwollen. Seine Augen ſprühten Feuer. Das Zimmer ging mit ihm umher. Er wollte forteilen um ſeinem Vater beizuſpringen, aber es ſah ſo ſonderbar um ihn her aus: vor ſich ſah er drei Barone Horuner, und überall wohin er ſchaute, verdreifachten fich die Gegenſtände; er ſank alſo wieder in ſeinen Stuhl zurück. Statt deſſen beugte er ſich vor, ſo daß er ſeinen Vater betrachten konnte. Auch er verdreifachte ſich vor ſeinen Augen. Der Anblick war wirklich entſetzlich. Die drei Figuren glichen einander dermaßen, daß er nicht mehr wußte, welche die rechte war, aber die eine ſowohl als die andere ſah wild und aufgeregt, geſchlagen und zermalmt aus. Alfred lauſchte um zu hören, ob ſein Vater nichts antworten würde; aber er hörte nichts anderes, als ein tiefes, hohles Huſten. Es entſtand eine kurze Pauſe. Jeſpersſon wartete auf eine Antwort. Noch warf Alfred einen Blick auf ſeinen Vater, und die von ſeiner Einbildungskraft verdreifachte Geſtalt zeigte ſich vor ſeinem verwilderten Blick wie drei Leichen. Aber denſelben Ausdruck, den er bei jeder von ihnen ſah, hatte er ſchon vorher geſehen. Zu ſeinem Schrecken erinnerte er ſich jetzt auch jenes Morgens, wo ſein Vater entdeckte, daß der Brief an den Probſt Humle in ſeine Hände gefallen war. Dieſer Brief ... ſeine Gedanken verweilten einen Augenblick dabei ... aber auf einmal ging ihm ein Licht auf, und mit 264 dem blitzſchnellen Combinationsvermögen, welches der Rauſch ſcheukt, glaubte er ſogleich Alles zu begreifen. „Jeſpersſon hat Recht,“ dachte er. Seine Glieder zitterten vor eiſiger Kälte bel dieſem Gedanken, obſchon der Schweiß von ſeiner Stirne rann. „Probſt Humles Macht über meinen Vater.... meines Vaters nothgezwungene Pflicht ſich blind beherr⸗ ſchen zu laſſen... mein Gott... die Sache iſt ja höchſt deutlich...“ Alfred wagte ſich nicht vom Platz zu bewegen. Er fühlte, daß er ohnmächtig zu Boden ſinken würde, im Fall er ſich aufrichtete. Aber man ſprach drinnen wieder. Er lauſchte. „Sie antworten nicht, Herr Boijer. Vielleicht be⸗ zweifeln Sie, daß ich die eigenhändigen Gegenſcheine Ihres Vaters beſitze. Ich kaun ſie Ihnen übrigens jeden Augenblick, wann Sie wollen, aus meiner eigenen Chiffo⸗ niere holen.“ Ein Zucken fuhr durch Alfred. „Chiffoniere,“ murmelte er. „Sie dürfen auch nicht glauben, daß kein Zeuge vor⸗ handen ſei,“ fuhr Jeſpersſon fort;„ich werde indeß nöthi⸗ genfalls einen ſolchen aus dem Grab hervorrufen.“ Alfred ſchauderte. Sein Vater ſtieß einen tiefen Seuſzer aus, ſchwieg aber beharrlich. Man hätte glauben können, Jeſpersſon habe zu einer Bildſäule geſprochen, welche blos zu ſeufzen und zu huſten, nicht aber zu ſprechen vermöge. „In der Chiffoniere,“ wiederholte Alfred noch ein⸗ mal. Hermann und Carl Auguſt gingen juſt jetzt an ihm vorbei. Auch ſie ſahen vor ſeinen Augen verdreifacht aus, und es war ihm, als ob alle dieſe ſechs verſchiedenen Geſtalten ihn mit Verachtung betrachteten. „Sollten ſie bereits ahnen, daß Wardnäs nicht mein iſt, dachte er. Wie war es doch? Die Chiffoniere...“ 265 Auf die Stuhllehne geſtützt, richtete er ſich auf. Er hörte blos ein Gemurmel, er ſah blos ein Gewimmel um ſich her. Als er den Stuhl losließ, merkte er ſich die Thüre nach der Hausflur und ging mechaniſch darauf zu. Er ſtieß ſich zwar am einen und audern unterwegs, aber er ließ ſeinen Zielpunkt nicht aus dem Auge. Hätte mau ihn näher betrachtet, ſo würde man geglaubt haben, daß dies allein ihn aufrecht halte. „Ich habe es doch wohl nicht vergeſſen,“ murmelte er zwiſchen den Zähnen, als er auf die Treppe kam.„O nein... die Chiffoniere... die Chiffoniere...“ Als er auf den Hof hinabkam, war es hereits dunkel. Er hatte noch nicht bemerkt, daß man oben die Kron⸗ leuchter angezündet hatte. Aber die Sonne war ſchon lange untergegangen und des Nordens lange Winternacht hatte begonnen. Gegen die Thüre gelehnt ſtrengte er ſein Auge an, um zu ſehen, ob Jemand ſich zeige. Aber er hörte blos das Gemurmel von Gäſten droben im Haus, und daß die Bedienung auf den Treppen hin und herſprang. „Die Chiffoniere,“ murmelte er wieder,„die Chiffo⸗ niere.“ Die friſche Luft that ihm gut. Es wurde klarer in ſeinem Kopf. Er ſah wenigſtens jetzt deutlicher als vor⸗ her, was er wollte. Die Chiffoniere enthielt ſeinen undſeines Vaters ganzen Reichthum, oder vielmehr das Mittel ſie deſſelben zu be⸗ rauben. Dieſer einzige Gedanke glänzte wie eine rothe Flamme unter den Wolken in ſeiner Seele. Es fiel ihm nicht einmal ein, zu überlegen, was er thun ſollte. Blos auf eine einzige Art konnte er ſeine Zukunft, ſein An⸗ ſehen, ſeinen bereits erträumten Einfluß, ſeine Hoffnung ſich über Andere zu ſtellen, retten, und er dachte jetzt an nichts Anderes mehr. Alle ſeine Leideuſchaften wurden von dem Brennſpiegel des Ranſches in einen einzigen Fokus zuſammengeführt, und dieſen bildete die Chiffo⸗ 266 niere. Der Rauſch hebt die Freiheit der Vernunft auf. Ein Betrunkener, ſagt Friedreich, iſt, wenn er auch nicht vollkommen ſeines Gedächtniſſes und ſeiner Beſinnung beraubt iſt, doch ein im Kopf kranker oder unfreier Menſch. Aller pſychiſchen Selbſtbeſtimmungskraſt beraubt, konnte Alfred nur mit einem Waſe ſnnigen verglichen werden. Der Reichthum war für i das einzige Mittel Andere zu überglänzen; die Armuth war Verachtung und Elend. Alles Andere wimmelte vor ſeinen Augen, nur dieſe Vorſtellung trat klar und deutlich aus dem Nebel hervor. Er ſtürzte dahin. Eine Viertelſtunde ſpäter ſah man ihn wieder im Salon. Niemand hatte ihn vermißt. 3 Sein Geſicht war bleich und ernſt. Er war voll⸗ kommen nüchtern. Iuſt als er mit dreiſter und gleichgiltiger Miene ſich nach dem Zimmer der Damen begeben wollte, trat der Geiſtliche der Gemeinde vor und verlas das Gebet, welches man gewöhnlich zu verleſen pflegt, bevor man ein Trauerhaus verläßt. Als der Prieſter ſeine Stimme erhob, fuhr Alfred zuſammen; aber er bedeckte ſein Geſicht mit dem Hut, gleich als wollte er ſchweigend ſein Gebet verrichten. Der Geiſtliche las: „Herr lehre uns bedenken, daß wir ſterben müſſen.“ „Vater unſer,“ u. ſ. w. b ——— S 267 Neunzehntes Kapitel. Geſpräch. Die Gegenobligationen in Jeſpersſons Chiffoniere. Am Tage nach Bruns Beerdigung war Jeſpersſon ſchon früh auf Wardnäs. Ernſter und düſterer als je ging er die Treppe hinan, gefolgt von Hermann, der mit nicht viel weniger düſterer Miene an ſeiner Seite einherſchritt. Jeſpersſon hatte erklärt, daß er die Gutsbeſitzerin zu ſprechen wünſche, und man hatte ihn erſucht, im großen Salon zu warten. Als er ſeine Hand an die Klinke legte, um dort einzutreten, hielt Hermann ihn an. „Herr Doctor,“ ſagte er,„Sie wiſſen, daß ich mit Ihnen zu ſprechen wünſchte?“ Jeſpersſon wandte ſich ſogleich zu ihm. „Unaufhörlich ſind neue Hinderniſſe dazwiſchen ge⸗ kommen,“ fuhr Hermann fort;„geſtern waren Sie von Baron Horner in Anſpruch genommen— und dann kam die Beerdigung. Heute ſind Sie verſchloſſen und unzu⸗ gänglich. Meine Worte prallen an Ihren Ohren ab.“ „Ich habe an andere Sachen zu denken, Hermann, an gar viele andere Dinge.“ 1 Hermann beachtete dieſe Antwort Jeſpersſons aum. „Ohne mir zu ſagen, wohin Sie gehen wollten, baben Sie mich hiehergeführt; und ich geſtehe, daß ich dieſen Ort nicht gerne beſuche. Sie ahnen, Herr Doctor, warum ich mit Ihnen zu ſprechen wünſche, und Sie ſuchen mir auszuweichen.“ 268 „Glauben Sie das?“ In dieſem Augenblick öffnete Jeſpersſon die Thüre und ſchob Hermann hinein. Hermann hatte Jeſpersſon niemals ſo wortkarg, ſo ungeduldig, ſo verſchloſſen geſehen: ohne Zweifel war etwas Niederträchtiges vorgegangen. Aber Hermann war ſelbſt von einem Gedanken in Anſpruch genommen, der ſeine Seele mit Brennſtoff füllte. Jeſpersſon blieb vor Hermann ſtehen und ſeine Hand fuhr langſam durch das graugeſprenkelte Haar, während er ſeinen Blick feſt auf ihn heftete. „Sprechen Sie,“ ſagte er,„was wollen Sie?“ „Meine Mutter, Herr Dockor,„hat mir anver⸗ traut.. Hermann hielt inne, gleich als erwarte er eine Antwort, aber Jeſpersſons Lippen blieben verſchloͤſſen. „Sie verſtehen mich doch, Herr Doctor?“ fubhr Hermann daher fort.„Was meine Mutter bisher ver⸗ ſchwiegen hat, davon hat ſie mir jetzt Mittheilung ge⸗ macht. Sie ſind es, Herr Doctor, der meinen Vater ge⸗ tödtet hat.“ Jeſpersſon kreuzte die Arme über ſeiner Bruſt, ant⸗ wortete aber nichts. „Sie ſind es, Herr Doctor, der meine Familie ihrer natürlichen Stütze, meine Mutter eines geliebten Gatten, mich und meine Schweſter eines zärtlichen und geachteten Vaters beraubt hat.“ „Hat Ihre Mutter Ihnen den Auftrag gegeben, mir das zu ſagen?“ bemerkte Jeſpersſon. „Nein, mein Herr, meine Mutter iſt eine zu zart⸗ fühlende und gute Frau, als daß ſie nicht alles Andere vergeſſen hätte, als ihren vieljährigen, ſtummen und tie⸗ fen Schmerz. „Was beabſichtigen Sie alſo mit Ihren Vorwürfen, Hermann? Fordern Sie etwas von mir?“ „Ich fordre eine vollſtändige Erklärung von Ihnen, ei th 269 Herr Doctor, um ſodann beſchließen zu können, was ich dem Andenken meines Vaters und meiner eigenen Ehre ſchuldig ſein dürfte. Sie ſehen gewiß ein, daß dieſer Platz zu einer Erklärung zwiſchen uns nicht paſſend iſt; aber da Sie mich einmal hieher geführt haben, ſo will ich Sie nicht verlaſſen, bevor Sie Zeit und Ort zu einer ſolchen feſtgeſetzt haben. Haben Sie die Güte und beſtimmen Sie, Herr Doctor.“ In Jeſpersſous Geſicht bewegte ſich keine Muskel. Mit gekreuzten Armen, ſtarr und unbeweglich wie eine Mumie, ſtand er vor Hermann. „Sie antworten nicht, Herr Doctor?“ „Ich werde Ihnen antworten.“ Aber Jeſpersſon verſtummte wieder und machte einen Gang durchs Zimmer. „Wenn die Vorſehung uns ſchwere Aufträge zukom⸗ men läßt, Hermann,“ ſprach er dann,„ſo ſieht man gerne einen Freund an ſeiner Seite. Früher war ich gewaltſam und keck, jetzt aber fühle ich, daß mein Muth zu weichen beginnet. Die Pflicht dürfte mich nöthigen, heute hart und unbeweglich zu ſein. Früher würde ich darüber gelacht haben, jetzt erſchrecke ich da⸗ vor. Verſtehen Sie mich, Hermann. Mein Beſuch hier hat etwas tief Aufregendes für mein Herz, und mein ſonſt ziemlich hartes Gemüth fühlt das Bedürfniß, Sie ſehr... ſehr nahe um mich zu beſitzen, im Fall ich meine ganze Pflicht ſoll erfüllen können.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Herr Doctor.“ „Sie werden mich bald geuug verſtehen.“ Jeſpersſon fuhr mit der Hand wieder über ſein Ge⸗ ſicht, aber ſeine Bewegung wirkte nicht auf Hermann. „Beſtimmen Sie Zeit und Platz, Herr Doctor!“ Jeſpersſon fuhr zuſammen, gleich als wäre er aus einem unbehaglichen Traum erwacht. „Sie lieben Fräulein Emma?“ ſagte er.„Sie thun es ja doch, Hermann?“ Das Blut ſott augenblicklich heftig in Hermanns Adern. Ihr Name war immer eine Flamme, die ſeine Pulſe klopfen, ſeine Wangen glühen machte. Aber ſeine Entſchloſſenheit wurde dadurch nicht erſchüttert. „Was wollen Sie damit ſagen?“ bemerkte er. „Inſofern Sie Emma lieben, Hermann, ſo wird Ihr Hochzeitstag immer ein wichtiger Tag für Sie ſein. Sind Sie zufrieden, wenn Sie dann meine Erklärung erhalten? Still, ich glaube, es kommt Je⸗ mand. Hören Sie Hermann... noch ein Wort... mein Beſuch hier gilt auch Ihnen... verlaſſen Sie mich nicht... verſprechen Sie mir das...“ Hermann konnte noch nicht antworten, als bereits die Thüre in den Salon geöffnet wurde, und der Be⸗ diente den Doctor erſuchte hereinzutreten. Er ging. Nicht blos Jeſpersſons ganze Art und Weiſe, ſon⸗ dern noch mehr die Worte, die er hingeworfen hatte, gaben Hermann ſehr viel zu denken. Jedermann hatte ſchon lauge in Jeſpersſon einen räthſelhaften und ſonderbaren Mann gefunden; aber es war das erſte Mal, daß Hermann in einer eigentlich ernſthaften Sache mit ihm zuſammengerieth, und er ent⸗ deckte ſogleich ſo viel Widerſprüche, daß ſein Chärakter ihm unbegreiflich erſchien. Aber Hermann meinte in der That, daß er nichts damit zu ſchafſen habe, und Jeſpersſon würde vermuth⸗ lich gleich einem Segler, deſſen Flagge man in der Ferne nicht recht unterſcheidet, gleichgiltig an ihm vorüberge⸗ glitten ſein, hätte er nicht beſondere Veranlaſſung ge⸗ habt ihn feſtzuhalten. „Alfreds Hochzeittag ſoll alſo auch ein Tag der Erklärung zwiſchen ihm und mir ſein,“ murmelte er, in⸗. dem er auf einen Stuhl niederſank.„Ich wünſchte, die Sache käme ſo bald als möglich zu einem Abſchluß.“ ———— l —, 2— 271 Das Geſpräch zwiſchen Frau Boijer und Jeſpers⸗ ſon hatte bereits ſehr lange gewährt, indem wir ins Zimmer treten. „Ich habe mich in Betreff Ihrer redlichen Geſin⸗ nung nicht getäuſcht,“ ſagte Jeſpersſon,„im Gegentheil drücken Sie dieſelbe auf eine ſo edle Art aus, daß es mich ſchmerzt, auf Gegenſtände unangenehmeren Inhalts überzugehen und gleichwohl juſt dabei Ihre ſo eben aus⸗ geſprochenen Anſichten in Anſpruch nehmen zu müſſen.“ „Ich kann nicht vermuthen,“ antwortete Frau Boijer,„daß ich die Bedenken, die ich geäußert habe, bereuen oder verändern werde. Fahren Sie gütigſt fort, Herr Doctor.“ Frau Boijer hatte in einer Cauſeuſe Platz genom⸗ men. Schönheit und Stolz wetteiferten mit einander um den Vorrang in ihrer äußern Erſcheinung, aber die Toilette wußte bei ihr immer beide zu einem anmuths⸗ vollen Ganzen zu vereinigen. Jeſpersſon ſetzte ſich ans Kamin. „Madame,“ ſagte er,„Sie ſind ja doch eine glück⸗ liche Gattin?“ Die geheimnißvolle Art, wie Jeſpersſon aufgetre⸗ ten war, hatte Frau Boijers Neugierde, ja ſogar ihr Intereſſe geweckt, und ſie hätte alles Andere eher er⸗ wartet, als eine Frage, die ihr blos lächerlich vorkam. Sie vermochte auch das Lächeln nicht zu verhalten, das unwillkürlich über ihre Lippen glitt. „Ach ja,“ ſagte ſie.„Boijer iſt ein thätiger und rechtſchaffener Mann, und ich habe alle Urſache zufrie⸗ den zn ſein. Sie finden doch wohl nichts Wunderliches arin 2“ Frau Boijer ſprach ſich auf eine ſo natürliche Art aus, daß Jeſpersſon ſich ſehr von ihr angezogen fühlte; unbr iſchen veränderte das den Gang ſeiner Gedanken icht. „Sie ſind auch Mutter,“ fügte er hinzu,„und Ihr 272 Sohn macht Ihnen natürlich viel Freude. Es iſt eines Sohnes erſte Pflicht, ſich die Zufriedenheit ſeiner Eltern zu erwerben.“ Jetzt verſchwand das Lächeln auf Amaliens Lippen, und ſie fand ſogar die erſte Frage nicht mehr ſo lächer⸗ lich, weil ſie ahnte, daß Jeſpersſon dieſelbe nur gleich⸗ ſam als Uebergangsbrücke zu einem Geſpräch über Al⸗ fred benützt hatte. „Alfred... ach ja...“ ſtammelte ſie. „Alfred! ja! Er iſt ein junger Mann, Doctor.. noch ſehr jung...“ Sie fürchtete, Jeſpersſon habe von ſeiner Neigung zu ſtarken Getränken erfahren, und ſie wußte nicht, in wie weit ſie ihn als Feind oder als Freund betrachten ollte. 1 Seit dem unglücklichen Todesfall des königlichen Sekretärs Brun hatte ſich Amalie mehr als je über die Schwachheit ihres Sohnes entſetzt. Jeſpersſon begriff die ganze Tiefe ihrer Unruhe voll⸗ kommen, und er war ſchon jetzt unſchlüſſig in Betreff der Art und Weiſe, wie er zu ſeinem Ziel gelangen ſollte. Sein Schweigen erhöhte Amaliens Angſt noch mehr. „Täuſche ich mich nicht, Doctor, begann fie wieder, ſo haben Sie mir etwas von Alfred zu ſagen. Sie ſchweigen. Ach Doctor... ich bitte Sie... ſagen Sie mir Alles, was Sie auf dem Herzen haben. Hat Alfred irgend einen dummen Streich gemacht? Mein Gott, Sie begreifen, daß ich ihn liebe. Aber er iſt ſchwach, er hat ſeine Fehler, und viele von ihnen muß ich ver⸗ antworten, weil ich ihm vielleicht als Knaben ſeinen eigenen Willen zu ſehr ließ. Was iſt es, Doctor?“ Je ſtärker die Mutterliebe bei Amalie hervortrat, um ſo unangenehmer wurde es für Jeſpersſon, in der Sache weiter zu geben. Was ſollte er thun? dnͤ— E— — 273 „Ihr Sohn hat einen großen Fehler, Madame,“ ſagte er;„er trinkt, er betrinkt ſich, er ſchuapst.“ Frau Boijer richtete ſich auf und näherte ſich dem Doctor. „Sie wiſſen es,“ ſagte ſie.„Ach ja, unglücklicher Weiſe hat er dieſe Schwachheit.“ „Das iſt nicht blos eine Schwachheit, Madame, es iſt ein Laſter.“ Jeſpersſon hielt ſich feſt an den Gegenſtand, mit welchem er ſelbſt hervorgerückt war. Er hoffte durch eine ſchnelle Wendung näher zu dem eigentlichen Zweck ſeines Beſuchs übergehen zu können. „Ja, Doctor, ja,“ ſagte Frau Boijer.„Es iſt ein Laſter... ich geſtehe es... es iſt ein Laſter da⸗ rum, weil es das Edle im Charakter, das Gute im Herzen, und das Reine in der Seele tödtet. Man ſagt, Sie haben Hoffnung gehabt, den königlichen Sekretär Brun heilen zu können, im Fall er nur Ihre Vorſchriften ſtreng befolgt hätte. Ach, Doctor, könnten Sie...“ „Auch Ihren Sohn heilen?“ „Ich wollte das ſagen... könnten Sie..“ „Brun war ein guter Menſch, Madame, aber ſchwach und einem leidenſchaftlichen Haug verfallen: ſolche Menſchen kann man noch heilen; aber Ihr Sohn...“ Amalie wechſelte die Farbe. „Mein Sohn, ſagen Sie...“ „Trotz ſeiner Jugend iſt er bereits berechnend, kalt und egoiſtiſch. Wenn man ſo früh reif wird, wie er, ſo iſt man bereits böſe in ſeinem Herzen und bleibt auch in demſelben Grad unheilbar. Ich traue mir nicht zu, anf ſein Gemüth einwirken zu können.“ Amalie hörte ihn mit ängſtlicher Unruhe an. Un⸗ glücklicher Weiſe wußte ſie, daß er nicht Unrecht hatte; ſie nahm die Sache negativ— weil ſie es noch nicht als poſitiven Satz auerkennen und nicht zugeben wollte, daß er wirklich Recht habe. Ridderſtad, Vater und Sohn. II. 18 274 „Aber Alfred iſt noch ſehr jung,“ bemerkte ſie. „Um ſo ſchlimmer, Madame, um ſo ſchlimmer.“ „Sie glauben alſo nicht...“ „Ich glaube eigentlich Nichts, gar Nichts... ſehen Sie, Madame...“ Es war Jeſpersſon, als ſei er in ein Labyrinth ge⸗ rathen, ohne irgend einen Ariadnefaden in ſeiner Hand zu beſitzen. Statt ſich an Boijer oder Alfred zu wenden, die er beide im höchſten Grade verachtete, hatte er um ein Ge⸗ ſpräch mit Frau Boijer nachgeſucht, weil er überzeugt war, daß ſie die einzige edle Perſon in der ganzen Fa⸗ milie ſei; aber ſtatt blos eine kluge und vernünftige Dame zu treffen, hatte er gegen alle ſeine Berechnung eine Mutter, eine zärtliche leidende, theilnehmende Mutter Peinofſen. deren Herz zu zermalmen er nicht den Muth beſaß. „Sehen Sie, Madame...“ Jeſpersſon wußte kaum wie er fortfahren ſollte, weil er immer mehr davor erſchrak durch beſtimmte und deut⸗ liche Worte dem weichen und warmen Frauenherzen, das er vor ſich hatte, den Todesſtoß zu verſetzen. „Ich wollte ſagen,“ bemerkte er,„d. h. ich will Ihnen anheim ſtellen... Sie verſtehen mich doch, Ma⸗ dame?“ „Nein, Herr Doctor, nein.“ Jeſpersſon wurde durch den offenen und aufrichtigen Bis. den Frau Boijer auf ihn heftete, noch mehr ver⸗ wirrt. „Sie ſind ſelbſt Frauenzimmer, Madame,“ ſagte er. „Nun ii⸗ Herr Koſor 2 „Sie wiſſen, daß Ihr Sohn ein Wüſtling iſt.“ „Mein Gott, ja“ 3 ſung iſ „Es kann Ihnen nicht unbekannt ſein, wie unglücklich Brun ſeine Frau machte?“ „Leider, Herr Doctor, weiß ich es...“ 275⁵ „Und gleichwohl, Madame, haben Sie die Verbin⸗ dung zwiſchen Ihrem Sohn und Fräulein Emma nicht verhindert. Sie ſind dafür thätig geweſen. Haben Sie recht gehandelt, Madame?“ Jeſpersſon ſuchte ſeinen Muth zu ſtählen um gerade auf die Sache loszugehen. Frau Boijer antwortete nichts. Sie ſah blos fortwährend dem Doctor ins Geſicht, als lt ſie ſich überzengen, ob ſie ihn recht verſtehe oder nicht. „Sie ſind dabei, Madame, wenn ein entſetzlicher Be⸗ trug... „Ich... ich...“ 6 „Ihr Sohn wird Fräulein Emma ebenſo unglücklich machen, als Brun ſeine Frau machte, und Sie helfen ja doch dazu. Als Frau ſollten Sie das Recht Ihres Ge⸗ ſchlechtes wahren und nicht dazu mitwirken, daß ein un⸗ erfahrenes und liebenswürdiges junges Mädchen in tiefes Verderben geſtürzt wird. Sie ſtehen in dieſer Sache nicht rein da, Madame. Ihr Herz hat gefehlt, Ihr Charakter zeigt ſich egoiſtiſch. Sie ſind Mutter, wollen Sie ſagen, und Sie glauben, daß die Mutterliebe Sie berechtige alle Mittel zur Rettung Ihres Sohnes aufzu⸗ bieten; aber ſelbſt dieſe Hoffnung iſt blos eine neue Schwachheit, welche Sie zu einer neuen Erfahrung füh⸗ ren wird, nämlich daß Nichts Ihren Sohn retten kann. Wie werden Sie wohl Ihr Gewiſſen beruhigen wollen, wenn er einmal ſeine Frau vollkommen unglücklich gemacht haben wird? Das Werk iſt ja von Ihnen eingeleitet und er braucht es blos zu vollenden.“ „Sie erſchrecken mich, Herr Doctor; aber ich habe geglaubt, daß die Liebe...“ „Die Liebe iſt bei Ihrem Sohne nichts anderes als eine Leidenſchaft, ein Rauſch, welcher kommt und geht, und wenn dieſer irgend etwas hinterläßt, ſo iſt es nichts als Eckel. Die Trunkſucht, Madame...“ 276 Jeſpersſon hatte ſich dieſes ſtärkern Ausdrucks vor⸗ her noch nicht bedient. „Die Trunkſucht?“ wiederholte Amalie,„ach, um Gotteswillen, mein Herr...“ „Ich will Ihnen einige Beiſpiele geben, Madame, um Ihnen zu zeigen, wie weit ſie führen kann.“ „Haben Sie die Güte und ſprechen Sie, Herr Doctor.“ Amalie war neugierig zu hören, obſchon ſie ſich vor dem, was ſie hören ſollte, entſetzte. Jeſpersſon bemerkte dieſen Umſtand und beſchloß da⸗ raus Nutzen zu ziehen. „Sie erinnern ſich des Einbruchdiebſtahls bei Hor⸗ ners, der vor einiger Zeit durch Carl Auguſts Entſchloſ⸗ ſenheit abgewehrt worden iſt?“ 1 ja, das war ſchrecklich... ich entſinne mi 74 nachher... wurde die Poſtberaubung auf der Landſtraße vorgenommen...“— „In derſelben Nacht... ungefähr eine Stunde „Sie haben Recht, es war wirklich ſo... ach es iſt ſchrecklich.“ „Sie haben vielleicht noch gar nicht darüber nach⸗ gedacht, daß der Diebſtahl auf der Straße juſt zwiſchen 4 hier und Edsbro begangen worden iſt... „Daran habe ich nie gedacht; aber was meinen Sie damit?“ „O juſt Nichts, ich wollte Sie blos erinnern, daß die Sache ſich wirklich ſo verhält...“ „Nun... 2 Durch die vielen ſonderbaren, unvollſtändigen An⸗ deutungen wurde inzwiſchen Fran Boijer immer mehr erſchreckt. Sie begriff ſehr gut, daß Jeſpersſon etwas Wichtiges zu ſagen hatte und daß er ſich nur hin und her wand und drehte, entweder aus Furcht ihr auf ein⸗ mal Alles ſagen zu müſſen, oder auch in der Abſicht ſie -6—,—,—— 1⸗ 277 zuerſt auszuforſchen und hernach auf ſeinen Raub loszu⸗ fahren. Da ſie nicht wußte, was ſie glauben ſollte, ſo ſtieg ihre Unruhe vor jeder neuen Wendung, die er in ſeiner Vorſtellung machte. Jeden Angenblick erwartete ſie die Spitze des Pfeiles zu ſehen, den er gegen ſie richtete, und ihr nachdenklicher Blick ſuchte unaufhörlich zum Voraus zu erforſchen, was er wollte. Als daher Jeſpersſon jetzt einen Blick auf ſie warf, bemerkte er ſogleich, was in ihrem Innern vorging, und verſtummte wieder. Jeſpersſon war dem Gang der Ereigniſſe allzugenau gefolgt, um nicht Alfred mit Recht zu beargwöhnen. Wir haben auch ſchon bei mehreren Gelegenheiten gehört, daß er dieß andeutete. Einen Beweis beſaß er indeß nicht, und da er jetzt die fieberhafte Unruhe ſah, welche Frau Boijer durch⸗ zuckte, ſo hätte er es für eine Grauſamkeit gehalten irgend eine Andeutung zu machen, die möglicherweiſe verletzend ſein konnte. Er antwortete alſo nicht ſogleich auf ihre Frage. Aber ſein Schweigen wirkte noch beängſtigender und peinigender auf Frau Boijer. „Sie ſchweigen,“ bemerkte ſie;„ums Himmelswillen, warum ſchweigen Sie?“ Jeſpersſon faßte ſich ſchnell. „Ich wollte Ihnen ja einige Beiſpiele von den Fol⸗ gen der Völlerei zum Beſten geben,“ antwortete er,„und ich wage mein Leben daran, daß diejenigen, die Alles das thaten, betrunken waren.“ Frau Boijers Geſicht erheiterte ſich wieder. Jeſpersſon war inzwiſchen auf ein Thema gekommen, das er fortſetzen zu müſſen glaubte. Er nahm es alſo wieder auf. „Geſtern Abend,“ ſagte er,„geſchah etwas, wovon ich auch ſogleich erzählen will.“ „Spielen Sie auf Bruns Beerdigung an?“ „Nein, Madame, auf den Diebſtahl.“ „Wie ſo? Den Diebſtahl? Iſt ein neuer begangen worden?“ „Ja gewiß, Madame.“ „Wo, wann?“ „Sie ſollen hören. Eh wir uns auf den Kirchhof begaben, hatte ich eine Unterredung mit Ihrem Gemahl. Hat er Ihnen Nichts davon geſagt?“ „Nicht ein einziges Wort.“ „Thun Sie daſſelbe, Madame. Inzwiſchen hatte ich, wie geſagt, eine Unterreduung mit ihm in Folge höchſt wichtiger Dokumente... verſtehen Sie, Madame... 2“ „Vollkommen.“ „Während des Geſprächs berief ich mich auf dieſe, und war unvorſichtig genug den Platz zu bezeichuen, wo ich ſie aufbewahrt hatte.“ „Weiter, mein Herr, weiter... „Die Prozeſſion begab ſich an das Grab... ich ahnte nichts Böſes... aber als ich nach Hauſe kam und die Dokumente holen wollte, fand ich die Chiffoniere zerſchlagen und die Papiere verſchwunden.“ „Das iſt wahrhaft entſetzlich. Sie haben keinen Argwohn?“ „Haben Sie davon erzählen hören, Madame, daß ich in einem meiner Zimmer einen kranken Mann liegen habe 2 „Das iſt mir unbekannt. Glauben Sie, daß er.. „Einen Augenblick bevor die Proceſſion ſich nach der Kirche begab... es war ungefähr juſt um dieſelbe Zeit, wo ich mit Ihrem Mann ſprach... hörte der Kranke ein Getöſe im Zimmer vor ſich... er lauſchte ... das Getöſe kam ihm ſo unbekannt, ſo fremd vor .. er hörte Fußtritte und eine Hand, die an den Wän⸗ den hintappte... endlich hörte er, wie die Thüre in mein Zimmer geöffnet wurde, und bald darauf vernahm 4 ——,——ꝛ, NASA—ͤ— ₰ —, u 279 er einige heftige Schläge. Ich muß erwähnen, daß der Mann ganz beſonders feine Ohren hat, wenn es ſich um einen Diebſtahl handelt; er war nämlich... aber das gehört nicht hieher. Geuug das Getöſe überzeugt ihn, daß ein Einbruch begangen worden, weßhalb er ſogleich aufſtand, die Thüre öffnete, ſich leiſe in mein Zimmer ſchlich, und darin einen jungen Menſchen entdeckte, der ſich juſt in dieſem Augenblick der Papiere bemächtigte, von denen ich mit Ihrem Mann geſprochen hatte.“ „Ein junger Menſch, ſagen Sie, mein Herr? Kannte er ihn nicht?“ „Unglücklicher Weiſe ſah er ihn nicht im Geſicht, Madame, ſondern blos vom Rücken.“ „Wie ſo?“ „Sie ſollen hören, wie die Sache zu Ende ging. Der Thüre gegenüber habe ich einen Spiegel.“ „Einen Spiegel...“ . Als der Kranke an die Thüre trat, zeigte ſich na⸗ türlich ſein Bild im Spiegel.“ „Ich verſtehe.“ „Und auf die Art, wie der Dieb ſaß, hatte er ver⸗ muthlich ſogleich den eintretenden Mann an der Thüre geſehen.“ „Nun ja!“ „Denn in demſelben Augenblick, wo dieſer voraneilen wollte, um die Akten zurückzuhalten, deren Werth und Inhalt er kannte, blies der Dieb das Licht aus.“ „Mein Gott, es blies es aus?“ „Aber nicht genug damit. In dieſem Augenblick ſprang er auch auf den Kranken zu und ergriff ihn beim Kragen. Der Kampf war natürlich ſehr kurz. Die Kräfte des Kranken waren bald erſchöpft, und der Dieb entfloh über ſeinen Körper weg.“ „Mit den Papieren?“ „Mit den Papieren, Madame.“ „Und Sie wiſſen nicht wer es war?“ „Ich habe meine Vermuthung.“ „Das iſt ſchon viel. Jedenfalls ſagen Sie mir...“ Jeſpersſon fühlte in dieſem Augenblick eine ganz beſondere Reizbarkeit in ſeinem Gemüth. „Bedenken Sie, Madame,“ antwortete er,„daß wenn es derſelbe Dieb wäre, den Carl Auguſt im Corridor zu Edsbro fand?“ „Wirklich?“ „Bedenken Sie, wens es derſelbe wäre, der die Poſt überfiel?“ „Das wäre ſchrecklich, ſollte eine und dieſelbe Perſon ſo viele Gräßlichkeiten begehen können?“ „Wenn man eine begangen hat, Madame, ſo kann man ihrer noch eine Menge begehen. Blos das erſte Mal warnt uns das Geyiſſen recht laut vor einem Ver⸗ brechen, nachher wird es immer ſchweigſamer und zuletzt verſtummt es gänzlich.. „Sie vermuthen alſo wirklich, daß einer und derſelbe all dieſe Verbrechen verübt habe?“ „Ich will es nicht behaupten, Madame, aber von einer Sache bin ich überzeugt, nämlich daß die Thä⸗ ter... „Daß ſie...“ 3 „Daß ſie betrunken, gänzlich betrunken waren.“ „Ach, Herr Doctor, glauben Sie... „Daß die Völlerei zum Verbrechen führt... das iſt unzweifelhaft, MNadame. Ihr Sohn befindet ſich auf einem gefährlichen Wege.“ „Ich werde Gott für ihn anflehen. Aber was wollte ich doch ſagen? Sie ſcheinen ja annehmen zu wollen, daß der Dieb Ihrer Papiere einer der Gäſte geweſen ſei?“ Ihre Liebe für Alfred machte es Frau Boijer un⸗ möglich irgend ein gröberes Verbrechen von ſeiner Seite anzunehmen; aber nichts deſto weniger fühlte ſie ſich un⸗ ſicher und unruhig. „Davon bin ich auch feſt überzeugt, Madame; und 281 8 ich weiß blos einen Einzigen, der geſtern Abend betrun⸗ ken war.“ „Blos einen Einzigen?“ Es pochte gewaltig im Muthenzen. „Unvorſichtig genug nannte ih Ihrem Manne den Platz, wo ich meine Papiere bewahrte, ſo laut, daß we⸗ nigſtens Diejenigen, die zunächſt an der Thüre ſaßen, es hören konnten.“ „Und wer ſaß dort.. 2“ Jeſpersſon warf einen Blick in ihr Geſicht. Es ſchien ſo ruhig zu ſein, und dennoch arbeitete die Un⸗ ruhe tief im Auge. Sollte er den zermalmenden Blitz in ihr Herz hin⸗ abſchlendern? Statt der Antwort begnügte er ſich mit einem Ach⸗ ſelzucken. Aber auch Frau Boijer ſchien einigen Muth zu ſchöpfen, weil er nicht ſogleich antwortete. „Sie ſagten ja, die Papiere ſeien höchſt wichtig?“ bemerkte ſie. „Allerdings, Madame.“ „Dem Baron Horner iſt es gewiß ſehr nahe ge⸗ gangen, als er den Diebſtahl erfuhr? Und ſeine Fa⸗ milie?“ „Es gibt Sachen, Madame, von denen man nicht gerne ſpricht. Ich wollte auch um meiner eigenen Sache willen Niemand Kummer machen.“ „Alſo kennt Niemand dieß Ereigniß?“ „Niemand außer Ihnen und mir.“ „Aber dann begreife ich nicht, Herr Doctor, warum Sie Auf dieſe Art mich allein zu Ihrer Vertrauten ma⸗ hen?“ d„Wir kamen ja auf Ihren Sohn zu ſprechen, Ma⸗ ame.“ „Es iſt wahr, wir ſprachen von meinem Sohn. Wir thaten es wirklich.“ „Und ich wollte Ihnen zeigen, wohin die Völlerei allmählig führen kann.“ Frau Boijer, die ſich wieder beruhigt hatte, fühlte ſich dagegen jetzt beinahe verletzt dadurch, daß Jeſpers⸗ ſon alle dieſe Verbrechen unaufhörlich auf Alfred bezog, und ſie nahm eine rückhaltendere Stellung in ihrer Cau⸗ ſeuſe ein. „Aber, Herr Doctor,“ bemerkte ſie,„welchen Vor⸗ theil konnte wohl Jemand davon haben, Ihre Papiere ſich anzueignen? Vermuthlich beſtanden ſie hauptſächlich und ausſchließlich aus wiſſenſchaftlichen Aufzeichnungen?“ „Ach ja, Madame, eine einzige Perſon konnte einen Vortheil davon haben.“ „In dieſem Fall müſſen Sie wohl auch wiſſen, wer dieſe Perſon iſt?“ „Ich habe ja geſagt, daß ich Argwohn habe auf...“ „Aber, Herr Doctor, ich meine, daß Sie Unrecht thun irgend Jemand zu beargwöhnen, wenn Sie keinen beſtimmten Grund oder Beweis dafür haben. Ich kenne nichts ſo Ungerechtes als den Argwohn. Ihm gegenüber gibt es keine Vertheidigung für den Unſchuldigen, und der Beargwöhnende ſelbſt findet keine Ruhe. Welch ein entſetzliches Unrecht begehen Sie nicht, im Fall Sie Je⸗ mand beargwöhnen ſollten, der nicht ſchuldig wäre?“ „Das kann möglich ſein, aber ich habe meine wich⸗ tigen Gründe. Wenn man einige gegebene Haltpunkte hat, kann man von ſelbſt durch die einfache Regel de Tri den Werth eines unbekannten Punkts herausfinden. Hat Ihr Mann Ihnen wohl erzählt, wie Wardnäs ſeinem Vater zugefallen iſt?“ Frau Boijer runzelte die Augbrauen und blickte haſtig auf. Es war ja wieder ein neuer Gegenſtand, auf welchen Jeſpersſon zu ſprechen kam. „Niemals,“ antwortete ſie inzwiſchen;„aber ich habe erzählen hören, er habe das Gut von Baron Horners Vater gekauft.“ 283 „Ganz richtig, das iſt die allgemeine Meinung, Ma⸗ dame, aber..“ Jeſpersſon dachte, es ſei Schade um dieſe Frau, bei der er ebenſoviel Herz als Verſtand entdeckte, beide zu einem ausgezeichneten Ganzen vereinigt in der Glorie einer freien und ſtolzen Seele. Noch war er nicht mit ſich einig, wie er das Fall⸗ 4 brett, auf welchem ſie ſtand, wegziehen und ihr den Ab⸗ grund zu ihren Füßen zeigen ſollte. „Die allgemeine Meinung?“ wiederholte ſie.„Sie ſprechen in Räthſeln, Herr Doctor. Ich verſtehe Sie wirklich nicht.“ „Sehen Sie, Madame, ich habe Veranlaſſung zu vermuthen, daß... daß... daß das Gut eigentlich niemals verkauft wurde...“ „Wie? Das wollte ja auch heißen, als ſei es nie⸗ mals gekauft worden?...“ „Ganz richtig, Madame.“ „Aber, um'’s Himmels wiſlen, wie ſollte es denn in Boijers Hände gefallen ſein?“ „Sehen Sie, Madame, gerade darüber ertheilten die mir jetzt entriſſenen Papiere einige Aufklärung.“ Frau Boijer ſtierte ihn verwundert an. Ohne ei⸗ gentlich etwas Beſtimmtes geſagt zu haben, hatte Jeſ⸗ persſon inzwiſchen Alles angedeutet. Mit forſchender Aufmerkſamkeit betrachtete er ſie um zu ſehen, welche Wirkung ſeine Worte hervorbrachten. Frau Boijer be⸗ wegte ſich nicht vom Fleck. Sie heftete blos ihre großen klaren Augen auf ihn, und dieſe ſchimmerten mit einem ſo ſeltſamen und wunderbaren Glanz. Ihre Lippen be⸗ gannen ſich zu bewegen, gleich als wollte eine Frage über ſie gehen, aber die Worte erſtarben gleichwohl. Weit entfernt vernichtet zu ſein, ſchien ſie vielmehr blos auf das zu lauſchen, was ſie gehört, und bei ſich ſelbſt zu überlegen, ob ſie recht höre oder nicht. Bei Jeſpers⸗ ſous letzter Antwort hatte ſie mit den Händen eine Be⸗ 284 wegung der Ueberraſchung gemacht, und die Hände be⸗ hielten noch die Stellung, worein ſie damals gebracht wurden. Sie meinte nämlich auf einmal in eine zweite Juno verwandelt zu ſein, marmorblaß von dem Jupiter⸗ blitz, der noch in dieſem Augenblick an ihr vorbeiflog. Jeſpersſon hatte jedoch zu viel ſchöne Weiber, Schön⸗ heiten unter allen Zonen und von allen Farben geſehen, um ſich davon feſſeln zu laſſen. Für ihn war ein reines und warmes Herz jetzt von höherem Intereſſe, und er verſtand ſowohl was in Frau Boijers Bruſt vorging. Sie hatte eine entfernte Anklage gegen ihren Mann und auch gegen ihren Sohn gehört, und ihr Herz war dabei lauſchend ſtill geſtanden, ſtill geſtanden in ihrem ganzen Weſen, in jedem Theil ihres Weſens. Dieſe ſtillſtehende Ueberraſchung des Herzeus war es auch, die ſich in ihren ſtarrenden Augen, ihrem ruhenden Blick⸗ ihren bleichen Zügen wiederſpiegelte.. Jeſpersſon näherte ſich ihr, weil er fürchtete, dieſer Zuſtand könnte einen gewaltſamen Ausbruch zur Folge haben. Ohne Widerſtand ergriff er ihre Hand, und ſie ſchien nicht einmal zu bemerken, daß er es that. Er unterſuchte den Puls, der ſich kaum bewegte. Während er noch die Hand hielt, fühlte er jedoch, wie der Puls ſich veränderte und auf einmal eine ungewöhnliche Haſtig⸗ keit und Lebhaftigkeit bekam, und im nächſten Augenblick erhob ſie ſich mit einer heftigen Bewegung und wandte ſich mit dem ganzen feurigen Stolz ihres Charakters gegen Jeſersſone „Dieſe Papiere,“ ſprach ſie,„die geſtern Abend Ih⸗ nen geſtohlen wurden, enthielten alſo Aufſchlüſſe über Wardnäs und über die rechtswidrige Art, wie dieſes Gut der Boije rſchen Familie zugefallen ſein ſoll?“ „Ja, Madame“ „Natürlich meinen Sie daher auch, daß die Papiere für Niemand anders als für meinen Mann oder meinen Sohn Wichtigkeit beſitzen konnten?“ 28⁵ „Ganz richtig, Madame, ganz richtig.“ Jeſpersſon hatte eine gewaltſame Kriſis erwartet; aber es traf etwas ganz Anderes ein. Nachdem die erſte Ueberraſchung verſchwunden war, kam ihr die Auklage ſo übertrieben vor, daß ſie dieſelbe nur noch mit Verdruß und Schmerz betrachtete. Ihr Geſicht drückte einen ſo ſtarken Unwillen aus, daß man ſich über ihre Denkart nicht täuſchen konnte. „Sie haben,“ fuhr ſie fort,„den Papierdiebſtahl mit der Poſtberaubung zuſammengeſtellt... und Gott weiß was noch mehr...“ Ihr verletztes Gefühl ſpiegelte ſich dabei in einem Ausdruck des Stolzes wieder. Jeſpersſon antwortete nicht. Er ſah ſogleich ein, daß er allen Einfluß auf ſie verloren hatte. „Herr Doctor,“ ſagte ſie,„unläugbar ſind Sie ſehr raſch in Ihrem Argwohn; aber ich bin es nicht, die Ih⸗ nen zu antworten hat, ſondern mein Mann.“ Frau Boijer begab ſich nach der Thüre, um ihren Mann zu rufen. „Noch ein Wort, Madame,“ bat Jeſpersſon. „Laſſen Sie hören, mein Herr.“ Nachdem er die Sache bei Frau Boijer vorbereitet hatte, freute er ſich mit ihrem Manne zuſammen zu treffen. Als er ſeinen Gegenſtand überblickte, fiel ihm jedoch etwas ein. „Ihr edler Charakter,“ ſagte er daher jetzt,„verbietet Zbnen ſicherlich etwas Anderes zu wollen, als was Recht iſt?“ „Darin täuſchen Sie ſich nicht. Ich wollte lieber betteln gehen, mein Herr, als die Vortheile eines Reich⸗ thumes genießen, der mir nicht auf eine ehrliche Art zu⸗ gefallen.“ „Ich glaubte dieß zu wiſſen, und deßhalb wandte ich mich vorzugsweiſe an Sie. Um eine klare Ermittlung 286 der Frage zu erhalten, muß ich Sie daher auch um etwas bitten.“. „Sprechen Sie, Herr Doctor.“ „Sollten Sie Ihren Mann auf eine Probe ſtellen wollen?“ „Was meinen Sie?“ „Wenn Sie wirklich das Rechte wollen, Madame, ſo laſſen Sie uns mit ihm ſprechen, ohne zu erwähnen, daß die Dokumente geſtohlen worden ſind.“ Frau Boijer lächelte. „Herr Doctor, ich bin nicht gewohnt meinem Mann irgend eine Falle zu legen; aber gleichviel, dieſe Probe kann für ſeine Rechtſchaffenheit nicht gefährlich ſein, und ich gehe ſie ein.“ Ihre Nachgiebigkeit war indeß von bedeutender Wich⸗ tigkeit. Dem Doctor hatte ſein Herz geboten die Frage bei ihr auf eine ſchonende Art einzuleiten; aber nachdem dieß geſchehen war, und er obendrein dabei nichts ge⸗ wonnen, ſondern vielmehr nur verloren hatte, gedachte er alle Mittel anzuwenden, um Boijer zum Aeußerſten zu bringen. Frau Boijer ſollte ihm dabei als eine wichtige Schachfigur oder als ein lebendiges Gewiſſen dienen. Hermann war lange Zeit im Salon auf und abge⸗ gangen, und wenn Jeſpersſon auch einen Augenblick ſeine Gedanken beſchäftigte, ſo gingen ſie doch bald auf einen andern Gegenſtand über.. Die Welt iſt voll von Uebertreibungen. Man mag ſie verkennen, ſo ſehr man will, ſo ſtößt man doch von allen Seiten auf ſolche. Jede Leidenſchaft iſt eine Ueber⸗ treibung— ſie wäre ſonſt nicht Leidenſchaft. Gegen die — α ZN—— 287 Uebertreibung hat das Edle, das Gute, das moraliſch Rechte in uns unaufhörlich zu ſtreiten. Selbſt der ruhigſte Verſtand ſinnt ſehr häufig nur über eine Uebertreibung nach. Aber nicht blos in unſerer Bruſt kämpfen die Uebertreibungen um uns, ſondern auch in der Geſellſchaft, im kirchlichen ſowohl, als im politiſchen Leben. Die Menſchheit iſt ein betrunkener Reiter, ſagte Luther, der immer entweder auf die eine oder auf die andere Seite des Pferdes taumelt. Hermann beſaß das unſchätzbare Glück ſich im All⸗ gemeinen beherrſchen zu können, und den Uebertreibungen zerfleiſchender Leidenſchaften nicht zu unterliegen. Viel⸗ leicht hatten juſt die Gefahren, denen er als Seemann ſchon in früher Zeit ausgeſetzt geweſen, ſeiner Seele die Harmonie eingegoſſen, welche das Herz ſo glücklich, den Verſtand ſo klar, das Gemüth ſo ruhig macht. Aber auch die Liebe war in ſeine Bruſt hinabge⸗ ſtiegen, und er war nicht mehr ſo ruhig. Obſchon er oft auf einem Verdeck geſtanden, unter welchem die Wogen des Weltmeers auf und ab gerollt, hatte er niemals ſo unſicher zu ſtehen geglaubt wie jetzt. Auch war er jetzt nicht mehr ſo einig mit ſich ſelbſt wie vorher. Er liebte ein Mädchen, das bereits einem Andern gehörte; das war Kummer genug. Hingeriſſen von ſeiner Neigung hatte er dieſe Ver⸗ bindung vergeſſen, hatte die Theure in ſeine Arme ge⸗ drückt und Verſprechungen der Liebe mit ihr ausgetauſcht. Sogar in dem Augenblick, wo ſie ihn bat ſie los⸗ zulaſſen, hatte er ſie gleichwohl in ſeinen Armen feſtge⸗ halten. Das war Uebertreibung genug. Hermanns Gefühle waren mit andern in Widerſtreit gerathen und die freundliche Ruhe floh ſeine Seele. Während dieſe Gedanken. ihm noch vorſchwebten, trat der Gutsbeſitzer Boijer ein. 288 Beim Anblick Hermanns blieb er verwundert ſtehen; dann aber näherte er ſich ihm dennoch und be⸗ gann ihn zu betrachten. „Sie ſind doch Hermann Hjelm?“ ſagte er. Hermann verbeugte ſich. „Meiner Treu,“ fuhr Boijer fort,„diejenigen haben Recht, die Sie ſo ſehr rühmen. Ich ſehe⸗Alaß Sie wirk⸗ lich ein ſehr tüchtiger junger Mann ſind. Aber was wol⸗ len Sie hier, wenn ich fragen darf?“ „Ich habe Doctor Jeſpersſon hieher begleitet.“ „Doctor Jeſpersſon?“ Boijers Blick, der bisher mit einiger Lebendigkeit geſtrahlt hatte, wurde wieder ausdruckslos und matt. „Wo iſt der Doctor?“ fragte er mit unruhiger Heftigkeit.„Wollen Sie mir ſagen wo er iſt?“ „Der Doctor, Herr Boijer, iſt da drinnen im Zim⸗ mer. Er hat um eine Unterredung mit Ihrer Frau ge⸗ beten.“ 3 „Mit meiner Frau...“ murmelte Boijer... „mit meiner Frau...“ Wie von einem Wirbelwind hingeriſſen, begann er eine Wanderung im Salon hin und her, und ſchien da⸗ mit nicht aufhören zu wollen. Als Frau Boijer endlich herauskam und ihn zu ſich winkte, währte ſein Spaziergang noch fort. Mechauiſch folgte er ihr in den Salon. Jeſpersſon, der jetzt ſah, daß er es mit einem Mann zu thun hatte, gewann ſeine volle Stärke wieder. Boijer ſchien das Geſpräch vom vorhergehenden Abend nicht vergeſſen zu haben. Seine Miene zeugte von tiefer Niedergeſchlagen⸗ heit. Jeſpersſon wollte ſich das auch zu Nutze machen. Boijer blieb in einiger Entfernung ſtehen. Frau Boijer betrachtete die Beiden, gleich als hätte ſie zum Voraus die gegenſeitigen Kräfte berechnen wollen. Jeſpersſon brach ſogleich das Stillſchweigen, und & 289 ſchilderte jetzt in lebhaften, ſtarken Farben die wahre Beſchaffenheit der Sache, worauf er Boijer fragte, ob ihm etwas davon bekannt ſei. Boijer bewegte ſich nicht vom Platz. Jeſpersſons Angriff glitt an ihm vorüber wie ein ausgelaufener Pfeil an einem harten Schild. Aber als er antworten ſollte, wandte er ſich gegen ſeine Frau, und erſt jetzt bemerkte er den klaren und ernſten Blick, den ſie auf ihn heftete. Sein Muth ſank. Der falſche Muth iſt eine erkünſtelte, kalte Berech⸗ nung und ſinkt leicht. Der wahre Muth iſt eine Einge⸗ bung im Augenblick des Bedürfniſſes, und er verläßt uns nicht ſo lange die Gefahr währt. Frau Boijer bemerkte ſogleich was in ihm vorging. Sie erſchrack darüber und ihre Wangen erblaßten augen⸗ blicklich, aber ihr Herz verlor ſeinen Muth nicht. „Boijer,“ ſagte ſie,„ich ſehe, daß der Doctor Recht hat, Du biſt überzeugt... geſtehe es... ge⸗ ſtehe.“ Boijer vermochte ſich nicht länger aufrecht zu hal⸗ ten, ſondern ſank auf einen Stuhl nieder. Jeſpersſon jubelte im Stillen. Er hatte geſiegt. Aber in dieſem Augenblick ging eine innere Thüre auf und Alfred zeigte ſich.— ie Anweſenden bemerkten indeß ſeine Ankunft nicht bevor er mitten unter ihnen ſtand. „Mutter,“ ſagte er,„ich habe hier im Zimmer da⸗ neben Alles gehört. Mein Vater iſt nicht ſchuldig. Doc⸗ tor Jeſpersſons Anklage iſt falſch. Wardnäs gehört uns raft eines vollkommen geſetzlichen Vertrags. Wollen Sie ſich blos einen einzigen Angenblick von hier entfer⸗ nen, ſo verſpreche ich ſogar Jeſpersſon davon zu über⸗ zeugen. Wollen Sie uns verlaſſen?“ Alfred ſprach mit einer Sicherheit, die Frau Boi⸗ jers Vertrauen von Neuem belebte. Ridderſtad, Vater und Sohn. II. 19 290 Frau Boijer kam auch ſeinem Wunſch ſogleich nach. Sobald ſie fort war, wandte ſich Alfred gegen Jeſpersſon. Jeſpersſon ſtand überraſcht und verwundert da. Boijer erhob ſein Haupt wieder. „Sie behaupten,“ ſagte Alfred,„daß Wardnäs nicht das Eigenthum meines Vaters ſei. Sie ſehen, daß er kränklich iſt und unfähig auf eine Erörterung einzugehen. In ſeinem Namen frage daher ich, welche Beweiſe ſie vorzulegen haben? Sie ſchweigen. Geſtehen Sie, daß Sie keine Beweiſe haben.“ Alfred war ſtark, weil er ſich ſicher fühlte. Die Lage ſeines Vaters zwang ihn auch entſchloſſen aufzutreten. Jeſpersſon kreuzte blos ſeine Arme und heftete einen verachtungsvollen Blick auf Alfred. „Was antworten Sie, Doctor?“ „Ich antworte Ihnen, mein Herr, daß ich, wenn mir die Beweiſe fehlen, dieß nur Ihnen zu verdanken habe. Ich bin auch hiehergekommen, um ſie zurückzuholen. „Dann ſind Sie vergebens gekommen, mein Herr.“ Jeſpersſon ſah dieß leider auch ein. 3 Während Alfred ſprach, klärte ſich Boijers Stirn immer mehr auf und ſeine Augen gewannen ihre Leben⸗ digkeit wieder. „So unbekannt es mir iſt, ob Sie einige Papiere hatten oder nicht, ſo unbekannt iſt es mir auch, ob Ih⸗ nen dieſelben geſtohlen wurden oder nicht. Ehe Sie üb⸗ rigens Jemand des Diebſtahls anklagen, ſind Sie ver⸗ pflichtet zu beweiſen, daß Sie das, was Sie verloren zu haben behaupten, wirklich beſeſſen hatten. Nachdem mehr als zwanzig Jahre verfloſſen ſind, ohne daß ſo wichtige Papiere zum Vorſchein kamen, iſt es nicht wahr⸗ ſcheiulich, daß ſie ſich irgendwo anders vorgefunden ha⸗ ben als in Ihrer Einbildung. Sie bleiben ſtumm, Herr Doctor?“ Jeſpersſon blieb wirklich ſtumm; aber ſeine Stirn ——— =ESOAͤ— 291 legte ſich in düſtre Falten und das Feuer in ſeinen Au⸗ gen brannte ſtärker. „Aber ich gehe von der Eigenthumsfrage ab, mein Herr,“ fuhr Alfred fort,„ich überlaſſe Ihnen auf jede beliebige Art den Beweis zu führen, daß wir das Gut unrechtmäßig in Beſitz haben; allein Sie haben auch au⸗ gedeutet, daß ich der ſogenannte Einbruchsdieb geweſen ſein ſoll, mit dem Carl Auguſt zu ringen hatte. Nun wohl, wir ſind hier ohne Zeugen und können aufrichtig ſprechen. Ich appellire an Sie ſelbſt. Haben Sie nie in Ihrem Leben in das Zimmer eines Mädchens einzu⸗ dringen geſucht? Sie ziehen ſich zurück, Doctor. Man hat geglaubt, daß es ein Einbruchsdieb geweſen ſei; aber man hat ſich ganz einfach getäuſcht. Nur die Lei⸗ denſchaft war es, mein Herr, die eine Frucht ſtehlen wollte, die noch nicht von ihrem Zweige gefallen war. Die Damen nennen dieß allerdings ein Verbrechen; un⸗ ter Männern iſt es ein dummer Streich. Daß man die Sache zu verheimlichen ſuchte, das geſchah aus Achtung vor der Familie, und iſt weiter nichts als eine gewöhn⸗ liche Pflicht, die man der Ehre der Dame ſchuldet. Fer⸗ ner haben Sie zu verſtehen gegeben, daß ich an dem Poſtdiebſtahl Theil haben ſolle. Pfui, mein Herr! Ich könnte vielleicht Ihre Papiere geſtohlen haben, weil Sie durch dieſelben ein Eigenthum ſtehlen wollten, das uns gehört; aber ich könnte niemals einen Straßenraub be⸗ gehen. Mein Herr, ich kann blos mit der Bitte ſchließen, Ihr Möglichſtes für den Fortgang Ihrer Sache zu thun, und im Uebrigen habe ich hinzuzufügen... daß die Thüre da iſt.“ Boijer lauſchte voll Verwunderung auf Alfreds Worte. Er ſprach mit ſolcher Sicherheit und bewies, daß was er gethan in Wirklichkeit ſelbſt nicht verbrecheriſch war, wenn auch der Schatten eines Verbrechens darauf fiel. Sein Sohn war in langer Zeit nicht in ſo vortheil⸗ 292 haftem Licht vor ihm geſtanden. Boijer begriff blos nicht, woher er all dieſe Zuverſicht entlehnte. Noch heftete Jeſpersſon ſeinen kalten, ſtarren Blick auf Alfred, aber plötzlich wandte er ihm den Rücken und näherte ſich Boijer, der ſich von ſeinem Platze erhoben hatte und nicht ohne Befriedigung den Sohn betrachtete. „Herr Boijer,“ redete er ihn an,„wenn wir auch nach einer Trennung von etlichen und zwanzig Jahren jetzt in keiner Verbindlichkeit mehr zu einander ſtehen, ſo erinnern Sie ſich doch ſicherlich, daß wir früher nähere Bekannte waren.“ „Das iſt wahr, Doctor, wir kannten einander ein wenig.“ „Dieſe alte Bekanntſchaft verleiht mir das Recht, Sie tief zu beklagen.“ In Folge der Aeußerungen Alfreds hatte Boijer eine ganz andere Meinung gewonnen. „Ich beklage Sie darum, weil ich in Ihrem Geſicht einen Strahl von Freude über die Bemerkungen Ihres Sohnes glänzen ſehe.“ Jeſpersſons Miene war düſter. „Sie ſcheinen nicht zu bemerken, Herr Boijer, daß Alles, was Ihr Sohn ſagte, voll von höhniſcher Frech⸗ heit iſt. Es mag ſein, daß Sie meine Worte verachten; aber es gibt eine Macht, deren Strafe Sie nicht ent⸗ gehen werden. Nehmen Sie ſich in Acht, Boijer! Früher oder ſpäter wird Gottes rächender Blitz Ihnen nahen, weil... weil.. „Weil,“ wiederholte Boijer. Jeſpersſon ſprach nicht mehr von der Sache, um deren willen er hieher gekommen war; die ernſte Stimme eines aufgeregten Herzens erklang jetzt aus ſeinem Munde. „Es gibt eine Macht, mein Herr,“ fuhr er fort, „die ihre Thüre für alle möglichen Verbrechen öffnet. Sind Sie wohl der Einzige, der ſie nicht bemerkt?“ Alfreds Augen glänzten. Es war als ob der Zorn 293 gleich einem elektriſchen Funken durch ſeine ganze Au⸗ genlinie geflogen wäre. Er glaubte, Jeſpersſon deute auf ihn. „Und welche Macht meinten Sie?“ „Die Macht der Völlerei, mein Herr.“ Boijer und Alfred erwarteten dieſe Antwort nicht, und verſtummten beide. „Von den urälteſten Zeiten her,“ fuhr Jeſpersſon fort,„geht bereits eine Sage von der Völlerei. Es iſt als ob die Sage unſere eigene Zeit beſchriebe. Ein Mann war dem Teufel verfallen und litt Tag und Nacht die Qualen der Hölle. Nach einiger Zeit fragte der Mann ſeinen Plagegeiſt, was er von ihm verlange, damit er ihn im Frieden laſſe. Da antwortete der Teu⸗ fel, er wolle ihn in Ruhe laſſen, wenn er entweder mit der Frau ſeines Nachbars Unkeuſchheit treibe, oder ſei⸗ nen Nachbar tödte, oder ſich betrinken wolle. Eine Zeit lang weigerte ſich der Mann eines dieſer Verbrechen zu begehen, aber als er immer ſchrecklicher mißhandelt wurde, beſchloß er endlich ſich zu betrinken. Der Teufel lächelte; aber als der Maun ſich vollgetrunken hatte, als ſeine Beſonnenheit und ſein Verſtand zu entfliehen, als ſein Blut in den Adern zu brennen anfing und die Gedanken weit umher irrten, da ſtanden die Furien der Unkeuſch⸗ heit und des Mords neben ihm. Und die Unkeuſchheit flüſterte ihm zu: haſt du nicht bemerkt, wie ſchön und lebhaft deine Nachbarin iſt... gehe hin zu ihr und verbinde die Freude der Liebe mit den Wonnen des Weines... und er ging, und die Liebe vervollſtändigte, was der Wein eingegeben hatte; aber in dieſem Augen⸗ blick kam der Nachbar nach Hauſe, und die Furie des Mords flüſterte dem Betrunkenen zu: ſtoß ihn nieder, damit dein Verbrechen mit ihm begraben werde... und er ſtieß ihn nieder.“ Jeſpersſon legte dabei ſeine Hand auf Boijers Schulter. 294 „Denken Sie an dieſe Legende, mein Herr, bevor es zu ſpät wird.“ Darauf drehte ſich Jeſpersſon um und entfernte ſich. Boijer und Alfred ſtarrten ihm noch eine Weile nach, als hätten ſie ſich überzeugen wollen, daß er wirk⸗ lich fort ſei. Ein ſpöttiſches Lächeln ſpielte inzwiſchen auf Al⸗ freds Lippen. 3 Aber Boijer hatte ſich zu ſehr über Alfreds Sicher⸗ heit gewundert, als daß er nicht nähern Aufſchluß bedurft hätte. „Erkläre Dich, bat er, wie konnteſt Du es wagen 0 „Sie werden mich ſogleich verſtehen, mein Vater; ſehen Sie hier, ich habe Wardnäs gerettet... nehmen Sie dieſe Papiere... aber verwahren Sie dieſelben wohl, damit meine Mutter ſie nicht zu ſehen bekommt.“ Er öffnete den Rock und zog einen Bund Papiere hervor, den er dem Vater übergab. „Dieſe Papiere... ſie ſind...“ Boijer zitterte vor Freude. „Sie ſind Ihres Vaters Gegenverſchreibungen bei dem Kaufvertrag.“ Als Frau Boijer eine Weile nachher eintrat, lagen Vater und Sohn einander an der Bruſt. „Jeſpersſon hat ſich entfernt,“ ſagte ſie;„es iſt Dir alſo gelungen, Alfred...“ „Ihn von der Unverſchämtheit ſeiner Behauptungen zu überzeugen, ja Mutter, das iſt mir gelungen.“ „Ach, Alfred, wie glücklich machſt Du mich nicht! Komm auch an meine Bruſt.“ & ᷣ——,—r=9 ͤͤ — 29⁵ Jeſpersſon traf Hermann im Salon. „Laſſen Sie uns abreiſen,“ ſagte er. „Wohin?“ „Wohin Sie wollen,“ antwortete Jeſpersſon,„nach Japan oder Feuerland, in Afrikas Wüſten oder Aſiens entlegene Eisfelder... Alles iſt verloren... aber es iſt wahr, fügte er nach einer Weile hinzu... ich habe noch etwas hier auszurichten... wir begeben uns zu Ihrer Mutter.“ Zwanzigſtes Kapitel. Ein Ereigniß in der geheimen Schenke. Jeſpersſon. Der Gegenſtand beherrſcht jedes Buch; er beſtimmt den Charakter deſſelben. Schildert man ein Volk, ein Geſchlecht oder Individnum, die von einander oder von einem Andern unterdrückt ſind, welch edle Cbaraktere, welch moraliſch reine Geſinnungen, welch aufopfernde und von wahrer Tugend zeugende Siege gibt dann der Gegenſtand nicht zur Hand! Will man dagegen die Trunkenheit und all ihre vielfachen Abſcheulichkeiten ſchil⸗ dern, ſo muß man ſich blos unter Laſter vertiefen, die folgerichtig zu Krankheit oder Wahnſtun, zu ungezügelter Lebensart oder empörendem Elend, zu Armuth und Ver⸗ brechen, zu Reue und Strafe führen. Man ſagt, daß diejenigen, welche geiſtige Getränke conſumiren, der Skla⸗ verei der Producenten verfallen ſeien; aber die Behaup⸗ tung iſt nicht vollkommen richtig, weil ein und dieſelbe —— — 296 Perſon Conſument und Producent ſein kann, und es geht nicht wohl an zu gleicher Zeit und in ein und demſelben Fall Sklave und Despot zu ſein. Wenn man ſo will, ſind alle beide Sklaven, aber nicht eines äußern Geſetzes, ſondern eines innern moraliſchen Drucks: der Producent Sklave der kraſſen Geldgier, die keinen Raub darin ſieht, heimtückiſch mit den Schwachheiten der Menſchheit Wucher zu treiben; der Conſument Sklave der unauslöſchlichen, beſtändig zunehmenden Neigung für dieſes ſogenaunte Aqua vitae, das ſeine Sittlichkeit wie ſein Leben gleich ſehr vergiftet. In ihren Begierden findet ſich nichts Edles, nichts Tugendhaftes, nichts Moraliſches, nichts aufopfernd Schönes, was zu einnehmenden und bezau⸗ bernden Gemälden inſpiriren kann, ſondern alles höheren Menſchenwerths entkleidet ſinkt der Charakter bis auf die tiefſte Stufe, manchmal noch tiefer oder ſogar bis zum Standpunkt des wilden Thieres hinab. Der Pro⸗ ducent und Conſument ſind beide einem Rauſche verfallen, erſterer dem Rauſche des Egoismus, der letztere dem des Selbſtbetrugs: in moraliſcher Beziehung ſtehen ſie auf derſelben Stufe, obſchon der eine kalt und berechnend die Taſche des andern plündert, während dieſer in Todes⸗ zuckungen zu ſeinen Füßen bebt. Wo hier einen hohen, einen reinen, einen edeln Charakter finden? Einen Cha⸗ rakter, der ſich große und beilige Intereſſen angelegen ſein läßt, der eines Opfers für das Wohl des Menſchen⸗ geſchlechts fähig iſt? Der Branntwein iſt wie das todte Meer: er verzehrt alle edlere Vegetation um ſich her. Will man einen edeln Charakter zeichnen, ſo mu man ihn aus dem Gebiet entlehnen, wo Moloch herrſcht; aber er kann niemals weder daſſelbe aufopfernde, noch daſſelbe leidende Intereſſe erhalten, weil er gleichwohl in der That ſelbſt außer dem Zauberkreis ſteht. Von Gemälde zu Gemälde, von Ereigniß zu Ereig⸗ niß, von Scene zu Scene müſſen wir den Leidenſchaften, 297 den Verirrungen, den Laſtern, den Verbrechen auf ihren Spuren folgen. Wenn der Gegenſtand auch nicht durch edle und ſchöne Züge hinreißen kann, ſo mag er doch das Gute dadurch wecken, daß er Abſcheu vor dem Laſter einflößt. Die Majorin Hjelm wohnte mitten zwiſchen Edsbro und dem Wirthshaus Backa anf einem kleinen Gut, wo ſie von dem Eigenthümer die Wohnung und den Garten in der Miethe hatte. Der Ort war eine bezaubernde Idylle, reich an laubigen Hainen, lachenden Gefilden und zierlichen Ufern und Inſelchen, zwiſchen welchen des Wetterſees blaue Waſ⸗ ſer, wie der klarſte Spiegel, eingefaßt lagen. Der Eigenthümer, der kein anderer war, als unſer alter Bekannter, der wohlhäbige Gerichtsbauer und Kir⸗ chenvorſteher, wohnte nicht ſelbſt da, ſondern auf einem größeren Bauerngut in der Nachbarſchaft. Ob eine kluge und wohlverſtandene Oekonomie es war, die unſern Ge⸗ richtsbauern und Kirchenvorſteher veranlaßte auf dem Bauerngut zu wohnen, oder ob es daher kam, weil er ſich nicht darüber ärgern wollte, ſo manche unnöthige Gartenanlage und dergleichen Flitterwerk vor ſich zu ſehen, und weil er es vorzog Aecker, Pflug⸗Land und Wieſen bis unter ſeinen Fenſtern zu haben, wo er kaum vor die Thüre hinauszugehen brauchte, um behaupten zu können, daß er mitten im Saatfeld ſtehe, das laſſen wir dahingeſtellt; aber ſo viel iſt gewiß, daß die Frau Ge⸗ richtsbäurin eine nicht geringe Doſis Eitelkeit und Ehr⸗ geiz beſaß, und ſich ſehr gerne als Gutsfrau hätte titu⸗ liren laſſen. Wir haben geſehen, daß unſer Gerichtsbauer und Kirchenvorſteher ſich ſehr wohl auf die„Geſchäfte“ ver⸗ ſtand und dabei vollkommen ſeinen Mann ſtellte; und wenn er ſich auch durch eine gewiſſe kleine Eitelkeit zum An⸗ kauf des hübſchen Herrenguts hatte verleiten laſſen, ſo fand er gleichwohl bald, daß Baumanlagen und derglei⸗ 298 chen Dummheiten nicht reelle 6 Procent vom Kauſſchil⸗ ling in Ausſicht ſtellten, weßhalb er darauf dachte, das nichtsnutzige, ſchööne Ding wieder zu verkaufen, wiewohl er es bisher beim bloßen Gedanken hatte bewenden laſſen. Jeſpersſon hatte ihn inzwiſchen in den letzten Wo⸗ chen mehrmals beſucht, und der Doctor wußte wahrhaf⸗ tig die Gerichtsbäurin auf eine ſo artige Art zu behan⸗ deln, daß Niemand ſich rühmen konnte, in ihrer Gunſt höher zu ſtehen als er. Zwiſchen Jeſpersſon und Hermann wurde von dem Augenblick an, wo ſie Wardnäs verließen, kein Wort gewechſelt. Jeſpersſon lehnte ſein Geſicht in die Hand und blieb unbeweglich und ſtumm. Die Hand bedeckte es wie mit einer undurchdringlichen Eiſenmaske. Hermanns Gedanken flogen weit umher, aber es war auch Feuer in ihnen: gleich den Flammen Moſis ſprangen ſie mitten unter den Feldern empor, wo die Roſen der Liebe erblühten, und aus den Flammen ſprach die Stimme ſeines Herzens. Um Jeſpersſon bekümmerte er ſich nicht ſehr; auch hatte er ja keinen Grund, ſich in ſeine Geheimniſſe zu miſchen. Nichts deſtoweniger bemerkte er, daß Jeſpersſons Geſicht, als er endlich die Hand wegnahm, leichenblaß und härter als gewöhnlich war, gerade als ob der Tod mit ſeiner eiſigen Hand darüber hingeflogen wäre. Eine Weile ſpäter näherten ſie ſich der reſpektablen Wohnung des Gerichtsbauern und Kirchenvorſtehers. „Ich muß da hinauf,“ ſagte Jeſpersſon,„Sie kön⸗ nen zu Ihrer Mutter heimfahren, ich komme nach.“ „Wie Sie wollen, Herr Doctor.“ Der Schlitten hielt an und Jeſpersſon ſtieg aus, worauf Hermann die Fahrt fortſetzte. Wir müſſen ihm voraneilen. — u u 299 Hermann war der Stolz, die Freude und die Stütze ſeiner Mutter und ſeiner Schweſter. In den Jahren, da er in der Ferne geweſen, ging auch ſein Name beſtändig über ihre Lippen. „Ich möchte nur wiſſen, was Hermann jetzt macht? hieß es mitunter; und dann wieder: ich möchte nur wiſſen, wo Hermann jetzt iſt?“ So ſprach man von ihm, während man zu gleicher Zeit Gebete für ihn emporſandte. Aber er war gleichwohl nicht der Einzige in der Welt, den ſie ſo innig liebten; ſie hatten auch noch einen andern Freund, für deſſen Leben und Glück ſie nicht min⸗ der oft Gottes Gnade anriefen. Aber dieſer Freund ſtand nicht ſo faßlich und mit Händen greifbar vor ihnen, wie Hermann, ſondern blos als ein dunkler Gedanke, eine Vorſtellung, ein Phanta⸗ ſiegebilde. Es war eine Geſtalt wie in einer Wolke. Aber es lag auch unläugbar etwas ganz Wunderbares in dem Verhältniſſe ſelbſt. Bei Major Hjelms Tod be⸗ fand ſich, wie wir wiſſen, die Wittwe in größter Verle⸗ genheit; ſie hatte zwei kleine Kinder und beſaß ganz und gar keine Mittel. Aber unvermuthet erhielt ſie einen anonymen Brief, worin der unbekannte Verfaſſer ihr in der ehrfurchtsvollſten Weiſe eine nicht unbedeutende Summe überſandte. Dieſes Wohlwollen hörte auch nicht auf. Ueber zwanzig Jahre lang hatte ſie an demſelben Jahrestag einen ähnlichen anonymen Brief mit einer gleichen Summe empfangen. Dieß war noch nicht ge⸗ nug, die Briefe enthielten ſo manche Beweiſe der auf⸗ richtigſten Freundſchaft, daß ſie auf dieſelben oft mehr Werth legte, als auf das Geld. Der Unbekannte hegte augenſcheinlich die aufrichtigſte Ergebenheit gegen die Familie. Jahr für Jahr folgte er mit dem ſcharffinni⸗ gen und wohlwollenden Blick eines innigen Freundes dem Gaug der Erziehung ihrer Kinder. Wenn man ſeine Briefe las, konnte man glauben, er habe ſie aus der 300 nächſten Nähe beobachtet, und gleichwohl kam jeder Brief über New⸗York, obſchon man an der Adreſſe ſah, daß er bald in Neu⸗Holland, bald in Oſtindien u. ſ. w. ge⸗ ſchrieben war. Auf ſolche Art empfing ſie die vortreff⸗ lichſten Rathſchläge und befolgte ſie nicht nur mit mütter⸗ licher Liebe, ſondern auch mit mütterlichem Ernſt. Gleich friſchen herrlichen Pflanzen wuchſen ihre Kinder heran: einfach, anſpruchslos, beſcheiden; der beſte Grund, auf welchem eine tüchtige Zukunft ihr Banner eutwickeln kann. Frau Hjelm batte am Weihnachtsabend ſelbſt durch Jeſpersſon einen Brief von dem unbekannten Wohlthäter erhalten. Es war der gewöhnliche Jahresbrief. Er kam zwar dießmal ungefähr einen Monat ſpäter, als ſie ihn zu bekommen pflegte; aber Jeſpersſon hatte ihr ja auch mitgetheilt, daß er vergeſſen habe ihn abzugeben. Im Brief fand ſie die gewöhnliche Summe, aber auch etwas, das ſie noch mehr freute, nämlich eine Beſtätigung von Jeſpersſons Aeußerung, daß ihr unbekannter Wohlthäter jetzt beſchloſſen habe, ins Vaterland zurückzukehren, und daß er hoffe, vielleicht ſchon im Verlauf des nächſten Sommers ſeine Abſicht ins Werk ſetzen zu können. In ihrer Freude über dieſe Nachricht und über die Ausſicht, endlich einmal den Mann perſönlich kennen zu lernen, gegen den ſie ſich in ſo großer Verbindlichkeit wußte, vergaß ſie alle Leiden, alles ihr widerfahrene Unrecht, und ergoß ihre gefühlvolle Seele in Liebe und Wohlwollen. Sie hatte ſchon im Anatomieſaale und bei der Leiche ihres Mannes Jeſpersſon verſprochen, nie Jemand von dem Duell zu erzählen, worin der Major getödtet wor⸗ den war. Die Macht des aufgeregten Gefühls, Jeſpers⸗ ſons warme Sprache, der entſetzliche Eindruck des Au⸗ genblicks machte dieſes Verſprechen ſo natürlich. Sie hatte es auch niemals vergeſſen, außer jetzt in der Ueberwallung ihrer Freude. 301 Aber kaum hatte Hermann das Geheimniß erfahren, als ſein Ausſehen ſowohl, wie ſeine Sprache bewies, wie tief er davon ergriffen war. Mit Selbſtvorwürfen hörte und ſah die Mutter den Sturm, den ihre Unvor⸗ ſichtigkeit hervorgerufen, und als ſie jetzt ihre Uebereilung wieder gut zu machen ſuchte, begaun er ausweichend ſich zurückzuziehen, und mit Kummer und Schmerz ſah ſie bald, daß ſie ſich vergebens bemühte, auf ſeine Anſchau⸗ ungsweiſe in einer Frage einzuwirken, die er als hoch⸗ wichtig für ſeines Vaters und ſeine eigene Ehre be⸗ trachtete. Wir wiſſen bereits, welche Maßregeln Hermann er⸗ griff. Zum Anfang beſchränkte er ſich darauf, von Je⸗ ſpersſon eine Erklärung zu verlangen. Es war ungefähr elf Uhr Vormittags. Die Baro⸗ nin Horner und Frau Hjelm ſaßen auf dem Sopha. Horner ging im Zimmer auf und ab. Am Fenſter ſtand Charlotte. Das dunkle Haar wallte reich um ihre blühenden Wangen. Sie lächelte, während ſie hinausſchaute; ſie glich einem andern Morgenſtern, eingehüllt in ſchwarze Volken. Die Augen ſtrahlten gleich Diamanten, und wie ein Perlenband vom weißeſten Schnee glänzten die feinen Zahnreihen zwiſchen den rothen Lippen. Man vonnte Lilien zu ſehen glauben, die zwiſchen zwei Roſen bervorſchimmerten. An Frau Hjelm zeigte ſich eine lebhafte Unruhe. Sie ſchien nur mit Mühe die Gelaſſenheit behaupten zu können, welche die Artigkeit gegen ihre eben ſo willkomm⸗ nen als ſeltnen Gäſte forderte.— 3⁰²2 „Zeigt er ſich noch nicht?“ fragte die Mutter end⸗ lich ihre Tochter. „Noch nicht, Mama.“ zt das heitere Lächeln verließ deßhalb Charlotte nicht. Die Baronin Horner hatte ihren. Mann überredet, einen Beſuch bei Frau Hjelm zu machen. Nachdem ſie die Neigung entdeckt, die ihres Dafürhaltens auf eine ſo unerklärliche Art zwiſchen Emma und Hermann ent⸗ ſtanden war, beſchloß ſie nämlich ein Geſpräch unter vier Augen mit dem letzteren zu ſuchen, um an ſein Ehrgefühl zu appelliren und ihn womöglich zu beſtimmen, daß er nicht blos aufhören ſolle, ſelbſt an ſie zu denken, ſondern daß er auch ſeinen ganzen Einfluß aufwende, um ſie wieder zum Verſtand zu bringen „Ich glaube doch, Frau Hjelm,“ ſagte ſie,„daß Ihre Unruhe um Hermann überflüſſig iſt. Er iſt ein ſehr kluger junger Mann und hat wahrſcheinlich irgend ein wichtiges Geſchäft gehabt, das er Ihnen nicht an⸗ vertrauen konnte.“ „Das mag ſein,“ antwortete Frau Hjelm, aber er kam geſtern Adend ſpät von der Beerdigung heim, und heute früh war er bereits fort, als wir in den Salon kamen; das iſt früher nie geſchehen.“ Fran Hjelm konnte die eigentliche Urſache ihrer Beſorgniß nicht geſtehen, nämlich die Furcht, daß er irgend etwas gegen Jeſpersſon im Schilde führe. Die Baronin wünſchte in der That ebenſo lebhaſt als die Majorin ihn treffen zu können; aber auch ſie wollte ſich Niemand anvertrauen. „Du lächelſt, Charlotte,“ bemerkte Fran Hjelm... ſiehſt Du ihn?... kommt er...“ „Nein, Mama, es iſt ein Anderer.“ Horner blieb in dieſem Augenblick am Fenſter ſtehen. ⸗ 30⁰3 „Es iſt Carl Auguſt,“ ſagte er.„Er iſt ein wahrer Held, was das Kutſchiren angeht,“ fügte er gegen Char⸗ lotte hinzu. Der Wildfang wird ſo meine armen Pferde noch zu Tode hetzen.“ „Es geht ſehr friſch voraun,“ verſetzte Charlotte, „aber es iſt auch ſehr augenehm, ſo ſchnell zu fahren.“ Weiterhin auf dem Wege zeigte ſich jetzt ein ande⸗ rer Schlitten. „Jetzt kommt Hermann, Mama, jetzt kommt er.“ „Gott ſei Dank,“ ſeufzte die Mutter. Carl Auguſt fuhr jetzt in den Hof ein und beinahe im nächſten Angenblick war er im Salon. „Du haſt den Ausreißer ergriffen,“ ſcherzte der Baron.„Da kommt er ja. Wo haſt Du ihn ge⸗ funden?“ 1 Carl Auguſt hatte ſeine Eltern zu Frau Hjelm be⸗ gleitet; als er aber ſowohl der Majorin als Charlottens Uuruhe über Hermanus unbegreifliche Abweſenheit be⸗ merkte, erbot er ſich, ihn zu ſuchen. Er wußte aller⸗ dings beim Wegfahren ſelbſt nicht, wohin er ſich wenden ſollte, aber er begab ſich einmal auf die Landſtraße, fragte rechts und links, erkundigte ſich an verſchiedenen Orten, und traf ihn endlich kurz nachdem Jeſpersſon aus dem Schlitten geſtiegen war, im Begriff allein nach Hauſe zu fahren. Aber trotz des dankbaren Blicks, der ihm wie eine ächte Perle von Charlottens Augen geſchenkt wurde, lag in Carl Auguſts Miene etwas ungewöhnlich Ernſtes. „Sie kennen doch den Wirth auf Backa, Vater,“ ſagte er nach einer Weile. „Johansſon, ja gewiß kenne ich ihn.“ „Und dann unſern ehrlichen Gerichtsbauern, den Beſitzer dieſes hübſchen Ritterguts da?“ „Nun ja, was iſt es mit ihnen?“ Die Frauenzimmer merkten, daß etwas Ungewöhn⸗ liches vorgegangen ſein mußte, und lanſchten neugierig. 30⁰⁴ „Sprechen Sie von meinem Wirth, Herr Lieute⸗ nant?“ fragte Frau Hjelm. Es iſt doch nichts Unan⸗ genehmes vorgefallen?“ „Allerdings, etwas höchſt Unangenehmes, Madame. Als ich ſo eben an Backa vorbeifuhr, war Johansſon bereits eingeſperrt, und der Juſtizcommiſſär begab ſich zu dem Gerichtsbauern, um auch ihn zu verhaften.“ „Dieſe Leute zu verhaften? Mein Gott, was haben ſie denn gethan?“ Alle gruppirten ſich um Carl Auguſt, um eine Er⸗ klärung dieſes ſo unerwarteten Vorfalls zu erhalten. „Die Sache iſt die,“ erzählte jetzt Carl Auguſt, „daß ſowohl der Gerichtsbauer als der Wirth geſtern Abend, ungefähr zur Zeit der Beerdigung, das Krähen⸗ neſt, ich meine die geheime Schenke, beſuchten. Sie ſol⸗ len geſagt haben, ſie ſeien hieher gekommen, um Bruns Begräbniß auf eigene Fauſt zu feiern, da ſie zu der Be⸗ erdigung, welche Sie veranſtalteten, Vater, nicht einge⸗ laden worden ſeien.“ „Nun wohl,“ verſetzte Horner,„und dann haben ſie ſich ohne Zweifel voll geſoffen; alles zu Bruns Ehren.“ „Wie Sie ſagen, Vater.“ „Verzeihen Sie mir,“ bemerkte Fran Hjelm,„aber der Gerichtsbauer und auch Johansſon ſind beide ſehr rechtſchaffene und ordentliche Männer.“ „Das iſt vollkommen wahr, gab auch Horner zu; ſie haben ſich ſtets gut und verſtändig aufgeführt, und genießen deßhalb auch ein nicht geringes Anſehen. Jo⸗ hansſon übernahm, wenn ich mich recht erinnere, die Wirthſchaft als ein armer Burſche, und ſoll jetzt Eigen⸗ thümer der ganzen Oekonomie daſelbſt ſein. Das iſt gar nicht übel gethan; nur Schade, daß das Wirthsge⸗ ſchäft die Quelle war, aus welcher er ſchöpfte. Der Ge⸗ richtsbauer dagegen bekam wohl einen Theil ſeines Banernguts mit ſeiner Frau und iſt jetzt alleiniger —4. —,„/—„ E=Sͤ 4 30⁵ Beſitzer deſſelben wie auch des Ritterguts. Man kann nicht läugnen, daß dieß von Klugheit zeugt. Er ſoll viel Branntwein gemacht haben, heißt es. Beide ſollen indeß den größeren Theil ihres Einkommens aus der ge⸗ heimen Schenke da bezogen haben, deren rechte Eigen⸗ thümer ſie im Geheimen waren. Sie hören, Madame, daß ich Alles anerkenne, was Anerkennung verdient. Aber fahre fort, Carl Auguſt.“ „In der geheimen Schenke nahmen ſie ein eigenes Zimmer,“ fuhr Carl Auguſt fort, und nachdem ſie nech einige Andere eingeladen hatten, begannen ſie zu ſchnapſen, und es muß dabei ſehr ſcharf zugegangen ſein. Sicherlich ahnte keiner, daß das Vergnügen auf eine ſo ſchreckliche Art enden ſollte.“ „Gefangen? Verhaftet?“ wiederholte Frau Hjelm von Neuem,„mein Gott, Sie erſchrecken mich. Ich kenne nicht blos die Frau des Gerichtsbauern, ſondern auch Frau Johansſon, und habe beide recht lieb, weil ſie rechtſchaffene, tüchtige Weiber ſind. Nur wenige können ihren Haushaltungen ſo gut vorſtehen, wie ſie. Aber ſowohl der Gerichtsbauer als Johausſon ſind ja verſtändige und ſchon ältere Männer; ſie mußten doch wohl auf ihrer Hut ſein.“ „Es ſcheint ſo, meinte auch Baron Horner, aber im Rauſch vergißt man ebenſowohl ſeinen Verſtand als die Erinnerung an ſeine Jahre. Die Völlerei, Madame, macht Alle gleich erbärmlich, und der Rauſch macht Alle gleich närriſch. Nun, Carl Auguſt?“ „Ich meines Theils,“ fuhr Carl Auguſt fort,„habe weder den Kirchenvorſteher noch Johansſon gekannt. Aber ſo viel ich höre, müſſen ſie hochmüthig und im hüchſen Grade bauernſtolz, wie man ſagt, geweſen ein.“ „Das iſt nicht ohne, aber mach weiter.“ „Sie ſollen geſchworen haben, ſich an dieſem Ridderſtad, Vater und Sohn. II. 20 306 Abend recht toll und voll zu ſaufen. Auch wollte der Eine ſich nicht ſchlechter finden laſſen, als der Andre. Wenn einer von ihnen ſich eine Flaſche geben ließ, nahm der Andre zwei, und wenn der Erſtere zwei verlangte, ſo forderte der Zweite drei u. ſ. w. Kurz und gut, man trank ganz unmäßig, der Uebermuth wuchs und endlich entſtand Hader unter ihnen. Man erzählt, ſie haben einige Branntweingeſchäfte zuſammen gehabt, oder vielmehr eine Menge Reverſe für Wirthshausſchulden, die ſie von dem Wirth vom Krähenneſt an Zahlungsſtatt an⸗ genommen hatten und gemeinſam einkaſſiren ſollten. Dieß war ein vollkommen genügender Streitgegenſtand, der Streit artete zu handgreiflichen Ausbrüchen aus, und obſchon die Anweſenden, ſo gut ihr Zuſtand es geſtattete, ihr Möglichſtes thaten, um die Wahnſinnigen wieder zur Beſinnung zu bringen, ſo wollte es dennoch nicht gelingen, bis der Wirth auf einen ganz eigenthümlichen Einfall kam. Doctor Jeſpersſon ſoll an dieſem Abend Schlangengras erlaubt haben, ſeine Pflegeltern zu beſu⸗ chen, und der Junge, ſonſt ein ganz verbiſſener Satan, ſoll in der geheimen Schenke gewöhnlich die Rolle eines Luſtigmachers geſpielt haben. Der Wirth nahm ihn alſo mit ſich hinauf, damit er als luſtiger Rath die gewit⸗ terſchwangern Wolken vertheilen ſollte, welche der Rauſch über den Köpfen Johansſons und des Gerichtsbauern zuſammengezogen hatte. Der Junge ſetzte ſich an den Tiſch und wurde aufgefordert, ungenirt zuzugreifen, was man ihm nicht zweimal zu ſagen brauchte. Mit über⸗ raſchender Sicherheit und Uebung begann er zu fluchen und zu ſaufen, und er ſoll dieß nach der Ausſage der Anweſenden ſo unübertrefflich gemacht haben, daß ſelbſt Johansſon und der Gerichtsbauer ganz entzückt waren. Der Burſche fluchte bei jedem Schluck und ſchluckte bei jedem Fluch. Johansſon und der Gerichtsbauer wurden ganz wirr im Kopf; in ihrer fröhlichen Laune fiel es ihnen ein, ein Verſöhnungsglas mit einander zu trinken, 307 und ſie gingen jetzt in ihrer Freundſchaft ſo weit, wie ſie kaum zuvor in ihrer Bitterkeit gegangen waren. Flaſche um Flaſche wurde geleert, es war Punſch, ſagte man, natürlich von ſchwediſchem Rhum gebraut. Aber nachdem Schlangengras einmal angefangen hatte, den Herrn zu ſpielen, wollte er dieſe Relle nicht ſo ſchnell wieder aufgeben; und der Wirth vom Hauſe, der nicht ungerne ſab, daß der Junge die Kunden beluſtigte, denn er bemerkte, daß man, je mehr man lachte, auch um ſo mehr trank, begann jetzt eine Art Examen mit ihm anzu⸗ ſtellen. „Hol mich der Teufel,“ ſoll Jan Erik geſagt haben, dieſer Satansjunge da, der ebenſo gut flucht und ſauft wie einer von uns, iſt dennoch ſo unwiſſend, daß kein Menſch es glauben ſollte. Alle ſeine Talente ſind blos Naturgaben. Er weiß, meiner Seel', nicht einen ein⸗ zigen Bibelſpruch... Sie ſehen mich an und gläuben vielleicht, ich lüge...« „Jan Erik wollte vermuthlich mit ſeinem Zögling ein wenig prahlen. „Kann er nicht einmal ein einziges Wort leſen?“ fragte man, zei iſt das möglich? „Die Sache war leicht unterſucht. „Man holte ein Geſangbuch und es zeigte ſich wirklich, daß der Satansjunge nicht ein einziges Wort kannte.“ Carl Auguſt hatte angefangen, in ſeiner Erzählung etwas umſtändlich zu werden; aber für diejenigen, welche die fraglichen Perſonen kanuten, war jede Kleinigkeit von Intereſſe. Hermann, der juſt jetzt ankam, unterbrach hier die Erzählung auf einen Augenblick. „Fahren Sie fort,“ bat man jedoch bald auf allen Seiten...„fahren Sie fort.⸗ Carl Auguſt fuhr fort: „Wie geſagt, Schlangengras konnte nicht ein ein⸗ 308 ziges Wörtchen leſen. Man forderte ihn auf zu ſchrei⸗ ben, nein; zu rechnen, nein; man ſchrieb ihm Ziffern vor und forderte ihn auf, ſie zu ſagen, nein; er war gänzlich unwiſſend. „Seht Ibr,“ rief jetzt Jan Erik ſtolz auf die Ig⸗ noranz ſeines Pflegeſohns, ‚dieß Alles iſt reine Natur bei ihm... es iſt merkwürdig... iſt es nicht ſo 2 Fluchen und Saufen können wie ein gemachter Mann und dennoch nicht ein einziges Sprüchlein wiſſen, das iſt ein wahres Wunder. Meine Frau hat auch immer geſagt, wenn es auf dieſe Art fortgehe, ſo... „Johansſon und der Gerichtsbauer wünſchten jetzt mit ihm zu trinken. „Schlangengras flößte ihnen in ihrer Beſoffenheit eine Art von Ehrfurcht ein. 1 „Aber das Beſte habe ich doch noch vergeſſen,: meinte Jan Erik. „Alle riſſen verwundert die Augen auf. „Nun was denn?“ rief man.„Was denn?“ „Ihr habt geſehen, daß er gar nichts kann.: „Das haben wir.: „ Und dennoch kann er Euch alle unter den Boden rechnen. „Dummes Zeug,“ meinte der Gerichtsbauer und Johansſon. „Laß es uns verſuchen.“ „Jan Erik ſtellte hierauf mehrere Fragen an ihn, wie viel ein Gläschen Branntwein koſte nach den ver⸗ ſchiedenen Preiſen der Kanne, und der Junge beant⸗ wortete ſie augenblicklich mit unerſchütterlicher Sicher⸗ heit. „Der Gerichtsbauer und Johansſon gafften einander verwundert an. „Etwas Derartiges hatten ſie in ihrem Leben nicht geſehen. In ihren Angen war der Burſche ein vollkom⸗ menes Wunderkind. ͤAͤDͤrmSͤ e — 309 „Jan Erik war nicht wenig ſtolz. „„Das iſt meiner Frau Verdienſt,“ meinte er, ‚aber Ihr wißt, daß kein Weib in Bezug auf Verſtand es mit der meinen aufnimmt.“ 4 „„Aber wie hat ſie es denn angeſtellt? Das iſt ja ein wahres Wunderwerk. „Nun ja, ſeht,“ verſetzte Jan Erik grinſend, ‚ſie hat Schlangengras immer lieb gehabt und ihn ſtets als ihre rechte Hand in der Schenke betrachtet.” „Das iſt ganz ſchön und gut, aber in allen Fällen... „Die Sache verhält ſich ſo, kann ich Euch ſagen, daß der Satansjunge mit meiner Frau die Hauptrech⸗ nung geführt hat, und ſo iſt er vermuthlich Schritt vor Schritt weiter gekommen. Nicht wahr, ein prächti⸗ ger Junge?⸗ „Man war ganz entzückt über Schlangengras und er bildete ſich nicht wenig darauf ein. „„Was mag wohl noch aus dieſem Kind werden 2e rief Jan Erik in ſeiner Begeiſterung. ‚Ein wahrer Sa⸗ tanskerl, glaube ich.“ „Aber während man den Jungen bewunderte und mit dem Wunderthiere trank, wurde auch er voll und begann jetzt naſeweis zu werden. Zwar lachte man eine Weile darüber, aber von der Naſeweisheit ging er bald zur Unverſchämtheit und von der Unverſchämtheit zur Bosheit und Wuth über. Die Gäſte taumelten nach rechts und links um ihn her; keiner war beſſer als der Andre. Der Satansjunge ſelbſt ſtellte jetzt den Alten einmal ums andre ein Bein. Der Eine ſiel dahin, der Andre dorthin. Aber auf einmal wurden die Herrn wüthend. Der Gerichtsbauer und Johansſon glaubten ſich beleidigt. Man warf Schlangengras in eine Ecke. Er fluchte, er ſchrie, er zappelte mit den Beinen. Man lachte; aber das Lachen war unheimlich und düſter. Es war der in ihrem Her⸗ 3¹0 zen erwachte Teufel, welcher den Baß bei dem Duett ſang. Die Rohheit und Leidenſchaftlichkeit ihres Tempe⸗ raments erwachte mit ihrer ganzen Kraft. Gefühllos ſchon zum Voraus, waren ſie es jetzt noch mehr. Der Rauſch raubte ihnen die Freiheit der Vernunft, ließ aber gewaltſamen Eingebungen den Zügel ſchießen. Niemand wußte mehr was er that. Je wilder der Eine war, um ſo wilder wurde der Andere. Der Wahnſinn war vollkommen, und als der Junge, gleich einer Tiger⸗ katze, noch einen Verſuch zum Augriff auf ſie machte, da ergriffen Johausſon und der Gerichtsbauer auf ein⸗ mal, wie von demſelben Inſtinkt geleitet, ihre Flaſchen am Hals und ſchleuderten ſie gegen den Jungen. Der Junge ſtürzte... ſtreckte ſeine Arme aus...“ Alle betrachteten Carl Auguſt mit ſchweigendem Ent⸗ ſetzen, als wollten ſie aus der Bewegung ſeiner Lippen ſchließen, wie die Sache abgelaufen ſei. „Und... und...“ ſtammelte man endlich um ihn her...„und... und... 24 „Schlangengras war todt. Ein Wurf hatte ihn auf den Kopf getroffen. Aber weſſen Flaſche hat ihn ge⸗ troffen? Wer iſt der Mörder 24 „Es iſt entſetzlich,“ ſeufzte die Majorin Hjelm.„Das Glück zweier Familien auf einmal zerſtört. O mein Gott! Die ehrliche Arbeit eines ganzen Lebens in einer Viertelſtunde verwirkt. Und dann die armen Frauen, die armen unglücklichen Geſchöpfe. Das ganze Jahr hindurch thätig in ihrem Haus, vom Morgen bis Abend beſorgt, und haushälteriſch nur für die Ihrigen lebend, ſehen ſie auf einmal ihre eigene und ihrer Kinder Glück und Frieden von denjenigen zerſtört, welche die Vorſeh⸗ ung ſowohl als der Staat ihnen zu Beſchützern gegeben hatte. Der Gerichtsbauer und Johansſon waren, ich kannte ſie ganz gut, ebenſo kluge als verſtändige Männer, nicht fürchten zu müſſen ſchien, von denen man ſo etwas ——=.. 311 und dennoch— barmherziger Gott— welch ein ent⸗ ſetzlicher Feind unſeres Friedens iſt nicht die Trunken⸗ heit? Wehe denen, ſagte auch Jeſaias, die der Völle⸗ rei verfallen, ſo daß ſie von Wein hitzig werden. Arme Weiber, beklagenswerthe Frauen, ſo lang die Neigung zur Trunkenheit unter den Männern herrſcht, ſonnt ſich ener Glück nur auf übernächtigem Eis. Weh denen, die Helden ſind im Trinken und rüſtige Kämpen im Verſchlucken! Die Trunkenbeit macht einen alten Thoren noch närriſcher. O mein Sohn, mein Sohn, Du mußt mir verſprechen...“ Frau Hjelms Kummer war ſo warm nnd rührend, daß er alle Anweſenden tief ergriff. Hermann beantwortete ihren Zuruf damit, daß er an ihre Bruſt fiel. Die Barxonin war nicht minder aufgeregt. Mit Thränen in den Augen ergriff ſie Carl Auguſts Hand und drückte ſie mit beredter Zärtlichkeit an ihre Bruſt, als wollte ſie ſagen: möchten mein Herz und meine Gebete Dich ſtets ſchützend umgeben, mein Sohn! Horners Bruſt hob ſich. Er wollte ſprechen, er wollte ſich ergießen, es klopfte ſo heftig in ihm, er konnte ſein Gefühl nicht zurückhalten, ſeine Gedanken nicht hemmen. Er legte ſeine Hände auf die Schultern der beiden Jünglinge. „Laßt mich einige Worte zu Euch ſagen,“ ſprach er. Von allen Laſtern iſt die Völlerei das größte; denn in ihrem Schlepptau kommen alle übrigen nach. Aus einem Leben voll Ehre führt uns die Trunkenheit in ein Leben voll Unruhe. Hört ein Beiſpiel, meine Freunde. Alexander der Große war einer der glänzendſten Sterne der griechiſchen Geſchichte. In kurzer Zeit eroberte er, man konnte wohl ſagen, die gauze damals bekannte Welt. Wie groß war er nicht als Sieger und Menſch! Hört zuerſt ein Beiſpiel von ſeiner Klugheit und Kraft. — 312 Als er Perſiens mächtigen Monarchen angriff, ſchickte dieſer ihm höhniſch drei ſchmachvolle Symbole: eine Ruthe, einen Ball und ein Stück Geld. Die Ruthe ſollte bedeuten, daß er noch ein Kind ſei, das der Zucht⸗ ruthe eher bedürfe, als des Schwerts um zu ſtreiten; die Kugel ſollte bedeuten, daß Spiel und Scherz beſſer für ihn taugen, als Krieg und Kampf; das Geld ſollte bedeuten, daß er arm fei und Andern nicht zu helfen vermöge, ſondern ſelbſt Hülfe bedürfe. Aber Alexander fand ſich durch dieſe Geſchenke nicht beleidigt, obſchon er ihren Sinn wohl einſah, ſondern antwortete dem Da⸗ rius, daß er ſie mit Vergnügen aächme die Ruthe als Zeichen, daß er ihn beſtrafen werde, die Kugel als Zeichen, daß er ſein ganzes Reich erobern werde, und das Geld als Zeichen, daß er all ſeine Reichthümer be⸗ ſitzen werde. Sein Wort ging in Erfüllung; aber Ale⸗ vander war damals noch nicht in das Laſter der Trun⸗ kenheit verſunken. Das geſchah ſpäter, und da wurde er aus einem großen allbewunderten Mann ein Gegenſtand der Verachtung und des Abſcheus, deun jetzt überließ er ſich dem Haß, der Wolluſt, dem Hochmuth und dem Zorn. Ein Spielball ſeiner eigenen Leidenſchaften ließ er ſich als Gott verehren, während er in einem Augen⸗ blick der Trunkenheit einen ſeiner genaueſten Freunde er⸗ mordete, darum, weil er ſeinen eigenen Vater pries, und wie ſtarb er endlich?— er ſoff ſich zu Tod.“ Horner blickte die beiden jungen Männer herz⸗ lich an. „Ich habe Euch ein großes Beiſpiel vorgeführt,“ ſprach er weiter.„Ich habe Euch einen der größten Männer der Welt vor Augen gehalten und den Sünden⸗ fall gezeigt, in welchem die Trunkenheit ihn vom Gipfel ſeiner Ehre herabſtürzte. Um wie viel leichter werden nicht ſchwächere und unbedeutendere Weſen vom Verder⸗ ben erreicht werden! Aber ſo klein und ſchwach man auch iſt, ſo müſſen doch wir Alle vor Gott für das wo 313 ewige Wohl unſerer Seelen, und vor dem Staat für unſer ſittliches Leben Rechenſchaft ablegen. Glaubt nicht, daß ich ſpreche, ohne ſelbſt in Verſuchung geweſen zu ſein. Auch ich habe die Gefahr des Rauſches ge⸗ kannt, aber ich gab mich ihr nicht hin, ich entſetzte mich noch zu rechter Zeit davor. Der Rauſch... ach, hört mich noch einen Augenblick. Klug und verſtändig, ge⸗ achtet und geliebt, werden wir von ſeinem Wahnwitz er⸗ faßt und ſtürzen auf einmal in einen Abgrund. Wir haben ſo ſicher auf der gewöhnlichen Landſtraße gewan⸗ delt; aber der Rauſch führt uns auf ein Seil, verwan⸗ delt uns in Seiltänzer. Die Balancirſtange hält uns einen Augenblick aufrecht. Aber das Seil entfernt uns immer mehr von der Erde, während es zuletzt immer ſchmaler und ſchmaler wird. Auf einmal fühlen wir einen Schwindel... Die Balancirſtange entfällt gleich⸗ ſam unſerer Hand... und wir ſtürzen hinab... wohin Hes iſt vor unſern Augen ſchwarz geworden. und wir wiſſen nicht wohin.“ Amen,“ erſcholl eine tiefe Stimme. Es war Jeſpersſon, der angekommen war. „Ich höre,“ fügte er dann hinzu,„daß Ihr bereits das Ereigniß auf dem Krähenneſt kennt. Ich komme juſt aus dem Hauſe des Gerichtsbauers. Da ſieht es jämmerlich aus. Der Juſtizkommiſſär hat bereits Unter⸗ ſuchung gehalten.“ „Die Sache iſt alſo wirklich ſo?“ „Vollkommen.“ „Und Dein Bedienter... er iſt todt?“ Jeipersſon zuckte mit den Achſeln. „Ich danke Gott dafür,“ antwortete er. „Wie ſo 2⸗ „Wäre er am Leben geblieben, ſo wäre er früher oder ſpäter ein ewiger Gaſt in unſern Zuchthäuſern ge⸗ worden. .. 314 „Aber ſtatt deſſen hat er jetzt zwei andre Leute da⸗ hin geſchafft.“ „Glaube das nicht, Horner. Die Leute haben ſich ſelbſt dahin geſchafft.“ „Allmächtiger Gott,“ fiel Frau Hjelm ein,„glau⸗ ben Sie wirklich, daß es ſo weit mit ihnen kommen werde?“ „Belieben Sie durchs Fenſter hinauszuſehen, Ma⸗ dame; ſehen Sie dort auf der Landſtraße.. 2 Aber warten Sie einen Augenblick, ſie ſind bald hier.“ „Ewige Vorſehung, das iſt ja... „Der Gerichtsbauer und Johansſon, ja! Ganz richtig. Wie Sie ſehen, ſind ſie bereits verhaftet. Die dritte Perſon, die neben ihnen ſitzt, iſt der Diſtrikts⸗ Commiſſär. Sie werden jetzt ins Bezirksgefängniß ab⸗ geführt.“ Jeſpersſon äußerte ſich mit eiſiger Kälte. Die Ueb⸗: rigen waren deſto mehr erſchüttert. Unläugbar war es auch entſetzlich, zwei Perſonen, die freilich nicht ohne ihre großen Fehler waren, deren Fehler aber im Allge⸗ meinen ſo ziemlich den Bauern überhaupt anklebten, während ſie ſonſt noch ſehr gute Eigenſchaften hatten, in dieſem Zuſtand zu ſehen, ſie auf einmal in zwei Miſſe⸗ thäter verwandelt zu ſehen, die in Eiſen geſchmiedet jetzt der prüfenden Gerechtigkeit und ſtrafenden Hand des Ge⸗ ſetzes überantwortet wurden. „Alles iſt vergänglich,“ bemerkte Jeſpersſon, Alles, Alles...“ Obſchon ſeine Stimme kalt war, lag gleichwohl et⸗ was darin, was nichtsdeſtoweniger von einem unendlichem Schmerz zengte. Es wurde auch ſo ſtill, ſo ſtill im Zimmer. Man hatte ſich in das kleine Wohnzimmer begeben, und nur Charlotte, wie auch Carl Auguſt und Hermann waren noch im Salon. „Auch meine Hoffnungen ſind vergänglich geweſen,“ 315 fuhr Jeſpersſon fort,„und mein Bleiben dahier iſt es gleichfalls.“ „Wie ſo? Gedenken Sie uns zu verlaſſen?“ „Ich habe,“ antwortete er,„etwas ausrichten zu können gehofft; aber all meine Bemühungen ſind ver⸗ geblich geweſen, und ich habe nichts mehr auszurichten.“ Jeſpersſons Entſchluß ſie zu verlaſſen, kam ſo un⸗ vermuthet, wie ſein erſtes Auftreten unter ihnen, und man konnte kaum an den Ernſt ſeiner Worte glauben. „Madame,“ fügte er dann gegen die Majorin hin⸗ zu,„Sie haben Ihrem Sohn ein Ereigniß mitgetheilt, das Sie zu verſchweigen verſprochen hatten. Ich will Sie nicht darum tadeln, aber ich beklage es, weil es einen Kummer in die Bruſt Ihres Sohnes geworfen hat. Daß er ſich mit einiger Heftigkeit gegen mich wandte, bedeutet nichts. Ich gebe Ihnen meine Hand darauf, daß ich ihn ſtets wie meinen eigenen Sohn behandeln werde.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, begab ſich Jeſpers⸗ ſon in den Salon hinaus. Bei dem Anblick der ſchönen Gruppe, welche Char⸗ lotte, Carl Auguſt und Hermann bildeten, blieb er eine Weile ſtehen. Ein Seufzer hob ſeine Bruſt. Hierauf winkte er Hermann zu ſich. „Ich habe verſprochen, Ihnen an Fränlein Emmas Hochzeittag eine Erklärung über den Tod Ihres Vaters zu geben.“ „Ja.“ „Unglücklicher Weiſe muß ich jetzt das Verſprechen zurücknehmen.“ „Es zurücknehmen?“— „Ich verſpreche Ihnen für alle Fälle, daß Ste dieſe Erklärung einmal erhalten ſollen; aber ich muß ſie noch aufſchieben. Sie dürfen an das Wort eines älteren Mannes glauben, Hermann. Jetzt keinen Zwiſt unter 316 uns. Nehmen Sie das Papier und übergeben Sie es Ihrer Mutter. Inzwiſchen leben Sie wohl, Hermann. Ich habe eine Kleinigkeit zu beſtellen und entferne mich in aller Stille.“ War es eine Thräne, die in Jeſpersſons Augen glänzte, als er Hermann die Hand drückte? Aber er vergoͤnnte keine Zeit dieß zu erforſchen, denn er wandte ſich jetzt um und verließ das Zimmer. Hermann begab ſich mit dem Papier ſogleich zu ſeiner Mutter hinein, und als ſie es öffnete, enthielt es einen in geſetzlicher Form auf ſie übertragenen Kaufbrief für das hübſche kleine Rittergut, das ihr ſo viele Jahre hindurch Freude und Behagen geſchenkt hatte. Bei dem Kaufbrief fand ſie eine von der Hand ihres unbekannten Wohlthäters geſchriebene Vollmacht für Jeſpersſon in ſeinem Namen⸗und auf Rechnung der Frau Hjelm dieſes Gut zu kaufen. Die Kaufſumme war im Vertrag ſelbſt quittirt. Wir übergehen die Ueberraſchung, die dieſes Ge⸗ ſchenk hervorrief. Man ſuchte zwar Jeſpersſon ſogleich um das Nähere von der Sache zu erfahren, aber er war bereits ver⸗ ſchwunden. Eine halbe Stunde ſpäter erſchienen zwei Frauen bei Frau Hjelm. Die Eine war die Gerichtsbäurin, die Andere Frau Johansſon. Beide wußten ſehr wohl, daß ſie bei der Majorin Theilnahme und Troſt zu erwarten hatten, und es kam ihnen ſo natürlich vor ſich in dem großen Kummer, der ſie betroffen hatte, an ſie zu wen⸗ den. re T⸗ 317 Jedem Unglücklichen, der vor dem forſchenden Blick der Welt rein daſteht, fliegt jedes Herz mit den reinſten Eingebungen ſeines Gefühls entgegen. Die Theilnahme will freundlich ſeine Thränen wegſchmeicheln, die Zärt⸗ lichkeit will ihre beruhigende Hand auf ſeine Bruſt legen. So eilten auch die Anweſenden mit tröſtenden Wor⸗ ten und theilnehmender Freundſchaft den vom Unglück ſo ſchwer betroffenen Frauen entgegen. Große Thränen rollten über ihre Wangen herab, tiefe Seufzer hoben ihre Bruſt, Klagerufe tönten über ihre Lippen. Der Schlag hatte ſie auf eine ſo herzzerreißende, ſo zermalmende Art getroffen. „Mein Fräulein,“ ſagte Horner zu Charlotte,„Sie ſind auch Weib— ſehen Sie die Abhängigkeit des Weibes vom Mann— ſehen Sie das Loos der Frau — im Fall ihre Wahl unglücklich iſt. Wenn ich für Ihre Zukunft zu Gott bete, ſo bete ich auch für meine eigene Tochter.“ Hermanns und Carl Auguſts Augen begegneten ſich. Was ſie dachten— ſagte keiner. Einundzwarzigſtes Kapitel. Jeſpersſon verläßt Edsbro. Ein Reiſeſchlitten ſtand bereits angeſpannt vor der Thüre der kleinen Flügelwohnung, die Jeſpersſon inne hatte, und die wenigen Dinge, die er beſaß, waren ſchon eingepackt und herausgetragen. 318 Er ſelbſt hatte ſoeben einen Brief an Baron Hor⸗ ner beendigt, worin er ihm verbindlichſt für die genoſſene Gaſtfreundſchaft dankte. Im Uebrigen ließ er ſich in Folge ſeiner ſo plötzllch beſchloſſenen Abreiſe nicht auf die mindeſte Erklärung ein, und gab Niemand auch nur die fernſte Andeutung. Jeſpersſon war von allen ſeinen Planen abgeſtan⸗ den; aber er wollte nicht länger an dem Ort bleiben, ſeitdem er das Unglück nicht mehr bekämpfen konnte, von welchem er ſeine Freunde jetzt bedroht glaubte. Der Brief ſchloß mit folgenden Zeilen: „Ich bin mein ganzes Leben lang ein Narr gewe⸗ ſen. Als Egoiſt ging ich in der Verachtung gegen An⸗ dere zu weit, und als mein Herz mich einmal zu einer menſchenfreundlichen Geſinnung ermahnte, ging ich in der Liebe gegen Andere zu weit. Ich will mich jetzt in einen entlegenen Winkel zurückziehen, wo ich alle Andern und auch mich ſelbſt vergeſſen kann. Ich fühle jedoch, daß ich mit blutendem Herzen Dich und Deine Familie verlaſſe u. ſ. w.“ Nachdem er ſeinen Namen darunter gezeichnet, den Brief zuſammengelegt und an Baron Horner adreſſirt hatte, ließ er ihn in der Chiffonniere zurück. Als er ſein Zimmer verließ, begab er ſich quer über den Hof in das Flügelgebäude gegenüber. Sophie war bereits von ihrem Krankenlager auf⸗ geſtanden. Ihr Geſicht war bleich, aber übergoſſen von der milden Wehmuth, die ein Weib ſo unwiderſtehlich lieblich macht. Bei ihr war es die innere Schönheit, die unauf⸗ hörlich hervorbrach und der äußeren Intereſſe verlieh. Gleich einer hinwelkenden Blume lehnte ſie jedoch ihren Kopf noch über die Erde hin, die für ſie nichts anderes mehr als ein Grab zu beſitzen ſchien. 6 Als die Thüre ſich öffnete und Jeſpersſon eintrat, — ging ſie ihm freundlich entgegen und drückte ſeine Hand, — 319 indem ſie ihm für alle Sorgfalt dankte, die er ihr be⸗ wieſen hatte. „Ihr Zuſtand freut mich,“ ſagte Jeſpersſon;„Ihre Geneſung iſt in den letzten Tagen raſch vorgeſchritten, und Sie müſſen jetzt nur noch einige Vorſicht beobach⸗ ten, dann iſt alle Gefahr vorbei. Meine Pflege iſt hin⸗ fort überflüſſig, und ich kam blos hieher um Sie noch einmal zu ſehen und dann...“ „Ach Doctor, gedenken Sie uns jetzt ſchon zu ver⸗ laſſen? Haben Sie ſo große Eile?“ „Ich habe Nichts zu thun, Madame, aber ich habe die Erfahrung gemacht, daß man, ſelbſt von den beſten Abſichten geleitet, ſich niemals Jemanden aufdringen darf. Jedermann hat das Recht nach eigenem Belieben mit ſeinen eigenen Einbildungen umzugehen So lang Sie meiner bedurften, ſtand ich Ihnen gern zu Dienſt, aber jetzt bedürfen Sie meiner nicht mehr und ich ziehe mich lieber freiwillig zurück, als daß ich mich der Gefahr aus⸗ ſetze nmöchte, zuletzt von Ihnen fortgewieſen zu werden.“ „Wie können Sie ſo ſprechen, Doctor, es iſt nicht Ihr Ernſt; Sie können nicht glanben, daß ich jemals ſo und ankbar gegen Sie ſein könnte.“ „Das wäre kein Undank, Madame, ſondern blos eine natürliche Reaktion im Herzen wider alles fremde und ungebührliche Eindringen. Aber der Fuhrmann war⸗ tet und ich muß Sie verlaſſen.“ Sophie war mißverguügt. Jeſpersſons Aeußerungen geſielen ihr nicht. „Ich verſtehe Sie heute nicht, Doctor; aber Sie ſind überhaupt ganz unbegreiflich. Sie haben zu lang unter Baſchkiren, Kalmücken und Gott weiß was gelebt.“ „ Sie täuſchen ſich. Der einzige Menſch, mit dem ich zu lange gelebt habe, das iſt vielleicht derjenige, an Nn Sie jetzt am Wenigſten denken, nämlich ich ſelbſt. Früher lebte ich nämlich zu ſehr mit meiner Verachtung, jetzt lebe ich zu ſehr mit meiner Hingebung.“ 320 „Wirklich, Doctor? Ich glaube beinah, daß Sie Recht haben, weil...“ „Jedenfalls, Madame, ſprechen Sie nicht von mir. Sie können keinen ſchlechteren Stoff wählen. Darf ich eine Frage an Sie richten?“ „Fragen Sie, Doctor“ „Trauern Sie um Ihren verſtorbenen Mann?“ Sophie erhob ihr Haupt. „Ob ich um ihn traure? So lang er lebte, trauerte ich um ihn, und ich werde ſein Grab immer mit den Thränen des Schmerzes, nie aber mit den Thränen der Sehnſucht befeuchten.“ Jeſpersſon drückte ihre Hand. „Madame,“ ſagte er,„Sie ſind jung, Sie ſind liebenswürdig. Sie werden ſich wieder verheirathen. Bei der Wahl eines neuen Mannes müſſen Sie an den alten denken. Auch wenn Ihr Herz ihn vergeſſen hat, laſſen Sie ihn als eine Warnung vor Ihren Ver⸗ ſtand treten. Wenn Sie bisher unglücklich geweſen ſind, Madame, ſo ſind Sie gleichwohl jetzt glücklicher als manche Andre.“ „Wie meinen Sie das?“ „Sie beſitzen Erfahrung, Madame, die allerdings theuer erkauft iſt; aber der Kauſſchilling iſt bereits li⸗ quidirt, und Sie wiſſen jetzt, was eine Ehe ohne Glück iſt, Sie wiſſen, in welches Verderben ein ſchlechter Mann Sie führen kann. Die Liebe braucht bei Ihnen nicht mehr blind zu ſein. Brun hat Ihnen in dieſer Beziehung den Staar geſtochen, und Sie haben Gelegenheit dem Ver⸗ ſtand den gebührenden Platz neben Ihrem Gefühl ein⸗ zuräumen. Wie arm iſt nicht jedes Mädchen gegen Sie! Fräulein Horner zum Beiſpiel.“ „Sie haben Recht, Doctor, Sie haben Recht: Emma ahnt ſelbſt kaum, welch ein trauriges Leben ſie erwartet.“ „Um ſo ſchlimmer, Madame; wenn ſie es ahnte, —— 321 ſo würde ſie nur vergebens an den bereit geſchmiedeten Feſſeln reißen. Einen Augenblick hoffte ich dieſelben noch zerbrechen zu können; aber jetzt hoffe ich's nicht mehr.“ Jeſpersſon ſenkte nachdenklich ſeinen Kopf, erhob ihn aber bald wieder, während er mit der Hand über ſeine Stirne fuhr, als wollte er einen unruhigen Gedanken wegſtreichen. „Wir werden einander vermuthlich nie wieder ſehen, Madame,“ begann er dann wieder,„erlauben Sie mir alſo Ihnen noch einmal die Hand zu drücken. Leben Sie wohl, Madame, leben Sie wohl!“ „Gedenken Sie abzureiſen, Doctor? Gedenken Sie uns auf immer zu verlaſſen?“ „Ja, Madame, ja.“ Fragend und verwundert heftete Sophie ihre großen Augen auf ihn. Aber gleich als hätte ſeine Miene die Worte, die er geſprochen, bekräftigt, ſank ſie auf den Stuhl nieder, ohne jedoch den Blick von ihm abzuwenden. „Sie reiſen alſo ab,“ ſagte ſie;„was wollte ich doch ſagen? Wohin gedenken Sie denn zu reiſen?“ „Fragen Sie die Wolken, wohin Sie gehen; fragen Sie den Sturm, wohin er fliehe; fragen Sie den Adler, wohin er fliege. Mein Weg iſt ſo unbekannt wie der Ihrige. Als ein übermüthiger Jüngling wuchs ich auf, meine Anſichten lehrten mich mit kalter Verachtung das Leben zu behandeln; aber der Himmel hat mich beſtraft. Wenn die Liebe von vem Jüngling verlacht und verhöhnt wurde, ſo hat ſie ſich jetzt gerächt, weil ſie den bereits ergrauten Mann zermalmt hat. Leben Sie wohl.“ „Warten Sie noch einen Augenblick, Doctor, nur einen Augenblick, ich habe Ihnen ſo viel zu ſagen.“ „Ich warte, Madame; was wollen Sie ſagen?“ „Ich glaube, es war Nichts, Doctor; das heißt... ich wollte.. aber es iſt nichts.“ „Wenn Sie etwas auf Ihrem Herzen haben, ſo Ridderſtad, Vater und Sohn. II. 21 322 vertrauen Sie es mir an: ich bin ein eiſerner Schrein, wenn es ſich darum handelt ein Geheimniß zu verwahren.“ „Ich ſagte ſoeben, daß Sie mir ſo unbegreiflich er⸗ ſcheinen, und gleichwohl meine ich, daß ich Sie begreife. Es gibt eine Sache, Doctor, die ich nicht erklären kann. Sie ſcheinen die Völlerei zu haſſen, und gleichwohl habe ich Sie ſo oft über Perſonen lachen geſehen, die ſich ihr hingeben; Sie ſcheinen ſogar dazu aufzumuntern. Von Guſtav habe ich gehört, daß Sie zu ihm geſagt haben, es ſei Schade, daß er zu trinken aufgehört habe. Ueberdieß nahmen Sie Schlangengras zu ſich. Ich ver⸗ ſtehe Sie nicht, Doctor.“ Um Jeſpersſon feſtzuhalten, ergriff ſie den erſten beſten Geſprächsſtoff, der ihr einfiel. „Man macht ſich ſein Leben ſo luſtig als man kann, Madame. Man lacht über alle Thorheiten, die man nicht heilen kann. Man ſieht die Dummheiten Anderer, nicht ſeine eigenen; aber ein verſtändiger Mann ſpiegelt ſich in denjenigen, die er ſieht. Weun ich über Andre lache, höre ich ein Echo, das auch über mich lacht. Das iſt mein einziges Vergnügen, Madame. Ich ſtudire die Ein⸗ ſeitigkeiten Anderer, ich ſuche ſie ſogar zu ihrer höchſten Entwicklung zu bringen: das iſt Wiſſenſchaft, Madame, Naturwiſſenſchaft. Alles geht von einem Punkt zu einer ſoliden Figur aus. Als Punkt kommen wir der Thorheit nicht mit dem Secirmeſſer nahe, als ſolide Figur da⸗ gegen können wir ſie zu Punkten zerſtechen, und das iſt unſere Freude. Ohne Vergrößerungsglas und Secirmeſſer käme die Wiſſenſchaft nicht vom Fleck. Einmal glaubte ich beinahe, daß ich die Gottheit ſelbſt mit ihnen ana⸗ tomiſiren könnte.“ „Hu, Doctor; das gefällt mir nicht. Sie ſprechen wie ein Heide.“ 3 „Die Viſſenſchaft iſt eine Heidin, Madame. Sie glaubt nur an ſich ſelbſt.“ „Man findet ſich beſtändig getäuſcht.“ — 323 „Das iſt wahr. Wenigſtens habe ich das gefunden.“ „Sie müſſen mir verſprechen nie mehr die Trunken⸗ heit zum Spielball Ihrer wiſſenſchaftlichen Phantaſieen zu machen.“ „Fordern Sie das?“ „Ja, Doctor, ich fordre es, ja noch mehr, ich will es.“ Der Ausdruck erfreute Jeſpersſon. „Darf ich Sie fragen, warum Sie es wollen?“ „Das iſt ja natürlich, Doctor. Sie wiſſen, welche Erfahrung ich durch die unglückliche Neigung meines Mannes zum Trunk gemacht habe.“ „Nun ja.“ „Für das Glück der Ehe, ſomit auch für des Weibes Glück gibt es keinen gefährlicheren Feind, denn wenn die Trunkenheit zur Thüre hereintritt, ſo entfernen ſich Religioſität, Liebe, Freude, Glück, der Segen der Arbeit und der Friede der Sittlichkeit.“ „Weiter, Madame, weiter.“ „Meine Erfahrung iſt, wie Sie ſelbſt ſoeben ſagten, eine Warnung für mich; aber alle Andern blicken gerne zu denjenigen empor, die eine ſolche zu haben glauben.“ „Nun wohl?“ „Jeder Arzt, Doctor, wird in der Familie als ein Mann behandelt, der in die Myſterien des Lebens ein⸗ geweiht ſei, und in Folge ſeiner vielfachen Erfahrungen ein zuverläſſiger Rathgeber ſein müſſe.“ „Ich beginne Sie zu verſtehen, Madame.“ „Sieht man, daß der Arzt die Trunkenheit blos als einen paſſenden Gegenſtand für paradoxe Experimente betrachtet, was ſoll man dann glauben?“ Der Ausdruck welcher Jeſpersſon belebte, zeigte, mit welcher Freude er ihr zuhörte. „Statt ſie in ihrer ganzen abſchreckenden Nacktheit zu zeigen,“ fuhr Sophie fort,„tragen Sie zu einer Verirrung bei, wenn Sie dieſelbe in eine Bajazzojacke kleiden und ſelbſt in der erſten Reihe daſitzen, um ihren 324 wahnwitzigen Poſſen zu applaudiren. Sie werden doch nicht böſe auf mich, Doctor 2“ „Ganz und gar nicht, Madame, nein! nein! Was Sie ſagen, macht mich im Gegentheil ſo glücklich und vergnügt. Hätte nur ein Weib wie Sie ebenſo zu mei⸗ nem Herzen geſprochen, als ich noch jung war, mein Gott, wie ganz anders würde es nicht mit mir gewor⸗ den ſein! Jetzt iſt es zu ſpät. Ich. verſpreche Ihnen inzwiſchen Ihr Wort nicht zu vergeſſen. Aber ſprechen Sie noch mehr, Madame, ſagen Sie mir, wie ich ſein ſoll, und ich werde verſuchen, beſſer zu werden. Wenn ich Sie höre, ſo iſt es mir, als ob eine freundlich milde Hand ſich beſchwichtigend auf mein unruhiges Herz legte. Sprechen Sie, Madame, ſprechen Sie. Ich bin ein älterer Mann, der in vielen Einſeitigkeiten verhärtet iſt, aber nichtsdeſtoweniger dringt Ihre Stimme an mein Herz, und es iſt mir, als ob die Einſeitigkeit wie Schup⸗ pen von meiner Seele fiele. Haben Sie mir nichts mehr zu ſagen?“ „Nein, Doctor, nein.“ „Nichts. So leben Sie denn wohl, Madame.“ Jeſpersſon ergriff ihre Hand. Sein Blick ſuchte nach dem ihrigen und traf ihn. „Vielleicht ſehen wir einander nie wieder,“ ſagte er. „Mein Weg...“ „Sprechen Sie nicht ſo, Doctor, wir werden einan⸗ der wiederſehen.: „Sagen Sie das ²* uſrn bin es überzeugt. Glauben Sie es nicht e 2“ ſ Ein zweifleriſcher Zug verrieth ſich bei Jeſpersſon. „Es iſt möglich,“ ſagte er,„ſehr möglich. Ich werde Sie dann glücklich an der Seite eines einnehmen⸗ den und liebenswürdigen Mannes finden, der noch in der Blüthe ſeines Alters ſteht.“ „Sie ſind kein Prophet, Doctor.“ 325⁵ „Bin ich keiner?“ „Ein Mädchen, Doctor, liebt einen Jüngling, ein Weib liebt einen Mann.“ 1 „Aber wie warm auch das Herz unter grauen Haa⸗ ren ſchlagen mag, ſo bleibt dieß doch nur eine Thorheit in den Augen des Weibes.“ „Sie kennen den Mann gewiß ſehr gut, aber Sie kennen das Weib nicht. Unter den grauen Haaren iſt das Herz des Mannes immer reiner und zuverläſſiger als unter den braunen Locken. Ein gutes Weib ſucht ihr Glück nicht blos im Schooß des Augenblicks, ſon⸗ dern im Frieden des Hanſes. Eine 50 jährige Eiche ſchenkt uns einen beſſern Schatten als ein Schößling, deſſen Stamm und Krone fich bei jedem Winde beugt.“ Noch einmal ſah Jeſpersſon in ihre Augen und So⸗ phie ſchlug die ihrigen nicht nieder. „Leben Sie wohl, Madame,“ ſagte er dann,„leben Sie wohl.“ „Willkommen wieder, Doctor!“ Er hörte ihre Worte und eilte weg. Sophie ſank auf ihren Platz am Fenſter nieder. Als Jeſpersſon Sophie verließ, hob eine unaus⸗ ſprechlich liebliche Wehmuth ſeine Bruſt. Im Schmerz hatte er bisher immer etwas Bitteres gefunden, er hatte blos ſeine Dornen kennen gelernt; aber jetzt meinte er zu verſtehen, daß neben den Dornen auch eine Roſe blühe. Gedankenvoll begab er ſich auf ſein Zimmer zu⸗ rück, um ſich noch einmal da umzuſchauen und ſie dann auf immer zu verlaſſen. 326 Bereits ſtand er angekleidet da. Schon war er im Begriff, ſich in den Schlitten zu ſetzen, als er ſich an Abrahamsſon erinnerte und ſogleich zurückkehrte, um noch einmal mit ihm zu ſprechen. Abrahamsſon war nach dem Kampf mit Alfred im⸗ mer heftiger erkrankt. Seine Kräfte waren gebrochen, und es ging ſichtlich mit ihm zu Ende. Als Jeſpersſon ſich am Morgen zu Boijer begab, merkte er, daß die Stunden des Kranken bereits gezählt waren. Als er jetzt bei ihm eintrat. ſtanden Hans und ſeine Frau Maja auf beiden Seiten des Kranken und hielten ſeine Hände in den ihrigen. Abrahamsſon lag ſo ruhig und ſtill da, nicht als erwarte er die Annäherung des Todes. ſondern vielmehr als hätte er ſeine Gedanken geſammelt um etwas auszu⸗ ſprechen, das ihm auf dem Herzen lag. Hans und Maja dagegen waren in tiefer Aufregung. Herzzerreißende Ge⸗ wiſſensqualen ſchienen tiefe Furchen in ihre Geſichter zu pflügen, ihre Bruſt zu heben, ihren Kopf niederzubeugen, ihre Herzen zu zermalmen. „Mein Gott, Herr Doctor, wie froh bin ich, daß Sie da ſind,“ ſagte Abrahamsſon.„Ach wie lang habe ich auf ſie gewartet! Sehen Sie, Herr Doctor,“ fuhr er fort,„ich möchte dieſe Erde da nicht gern verlaſſen, ohne Ihnen zuvor für alle die Güte gedankt zu haben, die Sie gegen einen ſo armen und elenden Schlucker ge⸗ zeigt. Es iſt wahr, ich geſtehe es mit aufrichtiger und bitterer Reue, daß ich ein großer Sünder geweſen bin, daß ich viele Verbrechen begangen habe, daß es ſogar eine Zeit gab, wo ich eine Geſetzesübertretung als eine Ehre betrachtete und damit vor Leuten meines Gelich⸗ ters prahlte, aber ich denke jetzt nicht mehr ſo und dachte ſchon lange nicht mehr ſo. Ach mein Gott, nein! Aber nachdem ich einmal auf die Bahn des Verbrechens gerathen, da waren mir alle Wege zur Umkehr verſchloſ⸗ ſen und ich wurde immer tiefer in den Abgrund hinab⸗ —„——, 8-dD— 327 gezogen. Ich klage indeß nicht, weil ich jetzt gar wohl einſehe, daß ich, wenn ich mehr Vertrauen auf Gott ge⸗ ſetzt und mich gegen die böſen Lüſte gewaffnet bätte, dann gewiß Gnade vor ſeinen Augen und vielleicht auch vor der Geſellſchaft gefunden haben würde. Aber es gibt ein Gift, Doctor, das ſchon in der Geburt alle guten Vor⸗ ſätze erſtickt und zu einem unregelmäßigen Leben und zu Verbrechen verleitet. Ach, Herr Doctor, als ich den er⸗ ſten Diebſtahl beging, da war ich betrunken; das war ich auch, als ich meinen zweiten und dritten beging. Allmächtiger Gott, war ich nicht jedesmal betrunken, wenn ich ein Verbrechen beging? Unaufhörlich, das weiß ich, nagte der Vorwurf an mir, und ich empfand etwas, das mir zuflüſterte: laß dieß ſein, thue es nicht! Aber ich brachte mit ein Paar Schluck mein Gewiſſen zum Schweigen, dann kehrte mein Muth zurück und ich konnte wieder über Alles lachen.“ Abrahamsſon athmete neu und ſchloß dabei die Augen, als wollte er ſeine Gedanken ſammeln. „Herr Doctor,“ fuhr er dann fort,„Sie ſehen hier meine Schweſter Maja und Hans, ihren Mann, den ich liebe, wie einen Bruder. Sie ſind die einzigen Per⸗ ſonen in der Welt, die mir ſtets Liebe bewieſen haben. Sie ſind elend und arm, Herr Doctor, wie ich, und . möge Gott im Himmel mir verzeihen.. aber vielleicht liebe ich ſie juſt darum ſo herzlich. Wir ſind zwar nicht ſo oft beiſammen geweſen... ach nein... aber wenn ich kam, ſo ſtand, da ich immer verfolgt war, ſtets ihre Thüre für mich offen, und ſie gaben mir das Beſte, was ſie zu geben hatten. Auch ſie beide, Doctor, haben ſo viel auf ihrem Gewiſſen; ſie haben mir Alles geſtanden, und die Reue hat auch ſie zu ergreifen begonnen. Suchen Sie die Leute der Ge⸗ ſellſchaft und Gott zu retten, Herr Doctor. Sprechen Sie zu ihren Herzen, Doctor! Stärken Sie fie im Rechten, ſo lang es noch Zeit iſt. Sie ſind ein braver 328 Mann Sie, Herr Doctor. Ihr Herz ſteht den Leiden⸗ den offen, und wenn Sie ſprechen, ſo dringen Ihre Worte durch Mark und Bein. Man hört, daß es Nichts auswendig Gelerntes iſt, was Sie ſagen, ſondern daß es von einer warmen Theilnahme kommt. Ach Doctor, ſprechen Sie auf dieſe Art auch mit ihnen, und Sie werden dieſe Leute von allem Elend retiten. Verſprechen Sie mir das? Ach ja, ich ſehe es an Ihrem freundlichen Geſicht, daß Sie gewiß Alles thun werden, was Sie können.“ Wiederum verſtummte Abrahamsſon. Sein matter Blick wandte ſich jetzt rechts und liuks, gleich als wollte er ſeine Schweſter und ſeinen Schwager noch einmal betrachten. „Mein Gott,“ ſagte er,„ich glaube, ich kann Euch nicht mehr ſehen Es liegt wie ein Nebel vor meinen Augen. Das biſt doch Du, Schweſter? Er drückte dabei ihre Hand nnd eine Fluth von Thränen ſtrömte aus ihren Augen. „Ich bin's, Bruder,“ antwortete ſie,„ich bin’s.“ „Und hier habe ich ja Dich, Hans?“ Hans antwortete nichts. „Du biſt härter, Hans,“ fuhr Abrahamsſon fort, „Du biſt härter als Maja. Möge Gott Reue bei Dir wecken, Haus, Dein Herz beugen und Beſſerung hervor⸗ rufen. Weine, weine! Es thut wohl, ſich auszuweinen, wenn Einem Etwas auf dem Herzen liegt. Auch ich habe manchmal geweint und mich immer beſſer dabei be⸗ funden. Aber endlich hörten die Thränen auf und ich wurde hart und kalt. Maja und auch Du Hans, Ihr wißt, wie ſehr ich Euch liebe; Ihr wißt, welche Wege ich gewandelt bin, Ihr wißt, daß ich mich gegen die Menſchen verſündigt habe, aber daß ich auch hart dafür geſtraft worden bin. Hört mich alſo in meiner letzten Stunde an und glaubt, daß ich von meiner ganzen Seele mit Euch ſpreche. Hört mich und bedenkt wohl, 92——*☛⏑——— v 2 329 was ich Euch ſage. Ihr habt mir geſtanden, daß auch Ihr den Weg betreten habt... den Weg in die Zucht⸗ hänſer oder zum Galgen. Kehrt um, ſo lange es Zeit iſt. Das Verbrechen führt zu einem entſetzlichen Leben. Seht wie ich bin. Körperlich zuſammengefallen, zerriſ⸗ ſen an meiner Seele, friedlos auf Erden und vielleicht auch friedlos im Himmel. Barmherziger Gott, mögeſt Du vergeben— nicht einem Verbrecher— aber dem Verbrecher, wenn er umkehrt und ſich beſſert.“ „Maja und Hans,“ ſagte er dann,„ich bin ein großer Sünder... viele Verbrechen laſten auf mir... es iſt ſchauerlich, zu ſterben und daran zu denken... lernt Etwas von mir... wißt Ihr ein Gebet... ſo ſprecht es.“ Abrahamsſons Stimme wurde immer ſchwächer und ſchwächer. Als er ſie erſuchte, ein Gebet zu ſprechen, ſahen Hans und Maja einander erſchrocken an. Sie hatten in den letzten Jahren nicht viele Gebete geſprochen und fürchteten jetzt, daß ihnen keines mehr einfallen möchte. „Sprecht,“ wiederholte Abrahamsſon,„ſprecht ein Gebet.“ Die Bedeutung der Blicke, die zwiſchen Hans und Maja gewechſelt wurden, entging Jeſpersſon nicht. „Faltet Eure Hände,“ ſagte er,„ich will beten.“ Und mit männlicher, klarer Stimme ſprach er das Vater Unſer und den Segen des Herrn. Nachdem das Gebet vollendet war, lag Abrahams⸗ ſon noch eine lange Weile wie in tiefer Betäubung da. Aber plötzlich ſchlug er ſeine Augen wieder auf und ſtarrte um ſich. „Vertraut Euch dem Doctor an,“ ſprach er hierauf, „und möge Gott mit Euch ſein.“ Noch einmal ſank ſein Kopf zurück und die Augen⸗ lider ſchloſſen ſich. 330 Es war ſo ſtill im Zimmer, als hätte man ſich be⸗ reits in einem Grabe befunden. Haſtig eilte eine krampfhafte Bewegung durch ſeinen Körper, die Stirne verdüſterte ſich, die Brauen zogen ſich zuſammen und die Hand fuhr über die Decke, gleich als hätte er irgend einen Schrecken ausdrücken wollen. Er hatte alles Bewußtſein verloren. Die Augen began⸗ nen den Dienſt zu verſagen. „Fort mit dem Schnaps!“ rief er. Die Stimme war ſchwach und gebrochen, aber bei dem tiefen Schweigen, das im Zimmer herrſchte, vernahm man ſie deutlich. „Fort mit dem Block,“ ſagte er,„fort mit den Handſchellen!“ Es war erſchütternd, zu hören, wie ſeine Gedan⸗ ken noch im letzten Augenblick ſein ganzes Leben in eini⸗ gen wenigen entſetzlichen Ausdrücken zuſammenfaßten. „Ich will frei ſein,“ ſagte er,„ich will entfliehen . entfliehen...“ Dann aber ſank ſein Kopf auf eine Seite hinab und die Hand fiel erſchlafft nieder. „Es iſt aus,“ ſagte Jeſpersſon.„Mag der Himmel ſich über ihn erbarmen!“ Hans bewegte ſich nicht vom Fleck; aber ſeine Auf⸗ merkſamkeit folgte mit hohlen, gierigen Blicken allen Be⸗ wegungen Abrahamsſons, allen ſeinen Worten. Als Jeſpersſon verkündigte, daß Abrahamsſon todt ſei, ſtürzte Hans hinaus. Maja dagegen fiel bei dem Bette des Todten auf die Kniee und verbarg das Geſicht in ihren Händen; aber es währte nicht lang, als ſie ſchon wieder auf⸗ ſchaute. „Hert Doctor,“ ſagte ſie,„ich meinte, mein Bru⸗ der rief mich mit Namen, hörten Sie nichts?“ Maja war im höchſten Grad erſchüttert. 331 „Still, Herr Doctor, er lebt ſicherlich noch. Hören Sie, er ſeufzt... ſeufzt über mich.“ „Ihr taͤuſcht Euch, Mutter Maja. Abrahamsſon iſt geſtorben.“ „Glauben Sie,“ fragte ſie,„daß Gott Erbarmen mit ihm habe?“ „Die Gnade des Herrn iſt groß.“ „Oder,“ fuhr ſie fort,„daß er in die Hölle kom⸗ men werde? Hu, es iſſt ſchrecklich, daran zu denken. Doctor,“ fügte ſie dann hinzu,„er rieth mir, Ihnen Al⸗ les zu geſtehen.“ „Haſt Du etwas auf dem Gewiſſen, ſo beeile Dich Nich will Dich anhören.“ „Auf dem Gewiſſen,“ wiederholte ſie.„Doctor, ich habe viel auf dem Gewiſſen. Ja, ja! ich will geſtehen, ich will bereuen, ich will...“ Majas Geſicht zeugte von dem tiefſten Leiden. Der Tod ihres Bruders brach ihr das Herz. „Hören Sie mich, Doctor, hören Sie mich.“ „Ich höre.“ Wir müſſen hier erwähnen, daß daheim bei Hans und Maja Verſchiedenes vorgekommen war, ſeit wir ſie das letztemal beſuchten, und daß da die Reue vorberei⸗ tet wurde, welche ſie jetzt ergriff, obſchon Hans aus Furcht vor einem Sündenbekenntniß dem Eindruck beſſer widerſtand. Der Leſer wird im Folgenden Kenntniß davon er⸗ halten, wobei wir es auch paſſender finden, während des Ganges der Ereigniſſe die Beſchaffenheit von Majas SSer gegen Jeſpersſon darzuthun, als ſie jetzt zu er⸗ zählen. Je weiter Maja darin kam, um ſo aufmerkſamer wurde jedoch Jeſpersſon. Als ſie ungefähr in die Mitte kam, unterbrach er ſie mit einem Eifer, der von dem Intereſſe zeugte, wel⸗ ches ſie ihm bereits eingeflößt hatte. Frage auf Frage 332 folgte jetzt von Jeſpersſons Seite, und Antwort auf Antwort von Seite Majas. „Weib,“ rief Jeſpersſon endlich, indem er mit hef⸗ tigen Bewegungen ihre Arme ergriff,„lügſt Du nicht?“ „Bei Gott, ich lüge nicht.“ „Sollte es Wahrheit ſein? Warum nicht... Was haben wir heute für einen Tag? Montag... und die Hochzeit iſt am Sonntag.“ Ueberlegend ging Jeſpersſon im Zimmer auf und ab, Maja wollte ſprechen. „Still,“ rief Jeſpersſon;„ſtill, ich habe nicht Zeit Dich anzuhören... ſtill, ſtill... laß mich denken.. ja, ja, ich muß abreiſen.“ Und er eilte aus dem Zimmer. Eine Viertel⸗ ſtunde ſpäter war er unterwegs und weit von dannen. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. V Geſpräch in der Brennerei. Während der letzten Ereigniſſe iſt Lars Persſon— der Brennmeiſter— nur da und dort ein wenig zum Vor⸗ ſchein gekommen. ¹ Lars Persſon, der mit ſtieriſcher Hartnäckigkeit an Meinungen feſthielt, die er einmal gefaßt, hatte ſchon lange ein Gift gegen die Familie Boijer. Wie man ihn auch beurtheilen mag, ſo kann man ſich über eine Sache nicht täuſchen, nämlich daß er über der Ausführung eines Racheplaus brüten mußte. Die Rachſucht hatte ſchnell, blitzſchnell ſich ſeiner 3³³ bemächtigt und war ſeitdem nie mehr von ihm ge⸗ wichen. Lars hatte die Liebe bemerkt, welche Boijer und ſeine Frau Alfred widmeten, als er noch ein eigenſinni⸗ ges und im Haus allmächtiges Bübchen war; und je größere Freude beide an ihm zu haben ſchienen, deſto entſetzlicher empfand er den Verluſt ſeiner erſten Frau und ſeines Sohnes. Da er die gänzliche Unwiderruf⸗ lichkeit des Verluſtes wohl einſah, ſo verdüſterte ſich ſein Gemüth immer mehr. In ſeiner Lage war jedoch eine Rache gegen eine reiche und vornehme Familie nicht leicht auszuführen; aber inſtinctmäßig griff er zu dem Mittel, das ihm zu⸗ nächſt lag und ihn ſelbſt geſtürzt hatte, nämlich nach dem Branntwein, um mit deſſen Hilfe ſein Ziel zu er⸗ reichen, und zwar offenbar, ohne daß er ſelbſt das Sätsniſhe dieſes Plans recht überdacht oder verſtanden atte. Er wurde Brennmeiſter und blieb dieß in Folge der wohlberechneten Anſchläge ſeiner von trüben Gedan⸗ ken erfüllten Seele. Wenn er auch noch nicht recht deutlich wußte, wie er das entfernte Ziel erreichen ſollte, ſo wußte er doch um ſo beſſer, worin dieſes Ziel beſtehen ſollte, nämlich darin, daß er Boijers alle Freude an ihrem Sohne ver⸗ derbte. Er gönnte Niemand eine Freude, deren man ihn ſelbſt beraubt hatte. Als die Brennerei ihm überlaſſen wurde, und er die eigentliche Quellader der Sündfluth, die ſo viel Verbrechen unter den Menſchen verbreitete, in ſeiner Gewalt ſah, da zweifelte er nicht mehr am Erfolg ſeiner Abſichten. Von dieſem Augenblick an begann er auch ſämmtli⸗ chen launenhaften und böſen Anſchlägen Alfreds zu ſchmeicheln und auf ſeine Art alle Neigungen zur 334 Schlechtigkeit, die in ſeinem Herzen und ſeiner Seele vor⸗ handen waren, gewiſſermaßen ein Kiſſen zu unterlegen. Aber man könnte leicht glauben, daß er Alfred auch haßte; das war jedoch nicht der Fall. Je größere Erfolge er bei ihm gewann, je mehr er den Jungen für das Gute erkalten, und gleichſam nur in denjeni⸗ gen Dingen, die von einem harten Herzen zeugten, ſich freier bewegen ſah, umſomehr liebte er ihn. Und dieſe Liebe war nicht erheuchelt. Im Anfang wunderte er ſich zwar über ſeine eigenen Erfolge, endlich aber begann er ſeinen Zögling zu bewundern, und allmählig verwandelte ſich dieſe Bewunderung in Ergebenheit, um nicht zu ſa⸗ gen in Liebe. Aber Lars war ſelbſt ein harter, egoiſti⸗ ſcher Mann, und ſeine Liebe zu Alfred entwickelte ſich daher blos innerhalb der Grenzen dieſer Neigung. Man dürfte fragen, ob auch das Böſe lieben könne? Warum denn nicht? Aber demjenigen, den man liebt, wünſcht man doch immer Wohlfahrt. Das iſt wahr, aber Lars wünſchte Alfred auch allen möglichen Erfolg innerhalb des Zauberkreiſes der Art und Weiſe, wie er ſelbſt die Welt betrachtete. Er hätte ſogar gern einen großen und berühmten Mann aus ihm machen mögen, aber auf ſeine Art, d. h. unter der Bedingung, daß er in Alfreds Größe das Gepräge ſeiner eigenen Züge wiedergeſehen hätte. Nachdem der Haß in Lars Bruſt Raum gewonnen, ver⸗ ſtand er keine andere Liebe: aber dieß war nichtsdeſto⸗ weniger Liebe, obſchon ſie kein Kind des Lichts, ſondern ein Kind der Mitternacht war. Lars beurtheilte inzwi⸗ ſchen ſich ſelbſt nicht ſo ſchlecht, als wir es thun. Das kam daher, daß er mehr einem Inſtinkt, als irgend einem beſtimmten Plan folgte. Der Haß war das Be⸗ dürfniß nach Rache, keine berechnete Teufelei. Die Ar⸗ muth hegt ſehr oft einen ganz entſchiedenen, ſelten aber vollkommen klaren Groll wider den Reichthum. Der ſchwediſche Bauer iſt auch einem ſolchen Groll gegen die Herrenklaſſe ganz und gar nicht fremd. Niemand unter⸗ 3ͤͤ— e— —— 2 335 ſucht die Gründe für oder wider; aber viele Gelegen⸗ heiten haben das Daſein dieſes Stachels bewieſen und gezeigt, daß er, wenn es ſich ſo ſchicken will, bereit iſt, ſich ſo tief einzubohren, als er nur kann. Das war dasſelbe Gefühl, das auch Lars Bruſt mit bitterem Unwillen er⸗ füllte, obſchon es ſich mehr concentrirt hatte, und ſeine Spitze ausſchließlich gegen eine einzige Perſon richtete. Dieſer Haß konnte im Allgemeinen in Bezug auf ſeinen Grund ſchwediſch genannt werden, obſchon er bei ihm individualiſirt war. Lars wollte nämlich dasjenige, was über ihm ſtand und von dem er einmal unrecht behan⸗ delt worden zu ſein glaubte, unter ſeine Füße treten. Das Gefühl, das ihn beherrſchte, war einigermaßen demjenigen gleich, was 1810 Ferſen den Fuß auf die Bruſt ſetzte. Aber Alfreds Herz von ſeinen Eltern ab⸗ wendig zu machen, ſie aller Freude an ihrem Sohn zu berauben, das war nach Lars Dafürhalten doch kein eigentlicher Haß gegen ihn, ſondern nur gegen ſie. Durch das trübe Sehrohr, worin er über die Gegen⸗ ſtände hinblickte, betrachtete er Alfred niemals, wenig⸗ ſtens nach einigen wenigen Jahren nicht mit Unwillen. Dieſer wurde im Gegentheil ein wahrer Goldjunge für ihn und gewann einen großen Raum in ſeiner Bruſt. Aber dieſe Bruſt war auch ein finſterer Arreſt, obſchon Lars ſelbſt dies nicht einmal begriff. Gleichwohl war es nicht der Haß allein, wodurch Lars ſich leiten ließ, ſondern auch der Eigennutz. Dieſe beiden Triebe wirkten gleich lebhaft bei ihm, und vielleicht wußte er zuweilen ſelbſt nicht, welcher von beiden der überwiegende war. In Lars Kopf ſpukte nämlich ſchon damals die eigenthümliche Anſicht, daß er, wenn Alfred einmal das Gut übernähme, mehr Einfluß bekommen, und dann die Macht haben würde, nach Belieben zu ſchalten und zu walten. Er war ein verſchlagener Kopf ohne alle Bildung; 336 er haßte, aber es fehlte ihm nicht an ſelbſtſüchtiger Schlau⸗ heit. Er wollte Alfred herunterreißen, um ihn in ſei⸗ nem niedrigen Kreiſe behalten zu können; er wollte ihm nicht ſchaden, ihn nicht vernichten; er haßte blos Alles, was Alfred von ihm reißen, ihn von der Gewalt be⸗ freien konnte, die er über ihn zu gewinnen wünſchte. Der Plan war aber auch nicht auf einmal fertig geworden. Schritt für Schritt bildeten ſich ſeine Abſichten aus, bildeten ſich in Folge unbedeutender Umſtände in dem Maße aus, wie er ſeine erſten Erfolge be⸗ merkte. Nicht mit einem gierigen Tigerblick ſpielte er mit ſeinem Opfer, ſondern weit eher mit der langſameren, aber gutmüthigeren Tatze eines Bären; er hieb nicht haſtig wie der Tiger ſeine Zähne in den Raub ein, ſon⸗ dern fuhr fort, damit zu ſpielen, ſpielte mit ihm von Jahr zu Jahr, ohne zu ermüden, ohne ſeine Abſichten aufzugeben. Es wäre nicht ſchwer, Spur für Spur die Ent⸗ wicklung der Erziehung, wie Alfred ſie erhielt, zu ver⸗ folgen, einer Erziehung, wo die Schwachheit auf der einen und der kalte Haß auf der andern Seite dem kindlichen Eigenſinn allen möglichen Vorſchub leiſtete, bis er aus Mangel an Widerſtandskraft auf Neigungen verfiel, kraft deren alle edleren Elemente unaufhörlich mit Mißach⸗ tung und Unbehagen, endlich ſogar mit wirklicher Ver⸗ achtung betrachtet wurden, während die ſchlechteren ſich frei und unbeläſtigt entwickeln durften. Aber wir laſſen dieß dahingeſtellt ſein; genug, wie ſelten auch Alfreds Charakter immer erſcheinen mag, ſo hatte er jedenfalls im wirklichen Leben mehr Brüder als wünſchenswerth iſt. Für diejenigen, die einen Begriff von der Wichtigkeit der Erziehnng, von der Zucht und Ermahnung des Herrn haben, iſt es daher hier unnöthig, jede Ver⸗ ————— 337 änderung bei Alfred zu verfolgen; geuug, wir ſehen das Produkr. Während ſeines Aufenthalts in Upſala gewann Al⸗ fred in gewiſſen Beziehungen etwas höhere Anſichten, nicht juſt von der Welt, aber doch von ſeiner eigenen Perſon. Der Reichthum iſt für einen jungen Mann im⸗ mer eine Eintrittskarte zu bedeutenden Vorrechten unter luſtigen Brüdern und muntern Geſellen. Upſala beſitzt Jugend von dreierlei Art: der eine Schlag beſucht die Collegien, der andere die Keller und der dritte iſt ein Mittelding zwiſchen den beiden andern. Alfred zog die Jugend der zweiten Klaſſe vor. Dieſe Klaſſe iſt nicht numeriſch groß, beſteht aber aus einer wahren Kernjugend. Unter ihnen wurde Alfred bald ein edles Hochwild. Das Diplom dazu verbeſſerte indeß ſein Herz nicht, ſondern brachte ſeine Begriffe von ſeiner eigenen Bedentſamkeit zur Reife und vervollkommnete ſeine Verachtung gegen Alles, was nicht mit ſeinen Neigungen übereinſtimmte. Er wurde auf ſeine Art mehr„Herr,“ er wurde ſelbſt⸗ ſtändiger, kälter, und gelangte, um in Sergels Styl zu ſprechen, mehr zu der Anſchanung, welche ſagt:„Ich frage den Teufel nach der ganzen Welt.“ Lars erkannte ihn auch kaum wieder, als er zurück⸗ kam. Alfred war ihm über den Kopf gewachſen. Er hatte indeß kaum die Veränderung eingeſehen, die in Upſala mit Alfred vorgegangen war, als ſich bei ihm der Gedanke geltend zu machen anfing, daß er ihn möglicherweiſe verlieren könnte. Der Haß concentrirte ſich in Folge deß noch kräftiger in ſeiner Seele. Lars war mißvergnügt und ärgerlich über ſich ſelbſt, weil er ſich Vorwürfe machte, zu ſchlaff und gleichgiltig zu Werk gegangen zu ſein. Er zweifelte zwar noch nicht daran, daß er leicht genug ſeinen Einfluß wieder gewinnen könnte, zumal da er, abgeſehen von den Mitteln, welche ihm die Brennerei lieferte, ein anderes Mittel in ſeiner Ridderſtad, Vater und Sohn. II. 22 338 Pflegetochter Anna erblickte, die während Alfreds Abwe⸗ ſenheit zu einem unläugbar hübſchen Mädchen herange⸗ blüht war. Wir haben auch geſehen, daß er es nicht unterließ, ſie vorzuſchieben. Aber bald ſah er ſeine Be⸗ rechnungen durchkreuzt, weil Boijer die beabſichtigte Ver⸗ bindung mit Fräulein Horner ſo raſch als möglich zu be⸗ treiben ſuchte; und da jetzt noch weiter dazu kam, daß Alfred ſeine Beſuche bei Lars immer mehr einzuſtellen anfing, ſo wurde er dadurch in eine wahrhaft gährende und aufrühreriſche Gemüthsſtimmung verſetzt. Im An⸗ fang wußte er nicht, wie er ſich dabei benehmen ſollte. Seine Gedanken wollten nicht recht klar werden. Die Nebel wölbten ſich immer dichter und düſterer über Seele und Herz. Er wurde heftig, wahnſinnig, un⸗ ruhig.. Während er gegen die Mauer der Brennerei gelehnt ſtand und mit ſeinen Blicken dem rinnenden, klaren Branntweinſtrahl folgte, erweiterte ſich indeß an einem ſchönen Tage ſein Geſichtskreis und ein Gedanke ging darin hell auf. „Dummer Lars,“ ſagte er,„drei Wochen lang biſt Du über den Fluß gegangen, um Waſſer zu ſuchen. Zum Teufel, was willſt Du denn? Dasſelbe noch jetzt wie immer. Und welche Mittel kannſt Du wohl dazu anwenden? Ganz dieſelben jetzt, wie früher, d. h. Branntwein in erſter Linie und Anna in zweiter. Brannt⸗ wein..“ Lars griff dabei nach einer Zeitung, denn Lars hielt Zeitungen wie alle ſogenannten beſſern Leute. „Hier zeigt ſich deutlich,“ fuhr er fort,„welch große Werke der Branntwein verrichtet hat.“ Und Lars las dabei folgende ſtatiſtiſche Angaben über Amerika. „In den zehn letztverfloſſenen Jahren hat der Brannt⸗ wein 1) dem Volk eine unmittelbare Auslage von 600. Millionen Dollars zugezogen; 2) hat er eine mittel⸗ in 3³39 bare Auslage von 600 Millionen Dollars verurſacht; 3) hat er 300 tauſend Menſchenleben zerſtört; 4) hat er 100 tauſend Kinder in die Armenhäuſer geworfen; 5) hat er wenigſtens 150 tauſend Perſonen Gefängniß und andere Strafen zugezogen; 6) hat er wenigſtens Tauſend verrükt gemacht; 7) hat er wenigſtens 15 hun⸗ dert Morde veranlaßt; 8) hat er wenigſtens 2 tauſend Selbſtmörder geſchaffen; 9) hat er ungefähr 10 Millio⸗ nen Dollars verbrannt oder auf gewaltſame Art zerſtört; 10) hat er 200 tauſend Wittwen und 1 Million Wai⸗ ſen gemacht.“ Die Zeitung fügte folgende Betrachtung hinzu. „Es dürfte nicht ſchwer werden zu beweiſen, daß eine ſolche Berechnung über die Wirkung des Brannt⸗ weins in unſerem Vaterland verhältnißmäßig noch ent⸗ ſetzlichere Reſultate liefern würde.“ Lars lächelte. „Alſo Brauntwein,“ ſagte er. Man könnte ſagen, das Hohnlächeln auf Lars Pers⸗ ſons Lippen habe den Schlußſatz beleuchtet, welchen ſie ausſprachen. „Und zu dem Schnaps,“ fügte er dann hinzu,„kann Anna als Stückchen Brod dienen:“ Als Lars mit ſich ſelbſt über die Mittel einig ge⸗ worden war, die er zu ſeiner Verfügung hatte, begann er die Art und Weiſe ihrer Anwendung zu überlegen. In dieſer Beziehung heftete Lars ſeine Aufmerkſam⸗ keit bald auf Haus und Johann und hoffte durch dieſe Beiden das Band zwiſchen ihm ſelbſt und Alfred feſter knüpfen zu können. Johann liebte Anna— das war ein Weg zu ihr. Hans... Aber wir müſſen hier erinnern, daß trotz all der Vorſicht, welche Alfred gegen Lars beobachtete, dieſer dennoch einen entferuten Verdacht gefaßt hatte, daß er in der Geſchichte mit dem Poſtillon nicht ganz ſauber 4 — 340 ſei, obſchon ſie ihm allerdings ziemlich ſonderbar vor⸗ kam, zumal da ſie mit einem Diebſtahl in Verbindung ſtand, den er ihm ſchlechterdings nicht zutrauen konnte. Inzwiſchen wußte er, daß Haus bei der Fahrt zu⸗ gegen geweſen war, und er beſchloß, ſich durch ihn nähere Kenntniß des Sachverhalts zu verſchaffen. Aber Hans wußte nicht blos, um was es ſich han⸗ delte, er wußte auch, daß er jetzt das Vertrauen und die Unterſtützung ſeiner Herrſchaft beſaß, und dieß flößte ihm eine Zuverſicht und eine Ruhe ein, welche allen mehr oder minder ſchlauen Verſuchen Larſens, die Wahrheit zu ergründen, Stand hielt. Inzwiſchen war Lars beharrlich. Wenn ein Ge⸗ danke einmal bei ihm erwacht war, ſo ſaß er in ſeinem Kopfe feſt wie ein Nagel, zu deſſen Herausziehung man einer tüchtigen Hufzange bedurfte. „Dummer Lars,“ dachte er wieder,„es kann doch wohl nicht ſo ſchwer ſein, dieſem Geheimniß auf die Spur zu kommen, wenn Du Dich nur klug anſchickſt. Mit Branntwein... kann man ja beim Teufel Alles erfahren, was man nur will.“ Bei dieſem ſeinem Raiſonnement begriff er auch Jo⸗ hann mit ein. Der Gedanke, jetzt mit ſicheren Schritten auf ſein Ziel loszugehen, machte Lars ganz aufgeräumt. „Der Branntwein,“ murmelte er,„iſt doch die größte Macht auf Erden. Im Himmel wird er wohl nicht viel gelten, aber hier iſt es anders. Wenn der liebe Gott uns Verſtand gegeben hat, ſo nimmt der Branntwein ihn hinweg; wenn...“ Aber Lars war kein Philoſoph, und er kam in ſei⸗ nen Betrachtungen nicht weiter. Eines Abends, als Johann noch mit Holzſpalten im Hof beſchäftigt war und Hans allein an einigen Maiſchkufen arbeitete, dachte Lars, jetzt ſei juſt die rechte. Gelegenheit, das Werk anzugreifen. —— A 341 „Willſt Du einen Schnaps haben, Haus?“ begann er daher. Das war eine Frage, die kaum der Antwort be⸗ durfte. Hans leerte das Glas bis auf den Grund, und der Inhalt verſchwand, als ob er nie dageweſen wäre. „Wollen wir noch ein Tröpfchen nehmen, Haus,“ fragte Lars mit freundlicher Miene.„Du haſt ja wie ein ganzer Kerl heute gearbeitet, und verdienſt, daß man Dir auch einmal ein Bene thut.“ Lars war nicht derjenige, der allzu freigebig Lob ſpendete; um ſo lieblicher klaugen daher ſeine Worte in Hanſens Ohreu. „Haſt Du bemerkt,“ fuhr Lars fort, daß ich in den letzten Wochen etwas eruſthaft ausgeſehen habe? Komm ins Comptoir herein, Hans, ſo will ich ein we⸗ nig mit Dir plaudern. Sag, haſt Du's bemerkt, daß ich ſo nachdenklich geweſen bin?“ „Ja, ja,“ meinte Hans;„ich habe ſchon ſo etwas geſehen. Wir ſollen ins Comptoir hinein gehen, haben Sie geſagt, Herr Brennmeiſter? Hans dachte immer mit einem gewiſſen Wohlbehagen ans Comptoir, weil er wußte, daß Lars daſelbſt den einen und andern Leckerbiſſen aufbewahrt hatte. „Komm immerhin herein, Hans. Siehſt Du...“ Es war auch keine ſo geringe Ehre für Hans, ſich vom Obermeiſter ſelbſt ſo freundlich behandelt zu ſehen. „Ja ſiehſt Du, Hans... aber wir wollen zuerſt im Schrank nachſehen, ob wir nicht ein gebratenes Gänschen oder ſo etwas darin haben. Was meinſt Du, Hans?“ 1 „Ich denke gerade ſo wie der Herr Brennmeiſter,“ ſagte Haus;„aber was war es doch? Sie ſprachen ſo eben von Ihrer Nachdenklichkeit, nun, das find frei⸗ lich ſo Sachen.“ „Siehſt Du, Hans, mir iſt der ganze Plunder da — — 342² entleidet. Ich bin es überdrüßig, kann ich Dir ſagen, noch länger meine Naſe über die Branntweinpfanne zu halten, und wie geſagt, es iſt auch ein Fluch dabei. Du weißt es ſelbſt, Hans...“ Lars ſtellte eine gepfropfte Flaſche auf den Tiſch und begann einzuſchenken. „Ich wollte ſagen, weißt Du, Hans, daß es mir im Kopf herumgeht, einmal ganz fortzuwandern. Was meinſt Du dazu?“ 3 Hans machte große Augen. „Ei,“ ſagte er,„man kann freilich fortreiſen, wenn man etwas im Beutel hat. Wenn ich...“ „Die Sache iſt die, mußt Du wiſſen,“ fiel Lars ein,„daß Du ſo oft davon geſprochen haſt, einmal„.. Deine Geſundheit, Hans...“ „Einmal...“ Hans lanſchte. „Einmal nach Amerika auszuwandern, wollte ich ſagen. Dieſes Amerika muß doch ein Laud ſein, wo Milch und Honig fließt. Zum Teufel, alle Leute reiſen dahin, und ſie ſchreiben ſo ſchöne Sachen heraus, daß es Einem gauz wunderlich zu Muth wird. Vor einigen Tagen las ich etwas, was mir ſeitdem immer im Gehiru ſpuckt. Ich ſah nämlich daraus, daß dort jeder Menſch reich werden kann, und daß ſogar das Vieh Eier auf dem Spinat bekommt. Wenn dieß wahr iſt, ſo ſind wir recht dumme Eſel, daß wir uns hier ſo abſchinden und quälen. Füttert man die Ochſen auf dieſe Art, ſo bin ich auch dort lieber ein Ochs, als hier ein Menſch. Noch ein Tröpfchen, Haus, Deine Geſundheit!“ Hans wurde immer ganz wohlgemuth, wenn man mit ihm von Amerika ſprach, denn es gelüſtete ihn ſchon ſeit vielen Jahren, dahin zu kommen. „Meiner Treu,“ ſagte er jetzt,„Amerika, ja, ja, das muß ein wahrhaft geſegnetes Land ſein. Ich habe ſchon ſo viele Briefe darüber geſehen, daß es mir ganz 3⁴43 im Kopf ſchwindelt, wenn ich nur daran denke. Reiſen Sie mit, Vater Lars, bedenken Sie, wie luſtig das ſein müßte. Eine ganz andere Welt zu Geſicht zu bekom⸗ men... das iſt doch Etwas. Und dann heimſchreiben dürfen— und kein ſchwediſcher Bauer ſein müſſen, ſon⸗ dern ein wahrer Herr, der thut, was er will. Denn ſehen Sie, ſo viel iſt ſicher, daß man da drüben frei iſt, wie ein Vogel, ganz frei. Wie luſtig würden wir es nicht haben, Vater Lars! Wie andre Menſchen leben zu dürfen und ſich von Niemand kujoniren laſſen zu müſ⸗ ſen. Sie kommen doch mit, Lars? O ja, ich ſehe es Ihnen ſchon au.“ edeh achtete genau auf jedes Wort, das Hans prach. „Trink, Haus, trink! Du gehſt alſo nach Amerika. Trink... trink.“ Hans trank jetzt mit erhöhter Zuverſicht. Amerika und der Branntwein gaben ihm Munterkeit und Muth. „Es iſt jetzt ganz ſicher ausgemacht,“ begann Hans zu prahlen,„daß ich mit dem erſten offenen Waſſer von hier fortreiſe. Maja nehmenich mit, denn ſehen Sie, ſie iſt doch einmal meine Frau, und man muß auch an Etwas denken. Am Ende April oder zu Anfang Mai geht es fort, denn...“ Lars hatte ihn jetzt auf den gewünſchten Gegen⸗ ſtand gebracht und mußte, daß er jetzt nur noch ſeine Redſeligkeit zu unterhalten brauchte, um Alles, was er nur wollte, aus ihm herauszulocken. „Es wäre verdammt angenehm,“ meinte Lars, „wenn ich auch mit könnte; aber ſiehſt Du, das iſt eine Sache, die... die...“ Hans faßte Lars beim Arm. Hans war immer ein beſcheidener, armer Schlucker geweſen, der ſo leicht das Böſe wie das Gute that, ohne daran zu denken, ob es böſe oder gut war. „Hören Sie jetzt, Vater Lars,“ ſagte Hans, 344 „iſt es Ihnen wirklich Ernſt damit, nach Amerika zu reiſen?“ „Du hörſt es ja, Hans.“ „Nun, was verhindert Sie denn?“ „Deine Geſundheit, Hans.“ „Danke, Vater Lars, danke. Aber was verhindert Sie denn?“— „Vor allen Dingen, daß ich einen Jahresdienſt habe, mußt Du wiſſen. Es iſt ganz und gar nicht aus⸗ gemacht, daß der Gutsherr mich ziehen ließe.“ „Weiter Nichts,“ ſagte Hans,„nun dann bürge ich für die Sache... das macht ja gar nichts aus... der Gutsherr muß ſchon nachgeben. Darum wäre es jetzt mir gar nicht bange.“ Lars war ganz Ohr, als Hans ſprach. „Ganz ſchön und gut,“ ſagte Lars;„aber ſieh, dann bekommt man keinen Paß. Deine Geſundheit, Hans!“. „Paß, ja warum denn nicht? Nichts leichter als das. Ihre Geſundheit, Vater Lars! das wollen wir ſchon bekommen. Den Paß ſchafft wohl Herr Boijer auch noch an. Er hat mir verſprochen...“ Lars merkte ſich genau jedes Wörtchen, das Haus agte. „So,“ verſetzte er,„Herr Boijer hat Dir bereits verſprochen?“ „Allerdings! Herr Boijer iſt ein braver Mann und er thut, was er kann.“ „Du glaubſt das? Nun, wir wollen es einmal an⸗ nehmen, Hans.“ „Was machen Sie alſo noch weiter für Umſtände?“ „Umſtände?“ Glaubſt Du, ich mache Umſtände? Aber ſieh, die Sache hat doch noch einen Haken. Ich habe kein Geld, mußt Du wiſſen... kein Geld.“ „Das iſt allerdings ein Grund, der ſich hören läßt; aber ich könnte ja...“ 2S—- 8— EN ☛ S 2 &Æx 345 Haus lächelte mit einer wichtigen Miene, gleich als ſtände es in ſeiner Macht, zu thun was er wollte. „Was könnteſt Du, Hans? Noch ein Glas; die Flaſche iſt noch lange nicht bis auf den Boden leer. Was wollteſt Du ſagen, was Du mir verſchaffen könn⸗ teſt? Noch ein Tröpfchen, Hans... Deine Geſund⸗ heit..⸗ „Geld, Lars, natürlich Geld. Gute Freunde müſ⸗ ſen immer etwas für einander thun.“ Lars wagte ſich kaum zu bewegen, aus Furcht, er könnte Hans ſtören. „Allerdings bin ich nicht ganz ausgebeutelt, meinte Lars; aber eine Reiſe koſtet gar viel. Wenn ich wüßte, daß Du ſchweigen könnteſt, Hans, ſo möchte ich Dir Et⸗ was anvertrauen. Aber Du thuſt ja ſo kleine Züge. Vielleicht könnte ein Glas Punſch jetzt nichts ſchaden. Der Punſch geht ja noch leichter hinab.“ „Immerhin her damit, Meiſter! Wie war es jetzt? Sie glauben alſo, ich könne nicht ſchweigen? Iſt das Punſch hier, Lars? Nun das laſſe ich mir einmal ge⸗ fallen. Der Punſch iſt ja ganz wie Zucker. Aber ſchwei⸗ gen, ſagten Sie. Ja darauf können Sie ſich verlaſſen. Fragen Sie Herrn Alfred... er weiß es, er; aber es iſt wahr... das gehört nicht hieher, ganz und gar nicht. Ju allen Fällen ſprechen Sie! Ich bin wie eine Mauer, ganz wie eine Mauer.“ Wie eine Kirchhofmauer, Hans, mit den Gebeinen der Todten darin,“ ſcherzte Lars. Deine Geſundheit, Hans! Der Punſch legt ſich wie Baumwolle um das Herz. Nun, Du kannſt ſchweigen, ſagteſt Du... ſo ſagſt Du doch?“ „Hol mich der Teufel, wenn ich nicht... Ihre Geſundheit, Meiſter... wenn ich nicht ſo verſchwiegen in, wie... „Ich glanbe Dir, Hans; würde ich etwa nicht daſſelbe thun? Wir ſind ſo alte Bekannte, iſt es nicht 1 346 wahr? Haben wir vielleicht nicht immer als gute Freunde da kampirt? Nun wohl, jetzt gilt es einen Schritt zu thun... einen Schrit hinüber zu einer andern Welt ... Du biſt ſelbſt darauf gekommen... Das iſt Deine Sache... aber ſieh, Hans, ich gehe mit: denn ich begreife doch wohl, daß es kein Vergnügen für mich iſt, hier mit Andern arbeiten zu müſſen, die ich nicht kenne. Wie geſagt, ich komme mit... Du kannſt ja doch ſchweigen, ſagſt Du... nun ja, Batzen habe ich auch... au der Maiſchkufe läßt ſich immer etwas verdienen.“ „Sie haben Geld, ſagen Sie...“ „Zwar nicht ſo gar viel, aber doch immerhin ein Bischen. Ich habe auf die Seite gelegt, mußt Du wiſ⸗ ſen. Geſtern ein wenig und heute ein wenig. Die Brennpfanne tropft immer etwas daneben, und man iſt juſt auch kein Heiliger, wenn man auch Brennmeiſter iſt ... Du verſtehſt mich, Hans...“ Hans war entzückt. „Ich verſtehe,“ ſagte er,„Sie haben etwas zuſam⸗ mengeſcharrt. So lang der Müller ſchläft...“ „Juſt das iſt's, Hans,— ſo fließt das beſte Waſ⸗ ſer fort. Ein Glas, Hans. Deine Geſundheit! wir werden ſchon ein Bischen Geld zuſammenbringen; und in Amerika kaufen wir uns eine eigene Kolonie.. ich lege eine Brennerei an, und Du verwalteſt das Gut, und dann, Hans, thun wir ſelbſt gerade Nichts, ſondern gehen blos herum, ſehen zu und laſſen die Knechte ar⸗ beiten. Trink das Glas aus, Hans. Aber glaubſt Du, daß der Gutsherr uns aufs Frühjahr ziehen läßt? Du haſt ſeine Erlaubniß?“ „Ja gewiß... gewiß... ich möchte doch einmal ſehen, ob er ſie mir verweigern könnte.“ Hans rieb ſich die Hände. „Aber wenn er es doch thäte?“ 347 „Er? Dazu iſt er zu ſchwach auf ſeinen Beinen. Hol mich der Teufel...“ Hans ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch, ſo daß die Gläſer um einander tanzten. „Du biſt ein ganzer Kerl, Hans, und darin haſt Du ganz recht, Etwas für Etwas. Aber eine Sache bemerkle ich wohl, Du haſt kein Vertrauen zu mir. Deine Geſundheit, Hans! Zum Exempel...“ „Zum Exempel, ſagten Sie.“ „Ich wollte ſagen, daß, wenn Du Luſt hätteſt, bei einem Fang mitzuthun, ſo könnten wir ja einmal dem Poſtillon auf den Weg paſſen... und dann, Hans... daun...“ Taumelnd ſprang Hans von ſeinem Platze auf. Hätte er ſich nicht zu rechter Zeit am Tiſche feſtgehalten, ſo wäre er geradezu auf den Boden gefallen. „Nein, Lars,“ ſagte er,„nein, nein! Ich greife nie mehr die Poſt an. Hu, nein! Das war entſetzlich! Mir geht noch jetzt ein Schauder aus, wenn ich daran denke. Ihre Geſundheit, Meiſter Lars, Ihre Geſund⸗ heit.“. Hans ſtürzte von Neuem ein Glas hinab, ſank aber dabei ſelbſt auf den Stuhl zurück. Lars ſaß unbeweglich da. Es war alſo wahr, Al⸗ fred mußte bei dem Diebſtahl zugegen geweſen ſein; denn allein hätte Hans ihn nicht auszuführen vermocht. An Hans aufzumuntern, füllte Lars von Neuem ſein las. Lars trank zwar ſelbſt auch Glas um Glas, aber er wurde von einer beſtimmten Abſicht, von einem ſtar⸗ ken Willen beherrſcht; und ſo viel er auch dabei hätte trinken mögen, ſo wäre er doch nicht betrunken ge⸗ worden. SHans dagegen, deſſen ſchwachen und ſchwankenden Charakter wir bereits kennen gelernt, hatte ſchon Alles 348 vergeſſen, und ſchwatzte jetzt, ohne ſelbſt zu wiſſen, was er ſagte. Durch viele dazwiſchen hinein geworfene Fragen und Bemerkungen, die ſtets mit einem neuen Glas oder einem neuen Ausruf der Bewunderung begleitet waren, erhielt Lars endlich vollſtändigen Aufſchluß über die ganze Geſchichte. Johann war noch immer außen im Hof mit Holz⸗ ſpalten beſchäftigt. Aus lauter Vergnügen darüber, daß er jetzt wirk⸗ lich wußte, wo er mit Alfred dran war, beſchloß Lars, die Gelegenheit zu benützen und Johaun ins Spiel zu ziehen. Er rief ihn alſo und forderte ihn auf, eben⸗ falls hereinzutreten. Johann kam. 3 „Du ſiehſt, Johann,“ ſagte Lars,„daß wir, Hans und ich, es uns ein Bischen leicht gemacht haben, um ein Bischen auszuſchnanfen. Ihr habt heute lüchtig ge⸗ arbeitet, das mag Gott wiſſen. Willſt Du mitthun, Johann? Schenk Dir ſelbſt ein!“ Johann ſtrich ſich das Haar aus dem Geſicht und machte einen Kratzfuß, der ſo viel als eine Höflichkeit bedeuten ſollte. „Ich bin bei Allem,“ ſagte er,„was Sie wollen, Meiſter. Ihre Geſundheit, Vater Lars!“ Lars nickte. „Bei Allem, ſagſt Du; ei zum Teufel, wenn ich wollte, daß Du Anna aufgeben ſollteſt, ſo wäreſt Du wohl auch dabei, das weiß ich ſchon.“ „Anuna! Ei das iſt etwas Anderes, Vater Lars. Jetzt ſind Sie wieder recht boshaft. Leider kann Anna mich nicht leiden, und zwar blos darum, weil ich manch⸗ mal einen Schnaps zu mir nehme.“ „Und, weil Du Dich manchmal ein Bischen voll ſaufſt? Lars konnte ſcherzen, wenn es nöthig war, aber 349 dieſe Lanne kam ihn nicht oft an. Eine Natur wie die ſonige gedeiht immer beſſer im Unwetter, als im Sonnen⸗ ſchein. „Du haſt alſo Anna wirklich recht lieb d“ be⸗ merkte er. „Ob ich ſie lieb habe? Ja freilich, Vater Lars, ich habe ſie immer lieb gehabt; aber das nützt mich nichts. Sie will, ich ſoll ganz nüchtern werden und dazu kann ich mich nicht verſtehen. Wenn ich mir nicht manchmal einen Rauſch anſaufe, ſo kriecht es mir im ganzen Leib herum und es wird mir recht jämmerlich zu Muth, kann ich Ihnen ſagen.“ „So trink jetzt, Johann, trink... ein tüchtiger Junge muß einen Schoppen oder eine halbe Maaß wohl ertragen können...“ „Was dies aubelangt, ſo... ſo könnte Anna kei⸗ nen beſſeren bekommen. Aber ſie macht doch gar zu ſehr die Heilige, daß muß ich ſagen. Sie ſpricht von der Bibel, wie wenn etwas daran wäre, und über die Geiſt⸗ lichen führt ſie eine Sprache, wie wenn dieſe gar nicht wären wie andere Menſchen. Am Sonntag ſaß ſie in der Kirche gerade wie der Engel auf dem Altargemälde, und ich vergaß darüber das Geſangbuch und den Pfarrer. Sehen Sie, es iſt etwas da, was mich verdrießt, Mei⸗ ſter Lars, und was ich nicht ausſtehen kann.“ „Iſt das etwa Herr Alfred?“ „Ach nein, Vater Lars, er iſt es juſt nicht, denn ſehen Sie, ich weiß, daß Frau Bojer über Anna wie eine gute Pflegemutter wacht und ich danke Gott dafür; es iſt etwas ganz Anderes. Ihre Geſundheit, Vater Lars!“— „ Dann iſt es wohl das, daß Du es nicht unterlaſ⸗ ſen kaunſt, immer ein wenig den Bruder Liederlich zu ſpielen... nicht wahr...“ „Nein, das will ich auch nicht ſagen. Sehen Sie, um das Kind beim rechten Namen zu nennen, ich habe — 350 darüber nachzudenken angefangen, ob nicht Anna doch ein wenig zu andächtig und heilig für mich ſei, und ſehen Sie, wenn mir das in den Kopf kommt, ſo geht Alles rings mit mir herum und ich habe keine Ruhe mehr, bis ich in der Schenke bin, und dort ſaufe ich blos, das kann ich wohl ſagen, weil...“ „Weil Du nun einmal das Saufen nicht laſſen kannſt.“ Hans ſaß da und nickte anf ſeinem Stuhl. Er hatte bereits ſeine genügende Doſis empfangen; aber nichtsdeſtoweniger ſtieß Lars zuweilen noch aufs Neue mit ihm an, und er leerte das Glas, um hernach wie⸗ der zu nicken. 3. Das Geſpräch zwiſchen Lars und Johann währte ort. 3 „Du weißt,“ ſagte Lars,„daß ich mich Deiner Neigung zu Anna immer widerſetzt habe?“ „Ja, das weiß ich.“. „„Ich habe gleichwohl jetzt angefangen, die Sache ein Bischen mehr zu überlegen.“ „Ei wie?“ „Siehſt Du, Johann, Du hiſt ein artiger und flinker Junge, ein kräftiger und geſunder Burſche, und Arme haſt Du, daß es eine wahre Luſt iſt, ſie zu ſehen. Weißt Du, an was ich und Hans gegenwärtig denken?“ „Nein, das weiß ich nicht.“ „Wir denken nach Amerika zu reiſen.“ Hans fuhr auf, ſobald er dieſen Namen hörte, um welchen ſich alle ſeine Gedanken bewegten. „Amerika,“ ſagte er,„Amerika, ja! Ihre Geſund⸗ heit, Meiſter Lars. So viel iſt ſicher, daß wir nach Amerika fahren, daß wir uns da eine Kolonie kaufen und freie Herren werden. Deine Geſundheit, Johann!“ Hans nickte und ſchluckte dazwiſchen hinein. „Haſt Du Luſt mitzukommen?“ fuhr Lars fort. 6=———o ) 1 ———— 351 „Luſt? Ei, beim Henker! Luſt...“ „Du heiratheſt Anna, und dann geht die Sache von ſich ſelbſt.“ „Anna... ich? Amerika... was?“ Johann jubelte, er wußte keine Worte für ſeine Freude zu finden. „Nur nicht gar zu laut,“ erinnerte Lars;„ſiehſt Du, Johann, die Sache bleibt vor der Hand noch zwi⸗ ſchen uns. Du begreifſt wohl, daß wir vorher die Er⸗ laubniß vom Gutsherrn haben müſſen, ehe wir den Dienſt verlaſſen können; aber dafür will ich ſchou ſor⸗ gen, jedoch nur unter der Bedingung, daß Du das Maul hältſt und gegen Niemand etwas verlauten läſſeſt. Glaubſt Du, daß Anna Luſt habe, nach Amerika zu reiſen? Nein, beim Teufel, nein. Erfährt ſie die Sache, ehe ſie Dein Weib iſt, ſo verderbt ſie uns den ganzen Spaß; aber hernach, da kannſt Du mit ihr aufangen, was Du willſt; denn ſieh, die Ehe iſt doch eigentlich blos ein kleiner Stall, wo man das Weib hineinſtellt, und hernach macht man mit ihr, was man will. Begreifſt Du das?⸗ Aber Johann war ganz ernſthaft geworden, wäh⸗ rend Lars ſprach. „Hören Sie jetzt, Vater Lars, bemerkte er mit einer ſehr bedenklichen und zweifleriſchen Miene,„Sie haben ſich alſo alle Gedanken an Herrn Alfred aus dem Kopf geſchlagen? Iſt es wirklich wahr?“ „Du biſt ein dummer Kerl„Johann. Trink, ſo wirſt Du klüger werden. Alfred verheirathet ſich, ſo viel ich weiß, am Sonntag, und was kann man alſo noch mit ihm machen? Wäre er Junggeſell geblieben, ſo wäre es etwas Anderes geweſen; aber jetzt lohnt es ſich nicht mehr der Mühe. Haſt Du übrigens nicht bemerkt, daß er gar nicht mehr hieher kommt?“ „Das iſt freilich wahr.“ „Nun ja, dann begreifſt du wohl, daß man an 3⁵⁹ dieſe Dummheiten nicht mehr denken kann... ſiehſt Du, jede Sache für ſich... das iſt meine Regel.“ „Aber wenn Anna dennoch nicht will... ich muß Ihnen ſagen...“ „Was willſt Du ſagen?“ „Sehen Sie, Vater Lars, in den letzten Tagen hat ſie ſo wunderlich zu ſchwatzen angefangen, ſo daß ichs gar nicht begriffen habe...“ „Laß hören, Johann, ſie iſt kindiſch, das glaube ich wohl. Sprich Dich aus und ſteh' nicht mit ſo dummem Geſicht dahin. Was iſts mit ihr?: „Sie hat ſo viel zu ſchwatzen angeſangen von... von...* Johann ſah ſehr betrübt aus. „Von wem hat ſie geſchwatzt... nun... haſt Du keine Zunge im Maul.“ „Von Guſtav! Von Guſtav, dieſem Taugenichts, den ſie bis an die Wolken erhebt und von dem ſie ſagt, ihm ſollte ich gleichen, denn ſehen Sie, er hat jetzt eine neue Livree bekommen, und da ſitzt er freilich mit dem Geſangbuch in der Hand da in der Kirche und läßt den Kopf hängen.“ „Was zum Teufel ſchwatzſt Du jetzt für Unſinn? Glaubſt Du, Anna ſei verrückt wie ſo manches andre Mädchen, oder für was hältſt Du ſte? Weißt Du nicht — oder muß ich Dir ſagen— daß die Weiber einen tüchtigen Kerl weit mehr lieben, wenn ſie es auch nicht immer deutlich zeigen, als ein ſolches Milchſuppengeſicht, wie dieſer Guſtav da? Laß das Mädchen ſchwatzen; ſie thut das blos, um Dich ein wenig zu necken. Aber Johann hatte ſeine eigenen Gedanken und kratzte ſich recht bedenklich am Kopf. „Keine Dummheiten jetzt, Johann,“ fuhr Lars fort⸗ „die Sache iſt klar wie Dinte. Du bekommſt das Mäd⸗ chen; aber eine Bedingung mache ich, daß Du gehorchſt, und in Zukunft nicht mehr belferſt. Ich habe meine —— 3⁵³ eigenen Anſichten in der Sache, das kaun ich Dir wohl ſagen.“ „Und welche denn?“ „Es iſt mit den Weibern ſo, ſiehſt Du, wenn eine von ihnen heirathet, ſo werden ſie alle zuſammen ver⸗ rückt, und dann wollen ſie Alle auf einmal auch hei⸗ rathen.“ „Wollen Sie das?“ „Hol mich der Teufel, wenn es nicht wahr iſt. Da⸗ rum habe ich auch einen Plan.“ „Das glaube ich wohl, denn ich weiß, Sie ſind ſpitzfindig von Natur. Laſſen Sie hören.“ „Du ſollſt es hören. Siehſt Du, an demſelben Abend, wo Herr Alfred das Fränulein heirathet, will ich Anna hieher rufen und dann kannſt Du mit ihr ſprechen, und die Sache muß ausgemacht werden, darauf kannſt Du Dich verlaſſen. Jetzt Deine Geſundheit... aber Du darfſt kein Wort plaudern... erinnere Dich deſſen wohl!“ Johann trank und verſprach es. Lars war mit ſeinem Abend ſehr zufrieden, weil er dennoch ein gut Stück Wegs zurückgelegt zu haben glaubte. Für ſeine Abſichten hatte er auch in der That bedeutend gewirkt. Ridderſtad, Vater und Sohn. II. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Schickſal des von Hans geſtohlenen Geldes. Maja hatte ein großes Feuer angezündet, einen Stuhl und einen Tiſch davor gerückt und ſich bei der Flamme niedergelaſſen. Auf dem Tiſch ſtand eine mehr als zur Hälfte ge⸗ leerte Branntweinflaſche. Aber in ihrem betrunkenen Zu⸗ ſtand hatte ſie auch das dem Poſtillon geſtohlene Geld hervorgeholt, um ſich an ſeinem Anblick zu erlaben. Sie ſoff und freute ſich. Die Flamme praſſelte ſo freundlich. Sie beleuchtete die ärmliche Stube und gab den zerbrochenen und zer⸗ lumpten Gegenſtänden darin ein beinahe abenteuerliches Ausſehen. Maja hatte noch einmal... vielleicht zum hunder⸗ ten Mal das Geld überzählt; aber es waltete eine große Unſicherheit in ihrer Rechenkunſt vor, denn ſo oft ſie zählte und zählte, ſo bekam ſte niemals die gleiche Summe heraus. Bald fehlte es an den Schillingen, bald an den Reichsthalern, und dieſe ewigen Verzäh⸗ lungen bennruhigten ſie unaufhörlich und erweckten in ihr den Argwohn, daß ſie beſtohlen worden ſei. Sie hatte die Thüre von innen mit einem Haken verſchloſſen. So oft es jedoch von außen ans Zimmer pochte, ſprang ſie erſchrocken auf und verbarg das Geld. Die Lebhaftigkeit ihrer Geberden, die funkelnden Blicke, das Zittern, das durch ihre Glieder eilte, wie auch ihr unklares Gemurmel, Alles bewies, daß ſie be⸗ reits betrunken war. —9 2S 3⁵5⁵ Die Flamme warf ihren rothen Schein über denje⸗ nigen Theil des Geſichts, der dem Feuer zugekehrt war, während der andere im Schatten begraben wurde. Es hatte etwas Unheimliches, dieſes halb rothe und halb be⸗ ſchattete Geſicht zu betrachten, das übrigens weiter nichts als den Anblick einer gewöhnlichen alten Hexe darbot. „Einhundert, zweihundert, vierhundert, ſechshundert, ſiebenhundert, achthundert.“ Sie hatte hier bereits ein paar Hundert überhüpft und als ſie ans Ende kam, hatte ſie eine weit größere Summe herausgebracht, als je zuvor. Ein entſetzlicher Fluch ging über ihre Lippen. Aber erſchrocken erhob ſie ihren Kopf und lauſchte. Sie meinte, es bewege ſich etwas. „Wer iſt da?“ rief ſie mit heiſerer und hohler Stimme,„wer iſt draußen?“ Aber blos ein Windzug fuhr ſeufzend durch das äußere Zimmer und eine zerbrochene Fenſterſcheibe klirrte dazu. 4„Es iſt doch ganz verdammt in dieſem Hauſe da,“ murmelte Maja.„Ueberall knackt, pocht und ſeufzt es, daß man geradezu verrückt werden möchte.“ Inzwiſchen hatten ihre Gedanken eine neue Richtung bekommen. Bei den Betrunkenen findet blos ein ha⸗ ſtiger und kurzer Uebergang zwiſchen Finſterniß und Licht ſtatt. Um ſich aus dem unheimlichen Eindruck des Augen⸗ blicks zu reißen, begann ſie an die beſchloſſene Reiſe nach Amerika zu denken. Mit dem Geld in ihrer Hand träumte ſie jetzt von lauter Tagen der ſüßen Brode und von einem Leben voll Gold und grüner Wälder. Alle alten Sagen, die ſie in ihrer Kindheit geleſeu hatte, kamen jetzt wieder her⸗ vor, und nun breitete ihre Einbildungskraft eine höchſt bunte und zierliche Karte von der neuen Welt vor ihr ——ÿõ;—————— 356 aus. Der Mund wäſſerte ihr, als ſie an all dieſe Herrlichkeiten dachte. Aber nicht genug damit. Das geſtohlene Geld retten zu können und keine Ge⸗ fahr fürchten zu müſſen, dies machte einen höchſt weſent⸗ lichen Theil in ihren Betrachtungen aus. Aber es gab mehrere Gedanken, die ihr Freude be⸗ reiteten. Maja liebte ihren Bruder aufrichtig, und ſie war ſehr dafür eingenommen, daß er mit ihnen kommen ſollte, weil ſie ſeine Entſchloſſenheit und Klugheit kannte. Nachdem Doctor Jeſpersſon den kranken Abrahams⸗ ſon unter ſeine Obhut genommen und verſprochen hatte, ihn an Bord eines Schiffes zu bringen, meinte ſie da⸗ her, alle Schwierigkeiten ſeien gehoben, und voll Befrie⸗ digung ſchwelgte ſie bereits in dem Gedanken, ihn frei und ſicher zu ſehen. Eine andere Frage dagegen betrübte ſie. Sollte ſie wohl Guſtav mitnehmen oder nicht? Wir baben ſchon vorher einmal geſehen, daß ſie mit der gan⸗ zen entſchloſſenen Raſerei eines muthigen Weibes ſich zwiſchen Alfred und den Sohn warf, um denſelben von einer tyranniſchen Behandlung zu retten, aber man darf ihr juſt deßhalb keine höhere Mutterliebe zuſchreiben. Bei ihr trat dieſelbe hervor, wenn irgend eine wirkliche Gefahr drohte; aber mitunter ſank ſie wieder und ver⸗ ſchwamm gleichſam unter ſchlimmeren Leidenſchaften. Hans liebte auch den Inngen nicht recht, weil er ſo kränklich war, daß ihm ſchon der Gedanke an ihn wider⸗ lich wurde. Ebenſo ſchien auch Guſtav durchaus keinen ſon⸗ derlich ſtarken Zug zu ſeinen Eltern zu verſpüren. Im Uebrigen ſtand man jetzt vollkommen gut und man kam endlich zu dem Entſchluß, ihn da zu laſſen, wo er war. Während Maja aunf ſolche Weiſe ihren Gedanken die Zügel ſchießen ließ und juſt jetzt die Hand ausſtreckte, 3⁵7⁷ um einen neuen Schluck aus der Flaſche zu thun, hörte ſte wieder eine Bewegung im äußern Zimmer. Aus Schrecken war ſie nahe daran, die Flaſche im Zimmer zu verlaſſen. Sie lauſchte. Es bewegte ſich wieder. „Wer iſt draußen?“ rief ſie endlich.„Biſt Du es, Kerſtin?“ Als Antwort bekam ſie blos einen ſtöhnenden Laut zu hören. Es war offenbar, daß jetzt wirklich Jemand da war. Maja dachte an ihr Geld und ſchaute ſich bange um. Mit ängſtlichem und unruhigem Eifer ſteckte ſie es in ihre Schürzetaſche. Wiederum pochte es an die Thüre. Unentſchloſſen und bang konnte Maja ſich zu nichts entſchließen. Sie zitterte an allen Gliedern. „Oeffne!“ rief endlich eine heiſere Stimme,„öffne!“ „Es iſt Hans, der Saufaus,“ murmelte ſie,„wie bin ich erſchrocken! Mein Gott, daß der einfältige Kerl nicht einmal ſeinen Namen ſagt.“ „Warum öffneſt Du nicht, Du verdammte Hexe?“ brummte er.„Glaubſt Du ich müſſe da außen ſtehen und vor meiner eigenen Stubenthüre erfrieren? Bring den Stuhl daher, Maja... bringe ihn ſchnell her.“ Aber als Hans ſich darauf ſetzen wollte, griff er fehl und kam ſtatt deſſen auf den Boden zu ſitzen, und da er darüber nicht ein einziges Wort äußerte, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß er ſelbſt den Mißgriff nicht be⸗ merkte. Maja war noch nicht ſo voll, wie Haus, aber es fehlte nicht viel. Der Rauſch hängt in nicht geringem Grad von der Diſpoſition der Perſonen ab. Eine recht⸗ ſchaffene und ernſte Denkungsart iſt immer ein Schwimm⸗ gürtel, der uns über der Sündfluth des Lebens empor⸗ hält. Ein denkendes Gemüth widerſteht auch dem Ranſch ſehr lang, wogegen ein Lichtſinniger bald fällt. Maja hatte ernſtlich an die beabſichtigte Reiſe ge⸗ dacht, und ſo lang dieſer Ernſt vorhanden war, wider⸗ 358 ſtand ſie auch dem Schwindel der Völlerei. Der Rauſch ſollte ſich jedoch ſein Recht nehmen, ſobald der Gedanke nachgab. „Immer kommſt Du zu ſpät nach Haus,“ meinte Maja,„und noch überdieß betrunken...“ „Ich ſage Dir, Du magſt's nun glauben oder nicht,“ erwiederte Hans,„ich bin mit Lars Persſon in Amerika geweſen und...“ „Du? Ja das will ich ſchon glauben.“ „Willſt Du ſehen, was ich Dir mitgebracht habe, Du... ſiehſt Du das hier? Direkt aus Amerika.“ Hans zog eine Branntweinfleiſche hervor. Wenn er Maja zeigen wollte, wie lieb er ſie hatte, ſo pflegte er immer eine ſolche mit nach Haus zu neh⸗ men. Er wußte auch, daß er damit alle drohenden An⸗ griffe von ihrer Seite zum Schweigen brachte, ſo daß die Branntweinflaſche ihm nicht blos als Gradmeſſer ſeiner Liebe diente, ſondern auch als Schild für ſeinen Hausfrieden. Maja griff mit beiden Händen nach der Flaſche und führte ſie mit durſtigem Eifer an ihre Lippen. Allein trinken geht nie ſo gut, wie in Geſellſchaft, und Majas Verlangen erhöhte ſich bei Hanſens Heimkehr⸗ weil ſie jetzt nicht mehr gänzlich allein war. „Ja, ſage ich Dir, ich bin in Amerika geweſen, ich,“ wiederholte Hans.„Und Lars,“ fuhr er fort, „iſt bei mir geweſen. Siehſt Du, das iſt ein verdammt gutes Land. Die Ochſen freſſen da Spinatmit Eiern drauf⸗ Du ſchon etwas Aehnliches gehört?“ „Freſſen ſie Spinat mit Eiern drauf? Was ſagſt Du? Ewiger Gott, was eſſen denn die Men⸗ ſchen?“ „Das kannſt Du wohl denken. Sie eſſen wahr⸗ ſcheinlich nichts als ſüße Grütze und gedörrte Fiſche, wie wenn es immer Weihnachtsabend wäre, kann ich mir wohl denken. Und wir haben eine Kolonie gekauft.“ /q△— e, 359 „Eine Kolonie? Was iſt denn das? Kann man das auch eſſen?“ „Vermuthlich: aber Lars ſagte es nicht, er ſagte blos, wir würden eine ſolche für uns haben und dann würde er eine Brennerei anlegen.“ „Lars Persſon, ſagſt Du? Gedenkt er ſich auch aus dem Staub zu machen?“ „Ja natürlich: alle Menſchen haben ihre Sinne dorthin gerichtet, und ich bin nur begierig, wie es zuletzt hier ausſehen wird, wenn alle Menſchen fortfahren. Lars und ich wollen uns zuſammen niederlaſſen.“ „Uus niederlaſſen?“ „Siehſt Du, Lars iſt ein ganzer Kerl und verſteht ſich auf die Sache. Weißt Du, was er ſagte?“ „Nun was denn?“ Die zwei letzten Schlucke hatten Majas Gemüths⸗ ſtimmung einen höheren, wenn auch noch unklaren Schwung verliehen. „Daß wir nichts zu thun brauchen, ſondern blos herumzulaufen und zuzuſehen haben wie die Knechte ar⸗ beiten. Lars weiß wie dieß ſein wird.“ „Gar nichts thun?“ wiederholte Maja;„Herr Je⸗ mine! Bloß herumgehen und zuſehen!“ „Nimm die Flaſche zu Dir, Maja!“ Maja riß ſie an ſich. „Und dann ſollſt Du einen neuen Hut bekommen. Da hat kein Menſch ein Halstuch auf dem Kopf, ſondern blos Hüte. Man weiß, daß man dort lebt, und man iſt frei, mußt Du wiſſen.“ „Hut, ſagſt Du; werde ich einen neuen Hut be⸗ kommen. Da werde ich ja ganz verwöhnt werden.“ „Verwöhnt? Das vergeht bald. Willſt Du noch einen Schluck nehmen, Maja?“ Maja trank. „Und dann werden wir auf ſolchen Schiffen fahren, 360 die ohne Segel gehen und bloß Feuer und Rauch ha⸗ ben. Das iſt gar wunderbar, mußt Du wiſſen.“ „Ach Hans, wenn wir nur ſchon dort wären!“ „Bedenk nur auf Kanälen mitten durch's Land, Hügel hinauf und Hügel hinab ſegeln zu können! Das iſt etwas Anderes, als ſich hier herum hudeln zu laſſen.“ „Ach Gott, Hans, wie wird das werden! Aber ſieh... Ich verſtehe blos eine einzige Sache nicht... Wer wird die Küche und die Kühe beſorgen... Denn ich kann es doch wohl nicht thun, wenn ich einen Hut habe... und wenn alle Andern Hüte tragen...“ „Kühe? Wie dumm du biſt, Maja! Die Kühe müſſen für ſich ſelbſt ſorgen, das kannſt Du Dir wohl denken. Gott bewahre uns davor. Alle Menſchen ſind da gleich: begreifſt Du das?“ „Das verſtehe ich.“ „Verſtehſt Du nicht, daß die Herrenleute überall geboren ſind, um müßig herumzulaufen und ſich den Hof machen zu laſſen?“ „Nun aber.. „Wenn nun alle Menſchen ſich gleich ſind, und die Herrenleute bloß herumlaufen und ſich den Hof machen laſſen; was ſollen denn wir thun?“ Es ging Maja eigentlich ein Licht auf. „Du guter Himmel, jetzt begreife ich. Es muß recht wunderlich ausſehen.“ „Und Alles das werden wir dieſem Geld da zu ver⸗ danken haben... ach mein Gott... dieſem Geld, das in einem Winkel begraben liegt, dem Geld, das ich dem Poſtillion geſtohlen habe, dem Geld... dem Geld... dem Geld...“ Hanſens Gedanken ſchwebten in höheren, beirrenden Regionen, und Maja's Gedanken folgten ihnen dicht auf der Spur. Der Rauſch trug ſie wie in einem Luft⸗ ballon unter Wundern und Unbegreiflichkeiten empor. 361 Aber keine Himmelfahrt iſt gefährlicher, denn der Sün⸗ denfall liegt dicht daueben. Die Uebergänge bei Berauſchten ſind haſtig. Im einen Augenblick iſt Alles beiter und freundlich, im andern iſt es mit Pech beſchmiert und voll Raſerei und Täuſchun⸗ gen. Der Rauſch iſt eine Uebertreibung nach allen Sei⸗ ten hin. „Da gib die Flaſche her,“ ſagte Hans. Aber Maja war eben im Begriff noch einen Schluck zu nehmen und er ſchmeckte ihr ſo gut, daß ſie die Flaſche nicht mehr von ſich ſtellen wollte. „Schweig,“ antwortete ſie, indem ſie ihn mit dem Fuß trat,„die Flaſche iſt mein.“ „Das iſt erlogen,“ meinte Hans,„ſie iſt mein.“ „Dein?“ wiederholte Maja,„ſage das nicht noch einmal, wenn ich Dir gut zum Rath bin.“ Die Gluth der Erbitterung glänzte bereits in ihren Augen. „Iſt die Flaſche nicht mein?“ fragte Hans.„Ach ſo... ſie iſt nicht mein...“ „Ich habe Dir geſagt, daß ſie mein iſt.“ Hätte nicht Zorn und Erbitterung mit ihrer haſtig aufregenden Kraft auf einmal Hans durchzuckt, ſo hätte er in ſeinem damaligen Zuſtand nicht mit ſolcher Schnel⸗ ligteit von ſeinem Platz aufzuſpringen vermocht, wie er jetzt that. Aber ſchnell wie ein Pfeil ſtand er augen⸗ blicklich an Majas Seite und ergriff mit ſeiner Hand die Flaſche. „Laß ſie los,“ rief er,„ſie iſt mein.“ „Ich laſſe ſie nicht los,“ antwortete Maja,„ſie iſt mein.“ Hans ſtampfte auf den Boden und ſein Geſicht ver⸗ zerrte ſich. Alle glänzenden Zukunftstränme waren be⸗ reits weit, weit fort. Der Zorn drängte ſie blitzſchnell in die kleinſte Nußſchale in der Welt zurück, in dieſes 362 Jetzt, das kaum eine Sekunde iſt, aber nichts deſto we⸗ niger Leben und Tod in ſich ſchließt. Hans entriß Maja die Flaſche und warf ſie an die Wand, ſo daß die Glasſplitter um beider Geſichter flogen. Maja ſtemmte die Arme in die Seite. „Die Flaſche war mein,“ rief Maja außer ſich, „und Du haſt Dich unterſtanden, ſie zu zerbrechen, jetzt ſollſt Du ſehen, was es Dich koſtet.“: Und dabei gab Maja ihm eine Ohrfeige, ſo daß es vor ſeinen Augen funkelte. Hans brüllte vor Aerger. Keines von Beiden hatte jetzt noch einen klaren Gedanken. Der Ranſch nahm ſich ſein Recht in der Raſerei, und ſie vergaßen Alles. Der Wahnwitz war vollkommen. 3 Maja ſuchte inſtinktmäßig mit den Händen nach irgend einer Vertheidigungswaffe und ganz unbewußt er⸗ griff ſie die Bankſcheine in ihrer Taſche⸗ „Komm mir nicht nahe, Hans,“ rief ſie;„unterſteh Dich nicht, denn ich...“ Hans heftete ſeine Augen auf das Geld. „Was haſt Du da?“ ſchrie er. „Das geht Dich nichts an... das geht Dich nichts „Geht es mich nichts an? Das iſt mein Geld. Her damit, her damit!“ „Haſt Du es geſehen? Ha, ha, ha! Du elender, erbärmlicher Tropf, Du Straßendieb... glaubſt Du denn, ich habe Angſt vor Dir? Sagſt Du, daß das Geld Dein ſei? Schlage mich einmal, wenn Du es wagſt. Verſuch es nur.“ Hans ſtierte auf die Bankſcheine und griff nach einem Stück Holz. „Das Geld her, gib es her!“ „Nie, nie... eher... an. 363 e⸗„Nimm Dich in Acht, Maja... ich zerknicke Dich, wenn Du es mir nicht ſogleich gibſt...“ ie Sie ſprachen, aber ſie wußten nicht, was ſie ſagten; er ſie handelten, aber ſie wußten nicht, was ſie thaten. Ein blinder Trieb leitete ſie. Maja ſah die drohende Bewegung mit dem Stück h, Holz und ſie ſprang auf. st Ihre Augen flammten, ihre Lippen zitterten, ihre Pulſe pochten. Keines von Beiden wollte dem andern nachgeben. Hans erhob das Holz über Majas Kopf und drohte te mit einem furchtbaren Schlag. ch Maja ſtand am Feuer grimmig und wahnwitzig, er und blickte erſchrocken der Gefahr entgegen, die ihr ddrohte. ch„Gib das Geld her,“ ſchrie Hans noch einmal. r⸗„Nein, nein!“ antwortete Maja,„in meinem Leben nicht. Du haſt mir nichts zu befehlen.“ h Hans ſchwang das Scheit. „Beweg Dich nicht von der Stelle,“ donnerte Maja ihm entgegen...„ſobald Du gegen mich herkommſt, werfe ich das Geld in...“ ts Hans verlor den letzten Funken von Verſtand und warf ſich über Maja her um das Geld zu retten, das er ſein Alles war, ſeine Hoffnung, ſein Leben, ſeine Se⸗ ligkeit. —, Mit der wilden Miene einer Hexe, mit der blinden u Wuth einer Wahnſinnigen bemerkte Maja ſeine Bewe⸗ ld gungen. t. 6 Talll finſtern Fnrien ſtürzten augenblicklich durch ihre Seele. h„Spitzbube, Dieb!“ ſchrie ſie. „Wildes Thier!“ brüllte Hans. Ein trotziges und höhniſches Lächeln erſcholl von Majas Lippen und in demſelben Augenblick warf ſie die 4 364 Bankſcheine in's Feuer. Die Flamme erfaßte die loſen, flatternden, leichten Blätter. Es glänzte im Zimmer; es war ein Augenblick koſtbaren Glanzes; es waren tauſend Hoffnungen, tau⸗ ſend bunte Träume, die empor flammten, um ſodann auf ewig zu verlöſchen und nichts hinter ſich zu laſſen als den Schrecken des Verbrechens und Gewiſſensvor⸗ würfe. 4 Noch erſcholl Majas Lachen durch's Zimmer, wäh⸗ rend Hans ſich gegen das Feuer wandte um die Scheine zu retten, aber gebrannt von der flatternden Flamme am Kamin niederſank. Als das Lachen auf Majas Lippen erſtarb, ſtand ſie wie verſteinert da. Sie ſchien jetzt die ganze Bedeutung ihrer That zu begreifen. 3 Aber eine der ſchrecklichen Krankheiten der Völlerei, das ſogenannte delirium tremens, dieſer Dämon aus der Hölle, welcher die Funktionen des Hirus und Nerven⸗ ſyſtems verrückt, hatte bereits Maja erfaßt. Eine neue Wendung fand in ihrer Gemüthsſtimmung ſtatt. In ſolchen Fällen werfen ſich die Gedanken, wenn eine Perſon von einem einzigen überwiegenden Affect beherrſcht iſt, gewöhnlich ausſchließlich auf dieſen. Sogar wenn mehrere UAffecte ein wechſelndes Ueber⸗ gewicht in der Phantaſie und den Irrreden des Kran⸗„ ken haben, und wenn eine Sinnenverirrung auf eine andere folgt, bemerkt man gleichwohl oft eine gewiſſe Conſequenz und eine gemeinſchaftliche Richtung in allen Phantaſieen, ſowie in den Aeußerungen des Kranken während des Irrſinns, obſchon gleichwohl in dieſen Fällen der Zuſammenhang nicht ſelten unterbrochen wird. Dieſer Zuſtand, ſagt Friedrich, kann mit einem Traum verglichen werden: der Kranke träumt wachend und ſetzt trotz mehrerer Unterbrechungen den Traum fort. Die dazwiſchenkommenden, gewö hulich blos augenblick⸗ lichen Phantaſieen und Sinuesverirrungen ſind nichts Anderes als beſondere Traumbilder im Schlaf, welche allerdings oft einen Traum unterbrechen können, aber ſelten im Stande ſind ihm eine entgegengeſetzte Richtung zu geben. Wie die im Traum emporkommenden und haſtig verſchwindenden Bilder und Vorſtellungen durch ein freiwilliges oder erzwungenes Erwachen zurückgehal⸗ ten werden können, aber, wenn man wieder eingeſchlafen iſt, gewöhnlich auf's Neue von demſelben Punkt aus⸗ gehen, wo ſie beim Erwachen unterbrochen wurden; ſo kann ein Menſch, der am Säuferwahnſinn leidet, wenn er angeredet wird, oder auch durch irgend einen andern Eindruck auf eine kurze Weile aus dem Traumzuſtand geweckt werden, worin er ſich wachend befindet, und er ſpricht jetzt ganz vernünftig, ſieht ſogar ſelbſt ein, daß er krank iſt, verfällt aber binnen einigen Augenblicken wieder in ſeine früheren Träume. Zuweilen hat ein und dieſelbe Perſon bei mehreren erneuten Anfällen immer dieſelben verkehrten Vorſtellungen und fixen Ideen. Ge⸗ wöhnlich geht der Kranke von wirklichen Ereigniſſen aus, die er aber aus einem unrichtigen Gefichtspunkt betrach⸗ tet hat. Maja ſah mit Entſetzen was ſie gethan hatte; aber zwiſchen all den Irrbildern, die ihre Angſt vorhexte und die auf ſie einſtürmten, trat gleichwohl eines hervor, das noch ſchrecklicher und älter war als alle andern. „Er ermordet ſeinen Vater,“ rief ſie,„er ſchlägt ſeinen Vater todt!“ Hans ſtaunte. Das Geld war für ihn der Schlüſſel zum Reich der Glückſeligkeit und Herrlichkeit geweſen, und mit ſei⸗ nem ſo ſchimpflichen Verluſt ſtürzten alle Hoffnungen auf Zukunft und Freude in ſeiner Seele zu einer Ruine zuſammen. Vorſtellungen von einer ganz andern Art bemäch⸗ tigten ſich ſeiner. Trotz ſeines verbrecheriſchen Lebens 366 tauchte mitunter eine und die andere Gewiſſensqual in ihm auf, und im Hintergrund ſeiner Phantaſieen trat oft die ſchreckliche Geſtalt eines dunkeln Höllengeiſtes auf. Plötzlich wurde er daher auch jetzt von den herzzerreißend⸗ ſten Qualen erfaßt. Wir wiſſen, daß er, bevor er ſeinen Poſtraub be⸗ ging, den Gedanken dazu ſchon lange in ſeiner Seele gehegt hatte, aber auch daß er ſich davor entſetzte. Der Raub wurde in einem Augenblick blinder Ver⸗ wirrung begangen; aber hingeriſſen von den bunten und wimmelnden Ausſichten, welche der Beſitz des Geldes vor ihm öffnete, vergaß er allmählig das Verbrechen ſelbſt. Ganz anders war es jetzt. Von all ſeinen heitern, weitausſehenden Hoffnungen blieb ihm Nichts übrig. Ein einziger Augenblick hatte genügt, um ihn von der ſchwindelnden Höhe der Einbil⸗ dungen in den tiefſten Abgrund zu ſtürzen, und jetzt ſah er ſich blos von Dunkelheit umgeben. Sein ſchwa⸗ cher und ſchwankender Charakter wurde von aufregenden und vernichtenden, bittern und ertödtenden Gefühlen durchbebt. Es war ein Donnerſchlag, der ihn mitten in ſeiner Himmelfahrt getroffen hatte. Ein Raub unendlicher Angſt, wurde er von Rene über ſein Verbrechen gemartert. Aber in der Finſterniß, die ſich um ſeine Seele wölbte, erinnerte er ſich jetzt auch, daß er ſelbſt Lars ſein Geheimniß verrathen hatte. Entſetzt von dieſer Erinnerung ſprang er von ſeinem Platze auf: es war pechſchwarz vor ſeinen Augen. Er zitterte. Die Furcht verſcheuchte all ſeinen Muth. Das Herz zog ſich mit peinlicher Unruhe zuſammen. Die Gewiſſensbiſſe riſſen ſich um ſeine Vorſtellungen. Es war nicht Reue, die ihn erfaßte, es war bloß namenloſe, unendlich tiefe, entſetzliche Angſt. 367 Hans war ſeiner ſelbſt nicht mehr mächtig. Majas unheimliches Geſchwatz tönte gleich Nothrufen vor ſeinen Ohren. Selbſt die Armuth, die ſich in Lumpen und Elend ringsumher zeigte, klagte ihn an. Bebend fuhr er zurück; aber außer ſich wie in ſich fand er nur Anklagen. Der Rauſch war nicht verſchwunden, aber er rief aus ſeiner magiſchen Laterne nur ſchreckliche Bilder her⸗ vor und vervielfachte durch ſeine phantaſtiſchen und düſtern Compoſitionen ſein Entſetzen nur noch mehr. Er fühlte ſich indeß nicht unglücklich, ſondern war bloß erſchrocken und voll Angſt. Unglücklich können bloß gute Menſchen ſich fühlen. Ueberall glaubte er ſich vom Teufel ſelbſt umgeben und verfolgt, ohne zu wiſſen, wohin er ihm entfliehen ſollte.— „Fort von hier,“ flüſterte eine Stimme in ſeinem Innern,„weit fort von hier!“ Er wollte hinaus, hinaus ins Dunkel, hinaus in den Wald; er wollte ſich vor den düſtern Spuckgeſtalten in ſeiner eigenen Einbildungskraft verbergen. Er wußte nicht, was er that. Er floh hinaus. Im äußern Zimmer war es finſter wie in einem Sack. Hin⸗ geriſſen von Leidenſchaft und Verwirrung eilte er hin⸗ durch; aber indem er vorwärts eilte, ſtieß er den Kopf an die Wand und wurde rücklings auf den Boden ge⸗ worfen, während ein ſchmerzlicher Angſtſchrei über ſeine Lippen floh. Anders und Kerſtin hatten ſoeben ihr Abendeſſen vollendet und nach ihrer Gewohnheit die Bibel hervor⸗ gezogen, in der Abſicht, ein Capitel daraus zu leſen, um ſich ſodann erfriſcht durch Andacht und Gebet zur Ruhe zu begeben, als ſie auf einmal hörten, was in dem äußern Zimmer vor ſich ging. Anders nahm ſogleich das Licht und begab ſich hinaus, um zu ſehen, was es wäre. Er fand Hans auf der Schwelle der Kammer⸗ 368 thüre mehr todt als lebendig. Für den wohldenkenden und mitleidigen Anders war es das Werk eines einzigen Augenblicks, ihn aufzuheben und in die Stube hineinzutra⸗ gen, wo er ihn auf einen Stuhl ſetzte und zu unterſu⸗ chen anſing, ob er ſich verletzt habe. Der Stoß hatte ihn inzwiſchen zwar betäubt, aber nicht ernſtlich be⸗ ſchädigt. Als Hans wieder zur Beſinnung kam, war es ſchrecklich, ihn zu hören und zu ſehen. In ſeinem vom Rauſch verwirrten, durch Gewiſſens⸗Unruhe verwilderten und durch den Schlag betäubten Kopf ſpuckten tauſend düſtere Eingebungen.. Im erſten Augenblick wußte er nicht, wo er war, ſondern ſtarrte erſchrocken um ſich. In ſeiner Vor⸗ ſtellung war Anders nichts Geringeres als der Teufel ſelbſt, der ihn jetzt anpacken wollte. Aber Anders redete ihm ſo ernſtlich zu und Kerſtin legte ſo manche milde und freundliche Worte hinein, daß Hans allmählig ruhiger zu werden anfing. Als ſie ihn für beſſere Eindrücke empfänglich ſahen, ſchlugen ſie die Bibel auf. Hans hatte eine ſo wunderbare Empfindung. Er verwünſchte ſich ſelbſt im Innerſten ſeiner Seele und fand gleichwohl Mitleid bei Andern. Das ging ihm ſo tief zu Herzen, und er blickte um ſich, ſtill auf jedes Wort lauſchend. „Ihr verachtet mich alſo nicht?“ ſagte er;„mein Gott, verachtet Ihr mich nicht?“ „Nein Haus,“ antwortete Anders,„wir verachten Dich nicht; aber wir beklagen Dich ſehr. Du biſt ein ſchwacher Menſch, es fehlt Dir an Kraft, Dich anfzu⸗ richten, und Du ſuchſt nicht durch Gottes Wort Stärke zu gewinnen. Nein, wir haben hinieden kein Recht, eine Schwachheit zu verachten, ſondern können ſie blos beklagen. Willſt Du hören, Hans, was die Bibel ſagt 2 ¹ 369 . Und Anders ſchlug auf 1 B. Moſ. 9 Cap., und Kerſtin las laut: „Die Söhne Noä, die aus dem Kaſten gingen, ſind dieſe: Sem, Ham, Japhet. Ham aber iſt der Va⸗ ter Canaans.“. „Das ſind die drei Söhne Noä, von denen iſt alles Land beſetzt.“ „Noa aber fing an und ward ein Ackermann und pflanzte Weinberge.“ „Und da er des Weines trank, ward er trunken, und lag in der Hütte aufgedeckt.“ „Da nun Ham, Canaans Vater, ſah ſeines Vaters Schaam, ſagte er es ſeinen beiden Brüdern draußen.“ „Da nahmen Sem und Japhet ein Kleid, und legten es auf ihre beiden Schultern und gingen rücklings hinzu und deckten ihres Vaters Schaam zu; und ihr Angeſicht war abgewandt, daß ſie ihres Vaters Schaam nicht ſahen.“ „Als nun Noa erwachte von ſeinem Wein, und er⸗ fuhr, was ihm ſein kleiner Sohn gethan hatte;“ „Sprach er: Verflucht ſei Canaan, und ſei ein Knecht aller Knechte unter ſeinen Brüdern.“ „Und ſprach weiter: Gelobet ſei Gott, der Herr des Sems; und Canaan ſei ſein Knecht.“ „Gott breite Japhet aus, und laſſe ihn wohnen in den Hütten des Sems; und Canaan ſei ſein Knecht.“ „Verſtehſt Du, Hanus,“ ſprach Anders, ſobald Ker⸗ ſtin mit dem Leſen fertig war,„daß über Ham, Ca⸗ naans Vater, der ſeinen berauſchten Vater verachtete, der Fluch kam; aber über Sem und Japhet, die ſich ſeiner erbarmten, kam der Segen.“ Hans hörte verſtand aber nicht recht, und dennoch wurde es ihm ſo wunderbar zu Muthe. Anders ergriff Hanſens Hand und betrachtete ihn. „Armer Hans,“ ſagte er,„wie ſchade iſt es um Ridderſtad, Vater und Sohn. II. 24 370 Dich. Du haſt nicht klug gelebt, Hans, Du haſt Dich bald dahin, bald dorthin ziehen laſſen, und ſo biſt Du geworden, was Du jetzt biſt; aber Muth, Haus, nur Muth, und Alles kann noch gut werden.“ Und Kerſtin las weiter: „Wache auf, der Du ſchläfſt, und ſtehe auf von den Todten, ſo wird Chriſtus Dich erleuchten.“ „So ſehet nun zu, wie ihr weiſe wandelt; nicht wie die Unweiſen, ſondern wie die Weiſen.“ „Und ſchicket Euch in die Zeit, denn es iſt böſe Zeit.“ „Darum werdet nicht unverſtändig, ſondern verſtän⸗ dig, was da ſei des Herrn Wille.“ „Und ſauft Euch nicht voll Weins, daraus ein unordentliches Weſen folgt, ſondern werdet voll Geiſtes.“ „Hörſt Du, Hans,“ ſagte Anders,„welch eine gute Weisheit. Aber es iſt beſſer, darnach zu leben, als blos darauf zu hören. Ach Hans, Gottes Gnade iſt groß. Du weißt wohl, wie ich ſelbſt gelebt habe, aber mein Weib ſprach Worte zu meinem Herzen und ihr habe ich meine Rettung zu verdanken. Handle Du wie ich, Hans, und Du wirſt ſehen, daß Reue mit der Beſſerung kommt.“ Und wieder las Kerſtin: „Und er ſagte ihnen ein Gleichniß: Sehet an den Feigenbaum und alle Bäume.“ „Wie ſie jetzt ausſchlagen, ſo ſehet ihr es an ihnen und merket, daß jetzt der Sommer nahe iſt.“ „Alſo auch Ihr, wenn Ihr dieß Alles ſehet angehen, ſo wißt, daß das Reich Gottes nahe iſt.“ „Wahrlich, ich ſage euch: dieß Geſchlecht wird nicht vergehen, bis daß es Alles geſchehe.“ „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht.“ „Aber hütet Euch, daß Eure Herzen nicht beſchwert 371 werden mit Freſſen und Saufen und mit Sorgen der Nahrung und komme dieſer Tag ſchnell über Euch.“ Hanſens Gedanken wurden auf dieſe Art allmählig in ein ganz anderes Reich verſetzt, als worin ſie zu le⸗ ben gewohnt waren. „Ich begreife Dich ſo gut, Hans,“ begann Anders wieder,„die Verführung iſt mächtiger über Dich als die Reue und Beſſerung. Vielleicht ſiehſt Du nicht einmal alle die Gefahren, denen Du entgegengehſt, wenn Du nicht ſchnell umkehrſt.“ Kerſtin las: „So demüthiget Euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, daß er Euch erhöhe zu ſeiner Zeit!“ „Alle eure Sorge werfet auf ihn; denn er ſorget für euch!“ „Seid nüchtern und wachet; denn Euer Widerſacher, der Teufel, gehet umher wie ein brüllender Löwe, und ſuchet, welchen er verſchlinge.“ „Dem widerſtehet feſt im Glauben⸗ 4 „Hörſt Du, Hans,“ fügte Anders hinzu, indem er ſeine Hand ergriff,„die Verſuchung geht umher... aber Du mußt nicht vor ihr fliehen... ſondern ihr muthig ins Auge ſehen... und ihre Gewalt vermin⸗ dert ſich... ihr Einfluß verſchwindet... ihr...“ „Und Ihr verabſcheut mich nicht,“ bemerkte Hans, „Ihr verſtoßt mich nicht, Ihr verflucht mich nicht?“ „Gott mag das thun, wir nicht, die wir ſelbſt ſchwach ſind und des Gebets bedürfen.“ Und wiederum las Kerſtin: „Wohlan, ich will meinem Lieben ein Lied meines Vetters ſingen von ſeinem Weinberge. Mein Lieber hat einen Weinberg an einem fetten Ort.“ „Und er hat ihn verzäunet, und mit Steinhaufen verwahret und edle Reben darein geſenkt. Er bauete auch einen Thurm darinnen und grub eine Kelter darin, 372 und wartete, daß er Trauben brächte. Aber er brachte Heerlinge.“ „Nun richtet ihr Bürger zu Jeruſalem und ihr Männer Judä zwiſchen mir und meinem Weinberge!“ „Was ſollte man doch mehr thun an meinem Weinberge, das ich nicht gethan habe an ihm? Wa⸗ rum hat er denn Heerlinge gebracht, da ich wartete, daß er Trauben brächte?“ „Wohlan, ich will euch zeigen, was ich meinem Weinberge thun will. Seine Wand ſoll weggenommen werden, daß er verwüſtet werde, und ſein Zauu ſoll zer⸗ riſſen werden, daß er zertreten werde.“ „Ich will ihn wüſte liegen laſſen, daß er nicht ge⸗ ſchnitten noch gehacket werde, ſondern Diſteln und Dor⸗ nen darauf wachſen; und will den Wolken gebieten, daß ſie nicht darauf regnen.“ „Des Herrn Zebaoth Weinberg aber iſt das Haus Iſrael, und die Männer Judä ſeine zarte Faſer. Er wartet auf Recht, ſiehe ſo iſt es Schinderei; auf Gerech⸗ tigkeit, ſiehe ſo iſt es Klage...“ „Wehe denen, die des Morgens frühe auf ſind des Saufens ſich zu befleißigen, und ſitzen bis in die Nacht, daß ſie der Wein erhitzet.“ „Und haben Harfen, Pſalter, Pauken, Pfeifen und Wein in ihrem Wohlleben, und ſehen nicht auf das Werk des Herrn, und ſchauen nicht auf das Ge⸗ ſchäfte ſeiner Hände.“ „Darum wird mein Volk müſſen weggeführet wer⸗ den unverſehens, und werden ſeine Herrlichen Hunger leiden und ſein Pöbel Durſt leiden.“ „Daher hat die Hölle die Seele weit aufgeſperret, und den Rachen aufgethan ohne alle Maaße, daß hin⸗ unter fahren beide ihre Herrlichen und Pöbel, beide ihre Reichen und Fröhlichen...“ „Wehe denen, ſo Helden ſind Wein zu ſaufen, und. Krieger in Völlerei...“ 377 „Darum iſt der Zorn des Herrn ergrimmt über ſein Volk und regt ſeine Hand über ſie und ſchlägt ſie, daß die Berge beben und ihr Leichnam iſt wie Koth auf den Gaſſen. Und in dem allem läßt ſein Zorn nicht ab, ſondern ſeine Hand iſt noch ausgereckt.“ Maja, die ihn nicht fand, als ſie nach Hauſe kam, und ihn vergebens erwartete, begann endlich nach ihm zu forſchen. Von verſchiedenen Seiten her erhielt ſie auch Nach⸗ richt, daß man ihn bald am einen, bald am andern Ort geſehen hatte, aber Niemand konnte vollſtändige Auf⸗ ſchlüſſe über ihn ertheilen. Zuletzt blieben alle Nachforſchungen vergeblich; er war ſpurlos verſchwunden. v REEnnannnnmnmmmmmmnnuaaunun Wrcaaaaaaaawmmmmmmmmmnnan 15 1 8 9 10 11 12 1 4 6 17