— 8 —— * Leih ibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———ℳ⅓½——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonneuten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Bergrath Sandels ließ ſchon im vorigen Jahrhundert dieſes einſtockige ſteinerne Haus mit ſeinen Flügeln auf⸗ führen, das ſich noch jetzt vorfindet. Der Kammerrath Guſtav von Stockenſtröm, der nachmalige Beſitzer, ver⸗ kaufte das Haus im Jahr 1797 an den Kammerherrn Nils Güldenſtolpe. Außer dem Gebäude und einem ſchönen Baumgarten gehören noch zwei herrliche Wieſen und andere fruchtbare Grundſtücke dazu, die alle an das Zollhaus grenzen. In den letzteren Zeiten hat man dieſe ſchönen Ebenen durch Kultur bedeutend in ihrem Werth gehoben. Der Ingemarshof gehörte in den älteſten Zeiten Ingemar Fredbom, der vermuthlich dem Platz ſeinen Namen gab. Dieſer Mann war mit einer Hiſing ver⸗ heirathet. Man erzählt, daß er einen kleinen Theil des Gutes, denjenigen Theil nämlich, der in der Ecke der Roßlagerzollſtraße und des Weges nach dem Ladugards⸗ land lag, ſeinem getreuen Diener Clas ſchenkte, der dort ein Wirthshaus erbaute, welches ſeinen Namen erhielt und ihn noch heutigen Tags führt. Dieſes Wirthshaus war in der Zeit, die wir beſchreiben, ganz beſonders in der Mode. haute Volée hatte hier oft ihre Feſtſch Der Trabant. IV. 2 auch die mittlere Claſſe bediente ſich dieſes Ortes bei beſonderen Feierlichkeiten. Genug, es war damals, was ſpäter das blaue Thor geworden iſt, vielleicht ſogar noch mehr. Auch Forſter hatte dieſes Haus zur Feier ſeiner Hochzeit gemiethet, wozu er ſowohl mehrere Beamte aus dr Stadt, als auch Kunden und Freunde eingeladen hatte. Forſter wollte die ſchönſte Stunde ſeines Glückes auf eine ſtattliche Weiſe feiern. Es war bereits dun⸗ kel; die eryſtallenen Kronleuchter brannten in den ſchönen Zimmern und Glöckchen erklangen auf den ſönerieheikten Straßen. Die Gäſte begannen einzu⸗ treffen. Unruhig wandelte Forſter in einem nur für ihn ſelbſt beſtimmten kleinen Stübchen auf und ab, indem er auf die Braut wartete. In ſeinen Gedanken über⸗ las er den Trauungstext, während er mehr als einmal ſeine Weſtentaſche befühlte, ob er den Hochzeitring nicht verloren habe. erwählten Marſchälle.. — Etwas über neun Uhr, antwortete dieſer. — Wie die Zeit ſo langſam vergeht. Ich kann Dir gar nicht ſagen, wie peinlich es mir zu Muthe iſt. Ich merke jetzt, es iſt nicht ſonderlich angenehm, zu hei⸗ rathen. — Vor der Hochzeit ja, ſcherzte der Marſchall. Iſt Alles gut in Ordnung? Wenn Etwas fehlt, ſo beftehl nur. Ich wünſche, daß die Gäſte an meinem Ehrentag vergnügt ſein ſollen... ich denke, ihn nicht zum zweiten Mal zu feiern. Ach, wie Marie ſo lang ausbleibt... ich bin begierig, wie das Brautkleid ihr ſteht... Du haſt ſie ja heute geſehen... war ſie 4 ünaſtlich... wie ſah ſie aus.. glaubſt Du, it Kranz und Krone gut ausnehmen werde? — Wie viel Uhr iſt's? fragte er einen ſeiner aus⸗ -— Dem Marſchall erlaubten ſeine vielen Geſchäfte nicht, die Fragen zu beantworten, und er entfernte ſich lachend. — Die Braut iſt jetzt da, berichtete der Marſchall, als er endlich zurückkam. Komm, Brüderchen, komm. — Sie iſt da, ſagſt Du... warte ein wenig... Und der ehrliche Forſter ging noch einmal im Zim⸗ mer auf und ab, halb laut die Trauungsformel vor ſich hin murmelnd, um ſicher ſein zu können, daß er im Brautſtuhl nicht aus dem Text komme. — Es iſt ſchrecklich warm, meinte er. — Kein Geſchwätz jetzt, komm! Die Herren warten draußen, um Dich in den Hochzeitſaal zu begleiten. — Ich nehme Dich, murmelte Forſter wieder an der Trauungsformel. — Komm! — Jetzt zu meiner ehelichen Frau, fuhr Forſter fort, indem er auf⸗ und abwandelte. — Komm, komm. — Um Dich zu lieben in Freud und Leid... — Nun ja doch; jetzt biſt Du ſattelfeſt im Text. Warte jedenfalls nicht länger. Man wird ungeduldig ... Marie erwartet Dich... komm! — Und zum Wahrzeichen gebe ich Dir dieſen Ring, fuhr Forſter fort. — Ich öffne die Thüre... jetzt... Forſter warf einen Blick in den Spiegel und legte ſeine Halskrauſe zurecht. — Jetzt in Gottes Namen. Begleitet von den eingeladenen Gäſten, die eine unregelmäßige Reihe hinter ihm bildeten, gelangte er vor die Thüre des Saales, wo die Trauung vollzogen werden ſollte. Hier mußte er einen Augenblick ſtille ſtehen. Als die Thüre ſich öffnete und er eintrat, ſah er, wie die gegenüberſtehende Thüre gleichfalls geöffnet wurde und Marie durch ſie hereinkam. —. Sein Herz klopfte von heftiger Freude bei ihrem Anblick. Es war nicht mehr eine mit Gold verzierte Band⸗ haube, die jetzt über den ſchwarzen Locken ruhte, ſondern es war Krone und Kranz, ein Schmuck, der die ſchöne Geſtalt des ſchlanken Mädchens in ein noch vortheilhaf⸗ teres Licht ſetzte. Ein ſchwarzes Seidenkleid umſchloß ihre Formen, geſchmückt mit einem einfachen zu dieſer Jahrszeit ſel⸗ tenen Blumenſtrauß. Der weiße Florſchleier ſiel wie ein leichter dünner Schnee über ihre Schultern herab. Schon ſtanden ſie vor dem Stuhl, und der Trauungs⸗ akt hatte begonnen. In dem Augenblick, wo ſie auf dem Schemel niederknieten und der blaue, mit goldenen Franzen bordirte Himmel über ihren Häuptern ausge⸗ breitet wurde, trat Alm ein. Alm war theils mit ſei⸗ nem Anzug, theils auch mit den Anordnungen wegen des von Reuterholm empfangenen Auftrags zu ſehr beſchäftigt geweſen, um zur rechten Zeit kommen zu können. Sein Geſicht verzog ſich vor Aerger, als er ſah, daß er nicht mehr vor der Trauung auftreten konnte. Je ſpater am Abend, deſto ſchöneres Volk, ſagte er inzwiſchen vor ſich hin. Man kommt nie zu ſpät, wenn man auf etwas Gutes wartet. Die zunächſt Stehenden hießen ihn ſchweigen, weil er ſie mit ſeinem Gemurmel ſtörte. Bei all, ſeiner Eleganz nahm er ſich mit ſeiner mageren Geſtalt ziemlich lächerlich aus. In ſeinen kurzen Hoſen mit breiten, ſtählernen Kniebändern zeigten ſich ſeine ſchmächtigen Beinchen, die in ſeidnen Strümpfen prangten, in all' ihrer origi⸗ nellen Dürftigkeit. Der ſchwarze Frack war alt, abge⸗ tragen und fadenſcheinig; aber er hatte die verdächtig⸗ ſten Stellen mit Dinte angeſtrichen und dadurch die Farbe wieder herzuſtellen gewußt, ſo daß er ſich wenig⸗ ſtens beim Lichtſchein einigermaßen mit Ehren behauptete. Eine große Halskrauſe und eine weiße, mit Stickereien verſehene Weſte, die er in einer Kleiderbude gekauft hatte, vollendete ſeinen Aufzug. Aber ſein Geſicht hatte er nicht aufbeſſern können. Und nicht bloß in ſeinen mageren Beinen hatte er Aehn⸗ lichkeit mit einer Spinne, ſondern ſein ganzes Weſen deutete auf eine Verwandtſchaft mit dieſem merkwürdi⸗ gen, den kleinen Inſekten ſtill auflauernden Raubthier, und dieſer Charakter drückte ſich ganz beſonders in den unter der Stirne beinahe begrabenen, beſtändig ſpähen⸗ den, niemals ruhenden kleinen Aeuglein, ſowie in ſei⸗ nem dünnen, blaſſen Geſichte aus. Seine Spinnennatur trat auch in dieſer Stunde mehr als je zum Vorſchein. Der Neid hatte ſich ſeiner gänzlich bemächtigt. Seine ſtets mißlungenen Verſuche, ſich eine unabhän⸗ gige Stellung zu verſchaffen, hatten ſeine Seele mit Bitterkeit erfullt und alle guten Regungen darin er⸗ ſtickt. Wenn er etwas ſah, das ihm geſiel, ſo grämte er ſich darüber, daß es nicht ſein war. Man konnte ſagen, daß er in Gedanken ſeinen Nächſten fortwährend beſtahl. Ganz beſonders war ſein alter Freund Forſter ein Ge⸗ genſtand der gierigen Mißgunſt, die unaufhörlich an ſei⸗ nem Frieden zehrte. Er hatte eine ſo glänzende Hochzeitfeier, wie Forſter ſie im Uebermaaß ſeines Glücks veranſtaltete, nicht er⸗ wartet. Alle dieſe Pracht erhöhte ſeinen Neid noch. Er hatte nicht erwartet, unter den Hochzeitsgäſten Perſonen ſelbſt aus den höchſten Kreiſen der Geſellſchaft zu finden. Auch dieß wurde für ihn eine neue Urſache des Grams. Aber damit nicht genug. Er hatte ſich auch nicht vorſtellen können, daß Marie ſo ſchön ſein würde, wie ſie ſich jetzt zeigte. Ihr Anblick blendete ihn wirklich und er ſtieß einen tiefen Seufzer aus. Aber als er Forſter betrachtete und ſah, wie er vor —y——öö —— Glück und Seligkeit beinahe ſtrahlte, da vermochte er ſeine Gedanken nicht länger in ſich zu verſchließen. — Er hat ſein Glück mir geſtohlen, murmelte er zwiſchen den Zähnen; Rache! Die Trauung war vollendet und man begann dem Brautpaar zu gratuliren. Dieſen Augenblick hielt Alm für den paſſendſten, um ſeinen Auftrag zu vollziehen, aber er hatte den Polizeidienern, die ihn begleiteten, geſagt, daß ſie auf der Straße warten ſollten, bis er ihnen vom Feuſter aus ein Zeichen gäbe, heraufzukommen; er mußte ſich alſo noch gedulden. Alm war inzwiſchen der Letzte, der zu Forſter und Marie vortrat, um ihnen Glück zu wünſchen. Auf der Straße unten hatte ſich eine große Volks⸗ menge verſammelt, um das Brautpaar zu ſehen. Forſter und Marie waren wohlbekannt, beide hatten ſich, erſterer als der beliebte Eigenthümer des Opernkellers, Letztere während ihres Aufenhalts auf Lilienholm, viele Freunde erworben. Alle achteten in ihnen zwei Leute, welche das Glück, das ſie ſich gegenſeitig bereiteten, wohl ver⸗ dienten, und denen man es auch gerne gönnte. — Die Braut, die Braut! rief man von der Straße herauf, laßt uns die Braut ſehen. Dieſe Ausrufungen unterbrachen Alm juſt in dem Augenblick, wo er ſo ausdrucksvoll wie nur möglich ſeinen Glückwunſch darzubringen ſuchte. Aber das laute Verlangen des Volks wurde noch dringender als man der erſten Aufforderung nicht ſogleich nachkam. Die Marſchälle hatten in eines der Fenſter zwei große Armleuchter geſtellt, um die Braut zu beleuchten, während ſie ſich dort zeigen würde. — Die Braut! Laßt die Braut ſehen! Die Braut an's Fenſter! tönte es von der Straße herauf. Man glaubte auch den ſtürmiſchen Wunſch ſogleich erfüllen zu müſſen, und Forſter führte Marie an das beſtimmte Fenſter. Alm folgte ihnen. Die Volksmaſſe erhob ein ſchallendes Lebehoch und Hurrahgeſchrei, als ſie Marie zu ſehen bekam. Letztere hatte einen ſolchen Beifall nicht erwartet und war gerührt. Sie drückte auch Forſter herzlich die Hand und heftete einen zärtlichen Blick auf ihn. Forſter fand keine Worte, um ſein Entzücken und ſeine Selig⸗ keit ausdrücken zu können, aber er würde Marie ver⸗ muthlich vor den Augen des Volks an ſeine Bruſt ge⸗ ſchloſſen haben, wenn nicht Alm ihn in dieſem Augen⸗ blick auf den Fuß getreten und dadurch ſeinen Lippen einen Schmerzensruf ausgepreßt hätte. — Bitte um Entſchuldigung, beſter Forſter, um Entſchuldigung. Ich vergeſſe Alles über meiner Bewun⸗ derung füͤr die hübſche, allerliebſte,.. ich darf ja wohl ſagen, Frau.. nicht wahr... Frau, oder unter alten Freunden bleibt ſie vielleicht die huͤbſche Marie... Frau Marie vielleicht... — Gleichviel, bemerkte Forſter, Du wollteſt etwas Anderes ſagen, glaube ich. Forſter fühlte ſich bange vor Alm's Artigkeiten, aber er wollte ihm von ſeiner unheimlichen Stimmung nichts merken laſſen. — Ganz richtig, ich wollte Etwas ſagen, ja, ja, ſo war es. Ich wollte Deiner lieben Frau ſagen, daß wir einander nicht mehr geſehen haben, ſeit dem Abend, wo ich auf Lilienholm den Kellner machte und ſie mich Calle taufte. O, es war ein recht luſtiges Abenteuer, obſchon... obſchon... . Das Abenteuer, das Alm berührte, erinnerte For⸗ ſter an den heimtückiſchen Streich, deſſen er ihn ver⸗ dächtig glaubte! — Obſchon? wiederholte er gleichwohl, um Etwas zu ſagen zu haben. — Obſchon es nicht ſo endete, wie ich hoffte. — Nicht? — Ich glaubte damals ſo gewiß, daß mein Glück — Du machſt zu ſehr Jagd auf das Glück, deßhalb flieht es vor Dir. — Das kannſt Du als Schoßkind des Glückes wohl ſagen... ich da egen... mit mir ſteht es anders. Alm'’s Geſicht verzog ſich, während ein ſchwerer Seuſßer ſich aus ſeiner Bruſt preßte. einen Anſichten zu Folge haſcht ja alle Welt nach dem Glück? — Allerdings, allerdings, wer lebt wohl für etwas Anderes? — Es mag ſein. Inzwiſchen habe ich mich nicht darum bekümmert und mich jedenfalls ſeiner Wohlthaten in ſehr hohem Grade zu erfreuen gehabt. — Sprich nicht davon, über Dich iſt das Glück im Schlafe gekommen. — Das iſt beinahe wahr. Alles, was ich beſitze, habe ich ohne alle Mühe und Verdruß bekommen, ſogar meine kleine Marie.. auch ſie iſt von freien Stücken in meine Arme gefallen, nicht wahr, Marie? Marie war nicht geſchwätzig, ſie nickte bloß beifällig und lächelte. — Das Glück iſt zu Dir gekommen, während Du bloß daſaßeſt und D ſt — Du könnteſt hinzuſetzen und Dir bei Deinem Rauchen auch Gedanken machteſt und noch überdieß in der Stille allerlei Schritte thateſt, denn i ich darf wohl geſtehen, daß ich viel nachgedacht habe. Inzwiſchen iſt bei Allem, was ich unternommen habe, ſen, und das iſt die Hauptſache. — Aber bedenke einmal, wenn jetzt... wenn jetzt.. Alm begann zu ſtammeln; er fürchtete ſich beinahe vor dem, was er zu ſagen gedachte — Was ſoll ich bedenken? Sprich friſch von der Leber weg. . bereits gemacht ſei, aber ich erntete ſtatt deſſen nur Verdruß. Forſter ſeiner Seits fürchtete Alm's halbe Redens⸗ arten; er erinnerte ſich gar zu gut, daß er ihm gerade auf ſolche Weiſe ſeine Mittheilung in Betreff des heim⸗ lichen Poſtverkehrs mit Armfelt abgelockt hatte. — Bedenke, wenn Du jetzt einmal, d. h. nur auf einen Augenblick, Alles verlöreſt, was Du beſitzeſt... alles zuſammen. 8 Forſter konnte eine gewiſſe Verblüfftheit über die aufgeſtellte Vorausſetzung nicht verbergen. Die Erin⸗ nerung an die Unterredung Frank's und Ehrenſtröm's bei Fräulein Rudenſköld flog wie ein Blitz durch ſeine Gedanken. — Alles, was ich beſitze? wiederholte Forſter. — Wie ich ſage; zuerſt Deine Wirthſchaft. — Das wäre ein ſbretkliches Unglück... aber ich würde die Sache mit kaltem Blut eerrtragen und von Neuem anfangen. Es thäte mir hauptſächlich um Ma⸗ riens willen leid. 13 8 Aber denke Dir einmal, daß Du auch ſie ver⸗ öreſt. — Marie verlieren? Ach ſchwatze kein dummes Zeug. Nicht wahr, Marie, Du haſt mir nicht nur Deine Hand gegeben, ſondern auch Dein Herz? — Mein ganzes Herz, Forſter. — Hörſt Du's? — Aber denke Dir die Möglichkeit, daß Du Deine Freiheit verlöreſt. Forſter beantwortete Alm's Aeußerung nicht, ſon⸗ dern kehrte ihm bloß den Rücken, weil es ihn verdroß, daß einer ſeiner Gäſte in einem für ſein Herz ſo koſt⸗ baren Augenblick wie der gegenwärtige, ſolche Voraus⸗ ſetzungen aufſtellte. In ſeinem ſonſt frommen Gemüth hegte er indeß Argwohn gegen Alm und glaubte jetzt noch größere Gründe dafür zu haben. Außerdem be⸗ merkte Forſter, daß Marie auf Alm's Gerede hörte und daß es ihr Kummer machte. Alm dagegen war beleidigt durch die Verachtung, — ——— die Forſter i Platz nicht. Er wußte, daß er Forſter, ſowie die Freude und Herrlichkeit die ihn jetzt umgab, jeden Augenblick, wenn er nur wollte, vernichten konnte. Das Bewußtſein dieſer Macht ſchmeichelte Alm und machte ſeinem egoiſtiſchen Gemüth Freude. Alle Herrlichkeit des Lebens iſt ein Kartenhaus, Pedohn er wieder, ein Windhauch wirft es über den aufen. — So, verſetzte Marie. Der Leſer dürfte ſich erinnern, daß ſie gewöhnlich ſehr einſilbig war. Alm wünſchte bei Forſter ein lebhaftes Vertrauen zu dem Beſtand ſeines Glückes zu erwecken, er wollte bei ihm glänzende Zukunftsträume hervorrufen und juſt in dem Augenblick, wo Alles ihm auf's Freundlichſte und Hoffnungsvollſte entgegen lächelte„wollte er ihn ſtürzen. Er Heuerſie erſt jetzt, daß er einen unrichtigen Weg eingeſchlagen hatte, um dieſes ſein Ziel zu er⸗ reichen. — Glücklicher Forſter! begann er daher auf's Neue. Forſter wandte ſich wieder um. — Glückliche Marie! fügte er hinzu und heftete einen Blick der Bewunderung auf ſie. — Ich gebe zu, fuhr er fort, daß es beinahe grau⸗ ſam iſt, in einem Augenblick, wo man ſich ſo glücklich fühlt, wie wir jetzt, daran zu denken, daß Alles ver⸗ gänglich iſt; aber mir iſt das wohl erlaubt, mir, der ich von den Gütern der Welt nur ihre Vergänglichkeit erfahren habe. Du biſt ein bischen böſe auf mich, Forſter. Man muß jedoch einen Freund nicht allzu ſtreng beurtheilen, wenn er auch mitunter ein bischen dumm herausſchwazt. Es iſt wahr, daß Dein Glück auf ſichereren Füßen ſteht als das von Anderen. Du haſt es im Frieden mit Deinem Herzen ſelbſt geſchaffen. Und jetzt... jetzt... jetzt bleibt Dir nichts mehr hhm bewies; aber er verließ deßhalb ſeinen —— 11 übrig, als die Früchte Deines Glückes, Deine Unab⸗ hängigkeit, die Liebe Deiner Marie zu genießen. Forſter wir ſind ja Freunde, alte Freunde... 3 Alm ſprach ſich mit einem ſolchen Schein von Auf⸗ richtigkeit aus, daß Forſter wieder an ihn zu glauben anfing. — Ich kann mir Dein künftiges Leben ſo gut denken, fügte Alm hinzu. — Thuſt Du das? 3 Forſter liebte Marie ſo innig, und der Gedanke, den Alm vorbrachte, fand bei ihm lebhaften Anklang. — Ich denke Dich unter ſchäumenden Cascaden vof Sherry und Rouſſillon, von Burgunder und Fron⸗ ignan. Forſter lächelte. — Aber ich weiß etwas noch Beſſeres: ich ſehe Dich neben Deinem Weibchen ſitzen, Du ſchlingſt Deinen Arm um ihren Leib... es iſt Abend... die Lichter ſind angezündet und ſie hat ſich an ihr Nähtiſchchen geſetzt. Nun wohl, den Arm um ihren Leib, blickſt Du ihr in die ſchönen Augen. Alm ſchilderte juſt eine ſolche Scene des häuslichen Glücks, wie ſie Forſter's Phantaſie als die allerſchönſte vorſchwebte. 1— Ihr ſprecht nicht laut mit einander, ihr flü⸗ er... Mariens und Forſters Augen begegneten ſich. Ihre Liebe löste ſich in einem Blick, ihr Gefühl in einem Seufzer auf. — Von was flüſtert ihr?2... O ihr Schalke! Eine hübſche Röthe breitete ſich über Mariens Ge⸗ ſicht, Forſter lächelte noch einmal und drückte ihr zärt⸗ lich die Hand. — Du ſtreichſt eine der ſchwarzen Locken aus Ma⸗ dans Stirne, und Marie nickt ſanft und dankbar gegen Dich. — Dank, mein Freund, Dank! ſagte Forſter. 12 Forſter hatte allen Zorn, allen Argwohn vergeſſen. Es ſchien ihm unmöglich, daß Alm ein falſcher Freund ſein konnte; ach, er eichnete ja ein Bild aus ihrer Zu⸗ kunft ſo gut. Alm fah, daß er jetzt auf ein Thema deinthen war, das ſolche Gefühle weckte, wie er ſie wünſchte. — Ein paar Jahre ſind vergangen, fuhr er fort... — Ein paar Jahre, wiederholte Forſter. — Ich denke mir daſſelbe Bild wie vorhin, aber jetzt ſpielt zu euren Füßen... — Still, Herr Alm! bat Marie. — Sprich, Sprich! verlangte dagegen Forſter. — 3u euren Füßen ſpielt, fuhr Alm fort, ein klei⸗ ner lockiger, ſchalkhafter... — Kein Wort mehr... — Noch tauſend und aber tauſend Worte, bat Forſter. — Ein kleiner, braunäugiger, geſunder... Roſe um Roſe ſchlug auf Mariens Wangen, dieſen hübſchen Blumenbeeten der Verſchämtheit, aus, Blitz um Blitz glänzte in Forſter's Augen, in dieſen Him⸗ meln, wo das Herz ſo unmittelbar ſeine Bekümmerniſſe oder ſeine Freude entlehnt. — Gluͤcklicher Forſter! — Ach ja, Du haſt Recht, wer kann glücklicher ſein als ich!. Alm hatte ſo eben ein weißes Nastuch aus ſeiner Taſche gezogen. Als er die Wirkung ſeiner Worte ſah, näherte er ſich dem Fenſter. — Glückliche Marie! fügte er hinzu. Marie ſenkte ihre Augen zur Erde. Alm ſtand ganz nahe beim Forſter und erhob das Tuch, gleich als wollte er ſich die Stirne damit trocknen. — Und dennoch habe ich in der That gerade Dir mein Glück zu verdanken, bemerkte Forſter, denn Du warſt es... ich vergeſſe es nicht, Du warſt es, der mich i⸗ t —. — 13 zu dieſem Gang nach Lilienholm veranlaßte, an dem Abend, wo ich...—— Er wollte ſagen, wo er Armfelt getroffen hatte, aber er brach ſeinen Satz plötzlich ab, weil dieſer Name für Forſter eine ganze politiſche Partei in ſich ſchloß, und weil er in Alm's Anweſenheit keine Veranlaſſung zu einem Geſpräch dieſer Art geben wollte. 4 Nichts deſto weniger regten Forſter's Worte juſt den Gedanken auf, der Alm's Gemüth am ſtärkſten be⸗ herrſchte und beinahe krampfhaft führte er das weiße Tüchlein gegen das Fenſter und gab damit das verab⸗ redete Zeichen. 3 — Wie der Brautkranz Dir ſowohl paßt, Marie, flüſterte Forſter.— — Findeſt Du das?. — Du biſt nie ſo ſchön geweſen wie heute Abend ... Du übertriffſt Dich ſelbſt. — Du ſchmeichelſt. 3. — Ach wenn wir allein wären, ſo würde ich Dich an meine Bruſt ſchließen. — Du biſt alſo zufrieden mit mir? — Du machſt mich zum glücklichſten Geſchöpf in der Welt. bi Bllin machte ein neues Zeichen gegen die Straße inab. — Auch mich macht Deine Liebe glücklich, Forſter. — Wirklich? — Kannſt Du daran zweifeln? — Ach nein, ich leſe es in Deinen Augen. — Schelm! — Ich ſehe es in der Röthe auf deinen Wangen. — Du Schalk! Alm machte ein drittes Zeichen. — Ich möchte Dich um Etwas bitten. — Um was? — Um einen Kuß. — AHch nein, nicht hier. —— willſt. Marie und Forſter hatten ſeitwärts am Fenſter Platz genommen. — Warum nicht? — Es ſind ja ſo viele Leute da. — Ach, was? 4 — Ich würde erröthen. 2 — Das verſchönert Dich nur noch. 8 — Ich würde mich ſchämen. — Vor wem? — Vor den Gäſten. — Leere Redensart. — Du biſt garſtig. — Du biſt böſe. — /ch! — Gib mir einen Kuß. — Nein. — Nicht? — Warte. — Wie lange? — Bis... bis... Marie ſprang lächelnd von ſeiner Seite auf und nahm ihren Platz vor dem Fenſter wieder ein. — Warum eine ſolche Heftigkeit? — Hörteſt Du's nicht? Das Volk rief. — Beginnſt Du ſchon ungehorſam gegen mich zu werden? Ich merke wohl, warum Du wegſprangſt. — Ich habe es Dir ja geſagt, man rief. Marie hatte wirklich Recht, man hörte von unten auf ein Geſchrei aber es galt einer ganz andern Sache. f — Ich habe Luſt mich zu rächen und Dich vor dem ganzen auf der Straße verſammelten Volke zu küſſen. — Verſuch's einmal. 8 1 — Du glaubſt es nicht? — Ich glaube nicht, daß Du mich böſe machen 7* — Darin haſt Du Recht; alſo warte ich bis.. .„.„ 12 45⁵ Forſter drohte ihr ſchalkhaft mit dem Finger. In dieſem Augenblick wurde einer der Marſchälle in die Hausflur gerufen, und als er bald darauf zurück⸗ kam, zeigte er ſich bleich und erſchrocken. 1 Die Anweſenden bemerkten ein darauf erfolgendes lebhaftes Geſpräch zwiſchen den beiden Marſchällen, und da man es für ausgemacht hielt, daß etwas Unan⸗ genehmes vorgefallen ſei, ſo ſammelte man ſich aus Neugierde und Theilnahme um ſie her. Je mehr Leute dazu kamen, um ſo größer wurde die Verwirrung. Bald ſchien ſie die ganze Geſellſchaft ergriffen zu haben. Der Lärm und das Gemurmel auf der Straße nahmen beinahe in gleichem Maaße wie der Schreck unter den Gäſten zu.. „Noch ſtanden Forſter und Marie beiſammen und flüſterten mit einander von ſolchen Kleinigkeiten, die für ein neuvermähltes Paar ſo intereſſant und lieblich ſind, für alle Andern aber gar keinen Werth haben. Die erſte Stunde nach der Trauung iſt der Ehe ſchönſter Morgentraum. Was man da vom Leben ſieht, iſt ſo einnehmend; es iſt ein kleines Paradies, das mit ſeiner Seligkeit aus dem zitternden Morgennebel auf⸗ taucht. Selbſt die Armuth blickt dann roſenroth in ihre Zukunft. Die Liebe iſt eine Fee mit dem Zauberſtab, die ſelbſt aus dem kahlſten Herzfelſen etwas Wunder⸗ bares hervorlockt. Was muß dieſe Stunde nicht für den Reichen ſein, der ſchon zum Voraus Alles beſitzt, und dem jetzt auch noch die Freude der Liebe zuge⸗ ſichert wird! 84 8 Alm's Blick ruhte unverwandt auf ihnen. Er ſchien nicht eine einzige dieſer Regungen verlieren zu wollen, die auf ihren Geſichtern ſo lebhaft ausdrückten, was ſie in ihren Herzen empfanden. Aber der Lärm coneentrirte ſich immer mehr in einigen beſtimmten Worten, und Forſter ſowohl als die Uebrigen hörten jetzt deutlich, wie man rief: — Fort mit ihnen! Nieder mit ihnen! Was wollen die hier? fort, fort mit ihnen! Marie erblaßte vor Furcht, während Forſter ſich dem Fenſter näherte, um zu ſehen, ob er die Urſache des Mißvergnügens unter dem Volke entdecken könnte, und ob es wohl gegen ihn ſelbſt gerichtet ſei; aber als man ihn auf der Straße bemerkte, wurde er mit einem lebhaften und freundlichen Hurrahruf begrüßt. — Hörſt Du, Marie, der Lärm geht nicht uns an Beruhige Dich, mein Kind. Einer der Marſchälle näherte ſich indeß jetzt Forſter und verlangte mit ihm zu ſprechen. Aber kaum hatten ſie ein paar Worte mit einander gewechſelt, als ſich auch die deutlichſten Zeichen von Schmerz und Schrecken bei Forſter kund thaten. Bleich wie ein Schatten tappte er mit der Hand nach einer Stuhllehne, wäͤhrend ſeine Beine unter ihm ſchwankten. Seine Lippen zitterten; er wollte ſprechen; aber kein Wort kam daruͤber. lig. Was gedenkſt Du zu thun? fragte der Marſchall endlich. — Was kann ich machen? Natürlich muß ich fol⸗ gen... aber Marie.. ich habe nicht den Muth, ſie in Kenntniß zu ſetzen... — Du mußt Dich ihretwegen zuſammennehmen. — Ja, ja. — Sag ihr, daß ein dringendes Geſchäft Dich winge, ſogleich in die Stadt zu gehen. Wir werden e dann allmälig unterrichten. — Barmherziger Gott! — Faß inzwiſchen neuen Muth. Die Sache dürfte bald aufgeklärt ſein und... und... Die Nothwendigkeit macht den Menſchen ſtärker als er ſonſt eigentlich 19 Dieß erwies ſich wenigſtens jetzt bei Forſter. Inzwiſchen hatte er noch nicht mit Marie ſprechen 17 können, als bereits die Saalthüre aufgeſtoßen wurde und eine Menge unbekannter Burſche hereinſtürzten, die ſich unter einander zankten und herumpufften. — Was ſoll das bedeuten? Hinaus mit euch! — Hinaus! riefen die Hochzeitgäſte. In Folge dieſer unzweideutigen Befehle beruhigten ſich die Streitenden ein wenig, und man bereitete ſich vor, auf Erklärungen einzugehen. Ddie Sache verhielt ſich folgendermaßen: Das Volk hatte die Anweſenheit der Polizeidiener erſt dann bemerkt, als dieſe, um durch die dichtgedrängte Menge hindurchzukommen, genöthigt waren, ihre Ko⸗ karden auf ihre Mützen zu ſtecken. Püffe, Scheltworte, Fauſtſchläge und Lärm waren die unmittelbaren Folgen davon. Die Polizei glaubt ſich im Allgemeinen ver⸗ pflichtet, ſich ſelbſt in die unſchuldigſten Vergnügungen des Volkes als Zuchtmeiſter einzumiſchen. Das Volk erblickt dagegen in der Polizei nichts Anderes, als widerliche Straßentyrannen. Ueberall, wo Polizei und Volk auf einander ſtoßen, entſtehen daraus Unordnungen und Schlägereien. Wer iſt der Schuldige? Die Polizei⸗ protokolle ſagen: das Volk; die Moral dagegen ſagt oft: die Polizei. Während des Lärms auf der Straße hatte einer von den Polizeidienern, um Reſpekt einzuflößen, geſagt, es müſſe Jemand im Hauſe verhaftet werden, und da ein Wort das andere gab, ſo wußte man auch bald, auf wen es abgeſehen war. Das Volk erblickt in jedem Polizeidiener eine le⸗ bendige legaliſirte Ungerechtigkeit. Die Polizei hat dieſe Meinung ſelbſt gegen ſich hervorgerufen. Sobald ſie daher Jemand verhaften will, ſo ſtellen ſich die Sym⸗ pathien der Maſſe inſtinktmäßig auf Seiten des Ver⸗ hafteten. Dieß geſchah auch jetzt. Den Polizeidienern gelang es nichtsdeſtoweniger, in das Hochzeithaus zu ommen, aber die Entſchloſſenſten unter dem Volk dran⸗ gen ihnen nach, und dabei zeichnete ſich ganz beſonders ein grobgliederiger hochgewachſener Burſche aus, der ſo Der Trabant. IV. 2 18 ſtark zu ſein ſchien, wie ein halbes Dutzend andere zu⸗ ſammen. Der Mann war einer von denen, die zuerſt ihre Stimme zu einem Hurrahruf für Marie und Forſter erhoben hatten, als ſie an's Fenſter traten; er war auch einer der erſten, die das Unweſen begannen, weil er ahnte, daß eine Gefahr um den Weg war. Endlich gehörte er auch noch zu denjenigen, die, ſobald man die olizeidiener geſehen hatte, keinen Augenblick mehr von ihnen wichen, ſondern wie ihr Schatten ihnen folgten. Breitſchulterig und entſchloſſen, mit einem braunen Lederſchurz und einer Pelzmütze, dabei mit einer offenen und friſchen Miene ausgeſtattet, ſchien er unter dem Volk die Stelle eines Anführers zu ſpielen. Der Leſer dürfte in dieſem Mann einen alten Be⸗ kannten kaum wieder erkennen, nämlich Döring's ge⸗ treuen Diener, den ehemals ſo beſcheidenen und einfälti⸗ gen Fromm. Inzwiſchen war es kein Anderer als er. Als Döring Stockholm verließ und Fromm ſich von ihm verlaſſen ſah, wollte der Admiral ihn mit ſich auf's Land nehmen, aber Fromm wollte unter keiner Bedin⸗ gung die Hauptſtadt verlaſſen, ſondern beſtand darauf, hier zu bleiben, weil er den jungen Döring wieder zu finden hoffte, dem er mit ganzer Seele anhing. Fromm kam niemals auf den Gedanken, daß Döring Stockholm, Schweden und ihn ſelbſt verlaſſen haben könnte; er glaubte, es müſſe ihm ein Unglück zugeſtoßen ſein, und deßhalb beſchloß er, nicht von der Stelle zu weichen, bevor er klar ausgemittelt hätte, wie ſich die Sache verhielt. Während er ſeine Nachforſchungen fortſetzte, wurde er Brauknecht. Er mußte mit irgend etwas ſein Brod verdienen. Stärke flößt Reſpekt ein. Alle diejenigen, mit denen Fromm zu ſchaffen bekam, erwieſen ihm ſolchen. Und —— ſͤͤͤ en d zu ſeiner Zeit gab es keinen Brauknecht, der ſich einen ſolchen Namen verſchafft hätte wie er. Nach einem halben Jahre hatte Fromm ſeinen Bauerndialekt, nach einem Jahre ſeine Bauernmanieren abgelegt, und nach anderthalb Jahren konnte man ihn von keinem in Stockholm geborenen Brauknecht mehr unterſcheiden. Nur die Bauernehrlichkeit wollte ihn nicht verlaſſen, und deßhalb liebte ihn auch ſein Meiſter als einen ergebenen und braven Diener. 1 Seine Erfolge machten ihn auch immer kühner, und ſeine Bekannten mußten endlich zugeſtehen, daß, wo er das Gewicht ſeiner Fauſt auf die ſchwankende Wage der Meinungen legte, die Sache ein⸗ für allemal entſchieden war.. Fromm nahm ſich bei ſeinen Discuſſionen, die mit geballter Fauſt geführt wurden, fortwährend ſeinen ſchmerzlich bedauerten Herrn zum Vorbild. So würde er es gemacht haben, ſagte er, und ob⸗ ſchon Niemand als Fromm ſelbſt wußte, wen er mit dieſem er meinte, ſo war man an das Wort gewöhnt und zog ſich gern ſchleunigſt aus dem Spiel, um der Gefahr des Schlages zu entgehen, womit ſein ſehniger Arm jeden Gegner bedrohte. Fromm kam als Brauknecht bald mit Forſter in Berührung, und Forſter, der als politiſcher Wirth ſeine eigenen Pläne hatte, behandelte den Grobian ſo, daß er im Nothfall ganz ſicher auf ihn zählen konnte. Forſter's Feinheit glückte hier vollkommen, und Fromm wurde ihm blind ergeben. Da Forſter ſeine Hochzeit feiern ſollte, begab ſich auch Fromm an Ort und Stelle, um einen Vivatruf zu thun, wie er vordem in Stockholm noch nie gehört worden war. Er hielt Wort. Es lag in Fromm's Charakter, daß er in Freud und Leid treu war. Er hatte Vivat Forſter gerufen, ſo lange das Glück und Marien's Bild unter ihrem Brautkranz am Fenſter 2* —ͦ —— y ihm entgegen lächelte, und er rief jetzt zum Sturm, als die Polizeidiener ihn gefangennehmen wollten. Das Eine und das Andere war für Fromm gleich natürlich. Nachdem er in den Gang zum Hochzeitſaale ge⸗ kommen war, entſtand daher ein kleines Vorpoſtengefecht zwiſchen den verſchiedenen Parteien, und bei dieſer Ge⸗ legenheit wurde die Saalthüre aufgeſtoßen. Der Gang war ſchon voll von Leuten, und noch Mehrere ſchienen ſich herandrängen zu wollen. Ohne daß Forſter es hindern konnte, erfuhr jetzt auch Marie, daß er es war, den man verhaften wollte. Ihr Schreck läßt ſich nicht beſchreiben. Bleich, ſchweigſam und zitternd ſchloß ſie ſich an Forſter's Seite. Der Lärm währte fort oder nahm vielmehr zu⸗. Die Polizei wollte ſich Forſter's bemächtigen und das Volk proteſtirte. Eine wirkliche Hauptſchlacht ſchien jeden Augenblick ausbrechen zu wollen. Fromm hatte ſich bei der Thüre aufgepflanzt. — Wo habt Ihr Eure Haftbefehle? fragte er die Polizeidiener. — Wir brauchen keine Befehle, antworteten dieſe. Unſere Kokarden beweiſen zur Genüge, daß wir von Amtswegen hier ſind. — Ihr lüget. Dieſe Kokarden ſind falſch... hinaus mit Euch... fort mit Euch! Alles ſchien die Vermuthung zu berechtigen, daß die Polizei genöthigt ſein würde, zu weichen. Alm hatte ſich wie ein ſtiller Zuhörer in einen Winkel zurückgezogen. Um ſich nicht perſönlich irgend Unannehmlichkeiten bloßzuſtellen, hatte er es ſo angeord⸗ net, daß die Polizei die Verhaftung bewerkſtelligen ſollte, ohne daß er ſelbſt zu zeigen brauchte, inwiefern er dabei betheiligt war. Nicht ohne Unruhe und Bekümmerniß ſah er daher die Richtung, welche das Unternehmen bekam, zumal da ſeine Furcht, daß Forſter ihm möglicherweiſe entgehen 21 könnte, mit jedem Augenblick mehr Begründung zu ge⸗ winnen ſchien. 15 Es war nicht bloß Eiferſucht auf Forſter's Glück, was ihn bei der dermaligen Lage der Dinge veranlaßte, handelnd aufzutreten, ſondern auch ſeine Stellung zu Baron Reuterholm und deſſen beſtimmten Befehl, daß die Verhaftung auf den Abend vollzogen werden ſollte. Die Polizeidiener wurden immer mehr zurückge⸗ drängt, und in demſelben Maaße nahm auch Alm's Verlegenheit zu. Fromm war dabei nicht der Unthätigſte. Die ſtrenge, unbeſtechliche Pflicht gebot endlich Alm, ſelbſt aufzutreten, und dieß grämte ihn um ſo mehr, als es ihn beinahe ſogar in ſeinen eigenen Augen er⸗ niedrigte. Nicht bloß Forſter, ſondern auch mehrere der Gäſte boten ihren ganzen Einfluß auf, um das aufgereizte Volk zu beſchwichtigen, aber vergebens. Man hatte bereits die Polizeidiener an die Treppe geführt, um ſie hinabzuwerfen. Fromm hielt ſogar einen von ihnen hoch in die Luft empor, um ihm, wie er ſich ſelbſt ausdrückte, ein gutes Trinkgeld zu geben. Man entſetzte ſich vor der Gewaltthat, ohne daß man die Macht hatte, ihr zuvorzukommen. Jetzt trat Alm auf und bat um Schweigen, wäh⸗ rend er ein wohlzuſammengelegtes Papier aus ſeiner Taſche nahm. Dadurch lenkte er die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit von der Polizei ab und auf ſich ſelbſt. Fromm, welcher bemerkte, daß etwas Neues im Anzug war, ſtellte den Polizeidiener behutſam wieder auf den Boden, um Acht zu geben, was da vorging. — Still! rief er ana dem Volke zu, als es fort⸗ während lärmte, und vor ſeiner gebietenden Stimme verſtummte es ſogleich. In Alm's Seele regten ſich mehrere Elemente. Er leugnete ſich ſelbſt das Heimtückiſche ſeiner Handlungs⸗ weiſe nicht; aber... aber.. 22 Reuterholm hatte es ihm befohlen... das war der Stein, hinter welchen ſein Gefühl ſich vor den Vor⸗ würfen des Gewiſſens rettete, und Reuterholm wurde ihn belohnen... das war der Schwimmgürtel, der ſeinen Muth in der Brandung des allgemeinen Unwillens auf⸗ recht erhielt. Das Papier, das er hervorgezogen hatte, war ein vom Polizeidirektor ausgefertigter Verhaftbefehl. Als er den Befehl vorlas, gaben alle Anweſenden auf die unzweideutigſte Art ihre Verachtung und ihren Unwillen zu erkennen. — Millionen Donnerwetter! brummte Fromm wie eine ferne Wolke. Marie ließ ihren Kopf an Forſter' s Schulter ſinken. Es war nicht ein Falke, der auf ſeiner Schulter ruhte, es war eine lahmgeſchoſſene Turteltaube, die angſtvoll, beinahe ſterbend um ſich blickte. Forſter ſelbſt ſchien ſich weniger um den Haftbefehl, als um Marie zu be⸗ kümmern. Alm's Auftreten gab den Polizeidienern neuen Muth. — Sie müſſen uns folgen... drunten wartet ein Wagen. Wagenn ballte ſeine beiden Fäuſte, und ſein Geſicht wurde dunkelgelb vor Zorn. Inzwiſchen erhob ſich keine Stimme mehr gegen Forſter s Verhafrung; im Gegentheil traten Viele auf die Seite der Diener der Gerechtigkeit über, und Forſter, der ſelbſt nicht einen einzigen Augenblick Widerſtand verſucht hatte, führte jetzt Marie an einen Sopha, um ſie da niederzuſetzen und dann der Pflege ihrer Freunde zu überlaſſen. Fromm's Blick war dagegen unverwandt auf Alm geheftet. Der ganze Auftritt war ſchmerzlich, beinahe herz⸗ zerreißend. Marie ſchien nicht recht zu wiſſen, was man mit — der Vor⸗ ürde inen auf⸗ ein nden hren wie ken. hte, voll, hien be⸗ euen ein ſicht ꝛgen auf ſter, and um nde Alm erz⸗ mit 23 ihr that. Sie war beinahe ohnmächtig, und man konnte mit ihr machen, was man wollte. Sogar Alm fühlte ein menſchliches Rühren. Nur Fromm blieb hart, gleich als wäre er in einen Stein verwandelt. — Mein Glück muß über ihre Köpfe hingehen, tröſtete ſich Alm. Das Schickſal verlangt es; da kann Niemand helfen. Im Saal war eine ordentliche Stille entſtanden. Marie ſaß mehr einer Todten als einer Lebendigen ähn⸗ lich auf dem Sopha. Ihr Brautkleid bildete einen ſchrecklichen Contraſt gegen den Schmerz, der ſich in ihrem Geſicht ausdrückte. „Das Unglück wandelt mit den leiſen Tritten eines leidenden Gottes unter uns einher.. Marie war ſchön, als ſie ſo ſtill, laß, vernichtet daſaß. Die Theilnahme für ſie war allgemein. So würde ein Künſtler den Schmerz malen, gekleidet als die Braut des Lebens. Forſter wollte dieſen beinahe bewußtloſen Zuſtand Mariens benützen und ſich entfernen. Alle begriffen ſeine Abſicht und machten ihm Platz; auch Alm begriff ſie und beſchloß, ihm zu folgen, denn er wünſchte den Gefangenen ſelbſt in Reuterholm's Hände zu überliefern und ſeinen Lohn zu empfangen... Er lächelte vor Freude bei dieſem Gedanken, weil er glaubte, er habe endlich einmal das Glück recht feſt am Rockzipfel gefaßt, und er beſchloß, es nicht loszulaſſen, koſte es was es wolle. Err folgte daher allen Bewegungen Forſter's mit einem beinahe raubgierigen Blick, gleich als fürchtete er die Möglichkeit, ihn immer noch auf irgend eine Weiſe zu verlieren. So kam er bis zur Thüre— Forſter hatte kaum vorher das Zimmer verlaſſen— als Fromm's Blick auf ihn fil. Er las darin einen ſo kalten und unbeſtechlichen 24 Haß, daß er vor Schreck zuſammenfuhr und ſich hinaus⸗ zuſchleichen ſuchte. Kaum war er jedoch über die Schwelle gelangt, als Fromm's muskelkräftiger Arm ſich ſo ſchwer auf ſeine Schulter legte, daß ſeine Beine ſich unter ihm bogen und ein Angſtſchrei unwillkürlich ſeinen erblaßten Lippen entfuhr. Dieſer Angſtſchrei wurde das Signal zu neuem Tumult. Aber dießmal folgte der Lärm Forſter und Alm die Treppe hinab und auf die Straße hinaus. — Laß mich los! rief Alm. Alm's Entſetzen nahm noch immer zu, als er den breitſchulterigen ſtillen Mann mit ſeiner drohenden Miene betrachtete, deſſen Hand unverrückbar auf ſeiner Schulter liegen blieb. — Ich ſtehe in Baron Reuterholm's Dienſt, ſagte Alm von Neuem, laß mich los. — In des Satans Dienſt, mußt Du ſagen, mur⸗ melte Fromm. Der Angſtſchweiß perlte über Alm's Stirne hinab; wenn er ſich aus der ſchrecklichen Eiſenhand ſeines Nach⸗ bars nicht loszumachen vermochte, ſo war, das ahnte er, ſeine letzte Stunde gekommen. Vor Angſt erblichen ſeine Wangen und ſein Herz bebte. Der Gedanke an den Tod war ihm noch nie in den Sinn gekommen, und der Gedanke, daß er von der jetzt abermals un⸗ ruhig wogenden Volksmaſſe zerriſſen werden könnte, marterte ihn bereits mit allen Qualen eines ſchmerz⸗ lichen Todes. Forſter war mit einigen Polizeidienern in einen Wagen geſtiegen, der ſich ſogleich in Bewegung ſetzte. Das Volk ſchien nicht recht zu wiſſen, was es wollte. Auf Forſter's Verlangen machte es zwar Platz, ſo daß der Wagen voranſchreiten konnte, gleichwohl fuhr es fort, zu drohen und zu toben. Bei dieſem Augenblick kam Fromm mit Alm auf die untere Treppe herab. —— ——,——— 25 — Wenn Du mich nicht losläſſeſt, ſo wird der Teufel Dich holen, drohte Alm. — Reuterholm, meinſt Du? Das Volk brach in ein ſtürmiſches Beifallsge⸗ ſchrei aus. Fromm war mit Alm auf der Treppe ſtehen ge⸗ blieben. — Schau Dich um, ſagte er. — Was ſoll ich ſehen? — Deine Richter. — Wen? — Das Volk. — Laß mich los. — Alle Verſuche Alm's, um ſich loszureißen, waren vergebens. Er warf ſcheue Blicke um ſich her, aber überall begegnete ihm Hohn und Verachtung. Ehre und Muth koöͤnnen leiden, aber ihr Leiden iſt das Leiden zweier Götter im Vergleich mit dem Leiden der Tücke und Feigheit. — Schaut her! rief jetzt Fromm dem Volke zu. Das Volk blickte zu ihm hinauf. — Seht Ihr, wie erſchrocken der arme Sünder da ausſieht? — Ja, ja. — Seine Farbe iſt aſchgrau wie Gäſcht. Unter munteren Lachſalven rief man dem Redner Beifall zu. — Er zittert... ſeht Ihr, wie er zittert? Wißt Ihr, warum er das thut? Das Gewiſſen ſchlägt ihn. Der Tumult nahm zu. — Er war von Herrn Forſter als Freund zu ſeiner Hochzeit geladen. Er kam, aber um ſeinen Freund zu verrathen. — Ein ſauberer Kerl, nicht wahr? — Während der Wirth ihn zu Wein und Punſch einlud, zog er einen Befehl hervor, um den Wirth zu verhaften. 4 6 — 4 3 1 26 Während er mit der einen Hand ſeine Geſundheit trank, hielt er in der andern den Befehl. — Nehmt ihn, liebe Freunde, nehmt ihn und rich⸗ tet über ihn. Fromm hob dabei Alm über die Treppe hinaus in die Höhe und zeigte ihn dem Volke. — Schaut her, liebe Freunde, ſo ſieht ein Ver⸗ räther aus. Und damit ſchleuderte er ihn von ſich und auf den Hof hinab. Für Fromm war Alm nicht ſchwerer als ein Handſchuh. Alm wurde von hundert Armen empfangen, und dieſe große Anzahl war es, die ihn rettete, denn alle wollten ihn feſtnehmen und pufften ſich ſeinetwegen unter einander herum. Von ſeiner Luftfahrt hinabgekommen, keilte ſich Alm wie eine Schlange unter das Volk ein. Forſter war ſo eben durch das Thor gefahren. Alm's Wunſch war, den Wagen zu erreichen und ſich ſodann auf den Bock zu retten. Der Hof war zwar ſehr glänzend beleuchtet, aber weiterhin begünſtigte die Dunkelheit ſeinen Rückzug. Das Glück ſchien ihm auch noch einmal lächeln zu wollen, weil er bereits den Wagen erreichte und der Lohnkutſcher ſeine hülfreiche Hand ihm entgegen ſtreckte, um ihm hinaufzuhelfen. Aber des Glückes gleißende Verſprechungen erwieſen ſich für ihn jetzt wie bisher immer bloß als falſche Verlockungen eines unerfreulichen Schickſals, denn in demſelben Augenblick wurde er von dem nachdrängenden Volke weggeſtoßen und zwar mit ſolcher Haſt, daß man ſagen konnte, er wurde vorwärts geworfen, und nun ſtürzte er zu Boden. Das Miß⸗ geſchick wollte, daß er unter die Pferde fiel, die, vom Tumult erſchreckt, ſich in eilige Bewegung ſetzten. Man hörte einen Angſtſchrei. — Er iſt todt! rief man. — Er lebt noch, ſchrieen Einige. ——— nheit rich⸗ 27 — So ſchlagt ihn vollends todt, riefen Andere. — Still! befahl Fromm's Stimme. Fromm's kräftige Stimme beſaß eine erſtaunliche Gewalt über das Volk. — Meine Beine, meine armen Beine, klagte Alm. Die Räder waren darüber hingegangen und hatten die Beinröhren zerquetſcht, dieſelben, auf denen er ſein ganzes Leben lang mit raſtloſer Gier dem Glücke nach⸗ geſprungen war. — Schlagt ihn todt, bringt ihn um! — Ein Schurke mag getödtet werden, ſagte Fromm, aber einem Verwundeten muß man helfen. Seht ihr nicht, daß er verwundet iſt?... helft ihm. — Helft ihm, helft ihm, rief man jetzt. — In'’s Lazareth mit ihm, befahl Fromm weiter. Und das Volk trug ihn jetzt vorſichtig in einen WMoanen⸗ der ihn ſogleich nach einem Krankenhaus ab⸗ führte In dem Augenblick, wo Forſter den Hochzeitſaal verließ und der Tumult wieder zunahm, erwachte Marie aus ihrer ſchmerzlichen Verwirrung und ſprang mit irrenden Blicken von ihrem Platze auf. — Wo iſt er? rief ſie, wo iſt er? Alle zogen ſich ſchweigend zurück vor der armen Frau, deren Leiden man ſo gut begriff, ohne daß man ſie zu tröſten oder ihren K Kummer zu lindern vermochte. — Siilll, flüſterte ſie, ſtill! Sie horchte und hörte das Geraſſel des Wagens. — Man führt ihn weg. Wohin führt man ihn? Verwirrt ſtarrte ſie um ſich. — Man hat mich betrogen. Ha, ich verſtehe... er iſt fort, fort. Wie von einem augenblicklichen Inſtinkt geleitet, 28 eilte ſie an ein Fenſter, und bevor Jemand es hindern konnte, öffnete ſie es. Beinahe wahnſinnig blickte ſie in die Nacht hin⸗ aus. In dieſem Augenblick rollte der Wagen um die Ecke. — Rettet ihn, ſchrie ſie, rettet ihn. Durch das Gemurmel der wimmelnden Volksmaſſe drang jetzt ein ſchmerzlicher anhaltender Angſtſchrei. Er kam von Alm, über deſſen Beine eben der Wagen hinging; aber ſie glaubte, daß er von Forſter komme. — Man tödtet ihn, oh, mein Gott! Und ſie ſank ohnmächtig in die Arme ihre Freunde. Als ſie wieder zur Beſtnnung kam, befand ſie ſich in einem hübſchen Zimmer in einem bequemen Bett, umgeben von ſchneeweißen, in leichten und luftigen Draperien aufgebundenen Vorhängen. Sie athmete ſo gut: es war ſo friſch in dem ſchönen Zimmer. Ihre Augen fielen zuerſt auf die Brautkrone und den Brautkranz, die neben ihr auf einem weißen mit feinen Spitzen verzierten Kiſſen lagen. Die von der Decke herabhängende Lampe verbreitete einen matten Schein über die Gegenſtände. Träumte ſie oder war ſie wach? Sie wußte es ſelbſt nicht. Das Zimmer war ſo heimlich, ſo nett, ſo behaglich, und ſie befand ſich ſo wohl darin; aber ſie kannte es nicht, ſie war noch nie da geweſen. Jetzt bemerkte ſie auf der andern Seite des Bettes eine Verwandte Forſter's, die im letzten Jahre ihre ver⸗ trauteſte und aufrichtigſte Freundin geworden war. — Wo bin ich, o, ſag' mir, wo bin ich? — Daheim. — Daheim? wiederholte ſie, daheim? — In Deinem eigenen Schlafzimmer. Sie erinnerte ſich jetzt der ganzen Scene, die kaum erſt ſie ſo heftig erſchüttert hatte. — Und Forſter? rief ſie, wo iſt er? — Er wurde verhaftet, aber gewiß bloß in Folge eines Mißverſtändniſſes. Morgen wollen wir ihn — 29 beſuchen und anfragen, wie es ſich verhält; ruhe jetzt nur aus, damit Du die nöthigen Kräfte dazu bekommſt. — Er im Gefängniß und ich hier, klagte ſie, hier allein in ſeinem Zimmer, o, mein Gott! 4 Die Nacht verging, aber der Schlaf drückte Marien's Augen nicht zu. Der Schmerz ſaß bei ihrer Nacht⸗ lampe... eine glänzende Thräne... und wachte bei dem Bild, das ihre Ergebenheit für den redlichen und guten Forſter ihrem Herzen eingeprägt hatte. Vierzehntes Kapitel. Schwärmerei und Wirklichkeit. Als der Herzog Fräulein Rudenſköld verließ, blick⸗ ten beide Geſchwiſter einander erſchrocken an. Erſt jetzt begannen ſie die Gefahr einzuſehen, die ſie bedrohte. Bengt, der erſt gegen das Ende des Geſprächs herein⸗ gekommen war, glaubte, der Zorn des Herzogs komme von verſchmähter Liebe her, bat jedoch ſeine Schweſter um eine nähere Erklärung. Frrräulein Rudenſköld glaubte Gruͤnde zu haben, ihn in ſeinem Glauben zu erhalten. In der That ſelbſt verhielt es ſich wirklich ſo, nur mit dem Unterſchied, daß der Herzog in ihrer mit Armfelt geführten und jetzt entdeckten Correſpondenz eine furchtbare Waffe in ſeiner Hand beſaß. Obſchon ſelbſt unruhig, ſuchte ſie Bengt zu beſchwichtigen, und es gelang ihr endlich. Sie ſah die Nothwendigkeit ein, den gegenwärtigen Augenblick ſchnell zum Verkauf der ſchon dazu in Be⸗ reitſchaft gehaltenen Juwelen zu benützen. Sie über⸗ redete daher Bengt, dieſe Sache ſogleich in Gang zu bringen, und nachdem ſie die koſtbaren Effecten in einen ———— kleinen Schrein gelegt, entfernte er ſich mit dem Käſtchen unter dem Arm und dicht in ſeinen Mantel gehüllt. Mit einem langen Blick folgte ſie ihrem Bruder ... Wann und unter welchen Umſtänden ſollten ſie einander wieder ſehen? Der Gedanke, daß er ihrer guten Mutter Hülfe und Rettung bringe, glitt wie ein belebender Lichtſtrahl durch ihr bedrücktes Gemüth. So lange die Ereigniſſe raſch vorangehen, wird das Weib gewöhnlich dermaßen davon in Anſpruch ge⸗ nommen, daß ſie oft nicht weiß, warum ſie gerade auf dieſe Art handelt und nicht auf eine andere. Der Charakter entwickelt ſich ganz unmittelbar. Das Gefühl leitet ſie mehr als das Urtheil. Die Frau gleicht dem ſchwachen Rohr, das zwar allerdings nicht ſo leicht zerbricht, aber je nach dem Gang der Wogen und des Windes ſich beugt, ohne Widerſtand leiſten zu können. Erſt hernach, wenn die Handlung ihre Kräfte in Anſpruch genommen und erſchöpft hat, tritt die Re⸗ flerion an die Stelle des Gefühls, ſucht die Motive auf und erforſcht die Reſultate. Zuweilen bekommt ſie eine gute Frucht, manchmal aber bloß eine wurmſtichige Nuß, immer aber wird die Reflexion genöthigt ſein, zu geſtehen, daß, wie auch das Weib gehandelt hat, jede ihrer Handlungen haupt⸗ ſächlich bloß das Gepräge ihres Herzens trägt. Wie wichtig iſt daher nicht für die Frau die Erziehung ihres Herzens! Fräulein Rudenſköld hatte nur nach den Geboten ihres Herzens gehandelt. Was ſie geſagt hatte, bildete bloß einen Verſuch des Verſtandes, die Handlungsweiſe des Herzens zu rechtfertigen. Jetzt kam die Reflexion; aber die Reflexion war die eines Mädchens, d. h. eine Schweſter der Phantaſie, und ſie flog, ſtatt zu gehen, und ſie lächelte, ſtatt mit gerunzelter Stirne den Blick zu ſchärfen. — Ich habe recht gehandelt, dachte ſie. 31 — Alle haben mich jedoch verlaſſen, Alle ſind von mir gewichen, Alle haben ſich über mich erzürnt, ach, daß die Männer bloß ihren eigennützigen Intereſſen folgen! Um wie viel beſſer würden wir nicht ſein, wenn ſie beſſer wären! 4 — In welchen Abgrund hat man mich nicht ſtür⸗ zen wollen! Mir iſt, als kämpfte ich noch immer mit einem Dämon an ſeinem Rande;z ich kämpfe und ſiege, und gleichwohl öffnet ſich wieder ein neuer Abgrund vor meinen Blicken. Werde ich auch bei dieſem käm⸗ pfen und ſiegen? 85 — Am Rande dieſes Abgrundes habe ich den Haß des Herzogs zu bekämpfen, aber wie viel lieber ringe ich nicht mit ſeinem Haß, als mit ſeiner Liebe! Sein Haß belebt mich, ſeine Liebe erdrückt mich. — Er wird alle Mittel aufbieten, um mir zu ſchaden, ich werde alle Mittel anwenden, um ihm zu entgehen. Der Kampf wird recht intereſſant werden; er wird ein Schachſpiel ſein zwiſchen einem Manne und einem Frauenzimmer. — Ich höre ihn bereits rufen: Schach der Königin, Es wird nicht lang anſtehen, ſo antworte ich mit einem: Schach und Matt. — Er erklärte, daß er mich verhaften laſſen wolle und daß der Palaſt bereits bewacht ſei. Wenn der Palaſt bewacht iſt, ſo bin ich bereits gefangen. Wahr⸗ haftig, ich glaube gleichwohl, daß ſeine Worte mehr eine bloße Drohung waren, als auf Wirklichkeit be⸗ ruhen. Es freut mich, daß meine Kraft mich nicht verlaſſen hat. — Mein Herz klopft inzwiſchen unruhig. Sollte es wohl denkbar ſein, daß er mich verhaften ließe? Sein Zorn kann weit gehen. Ruhig werde ich jedoch der Gefahr entgegentreten, wenn ſie kommt. Auch im Gefängniß kann ich glücklich ſein. Ich werde da mit meiner Liebe leben, und er wird mir meine Gedanken ——— 8* nicht rauben können. Meine Liebe wird die enge Ge⸗ fängnißzelle in einen Palaſt umſchaffen; meine Gedan⸗ ken werden ſie mit den ſchönſten Anſichten ſchmücken. Die Phantaſie wird holde, in der Luft ſchaukelnde Blumenbeete anlegen. Meine Gedanken werden die Nacht mit den klarſten Himmeln und mit der ſchönſten Sonne beleuchten. Was ſind alle Herrlichkeiten Heſperiens ge⸗ gen die der Phantaſie? die Wirklichkeit iſt arm gegen die Seele des Menſchen; auch im Gefängniß, Herzog, werde ich in einem Palaſt wohnen, denn ich liebe und weiß, daß ich geliebt werde; aber Du, Herzog, wirſt auch im Palaſte ſo arm ſein, als wohnteſt Du in einem Gefängniß, weil Du liebſt, ohne geliebt zu werden. — Wunderbare Liebe, von dir ſtrömt alles Schöne und Herrliche, alles Holde und Liebliche aus. Be⸗ trachte ich den Himmel, ſo ſehe ich in ſeiner unend⸗ lichen Klarheit und in ſeinen prachtvollen Sternen nur die Liebe Gottes. Betrachte ich die Erde, ſo blüht die⸗ ſelbe Liebe in üppigen und duftigen Farben, oder bricht ſie aus der Tiefe hervor in glänzenden Feuern, in ſchneeweißen oder purpurrothen Flammen. Was macht das Leben ſo ſchön und was macht den Tod ſo leicht? Die Liebe. Was macht den Mann ſo ſtolz und muthig, und was macht die Frau ſo ſchön und mild? Die Liebe. Was iſt es, das ſeinen Blick ſo klar und ihre Lippen ſo friſch macht? Die Liebe. Das Paradies war ein Gefängniß, bevor die Liebe hineinkam... erſt mit ihr wurde das Gefängniß ein Paradies. Ach, Herzog, wie bin ich noch immer ſo glücklich und ſo reich im Ver⸗ gleich mit Dir!. — Du willſt mich deiangennebmen, weil ich Dich gefangen genommen habe. Mit all' Deiner Macht kannſt Du mich gleichwohl nicht in ein ſolches Gefäng⸗ niß einſperren, wie ich Dich in eins eingeſperrt habe. Ich verzeihe Deinen Zorn, er iſt unmächtig. — Gefangen ſein heißt eigentlich allein ſein. Es iſt nichts Anderes, als was ich gewünſcht habe. In der 33 Einſamkeit leben meine Phantaſien das höchſte Leben der Liebe. Wann war ich glücklich, außer wenn ich allein war? Wüßteſt Du, Herzog, daß Du mich gluͤck⸗ lich machſt, wenn Du mich verhaften läſſeſt, ſo würdeſt Du es ſicherlich nicht thun. — Was kann ich mir Beſſeres wünſchen als ein Gefängniß? Dadurch werde ich von meiner kummer⸗ vollen Stellung zwiſchen den Parteien befreit und kann ruhig die Zeit abwarten, wo Armfelt zurückkommt und mich erlöst. Inzwiſchen kann ich im Frieden davon träumen. Möge man mich bald in's Gefängniß führen! — Muß ich nicht gleichwohl Ehrenſtröm, Frank und die Uebrigen davon in Kenntniß ſetzen, was der Herzog zu mir geſagt hat? Aber warum? Was haben ſie im Ganzen zu fuͤrchten?. — Der Herzog ſpricht von einer Verſchwörung. Armer Fürſt! Er iſt in ſeinen politiſchen Erklärungen nicht glücklicher, als in ſeinen Liebeserklärungen. Ich weiß von keiner andern Verſchwörung, als von einem Plan, Reuterholm zu beſeitigen und Armfelt wieder nach Hauſe zu führen... und wer könnte wohl darin etwas Landesgefährliches, etwas Reichsverrätheriſches erblicken? — Chrenſtröm, Frank, Aminoff und alle Andern mögen deßhalb gut ſchlafen. Es wäre eine Sünde, ſie mit einem kindiſchen Geſchrei aufzuwecken. — Als ſie ſelbſt von der Möglichkeit einer Ent⸗ deckung ſprachen, zeigten ſie ſich ängſtlich. Die Sache iſt indeß weniger gefährlich als widerwärtig, weniger widerwärtig als einfältig. — Einmal hat Reuterholm mir gedroht. Ich er⸗ innere mich, daß ich in meinem Herzen darüber lachte. Hätte er dieſen Herren gedroht, ſie würden ſicherlich gezittert haben. In der That ſelbſt ſind die Männer ängſtlicher, als die Frauen, das kommt daher, weil der Verſtand feiger iſt, als das Herz, weil der Verſtand Der Trabant. IV. 3 ———— gefühl belebt wird.— — Ich könnte ihnen gleichwohl einen Brief ſchicken, einen Boten, und ihnen ſagen laſſen, was ich weiß, dann könnten ſie die Zeit benützen, um zu fliehen, wenn ſte wollten. Fliehen... ach, man kann aͤngſtlich ſein, ohne fliehen zu wollen. Die Vorſicht zeigt ſich zuweilen in derſelben Geſtalt wie die Angſt, aber ſie iſt nichts Anderes als Klugheit; ich bin überzeugt, daß keiner von ihnen fliehen würde, ſelbſt wenn ſie die Worte des Herzogs gehört hätten. Fliehen hieße ein Verbrechen eingeſtehen, und wir haben nichts gethan, was man ſo nennen könnte. — Es iſt ſchon ſpät... ſtill... in dieſem Augen⸗ blick ſchlug es auf dem Thurm der Jacobskirche... und ſie zaͤhlte die Schläge. — Schon eilf! Wie die Zeit vergeht! Für die Ab⸗ ſendung eines Boten iſt es jetzt zu ſpät, ſie würde uns nur Verdacht zuziehen, und wer weiß, ob der Herzog einen ſogenannten Mitverſchwörer auch nur kennt? Ueber⸗ dieß ſind die Thore bereits überall verſchloſſen... alſo morgen... morgen. Sie klingelte ihrer Kammerjungfer. Kurz vor ihrer Hochzeit mit Forſter hatte Marie den Dienſt bei Fräu⸗ lein Rudenſköld verlaſſen, die jetzt ihre frühere Kam⸗ merjungfer wieder zu Gnaden annahm, obſchon dieſe allerdings zu verſchiedenen Bemerkungen Veranlaſſung gegeben hatte und namentlich nicht recht zuverläſſig und treu war. Anna hatte inzwiſchen ihre Fehler bekannt und große Reue gezeigt. Fräulein Rudenſköld glaubte ihren Verſicherungen und behandelte ſie wieder mit demſelben Wohlwollen wie früher. Fräulein Rudenſköld hatte ſich an ihren Toiletten⸗ tiſch geſetzt und Anna kannte aus alter Gewohnheit die kleinen Dienſtverrichtungen, die ihr oblagen. Sie löste das Haar auf und die Locken ſielen gleich glänzender Seide um die Schultern herab. die Gefahr liebt, waͤhrend das Herz nur von Pflicht⸗ 35 Ein hübſches, ſchneeweißes Nachtgewand trat an die Stelle der mehr geordneten Tageskleidung; aber dieſes ſo einfache weiße Gewand ließ ihr beinahe noch beſſer. 3 1 Folge eines noch fortwährenden ſtillen Miß⸗ trauens gegen Anna pflegte Fräulein Rudenſköld nicht mehr ſo viel mit ihr zu ſprechen wie früher. Anna errieth die Urſache und das ſchmerzte ſie. 4 Sobald die Toilette vollendet war, gab Fräulein Rudenſköld Anna einen Wink, ſich zu entfernen, und das Mädchen verließ ſie. Nicht bloß in der äußern Natur erſtirbt der Tag in einem Roſenſchimmer; auch wenn die Stunde der Ruhe für den müden Körper gekommen iſt, wenn der belebende Tag gleichſam über unſere Gedanken hinab⸗ ſinkt und es drinnen Abend wird, da breitet ſich gleich⸗ ſam ein Roſenſchimmer über unſere innere Welt. In ſeinem phantaſtiſchen Glanz begegnen ſich un⸗ ſere Erinnerungen, aber ſie begegnen ſich darin nun⸗ mehr in einem flatternden Lichtgewand. Sie ſind nicht mehr bloß nackte Wirklichkeiten, kahle Thatſachen, ſie haben gleichſam ihr gewöhnliches Arbeitergewand, ihr Alltagskleid abgeworfen und das Kleid der Ruhe, des Friedens, des Gebetes, der Hoffnung angelegt. Wie leichte Lichtelfen in einer Sommernacht über die Erde hintanzen, ſo tanzen jetzt die Erinnerungen durch unſere Seele. Still und ſelig ſchweben ſie mit ſchimmernden Schwingen voran. In dieſen lieblichen Geſtalten tau⸗ chen unſere Handlungen wieder auf. Sie athmen nicht, ſo ſtill kommen ſie, aber ſie ſind ſelbſt gleich lichten Ge⸗ ſtalten aus einem Athemzug gebildet. In ſolchen Augenblicken, wo man dem Schlaf in die Arme ſinken will und auch unaufhörlich darein ſinkt, ohne ihm gleichwohl noch recht anzugehören, wo unſicht⸗ bare Hände uns gleichſam magnetiſtren und wir fort⸗ geführt werden, wir wiſſen nicht wohin, wo wir Alles vergeſſen wollen, aber die Erinnerung noch mit den letzten Anſtrengungen eines ſterbenden Engels uns gleich⸗ ſam das Recht dazu beſtreitet; in ſolchen Augenblicken iſt die Erde nichts Anderes, als eine Wolke unter un⸗ ſeren Füßen, und wir ſelbſt ſind nur Geiſter, die ſich auf der Wolke ſchaukeln.. Fräulein Rudenſköld ging zu Bette, als Anna ſich entfernte. Sie bedurfte der Rühe und ſie ſchloß ihre Wimpern, um ſie zu ſuchen. Welch' ein Augenblick, ganz eigenthümlichen inneren Lebens für ſie! Die Gegenſtände treten ihr nicht mehr hart und kantig vor die Augen, wie ſie ſie ſonſt ſo oft zu ſehen glaubte. Sie verſchmolzen in weichen Farben und in durchſichtigen Formen. Im Anfang meinte ſie, dieſelben gleichſam in einem ſchwarzrothen Nebel zu ſehen, aber die Farbe wurde Vunner heller, und heller ſchimmernd zwiſchen weiß und roth. Es war eine ganze Welt von Erinnerungen, die ſie in dieſem Roſenſchimmer ihrer Seele ſah. Ihr war, als ſeien die Bilder auf einen flatternden hellrothen Flor gezeichnet. Aber unter all' dieſen Bildern trat eins am leb⸗ hafteſten vor ihre Seele; es war eine ſchöne Figur; ſie wuchs, ſie näherte ſich ganz wie ein Schatten in einer Zauberlaterne. Zuerſt erſchien ſie nur wie ein Punkt, aber aus dem dunkeln Punkt bildete ſich eine edle Ge⸗ ſtalt, welche bald alle andern verdrängte und mit ihrem Licht überſtrahlte. 1 Um die klare offene Stirne her wölbten ſich gleich⸗ ſam luftige Pläne; der Ausdruck des Geſichts war ſo voll von Poeſte, im Auge glänzte ſo viel Geiſt, und die Lippen glühten von Liebe. Das Phantaſiebild nahm ihr ganzes Weſen in An⸗ ſpruch; es war auch das Product des ſchönſten Gedan⸗ kens ihrer Seele, des wärmſten Gefühles ihres Herzens, des lieblichſten Traumes ihres Lebens. Die Illuſion war vollſtändig. C 9 es il eich⸗ cken un⸗ ſich 37 — Ich bin in Gefahr, glaubte ſie endlich, daß die Geſtalt ſie anrede. — Was willſt Du, daß ich thun ſoll? befiehl! Dieſes Geſpräch wurde nicht mit Worten geführt. Es wurde nur mit ſtillen Gedanken abgehalten, aber mit Gedanken, die ſie zu hören glaubte, die ſie beinahe ſah, ſo lebhaft ſtellten ſie ſich ihr vor. — Folge mir... 8 Und ihr war, als würde ſie von einer leichten Hand ergriffen, als erhöbe ſie ſich aus ihrem Bette und würde an ihren Schreibtiſch geführt. — Nimm die Chiffre, glaubte ſie die Stimme wieder flüſtern zu hören, vernichte ſie. Und es kam ihr vor, als nähme ſie wirklich den Schlüſſel der Chiffre und ſchwebe dann wieder in's Bett zurück. 5 Nach dieſem Augenblick lächelte das Bild ihr ent⸗ gegen, aber ſie ſtreckte ihre Arme nach ihm aus, und es zog ſich vor ihr zurück. Da eben jetzt ein Seufzer ihre Bruſt hob, ſo verſchwand es ſelbſt wie ein Seuf⸗ zer aus ihren Augen. — Armfelt, meinte ſie, daß ihr Herz rufe, verlaß mich nicht! Sie hörte ſelbſt noch, wie ſie die letzten Worte aus⸗ ſprach, und damit erwachte ſie zu vollkommenem Be⸗ wußtſein. War es eine Viſion oder ein lebhafter Traum, was ſie gehabt hatte, oder gibt es wohl Augenblicke, wo unſere magnetiſche Natur unmittelbar ſich ſelbſt ent⸗ wickelt? Gleichviel! als ſie ihre Hand erhob, um den Schweiß abzutrocknen, der von ihrer Stirne trof, fühlte ſie, daß ſie ein Papier darin hielt, und als ſie es bei der Nacht⸗ lampe betrachtete, fand ſie, daß es die Chiffre war. Wie war es hierher gekommen? War ſie vielleicht im Schlafe gewandelt? — — ——— Ddie Frage blieb jedoch noch immer unbeantwortet, ob ſie überhaupt wirklich geſchlafen hatte oder nicht. Sie ſelbſt wußte nicht mehr, als daß ſie bloß die Augen geſchloſſen gehalten hatte. Der Schlaf war inzwiſchen verſchwunden und ſie beſchloß aufzuſtehen. Mit der Nachtlampe in der Hand ſchritt ſie in dem weißen Linnenkleid durch das Zimmer. Alles kam ihr ſo ſonderbar vor. „Sie blieb am Fenſter ſtehen. Die Nacht war ſtern⸗ hell, nur die eine und andere Schneewolke flog über das klare Himmelsgewölbe hin. Die Straßen und Haus⸗ dächer waren von einem dünnen friſch gefallenen Schnee bedeckt, und ſie glänzten ſo weiß und ſo rein. Wie ſchön, dachte ſie, während ſie das Gemälde betrachtete, der Boden iſt, ſo rein, ſo weiß, ſo lilien⸗ weiß, das Schneegewand glänzt ſo mild in der Unſchuld eigener Farbe, als hätte noch nie ein ſündhafter Ge⸗ danken ihren Mantel befleckt. Wahrhaftig das iſt ſchön, aber kalt. Ach die Erde drunter iſt gefroren, es findet ſich keine Liebe in ihrem Schooße vor. Unſchuld ohne Liebe iſt eine gefrorne Welt. Die Liebe will blühen, aber wo ſind hier Blumen? Hu, ich friere.— Das Tragband an ihrem leinenen Gewand hatte ſich losge⸗ macht, war auf der rechten Seite hinabgeglitten und hatte das Schulterblatt entblößt. Als ſie das Fenſter verließ und die Nachtlampe emporhob, um ſich zu leuch⸗ ten, glitt das Gewand auch auf der andern Seite hin⸗ ab, ohne daß ſie darauf achtete. In dieſem Augenblick ging ſie an dem Toilettenſpiegel vorbei, und als ſie ihr Bild darin ſah, trat ſie darauf zu. Träumend betrachtete ſie ſich. Eine ſchwärmiſche Wehmuth bleichte noch ihr Geſicht, die ſonſt ſo friſchen Roſen der Wange ſchienen ſich in ihr Herz zurückgezogen und den Lilien die Herrſchaft unbeſtritten uͤberlaſſen zu haben. Unwillkürlich hob ein Seufzer ihren Buſen. Ihr 39 Gewand zitterte dabei und ihr Blick fiel auf ihre Schul⸗ tern. Eine plötzliche Röthe bepurpurte bei dieſem An⸗ blick von Neuem ihre Wangen... Aber ſie verließ deßhalb den Spiegel nicht, viel⸗ mehr näherte ſie ſich ihm noch mehr. Die weichen Formen glänzten auch ſo weiß, als wollten ſie mit dem neu gefallenen Schnee wetteifern. Aber innerhalb dieſer weichen Formen klopfte ein warmes Herz. Eine Locke fiel auf ihre Schulter hinab. Sie rin⸗ gelte ſie auf und ſuchte ſie unter den übrigen zu befeſti⸗ gen, aber die Locke ſiel von Neuem herab, als liebte ſie es, auf dieſem ſammetfeinen Bette zu ruhen. Gleich als hätte ſie einen kleinen Amor bei ſich, der mit ihr ſcherzte, lächelten ihre Lippen, während ſie die Locke in ihre Hand nahm und mit ihr ſpielte. Auf dem Toilettentiſch, der jetzt weniger reich mit Schmuckſachen verſehen war als früher, lag ganz verein⸗ ſamt ein einfaches Halsband von Wachsperlen. Sie hob es auf und ſchlang es mehremal um ihren Hals, während ſie zugleich einen prüfenden Blick in den Spiegel warf, um zu ſehen, ob die Perlen ihr gut ließen oder nicht. Während ſie damit beſchäftigt war, gewann ihr Geſicht immer mehr ihren friſchen, fröhlichen Ausdruck wieder. Ihre Blicke wurden feuriger, ihre Bewegungen naiver. Neben dem Toilettentiſch ſtanden einige ausgezeich⸗ nete Blumen, die eigentlich ihre einzige Geſellſchaft aus⸗ machten. Mit dieſen Blumen pflegte ſie mitunter zu reden ... ach, wie that es ihr ſo leid, daß ſie ihr nicht auch antworten konnten! Wie viel hätten nicht dieſe Blumen und ſie ein⸗ ander anzuvertrauen gehabt! Jetzt brach ſie eine der ſchönen Blumen ab, obſchon ———-— es ihr beinahe im Herzen wehe that. Aber ſie konnte nicht helfen, ſie hatte einen Einfall bekommen, ſie wollte die Blume in ihre Locken flechten.* Bald ſchaukelte ſich die Blume auch in einer der⸗ ſelben, aber die Locke vermochte ihre Laſt nicht zu tra⸗ gen, auch ſie ſiel auf die Schulter herab. Dieß gefiel ihr nicht. Sie brach jetzt mehrere Blumen und flocht ſie zu einem kleinen Kranze. Der Kranz ſtand ihr beſſer und ſie lächelte von Neuem ihrem Bild im Spiegel entgegen. Sie ſchien beinahe wie ein gutes Kind mit ſich ſelbſt zu ſpielen. Aber auf einmal fiel ihr Blick auf das un⸗ gewöhnlich einfache Kleid, das ſie anhatte, und ſie hielt in ihren kleinen ſpielenden Verſuchen, ſich zu ſchmücken, inne. — Ich bin eine Närrin, dachte ſie, mein Gott, wie kindiſch ich bin! — Und ſie machte jetzt das Kränzchen von ihren Locken los. — Er paßte mir gleichwohl nicht ſo ſchlecht, dachte ſie dabei. Künftig werde ich mich öfter als bisher, leben⸗ diger, natürlicher Blumen bedienen. Sie ſind ſo hübſch, ſo überaus hübſch. In dieſem Augenblick ſchlug es auf der ſtädtiſchen Thurmuhr dreiviertel auf zwölf. — Mein Gott, ſchon ſo ſpät? rief ſie, wie närriſch ich bin! 3 Und über ihre eigene Kinderei lachend ſprang ſie leicht wie ein Wind wieder in's Bett. Die Nachtlampe begann jetzt zu keuchen, und kaum hatte das Fräulein die Vorhänge zugezogen, ſo erloſch auch die Flamme. Deer Eindruck der Ereigniſſe des Tages war inzwi⸗ ſchen jetzt von ihr geflohen, und ſie war wieder ein kindliches Mädchen, das viel Stoff, um ſich zu freuen, beſaß und nichts, um ſich zu fürchten. Bald ſchlum⸗ ,—-— lte 41 merte ſie auch ein, und ſie ſchlief ſo ruhig und ſo gut, als hätte ſie nie von etwas Böſem in der Welt gewußt. Aber dieſe Ruhe währte nicht lange. 3 4 Kaum hatte es zwölf geſchlagen, ſo wurde ihre Zim⸗ merthüre heftig aufgeſtoßen und ſie ſelbſt durch mehrere hereintretende Perſonen, durch Waffengetöſe und Gerede aufgeweckt. Erſchrocken öffnete ſie den Vorhang, um zu ſehen, was es gäbe. Aber wie heftig klopfte nicht ihr Herz, wie unruhig flogen nicht ſeine Pulſe und wie ſchnell verſchwand nicht jeder Blutstropfen aus ihren Wangen, als ſie den Oberſten der Leibregimentshuſaren, den bar⸗ ſchen und rohen Aminoff, dreiſt ſich nähern ſah, gefolgt von dem Juſtizkanzler Lode, dem Polizeidirektor Allholm, dem Major Bratt, einem Offizier von der Wache, ſowie mehreren Polizeidienern und einem Soldaten, welcher letztere den Befehl erhielt, mit gezogenem Säbel auf⸗ merkſam an ihrem Kopfkiſſen ſich aufzuſtellen. 4 3 Außer Stands ein Wort hervorzubringen, ſah ſie ein, daß der Herzog ſeine Drohung in's Werk ſetzte, und zwar nicht bloß weit ſchneller, ſondern auch, wie es ſchien, weit gewaltſamer, als ſie jemals geahnt hatte. Alle ihre ſchwärmeriſchen Phantaſien entflohen jetzt auf einmal vor der unbeſtechlichen Wirklichkeit, die nun⸗ mehr ihre höchſte gebieteriſche Macht entwickelte. Ihre erſte Regung war ein Verſuch, den halbgeöff⸗ neten Vorhang wieder zuzuziehen; aber dieß wurde ihr nicht geſtattet; im Gegentheil zog man den Vorhang von allen Seiten des Bettes empor. Nachdem der Juſtizkanzler Lode ihr mitgetheilt hatte, daß ſie wegen Theilnahme an einer Verſchwörung gegen die beſtehende Ordnung vom Herzog Regenten als Staatsgefangene erklärt worden ſey, nahm der Polizei⸗ direktor Allholm ihre, auf dem Nähtiſchchen liegenden Schlüſſel und begann alle ihre Schränke und Schubladen zu unterſuchen. Die Genauigkeit, womit die Unterſuchung bewerk⸗ — — ——— ſtelligt wurde, bewies die Strenge der Befehle; aber obſchon man nichts unterließ, ſondern alle Winkel und Ecken durchforſchte, fand man gleichwohl keine andere Papiere als die Liebesbriefe des Herzogs ſelbſt, deren man ſich bemächtigte, natürlich in der Abſicht, alle ſchriftlichen Beweiſe für das Verhältniß, das der Herzog herbeizuführen gewünſcht hatte, zu vernichten. Die Unterſuchung wurde bis drei Uhr Morgens fortgeſetzt, währte alſo beinahe drei Stunden. Fräulein Rudenſköld hatte nie ſchrecklichere Stunden erlebt, aber ſie ahnte nicht, daß noch bitterere Augen⸗ blicke ihr bevorſtehen könnten. Während des Verlaufs der Unterſuchung erinnerte ſie ſich des Schlüſſels der Chiffre, und daß dieſes Do⸗ kument ſich neben ihrem Bette vorfinden müſſe. Ohne daß man es merkte, ſuchte ſie mit ihrer Hand danach. Sie dankte Gott im Stillen für die Eingebung, daß ſie es im Traum aus dem Schreibtiſch geholt, machte ſich aber zugleich Vorwürfe darüber, daß ſie das Papier nicht vernichtet hatte. Wie ſollte ſie ſich deſſelben jetzt entledigen? Unvermerkt machte ſie ein kleines Loch in den Ueber⸗ zug der Matratze und ſchob die Chiffre hinein. Um drei Uhr entfernten ſich Alle, mit Ausnahme des Majors Bratt, des Wacheoffiziers und des Soldaten, welche Befehl erhielten, da zu bleiben und ſie nicht aus dem Auge zu laſſen. Der Soldat hatte ſeinen Poſten zu ihren Häupten keinen Augenblick verlaſſen. Die Rohheit und Unverſchämtheit, womit Fräulein Rudenſköld bereits behandelt worden war, ſchmerzte ſie tief; aber der Haß hatte ihr noch ſchwerere Leiden be⸗ reitet. Kaum hatte ſich der Juſtizkanzler nebſt Aminoff und Allholm entfernt, als der Major Bratt an ihr Bett vortrat: — Wie glücklich bin ich nicht, ſagte er, die Arme 43 über ſeine Bruſt kreuzend, wie glücklich bin ich nicht, daß ich Sie endlich in der Nähe betrachten darf! Bei Gott, das Gerücht hat nicht gelogen... Sie ſind wirklich einnehmend. 3 Fräulein Rudenſköld wandte ſich mit Verachtung von ihm ab. Seine frechen Worte verletzten ſie tiefer als die eiſige Kälte des Juſtizkanzlers und des Polizei⸗ direktors. — Ei der Tauſend, Sie ſtellen ſich beleidigt an, mein gnädiges Fräulein, und dennoch bin ich die Höf⸗ lichkeit ſelbſt. Haben Sie inzwiſchen die Güte und keh⸗ ren Sie Ihr Geſicht gegen mich, ich bitte Sie darum. Vor allen Dingen Ihre Augen, die ſo berühmt ſind... man ſagt, ſie ſeien unwiderſtehlich... bah, ich will wetten, daß ſie jedenfalls mein Herz nicht in Brand zu ſtecken vermögen. 3 Aufgeregt durch dieſe Beleidigungen, wies ſie ihn mit Unmuth zurück, ſteigerte aber dadurch ſeine Unver⸗ ſchämtheit nur noch mehr. — Kommen Sie her, Kamerad, rief er dem wach⸗ habenden Officier zu, kommen Sie her! Ich ſchwöre, daß Hit noch nie eine in ihrem Zorn ſchönere Frau geſehen haben. Der angerufene Offizier hatte jedoch Edelſinn ge⸗ nug, die Aufforderung abzulehnen. Lächelnd und mit gekreuzten Armen betrachtete mitt⸗ lerweile Bratt ſein Opfer. —— Verlaſſen Sie mich, mein Herr, ich will auf⸗ ſtehen. — Das muüſſen Sie in unſerm Beiſein thun. Wir haben Befehl, Sie nicht zu verlaſſen. Verwundert heftete ſie ihre Augen auf ihn. Man konnte ſagen, daß ſie vor Ueberraſchung ſtehen blieben, ſtehen blieben in einem glänzenden Strahl. — So laſſen Sie die Vorhänge um mich her hinab; hören Sie, Major, laſſen Sie ſie hinab oder befehlen Sie Ihrem Soldaten, es zu thun. — Sie täuſchen ſich, mein Fräulein, die Vorhänge dürfen nicht hinabgelaſſen werden. — Sie können mir die Erlaubniß nicht verweigern, aufzuſtehen und mich anzukleiden. — Ganz gewiß nicht... haben Sie die Güte... — So entfernen Sie ſich oder laſſen Sie die Vor⸗ hänge hinab. Sie begreifen... — Weder das Eine noch das Andere. Sie haben ſelbſt gehört, daß wir Sie nicht aus den Augen laſſen dürfen.. — Ha, Herr Major, Sie ſind ein ſchlechtes Ge⸗ ſchöpf. — Mein Fräulein... — Statt des Degens ſollten Sie den Schlüſſel eines Gefangenwärters tragen, und ſtatt der Kokarde eines ſchwediſchen Offiziers die eines Polizeidieners. Sie ha⸗ ben Befehl, mich zu bewachen, aber nicht, mich zu be⸗ leidigen. Ihre Pflicht gebietet Ihnen dafür zu ſorgen, daß ich nicht entkomme, Ihre eigene Ehre, inſofern Sie welche haben, gebietet Ihnen, mein Geſchlecht zu achten. Fräulein Rudenſköld ſprach mit einer Würde, welche das Lächeln von Bratt's Lippen verjagte, mit einer Ruhe und einem Ernſt, die ihn verlegen machten, mit einem Rechtsgefühl, das ihm Scham einflößte. vl Er zeigte ſich indeſſen unſchlüſſig, was er thun ollte. — Entfernen Sie ſich, Herr Major, ich befehle es Ihnen. Die Sicherheit, womit ſie ſprach, verdroß inzwiſchen Brattz um der ſchwachen Perſon zu trotzen, die nur im Namen ihres Geſchlechts das Recht verlangte, einen Augenblick allein zu ſein, beſchloß er ſtehen zu bleiben. — Sie vergeſſen eine Sache, Herr Major... — Mag ſein, aber ich vergeſſe meine Pflicht nicht. — Sie vergeſſen, daß ich einen Bruder habe. — Und dann? Fräulein Rudenſköld war kaum ihrer ſelbſt mächtig. 45 3 Sie fühlte, daß ihr Herz in Thränen zerſchmelzen wollte, und gleichwohl blieben ihre Augen trocken. Ihr Ge⸗ fühl gebot ihr, um Barmherzigkeit zu bitten, während die gekränkte Weiblichkeit ſich gegen die Verachtung em⸗ pörte, die man ihr bewies. Nur ein Weib kann empfin⸗ den, was eine ſolche Beleidigung beſagen will, wie Fräu⸗ lein Rudenſköld ſie erlitt, und gleichwohl kann Niemand anders als ein Mann, ſie vollkommen rächen. Hätte ſie den Degen zu führen vermocht, ſie würde nicht an ihren Bruder appellirt haben. Inzwiſchen beſaß ſie kei⸗ nen andern Helfer als ihn, und ſie kannte ſeinen Muth. — Er wird jede Beleidigung rächen, die Sie gegen mich begehen. Bratt ſchlug ein plumpes Gelächter auf.. — Ich habe ſchon hie und da Jungen gezüchtigt, mein Fräulein; ich werde auch dieſem ſein Recht ange⸗ deihen laſſen, wenn es nöthig iſt. Kleiden Sie ſich an, ich bleibe hier. Fräulein Rudenſköld's Muth war zu Ende; ſie zog die Decke über ihren Kopf und wollte ſtill ihren Schmerz ausweinen; aber ſie hatte nicht Ruhe genug, um dieß zu thun. Ihre Weiblichkeit ſelbſt gebot ihr, ſich anzukleiden und aufzuſtehen. Sie wünſchte ſich dazu nur eine einzige Minute, nur eine einzige. — Herr Lieutenant, ſagte ſie zu dem andern Of⸗ fizier, als ſie den Kopf wieder über die Decke empor hob, Sie ſind vermuthlich Offizier von der Wache? — Ganz richtig, mein Fräulein. — Sie haben gehört, was hier vorgefallen iſt? — Ja. — Wollen Sie mir einen Dienſt erweiſen? — Mit dem größten Vergnügen, wenn es in mei⸗ ner Macht ſteht. Der junge Mann hatte mit Mißfallen die rohe Art geſehen, wie Bratt ſie behandelte. — Sie verſprechen mir's. Nun, ſo haben Sie die Freundſchaft, ſobald Sie von der Wache kommen, dem — —————— Herzog zu berichten, was hier vorgefallen iſt. Sie wer⸗ den ſich dadurch keine Unannehmlichkeiten zuziehen, deſ⸗ ſen bin ich überzeugt. Fraͤulein Rudenſköld wußte zwar nicht, ob ſie den Herzog recht beurtheilte, aber ſie hielt es nicht für wahr⸗ ſcheinlich, daß ſein Haß irgend einem Andern erlauben würde, ſie zu beſchimpfen. Bratt ſtutzte auch, als er mit ſolcher Ruhe dieſen Auftrag ertheilen hörte, und er beſchloß einen Mittel⸗ weg einzuſchlagen. — Sie wollen alſo durchaus aufſtehen? — J. — Und Sie verlangen, daß wir uns entfernen ſollen? — Allerdings. — Wir wollen Ihrem Wunſch nachkommen; aber der Soldat muß hier ſtehen bleiben, dort an der Thüre... Obſchon der Major und der Offizier von der Wache ſich entfernt, die Schildwache aber ihren neuen Plaß eingenommen hatte, ſo war Fräulein Rudenſköld do immer unſchlüſſig, ob ſie aufſtehen ſollte oder nicht. Der Soldat betrachtete ſie mit unverwandter Auf⸗ merkſamkeit. — Du mußt mich auch verlaſſen, bemerkte Fräu⸗ lein Rudenſköld. — Ich wage es nicht, Fräulein, und der Major würde es nicht erlauben. — Du mußt. — Bedenken Sie meine Pflicht, Fräulein, ich muß gehorchen... aber... er... — Ich kann doch Etwas thun... — Laß hören. — Ich ſchließe die Augen. — Du ſchließeſt die Augen? ſe Schade um Sie, verzeihen Sie mir, daß ich age. — — Nun wohl, Du ſchließeſt alſo die Augen? — Ich verſpreche es. — Schwöre mir's. — Sie glauben mir alſo nicht, ohne daß ich ſchwöre? — Doch, mein Freund, ich glaube Dir; alſo... — Ich ſchließe die Augen bereits, Fräulein, kleiden Sie ſich an. Und voll Vertrauen auf das Verſprechen des Gar⸗ diſten ergriff ſie eilig ihre Kleider. Es iſt kein Grund vorhanden, den Leſer mit einer noch vollſtändigeren Beſchreibung der gemeinen und erbärm⸗ lichen Verſuche, wodurch ſowohl der Haß des Macht⸗ habers, als auch der rohe Verfolgungsgeiſt dienſtfertiger Seelen die Lage des Fräuleins zu verbittern ſuchten, zu ermüden.. Wir glauben nur noch folgenden Auszug aus ihren Memoiren mittheilen zu müſſen: „Sobald ſie angekleidet war, kamen Bratt und der wachhabende Offizier zurück. Morgens um 6 Uhr wurde alte Wache abgelöst und zwei Garniſonsofftziere nebſt einem andern Soldaten bezogen den Poſten. Auch dieſe behandelten ſie mit der größten Strenge, gleich⸗ wohl gelang es ihr Nachmittags den Chiffreſchläſel in das Kaminfeuer zu werfen. »Als ſie ihn in Aſche verwandelt ſah, wie innig freute ſie ſich da nicht! Ohne ihre eigene Mithuͤlfe ver⸗ mochte jetzt Niemand mehr den geheimſten und folglich auch wichtigſten Theil der Correſpondenz zu entziffern.“ Ohne eine weſentliche Veränderung dauerte der Arreſt auf dieſe Art bis zum vierten Januar, an welchem Tag der Adjutant des Herzogs Regenten bei ihr eintrat, mil der Erklärung, wenn ſie das Geheimniß der Chiffre entdecken und all die Perſonen nennen wolle, an welche Armfelt's unter ihrer Adreſſe angelangte Briefe gerichtet waren, ſo — ———— ſolle ſie ſogleich auf freien Fuß geſetzt werden, und man wolle öffentlich bekannt machen, daß ihre Verhaftung auf einem Irrthum beruht habe; wenn ſie jedoch darauf nicht eingehen wolle, ſo ſei er genöthigt, ſie der Strenge des Geſetzes zu überantworten, und in dieſem Fall werde es ſie das Leben koſten. Sie erſuchte den Adjutanten, dem Herzog zu ſagen, daß ſie eine geſetzliche Unterſuchung nicht fürchte und bereit ſei, ihr Leben ſeinen Händen zu übergeben, daß ſie aber das Vertrauen ihrer Freunde unmöglich ver⸗ rathen könnte. Eine Stunde ſpäter kam der Polizeidirektor und erklärte ihr, ſie werde aus ihrem eigenen Zimmer hin⸗ weg in das allgemeine Arreſtlokal zehracht werden, wo⸗ bei eine Schwadron Huſaren ſie zu begleiten habe. Um ihre alte Mutter, die Reichsräthin, die auf der andern Seite des Stroms ihr gerade gegenüber in dem ſogenannten Niſſoniſchen Haus zwei Treppen hoch wohnte, nicht zu ängſtigen, erbat ſie ſich als eine beſon⸗ dere Gnade, daß die Eskorte wegbleiben ſolle, und ver⸗ ſicherte, daß ſie ſich allein und zu Fuß ſogleich auf die Hauptwache begeben wolle, wobei ſie überzeugt ſei, daß man keinen Grund habe, ein Verſprechen zu bezweifeln, das ſie bei ihrer Chre gebe.— Man ging auch bis auf einen gewiſſen Grad auf dieſen Vorſchlag ein. In Begleitung eines einzigen Offiziers wurde ſie Nachts eilf Uhr in einem Miethwagen nach dem Ge⸗ fängniß gebracht. Dort angekommen, wurde ſie von dem Polizei⸗ direktor und einer Wache von dreißig Mann empfangen. Das Gefängniß war drei Treppen hoch im Quadrat. Eine hölzerne Bank und zwei hölzerne Stühle bildeten das ganze Ameublement. Ein Bett fand ſich nicht vor. Man hatte zu große Eile gehabt, um an die Nothwendigkeit eines ſolchen zu denken. Das Zimmer war nicht einmal geheizt. 49 Fräulein Rudenſköld litt nicht bloß von innern ſchmerzlichen Qualen, ſondern auch von äußern; ſie war nicht bloß tief herabgeſtimmt, ſondern ſie fror auch und war müde. Der herzzerreißende Gedanke, daß ſie ſich in demſelben Arreſtzimmer befinde, wo Ankerſtröm nach begangenem Königsmord eingeſperrt worden, raubte ihr ſowohl ihre phyſiſchen als ihre pſychiſchen Kräfte, und ſie ſank beinahe ohnmächtig auf die hölzerne Bank nieder. Aber Martern, qualvolle Martern für das Herz, unter denen mancher Mann erliegen würde, brechen gleichwohl nicht immer die Kräfte des ſchwachen Weibes, ſondern vermögen ſie bloß auf einen Augenblick zu biegen. Die Laſt wird, glaubt man, von den eiſernen Axen des Wagens getragen. Unterſucht man das Verhaͤltniß genau, ſo tragen die Federn nicht bloß dazu bei, die Fahrt bequem zu machen, ſondern ſie tragen auch die Laſt ebenſo gut wie die Are ſelbſt; aber ſie tragen ſie, ohne gleich den letzteren geſchmiert werden zu müſſen, um nicht zu knarren. Das Weib gibt wie die Feder bei jedem ſtärkeren Druck nach, aber es nimmt bald ſeine gewöhnliche Lage wieder an. Der Mann iſt die feſte Eiſenare, die, wenn ſie einmal gebogen oder gebrochen wird, auf immer ſo bleibt und ſich nicht mehr umſchmieden läßt. Als Fraͤulein Rudenſköld zum Bewußtſein ihres Unglücks zurückkehrte, hatte der Polizeidirektor ſich bereits entfernt, und nur zwei wachhabende Offiziere waren zugegen: Helwig und Lagerhelm. — Ich friere, ſagte ſie. — Wie beklagen wir Sie, Fräulein, verſetzte Hel⸗ wig; aber ach, wir vermögen nichts zu thun. — Ich bin müde, ſehr müde. — Wenn wir nur auf irgend eine Weiſe ein Bett für Sie herrichten könnten! bemerkte Lagerhelm. Fräulein Rudenſköld hatte lange kein freundliches und wohlwollendes Wort mehr gehört; ſie blickte auf. Der Trabant. Iv. 4 * V — Dank, meine Herren, Dank, Dank! Helwig und Lagerhelm ſahen einander an. — Sie danken uns, mein Fräulein, und doch können wir Ihnen keinen Dienſt erweiſen, ſo gerne wir auch möchten. Sie antwortete ihnen nicht, aber in ihrem Herzen erklang die herzliche und freundliche Theilnahme wie ein lebendiges und mildes Echo aus andern Zeiten. — Vielleicht könnten wir Ihnen aber dennoch einen Dienſt erweiſen, begann einer der Offtziere nach einer Weile wieder. Sie blickte zu ihnen auf, blieb aber ſtill. — Sie ſagten, daß Sie frieren, ſprach Helwig, erlauben Sie mir, Ihnen meinen Mantel anzubieten. — Sie ſagten, daß Sie müde ſeien, Fraͤulein, be⸗ dienen Sie ſich meines Mantels als Matratze. — Wir machen Ihnen auf der Bank ein Bett zurecht. — Nein, nein, meine Herren, Sie bedürfen Ihrer Mäntel ſelbſt. Jedenfalls behalten Sie dieſelben; hier iſt es kalt, ſehr kalt. — Wir nehmen die Sache, wie es im Felde Brauch iſt; Sie dagegen... 1— Ich danke Ihnen für Ihren Edelmuth, aber... aber... Alle ihre Einwendungen halfen nichts. Die beiden Offiziere nahmen ihre Maͤntel ab und überließen ſie ihr. Inzwiſchen fehlte ihr noch immer ein Kopffiſſen. Trotz ihrer Bekümmerniß konnte ſie ſich eines Lächelns nicht erwehren, als ſie ihr Bett betrachtete. — Sie ſagten, Helwig, daß Sie die Sache ſo neh⸗ men wollen, wie es im Felde Brauch iſt, und in der That gibt es auch für mich wohl keinen andern Rath. — Jetzt ſprechen Sie ruhig und verſtändig, mein Fräulein; laſſen Sie den Muth nicht ſinken, und es wird Alles noch gut werden. — Ach ja, ich hoffe es. 51 — Aber Sie wollten ja auch die Sache nach der Feldmanier nehmen; was meinten Sie damit, mein Fräulein? — Hier fehlt ja ein Kopfkiſſen. — Das iſt wahr. — Nun wohl, ich will mir ein ſolches nach Feld⸗ manier ſchaffen. — Wie ſo? — Ich ſtelle mir vor, daß ich hier mit Ihnen bivouakire. — Sie ſcherzen. — Wir machen zuſammen eine Feldwache aus. — Vortrefflich, und wir wollen uns als gute Ka⸗ meraden zeigen. 4 — Das nehme ich als ausgemacht an... Sie haben mir bereits Ihre Mäntel geliehen. — Aber das Kopfkiſſen? — Damit hat es keine Noth; ich habe mir bereits ein ſolches geſchaffen. Sehen Sie hier. Und ſie griff nach einem Stück Holz am Ofen. — Sie ſind entſchloſſen? — Ach, das iſt unmöglich... ſollten Sie dieſes Holz zu benützen beabſichtigen? — Warum nicht? wir bivouakiren ja. — Ach ja... — Bei Feldwachen führt man keine Kiſſen von Eiderdunen mit ſich. — Wir müſſen Sie bewundern, Fräulein. — Daß man ſich ſchlafen legt, wenn man ſchläfrig iſt, das iſt wahrlich nichts Bewundernswerthes. — Aber Sie ſind nicht gewöhnt, auf dieſe Art zu ſchlafen. — Ah, Sie wiſſen nicht... — Was? „— Daß ich zu träumen gedenke... ich will mich weit, weit von hier hinwegträumen. Im Traume bin 4* —j——— . 5² ich frei. Da kann Niemand mich gefangennehmen. Gute Nacht, meine Herren. — Wir müſſen Sie beneiden. — Und ich; ich danke Ihnen. — Gute Nacht, Fräulein! — Gute Nacht! Und auf ihrer hölzernen Bank, nur mit einem Mantel bedeckt und auf einem andern Mantel ruhend, während ihr Kopf auf einem Scheit Holz lag, ſchlief ſie bald ebenſo gut und lieblich wie früher hinter den prächtigſten Gardinen.*) Die Müdigkeit bereitet immer das weichſte Bett, ſelbſt wenn das Polſter nur von Stein iſt. Sie ſagte die Wahrheit, ſie träumte. Ihr war, als ſei ihr ganzes Leben in einen einzigen großen Blumengarten verwandelt, und ſie ſpaziere unter ſeinen in ſchönen Farben prangenden Beeten mit Louiſe Poſſe umher. Sie hatten ſich mit den Armen umſchlungen, und ſie meinte, daß ſie mehr ſchwebten als gingen.— Sie waren ſo glücklich, ſie waren ſo froh. Sie ſchloſſen ſich auch dicht an einander und blickten einan⸗ der in die Augen. Aber eine Thräne floß jetzt blen⸗ dend wie ein Thautropfen über Louiſen's Wangen. — Du weinſt, flüſterte Malla, warum weinſt Du? — Ich wage es nicht, Dir mein Geheimniß anzu⸗ vertrauen. — Ach, vertraue es mir dennoch an. — Es betrifft Dich ſelbſt. — Mich? Erzähle, erzähle. — Aber Du wirſt böſe werden.— — Ich werde böſe, wenn Du nicht aufrichtig biſt, ſonſt nicht. Biſt Du unzufrieden mit mir... gefällt Dir dieſer Blumengarten nicht... haſt Du etwas gegen *) All die weſentlichen Züge dieſer Beſchreibung ſind Fräulein Rudenſköld's Memoiren entnommen. ——*— 53 ihn zu bemerken... Dein Schweigen beunruhigt mich... ſprich, ſprich.* — Du wünſcheſt es? — Ich verlange es. — Während wir uns hier umſchauten, habe ich etwas entdeckt, das mir nicht gefällt. — Laß hören. — Du beugteſt ſo eben Dein Knie vor einer Blume dort; Du bewunderteſt ſie, Du ſtreichelteſt ihre Blätter, Du küßteſt ihre Knoſpen, Du prieſeſt ihre Farben, Du bewunderteſt ihren Duft und gleichwohl... — Ach, die prächtigſte Blume des Parkes, ihre Königin, ihr König... dieſe geſiel Dir nicht... er⸗ kläre Dich darüber. — Wäre ich an Deiner Stelle, ſo würde ich ſie mit der Wurzel ausreißen und vernichten. — Sie vernichten? Da würden alle Blumen im Parke verbluten; Du weißt nicht, daß die übrigen von dieſer hier ihre Farbe, ihren Glanz und ihren Duft borgen; Du weißt nicht, daß ſie die einzige Blume meiner Liebe iſt. — Doch, Malla, ich weiß es; aber Du lebſt in einer gänzlichen Selbſttäuſchung... Du glaubſt eine Roſe zu bewundern, eine koſtbare rose d'amour, und Du be⸗ wunderſt gleichwohl nur eine Diſtel, nur ein Unkraut. Malla glaubte ſich kaum des Lachens enthalten zu können, und dennoch wurde ſie durch die Worte ihrer Freundin verſtimmt. — Laß uns zurückkehren und ſehen, wer von uns ſich täuſcht; komm, komm! Und ſie ſtanden wieder bei der Blume. — Siehſt Du, rief Malla, daß es eine Roſe iſt, ſo prächtig... ſo ſchön... ſo reich... Welche Täuſchung! Bemerkſt Du nicht, daß es kine Diſtel iſt? Betrachte ſie nur genau. Sieh... ſieh... Louiſen's hartnäckiges Beſtehen auf ihrer Behaup⸗ tung ſteigerte Malla's Unruhe bis zur Qual, und es war ihr, als beuge ſie ſich hinab und betrachte die Blume immer genauer. Welch ein kummervoller Anblick für ſie, als ſie jetzt ein Blatt um das andere verwelkt zu Boden fallen ſah und endlich bemerkte, daß ſie wirk⸗ lich nur eine Diſtel vor ſich hatte! Als das letzte Blumenblatt herabſiel, hatte ſie eine Empfindung, wie wenn der letzte Blutstropfen in ihrem Herzen verſiegte. — Iſt alſo meine Liebe eine Diſtel, ein Unkraut? rief ſie, Himmel, hab' Erbarmen mit mir. Und das Geſicht in ihre Hände verborgen, ſank ſie auf ihre Kniee und betete ein Gebet aus der Tiefe ihres Innern... ein Gebet aus ihrer Seele... Es gibt Schmerzen, denen nur der Hauch von Gottes Gnade zu nahen wagt. Ein Augenblick verging. — Welches Wunder! rief endlich Louiſe. Malla hörte ſie nicht. Sie hatte aufgehört, anders zu leben als in ihrem Gebet und in ihrem Leiden. — Schau auf, gute Malla, ſchau auf! Aber Malla betete noch. — Welche wunderbare Veränderung! Sieh! Sieh! Und als Malla endlich das Geſicht aus ihren Händen erhob, welche Veränderung erblickte ſie nicht vor ſich! Die Diſtel war fort, und es ſtand jetzt wirklich wieder eine Roſe da⸗; 1 — Welcher Zauber! ich verſtehe mich ſelbſt kaum; nicht wahr, Louiſe, Du ſiehſt doch jetzt ſelbſt auch, daß es eine Roſe iſt? — Ach ja, jetzt iſt es eine Roſe... jetzt... aber vorhin... Es war Malla, als falte ſie ihre Hände wieder und dankte Gott. — Malla! — Ich höre. 5⁵ — Weißt Du, was ich glaube? — Nein. — Ich ſah, daß die Blume ſich veränderte, während Du beteteſt und litteſt. — Du ſahſt es? — Leide und bete, Malla, und die Blume wird immer ſchöner und ſchöner. — Ich danke Dir, o mein Gott. Eine augenblickliche Pauſe trat ein. — Malla! begann Louiſe wieder. — Was willſt Du ſagen? — Was iſt Dein Leiden und Dein Gebet anders, — Liebe? meinſt Du. — Ich meine Treue... ſei getreu, Malla, und... und... 3 Und Malla glaubte zu ſehen, wie Louiſe vor ihr verſchwand wie ein Blumenduft, wie ein heller, leichter Nebel, wie eine luftige Phantaſie. als. — Halt! rief der Poſten vor dem Arreſtlokal. Der Ruf erdröhnte in wiederholtem Echo durch die Gewölbe. — Wer das ertönte die Stimme des Soldaten von Neuem. Fräulein Rudenſköld fuhr erſchrocken aus ihrem Traume auf. In dieſem Augenblick ſchlug es Drei, und der Polizeidirektor trat wieder bei ihr ein. — Ein Brief aus Neapel iſt ſo eben unter Ihrer Adreſſe angekommen, mein Fräulein. Sehen Sie hier. Der Brief war bereits erbrochen und in Chiffren geſchrieben. Fräulein Rudenſköld ſah, daß er für den jungen König beſtimmt war. ——y— * — Sie müſſen mir den Inhalt erklären und ſagen, für wen der Brief beſtimmt iſt. — Ich habe Ihnen geſagt, daß die Chiffre zerſtört iſt, und daß ich alſo nichts ſagen kann. — Sie müſſen. — Und Sie hören, daß ich nicht kann; noch mehr, Herr Polizeidirektor, auch wenn ich könnte... ſo möchte ich nicht. — Aber wir haben Mittel, um Sie zu zwingen. — Thun Sie, was Sie wollen; aber Guſtav III hat, Gott ſei Dank, für immer die Tortur abgeſchafft, und ich fürchte nichts, wenn Sie mir nur meinen Ver⸗ ſtand nicht rauben. — Es gibt inzwiſchen noch immer eine... verſtehen Sie mich wohl... eine kleine Tortur, mein Fräulein. — Sie haben Recht, ſo lange Reuterholm lebt, gibt es noch immer Tortur genug in Schweden. — Sie ſind bitter, aber Sie täuſchen ſich. Ich meine, daß Guſtav III noch immer eine Tortur übrig gelaſſen hat. — Wirklich? — Ja, mein Fräulein, dieſe hier. Und er zog Handſchellen aus ſeiner Taſche. Bei dieſem Anblick flog eine eiſige Todeskälte durch ihre Seele; aber ſie erinnerte ſich ihres Traumes, und es war ihr, als ob Louiſe ihr noch zuflüſterte, ſie ſolle leiden, beten und treu bleiben. Dieſer Gedanke ſtärkte ſie; ſie ſank auf ihre Kniee nieder und faltete die Hände. — O mein Gott, vergib mir alles Böſe, was ich dethan habe, und verleihe mir die Kraft, deren ich edarf. — Nun wohl, mein Fräulein, wollen Sie noch immer nicht ſagen, für wen der Brief beſtimmt iſt und was er enthält? Das Gebet hatte ſie geſtärkt. — Herr Polizeidirektor, ich habe Ihnen keine &S — —.,—————,-—,——,——,—ri — ——+—, 57 Macht entgegenzuſtellen; handeln Sie alſo, wie Sie wollen, aber bedenken Sie, daß auch Sie einmal für Ihre Thaten Rechenſchaft ablegen müſſen. Was Sie auch thun mögen, ſo ſeien Sie inzwiſchen überzeugt, daß ich ohne alle Zwangsmittel aufrichtig Alles beken⸗ nen will, was mich ſelbſt betrifft, aber niemals etwas, das einen Andern betrifft, Sie mögen Mittel gebrauchen, welche Sie wollen. — Und Sie beharren dabei? — Sie drohen mir mit Handſchellen und ſehen, daß ich dennoch ruhig bin. Ich will Ihnen ſagen, wie ſich das verhält. Wenn Sie die Briefe geleſen haben, die Sie mir bei meiner Verhaftung abnahmen, ſo wiſſen Sie, daß ich all dieſen Verfolgungen hätte entgehen können; wenn Sie daher auch nur ein wenig über meine frühere Stellung am Hof nachdenken, ſo werden Sie leicht einſehen, daß ich, wenn ich meiner Zunge freien Lauf laſſen wollte, bald alle unſere Bekannte und Freunde in mehr oder weniger unangenehme Dinge ver⸗ wickelt haben würde. Aber ich habe ebenſo wenig das⸗ jenige, was ich als meine Ehre anſehe, aufopfern wollen, als daß ich die Ehre Anderer bloßzuſtellen gedenke... Allerdings beginne ich zu ahnen, daß ich mich ſehr großen Gefahren ausſetze, indem ich die Fehler von Allen auf mich allein nehmen will; aber mein Herz wird mir den Muth verleihen, für die Andern und für meine Liebe zu leiden. Ich bitte Sie bloß um Eins, Herr Polizeidirektor, vollziehen Sie Ihre Drohung ſo⸗ gleich, aber drohen Sie mir nicht länger. Sehen Sie, hier ſind meine Hände... wenn Sie wollen, ſo werde ich ſie ſelbſt in dieſes Inſtrument hineinſtecken. „Allholm war ein Mann von 50 Jahren; er wurde gerührt und Thränen traten ihm in die Augen. — Ich habe Ihren Vater gekannt, mein Fräulein, ſagte er; es war ein edler Mann. Seien Sie verſichert, daß ich meine Drohung bereue... aber ich wollte Sie prüfen... ich werde jetzt Ihren Freunden erzählen, ——— —— ——— 58 was hier vorgegangen iſt, und daß Sie allein mehr Seelenſtärke beſitzen, als die Andern alle zuſammen, ja, daß Sie eine ebenſo edle Denkungsart haben wie Ihr Herr Vater. Ich will Ihnen ſchließlich einen Rath geben, mein Fräulein, den Rath, immer ruhig und würdig zu bleiben wie jetzt... Sie werden Ihre Feinde beſtegen, wenn Sie dieſelben auch nicht zu vernichten vermögen. Morgens neun Uhr wurde ſie vor das Hofgericht gerufen und begab ſich dahin, umgeben von einer Cavallerieabtheilung mit gezogenen Säbeln. Wir übergehen hier alles Juridiſche. Als ſie zurückkam, waren Helwig und Lagerhelm abgelöst worden, und zwei andere wachhabende Offiziere hatten ihre Stelle eingenommen. Ein Bett mit Vor⸗ hängen war inzwiſchen für ſie gebracht worden. Jeden Morgen um ſechs Uhr wurde die Wache regelmäßig abgelöst. Die Bosheit ermüdete nicht in ihren Verfolgungen; mehr als einer dieſer wachhabenden Offiziere machte ſich ein Vergnügen und eine Ehre daraus, ſie auszuſpio⸗ niren, ja ſogar die Worte übel zu deuten, die ihr etwa im Schlafe entfielen. Bald begann ſie jedoch in Folge ſonderbarer Fragen des Richters dieſe niederträchtige und erbärmliche Spionage zu ahnen und beſchloß, ihr wo möglich zuvorzukommen. 3 Sie ſtopfte ſich daher jeden Abend ein Tüchlein in den Mund, aber dadurch wurde ſie auch verhindert, früher als gegen Morgen einzuſchlafen, wo die Offiziere ſelbſt ermüdet waren und die Augen nicht mehr offen halten konnten, ſo daß die Unglückliche es wagen durfte, ſich einer ungeſtörten Ruhe, dem einzigen Genuß, der ihr geblieben, zu überlaſſen. Vor der Ablöſung jeden Morgen mußte ſie angekleidet ſein, weßhalb man ihre ehr Ja, Ihr ath ind nde ten ꝛer 59 Kammerjungſer Anna, die gleichfalls verhaftet, aber in einem andern Zimmer war, hereinführte, um die Kleider, die ſie an dieſem tragen wollte, auf einen Stuhl neben dem Bett zu legen, worauf ſie ſich ſogleich wie⸗ der entfernen mußte. Fräͤulein Rudenſköld mußte ſich immer hinter den Darhingen ankleiden, weil die Offtziere ſich nie ent⸗ ernten. Die größte Schwierigkeit war dabei das Auskäm⸗ men ihrer dichten und langen Haare. Sie war daher genöthigt, ſich dieſelben ganz kurz abſchneiden zu laſſen. Im Uebrigen verweigerte man ihr alle Beſchäftigung. Man nahm ihr ihre Arbeit, ja noch mehr, man beraubte ſie ſogar ihres Günſtlings, eines kleinen Bo⸗ logneſer Hündchens, und ſchließlich nahm man ihr auch ihre Bücher.. Kein Haß treibt ſo bittere Früchte als derjenige, der auf dem wilden Erdreich einer verſchmähten Liebe aufwächst. Des Herzogs Haß trug ſolche Früchte. Ehrenſtröm und Aminoff, ſo wie noch mehrere andere Verdächtige wurden gleichzeitig mit Fräulein Rudenſköld verhaftet. Fünfzehntes Kapitel. Armfelt. Wir ſind wieder in Neapel. Es war der 9. Februar 1794, derſelbe Tag, wo der Carneval begann. Die Straßen wimmelten von ä Masken; beſonders auf der Toledoſtraße war eine un⸗ erhörte Rührigkeit und Lebendigkeit. Die Schwänke und luſtigen Außzüge hatten bereits begonnen. Die Liebe ſpielte dabei nicht die unbedeu⸗ tendſte Rolle; ſie konnte vielmehr als die Triebfeder des Ganzen betrachtet werden. Ein ſchwediſcher Reiſebeſchreiber ſagt, das Wort Carneval bedeute: Lebe wohl alle kräftige Nahrung, oder laßt uns luſtig ſein, denn Faſten und Entſagun⸗ gen ſtehen vor der Thüre. Italien iſt niemals ſo glücklich wie in der Car⸗ nevalszeit. Der Italiener liebt die Freiheit und ſpielt mit ihr wie ein Kind, aber er kennt keine andere Frei⸗ heit, als die der Carnevalstage. Nur unter der Maske wagt er ſeine Göttin an⸗ zubeten. In Rom und Venedig iſt der Carneval ſyſtemati⸗ ſcher geordnet und großartiger als in Neapel. In den erſtgenannten Städten iſt eine gewiſſe gleichſam könig⸗ liche Purpurverbrämung über Puleinello, Pierro und Arlechino geworfen. In Neapel dagegen iſt der Car⸗ neval weit kurzweiliger und luſtiger. Unter der Maske läßt der Leichtſinn alle ſeine blumenverzierten Zügel ſchießen. Die Unſchuld mag ſich hinter ihre Kloſter⸗ thüre verſchließen, Arlechino mit ſeinem Hokuspokus wird ſie in eine heitere Griſette verwandeln. Der Car⸗ neval in Neapel iſt ein einziges großes Liebesabenteuer, reich an närriſchen Schwänken, voll von Verführungen und Saturnalien. Frauen und Männer ſprechen da bloß von Berthold's Tod und des kleinen Berthold's Geburt,*) und ſie handeln auch darnach. Aber während man draußen auf den Gaſſen bereits *) Ein italieniſches Sprüchwort, deſſen man ſich be⸗ dient, wenn man ſeine Gedanken nicht allzu deut⸗ lich ausdrücken will. e⸗ it⸗ 61 von dem begonnenen Carneval hingeriſſen wird, den auch wir ſeiner Zeit zu beſuchen gedenken, wollen wir den Leſer direct nach Villa Reale führen. Sehr wich⸗ tige Ereigniſſe ſind hier eingetreten, ſeit wir uns zum letzten Mal in dieſen Sälen befunden, und wir wollen, während die Handlung im Ganzen fortſchreitet, von dieſen Ereigniſſen ſo viel darzuſtellen ſuchen, als der Leſer des Zuſammenhangs wegen zu wiſſen braucht. Aber zur gleichen Zeit, wo ſich Ereigniſſe von der größten Wichtigkeit hier entwickeln, hat man die Augen auch auf den Carneval geheftet. In Neapel vergißt man die Maske nicht über der Toga. Die Politik ver⸗ birgt ſich oft genug hinter der Liebe, und die Liebe hin⸗ ter der Politik, ſo daß man nicht immer weiß, welcher von beiden das Geſicht angehört, das man ſieht. Der Leſer befindet ſich alſo wieder in demſelben prachtvollen Zimmer, wo wir ſchon früher einmal mit der Prinzeſſin Sophie Albertine Guido's meiſterhafte Allegorie, den Aufgang der Morgenröthe, bewunderten. Aber dießmal begegnet unſeren Blicken nicht eine hoffähige Geſellſchaft: jetzt iſt Alles ſtill und ſchweig⸗ ſam im Zimmer... nur eine einzige Perſon zeigt ſich, und dieſe einzige Perſon liegt mit ausgeſtreckten Hän⸗ den auf einem Knie. An der ſchlanken, ſtattlichen Ge⸗ ſtalt, der edlen Haltung, der offenen Stirne und dem feurigen Blick erkennt man Armfelt. Aber vor wem beugt er wohl ſein Knie? Außer ihm ſelbſt zeigt ſich Niemand im Zimmer, aber die Thüre ihm gegenüber und ganz in ſeiner Nähe iſt mehr als halb offen. Sie verdeckt die Perſon, vor welcher er ſein Knie beugt. — Mich verlaſſen, ſagte er, ohne mir die Hoffnung zu gönnen, daß wir uns wieder treffen werden? Es lag in dieſen wenigen Worten ſo viel Leiden⸗ ſchaft, daß ſie eine ganze Liebeserklärung enthielten. — Keine Vorwürfe, Armfelt, ich weiß mir ſelbſt nicht zu rathen. Verlaſſen Sie mich, Sie vergeſſen ſich. — * Die Stimme war lieblich und mild. Das Feuer in Armfelt's Augen flammte dabei in hohem Glanz und er trug ſein Haupt ſtolzer als zuvor. — Wohlan denn, ſiel Armfelt ein, ich weiß, was man mir mit Recht vorwerfen kann, ich weiß, daß ich wahnſinnig bin, daß meine Liebe eine Narrheit iſt, daß ſie zu den freien und wilden Phantaſien eines Her⸗ zens gehört, das ſich von der Herrſchaft des Verſtandes losgeriſſen hat. Mag der Himmel mir verzeihen, aber ich bin ein armer Sterblicher und beſitze nicht die Macht, zu widerſtehen... Beruhigen Sie ſich, Armfelt, Sie wiſſen, welche Gefahren Sie von Schweden aus bedrohen. — Ich kenne ſie. — Und Sie wollen meinen Rath, denſelben aus⸗ zuweichen, nicht befolgen? — Ich kenne den tiefen Haß, welcher die Verfol⸗ gung gegen mich dictirt, aber ich weiß, daß ich rein bin, und hege die Ueberzeugung, daß ich meine Un⸗ ſchuld beweiſen kann. Mich zurückzuziehen wäre Feigheit. — Sie ſind blind... Sie ſtürzen ſich in's Ver⸗ derben. — ARag ſein, aber ich kann es nicht über mich bringen, Furcht in mir aufkommen zu laſſen... ha! Armfelt verſtummte und blickte auf, gleich als könnte er der Dame in's Geſicht ſchauen. — Leben Sie wohl, flüſterte ſie. — Keine Gnade alſo! Sie geben mich auf... Armfelt ſprang von ſeiner knieenden Stellung auf. Welch' ein beiſpielloſer Thor bin ich nicht! fuhr er dann fort, ich habe um eine einzige Zuſammenkunft auf mor⸗ gen, wo das Carneval beginnt, gebeten... nun wohl, ich verſpreche, der Gefahr auszuweichen, die mich be⸗ droht... ich verſpreche zu fliehen... wohin es immer ſein mag... wenn nur dieſe Zuſammenkunft bewil⸗ ligt wird. — Es kommt Jemand.. hören Sie! w n 63 — Verſprechen Sie mir ein Rendezvous... nur ein einziges Wort... ein Zeichen... werfen Sie die lume, die Sie dort in Ihrem Gürtel haben, zu mei⸗ nen Füßen 3 ich werde dieß als eine Zuſage betrachten. — Still.. — Ein Zeichen... die Blume dort... — Fort... 3 Ti ertöhende Dame hatte die ganze Zeit über von der Thüre verdeckt geſtanden. — Sie entfernen ſich... 1 Man hörte wirklich leichte und ſchwebende Tritte, die ſich entfernten. — Die Blume!l erinnerte Armfelt noch einmal und ſtreckte ſeine Hände nach der Fliehenden aus. In dieſem Augenblick ſah man eine zierliche ſchnee⸗ weiße Hand am Rande der Thüre hervorkommen und Armfelt's Hand ergreifen, worauf die fröhliche, ſtets muntere Oberhofmeiſterin hervortrat. — Herr Baron, ſagte ſie, vergeſſen Sie jedenfalls nicht, wo Sie ſind... drehen Sie ſich um... beruhigen Sie ſich... hören Sie nicht, daß Tritte ſich nähern... es iſt Acton, der kommt, beherrſchen Sie ſich. Armfelt that ſich Gewalt an. — Mag Acton kommen, antwortete er ihr, ich bin der Welt und des Lebens überdrüſſig, was habe ich noch mehr zu gewinnen? Selbſt verrathen, klagt man mich noch an.. ich bin bereit, zu kämpfen... falle ich, ſo wird noch Mancher mit mir fallen. — Sie ſind verzweifelt. — Ich bin wahnſinnig, wenn Sie wollen. — Sie verlangen ein Rendezvous? — Ja, ja. — Acton kommt. Die Thüre öffnet ſich. Wie war es? Sie verlangten ein Zeichen... eine Blume... — Werſen Sie dieſelbe mir zu Füßen, dann kön⸗ nen Sie mich leiten, wie Sie wollen. — Still... ſehen Sie ſich um. ————— Als Armfelt ſich umwendete, trat nicht der Ge⸗ neral Acton, wie man erwartet hatte, ſondern Wiljams ein, der den Baron erſuchte, zum General zu kommen. Kaum hatten Armfelt und Wiljams ſich entfernt und die Oberhofmeiſterin allein gelaſſen, als ein Kam⸗ merdiener die Fürſtin Menzikoff und Lady Munk an⸗ meldete. Freundlich und fröhlich eilte die Oberhofmei⸗ ſterin ihnen entgegen. — Willkommen, willkommen, rief ſie und ſtreckte die Arme gegen ſie aus Sie kommen gerade auf den Schlag, wie wenn Sie Ihr Rendezvous mit dem Minutenzeiger in der Hand fortgeſetzt hätten. Hören Sie... jetzt ſchlägt es... — Dein Brief erſchreckt uns... iſt etwas Unan⸗ genehmes geſchehen.. Du ſiehſt, daß wir ordentlich geängſtigt ſind... ſprich... ſprich... — Erzählen Sie unter allen Umſtänden, erzäh⸗ len Sie. Die Oberhofmeiſterin betrachtete ſie mit einem ſchnel⸗ len, aber zweideutigen Blick. Wären ſie nicht ſo ganz von ihrer Neugierde in Anſpruch genommen geweſen, ſo würde ſicherlich das ſchalkhafte Lächeln, das über die Lippen der Oberhofmeiſterin glitt, ihnen nicht entgan⸗ gen ſein. — Wie beklage ich den Baron Armfelt, begann ſie. Aber ſie konnte in ihrem Satz nicht fortfahren, weil ſie von den beiden Andern unterbrochen wurde, die jetzt auf einmal Armfelt's Namen riefen, um damit gleichſam ihre theilnehmende Verwunderung darüber, daß die Frage ihn betraf, zu erkennen zu geben. — Abher laſſen Sie mich Eins ums Andere ſagen, bat die Oberhofmeiſterin. Ich kenne Ihre warme Theil⸗ nahme für den Baron, und da ich wußte, daß er jetzt Freunde bedarf, aufrichtiger Freunde, ſo konnte ich nichts Anderes thun, als zu Ihnen ſchicken. Wenn irgend Jemand ihn veranlaſen kaun, klug und verſtändig zu handeln, ſo ſind Sie es, und es gehört wirtlich —-ʒ—.“ 6⁵ Verſtand dazu, wenn er ſich aus all' ſeinen Widerwaͤrtig⸗ keiten befreien ſoll. Die Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk waren die Aufmerkſamkeit ſelbſt. Die Theilnahme, die ſie für Armfelt hegten, drückte ſich auf's Deutlichſte in ihren Geſichtern aus. — Sie wiſſen, fuhr die Oberhofmeiſterin fort, um all' die Verfolgungen, die man von Schweden aus gegen ihn gerichtet hat, ſeit er als Geſandter nach Ita⸗ lien beordert worden iſt. — Die ſchwediſche Regierung muß ſchlecht, um nicht zu ſagen, gemein ſein. Auf ſolche Art einen Mann wie Armfelt, zu verfolgen, das iſt ganz unver⸗ zeihlich. Wenn ich nach Petersburg zurückkomme, werde ich unſern Hof darauf aufmerkſam machen. — Und ich, fiel Mylady ein, werde es auch nicht unterlaſſen, der Sache ihre richtige Wendung zu geben, ſobald ich nach London komme. — Sie haben Recht, meine Damen, ganz Recht. Ich hege vollkommen dieſelbe Anſicht. Man iſt in Schweden höchſt ungerecht gegen ihn, er ſollte ein... — Ein ruſſiſcher Unterthan werden, nicht wahr? ... Sie wollten ſagen, ein Ruſſe. — Oder ein Engländer, das wäre eben ſo gut, oder wie? — Ich wollte ſagen, er ſollte Italiener werden, Neapolitaner;z aber unterbrechen Sie mich nicht ſo oft, ſo ſollen Sie ganz ſchreckliche Sachen hören, und nur Sie... ich ſage es noch einmal, nur Sie können... im Fall irgend Jemand es kann.. ſeinen unerſchüt⸗ terlichen Willen beugen... können Sie ſich vorſtellen, daß man jetzt die abſcheulichſten Abſichten, die ſchreck⸗ lichſten Pläne gegen ihn hegt? — Mein Gott, was ſagen Sie! — Schreckliche Pläne 2 Erzählen Sie, erzählen Sie. — Man will ihn verhaften. Der Trabant. IV. 5 —— * — — Ihn verhaften? — Oder vielmehr ermorden. — Iſt's möglich? 1 — Ich ſpreche die reine Wahrheit. — Wir glauben Ihnen, wir glauben Ihnen voll⸗ kommen. Aber auf welche Art ſollen wir ihm helfen? — Verlaſſen Sie ſich auf uns. In Rußland würde man ihn mit offenen Armen empfangen; die Kaiſerin ſchätzt ihn hoch, das weiß ich. — Auch in England würde er einen ſichern Schutz finden. Schweden könnte ihm nichts anhaben, wenn er ſich der engliſchen Gaſtfreundſchaft anvertraute. Die Oberhofmeiſterin ließ die Damen reden, ohne ſie unterbrechen zu wollen. Sie ſetzten bei ihr durch⸗ aus keine beſonderen Abſichten voraus und ließen ihren Gefühlen freien Lauf. — Sagen Sie uns nur, was wir thun ſollen? — Wir ſind zu Allem bereit. — Hören Sie mich an, ſiel die Oberhofmeiſterin ein; ich habe die Sache überlegt, ſo gut ich konnte, und ich weiß bloß ein einziges Mittel, das ihn beſtim⸗ men könnte, von ſeinem Plan abzuſtehen. — Von ſeinem Plan, ſich einſperren zu laſſen? — Oder ſich umbringen zu laſſen? — Allerdings nur ein einziges Mittel... näm⸗ lich, daß Eine von Ihnen ihm ein Rendezvous unter vier Augen gibt. Eine von uns?... welche... mir für meinen Theil iſt’'s unmöglich... ach, mein Gott... ein Ren⸗ dezvous... ein Rendezvous unter vier Augen? — Wie ich ſage... ein Rendezvous. — Wann, wo, wie, auf welche Art? — Der Carneval hat ja bereits begonnen. — Ah, alſo ein Carnevalſcherz? Welch' ein Einfall! hir Ein Rendezvous mit Masken? Sie ſcherzen wohl! 67 — Das würde ihn abhalten, ſich in die Gewalt ſeiner Feinde zu ſtürzen, und er wäre gerettet. — Wirklich? Sie glauben das? — Ich weiß es gewiß. — Und man will ihn ermorden? — Oder gefangennehmen? — Sie glauben mir nicht... ha, da fällt mir Etwas ein... Sie ſollen es ſelbſt hören... folgen Sie mir, aber jedenfalls ganz ſtill und leiſe, damit Niemand entdecken kann, was ich jetzt einzig und allein aus Freundſchaft für Sie thue. kommen Sie. Und ſie öffnete dieſelbe Thüre, durch welche ſich Armfelt und Wiljams kurz vorher entfernt hatten, und verſchwand bald mit ihren beiden Freundinnen. Mit heftigen Schritten gingen Armfelt und Wil⸗ jams durch mehrere Zimmer und traten endlich bei dem General Acton ein. Die Hand auf einen Tiſch geſtemmt, heftete der General ſeine Blicke auf eine aufgerollte Karte, neben welcher ein Paket mit Briefen lag. In Betrachtungen vertieft, wie er war, ließ er ſeine Augen nachdenklich über die Karte ſchweifen. — Ich kann nie einen Blick auf Europa werfen, ſagte er zu Armfelt, als dieſer an ſeiner Seite ſtehen blieb, ohne daß ein melancholiſches Gefühl mich erfaßte. Welch' ein ſchrecklicher Veſuv iſt nicht die alte Welt, mit Feuer in der Tiefe und Nauch und Nebel in der Höhe; mit Feuer, das Alles rings umher in der Bruſt der Völker verzehrt, mit unruhigen Begriffen von der Bedeutung der Macht und dunkeln, ungewiſſen politi⸗ ſchen Anſichten in den Regierungen ſelbſt. Wann wird dieſes vulkaniſche Feuer wohl einmal eine ruhige, ſtille und klare Flamme werden„ welche die Völker zugleich 5* 68 wäͤrmen und erleuchten kann, und wann wird wohl dieſer Rauch eine Wolke werden, worin die Macht mit der Stimme des Donners ihre Gebote verkündet und mit dem Scepter des Blitzes die Welt regiert? Wann werden die Völker klug genug werden, um den Ge⸗ ſetzen gehorchen zu können, welche die Bedingungen ihres Friedens und Gedeihens ausmachen, und die Regierun⸗ gen klug genug, um weiſe zu regieren und in ihrer Weisheit eine unwiderſtehliche Macht zu werden? Was ſagen Sie, Baron? wird es auch Ihnen melancholiſch zu Muthe, wenn Sie die Völker Europa's betrachten? Welche Leidenſchaften, welche Kämpfe, welches ewige Kinder⸗ ſpiel... und für welchen Zweck? Man könnte glauben, die Vorſehung habe Alles dem Zufall anheimgeſtellt. Armfelt hatte ſich noch nicht von den Gemüths⸗ bewegungen erholt, die ihn kaum vorher ergriffen hat⸗ ten. Die Liebe, dieſer mächtige Mittelpunkt, der in einem unaufhörlichen raſtloſen Kreislauf alles Lebendige um ſich her führt, herrſchte noch in ſeinen Gedanken. Das Herz war ihm noch voll von dieſem magnetiſchen Zünd⸗ ſtoff, der Alles an ſich zieht, um Alles zu verzehren. Er war in dieſem Augenblick kein ruhiger Betrachter der Welt. Seiner Neigung ſich überlaſſend, hatte er gehofft, aber in ſeinen Hoffnungen ſich getäuſcht geſehen, und es lag etwas für ſein Gefühl Verletzendes in die⸗ ſer Selbſttäuſchung, die ihn mit ſich ſelbſt und der Welt unzufrieden machte. . 2 tond Worte führten ihn jedoch zu ſich ſelbſt zurück... — Alles einem Zufall überlaſſen? wiederholte er. Nein General. Wo ein Naturgeſetz arbeitet, da arbei⸗ tet ein Gott, und wo ein Menſch ſich findet, da findet ſich auch ein Gott, ein Miniaturgott, ein Bruchſtück von einem Gott. Ich glaube an keinen Zufall, ſon⸗ dern an die Wirkſamkeit einer ewigen Gottheit in allen Dingen. Die Welt iſt für Sie ein Tummelplatz wilder Leidenſchaften; für mich dagegen iſt ſie ein Tummelplatz 69 von Ideen... von Liebe. Alles lieben heißt Gott verehren, Alles achten heißt ſich ſelbſt achten. Der Kampf des Zufalls gehört dem Egoismus an. Der Kampf der Ueberzeugung iſt auch der Kampf der Liebe für das Rechte. So gut wie ein Individuum für ſein Ich ar⸗ beitet, arbeitet auch das ganze Geſchlecht, die ganze Menſchheit für das ihrige. Das Allgemeine iſt eben ſo gut das Reſultat der Einzelnen, wie die Einzelnen ein Reſultat des Allgemeinen ſind. Wir Alle ſind ge⸗ boren, um zu kämpfen; aber wir kämpfen nicht für uns, obſchon wir es ſelbſt glauben. Durch unſern Kampf erfüllen wir bloß ein allgemeines Bedürfniß. Die Welt⸗ geſchichte zeigt uns, wie die eine Generation mit der andern kämpft, wie eine Kaſte mit der andern um die Herrſchaft ſtreitet. Wer hat Recht? Sie würden ant⸗ worten: Die Sieger. Ich dagegen antworte! Niemand ſiegt, weil beide Parteien untergehen und aus dem Un⸗ tergang beider unaufhörlich eine neue Generation er⸗ wächst, und dieſe iſt es, die ſiegt, die Gottheit der im⸗ mer neu erſtehenden Menſchheit iſt es, die ſiegt, und nur als Erinnerung leben unſere Kämpfe für ſie, aber als Liebe genießt ſie die Früchte derſelben. Alles lebt und wechſelt, Alles bewegt ſich und ſchwankt. Nur ein Ding verändert ſich nicht. Und wiſſen Sie, was das iſt? Es iſt die Liebe. Sie iſt unendlich und ewig bei dem Geſchlecht, ſie iſt theilweiſe bei den Individuen; aber eben ſo unveränderlich wie die Sonne jetzt und immer leuchtet und geleuchtet hat, eben ſo unveränderlich hat die Liebe unſere Väter belebt, ſo gut wie uns. Wir leben in einer blutigen Zeit, aber was iſt es noch mehr? Heute rast der Sturm durch die Welt, morgen durch⸗ ſäuſelt ſie ein Hauch von Weſten. Der eine muß ſein, inſofern der andere ſich vorfinden ſoll. Recht hat kei⸗ ner. Der Kampf ſelbſt iſt das einzige Naturgeſetz, aus welchem das Rechte erwächst. Die Kämpfenden blei⸗ ben alſo bloß bei Anweiſungen auf das Rechte ſtehen, und wenn dieſe Stelle, mit dem Sehrohr des Egoismus betrachtet, unbedeutend iſt, ſo iſt ſie in der Wahrheit ſelbſt gleichwohl nicht zu unbedeutend, um ein Weg⸗ weiſer in der ewigen Arbeit der Vorſehung zu ſein. Glauben Sie mir, General, nur wenn wir lieben, wiſſen wir das Rechte. Acton betrachtete Armfelt mit einem feſten und ruhigen Blick, während er ſich ausſprach. Wiljams, der am Fenſter ſtehen geblieben war, hörte ihn auf⸗ merkſam an. Er wußte nicht recht, ob er Armfelt ver⸗ ſtand oder ob er auf ſeine Sätze eingehen ſollte, aber inzwiſchen wirkten ſie auf ihn mehr als die Aeußerun⸗ gen Acton's. — Sie glauben alſo an keinen Zufall, Herr Ba⸗ ron? ſagte Acton, nachdem Armfelt geendet hatte, ſon⸗ dern glauben, daß Alles, was geſchehe, vernünftig ſei. — Allerdings, General. Alles hat ein Recht, ſo lange zu gelten, als es gelten kann. Acton heftete noch einmal einen aufmerkſamen Blick auf ihn. — Dann, Herr Baron, billigen Sie vermuthlich auch die Handlungsweiſe der ſchwediſchen Regierung gegen Sie ſelbſt. Armfelt fuhr mit der Hand über die Stirne, gleich als beſänne er ſich einen Augenblick, ob er dieß zu⸗ geſtehen ſolle. — Warum nicht? begann er jedoch bald wieder. Die ſchwediſche Regierung will mich ſtürzen; ich habe ſte auch ſtürzen wollen, und wir haben Beide Recht. Aus unſerm gegenſeitigen Kampfe wird bloß eine beſſere Regierung entſtehen. — Sie nehmen die Sache kalt, Baron. — Sagen Sie ruhig, General. — Nun wohl, Baron, ich habe den Auftrag er⸗ halten, in Betreff Ihrer Stellung zu Ihrem Hofe mit Ihnen zu ſprechen. Sie ſind ein ungewöhnlicher Mann, Herr Baron. Sie haben nicht bloß tief in die politi⸗ ſchen Verhältniſſe unſerer Zeit geblickt, ſondern auch in 71 das Menſchenherz, dieſe innerſte Triebfeder aller äuße⸗ ren Bewegungen. In Ihrem Geiſt beſitzen Sie eine allezeit neu ſchaffende Kraft, in Ihrem Charakter eine ſichere Stütze, in Ihrem Muth und Ihrer Beſcheiden⸗ heit unerſchöpfliche Hülfsquellen. Sie ſind ein Mann, ſo wie ihn die Zeit bedarf. Und ſo wie Sie ſind und überall mit Ihrer eigenen Ueberzeugung hervortreten, müſſen Sie allerdings viele Feinde haben, aber auch Freunde. Hier in Neapel beſitzen Sie mehrere Per⸗ ſonen, die Sie hochſchätzen. Mein König und meine Königin, ich freue mich, Ihnen das ſagen zu dürfen, find Ihre aufrichtigen Freunde, und ich erſuche Sie, Herr Baron, auch mich als Ihren Freund betrachten zu dürfen. Armfelt hörte Acton aufmerſam an, ohne ihn zu unterbrechen. — Ich habe, wie Sie bereits wiſſen dürften, Nach⸗ richt erhalten, daß ein ſchwediſches Kriegsſchiff unter dem Commando eines Barons Palmanit morgen in unſerm Hafen erwartet wird, und obſchon es eigentlich ein Geheimniß bleiben ſollte, ſo wiſſen wir doch auch, daß der Capitän Befehl hat, ſich Ihrer Perſon zu be⸗ mächtigen und Sie nach Schweden zurückzubringen. — Auch ich habe dieſe Nachricht erhalten. — Man beſchuldigt Sie, an der Spitze einer Ver⸗ ſchwörung gegen den Herzog Regenten und die derma⸗ lige Regierung zu ſtehen, ſo wie alle Fäden des Com⸗ plotts in Ihren Händen zu halten. Aus ſämmtlichen Journalen wird dieſe Anklage bald genug auf allen Seiten Europa's wiederhallen. Mehrere dieſer ſogenann⸗ ten Mitverſchwörer ſind bereits in Stockholm verhaftet. Eine junge Dame, ein Fräulein Rudenſköld, ſoll im höchſten Grad compromittirt ſein. Piraneſi hat über⸗ dieß bereits die Creditive als Miniſter empfangen, und in der That ſelbſt... — Bin ich, ſiel Armfelt ein, jetzt auf nichts re⸗ dueirt. — Sie haben Recht, Baron, man hat Ihnen Ihren öffentlichen Charakter genommen. Armfelt ſchien dabei immer aufgeregter zu werden. Seine Bruſt hob ſich hoch, ſeine Stirne lep tiefere Furchen, und das Auge ſchoß immer hellere Blitze. Die Anſchuldigungen ſchmerzten ihn, und er hatte nicht die Kraft, ſeinen Schmerz zu beherrſchen. Acton ſah ſeine Bewegung und beobachtete ein ehrerbietiges Schweigen. — Ich ein Verbrecher! begann Armfelt nach einer Weile wieder. Wenn ich ein Verbrecher bin, ſo beſteht mein Verbrechen darin, daß ich einen geliebten, un⸗ glücklichen König immer beweint, daß ich ſein Andenken pflegte, einen unbefleckten Thron und dem hohen Geiſt ſeines Vaters belebten Staat erhalten wollte. durmfelt hielt hier inne und blickte nicht ohne Stolz m ſich. — Man beſchuldigt mich des Reichsverraths, fuhr er wieder fort, aber wenn auf der einen Seite meine Grund⸗ 1 G heiten und meine eigenen Intereſſen auf's Genaueſte damit übereinſtimmen, ſo, daß es eine offenbare Narrheit von mir geweſen wäre, zu conſpiriren, wer wird dann wohl glauben, daß ich mich G&=SAℳ— 73 nes ſind, wenn ſie ſich zu den königsmörderiſchen Lehren bekennen, als deren Opfer Guſtav III fiel, wenn ſie ſo⸗ gar offenbar oder wenigſtens durch einen zweideutigen Wankelmuth dieſe Lehren beſchützen; wenn endlich all' die Leidenſchaften, welche die Menſchen aufregen, Haß, Ehrgeiz und Eigennutz dem Charakter der gegenwärtigen Regierung einverleibt ſind.— Wer? frage ich, wird dann nicht die wahren Motive einſehen, welche dieſe Regie⸗ rung zu ihren Beſchuldigungen gegen mich hat? Einige wenige Worte über mein Leben zeichnen auch meinen Charakter als politiſche Perſönlichkeit. Ich wurde von der ausgezeichnetſten königlichen Gunſt umfaßt. Als ich von meinen erſten Jugendreiſen zurückkehrte, wurde ich als Cavalier bei der Kronprinzeſſin angeſtellt; bald darauf ernannte mich der König zu ſeinem erſten Kam⸗ merherrn, wobei ich zugleich den Platz bei ſeinem Sohn behielt, aber der Krieg, der jetzt ausbrach, geſtattete mir nicht, unthätig zu bleiben, und ich marſchirte mit mei⸗ erhielt den Oberbefehl über eine Abtheilung der Armee; dabei bekam ich Gelegenheit, für meinen König und mein Vaterland mein Blut zu opfern, und ich er⸗ hielt eine ſchwere Wunde, deren Folgen mich in's Grab begleiten werden. Unfähig, mein Commando beizube⸗ halten, wurde ich vom König dazu ernannt, die Frie⸗ densunterhandlungen zu leiten, die jetzt eröffnet wurden. ieß gelang mir auch und ich gewann einen Frieden, der unſere Hoffnungen überſtieg. Mein König hatte bereits eingeſehen, daß eine bleibende Allianz mit dem ſowohl durch ſeine Macht als ſein Genie größten Sou⸗ verain der Erde ſeinem Lande Frieden bereiten und all' die in Parteien zerſplitterten Intereſſen innerhalb des Reichs wieder vereinigen würde, und in Folge deß er⸗ nannte er mich zu einem der Commiſſäre, denen dieſes große Geſchäft übertragen wurde. Die Allianz wurde abgeſchloſſen. Der König, der jetzt gegen alle Gefahr von Außen geſichert war, richtete von dieſem Augenblick an alle ſeine Gedanken auf die Förderung des Glückes ſeiner Unterthanen. Die in Gefle verſammelten Stände unterſtützten ſeine Abſichten, und man beſchäftigte ſich jetzt damit, die Finanzen wieder herzuſtellen und der Miordunna in der Verwaltung zu ſteuern. Der Vor⸗ ſchlag, welchen der König in Betreff der erheirathung ſeines Sohnes machte, wurde mit allgemeinem Beifa aufgenommen, und die Prieſterſchaft zeichnete ſich bei dieſer Gelegenheit durch einen Geiſt der Duldung und Liebe zum allgemeinen Beſten aus, den man nicht genug rühmen kann. Juſt während die Angelegenheiten des Reichs ſich ſo entwickelten und der König voll von glän⸗ zenden Hoffnungen nach der Hauptſtadt zurückkehrte, geſchah es, daß der mörderiſche Schuß gleich einem Vor⸗ boten der jetzt herrſchenden vormundſchaftlichen Regie⸗ rung ihn traf und Schweden den beſten der Könige, Europa einen ſeiner größten Geiſter raubte. Ich empfing den letzten Seufzer meines unglücklichen Königs; er war im Tode wie im Leben groß und edelmüthig geweſen, und mein Schmerz würde, wenn es möglich geweſen wäre, durch den letzten Beweis von Wohlwollen, den ich empfing, noch erhöht worden ſein, als er mir ſeinen Sohn anvertraute und mich in ſeine eigenen Hände ſchwören ließ, dieſen Sohn niemals zu verlaſſen, wobei er mich, damit ich Gelegenheit hätte, den Unmündigen zu warnen, zum Oberſtatthalter von Stockholm ernannte. Der König ſtarb und mein Glück mit ihm. 2 Armfelt verſtummte hier, und eine Thräne, der ſchönſte Schmuck in der Dornenkrone eines Königs, ſchwamm in ſeinen Augen, aber die Thräne verdunkelte ſeinen Blick nicht. Mit prismatiſchem Glanz brach das Gefühl vor und der Blick ſtrahlte klarer als zuvor. — Ich will Ihnen, General, fuhr Armfelt von Neuem fort, in einigen flüchtigen, kurzen Zügen mein Leben zeichnen, damit Sie in den Stand geſest ſind, mich zu beurtheilen; ich thue das, weil das Ürtheil jedes redlichen Mannes mir theuer iſt, und weil ich Ihnen, wie Ihrem Hof, für die mir bewieſene Freundſchaft Dank ſchulde. — Der König, fuhr er fort, hatte kaum ſeine Augen geſchloſſen, als das Volk von allen Seiten her mit lauter Stimme ſein Mißvergnügen zu erkennen gab, und der Hof fürchtete, die Wuth des Volkes gegen die Mörder des Königs oder Diejenigen, die der gehei⸗ men Theilnahme an dieſem Verbrechen verdächtig ſchie⸗ nen, möchte einen allgemeinen Umſturz verurſachen. An wen wandte man ſich in dieſem mißlichen Augenblick? An meine Treue. Ich erfüllte auch meine Pflicht, und der Auflauf legte ſich. Ein Anhang zum Teſtament des Königs, von ihm ſelbſt noch an ſeinem Todestag unterzeichnet, ſetzte feſt, daß ein Regentſchaftsrath ſich mit dem Herzog Regenten in die Verwaltung theilen ſolle, und er ernannte mich zum Mitglied dieſes Rathes. Den Herzog kränkte das Mißtrauen, das in dieſer Be⸗ ſtimmung ſich gegen ihn auszuſprechen ſchien, und da ich an die Redlichkeit ſeiner Abſichten glaubte, wie auch die Nothwendigkeit einer Einheit in der Regierung ein⸗ ſah, ſo beſchloß ich nebſt meinen Collegen, die Macht ungetheilt ſeinen Händen zu überlaſſen. Dadurch ge⸗ rührt, ſetzte der Herzog von freien Stücken ein Doku⸗ ment auf, kraft deſſen er die fünf, vom Könige dazu ernannten Männer im Regentſchaftsrath beibehielt. Die Sachen nahmen jetzt wieder ihren gewöhnlichen Gang, aber der junge König, der gleichwohl ſchon zur Zeit ſeines Vaters Zutritt in den Rathsſaal gehabt hatte, erhielt dieſen nicht mehr, Ich machte dem Herzog meine Bemerkungen darüber, aber vergebens. Bald darauf erſchien ein Mann am Hof, der früher der Günſtling des Regenten geweſen war, den aber der König aus politiſchen und moraliſchen Gründen aus Schweden ent⸗ fernt hatte. Armfelt's Geſicht bekam einen immer feindſeligeren Ausdruck, als er von Reuterholm ſprach, deſſen Verfol⸗ gungen ſo tief in ſein Leben eingriffen. 3 — Dieſer Mann, fuhr er nach einem Augenblick fort, iſt voll von Haß und Rache gegen alle Anhänger Guſtav's, und damit verbindet er einen unrrſättlichen Ehrgeiz, ſowie ein maßloſes Vertrauen auf ſeine eigenen Talente; er iſt ein Geiſterſeher, ein Heuchler und ein Taſchenſpieler. Nach ſeiner Rückkehr von einer Reiſe, auf welcher er ſich hauptſächlich in Paris aufgehalten hatte, wurde er von der blinden Freundſchaft des Her⸗ zogs an die Spitze der Geſchäfte geſtellt. Die Folge davon war eine gänzliche Veränderung des früheren Regierungsſyſtems. Ich wurde vorzugsweiſe ein Gegen⸗ ſtand ſeines Haſſes. Hier beginnt auch meine Unzufrie⸗ denheit, und mein Mißvergnügen hielt gleichen Schritt mit den gehäſſigen Verfolgungen meines Feindes. Die Zeit verging. Ich will mich nicht auf die Beweiſe von all' den kleinlichen Chikanen einlaſſen, die man gegen mich ſpielte. Auf den Rath meiner Freunde beſchloß ich, das Vaterland auf einige Zeit zu verlaſſen, was auch meine Geſundheitsumſtände nöthig machten. Ich hoffte durch dieſe Reiſe mehreren politiſchen Unannehm⸗ lichkeiten zuvorzukommen, zumal da ich mich auf dem Schauplatz der Intriguen ſelbſt, unmöglich ganz ſtill hätte verhalten können. Ich erhielt Urlaub und reiste. Aber kaum hatte ich die Grenze des Reichs überſchritten, ſo wurde auch ſchon das Signal zum Angriff gegeben, und alle Ränke wurden gegen mich in Bewegung ge⸗ ſetzt. Nach vierwöchiger Abweſenheit verlangte man von mir, ich ſolle meine Entlaſſung als Oberſtatthalter ein⸗ reichen. Ich weigerte mich und erwiederte, daß ich mich & Eeo Sco SS= ͤAõ——— 77 nie entſchließen könnte, leichtſinnig von einem Amte abzu⸗ treten, deſſen Uebertragung der letzte undlausgezeichnetſte Beweis der Gunſt meines früheren Herrn geweſen ſei. Nun ſetzte man alle Formen bei Seite, erklärte gleichwohl das Amt als erledigt und jagte ohne Schonung meine Frau und meine Kinder aus dem Oberſtatthalterhotel, ohne ihnen das geſetzliche Recht zu gut kommen zu laſ⸗ ſen, das die Familie jedes verabſchiedeten oder geſtor⸗ benen Beamten beſitzt, die Wohnung noch ſechs Monate zu behalten. Mich ſchickte man als Geſandten nach Italien, ein Poſten, den ich, ſo ehrenvoll er ſonſt ſein mag, in Betracht deſſen, was ich verloren habe, doch bloß als eine Landesverweiſung anſehen kann. Es fehlt mir an Worten, um all' die beleidigenden Stänkereien auszudrücken, die man mir machte. Meine Depeſchen, mein Benehmen, Alles wurde getadelt, und zu gleicher Zeit verfolgte man meine Freunde, ſowie alle Diejeni⸗ gen, die mir jemals einige Anhänglichkeit gezeigt hatten. der Haß fiel mich von allen Seiten an, die Wuth ſchien keine Ruhe zu finden, bevor ich gänzlich aus dem Weg geſchafft wäre, und in dieſem Augenblick hat man das Werk dadurch gekrönt, daß man mich als das Haupt einer verbrecheriſchen Verſchwörung erklärte. Das Gefühl erlittenen Unrechts drückte ſich ſprechend in der Art aus, wie Armfelt ſeinen Empfindungen Luft ſchaffte. Seine Stimme war bald ſanft und rührend, bald kräftig und erſchütternd, je nachdem der Gegenſtand es mit ſich führte. Sein ganzes Weſen zeugte von un⸗ verkennbarer Aufrichtigkeit und innigem Schmerz. — CEs bleibt jedoch, fuhr er fort, immer eine un⸗ beſtreitbare Wahrheit, daß die Anſchuldigung gegen mich mehr auf Vorausſetzungen als auf wirkliche Beweiſe deneidet iſt. Ich will offen, aber ſo kurz als möglich owohl die einen als die andern beſprechen. Er ſchwieg einen Augenblick und ließ ſeine Gedan⸗ ken über die vielerlei Gegenſtände hinſchweifen, die er zu berühren hatte. — um mich in den Augen Europa's zum Ver⸗ brecher zu ſtempeln, war es nothwendig, mir zuerſt mit Inſinuationen und dann mit offenen Anſchuldigungen zu Leibe zu gehen; man hat nichts unterlaſſen und man iſt mit bewährter jeſuitiſcher Meiſterſchaft zu Werke ge⸗ gangen. Die Zeitungspreſſe in Hamburg gab ſich bereit⸗ willig zum Organ der ſchändlichen Kabale her. Von da aus datirte ſich die erſte Anklage, daß ich in meiner Rachſucht zu den Jacobinern übergegangen ſei, für deren geborenen Feind ich mich erklären kann. Man breitete aus, in Stockholm ſeien zwei Klubs, der eine aus Ja⸗ cobinern und der andere aus Royaliſten beſtehend, und trotz ihrer ſcheinbaren Verſchiedenheit hätten ſie ſich zu einem Plane vereinigt, die Stadt in Brand zu ſtecken, die daraus entſtehende allgemeine Verwirrung zum Sturz des Regenten und ſeines Günſtlings zu benützen, ſodann den König als mündig zu erklären und hernach auch ihn wieder zu ſtürzen, und zuletzt ſich ſelbſt in den Beſitz der ganzen Macht zu bringen und eine Volksre⸗ gierung zu bilden. Herr Lagerſchwerdt, Geſchäftsträger und mein Geſandtſchaftsſecretär, erhielt zu gleicher Zeit Befehl bei verſchiedenen Höfen, wo ich accreditirt war, unter der Hand zu verſtehen zu geben, daß man mich in dieſe Verſchwörung verwickelt gefunden habe. Aber damit ließ man es nicht bewenden. Man behauptete ferner, daß ich mit einem gewiſſen Signeul, dem Pa⸗ riſer Agenten und Seeretär des Barons Staöl, ſchwe⸗ diſchen Miniſters bei den franzöſiſchen Revolutionären, in Verbindung ſtehe, und durch dieſe heimtückiſche An⸗ ſchuldigung erreichte man den doppelten Zweck, mich in eine gewiſſe Abhängigkeit von meinen Todfeinden zu bringen und einen Schatten auf meine Chre zu werfen. Aber in Wahrheit, ich weiß nicht, ob ich mich mehr über die Armſeligkeit dieſer niedrigen Intrigue oder über die Ungeſchicklichkeit ihrer Ausführung verwundern ſoll. Armfelt athmete tief auf, während er einen Gang durch das Zimmer machte. Acton ſah, wie er litt und ͤͤGSSEͤSͤSeASe—, li 2— 79 Wiljams empfand für ihn eine Theilnahme, die ſeine junge Seele lebhaft erwärmte. 4 3 1 Während Armfelt ſprach, kam die ganze Ritterlich⸗ keit ſeines Charakters zum Vorſchein. Sein Vortrag war keine diplomatiſch berechnete Sylbenſtecherei, ſondern ſeine Worte kamen unmittelbar aus ſeinem Herzen und trugen das Gepräge des innig⸗ ſten Gefühls. 3 Offen und unverholen beſprach er alle Anſchul⸗ digungen ſeiner Gegner, gleich als wäre es ihm ein tißſes Bedürfniß, ihnen das Weiße im Auge zu be⸗ eehen.. Während er ſprach, glich er einem Krieger, der vor der Front der Armee ſein Banner entwickelt und ſich zu einem muthigen Angriff gegen ſeine Feinde in Be⸗ reitſchaft ſetzt. — Man ſprengt aus, fuhr er nach einer Weile fort, daß meine Correſpondenz mit Fräulein Rudenſköld mein Verbrechen beweiſe. Ich berufe mich gerade auf dieſe Correſpondenz inſofern ſie nicht unterſchoben iſt. Man wird allerdings viele Ausdrücke eines lebhaften Mißwergns ens finden, aber man wird auch finden, daß alle dieſe Briefe das Gepräge meines Abſcheus vor Re⸗ volutionen tragen. Sind die Briefe nicht verfälſcht, ſo werden ſie am allerbeſten meinen Eifer für meinen Kö⸗ nig und mein Vaterland beweiſen. Brauchte ich wohl die beſtehende Ordnung umzuſtürzen, um zu beweiſen, wie unnational und unverantwortlich Reuterholm's Re⸗ gierungsmaßregeln waren? Und welche Wünſche, welchen Ehrgeiz man mir auch zur Laſt legen mag, ſo wäre es doch offenbar einfältig von mir, für ein unſicheres po⸗ litiſches Hazardſpiel meine koſtbarſten Intereſſen, meine hre, meine Sicherheit und meine Stellung in der Ge⸗ ſellſchaft bloßzuſtellen. Der Kampf zwiſchen mir und Reuterholm iſt ein Kampf, der außerhalb der geſell⸗ ſchaftlichen Ordnung geführt wird. Derjenige von uns, der den Andern ſtürzen will, bin nicht ich, ſondern er iſt es. Ich beſitze eine Zukunft, wenn die vormundſchaft⸗ liche Regierung aufhört; und dieſe geht in wenigen Jahren zu Ende. Ich kann warten. Er dagegen beſitzt keine Zukunft, weil er ſeine Macht auf eine ſolche Art gebraucht hat, daß er fallen muß, ſobald Guſtav Iy in ſeine königlichen Rechte eintritt. Er hätte alſo weit mehr Gründe als ich, um die Entwicklung der Ereig⸗ niſſe in ihrem ruhigen Gange zu ſtören. Mit Beküm⸗ merniß ſieht er auch die Zeit herannahen, wo ſeine Macht aufhören wird, und er muß um jeden Preis einen Mann und eine Partei, von denen er ſich durch⸗ ſchaut weiß, auf die Seite zu ſchaffen ſuchen. Gegen mich und meine Freunde hat man alſo alle moglichen Mittel angewandt, um uns für immer zu entwaffnen und zum Schweigen zu bringen. Nachdem man mich eines Majeſtätsverbrechens angeklagt, hat man mich mit Heimtücke aller Art umſtellt. Die Kabale ſchleicht ſich in die Spuren meiner Tritte. Ueberall bedroht ſie mich, und ich wage kaum noch an meine nächſte Umgebung zu glauben. Man ſagt, ich ſei eines Staatsverbrechens ſchuldig, aber wie kann man das wagen? ſchon mit der Anſchuldigung richtet man über mich, ehe nur eine Unterſuchung ſtattgefunden hat. Man tritt das Geſetz mit Füßen, gleich als fürchtete man, daß ich mit ſeiner Hülfe unnahbar ſein könnte. Mit aller Macht iſt man nicht bloß grauſam, ſondern neben der Grauſamkeit auch feig. Möge man mir es verzeihen, wenn ich zornig bin. Ich kann es nicht vergeſſen, daß man denſelben Zeitpunkt, wo man die Mehrzahl derjenigen begnadigt, die in die Ermordung Guſtav's III verwickelt waren, u einer abſcheulichen lügenhaften Anklage gegen einen einen getreueſten Diener benützt. — Laſſen Sie mich noch einige Worte hinzufügen. — Ich bin überzeugt, daß man mich nicht deßhalb angeklagt hat, weil ich wirklich ein Verbrecher bin⸗ ſondern bloß weil es Leute gibt, die ihren Vortheil da⸗ bei finden würden, wenn ich es wäre. Dieſe Thatſache -= Srede—- Sͤ——— d-üEͤ —2- 81 läßt ſich am Beſten daraus beweiſen, daß man Gewalt gegen mich gebraucht hat, ehe man Kenntniß von mei⸗ nem Verbrechen hatte. Ich habe bereits von Verfol⸗ gungen geſprochen. Aber nicht genug damit, alle Zei⸗ tungsnachrichten und alle Briefe, die uns bisher zu⸗ gekommen ſind, melden, daß die Verſchwörung am 17. Dezember entdeckt worden ſei, an demſelben Tag, wo, wie wir jetzt wiſſen, meine Freunde in Stockholm verhaftet wurden, nichtsdeſtoweniger iſt das Schreiben des Herzogs Regenten an den Neapolitaniſchen Hof, worin er um meine Verhaftung bittet, ſo viel wir be⸗ reits ausgemittelt haben, vom 5. Dezember datirt. Dieſer auffallende Widerſpruch beweist nicht bloß die Ungeſchicklichkeit, ſondern auch die ganze rechtliche Ge⸗ haltloſigkeit der Maßregel. Aber man hat meinen Unter⸗ gang geſchworen, und man hat, um ſeinen Zweck zu erreichen, eine Abgeſchmacktheit zur andern gefügt, bis man zuletzt noch die Anklage erhob, daß ich tief unten in Italien, in einer eine Verſchwörung in Stockholm leite. So wie ich die Sache anſehe, verletzt ſie alles ruhig prüfende Urtheil. Es iſt klar, daß ich kein Verbrecher zu ſein brauchte, die Anhänger dieſer Prinzipien ſich der Geſchäfte be⸗ mächtigt, Guſtay's letzten Willen bei Seite geſetzt, ſeinen Sohn von der Regierung ausgeſchloſſen, die eingreifend⸗ ränd vorgenommen, Beamte abgeſetzt, ebenſo köſtliche als unnöthige Aemter wieder geſchaffen, in allen Zweigen neue Anordnungen eingeiühri, unkluge 82 und für den Staatshaushalt gefährliche Maaßregeln er⸗ griffen, verdächtige Bewegungen veranlaßt, die Ver⸗ räther der früheren Regierung mit Wohlthaten und Ehren überhäuft, die treuen Anhänger derſelben aber verfolgt haben. Noch mehr. Ich habe Guſtav's Mör⸗ der Verzeihung, ja beinahe ſogar Belohnung erhalten ſehen, ohne daß man ſich auch nur die Mühe nahm, bei Ausübung dieſer erſtaunlichen Milde den Scandal einigermaßen zu bemänteln, ohne daß man ſich ſcheute, die Redlichkeit und Gerechtigkeit des Regenten dadurch auf's Spiel zu ſetzen, daß man ihn andeuten ließ Guſtav habe ſeinen Mördern verziehen, obſchon die⸗ jenigen, die ihn bis zu ſeinem letzten Augenblick um⸗ gaben, bezeugen können, daß er ſich beharrlich weigerte, von ſeinem Mord nur zu ſprechen; ohne daß man, wenn Blut geſchont werden ſollte, ſich die Mühe nahm, dieſe falſche Mildherzigkeit mit den gewöhnlichen Phraſen ein⸗ zuhüllen, in welche die Neuerer ihre Verbrechen zu hüllen pflegen. Wie konnte ich wohl ohne Schmerz und eifriges Verlangen nach Oppoſition zuſehen, daß die Grundfeſten des Thrones von ſo ungeſchickten und zu⸗ gleich von ſo verbrecheriſchen Händen erſchüttert wurden, daß die Regierungsprinzipien, die einmal angenommen waren und ehrlich feſtgehalten werden mußten, um als das heiligſte Erbe auf den Sohn überzugehen, auf eine für Guſtav's Gedächtniß brandmarkende Art verworfen wurden; daß, nachdem er der Erſte geweſen, der Europa's Aufmerkſamkeit auf die Gefahren der Grundſätze gelenkt hatte, welche die Welt über den Haufen zu werfen drohen, juſt dieſe Grundſätze in meinem Vaterland immer tiefere Wurzel ſchlagen, wie konnte ich ruhig zuſehen, daß dieſe Neuerer das Schickſal des Staats ſowie das Leben des Königs in ihren Händen hatten und aus⸗ ſchließlich das Vertrauen des Regenten beſaßen? Ohne Verbrecher zu ſein, konnte ich bei dem Auftrag, den ich von dem ſterbenden Monarchen erhielt, dieſes Alles nicht mit gekreuzten Armen anſehen. Ich habe dieß auch + Z=EReE NA SSSOS ℳ-—-DõC ͤͤͤ 83 nicht gethan, ſondern in Uebereinſtimmung mit meinen Anſichten gehandelt; aber bin ich deßhalb ein Reichs⸗ verräther, habe ich deßhalb ein Majeſtätsverbrechen be⸗ angen, oder habe ich die von den Geſetzen feſtgeſtellte Prun umſtürzen gewollt? Ich wollte im Gegentheil dieſe Ordnung ſchützen. Armfelt ſprach mit einem Ausdruck und einer Wärme, die ſeine beiden Zuhörer hinriſſen. — Aber, fügte er nach einem neuen Gang durch das Zimmer hinzu, das Allerempörendſte habe ich noch nicht geſagt. Alle Briefe aus Schweden meldeten mir, daß feindſelige Anſchläge gegen die Perſon meines jungen Königs gemacht wurden, um unter allen Umſtänden ſeine Regierung unmöglich zu machen. Nicht bloß die Briefe an mich erzählten davon, ſondern auch mehrere europäiſche Höfe erhielten Depeſchen deſſelben Inhalts von ihren Geſandtſchaften in Stockholm. Dadurch er⸗ ſchreckt, ſprach ich ſchon in Trier mit dem König von Preußen darüber, am ſelben Morgen, wo ſeine Armee nach Longvue marſchirte, und er antwortete mir:„Ich hoffe, daß für ſein Leben nichts zu befürchten ſteht, aber für ſeine Fähigkeit, um König zu werden, da wollte ich nicht wetten.“ Denken Sie ſich meinen Schrecken da⸗ rüber. von dieſem Augenblick an geſtattete mir mein Gewiſſen nicht mehr, unthätig und gleichgültig zu blei⸗ ben. Dazu kam noch Folgendes: Am erſten Januar des vorigen Jahres befand ich mich in Dresden. Der Kurfürſt fragte mich bei Hof, ob ich mit der heutigen Poſt Nachrichten aus Schweden erhalten hätte? Ich antwortete, meine Briefe ſeien noch nicht eingetroffen. Nun, fuhr der Kurfürſt fort, ſo will ich Ihnen ſagen, daß eine ärztliche Berathung über die moraliſchen und phyſiſchen Fähigkeiten Ihres jungen Königs ſtattgefun⸗ en hat, um zu ermitteln, ob er einſt im Stande ſein wird, zu regieren. Unter ſolchen Umſtänden konnte ich nicht länger ſchwanken. Ich mußte handeln, aber mit Ueberlegung und Verſtand. Meine Pflicht, meine Ehre, 6* —x— 84 mein Gewiſſen geboten mir das. Es war mir, als ob mein abgeſchiedener Freund und König es mir aus ſei⸗ nem Grabe zuriefe... Armfelt verſtummte hier plötzlich, und eine finſtere, düſtere Wolke zog ſich über ſeine Stirne. Eine weh⸗ müthige, ſchmerzliche Erinnerung ſchien ſich auf einmal ſeiner Gedanken zu bemächtigen, und unter fortgeſetztem Schweigen verſank er ſichtlich immer mehr in ſich ſelbſt. Arton begriff die Veranlaſſung zu dieſer ſo unver⸗ mutheten Veränderung nicht, blieb aber ebenfalls ſtill, um Armfelt's Gedankengang nicht zu ſtören. — Wenn ein Mann, der in den Gang der Welt⸗ ereigniſſe bedeutend eingegriffen hat, ſeinen Blick auf die Geſchichte ſeines Lebens zurückwirft, ſo wird er immer das eine oder andere ungelöste Räthſel finden, in deſſen Betrachtung der Gedanke ſich leicht vertieft, ſo daß er bald die Gegenwart darüber vergißt. — Wunderbar, begann Armfelt endlich auf’s Neue, indem er eigentlich mehr zu ſich ſelbſt als zu Acton ſprach, da kommt mir ein ſonderbarer Gedanke; während ich jetzt ein Gemälde meines Lebens aufrolle, tritt eine gewiſſe Perſon in einem ganz andern Schein, als worin ich ſie bisher betrachtet hatte, vor meine Augen. Bisher habe ich dieſen Mann bloß in ſeinen einzelnen Hand⸗ lungen geſehen, aber jetzt verſchmilzt er zu einer ganzen Geftalt in einer einzigen großen, eonſequent durchgeführ⸗ ten Handlung. Ich wollte von dieſem finſtern, uner⸗ klärlichen Mann im jetzigen Augenblick eigentlich nicht ſprechen, aber ich kann ihn nicht aus meinen Gedanken entfernen. Er drängt ſich wie ein ſchwarzer Schlag⸗ ſchatten an mich: Kurz bevor mich irgend ein großes Unglück traf, zeigte er ſich immer. Binige Zeit vor der Ermordung Guſtav's trat er zum erſten Mal am ſchwe⸗ diſchen Hofe auf. Mit mir kam er kurz nach meiner Abreiſe aus dem Vaterland in nähere Berührung: Unſer erſtes Zuſammentreffen war eine ſchreckliche Anklage gegen mich, das zweite war ein Duell. Ueberall, wohin meine —,— ttieft, Neue, leton rend eine vorin isher and⸗ anzen führ⸗ mner⸗ nicht nlen lag⸗ oßes der hwe⸗ iner nſer egen eine 8⁵ auch von andern Höfen erhalten, und gleichwohl habe ich ihn nicht zu ergründen vermocht. Er kam immer mit Hiobspoſten, immer mit ſchrecklichen Nachrichten. Ich weiß viel von ihm und dennoch nur wenig, allzu⸗ ſammenſtelle, ſehe ich das und dennoch... Während Armfelt ſprach, ging ſeine Rede immer mehr in einen Monolog über, bis er endlich verſtummte und ſein Geſicht in ſeine Hände legte, gleich als über⸗ ließe er ſich ſeinen eigenen Betrachtungen. — In Stockholm, in Wien, in Dresden, in Aachen, Florenz, in Rom, überall habe ich ihn getroffen. Und endlich jetzt auch in Neapel. Sollte wirklich ein großes unglü mich erwarten? Er prophezeite mir einmal... M... Acton verſtand Armfelt nicht, aber Wiljams glaubte um ſo beſſer zu begreifen, wen er meinte. — In Neapel? fragte jetzt Acton, von wem ſprechen t. „Sie, Baron? Ich verſtehe Sie nich „, Ich ſpreche von einem Mann, der ſich gewöhn⸗ lich Vincenz Pauletti nennt, obſchon... — Obſchon? Wiljams hatte geahnt, daß Vincenz es war, den Armfelt im Auge hatte;z aber als er den Namen hörte, fuhr er gleichwohl unwillkürlich zuſammen, wie wenn ein Dorn ihn geſtochen hätte. — Dieſer Name iſt mir unbekannt, bemerkte Acton. Und der Mann hält ſich gleichwohl jetzt in Neapel auf? 186 Armfelt antwortete nicht und Wiljams glaubte ihm nicht vorgreifen zu dürfen; ſtatt deſſen ſchien Armfelt ſich ſelbſt beherrſchen und mit einer entſchloſſenen Be⸗ wegung das Schattenbild aus ſeinen Gedanken ver⸗ ſcheuchen zu wollen. — Gleichviel, General, ſagte er. Vincenz wohnt jetzt in demſelben Hotel wie ich, und er hat Urſache, auf mich böſe zu ſein; aber ich hoffe, daß wir noch einmal gute Freunde werden. Laſſen Sie uns jetzt zu unſerem Gegenſtande zurückkehren. In Folge der Verhält⸗ niſſe, die ich Ihnen auseinandergeſetzt habe, glaubte ich eine Veränderung des Regierungsperſonals in Schweden durch die Umſtaͤnde auf's Dringendſte geboten. Der Zeitpunkt für eine ſolche Veränderung beruhte auf der weiteren Entwicklung dieſes abſcheulichen Regierungs⸗ ſyſtems. Wenn ein Land mißvergnügt iſt, ſo iſt die Regierung immer ſchwach. Dieſe Schwäche mußte ich abwarten, und wandte mich inzwiſchen an Rußland, um die erforderliche Stütze zu ſuchen. Mein Plan war Pan⸗ einfach und gründete ſich auf die Charaktere der Machthaber. Schweden, das ſchöne herrliche Schweden, iſt arm, obſchon reicher, als man geſtehen will. Der Glaube an ſeine Armuth hat nichtsdeſtoweniger manche falſche Vorſtellung eingegeben, daß das Land ſeine Be⸗ wohner nicht ernaͤhren könne, ohne daß man ſich ander⸗ wärts umſehen müſſe. Dieſe ebenſo unrichtige als un⸗ ehrliche Meinung hat Schwedens Grenzen dem abſcheu⸗ lichen Einfluß der Corruption geöffnet. Mit Schmerz muß ich dieſen für die Nationalehre erniedrigenden Um⸗ ſtand erwähnen, aber noch mehr... der Herzog Regent ſelbſt kann von der Einwirkung deſſelben auf ſeine Handlungen nicht freigeſprochen werden. Im Jahr 1789, als Guſtav mit dem Adel um die Herrſchaft kämpfte, und der Adel mit Vertrauen zu dem Herzog aufblickte und eine große That von ihm erwartete, eine That, welche die Macht des Thrones auf immer vernichten ſollte, in dieſem Augenblick erkaufte Guſtav ihn für 87 vierzigtauſend Reichsthaler. Der Herzog ſchwieg daher am 19. Februar, und obſchon nur einige wenige Per⸗ ſonen die Triebfedern kannten, ſo waren doch die Folgen ſo, wie Guſtav ſie wünſchte. Ich hatte deßhalb auch die Abſicht, mit dem Geld der Kaiſerin Catharina den Herzog zu erkaufen. Konnte er im Jahr 1789 tauſend Freunde verkaufen, ſo konnte er auch jetzt einen einzigen verkaufen. Hören Sie mich weiter an und urtheilen Sie dann. Die Kaiſerin war geneigt, für Schweden und ſeinen jungen König Alles zu thun, aber ſie wollte nicht durch Krieg und Gewalt eine Macht ſchwächen, deren Beibehaltung ſie wünſchte, und ſie hoffte den König durch eine Heirath mit ihrer Familie zu verbin⸗ den. Sie verlangte auch nie etwas, was das ſchwe⸗ diſche Nationalgefüͤhl beleidigen konnte. Sie zeigte hierin einen edlen und großartigen Charakter, aber ſie hielt es dennoch für unmöglich, mit Geld in vierundzwanzig Stunden etwas zu bewirken, was man mit zweijährigen Unterhandlungen nicht hatte ausrichten können. Sie kannte die Umſtände in Schweden und die Perſonen nicht. Aber Graf Stackelberg, der meine Angaben be⸗ ſtätigen könnte und wußte, daß mein Vorſchlag keine Unmöglichkeit enthielt, wollte gleichwohl aus altem per⸗ ſönlichen Haß gegen den Herzog Regenten feindſelige Mittel und beleidigende Schritte von Seiten Rußlands anwenden, z. B. eine ruſſiſche Flotte an unſeren Küſten aufſtellen. Ich ſuchte ihn zu widerlegen, und es gelang mir. Die Kaiſerin wies nämlich nicht bloß alle Inſi⸗ nuationen Stackelberg's, ſondern auch Sprengtporten's erneuten Vorſchlag in Betreff der Selbſtſtändigkeit Finn⸗ lands zurück. Aber die Miniſter der Kaiſerin ſchlugen einen andern Weg ein. Sie wollten die Regierungs⸗ form vom Jahr 1720 einführen und hofften dieß mit Geld bewerkſtelligen, wie auch durch beſtändige Wach⸗ erhaltung des Parteigeiſtes die Suprematie Rußlands für immer feſtſtellen zu können. Mit dieſem Vorſchlag konnte ich mich niemals befreunden. Nach meiner An⸗ — — ————— 88 ſicht iſt die Regierungsform von 1720 gefährlicher für Schweden als ſeine gegenwärtige Re ierung. Schweden vertraͤgt eine Vielherrſchaft nicht. Es bedarf der Ein⸗ heit und zwar einer kräftigen Einheit. Ich habe alſo die Anſicht der Miniſter bekämpft, und es iſt mir in ſo weit gelungen, daß man von allen Unterhandlungen darüber abſtand. Als ich den Abbé d'Heral und Herrn Vignes nach Petersburg ſchickte, that ich es, das wiſſen Sie ſelbſt, General, in der Abſicht, die wirklichen In⸗ tereſſen der nordiſchen Reiche in ihr rechtes Licht zu ſtellen und zu zeigen, auf welche Grundſätze ſie ſich fütin müſſen, um den politiſchen Verirrungen des Zeitgeiſtes vereint entgegenzuwirken. Meine Boten wurden ver⸗ haftet und verriethen mich. Gleichviel... ich wundere mich nicht darüber... vielleicht wird das die Kata⸗ ſtrophe beſchleunigen... entweder muß ich untergehen oder meine Feinde... wer weiß... auf dieſem Punkt ſtehen jetzt die Sachen. Armfelt ſenkte ſein Haupt, als wollte er ſich noch einmal beſinnen. — Herr General, fuhr er dann ſich wieder auf⸗ richtend fort, ich habe jetzt nichts mehr hinzuzufügen; ich habe Alles geſagt, und ich weiß nichts, was man mir zur Laſt legen kann. Will man mir etwa vor⸗ werfen, daß ich es gewagt habe, über die Angelegen⸗ heiten meines Vaterlandes nachzudenken? Das iſt mein Recht, denn ich bin Bürger dieſes Landes. Will man mir's übeldeuten, daß ich eine Partei für meine Ab⸗ ſichten zu gewinnen geſucht habe? Das iſt meine Pflicht, ich erfülle dadurch bloß den letzten Wunſch meines dahin⸗ geſchiedenen Königs, ein Verſprechen, das ich dem Thron gegeben habe. Kann man mir beweiſen, daß ich dabei gegen irgend eines der Fundamentalgeſetze Schwedens revolutionär verfahren habe? Unmöglich; denn ich habe zur Vertheidigung dieſer Geſetze beitragen wollen. Was kann man mir alſo vorwerfen? Man wirft mir vor, daß ich es gewagt habe, über eine wichtige innere An⸗ 898 elegenheit die ruſſiſche Regierung zu Rath zu ziehen, dddene will darin einen Reichsverrath finden. Ehe man urtheilt, möge man aber genauer die Beſchaffen⸗ heit der Frage unterſuchen, und man wird finden, daß ich in allen meinen Combinationen mit Rußland auf's Sorgſamſte die Intereſſen meines Vaterlandes gewahrt und nicht ein einziges preisgegeben habe. Hätte ich irgend eines verrathen wollen, ſo wäre die Sache ſchon längſt abgemacht. Aber dieſe Anklage erhebt man nicht, weil man Recht zu haben glaubt, ſondern bloß um den Nationalhaß des ſchwediſchen Volkes gegen mich zu richten und ſodann unter dem Deckmantel der gäh⸗ renden Antipathien gegen Rußland ungeſetzlich wider mich verfahren zu können.. Damit ſchloß Armfelt. 3 Das Blut war aus ſeinen Wangen gewichen, wäh⸗ rend er ſprach. Bleich, aber nichtsdeſtoweniger voll Kraft, ſtand er da, und der Strahl, der in ſeinem Auge itterte, bewies, daß ſein Gegenſtand ihn noch immer belebte. Es trat eine kurze Pauſe ein. Acton war Staatsmann. Er ließ ſich nicht ſo leicht hinreißen, fühlte ſich aber dennoch von dem aufrichtigen und überzeugenden Vortrag Armfelt's tief ergriffen. Wiljams dagegen war jung und warm; er fühlte ſich enthuſiaſtiſch angeregt von dem, was er gehört hatte. — Ich finde Ihre Erklärung genügend, Baron, ich werde ſie meinem Könige getreu mittheilen und kann Sie verſichern, daß Sie von unſerem Hof aus all den Schu erwarten dürfen, den die Umſtände nöthig machen önnen. — Schutz? wiederholte Armfelt, indem er ſich in ſeiner ganzen Höhe aufrichtete; Herr General, ich habe von Ihrem Hofe noch keinen Schutz begehrt. Acton konnte ſeine Verwunderung nicht unterdrücken. — Wenn es mir gelungen iſt, mich deutlich zu erklären, Herr General, ſo muß ich auch meine Unſchuld 90 bewieſen haben; wenn ich vollkommen klar einſehe, wie weit ein frecher Haß ſeine Verfolgungen gegen mich gerne treiben möchte, ſo glaube ich dennoch zur Ehre meines Landes ſagen zu dürfen, daß ich mich getroſt unter den Schutz ſeiner Geſetze ſtellen kann. — Und Sie glauben auch den nöthigen Schutz von ihnen zu finden? — Ich wage es zu hoffen, General. Das ſchwe⸗ diſche Volk ſteht in Bezug auf Moralität keinem andern nach, und die öffentliche Meinung wird mich wie mit tinem unſichtharen, aber nichtsdeſtoweniger ſtarken Schilde umgeben. — Sie täuſchen ſich, Baron, nicht über die Mora⸗ lität des Volkes, ſondern in Betreff der Rückſicht, die Ihre Feinde darauf nehmen werden. Sie machen ſich Illuſionen. Stoßen Sie die Hand nicht zurück, die wir Ihnen hier reichen wollen; um vollkommen aufrichtig zu ſein, ich habe von meinem König den Befehl, ſie hnen zu reichen. General, begann Armfelt von Neuem, wenn Sie eine Schlacht lieferten und der Schwächere wären, wür⸗ den Sie wohl, wenn der entſcheidende Augenblick des Kampfes nahte, fliehen? — Ueberſpannte Ideen. Ich würde nicht fliehen ... nein.. aber ich würde mich zurückziehen, und war nicht bloß um meiner ſelbſt, ſondern um meiner Müttämpfer willen. Folgen auch Sie dem Gebot der Klugheit, Baron. Sie wiſſen, daß man ſchon ſeit meh⸗ reren Monaten Gelegenheit geſucht hat, gewaltſame Ab⸗ ſichten auszuführen, und obſchon es uns noch nicht ge⸗ lungen iſt, die bezahlten Handlanger zu entdecken und zu ergreifen, ſo kommen wir ihnen doch täglich immer näher auf die Spur, und will's Gott, ſo ſollen ſie bald erfahren, daß auch Neapel eine Polizei beſitzt. Ich habe heute einen Bericht erhalten, daß drei, in Rom gedun⸗ gene Meuchelmörder, worunter zwei Brüder Mori, ſich auf dem Weg hieher befinden und ungefähr jetzt um 91 dieſe Zeit in die Stadt kommen werden. Man wird ſie nicht aus dem Auge laſſen. Auf der Poſt hat man mehrere Briefe aufgefangen, die hier auf dem Tiſch lie⸗ een. Sie können ſie ſehen, Baron; ſie ſind theils von iraneſi, theils auch von einem gewiſſen Zamparelli. Armfelt war gerade vor Acton ſtehen geblieben. Als er den Namen Zamparelli hörte, ſchien er über⸗ raſcht und wiederholte ihn unwillkürlich. Auch in Wiljams' Geſicht zeigte ſich ein Ausdruck, der von zunehmender Aufmerkſamkeit und geſteigertem Intereſſe Wugie — Warum dieſe Verwunderung? fragte Acton, deſſen Blick die haſtige Bewegung Armfelts nicht entging. — Fahren Sie fort, General, fahren Sie fort, was ſchreibt Zamparelli? — Seine Briefe enthalten Berichte an Piraneſi; er ſchreibt, daß Sie, Baron, jetzt in ihren eigenen Netzen gefangen ſeien, daß ſie unbedingt entweder als Gefan⸗ eener in ihre Hände fallen oder von ihren Dolchen eerben müſſen. Er erzählt, daß Ihre Dienerſchaft beſto⸗ chen ſei, daß er, Zamparelli, in demſelben Haus mit Ihnen wohne, Ihre Zimmer beſuche und ſelbſt Ihre Briefe copire, ſobald Sie ſich entfernt haben. Er ſagt, er billige den Plan der ſchwediſchen Regierung, das ſchwediſche Kriegsſchiff während der Carnevalstage bei Neapel anlegen zu laſſen, weil man da unter dem Schutz der Masken am Leichteſten über Sie verfügen könne; er erzählt ferner, daß er Sie mit ſeiner Spionage durch ganz Curopa verfolgt habe, Land um Land, Hof um Hof, und daß Sie in Neapel nicht einen einzigen Schritt thun können, ohne daß ein Spion an Ihrer Seite ſtehe; ja noch mehr, er gibt zu verſtehen, daß er auch wiſſe, was unſere Regierung thue, daß alle, ſelbſt die un⸗ bedeutendſten Maßregeln, die ich ſelbſt ergreife, ſogleich an ihn rapportirt werden. Mit einem Wort, Baron, dieſer Zamparelli gibt ſich für allwiſſend aus und er erzählt auch in Wahrheit Vorfälle der geheimnißvollſten Natur, — ———— Vorfälle, von denen ich glaubte, daß ſie bereits in mei⸗ nem Kabinet für immer verklungen ſeien. Sie ſehen erſtaunt aus und ich wundere mich nicht darüber... was ſagen Sie?... kennen Sie dieſen Zamparelli? — Sie ſagten, bemerkte Armfelt, daß er in dem⸗ ſelben Haus wohne wie ich. — So ſchreibt er ſelbſt. Armfelt erzählte jetzt das Ereigniß an Virgil's Grab, wo er Louiſe Poſſe aus Zamparelli's Armen rettete. — Das kann nicht derſelbe Mann ſein, ſiel Acton ein. Der Briefſchreiber nennt ſich einen alten kränk⸗ nchn Mannz derjenige, den Sie nennen, iſt jung und räftig. Wiljams hörte mit ſteigender Theilnahme dem Ge⸗ ſpräch zu. Er hatte allerdings mehr als einmal Arg⸗ wohn gegen Vincenz gefaßt, deſſen Handlungsweiſe in ſpäteren Zeiten ihm höͤchſt unerklärlich vorkam, und er hatte nichts unterlaſſen, um ſeinen wahren Abſichten auf die Spur zu kommen; aber es war ihm nicht ge⸗ lungen. Seit der Nacht, wo Louiſe während der von dem Könige arrangirten Fiſchpartie in Gegenwart des ganzen Hofes geraubt wurde, waren die Verhältniſſe zwiſchen Armfelt und ihm abgebrochen geweſen. Arm⸗ felt hatte ihn als der Theilnahme an der Entführung verdächtig angeklagt, und obſchon Wiljams ſeine Un⸗ ſchuld bewies, ſo blieb Armfelt gleichwohl kalt gegen ihn. Wiljams hörte inzwiſchen nie einen Augenblick auf, mit fortwährendem Eifer ſeinen Dienſt bei Acton zu verſehen, und zwar, wie er ſelbſt vermuthete, in Armfelt's Intereſſe. Wiljams gehörte zu den getreuen Charakteren, die, nachdem ſie einmal Jemand ihre Er⸗ gebenheit gewidmet haben, dieſe Perſon nie verlaſſen oder täuſchen können. Er nahm daher auch an Arm⸗ felt's immer verwickelter gewordenen Verhältniſſen auf⸗ richtigen Antheil, aber er glaubte deßhalb nicht jeden Argwohn gegen Andere ihm mittheilen zu müſſen oder zu dürfen, zumal da er ſich ſehr leicht in ſeinem 93³ Urtheil täuſchen konnte. Er hatte daher ſeine Bemer⸗ kungen über Vincenz für ſich behalten, weil er, wenn er auch keine Freundſchaft mehr für ihn hegte, doch noch von älteren Zeiten her Verbindlichkeiten gegen ihn zu haben glaubte. Die Briefe, die Acton jetzt vorlegte, brachten ihn jedoch auf ganz andere Gedanken, und er war nicht länger unſchluſſßg über das, was er thun müſſe. — Herr General, ſagte er, Sie wollen wiſſen, wer Zamparelli iſt? — Allerdings.— Armfelt blieb ſtehen und heftete ſeinen Blick auf Wiljams. — Zamparelli iſt kein Anderer, als Vincenz Pauletti. — Derſelbe Mann, der Baron Armfelt in den letzten Jahren verfolgte? — Derſelbe Mann. Er hat ſich in ſeinen Berich⸗ ten an Piraneſt ſelbſt geſchildert.— Armfelt war einen Augenblick überraſcht von die⸗ ſer Erklärung, aber im nächſten Augenblick verzogen ſich ſeine Lippen zu einem Lächeln. — Wir müſſen ihn verhaften laſſen, ſagte Acton. Wenn Vincenz und Zamparelli eine und dieſelbe Per⸗ ſon ſind, ſo haben wir in ihm den Rädelsführer von all' den Intriguen, die hier in Neapel gegen Baron Armfelt geſchmiedet werden. uUnd Acton ergriff eine Klingel, um zu läuten. — Warten Sie noch ein wenig, bat Armfelt, in⸗ dem er ſeine Hand auf Acton's Arm legte, vielleicht ſollten wir zuerſt hören, aus welcher Veranlaſſung Lieu⸗ tenant Wiljams den armen Vincenz anklagt. Armfelt's Einwurf war nicht beleidigend, aber kalt. — Meine Gründe ſind viel an Zahl, aber hin⸗ reichend, verſetzte Wiljams. Bei meiner Ankunft in Neapel ſah ich Vincenz vermummt im Hotel Moriconi und hörte ihn ſelbſt ſagen, daß er ſich Zamparelli nenne. — Sie hörten das? — Bei meiner Ehre. 94 — In weſſen Geſellſchaft war er? Wiljams ſagte das nicht gerne, weil der Mann ſein Feind war. Er zögerte. — Sie ſchweigen? Wiljams ſah einen Ausdruck des Zweifels in Arm⸗ felt's Geſichte. — Ich klage meine offenbaren Feinde nicht gerne an, weil ich gewöhnt bin, allein mit ihnen fertig zu wer⸗ den; aber ich ſehe mich jetzt verpflichtet, zu ſprechen. — Nun... und die Geſellſchaft war.. 2 — Graf Adlerſtern. Armfelt runzelte die Stirne. Adlerſtern hatte in der letzten Zeit Armfelt ſo viel Aufmerkſamkeit bewieſen, daß er Wohlwollen und Freundſchaft für ihn gefaßt hatte. Es wollte ihn auch jetzt bedünken, als ob Wil⸗ jams bloß aus Feindſchaft und Rachſucht gegen Adler⸗ ſtern aufträte. — Sie ſagen Adlerſtern, Herr Lieutenant; haben Sie ihn auch geſehen? Wiljams fühlte ſich durch dieſe Frage beinahe be⸗ leidigt, weil Armfelt damit zu erklären ſchien, daß er ihm mißtraue. — Ja, Herr Baron, ich ſah ihn. Es war an demſelben Abend, wo ich aufgefordert wurde, die Thüre am Arſenaldamm zu bewachen. Eine leichte Röthe färbte Armfelt's Wangen. — An demſelben Abend, wo eine mir noch jetzt unbekannte Dame ſowohl Sie als mich aus einem un⸗ behaglichen tete-à-tête mit den Sbirren rettete, und nachdem ich jetzt die perſönlichen Verhältniſſe allhier näher kennen gelernt habe, glaube ich aus den Worten, die ich bei Moriconi zwiſchen Vincenz und Adlerſtern wechſeln hörte, den Schluß ziehen zu dürfen, daß Vin⸗ cenz es war, der unter dem angenommenen Namen Zamparelli mich angriff, in der Meinung, daß er Sie, Herr Baron, vor ſich habe... und daß auch Adler⸗ 2 in Vil⸗ ler⸗ ben 3 er an üre jetzt un⸗ und hier ten, ern in⸗ nen Sie, ler⸗ 9⁵ ſtern in das Unternehmen eingeweiht war... obſchon ich überzeugt bin, daß er keinen Theil daran nahm. Ungeachtet Wiljams ſich mit Wärme, ſogar mit Heftigkeit äußerte, lächelte Armfelt gleichwohl. 1 — Sie glauben mir nicht, Herr Baron, fuhr Wil⸗ jams fort. Ich kann mich darüber beklagen, aber meine Anſicht nicht ändern. Und ich tröſte mich damit, daß ich nichts Anderes thue, als was ſtreng mit mei⸗ ner Pflicht übereinſtimmt. — Still, Herr Lieutenant, unterbrach ihn Arm⸗ felt, Sie werden hitzig und ich muß mich erklären. Sie behaupten, Sie hätten Vincenz ſelbſt in einer Verklei⸗ dung und unter dem angenommenen Namen Zamparelli am Abend Ihrer Ankunft in Neapel geſehen? — Ich behaupte es. — Gleichwohl täuſchten Sie ſich. Auch ich habe gegen Vincenz allerlei Argwohn gehabt, muß ihn aber gleichwohl von Ihrer Anſchuldigung frei ſprechen, da er in daſſelbe Hotel, wo ich wohne, zwar mir gegen⸗ über, am Tage nach dem von Ihnen angedeuteten Er⸗ eigniß eingezogen iſt, da er krank, beinahe ſterbend ein⸗ gezogen iſt, noch leidend von der Wunde, die er in Aachen von mir empfing. Finden Sie nicht ſelbſt, daß es ihm unmöglich geweſen wäre, unter ſolchen Umſtän⸗ den die Rolle zu ſpielen, von der Sie ſprechen? Sie geben das zu? nicht wahr? — Aber ſeine Kränklichkeit, fiel Acton ein, kann auch bloß verſtellt ſein. .— Ich habe ſelbſt die offene Wunde geſehen und ſein Arzt iſt auch der meinige. Hier kann kein Betrug ſtatthaben. Begreifen Sie jetzt, Herr Lieutenant, warum ich nicht umhin konnte, den Mund zu ver⸗ ziehen? Wiljams wußte darauf nichts zu antworten; gleich⸗ wohl ſtand er von ſeiner Meinung nicht ab. — Die Frage iſt von der größten Wichtigkeit für Sie, Herr Baron, bemerkte Wiljams, nachdem er ſich 96 eine Weile bedacht hatte, und was ich ſage, das ſage ich weniger um meiner ſelbſt, als um Ihretwillen, ob⸗ ſchon ich weiß, daß Sie mir auch jetzt wie früher nicht glauben. Erlauben Sie mir gleichwohl, noch Etwas hinzuzufügen. Ich habe Sie zu überzeugen geſucht, daß ich an dem Raub des Fräuleins Poſſe keinen An⸗ theil hatte, und ich hoffe, das iſt mir ſo vollkommen gelungen, daß jeder Argwohn verſchwinden mußte; aber ich habe noch hinzuzufügen, daß ich, als die Frage bloß mich ſelbſt betraf, aus Gründen nicht erwähnen zu dürfen glaubte, daß ich gegen Vincenz in Verbind⸗ lichkeiten ſtehe oder vielmehr geſtanden habe, die meine Dankbarkeit in Anſpruch nahmen, die ich aber jetzt, da Ihre Perſon in Gefahr iſt, nicht länger verſchweigen darf. Ihre Zweifel gegen mich, Herr Baron, haben ſich, wenn ich mich nicht täuſche, hauptſächlich darauf gegründet, daß Sie ſich nicht erklären konnten, warum ich mich auf der See und ſo nahe zur Hand befand, als Fraͤulein Poſſe entführt wurde. — Nun, ich gebe das zu. — So hören Sie mich an, Herr Baron, und zie⸗ hen Sie dann Ihre Folgerung. Die Urſache, warum ich draußen auf der See war, war keine andere als die, weil ich wirklich davon wußte, daß Fräulein Poſſe eut⸗ führt werden ſollte. — Sie geſtehen es alſo ein? — Ich geſtehe es ein, aber ich erhielt die Nach⸗ richt ſo ſpät, daß ich der That nicht zuvorkommen konnte. Und von wem glauben Sie wohl, daß ich ſie erhalten habe? Von keinem Andern, als von Vincenz. — Von Vincenz? — Als er mir die Sache mittheilte, da dachte ich nicht daran, wie ſonderbar es ſei, daß er ſie wiſſen könne; aber ich habe ſpäter darüber nachgedacht und es ſind bei mir verſchiedene Serupel erwacht, die ich nicht auf⸗ zuklären vermag, Bedenklichkeiten, die in Ihren Augen, Herr Baron, nichts bedeuten, weil Sie an die nahe 97 Verbindung zwiſchen Vincenz und Adlerſtern nicht glau⸗ ben, die aber für mich, der ich meine feſte Ueberzeugung darüber habe, wichtig ſind. — Aber die Wunde in ſeiner Bruſt, die Schuß⸗ wunde... Sie vergeſſen dieſe. Dieſer Schuß, der ihn beinahe ſterbend im Bette feſthielt, wirft Ihre Gründe über den Haufen.. — Er iſt wieder auf und geneſen... wenigſtens beſſer... — Das iſt wahr; aber in der Zeit, von der Sie ſprechen, war es nicht ſo. iljams' Beweis war wiederum vernichtet. — Ich erlaube mir, ſiel Acton ein, gleichwohl jetzt eine Bemerkung gegen Sie zu machen. Sie haben uns geſagt, daß Vincenz in den letzten Jahren wie ein fin⸗ ſterer, feindſeliger Geiſt Ihnen durch Europa gefolgt ſei, und daß Sie ein Duell mit ihm gehabt haben. In ſeinen Briefen erzählt Zamparelli, daß auch er Sie auf dieſelbe Art verfolgt habe. Geben Sie die Gleichheit zwiſchen ihnen zu? — Allerdings, aber ſie dürfte doch nur ſcheinbar ſein. — Sie haben auch zugegeben, daß Vincenz Urſache habe, Ihr Feind zu ſein. — Sehr wahr. — Wenn Sie uns über die Veranlaſſungen auf⸗ klären wollen, die er zu ſeiner Feindſchaft haben kann, ſo bin ich überzeugt, daß man dadurch am beſten auf die Spur kommen könnte. „Armfelt heftete die Augen zur Erde und ſchien un⸗ ſchlüſſig. Die Frage betraf ein ſo geheimes und ſchmerz⸗ liches Verhältniß in ſeinem Leben, daß er unwillkürlich in tiefes Nachdenken verſank. Sowohl Acton als Wiljams bemerkten, was in ihm vorging; ſie bemerkten, daß ſie eine empfindliche Saite angeſchlagen, daß ſie auf die Feder eines Geheimniſſes im Innerſten ſeines Herzens gedrückt hatten. Der Trabant. IV. 7 98 Sein Schweigen erregte indeß ihre Aufmerkſamkeit noch mehr. — Wenn es möglich wäre, begann Armfelt endlich, daß Vincenz und Zamparelli eine und dieſelbe Perſon wären, dann... dann.. Er verſtummte wieder. Armfelt geſtand in ſeinem Innern, daß er Vincenz tief gekränkt hatte, aber er wollte es gleichwohl nicht vor Fremden geſtehen. Dieſes innere Geſtändniß gebot ihm indeß, Vincenz mit Nachſicht, ſogar mit Milde zu behandeln, weil er ſein Leiden geſehen hatte und begriff. Armfelt ſah inzwiſchen, daß er in eine falſche Stel⸗ lung zu Acton und auch zu Wiljams gekommen war, die eine Antwort auf die geſtellte Frage forderten, eine Antwort, welche er nicht geben wollte. — Herr General, unterbrach er endlich ſeine Selbſt⸗ betrachtung, ich ſehe nicht ein, wozu dieſe Unterredung nützen könnte; ich beabſichtige meinen Feinden nicht zu entfliehen, ſondern ihnen ganz offen und unerſchrocken entgegenzutreten. Wir erwarten das ſchwediſche Kriegs⸗ ſchiff jeden Augenblick, und ſobald es hier geankert hat, werde ich mich zu dem Befehlshaber an Bord verfügen und mich in ſeine Gewalt übergeben. Ich fürchte die Macht nicht, da ich das Geſetz auf meiner Seite habe. Man ſoll mir nicht vorwerfen, daß ich weniger offen gehandelt habe, als meine Ehre gebietet. Ich fürchte meine Feinde nicht... ich fürchte mehr, daß das Wohlwollen meiner Freunde mich zu einem ſchwankenden und zweideutigen Benehmen veranlaſſen könnte. 3 — Und dieß iſt Ihr feſter Entſchluß? — Mein feſter Entſchluß. — Sie fürchten Ihre Feinde nicht? — Nein. — In dieſem Augenblick hörte man ein verworrenes Getöſe und Gelärme, das von einer großen unter den Fenſtern des Generals zuſammenſtrömenden Volksmenge kam. Ein ſolcher Lärm war zwar nichts Ungewöhn⸗ liches, zumal in den Carnevalstagen, aber nichtsdeſto⸗ weniger blickte der General hinaus, um zu ſehen, was ihn jetzt veranlaßt haben könnte. Der bunte Volkshaufe trieb ſich ſchwatzend und ſchreiend hin und her, und man konnte im Anfang die eigentliche Urſache nicht entdecken. Bald ſah man jedoch, wie das Ding zuſammenhing. Das Volk bewegte ſich nämlich um eine Bahre her, auf welcher ein Mann aus⸗ geſtreckt lag, der halb todt ſchien. Aus dem Blut, das üͤber die Kleider herabſtrömte, konnte man ſchließen, daß eine Gewaltthat ſtattgefunden hatte, und daß wahr⸗ ſcheinlich ein Mord begangen worden war. General Acton hatte kaum die lärmende Volks⸗ menge betrachten können, als ſein Kammerdiener ein⸗ trat und ſeine Vermuthungen beſtätigte. Es war wirklich ein Mord begangen worden. Im Carnevalszug hatte nämlich eine Maske in einer Neben⸗ gaſſe einen ſterbenden Mann gefunden, der um Hülfe bat. Das Volk hatte ſich auch bald verſammelt, und da der Verwundete erklärte, er fühle die Annäherung des Todes und wünſche nur noch zu dem General Acton getragen zu werden, dem er allerlei anzuvertrauen habe, ſo legte man ihn auf eine Bahre und begab ſich mit ihm hinweg. An ſeiner Ausſprache hörte man, daß er ein Aus⸗ länder war. Ehe General Acton dem Kammerdiener antworten konnte, hatte die Volksmaſſe ſich die Treppe herauf ge⸗ drängt und war bereits im Corridor vor dem Zimmer, worin der General ſich jetzt befand. Um keine neue Unannehnlichkeit hervorzurufen, ließ er die Thüre ſeiner Zimmer öffnen und den Ver⸗ wundeten hereintragen. Aber wer beſchreibt Armfelt's, Acton's und Wiljams' Ueberraſchung, als ſie in ihm den Grafen Adlerſtern erkannten! „Todesbläſſe bedeckte bereits ſein Geſicht. Die Augen⸗ lider waren geſchloſſen, die Lippen ſpielten zwiſchen blau 100 und weiß. Seine Kleider waren zerriſſen und in der größten Unordnung. Das Blut bedeckte ſeine Bruſt und lag in ſchwarzen geronnenen Klumpen auf ſeinen Kleidern. Sein Ausſehen war entſetzlich, und es ſchie⸗ nen ihm nur noch wenige Augenblicke zum Leben übrig zu bleiben. Als man ihn auf den Boden niedergeſetzt und mit friſchem Waſſer gewaſchen hatte, ſuchte er ſeine Wim⸗ pern aufzuſchlagen. Der Tod ſchien die klare Cryſtallhaut des Auges bereits zerſprengt zu haben. Alle nahmen warmen Antheil an ſeinem Schickſal, ohne daß man ihm zu helfen vermochte. Niemand konnte bezweifeln, daß ſeine letzte Stunde bereits ge⸗ ſchlagen habe. Es herrſchte ein ſo tiefes Schweigen im Zimmer, daß man das Geröchel in ſeiner Bruſt hörte. Als Armfelt und Acton ſich ihm näherten, bemerkte man, daß er ſich zu ſprechen bemühte, aber es verblieb bei einer bloßen Handbewegung. Man gab ihm Eis und dieß ſchien ihn einen Au⸗ genblick zu erquicken. — Wer hat dieſe gräßliche That begangen? redete ihn Acton an. Sprechen Sie, jedenfalls ſprechen Sit, wenn Sie können... ſtrengen Sie ſich an. Adlerſtern ſchlug die Augen wieder auf und ſein matter Blick ſchweifte auf den Gegenſtänden umher; als er Wiljams traf, verweilte er auf dieſem. Eine Handbewegung gab zu verſtehen, daß er mit ihm ſprechen wolle, und Wiljams eilte hinzu. — Verzeihen Sie mir, flüſterte er, ſeine Hand ſchwach drückend... bitten Sie auch... ſie... daß ſie mir verzeihe. — Wen? wen? — Louiſe... Er vermochte kaum den Namen auszuſprechen. Beim Anblick Armfelt's machte er wieder eine — eine 101 Bewegung, die zu verſtehen gab, daß er auch ihm Et⸗ was zu ſagen habe. Armfelt beugte ſich zu ihm hinab. — Hüten Sie ſich — Vor wem? — Vor... Vin... cenz.. — Nur noch ein Wort, ſiel Acton ein, kennen Sie den Mörder? Sagen Sie uns den Namen... und die Gerechtigkeit wird eine blutige Rache üben. Still... ſprechen Sie... ſeinen Namen... — Zam... pa... 3 Adlerſtern's Stimme erſtarb, ſeine Wimpern ſchloſ⸗ ſen ſich, der Kopf ſank auf die Kiſſen zurück und ſeine Arme fielen auf die Seite. Er athmete nicht mehr. Er war todt. 3 3 Das Ereigniß mit Adlerſtern war eben ſo uner⸗ wartet als unerklärlich, es hinterließ auch einen Ein⸗ druck, der mehr Entſetzen als Schmerz, mehr Betroffen⸗ heit als Theilnahme enthielt. 3 Acton, Armfelt und Wiljams ſahen einander be⸗ ſtürzt an. Adlerſtern hatte ihnen mit ſeinen wenigen und abgebrochenen Worten ſo viel geſagt... und doch allzu wenig. Armfelt war vor Vincenz gewarnt worden; und er ſah in Adlerſtern's Beiſpiel, daß der Dolch ein naher Verwandter des Todes iſt. Er beſchloß, unerſchrocken der Gefahr entgegen zu gehen, aber dennoch auf ſeiner Hut zu ſein. Wiljams hielt es für abgemacht, daß Adlerſtern's Worte ein Bekenntniß enthielten, daß Louiſe durch ſeine Veranſtaltung geraubt worden ſei, und daß ſie ſich noch in Neapel befinden müſſe. Er beſchloß ſeine Nachforſchungen mit verdoppel⸗ tem Eifer fortzuſetzen. Acton hatte auf alle Worte des Sterbenden genau Acht gegeben. Adlerſtern hatte nicht bloß vor Vincenz gewarnt, ſondern auch einen Zam... pa... angege⸗ ben, womit er nicht wohl etwas Anderes meinen konnte, 402 als daß Zamparelli der Mörder ſei. In Betracht des vorangegangenen Geſprächs ſtellte er jetzt mit größerer Gewißheit als vorher Vincenzen's und Zamparelli's Perſon zuſammen. Er beſchloß, Vincenz unter ſpecielle Aufſicht der Polizei zu ſtellen. Das Volk hatte ſich bereits entfernt, aber die Leiche lag noch da. — Nun wohl, meine Herren, was ſagen Sie dazu? Weder Armfelt noch Wiljams antworteten. Beide waren von ihren eigenen Gedanken zu ſehr in Anſpruch genommen. — Nach dieſem Ereigniß, Baron, werden Sie wohl von Ihrem Vorſatz, ſich blindlings der Gewalt Ihrer Feinde zu überlaſſen, abſtehen. Mir ſcheint es, als ob juſt das der ſchlimmſte Gebrauch wäre, den Sie von Ihrem Leben machen könnten. Nicht wahr, Sie hören jetzt auf Ihre Freunde hier und befolgen ihren Rath? — Kühne Gedanken, General, antwortete ihm Arm⸗ felt, erfordern auch eine kühne Handlungsweiſe. Meine Gedanken ſind hoch geflogen und meine Handlungen werden ihnen dicht auf der Spur folgen. Vielleicht be⸗ drohen mich größere Gefahren, als ich mir vorgeſtellt habe. Aber das ſchreckt mich nicht. Den Ferſen des Feiglings ſetzt die Gefahr zwei Flügel an; an die Fer⸗ ſen des Muthigen aber befeſtigt ſie zwei Ritterſporn. Ich habe meine Stirne noch nie vor der Kabale ge⸗ beugt, ſie wird mich ſtets bereit finden, ihr mit offenem Viſir entgegenzutreten. Die Umſtände finden mich auf der Arena, und ich verlaſſe den Platz nicht. Möge die Heimtücke gegen mich Sturm laufen: jeder Dolch wird einen Panzer und eine Lanze ſinden. Wenn meine Feinde beißen wollen, ſo kann ich es auch; aber gleich Alcibiades werde ich mich, wenn ich gebiſſen werde, nicht als ein Weib zeigen, ſondern als ein Löwe. Jetzt, General, kann ich Ihren Rath weniger befolgen als je⸗ t des ößerer relli's t der Leiche azu? Beide pruch Sie walt t es, den 103 weil ich jetzt die Gefahr geſehen habe. Die Gefahr iſt für mich, was das Blut für den Tiger, was der Lan⸗ zenſtich für den Löwen iſt; ſie reizt mich und macht mich muthiger. Mein Weg geht von hier direct zu Vincenz und, ſobald das ſchwediſche Kriegsſchiff ange⸗ langt iſt, an Bord deſſelben.. In dieſem Augenblick hörte man einen Kanonen⸗ ſchuß, und als man ſich umwandte und nach dem Golf blickte, ſah man ein prächtiges Fahrzeug mit hohen Maſten und halb eingezogenen Segeln auf der hell⸗ blauen Woge einherkommen. Ueber der Bramſtange ſchaukelte ſich der doppel⸗ züngige blaue und gelbe ſchwediſche Wimpel, und von dem Hintermaſt herab breitete ſich in ihrer ganzen Größe die blaue Flagge mit dem gelben Krende aus, einem blauen Himmel mit zwei einander durchtreuzen⸗ den brandgelben Blitzen ähnlich. Beim Anblick des Schiffes konnten ſich die An⸗ weſenden eines Ausrufs nicht erwehren. Darauf trat eine tiefe Stille ein und ſie betrachte⸗ ten alle drei das ſtolze Fahrzeug. In dieſem Augenblick ſchlugen die Glocken. Es war am 9. Februar, als dem erſten Carnevals⸗ tage des Jahres 1794, in der zweiundzwanzigſten Stunde nach neapolitaniſcher Rechnung, nach der unſerigen drei Uhr Nachmittags, als der von dem Baron Palmquiſt befehligte Kutter, der ausgeſchickt war, um den Baron Armfelt nach Hauſe zu bringen, auf der Rhede vor Neapel ſeine Anker auswarf. „Noch ertönte der Salutationsſchuß vom Schiffe und hüllte Maſten und Segelſtangen in ſeinen trüben Rauch ein. Das Schiff glich in dieſem Augenblick einer Wolke an dem hellen Waſſerhimmel, über welcher die ſchwediſche Flagge majeſtätiſch wogte. Sobald der Salutationsſchuß verhallte, begann das Kaſtell auf deutliche Weiſe ihm zu antworten. 104 — Was beſchließen Sie, Baron? fragte endlich Acton. — Mein Weg geht unmittelbar nach dem Schiff. Wir befinden uns wieder in dem Salon, wo wir zu Anfang dieſes Kapitels zuerſt Baron Armfelt und hernach auch die Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk getroffen haben. Der Salon iſt einen Augenblick leer. Die Thüre wird heftig geöffnet und die drei Da⸗ men ſtürzen mit blaſſen und aufgeregten Geſichtern herein. — Sie haben's gehört... — Ja, ja.. 1 — Er läßt ſich nicht überreden... — Nein. — Er iſt entſchloſſen, ſich in's Verderben zu ſtürzen. — Das iſt wahr, ja. — Sie müſſen ihn retten. Nur Sie vermögen es. — Helfen Sie uns, ſagen Sie uns... — Sie müſſen ihm ein Rendezvous verſprechen. — Ach, mein Gott! — Still... hören Sie... Man hörte Tritte nahen,... die Thüre ging wie⸗ der auf, und Armfelt trat, begleitet von Wiljams, ein. Beim Anblick der Damen blieb er ſtehen. — Ich verlaſſe jetzt Neapel, ſagte er, vielleicht ſehen wir einander nie mehr. Und während er ſein Haupt ſenkte, legte er die Hand auf's Herz, gleichſam um ſeine Verehrung und Ergebenheit auszudrücken. Die Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk erröthe⸗ ten, wußten aber nichts zu ſprechen. Wie oft hat man nicht Worte genug, um zu ſagen, lich iff. zen. es. vie⸗ ein. icht die ind he en, 105⁵ was man nicht ſagen will, während man keine Worte findet, um das zu ſagen, was man ſagen will? Um ihn zu veranlaſſen, daß er bei ſeinen Freun⸗ den bleibe und ſich nicht blind in die Hände ſeiner Feinde werfe, hätte man ihm gerne ein Rendezvous ver⸗ ſprochen; aber wie ſollte man damit herausrücken? — Die Toledoſtraße wimmelt bereits von Masken, ſagte die Eine von ihnen, die Schwänke und luſtigen Aufzüge haben begonnen. Können Sie mitten im Carneval uns verlaſſen? — Die Vergnügungen müſſen ſich vor der Pflicht beugen. — Wir hätten ſonſt noch einen Platz in unſerm Wagen übrig. — Und eine Maske, die Ihnen gut laſſen würde. — Die Neigung gebietet mir, zu bleiben, die Pflicht gebietet, Sie zu verlaſſen. — Sie weigern ſich? Die Fürſtin Menzikoff und Lady Munk ſahen miß⸗ vergnügt die Oberhofmeiſterin anz dieſe aber ſchien noch niedergeſchlagener als ſie ſelbſt. Inzwiſchen ſprang ſie auf einmal von ihrem Platze auf. Eine Bewegung mit der Hand ſchien ein Zeichen für die Damen zu ſein, aber dieſe begriffen nicht, was die Oberhofmeiſterin meinte, zumal da dieſelbe im näm⸗ lichen Augenblick ſich entfernte. Verlegen blickten ſie einander an. Es verging eine Weile, ohne daß Etwas geſprochen wurde, aber die Oberhofmeiſterin kam bald zurück. DSie war aufgeregt, trug aber ganz wie ein Sieges⸗ zeichen ein hübſches Blümchen in der Hand, jedoch ſo, daß ſie es vor Armfelt verbarg. — Sie verſprechen ihm ein Rendezvous? flüſterte ſie ihren Freundinnen zu. — Er iſt unbeweglich. — Er muß aber bewogen werden. — Wie? 406 — Er liebt die Blumen. — Blumen? Sie ſcherzen. — Ganz und gar nicht. — Sehen Sie hier, nehmen Sie dieſe da. — Was wollen Sie damit ſagen? — Werfen Sie die Blume zu ſeinen Füßen. — Dann weiter? — Nichts weiter. — Sie treiben Ihren Spaß mit uns? — Verſuchen Sie es einmal. — Und Sie glauben, daß es uns gelingen werde, ihn von ſeinem ſchrecklichen Vorſatz abzubringen, ſich in die Hände ſeiner Feinde zu werfen? men — Ich bin es überzeugt. Da die Oberhofmeiſterin ſich von den anderen Da⸗ zurückzog, näherte ſich ihr Armfelt. — Sie müſſen mir einen Dienſt erweiſen, bat er ſie, den letzten Dienſt. Den letzten...2 Bei allen Heiligen. Sie ſind melancholiſch, Baron, und Sie wiſſen, daß ich melan⸗ choliſche Menſchen nicht liebe. Aber laſſen Sie mich hören, was Sie wünſchen... vielleicht mag es dennoch luſtig genug ſein. Alſo... den letzten Dienſt. — Ueberbringen Sie meinen Reſpekt,... meinen Gruß.. meinen... Einz mit — Wem? — Sie wiſſen, wen ich meine. Es gibt bloß eine ige, die meine Gedanken beſchäftigt, die mein Herz lieblichen Gedanken erfüllt, die ſchöne Träume in meiner Seele hervorruft... — Sie meinen meine Schweſter, ſiel die Oberhof⸗ meiſterin lächelnd ein, nicht wahr? — Ich werde im Norden von der Erinnerung an den Süden leben. Die Erinnerung wird mein Leben ſein. — Sie gedenken uns alſo wirklich zu verlaſſen? — Die Pflicht.. die Ehre.... 407 — Das ſind Worte, Herr Baron, nichs als leere Worte, womit die Herren ihre Luftſchlöſſer meubliren. Ich verſichere Sie, daß Sie nicht reiſen werden. Armfelt war in dieſem Augenblick mehr erſchuͤttert, als er zeigte. Wie viel Schönes ſtand er nicht im Be⸗ griff zu verlaſſen? — Leben Sie wohl, unterbrach er ſich ſchnell, um ſeiner unbehaglichen Stellung ein plötzliches Ende zu machen. Leben Sie wohl. In dieſem Augenblick ſiel die Blume vor ſeinen Füßen nieder. — Sehen Sie... 2 Armfelt betrachtete ſie genau. — Es iſt dieſelbe... ich werde ſie alſo treffen... Freude und Ueberraſchung ſtrahlten aus Armfelt's Augen. en Verlaſſen Sie uns auch jetzt noch? — AHch nein, nein! — Aber die Pflicht,... die Ehre. — Still... — Sahen Sie, woher die Blume kam? — Nein. — Von der Fürſtin Menzikoff. Sie müſſen ihr danken. — Sie haben Recht. — Dieſe Damen müſſen glauben, daß Sie um ihretwillen hier bleiben... — Ich gehorche Ihnen. Die Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk hatten voll Unruhe Armfelt's Geſpräch mit der Oberhofmeiſte⸗ rin verfolgt. Beide begannen ihr zu mißtrauen und zu glauben, daß ſie hinter's Licht geführt ſeien. In geſpannter Erwartung, was wohl die Folge ſein werde, warf die Fürſtin die Blume hin. Als Armfelt ſie aufhob, entging ihnen das Leiden⸗ ſchaftliche in ſeinen Bewegungen nicht; ja noch mehr, ——— 108 ſie bemerkten auch, daß er nicht einmal darauf zu achten ſchien, daß die Blume von ihnen hingeworfen war. — Man hat uns getäuſcht, flüſterte die Eine. — Ich fürchte es. — Die Blume iſt von einer Andern. Vielleicht von.. — Von der Unbekannten... — Ach, werden wir niemals erfahren, wer ſie iſt? — Wir müſſen wohl Acht geben. — Er kommt hierher... verrathe Dich nicht... Il... Als Armfelt ſich näherte, lächelten ſie ihm freund⸗ lich entgegen. — Sie gedenken uns alſo zu verlaſſen? begann die Fürſtin Menzikoff. — Ach nein, meine Damen, nein, dieſe Blume... — Hat Sie überredet, hier zu bleiben? Mylady Munk firirte ihn feſt. — Verräther! ſagte ſie und drohte mit dem Finger. — Ich glaube, Sie ſprechen im Namen meiner Re⸗ gierung? — Ich ſpreche im Namen aller Damen. Wir treffen uns wieder... — Während des Carnevals... heute Abend... im Schloßpark. Die Oberhofmeiſterin benützte den Augenblick, wo Armfelt mit der Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk beſchäftigt war, um Wiljams leiſe einige Worte zu ſagen. — Sie haben doch Ihr Verſprechen, das Sie mir gegeben, nicht vergeſſen? — Welches? — Stets meinem Commando zu gehorchen. — Ich habe es nicht vergeſſen; aber Etwas thut mir leid. ten ict ſt? nd⸗ inn er. Re⸗ vo nk en. tir ut 109 — Laſſen Sie hören. — Daß Sie ſo ſelten Gebrauch davon machen. — Gut, mein Herr, ich will es jetzt thun. — Vortrefflich. 1 — Sie muͤſſen an einem Carnevalsaufzug Theil nehmen. — Meiſterhaft.— — Sie finden ſich heute Abend hier ein... Hören Sie... es iſt ſchon Alles in Ordnung... Gewand und Maske. — Es ſoll geſchehen, mein General. — Weiter... aber gleichviel... Sie haben weiter nichts zu thun, als mir blind zu gehorchen. — Wahrhaftig, ein ſehr huͤbſcher Auftrag; aber ich gehorche. Sechzehntes Kapitel. Die Katakomben. Auf der Straße von Poſilippo nach Neapel wurde die ohnmächtige Louiſe fortgebracht Der Räuber, kaum noch ein geſchickter und kühner Seemann, jetzt ein ge⸗ ſchwinder, ausgezeichneter Reiter, hielt ſie mit dem einen Arm gegen den Sattelknopf, während er mit der andern ſein wildes und ſchäumendes Thier regierte. Wer war er? Wohin führte man ſie? Ihr Raub erweckte ein unerhörtes Aufſehen. Der Hof verſäumte nichts, um den Frechen auszumitteln, der es ſo offen gewagt hatte, ſeiner Macht Hohn zu ſprechen. Große Summen wurden demjenigen verſpro⸗ chen, der die Entführte wieder herbeiſchaffen und den Thäter entdecken würde. Die Polizei hatte ſeit Menſchen⸗ gedenken nicht ſo viel Energie entwickelt wie jetzt. Aber 110 Alles war vergebens. Fräulein Louiſe Poſſe blieb ver⸗ ſchwunden. Der Kummer der Prinzeſſin Sophie Al⸗ bertine grenzte beinahe an Verzweiflung. Sie hatte die hübſche Louiſe wie eine jüngere Schweſter geliebt, und Louiſe hatte dieſe Anhänglichkeit verdient. Die Prinzeſſin wollte Neapel nicht verlaſſen, bevor ſie über Louiſens Schickſal Gewißheit hätte. Sie war unermüdlich in ihren Bemühungen ſie zu entdecken, und ebenſo war es auch ihre Umgebung. Armfelt, als ſchwediſcher Geſandter im Lande, unterließ ebenfalls nichts, was in ſeinen Kräften ſtand. Da jedoch alle Nachforſchungen vergeblich blieben, ſo begann man zu glauben, ſie ſei von Neapel weggebracht worden, und mit Schmerz entſagte die Prinzeſſin endlich der Hoff⸗ nung, ſie wiederzufinden. Von Neapel aus begab ſich die Prinzeſſin nach dem Norden und ſetzte ihre Reiſe ohne Aufenthalt fort bis Quedlinburg, wo ſie mehrere Monate blieb und ſich in Gram um ihre verlorene Freundin verzehrte. Nur Wiljams ſetzte ſeine Nachforſchungen unauf⸗ hörlich fort. Seine Liebe war die Triebfeder, die ihn beſeelte und die ihm keinen Augenblick Ruhe gönnte. Auch Adlerſtern blieb zu dem gleichen Zweck in Neapel zurück. Wir eilen ihren Nachforſchungen voraus. Als Louiſe ſich von ihrer Ohnmacht erholte, befand ſie ſich allein in einem kleinen Stübchen mit weiß über⸗ tünchten Wänden. Auf einem Tiſch neben der Thüre brannte eine Lampe.. Allmälig erinnerte ſie ſich an das, was geſchehen war, und als ſie ſich aufrichten wollte, fühlte ſie ſich in Allen Gliedern wie gerädert in Folge des heftigen ittes. Mit Schrecken betrachtete ſie die Gegenſtände um ſich her. Außer dem Bett, worauf ſie lag, war das Zimmer beinahe unmeublirt. Nur eine Oeffnung auf der einen Seite des Zim⸗ 111 mers ſtellte ein Fenſter vor. Die Oeffnung war mit einem dichten Eiſengitter verſehen. 7 Der einzige Ton, der die Stille um ſie her ſtörte, waren ihr eigener Athemzug, ihre eigenen Pulsſchläge. So verging ohngefähr eine Stunde in unruhiger Er⸗ wartung. Endlich öffnete ſich die Thüre, und ein Mann trat ein, der ſich mit einer Laterne leuchtete. Als er den tief in die Stirne eingedrückten Hut abnahm, erkannte Louiſe denſelben Banditen, der ſie ſchon früher an Virgil's Grab hatte entführen wollen, aber von Armfelt verhindert worden war. Es war Zamparelli. Leiſe näherte er ſich dem Bett, worauf Louiſe lag. Louiſe ſchloß ihre Wimpern, um ſeinem Anblick aus⸗ zuweichen. — Sie iſt noch ohnmächtig, murmelte Zamparelli und erhob die Lampe über ihr Haupt, um ſie zu be⸗ trachten. Bei den Augen des heiligen Januarius, wie ſchön ſie iſt... ſo war auch ſie... meine Maria. „Hier verſtummte er und wandte ſich wieder gegen die Thüre, denn es näherten ſich Tritte. — Er iſt's. Gut, daß er nicht lange ausblieb! Zamparelli öffnete darauf die Thüre, und Louiſe ſah, daß er einen Mönch hereinließ. — Gehen Sie leiſe, Pater. Kennen Sie mich noch?2 — Zamparelli... nicht wahr? — Der Calabreſe, dem Sie einmal bei einer wich⸗ tigen Gelegenheit ein Verſprechen bei dem Kreuze gaben. — Es iſt wahr; was verlangſt Du? — Schwören Sie mir bei demſelben Kreuz, das zu verſchweigen, was Sie jetzt ſehen werden. „Der Mönch legte die Finger auf das Kreuz an ſeinem Roſenkranz und ſchwur Stillſchweigen. — So kommen Sie. 112 An Louiſen's Bett geführt, fuhr er beim Anblick des reizenden Mädchens vor Ueberraſchung zuſammen. — Sie iſt krank, ſagte Zamparelli, pflegen Sie ſie. Der Mönch fühlte ihr den Puls und badete ihre Schläfe mit einigen Medikamenten, die er mitgebracht hatte. Der Puls ging unregelmäßig, aber die Hand war warm, und Gefahr ſchien nicht vorhanden zu ſein. — Schaffe mir Waſſer! befahl der Mönch. Zamparelli gehorchte und entfernte ſich. — Heilige Mutter Gottes, rief der Mönch und beugte ſich über das bleiche Mädchen nieder, wiederum iſt ein Lamm in die Klauen des Raubthiers gefallen. Louiſe athmete ruhiger, als ſie die felandlce Stimme hörte. — Sie athmet... ſie ſchlägt ihre Augen auf... — Befreien Sie mich, flüſterte Louiſe, als ſie beim Lampenſchein ein edles, ſchönes Greiſengeſicht vor ſich ſah, ein Geſicht, das ſo viel Ernſt und Liebe, ſo viel Reinheit und Redlichkeit ausdrückte, daß es nicht bloß Vertrauen, ſondern ſogar Verehrung einflößte... be⸗ freien Sie mich! 1 — Bete und hoffe, mein Kind, und Gott wird Dich nicht verlaſſen. Als Zamparelli zurückkam und fand, daß Louiſe aus ihrer Bewußtloſigkeit bereits erwacht war, zeigte er eine unverkennbare Freude. Nachdem der Mönch einige Medikamente, wie die Umſtände ſie erforderten, für ſie verordnet hatte, verließ er ſie wieder. Das beſte Heilmittel, das er ihr gegeben hatte, war ſein Rath. Sie betete auch und hoffte. Die Einförmigkeit des Gefängniſſes gibt wenig Stoff zu einer romantiſchen Schilderung; wir wollen uns deßhalb auch auf das Nothwendigſte beſchränken. Die vier kahlen Wände begrenzten auf eine dürftige Weiſe ihre ganze Welt. Ihre ganze Welt? ach nein! Wir möchten lieber ſagen, ihr Grab, worin man ſie lebendig eingemauert 113 hatte, aber über dieſem Grab erhob ſich ein Denkmal, erbaut von ihren Erinnerungen und Hoffnungen, von ihren Phantaſien und Träumen, von ihrem allezeit le⸗ bendigen und ſchaffenden Schönheitsſinne. 1 Dieſes Denkmal änderte ſich beſtändig, gleich der Bilderpracht in einem Kaleidoſecop. Es wechſelte in dem ganzen Reichthum einer ſchönen Natur und wurde vom klarſten Glanz des Himmels beleuchtet. 3 Aber oft ſank dieſes ſchimmernde Monument mit all ſeinen luftigen Glanzpunkten in ihrer Seele zuſam⸗ men, und ſie befand ſich dann wieder ganz einfach in ihrem kahlen Gefängniß wie in ihrem eigenen Sarge. Auch im Dunkel deſſelben beſaß ſie jedoch eine Sonnen⸗ uhr, welche ſie vom Gang der Zeit unterrichtete. Es war die enge Fenſteröffnung, durch deren Gitter ſich ein matter Schein verbreitete. ¹ Es vergingen einige Tage, ohne daß irgend eine Veränderung in ihrer Lage eintrat. Ihre Mattigkeit und ſonſtige Unpäßlichkeit war bald vorüber. Jeden Tag wurde ſie regelmäßig ein paarmal von Zamparelli beſucht, der ihr ihre Nahrung brachte, die ganz gut war. Sie bemühte ſich, ein Geſpräch mit ihm zu eröff⸗ nen, aber er beobachtete ein hartnäckiges Schweigen, wenigſtens über diejenigen Punkte, über die ſie haupt⸗ ſächlich Auskunft zu erhalten wünſchte, nämlich, wer ſie geraubt und warum man ſie eingeſperrt halte. Sie ſelbſt hatte Adlerſtern in Verdacht, obſchon ſie ſich's nicht verhehlen konnte, daß er der Einzige geweſen, der im Augenblick ihrer Entführung einen kühnen Verſuch ge⸗ macht hatte, ſie zu retten. In dem Moment, wo Zamparelli's Boot während der Flucht in der Nähe des Strandes anlegte und er ſich nebſt ſeinen Leuten und ihr in die See warf, hatte ſie einen kurzen Augenblick Wiljams geſehen. Sie hatten einander Beide beim Namen gerufen. Für die Liebe liegt ſelbſt im flüchtigſten Blick ein Der Trabant. IV. 8 ———— 114 ganzes Alphabet, womit ein Herz dem andern ſeine Ge⸗ fühle telegraphirt. Leui las auch in dieſem einzigen Blick, den ſie ſo haſtig mit einander wechſelten, die innerſten Gedanken ſeines Herzens, und die Zweifel, welche das nach ſeinem erſten Beſuch in ihre Hände gerathene Portrait ihr ein⸗ gegeben, verſchwanden wie ein Nebel im Thal vor dem Morgenſtrahl, und es wurde wieder hell in ihrer Seele, während Roſen in ihrem Herzen wuchſen. Das Medaillon wurde jetzt um ſo mehr ein Räthſel für ſie. Wenn das darin eingefaßte Bild nicht ein Conterfei ſeiner Geliebten war, was war es denn ſonſt? Warum trug er es? Sie betrachtete die Züge des Bildes wo möglich mit noch größerem Intereſſe als vorher; ſie wollte gleichſam in den ſchönen Linien des Geſichts die Löſung ihres Räthſels ſuchen. Aber das Bild raubte ihr Frieden und Ruhe. 4 bedi⸗ blitzenden hellen Augen verkündeten ſo innige iebe. Der purpurrothe Mund ſchien aus einer Roſe im Augenblick ihres Aufbrechens gebildet zu ſein. Wenn die Wolluſt des Kuſſes eines Thrones bedürfte, ſo war er hier vorhanden. Selbſt der Buſen ſchien ſich von einem Seufzer zu heben, ſo gut und lebendig war er gemalt. Was bedeutete dieſer Seufzer? Louiſe hielt ihr Ohr hin, gleichſam um dieſem Tone zu lauſchen. Vergebliche, thörichte Illuſion... Du iſt nur der Vorbote der wieder erwachenden Eifer⸗ ſucht.. Arme Louiſe! Als Zamparelli am dritten Tag Abends eintrat, war er von einer neuen Perſon begleitet. Im erſten Augenblick glaubte Louiſe, es ſei der freundliche fromme Mönch, der komme, um ſich nach ihrem Geſundheitszu⸗ ſtand zu erkundigen; aber ſie ſuchte vergebens nach dem ſchönen Greiſengeſicht; ſtatt deſſen ſah ſie zwei feurige e Ge⸗ n ſie anken inem ein⸗ dem Seele, ithſel ein onſt? mit hſam ihres nige im Zenn r er 115 Augen, die durch die leeren Höhlen einer ſchwarzen Dominomaske ſie anſtarrten. 4 Die Kleidung des Unbekannten war übrigens einer Mönchskutte nicht unähnlich. Louiſe empfand einen widerlichen Eindruck beim Anblick des Mannes. Sie ahnte, daß die Maske ihren Feind verberge, und ſie wandte ſich mit Verachtung von ihr ab. Jeden Abend ungefähr zur ſelben Zeit erſchien die⸗ ſelbe Maske. Noch hatte der Mann ſie nicht angeredet, er betrachtete ſie bloß. Dieſe Beſuche waren für ſie die qualvollſten Augen⸗ blicke. Ihre Seele beſaß den Reichthum der Phantaſie und ihr Herz war reich an Liebe, und ſo beſchäftigten ſich ihre Gedanken mit ihren ſchwärmeriſchen Traum⸗ biidenn. Wenn die ſchwarze Maske kam, entflohen ſie alle. Sie hatte gegen Zamparelli den Wunſch geaußert, Pinſel, Farben und andere Materialien zum Malen zu erhalten. Am folgenden Tag hatte ſie einen vollſtändi⸗ gen Malerapparat... es mangelte daran auch nicht eine einzige Kleinigkeit... Alles ſchien mit der feinſten Aufmerkſamkeit ausgewählt. Mit Entzücken begann ſie zu zeichnen und zu malen, was ihre ſchönſte, liebſte Beſchäftigung war. Aber das Licht im Zimmer war ſchlecht, und man gab ihr einen Schirm, den ſie ſo ausſpannte, daß ſie ſich einen kleinen beſondern Raum am Fenſter bildete, worin ſie ſich jetzt ſo eifrig ihren Phantaſien und ihrer Arbeit hingab, daß ſie Alles vergaß, nicht bloß ihre Gefangenſchaft, ſondern auch die Beſuche, die Zamparelli und die Maske machten. — Sie müſſen mir ein Modell ſchaffen. Von ihren Ideen erfüllt, vergaß ſie, daß ſie nichts zu befehlen hatte, und ſie äußerte ſich mit einer Sicher⸗ heit, als ob ſie nicht daran zweifelte, daß man eiligſt ihren Willen erfüllen würde. 8* ————— 416 Es war das erſte Mal, daß ſie etwas geſprochen, ſeit die Maske anfing, Zamparelli zu ihr zu begleiten. Die Maske und Zamparelli ſahen ſich verwundert an. — Ein Modell, hören Sie, ein Modell, wiederholte Louiſe, die nur an ihr Gemälde dachte— ein Kind von ungefähr acht Jahren, ein Mädchen. Ohne etwas zu antworten, entfernten ſich die Maske und Zamparelli auf ein Zeichen der Erſtern. Eine Stunde ſpäter trat Zamparelli mit einem kleinen Mädchen von ſieben bis acht Jahren an der Hand wieder ein. Louiſe war entzückt beim Anblick des hübſchen rei⸗ zenden Kindes. Vielleicht gefiel es ihr jedoch weniger um ſeiner ſelbſt willen, als deßhalb, weil es ſo vortreff⸗ lich zum Modell für den Gedanken paßte, womit ihr künſtleriſcher Sinn ſich jetzt beſchäftigte. Das Kind gab die ideale Vorſtellung ihrer Seele auf eine bezaubernde Weiſe wieder. Als ſie ſeine offenen, feingebildeten, unſchuldsvollen Züge betrachtete, wurde ſie hingeriſſen. Die Bewunderung eines Künſtlers äußert ſich kindlich. Das zeigte ſich auch bei ihr. Sie ſtrich die ſchwarzen kleinen Locken auf die Seite, ſie beugte ſich hinab und blickte in die noch ſo klar von reinem Feuer ſtrahlenden Augen... ihre Hand fuhr leicht über die gleichſam von einem feinen Blumenduft beſprengte Wange.. Zamparelli blieb noch im Zimmer, und als Louiſe ihren Blick erhob, ſah ſie in ſeinem Geſicht einen Aus⸗ druck, von dem ſie nicht wußte, wie ſie ihn nennen ſollte; einen Ausdruck, nicht von Schmerz, denn er war zugleich voll von Freude, nicht von wilder und fremder eidenſchaft, denn es lag auch Güte darin, einen Aus⸗ druck von Kummer und Freude, von Verzweiflung und Milde zugleich.) Sie hatte bisher ihren Wächter mum beachtet. Sie fürchtete ihn zwar, weil ſie einmal das Feuer in ſeinen Augen bemerkt hatte, die Leidenſchaft in ſeinem chen, eiten. an. holte von taske inem der rei⸗ niger treff⸗ ihr Seele ſeine tete, tlers Sie ſie von fuhr duft zuiſe Aus⸗ anen war nder lus⸗ und htet. r in nem 117 Blick, den Sturm, der ſeine Stirne zuweilen in finſtere Runzeln legte, und den Schmerz, der manchmal ſeine Bruſt hob; aber ſie blieb ruhig und kalt... die einzige Waffe, die ihr zu Gebot ſtand. — Dieſes Kind iſt Ihre Tochter?.. — Sie haben's errathen, und es freut mich, daß die Kleine Ihnen gefällt. Sie iſt das Abbild ihrer Mutter; beim Bart des heiligen Januarius. Sie wiſſen nicht, wie ich ſie liebte. So lange ſie lebte, hatte ich einen Himmel hier; ſeit ihrem Tode aber nur eine Hölle. Seien Sie gut gegen das Mädchen, und wenn ſie Ihnen gefällt, ſo behalten Sie ſie... Sie... Sie... Zamparelli ſtammelte noch einige unverſtändliche morfe⸗ dann aber unterbrach er ſich plötzlich und eilte hinaus. Louiſe hatte viel gebetet und viel gehofft. Es kam ihr vor, als ob Gott ſie erhört und ihr dieſes Kind zugeſchickt habe, um ihr Troſt zuzuflüſtern. Zwar holte man das kleine Mädchen jeden Abend von ihr, aber es kam jeden Morgen wieder und war immer gleich munter und kindlich. Für Louiſe war dieſe Freude unbeſchreib⸗ lich viel werth. Sie ſchwatzte auch mit dem hübſchen Kind über Alles, was ihr einſiel, ſie plauderte und ſpielte mit ihm, ſie malte und zeichnete gerade wie wenn ſie ſelbſt noch ein Kind geweſen wäre. Wir wollen ſie hier verlaſſen und bei Zamparelli eintreten. Er lag auf ſeinem Bett, an deſſen Seite eine Lampe brannte. Seine Augenlider waren geſchloſſen. Er ſchlief, aber ein Lächeln ſtrahlte von ſeinen friſchen Lippen, die halbgeöffnet einen Schimmer von ſchneeweißen Zahn⸗ reihen zeigten. Der ſchwarze Bart ſtach dagegen auf eine pikante, vortheilhafte Art ab. Im Traum ſtrahlte 118 ſeine Stirne, und die Adern des muskelkräftigen Ge⸗ ſichtes ſchwollen, während von Zeit zu Zeit Zuckungen wie Blitze über ein Wolkenbett darüber hineilten. Die Bruſt hob ſich unruhig, und er ſtreckte ſeine Arme aus, wie es ſchien, um Jemand zu empfangen und den Gegenſtand an ſein Herz zu drücken. Er liebte... und er träumte von der Geliebten. Wolluſt und Leiden⸗ ſchaft konnten ſich bei einem Schlafenden nicht vollſtän⸗ diger ausdrücken. „Ein kaltes eiſiges Lachen erſcholl in dieſem Augen⸗ blick von ſeinen Lippen; wenn Jemand es gehört hätte, er würde ſich erſchrocken zurückgezogen haben. Noch lachend ſprang er aus ſeinem Bette auf. Kaum auf ſeine Füße gekommen, blieb er ſtehen und ſtarrte um ſich. Er hatte geträumt, und ſein Kopf war noch vom Traume befangen. — Ich ſah Blut, murmelte er vor ſich hin... Blut, das über meinen Dolch hinabrann... über mei⸗ nen Dolch... hinweg das Inſtrument, aus welchem der Satan das Herzblut unſerer Feinde preßt, hinweg! Und er ergriff den Dolch in ſeinem Gürtel und warf ihn von ſich. In dieſem Augenblick klopfte es heftig an die Thüre. — Ha, wieder Er, fuhr Zamparelli fort, indem er mit unverkennbarem Unmuth die Zähne knirſchte. wieder Er, ich hätte Luſt, ihm einmal dieſen Weg zu verſperren. Es klopfte wieder, und zwar dießmal mit wieder⸗ holten, noch ſtärkeren Schlägen. 3 Zamparelli runzelte die Stirne, hob den Dolch auf und ſteckte ihn wieder in ſeinen Gürtel; darauf verließ er das Zimmer und öffnete die Thüre. Der Eintretende war dicht in ſeinen Mantel ge⸗ hüllt und hatte ſeinen Hut tief hinabgedrückt. — Die Maske! befahl er, ſobald die Thüre hinter ihm geſchloſſen war. Gib die Maske her. 119. Zamparelli zögerte.. Inzwiſchen warf der Fremde Mantel und Hut von ſich; der Mann war kein Anderer, als Adlerſtern. — Wo iſt der Domino und die Maske? fragte Adlerſtern von Neuem.. — Hier, antwortete ihm Zamparelli endlich und warf ihm das Kleid zu. — Unverſchämter Gauner, brummte Aplerſtern. Gib mir den Schlüſſel her, ich will ſie dießmal allein beſuchen. — Wollen Sie das? — Gib den Schlüſſel her. — Sie ſehen, Herr, daß er neben meinem Dolche ſteckt. Sie müſſen dem Dolch Ihr Compliment machen, wenn Sie den Schlüſſel erhalten wollen. — Du willſt mich plündern. — Die Beute gehört mir ſo gut wie Ihnen. Ich war es, der ſie entführte, und nicht Sie. 5 — Sieh da.. — Und er warf ihm einige Dukaten zu... — In zwei oder drei Tagen gedenke ich ſie von hier wegzubringen. Zamparelli erhob ſein Haupt. Eine ganze Donner⸗ wolke ſchien auf ſeiner Stirne zu ruhen. — Von hier wegzubringen? — Wie ich ſage. — Bei der Lampe des heiligen Januarius, in dieſer Nacht leuchtet Ihr Stern nicht. Adlerſtern's Zorn war nahe daran, loszubrechen. — Du trotzeſt mir? — Ich ſage bloß meine Gedanken. — Gottes Zorn über Dich, wenn Du einen einzi⸗ gen Finger gegen meinen Willen zu erheben wagſt. Zamparelli brach bei dieſer Drohung in ein ſchal⸗ lendes Gelächter aus. — Du kennſt mich. Nimm Dich in Acht... weißt Du, welchen Preis man auf Deinen Kopf geſetzt hat? . 420 — Genau denſelben wie auf den Ihrigen. — Laß uns darüber jetzt nicht rechten, ſondern folge mir. Adlerſtern ſah, daß er am Rande eines Abgrundes ſtand, aber er vertraute noch immer auf ſeinen Muth und ſeine Entſchloſſenheit. Er beklagte ſich über Vincenz, der ihn in ſo verrätheriſche Hände wie die eines Zam⸗ parelli gegeben hatte; er wußte nicht, daß es nicht ſo⸗ wohl Unredlichkeit, als vielmehr eine heftige Leidenſchaft war, die das Benehmen dieſes Menſchen leitete. Zamparelli ſeinerſeits war ebenfalls mit ſich ſelbſt unzufrieden. Bisher hatte er ſeine Ehre und ſeinen Stolz darein geſetzt, getreu die Verſprechungen zu er⸗ füllen, die er einmal gegeben... jetzt kannte er ſich ſelbſt nicht mehr, und er ſchämte ſich... aber die Leiden⸗ ſchaft war muthiger als das Ehrgefühl, und ſeine Hand⸗ lungsweiſe wurde dadurch nicht beſſer. — Sie wollen ſie von mir wegführen? — Und dann? verſetzte Adlerſtern. — Was würden Sie ſagen, im Fall ich daſſelbe im Sinne hätte? — Sie wegzuführen? — Allerdings. — Du vürdeſt keine zehn Schritte von dieſem Haus kommen, ſo würden Dich bereits die Sbirren ergriffen haben, und nach 24 Stunden... — Würde ich baumeln, meinen Sie. Adlerſtern nickte bejahend. — Da Sie mein Schickſal ſo gut wiſſen, ſo müſſen Sie doch wohl auch Ihr eigenes kennen? — Und das wäre? — Ganz daſſelbe wie das meinige. — Zu baumeln? 1 — Zu baumeln binnen 24 Stunden, nachdem die Sbirren zehn Schritte von dieſem Hauſe mich mit dem Mädchen ergriffen hätten. Inzwiſchen ſtehe ich jetzt zu 121 Ihren Dienſten; Sie wünſchten ja allein mit ihr zu ſprechen. — Komm... Durch den Muth und die Gewandtheit, welche Adlerſtern bei Louiſen's Entführung zur See an den Tag gelegt hatte, war es ihm gelungen, bei Armfſelt und den Uebrigen den Argwohn, als ob er mit Zam⸗ parelli wegen der erſten Gewaltthat einen Vertrag ab⸗ geſchloſſen gehabt haͤtte, ſchon in der Geburt zu erſticken. Purch ſeine Beharrlichkeit und den unermüdlichen Eifer, womit er an den Nachforſchungen nach der Verſchwun⸗ denen Theil nahm, befeſtigte er die gute Meinung von ſich noch mehr. Um vollkommen gewonnenes Spiel zu haben, blieb nur noch übrig, daß er Louiſe auf ſeine Seite brachte... ſei es nun durch Güte und Freund⸗ lichkeit gegen ſie oder auch durch ein neues kühnes Spiel... gleichviel was, wenn es nur ſeinen Zweck erreichte. 5 Es war ihm nie eingefallen, daß er bei Zamparelli auf Widerſtand ſtoßen könnte; aber zu ſeinem Schrecken ſah er jetzt, daß juſt dieſer Menſch einen bodenloſen Abgrund zwiſchen ihn und ſeine Hoffnungen ſtellte. Abgeſehen von den Plänen, die wir bereits geſchil⸗ dert haben, hatte der Zweck mit Louiſen's Entführung ganz unklar und dunkel vor ſeinen Augen geſtanden. Aus der innerſten Tiefe ſeiner Seele rief eine Stimme ihm zu: Du mußt ſie beſitzen! Und um ſie zu beſitzen, mußte er ſie rauben. Er wollte ſie von Wil⸗ jams entfernen und an einen Ort bringen, wo er wußte, daß Niemand außer ihm ſelbſt ſie treffen konnte. Er war eiferſüchtig und grauſam... er liebte und war bösartig... ſeine Liebe war ſo viel Haß, als nur möglich war, um auf dem tiefſten Grunde immer noch Liebe zu ſein. Er hatte einmal um ihre Hand angehalten, in der Abſicht, ſie glücklich zu machen; jetzt wollte er um jeden — ——— 12² Preis dieſe Hand gewinnen, in der Abſicht, ſie ungluck⸗ lich zu machen. Seine Neigung war eine fixe Idee geworden, deren Gewalt er blindlings verfallen war. Ruhige Ueberlegung und Klugheit hatten ihn ver⸗ laſſen und er ſtürzte ſich vorwärts Louiſe hatte eben ihr Gemälde verlaſſen und den Pinſel weggelegt, als Zamparelli und die gewöhnliche Maske bei ihr eintraten. Zamparelli hieß ſeine Tochter mit ihm hinauskom⸗ men, und Louiſe blieb allein mit der Maske. Einzig und allein in ihren Fantaſieen ſchwebend, hatte Louiſe ſelbſt in dem engen Gefängniß wie in einem Roſengarten gelebt. Als die Maske von dem Geſicht des unbekannten Dominos wegſiel und ſie Adlerſtern erkannte, da war es ihr, als haͤtte eine Schlange ſie geſtochen. Sie hatte bisher geahnt, aber keine Gewißheit ge⸗ habt, daß er es ſei. Adlerſtern bedurfte in dieſem Augenblicke ſeines ganzen Muthes, um nicht allen feſten Halt zu verlieren. Er fühlte, daß er ſchwankte, niedergedrückt nicht minder von ſeinen eigenen Gewiſſensbiſſen, als von Louiſen's Anblick. Er bereute jetzt Alles, was er gethan hatte, und er war nahe daran, zu ihren Füßen zu ſinken, ſein Ver⸗ brechen zu bekennen und um Verzeihung zu flehen. In der Unterredung, die er jetzt mit ihr eröffnete, bot er alle ſeine Geiſteskräfte auf. Reue, Verdruß, Bitten und Drohungen, berechnete Wendungen und glatte Complimente, Leidenſchaften und Scherz, kurz und gut, Alles was Adlerſtern in ſeiner Stellung be⸗ nützen konnte, das benützte er in dieſem Geſpräche. Er ſuchte ſie auf den Glauben zu bringen, daß 123 Zamparelli ſie für ſeine eigene Rechnung entführt, daß er, Adlerſtern, zufällig ihren Aufenthalt entdeckt und unter ſeiner Maske Zamparelli getäuſcht und verleitet habe, ihn in einem unbewachten Augenblicke hereinzu⸗ laſſen; daß Zamparelli jetzt aus Angſt nicht wage, ſie freizugeben u. ſ. w. Louiſe that, als ob ſie ihm Glauben ſchenkte, und war bereit, ein unverbrüchliches Stillſchweigen zu geloben, wenn ſie nur befreit würde. Erſchreckt nicht blos durch das Aufſehen, das ihr Verſchwinden erregt hatte, ſondern auch durch die Mög⸗ lichkeit, entdeckt zu werden, ſowie durch Zamparelli’s Drohungen, und zugleich zitternd vor Louiſen ſelbſt, die ſich immer mehr als ein entſchloſſenes und einſichts⸗ volles Mädchen zeigte, wäre Adlerſtern vielleicht auf ihren Vorſchlag eingegangen, wenn nicht in dieſem Augenblick Zamparelli zurückgekommen wäre.. — Die Zeit iſt weit vorgeſchritten, ſagte er, Sie müſſen jetzt gehen. — Wer beſiehlt das? — Ich! — Du willſt den Dictator ſpielen... — Ich will blos den Herrn in meinem eigenen Hauſe ſpielen, und wenn Sie es nicht ſogleich verlaſſen, ſo ſage ich Ihnen, daß ich noch ein ganz ähnliches Zim⸗ mer wie dieſes hier habe, und es ihnen zu einem Nacht⸗ quartier einzuräumen gedenke. Alle Proteſtationen des Grafen waren vergebens. Mit der größten Erbitterung verließ er Zamparelli. Louiſen's Stellung wurde von dieſem Augenblicke noch kummervoller als vorher; ſie nahm zwar als ge⸗ wiß an, daß Adlerſtern den Banditen zu ſeiner Greuel⸗ that gegen ſie veranlaßt habe, aber ſie merkte auch nicht blos an Adlerſtern's ausweichenden und zweideutigen Antworten bei ſeinem letzten Beſuch, ſondern auch an ſeinem abgezehrten, leidenden Ausſehen, daß weniger er 124 ſelbſt, als Zamparelli jetzt der wahre Riegel vor ihrer Gefängnißthüre war. Wie das Gefühl hieß, von welchem Zamparelli da⸗ zu gemacht wurde, das konnte dem Blicke eines Weihes nicht lange entgehen. Es hieß Liebe.— Jedes Herz, das liebt, kann auch zu edlen, auf⸗ opfernden Handlungen veranlaßt werden; aber von Zam⸗ parelli war eine ſolche nicht zu hoffen. Ueberdieß war ihm die äußerſte Vorſicht geboten. Nicht blos Adlerſtern fürchtete nämlich, daß Zam⸗ parelli ihn verrathen könnte, ſondern auch Zamparelli fürchtete ſeinerſeits das Gleiche von Adlerſtern. So lange Louiſe in ihrer Gewalt blieb und die Polizei ſie noch nicht entdeckt hatte, hielten ſte einander im Schach und blieben ſicher. Louiſe begann dieß zu errathen und verzweifelte. Die Zeit verſtrich. Adlerſtern wurde immer kälter, bläſſer und wort⸗ karger. Zamparelli's Augen dagegen flammten von einem immer wärmeren und höheren Feuer. Der Letz⸗ tere ſchien dem Andern Leben und Geſundheit zu ſtehlen. Louiſe fürchtete ſie Beide. Sie ſah, wie die Leidenſchaften in Beider Bruſt gährten, und ſie meinte von zwei wandernden Veſuven bewacht zu ſein. Jeden Augenblick fürchtete ſie einen Bruch zwiſchen ihnen, und ſie zitterte für ihr eigenes Schickſal. Um ſich zu zerſtreuen, malte und fantaſirte ſie: in Zamparelli's Tochter, dem hübſchen kleinen. Mädchen, ſah ſie ihren einzigen Troſt. Im Uebrigen betete und hoffte ſie. In Gott er⸗ blickte ſie ihren einzigen Schutz. Eines Nachmittags trat Adlerſtern früher als ge⸗ wöhnlich bei Zamparelli ein. 1 Es war der 9. Februar, der erſte Carnevalstag. — Immer daheim, ſagte er zu Zamparelli, den er — ð 8— X 125 auf ſeinem Bette liegend fand, ich habe Dir einen Car⸗ nevals⸗Auftrag zu geben.. willſt Du Geld verdienen? — Nein, Herr, nichts kann mich von meiner Wache hier weglocken. — Du biſt vorſichtig. Was verlangſt Du von mir, um die Gefangene meinen Händen zu überlaſſen? Zamparelli ſprang von ſeinem Bette auf. — Haben Sie ſchon ſolche Diamanten geſehen, Herr, wie ihre Augen ſind? — Nun, wenn ich nein ſage? — Haben Sie ſolche Rubinen geſehen, wie ihre Lippen? — Du wirſt ſchrecklich. — Beim Kreuze des heiligen Januarius, Herr, ſie iſt ein Schatz... ein koſtbarer Schatz... wollen Sie ſie haben, ſo müſſen Sie ſie mit Gold aufwägen. Bei dieſer Aeußerung ſprang Adlerſtern von ſeinem Platze auf. 4 — Tod und Hölle, Du liebſt ſie? Zamparelli war auf ſeiner Hut und der Dolch fun⸗ kelte augenblicklich in ſeiner Hand. — Zurück, Herr! — Du willſt ſie alſo um keinen Preis aus Deiner Hand geben? — Um keinen Preis, nein. „— Und Du beharrſt unter allen Umſtänden auf dieſem Entſchluſſe? Ja. Adlerſtern fuhr mit der Hand unter ſeinen Rock und zog ein Piſtol hervor. — So werde ich Dich zwingen. Zamparelli war auf dieſen Angriff nicht gefaßt, ſondern zog ſich erſchrocken zurück. — Lege Deinen Dolch ab! Zamparelli gehorchte dieſem Befehl. — Die Schlüſſel her! Zamparelli holte ſie vor. ——— * 126 — Geh' mir voran,... ſo... vorwärts... Wenn Du vom Platze weichſt, ſo laſſe ich krachen. Zamparelli gehorchte und ging voran. Schritt vor Schritt gingen ſie im Corridor vor Fräulein Poſſe's Zimmer vorwärts. Adlerſtern’s Auf⸗ merkſamkeit war unverändert auf Zamparelli geheftet; aber in einem Augenblicke, wo er es am wenigſten er⸗ wartete, machte Zamparelli eine heftige Bewegung gegen die eine Wand und von dem kräftigen Stoß ora eine Thüre auf.. Kin ſchwarzer unermeßlicher Abgrund öffnete ſich vor ihm. — Jetzt bin ich es, der befiehlt, ſagte Zamparelli und ſtreckte dabei ſeine Hand mit den Schlüſſeln über die Tiefe hinaus. — Wenn Sie Ihr Piſtol nicht weglegen, fuhr er fort, ſo werfe ich dieſe Schlüſſel in die Tiefe hinab, und Sie werden dann ſehen, ob Sie die Thüre zu dem Zim⸗ mer des Mädchens zu ſprengen vermögen. — Bedenke, daß dein eigenes Kind drinnen iſt. — Fort mit dem Piſtol... ich opfere auch dieſes... fort mit dem Piſtol! — Hölliſcher Geiſt, in welcher von deinen Werk⸗ ſtätten befinden wir uns? — In den Katakomben. Adlerſtern ſah, daß Alles verloren war, wenn er das Piſtol nicht weglegte und ihn die Schlüſſel weg⸗ werfen ließ. Die Schlüſſel konnten möglicherweiſe neu gemacht werden, aber wer bürgte ihm dann dafür, daß ſein Ge⸗ heimniß bewahrt blieb? — Fort mit dem Piſtol! rief Zamparelli noch einmal. Adlerſtern faßte einen kühnen Entſchluß. Er ließ das Piſtol ein wenig ſinken, gleichſam als wolle er es wegwerfen, aber in demſelben Augenblick ſtürzte er mit einer wohlberechneten Bewegung auf Zamparelli los. 4 127 Das Glück iſt der Kühnheit hold, und beinahe noch während des Sprungs ergriff der Graf mit der linken Hand die Schlüſſel, während er dem Banditen mit dem Piſtolenkolben einen wohlgezielten betäubenden Schlag in den Nacken verſetzte. Jetzt entſtand ein kurzer gewalt⸗ ſamer Kampf, aber Zamparelli war überrumpelt worden und verlor das Gleichgewicht. Im nächſten Augenblick ſtürzte er die Treppen hinab in die Katakomben. Beinahe wahnſinnig vor Freude, verſchloß Adler⸗ ſtern die Thüre hinter ihm, warf das Piſtol von ſich und eilte nach Louiſen's Zimmer. Louiſe malte. Von dem Augenblick an, wo ſie von ihren Freunden getrennt in dem engen Gefängniß ein⸗ geſperrt wurde, hatte ſie mehr als je zuvor gebetet und gehofft. Gebet und Hoffnung gaben ihrem Gemüth eine innige religiöſe Stimmung. Das Unglück iſt immer andächtiger als das Glück. Man trifft öfter den Kummer als die Freude am Fuße des Kreuzes niedergebeugt. Die chriſtliche Nachtlampe wird für den einſamen feufzenden Schmerz angezündet, erliſcht aber gewöhnlich vor den lärmenden Vergnügun⸗ gen des Alltagslebens. Während ihres Aufenthaltes in Neapel hatte ſie die meiſten Kloſterkirchen beſucht und überall Madonnen und Heiligenbilder geſehen. Die Erinnerungen daran zer⸗ ſchmolzen jetzt zu einem einzigen Bilde. Wir haben den Eindruck beſchrieben, welchen das von Wiljams verlorene Bruſtbild auf ſie gemacht hatte, und auch in ihren religiöſen Anſchauungen machte ſich dieſer Eindruck lebhaft und mächtig geltend. Die Reminiscenzen an die Heiligen bekamen alſo die Geſichtszüge des aufgefundenen Portraits„aber das Jungfräuliche, das Irdiſchweibliche in ihren Zügen wurde von ihrem Pinſel verklärt, das leidenſchaftliche, von Liebe 128 ſprechende Feuer in den Augen wurde überirdiſch rein, himmliſch klar; die Augen ſuchten ihr Glück nicht mehr auf Erden, ſondern über den Wolken, unter den Sternen, im Lichte; die ſchwellenden Purpurlippen wurden ideali⸗ ſirt: ſie ſchienen nicht mehr in einem Traum von der Wolluſt des Kuſſes zu glühen; ſie drückten einen mil⸗ dern Gedanken aus: ein Gebet ſchwebte gleichſam auf ihnen, ſchwebte empor zu den höheren Regionen. Die Züge des Originals wurden von Louiſen's Pinſel ver⸗ edelt, ſie wurden in ihrer Seele gleichſam neu geboren. Die Schlacken fielen weg vom Ideal. Der Engel machte ſich aus dem Staubbande los und ſtand rein und frei da. Das Irdiſche verſank und nur das Himmliſche wurde gerettet. Man wurde zur Andacht gerührt durch das ſanfte und fromme Geſicht der verklärten Heiligen. Am Fuße kniete ein Kind mit gefalteten Händen. Louiſe war juſt damit beſchäftigt, als Adlerſtern die Thüre öffnete und hereinſtürzte. Er war außer ſich. — Folgen Sie mir, rief er, Sie ſind frei, Cou⸗ ſine, folgen Sie mir!. Aufgeregt von dem ſo eben überſtandenen Kampf mit Zamparelli, vermochte er faum zu ſprechen. — Ich habe Zamparelli überwunden, Sie haben nichts mehr zu fürchten; kommen Sie, kommen Sie. Ich überlaſſe mich Ihrer Gnade; ich bin ſehr verräthe⸗ riſch gegen Sie geweſen... ich appellire an Ihr Herz... an Ihre Güte... eilen Sie nur... 4 Die drohende Gefahr, die ſo eben noch ſein Gemüth in der höchſten Spannung erhalten hatte und aus der er ſiegreich hervorgegangen war, hatte ſeine Denkungs⸗ art verändert. Alle ſeine boshaften Pläne gegen Louiſe waren auf einmal verſchwunden. In dieſem Augenblicke liebte er ſie uneigennütziger und reiner als je. Der Tod hatte ſo eben gleichſam in ſeine Seele 129 hinabgeblickt und ſeine Gedanken mit dem Hauch ſeines Athems gereinigt. — Zögern Sie nicht, ſondern folgen Sie mir. Louiſe wußte nicht, was ſie von dieſem unerwarte⸗ ten Zurufen denken ſollte; ſie ließ blos ihren Pinſel ruhen, ohne ſich von der Stelle zu bewegen. Da ſie zögerte, wollte Adlerſtern auf ſie zueilen, aber in dieſem Augenblicke hörte er ein ſchreckliches Ge⸗ polter unter ſeinen Füßen und er blieb erſchrocken ſtehen. Kaum konnte er die Frage an ſich ſtellen, was dieſes Gepolter veranlaſſen könnte, ſo ſah er, wie der Boden gerade vor ihm ſich öffnete und Zamparelli aus der Tiefe herauf eilte. Das Gebäude war eine alte Räuberhöhle, das mit den Katakomben in Verbindung ſtand. Der Anblick Zamparelli's erfüllte ihn mit einem Entſetzen, das ihn beinahe lähmte. Er ſtand athemlos da und fühlte ſich unmächtig. 3 Mit einem Sprung, ſo heftig wie wenn ein Tiger ſich auf ſeinen Raub ſtürzt, warf ſich Zamparelli über ihn. Ein einziger Schlag genügte jetzt, um ihn auf den Boden niederzuſtrecken. Wenn Zamparelli einmal von Haß und Rache geſtachelt war, ſo hielt er nicht leicht inne. Wie von einem brauſenden Sturmwind erfaßt, ſtürmte er blindlings weiter auf ſeiner hölliſchen Bahn. Ddie Leidenſchaft iſt von Finſterniß umgeben; in ihrer Nacht leuchten keine Sterne, ſondern nur Irrlichter. Zamparelli hätte in dieſem Augenblicke eine ganze Welt ermorden können, ohne daß er ſelbſt einen einzigen Blutstropfen bemerkt hätte. 8 Seine Hand traf auf einen Dolchgriff unter Adler⸗ ſtern's Rock und er ſtieß die Klinge des Dolches in ſeine Bruſt. Seeine Augen flammten von einem ſataniſchen Feuer, ſein Geſicht war bleich, die Stirne drohend und wild, ſein Haar ſträubte ſich empor, man hätte ihn für einen der Hölle entſtiegenen Dämon halten können. Der Trabant. IV. 9 — Wo iſt ſie? rief er, wo iſt ſie? Er erinnerte ſich an Louiſen und ſchien zu befürch⸗ ten, daß ſie bereits von ihm geflohen ſei. Mit dem noch bluttriefenden Dolch in der Hand ſtürzte er gegen den Schirm vor, hinter welchem ſie zu malen pflegte, und warf ihn um. Eine überraſchende Erſcheinung hemmte in dieſem Augenblick ſein wildes Toben. Erſchreckt von der gräßlichen That, die ſie in ihrem Zimmer vor ſich gehen hörte, hatte Louiſe ſich ſo weit als möglich gegen die Wand zurückgezogen. Dadurch ſtand das Gemaͤlde frei vor Zamparelli's Blicken. Er faßte auch auf den erſten Augenwurf ſeine ganze vollendete Schönheit auf. Der Heiligencharakter, den Louiſe in das Stück zu legen verſtanden hatte, machte ihn betroffen, wie ein heller Strahl aus einem reinen Himmel. 3 — Heilige Mutter Gottes, rief er, ſich auf die Knie niederwerfend, das iſt ſie ſelbſt, die Nonne im Sankt Dominikanerkloſter, Neapels neue Heilige, die Freundin der Armen, die milde Richterin der Verbrecher. Und er erhob betend ſeine Hände zu dem Heiligen⸗ bild. Louiſe hörte zwar ſeinen Ausruf, ſchrieb ihn aber einfach der Exaltation eines leidenſchaftlichen Mannes zu. — Und mein Kind, o Gott, mein Kind! Zu den Füßen der Heiligen hatte Louiſe ein knien⸗ des Kind gemalt, mit einem Blick ſo betend, ſo mild, 8 klar, daß ſein ganzes Weſen ſich darin auszuſprechen ien. Zamparelli's kleine Maria hatte ihr als Modell ge⸗ dient. Louiſe hatte das Mädchen aufgefordert, unbe⸗ weglich in ſeiner betenden Stellung zu bleiben, und es war auch trotz der Angſt Louiſen's und trotz des Lärms ver Hlen Schirme unveränderlich auf ſeinem Platze ge⸗ ieben. Das Bild auf dem Gemälde war dem Modell ſo ähnlich, als wäre es ein treues Spiagelbild geweſen. 131 Farben, Formen, Ausdruck, Blick, alles entzückte durch ſeine kindliche und ſeelenvolle Gleichheit., Zamparelli war von Bewunderung hingeriſſen, aber ohne daß dieſer Zauber ſchwand, nahm er gleichwohl bald eine andere Richtung. 4 Und ohne vom Boden aufzuſtehen, noch ſelbſt in einer knieenden Stellung, wandte er ſich vom Gemälde ab gegen Louiſe.— — Diejenige, die ſo malen, ſo denken und fühlen kann, rief er, wie ſollte ſie nicht auch lieben können? befand. In ſeinem Geſicht brannte ein wildes thieriſches Verlangen; in ſeinen Augen flammte ein Vulkan von Leidenſchaften, und ſeine Glieder zitterten. ierig verſchlang er ſie mit ſeinen Blicken. Es war die ungezügelte Liebe eines aufgeregten Hindu, die darin brannte und ſie gleichſam verzehren wollte. Louiſe fürchtete jeden Augenblick, er möchte ſich über ſie werfen, und ſie zog ſich erſchrocken in ihre Ecke zurück. — Sie müſſen die Meinige werden, ſagte er endlich mehr brüllend als ſprechend; verſtehen Sie, was es heißen will, zu lieben?... das heißt von einem Neſſus⸗ gewand verzehrt werden, d. h. auf dem Scheiterhaufen ſeines eigenen Herzens ſich verbrennen. Ich liebe Sie... Seine Augenringe erweiterten ſich, während er ſprach. Sie ſind geboren, fuhr er fort, um in mein Herz hinabzuſteigen und mit Ihrem Auge das hölliſche Feuer darin zu löſchen; Sie find geboren, um mich von mir ſelbſt zu befreien, um mich vom Verderben zurück⸗ zuführen. Sie ſind geboren, um mir in Gemälden, wie dieſes hier, die Seligkeit des Himmels auf Erden darzuſtellen„ um die Heiligen aus den ewigen Laͤndern des Lichtes in mein Gemüth hinabzilüihre. Ha, Sie ziehen ſich zurück. Hören Sie, wie mein Herz klopft, wie meine Pulſe ſchlagen. Bei der Seele des heiligen Januarius, Sie müſſen mich auch lieben. Und er richtete ſich immer mehr aus ſeiner bitten⸗ den Stellung auf. Die kleine Marie ahnte inſtinktmäßig die Gefahr, worin Louiſe ſchwebte, und ſie fuhr ſchnell auf und ſchlang ihre Arme um des Vaters Hals; er aber nahm ſie auf ſeine Arme und hob ſie in die Höhe. — Mein Kind, rief er, meine Perle, mein Schmuck, mein Roſendiamant, mein Engel, ich werde dir eine Mutter geben... Freue dich, du ſollſt nie mehr von deiner Freundin getrennt werden, du ſollſt immer bei ihr bleiben dürfen... verſprich du mir, meine ſchöne Nachtviole, ſie zu lieben... ſie zu lieben wie deine Mutter, deine beſte Freundin. — Ach ja, Papa, ich werde ſie immer lieben, ſie iſt ſo gut... ſie liebt mich ſo ſehr. Die Worte des Kindes goſſen Oel auf das Feuer, das in Zamparelli's Herzen raste. — Stern meiner Seele, rief er und hob das Kind noch höher, ſie ſoll dein werden, ſie ſoll uns Beide glück⸗ lich machen. Louiſe ſchlug ihre Hände zuſammen und betete. Sie erinnerte ſich des Mönchs, und obſchon ſie keine Rettung mehr ſah, ſo ſchien doch der Strahl der Hoff⸗ nung gleichſam zwiſchen Gewitterwolken in ihre Seele inein. 3 Zamparelli ſtellte das Kind weg und näherte ſich Louiſen. Sie erhob ſich aus ihrer niedergebeugten Stel⸗ lung, je näher er ihr kam. Die ſeine, geſchmeidige Geſtalt, kaum noch ſo ängſt⸗ lich und blaß, ſchien jetzt zum Leben zurückzukehren. Die Wangen wurden von einer reinen und durchſichti⸗ gen Flamme bepurpurt, die Augen glänzten wie Thau⸗ tropfen, beleuchtet von einem klaren Licht. Aber ihre Bruſt hob ſich nicht... ihr Athemzug ſtand ſtill... — ᷣ o——— Ku 133 die Furcht ſaß mitten in ihrem Herzen und that ſeinen Schlägen Einhalt. Wohin ſie blickte, erſchien keine Rettung, aber ſie war entſchloſſen, lieber zu ſterben, als ſich Zamparelli zu ergeben.. — Kommen Sie mir nicht näher, bat ſie, und ihre Stimme zitterte.. Zamparelli war in dieſem Augenblick mehr ein wil⸗ des Thier als ein Menſch. Die Leidenſchaft leitete ihn bewußtlos, die Neigung war ſein Geſetz, der Inſtinkt ſein Leitſtern. Ein warmer Hauch ſeines Athems flog über ihr Geſicht.. — Zurück! rief ſie und ſtreckte ihre Hand gegen ihn aus. 3 — Schwache, aber ſchöne Taube, ſagte er, ſieh hieher. Und er deutete auf Adlerſtern. — Wiſſen Sie, fuhr er fort, warum ich ihn getödtet habe? Ich habe ihn aus Liebe zu Ihnen getödtet, aus Eiferſucht, wenn Sie ſo wollen. Ich werde auch Sie tödten können, und zwar ebenfalls aus Liebe. — Hinweg von mir... berühren Sie mich nicht ... Barmherzigkeit! — Die Liebe iſt immer barmherzig: ſie will immer eher lieben als tödten. — Was wollen Sie von mir? — Sehen Sie noch einmal dorthin. Und er zeigte wieder auf Adlerſtern. —— Viſſen Sie, was ſein Tod bedeutet? Er bedeutet, daß wir unzertrennlich ſind; ſelbſt wenn ich's wollte, könnte ich es nicht mehr wagen, Sie frei zu laſſen, bevor Sie die Meinige wären. Sein Tod iſt mein Tod, wenn Sie mich verriethen; deßhalb müſſen Sie mich lieben, um mich nicht zu verrathen. Sein gebrochenes Herz iſt unſer Traualtar, ſein letzter Seufzer iſt das geweſen, und er hatte in der Anſchauung der jungfräu⸗ Amen, das darüber hinſchwebt. Hörten Sie's, jetzt ſtieß er ſeinen letzten Seufzer aus. Ein dumpfer und langſamer Seufzer erhob wirklich in dieſem Augenblick Adlerſtern's Bruſt. 1 Louiſe entſetzte ſich und es lief ihr eiskalt durch die ieder. Aber in demſelben Augenblick legte Zamparelli ſeine Hand auf ihren Arm; auf einmal ſtrömte ein neues Leben durch alle ihre Adern, und ohne daß ſie es ſelbſt wußte, ſprang ſie ſeitwärts. Es war etwas Unberechnetes, Elaſtiſches in ihrer Bewegung. Man konnte ſagen, der Körper handle, ohne daß die Seele davon wußte. Durch dieſe Bewegung kam ſie hinter das Gemälde, das noch auf ſeiner Staffelei ſtand. Zamparelli lächelte und ging ihr nach. Sein Blick ſiel inzwiſchen abermals auf das Ge⸗ mälde und er wurde auf's Neue hingeriſſen von dem in ſeiner ſtrahlenden Glorie entzückenden Heiligenbild. Ich will vor Dir beichten, Du ſchönes Bild, und dann... dann... Und er beugte ſich nieder und hob ſeine gefalteten Hände gegen das Bild. — Neapels heilige Jungfrau, Du barmherzige Schwe⸗ ſter unſerer Zeit, Du neue Wohlthäterin der Armen... Er ſprach zu dem Bild, wie zu einer Bekannten, noch lebenden Heiligen. Fand ſich eine ſolche, die dem Portrait glich, wirklich vor, oder war dieß nur eine Phantaſie von ihm? Louiſe folgte gleichwohl ſeinem Gedankengang nicht. Irre flogen ihre Blicke umher. Ihre Kniee wankten. Wohin ſollte ſie fliehen? Ueberall war ſie von nackten, kalten Steinmauern umgeben. Zamparelli richtete ſich jetzt wieder auf. Seine Beichte war eine der wollüſtigen Schwär⸗ mereien des den thieriſchen Neigungen verfallenen Geiſtes 135⁵ lichen Schönheit der gemalten Heiligen einen neuen Rauſch, neue Keckheit getrunken. Nicht bloß Neapels Natur, ſeine Pflanzen, ſein Himmel, ſeine Wogen ſind es, die Feuer aus dem Schooße des Veſuvs ſaugen; jeder Blutstropfen im Her⸗ zen des Neapolitaners thut daſſelbe. Zamparelli ſchien förmlich zu flammen. Ein Schreckensruf entfuhr Louiſen's Lippen, als ſie ihn anblickte. Er hatte die Staffelei auf die Seite geſtoßen und das Gemälde mit der Heiligen war auf den Boden gefallen. Louiſe war nahe daran, ſich zu ſeinen Füßen zu werfen und ihn um Barmherzigkeit an⸗ zuflehen; aber er ſchien nichts zu hören, ſondern nur zu ſehen. Sein ganzes Weſen ſchien ſich in einen einzigen Blick aufgelöst zu haben, in einen Feuerblick, der ſie mit der ganzen wilden Gierde einer verzehrenden Flamme verſchlang. In dieſem Augenblick ſtreckte er ſeinen Arm aus, um ihren Leib zu umſchlingen. Sie entzog ſich ihm mit der Schnelligkeit einer Queckfilberkugel. — Bleiben Sie ſtehen, befahl er. Und der Zorn ſprühte beinahe in ſeinem Geſicht, ſo lebhaft drückte er ſich darin aus. Nichtsdeſtoweniger zog ſich Louiſe auf die andere Seite des Zimmers. — Beim Schatten des heiligen Januarius! don⸗ nerte er. Und er beugte ſich nieder, um mit einem einzigen Sprung ſeine Arme um ihren Leib zu ſchlingen. Aber in dieſem Augenblick, wo Alles verloren ſchien, bemerkte ſie die aufgeſtoßene Fallthüre im Boden, durch welche Zamparelli heraufgekommen war, ſowie die Treppe, die hinabführte, und mit Blitzesſchnelligkeit eilte ſie an die Vertiefung und hinab. Das Feuer erloſch auf einmal in Zamparelli's Athem, als er ſie in der Tiefe verſchwinden ſah. Die brennende Leidenſchaft erſtarb und der Schrecken trat an ihre Stelle. 3 Sie hatte ſich in den Abgrund der Katakomben ge⸗ ſtürzt, und er wußte, daß ſie jetzt verloren war. 3 Zamparelli beſann ſich indeß nicht lange, ſondern eilte ihr nach. Die Katakomben in Rom ſind unterirdiſche Gebäude von unermeßlichem Umfang. Dahin flüchteten ſich die erſten Chriſten während der Verfolgungen, um in Frie⸗ den zu Chriſtus beten und ſeine Lehren lobpreiſen zu können; aber auch hier nahte ihnen das Schwert der Verfolgung und mehr als hunderttauſend Märtyrer fielen als Opfer ihres Glaubens. Zwiſchen Haufen von aufgeſchichteten Skeletten und noch daliegenden Mordinſtrumenten ſchlängeln ſich die unterirdiſchen Gänge hin. Dort zeigt ſich eine Bildſäule des heiligen Seba⸗ ſtian in Marmor von Bernin und hier der Erdeinſturz. Neapels Katakomben ſind denen Roms beinahe ganz ähnlich. Sie beſtehen hier aus drei Gewölben überein⸗ ander, jedes in Grotten, Zimmer und Begräbnißplätze eingetheilt. Dieſe wunderbaren und unermeßlichen Gewölbe wett⸗ eifern an Merkwürdigkeit mit den indiſchen Tempelge⸗ wölben in Elephantine und Salſette. Man glaubt, daß ſich die Katakomben Neapels bis nach Capua er⸗ ſtrecken, aber wenn dieß auch eine Uebertreibung iſt, ſo weif man, daß ſie wenigſtens bis unter Capo de Monte reichen. 1 Niemand wagte es ohne die größte Vorſicht ſich in dieſe Abgründe hinabzubegeben. Mehr als einmal ſind Unglücksfälle durch Erdſtürze geſchehen, und man erzählt entſetzliche, haarſträubende Ereigniſſe. Hieher, in dieſe von ewiger Nacht verdeckte unter⸗ irdiſche Welt, hatte Louiſe ſich geflüchtet, und die Ge⸗ 137 fahr, in welche ſie ſich geſtürzt, machte Zamparelli's Wangen erbleichen. 4 Mit den näͤchſten Gängen bekannt, hoffte er ſie zu erreichen, aber es war bereits zu ſpät. Die Furcht be⸗ flügelte ihre Tritte und ſie eilte vorwärts, ohne Etwas zu ſehen... ja noch mehr ohne an etwas Anderes zu denken, als an die Gefahr, der ſie entfloh. Vergebens ſcholl ſeine Stimme ihr nach... Alles war ſtill rings umher... kaum das Echo nahm ſich die Mühe, ihm zu antworten. Er kehrte in ſein Zimmer zurück und verſah ſich mit einer Fackel... aber alle ſeine Bemühungen, ſie wiederzufinden, waren vergebens. Seine Verzweiflung war grenzenlos. Noch machte er einen neuen Verſuch, aber immer gleich vergebens. Einmal glaubte er in einem der Gänge einen Ruf zu hören und eilte nach der Gegend, in der Hoffnung, daß ſie es ſei; aber ehe er an Ort und Stelle gelangte, kam ein Erdſturz herab und verſperrte ihm den Weg. Sein Schmerz grenzte an Raſerei; ſeine Raſerei war die eines Tigers. Ohne Hoffnung kehrte er zurück, entſchloſſen ein von ſolchen Qualen zerfleiſchtes Leben zu beendigen; aber er fand ſeine Tochter mit dem Dolche ſpielend und er ſank weinend an ihrer Seite nieder. Neue Beſchlüſſe lösten einander ſchnell ab in ſeiner Seele. Verzweiflungsvoll beſuchte er noch einmal Louiſen's Arreſtzimmer, er betrachtete ihr unvollendetes Gemälde, er blieb bei der Oeffnung der Katakomben ſtehen, er lauſchte, er glaubte einen Seufzer zu hören, und er war nahe daran zurückzukehren und die Gewölbe von Neuem zu durchſuchen; aber da ſiel ſein Blick auf Ad⸗ lerſtern, und er bemerkte, daß dieſer ſich bewegte, daß er athmete. Die Reue iſt der erſte Richter des Verbrechers. Er 138 wird in ſich ſelbſt gerichtet, ehe noch ſeine That einem Andern zu Ohren gekommen iſt. Bei Adlerſtern's Anblick ſchlug Zamparelli das Ge⸗ wiſſen, und er fühlte ſich wieder der Geiſel unheimlicher Gedanken verfallen. Im erſten Augenblick beſchloß er ſeine Leiden durch einen neuen Gnadenſtoß abzukürzen, aber im nächſten fiel es ihm ein, daß er vielleicht noch zu ſich kommen könnte. Nach einer kurzen Ueberlegun nahm er ihn auf ſeine Schultern und trug ihn dur den Gang, der mit einer kleinen Thüre auf eine abge⸗ legene und dunkle Nebengaſſe hin endete. Hier blieb er ſtehen und blickte vorſichtig hinaus. Kein Ton ließ ſich hören; Alles war ſchweigſam und ſtill, wie in einem Grabe. Mit unruhig klopfendem Herzen legte er den Ster⸗ benden weg und lehnte ihn mit dem Kopf gegen die Treppe. Hier war es, wo die Carnevalsmasken ihn endlich fanden. Was Zamparelli dachte, weiß der Himmel, aber ein Seufzer erhob ſeine Bruſt. 1 Sobald er ſich wieder im Corridor befand und die Hinterthüre verſchloſſen war, eilte er mit raſchen Schrit⸗ ten in ſeine Kammer. Der Muth war in ſein Herz zurückgekehrt und Ent⸗ ſchloſſenheit leuchtete in ſeinen kühnen Blicken, und bald verſah er ſich mit all den kleinen Koſtbarkeiten, die er beſaß, warf dann einen Mantel über ſeine Schultern, ſteckte den Dolch in ſeinen Gürtel und mit ſeiner klei⸗ nen Marie auf dem Arm blickte er noch einmal in Louiſen’s Zimmer. Jetzt zurück nach meiner Heimath... nach den Calabreſiſchen Bergen! Und er eilte von dannen. 139 Die Furcht und die Gefahr jagten Louiſe vor⸗ wärts. Kein Feind kann uns ſo jagen, wie unſere eigne Angſt. Louiſen's Angſt war jedoch jetzt ihr Gluͤck, denn ſo lange ſie fortwährte, entging es ihr gänzlich, daß ſie ſich in einen Abgrund geſtürzt hatte, aus wel⸗ chem keine Rettung möglich war, und als ſie endlich wieder zu ſich kam, war es bereits zu ſpät.. Ueberall um ſie her herrſchte Finſterniß, eine un⸗ durchdringliche Finſterniß, eine Dunkelheit, die nur mit der Stille in dieſer Tiefe wetteiferte. Sie hob die Hand empor, um Etwas damit zu fühlen... ſie fühlte nichts Anderes, als Luft, aber die Luft war feucht, und es däuchte ihr, als ob die Feuchtigkeit ſich ihr an die Hand feſtklebe, ſie wollte ſie betrachten und führte ſie an ihre Augen, aber ſie ſah ſie nicht mehr. Ein Schreckensruf entfloh ihren Lippen, aber der Nuf löste ſich in ein verworrenes Getöſe auf. Der Ton war leer und hohl wie der Schlag auf ein leeres Faß. Sie wollte zurückkehren, aber woher war ſie denn gekommen? Sie wollte vorwärts gehen, aber wohin ſollte ſie ſich da begeben? Wir laſſen den Schleier herab über die Qualen, die ſie ausſtand, aber dieſe Qualen öffneten gleichſam ihr Herz und ihre Seele für Gefühle ſanfter Reſignation. Sie ſah ein, daß ſie in ihr Grab hinabgeſtiegen war, aber ſie fühlte ſich gleichwohl glücklich, weil ſie in dieſem Grab beten konnte. Als ſie ſich vom Gebet emporrichtete, ging ſie vor⸗ wärts. Die Angſt vor dem Grab war verſchwunden. Die Dunkelheit und die Stille währten zwar fort, aber die Dunkelheit und die Stille um ſie her lenkten alle ihre Gedanken in ihr Inneres zurück. Da war Alles Licht und Geſang... Mein Gott! rief ſie. Sie hoͤrte wirklich einen Geſang in ihrer Seele. Während ihrer Wanderung ſtieß ſie auf ein Hin⸗ derniß, und als ſie es unterſuchte, fand ſite, daß es — — ——— 140 ſteinerne Stufen einer Treppe waren. In der Hoffnung, daß dieſe ſie aus dem Abgrund hinaufführen könnten, betrat ſie die Treppe, waͤhrend ſie mit der Hand vor ſich hin tappte. Aber bald hörte die Treppe auf und ſie ging jetzt auf einem ebenen Plan weiter. Der Schmerz, der ſie im Verlauf der letzten Stun⸗ den ſo heftig aufgeregt, hatte ihre Kräfte erſchöpft. Sie G— ſank daher nieder, nach einem Gegenſtand ſuchend, um ihren müden Kopf darauf zu lehnen. Sie bekam etwas Rundes in die Hand... eine runde Kugel, meinte ſie, und ſie legte es auf ihren Schooß. Es war doch Etwas, womit ſie ſpielen konnte. Den Kopf lehnte ſie an einen Stein und in dieſer Lage bekam die Phantaſie, ihr ſtets ſchützender und belebender Genius, ihre Gewalt, ihre mächtige Herrſchergewalt wieder über ſie.— Hörte ſie recht? Woher kamen dieſe ſo lieblichen Melodien? Sie lauſchte. — Mein Gott, wie ſchön das tönt! Ihre ſtets für alle Eindrücke empfängliche Seele, war jetzt aufgeregt und zur höchſten Exaltation ge⸗ ſteigert. Die Phantaſie ſchuf einen Lichtgarten vor ihrem inneren Blick, und es war ihr, als ob das Licht von einem Himmel aus ſtrahlendem Gold herabſtrömte, und als ſängen die Winde liebliche, ſanft hinſterbende Choräle zwiſchen den ſäuſelnden Wipfeln der Bäume. Aber das Licht nahm zu... der Geſang wurde ſtärker und ſie ſah eine beflügelte Geſtalt... einen En⸗ gel, ſtrahlend wie ein Lichtbild, heranſchweben. Und der Engel kam ihr immer näher und näher. Sein Auge war ſo ſanft und freundlich, ſeine Stirne ſo klar und rein... Und es war ihr, als hielte die Geſtalt in ihrer Hand ein Stundenglas, und als ſähe ſie, wie der Sand darin Korn um Korn hinabrann. Und als das Stun⸗ denglas ausgelaufen war, nahm die Geſtalt den Sand, warf ihn über ſie hinab und redete und ſagte: 141 — Von Erde biſt Du gekommen und zur Erde ſollſt Du wieder werden; aber am dritten Tag ſollſt Du wieder auferſtehen von den Todten. Und die Muſik ſäuſelte dabei ſo lieblich um ſie her, und ſie füͤhlte ſich ſo glücklich. Und die Geſtalt fragte ſie, ob ſie wiſſe, wer de ſei. — Der Tod... — Ich bin der Tod für die Lebendigen, antwor⸗ tete die Geſtalt, aber das Leben für die Todten. Und es däuchte ihr, als erſterben die Worte in lieblichen Tönen, als verwandelte ſich das leere Stun⸗ denglas in eine Lilie, als breiteten die Flügel des En⸗ gels ſich aus, und als erhöbe er ſich empor nach dem immer mehr und mehr ſich aufklärenden Himmel. Aber auf einmal wurde es wieder dunkel in ihrer Seele... die Erſcheinung war verſchwunden... und dennoch... wie wunderbar... ertönte der Geſang noch einmal. Es ſchien ihr ſogar, als komme er ihr immer näher und näher. Wie ſonderbar! Er erklang jetzt ſtärker... ſie hörte ihn deutlich... nicht aus ih⸗ rem Herzen, nicht aus ihrem Innern; er wurde von außen her gehört... ſtill... ſie wagte nicht zu ath⸗ men, aus Furcht ihn zu verlieren. In Wahrheit, ſie täuſchte ſich nicht mehr, der Geſang näherte ſich wirklich. Welch ein Wunder! Bald war es nicht bloß Geſang.. auch ein Lichtſtrahl ſchmeichelte jetzt ihrem Blick.. und der Strahl nahm zu... er kam ebenfalls näher. Im nächſten Angenblick ſah ſie, wie eine Prozeſſion langſam voranſchritt, von flammenden Fackeln beleuchtet und unter Abſingung eines einfachen ſchönen Chorals. — Ueberſelig vor Freude wollte ſie ſich aufrichten, aber die Beine trugen ſie nicht und ſie ſank ermattet zu⸗ ſammen. Als die Prozeſſion ganz nahe war, bildete ſie einen Kreis um Louiſe, und der Geſang ging in ein herr⸗ liches hinreißendes Hallelujah über. Louiſe wurde von einem unerklärlichen, lieblichen —— — Gefühl ergriffen, Thränen ſtrömten aus ihren Augen, und dieſe Fluth von Diamanten aus ihrem Herzen, be⸗ kam eine ſtärkere Strömung, als ſie ihre Blicke ſenkte und entdeckte, daß die Kugel, die ſie in der Hand zu halten glaubte, ein Todtenſchädel war, daß ſie ihren Kopf gegen einen Altar lehnte und mitten im Chor einer Kirche ſaß. Im oberſten Gewölbe der Katakomben Neapels, be⸗ findet ſich eine Kirche mit Pfeilern und dem Biſchoſs⸗ ſtuhl des heiligen Severus. In dieſer Kirche war es, wo der Kopf des heiligen Januarius, der bei Pozzuoli abgeſchlagen worden, eine Zeit lang verwahrt wurde, ehe man ihn in die Gewölbe der Kathedrale brachte. Indem Louiſe die Treppe betrat, auf der ſie aus den Katakomben zu gelangen hoffte, war ſie in dieſe Kirche gekommen. Eine Dominikanernonne hatte einen Traum gehabt, deſſen lebhafter Eindruck ihr keine Ruhe ließ. Sie hatte geträumt, der heilige Januarius ſei zu ihr gekommen und befehle ihr, waͤhrend des Carnevals täglich einmal die unterirdiſche Kirche zu beſuchen und am Altar deſ⸗ ſelben für die Thorheit der Menſchen zu beten. Die Aebtiſſin, davon unterrichtet, befahl eine Pro⸗ zeſſion, um die heilige Schweſter zu begleiten. Welche andächtige fromme Freude ergriff nicht ſie alle, als ſie jetzt Louiſe fanden! Man betrachtete den Traum als eine Offenbarung und die Träumerin als ein von Gott beſonders begnadetes Weſen. Das Ereigniß wurde für ein Wunder angeſehen, und in Wahrheit verdient man⸗ ches ſogenannte Wunder dieſen Namen weniger, als Loui⸗ ſen’s Rettung. Umgeben von Geſang und Licht, ſo wie auf zwei Nonnen geſtützt, wurde Louiſe, man kann wohl ſagen, im Triumph aus den Katakomben geführt. Aber ihre Ueberraſchung war noch nicht zu Ende; eine neue erwartete ſie. Als ſie der Nonne, die ſich ganz beſonders ange⸗ 143 legentlich um ſie bemüht hatte, in's Geſicht ſchaute, glaubte ſie darin bekannte Züge zu erkennen, und je näher ſie ſie betrachtete, um ſo mehr überzeugte ſie ſich, daß ſie ſich nicht getäuſcht hatte. Die Nonne war ihr wirklich bekannt; aber wo mochte ſie ſie geſehen haben? — Barmherziger Himmel, rief ſie endlich, das ſt ja.... Sie wollte ſagen, das iſt ja mein kaum erſt fertig gewordenes Portrait in Lebensgröße, nur älter, viel aͤlter... aber dieſelbe religiöſe Inſpiration... Dieſe ſchwärmeriſche Andacht, daſſelbe himmliſche Feuer. Die Nonne, die ihre Aufmerkſamkeit in ſo hohem Grade anzog, war dieſelbe, die den wunderbaren Traum gehabt hatte, der die Prozeſſion veranlaßte. Die Nonne hieß Wanja. Siebenzehntes Kapitel. Allerlei. Zur ſelben Stunde des Tages, wo der ſchwediſche Kutter auf der Rhede Neapels Anker warf, kamen, einer von der neapolitaniſchen Regierung ausgefertigten Er⸗ klärung zu Folge, drei von Piraneſt in Rom gedun⸗ gene Perſonen, mit dem Auftrag, den Baron Armſelt todt oder lebendig zu greifen. Durch Briefe theils aus Rom, theils aus Genua und Livorno, waren Armfelt und der General Acton ſowohl von dem Einen als von dem Andern unterrichtet. Baron Palmquiſt, der Befehlshaber des Schiffes, hatte von der ſchwediſchen Regierung den Befehl, ſich Armfelt's zu bemächtigen. Bei der erſten Nachricht davon hatte Armfelt im Sinn, ſich freiwillig auszuliefern, aber wir haben —, —— , geſehen, daß er ſeinen Entſchluß änderte und ſich den Wünſchen ſeiner Freunde fügte. Er ſchickte inzwiſchen einen Major Brändſtröm, der ſich damals in Neapel aufhielt, nach dem Schiff, um ſich bei Palmquiſt ſelbſt nach ſeinen Inſtructionen zu erkundigen; aber während Brändſtröm auf der einen Seite an Bord des Schiffes ſtieg, ging Palmquiſt auf der andern in ſein Boot hinab, und als der Erſtere die Kajüte des Capitäns betrat, verließ Letzterer das Schiff und begab ſich nach der Stadt. Zur ſelben Zeit ließ General Acton eine Wache von zehn Mann an Armfelt's Thüre aufſtellen. Die von Rom gekommenen Banditen hießen Peter Pasquini und Vincenz Mori; ihr Anführer war Be⸗ nedikt Mori, Bruder des Letztern. 1 Nachdem ſie durch die Porta di Chiaja hereinge⸗ kommen waren und einen großen Theil der Stadt durch⸗ wandert hatten, zogen ſie am Palaſt des franzöſiſchen Geſandten vorüber und begaben ſich nach dem großen Promenadeplatz Chiaja am Strande. — Es ſchlägt fünf, ſagte Benedikt Mori, man wird ſich über uns beklagen, daß wir nicht pünktlich ſind. — Wir ſollten ja hier unſere weiteren Befehle er⸗ halten? — Man hat uns nicht getäuſcht... ſieh dort... — Du meinſt die blaue und gelbe Flagge? — Piraneſt ſagte mir, wenn dieſe von der Rhede wehe, ſo ſei es ein gutes Zeichen für uns. Während ſie mit einander ſprachen, kam ein vierter Mann aus der Gaſſe herab und lenkte ſeine Schritte erade auf ſie zu. Seine Züge waren ſchroff und be⸗ immt, ſeine Farbe düſter, ſein Blick voll Entſchloſſenheit. — Willkommen! riefen die drei Burſche ihm ent⸗ gegen. Eine gute Begegnung, willkommen, willkom⸗ men!.. Wir haben Dich nicht mehr getroffen, ſeit — 486————-* 145⁵ Du auf Deiner Reiſe nach Deutſchland durch Rom kamſt. Was haſt Du jetzt vor? Der Mann antwortete nicht, legte aber die Finger der einen Hand auf ſeine Lippen, als wollte er Vor⸗ ſicht gebieten, und dann machte er ein geheimnißvolles Zeichen, das von Benedikt und den Uebrigen wieder⸗ holt wurde.. — Alſo Du haſt den Befehl uͤber uns? Der Mann nickte bejahend. — Todt oder lebendig! ſagte er. — Richtig, das iſt die Looſung! Du biſt unſer Mann. — Befiehl! An ſeiner möglichſt kurzen Art, ſich auszudrücken, dürfte der Leſer Corenzio wieder erkennen, denſelben Mann, welchen Vincenz hinter dem Abbé d'Heral und Herrn Vignes nach Düſſeldorf ſchickte, um ſich des ſogenann⸗ ten Revolutionsplanes von Armfelt zu bemächtigen; ein Auftrag, den er auch zur vollkommenen Zufrieden⸗ heit der Partei vollzog. — Todt oder lebendig, wiederholte Corenzio von Neuem, ſo lautet unſere Inſtruction ganz kurz. Das Geſpräch fand unter einem der dichtbelaubten Bäume ſtatt, welche die Chiaja ſchmücken. — Gebt wohl Acht, fuhr er fort, was ich euch jetzt ſagen will. In dieſem Augenblick bewegte ſich der Wipfel der Bäume und die Blätter zitterten. — Was war das? bemerkte Benedikt, ich hörte Etwas. — Es war bloß ein Wind, der durch den Baum — Fahr fort, fahr fort. „Von dem hohen buſchigen Wipfel herab ſah man zwiſchen den grünen Blättern ein ſpähendes Auge her⸗ niederblicken. Der Trabant. IV. 410 fuhr — ——— 146 — Armfelt darf uns nicht entkommen... wir hät⸗ ten es zu verantworten... Alles iſt gut angeordnet... Piraneſi ſpricht ſich in ſeinem Briefe alſo aus: Der Hauptmann der gedungenen Schaar beobachtete wie ein Aſtronom von ſeinem Obſervatorium aus alle Be⸗ wegungen des Hofes in dieſen wichtigen Augenblicken, nämlich von der Ankunft des ſchwediſchen Kutters an gerechnet, und da er über die hundertfache Spionage, die gegen den Baron im Werk war, zu gebieten hatte, ſo ſah er voraus, daß höheren Orts dem Günſtling jeder mögliche Beiſtand geleiſtet werden würde, um ſeine Flucht zu befördern. Er hatte es ſo veranſtaltet, daß Fiſcherboote am Hafen entlang von St. Lucia an bis zum Hotel des Ritters Hamilton bei Poſilippo lagen, um Jedermann, der ein⸗ und ausginge, zu beobachten und darüber Bericht zu erſtatten. Ueberdieß hielt er— nämlich der Anführer von Piraneſi's Spionen— auf ſeine eigene Rechnung fünf Tage lang eine große Fe⸗ lukke ſegelfertig, um Armfelt zu verfolgen, im Fall er zur See entfliehen wollte. Zu Land hinwiederum gab es namentlich in den letzten Tagen, die ſeiner beabſich⸗ tigten Verhaftung vorangingen, nur wenige Plätze in der Stadt, und in den verdächtigen Häuſern nicht eine einzige Thüre, wo er nicht Spione aufgeſtellt hätte, die gute Beine beſaßen und ſchön bezahlt wurden. An mehr als einem Ort ſtanden auch Schützen bereit, um Armfelt zu verfolgen, im Fall er zu Land entfliehen wollte. An einer andern Stelle ſpricht Piraneſi mit Ent⸗ zücken davon, wie ſeine Agenten, um Armfelt's geheime Unternehmungen aufzudecken, unaufhörlich in Thätig⸗ keit waren, die Einen auf dem Markt, Andere im Hafen, wieder Andere in Salons und Vorzimmern, ſogar in ſolchen, wo man mit Hellebarden und Bajonetten Wache hält; Andere ferner in den Buden, wo alle Neuigkeiten der Stadt als in ihrem eigentlichen Kanal zuſammen⸗ fließen, ebenſo in Wirthshäuſern und Kellern, wo La⸗ kaien und Stallknechte vertraulich die Geheimniſſe und ——-—.89. A ‿ ᷣ . Schwachheiten ihrer Herren einander erzählen. Pira⸗ neſi ſchließt dieſe Aeußerungen mit einem Verſprechen, daß er einmal ein ganzes Buch über dieſe freche und unwürdige Spionage ſchreiben wolle; inzwiſchen ſcheint zum Unglück für die Seandalliteratur nichts daraus geworden zu ſein. Nachdem Corenzio ſeinen Kameraden die Haupt⸗ ſachen mitgetheilt, verſtummte er eine Weile. — Armefelt iſt von allen Seiten umſtellt, begann er endlich wieder. Liefert er ſich nicht freiwillig der ſchwediſchen Regierung aus, ſo müſſen wir... — So müſſen wir... wir verſtehen... — Er gedenkt ſich heute Abend hinauszubegeben und am Carneval Theil zu nehmen. — Maskirt? — Ja. — Hier ſein Signalement... — So iſt's recht. — Keine gewaltſamen Schritte, bevor ich das Zei⸗ chen gebe. — Ganz gut. — Wir treffen uns im Schloßpark. — Verlaß Dich auf uns. — Eine Weile, nachdem die Sprechenden ſich ge⸗ trennt hatten, ſah man ein blaſſes Geſicht behutſam zwiſchen dem Laub des üppigen Baumwipfels hervor⸗ ſchauen. Als der Mann, der nach allen Seiten vor⸗ ſichtig um ſich blickte, Niemand entdeckte, zog er den Kopf wieder in die Laubkrone zurück, und eine Weile nachher ſah man, wie er ſchweigend und ſchnell den Stamm hinabglitt und ſich dann eiligen Schritts hin⸗ wegbegab. Der Mann hieß Setola. — —— Vor dem Hotel, wo Baron Armſelt wohnte, ſtan⸗ den zwei Cquipagen. Die eine war ein Reiſewagen mit einem Soufflet, auf welchem mehrere Reiſegeräͤth⸗ ſchaften feſtgebunden waren. Die andere war ein in Neapel ganz neues Fuhrwerk, nämlich eine Droſchke, wie man ſie in Rußland und Polen noch heutigen Tags gebraucht, mit zwei Pferden beſpannt, wovon jedoch das eine blos wie ein Paradepferd neben dem eigent⸗ lich ziehenden Pferde ſtand. Die Neapolitaner, die ein ſolches Fuhrwerk noch nie geſehen hatten, betrachteten es als eine Sache, die bioß für den Carneval be⸗ ſtimmt ſei.— Schon im Sommer 1793 hatte Armfelt ſeine Ge⸗ mahlin erſucht, den Winter über nach Neapel zu kommen. Sie erfüllte auch ſeinen Wunſch. Von ihrem Aufenthalt in Neapel iſt nicht ſonder⸗ lich viel zu ſagen. Still und freundlich von Charakter, miſchte ſie ſich nicht in Armfelt's Plaͤne und legte ihm auch bei ſeinen Liebesgeſchäften nichts in den Weg. Wenn je etwas Eiferſucht in der Tiefe ihres Herzens ruhte, ſo war dieſe blind wie bei einer Taube. Sie wußte, daß ſie in den innerſten Kammern ſeines Her⸗ zens, in der Tiefe ſeines Gefühles die unbeſtrittene Herrſchaft beſaß. Die Neigungen des Tages gehörten bloß zu der augenblicklichen Toilette ſeiner warmen Seele, und dieſe Toilette war öfter die des Diplomaten, als die des leidenſchaftlichen Jünglings. Wenn ſie ſich darin auch betrog, ei nun, ſo glaubte ſie es doch wenigſtens und war zufrieden. Mit ihrer unwandelbaren Harmo⸗ nie in ihrem ganzen Weſen geſiel ſie Allen und nahm Alle für ſich ein. Sogar diejenigen, die Armfelt lieb⸗ ten, liebten auch ſie. Der Neid ſank flügellahm vor ihren Blicken nieder, die Eiferſucht wagte es nicht, ſich ihr zu nähern. Sie war immer aufmerkſam und gut gegen Armfelt, und er hätte ſie um Alles in der Welt nicht verlieren mögen, ſelbſt in denjenigen Stunden nicht, wo er Andere anbetete. Als Geliebte galt ſie 6—— N— A — N 149 ihm allerdings nichts, als Gattin und Mutter aber Alles. In der Liebe konnte man bei ihm den Vorzug vor ihr erhalten, in ſeiner Freundſchaft und ſeinem Ver⸗ trauen ſtand ſie hoch über Allen. Zur ſelben Zeit, wo Armfelt das in einem vorher⸗ gehenden Kapitel beſchriebene Geſpräch mit Acton führte, hatte ſeine Gemahlin Audienz bei der Königin Marie Karoline; aber ſie verließen Beide zu gleicher Zeit das Schloß. — Du begibſt Dich alſo nicht nach Schweden, ſagte ſie, als ſie zuſammentrafen, ſondern Du bleibſt ier? — Ja, Hedwig, ich bleibe hier; aber was ſagſt Du davon, allein zu reiſen? — Es iſt nicht angenehm, Armfelt, aber ich ſehe, daß Du jedenfalls Recht haſt, und die Unannehmlichkeit für mich kann in keinen Betracht kommen, wenn es ſich um Deine Intereſſen handelt. Hier haſt Du Freunde, getreue Freunde; wo haſt Du ſolche in Schweden? Hier weiß ich Dich ſicher, dort müßte ich in beſtändi⸗ ger Angſt um Dich ſchweben. Du weißt, ich wünſchte es ſchon früher, daß Du hier bleiben möchteſt, ich wünſchte es ſchon lange, ehe Du es ſelbſt wollteſt, aber... — Du wollteſt Etwas ſagen, Hedwig? Hedwig ſchlug ihre Augen nieder, während eine leichte Röthe über ihre Wangen flog. — Aber... Sie verſtummte wieder. — Ich ſehe, daß es Etwas iſt, das Dir auf dem Herzen liegt... Du darfſt nicht fortreiſen, ehe ich es weiß. — Es ſind bloß Kindereien, Armfelt... beküm⸗ tters Dich nicht darum. Es war nichts, was ich ſagen ollte. Armfelt betrachtete ſie mit einem herzlichen und aufrichtigen Blick. — Kindereien, ſagteſt Du; ach, Hedwig, alle Liebe iſt doch am Ende nichts Anderes, als eine Kinderei. Ich gehe ſogar noch weiter; ſiehſt Du, je länger ich lebe, um ſo mehr komme ich zur Ueberzeugung, daß Alles in der Welt, was wirklich gut und ſchön iſt, zuletzt auf nichts Anderem, als auf Kinderei beruht; aber wie dem auch ſei, ich liebe Dich auch deßhalb, ich liebe Dich zärtlich und warm, ja, mit jedem Tag zärt⸗ licher und wärmer. Laß mich darum hören, was Du ſagen wollteſt,... dieſe Kindereien, die Dir jetzt, da wir uns trennen müſſen, auf dem Herzen liegen, laß ſie mich hören. Während Armfelt ſprach, blickte Hedwig ver⸗ trauungsvoll aus der Tiefe ihres Herzens zu ſeinem Geſicht empor. Du willſt, daß ich ſagen ſoll, was ich dachte? — Ich bitte Dich darum. — Aber ich erröthe.— — Ei, das macht Dich nur um ſo kindlicher. Nun ... Du wollteſt ſagen? — Ich wollte Dich bitten... — Sprich es aus... ſprich es aus... — Ich wollte Dich bitten, auch manchmal an mich zu denken, wenn ich fort bin. Und während ſie halblaut ihren Wunſch ausſprach, ſchloß ſie ſich ſo innig an ſeine Bruſt, als wollte ſie den immer ſtärkeren Purpur ihrer Wangen daran ver⸗ hergen. Armſelt ſchlang ſeinen Arm um ſie und drückte zärtlich ſeine Lippen auf die ihrigen. Ein Augenblick warmer und reiner Liebe verging, verging wie ein Mondſchein durch den Hain hingeht, wie das Abendgebet eines friedvollen Gemüthes zwi⸗ ſchen frommen Gedanken geht. Erſt als Droon meldete, daß der Vetturin bereit ſtehe, erwachten ſte aus ihrer holden Verwirrung. Am Wagenſchlag trennten ſie ſich. Hedwig'’s Weg ging nach Venedig; Armfelt kehrte nach der Villa reale zurück. — ——y-—— à1A — — ⁸ N == 15⁵1 Aber als Hedwig's Wagen eben die Stadt verlaſſen wollte, wurde ſie von einem Läufer eingeholt, der ihr einen Brief zuſtellte. Sie erbrach ihn und las: „Meine Freundin! Voll Angſt, daß mein Bote Sie nicht treffen möchte, ſondern daß Sie uns bereits verlaſſen haben könnten, ſchreibe ich dieſe Zeilen. Sie wiſſen, daß unſere Feinde auf eine ebenſo ſyſtematiſche als unverſchämte Art uns ausſpionirt und verfolgt haben; aber es iſt mir gelungen, ihnen auf die Spur zu kom⸗ men. Spionage gegen Spionage: es gibt kein anderes Mittel. Bederfalls iſt unſere ganze Aufmerkſamkeit er⸗ forderlich, um das Spiel nicht zu verlieren. Die Maske dürfte nicht einmal ſicher ſein, man muß die Maske ſelbſt maskiren, muß ſeine Rolle mit der einen Ver⸗ kleidung in der andern ſpielen. Inzwiſchen wage ich's kaum, mich auf mich ſelbſt zu verlaſſen, ſondern bitte Sie, noch da zu bleiben... aber zu bleiben, ohne daß Jemand davon weiß... Sie verſtehen mich... Sie müſſen hier bleiben, aber alle Andern in dem Glauben laſſen, daß Sie ſich bereits wegbegeben haben. Wollen Sie meinen Wunſch erhören, ſo folgen Sie dem Boten . er hat beſondere Inſtructionen erhalten und Sie können ſich vollkommen auf ſeine Ehrlichkeit verlaſſen. Der Mann iſt bewährt.“ Das Billet war nur mit ein paar Anfangsbuch⸗ ſtaben unterzeichnet. SHedwig war durch den Inhalt des Schreibens über⸗ raſcht; ſie erkannte aber die Hand und erblickte darin einen neuen Beweis für die Freundſchaft der Ober⸗ hofmeiſterin. Der Vetturin ließ ſich leicht überreden, zur Stadt hinauszufahren und Hedwig auf einen der folgenden Tage an einem verabredeten Ort zu erwarten. Der Läufer führte Hedwig in ein benachbartes Hotel, wo ſie mit all' der Aufmerkſamkeit empfangen wurde, die man den Anordnungen der Oberhofmeiſte⸗ rin ſchuldete. Mit Unruhe und Angſt erhielt ſie hier noch mehr Aufſchlüſſe, und wir verlaſſen ſie, während ſie damit beſchäftigt iſt, ſich auf die Rolle vorzubereiten, zu deren Uebernahme ſie die Oberhofmeiſterin hatte bereden können. Noch ſteht die andere Equipage, nämlich die zwei⸗ ſpännige Droſchke, vor Armfelt's Hotel. 3 Wem gehört wohl dieſe Equipage? Laßt uns eine Treppe im Hotel hinaufgehen, aber ſtatt zu Armfelt einzubiegen, wollen wir die entgegen⸗ geſetzte Richtung einſchlagen und zu Vincenz gehen. Wir finden ihn umgeben von mehreren Perſonen, die Befehle von ihm zu empfangen ſchienen. — Verlaßt mich jetzt, ſagte er. Ich kann nicht viele Worte machen, aber ich kenne euren Verſtand und euer Urtheil. Corenzio wird euch von Allem unter⸗ richten, was etwa noch nicht geſagt wäre. Ihr kennt ihm trauen wie mir ſelbſt... lebt wohl... lebt wohl... Und mit dem einen Arm auf Cazal, mit dem an⸗ dern auf einen Stock geſtützt, wandte er ſich von ihnen ab und begab ſich in ein inneres Zimmer. — Iſt der Wagen bereit? — Ja, gnädiger Herr. — Zieh mich an. Cazal vollbrachte den Befehl, und obſchon Vincenz dermaßen litt, daß jede Bewegung ihm äußerſt ſchwer und ſchmerzlich wurde, ſo bemerkte man doch keine Ver⸗ änderung in ſeiner Miene. Kalt und hart in der Ge⸗ fahr, war er auch kalt und hart im Schmerz. Als Vincenz ſich erhob, ſtand er in einer pracht⸗ vollen Uniform da, mit reichen Goldſtickereien, Verbrä⸗ mung und Pelzwerk geſchmückt. Der koſtbare Aufzug bedeutete etwas Fürſtliches, und man ſah ſehr wohl, daß ſein Gewand ihm ein Gefühl edlen Stolzes und Muthes eingab. Vincenz ſchien höher und größer, ſeine Haltung war militäriſcher und ſeine Taille, vielleicht ſchlanker als vorher, trat jetzt in ein ſchönes und vor⸗ theilhaftes Licht. Seine Bruſt war mit zwei polniſchen Orden geſchmückt, dem Stanislausorden und dem weißen Adlerorden, beide mit ſchwarzem Trauerflor umgeben. Aber ungeachtet an der Kleidung nichts mangelte, um ihm ein friſches und kräftiges Anſehen zu geben, und obſchon ſogar ſein Blick ruhig und ſtolz leuchtete, ſo lag doch in ſeinem ganzen Ausſehen etwas Kränk⸗ liches und Abgezehrtes, ein großer Kummer ſchien ſeine Geſundheit untergraben zu haben und erinnerte ihn jetzt an die Vergänglichkeit. Cazal hatte lange Zeit ſeinen Herrn und Gebieter nicht recht verſtanden, aber er hatte geſchwiegen und nur ni meinen Blicken das Innerſte deſſelben zu erforſchen geſucht. Ganz beſonders hatte Vincenz ihm in den letzten Tagen unerklärlich geſchienen, während welcher mehrere unbekannte Perſonen Zutritt gehabt hatten; Vincenz hatte ſich wohl gehütet, ein Wort mit ihnen zu ſprechen, ſondern hatte nur mit verſchwenderiſcher Hand Geld unter ſie ausgetheilt. Nichts überraſchte jedoch Cazal ſo ſehr, als Vincenzen's Befehl, ſeine Paradeuniform hervorzuholen, eine Uniform, die er ſeit vielen Jahren nicht mehr getragen hatte, und dabei der andere Be⸗ fehl, ſeine polniſche Equipage in Ordnung bringen zu aſſen. Cazal beſaß zu viel Uebung, im Geſicht ſeines Herrn zu leſen, als daß er nicht geſehen hätte, daß der⸗ ſelbe jetzt mit ſeinen Gedanken ſtill in ſich ſelbſt ver⸗ ſchloſſen bleiben wollte. Es fiel ihm auch nicht ein, ihn um etwas zu fragen. Im Zimmer auf und ab ſchreitend, ſchien Vincenz nachdenklich etwas zu uͤberlegen, das die ganze Aufmerk⸗ 154 ſamkeit ſeiner Seele in Anſpruch nahm; aber während er ſo überlegte, verhärtete ſich ſeine Miene immer mehr. Sein Geſicht war ſo kalt und bleich, daß man die Kälte des Grabes und die Bläſſe des Todes darin zu ſehen glauben konnte, wenn man ihn nicht ſchon vorher gekannt hatte. Vincenz warf einen Blick in den Spiegel und ſchien ſelbſt ernſthaft ſein leichenblaſſes Geſicht zu betrachten, dber er veränderte ſich nicht dabei, ſondern blieb gleich alt. Als er in's äußere Zimmer zurückkam, blieb er vor dem Porträt ſtehen, das er Adlerſtern gezeigt hatte. Er ſtand lange davor, ohne daß ein Wort über ſeine Lippen kam. Statt deſſen kreuzte er ſeine Arme über der Bruſt und richtete ſich gerade auf, wie wenn er dadurch ein ſtolzes Gefühl ausdrücken wollte. Haſtig wandte er ſich um, und aus der Schnellig⸗ keit der Bewegung konnte man ſchließen, daß er ſich mit Gewalt von dem Portrait trennen wollte, oder viel⸗ mehr von den Gedanken, die es hervorrief. Seine Stirne runzelte ſich dabei, und man glaubte zu ſehen, daß ein großer Schmerz in einer ſchnellen Wolke über ſein Geſicht jagte. Wenn man älter wird und ausgelitten hat, ſo hat das Auge nicht immer eine Thräne, wohl aber die Stirne eine Wolke. Der Kummer kommt bei älteren, vom Leben ab⸗ gekühlten Perſonen nicht aus dem Herzen, ſondern aus dem Verſtand, aus der Reflexion. Das Gefühl ertheilt dem Kummer der jungen Leute die milde Taufe der Thränen; das Nachdenken hat die Thäler der Kindheit hinter ſich gelaſſen und ſein Kum⸗ mer bleibt nicht bei einem Ausruf ſtehen. Für das Herz iſt er Philoſophie, für die Welt iſt er Handlung. Die Erinnerungen ſteigen aus ihrem Grabe auf und umarmen die Gedanken der älteren Perſonen. Die Umarmung mag bitter ſein oder nicht, aber ſie ruft keine Seufzer hervor, ſondern nur Nachdenken. 155 — Ich meinte, ſprach Vincenz, Du ſagteſt, der Wagen ſei angeſpannt! — Ja, gnädiger Herr, der Wagen iſt angeſpannt. — Bring meinen Domino her. Cazal half ihm den Domino anziehen. Es war dieſelbe dunkle Mönchskutte, worin wir ihn ſchon früher einmal geſehen haben. Vincenz zog die Kapuze über ſeinen Kopf. 3 — So, jetzt reich mir Deinen Arm. Als Cazal ſeinen Herrn die Treppe hinabgeführt und ihm in den niedrigen bequemen Wagen geholfen hatte, befahl dieſer dem Kutſcher, zuzufahren. — Wohin? fragte der Kutſcher. — Nach. Villa reale. — Gnädiger Herr, bat Cazal, darf Ihr alter Die⸗ ner nicht mit Ihnen kommen? Sie ſind krank und ſchwach, laſſen Sie mich mitkommen. — Nein. Cazal ſtreckte bittend ſeine Hände aus und ſeine Augen ſeuchteten ſich. Die ergebene Geberde des alten treuen Dieners entging Vincenz nicht. — Warte, ſagte er zu dem Kutſcher. Der Kutſcher hielt ſeine Pferde an, die ungeduldig ſtampften. — Lebe wohl, Cazal, ſagte Vincenz und ſtreckte ſeine Hand gegen den Alten aus. Sollte ich heute Abend nicht zurückkommen... Hier hielt er inne, gleich als hätte ſein eigener Ge⸗ danke ihn überraſcht. Cazal ſtarrte ihn verwundert an. — Warum nicht? Nichts iſt unmöglich, überlegte er bei ſich ſelbſt... alſo... ſollte ich heute Abend nicht nach Hauſe kommen, ſo ſuche mich... Er unterbrach ſich wieder. — Wo? wo? fragte Cazal. — Was weiß ich... ſuche mich... ſuche mich dann im Dominikanerkloſter. 156 — Ach ja, ich werde Sie ſuchen, gnädiger Herr, und wäre es jenſeits des Lebens. — Jenſeits des Lebens— ſagteſt Du— thue das, Cazal... — Gnaädiger Herr... — Fahr zu! — Noch ein Wort! — Fahr zu! Umgeben von einigen wenigen Mitgliedern des Miniſterraths, empfing Ferdinand, der König beider Sicilien, General Acton's Bericht über die wichtigſten politiſchen Fragen des Tages. Unter dieſen ſpielte jetzt die Angelegenheit Armfelt's die erſte Rolle. Nachdem Acton ſeinen Vortrag vollendet hatte, zeigte der König eine höchſt lebendige, innige und warme Theilnahme für den Verfolgten. Seit langer Zeit hatte ſeine Umgebung ihn nicht mit ſo viel Intereſſe einen wichtigen Gegenſtand dieſer Art behandeln geſehen. — Armfelt kann ſich auf meinen Schutz verlaſſen, verſicherte er endlich Acton, unterlaß ja nichts, was ihm nützen kann. Seine Regierung iſt ungerecht, und wir wollen nicht dieſelbe Beſchuldigung auf uns laden. Wenn ſein Vaterland ihn verſtößt, ſo wird er immer hier ein neues finden. — Ich erwarte den Befehlshaber des ſchwediſchen Kutters jeden Augenblick, antwortete Acton; was be⸗ fehlen Ew. Majeſtät, daß ich ihm antworten ſoll? — Was Du ihm antworten ſollſt? — Ja, Ew. Majeſtät. — Sage ihm, was Du willſt... nur bedenke wohl, daß Armfelt unter keinen Umſtänden ausgeliefert werden darf... Du verſtehſt mich... — Ich verſtehe, Ew. Majeſtät. Ferdinand verabſchiedete darauf ſeine Umgebung, mit 157 ſich ſelbſt zufrieden wegen der Energie, die er entwickelt zu haben meinte. — Ich will denen droben im Norden zeigen, daß ich auch König bin, murmelte er. Nach dieſer kleinen Aufregung gerieth er bald wie⸗ der in ſeinen gewöhnlichen friedlichen Gemüthszuſtand und begab ſich in eines der innern Zimmer, wo er eine kleine Werkſtätte für geringere Reparaturen an Fiſch⸗ geräthſchaften und Jagdgewehren errichtet hatte. Eine neue Idee war in ihm aufgeſtiegen, eine Idee, von welcher er glaubte, ſie würde eine große Revolution veranlaſſen in der Jagdgeräthſchaft, welche man Angel⸗ ruthe nennt. Die Veränderung war um ſo wichtiger, als ſie vicht bloß die Angelruthe, ſondern die Angelhaken ſelbſt etraf. Jedermann weiß, daß der Angelhaken bisher bloß eine einzige Klaue hatte, und daß man in Folge deſſen unmöglich mehr als einen einzigen Fiſch auf einmal heraufholen konnte. Deßhalb hat auch die Angelfiſcherei im Urtheil der Herren Liebhaber niemals ſonderlich hoch geſtanden; jeder wirkliche Fiſcher hat ſogar mit Verachtung auf die Angelruthe herabgeblickt. Ferrdinand war ein geſchickter Angler und liebte dieſes Vernügen ungemein; darum ſchmerzte ihn auch das geringe Anſehen der Ruthe auf's Tiefſte. Als einmal ein Dorſch ſo glücklich war, ſich vom Haken loszumachen, ſchwur er bei ſeiner Krone einen theuern Eid, die Conſtruction der Angelruthe oder viel⸗ mehr des Hakens zu verbeſſern. Und Ferdinand war ein Mann, der zu ſeinen Worten ſtand. Nach vielen Ueberlegungen, wobei er mit den er⸗ fahrenſten Fiſchern ſeines Reichs zu Rathe ging, kam er zu folgendem Schluß: Der Angelhaken müßte wie ein kleiner Anker con⸗ ſtruirt werden: dadurch könnte man zwei oder vier Fiſche, wie man wollte, auf einmal fangen. Die Idee ſchmeichelte ihm, weil ſie ebenſo einfach als kühn war. König Ferdinand liebte in allen Din⸗ gen das Natürliche. Aber noch blieb immer gegen die Angelruthe die Einwendung übrig, daß z. B. ein Barſch aus dem Haken ſpringen konnte. die Schwierigkeit, dieſem Umſtand abzuhelfen, war nicht das leichteſte Problem, das er zu löſen hatte. Aber für einen feſten Willen und ein hartnäckiges Be⸗ mühen iſt nichts unmöglich. 3 Was heute nicht gelingt, kann vielleicht morgen gelingen. Es fehlte Ferdinand nicht an guten und hellen Ideen, und er hatte mehr als einen Plan, den er für ungemein paſſend hielt. Der Reichthum an Plänen war es auch, der ſein Unglück ausmachte, weil der eine den andern ſo ſchnell abloste, daß er nicht Zeit hatte, irgend einen auf längere Zeit feſtzuhalten. Während er mit Befriedigung den neuconſtruirten, einem kleinen Drachenanker gleichenden Angelhaken zwi⸗ ſchen ſeinen Fingern herumdrehte, öffnete ſich leiſe die Thüre hinter ihm, und man ſah ein Geſicht, bleich und mager, kränklich und abgezehrt, aber dennoch ungewöhn⸗ lich intereſſant, langſam hereinſchauen. Der König hörte nicht, daß die Thüre geöffnet wor⸗ den, ſondern verblieb, über die ſchöne Erfindung hin⸗ gebeugt, in ſeiner Stellung. So verging eine Weile, während welcher Beide unbeweglich auf ihren Plätzen blieben. Aber um einen der kleinen Haken zu härten, brauchte der König Feuer für eine an ſeiner Seite ſtehende Lampe, und er erhob ſich, um welches zu holen, als er auf einmal zu ſeiner nicht geringen Verwunderung den Fremdling unter der Thüre ſah. N G e AS 159 Ueberraſcht blieb er ſtehen und betrachtete ihn. Um das blaſſe Geſicht fiel ein ſchwarzes Haar herab, und der Contraſt zwiſchen der Farbe des Haares und der des Geſichtes war ſo groß, daß man, wenn man dieſen Kopf nur ein einziges Mal ſah, gewiß viele Mühe hatte, ihn wieder zu vergeſſen. Sein Blick ruhte unverwandt auf Ferdinand, wie ein ſtehengebliebener Strahl. Im Uebrigen war ſein Geſicht ſo ruhig und kalt, beinahe erfroren, daß alle Leidenſchaften darin er⸗ ſtorben zu ſein ſchienen. Geſchmückt mit einem jener prachtvollen polniſchen Röcke, die man als glänzende Uebergänge zwiſchen euro⸗ päiſchem und aſiatiſchem Luxus betrachten kann, trat das Martialiſche an dem Mann auf eine beſonders vor⸗ theilhafte Art hervor, ein martialiſches Anſehen, das gleichwohl hier weniger auf Körperkraft beruhte, als auf einer geiſtigen und moraliſchen Kraft, das mit ihrem todten Schweigen, ihrem in ſtrengen und düſtern Mar⸗ morformen ruhenden, beinahe wie aus einem Grab ent⸗ ſtiegenen geſpenſtiſchen Ausdruck gewaltig anregte. Gleichſam um das Wunderbare an ſeinem Auftreten zu vollenden, trug er zwei mit Brillanten beſetzte Orden zu der Bruſt, jedoch mit ſchwarzem Trauerflor um⸗ hüllt. 4 König Ferdinand betrachtete die blaſſe Geſtalt noch immer mit einem Schweigen, das ſo viel Verwunderung wie möglich ausdrückte. Er glaubte den Mann zu kennen, und er wußte nicht, wo er ihn unter ſeinen Erinnerungen ſuchen ſollte. Dieſer Mann war eine jener ungewöhnlichen Naturen, die, wenn ſie ſich zeigen, immer wichtige Ereigniſſe mit ſich führen, ſonſt aber unſichtbar bleiben. Solche Perſonen können zwar ver⸗ geſſen, jedoch nicht ganz aus dem Gedächtniſſe vertilgt werden. Der Fremdling, welchen der Leſer ſicher bereits wieder erkannt hat, ſchien Ferdinand's Gedächtniß nicht — ———— auf die Bahn helfen zu wollen, ſondern blieb an der Thüre ſtehen. Plötzlich belebten ſich die Züge des Königs, und er näherte ſich ihm, that ſich aber wieder Einhalt. Fer⸗ dinand war noch einen Augenblick unſicher, aber nur einen Augenblick; im nächſten Moment ſtreckte er ſeine Arme aus und eilte auf den Fremden zu, der jetzt ein Knie vor dem Monarchen beugte. — Nicht wahr, ich täuſche mich nicht, Sie ſind Lubomirsky? rief der König, alter theurer Freund. Und der König hob ihn aus ſeiner knienden Stel⸗ lung auf und ſchloß ihn in ſeine Arme. 1 Die Familie Lubomirsky gehörte zu den älteſten und ausgezeichnetſten Geſchlechtern Polens. Ihr Ur⸗ ſprung datirt ſich aus fernen Zeiten, und ihr Name hat Jahrhunderte lang nicht bloß in den Freiheitshämpfen der Polen, ſondern auch in der mehr friedlichen, aber nichtsdeſtoweniger gleich wichtigen, manchmal ſogar noch wichtigeren Bahn der Berathungen mit Auszeichnung geglänzt. Der Kronmarſchall Fuͤrſt Lubomirsiy, deſſen Name neben dem ſinkenden Thron von Stanislaus Auguſt ſtrahlt, und der ſich als beredter, ſanftmüthiger, vorſichtiger, freigebiger und dienſtfertiger Mann allgemein beliebt machte, hatte nicht weniger als ſechs Brüder. Mit einem von dieſen haben wir den Leſer unter dem Namen Vincenz Pauletti bekannt gemacht, Vincenz hatte kühn und tief in die Geſchichte ſeines Landes eingegriffen, verließ es aber, als die Kaiſerin Katharina durch ihren Geſandten Sievers die Conföde⸗ ration in Grodno ſprengen ließ. Von dieſem Augen⸗ blick an betrachtete er das Land als verloren und be⸗ theiligte ſich nicht bei der Verſchwörung Kosziusko's, Potocky's und Malachowsky's, die am 20. März 1794 ſo unvermuthet ausbrach und, obſchon ſie eine meteor⸗ artig glänzende Kriegsgeſchichte beſitzt, gleichwohl mit Polens gänzlicher Unterwerfung endete. Vincenz hatte mannhaft ſeinen alten polniſchen 6 — s 8— X n 16¹ʃ Namen überall zur Geltung gebracht, wo er ſich zeigte. Er war ſogar kurze Zeit Kaſtellan von Krakau geweſen und hatte folglich eines der ausgezeichnetſten Aemter Polens bekleidet; denn der Kaſtellan von Krakau war der Einzige im Reich, der den Vortritt ſelbſt vor den Woiwoden beſaß. Als Kaſtellan von Krakau machte er ſeine Bekannt⸗ ſchaft mit Wanja, als ſolcher heirathete er ſie. Damals ahnten jedoch Beide nicht, daß Wanja je⸗ mals eine Fürſtin Raszanowsky werden ſollte, obſchon man wohl wußte, daß ſie von mütterlicher Seite dieſer Familie angehörte. Aber das in ſich zerriſſene, beſtändig von neuen Ausbrüchen erſchütterte Polen zerſprengte nicht bloß die Parteien und veränderte ihre Stellungen gegen einan⸗ der, ſondern zerriß auch die Bande der Familien. So gingen die Güter der Familie Raszanowsky, die in dem ebenſo reichen als bezaubernd ſchönen Pron⸗ driker Thale lagen, ganz unvermuthet auf Wanja über, ohne daß Lubomirsky oder Bincenz in neue Rechte ein⸗ trat, weil die Verhältniſſe bereits auch ſeine Stellung zu Wanja erſchüttert und ihre Che gebrochen hatten. Als daher Wanja ſich zum erſtenmal am Hof in Stockholm zeigte, glaubte Armfelt allerdings einen Au⸗ genblick in dem Glanz, der von ihren Augen ſtrömte, etwas Bekanntes zu ſinden, aber der Name war ihm nichtsdeſtoweniger vollkommen fremd. Wanja hatte näm⸗ lich erſt einige Jahre nach Armfelt's Aufenthalt in Krakau den Namen Raszanowsky angenommen und die Güter der Familie angetreten. Während der gewaltſamen, ſehr häufig mit blutigen Kataſtrophen endigenden Ereigniſſe, die gleich Maſſen von Donnerwolken über Polen hinſtürmten, während nicht bloß Rußlands Schwert an einem Haar über ſei⸗ nem Haupte hing, ſondern das Land auch, in ſeinem Innern von den Parteien zerriſſen, nur in einem fort⸗ geſetzten Todeskampfe lebte, welchem der Patriotismus Der Trabant. IV. 11 162 vergebens Einhalt zu thun ſich bemühte; unter ſolchen Umſtänden mußte das Leben des einzelnen, in den Gang der Ereigniſſe eingreifenden Mannes auch eine wunder⸗ bare Miſchung von verſchiedenen, ſehr häufig einander widerſtreitenden Schickſalen und Eigenheiten werden. Auch Vincenz hatte ſich ſo entwickelt. Er war nicht von der Revolution auferzogen, nicht von einem großen, auf einmal aus der Tiefe des Volks⸗ herzens ausbrechenden mächtigen Willen; er war ein Sohn der Anarchie, und einer Anarchie, die Kraft genug beſaß, um das von fünf Millionen Menſchen Jahrhun⸗ derte lang aufrecht erhaltene Staatsgebäude zu zer⸗ trümmern. Die Revolution hätte vielleicht die Macht beſeſſen, eine große moraliſche Kraft bei dieſem unruhigen, alle⸗ zeit raſtlos wirkenden Geiſt zuſammenzuhalten und aus⸗ zubilden, aber die Anarchie löste ſeine Pſyche aus der Gewalt der ruhigen, immer nach moraliſcher Harmonie ſtrebenden Beſinnung, und ſie flog mit einer Gewitter⸗ wolke unter ihren Schwingen hin... ſelbſt eine Anarchie. Am 12. März 1768 vermählte ſich Ferdinand IV, damals ein Jüngling von 17 Jahren, mit Marie Ka⸗ roline, Tochter der Kaiſerin Maria Thereſia. Sie war ein Jahr jünger als ihr Gemahl. Jugend und Liebe, Liebe und Thorheit! wie oft liest man nicht dieſe Worte auf der Front des Tempels unſerer Träume, des Tempels unſerer Herzen! Vincenzens Bekanntſchaft mit Ferdinand ſchrieb ſich ſchon lange vor dieſer Zeit her, ſie war alſo ſchon über ein Vierteljahrhundert alt, und wenn ſie während dieſer langen Zeit noch nicht, wie ſo vieles Andere, erſtorben war, ſo mußte man nothwendig annehmen, daß ſie ur⸗ ſprünglich auf den intimſten oder ganz beſonders in's Leben eingreifenden Eigenſchaften beruhte. Dieß war auch der Fall. Vincenz war älter als Ferdinand, hatte ſich aber — ³⁸½A 8In 163 gleichzeitig mit ihm in Wien aufgehalten. Zu dieſer Zeit hatten Polens Schickſale ſeine Thätigkeit noch nicht in Anſpruch genommen, ſondern er lebte als Particu⸗ lier... als Prinz Lubomirsky. Es gehört nicht in unſern Plan, die Details der Bekanntſchaft zwiſchen Ferdinand und Vincenz hier zu erzählen; man mag ſich mit der Bemerkung begnügen, daß die Bekanntſchaft mit einem ganz ungewöhnlichen Ereigniſſe begann, wobei Vincenz, obſchon er nicht wußte, für wen er ſich opferte, nahe daran war, für Ferdinand ſein Leben auf's Spiel zu ſetzen. Wie auch, daß die in Folge davon geſchloſſene Freundſchaft ſehr reich an ſol⸗ chen Abenteuern wurde, die dem Jugendleben ſo wech⸗ ſelnde, ſeltſame Formen und Farben geben, und zu gleicher Zeit alle friſchen und warmen Herzen gegen einander erſchließen. Als Ferdinand ſeinen alten Freund lange genug umarmt hatte, betrachtete er ihn noch einmal. — Sie ſind alt geworden, Fürſt, kränklich... Du leideſt, wenn ich recht ſehe. — Es iſt wahr, Ew. Majeſtät, ich leide; aber gerade meine Leiden ſind es, die mich nach Neapel ge⸗ führt haben, die Luft iſt hier ſo mild, das Klima ſo wohlthuend. Aber auch Sie, Sire, ſind älter gewor⸗ den... Ihre Stirne beginnt ſich in Runzeln zu legen, ... Ihre Wange iſt gewelkt... das Einzige, was noch jung geblieben, iſt Ihr Herz. Ja, ja, ich täuſche mich nicht, es iſt jung und gut, offen und freundlich. — Ich traf Ihren alten Kammerdiener, er iſt jetzt ſehr alt, aber auch er kannte mich noch, und ich brauchte nicht viel Worte mit ihm zu wechſeln, um hereingelaſſen zu werden. Der Anblick des Alten erfreute mich, weil ich daraus den Schluß zog, daß Ew. Majeſtät, der Sie ſo viele Jahre hindurch einen und denſelben Diener beibehalten haben, immer noch eine Erinnerung für einen Jugendfreund haben würden. — Sollte ich mich meiner Jugend aicht. erinnern? 164 Was ſagen Sie, mein Prinz? Keine Erinnerungen ſind ſo belebend, wie die der Jugendjahre. Ich erinnere mich noch ſo gut... — An unſer erſtes Zuſammentreffen, unterbrach ihn Vincenz, mit... — Mit... mit... wen meinſt Du, Lubomirsky? — Mit Ihrer gegenwärtigen Gemahlin, Ew. Maje⸗ ſtät. Wie ſchön und reizend ſie war, nur fünfzehn, ſechszehn Jahre alt, wenn ich mich nicht täuſche. Vincenz ſchien abſichtlich dieſe Jugenderinnerung zu berühren, wenigſtens betrachtete er den König ſehr ernſthaft, während er ſprach.. — Es war im Prater, fuhr Vincenz fort, in dieſem ſchönſten Luſtpark der Welt, in dieſem Paradies Euro⸗ pa's, auf dieſer prachtvollen Promenade mit den vielen Alleen und den ſchimmernden Silberpappeln. — Sie haben Recht, mein Prinz, es war wirklich im Prater; ich ritt meinen iſabellfarbigen neapolitani⸗ ſchen Renner, ein prächtiges, ſtolzes Thier. — Der Tag war herrlich, einer der ſchönſten Som⸗ mertage, die man ſich nur wünſchen kann! — Und die Volksmaſſe... man berechnete ſie auf 50 bis 60,000 Menſchen. 2 — Das Gewimmel war unerhört. Prachtvolle Equipagen rollten an einander vorbei, von Huſaren umgeben... Während Vincenz ſich in dieſen Erinnerungen ver⸗ teften irds ſein Geſicht wieder von einer höheren Gluth efärbt. geiner Der Volksſtrom ſchlängelte ſich voran wie ein einziges großes, unüberſchaubares, gigantiſches Thier, wovon jede Schuppe ein Menſchenkopf war. Welches Getümmel, welches jubelnde Leben! — Erinnern ſich Ew. Majeſtät noch all dieſer Bou⸗ tiken, Carrouſſelle, und dann des Geſangs, der Muſik und des Tanzes? Ganz beſonders Eine Erinnerung drängt ſich mir wieder auf... 165 — Laſſen Sie hören, Fürſt, laſſen Sie hören! — Ew. Majeſtät waren am Abend zuvor in Wien angelangt und wünſchten ein paar Tage lang Ihr In⸗ cognito zu behalten. — Ich entſinne mich deſſen, ja, ja... ich wollte mich ganz auf eigene Fauſt beluſtigen... ich war Jüngling... — Erinnern ſich Ew. Majeſtät, daß ich neben Ihnen ritt? — Sehr wohl. — Ihre Augen hatten ſich auf eine junge Dame von ungewöhnlichem Liebreiz geheftet. — Ganz richtig, ſie war höchſt reizend... ihr Auf⸗ zug war pikant... der Gang... ah, ſie war göttlich. Erinnern Sie ſich noch, mein Prinz? — Der Gang? Ach, Ew. Majeſtät, ſie ging nicht, ſie tanzte... ſie flog... — Es war eine Bajadere, nicht wahr?... eine Bajadere? — Wir folgten ihr, Ew. Majeſtät; Sie wollten, daß wir ihr folgen ſollten. — Allerdings, allerdings! ich war noch ein Junge. — Und ſie ſchwebte vor uns her wie eine Grazie... wie eine Sylphide... — Und da ſchaute ſie zuweilen nach Ihnen zu⸗ rück... welche Augen ſie hatte!... Ferdinand wurde von Neuem jung. Auch ſeine Wangen belebten ſich, wie wenn ein friſcher Wind eine Wiederſpiegelung entſchwundenen Fruͤhlingslebens auf denſelben hervorgerufen hätte. — In dieſem Augenblick, fuhr Vincenz fort... aber er lauſchte und heftete einen feſten Blick auf Fer⸗ dinand. — Fahren Sie fort, fahren Sie fort, ermahnte ihn der König, der immer leichter und leichter athmete, unter dem Einfluß der Erinnerungen an ſeine frohen Jugendtage. 166 — Der Himmel weiß, fuhr auch Vincenz fort, wie weit dieſe bezaubernde Bajadere Ew. Majeſtät gelockt haben würde, wenn nicht in demſelben Augenblick... — In demſelben Augenblick... — Fünßzigtauſend jubelnde Stimmen Ihre Auf⸗ merkſamkeit von ihr abgelenkt hätten. — Fünßzigtauſend Stimmen? Jetzt weiß ich nicht, was Du ſagen willſt. Ein leichter Farbenwechſel auf Vincenzen's Geſicht bewies, daß die Antwort des Königs einen gewiſſen Eindruck auf ihn machte, obſchon es ſich unmöglich er⸗ mütield ließ, ob der Eindruck ein angenehmer war oder nicht. — Wie ich ſage, Ew. Majeſtät, fünzigtauſend Stim⸗ men... denn der Jubel erſtreckte ſich über die ganze anweſende Volksmaſſe. — Ach, Prinz, Sie meinen, als der Kaiſer kam. — Kaiſer Joſeph, ja, Ew. Majeſtät! Aber den⸗ noch war nicht er es, der Ihre ganze Seele in Bewe⸗ gung ſetzte. Vielleicht erinnern ſich Ew. Majeſtät an eine Perſon, die neben der Kaiſerin Wittwe Maria Thereſia ſaß? — Ach, ich verſtehe! Marie Karoline! Still, Fürſt, ſie iſt jetzt meine Gemahlin. 4 Die jugendliche Gluth, welche die Erinnerung an die Bajadere hervorgerufen hatte, erblich und verſchwand, als Vincenz ihm das Bild ſeiner Gemahlin vorführte. Die Veränderung entging der forſchenden Aufmerkſam⸗ keit Vincenzen's nicht. — Ew. Majeſtät vermochten damals Ihre Blicke von der ſchönen Geſtalt der Prinzeſſin nicht abzuwenden. — Das war damals, Lubomirsky,... jetzt... Vincenz that, als höre er die Worte des Königs nicht. — Am Abend beſuchten Sie das Burgtheater. Ew. Majeſtät wurden in die kaiſerliche Loge geladen. Er⸗ innern Sie ſich, daß ich Ihnen die Bajadere zeigte, die 167 in einer der oberen Logen ſaß... Sie hatten damals nicht Zeit, einen Blick auf das arme Mädchen zu werfen, Sie hatten Ihre Augen nur für die reizende junge Prinzeſſin. Der König ſeufzte. — Ew. Majeſtät ſeufzen? — Das geſchah ganz unwillkürlich, mein Freund. Apropos, haben Sie die Bajadere ſpäter wieder geſehen? — Niemals, Ew. Majeſtät. — Aber mein Gott, warum haſt Du mich denn an ſie erinnert? — Wenn man eine ſo ſchöne, ſo ungewöhnlich rei⸗ zende, ſo geiſtreiche Gemahlin hat, wie Ew. Majeſtät, was iſt dann eine Bajadere anders, als ein flüchtiger Blumenduft, der einen Augenblick den Sinnen ſchmeichelt? Ferdinand war nicht eigentlich leichtſinnig, aber es begegnet einem König ſo gut, wie einem andern Men⸗ ſchenſohn, daß er nach einigen Jahren lieber an eine Bajadere denkt, als an ſeine Gemahlin. — Ich bin überzeugt, daß die Königin Marie Ka⸗ roline noch heute nicht blos die ausgezeichnetſte und geiſt⸗ reichſte Dame in Ew. Majeſtät Königreich, ſondern auch die ſchönſte und vollkommenſte iſt. Ferdinand, der einen Augenblick ſeinen Kopf ge⸗ ſenkt hatte, erhob ihn wieder und ſchien neues Leben zu bekommen. — Sie haben Recht, Fürſt. Sie iſt es wirklich. Ach ja, ſie iſt noch jetzt ſchön.* — Ew. Majeſtaͤt haben gleichwohl eine ſo ernſte Miene angenommen. — Sagſt Du das, mein Prinz? — Ich fürchtete... — Was fürchteteſt Du? — Ach nein, nichts; es war nichts... ganz und gar nichts. — Sag' deine Gedanken heraus... wir plaudern wie alte Freunde zuſammen... laß mich hören, was 168 Du ſagen willſt. Ich ſah ſo ernſthaft aus, ſagteſt Du... Du willſt daraus Schlüſſe ziehen... — Weit entfernt, Ew. Majeſtät; man hat mir blos geſagt... — Man hat Dir geſagt, Prinz? Was hat man Dir geſagt? — Man ſchwatzt dieß und das; aber dießmal kann ich verſichern, daß man nichts geſagt hat. — Du willſt mit Deinen Gedanken nicht heraus⸗ rücken. Man hat etwas geſagt, bemerkteſt Du... was hat man geſagt... Sollte man etwas zu ſagen wagen, das.. 4 Das... 2 — Das andeuten könnte, daß ich nicht glücklich wäre? 3 — Gott bewahre mich, Ew. Majeſtät, das habe ich nicht geſagt; aber... — Aber, ſagſt Du; vielleicht etwas, das noch einen weniger vortheilhaften Begriff geben könnte von... — Von... von was? — Von meinem Hof... — Ich kann betheuern, Ew. Majeſtät, daß ich nichts Derartiges gehört habe. Man ſagt blos... — Was ſagt man?... laß mich's hören! ſprich... ſprich... Ferdinand war nicht mehr derſelbe wie vorhin. Sein Ausſehen war finſter und düſter geworden. Man ſah gar zu deutlich, daß einige geheime Gedanken bei ihm angeregt worden waren, und ein Ungewitter ſchien im Anzug zu ſein. — Bin ich nicht glücklich? fragte er. Wer kann glücklicher ſein, als ich? Mein Volk verehrt mich, meine Freunde lieben mich, meine Gemahlin gibt meinem Hofe Glanz und verbreitet Glück um mich her. Um die Denkungsart des Königs auszuforſchen, hatte Bineenz ihn an ſeine früheſte Neigung für Marie Karoline erinnert, aber weil er gleichwohl fürchtete, da⸗ — 169 mit allein möchte es ihm nicht gelingen oder wenigſtens nicht ſo ſchnell und leicht gelingen, wie er wünſchte, ſo gebrauchte er das verführeriſche und verlockende Bild einer Bajadere gleichſam als Sonde, womit er ſeinen Zweck ſicher erreichen zu können glaubte. Und er er⸗ reichte ihn und zog jetzt den Schluß daraus, daß in ſeinem Herzen mehr Wolluſt als Liebe ſei, und mehr Stolz als Wolluſt. Bincenz ſchien ungewiß, wie er das Geſpräch fort⸗ ſetzen ſollte. — Ew. Majeſtät, begann er endlich wieder, Sie ſcheinen meine Worte gänzlich mißverſtanden zu haben. Europa kennt und ſchätzt die Weisheit, womit Ew. Majeſtät Ihr Volk beglücken; es verehrt die edlen und königlichen Anſichten, die Ew. Majeſtät Handlungsweiſe beſtimmen, und es bewundert die fürſtliche Humanität, womit Ew. Majeſtät Liebe und Vertrauen zwiſchen den Regierenden und Regierten aufrecht zu erhalten wiſſen. Ihre Gemahlin, Sire, wird nicht weniger bewundert. Sie gilt für eine Zierde an Ihrer Seite, eine Zierde auf dem Thron, und wenn jemals ein Volk glücklich ſein kann, ſo iſt es das Volk beider Sicilien unter der weiſen Obhut von Ew. Majeſtät und Ihrer Gemahlin. Wenn man etwas ſagt, Ew. Majeſtät, ſo iſt es von ſo untergeordneter Bedeutung, daß Sie ſicherlich darüber lächeln werden... — Verbirg nichts. — Ich gedenke das nicht zu thun, Ew. Majeſtät. Ich bin kein Unterthan von Ew. Majeſtät... ich bin ein Ausländer... ein, wie Sie ſelbſt mich zu nennen geruhten, alter Freund. Ich will daher, da Sie ſelbſt dieſen Gegenſtand angeregt haben, als ein ſolcher zu Ihnen ſprechen. — Fürſt, Sie reizen meine Neugierde. — Ein ſchwediſcher Kutter hat heute auf der Rhede vor Neapel Anker peworfen. — Nun wohl? 170 — Dieſer Kutter ſoll, heißt es allgemein, ausge⸗ ſchickt worden ſein, um den Baron Armfelt von hier abzuholen, der jetzt in allen Zeitungen Europa's einer Verſchwörung gegen die Regierung ſeines Vaterlandes angeklagt wird. — Fahre fort. Ferdinand nahm ſeine Gedanken zuſammen. — Man erzählt ferner, daß Armfelt mit dem neapo⸗ litaniſchen Hof ungemein gut ſtehen ſoll. — Das iſt wahr, ich ſchätze ihn hoch. — Nan ſagt, daß Ew. Majeſtät bis zu dem Grad von ihm verdlendet ſein ſollen, daß Sie ſogar beſchloſſen haben, ihn nicht auszuliefern. — Und wenn ich das wirklich gethan hätte? — Wär's möglich?— — Ja, mein Freund. Ich will ihn vor dem un⸗ verſöhnlichen Haß und der bittern Rache zu retten ſuchen, die ihn von Schweden hieher gejagt und ſelbſt hier noch verfolgt haben; ich will ihn vor der unerhörten Spio⸗ nage zu retten ſuchen, die ihn hier umgibt; ich will ihn davor retten, daß er nicht in die Hände gedungener Banditen fällt, die man auf ſeine Fußſtapfen gehetzt hat. Ich erzürne mich nicht oft, aber es empört mich, wenn ich daran denke, daß eine Regierung die Mittel ihres ganzen Landes aufbietet, um eine einzige Perſon zu verfolgen. Vincenz war ordentlich überraſcht von der Wärme, womit Ferdinand ſprach. — Ew. Majeſtät... — Brechen wir dieſen Gegenſtand ab, Lubomirsky, er gehört nicht hieher. Hat Europa nichts Anderes gegen mich zu bemerken, ſo mag es immerhin ſchwatzen. Vincenz nahm ſein ganzes verſchloſſenes, kaltes und ſtilles Weſen wieder an. Ein Gefühl des Mitleids hatte ihn ſo eben, nach⸗ dem er Ferdinand's Herz geprüft und es noch für die Furien des Stolzes, der Liebe und Wolluſt, d. h. der — +& N — 471 Eiferſucht zugänglich gefunden hatte, veranlaßt, ſeinen Worten eine andere Deutung zu geben, als er in der That ſelbſt beabſichtigt hatte. Er bereute jetzt dieſes Gefühl als eine Schwachheit. Armfelt war allerdings nach allen Seiten hin von Vincenzens Aufmerkſamkeit umgeben; er war wie ein Bär von einem bewaffneten Jägercordon eingeſchloſſen; aber ſo lange er Ferdinand's perſönlichen Schutz genoß, war Vincenz immer noch des Ausganges ungewiß. Dieſer Schutz mußte ihm alſo unter allen Umſtänden geraubt werden. Ohne ein perſönliches Zuſammentreffen mit Ferdi⸗ nand konnte er dieß nicht bewerkſtelligen, und obſchon ungern, war er genöthigt worden, ſich einem ſolchen zu unterwerfen. Durch ſeine Spione bekannt mit den Couliſſen⸗In⸗ triguen am Hof, war er überzeugt, daß ſeine Abſicht gelingen würde, obſchon er einen Augenblick Anſtand nahm, dem frommen Ferdinand die Augen zu öffnen und ihm zu ſagen, daß auch unter ſeinen Füßen ein Abgrund ſich erweitere. Die beſtimmte Erklärung, die Ferdinand über Arm⸗ felt gegeben hatte, enthüllte Vincenz deutlich ſeine Ge⸗ ſinnung, und daß Armfelt ſomit einen zuverläſſigen Schutz beſaß; er mußte deßhalb alle ſeine weiteren Bedenklich⸗ keiten fahren laſſen. — Ich billige Ew. Majeſtät Abſichten, nicht blos weil ſie von einem ſo hochſinnigen Rechtsgefühl auf dem Throne zeugen, das man, wo man es findet, überall verehren muͤß, ſondern auch deßhalb, weil auch ich, ein aus meinem Vaterland verjagter und verfolgter Flücht⸗ ling, in den Grenzen der Staaten Ew. Majeſtät Schutz zu ſuchen wage. Vincenz pauſirte hier einen Augenblick. — Sie verweigern mir doch dieſen Schutz nicht, Ew. Majeſtät? begann er von Neuem. — Nein, mein Fürſt. Sie beſitzen in meinem 172 Herzen einen Schutz, den kein Menſch erſchüttern kann, von meinem Thron aus einen Schutz, den keine Politik Ihnen zu rauben vermag. 3 Und Ferdinand öffnete ſeinen Arm, gleichſam um ſeine Worte zu bekräftigen. Vincenz ſchwieg wieder und lächelte. — Apropos, Ew. Majeſtät, dieſe Bajadere... Ferdinand fuhr bei dieſem unvermutheten Apropos zuſammen. — Sie fragten mich, ob ich ſie ſpäter wieder in Wien geſehen habe? 4 — Du haſt das? — So eben, Ew. Majeſtät, als ich mich hieher begab. Ferdinand's Miene erheiterte ſich wieder und wurde beinahe ſtrahlend. — So eben... hier... iſt's möglich? — Ew. Majeſtät wiſſen, daß der Carneval heute begonnen hat. — Ganz richtig, der Carneval hat begonnen. — Ich ſtieg in der Nähe des Schloßparkes aus dem Wagen... einige Schritte davon treffe ich eine Equipage, umgeben von Läufern und Dienerſchaft... Sie bleibt beim Eingang des Parkes ſtehen... und zwei Perſonen, eine Dame und ein Herr, Beide mas⸗ kirt, hüpfen heraus. — und dieſe Dame? — War die Bajadere. Abſichtlich oder nicht, ge⸗ nug ſie ließ die Maske einen Augenblick fallen, und ich erkannte ihre großen neapolitaniſch himmelblauen Augen. — Braune Augen, Fürſt, braune, willſt Du ſagen, ... dunkelbraun, beinahe ſchwarzbraun. — Dunkelblau, wie ich ſage, Ew. Majeſtät. Auch ihre blonden, reichen, ſeidenweichen Locken erkannte ich wieder. — Blond? die Bajadere hatte nachtſchwarze Locken, kohlſchwarze Locken. — Ihr Gedächtniß täuſcht Sie, Sire! Auch an ihrer Stirne, dieſer ſo feingewölbten, ſo milden und offenen Stirne, erkannte ich... 3 — Sie hatte eine ſtolze Junoſtirne, Fürſt, eine Stirne, ſo majeſtätiſch, als wäre ſie unter einer Königs⸗ krone geboren. 3— — Und ihre geſchmeidige, wohlproportionirte Taille, gerade lang genug, obſchon eher lang als kurz... ſie war noch ebenſo göttlich wie in Wien. Ferdinand's Miene veränderte ſich, während Vin⸗ cenz fortfuhr. — Aber von wem ſprichſt Du denn, mein Prinz? Du ſprichſt doch nicht von der Bajadere? — Sollte ich mich getäuſcht haben? O nein, es iſt unmöglich. Ihre Lippen, ſchwellend und glühend, lächelten ſo ſchön... ſie war als Griechin coſtuͤmirt. Ferdinand begann im Zimmer auf⸗ und abzugehen. — Das iſt ſie nicht, Fürſt, ich ſage Dir, daß ſie es nicht iſt. Die Bajadere hatte dünne Lippen. Das war das einzige Unſchöne an ihr. Ein halbes Lächeln flog über Vincenzens Geſicht. — Ich ſagte Ew. Majeſtät, daß ich ſie zum letzten⸗ mal im Burgtheater geſehen habe, und es iſt wohl Wöslich, daß ich mich täuſche... aber Ew. Majeſtät, e... — Ich.. — Ach ja, Ew. Majeſtät, Sie müſſen ſie ſpäter wieder geſehen haben, obſchon Sie es jetzt nicht geſtehen wollen. 3 Ferdinand nahm einen ſchalkhaften, zweideutigen Ausdruck an. Er läͤchelte nicht, aber doch ſtrahlte Freude aus ſeinen Augen. Es war, als hätte eine angenehme Erinnerung gleich einem lieblichen Traum auf ſeinem Geſichte geſchwebt und mit ihren Flügeln das Andenken 174 gendleben in einem erſtarrten Ge⸗ an ein wollüſtiges Ju müthe wieder geweckt. — Wenn es ſo geweſen wäre, begann Ferdinand nach einer Weile, ſo findeſt Du wohl, daß ich um ſo beſtimmter ſagen könnte, daß die Dame, die Du be⸗ ſchreibſt, nicht die Bajadere iſt. — Aber in's Himmels Namen, wer ſoll ſie wohl ſein? Ich weiß beſtimmt, daß ich ſie ſchon früher ge⸗ ſehen habe. Mein Gedächtniß täuſcht mich nicht. Der befriedigte, von ſo manchem genußreichen Augen⸗ blick zeugende froͤhliche Ausdruck in Ferdinand's Geſicht verſchwand auf einmal. 3 — Sie haben Recht, mein Prinz, wer mochte es wohl ſein? Sie war als Griechin coſtümirt, ſagten Sie? — Sie trug einen koſtbaren, prachtvollen Bruſt⸗ ſchmuck. — Von Diamanten? — Ganz richtig, ſie glänzten wie das klarſte Waſſer .. aber in der Mitte glänzte etwas Ungewöhnliches. Ein heftiges Zucken zeugte von der Unruhe und Ungeduld, die ſich Ferdinand's zu bemeiſtern anfing. — Laß hören; was war das Ungewöhnliche? Vincenzen's kaltes Auge ruhte unverwandt auf Ferdinand. 4. Die Diamanten umgaben einen ungewöhnlich großen, wahrhaft leuchtenden Rubin. Ferdinand fuhr mit der Hand über die Stirne, ſeine Blicke wurden immer haſtiger und heftiger, ſein Fuß bewegte ſich auf und ab, und ein krampfhaftes Zucken um das andere durchflog ſeinen Körper. — Ein Rubin, ſagten Sie, das iſt ganz unge⸗ wöhnlich, nicht wahr 2... höchſt ungewöhnlich... aber... — Gw. Majeſtät wollte etwas ſagen. Ferdinand war nicht mehr Herr über ſich ſelbſt. Der kalte Schweiß trof von ſeiner Stirne. Die Blicke irrten wild umher; er ſchien nicht zu wiſſen, wo er ſie verbergen ſollte. — ———, — 175 — Und Du ſaheſt, daß ſie helle Locken hatte? — Allerdings, das ſah ich. — Eine milde, ſtrahlende Stirne? — Ganz wie Ew. Majeſtät zu ſagen geruhen. — Blaue, dunkelblaue Augen? — Wie der klarſte Himmel. Ferdinand legte die eine Hand auf den Rücken und ſtrich mit der andern das Haar auf die Seite. In dieſem Augenblick ſtand er beinahe ebenſo kalt und bleich da wie Vincenz. Seine Lippen zitterten, aber nicht ein einziges Wort kam über ſie. Ein ſchrecklicher Ge⸗ danke ſchien ſein ganzes Weſen zu martern. Die Hand war an der Stirne ruhen geblieben, aber unbewußt führte er ſie jetzt herab und drückte ſie hart an die Bruſt, gleich als wollte er die unruhigen und qualvollen Sühlähe ſeines Herzens zum Schweigen bringen oder ämpfen. — Glauben Ew. Majeſtät nicht, begann Vincenz wieder, daß es die Bajadere war? Feerdinand erhob ſein Haupt, als erwachte er aus einem unangenehmen Traum. — Die Bajadere, Fürſt... Ferdinand verſuchte zu lachen, aber das Gezwungene und Qualvolle darin entging Vincenz nicht. — Wahrhaftig, Fürſt, Sie haben Recht, es war die Bajadere, es könnte Niemand anders ſein. Das ſollte mich doch freuen, alter Freund. — Es würde Sie freuen, Ew. Majeſtät! — Glauben Sie, Fürſt, daß man eine Maske und einen Domino bekommen könnte, ohne daß Jemand von meiner Umgebung es erführe? — Ich will Ew. Majeſtät das ſchaffen. — Ha, Kamerad... wir wollen ausgehen wie früher, als wir jung waren... wiſſen Sie... ich fühle mich von Neuem jung... ſchaffen Sie mir eine Maske, ha, beſter Freund! Und Ferdinand ſank mit einer rührenden Miene der Verzweiflung auf einen Stuhl nieder, aber nach einem Augenblick ſprang er wieder heftig auf. — Fürſt, Sie haben mir nicht geſagt, wer der Herr war, der ſie begleitete. Bei dieſer Frage ſchlug und es war, als wollte er a ſeiner Seele ausgießen. — Es war Armfelt, antwortete er. Wie von einem elektriſchen Schlag erſchüttert, zitterte Ferdinand, als er den Namen hörte. — Armfelt? wiederholte er. — Allerdings, dieſer feine, elegante, ritterliche Damenheld, ſiel Vineenz ein; des Nordens unüberwind⸗ licher Don Juan, gegen welchen der ſpaniſche nur ein Pfuſcher war. Armfelt legt Genie in ſeine Liebe... er iſt Poet, wenn er liebt... ein Apollo, der ſich in einen Adonis verwandelt... dabei iſt er Staatsmann und Diplomat; er weiß, daß der Sonnenfächer mäch⸗ tiger iſt, als das Scepter, und daß im Boudoir mehr Geſetze erlaſſen werden, als im Miniſterrath. Ein Sonnenſchirmchen in ſeiner Hand iſt ein politiſcher Zauberſtab. Ferdinand blieb ſtill, aber ein bitteres Gefühl preßte ſeine Lippen zuſammen. — Sie thun ganz recht, ihn zu beſchützen, fuhr Vincenz fort; er iſt ein unſchätzbarer Mann... ein Genie... in der Kunſt, zu verfuͤhren, ein kühner Di⸗ plomat... unter Frauenzimmern, ein großer Politi⸗ kus... wenn es einem ſchwachen Weiberherzen gilt, ein Staatsmann erſten Rangs... in den Schlafzimmern. — Schaffe mir einen Domino, Kamerad... ha, einen Domino... beim barmherzigen Gott... eine Maske und einen Domino... ich will hinaus... hin⸗ Vincenz ſeine Augen auf uf einmal das ganze Feuer aus.. Er ſchwieg einen Augenblick, gleich als beſinne er ſich. 177 Warte ein wenig.. ich habe ſelbſt eine Maske. Und Ferdinand entfernte ſich mit raſchen Schritten; nach einer kurzen Abweſenheit kam er zuruͤck und brachte einen vollſtändigen Domino⸗Anzug mit. — Sie ſagten, Fürſt, Europa habe ſeine Augen auf mich geheftet... nicht wahr, Fürſt, Europa ſieht auf mich? — Ew. Majeſtät, ich ſagte das... — Und man ſagt, daß ich Unrecht habe, Armfelt zu beſchützen? — Ich kann verſichern... — Gut, mein Fürſt, Europa ſoll bald ſehen, daß ich König bin. — Und Armfelt... — Armfelt iſt ein Verräther an ſeinem Vaterlande. — Sollte es wirklich möglich ſein? Beurtheilen Sie ihn gleichwohl nicht zu raſch... vielleicht iſt er unſchuldig. — Nein, nein, ich bin meiner Sache gewiß... er iſt... — Jſt... — Wie ich ſagte, er iſt ein Verräther. Ferdinand zog dabei ſeinen Domino an und Vin⸗ cenz hüllte ſich wieder in ſeine Mönchskutte und zog die Kapuze über ſeinen Kopf. — Komm, Fürſt, komm! — Ew. Majeſtät, ich folge Ihnen jetzt wie in frü⸗ heren Tagen. — Komm, komm! Und der König nahm den Fürſten unter dem Arm und führte ihn durch eine geheime Treppe aus dem Palaſt. Arm in Arm traten ſie bald in den Schloß⸗ park ein. Der Trabant. IV. 12 Achtzehntes Kapitel. Der Carneval. Wenn die katholiſche Confeſſion einen Spaßvogel, die politiſche Staatsfreiheit einen Arlequin, das Fami⸗ lienleben einen Bajazzo und die Sitten einen unge⸗ bundenen Luſtigmacher haben, ſo zeigt ſich das Alles im Carneval. Der Carneval befreit den Italiener von allen ge⸗ wöhnlichen Banden und legt ihm neue auf, die nur von der Freude, dem Scherz und dem Leichtſinn vorge⸗ ſchrieben ſind. Nachdem er 357 Tage lang gehorſam, ſehr häufig ſogar mit religiöſem Fanatismus den Ge⸗ ſetzen des Roſenkranzes und der Monchskutte ſich unter⸗ worfen, wirft er am 358ſten Tag dieſe Bande von ſich, um ſich acht Tage lang luſtig zu machen und mit der ganzen Welt ſeinen Scherz zu treiben. Es ſind zwei⸗ undzwanzig Millionen Menſchen, die auf einmal Kin⸗ der werden, um in dieſen Tagen nur zu ſpielen. Aber um die Röthe zu verbergen, die auf Italiens Stirne ſteigt, während der Fuß tanzt und die Lippe lächelt, bedeckt ſich dieſe Stirne mit einer Maske. Nur unter der Maske iſt Italien frei. Der Carneval in Rom und Venedig iſt ein groß⸗ artiger Scherz. Das Vergnügen iſt pompös, die Freude fürſtlich, der Leichtſinn uͤberſchwenglich. In Neapel iſt der Carneval ungenirter... die Liebe iſt da mehr ein Organ... und die Intriguen ſind mehr von Satur⸗ nalien durchflochten. Wenn die Tugend dort die Maske anlegt, ſo wird ſie Untugend. In den Spuren ehelicher Ergebenheit ſchleicht die Verführung umher unter der anbetenden warmen Jünglingsmaske. Was der Corſo in Rom und in Mailand, was der Caſſaro in Italien iſt, das iſt in Neapel der To⸗ 179 ledo. Die Toledoſtraße iſt daher auch eine der lebhaf⸗ teſten und prachtvollſten Straßen der Welt. Erſt zwiſchen fuünf und ſechs Uhr Abends beginnt das eigentliche Leben in Neapel. Die Toledoſtraße ſteht dann in ihrer vollen Pracht. Von allen Seiten her glänzen die Lichter, gleich glänzenden Sternen. Hohe Häuſer mit flachen Dächern, geſchmückt mit Bildern und blühenden Pflanzen, breiten ſich auf beiden Seiten der Straße aus. Jedes Fenſter hat ſeinen Balkon, der mit ſchönen Geſichtern, mit lieblichen und geſchmeidigen Geſtalten geſchmückt iſt. Ueberall ſieht man Boutiken, und von allen Sei⸗ ten her ſtrömt die wimmelnde Volksmaſſe in ſtatt⸗ lichen Equipagen oder zu Fuß. Aber in den Carnevalstagen beſonders beſitzt die Toledoſtraße ein unbeſchreiblich lebhaftes und wechſeln⸗ des Volksleben. Immer mit Recht, da aber mit noch mehr Recht heißt es bella Napoli. Alles iſt maskirt, Jedermann treibt Etwas. Pulci⸗ nello, Pierrot, Arlequin und Caſſandrino, dieſe Schwank⸗ und Poſſenmacher Italiens, ſpielen Hauptrollen in tau⸗ ſend Abenteuern, wo jedoch die feine Comödie häufig der Farce Platz macht. Da laſſen Herren als Frauenzimmer verkleidet ſich von Frauenzimmern, die als Männer verkleidet ſind, ent⸗ führen, und hier ſingen alte Männer Serenaden vor den Fenſtern uralter Frauen. Da kommt eine Bude mit Orangen und Aprikoſen einherſpaziert, und hier tanzt ein Zuckerhut Polka. Dort empfängt der Gott⸗ ſeibeiuns die Beichte eines Mädchens, und hier reitet ein Mädchen rücklings auf einem vom böſen Geiſte ge⸗ zügelten Maulthier. Die Aufzüge wechſeln; zuweilen ſind ſie fein und geiſtreich ausgedacht, zuweilen grotesk und zügellos. Wenn eine halbe Million Menſchen ſcherzt, ſo können die Grenzen des Scherzes nicht ſtreng gezo⸗ gen ſein. Ein lebhafter Vivatruf erhebt ſich jesi die Straße 12* 180 entlang. Es iſt die Königin, die mit ihrem Gefolge eine Promenade durch die Stadt macht. Marie Karoline war eine Königin unter den Schö⸗ nen und noch mehr, ſie war die ſchönſte unter den Kö⸗ niginnen. Sie beſaß nicht mehr ihren erſten Jugend⸗ ſchmelz, aber ſie beſaß die ſelbſtbewußte Grazie des vollkommen entwickelten Weibes. Sie war nicht mehr ein Frühling, ſie war ein Sommer... Die Sonne des Lebens glänzte in ihrer Mittagshöhe aus ihrem Auge, und die Roſen des Sommers glühten in ihrem pracht⸗ vollſten Glanz auf ihren Lippen. Die Blüthe war Frucht, aber in der klaren Frucht glänzte noch die Blüthe. Zur Seite der Königin fuhr ihre Oberhofmeiſterin. Freude und Zufriedenheit leuchtete auf den Stirnen Beider, und unter fröhlichem Gemurmel ſtrömte die bunte Volksmaſſe um ſie her. In einer der nachfolgenden Equipagen fuhren die Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk. Baron Armfelt hatte die Einladung angenommen und ſich zu ihnen geſetzt. Bald war die Promenade zu Ende... die Köni⸗ gin hatte ſich dem Volke gezeigt und man kehrte in's Schloß zurück. Der Hof trennte ſich. Von allen Bäumen herab ſtrömte ein Lichtmeer. Lampen, die in bunten Farben ſchimmerten, hingen gleich durchſichtigen, glänzenden Früchten auf allen Zwei⸗ gen. Auf der einen Seite des Parkes bildeten ſie einen Palaſt, leicht und luftig, wo die Säulen aus blauen Lampen, man könnte ſagen, aus einem in einer gege⸗ benen Form gebundenen blauen Lichte beſtanden, mit einem Fries von glänzendem, ſchneeweißem Schimmer, da und dort durchbrochen in rubinartig flammenden Ornamenten, und endlich mit einer Kuppel, ſo bunt, daß man die Schöpfung einer chineſiſchen Phantaſie zu bemerken meinte. Die Illuſion war ſo groß, der Pa⸗ 181 laſt ſo zauberhaft ſchön, daß man jeden Augenblick er⸗ wartete, die Königin aller Feen der Welt müſſe her⸗ austreten. Daß ſie wirklich im Anzug war, konnte man nicht bezweifeln... jetzt ertönte eine ſanfte Muſik von innen.. jetzt ging ſie in tiefe ſeufzende Töne über... plötzlich verwandelte ſie ſich wieder und ſprühte von Le⸗ ben und begeiſterter Luſt. Der Park ſtand wie verzaubert da. Die Luft ath⸗ mete nur Licht und Muſik, aber das Licht, das in allen Farben glänzte, war matt und hatte einen beinahe ma⸗ giſchen Einfluß; die Muſik tönte manchmal ſo fern, als käme ſie von den Wolken herab, oder ſtiege aus der Tiefe der Erde hervor; manchmal wieder ſo fröhlich, ſo toll und wild, als ſuchte ſie in verſchiedenen beſtän⸗ dig wechſelnden Modulationen alle jetzt in Thätigkeit befindlichen Leidenſchaften des Carnevals wiederzugeben. Wir befinden uns im Schloßpark, eine Stunde ſpäter. Zwiſchen den hohen, dicht belaubten Bäumen kommt ein alter Mann herein, geſtützt auf einen langen auf⸗ wärts gekrümmten Stab, an welchem eine Waſſerflaſche befeſtigt iſt. Der Alte iſt in ein bis auf die Erde rei⸗ chendes Gewand gekleidet; die runzligte, von Gebrech⸗ lichkeit zeugende Maske iſt mit einem langen und ſtar⸗ ken grauen Bart verſehen. Ein Roſenkranz von weißen Perlen, mit einem rothen Kreuz hängt an ſeiner Bruſt. Die Kapuze bedeckt das Haupt bloß theilweiſe. Es iſt ein Pilger. Der Pilger wird von einem Mädchen geführt... die Maske iſt hübſch... und um ihre Schultern fällt ein wohlgeſchloſſener Mantel hinab. Aengſtlich und unruhig um ſich blickend, ſcheinen ſie eine Gefahr zu fürchten. — Sind ſie nicht ſchon hier im Parke? fragt die Mädchenmaske mit leiſer, beinahe flüſternder Stimme. — Sie ſind hier; aber ſtill, jedenfalls ſtill... — Was fürchteſt Du? — Sehen Sie nicht, man folgt uns. 182 2 Wer — Dieſe Masken ſind mir unbekannt, wofern nicht; ah, das wäre möglich... wir wollen uns hieher zu⸗ rückziehen. — Mein Gott, wie heftig pocht mein Herz! — Beruhigen Sie ſich. Wer ſich in's Spiel ge⸗ miſcht hat, der muß auch mitſpielen. Während die Sprechenden ſich in eine ſeitwärts liegende Grotte zurückziehen, kommen von der entgegen⸗ geſetzten Seite her vier Perſonen als Lazzaroni gekleidet, wie dieſe zahlreiche Klaſſe, in welcher Lazarus eine große Familie in allen europäiſchen Staaten, die größte aber in Neapel zurückgelaſſen hat. Man nimmt gewöhnlich an, daß von den 400,000 Bewohnern Neapels jeder fünfte Kopf der großen Familie des armen Lazarus an⸗ gehöre, dieſelbe alſo 80,000 Seelen zähle. Unter der faulen Bevölkerung Neapels iſt der La⸗ zarone der Faulſte. Am Fuße eines Obelisken oder auf einer Treppe hat er ſein Nachtlager. Das Ma⸗ donnenbild iſt ſeine Schutzpatronin, die Sonnenhitze bildet zwei Drittheile ſeiner Kleidung, und ſeinen Lebens⸗ unterhalt findet er in der Taſche ſeines Nächſten; die Bettelei iſt ſein Koch. Der Lazzarone kennt im Allgemeinen keine Grenze zwiſchen der frömmſten Handlung und einem Mord. Die vier in den Schloßpark eintretenden, mit Luni⸗ pen bedeckten Menſchen, blicken ebenfalls ſcheu um ſich. — Paßt wohl auf, flüͤſterſte der eine, dort haben wir Leute. — Wir ſind auf Alles vorbereitet. — Sie ſehen uns an. Laß uns näher treten. — Geh Du allein. Wir bleiben hier. — Seid nur recht aufmerkſam. — Fürchte Nichts. Unſer Blick wird Dich nicht verlaſſen. — Geh, geh! — Ich gehe. 183 Der eine Lazzarone näherte ſich hierauf dem Pilger. — Excellenza, begann er, als er zu ihm gekom⸗ men war, einen Scudo... ein Paar Bajocchi. — Möge der heilige Januarius Dich ſegnen, ant⸗ wortete der Pilger, wir leben ſelbſt von der Güte der Menſchen... Verlaß uns... wir wollen zu Gott für Dich beten... Während der Pilger dieſe wenigen Worten ſprach, ſah man, daß der Lazzarone ihn mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit beobachtete. — Excellenza, begann er wieder... — Verlaß uns, mein Freund, wir wollen allein ſein Noch einmal lauſchte der Lazzarone mit forſchender Anſtrengung auf die Stimme des Pilgers; aber da er ſie nicht erkannte, ſo zog er ſich zu ſeinen in der Ferne wartenden drei Kameraden zurück. — Nuns? fragte einer von ihnen. — Die Stimme war mir unbekannt. — Es war doch hier, wo wir ihn treffen ſollten. — Er kommt gewiß. — Was ſollen wir jetzt thun? — Uns hinter den Bäumen verbergen und Acht geben, was geſchieht. Der Sprecher blieb hier am Fuß eines hohen Bau⸗ mes ſtehen und blickte hinauf. — Still, flüſterte er, indem er zugleich gegen die Uebrigen eine Bewegung machte, welche andeutete, daß er Etwas zu bemerken glaube. Alle ſtanden ſtill und lauſchend da, als wären ſie von etwas Ungewöhnlichem überraſcht worden. Nach einer Weile beugte ſich derjenige, der ihr Anführer zu ſein ſchien, zu den Andern. — Entfernt Euch, flüſterte er von Neuem... verbergt Euch dort hinter den Bäumen. Die drei Andern kamen ſeinem Befehl ſogleich nach, während der erſte Lazzarone ſich um den Stamm des Baumes herum und auf die entgegengeſetzte Seite ſchlich. 184 Von Weinranken überflochten, führte eine kleine grüne Treppe zu dem Wipfel des Baumes hinauf. Der Lazzarone hatte eine Bewegung und darauf ein leiſes Geflüſter droben zu bemerken geglaubt. Während die verſchiedenen Gruppen in dieſer Stel⸗ lung blieben, verging eine Weile unter einer ſo auf⸗ merkſamen Stille, als ob ſie einander eben ſo auszu⸗ lauern ſuchten, wie ſie ſich fürchteten. Nur die Muſik entwickelte eine Maſſe von Tönen von höchſt ſonderbarem und phantaſtiſchem Charakter. Zwei Frauenzimmermasken, beide in hellrothe Do⸗ minos gekleidet, zeigten ſich in dieſem Augenblick unten in der Allee und traten näher. — Ich bin ſo daran gewöhnt, eine ſicherere Stütze, als Du biſt, an meiner Seite zu haben, daß ich jeden Schritt nur mit Furcht thue. — Auch ich zittere, aber wir werden ihn bald treffen.— — Es war doch hier? — Hier.. ja, ja. — Sollte er uns betrügen können? — Wir wollen ihm wenigſtens zeigen, daß wir ihn in der Stunde der Gefahr nicht verlaſſen. — In der That, benehmen wir uns indeß beinahe wie zwei Närrinnen. — Wie ſo? — Du liebſt ihn ja doch nicht? — Ob ich ihn liebe? Ha, der Schalk... ich habe Dir geſagt, daß ich es nicht thue. Du zweifelſt an meinen Worten. Was ſoll ich ſelbſt glauben? Mit Dir dürfte es ganz anders ſtehen... ich habe Dich erröthen geſehen, als er Dich anredete. — Ich erröthete wegen ſeiner Einfälle... aber als er mit mir ſcherzte, ſah ich Dich erbleichen. — Die Röthe zeugt von Liebe. — Die Bläſſe beweiſt Eiferſucht. 185 Der Pilger und ſeine Begleiterin ließen die zwei rothen Dominos nicht aus den Augen. — Wer ſind dieſe da? fragte die Letztere, kennen Sie ſie? — Ja, ja. 4 — Ach mein Gott, ich erſchrecke ſo ſehr vor jeder neuen Maske, die ich entdecke. Für mein Auge iſt Alles hier ſo fremd.. — Gefahren bedrohen wirklich Denjenigen, den wir lieben, aber Muth, nur Muth... — Sind dieſe zwei Masken unſere Freunde? — Allerdings. Der Pilger und ſeine Begleiterin hatten ſich dabei etwas zurückgezogen, ſo daß die Bäume ſie vor den zwei rothen Dominos verdeckten, die ſich jetzt derſelben Seite näherten. — Laß uns jetzt von etwas Anderem ſprechen, fuhr der eine Domino fort. — Von was denn? — Von dieſer unbekannten Dame. — Ja, Du haſt Recht... wann wird es uns ge⸗ lingen, das Geheimniß zu entſchleiern? Meine Neu⸗ gierde wächſt... — Ich verlaſſe Neapel nicht, bevor ich ſie entdeckt habe. Du weißt, ich habe eine Wünſchelruthe, einen Zauberſtab, womit ich ſie früher oder ſpäter entſchleiern werde. — Du meinſt den kleinen weißen Handſchuh, der... — Den haſt Duz; aber ich habe etwas noch Sichere⸗ res... ich habe einen Ring... ſiehſt Du dieſen Ring. — Du haſt mir nie davon geſprochen... laß mich ihn ſehen... laß mich ihn ſehen. — Ein koſtbarer Juwel, ein ächter Diamant... was meinſt Du? In dieſem Augenblick hörte man vom Baume her⸗ ab ein kurzes Klopfen in die Hände. — Hörſt Du es? 186 — Er iſt hier... aber wo? Aus der Oeffnung des Baumwipfels zeigte ſich eine neue Maske, welche ſchleunig die mit Weinranken über⸗ zogene Treppe herabſtieg. Der Mann war in burgun⸗ diſche Rittertracht gekleidet, ſo wie man ſte nicht im Feld, ſondern am Hofe trug. Nicht bloß die Schärpe, ſondern auch die Kopfbedeckung war von hellrother Farbe. Ueber den Schultern trug er einen dunkeln Mantel, der inzwiſchen jetzt aufgeſchlagen war. Als er auf den Boden herabkam, wandte er ſich ſogleich zu den zwei Damen. — Sie ſuchen Ihren Ritter, ſagte er zu Ihnen, ich bin es heute Abend. Die beiden Damen betrachteten ihn genau, als zweiſelten ſie daran, daß er der Erwartete ſei. — Ich trage Ihre Farbe und bin bereit, dieſe ſowie Sie ſelbſt mit Schwert und Lanze zu vertheidi⸗ gen, wenn es ſein muß. 4— Täuſchen Sie ſich nicht, mein Herr? — Ganz und gar nicht; ich bin heute Mittag in Ihrer Equipage gefahren. — Sie wären? Hier iſt meine Hand... wenn Sie uns kennen, ſo ſchreiben Sie unſere Namen, oder lüften Sie Ihre Maske. — Sollte das nöthig ſein? — Hier iſt meine Hand. Der Ritter zeichnete einen Namen in ihre Hände und ſie nickten bejahend. — Du ſcheinſt zu begreifen, daß er es wirklich iſt, flüſterte die eine Dame der andern zu. — Die Stimme kam mir etwas unbekannt vor und ich fürchtete eine Täuſchung. — Die Stimme? die Maske macht die Stimme unkenntlich. — Ich vergaß das. — Es iſt ſein Wuchs... auch der Gang... 187 1— Auch iſt ja hier der Platz, wo wir uns treffen ſollten. — Darf ich Ihnen einen Augenblick den Arm bie⸗ ten, meine Damen? ſiel der Ritter ein. — Laſſen Sie uns den Carneval beſuchen. — Kommen Sie. Als ſie ſich entfernen wollten, trat der Pilger auf ſie zu. 34 Ein einziges Wort, bat er und führte ſie ein wenig über den Baum hinaus, von welchem der Ritter ſo eben herabgekommen war. — Wer ſind Sie? fragte ihn der Ritter. — Ihr Freund. — Was wollen Sie von uns? — Wenn Sie ein Jagdſignal hören, ſo eilen Sie hierher, vergeſſen Sie es nicht. — Wir betrachten Sie als unſer Fatum, unſer Schickſal... und wir werden gehorchen. Die Damen blickten den Pilger verwundert an, ſagten aber kein Wort. — Entfernen Sie ſich jetzt, fügte der Pilger hinzu, aber noch einmal... vergeſſen Sie das Signal nicht. In dem Augenblick, wo der Ritter ſich mit ſeinen Masken entfernte, begab ſich der Pilger ebenfalls in ſein Verſteck zurück. Der Platz wurde dadurch leer und nur der Lazzarone blieb zurück, der noch immer hinter dem Baum ſtand. Wieder verging eine Weile, während welcher die Muſik erſcholl und gleichſam den leeren Raum des ent⸗ eilenden Augenblicks mit Tönen ausfüllte, die mit der wilden und regelloſen Haſt eines Kataraktes brausten. Der Lazzarone, der ſich allein glaubte, kam jetzt wieder hervor und gab ſeinen Kameraden ein Zeichen, ſich zu nähern. Bald ſtanden ſie auch um ihn her. — Habt ihr den Mann bemerkt, der von dem Baum herabkam? — Ja, ja. 188 — Wißt ihr, wer er war 2 — War Er es? — Ich vermuthe es... aber wir werden es bald erfahren... es iſt ſonderbar. — Was iſt ſonderbar? — Daß unſer... ihr wißt ja, wen ich meine... ſich nicht zeigt. — Wie ſollte er gekleidet ſein? 1n1— Das Signalement iſt hier. Eine dunkle Mönchs⸗ utte. — Wer mag der Pilger ſein? Er ſchien den Rit⸗ ter zu kennen. — Sie wechſelten einige Worte mit einander. — Unr ſie entfernten ſich jeder nach ſeiner Seite. — Ganz richtig. Der Ritter hatte beſſere Geſell⸗ ſchaft als einen alten Jeruſalemfahrer. — Wenn es nicht bald zum Handeln kommt, ſo bleibe ich nicht mehr da. Das Schlimmſte, was man thun kann, iſt, nichts zu thun. — Das Warten iſt peinlich, zumal wenn von tau⸗ ſend Seiten her Abenteuer winken. — Dummkopf... wer auf etwas Gutes wartet, der wartet nie zu lang. — Beim Teufel, kein Abenteuer iſt ſo luſtig wie die, wo es heiß zugeht. Nein, ich bleibe hier, und müßte ich ſo lange warten, bis das Faſten angeht. — Still, ſtill, es kommt Jemand. — Es war wieder der Pilger, der auftrat, und zwar trat er dießmal mitten unter die Lazzaroni, ſo daß zwei von ihnen auf der einen und zwei auf der andern Seite von ihm ſtanden. — Würdiger Pater, was willſt Du hier? — Cuch ein paar Worte ſagen. — Wir ſind ganz Ohr. — Vielleicht kamſt Du, um uns Ablaß zu ſchenken? — Sprich, was willſt Du? — Ihr erwartet Jemand hier? 189 — Wir erwarten unſern Beichtvater. — Er hat uns als Pönitenz auferlegt, am Carne⸗ val keinen Theil zu nehmen, ſondern ihn hier zu treffen. — Und drei Ave und drei Paternoſter füͤr ihn zu beten. — Ihr lüget. — Lügen wir? — Niemand weiß es beſſer als ich, weil ich es bin, den ihr erwartet. Der Pilger, der in ſeiner gebückten Stellung ver⸗ bhlieb, löste dabei den langen Bart von ſeinem Kinn und ſtellte den Stab weg. Und als er jetzt daſtand, hatte er eine ganz unverkennbare Aehnlichkeit mit Vin⸗ cenz, nämlich ſo wie er in ſeiner dunklen Mönchskutte mit der Kapuze über dem Kopfe war. Die Lazzaroni ſtarrten ihn an, ohne daß man jedoch eine Veränderung bei ihnen bemerkte. Neige Dein Ohr herab, Kamerad, ſagte der Pilger. Und als der Lazzarone ſeinem Wunſch nachkam, flüſterte er ihm ein Wort in's Ohr, das dann von Mann zu Mann ging. — Die Loſung iſt richtig. — Er iſt's. — Was ſollen wir thun? Euch zurückziehen, antwortete der Pilger. Wohin? An die Barriere. Wird alſo heute Nacht nichts daraus? Es iſt zu früh. Sie ſprachen mit dem Ritter? ꝗ Ja. Er war's? Ja. Es wäre leicht geweſen jetzt... Der Sprecher inachte eine drohende Geberde. Au niederzuſtoßen? a. 1ISA 190 — Ich will ihn lieber lebendig als todt haben. — Gut. — Jetzt an die Barriere. — Wenn ein Jagdſignal ertönt, ſo eilt hierher. — Es ſoll geſchehen. Die Lazzaroni entfernten ſich, und der Pilger hef⸗ tete ſeinen Bart wieder an und nahm ſeinen Stab wie⸗ der zur Hand. Seine Begleiterin kam jetzt auch ſogleich aus ihrem Verſteck hervor. 4 — Es iſt mir gelungen, ſagte der Pilger, jetzt haben wir nichts mehr zu fürchten. Sie glaubten mir .. die Loſung war richtig... ich bin alſo nicht ge⸗ täuſcht worden. Sie waren bang, Sie... ach, mein Gott, ich war noch mehr bange, obſchon ich es nicht zu zeigen wagte... aber... aber... — Was iſt das für ein Signal, von dem Sie ſprechen? Alles erſchreckt mich hier. Ich wünſchte, ich wäre weit von da. — Sie ſind ein Kind. — Sie muͤſſen mir inzwiſchen Etwas ſagen. Wer war der Ritter? — Warum fragen Sie das? — Ich glaubte den Gang zu erkennen. — Sie täuſchen ſich. — Der Wuchs und die Haltung waren mir eben⸗ falls bekannt. Ich laſſe Sie nicht los, bis Sie mir geſagt haben, wer es war. — Aber ich wage es nicht zu ſagen. — Warum nicht? Legen Sie Ihre Hand hier auf mein Herz, ſo werden Sie ſpüren, wie unruhig es klopft. Hören Sie? ach, mein Gott... ich habe ſo oft ge⸗ lacht und geſcherzt, obſchon ich ſeinen Leichtſinn kannte, aber ich vermag ihn nicht ſelbſt anzuſehen, jetzt fühle ich mich unglücklich. — Sie ſind eiferſüchtig. Unglückliche... es iſt jetzt nicht Zeit, eiferſüchtig zu ſein... hören Sie mich 191 alſo, er war es nicht... hören Sie... er war es nicht... — Sie täuſchen mich. — Ich täuſche Sie nicht. — Da fällt mir Etwas ein. Ich eile ihm nach ... ich werde ihn entlarven... er glaubt mich ſchon fern.. — Nehmen Sie ſich in Acht, Sie ſtellen ſein Leben bloß. — Sie haben nie geliebt, Sie ſind grauſam. — Ich bin bloß vorſichtig und verlaſſe mich mehr auf meine Ruhe als auf die Ihrige. Bei der gering⸗ ſten Unvorſichtigkeit, die man jetzt beginge, könnten alle meine Bemühungen mißlingen. Schenken Sie mir Ihr Vertrauen nur noch eine einzige Viertelſtunde, dann *.. dann.. — Was dann? — Ich höre Tritte... verbergen Sie ſich... ſehen Sie da... ſteigen Sie auf den Baum hinauf .. von da können Sie Alles ſehen und brauchen nichts zu fürchten. In demſelben Augenblick, wo die Dame in dem Baum oben verſchwand, trat General Acton ein! ſein Gang war haſtig und ungeduldig; Stolz und Miß⸗ trauen kämpften um den Ausdruck in ſeinem Geſichte. Der Pilger trat ihm halbwegs entgegen. — Nun, General, iſt die Wache aufmerkſam? —= Seien Sie davon überzeugt. Sie ſehen, daß ich Ihren Wunſch erfüllt habe, aber Sie wiſſen viel⸗ leicht nicht... Was 2 — Daß der König hier iſt. — Mein Gott, was ſagen Sie? Der König hier?2 das iſt nicht möglich. Um dieſe Zeit pflegt er in ſei⸗ nem Laboratorium zu arbeiten. 3 — Was ich ſage, iſt nichtsdeſtoweniger wahr. Der König hat maskirt ſein Zimmer verlaſſen und ſich in 192 Begleitung einer unbekannten Perſon auf dem heim⸗ lichen Gang, zu welchem nur er den Schlüſſel beſitzt, hierher begeben. — Und Sie ſind deſſen gewiß, was Sie ſagen, General? — Vollkommen gewiß. — Was ſoll ich thun? Ach, möchie es mir gelin⸗ gen, meinen Auftrag zu Ende zu führen. Mir ſchwin⸗ delt es im Kopfe. Sie wiſſen nicht, General, wer es war, der den König begleitete? — Er war ungefähr ſo coſtümirt wie Sie. — Da fällt mir Etwas ein. Sollte vielleicht er es ſein? — Wen meinen Sie? — Ich erinnere mich jetzt an Etwas. Ein kleines in Italien ganz ungewöhnliches Fuhrwerk hat vor un⸗ gefähr einer Stunde vor dem Schloſſe geſtanden. — Wie Sie ſagen; eine Droſchke hat wirklich da⸗ geſtanden. — Dann iſt er es, General; ganz ſicherlich iſt er es. Aber wie hat er Zutritt zu dem König erhalten können, und was mag ſeine Abſicht ſein? Dieſer Mann iſt unbegreiflich. — Von wem ſprechen Sie? — Von demſelben Mann, den Sie heute unter polizeiliche Aufſicht zu ſtellen gedachten. — Vincenz? he, ich vergaß ihn. — Sollte er vielleicht das Rendezvous haben ent⸗ decken können, das man Armfelt nothwendig bewilli⸗ gen mußte, um ihn zu veranlaſſen, daß er unſern Rath befolgte? — Sie erſchrecken mich. — Wir ſpielen ein hohes Spiel. — Wenn des Königs Zorn losbricht, ſo kennt er keine Grenzen mehr. Wir ſind verloren. — Still — Dort... 193 In dieſem Augenblick traten zwei neue Perſonen in die Allee ein. — Das iſt der König und... — Und unſer Unergründlicher... — Ich verlaſſe Sie. Es iſt meine Pflicht, über Sie zu wachen, nicht aber mich zu zeigen. Im ſchlimm⸗ ſten Fall vergeſſen Sie das verabredete Signal nicht. — Richtig, General, Ich darf nichts vergeſſen. Und während der General ſich entfernte, zog ſich der Pilger ein wenig ſeitwärts, indem er eine gebückte Stellung annahm. Der König und Vincenz, der Eine in Maske und Domino, der Andere mit ſeiner Kapuze bedeckt, näherten ſich inzwiſchen. — Und Sie haben geſehen, mein Fürſt, ſagte der König, daß die Bajadere hierher in den Park ging? — Ich bin deſſen gewiß. — Die Freundſchaft iſt ein männliches Gefühl bei uns, fuhr der König fort, ſie iſt beruhigend; die Liebe iſt ein weibliches Gefühl, ſie belebt, erhitzt und reizt uns. Wenn man älter wird, nimmt die Leidenſchaft in unſerm Herzen ab, aber ſie flammt noch immer auf, wenn es ſich handelt um... um.. Der König begann zu ſtammeln. — Um eine Bajadere, fiel Vincenz ein, die man geliebt hat. Des Königs Geſicht glänzte dabei, aber nichtsdeſto⸗ weniger lag etwas Düſteres und Drohendes in ſeinen Mienen. — Die man geliebt hat, ganz richtig. Beim ſchön⸗ ſten Schmuck in meiner Krone, in dieſem Augenblick wäre ich im Stand, mich zu vergehen. Es iſt eine Verrätherei... ha, eine abſcheuliche Verrätherei... wo werden wir ſie treffen? Die Liebe ſtirbt niemals. Sie lebt immer, ſelbſt in dem ſonſt ausgetrockneten Herzen, wenigſtens als Eigenliebe. Aber an der Seite der Eigenliebe nicht weniger als der wirklichen Liebe wandelt beſtändig ein Der Trabant. IV. 13 194 Schatten. Der Schatten der Eigenliebe heißt Neid, der der Liebe heißt Eiferſucht. Beide ſind zuweilen einander ſo gleich, daß man ſie nicht von einander zu trennen vermag. Beide ſuchen uns auch im Glauben an uns ſelbſt zu erſchüttern, in dieſem Glauben, der allerdings manche falſche Illuſion in ſich ſchließt, woran aber doch unſer ganzes Leben feſthängt, wie eine Pflanze an ihrer Wurzel. Der König hatte ſich durch Vincenzen's Worte in ſeinem innerſten Weſen verletzt gefunden und war ſeiner nicht mehr mächtig. In dieſem Augenblick ſchlug der Ton eines Huſtens an ſein Ohr, und er fuhr auf, gleich als wäre dieß ein Signal zum Beginn des Kampfes geweſen, aber als er um ſich blickte, näherte ſich der Pilger. Es war die erſte Maske, der er begegnete, ſeit er ſein Zimmer verlaſſen hatte, und der Anblick des kal⸗ ten, nichtsſagenden, unbekannten Geſichtes machte einen unbehaglichen Eindruck auf ihn. Im erſten Augenblick vergaß er, daß er ſelbſt mas⸗ kirt war, und zog ſich ein paar Schritte zurück. — Mögen alle Engel des Himmels, redete der Pil⸗ ger ihn an, Sie beſchützen, hoher Herr. Sie ſind in böſen Abſichten da. Der König zog ſich einen Schritt zurück, wogegen Vincenz dreiſter auf den Pilger zutrat. — Sollten Sie unſere Abſichten wiſſen? bemerkte Vincenz. — Warum denn nicht? Der Pilger errieth jetzt nicht ſowohl die Urſache des ſo unerwarteten königlichen Beſuchs im Parke, ſon⸗ dern hatte auch das eine und das andere Wort von dem Geſpräch, das zwiſchen dem Monarchen und Vin⸗ cenz geführt worden war, aufgefangen. — Sie ſuchen eine Bajadere, Herr; wenn Sie es wünſchen, ſo will ich Ihnen ſagen, wo ſie getroffen wer⸗ een kann. 1 W ͤ—ͤ—— 195 Eine unwillkürliche Regung der Ueberraſchung zeigte ſich bei Vincenz. Er wußte nicht, ſollte er glauben, daß ſeine Pläne bloß beobachtet oder vielleicht gänzlich entdeckt ſeien.— — Carnevals⸗Geſchwatze, ſagte er inzwiſchen, um die Aufmerkſamkeit des Königs von dieſem Gegenſtand abzulenken. Sie kennen uns nicht. Der Pilger hatte das Geſpräch von der Bajadere gehört und ſtellte es mit ſeiner eigenen Intrigue zu⸗ ſammen. Er bebte dabei in ſeinem Innern, aber nur unerſchrockene Entſchloſſenheit konnte ihn retten, und er wurde alſo auch gerettet. —— ¶Sollte ich Sie nicht kennen? und er wandte ſich dabei gegen den König. Vincenz, der bisher geglaubt hatte, er habe es nur mit den gewöhnlichen Behörden zu thun, und der ſich daran gewöhnt hatte, ſie nicht ſonderlich zu fürchten, wunderte ſich über das, was er hörte, weil es ihn auf den Glauben leitete, auch er werde von Andern be⸗ wacht, ohne daß er ſagen konnte, von wem. — Einfältige Maske, verſetzte er, ſagen Sie uns, wer wir ſind, inſofern Sie uns kennen. Die Heftigkeit ſeiner Aeußerung zeugte von der Unruhe, die in ihm erwacht war. Aber ohne daß der Pilger auf Vincenzen's Worte zu achten ſchien, ergriff er mit einer ehrfurchtsvollen Bewegung Ferdinand's Arm. — König, ſagte er, ſuchen Sie nicht hier, was Sie nur in Ihrem eigenen Palaſte finden. Er wollte den Begriff, den er ſich von des Königs Abſicht mit ſeinem Beſuch im Parke machte, ſo nahe als möglich berühren, um zu ſehen, ob ſein Argwohn gegründet ſei oder nicht. Der König fand, daß er entdeckt war, aber er hatte kaum Zeit, einen fragenden Blick auf Vincenz zu werfen, als die beiden Damen in hellrothen Dominv's, 13* 196 begleitet von ihrem Ritter, der dicht in ſeinen dunkeln Mantel gehüllt war, jetzt eintraten. Vincenzen's immer wachſamer und forſchender Blick laubte an dem Gang und ganzen Benehmen der neuen Naske ſogleich Armfelt zu erkennen. — Ew. Majeſtät, das ſind diejenigen, die wir ſuchen. Geben Sie wohl Acht auf ſie, ſo werden Sie ſie wohl erkennen. Der Pilger zog ſich inzwiſchen vorſichtig zurück. — Sie haben Recht, Fürſt. Kein Anderer als er trägt ſeinen Kopf ſo wie dieſe Maske da. — Sie geben es zu, Sire? — Aber dieſe Damenmasken? die eine... ja, ja, de eine iſt ſie... und die andere... — Iſt die Oberhofmeiſterin. — In Wahrheit, Sie haben Recht. Sie iſt es ., aber Sie ſind nicht ſo koſtümirt wie Sie mir ſagten. — Sie haben ſich umgekleidet. — Glauben Sie das? — Sagen Sie ſelbſt, Ew. Majeſtät, ob es möglich iſt, ſich zu täuſchen. Das Feuer in dieſen Augen, dieſe ſchöne, ſchlanke Taille,... die Füßchen,... dieſe ſtolze Haltung. — Noch einmal, ſie iſt's. Vincenz war vollkommen von dem überzeugt, was er ſagte. Aber die Aeußerung des Pilgers hatte ihn erſchreckt. Er glaubte, daß man ihm dicht auf der Fdur ſei, und er wollte gleichſam ſeinen Jägern ent⸗ iehen. Vincenz war zwar gewöhnt, ſelbſt mit einer Kop⸗ pel von Spürhunden zu jagen, nicht aber gejagt zu werden. Der Verdacht, daß dieß der Fall ſein könnte, beunruhigte ihn.. Die zwei hellrothen Domino's bemerkten indeſſen nicht, daß ſie beobachtet wurden, und näherten ſich nebſt ihrem Begleiter fröhlich und ungenirt. — Die Intrigue, meine Damen, ſagte der Cavalier, 197 iſt ein gefährliches Fahrwaſſer; es iſt voll von Strö⸗ mungen, und wenn man es am wenigſten vermuthet, wird man ſelbſt fortgeriſſen. Die Intrigue droht uns auf der einen Seite mit einer Scylla und auf der an⸗ dern mit einer Charybdis. Sie glauben nicht, daß ich Derjenige bin, für den ich mich ausgebe, ſondern meinen, ich ſei ein Anderer? Sein oder nicht ſein, ſagt Shakeſpeare, das iſt die Frage. Ich behaupte, derjenige zu ſein, der ich bin, und Sie ſagen mir, ich ſei Einer, der ich nicht bin. Wer kann nun entſcheiden, wer ich bin? — Sie machen uns mit Ihren philoſophiſchen Scherzen die Köpfe wirr, Herr Ritter. Jedenfalls ſeien Sie jetzt ſtill. — Ach, jetzt weiß ich, warum Sie nicht glauben, daß ich derjenige ſei, der ich bin. — Laſſen Sie hören. — Ich habe ein Verbrechen gegen Ihre weibliche Majeſtät begangen. Der Koͤnig und Vincenz ſahen einander an. Sie hörten das letzte Wort. — Ich habe, fuhr der Cavalier der Damen fort, die unerhörte Unart gehabt, eine ganze Viertelſtunde lang nicht zu ſprechen von... — Von was meinen Sie? — Natürlich von Liebe. Die beiden Damen lachten. — Das höchſte Glück der Damen beſteht darin, daß ihr Leben ein beſtändiges Liebesabenteuer iſt. Sie haben einen Tanzmeiſter aus Pappendeckel geſehen, wo⸗ mit man die Kinder zu beluſtigen pflegt und deſſen ſämmtliche Theile von einem einzigen Faden zuſammen⸗ gehalten und in Bewegung geſetzt werden. Ein ſol⸗ cher Faden hält auch die Damen zuſammen und bringt Leben in ſie. Der Faden iſt aus Liebe geſponnen. — Bah, mein Herr. — Ohne Liebe würden die Damen verwelken wie die Blumen ohne Sonnenſchein und Luft. 198 — Spaßmacher! — Am Morgen fragen ſie ſich: wird er wohl heute kommen? am Abend denken ſie: wo iſt er heute geweſen? — Sie gehen zu weit. — Die Liebe beſchäftigt ihre Gedanken ſo ſehr, daß ſie für nichts Anderes mehr Raum haben. Wenn ſie nicht lieben dürften, ſo hätten ſie keine Freude; wenn ſie nicht geliebt würden, ſo könnten ſie nicht leben. Ohne Liebe iſt das Weib todt. Wenn man eine Dame in eine Deſtillirpfanne legte, ſo würden nichts als Seufzer und Erinnerungen, Träume und Phantaſien, Roſen und Vergißmeinnicht ſich daraus entwickeln. Auf den Knieen will ich daher mein Verbrechen abbüßen, eine ganze Viertelſtunde nicht von Liebe geſprochen zu haben. Der König und Vincenz hatten die Sprechenden unaufhörlich aufmerkſam beobachtet, ohne jedoch mehr als vereinzelte Worte verſtehen zu können. — Man ſagt, die Liebe habe eine Binde vor den Augen, aber die Eiferſucht hat nicht bloß eine Binde davor, ſie hat den grauen Staar. Auch wird ſie ge⸗ wöhnlich von verletzter Eitelkeit oder von leidenſchaft⸗ lichem blindem Haß geleitet. Wie in manchen andern Fällen, ſo führt auch hier ein Blinder den andern. Die Eiferſucht zu operiren, iſt wahrhaftig nicht leicht. Als der König ſah, daß die unbekannte Maske einen Kniefall vor den unbekannten Damen beabſichtigte, eilte er auf ſie zu. Der König ſagte nicht ein einziges Wort, aber er legte ſeine Hand mit einer kräftigen Bewegung auf die Schulter des Cavaliers. Was die Politik, dieſe wunderbare Macht, die noch heut zu Tag gleich den Magiern der Vorzeit ohne Feuer ihre Opfer entzündet und auf ihren Altären zu Aſche verbrennt, was die Politik ſeit Jahren nicht ver⸗ mocht hatte, das brachte die Eiferſucht in einem einzi⸗ gen Augenblick zu Standn 199 Ferdinand war außer ſich vor Zorn. Ueberraſcht blickten die Damen ihn an, während ſeine Hand noch immer auf den Schultern ihres Cava⸗ liers ruhte. Keine von ihnen ahnte, daß der König unter der ihnen ſo fremden Maske ſteckte. Der Ritter erhob ſeine Hand, um den Angriff mit einem derben Stoß zurückzuweiſen. Angriff und Vertheidigung waren augenblicklich, und der Stoß würde den König jedenfalls getroffen haben, wenn nicht der Pilger mit einer blitzſchnellen Bewegung ſich dazwiſchen geworfen hätte. Vincenz wurde durch ſeine Kränklichkeit verhindert, den Stoß mit derſelben Schnelligkeit abzuwehren. Noch war kein Wort gewechſelt worden, und be⸗ ſonders die Damen ſchienen ſich nicht erklären zu können, was den Angriff des Fremden veranlaßte. — Sie ſtarren mich verwundert an, ſagte der König endlich: demaskiren Sie ſich, meine Damen! Ich befehle es... demaskiren Sie ſich. In ſeiner Heftigkeit vergaß der König, daß er ſelbſt maskirt war. — Was ſoll dieſer unverſchämte Angriff bedeuten? warf jetzt der Cavalier der Damen ein, wer ſind Sie, meine Herren? In dieſem Augenblick erinnerte ſich Ferdinand, daß ſein Geſicht von der Maske bedeckt war. — Ich bin der König, antwortete er und riß die Maske ab. Bei dieſer Erklärung zogen ſich die Anweſenden er⸗ ſchrocken zurück. Niemand wußte, wie man ſich das ſo unvermuthete und ſonderbare Auftreten des Königs deu⸗ ten ſollte. Demaskiren Sie ſich, meine Damen, wiederholte er inzwiſchen, ohne auf eine weitere Erklärung einzu⸗ gehen. Demaskiren Sie ſich, meine Damen; ich will ſehen, wer Sie ſind. 200 Vincenz näherte ſich dabei dem Könige. Er wollte ſich an ſeinem Siege laben, überzeugt, daß des Königs Freundſchaft für Armfelt einen ganz andern Charakter annehmen würde. — Ew. Majeſtät, flüſterte er, während die Damen noch zögerten, ihre Masken abzunehmen, Sie ſehen, daß ich Sie nicht getäuſcht habe. — Ich ſehe... ich ſehe... Fürſt; Sie ſind ge⸗ kommen, um meine Ehre zu retten; wie viel bin ich Ihnen nicht ſchuldig? O heilige Maria, wie blind bin ich nicht geweſen? Nun... die Masken herab... Des Königs Befehl war ſo beſtimmt, daß man ihm den Gehorſam nicht verſagen konnte. Die Masken fielen alſo. Ein Ausruf der Ueberraſchung entſiel dem König, als er die Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk vor ſich ſah. Aber dieſer Ausruf drückte nicht Zorn oder Erbitterung, ſondern Verlegenheit und Mißvergnü⸗ gen aus. Die beiden Damen, welche bemerkten, daß der König Jemand Anders als ſie zu ſehen erwartete, lachten in ihren Herzen. Vincenz ſtand bleich und betroffen da. Die Sache war für ihn von der größten Wichtigkeit. Er glaubte jetzt die letzte Figur in ſeinem vieljährigen Schachſpiel, das er mit Armfelt auf Leben und Tod ſpielte, vor⸗ geſchoben zu haben, und er fand, daß er mit der falſchen Figur gezogen hatte. Seine Stirne legte ſich in harte Nunzeln, und er preßte ſeine bleichen Lippen ſo heftig zuſammen, daß ſie beinahe zerſprangen. — Ew. Majeſtät, ſtammelte er. — Der König ſah ihn verdrießlich an. — Aus alter Freundſchaft will ich glauben, daß Sie nicht in böſer Abſicht einen Argwohn in meiner Seele weckten, einen Argwohn, den ich früher nie gehegt hatte, und ich danke dem Himmel, daß er ſich nicht beſtätigt hat. Eine Sache haben Sie mich gelehrt. 201 Sie haben mich gelehrt, daß es Etwas gibt, was für den Thron nichts Anderes als ein elendes Gaukelſpiel und die Krone bloß ein Spielball ſchmutziger Launen iſt; etwas, wofür das Weib keine Tugend und wogegen die Tugend keinen Schutz beſitzt, wogegen der Mann ohne Ehre daſteht und die Ehre weder Schwert noch Schild hat, nnd wiſſen Sie, was das iſt? Es iſt die Verleumdung. Mit einer Würde, die für Vincenz tief niederſchla⸗ gend war, wandte der König ihm den Rücken und ent⸗ fernte ſich. 4 Vincenz ſtand vernichtet da. Statt des Königs Freundſchaft für Armfelt zu untergraben, hatte er ſie befeſtigt. Von dem Augenblick an, wo er bei dem Könige eintrat, hatte er ſich theils durch die Wichtigkeit, die er ſeinem Beſuche beilegte, theils durch die Art, wie der König ihn empfing, ungemein belebt und aufgemun⸗ tert gefühlt. Der Augenblick gießt das Oel in die Lampe des Lebens. Die größere oder geringere Klarheit der Flamme beruht alſo auf dem Augenblick. Sie wechſelt deßhalb beſtändig. Was Vincenz ſo eben geweſen, das war er jetzt nicht mehr. Zu Boden geſchlagen, beinahe zer⸗ malmt durch ſein unvorhergeſehenes Mißgeſchick, erloſch das Feuer in ſeinem Blick, und die belebende Kraft der Hoffnungen in ſeinem Gemüthe ſchwand dahin. Frohe Vorſtellungen von glänzendem Erfolg hatten ihn berauſcht, aber als dieſe Vorſtellungen ein anderes Anſehen gewannen, da verſchwand auch der Rauſch und die Reaktion begann. Schwach und kränklich lehnte er ſich an einen Baum und ſank beinahe in Ohnmacht. Die Muſik währte fort. Eine friſche, muntere Barcarole hüpfte ſpielend aus den Inſtrumenten. Es war ein ebenſo bunter als toller Carneval, in Töne geſetzt. — Laß uns fortgehen, ſagte Mylady Munk. 2⁰² — Komm, komm! Mylady Munk und die Fürſtin Menzikoff wußten nicht, wie ſie ſich das Auftreten des Königs erklären ſollten. Ihr Cavalier ſchien nicht weniger verwundert darüber. Aber aus Achtung für den Monarchen zogen ſie ſich ſchweigend zurück, in der Ueberzeugung, daß die Myſtification vielleicht bald eine Erklärung finden würde. Als Vincenz aufſchaute, ſah er ſich allein mit dem unbekannten Pilger und erinnerte ſich jetzt, daß dieſer die Perſon des Königs erkannt hatte, ohne daß er die Möglichkeit davon begreifen konnte. Indem er ſeine Handlungsweiſe prüfte, mußte er geſtehen, daß er, durch dieſe Entdeckung überrumpelt, die Sache übereilt und ſein ruhiges Urtheil verloren hatte. Beim Anblick des Pilgers empfand er jetzt ein Ge⸗ fühl des Zornes, das er kaum zu zügeln vermochte, und da dieſes ſeine Lebensgeiſter immer mehr wärmte, ſo begann gleichſam neues Blut durch ſeine Adern zu rinnen. — Wer ſind Sie? fragte er die Maske. Ich muß wiſſen, wer Sie ſind. Sie ſcheinen mich zu kennen... Antworten Sie mir... wer ſind Sie 2 — Nehmen Sie ſich in Acht! — Mich in Acht nehmen? Was meinen Sie damit? Erklären Sie ſich. — Sie wiſſen vielleicht, daß der Teufel ſich im Kielwaſſer von Noa's Arche rettete, indem er auf dem Ruder ritt. — Sie ſprechen in Raͤthſeln. — Noa wußte nicht, daß er den Schelm aus der allgemeinen Sündfluth rettete, aber Noa's Frau wußte es recht gut. — Was meinen Sie mit Noa? — Den Mann. — Und mit ſeiner Frau? — Das Weib. er te 203 — Ich begreife nicht, was Sie ſagen. — Das kommt daher, weil Sie nicht fragen, wen ich mit dem Teufel meine. — Laſſen Sie hören. — Ich meine Sie. — Sie kennen mich nicht. Sie können mich nicht kennen. — Ich kenne Sie beſſer, als Sie glauben. Wie der böſe Geiſt, ſind auch Sie Jahre lang auf dem Ru⸗ der der Arche Noa geritten, worin Baron Armfelt eine alte Königsmacht vor der Zerſtörung einer neuen Zeit retten will. Vincenz ſtarrte erſtaunt den Unbekannten an. — Sie ſind es, der ihn durch Europa verfolgt und bei Allem, was er unternahm, gehetzt hat. Ihr Auge und Ihr Dolch ſind ihm bis hierher gefolgt; noch in dieſer Sunde haben Sie nicht aufgehört... aber... — Aber... 2 — In dieſer Stunde ſind Sie in Ihren eigenen Netzen gefangen. Vincenz hattte ſeine Karten mit ſolcher Vorſicht emiſcht, daß er glaubte, es könnte ihm Niemand hinein⸗ ſhen Bei jedem Wort, das der Unbekannte ſprach, erblaßte er immer mehr. Er fand ſich entſchleiert und begann ſeine Schwäche einzuſehen. — Ueberall ſind Sie geſchlagen. Sie hofften Arm⸗ felt der Freundſchaft der Königs berauben zu können, aber Sie haben ſich getäuſcht. Zornig hat der König Sie ſo eben verlaſſen, und dieſer Zorn errichtet nun⸗ mehr eine unüberſteigliche Mauer zwiſchen ihm und Ihnen. Es wäre unmöglich, zu beſchreiben, was in Vincenz vorging. Jedes Wort, das ihm geſagt wurde, ſtimmte mit dem wahren Sachverhalt überein, und deßhalb wirkte die Erklärung des Unbekannten ſo mächtig auf ihn. — Sie haben Neapels Hafen entlang einen Cordon von gedungenen Spionen gezogen; Sie haben ſogar in 204 dieſem Augenblick vier bezahlte Lazzaroni hier im Parke; Sie wollen um jeden Preis Armfelt lebendig ergreifen, und gelingt Ihnen das nicht, ſo ſind ſie bereit, ihn niederſtoßen zu laſſen; aber Sie ſind verrathen. — Wer ſind Sie? rief Vincenz, der ſich nicht be⸗ meiſtern konnte, wer ſind Sie? — Ich weiß, fuhr die Maske fort, indem ſie die Frage nicht zu beachten ſchien, ich weiß, daß Sie in Arm⸗ felt's eigenes Zimmer gedrungen ſind und dort mehrere ſeiner wichtigſten Papiere abgeſchrieben haben... Sehen Sie... Gold iſt der Magnet geweſen, womit Sie den Zauberkreis um Armfelt zuſammenhielten, und Gold war auch der Stab, womit ich ihn auflöste. Das Gold iſt in der einen Hand ſo mächtig wie in der andern, und die Spione ſind überall gleich feil. Vincenz zitterte, wie wenn eine eiſige Kälte durch ſeine Glieder liefe. Die Maske warf ihm einen hohn⸗ lächelnden Blick zu. — Wenn ich wollte, ſo könnte ich Sie in dieſem Augenblick ſo unſchädlich machen, wie den Staub unter Ihren Füßen. Betrachten Sie dieſes Inſtrument... Die Maske erhob jetzt ein Jagdhorn, das ſie unter dem Mantel verborgen hatte. — Mit einem Signal aus dieſem Hörnchen könnte ich Ihre eigenen Spione hieher berufen, und auf einen Wink würden dieſe Burſche Sie feſſeln oder... tödten. Vincenzens Schweigen machte die Maske immer kühner, aber Vincenz hörte jetzt um ſo aufmerkſamer auf die Aeußerungen des Unbekannten. Er wußte gar zu gut, daß eine einzige Unvorſichtigkeit von Seiten des Gegners ihm leicht das Uebergewicht wieder verſchaffen könnte. Die Maske fuhr fort zu lächeln. — Ich habe Ihnen geſagt, wer Sie ſind.. jetzt will ich Ihre andere Frage beantworten, wer ich bin... Dabei löste der Pilger die Maske von ſeinem Geſicht. —= ͤ ͤ ͤ—,., — —— 22—— n 20⁵ — Betrachten Sie mich jetzt, ſo werden Sie ent⸗ decken, wer ich bin. — Ein Weib! Der Pilger war Niemand anders als die Oberhof⸗ meiſterin. Beim Anblick des ſchalkhaften Geſichtes warf auch Wineens ſeine Kapuze zurück und ſtand finſter und düſter vor ihr. Ueber den Grund des düſtern Geſichtsausdruckes ſchritt jedoch ein Hohnlächeln hin. — Sie haben mir gezeigt, was Sie ſind, begann er, aber Sie haben mir nicht geſagt, wer Sie ſind. — Wollen Sie es wiſſen? — Sprechen Sie, ſprechen Sie. hahit Oberhofmeiſterin war ſtolz darauf, ihn beſiegt zu haben. — Die Erfahrung iſt die Richterin der Welt. Meine Erfahrung iſt bitter. Stolz und edel entſprang der Mann aus den herrlichſten Gedanken Gottes, aber er ſollte geprüft, er ſollte gehärtet werden, er ſollte durch das Fegfeuer des Lebens, durch alle bitteren Kämpfe der Qualen und Schmerzen hindurchgehen, und wiſſen Sie, wen die Vorſehung deßhalb an ſeine Seite ſtellte? Das Weib. Sie ſind nicht beſſer als Ihre Schweſtern. „Sein Angriff erfreute die Oberhofmeiſterin beinahe, weil ſie darin bloß einen unſchädlichen Verdruß ſah. — Wenn ein Fluch über meinem Leben ruht, ſo hat die Vorſehung ihn in einer Weibergeſtalt ausgeſchickt. Ueberall iſt ſie es, die mir mit einer Geißel in den Weg tritt. 4 Vincenz ſprach dieſe Worte beinahe für ſich, aber bald wandte er ſich wieder direkt gegen die Oberhof⸗ meiſterin. Seine Lippen bebten dabei und ſeine Stirne legte ſich wieder in düſtere Falten. — Sie ſagten, daß ich geſchlagen und verrathen ſei? — Ich habe es geſagt. — Daß König Ferdinand's Zorn ſich wie eine un⸗ — 206 liberße gliche Mauer zwiſchen ihn und mich geſtellt habe? — Davon können Sie überzeugt ſein. — Daß die Perſonen, die ich gedungen habe, bereit Fhen⸗ mich auf das erſte Signal von Ihnen niederzu⸗ oßen.. — Allerdings. — Sie haben da das gewöhnliche Schickſal des Weibes vergeſſen, das nämlich darin beſteht, ſich ſelbſt zu täuſchen. Die Oberhofmeiſterin begann jetzt ihrerſeits mit verheuhten Aufmerkſamkeit auf Vincenzens Worte zu auſchen. — Das Weib iſt einbildiſch, fuhr Vincenz fort. Sie trägt eine Maria Stuart in ihrer Deviſe, zwei Kronen und darunter die Worte: eine dritte wird er⸗ wartet. Die zwei Kronen ſind die der Schönheit und Liebe, und die dritte, welche ſie erwartet, iſt die des Sieges; aber wiſſen Sie, was das für eine Krone iſt, die ſie wirklich gewinnt? — Nein. — Die des Todes. Und wiſſen Sie, warum ſie keine beſſere gewinnt? — Laſſen Sie hören. — Darum, weil ſie keine anderen Waffen beſitzt als die gewöhnlichen Weiberwaffen... Ich meine die ſchwache und zerbrechliche Weiberliſt. Die Oberhofmeiſterin verſtand nicht, auf was Vin⸗ cenz deutete, aber eine unerklärliche Angſt bemächtigte ſich ihrer.. — Sie haben einen Zipfel des Schleiers gehoben, von dem ich mich bedeckt glaubte, und Sie bilden ſich ein, mich durchſchaut zu haben. Man kennt jedoch nicht die ganze Macht des Sturmes, wenn man auch weiß, wohin die Wetterfahne deutet. Ich will Ihnen etwas ſagen... Vincenz hatte ſeine ganze Ruhe wieder gewonnen. = e SASeeͤeͤeeen——— ————— 207 — Ich will Ihnen ſagen, fügte er hinzu, daß der König ſich noch immer in dem magnetiſchen Kreiſe mei⸗ nes Willens befindet, daß das Signal, auf welches Sie ſo zu pochen ſcheinen, von dieſem Augenblick an mir ebenſo gut zu Gebot ſteht wie Ihnen; daß die vier Lazzaroni, die Sie von mir gedungen glauben und die ſich hier im Park befinden ſollen, ehrliche Leute ſind, die keinem Andern gehorchen als demjenigen, dem ſie Treue gelobt haben, und ich kann das mit Sicherheit ſagen, weil... — Weil... — Weil Sie den Charakter eines Mannes nicht eumnen, ſondern wie ein ſchwatzhaftes Weib geplaudert aben. Und Vincenz kehrte ihr den Rücken mit einer Kälte, als ob er nicht mehr die mindeſte Notiz von ihr nähme. Der beſtimmte Ausdruck in ſeinem Geſichte ſchien anzu⸗ kündigen, daß er bereit ſei, zum Aeußerſten zu ſchreiten. agegen fühlte ſich die Oberhofmeiſterin von be⸗ unruhigenden Vorſtellungen beſtürmt. Es war Vincenz gelungen, ſich mit einem Nimbus zu umgeben, den ſie nicht zu durchdringen vermochte. Sie bemerkte jetzt auch, daß ſie, verleitet von ihrem Erfolg, vielleicht auch von ihrer Eitelkeit, zu viel geſprochen und ihn dadurch ge⸗ reizt hatte, ſtatt ihn niederzuſchlagen, was ihre Abſicht geweſen war. Das Rendezvous, das Armfelt verſprochen worden war, ſollte juſt auf dem Platze ſtattfinden, wo ſie Vin⸗ eenz getroffen hatte, und deßhalb mußte ſie nun um jeden Preis den läſtigen Zeugen zu entfernen ſuchen. Dieß gelang ihr zwar, aber gleichwohl auf eine höchſt mweideütige Art, weil er ſie unter ſehr drohenden Um⸗ ſtänden verließ. Aber die Oberhofmeiſterin verſank nur einen kurzen Augenblick in träumeriſche Betrachtungen; bald lachte ſie wieder, wie wenn nichts geſchehen wäre.. Die für Eindrücke ſo empfängliche, in ihren Ge⸗ 208 danken ſo milde und lebhafte, in ihren Gefühlen ſo zärtliche und reine, dabei für den Gegenſtand ihrer Liebe ſo aufopfernde und wachſame Frau hegt dennoch in der Tiefe ihres Herzens eine weit größere Selbſtſucht als der Mann. Dieſe Selbſtſucht iſt eine Folge ihres ganzen Lebens. Das Weltlicht ſtrömt allzu ſpärlich in ihren Frauen⸗ bifg herein, um ihr einen höheren univerſellen Ueber⸗ blick zu geben, wodurch das ſelbſtſüchtige Element in ihr gemildert werden könnte. Schon von ihren zarten Jahren an weiß ſie, daß das ganze zeitliche Glück des Mannes zwiſchen zwei Worten ruht, und daß dieſe Worte von ihr abhängen. Dieſe Welt, die zwei Worte zu Polen hat, iſt ihre eigene Schöpfung. R Das eine Wort iſt ein Ja, und das andere iſt ein ein. Und nicht die Ueberlegung iſt es, die dieſe Worte beſtimmt, ſondern die Laune iſt's. Selbſt von ihrem Gefühl abhängig, beſtrebt ſie ſich, die ganze Welt unter den Scepter deſſelben zu bringen. Das Raiſonnement betrachtet ſie als eine Macht, die den Forderungen des Herzens ſehr oft feind⸗ ſelig gegenüber ſteht. Die Liebe iſt für ſie der Verſtand, den ſie verehrt und anerkennt, im Verſtand dagegen erblickt ſie gewöhnlich einen Vandalen, der all die hol⸗ den Heiligenbilder des Herzens zerſtören will. Laune, Gefühl, Liebe, das ſind die Abſtufungen ihrer Selbſtſucht. Gewöhnt, ſich in dieſer Beziehung immer ſiegreich zu finden, zweifelt ſie nicht gerne lang an ihrer Unwiderſtehlichkeit. Das Gefühl dehnt ſeine Herrſchergewalt nur über den Augenblick aus. Es handelt ſich daher auch bei dem Weib ſelten um häs mehr;z wenigſtens war es bei der Oberhofmeiſterin nicht ſo. Vincenz hatte ſich drohend entfernt... und ſie Snme 209 fühlte ſich einen Augenblick niedergeſchlagen... im nächſten Augenblick lächelte ſie wieder. — Nun, nun, mein Herr, ſagte ſie vor ſich hin, Sie drohen, Sie, wir wollen ſchon ſehen. Und ihr Lächeln wurde immer behaglicher. Der Verſtand überlegt, die Leidenſchaft berauſcht, die Laune iſt ein Einfall. Aber der Leſer dürfte wiſſen wollen, welche Gefahr drohte, und wir wollen ihn bald darüber aufklären. Sie hatte ſich bisher ſo oft und zwar unter recht mißlichen Umſtänden hinausgeholfen, daß ſie auch jetzt vertrauungsvoll die kommende Stunde ihrem Gluck und ihrer eigenen Empfindſamkeit anheimſtellte.. Der Mann iſt ſelbſtſtändig, das Weib iſt ſelbſt⸗ ſüchtig: das letztere iſt ein äninutiv vom erſteren. Er handelt daher auch, während ſie intriguirt. Armfelt hatte ein Rendezvous mit... wir wiſſen nicht mit wem, verlangt, wenn er ſich nicht in die Hände ſeiner Feinde übergeben ſollte.— Es mag nun ſein, daß er bloß drohte, um einen Vortheil zu gewinnen, den ſein Herz wünſchte; gleich⸗ viel, man kannte ihn, und ſein ritterlicher Charakter konnte auch aus einem Scherz Ernſt machen, wenn er darin etwas erblickte, was ſein Ehrgefühl ihm gebot. Mit ſeinem ſtets neue Pläne ſchaffenden Geiſt ſah er nicht immer Gefahren, wo Andere ſie ſahen. Seine Zeitgenoſſen verglichen ihn mit Aleibiades, welcher bekanntlich, als ſeine Feinde ihn zum Tode ver⸗ urtheilten, ſagte: ich will ihnen zeigen, daß ich lebe. Die Oberhofmeiſterin hatte die mißtrauiſche Auf⸗ merkſamkeit Mylady Munk's und der Fürſtin Menzikoff eürchtet und ſie ſelbſt auf den Glauben geleitet, daß e ein iete-ä-téte mit Armfelt erhalten haben. Auf dieſe Art war es ihr auch elungen, verſchiedenen Ab⸗ ſichten Vincenzens auf die Spur zu kommen, und wir haben geſehen, welchen Gebrauch ſie davon machte; aber was ſie nicht vorausſehen konnte„ das war König Fer⸗ Der Trabant. IV, 14 210 dinand's eigener Beſuch im Parke. Sie hatte daher einen Augenblick den glücklichen Ausgang der Intrigue bezweifelt, aber Vincenzens Mißgriff kam ihr ſehr ge⸗ legen, und nachdem die Gefahr überſtanden war, lachte ſie darüber und rechnete ſich das Ganze als Ver⸗ dienſt an. 3 Prüfte man ihre Handlungsweiſe genauer, ſo ſcheint es beinahe, als ſei ſie ſich ſelbſt nicht vollkommen klar geweſen, was ſie thun oder unterlaſſen ſolle; man könnte glauben, ſie habe ſich bloß den Eingebungen des Augen⸗ blicks überlaſſen, was im Uebrigen auch vollkommen mit ihrer Gemüthsart übereinſtimmte. Als ſie in den Park trat, brachte ſie eine maskirte Dame mit, die wir noch nicht in den Gang der Ereig⸗ niſſe eingreifen ſahen. Die Oberhofmeiſterin gehörte zu denjenigen, die gern alle Menſchen in Bewegung ſetzen, ohne immer genau ermittelt zu haben, ob dieß nöthig iſt oder nicht. Sie hielt ſich deßhalb auch einigermaßen für eine höchſt wichtige Perſon, ohne in der That ſelbſt Bedeutung zu beſttzen, und ſie glaubte ſich überall nothwendig, ja ſo⸗ gar ganz unentbehrlich, wenn eine Intrigue zu einem glücklichen Schluß geleitet werden ſollte, obſchon ſie ſehr häufig bloß einen intereſſanten Wirrwarr zu Stande brachte, über den man zuletzt im Chor lachen mußte. Bei ihrer unermüdlichen Thätigkeit war ſie übrigens eine unübertreffliche Oberhofmeiſterin. Für diejenigen, die nicht gar zu tief in ihren Charakter blickten, war ſie das Leben des Hofes, die Seele der Vergnügungen Vnd die leitende Hand in allen Couliſſenangelegen⸗ eiten. Die Andern aber, die ſie näher beobachteten und ihr ihr Vertrauen geſchenkt hatten, zweifelten zwar nicht an ihrer Ergebenheit und ihrem Eifer, fürchteten aber ihre allzu leichtſinnige Heiterkeit. In dem Augenblick, wo General Acton ſie aufſuchte, ——JS3S. ——-— —ed xAꝗ „r&ᷣc= 211 hatte ſie ihre erſte Begleiterin aufgefordert, ſich oben im Baum zu verbergen. In der laubigen Krone des Baumes befand ſich ein allerkiebſtes kleines Aſyl mit einem Sitz für zwei oder drei Perſonen. Von dieſem luftigen Obſervatorium aus hatte die Maske geſehen, was ſich unter ihr zutrug, und ſie hatte dabei all die Gemüthsbewegungen em⸗ pfunden, die ſich bei einer lebhaft intereſſirten Perſon einſtellen mußten. Sie hatte geahnt, daß der Cavalier, der die hell⸗ rothen Dominos begleitete, Armfelt ſei, und das Ge⸗ wiſſen der Liebe, die Eiferſucht, gab ihr beunruhigende Vorſtellungen ein. Sie hatte den König auftreten ge⸗ ſehen und aus Furcht gezittert, obſchon ſie ſich nicht erklären konnte warum; ſie hatte endlich auch das Ge⸗ ſpräch zwiſchen Vincenz und der Oberhofmeiſterin gehört und dabei ſowohl fröhliche als niederſchlagende Eindrücke gehabt... aber trotz all dem begriff ſie doch ſehr wenig von dem, was um ſie her vorging. Die Ereigniſſe ſchienen ihr mehr einem dunkeln Schattenſpiel als etwas Anderem zu gleichen. Als ſie endlich die Oberhofmeiſterin allein ſah, be⸗ ſchloß ſie, von ihrem ſchaukelnden und luftigen Verſteck herabzuſteigen, entdeckte aber jetzt eine neue Damen⸗ maske, die herannahte, und um ſie näher zu betrachten, blieb ſie auf der Treppe ſtehen. Es war etwas Antikes und Edles im Aufzug der neuen Maske. Ein weißer Leibrock, leicht und luftig, beinahe durchſichtig, und an den Kanten mit einer prachtvollen Holbheſtiten Ranke geſchmückt, umſchloß weich die geſchmeidige Geſtalt von der Bruſt bis zu den Füßen. In geſchmackvollen Falten ſchlang ſich eine mit glänzenden Sternchen überſäte Binde um ihren Kopf. Ein mit Goldzierrathen durchwobener, mit rother Seide gefütterter Mantel bedeckte ihre Arme und drapirte ſchön die reizende Geſtalt. Weite Mameluken von rothem Zeug vollendeten den Aufzug. 1 1 1 212 Die Erſcheinung war einnehmend. Sie kam wie eines jener ſchönen Geſchöpfe, die ihr Leben aus der glühenden Phantaſie eines Dichters zu entlehnen ſcheinen, oder vielleicht richtiger, die nur da⸗ zu geſchaffen ſcheinen, damit die Dichter auf Erden nicht ausſterben, ſondern beſtändig zu neuem Geſange belebt werden und durch bezaubernde Augen in den Himmel ſchauen dürfen. Wie leicht und behaglich war nicht ihr Gang, aber wie zierlich bewegten ſich nicht auch unter den weiten Mameluken ihre von rothen, knapp anliegenden Saſian⸗ ſchuhen bedeckten Füße! Man hätte ſagen können, daß ſie kein Gegenſtück beſäßen, und gleichwohl konnten ſie nicht wetteifern mit den kleinen ſammtweichen Händen, die nur vorhanden zu ſein ſchienen, um bewundert und geküßt zu werden. Keine Athenienſerin hat ſie je zierlicher gehabt; und gleichwohl heißt es von ihren Händen und Füßen, daß ſie ein Ganzes bilden, das erfreue, einnehme und bezaubere, ob ſie ſich nun ſchmachtend in dem wehmüthi⸗ gen Ariadnetanz bewegen oder ob die Wolluſt ſie in den Wirbeln der Burrika hinreiße. Sie ging gerade auf die Oberhofmeiſterin zu, die jedoch ihre Ankunft erſt bemerkte, als ſie ihr ganz nahe war. — Die Zeit vergeht langſam. Es hat noch nicht geſchlagen. — Mein Gott, nein! Sie ſind bereits hier? — Ich habe keine Ruhe in meiner Seele... dieſes Rendezvous... Und ſie nahm dabei die Maske von ihrem Geſicht um es von ſeiner unbehaglichen Gefangenſchaft zu be⸗ reien. In dieſem Augenblick hörte man ein ſchallendes Gelächter. Die Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk, gefolgt von ihrem Cayalier, umgaben ſie jetzt. Sie waren ſeit⸗ — 213 wärts von der Allee ihrer Spur gefolgt und eilten nun, beweglich wie ein Wirbelwind, aus dem nächſten Ge⸗ büſch hervor.— 3 Beide Damen hatten Argwohn gefaßt, daß ihr Ca⸗ valier nicht derjenige ſei, den ſie im erſten Au enblick meinten. Er hatte gleichwohl mit täuſchender Geſchick⸗ lichkeit ſeine Rolle fortgeſpielt, und Jedermann würde ihn für denjenigen genommen haben, für den er ſich ausgab, nur nicht dieſe zwei Damen, deren Scharfblick von ihrem Herzen ausging. Er unterhielt ſie inzwiſchen angenehm und ſie ließen ſich nichts anmerken.— Ein Stachel der Eiferſucht quälte ſie indeß unauf⸗ hörlich. Sie hatten nicht ſogleich eingeſehen, daß die Oberhofmeiſterin es war, die ſich unter der Maske des Pilgers verbarg; aber ſpäter vermutheten ſie es. Als ſie jetzt mit Beſtimmtheit ausgemittelt zu haben glaubten, nicht blos daß ihr Begleiter nicht Armfelt war, ſondern auch daß die Oberhofmeiſterin ſich im Parke befand und folglich ihren Finger im Spiel hatte, zogen ſie daraus den Schluß, daß man ſich ihrer blos bediene, um eine noch geheimere Intrigue zu bedecken. Das unvermuthete Auftreten des Königs beſtärkte ſie noch mehr in dieſer Anſicht. Ihre ganze Neugierde wurde dadurch angeregt, und de beſtblofſen⸗ das Geheimniß um jeden Preis aufzu⸗ ecken. Man könnte beinahe ſagen, daß ſie von dieſem Augen⸗ blick an den Park mehr durchflogen als durchwanderten, indem ſie alle Masken und Anzüge genau beobachteten, die ihnen in den Weg kamen. Ihr Begleiter ſchrieb ihre Belebtheit ſeiner ange⸗ nehmen Unterhaltung zu, allein die Flinkigkeit ihrer Bewegungen kam aus einer ganz andern Quelle, näm⸗ lich ihrer Neugierde. Die Frauenzimmer lieben es nicht, daß man ſie der Neugierde beſchuldigt; gleichwohl iſt nichts Böſes daran: die Neugierde iſt eine Tochter der Wißbegierde. 214 Während ihre Wege ſich hin und her kreuzten, be⸗ merkten ſie endlich eine vereinzelte Damenmaske, die langſam voranſchritt und mit vorſichtiger Aengſtlichkeit um ſich blickte. Sie blieben ſogleich ſtehen. Die ſchöne Geſtalt fiel ihnen in die Augen. Der Mann iſt klüger als die Frau, aber die Frau hat mehr prophetiſchen Blick als der Mann. Ihr Rai⸗ ſonnement und Urtheil ruht nicht ſowohl auf eigentlichen Studien als vielmehr auf Eingebungen. Die Eingebung leitete auch das Urtheil der Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk. — Das iſt ſie, flüſterte die Eine. — Die Unbekannte, fügte die Andere hinzu. — Da haben wir das Geheimniß. — Laß uns ihr folgen. Von dieſem Augenblick an ließen ſie ſie nicht mehr aus dem Auge, ſondern folgten ihr dicht auf der Spur, und als ſie endlich ſahen, daß ſie mit der Oberhofmeiſte⸗ rin zuſammentraf, wollten ſie keinen Augenblick mehr verlieren, ſondern ſtürzten vor. Die Unbekannte ſuchte ſich zurückzuziehen, aber es war nicht leicht; ſie wandte ſich daher von ihnen ab, um ihr Geſicht zu verbergen und wieder mit der Maske zu bedecken. Die Fürſtin Menzikoff hatte ihre eine Hand er⸗ griffen, und Mylady Munk ſuchte ſich der andern zu bemächtigen. Dieß Alles geſchah von ihrer Seite unter Scherzen und Lachen. Sie ſpielten beinahe, und die Unbekannte konnte ſich kaum darüber erzürnen. — Schöne Maske, ſagte Mylady Munk, warum ſo ängſtlich? Was haben Sie zu fürchten?. — Drehen Sie ſich nur einen einzigen Augenblick um, ſiel die Fürſtin Menzikoff ein, ſo werden Sie uns ſogleich los werden... ein Blick... wir verlangen ja nicht viel... nur einen Blick. 215 Die Oberhofmeiſterin wollte ſprechen, aber die Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk ſprachen ſelbſt unaufhör⸗ lich, ohne auf das zu achten, was ſie ſagte. — Ach welch' eine kleine Hand... beim Himmel! Sie ſind die Eigenthümerin des Handſchuhs. Und die Fürſtin Menzikoff nahm den Handſchuh hervor, den Armfelt lange vorher ihr gelaſſen, und den ſie nachher ſo treulich aufbewahrt hatte. — Jedenfalls haben Sie auch einen Ring ver⸗ loren,... ſehen Sie hier. Und Mylady Munk zog den kleinen Ring hervor, den ſie einmal unter ganz beſonderen Umſtänden bekom⸗ men hatte. — Dieſer Handſchuh gleicht dem, welchen Sie jetzt tragen, auf's Allergenauſte.. daſſelbe feine Leder,... dieſelbe Stickerei... dieſelbe Größe. — Der Ring iſt wie für Ihren Finger gedrechſelt... ſehen Sie nur... ſehen Sie... ah... er iſt durch einen neuen erſetzt worden... wahrhaftig, welch eine bezaubernde Gleichheit... das Gedächtniß iſt nicht un⸗ getreu geweſen... in der That, die Ringe gleichen einander wie Zwillinge.— — Reizende Maske... warum entziehen Sie ſich uns... wir haben nichts Böſes mit Ihnen vor... nein, nein... wir wollen blos wiſſen, wer Sie ſind... ſagen Sie uns das und Sie ſollen uns ſogleich los werden. — Der Handſchuh paßt vortrefflich... das iſt Ihr Handſchuh... nur Ihnen gehört er... mein Gott, wenden Sie ſich um... Sie ſind unerbittlich. Aber wir laſſen Sie nicht los; Sie müſſen uns ſagen, wer Sie ſind... wir bitten Sie darum, wir flehen Sie an. Der Cavalier der beiden Damen ſuchte ihnen zwar zu wehren, aber vergebens. Die Oberhofmeiſterin und er waren offenbar ein⸗ ander nicht unbekannt. Der Cavalier war auch kein Anderer, als Wiljams. 216 — Sie müſſen Ihre Damen von hier wegführen, befahl ihm die Oberhofmeiſterin; beeilen Sie ſich.. ich verlange es. Wiljams bat ſie von Neuem, ihm zu folgen, aber er konnte kein Gehör finden. Dabei erhielt er Gelegen⸗ heit, für einen Augenblick das nur zur Hälfte bedeckte Geſicht der unbekannten Dame zu betrachten. Lebhaft von der Schönheit deſſelben angeregt, er⸗ kannte er es ſogleich wieder. Die Unbekannte war Nie⸗ mand anders, als das lebendige Original der badenden Dame, deren Bild er bei ſeinem erſten Zuſammentreffen mit der Oberhofmeiſterin in ihrem Zimmer geſehen hatte. Sie war Niemand anders, als dieſelbe Dame, die ihn und Armfelt, als ſie an der Schloßtreppe beim Arſenal⸗ venni angegriffen wurden, durch ihr Auftreten gerettet hatte. — Sie ſind unbeweglich, aber auch wir ſind hart⸗ näckig, fuhr die Fürſtin Menzikoff fort. — Nichts in der Welt kann uns beſtimmen, Sie loszulaſſen, bevor wir wiſſen, wer Sie ſind. Während ſie vor die Unbekannte hinzukommen ſuch⸗ ten, um einen Blick in ihr Geſicht zu werfen, entzog ſich dieſe ihnen immer mehr. — Sie ſind grauſam... Sie ſind boshaft... — Sie ſind eine Barbarin. Die Dame auf der Treppe hatte inzwiſchen unbe⸗ weglich auf ihrem Platze geſtanden. Ohne zu wiſſen, wer die Unbekannte war, empfand ſie eine lebhafte Theil⸗ nahme für dieſelbe. Könnte ich ihr doch aus den Händen dieſer neu⸗ gierigen und hartnäckigen Perſonen helfen! dachte ſie bei ſich ſelbſt. Gäbe es nicht vielleicht ein Mittel, ſie zu ſchrecken? Entſchloſſen ſprang ſie auf die Erde hinab und eilte auf die Gruppe zu. — Laſſen Sie dieſe Dame los! rief ſie... ſie iſt —-2—— 2 N Q◻ N RNR RN 217 in meiner Geſellſchaft... laſſen Sie ſie los, ich befehle es Ihnen. Sie legte dabei ſo viel Kraft, als ihr nur immer möglich war, in ihre Stimme. 3 Der unerwartete Angriff und die Beſtimmtheit des Befehls hatten auch wirklich das gewünſchte Reſultat. Die Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk ließen die Hände der Unbekannten los, die in demſelben Augen⸗ blick, wo ſie ſich frei fühlte, die Flucht ergriff. Die beiden Damen blickten beinahe verzweifelt der Entfliehenden nach. Die Gelegenheit war ihnen aus den Händen entwiſcht. Für die Oberhofmeiſterin hatte die ganze Situation gar zu komiſche Elemente, als daß ſie ein lautes Ge⸗ lächter hätte unterdrücken können. Sie ſah die Verzweiflung der beiden Damen und ſie lachte über das Komiſche daran. Sie ſah, daß die beiden Damen nach einem augen⸗ blicklichen Beſinnen einſahen, daß ſie ſich hatten über⸗ rumpeln laſſen und einander jetzt verlegen anblickten.. auch darüber lachte ſie. Sie ſah, daß ſie eine Bewegung machten, um die Maske, die ſo unerwartet der Unbekannten zu Hülfe geeilt war, anzugreifen und zu entlarven... und wie hätte ſie ſich's verſagen können, auch darüber zu lachen? Alle einzelnen Details des kleinen Vorfalls gaben ihr Stoff zu Scherz und Spott, und ſie bediente ſich auch ihres, man könnte wohl ſagen angebornen Privi⸗ legiums. Die Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk traten jetzt beide auf ſie und ihre Freundin zu. — Folgen Sie mir! ſagte ſie in dieſem Augenblick zu ihrer Begleiterin und ergriff ihre Hand. Folgen Sie mir. Und lachend ſprangen ſie Beide davon. Ihre Flucht erhöhte das Mißvergnügen der Fürſtin und der Mylady noch mehr. Wiljams hatte ſeine Maske abgenommen, denn wenn er auch nicht des ganzen Auftritts müde war, ſo hatte er wenigſtens keine Luſt mehr, den Schwank fortzuſetzen. — Sie ſind daran ſchuld, mein Herr, ſagte die Fürſtin zu ihm, daß die Unbekannte uns entwiſcht iſt. — Sie hätten als unſer Cavalier uns helfen müſſen. — Die Herren ſprechen zwar immer von Liebe, aber von Treue ſprechen ſie niemals. — Es iſt gefährlich, ſich auf ſie zu verlaſſen. Sie hintergehen uns, wenn wir uns gerade am meiſten auf ſie ſtützen ſollten. — Ein Wort, meine Damen, nur ein einziges Wort. Aber die Damen hatten nun einmal das Wort er⸗ griffen und ſie behielten es auch. — Haben Sie uns nicht den ganzen Abend hinter⸗ gangen? — Wollten Sie uns nicht weiß machen, Sie wären. — Wir werden Ihnen dieſen Scherz nie vergeſſen!. — O, es iſt ſchrecklich, auf dieſe Art zum Beſten gehalten zu werden. — Ein einziges Wort, bat Wiljams wieder. Ein Königreich für ein Wort. hören Sie mich an... ein Königreich für ein Wort. — Was haben Sie zu ſagen.. wollen Sie ſich ehtſchuldigen? Glauben Sie ſelbſt, daß Ihr Benehmen ritterlich ſei? — Ein Wort. — Sprechen Sie, ſprechen Sie. — Sie wiſſen nicht, wer die Unbekannte mnße — Das iſt es juſt, was uns verdrießt. Sie verſtehen uns ja nicht einmal... — Ih jah ſie. — Sie? — Wollen Sie wiſſen, wer ſie war? — Sie kannen die Todten zur Raſerei bringen.. Sprechen Sie... wer war ſie? ‿ 219 — Sie war... — Heraus damit, ſagen Sie's. — Ich erkannte ſie, ſie war Niemand anders, als die Schweſter der Oberhoſmeiſterin. — O wie lächerlich! — Die Oberhofmeiſterin hat keine Schweſter. — Aber ſie hat es mir doch ſelbſt geſagt. — Sie hat Sie zum Beſten gehabt. Ein Lachen unterbrach ſie wieder. Es war die Oberhofmeiſterin, die hinter dem näch⸗ ſten Baum ſtehen geblieben war und jetzt wieder her⸗ vorſchaute. Sie hatte ihr Geſpräch gehört und fand darin Stoff genug zum Lachen. — Sie ſind neugierig, meine Damen, ſagte ſie, auf ſie zutretend, nicht wahr, ſehr neugierig. Ich bin es buch und ich weiß, was das heißen will.. Die Oberhofmeiſterin ſprach ſich mit ſolcher Natür⸗ lichkeit aus, daß es der Fürſtin und der Mylady ſchwer wurde, nicht in ihre Heiterkeit mit einzuſtimmen. — Etwas von meinem Geheimniß kann ich Ihnen immerhin aufdecken... etwas... z. B. Sie wollen wiſſen, wer meine Schweſter iſt? — Sie ſagen es uns? — Sehen Sie, hier können Sie ſie ſelbſt ſehen. und ſie nahm dabei ihrer Begleiterin, die ihr zu⸗ rückgefolgt war, die Maske ab. — Meine Schweſter iſt Niemand anders, als, ſehen Sie ſelbſt... ſehen Sie... Und ſie ſahen die Baronin Armfelt vor ſich. — Madame, Sie wollen uns von Neuem hinter⸗ gehen. — Wann werden Sie aufhören, zu ſcherzen? — Wenn Sie aufhören werden, neugierig zu ſein. — Ha! 3 Wiljams lächelte. Er ſah ein, daß die Ober⸗ hofmeiſterin durch dieſe Demaskirung die Neugierde ſei⸗ ner Damen nur noch mehr ſteigern wollte. — Sie ſind grauſam in Ihrem Scherz. Und wieder lachend entfernte ſie ſich jetzt Hand in Hand mit Hedwig. Als Vincenz die Oberhofmeiſterin verließ, wollte er den König aufſuchen, ſtieß aber auf die Lazzaroni, die neben der Barriéère auf der einen Seite des Par⸗ kes Wache hielten. — Wer hat euch hier aufgeſtellt? fragte er ſie. — Sie ſelbſt, Herr. — Ich? Wann? wo? — So eben, drüben am Tempel. — Man hat euch getäuſcht. Ich habe euch dort nicht getroffen. Was hat man euch befohlen? — Hier zu bleiben und auf ein Jagdſignal zu war⸗ ten, worauf wir voraneilen ſollen. — Ich erinnere mich... es iſt recht... dieſes Signal... — Sollen wir ihm Folge leiſten? Vincenz wußte nicht, was er antworten ſollte. Die⸗ ſes Signal, worüber die Oberhofmeiſterin in ihrer Red⸗ ſeligkeit ihn aufgeklärt hatte, konnte, wenn er ſelbſt es benützte, ſeine Gegner irre leiten und alſo ihm ſelbſt günſtig werden; wenn jedoch ſeine Feinde es anwand⸗ ten und ſeine eigenen Leute glaubten, daß es von ihm ſelbſt komme, ſo konnte große Gefahr daraus entſtehen. Er beſann ſich hin und her, was er thun ſolle, kam aber zu keinem Reſultat. Ohne ihnen eine directe Ant⸗ wort zu geben, befahl er ihnen, ihm in einer gewiſſen Entfernung zu folgen, wodurch er ſie in ſeiner Hand zu haben und ſich die Gelegenheit geſichert glaubte, je nach den Umſtänden zu handeln. — Es ſoll geſchehen, Herr. ——rſſ 221 Verborgen von den Schlagſchalten der Bäume und von einem Stamm zum andern ſich vorſchleichend, folg⸗ ten ſie ihm alſo. Vincenz hoffte, daß er den König noch im Parke treffen könnte, und er täuſchte ſich auch nicht darin. Der König war von frommer und ſanfter Gemüthsart; kaum hatte er Vincenz verlaſſen, ſo bereute er auch ſchon ſeine Heftigkeit. Es freute ihn, daß der Arg⸗ wohn, der gegen... gegen die Bajadere angeregt wor⸗ den, ſich als grundlos erwieſen hatte; aber da er nicht vermuthen konnte, daß die Anklage auf eigennützigen Berechnungen beruhe, und da er glaubte, Vincenz habe ſie nur aus alter Jugendfreundſchaft erhoben, ſo gewann auch dieſes Gefühl wieder Geltung in ſeinem Herzen. Einen Augenblick war der König ſogar geneigt, zu dem Freunde umzukehren und ihm verſöhnend die Hand zu reichen; er wuͤrde dieß auch ſicherlich gethan haben, wenn er nicht auf neue Gedanken gerathen und in ſolche Betrachtungen verſunken wäre, die eigentlich keinen be⸗ ſtimmten Gegenſtand haben, ſondern bloß die Gedanken in weiten Kreiſen um Alles und dennoch um nichts herumführen. Vincenz traf ihn auch endlich noch in dieſen Zu⸗ ſtand verſunken, worin die Ueberlegung nur eine ver⸗ worrene Träumerei und der Gedanke nur eine Ah⸗ nung iſt. — Ew. Majeſtät, begann Vincenz. n eDe König fuhr zuſammen, als er ſich angeredet hörte. — Ha, Sie ſind's Fürſt? antwortete ihm Ferdinand. Vincenz bemerkte das Wohlwollende in der Stimme des Königs und errieth die Veränderung, die in ſeiner Seele vorgegangen war. — Sie ſind mit mir unzufrieden, Sire. Vincenz wollte den König noch einmal hören, um auazuforſchen, ob er ſich in ſeiner Vorſtellung täuſche oder nicht. 222 — Nein mein Freund, nein... ich war hitzig... ich war heftig. Und der König reichte ihm die Hand, aber Vin⸗ cenz nahm ſie nicht an. — Was habe ich doch gethan, Sire, das Sie zu einer ſo ſtarken Beſchuldigung gegen mich veranlaſſen konnte, als ob ich dem Thron, Ihrer Perſon und der Wahrheit nicht alle gebührende Achtung ſchuldete? — Schon gut, mein Fürſt, ſchon gut. Laſſen Sie uns jetzt zufrieden mit einander ſein... Alles iſt wie⸗ der gut und recht... dieſe Bajadere da... Sie ver⸗ ſtehen mich... Sie... — Ich habe ſie nicht verleumdet, Sire. Ich bin überzeugt, daß ſie ſich im Parke befindet oder daß ſie ſich wenigſtens bald einfinden wird. Der König wechſelte die Farbe. — Sie vergeſſen, mein Fürſt, daß Sie ſich vorhin getäuſcht haben. — Es iſt wahr und gleichwohl... — Und gleichwohl vergeſſen Sie ſich. — Ach, Ew. Majeſtät, Sie ſelbſt wurden ebenſo ſehr wie ich von einer gewiſſen Gleichheit irre geführt. Nichtsdeſtoweniger iſt ſie hier... — Sie haben ſie alſo ſelbſt geſehen? — Gleichviel ob ich ſie geſehen habe oder nicht. Ich weiß inzwiſchen, daß ſie ſich zu einem Rendezvous hier verſagt hat, Ew. Majeſtät. Der König betrachtete Vincenz mit unruhigen Blicken. Die Sicherheit, womit dieſer ſprach, machte einen unwiderſtehlichen Eindruck auf ihn. — Sire, alte Freundſchaft bedeutet wenig für Sie, Sie haben mich der Verleumdung beſchuldigt. — Warum darauf zurückkommen.. ach, beſter Freund, laſſen Sie uns von Jedermann Gutes denken. — Ich thue das, Ew. Majeſtät; aber Sie ſind ungerecht, wenn Sie mir nicht erlauben, zu beweiſen, N 223 daß ich Niemand verleumdet, ſondern nur die Wahr⸗ heit geſprochen habe. — Sie glauben, dieſen Beweis führen zu können? — Beim Himmel, ich bin meiner Sache gewiß. Ein krampfhaftes Zucken im Geſicht des Königs deutete die Veraͤnderung an, die augenblicklich in ſeiner Seele vorging. Die kaum noch ſo offene und freie Stirne legte ſich in Runzeln, und der gutmüthige Ausdruck in ſei⸗ ner Miene wich einer qualvollen Verzerrung. Seine Geſtalt wuchs beinahe, als er im Schatten des Baumes daſtand. Ein ſchmerzliches Gefühl hatte ſich ſeiner bemeiſtert. — Sie ſagen, daß ſie hier ſei? — Folgen Sie mir, Ew. Majeſtät. Vincenz hatte die Zuverläſſigkeit ſeiner Spione ſchon zu lange bewährt gefunden, um nicht auch jetzt vollkommenes Vertrauen in die Nachricht zu ſetzen, die ſie ihm mitgetheilt hatten. — Hören Sie mich an, bemerkte der König, bevor wir weiter gehen. — Ich höre. — Sie wiſſen, Fürſt, daß ich Ihnen den ſo eben begangenen Mißgriff verziehen habe. — Ich weiß es. 3— Aber ich verzeihe eine neue Anſchuldigung nicht... — Die ſich als grundlos erweist? Ich bin's voll⸗ kommen zufrieden. Sie wiſſen, Ew. Majeſtät, daß ich, ein verbannter Ausländer, ohne Vaterland, ohne Hei⸗ math, ohne Schutz bin, und ich unterwerfe mich den Geſetzen Ihres Reichs... dem Urtheil Ihres Willens... — Und was glauben Sie, daß ein Mißgriff Sie koſten könnte? — Das Leben, Ew. Majeſtät; ich bin bereit. Vincenzens Zuverſicht regte den König nicht nur auf, ſondern veränderte auch ſeine ganze Natur. In 224 der Tiefe ſeines Herzens, dieſes ſonſt ſo guten, milden und edlen Herzens, wohnte dennoch der Italiener. Die⸗ ſer erwachte zwar nicht oft zu entſchloſſener Thätigkeit in ihm, aber er konnte doch erwachen. In ſolchen Augenblicken war er nicht mehr König, nicht Jäger, nicht Fiſcher... er war Neapolitaner, aber ein Neapolitaner mit der Macht eines Königs. Der Scepter hätte ſich dann in ſeiner Hand in einen Dolch verwandeln können. — Sprechen Sie die Wahrheit, Fürſt. Wie ſchreck⸗ lich werde ich alſo nicht betrogen... betrogen von meiner ganzen Umgebung... betrogen von meinen Freunden... betrogen von Acton... betrogen von... Er fuhr nicht fort, aber ſein Geſicht verzerrte ſich. — Heilige Maria, betrogen von Allen... wem ſoll ich glauben? — Mir, Ew. Majeſtät. — Ihnen? — Folgen Sie mir. Der Koͤnig bewegte ſich gleichwohl nicht von der Stelle. Er ſchien feſtgebannt und in einen entſetzlichen Gedanken verſunken zu ſein. Vincenz wagte kaum, zu athmen, um ihn nicht aus ſich ſelbſt zu erwecken. — Und Sie ſind überzeugt, daß ſie mich verrathen hat? wiederholte der König noch einmal. — Ew. Majeſtät werden ſich ſelbſt bald davon überzeugen... folgen Sie mir nur. Der König gab bloß mit einem Lächeln, das jedoch ſchrecklicher war als der drohende Ernſt, zu erkennen, daß er Vincenzens Antwort hörte. — Ich werde mich rächen, Fürſt, ich werde mich furchtbar rächen. — Gw. Majeſtät werden Armfelt ausliefern? — Ha, Fürſt, in dieſem Augenblick möchte ich ein freier Lazzarone ſein. — Sie möchten das? Vincenz verſtand ihn. — Hierher! rief Vincenz. Die vier Lazzaroni ſtanden augenblicklich an ſei⸗ ner Seite. Der König ſtarrte ſie an. — Sie wollen ſich rächen... — Ja, ja. — Sie wollen ihn ausliefern? — Nein. — Befehlen Sie, und dieſe Leute gehorchen Ihren Winken. — Sie gehorchen mir, Fürſt... iſt es wahr, daß ſie mir gehorchen? — Blindlings. — Kommen Sie, folgen Sie mir, kommen Sie. Vincenz lächelte. In einem Augenblick verſchwanden ſie hinter den Bäumen. Es gibt viele Menſchen, welche glauben, die Eifer⸗ ſucht ſei einer wahren und wirklichen Liebe ganz und gar fremd, ja ſogar ſie beweiſe Mangel an Liebe und Ver⸗ trauen. Sie merken ſelbſt nicht, daß ſie von Freund⸗ ſchaft und nicht von Liebe ſprechen, weil die erſtere, nicht die letztere in einem unbegrenzten Vertrauen beſteht, und weil da, wo ſie keinen Raum findet, auch die Freundſchaft nicht vollkommen iſt. Die Liebe hat in der That bloß ein einziges Bedürfniß, nämlich den Gegenſtand ihrer Verehrung ſowohl materiell, als phy⸗ ſiſch zu beſitzen. Aber an der Seite des Beſitzes ſteht die böglichkeit zu verlieren... das Leben trägt im⸗ mer den Keim der Vergänglichkeit in ſeinem Schooß, die Liebe den der Eiferſucht. In der Wirklichkeit lernt man den wahren Werth des Lebens vom Tode und den Werth der Liebe von der Möglichkeit, den geliebten Der Trabant. IV. 15 Gegenſtand zu verlieren. In dem Vorhandenſein des Todes und der Eiferſucht liegen alſo eigentlich bloß Be⸗ dingungen für ein wirkliches Leben, für eine wahre Liebe. 3 Als man ein Weib fragte, erzählt Deseuret, was Lieben ſei, antwortete ſie, für den Mann Unruhe, für das Weib ein feſter Halt. Die Liebe wäre keine Unruhe ohne Eiferſucht; ſie wäre kein feſter Halt, ohne die Möglichkeit, daß ſie auch aufhören könnte.. „Glücklich oder unglücklich,“ ſagt derſelbe Verfaſſer an einer andern Stelle,„vereinigt ſich die Liebe immer mehr oder weniger mit der Eiferſucht, einem Gefühl, das gar zu oft die Ergebenheit verbittert, der ſie als Nahrung dienen ſollte. „Gleich natürlich für das Herz des wilden und civi⸗ liſirten Menſchen, folgt die Eiferſucht allen Schattirun⸗ gen der Liebe und verändert ſich wie dieſe, je nach dem verſchiedenen Charakter der Perſonen. Für die einen iſt ſie eine Aufforderung, ihre Sorgfalt und Zärtlichkeit zu verdoppeln, um den geliebten Gegenſtand für ſich zu eewinnen; bei andern iſt ſie eine düͤſtere und grauſame eidenſchaft, die alle Spuren einer geſunden Vernunft zerſtört; endlich beruht dieſes Gefühl bei untreuen Män⸗ nern, die darüber ärgerlich ſind, daß ein Weib ſie ver⸗ laßſen hat, das ſie nicht liebten, auf gekränkter Selbſt⸗ iebe. Die Eiferſucht iſt ein Feuer, das von beruhigenden Eigenſchaften gedämpft, die Lampe der Liebe bei einer klaren und reinen Flamme erhält, aber wenn es ſich aus allen Banden losmacht, in eine verheerende Brunſt, wo nicht in einen Mordbrand ausbricht. Sie ſteht allerdings unter den Wirkungen einer losgelaſſenen Ra⸗ ſerei, wenn ſie vorzugsweiſe ihren Namen erhält; aber was iſt es anders als daſſelbe Gefühl, das, obſchon auf eine andere Art wirkend, in den wärmſten und ſchönſten Augenblicken des Herzens uns eine ſo holde 227 Unruhe, ein ſo hinreißendes Verlangen, eine ſo bren⸗ nende Sehnſucht eingibt, Begierden, die aus unſern Herzen mit Feueraugen in der Welt umherſchauen, und die noch in dem Moment, wo wir den Gegenſtand un⸗ ſerer Ergebenheit an die klopfende Bruſt drücken, machen, daß wir es kaum wagen, an unſer Glück zu glauben? Es gibt allerdings Herzen, die zu träg und zu ſtumpf ſind, um lieben zu können... von dieſen iſt aber hier nicht die Rede. Von Vincenz geführt, eilte der König vorwärts, um nach demſelben Theil des Parks zurückzukehren, wo er kurz vorher die Fürſtin Menzikoff und die Lady Munk demaskirt hatte. Mit Erlaubniß des Leſers, wollen wir ihm voraus an Ort und Stelle eilen. Alles hatte noch daſſelbe Ausſehen, wie wir es kurz vorher verlaſſen haben. Von den Bäumen hingen die farbigen Lampen her⸗ ab und verbreiteten einen bunten, magiſchen Schimmer über die Gegenſtände. Der Tempel auf der einen Seite, der ebenfalls ans Lampen gebaut war, die man an die Zweige befeſtigt hatte, ſtand noch eben ſo luftig, eben ſo glänzend und prachtvoll da. Er erſchien ſo glänzend, beinah poetiſch ſagenhaft, daß man glauben konnte, er ſei nicht bloß von einer Fee gebaut, ſondern auch von einer ſolchen bewohnt. Die Muſik hatte auch noch nicht aufgehört. Wie ein Meer mit ſilberklingenden Wogen rollten die Töne durch die Luft, bald in langſam hinſterbenden brauſen⸗ den und tiefergreifenden, bald in ſchnell übergehenden, lebhaften und ſpielenden Accorden. Ganz nahe an dem Baum mit der kleinen von Weinranken bekränzten Wendeltreppe, finden wir zwei on bekannte Masken wieder. Die eine von ihnen war der Pilger, die andere ſeine Begleiterin. Die Geſichter Beider waren mit Masken bedeckt, aber wir haben ſie bereits demaskirt geſehen und wiſſen, 5 2ℳ daß die eine die Oberhofmeiſterin und die andere die Baronin Armfelt war. — Es iſt unmöglich, ſagte der Pilger, daß der Verdacht des Königs noch fortdauern kann. — Sie kennen ihn nicht... thun Sie, wie ich wünſche. — Aber das Signal... — Das Signal? es hilft uns ja nichts. Acton's Auftreten kann uns nur vor äußerer Gewalt ſchützen, und ſo, wie die Geſchichte ſich jetzt entwickelt hat, haben wir eine ſolche nicht zu befürchten. Hängen Sie das Jagdhorn dort an einem Zweige auf... wenn wir ſei⸗ ner bedürfen, ſo können wir es nehmen... will eine andere Perſon Gebrauch davon machen, ſo laſſen wir's geſchehen... Wir für unſern Theil müſſen Alles be⸗ ſeitigen, was uns ein geheimnißvolles Anſehen geben und auf irgend ein abgekartetes Spiel deuten könnte. — Auf das Signal hätte ich ſonſt ſo viel Vertrauen geſetzt, wie auf einen Nothanker. — Ganz gut, aber der Argwohn des Königs iſt jetzt unſere ſchlimmſte Gefahr; alles Andere iſt von kei⸗ ner Bedeutung. Folgen Sie mir. Dieſer Argwohn muß um jeden Preis zu nichte gemacht werden. Und der Pilger löste das Jagdhorn von ſeinem Gürtel und befeſtigte es an einem der Zweige. — Wenn ich nur Armfelt einen Augenblick treffen oder ihm einen Boten zuſchicken könnte! Aber das iſt ein vergeblicher Wunſch. Ach, könnte ich ihn nur mit einem einzigen Wink warnen vor... vor... vor... — Hören Sie... es beginnt bereits zu ſchlagen. — Tummeln Sie ſich... jetzt zurück in's Schloß. Che die Glocke ihren letzten Schlag gethan hatte, kam der König und Vincenz an die Seite der Grotte. Der König ſchien erſchüttert und war bleich. Vincenz vergaß ſeine Kränklichkeit und ſein Leiden; die Stunde hatte für ihn zu große Wichtigkeit, als daß er auf ir⸗ gend etwas Anderes hätte achten können. zu gege kön! 229 — Ew. Majeſtät, ſagte Vincenz beinahe flüſternd, ich bitte Sie... keine Uebereilung. Wenn man den Vogel ſchreckt, ſo verdirbt man ſich die Jagd. Beden⸗ ken Sie, daß Sie die drohende Strafe ſtrenger Gerech⸗ tigkeit in die eine Wagſchale gelegt haben, und daß ich mein Leben in die andere gelegt habe. Sie müſſen han⸗ deln, wie wenn Leben und Tod von Ihrer Handlung abhinge. Beruhigen Sie ſich, Sire, ſonſt betrügt man uns auf's Neue. — Ich bin ruhig, Fürſt, vollkommen ruhig. Alſo hier ſollten ſie ſich treffen? Es war doch hier? Heilige Maria, was müſſen wir nicht erleben? Es wird mir ſo ſonderbar kühl um die Stirne, und mein Herz klopft ſo heftig und gewaltſam. Erbärmliches Leben! — Das Leben iſt eine Jagd, Ew. Majeſtät. — Eine Jagd? Was jagen vir denn? Unſere eige⸗ nen Qualen? — Nicht wir ſind es, die ſie jagen, ſondern ſie ſind es, die uns jagen. Das Leben iſt eine Reihe von Buchſtaben, womit wir uns unaufhörlich beſchäftigen, um irgend einen richtigen Sinn hinein zu bekommen. — Und der Sinn, worin beſteht der Sinn? Vincenz verwandte ſeine Aufmerkſamkeit nicht einen Augenblick von der Scene vor ihm. Für ihn war das Geſpräch bloß eine Spielerei, womit er die Gedanken des Königs beſchäftigen, den leeren Raum der Stunde ausfüllen wollte. Sein Blick flog forſchend unter den Bäumen um⸗ her. Hinter jeder Lampe glaubte er ein Auge hervor⸗ gucken zu ſehen, hinter jedem Schatten glaubte er eine Menſchengeſtalt zu erblicken. Sogar in der Muſik meinte er flüſternde Stimmen zu hören, und bald neigte er ſich vor, bald bückte er ſich gegen die Erde, damit nichts ſeiner Forſchung entgehen önnte. Die Aufmerkſamkeit des Königs war nicht minder geſpannt. Aber obſchon ſeine Bruſt ſich heftig hob, ſo blieb er doch unbeweglich auf ſeinem Platze. Nur ſeine großen Augen rollten hin und her unter der hohen Stirne. Bincenz glaubte jetzt ein Getöne zu hören, wie wenn Tritte ſich näherten. 3 3 — Hören Sie, Ew. Majeſtät, hören Sie. — Ich höre. — Laſſen Sie uns zurücktreten. Der König bewegte ſich nicht von der Stelle und ſeine ganze Seele war von dem Getöne der herannahen⸗ den Tritte in Anſpruch genommen. Vincenz ergriff ihn beim Arm. — Hier herein, Ew. Majeſtät, ſonſt werden ſie uns entgehen, hier herein. Und ohne daß der König ſelbſt das mindeſte Be⸗ wußtſein davon zu haben ſchien, führte ihn Vincenz in die Grotte. Es näherten ſich wirklich Tritte, und im nächſten Augenblick trat auch von derſelben Seite der Allee, auf welcher der König und Vincenz ſich befanden, Jemand ein. Der Hereinkommende war als junger Grieche mas⸗ kirt und ſeine hohe geſchmeidige Geſtalt nahm ſich in dem ſchönen Koſtüm ganz vortrefflich aus. — Sen Majeſtat, flüſterte Vincenz, Sie ſehen... — Still! Die Reizbarkeit des Königs war auf's Höchſte ge⸗ trieben. Die Maske ging inzwiſchen ſchnell und munter vor⸗ aus, wie wenn Nichts ſie beläſtigte. Erſt an dem Baum, wo das Jagdhorn hing, blieb ſie ſtehen und ſah ſich forſchend um, als ſuche oder erwarte ſie Jemand. Aber als ſie ſich allein ſah, beugte ſie ſich gegen den Baum⸗ ſtamm vor, halblaut ein venetianiſches Liebesliedchen trällernd. Dabei begann der Grieche auf⸗ und abzugehen und ——— 231 unerſchrocken um ſich zu ſchauen. Die Maske verhin⸗ derte zwar das Geſicht zu ſehen, aber die Bewegungen des Mannes waren ſo lebhaft und ungezwungen, daß auch dieſes nothwendig dieſelben Eigenſchaften zurück⸗ ſpiegeln mußte. Das kleine Jagdhorn fiel ihm in's Auge und er blieb ſtehen und nahm es herab. Er betrachtete es auf⸗ merkſam und führte es mehr als einmal an ſeine Lip⸗ pen, in der offenbaren Abſicht, ihm einen Ton zu ent⸗ locken, aber alle ſeine Verſuche waren vergebens. Verdrießlich darüber hing er das Horn wieder auf und begann von Neuem unter heiterem Geträller auf und ab zu wandeln. Die Muſtk ſpielte jetzt das Finale einer größeren Ouvertüre. Man glaubte zu hoͤren, wie die Leiden⸗ ſchaften heraufſtürmten, wie ein aufgeregtes Herz ſeinen letzten qualvollen Kampf kämpfte. Aber auf einmal verſtummten die Töne; nach der gewaltſamen Ton⸗Kata⸗ ſtrophe war dieſe Pauſe, während welcher man nicht einmal einen erſterbenden Seufzer hörte, von tief ergrei⸗ fendem Effekt. Als die Muſik wieder einfiel, bewegte ſie ſich in einer ganz verſchiedenen Skala; ſie war mild und ſanft, koſend und liebreich. Die Melodien kamen aus dem ſchönen Entzücken eines friedvollen Gemüthes. Mitten unter dem wilden Enthuſiasmus des Kampfes, ſchien ein Engel aus der Seele des Tondichters geſprun⸗ gen zu ſein, um Frieden und Freude über die Welt zu gebieten. Der König legte ſeine Hand auf die Bruſt, gleich als wären die Töne aus dem Innern derſelben gekom⸗ men. Vincenz athmete nicht. Seine Seele trank mit Wolluſt den milden Eindruck, welchen die Schlußtöne hervorriefen. Die unbekannte Maske... der Grieche, wie wir den Mann nennen wollen, hörte auf ſein Liedchen zu trällern... er blieb ſtehen... er lauſchte... Es war eine große Muſikſchöpfung, deren Geiſt dahin flog und ſich fortriß. Selbſt die Lampen ſchienen klarer und friſcher zu flammen. Der Tempel ſtrahlte mit erhöhtem Glanz. Man hätte glauben können, daß die Muſik das Licht verkläre. Der kleine Tempel ſtand mit ſeiner Facade ſchief gegen den König und Vincenz, ſo daß ſie in die Mitte deſſelben hineinblicken konnten. Noch tönte die Muſik, noch ſtanden Alle entzückt von den mächtigen Strömen der Harmonien. In dieſem Augenblick hörte man eine Bewegung. Es war ein leiſes Geraſſel oder, wenn man ſo will, eine Disharmonie, die aber juſt deßhalb um ſo mehr auffiel. Der König, Vincenz und die unbekannte Maske wandten ſich auf einmal, wie von derſelben Bewegung angezogen, nach der Richtung, von welcher der Ton kam. Plötzlich trat ihnen eine überraſchende Erſcheinung entgegen, die ſie aber auf höchſt verſchiedene Weiſe be⸗ rührte. Aus dem Altarkreis des in Flammen leuchtenden Tempels trat eine maskirte Dame hervor, ſchön und holdſelig wie ein Traum, geträumt auf einer der hüb⸗ ſcheſten Inſeln des griechiſchen Archipels, geträumt auf einer der Inſeln, wo einſt eine ganze Menſchheit einen Olymp voll von Göttern und Göttinnen träumte. Aber hier erſtand Aphrodite nicht wie auf Paphos aus den Wogen; ſie kam aus dem Parke, man könnte ſagen, aus der Nacht des Waldes hervor, um in der Geburtsſtunde ſelbſt von dem verklärenden Schein ihres Tempels beleuchtet zu werden. Die einnehmende Maske war dem Ausſehen nach keine andere, als diejenige, die kurz zuvor nur in Folge eines glücklichen oder vielleicht mehr bloß geglüͤckten Einfalls dem Schickſal entgangen war, von der Neu⸗ auf ſeinen haſtigen Flügeln Alles mit 233 gierde der Fürſtin Mezikoff und Lady Munk entdeckt zu werden. Sie blieb einen Augenblick in dem kleinen Tempel ſtehen, deſſen Colonnen, Fries und Kuppel ſie wie ein architektoniſch ſchöner Rahmen in verſchiedenen glänzen⸗ den Farben ſchimmernd umgaben. Als man ſie be⸗ trachtete, glaubte man die Fee zu ſehen, unter deren Zauberſtab der Tempel ſelbſt entſtanden ſei. Der luftige, ſchneeweiße Leibrock fiel in geſchmei⸗ digen Falten um die ſchlanken Formen der ſchönen Ge⸗ ſtalt, während die Stickereien in erhöhtem Glanz ſchim⸗ merten. Die rothe Binde um die Stirne verlieh ihr eine jungfräulich milde Anmuth. Nur das Geſicht war todt, es war von einer un⸗ durchſichtigen Maske bedeckt. Der König zitterte vor Eiferſucht. Die Eiferſucht war bei ihm nicht mehr eine Schachfigur, die das herr⸗ lichſte Gefühl ſeines Herzens am Leben erhielt, ſie war eine Furie mit ihrer Geißel. „Vincenz lächelte vor innerer Befriedigung; aber dieſes Lächeln war höhniſch. Der wichtige Augenblick war gekommen, wo alle Stützen unter Armfelt zuſam⸗ menbrechen ſollten. Die unbekannte Maske... der Grieche... ſchien von einem lieblichen Entzücken befangen. Er erhob ſeine Arme... er beugte ſich vor... er ſchien zu fürchten, daß die ſchöne Erſcheinung verſchwinden könnte. Für die Liebe iſt jeder Augenblick eine koſtbare Ewigkeit. Der Liebende eilt, wenn es ſich um ein Rendezvous handelt, eher dem Uhrzeiger vor, als hinter ihm nach. Auch der Grieche eilte auf den Tempel zu, und bereits beugte er ein Knie vor der neuen Aphrodite. Eine gewaltſame Bewegung ſchien anzudeuten, daß. der König die Abſicht hatte, vorzuſtürzen, aber Vincenz hielt ihn zurück. — Ew. Majeſtät, flüſterte er, bleiben Sie unter allen Umſtänden, bleiben Sie. Sehen Sie, daß die Bajadere ebenſo gekleidet iſt wie die Griechin? — Ja, ja. Vincenz hatte zwar dem König angegeben, daß er, als er in den Palaſt kam, mit eigenen Augen ſie und Armfelt geſehen habe, aber man muß dieß doch bezwei⸗ feln. Es iſt wahrſcheinlich, daß er ſich dieſer Angabe bloß bediente, um allem Verdacht zu entgehen, als ob er Spione beſolde, um die Geheimniſſe des Hofes aus⸗ zuforſchen. War jetzt der Grieche wirklich Armfelt, ſo gibt dieß einen Grund zu dieſer Vermuthung. Armfelt war nämlich maskirt, und Vincenz hatte geſagt, daß er ihn geſehen habe, vermuthlich ohne etwas davon zu wiſſen. Dieſer Widerſpruch in Vincenzens Angabe entging indeß dem König. Der König zweifelte jetzt an nichts mehr. Er glaubte blind an das, was Vincenz geſagt hatte. Mit Ausnahme der Verrätherei ſelbſt, die ſeine Seele in eine Finſterniß umwandelte, war für ihn Alles von keiner Bedeutung und ganz werthlos. — Zweifeln Sie auch jetzt noch, Sire? ſagte Vincenz. — Nein, nein. — Sie halten mich alſo nicht mehr im Verdacht, daß ich habe Jemanden verleumden wollen? Der König antwortete nicht, aber er drückte Vin⸗ cenzens Hand mit einer Kraft, die von ſeiner wilden Entſchloſſenheit in dieſem Augenblick zeugte. Die Griechin hatte den Tempel verlaſſen und näherte ſich dem Platz unter dem einſam ſtehenden Baume. Der Grieche folgte ihr. — Sie haben mich um ein Rendezvous gebeten; ich habe es bewilligt. Sie ſprach mit leiſer Stimme. Auch die Maske benahm ihr viel von ihrem Klang. 4 1 V 235 — Was wollen Sie von mir, Armfelt? — Es war alſo nicht mehr bloß ein unſicherer Verdacht... der Grieche war wirklich kein Anderer als Armfelt. Der König war nur noch Ohr und Auge. — Was ich will, antwortete Armfelt... ah, was weiß ich, was ich will? Warum ſtürzt der Menſch am Rande des Altares auf die Knie nieder? Warum küßten die Märtyrer die Speere, die ihre Herzen durchbohrten? — Sie ſchwärmen, Armfelt, und die Schwärmerei bethört Sie. — Sie ſind der Gott auf dem Altar in meines Lebens ſchönſtem Tempel; für Sie möchte ich wie ein Märtyrer ſterben und vor Freude den Henker an mein Herz drücken. — Laſſen Sie uns von etwas Anderem reden, von Ihrer Stellung zu Ihrem Hof, von der beſten Art den Verfolgungen zu entgehen, die man jetzt gegen Sie richtet. —— Beim Himmel, nicht davon! Der Augenblick iſt ſo kurz, der uns vergönnt iſt. Bald liegt vielleicht eine ganze Welt zwiſchen uns. Ach nein, laſſen Sie mich von der Liebe reden, von dieſer ſchönſten Erinne⸗ rung unſerer Herzen aus einem verſchwundenen Paradies, von dieſer wunderbaren, durch die Engel des Himmels in unſere Bruſt gepflanzten Blume, deren Duft uns mit glücklichen Träumen berauſcht; von dieſer Concen⸗ tration alles deſſen, was die Stunden und die Ewigkeit Bewundernswerthes haben, von dieſem Thema der ganzen Schöpfung, das rings um uns her in unendlichen Va⸗ riationen aufwächst, aber gleichwohl ſeine prachtvollſte Bedeutung, ſeine himmliſchſte Schönheit, ſeinen gött⸗ lichſten Sinn bei den Menſchen entwickelt. Laſſen Sie uns die arme, von Kampf und Streit zerriſſene Gegen⸗ wart vergeſſen und von der Hoffnung der Liebe reden, von dieſer Hoffnung, die uns die Ausſicht auf eine Welt eröffnet, welche bis jetzt nur von der Phantaſie 236 unſerer Seele, von den Engeln des Himmels betreten iſt; laſſen Sie uns von der Liebe der Hoffnung ſprechen, dieſer Liebe, die mit lichten Schwingen bang und zitternd über die Welt hinfliegt, und um deren Schläfe ein Kranz von Lilien ſich windet, von Lilien ſo zart und rein, als wären ſie nicht aus dieſer Erde gewachſen, ſondern oben auf dem Morgenſtern. Poeſie und Liebe ſind bei einer lebhaften und war⸗ men Seele oft eines und daſſelbe. Wenn Armfelt ſich dem einen Entzücken überließ, fiel er auch dem andern in die Arme. Armfelt hatte ſeine Maske abgenommen, und wäh⸗ rend er ſprach, wurde ſeine Stimme ſtärker, wohllauten⸗ der, und ſeine Miene begeiſterter. Außer dem Gegen⸗ ſtand ſeiner Verehrung vergaß er die ganze Welt. In dieſem Augenblick beſaß ſie für ihn nur ein einziges Leben, das liebte: er ſelbſt hatte ſich in ihr aufgelöst. Aber obſchon die Maske vor ihrem Geſicht es un⸗ möglich machte, den Ausdruck in demſelben zu ſehen, ſo ſchien gleichwohl auch ſie hingeriſſen von der Leiden⸗ ſchaft, womit er ſich äußerte. Ihre Arme ſanken auf die Seite, ihr Kopf neigte ſich etwas vor, ſie ſchien ſich ſelbſt gänzlich zu vergeſſen, um ihn zu hören und zu betrachten. Da ſie Beide das griechiſche Nationalcoſtüm trugen, ſo beſtand zwiſchen ihnen eine hübſche Uebereinſtimmung, eine einnehmende und das Auge feſſelnde Harmonie des Aeußeren ſtatt. Dieſe Harmonie hatte auch für ſie ſelbſt einen unbewußten Reiz, eine Wolluſt, die ſie empfan⸗ den, ohne ihre Urſache zu begreifen. Armfelt ſchwieg, und gleichwohl meinte er, daß er noch immer rede.(Er that es auch in der That, denn ſeine Seele ſprach durch ſeine Augen und ſein Herz durch das Muskelſpiel ſeines Geſichtes. — Sie können mir eine Bitte nicht verweigern, fuhr er endlich fort. 237 — Eine Bitte... um was wollen Sie mich bitten2 — Daß Sie die Maske von Ihrem Geſichte nehmen. — Nein, Armfelt, nein; bitten Sie mich, um was Si wollen, aber nicht um das... Sie vergeſſen, daß.. daß... — Ich vergeſſe nichts... Erfüllen Sie meine Bitte. Bald, nur zu bald werden wir uns trennen. Laſſen Sie meine Seele noch einmal überſtrömt werden von dem holden Liebreiz Ihres Anblicks. Das Wort iſt todt gegen den Ausdruck in Ihrem Geſichte... Laſſen Sie mich es ſchauen, um zu ſehen, was ſich in der Tiefe Ihres Buſens bewegt. Er ergriff ihre Hand, und ſie zog ſie nicht zurück. — Ich habe nein geſagt, Armfelt, bitten Sie mich alſo nicht mehr. — Die Maske iſt eine Wolke, die mir den Himmel verdeckt. — Laſſen Sie es ſein, aber ich habe bereits zu viel für Sie gewagt. Die Maske muß ſitzen bleiben. Gie ſind unerbittlich, ach! Ew.... Die Griechin zuckte bei dieſem halb ausgeſprochenen Worte zuſammen. — Keinen Namen, bemerkte ſie. Ach, bedenken Sie, wenn Jemand uns hier hörte. Wir ſind unvor⸗ ſichtig, Armfelt. Man glaubt, ich ſei verreist... — Verreist? — Ja gewiß... ich... Sie wiſſen... aber ich konnte Ihrem Wunſch, Sie zu treffen, nicht widerſtehen. Ach, mein Gott, wie innig liebe ich Sie! Was würde man von meiner Schwachheit ſagen, im Fall Jemand ſie wüßte... beklagen Sie mich, Armfelt. — Was machen Sie? Laſſen Sie meine Hand los. — Befehlen Sie mir das nicht. Ich will dieſe Hand mit Küſſen tränken. Der Purpur auf Ihrer Hand gehört zu dem Purpur auf Ihrer Wange... Ich darf den letzteren nicht ſehen, aber ich darf die erſtere küſſen. — Laſſen Sie mich los, ich bitte Sie, laſſen Sie mich los. — Nein, nein. — Sie ſind ſchrecklich; mir wird bange vor Ihnen. Sie vergeſſen ſich ganz. 5 — Wann ſind wir glücklich außer in den Augen⸗ blicken, wo wir uns ſelbſt vergeſſen können? — Hüten Sie ſich, daß Sie mein Mißvergnügen nicht erwecken. — Verzeihen Sie mir, aber ich bin meiner ſelbſt nicht mehr mächtig. Ein Wahnſinn hat mich erfaßt... o mein Gott, möge ich niemals daraus erwachen! — Ich muß Sie beklagen. Ich glaubte, daß Sie ein Mann wären, und ich finde Sie ſchwach. Wiſſen Sie, was ich thun würde, wenn ich Sie nicht liebte? — Nein, nein. — Werden Sie nicht mißvergnügt, aber ich würde über Sie lachen. — Lachen, ſagen Sie? nun wohl, lachen Sie immer⸗ hin. Ich will auch über meine Thorheit lachen... aber berauben Sie mich nur dieſer Hand nicht... laſſen Sie mich in Ihr Auge blicken... den Klang Ihrer Stimme hören... Ihre Geſtalt betrachten... und... und... — Und.. — Mein Knie vor Ihnen beugen. Kein Wort war dem Könige entgangen, keine Be⸗ wegung war ihm entfallen. Seine Maſerei hatte den höchſten Gipfel erreicht. Aber noch hielt Vincenz ihn zu⸗ rück, wie der Thierbändiger den Löwen zurückhält, bevor er ihn auf ſeinen Raub losläßt. — Sie ſehen doch den Schmuck, Ew. Majeſtät, von dem ich geſprochen habe. Sie ſehen, wie hell er auf ihrem Bruſttuche ſchimmert. a. t, er 239 In dieſes einzige Wort preßte der König den Blitz all ſeiner Herzensqualen zuſammen. 1 In Vincenz war ein ſataniſches Gefühl erwacht. Er hatte auch viel gelitten, und da, wo das Leiden nicht Religioſität und Reſignation erzeugt, da ruft es den Gegenſatz davon hervor. Das Leiden läßt den Menſchen niemals in ſeiner früheren Stellung bleiben, ſondern ſchiebt ihn immer entweder auf die eine oder auf die andere Seite. Armfelt ſprach nicht mehr... Sachte zog er die maskirte Dame an ſich... auch ſie ſprach kein Wort mehr... nur hoben Seußzer ihren Buſen, als er ſeinen Arm um ihren Leib ſchlang... und als der Seufzer erſtarb, da ſank ihr Haupt ſanft nieder an ſeine Bruſt. Die Liebe hatte ſie überwältigt. Sie beſaß nicht mehr ein friſches Leben, ſie beſaß vielmehr einen ſchlum⸗ mernden unwiderſtehlichen Reiz; ſie inſpirirte nicht mehr ihre Herzen, ſie magnetiſirte 6 vielmehr zu einer innern Clairvoyance, aber äußerer Betäubung. Sie erſtarben vor Seligkeit in einem einzigen Gefuͤhl, deſſen Tiefe kein Work zu ermeſſen, deſſen Weite kein Gedanke zu erfaſſen und deſſen Lieblichkeit keine Sprache zu beſchrei⸗ ben vermochte. — Jetzt iſt der Augenblick gekommen, flüſterte Vincenz dem König zu, jetzt... Wie ein Sturm, den Aeolus von der Felſenklippe aus losgelaſſen, ſtürzte der König vorwärts. Die Ra⸗ ſerei kann majeſtätiſch ſein. Wenn der Donner rollt, ſo iſt es Gottes Majeſtät, die über die Welt rast. Der König raste, aber ſeine Raſerei war die eines Königs. Er ſprach deßhalb nicht viele Worte, er ſprach nicht wie Shakeſpeare's König, Worte, die eiskalt durch Mark und Bein gehen und das Haar auf unſeren Köpfen ſträuben machen; er war nicht ein König Lear oder Richard, nicht ein Othello oder Brutus, er war Fer⸗ dinand. Wie von einem ſtarken, heftigen, elektriſchen Stoße berührt, waren Armfelt und die unbekannte Dame augen⸗ blicklich von einander geeilt. Der König ſtand zwiſchen ihnen, wie eine drohende, mit Sturm gefüllte Donnerwolke zwiſchen zwei Sternen. — Fluch! rief er, Fluch! Ein an erſchütternden Stellen reiches Muſikſtück erbrauste in dieſem Augenblick wie ein Katarakt durch die Luft. Die Töne ſchienen beinahe ſeinen Fluch über⸗ täuben zu wollen, ſie ſchienen deſſelben ſpotten, ihn in ſich verſchwinden laſſen zu wollen. 3 Der König wollte ſprechen, aber alle Inſtrumente arbeiteten zugleich, und er hörte nicht einmal ſeine eigene Stimme. In ſeinem Zorn ſtampfte er auf den Boden, aber die Muſik fuhr fort. Eine neue Verzweiflung anderer Art ergriff ihn, aber dieſe Verzweiflung trug kein Götterdiadem um ihre Stirne wie ſeine Raſerei; es war eine gewöhnliche Ver⸗ zweiflung. Das Großartige in ſeiner Leidenſchaft verſchwand, während er von einer Zufälligkeit gemartert wurde. Die Leidenſchaft ließ ihre Flügel hängen, weil ein Alltags⸗ ereigniß ſie ſtörte. Die Keule entfiel der Herkuleshand vor dem Geſurre eines Mückenſchwarms. So lange Zeit auch der Geiſt, die Leidenſchaft, das Leben bedürfen, um ihren höchſten Gipfelpunkt zu erreichen, ſo beſitzen ſie doch nicht die Kraft, ſich län⸗ ger als einen Augenblick darauf zu halten... hernach fallen ſie wieder. Zufällig ſiel der Blick des Königs auf das Jagd⸗ horn, das an den Zweigen des Baumes hing, und er ergriff es Aleichſam inſtinktmäßig. Der König war einer der ausgezeichnetſten Jäger ſeines Reiches, und der Gebrauch eines Jagdhorns war ihm nichts Neues. Er wußte nicht, was er thun ſollte; aber er wollte ſprechen... er wollte befehlen... er wollte gehört — 241 werden... er wollte die Wache zuſammenrufen... und geleitet von einem unwiderſtehlichen Bedürfniß, ſeiner Zunge Luft zu ſchaffen, gab er ein Signal. Aber kaum hatte es ausgeklungen, als auf der einen Seite General Acton mit bewaffnetem Volk hereintrat und von der andern die Lazzaroni herbei eilten. — General, befahl der König, verhafte ſie, führe ſie weg, ich will ſie nicht ſehen. Acton konnte ſich vor Verblüfftheit nicht von der Stelle bewegen. — Hört ihr, fügte der König gegen die Lazzaroni hinzu, indem er auf Armfelt deutete, er iſt euer. — Welch' ein unerhörter Betrug! fuhr er fort, o heilige Maria, erbarme Dich über mich. Lubomirsky, ſtütze mich, meine Beine wanken„.. ach, mein Gott, was habe ich gethan, um ſo verrathen zu werden! Alle ſtanden wie vom Blitze gerührt da. Die Muſik hatte ſich inzwiſchen einige Erholung gegönnt... ſie war jetzt ſpielend und leicht... fröh⸗ lich und munter. Mit ſichtbarem Entſetzen ermaß Armfelt die Tiefe des Abgrundes, an deſſen Rand er ſtand. Er zitterte nicht, aber er ſank zu den Füßen des Königs; er ſprach nicht, aber er faltete ſeine Hände und erhob ſie zu dem König, auf deſſen anderer Seite bereits auch die unbe⸗ kannte Damenmaske kniete. Auf Vincenzens Arm geſtützt, warf der König ſeine Blicke von dem Einen auf die Andere und ſchien bei⸗ nahe vor Beiden und vor ſich ſelbſt Angſt zu haben. Gnade, bat in dieſem Augenblick die Damen⸗ maske. — Ew. Majeſtät, fügte auch Armfelt hinzu, Gnade! Aber der König wendete ſein Geſicht von ihnen ab. Sein Herz beſaß kein Erbarmen mehr. — Führe ſie hinweg, Acton, befahl er wieder, hin⸗ weg mit ihr!... und ohne gegen die Lazzaroni Etwas Der Trabant. IV. 16 242² zu äußern, gab er ihnen ein leicht verſtandenes Zeichen, indem er wieder auf Armfelt deutete. Armfelt bemerkte das Zeichen und auf einmal ſprang er von ſeiner knieenden Stellung auf und eilte auf die Griechin zu. Acton that einen Schritt, um dem Befehl nachzu⸗ kommen; auch die Lazzaroni bewegten ſich von ihren Plätzen. — Kommt nicht hierher, ſagte Armfelt. Wenn Jemand es wagt, ſeine Hand an mich oder an ſie zu legen, ſo iſt er des Todes. Armfelt's Miene war dabei nicht heftig, nicht lei⸗ denſchaftlich, ſondern vielmehr ruhig und offen, aber ſein ganzer Ton war mannhaft und entſchloſſen. Seine Hand hatte eine der Piſtolen in ſeinem Leibguͤrtel ergriffen und er erhob die Mündung derſelben. — Sie haben Ihr Urtheil geſprochen, Sire, ſagte er zu Ferdinand. Ich habe nichts dagegen zu erinnern, aber noch bin ich ein freier Mann, und ich bin es den Umſtänden ſchuldig, von Ihnen einige Bedingungen zu fordern. Mögen Sie mich deßhalb nicht allzu ſehr tadeln, wenn ich gezwungen bin, mit dem Piſtol in der Hand zu parlamentiren. Ich verlange von Ihnen den Befehl, daß Niemand ſeine Hand an dieſe Dame lege; Sie müſſen mir das verſprechen. Der König blieb ſtill. — Ich verlange, Ew. Majeſtät, daß Sie dieſe Dame auf eine Art behandeln, die Ew. Majeſtät ſelbſt und ihrer würdig iſt. Der König antwortete nicht. — Ich verlange... Acton gab jetzt der Wache ein Zeichen, ſich über Armfelt zu werfen, während er ſelbſt ſich voran ſtürzte, um ihn zu entwaffnen. — Ruhig! befahl jedoch der König, als er ihre Abſicht bemerkte, ruhig! 243 Es lag in dieſem Augenblick etwas Großartiges und ächt Königliches in Ferdinand's Weſen. Er wandte ſich gegen Armſelt und ſtreckte ſeine Hand gegen ihn aus, wie wenn er ſprechen wollte. — Nette mich, flüſterte die Damenmaske Armfelt zu, rette mich. Ach, warum ſtellte ich meine Reiſe ein, warum bewilligte ich dieſes Rendezvous? O, mein Gott, rette mich! Und während ſie ſprach, ſchloß ſie ſich ſo feſt an Armfelt an, als ſuche ſie Schutz an ſeiner Bruſt. Armfelt ſchlang ſeinen Arm um ihren Leib und drückte ſie an ſein Herz. Für Alles in der Welt hätte er ſie jetzt nicht verlaſſen können. — Ich kann nicht mehr als mein Leben opfern, flüſterte er; ich bin bereit, es zu geben. — Hinweg mit dem Piſtol, befahl ihm der König. — Bewilligen Sie meine Bedingungen. — Keine Bedingung. Und mit noch erhobener Hand, ſtolzer Stirne und feſtem Blick ſchritt der König langſam vorwärts. Die Qualen, die Armfelt in dieſem Augenblick er⸗ litt, waren unbeſchreiblich. Nie hatte er ſich ſo un⸗ glücklich, ſo vernichtet gefühlt, wie jetzt, und gleichwohl weilte die Ruhe des Todes auf ſeiner Stirne. Nur ein einziger Gedanke erfüllte ſeine ganze Seele, und dieſer Gedanke war die Nothwendigkeit, ſie zu retten, die in ihm ihren einzigen Anker des Heils beſaß. Nur dieſer Gedanke ſtand hell und klar vor ihm; alles Andere lag in ſeiner Seele in das tiefſte Dunkel eingehüllt. Der König ſchritt inzwiſchen auf die Piſtolenmün⸗ dung zu. Sein Ausſehen war majeſtätiſch; der Augenblick war impoſant. Allee betrachteten ihn und Armfelt mit einer Angſt, die ſie zu lähmen ſchien. General Acton, der den Ve⸗ fehl des Königs vollziehen wollte, ſtand nicht von Furcht, 16 15 244 ſondern von Entſetzen ergriffen da. Vincenz war nicht minder betroffen. — Fort mit dem Piſtol! befahl Ferdinand noch einmal. Armfelt's Bruſt hob ſich hoch, ſein Herz klopfte ge⸗ waltſam, ſeine Hand zitterte. — Ew. Majeſtät, ſagte er. 3 Der König ſetzte ruhig ſeinen Gang fort. Arm⸗ felt's Geſicht klärte ſich auf, ein anderer Gedanke durch⸗ blitzte ſeine Seele.— — Sie haben Recht, ſagte Armfelt jetzt, hinweg mit dem Piſtol! 3 4 Und er warf es weit von ſich. — Hier iſt mein Platz, fuhr er fort, nur hier. ies Und er ſiel von Neuem zu den Füßen des Königs nieder. Der König blieb ſtehen, wie wenn dieſe Bewegung ihn ſelbſt überraſchte. Es entſtand eine kurze Stille, eine Stille, ſo tief wie in den Katakomben. Der Schloßpark in Neapel liegt dicht am Schloſſe. Wenn die königliche Wache in's Gewehr tritt und das Spiel rührt, ſo hört man dieß auch ganz leicht im Parke; und gleichſam um die Aufmerkſamkeit des Königs nach einer andern Seite zu lenken, hörte man im Augen⸗ blick Trommelwirbel von dort. Der König lauſchte unwillkührlich, und als er ein⸗ mal lauſchte, konnte er ſeine Gedanken nicht mehr da⸗ von ablenken. Es war eine königliche Salutation, die er hörte.. Vor wem? Er wagte kaum zu athmen. Immer lauter ertönte der militäriſche Gruß. Die Sache entwickelte ſich auch bald.— 245 Im nächſten Augenblick wurde der Platz, wo ſie ſtanden, von einem ſchimmernden Fackelſchein beleuchtet; eine bunte Schaar von Perſonen des Hofs eilte heran, und unter ihnen befanden ſich auch die Königin und die Oberhofmeiſterin. Die Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk, wie auch Wiljams, kamen zu gleicher Zeit herein und ſchloſſen ſich der Suite der Königin an. — Ew. Majeſtät, ſagte die Königin, was ſoll das hier bedeuten? Heilige Mutter Gottes, was gibt es da? Der König antwortete nicht, aber ſein Arm ſank auf die Seite. — Erklären Sie ſich, Sire, was iſt geſchehen? Iſt ein Unglück eingetroffen? Hat man ſich gegen Sie ver⸗ gangen? Hat Jemand gewagt... o, erklären Sie ſich, erklaͤren Sie ſich. Der König war mehr als verwirrt, er war zer⸗ knirſcht, und nichtsdeſtoweniger leuchtete ein Freuden⸗ ſtrahl in dem dunkeln Auge. — Noch einmal, begann die Königin, was bedeutet dieſes Knien... dieſes Schweigen... dieß bewaffnete Volk... dieſe Masken. Niemand antwortete ihr. Alle erwarteten, daß der König ſprechen würde; aber er ſtand da, als hätte er ſeine Zunge verloren und hielt ſeinen Blick beharrlich auf die Königin geheftet. — Wer iſt dieſe Dame? fuhr die Königin fort. Wie können Sie ſo grauſam ſein, Sire, ſie in dieſer unbequemen Stellung liegen zu laſſen? Stehen Sie auf, ſchöne Griechin... wer ſind Sie?... jedenfalls nehmen Sie die Maske von Ihrem Geſicht... ſie iſt gar zu unbequem, wenn man ſprechen will... Sie haben wohl keinen Grund, ſich zu verbergen? Die Griechin kam auch ſogleich der Aufforderung der Königin nach und nahm die Maske ab. Die Grie⸗ chin war... Hedwig. Wir überlaſſen es dem Leſer, ſich ſelbſt die Ueber⸗ 246 raſchung zu denken, die ſich, obſchon auf ganz verſchie⸗ denen Arten, der Anweſenden bemächtigte. — Wie, fuhr die Königin fort, die Baronin Arm⸗ felt? Sie hier? Ach, wie kommt das? Sie verließen Neapel ſchon geſtern. Nicht wahr? Und jetzt hier... maskirt... in einem Rendezvous mit Ihrem Mann 2 Baron... und ſie drohte Armfelt mit der Hand... Sie ſind ein gefährlicher Menſch. Conſpiriren Sie jetzt auch gegen unſere Krone? Gott weiß, ob Ihre Regie⸗ rung nicht Recht hat, daß ſie Sie aus dem Wege ſchaf⸗ fen will. Mit einer ſolchen Mitverſchwörerin wie Ihre Frau ſind Sie fürchterlich. Armfelt athmete wieder leicht. Mit dankbarer Miene und Geberde drückte er Hedwig's Hand. Sie lächelte ihm ſanft zu, obſchon ihre Wange blaß war und von einem noch nicht überſtandenen Leiden in ihrem Herzen zeugte.. Er dankte Gott für die überraſchende und glück⸗ liche Verwechſelung, die hier ſtattgefunden, und er ahnte, daß er ſie nicht dem Zufall zu verdanken habe, ſondern der vorausſehenden Klugheit von... — Sire, fuhr die Königin gegen Ferdinand ge⸗ wendet fort, wenn Sie nichts mehr zu befehlen haben, ſo laſſen Sie uns von hier weggehen. Der König erhob ſein Haupt und fuhr mit ſeiner Hand über die Stirne. Er fühlte ſich verpflichtet, eine, wenn auch noch ſo unbedeutende Erklärung abzugeben. Aber er fand keine Worte. Die Blicke des Hofs be⸗ läſtigten ihn. Armfelt bemerkte ſeine Verlegenheit und näherte ſich ihm, entſchloſſen, ihm zu Hülfe zu kommen. — Ew. Majeſtät, ſagte er, Sie verzeihen mir? Der König ſuhr zuſammen und heftete einen for⸗ ſchenden Blick auf ihn. Armfelt war Hofmann, wenn es nöthig war. — Sie verzeihen doch uns Beiden, Sire? fügte Armfelt hinzu, ohne Ferdinand's Antwort abzuwarten. 247 Es lag ſo viel Verehrung und Ergebenheit in ſeiner Miene, daß der König ruhiger zu werden anfing. — Aber Sire, wie ſehr wir uns auch vergangen haben, fuhr Armfelt fort, ſo wage ich gleichwohl noch einen weitern Beweis Ihrer Güte in Anſpruch zu nehmen. — Laſſen Sie hören, ich habe bereits eingewilligt. Armfelt hatte den König und die Veranlaſſung ſeines drohenden Auftretens durchſchaut. Der König dagegen fürchtete, daß Armfelt ihn wirklich durchſchaut haben möchte, ja noch mehr, er fürchtete, dieſer möchte ihn durch unvorſichtige Worte bloßſtellen. Sie betrach⸗ teten einander mit diplomatiſchen Augen. — Verſprechen Sie mir alſo, Ew. Majeſtät, daß mein Vergehen... Armfelt wußte im Ganzen nicht, was er ſagen ſollte, aber er wünſchte den König aus ſeiner Verlegen⸗ heit zu retten. — Daß mein Vergehen ein Geheimniß zwiſchen Ihnen und mir bleibe. Ferdinand verſtand ihn jetzt und näherte ſich ihm fröhlich und freundlich. — Ich verſpreche es, Armfelt, ich verſpreche es bei meiner Ehre, antwortete der König; ja, ſeien Sie deſſen verſichert; dagegen werden Sie immer in einem theuren Andenken bei mir ſtehen. Der König athmete leichter; er fühlte ſich gerettet. — Und Sie, Ew. Majeſtät, Sie fürchten... Armfelt heftete dabei ſeinen Blick auf die Königin. — Sie fürchten, daß ich gegen Ihre Krone conſpirire. Sie brauchen das nicht zu fürchten; Sie wiſſen gar zu gut, daß es keinen Sterblichen geben kann, der das Herz hätte, eine Krone anzutaſten, die auf einer ſo ſchönen Stirne ruht; dagegen glaube ich, Ew. Ma⸗ jeſtät, daß Sie gegen mich conſpirirt haben. Während Armfelt ſprach, verriethen ſeine Stimme ſeine Blicke und auch ſeine Worte ein ſo lebendiges, warmes Gefühl, daß er ſich dadurch die allgemeine 248 Aufmerkſamkeit zuzog. Dieſer Umſtand entging der Königin nicht, und die Furcht bleichte für einen Augen⸗ blick ihre ſonſt ſo friſche Farbe. — Ich ſollte gegen Sie conſpirirt haben? ach, Baron, ich bitte Sie... — Sie haben gegen mein Herz conſpirirt, Ew. Majeſtät. Auch der König lauſchte verwundert auf ſeine Worte. — Gegen Ihr Herz.. ich verſtehe Sie nicht, ſtammelte die Königin. Armfelt ſchwieg, während er mit der Hand über die Stirne fuhr. — Allerdings; daß meine gute Hedwig ihre Reiſe aufſchob, daß ſie mich mit einem kleinen Carnevals⸗ ſchwank überraſchte, darin ahne ich Ihren Finger, Ihr Ueberredungstalent... und was iſt das anders, als eine kleine Conſpiration gegen mein Herz? Die Königin lächelte wieder. — Es iſt wahr, Armfelt, daß ich Ihren Wunſch und den Entſchluß der Baronin, abzureiſen, kannte; aber die Ueberraſchung iſt gleichwohl nicht ganz mein Verdienſt, ſondern ſie muß zum größeren Theil ihr zu⸗ geſchrieben werden. Sie Pa den ihr doch wohl gedankt? — Bei Gott, Hedwig, Du liebſt mich wahrhaft, ich werde Dir ewig dankbar ſein. Die geſpannte Aufmerkſamkeit, womit man auf Armfelt's Worte gelauſcht hatte, löste ſich in ein bei⸗ fälliges Gemurmel auf. Wiljams dagegen verglich ſeine Erinnerungen... die Dame, die auf der Treppe des Arſenaldamms zu ſeiner und Armfelt's Rettung aufgetreten war, mit den. was er jetzt ſah, und ein Lächeln kräuſelte ſeine ippen. Die Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk verſtan⸗ den von Allem, was vorging, ſo viel als nichts. 249 — Laſſen Sie uns in's Schloß zurückkehren, bat die Königin. Aber der Blick des Königs hatte ſich auf Vin eenz geheftet, und er bewegte ſich nicht von der Stelle. Die eraltirte Kraft, welche der Gang und die Wich⸗ tigkeit der Ereigniſſe in Vinrenz aufrecht erhalten hatte, verſchwand, als er ſeine letzten Hoffnungen einſtürzen ſah. Vincenz war gegen einen Baum zurückgeſunken und ſein Blick war zur Erde geſenkt. Seine Bruſt hob ſich langſam, und aus ſeinem Geſicht war jeder Bluts⸗ tropfen geflohen. — Acton, ſagte der König, bewache ihn. Du hafteſt mir mit Deinem Leben dafür, daß er nicht ent⸗ kommt. Armfelt und Wiljams hatten erſt jetzt Vincenz be⸗ merkt. Ohne zu wiſſen, welche Urſache der König zu ſeinem Befehl haben konnte, vermutheten ſie, Acton werde berichtet haben, daß Vincenz unter dem Namen Zamparelli eine zweideutige und beſonders gegen Arm⸗ felt feindſelige Rolle geſpielt. Armfelt glaubte, Grund zu haben, Vincenz mit Schonung zu behandeln, und er fühlte ſich aufgefordert, bei dem Könige für ihn zu ſprechen. Als Vincenz hörte, daß Armfelt ſich für ihn ver⸗ wendete, da fühlte er ſich noch unglücklicher als vorher, und er nahm es mit vollkommener Gleichgültigkeit auf, als der König auf die ihm gemachte Vorſtellung einging. Im Augenblick, wo der Hof den Platz verließ, gab die Oberhofmeiſterin Armfelt ein Zeichen, daß ſie mit ihm ſprechen wolle. — Morgen, ſagte ſie, wird unſere Regierung dem Capitän der ſchwediſchen Corvetie ihre Antwort auf das Schreiben des Herzogs Regenten ertheilen. Sie müſſen alſo ſchon vorher abgereist ſein... was ſagen Sie dazu... Sie haben ja doch hier nichts mehr zu thun. 2⁵0 — Sie haben Recht... ich habe hier nichts mehr zu thun.. ich reiſe ab. — Ich habe mit Mylady Munk geſprochen... ihr Wagen erwartet Sie... Sie fahren für einige Tage auf's Land und ſind wieder willkommen, obald die Corvette abgefahren iſt. — Grüßen Sie... grüßen Sie... — Ihre Frau? Sie werden ſie vor Ihrer Abreiſe noch treffen. Vincenz und Wiljams waren die Einzigen, die auf dem Platze blieben. Wiljams konnte es nicht über's Herz bringen, ſeinen jetzt allerdings zweideutigen, frü⸗ her aber treuen Freund in der Lage zu laſſen, worin er ſich befand. Er erinnerte ſich auch an Adlerſtern's letzte Worte, die auf eine ganz bemerkenswerthe Weiſe Louiſens, Vincenzens und Zamparelli's Namen zuſam⸗ menſtellten, und ſeine Liebe flüſterte ihm die Hoffnung u, daß Vincenz ihm möglicherweiſe einige Aufſchlüſſe über Louiſens Aufenthaltsort geben könnte. Vincenz ſchien nicht geneigt, ſich auf ein Geſpräch einzulaſſen; müde und beinahe ſterbend, warf er nur einen ſtumpfen, nichtsſagenden Blick auf Wiljams. — Erlauben Sie mir, Sie heimzuführen, bat Wil⸗ jams endlich. — Heim? wiederholte Vincenz, ich habe mein gan⸗ zes Leben hindurch eine Heimath geſucht und keine ge⸗ funden. Heim? ſagte er noch einmal. Ja, ich will heimgehen. Dahin oder dorthin. Er zeigte zuerſt auf den Himmel und dann auf die Erde. Aber auf einmal fuhr er zuſammen, gleich als er⸗ innerte er ſich an Etwas. — Ich hätte Sie haſſen ſollen, ſehr haſſen, und dennoch habe ich Sie geliebt, ſagte er zu Wiljams. Wiljams verſtand ihn nicht. Während Alle mich verlaſſen, bleiben Sie allein bei mir. Sie thun wohl daran, und ich werde nicht 8 251 undankbar ſein. Wollen Sie eine Perſon treffen, die Sie lange geſucht haben? — Louiſe? — Nein. — Wen? — Folgen Sie mir in's Dominikanerkloſter, und Sie werden ſie ſehen. Neunzehntes Kapitel. San Dominico maggiore. Die Dominikanerkirche iſt reich an koſtbaren Ge⸗ mälden von den ausgezeichnetſten Meiſtern Italiens. Beim Eingang in's Schiff der Kirche liegt eine kleine Kapelle, die dem Herrn Jeſu geweiht iſt. Auf der einen Seite dieſer Kapelle ſieht man den Erlöſer als Kind. Sein Geſicht von Glorie umſtrahlt, umleuchtet von wahrer Unſchuld und kindlicher Milde. Ihm gegenüber befindet ſich Michel Angelo's Geißelung, ein Stuͤck, das, beinahe ſchwarz vor Alter, die ideell vollendeten Formen kaum erkennen läßt, gleichwohl aber da und dort noch Schönheiten zeigt, die ihrem hohen Gegenſtand zu ebenſo großer Ehre gereichen, als der kühnen und ſicheren Hand des Meiſters. Beide Gemälde waren mit prachtvollen, in ſtarker Vergoldung glänzenden Kandelabern umgeben, worin Wachskerzen brannten. Beleuchtet von dem ſtark herab⸗ ſtrömenden Kerzenſchein, kniete eine einſame Nonne vor dem Chriſtuskind. Der Schleier war zurückgeſchlagen, und nicht bloß ihr Geſicht und ihre Augen, ſondern auch ihre Hände waren zu dem Erlöſer emporgehoben. Sie betete ſtill und innig, mit einer Andacht, die durch nichts geſtört werden zu können ſchien. Die Kloſtergeſetze des Ordens ſind im Allgemeinen ſtreng, obſchon ſie nicht immer eingehalten werden. Unter Anderm geſtatten ſie keinem Mann, ein Nonnen⸗ kloſter zu beſuchen, und ebenſo wenig ſoll ein Frauenzim⸗ mer ein Mönchskloſter betreten. Dieſe Vorſchrift wird zwar gewöhnlich beobachtet, aber dennoch ſtehen die Kirchen immer für beide Geſchlechter offen. Ein in einen dunkeln Mantel eingehüllter Mann hatte ſich auch jetzt im Tempel eingefunden. Ohne alles Bedenken ging er direct auf die Kapelle zu, wo die Nonne noch immer vor dem Bild des Erlöſers kniete und, hingeriſſen von der alle weltlichen Leidenſchaften beruhigenden und bezwingenden Macht des Gebetes, mehr dem Himmel als der Erde angehörte. Der Mann blieb dicht hinter ihr ſtehen und be⸗ trachtete ſie aufmerkſam. Es war ſchwer, zu entſchei⸗ den, ob es Verehrung für ihre Andacht oder irgend eine andere Urſache war, die ihn veranlaßte, ſie noch nicht anzureden, ſondern in ſeiner ſtillen und betrach⸗ tenden Stellung zu bleiben. Die Nonne fuhr alſo fort, zu beten. Vom Innern der Kirche, vom Chore her, ertönte ein leiſer Geſang von lieblichen und hellen Frauen⸗ ſtimmen; der ſchöͤne und ſanfte, von heiliger Rührung durchbebte Geſang zitterte wie ein liebliches Abend⸗ gebet durch die Gewölbe. Der Mann im Mantel ſchien indeß keinen Sinn dafür zu haben. Wie wenn er für alles Andere ab⸗ gehärtet wäre, ruhte ſein Blick beharrlich auf der Nonne, deren Geſicht jedoch von ihm abgewandt war. Entweder wurde er zuletzt ungeduldig über die lange Zögerung, oder es war ihm nicht wohl zu Muth an einem Ort, wo ihn Alles an ein ausſchließlich reli⸗ giöſes und von Religion verklärtes Leben erinnerte, oder bekam vielleicht irgend ein inneres Leiden Gewalt über ihn, genug er ſtreckte ſeine Hand aus und legte ſie ſachte auf die Schulter der Nonne. 2⁵³3 Aber dieſe Berührung, die jede andere Perſon in die Wirklichkeit zurückgerufen haben würde, ſchien für ſie verloren zu gehen. Sie fuhr fort, zu beten, als wäre ſie für alles Andere todt. Der Ausdruck im Geſicht des Mannes zeugte dabei von einigem Verdruß, den er zwar zu unterdrücken ſuchte, aber ohne daß es ihm vollkommen gelang. — Wanja, ſagte er endlich.. Aber die Nonne ſchien dieſen Zuruf ſo wenig zu beachten, als ſeine Berührung, ſondern fuhr mit un⸗ veränderter Ruhe in ihrem Gebete fort. Der Mann erhob jetzt ſeine Hand von ihrer Schul⸗ ter, und kreuzte die Arme über ſeiner Bruſt, ohne jedoch ſeinen Blick von ihr zu verwenden. Endlich vollendete die Nonne ihr Gebet, aber bevor ſie ſich aufrichtete, ließ ſie den dicken Schleier über ihr Geſicht herab. — Was wollen Sie von mir, Vincenz? fragte ſie den Mann, noch ehe ſie ſich umgewandt hatte. Ihre Stimme war ſo ruhig, beinahe kalt, als bäme ſie über Lippen, die für nichts Anderes mehr als das Gebet einige Wärme beſäßen. Vincenz— der Fremde war kein Anderer— ant⸗ wortete ihr nicht ſogleich, ſondern betrachtete ſie noch einen Augenblick. Selbſt der geringſte Anflug von Leidenſchaft in ſeinem Geſichte verſchwand dabei, und er ſchien ebenſo kalt zu werden wie ſie. — Erhebe Deinen Schleier, Wanja, ſagte er endlich. — Ich frage Dich, Vincenz, antwortete Wanja, was willſt Du von mir? — Ich will, daß Du den Schleier erhebeſt. — Der Schleier iſt gefallen zwiſchen mir und Dir. Deine Hand erhebt ihn nie wieder. Was willſt Du? „— Es lag Etwas ſo religiös Feierliches, ſo hei⸗ ligengleich Ruhiges, beinahe Ueberirdiſches in ihrem gan⸗ zen Weſen, wie auch in ihrer Stimme und ihren Worten, 6 254 daß Vincenz ſich von einer wunderbaren, eiskalten Em⸗ pfindung ergriffen fühlte; aber dieſe Empfindung währte nur einen kurzen Augenblick. — Haſt Du die Welt vergeſſen, Wanja? fragte er ſie, als wollte er die Stärke ihrer Andacht verſuchen. — Ich habe ſie vergeſſen. 2 — 87 Du Alles vergeſſen, was Du liebteſt? — Alles. Eine kurze Stille trat ein. Der Schleier machte es unmöglich, in Wanja's Geſicht einen Ausdruck zu ſuchen, aus welchem man auf das ſchließen konnte, was in ihr vorging. Vincenzens Aeußeres blieb eben⸗ falls ein Schleier, durch welchen hindurch man nicht in ſeinem Inneren zu leſen vermochte. — Es iſt alſo wahr, begann Vincenz, Du haſt die Welt vergeſſen, Du haſt Alles vergeſſen, was Du liebteſt. Schade für Dich, fügte er nach einer kurzen Pauſe hinzu, ich komme alſo zu ſpät. Ein Ton der JIronie ſchnitt durch die ſonſt ſo ruhig ausgeſprochenen Worte. — Sprich, Vincenz... zu ſpät, ſagteſt Du? — Ich kam, um denjenigen Theil der Welt in Deine Arme zu legen, den Du vergebens ſuchteſt, ſo lange Du der Welt angehörteſt, der aber, nachdem Du ihn verſtoßen, Dich vergebens ſuchte. Dieſer Theil fragt Dich: wo biſt Du? und obſchon Du noch der Welt angehörſt, antworteſt Du, daß Du dem Himmel angehöreſt. Wanja's Schleier bewegte ſich. Man ſah, daß ſie ihr Haupt erhob und daß ein leichtes Zittern ihren Körper durchflog. — Du ſprichſt von meinem Sohne, Vincenz 2 — Von ihm, ja. — Du haſt ihn alſo wieder gefunden? — Ich habe ihn gefunden. — Er iſt hier? — Hier. 4 2⁵⁵ — Laß ihn hierher kommen... ich will ihn ſehen ... ich will mit ihm ſprechen. — Du täuſcheſt Dich, Wanja. Ich will ihn nicht zu einer Mutter führen, deren Herz todt iſt. — Es lebt, Vincenz, aber ein anderes, ein beſſeres Leben, als Du begreifſt. Laß ihn hierher kommen. Vincenz betrachtete Wanja mit Verwunderung, ſo verändert erſchien ſie ihm. Er hatte ein von Kummer und Qualen, von Unruhe und Selbſtvorwürfen zerriſſe⸗ nes Herz zu finden geglaubt, und nun fand er ſie ſo ruhig, ſo vollkommen gefaßt. Allerdings hatte er einen Augenblick einen Anflug von innerer Unruhe zu bemer⸗ ken gemeint, aber dieſe Regung verſchwand ſehr bald, und Wanja beherrſchte ſich wieder. Sie ſprach von ih⸗ rem Sohn und dem Manne, den ſie früher mit einer an Wahnſinn grenzenden Leidenſchaft geliebt hatte, wie von fremden Perſonen, die ihr aber doch nicht gänzlich fremd waren. Vincenz konnte ſich dieſe kurze, kalte und doch ſo bedeutungsvolle Art, ſich auszudrücken, nicht er⸗ klären, aber dieß kam daher, weil er nicht wußte, was die Religion vermag, wenn ſie wahr und lebendig in unſere Bruſt niederſteigt; weil er nicht wußte, was ein wirklicher Friede in unſerm Herzen beſagen will. Wanja ſtand wie fremd vor ihm. Der Schleier ver⸗ hüllte ihm nicht bloß ihr Geſicht, ſondern auch ihr In⸗ neres. Wanja war nicht mehr ein ſchwaches, gewöhn⸗ liches, leidenſchaftliches, von weltlichen Eingebungen hingeriſſenes Weib in Nonnentracht; ſie ſpielte keine Rolle, ſie war was ſie ſchien. Eine himmliſche Liebe hatte ſie in ihrem Herzen zur Braut Chriſti geweiht. Aber es war eine Braut am Kreuze auf dem Todten⸗ ett. Der Schleier war nicht bloß ein Brautſchleier, es war auch ein Leichentuch. Sein ganzes Leben hindurch hatte ſich Vincenz wie mit unſichtbaren und unauflöslichen Banden an dieſes Weib feſtgekettet gefühlt. Seine Liebe war ein Siſy⸗ phusfels, der, wenn er ihn einmal glücklich von ſich gewalzt hatte, unaufhörlich auf ihn zurückgefallen war. Er fühlte ſich gleichſam verurtheilt, eine Undankbare zu lieben und dabei zu Grunde zu gehen. Seine Liebe war eine Strafe. In allen andern Beziehungen ſtark und männlicher, ſelbſtſtändiger Handlung fähig, war er ihr gegenüber ſchwach und unfrei, und das war er noch in dieſem Augenblick. Aber die Art, wie ſie jetzt auf ihn einwirkte, fachte nicht Feuer und Flamme in ſeiner Bruſt an, ſondern kühlte ihn ab. Auch er ſelbſt imponirte jetzt Wanja. Seine Anweſenheit erinnerte ſie an ein ganzes Leben thörichter und wahnſinniger Dienſtbarkeit gegen deſpo⸗ tiſche und launiſche Leidenſchaften. Es war ihr, als ob dieſe in Vincenzen's Perſon ſie noch jetzt aufſuchten, um ſie von Neuem in Verirrungen hineinzulocken, und ſie zog ſich zitternd wie eine Sinnpflanze zurück. Vin⸗ cenzen's Anblick ſcheuchte ſie noch mehr in ſich ſelbſt zurück und aus der Welt hinaus; man hätte ſagen können, ſie ſei todt für dieſelbe, wenn ſich nicht immer noch ein Band vorgefunden hätte, das ſie nicht zu zerreißen ver⸗ mochte, das Baud der Mutterliebe. Sie hatte ihren Sohn einmal todt geglaubt und ſie wurde allmälig glücklich durch dieſen Gedanken, weil er ſie zur Verſühnung mit dem Himmel und mit ſich ſelbſt führte; aber er Fore und es lag noch immer Staub genug im Blumenkelch ihrer Gedanken. Als todt dachte ſie ſich in ihm einen Engel, der zu Gott um Gnade für ſie bete; als lebendig dagegen er⸗ blickte ſie in ihm einen anklagenden Zeugen vor Gottes Richterſtuhl, und dieſer Zeuge war unverwerflich, weil juſt ſein Daſein das Verbrechen war. Denſelben Gegenſtand, den ſie früher ſo innig, um nicht zu ſagen abgöttiſch geliebt hatte, fürchtete ſie jetzt, und dieſe Furcht wuchs unaufhörlich unter dem Einfluß ihrer religiöſen Vorſtellungen. 3. In dieſer Furcht lag jedoch der beſte Beweis dafür, aaSͤͤ—,— & 257 daß ſie ihre Seele und ihr Herz von allem Irdiſchen losgemacht hatte, denn indem ſie ſich vor dem fürchtete, was ſie liebte, bebte ſte auch vor allem Andern zurück. Sie hatte ihre Jugendliebe nicht als ein Verbre⸗ chen betrachtet, bis ſie als Nonne gleichſam in nähere Berührung mit Gott gekommen war; aber als ihre Seele von einer wahren Andacht und innigem Gebet geläutert wurde, da ſtand auch ihr Verbrechen immer klarer vor ihren Augen und hing wie eine düſtere Wolke vor ihrem Himmel. Sie wollte leiden und entſagen, beten und Gott anrufen, um ihren Fehltritt zu ſühnen; aber ſie wollte nicht bloß für ihren Fehltritt leiden, ſondern auch für ihren Sohn, weil die Miſſethaten der Väter bis in's dritte und vierte Glied das Erbtheil waren, das ſie ihm hinterlaſſen zu haben glaubte. Sie wollte den Tod des Kreuzes in ihrem Herzen erleiden, um durch dieſen ihren Tod die Welt zu ver⸗ ſöhnen, die ſie ſo innig liebte. 3 Es waren auch brennende Gebete einer zärtlichen Mutter, die ſich von ihren Lippen zum Himmel erho⸗ ben, als Vincenz an ihrer Seite erſchien und zu erken⸗ nen gab, daß ihr Sohn ihr ganz nahe ſei. Aber warm und lebendig im Flug ihrer Seele zu Gottes Thron, war ſie für die Welt kalt und verſchloſſen. Sie hatte ihre Sache in Gottes Hand gelegt und ließ ſich durch nichts mehr anfechten. Man hätte ſagen können, die Erinnerung an ihren Fehler, die Erinnerung an ihren Sohn, ſei die Geſtalt, worin ſie vor Gottes Angeſicht ſtand, und ihre Reue die belebende Seele dieſer Geſtalt. Sie hatte geſagt, daß ſie ihn ſehen und ſprechen wolle; aber ſie wollte ihn jetzt auf eine ganz andere Art ſehen und ſprechen als fruͤher; ſie wollte ihn nicht mehr als einen Theil von ſich ſelbſt in ihre Arme ſchließen und ſich unbeſchränkt dem Ausdruck einer blinden Mutter⸗ liebe üͤberlaſſen; nein, ſie wollte ſich prüfen, ſie wollte Der Trabant. IV. 17 2⁵8⁸ ihn ſehen und ruhig bleiben, mit ihm ſprechen und ſeinen Umarmungen entſagen, muthig alle Neigungen der Mutterliebe herausfordern und ſie mit Füßen treten. Sie wollte ſich in ihrer eignen Art zu einer Märtyrerin machen. Als Vincenz an Wiljams die Aufforderung erließ, mit ihm in's Dominikanerkloſter zu gehen, ſo that er es nicht, um bei dem Einen oder der Andern neue Ge⸗ müthsbewegungen zu wecken, ſondern vielmehr um den⸗ ſelben ein Ende zu machen. In der Kirche angelangt, hieß er Wiljams am Eingang warten, um Wanja auf ſeinen Beſuch vorzubereiten. Da man ihm geſagt hatte, daß Wanja in der Kapelle bete, ſo fand er ſie leicht wieder. Er bemerkte bald die Veränderung, die mit ihr vorgegangen war. Wir haben bereits den tiefen Eindruck geſehen, den dieſe Veränderung auf ihn machte und der ſeine ſchon zum Voraus erſchöpften Kräfte noch mehr ſchwächte. — Sie wollen ihn ſehen, ſagte er. Nun wohl, auch das will ich Ihnen bewilligen; aber Sie müſſen mir Etwas verſprechen. — Laſſen Sie hören. — Verſprechen Sie mir, nicht zu entdecken, wer ſein Vater iſt. Wanja ſchwieg. Sie ſchien ſich zu bedenken. — Vincenz, begann ſie darauf, und ihre Stimme war nicht weniger hart als vorher, immer gleich feind⸗ ſelig, immer von den Leidenſchaften des Haſſes geleitet... Jedoch gleichviel... Gott wird wohl einmal die Eis⸗ rinde um Deine Bruſt ſchmelzen und zu Deinem Her⸗ en dringen... ich verſpreche, aber nur unter einer edingung. — Schwöre! Wanja's Schleier zitterte wie vor einer heiligen innern Bewegung. — Höre jedoch zuerſt auch meine Bedingung, ſtel 3 ſie ein. Du willſt, daß ich ihm nicht ſagen ſoll, wer 259 ſein Vater iſt; ich verlange, daß Du ihm nicht entdeckſt, wer ſeine Mutter iſt. Wie gänzlich hatte ſich Wanja verändert! Er ver⸗ ſtand ſie nicht mehr. Aber wenn er aus weltlichen Gründen, vielleicht ſogar aus Eitelkeit nicht von Wil⸗ jams' Vater ſprechen hören wollte, ſo wurde Wanja von religiöſen Bedenklichkeiten, vielleicht ſogar von einer reli⸗ giöſen Eitelkeit geleitet: ſie wollte ihren Schleier rein erhalten. — Du haſt nicht den Muth, Wania, Deine eigene Bedingung zu erfüllen. Bedenke, was Du forderſt.. Du zerfleiſcheſt Dein Herz. Warum dieſe Tyrannei ge⸗ gen Dein eigenes Gefühl? — Ich habe die Welt vergeſſen... ich kenne meine Kräfte... ſchwöre... — Aber warum... warum? — Schwöre, meinen Wunſch zu erfüllen. Als Vincenz in ihr Inneres zu dringen ſuchte, zog ſie ſich kalt zurück, und er war zu lebensmüde, um ſie noch weiter zu verfolgen. — Wohlan, ſagte er, ich achte Deinen Willen und ſchwöre, ihn zu erfüllen. — So empfange auch meinen Eid. Vincenz begab ſich an den Ausgang der Kirche und kam bald mit Wiljams zurück. Als er ſich Wanja näherte, drückte ſie den Schleier dicht an ihr Geſicht, um ihn durch denſelben deſto beſſer betrachten zu können. . Wiljams ahnte nicht, vor wem er ſtand, und be⸗ griff auch nicht, in welcher Abſicht Vincenz ihn hieher geführt hatte. Da er nicht angeredet wurde, ſo blieb fii und hielt ſich auf Alles bereit, was eintreffen önnte. 1— Ich erkenne ihn wieder, begann Wanja, das iſt er. Vincenzen's Aufmerkſamkeit ruhte unaufhörlich auf Wanja. Er hätte den Schleier durchdringen mögen, um den Ausdruck in ihrem Geſicht erſorſchen und ſehen 7* 260 zu können, ob es ebenſo ruhig ſei, wie ihre Art ſich zu äußern. Er zweifelte noch immer an ihrer Seelen⸗ ſtärke und glaubte, ihre Kaͤlte ſei nur das Ergebniß einer erkünſtelten Bemühung. Inzwiſchen mußte er zugeben, daß ſie bei Wiljams' erſtem Anblick nicht das mindeſte Zeichen von Aufregung verrathen hatte, ſondern in ihrer bisheriger Temperatur geblieben war. 5 — Ich habe Sie zu ſprechen gewünſcht, mein Herr, begann Wanja wieder, zu Wiljams gewendet, nachdem ſie vielleicht ihr dennoch heftig und unruhig klopfendes Herz zum Schweigen gebracht hatte, ich habe Sie zu ſprechen gewünſcht, um Ihnen Etwas zurückzugeben, was Sie verloren haben. — Was ich verloren habe... Madame, ich weiß nicht. Wanja's Ruhe erweckte bei Vincenz ein Gefühl des Verdruſſes, weil er darin eine Ueberlegenheit er⸗ blickte, die er kaum ſich ſelbſt zugetraut hätte, und es freute ihn beinahe, als er bemerkte, wie beim Klang von Wiljams' Stimme ein haſtiges Zucken durch ihre Glieder fuhr. — Sie haben dieſes Portrait verloren, unterbrach ſie ihn. Und indem ſie ſich wieder beherrſchte, überreichte ſie ihm jetzt das kleine Medaillon, das er bei Louiſe verloren und das ſie dann wieder gefunden hatte. — Wahrhaftig, ja, ich habe dieſes Portrait ver⸗ loren... Wie haben Sie es gefunden... ich weiß ſelbſt nicht, wie und wann ich es verloren. Ich habe es lange bedauert. Dank, Madame,... Dank. Es iſt Ihnen alſo lieb und theuer, dieſes Por⸗ trait? — Wie könnte es anders ſein?... er drückte es an ſeine Lippen. Ich glaube, ich ahne, ich kann ſagen, ich weiß, daß es ein Bild meiner Mutter iſt. — Sie lieben ſie alſo? — Unendlich, unausſprechlich. Sollte ich das nicht? 261 Ein Sohn, der ſeine Eltern nicht liebt, iſt ein unna⸗ türlicher Sohn. — Ihre Mutter iſt alſo eine gute und zäͤrtliche Mutter gegen Sie geweſen? 3 — Gut und zaͤrtlich? was weiß ich?.. ich kenne ſie nicht... ich habe ſie nie geſehen. O mein Gott, warum hat ſie mich verſtoßen, mich, der ich ſie ſo innig geliebt haben würde? Wie oft habe ich den Himmel gebeten, mich nur ein einziges Mal auf Erden, nur ein einziges Mal, nur einen einzigen Augenblick ſie ſehen zu laſſen? Die Erinnerung an ſie würde mich mein ganzes Leben hindurch glücklich gemacht haben. — Und wenn Sie ſie einen einzigen Augenblick zu ſehen bekämen? — Ich würde meine Kniee vor ihr beugen, ich würde meine Arme um ihren Leib ſchlingen, ich würde ſie an meine Bruſt drücken, ich würde ihr in die Augen blicken und ich würde... — Und Sie würden... — Und ich würde ſie nach meinem Vater fragen. Bincenz vermochte nicht die mindeſte Aufregung bei Wanja zu entdecken, und er begann die Stärke zu be⸗ wundern, die ſie zeigte. Er ſah jetzt, daß ihre Ruhe nicht erkünſtelt, ſondern ein wirkliches, inneres Leben war, das, je mehr er ſich von ſeiner Wahrheit über⸗ zeugte, ihn auch von der Wahrheit der wunderbaren Macht überführte, welche das Wort Gottes auf unſere Herzen hat, wenn wir uns ihm lebendig und vollkom⸗ men überlaſſen. — Und wenn ich auch ihn wieder fände, fuhr Wiljams fort, wenn ich meinen Vater wieder fände, o wie liebevoll würde ich ihn nicht an meine Bruſt drücken, wie würde ich mich glücklich fühlen! — Ich habe ſie Beide gekannt. — Sie haben ſie gekannt... ſagen Sie mir... liebten ſie mich? Haben ſie mich je an ihre Bruſt ge⸗ drückt?... Haben meiner Mutter Hände mich gekost? 262 ... Hat ſie mich auf ihren Armen getragen?... Hat ſie mich auf ihren Knieen geſchaukelt? — Sie fragen mich nicht nach ihrem Namen? — Nach ihrem Namen? Was kümmere ich mich um ſhren Namen, wenn ich nur weiß, daß ſie mich geliebt at? — Sie fragen auch nicht, ob Ihre Eltern noch leben? — Warum ſollte ich darnach fragen? Sie müſſen leben... ſie leben. Ein Gefühl ſagt mir das... es ſagt mir, daß ich ſie einmal wieder finden werde. Es wäre entſetzlich, ſie ſo zu lieben, wie ich es thue, und keine Hoffnung zu beſitzen, daß ich ſie finden werde. Die Vorſehung ſtraft uns nicht härter, als wir zu er⸗ tragen vermögen; nein, nein, ſie leben... um mich einmal zu ſegnen... ich glaube das... ich bin da⸗ von überzeugt... Wiljams druͤckte ſich mit hinreißender Innigkeit aus. Sein edles, jugendliches Weſen gab ihm eine Haltung und Lebendigkeit, welche die Anweſenden einnahm. — Ich habe Ihnen geſagt, ſiel Wanja wieder ein, daß ich Ihre Mutter gekannt habe. — Wo ſoll ich ſie ſuchen? Wo befindet ſie ſich?2 Nichts könnte mich aufhalten, bevor ich zu ihren Füßen läge. 3 Die Prüfung, welcher Wanja ſich unterwarf, war ſchrecklich. Wenn Wiljams ſie ſchon als ein bloßes Ge⸗ dankenbild ſo liebte, wie würde er ſie nicht in der Wirklichkeit lieben? aber ſie blieb ruhig. — Ich will Ihnen ſagen, wo Ihre Mutter iſt. Zuverſicht und Hoffnung leuchteten in Wiljams' Blicken. — Zweifeln Sie niemals an der Gerechtigkeit der Vorſehung. Die Widerwärtigkeit iſt nicht eine Strafe, ſondern eine Prüfung, durch welche wir veredelt und ſtark Petben Ihr Mutter iſt todt... odt! —;—Z—;—C—C—O—O—— 263 Wanja's Erklaͤrung rief bei Wiljams keine tiefere Gemuthsbewegung hervor, als bei Vincenz. Mit dieſer Erklärung hatte he ſowohl Wiljams alle Hoffnung ge⸗ raubt, ſeine Mutter wieder zu finden, als auch ſich ſelbſt alle Hoffnung, ihn anerkennen zu dürfen. Bincenz fühlte ſich durch dieſes Opfer heftig er⸗ ſchüttert. Sie ſtand in dieſem Augenblick wie ein vom Leben und ſeinen Bekümmerniſſen emancipirtes reines Weib vor ihm. Und was hatte ihr wohl dieſe Kraft verliehen? Die Religion! — Ich muß Sie bewundern, Wanja, ich muß Sie mit einer andern Liebe anbeten, als ich bisher gethan habe, ſagte Vincenz. Wanja, um wie viel ſtärker ſind Sie nicht, als ich. Wiljams erinnerte ſich, daß er den Namen Wanja ſchon einmal gehört hatte, und er wurde aufmerkſam. — Auch ich will ſprechen, fuhr Vincenz fort. Es kann nicht ſchwerer ſein, ſeinen Haß zu opfern, als ſeine Liebe; o nein, ich fühle jetzt, daß es leichter ſein muß... und er wandte ſich wieder zu Wiljams... Sie hören, daß Ihre Mutter todt iſt, aber wenn Wanja Sie einer Mntier beraubt hat, ſo will ich Ihnen einen Vater geben. — Er lebt alſo? O haben Sie Dank. — Ich führte Sie hieher mit dem Verſprechen, daß Sie eine Perſon finden ſollten, die Sie lange ſuchten. Mein Verſprechen muß ich erfuͤllen; und da ich Ihnen Ihre Mutter nicht wieder ſchenken kann, ſo will ich Ihnen einen Vater geben. Wanja folgte mit ungetheilter Aufmerkſamkeit allen Worten Vincenzens, bließ aber nichtsdeſtoweniger voll⸗ kommen ſtill und unbeweglich. — Wo iſt mein Vater... und wo iſt er... daß ich mit ihm meine Mutter beweinen kann? „Vincenz öffnete ſeinen Rock und zog eine kleine Brieftaſche aus ſeinem Buſen. — Sehen Sie hier, ſagte er, nehmen Sie dieſe 264 Brieftaſche... Sie gehört von dieſer Stunde an Ihnen. Sie enthält vollſtändige Angaben über Ihre Eltern, mehrere Dokumente, wodurch Sie in verſchiedene Rechte eingeſetzt werden. Nehmen Sie die Brieftaſche, ſie ge⸗ hört Niemanden mit größerem Recht als Ihnen. Wenn Sie einmal dieſe Papiere leſen, ſo werden Sie viel ver⸗ ſtehen, was jetzt dunkel und undeutlich für Sie iſt... Sie werden auch mich verſtehen und die Urſache, warum ich Ihnen dieſe Beweisſchriften nicht ſchon früher ge⸗ geben habe... aber... ich habe eine Bedingung... — Fahren Sie fort... fahren Sie fort... — Bevor Sie die Brieftaſche öffnen und die Papiere leſen, ſuchen Sie... Vincenz verſtummte, er ſchien ſich zu beſinnen. — Warum nicht? Ich will nicht bloß halb han⸗ deln... Sie müſſen Armfelt ſuchen und ihm dieſe Papiere vorlegen... Sie Beide müſſen ſie zuſammen leſen... und... Noch einmal verſtummte Vincenz; aber er zögerte nicht lange, bis er fortfuhr: — Und... und... Armfelt wird, nachdem er die Papiere geleſen hat, Ihnen ſagen, wer Ihr Vater iſt. Wanja trat einen Schritt gegen Vincenz vor. Es lag in dieſer unvermutheten Bewegung etwas ſo Ueber⸗ raſchendes, wie wenn eine Mumie ſich gerührt hätte. — Sie überlaſſen die Antwort Armfelt's freiem Urtheil? — Ich thue es. — Dank, Vincenz, Dank.. jetzt glaube ich, daß Du mich geliebt haſt. Du opferſt Deinen Haß... ohne wahre Liebe wäreſt Du deſſen nicht fähig. — Danke mir nicht, Wanja; Deine Reſignation iſt es, die mich gelehrt, gleichfalls zu reſigniren. Die Religion hat Deine Wunde geheilt, das begreife ich jetzt. Die Religion ergreift das Herz des Mannes ſo gut wie das Herz des Weibes. Nein, Wanja, Du ſollſt mir nicht danken, aber ich werde Dich anbeten. 265 — Still, Vincenz, ſtill, bedenke, wo Du biſt. — Ich vergeſſe es nicht. Möge Gott... nicht durch Deine Augen... ſondern mit ſeiner eigenen Klarheit, einmal auch in meine Seele hinabblicken. Laß ſehen... der Augenblick iſt wichtig. Er betrachtete dabei Wiljams. — Du wirſt nach dem Norden zurückkehren, nicht wahr? Du wirſt es thun.. O, wie manche Spuren hat nicht mein Haß mich dort oben betreten laſſen... aber was kann ich daruber ſagen? Nichts... mein Leben mag ſprechen... es mag mich vertheidigen. Von unnennbaren Schmerzen zerriſſen, gehetzt von kühnen Begierden und getäuſchten Hoffnungen, im innerſten und edelſten Leben meines Herzens Bekeinft„bin ich unaufhörlich zwiſchen gewaltſamen Beſtrebungen und kraftloſen Wünſchen, zwiſchen blutigen Abſichten und hindernden Umſtänden hin und her geworfen worden, und während ich nach Rache ſchrie, iſt die Rache un⸗ aufhörlich mir entwiſcht. Mit allen Qualen der Eifer⸗ ſucht und des verletzten Gefühls, ſelbſt eine raſtlos han⸗ delnde Eiferſucht, bin ich blind in meinen Handlungen, ſchwach in meinen Beſchlüſſen, ſchwankend in meinen Gedanken meinen Weg gegangen... Siehe, das iſt Eiferſucht, ſtehe, das iſt ein in ſeiner innern Harmonie, in ſeiner Liebe erſchütterter Mann. Was ſoll ich noch mehr ſagen? Es iſt jetzt zu Ende. Vincenz war tief aufgeregt. — Ich habe geliebt, fuhr er fort, aber ich bin nicht geliebt worden, und ich wollte mir meine Liebe erzwingen, die ich nicht erreichen konnte; ich wollte einen neuen Babyloniſchen Thurm bis zum Himmel bauen, und ich bemerkte die Verwirrung nicht. Wanja, Du haſt Deine Liebe beſiegt, ich will auch meinen Haß be⸗ ſiegen... Sage mir, ob ich recht handle... o ſage mir das. Ich greife nach Deiner Antwort, wie der Ertrinkende nach dem Strohhalm. — Gott wird Dir Kraft verleihen, Vincenz, um 266 Deinen Entſchluß auszuführen, wenn Du nur nicht daran zweifelſt, daß Du recht handelſt. — Ich fühle mich alt, kränklich, ſchwach... Die Leidenſchaften haben ausgerast und mich verzehrt... und ich will nicht länger kämpfen... leite mich. — Du haſt die Papiere, die Du in Stockholm zu bekommen ſo glücklich warſt, von Dir gegeben? — Sie liegen bereits in Wiljams' Hand. — Du willſt den Weg der Unverſoͤhnlichkeit und feindſeligen Rache aufgeben? 1 — Ich will das. — So wende Dich mit Zuverſicht an Dein eigenes Herz. In jedem Herzen wohnt Gott, und Keiner braucht ihn außer ſich zu ſuchen. Suche ihn, und Du wirſt ihn bald dort finden. Wanja erhob ihre Hand gegen Wiljams, als wolle ſie ihn anreden, aber ſie blieb einen Augenblick ſtill, wobei die beiden Andern ſie betrachteten in der Erwar⸗ tung, was ſie ſagen wolle. — Wiljams, begann ſie, Du wirſt Deinen Vater finden, nachdem Vincenz Dir dieſe Papiere gegeben hat. Wenn Du ihn triffſt, ſo grüße ihn von Deiner Mutter und ſage ihm, daß ſie in ihrer letzten Stunde an ihn gedacht habe; ſage ihm, daß die Liebe Alles verzeiht und Alles vergißt, ſie iſt ſonſt nicht Liebe. Sage ihm, daß die Liebe, wenn ſie auch ihre Wurzeln auf Erden hat, dennoch ihre Krone oben im Himmel habe. Aus der Erde muß ſie ihre Nahrung ſaugen; aber will ſie Blumen und Früchte tragen, ſo ſind es die Winde des Himmels und die Strahlen der Sonne, welche dieſelben hervorrufen müſſen. Sage ihm.. aber, wenn er die Papiere geleſen hat, die Du ihm überbringſt, ſo wird ſein eigenes Herz ihm mehr ſagen, als meine Worte vermögen. Wanja verſtummte wieder einen Augenblick. — Ich habe Dich einer Mutter beraubt, fuhr ſie 267 dann fort, aber ich will Dir einen Erſatz geben. Er⸗ warte mich hier. Ruhig und ſtill entfernte ſie ſich. Vincenz und Wiljams blickten ihr verwundert nach. Keiner von Beiden begriff, was ſie vorhatte. Der Geſang oben im Chor hatte eine Weile auf⸗ gehört, aber jetzt fiel er wieder ein, ſo mild, ſo lieblich, ſo hinreißend. Er ertönte wie Engelchor durch den Tempel und fächelte Frieden in jede Bruſt. Während Vincenz und Wiljams noch ganz unwill⸗ kürlich von den Harmonien hingeriſſen wurden, kam Wanja zurück mit einer jugendlich ſchlanken Frauen⸗ geſtalt an ihrer Seite. Aus dem Glanz ihrer blauen Augen lächelte ein Engel. Hinter den Lilien auf ihren Wangen erröthete eine verſchämte Roſe. Ihre Schönheit war jugendlich und zart. In ihrem ganzen Weſen ſchien die Liebe noch ihren ſchönſten Traum zu träumen. Im erſten Augenblick wagte Wiljams kaum ſeinen Augen zu trauen, dann aber eilte er ihr entgegen, und auch ſie ſtreckte ihre Arme nach ihm aus. Es war Louiſe. Welch ein Augenblick unnennbarer Seligkeit! Für Vincenz und Wiljams, die Louiſens letzte Schick⸗ ſale und die Art, wie Wanja ſie in den Katakomben gerettet hatte, nicht kannten, war ihre Erſcheinung gerade⸗ zu ein Wunder. Für den Leſer dagegen erklärt ſich die Sache leicht, und wir brauchen nur noch hinzuzufügen, daß das kleine Medaillon, das Louiſe nach Wiljams' Beſuch in ihrem Atelier gefunden, und deſſen Miniaturbild ſie ſpäter als Modell zu dem Gemälde gewählt hatte, das ſie bei Zamparelli verfertigte, ein glückliches Erkennungsmittel war, mit deſſen Huͤlfe Wanja bald Louiſens Verhältniß zu Wiljams entdeckte, worauf eine gegenſeitige vollſtän⸗ dige Erklärung zwiſchen Beiden erfolgte. Die Muſik waͤhrte fort. Ihr milder Geiſt hauchte ſo freundlich durch den Tempel und erfüllte die Herzen der Anweſenden mit friedlichem Wohlgefallen. Wiljams war glücklich. Er hatte ſo viel wieder gefunden. Vincenz dagegen litt. Weit entfernt, zu bereuen, was er jetzt gethan, meinte er bloß, es ſei noch ſo un⸗ vollſtändig, ſo gering. Er begriff nicht, daß dieſe unzufriedenheit mit ſich ſelbſt der erſte Schritt auf dem Wege der Buße war. Wanja hatte ſich in die kleine Kapelle zurückgezogen, um ſich zu entfernen. Sie winkte ihnen auch ein Lebewohl zu. Aber Wiljams eilte ihr jetzt nach und ergriff ihre Hand. — Wer Sie auch ſein mögen, ich muß Sie ſehen... Sie haben mir ſo viel gegeben... Beim Himmel, ich beſitze ein Recht, Ihr Bild in meinem Gedächtniß zu behalten. ſie zögerte einen Augenblick mit ihrer Antwort. —,— Wanja zog ihre Hand nicht von ihm zurück, aber Auch Louiſe und Vincenz nahten ſich. Vincenz war ganz Auge und Ohr. — Ich laſſe Sie nicht los, bis Sie den Schleier gelüftet haben... ich ahne... O mein Gott, ich wage nicht zu ſagen, was ich ahne. Wanja beſann ſich nicht länger!, ſondern warf den Schleier zurück. Ihr Ausſehen hatte ſich viel verändert. Die Leidenſchaften zehrten nicht mehr an ihr. Die Religion hatte die Ruhe in ihre Seele und ihr Herz zurückgeführt, und die Ruhe darin hatte wiederum dem Ausdruck ihres Geſichtes Ruhe gegeben. Leidenſchaft und Leiden hatten ihre Jugend verheert, aber Gebet und Andacht gaben ihr ein gewiſſes beinahe verklärtes Ausſehen, das ihr hinwiederum einen Abglanz ihrer Die eiſige abſtoßende Kälte in ihrem Geſicht war verſchwunden, und daſſelbe war wieder le⸗ bendig und warm. Die Blumen, welche der Tod mit irdiſchen Waffen verheert hatte, waren von dem Himmel Jugend ſchenkte. n er — 269 gleichſam zu neuem Leben geweckt worden. Sie war wieder ſchön wie in ihrer Jugend, aber auf eine andere Art. Dieſe Schönheit war nicht die der prunkenden Roſe, ſondern die des ſtrahlenden Sternes. Wiljams erkannte in ihr das Bild des Medaillons wieder. — Sie ſind... rief er und beugte ein Knie vor ihr, Sie ſind meine... meine... — Er wollte ſagen: Sie ſind meine Mutter, aber Wanja unterbrach ſeine Worte und hob ſegnend ihre Hände über ihn und Louiſe. In demſelben Augenblick wurde der Vorhang am Eingang der Kapelle zwiſchen Wanja und ihnen zugezogen, und als ſie ihre zur Erde geſenkten Häupter wieder erhoben, war Wanja ver⸗ ſchwunden. Vincenz hatte ſie geſehen. Der Eindruck, den ſie auf ihn machte, war noch gewaltig, und als Louiſe und Wiljams ſich aufrichteten, ſtürzte er von ihnen hin⸗ weg... zum Tempel hinaus. Wanja hatte ſich kaum zurückgezogen, als ſie auch in andächtiger Rührung betend auf ihre Kniee ſank. Aber dießmal erhob ſie ihre Gebete nicht vor dem Chriſtuskind, ſondern vor Chriſti Geißelung. Zwanzigſtes Kapitel. Alte Bekannte. Ddie Zeit entflieht, aber ſie ſtirbt nicht. Die Ge⸗ ſchichte trägt Fürſorge für ihre Unſterblichkeit. Die Philoſophen haben zu allen Zeiten über das Räthſel nachgegrübelt, während die Zeit ihnen entſchwunden iſt. Man kann allerdings ſehr viel darüber ſagen, ohne deßhalb das Rechte zu treffen. Die thätige Menſchheit 2 gibt inzwiſchen verſchiedenen Zeiten ihre eigene Form, und die Thätigkeit und die Zeit nähern ſich, untrenn⸗ bar vereint, zu gleicher Zeit den Tempelthüren des Ge⸗ dächtniſſes. Indem wir es Andern überlaſſen, die Zeit im Allgemeinen zu definiren, bleiben wir bei einem be⸗ ſondern Augenblick ſtehen, um ihn, ſowie den Charakter, den er durch die Ereigniſſe erhalten hat, zu betrachten. Der September 1794 iſt gekommen. Neun bis zehn Monate ſind verſchwunden, ſeit wir geſehen haben, wie Armfelt's Freunde in Stockholm verhaftet wurden, und inzwiſchen haben weitläufige juridiſche Unterſuchun⸗ ten am Hofgericht der Königlichen Majeſtät und des chwediſchen Reiches ſtattgefunden, und viele Protokolle ſind darüber zuſammengeſchrieben worden. Die Richter waren die Hofgerichtsräthe Norell, Rosbeck, Ziervogel, Sebenius, Lönnrot, Lilienſparre und Männerherz; das Wwiidium führte der Reichsdroſt Graf Karl Axel Wacht⸗ meiſter. Es iſt nicht unſere Abſicht, hier auf eine politiſche und juridiſche Darſtellung und Analyſe der Verhältniſſe einzugehen. Aus dem, was wir in dieſer Beziehung bereits mitgetheilt haben, kann der Leſer ſo viel ſchließen, als nöthig iſt, um ſich über das Ganze ein Urtheil zu bilden. Wir wollen daher das, was wir noch zuzufügen haben, zu gleicher Zeit erzählen, während wir die Hand⸗ lung fortſchreiten laſſen. Das Urtheil des Hofgerichts wurde am 30. Juli gefällt. Es erlitt indeß ſehr weſentliche Veränderungen durch die Berathungen, die am 21. September bei dem Herzog auf Drottningholm ſtattfanden. Der Reichsvogt, Graf Wachtmeiſter, der Reichskanzler Freiherr Sparre, der Präſident Freiherr Reuterholm, der Generalmajor Freiherr Cederſtröm, der Juſtizkanzler Lode, der Hof⸗ gerichtsrath Evelius und der Profeſſor Calonius nahmen an dieſem Conclave Theil.. Bei Hof fand um dieſe Zeit ein heftiger Partei⸗ kampf ſtatt, an welchem die Herzogin und die Hof⸗ Reæ-— 8& A—ℳ—— ſe 271 damen Theil nahmen, um Fräulein Rudenſköld zu retten, deren Schickſal ihr innigſtes Intereſſe erregte. Aber nicht bloß der Hof intereſſirte ſich für ſie, auch das größere Publikum that es in gleichem Maße. Mamſell Schloßberg wohnte nicht mehr in der Ecke der Sehurenmmneſtraßß und der Kiinſtaſtraße. Von dem Augenblick an, wo es ihr gelungen war, die Freund⸗ ſchaft des Herzogs zu erobern, ſtrahlte die Sonne des Glücks milder auf ſie herab. Wenn ſie auch nicht im Schooße eines verſchwenderiſchen Reichthums lebte, ſo hatte ſie es doch ganz comfortable. Die Alte, mit wel⸗ cher der Leſer im erſten Theil Bekanntſchaft machte, Charlottens anderes Ich, früher ihre Vormünderin, jetzt ihre Dienerin, brummte nicht mehr über Verſchwendung, ſondern war im höchſten Grade entzückt. Unter ihren Freunden konnte ſie Charlottens liebenswürdige Eigen⸗ ſchaften und ihren Verſtand nicht genug preiſen, und ſie nannte ſie immer die kleine Herzogin, ein Name, der ſeine eigentliche Bedeutung durch die ſchlaue Miene er⸗ hielt, womit die Alte ihre Worte begleitete. Zamor, Charlottens kleiner Lieblingsmops, gedieh ebenfalls jetzt anz vortrefflich. Er hatte keines ſeiner Talente ver⸗ ddeß und duͤrfte jetzt ſo viel Zucker freſſen, als er nur e. Wir finden Charlotte vor ihrem Spiegel wieder, wo ſie beſchäftigt iſt, ſich mit einem Spitzenkragen zu ſchmücken. Sie lächelt wohlgefällig über ſich ſelbſt. Vielleicht findet ſie, daß der Spitzenkragen ihr recht gut läßt, und ſie dürfte darin nicht ſo Unrecht haben. — Wu, wu, bellt Zamor, während er mit dem Schwanze wedelt. Zamor war ein kleiner Diplomat unter den Möpſen, und Charlotte horchte aufmerkſam auf den Ton ſeines Gebelles, um ihre Schlüſſe daraus zu ziehen. v 272 — Wu, wu! Zamor ſchnupperte noch gegen die Thüre hin und fuhr fort, mit dem Schwanze zu wedeln. Charlotte lächelte wieder, weil ſie wußte, weſſen Ankunft Zamor prophezeite. Man hörte Tritte im äußeren Zimmer, und bald darauf öffnete ſich die Thüre und Netherwood trat ein. — Willkommen, unregierlicher Menſch, rief Char⸗ lotte ihm entgegen, willkommen du Korporal der Tra⸗ banten, aber mein eigener Trabant, du muthiges Herz in der Herzogsbruſt, aber meines Herzens muthiger erzog. Netherwood ſchleuderte ſeinen Hut auf den nächſten Stuhl und warf ſich ſelbſt nachläſſig auf einen Sopha. — Du biſt aufgebracht, ärgerlich, böſe... Deine Stirne iſt düſter... dein Blick verdrießlich... was iſt geſchehen? — Du haſt nicht Unrecht. Ich bin aufgebracht, böſe, wenn Du willſt... ärgerlich auf die ganze Welt. Ich bin ein armer Teufel, wie Du weißt, aber ich habe eine feurige Seele und ein Herz voller Ehrbegier. Ich will hinauf, ich will vorwärts kommen, ich will ein ausgezeichneter Mann werden, und ich habe keine Mittel, um mich von der Stelle zu bewegen. Das iſt nicht recht vom Himmel, daß er in die innerſten Gedanken eines armen Schluckers ſolche Neigungen legt und dann noch obendrein das Gewiſſen an die Seite unſerer Hand⸗ lungen ſtellt. — Jetzt ſchwatzeſt Du Dummheiten, eitel... — Fin Weib, das aus lauter Narrheit zuſammen⸗ geſetzt iſt, wie Du, ſiel ihr Netherwood in's Wort, kann das ſchon ſagen, aber in meinen Kleidern würdeſt Du ebenſo denken wie ich. — Nun, was iſt denn geſchehen? — Erinnerſt Du Dich des Zufalls, welcher Dir die Bekanntſchaft des Herzogs verſchaffte? ———— —9 ͤ- SͤSS ——Mä'——— + 273 — Nun, was hat das mit Deinem einfältigen Rai⸗ ſonnement jetzt zu ſchaffen? — Erinnerſt Du Dich noch an unſern damaligen Plan, Fräulein Rudenſköld zu entführen? — Ja wohl, und was weiter? — Die Sache war die, daß ich die Aufmerkſamkeit des Herzogs zu gewinnen wünſchte, mit einem Wort, mein Glück zu machen ſuchte, indem ich ihm einen Ge⸗ fallen erwies. — Das Alles weiß ich ja ſchon lange ganz gut. — Du weißt, daß ich einen Mann Namens Alm hieher brachte. — Nun ja, aber was iſt's denn weiter? — Summa Summarum, ich wurde dadurch und durch noch vieles Andere allmählig in Pläne und In⸗ triguen verwickelt, die ich theils nicht verſtand, theils nicht verhindern konnte; aber hätte ich nicht ſelbſt den erſten Schritt in dieſer Richtung gethan, ſo hätte ich mir auch jetzt nichts vorzuwerfen. — Das will ich ſchon glauben; was haſt Du Dir denn eigentlich vorzuwerfen? — Alm iſt ein großer Schurke, dem es ganz recht geſchah, daß er im vorigen Jahr ſeine Beine brach; züer er hat darum noch nicht aufgehört, ein Schurke zu ſein. — Das hätte ich Dir ſchon vorher ſagen können. Wenn Du blos deßwegen böſe biſt, ſo muß ich wahr⸗ haftig lachen. Im Dienſte Reuterholm's hat er durch ſeine Ge⸗ ſchicklichkeit, fremde Handſchriften nachzuahmen, mehrere von den Dokumenten verfälſcht, die man jetzt Fräulein Rudenſköld und ihren Freunden zur Laſt legt. 3 — Das iſt unmöglich! — Unmöglich? — Du kannſt es nicht beweiſen. — Das iſt etwas Anderes. Aber ich glaube was ich will, und mit einem Glauben... Der Trabant. IV. 18 — So groß wie ein Senfkorn... ha, ich kenne die Geſchichte... ſtill damit. — Reuterholm iſt auch nicht beſſer. — Um Gotteswillen... die Wände haben Ohren .. kein Wort mehr davon. — Und dann der Herzog... — Jetzt biſt Du ganz verrückt. — Der Herzog iſt ſchwach wie ein ſeidener Faden; man kann ihn nicht blos um die Finger wickeln, ſondern auch zerreißen, auf welcher Seite man nur will, und dann mit ihm zuſammenflicken was man nur Luſt hat. — Heute biſt Du wirklich im Sturm erwacht und ich ſuche vergebens nach vernünftigen Gründen für dieſe chaotiſche Maſſe von Ausfällen. — Du verſtehſt mich nicht... wirklich... Du biſt wahrhaft glücklich, weil Du Dich in Deinem Unverſtand noch für unſchuldig halten kannſt, wie eine Waldtaube, während es mir dagegen im Innerſten wurmt, daß ich auch nur den geringſten Antheil,... wenn auch nur mit einem kleinen Finger... an all' den Kabalen nahm, womit man das arme Fräulein Rudenſköld im Namen des Staates umſponnen hat. — Ah, ich fange an dich zu verſtehen. — Geh', wohin Du willſt, auf welche Straße es Dir gefällt, in jedes Haus, das Dir offen ſteht, ſo wirſt Du einen allgemeinen Fluch über ihre Verfolger hören. Begreifſt Du nicht, daß es mir durch Mark und Bein geht, wenn ich mich im Stillen für einen Kerl anſehen muß, der ſich, obſchon ganz unbedeutend, zum Hand⸗ langer bei dieſem Intriguengewebe hergegeben hat? Meine Ehre iſt Alles, was ich beſitze, und wenn ich auch einmal leichtſinnig gehandelt habe, ſo meinte ich doch in der That ſelbſt juſt nichts Böſes damit. — Aber ich erinnere mich ſehr gut, daß Du da⸗ mals in einem ganz andern Tone ſprachſt. — Wer läugnet das? Ich gewiß nicht. Der Leicht⸗ ſinn ſpricht ſeine eigene Sprach e und führt alle nur en 275 erdenklichen Gründe auf, um ſich zu vertheidigen. Aber das Gewiſſen, ſiehſt Du, das unverſchämte Gewiſſen, das ein ehrlicher Kerl doch nicht zur Thüre hinaus⸗ werfen kann, kommt mit ganz andern Anſichten, und in ſeiner Hand liegen noch überdieß die Schlüſſel zu allen geheimen Kammern der Seele und des Herzens. Wenn es ſein Inventar und ſeine Aufzählungen beginnt, ſo kann man ihm nicht mehr wehren. 1 — und es hat jetzt in Dir zu rumoren ange⸗ fangen? — Wenn es die Stimme des Gewiſſens iſt, die mich darüber ärgerlich macht, daß ich in dem Complot gegen Fräulein Rudenſköld auch nur ein Bischen mit⸗ eholfen habe, ſo antworte ich Dir ganz einfach ja; u ſelbſt kannſt gewiß die Handlungsweiſe dieſer Leute gegen das Fräulein auch nicht billigen. — Weit entfernt; aber... — Kann auch ein Weib in dieſem Falle ein Aber haben? — Du biſt ſo heftig, daß ich nicht vernünftig mit Dir ſprechen kann. Ich will ja Niemand vertheidigen, aber da ich nicht weiß, wie ihre traurige Lage jetzt iſt, ſo kann ich nichts Anderes, als... —.. Du kennſt alſo das Urtheil des Hofgerichts noch nicht? — Allerdings habe ich Verſchiedenes davon ſchwatzen gehört, aber Du kannſt von einem Frauenzimmer nicht verlangen, daß ſie ſich darüber klare Gedanken machen ſoll. Ein Mädchen wie ich denkt mehr an ihre Toilette als an Staatsangelegenheiten. So höre denn, was Dir jeder Gaſſenbube von Stockholm erzählen kann. Das Hofgericht hat Baron Armfelt, Fräulein Rudenſköld und den Sekretär Ehren⸗ ſtröm zum Verluſt ihres Lebens, ihrer Ehre und ihrer Güter verurtheilt.. — Was ſagſ Du? Und das Alles wegen... 3 — Wegen lauter erdichteter Sachen, ſage ich Dir; 184 276 wegen erdichteter Sachen, die Reuterholm zuſammen⸗ geſtellt hat, die ihm aber ſelbſt Angſt machen müſſen, zumal da er noch obendrein feig iſt. — Das iſt ſchrecklich. — Aminoff wurde vom Hofgericht abgeſetzt. Frank und Forſter ſind freigeſprochen. Der Fiskaladvokat ver⸗ langt inzwiſchen in gewiſſer Beziehung ein noch ſtren⸗ geres Urtheil. — Noch ſtrenger? Was ſagſt Du? noch ſtrenger? — Gleichviel, was er verlangt. Geſtern war beim Herzog auf Drotiningsholm eine Zuſammenkunft, und da iſt das definitive Ürtheil gefällt worden. — Nun? — Armfelt's Urtheil wurde beſtätigt; aber da er in Neapel nicht ergriffen werden konnte und ſich alſo auch nicht in der Gewalt der Regierung befindet, ſo wurde beſchloſſen, daß ſein Name... Guſtav Moritz... öffentlich in Stockholm und allen Reſidenzſtädten des Reichs, wie auch in Stralſund und Wismar an den Schandpfahl angeſchlagen werden ſoll. Ehrenſtröm's Todesſtrafe wurde ebenfalls beſtätigt und noch eine Stunde öffentliche Ausſtellung auf dem Packermarkt hinzugefügt. — Du erſchreckſt mich wirklich. — Fraulein Rudenſköld wurde begnadigt, ſoll aber eine Stunde lang an einen Schandpfahl auf der Ebene von Ritterholm ausgeſtellt und dann lebenslänglich hier in Stockholm in ein Spinnhaus eingeſperrt werden. — Barmherziger Himmel! 1 — Aminoff iſt zu lebenslänglicher Gefangenſchaft auf der Feſtung Karlſtein verurtheilt und Forſter zu demſelben Elend auf Malmö. Frank iſt zwar freige⸗ ſprochen, aber abgeſetzt worden. — Welch ein Urtheil! Ich kann mich von meinem Entſetzen nicht erholen. 1 — Du wunderſt Dich alſo nicht mehr darüber, wenn ich unmuthig und aufgebracht bin? Beim Ge⸗ 277 danken an ſo großes Unglück könnte man ſich wahrhaftig zu Tode grämen. Ich habe ſchon Verſchiedenes mit⸗ gemacht, aber an dieſer Intrigue... denn es iſt weiter nichts als eine große, umfaſſende, mächtig eingreifende, politiſche Intrigue— will ich keinen Antheil haben. Gott bewahre mich davor; ich habe ſo viel Muth und Kühnheit wie ein ganzes Dutzend dieſer feinen ſpinn⸗ webenden Diplomaten... aber meine Beine wanken unter mir beim bloßen Gedanken, daß ich mit ihnen etwas zu thun haben ſollte. Welch ein unerhörter Unter⸗ ſchied iſt es doch zwiſchen einem guten Soldaten und einem guten Diplomaten! der Erſtere muß an Gott glauben, ſonſt taugt er nichts; der Letztere dagegen taugt nichts, wenn er an ihn glaubt. Ich fühle, daß ich Soldat bin, aber um Alles in der Welt möchte ich kein Diplomat ſein. Das Schickſal dieſer Verurtheilten er⸗ füllt mich mit peinlicher Angſt. — Aber Du biſt beinahe allzu gewiſſenhaft, Nether⸗ wood. Du haſt ja eigentlich nichts mit der Sache zu thun gehabt; ſie hat ohne Dich ihren Verlauf ge⸗ nommen. — Das mag wohl ſein, und dennoch kommt es mir vor, als ob ich nicht ganz rein wäre... Zum Teufel, ich habe allerdings nichts Großes dabei ge⸗ than... aber ich bin doch dabei geweſen... ich habe Aufträge beſorgt... ich habe mich dazu hergegeben... und das iſt genug nach meinem Begriffe. Charlotte betrachtete ihn, und ſie ſah, daß eine wirkliche Schwermuth ſich in dem mannhaften martiali⸗ ſchen Geſicht ausdrückte. Es iſt wahrſcheinlich, daß dieſer Ausdruck ihr mehr zu Herzen ging, als alle ſeine Worte. — Du biſt alſo bekümmert... aufgeregt... ärgerlich... und Du empfindeſt gleichſam kleine Ge⸗ wiſſensbiſſe? — Du haſt gehört, was ich geſagt habe. 278 Vielleicht glaubſt Du nicht, daß das Schickſal die⸗ ſer Unglücklichen auch mir ſehr nahe geht. — Ach ja, ich weiß es; ſonſt wäre ich gar nicht hierher gekommen. — Ich glaube zwar, daß Du in Deinen Selbſt⸗ vorwürfen zu weit gehſt; aber jedenfalls... — Schon gut, ich bin Soldat, ich. — Aber warum ſoll denn ein Soldat anders raiſon⸗ niren, als andere Menſchen? — Ich weiß nicht, wie andere Leute raiſonniren, aber ein Soldat raiſonnirt wie... wie... zum Teu⸗ fel, wie ſoll ich nur ſagen... wie... — Wie... — Natürlich wie ein Soldat. Charlotten's Geſicht drückte eine herzliche Theil⸗ nahme aus, aber auf eine einſchmeichelnde Weiſe. Sie ſchmiegte ſich an den Krieger, ſtrich ihm das auf die Stirne herabgefallene Haar nach der Seite und betrach⸗ tete ihn mit einer lächelnden, ſchalkhaften Miene. — Du biſt ein ehrlicher Kerl, Netherwood, ein rüſtiger und kühner Mann, der Ehre im Leibe hat, und den ich recht herzlich liebe. Was würdeſt Du ſagen, wenn il. Dir aus Deinem Kummer helfen könnte 2 — Du? — Ja, juſt ich. — Bah! — Es iſt doch dieſes ſchreckliche Unheil, was Dich ſo aufregt und melancholiſch macht? — Natürlich, was ſoll es denn anders ſein? — Wenn man alſo das Urtheil annulliren kann, ſo wirſt auch Du wieder fröhlich und mit Dir ſelbſt und der ganzen Welt zufrieden werden? Netherwood ſah ſie fragend an.— — und Du glaubſt, daß man es vielleicht eaſſiren könnte? — Ja, meine Junge, das glaube ich, obſchon ich nicht ſo grimmig dreinſchaue wie Du. Wenn Du mir — n 279 verſprichſt, recht artig und liebenswürdig zu werden, ſo will ich Dir im größten Vertrauen Etwas zeigen, wor⸗ über Du Dich wundern ſollſt. — Worüber ich mich wundern ſoll? — Verſprich mir zuerſt, daß Du folgſam und artig ſein willſt. — Ich verſpreche. Und er ſchlang ſeinen Arm um ihren Leib und drückte ſeinen ſchwarzen, üppigen Schnurrbart auf ihre lächelnden, purpurrothen Lippen. — Komm jetzt, ſo ſollſt Du Etwas zu ſehen be⸗ kommen. Siehſt Du dieſen Schreibtiſch da 2 — Natürlich ſehe ich ihn. — Gib jetzt Acht, wie ich den Aufſchlag öffne. — Ich ds... ich ſehe. 3 3 — Siehſt Du da drinn... ganz hinten ein klei⸗ nes Schublädchen... Du ſiehſt es doch? — Nun ja. — Ungeduldiger Menſch, haſt Du es recht betrachtet? — Weiter, ich bitte Dich.* — Zieh es jetzt heraus. — Du ſpaſſeſt... es iſt ja leer. — Für Deine ſtockblinden Augen iſt Alles leer... Sieh nur zu, ſo wirſt Du Etwas ſehen... ſiehſt Du? 3 ſehe ganz und gar nichts. — Siehſt Du nicht, daß ich hier auf eine kleine Feder drücke? Nun... ſiehſt Du nicht... daß etwas Kleines zum Vorſchein kommt? — Eine geheime Schublade... ah... und in die⸗ ſer Schublade... — Liegt ein Papier, das mein Stein der Weiſen iſt. Charlotte nahm jetzt ein wohl zuſammengelegtes Papier aus der Schublade und übergab es Netherwood. Als er es las, leuchtete ſeine Stirne. — Mein Gott, was ſehe ich? 1 Das Papier war ein vom Herzog eigenhändig an 280 Charlotte ausgeſtelltes Schreiben, worin er ſich bei ſei⸗ nem fürſtlichen Wort verpflichtete, inſofern es in ſeiner Macht ſtände, irgend einen von ihr ausgeſprochenen Wunſch, was es nun auch ſei, zu erfüllen. — Und dieſes für Dich ſo wichtige Schreiben könn⸗ teſt Du bei dieſer Gelegenheit opfern? — Kommt Dir das ſo ſchrecklich vor? Könnte ich es vielleicht zu etwas Beſſerem anwenden, als um Dein Gewiſſen zu retten? Im Uebrigen will ich Dir nur ſagen, daß auch ich gerne etwas für einige der Ver⸗ urtheilten thue. Baron Armfelt war der Einzige, der artig und freundlich gegen mich war, als der Herzog mich in ſeinen Schutz nahm; ich vergeſſe eine Artigkeit nicht ſo leicht, und gegen Fräulein Rudenſtöld habe auch ich mich einmal ſchlecht benommen, und wenn ich das auch nicht ſo ſchwer nehme wie Du, ſo will ich es doch nach beſten Kräften wieder gut machen. Netherwood war außer ſich vor Zufriedenheit. — Du biſt ein Engel, Charlotte, ein Erzengel. Du verdienſt das Weib eines ehrlichen Soldaten zu werden; Du haſt Herz in der Bruſt und Verſtand in Deinem Köpfchen. Wenn ich nicht beſchloſſen hätte, ledig zu ſterben... ich weiß nur noch nicht auf wel⸗ chem Schlachtfeld ich den Tod ſuchen ſoll... ſo würde ich Dich auf der Stelle heirathen. — Still, ſtill, mein Herr, Sie ſind ja ſo unbän⸗ dig, daß Zamor böſe wird... hören Sie... — Wu, wu, bellte Zamor wirklich, gleich als wollte er ebenfalls ſeine Freude ausdrücken. Auf einmal wurde jedoch Netherwood wieder ernſthaft. — Wenn ich inzwiſchen die Sache näher betrachte, ſagte er, was kann wohl dieſes Schreiben mir nützen? Es iſt ja auf Dich ausgeſtellt und auf Niemand anders. — Mit all' Deinem Bart biſt Du dennoch ein einfältiger Burſche, Netherwood; wer hat deun geſagt, daß Du Etwas mit meinem Schreiben anfangen könnteſt. 281 — Es wäre mir doch intereſſant, zu vernehmen, wer ſonſt es benützen dürfte. — Du? — Natürlich. Ich begebe mich zum Herzog... — Ah, ich begreife. — Wann biſt Du auf der Wache? — Gerade jetzt gehe ich hin. — An der Thüre des Herzogs? — Wo ſonſt? Dort iſt mein Platz. — Vortrefflich, herrlich, ſcharmant! Laß uns alſo ſogleich an's Werk gehen. — Spgleich? Du biſt kühn. — Ohne Kühnheit kommt man nicht vom Fleck. Und warum nicht ebenſo gut jetzt als ein ander Mal? Ein ander Mal iſt immer ein Schelm... Du biſt ja auf der Wache... wenn Du den Poſten beziehſt, gehe ich zum Herzog hinein, und dann mag kommen, wer will, Du mußt ihm im Namen des Herzogs den Zu⸗ tritt verwehren... doch das verſteht ſich ja Alles von ſelbſt, nicht wahr? Das Ding hat ſeine verſchiedenen Seiten... ein königliches Schloß iſt nicht ſo zugänglich wie Dein Stübchen. — Du bedenkſt nicht, daß Du mit mir ſprichſt, und Du vergiſſeſt auch ganz die Gefahr, welche das arme Fräulein Rudenſköld bedroht. — Du haſt einen feinen Kopf, Charlotte. — Und ſo vergiſſeſt Du auch Deine Gewiſſens⸗ ſerupeln. 5 — Du biſt ein wahrer Diamant, ein Juwel, eine Perle, ein Schmuck... — Laß uns nun nicht länger zögern... die Sache iſt richtig und Du kannſt überzeugt ſein, daß ich... — Daß Du... — Daß ich Dein Gewiſſen rette, Netherwood. 282 Betrachte einmal dieſen kleinen Spitzenkragen... wie gefällt er Dir? ſchmückt er mich nicht? — Nein, Du ſchmückſt ihn... Du biſt göttlich. — So denkt auch der Herzog; und dann dieſe Locken... er iſt ganz vernarrt in ſie und behauptet, ſie kleiden mich wie einen Engel. — Der Herzog weiß gewiß, wie die Engel aus⸗ ſehen... — Allerdings weiß er das, und zwar weiß er es von dem Augenblick an, wo er mich in eigener hoher Perſon zu ſehen bekommen hat; wenigſtens hat er mir das geſagt und ich glaube ihm. Soviel iſt ſicher, daß ich mit dem Spitzenkragen da ihn zu Allem bringen kann, was ich nur will. — Das Sicherſte jedoch iſt, daß Du eine große Närrin biſt, aber mit einem guten Herzen. — Topp, Netherwood... aber na uns jetzt gehen. — Es iſt ſchon Abend.. vielleicht zu ſpät... — Du ſprichſt wie der Blinde von der Farbe. Je ſpäter es iſt, um ſo leichter können wir uns in der Dämmerung hinein ſchleichen. Um welche Stunde be⸗ ginnt Dein Wachtdienſt? — In einer Viertelſtunde. — Dann haben wir nicht mehr viel Zeit zu ver⸗ lieren. Warte ein wenig... ich will mich bloß im Spiegel beſehen.. Was meinſt Du... Die Löckchen da ſind doch recht hübſch... und dann der Spitzen⸗ kragen... ſiehſt Du, wie weiß er iſt?... ganz allerliebſt. Obſchon Netherwood Charlotten's Vorſchlag nicht anz billigte, ſo glaubte er doch, daß der Verſuch der Muhe lohnen würde. Nach einer Weile waren ſie auch auf dem Weg in's Schloß. Unter dem Portal blieb er jedoch ſtehen. — Aber wenn Du auf Reuterholm ſtößeſt? be⸗ merkte er. — Er und ich ſind einander ſchon früher begegnet, 8 283 und er weiß, daß, im Fall er mir den Zutritt zum Herzog berigeigert, ſ... — So.. — So lache ich ihn aus. — Aber wenn er drin bei dem Herzog iſt? — Hat keine Gefahr, er geht ſchon ſeines Wegs, wenn er mich ſieht. Der Hof war in Bekümmerniß verſunken. Wenn ein Gram ſich geltend macht, ſo hinterläßt er gleich dem Tode beklommene Herzen als ſeine Spuren. Nicht bloß einzelne Perſonen, ſondern Alle zuſammen waren verſtimmt. Das Urtheil bekam den Charakter einer Hof⸗ trauer. Mit ganz beſonderer Mißbilligung und Be⸗ trübniß nahm man den Schlag auf, der Fräulein Ru⸗ denſköld getroffen hatte. Alle Herzen waren ihr zugethan, und dieſen Beweis für ihre Unſchuld und Liebenswür⸗ digkeit wird keine Zeit zu verwiſchen vermögen. Man ſchwieg, weil man nicht zu ſprechen wagte, aber das Schweigen war ſo hartnäckig, daß ein höchſt handgreif⸗ licher Vorwurf gegen ihre Verfolger darin lag. Das Schweigen iſt eine ſchreckliche Macht und wenn es recht tief iſt, ſo hört man die Stimme ſeines Ge⸗ wiſſens um ſo beſſer. Der Herzog wankte auch mehr als einmal, aber Reuterholm hielt ihn auf dem Weg, den er betreten hatte, beſtändig an der Hand. „In die Armfelt'ſche Verſchwörung, ſagt Arndt, in dieſe Pläne im blauen Raum, hinter welchem kein Ho⸗ rizont lag, miſchte man Fräulein Rudenſköld, die mit Armfelt in fleißigem Briefwechſel ſtand. Dieſes Ver⸗ hältniß belauerte man und bemächtigte ſich ihrer Pa⸗ piere und Briefe, worin weder der ſarkaſtiſche Armfelt, noch das geiſtreiche und ſchöne Fräulein ihre ſcherzen⸗ den und beißenden Bemerkungen über Reuterholm 284 geſpart hatten. Dieſer fand richtig, was er ſuchte, eine ganz ſchreckliche Verſchwörung gegen ſich. Sie hatten in ihren Briefen auch einen andern empfindlichen, kör⸗ perlich entſtellten und auch dafür geiſtig nicht entſchädig⸗ ten Mann, den Reichskanzler Sparre, nicht geſchont; da nun Armfelt über dreihundert Meilen entfernt war, ſo warf ſich die ganze Bosheit dieſer erbitterten und herzloſen Menſchen auf das unglückliche Fräulein, das ſie erreichen konnten. Und wie faßte man ſie? Wie wenn man ſie mitten in einem tobenden Aufruhr ertappt, wie wenn es ſich um Macht, Ehre und Leben des Regen⸗ ten gehandelt hätte, während ſie gleichwohl ein ſchwaches Weib ohne Mittel und Verbindungen war und nur einige flüchtige Randgloſſen zu Armfelt's Text gemacht hatte. Und derſelbe Regent, der Guſtav's Mörder mit Bedeckung an die Grenzen des Reichs hatte führen laſſen, ſtrafte eine Frau, die in politiſchen Plänen oder Handlungen kaum eine Nebenrolle hatte ſpielen können, bloß für einige mißliebige Ausdrücke über ihn und ſeine Freunde ſo grauſam, daß die Welt nur an ſeine Grau⸗ ſamkeit zu denken braucht, um die Fehler dieſer Frau zu vergeſſen.“ Arndt vergißt, daß die vom Herzog angebotene und von ihr verſchmähte Liebe ſeinen Haz gegen ſie mit der allerſchlimmſten Waffe ausſtattete. Ohne daß der Hof oder das Volk im Allgemeinen die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit des Urtheils viel⸗ leicht noch vollkommen unterſcheiden konnte, ſagte Jeder⸗ mann ſein eigenes Gefühl, daß daſſelbe ungerecht ſei. Die Herzogin war nicht die am wenigſten ver⸗ ſtimmte Perſon. Als es ſich um Verwandlung der Todesſtrafe in öffentliche Ausſtellung auf dem Schaffot und Einſper⸗ rung in's Spinnhaus handelte, verlangte eine Partie in der Regierung, daß ſie auch zu Ruthenſtreichen ver⸗ urtheilt werden ſollte. Der Reichskanzler Sparre beſtand ſo hartnäckig 285⁵ darauf, ihr wenigſtens ein paar Ruthenſtreiche zukom⸗ men zu laſſen, daß er ſpäter immer der Ruthenkanzler genannt wurde, und man ſagt, daß dieß die Verände⸗ rung des Titels in Staatsminiſter für die auswärtigen Angelegenheiten veranlaßt habe. Unruhig und niedergeſchlagen hatte die Herzogin, ſeitdem ſie Kenntniß von dem Urtheil erhielt, keine Auf⸗ wartung mehr empfangen. An dieſem Abend öffnete ſie jedoch ihre Thüre, entſchloſſen, einen Beſuch bei dem Herzog zu wagen und mit ihm zu ſprechen. Sie wollte ſich weder anmelden laſſen, noch ſonſt Jemand bei dem Herzog treffen, weil man ihr in dem einen Fall den Zutritt verweigern und in dem andern ſie in der Ausführung ihrer Abſicht verhindern könnte. Sie warf bloß einen Shawl über ihre Schultern und benützte die Abenddämmerung, um ſich über den Corridor in das Zimmer des Herzogs zu ſchleichen. Die Treppen und Gänge waren von den da und dort matt brennenden Lampen beleuchtet, in deren Schein die Gegenſtände ein ſonderbares, beinahe geſpenſtiſches Ausſehen gewannen. Und obſchon der Platz ihr wohl bekannt war, empfand ſie doch eine gewiſſe Furcht, während ſie voran eilte. Das Geklingel von Sporen nahte ihren Ohren... es kam Jemand heran, und ihre Angſt vermehrte ſich ſo, daß ſie immer ſchneller ging. Beim Lampenſchein ſah ſie, als ſie zurückblickte, einen Mann in Trabantenuniform. Es war Niemand anders als Netherwood. Ungewiß jedoch, ob ſte recht geſehen habe, wandte ſie ſich nach einer kurzen Weile noch einmal um. Da hörte ſie zwar das Getöne derſelben haſtigen und klingenden Schritte, bemerkte aber beim Lichtſchein bloß ein Frauenzimmer. Der Schatten im Gang verdeckte Netherwood, und das Frauenzimmer, das ſie ſah, war Mamſell Schloß⸗ erg. 286 Die Herzogin konnte ſich inzwiſchen das Sonder⸗ bare in der Verwandlung nicht erklären. Mit unruhig klopfendem Herzen eilte e voran. Auf allen Burgen, die Jahrhunderte geſtanden und worin große Ereigniſſe ſich zugetragen haben, ruht etwas Wunderbares. Selbſt der Vorurtheilsfreieſte fühlt ſich von einem ſeltſamen Gefühl erfaßt, wenn er inner⸗ halb der Thorgewölbe eines an Erinnerungen reichen Palaſtes eintritt. Die Königsburgen ſind ſelbſt eine anze Geſchichte, aufgerichtet aus Granit⸗ und Marmor⸗ löcken. Das Natürliche erhält hier zuweilen einen wunderbaren Anſtrich. Während die Herzogin erſchrocken vorwärts ſchreitet, wollen wir an ihr vorbei zum Herzog hinein eilen. Das Zimmer, in das wir treten, hat außer dem Haupteingang zwei Thuüren, wovon die eine auf derſel⸗ ben Seite iſt wie die Hauptthüre. Näher an der Wand, gegenüber der andern Seiten⸗ thüre, ſteht ein mit Papier und Actenſtücken belegter Tiſch, auf welchem einige Lichter brennen. In der Nähe des Tiſches ſteht ein Schirm aufgeſpannt. In dem Kronleuchter brennen auch mehrere Lichter, aber deßungeachtet iſt das große Zimmer nur ſehr ſchwach beleuchtet. Die Doppelthüren gegenüber dem Tiſch ſind ge⸗ öffnet. In dem Augenblick, wo die Herzogin durch die Hauptthüre herein kommt, hört man vom offenen Zim⸗ mer her mehrere Perſonen reden. Erſchrocken darüber zieht ſie ſich zurück, wie es ſchien, in der Abſicht, ſich wieder zu entfernen; aber ſie ändert ſogleich ihren Beſchluß wieder und begibt ſich ſtill und ſchweigend nach der verſchloſſenen Thüre an ———— 287 der Seite des Haupteingangs, öffnet ſie, tritt hinein und macht dann die Thüre wieder zur Hälfte zu. Der Herzog und Reuterholm traten in dieſem Augenblick aus dem offenen Zimmer. — Laſſen Sie uns die Papiere holen, Ew. Hoheit. Sie haben ſie alle durchgegangen und gefunden, von welcher Wichtigkeit ſie ſind, da ſie die geheime Geſchichte der Jahre 1788 und 89 bilden, worin Sie, Hoheit, eine ganz eingreifende Rolle ſpielen. Welch' ein Glück, daß König Guſtav, Ihr höchſtſeliger Herr Bruder, dieſe Papiere nicht bekommen hat! — Ich geſtehe das. — Ohne raſtloſe Nachforſchungen würden ſie auch jetzt nicht in Ihrer Hand liegen, ſondern befänden ſich vielleicht in der Gewalt eines Menſchen, der ſie ſeiner Zeit der Nachwelt übermacht haben würde. — Wir wollen ſie ſogleich den Flammen übergeben, Reuterholm. Schon der bloße Gedanke, daß ſie ſich noch vorfinden, beunruhigt mich... in's Feuer mit ihnen. — Das iſt auch meine Anſicht. Was das Feuer verzehrt, das plaudert nicht. Dieſe Briefe ſind eine Art Freimaureracten, die nicht der Welt angehören und ſich auch nach Ihnen nicht mehr darin vorfinden dürfen. — Das Feuer brennt da drinnen, wir wollen ſie hinein tragen. Welch' eine prächtige Flamme werden nicht all' meine früheren Luftſchlöſſer abgeben! — Sie freuen ſich über dieſe Flamme, mein Fürſt? — In der That, ich kann es nicht leugnen. — Ich dagegen, Ew. Hoheit, freue mich darüber, daß es mir endlich gelungen iſt, Ihre Regierung zu befeſtigen und Ihre Feinde zu zermalmen. — Du biſt ein großer Mann, Reuterholm. Von welch' einer entſetzlichen Revolution haſt Du nicht unſer armes Vaterland gerettet! Die Nachwelt wird Dich be⸗ wundern, und nichtsdeſtoweniger kann ich nicht ohne einen gewiſſen Schreck an dieſe Verurtheilung denken. 288 — Das Geſetz hat gerichtet, Ew. Hoheit. — Aber ſind nicht wir in der Wirklichkeit das Geſetz 2 — Die Vorſehung hat mich an Ihre Seite ge⸗ ſtellt, Gnädiger Herr: beruhigen Sie ſich. Das Geſet iſt von der Nation gegeben; wir können es bloß aus⸗ legen und vollziehen. Der Weg iſt richtig. Die Re⸗ gierung bedarf der Einheit, um ſtark zu ſein. Da, wo mehr als ein Wille herrſcht, iſt gar keine Herrſchaft. Ein Fürſt muß klug handeln, um recht zu handeln; und er mag an Alle denken, ſoll aber ſich ſelbſt nicht verlaſſen. Sie fürchten, ſagen Sie; was? Sie fürch⸗ ten einen Schatten, den Sie Gewiſſen nennen... der aber nicht das Gewiſſen iſt, ſondern nur eine gute Re⸗ gung im Herzen, die ich Schwachheit nennen will. Blicken Sie in der Geſchichte zurück, Ew. Hoheit, und Sie werden beinahe keinen Thron ſinden, der nicht an ſeiner Seite einen Richtblock gehabt hätte. Die Nach⸗ barſchaft iſt nicht angenehm, aber wir müſſen uns unter⸗ werfen und vor dem Finger Gottes beugen. Warum jedoch davon ſprechen?... Laſſen Sie uns die Papiere nehmen. Reuterholm nahm jetzt wirklich die Papiere auf dem Tiſch zuſammen und begab ſich in's innere Zim⸗ mer zurück. Der Herzog war während ſeiner Aeußerung in ernſt⸗ hafte Betrachtungen verſunken und blieb noch im Zim⸗ mer zurück. Vielleicht würde Reuterholm ihn nicht ſo verlaſſen haben, wenn er nicht bereits ſein ſo lang erſtrebtes Ziel erreicht und ſich jetzt zugetraut hatte, freier und unabhängig von jeder auf des Herzogs Stirne aufſtei⸗ genden Wolke handeln zu können. Während des Geſprächs zwiſchen dem Herzog und Reuterholm hatte die Herzogin dazwiſchen hinein durch die Thüre geblickt, und als ſie bemerkte, daß Reuter⸗ holm ſich entfernte, ſchien ſie auf den Herzog zugehen —— 289 zu wollen, um ihm ihre Abſicht vorzutragen, ſelbſt wenn ſie deßhalb mit Reuterholm in Streit gerathen ſollte. Die Herzogin fühlte ſich ſtark und muthig, weil ſie Recht zu haben glaubte. Reuterholm's loſe, hingewor⸗ fene Phraſen, welche ſie von ihrem Platz aus mit an⸗ gehört, hatten auch bei ihr ein brennendes Verlangen erweckt, gegen ihn aufzutreten und ihn zu bekämpfen. Ihr natürlicher geſunder Verſtand fühlte ſich einem ſolchen Kampf gewachſen, und ihr warmes, der Wahr⸗ heit ergebenes Herz gebot ihr, keine Gefahr zu ſcheuen. Aber juſt als ſie hinauszutreten gedachte, hörte ſie, wie die Hauptthure auf der Seite geöffnet wurde, und zog ſich dann ſogleich zurück. Bei dem Geräuſch, das die geöffnete Thüre ver⸗ anlaßte, wandte ſich der Herzog um und ſah zu ſeiner Ueberraſchung Mamſell Schloßberg auf der Schwelle. „— Ach, Ew. Hoheit, rief Charlotte, ohne ſich im Mindeſten zu geniren, wie glücklich bin ich, Sie allein zu finden! Ich habe Ihnen ſo viel zu ſagen, daß ich kaum weiß, wie ich mich an Alles erinnern ſoll. Aber jedenfalls ſehen Sie nicht ſo mißvergnügt aus. Sie erwarteten mich nicht, deſſen bin ich ſicher. Ach, wie angenehm, daß ich Sie überraſchen konnte. — Geh' Deines Wegs, Charlotte, ich habe jetzt keine Zeit für Dich, gehe Deines Wegs. Der Herzog ſchien ſehr unzufrieden über den Beſuch. 15 Charlotte ſchaute nun ihrerſeits ganz verwundert ihn an. —. Iſt das Ihr Ern erzog, daß ich Sie ver⸗ laſſen ſoll?, Heri — Mein vollkommener Ernſt,... mein.. — Ah, wirklich! dann habe ich Luſt, einmal im Der Trabant. IV. 19 290 Ernſt hier zu bleiben... Hören Sie, Herzog... ich gehorche Ihnen nicht... ich bin aufrühreriſch... ich conſpirire... ich entthrone Sie... ich opponire mich gegen Ihre Regierung.. ich mißbillige das Syſtem... ich wage es, Ihre Principien zu tadeln. — Erzürne mich nicht, Charlotte; geh', habe ich Dir geſagt. — Sie befehlen, Hoheit, aber ich habe jetzt keine Luſt, zu gehorchen, und wenn Sie mich ebenſo hart und ungerecht verurtheilen würden, wie Sie Fräulein Rudenſtöld verurtheilt haben. Der Herzog zog ſich an die Thüre zurück, durch welche Reuterholm ſo eben verſchwunden war, und ſchob ſie ganz ſachte zu. — Wiſſen Sie, Ew. Hoheit, was das Volk in Betracht Ihres Urtheils gegen das Fräulein thut? — Wenn Du Dich nicht ſogleich entfernſt, ſo laſſe ich Dich von der Wache fortführen. — Man weint über Ihr Urtheil, Herzog; und wiſſen Sie auch, was man thun würde, im Fall Sie mich zu einer ähnlichen Strafe verurtheilten? Der Herzog ſtampfte ungeduldig auf den Boden. — Man würde über Sie lachen. Charlotte hatte auch ihre Politik, obſchon ſie von der Reuterholm'ſchen ſehr verſchieden war. Während der Günſtling den Herzog am allerbeſten dadurch zu be⸗ herrſchen glaubte, daß er ihn fortwährend in eine über⸗ ſpannte Stimmung verſetzte, hatte Erſtere aus der Er⸗ fahrung gelernt, daß ſie ihn ärgern mußte, und ge⸗ lang es ihr nur, ihn ſo weit zu bringen, daß er ſich ein klein wenig verging, ſo konnte ſte ihn gewöhnlich hernach zu Allem beſtimmen, was ſie nur wollte. In der Wirk⸗ lichkeit ſelbſt, und wenn es ſich nur darum handelte, ein gegebenes Ziel zu erreichen, war die eine Politik ſo gut wie die andere. Der Herzog ergriff ſie jetzt auch beim Arm, um ſie hinauszufuͤhren. 291 — Ew. Hoheit, laſſen Sie mich los. Sie drohen mir, Sie wollen mich ſchlagen. Allmächtige Vorſehung, das fehlte noch. Ich komme aus purer Ergebenheit hierher, und Sie befehlen mir, meines Wegs zu gehen. Ich ſchwatze tolles Zeug und bin luſtig, und Sie ſtam⸗ pfen auf den Boden wie ein Tyrann... Ich erzähle Ihnen, was die Leute ſagen, und Sie wollen mich ſchlagen. Welch' ein entſetzlicher Augenblick! Wohlan ich werde Sie verlaſſen, aber ich werde Sie vor Gott und den Menſchen anklagen. Vorwurfsvoll wird mein Schatten Sie bis an die Grenze des Lebens verfolgen, und vorwurfsvoll wird er Ihnen auf der andern Seite des Grabes entgegentreten. Sie haben die junge und reine Liebe eines guten Mädchens empfangen, und welcher Lohn wird ihr zu Theil? Verachtung und Gewiſſens⸗ qual. O, mein Gott, Herzog, wie grauſam, wie hart Sie ſind! Leben Sie wohl, Ew. Hoheit, leben Sie wohl! Mamſell Schloßberg, die in ihrer Jugend auf dem Theater geweſen war, ſpielte ihre Rolle nicht übel, we⸗ nigſtens machte ſie auf den Herzog all' den Eindruck, den ſie nur wünſchen konnte. Der Herzog wurde näm⸗ lich jetzt ärgerlicher auf ſich ſelbſt, als auf ſie; er gab zu, daß er heftig geweſen ſei, und bat ſie, ſich jeden⸗ falls zu beruhigen. Er befand ſich in derſelben Lage, wie Jeder, der nicht weiß, wie er ſich aus einer Ge⸗ ſchichte ziehen ſoll, die ihn beläſtigt, ſo daß er zuletzt alle Bedingungen, die man nur will, eingeht, nur um wieder Frieden und Ruhe um ſich her zu bekommen. — Gott wird richten zwiſchen mir und Ihnen! — Du tödteſt mich, Charlotte... jedenfalls ſei ſtill. — Sie ſind der größte Barbar, Herzog, der jemals die ſchwediſche Erde betreten hat. Sie behandeln Ihre Freunde auf eine abſcheuliche Art; die Einen verurthei⸗ len Sie zum Tode, Andere werfen Sie zur Thüre hinaus. Der Herzog rang ſeine Hände. Vor ſeiner Ge⸗ liebten iſt auch ein Fürſt nichts Anderes, als ein ge⸗ wöhnlicher, ſchwacher Menſch. 492 — Verlange von mir, was Du willſt, Charlotte, aber hör' einmal mit Deinen Vorwürfen auf. — Was ſoll ich verlangen? Zuerſt beleidigen mich Ew. Hoheit auf eine tief kränkende Art, und dann wollen Sie mich mit einer Bagatelle tröſten. Wie ſchrecklich verletzen Sie mich nicht? Glauben Ew. Hoheit, daß ich kein Herz beſitze? ach, wie unglücklich iſt nicht jedes Weib, das aus Liebe in die Hände eines undankbaren Mannes fällt! — Du biſt ungerecht, Charlotte; verlange, was Du willſt, ich will beweiſen, daß ich nicht undankbar bin, aber Du darſſt mich auch nicht beleidigen. — Ew. Hoheit verſprechen mir, zu bewilligen... — Alles, was Du willſt, ja, ja! Sage es mir nur ganz kurz und gut. er Herzog war ſchon daran gewöhnt, bald dieſe, bald eine andere Kleinigkeit verlangen zu hören. — Ich werde Ihre Liebe auf die Probe ſetzen, Herzog. — Du biſt gar zu umſtändlich. — Aber Sie bewilligen doch nicht as, was ich verlange. — Du kennſt mich nicht... verlange nur... — Aber ich verlange abgeſchmackte Sachen... — Ich bewillige Alles zum Voraus. — Nun, wohl denn, ſo verlange ich... — Sprich es aus. — Ich verlange Gnade für Fräulein Rudenſköld, vollſtändige, unbeſchränkte Gnade. Und mit einem wahrhaft rührenden Ausdruck von Güte und Einfachheit ſank Charlotte zu den Füßen des Fürſten nieder. Der Herzog trat erſchrocken zurück.. — Ich habe Ihr Verſprechen, Herzog. Gnade für Fräulein Rudenſköld. — Unmöglich.. — Was hat ſie gegen Sie verbrochen? Nichts. — 293 — Das Geſetz hat geurtheilt. — Ich laſſe Sie nicht los, bis Sie meinen Wunſch erfüllt haben. — Ich kann nicht, ich wage es nicht. — Sie ſprechen von Liebe... ah, was bedeutet das Wort ohne den Sinn?2... Die Phraſe ohne den Inhalt?... Gnade, Ew. Hoheit, Gnade. — Nein. — Sie wollen nicht? — Verlaß mich. — Charlotte richtete ſich auf und nahm eine eben ſo ſtolze als reizende Stellung ein. Sie ſpielte nicht mehr eine überdachte Rolle, ſie fühlte ſich wirklich verletzt und aufgeregt, und dieſes Gefühl gab ihrem Geſicht ein liebenswürdiges Gepräge von Wahrheit und weiblichem Muthe. Sie veredelte ſich, während ihr Herz in ihrem Buſen ſchwoll und ſie ſich erzürnte. Ein ungerechter Zorn entſtellt, ein edler Zorn verſchönt. — Wenn ich Regent wäre, Ew. Hoheit, ſo würde ich es für meine erſte Pflicht halten, über das Beſte meines Landes zu wachen und auſgeklärte, ehrliche und rechtſchaffene Menſchen zu Rathe zu ziehen. Mächtig oder ſchwach, arm oder reich, würden Alle vor mir gleich mächtig oder gleich ſchwach ſein. Ich würde mich nicht in die Hände einer Partei werfen, ſondern ich würde durch meine Handlungsweiſe über allen Parteien ſtehen. Wir von Gottes Gnaden, ſagen Sie, o Fürſt; aber es iſt nicht genug, es zu ſagen, man muß dieſe Worte auch zur Wahrheit zu machen ſuchen. Der Herzog blickte ſie verwundert an. Solche Worte hatte er von dieſer Seite her nicht erwartet. — Sie ſchauen mich verwundert an. Ich verſtehe Sie. Sie ſehen in mir ein ſchwaches Mädchen, viel⸗ leicht ſogar ein ſchlechtes und gefallenes Weib; aber ich werfe nicht den Purpur über meine Fehler, und für 294 meine Fehler bin ich nur meinem Gewiſſen verant⸗ wortlich. Der Herzog ſchien ſprechen zu wollen, blieb aber dennoch ſtill. — Sie dagegen, Ew. Hoheit, ſind der Mitwelt und der Nachwelt, Gott und den Menſchen Verant⸗ wortung für Ihre Handlungen ſchul dig. Meine Fehler bleiben in meinem Stübchen. Die Ihrigen dagegen treffen den Staat und zuweilen das Leben der Einzelnen. — Du biſt kühn, Charlotte, Du unterſtehſt Dich... — Ich bin kühn, weil ich ein armes Mädchen bin, das Nichts zu! verlieren hat; kühn, weil Sie das Ver⸗ brechen, das Sie mir vorwerfen können, mit mir thei⸗ len; kühn, weil ich weiß, daß Niemand anders ſo wie ich mit Ihnen zu ſprechen und Sie über das Rechte auf⸗ zuklären wagt; kühn, weil das, was ich, das ſchlechte, das gefallene Mädchen, jetzt ſage, der Gedanke Aller iſt. Sie wiſſen nicht, Ew. Hoheit, wie ſtark auch ein ſchwaches Weib werden kann, wenn es von einem le⸗ bendigen allgemeinen Rechtsgefühl begeiſtert wird. Hö⸗ ren Sie mich an, Ew. Hoheit, und ſchenken Sie den Verurtheilten Gnade. — Kein Wort mehr; fort von hier, fort! Daß mein Mrißeit gerecht iſt, geht am allerbeſten daraus hervor, daß ein Forderung keinen andern Wortführer erhalten konnte als Dich. — Glauben Sie alſo, daß eine Sache darum we⸗ niger gut werde, weil minder reine Lippen ſie verthei⸗ digen? Sie täuſchen ſich, Ew. Hoh eit; eine gute Sache reinigt auch die unreinſten Lirden⸗ Ah, Herzog, ich habe mich nie muthiger und beſſer gefühlt, als jetzt, und ich danke Gott, daß meine ſonſt nicht preiswürdige Stellung zu Ihnen mir Gelegenheit gegeben hat, Sie einmal um Milde zu bitten. Wenn ich in meinem ganzen Leben auch nur einen Kränf von Diſteln um meine Stirne geflochten habe, ſo wird gleichwohl dieſer Augen⸗ 9 „ 29⁵ blick wie ein aͤchter Zuwel in demſelben glänzen. Noch einmal, Ew. Hoheit, Gnade für die Verurtheilten! Nein. Charlotte lächelte. — Ew. Hoheit, fuhr ſie gleichwohl fort, Sie neh⸗ men alſo Ihr Verſprechen, meine Bitte zu erfüllen, zurück? — Ich nehme es zurück. In dieſem Augenblick öffnete Reuterholm die Thüre des Nebenzimmers; aber als er Mamſell Schloßberg bei dem Herzog ſah, blieb er auf der Schwelle ſtehen. Der Herzog war zornig, fühlte ſich aber gleichwohl genirt. Weder er, noch Charlotte bemerkte Reuter⸗ holm's Anweſenheit. — Wenn Sie Ihren Namen unter eine Schuldver⸗ bindlichkeit geſetzt haben, nehmen Sie ihn dann auch wieder zurück? — Das iſt ja etwas ganz Anderes... davon haben wir ja nicht geſprochen. Nun gut, Ew. Hoheit, ſo präſentire ich Ihnen mit Ihrer gnädigen Erlaubniß... Mit dieſen Worten zog Charlotte das eigenhändige Schreiben des Herzogs, das die nächſte Veranlaſſung zu Pßtem Beſuch gegeben hatte, hervor und überreichte es ihm.. — Was ſoll das bedeuten? Dieſes Schreiben? — Sollten Sie es bereits vergeſſen haben, Ew. Hoheit? Aber geſtützt auf den Inhalt dieſes Schreibens, bitte ich jetzt um Gnade für Fräulein Rudenſtöld, und ich bezweifle nicht, daß Sie Ihr Wort einlöſen werden. — Thörichtes Weib, begann der Herzog, vermochte aber nicht fortzufahren. Reuterholm wurde weniger unruhig als ungedul⸗ dig über das, was er hörte, und verſchloß die Thüre leiſe, während er ſich zurückzog, um nicht merken zu laſſen, daß er die Unterredung angehört hatte.. Die Verſchließung der Thüre entging inzwiſchen 296 dem Herzog nicht, und da er bald darauf Reuterholm durch einen Huſten anmelden hörte, daß er ſich ihr von Neuem näherte, ſo war er im höchſten Grade verlegen. Um Alles in der Welt wollte er Reuterholm nicht wiſſen laſſen, daß er in einem unbewachten Augenblick ein ſol⸗ ches Schreiben ausgeſtellt hatte, wie Charlotte jetzt auf⸗ wies. Er warf daher das Schreiben Charlotten wieder zu, die es in der Luft auffing. 4 — Verbirg Dich, Charlotte, hinter dieſem Schirm da... ſpute Dich... ich verlange es.. Reuterholm iſt hier... verbirg Dich... ich bitte Dich darum. Der Herzog war ein ſo blinder Sclave Reuter⸗ holm's, daß er ihn häufig ſogar fürchtete. Die Gewalt des Günſtlings war unbeſchränkt. Es iſt notoriſch, daß er einmal, als er zornig über einen Widerſpruch die Thüre hinter ſich zugeſchlagen hatte, von dem Herzog in einem demüthigen Brief ge⸗ beten wurde, zurückzukommen. So wie die Sache in dieſem Augenblick zwiſchen dem Herzog und Charlotten ſtand, hielt ſie es für's Beſte, ſeinen Wunſch zu erfüllen und verbarg ſich alſo eiligſt hinter dem Schirm. Reuterholm trat kalt und ruhig auf den Herzog zu. — Ew. Hoheit, ſagte er, ich will ein Wort mit Ihnen ſprechen. Er ergriff dabei die Hand des Her⸗ zogs und führte ihn ſo weit wie möglich vom Schirme weg. Die Verlegenheit des Regenten hatte noch nicht aufgehört. — Gott wacht über Sie, gnädiger Herr, begann Reuterholm wieder. Ich habe Alles geſehen. Sie muſſen dieſes Papier da zurückbekommen. Entfernen Sie ſich, Ew. Hoheit, und Sie ſollen es bald haben. Der Herzog gehorchte mechaniſch. Charlotte wagte hinter ihrem Schirm kaum zu ath⸗ men. Sie hatte von Seiten des Herzogs nicht ſo viel Widerſtand erwartet, als ſie gefunden, und ſie ſah ein, daß all ihre Bemühungen vollkommen fruchtlos ſein würden, wenn auch noch Reuterholm gegen ſie aufträte. Sie unterwarf ſich deßhalb gern der größten Vorſicht, um nicht entdeckt zu werden, und hoffte nur, daß er ſich bald entfernen würde. Lauſchend hörte ſie, daß die Seitenthüre verſchloſſen wurde, und ſie glaubte, daß es Reuterholm ſei, der das Zimmer wieder verlaſſen habe; aber ſie wollte ſich nicht vorwagen, bevor ſie vom Her⸗ og irgend ein Zeichen erhalten hätte. Zu ihrer Be⸗ ſrdeviung bemerkte ſie jedoch bald, daß die Lichter auf dem Tiſch ausgelöſcht worden ſein mußten, weil es im Zimmer dunkel wurde. Sie hörte auch, wie der Stuhl am Tiſch weggerückt wurde, und daß Jemand in dem⸗ ſelben Platz nahm. Gleichwohl wagte ſie ſich noch nicht voran. Aber jetzt huſtete es... es ſchien ihr ſogar, als würde ſie bei Namen gerufen. Es konnte kein Anderer ſein als der Herzog, und vorſichtig verließ ſie ihren Verſteck. Wir haben erwähnt, daß das Zimmer ſchon von Anfang an ſchwach beleuchtet war, und nachdem die Lichter auf dem Tiſch ausgelöſcht worden, war es noch dunkler. Im Halbdunkel ſah ſie jedoch die Conturen einer im Stuhl ſitzenden Perſon und eilte auf ſie zu. ü6 Der Augenblick war koſtbar... ſie wollte ihn be⸗ nützen. — Er iſt fort, Ew. Hoheit, ſagte ſie, jetzt müſſen Sie meinen Wunſch erfüllen. Dieſes Papier... Aber als ſie das Papier dem Herzog entgegenhielt, wurde es ihr aus der Hand geriſſen, und Reuterholm erhob ſich aus dem Stuhl gegen ſie. Ein Ausruf der Ueberraſchung entrang ſich ihr. — Mamſell, ſagte er, indem er das Papier in kleine Stückchen zerriß, die er auf den Boden warf; in 298 Allem, was die Liebe betrifft, mögen Sie ſich immerhin zwiſchen den Herzog und mich ſtellen; vergeſſen Sie aber nicht, daß ich in Allem, was die Politik betrifft, zwi⸗ ſchen Ihnen und dem Herzog ſtehe. Heute Abend haben Sie hier nichts mehr zu ſchaffen, und wenn Sie nicht wollen, daß ein Trabant Sie von hier wegführe, ſo entfernen Sie ſich ſogleich von freien Stücken. Charlotte ſtand wie vernichtet da; alle ihre Hoff⸗ nungen waren auf einmal wie weggeblaſen. Aber in dieſem Augenblick trat eine neue Perſon zwiſchen ihnen auf. Es war die Herzogin, Von ihrem Verſteck aus hatte ſie Alles gehört, was ſich zugetragen hatte. Einen Augenblick bewunderte ſie Charlotte, ob⸗ ſchon es ſie gegrämt haben würde, wenn dieſe und nicht ſie ſelbſt ſich das Verdienſt von Fräulein Rudenſköld's Begnadigung hätte zuſchreiben dürfen. Als ſie endlich Reuterholm's letzte Handlung ſah, konnte ſie nicht län⸗ ger auf ihrem Platze bleiben, ſondern eilte vor und trat zwiſchen ihn und Charlotte.. — Nehmen Sie jeden Platz ein, den Sie wollen, Baron, ſagte ſie zu Reuterholm; aber ſtellen Sie ſich nicht zwiſchen mich und den Herzog, denn ſonſt... uUnd mit einem königlicher Verdruß auf ihrer ſtolzen Stirne, machte ſie eine Handbewegung, welche bedeu⸗ tete: denn ſonſt zermalme ich Sie. — Jetzt geht mein Weg zu dem Herzog. Eine Viertelſtunde verging. Reuterholm lag in den Stuhl zurückgelehnt und fixirte unruhig die Thüre, durch welche die Herzogin verſchwunden war. Charlotte blieb gegen den Schirm geſtützt, die Hand auf ihr heftig klopfendes Herz gelegt. Als die Herzogin zurückkam, ſtrahlte ihr Geſicht vor Freude. 1 — Der Herzog hat Fräulein Rudenſköld begnadigt, 299 ſagte ſie, aber ſie darf es erſt in dem Augenblick erfah⸗ ren, wo ſie auf's Schaffot geführt werden ſoll. Reuterholm ſprang mit einer heftigen Bewegung vom Stuhle auf, ſank aber, wie von einem vernichten⸗ den Schlag getroffen, augenbl licklich wieder zurück. Charlotte fiel der Herzogin zu Füßen. — Der Platz jedes verbrecheriſchen Weibes, ſagte ſie, iſt auf den Knien vor dem guten und tugendhaften Weibe. Zürnen Sie mir nicht darum, daß ich Sie bewundere. Der Blick, den die Herzogin auf die ſchöne Sün⸗ derin heftete, war zwar gütig, aber auch mit Strenge vermiſcht. — Ihr Verhältniß zu dem Herzog, Mamſell, ſagte ſie, iſt von mir benützt und die Waffe geworden, wo⸗ mit ich den Herzog beſiegt habe. — Herzogin, Sie ſind erguent über mich. — Ich bin nicht erzürnt, ich beklage Sie. Sie ſind zu gut, um das zu ſein, was Sie ſind, und Sie ſind das, was Sie ſind, deßhalb, weil Sie zu gut ſind. In Ihren Diſtelkranz haben Sie indeſſen einen Juwel geflochten, der Ihnen Ehre macht. Leben Sie wohl, Mamſell! Noch lange nachdem die Herzogin das Zimmer ver⸗ laſſen und Charlotte ſich nach Hauſe begeben hatte, blieb Reuterholm im Stuhle ſitzen, während der Her⸗ zog mit der Tabakspfeife im Mund vor dem Kamin⸗ feuer im inneren Zimmer zuſah, wie die Luftſchlöſſer von 88 und 89 zu Aſche verbrannten. Außer den kniſternden und rothen Feuerkohlen war es dunkel um ihn her. — Gnädiger Herr, redete ihn Reuterholm an, der ſich jetzt hinter ſeinen Stuhl ſtellte, Sie ſuchen in den ſonderbaren und veränderlichen Formationen der glü⸗ henden Feuerkohle Ihre Zukunft zu l leſen. Reuterholm ſprach mit einer Stimme, welche bei dem für alles Wunderbare empfänglichen Gemüth des Herzogs verfing. — Es iſt, fuhr Reuterholm fort, nur wenigen gegeben die flammenden Hieroglyphen deuten zu können, womit die Feuergeiſter in dem erlöſchenden Brande ſpielen. Mir iſt die Natur nicht gänzlich unbekannt. Die Aſche da ſind die Ruinen Ihrer alten Träume. Sehen Sie... wie dieſe verbrannten luftigen Papierſtückchen verfliegen. Aber blicken Sie weiter hinauf, ſo ſehen Sie links ein Bild„.. um deſſen Haupt einige funkelnde Punkte ſtrahlen... Zählen Sie dieſelben, gnädiger Herr... ſehen Sie... Sie ordnen ſich in drei kleine Halbzirkel, einer über dem andern. In dem Zirkel zunächſt, am Kopfe zählen Sie drei Punkte, im folgenden fünf und im äußerſten ſieben. Der Mann ſind Sie, Herzog. Rechts hinwiederum ſehen Sie ein anderes Bild, ein junges Geſicht... der Himmel weiß wer es iſt. Hin⸗ ter ihm erhebt ſich wieder ein Bild, und wenn Sie genau Acht darauf geben, werden Sie ſehen, daß es gleichſam Flügel hat... Es iſt ein Cherub, gnädiger Herr; in der Hand hält er ein Schwert und über dem „Schwerte glänzt eine Kohle, die gänzlich einer Krone gleicht. Der Engel bewegt ſich... ſehen Sie... er ſenkt das Schwert... als wollte er der unter ihm ſte⸗ henden Geſtalt die Krone auf das Haupt ſetzen. — Es iſt Guſtav, der gekrönt wird, fiel der Her⸗ zog ein. — Geben Sie Acht, Herzog! Sehen Sie... juſt als die Krone auf das Haupt geſenkt wurde, flammte es und die glühenden Kohlen fielen über einander Mein Gott, aus dem Feuer... Sie ſehen es ja ſelbſt... bewegt ſich der Engel... noch glänzt die Krone auf ſeinem flammenden Schwert... er naht ſich Ihnen... Ach, Herzog, ſehen Sie, wie Ihre Kohle, glühend wie Purpur fällt... fällt... und dennoch behaupten Sie ſich.. ſehen Sie... ſehen Sie... Sie fielen nur vor dem Engel auf die Kniee, und jetzt... jetzt ſtrahlt die Krone auf Ihrem Haupte. Reuterholm's myſtiſche Rhetorik beherrſchte den Her⸗ zog wie gewöhnlich. — Ihr Leben iſt ein Kampf, Herzog. Der Engel ſteht auf Ihrer Seite. Wehe Ihnen, wenn Sie Ihr Schickſal betrügen. Nicht für die Krone müſſen Sie ſtreiten, ſondern für drei, fünf und ſieben. Gott hat eie zu ſeinem Werkzeug auserkoren. Sie müſſen ſtark ein. ſe— Reuterholm, Du haſt Recht, ich muß ſtark ein. — Keine Gnade, Herzog... — Keine Gnade... unter ſolchen Geſprächen verging der größere Theil der Nacht. Erſchöpft ſchlief der Herzog erſt gegen Mor⸗ gen ein, und nur nachdem Reuterholm ihn in einen tiefen Schlaf verſunken geſehen hatte, verließ er ihn. In's äußere Zimmer hinausgekommen, ergriff er die Feder und ſchrieb einen Befehl an den Polizeidirek⸗ tor, daß er am folgenden Tag, Morgens vor elf Uhr das Urtheil an Fräulein Rudenſköld zu vollſtrecken habe. Darauf verdoppelte er die Wache vor dem Zimmer des Herzogs und ertheilte ſtrengen Befehl, Niemand, ſelbſt die Herzogin nicht, herein zu laſſen. Er ſelbſt blieb im äußeren Zimmer und ſchlief in einem bequemen Lehnſtuhl ruhend bald ein. Langholm, das ſeinen Namen von ſeiner Länge erhalten haben ſoll, die vier⸗ bis fünfmal größer iſt als ſeine Breite, liegt im Mälarſee, weſtlich von Stock⸗ holm, über dem Ritterfjärd. Der Holm iſt von der ſüdlichen Vorſtadt nur durch den ſogenannten Palſund, jetzt Spinnhausſund, getrennt. In ſeiner Nähe liegen der Hornzoll und Lilienholm. Zu der Zeit, bei welcher die Ereigniſſe in unſeren Werken angelangt ſind, lag das Spinnhaus der Stadt Stockholm auf dem Holm. An demſelben Abend, wo die ſo eben beſchriebe⸗ nen Ereigniſſe auf dem Schloß ſtattfanden, ſah man einen einſamen Mann über die Brücke wandern, welche den Holm mit der Südvorſtadt verbindet; aber ſtatt in die Spinnhausſtraße einzulenken, ſchlug er einen Neben⸗ weg an dem Berg hin zwiſchen dem Sund und dem Hornzoll ein. Der Mann war von hoher, kräftiger Geſtalt. In einen blauen zugeknöpften Rock von grobem Tuch ge⸗ kleidet, zeigten ſich ſein kräftiger Wuchs und ſeine breiten, feſten Schultern ſehr vortheilhaft. Seinen Rücken trug er, wie man dieß bei ungewöhnlich ſtarken Männern oft findet, etwas gebeugt; ſein Gang war derb und feſt, obſchon man nur gar zu gut bemerkte, daß er ein dringendes Geſchäft hatte und ſo ſehr als nur mög⸗ lich eilte. Beim Zoͤllhaus nahm unſer Mann ſeinen Weg über die Fähre nach Lilienholm, wo er gegen den Pfahl des Gatterthors gebeugt, mit gekreuzten Armen ſtehen blieb und ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf die Landſtraße ge⸗ heftet hielt. Eine Stunde ſpäter ſah man einen kleinen Medevi⸗ wagen eilig herannahen; der Rieſe am Gatterthor firirte den Wagen einen Augenblick, gab aber dann mit einem Freudenruf zu erkennen, daß es ein alter, theurer Be⸗ kannter war. Eilig öffnete er das Thor und der Wagen rollte in den Wirthshaushof herein. Als der Schlag ſich öffnete und der Reiſende aus⸗ geſtiegen war, zeigte unſer grobgliederiger Kamerad eine Lebendigkeit und Freude, die ganz beſonders in die Augen ſprang und von dem warmen Intereſſe zeugte, das er dem Ankömmling widmete. 4 — Ich wußte wohl, daß Sie noch lebten und daß ich Sie noch einmal wiederſehen würde. Ach mein Gott, 303 wie habe ich gewartet... aber jetzt ſind Sie hier... hier... — Dank, Fromm, Dank, redlicher Freund. Du ſagteſt, daß Du auf mich gewartet habeſt? — Ja, Herr, ich habe gewartet und geſucht, ich habe geſucht und gewartet. Man ſagte zwar, daß Sie todt ſeien, aber ich erklärte es für eine Lüge, und wer hat Recht gehabt? Ich, Herr, ich. Sie können gar nicht glauben, wie wehe es mir that, daß Sie mich ſo ſitzen ließen, ohne mir ein Wort zu ſagen. Doch jetzt ſind Sie ja wieder hier,... und ich bin wieder glück⸗ lich wie ein Kind. Und während er ſprach, betrachtete er den Reiſen⸗ den genau. — Sie ſind gewachſen, Herr, wenigſtens ſind Sie ſtärker und ſchmucker geworden. Sie ſehen jetzt aus wie ein ganzer Mann. — Ünd auch Du, Fromm, Du warſt ſchon vorher ein derber Geſell, aber jetzt biſt Du noch weit kräftiger. — Zwei Jahre und ein gutes Stück vom dritten Jahr ſind auch eine lange Zeit, und man hat ſeine Schickſale gehabt, müſſen Sie wiſſen, Herr. Der Reiſende war kein Anderer als Döring, der, nachdem er den ſchwediſchen Boden wieder betreten, ſeinen früheren Namen wieder angenommen hatte. Sein Zu⸗ ſammentreffen mit Fromm nach mehrjähriger Trennung war rührend und voll Freundſchaft. Beide bemerkten die Veränderungen, die mit ihnen vorgegangen waren, und Beide freuten ſich darüber, weil dieſelben vortheilhaft waren. Als Döring die Oominikanerkirche in Neapel ver⸗ ließ, führte er Louiſe heraus und fand ſich mit ihr bei der Oberhofmeiſterin ein, bei welcher er noch die Baro⸗ nin Armfelt traf, in deren Geſellſchaft Louiſe jetzt die Stadt verließ, um ſich bei der Prinzeſſin Sophie Alber⸗ tins einzuſnden, die ſich fortwährend in Quedlinburg aufhielt. Louiſe und Döring liebten einander aufrichtig und innig. Bei ihrem ſo unerwarteten Zuſammentreffen in der Dominikanerkirche konnten ſie es Beide nicht ver⸗ hehlen. Sie drückten ſich auch hier zum erſtenmal an ihre Herzen. Als die Baronin Armfelt von Neapel abreiste, bat Louiſe ihren Geliebten, er möchte ſich noch einmal an ihren Vater wenden. Sie trennten ſich alſo mit der Hoffnung auf ein glücklicheres Wiederſehen. Döring ſuchte Armfelt in Neapel, um ihm die Pa⸗ piere zu übergeben, die er von Vincenz erhalten; aber Armfelt hatte, wie wir bereits wiſſen, in Mylady Munk's Equipage die Stadt verlaſſen. Döring beſchloß alſo, ihn auf der Villa aufzuſuchen, wo er ſich befand; aber in demſelben Augenblick erhielt er Befehl, ſeinen Dienſt auf der engliſchen Flotte wieder anzutreten. Ohne Armfelt zu treffen, mußte er alſo Italien verlaſſen. Die Richtung, die Döring's Gedanken nach dem Zuſammentreffen in der Dominikanerkirche genommen, geſtattete ihm nicht mehr, lange im engliſchen Dienſt zu bleiben; nichtsdeſtoweniger vergingen mehrere Monate, bevor er die Erlaubniß erhalten konnte, ſich in Privat⸗ geſchäften nach Schweden zu begeben. In's Vaterland zurückgekehrt, begab er ſich zuerſt zu ſeinem Pflegvater, dem Admiral Döring, auf's Land. Mit zärtlicher Elternliebe ſchloſſen die beiden Alten ihn an ihre Bruſt, und dieſe Liebe machte ihn glücklich, weil er Beide noch immer wie ein Sohn liebte. Mit Stolz und Freude hörten ſie ſeine Erzählungen von den Kämpfen, an denen er Theil genommen, und von ſeinen Hoffnungen, nicht blos einen Vater wieder⸗ zufinden, ſondern auch Louiſe zu gewinnen. Er reiste dann zu Louiſens Vater und trug ihm offen Alles vor, was er zu ſagen hatte. Der alte Graf empfing ihn ritterlich und freundlich. Kommen Sie mit einem Namen und einer Geburt zurück... mögen 30⁵ Sie auch keine Ahnen haben, nur ſei Ihre Geburt ohne Flecken, und ich will Louiſens Hand in die Ihrige legen und Sie als meinen Sohn ſegnen. Dieß waren die Worte des Grafen. Mittlerweile ſetzte ſich Döring in ſchriftliche Be⸗ rührung mit Armfelt und unterrichtete ihn von Allem, was vorgegangen war. Armfelt antwortete ihm ſogleich, obwohl in dunkeln und zweideutigen Ausdrücken, die ſich Döring nicht recht zu erklären vermochte. Inzwiſchen ſchloß ſein Brief mit der Mittheilung, daß er zu Ende Septembers oder Anfang Octobers in Privatangelegen⸗ heiten nach Wismar kommen und auf ſeiner Reiſe nach Petersburg dieſen Umweg machen würde. So ſtanden Döring's Angelegenheiten, als er Nach⸗ richt von dem Urtheil erhielt, das über Fräulein Ruden⸗ ſköld und die übrigen Freunde Armfelt's gefällt worden war. Tief erſchüttert von dem Schmerzlichen darin, be⸗ ſchloß er, nach der Hauptſtadt zu eilen, um nach beſten Kräften vor Allem zur Rettung der Erſtern beizutragen. Döring kannte ſeine eigene Unbedeutſamkeit zu gut, als daß er hoffte, auf gewöhnlichem Wege eine Aenderung in ihrem Schickſal herbeiführen zu können; aber er war jung und entſchloſſen, und die Jugend traͤumt oft von Rettungsmitteln, worin Alter und Erfahrung nur Un⸗ möglichkeiten erblicken. Von ſeinen Pflegeltern hatte er erfahren, daß Fromm ſich noch in der Hauptſtadt aufhielt, daß er aber vom Augenblick an, wo Forſter verhaftet worden, in Grübe⸗ leien verſunken ſei und einen ganz andern Humor be⸗ kommen habe. Fromm gehörte zu denjenigen Menſchen, die eines Herrn bedürfen, den ſie verehren und lieben können. Er hatte lange gehofft, Döring wiederzuſehen und hatte dabei ein friſches, munteres Leben geführt, aber die Hoffnung ſchien nicht in Erfüllung gehen zu wollen. Forſter's Verhaftung ging ihm noch weit mehr zu Gemüthe; bei einem beinahe rieſigen Körper hatte er eine ſchwache Seele, aber ein warmes Herz. In Der Trabant. IV. 20 306 demſelben Maße, wo er anfing, ſeine frühere Friſche und muntere Sinnesart zu verlieren, ſteigerte ſich bei ihm auch der Wunſch, ſich von der Welt zurückzuziehen, womit er eigentlich weiter nichts meinte, als das Brauer⸗ handwerk aufzugeben, dem er als wohlbeſtellter Brau⸗ knecht anzugehören meinte. In Folge mehrerer mannhaften Handlungen in den Straßen der Hauptſtadt, wobei er die Polizei handgreif⸗ lich von ſeinem Daſein überzeugt, hatte er derſelben einen Reſpekt eingeflößt, deſſen ſich nicht alle Brau⸗ knechte rühmen können. Als daher die Polizei von ſeiner Abſicht erfuhr, ſich in einen engeren Wirkungs⸗ kreis zurückzuziehen, verſuchten einige geheime Mitglieder derſelben, ihn ſo viel als möglich darin zu beſtärken. Das Glück wollte, daß ihm bald ein Platz im Spinnhaus angeboten wurde, wo er ſchon etliche Monate als Gefangenwärter angeſtellt war, als er jetzt mit Döring zuſammentraf. Seine Freude darüber, ſeinen erſten Herrn wieder⸗ zuſehen, in deſſen Perſon ſich alle ſeine koſtbarſten Jugend⸗ erinnerungen concentrirten, war herzlich und tief rührend. Der ehemalige ſchwediſche Gardiſt Chrlich hatte Döring in den letzten Jahren treu begleitet und hegte keinen höheren Wunſch, als bis zu ſeinem Todestag bei ihm bleiben zu dürfen. Alle wackern Burſche ſchätzen einander. Als Döring nach Stockholm zu reiſen beſchloß, ſchickte er Chrlich als Vorboten ab. Und als CEhrlich durch das Hornthor hereinfuhr, fügte es der Zufall ſo glücklich, daß Fromm juſt auf einem Beſuch bei der Wachmannſchaft dort war. Fromm erfuhr von Chrlich Tag und Stunde der Ankunft Döring's, und wir haben geſehen, daß er die Stunde, wo er ihn treffen ſollte, niht vergeſſen hatte. Döring verlangte und erhielt auf Lilienholm die Zimmer, die er ſchon früher einmal gehabt hatte, und er hatte ein eigenthümliches, wunderſames Gefühl, als 307 er ſie jetzt wieder betrat. Wie manche für ihn wichtige Ereigniſſe hatten ſich nicht ſeit ſeinem letzten Aufenthalt allhier zugetragen? Für ihn hatte ſich Alles verändert, aber in dieſem Zimmer nichts. Derſelbe Tiſch, auf welchen er ſeine Schatulle gelegt, ſtand noch auf dem alten Flecke da. Der grüne Vorhang befand ſich noch vor den kleinen Fenſterſcheiben. Sogar der Bodenteppich war noch an ſeinem alten Platz. Er erinnerte ſich des Abends ſo wohl, wo er, noch unbekannt mit der Haupt⸗ ſtadt und der Welt, zum erſtenmal denſelben berührt hatte. Selbſt der geringſte Umſtand ſiel ihm wieder ein Leiſe näherte er ſich dem Thürfenſter wie damals, und ebenſo leiſe, gleich als hätte er eine Entdeckung gefürchtet, zog er den Vorhang auf die Seite; aber das Zimmer vor ihm war leer... er ſah Niemand und hörte Niemand. Was war jetzt aus Armfelt, der edlen, ritterlichen Apollogeſtalt, geworden? Er war zum Tode verurtheilt und irrte in der Fremde umher. Was war aus dem ehrlichen, dem ausgezeichneten Hofmanne Aminoff ge⸗ worden? Auch er war verurtheilt. Was war endlich aus dem reizenden, einnehmenden Fräulein Rudenſköld geworden? Auch ſie war verurtheilt. Er erinnerte ſich an Reuterholm's damaliges Auf⸗ treten, und er ſah ein, daß die Kataſtrophe, die jetzt eingetroffen, blos das Ergebniß einer mehrere Jahre hindurch fortgeſetzten Reihenſolge von Gedanken und Plänen war. Was war auch aus ihm ſelbſt geworden? Herbe Schläge hatten ihn getroffen. Vieles von dem, was er geliebt hatte, war hinter ihm zuſammengeſtürzt, aber mitten unter den Ruinen glänzte noch ein ſtrahlender Diamant: die Hoffnung. War dieſer Diamant ächt, oder war er vielleicht blos ein Eiskryſtall, der vor dem Strahl eines neuen Schickſalsblitzes vielleicht ſchmelzen konnte? Döring war nicht melancholiſch, aber er wurde es, während ſeine Gedanken über den Sihwaſt der Er⸗ 308 eigniſſe zurückflogen. Er glaubte wohl einzuſehen, wo⸗ her der Schlag gekommen war, der ſo viele von den⸗ jenigen getroffen hatte, die er von ſeinem erſten Eintritt in's wirklich handelnde Leben an ſchätzen und achten gelernt; aber in einem Fall war er unglücklicher als dieſe; er wußte nämlich nicht, woher der Schlag ge⸗ kommen war, der ihn ſelbſt ſo hart getroffen hatte; ja noch mehr, die Schickſale ſeiner Freunde waren bereits entſchieden, das ſeinige aber blieb noch immer unent⸗ ſchieden. Ein tiefer Seufzer hob ſeine Bruſt. — Armer Herr, redete in dieſem Augenblick Fromm ihn an, ich verſtehe, worüber Sie ſeufzen. Sie denken ſicherlich an das, was ſeit Ihrer letzten Anweſenheit hier alles geſchehen iſt. — Ich glaube, Du haſt in den Herzen der Menſchen leſen gelernt, ſeit wir getrennt waren. — Das nicht, Herr; in dem Ihrigen habe ich immer leſen können. Es iſt übrigens nicht ſo ſchwer, in dem Innern eines Mannes zu leſen, den man liebt. Döring wurde durch Fromm's Reflexion überraſcht. Fromm war immer derſelbe, aber die Jahre und die Erfahrung hatten ihn gelehrt, ſich ſeine Gedanken klarer zu machen, als er vorher gekonnt hatte. — Wie wunderbar geht es nicht hier in der Welt zu? fuhr Fromm fort; wer hätte vor ein paar Jahren glauben können, daß ich auf gewiſſe Art ihr Herr werden ſollte? — Was meinſt Du? Weſſen Herr? — Ah, richtig, Sie wiſſen nichts davon, daß Fräu⸗ lein Rudenſköld jetzt in's Spinnhaus wandern muß, und da ich jetzt dort Gefangenwärter bin, ſo... — Fraulein Rudenſköld in's Spinnhaus? Sie iſt ja zum Tode verurtheilt! — Allerdings. Aber der Herzog hat die Strafe gemildert. Statt der Todesſtrafe wird ſie blos auf dem Schaffot ausgeſtellt und... 309 — Iſt's möglich? Und das nennt er ſein Urtheil mildern? Ach nein, beim Himmel, Du taͤuſcheſt Dich, das kann nicht wahr ſein. — Ich habe niemals gelogen, Herr; was ich ſage, iſt ſo wahr, als ich ſelbſt daſtehe. Die Zuverſicht, womit Fromm ſich ausdrückte, über⸗ zeugte Döring, daß kein Mißverſtändniß obwaltete. Ver⸗ druß und Abſcheu über ein ſo kränkendes Urtheil war das erſte Gefühl, das ſich ſeiner bemeiſterte. Er er⸗ innerte ſich der Erklärung, die Armfelt dem General Acton gegeben hatte, und er war überzeugt, daß Nie⸗ mand ein Verbrechen begangen hatte, das ein ſolches Urtheil hervorrufen konnte. Aber für ihn war das Ju⸗ ridiſche oder Politiſche gleichwohl von geringem Gewicht. Er erinnerte ſich ſtatt deſſen, daß die ſo hart verurtheilte Dame die Tochter eines der ausgezeichnetſten und achtungs⸗ wertheſten Männer Schwedens, des Grafen Karl Ruden⸗ ſköld, war, der nicht blos als ſcharfſinniger und geiſt⸗ reicher Schriftſteller einen großen Ruf genoſſen, ſondern auch für einen der fähigſten Staatsmänner gegolten hatte, der bei mehreren wichtigen Gelegenheiten dem Vaterland große Dienſte geleiſtet und während ſeiner ereignißreichen vieljährigen Laufbahn ſich die Freund⸗ ſchaft des ebenſo ſiegreichen als berühmten, ebenſo tief⸗ denkenden als conſequent handelnden Friedrich's II er⸗ worben hatte. Welch ein Schimpf für das Gedächtniß eines großen Mannes! Aber noch mehr... die Strafe traf nicht eine Perſon, die ihr mit der kräftigen Stirne eines an Gefahren gewöhnten Mannes, mit unerſchrockenem Muth, mit einem entſchloſſenen Herzen und einem trotzigen Blick entgegentreten konnte, ſondern ſie traf eine ſchwache Dame auf eine Art, die ſie für immer entehren mußte. In dem gemilderten Urtheil erblickte Döring eine noch weit feiner angelegte Verfolgung, einen noch teuf⸗ liſcher berechneten Angriff, eine noch weit grauſamere Straſe, als die Todesſtrafe. 310 Als er ſich von dem Eindruck ſeines erſten Abſcheus erholte, concentrirten ſich alle ſeine Gedanken in einen einzigen. — Sie muß gerettet werden. Dieſer Gedanke war bei ihm nicht neu, aber er ſtand jetzt nothwendiger, deutlicher, beſtimmter vor ſei⸗ nen Augen. In dieſem Moment ſah er keine Hinder⸗ niſſe mehr, die ſeinem Beſchluß entgegentreten konnten. Hätte es auch den Kampf mit einer ganzen Garniſon gegolten, er würde den Verſuch gewagt haben... In ſeinem Gefühl iſt jeder Jüngling ein Löwe; in ſeinen Illuſionen iſt er unüberwindlich. Zum Glück für Döring ſtand Fromm jetzt an ſeiner Seite, ruhig und uner⸗ ſchütterlich wie die Wirklichkeit ſelbſt. — Wir brechen in ihr Gefängniß ein und führen ſie mit Gewalt heraus. — Unmöglich, Herr. Wir brechen dabei unſere Hälſe. — So laß uns die Wache angreifen, wenn ſie das Fräulein auf's Schaffot führt. Das Volk wird uns helfen. — Cbenſo unmöglich, Herr; wir würden uns in's Verderben ſtürzen, ohne ihr etwas zu nützen. — Ich werde bei dem König eine Audienz ver⸗ langen und mit ihm ſprechen. — Der König vermag nichts, er iſt unmündig. — Der Herzog wird mich anhören. — Er wird Sie ſo wenig anhören, als tauſend Andere. Er hört bloß auf Einem Ohr, und das gehört dem Baron Reuterholm. — Wohlan, ſo will ich Reuterholm aufſuchen. — Er hat einen Fehler mehr als der Herzog: er iſt auf beiden Ohren taub. Döring kreuzte ſeine Arme über der Bruſt und blieb gerade vor Fromm ſtehen. — Du biſt nicht mehr derſelbe wie früher, Fromm; 3115 früher würdeſt Du mir gefolgt ſein, wohin ich gewollt hätte, und wenn es in's Feuer gegangen wäre. 3 — Daß ich mich verändert habe, das iſt wahr, Herr. Sie dürfen nicht glauben, daß ich dieſe ganze Zeit über ruhig auf einem Fleck geſeſſen habe. Freilich ſo lange ich ganz frei und ledig war, da kam es mir nicht darauf an, und wenn es auf der Straße etwas abſetzte, war ich auch nicht der letzte... aber ſehen Sie, jetzt bin ich zu etwas gekommen und... — Und... — Und habe mich verheirathet, Herr. — Du biſt verheirathet? Ah, ich verſtehe; kein Wunder, daß Du jetzt ganz anders geworden biſt... ich gratulire Dir... Du biſt glücklich... Während Döring ſo ſprach, ſtampfte er vor Aerger auf den Boden, weil er ſich bei ſeinen kühnen Plänen, Fräulein Rudenſköld zu retten, an Fromm einen guten Helfershelfer verſprochen hatte. Fromm ſchien inzwiſchen ſeine Ungeduld nicht zu bemerken. — Glücklich? wiederholte er, wie wenn er ſich ſelbſt darüber ausfragte. Meine Alte iſt hübſch und gut, das iſt wahr, aber ſehen Sie, ſobald man noch an eine andere Perſon zu denken hat, als an ſich ſelbſt, ſo denkt man auch viel reeller. Wenn ich jetzt noch manchmal ein Bischen wild thun will, ſo hält mich meine Frau immer am Rockſchoß, und wenn ich auf der Straße die Fauſt balle, ſo ſtößt ſie mich ganz fein in die Seite. Die Frauenzimmer ſind wie eine Handklammer, müſſen Sie wiſſen... mit der Freiheit iſt es da aus, man iſt da nicht mehr ſein eigener Herr wie früher, man über⸗ legt und überlegt beſtändig... und ſolche Ueberlegun⸗ gen ſetzen einem armen Schlucker Mücken in den Schädel. Doöring war von ſeinen eigenen Gedanken zu ſehr in Anſpruch genommen, als daß er Fromm die Auf⸗ merkſamkeit hätte widmen können, die er ihm ſonſt ſicher⸗ lich geſchenkt haben würde. 3 — So laß uns alſo nicht weiter von meinen Plä⸗ 312 nen zur Rettung des Fräuleins ſprechen, begann Döring wieder, um das abgebrochene Geſpräch von Neuem an⸗ zuknüpfen. Du biſt ein verheiratheter Mann, und es iſt ganz recht, daß Du Deiner Frau zu Liebe klug und vorſichtig handelſt. Mit mir iſt es etwas Anderes. Döring ging heftig auf und ab. Fromm ſah ihn nachdenklich an, gleich als lauſchte er noch verwundert auf ſeine letzte Aeußerung. 4 — Es ſei nicht der Mühe werth, von ihrer Rettung zu ſprechen, ſagen Sie, Herr. Warum denn nicht? Obſchon ich verheirathet bin, ſo bin ich doch keine feige Memme. Und meine Frau hält zu mir in Allem, was reell iſt, müſſen Sie wiſſen; aber nur vor Narrheiten muß man ſich hüten. Jetzt war es Döring, der verwundert auf Fromm's Aeußerungen lauſchte. — Das Fräulein mit offener Gewalt aus den Hän⸗ den der Gerechtigkeit zu entreißen fuhr Fromm fort, iſt ganz unmöglich, denn ſehen Sie... ſo viel habe ich ſchon mit der Juſtiz zu thun gehabt, daß ich es begreife; aber es gibt noch andere Methoden, Herr, und wenn Sie nicht etwas Beſſeres wiſſen, ſo will ich meine Ge⸗ danken ſagen. — Sprich, Fromm, ſprich! — Können Sie mir Pferde und einen Wagen an⸗ ſchaffen, Herr? — Ganz leicht. — Dann iſt die Sache bald abgemacht. Ich ſchaffe Ihnen das Fräulein, ich... — Du? Auf welche Art? — Sobald ſie in's Spinnhaus kommt, ſteht ſie ja unter meiner Aufſicht, und ich laſſe ſie heraus. Das iſt ganz einfach. Döring's Theilnahme für die Unglückliche hatte im erſten Augenblick ſeine lebhafte Seele in ſeinen Rettungs⸗ plänen zu weit geführt. So beſonnen und umſichtig er ſonſt in ſeinen Handlungen, ſo ruhig und ernſt er in 313 ſeinen Unternehmungen war, ſo gab es doch Fälle, wo er unter dem Eindruck einer begangenen großen Un⸗ gerechtigkeit ſeine Gefühle ganz und gar nicht mehr be⸗ herrſchen konnte. Dieſe Fälle waren vielleicht die ſchönſten Augen⸗ blicke ſeiner Seele, ohne deßhalb die verſtändigſten zu ſein. Aber nur ſelten gab er ſich ſeinen Illuſionen ſo weit hin, daß nicht ein vernünftiges Wort an ſein Herz hätte dringen und Gehör finden köͤnnen. — Aber Du biſt verheirathet— Du ſtellſt Dich und Deine Frau bloß... Du... Du... — Ich habe meine Frau gelehrt, Sie ebenſo zu verehren und zu lieben, wie ich es ſelbſt thue, Herr... Sie können ſich auch darauf verlaſſen, daß meine Frau Alles, was Sie wollen, ebenſo gut will, wie ich. Wenn Sie meinen Vorſchlag billigen, ſo iſt Alles gut; und was uns betrifft, ſo folgen wir Ihnen, wohin Sie nur wollen. Döring hatte bisher den ganzen Umfang der red⸗ lichen und ehrlichen Ergebenheit Fromm's nicht auf⸗ gefaßt; tiefgerührt ſchloß er ihn in ſeine Arme und drückte ihn an ſeine Bruſt. — Herr, Herr, ſtammelte Fromm, und eine Thräne rann über ſeine groben Wangen hinab... machen Sie mit mir, was Sie wollen... nur Ihnen will ich fol⸗ gen. Es iſt dumm von mir, daß ich weine, fügte er hinzu, indem er die Thräne mit dem Rockſchoß abwiſchte, aber ich bin lange nicht mehr ſo glücklich geweſen. Der Plan zu Fräulein Rudenſköld's Wegführung wurde jetzt entworfen, worauf Döring und Fromm ſich trennten, indem ſie noch im letzten Augenblick einander herzlich die Hände ſchüttelten. Abber Döring hatte die Hoffnung, Fräulein Ruden⸗ ſköld von der Strafe der öffentlichen Ausſtellung zu retten, noch nicht gänzlich aufgegeben. Als er in die Hauptſtadt kam, bezog er in einem franzöſiſchen Hotel 314 dieſelben Zimmer, die er ſchon früher bewohnt hatte. Bereits ging allenthalben das Gerücht, daß Fräulein Rudenſkold am folgenden Tage ihre öffentliche Beſtra⸗ fung zu erleiden habe. In der Nacht konnte Döring kein Auge ſchließen. Schon früh am Morgen des 24. September trat er in den Audienzſaal des königlichen Schloſſes. Er bat, man möge ihn bei dem Könige anmelden. Man antwortete, der König ſchlafe. Er bat um eine Anmeldung bei dem Herzog. Auch der Herzog ſchlief. 3 Er ſuchte darauf Reuterholm. Reuterholm ſchlief. Alle ſeine Bemühungen, Aeußerungen eines leb⸗ haften, von edler Entſchloſſenheit beſeelten Jünglings⸗ charakters, ſcheiterten alſo, nachdem er den Hafen ſchon erreicht hatte. Mit einem qualvollen Gefühl verließ er das Schloß, und als er wieder auf den Hof hinabkam, ſtand am Thor ein ſchäumendes Pferd, noch zitternd von einem wilden Ritt. Der Reiter gönnte ſich kaum Zeit, um ſich zu ſchauen, ſondern eilte in's Schloß hinauf. Es war ein Kurier, den Sophie Albertine von Quedlinburg aus mit einem Schreiben geſchickt hatte, worin ſie ſich ebenfalls dringend für Fraͤulein Ruden⸗ ſköld verwendete. Der Kurier war ihr Kammerpage Weſtfeld. Aber was half das? Der Herzog ſchlief. 315 Einundzwanzigſtes Kapitel. Der 24. September 1794.) Wir verließen Fräulein Rudenſköld in ihrem Arreſt. Vor das Hofgericht berufen, entwickelte ſie den liebens⸗ würdigen Muth, die beſcheidene Naivität und den klaren Verſtand, wodurch ſie ſich ſo glänzend auszeichnete. Selbſt die Protokolle, die ſonſt ſehr häufig nichts als todte Regiſter ſind, bezeugen dieß. Bis gegen Ende März quälte man ſie beinahe täg⸗ lich mit neuen Verhören, wobei ſie mit den meiſten ihrer Bekannten confrontirt und nicht ſelten von Perſonen beleidigt wurde, die in die ſogenannte Verſchwörung noch tiefer verwickelt waren, als ſie ſelbſt, ohne daß ſie dieſelben jedoch bloßſtellte oder anklagte. Sie klagte nur ſich ſelbſt an. In den erſten Tagen des Aprils erklärte ihr der Fiskaladvokat Oerbom, daß ihre Sache klar ermittelt ſei und daß er ihre Freilaſſung verlangt habe, jedoch unter der Bedingung, daß ſie jeder gericht⸗ lichen Citation Folge leiſten müſſe; der Herzog da⸗ gegen habe beſchloſſen, daß man ſie im Arreſt behalten ſolle, bis die dem Baron Armfelt geſtellte Friſt, naͤm⸗ lich der 30. Mai, wo er entweder ſich einzuſtellen habe oder abweſend verurtheilt werden ſollte, vorüber wäre. Mit der frohen Hoffnung auf eine baldige Freiſprechung kehrte ſte daher in ihren Arreſt zurück. Wie bitter ſah ſie ſich jedoch nicht getäuſcht! Zu Ende Aprils wurde ſie von Neuem vor das Hofgericht gerufen. 1 — Es iſt unnitz, das Gericht länger hinter's Licht **) Diefes Kapitel iſt mit Ausnahme einiger ganz un⸗ bedeutender Veränderungen, die eigentlich mehr dem Styl gelten, ein getreuer Auszug aus den Memoiren Fräulein Rudenſköld's. 316 führen zu wollen, ſchnaubte der Reichsdroſt Wachtmeiſter mit finſterer Miene ſie an; hier ſind jetzt alle Ihre Briefe, die man dem Verräther Armfelt Abgenonien hat. Geſtehen Sie. Der Reichsdroſt legte hierauf ein großes Paket mit Briefen vor, und da Fräulein Rudenſköld zu ſtolz war, um ihre ſchriftlichen Mittheilungen zu verleugnen, ſo erkannte ſie dieſelben an, obſchon ſie dem Gericht das Recht beſtritt, eine Pdeztedrhindn dende die hauptſäch⸗ lich in Güiffern beſtand und überdieß ihrer Unterſchrift ermangelte, als ſchlagenden Beweis zu betrachten. brle Bemerkung erbitterte den Reichsdroſt noch mehr. — Ihr Kopf wird fallen, rief er, aber der Herzog, der immer mild iſt, will wenigſtens Ihre verdorbene Seele retten, welche Sie in den Abgrund ſtürzen, und hat deßhalb verordnet, daß derſelbe Geiſtliche, der Anker⸗ ſtröm auf den Tod vorbereitete, auch Sie beſuchen und Ihr verhärtetes, ſchlafendes Herz aufwecken ſoll. Tief verletzt durch dieſe Bemerfung, war Fräulein Rudenſköld nahe daran, ſich zu ereifern, that ſich jedoch Einhalt und blieb ruhig. Der Reichsdroſt fuhr indeß mit immer bittereren Vorwürfen und Ausfällen fort, ſo daß es für ſie end⸗ lich eine Pflicht wurde, zu antworten. — Hören Sie auf, Excellenz; ich habe ſchon gar zu lange eine Sprache angehört, die Ihr Amt erniedrigt. Wegen meines politiſchen Benehmens bin ich vor dieſen Richterſtuhl gerufen, und Sie beſitzen bloß das Recht, mich in dieſer Beziehung zu verhören und zu beur⸗ theilen; was mein Privatleben betrifft, ſo bin ich nur Gott verantwortlich, der in allen Herzen liest und eines Tags den Regenten, Sie und mich mit derſelben Ge⸗ rechtigkeit richten wird. Von dieſem Tage an wurde der Prozeß mit er⸗ neuertem Eifer und geſteigerter Rachſucht fortgeſetzt. Als der Fiskalanwalt endlich ſeinen Schlußantrag 317 ſtellen wollte, erhielt er Befehl, darauf zu dringen, daß ſie zum Verluſt ihres Lebens, ihrer Ehre und ihres Vermögens, ſowie zur Abhauung der rechten Hand und zur Enthauptung verurtheilt werden ſolle. Der Advokat weigerte ſich, dieſen Befehl zu erfüllen, weil er nach ſeinen Anſichten den geltenden Geſetzen widerſtritt. Man ſchickte ihm ein Aſſeſſorspatent nebſt einem erneuten Befehl; aber er ſandte das Patent zurück und erklärte, daß er bloß auf einen ſchriftlichen Befehl des Herzogs, der zu ſeiner perſönlichen Rechtfertigung im Archiv auf⸗ bewahrt werden müſſe, veranlaßt werden könne, dieſer Zumuthung nachzukommen. Das geforderte Schreiben kam und der Antrag wurde geſtellt. Bei der Abſtimmung, weorche der Fällung des Urtheils im Hofgericht voranging, ergab ſich eine Ma⸗ jorität für die Freiſprechung des Fräuleins; da entſchied aber der Reichsdroſt die Frage mit ſeinen zwei Stimmen. Der Herzog war indeß damit nicht zufrieden, ſon⸗ dern wünſchte, daß die Stimmen der Mitglieder wenig⸗ ſtens gleich ſein ſollten. Um dieſes Gleichgewicht zu Stande zu bringen, wurde einer von Reuterholm's Sekretären, ein gewiſſer Eidmann, beauftragt, ſich mit einem der Mitglieder des Hofgerichts, deſſen Name in den Memoiren des Fräu⸗ leins nicht angegeben iſt, der aber ſpäter wahnſinnig wurde und ſich in einem Paroxismus zum Fenſter hinaus⸗ ſtürzte, in Verbindung zu ſetzen, und dieſer Menſch ließ ſich überreden, ſein Votum zu ändern. Damit nichts den Ueberläufer beſtimmen könnte, ſeinem Verſprechen untreu zu werden, behielt Eidmann ihn auf dem Lande, bis die Sitzungsſtunde ſchlug, und begleitete ihn dann direkt auf's Hofgericht, wo er nun wirklich ſein erſtes Votum zurücknahm und für den Tod ſtimmte, fo daß die Abſicht des Herzogs erreicht war. Inzwiſchen genügten ſchon die beiden Stimmen des Reichsdroſtes, um die erforderliche Mehrheit zu Stande zu bringen. 318 Am Tag vor der Verkündigung des Urtheils hörte Fräulein Rudenſköld in dem Gang, der zu dem Arreſt führte, eine Stimme ganz deutlich einen Befehl er⸗ theilen, der ſie betraf. — Trage dieſes Kleid dem Fräulein Rudenſköld hinein, ſagte die Stimme zur Wache, und ſage ihr, daß ſie es morgen tragen ſolle, wenn ſie ſich vor dem Hof⸗ gericht zu ſtellen hat, um ihr Urtheil zu empfangen. Fräulein Rudenſköld erkannte Ullholm's Stimme. Als die Wache mit dem Kleid hereinkam, fand ſie, daß es eines ihrer ſchönſten weißen Kleider war. Da Ullholm ihr ſo häufig eine innige Theilnahme gezeigt hatte, ſo ahnte ſie, daß dieſe Aufmerkſamkeit eine beſondere Bedeutung haben müſſe. Hierin täuſchte ſie ſich auch nicht, und ſie ſollte bald über ſeine Abſicht aufgeklärt werden. Am ⸗Abend deſſelben Tages kam nämlich Eidmann zu ihr und ſagte ihr im Auftrag des Herzogs und Reuter⸗ holm's, daß ſie, um nicht gar zu ſehr erſchüttert, und der Wuth eines aufgebrachten Publikums bloßgeſtellt zu werden, ſich nicht vor dem Hofgericht einzufinden brauche, ſondern daß der Fiskalanwalt ihr das Urtheil im Arreſte verkündigen werde. Fräulein Rudenſköld erwiederte hierauf, ſie wolle ſich der Vorladung des Hofgerichts ganz und gar nicht entziehen, und ſie fühle die nöthige Kraft in ſich, um vor demſelben zu erſcheinen. Zur ſelben Zeit war es, wo man auf offener Straße Briefe ausrief und verkaufte unter dem unverſchämt krän⸗ kenden Titel:„Briefe der gefangenen vormaligen Hof⸗ dame, jetzt Magdalene Charlotte Karlsdotter, an den Reichsverräther, der früher Baron Armfelt hieß, jetzt vogelfrei iſt unter dem Namen Guſtav Moritz, ihre Liebesabenteuer betreffend. Ueberſetzt aus dem Fran⸗ zöſiſchen.“ Man wollte ſie hindern, vor einem größern Publi⸗ kum zu erſcheinen, um dadurch dem ausgeſprengten 319 Gerücht Glauben zuß verſchaffen, daß ſie ſich in einer Lage befinde, die ihr nicht erlaube, ſich öffentlich zu eigen. de Das Weib ahnt oft die Kabalen um ſich her, ohne ſie näher zu kennen. Am Morgen, wo ſie vor das Hof⸗ gericht treten ſollte, kleidete ſie ſich mit der größten Sorgfalt. Ihr kurz abgeſchnittenes Haar fiel in natür⸗ lichen Locken um ihr Geſicht, und ſie zählte bloß fünf⸗ undzwanzig Jahre.. Sie hatte alles Recht, auf das Mitleid des Publi⸗ kums zu hoffen. 3 Escortirt von ſechzig Soldaten und vier Offtzieren, ging ſie die dreißig Treppenſtufen zu dem oberen Ge⸗ richtsſaale hinauf, den ſie ſchon von unten aus von einer zahlloſen Menſchenmaſſe, die ſich Kopf an Kopf drängte, angefüllt ſah. Im Augenblick, wo ſie die oberſte Treppenſtufe betrat, nahmen alle Anweſenden die Hüte ab. Dieſer von Theilnahme zeugende einfache Gruß erfreute ſie; zu gleicher Zeit drängte ſich ein unbekannter junger Mann durch die Wache durch und überreichte ihr eine Dornroſe und eine Immortelle, worauf er ſich wieder unter den Hau⸗ fen zurückzog. Gerührt durch dieſen Beweis von Wohlwollen, ver⸗ mochte ſie ihre Thränen nicht zurückzuhalten. Glän⸗ zend fielen ſie über ihre Wangen hinab, unfreiwillige Beweiſe ihrer Erkenntlichkeit. Mit derſelben Achtung wurde ſie in all' den Zim⸗ mern empfangen, durch welche ſie paſſiren mußte. Im Sitzungsſaale angelangt, traf ſie Aminoff, Ehrenſtröm und mehrere der Angeklagten bereits da, und man führte ſie an's obere Ende des Tiſches, wo ſie allen Blicken ausgeſetzt war. Nachdem die Urtheile der Uebrigen verleſen waren, kam man endlich auch an das ihrige. Bis zu dieſem Augenblick hatte unter den Zuhörern 32²0 ein tiefes Schweigen geherrſcht, aber jetzt brach ein dumpfes Gemurre aus. Der Reichsdroſt ergriff ſogleich ſeinen Stab und that haſtig drei Schläge auf den Tiſch, indem er Schwei⸗ gen gebot; aber das Gemurre nahm zu. Jetzt erhob Fräulein Rudenſköld mit einem bitten⸗ den Blick auf das Publikum ihre Hand, und ſogleich verſtummten Alle. 1 Das Urtheil wurde verleſen. Es koſtete ſie nicht eine einzige Thräne. Sie war des Lebens überdrüſſig und ſie dachte, es müſſe recht angenehm ſein, ſterben zu dürfen. Nach der Verleſung wandte ſich der Reichsdroſt an die Verurtheilten und ermahnte ſie, auf dem Gnaden⸗ weg den Regenten um Milderung anzugehen. Fräulein Rudenſköld erklärte ſogleich, daß ſie mit ihrem Urtheil zufrieden ſei. Kaum hatte man ſie in den Arreſt zurückgeführt, als Reuterholm's Factotum, der Handſekretär Eidmann, wieder bei ihr eintrat. Dießmal kam er mit einem, wie er ſagte, aufge⸗ fangenen Brief von Baron Armfelt, der bereits erbro⸗ chen war. Auf den Umſchlag hatte der Herzog mit eigener Hand die Worte geſchrieben: Möge Fraͤulein Rüden⸗ ſköld einmal den niedrigen Menſchen kennen lernen, dem ſie ihre Wohlfahrt geopfert hat. Fräulein Rudenſköld las den Brief und fand darin Anſichten ausgeſprochen, die für ſie im höchſten Grad beleidigend waren und worin ſogar ihre Ergebenheit gegen Armfelt beſpöttelt wurde. Sie durchlas ihn mehrere Male, ſie litt grauſame Qualen, der kalte Schweiß rann in großen Tropfen über ihre Stirne hinab, und krampfhaft preßte ſie das Schreiben in ihrer Hand zuſammen; aber da fiel ihr Blick auf Eidmann, und ſie bemerkte, wie dieſer ſie mit heimlicher Schadenfreude betrachtete. 1 88 321 Sie heftete jetzt ihre Aufmerkſamkeit von Neuem auf den Brief und durchlas ihn mit mehr Ruhe als zuvor. — Nun, mein Fraͤulein, ſagte Eidmann endlich zu ihr, welche Antwort ſoll ich dem Herzog bringen? — Antworten Sie dem Herzog, mein Herr, daß Baron Armfelt's Hand nicht genau genug nachgeahmt worden iſt, um meine Augen zu täuſchen. Erſt nachdem das Urtheil des Hofgerichts gefällt nar, erhielten ihre Verwandten Erlaubniß, ſie zu be⸗ uchen. Vom Hofgericht ging das Urtheil an das Ober⸗ tribunal und wurde dann dem Regenten vorgelegt. Alles dieſes zog ſich bis gegen Ende Septembers hin⸗ aus. Im Conſeil votirte der Reichskanzler Graf Fried⸗ rich Sparre,*) daß ſie an den Schandpfahl gebunden werden und dreißig Ruthenhiebe erhalten ſolle. Auch Reuterholm ſtimmte dafür. Der Herzog Friedrich da⸗ gegen, der immer Freundſchaft und Achtung für ſie be⸗ wahrte, ſtand jetzt erzürnt auf und erklärte ſeinem Bruder, dem Herzog Karl, daß er ſich aus dem Con⸗ ſeil entfernen werde, wenn der Herzog ihn nicht von ſchlechten Perſonen ſäubere, die gänzlich unwürdig ſeien, darin zu ſitzen. Der Regent erklaͤrte ſeinem Bruder, *³) Der ſpäter ſo bekannt gewordene Hans Järta war einer von Sparre's Sekretären. Eines Tags, als Sparre dictirte und Järta ſchrieb, konnte ſich der Letztere eines Lächelns über eine einfältige Satzſtellung nicht enthalten. Sparre bemerkte das Lächeln und ſagte: In meiner Jugend mußte man ohne alle Bemerkung Alles ſchreiben, was dictirt wurde, und wenn es noch ſo dumm war. Ach, Ew. Excellenz, antwortete Järta, daſſelbe müſſen wir noch heute thun. Die Anekdote charakteriſirt den Mann. 4 Der Trabant. IV. 21 322 es ſtehe ihm frei, zu gehen, wohin er wolle, und Prinz Friedrich entfernte ſich. Inzwiſchen fand hiebei eine heftige Scene ſtatt, die damit endigte, daß der Prinz ſeinen Stuhl an die Wand warf. Während die Unterſuchung im Hofgericht ihren Fortgang nahm, hatte der Reichsdroſt ſich äußerſt ſtreng gegen die Angeklagten gezeigt; im Conſeil dagegen führte er eine ganz andere Sprache; er trat ſogar gegen Reu⸗ terholm und Sparre auf und verlangte eine Milde⸗ rung des Urtheils. Er verband ſich auch mit dem Prinzen Friedrich und entfernte ſich zu gleicher Zeit wie er. Dadurch erhielten die Verfolger des Fräuleins freies Feld im Miniſterrath. Das ſogenannte mildernde Ur⸗ theil ſiel daher ſo aus, wie wir es ſchon oben mitge⸗ theilt haben. Prinz Friedrich begab ſich aus dem Conſeil direct zu Fräulein Rudenſköld's Schweſter und forderte ſie auf, ſich dem Herzog Regenten zu Füßen zu werfen und nicht von ihm zu laſſen, bis er eine vollkommene Gnade bewilligt habe; aber ſie glaubte bereits zu wiſſen, daß der Herzog verſichert habe, es ſolle der Verurtheilten kein Leid angethan werden, und darauf verließ ſie ſich, wie ſie denn auch überzeugt war, daß die Herzogin nicht gleichgültig bleiben würde. Als der 24. September kam, verließ ſich Jeder⸗ mann darauf, daß die Freigebung Fräulein Rudenſköld's durch das Ehrenwort des Herzogs geſichert ſeiz aber wie ſchrecklich ſollte man nicht in dieſen Hoffnungen getäuſcht werden! Morgens acht Uhr trat der Gardemajor Baron Silberhelm mit dem Ausdruck der größten Bekümmer⸗ niß und Verzweiflung auf dem Geſichte in ihren Arreſt. Fräulein Indenſtold wußte noch nichts von der Abänderung des Urtheils. — Unglückliche, ſagte er, wenn Sie jemals Seelen⸗ ſtärke nöthig hatten, ſo iſt es heute. was Ihnen bevorſteht. — Der Tod. — Etwas tauſendmal Schlimmeres als der Tod. Sein Schmerz zitterte in einer hellen Thräne in ſeinem theilnehmenden Auge, aber er hatte nicht Zeit, in ſeiner Mittheilung fortzufahren, weil in dieſem Au⸗ genblick der Schloßvogt, umgeben von mehreren Per⸗ ſonen, eintrat und verkündete, daß der Herzog aus großer Gnade ihr das Leben geſchenkt habe, daß ſie aber... und nun verkündete er das letzte Urtheil mit dem Zuſatz, ſie ſolle ſich bereit halten, binnen drei Stunden ihre Strafe anzutreten. Fräulein Rudenſköld's Verzweiflung und Schrecken laſſen ſich nicht beſchreiben. Muthig und entſchloſſen proteſtirte ſie jedoch gegen die Abänderung des Urtheils, worüber ſie ſich nicht beklagt habe, und erbat ſich die Vollſtreckung des hofgerichtlichen Spruches als Gnade. Aber auf Alles, was ſie in ihrer Verzweiflung vortrug, gab man ihr zur Antwort, daß ſie bloß zu gehorchen habe. Von qualvollen Betrachtungen erſchüttert, faltete ſie ihre Hände. — Gerechter Gott, ſeufzete ſie, Du wirſt dereinſt richten zwiſchen mir und meinen Richtern. Sobald der Schloßvogt abgetreten war, traten die wachehabenden Offtziere ein, erklärten, daß es unter ihrer Würde ſei, ſie jetzt zu bewachen, nachdem ſie ihren Adel und ihre Ehre verloren, und verließen ſie. An ihrer Stelle traten jetzt ein Polizeidiener und ein Corporal von der Wache ein. Fräulein Rudenſköld bat nun den Baron Silber⸗ helm, er möchte ihr erlauben, die drei Stunden, die man ihr gelaſſen, allein zu bleiben. — Seien Sie überzeugt, daß ich mit Vergnügen einwilligen werde, wenn Sie mir nur verſprechen, Ihr Leben nicht anzutaſten. — Ich bin auf's Tiefſte anſgeredt... beinahe Sie wiſſen nicht, 324 wahnſinnig vor Verzweiflung... darüber können Sie ſich nicht wundern... aber beim Himmel, ein ſolcher verbrecheriſcher Gedanke iſt dennoch fern von mir. Silberhelm befahl hierauf dem Polizeidiener und dem Corporal, ſich zu entfernen. Sie war jetzt allein mit ihrem Schmerz. Dieſe drei Stunden verbrachte ſie im Gebete, wäh⸗ rend man beſtändig in ihrem Arreſt aus⸗ und einging. Ihr gewaltſam klopfendes Herz war von Gefühlen auf⸗ geregt, die ihr keinen Augenblick Ruhe ließen. Um elf Uhr kam Silberhelm zurück, um ſie ab⸗ zuholen. Wie von einem Schwindel ergriffen, ſtürzte ſie die Treppe hinab und befand ſich auf der Straße, ehe noch der Wagen angekommen war. Selbſt nicht mehr wiſſend, was ſie that, durchbrach ſie das Spalier, welches die ſchwediſche Garde bildete, und blieb in namenloſem Entſetzen erſt beim Anblick des Schandpfahles ſtehen. Verwirrt blickte ſie jetzt um ſich. Der ganze Markt war voll von Menſchen, aus allen Fenſtern ſchaute Kopf an Kopf. Die Dächer, ſogar die Schornſteine waren mit Zuſchauern beſetzt, aber deß⸗ ungeachtet herrſchte eine ſo tiefe Stille, daß ſie hörte, wie der eine und andere auf ſein Gewehr geſtützte Sol⸗ dat laut ſchluchzte. In dieſem Augenblick entſchwanden ihre Kräfte und nur mit Mühe vermochte ſie die ſteinerne Treppe hin⸗ auf bis an den Pfahl zu gehen, wo ihr Urtheil auf's Neue vor dem Publikum verleſen wurde. Das Publikum empfing es mit einem Mißvergnü⸗ gen, das ſich in ſchrecklichen, wilden Ausrufungen, ver⸗ miſcht mit Drohungen gegen die Regierung, Luft machte. Tauſend Stimmen vereinigten ſich zu einer einzigen, und dieſe einzige ſchleuderte einen einmüthigen Fluch gegen die Regierung. In dieſem Augenblick fühlte Fräulein Rudenſköld eine grobe Hand, die ihre Schulter berührte, um ihr 3²25 das Halstuch abzureißen. Haſtig wandte ſie ſich um und erblickte jetzt vor ſich den Henkersknecht mit dem eiſernen Halsband in der Hand, das er ihr um den Hals legen wollte. Mit einem Schrei des Entſetzens warf ſie ſich be⸗ ſinnungslos die Treppe hinab und ſiel ohnmächtig zur Erde nieder. Noch nach vielen Jahren ſtand dieſer Augenblick ſo lebhaft vor ihrem Gefühl, daß ſie jedesmal, ſo oft ſie ſich darau erinnerte, von einem krampfhaften Zittern befallen wurde. Und der Herzog, und die Gnade, die er verſpro⸗ chen hatte? Um dieſe zu nichte zu machen, hatte Reu⸗ terholm die Stunde der Vollſtreckung des Urtheils frü⸗ her angeſetzt, ſo daß ſie ſtattfand, ehe der Herzog er⸗ wachte. Als einen weitern ſchrecklichen Beweis für die gren⸗ zenloſe Rachſucht, welche die Handlungsweiſe ihrer Ver⸗ folger leitete, mag man hier noch anführen, daß ihr Bruder Bengt Befehl erhielt, die zur Exrecution be⸗ orderte Mannſchaft zu kommandiren. Umgeben von der Wache, wurde ſie ohnmächtig in's Spinnhaus gebracht. Erſt Nachmittags kam ſie wieder zur Beſinnung, und als ſie ihre Augen aufſchlug, be⸗ fand ſie ſich ganz allein auf dem Boden des Arreſt⸗ zimmers liegend, mit einem Waſſerkrug und einem Glas Wein neben ſich. Fräulein Rudenſköld hatte den ganzen Tag nichts genoſſen, und ſie nahm das Weinglas, um ihre trockene, brennend heiße Zunge zu letzen, aber als ſie es vom Boden erhob, hörte ſie auf einmal ein ſchreckliches Geſchrei: — Sie lebt, ſie lebt! Entſetzt blickte ſie auf, da ſie nicht begriff, woher das Geſchrei kam, und nun bemerkte ſie zu ihrem Schrecken an den Fenſtern gegenüber dem ihrigen ſämmt⸗ 326 liche Bewohner des Spinnhauſes, Geſicht an Geſicht, zuſammengedrängt, um ſie neugierig zu begaffen. Von einem unbehaglichen Gefühl ergriffen, wollte ſie aufſtehen und ſich auf eine andere Seite des Zim⸗ mers begeben; aber ihre Kräfte verließen ſie und ſie ſank von Neuem ohnmächtig nieder. Abends ſieben Uhr kamen Ullholm und mit ihm auch ihre Schweſter und Bengt nebſt ihrer Kammer⸗ jungfer, und verſchafften ihr ein Bett und Kleidungsſtücke. Man hob ſie vom Boden auf und brachte ſie bald in’'s Bett. Als man ihr die Strümpfe abzog, ging die Haut mit, und der Chirurg, der ihr die Füße verband, erklärte, dieß komme von ihrem heftigen Auf⸗ und Ab⸗ ehen am Morgen her; dadurch aber ſei ſie wahrſchein⸗ ich von einem Schlage befreit worden, weil dieß das Blut von ihrem Kopfe abgeleitet habe. In der Nacht erkrankte ſie an einer Bruſtentzün⸗ dung, hatte aber gleichwohl Kraft genug, um an ihre Mutter ſchreiben zu können. Ihre Geſchwiſter wünſchten, daß die Mutter über ihr Schickſal in Unkenntniß erhalten werden ſollte, und ſie erzählte deßhalb in ihrem Brief, der Herzog habe ſie vollkommen begnadigt, dagegen werde ſie noch im⸗ mer auf einem Landſitze bewacht, wo ſie ſich recht gut befinde. 3 In der Nacht blieb Bengt bei ihr. Er war ſtill und verſchloſſen. Düſtere Gedanken hatten ſeine Seele erfaßt und bittere Gefühle regten ſein Gemüth auf. Erſchöpft von heftigen inneren Leiden gewann die Natur endlich ihr Recht wieder, und er verſank in einen tie⸗ fen Schlaf. Nur in die Augen des Fräuleins kam kein Schlum⸗ mer. In dieſem Augenblick war Alles um ſie her ſtill; nur ihre eigenen Seufzer ertönten im Zimmer. Da hörte ſie, wie die Thüre leiſe geöffnet wurde und vorſichtige Tritte ſich ihr näherten.„ — Wachen Sie, Fräulein? flüſterte eine leiſe Stimme. u S u n n 4 d — —, —„ — Wer iſt es? Was wollen Sie? — Ich will Sie retten, Fräulein, ſtehen Sie auf, kleiden Sie ſich an und folgen Sie mir. In der Dämmerung erkannte ſie den Gefangen⸗ wärter. Es war Fromm. Döring und er hatten Alles zu ihrer Flucht geordnet. — Ein Wagen mit ſechs Pferden erwartet Sie und Ihre Kammerjungfer vor der Hornduane, folgen Sie mir. Die Augenblicke find koſtbar. Ein ehrlicher und rechtſchaffener Mann, den Sie wohl kennen, er⸗ wartet Sie dort, um Sie fortzuführen, wohin Sie nur wollen. An Geld ſehlt es nicht und bei Alſverhoff in Hamburg liegt noch mehr bereit. Eilen Sie nur... die Stunden ſind gezählt. Fräulein Rudenſföld wandte ſich um und betrach⸗ tete ihn ruhig. — Sie ſind alſo ſelbſt herein gekommen, um meine Flucht zu unterſtützen? — Ja. — Haben Sie die Folgen Ihres ſo kühnen Unter⸗ nehmens überlegt? — Darum bekümmere ich mich nicht. — Haben Sie ein Weib? Haben Sie Kinder 2 — Allerdings. — Dann folge ich Ihnen nicht. Denn wenn das Unternehmen auch Ihnen ſelbſt keine Gefahr brächte, ſo würden doch Ihre Angehörigen dadurch in’s Unglück geſtürzt. Ich bin ein Weib und habe viel gelitten... ich weiß, was ein Weib leiden kann... verlaſſen Sie mich... überdieß habe ich keine Luſt mehr, mich in neue Abenteuer zu werfen. — Sie wollen nicht? — Nein. 3 — Sie ſtoßen die rettende Hand zurück, die Ihre treueſten Freunde Ihnen bieten? 1 — Verlaſſeu Sie mich, habe ich geſagt, ich will allein ſein.— 1 328 — AOch mein Gott! — Verlaſſen Sie mich. Fromm entfernte ſich, tief bekümmert über das Mißlingen ſeines Unternehmens, und eilte, Döring davon zu unterrichten. Am folgenden Tag verbreitete ſich das Gerücht, Fräulein Rudenſköld ſei geſtorben. Aus Veranlaſſung dieſes Gerüchtes kam eine Deputation der Stockholmer Bürgerſchaft zu Ullholm und erbat ſich die Erlaubniß, für ihre Beerdigung zu ſorgen, welche ſie ſo glänzend als möglich machen wollte. Aber leider lebte das un⸗ glückliche Opfer des unauslöſchlichen Haſſes einer heim⸗ tückiſchen Regierung noch immer. Als Fräulein Rudenſköld wieder genas, ſtellten ſich Mitglieder des Handelskollegiums bei ihr ein und erklärten ihr, daß ſie ſich noch immer erinnern, welche Ergebenheit und Liebe ſte ihrem Vater als ihrem ehemaligen Präſidenten ſchulden, daß ſie deßhalb ſeiner unglücklichen Tochter einen Beweis davon zu geben wünſchen und daher be⸗ ſchloſſen haben, da das Spinnhausgebäude dem Colle⸗ gium gehöre, ihr eigends für ſie eingerichtete und mö⸗ blirte Zimmer nebſt Küche mit einem eigenen Ausgang und Ausſicht auf einen Garten zu überlaſſen, wenn ſie nur verſprechen wolle, dieſe Freiheit nicht zu mißbrau⸗ chen, um ſie nicht dem Zorn des Herzogs auszuſetzen, ohne deſſen Vorwiſſen das Anerbieten gemacht wurde. Mit Freude und Dankbarkeit gab ſie ihr Verſpre⸗ chen und bezog die angebotenen Zimmer. Von dieſer Zeit an war der Garten ihr ein lieber Platz, wohin ſie ſich faſt täglich begab, ſobald die mit eiſernem Gitter verſehene Eiſenthüre, die jeden Morgen und Abend verſchloſſen wurde, ihr freien Weg geſtattete. Fräulein Rudenſköld hatte eine Schuld von unge⸗ fähr 1000 Thalern. Sie berieth ſich mit ihren Angehörigen darüber, und dieſe forderten ſie auf, eine Vermögens⸗ abtretung zu machen; aber ſtatt einen ſo demüthigenden Schritt zu thun, ließ ſie ihre Effekten, die ſich noch in ihrem Zimmer im Palaſt der Prinzeſſin Albertine be⸗ fanden, öffentlich verſteigern. Das Wohlwollen des Publikums rettete ſie auch. Alles wurde weit über ſeinem Werth verkauft, ſogar ungleiche Handſchuhe, weil ſie ihr gehört hatten. Die Herzogin ließ von ihrer Schweſter Etwas be⸗ gehren, das dem Fraͤulein gehört hatte, und ſie ſchickte ihr einen Ring mit einem Minervakopf. Als der Herzog dieß erfuhr, fragte er ſeine Gemahlin in Anweſenheit des Hofes, ob das Gerücht Grund habe, und ſie ge⸗ ſtand es ein mit dem Bemerken, daß ſie es für kein Verbrechen halte, eine Erinnerung an eine Perſon zu tragen, die ihr lieb ſei und immer lieb bleiben werde, obſchon ſie ſich im Unglück befinde. Fräulein Rudenſköld's Arreſt währte dreiundzwanzig Monate, und in dieſer Zeit durfte ſie Niemand anders als Perſonen aus ihre Verwandtſchaft ſehen. Dieſe letztere Bedingung wurde inzwiſchen nicht ſo ſtreng eingehalten. Adlerſparre, Löwenhelm, Steinbock und Rothlieb beſuchten ſie manchmal, nachdem es ihnen gelungen war, die Erlaubniß des Gefängnißwärters zu erhalten, und zwar thaten es dieſe Herren trotz dem, daß Adlerſparre dienſtthuender Adjutant bei dem Herzog, Löwenhelm dienſtthuender Kammerherr und Rothlieb Stallmeiſter war. Von Seiten des Publikums empfing ſie mehrere Beweiſe von Freundſchaft und Theilnahme, worunter erwähnt werden mag, daß der Eigenthümer des Mieth⸗ wagens, worin Adlerſparre einmal nach Langholm fuhr, jede Bezahlung dafür ausſchlug und ihn bat, ſeinen Wagen unentgeltlich zu benützen, ſo oft er die Unglück⸗ liche beſuchen wolle. Am Chriſtabend erhielt ſie zahlreiche, ſchmeichelhafte Geſchenke, die Bäckergeſellſchaft ſchickte ihr große Körbe mit feinem Brod, das ſie unter den Arreſtanten ver⸗ theilen ließ. Die Metzger ſchickten ihr Fleiſchwaaren, die Kaufleute Spezereiſachen. Mit einem Wort, ſie er⸗ 330 hielt Alles, was ſie für ihre Haushaltung bedurfte, und noch überdieß eine Maſſe anderer Weihnachtsgeſchenke mit artigen Allegorien und theilnahmsvollen Deviſen. Nach Verlauf der dreiundzwanzig Monate begann der Herzog durch oft erneuerte Botſchaften ihr ihre Freiheit anzubieten, unter der einzigen Bedingung, daß ſie ihren Namen nicht zurückfordere. In der That ſelbſt war es ihr allerdings gleich⸗ gültig, ob ſie Fräulein Rudenſföld oder bloß Mag⸗ dalene Charlotte Karlsdotter genannt wurde. Aber da juſt der letztere Name einen Schandfleck für ſie enthielt, ſo weigerte ſie ſich, ihre Freiheit anzunehmen, wenn ſie nicht vollkommen rehabilitirt würde. Endlich am vierundzwanzigſten Juni überbrachte ihr derſelbe Eidmann, der ſie ſchon früher in den Reu⸗ terholm'ſchen Angelegenheiten beſucht hatte, ein herzog⸗ liches Patent, worin ſie vollkommen rehabilitirt und ihr als Erſatz für verlorene Penſionen und Beſoldungen ein Landſitz in Gothland angeboten wurde. Der eigentliche Grund der Schenkung war jedoch der, daß man ſie zu entfernen und unter eine gewiſſe controlirende Polizeiaufſicht ſtellen wollte. Fräulein Rudenſköld war dankbar für die ihr auf ſolche Art wieder geſchenkte Freiheit, weigerte ſich aber, das Gut anzunehmen und ſich nach Gothland zu bege⸗ ben, wenn man ihr nicht vollkommen freien Willen ließe; auch dieß wurde endlich geſtattet, jedoch gegen ihr ſchriftliches Verſprechen, die Inſel, ohne königliche Erlaubniß nicht verlaſſen zu wollen. Jetzt wurde des Herzogs Yacht ausgerüſtet und das Fräulein nach Gothland geführt, wohin nur ihr Bru⸗ der Bengt und Doctor Zeitſtröm ſie begleiteten, welcher letztere ſogleich zurückkehrte. Sechs Monate ſpäter hatte Guſtav Adolph die Re⸗ gierung angetreten, und der erſte Akt, den er unter⸗ zeichnete, war ihre vollſtändige Rehabilitation. 331 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Die Taubenpoſt. Als Döring ſah, daß er für Fräulein Rudenſköld nichts thun konnte, verließ er Schweden ſogleich. In Quedlinburg wurde er von der Prinzeſſin Al⸗ bertine mit Wohlwollen aufgenommen, zumal da er ihr Nachrichten über die letzten Ereigniſſe in Stockholm mit⸗ brachte. Was jedoch dem Hof der Prinzeſſin für Döring den größten Reiz verlieh, war Louiſen's Aufenthalt daſelbſt. Er ſah ſie wieder und zwar mit Erlaubniß ihres Vaters. Er berichtete ihr umſtändlich von ſeinem Be⸗ ſuch bei dem alten Grafen und der Antwort, die er von ihm erhalten hatte, eine Antwort, die er überdieß auch ſchriftlich mitbrachte. Der Graf hatte allen ſeinen Forderungen in Be⸗ treff eines altadeligen Namens entſagt; er verlangte nur einen fleckenloſen Namen, und Niemand zweifelte daran, daß Döring bald ſein Recht auf einen ſolchen würde beweiſen können. Louiſe und er lebten in ihrer Hoffnungen. Döring hatte noch einige Tage, bevor er nach Wismar reiſen mußte, um daſelbſt mit Armfelt zuſammenzutreffen. In dieſen Tagen waren die zwei Liebenden beinahe unauf⸗ hörlich beiſammen, und ihre Herzen öffneten ſich ſtünd⸗ lich mehr und mehr für einander. Welche neue ſchöne Einblicke in geiſtige Schätze, die ſie früher nur unvollkommen geahnt hatten, ließen ſie ſich nicht gegenſeitig zu Theil werden! Welche neue Welt von innerer Schönheit ging nicht für ſie auf, eine Welt blühend von wahrer und reiner Liebe, geordnet von einem freien und edlen Verſtand. Man erzählt, daß in den älteſten Zeiten Engel durch die Liebe vom Himmel herabgelockt wurden und 33²2 mit den ſchönen Töchtern der Erde ſpielten. Wir wol⸗ len eins gegen tauſend wetten, daß dieſe Engel nie mehr in den Himmel zurückkehrten, ſondern ſich in den Herzen der Männer anſäßig machten, mit allen ihren Erinne⸗ rungen aus dem Himmelreich, Erinnerungen von mil⸗ den Chören da oben, von dem friſchen Glanz der Sterne und dem blaſſen, ſchmachtenden Schimmer des Mondes. Liebe wahr, und Du wirſt es ſelbſt glauben; liebe, und je mehr Du liebſt, deſto mehr Erinnerungen vom Himmel werden in Deinem Herzen erwachen. Die Liebe legt die Leyer in Deinen Arm; was Du ſingſt, ſind Reminiscenzen von oben. Die Liebe belebt Deine Phan⸗ taſie, und in der Phantaſie lebſt Du wieder dort unter den Sternen. Wenn die Liebe vordem die Engel herablockte, ſo lockt ſie jetzt unſere Gedanken zum Himmel hinauf. Glücklich diejenigen, die wahr, lebendig, warm lieben. Louiſe und Döring thaten dieß und ſie waren auch glücklich. In dem Schloß, wo die Prinzeſſin Sophie Alber⸗ tine ihren kleinen Hofhalt aufgeſchlagen hatte, befanden ſich einige ausgezeichnet ſchöne Tauben, die bald Dö⸗ ring's und Louiſen's Lieblinge wurden. Dieſe kleinen, ſo hübſch befiederten Günſtlinge wa⸗ ren weiß und hatten einen einzigen Ring von glänzen⸗ der blaugrüner Farbe um den Hals. Sie waren von ausgezeichneter Race, ſchnell in ihrem Flug, klug in ihren Bewegungen, zärtlich und treu in ihrer Liebe. Louiſe und Döring hatten ihnen auf ihren Spazier⸗ gängen oft zugeſehen und ſcherzend mit ihnen geplau⸗ dert, wie wenn die guten Thierchen ſie hätten verſtehen können. Die Wärterin hatte jeder Taube ihren Namen ge⸗ Veben. Dort gurrte Leander vor dem Taubenſchlag, hier brüſtete ſich Alexander vergnügt darüber, daß er dem Darius eine Erbſe geraubt, hier biß ſich Cleopatra 333 in den Flügel, dort entfloh Antonius vor einem Ha⸗ bicht u. ſ. w. Die Wärterin wußte auch von jeder Taube eine lange Geſchichte zu erzählen. Das Hauptverdienſt, das ſie ihnen nachrühmte, beſtand darin, daß ſie eben ſo zuverläſſige als flinke Briefträger ſeien, und in dieſer Beziehung beſtärkte ſie ihre Angaben mit einer Maſſe von Beiſpielen. Wenn man die Alte hörte, ſo waren dieſe Tauben wahre Wunder von Verſtand und Geſchwindigkeit, von Treue und Zuverläſſigkeit. Die Zeit nahte, wo Döring Quedlinburg verlaſſen ſollte, um mit Armfelt in Wismar zuſammenzutreffen. Es war ein ſchöner Abend. Die Sonne ging ſo mild, ſo klar, ſo warm und lieblich unter. Der Sommer war zwar vorbei, aber ein ſchöner Nachſommer bewahrte gleichſam all die ſchönen Schätze der Natur vor Vergänglichkeit. Die Luft war warm und angenehm, der Himmel hellglänzend, die Haine ſtanden ſo prachtvoll da, als hätten die Winde noch nicht das Herz gehabt, ihnen auch nur ein einziges Blatt aus ihrem buſchigen Schmucke zu rauben... da und dort ſeufzte jedoch bereits der Wind, als ahnte er die Zeit der bald kommenden Verwandlung. Louiſe und Döring hatten einander auf einer Pro⸗ menade getroffen. Es war der letzte Abend, den ſie zuſammen verbringen durften. Am folgenden Tag ſollte Döring abreiſen. Von welchen Dingen glaubt ihr wohl, daß ſie ſprachen? Sie ſprachen von denſelben Dingen, wie ihre Blicke. Und von was ſprachen wohl dieſe? Haſt Du in einer ſchönen Sommerſtunde die Winde ſeufzen gehört? Haſt Du die Blumen lächeln geſehen? Dann verſtehſt Du auch, wie die diebenden K dieſer Stunde ſeufzten und wie ihre Lippen lächelten. In ihrem Herzen war es eine ſchöne Sommerſtunde. Bald ſollte ihr Schickſal entſchieden werden. Welche Wonne flößte 334 ihnen nicht dieſer Gedanke ein, und zu gleicher Zeit welche Furcht! Keines von Beiden wagte davon zu ſprechen, und gleichwohl konnten ſie an nichts Anderes denken. Ihre Bekümmerniß ſchlich ſich in ihre Seligkeit ein, wie der Tod ſich in einer ſchönen Abendſtunde mit kaltem Hauch bei uns einſchleicht. Welche Hoffnung, welche Unruhe zugleich! Die Hoffnung zeigte ihnen in dem einen Augenblick eine ſo glückliche und ſo einneh⸗ mende Zukunft, wo die Liebe ihnten mit holden und reizenden Bildern entgegenlächelte; im andern Augen⸗ blick kam die Unruhe wie eine Nacht voll von dunkeln und grauenhaften Erſcheinungen. — Könnte ich Dir nur folgen, flüſterte Louiſe, Kummer und Unruhe werden mich tödten, während ich Deine Rückkehr erwarte. — Hätte ich nur Flügel... ich würde zu Dir fliegen... — Flügel, ja Du haſt Recht. Warum haben wir keine Flügel? Da fällt mir jedoch etwas ein. — Auch ich glaube, daß ich einen guten Vorſchlag zu machen habe. Beide hatten zu gleicher Zeit einen und denſelben Gedanken bekommen. — Die Tauben. — Eine Taubenpoſt. — Ich will eine Taube mit mir nehmen. Sobald ich mein Schickſal weiß, ſchicke ich Dir ſogleich einen Brief. f. Welch ein glücklicher Gedanke! Ich werde alſo nach wenigen Minuten die Zukunft kennen lernen, die uns erwartet. Louiſe und Döring waren neben einem Blumenbeet ſtehen geblieben. 8 1. — Siehſt Du, wie glühend die Wangen dieſer Blumen ſind? 1 — Es iſt Feuer in ihrem Blut. Ihr Herz flammt. — Die Roſe iſt die glückliche Liebe. — und an ihre Seite hat man die blaſſe ſchnee⸗ weiße Lilie geſtellt. — Ihr Herz iſt ſtehen geblieben. Der Schmerz hat jeden Blutstropfen aus ihren Wangen verjagt. Sie ſind blaß wie der Tod, blaß wie die Verzweiflung. — Die Lilie iſt eine todte Roſe; ſie iſt das Ge⸗ ſpenſt der unglücklichen Liebe. — Laß uns dieſe zwei Blumen brechen und als eine Erinnerung an dieſe Stunde bewahren. — Ich nehme zwei Blätter, ein rothes und ein weißes. — Du nimmſt ſie. — Wenn Alles ſo ausfällt, wie ich hoffe, ſo werde ich ein rothes Blatt der Taube unter die Flügel heften, ... Du wirſt es verſtehen; endet es dagegen ſchlecht, o mein Gott, ſo werde ich die Taube mit dem weißen Blatt abſenden. — Ich werde hier ſitzen und die Botſchaft er⸗ warten: der weiße Flügel, aber das rothe Blatt... Da fühle, Moritz, wie mein Herz ſchlägt. — Muth, Louiſe, Muth! denn in Kurzem wer⸗ den wir einander gehören. Welches Glück, welche Seligkeit! — Was die Sonne für die Natur iſt, das iſt die Liebe für uns. Ohne ſie, wie düſter, mit ihr, wie klar und bluͤhend iſt nicht Alles um uns her! So ſprachen die jungen Leutchen, noch reich an Hoffnungen und gluͤcklich in ihren Traͤumen. Am folgenden Tag, ſchon früh Morgens, reiste Döring von Quedlinburg ab, nur von ſeinem treuen Diener Ehrlich begleitet, der die ausgezeichnetſte unter den vielen Tauben mitnahm, ein ſchönes, prächtiges Thierchen mit glänzend weißer Farbe, ſtarken Flügel⸗ ſehnen und klugen, verſtändigen Augen. Er fuhr an Louiſen's Fenſter vorbei; und er ſah ein ſchneeweißes Tüchlein, ein freundliches Lebewohl winken. 336 Wir verließen Baron Armfelt, als er im Begriff ſtand, im Wagen der Mylady Munk wenigſtens für einige Tage von Neapel wegzureiſen. In Geſellſchaft der ſchönen Engländerin begab er ſich alſo fort, und der Wagen rollte die Straße hinab am Palaſt des öſterreichiſchen Geſandten in St. Katharina vorbei, dann bog er landeinwärts nach einer kleinen Villa, genannt Marocco, ein, wo zwei Freundinnen Mylady's, die Myladys Spencer und Mansberry, wohnten. Bei dem unerwarteten Beſuch waren dieſe Damen Anfangs be⸗ ſtürzt, aber Mylady zeigte ihnen die hohen Inſtructio⸗ nen, die ſie empfangen hatte, und die Freundinnen be⸗ ruhigten ſich wieder. Major Brändſtröm fand ſich ebenfalls da ein, und in ſeiner Geſellſchaft wurde die Reiſe an demſelben Tag bis nach Caſanuova fortgeſetzt, von wo aus ſie ſich nach Velina begaben, einem am Monte Sarchio ge⸗ legenen Landgut, das dem Marquis del Vasto gehörte. Ein Brief von höherem Ort, den man dem Wirth über⸗ hahn verſchaffte den Reiſenden eine freundliche Auf⸗ nahme. Piraneſi ſpricht ſich in ſeinen Briefen folgender⸗ maßen aus. „Nachdem die ſchöne Lady Munk ihren Flüchtling nach Caſanuova begleitet und mit ihm das Duett Me⸗ gaclos und Ariſta geſungen hatte, fuhr ſie nach der Stadt zurück und begab ſich ungefähr um vier Uhr auf die Kanzlei. In welcher Angelegenheit? Um zu mel⸗ den, daß die Luft kühl und der Pelz recht gut ſei. Von der Kanzlei fuhr ſie um halb fünf wieder zu Mylady Mansberry; was hatte ſie dort zu ſchaffen? Sie ſollte mitthelen⸗ daß Bertha ſpann und die kleine Bertha ief.“ Piraneſi glaubte alſo vollkommen genaue Nachricht iiber„Berthel's und des kleinen Berthel's Geburt“ zu haben. Am 16. Februar, ungefähr um acht Uhr Morgens, ſe N S u YT u § h eͤ 8= 337 ſegelte das ſchwediſche Schiff unverrichteter Dinge von Neapel ab. Zu derſelben Zeit wurden mehrere der Spione, womit man Armfelt umgeben hatte, verhaftet, unter ihnen auch die Gebrüder Benedikt und Vincenz Mori, ſowie Pietro Pasquini. Am 20. kam Baron Armfelt wieder nach Neapel, und gewiß, ſagt Piraneſi, konnte die Freude in Ithaka's Hauptſtadt, als Ulyſſes nach zwanzigjähriger Abweſen⸗ heit wieder kam, nicht größer geweſen ſein. Armfelt blieb jedoch nicht lange mehr in Neapel. Schon zu Anfang März brach er auf und begab ſich nach Deutſchland. Wien wurde jetzt für eine kurze Zeit ſeine Hauptſtation. Inzwiſchen wurde in Neapel mit den gefangenen Spionen eine lange Unterſuchung an⸗ geſtellt, wobei man ſehr verwickelten Intriguen und Plänen zu arger Gewaltthat auf die Spur kam. Zu Anfang Octobers ſah ſich Armfelt durch Privat⸗ angelegenheiten genöthigt, auf einige Tage nach Wismar zu kommen. In dieſer Stadt hatte er Döring ein Rendezvous gegeben. Um der Aufmerkſamkeit der ſchwediſchen Regierung zu entgehen, hatte er einen fremden Namen angenom⸗ men und reiste überdieß ſo unbemerkt als nur möglich. In der Nähe einer Zollſtation trafen ſich Armfelt B Döring und begaben ſich dann zuſammen in die tadt. Kurz vor dem Schlagbaum ſahen ſie einen Frem⸗ den, der, dicht in einen Mantel gehüllt, mit einem Brief auf ſie zu kam und denſelben höflich dem Baron Armfelt überreichte. — Ein Brief an mich? bemerkte Armfelt. Ich kenne Niemand hier. — Ein Brief an Baron Armfelt Güllenlöwe, ant⸗ wortete der Bote. Armfelt erröthete. Unter dem letztern Namen ſuchte er ſein Incognito zu bewahren; da er jedoch Niemand Der Trabant. IV. 22 338 von ſeiner Ankunft unterrichtet hatte, ſo mußte er ſich nothwendig darüber wundern, daß dieſelbe bereits be⸗ kannt war. — Von wem? fragte er und empfing den Brief. — Leſen Sie, antwortete der Bote ganz kurz. Armfelt hatte zwar unter ſeinem angenommenen Namen einige wichtige Briefe auf der Poſt in Wismar erwartet, im Uebrigen aber konnte dieſer Name Nie⸗ mand anders als Döring und einem Courier aus Peters⸗ burg bekannt ſein, der ihn ebenfalls hier treffen ſollte. Sowohl von Döring als dem Courier wußte er, daß ſie ihn nicht unnöthig bloßſtellen würden. Inzwiſchen erbrach er den Brief und las zu ſeiner Verwunderung nur folgenden kurzen Satz darin: „Ein alter Feind wünſcht Sie vor ſeinem Tode noch zu treffen, weil er Ihnen die Hand zur Verſöhnung reichen will. Ihr Incognito iſt mir heilig. Folgen Sie dem Boten.“ Armfelt zögerte einen Augenblick, weil dieß eine neue Schlinge von Seiten ſeiner Feinde ſein konnte, die, wie er wohl wußte, Alles aufboten, um in ihren ecere e gegen ihn das gewünſchte Ziel zu er⸗ reichen. — Was ſagen Sie dazu, Döring? fragte er, an dieſen gewandt.— Aber Döring hatte die Frage noch nicht beantworten können, als der Bote, der ihre Bedenklichkeit bemerkte, ein Zeichen gab, das Keinem von ihnen entgehen konnte. Es war ein Freimaurerzeichen. — Laſſen Sie uns Vertrauen darauf haben, ſagte Armfelt. Fahr zu! Der Fremde ging langſam vor ihnen her, und Schritt für Schritt folgte Armfelt's und Döring's Wa⸗ gen ihm nach. Bald ging der Unbekannte von der Hauptſtraße ab und lenkte in eine kleine Nebengaſſe ein, durch welche —x;;— N R— 339 ſie ihm folgten, bis ſie ſich vor der Hinterthüre eines Wirthshauſes befanden. 1 Sobald ſie ausgeſtiegen waren, bat der Bote, ihm weiter zu folgen.. Als ſie die Treppe hinaufkamen, führte er ſie in ein großes prächtiges Zimmer, aber die Rollvorhänge waren vor den Fenſtern herabgelaſſen und dadurch das ſtärkſte Tageslicht ausgeſchloſſen. — Zu wem führen Sie uns? — Sprechen Sie nicht ſo laut, Baron. Derjenige, der mit Ihnen ſprechen will, liegt in den letzten Zügen. — Wer iſt er? — Fragen Sie ihn ſelbſt darum. Ich weiß es nicht. — Wer ſind denn Sie? — Ich bin Arzt und habe, indem ich Sie aufſuchte, nur einen Auftrag erfüllt, deſſen Beſorgung meinem Patienten ſo wichtig zu ſein ſchien, als ob Leben und Tod davon abhinge. Wir ſind Beide Freimaurer. — Sie kennen Ihren Patienten nicht, ſagen Sie? — Er kam erſt geſtern Abend hier an und äußerte ſogleich ſeinen Wunſch, unbekannt zu bleiben. — Laſſen Sie uns bei ihm eintreten. — Das iſt ſein Wunſch und auch der meinige. Armfelt und Döring näherten ſich leiſe der offenen Doppelthüre zum inneren Zimmer. Beinahe ſitzend im Bett empfing ſie der Kranke, den ſie zu ihrer Ueberraſchung ſchon auf der Schwelle wiedererkannten an dem bleichen, jetzt abgemagerten und ganz todtenähnlichen Geſicht, ſowie an dem ſchwarzen, neemmmene ſtruppig über die Stirne herabhängenden aare. S Es war kein Anderer als Vincenz. An ſeiner Seite ſaß Cazal mit altergrauem Kopf, jetzt über den Kranken hingebeugt. 22* 340 Als Wanja in der Dominikanerkirche den Schleier von ihrem Geſichte zurückſchlug, wurde Vincenz von fühhemn Gefühl erfaßt, das er bisher noch nie gekannt hatte. Sie erſchien ihm in verklärtem Glanz, mehr wie eine Heilige, als ein gewöhnliches Weib, und ihm war, als ob der Gegenſtand der Liebe ſeines ganzen Lebens jetzt, in eines der Geiſterweſen des Lichts verwandelt, ihm entgegenträte. Er hatte ſich an ihr kreidenweißes kaltes Geſicht gewöhnt, aber das Leben und die Ruhe, die ſich jetzt darin ausdrückten, erinnerten ihn auf einmal an die ſchönen Tage ihrer Jugend, wo er zum erſtenmal ſie lieben lernte, erinnerten ihn aber daran auf eine Art, die ſeine Gedanken auf eine Geiſterwelt lenkte. Die Erinnerungen einer verſchwundenen Zeit waren bei ihr auf eine ſo eigenthümliche, für Vincenz noch un⸗ begreifliche Art mit etwas zukünftig Himmliſchem ver⸗ bunden. Ihm war, als ob die Wirkſamfeit eines ganzen Tages und ein von aufgehenden Sternen leuchtender Himmel, gleichſam zu einer ruhigen und milden Abend⸗ ſtunde vereinigt, in ſein Herz hinabgeſunken wären. Er zitterte von einem tiefen, unausſprechlich ſchönen Gefühl. Erde und Himmel gingen gleichſam auf einmal darin unter, und es wurde Nacht, und in der Nacht entzün⸗ deten ſich ewige Sterne in den Räumen ſeiner in dieſem Augenblick ſich erweiternden Seele. Als Waͤnja den Schleier wieder fallen ließ, verbarg er das Geſicht in ſeinen Händen, gleich als wollte er ihr Bild in ſich be⸗ wahren... und ſo ſtürzte er fort. 3 Er hatte zu Cazal geſagt: Suche mich in der Domi⸗ nikanerkirche, ohne jedoch zu wiſſen, warum er das ſagte. Eine dunkle Ahnung legte die Worte auf ſeine Lippen, und vermuthlich kam es daher, daß ſeine Gedanken noch immer, mit Wanja's Geſtalt beſchäftigt, dort ſchwärmten. Als Vincenz gar zu lange nicht nach Hauſe kam, begab ſich auch Cazal nach der Kirche, und er kam zur e—— gð-—- — NK—j R ——— 8½— A ———* rechten Zeit, um ſeinen ſehr ſchwankenden Herrn zu em⸗ pfangen und fortzuführen. Von dieſem Augenblick an war es Vincenz nicht mehr wohl zu Hauſe. Er wollte hinaus, hinaus in die freie, milde Natur. — Wohin? fragte ihn Cazal. — Nach dem Veſuv, war ſeine kurze Antwort. Er hatte dieſe bodenloſen, tiefen Flammen, dieſes aufrühreriſche Feuermeer noch nie näher betrachtet. Jetzt wollte er das thun: ſein Geiſt wollte ſich in einem Ab⸗ grund ſpiegeln. Cazal traf die Anordnungen zur Reiſe. Sie be⸗ gaben ſich zu Wagen nach Reſtna. Dort nahmen ſie Maulthiere und begannen auf dieſe Art den Berg hinaufzuſteigen in Begleitung von Fackelträgern. Der Weg ging durch eine endloſe Kette prachtvoller Gärten, geſchmückt mit Pappeln, Maulbeer⸗ und Feigen⸗ bäumen, zwiſchen denen geſchmeidige, mit reichen Früch⸗ ten prangende Weinranken in natürlichen Gewinden ſich hinſchlängelten, indem ſie bald ſtille und kühle Grotten, bald feſtliche hohe Halbbogen bildeten. Nach kurzer Zeit erreichten ſie die Region der Zer⸗ ſtörungen vom letzten Ausbruche her. Die Vegetation hörte auf. Die Lavablöcke zeigten ſich. Die Erde war warme Aſche. Wenn man in dieſes Reich eintritt, über⸗ ſchreitet man die Grenzen der lebendigen Natur. Welches Gemälde jedoch! In dem ſchwarzen Nebel, der ſich aus dem Krater erhebt, glaubt man die Nacht zu ſehen, die ihren Thron beſteigt, an deſſen Fuß— bei der Küſte von Poſilippo— man die entthronte Sonne mit einem beinahe erſterbenden Strahlenglanz glühen ſieht. Das Gemälde rief bei Vincenz Staunen hervor, aber er hatte nicht ein einziges Wort dafür. Endlich ſtand er am Krater ſelbſt. Ein ſchrecklicher Vulkan, ſagt Dupaty, der ſchon ſeit ſo vielen Jahrhunderten brennt, der ſo manche Städte verſchüttet, ſo manche Bevölkerung vernichtet hat und 342 noch jeden Augenblick dieſe großartige Landſtrecke, dieſes Neapel bedroht, wo man eben jetzt lacht, ſingt, tanzt und an gar keine Gefahr denkt. Welcher Schein um die ſchalenartige Oeffnung! Welcher brennende Ofen mitten darin! Zuerſt tost der flammende Abgrund; dann wird mit einem ſchrecklichen Getöſe durch die in einem dicken Regen fallende Aſche hindurch ein ungeheures Kunſtfeuer von Millionen Funken, von Millionen Stei⸗ nen, die an ihrer ſchwarzen Farbe kenntlich ſind und ziſchend fallen und fortrollen, in die Luft heraufgeſchleu⸗ dert: ſiehe, da liegt einer hundert Schritte von mir. Der Abgrund ſchließt ſich plötzlich, er öffnet ſich wieder und wirft ein neues Feuer aus; inzwiſchen erhebt ſich die Lava über die Ränder der Schale, ſie ſpannt ſich aus, kocht, rinnt und durchfurcht in langen Feuerbächen die ſchwarzen Seiten des Berges. Welch eine Wüſtniß! welch Höhe! welch ein flammender Berg! Vincenz bewunderte jedoch nicht, was er ſah, viel⸗ mehr erſchrack und entſetzte er ſich darüber. Hätte man ihn einige Jahre früher an den Rand dieſes brennenden Abgrundes geführt, ſo würde er viel⸗ leicht, hingeriſſen von Bewunderung beim Anblick der mächtigen Elemente, deren wilde Raſerei hier ein ſo großartiges Gemälde bildete, auf die Kniee geſtürzt ſein; aber jetzt flößte ihm die unruhige, gewaltſame und raſt⸗ loſe Thätigkeit derſelben ein ganz anderes Gefühl ein, und er verſchloß es ſtill in ſich, gleich als fürchtete er ſeine eigenen Gedanken. — Sage mir, Cazal, iſt es nicht dennoch beſſer todt, als lebendig zu ſein! — Was meinen Sie, gnädiger Herr? Sie ſtarren ſo aufgeregt in die Tiefe hinab. Laſſen Sie uns von hier weggehen. Vincenz bewegte ſich nicht vom Platze; er beugte: bloß ſein Haupt immer mehr über den Krater hinab. Seine Miene war bleich und verſtört. 343 = um Gotteswillen, gnädiger Herr, verlaſſen Sie dieſen Platz, kommen Sie, kommen Sie. Vincenz fuhr mit der Hand über ſeine Stirne. — Beim ewigen Gott, antwortete er, Du haſt Recht... laß uns dieſen Abgrund verlaſſen. Am Fuße des Berges angelangt, erklärte Vincenz, daß er nicht nach Neapel zuruͤckkehren wolle. — Welch' ein ſchrecklicher Abgrund, ſagte er, welch' ein entſetzlicher Kampf zwiſchen feindſeligen Elementen! Führe mich nie mehr dahin, Cazal; hörſt Du, ich will nicht mehr in die Tiefe hinabblicken... ſtatt deſſen ſollſt Du mir eine ſchöne, lachende Landſchaft zeigen einen Sonnenaufgang... eine milde und liebliche Ausſicht. Vincenz begann jetzt ein umherirrendes Leben, wo⸗ bei er einen Sinn für die Natur und ihre einfache Schönheit entwickelte, den er früher nicht beſeſſen zu haben ſchien. Er ſtand jeden Morgen früh auf und ritt ſchweig⸗ ſam und verſchloſſen auf ſeinem Mauleſel aus, nur von dem ebenſo ſchweigſamen und verſchloſſenen Cazal be⸗ gleitet. So näherten ſie ſich allmälig den Calabre⸗ ſiſchen Bergen. Eines Morgens befanden ſie ſich wieder auf einem ſolchen Streifzug, die Sonne erhob ſich ſo ſchön über die Bergſpitzen und kleidete ſie wie mit goldenen Maͤn⸗ teln... das Thal, wo Vincenz und TCazal ſtanden, glühte in neugeborener, erröthender Pracht. Zwiſchen einer Vertiefung im Berge rollte ziemlich ſchnell ein klares, gleichſam von aufgelöstem Silber ſchimmerndes Waſſer in dem hübſchen Thalgang herab. Die Ausſicht war ſo heiter, ſo angenehm, man fühlte ſich ſo leicht, ſo fröhlich geſtimmt, indem man ſie betrachtete. Bincenz gab auch ſeine Zufriedenheit durch einen Ausruf der Bewunderung zu erkennen. 4 — Hier will ich ſterben, fügte er nach einer Weile hinzu, gleichſam um ſeinen Ausruf zu erklären. 344 Erſt jetzt begriff Cazal die Veranlaſſung dieſer raſt⸗ loſen Wanderung, die einzig und allein in dem Wunſche lag, einen Platz zu finden, der zum Tode einlüde. Aber eine noch ſchönere Erſcheinung erwartete Vincenz. Bei einer Bucht des Baches ſtand eine Hütte, um⸗ geben von Pomeranzen⸗Bäumen und Cypreſſen. G Ein hübſches, niedliches, kleines Maͤdchen ſpielte am ingang. Der eine Giebel der Hütte war mit Weinranken bekleidet, die ſo geordnet waren, daß ſie ein Gewölbe von Guirlanden bildeten, überall mit gezackten Blät⸗ tern wie mit Spitzen garnirt und die Strahlen der Sonne ſielen auf dieſes von einer geſchmackvollen Hand ſo wohl geordnete Laubgewölbe, und die von den Strah⸗ len vergoldeten Blätter züterten in einem leichten Winde. Mitten im Gewölbe ſah Vincenz einen Mann in Walabreſiſcher Bauerntracht auf den Knieen liegen und eten. ten Vor ihm hing ein Gemälde, das eine Heilige vor⸗ ellte. Ddiieſer Anblick erweckte ein liebliches Gefühl bei ncenz. Vin — Ja, Cazal, flüſterte er, hier will ich ſterben. Er war hingeriſſen von der herrlichen, aber mil⸗ den und bezaubernden Natur. Er fühlte ſich angezogen von dem ſpielenden Kinde und er wurde gerührt durch das ruhige Gebet der männlichen Geſtalt. ſäls Vincenz ſich dem Betenden näherte, erhob ſich dieſer. Es war Zamparelli.. Aber Vincenz bemerkte dieß kaum, er hatte bereits ſeine Augen auf das Heiligenbild geheftet. Wie ſeine Gefühle bei dieſem Anblick beſchreiben? Das Heiligenbild war Wanja, und dennoch etwas mehr als ſie; es war Wanja, bereits zur Heiligen erklärt, mit einer luftigen, klaren Glorie um ihr Haupt, mit —— verſöhnender und mild ſtrahlender Liebe in ihrem Blick, mit der ſchönſten Ruhe des Herzens und der Seele auf ihrer Stirne, und mit Segnungen auf ihren Lippen. Das Göttergleiche in ihr hatte in dieſem Bild alles Irdiſche in ihr verdrängt. Vincenz hatte keine Worte für das, was er dachte .. er dachte auch weniger als er fühlte... und er eilte an Zamparelli vorbei und ſank gleich ihm anbetend auf ſeine Kniee nieder. Das Heiligenbild war von Louiſen's Hand, und Zamparelli hatte es mitgenommen, als er in ſeine hei⸗ mathlichen Berge zurück ehrte. Vincenz blieb in dieſem Thal, gefeſſelt nicht we⸗ niger von ſeiner ſchöͤnen Natur, als von dieſem Ge⸗ mäͤlde. Hier vergaß er allmälig die Erde und ihre Kämpfe, hier wurde er eingeweiht in den Frieden und die Selig⸗ keit einer andern, zukünftigen Welt. Die Schläge hines Herzens waren nicht mehr ſo heftig, es begann ruhiger und ſtiller, glücklicher und hoffnungsvoller zu klopfen. Hier begann er auch das unendlich Göttliche in der Macht, welche Wanja verändert und ſie ſo ſtark gegen un äußere Eindrücke der Welt gemacht hatte, zu ver⸗ ehen. Hier wurde Vincenz zur Verſöhnung in ſeinem Herzen, zur Verſöhnung mit ſich ſelbſt und der Welt eingeweiht. Seine Stirne legte ſich in düſtere Falten, wenn er auf ſein Leben zurückblickte; aber ſie erheiterte ſich, wenn er vorwärts ſchaute. Hinter ihm lag das Leben gleich einem arbeiten⸗ den, in gewaltſamen Kämpfen aufgelösten Vulkan; vor ihm lag es wie ein Thal voll von aufſproſſendem, mil⸗ dem und ſchönem Reichthum, worüber eine ſtrahlende Sonne aufging. Er fuͤhlte jedoch, daß er den höheren Frieden ſeines 346 Herzens, wenn er jetzt über die Grenze des Lebens, über den Horizont der Gegenwart hinausblickte, nicht ſo genoſſen haben würde, wie er that, wenn er nicht vorher ſo ge⸗ kämpft und gelitten, vielleicht auch ſo gehaßt hätte, wie er gethan. In ſeinem Charakter berührten ſich die Extreme: er hatte gehaßt... er konnte auch verzeihen und vergeſſen. Alllerdings war es ſeine Rachſucht geweſen, welche ſeine Bekanntſchaft mit Zamparelli herbeigeführt und ihn veranlaßt hatte, deſſen Namen zu borgen, weil er eines ſolchen Talismans bedurfte, um ſich bei den Laz⸗ zaroni der Stadt den nöthigen Einfluß zu verſchaffen; aber juſt dieſe Bekanntſchaft eröffnete ihm jetzt auch die Gelegenheit, am Fuß eines koſtbaren Heiligenbildes, worin ſich auf eine ſo glückliche Art das Theuerſte, was die Erde für ihn beſeſſen, mit dem Schönſten verſchmolz, was der Himmel ihm verheißen konnte, in ſeinem Her⸗ zen gleichſam zu ſterben für die Vergangenheit und wieder aufzuleben für eine Zukunft, zu ſterben für das Leben und aufzuleben im Tode. 1b Und die Grundzüge des Bildes gehörten in Wirk⸗ lichkeit Wanja an. Louiſe hatte während der Ausfüh⸗ rung die Schönheit deſſelben aus ihrer eigenen Phan⸗ taſte, ſeinen Heiligenſchimmer aus ihrem reinen und warmen Herzen, und ſeine Vollendung aus der Tiefe ihrer Seele geborgt. Es mußte ergreifend wirken, weil es eines ſeiner Meiſterſtücke war, die einer lebendi en Inſpiration, einem warm fühlenden Genius ihr Daſein zu verdanken haben. An der Hand der Kunſt und der Liebe wurde er zum Altar der Religion gefuͤhrt, und hier lernte er erſt den Werth der Reſignation verſtehen, die Wanja gezeigt hatte, als ſie ſich aus leicht erklärlichen Gründen ſogar nicht einmal von ihrer Mutterliebe hinreißen ließ, höhere Pflichten zu vergeſſen. Er bewunderte dieſe Seelenſtärke und zu gleicher Zeit erwarb er ſie ſich ebenfalls. — — Ich muß fort von hier, ſagte er eines Tags zu Cazal, ich muß den Feind meines Lebens noch ein⸗ mal treffen. — Guädiger Herr, was wollen Sie von ihm... haben Sie ihn noch nicht vergeſſen? — Ich will ihm freundſchaftlich die Hand reichen, bevor ich ſterbe. Vincenz ließ ſich von ſeinem Wunſch nicht abbrin⸗ gen und er mußte erfüllt werden. Zamparelli wurde alſo mit Briefen abgeſandt, mittelſt deren man Armfelt's gegenwärtigen Aufenthalt auszumitteln hoffte.. Vermöge ſeines hohen Ranges unter den Aſiatiſchen Brüdern wie auch unter den Freimaurern war es für Bincenz ein Leichtes, ſich mit ſehr hochgeſtellten und einflußreichen Perſonen in Berührung zu ſetzen. Nach einiger Zeit erhielt er auch alle Aufſchlüſſe, die er wünſchte, und am wichtigſten war für ihn die Nachricht, daß Armfelt unter dem angenommenen Namen Gyllenlöwe zu einer beſtimmten Friſt in Wismar ſich einfinden ſollte. Um ihn dort zu treffen, machte er ſich alſo auf den Weg. Es mag übertrieben ſcheinen, einen kränklichen Mann eine Reiſe von etwa zweihundert Meilen machen zu laſſen, bloß um einen alten Feind an ſeine Bruſt zu drücken... das mag ſein... aber Vincenz war nun einmal ſo. Als er nach Wismar kam, erſuchte er den Arzt, in welchem er einen Freimaurer traf, Armfelt mit dem Brief entgegenzugehen. Der Arzt erfüllte gerne die Bitie eines Bundesbruders, zumal da ihm dieſer ſagte, daß er ihm dadurch nicht bloß einen großen und wich⸗ tigen Dienſt erweiſe, ſondern auch den letzten Wunſch erfülle, den er noch in der Welt habe. 348 Als Vincenz hörte, daß Armfelt ſich näherte, ſetzte er ſich im Bette auf. Die Anſtrengung der Reiſe hatte ſeine letzten Kräfte erſchöpft. — Ich fühle, ſagte er zu Cazal, daß meine Todes⸗ ſtunde herannaht. In dieſem Augenblick traten Armfelt und Döring ein. Als ſie den ſchwachen Zuſtand des Patienten be⸗ merkten, näherten ſie ſich ihm leiſe und vorſichtig, wie man ſich einem Kranken zu nähern pflegt, für welchen man Theilnahme hegt. — Wie hat es mich nicht verlangt, Sie zu treffen, Baron, ſagte er zu Armfelt, um Ihnen einmal die Hand druͤcken zu dürfen! Die Rollvorhänge waren herabgelaſſen, und man konnte den Ausdruck in Vincenzens Geſicht nicht voll⸗ kommen unterſcheiden, aber die Stimme deutete ihn an.. ſie war verſöhnend und mild. — Welch' ein beſonderes Glück, fuhr Vincenz fort, daß ſch auch Sie treffe, Döring. Ich hatte es nicht gehofft. Plötzlich ſah man in Vincenzens Miene ein Zucken, und er unterbrach ſelbſt ſeine Rede. — Gnaͤdiger Herr, bemerkte Cazal, Sie befinden ſich ſchlimmer, Sie ſind aufgeregt. — Das nicht, Cazal... aber höre... man klopft ſo heftig da draußen... es wurde mir bange als man ſo hämmerte. Vincenzens Bemerkung war richtig. Während er ſprach, begann man vor ſeinem Fenſter zu hämmern, und zwar immer ſtärker und ſtärker. — Wenn man die Leute veranlaſſen könnte, mit dem Lärmen aufzuhören, ſagte Armfelt. Sie bedürfen Ruhe und Frieden um ſich her. — Ach nein, laſſen Sie es ſein. Die Sache geht uns nichts an, und ſie werden wohl bald aufhören. Aber das Klopfen währte immer fort. 8 — Was ich ſagen wollte... haben Sie meine Pa⸗ piere geleſen? — Seit unſerer Trennung, antwortete Döring, habe ich Baron Armfelt nicht mehr getroffen, bis eben jetzt. — Nicht? ach, mein Gott, ich danke Dir, daß Du es ſo gefügt haſt, daß ich bei dieſer Gelegenheit zuge⸗ gen ſein kann. So öffnen Sie die Brieftaſche und nehmen Sie die Papiere heraus. Ich fühle, daß ich nur noch wenige Augenbicke uͤbrig habe... wir müſſen ſie benützen. Die Brieftaſche wurde geöffnet und die Papiere herausgenommen. Vincenz erſuchte Döring, ſie zu leſen. Heftig klopfte des Juͤnglings Herz. Der Augen⸗ blick war gekommen, wo er das Geheimniß ſeiner Geburt erfahren ſollte. Seine Stimme zitterte, ſie ver⸗ ſagte ihm eine Weile ihren Dienſt. Für ihn war die⸗ ſer Moment der wichtigſte in ſeinem Leben. Es wim⸗ melte vor ſeinen Augen. Tauſend Gedanken kreuzten ſich in ſeiner Seele. Louiſen's Bild ſchaute unter ihnen hervor, wie ein Stern zwiſchen Wolken, wie ein ſchnee⸗ eiſet Schwan, der aus ſchwarzen Wogen auftaucht. r las. Das Schreiben malte mit ſtarken Farben die Liebe eines Ungenannten zu ſeiner Frau; ſchließlich eine von ihr begangene Untreue und die darauf erfolgte Che⸗ ſcheidung. Dann wurde mit erhöhter Lebhaftigkeit die Hoffnung der geſchiedenen jungen Frau geſchildert, ein neues Eheband mit ihrem Geliebten zu ſchließen, den ſie wie einen Gott anbetete, und nicht wie einen ge⸗ wöhnlichen Menſchen betrachtete. Ferner ihre Gefühle, als ſie ſich zu der beſchloſſenen Hochzeit vorbereitete... als der Vermählungstag kam,... als ſie ihren Braut⸗ ſchmuck anlegte... als ſie ſich in der Kirche einfand, um getraut zu werden... aber auch als ſie vergebens den Gatten erwartete, dem ſie bereits mit ihrem ganzen Weſen angehörte. 5 7 350 Noch war kein Mann genannt worden. Als Döring ſo weit gekommen war, richtete ſich Armfelt auf. Die Ereigniſſe, die das Schreiben ſchilderte, waren in einer ſo glühenden und maleriſchen Sprache gehal⸗ ten, daß ſie nothwendig einen tiefen Eindruck hervor⸗ bringen mußten. Armfelt gebot durch eine Handbewegung Schweigen. — Was Sie da geleſen haben, Döring, ſagte er, iſt wahr. Ich kenne das Ereigniß, ich kenne auch den⸗ jenigen, der hier als ein treuloſer Verräther geſchildert wird; aber er hat ein Recht, ſich zu vertheidigen. Hören Sie mich an. Auch er war glücklich... weil er liebte .. glücklich in dem Gedanken, den Gegenſtand ſeiner innigſten Ergebenheit bald an ſeine Bruſt drücken zu dürfen... in ſeinen Träumen von Glück nahte ſich auch für ſein Herz der Hochzeittag als ein großes Freu⸗ denfeſt... auch er ſchmückte ſich, um ſeine Braut und Göttin im Tempel zu treffen... auch er ſetzte ſich in den Wagen, um dahin zu fahren... aber im Ueber⸗ maß ſeines Glückes achtete er nicht auf den Weg, den der Wagen einſchlug... und als er ſich endlich um⸗ ſchaute, hatte man ihn bereits von der Stadt entfernt. Ein einflußreicher, muthiger Freund, der die Verbin⸗ dung mißbilligte, hatte heimlich den Kutſcher erkauft und den Bräutigam entführt. Als er es bemerkte, that er Alles, was in ſeiner Macht ſtand, um zurückzukehren . aber gleichviel, ich weiß, daß er ſich bereits erklärt hat und zwar auf eine vollkommen befriedigende Weiſe. Viele Jahre ſpäter ſah er ſie wieder, aber nur einen Augenblick. Er liebte da eine andere und war be⸗ reits verheirathet. Sie war durch Jahre und Kum⸗ mer entſtellt. Sein Herz ſtand ſtill bei ihrem Anblick. Man klage deßhalb die Umſtände an, aber nicht ſein Herz. Auch in ſeiner Liebe iſt der Mann nicht ein Gott, ſondern nur ein Menſch. Fahren Sie fort, Döring. Das Schreiben erzählte weiter, wie der geſchiedene .ͤ—„— Mann der Unglücklichen ſie noch immer liebte und ihre Ehre zu retten ſuchte, als ſie einen Sohn gebar. Wie dieſer von ihr geriſſen und einem hohen Freimaurer über⸗ geben wurde, durch deſſen Vermittlung man das Kind nach Schweden zu bringen wünſchte, um es dort in einem angeſehenen und guten Hauſe erziehen zu laſſen. Wie aber dieſer Freimaurer ſo unvermuthet ſchnell ſtarb, daß er über ſeinen Auftrag keine Rechenſchaft ablegen konnte, weßhalb es auch viele Jahre lang ein tiefes Geheimniß blieb, wohin das Kind gekommen war. Die Nachfor⸗ ſchungen wurden inzwiſchen unabläſſig fortgeſetzt. Und erſt bei einem Beſuch in Stockholm, wobei ſowohl meh⸗ rere der geheimen Hülfsquellen des Freimaurerordens, wie auch neue durch Cröffnung einer Loge der aſiati⸗ ſchen Brüder gewonnene Bundesgenoſſen angewandt wurden, gelang es, einige Papiere zu bekommen, die ein geborener Finne, Namens Ek von Ringſtaholm, im Beſitz hatte, und mittelſt deren man endlich dem Ver⸗ ſchwundenen auf die Spur kam. Die Ereigniſſe waren mit einer Lebendigkeit, einer Kraft und einem Schwunge geſchrieben, woraus man klar erſah, daß eine heftige, höchſt geſpannte Stimmung die Feder geführt hatte. Ein alter ſchwediſcher Seemann hatte auf einer Reiſe in Deutſchland den Jungen aufgenommen und da⸗ bei bloß einige myſteriöſe, unvollſtändige Aufſchlüſſe er⸗ halten, die ihn inzwiſchen veranlaßten, die Geburt des Kindes als ein der höchſten Freimaurerei angehöriges Geheimniß zu betrachten, weßhalb er auch endlich, und da er nichts Weiteres von der Perſon hörte, die ihm den Knaben übergeben, beſchloß, ſich an Guſtav III zu wenden und in dieſer Abſicht Ek von Ringſtaholm be⸗ auftragte, dem König ein Handſchreiben nebſt andern wichtigen Papieren zu überbringen. Döring erkannte in dem alten Seemann ſeinen Pflegvater, und der Leſer weiß bereits, wie es mit den Papieren ergangen war. 3⁵² Endlich wurde mit ſtarken Zügen geſchildert, wie auch ein kurzes Zuſammentreffen zwiſchen der Mutter und dem Sohn in Stockholm ſtattfand, ohne daß jedoch der letztere ahnte, daß es ſeine Mutter war, mit der er ſprach. Döring las, indem er ſich kaum Zeit gönnte, Athem zu ſchöpfen. Es war für ihn Feuer und Flamme, was er las. Seine Seele wurde von jedem Wort entzündet, und je weiter er kam, um ſo mehr fühlte er ſich be⸗ feuert. Vergebens ſuchte er jedoch einen Namen, bei dem er verweilen konnte. Er wußte zwar, daß die Schrift nur ihn allein betraf, aber dennoch hatte er umſonſt nach ſeinem Namen geforſcht. Dieſes lange Schreiben war eine brennende Huſte⸗ worin er ſich ver⸗ gebens nach einer kühlenden Oaſe umſchaute und ſtatt einer ſolchen vielmehr von einem Samum begrüßt wurde, der ſein Blut erhitzte und ſeine Adern immer höher ſchwellen machte. Er begann zwar Verſchiedenes zu ah⸗ nen, aber dieſe Ahnungen vergrößerten ſeine Qual nur noch mehr. Es kam ihm vor, als jagte unaufhörlich an ſeiner Seite her ein Irrlicht, das im Augenblick, wo er ſich ihm ganz nahe glaubte, jedesmal wieder ver⸗ ſchwand. Wie manche Namen ſind nicht auch bloße Irrlichter! Er verſtummte eine Weile und ſein Blick flog dem, was er las, voraus, um dasjenige zu ſuchen, was zu finden er ſich ſo ſchmerzlich ſehnte. — Fahren Sie fort, bat Vincenz, unterbrechen Sie ſich nicht. Aber in dieſem Augenblick nahmen die Hammer⸗ ſchläge vor dem Fenſter dermaßen an Stärke und Raſch⸗ heit zu, daß unwillkürlich Alle darauf lauſchten. Cazal ſchaute hinter einem der Rollvorhängezhinaus. Ein Ausruf des Schreckens drängte ſich dabei un⸗ willkürlich von ſeinen Lippen, und als er ſeinen Kopf zurückzog, war ſein Geſicht leichenblaß. — Was bedentet das? fragte Armfelt. ——xs — — Nichts, Herr Baron, ganz und gar nichts. Cazal's Ausſehen zeugte jedoch gegen ihn. Armfelt erhob ſich von ſeinem Platz, um ſelbſt nachzuſehen, was einen ſo eigenthümlichen Eindruck auf den Alten gemacht hatte; aber dieſer trat ihm dreiſt ent⸗ gegen, wie wenn er es verhindern wollte. — Ich bitte Sie, Herr Baron, ſehen Sie nicht hinaus... Sie... Sie... Cazal's Benehmen ſteigerte Armfelt's Verwunderung noch mehr, aber eine von Schmerz zeugende Bewegung zog jetzt ſeine Aufmerkſamkeit auf Vincenz. Cazal bewegte ſich indeſſen nicht vom Fleck, ſondern ſchien feſt entſchloſſen, das Fenſter gegen Armfelt zu ver⸗ theidigen. In dieſem Augenblick hörte man das Getöſe ſchnell herannahender Roſſehufe. Dieſes zog jetzt die ganze Aufmerkſamkeit an, zumal da man hörte, daß der Rei⸗ ter unten vor dem Fenſter Halt machte und beinahe in demſelben Augenblick, laut genug, um oben vernommen zu werden, fragte, ob nicht Baron Güllenlöwe ſo eben in der Stadt angelangt ſei und ſich jetzt da befinde. Armfelt fuhr zuſammen, als er ſeinen Namen hörte, und er wollte von Neuem an's Fenſter eilen, wurde aber wiederum von Cazal daran verhindert. Er konnte ſich dieſe ſonderbare Hartnäckigkeit des Alten nicht erklären. Aber als in dieſem Augenblick die Thüre ſich öff⸗ nete und ein ruſſiſcher Courier auf der Schwelle ſtehen blieb, da vergaß Armfelt bald das Benehmen Cazal's. Es war der ruſſiſche Courier, der ſpornſtreichs an⸗ gekommen war und auf der Straße nach ihm gefragt hatte. — Sie ſuchen mich, ſagte Armfelt und ging dem Kommenden entgegen. Ich bin der Baron Guͤllenlöwe. — Welch' ein Glück, daß ich Sie ſo bald getroffen habe, Herr Baron. Ich bringe Ihnen ein wichtiges Der Trabant. IV. 4 23 354 Schreiben von Sr. Excellenz dem Grafen von Stackelberg. Meine Inſtruktionen ſind ſtrenge. Die Ankunft des Couriers unterbrach die Lectüre. Ermüdet von der Spannung, worin die Anhörung derſelben ihn verſetzt hatte, ließ Vincenz ſeinen Kopf auf die Kiſſen ſinken. Döring beugte ſich mit ſtarrem Blick über die Pa⸗ piere; er ſchien darin zu forſchen und doch bewegte ſich ſein Auge nicht von der Stelle. Unruhig flogen ſeine Gedanken weit hinweg. In ſeiner Vorſtellung lächelte Louiſe ihm entgegen, aber blaß wie das Leiden. Armfelt las den Brief und ſein Geſicht wechſelte dabei mehr als einmal Ausdruck und Farbe. — Niel rief er endlich, nie! in Ewigkeit nie! Die Heftigkeit, womit er ſich äußerte, zog von Neuem die Aufmerkſamkeit Aller auf ihn. Der Courier, der unbeweglich an der Thüre ſtehen blieb, verwandte ſeinen Blick nicht von Armfelt. Armfelt las wieder, aber ſeine Bruſt hob ſich, ſeine Stirne leuchtete und ſeine Augen flammten von einem ſchönen blauen Glanz, worin ein Blitz zu zittern ſchien. Uund mit einer ſtolzen Geberde unterbrach er ſeine eigene Lectüre wieder. — Ein Verräther an meinem Vaterland? ſagte er. Unmöglich... Ach, alter, redlicher Stackelberg, Du kennſt mich nicht... auch Du beurtheilſt mich falſch. Du ſprichſt für Rußland... ich achte Dich, Du biſt Ruſſe, aber ich muß als Schwede handeln. — Was beſchließen Sie, Herr Baron? fiel der Courier ein. Wenn Sie die Nachſchrift des Briefes le⸗ ſen, ſo werden Sie ſehen, daß ich Befehl habe, Ihre Antwort entgegenzunehmen. — Ich werde ſchreiben. — Mein Auftrag bevollmächtigt mich, auch eine mündliche Erklärung mitzubringen. Sehen Sie hier meine Vollmacht. — So haben Sie meine Antwort gehört — Beſinnen Sie ſich... — Wenn ich mich beſänne, ſo wäre dieß bereits eine halbe Verrätherei... ach nein, nein. Ich könnte mich bei einer Revolution betheiligen, niemals aber bei einem Verrath. — Aber Ihre eigene Regierung hat Sie ja bereits dafuͤr zum Tode verurtheilt. — Mag ſein, aber ſie mag thun, was ſie will, es wird ihr dennoch nie gelingen, mich zum Verräther zu machen. Ich tröſte mich mit einer Sache... — Mit was? — Damit, daß Gott dereinſt zwiſchen mir und ihnen richten wird. Armfelt's Geſicht hatte in dieſem Augenblick etwas Großartiges und Edles. Niemals hatte ihn Döring männlicher und ſchöner geſehen. Eine warme Vater⸗ landsliebe belebte ihn. In ſeiner Haltung drückte ſich ein entſchiedener kriegeriſcher Sinn aus, obſchon er ihn beherrſchte. Das Unglück hatte ihn nicht zermalmt, ſondern, man könnte eher ſagen, veredelt. Wenn auch heftige Leidenſchaften in ihm rasten, ſo waren ſie gleich⸗ wohl von wahrem Patriotismus gemildert. — Rußland bietet mir eine Armee an, fuhr Arm⸗ felt fort, wenn ich an ihrer Spiitze in Finnland ein⸗ fallen will. — Rußland bietet ſie Ihnen an, weil es Ihre Eigenſchaften erkennt, von Ihrem Gluck überzeugt iſt und in Betracht zieht, daß Ihr Vaterland Sie tief be⸗ leidigt hat. Schon gut. Man glaubt, ich wolle mich rächen und ich will es auch, aber nicht auf dieſe Art. Ich könnte mich an die Spitze einer Partei in Schweden ſtellen, aber nicht an die Spitze einer feindlichen Armee. Vincenz erhob ſein Haupt und ſchlug vergnügt ſeine Hände zuſammen. Er dachte an ſein eigenes Vater⸗ land... und an Polen... an die Kämpfe, bei denen er mitgefochten. 242* 356 Döring's Geſicht ſtrahlte von innerer Befriedigung. Dieſelbe wahre Bewunderung, die er Armfelt von An⸗ fang gewidmet hatte, belebte ſich von Neuem darin. Von dieſem Gefühle geleitet, erhob er ſich, um ihn zu betrachten. — Rußland ſchäͤtzt Ihre Perſon ſo hoch wie eine ganze Armee, und zwar in dem Augenblick, wo Schwe⸗ den Sie verſtoßen hat. — Höher als eine Armee ſchätze ich jedoch meine Ehre. Nachdem man mir Alles geraubt hat, bleibt mir nur dieſe übrig. Ariſtides war ſtolzer auf ſeine Ar⸗ muth, als Kallias auf ſeinen Reichthum. — Größe, Reichthum, Ehre und Zukunft erwarten Sie an der Spitze unſerer Armee. — Dort wuͤrde mich auch die Verachtung meines Vaterlandes erwarten. — Sie beabſichtigen, von hier nach Rußland zu gehen?² — Ja. — Petersburg empfängt Sie, aber nur als Be⸗ fehlshaber einer unſerer bereits marſchfertigen Armeen, ſonſt... — Sonſt... — Sonſt bringe ich ein Dekret mit, das Sie nach Kaluga verweist. A .. — Sie beſinnen ſich anders? — Weit entfernt. Ich danke Ihnen für dieſes Verweiſungsdekret; es wird mir künftig als ein Beleg für meine Vaterlandsliebe dienen. Der Courier ſah ihn verwundert an. Das Feuer in Vincenzens Auge flammte noch ein⸗ mal auf. Armfelt's Worte tönten wie ein Echo ſeiner eigenen Gefühle durch ſeine Seele. Auch er hatte nie⸗ mals beſtimmt werden können, von ſeinem Vaterland abzufallen. Es war ein Wiederſchein von ſeinem Pa⸗ triotismus, der ſeinen Blick noch einmal belebte. 5 Döring ergriff unwillkürlich Armfelt's Hand und drückte ſie, voll von Sympathien für den ritterlichen Sinn, den er beurkundete, an ſein Herz. — Herr Baron, ſiel der Courier ein, Sie kennen vielleicht noch nicht den ganzen Umfang der Verfolgung, welche die ſchwediſche Regierung gegen Sie eingeleitet hat, Sie wiſſen nicht, was in dieſem Augenblick... Sie werden es ſelbſt ſehen... und dann... Der Courier machte eine Bewegung gegen das Fenſter, aber Cazal, der ſeine Abſicht ahnte, verhinderte ihn, an daſſelbe zu treten. — Was beabſichtigen Sie? fragte Cazal. — Hinweg... — Nein. Vincenz bemerkte mit Freude, daß Döring Armfelt die Hand drückte und zwar auf eine Art, die ſowohl Liebe als Achtung verkündete. Er lächelte zufrieden darüber... ſein Stündchen war gekommen. — Baron Armfelt, ſagte er, und Döring... kommen Sie hierher... ich will Ihnen ein Wort ſagen. Beide näherten ſich dem Bette, ſchweigend betrach⸗ teten ſie den Sterbenden. — Sie haben, ſagte er endlich zu Döring, einmal Ihre Mutter geſehen. — Ja, ja. — Sehen Sie hier einige Papiere von ihr, die Ihre Geburt vollſtändig bekräftigen und Sie in den verfüg⸗ baren Theil ihres Vermögens einſetzen. Döring war eine Weile von dem Geſpräch zwiſchen Armfelt und dem Courier ſo lebhaft in Anſpruch ge⸗ nommen worden, daß er das, was ihn ſelbſt ſo nahe betraf, vergeſſen hatte. Vincenzens Aeußerung weckte wieder das ganze Intereſſe ſeiner Seele dafür. — Sie ſprechen nicht von meinem Vater.. o ſagen Sie mir... ſagen Sie mir, wer iſt mein Vater? — Hören Sie zuerſt, wer ihn verfolgt... ihn gehaßt... ihn verflucht hat. 3⁵8 Bincenz fuhr mit der Hand über ſeine Stirne, gleich als wollte er eine düſtere Wolke verſcheuchen. — Dieſer Mann, fügte er darauf ganz kurz hinzu, war kein Anderer als ich. — Und mein Vater?... — Da iſt Ihr Vater... — Und er zeigte auf Armfelt. Armfelt hatte es geahnt und öffnete ſeine Arme. Döring wollte an ſeine Bruſt ſinken, blieb aber unbe⸗ weglich. Alle Gedanken hatten ihn in dieſem Augen⸗ blick verlaſſen; er war bloß Gefühl. Vincenz begriff ſeine Bewegung ſo wohl. — Ein Handſchlag der Verſöhnung, Baron, ſagte er zu Armfelt. Ich habe Sie gehaßt,... verfolgt... verzeihen Sie mir. Armfelt's Hand ruhte in der Hand Vincenzens, und Döring ſank an Armfelt's Bruſt. Seine Seele war nur von einer einzigen lieblichen Idee erfüllt, von dem Gedanken, daß er einen Vater beſitze; er erinnerte ſich in dieſem Augenblick nicht einmal an Louiſe. — Mein Lebenstag iſt ſtürmiſch geweſen, fuhr Vin⸗ cenz fort, ſein Abend iſt ſchön und friedſelig. Cazal ... Cazal... rief er... ziehe die Gardinen hinauf, damit ich noch einmal einen Blick auf die Sonne wer⸗ fen kann. Cazal bewegte ſich nicht von der Stelle. — Hörſt Du, Cazal,... ziehe die Gardinen hin⸗ auf... ich will die Sonne ſehen... die Sonne. Die Ereigniſſe der letzten halben Stunde hatten ſeine Kräfte erſchöpft. — Die Sonne... — Hinweg, befahl auch der Courier dem Alten. Cazal beſaß nicht mehr die Kraft, der Aufforderung länger zu widerſtehen. — Vergleichen Sie, Herr Baron, bemerkte der H ——— 359 Courier gegen Armfelt, Rußlands Anerbieten und die Art, wie die ſchwediſche Regierung Sie behandelt. Dabei hatte er die Schnur des Vorhangs erfaßt und ließ ihn hinaufrollen. — Wie herrlich und blau, wie warm und mild! rief Vincenz. Und ſein Geſicht ſtrahlte beinahe verklärt. — Wie abſcheulich und grauſam! riefen die Uebri⸗ gen. und bitterer Verdruß zeigte ſich in ihren Mienen. Vincenz betrachtete die Sonne. Die Uebrigen betrachteten eine Tafel, die einige Stadtdiener ſo eben vor dem Fenſter an einen Pfahl aufgenagelt hatten. Im Auge der ſtrahlenden Sonne las Vincenz eine Verheißung von Licht und Frieden. — Guſtap Moritz, laſen die Uebrigen in großen Buchſtaben auf der Tafel, der Verräther ſeines Vater⸗ landes, friedlos im ganzen ſchwediſchen Reich und den ihm untergebenen Ländern. Das Urtheil gegen Armfelt war vollſtreckt worden. — Welch eine ſchöne Stunde! flüſterte Vincenz. — Ein entſetzlich harter Schlag! dachten die Andern. Armfelt litt tief; Döring fühlte ſich zerknirſcht. Aber in dieſem Augenblick dachte er bloß an Louiſe, .er erinnerte ſich nicht einmal mehr, daß er einen Vater gefunden hatte. — Arme Louiſe, ſeufzte er. — Sie ſchweigen, Herr Baron, fiel der Courier ein; wollen Sie noch jetzt Ihren Beſchluß nicht ändern und mir nach Petersburg folgen? Dieſe Frage zog Aller Augen auf Armfelt. Armfelt heftete einen ſcharfen Blick auf den Courier, während er ſtill blieb. — Sie folgen mir... Armfelt erhob dabei ſein ſtolzes Haupt wieder, und ein klarer Strahl glänzte in ſeinem Auge. 360 — Allerdings, ſagte er, allerdings folge ich Ihnen; aber nicht nach Petersburg, ſondern nach Kaluga. Die Antwort weckte ſogar Döring aus ſeinen ſchmerz⸗ lichen Betrachtungen wieder auf. — Eine Wolke verdüſtert die Sonne, bemerkte Vincenz; wenn ſie verſchwindet... dann... dann... — Dann, dann, dachte auch Döring. — Dann fliegt mein Geiſt von hinnen. — Dann fliegt auch meine weiße Taube ab, dachte Döring, mit einem Lilienblatt unter ihrem Flügel. Die Wolke verging und die Sonne ſtrahlte wieder klar; aber Armfelt, Vincenz und Döring ſprachen nicht: Armfelt dachte an den entſetzlichen Schlag, der ihn ge⸗ troffen hatte, Vincenzens Geiſt flog in die friedlichen Regionen des Lichtes auf, und Döring blickte ſchmerzlich der weißen Taube nach, die in dieſem Moment ſeinen Blicken entſchwand. Cazal beugte ſein Knie an dem Bette des todten Vincenz. Armfelt ſah auf, als der Courier ſich der Thüre näherte. — Wohin? fragte er ihn. — Nach Kaluga. — Kaluga, wiederholte Armfelt; und Du, mein Sohn, wohin? — Nach... nach... Er wußte nicht, was er antworten ſollte. — Komm an mein Herz. — Hier... Und Döring ſtürzte in ſeines Vaters Arme. Wir müſſen dem Leſer zum Schluß noch einige Mittheilungen machen. Die von dem Herzog als Verſchwörer gegen die vormundſchaftliche Regierung verurtheilten Perſonen wur⸗ ) —— den von Guſtav Adolph IV vollkommen rehabilitirt, unter Andern auch Ehrenſtröm, welchem der Herzog die Todes⸗ ſtrafe erlaſſen hatte. Armfelt wurde als Botſchafter nach Wien geſchickt. Auf der Reiſe hatte er ein kleines Geſchäft in Berlin. Als er dem König vorgeſtellt wurde, ſagte dieſer mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln, das eine Anſpielung auf Armfelt's Verurtheilung zum Schaffot enthielt: Ich habe Sie lange nicht hier geſehen. Armfelt merkte, auf was der König deutete. Sie haben Recht, Sire, ant⸗ wortete er, ich war nicht mehr hier ſeit der großen Revue, wo Ew. Majeſtät vom Pferde fielen. Aminoff erhielt ebenfalls eine Anſtellung im Staats⸗ dienſt. Ungefähr 82 Jahre alt, ſtarb er in Finnland auf einem Gut, genannt Rilar, einige Meilen von Abo. In einem kleinen, eigens hierzu verfertigten Käſtchen verwahrte er eine heilige Reliquie, die Maske, welche Guſtav III trug, als ihn der mörderiſche Schuß traf. Als Fräulein Rudenſköld Gothland verließ, begab ſie ſich nach der Schweiz, wo ſie ihre bleibende Woh⸗ nung nahm. Die berühmte und geniale Frau von Stasl wurde hier ihre Freundin. Als ſie nach Schwe⸗ den zurückkam, führte ſie der Dichter Leopold noch ein⸗ mal mit Armfelt zuſammen. Fräulein Rudenſköld ließ ſich 1823 in Stockholm nieder und ſtarb 1824. Biſchof Hedren, damals Paſtor in St. Jacob, hielt ihre Leichen⸗ rede. Sie liegt in der Gruft ihrer Ahnen in der Clara⸗ kirche begraben. Als die vormundſchaftliche Regierung ihr Ende er⸗ reichte, verließ Reuterholm Schweden und irrte unter dem angenommenen Freimaurer⸗ oder Illuminaten⸗ namen Tempelkreuz in Europa umher. Endlich ließ er ſich auf einem Gut in Holſtein bei einem alten Fräu⸗ lein von Döring nieder. Als die ſchwediſche Armee im Jahr 1815. auf ihren Hin⸗ und Hermärſchen eine Be⸗ wegung gegen Holſtein machte, wurde ſeine Seele von 36²2 einem ſolchen Schrecken erfaßt, daß er einen Schlag be⸗ kam und ſtarb. Fräulein Louiſe Poſſe blieb unverheirathet. Als Forſter von der Feſtung kam, erhielt er ſeine Marie wieder. Alm hörte niemals auf, dem Glück nachzu⸗ jagen, aber er that es jetzt auf hölzernen Beinen. Was 4 Döring betrifft, ſo könnten ſeine Schickſale einen ganzen 4 Roman ausfüllen. Ende. V Beilagen. Numero 1. Als Beweis für die öffentliche Meinung, welche damals im Lande berrſchte, theilen wir hier den be⸗ rühmten Brief mit, den der Kirchenvorſteher Widen an den Herzog Regenten ſchrieb, und der ſpäter einen merk⸗ würdigen Hochverrath sprozeß veranlaßte. Unſeres Wiſſens iſt er noch niemals gedruckt worden. Mein gnädiger Herr! Es kann nicht gut enden, wenn Sie ſo fortfahren, wie Sie angefangen haben. Der ſelige König hatte Ihnen alle mögliche Ehre erwieſen und das höchſte Ver⸗ trauen gezeigt; aber Sie antworten darauf mit dem größten Schimpf, den Sie ſeinem Staube anthun. Sie beſeitigen und tadeln ſeine weiſen Einrichtungen, Sie verunglimpfen und vertreiben ſeine treueſten Leute, aber Sie befördern und erheben ſeine Feinde und Verketzerer. Können Sie dermaßen in Blindheit verfallen ſein, um nicht einzuſehen, daß ein ſolches Benehmen Ihrer un⸗ würdig und Ihnen ſelbſt ſchädlich iſt, daß die Nation damit nicht zufrieden ſein kann, daß Sie ſich der Theilnahme am Königsmord verdächtig machen, und daß die Ge⸗ — ſchichte Sie der Nachwelt als einen undankbaren und unwürdigen Bruder, ſowie als einen niedrigdenkenden Fürſten ſchildern wird? Sie geben vor, daß Sie Ver⸗ ſöhnung und Einigkeit zwiſchen den Parteien ſtiften wollen; aber Ihr Vorwand taugt nichts, denn Sie fördern mehr die Uneinigkeit und gegenſeitige Erbitte⸗ rung. Hier ſind keine andern Parteien, als zwiſchen dem Adel und dem Bürgerſtand, dieſe aber werden da⸗ durch am wenigſten vereinigt, daß Sie den Bürger be⸗ leidigen und den Adel erhöhen. Eine vollkommene Ver⸗ einigung läßt ſich, ſo lange es einen Adel gibt, nicht mehr erzielen, ſeitdem man einmal in der Aufklärung ſo weit gekommen iſt. Wiſſen Sie, daß der Adel(dem Sie nur zum Spielball und Geſpötte dienen) zu allen Zeiten darnach getrachtet hat und noch jetzt darnach trachtet, unter dem Schein von Vaterlandsliebe die Regierung in ſeine Hände zu bekommen und ſowohl den König als das Volk ſich zu unterwerfen. Dieſe Herren finden immer ihr Intereſſe dabei, den Bürgerſtand gegen Sie aufzureizen. Es iſt bereits allgemein bekannt, daß der Adel und Sie ſelbſt im Sinne haben, den jungen König entweder heimlich durch Gift aus dem Wege⸗ ſchaffen oder ihn als Baſtard zu erklären; aber glauden Sie nicht, daß dieſe Herren es gut mit Ihnen meinen; im Gegentheil ſehen ſie wohl voraus, daß der Bürger⸗ ſtand ſeine gerechte Entrüſtung darüber kräftig an den Tag legen wird. In einem ſolchen unglücklichen Fall würde hier daſſelbe Trauerſpiel aufgeführt werden wie in Frankreich; bewahre Sie Gott, mein Prinz, vor einer ſo gottloſen Handlung; ſeien Sie verſichert, daß die⸗ jenigen, die Ihnen einen ſolchen Vorſchlag machen, Ver⸗ räther an Ihnen und an dem Reiche ſind. Retten Sie alſo jedenfalls ſowohl ſich ſelbſt, als das Reich von einer ſo traurigen Scene. Laſſen Sie den jungen König am Leben und beſchimpfen Sie ſeine Eltern nicht; Sie ver⸗ lieren nichts dabei, denn die Krone würde Ihnen uner⸗ träglich werden, wenn Sie wider Vermuthen und gegen 364 den Plan des Adels ſie erhielten; dagegen gewinnen Sie mehr Ehre und Liebe, wenn Sie dem Vertrauen Ihres Bruders redlich entſprechen. Werfen Sie ferner keine ſchwarzen Schatten mehr auf Ihren Bruder, der Sie ſo hochgeehrt und erhoben hat. Laſſen Sie ſich nicht länger durch ſeine Feinde und Verleumder leiten und berathen. Dieſe ſchwatzen zwar von Liebe und Eifer für das Vaterland, haben jedoch nichts als Rache, Ver⸗ folgung und Herrſchſucht im Auge. Sie ſind jetzt von keinen andern Leuten umgeben, und kein Bürgerlicher, den dieſe nicht auf ihre Seite gebracht hätten, beſitzt Zutritt zu Ihrer Perſon. Auf ſolche Art können Sie nichts Anderes erfahren, als was in den Kram dieſer Herren taugt. Haben Sie keinen Günſtling mehr. Wenn Sie die dem ſeligen König ergebenen bürger⸗ lichen Männer nicht zurückrufen wollen oder können, ſo berufen Sie aus den Provinzen ſolche Bürgerliche als Mitglieder Ihres Raths, welche der Adel am Meiſten ſchmäht; Sie können dann überzeugt ſein, daß dieß ein⸗ ſichtsvolle, kluge und Ihnen ergebene Männer ſein wer⸗ den, denn den Dummen und Unthätigen fragt der Adel Aichts nach, dieſe ſtehen ihm nicht im Weg. Hören Sie alfs beide Parteien an, mein Prinz, dann werden Sie die Wahrheit erfahren, dadurch auch die bereits auf⸗ gereizten Gemüther wieder verſöhnen und Ruhe und Frieden im Land wieder erhalten können. Laſſen Sie es nicht länger als Verdienſt gelten, der Verkleinerer des ſeligen Königs geweſen zu ſein, und rechnen Sie die ihm bewieſene Ergebenheit nicht länger als ein Ver⸗ brechen an. Heben Sie die von ihm getroffenen Ein⸗ richtungen nicht auf. Sie ſind ja nicht weiſer, als dieſer Fürſt, deſſen Weisheit ganz Europa bewunderte. Laſſen Sie deßhalb der Geiſtlichkeit ihre Expeditions⸗ gebühr und ziehen Sie eines ihrer Mitglieder in Ihren Rath. Wenn die Mehrheit ſich geweigert hat, ſo wiſſen Sie, mein Prinz, daß ſie dazu theils durch Drohungen, theils durch Lockungen des Adels beſtimmt worden iſt, —————— und daß ſie aus Furcht über die Einziehung höchſt miß⸗ vergnügt ſind. Wenn Sie einen Biſchof ernennen, ſo ernennen Sie dazu keinen Bewohner von Stockholm, dort iſt kein redlicher Mann, der die Fähigkeit dazu be⸗ ſäße, denn Murray iſt der unverſchämteſte Verleumder des ſeligen Königs, weßhalb der Adel ihn liebt; ſondern nehmen Sie einen fähigen Pfarrer vom Lande und for⸗ dern Sie deßwegen die Biſchöfe zur Berichterſtattung auf. Iſt es einer, den der Adel ſchmäht, ſo kann man uͤberzeugt ſein, daß er taugt. Der Vorwand, daß ein Biſchof oder Probſt nicht als vortragender Rath ge⸗ braucht werden dürfe, damit die Amtswürde nicht leiden möge, iſt gar zu armſelig und ſchwach, denn welcher Poſten iſt wohl von höherer Bedeutung, ein ſolcher, der für alle religiöſen Angelegenheiten des Reiches, für die Rechte und Intereſſen eines ganzen Standes zu ſorgen hat, oder ein einfaches Paſtoramt, dem auch ein Vikar vorſtehen kann. Laſſen Sie den Stand ſeine Erpedition behalten. Ich bin kein Pfarrer, und in dieſer Beziehung geht es mich nichts an, aber ich bin ein Bürgerlicher und ſehe einen Verluſt für die Bürgerlichen darin, wenn einem bürgerlichen Manne der Zutritt zu dem Throne ab⸗ geſchnitten wird. Das iſt es, was der Adel will. Dieſe Herren wollen die Pfarrer ſich unterwerfen und die An⸗ gelegenheiten derſelben in ihrer eigenen Hand haben, theils um ihnen imponiren zu können, theils um bei Wahlen und ähnlichen Gelegenheiten über ſie zu ver⸗ ügen. Laſſen Ew. königliche Hoheit dem Adel freies Spiel mit der Aufhebung der Expedition, ſo verſetzen Ew. königliche Hoheit dem Prieſterſtand einen harten Stoß, ſchaden aber zugleich ſich ſelbſt und anderen bürger⸗ lichen Ständen. Thun Sie nicht mehr, als Sie ver⸗ antworten können. Bedenken Sie, daß der Adel nicht Alles iſt, daß die anderen Stände nicht des Adels we⸗ gen da ſind, und daß man in der jetzigen Zeit keinen Deſpoten und keinen Ariſtokraten mehr erträgt. Hiemit 366 wird Ihnen beiliegende Veröffentlichung zugeſchickt, die darin enthaltenen Infamien gegen den ſeligen König ſind eine Folge Ihrer eigenen. Wenn dieſe Schmäh⸗ ſchrift ungeſtraft bleibt, ſo wird Ihre Regierung nur eine Regierung der Schmähungen und Verfolgungen ſein, und das Land wird bald beunruhigt werden durch Pasquille, Uneinigkeit, Bitterkeit und Haß. Es iſt ab⸗ ſcheulich, wie in dieſer Schrift angeſtellte Männer über alle diejenigen herfahren, die dem ſeligen König ergeben waren; Schurken und Canaillen ſind die gewöhnlichen Titel, die man ihnen ertheilt. Mein gnädiger Herr, ziehen Sie dieſe Erinnerungen in Erwägung, ſie ſind in der reinſten Abſicht geſchrieben. Wehe mir, wenn ich etwas Anderes beabſichtigte, als Ihr Wohl, ſowie Frie⸗ den und Ruhe im Lande; aber verachten Sie meine Mahnungen, ſo ſchaden Sie ſich ſelbſt und dem Reich und werden bald genug mit Reue und Scham die Wahr⸗ heit derſelben empfinden. Ich brauche Ew. königlichen Hoheit nicht zu verbergen, daß der Adel Sie im höch⸗ ſten Grad verachtet und ſich ſogar luſtig macht über die Schwachheit, womit Sie ſich von ihm nach ſeinem Belieben regieren laſſen, wenn es gilt, den ſeligen Kö⸗ nig zu verläſtern und ſeine Getreuen zu unterdrücken. Das iſt die Ehre und der Dank, womit man Ihnen lohnt. Eine ſolche Moral herrſcht unter dieſem Volke. Numero 2. Karl mußte von ſeinen Grübeleien in Betreff der Seligkeitsfrage ſeines ſeligen Bruders zurückkommen. Aber dieß war nicht ſo leicht, als es geweſen war, ihn hineinzuführen. Der Herzog fragte zuweilen mit Thrä⸗ nen in den Augen alte Diener, was ſie von dem Zuſtand Guſtav's in der Ewigkeit glaubten, und das Gerücht be⸗ gann ſich zu verbreiten, daß der Herzog ſchwachſinnig ſei. Da wurde der Hundsbiß mit Hundhaar geheilt. Wo die Vernunft nicht geholfen, da half der Aberglaube 1 En Denuürunanunuuwunu duenaumnaummuun 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 8 8 4 8 “ v ☛