—— Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 „2. Lesepreis. Bei Nückgabe eines geliehenen Buches wird von jehem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.——, 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſe 1 Leih- und Jeſebedingungen.. wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für muchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— I auf 1 Monat: 1 N. Ff. 1 NM 50 Pf. 2 M. f „ 2 7„—= 4„— 8 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ſ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4& —— — 44 9 4= Der Trabant. Geſchichtlicher Roman von C. F. Ridderſtad. Aus dem Schwediſchen überſetzt von Gottlob Fink. Elftes bis fünfzehntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1852. Der Trabant. Zweiter Theil. Vorwort. Der Verfaſſer benützt dieſe Gelegenheit, um allen reſpektiven Zeitungsredactionen, die mit aufmunterndem Wohlwollen dieſe Arbeit angekündigt, ſeinen Dank ab⸗ zuſtatten. Die Kritik beſchuldigt in unſern Tagen die ſchöne Literatur im Allgemeinen vieler Sünden. Die ſchöne Literatur könnte möglicher Weiſe die Kritik eben ſo vie⸗ ler zeihen. Beide haben zu allen Zeiten geſündigt, aber am meiſten vielleicht in unſern Tagen. Wollte man jedoch ſtreng und ernſt den allgemeinen Charakter der beiderſeitigen Sünden gegen die Geſetze der Aeſthetik und Moral prüfen, ſo dürfte das Urtheil zu Gunſten der ſchönen Literatur ausfallen, weil dieſe ihre Sünden ge⸗ wöhnlich aus angeborner Unvollkommenheit oder Schwach⸗ heit begeht, während dagegen die Kritik ſich häufig vor⸗ ſätzliche Sünden zu ſchulden kommen läßt, die von po⸗ litiſchen oder perſönlichen Antipathien veranlaßt werden. Dem Verfaſſer kam daher die Aufnahme, die der Trabant gefunden, unerwartet, und ohne daß er es zu entſcheiden wagt, in wiefern die Urſache dazu in dem Zeitpunkt ſelbſt geſucht werden muß, um welchen das Creigniß ſich dreht, oder im Intereſſe für die hiſtori⸗ ſchen Perſonen, die darin auftreten, fuͤhlt er ſich zu derſelben Dankbarkeit verpflichtet. Der Trabant. III. 1 Der Verfaſſer hat ſich niemals geſchmeichelt und ſchmeichelt ſich auch in dieſer Stunde noch nicht, ſein roblem genügend löſen zu können: es liegt vielleicht unſern Tagen gar zu nahe und dürfte gar zuweilen un⸗ gleichartige Gegenſtände entfalten, als daß der Hiſtoriker es bis jetzt noch vollſtändig behandeln könnte, geſchweige denn der Romanſchreiber. Die freundliche und wohl⸗ wollende Aufnahme erfreut inzwiſchen den Verfaſſer, weil ſte ihm die Ueberzeugung gibt, daß das Endurtheil, wie es auch einmal ausfallen mag, gewiß wenigſtens human ſein wird, ohne daß man deßhalb die Forderungen der Gerechtigkeit bei Seite ſetzt. Frankreich's Schriftſteller haben die Literaten zu einer Art von Schauſpielern gemacht. Was Frankreich an einem Tag thut, das ſucht das übrige Europa am andern Tag auch zu thun. Ohne bloß für den Augen⸗ blick zu leben, iſt der nugenblic eigentlich auch das Einzige, was die Schriftſteller beſttzen. Bi⸗ Aufmunterung, die dieſer Arbeit zu Theil ge⸗ worden, gehört gleichfalls gewiß bloß dem flüchtigen Au⸗ enblick an, da ſie bloß dem Anfang der Arbeit zuge⸗ hallen iſt, ohne daß man das Ende kannte; dieß ver⸗ mindert jedoch ihren Werth und die Verpflichtung zur Dankbarkeit nicht. fluß in der ſchönen Literatur. Die Literaten umgaben die Throne, wurden von ihnen begünſtigt und unter⸗ halten. Die allgemeine Meinung war damals nicht von ſolchen Gährungsſtoffen erſchüttert wie jetzt, Genie und Geſchmack ſtanden unabhängig von den Wechſeln des Tags da und ertheilten ihre Geſetze den Generationen. Aber ganz andere Verhältniſſe haben ſich ſeitdem geltend emacht. Die Schriftſteller können ſich nicht mehr wie rüher in ſich ſelbſt und ihr Studirſtübchen verſchließen. 3 8 Die Zeit reißt ſie, wie alles Andere, mit ſich. Sie gehören ihrer Generation an und müſſen für ſie arbei⸗ ten. Das Volk kennt wenig oder nichts von der Welt der Ideen, aber es kennt um ſo beſſer die Wirklichkeit, und dieſe bleibt niemals in einer gewiſſen Form ſtehen. In der Natur und in dem einfachen Menſchenherzen ver⸗ ändern ſich die Bedingungen und der Ausdruck des Le⸗ bens beſtändig, ohne daß deßhalb das Leben ſelbſt, das Göttliche in beiden, ſich verändert. Sie find es auch, die jetzt ihre Geſetze dem Genie und Geſchmack vor⸗ ſchreiben, welche ihrerſeits dieſelben eigentlich bloß ab⸗ ſchreiben und unterzeichnen. Früher konnte man von dem Menſchen ſagen, er ſuche das Genie und den Ge⸗ ſchmack auf; jetzt ſind ſie es, die den Menſchen ſuchen, und ſie finden ihn nicht unter den Theorien, ſondern im Leben, in der Natur. Die Kunſt umfaßt nicht bloß die Paläſte, ſondern auch den Markt und die Straßen. Raſtlos ſtrebt Alles vorwärts, lebt und ſtirbt, um wie⸗ der aufzuleben. Ein endloſer Wettkampf geht durch die Welt. Man fordert beſtändig, daß etwas Neues ge⸗ ſchehen ſoll, und der Tag, wo nichts geſchehen iſt, gilt für einen verſäumten Tag. Man vervielfacht ſich unauf⸗ hörlich, ohne gleichwohl aus einander zu fallen. Die Weisheit will nicht mehr bloß Theorie fein, ſondern Praxis. Das Talent verſchließt ſich nicht in die Bibliotheken, ſondern geht als Apoſtel hinaus. Der Schreibtiſch iſt, um mich ſo auszudrücken, ein Schlachtfeld geworden, und die Feder eine geladene Muskete. Berühmtheit iſt Popularität geworden, und die Schriftſteller ſind Krie⸗ ger, die in den Reihen der Menſchheit kämpfen. Die allgemeine, ſowohl politiſche als moraliſche Muße, welche die Schriftſteller fruͤher beſaßen, iſt in unſern Tagen verſchwunden; ob für immer, das weiß Niemand. Aber was man weiß, iſt, daß die Arbeiten, die dieſer Friede mit der Welt hinterlaſſen, von ſpäten Zeiten und auch von den unſrigen die Unſterblichkeit erhalten haben. Inwiefern auf dieſelbe Art die Produkte unſerer 1 eigenen Zeit eine ähnliche Unſterblichkeit erhalten werden, dagegen proteſtirt gewiß oft genug unſere eigene Zeit, aber gleichwohl ohne zu wiſſen, was künftige Genera⸗ tionen davon zu ſagen haben. Es ſind nämlich nicht bloß unſere Staatstheorien, ſondern auch die ſchöne Lite⸗ ratur jetzt beſtrebt, einen neuen Staat, eine neue Kirche und eine neue Kunſt zu begründen. In wieweit jeder Einzelne in dieſer Beziehung richtig oder unrichtig ar⸗ beitet, dieß zu beurtheilen iſt kein Lebendiger unpar⸗ teiiſch genug. Es gehört einer künftigen Zeit an, der Zeit, wo das Gebäude fertig iſt und der Hiſtoriker rück⸗ blickend in Ruhe ſeine Schlüſſe ziehen darf. Wenn man ſich vergegenwärtigt, wie unſere älteren Meiſter den Genius der Kunſt ſich dachten und ihn in ihren Arbeiten ausbildeten, ſo ſteht er noch heutigen Tages vor unſerem Blick wie eine antike Statue, eine Minerva pacifera oder eine Venus Urania, in vollſtän⸗ diger Harmonie und ruhiger Größe auf denmt Piedeſtal. der Kunſttheorien. Ganz anders verhält es ſich jetzt. Das Marmorbild ſteht nicht mehr auf dem Fußgeſtell. Es hat Leben bekommen, es iſt davon herabgeſtiegen, es handelt und ſpricht, ſingt und tanzt, liebt und lei⸗ det, lebt und intriguirt mitten unter uns. Es iſt mit⸗ unter eine Jenny Lind, zuweilen eine Taglioni, auch eine Dudevant, manchmal ſogar eine einfache Marien⸗ blume, aber einnehmend, überraſchend, hinreißend, beinahe bezaubernd auch in ſeinen Unregelmäßigkeiten und Fehlern, weil das, was man am Adel der Formen 5 vermißt, dadurch erſetzt wird, daß wir uns ſelbſt in dem 5 ganzen Produkt wieder erkennen. f Solcher Art iſt die Kunſt jetzt. Aber wenn auch die Kunſt lebendig mitten unter das Volk getreten iſt, um bei ihr ihre Nahrüung zu ſuchen und ihren Wirkungskreis zu erweitern, ſo geht zu gleicher Zeit auch die Kritik in die Hände deſſelben über. Wenn deßhalb die Kritik ſich vorſtellt, daß ſie noch dieſelbe ſei wie fruͤher, nachdem die Kunſt ſelbſt 5 anders geworden, ſo täuſcht ſie ſich in ihrer Bedeutung. In dem Augenblick, wo die Autoren Schauſpieler wur⸗ den und die Kunſt wieder wie in den urälteſten Zeiten das eigene Leben ihrer Generation zu leben aufing, wurde auch das Publikum Kritiker. Die Kunſt iſt der Schönheitsſinn der Generation, iſt die Poeſie ihrer Na⸗ tur, ihrer Sitten und ihres häuslichen Lebens; die Kritik dagegen iſt die Sympathie oder Antipathie jedes einzelnen, deſſen Inſtinkt über das Rechte, gereift zu einem verſtändigen Schluß in dem allgemeinen Urtheil. Aber die Kunſt, welche direkt auf das Volk wirkt, wirkt natürlich augenblicklich, und das Volk, das den Werth der Kunſtprodukte ſelbſt beurtheilt, urtheilt auch augenblicklich. Die Kunſt und die Kritik werden dadurch bloß Augenblicke in der Entwickelungsgeſchichte des menſch⸗ lichen Lebens, obſchon ſie ſich unaufhörlich mit einan⸗ der verketten. Jeder Schriftſteller hat auch immer große Urſache dankbar zu ſein für den Augenblick des Beifalls, der ſeiner Arbeit geſchenkt wird. In Folge der Aeußerung eines Journals, das die Vermuthung aufſtellt, daß Ek von Ringſtaholm, der in den erſten Kapiteln des Trabanten vorkommt, derſelbe Ek ſein könnte, der nach der Auflöſung der finniſchen Armee zum Chef des Jemtländiſchen Regiments ernannt und mit dem großen Kreuz des Schwertordens zweiter Klaſſe decorirt wurde, glaubt der Verfaſſer erklären zu müſſen, daß es ſich nicht ſo verhält. Ein naher Verwandter des Barons G. M. Arm⸗ felt hat dem Verfaſſer in einem Privatſchreiben folgende Angaben mitgetheilt. Mit 21 Jahren machte Armfelt unter der Aufſicht des ſpäter zu einer ſo unglücklichen Berühmtheit gelang⸗ ten Sprengtporten eine Reiſe in's Ausland. Eines Tags beſuchte er eine katholiſche Kirche, und bald ent⸗ deckte ſein forſchender Blick unter den Andächtigen eine junge Dame von außerordentlicher Schönheit. Auch ihre Blicke ſchienen ſich mit Intereſſe auf ihn zu heften, und als ſie beim Hinausgehen an ihm vorüberkam, ließ ſie ihren Handſchuh fallen; er beeilte ſich ihn aufzuhe⸗ ben und ihr zu übergeben, und die Bekanntſchaft war gemacht. Wenn irgend Jemand mit vollem Recht Ju⸗ lius Cäſar's bekannte Worte: veni, vidi, vici auf ſich anwenden konnte, ſo war es gewiß Armfelt. Bald ent⸗ ſtand zwiſchen ihm und der ſchönen Unbekannten, einer geborenen Polin, das innigſte Verhältniß, ſo daß ſie ſich von ihrem Manne ſcheiden ließ, um ſich mit Arm⸗ felt zu vermählen. Tag und Stunde der Trauung wa⸗ ren bereits feſtgeſetzt, und überſelig ſtieg der Bräutigam in ſeinen Wagen, als dieſer plötzlich eine andere Rich⸗ tung einſchlug und Armfelt ſich mit Gewalt entführt ſah. Sprengtporten hatte nämlich von der beabſichtigten Ver⸗ mählung erfahren und den Kutſcher erkauft, deſſen ſich Armfelt bediente. Von dieſem Augenblick an verlor Armfelt alle Spuren ſeiner Geliebten und erfuhr nie⸗ mals, welches Schickſal ſie oder das Pfand der Liebe, die Frucht dieſer Verbindung traf, das ſie bereits unter dem Herzen trug. Armfelt konnte Sprengtporten ſein tückiſches, trügeriſches Benehmen bei dieſer Gelegenheit nie verzeihen und beklagte noch oft in weiter vorge⸗ ſchrittenem Alter den unglücklichen Ausgang dieſes Aben⸗ teuers. Der Verfaſſer hat, wie der Leſer bereits gefunden, dieſe Angaben bei der Anlegung des Planes zu dieſer Arbeit benützt und braucht nur noch zu erinnern, daß er dem Pfand dieſes Liebesabenteuers ein höheres Alter gegeben hat, als daſſelbe, wenn man Armfelt's eigene Jahre in Betracht zieht, beſttzen konnte. Armfelt war nämlich im Jahr 1757 geboren. Linküping, im Mai 1850. Der Verfaſſer. — 2— Erſtes Kapitel. Eine neue Hofintrigue. Ungefähr anderthalb Jahre ſind verfloſſen, ſeit die bisher beſchriebenen Ereigniſſe ſtattgefunden haben. Viele der handelnden Perſonen haben ſeit dieſer Zeit ihre Wohnplätze verändert, manche Pläne und Intriguen ſind an's Tageslicht getreten und haben Früchte ge⸗ tragen, aber alle bewegen ſich noch immer um dieſel⸗ ben Intereſſen und in derſelben Richtung. Der Herbſt 1793 iſt gekommen. Indem wir das königliche Schloß in Stockholm wieder betreten, befinden wir uns in einem geräumigen hohen Zimmer mit der Ausſicht auf den Logard. Dun⸗ kelblaue Gardinen von dicker, feſter Seide, mit gelben ſeidenen Franzen beſetzt, fallen in gleichen und dichten Falten um die tiefen Fenſterniſchen herab. Am Ende des Zimmers ſteht ein kleiner Tiſch, umgeben von eini⸗ gen vergoldeten Lehnſtühlen. Verſchiedene Seitenthüren führen von dieſem Zimmer in andere. Fräulein Rudenſköld tritt, begleitet von Ehren⸗ ſtröm, in dieſem Augenblick ein. Beide kommen aus den inneren Zimmern. — Der Plan iſt ſchrecklich, abſcheulich, niederträch⸗ tig, ſagt Fräulein Rudenſköld. Er muß abgewehrt, er muß zu nichte gemacht werden. — Sie haben Recht, er muß abgewehrt werden; aber wie... ich kenne nicht mehr als ein einziges Mittel. — So laſſen Sie mich es hören und ich betheure... Sie that ſich hier Einhalt und blickte fragend Ehrenſtröm an. — Sollten Sie etwa meinen... fragte ſie, und ein Ausdruck des größten Schrecks zeigte ſich dabei auf ihrem Geſichte. — Sie verſtehen, was ich meine, Fräulein, und das genügt vollkommen. — Mein Gott, iſt denn das Weib nur dazu ge⸗ boren, um von den Leidenſchaften der Männer zerfleiſcht zu werden? Hat ſie nicht das Recht, wenigſtens in ihrem eigenen Herzen eine Freiſtätte für ihre Gefühle zu beſitzen? Kann man ihr die Verpflichtung auferlegen, auch das Einzige, was ſie wirklich beſitzt, ihre Liebe, auf dem Altar des gemeinen Egoismus zu opfern? Iſt ſie verbunden, ihre Ehre, ihr Herz, ihr Gewiſſen ſolchen Forderungen preiszugeben, die ihren heiligſten Begriffen auf eine verletzende Art Gewalt anthun? Unmöglich. Ich habe geliebt und ich liebe noch jetzt. Iſt meine Liebe ein Verbrechen geweſen oder eine Tugend? Ich weiß es nicht. Im Himmel beſitze ich einen Gott, auf Erden eine Liebe. Mit unzerreißbaren Banden bin ich an Armfelt's Partei feſtgeknüpft, ich gehöre ihr ſo treu an wie die Blume dem Thal angehört und die Hoffnung dem Herzen; denn dieſe Partei ſpricht mit ſeiner Stimme zu mir, ſie leitet mich mit ſeiner Hand, ſie führt mich mit ſeinen Augen und umſchließt mich mit ſeinen Armen. Sollte ich jedoch ihn um ſeiner Sache willen betrügen, die Liebe vergeſſen und ſeine ehrgeizigen Pläne anbeten? Niemals.„Seine Partei iſt mir lieb, aber er ſelbſt iſt mir noch lieber. Die Liebe kann Alles opfern, nur nicht ihre Liebe. — Nur diejenige Perſon, die den Herzog beherrſcht, antwortete Ehrenſtröm, beherrſcht auch Schweden. Reu⸗ terholm wird über uns ſiegen, ſo lange er den Regen⸗ ten in ſeiner Gewalt hat. Armfelt's Geſandtſchafts⸗ poſten an den italieniſchen Höfen iſt nichts Anderes, als ein Landesverweiſung. Wenn er einmal fort iſt, d f ——— 8——, N 9 ſo hat unſer ganzer Einfluß aufgehört. Franc, Taube, Nordia, Wallaviſt, Schröderheim, Lagerbring, Toll, Cronſtedt, Hakanſſon, mit einem Wort, all' unſere Freunde ſind von ihren Aemtern entfernt. Ein Schlag nach dem andern hat uns vernichtet, und ſo wird es bleiben, bis Sie... 2 — Sprechen Sie nicht davon, mein Herr. Sie wiſſen nicht, was die Liebe eines Weibes iſt. Sie glau⸗ ben, dieſelbe ſei nur wie bei Ihnen ſelbſt eine flüchtige Frühlingsbegattung der Vögel, ein Triller in der Luft. O nein. Die Liebe iſt für das Weib die Jugendguelle in unſerm Herzen, auf welche Gott ſein ewiges Siegel gedrückt hat. Nur der Tod kann daſſelbe erbrechen. Seit Armfelt abgereist iſt, bin ich unaufhörlich geſtor⸗ ben, und es bleibt mir nichts mehr übrig, als mich be⸗ graben zu laſſen. Mein Herr, laſſen Sie mich in Frie⸗ den ſterben. — Und denjenigen ſtürzen, den Sie lieben... — Nein, nein, ſein Genie wird uns Alle retten. Wir müſſen auf ihn und auf die Zukunft hoffen. — Sie vergeſſen, welche Abſichten Reuterholm ſchon in dieſem Augenblick hegt. Bekommt er nur vom Me⸗ dizinalcollegium die Erklärung, daß der junge König allerlei verrückte Ideen im Kopfe habe, daß er wahn⸗ ſinnig, kurz und gut regierungsunfähig ſei, ſo werden die Stände ſeine Minderjährigkeit verlängern, ja viel⸗ leicht bis auf ſein ganzes Leben ausdehnen. Welche Zukunft beſitzen wir dann? — Fräulein Rudenſköld war tief erſchüttert. — Und Sie behaupten, daß ich die Macht habe, alle dieſe ſo mörderiſchen Streiche, die gegen den König und uns gerichtet ſind, abzuwehren? — Beim Himmel, nur ein einziges Wort aus Ihrem Mund, und Sie können den Herzog um Ihren Finger wickeln. — Sie glauben das? 10 4„RNeuterholm's Einfluß wird verſchwinden und Arm⸗ felt's Siuflu wieder an ſeine Stelle treten. — h.. — Der junge König wird Ihnen ſeine Krone zu verdanken haben. — Mein Gott! — Beſinnen Sie ſich nicht, mein Fräulein, ſon⸗ dern entſchließen Sie ſich. In dieſem Augenblick liegt das Schickſal des Vaterlandes einzig und allein in Ihrer Hand. Fräulein Rudenſköld war im Zimmer auf⸗ und abgegangen. Entſchloſſen blieb ſie endlich vor Ehren⸗ ſtroͤm ſtehen. — Nun wohl! Ich habe mich bedacht und ent⸗ ſchloſſen, ſagte ſie. Hören Sie mich nur einen Augen⸗ blick an. Sie geben zu, daß alle Verbrechen und Feh⸗ ler im Allgemeinen als beiden Geſchlechtern gemein⸗ ſchaftlich betrachtet werden können; aber geben Sie auch zu, mein Herr, daß es gleichwohl ein einziges Verbre⸗ chen gibt, das kein Weib ſich zu Schulden kommen laſſen darf. — Laſſen Sie mich es hören. — Ein einziges Verbrechen, das vom Mann be⸗ gangen, ſeine Natur nicht verändert, aber vom Weib begangen, ihre ganze Moralität, ihren weiblichen Werth, ihre göttliche Müſſton vernichtet. — Ich verſtehe nicht. — Ein einziges Verbrechen, das ihr auf einmal den Weg zum Himmel und zur Gnade Gottes ver⸗ 6 ſchließt. 3 — Sie ſind dunkel. — Ein einziges Verbrechen, das, einmal begangen, ihr ganzes Leben zu einer fortgeſetzten Kette von Ver⸗ brechen macht. — Erklären Sie ſich. — Ein einziges Verbrechen, das beim Weib alle zim⸗ — G u 11 andere in ſich begreift, weil es die Ausſicht auf dieſel⸗ ben eröffnet. — Und dieſes Verbrechen iſt? 4 — Das iſt das Verbrechen gegen unſere Liebe. Was der Staat als Verbrechen ſtempelt, iſt nicht im⸗ mer verbrecheriſch; nur das iſt Verbrechen, was vor Gott verbrecheriſch iſt. 1 — Sie berufen ſich auf einen Richterſtuhl, der jenſeits der gewöhnlichen Kreiſe der Geſellſchaft liegt; da gibt es keine Advokaten, mein Fräulein. Ich ſchweige alſo.. — Wie heißt des Mannes ſchönſte Tugend? mein Herr? — Vaterlandsliebe. — Wenn Sie darin Recht haben, ſo iſt auch der Unterſchied zwiſchen dem Mann und dem Weib leicht einzuſehen. — Wie ſo? 1 — Er lebt für das Allgemeine, für eine Idee, eine Welt; das Weib lebt für den Mann, für das Einzelne. Er ſoll durch die Schwierigkeiten des Lebens Bahn brechen und das Gluͤck der höheren Siege des Geiſtes auf Erden genießen; ſie ſoll ihn anfeuern, ihn beleben und den Blumenduft ſeiner Chre genießen. Nun wohl, ſehen Sie jetzt nicht ein, worin des Weibes ſchönſte Tugend beſteht? — Sie überraſchen mich. — Ich ſpreche nicht von den Geſetzen des Staats, ich ſpreche von denen der Natur, von Gottes eigenen Geſetzen. Der Staat kann zwei Perſonen ehelich an einander binden, aber nur unſere Herzen können ſie in Liebe vereinen. Und die Liebe iſt Gottes erſtes Geſetz. — Sie meinen alſo, daß die Liebe die erſte Tugend des Weibes ſei. — Das nicht. Die Liebe iſt ein Geſetz, ein Na⸗ turgeſetz, ſie iſt keine Tugend. — Und worin beſteht denn ihre erſte Tugend? 12 — In ihrer Treue gegen denjenigen, den ſie liebt; dieß iſt eine Tugend, weil ſie die Atmoſphäre um unſere Liebe her rein erhält. Ehrenſtröm lächelte. — Die Freiheit iſt der Weingeiſt der Liebe, mei⸗ nen Sie. — Sie iſt eine Tugend, weil ſie den Mann ruhig und ſtark in ſeinen Kämpfen macht. — Die Treue des Weibes iſt alſo ein Fallſchirm für die Tugend des Mannes. — Eine Tugend, weil ſie eine Begrenzung iſt. — Eine Grenzſcheide gegen den Leichtſinn. — Eine Tugend, weil ſie die Glarie der Liebe iſt. — Der chineſiſche Haarzopf, meinen Sie, woran der liebe Gott eines Tags diejenigen, die lieben, in's Himmelreich hinaufziehen wird. — Wie Sie belieben, mein Herr. — Ihr Beſchluß iſt alſo... — Mein Herz niemals zu verrathen. — Sie ſind zu ſehr Schwedin, mein Fräulein; Schade, daß Sie nicht ein Bischen mehr Franzöſin ſind. Was ſagen Sie von einer Lavaͤlette, einer Ram⸗ bouillet, einer Arma von Beaujeu, einer Gabriele, einer Montbazon, einer Viegan, einer Pompadour, einer.. aber das Alphabet reicht kaum aus für all dieſe Damen, die bloß dem Geſetze des Herzens folgten. — Nennen Sie das Herz nicht in demſelben Ton wie dieſe Damen. Hätten Sie diejenigen geliebt, denen ſie angehörten, ſo würde Gott ihnen ihre Fehler ver⸗ iehen haben; aber nein, ſie ließen ſich nur durch Leicht⸗ ſinn und Ehrgeiz leiten und Gott hat ſie auch dafür geſtraft. Die Stimme des Herzens hat niemals zu ihnen geſprochen. — Nun wohl, mein Fräulein... — Sie haben meine Antwort gehört. — Sie ſchwärmen. — Mag ſein. 13 — Sie ſind ſentimental. — Sie ſtrafen mich; aber ich kenne bloß eine Strafe, die ich fürcte die des Gewiſſens. Ehrenſtröm verſtummte.. Der Herzog Regent, erzählt Fräulein Rudenſköld in ihren eigenen noch ungedruckten Memoiren, hatte eine übertriebene Liebe zu ihr gefaßt; nachdem Arm⸗ felt das Vaterland verlaſſen hatte, ſtritten ſich die Par⸗ teien um ſie. Die Armfelt'ſche Partei verlangte, ſie ſolle die Neigung des Herzogs erwiedern, um das Vater⸗ land zu retten, den Einſluß der Partei wieder herzu⸗ ſtellen und Reuterholm zu ſtürzen, der ſie ſeinerſeits mit dem größten Unwillen betrachtete, weil er die Ge⸗ walt befürchtete, die ſie über den Herzog erlangen könnte. Niemand glaubte an die Stärke ihrer Liebe, an ihre Tugend. Kaum war das Geſpräch zwiſchen Ehrenſtröm und Fräulein Rudenſköld zu Ende, als die Thüre ſich öffnete und Mitglieder des Medicinaleollegiums eintraten. Ernſt und ſchweigſam nahmen ſie einen beſonderen Platz auf der einen Seite des Zimmers ein. — Sehen Sie, da ſind die Herren bereits. Nun? — Sie beſitzen Verſtand, aber kein Herz, mein Herr. Beſäßen Sie letzteres, ſo würden Sie Achtung haben für mich und die Qualen, die ich leide. — Das Urtheil dieſer Herren iſt der Richterſpruch über Armfelt. — Ueber die Partei, meinen Sie? — Die Partei iſt Armfelt: fällt ſie, ſo fällt auch er. — Still! 1 In dieſem Augenblick öffnete ſich eine Seitenthüre und der junge König erſchien auf der Schwelle, — Da kommt der Delinquent. Guſtav's Ausſehen war leidender und kränklicher als je zuvor. In ſeinen Augen brannte eine dunkle Schwärmerei. Die Geſundheit ſeiner Seele ſowohl, als ſeines Körpers ſchien untergraben. Als er eintrat, hielt er eine aufgeſchlagene Bibel in ſeiner Hand. In Betrachtungen verſunken, blieb er am Tiſche ſtehen und nahm endlich Platz an demſelben. Er ſchien Niemand von den Anweſenden zu bemerken. — Glauben Sie noch immer nicht, mein Fräulein, begann Ehrenſtröm, wieder, daß eine Krone auf dem Spiele ſteht? — Der Himmel prüft mich entſetzlich. O, mein Gott, mußt Du mich ſo ſtrafen? In dieſem Augenblick zeigte ſich Reuterholm hinter dem König auf der Schwelle. — Da haben Sie den Henker, erinnerte Ehren⸗ ſtröm. Reuterholm bemerkte im Augenblick weder Fräu⸗ lein Rudenſköld, noch Ehrenſtröm, ſondern machte ein Zeichen gegen die Medieinalräthe, unter denen Dahl⸗ berg's ſtrenger Forſcherblick wie ein bleicher, durchdrin⸗ gender Blitzſtrahl leuchtete. — Haben Sie geſehen? — Ja. Man kann die Seele eben ſo gut vergiften wie den Körper. Jeſuitismus und Schwärmerei ſind ſolche Gift⸗ miſcher, die Niemand den klaren und friſchen Trank des Lichtes unverſetzt genießen laſſen. Die Ordensmanie begann zuerſt ihre Arbeit mit Guſtav, ſeine Umgebung nährte dieſelbe, und Jung's Schriften über die Offenbarung vervollkommneten ſte. Die Intrigue hatte freies Feld. Armfelt war fort. Die Thüre zwiſchen dem Glauben und dem Aber⸗ glauben ſtand in Guſtav's Seele bereits offen, und wenn der Wahnwitz die Schwelle noch nicht überſchritten hatte, ſo ſchaute er doch bereits mit ſtierem Blick in ſeine Gedanken hinein. Mit geſpannter Erwartung hefteten ſich alle Blicke auf ihn. — Und der fünfte Engel poſaunte, las er jetzt laut —,„— 1⁵ aus der Bibel, und ich ſah einen Stern vom Himmel auf die Erde fallen, und ihm ward gegeben der Schluſſel zum Brunnen des Abgrundes. — Und er öffnete den Brunnen des Abgrundes, und da ſtieg ein Rauch auf wie von einem großen Ofen, und die Sonne und die Luft wurden verdunkelt von dem Rauch des Brunnens. — Und aus dem Rauch kamen Heuſchrecken auf die Erde, und ihnen ward Macht gegeben wie die Scor⸗ pionen auf der Erde Macht haben. 4 Er verſtummte einen Augenblick und verſank in Betrachtungen. — Der Unglückliche, flüſterte Fräͤulein Rudenſköld, wie ſollen wir ihn retten? — Nur Sie können es thun, antwortete Ehrenſtröm. — O mein Gott! Die anweſenden Aerzte machten ihre Notizen. Reuterholm lächelte. — und die Heuſchrecken ſind wie die Pferde, die man zum Kriege braucht, und ihre Geſichter waren wie die Geſichter der Menſchen. — Und ihre Lenden waren gleich denen des Löwen. — Und hatten Panzer wie Eiſenpanzer, und das Getöne ihrer Flügel war wie Wagengeraſſel, wenn viele Pferde im Krieg zuſammenlaufen. — Und ihre Macht war, die Menſchen fünf Mo⸗ nate zu quälen. — Und hatten über ſich einen König, einen Engel des Abgrunds, deſſen Name auf Hebräiſch heißt Abadon, auf Griechiſch Apollyon. Während Guſtav las, war ſein Geſicht beinahe aus⸗ druckslos. Jeder, der ihn nicht näher kannte oder Gele⸗ genheit hatte, ihn täglich zu ſtudiren und zu beobachten, hätte ihn unmöglich für etwas Anderes als für einen aberwitzigen oder von der Natur geiſtig verwahrlosten Jüngling halten können. Welch eine entſetzliche und traurige Wirkung bethörender Lehren! 16 — Fünf Monato, ſprach er, ſonderbar. Was ich hier leſe, fuhr er nach einer Weile fort, iſt vollkommen daſſelbe, was mir heute Nacht im Traum vorſchwebte. — Im Traum fragte ich den Engel, was die fünf Monate bedeuten ſollten, und ich meinte, daß er die Poſaune erhebe und an ſeinen Mund ſetze. — Und er rief mir zu, daß ſie die Jahre der Vor⸗ mundſchaftsregierung bedeuten, die Jahre 92, 93, 94, 95 und 96. — Nach dieſer Zeit wird Apollyon auferſtehen, um ſich die Welt zu unterwerfen. — Aber ich träͤumte weiter, daß ich auf einem weißen Pferd ſitze und aus einer Gewitterwolke herab⸗ komme, und daß ich mit unüberwindlichen Waffen ſtreite; ich träumte, daß viele Könige mir folgten in den Kampf gegen das Ungeheuer und daß mein Wort wie ein zweiſchneidiges Schwert über die Welt ging. — Und ſiehe da, wenn ich die Bibel aufſchlage und leſe, was leſe ich? Guſtav ſchlug einige Blätter im Buche um und las: — Und ich ſah den Himmel offen und ſiehe ein weißes Pferd, und der auf ihm ſaß, der hieß treu und wahrhaftig, und er richtet und ſtreitet mit Gerechtigkeit. — Und ſeine Augen ſind wie eine Feuerflamme und auf ſeinem Haupt ſitzen viele Kronen, und er hatte einen Namen geſchrieben, den Niemand kannte außer ihm ſelbſt. — Und ihm folgte das Heer, das im Himmel iſt, auf weißen Pferden, gekleidet in weißer und reiner Seide. — Und aus ſeinem Munde ging ein ſcharfes, zwei⸗ ſchneidiges Schwert, daß er damit die Heiden ſchlüge; und er wird ſie regieren mit eiſerner Ruthe, und er zertritt ſie in der grauſamen Kelter des allmächtigen Gottes. — Und er hat auf ſeinen Kleidern und an ſeinen Lenden einen Namen geſchrieben alſo: König über alle Könige, und Herr über alle Herren. ‿ “ 17 ch Guſtav verſtummte und neigte ſeine Stirne über en das Buch hinab. e.— Wunderbar, ſprach er zu ſich ſelbſt. Ich heiße af treu und wahrhaftig, und ich werde mit Gerechtigkeit ie ſtreiten und Apollyon beſiegen. — Wer iſt dieſer Apollyon?*) r⸗ Reuterholm hatte ſich den Aerzten genähert.. 4,— Was ſagen Sie, meine Herren? fragte er ſie flüſternd, um den jungen König nicht aus ſeinen m Schwärmereien zu erwecken. — Unläugbar, antwortete Dahlberg, iſt er geiſtes⸗ m krank, ſehr krank. b⸗— Und das Zeugniß darüber... 3 e;— Wir können es der Regierung nicht verſagen. en Ehrenſtröm und Fräulein Rudenſköld hatten ſich ie zurückgezogen, von Entſetzen erfaßt nicht minder über die abſcheuliche Abſicht, die ſich hinter der hier geſpielten id Intrigue verbarg, als auch über Guſtav's wirkliche Lage. Unter dem ſchönen Schein, das Vaterland vor der 8: Gefahr zu retten, in die Hände eines wahnſinnigen in Königs zu fallen, wollte man ihm ſchon in ſeinem nd fünfzehnten Jahre die Krone rauben. Und wie war it. wohl ſeine närriſche Schwärmerei entſtanden? ne Die Ankläger waren nicht bloß ſeine Erzieher, ſon⸗ tte dern jetzt auch ſeine Richter. er— Ehrenſtröm wandte ſich noch einmal an Fräu⸗ lein Rudenſköld. ſt,— Welch ein unheimlicher Jeſuitismus, ſagte er, e. welcher gräßliche Meuchelmord im Namen der Vernunft, ei⸗ welcher hölliſche Plan! e; Fräulein Rudenſköld's Wange war blaß. Eine er Thräne glänzte in ihren Augen. en—— *) Dieſe Phantaſie gehört in Wirklichkeit zu den vie⸗ en len, die Guſtav Adolph's IV grübelnde Seele be⸗ lle ſchäftigten. Apollyon wurde in ſeiner Vorſtellung zuletzt Napoleon. Der Trabant. III. 2 8 18 Die Gefühle, die ſie aufregten, zerſprengten ihr bei⸗ nahe die Bruſt. — Weigern Sie ſich noch immer, die Monarchie zu retten? fragte Ehrenſtröm. In dieſem Moment belebten ſich ihre Augen. — Es fällt mir etwas ein, ſagte ſie. — Laſſen Sie hören. — Der Herzog iſt doch im Zimmer daneben. — Ja. — Sie können zu ihm hineinſchleichen. — Ich hoffe es. — So gehen Sie hin und ſagen Sie ihm... — Ehrenſtröm's Geſicht leuchtete. — Daß Sie... — Sagen Sie, daß ich mit ihm zu ſprechen wünſche. — Sie erfüllen alſo unſere Wünſche? — Niemals; aber gehen Sie, gehen Sie. Der Augenblick darf nicht verſäumt werden; eilen Sie. — Was wollen Sie thun? — Reuterholm's Abſichten vereiteln. 5 — Auf welche Art? — Gehen Sie, habe ich geſagt; ſchaffen Sie den Herzog hieher. 1 Ehrenſtröm ging. Unbekannt mit der Intrigue, die um ihn her geſpielt wurde, fuhr Guſtav in ſeinen Träu⸗ . mereien fort. Als Reuterholm die Anweſenheit Fräulein Rudenſköld's bemerkte, hatte er ein Gefühl des Ver⸗ druſſes und näherte ſich ihr. — Sie ſpielen die Rolle des Aufmerkſamen, ſagte er, es freut mich, Sie immer auf meinen Spuren zu finden. — Wirklich? Ich glaubte das Gegentheil. — Warum das, wenn ich fragen darf?2 — Darum, weil Sie Urſache haben, das Gewiſſen zu fürchten. — Gelüſtet es Sie vielleicht nach der Rolle... r bei⸗ ie zu den e, die Träu⸗ ulein Ver⸗ ſagte n zu viſſen 19 — Ihres Gewiſſens? Baron. 4 Als Reuterholm ſie verließ, trat der Herzog ein. Auch er war jetzt ganz anders als vor anderthalb Jahren. Derſelbe Myſtieismus, der ſeine Nebelmütze um Guſtav's Verſtand gezogen, hatte auch des Herzogs Geiſt immer mehr und mehr umhüllt. Aberglauben und Ordensnarrheit hatten ſich jetzt bis zur höchſten Höhe bei ihm entwickelt. Ohne Geiſt und ſelbſtſtändige Kraft ließ er ſich blindlings von einer Sehnſucht leiten, nicht die tiefſten, ſondern die dunkelſten Räthſel der Natur und der Geſellſchaft zu loſen, Räthſel, die, wenn Sie überhaupt je gelöst wer⸗ den, nicht das Leben, ſondern der Tod löſen wird. In dieſem Ideenkreis lebte und wirkte er mit einer unglaub⸗ lichen Hartnäckigkeit des Grübelns. Der Myſticismus war für ihn Philoſophie, die Freimaurerei eine Staats⸗ angelegenheit. Nur diejenigen, die ſich an Beidem be⸗ theiligten, waren für ihn große Männer und verdienten die höchſten Aemter des Vaterlandes. Von raſtloſem und ungezähmten Ehrgeiz getrieben, hatte Reuterholm dieſe Neigungen des Herzens ausge⸗ beutet, um ihm alle Macht zu entwinden und in ſeine eigenen Hände zu ſpielen. Dieß war ihm auch vollkom⸗ men gelungen. Die Geſchichte weiß nicht, ob der Herzog an Reu⸗ terholm's Plan mit Guſtav Theil hatte, aber unzweifel⸗ haft iſt, daß der Herzog ſich zu einem dienſtwilligen Werkzeug ſeines Willens hergegeben haben würde, inſo⸗ fern ſich nur ein von den ausgezeichnetſten Aerzten des Reichs ausgeſtelltes Zeugniß haͤtte erhalten laſſen. 1 Die einzige gewaltige Neigung, die mit jugendlicher Leidenſchaft des Herzogs Herz belebte, war die Liebe, die er zu Fräulein Rüdenſköld gefaßt hatte, und die einige Zeit nach Armfelt's Abreiſe aus dem Vaterland zur höchſten Höhe aufflammte. Sobald Ehrenſtröm ihm 2* Ja, in der Geſchichte, Herr 20 den Wunſch des Fraͤuleins, mit ihm zu ſprechen, mit⸗ getheilt hatte, ſtellte er ſich auch ſogleich ein. — Sie haben mit mir zu ſprechen gewünſcht, ſagte er zu Fräulein Rudenſköld. — Ew. Hoheit, ich bitte um Gnade wegen dieſer Dreiſtigkeit. — Sprechen Sie nicht ſo, mein Fräulein, Sie gi⸗ bieten über mich, Sie wiſſen es. — Um Gotteswillen, ſchauen Sie ſich um, man könnte uns hören. — Ahl Reuterholm iſt hier. Ehrenſtröm war, da er der Abſicht Fräulein Ruden⸗ ſköld's nicht ganz traute, in einiger Entfernung ſtehen geblieben. Von den Aerzten in Anſpruch genommen, bemerkte Reuterholm nicht, daß der Herzog hereingekom⸗ men war, aber ſobald er ihn bemerkte, näherte er ſie ihm, um das Geſpräch mit Fräulein Rudenſköld abzu⸗ wenden; denn ſie war die einzige Perſon, deren Feind⸗ ſchaft er jetzt noch für gefährlich anſah. — Reuterholm kommt hieher; was wollen Sie mir ſagen, mein Fräulein? Ich bitte, beeilen Sie ſich. Fräulein Rudenſköld hatte nichts dagegen, daß Reu⸗ terholm kam; es war ſogar ihr Wunſch, obſchon ſie das Gegentheil zu verſtehen gab. Der Plan, den ſie entworfen hatte, um das ge⸗ fürchtete ärztliche Zeugniß zu nichte zu machen, grün⸗ dete ſich auf ihre genaue Kenntniß des Charakters der Hauptperſonen und der gegenſeitigen Verhältniſſe, die unter ihnen ſtattfanden. — Beeilen Sie ſich, bat der Herzog von Neuem. Des Herzogs Furcht vor Reuterhoim, die ſich in dieſen Worten ausdrückte und auch ſonſt in ſeinem gan⸗ zen Ausſehen kundgab, entging ihr nicht. 4 — Ew. Hoheit erinnern ſich, ſagte ſie jetzt, des un⸗ wahrſcheinlichen Gerüchtes über einen bevorſtehenden Krieg, das ſeit einiger Zeit ausgeſprengt wurde und das Volk beunruhigte. —— mit⸗ ſagte dieſer jie ge⸗ man Luden⸗ ſtehen nmen, gekom⸗ er ſich abzu⸗ Feind⸗ ie mir Reu⸗ jie das 1s ge⸗ grün⸗ s der 2, die tem. ich in 1 gan⸗ es un⸗ henden id das Der Herzog ſah mißvergnügt aus. Er hatte etwas zu hören gehofft, das mehr ſeiner Liebe entgegenkam, als ſeine ſtaatsmänniſche Eigenſchaft in Anſpruch nahm. — Ich erinnere mich; aber warum davon ſprechen? Ihre Lippen... dieſe Roſen... — Sie dürften ſich auch an das Gerücht von ſchlech⸗ tem Haushalt, von ſchlechter Verwaltung der Staats⸗ mittel erinnern?2 — Allerdings. Aber wir haben ja durch eine be⸗ ſondere, in allen Kirchen des Reichs von der Kanzel herab verleſene Erklärung dieſes grundloſe Gerücht zu Schanden gemacht und dargethan, daß die Finanzen des Reichs ſich noch niemals in einem ſo blühenden Zuſtande befunden haben wie jetzt. — Das iſt doch auf Ihren Befehl geſchehen, Hoheit? — Ach ja. Aber ſchenken Sie mir einen ſanften Wii, einen freundlichen Augenwurf. Ihre Härte tödtet mich. — Nur noch eine einzige Frage, Hoheit. — Reuterholm kam immer näher. — Dann wiſſen Ew. Hoheit ſicherlich nichts von der Bekanntmachung, die am verfloſſenen Sonntag, alſo zwei Sonntage nach Ihrer erſten Erklärung, in den Kir⸗ chen verleſen wurde, und worin die Geiſtlichen auf gnä⸗ digen Befehl Geld für die Flotte zuſammenbetteln. — Was ſagen Sie? — Die Wahrheit, Ew. Hoheit. Ein Ausdruck heftigen Zornes flammte im Geſichte des Herzogs auf. — Reuterholm! rief er. Der Gerufene ſtand in dieſem Augenblick ganz nahe bei dem Herzog. — Was ſoll die in den Kirchen verleſene Bettelei beſagen? Reuterholm erblaßte. Er merkte, daß Fräulein Rudenſköld den kurzen Augenblick, wo er den Herzog unbewacht gelaſſen, gut angewendet hatte. 3 Sein Einfluß auf den Herzog war ſonſt ſo groß, wie ihn nur je ein Privatmann auf eine regierende Perſon hat ausüben können, und er bediente ſich deſe ſelben gebieteriſcher und despotiſcher als vielleicht je ein Anderer. Der Herzog wagte kaum ſeine Priyvatbriefe anders als in ſeiner Gegenwart zu ſchreiben. Im Vertrauen auf die Sicherheit ſeiner politiſchen Stellung hatte ſich Reuterholm auch in den letzten acht⸗ zehn Monaten gewaltig verändert. Sein erſtes Auftreten als Lenker der Geſchäfte des Reichs bezeichnete er mit einigen liberalen Maßregeln, nahm aber dieſelben bald zurück und wurde einer der launigſten allmächtigen Mi⸗ niſter, die je an der Seite eines Thrones geſtanden. Das Preßgeſetz, das er zuerſt erließ, wurde nach kurzer Zeit zurückgenommen, und die Sicherheitsakte, die er im Jahr 1789 bekämpft hatte, pries er jetzt als Guſtav's III beſtes Werk. Die Beförderungen beſchränkten ſich auf den Adel oder vielmehr auf den Kreis ſeiner Freunde. Die Preſſe wurde verfolgt, und nach dem groben Ausarten der Revo⸗ lution in Paris ergriff ihn ein paniſcher Schrecken. Die beſtändig herumziehenden Patrouillen geſtatteten nicht mehr als zwei Perſonen auf den Straßen zuſammen zu gehen, und in ein unaufhörliches Fieber verſetzt, be⸗ fragte er Somnambülen über die Zukunft. 1 Er antwortete dem Herzog nicht ſogleich, weil er ſich unruhig fühlte.. Durch überſinnliche Mittel hatte er den Herzog in einen politiſch magnetiſchen Schlaf gelullt und fürchtete nicht, daß irgend eine Macht ihn daraus erwecken könnte, wenn er nur die Liebe, dieſen andern Zauber, gegen welchen keine Philoſophie hilft, von ihm fernzuhalten vermöchte. Das Schweigen, das er beobachtete, war nicht aus Furcht vor dem Herzog, ſondern aus Furcht vor Fräu⸗ lein Rudenſköld entſprungen. Obſchon er allerdings ſchon lange geahnt hatte, daß Ueberraſcht und ängſtlich, antwortete er nicht ſogleich⸗ —„,— 1ͤ— eSSͤͤ—— ,——— eich. roß, ende deſ⸗ ein riefe chen acht⸗ eten mit bald Mi⸗ Das Zeit gahr eſtes Adel te, gen ten aus äu⸗ daß 23 früher oder ſpäter ein heftiger entſcheidender Kampf um die Gewalt über den Herzog zwiſchen ihnen beiden aus⸗ brechen mußte, ſo bebte er gleichwohl bei dem Gedanken, daß der Augenblick jetzt gekommen ſei, und unter dem Einfluß dieſer Furcht würde er kein Opfer für zu groß gehalten haben, wenn er nur jetzt hätte wiſſen können, wie weit Fräulein Rudenſköld ſchon gegangen war. Er trug ſein Haupt ſtolz und blickte ſie an. Mit ihrem leicht auffaſſenden klaren Blick ſah ſie, was in ihm vorging, und ſie konnte ſich eines triumphirenden Lächelns nicht erwehren. Dieſes Lächeln beſtimmte Reuterholm's Benehmen. Der Augenblick iſt da, dachte er. Sie hat ſich dem Herzog überliefert, denn dieſes Lächeln beweist, daß ſie ſich ſicher glaubt. Möge denn der Kampf beginnen! Reuterholm war nicht gewohnt, dem Herzog über ſeine Handlungen vollſtändige Rechenſchaft zu ertheilen. Er handelte als wäre er ſelbſt Regent. Des Herzogs Forderung, daß er ihn über die fragliche Kundmachung aufklären ſolle, ſchien ihm zu beweiſen, daß Fräulein Rudenſköld den Herzog beſtimmen wolle, ſich mit den Regierungsangelegenheiten ſelbſt etwas mehr zu befaſſen. Es mußte ſomit die Abſicht von ihrer Seite und dieſer Verſuch von Seiten des Herzogs abgewendet und zu Nichte gemacht werden. Der Leſer wird jedoch bald ſehen, daß Fräulein Rudenſköld dieß Alles berechnet hatte. Der Einfall, den ſie gehabt, war einer von denjenigen, die dem raiſonni⸗ renden Verſtand nur ſelten zu Gebote ſtehen, ſondern mit dem Blitzſtrahl einer genialen Erfindſamkeit plötzlich zu Tage kommen. — Ew. Hoheit wollen alſo von der fraglichen Kund⸗ machung Kenntniß haben? — Ich wünſche das. Der Herzog hätte ſicherlich nicht den Muth gehabt, ſich gegen ſeinen Günſtling ſo barſch zu zeigen, wenn nicht Fräulein Rudenſköld an ſeiner Seite geſtanden 24 hätte. Seine beſtimmte Antwort erſchreckte inzwiſchen Reuterholm noch mehr, weil ſie ihn vollkommen über⸗ zeugte, daß die Liebe ſtärker ſei als die Freundſchaft. 0 überzeugt, daß Ew. Hoheit meine Maßregel billigen werden, weil.. Es lag nicht in Fräulein Rudenſköld's Wunſch, daß eine Erklärung in Betreff dieſes ihr eigentlich ſo fremden Gegenſtandes ſtattfinden ſollte, weil 88 ihr zu nichts nützte. — Höoren Sie! rief ſte daher, indem ſie Reuterholm plötzlich unterbrach, dabei lauſchend um ſich blickte und die eine Hand erhob, als wollte ſie ihrer Geberde eine noch weitere Bedeutung geben— hören Sie! Reuterholm verſtummte auch ſogleich, weil jeder Vorwand dazu ihm willkommen war. — Was iſt es? fragte der Herzog, bei welchem die geringſte Bewegung, die etwas Unerklärliches enthielt, ſogleich anſchlug. Haben Sie etwas gehört? — Ich weiß nicht, antwortete Fraͤulein Rudenſköld, aber es war ſo ſonderbar, es war ganz, als ob ich das Sauſen eines Geiſtes gehört hätte... eines... Reuterholm entdeckte mit Freude, daß der Herzog ſich dem Eindruck hingab, den dieſe Worte hervor⸗ riefen. Er iſt mein, dachte er bei ſich ſelbſt, und er ſoll es auch bleiben. So lange der Myſticismus Gewalt über den Herzog hatte, ſo mußte, das wußte Reuterholm auch, ſeine eigene währen. c Frinlein Rudenſköld behielt ihre inſpirirte Stellung el. . no Während das Schweigen andauerte, hatte Reuter⸗ holm Zeit ſich zu beſinnen. Sie iſt ein bischen einfältig, raiſonnirte er im Stillen, ſie will mich ſtürzen und gibt mir zu gleicher Zeit ein Mittel in die Hand, mich zu vertheidigen. Ich würde es an meiner Erklärung nicht er⸗ mangeln laſſen, antwortete Reuterholm, und ich bin —,— 25 Er hatte jetzt wirklich auch eine Idee bekommen. Mit dieſer Idee war er ſeiner Sache gewiß und er kreuzte die Arme über ſeine Bruſt und blickte bereits wie ein Triumphator auf Fräulein Rudenſköld herab, ohne daß ſie ſich den Anſchein gab, es zu bemerken, ob⸗ ſchon ſie gar zu deutlich und zu ihrer Freude ſah, daß ſie ihn in ihrer Schlinge gefangen hatte. — Was die Bekanntmachung betrifft, begann Reu⸗ terholm wieder, der jetzt prüfen wollte, wie er mit dem Herzog daran war, ſo kann ich — Die Bekanntmachung, ja, es iſt wahr... — Der Herzog war zerſtreut und Reuterholm ſah, daß er jetzt mit ſeinem Plan hervorrücken konnte. — A propos, ſagte er, zu Fräulein Rudenſköld ge⸗ wendet, es war Ihnen, als hörten Sie das Sauſen eines Geiſtergeflüſters? — Ja, Herr Baron, ich hörte das. Reuterholm wurde ſeines Sieges immer gewiſſer, da ſie auf ihrer Angabe beharrte. Er fixirte den Her⸗ zog flüchtig und ſah, daß ein dunkles Feuer in ſeinen Augen zu brennen begann. Es war das Feuer der Schwärmerei, nicht der Liebe. Fräulein Rudenſköld war ebenfalls zufrieden, daß er an dem von ihr ausgeworfenen Angelhaken ſo leicht angebiſſen hatte.. — unſere Väter läugnen auch niemals, daß es einen Pythoniſchen Geiſt in der Welt gäbe. — Nicht? — Pythagoras redete ja den Fluß Neſſus an, und er antwortete ihm. — Was ſagen Sie? — Es iſt bewieſen, daß ein Baum zu Apollonius ſprach. Die Stimme war deutlich, aber ſchwach, wie die Stimme eines Weibes. — Sonderbar. — Nur in unſern Tagen läugnet man das Wun⸗ derbare. Die großen, unſterblichen und göttlichen Leh⸗ ren müſſen ſich deßhalb vor dem heimlichen Bunde des Unglaubens und Aberglaubens verbergen. Sie werden aber einmal wieder geoffenbart werden. — Wunderbar! Reuterholm beobachtete die Gemüthsbewegungen des Herzogs und Fräulein Rudenſköld's auf's Genaueſte. Die ganz unverkennbare Aufregung der Letzteren er⸗ freute ihn beinahe mehr als die des Herzogs. — Die ganze Welt iſt das Reſultat eines großen Prognoſtikers, die Frucht einer göttlichen Vorausſagung, die Folge einer ewigen Prophezeiung. Sie hörten ja eine Stimme?... — Ich hörte ſie. Still... ſie flüſtert noch in mein Ohr. Sie wollte ſeine Schwärmerei ſteigern. — Ich erinnere mich der Prophezeiung des Profeſ⸗ ſors Andreas Spole, die er in den Almanach für das Jahr 1661 einrücken ließ, daß im Monat Januar ein vor⸗ nehmer Herr auf unglückliche Weiſe umkommen würde. Auch wurde in demſelben Monat der Sohn des Reichs⸗ droſtes Grafen Magnus Gabriel de la Gardie in Up⸗ ſala von einem Pferde erſchlagen.. — Wunderbar! — Ein Voigts prophezeite ſeinem Sohn, daß er Mörder werden würde. 1672 ermordete der Sohn wirk⸗ lich in Stockholm einen jungen Krabbenhöfva; aber was iſt Alles das gegen Noſtradamus prophetiſche Offen⸗ barung? — Das Wunderbare kommt wie die Fluth in der Tiefe mit ſeiner eigenen Woge heran. An Karl's XII Seite ſtand Wadenborg, aber nicht bloß er allein. Wer erklärt die wunderbare Prophezeiung bei ſeiner Thron⸗ beſteigung? Gott iſt in dem Schwachen mächtig. Der Herzog hatte hierüber ſowohl Fräulein Ruden⸗ ſköld als die fragliche Bekanntmachung vergeſſen. Reuter⸗ holm vermochte ſeine Zufriedenheit kaum zu verbergen. —, ——,— S——, — 18 —,-— ,—— 0 edeͤ— S des rden des eſte. er⸗ ßen ung, eine in feſ⸗ das vor⸗ rde. hs⸗ Up⸗ er irk⸗ as en⸗ der KII Ver on⸗ en⸗ er⸗ 27 Aber auch in Fräulein Rudenſköld's Augen leuch⸗ tete ein ſchalkhaftes Lächeln. — Sie haben die flüſternde Stimme gehört? wieder⸗ holte Reuterholm. — Mein Gott, ja. — Erkannten Sie dieſelbe? — Ich kannte ſie und kannte ſie nicht. — Hoheit! ſagte Reuterholm. 8 Der Herzog erwachte bei dieſer Anrede wie aus einer traumartigen Betäubung. — Es iſt Guſtav's III Geſpenſt, das in dieſem Zimmer ſpricht, fuhr Reuterholm mit dumpfer, tiefer Stimme fort. Glauben Sie, daß er ſelig ſei, Hoheit? Bei dieſer Frage ſenkte der Herzog ſein Haupt und ſeine Wange erblaßte. Reuterholm blickte ſtolz um ſich und freute ſich der plötzlichen Veränderung, die er hervorgerufen hatte. Von der Bekanntmachung konnte jetzt nicht mehr die Rede ſein. Mit einem zermalmenden Blick wandte er ſich daher gegen Fräulein Rudenſköld, aber ſie zeigte ſich ganz und gar nicht vernichtet, er glaubte vielmehr einen ſchalkhaften Zug in ihrer Miene zu entdecken; wie ſollte er ſich dieſen erklären? Der Herzog wandte ſich, während ein Seufzer ſeine Bruſt hob, von Beiden abz er ſchien allein ſein zu wollen. Die Geſchichte hat den Vorhang von mehreren Verhältniſſen, die dem Gerüchte zu Folge zwiſchen Gu⸗ ſtav IIl und Herzog Karl ſtattfanden, noch nicht auf⸗ gerollt. Die Umſtände, die namentlich während Gu⸗ ſtav's Krieg mit Rußland vorwalteten, klagen allerdings den Herzog mehrerer revolutionärer Pläne gegen ſeinen ruder an, und Viele haben ihn ſogar einer gewiſſen, näheren oder entfernteren Kenntniß von dem Anker⸗ ſtröm ſchen Mordplan beſchuldigt. Sichere Beweiſe da⸗ für ſind indeſſen nicht vorhanden. In ſeinem Charakter findet ſich eigentlich Nichts vor, worauf letztere Beſchul⸗ digung ſich ſtützen könnte, und in ſeiner Gemüthsſtim⸗ mung ſpricht dafür bloß der Umſtand, daß er beſtändig über die Seligkeit ſeines Bruders nachgrübelte. Was jedoch ſeine Handlungen betrifft, ſo weiß man, daß er nach Guſtav's III Tode ſich ſelbſt und den Thron haupt⸗ ſächlich mit früheren Feinden des Königs umgab und deſſen Freunde entfernte. Eine ſolche Perſonal⸗ und Syſtemveränderung iſt jedoch in keinem Lande etwas Ungewöhnliches, ſobald ein neuer Regent die Leitung der Geſchäfte übernimmt. Bei des Herzogs Neigung zu überſtunlicher Schwärmerei und bei der trockenen Phantaſterei, die ſich ſo ausſchließlich ſeiner bemächtigt hatte, kann es nicht unglaublich ſein, daß ſeine Grü⸗ beleien über den Zuſtand der Seligkeit ſeines Bruders ganz einfach aus einer zufälligen Stimmung einer ſchwa⸗ chen Seele ſtammten, aus einer Stimmung, die von Leuten, welche ihre Rechnung dabei fanden, unterhalten und beſtändig bearbeitet wurde. Viel von der Geſchichte iſt noch eine dunkle Freimaurerei. Reuterholm freute ſich über ſeinen Sieg, weil er Fräulein Rudenſköld, deren feinen politiſchen Takt er kannte, vernichtet zu haben glaubte, und zwar juſt in einem Moment, wo ſie, wie er vermuthete, ihn zu be⸗ ſtegen beabſichtigte. Ehrenſtröm hatte mit ſeiner ganzen Aufmerkſamkeit Alles beobachtet, was ſich vor ihm zutrug, aber obſchon ſein Scharfſinn ihn nur ſelten täuſchte, f beurtheilte er doch das Reſultat auf dieſelbe Art wie Reuterholm. Ein Schalk lächelte jedoch noch immer in Fräulein Nudenſköld's Blicken. — Selig? wiederholte der Herzog, beinahe vor ſich hinmurmelnd. Warum habe ich ihn nicht darum ge⸗ fragt, als ſein Schatten ſich vor mir offenbarte? In dieſem Moment fiel ſein Blick auf denjenigen König, der über die Bibel hingebeugt da ſaß und im Buch der Offenbarung forſchte. 29 Es war als hätte ihn eben jetzt eine lichte Idee durchblitzt. 2 Ohne ein Wort zu ſagen, begab er ſich zu Guſtav und nahm ihm gegenüber Platz. — Leihen Sie mir die Bibel! bat er. Der König und der Herzog ſtarrten einander an. Etwas Geſpenſtartiges drückte ſich im Weſen Beider aus. — Leſen Sie das zehnte Kapitel Daniel's und das achtundzwanzigſte Kapitel Samuel's, ſo werden Sie ſe⸗ hen, daß es Geiſter gibt, die den Vorhang zwiſchen Prde und Himmel, zwiſchen Tod und Leben zerriſſen haben. — So war es, fuhr der Herzog, in der Bibel blätternd, fort, wie der Beſchwörer ſagte.— — Und ich habe Daniel's zehntes Kapitel und Sa⸗ muel's achtundzwanzigſtes Kapitel geleſen, und ich habe gefunden und geſehen, daß es ſolche Geiſter gibt. — Aber die wunderbare heilige Formel, die Mi⸗ chael von der Höhe herab rief und den dahingegangenen Todten aufforderte, aus der Tiefe aufzuſtehen, kennet ihr nicht. — So ſagte er auch. — Im Kelch der Lilie ruht das Meiſterwort. — Die Lilie iſt die Bibel, ich will das Wort ſuchen. — Und er las und ſuchte. — Ich begreife Ihre Abſicht nicht, bemerkte Ehren⸗ ſtröm gegen Fräulein Rudenſköld. Was ſoll das be⸗ deuten? — Wirklich? Sehen Sie nicht ein, daß der junge König jetzt gerettet iſt? — Beim Himmel, ich ſehe es nicht ein. — Das freut mich. Er iſt es aber dennoch, wenn Sie ſich jetzt nur zu den Herrn Aerzten hineinbegeben und ſie auffordern wollen, zu bemerken, daß der Her⸗ zog gleichfalls verüttt iſt. — Sie haben Recht, jetzt begreife ich's. Sie ha⸗ ben ſich ſelbſt uͤbertroffen. Dank, Veiſeenchäbenf, 1 0 Ehrenſtröm begab ſich zu den Aerzten. Wie ein Feldherr, der durch ein geſchicktes Manöver einen Feind vernichtet hat, der in einer vortheilhaften Stellung den Sieg ſchon beinahe in den Händen hatte, labte ſich Reuterholm noch an ſeinem Erfolg. Er ſah nicht ein, daß er ſeine eigenen Waffen gegen ſich ſelbſt gekehrt hatte. — Guſtay! ſagte der Herzog zu dem jungen König. — Ew. Hoheik, antwortete dieſer und richtete ſich im Stuhle auf. — Ew. Majeſtät, fügte der Herzog hinzu, möchten Sie vielleicht das Geſpenſt Ihres Vaters ſehen, möchten Sie mit ihm reden? — Glauben Ew. Hoheit, daß dieß möglich wäre? — Vor Gottes Wort iſt nichts unmöglich. Ich habe ihn einmal geſehen. 3. — Sie haben ihn geſehen? — Meine Schweſter Sophie Albertine hat ihn auch einmal geſehen. — Ach, Ew. Hoheit, ich will ihn auch ſehen. Er ſoll mir meinen Traum erklären.. — Sie werden ihn zu ſehen bekommen. — Er ſoll das Buch der Offenbarung erklären. — Das wird er thun. Es gibt eine heilige For⸗ mel, womit die Todten aus ihrer Gruft hervorgerufen werden können, ich weiß ſie. — Sie wiſſen ſie? — Helfen Sie mir ſie ſuchen. Sie findet ſich in der Bibel. Ehrenſtröm's Ungeduld ſpielte lebhaft in ſeinem Geſichte und zeugte von ſeinem innigen Intereſſe für das, was hier vorging. — Sie hören, meine Herren, bemerkte er zu den Aier ten. Notiren Sie Alles und vergeſſen Sie ja ichts. — Wir werden unſere Pflicht erfüllen. över fften atte, ſah elbſt nig. ſich hten hten re?2 Ich uch Er 31 Fräulein Rudenſköld hhatte Reuterholm von den Perſonen, die jetzt hauptſächlich handelnd auftraten, entfernt. — Nun, Herr Baron, ſagte ſie, wie verhielt es ſich mit der Bekanntmachung? der Herzog ſchien mir mißvergnügt zu ſein. — Fanden Sie das wirklich? — Ich muß geſtehen, Baron, daß Sie ein ge⸗ ſchickter Diplomat ſind. Um aufrichtig zu ſein, ich glaubte in der That, es ſei mir gelungen, ein kleines Ungewitter über Ihr Haupt herabzubeſchwören, und ich freute mich, weil ich Verſchiedenes an Ihnen zu rächen habe. Sie drohte ihm mit dem Finger. — Glauben Sie das? Der feine Takt, der ungewöhnliche Scharfſinn und endlich das große dialektiſche Talent, womit ſie meinen ſo wohl berechneten Plan vernichteten, hat mich wirklich überraſcht. Sie ſind ein ungewöhnliches Talent, Herr Baron. Sie ſind unüberwindlich, Sie ſind ein zweiter Cäſar: Sie kommen, Sie ſehen und Sie ſiegen. Reuterholm war ſchwach für Schmeicheleien. In dieſem Augenblick war es ihm, als würde ihm ein herrlicher duftender Wein im Zauberkelch der zwei aller⸗ ſchönſten Lippen geboten, und er merkte nicht, daß die Schmeichelei dießmal bloß ein Scherz war, darauf be⸗ rechnet, ſeine Aufmerkſamkeit von einer andern Seite und den Dingen, die ſich dort zutrugen, abzuwenden. — Sie haben alle Oppoſition beſiegt, fuhr ſie fort, und.. ich bin beinahe geneigt, auf Ihre Seite über⸗ zutreten. — Thun Sie das, mein Fräulein, und ich ver⸗ ſpreche Ihnen, Sie ſollen gut empfangen werden. Ihr Geiſt und Ihre Schönheit verdienen einen Platz in der unmittelbaren Nähe des Thrones. Ich verſpreche Ihnen denſelben. — Sie auf der einen Seite, Herr Baron, und ich 32 auf der andern, das wäare... wie ſoll ich mich nur ausdrücken... entſetzlich. — Entſetzlich? — Nicht für uns, wohl aber für denjenigen, der auf dem Thron ſäße. H — Wiſſen Sie, was ich glaube? — Nein. — Daß er an einem einzigen vollkommen genug hat; da dieſer Einzige Sie ſind. Reuterholm fühlte ſich von dieſer Bemerkung ge⸗ troffen, ließ ſich aber nichts anmerken, weil er die guͤn⸗ ſtige Gelegenheit zu einem Verſuch, das Fräulein für ſeine Sache zu gewinnen, nicht verlieren wollte. — Iſt es Ihr Ernſt, daß Sie zu mir übergehen könnten? — Es kommt darauf an. Wenn ich Sie ſprechen höre, ſind Sie beinahe unwiderſtehlich. — Schmeicheln Sie nicht, ſondern laſſen Sie uns vielmehr ernſtlich reden. Ich könnte Ihnen die glän⸗ zendſten Ausſichten eröffnen. — Ihre Hand iſt ein Zauberſtab; das weiß ich. Für Sie iſt nichts unmöglich. 3 — Die Sache iſt ganz einfach die, daß der Herzog einiges Vertrauen in mich ſetzt. — Das iſt wahr. Gleichwohl habe ich beinahe Luſt, mit Ihnen zu rivaliſtren. Es würde recht in⸗ tereſſant werden, den Ausgang eines Kampfes zu ſehen zwiſchen dem Verſtand auß der einen Seite und... — Der Liebe und Schönheit auf der andern, ſiel Reuterholm ein. Ich fürchte, daß ich da untergehen würde, zumal, da Sie das Herz des Herzogs bereits erobert haben. — Gir wiſſen Bker — 3u meinem Schrecken. Deßhalb mache ich Ihnen auch den Vorſchlag... 8) nur der 33 — Ihn zu halbiren... ich verſtehe, den Raub zu theilen.. 6 3 — Ich habe lange den Wunſch gehegt, eine wirk⸗ lich vertraute Perſon zu beſitzen, eine Perſon, der ich offen meine Gedanken mittheilen, die ich ohne Scheu in meine Pläne einweihen, bei der ich eine Stütze und Rath finden könnte. Sie beſitzen Kopf und Herz und... — Und... — Ich leſe Etwas in der Zukunft. Sie müſſen mich entweder fürchten oder mich auch lieben... 3 5 Und wenn ich mir Erſteres gar nicht einfallen ließe? — Dann muß ich Sie ſtürzen, weil wir als Geg⸗ ner nicht beſtehen können. — Aber auf welche Art? — Der Politik fehlt es niemals an Mitteln. — Sie meinen wohl die Intrigue. — Die Intrigue iſt Politik, wenn es ſich um wich⸗ tige Fragen handelt. Richelieu war der größte Intri⸗ Pime und der größte Staatsmann ſeiner Zeit in einer erſon. — Was meinten Sie mit der andern Alternative, Sie zu lieben? — Darf ich ganz ohne Rückhalt ſprechen? — Es iſt immer ein Verdienſt von einem Staats⸗ mann, auch einmal die Maske abzuwerfen, mit der er ſonſt auf die Welt gekommen zu ſein ſcheint. Reuterholm betrachtete ſeine Stellung als vortheil⸗ haft genug, um ohne alle Umſchweife direct auf ſein Ziel losgehen zu können. — Die Welt iſt voll von Betrügerei, mein Fräu⸗ lein, ſo übervoll, daß ich an keinen andern Menſchen, als an mich ſelbſt glaube. Die Macht iſt ſo glatt wie eine Schlange: juſt wenn man ſie feſtzuhalten meint, ent⸗ ſchlüpft ſie uns und hinterläßt nur einen giftigen Stich in unſerer Hand. Die politiſchen Charaktere ſind der⸗ maßen von Intriguen in Anſpruch genommen, daß man Der Trabant. III. 3 bei der Menge von Schlupfwinkeln, die ſie haben, ver gebens zu ermitteln ſucht, welche Farbe ſie eigentlic tragen. Ich kann Sie verſichern, daß auch ich einma an Ehre und Redlichkeit geglaubt habe, aber ich hab⸗ gefunden, daß ſie bloß Aushängeſchilder ſind, wom man die Leute anlocken will, um ſie zu betrügen; deß⸗ halb glaube ich juſt an Niemand mehr, manchmal ſoga kaum an mich ſelbſt. — Da Sie an Niemand glauben, ſo iſt ja ein politiſcher Bund zwiſchen uns unmöglich. — Sagen Sie das nicht. Es gibt wirklich Mittel um vollkommen von einander abhängig zu werden. — Und dieſe Mittel ſind? Mit innerem Grauen ſetzte Fräulein Rudenſköld das Geſpräch fort, aber ſie glaubte, daß die Anderl noch einiger Zeit bedürften. Es kam ihr vor, als ob ſit, während Reuterholm ſprach, Schritt für Schritt einen Abgrund ſich näherte.— — Und das Mittel beſteht darin... daß man die Chre von einander in ſeiner Gewalt hat... Sie ver⸗ ſtehen doch... die Eher von einander... — Herr Baron... — Sie müſſen... Reuterholm ſtreckte ſeine Hand egen ſie aus.. Sie müſſen mich lieben, mein Fräu⸗ ein. Wie von einer giftigen Schlange geſtochen, zog ſit ſich zurück, mit einem lick, der ſo viel Abſcheu aus⸗ dechte daß Reuterholm ganz ſtutzig wurde. — Sie ſprechen, glaube ich, von Liebe, mein Baron. — An des Herzogs Seite, mein Fräulein, witd niemals, das ſchwöre ich Ihnen, niemals irgend eine Perſon einen wichtigen Platz einnehmen, wenn ſie nicht zuvor mein Werkzeug geworden iſt. — Ihre Creatur, wollen Sie ſagen. Es war Fräulein Rudenſköld unmöglich, ihren Un⸗ willen gegen ihn länger zu bekämpfen und die Rolle einer artigen Hofdame fortzuſpielen. n, ver eentlich Linma. h habe womi 3 deß⸗ ſoga a ein Nittel, 1. nſköh ndern b ſit, einen in die ver⸗ Hand Fräu⸗ 9 ſi aus⸗ aron. 0 — Die Liebe.. — Die Schande, meinen Sie. 3 — Iſt das einzige Band, womit man ein geiſt⸗ reiches Weib feſſeln kann: ohne dieſes Band iſt ſie eine ewig fortgeſetzte Laune. Sie bedenken ſich.. Fräulein Rudenſföld glaubte, bei einem Seiten⸗ blick auf Ehrenſtröm, zu bemerken, daß die Herren Aerzte mit ihren Beobachtungen ſo ziemlich zu Ende waren: es war alſo der Augenblick gekommen, ſich in ihrem wahren Lichte zu zeigen. — Sie verlangen doch eine Antwort, Herr Baron? — Allerdings. — So hören Sie mich an. Kein Verdruß kann zu heftig, kein Zorn zu bitter, keine Verachtung zu tief und kein Abſcheu zu lebhaft ſein, als daß ich nicht Ihre Beleidigung damit zurückweiſen ſollte. Wäre ich ein Mann, ſo würde der Schimpf, den Sie mir zugedacht haben, Ihr Tod werden. Bisher habe ich keine Ürſache gehabt, mich darüber zu grämen, daß ich bloß ein Weib bin, jetzt werde ich dieß mein ganzes Leben hindurch beklagen. Meine Worte erregen bei Ihnen Verdruß, vielleicht Rachgier... mag ſein... Ihr Haß iſt mir angenehmer, als Ihre Liebe. Der Verdruß gab ihrem Weſen einen Ausdruck des Stolzes, der noch zermalmender war, als die Worte, deren ſie ſich bediente. Reuterholm war von ſeinen Begriffen über ſeine eigene Perſönlichkeit zu ſehr berauſcht, als daß ihm je der Gedanke gekommen wäre, Fräulein Rudenſköld könnte ſein Anerbieten abſchlagen. Die Macht beſaß für ihn eine ſo magnetiſche Kraft, daß ſeiner Meinung nach Alles vor ihr weichen mußte. Die Antwort des Fräu⸗ leins ſetzte ihn daher zuerſt in Erſtaunen, bald aber ſprühte der Zorn funkelnd in ſeinen Augen. Fräulein Rudenſköld wollte ſich entfernen, aber er bat ſie, noch zu bleiben. Während er ſie dabei betrach⸗ 3* 36 tete, lächelte er. Eine unerklärliche Furcht beſchlich ihr aufgeregtes Herz. — Wenn ich Sie recht verſtehe, ſo weiſen Sie mein Anerbieten mit tiefer Verachtung zurück. Sein Zorn war ſo zuſammengepreßt, ſo compakt, daß Fräulein Rudenſköld ſich eines Schauders nicht er⸗ wehren konnte. — Ja wohl, Sie verſtehen mich recht. — Würden Sie mir nun erlauben, nur ein ganz wenig den Schleier zu lüften, der Ihre Zukunft ver⸗ birgt 2 Reuterholm lächelte dabei. — Haben Sie die Güte, zu reden. — Betrachten Sie einmal den jungen König Ihrer Hoffnungen; ich meine die Majeſtät Guſtav, mein Fräu⸗ lein. Was ſagen Sie von ihm? Was bedeuten wohl dieſe Augen, die irrend nach einem verſtändigen Aus⸗ druck zu ſuchen ſcheinen? Sehen Sie... Hören Sie .. verſtehen Sie? Aber damit iſt es noch nicht ge⸗ nug; werfen Sie jetzt auch einen Blick hieher auf die Seite, ſo finden Sie einige der ausgezeichnetſten Aerzte des Reiches beſchäftigt, Aufzeichnungen zu machen. Sie ſehen das Alles... nicht wahr... aber Sie verſtehen vielleicht noch nicht recht, was es bedeutet. Nun wohl, ich will nicht geheimnißvoll ſein, aber ich bitte Sie noch einmal, die prüfende Aufmerkſamkeit zu beobachten, womit die Herren Aerzte alle Worte und Blicke des Königs ſtudiren und... aber ich ſehe, daß Sie den Inhalt der Aufzeichnungen dieſer Herren errathen... und glauben Sie mir, mein Fräulein, ſie lügen nicht, denn der König iſt wahrhaftig... wahnſinnig. — Und wenn es ſich wirklich ſo verhält, was wer⸗ den wohl nach Ihrer Anſicht die Folgen davon ſein? — Daß die vormundſchaftliche Regierung auf un⸗ beſtimmte Zeit verlängert wird, daß die Armfelt'ſche Partei aus dem Feld geſchlagen iſt, ſo lange dieſe 37 unbeſtimmte Zeit währt, daß Sie ganz und gar keine Hoffnungen beſitzen und daß... — Und daß... 14 3 Und daß Sie deßhalb mit minderem Abſcheu mei⸗ nen Vorſchlag betrachten müſſen, mein Fräulein, zumal da er nicht bloß einen rettenden Strohhalm, ſondern einen Scepter in Ihre Hand legt. Reuterholm blickte ſtolz auf ſeine Beute herab. Von dieſem Augenblick an glaubte er ihre Schönheit als einen weiteren Schmuck an ſeinem Triümphwagen betrachten zu können, er glaubte, mit überzeugenden Beweiſen alle ihre Einwendungen uͤber den Haufen ge⸗ worfen, mit ſteghafter Logik ihr Herz erobert zu haben. — Sie haben mir ein ſchreckliches Gemälde vor⸗ gezeichnet, Herr Baron. Ihr Auge durchſchaute mit glänzendem Blick die Gedanken in ſeinem Innerſten. Jetzt kam die Reihe an ſie zu lächeln. — Erlauben Sie gleichwohl, Herr Baron, auch mir, daß ich Ihnen ein Gegenſtück zeige. Wollen Sie z. B. die Güte haben und den Herzog betrachten. Sehen Sie die Zuckungen in ſeinem Geſichte; hören Sie nicht, welche unzuſammenhängende Worte er murmelt; be⸗ merken Sie nicht den unſteten ausdrucksloſen Blick, den er um ſich her wirft? Sie ſehen doch G — Ja.— — Sie hören doch? — Ja. — Sie verſtehen doch? Reuterholm's ſtolze Haltung verſchwand, während das Fräulein ſprach, und ein unverkennbarer Schrecken bemächtigte ſich ſeiner immer mehr. — Vergleichen Sie, fuhr Fräulein Rudenſköld fort, den Herzog mit dem König. Was ſagen Sie... die Gleichheit im Ausdruck und in der Gemüthsſtim⸗ mung beider iſt ja erſtaunlich. Aber laſſen Sie uns weiter gehen... Haben Sie die Güte und lenken Sie Ihre Aufmerkſamkeit hieher auf die Seite... Sie werden da einige der ausgezeichnetſten Aerzte des Reiches beſchäftigt finden, Aufzeichnungen zu machen. Sie ſehen doch alles das... nicht wahr... aber Sie verſtehen vielleicht noch nicht recht, was es bedeutet; doch... Sie bemerken wohl, daß ich mich Ihrer eigenen Worte bediene... ich will nicht geheimnißvoll ſein... glauben Sie mir, mein Baron... die Aufzeichnungen werden nicht lügen, denn der Herzog iſt wahrlich eben ſo wahnſinnig wie der König, im Fall dieſer es iſt. Reuterholm ſah jetzt ein, welches Spiel man mit ihm geſpielt hatte; er ſah nicht bloß ein, daß ſein ſonſt ſo wohlangelegter Plan vernichtet war, ſondern er er⸗ kannte auch den ganzen Umfang der Gefahr, die ein Zweifel am Verſtande des Herzogs hervorrufen konnte. Die Raſerei riß ihm die Augen weit auf. Seine Stirne legte ſich in düſtere, drohende Falten. Seine Lippen zitterten vor Zorn und ſeine Wangen erblichen vor Verdruß. — Beim Himmel, was will das heißen? rief er und bemächtigte ſich der Aufzeichnungen. Welche Kabale hat man mit mir geſpielt? Ha... Und indem er in den Außzeichnungen blätterte, fand er Fräulein Rudenſköld's Worte beſtätigt, weil die Ge⸗ müthskrankheit des Herzogs darin eben ſo gut bewieſen ſchien, wie die des Königs. — Welch eine entſetzliche, welch eine unerhörte In⸗ trigue! Hat man die Abſicht, alle Regierung unmög⸗ lich zu machen? Will man über eine ganze Königs⸗ familie den Fluch ausſprechen? In meiner Sorge um die Zukunft des Landes wollte ich den Zuſtand eines kranken Monarchen unterſuchen laſſen, und nun hat man ſich auch um die Gegenwart bekümmert. Meine Herren, Sie haben ſich zu Werkzeugen von Plänen hergegeben, die jeden ehrlichen Mann tief erſchüttern müſſen. Dieſe Notizen... Seine Heftigkeit nahm zu, während er ſeine Stimme eX́ͤ l xᷣ EͤA— 39 ſteigerte, und er vergaß die Anweſenheit des Herzogs und des Königs, vergaß vor Allem ſich ſelbſt. — Was iſt's, Reuterholm? fragte der Herzog, der durch das Getöne ſeiner ungewöhnlich lauten Stimme aus ſeinen Träumen geweckt wurde; iſt etwas Unange⸗ nehmes geſchehen?— — Nichts, Hoheit, nichts, ganz und gar nichts. Reuterholm antwortete dem Herzog nicht immer auf eine ganz paſſende Weiſe. — Meine Herren, fügte er gegen die Aerzte ge⸗ wendet hinzu, dieſe Aufzeichnungen taugen nichts... merken Sie ſich das, ſie taugen nichts... und laſſen Sie uns nichts weiter von der Sache ſprechen. Die Frage iſt erledigt. —— Welch ein Glück, ſagte er dann wie zu ſich ſelbſt, daß ich zugegen war! Die Vorſehung hat mir die Gelegenheit verſchafft, die Monarchie vor revolutio⸗ nären Abſichten zu retten. Meine Herren, Sie ver⸗ ſtehen mich. Und auf einen Wink des mächtigen Günſtlings ent⸗ fernten ſie ſich. Chrenſtröm folgte ihnen. Die Umſtände ſpannen die Bogenſaite der Leiden⸗ ſchaft, ſie richten den Bogen und drücken den Pfeil ab. Die Umſtände ſind der in das Feuer blaſende Windhauch, welcher den Funken in eine gewaltige Flamme verwan⸗ delt. Je tiefer die Umſtände bei uns eingreifen, eine um ſo beſtimmtere Richtung und um ſo vollſtändigere Macht bekommt die Leidenſchaft. An und für ſich iſt die Leidenſchaft einem abgeſchoſſenen Pfeil zu vergleichen, den man nicht mehr in ſeiner Gewalt hat; ſie iſt ein Feuer, das man nicht zu bändigen vermag. So lange man Herr über Herz, Verſtand und Handlung iſt, hat die Leidenſchaft uns noch nicht recht erfaßt. Zeno ſagt, die Leidenſchaft ſei ein unnatuͤrliches Herumſchweifen des Geiſtes, das den Verſtand irre führe; Descuret dagegen definirt ſie als ein regelloſes Bedürfniß, das im Anfang ——— — eefalle, am Ende aber uns tyranniſtre. Beide haben echt. Die Leidenſchaft iſt ein Aufruhr in unſern Ge⸗ fühlen, der die gewöhnlich herrſchenden Geſetze des Ver⸗ ſtandes aufhebt; ſie iſt ein Sturm in unſerer Seele, ein gewaltſam hinreißendes, unnatürliches Herumſchweifen des Geiſtes, das, ſo lange es im Zunehmen begriffen iſt, etwas Angenehmes haben kann, aber auf ſeiner Höhe angelangt, in blinde Anarchie, in Wahnwitz ſich verwandelt. Je tiefer der Grund, der den Bruch her⸗ vorgerufen hat, in unſer Weſen eingreift, um ſo be⸗ ſtimmter iſt auch der Charakter der Leidenſchaft. Der Wahnſinn weiß nämlich dann beſſer, was er will; der Aufruhr iſt ſich ſeiner Abſichten klarer bewußt: Wille und Abſicht ſtürzen blindlings auf ihr Ziel los. Die Raiſonnements des Verſtandes, das Alltagskleid der Convenienz, der disriplinirende Einfluß der Erziehung, die vorſichtige Hofmanier der Intereſſen, Alles verſchwin⸗ det, und ohne eine andere Rüſtung, als die natürliche Waffe der firen Idee, ſtürzt man ſich in Kampf und Sieg. Man ſagt, die Leidenſchaften ſeien unſere Ty⸗ rannen; das mag ſein, aber nachdem ſte ſich einmal mit ihrem eigenen Gift bexauſcht haben, verwandeln ſie uns in die Wilden der civiliſirten Welt. Obſchon Reuterholm es gänzlich vergeſſen hatte, ſich ſelbſt zu bewachen, ſo hatte er ſich gleichwohl nicht ſo gezeigt, wie er wirklich war. Die Leidenſchaft raste nicht mit vollkommen freien Zügeln.. Das ganze diplomatiſch feine Spinngewebe, womit er ſich umgeben hatte, war auf einmal weggefegt. Wie manche verheißungsreiche Hoffnung war nicht damit ver⸗ ſchwunden, wie manche reizende Zukunftsidee war nicht vernichtet, wie manche herrliche Ausſicht war nicht verſperrt! Nachdem Armfelt ſich freiwillig entfernt hatte, war es Reuterholm gelungen, nicht bloß ſeine Rückkehr zu verhindern, ſondern auch alle hervorragenden und ein⸗ flußreichen Perſonen der Partei auf die Seite zu ſchieben⸗ 41 Die noch übrigen waren zu unbedeutend, als daß man von och Nois zu nehukn brauchte. Ehrenſtröm und Aminoff wurden unter dieſe gezählt. 4 Eine einzige Ausnahme bildete Fräulein Rudenſköld. Das politiſche Turnier war bisher fortgeſetzt wor⸗ den, ohne daß Reuterholm perſönlich eine Lanze mit ihr gebrochen hätte. Und obſchon er ſie zuweilen fürch⸗ tete, ſo hatte er gleichwohl über ſeine eigene Furcht ge⸗ lacht, weil ſie dennoch bloß ein ſchwaches Weib war. Um ſo mehr fühlte er ſich überraſcht und verletzt, als er ſich jetzt aus dem Sattel geworfen ſah, ohne daß er auch nur einen Augenblick zuvor hatte ahnen können, daß er ſeine Waffe mit der ihrigen kreuzte, und noch überdieß juſt in dem Augenblick, wo er durch einen wohlangelegten und fein ausgedachten Meiſterſchlag ſein Werk damit zu krönen gedachte, daß er Guſtav's künf⸗ tige Regierung mit aller Bequemlichkeit unmöglich machte. Jetzt lächelte er nicht mehr über das ſchwache Weib, ſon⸗ dern er fürchtete das gefährliche Weib. Die Umſtände concentrirten daher jetzt ſeinen ganzen Haß gegen ſie. Unter dieſen Umſtänden war gleichwohl der ſo eben von ihr errungene Erfolg nicht der wichtigſte; der wich⸗ tigſte war die Liebe des Herzogs Reuterholm ſah ein, daß er gegen ihren Kopf, deſ⸗ ſen Gefährlichkeit er jetzt erſt recht begriff, ſich nicht be⸗ haupten konnte, wenn dieſer Kopf ſich auf die Neigung des Herzogs ſtützte. Ehe dieſe Neigung zur vollen Kraft erwachte, mußte das Fräulein alſo geſtürzt werden. — Sie haben mir einen ſchlechten Poſſen geſpielt, mein Fräulein. Sie haben... „CEr vermochte kaum zu ſprechen, ſo ſehr war er von heftigen Leidenſchaften aufgeregt. — Was iſt Ihre Abſicht, mein Fräulein? begann er wieder. Glauben Sie Einfluß und Geſchicklichkeit genug zu beſitzen, um mir die Spitze zu bieten? Ver⸗ geſſen Sie gleichwohl nicht, daß Sie bloß ein ſchwaches Rohr ſind. Ich habe bisher gegen die kleinlichen Ver⸗ ſuche, meine Stellung zu erſchüttern, die ich Ihrerſeits wohl bemerkte, die Augen zugedrückt; jetzt kenne ich Sie, nehmen Sie ſich in Acht. Sie haben mich überliſtet, aber nicht beſiegt; Sie haben mich überrumpelt, aber Sie vermögen die Wahlſtätte nicht zu behaupten. Wenn Sie mich gut genug zu kennen glauben, um mit mir ſpielen zu dürfen, ſo täuſchen Sie ſich: noch kennen Sie bloß meine artigſte Seite. Mein Fräulein, Sie haben in meine Pläne hineingeſchaut, ich aber auch in die Ihrigen... nehmen Sie ſich in Acht. Ich bin kein Hofmann, aber ich bin zu ſtolz, um Sie nicht zu war⸗ nen. Sie ſind von dieſem Augenblick an mein Feind... ſehen Sie zu, daß Sie nicht fallen. Ohne die mindeſte Veränderung in ihrer Miene hörte Fräulein Rudenſköld dieſe bittere Erklärung Reu⸗ terholm's an. Sie ging— ſo ſchien es— gänzlich für ſie verloren. Aber um ſo mehr zog der Ausdruck in Reuterholm's Geſicht ihre Aufmerkſamkeit an. In den Worten, die er äußerte, war die Leidenſchaft großentheils unterdrückt; um ſo drohender und gewaltſamer dagegen regte ſich das Muskelſpiel der Augen und der Stirne. Durch den Wald der kleinen Fibern im ganzen Geſicht ſchien ein wilder Sturm zu brauſen, in des Auges blauem Kryſtallhimmel rollte eine Donnerwolke und fun⸗ kelte ein Blitz; des Mundes Roſe wurde von zitterndem Unmuth gebleicht. Dieſe Abſpiegelungen des Vulkans in ſeinem Herzen nahmen ihre ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Sie ſah darin nicht das, was er ausſprach, und daran dachte Sie gar nicht, aber ſie meinte einen Abgrund zu ſehen, in deſſen offener Tiefe ſchwarze Gei⸗ ſter ihre wilde Jagd hielten. Dieß war für ſie ein ganz neues Schauſpiel, über das ſie ſich nur entſetzen konnte. Sie kehrte ihm auch bald den Rücken, ohne zu wiſſen, ob er ſie angeredet hatte oder nicht. Zweites Kapitel. Alm und Forſter. — Sage Alm, daß ich ihn ſprechen wolle. Alm trat ein. 3 Er ſah mager und bleich, beinahe abgezehrt aus. Obſchon er ſein ganzes Leben hindurch das Glück mit derſelben heißhungrigen Energie geſucht hatte, als gälte es, ſich ein einziges Mal ſatt zu eſſen, und obſchon er es mehrere Male bereits am Rockzipfel zu halten ver⸗ meint hatte, ſo war er gleichwohl noch nicht von der Stelle gekommen. Nach manchen Aufwartungen bei Reuterholm war er allerdings ſeit einiger Zeit als Copiſt von ihm ange⸗ nommen worden; aber dieß war ein ganz mageres Amt, zumal für einen Mann, der ſich mit ſo ausgezeichneten Eigenſchaften begabt glaubte, wie Alm. 4 Aber obſchon er zu verſchiedenen Malen zurückgeſetzt, beinah mit Verachtung behandelt worden war, ſo hatte gleichwohl die Hoffnung, dennoch einmal ſein Ziel zu erreichen, ihn nicht verlaſſen. In einem ſchwarzen, ausnehmend gut gebürſteten, aber mehr als fadenſcheinigen Frack erblicken wir ihn jetzt wieder. Das weiße Halstuch war zwar nicht von heute, konnte aber dennoch ein weißes vorſtellen. Alm war in ſeiner Art wohlgeputzt. Als er an der Thüre ſtehen blieb, warf er einen haſtigen Blick auf Reuterholm, der im Zimmer auf⸗ und abging. Alm glaubte Menſchenkenntniß zu beſitzen und wollte ſich orientiren. — Sie ſind ein verſtändiger junger Mann, begann Reuterholm endlich. Obſchon ich nicht Zeit habe, an Alles zu denken, ſo erinnere ich mich doch, daß Sie mir verſchiedene kleine Dienſte geleiſtet haben. Alm verbeugte ſich bloß, aber was er hörte, das 44 freute ihn. Wenn das Glück eine Vorrede haben ſoll, dachte er bei ſich ſelbſt, ſo muß ſie wohl ungefähr ſo lauten, wie Reuterholm ſich jetzt ausdrückt. — Es dürfte Etwas aus Ihnen zu machen ſein. Alm verbeugte ſich von Neuem. — Ich habe zu bemerken geglaubt, daß Sie mit einer gewiſſen Klugheit und Raſchheit die Geſchäfte aus⸗ führen, womit man Sie beauftragt. Jetzt lächelte Alm vor Befriedigung. — Sie kennen doch allerlei ſchlechteres Volk in der Stadt? Keine Frage konnte Alm beleidigen. Er war von dem fliehenden Glück ſo manchmal mit Füßen getreten worden, daß er für ſolche Dinge gar kein Gefühl hatte. 5 Ja, Herr Baron, ich kenne allerlei ſchlechteres Volk. — Kennen Sie einen gewiſſen Fors... Fors... Forſter, glaube ich? — Den Kellermeiſter? 1 — Richtig. Er ſoll Kellermeiſter oder ſo etwas ſein. — Im Opernkeller? — So iſt es.. — O gewiß, Herr Baron, ich kenne ihn ganz gut. Wir ſind intime Freunde, ganz gute Freunde. Ich ſchulde ihm ſogar noch aus alter Zeit ein kleines Anlehen. — Sie ſind mit ihm befreundet, um ſo beſſer. Kommen Sie oft mit ihm zuſammen? — Seit dieſem Anlehen, Herr Baron, hat mich der Zufall juſt nicht mehr oft in ſeinen Weg geführt, aber vorher waren wir beinah beſtändig beiſammen. Forſter hat Keinrchlii gemacht... ich... ich ſchäme mich bei⸗ nahe, ich... — Sie hätten vielleicht Luſt, die alte Freundſchaft zu erneuern, nicht wahr? — Wenn der Herr Baron befehlen;... aber das Anlehen, Herr Baron, macht mich gleichwohl ein bis⸗ chen verlegen. 45 — Reicht vielleicht einer der Beutel, die dort auf dem Tiſch liegen, hin, um es zu decken? Alm zuckte bei dieſer Frage zuſammen. Seine Au⸗ gen glänzten vor Begierde und ſeine Finger bewegten ſich gleicſam wie lange Würmer auf dem Frackſchooße. — Ich kann mich doch auf Dich verlaſſen? fügte Reuterholm hinzu und warf ihm einen Beutel hin. Alm hatte nicht zu antworten gebraucht, um ver⸗ ſtanden zu werden. — Folge mir und Du ſollſt erfahren, was Du zu thun haſt. 1 Eine Stunde ſpäter— es war am Abend deſſelben Tages, wo das im vorhergehenden Kapitel erzählte Er⸗ eigniß ſich im Schloſſe zutrug— ſah man Alm aus der Ballhausgaſſe kommen und ſchief über die ſüdliche Schloß⸗ höhe in den großen Burghof hingehen, ſodann den Löwenhügel hinabſchreiten und die Nordbrücke paſſiren. Er war zwar noch der magere, aber nicht mehr der abgezehrte Alm. Das Glück hatte ihm zwar die Pforte ſeines Tempels nicht geöffnet, aber es hatte ihm eine volle Börſe zugeworfen, und wenn er auch nicht ſeine Kniee vor Fortuna’s Altar beugen durfte, ſo glänzten nichtsdeſtoweniger ihre Augen in blanken Silberlingen ihm entgegen. Als er an den Opernkeller kam, blieb er eine Weile ſtehen und ſchaute ſich um, gleich als wollte er die Vor⸗ übergehenden auffordern, wohl zu beobachten, daß er jetzt in den beſten Keller der Hauptſtadt zu gehen beabſichtige. * Mein Freund Forſter, murmelte er vor ſich hin, wird ſich nicht ſchlecht wundern, wenn er ſieht, daß ich ſeit mehr als dritthalb Jahren noch an das letzte An⸗ lehen denke, und vollends wenn ich es wirklich bezahle... ich kann mir ſchon die großen Augen vorſtellen, die er machen wird. 46 Mit dieſem ſtolzen Gedanken trat er ein. — Kellner, wo iſt mein Freund Forſter? fragte er. — Im Keller, er zapft Wein ab, Herr! — Er zapft Wein ab? Ei der tauſend, das iſ wirklich ein ſchönes Geſchäft. Er zapft alſo wirklich Wein ab? — Ja, mein Herr, er zapft allerdings wirklich Wein ab. — Und andere arme Schlucker die nur hie und da etwas zu nippen bekommen! ſeufzte Alm. Er war nahe daran melancholiſch zu werden beim Gedanken an Forſter's Glück. — Kann man den Ehrenmann treffen? fragte Alm weiter; ich habe ſo viel mit ihm zu ſprechen. — Kellner, Kellner, rief es in dieſem Augenblitk von mehreren Seiten, Kellner! — Sie hören, Herr, wie beſchäftigt wir ſind, und ich glaube kaum, daß der Herr Zeit haben wird; aber würden Sie nicht— dabei muſterte der Kellner ſeinen Gaſt mit einem klugen Blick— die Güte haben in den Keller hinabzugehen? — Ein vortrefflicher Einfall... ja ja... da hab' ich nichts dagegen. Als Alm in den Keller hinab kam, befand er ſich in einem großen geräumigen Gewölbe, das von einer Laterne beleuchtet war. Die Luft war friſch und geſund, der Boden trocken, aber nur mit Mühe vermochte er im Halbdunkel die Gegenſtände um ſich her zu entdecken. ohl ſah er ein geſpundetes Faß über dem andern und ein Flaſchenlager neben dem andern, aber er wußte nich recht, wohin er ſich in dieſen Katakomben wenden ollte. Da bemerkte er, wie ein heller Lichtſtrahl aus einer halboffenen Thüre in der Tiefe hervorbrach, und mit den Händen vorſichtig tappend begab er ſich dort hin. Als er die Thure öffnete, erblickte er eine Erſchei⸗ tte er. as iſ irklich irklich nd da beim Alm blick und aber einen den . da ſich einer cen, die dern ußte iden iner mit 1. hei⸗ 47 nung, ſo ſchön, daß ihm wirklich das Waſſer in den Mund kam. 2 Bei einer hellglänzenden Lampe ſaß Forſter vor ihm. Sein Geſicht war ſo wohlhäbig und freundlich, es drückte ſo viel Behagen, Ruhe und Zufriedenheit mit der Welt aus, als ob ihm von allen ihren Herrlichkeiten nichts zu wünſchen übrig bliebe. Es zeigte ſich ihm hier eines der Sonntagskinder der Natur, die auf eigenem ſoli⸗ den Grunde ruhen, und mit ihrer Wirkſamkeit und ihrem Looſe zufrieden ſind, und zwar zeigte es ſich nicht bloß beleuchtet von einem ſchönen Lampenſchein, ſondern ſo⸗ zu ſagen verklärt von einem noch höheren Schein, einem Schein, ſo ſtrahlend und wunderbar, daß Alm noch nie etwas Aehnliches geſehen zu haben meinte. Forſter hatte nämlich den Zapfen aus einem der zu oberſt liegenden Fäſſer herausgezogen, und der rubinrothe Weinſtrahl ſtürzte in ein unten ſtehendes Faß hinab. Beim Lam⸗ penſchein glänzte die Cascade, als wäre ſie von Feuer, aber von einem Feuer, das in 1000 klaren und funkeln⸗ den Farben wechſelte. Bald brach ſich darin ein Blitz von Gold, bald ſchimmerte ein Strahl vom reinſten Silber, bald ſpielte ein Regenbogen; zuweilen meinte man ſogar den Glanz eines beſchwingten Engels zu ſehen, der in die Tiefe hinabſtürzte, aus welcher ein kühlender Perlenſchaum ſich erhob. Forſter ſchien ſich an dem Anblick zu weiden, vielleicht aber noch mehr an dem blumigen, aromatiſchen Dufte. Alm athmete den Wohlgeruch eines ganzen Blumenreiches ein. Ohne daß ein einziger Tropfen ſeine Zunge berührte, wurde ſein Gemüth von einem holden Behagen berauſcht. Er genoß hier nicht Fleiſch und Blut, ſondern die Seele und den Athem der Weinranke; es war nicht der Rubin, der auf ſeinen Lippen zerſchmolz, es war ſein Glanz, der ſeine Sinne, man könnte faſt ſagen mit einer zauber⸗ haften Glorie umgab. — Du Günſtling des Glückes! rief Alm, außer 48 Stande, dem Gang ſeiner Gefühle länger Einhalt zu thun. Forſter ſchaute auf. Als er Alm erkannte, ſtreckte er freundlich ſeine Arme gegen ihn aus, ohne jedoch ein Wort zu ſagen. Er ſchien wachend und träumend zugleich: der Wein duftete um ihn her. — Gratulire, gratulire, Du ſitzeſt da an einem zweiten Niagara, Du Goldjunge der Wohlhabenheit. Ei der tauſend, da lohnt es ſich ſchon der Mühe, ſich wegen ein paar Reichsthaler, die ich Dir ſchulde, Ge⸗ wiſſensbiſſe zu machen; ich komme eigentlich bloß, um Dir das Ding heimzugeben... Du erinnerſt Dich doch, als wir das letzte Mal uns miteinander ſatt aßen, da legteſt Du die Zeche für mich aus. Ach ja, ich erinnere mich, es iſt ſchon lange her; Du meinſt doch, als wir in Lilienholm waren an dem Abend, wo Du das Glück recht eigentlich am Kragen zu packen glaubteſt. Wie ging es doch mit der Sache? Was mich betrifft, ſo ſiehſt Du, wie ich es hier habe. Und Forſter ſpundete dabei ganz ruhig das Wein⸗ faß zu und füllte einen Becher mit dem ſchäumenden Tranke. — Darf ich auch auf Dein Glück trinken? nicht wahr, ich darf es? 5 Als Alm hörte, wie Forſter ſeine Lage pries, als er die Geſichtszüge und die ganze Figur ſeines Freundes betrachtete, die ſo lebhaft von Unabhängigkeit und Wohl⸗ befinden zeugten, da empfand er des Neides giftigen Stachel in ſeinem Herzen. Es kam ihm vor, als hätte Forſter all' dieſes Glück ihm geſtohlen, und als beſäße er triftige Gründe zu Haß und Rache. Gleichwohl vertrug es ſich mit Alm's Natur jetzt weniger als je, daß er ſein Inneres vor Andern bloß legte, und er erwiederte daher Forſter's Toaſt mit möglichſt freundlicher Miene. — Ein ſchöner Wein, das darf ich ſagen. Es iſt auch Frontignac, gepreßt aus den edelſten Muskateller⸗ 49 trauben. Welch ein angenehmer Geſchmack, obſchon vielleicht ein wenig rauh; nicht wahr? wie lieblich! Merkſt Du nicht, wie er von dem feinſten muskatarti⸗ gen Wohlgeruch duftet? Alm genoß, aber ſchwieg. — Wahrhaftig, ſagte er endlich, ich muß geſtehen, daß Du alle Urſache haſt, Dich glücklich zu fühlen. Mit mir ſteht es ganz anders. 5 — Ich verſtehe, Kamerad; aber warum biſt Du nicht manchmal hieher gekommen? Du ſiehſt, wie es mir geht, und unter uns würden die Rechnungen nie lang geworden ſein. Forſter ſprach vom Herzen; er ſchien aus lauter Wohlwollen zuſammengeſetzt. — Ich kann ja aufrichtig gegen Dich ſein, denn wir ſind ja Freunde; bemerkte Alm. — Verlaß Dich auf mich. Sag' mir, wo Dich der Schuh drückt, und ich werde thun was ich kann. Mein Herz iſt theilnehmend und gut, Du weißt das ſchon lange, und jetzt fehlt es mir auch gar nicht an Mitteln... ſprich, ſprich. — So ſag' mir vor allen Dingen, ob es nicht Ba⸗ ron Armfelt iſt, der Dir, ehe er in's Ausland reiſte, die Mittel gab, dieſe Wirthſchaft hier anzufangen? — Nun ja, weil Du fragſt... ſonſt würde ich nicht gerne davon reden... aber Dir zu Liebe... Baron Armfelt iſt allerdings ſehr gut gegen mich geweſen. — Und Du biſt dankbar... — Das iſt ja bloß meine Schuldigkeit; aber warum kommſt Du mit ſolchen Fragen? Forſter war weder mit dieſen Fragen noch mit ſei⸗ nen Antworten zufrieden. In dieſen Dingen beobachtete er am liebſten gänzliches Stillſchweigen. 5 ſhn vn ich mich nicht täuſche, erinnerte Forſter, eh zu ja in gewi äher i g Reuteshol j gewiſſen ungheren Beziehungen zu — Ich will es nicht laͤugnen, aber Du ſiehſt, wie Der Trabant. III. 4ͤ ich ausſehe... ein armer Teufel mit abgeſchabten Rock, das iſt der Dank für meine Dienſte. Waͤre ich klug geweſen, ſo hätte ich mich ſchon lange ſtatt deſſen in Armfelt's Dienſte begeben, denn das iſt doch ein ganz anderer Mann. — Ganz gewiß, Bruder, ich denke, man ſollte das an mir ſehen; aber jedenfalls dürfte es jetzt für Dich zu ſpät ſein, Deinen Herrn zu wechſeln. Armfelt iſt ja, wie Du weißt, in Italien, und über⸗ dieß darf man nicht nur ſo mir nichts dir nichts den Einen verlaſſen, um einem Andern zu dienen. — Ah bahl die Intereſſen ſind unſere eigentliche Herren und andere kenne ich nicht. Aber Du ſagteſt, daß Armfelt in Italien ſei, und ich weiß das... aber wie wird man... Alm verſtummte hier, als ſcheute er ſich, ſeine Mei⸗ nung weiter auszuſprechen. — Du brichſt mitten in deiner Rede ab; was wol⸗ teſt Du ſagen? 19— Nichts, Bruder, nichts... ich... ich.. ich... — Du haſt vielleicht kein Vertrauen zu mir. Alm beugte ſich vor, als wollte er einen forſchenden Blick in Forſter's Geſicht werfen. — Da Du es ſelbſt ſagſt, ſo muß ich geſtehen, daß ich mich nicht gerne Jemand anvertraue, daß ich... — Was Dir auf dem Herzen liegt, iſt alſo wichtig, vielleicht ſehr wichtig. — Es iſt von der höchſten, von der größten Wich⸗ tigkeit Ich glaube, daß... — Was glaubſt Du? Sprich gerade heraus. — Daß meine ganze Zukunft darauf beruht; daß ich jetzt wirklich ſagen kann, ich habe das Glück in mei⸗ nen Händen, wenn ich es nur nicht wieder durch irgend eine Unvorſichtigkeit hinauslaſſe. Ich denke mir näm⸗ lich, daß, wenn ich nur über eine gewiſſe Sache Auf⸗ ſchluß erhalten könnte... . 8+——, 51 Forſter's Neugierde begann gereizt zu werden.— — Vertraue Dich mir an, Almz; vielleicht kann ich mehr thun, als Du Dir vorſtellſt. Was iſt das für eine Sache, die Du wiſſen willſt? — Ich bin vollkommen uͤberzeugt, daß Du mir Aufſchluß geben könnteſt, wenn Du wollteſt; aber... aber... — Nicht ſo viel aber; Deine Geſundheitz, Bruder, und dann meinen Dank, daß Du bei mir eingeſpro⸗ chen haſt. 1 — Aber... aber... ach, welch ein prächtiger Trank! Deine Geſundheit, Forſter! — Aber...aber... ſagteſt Du. — Ja ſiehſt Du, ich kenne Dich jetzt nicht mehr ſo gut wie früher. Ich kann deine Verbindungen nicht wiſſen; wüßte ich jedoch, daß Du mit Leib und Seele Weinſelt ergeben biſt... wüßte ich nur das... ſo .. ſo.. — Wie kannſt Du an meiner Ergebenheit gegen Armfelt zweifeln? Ich habe ihm ja Alles zu verdanken, was ich beſitze. Bei Gott, wenn es etwas iſt, was ihn betrifft, ſo ſprich aufrichtig. Noch einen Becher Wein, die Waare iſt ja gut... Deine Geſundheit, mein alter Freund! Nun, Du wollteſt ja etwas ſagen... — Nun wohl denn; aber es kann uns doch Nie⸗ mand hier hören? — Sei ohne Furcht... ich will die Kellerthüre zuſchieben... ſo, ſo... jetzt kannſt Du ſagen was Du willſt, und ſelbſt der Teufel wird uns nicht hören. Alm betrachtete Forſter und ſah, wie er vor Neu⸗ gierde beinahe zitterte. — Ich habe ein Hofgeheimniß entdeckt, ja ſogar mehrere. 3 8 — Haſt Du das, und ſind ſie wichtig? — Wie geſagt. Sie ſind wichtig und beſonders für Jemand, der in Italien iſt, ſo wichtig, daß ich 4* 52 glaube, er würde, wenn er davon Kenntniß erhielte, augenblicklich hieher zurückkehren. — Was höre ich? Vertraue mir die Sache an und Du kannſt überzeugt ſein, daß ſie auf ſicherem Wege u ſeiner Kenntniß gelangen ſoll. Du. kennſt alſo einen ſichereren Weg als andere Leute, um ihm wichtige Notizen zukommen zu laſſen? Ddie Art, wie Alm dieſe Frage ſtellte, erweckte bei Forſter einen Zweifel an ſeiner Ehrlichkeit. Forſter zog ſich auch einen Schritt zurück und beſchloß auf ſeiner Hut zu ſein. 3— Das verſteht ſich, antwortete er, daß der We ſicher iſt. Es iſt der gewöhnliche Poſtweg, und i habe nie gehört, daß auf dieſem ein Unglück geſchehen ſei. Aus Forſter's Bewegung und dieſer vorſichtigen Antwort erſah Alm, daß er ſich übereilt hatte; er mußte jetzt ſeine Aktien wieder in die Höhe zu treiben ſuchen. — Du ſiehſt natürlich ein, daß der Werth deſſen, was ich weiß, eigentlich juſt darin beſteht, daß kein Anderer als ich von der Sache Kenntniß habe. Da es nun klar iſt, daß ich, wenn ich mich irgend Jemand unvorſichtig mittheile, der Vortheile verluſtig gehen kann, — die ich aus meinen Notizen zu ziehen wünſche, ſo folgt daraus auch, daß ich Gelegenheit ſuchen muß, ſelbſt mit Demjenigen in Verbindung zu treten, der mir meine Notizen am allerbeſten bezahlen würde. Ich kann alſo nichts ſehnlicher wünſchen, als einen ſicheren und zu⸗ verläſſigen Weg, um mich ſchriftlich mitzutheilen. Miß⸗ deute es deßhalb nicht, wenn es einen heftigen Eindruck auf mich machte, als ich Dich von einem ſicheren Weg ſprechen hörte. Du haſt kein Vertrauen zu mir, das iſt das ganze Uebel... übrigens gleichviel... ich werde ſchon Jemand finden, der mir nicht mißtraut... laß uns jetzt von andern Dingen ſchwatzen... noch einen Becher Wein. Nun, haſt Du die kleine Marie auch wieder getroffen?... ein verdammt hübſches Mädchen! 53 Forſter bereute es, Alm verkannt zu haben. Die Worte ſeines Freundes trugen das Gepräge der größten Aufrichtigkeit, und Forſter begann ſeinen Argwohn als eine Dummheit zu betrachten. 3 Er beſchloß, das Geſpräch womöglich wieder in Gang zu bringen, wußte aber noch nicht, wie er ſich dabei anſtellen ſollte. Du fragſt nach Marie, begann er; ich habe guch ein Geheimniß, das kannſt Du glauben. Du haſt ſie vielleicht nicht mehr geſehen, ſeit wir miteinander in Lilienholm waren? — Ich habe ſtatt deſſen um ſo öfter an ſie gedacht. Iſt ſie noch immer in Lilienholm? — Weit entfernt. Von Lilienholm kam ſie zu der Baronin Armfelt, und da blieb ſie ungefähr ein Jahr. — Und jetzt.. 2 — Jetzt iſt ſie bei Fräulein Rudenſköld; aber ich könnte Dir noch mehr ſagen... — Du ſiehſt ein Bischen ſchalkhaft aus... was willſt Du ſagen.... 2 — Du behaupteſt, daß ich Dich verkenne. — Ich glaube beinahe, daß ich dieſen Ausdruck gebraucht habe. — Willſt Du einen Beweis, daß ich es nicht thue? — Das iſt kaum nöthig. Ich ſehe Dir an, daß ich Dich mehr verkannt habe, als Du mich. Alm wünſchte ebenfalls das abgeſprochene Geſpräch wieder anzuknüpfen. — Aber um Dir einen Beweis von meinem Ver⸗ trauen zu geben, obſchon Du keines in mich ſetzeſt, will ich Dir erzählen, daß Marie jetzt meine Braut iſt. — Iſt's möglich? Jetzt begreife ich, warum Du Dein Glück nicht genug preiſen kannſt. Ich gratulire ir, Forſter. Ein Glas auf Deine Braut, die ſchöne Marie! Dieſe Nachricht war gleichſam eine neue brennende Wunde für Alm's neidiſches Herz. Im Vergleich mit 54 Forſter fühlte er ſich ſo arm an Freude und Glück, und gleichwohl, wer hatte wohl mehr gethan, um es zu fin⸗ den, er oder Forſter? Forſter's Glück in der Welt war nach ſeinem Ur⸗ theil eine Ungerechtigkeit der Vorſehung gegen ihn. — Will's Gott, ſo wird meine Hochzeit auf den Herbſt oder auf den Winter vor ſich gehen, ſprach For⸗ ſter weiter. Du haſt wohl nichts dagegen, auch darauf zu kommen? Es ſoll dabei nicht hungrig zugehen, darauf kannſt Du Dich verlaſſen. In Alm's Ohren klang dieſe Einladung wie ein Hohn. — Du ſiehſt mißvergnügt aus, fuhr Forſter fort; vielleicht biſt Du auch verliebt, aber noch nicht in der Lage, Dich verheirathen zu können? Ein ſchwerer Seufzer hob Alm's Bruſt. — Laß uns wieder auf Deine Angelegenheit zurück⸗ kommen, bemerkte Forſter weiter, und kann ich Dir mit irgend einer Mittheilung dienen, die Dir nützlich wer⸗ den kann, ſo verſpreche ich ſie Dir. Wir ſind ja alte Freunde, nicht wahr? — Ich bin eigentlich nicht mit der Welt unzufrie⸗ den, begann Alm, aber ich bin melancholiſch. Ich bin ſchwermüthig, das iſt das Ganze.. Alm war auf einen Einfall gekommen, der, wie er glaubte, Forſter beſtimmen ſollte, ihm Alles anzu⸗ vertrauen, was er wünſchte. Forſter war bloß Herz und Ohr. — Du liebſt doch Marie ſehr? fuhr Alm fort; Du liebſt ſie wie Dich ſelbſt, mehr als alles Andere 2 — Allerdings. Ich wollte lieber acht Tage hun⸗ gern, als ſie einen einzigen Tag nicht ſehen.. — Was glaubſt Du dann wohl, was Derjenige empfinden wird, der eben ſo warm und innig liebt wie 3 Du, aber gleichwohl ſogar der Hoffnung entſagen muß⸗ den Gegenſtand ſeiner Liebe zu beſitzen? — Du liebſt alſo auch? arauf gehen, ie ein fort; n der trück⸗ mit wer⸗ alte jfrie⸗ bin wie nzu⸗ Du hun⸗ nige wie nuß, — Beklage mich, ich thue es. 4 — Und Du wirſt gleichfalls wieder geliebt? — Ich werde wieder geliebt.. ſch Man ſah Forſter die Theilnahme an ſeinem Ge⸗ ſicht an. — Aber damit iſt es noch nicht genug, fuhr Alm fort. 3 — Nicht genug? Mein Gott, auf welche Art kannſt Du denn dieſen Schmerz noch vergrößern? — Und gleichwohl ſage ich Dir, es iſt nicht, genug, daß ich nicht einmal hoffen darf, ſie zu beſitzen... nein, es iſt nicht genug... denn eine kurze Weile beſaß ich dennoch dieſe Hoffnung und ich war glücklich, aber jetzt... jetzt... ach, die Hoffnung einmal be⸗ ſeſſen und ſie dann verloren zu haben, das iſt ſchmerz⸗ licher, als ſie niemals gehabt zu haben. — Aber was willſt Du denn mit dem Allem ſagen? Könnteſt Du es wohl über Dein Herz bringen, eine Hoffnung zu zerſtören 2 — Unmoglich, nein. — Wenn der Hoffnungsſtrahl erſtirbt, ſo iſt es Nacht in uns. — Du haſt Necht, eine ſchreckliche Nacht. — Wie betrachteſt Du Denjenigen, der herzlos genug iſt, dem Armen, welcher nichts Anderes in der Welt be⸗ ſitzt als die Hoffnung, dieſe zu rauben? del Er iſt hart, ſehr hart, er iſt wenigſtens nicht edel. — Du ſprichſt Dein eigenes Urtheil, denn Du haſt mir dieſe Hoffnung geraubt. — Ich? Forſter blickte verwundert auf. So eben noch hin⸗ geriſſen von der Art, wie Alm ſein Herz gegen ihn ausſchüttete, fühlte er ſich jetzt geſchlagen. n— Ich hoffe, daß das Geheimniß, das ich aufge⸗ ſchnappt habe, mir Armfelt's Gewogenheit verſchaffen 56 ſollte, und ich ſehe an Dir, wie hoch eine ſolche Gewo⸗ genheit anzuſchlagen iſt. — Halt ein, Alm, halt ein! Du zermalmſt mich. — Ich hatte gehofft, daß dieſe Gewogenheit, nach⸗ dem ich mich ihrer zuvor würdig gezeigt hätte, im Ver⸗ ein mit meiner eigenen Thätigkeit mich in eine Stellung verſetzen ſollte, worin ich ebenfalls berechtigt wäre, Die⸗ jenige zu lieben, von der ich mich geliebt weiß. — Jedenfalls hör' jetzt auf. Ich will Dir Alles ſagen. — Ich betrachtete Dich als einen Freund. — Schweig. — Ich täuſchte mich. — Du täuſchteſt Dich nicht. — Ich entſerne mich. — Du bleibſt hier. Alm wagte nicht einen einzigen Ausdruck in ſeiner Miene zu verändern, um nicht in Betreff ſeiner eigent⸗ lichen Abſicht Argwohn einzuflößen. Er hatte indeß einen wahren Wettkamipf zwiſchen ſich und Forſter hervorgeru⸗ fen, wer von Beiden in aufopferndem Wohlwollen am weiteſten gehen würde. — Ich bleibe nicht hier, fuhr er fort, weil ich jetzt einſehe, daß ich in meinem Wunſch, die ſicherſte Poſtverbindung mit Baron Armfelt zu erfahren, mög⸗ licher Weiſe einen allzu großen Beweis von Freundſchaft verlangt habe. — Weit entfernt; trink jetzt einen Becher mit mir. — Gern; aber laß mich dann gehen, Deine Freund⸗ ſchaft zu mir könnte Dich vielleicht veranlaſſen, irgend eine Deiner Pflichten zu vergeſſen, und das würde mich tief ſchmerzen. — Kein Geſchwatze mehr jetzt. Gott im Himmel weiß, daß ich Niemand verrathen will. Aber einem Freund einen Dienſt erweiſen, iſt keine Verrätherei. Setz Dich nieder, Alm, und beruhige Dich. Du biſt auf⸗ geregt. Geh' es wie es wolle, ich werde nicht Derje⸗ ewo⸗ nich. nach⸗ Ver⸗ lung Die⸗ llles 57 nige ſein, der Jemand eine Hoffnung raubt. Was wir lieben, Alm! Es iſt angenehm die Geſundheit ſeiner Herzensfreundin zu trinken. 2 Die Becher wurden geleert, und Alm und Forſter ſchloſſen ſich näher an einander. — Laß uns jetzt vollkommen aufrichtig gegen ein⸗ ander ſein. Vor allen Dingen will ich Dir ſagen, daß ich wohl einen ſicheren Poſtweg an Baron Armfelt an⸗ geben kann; aber der Brief muß jedenfalls dennoch durch mich gehen, weil Du die Perſonen nicht kennſt, denen man die Zuſendungen an ihn übergeben muß. — Alſo ſtehſt immer Du in der erſten Linie. — Wie ich ſage, es gibt keinen andern Vermittler. Gib mir alſo den Brief, und ich ſchwöre bei der Barm⸗ herzigkeit des Himmels, daß ich ihn befördern werde. Alm antwortete nicht, nahm aber eine argwöhniſche Miene an und drohte ihm mit dem Finger. — Du trauſt mir nicht? bemerkte Forſter. — Ich traue weder, noch zweifle ich, aber ich ſchweige und denke nach. — Laß mich Deine Gedanken ebenſo aufrichtig hö⸗ ren, wie ich die meinigen geſagt habe. Es muß doch wohl ein Mittel geben, ſich gegen einander in ein kla⸗ res Verhältniß zu ſetzen. — So höre meine Bedingung. Du mußt mir die Namen der Perſonen nennen, durch deren Hände mein Brief gehen ſoll. So lange ich ſie nicht kenne, kann ich kein Vertrauen zu ihnen haben; erſt wenn ich weiß, wer ſie ſind, bin ich im Stande zu beurtheilen, wie weit ich es wagen darf, das was ich zu ſagen habe, ihren Händen anzuvertrauen. Alm fand, daß Forſter noch immer auf ſeiner Hut war. Er mußte alſo zu einem neuen Mittel greifen, um ihn dahin zu führen, wohin er wollte. — Ich will Dir im Vertrauen Etwas ſagen, fuhr Alm fort. — Im Vertrauen... gut... ſprich... 58 = Ich fürchte nämlich, meine Mittheilung möchte von der Art ſein, daß ſie die eine oder a durch deren Hände der Brief gehen ſoll, bloßſtellen könnte, und Du ſiehſt wohl ein, da wenn Jemand von ihnen den Brief erbricht. Forſter konnte ſeine Verwunderung nicht verbergen. Alm hatte mit einem einzigen Wort alle weiteren Aus⸗ flüchte abgeſchnitten. — Siehſt Du, ſagte Alm, der ſeine Verlegenheit bemerkte, Du hätteſt mich ſollen gehen laſſen. Aber obſchon es unrecht von Dir war, Hoffnungen in mir zu unterhalten, die Du nicht zu erfuͤllen gedachteſt, ſo will ich gleichwohl nicht klagen. Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte. Der Vorwurf ſchmerzte Forſter; in ſeinem Herzen liebte er Alm wirklich, und er meinte, ihm Veranlaſſung zu ſolchen Aeußerungen gegeben zu haben. — Glaubſt Du, begann er dann wieder, daß Dein Brief ſicher wäre in... Er hielt einen Augenblick inne. Wenn Alm ihn betrügen wollte, ſo wußte er, wie viel auf dem Spiele ſtand. Er traute jedoch den Menſchen im Allgemeinen viel zu viel Gutes zu, um an ſo Etwas nur denken zu wollen. — In Fräulein Rudenſköld's Händen, ſchloß er endlich ſeinen Satz. — Da habe ich alſo die erſte Perſon in Armfelt's geheimem Poſtcomptoir, dachte Alm, aber ſogar für Forſter war es unmöglich zu ſehen, daß Alm Etwas hachte ſs aufmerkſam war er in dieſem Augenblick auf ſich ſelbſt. — Fräulein Rudenfköld, wiederholte er, ich fürch⸗ tete beinahe ihren Namen hören zu müſſen. Nein, ich wage es nicht, meinen Brief ihr zu übergeben. Es handelte ſich jetzt für Alm darum, die übrigen Perſonen zu ermitteln, durch deren Hände Armfelt's Briefe gingen.. te von ſonen, ſtellen bin, ergen. Aus⸗ nheit Aber mir „ ſo t der erzen ſung Dein ihn diele nen tken 59 — Nicht... warum nicht? Alm hatte dieſe Frage bereits kommen geſehen und war auf eine Antwort gefaßt. — Meine Mittheilung... aber um Gotteswillen, ſtelle mich nicht bloß... compromittirt ganz beſonders Fräulein Rudenſköld. Bedenke, wenn der Brief erbro⸗ chen würde. Du weißt nicht... — Sprich Dich aus. — Daß Fräulein Rudenſköld... nenne eine an⸗ dere, irgend eine andere Perſon. Alm lehnte ſich ganz vertraulich gegen Forſter's Schulter. — Was denkſt Du von dem Oberpoſtdirector Franc? Bethört von Alm's Einfluß, brachte Forſter dieſe Worte beinahe flüſternd hervor. — Das wäre alſo Numero zwei, dachte Alm. — Unmöglich, unmöglich! rief er, Du weißt nicht, daß Fräulein Rudenſköld ſich dem Herzog in die Arme geworfen hat, daß Franc— er wußte nicht, was er ihm zur Laſt legen ſollte— daß Franc... aber mein Gott, Du biſt zu glücklich, um alles Unglück in der Welt zu begreifen. Um Forſter zu einer offeneren Mittheilung ſeines Geheimniſſes zu vermögen, hielt es Alm für nothwen⸗ dig, eine Neuigkeit, irgend welche zu erzählen. Forſter war im höchſten Grad überraſcht. In die⸗ ſem Augenblick konnte man ihn beinahe als blind be⸗ trachten. — Sie ſollte Armfelt verrathen? — Sie verraͤth ihn, ja. — Dann müſſen wir den Brief durch Bregard ge⸗ hen laſſen. — Was iſt er? — Poſtmeiſter in Hamburg. Keiner von beiden ſprach laut; die Worte wurden bloß geflüſtert. — Und geht er dann ſicher? Wenn Du willſt.. Ich will... So adreſſiren wir ihn an... Ich verſtehe... wir adreſſiren ihn au. An General Acton in Neapel oder... Oder... — Oder an Pietro... — Wer iſt Pietro? — Armfelt's Kammerdiener. Es wurde Alm ſchwer, ſeine Freude über die em⸗ pfangenen Aufſchlüſſe zu verhehlen. Er beſchloß daher ſich zu entfernen, ohne Forſter aus der entweder durch das Geſpräch oder durch den Wein hervorgerufenen un⸗ gewöhnlichen Stimmung zu erwecken, worin er verſetzt ſchien. Aber als Alm ſich erhob, da erhob ſich auch Forſter, gleich als gehorchten Beide denſelben Geſetzen und Bewegungen. — Fülle die Becher noch einmal, ſagte Alm, um jedem weiteren Geſpräch zu entgehen. — Du verläſſeſt mich? — Die Zeit iſt das einzige Kapital, das ich beſitze. — Deine Geſundheit, Bruder! — Komm, laß uns anſtoßen! 1 Wir befinden uns wieder in Reuterholm's Zim⸗ mer. Alm hatte bereits über ſeinen Beſuch bei Forſter Bericht abgeſtattet. — Ich bin mit Dir zufrieden, Alm, ſagte Reuter⸗ holm. Komm ein ander Mal wieder, ich werde Dich nicht vergeſſen. Verlaß mich jetzt. Aber Alm blieb noch einen Augenblick auf ſeinem Platze ſtehen. — Ein ander Mal, murmelte er vor ſich hin, ein ander Mal. Auf dieſe Art ſtehlen ſich mir Glück und Unabhängigkeit immer wieder aus den Händen. Das N v em⸗ ahet urch un⸗ rſetzt auch etzen um itze. im⸗ rſter ter⸗ Dich iem ein und Das 61 Einzige, was ich erhalte, iſt ein Verſprechen auf ein ander Mal. Als Alm das Zimmer verließ, trat der Polizei⸗ director ein. Ungeachtet Lilienſparre ſich ſo ſehr als möglich den Abſichten und Wünſchen der herrſchenden Partei fügte, ſo blieb er doch jedenfalls immer zu unabhängig und ſelbſtſtändig von Charakter, als daß man ihn auf die Länge hätte beibehalten können. Er wurde daher unter dem Vorwand, daß die Polizei in Stralſund einer Re⸗ organiſation bedürfe, im Anfang des Jahres 1793 dort⸗ hin geſandt. Der Bezirkshauptmann Norlin war ſein Nachfolger. Von Reuterholm befördert, gehörte er auch vollſtändig der Partei deſſelben an. — Sie haben mich rufen laſſen, Herr Baron. — Haben Sie die Güte und verweilen Sie einen Augenblick.. Reuterholm klingelte und ein Kammerdiener trat ein. Nimnm dieſes Billet und ſchicke es ſogleich dem Befehlshaber der herzoglichen Trabanten. Spude Dich! arte, noch ein Wort. Sage den Herren Sekretären, daß ſie ſich mit den Depeſchen beeilen. In einer hal⸗ ben Stunde müſſen ſie abgehen. Der Kammerdiener entfernte ſich. . s So, Herr Polizeidirertor, jetzt ſind wir allein.“ Wie iſt der Ton auf den Straßen? 4 wiſ Sihlethis ungn iſ mißvergnüͤgt, ohne eigentlich zu wiſſen, warum. Das Mißvergnügen gehör Zeit. Man Nener zvergnügen gehört zur Zeit — Wir müſſen die Wachen verſtärken. Ich will den Offieieren ſelbſt befehlen, im Schloſſe zu e rwil liren. Was ſpricht man in den höheren Kreiſen? — Daß die Jacobiner mit der Sicherheitsacte in der Hand regieren. 1 — Unſere geheime Polizei iſt nicht ganz gut be⸗ Pelli Sie müſſen ſie in Ordnung bringen,Ivergefſen e das nicht. Spricht man auch von Armfelt? — Es iſt nicht ohne. — Was ſagt man? — Man ſehnt ſich, daß er zurückkomme. Man glaubt, es werde von mehreren Seiten darauf hin ge⸗ arbeitet. Niemand weiß etwas Beſtimmtes... aber man flüſtert und ſchwatzt... — Und was ſagt man von mir? — Daß Sie die Mörder des Königs Guſtav's Il oder vielmehr die Bundesgenoſſen dieſer Mörder mit Vorliebe behandelt haben. — Das ſchwatzt man ſchon lange. — Man ſagt, daß die Allianz, die Sie mit Frank⸗ reich unterzeichneten, ein Douceur von fünſzehn Tonnen Goldes mit ſich geführt habe, wovon der Herzog zehn Tonnen genommen haben ſoll, Sie, Herr Baron, drei und der Reichskanzler zwei. — Man unterſteht ſich, das zu ſagen. Sie müſſen einige Leute, die ein ſolches Gerede führen, feſtzuneh⸗ men ſuchen. Was ſagt man von meiner Stellung zu dem Herzog?. — Daß Sie ſein Kopf ſeien. — So, man glaubt das. Gut, weiter. — Man erzählt, daß der Herzog ſich in den letzte⸗ ren Zeiten ſo viel Narrheiten in den Kopf geſetzt habe, daß man gerechtes Bedenken über ſeinen Verſtand hege. — Verdammte Geſchichten. Sie müſſen ſolchen Gerüchten das Maul ſtopfen. Der Herzog wird ſich... hoffe ich... von ſeinem grübleriſchen Zuſtand bald er⸗ holen. Was ſchwatzt man noch weiter? — Daß der Herzog in Fräulein Rudenſköld ganz vernarrt ſei. — Sie müſſen das Fräulein mit Spionen umge⸗ ben. Sie muß gefangen ſein und dennoch ſich frei glauben. Weiter... — Man behauptet, der Herzog habe ihr Briefe ge⸗ ſchrieben. Reuterholm vermochte ſeine Unruhe und Ungeduld Man ge⸗ aber 3 IIl mit ank⸗ inen zehn drei iſſen neh⸗ g zu etzte⸗ abe, zege. cchen er⸗ ganz nge⸗ frei gr⸗ duld 63 nicht länger zu verbergen. Mit gerunzelter Stirne ſprang er von ſeinem Platze auf. — Sollte es möglich ſein? Schaffen Sie mir einen ſolchen Brief und ich wäge ſeinen Werth mit Gold auf. Sie müſſen den Herzog im Auge behalten. Bedenken Sie das wohl. Ich will jeden Schritt wiſſen, den er thut... er iſt eine gefährliche Perſon, hören Sie.. — Vielleicht muß ich Ihnen ſagen, daß der Her⸗ zog heute Abend auszugehen gedenkt... wohin, weiß ich noch nicht... aber er hat ſeinem Kammerdiener be⸗ fohlen, ſich bereit zu halten, ihm zu folgen. — Wie Sie ſelbſt ſehen, der Herzog iſt eine ge⸗ fährliche Perſon. Sie muͤſſen Spione auf ſeine Wege ſtellen. Ich will wiſſen, wohin er geht. Neuterholm blieb in einer nachdenklichen Stellung ſtehen und unterbrach ſich plötzlich. Er hörte Tritte ſich nähern. 3 „— Nan kommt, ſagte er, noch auf die Tritte lau⸗ ſchend, verlaſſen Sie mich. Aber vergeſſen Sie nicht, was ich geſagt habe. In dieſem Augenblick trat der Kammerdiener ein. — Die Depeſchen! rief Reuterholm. Nachdem er ſie empfangen, muſterte er ſie mit Auf⸗ merkſamkeit. Ehe er ſie verſiegelte, ſteckte er jedoch in jedes einzelne Paͤckchen ein beſonderes Billet. Sag' den Trabanten, ſie ſollen hereinkommen. Sie ſind doch wohl ſhen hier, denke ich? — Ja Drei herzogliche Trabanten traten ein. — Seid Ihr reiſefertig, meine Herren? — Ja. — Hier ſind drei Pakete. Er übergab jedem das ſeinige. In einer Stunde müßt ihr auf dem Wege ſein. — Wohin geht der meinige, fragte der Eine. — Nach Rom. — Und der meine? — Nach Neapel. 64 — Und der meine? — Nach Hamburg. — Inſtructionen und Creditive? — Liegen bereits fertig auf der Expedition. Zu Pferde, meine Herren! — Man trotzt mir, murmelte Reuterholm, indem er allein im Zimmer auf⸗ und abſchritt; ich habe dieſe Partei auf die Seite geſchoben... wehe ihr, wenn ich ſie auch zertreten muß! Drittes Kapitel. Bella Napoli. Vor der romantiſch ſchönen, von Oliven⸗ und Po⸗ meranzenhainen gekrönten Inſel Capri, die ſich ungefähr achtzehn Meilen von Neapel befindet, lag eine kleine Flotille mit ſchlaffen, gleichſam ſchlummernden Segeln. Die Wimpel, die ſich in matter Bewegung zuwei⸗ len von den Maſtwipfeln entfalteten, verkündeten, wel⸗ cher Nation das kleine Geſchwader angehörte.. Während die franzöſiſche Nation Schrecken über die Welt verbreitete, während die ſogenanten Hölleneolon⸗ nen das den unbarmherzigen Conventscommiſſären über⸗ laſſene Land durchzogen, während Nantes ein ſchreck⸗ liches Opfer des mordluſtigen Carrier wurde, während Collot d'Herbois in Lyon mit den Kriegsgeſetzen in der Hand ſeine republikaniſchen Hochzeiten feierte und die Revolution in Marſeille und Toulon ihre Blutarbeit vollendete, flatterten Englands Fahnen aufmerkſam um Frankreichs Küſten. Eine Abtheilung dieſer weitverzweigten engliſchen Küſtenbewachung war es, deren Segel auf der Höhe vor der Inſel Capri glänzten. Zu ndem dieſe venn 65 Ein Wind kräuſelte jedoch bald die ruhende Waſſer⸗ fläche. Auch ſchwellten ſich die Segel bald, und mit Stolz entwickelte ſich Albions ſiegverlangende Flagge, nach einer Gelegenheit ſich ſehnend, aus tauſend Feuer⸗ ſchlͤnden den Tod zu ſchleudern und noch einmal ihre Herrſchaft über die Meere zu beweiſen. 3 Langſam zog die Flotille in's Meer hinaus und verſchwand allmälig am Rand des Horizontes; aber während der Zeit hatte das Auge einen neuen Gegen⸗ ſtand, obſchon von unbedeutenderer Art, gefunden, an dem es ſich feſthalten konnte. Ein kleineres Boot fuhr an Capri vorbei. Schon lange war es nur wie ein ſchwarzer Punkt ſichtbar ge⸗ weſen, der ſich auf der ſpiegelklaren Waſſerfläche in ent⸗ gegengeſetzter Richtung von der Flotille bewegte. Stark bemannt flog das kleine Fahrzeug mit Blitzes⸗ ſchnelligkeit voran. Achtzehn Ruderblätter waren die Flügel, mittelſt deren es in eilender Fahrt mit dem Winde wetteifern zu wollen ſchien. Bei jedem Ruder⸗ ſchlag regnete es eryſtallhelle Perlen von den Rudern, während ein Keil von ſchäumendem Silber vor dem Vordertheil brauste. Hinten im Boot ſaß ein junger Mann. Er war nachläſſig in einen Mantel gehüllt, unter welchem er eine rothe Uniform mit ſchwarzen Aufſchlägen und Gold⸗ ſtickerei trug. Auf dem Kopf hatte er einen niedrigen dreieckigen Hut mit Kokarde. Ueber ſeinem Haupt wogte die engliſche Flagge, und wenn man auch nicht aus der Richtung, die er nahm, ſchließen konnte, daß er von dem kleinen Ge⸗ ſchwader herkam, ſo ſah man dieß doch aus der Klei⸗ dung und aus der Flagge. Als er an Capri vorbeifuhr, betrachtete er die Inſel durch ein ausgezogenes Fernrohr. Umgeben von ſenkrechten cyelopiſchen Felſenwänden, iſt ſie nur von einem einzigen Punkte her zugänglich. Der Trabant. III. 5 66 Tiberius ſchuf hier eine Wildniß zu einem Olymp für ſeine wollüſtigen Träume um. In den Pärken errich⸗ tete er Altäre für Venus und Bacchus, und ſeinen Hof verwandelte er in Nymphen und Satyren. Seine Zeit⸗ genoſſen gaben ihm auch von dieſer Inſel den Zu⸗ namen Capricus. Von Tibers Paläſten iſt jetzt nur noch eine unbe⸗ deutende Ruine übrig, aber die Natur iſt noch gleich wunderbar reizend, die Inſel liegt da wie ein liebe⸗ glühendes Mädchen, das, von zauberiſchen Erſcheinun⸗ gen berauſcht, in einem marmornen Baſſin ſich kühlt. Noch heutigen Tags ſcheint ſie von Tibers Zeiten zu träumen und in den balſamiſchen Düften der Orangen⸗ haine Liebe zu athmen. Der Mann in der rothen Uniform hatte ſich auf⸗ gerichtet. In den Golf gekommen, warf er einen lan⸗ gen entzückten Blick um ſich her. „Neapel ſehen, ſagen die Neapolitaner,“ dann ſter⸗ ben... Sterben? nein, es war kein Todesgedanke, der ſich im Geſichte des jungen Mannes ausdrückte; es war voll von Leben und Geſundheit, voll von Kraft und Jugend, voll von einem friſchen Verlangen zu han⸗ deln und zu denken, zu bewundern und zu genießen⸗ Neapel ſehen, ſagt Dupaty, und dann leben.. Der Horizont iſt begrenzt von amphitheatraliſch gegen das Meer hin ſchließenden Anhöhen, die von grünen Weingärten und goldgelben Pomeranzenbäumen, von dunkeln Lorbeerwäldern und hochrothen Kaktushecken beſchattet ſind. Aus jedem Thalgang weht eine ganze Welt voll Wohlgerüche uns entgegen. Die Natur ſcheint hier bloß die Beſtimmung zu haben, zu blühen und ihre Liebe auszuathmen. Die Blumen ſcheinen ihre Farbenpracht unmittelbar vom Himmel zu entlehnen, die Früchte ihr Blut aus der Erde eigenem Herzen ſu ſaugen. Die Spitze von Poſilippo ſpiegelt ſich mit hellblauem Schatten in den Wogen, und Proeida, Iſchia und Niſida ſchaukeln ſich wie Oaſen auf der beweglichen 67 Waſſerfläche. Hier erhebt ſich eine jener lieblichen Italieniſchen Villen, Schöpfungen einer lebensfriſchen Phantaſte,... dort ragt die Ruine eines der Diana oder der Venus genctrix geweihten Tempels hervor, an Roms weltbeherrſchende Monarchie erinnernd, aber jetzt auch nur eine Ruine. Der Himmel iſt hier höher und luftiger, blauer und glänzender als anderswo. Man könnte glauben, er werde von einem einzigen Gottesauge gebildet, das ſtrahlend von Freude ſich um uns wölbe. Die Luft iſt hier Leben, der Glanz iſt hier Seele. Das Meer iſt hoch, blau und klar. Es iſt auf⸗ gelöster Saphir; es iſt ein Himmel von Waſſer unter Dir, wie der Himmel ein Meer von Luft über Dir iſt. Dieſes Meer iſt ein ewiger Traum von der Sonne... es iſt die Liebe der Sonne. Aber das kleine Boot iſt bereits tiefer in die Bucht hineingeeilt, der Tag iſt vorangeſchritten und Neapels palaſtgekrönte Höhen werden ſichtbar. Herrliches Schauſpiel! Auf der einen Seite Por⸗ tiei, Herculanum und Pompeji, auf der andern Poſi⸗ lippo, Chiaja und Sanazaro. Unſer Reiſender hatte ſein Fernrohr weggelegt. Er bedurfte keines Inſtruments, um zu ſehen. Die Ge⸗ genſtände drangen von ſelbſt auf ihn ein und ſchienen gleich feſtlich gekleideten, von Jugend und Schönheit ſtrahlenden Jungfrauen in einem Tanzſaale den Be⸗ trachter ſchweigend aufzufordern, daß er ihnen ſeinen Beifall ſchenke. Gleichwohl hob ein tiefer Seufzer ſeine Bruſt. Die Dichter erzählen, daß Parthenope, eine Sirene, Tochter des Fluſſes Achelous und der Muſe Kalliope, zwiſchen Capri und den Küſten Italiens wohnte. Sie hatte Kopf und Leib von einem Weib bis in die Mitte, aber von da an glich ſie einem Vogel. Durch die Lieb⸗ lichkeit und Harmonie ihres Geſanges lockte ſie die Vorbeiſegelnden an. Das Orakel prophefeite, daß ſie 68 untergehen würde, ſobald ein Mann ihrem Geſang und Wort widerſtehen könnte. Dieß iſt die Mythe von Neapel, das in älteren Zeiten auch Parthenope genannt wurde. Noch heutzutage iſt Neapel eine bezaubernde Sirene unter den Städten der Welt, eine Tochter der unruhi⸗ gen, launiſchen, ſtets veränderlichen Woge und des hin⸗ reißenden Geſanges. Noch heutzutage iſt Neapel ein Weib mit dunklen feurigen Augen, mit üppigen, einnehmenden, jungfräu⸗ lich blübenden Formen, aber mit Flügeln, die nicht an den Schultern, ſondern am Fuße angebracht ſind. Noch heutzutage verlockt es die Vorüberſegelnden durch die Lieblichkeit und Harmonie ſeines Geſanges, und dennoch hat Niemand ihm widerſtehen können. Es iſt auch in den Adern von Neapels Natur mehr Feuer, als anderswo. chen bloß den Veſuv zu nennen und man wird nicht mehr glauben, daß wir nur figürlich ſprechen. Im Veſuv athmet die Natur das Uebermaß ihrer glühenden Flammen gleichſam durch einen Schlund oder einen Schornſtein aus. Bald ſchwebt ein leichter gräu⸗ licher Rauch zu den Wolken empor, bald ſpielt eine funkelnde rothe Flamme allda: immer ſieht man him⸗ Tiefe der Erde arbeitet. 4 1 Unſer Reiſender trank mit Wolluſt den Anblick der Schönheiten, welche die umgebende Natur ihm darbot. Ihm war, als hätten die Elemente hier ein fürſt⸗ liches Rendezvous, nicht um einander feindlich zu be⸗ kämpfen, ſondern um ſich, während ſie verſchwenderiſch in Entwickelung von Pracht und Reichthum ſich über⸗ boten, dem feſtlichen Genuß eines ewigen Sommers hinzugeben, und ein für allemal der Welt zu beweiſen, daß die Natur, wenn ſie nur will, auch die ſchönſten melhoch ein Zeichen, wie das Feuer in der innerſten als vo. Es iſt Feuer in ſeinen Waſſern, Feuer in ſeiner Luft, Feuer in ſeiner Erde. Wir brau⸗ , r————,— ————, — 8— 69 Träume der lebhafteſten Einbildungskraft zu übertreffen vermag. Hier hat die begabteſte Phantaſie in der Wirk⸗ lichkeit ihren Meiſter gefunden. Harmoniſche Töne nahten in dieſem Augenblick dem Ohr des jungen Mannes. In den leichten, heiteren, ſchnell wechſelnden, bald lieblich milden, bald kräftigen und mächtig ergreifenden Tönen ſchien Alles um ihn her Stimme gewonnen und ſich zu einer Melodie ver⸗ ſchmolzen zu haben. 4 In jeder Woge brach ſich ein Strahl. Er glänzte wie eine Muſchel, aus welcher ein Juwel hervorblitzt. Das Meer war ein mit Juwelen überſtreutes Feld. Und auf dieſem funkelnden, lebendigen Waſſer, welche Bewegung, welches Leben! Dort flog ein Boot mit purpurfarbigen Segeln hin, in ſeinem Schooß eine neu⸗ geborne Liebe tragend, die aus dunkeln Augen ſtrahlte und von friſchen Lippen glühte. Das Boot ſelbſt ſchien ſich an ſeiner Laſt zu erfreuen. Hier tanzte ein anderes Fahrzeug, mit Blumen und Guirlanden geſchmückt, gleich einem der Flora geweihten Tempel. Weiterhin ſchießt ein drittes über die Woge, mit bunten flatternden Wimpeln behängt, die mit den Winden zu flüſtern, mit den Wo⸗ gen zu ſeußzen ſcheinen. Unſer Reiſender glaubte, daß ein Feſt, ein fröhli⸗ ches Nationalfeſt, ein Feſt für ganz Neapel gefeiert werde; aber es war gleichwohl nicht ſo. Das Leben in Neapel iſt ein beſtändiges Feſt, jeder Tag iſt ein Sonntag. 4 Lange ſpähte er unter den wimmelnden Booten hin, von denen die Muſik kam. Bald ſchoß eine kleine Spielyacht, größer als die übri⸗ gen, vor. Ihre hohen, buchtigen Segel beſaßen die leichte Farbe einer kaum erſt aufgegangenen Roſe, dieſe Farbe, die eine ſchöne Ahnung des Purpurs iſt, ohne gleichwohl ſelbſt Purpur zu ſein. Auf dem Hintertheil war ein Zelt von derſelben Farbe ausgeſpannt. Die in Feſtons aufgebundenen Vorhänge waren mit goldenen Franſen 70 geſchmückt. Ein Triton, ebenfalls in Gold, mit einem Inſtrument von Muſcheln in der einen Hand und mit einem Commandoſtab, den er gleichſam befehlend über die Wogen ausſtreckte, in der andern, ſchmückte den Vorderſteven. Im Uebrigen war das Fahrzeug weiß be⸗ malt und mit Goldornamenten verſchönt. In der Sonne glänzte die kleine Nacht, ſelbſt eine kleine Sonne auf den Wogen. Eine elegant gekleidete größere Geſellſchaft befand ſich darin, beſchattet von dem kühlenden Zelt, während die Yacht mit der Schnelligkeit eines funkelnden Blitzes, belebt durch die vom Verdeck her klingende Muſik, zwi⸗ ſchen den ſpielenden, gleichſam mit friſchen Roſenblättern beſtreuten Wogen hintanzte. Unſer Engländer glaubte ſich einen Augenblick mit⸗ ten in eine zauberhafte Märchenwelt verſetzt, und gleich⸗ wohl befand er ſich nur in der Wirklichkeit, aber in einer Wirklichkeit, die alle Zeichen einer poetiſchen Verwand⸗ lung, einer ſchönen Verzauberung trug. Aber welche Ueberraſchung drückt ſich nicht jetzt in ſeinem Geſichte aus! Schnell erhebt er ſein Haupt, run⸗ zelt ſeine Brauen, führt das Fernrohr an ſein Auge. Das Fernrohr ſcheint beinah mit ſeinem Auge zu verwachſen, ſo lange fährt er in dieſer unbequemen Stellung fort, den Gegenſtand firirend, der ſeine Auf⸗ merkſamkeit angezogen hat. Was iſt es, das er betrachtet? 3 Von einer mit allerlei Zierrathen geſchmückten Flag⸗ genſtange, über welcher eine vergoldete königliche Krone Plnzt, entwickelt ſich eine ſchwediſche gelbe und blaue agge. 3—i. iſt es, die er betrachtet, und von der ſeine Blicke ſich nicht trennen zu können ſcheinen. Als er endlich das Fernrohr ſenkt, zieht er den Hut ab und grüßt die Flagge. Aber eben jetzt macht die PYacht eine Wendung, Uum beſſer im Winde zu ſteuern. In dieſem Moment— es war nur ein flüchtiger Augen⸗ blick— ſieht er zwiſchen den Gardinen des Zeltes ein reizendes Frauengeſicht. Es waren nicht brennende nea⸗ politaniſche Augen, die ihm begegneten, es waren blaue klare Augen. Im Blick flammte nicht ein verborgener Veſuv von wohlbewußten Leidenſchaften, ſondern es glänzte darin das liebliche Feuer einer ſanften Schwärmerei. Hier glühte nicht der brennende Himmel des Suüdens, ſondern des Nordens vom ewigen Eis der rieſigen Ge⸗ birge gemilderter Strahl. Das Weib des ſüdlichen Europa iſt ſchön, eine ge⸗ reifte Schönheit. Sie kennt den Werth ihrer weiblichen Grazie, ſie begreift die Gewalt des Herzens, ſie iſt eine Frucht, welche weiß, wozu ſie taugt. Die nordiſche Frau dagegen iſt ein Traum von Schönheit, eine Ah⸗ nung ihrer weiblichen Grazie, eine Phantaſie von der Gewalt des Herzens; ſie iſt einer Blume ſchwärmeriſcher Frühlingsſeufzer unter dem Einfluß des von der Natur in ihren Schooß gelegten Gefühles, daß auch ſie zur Frucht reifen werde. Das Ideal iſt im Norden Poeſie, im Süden Wirk⸗ lichkeit; aber wo iſt das ſchönſte? Mit einem unruhigen, bangen und ſehnſüchtigen Blick folgt er der dahineilenden Yacht. Endlich ſcheint er wieder zu ſich zu kommen. Seine Augen flammen, ſeine Wangen beleben ſich, ſeine Brauen legen ſich in Runzeln. — Ruder auf! commandirt er, die Segel beigelegt! Umgekehrt! Die Mannſchaft vollzog augenblicklich ſeine Befehle. — Verfolget die Nacht! fuͤgte er hinzu. Und das Boot ſchoß mit ſolcher Eile dahin, als hätte es den Wil⸗ len ſeines Herrn verſtanden. Die Spielyacht ſteuerte gegen die Inſel Capri zu, aber der Wind zwang ſie, verſchiedene Wendungen zu machen, und ob nun die engliſche Schaluppe ein beſſerer Segler war oder beſſer bedient wurde, genug, nach einer kurzen Weile erreichte er die Yacht. — Ladet die Drehbaſſen! eommandirte unſer Eng⸗ länder wieder.. Und während die Yacht eine neue Wendung machte, ging die Schaluppe in einem Halbkreis um ſie her. — Feuer! gebot der Engländer. Die Salutation wurde bewerkſtelligt, während man das Manöver fortſetzte. Am Bord der Yacht täuſchte man ſich nicht uͤbe die Abſicht derſelben. Während die Muſik einen neapo⸗ litaniſchen Marſch ſpielte, gab die Geſellſchaft mit lel⸗ haften Beifallsäußerungen ihre Befriedigung zu erkennen. Aber dieſer Beifall ſchien unſerem Engländer nicht zuzuſagen. Das Geſicht in die eine Hand gelegt, drückt r ni der andern ſeinen Hut tiefer bis über die Stirn hinab. Der Mantel hatte ſich von den Schultern gelöst und die ſchöne Uniform kleidete die ſchlanke kräftige Fi⸗ gur wohl. 4 Während er dicht an der Yacht vorbeifuhr, diente ihm die Hand als Maske, und obſchon Niemand ſein Geſicht ſehen konnte, ſo hatte er doch ſelbſt Gelegenheit ganz in der Nähe zu betrachten, was ſich um ihn hau zutrug. 4 1. Sie iſt es, murmelte er vor ſich hin, mein Gott, ſie iſt es wirklich. — Er ſalutirt uns mit ſeinen Drehbaſſen, ſchwatzte man am Bord der Yacht, aber er hat ſeinen Hut nicht abgenommen. Das war eine ſonderbare Höflichkeit. — Alle Englander ſind Originale. Ohne ſich weiter um die Yacht zu bekümmern, ſetzte die Schaluppe jetzt ihren frühern Weg wieder fort. Wei⸗ ter gegen Abend kam ſie am Molo vorbei und legte beim Ponte nuovo an.— Mitten in dieſer prachtvollen Welt ſüdlich üppigen Reichthums hatte der junge Engländer ein Mädchen aus dem Norden entdeckt, ein beſcheidenes Vergißmeinnicht aus einer kühleren Hemiſphäre. ei —₰—S— Eng⸗ achte, man über aapo⸗ leb⸗ mnen. nich lckte tirm Nur von ihrem Bild in Anſpruch genommen, hatte er die Geſellſchaft nicht beachtet, worin ſie ſich befand. — Sie iſt's!— hatte er gerufen. 5 Neapels ſchöne Natur wurde in ſeinem Herzen von einem einfachen blauen Blümlein aus dem Norden gekrönt. 3 Als er beim Ponte nuovo an's Land ſprang, rief er: — Bella Napoli!. Viertes Kapitel. Der Königin Marie Caroline Cameriera maggiore.“) — Tragt meine Sachen da hinauf, befahl er eini⸗ gen Ruderern und deutete auf einen der zunächſt am Meer gelegenen Paläſte. Fragt nach Leonardo Moriconi, dem Herrn des Hauſes. Will er wiſſen, von wem Ihr kommt, ſo antwortet bloß: Open the door(aufgemacht), und damit baſta. Die Schaluppe bleibt am nördlichen Strand des Molo liegen; nur ein Mann bleibt hier als Poſten, im Fall ich Etwas will. Habt ihr mich ver⸗ ſtanden? — Ja, Herr Lieutenant. — Du folgſt mir, ſagte er dann zu Einem von der Mannſchaft, der ſich in ſeiner Kleidung von den Uebrigen unterſchied. Es war ein kräftiger Burſche mit einem friſchen und offenen Geſicht. DOhne auf die wimmelnden bunten Gruppen zu ach⸗ ten, die ſich kreuzend um ihn her bewegten, zog er ſich am Meere hin links und eilte gegen die äußerſte Baſtion des Kaſtells zu. *) Oberhofmeiſterin. 74 Castello nuovo iſt von Largo del Castello, einen der ſchönſten Märkte Neapels, umgeben. Auf der Seite, von welcher unſer Reiſender kam, iſt der Platz mit präͤch⸗ tigen Alleen geſchmückt. Ehe er 1 ⁰ in die Allee hinein begab, befahl er ſeinem Begleiter, in einiger Entfernung zu warten, ohnle ihn jedoch aus dem Auge zu verlieren. — Du mußt mir folgen, aber nicht zu nahe, ſon⸗ dern nur in einiger Entfernung, wobei Du mich nicht aus dem Auge verlierſt. Hörſt Du?... — Ja Darauf trat er unter die Spaziergänger in der Alle und zählte die Bäume auf der einen Seite. Als er an den zwanzigſten kam, blieb er ſtehen. Er blieb jedoch nicht lange allein. Ein älterer Mann mit ſchwarzem Bart und weißem Spitzhut, in einen kurzen dunkelbraunen Mantel gehüllt, näherte ſich ihm. — Excellenza, ſagte er, es iſt ſieben Uhr. — Es fehlen noch fünf Minuten. —. Fünf Minuten. 5 — Die Loſung iſt richtig. — Wohin führen Sie mich? — Kommen Sie. — Gehen Sie mir voran, und ich folge Ihnen. Largo del Caſtello iſt mit mehreren Fontainen ge⸗ ſchmückt. Die berühmteſte unter ihnen iſt die Fontana Medina. Mitten in einem großen Marmorbaſſin erheben ſich drei Satyre, und über dieſen ragt ein Neptun mit dem Dreizack hervor. Hohe Waſſerbogen ſpringen aus den Statuen; ganz beſonders glänzend ſind die drei, die ihren ewig rinnenden Kryſtall aus dem Dreizack ergie⸗ ßen. Unter den übrigen Fontainen nimmt das See⸗ pferd von Monſerrato ebenfalls eine ausgezeichnete Stelle ein. Unſere Freunde gingen um das Caſtell herum und nahmen ihren Weg nach dem Palazzo Reale. Der Pa⸗ 75 laſt liegt mit der einen Seite am Meer, dicht an dem⸗ ſelben, und mit der andern am Largo del Caſtello. Die Facade iſt ſehr groß, ſie hat drei Thore von gleicher Höhe und iſt mit Granitſäulen geſchmückt, welche die Balkone des erſten Stockes tragen. Im Uebrigen iſt er mit drei Reihen Pfeiler über einander, doriſchen, joni⸗ ſchen und corinthiſchen, verziert, und das Ganze iſt mit einer Baluſtrade gekrönt, die abwechſelnd mit Pyrami⸗ den und Vaſen garnirt iſt. Die Wanderer traten auf einen der Burghöfe des Palaſtes und verſchwanden bald im Schloßgewölbe. Nach einem kurzen Gang wurde der Engländer in ein großes Audienzzimmer geführt, und bald ſtand er vor General Acton, der, ſeit der Marquis Tonucci ſich von den Re⸗ gierungsgeſchäften zurückgezogen, ſeinen einflußreichen Poſten übernommen hatte. Ritter Acton, ein geborner Engländer, war in neapolitaniſche Dienſte übergetreten. Mit einem guten Kopf und einem unerſchütterlich feſten Charakter begabt, leitete er die Geſchäfte in monarchiſchem Geiſt. Günſt⸗ ling der Königin Marie Caroline, einer Tochter der Kaiſerin Maria Thereſia und Schweſter der ungluͤcklichen Marie Antoinette von Frankreich, herrſchte er unbeſchränkt in ihrem Intereſſe. Der ſchwache Ferdinand IV beſchäf⸗ tigte ſich mehr mit Fiſchfang und Jagd als mit Regie⸗ rungsgeſchäften. Man muß es Marie Carolinen verzeihen, wenn ſie für Frankreich und die revolutionären Prinzipien, welche dort den Thron umſtürzten und ihre Schweſter auf die Guillotine führten, keine Zuneigung hegte. Das Herz hat ſeine Stimme ſo gut wie das Volk, die Natur ihre Geſetze ſo gut wie die Politik. Die Vaterlandsliebe war auch einer der Hebel der Politik, welche beide Sicilien beherrſchte. Marie Caro⸗ line war Oeſtreicherin, Acton war Engländer: die Po⸗ litik war daher öſtreichiſch⸗engliſch, oder, mit andern Worten: Freundſchaft mit Allen, die Frankreich haßten. 76 Als Acton die Depeſchen, die unſer Engländer über brachte, empfangen und durchgeſehen hatte, heftete e einen ernſten und prüfenden Blick auf den jungen Mann. — Ihr Name iſt Wiljams? — Zu Ew. Exeellenz Dienſten. — Sie ſind noch ganz jung, Herr Lieutenant. Wiljams antwortete nichts, blickte aber dem General offen und unerſchrocken in's Geſicht. — Sie wiſſen nicht, warum Sie hieher geſandt worden ſind? fuhr Acton fort. — Geſtern Abend wurde ich zu dem Admiral eom⸗ mandirt. Er erklärte mir, daß ich heute bei Sonnen⸗ aufgang das Geſchwader zu verlaſſen und mich nach Neapel zu begeben habe; die Wohnung ſei in der Nähe des Hafens im Hotel Moriconi beſtellt, und der Wirth werde mich auf eiuige beſtimmte Worte hin erkennen; ferner ſolle ich mich auf den Largo del Caſtello begeben und beim zwanzigſten Baum vom Anfang der Allee an ſtehen bleiben; dort werde ein Mann mit braunem Man⸗ tel und ſpitzem Hut mich mit gewiſſen Phraſen anreden, und dieſem Mann ſolle ich, nachdem ich mich vergewiſſert, daß er der Rechte ſei, folgen. 4 4 — Der Admiral befahl weiter nichts? 1 — Er übergab mir die Depeſchen an Ew. Ercellenz. — Sonſt nichts? — Er befahl mir, alle Vorſichtsmaßregeln zu er⸗ Pheiſen, die bei einer wichtigen Expedition nothwendig eien. — Und welche Vorſichtsmaßregeln haben Sie er⸗ griffen? — Ich habe die Schaluppe am Molo angelegt, drunten am Meere einen Mann als Poſten zurückgelaſſen und einem andern befohlen, mir in einiger Entfernung zu folgen. 3 3— Aber Sie tragen gleichwohl Ihre Uniform, das iſt bereits eine Unvorſichtigkeit. 474 über⸗ te er ngen 77 — Ich glaubte, die engliſche Uniform ſei in Neapel geachtet. 3 dhee Nichts ſteht in höherer Achtung und doch... aber Sie kennen Neapel nicht. — Wird mein Aufenthalt hier lange währen? — Leſen Sie ſelbſt die Befehle Ihres Chefs. Wiljams las ſie und fand, daß er gänzlich zu Ge⸗ neral Acton's Verfügung geſtellt war. — Haben Sie etwas gegen die Ordre zu bemerken 2 — Weit entfernt, Ew. Excellenz. Ich bin nicht zovite gegen die Befehle meiner Chefs Bemerkungen zu machen. 3— 38 Gut! Ich bedurfte hier eines zuverläſſigen Of⸗ ficiers, und nachdem mein alter Freund, Ihr Chef, Sie geſchickt hat, bin ich auch überzeugt, daß die Wahl gut iſt. Von dieſer Stunde an zähle ich Sie auch unter meine Freunde und werde volles Vertrauen in Ihren Charakter und Ihr Urtheil ſetzen. Ihr Dienſt dürfte ſehr verſchie⸗ den, mitunter möglicher Weiſe etwas mühſam ſein. Vor allen Dingen will ich, daß Sie die Uniform ablegen. Verſtehen Sie mich recht, Herr Lieutenant; dieſe ſtellt nicht Sie bloß, ſondern vielmehr mich. Jeden Morgen um neun Uhr will ich Sie hier ſehen. Apropos, Sie dürfen es nicht übel deuten, wenn ich in einem haupt⸗ ſächlichen Theil mein Commando über Sie einer andern Perſon übertrage. 3 Ein flüchtiges Mißvergnügen drückte ſich dabei in Wiljams Geſicht aus. — Sie ſollen keine Urſache haben, über den Wechſel des Commando's zu klagen. Ich werde dagelbe dem ſchönſten Befehlshaber uͤbertragen, den ſich ein junger Militär nur wünſchen kann. General Acton's Art ſich auszudrücken war kurz und gut, ſein ganzes Weſen war ernſt, beinah proſaiſch. Ohne alle Phraſenmacherei hielt er ſich an ſeinen Ge⸗ genſtand. Aber obſchon Wiljams in ſeiner Stellung zum Ge⸗ 78 neral dieſelben Eigenſchaften anzunehmen ſuchte, färbten ſich gleichwohl ſeine Wangen von einer leichten Röthe bei dieſen Worten des Generals. Gegen ſeinen Willen kam etwas von den Gedanken ſeines Innern zum Vorſchein. — Vielleicht haben Sie niemals unter einer Dame gedient, Herr Lieutenant? — Niemals, Ew. Exeellenz. — Sie ſind jung und werden es bald lernen. Ahl hier finde ich ein kleines Billet; kennen Sie vielleicht dieſe Hand? — Sie gehört dem Admiral Hood. — Dem Pelikan Englands, wie man Hood mit Recht nennt. Sie ehren ihn doch hoch? — Wer ſollte den Sieger bei Corſika nicht verehren? — Nun wohl, nehmen Sie dieſen Brief und über⸗ geben Sie ihn ſelbſt an ſeine Adreſſe. — Befehlen Ew. Exeellenz noch etwas? — Warten Sie ein wenig. Was dachte man in der engliſchen Flotte von den Fortſchritten der Revolu⸗ tion in Frankreich? — Daß ein allgemeiner europäiſcher Krieg in Bälde ausbrechen dürfte. — Er iſt in gewiſſer Beziehung bereits ausgebro⸗ chen. Und was erwartete man von einem ſolchen Krieg? — Sieg und Erfolg. — Man erzählt, ein junger Franzoſe habe ſich bei der Belagerung von Toulon auf eine außerordentlich glänzende Art ausgezeichnet. Er ſoll Proben vom her⸗ vorragendſten Feldherrntalent abgelegt haben. — Das Gerücht hat Grund. Der junge Mann heißt Bonaparte und ſoll aus Corſika ſein. Acton runzelte die Brauen und ſtand ſchweigend, gleichſam nachdenklich da. — Das Jahrhundert wälzt einen Vulkan in ſeiner Bruſt. Sein Ausbruch muß erſtickt werden, wenn nicht ſeine Flammen uns erſticken ſollen. Er ballte dabei ſo heftig ſeine Hand, daß die blaue Adern durch die weiße Haut hindurch ſichtbar wurden. ¹. — Was ſagte man an Bord über die Ermordung von Marie Antoinette? — Die Erbitterung war allgemein, der Zorn und Unmuth einhellig. Die abſcheuliche Gewaltthat machte auf jeden Einzelnen den größten Eindruck, wie wenn ſie ihn ſelbſt beträfe. Man kann jeden Engländer als einen Rächer betrachten. — Meine Königin hat auch geſchworen, ihre un⸗ glückliche Schweſter zu rächen, und es ſoll ihr gelingen, das ſchwöre ich. Acton erhob dabei ſeine Hand und ſchlug dann heftig auf den Tiſch, als wollte er damit ſeinen Schwur bekräftigen. Seim Geſicht beſaß in dieſem Augenblick mehr Leben und Ausdruck als ſonſt: es war bleich, aber voll Kraft und Energie. — Halten Sie ſich bereit mein Freund, fügte er dann gegen Wiljams hinzu, was für Aufforderungen an Sie er⸗ gehen mögen. Heute gilt es vielleicht bloß einen Dienſt ge⸗ gen eine Dame, ein andermal dürfte es ſich um wichtigere Fragen handeln. Ihr Chef hat mein Vertrauen; er wußte, wie der Mann ſein muß, deſſen ich bedurfte, und da er Sie unter Hunderten gewählt hat, ſo wird es Ihnen ſicherlich nicht an Muth und Entſchloſſenheit fehlen. Wohlan, ſuchen Sie jetzt die Dame auf, für welche dieſer Brief beſtimmt iſt. Es iſt wahr, ich will auch einige Zeilen ſchreiben. Und der General ſchrieb einige Zeilen auf Harfü⸗ mirtes Roſenpapier und verſiegelte das Billet. — Da draußen, fügte er hinzu, indem er Wiljams das Billet überreichte, erwartet Sie derſelbe Cicerone, der Sie hieher begleitet hat. Er kennt bereits meinen Willen; folgen Sie ihm. Wiljams wurde durch ein Labyrinth von Gängen 80 auf die entgegengeſetzte Seite des Palaſtes geführt. Bald ſtand er in einem andern Gemach. Aber er hatte nicht Zeit gehabt den ſüdlichen hier umgab, als ihn auch lud, ſich in die inneren 3 er in ein kleines Kabinet Augenblick Muße ſich umz Luxus zu betrachten, der ihn ſchon ein Kammerdiener ein⸗ immer zu begeben. Erſt als gekommen war, hatte er einen uſchauen. Dieß Kabinet war wirklich bezäubernd. Mit Pur⸗ pur und Silber dekorirt, ſchimmerte es v Licht. Herrliche Blumen ſtreckten ihre Z1 ſen empor, die auf einer ſtanden. Die Fenſter waren off weige aus Va⸗ Baluſtrade vor den Fenſtern en, purpurroth, und in den Fenſterbogen waren feine Netze ausgeſpannt. Das in's Zimmer hereinfallende Gegenſtanden einen magiſch ſtanden wie erröthend vor Tageslicht verlieh dadurch den en Roſenſchimmer; die Möbel einander. In einer Ecke er⸗ hob ſich ein Apollo aus der ſchönſten Zeit des Alter⸗ thums. Man hatte ihn in auf ſeinem Piedeſtal beinah jeden Augenblick, daß er herabſteigen gegenkommen würde. Selbſt der ſchn glänzte hier im Roth, als und hätte die Haut mit gefärbt. Pompeji gefunden. Er ſchien e zu leben, und man erwartete und Einem ent⸗ eeweiße Marmor wäre ein edles Blut gefloſſen einem leichten Zinnoberteint Den Fenſtern gegenüber hing ein großes meiſterhaft ausgeführtes Oelportrait. vor, die im Begriff war au die Gardinen des Badzimmers ware daß man nur den ob on Glanz und Vͤn— leichter Tritte und im nächſten Augenblick trat eine Dame mit fröhlicher und lebhafter Miene ein. — Willkommen, mein Herr! Sie haben auf ſich warten laſſen. Nach meiner Berechnung hätten Sie ſchon vor einer halben Stunde hier ſein müſſen. Wiljams wunderte ſich darüber, daß man ſo genau zu wiſſen ſchien, wann er gelandet war, aber er ſah leicht ein, daß ſein Kommando nicht ein zufälliger Auf⸗ trag, ſondern die Folge einer verabredeten heimlichen Correſpondenz mit dem Admiral war. — Sie glauben mir vielleicht nicht? Sehen Sie ſelbſt, ob ich mich täuſche. Und ſie öffnete ein außerordentlich kleines Büchlein, nicht größer als das Blatt einer Lilie. Es hatte auch die Form eines Lilienblattes und ſie trug es an ihrer Schärpe befeſtigt. Die Blätter waren von ſchneeweißem Elfenbein mit glühenden Rubinknöpfen. — Hier koͤnnen Sie ſelbſt ſehen, fuhr ſie fort. Sie ſehen, daß die Aufzeichnung geſtern gemacht worden iſt. Nun, haben Sie die Güte zu leſen. Wiljams las: Heute früh unternimmt die Königin eine Luſtfahrt nach Capri, weniger zu ihrem eigenen Vergnügen als der Prinzeſſin Sophie Albertine von Schweden zu Liebe. Wiljams ſchaute verwundert auf. — Weiter, weiter, bat die Dame, leſen Sie weiter. Oder kennen Sie vielleicht die ſchwediſche Prinzeſſin? Sind Sie vielleicht in Schweden geweſen? Wie ange⸗ nehm wäre es, unſerm Gaſt einen alten Bekannten vor⸗ ſtellen zu können? Wiljams ſenkte ſeinen Blick wieder in das Büchlein. — Sie antworten nichts, ſicherlich habe ich recht gerathen. — Nein, Madame, nein. In dieſer Antwort lag ſo viel Ernſt, daß man den Gegenſtand fallen ließ. Der Ernſt war jedoch mit Ver⸗ legenheit vermiſcht. Der Trabant. III. 6 82 — Leſen Sie weiter; aber überſpringen Sie dieſes Blatt da... Sehen Sie hier, leſen Sie hier. — Heute Abend um 7 Uhr— las Wiljams an der bezeichneten Stelle— werde ich einen von dem Ad⸗ miral Hood geſchickten Offizier empfangen; der Name des Offiziers iſt Wiljams. — Nun wohl, habe ich nicht Urſache, von Ihrem Ausbleiben Notiz zu nehmen? Eine Dame eine halbe Stunde, eine ganze halbe Stunde warten zu laſſen, mein Gott, das iſt ächt engliſch, Herr Lieutenant. Ich hoffe, daß die Natur von Neapel Sie ſehr und zwar zu Ihrem Vortheil verändern wird. Ich habe mehrere als ächte Eng⸗ länder hier ankommen, aber als ächte Neapolitaner von hier ſcheiden geſehen. Und das Prineip gilt beinahe noch mehr den Engländerinnen. Ein Portrait, das man von ihnen genommen ehe unſere Sonne ſie er⸗ wärmt hat, würde ihnen nachher nicht mehr gleichen. Neapel befeuert die Seele und das Herz, befeuert das Auge und die Wange... o, wir werden Wunder mit Ihnen verrichten, mein Herr. Während ſie ſprach, betrachtete Wiljams ſie. Ihr Geſicht war voll von Leben, aber arm an Aus⸗ druck; der Ausdruck gehörte mehr den Formen als der Seele an. Ihre Geſtalt blühte nicht mehr, und doch war ſie noch etwas mehr als bloß Blume. Sie bezauberte wie eine reife, edle Frucht. Man glaubte eine Blume vor der glänzenden Schale der Frucht zu ſehen. Sie war etwas beleibt, was bei der italieniſchen Frau nichts Ungewöhnliches iſt. Die Verhältniſſe waren nichts deſtoweniger ſymmetriſch vollkommen. Je mehr Wiljams ſie beobachtete, um ſo mehr fand er auch, daß ſie wirk⸗ lich eine Schönheit erſten Ranges war. Ein Mann beurtheilt die Schönheit einer Frau nach der Fähigkeit, die ſie beſitzt, in ſein Herz einzudringen Wenn ſie es durchdrungen hat, dann, aber früher nicht, beugt das Herz ſein Knie vor ihrem Altar; dann, aber früher α8 8 SAKE*& 83 nicht, legt das Herz die Worte der Liebe auf ſeine Lip⸗ pen. Inzwiſchen war er nicht hieher gekommen, um ſie zu lieben... nicht einmal um ſie zu bewundern. — Ich hoffe auf Ihre Nachſicht wegen der ver⸗ ſäumten halben Stunde, antwortete Wiljams und eile, mein Verſäumniß wieder gut zu machen, indem ich Ihnen dieſes Schreiben vom Admiral überreiche. — Ich habe Ihnen bereits verziehen, mein Herr, hoffe aber, daß Sie nicht von Neuem in Ihren Fehler verfallen werden. Im Norden ſoll man 59 Minuten mit Seußzen und eine einzige mit Scherzen verbringen. Wir dagegen ſeufzen eine Minute und verſcherzen die übrigen. 1 4 — Hood bleibt ſich immer gleich, fuhr ſie fort, nachdem ſie einen haſtigen Blick in den Brief geworfen, immer derſelbe ſtörriſche Ernſt, immer dieſelbe leben⸗ dige Generalordre, immer Vriefe, die auf einer Pulver⸗ tonne oder einem geladenen Vierundzwanzigpfünder ge⸗ ſchrieben ſind. Mein Gott, er iſt nicht ein Engländer, er iſt ganz England; ein einziger Plumpudding vom Scheitel bis zur Zehe; und gleichwohl, wer kann ſichs verwehren ihn zu lieben? Kennen Sie ſeine Frau? Sie muß eine wahre Sirene ſein, daß ſie einen ſolchen Dreidecker an ihr Herz drücken kann. Hier können Sie ſehen, was er ſchreibt. Er ſcheint mich in jeder Zeile mit einem Kanonenſchuß zu ſalutiren. Nun wirklich... er ſchreibt auch von Ihnen. Seine Feder iſt doch nicht immer ein Böller. Wollen Sie hören? — Sein Name iſt Wiljams, las ſie, ohne daß Wiljäms Zeit hatte ihre Frage zu beantwanlen, das iſt ein guter Name. Er iſt jung. Ein älterer Mann würde nicht unter Ihr Kommando taugen. Er iſt tapfer. Das iſt es, was hier nöthig ſein dürfte. Er iſt entſchloſſen. Das iſt es, was die Frauenzimmer lieben. Er iſt treu und zuverläſſig. Deßhalb haben Sie einen Offizier von mir begehrt, weil Sie dieſe Tugenden in Neapel ver⸗ gebens ſuchen. 6* 84 — Sie muüſſen zugeben, unterbrach ſie ſich ſelbſt, daß er gerade wie eine Musketenkugel ſpricht; aber hören Sie weiter. — Er wird für Sie in den Tod gehen, wenn Sie ihn recht behandeln; er wird Sie tödten, aber nicht ver⸗ rathen, wenn Sie ihn unredlich behandeln. — Würden Sie das thun? fragte ſie Wiljams. Ihre Frage beſtand weniger in Worten, als in dem Blitz, der aus ihren ſtrahlenden Augen hervorſchoß. — Der Admiral ſcherzt, Madame. Ich würde lieber mich ſelbſt tödten als Sie, und zwar aus zwei Gründen: erſtens weil Sie eine Dame ſind. — Sie könnten alſo eine Dame nicht tödten? — Unmäglich. — Aber wenn Sie Ihnen untreu würde? — Im Fall Sie mich einmals wirklich geliebt hätte, ſo läge die Schuld immer auf meiner Seite. — Ich achte Ihre Philoſophie; aber laſſen Sie mich jetzt auch den zweiten Grund hören... Sie lächeln ... Sie ſind alſo nicht die Griesgrämigkeit ſelbſt... das freut mich... Nun der andere Grund 2 — Sie ſind zu meinem Vorgeſetzten ernannt, und ich weiß, was ich der Subordination ſchulde. Wiljams lächelte wirklich, als er dieß ſagte. — Sie erkennen mich alſo wirklich als Ihren Vor⸗ geſetzten an? Ich danke Ihnen, ich war in Wahrheit uͤber dieſen Punkt etwas bange. — Der Admiral will es und ich gehorche. — Sie gehorchen alſo bloß dem Admiral und nicht mir; aber wenn ich mir's einfallen ließe auf den Ad⸗ miral eiferſüchtig zu werden? — Was Sie befehlen, werde ich ſo pünktlich erfül⸗ len, wie wenn es in einer Generalordre ſtände. — O das iſt göttlich. Sie erblicken in mir bloß eine Generalordre? Nun wohl, dann will ich auch meine Macht gebrauchen und eine Ordre ausfertigen. Beugen * „ —-——.,— ie n Sie Ihr Knie, mein Herr, hören Sie, ich befehle Ihnen, Ihr Knie vor mir zu beugen. Wiljams zögerte einen Augenblick, er wußte nicht, was er thun und noch weniger was er denken ſollte. — Steht das vielleicht nicht im Reglement, daß Sie vor Ihrem Kommandanten das Knie beugen müſ⸗ ſen, wenn er es befiehlt? — Nein, Madame. — In Neapel kennen wir kein anderes Reglement, als dasjenige, das ſich in unſre Herzen eingeſchrieben befindet. Leſen Sie es... und Sie werden auf ganz andere Gedanken kommen.— — Nun wohl, ich gehorche... und er ließ ſich auf ein Knie nieder. — Vielleicht erwarten Sie jetzt, daß ich Ihnen be⸗ fehlen werde, mir eine Erklärung zu machen... eine... eine... eine... Sie ſprach nicht aus, was ſie ſagen wollte... aber es war nicht ſchwer, ihre Meinung zu verſtehen. Wiljams hatte große Luſt, aus ſeiner knieenden Stellung aufzuſpringen, aber er blieb gleichwohl liegen. Er verbarg jedoch das Geſicht in ſeinen Händen, gleich als hätte er den Ausdruck darin für ſich ſelbſt behalten wollen. — Aber nein, fuhr ſie in dieſem Augenblick, viel⸗ leicht vor einem geheimen Gedanken ſelbſt erröthend, fort, ich will von Ihnen keine Erklärung begehren, ſon⸗ dern Ihnen als meinem Unterthan nur den Eid der Treue und Huldigung abfordern, wozu Sie ſich gegen mich verpflichtet halten müſſen. Damit es Ihnen jedoch ſo wenig als möglich hart ankomme... ſo... ſehen Sie hier.. Und ſie reichte ihm ihre Hand zum Kuß. Sie war weich und weiß wie Sammt. Wiljams drückte ſie leicht an ſeine Lippen, ihre ſeltene Schönheit bewundernd. Sie hatte ſich etwas über ihn hinabgebeugt, und als er ſich aufrichtete, fiel ſein Blick auf ihre Schultern. Sie waren entblößt und zwar etwas mehr, als Wiljams zu ſehen gewohnt war, und die überaus einnehmenden Formen blendeten ihn beinahe einen Augenblick. — Sie haben Ihre Kniee vor mir gebeugt, mein Herr, fuhr ſie fort, Sie haben es doch gethan? — Ach ja, Madame. — Sie würden dieß vor Ihrem Admiral nicht ge⸗ than haben, wenn er es befohlen hätte? — Er würde mir ſo etwas nicht befohlen haben. Das kann nur einer Dame einfallen. — Mag ſein. Aber inzwiſchen glaube ich, daß Sie jetzt nicht mehr bloß eine gewöhnliche Generalordre in mir erblicken. Sie gehorchen mir um meiner ſelbſt wil⸗ len, nicht wahr? — Ich gehorche. Befehlen Sie. Es war Wiljams wunderlich zu Muthe. Er meinte unwohl zu ſein, und dennoch befand er ſich wohl. Die ſchelmiſche Neapolitanerin betrachtete ihn mit einem ſo fröhlichen und ſchalkhaften Blick, während ein roſenrothes Lächeln auf ihren Lippen ſpielte. — Laſſen Sie uns den Brief des Admirals ſchließen, ſagte Sie inzwiſchen. Es bleiben uns noch einige Zeilen übrig. 4* Wiljams, las ſie weiter, iſt zuweilen melancho⸗ liſch... Er ſpricht immer von Ihnen mein Herr, und Sie müſſen zugeben, daß die Bemerkung im Munde eines ſolchen Sturmvogels fein iſt. Ich glaube, daß ſein Herz krank iſt, las ſie dann weiter, und ich hoffe ihn dem beſten Arzt zu übergeben, indem ich ihn Ihren Händen anvertraue. Obſchon es Wiljams verdroß, erröthete er, während ſie las. Es war ihm unmöglich das zu verhindern. — Sie ſind krank und befinden ſich in meiner ärzt⸗ lichen Pflege. Ihr Admiral hat ſie Ihnen wohlweis⸗ lich verordnet. Wenn Sie wollen, ſo ſetzen wir uns und ſprechen von der Sache. Ich will hören, wie weit Ihre Krankheit vorangeſchritten iſt. Ueberdieß, glauben Sie 83 1 en Snau 87 mir, gibt es kein ſo ſouveränes Univerſalmittel gegen die Liebe, als mit einem andern Frauenzimmer darüber zu ſprechen. Nehmen Sie mich als Ihren Arzt an. — Und wenn ich es thäte? — Dann verſpreche ich Ihnen, daß Sie geheilt wer⸗ den ſollen. Sie hatte kaum ausgeſprochen, als ein Kanonen⸗ ſchuß ſich vernehmen ließ. — Was iſt das? — Still! Dhan hörte noch einen Schuß, dann abermals einen u. ſ. w.. — Die Königin kommt von Ihrer Luſtfahrt zurück. Man ſalutirt ſie von der Feſtung aus. Das iſt wohl ſchlimm, ich hätte Ihnen noch viel zu ſagen gehabt. Laſſen Sie mich ſehen. Und ſie nahm ihr kleines Büchlein, das einem Li⸗ lienblatte glich. — Ganz richtig. Ich wußte doch, daß es Etwas war. Ihr Dienſt muß ſchon heute Abend beginnen. Wiljams hatte zu glauben angefangen, daß ſein ſogenannter Dienſt bloß ein Scherz ſei; aber was ſie jetzt ſagte, das trug ſie mit einer ſo ernſten Miene vor, daß er ſogleich auf andere Gedanken kam. — Sie ſcherzen alſo nicht? fragte er gleichwohl. — Weil man oft ſcherzt, ſo glaubt ihr Engländer, daß man beſtändig ſcherze. Ihr macht Cuch die ſonder⸗ barſten Begriffe von Frauenzimmern. Nein jetzt ſpreche ich ernſthaft! ich ſage ſogar mehr als ernſthaft, ich ſpreche aufrichtig. Und um Ihnen mit einigen wenigen Worten einen Begriff von der Wichtigkeit Ihres Auſtrages zu geben, ſo will ich Ihnen kurz ſagen, daß.. erſchrecken Sie nur nicht, wenn Sie jetzt ein wenig Politik zu hören bekommen, daß eine Coalition zwiſchen den nörd⸗ lichen, öſtlichen und ſüdlichen Mächten Europas hier begründet werden ſoll, und zwar gegen den Weſten, d. h. gegen Frankreich. Das iſt ein dreiſter Plan von uns Frauenzimmern; aber ſehen Sie, wir ſind von Spio⸗ nen umgeben, und die Maske darf nicht von unſerm Geſichte fallen, bevor das Schwert gezogen wird. Wir bedurften alſo eines Mannes, in den wir ein unbe⸗ grenztes Vertrauen ſetzen können, um als eine Art Schildwache uns zu beſchützen, während wir uns berathen, und der Admiral hat Sie geſandt. Sie ſehen ein, wel⸗ ches Vertrauen man in Sie ſetzt. Nicht wahr.aber aber ich brauche das nicht erſt zu fragen.. ich ſehe es Ihnen an den Augen an, daß Sie bereits Er⸗ gebenheit gegen mich hegen und Ihre ganze Umſicht aufbieten werden, um Ihren Auftrag würdig zu erfüllen. Wiljams war beinahe eben ſo verwundert über den Ernſt und die Beſtimmtheit, womit ſie ſich jetzt aus⸗ drückte, als er ſich vorher über den ſpielenden, beinahe leichtſinnigen Scherz gewundert hatte, welcher den Grund⸗ ton ihrer Natur zu bilden ſchien. — Heute Abend muß ich mit einem Ausländer von großem Einſluß ſprechen. Ich erwarte ihn um elf Uhr. Wir wiſſen, daß alle ſeine Schritte überwacht werden, daß ſogar unſere eigene Dienerſchaft erkauft iſt. Nicht ohne Grund fürchten wir für ſeine Sicherheit, ja für ſein Leben. Wir wagen unſer Vertrauen keiner unter⸗ geordneten Perſon zu ſchenken. Ihr Auge verdüſtert ſich, Sie runzeln die Stirne... Ach, mein Herr! ich ſehe was Sie denken... aber vergeſſen Sie nicht, daß es ſich um das Schickſal der Staaten handelt. Unter ſol⸗ chen Umſtänden iſt kein Platz unbedeutend. Das Wich⸗ tigſte jedoch, mein Herr, iſt für Sie... daß ich will, daß Sie mir gehorchen und dieſen Schlüſſel empfangen müſſen, um heute Abend um Elf die genannte Perſon durch ein Pförtchen einzulaſſen, das Sie in der Ecke gegenüber dem Arſenaldamm ſinden werden. Sie ver⸗ ſtehen mich. Die Loſung iſt Marie Antoinette, mit einer kurzen Pauſe zwiſchen den Namen, worauf er den Hut lüpft. Sehen Sie hier... Sie nehmen doch den Schluͤſſel an? 89 Wiljams konnte ihr das nicht verweigern.— 4 — Hören Sie... jetzt ſteigt die Königin an's Land. Jubelruf und Vivatgeſchrei von Seiten des Volkes erfüllten in dieſem Augenblick die Luft. 1 — Ich muß ihr entgegengehen. Leben Sie wohl, mein Herr. Als Wiljams ſich verbeugte, um die Dame zu ver⸗ laſſen, fiel ſein Blick wieder auf das Gemälde, das ſeine Aufmerkſamkeit ſo ſehr angezogen hatte, als er eintrat. — Darf ich es wagen, Sie um eine Gunſt zu bit⸗ ten? fragte er. — Um mehr als eine, mein Herr, aber beeilen Sie ſich nur. — Iſt dieſes Gemälde ein Portrait, oder iſt es ein Phantaſiebild? — Sie ſollen das ein andermal erfahren. — Nein, jetzt, jetzt... — Ich habe geſagt ein andermal. Hören Sie... man kommt... leben Sie wohl. Als Wiljams die Hand an's Schloß legte, um ſich zu entfernen, that er ſich gleichwohl noch einmal Einhalt. — Sie müſſen mir noch einige Worte geſtatten. — Lazſſen Sie hören. Aber Sie ſehen, daß ich Eile habe. — Sie läugnen doch nicht, daß ich mein Knie vor Ihnen beugen durfte. — Nun? — Daß ich Ihre Hand in der meinigen ochalten und den weichen Sammet derſelben geküßt habe? — Was meinen Sie damit? — Daß ich Ihnen Gehorſam geſchworen habe? — Nun und dann? — Daß ich einen wichtigen Auftrag von Ihnen em⸗ pfangen habe? — Das iſt wahr. — Daß Sie mein Chef ſind? — Ihr Admiral, wollen Sie ſagen. — Daß Sie es übernommen haben, mein Arzt zu werden? — Was wollen Sie mit dem allem ſagen? — Sie wiſſen doch, wer ich bin? — Allerdings... — Nun wohl, ich habe auch einen Wunſch... — Und ich kewwillie ihn zum Voraus. — Ich wünſche, Madame, bevor ich Sie verlaſſe, auch zu erfahren, wer Sie ſind... Sie haben mich darüber mit keinem einzigen Wort aufgeklärt. b Nicht? Mein Gott, Sie wiſſen nicht, wer ich in? — Niemand hat es mir geſagt. Man hat mich Schritt für Schritt geführt, und ich bin ohne alle Neu⸗ ieide gefolgt. Mit einem Wort, noch weiß ich Ihren aamen nicht. — Sie ſind ein ganz ſonderbarer Menſch. Sie wiſſen nicht einmal wie ich heiße, und wir ſind gleich⸗ wohl bereits Freunde? — Das würde mich ſehr freuen. — Und wir haben unſere Herzen vor einander ge⸗ öffnet, einen wichtigen Bund mit einander geſchloſſen. O, das iſt charmant, ich muß wahrhaftig lachen. Der Jubelruf von Außen kam immer näher und näher. 4— Was für ein luſtiger Patron Sie ſind! Die Engländer! O es muß ein curioſes Land ſein dieſes England. Wenn ich einmal Zeit bekomme, will ich hinreiſen, nur um über die Originale lachen zu können. Aber ich muß fort. Sehen Sie, der Zug kommt ſchon auf den Schloßhof herein. 4 Wiljams hatte ihre Hand ergriffen und hielt ſie urück. 4— Wer ich bin? O, das iſt eine wahre Faſtnachts⸗ poſſe. Ich bin die Oberhofmeiſterin am Hof der Königin. 91 Und ſie hüpfte fröhlich lachend fort. — Ci der Tauſend, das muß ein luſtiger Hof ſein, wo ſie Oberhofmeiſterin iſt, murmelte Wiljams, wäh⸗ rend er das Schloß verließ und ſeinen Weg nach dem Hotel Morieoni einſchlug. Fünftes Kapitel. Ein Kloſter und ein Wirthshaus. In Neapel fehlt es nicht an Klöſtern, Kirchen und Kapellen. Auf dem Largo di San Dominico liegt das vornehmſte Kloſter des Dominikanerordens: San Do⸗ minico maggiore. Dieſes Kloſter war früher ein Hoſpi⸗ tal, genannt: St. Michel von Marfiſa, mit einer Be⸗ nediktinerkirche, aber im Jahr 1254 wurde es von Papſt Alexander IV als Dominikanerkloſter eingeweiht. Auf dem Largo di San Dominico befindet ſich ein Obelisk, oder, wie er in Neapel genannt wird, eine Aguglia. Am Fuße dieſes Obelisken ſtand ein älterer Mann, beinahe wie ein Mönch gekleidet, auf einen Stab ge⸗ lehnt, der ſtark genug war den Körper zu tragen, wel⸗ cher ſich über ihn hinabbeugte. Seine Aufmerkſamkeit war unverwandt auf die vor ihm liegende Kloſterpforte geheftet. Sein ganzes Weſen ſchien in ſeinem Blicke wie in einem Brennpunkt zu herſchielden Der Blick glich einem fortdauernden Blitz⸗ rahl. Jetzt hörte man das dumpfe Getöne einer Glocke vom Kloſterthurm. Haſtig erhob der Fremdling ſein Haupt und nahm eine feſte, ſtolze Haltung an. Die Glocke fuhr fort die Stunde zu verkünden. Beim letz⸗ ſen Schlag öffnete ſich die Kloſterpforte und er eilte auf ie zu. 92 — Melden Sie mich bei der Fürſtin Raszanowsky, ſagte er in einem ſo heftigen und gebieteriſchen Tont, daß die Pförtnerin ihm beinahe die Thüre vor der Naſt zugeſchlagen hätte; aber als ſie ihn betrachtete und die unruhige Verwirrung auf ſeinem Geſichte ſah, da ſchien ſie Gnade für Recht ergehen zu laſſen wollen, indem ſie ſchweigend ſich entfernte. Als ſie nach einer kurzen Weile zurückkam, erklärte ſie, daß keine Fürſtin Raszanowsky ſich im Kloſter vor⸗ finde. — Sie täuſchen mich. Sie muß hier ſein, ich habe ſie ſelbſt hieher geführt. — Entfernen Sie ſich, mein Herr, ich habe geſagt, daß ſie nicht hier ſei. — Wann hat ſie alſo das Kloſter verlaſſen? — Sie hat es nicht verlaſſen. — Sie iſt alſo todt? — Nein. — Beim barmherzigen Gott, führen Sie mich ſo⸗ gleich zu ihr... oder... Der Fremde wurde immer heftiger und unruhiger. — Hören Sie den Tempelgeſang? — Was will er beſagen? — Wenn ſie nach der Fürſtin Raszanowsky fragen, ſo ſprechen Sie von... — So ſpreche ich bloß von ihr, meiner Freundin, und von keiner andern Perſon. — Beſinnen Sie ſich, mein Herr, Sie ſprechen von der Schweſter Wanja. Vincenz— der Fremde war kein anderer— wurde todesblaß. — Schweſter? wiederholte er. — CEhe die Sonne untergeht, iſt ſie Chriſti Braut. Krampfhafte Zuckungen bewieſen den entſetzlichen Eindruck, den dieſe Nachricht auf ihn machte. Einen Augenblick vormochte er nicht ein einziges Wort zu ſpre⸗ chen. Die bleiche Geſichtsfarbe wurde dunkel, beinahe ͤ—— 93 dunkelblau. Schwankend ſtützte er ſich an die kalte Mauer, um nicht umzufallen. Aber dieſe Schwäche währte nur eine kurze Weile. Die Seele bekam bald wieder ihren beherrſchenden all⸗ mächtigen Einfluß. Bei Vincenz war der Körper nur ein Werkzeug, das dem entſchloſſenen und beſtimmten Gebot ſeines Willens gehorchte. — Und dieſer Tempelgeſang? fragte er. — Gibt zu erkennen, daß ihr letztes Gebet, das ſie als Angehörige einer äußeren Welt verrichtet hat, jetzt beendigt iſt. Hören Sie, wie die Töne verklingen. — Sie iſt alſo in dieſem Augenblick frei? — Wenn die Lippen nicht beten, ſo betet das Herz; eine Braut Chriſti iſt niemals frei. — Melden Sie mich bei der Aebtiſſin, aber haben Sie die Güte, es ſogleich zu thun. Ich habe ihr wich⸗ tige Dinge zu ſagen. „Vincenz ſprach mit Ruhe und die Pförtnerin ging. Wir übergehen die Schwierigkeiten, auf die er ſtieß, ehe er endlich Erlaubniß erhielt mit Wanja zu ſprechen; aber gewöhnt die groͤßten Hinderniſſe zu überwinden, über⸗ wand er auch dieſe. — Wanja, Wanjal klagte er, als er ſie wieder ſah. — Preiſe Gott, Vincenz, und klage nicht. „Bei dieſen Worten Wanja's war es, als flamme ein Blitz des Zornes und der Erbitterung in ſeinen ſchwarzen Augen. — Fluch! rief er, von qualvollen Leidenſchaften hingeriſſen, Fluch über eine Welt, die mir alle Selig⸗ keit, alles⸗Glück geraubt, die mich im Glauben eines Herzens, in der Liebe meiner Seele betrogen hat und jetzt das letzte Verbindungsglied, das Glied der Hoff⸗ nung zerbricht zwiſchen mir und dem Himmel, zwiſchen mir und Gott Allmächtige Vorſehung, welch eine ent⸗ ſetzliche Thorheit iſt nicht mein ganzes Leben! Gab es einen Vortheil, eine vernünftige Ueberlegung, eine Mühe, die mich in meinem ewigen Sclavendienſt unter einem einzigen Gefühl unterbrechen konnte? Wie ein unterirdiſcher Gang, ohne das erfreuende Licht der Sonne, iſt mein Leben dahingegangen, dahingegangen in der armſeligen Hoffnung, daß es zu einem Ziel der Seligkeit führen ſollte. Ich habe vergebens gearbeitet, und meine Qualen ſind Irion's Qualen geweſen und das Werk meiner Hände war nur eine Siſyphusarbeit. Vergebens... es iſt ſchrecklich am Rande des Grabes zu ſich ſelbſt ſagen zu muͤſſen, daß man vergebens gear⸗ beitet hat. Fluch! Wie eine gereizte Beſtie packte er das Eiſengitter, das ihn von Wanja trennte, und ſchüttelte es, gleich als wollte er es einreißen. Wanja war auf ihre Kniee gefallen und hatte ihre Hinde gefaltet; ſie verrichtete ein ſtilles Gebet für ſeine eele. — Wozu dient es, Gebete zum Himmel emporzu⸗ ſenden? wer hat gebetet wie ich? was hilft es ſein Leidenſchaften zu zaͤhmen? Wer hat dieß mehr gethan als ich? Wie lohnt es ſich der Mühe treu zu ſein? Wer iſt es in höherem Grade geweſen als ich? Du verrietheſt mich und ich verzieh Dir; Du wurdeſt ver⸗ rathen und ich ſchwur Dich zu raͤchen. Deine Schönheit verblich in den Armen eines Andern, aber ich betete noch das Skelet an. Du warſt für Andere eine Leiche, nur für mich ein Engel. Der Himmel wird meine Liebe Heidenthum, die Menſchen werden ſie Wahnwitz nennen. Zermalme mich, Du Blitz des Himmels, da⸗ mit ich in meinem Zorn vergehe und nicht zu dem Ent⸗ ſetzen eines ruhigen Geſpräches mit mir ſelbſt erwache. Möchte ich ſterben dürfen, während eine Gewitternacht noch in meinen Adern rast! Wanja richtete ſich auf. Auch ſie hatte ſich im Ver⸗ lauf des letzten Jahres viel verändert. Das Feuer im Auge wurde nicht mehr von ſtürmiſchen, inneren Leidenſchaften eenährt. Auch brannte es matter, ohne weniger klar zu ein. Es war nicht ſo ſtark wie früher, aber reiner. — HBà=B— ,— AeU5 R SzZ. S — ——— ͤ— 9⁵ — Vincenz, ſagte ſie, Du beklagſt Dich über die Welt. Die Welt hat ſich nicht gegen Dich verfündigt. Du biſt ungerecht in Deinem Jorn, aber aller Zorn iſt ungerecht, und Gott wird Dir verzeihen. Die ein⸗ zige Perſon, die ſich gegen Dich verſündigt hat, bin ich. Du ſagſt, daß Du nichtsdeſtoweniger mich liebteſt und mir verzieheſt. Du täuſcheſt Dich, Vincenz! Wenn Du mich geliebt hätteſt, ſo hätteſt Du mich vergeſſen, und wenn Du mir verziehen hätteſt, ſo würdeſt Du nicht die Welt verfluchen. Deine Liebe hat viel geopfert, das iſt wahr, viel auf dem Altar der Erde, aber Nichts auf dem Altar des Himmels. Sie hatte dieſelben Züge des Staubes wie meine eigene. Keine Vorwürfe kommen deßhalb über meinen Mund, ach nein; aber blicke in Dich ſelbſt, Vincenz, wende Dich mit Deinen Gedan⸗ ken zu Gott, ſuche Frieden in der Tiefe Deiner zerriſ⸗ ſenen Bruſt. Bete, Vincenz, bete. Vincenz hatte ſchweigend ihrer Stimme gelauſcht; dieſe Stimme war für ihn noch immer eine Wolluſt. Sie war Muſik von ſeiner Jugend her, eine glänzende Erinnerung von glücklichen Tagen. Es war der letzte Strahl, den die untergehende Sonne ſeines Lebens in ſeine Seele warf. Er fühlte, wie kalt die Nacht hereinbrach, wie finſter ſie ihr Grabtuch über ihn ausbreitete, wie das Ge⸗ witter in der Tiefe ſeiner Gedanken arbeitete. In ſeinem Herzen wurde er von einem ſchrecklichen Froſt geſchüttelt. Der Kampf darin war eine Kriſis für ſein zeitliches und ewiges Wohl. Einen Augenblick zeigte ihm ſeine Phan⸗ taſie Wanja allerdings nicht mehr jung und ſchin wie in früheren Tagen, aber verklärt von einem heiligen Schimmer, wie von einer Glorie, und noch mehr, er ſah ſogar ſich ſelbſt an demſelben Altare wie ſie knieend. Das Phantaſiebild erfreute ihn, aber es verſchwand bald wie ein leeres Wahnbild. Es waren der ſinkenden Sonne letzte Strahlenbrechungen am flüchtigen Nebel der luf⸗ tigen Wolken, aber als auch ſchon im nächſten Augen⸗ blick die Strahlen erloſchen, da war es Nacht, nicht bloß auf Erden, ſondern für ihn auch im Himmel. In ſeiner Seele waren die Pforten zwiſchen der Gegen⸗ wart und der Zukunft für immer eingeſtürzt. Die Stimme, die ihm Rache für die erlittenen Be⸗ leidigungen gebot, war mächtiger als Diejenige, die ihm Verſöhnung gebot. — Fluch über Dich! rief er, gegen Wanja gewandt, Verderben, Verbrechen, Schwachheit mit ihrem düſteren Schatten von Qual und Bekümmerniß, ſind in Deiner Geſtalt über mich gekommen. Möge der gerechte Gott Dich beſtrafen! Vincenz wurde von ſeinen Leidenſchaften hingeriſſen. — Bethört von meinen Neigungen, habe ich ſogat vor Deinen Laſtern mein Knie gebeugt. Bis zur Schwachheit verblendet, wurde ich nicht der Ritter Dei⸗ ner Tugenden, ſondern Deiner Sünden. Ich hoſfe, daß die Treue von Jahrzehnten mir ein verlorenes Herz wiedergeben ſollte. In dieſer Hoffnung wurde ich be⸗ ſtärkt, als Armfelt Dich verſchmähte und Du, in Dei⸗ ner weiblichen Eitelkeit verletzt, ihn meiner Rache über⸗ lieferteſt. Nur dieſes einzige Wort Rache, welch' eint Menge von Opfern und Demüthigungen begreift es nicht in ſich! Von der Liebe beſaß ich nicht den Muth, mich zu rächen, bevor Du ſelbſt mich darum bateſt. Aber wie nagte nicht an meiner Seele der zehrende Vorwurf eines ungerächten, kränkenden Schimpfes! Die Blutarbeit in Aachen wurde vom Schickſal nicht mit Erfolg gekrönt. Verwundet, beinahe ſterbend, wurde ich vom Duellplatz weggetragen. Mein Arm, der frü⸗ her nie gezittert hatte, zitterte, als ich dem Feind mei⸗ nes Lebens gegenüberſtand. Der Augenblick war für mich von derſelben Wichtigkeit, als ſtaͤnde ich vor dem Richterſtuhl des Höchſten. Armfelt kam, der Leichtſinn ſelbſt. O, mein Gott, gibt es denn kein Gewiſſen, gibt es denn keine Gerechtigkeit? Wanja, Dein Auge verfinſterte 97 ſich, als mein Arm fehlte; Du hätteſt eher eine Thräne für jeden Tropfen Bluts vergießen ſollen, der aus meinen Adern floß. Du willſt mich unterbrechen. Höre mich zu Ende. Dein Sündenregiſter ſoll vollkommen werden. Die edle Frucht Deiner verbotenen Liebe verließ Schweden... aus dem anbrechenden Morgen ſeines Glückes und ſeiner Ehre verjagt durch Dein Verbrechen, durch ſeine ehrloſe Geburt. Das habe ich gethan? Mich ſelbſt vergeſſend, habe ich ihn von Land zu Land, von Stadt zu Stadt geſucht. Mit einer blutenden, noch nicht geheilten Wunde habe ich Europa durchſtreift, Boten nach anderen Welt⸗ theilen ausgeſandt... aber immer vergebens. Er ſcheint von der Erde verſchwunden zu ſein. Nur für einen freundlichen Blick von Deinem Auge würde ich mich vor die Stirne geſchoſſen und ihn im Himmel geſucht haben. Aber berührt Dich das, was ich gethan habe oder was ich leide? Du denkſt an nichts Anderes als an Dein eigenes Herz, und über dieſes herrſcht, wie ein Zauber, nur Derjenige, der Deinen Frieden zerſtört, Deine Ehre geplündert, Deine Tugend geraubt und dann Dich ver⸗ worfen hat. Welch' eine höhniſche Ironie! Unterbrich mich nicht. Das Maß iſt noch nicht voll; weißt Du, warum ich in dieſem Augenblick mich hier eingefun⸗ den habe? Wanja blickte ihn ängſtlich an. — Ich kam, fuhr Vincenz fort, um Dich endlich aus dieſenn lebendigen Grab wegzuführen und Dir zurück⸗ zugeben.. Wanja hob ihre Stirne gegen ihn. In dem blei⸗ chen Geſicht erweiterten ſich die Augen; forſchend betrach⸗ tete ſie Vincenz, gleich als ſuchte ſie in ſeinen kalten Zügen zu leſen, was er ſagen wollte. — Um mir zurückzugeben? wiederholte ſie langſam. — Nach Jahren kam ich mit einer Botſchaft, die Deine Bruſt auf's Neue mit Freude und Glück, mit Seligkeit und Frieden erfüllen ſollte. Der Trabant. III. — Di ſollteſt gefunden haben... — Was ich in Europa vergeblich geſucht, wonach ich in Amerika umſonſt geforſcht; ja 25 habe ihn hier gefunden... hier. — In Neapel? 3 — Ja. — Ihn? — a. Mein Gott. — Und als ich, von einer Freude belebt, die ich nicht auszuſprechen vermag, hierher eile, finde ich Dich im Begriff, Dich ewig in dieſen Mauern zu begraben, auf ewig alle Bande mit der Welt zu zerreißen. Wanja verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. Ein ſchmerzlicher Kampf raste in der Bruſt des ſchwachen Weibes.. — Wenn das Glück kommt, biſt Du nicht mehr dafür vorhanden, fuhr er fort. So lange wir die Se⸗ ligkeit ſuchten, fand ſie ſich nicht für uns; jetzt, da ſie uns ſucht, finden wir uns nicht für ſie. In den Spu⸗ ren des Verbrechens, in Deinen Spuren, Wanja, wan⸗ delt Fluch. Wehe uns! — Selbſt die Stunde Deiner Einweihung als Braut Chriſti, fuhr Vincenz fort, wird ein Verbrechen gegen die Welt, die noch einmal nicht bloß Deinem warmen Mutterherzen freundlich entgegen lächelt, ſondern Dich auffordert, tauſendfach Deine ganze Liebe einem Sohne zu widmen, den Du in der Geburt entehrt haſt. Nicht genug damit, erinnerſt Du Dich wohl der Eide, die Du mir geſchworen haſt? Selbſt Dein Kloſtergelübde wird die Wunden nicht zu heilen vermögen, welche dieſe früheren Eide bereits in Deinem Gewiſſen geſchlagen haben. — Er iſt gefunden... er lebt alſo und iſt hier... hier. Du haſt ihn geſehen?. All' die Ruhe, die das Kloſterleben in Wanja's Herz gegoſſen hatte, verließ ſie und war wie von einem ch jer 99 Sturmwind fortgeblaſen, ſobald Vincenz ihr ſeine Nach⸗ richt mitgetheilt hatte. In dieſem Augenbhlick beſaß ſie für nichts Anderes mehr als für ihren Sohn Gedanken und Worte.— — Beim Himmel! Ich habe ihn geſehen. Nieder⸗ gedrückt von der Laſt meines Kummers wanderte ich einſam am Largo del Caſtello hin. Am Ende der Allee geht ein feſt in ſeinen Mantel gehüllter Mann vorüber. Sein raſcher Gang und ſeine lebhaften Bewegungen zogen ihm meine Aufmerkſamkeit zu. Mein Blick folgte ihm. An der Ecke der Straße ſchaute er ſich um. Er iſt's. Ich eile ihm nach... aber er iſt bereits unter der Volksmenge verſchwunden... und ich ſuche ihn vergebens. Er iſt inzwiſchen hier... hier... und bei allen Heiligen, ich werde, hörſt Du, ich werde ihn finden. Mit der Mutterliebe kehrte auch die Liebe zur Welt bei Wanja zurück. Sie hatte ſich aus ihrer betenden Stellung erhoben. Ihre fromm gefalteten Hände waren aus einander gefallen. Das Geſicht belebte ſich wieder, aber es war ein Leben voll von Qualen. Schwankend lehnte ſie ihre brennende Stirne an die Wand. Nei⸗ gungen und Pflichten ſtritten um ihr Herz; die Neigun⸗ gen ſiegten. — Verfluche mich nicht, Vincenz, bat endlich die Unglückliche, beklage mich vielmehr. Die Ueberzeugung, daß er todt ſei, hat der Welt allen Reiz in meinen Augen geraubt. Das Leben war mir nur eine Qual, der Tod heſaß nur eine Freude, die Verheißung, ihn mir zurückzugeben, und ich wollte mich ſchon hier dieſſeits des Grabes für die Seligkeit des Wiederſehens einwei⸗ hen. Ich bin ein ſchwaches Weib, Vincenz, aler die Vorſehung beſtraft auch meine Schwäche hart. Ich war Deine Gattin... die Welt lockte mich von Dir; in dieſem Augenblick bin ich Chriſti Braut... und die Welt kommt wiederum verlockend und verführend. Was ſoll ich thun? Es war nicht wahre und warme Liebe, die mich mit Dir vereinigte, es war jugendliche 7 100 Unbekanntſchaft mit den Forderungen meines Herzens, ... die Liebe rächte es. Auch iſt es jetzt nicht ein wahrer und warmer chriſtlicher Sinn, der mich in die⸗ ſem Augenblick beherrſcht und zum Altare führt,; auch jetzt bin ich einem flüchtigen Eindruck gefolgt... Gott rächt es. Mein Leben iſt eines ſchwachen Herzens fort⸗ geſetzte Niederlage im Kampf mit ſeiner Schwäche, es iſt eine Kette von Fehltritten, aber von Fehltritten, die nicht aus böſem Vorſatz begangen wurden, ſondern in Folge von Neigungen, die meinen Verſtand verblende⸗ ten, aber meinem Herzen mit bezaubernden Wahnbil⸗ dern ſchmeichelten. Mein Gedanke hat nicht hinabzu⸗ tauchen vermocht in die Tiefe des roſenrothen Meeres, auf welchem ich mich ſchaukelte, und ich wußte nicht zum Voraus die verſteckten Klippen zu ermeſſen, auf denen mein Fahrzeug jetzt zerſplittert liegt. Noch in dieſem Augenblick, was forderſt Du?.. was ſoll ich thun?... Mein Gott, auch ich bete mit Dir, daß ein Blitz mich zermalmen möge. Mit geſpannter und lauſchender Aufmerkſamkeit folgte Vincenz den Worten Wanja's. Sein Blich klärte ſich dabei immer mehr auf. Gegen das Ende ſchien ſich eine gewiſſe Unruhe bei ihm zu zeigen. Beinahe neugierig um ſich blickend, ſchien er alle Gegenſtände unterſuchen zu wollen. — Wanja, begann er, ſobald ſie aufgehört. Seine Stimme war nicht heftig mehr wie vorher, ſondern vielmehr flüſternnd.— — Sind wir allein, fügte er hinzu, ganz allein? — Ich beſitze das Recht, allein zu ſein in dieſer letzten Stunde... Sie vollendete ihren Satz nicht. — Du fragſt mich, was Du thun ſollſt? — AHch ja, ſage mir's. — Neige Dein Ohr hieher... ſo, ſo, nun wohl.. — Nun wohl... 4 — Fliehe, Wanja, fliehe! 101 — Allmächtiger Gott!. — Du haſt keinen einzigen Augenblick zu verlieren ... komm... komm... — Unmöglich, nein! Nicht um einen ſolchen Rath bat ich Dich. Schrecken und Entſetzen malten ſich in Wanja's Zügen. — Du kannſt leicht in den Garten hinabkommen! — Verlaß mich, um Gotteswillen, verlaß mich! An der öſtlichen Ecke des Gartens iſt die Mauer eingeſtürzt. Du kannſt ohne alle Schwierigkeiten hin⸗ überſteigen... komm... — Verſuche mich nicht! fort, fort von hier. — Im Kloſter erwartet Dich das Grab, ein Grab, wo ſelbſt die Auferſtehung nur der Tod iſt. Gehorche mir. Du biſt entſetzlich. — Die Welt winkt Dir mit Leben und Freude. — Schonung! Auf der andern Seite der Mauer wirſt Du von den Armen Deines Sohnes empfangen werden. — Von ſeinen Armen! — Du wirſt ſein Herz an dem deinigen pochen fühlen. — O, mein Gott! — Du wirſt in ſein Auge blicken dürfen. — Still, jedenfalls ſtill! ich glaube, man kommt bereits hieher! hörſt Du? — Beeile Dich, Dein Sohn wartet. — Du weißt nicht, wo er ſich befindet? — Wir werden ihn gemeinſchaftlich auffinden. — Die Glocke ſchlägt. — Säume nicht; komm! Im nächſten Augenblick iſt es zu ſpät. Was Du thun willſt, thue ſogleich. — Und Du haſt ihn geſehen? — Ich ſchwöre dieß bei der ſtrafenden Allmacht der ewigen Vorſehung. — Es nähern ſich Tritte. 102 — Saäume nicht, jetzt oder... ta — Stärke mich, allmächtiger Gott! höre... 2 — Man ſingt... 3 — Die Proceſſion kommt, mich abzuholen. Was ſoll ich beſchließen? — Wähle zwiſchen Tod und Leben. la — Armes Herz, wie gewaltſam ſchlägſt du nicht! 4 — Wähle zwiſchen der engen Zelle und den offenen Armen Deines Sohnes. d — Und Du ſahſt ihn ſelbſt? — Wähle zwiſchen dem Crueifir und der beleben⸗ den Ergebenheit Deines Sohnes. 3 Wanja ſchwieg einen Augenblick. Lauſchte ſie auf den Chorgeſang, der immer näher und näher durch das Kloſtergewölbe tönte, oder lauſchte ſie der noch lau⸗ teren Stimme ihres Herzens? Nach dem Ereigniß in Aachen, wo Armfelt in ſeinem Duell mit Vincenz den letzteren beinahe getödtet hatte, verſtel die Fürſtin in eine religiöſe Grübelei, die ſie allmälig nach Italien zog und veranlaßte, zu dem katholiſchen Glauben überzugehen. Neapels Natur und Himmel entzückten ſie, und ſie beſchloß, den Reſt ihrer Tage hier zu verbringen. 3 Mehr als ein Jahr hatte ſie ſich im Kloſter auf⸗ gehalten. Das Leben hier war ſo ruhig, ſo ungeſtört, ſo ſtill. Durchſtrahlt von Andacht und Gebet, ſagte es ihrem ruhebedürftigen Gemüthe zu. Die Welt hatte auch keine lockenden Verſuchungen mehr, nachdem ſie die Hoffnung aufgegeben hatte, ihren Sohn hier wieder zu ſehen. Jetzt ſehnte ſie ſich nach einer beſſeren Welt, weil ſie ſich ſehnte, ihn dort wieder zu erblicken. Ihre Religioſttät war von einem irdiſchen Gegenſtand, von der Mutterliebe, durchdrungen. Sich ſelbſt hatte ſie den Zuſtand ihrer Seele nicht klar gemacht; paſſiv hatte ſte ſich ihren andächtigen Vorſtellungen überlaſſen. Aber ein einziger Wind, ein einziger Sonnenſtrahl, ein ein⸗ ziges Wort nur... und ſie ſank nieder auf die Erde. —.—,—— 103 — Wähle zwiſchen einem ewigen Kniefall auf dem kalten Steinpflaſter und der brennenden Liebe Deines Sohnes. Gehorche mir... fliehe. — Und Du führſt mich in ſeine Arme? Ich ſchwöre es... 1 Noch zögerte ſie. Der Streit währte jedoch nicht lange. Vincenz ſiegte. — Wohlan, ich folge Dir. Ewiger Himmel, ver⸗ zeihe mir mein Verbrechen! Still... man iſt bereits hier... höre... der Geſang nähert ſich. Der Geſang ertönte auch immer näher und näher. — Beeile Dich. — Ich eile. Wir ireffen uns an der öſtlichen Ecke. — Ja, ja! — Muth, Wanja! In einer Minute gehörſt Du wieder Dir ſelbſt und der Welt an. — Ich komme. Beide waren tief erſchüttert. Vincenz hielt ſich an dem Gedanken ihrer Flucht feſt, wie ein dem Er⸗ liegen naher Schwimmer ſich an einem Strohhalm feſt⸗ hält. Wanja ſchwankte noch, aber bald richtete ſie ent⸗ ſchloſſen ihr Haupt empor, mit ſich ſelbſt einig, daß ſie ihren Vorſatz ausführen wolle. Auch eilte ſie gegen die Thüre, aber in dem Augen⸗ blick, wo ſie dieſelbe öffnete, trat die Proceſſion ein. Ohnmächtig ſank ſie der Aebtiſſin in die Arme. Eine Stunde ſpäter lehnte ſich Vincenz an einen Pfeiler in der Kloſterkirche. Kalt und ſtarr wie eine Marmorbüſte, ſchaute er zu, wie man Wanja an den Altar führte, um zur Braut Chriſti geweiht zu werden. Er ſah, wie der Schleier von ihrem Geſichte weggenom⸗ men wurde, und hörte, wie die Scheere ihr langes Als die Todt nfingen, als ſie ſich in den Pfeiler, als wollte er ihn dem hohen Gewölbe ſeine über ihnen zuſammenſtürzen möchte. blick an war die Ceremonie nur eine — Ich verſtehe, mein Freund, der Admiral iſt ein alter Bekannter von Ihnen. — Nicht eigentlich ein Bekannter, Excellenza, ſon⸗ dern eher ein Beſchützer. Er hat mir in der Welt voran⸗ geholfen und ſobald er ruft: open the door(aufge⸗ macht), ſo ſtehen alle Thüren für ſeine Rechnung offen. Befehlen Ercellenza noch Etwas? — Laſſen Sie hören, was Sie haben. — Beliebt Ihnen ein Hühnerfricaſſee... una fricassea di polli... delicat, Excellenza, ganz friſch. Man bekommt Appetit, wenn man's nur anſieht. — Das läßt ſich hören, weiter... — Befehlen Sie, Excellenza, befehlen Sie, und es ſoll Ihnen an nichts fehlen. Ich habe... O, es ſoll Niemand ſagen, daß man ſich bei Leonardo Moriconi nicht wohl befinde... meine Weinkarte iſt die größte in Neapel. Befehlen Excellenza vino chiarello, hellroth und wohlſchmeckend, ein prächtiger Wein, oder rothen Cataneerwein oder vino di Monteliascone, der prächtigſte —, 22 5,2 2l— .—.„— öͤ——— 105 Wein, den Italiens Erde erzeugt, mit einer Farbe, Excellenza, die wie aufgelöstes Gold ſtrahlt. Befehlen Sie nur, Excellenza, befehlen Sie nur. Moriconi iſt ein Zauberer. Verlaſſen Sie ſich auf mich, Sie werden ſich hier wohl befinden, wie in einem Paradies. — Ich glaube an Ihre Verſicherung und überlaſſe mich auf Gnade und Ungnade Ihren Haͤnden. Behan⸗ deln Sie mich mild, ich bitte darum, aber vergeſſen Sie meinen erſten Wunſch nicht. — Seien Sie ruhig, Excellenza, Sie ſollen wohnen wie in einem Kloſter. Man ſoll nicht einmal ahnen, daß Sie hier ſind. Das Ohr eines Wirths iſt eine ge⸗ heime Schublade. Gott tröſte ihn, wenn die Zunge ausplaudern müßte, was das Ohr Alles gehört hat. Ich plaudere gern, ſehr gern, aber nicht von Anderen. Tauſend Geheimniſſe gehen täglich durch meine Thüren ein, aber niemals wieder hinaus. 3 — Brav, mein Freund, ſehr brav. Sagen Sie jetzt meinem Bedienten, er ſolle herauffkommen. Dieſes Geſpräch fand im Hotel Moriconi ſtatt. Der Wirth war ein etwas älterer Mann von freund⸗ licher und zuvorkommender Miene. Er charakteriſirte ſich nicht übel, wenn er ſagte, daß er gerne plaudere, aber nicht von Anderen. Es war wirklich ſeine ſchwache Seite, ſeine Zunge ſpazieren gehen zu laſſen, aber obſchon wohl tauſend Geheimniſſe durch ſeine Thüre hereinkommen konnten, ſo wurde gleichwohl keines davon ausgeſchwatzt, wenigſtens nicht von ihm. In ſeiner Unterhaltung be⸗ ſchränkte er ſich auf ſich ſelbſt und ſein Haus. Man konnte ſagen, ſeine Zunge ſei eine lebendige Speiſe⸗ oßer Weinkarte geweſen, je nachdem die Umſtände es geboren. Seine Schweigſamkeit in Betreff des Thuns und Laſſens ſeiner Kunden war auch allgemein bekannt, und er hatte ſich dadurch in dieſer an Intriguen ſo reichen Stadt ein Anſehen und Vertrauen erworben, deſſen ſich nicht alle Gaſtgeber zu erfreuen vermögen. Als Morieoni ſich von Wiljams verabſchiedete, trat deſſen Bedienter ein. 25 Verriegle die Thüre doppelt, ſagte Wiljams zu ihm. 4 Sobald dieß geſchehen war, machte der Bediente Front und richtete ſich gerade. — Geſchehen, Herr! berichtete er. — Haſt Du mit Jemand da unten geſprochen?2 — Nur mit einer einzigen Perſon. — Und dieſe einzige Perſon? — Es iſt das allerhübſcheſte und fröhlichſte Mädchen von der Welt, Stephania, eine wahre Sirene, Herr, die Tochter des Wirths. — Du weißt, daß ich niemals der Gegenſtand für Geſchwatz und Geplauder ſeiſt will. — Stephania hat Augen, Herr Lieutenant, über die man Alles vergeſſen kann, außer ſie ſelbſt. Ich habe eine ganze Viertelſtunde nur an ihr Ausſehen gedacht und davon geſprochen. Gott ſegne ſolche Augen, Herr Lieutenant, ſie glänzen wahrhaftig wie die eines Edel⸗ hirſches. — Gut. Du ſahſt die ſchwediſche Flagge über der Spielyacht, an der wir vorbeifuhren? — Wie ſollte ich ſie nicht geſehen haben? Sie ſa⸗ lutirten, Herr; ich durfte mich nicht von der Stelle be⸗ wegen, ſondern ſaß wie eine Mumie da. Man muß auf ſeinem Poſten ſein, dachte ich. — Die Prinzeſſin Sophie Albertine von Schweden hält ſich gegenwärtig hier auf; ich erinnere mich, daß man ſchon damals, als wir noch in Schweden waren, davon ſprach, ſie beabſichtige eine längere Reiſe zu ma⸗ chen. Ohne mich bloßzuſtellen, wünſchte ich zu erfahren, wo ſie wohnt und wer von ihrem Hofſtaat ſie begleitet. Könnteſt Du... ah, dieſe Stephania da... wende Dich an ſie... vielleicht kann ſie Dir Auskunft geben über das, was ich wiſſen möchte. Du verſtehſt mich. — Ja wohl, ich verſtehe. Es ſoll ſogleich geſchehen. ——,—O e neesn — trat ums ente 107 — Nicht ſo eilig. Zieh' Civilkleider anz dann ſuche den Poſten am ufer auf und ſage ihm, er ſolle ſich eine Weile vor 11 Uhr heute Abend am Arſenaldamm ein⸗ finden. Erkläre ihm, er ſolle ſich auf Alles, was ge⸗ ſchehen könne, gefaßt halten, aber ſich nicht von der Stelle bewegen, bevor er weitere Ordres erhalten. Auch Du hältſt Dich bereit, mir auf den erſten Wink zu fol⸗ gen. Wenn Du den Hafen verläſſeſt, ſo ſieh Dich vor⸗ her nach einer Butike um, wo man Kleider bekommen kann. Ich will zwei braune Mäntel und Spitzhüte haben, ſo wie man ſie hier trägt. Alles ganz in der Stille, wie wenn wir gar nichts thäten. Du begreifſt... — Vollkommen, Herr Lieutenant. Befehlen Sie noch etwas? — Um halb Eilf biſt Du wieder hier. Verlaß mich. Der Bediente machte eine ganze Wendung und ent⸗ fernte ſich. 5 Aus ſeiner Bewegung, ſeiner Stellung, wie auch aus ſeinen Antworten konnte man errathen, daß er mehr Soldat als eigentlich Bedienter war. Sobald Wiljams allein war, begann er die ihm gebrachten Kleider zu muſtern, und nahm davon, was er am paſſendſten glaubte. Er bewerkſtelligte ſeine Um⸗ kleidung raſch, wie ein Mann, der gewohnt iſt, ſich ſelbſt zu bedienen. Moriconi ſervirte ihm das Souper. Es war leicht und angenehm. Nach der Reiſe ſchmeckte es ihm aus⸗ nehmend wohl. Reiſen geben Appetit. Wiljams bewohnte zwei Zimmer eine Treppe hoch. Nach dem Hof hinaus befand ſich ein kleiner Altan, über welchen zwei Palmen beſchattend ihre großen Blätter ausbreiteten. Die Sonne war bereits im Untergehen begriffen. Leichte Schatten breiteten ſich auch über die innern Theile der Stadt. Wiljams nahm auf dem Altan Platz, um ſich der Abendkühle zu erfreuen. Am Fuß der Saulen, die den Altan trugen, befand 108 ſich ein anderer Altan, von Spalieren mit wilden Wein⸗ ranken umſchloſſen. Die Thüren dieſes niedrigeren Er⸗ kers waren mit Fenſtern verſehen und führten in die Oſteria oder den Wirthsſaal ſelbſt. 3 Fröhliche Geſänge und lärmende Geſpräche ließen ſich von unten vernehmen, aber Wiljams ließ ſich nicht ſtören. Er hatte lange nicht mehr die Annehmlichkeit eines einſamen Stündchens genoſſen und überließ ſich ihr um ſo lieber, als er vor ganz Kurzem erſt im Golf von Neapel eine Erſcheinung geſehen hatte, die nicht bloß ſchön und einnehmend, ſondern auch im höchſten Grad unerwartet für ihn war. Erſt jetzt nahm er ſich auch die Zeit, ſeine Ueberraſchung zu genießen. Während er, beſchäftigt mit den Phantaſien ſeiner Seele, noch ſchwärmte, kam der Bediente zurück. Er war heftig in ſeinen Bewegungen, und ſein Geſicht drückte das Beduͤrfniß zu ſprechen aus. — Haſt Du meinen Befehl ausgerichtet? — Hier ſind die Mäntel und die Hüte. — Haſt Du den Hafenpoſten getroffen? — Er hat Ihren Befehl erhalten.. — Behalte einen Mantel und einen Hut für Dich. Wir müſſen ſogleich ausgehen. — Herr Lieutenant... — Gib meinen Degen her, Du kannſt ein Piſtol in Deine Taſche ſtecken. Nun2 — Vielleicht muß ich erwähnen, daß ich eine Per⸗ ſon getroffen habe, welche Sie ſicherlich hier nicht zu finden erwarteten. Wiljams ſah ihn an. — Sie werden ſich noch mehr verwundern, wenn Sie erfahren, wer es iſt. — Sag, wen Du meinſt. — Es iſt der Graf Adlerſtern. Wiljams zuckte bei dieſem Namen zuſammen, und ſeine von friſchem jugendlichem Purpur gefärbte Wange erblaßte plötzlich. —½„ nd 109 — Um ſo vorſichtiger müſſen wir ſein, verſetzte er jedoch nach einer Weile. Mein Dienſt geht Allem vor. Wo haſt Du ihn getroffen? — Bei der äußerſten Baſtion des Caſtello nuovo, juſt wo man vom Largo del Caſtello aus nach dem Ha⸗ fen geht. — Er erkannte Dich nicht wieder?. — Hat keine Gefahr, Herr Lieutenant, er würde mich nicht kennen und wenn er über mich ſtolperte. Er ging den ganzen Weg vor mir her bis hieher. — Bis hieher? ſagſt Du.. — Als er an die Thüre kam, ſchaute er ſich vor⸗ ſichtig um, ehe er hineinging. In dieſem Augenblick kam von der andern Seite der Straße ein alter Mann, eine Art Mönch, die Kaputze beinahe über das Geſicht herabgezogen. Ich ſah nur wenig von ihm, aber er glich einem wandernden Marmorbild. — Was iſt's mit ihm? — Graf Adlerſtern und der Mönch kannten ein⸗ ander. — Wie ſo? — Ich ſah deutlich, daß ſie ein Zeichen mit ein⸗ ander wechſelten. — Du ſaheſt das? — Allerdings, Herr Lieutenant. Ich folgte ihnen auf der Ferſe, bis ſie im Wirthsſaal da drunten, in der Oſteria, wie es hier heißt, verſchwanden. — Immer ſonderbare Geſchichten. Wir müſſen die Augen offen halten. Verſchließ die Altanthüre und laß uns gehen. Mit Schließung der Altanthüre beſchäftigt, that je⸗ doch der Bediente plötzlich Einhalt. — Still! flüſterte er leiſe. — Was iſt's?. — Kommen Sie her, Herr Lieutenant, aber leiſe, leiſe. Wiljams folgte ſeiner Aufforderung. 110 — Hören Sie!... man ſpricht... — Rein ſchwediſch, Herr, wahrhaftig rein ſchwe⸗ diſch. Mein Gott, wie ſchön das klingt. Das iſt doch eine herrliche Sprache! Die Sprechenden befanden ſich auf dem von Spalier⸗ pflanzen umgebenen Altan unter ihnen, und man brauchte ſich bloß etwas über das Geländer vorzuneigen, um beim Schein der am Pfeiler brennenden Lampe ſie von oben herab betrachten zu können.— — Der Eine iſt der Graf, flüſterte der Bediente; der Andere iſt derſelbe Mönch, den ich auf der Straße ſah. In dieſem Augenblick hörten ſte folgende abgebrochene Worte, die halblaut zwiſchen Adlerſtern und dem Mönch gewechſelt wurden. — Sie folgen uns heute Abend nicht? — Ich wage es nicht. — Und Sie haben geheime Depeſchen aus Schweden erhalten? Wir treffen uns doch morgen? — Wie geſagt, morgen. — Hier iſt meine Adreſſe. Laſſen Sie uns jetzt einander Lebewohl ſagen. Gehen Sie dieſen Weg... — Unter welchem Namen kennt Sie der Wirth hier? — Ich nenne mich Zamparelli, Anton Zamparelli. — Alſo morgen. — Vergeſſen Sie die Depeſchen nicht. Adlerſtern nahm ſeinen Weg durch eine der Spalier⸗ öffnungen in den Hof hinaus, und der Mann mit der Kaputze folgte ihm. Die Kaputze war etwas zurückgeſchoben und das Geſicht entblößt. Es war ernſt, beinahe blaßgelb, und die ſonſt kalten Augen flammten. Seitwärts von der Stirne ſielen ſchwarze Haare herab. Sobald Wiljams ihn ſah, brach ſich beinah ein Ausruf über ſeine Lippen Bahn. Aber er zog ſich in's Zimmer zurück und bezwang ſeine Ueberraſchung. — Vincenz! murmelte er jedoch zwiſchen den Zähnen. Es war jedoch weniger Vincenzens Gegenwart, als — 111 ſein, wie es ihm ſchien, freundſchaftliches Verhältniß zu Adlerſtern, was ihn in Verwunderung verſetzte. Wiljams hatte etwas Düſteres, beinah Unheimliches in Vincenzens Geſicht bemerkt, einen Zug von wilder und verſchloſſener Bitterkeit, den er vorher nicht geſehen hatte. Dieſer Umſtand und ſeine ſcheinbar nähere Be⸗ kanntſchaft mit Adlerſtern erſchreckte ihn. Er beſchloß, ſo gut wie möglich, ſein Incognito zu bewahren und in der Stille auszuforſchen, was ſich um ihn her zutrug. Sechstes Kapitel. Erſte Nacht in Neapel. Wiljams begab ſich bei guter Zeit auf ſeinen be⸗ ſtimmten Poſten. Auf dem Weg— demſelben, den er ſchon vorher zurückgelegt hatte— erhielt er Gelegenheit, das Leben in Neapel näher zu betrachten. Schon bei ſeiner Ankunft ſetzte ihn die Rührigkeit und das Ge⸗ wimmel auf den Straßen in Erſtaunen. Noch mehr wunderte er ſich jetzt darüber. Der Abend war bereits weit vorangeſchritten, aber die Straßen waren jetzt mehr als vorher mit Spaziergängern überfüllt. In Neapel beginnt das eigentliche Leben erſt mit der Abendkühle. Alles um ihn her ſchien auch ſein Da⸗ ſein nur zu benützen, um zu genießen und ſich zu er⸗ freuen. Aus allen Thoren ſtrömten die Menſchen hinab nach Chiaja, Santa Lucia, nach dem Mols oder der Marina di Loretto, um die friſche Seeluft einzuathmen, die duftend von Wohlgerüchen von ſammtgrünen Hügeln und Ufern kam, welche mit Jasmin und Jonquillen, mit Pomeranzenbluthen und Anemonen, mit Lorbeeren und Cypreſſen geſchmückt waren. 112 In eilender Fahrt flog eine Equipage nach der an⸗ dern an ihm vorbei. Vor den Wagen ſprang eine zahl⸗ reiche Menge Läufer mit brennenden Fackeln; hinten auahi lachte und ſchwatzte eine reichgeputzte Diener⸗ aft. 3 Alles ſchien nur dem Vergnügen zu leben. Bei der am meiſten hervorſpringenden Spitze des Arſenaldamms, traf Wiljams ſeinen zweiten, dort aus⸗ geſtellten Mann. Nachdem er den Paatz unterſucht und die Thüre, deren Bewachung ihm anvertraut war, ge⸗ funden hatte, befahl er ſeinen beiden Dienern, den Platz am Damm zu behaupten und nur ihm zu Hülſe zu kommen, im Fall ſie hören ſollten, daß eine ſolche Hülfe wirklich gefordert werde. Es war noch nicht elf, als er ſeinen Poſten au einer Säule einnahm, in einiger Entfernung von der Thüre, über welche eine helle Kryſtalllampe in Form einer Kugel ihren beleuchtenden Schein warf. Dieſer Platz war weniger beſucht, als derjenige, den er ſo eben verlaſſen hatte; gleichwohl rollte da und dort der eine und andere Wagen vorbei. Nördlich erhob der Veſuv ſeine gigantiſche Kegel⸗ maſſe über die Stadt. Der dunkle Nachthimmel ver⸗ barg ſeine Form; aber eine hochrothe, von goldenen Blitzen durchkreuzte Flamme ſpielte auf ſeinem Gipfel. Als Wiljams auf den Golf hinausblickte, ſchimmerte ſeine Oberfläche, wie von einem rothen, zitternden Sammet⸗ flor überzogen. Beleuchtet von zwei Fackeln, die zwei brennenden Augen glichen, ſurrte eine Equipage um die Ecke, wo Wiljams ſtand. Er glaubte, daß ſie gleich denjenigen, die ſchon vorher vorbeigefahren waren, ihren Weg fort⸗ ſetzen würde, aber er täuſchte ſich. Als die Equipage gerade vor ihm oder vielmehr gerade vor der Thure, deren Bewachung er übernommen hatte, angekommen war, machte ſie Halt. 1 1 Sie blieb jedoch nicht bei der Thüre ſelbſt, ſondern 113 ihr gerade gegenüber auf der andern Seite der Straße ſtehen. Wiljams, der von dem dunkeln Schlagſchatten des Pfeilers verborgen war, zog mechaniſch ſeine Uhr her⸗ aus. Beleuchtet von den Lampenſtrahlen, die zwiſchen den in Hautrelief ausgeführten Ornamenten des Pfei⸗ lers herabfielen, ſah er, daß noch einige Minuten zu elf fehlten. Die Stunde ſeines Dienſtes hatte alſo noch nicht geſchlagen. 8 Sobald der Wagen ſtehen blieb, löſchten die Läufer ihre Fackeln aus. Her Wagen ſtand in dieſem Augen⸗ blick ſelbſt im tiefſten Dunkel verborgen. So wie Wiljams ſeine Pflicht aufgefaßt hatte, lag ihm die größte Aufmerkſamkeit auf Alles, was an die⸗ ſem Poſten vorging, ob. Auch die geringſte Kleinigkeit konnte von Bedeutung ſein, und er wollte nicht, daß man ihm auch nur die mindeſte Verſäumniß vorwerfen önnte. Der Umſtand, daß der Wagen hier ſtehen geblieben war, und noch mehr, daß man die Fackeln auslöſchte, erſchien ihm ſehr bemerkenswerth. — Nun Milady, hörte Wiljams eine ſchöne Frauen⸗ ſtimme aus dem Innern des Wagens ſagen, was hal⸗ ten Sie von dieſem Abenteuer? — Ich bin ganz entzückt, er wird uns nicht ent⸗ gehen können. Und während ſie ſprach, klatſchte ſie aus herzlicher Freude und Zufriedenheit in die Hände. — Sie ſind ein Kind, Milady. — Wenn ich das wäre! Ein Kind von ſiebzehn Jahren! Aber das iſt ſchon zuviel in Neapel: ich moͤchte ein Kind von zwölf Jahren ſein, da iſt man hier voll⸗ kommen ausgewachſen. — Sie meinen heirathsfähig. Aber wenn man nach den Geſetzen einer nördlicheren Natur zu reiferen Jahren gelangt iſt, ſo iſt es auch eine Freude, hieher zu kommen... hieher nach Neapel. Das Klima, das Der Trabant. III. 8 114 Leben, die Natur, Alles, Alles verjüngt hier unſer erzen. zen Sie haben Recht; die Luft iſt voll von Leiden⸗ ſchaften... — Durchglüht von Liebe. — In England geboren, habe ich nicht gelebt, ehe ich hieher kam. Das Leben hier iſt zauberhaft, es iſt ein großes, ein fortgeſetztes Liebesabenteuer. — Wunderbar! Sie ſind Engländerin und ich Ruſ⸗ ſin; wir Beide lieben unſer Vaterland, und doch ſind wir genöthigt, das kleine Neapel zu beneiden. England und Rußland beſitzen auch Liebe, aber bei Ihnen iſt die Liebe ein Parlament, wo man das Vernünftige daran discutirt, und bei uns iſt ſie ein Winterpalaſt, wo man unſere Herzen einmauert; hier, nur hier iſt ſie Poeſie, Geſang, Improviſation, ein Gondolierliedchen auf den Wogen, eine Canzonetta auf der Straße, ein Sonett im Haine. Oh, das iſt entzückend. — Buon giorno, mio Signor! Knabe, ſei flink und eile an Dein Ruder. Milady trällerte dieſe Strophe aus einem der be⸗ liebteſten Volksliedchen Neapels mit ſanfter und weicher Stimme vor ſich hin, jedoch ſo leiſe, daß ſie, wie ſie glaubte, nur von ihrer Freundin gehört werden konnte. — Wartet, Signor, fiel die Andere ein, bis es Ave Maria läutet. So leiſe die beiden ſcherzenden Damen dieſe wenigen Worte vor ſich trällerten, ſo wurden ſie doch von einem Vorübergehenden gehört. — Ha, ha, hal geht mich Nichts an! Ha, ha, ha! antwortete eine laut ſingende Stimme von der Straße. Erſchrocken über dieſer Einfügung, verſtummten die⸗ Sprechenden im Wagen, aber der Schreck währte gleich⸗ wohl nur einen Augenblick, denn bald begannen ſie ihre Unterredung von Neuem. — Mir ſcheint gleichwohl, daß man hier beinahe zuviel lacht, bemerkte die Eine. — Sie ſind melancholiſch. — Im Norden iſt man immer ein wenig melan⸗ choliſch, obſchon man es nicht recht bemerkt, bevor man hieher kommt. Sogar wenn ich lächle und ſcherze, meine ich doch immer, daß gleichſam eine Thräne in der Tiefe meines Herzens liege. 3 — Vielleicht müßte auch ich das geſtehen, aber ich beklage mich nicht darüber. d. — Ich auch nicht. Die Neapolitanerin fühlt nicht wie wir, nicht ſo tief... 4— — Nicht ſo heftig, nicht ſo leidenſchaftlich. — Alles iſt bloß... wie ſoll ich ſagen... bloß Scherz bei ihr. Bei uns liegt eine Perle des Ernſtes auch auf dem Grund unſeres Scherzes. — Das Herz iſt hier ein Spielzeug... — Die Liebe ein Toilettenſchmuck... — Eine Blume, die man an's Ballkleid befeſtigt. — Eine Poſſe, die man applaudirt und dann wie⸗ der vergißt. — Ach Milady, Sie... Sie... rief nach einer kurzen Pauſe die eine Dame mit merklicher Heftigkeit in der Stimme, während ſie die andere am Arm faßte. — Was gibt's? Sie erſchrecken mich. — Sie haben mich getäuſcht, Sie haben mich be⸗ trogen. Je mehr Sie ſich äußern, um ſo deutlicher wird es mir. — Was? — Mein Gott, daß ich Sie früher nicht durch⸗ ſchaut habe. — Ich verſtehe Sie nicht. — O, Sie werden mich ſchon verſtehen, wenn ich Ihnen nur ein einziges Wort ſage. — So laſſen Sie hören. Sie wiſſen, daß ich neu⸗ gierig bin. 8* 116 — Sie haben mir geſagt, Sie haben mich ſogar verſichert, daß Sie ihn nicht liebten. — Wie ſo? — Sie geben zu, daß Sie mich das verſichert haben? — Ich läugne es nicht; im Gegentheil ſage ich es noch jetzt. — Und Sie täuſchen mich. Die Wärme, womit Sie ſprechen, die Art, wie Sie ſich. ausdrücken, Alles überzeugt mich, daß Sie ihn lieben. — Sie behaupten, daß ich ihn liebe... nun ſo laſſen Sie mich jetzt auch ein Wort reden... Sie ſchließen auf meine Liebe aus der Wärme meiner Rede, aus der Art, wie ich mich ausdrücke... — Sie geben alſo zu... — Welches Licht geht nicht jetzt in meiner Seele auf! Haben Sie die Güte und ſchauen Sie mir in's Geſicht, Fürſtin. — Warum das? Es iſt ja ganz dunkel um uns her, Sie würden mich nicht ſehen können. — Ihre Augen gläͤnzen durch die Nacht... ſehen Sie hieher... — Was wollen Sie denn? — Ihre Rede iſt warm, Ihre Vorwürfe heftig, Ihre Worte ſind leidenſchaftlich. Ihr Auge blitzt von verzehrendem Feuer.—— — Ich habe Urſache, böſe auf Sie zu ſein. — Ach, Fürſtin, Sie ſind es, die ihn liebt. — Welche Beſchuldigung? Ich ſollte ihn lieben? Nein, ach nein... ich liebe ihn nicht. — Ihre Eiferſucht iſt es, die uns hieher geführt hat, obſchon Sie mich verſicherten, es geſchähe bloß, um mit ihm Scherz zu treiben. — Sie legen mir Ihre eigenen Fehler zur Laſt... es iſt gefährlich mit Ihnen umzugehen.. — Fürſtin! — Milady!. — Sie haben mich auf eine tückiſche Art zum Beſten gehabt. 4 de ir 1 n 1 — Und Sie... Sie haben mich betrogen. — Sie glauben, daß ich ihn liebe. — Glauben Sie das nicht auch von mir? — Ich muß lachen. Die Andere lachte auch bereits. — Er iſt ein undankbarer, leichtſinniger Mann, dem ich zeigen will... — Den ich beſtrafen will. — Ganz richtig, den ich beſtrafen will... Das Geraſſel einer neuankommenden Equipage ſtörte hier die beiden Rednerinnen. — Geben Sie jetzt Acht.. — Er iſt es. Ach nein... das iſt... — Sie iſts... — Das iſt die Livree der Königin. Der Wagen blieb an der kleinen Thüre halten, an deren Seitencolonne Wiljams ſtand. Als der Schlag geöffnet wurde, hüpfte eine junge Dame heraus und eilte die Treppe hinauf. Wiljams beugte ſich vor, um die Dame zu betrach⸗ ten. Bei ihrem Anblick kam unwillkührlich ein Aus⸗ druck der Ueberraſchung von ſeinen Lippen. Leicht wie eine Sylphide verſchwand ſie jedoch ſo⸗ gleich. Die Erſcheinung war nur augenblicklich. Hätte nicht der Nachtſchatten Wiljams in ſein Dunkel einge⸗ hüllt, ſs hätte man leicht den mächtigen Eindruck be⸗ merken können, den die Erſcheinung der jungen Dame auf ihn machte. Sein Geſicht ſpiegelte auf unzweideu⸗ tige Art die wechſelnden Gemüthsbewegungen ab. Ver⸗ ſchloſſen und ſchweigſam hüllte er ſich jedoch feſter in ſeinen Mantel, drückte den Hut in die Stirne und zog ſich tiefer in den Schatten zurück. Es hatte noch nicht elf geſchlagen. Sahen Sie nicht, wer es war? begann eine der Damen im Wagen wieder. — Ich habe dieſes Kind ſchon früher geſehen. — Blaue Seide... hellblau ... — Heute... ja, ja... ich habe ſie heute geſe⸗ hen... jetzt erinnere ich mich... — Am Bord der Yacht... — Ganz richtig... entſinnen Sie ſich der aller⸗ liebſten kleinen Schwedin... 3 Welche die Prinzeſſin Sophie Albertine begleitete? ... ja richtig... ſie trug ein blaues Kleid... Sie glauben, daß ſie es war?... Der Wagen, der die zuletzt angekommene Dame gebracht hatte, rollte inzwiſchen wieder fort, und es begann elf zu ſchlagen. — Es war ihre Figur... auch ihr Gang... — Es iſt eine ältere Liebe... — Eine Liebe aus Schweden... — Die in Neapel fortgeſetzt wird... — Laſſen Sie uns ihm nacheilen und die Leutchen überraſchen. — Still... ſtill... In dieſem Augenblick ertönte der letzte Schlag elf von Nuovo Caſtello, und kaum war der Ton verklun⸗ gen, ſo wurde auch die Thüre mit Geräuſch geſchloſſen, und alle Verbindung mit dem Innern des Palaſtes war von dieſer Seite her abgeſchnitten. O, wir haben die Zeit verſäumt, ſchwatzte man im Wagen. — Ich brenne vor Ungeduld; was ſollen wir thun? Ohne es ſelbſt zu wollen, hörte Wiljams ihr Ge⸗ ſpräch. Es wurde in engliſcher Sprache geführt, viel⸗ leicht damit die dabei ſtehende Dienerſchaft es nicht ver⸗ ſtehen ſollte. Sie ahnten nicht, daß ein Engländer, der, wenn er ſich auch hätte entfernen wollen, es gleich⸗ wohl nicht thun zu können glaubte, ſich in ſo unmittel⸗ barer Nähe befand. Als Wiljams ſich erinnerte, welches Gewicht General Acton und die Oberhofmeiſterin dem Auf⸗ trag beilegten, den man ihm ertheilt hatte, und als er jetzt die Aeußerungen dieſer Perſonen mit dem Ge⸗ 119 ſpräch der unbekannten Damen verglich, ſo empfand er einen gewiſſen Verdruß, weil er zu glauben anfing, daß man ihn bloß zum Wächter einer einfachen Liebesintrigue beſtellt habe. Es iſt uns unmöglich zu entſcheiden, in welchem Grad der Anblick der bereits hineingegangenen Dame, ſo wie die Aeußerungen der Andern uber ſie zur Ver⸗ mehrung ſeines Verdruſſes beitragen konnten. Seine Bruſt hob ſich inzwiſchen. Wirft man einen Blick in ſein Inneres, ſo wird man finden, daß darin ſtarke Leidenſchaften ſtürmten, ohne jedoch ſeine Hand⸗ lungsweiſe zu beeinfluſſen. Gleich wie aufrühreriſche Wogen von der unerſchütterlichen Strandklippe zermal⸗ met und in ihr Meerbett zurückgezwungen werden, ſo wurden auch ſeine Leidenſchaften zurückgedrängt, wäh⸗ rend ſie ſich an ſeinem Pflichtgefühl brachen. Hätte er ſeiner eigenen Neigung folgen dürfen, ſo würde er vermuthlich ſogleich zu dem Geſchwader zurück⸗ gekehrt ſein, das er am Morgen verlaſſen hatte. Draußen auf dem Meer iſt die Welt ſo offen, ſo klar und ſo einfach. Der friſche Wind bläst gleichſam alle Intriguen von dem Seemannsleben hinweg. Die Abgründe des Todes umgeben ihn allzu nahe, als daß er nicht mit ſich ſelbſt klar ſein ſollte. Inzwiſchen hatte Wiljams nicht viel Zeit, ſich mit ſeinen eignen Gedanken zu beſchäftigen. Bald näherten ſich einige zweideutig gekleidete Perſonen, die vorſichtig um ſich blickten. Als ſie an die Thüre kamen, blieben ſie einen Augenblick ſtehen, wobei ſie einander einige Zeichen gaben, deren Bedeutung Wiljams nicht begriff, obſchon es ihm nicht entging, daß ſie theils auf die verſchloſſene Thüre, theils auf die noch breunende Kry⸗ ſtallkugel darüber deuteten. Sobald ſie den auf der andern Seite der Straße noch ſtehenden Wagen bemerkten, entfernten ſie ſich eilig unter leiſem Geflüſter. Wiljams hatte inzwiſchen kaum Athem zu ſchöpfen 120 5 gewagt, um nichts von dem zu verlieren, was ſich zu⸗ trug. Vielleicht, dachte er bei ſich ſelbſt, iſt das, was hier vorgeht, dennoch etwas mehr als ein Liebesabenteuer. Dieſer Gedanke erfriſchte ſein Gemüth. Wiljams war in den Jahren, wo man lebhaft von ritterlichen Helden⸗ thaten träumt. Wer weiß übrigens, ob er nicht im Reich der Liebe bereits zu viel erlebt hatte, um ſich nicht aus⸗ ſchließlich jetzt dem Gebiet mannhafter Handlungen wid⸗ men zu wollen? Der Faden der individuellen Gefühle muß abgeſchnitten oder ausgeſponnen werden, bevor der Jüngling zum Manne wird. Für den Mann ſind die Angelegenheiten des öffentlichen Lebens der eigentliche Tummelplatz ſeiner Gedanken. Eine Weile verging unter vollkommenem Schweigen auf der Straße. Sogar die Damen im Wagen hatten aufgehört zu ſprechen Auf einmal hörte man ein kurzes Pfeifen von der Ecke des Palaſtes her, zunächſt am Arſenaldamm. Der Ton kam von der Seite her, von welcher die unbekann⸗ ten Burſche ſo eben eingetroffen waren. Einen Augenblick darauf hörte man das Geziſche eines Steinwurfes in der Luft. Der Stein traf den kryſtallenen Kronleuchter, das Licht erloſch... und die Glastrümmer fielen klingelnd auf die Treppe hinab. Die Damen auf der andern Seite der Straße ſtießen einen Schreckensruf aus. — Laſſen Sie uns dieſen Ort verlaſſen. — Verweilen wir noch einen Augenblick. Sehen Sie hier! Sehen Sie! Dieſe Worte aus dem Wagen gaben der Aufmerk⸗ ſamkeit des jungen Offiziers ihre Richtung, und er ſah jetzt im Dunkel der Nacht eine einſame Perſon, ſorgfältig in ihren Mantel gehüllt, von derſelben Seite her nahen, von welcher das Pfeifen gehört worden war. Die Tritte des Mannes waren ruhig und gelaſſen; nach ihnen zu ſchließen, ſchien er eine Gefahr weder zu ahnen, noch zu fürchten. —,——ð ———— 121 Wiliams vermuthete, es ſei dieß der Mann, um deſſentwillen er hier aufgeſtellt worden. Er täuſchte ſich hierin auch nicht. Als der Mann an die Thüre kam, warf er einen forſchenden Blick um ſich her, dann murmelte er halblaut einen Namen und führte dabei die Hand an ſeine Kopfbedeckung. Als Wiljams das verabredete Zeichen erkannte, verließ er ſeinen Platz hinter dem Pfeiler und öffnete die Thüre, ohne ein Wort mit dem Unbekannten zu wechſeln. Gewaltſam klopfte jedoch ſein Herz, als er denſelben in der Hausflur verſchwinden ſah und er dann die Thüre wieder ſchloß. — Weiber, Weiber! murmelte er vor ſich hin. Es lag ſo viel Vorwurf, man könnte ſagen, ſoviel Hohn in der Art, wie er dieſe zwei Worte ausſprach, daß nur ein von tief m Schmerz und qualvoller Eifer⸗ ſuht verzehrtes Herz ihnen einen ſolchen Ausdruck geben onnte. 4 Er dachte an die kaum erſt hineingegangene Dame. Aber der Ton eines neuen, heftigen Pfiffes ſchlug wieder an ſein Ohr; dießmal kam er von der entgegen⸗ geſetzten Seite, d. h. von derjenigen, nach welcher hin die unbekannten, zweideutig gekleideten Burſche ſich ent⸗ fernt hatten. — Das war er, flüſterte es aus dem Wagen. — Erkannten Sie ihn wieder? — Sehr gut. Ich ſah ihn gegen das Licht drinnen in der Hausflur. — Man verſchloß die Thüre. Sollen wir warten, bis er zurückkommt? — Ach nein, laſſen Sie uns jetzt unſeres Weges ziehen. Ich glaube einen beſſern Plan ausgedacht zu haben. — Wenn er uns nur nicht entgeht. — Sie ſollen ſelbſt hören. Die Equipage ſetzte ſich wieder in Bewegung und verſchwand bald in St. Luigi. Wiljams folgte ihr je⸗ 122 doch nicht blos mit ſeinen Augen, ſondern auch mit einer gewiſſen Theilnahme und bemerkte nicht, daß meh⸗ rere Perſonen ſich ihm inzwiſchen leiſe genähert hatten, bis er eine grobe Hand ſpürte, die ſich von hinten auf ſeine Schulter legte. 3 Wiljams ſtand noch auf der unteren Treppenſtufe. Als er den Druck der Hand auf ſeiner Schulter ſpürte, machte er eine ſchnelle Wendung gegen den Angreifer und ſprang zugleich raſch einige Stufen höher auf die Treppe. Die Bewegung war ſo heftig und unerwartet, daß der Unbekannte ihn loslaſſen mußte. In demſelben Augenblick glänzte Wiljams Degen in ſeiner Hand und funkelte mit Blitzesſchein. — Coraggio! animo!(Muth! Muthh) rief einer der Angreifenden. — Muth! Muth! wiederholten ein paar Andere. Der erſte Angreifende ſtreckte auch von Neuem ſeine Hand aus, um Wiljams wieder bei der Schulter zu packen. Aber Wiljams merkte ſeine Abſicht zur rechten Zeit und verſetzte ihm mit der flachen Klinge einen ſol⸗ chen Schlag auf die ausgeſtreckte Hand, daß dieſelbe augenblicklich erſchlaffend an ſeiner Seite niederſank. — Diavolo! murmelte der Geſchlagene. — Ergreift ihn! rief dieſelbe Stimme, die ſich be⸗ reits hatte hören laſſen. Raſch, Jungen! Jetzt oder nie! Wiljams zog ſich auf die oberſte Treppenſtufe in die Ecke zwiſchen dem Thürpfoſten und der Thüre ſelbſt zurück, und deckte dadurch nicht bloß ſeinen Rücken, ſon⸗ dern auch ſeine Flanken. — Zurück! befahl er. — Vorwärts, vorwärts! antwortete man. — Den erſten, der mir zu nahe kommt, tödte ich. — Corpo di Bacco! murmelte man zwiſchen den Zähnen. — Verwundet ihn, aber tödtet ihn nicht... — Zurück! — Wir müſſen ihn lebendig überliefern. 123 — Wir wollen's verſuchen! — Ja, ja, wir wollen's verſuchen. Wiljams Stellung war vortrefflich und er fürchtete Nichts. Kühn ſiel er aus und bald ſpürte er, daß ſeine Degenſpitze in etwas Weiches eindrang. Mit einem gro⸗ ben Fluch rollte auch einer der Banditen die Treppe hinab und riß ein paar andere in ſeinem Fall mit ſich. Dieſer Erfolg Wiljams vermehrte indeß die Wuth der Andern. — Coraggio! animo! ertönte es von Neuem um ihn her. 1 1 In das Waffengetöſe miſchten ſich verſchiedene Flüche. Hätte die Dunkelheit Wiljams nicht verhindert, die Be⸗ wegungen ſeiner Gegner zu ſehen und ſeinen Degen recht zu gebrauchen, ſo würde er nichts gefürchtet haben. Jetzt drang man auf ihn ein und er mußte beinahe blindlings um ſich ſchlagen. Sein lauſchendes Ohr hörte inzwiſchen ſchnelle Tritte, die ſich näherten, und das Getöne einiger engli⸗ ſchen Worte. Es waren ſeine zwei Schildwachen, die, vom Waffengeilirr angezogen, zu ſeinem Entſatz herbeieilten. Der Kampf wurde jetzt allgemein. Die Waffen klirrten, man hörte Flüche, Jammergeſchrei und Dro⸗ hungen untereinander. Jetzt wurde ein Schuß abgefeuert. — Hülfe, Hülfe! ſchrie man. Es war Wiljams Bedienter, der geſchoſſen hatte und dann mit dem Piſtolenkolben angriff. — Wer dal rief eine barſche Stimme aus einem der Fenſter über ihm. — Still! befahl ein Anderer auf der Straße. Das Gefecht hörte für einen Augenblick auf. — Wer dal! wiederholte die Stimme aus dem Fenſter. Es entſtand eine kurze Pauſe... man horchte... — Corpo di Bacco, wir haben uns getäuſcht.. wir haben einen Andern angegriffen... fort... Es war auch hohe Zeit, daß ſie ſich entfernten, 124 denn in demſelben Augenblick erglänzten einige Fackeln an der Ecke des Palaſtes und Gendarmen kamen heran. — Was gibt es hier? fragte der Anführer. Mord! Beim Fackelſchein entdeckte man einige Verwundete und einen Todten, blutige Zeugen der Tapferkeit Wil⸗ jams und ſeiner zwei Krieger. — Ein Mord in der Nähe des Palaſtes! fuhr der Anführer fort.— Die Banditen hatten ſich bereits entfernt, und Wil⸗ jams und ſeine Seemänner hatten ſich auf der Treppe dicht an einander geſchloſſen. — Verhaftet ſie! befahl der Anführer weiter. Wiljams ſah ein, daß er nichts zu fürchten hatte, wenn er ſich auch verhaften ließ, aber er wurde dadurch außer Standes geſetzt, die ihm auferlegte Pflicht der Bewachung des Platzes zu erfüllen, und er beſchloß, ſich nicht gutwillig der Wache in die Hände zu liefern. — Vertheidigt euch Kameraden, ſagte er zu ſeinen zwei Freunden. — Es ſoll geſchehen, Herr Lieutenant. Die Gendarmen waren mit Gewehren und Bajo⸗ netten bewaffnet und rüſteten ſich zu einem ordentlichen Bajonettangriff. Wiljams benützte dieſen Augenblick, um ihnen den Sachverhalt auseinanderzuſetzen, aber ein Polizeiſer⸗ geant glaubt nie etwas, das nicht von zwei unverwerf⸗ lichen Zeugen bewieſen wird, und Wiljams verſchwendete alſo ſeine Ueberredungsgabe umſonſt. — Ergebt euch, ſagte der Sergeant zu Wiljams. — Zurück! antwortete dieſer. Die Gendarmen näherten ſich und ſchienen Wiljams mit einem Kreuz von blanken Bajonettſpitzen umſchließen zu wollen. Wiljams ſah die Gefahr. Entſchloſſen trat er vor ſeine zwei Gefährten, und indem er auch mit der linken Hand ſeinen Degen in der Mitte anfaßte, hielt er ihn alſo in beiden Händen. In dem Augenblick, wo die or ie Bajonettſpitzen ganz nahe waren, warf er ſich mit vor⸗ gehaltenem Degen über ſie und drückte ſie gegen die Treppe hinab. — Vorwärts, Jungens, rief er, vorwärts! Die zwei Seemänner begriffen ſeine Abſicht. Wie auf eine Brücke, ſprangen ſie auf die Gewehre und ſtan⸗ den nun bald hinter den Gendarmen auf der Straße, worauf der Kampf ſich von allen Seiten frei entwickelte. Die Anzahl war jedoch zu groß, als daß Wiljams und ſeine zwei Mann in die Länge Widerſtand leiſten konn⸗ ten. Als ſie auf die Straße hinabkamen, brachte ihr Angriff zwar die Diverſion zu Stande, auf die Wiljams gerechnet hatte, aber von allen Seiten umringt, wurden ſie doch bald entwaffnet. Wiljams zog ſich jetzt allein in ſeine erſte Stellung zurück, entſchloſſen, ſo lange als immer möglich, zu kämpfen. Es verletzte ſeine Begriffe von Ehre, ſein militäriſches Point⸗d'Honneur, daß er auf offener Straße von einem Haufen Sbirren ange⸗ griffen worden; vielleicht miſchte ſich darein auch das ſtolze Gefühl, daß er ein freier Engländer war, und daß er nur eine Mannſchaft gegen ſich hatte, die eigent⸗ lich bloß dazu da war, die Lazzaroni der Stadt im Zaum zu halten. Von einem Bajonettſtoß leicht in die rechte Schulter getroffen, war er genöthigt, ſeinen Degen mit der linken Hand zu führen. Seine Vertheidigung wurde dadurch nicht weniger muthig, aber vielleicht weniger ſicher. Inrzwiſchen nahm der Blutverluſt zu, und er fühlte ſich immer matter. Noch machte er zwar einen verzwei⸗ felten Verſuch, aber die Anzahl ſeiner Gegner wurde dadurch nicht verringert. Umſchloſſen von einem Ring von Bajoneiten, ſah er ein, daß er Gefangener war, und dachte mit Verdruß an die Möglichkeit in Arreſt geſchleppt zu werden. Schon nahe daran, die Hoffnung aufzugeben, be⸗ merkte er hinter ſeinem Rücken eine Bewegung, gleich als wäre die Mauer hinter ihm eingeſunken. 126 Es war die Thüre, die geöffnet wurde, und aus derſelben eilte ein Mann ihm zu Hülfe. — Fort Gendarmen! rief er. Die Mannſchaft zog ſich auch einen Augenblick zurück. In dieſem Augenblick betrachteten Wiljams und der Neuangekommene einander beim Schein der Fackeln, welche die Gendarmen mit ſich führten. Kaum hatten ihre Blicke ſich begegnet, als ſie mit einem Ausdruck freudiger Ueberraſchung einander in die Arme ſtürzten. — Baron Armfelt! rief Wiljams. — Döring! ſagte Armfelt. — Ergreift ſie! befahl der Polizeiſergeant. Die Gendarmen benützten auch die Gelegenheit, eilten die Treppe hinauf, und während ſie einander noch in den Armen hielten, fielen Armfelt und Wiljams— wir wollen Döring fortwährend ſo nennen— in ihre Gewalt. — Laßt mich los, ſagte Armfelt, ich bin der be⸗ vollmächtigte Miniſter Schwedens in Italien. Ich befehle euch, laßt mich los. — Ich bin engliſcher Offizier, ſagte Wiljams. Rührt mich nicht an! — Schöne Phraſen, antwortete der Polizeiſergeant, aber noch ſchönere Handlungen, und er deutete dabei auf den Todten und die Verwundeten. Wer Sie ſind, geht mich nichts an. Das kann Don Luigi de Medici morgen ſelbſt ausmachen. Schließt die Glieder, Sbirren. Armfelt's Augen rollten vor Zorn. Wiljams knirſchte mit den Zähnen; man hatte ihnen die Degen entriſſen, und alle Vertheidigung ſchien ihnen unmöglich, aber auf einmal warfen ſie ſich, wie von einem und demſelben Gedanken beſeelt, über die ihnen zunächſt ſtehenden Gendarmen her, und riſſen ihnen die Gewehre aus den Händen. Von Neuem bewaffnet, ſchienen Beide ihre aus lick der eln, mit die eit, och ihre be⸗ ehle thrt unt, abei nd, diei ren. chte ſen, auf ben den den ihre 127 Freiheit um keinen geringeren Preis, als ihr Leben ſelbſt verkaufen zu wollen. 1 Kaum hatten ſie jedoch ihren früheren Platz auf der Treppe einnehmen können, als eine neue Perſon auf dem Schauplatz erſchien. Dießmal war es eine Dame von ſchlankem Wuchs und das Geſicht mit einem Schleier bedeckt. — Im Namen der Königin, redete ſie die Gendar⸗ men an, befehle ich euch dieſen Platz zu räumen. — Wer wagt es, hier im Namen der Königin zu befehlen? bemerkte der Sergeant. Leuchte einmal hier⸗ her, asie e zu einem Fackelträger. 3 Mit einer anmuthsvollen Bewegung warf die Dame ihren Schleier zurück. — Entfernt euch! Die Gendarmen ſenkten ſogleich ihre Gewehre. Der Sergeant trat einen Schritt zurück. Nach einer kurzen Weile war der Platz frei. Die Wache hatte nur den Todten und die Verwundeten als ihren Raub mitge⸗ nommen. Wiljams hatte in der Dame das ſchöne Portrait der badenden Frau wieder erkannt, das er bei der Ober⸗ hofmeiſterin geſehen hatte. Das Geſicht war unendlich ſchön und einnehmend. Das Haar ſiel in zierlichen blonden Locken auf den Hals herab und gab ihrem Anſehen einen unbeſchreiblich be⸗ zun bernden Klebren — Folgen Sie mir, meine Herren, ſagte ſie zu Armfelt dn Wiljams. 3 5, ſgte ſie z Wiljams gab ſeinen Leuten ein Zeichen, ſich nach Hauſe zu begeben, dann folgte er Armfelt, der ſich an die unbekannte Dame angeſchloſſen hatte und mit ihr die breiten Treppen hinauf eilte. „Als ſie die Hausflur paſſirt hatten und in ein größeres, bloß von einer ſchwachen Lampe beleuchtetes Zimmer gekommen waren, bat Armfelt ſeinen Freund 128 hier zu warten und verſprach in Bälde wiederzukommen. Armfelt blieb inzwiſchen lange aus, und Wiljams hatte Zeit, ſeine Bemerkungen über das zu machen, was ſich zugetragen hatte. Etwas davon glaubte er zu verſtehen, aber nicht Alles. 5 Aus dem Geſpräch zwiſchen den beiden Damen im Wagen ſchloß er, daß die Eiferſucht ſie hierher geführt hatte, um einem ungetreuen Liebhaber und vielleicht auch ihrer Nebenbuhlerin einen Streich zu ſpielen. Von jeder wahrhaft böſen Abſicht glaubte er ſie jedoch frei⸗ ſprechen zu müſſen. Daß der ungetreue Liebhaber derſelbe Mann war, deſſen Einlaſſung in den Palaſt die Oberhofmeiſterin ihm anvertraut hatte, hielt er für eine abgemachte Sache. Aber war es Armfelt oder nicht? Nach den Aeußerungen der Damen zu ſchließen, konnte es nicht wohl ein Anderer ſein als er. Als er hineintrat, hatte Wiljams ihn nicht beachtet. Die junge Dame im blauen Seidenkleid, die vor eilf Uhr angekommen, war von Wiljams ſogleich wie⸗ der erkannt worden. Bei dem Gedanken, daß ſie hier ein Rendezvous haben könnte, wurde es ſchwarz vor ſeinen Augen. Daß der Angriff der Banditen nicht ihm, ſondern einem Andern galt, hatte er den Anführer ſelbſt erklären hören. Für wen hatte man ihn alſo genommen? Für denjenigen, den er kurz vorher hineingelaſſen hatte, für Armfelt? Das Gepfeife auf der Straße ließ ſich bei ſeiner Ankunft vernehmen... dieſes Pfeifen konnte nichts Anderes ſein, als verabredete Signale zwiſchen denr werſchirdenen Banditenpoſten auf beiden Seiten der hüre. Die Gendarmen waren vermuthlich durch das Waffengetöſe dahin gelockt worden. Und wer war endlich die unbekannte Dame, vor deren bloßer Erſcheinung der ſonſt ſo unerſchrockene ——— 129 Gendarmerieſergeant ſo ehrfurchtsvoll und ſchweigend ſich zurückgezogen hatte?— Wiljams fand ſich in ein Labyrinth von Intriguen verſetzt, die er nicht zu löſen vermochte. Die in ſeinem Kopfe ſich kreuzenden Trugbilder verſchmolzen jedoch wie⸗ der in einem einzigen Punkt, in dem Gedanken an die graziös dahin ſchwebende junge Dame im blauen Sei⸗ denkleid, deren ſanftes und jungfräulich holdes Bild er ſogleich wieder erkannt hatte. Beim Gedanken an ſie klopfte ſein Herz, aber zugleich fuhr auch ſeine Hand an's Degengefäß. Es waren Regungen der Liebe und der Eiferſucht, die ihn auf ſolche Art beherrſchten. Während er noch auf dieſe Art ſeine Hand am Degengefäß hielt, öffnete ſich eine innere Thüre, und es trat nicht Armfelt, ſondern die Oberhofmeiſterin ein. — Ahl Ritter ohne Furcht und Tadel, rief ſie, als ſie Wiljams erblickte, Sie ſind mir ein ſchöner Sturm⸗ vogel, ganz wie Ihr Admiral... Wo er ſich zeigt, da entladen ſich auch die bereits angeſammelten Wolken in Donner und Blitz uüͤber unſeren Häuptern. Was für einen Unfug haben Sie nicht heute Nacht angeſtellt! Wenn nicht meine... meine Freundin.. meine Schweſter, wollte ich ſagen, zufällig Ihnen zu Hülfe gekommen wäre, ſo hätten Sie noch überdieß, wie ein wahrer Wetterableiter, den Blitz auf Ihr eigenes Haupt herabgezogen. Unvorſichtiger Menſch, ich ſollte Sie recht ausſchelten. heiläino wollte antworten, aber ſie erlaubte es nicht. — Siill, mein Herr, ſagte ſte, Sie haben einmal nichts, als eine Generalordre, ein Blatt Papier mit einigen Worten und einem Namen darunter⸗ in mir erblicken wollen; wollen Sie mich vielleicht jetzt als einen ausgetrockneten dienſtthuenden Major betrachten, derſ in ſeinen Amzimmer anredet? Pfui, mein ngländer. ropos ie geſiel J Schweſtene propos, wie geſiel Ihnen meine Der Trabant. III. 9 13⁰ — Ihre Schweſter? das war alſo Ihre Schweſter? — Zweifeln Sie daran? Sie ſind ein charmanter Cavalier! Das Wort einer Dame muß in eurem ſtei⸗ nigten rauchigen England nicht viel Werth haben. — Sie ſind eine Brünette. 4 — Und meine Schweſter iſt eine Blondine, mei⸗ nen Sie... — Ich wollte dieß bemerken... — Dieſe Bemerkung mögen meine Eltern beant⸗ worten, weil ſie die Einzigen ſind, die es thun können ... Wahrhaftig, es iſt Schade, daß ſie ſchon todt ſind ... Aber wenn Sie ſo glüͤcklich ſind, ſich jeden Abend einen ſolchen Streit, wie der ſo eben vorgekommene, mit den Lazzaroni der Stadt auf den Hals zu laden, ſo werden Sie kaum die Ehre haben können, im Him⸗ melreich mit ihnen zuſammenzutreffen. Ich gratulire im Voraus zu den intereſſanten Aufſchlüſſen. — Das Portrait in dem hübſchen Stübchen, wo ich zum erſten Mal das Vergnügen hatte, Sie zu ſehen, iſt alſo von Ihrer Schweſter? — Böſer Menſch, Sie haben ſich's vorgenommen, einen ordentlichen Streit mit mir anzufangen. Das Portrait— Sie meinen, das badende Frauenzimmer— iſt ein Phantaſiebild, das ich von meiner Großmutter geerbt habe, und die Heiligen mögen wiſſen, ob es nicht das eigene Contrefei der ſeligen Alten iſt.. gleichviel jedoch, meine Schweſter wird ſich ſicherlich dadurch höchſt geſchmeichelt finden, daß Sie zwiſchen ihr und dieſer alten, im Andenken der Lebenden natürlich glorreichen Dame, eine Aehnlichkeit gefunden haben. Laſſen Sie uns jetzt die Sache abbrechen und endlich zu dem Ge⸗ genſtand kommen, worüber ich eigentlich mit Ihnen zu ſprechen habe. 8 — Iſt es eine neue Ordre, die Sie ausfertigen wollen? — Sie denken doch bloß an Ordres. Wie muß dieſes England ſo leicht zu regieren ſein, da es Nichts —,-—--— 131 als recht eigentliche Ordremenſchen beſitzt? Nein, mein Herr, ich will ſtatt deſſen, Sie jetzt eines ſehr groben Subordinationsvergehens anklagen.. — In Wahrheit, Sie ſind ein ſchrecklicher Ober⸗ befehlshaber. 3 — Vertheidigen Sie ſich, wenn Sie können... Sie haben mich getäuſcht, Sie haben mich ärger ge⸗ täuſcht, als man eine Dame täuſchen darf. — Ich? — Sie haben ſich für einen Engländer ausgegeben. — Ich ſtehe in engliſchen Dienſten. — Sie ſind aber geborner Schwede; leugnen Sie Ihr rechtes Vaterland? Ein düſterer Schatten breitete ſich über Wiljams Geſicht. — Ich könnte antworten, daß ich gar kein Vater⸗ land beſitze. — Sie ſind ein geſchickter Advokat. — Nicht das, Madame. Man kann auch außer⸗ halb der Geſellſchaft geboren ſein. — Die Geſellſchaft verſtößt jedoch niemals ſolche Männer wie Sie ſind. Aber Sie haben mich nicht bloß in einem einzigen Fall hintergangen, ſondern auch noch in einem andern. — Das iſt wenigſtens ohne meine Abſicht geſchehen. — Soll ich Ihnen beweiſen, daß Sie nicht auf⸗ richtig ſind? Willams ſah ein, daß Armfelt die Oberhofmeiſte⸗ rin bereits über ſeine Verhältniſſe aufgeklärt hatte. Die Vorſehung hatte jedoch ein für allemal ihren Stab über ihn gebrochen, und nachdem er eine neue Bahn betre⸗ ten hatte, wollte er auch auf ihr bleiben. Die Ver⸗ gangenheit und die Gegenwart waren durch einen Ab⸗ grund von einander geſchieden. Auf die Gefahr hin, ſelbſt in denſelben hinabzuſtürzen, hätte er zwar den Muth gehabt, einen Sprung darüber zu verſuchen, aber 9 ½ jeder Verſuch dieſer Art hätte eine Perſon mit hinab⸗ reißen müſſen, die er noch liebte. Obſchon eine brennende Neigung in ſeiner Bruſt glühte, ſo gebot ihm doch ſein Rechtsgefühl, dieſelbe zu bewältigen und ſich ohne weiteres Bedenken dem deutlich ausgeſprochenen Machtwort ſeines Schickſals zu unterwerfen. — Madame, ſagte er daher, indem er die Hand der Oberhofmeiſterin ergriff, ich finde, daß Sie mich kennen; aber wenn Sie wünſchen, daß ich hier bleiben, wenn Sie wünſchen, daß ich Ihnen gehorchen, daß ich Ihnen und Ihren Freunden nützlich werden ſoll, wenn Sie wünſchen, daß ich erforderlichenfalls mit Vergnü⸗ en in der Erfüllung Ihrer Befehle mein Leben wagen bl, ſo verſprechen Sie mir eine einzige Sache, nämlich, daß ich das bleiben darf, was ich jetzt auch bin... ein Engländer. Ich kann hier nicht alle Gründe für meinen Wunſch aufführen... genug, ich bitte Sie darum.. ſprechen Sie mit Baron Armfelt darüber, und er wird die Billigkeit meines Wunſches einſehen, wenf er nur einen einzigen Augenblick darüber nach⸗ enkt. — Sie bleiben alſo im Uebrigen dabei, daß Sie 3 ſonſt in Allem, was Sie mir bisher anvertraut haben, aufrichtig geweſen ſind? — So weit ich mich erinnern kann, bin ich es ge⸗ weſen. — Noch etwas, der Admiral erſuchte mich, für die Heilung Ihres kranken Herzens Sorge zu tragen... — Der Admiral ſcherzte... — Meine Pllicht iſt jedoch, erſtens zu beweiſen, daß Sie nicht ganz aufrichtig gegen mich geweſen ſind, und zweitens, Ihr Herz zu heilen. — Madame! — Folgen Sie mir, mein Herr, aber was ſehe ich da? 4 — Nichts, nichts, es iſt ganz unbedeutend. nab⸗ Zruſt ſelbe dem s zu Hand mich ben, zich venn gnü⸗ agen tih für Sie ber, hen, ach⸗ Sie ben, ge⸗ die .. ſen, ind„ ſehe 133 Das Halbdunkel im Zimmer und die Lebhaftigkeit des Geſprächs hatte die Oberhofmeiſterin verhindert, die Ritze zu bemerken, die Wiljams im Kampf mit den Gendarmen in's Schulterblatt bekommen hatte, und er ſelbſt hatte nicht mehr daran gedacht. — Bei allen Heiligen, Sie bluten... kommen Sie, kommen Sie.... eine weichere Hand als die mei⸗ nige, wird Sie verbinden... Kommen Sie, kommen Sie. Wiljams folgte ihr blind. Unter dem fröhlichen, ſcherzenden Geplauder, das ihre ganze Natur auszu⸗ machen ſchien, ſchlug gleichwohl, das konnte er nicht verkennen, ein gutes und freundliches Herz, dem man ſich ohne Scheu anvertrauen konnte. In ihrem Benehmen lag ohnedieß etwas Geheim⸗ nißvolles, das Wiljams Neugierde reizte. Nachdem ſie durch eine lange Zimmerreihe gegan⸗ gen waren, blieben ſie vor einer kleinen Thüre ſtehen. — Sie erinnern ſich doch, daß der Admiral mir befohlen hat, Ihr Herz zu heilen, ſcherzte ſie wie⸗ der fort. Sie würden wohl auch gerne ſehen, daß die ſchönſte Hand in Neapel dieſe Wunde da in Ihrer Schulter verbände? — Ich verſtehe Sie nicht... Sie antwortete nicht, öffnete aber die Thüre. — Sehen Sie da eeiine Dame, welche arbeitet... Wiljams ſah unter einer Staffelei, auf welcher ein Gemälde mit der Rückſeite gegen ihn gekehrt ſtand, den unteren Theil eines blauſeidenen Kleides, und ſeine Wangen bepurpurten ſich, ſein Herz klopfte. — Noch ein Wort, fügte ſie hinzu, hier herein darf kein Lieutenant Wiljams kommen, hier darf nur ... aber es iſt wahr, ich muß alſo die Thüre für Sie verſchließen... — Madame... — Hier darf nur ein gewiſſer Döring eintreten... rind S ſind ben Döring, ſondern ein Wiljams... nd ja vollkommen aufrichti nicht wahr en aufrichtig gegen mich geweſen, Alle Vorſätze Wiljams verſchwanden auf einmal. Von ſeiner Leidenſchaft hingeriſſen, ſtürzte er an der Oberhofmeiſterin vorbei und auf das Gemälde zu... Louiſe Poſſe lag in ſeinen Armen. Siebentes Kapitel. Fortſetzung. Nach beinahe zwei Jahren ſahen Louiſe und Wil⸗ jams ſich wieder; ſie ſahen ſich wieder, nachdem ſie die Hoffnung auf dieſes Glück aufgegeben hatten, nach⸗ dem ihre Neigung gezwungen worden war, in ihrer blühenden Entwickelung ſtille zu ſtehen, ſo daß ſie ganz andere Früchte getragen hatte, als ihre natürlichen. Die Liebe im gewöhnlichen Sinn des Worts hatte für ſie gleichſam aufgehört, und dennoch hörten ihre Herzen nicht auf, zu leben. Bei einer edlen und wahren Liebe bleibt es ewig wahr, daß das Mißgeſchick ſie nicht töd⸗ tet, ſondern nur ihre Bedingungen und Zwecke ver⸗ ändert. In der Tiefe ihres Weſens glühte bei Beiden daſſelbe Gefühl wie früher, aber es hatte einen andern Charakter angenommen und trug einen andern Namen. Die Vorſehung hatte die Bedeutung ihres Lebens um⸗ getauft. Was ſie vorher für einander geweſen waren, das wurde jetzt für Louiſe die Malerkunſt und für Wil⸗ jams der öffentliche Dienſt. Beide wandelten mit En⸗ thuſiasmus ihre Bahn und dieſer Enthuſiasmus rettete ſie vor Verzweiflung. Jeder reiche Geiſt ſaugt immer ſeine Lebenskraft aus irgend einer Leidenſchaft; worin ſolche ſich nicht vorfindet, da verwelkt die Krone und die Blume fällt ab. Bei Louiſe war es ihre Liebe, die zeichnete, malte, ſchuf; bei Wiljams war es die Liebe, die ihm einen Weg als Krieger bahnte. Während ſie ſi p——pA== SeS al. der .„ 135 ſich ihren Beſchäftigungen hingaben, beſaß die Welt noch Jugend, Schönheit und Geſundheit für ſie. Weil ihre Liebe warm war, beſaß ſie auch Kraft genug, ihnen neue Ausſichten in der Welt zu eröffnen, ohne daß ſie deßhalb ſich ſelbſt verriethen. Für einander waren ſie bloß eine manchmal ertönende heimathliche Stimme in ihrem Herzen, ein manchmal aufflammender, aber plötz⸗ lich verſchwindender Strahl am blauen Himmel der Er⸗ innerung, oder ein Morgentraum, der in unbewachten Augenblücken ſich noch mitunter in ihre Gedanken hinab⸗ ſenkte. Und für die Zukunft... man konnte ſagen, daß ſie für einander keine Zukunft hatten, weil ſie ſogar der Hoffnung beraubt waren, ſich wieder zu treffen; aber nichtsdeſtoweniger beſaßen ſie noch einige Hoffnung, nämlich die Vorſtellung, daß ihr Name, von einer edlen Handlung oder einer ſchönen That getragen, über dem Abgrund hin, der ſich zwiſchen ihnen eröffnet hatte, er⸗ tönen und auf der andern Seite der Kluft ein noch im⸗ mer getreues Herz mit Wohlbehagen erfüllen könnte. Die Prinzeſſin Sophie Albertine begann ihre lange beabſichtigte und im Geheimen vorbereitete Reiſe in's Ausland ſchon im Sommer 1792. Louiſe Poſſe war einer ihrer Lieblinge, und es verſtand ſich alſo von ſelbſt, daß ſie mitreiſen durfte. Durch den Einfluß des Hof⸗ marſchalls U. und vielleicht noch mehr durch den Einfluß Reuterholm's erhielt auch Graf Adlerſtern die Erlaubniß, die Prinzeſſin zu begleiten. Im Uebrigen beſtand Sophie Albertinens Hofſtaat aus einer Auswahl ihrer ergeben⸗ ſten Freunde, wie z. B. die Hofmeiſterin Silberſparre, geborne Sinelair, das Hoffräulein Dona, die Kammer⸗ frauen Mamſellen Forßberg und Chriſtiernin, die Grafen Gyldenſtolpe und Steinbock, Baron Staél von Holſtein und der Page Weſtfelt. Fräulein Rudenſköld hatte als beſondere Gnade die Erlaubniß erhalten, zu Hauſe zu bleiben Ein Verſprechen gegen Armfelt, daß ſie in der Hauptſtadt ſeine Intereſſen überwachen wolle, hielt ſie dort zurück. 136 Im Sommer 17092 beſuchte die Prinzeſſin mehrere deutſche Höfe und kam gegen den Herbſt nach Wien. Ueber den Carneval 1793 hielt ſie ſich in Rom auf, wo ihr der Pabſt mit zuvorkommender Höflichkeit begegnete. Von Rom begab ſie ſich nach Neapel und verweilte allda in der Zeit, wo die Ereigniſſe eintrafen, deren Schil⸗ derung wir uns vorgenommen haben. Louiſens einnehmendes und ſanft ſchwärmeriſches Weſen machte ſie bald zum Liebling Aller, mit denen ſie in Berührung kam. Auch die Königin Marie Caro⸗ line fühlte ſich von dem hübſchen, genialen, träumeri⸗ ſchen Mädchen angezogen. Sobald ſie daher erfuhr, daß Louiſe mit Erfolg ſich der Malerkunſt widmete, öffnete ſte ihr mit der größten Bereitwilligkeit ihre Gemälde⸗ gallerie zum täglichen Beſuche. Noch mehr, man bot ihr ſogar einige Zimmer im Schloß zum Bewohnen an, damit ſie während ihrer Arbeit all den Comfort haben ſollte, an den ſie gewöhnt war. Dieſe Zimmer ſtanden in Verbindung mit der Wohnung der Oberhofmeiſterin, die ſich gleichfalls ein angenehmes Geſchäft daraus machte, für Fräulein Louiſe nicht bloß eine Freundin, ſondern auch eine Beſchützerin zu ſein. Man konnte von Louiſe ſagen, ſie lebe in einer andern Welt, als ihre Umgebung. Sie, lebte nämlich ganz ausſchließlich im Reich der Natur und der Kunſt. Italien hatte auch in dieſer Beziehung unermeßliche Aus⸗ ſichten für ihre Seele eröffnet. Die Natur erſchien ihr gleichſam als eine ſchöne idealiſirte Kunſt, und die Kunſt erſchien ihr hier als eine vollendete Natur. Neapels viele Kirchen und Klöſter ſind auch ebenſo viele Heiligthümer der Malerkunſt. Im Schloß Capo di Monte bewunderte ſte die For⸗ menſchönheit in Titian's Zeichnung, die Pracht ſeiner Farben, und wurde hingeriſſen von der ſeelenvollen lieb⸗ lichen Zärtlichkeit, welche Correggio, belebt von der war⸗ men Begeiſterung ſeines Herzens, in ſeinen Meiſterſtücken ſo rührend auszudrücken verſtand. 137 Malen, ſagt ein Kunſtkritiker, war für Correggio Lieben. Welch einen tiefen Eindruck mußten daher nicht ſeine Gemälde auf Louiſe machen, für welche Lieben und Malen das Gleiche war! Neapels an Naturſchönheiten ſo reiche Umgebungen wurden für ſie auch neue Quellen ſchaffender Begeiſte⸗ rung. Vor allen Dingen machte der Veſuv einen ge⸗ walkigen Eindruck auf ſie. Der Vulkan erſchien ihr wie ein den Himmel angähnender Abgrund, aus welchem die Flammen gleich Feuerzungen, mit den Sternen ſelbſt ſprechend, ſich hervorſtreckten. Umgeben von mehreren bereits fertigen Copien, theils von Correggio's, theils von Guido's und Albani's Mei⸗ ſterwerken, war ſie jetzt mit einem Originalſtück, das einen Ausbruch des Veſuv darſtellte, beſchäftigt, als Wiljams eintrat. Sie malte zwar in dieſem Augenblicke nicht, ſondern ſtand ſinnend vor dem Gemälde und be⸗ rechnete beim Schein der brennenden Kerze die Lichteffekte der Partien. Die Erſcheinung Wiljams war gleichwohl ein Licht⸗ effekt in ihrem Herzen, über deſſen Eindruck ſie Alles vergaß und in ſeine Arme ſtürzte. Von einem harten, zermalmenden Schickſalsſchlage getroffen, hatte Wiljams Schweden und deſſen Haupt⸗ ſtadt verlaſſen. Nachdem er einer geachteten Familie anzugehören, einen geſchätzten Namen zu führen geglaubt; nachdem er ſich der Hoffnung hingegeben, bald ein ge⸗ liebtes Weſen an ſeine Bruſt ſchließen zu dürfen; nach⸗ dem er der Ueberzeugung gelebt, daß er ſich auf einer Bahn befinde, die ihn zu Chren und Auszeichnung füh⸗ ren würde, fand er ſich auf einmal verlaſſen und allein, man konnte ſagen, in ſeinem ganzen vorhergegangenen Leben betrogen. Ein einziger Gedanke belebte ihn: der Gedanke, Alles aufzugeben, wie auch Alles ihn aufgegeben hatte, und ſich nur auf ſeine eigene Kraft zu verlaſſen. Dieſer Gedanke gehörte nicht der Verzweiflung an, ſondern 138 eigte den mit einem Mal gereiften Mann. Er führte ihn auch ſogleich in's Werk. Nachdem er einige nothwendige Vorbereitungen ge⸗ troffen, ſchrieb er ein paar Briefe, worunter einer an den Admiral Döring, der jetzt nur noch ſein Pflegevater war, und dem er ſeinen Entſchluß mittheilte. Er wollte den Greis nicht mehr treffen, ſondern verließ ſeine Heimath, ohne ihn nach der Kataſtrophe wieder geſehen zu haben. Unter den Verhältniſſen, die ihn jetzt zu erwarten ſchienen, war Fromm kein paſſender Begleiter. Dagegen erinnerte er ſich des Gardiſten Ehrlich Nr. 1 bei der Compagnie des zweiten Majors und er beſchloß ihn mit⸗ zunehmen, wofern er ihn vom Regiment auslöſen könnte, was auch leichter vor ſich ging, als er im Anfang ver⸗ muthet hatte. Ehrlich konnte für ſeine Freude darüber, daß man an ihn gedacht hatte, kaum Worte finden, und war ſo⸗ gleich bereit, ihm zu folgen. Einen Monat ſpäter befanden ſich Beide in London, wo ein Zufall ihm die Bekanntſchaft und Freundſchaft des Admirals Hood verſchaffte. Die aſiatiſchen Brüder hatten eine beſondere Loge in London. Wiljams erfuhr dieß bald und beſuchte ſie. Hier kam ihm die Aufnahme, die er dem Wohlwollen Vincenzens in Stockholm verdankte, ſehr wohl zu Stat⸗ ten. In kurzer Zeit erwarb er ſich auch das Wohlwollen und die Achtung der Brüder, und von Stund an fehlte es ihm nicht mehr an Empfehlungen, wobei der Admi⸗ ral Hood ſich ganz beſonders als ein wirklicher Freund erwies. Bei der Flotte angeſtellt, erhielt er bald Gelegenheit zu zeigen, daß man das Wohlwollen an keinen Unwür⸗ digen verſchwendet habe.— Entſchloſſen und zuverläſſig in ſeinen Handlungen, muthig und unerſchrocken im Kampf, klug und ſcharf⸗ ſinnig in ſeinen Urtheilen, erwarb er ſich den Beifall ————B₰— —— 139 ſeiner Vorgeſetzten, die Achtung ſeiner Kameraden und die Anhänglichkeit ſeiner Untergebenen. Bei einer Gelegenheit, wo er in einer ſtürmiſchen Nacht durch ſeine Entſchloſſenheit ein kleines Schiff ret⸗ tete, das man bereits füͤr verloren hielt, eine That, die ihm in der ganzen Abtheilung der brittiſchen Flotte, die unter Hood's Commando ſtand, einen Namen verſchaffte, wurde er zum Officier ernannt, eine Beförderung, die für einen Ausländer nicht leicht zu erreichen war. Von dieſem Augenblick an ſchloß ihn auch Hood immer mehr an ſich und machte ihn zuletzt zu ſeinem Adjutanten, ohne daß der Neid etwas dagegen zu erin⸗ nern wagte. Belebt von einem beſtändigen Bedürfniß nach Wirk⸗ ſamkeit, im Bewußtſein, daß er Nichts zu verlieren, aber Alles zu gewinnen habe, widmete er ſich mit Lei⸗ denſchaft der Erfüllung ſeiner Pflichten. In ſeinem Privatleben ſonderte er ſich ſehr von ſeinen Kameraden ab, obſchon man eigentlich nicht ſagen konnte, daß er ein Privatleben beſitze. Sein Leben war ſein Dienſt. Alles ihn ſelbſt Betreffende, ein Gewebe von Verhält⸗ niſſen, die ſonſt dem Menſchen ſo theuer ſind, fand ſich für ihn nur in ſeinen Erinnerungen vor, und das Reich der Erinnerung war ein endloſer Kirchhof, wo alle Die⸗ jenigen, die er in früheren Jahren lieben gelernt, be⸗ reits ihr Grabkreuz beſaßen. Allerdings ſchwebte ſeiner Seele bisweilen eine lichte Geſtalt wie ein leichter Schat⸗ ten vor, oder hörte er auch manchmal gleichſam einen klagenden Seufzer zwiſchen den Gräbern; aber dieſe Er⸗ innerungen, die für Andere vielleicht das Signal zu Hypochondrie und Melancholie geworden wären, wurden für ihn Aufmunterungen zu neuem und kräftigem Han⸗ deln. Wie ein belebender guter Geiſt trat Louiſe auf dieſe Art im Augenblick der Gefahr oder des Kummers vor ſeine Seele und vervielfachte gleichſam ſeine Kräfte. Was er that, that er gleichſam unter ihrem unſichtbar über ſeinem Haupte ſchwebenden Banner⸗ 140 Sobald Wiljams und Louiſe ſich von ihrer erſten Ueberraſchung erholten, worin ſie nur der mahnenden Stimme ihres Herzens unmittelbar gehorcht hatten, er⸗ folgten gegenſeitige Erklärungen. Aus der Tiefe ihrer Herzen, worin ſie ſo lange ihre für alle Andern geheimen Neigungen ihrer Seelen be⸗ wahrt hatten, zogen ſie jetzt den Ariadnefaden der Er⸗ innerung hervor und führten einander bis zu dem ge⸗ genwärtigen Augenblick, einem Augenblick, wo der Faden zwiſchen ihnen auf's Neue zerriſſen werden ſollte. — Du malſt? ſagte er. — Ich male mein Herz. — Einen Veſuv. Sie antwortete nicht, ſie legte bloß die Hand auf ihre Bruſt. 4 — Und Du kehrſt nie mehr nach Stockholm zurück? fragte ſie. — Nie!— — Ich kann Deinen Entſchluß nicht mißbilligen. Ich fühle, daß ich an Deiner Stelle ebenſo handeln würde. Deine Ehre iſt mir ebenſo theuer wie Dein Glück. Aber auch unſer Unglück hat ſein Glück. Du weißt nicht, wie lieb mir die Welt geworden iſt, ſeit Du mich verlaſſen haſt. Ich habe Dich mir überall vorgeſtellt, außer da wo ich ſelbſt war. Wenn ich ein Schlachtenſtück malte, ſo dachte ich, daß Du die Sieger anführeſt; malte ich ein mit Sturm und Wogen kämpfendes Schiff, ſo dachte ich Dich als ſei⸗ nen Beſehlshaber; malte ich eine Landſchaft, ſo ſah ich Dich unter den ſchattigen Bäumen ruhen. Ich malte... das heißt, mein Herz war es, das malte.. — In Schlachten und Gefahren habe ich Deine Stimme wie eine holde Melodie durch die Stürme hin⸗ durch ertönen gehört. Ich erinnere mich eines kleinen Ereigniſſes. Du mußt es hören. Ein gewaltiger, an⸗ haltender Orkan rührte das Meer auf. Nur mit Mühe vermochte ſich das Geſchwader zuſammenzuhalten. Es war Nacht. Die Lampen auf den Maſtgipfeln glänzten 144 wie bewegliche Leuchtwürmer auf den ſchwarzen Wogen. Von Oeficieren umgeben, ſtand der Admiral ernſter als gewöhnlich auf dem hinteren Verdeck. Endlich ſagte er, er habe wichtige Depeſchen, die einer der übrigen Schiffs⸗ commandanten an Bord gelaſſen habe, und die ihm noch in derſelben Nacht zugeſtellt werden ſollten, weil er die Abtheilung verlaſſen und eine andere Richtung nehmen müſſe. Alle Anweſenden erklärten einſtimmig, es wäre unmöglich, das fragliche Schiff jetzt zu erreichen. Auch ich hielt es für unmöglich. Das Meer war in vollem Aufruhr. Es tobte mit einer Rieſenkraft, als wollte es unſere Oreidecker ſelbſt zerſplittern. An eine Caronade gelehnt, erfreute ich mich an dieſer wilden Raſerei um mich her und wünſchte— möge es mir ver⸗ ziehen werden— wünſchte, daß auch der Himmel mit ſeinen Donnern losbrechen möchte. Eine Gewitternacht auf dem ſtürmiſchen Meer... o Louiſe!... das iſt ein Epos in der Natur, herrlicher als Alles, was die Phantaſie malen kann. Der Orkan ertönte inzwiſchen wie eine Weltgerichtspoſaune in dem Tauwerk. Die Wogen dröhnten unter mir. Man konnte beinahe glau⸗ ben, man ſtehe in einer gewaltigen Donnerwolke; und hieimehl, mitten im Orkan, mitten in der toſenden, chwarzen Nacht, was glaubſt Du wohl, daß ich da hörte? — Du hörteſt? — Deine Stimme, Louiſe, ſanft wie die eines Engels. — Und ich ſprach zu Dir? — Du ſprachſt nicht, Du ſangeſt. — Und was ſang ich? — Du forderteſt mich auf, mich freiwillig bei dem Admiral zu melden und ihn um Erlaubniß zu hitten, die wichtige Depeſche ſogleich überbringen zu dürfen. — Und Du thateſt es? — Ich meldete mich, aber er verweigerte es. Als ich hartnehg auf meinem Verlangen beſtand, begann er gleichwohl mir Gehör zu ſchenken, und aus Freund⸗ 142 ſchaft, aus väterlichem Wohlwollen gegen mi ich bin es überzeugt, willigte er endlich Nihenmin doppelte Abſchriften von den Depeſchen genommen und meine Kameraden untereinander und mit mir ſelbſt ſehr bedeutende Wetten eingegangen hatten, drückte mich der Admirak an ſeine Bruſt und ich verließ das Schiff unter dem Hurrahruf der Mannſchaft, nur von meinem Die⸗ ner Ehrlich begleitet, der mich unter keiner Bedingung allein ziehen laſſen wollte. 4 — Du erſchreckſt mich. — Auf die Wogen hinausgekommen, hißte ich meine eigene Flagge auf. — Welche? Deine eigene? — Erinnerſt Du Dich der Stunde, wo wir uns zum erſten Mal trafen? 4— Sehr gut; Du hielteſt mich damals für einen kleinen Jungen. — Für einen Pagen, ja. Aber erinnerſt Du Dich nicht, daß Du, damit ich nicht ſehen ſollte, wohin Du gingeſt, beim Abſchied mir ein weißes Battiſttüchlein vor die Augen bandeſt? — Ach ja, ich erinnere mich, ich erinnere mich. — Bei meinem erſten Beſuch bei der Prinzeſſin wollte ich es Dir zurückgeben, aber Du erlaubteſt mir, es zu behalten.— — Auch deſſen entſinne ich mich ganz gut. — Seit dieſer Zeit, Louiſe, hat es niemals mein Herz verlaſſen, außer in dem Augenblick, wo ich es als Flagge A dem Topp meiner Schaluppe aufpflanzte.. —) 1 — Wie ein weißer Taubenflügel ſchwebte es in der Nacht über mir, gleich einem ſchneeweißen Blatt, auf dem, wie ich mir dachte, unſere Liebesgeſchichte einmal geſchrieben geſtanden hatte, ſpäter aber wieder verlöſcht worden war. 4 — Und... und... 1 — Und ich gelangte vollkommen glücklich an mein 143 Ziel, allerdings gänzlich durchnäßt vom Salzwaſſer, aber mit friſcher Seele und fröhlichem Herzen. Vier Stunden ſpäter war ich wieder bei meinem Chef an Bord und wurde mit einem Jubel empfangen, an den ich noch jetzt nicht ohne die größte Freude denken kann. Als der Admiral mich in ſeine Arme ſchloß, zitterte eine Thräne in ſeinem Auge. Die Thräne ſiel auf meine Bruſt hinab, Louiſe... es war eine Tapferkeitsmedaille, die ſchönſte, die ich erhalten konnte. Auch in Louiſen's Auge zitterte eine Thräne. Wil⸗ jams bemerkte ſie und ergriff ihre Hand. — Louiſe, ſagte er, die Thräne in des Admirals Augen war eine Tapferkeitsmedaille; die Thräne in dem Deinigen iſt ein Ritterſtern. Dank, Louiſe. — Und Du haſt dieſes Battiſttüchlein noch immer? — Hier... ſieh, hier— und er zog es von ſei⸗ nem Platz hervor, aber jetzt war es nicht mehr weiß, ſondern... — Blutig! rief Louiſe erſchrocken bei ſeinem An⸗ blick— noch friſches und warmes Blut! — So iſt's... erſchrick jedoch nicht,... es iſt keine Gefahr vorhanden... Du ſiehſt, daß ich ſelbſt die kleine Schramme ganz vergeſſen habe, die ich unten im Kampfe erhielt. Wiljams erzählte ihr jetzt, was auf der Straße vorgefallen war, und ohne die Wunde eigentlich zu ver⸗ binden, pflegte ſie dieſelbe, ſo gut die Umſtände es ge⸗ ſtatteten, worauf er wieder ruhig ſeinen Platz an ihrer Seite einnahm. — Jetzt könnte ich Luſt haben, das Tüchlein zurück⸗ zuverlangen. — Aber Du haſt den Muth nicht dazu, nicht wahr, Peißt⸗ Es hieße mir das Theuerſte rauben, was ich Wehalt es, behalte es... — Werden wir ieder⸗ ſehen? ir wohl einander noch einmal wieder — Frage lieber, ob wir einander wiederſehen dürfen? Wiljams hatte, als er Louiſe in den Palaſt gehen ſah, und in Folge der Aeußerungen der zwei unbekann⸗ ten Damen ein gewiſſes Mißtrauen gegen ſie gefaßt, ein Mißtrauen, das noch neue Nahrung erhielt, ſeit er entdeckt zu haben glaubte, daß es Armfelt war, den er hereingelaſſen hatte. Aller Argwohn verſchwand jedoch von dem Moment an, wo ſie ihre Blicke auf ihn ge⸗ heftet hatte. Ihr Auge war ſo rein, ihre Worte ſo aufrichtig; durch ihr jungfräuliches Weſen ſchimmerte, könnte man beinahe ſagen, liebevolle Unſchuld hindurch. — Morgen erwartet mich ein ſchöner Tag: ich ge⸗ denke Virgil's Grab zu beſuchen. — Mit der Prinzeſſin? — Allein! Wiljams Augen ſtrahlten von Entzücken, aber in dieſem Moment trat die Hofmeiſterin wieder ein und erklärte, daß ſie ſich jetzt trennen müßten. — Wir ſehen uns wieder, flüſterte Wiljams, als er ſie verließ. — Wann und wo? — An Virgil's Grab. Louiſe war wieder allein. Die ſo eben verbrachte Stunde war für ſie eine Epiſode, reich an Schönheit für das Herz. Sie neigte ihren Kopf in die Hand und ihre Gedanken geriethen auf ein ganzes Blumenreich von lieblichen Träumen. Als ſie ſich endlich aufrichtete, um ſich in die inneren Zimmer zu begeben, hörte ſie vor ihrem Fuße etwas klingen, und als ſie hinabblickte, ſah ſie auf dem Boden etwas glänzen. Sie hob es auf... es war ein kleines Damenportrait, in Gold und Edel⸗ ſteine eingefaßt. Ihre Wangen wechſelten die Farbe und ihre Lippen zitterten beim Anblick des außerordent⸗ lich ſchönen Geſichtes, das ſeine dunkeln, blitzenden, in warmen Farben lebenden Augen auf ſie heftete. Die eine Hand hart gegen ihr Herz gedruͤckt, vermochte ſie 145 ihren Blick nicht von dieſem Portrait abzuwenden, das ſie als eine ſchreckliche Anklageakte gegen Wiljams be⸗ trachtete. Als Wiljams das Battiſttüchlein hervorzog, war das darin befindliche Medaillon aus demſelben heraus auf den Stuhl gefallen und von da auf den Boden hinabgeglitten. ir wollen hier ihre Qualen nicht zu ſchildern verſuchen, ſondern ſie allein laſſen... allein mit ih⸗ rem Schmerz. Wiljams folgte der Oberhofmeiſterin. Jetzt wurden keine Scherzreden zwiſchen ihnen gewechſelt. Schwei⸗ gend gingen ſie voran. In daſſelbe Zimmer hinausge⸗ kommen, wo Armfelt ihn zu warten gebeten hatte, fan⸗ den ſie einige Perſonen vor ſich. In zwei von ihnen riannte Wiljams den Baron Armfſelt und den General Acton. Sind Sie bereit abzureiſen, Herr Lieutenant? Wiljams erſchrak in dieſem Augenblick beinahe über die Frage. Seine Gedanken ſlogen nach Virgil's Grab und erſtarben in einem Seufzer unter den Cypreſſen deſſelben. — Dieſe Herren, fuhr der General fort, indem er auf zwei neben ihm ſtehende Perſonen deutete, der Abbé d'Heral und Herr Vignes, müſſen auf dem Weg nach Rom ſein, ehe morgen die Sonne aufgeht. Ich hoffe, daß Sie ihnen als Beſchützer Ihren Arm und Ihr Schwert leihen. Sie ſie ſind doch bereit? — Herr General, ich gehorche. — Wenn Sie zurückkommen, Lieutenant Wiljams, ſagte Armfelt mit einer Betonung des Namens, als wollte er ihm dadurch zu erkennen geben, daß er ſein Incognito reſpektire, heiße ich Sie bei mir willkommen. — Morgen alſo nach Rom... — Nach Rom. Der Trabant. III. 3 10 net, ſeine Farbe war braun und ſein Blick entſe Achtes Kapitel. Vincenz entwickelt ſeine Pläne. Virgil's Grab. Vincenz wohnte auf dem Marktplatze, gegenüber der Fontaine deſſelben Namens, nahe beim Carminello. — Cazal! rief er. — Gnädiger Herr! — Iſt der Arzt hier? — Er wartet im grünen Salon. — Und Corenzio? — Im vorderen Zimmer. — Bitte ihn hereinzukommen. Corenzio trat ein. Sein Geſicht war ſchar gizeche loſſen. — H biſt bereit Dich hinwegzubegeben? — d! — Hier ſind hundert Dukaten. — Gut! — Kennſt Du den Abbé d'Heral und einen fran⸗ zöſiſchen dineantan, Namens Vignes? — Nein! — Corenzio gebrauchte, wenn er Etwas ſagen wollte, nicht mehr Worte, als durchaus erforderlich war. — Sie kennen Dich alſo auch nicht? — Nein. — Heute früh mit Sonnenaufgang haben ſie die Stadt verlaſſen und ſich auf den Weg nach Rom bege⸗ ben. Du wirſt ihnen folgen. In Rom werden ſie ſich einige Tage aufhalten. Du ſuchſt Franz Piraneſi auf... Du kennſt ihn... und übergibſt ihm dieſen Brief. Der Abbé d'Heral und Vignes ſetzen ihre Reiſe nach Deutſchland fort... Du folgſt ihnen.. ſie begeben ſich in's Innere von Deutſchland, Du folgſt; wenn ſie nach Düſſeldorf kommen, ſuchſt Du den Chef der Po⸗ lizei auf und übergibſt ihm dieſen zweiten Brief nebſt 147 der Adreſſe des Hôtels, wo ſie abgeſtiegen ſind. Eine Viertelſtunde ſpäter werden ſie verhaftet. Sollten ſie die Papiere, die ſie mit ſich führen, nicht freiwillig über⸗ geben, ſo forderſt Du die Polizei auf, die rechte Stie⸗ felſohle des Abbé's aufzutrennen... ich verlaſſe mich auf Dich... leb wohl! — Ich reiſe alſo... — Hundert Dukaten erwarten Dich, wenn Du zu⸗ rückkommſt. Sobald Corenzio das Zimmer verlaſſen hatte, trat Cazal ein und meldete den Grafen Adlerſtern an. — Heiße zuerſt den Arzt hereinkommen. — Wenn ich mich nicht taͤuſche, ſind Sie als Arzt bei dem ſchwediſchen Miniſter, Baron Guſtav Moritz Armfelt angeſtellt. — Allerdings, ich habe das Glück. Der Baron iſt mir ſehr gewogen. Vincenz fixirte ihn. — Ich beurtheile Sie nach Ihrem Aeußeren, mein Herr. Sie können ein Geheimniß bewahren 2 Ein Arzt iſt zur Hälfte ein Beichtvater. — Sie ſprechen meine eigenen Gedanken aus. Ich will Ihnen auch beichten. Haben Sie die Güte und kommen Sie hieher. Als der Arzt näher trat, öffnete Vincenz ſeine Weſte und entblößte ſeine Bruſt. — Sehen Sie dieſe Wunde? — Sie iſt bereits geheilt. — Alleerdings; aber ich liebe das nicht, Sie müſ⸗ ſen ſie wieder öffnen.— — Die Wunde ſcheint von einer Kugel zu ſein. — Ganz richtig. Sie haben einen Blick. — Ich habe mehrere ſolcher Wunden geheilt. — Die Kugel hat eine gefährliche Stelle getroffen. — Und ſie wäre tödtlich geweſen, wenn ſie nicht vom Bruſtbein abgeglitten wäre und ihre Richtung un⸗ ter der Haut hin genommen hätte. 5 — Die Bemerkung iſt wiſſenſchaftlich richtig. — Ich bin ſelbſt ein wenig Arzt. Der Arzt ſirirte ſeinerſeits Vincenz. — Wenn Sie Arzt ſind, bemerkte er, ſo ſehen Sie auch ein, daß die Wunde jetzt vollſtändig geheilt iſt und nicht mehr von ſelbſt aufbrechen wird. — Sie verſtehen mich nicht, mein Herr. — Im Gegentheil, ich verſtehe Sie ganz gut. Sie glauben, die Wunde ſei zu ſchnell geheilt worden, und Sie fürchten die Folgen. — Ganz und gar nicht. Ich fürchte keine Folgen; ich will bloß, daß die Wunde von der Hand eines ge⸗ ſchickten Arztes wieder geöffnet und in ihren erſten Zu⸗ ſtand verſetzt werden ſoll. — Ihr Verlangen ſetzt mich wahrhaftig in Er⸗ ſtaunen. — Ich will Ihnen Etwas anvertrauen und Ihr Erſtaunen wird aufhören. Vor ungefähr einem Jahre erhielt ich dieſe Wunde in einem Duell mit Baron Armfelt: ſeine Kugel traf die Bruſt, ging, wie Sie aus dem feinen blauen Striemen in der Haut ſehen können, zwiſchen Fleiſch und Haut hin und hielt erſt hier auf der Seite an, wo ſie ausgeſchnitten wurde. Baron Armfelt und ich ſind alte Freunde; ein dummer Streit veranlaßte das Duell und ſeitdem war das Ver⸗ hältuiß zwiſchen uns geſpannt und unfreundlich. Aber dieſe Mißhelligkeit iſt mir unangenehm und ich wünſche wieder auf freundſchaftlichen Fuß mit ihm zu kommen. Vincenz ſchwieg jetzt, indem er von Neuem in dem Blicke des Arztes forſchte, um ſeine Gedanken zu er⸗ rathen... — Wahrhaftig, meine Verwunderung nimmt nicht ab, ſondern vielmehr zu. Sie wünſchen mit Baron Armfelt wieder gut Freund zu werden; erlauben Sie mir nur mit ihm zu ſprechen, und ich bin überzeugt... — Sie beurtheilen uns nach ſich ſelbſt, mein Herr; aber Sie kennen die Verhältniſſe zwiſchen Baron Arm⸗ AK— felt und mir nicht. Größere Kräfte als die Worte eines Fremden müſſen aufgeboten werden, um uns wieder einander in die Arme zu führen. Ich kann nicht läug⸗ nen, daß ich Armfelt tief beleidigt habe, und daß er Urſache hatte, auf mich böſe zu ſein. Wenn er jedoch ſelbſt die Leiden ſehen würde, die ſein Schuß mir ver⸗ urſacht hat, ſo würde ſein Herz gerührt werden, und dann wäre die Sache bald mit gegenſeitigen Erklärun⸗ gen und einer freundſchaftlichen Umarmung abgethan. Ich hoffe, daß Sie mich jetzt verſtehen. Der Arzt war ein edler Mann, und er bewunderte nicht bloß Vincenzen's offenes Geſtändniß, daß er der ſchuldige Theil geweſen ſei, ſondern noch weit mehr die Art, wie er auf dem Altar alter Freundſchaft das Opfer ſo vieler Leiden darbringen wollte, welche die gewünſchte Operation nothwendig verurſachen mußte. — Und wann wollen Sie, daß die Operation vor⸗ genommen werde? — Heute... in einer Stunde. . S Doktor reichte Bincenz verehrungsvoll ſeine Hand. f — Willfommen, Graf, ſagte Vincenz, als Adler⸗ ſtern eintrat, Sie bringen die Depeſchen mit? Ich habe ſie in meiner Taſche, Baron, aber— mögen Sie es mir nicht übeldeuten— ich unterhandle mit Ihnen nicht ohne Zeugen. — Sie kennen mich nicht, wollen Sie ſagen. .—— In Schweden ſpielten Sie eine doppelte Rolle, und wenn ich alle Umſtaͤnde zuſammenhalte, ſo kann ich dennoch auf den Glauben kommen, daß Sie niemals die rechte ſpielten.. — Sie rathen bloß... Sie waren Baron Armfelt's Feind und Dö⸗ ring’s Freund; Döring ſtand jedoch immer hoch in Arm⸗ felt's Freundſchaft. Sie ſehen alſo ein, welcher Wider⸗ ſpruch in Ihrer Feindſchaft liegt. — Haben Sie noch Etwas zu erinnern? — Sie waren damals mein Feind. Ich habe die Geſchichte im Thiergarten noch nicht vergeſſen. — Fahren Sie fort, Graf. — Hier in Neapel wohnen Sie in einem Palaſt unter dem Namen Vincenz; aber vermummt und in⸗ cognito herrſchen Sie im Hötel Moriconi. — Weiter. — In Schweden ſpielten Sie den artigen Miniſter⸗ reſidenten des Herzogthums Altenburg, hier ſpielen Sie eine, ich möchte beinahe ſagen, räthſelhafte Räuber⸗ hauptmannsrolle unter dem Namen Zamparelli. — Sind Sie zu Ende? Adlerſtern gab durch ein Nicken zu erkennen, daß er eine Antwort erwarte. 8 — Sie fordern mich auf zu erklären, wer ich in Wirklichkeit ſei, und ich könnte Ihnen, ohne Sie zu täuſchen, antworten, daß ich nichts ſo Geringes in der Welt bedeutet habe und auch noch jetzt bedeuten dürfte; ich könnte Ihnen antworten, daß ich Nichts bedeutet habe, und in dieſem Augenblick weniger als Nichts bedeute, und auch mit dieſer Erklärung würde ich Sie nicht täu⸗ ſchen. Sie verſtehen mich nicht. Wo große Ereigniſſe, mächtige politiſche Kräfte im Kampf auf Leben und Tod zuſammen über ein Volk herſtürzen, da kann der Mann, in ſofern er mit einem feſten und entſchloſſenen Willen begabt iſt, viel und dennoch zu gleicher Zeit Nichts bedeuten. Vincenz verſtummte, erſchüttert von ſeinen eigenen Gedanken. — Sie wollen wiſſen, wer ich bin, fuhr er fort. Ich könnte es Ihnen mit einem einzigen Worte ſagen, einem Wort, das ſo viel Größe und Schmerz, ſo viel Kraft und Schwäche, ſo viel Ehre und Unehre in ſich ſchließt, daß man nicht weiß, ob man bewundern oder N& N 1⁵¹ fluchen ſoll; aber dieſes einzige Wort ſchließt auch die politiſchen Streitigkeiten und den Untergang eines gan⸗ zen Volkes in ſich, während es getreuer als jedes andere das wieder gibt, was ich ſelbſt bin... ich bin ein Pole. Seine Bruſt hob ſich hoch, während er ſprach. Als er an das letzte Wort kam, that er einen langen Athemzug, gleich als wollte er einen vulkaniſchen Ge⸗ genſtand ausſtoßen. — Sie kennen die Geſchichte Polens. Im Jahr 1773 wurde es zu ſeiner politiſchen Guillotine geführt. Die großen Maͤchte verlangten, daß die Stände den Theilungsbeſchluß ſelbſt vollziehen ſollten. Die Stände weigerten ſich... ich war Mitglied derſelben. Stanis⸗ laus, die gekrönte Schwachheitsſünde der polniſchen Nation, rief eine Generalconföderation zuſammen, um dieſe Abſicht zu erreichen. Die Conföderation weigerte ſich. Ich war auch hier Mitglied. Die Verſammlung ernannte jetzt einen Ausſchuß, und der Ausſchuß unter⸗ zeichnete endlich die Befehle, welche jedoch keiner billigte. Auch an den Berathungen dieſes Ausſchuſſes nahm ich Theil, meine Stimme war die Letzte, die ſich gegen die Unterſchrift erhob, mein Name findet ſich auch nicht bei denen der übrigen. Ich verließ mein Vaterland, um ihm auf diplomatiſchem Wege zu nützen. Meine poli⸗ tiſchen Bekanntſchaften führten mich in einen weitver⸗ zweigten Bund, die aſiatiſchen Brüder, und in dieſem Orden fand ich auch den Herzog von Altenburg. Auf ſeinen Wunſch übernahm ich die Leitung der Wirkſam⸗ keit des Bundes, und als Großmeiſter im nordiſchen Kreiſe deſſelben übergab er mir die Baronie Weißen⸗ burg, mehr einen Titel, als eine Sache von wirklicher Bedeutung. Aber das Vaterland zog mich von Neuem heimwärts... mein Gott, wäre ich niemals zurück⸗ gekehrt! Ich kehrte gleichwohl zurück und fand nicht bloß mein Vaterland innerlich noch zerriſſener als zur 1⁵² Zeit meiner Abreiſe, ſondern auch mich ſelbſt in meinem eigenen Hauſe von meiner eigenen Gattin verrathen. Rache! ertönte es in meiner Seele; Rache! ertönte es wie ein dumpfes Echo in meinem Herzen. Allmächtiger Himmel, aus welchen Elementen haſt Du doch den Mann geſchaffen! Feuer legteſt Du in ſeine Seele, Eiſen in ſeinen Arm, aber das Herz wobeſt Du aus Schwachheiten zuſammen. Um dem Sturme zu trotzen, ſchlägt die Eiche ihre Wurzeln um den Fels, kämpft und hält aus, während der unbedeutendſte Wind⸗ hauch ihre Blätter zittern macht, ſo daß ſie ſeufzend und verblichen an den Fuß des Rieſen hinabfallen. Die Griechen blickten tief in die Bruſt des Mannes, als ſie die Mythe von Herkules dichteten. Als Sieger ging er aus allen Kämpfen hervor, worin er als Mann mit ge⸗ zogenem Schwert aufzutreten hatte; aber von der Hand eines Weibes wurde er auf den Scheiterhaufen gelegt. Auch ich bin von einem Neſſuskleid verbrannt worden, auch ich habe den Scheiterhaufen auf dem Oeta beſtiegen. Entſetzliche Qualen! möge mich die Erinnerung an Euch nicht tödten! In meinem öfefentlichen Leben habe ich mein Vater⸗ land nie verrathen; noch in dieſem Jahr, noch ganz neuerdings kämpfte ich als Mitglied der Conföderation in Grodno für den noch übrigen Schatten ſeiner Selbſt⸗ ſtändigkeit, kämpfte getreulich bis zu dem Augenblick, wo ich nebſt zwei Freunden, die gleich mir ihre Pflicht nicht feig verrathen wollten, gewaltſam verhaftet und unter militäriſcher Bedeckung nach meinem Heimathsort gebracht wurde, von wo ich hieher eilte. In meinem Privatleben dagegen... o mein Gott... wie habe ich nicht da auf dem Altar der menſchlichen Schwachheit geopfert, bis dieſer Altar geſtern über mir einſtürzte und meine letzte Hoffnung zermalmte. Vincenzens Augen rollten heftig. Er verſtummte, aber ſein Schweigen war beinahe noch ſchrecklicher als ſeine orte. 153 — Nur eine einzige Handlung, begann er dann wieder, bleibt mir auf Erden noch übrig und dann... — Und dann? wiederholte Adlerſtern. — Und dann werde ich die Hände zuſammenlegen und zufrieden ſterben.— Adlerſtern betrachtete ihn nicht ohne eine gewiſſe Furcht, aber in dieſer Furcht lag Bewunderung. Er empfand daſſelbe Gefühl, wie bei der Betrachtung einer gewaltſamen, ſchrecklichen Eruption, die den Himmel in Finſterniß und Feuer hüllt und mit ihrer zerſtörenden Lava Alles, was am Fuße des Berges athmet und lebt, zu begraben und zu verheeren droht. Aber Vincenz beruhigte ſich bald. Sein eigener Gedankengang hatte ihn wie ein brauſender Katarakt eine kurze Weile fortgeriſſen, aber in dem Augenblick, wo ſeine Gefühle ſich Luft geſchafft hatten, legten ſich auch die Leidenſchaften in ſeiner Bruſt. — Nun wohl, mein Graf, begann er wieder, ſind Sie mit meiner Erklärung zufrieden? — Nicht vollſtändig. Vincenz warf einen kalten und gleichgültigen Blick auf ihn. — Sie haben mir die Urſachen Ihrer vielen Ver⸗ mummungen nicht erklärt. Die eiſige Kälte in Vincenzens Auge ging in un⸗ zweideutige Verachtung über. — Wenn Sie den Donner von Gottes Zorn über Ihrem Haupte dröhnen hören, Herr Graf, wenn Sie den Blitz aus dem Himmel herabſchießen ſehen, fragen Sie dann auch, warum die Wolke dieſe und keine andere Form hat, warum ſie mit dieſem und keinem anderen Wind dahin treibt? Adlerſtern blickte ihn gleichwohl noch zweifelhaft an. — Eine Sache haben Sie jedoch vergeſſen, erinnerte er, aber mit geſenkter Stimme, gleich als ſetzte er ſelbſt einen Zweifel in die Gebührlichkeit ſeiner Frage; Sie haben nämlich vergeſſen, mir Ihren Namen zu ſagen. 154 Vincenz lächelte. Sein Lächeln war zermalmend. — Für Sie, Herr Graf, heiße ich Weißenburg, Vincenz Pauletti oder Zamparelli; wie Sie am liebſten wollen. Elende Welt, fügte er dann gleichſam in einer Selbſtbetrachtung hinzu, du willſt immer einen Namen haben, um dich daran feſtzuhängen, gleich als wäre der Menſch allein nicht mehr werth, als der Schild, den das Taufbecken uns gibt, ohne jedoch ſeine Aechtheit verbürgen zu können. Sie verlangen einen Namen; ich habe Ihnen drei gegeben und Sie ſcheinen nicht zufrie⸗ den zu ſein. Nun wohl, ich werde Ihnen noch mehrere geben. Sehen Sie dahin und er deutete auf die Wand — ſehen Sie dort das Portrait... erkennen Sie es wieder?... nicht?... es iſt gleichwohl eine treue Copie von mirz ſo war ich in meinen jüngeren Jahren, wo ich noch Kräfte zu beſitzen meinte, um mit einer ganzen Welt zu kämpfen. So verwandelt uns die Zeit. Betrachten Sie dieſe offene und ſtolze Stirne, dieſe friſchen Lippen, dieſe muthigen feurigen Augen... Sie vergleichen das Alles mit mir... wahrhaftig die Zeit ſpottet der Vergleichung... meine Stirne iſt runze⸗ lig, meine Lippen bleich, meine Augen matt... der Kummer vollbringt, was die Jahre nicht auszurichten vermögen, und die Kunſt rettet vor gänzlichem Verfall ... nicht uns ſelbſt, ſondern nur ihr eigenes Werk, ein Bischen Farbe auf eine Leinwand... wahrhaftig ein großer Troſt für die Todten. Damit kehrte Vincenz dem Grafen den Rücken zu; dieſer betrachtete noch immer aufmerkſam das Portrait. Es war ein wohl ausgefuͤhrtes Oelgemälde und ſtellte einen Mann in einer, Adlerſtern unbekannten ausländiſchen Uniform vor, geſchmückt mit zwei polni⸗ ſchen Orden, dem Stanislausorden und dem weißen Adlerorden; die Decorationen waren jedoch mit ſchwar⸗ zem Trauerflor umgeben, und als der Graf nach der Urſache fragte, erhielt er die kurze Antwort: — Ich traure um mein Vaterland. 1⁵⁵ Vincenz ging einmal im Zimmer auf und ab; als er ſich wieder gegen Adlerſtern wandte, bemerkte man keine Spur von den ſtarken Gemüthsbewegungen, die ihn ſo eben erſchüttert hatten. — Jetzt zu den Depeſchen, wenn Sie es erlauben, Herr Graf. Aber Adlerſtern war auch ein Mann, wenn ſchon von Vincenz ungemein verſchieden. Die Depeſchen wa⸗ ren für ihn wichtige, im Vertrauen mitgetheilte Doku⸗ mente von der ſchwediſchen Regierung, und er wünſchte ſeinen Auftrag auf eine ſichere und paſſende Weiſe aus⸗ führen zu können. Adlerſtern hatte ſich bisher keine Mühe gegeben als politiſche Perſönlichkeit einige Bedeutung zu erhalten. Schwedens Verhältniſſe in dieſen Beziehungen waren ihm gänzlich unbekannt. Aber eben in ſeiner Unkennt⸗ niß ſah er eine dringende Aufforderung vorſichtig zu Werke zu gehen, zumal da die Sache, die man in ſeine Fände gelegt hatte, von der größten Bedeutung zu ſein ien. Zu ſeiner Verwunderung hatte er in der Depeſche ein Privatbillet von Reuterholm gefunden, der ihn auf⸗ forderte, Vincenz aufzuſuchen und ſich mit ihm zu be⸗ rathen, und gerade ſeine Verwunderung veranlaßte ihn, an ſich ſelbſt die Frage zu ſtellen, wer wohl dieſer Vin⸗ cenz eigentlich ſein möge. „Nach mehrtägiger mühſamer Nachforſchung gelang es ihm, die von der größeren Welt ſehr abgeſchiedene Wohnung auszumitteln, und um ſeine Abſichten nicht gar zu ſehr bloßzuſtellen, ſuchte er wie zufällig mit ihm in Berührung zu kommen. 5 Ohne den beſonderen perſönlichen Auftrag zu er⸗ wähnen, machte er gleichſam auf eigene Rechnung allerlei Bemerkungen, die zur Sache gehörten, berührte aber die Hauptſache ſelbſt nicht. Vineenz behandelte jedoch Adlerſtern mit Gleichgül⸗ tigkeit, bis dieſer von den aus Stockholm erhaltenen Depeſchen zu ſprechen anfing. Da wurde er Leben und Feuer; aber je wärmeres Intereſſe er zeigte, um ſo vor⸗ ſichtiger wurde Adlerſtern. Adlerſtern’s Liebe zu Louiſen hatte eher zu als ab⸗ genommen. Er hatte Gelegenheit gehabt ſie mit den Damen in mehreren Ländern zu vergleichen, und ihr Werth war dadurch nicht verringert, ſondern vielmehr vergrößert worden. Die Gleichgültigkeit, die ſie ihm fortwährend bewies, verwandelte jedoch die Liebe bei ihm ſozuſagen in ein unterirdiſches Feuer, welches lebte und zunahm, ohne ſich zu zeigen, und das, eben weil es ſich nicht zeigen durfte, den Frieden und die Ruhe ſeines Herzens verzehrte. So lange Döring oder, wie er ſich ſeit ſeinem Ab⸗ ſchied aus Schweden nannte, Wiljams als Rival an ſeiner Seite ſtand, brach ſeine Neigung in vulkaniſche Flammen aus. Nachdem er jedoch beſeitigt worden, 1 g fehlte dieſen vulkaniſchen Ausbrüchen ihr aufrührendes Element. Das Feuer brannte jedoch immer zunehmend in ſeiner Bruſt, obſchon ſein Aeußeres Ruhe verkündete. Bei der Ausfahrt des Hofes nach Capri war er zugegen geweſen. Gleich den übrigen Perſonen am Bord der Spielyacht, hatte er mit Intereſſe die kühnen Bewe⸗ gungen der von Wiljams commandirten ſalutirenden Schaluppe beobachtet; aber da es einem Rival galt, ſo ſah er ſchärfer als die Andern, und während dieſe in der wohlgelungenen kühnen Salutation nur den Beweis einer, bei einem Engländer gewöhnlichen, Originalität erblickten, entdeckte er, wer Wiljams war, und machte ſich allerlei Muthmaßungen über die eigentliche Urſache des Creigniſſes. Von dieſem Augenblick an flammte das Feuer von Neuem in ſeinem Inneren auf, und ſeine Pläne, die alle gleich kühn waren, aber einer gewaltſamer als der an⸗ dere, wurden einer um den andern verworfen. Sein Auge hatte in Wiljams einen engliſchen See⸗ offizier erkannt; Wiljams befand ſich alſo wieder auf 157 einer Bahn, die ihn früher oder ſpäter zu neuen Hoff⸗ nungen berechtigen konnte. Mit Schrecken erfüllte ihn auch der Gedanke, daß er möglicher Weiſe ſeine Eltern gefunden habe. Kühn und raſch zu handeln wurde alſo ſeine Auf⸗ gabe. Ein Gedanke flog dabei wie ein Lichtſtrahl durch ſeine Seele, der Gedanke, von ſeiner Bekanntſchaft mit Vincenz Gebrauch zu machen. Seine politiſchen und Privat⸗Abſichten liefen hier in einander. — Die Depeſchen, Herr Graf, erinnerte Vincenz. Adlerſtern ſchwieg und beſann ſich noch eine Weile. Er erblickte in Vincenz eine mächtige geniale Natur und war unſchlüſſig in Betreff der Art, zu Werke zu gehen. — Vielleicht verlangen Sie noch, daß unſre Unter⸗ redung in Gegenwart anderer Perſonen ſtattfinden ſoll, und wenn dieß der Fall iſt... Vincenz that einen Schritt auf eine der Seitenthüren zu. — Warten Sie indeß noch einen Augenblick. Er⸗ lauben Sie mir, zuvor einige Fragen an Sie zu ſtellen. — Haben Sie die Güte. — Haſſen Sie Armfelt? — Ja. Die Antwort war klar und deutlich. — Die ſchwediſche Regierung hat ihn gewiſſermaßen in meine Gewalt gegeben. — Laſſen Sie mich die Depeſchen ſehen. — Das ſollen Sie; aber zuvor noch eine Frage. Schützen Sie Döring noch immer wie früher? Vincenzens Stirne runzelte ſich. Er ſchien mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehen. — Ich verlange eine aufrichtige Antwort. — Hätten Sie mich geſtern darum gefragt, ſo würde ich Ihnen mit Ja geantwortet haben, jetzt aber antworte ich: nein. Döring und ich haben nichts mehr mit ein⸗ ander zu ſchaffen.. — Und ich kann mich auf Ihr Wort verlaſſen? — Bei der Hölle. 158 — Können Sie mir irgend eine, gleichviel welche Perſon verſchaffen, die mir blind gehorcht in Allem, was ich befehle? Vincenz warf einen durchbohrenden Blick auf Ad⸗ lerſtern. Dieſer bewegte ſich nicht. — Beabſichtigen Sie einen feigen Angriff gegen Döring? — Nein. — Alſo keinen Mord? — Nein. — Ich glaube Ihnen und verſpreche einen Mann zu ſchaffen. — Einen Mann, der mir gehorcht. Wohlan... wir können jetzt das Geſpräch in Gegenwart ſo vieler Perſonen fortſetzen, als Sie für nöthig halten. Ich habe einen Freund bei mir. Adlerſtern öffnete die Thüre, durch die er gekommen war, und nun trat ein Mann in ſchwediſcher Traban⸗ tenuniform ein. Es war Netherwood. Als Vincenz in demſelben Augenblick ebenfalls eine Seitenthüre öffnete, zeigte ſich drinnen ein Mann von überraſchendem Ausſehen. Die eine Hand auf einen Tiſch geſtemmt, hielt er in der andern eine Kugelbüchſe, während er mit zurück⸗ gelegtem Kopf die Decke anſtierte. Das Oeffnen der Thüre ſtörte ihn in ſeiner Hal⸗ tung nicht. Das Geſicht des Mannes war friſch und ſtark. Haar, Backen⸗ und Schnurrbart hatten eine glänzende ſchwarze Farbe. Ein finſteres, düſteres Feuer brannte in ſeinem Blick. Auf ſeinem Kopfe ſaß ein gelber Spitz⸗ hut, umgeben von rothen und blauen Bändern, die in Roſetten auf die Schultern herabhingen. Die Weſte war braun mit hellrothen Schnüren um den Hals und blauen Stickereien am Vordertheil, die unten am Gürtel ausliefen. Die Jacke war grün, mit rothen und weißen Bändern, die ineinander geflochten waren an den Nähten. 159 Blaue Kniehoſen und Sandalen um die Beine und Waden, mit ſymmetriſch gebundenen gelben Bändern befeſtigt, vollendeten ſeinen Aufzug. Ein brauner Man⸗ tel lag vor ihm nachläſſig auf den Boden geworfen. Das ganze Weſen des Mannes drückte Muth und Ent⸗ ſchloſſenheit aus. — Jetzt zu den Depeſchen, erinnerte Vincenz wieder. Adlerſtern übergab ſie auch ohne alle weitere Be⸗ merkung, und Vincenz durchſah ſie mit einem Intereſſe, das der Wichtigkeit des Inhalts entſprach und den Aus⸗ druck in ſeinem Geſichte veränderte. — Ueberlaſſen Sie alſo dieſe Angelegenheit mir? fragte er, als er zu Ende geleſen hatte. — Mit den Depeſchen habe ich die Sache auch in Ihre Hände gelegt und bin überzeugt, daß Sie das Ding beſſer zu beſorgen verſtehen, als ich. — Seien Sie ruhig. Die Angelegenheit iſt in guten Händen. Ich will Ihnen Etwas zeigen... Sehen Sie hier. Und er reichte ihm ein Schreiben, worin Adler⸗ ſtern mit Verwunderung eine Abſchrift ſeiner eigenen Depeſche erblickte. — Ich kann mir das nicht erklären. — Gleichviel. Schon vor vier Tagen lag dieſe Abſchrift in meiner Hand; wollen Sie noch mehr ſehen? Und er zeigte ihm dabei ein neues Schreiben. — Das iſt ein Befehl, den Abbé d'Heral und Vignes in Düſſeldorf zu verhaften. — Die Abſchrift eines Befehls, berichtigte Vincenz. Das Original iſt bereits an ſeinen Beſtimmungsort ab⸗ gegangen.. — Aber der Abbé d'Heral und Vignes ſind in Neapel. Ich ſah ſie geſtern Abend. — Sie verließen die Stadt heute früh. — Sie wiſſen mehr, als ich.. — Der Haß hat ebenſo aufmerkſame Augen wie 160 Kegdiehe Apropos, Sie haben Döring geſehen, ich weiß es. Vincenz erſchien dem Grafen immer unerklärlicher. Erſt jetzt begann Adlerſtern zu begreifen, daß dieſer Mfenai einen Einfluß von höchſt ungewöhnlicher Art eſaß. 4 — Sie haben mir geſagt, wer Sie ſind, und den⸗ noch ſind Sie mir unerklärlich. — Es kann Ihnen nicht Alles deutlich werden. — Und Armfelt's Sache... — Iſt meine eigene. Sie können Ihre Privat⸗ angelegenheiten ruhig beſorgen... Wann geht ein Bote nach Schweden ab? — Morgen; antwortete Netherwood. — Ich habe einen wichtigen Brief an Reuterholm, er wird auf den Abend fertig. — Sie haben zu befehlen, verſetzte Adlerſtern. Mein Freund Netherwood ſteht zu Ihren Dienſten. — und zu den Ihrigen der Mann da drinnen. — Sein Name? — Zamyparelli.. Das iſt ja Ihr eigener?. — Ich habe ihn von ihm entlehnt, wie Sie ihn jetzt von mir entlehnen. 1 Auf einen Wink von Vincenz näherte ſich Zampa⸗ relli, und nachdem ſie einige Worte mit einander ge⸗ wechſelt, trat er gegen Adlerſtern vor und warf ſeine Büchſe über die Schulter. — Befehlen Sie, verſetzte er ganz kurz, ich ſtehe zu Ihren Dienſten. Zamparelli war in Calabrien geboren und trug ſeine Nationaltracht. 161 Eine kurze Weile, nachdem Adlerſtern, Netherwood und Zamparelli ſich entfernt hatten, trat der Arzt ein. Mit klarer Einſicht in die ſchmerzliche Operation, der Vincenz ſich unterwerfen wollte, zog er ſeine Inſtru⸗ mente hervor und breitete ſie aus. — Sie haben Ihren Beſchluß nicht geändert? fragte er Vincenz. — Ich habe meines Wiſſens noch niemals einen wohlüberlegten Beſchluß geändert. Auch jetzt habe ich keine Urſache dazu. — Bereiten Sie ſich inzwiſchen auf den qualvollen Schmerz vor, ohne welchen die Operation nicht bewerk⸗ ſtelligt werden kann. — Ich bin vorbereitet. — Ohne etwas mit Sicherheit vorherſagen zu kön⸗ nen, ſehen Sie wohl ein, daß die Wunde leichter zu öffnen als zu heilen iſt. — Sie kann nicht ſchwerer zu heilen ſein, als die Wunde von der Kugel. — Allerdings nicht; aber in allen Fällen... Vincenz ſtreckte ſich auf einen Sopha aus und ent⸗ blößte ſeine Bruſt. Als der Arzt die, alte Wunde zu unterſuchen anfing, bemerkte er einen rothen Flecken an dem einen Rande derſelben. — Sie müſſen mich entſchuldigen, ſagte er, aber ich bin in Wahrheit unſchlüſſig, ob ich Ihren Wunſch erfüllen ſoll oder nicht. — Sie ſind unſchlüſſig? — Im Fall die alte Wunde unter der Haut noch nicht vollkommen geheilt wäre, ſo würde die neue die⸗ ſelbe nur aufbrechen, und Ihr Leben könnte in Gefahr gerathen. f — Sie ſind vorſichtiger als ich, Sie vergeſſen, da die Gefahr mich betrifft And nehi gie zeſen, daß — Die Gefahr? Allerdings, aber wenn Gefahr für Ihr Leben entſteht, ſo iſt die Operation ein Mord. Der Trabant. III. 11 16²2 — Cazal! rief Vincenz, ſchicke nach einem an⸗ dern Arzt. — Ach, mein Herr, fiel der Arzt ein, Ihr Ent⸗ ſchluß iſt alſo ganz unerſchütterlich? — Allerdings. — Ich bin einer der erſten Aerzte Neapels, und es wäre ein ſicherer Mord, wenn ich Sie anderen Hän⸗ den überließe. Ich werde thun, was ich kann; aber klagen Sie ſich ſelbſt an. Man ſollte glauben, daß die Natur, die im Ver⸗ lauf von Jahrtauſenden nach allen Richtungen durch⸗ forſcht worden iſt, auch gänzlich ausgeforſcht wäre, und gleichwohl finden heutzutage unaufhörlich neue Ent⸗ deckungen ſtatt, Entdeckungen„ deren Werth ſich mit denen aller vorhergegangenen Zeiten meſſen darf. So iſt es auch mit der Menſchenſeele, aus welcher der be⸗ ſtändig neu ſchaffende Strom der Bildung ausfließt, wie eine ganze wiſſenſchaftliche Formenlehre aus dem mathematiſchen Punkt. Noch immer werden neue An⸗ lagen und Kräfte, neue gewaltig wirkende Eigenſchaften an den Menſchen entdeckt. Aber es iſt nicht Alles bloß groß und edel, was in ihm arbeitet, ſondern Vieles iſt auch naͤrriſch, kleinlich und geringfugig. Um ein kräftiges Wollen und Streben ſchlingt ſich häufig die eine oder die andere Sonderbar⸗ keit wie eine Schmarotzerpflanze. Vincenz hatte die Veranlaſſung zu ſeinem Wunſche, ſeine bereits geheilte Bruſtwunde wieder aufreißen zu laſſen, Niemanden anvertraut, und man kann darin auch nichts Anderes als eine Sonderbarkeit ſehen. An der Seite jedes wirklich triftigen Vernunft⸗ grundes, den er angeben konnte, dürfte immer auch der Schatten einer Narrheit ſtehen. Laßt uns ihn noch einmal betrachten. Der Arzt unterſuchte die alte Wunde wieder, jedoch abſichtlich auf eine Art die einen ſtarken und ſtechenden Schmerz hervorbringen mußte; aber in Vincenzen's ³ 163 Geſicht veränderte ſich nicht ein einziger Zug. Es ſpielte vielmehr ein Lächeln in ſeinem Auge. — Sie lächeln, bemerkte der Arzt. — Ich liebe den Schmerz, antwortete Vincenz, denn er erinnert mich an... 3 — An die zerriſſenen Bande der Freundſchaft mit Baron Armfelt, ergänzte der Arzt, als Vincenz ſeinen Satz nicht vollendete. — Ganz richtig, er erinnert mich an Armfelt⸗ Der Arzt legte jetzt das Lanzett an und die Opera⸗ tion begann. — Sie leiden... Sie täuſchen ſich, ich genieße. — Ich ſpürte ein Zucken in Ihren Gliedern. — Mein rechtes Bein lag nicht gut und ich ver⸗ änderte bloß ſeine Lage. In Wahrheit bereitete die Operation Vincenz mehr Genuß als Leiden. Gewaltſame Leidenſchaften hatten in den letzten Tagen ſein Inneres qualvoll zer⸗ riſſen, und dieſes äußere Leiden lenkte jetzt ſeine Auf⸗ merkſamkeit von dem inneren ab: ſein Geſicht wurde auch immer ruhiger. Ddie Veränderung entging dem Blicke des Arztes nicht, und dieſer wunderte ſich immer mehr über den Mann, den er vor ſich hatte. — Sie ſind allzu vorſichtig, mein Herr, bemerkte Vincenz. Je ruhiger er ſich in ſeiner Seele fühlte, je lieber war ihm ein Schmerz, der bloß von einer äußeren Ur⸗ ſache veranlaßt wurde. Unter dem Einfluß einer Eitelkeit, von welcher ſelbſt die ſtärkſten Seelen ſich nicht ganz befreien kön⸗ nen, wollte er dem phyſiſchen Schmerz gleichſam trotzen oder wenigſtens mit ihm ſpielen. Err hielt die Gelegenheit für außerordentlich gün⸗ ſtig, um ſeine Seelenſtärke zu prüfen und zu ſehen, in welchem Grad er ſich zu beherrſchen eennzges 164 — Oeffnen Sie die Wunde noch tiefer, bat er. — Ich wage es nicht; das Lanzett iſt bereits den empfindlicheren Theilen nahe. — Tiefer, tiefer. Vincenz lächelte. Er hatte ſich lange nicht ſo glück⸗ lich gefühlt. — Ich bin neugierig, ſagte er, indem er dem Arzt in's Geſicht ſchaute, welche Empfindung ich haben würde, wenn Sie mit dem Lanzett in der offenen Wunde mir ganz unvermuthet erklären würden, Sie beabſichtigen, mich dr tödten. erſchrocken zog der Arzt dabei das Lanzett aus der Wunde und ſtarrte ſeinen Patienten an. 1— Welch' ein behagliches Gefühl! fuhr Vincenz ort. Das Blut rann jetzt aus der offenen Wunde. — Ich habe beinahe Luſt, Sie zu bitten, daß Sie die Güte haben möchten, mich zu tödten. Bleich und erſchrocken, beinahe zitternd trat der Arzt einen Schritt zurück. — Mein Gott, was habe ich gethan! rief er. — Was Sie gethan haben? — Wäre es möglich? Ha, es wäre ſchrecklich! — Ich ſehe Ihren Schrecken. Sollten Sie mich wirklich getödtet haben? i Der Arzt beugte ſich über Vincenz hinab und unter⸗ ſuchte den Ausdruck in ſeinem Geſichte. Während er ſich damit beſchäftigte, nahm ſeine Unruhe und Furcht immer mehr zu. Beinahe todesblaß ergriff er endli Vincenzen's Hand und begann den Gang ſeines Pulſes zu ſtudiren. — Wie befinden Sie ſich? fragte er. — Gut. — Sonderbar. Der Puls geht auch gleichmäßig — In demſelben gleichmäßigen Takt wie die Uhr. ach ſo ruhig, als läge er auf einem Vincenz ſpr ig 1 Roſenbett, umduſtet von erfriſchenden Wohlgerüchen. —, ie er 16⁵ — Sie erſchrecken mich, mein Herr. Wiſſen Sie, was Sie ſind? — Wenigſtens jetzt noch am Leben. — Ewiger Himmel! Ich ſchäme mich über meine Unkenntniß, ich ſchäme mich, daß ich mir jemals mit der eitlen Einbildung geſchmeichelt habe, ein leidlich ge⸗ ſchickter Arzt zu ſein; jetzt finde ich, daß ich nur ein Pfuſcher bin. Soll ich Ihnen ſagen, was Sie ſind? — Haben Sie die Güte. — Sie ſind wahnſinnig, mein Herr. 3 — Ein ſchnell vorübergehendes Zittern eilte bei dieſen Worten durch Vincenz Blick. — Wahnfinnig, ſagen Sie? — Ja, ja. — Nicht wahr, ich habe geſagt, daß ich auch ein wenig Arzt ſei? — Ganz richtig.. Der Arzt konnte ſeine Augen nicht von ihm ab⸗ wenden. — Haben Sie die Güte und nehmen Sie den Ver⸗ band hier, wie auch ein wenig Charpie, und geben Sie wohl Acht, ob ich den Umſchlag recht anlege. Mit einer Einſicht und Pünktlichkeit, welche den Arzt zur Bewunderung hinriß, bewerkſtelligte Vincenz den Verband. Es war unmöglich, zu bezweifeln, daß er ſich im vollen Genuß ſeiner Sinne befinde, aber um ſo unbegreiflicher erſchien er jetzt dem Arzte. Ge⸗ wöhnt, die Menſchen zu beurtheilen, fuhr er fort, in Vincenzen's Geſicht zu ſorſchen, um in ſeiner ſchweigen⸗ den, aber kalten Sprache das Wort des Räthſels zu leſen, das er vor ſich hatte. Bald fand er es auch, und es hieß nicht mehr Wahnſinn, ſondern Haß; aber wen er haßte, ſtand nicht darin zu leſen. Spoobald der Verband angebracht war, richtete ſich Wiocd auf, ſo unbekümmert, als ob nichts geſchehen wäre. An demſelben Tag verließ er ſein Quartier und 466 bezog nebſt Cazal daſſelbe Hotel, das Baron Armfelt bewohnte, und wo er ſchon vorher Zimmer gemiethet hatte. Dieſe Zimmer hatten denſelben Treppenaufgang und denſelben Corridor, wie die Wohnung Armfelt's. Während Wiljams vor dem königlichen Palaſt Schildwache ſtand, befanden ſich, wie der Leſer ſich er⸗ innern wird, in einer Equipage ganz nahe bei ihm, nur auf der andern Seite der Straße, zwei Damen, die mit einander plauderten. Die eine von ihnen war die Fürſtin Menzikoff, eine Ruſſin; die andere Mylady Munk, eine Engländerin. In der Liebe war Armfelt leichtſinnig, in der Po⸗ litik war er treu. Die Weiber waren im Allgemeinen für ihn nur Schachfiguren, mit denen er ſein politiſches Spiel betrieb. Ein großer politiſcher Zweck belebte alle ſeine ſpä⸗ teren Pläne und die ganze letzte Wirkſamkeit ſeines Lebens, ein Zweck, den er von Guſtav III als Erbe empfangen hatte, und dem er noch in ſeiner letzten Stunde treu blieb, ein Zweck, nach welchem Guſtav IV einige Zeit mit blindem Wahnſinn tappte, und den endlich Karl Johann XIV einigermaßen erreichte, der Zweck nämlich, an die Spitze der verbündeten nordiſchen Mächte gegen das empörte Frankreich zu treten und mit einer ver⸗ einigten Nordeuropäiſchen Armee die den Dynaſtien ge⸗ fährlichen Freiheitstheorien, deren Fahnen ſich ſiegreich im Süden ausbreiteten, auf einmal zu vernichten. Durch ſeine Liebe zu Mylady Munk öffnete ſich für Armfelt eine Bahn zu dem engliſchen Kabinet; durch ſein Liebesverhältniß mit der Fürſtin Menzikoff bahnte er ſich gleichfalls einen Weg zu dem Senat in Peters⸗ burg.. A ——— 1 8— 467 Armfelt wußte, daß das Weib eine Macht iſt, wenn es liebt. Am Fuße des Veſuv wurde der Traum von einem politiſchen Ausbruch im Norden zuerſt geträumt, und Armfelt träumte ihn da, während er vom reinſten Him⸗ mel beſtrahlt, von der klarſten Welle gekühlt wurde und in duftenden Orangenhainen ſeußzte. Aber es fand ſich dort auch noch ein anderer Veſuv, mächtiger als der Veſuv ſelbſt, und dieſer war eine Frau. Die Königin Marie Karoline fühlte mit der gan⸗ zen Kraft eines lebhaften leidenſchaftlichen Weibes ein Entſetzen vor dem Verbrechen, welches das franzöſiſche Volk gegen ihre Schweſter Marie Antoinette begangen hatte, und in ihrem Herzen ſchrie es laut um Rache. Träumte wohl Armfelt in der Nähe dieſes vul⸗ kaniſchen brennenden Weiberherzens nicht auch ſeinen Traum? die Geſchichte beantwortet die Frage nicht recht klar; ſie legt einen Finger auf ihre Lippen, während gleichwohl ein ſchalkhaftes Lächeln aus ihren Augen ſtrahlt. In Marie Karolinen's Hand lag immer der Schlüſ⸗ ſel zu den beiden Sieilien und zu Oeſtreich. Von wel⸗ cher Wichtigkeit war dieß nicht für Armfelt. Aber in dieſem weitausſehenden, kühn angelegten politiſchen Drama mußte nach Armfelt's Anſicht Schwe⸗ den nicht in der letzten, ſondern vielmehr in der erſten Reihe ſtehen und dabei nicht die Rolle eines Vaſallen, ſondern die eines Bannerführers ſpielen. Als ein noth⸗ wendiges Vorſpiel mußte jedoch die ſchwediſche Regie⸗ rung, an deren Spitze jetzt Reuterholm, ein als Ariſto⸗ krat und Demokrat gleich zweideutiger Charakter, ſtand, verändert und in Uebereinſtimmung mit dem Grund⸗ gedanken des Ganzen gebracht werden. Dieſe Vorarbeit nahm Armfelt, da er die Schwachheit des Herzogs Karl kannte, ganz cavalierement, und hoffte mit Englands und vor Allem mit Rußlands Einfluß auf diplomatiſchem Wege ſie ausführen zu können. Eine Demüthigung 168 wurde nicht dem Lande kaum dem Herzog zugedacht, den er ſogar in Folge der Ereigniſſe, die im Jahre 1789 ſtattgefunden hatten, für ſeinen Plan erkaufen zu kön⸗ nen glaubte; die Demüthigung ſollte nur dem Syſtem und Reuterholm gelten. In Guſtav Adolph IV glaubte er ſelbſt, wie über⸗ haupt das ganze Land, noch immer eine neue und zwar in gewiſſen Fällen verbeſſerte Auflage ſeines hohen Va⸗ ters zu erblicken.. Es liegt in der Natur aller vormundſchaftlichen Regierungen, daß ſie ſchwankend ſind; aber eine ſchwan⸗ kendere Herrſchaft als die Reuterholm'ſche hat es wohl kaum jemals gegeben. Armfelt wollte die Regierung durch Einſetzung Gu⸗ ſtav's in die Gewalt ſtärken und am Ende auch die Vor⸗ mundſchaft dadurch abkürzen, daß man Guſtav vor der Zeit als König ausrieſ. Der allgemeine Glaube an das Talent, den Verſtand und den Charakter des jun⸗ gen Monarchen rechtfertigte ſeine Abſicht. Das große politiſche Drama ſollte hernach beginnen, wobei ſein chevaleresker Geiſt Schweden zu einer Macht erſten Rangs ſich aufſchwingen ſah; und dieſer Gedanke, ſo übertrieben er ſchien, hatte dennoch ſehr viel für ſich, weil ein kaum beendigter Streit mit Rußland und Dä⸗ nemark die Stärke und den Kriegsmuth des ſchwediſchſn Volkes bewieſen hatte. Uebrigens waren Guſtav's IV Narrheiten und Napoleon's Größe Dinge, die kein Menech vorherſehen konnte. In der That ſelbſt iſt Armfelt's Traum in ſpäterer Zeit zur Wirklichkeit gereift, obſchon man wohl ſagen dürfte, daß er zu derjenigen Zeit und auf die Art aus⸗ geführt, wie Armfelt es ſich dachte, für Schweden ganz andere Ergebniſſe herbeigeführt hätte, als es jetzt der Fall war. Armſelt war auch der Einzige, der, als ſein Plan, obſchon unter ganz andern Umſtaͤnden, von Guſtay IV el — - —,-=zF—,-——,——2—— e-————— E AEG& 469 endlich erfaßt zu werden anfing, treu und mannhaft dem Könige beiſtand. Aber wir wollen den Ereigniſſen nicht vorgreifen, ſondern uns an diejenigen halten, die uns näher liegen. Durch eine lebhafte, beſtändig fortgeſetzte und weit verzweigte Correſpondenz erfuhr Armfelt Alles, was in Schweden vorging. Auf dieſe Art wurde er auch von den Fortſchritten der demokratiſchen Elemente daſelbſt, von dem Prozeſſe Thorild's, von mehreren unruhigen Bewegungen Seitens der Bürgerſchaft von Stockholm, von dem Beſtehen verſchiedener politiſcher Clubs allda, in Kenntniß geſetzt; ebenſo erfuhr er auch die meiſten verkehrten Maßregeln, die Reuterholm ergriff, z. B. die Einführung der Akkordsreglements, Verordnungen, die in Folge eines Mißwachſes, ſtatt die Kornpreiſe herab⸗ zudrücken, ſie bedeutend in die Höhe trieben; Ausnahms⸗ geſetze, die ein Prinzip verletzten, um Einzelne zu be⸗ günſtigen; die Einführung neuer, für den ſchwediſchen Krieger unpaſſender Militaͤrſtrafen; Beförderungen, die gar zu ſchnell waren, um gerecht ſein zu können; die Errichtung neuer Reichsämter, die zu drei Viertheilen das allgemeine Bedürfniß überſtiegen; die Verpachtung königlicher Domänen als Gnadenbrod für Günſtlinge u. ſ. w. Aber nicht genug damit: Reuterholm hatte auch ganz ſyſtematiſch ſeinen Plan entwickelt, durch Or⸗ densnarrheit, ſowie durch den damit in Verbindung ſtehenden Aberglauben kranker und ſchwacher Seelen den Herzog Regenten und den König in ſeinen Netzen zu fangen, und dieſelben auf dieſem Weg des Wahnſinns nicht bloß regierungsunfähig zu machen, ſondern auch die vormundſchaftliche Regierung in's Unendliche zu ver⸗ längern. Wir haben in einer vorhergehenden Scene den Ge⸗ müthszuſtand des Herzogs und des Königs zu ſchildern geſucht. Aber das Gerücht ging noch weiter. Als Arm⸗ felt noch in Deutſchland war, erzählte man daſelbſt, daß 170 Guſtav bereits abgeſetzt ſei, und in Italien flüſterte man von heimlichen Plänen gegen ſein Leben. Wir geben hier noch eine ſolche Erzählung, die uns im Manuſcript mitgetheilt worden iſt, ohne daß wir übrigens ihre Glaubwürdigkeit zu verbürgen wagen. Nachdem der Verſuch, Beweiſe für Guſtav Adolph's Wahnſinn zu erhalten, in Stockholm mißlungen war, wollte, ſo erzählt unſer Correſpondent, Reuterholm mit Aqua tofana, das in einem bekannten Kloſter zu Flo⸗ renz bereitet wurde, das Leben des Monarchen ver⸗ kürzen. Franz Piraneſt, ehemals Graveur und perſön⸗ lich liirt mit Reuterholm, der ihn zum Dank für ſeine beſtändigen Verfolgungen gegen Armfelt zuerſt zum Con⸗ ſul, ſodann zum Geſchäftsträger in Rom und endlich zum Ritter des Nordſtern⸗Ordens und ſchwediſchen Mi⸗ niſter daſelbſt unter dem Namen Chevalier Piraneſi machte, wurde beauftragt, das Gift anzuſchaffen. Arm⸗ felt, der von Neapel aus ein wachſames Auge auf dieſen Piraneſi hatte, entdeckte jedoch das Complott zur rechten Zeit, begab ſich nach Florenz und überredete den Mönch, gegen vierfachen Erſatz das Giftwaſſer ihm zu überlaſſen und ſtatt deſſen Piraneſi gewöhnliches Quellwaſſer zu übergeben. Dieß geſchah. Da Armfelt inzwiſchen an der Red⸗ lichkeit des Mönches zweifelte, ſo ſchickte er Peyron mit dem Giftwaſſer auf einem engliſchen Schiff nach Schwe⸗ den, wo er an einem kleinen ſchoniſchen Landungsplatz, Skepparkrok, an's Land geſetzt wurde. Von da wanderte Peyron bei Nacht nach Engeltofta, mit einem Brief an Sternſchwerdt, worin er aufgefordert wurde, ſich nebſt Peyron eilig nach Stockholm zu begeben, dem Grafen Gyldenſtolpe, Gouverneur Guſtav Adolph's, den Ver⸗ rath zu entdecken und ihn zu warnen, daß dem König kein Waſſer von fremder Hand gereicht werden ſolle. Das Giftwaſſer ſoll an einem Hunde und einem andern Thiere erprobt worden ſein, die auch davon ſtarben. 2 Se Seͤ—— 171 In dieſer Theilnahme, welche Peyron für den un⸗ mündigen König an den Tag legte, wird auch die Ver⸗ anlaſſung des Wohlwollens geſucht, das der König ihm ſpäter immer bewies, wie er derſelben auch ſeine ruſſi⸗ ſche und ſchwediſche Penſion zu verdanken hatte; ebenſo hatte die Güte des Königs gegen Sternſchwerdt, dem fr viele Beſuche machte, ihren Grund in dieſem Um⸗ and. Um das Gemälde zu vollenden, muß man ſich auch des ſchon früher erwähnten Umſtandes erinnern, daß alle älteren Freunde Guſtav's von ihren Aemtern entfernt und zerſtreut worden waren; daß man vor allen Dingen Armfelt mehrerer ſeiner früheren Auszeichnungen beraubte und ihm einen vom Vaterland möglichſt fernen Poſten übertrug; daß man endlich im Unwillen und Haß gegen dieſen Mann ſo weit ging, daß man ſeine Gemahlin zwang, ihre kaum erſt mit großen Koſten eingerichtete Wohnung im Oberſtatthalter⸗Hotel zu verlaſſen. In Schweden hatte ſich auch die öffentliche Mei⸗ nung immex mehr gegen das Reuterholm'ſche Syſtem und die Perſonen, womit dieſer den Thron umgab, aus⸗ geſprochen; denn dieſes Syſtem, das nur in Schwach⸗ heit und Eigennutz ſeinen Grund hatte, wurde auf eine Art durchgeſetzt, die zum politiſchen und moraliſchen Verderben der Nation führen mußte. Wir haben erwähnt, daß Armfelt auf diplomati⸗ ſchem Wege eine Veränderung des ſchwediſchen Regie⸗ rungsperſonals erzielen wollte und ſich deßhalb an die Kaiſerin Catharina von Rußland wandte, die ſeit dem ſchwediſcherſeits von Armfelt unterzeichneten Frieden in Wärele ſich immer freundſchaftlich gegen Schweden ge⸗ zeigt und nach Guſtav's III Tod ihre Freundſchaft auf deſſen Sohn übertragen hatte, wie ſie auch von dieſem Zeitpunkt an für Armfelt fortwährendes Wohlwollen an den Tag legte. In dieſer Abſicht ſchickte er auch den Abbé d'Heral und Vignes ab, um über Düſſeldorf nach 172 Petersburg zu reiſen, während Wiljams Befehl erhielt, ſie als Schutzwächter nach Rom zu geleiten. Armfelt hoffte ſehr viel von dem Plan, welchen dieſe Männer der Kaiſerin überbringen ſollten. Während er beſchäftigt war, eine damit in Verbin⸗ dung ſtehende, bereits unter der Preſſe befindliche Er⸗ klärung an alle europäiſchen Höfe durchzuleſen, hielt ein Wagen vor dem Hotel an, das er bewohnte. Höflich warf er all die ernſthaften Dokumente auf die Seite, als die Thüren ſich öffneten und die Fürſtin Menzikoff nebſt Mylady Munk eintrat. Das Leben in Italien iſt ſehr verſchieden von dem Leben im übrigen Europa, beſonders wenn man es mit den nördlichen Ländern vergleicht. Unter anderm ſind die Abſtände zwiſchen den beiden Geſchlechtern hier weit kürzer als bei uns. Die glühende Sonne ſchmelzt die Eisrinde ſpröder Convenienz. Hier wachſen Roſen zwi⸗ ſchen den Herzen. Nicht unter einem mit Schneewolken bedeckten, ſondern unter einem warmen und brennenden Himmel entwickeln ſich die Verhältniſſe zwiſchen den Geſchlechtern; auch beſuchen Männer und Frauenzimmer einander weit freier als bei uns. — Wir kommen, Baron, um ſelbſt zu ſehen, ob Sie die wichtige Arbeit jetzt vollendet haben, welche Sie geſtern Abend verhinderte, bei uns zu bleiben, begann die Fürſtin Menzikoff lächelnd, indem ſie eintrat; ich meine jene Arbeit, von der die Zukunft ganz Curopa's abhängt, und von der Sie geſtern ſo ſchön ſprachen. Armfelt's prüfender Blick entdeckte ſogleich, daß ſie irgend eine Bosheit gegen ihn im Schilde führten. — Wir Maͤnner, meine Damen, antwortete er aus⸗ weichend, ſind nicht die Herren unſerer Zeit, nur die Damen ſind ſo glücklich, frei über die ihrige verfügen zu können. Ich habe gearbeitet und zwar ſtreng gear⸗ beitet, um Ihnen heute ungeſtört meine Aufmerkſamkeit widmen zu dürfen, aber... 3 — Sie täuſchen ſich, Baron, oder vielmehr Sie 20 178 ſcherzen, fiel Mylady Munk ein, die ihren kleinen Zorn nicht länger zurückzuhalten vermochte, wir wiſſen, was Sie geſtern Abend thaten. Dieſe Worte, noch mehr aber die Art, wie die Lady ſich ausdrückte, überzeugten Armfelt, daß ſie bereits wußten, daß er nicht zu Hauſe geweſen war. — Sie ſollten mein Abenteuer kennen? ſcherzte er. Ach Sie ſind nicht bloß allmächtig— und er legte ſeine Hand auf's Herz— ſondern auch allwiſſend. Er wollte ſie verlocken, herauszuſagen, was ſie wüßten. — Und wenn es ſo wäre? — Was unméglich iſt, iſt nicht möglich, antwor⸗ tete er. — Als ſie uns verließen, erwartete Sie, ſo lautete wenigſtens Ihre Verſicherung, eine anhaltende Arbeit; gleichwohl waren Sie um elf Uhr draußen— ſie drohte ihm mit dem Finger. — Allein und zu Fuß. Sie ſchweigen! 7 In einen Mantel gehüllt. Sie ſind ein Zug⸗ vogel. 8— Am Arſenaldamm ſchlugen Sie ſich rechts. Krumme Wege ſind Ihre ſchwache Seite. — Und Sie gingen durch die Thüre unmittelbar an der Ecke in den Palaſt hinein. Was machten Sie da? — Weiter, meine Dame, weiter! — Weiter! Und dieſe Dame! dieſes blaue Kleid?2 — Was für eine Dame? — Die Dame, deren Wagen einige Minuten vor Ihrer Ankunft an derſelben Thüre anhielt. — Wirklich? — Ihre Augen klagen Sie an. — Da hilft es alſo nichts, wenn meine Zunge mich vertheidigen will; aber die Damen deuten das Augen⸗ ſpiel der Männer häufig gerade ſo... — Gerade ſo... — So wie der Teufel die Bibel auslegte. — Pfui, Herr Baron! wir ſcherzen nicht. — Die Damen ſcherzen nie. Sie lieben den Scherz wie ein Höfling die Wahrheit... wie ſie einen Che⸗ mann lieben. — Sie ſind boshaft. — Gott bewahre mich; ich habe nicht geſagt, daß ſie ihren Anbeter mehr lieben, als ihren Plagegeiſt. — Die Damen ſind aufrichtig. — Wie die Schminke. Sie lügt niemals, ſie be⸗ wahrt bloß ein Geheimniß. — Geſtehen Sie indeß, daß Sie uns geſtern Abend betrogen haben, und verſuchen Sie es noch länger mit uns zu ſcherzen; wir ſind zwei gegen einen. rmfelt wußte, daß er alles Mögliche, ſelbſt das Schlimmſte geſtehen konnte, wenn er ihnen nur zu glei⸗ cher Zeit eine Artigkeit ſagte, wodurch ſie überzeugt wurden, daß er ſie jetzt noch mehr verehre als früher. — Sie irren ſich abermals, meine Damen, es wäre mir eben ſo unmöglich, Sie zu hintergehen, als mit Ihnen Scherz zu treiben. Ich geſtehe alſo, daß ich geſtern Abend ungefähr um elf Uhr in den Palaſt ging. — Und dieſe Dame? Der Leſer dürfte einſehen, daß Armfelt nicht wiſſen konnte, ob irgend eine und welche, vor ihm in den Pa⸗ laſt gegangen war. — Dieſe Dame.. ich weiß nicht, ob ich es wa⸗ gen darf, Ihnen anzuvertrauen, wer ſie war; das muß noch ein Geheimniß bleiben. — Wir ſind verſchwiegen wie eine Mauer. — Ein Geheimniß... erzählen Sie, erzählen Sie. — So will ich's Ihnen denn anvertrauen... Sie wiſſen vielleicht auch von dem Straßenkampf, der ſtattfand. — Ja damit hat es ſeine Richtigkeit. Wir trafen ſo eben den General Acton. Die Polizei iſt in Bewe⸗ gung... man iſt ſogar den Angreifern bereits auf der Spur. 1 22 — 0—,+SͤSͤAGA d ocd ——, ₰ N 175 — Sehen Sie, daß ich aufrichtig bin. — Aber die Dame, die Dame.. Sie wollen das Ding verſchwazen... die Dame? 3 — Sie verſprechen mir doch Stillſchweigen, nicht wahr? Sie betheuern es bei... — Wir verſprechen, wir verſprechen. — So will ich es Ihnen ſagen, wer ſie war. Die Dame war eine... eine... eine Handſchuhmacherin. — O, Sie wollen uns wieder zum Beſten halten, eine Handſchuhmacherin... — Auf den Geſichtern der beiden Damen ſtand Mißvergnügen und Zweifel deutlich zu leſen. Die Lady gab inzwiſchen der Fürſtin einen Wink, ihn fortfahren zu laſſen, um zu ſehen, wie weit er es treiben würde. Sie wundern ſich, meine Damen; aber das Mäd⸗ chen iſt und bleibt eine hübſche kleine Handſchuhmache⸗ rin, mit der ich ein Rendezvous verabredet hatte... von meiner Abſicht dabei werde ich ſpäter ſprechen... Kaum hatte ich jedoch das artige Kind getroffen, als ein Haufe von bewaffneten Schlingeln mich juſt in dem Augenblick wo ich das Schloß verlaſſen wollte, angriff. — Sie angriff... Acton hat auch davon ge⸗ ſprochen. — Mich angriff und zwar unter Anführung des Bräutigams der Kleinen, eines eiferſüchtigen, wahnſin⸗ nigen, wilden Jungen. — Jungen, ſagen Sie; auch jetzt muß ich lachen. Wiſſen Sie, wer es war, der Sie angriff? „Armfelt wurde aufmerkſam, nicht bloß weil er fürchtete auf die Finger geklopft zu werden, ſondern auch weil ſein Intereſſe dabei mit ins Spiel kam, und weil er ahnte, daß die Sache ihn wirklich näher angehe, als er hatte geſtehen wollen. — Sollten Sie ihn kennen? — Aceton ſagte uns, er habe von den Unruhſtiftern bereits ſo viel herausgebracht, daß ſie von einem gewiſ⸗ ſen Zamparelli angefuͤyrt wurden. 176 — Zamparelli... kann nicht der Bräutigam des Mädchens ſo heißen? — Möglicherweiſe; aber dieſer Zamparelli war, allen bereits eingeholten Notizen zu Folge, ein älterer Mann, der ſich beinahe wie ein Mönch kleidete. Der Angriff war auch nur gegen Ihre Perſon gerichtet, Herr Baron, merken Sie ſich das wohl, nur gegen Ihre Perſon, indem der alte Mann nach der Ausſage der Verhafteten, Ihnen den bitterſten Haß geſchworen haben ſoll. Die Abſicht war, Sie lebendig zu fangen und Sie dann vielleicht am Spieß zu braten, was weiß ich? Und die beiden Damen lachten recht herzlich; Arm⸗ felt jedoch ſchien von einem ſchwermüthigen Gedanken erfaßt zu werden. — Geſtehen Sie, fiel die Fürſtin ein, daß Sie uns hintergehen wollten. Ein ſchönes Mädchen läßt ſich von einem griesgrämigen Alten nicht lieben. Ach mein Gott; welch ein närriſches Märchen Sie uns aufzubinden ge⸗ dachten! Sie ſchweigen. Dießmal waren Sie minder erfinderiſch. — Aus Ihrer Miene erſieht man, begann die Lady wieder, daß Sie wenigſtens keine Luſt hätten, ſich am Spieße braten zu laſſen. Tröſten Sie ſich inzwiſchen, Herr Baron, tröſten Sie ſich... denn, trifft dieſer Fall Bien ein, ſo verſprechen wir Ihnen Kühlung zuzu⸗ ächeln. Armfelt hatte bereits geahnt, daß der Angriff auf der Straße ihm allein gegolten habe; die Gewißheit dieſes Umſtandes ſchmerzte ihn. Aber von welcher Seite ging der Angriff aus? Vielleicht von Piraneſi als dem Geſandten Reuterholms oder— jetzt ſtieg ein anderer Gedanke in ihm auf— vielleicht von Vincenz. Er wußte, daß er keine andere Feinde hatte. — Sie vergeſſen Ihre Geſchichte... jedenfalls fahren Sie damit fort. Eine Handſchuhmacherin ſagten Sie! Obſchon Sie mit Ihrer Auslegung von Zamparelli's — 177 Eiferſucht kein Glück gemacht haben, Herr Baron, ſo dürfte es doch vielleicht mit Ihrer Handſchuhmacherin beſſer glücken, fahren Sie nur fort. Armfelt ſtrich mit der Hand über ſeine Stirne, wo auf einen Augenblick ein Schatten ſich gelagert hatte, und lächelte jetzt wieder. — Laſſen Sie mich ſehen, wo war ich doch? — Sie hatten ein Rendezvous mit ihr verabredet. — Ganz richtig. Es iſt ſo... aber wenn ich mich Ihnen anvertraue... 3 — So verrathen wir Sie nicht,... fahren Sie nur fort. — Die Sache iſt die, daß ich zwei Damen von ausgezeichneter Schönheit und unausſprechlichem Liebreiz bewundere, abgöttiſch verehre, ja bis zum Wahnſinn anbete. — Sie erſchrecken uns. — Beklagen Sie mich; ich liebe Beide, ich würde in den Tod für ſie gehen... aber ich weiß nicht, welche von Beiden ich am meiſten liebe. Iſt das nicht ein Unglück? Die Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk ſahen einander betroffen an. — Und dieſes Bekenntniß machen Sie uns? — Warum denn nicht? Sie haben mich Ihrer Freundſchaft verſichert und ich glaube daran. Hören Sie jetzt, welchen Einfall ich hatte. Vor ein paar Ta⸗ gen wurde ich im königlichen Palaſte auf Schidoni's meiſterhaftes Gemälde, das Mitleid, aufmerkſam. Die Anmuth des Geſichtes nahm mich ein, die Milde im ganzen Weſen bezauberte mich, ganz beſonders aber wurde ich zu inniger Bewunderung hingeriſſen, als ich die zierlichen, weichen, wahrhaft ſchönen Hände der jung⸗ fraͤulichen Geſtalt näher betrachtete. Correggio's Geiſt ſchien bei dieſer Zeichnung Schidoni's Pinſel mit Zau⸗ berkraft erfüllt zu haben, und das Blut in den feinen Adern war ſo rein wie das Licht. Welche Schönheit Der Trabant. III. 12 478 läßt ſich wohl auch mit einer zierlichen Damenhand vergleichen? Von allen Arten von Anmuth entzückt mich eine anmuthige Hand am meiſten. Das iſt auch natür⸗ lich; dieſe Hand wird uns koſen, ſie wird uns leiten ... wenn die Hand nicht graziös iſt, was iſt dann alles Andere? Eiferſucht und Unruhe ſpiegelten ſich immer deut⸗ licher in den Geſichtern der beiden Damen. — Mögen Sie mir verzeihen, meine Damen, aber von einem unwiderſtehlichen Verlangen getrieben, küßte ich dieſe aus Blumenduft gewobene Hand. Hätte das Bild Leben gehabt... oh, ich hätte mein Knie ge⸗ beugt und..— — Und vielleicht wohl gar das Mitleid geheirathet. Wahrhaftig eine paſſende Gattin, wenn man alle Ihre Thorheiten in Betracht zieht. — Ich hätte die Kniee gebeugt und ſie um Erlaub⸗ niß gebeten, ihre Hand an mein Herz zu drücken; aber jetzt, meine Damen, iſt zu bemerken, daß die zwei Da⸗ men, von deren Liebreiz und Schönheit ich, wie von zwei gleich mächtigen Magneten angezogen werde, ebenfalls Hände haben, die ihre Form aus Correggio's Seele und ihr Blut aus ſeinem Herzen in einem ſeiner ſchönſten Augenblicke der Begeiſterung entlehnt zu haben ſcheinen Ich ſtellte auch die Frage an mich, welche von ihnen die ſchönſten, die kleinſten Hände beſäße? Ihr, nur ihr wollte ich in Zukunft meine Huldigung reichen. — Ihr Vertrauen zu unſerer Freundſchaft muß in der That groß ſein; ſolche Bekenntniſſe macht man ſonſt nicht zwei Damen. — Wenn ich nicht Mitleid mit Ihnen hätte, be⸗ merkte die Andere, ſo würde ich mich über Sie erzürnen. — Ich beſtellte eine Handſchuhmacherin, fuhr Arm⸗ felt fort, und ſie maß mit erſtaunlicher Geſchicklichkeit alle Dimenſionen der kleinen Hand; ſehen Sie hier das Reſultat ihrer Arbeit. Und Armfelt zog einen kleinen Handſchuh hervor, 179 den er, in ein kleines Papier gewickelt, in ſeiner Bruſt⸗ taſche trug. 3 3 jhe Welche feine und elegante Arbeit! rief die Fürſtin. 11 — Welch' eine unbeſchreiblich kleine Hand! bemerkte Mylady.. — Ich gedenke auch dieſen Handſchuh den beiden Beherrſcherinnen meines Herzens zu präſentiren, und vor Derjenigen, für deren Hand er paßt, werde ich künf⸗ tig einzig und allein meine Kniee beugen. Und wer ſind dieſe Damen? — Sie müſſen uns ſagen, wer ſie ſind. Die Heftigkeit, womit dieſe Fragen geſtellt wurden, bewies deutlich genug, was im Innern der zwei Schö⸗ nen vorging. 3 — Wer? ſiel Armfelt ein, wie können Sie mich fragen, wer? — Warum nicht? Sie müſſen es ſagen. — Allerdings muß ich das. — Wer ſind alſo dieſe abgöttiſch verehrten, dieſe angebeteten non plus ultra-Damen. 2 — Wer anders, meine Damen, als Sie ſelbſt. Die Fürſtin und Mylady ſahen einander verwun⸗ dert an. 15 Haben nicht Ihre Herzen es Ihnen bereits ge⸗ agt? Sie errötheten. — Hat nicht der Spiegel Ihnen tauſend Mal die Macht Ihrer Augen anvertraut? Sie lächelten. — Hat nicht mehr als ein Mann es Ihnen auf ſeinen Knieen geſtanden? Sie ſeufzten. — Aber ich bitte, probiren ſie jetzt dieſen kleinen Handſchuh. Erinnern Sie ſich an mein Verſprechen oder, wenn Sie wollen, an meinen Eid. Der Handſchuh wurde probirt; er paßte ihnen beiden. — Was ſoll ich wohl thun? Sie beide anbeten? Wohlan ſo theilen Sie dann mein Herz und meine Seele unter ſich. 3 Und er ſah die Fürſtin an. — Er liebt mich, dachte ſie. Und er lächelte gegen Mylady Munk. — Er liebt mich, dachte auch ſie. 3 Und er liebte ſie wirklich, er heuchelte ſeine Artig⸗ keit gegen ſie nicht, obſchon er ſie berechnet hatte. Sein warmes und reiches Herz vermochte eine ganze Welt von Frauen zu lieben. 3 — Der Himmel beſtrafe ihn, dachten Beide, wenn er uns betrügt. Die Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk hatten Armfelt beſucht, weil ſie ihn überreden wollten, an Vir⸗ gil's Grab mitzukommen, wohin, wie ſie erfahren hat⸗ ten, Fräulein Louiſe Poſſe einen Ausflug beabſichtigte. ie weibliche Eitelkeit verleitete ſte jedoch, ihn ſogleich wegen ſeines vermeintlichen Leichtſinns anzugreifen, ob⸗ ſchon ſie das Unglück hatten mit ihren eigenen Waffen geſchlagen zu werden. Nichts deſtoweniger behielten ſie ein gewiſſes Mißtrauen bei und wünſchten ihn mit Louiſen zuſammen zu ſehen. Armfelt konnte inzwiſchen nicht mitgehen, weil er wichtige Arbeiten zu vollenden hatte, aber er verſprach, bald nachzukommen. Damit zufrieden, verließen ſie ihn und machten ſich auf den eg, um Louiſe auf ihrer einſamen Kunſtreiſe zu über⸗ raſchen. Sobald Armfelt ſeine Arbeit vollendet hatte, verlangte er ein Reitpferd, um ihnen nachzueilen. In dem Augenblick, als er ſeine Zimmer verließ, begegnete er in der Hausflur Vincenz, der in einem Tragſeſſel getragen wurde und eben jetzt im Begriff aand, ſeine neue Wohnung zu beziehen. Armfelt er⸗ kannte ihn ſogleich, obſchon er abgefallen und kränklich ausſah, ſo daß er beinahe einem Sterbenden glich. Der Argwohn, daß Vincenz die gegen ihn gedungenen n? eele ig⸗ ein elt nn ten ir⸗ at⸗ te. ch b⸗ en ſie it en en it en ⸗ 7 — F———— 181 Mörder angeführt haben könnte, verſchwand beim An⸗ blick ſeiner beklagenswerthen Lage. — Ich komme, um in Ihrer Nähe zu ſterben, ſagte Vincenz, indem er Armfelt begrüßte, um an der unheil⸗ baren Wunde zu ſterben, welche Sie mir verſetzt haben. Mein Gott, wie ich leide! Tragt mich in mein Zimmer ... ſachte... jede heftige Bewegung ſchmerzt mich. Ihr Gewiſſen, Baron, wird einmal mein Leiden rächen. Armfelt empfand eine lebhafte Theilnahme für den Leidenden und begleitete ihn auf ſein Zimmer. Vorſichtig legte man Vincenz auf das Bett. Der Schmerz verzerrte ſein Geſicht, die Leiden bleichten ſeinen ſonſt feurigen Blick. — Seit Ihre Kugel mich traf, bin ich vergebens in Europa umhergeirrt, um Hülfe zu finden. Ach, Ba⸗ ron, Qualen und Leiden haben mich ſtündlich an Sie erinnert. Gott wird Ihnen kaum all' das Leid verzei⸗ hen können, das Sie mir zugefügt haben. Armfelt wollte ihn troͤſten, aber er erſuchte ihn, ſich zu entfernen. Noch in der Thüre hörte Armfelt das Gewinſel des Kranken, das ihm Gewiſſensbiſſe erregte, die er vorher nicht gekannt hatte. Aufgeregt von dem unerwarteten Zuſammentreffen, warf ſich Armfelt auf ſein Pferd und eilte mit Windes⸗ ſchnelle dahin. Kaum war Vincenz allein, ſo hob er ſein Haupt vom Bette und blickte mit finſterer Stirne um ſich. — Cazal! rief er, während er mit einer haſtigen Bewegung, die von der beſten Geſundheit zeugte, vom Bette aufſprang, in Baron Armfelt's Dienſt befindet ſich ein Kammerdiener, Namens Drvonz Du mußt hinab⸗ gehen und ihn erſuchen heraufzukommen. Aber Cazal entfernte ſich nicht, ſondern trat näher zu Vincenz.. — Gnädiger Herr, ſtammelte er. — Was willſt Du ſagen?2 — Ich habe Ihnen ſeit meiner Jugend gedient. — Nun? — Meine Treue iſt erprobt, meine Ergebenheit un⸗ geheuchelt. — Was meinſt Du damit? — Ich habe Sie als Kind auf meinen Armen ge⸗ tragen. Ich habe Freud und Leid mit Ihnen getheilt, ich habe Sie noch nie einen Augenblick verlaſen. — Faß Dich kürzer. Auf was zielſt Du ab? — Verzeihen Sie mir nur eine einzige Frage: Was beabſichtigen Sie zu thun? Sie wolha ſich viel⸗ leicht an Baron Armfelt rächen; Sie haben Urſache, ihn zu haſſen... aber haben Sie deßhalb auch das Recht, ſich zu rächen? Die Gerechtigkeit ſteht nur Gott lu. Wir ſtehen alle Beide am Rande des Grabes, pllten wir nicht weit eher verzeihen und Verzeihung erbitten, als daß wir uns rächen? Sie runzeln Ihre Augenbrauen, aber ich weiß, daß Ihr Herz edel iſt und ich kann Ihren Zorn nicht fürchten. Noch einmal, was gedenken Sie zu thun? Vincenzen's Geſicht hatte einen drohenden Ausdruck angenommen, aber er antwortete nicht ſogleich, ſondern ging im Zimmer auf und ab. Es war das erſtemal, daß Cazal ſich eine Bemer⸗ kung gegen ſeinen Herrn erlaubte. Wie das Gewiſſen ſehr häufig ſchweigt bis zu dem Augenblick, wo die Leidenſchaften uns zu dem Anfang eines großen Ver⸗ brechens geführt haben, aber juſt dann ſeine warnende Stimme um ſo lauter erhebt, ſo hatte Cazal bisher geſchwiegen, und ſo ſprach er auch jetzt. Er beſaß keine Beredtſamkeit, aber ſeine Bemerkung war richtig, und er hatte ſie mit rührendem Ernſte ausgeſprochen. Sie drang auch tief in Vincenzen's Bruſt, und eine einſame Thräne fiel wie ein klarer und kalter Eistropfen aus ſeinem Auge. — Alter Freund, ſagte er, während meines ganzen wechſelreichen Lebens biſt Du der Einzige, der mir treu geblieben iſt. Dir, nur Dir allein ſchulde ich auch eine ——-de-— 82&⏑ 183 ehrliche Erklärung. Antworte mir indeß zuerſt auf eine Frage: Weſſen Geſchäfte glaubſt Du, daß der Menſch verrichtet, wenn er das Böſe beſtraft und das Gute belohnt? — Die Geſchäfte Gottes. 1 4 — Darin liegt auch meine Erklärung, und ich will bloß einige Worte hinzufügen. So lange das Heiden⸗ thum beſtand, gehörte die Sache zu den natürlichen Geſellſchaftsbegriffen, um nicht zu ſagen, Geſellſchafts⸗ rechten jedes Einzelnen. Das Chriſtenthum veränderte das Verhältniß. Es übertrug die Rache der Geſellſchaft, dem Geſetz, und legte dem Einzelnen nur die Verpflich⸗ tung auf, über die Heiligkeit des Geſetzes zu wachen. In der Wirklichkeit ſelbſt beſteht alſo die Rache noch, aber unter dem Namen einer öffentlichen Strafe. Der Unterſchied iſt ſehr groß, eigentlich aber doch kein an⸗ derer, als daß das Gutdünken das Schwert der Strafe in die Hand des Heiden legte, während die öffentliche Prüfung, d. h. die allgemeine Vernunft, jetzt die Strafe nach der Beſchaffenheit des Verbrechens abwägt und das Schwert in die Hand der Geſellſchaft legt. Das Chriſten⸗ thum predigt in der Rache Gerechtigkeit, allgemein ſtra⸗ fende Gerechtigkeit, und dieſes Recht kommt dem Ein⸗ zelnen nur dann zu, wenn es mit dem Rechte der All⸗ gemeinheit übereinſtimmt; Du verſtehſt mich? — Ach ja, ich verſtehe Sie und bitte um Verzeihung, daß ich es wagte... — Höre mich zu Ende. Jedermann iſt bis zu einer gewiſſen Zeit Heide. Eigentlich wird man erſt mit den Jahren Chriſt, und erſt nachdem die jugendliche Hitze, geprüft in den Kämpfen des Tages, ſich gelegt hat. So lange das Heidenthum noch in unſerer Seele iſt, folgen wir auch der Neigung, nach dem Schwerte zu greifen und unſere Sache ſelbſt auszufechten. Ich habe viel erlebt, mehr als die meiſten Menſchen, aber mein ganzes Leben hat mich doch nicht ſo viel gelehrt, wie ein einziger Augenblick, ein Augenblick, wo ich zuletzt fand, daß ich vergebens gelebt habe, wo meines Lebens ſchönſte Hoffnung in meinem Herzen erſtarb, wo ich fand, daß ich ganz allein in der Welt ſtehe. In dieſem Augenblick hatte ich den Tempel Gottes auf Erden einreißen und von Neuem die ſtarren Lehren des Heidenthums verkündigen mögen; aber ſtatt deſſen iſt Gott in meine Seele hinabgeſtiegen und hat den Tem⸗ pel des Heidenthums in meinem Herzen eingeriſſen. Ich bin mit mir ſelbſt zu Gerichte gegangen und habe efunden, wie ſchwach ich war, auch als ich mich ſtark ühlte. Selbſt meine Stärke iſt ein Erzeugniß meiner Schwachheit geweſen. Meine Handlungen ſind unauf⸗ hörlich auf einen Stein des Anſtoßes gerathen, wie wenn ihn die Vorſehung ſelbſt auf meinen Weg gewor⸗ fen hätte. Ein augenblickliches Nachdenken hat mich verändert. Jetzt weiß ich nicht bloß, was ich will, ſon⸗ dern ich kenne auch den Weg zum Ziele. 3 — Ich verſtehe Sie nicht, gnädiger Herr. — Ich habe den Gedanken aufgegeben, ſelbſt die Rache zu vollziehen, die mein Haß mir vorgeſchrieben hat. — Und... und.. Cazal blickte ihn beinahe erſchrocken an. 6— Ich werde ihn der Strafe der Geſellſchaft, der öffentlich ſtrafenden Schande überliefern. Hal ich habe mich an Etwas erinnert, was ich ihm einmal prophe⸗ zeite. Es ſoll in Erfüllung gehen und ich werde ihn zum Schaffot führen.. — Um Gotteswillen, Herr, das Chriſtenthum be⸗ fiehlt uns, einander zu verzeihen und uns zu verſöhnen. — Die Geſellſchaft beſiehlt uns, die Verbrecher zu beſtrafen. — Und er hat... — Er hat Verbrechen. gegen die Geſellſchaft be⸗ gangen. — Herr, Herr, Sie ſtürzen ſich in's Verderben. — Sag' dem Droon, er ſolle heraufkommen. — Auf meinen Knieen bitte ich Sie, dieſen neuen ———— 18⁵ Weg zu verlaſſen. Sie brauchen ja den Namen der Geſlllichaft bloß als Schleier für Ihren Privathaß. — Geh! — Hören Sie mich, Herr, hören Sie mich! — Gehorche. — Sie gebrauchen das Chriſtenthum bloß als ein Chorgewand für Ihre Privatrache. Bednl ich verſpüre, daß Gewitterluft in meiner Seele iſt. Gehorche mir, ehe der Blitz ausbricht. — Mögen Sie mir verzeihen können, was ich ſage: aber ich bin aufgeregt und die Ergebenheit legt die Worte auf meine Lippen. Vincenz konnte ſich des Eindruckes nicht erwehren, den die Worte des Alten auf ihn machten. — So ſprich denn, Cazal, im Fall Du noch Etwas zu ſagen haſt. — Sie ſind heftig und leidenſchaftlich, Herr, aber in der That ſelbſt ſo gut... — Sage... weich. — Bisher habe ich Sie zu verſtehen geglaubt, gnädiger Herr, aber Sie werden immer dunkler und unbegreiflicher. Sie haben heute eine Wunde aufbre⸗ chen laſſen, die Ihnen ſo viele Leiden bereitet hat, be⸗ vor ſie geheilt war. Herr, warum ſo handeln? Wollen Sie ſich ſelbſt tödten? — Dunkler, unbegreiflicher? Verlangſt Du wohl zu verſtehen, warum Donner in der Tiefe des Veſuvs rollen, warum das Feuer darin brennt, warum ge⸗ waltſame Kräfte im Schooße der Erde raſen 2 — Gnaädiger Herr! — Ihr wollt den Kampf der Leidenſchaften im Herzen des Mannes verſtehen und ihr verſteht euch ſelbſt nicht. Warum ich die Bruſtwunde aufgeriſſen habe, fragſt Du? Ha, Du vergiſſeſt den nächtlichen Angriff, Cazal. Mit dieſer von Armfelt verſetzten Wunde wird kein Verdacht auf mich fallen. Armfelt ſelbſt wird für mich zeugen können. — Sie haben Recht... — Es freut mich, daß Du mir Recht gibſt. Ver⸗ ſteh' mich jetzt auch vollkommen. Nur als Sterbender, d. h. als Sterbender in den Augen Anderer bin ich in den Stand geſetzt, Armfelt auszuforſchen, ohne Arg⸗ wohn zu erregen. Nur vor Demjenigen, den man nicht fürchtet, hütet man ſich nicht, und einen Sterbenden fürchtet man nicht. Cazal ſchien noch mehr ſagen zu wollen. — Vollziehe jst meinen Befehl, unterbrach ihn Vincenz mit einer eſtimmtheit, die allem weiteren Be⸗ denken ein Ende machte. Langſam und geſenkten Hauptes entfernte ſich auch Cazal, kam aber nach einer Weile mit der Nachricht zurück, daß Droon keinem Andern gehorchen wolle, als ſeinem Herrn, dem Baron Armfelt. — Suche ihn noch einmal auf und ſage ihm, daß ich mit ihm ſprechen wolle. Mit ſpöttiſchem Dünkel ſtellte ſich jetzt Droon wirk⸗ lich ein und fragte Vincenz, was er befehle. — Wie alt biſt Du? fragte ihn Vincenz. — Eine närriſche Frage, Herr, die zu beantworten ich keine Luſt habe. — Wie viel Uhr iſt's? fragte Vincenz mit einer Ruhe, die Cazal überraſchte. — Ich weiß es nicht. Das kann Ihr eigener Die⸗ ner Ihnen ſagen. — Wie reiſen die Lehrlinge? fuhr Vincenz fort. Droon fuhr bei dieſer Frage zuſammen und ſtarrte Vincenz an. — Warum reiſen ſie? fragte Vincenz weiter. Ein Ausdruck der Furcht zeigte ſich in Droon's Geſicht, während er ganz demüthig ſeinen Kopf ſenkte. — Was iſt die Loſung? fragte Vincenz wieder. Bei dieſen Worten verlor Droon allen ſeinen bis⸗ her bewieſenen Muth und ſank vor Schreck beinahe zu⸗ ſammen. 187 — Tubalcain; flüſterte er. — Wie alt biſt Du? begann Vincenz von Neuem. — Weniger als ſieben Jahre. — Wie viel Uhr iſt's? — Mittag. — Wie reiſen die Lehrlinge? — Von Weſten nach Oſten. — Warum? — Um das Licht auf zuſuchen. 3 — Du haſt es gefunden, fuhr Vincenz fort und öffnete ſeinen Rock, unter welchem ein Orden prangte. — Beſiehl, Meiſter, und ich gehorche.. — Du biſt Kammerdiener bei Baron Armfelt? — Ja. — Biſt Du allein? — Der Baron hat noch einen, Namens Aglon. — Wie viele Läufer hat er? — Ich kenne nur drei, Stephan, Sotola und ſei⸗ nen Bruder Franz, ſo wie Nicola. — Wer iſt Haushofmeiſter? — Vignes, ein fanzöſiſcher Emigrant. — och? — Oglin. — Kutſcher? — Pietro. — Hier iſt Geld, Du mußt ſie erkaufen, Alle zu⸗ ſammen für meine Rechnung erkaufen. — Pietro iſt unbeſtechlich. Vignes iſt abgereist. — Gleichviel. So erkaufe die Uebrigen. — Es ſoll geſchehen. — Du haſt die Schlüſſel zu dem Zimmer Deines Herrn?. — Ja, ich habe ſie. — Geh' voran, ich will in dieſe Zimmer. „Ddroon gehorchte mechaniſch. Nachdem er Armfelt's Zimmer geöffnet hatte, erhielt er Befehl, die Thüre 188 wieder zu verſchließen und zu wachen, daß Niemand Vincenz überraſche, welcher jetzt Armfelt's Platz ein⸗ nahm und mehrere auf dem Tiſche befindliche Papiere durchzuleſen und abzuſchreiben anfing. Neuntes Kapitel. Virgil's Grab. Louiſe, des Nordens zarte Tochter, das blonde Kind der Nebel, einfach wie ein Waldhahnenfuß im friſchgrünen Birkenhain, rein wie die klare und blaue Luft in den rieſigen Gebirgen, träumeriſch wie unſere ganze Natur, die arme Louiſe litt. Aber ihr Leiden ſprach ſich nicht in Edeniſaftichen Worten aus: es äußerte ſich in einem eufzer. Als ſie vor zwei Jahren Wiljams verloren hatte, glaubte ſie, ſeine Liebe noch zu beſitzen, und ſie fühlte ſich glücklich. Jetzt hatte ſie mehr verloren... ſie hatte den Glauben an dieſe Liebe verloren. 3 Mit einer Thräne im Auge hatte ſie das kleine Portrait, das Wiljams bei ihr verloren und vergeſſen hatte, ſo lange betrachtet, bis der Schlaf ſie überraſchte und ihre Wimpern ſchloß Noch im Traum ſah ſie bloß dieſes Portrait, aber im Traum war es nicht mehr ein bloßes Bild, ſondern eine lebendige jungfräuliche Geſtalt, an deren Seite ſie Wiljams zu ſehen meinte. ſas Erſte, was ihr in die Augen fiel, als ſie dieſelben am Morgen wieder öffnete, war auch das Portrait. Aus ſeinem ſchwarzen, glänzenden Auge ſtrömte ein Feuer, das für ſie verzehrend war. 3 Als die Zeit zu der feſtgeſetzten Reiſe an Virgil's— Grab gekommen war, begab ſie ſich fort, in der Hoff⸗ 189 nung, Wiljams zu treffen und ihm das Medaillon zu⸗ rückgeben zu können. Nachdem ſie die Strada di Poſilippo paſſirt, nahm ſie den Weg am Agnaner⸗See hin, der in der Oeffnung eines ausgebrannten Vulkans liegt, umgeben von einem entzückenden Thalgang, der durch St. Germains Schwe⸗ felbäder berühmt und von alten Schloßruinen verſchönt iſt, welche ſich da und dort erheben, bald aus hohen Pappelhainen emporragend, bald über Abgründe hinge⸗ neigt, welche durch rieſige Bergſtürze gebildet ſind. Aber ihr Herz war noch nicht zugänglich für die Schönheit der Natur; dieſes Thal, eine wilde und kühn⸗ poetiſche Phantaſie, eingeſchloſſen in hohe, mit friſchem Grün geſchmückte Felſen, hatte für ſie keinen Reiz Sie ging durch die mitten in den Berg eingehauene, dreihundert Klafter lange Pauſtlippogrotte, ohne ſich von dem kecken Werke ernſter Menſchenkraft überraſcht zu fühlen. Vor ihrer Seele ſtand nur ein einziges Bild, das vom Portrait. Als indeß ihr Wagen weiter voran rollte, ſah ſie manchmal zurück, in der Hoffnung, einen Reiter zu er⸗ blicken oder Pferdehufe zu hören. — Er ſagte, wir wollen uns hier treffen, alſo muß er kommen... und ich werde Gelegenheit erhalten, ihm das Portrait zurückzugeben, und dann... dann... Die Worte lösten ſich in einen Seufzer auf. Als ſte endlich an Virgil's Grab ankam, ſtieg ſie aus dem Wagen und blickte aufmerkſam um ſich. Ihr Fnerißf wurde belebt, vielleicht weil ſie bei einem Grabe and. Vom Grab war bloß eine Ruine übrig, an wel⸗ cher Brombeerbüſche noch weiter zehrten, wie eine an⸗ dere Art von Roſt. 3 Wie eine Siegesſäule erhob ein ſäuſelnder, ein leiſe flüſternder, ein immer liebliche, ſtille Melodien 190 ſingender einſamer Lorbeer ſeine Krone über einer hun⸗ dertjährigen Zerſtörung. Am Fuß dieſes Lorbeers verträumte ſte eine Stunde. Traum und Phantaſie waren immer die rettenden Genien ihres Herzens geweſen. Auch jetzt bemächtigten ſie ſich ihrer ſo allmälig und unmerklich, daß ſie ſelbſt nicht wußte, wie ſie auf ihren Schwingen hinweggeführt wurde und bald wieder einer Welt voll von ſtrahlenden und wechſelnden Farben, reich an großen und leben⸗ digen Ausdrücken angehörte, wo ihre Seele ſich ſo wohl fühlte, als befände ſie ſich nur hier in ihrem wahren ſchönen Vaterland. Sie hatte Virgil's Namen in den Stamm des Lor⸗ beerbaumes eingeſchnitten. Es war ihr, als ſäuſele in der Krone des Bau⸗ mes eine ſeiner Eclogen über ihrem Haupte. Die Erinnerung an Virgil erfüllte ihre Seele mit küäer ſchönen Welt von holden und liebeswarmen Ge⸗ ühlen. Die Phantaſien küßten die Thräne aus ihrem Auge, und der Seufzer aus ihrem Herzen war vor nicht mehr eine Klage oder ein Leiden, er war ein Künſtlergebet, vor welchem der Tempel der Kunſt von ſelbſt ſich öffnete, während es in die Höhe ſchwebte. Sie hatte Bleiſtift und Papier mitgebracht. Bald entſtand auch ein hübſches kleines Bild unter ihrer Hand. In einem leichten luftigen Bosquet von Pomeranzen⸗ und Olivenbaͤumen ſah man ein liebendes junges Paar, das ſich vertrauensvoll an einander ſchloß, die ganze Welt um ſich her vergeſſend. Etwas weiter zeigte ſich ein Grabkreuz, aber auf dem Kreuz war kein Name ſichtbar. Sie hatte an ſich ſelbſt gedacht. Dieß war der erſte Theil der Skizze, jetzt begann der zweite. Eine Donnerwolke brach hervor, aus der Wolke ſprühte ein Blitz, die Wolke und der Blitz flogen über den Häuptern der jungen Leute hin, auf denen gleich⸗ 191 wohl noch immer ein milder Sonnenſtrahl von einem Rand der Wolke her ruhte. Louiſen's Bleiſtift bewegte ſich raſch und leicht. Sie ſchien von ihrer Idee belebt. Der Blitz ſchien nahe daran, die jungen Leute zu treffen, ohne daß ſie auch nur eine Gefahr ahnten, aber ein neues Bild ſchwebte jetzt gleichſam auf dem Papier empor. Es war eine geflügelte, fein gezeichnete Engelsgeſtalt. Der Engel ſchien die Wolke aufzuhalten, während er mit der Hand den Blitz ergriff. ihtAber Louiſe beendigte damit ihre Zeichnung noch nicht. Die Skizze hatte eine Art von dramatiſchem Leben erhalten, während ſie Alles ſo darſtellte, wie ihre Ge⸗ danken ſich entwickelten. In dem Augenbick, wo ſie jetzt die Wolke unter den Füßen des Engels hervor⸗ kommen ließ, verwandelte ſich der Blitz in ſeiner Hand in ein Füllhorn, aus welchem Blumen um die jungen Leute herabfielen. „In den zwei Liebenden glaubte man das Bild auf dem Portrait und Wiljams zu erkennen. In den Ge⸗ ſichtszügen des Engels ſchimmerten Louiſen's eigene Züge hervor. Jedermann mag nach eigenem Gutbefinden zu er⸗ rathen ſuchen, was ſie mit dieſer Skizze beabſichtigte: ſie ſelbſt hat ſich niemals darüber erklärt. Als die Zeichnung fertig war, breitete ſich eine beinahe verklärte Ruhe um ihre Stirne. Die Kunſt halte dir Geſundheit ihres Herzens zum zweiten Male ettet. „In der Abſicht, ſowohl die Skizze, als das Por⸗ trait Wiljams zu geben, legte ſie beide in einen und denſelben Papierumſchlag. Sie ſtieg in Virgil's Grab hinab und ſetzte ſich dort, umduftet von lieblichen Blumen. Das Plätzchen Prhr bereits ſo lieb, ſie hatte keine Luſt, es zu ver⸗ 192 Die Nacht war für ſie ohne Ruhe geweſen. Der Tag war warm. Bald ſchloſſen ſich ihre Augen und ſie ſchlummerte ein mit einem Lächeln auf ihren Lippen und Roſenſchimmer auf ihren Wangen. Still und ruhig hob ſich ihr Buſen, aber die Winde ſpielten mit ihren Locken. Auf demſelben Weg, den Louiſe vorher zurückge⸗ legt hatte, aber ein paar Stunden ſpäter, 5 man zwei Männer auf tüchtigen Rennern einherreiten. Sie waren Beide in ihren beſten Jahren und kräf⸗ tige, wohlgebaute Figuren. Der Eine ritt ein Pferd von der edelſten Race und lenkte es auf eine Art, die eine ausgezeichnete Schule bewies, während er ſich ſelbſt dabei ſehr vortheilhaft präſentirte. Beſonders der Kopf des Mannes hatte eine ausgezeichnete Hal⸗ tung, ſein Blick eine gewiſſe Würde und ſeine Miene zuweilen einen vornehm ironiſchen Ausdruck, lauter Zeichen einer anſpruchsvollen Erziehung und Geburt. Sein Begleiter war etwas kleiner, aber vielleicht proportionirter. Sein mit ſchwarzen Locken geſchmück⸗ ter Kopf trug einen gelben Spitzhut mit farbigen Bän⸗ dern. Ein brauner Mantel bedeckte Schuttern und Leib. Unter dem tief hinabhängenden Mantel ſah man die Füße, die mit Sandalen verſehen waren; Beine und Waden waren kreuzweiſe mit Bändern umſlochten. Das Geſicht war düſter und drohend; es verkün⸗ dete eine ganz ungewöhnliche Entſchloſſenheit. Kraft und Geſundheit ſtrahlten aus den dunkeln glänzenden Augen. 3 Dn kannſt Dich in ihrer Perſon nicht täuſchen, ſagte der Erſtere, während ſie ihren Ritt fortſetzten. Meine Beſchreibung iſt vollſtändig. Helle Locken, kleine Augen, eine ſchlanke und geſchmeidige Figur. In ihrem — de 193 Weſen iſt mehr Schnee als Feuer, und gleichwohl, wie viel Feuer findet ſich nicht in dieſem Schnee! Ich ver⸗ laſſe mich auf Dich. — Seien Sie vollkommen ruhig, Herr. Ich könnte mich in dem Portrait, das Sie mir gegeben, unmög⸗ lich täuſchen. Im Uebrigen ſah ich ſie ja ſelbſt von den Bergklüften herab, als ſie an Agnano vorbeifuhr. — Ich glaube Dir und dennoch bin ich unruhig. — Das iſt nicht nöthig. Ich gehorche Ihnen wie ein Hund, ſeit ich Ihnen mein Verſprechen gegeben habe. Es wäre mir unmöglich, meine Freunde zu be⸗ trügen. Auch ich habe eine Perſon, die ich liebe... und ich muß für ſie leben und arbeiten. — Still! — Warum rufen Sie: Still! — Höre! — Das Geraſſel eines Wagens. Es fährt Jemand auf dem Wege einher. Ziehen Sie ſich alſo zurück, Herr, mein Weg geht vorwärts. — Du führſt ſie mit Gewalt in die Poſilippogrotte. — Ich finde ſie ja an Virgil's Grab? — Auf der andern Seite der Grotte begegne ich Dir. Wir kämpfen... kein Blut, verſtehſt Du. nach einer Weile ergreifſt Du die Flucht... die Ver⸗ theidigung darf jedoch nicht läſtig ſein. — Und ſo laſſe ich den Raub im Stich. — Wie geſagt, Du läſſeſt ſie los. — Und Sie warten am Ausgang der Grotte 2 — Sei überzeugt. — Aber im Fall Sie gleichwohl nicht da wären, was habe ich dann zu thun? — Ich gedenke den Zeitpunkt nicht zu verſäumen. — Nun, fuhr der Andere wie für ſich ſelbſt fort, ich weiß ſchon, ich behalte dann die Beute, bis ſie ordent⸗ lich ausgelöst wird. Damit ſetzte er ſein Pferd, in einen raſcheren Trab und entfernte ſich. Der Trabant. III. 13 .. 194 Die Sprechenden waren Adlerſtern und Zamparelli. Adlerſtern wollte durch eine Handlung, die nicht bloß von Muth zeugte, den er unleughar beſaß, ſondern auch ein bedeutendes Verdienſt um ſie wäre, wozu er von ganzer Seele eine Gelegenheit erſehnte, er wollte, ſagen wir, durch eine ritterliche Handlung ſich einige Rechte auf Louiſe, wenigſtens auf ihre Dankbarkeit, zu ver⸗ ſchaffen ſuchen. Die Dankbarkeit zieht oft das Herz mit ſich; nicht ſelten hat ſie den Brautkranz in ſchöne Locken geflochten. Zamparelli's letzte Aeußerung erſchreckte Adlerſtern; aber um ſich zu beruhigen, beſchloß er, ſich ſogleich nach dem Ausgang der Grotte zu verfügen. Kaum hatte er jedoch ſein Pferd umgewandt, ſo ſah er eine Kaleſche, damals in Neapel ein modernes Fuhrwerk, ſich nähern. Dem Himmel ſei Preis und Dank, hörte er eine Damenſtimme ſich entgegen rufen, daß wir Sie treffen, Herr Graf. Sie können nicht glauben, wie wir er⸗ ſchreckt worden ſind. — Wir haben zwei verdächtige Perſonen geſehen, zwei Banditen, mein Gott! Jetzt dürfen Sie uns nicht mehr verlaſſen. Kommen Sie, kommen Sie. Die zwei Damen waren Niemand anders, als die Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk, die gleichfalls nach Virgil's Grab fahren wollten. — Wenden Sie Ihr Pferd um, Herr Graf. Im Namen aller erſchreckten Damen befehlen wir Ihnen, uns zu begleiten. Das Zuſammentreffen mit dieſen Damen war für Adlerſtern höchſt unangenehm, und im erſten Augenblick wußte er nicht recht, was er thun ſollte. Sie wollten an Virgil's Grab. Veranlaßte er ſie, ihre Fahrt zu beſchleunigen, ſo konnten ſie leicht Zam⸗ parelli überraſchen; zögerte er ſelbſt, ſo konnte Zam⸗ parelli's letzte Drohung eintreffen, und in beiden Fällen mußte ſein Plan ſcheitern. — Sie ſcheinen auf Abenteuer ausgezogen zu ſein, 195 meine gnädigen Damen, bemerkte er mit ironiſchem Lächeln. Warum begibt man ſich ſo allein hinaus, wenn man Angſt hat? Wollen Sie meinem Rath fol⸗ gen, ſo kehren Sie ſogleich um. — Nein, nein, das geht unter keinen Umſtänden an. — Warum nicht? 1 — Haben wir nicht geſagt, daß wir zwei Banditen geſehen haben? — Sie ſcherzen ſicherlich, meine Damen. Die Furcht ſieht überall Geſpenſter. — Urtheilen Sie ſelbſt. Wir fuhren langſam am Ufer des kleinen ſchönen Agnanerſee's vorüber, blos da⸗ mit beſchäftigt, die herrlichen Ausſichten zu betrachten, die unſerem Auge von allen Seiten begegneten. Auf einmal hören wir das Gewieher eines Pferdes, und gleich darauf die Antwort eines andern... Wir ſehen nach der Richtung, von welcher die Töne kommen... und... was glauben Sie wohl, daß wir fahen?« Zwei wilde ſchreckliche Geſichter, fuhr die andere Dame fort, die zwiſchen den Gebuſchen hervorſchauten. — Und die Mündung eines Karabiners, die zwi⸗ ſchen die Blumen hindurch gegen uns gerichtet war. — Was ſagen Sie jetzt? Haben wir nicht Urſache, erſchrocken zu ſein? Adlerſtern’s Lippen verzogen ſich. Es war ſchwer zu deuten, was er damit ſagen wollte; der Ausdruck war beinahe höhniſch. — Und Sie haben ganz beſtimmt das geſehen, was Sie erzählen? — So deutlich, wie wir jetzt Sie ſehen, Herr Graf. — Erinnern Sie ſich des Ausſehens der Banditen? — Vollkommen; es waren große, rieſige, ſtarke, grobgliedrige, wilde, drohende, grimmige... — Und ſchwarze Haare hatten ſie, fiel die Andere ein, ſchwarze Augen, ſchwarze Augenbrauen, ſchwar Kleider... gen, ſchwarze Augenbrauen, ſchwarze 13* —— 196 — Und ſchwarze Naſen, ergänzte Adlerſtern mit einem ſarkaſtiſchen Blick. — Scherzen Sie nicht, Graf. Was wir ſagen, iſt wahr, obſchon es mir vorkam, als ſeien ſie nicht ſchwarz, ſondern ganz feuerroth, rothe Haare, rothe Mäntel... f— Und auch rothe Naſen, fügte Adlerſtern wieder inzu. — Erſchrocken lenkten wir von der Hauptſtraße ab und fuhren nach einem kleinen Hof, wo wir uns bis vor einer kurzen Weile aufhielten. — Nicht ohne eine gewiſſe Furcht hatte Adlerſtern ihre Erzählung angehört, weil er in den zwei Perſonen, die ſie geſehen, ſich ſelbſt und Zamparelli erkannte. Um Lo uiſen’s Antunft zu erwarten, hatten ſie ſich nämlich in der Nähe der Straße in einer Bergvertiefung poſtirt, und nachdem Louiſe vorübergefahren war, hatten ſie ſich dort aufgehalten, um eine paſſende Stunde des Tags abzuwarten. Er erinnerte ſich auch, daß ſie dabei wirk⸗ lich die Equipage geſehen hatten, worin die Furſtin Menzikoff und Mylady Munk jetzt fuhren. Im weiteren Verlauf ihrer Erzählung merkte er jedoch, daß ſie ihn nicht erkannt, ſondern in ahrer Angſt Alles durch ein beirrendes Vergrößerungsglas ge⸗ ſehen hatten. Adlerſtern hatte beſchloſſen, ſie ſo lange aufzuhalten, bis Zamparelli ſeinen Auftrag hätte vollziehen können, und ſie dann zu verlaſſen, um ſich im Carriere am ver⸗ abredeten Orte einzufinden. Er glaubte auch, daß er ſie hinreichend aufgehalten habe. — Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen, meine Damen, ſagte er. — Sie wollen uns verlaſſen? Das iſt nicht mög⸗ lich; Sie ſind zu ritterlich, um das zu thun. — Kehren Sie um, meine Damen, im Fall Sie Angſt haben. 8.. Er kam auf den Gedanken, ihnen Angſt einzu⸗ jagen. 197 — Auch ich, fügte er hinzu, habe zwei verdächtige Kerls geſehen. — Sie haben ſie geſehen? — Aber ſie waren weder ſchwarz noch roth, ſie waren grau. 1 — Grau, ſo, grau waren ſie. Jetzt erinnere ich mich wieder genau. — Ja wirklich, ſie waren grau. — Sie hatten graue Mäntel, graue Augen und... graue Naſen, meine Damenz ich verſichere Sie, daß ſie grau waren. — O mein Gott! — Sie nahmen den Weg nach Virgil's Grab. Kehren Sie deßhalb um. — Als ſie Virgil’s Grab nennen hörten, erinnerten ſich die Damen, wohin ſie eigentlich wollten. — Wir ahnten es, das iſt ſchrecklich, laſſen Sie uns dahin eilen. — In derſelben Richtung, wie die Banditen? Nehmen Sie ſich wohl in Acht. — Kommen Sie, Graf, kommen Sie, wir müſſen ſte retten; kommen Sie! — Wen retten? — Ihre Landsmännin, das Hoffräulein Poſſe. Adlerſtern vermuthete nicht, daß ſie um Louiſen's Ausflug wußten; dieſe Entdeckung verſetzte ihn in neue Verlegenheit. — Warum zögern Sie? —— Frränlein Poſſe ſollte hier ſein? ſtammelte er; das iſt nicht möglich, Sie täuſchen ſich. — Verſchwatzen Sie die Zeit nicht, Graf, ſondern folgen Sie uns: Vielleicht ſchwebt ihr Leben in dieſem Augenblick in der größten Gefahr. Laſſen Sie uns Llen Es iſt Ihre Pflicht als Schwede, die unſrige als Damen. 1 — Sie haben Recht, ja. Ich folge Ihnen, ver⸗ 198 ſicherte er, ohne daß er ſich gleichwohl von der Stelle bewegte. Adlerſtern ſah ein, daß Louiſe, juſt wenn er dieſe Damen begleitete, vielleicht in Gefahr gerathen konnte, weil Zamparelli ſie dann fortſchleppte. Die Zeit war verſtrichen. Der Augenblick war wich⸗ tiger, als die beiden Damen ahnten. Was ſollte er thun? Er konnte ihnen ſeine Begleitung nicht verwei⸗ gern, ohne zu verrathen, daß er wußte, was im Werke war, um Louiſe nicht dem Banditen auf Gnade und Ungnade zu überlaſſen, mußte er ſich ſogleich am Aus⸗ gang der Grotte einfinden. Er bereute lebhaft das ganze Unternehmen, ohne ſich zu etwas entſchließen zu können. In dieſem Augenblick hörte man in der Ferne einen Schrei, der Furcht und Entſetzen ausdrückte. Man lauſchte. Das Geſchrei währte fort und drang ergreifend an die Herzen der Horchenden. Adlerſtern zitterte vor Unruhe. Jetzt den Augenblick zu verlieren, war ein Ver⸗ brechen. — Es iſt Fräulein Poſſe's Stimme, bemerkte My⸗ lady. Laſſen Sie uns eilen! Sie ſind es, Herr Graf, der uns aufgehalten hat. — CEs iſt ihre Stimme. Sie haben Recht. Kom⸗ men Sie aber nicht dieſen Weg. Hören Sie... die Töne entfernen ſich... man führt ſie nach der Poſi⸗ lippo⸗Grotte. Laſſen Sie uns auf der andern Seite mit den Banditen zuſammentreffen. Die Damen konnten ſich natürlich gegen die ver⸗ meintlichen Räuber nicht auf ſich ſelbſt verlaſſen, aber außer Adlerſtern hatten ſie ihren Kutſcher und wohl⸗ bewaffnete Bedienten. Sie folgten alſo Adlerſtern's Vorſchlag und eilten nach dem entgegengeſetzten Ausgang der Grotte. Man konnte ſagen, die Pferde ſchwebten in einer Wolke von Staub; die Damen ermunterten zu einer R NRŔ N 199 rößeren Eile. Adlerſtern beſaß in ſeiner Leidenſchaft ſer Louiſe einen Sporn, der ihn genugſam antrieb. In einiger Entfernung von Virgil's Grab war Zamparelli vom Pferde geſtiegen und hatte das Terrain unterſucht. Er fand Louiſe eingeſchlummert und fühlte ſich überraſcht von dem milden Ausſehen des hübſchen Mädchens. In ſeinem durch Erziehung und lange Ge⸗ wohnheiten moraliſch verderbten Herzen regte ſich ein Gefühl des Mitleids, ein Gefühl, das er lange nicht empfunden hatte. Er lächelte, berauſcht von einem lieb⸗ lichen Behagen. Ich möchte wünſchen, dachte er, während er ſie noch betrachtete, ich möchte wünſchen, daß der Graf den Augenblick am Ausgang der Grotte verſäumte. Das Maͤdchen iſt eine Perle erſten Ranges, ein wahrer Juwel. Und das ſanfte Lächeln in ſeinem Auge ging dabei in eine immer brennendere Flamme über. Der Wagen, worin Louiſe angekommen, hatte in einiger Entfernung vom Grabe Halt gemacht. Der Kutſcher oder Vetturin war zu ſehr von ſeinen Pferden in Anſpruch genommen, um Louiſen rechtzeitig zu Hülfe kommen zu können. Zamparelli war einen Augenblick unentſchloſſen; er ſchwankte zwiſchen der Pflicht, ſein Verbrechen zu er⸗ füllen, und ſeinem Wunſch, Louiſe noch länger zu be⸗ trachten. Ihm war, als offenbarte ſich ihm in ihrer Geſtalt wieder Etwas aus dem friedſeligen Leben ſeiner eigenen Kindheit. Er konnte ſich ſeine Empfindung nicht klar machen, aber er erinnerte ſich von Neuem ſeiner erſten Jugendträume, ſeiner erſten Freunde, ſeiner erſten Nei⸗ gungen, ſeiner erſten Liebe. Das Blut brannte heftig in ſeinen Adern, und 200 gleichwohl war ihm, als ob ſein Herz ruhiger ſchlüge. Er war einen Augenblick glücklich. Louiſe bewegte ſich im Traum, und dieſe Bewegung traf Zamparelli wie ein elektriſcher Schlag. Das Zittern, das durch ihre Glieder ging, hatte unwiderruflich ein ähnliches bei ihm hervorgebracht. Louiſen's Augen öffneten ſich ein wenig, ſo daß ihr blauer Schmelz zwiſchen den langen Wimpern hervor⸗ glänzte. Eine neue, heftige Bewegung erſchütterte Zam⸗ parelli.. Wie ein Tiger ſich über ein Lamm herſtürzt, ſo ſtürzte er ſich jetzt über ſie her und ſchlang ſeine ſehni⸗ gen, kräftigen Arme um den Leib des zarten Mädchens. Dadurch vollends geweckt, ſtieß ſie einen Schrei des Entſetzens aus. Louiſe war für Zamparelli eine leichte Laſt. Mit einigen wenigen Sprüngen war er bei ſeinem Pferd, und bald ſaß er im Sattel, indem er ſie, den einen Arm gegen den Sattelknopf gelehnt, feſthielt. Das lebhafte Thier ſpürte den Druck ſeiner Ferſen und eilte vorwärts. Sobald der Vetturin Louiſen's Geſchrei hörte, eilte er entſchloſſen zur Stelle, um ihr alle mögliche Hülfe zu leiſten, aber ſie war bereits verſchwunden. Geführt von ihrem fortgeſetzten Geſchrei um Hülfe, zog er ihr jedoch nach. Aber alle ſeine Bemühungen waren ver⸗ ebens. Von einer Höhe herab, ſah er, wie ſie mit dem eiter beim Eingang der Grotte verſchwand. Nieder⸗ geſchlagen kehrte er zu ſeinen Pferden zurück. Zamparelli ſetzte inzwiſchen ſeinen Weg fort. Als er auf die andere Seite der Grotte kam, fand er Adler⸗ ſtern nicht da. Bei dieſer Entdeckung flammte ein freudiger Aus⸗ druck in ſeinem Geſichte, während er ſich über die bei⸗ nahe unmaäͤchtige Louiſe herabbeugte und ſeinen Arm feſter um ſie ſchlang. 2 ge. 201 — Wer ſind Sie, was wollen Sie? fragte Louiſe. Barmherziger Himmel, hilf mir, hilf mir! Die Stimme gefiel Zamparelli. Es war das erſte⸗ mal, daß ſie ihn anredete. Er antwortete ihr nicht, weil er, nachdem ſie bereits aufgehört hatte, noch immer auf das Echo der verklingenden Stimme lauſchte. 3 — Möge Gott Sie beſtrafen, ſagte ſie, laſſen Sie mich los. 1 Zamparelli war ſtatt deſſen nahe daran, ſie an ſeine Bruſt zu drücken. Louiſe fühlte, daß ſein Arm ſich wie eine eiſerne Klammer um ihren Leib ſchloß. — Wenn Sie Geld verlangen, ſo ſollen Sie es haben. — Geld? von Ihnen? Nein, nicht von Ihnen. Eine düſtere Wolke lagerte ſich dabei auf ſeiner ſonnverbrannten Stirne. Louiſen's Muth war verſchwunden. Ihre ganze Waffenrüſtung beſtand in Bitten. Ein Gedanke flog zwar zu Wiljams; aber dieſer Gedanke war bloß ein leiſer Seufzer. Wiljams war ja ausgeblieben, und er dachte vielleicht nicht mehr an ſie. Jetzt zeigte ſich eine Staubwolke in der Ferne, und man hörte das Getöne von Pferdehufen. Zamparelli errieth, daß Adlerſtern es war, der ſich näherte, und leidenſchaftliche Ausdrücke wechſelten dabei in ſeinem Geſicht. Er wußte nicht, was er thun ſollte, und er blickte in Luiſen's Geſicht hinab, als wollte er ſich bei ihr Raths erholen. Sie ſtreckte ihre Hände bittend gegen ihn aus. Dieſe Bewegung war unendlich anmuthsvoll. — Da kommen Ihre Befreier, ſagte er und zeigte auf die Staubwolke, aus der jetzt ein Reiter hervor⸗ ſchimmerte, was ſoll ich thun, ſoll ich Ihnen die Frei⸗ heit ſchenken? Louiſen's Bruſt hob ſich heftig, während ſie auf das Getöne der Pferdehufe lauſchte. — Ich habe nicht Sie gefangen, fuhr Zamparelli 202 fort, ſondern Sie haben mich gefangen; dieſe Sie wohl, was lieben heißt? Louiſe zitterte vor Unruhe und Furcht. Die Staubwolke kam immer näher. ſich jetzt nicht bloß ein einzelner Reiter, ſondern mehrere Perſonen, die ſo ſchnell herbei eilten, als die Pferde zu laufen vermochten. Die Anzahl überraſchte ihn, und da er nur einen einzigen ſcheinbaren Gegner erwartet hatte, ſo glaubte er ſich jetzt verrathen. Er überlegte ſchnell ſeine Stellung, und ſein Entſchluß war gefaßt. — Sie müſſen mir folgen, ſagte er; halten Sie ſich feſt am Sattelknopf. Aber Louiſen's Kräfte waren mit der Rettung wiedergekehrt. In dieſem Augenblick bemerkte ſie auch den Griff eines Dolches, der in ſeinem Gürtel ſteckte. Augenblicklich ergriff ſie den Dolch und kehrte die Spitze gegen Zamparelli's Bruſt. — Laſſen Sie mich los, befahl ſie, ſonſt tödte ich Sie. Zamparelli lächelte... er ſchien beinahe entzückt über ihre Drohung. — Sie ſind eine Cactusblume, bemerkte er, ein blaſſer Cactus, aber nicht ohne einen Dorn. — Laſſen Sie mich los, ſonſt... — Von einem ſolchen lieblichen und weichen Händ⸗ chen zu ſterben, könnte ein recht angenehmer Tod ſein, da man doch einmal ſterben muß. Haben Sie deßhalb die Güte, ſtoßen Sie zu. Louiſe entſetzte ſich vor dem Mord. Ihre Hand war nahe daran zu erſtarren. — Laſſen Sie mich los! rief ſie jedoch mit ver⸗ doppelter Kraft, laſſen Sie mich los! Und als Zamparelli ſein Pferd in Bewegung ſetzte, war ſie feſt entſchloſſen, ihre Drohung auszuführen, aber in demſelben Augenblick, wo ſie mit der Dolchſpitze nahe Gefangen⸗ ſchaft kann Ihr oder mein Untergang werden. Wiſſen Auch zeigte Hoffnung auf n⸗ ρ— 0ü— 203 kam, riß er ihr den Dolch aus der Hand und ſchleuderte ihn weit von ſich. Die Staubwolke wurde jetzt von einem Wäldchen verhüllt, an welchem ſich der Weg hinſchlängelte. Wenn Zamparelli entkommen wollte, mußte er den Augenblick benützen. — Halten Sie ſich ſeſt! befahl er. Louiſe vermochte nicht mehr zu rufen. Die letzte Anſtrengung hatte ihre Kraft erſchöpft. Zamparelli ſchwenkte jetzt ſein Pferd, um ſich ſpornſtreichs zu ent⸗ fernen. Kaum war jedoch die Wendung gemacht, und er hatte ſich niedergebeugt, um, ſeine Waden an die Flanken des Roſſes gedrückt, wie ein Sturmwind zu verſchwinden, als er ſich einem neuen Reiter gegenüber ſah, der ſich feindlich näherte. Wahnſinnig jagte er vor, die Zügel von ſich wer⸗ ſend und mit der freien Hand den Karabiner erfaſſend, während er mit der andern Louiſe noch ſeſter an ſich drückte und das wilde ſchäumende Thier nur mit den Beinen lenkte. Für Zamparelli war es das Werk einer Sekunde, das leichte und ſchmale geladene Feuerrohr anzulegen. Seeine Augen funkelten, ſeine Stirne war eine ein⸗ ſige düſtere und drohende Falte, ſeine Lippen ſchwellten ich nicht, ſie waren zuſammengepreßt. In ſeinem dunkel⸗ braunen, flatternden Mantel, mit dem Gewehr in der einen Hand und der bleichen unmächtigen Louiſe im an⸗ dern Arm, auf dem flinken Thiere dahin raſend, glich er einem finſtern Dämon, der einen vom Himmel ge⸗ raubten Engel in ſeinem Arme hält. Sein neuer Gegner, der mit ſchuellem Blick durch⸗ ſchaute, was hier vorging, ſprengte auch auf ihn zu. Dieſer Gegner war eine hohe, ſchlanke Geſtalt, mannhaft und lebhaft in ſeinen Bewegungen, mit einem Apollo⸗ kopf aus welchem klare blaue Augen ſtrahlten. Sein Pferd ſtürmte nicht voran, ſondern flog. Sie waren in dieſem Augenblick nahe an einander. Zamparelli 204 gab Feuer. Der Schuß krachte, ein Angſtſchrei wurde ſe gehört, aber er kam nicht von dem Gegner, ſondern von Louiſe, welche der Schrecken wieder in's Leben ge⸗ rufen hatte. Der flüchtige Pulverrauch war inzwiſchen kaum verflogen, als der Karabiner mit einem heftigen h. chlag aus Zamparelli's Hand geſchleudert wurde und z1 der Bandit in demſelben Augenblick eine ſcharfe Degen⸗ ſpitze in ſeinen Leib dringen fühlte. ſe — Ergib Dich! rief man ihm zu. Entwaffnet und verwundet zugleich, ſah Zam⸗ parelli die Unmöglichkeit ein, den Kampf fortzuſetzen; il er wollte daher ſein Pferd umlenken und entfliehen; aber ein neuer wohlgeführter Degenſtoß machte das muthige Thier ſteigen und dann zur Erde zuſammen⸗ ſtürzen. Zamparelli konnte nur noch mit Louiſen herabſprin⸗ gen, aber dabei ſtrauchelte e ſ ß r und fiel, ſo daß er ge⸗ 3 nöthigt war, ſie loszulaſſen. n bein Gegner blieb auch nicht länger, zu Pferde. Beinahe in demſelben Augenblick, wo Zamparelli ſich von dem ſeinigen herabwarf, ſtand auch er auf dem Boden, und ehe der Erſtere ſich wieder aufrichten konnte, h fühlte er einen feſten Fuß auf ſeine Bruſt gedrückt und” ſah eine Degenſpitze vor ſeinen Augen blinken. v Louiſe athmete wieder. Ihre Freude war beinahe n kindlich. n Der Stich, den Zamparelli erhalten hatte, war d tief eingedrungen. Das Blut ſtrömte reichlich aus der Wunde. d — Tödten Sie ihn nicht, bat Louiſe ihren Retter. Armfelt blickte zu Louiſe auf. Ihr Retter war näm⸗ a lich kein anderer, als er, der juſt in einem beſonders glüͤcklichen Augenblick angelangt war. 1 2 — Sie haben Recht, mein Fräulein, er iſt nicht d werth, von meiner Hand zu ſterben. Und Armfelt ſteckte ſeinen Degen wieder ein und ließ mit dem Fuß von ſeiner Bruſt ab. Jetzt erſchien 205 Adlerſtern, und eine kurze Weile nachher ſeine Geſell⸗ ſchaft, die Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk. Mit einem Gefühl, das ebenſo ſehr der Furcht und Unruhe, als tiefer Niedergeſchlagenheit angehörte, ſah Adlerſtern, was hier vorging. Er überließ es den Da⸗ men, zu erklären, wie der Zufall ſie hieher geführt habe, und eilte zu Louiſe vor, um ihr ſeine Theilnahme zu bezeugen. 8 Zamparelli richtete ſich nicht auf. Der Blutverluſt ſchwächte ihn, und es begann vor ſeinen Augen zu dunkeln. t te e — Vetturin! rief Armfelt, binde ihn. Wir müſſen ihn der Polizei in Neapel übergeben. 5 Adlerſtern erblaßte bei dieſer Drohung. Er fürch⸗ tete, als Theilnehmer an der Gewaltthat entdeckt zu werden. — Rührt mich nicht an, ſagte Zamparelli, ich habe genug; laßt mich hier ſterben. 3 Seine Stimme war wirklich matt. Es ſchien bei⸗ nahe, als ob er die Wahrheit ſpräche. — Wie heißeſt Du? fragte Armfelt. — Zamparelli. Armfelt ſtutzte beim Klange dieſes Namens. So hatte ja auch nach der Ausſage der Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk der Bandit geheißen, der am Abend zu⸗ vor an der Spitze einer Bande ihn hatte gefangen nehmen oder tödten wollen, er wußte ſelbſt nicht recht, was. Sollte er derſelbe Mann ſein? Dieſer ſtand in den Jahren ſeiner beſten Kraft. Auch die Fürſtin Menzikoff und Mylady bemerkten die Gleichheit des Namens. — Laſſen Sie ihn feſtnehmen, forderten ſie Armfelt auf; er iſt es ſicherlich. — Du nennſt Dich Zamparelli, begann Armfelt. Du warſt es alſo, der geſtern Abend die Banditen an der Ecke des Arſenaldamms anführte! — Ich? nein, Herr, davon iſt mir nichts bekannt. 206 — Haſt Du einen Vater? — Auch nicht.— Ich ſchwöre es bei ſeinem An⸗ denken, das ich noch immer achte. „ Einen Oheim oder ſonſt einen ältern Angehe⸗ rigen? 3— Ich bin allein. Seine Antworten waren ebenſo beſtimmt als kurz, und ſeine Miene widerſprach ihrem Inhalt nicht. — Wie kannſt Du verlangen, daß man Deinen Worten Glauben ſchenke, da man Dich auf einem Ver⸗ brechen gegen ein ſchwaches Weib betroffen hat! Erkläre Dich. Warum haſt Du dieſe junge Dame angefallen? Zamparelli warf einen ſchrecklichen Blick um ſich. Er traf Adlerſtern, der mit Entſetzen ſah, daß ſeine Chre in Zamparelli's Hand lag. Das Gefühl war qualvoll und trieb ihm das Blut in den Kopf, während eine Art von Schwindel ihn ergriff; aber bald beherrſchte er ſich wieder, und ſeine Lippen verzogen ſich zu einem Lächeln. 3 — Machen Sie kurzen Prozeß, Herr Baron, ſagte er zu Armfelt, und erweiſen Sie ihm den letzten Dienſt, ſo gut wie den erſten; ſtoßen Sie ihn nieder. Es iſt eine Sünde, fügte er nach einer Weile hinzu, ihn ſo lange leiden zu laſſen. Zamparelli erhob ſein Haupt, während Adlerſtern ſprach. Er lächelte: ſein Lächeln war bedeutungsvoll. So bitter Adlerſtern ſein konnte, ſo bemerkte er, daß er in Zamparelli ſeinen Meiſter gefunden hatte. — So, ſagte dieſer bloß. Aber es lag in dieſem einzigen Wort eine ſolche Bedeutung, daß Adlerſtern verſtummt ſtehen blieb. — Sie bitten, man ſolle mich niederſtoßen, Sie! Sie! wirklich... Sie... Es lag ein ſo zermalmender, ſo vernichtender Hohn in ſeinem Ausdruck, daß das Lächeln von Adlerſtern's Lippen verſchwand. 4 — Binde ihn, befahl Armſelt wieder. 207 — Laſſen Sie ihn ſein, bat Louiſe. Er iſt unſchäd⸗ lich Kommen Sie, Baron, wir wollen fort. — Warten Sie noch ein wenig, ſiel Zamparelli ein, warten Sie. — Warum uns hier aufhalten? rief Adlerſtern. Laſſen Sie uns nach Neapel zurückkehren. Bei jedem Wort, das Zamparelli ſprach, vermehrie ſich die Unruhe des Grafen. — Sie wollen wiſſen, warum ich dieſe Dame ent⸗ führte? fuhr Zamparelli gegen Armfelt fort. — a. — Ich war erkauft. — Von wem? „— Von dieſem Herrn da, der Sie ſo eben bat, mich niederzuſtoßen, und der jetzt ſo große Eile hat, nach Neapel zurückzukehren. 5 Aller Augen hefteten ſich bei dieſer Anklage auf Adlerſtern. Seine Beine ſchwankten unter ihm, aber nichtsdeſtoweniger lag ein ironiſcher Trotz auf ſeinen Lippen. — Schändlicher Lügner! ſtammelte er. Willſt Du das Ende Deines verbrecheriſchen Lebens mit einer falſchen Anklage krönen? Sie kommt jedoch aus einer zu unreinen Quelle, als daß ſie mir ſchaden könnte. Ich kann über Deine tückiſche Einfalt nur lachen. — Man bezwpeiſelt die Worte eines Sterbenden. Haben Sie die Güte und nehmen Sie ein kleines Papier hier in meiner rechten Taſche... Hier... Adlerſtern warf ſich über ihn, um ſich des Papiers zu bemächtigen. — Nicht Sie, erinnerte Zamparelli. Armfelt faßte Adlerſtern beim Arm, um ihn von Zamparelli wegzuziehen; aber Adlerſtern wußte, um was es ſich handelte, und ſtieß Armfelt’s Hand zuruͤck. ein eng Feuteude Anuſde ſeinen Griff, und obſchon rheftiger Streit entſtand, bemächtigt des fraglichen Papiers. ſande bemäͤchtigte er ſih 208 Mit Unwillen und Verdruß las jetzt Armfelt einen förmlichen Vertrag zwiſchen Adlerſtern und Zamparelli in Betreff der Entfüͤhrung Louiſens. Ohne ein Wort zu äußern, übergab er das Papier Louiſe, die kaum glauben wollte, was ſie las. Nach einem kalten Blick auf Adlerſtern zerriß ſie das Papier und warf die Stücke zu ſeinen Füßen. Ver⸗ nichtet ſenkte er ſein Haupt, während er ſich ſchweigend entfernte. 3 Armfelt ging von ſeiner Abſicht, Zamparelli binden zu laſſen, ab, obſchon er dadurch vielleicht ſehr wichtige Aufſchlüſſe über die Complotte gegen ihn ſelbſt hätte erhalten können; aber er wollte Adlerſtern nicht bloß⸗ ſtellen, was unvermeidlich war, im Fall Zamparelli vor Gericht geſtellt und verhört würde. Louiſe Poſſe, die unglücklicherweiſe jetzt auch in die Sache gemiſcht war, konnte ja ebenfalls dabei leicht compromittirt werden. Zamparelli ſchien übrigens bereits halb todt zu ſein, und in jeder Beziehung war es am Beſten, ihn ſeinem Schickſal zu überlaſſen, ohne ſich weiter um ihn zu bekümmern. — Jetzt nach Neapel! ſagte Armfelt. Die Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk waren gekommen, weil ſie ein geheimes, vertrautes Verhältniß wiſchen Louiſe und Armfelt vermutheten. Aufmerkſam enhehteeen ſie Alles, was ſich zutrug, um den wahren Sachverhalt zu erforſchen, aber obſchon in Wirklichkeit nichts vorfiel, was ihren Argwohn vermindern konnte, ſo lag doch eine ſolche Reinheit und Offenheit, eine ſolche natürliche Einfachheit und Wahrheit in dem ganzen Benehmen, in jedem Wort und jeder Bewegung der betreffenden Perſonen, daß ſie in ihren Herzen Beide freiſprachen. — Vielleicht hat man uns getäuſcht, ſagte die Eine. — Nein, ach nein, ich weiß ganz beſtimmt, daß er Jemand liebt und daß er mit uns bloß Scherz treibt⸗ je 209 — Du weißt das? Ah mein Gott, wer iſt denn die Unbekannte? 1 — Auch ich muß fragen, wer iſt ſte? 1 Die Entdeckung der Dame, die nach ihrer Mei⸗ nung ſeine Huldigungen beſaß, war für ihre von Arg⸗ wohn und Eiferſucht gequaͤlten Herzen ein Gegenſtand, der ihre ganze Zeit und alle ihre Gedanken in An⸗ ſpruch nahm. Sobald Armfelt mit den drei Damen den Platz verlaſſen hatte, ſah man Adlerſtern von dem Wald⸗ ſaume her zurückkommen. Vorſichtig um ſich blickend näherte er ſich Zamparelli. — Wach auf, mein Freund, ſagte er zu ihm, lebſt Du noch? Aber als Zamparelli ſich nicht bewegte, beugte ſich Adlerſtern hinab, ſtrich das Haar aus ſeiner Stirne und lauſchte auf ſeine Athemzüge. — Er athmet ruhig, bemerkte er. Adlerſtern unterſuchte die Wunde, holte Waſſer aus einer Quelle, goß einige erfriſchende Tropfen in ſei⸗ nen Mund, wuſch das Blut von der Wunde ab und ſuchte ſie ſo gut wie möglich zu verbinden. Sodann nahm er ihn auf ſeine Schultern und trug ihn in das Waͤldchen daneben, wohin er auch ſein Pferd führte. Nach einer Weile kam Zamparelli wieder zu Beſinnung. — Was wollen Sie hier? fragte er Adlerſtern, als er ihn erkannte. Laſſen Sie mich in Frieden ſterben. — Du darfſt nicht ſterben, Du mußt leben. — Und gleichwohl verlangten Sie vorhin, man ſolle mich niederſtoßen. .— Ich hatte damals meine Gründe dazu. — Nun wohl? — Ich habe auch meine Gründe zu dem, was ich jetzt thue.. 5 Der Trabant. III. 14 210 — Laſſen Sie hören. — Du haſt mich verrathen, nachdem ich mich Dir anvertraut hatte. — Nun und dann? — Ich vertraue mich keinem Andern mehr an, und Du mußt mir deßhalb auch aus der Verlegenheit hel⸗ fen, worein Du mich verſetzt haſt. 4 — Wie? — Das ſollſt Du hören, wenn Du wieder geſund biſt. — Sie wollen mich von hier wegbringen? — Deßhalb bin ich hergekommen. — Dank, Herr, Dank. Adlerſtern kehrte erſt mit einbrechendem Dunkel nach Neapel zurück und verbrachte die Zwiſchenzeit theils damit, daß er Zamparelli verpflegte, theils mit Wan⸗ derungen in der ſchönen Gegend umher. — Wenn man den Teufel an Bord genommen hat, murmelte er, ſo muß man ihn auch an's Land bringen. Der Ernſt in ſeinen Worten contraſtirte merkwür⸗ dig mit dem Hohn auf ſeinen Lippen. Wenn nicht eine wahre Religioſität im Herzen den Grund zu einer Lebensphiloſophie legt, ſo iſt man ein ehrlicher Kerl oder ein Verbrecher, je nach dem, was die Umſtände aus uns machen. Die ſchöne oder preis⸗ würdige That iſt in einem ſolchen Fall nicht die Folge einer von Natur edlen Geſinnung oder eines wahrhaft moraliſchen Bewußtſeins, ſondern die Folge von im⸗ provifirten Intereſſen und Verhältniſſen. Wie oft iſt nicht auch die ganze Jugend des geprieſenen Weltmanns bloß die Frucht eines günſtigen Zufalles, wie oft be⸗ gründet ſich nicht die ganze Verworfenheit des Verbre⸗ eers auf einen ungünſtigen Zufall! Das Chriſtenthum verwirft mit Recht den Zufall, aber der Zufall iſt deßhalb, weil das Chriſtenthum ihn mit Füßen tritt, nicht von der Erde verſchwunden. Adlerſtern war ein Mann der Umſtände. Seine Lebensphiloſophie erwuchs nicht aus einem chriſtlichen — G 2e—-—-——— Dir und hel⸗ 211 Erdboden in ſeinem Herzen. Die Moral, die ihn lei⸗ tete, gehörte der Convenienz an und war ein Ergebniß der veränderlichen Anſichten des Geſellſchaftslebens. Seine Handlungen waren nicht die Früchte innerer Motive, ſondern äußerer Zufälligkeiten. Er war ein redlicher Mann und als ſolcher geachtet bis zu dem Augenblick, wo ſeine Leidenſchaften mit ſeinen Pflichten in Widerſtreit geriethen. Ohne den aufwachſenden Dä⸗ mon auch nur einmal zu bekämpfen, verfiel er unter ſeine Macht. 4 Er hatte gehofft, ſich eine Gelegenheit verſchaffen zu können, um durch eine ſchöne Handlung zu glänzen, aber er ſah ſich jetzt zu ſeinem Schrecken entdeckt und entſchleiert. Der Dämon befahl ihm nun auch eine andere neue Thorheit zu begehen, um die bereits begangene zu verdecken. Zehntes Kapitel. Ein Vergnügen zur See. Der königliche Palaſt von Neapel iſt nicht von koloſſaler Größe, aber ausnehmend prächtig eingerichtet und gebaut. Die Portale ſind von hohem architektoni⸗ ſchem Werth, die Zugänge bequem und prachtvoll. Unter den vielen großen und ſchönen Gemächern nimmt der Saal der Vicekönige die erſte Stelle ein. Man findet hier unter Anderm eine Portraitſammlung von allen Monarchen des Reichs ſeit den alteſten Zeiten. Das Schlafzimmer des Königs gibt vielleicht einen noch deutlicheren Begriff von der großartigen und geſchmack⸗ vollen Eleganz, womit das Ganze ausgeführt iſt. Die⸗ ſes Zimmer iſt mit Pilaſtern geſchmückt, deren Kapitäle und ſämmtliche Ornamente vergoldet ſind. Selbſt die 14* Wände zwiſchen den Pfeilern ſind ebenfalls mit großen in Goldrahmen eingefaßten Spiegeln bedeckt. Das Zimmer hat drei Alkoven; der Plafond zum größten von ihnen iſt von Solimeno, aber gleichwohl eine ſei⸗ ner ſchwächſten Arbeiten. Der Plafond eines ſeiner kleineren Alkoven iſt von Franciscello delle Mura, eine ſchöne Arbeit, obſchon ſie allerlei zu wünſchen übrig läßt. Im Palaſt fehlt es nicht an Kunſtgegenſtänden von großem Werth. Die Kapelle iſt von Nicolas Roſſi ge⸗ malt. Im Uebrigen finden ſich hier Gemälde von Hila⸗ rio Spolverini, von Lanfranco, von Hannibal Car⸗ raccio und mehreren Anderen. Verſchiedene Statuen ſchmücken da und dort das Zimmer und geben dem Ganzen ein prächtiges Anſehen. In dem Augenblick, wo wir den Leſer in dieſen Palaſt einführen, finden wir den Hof in einem großen Salon von ausgezeichneter Schönheit verſammelt. An den Wänden vrangen weiße Pilaſter, mit vergoldeten Orna⸗ menten geſchmückt. Die Decke iſt ein großes Gemälde, wo ſchöne Figuren ſich um einen einzigen gemeinſchaftlichen Gedanken, ein mythologiſches Bild gruppiren: Tritone und Najaden, badende Nymphen und ſchalkhafte Ze⸗ phyre. Zwiſchen den Fenſtern ſind prächtige lebhaft gezeichnete Skizzen, die bezauberndſten Anſichten aus der Umgegend von Neapel vorſtellend. Die Draperien um die Fenſter ſind von Gold und Seide, eingefaßt mit koſtbaren Bordirungen. In tiefen Niſchen, ſeitwärts von den mit Purpurſammt überzogenen Sophas ſtehen Statuen von hohem Werth. 8 In verſchiedenen kleinen Gruppen beſprach ſich das anweſende Hofperſonal über den vom König anbefoh⸗ lenen Fiſchfang, ein Vergnügen, womit ſich der Hof von Neapel damals hie und da die Zeit vertrieb. Er ſollte am Abend oder vielmehr in der Nacht ſtattfinden. Man freute ſich zum Voraus darauf, als auf eine der angeneh⸗ mſten Unterhaltungen, großentheils vielleicht deßwegen, weil immer kleine Intriguen dabei geſpielt wurden. 213 Aber im oberſten Theil des Salons ſtand eine größere Gruppe um eine Dame von höchſt lieblichen und milden Geſichtszügen verſammelt, die allein den Chrenplatz auf einem ſchwellenden Sopha inne hatte. Dieſe Dame war die Prinzeſſin Sophie Albertine. Auf dem Tiſch vor ihr lag eine Miniaturcopie von Guido's meiſterhafter Allegorie, dem Aufgang der Mor⸗ genröthe. 4 Man höre, wie ein Kunſtkritiker dieſes Gemälde be⸗ ſchrieben hat: „Noch bedeckt der Schleier der Nacht die Räume des Meeres: nur da und dort verbreitet der Schaum der kochenden Welle einen Schein, jung, ſchön, ungekünſtelt, in Flor von allen Farben gekleidet, umgeben von ſei⸗ nen glänzenden Sinnbildern der Wolken und in ihren Händen Blumen haltend, erſcheint ganz plötzlich Aurora in der rings um ſie her roth ſich erhebenden Luft. Sie eilt vorwärts; mit aufgeregtem Auge ſieht ſie nach der kommenden Sonne zurück, welche ihr folgt und ſie mit nicht geringerer Rührung betrachtet: auch können weder Sonne noch Morgenröthe erlöſchen; in den ſchönſten Tagen ſehen ſie einander kaum einen Augenblick. Vier prächtige Pferde, die inzwiſchen tanzend dicht an den himmelblauen Luftſtrömen vorbei ſtreifen, ziehen den vergoldeten Wagen. Die jungen Töchter der Morgen⸗ röthe, die erſten Stunden des Tags, die ihrer Mutter und ſich ſelbſt unter einander ſo gleich ſind, halten lächelnd um den Wagen her einander bei den Händen, während Amor zwiſchen den Gottinnen und den Pferden ſchwe⸗ bend die Fackel der Sonne trägt. Amor ſchüttelt ſie über der Welt und ſogleich erglänzt der Tag.“ —— Welch; eine vortreffliche Arbeit, ſagte Sophie Albertine, ich habe nie ein ſo glänzendes Colorit geſehen. Betrachten Sie wie Aurora zurückſchaut... welch' ein Blick... wie rührend... wie zärtlich! — Ich möchte doch gegen dieſen Blick Etwas be⸗ merken, ſiel Armfelt ein, es iſt wahr, daß er rührend 214 iſt, aber er iſt nicht warm genug, er drückt nicht genug Liebe aus. 5 — Und dieſes Bouquet, wie gut zuſammengeſetzt, wie geſchmackvoll es ausgedacht iſt! — Auch dieſes gefällt mir nicht ganz, Ew. Hoheit. Es wäre ſchöner, künſtlicher, wenn ſte einige von ihren Blumen verlöre. Ich möchte ſagen, daß Aurora, die eine ganze Nacht von Liebe, geträumt am Buſen der Sonne, hinter ſich hat, hier zu tugendhaft, zu ernſthaft iſt; ſie ſollte erröthen und lächeln, ſollte die Sonne anſehen und eine Roſe verlieren. — Sie ſind zu ſtreng, Armfelt. Betrachten Sie dieſe Thränen, die am Rand ihrer Wimpern zittern, wie ſchön, wie klar, wie glänzend! — Das iſt wahr. Aber es liegt nicht genug Liebe darin. Es find zwar allerdings klare Kryſtallperlen, aber eine Thräne kann ſo gut wie etwas Anderes ver⸗ ſchiedene Gefühle ausdrücken. Eine Thräne kann Haß, Zorn, Freude bedeuten, auch Liebe. Es hängt von der göttlichen Macht des Herzens ab, das für den Augen⸗ blick ſie beſeelt oder durchſtrahlt. Hier drückt die Thräne zu viel Ruhe aus. Ihr Herz iſt in Ruhe. Wenn ſie warm und wahr liebte, ſo würde auch die Thraͤne bald von warmer Liebesgluth erfüllt ſein. 3 — Aber ihre Geſtalt, wie edel, wie einnehmend! — Ich will darüber nicht mit Ihnen rechten, Ho⸗ heit; aber ſie hat noch einen andern Fehler... ſie geht und die Liebe hat Flügel... ſie fliegt. Ich moͤchte ſte ſchweben oder ſtill voran ſchleichen ſehen. So er⸗ obert Liebe uns am leichteſten. Das Geſpräch wurde allgemein und die Prinzeſſin bat die Anweſenden, zu entſcheiden, wer von Beiden Recht habe. Alle Damen traten auf die Seite der Prinzeſſin, während dagegen alle Herren auf Armfelt's Seite über⸗ gingen. — — — — 88S ͤͤ— S— 8. X— N 215 Die Königin Marie Karoline war nicht zugegen; man ſagte, ſie ſei drinnen beim Könige. In dieſem Augenblick erſchien die Oberhofmeiſterin in der Thüre zu den inneren Zimmern. Mylady Munk und die Fürſtin Menzikoff bemerkten ſogleich ihren Ein⸗ tritt und beobachteten, daß Armfelt's und ihre Blicke ſich begegneten, wie auch, daß die Augen der Dame ſich ganz bedeutungsvoll nach einer andern Thüre wandten. — Haſt Du es geſehen? Sie bemerkten auch, daß Armfelt plötzlich ſeine Wimpern ſenkte, gleich als wolle er damit zu erkennen geben, daß er ſie verſtanden habe. Die Oberhofmeiſterin entfernte ſich darauf, und eine Weile ſpäter näherte ſich Armfelt der Thüre, auf welche ſie ihn mit den Augen ganz ſichtbar hingewie⸗ ſen hatte. — Sie wollen uns verlaſſen, ſagte die Fürſtin Menzikoff zu ihm. Ach, thun Sie es nicht; Sie unter⸗ halten uns Alle. — Die Zeiten ſind ſonderbar. Die Politik nimmt mich vom Morgen bis zum Abend in Anſpruch. Wenn ich mich entferne, bringe ich wahrhaftig ein Opfer auf dem Altar der Nothwendigkeit dar. — Wirklich? Sie gehen jedoch nicht ſogleich an Ihren Schreibtiſch, das glaube ich zu wiſſen. — Wohin gehe ich denn, wenn ich fragen darf? — Zu dem ſchoönen Portrait vom Mitleid; Sie haben es wohl nicht vergeſſen. — Sie ſind grauſam, Wylady, aber die Schönen ſind immer grauſam. Als Armfelt ſich entfernte, miſchten ſich die Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk unter die übrigen Gäſte. Wylady blieb inzwiſchen ſtill und ernſthaft: ſie ſchien bei ſich ſelbſt Eiwas zu uͤberlegen. Endlich ſuhr die hübſche Hand über ihre Stirne, wobei die Augen ſo lebhaft glänzten, daß man leicht begreifen konnte, 216 habe einen Entſchluß von ungewöhnlicher Wichtig⸗ eit gefaßt. 34 Ich werde ihn entlarven, ſagte ſie auch halblaut vor ſich hin, indem ſie ſich dadurch gleichſam in ihrem Vorſatz beſtärkte. Man ſprach noch immer von demſelben Gemälde wie früher. — Eine Bemerkung dürfte man jedoch mit Recht ge⸗ gen das Gemalde machen, bemerkte Mylady, nachdem ſie zur Geſellſchaft zurückgekehrt war und die Urtheile der Andern angehört hatte, nämlich gegen die Hand... ſie iſt beinahe zu groß.. — Zu groß? Was ſagen Sie? man kann wohl kaum eine kleinere finden. Die Proportionen ſind ſo fein und edel, daß man gezwungen iſt, ſie zu bewun⸗ dern. Betrachten Sie dieſe weichen, ſaftigen Finger; man könnte glauben, ſie ſeien von Sammt. — Ich will mich erinnern, daß ich dennoch etwas Beſſeres geſehen habe... ah, richtig, jetzt fällt es mir ein. Haäͤngt nicht in einem der inneren königlichen Gemächer ein Gemälde von Schidoni? — Welches meinen Sie? Wir haben verſchiedene von Correggio's erſtem Schüler. — Still, jetzt fällt es mir ein... ich meine das Mitleid. — Ganz richtig, das Gemälde hängt drinnen in einem der königlichen kleinen Kabinette. 4 — Wirklich? — Ganz ſicherlich. — Dann wird es mir ſehr leicht werden, Sie zu überzeugen, daß Schidoni in der Kunſt, die Hände zu malen, über Guido ſteht. Ich eile, das Stück an⸗ zuſehen. — Wir gehen mit, wir gehen mit... — Bleiben Sie immerhin hier: ich werde ſogleich mit dem Gemälde zurückkommen, es iſt j m la ganz klein. Nichtsdeſtoweniger wollte Jedermann mitkommen, „ +₰ÿ—A ——,——„—H——̃ —₰,—— ——— 217 aber ſie eilte ihnen Allen voran, und als die Geſell⸗ ſchaft die Thüre erreichte, war Mylady bereits inner⸗ halb derſelben verſchwunden und hatte ſie auf der an⸗ dern Seite verriegelt. Lachend kehrte man an ſeine Plätze zurück. Mylady war mit den Zimmern, worin ſie ſich jetzt befand, nicht unbekannt, aber ſie blieb gleichwohl ſtehen und blickte beinahe erſchrocken um ſich. Eine tiefe Stille herrſchte hier. Dieſes Schweigen wirkte ſehr leb⸗ haft auf ihre Einbildungskraft. Sie hörte ihr Herz klopfen und meinte beinahe, es erinnere ſie daran, daß ſie ſich juſt nicht in den reinſten Abſichten hier befinde. Sie war nahe daran, umzukehren, und doch kehrte ſie nicht um. Es war Etwas, das ihr gebot, voranzu⸗ gehen, obſchon ſie furchtſam einen Schritt um den an⸗ dern that. Wenn das Gewiſſen uns Etwas vorwirft, ſo iſt die Einſamkeit eine Plage. Dieſelbe Lage, die uns ſo angenehm tröſtet, wenn wir ein reines Bewußtſein haben, ſchmerzt uns im entgegengeſetzten Falle. Mylady war allein, und nur mit einem Gefühl der Scheu dachte ſie an ihre Einſamkeit. Sie blieb wieder ſtehen und lauſchte. Das Schwei⸗ gen währte fort. Sie hatte nicht einmal ihre eigenen Tritte gehört, ſo elaſtiſch und weich war der in pracht⸗ vollen Farben ſchillernde türkiſche Teppich, auf welchem ihre Füße dahinſchwebten. Das Zimmer, worin ſie ſich jetzt befand, war mit Gobelins ausgeſchlagen, deren erſte friſche Farbe ſich noch immer auf bewundernswürdige Art erhalten zu haben ſchien. Möbel von Ebenholz, mit reichen Ein⸗ faſſungen geſchmückt, umgaben die Wände. Zwiſchen den hohen Fenſtern erhoben ſich große Spiegel in antik gearbeiteten goldenen Rahmen. Seitwärts von den Spie⸗ geln ſtanden cryſtallene Girandolen, deren Arme mit kunſtreichen Ornamenten verziert waren. Das Zimmer erſchien ihr beinahe geſpenſtiſch. Die — Gobelins ſtellten ſtattliche Figuren aus vergangenen Jahrhunderten vor. Die Möbel erinnerten an eine Zeit, wo andere Generationen gelebt hatten. Die cryſtallenen Girandolen, die ihre Arme gegen die marmorweiße Decke emporſtreckten, glichen verſteinerten Weſen von wunderbarem Ausſehen. In dieſem Augenblick bemerkte ſie ihr eigenes Bild im Spiegel, beim Anblick deſſelben überkam ſie ein Zittern. Aber auf die Bläſſe, die ſich über ihre Wangen geſchlichen hatte, folgte bald eine hübſche Röthe, hervor⸗ gerufen nicht von einer äußeren, ſondern von einer in⸗ neren Veranlaſſung. Sie hatte ſich ſelbſt geſehen und ſie erſchien ſich hübſch und einnehmend. — Ich muß wiſſen, dachte ſie dabei, wer die Per⸗ ſon iſt, die er liebt. — Sollte es, fuhr ſie in ihrem Gedankengang fort, die Oberhofmeiſterin ſein? — Ich muß es bald erfahren. 3 Und muthiger ſetzte ſie jetzt ihren Weg fort, bis ſie an eine Thüre kam, die zwar nicht verriegelt, aber doch geſchloſſen war. Hier überſiel ſie eine neue Furcht, und ſie war un⸗ ſchlüſſig, ob ſie es wagen ſollte, einzutreten oder nicht. — Warum nicht? bemerkte ſie jedoch. Ich gehe ja bloß hinein, um das kleine Gemälde zu holen, man wird nichts dagegen einwenden können. Sie ſtieß leiſe die Thüre auf. Während ſie noch auf der Schwelle ſtand und um ſich blickte, hörte ſie ganz in ihrer Nähe eine Stimme, ohne daß Jemand ſichtbar war. Sie lauſchte. — Ich habe Ihren Wunſch erfüllt, ſagte die Stimme, Sie haben mich geſehen, Sie haben mit mir geſprochen, jetzt müſſen Sie ſich entfernen. Die Stimme kam aus der Vertiefung einer Fenſter⸗ nen eit, nen iße on ein gen in⸗ ind 219 niſche, vor welcher dichte bunte Seidengardinen her⸗ abhingen. — Schenken Sie mir noch einen Augenblick, bat eine andere Stimme. Mylady erkannte ſie. Es war die Stimme Armfelt's. Sie hatte dabei ein doppeltes Gefühl, zuſammen⸗ geſetzt aus Verdruß und Freude. Man hätte ſagen können, daß ein Schmerz durch ihr Herz ſuhr, während ein Strahl von Beſriedigung durch ihre Seele glitt. Armfelt hatte ſie mit ſeinen Verſicherungen getäuſcht, das war allerdings ein Kummer; aber ſie war jetzt im Fall, ihn entlarven zu können, und das war doch eine Freude. Sollte ſie es jedoch wagen, die Drape⸗ rien zurückzuziehen und ihn auf einmal zu beſchämen? Sie erſchrack vor einer ſolchen Keckheit, und gleichwohl ſtreckte ſie die Hand aus, ohne jedoch den Vorhang er⸗ reichen zu können. Wie feſtgewachſen blieb ſie auf ihrem Platze ſtehen, den Blick unaufhörlich auf einen einzigen Punkt geheftet. Die Gardinen bewegten ſich zitternd wie vor einem Wind, und ein Zittern durchlief jetzt auch ihre Glieder. Sie ſenkte dabei das Auge, aber kaum ruhte ihr Blick auf dem Boden, als ſie am Fuße des Fenſter⸗ ſchemels dicht vor der Draperie einen ſchneeweißen Handſchuh bemerkte. Sie erkannte ihn. Es war der⸗ ſelbe Handſchuh, den Armſelt ihr gezeigt hatte, oder er glich ihm wenigſtens vollkommen. Ohne ſich zu be⸗ ſinnen und nur vom erſten lebhaften Eindruck geleitet, eilt ſie leiſe, unhörbar vor und hebt den Handſchuh auf. Aber kaum hat ſie ihn in ihrer Hand, ſo ſtellen ſich Reue und Aengſtlichkeit ein, und ſie ſchaut ſich nach mnemn Plätzchen um, wohin ſie ihren Rückzug nehmen nte. Es war ihr beinahe, als hätte ſie ein Verbrechen begangen. Den Handſchuh wollte ſie jedoch nicht von ſich geben. 220 Er war für ſie ein Beweis, den ſie gegen den Leicht⸗ ſinnigen anzuwenden beabſichtigte. Sie wußte, daß das Portrait, das ſie ſuchte, ſich in einem noch weiter entfernten Zimmer befand. Dort⸗ hin alſo... dorthin... Schnell und leicht wie eine Gazelle wollte ſie ſich entfernen, als ſie in demſelben Augenblick, wo ſie ſich umwandte, zwei große Augen ſah, die ſie ſtarr betrach⸗ teten. In ihrer erſten Angſt wußte ſie nicht, ob es eine lebendige Perſon war, die da ſaß, oder ein von dem Künſtler meiſterhaft ausgeführtes Marmorbild, die Ueberraſchung oder Verwirrung darſtellend. Ohne ſich ihre dunklen Vorſtellungen klar machen u können, ſieht ſie, wie das Bild ſich aufrichtet und ſhntt aber leiſe auf ſie zutritt. Die Kommende war Niemand anders, als die Ober⸗ hofmeiſterin, die in Betrachtung eines Gemäldes ver⸗ ſenkt und mit dem Rücken gegen die Thüre gewandt, Mylady's Ankunft nicht eher bemerkt hatte, als bis dieſe mit dem Handſchuh ſich entfernen wollte. Die Oberhofmeiſterin hatte ſie bereits beim Arme erfaßt, ehe ſie zu einem Entſchluſſe kommen konnte. — Unglückliche, flüſterte ſie ſo leiſe, als fürchtete ſie den Ton ihrer eigenen Stimme, zu was hat Ihre Neugierde Sie verleitet? Mylady, die bald wieder zu Beſinnung kam, wollte den Vorwurf beantworten, aber die Oberhofmeiſterin hinderte ſie daran, indem ſie ihr die Finger auf den Mund legte, um ihr Schweigen zu empfehlen. In demſelben Augenblick fühlte ſich Mylady von der Oberhofmeiſterin nach den inneren Zimmern fort⸗ geführt. Sie begriff die Urſache nicht, aber unter dem Eindruck dieſer allzu unerklärlichen und geheimnißvollen Handlungsweiſe beobachtete auch ſie ein ebenſo unver⸗ brüchliches Stillſchweigen wie die Oberhofmeiſterin. Gleich zwei Schatten ſchwebten ſie dahin.. Als die Oberhofmeiſterin Mylady's Hand losließ, 221 zog ſte den aufgehobenen Handſchuh aus derſelben und befeſtigte ihn an ihre Schärpe. Aber in demſelben Augenblick, wo ihr der Handſchuh entglitt, bemerkte Mylady, daß etwas Hartes in ihrer Hand zurückblieb. Es war ein kleiner Ring, das fuhlte ſie ſogleich. Ver⸗ muthlich hatte er in einem der Handſchuhſinger geſeſſen und war abgeglitten. Beinahe bewußtlos ſchloß ſie ihre Hand feſt um den kleinen Reſt ihres Beweismittels gegen Armfelt, in der Abſicht, unter keinen Umſtänden ſich davon zu trennen. Die Oberhofmeiſterin hatte ſich inzwiſchen einer Seitenthüre genähert, durch welche Mylady ſich entfer⸗ nen konnte, als man langſame Tritte von der andern Seite her nahen hörte. — Mein Gott, flüſterte ſie jetzt, wir ſind verloren. — Warum 2 — Der König kommt.. Ein Augenblick der geſpannteſten Aufmerkſamkeit verging und Niemand ſprach. Man lauſchte. Ganz beſonders zeigte ſich eine lebhafte und peinliche Unruhe in den Zügen der Oberhofmeiſterin.. — Was ſollen wir thun? ſagte ſie. Er iſt es unzweifelhaft. Es iſt kein anderer Ausgang mehr vor⸗ handen als dieſer hier und derjenige, wo Sie herge⸗ kommen ſind. Sie... Sie unterbrach ſich ſelbſt. — Sie müſſen mir helfen, den König ſchnell durch die Zimmer zu führen oder zu entfernen. Mylady begriff, doch ſie fürchtete Armfelt's tete- a-téète möchte entdeckt werden. — Aber wenn er entdeckt wird, dachte Mylady ihrerſeits, ſo bin ich an ihm gerächt, und zu gleicher Zeit kann ich erfahren, wer die Unbekannte iſt. Ddie CEiferſucht raste in ihrer Bruſt heftiger als vorher, weil alle andere Gefühlen vor dieſem einzigen gewichen waren. — er Köͤnig iſt willkommen, bemerkte ſie daher; ich fürchte Sie nicht mehr, Frau Oberhofmeiſterin. — Ha, auch Sie... Die ſonſt ſo fröhliche Oberhofmeiſterin ſchien ſelbſt beinahe verloren zu ſein, ſo ſehr war ſie auf einmal über die Annäherung des Königs erſchrocken. — Wenn Sie eine Bundesgenoſſin in mir haben wollen, fügte Mylady hinzu, ſo müſſen Sie mir ſagen, wer die Dame iſt, deren Handſchuh ich vorhin aufhob. — Niemals, niemals. — Auf Ihren Wunſch, daß ich Ihnen helfen ſoll, antworte ich jetzt auch, niemals, niemals. Was be⸗ ſchließen Sie jetzt? — Sie haben meine Antwort gehört. König Ferdinand trat jetzt ein. Zum guten Glück war er allein, und dieſer Umſtand erhielt den Muth der Oberhofmeiſterin noch aufrecht. Die Geſchichte ſchreibt Ferdinand IV weder Geni⸗ noch Scharfſinn zu. Eine verwahrloste Erziehung machte, daß ſeine Verſtandeskräfte in einem ganz untergeordne⸗ ten Zuſtand blieben. Er war einer von den religiöſen Männern ſeiner Zeit, d. h. er hielt feſt an den Bräu⸗ chen und Ceremonien der Kirche. Es fehlte ihm auch nicht an Muth und Beharrlichkeit, wenn es ſich nehm⸗ lich darum handelte zu jagen und zu fiſchen. Unermüd⸗ lich in dieſen zwei Punkten wurde er bald verdroſſen, wenn es ſich um Staatsgeſchäfte handelte. Seine Ge⸗ mahlin Marie Karoline regierte auch das Reich mehr als er, und ihn ſelbſt regierte ſie mehr, als er ſeine Jagdhunde dreſſirte. Außerdem daß ſie ihren Herrn und Gemahl von allen Mühſeligkeiten, die mit der Beſor⸗ gung der äußeren und inneren Angelegenheiten des Lan⸗ des in Verbindung ſtehen konnten, befreite, war ſie auch wirklich eine vortreffliche Gattin. Ferdinand's Aeußeres war übrigens nicht ohne eine gewiſſe Würde. Die Stirne war hoch und breit; ſie ließ auf Starrſinn ſchließen, ganz und gar nicht auf Ent⸗ 223 ſchloſſenheit. Die Augen waren groß, rollten aber lang⸗ ſam, und es fehlte ihnen das Feuer des Genies; die Naſe war hoch, nicht übel formirt, drückte aber nichts⸗ deſtoweniger Schwäche und Gleichgültigkeit aus; die Lippen waren rund, aber ſchlaff. Den Kopf trug er nicht übel, aber dieß kam von der Gewohnheit her, nicht von einem Gefühl ſeiner königlichen Würde. Das Ge⸗ ſicht war oval, aber in den Zügen lag keine Kraft oder Beſtimmtheit. Als die Thüre aufging und der König auf der Schwelle erſchien, hörte man Armfelt und die Unbe⸗ kannte hinter der dicht zugezogenen Fenſterdraperie im inneren Zimmer fröhlich und herzlich lachen. Mylady bemerkte, wie dabei jeder Blutstropfen aus den Wangen der Oberhofmeiſterin verſchwand, und daß ſie ſchwankte, wie wenn ſie nahe daran wäre zu fallen. Aber ihre Seele war deßungeachtet nicht ſchwach wie ihr Körper. — Gnade, Ew. Majeſtät, Gnade! rief ſie und warf ſich vor dem Könige nieder. Der Ruf war laut genug, um von denjenigen ge⸗ hört zu werden, welche ſie dadurch offenbar vor der drohenden Gefahr warnen wollte. Auch verſtummte man drinnen ſogleich. Der König blieb überraſcht von der Miene und dem Verlangen der Oberhofmeiſterin ſtehen. — Was wollen Sie ſagen, ma chère? Gnade! rufen Sie. Sollte nicht vielmehr ich von Ihren Augen — Ich.. ich... — Sie ſtammeln, lächelte Ferdinand, weil ich er⸗ rathe, was es iſt. 224 — Sie errathen es, Ew. Majeſtät? — Sie lieben, Madame. 3 In Neapel und überhaupt in ganz Italien ſpricht man ungenirter von ſeiner Liebe als anderswo. Ein Autor erzählt, man ſpreche davon, daß man den und jenen liebe, gerade wie man im nördlichen Europa da⸗ von ſpreche, daß der und jener krank ſei. — Ach nein... nein... Ew. Majeſtät. Die Oberhofmeiſterin hatte beſchloſſen, den König um jeden Preis von ſeinem Weg abwendig zu machen; ſie hatte daher flehend ſeine Kleider erfaßt, um ihn am Weitergehen zu verhindern, aber ohne daß ſie ſich ſelbſt noch recht klar zu machen gewußt hatte, um was ſie ihn eigentlich bitten ſollte. Sie ſtammelte daher, als danach gefragt wurde, ſie konnte die Antwort nicht ſo⸗ gleich ſinden, die ſie ſuchte. Mylady hatte mit klopfendem Herzen die Oberhof⸗ meiſterin beobachtet und die Abſichten, die ihre Hand⸗ lungsweiſe leiteten, ſogleich durchſchaut; aber ihre ver⸗ letzte Eitelkeit flüſterte ihr gleichwohl etwas ganz An⸗ deres in’s Ohr, als daß ſie der Erſchrockenen beiſtehen müſſe. — Die Oberhofmeiſterin iſt über das, was ſich zu⸗ getragen hat, allzu aufgeregt, ſiel jetzt Mylady ein, aber wenn Ew. Majeſtät mir erlauben... — Sprechen Sie, meine Gräfin, ſprechen Sie... Mylady fühlte ſich einen Augenblick gluͤcklich. Sie konnte ja jetzt nach Belieben handeln. Die erſte Stimme, die ſie aus ihrem Herzen hörte, war die der Eiferſucht. Eine heftigere, aber zu gleicher Zeit aus entgegen⸗ geſetzteren Elementen beſtehende Leidenſchaft als die Eiferſucht gibt es nicht. Sie iſt eine Wolke voll von Blitzen und wird von einem losgelaſſenen Sturmwind durch unſere Seele geführt. Bald entladet ſie ſich in gewaltſamen Ausbruͤchen, bald ſieht man den Strahl einer milden Sonne hinter dem kohlſchwarzen Rand 225 hervorbrechen und einen an entzückenden Hoffnungen reichen Regenbogen bilden. Mylady wollte keine ſchreckliche Rache an Armſelt nehmen; ihrer Seele ſchmeichelte bloß der Gedanke, ihn entſchleiern zu können. 7 99 4 3 Als der König ſie bat zu ſprechen, ſo trat ſie auf ihn zu. h ze. Wenn Ew. Majeſtät mir zu folgen geruhen wollen, ſo werde ich Ihnen zeigen, warum die Ober⸗ hofmeiſterin zu Ihren Füßen niedergefallen iſt und Sie um Gnade bittet. — So laſſen Sie uns gehen, meine Gräfin. Mylady's Blick fiel dabei auf das kleine Gemälde, welches ſie der Geſellſchaft mitzubringen verſprochen hatte. — Erlauben Ew. Majeſtät, daß ich dieſes Portrait herabnehme? ſagte ſie und nahm es von der Wand, ohne die Antwort des Königs abzuwarten. — Wohin wollen Sie mich führen? fuhr der Kö⸗ nig in ſeinem Gedankengange fort; Ihr hübſches Händ⸗ chen kann mich führen, wohin es nur will. — Kommen Sie, Majeſtät, kommen Sie. Die Oberhofmeiſterin war wieder aufgeſtanden und folgte nun ihrerſeits allen Bewegungen Mylady’s. Ein Kampf von entgegengeſetzten Leidenſchaften ging in ihrem Geſichte vor. Ihr ganzes Schickſal ſchien in Mylady's Hand zu liegen, ohne daß ſie wußte, ob ſie in ihr eine Bundesgenoſſin oder eine Feindin hatte. Als inzwiſchen Mylady ſich mit dem Könige der Thüre in's innere Zimmer näherte, ahnte ſie das Schlimmſte und wollte ihnen voraneilen, um auf irgend eine Weiſe den Weg zu verſperren; aber ehe ſie voran⸗ kommen konnte, war der König bereits eingetreten. In Wylady's Augen glänzte ein Strahl der Be⸗ Feiedigun. Der Augenblick, der liebliche Augenblick, wo ſie ihre Nebenbuhlerin kennen lernen ſollte, war jetzt gekommen. Der Trabant. III. 15 226 Sie brauchte bloß den König auf die Draperie huzuweiſen und ſeine Hand würde dieſe ſogleich zer⸗ theilen. Sie weidete ſich zum Voraus an ihrem Triumph, während ſie die geſchloſſenen Gardinen betrachtete, die in dichten ſtarken Falten herabfielen und das Geheimniß noch verbargen, das ſie ſo lebhaft intereſſirte. Sie hatte den König mitten in's Zimmer geführt, um von dieſem Platz aus beſſer ſelbſt die geringſten Umſtände, die möglicher Weiſe eintreten konnten, zu beobachten. — Sie bleiben ſtehen, Gräfin, bemerkte Ferdinand. Mylady antwortete nicht, aber ſie warf einen ſieg⸗ haften Blick auf die Oberhofmeiſterin, gleich als wollte ſte noch einmal ihre Seele erforſchen. Die Eiferſucht gewinnt bei dem Weib oft die Ober⸗ hand über ihren Scharfſinn. Der Fenſtervorhang bewegte ſich jetzt in einer lang⸗ ſamen Biegung und zog ihre Aufmerkſamkeit auf ſich, im Uebrigen aber war es hinter demſelben ſo ſtill, als ob man nicht einmal zu athmen wagte. Die Bewegung des Vorhangs ſchien der Oberhof⸗ meiſterin neues Leben zu geben. Mit einer Haſt, als wäre ſie auf einmal aus einer Betäubung erwacht, warf ſie ſich zwiſchen das Fenſter und den König, und ſiel vor ihm nieder. — Ich habe Ew. Majeſtät etwas Wichtiges zu ent⸗ decken, ſagte ſie. Aus Gnade, folgen Sie mir, und ich will Ihnen Alles ſagen, folgen Sie mir. —(Ew. Majeſtät wollen jedenfalls hier bleiben, bat Mylady. — Es iſt das erſte Mal, daß ich Ew. Majeſtät um eine Gnade bitte, folgen Sie mir. Mylady faßte den König beim Arm. Ferdinand blickte verwundert die Damen an, die ihm beide gleich unerklärlich vorkamen. Ich begreife nicht... ich verſtehe nicht... 227 — Sie werden mich bald verſtehen, Ew. Majeſtät, el Mylady ein; bleiben Sie nur noch einen Augen⸗ lick hier. — Alles, alles wird Ihnen begreiflich werden, be⸗ merkte dagegen die Oberhofmeiſterin, wenn Sie nur mir folgen wollen.. Der König zögerte.. Die Oberhofmeiſterin erhob ſich heftig und ſtürzte auf Mylady zu; das ſonſt ſo fröhliche und blühende, friſche Geſicht war jetzt leidenſchaftlich und ſcharf. — Bedenken Sie wohl, was Sie thun wollen, ſagte ſie. Der König konnte die beiden Damen und die Ur⸗ ſache der Feindſeligkeit, die auf einmal ihr früheres freundſchaftliches Verhältniß geſtört zu haben ſchien, nicht begreifen. Sein Blick flog fragend von der Einen zur Andern, ohne daß er deßhalb über die Urſache beſſer aufgeklärt wurde. — Ew. Majeſtät, begann Mylady, ich habe eine geheime Liebe entdeckt. Der König wandte ſich bei dieſen Worten ſogleich gegen ſie und ſchien mit ungewöhnlichem Intereſſe ſie anzuhören. — Eine geheime Liebe? wiederholte er... ich verſtehe... ich verſtehe... eine geheime Liebe. Es iſt nichts Ungewöhnliches, daß man Etwas zu verſtehen glaubt, was man ganz und gar nicht begreift. Dieß war wenigſtens jetzt mit Ferdinand der Fall. — Ach ja, Ew. Majeſtät, eine Liebesaffaire, die die größte Aufmerkſamkeit verdient, die... — Ah, Frau Gräſin, wirklich? — Folgen Sie mir, Ew. Majeſtät, ich flehe Sie darum an, ſiel die Oberhofmeiſterin ein. Sie ſollen Alles erfahren... nur folgen Sie mir... auf mei⸗ nen Knieen bitte ich Sie darum. Angſt und Verzweiflung preßten glänzende Thau⸗ perlen von ihrer Stirne. Mylady dagegen blickte ruhig 5* f b 228 und ſtolz um ſich; aber ein neues Zittern des Fenſter vorhangs und das Getöne eines leiſen Seufzers, aber eines Seußzers, der den tiefſten Schmerz verrieth, ſchien ſie einen Augenblick anders zu ſtimmen. Mylady ging jetzt mit ſich ſelbſt zu Rathe. Was ſie dachte, wer kann es wiſſen? Aber ein ſchalkhaftes Lächeln breitete ſich allmählig über ihre Lippen und rief ein boshaftes Grüb⸗ chen in ihre Wangen. 4 Während ihre Augen noch auf der Oberhofmeiſterin ruhten, ſtreckte ſie ihre Hand gegen die Draperie aus. — Ew. Majeſtät, fuhr ſie fort— Der König war von der ſichtbaren Spannung der Damen zu ſehr in Anſpruch genommen, um der Rich⸗ tung ihrer Hand zu folgen. Mit Verwunderung be⸗ trachtete er ſie und vergaß alles Andere. 1— Ich habe ein Liebesbündniß entdeckt, Ew. Ma⸗ jeſtät. 1 Des Königs Neugierde ſteigerte ſich in demſelben Grad wie die Angſt der Oberhofmeiſterin, während ein ſchalkhaftes Lächeln fortwährend wie ein Roſenblatt auf Myladys Lippen ruhte. — Ein Liebesbündniß, das ebenſo merkwürdig als originell iſt. — Mylady! rief die Oberhofmeiſterin. — Ein Liebesbündniß, von welchem die euro⸗ päiſchen Zeitungen bald mit Verwunderung ſprechen werden. Ferdinand's ſonſt ſo klare und ruhige Stirne legte ſich in eine düſtere Falte. Es war die erſte, die ſie ſeit vielen Jahren beſchattete. — An meinem Hofe? fragte er. — Ja, Ew. Majeſtät, an Ihrem Hofe. — Weiter, weiter! Ferdinand begann beinahe hef⸗ tig zu werden. — Soll ich Ihnen den Verbrecher nennen, Ew. Majeſtät, ſo müſſen Sie mir verſprechen, ihn auch nach Verdienſt zu beſtrafen. — 229 — Ich verſpreche das; wer iſt es 2 — Baron Armfelt, Ew. Majeſtät. — Armfelt... fahren Sie fort... — Er liebt... Mylady zögerte hier, gleich als beſänne ſie ſich noch. Es war ſo ſtill im Zimmer, daß das Schweigen allein ſchon qualvoll war. — Er liebt, fuhr Mylady fort, eine Dame, deren Schönheit alle Andern übertrifft, deren Hände ſo zierlich, ſo klein, ſo weich find... Der König verfinſterte ſich immer mehr. — O, mögen Sie ihn beſtrafen, Ew. Majeſtät, er liebt... — Wen 2 3 Die Oberhofmeiſterin ſtützte ſich auf eine Stuhllehne, um nicht zu fallen. — Dieſes Portrait, Ew. Majeſtät. Ein Ausruf freudiger Ueberraſchung kam über die Lippen der Oberhofmeiſterin. — Er liebt... das Mitleid... und wird wahr⸗ ſcheinlich auch wieder geliebt von dem Mitleid. Der Ton, den ſie auf ihre Worte legte, gab ihnen eine Bedeutung, welche die Anweſenden, mit Ausnahme des Königs nur allzu gut begriffen. Der König hatte allerdings ein anderes Ende der Denunciation erwartet, aber als Mylady ihm jetzt das Portrait in ihrer Hand zeigte, nahm er die Sache als Scherz auf und lachte recht herzlich. „— Aber Ew. Majeſtät haben mir verſprochen, ihn nach Verdienſt zu beſtrafen. — Sie vergeſſen, daß er nicht mein Unterthan iſt, erinnerte der König heiter und freundlich. — Das iſt wahr; aber ſtrafen Sie ihn nach den Umſtänden. 3— Und welche Strafe wollen Sie vorſchlagen? thet 14 Ew. Majeſtät wiſſen, daß Armfelt verheira⸗ 230 — Ganz richtig. — Es iſt Strafe genug, Ew. Majeſtät, eine An⸗ dere zu lieben, wenn man verheirathet iſt. — Ganz gewiß. — Erlauben Sie ihm deßhalb, Ew. Majeſtät, dieſe Andere zu lieben. — Unendlich gern, ja, ja. Ich bewillige Ihren Wunſch und verſpreche, gegen ſein Liebesabenteuer die Augen zuzudrücken. Wo iſt Baron Armfelt?2.... muß ihn treffen.... Sie erlauben mir doch, ihn ein Bischen zu necken? — Aus Mitleid gerne, Ew. Majeſtät. — Kommen Sie, kommen Sie. — Ich bin gerächt, dachte Mylady bei ſich ſelbſt; ich babe die Macht gebabt, ihn zu beſtrafen, ich habe Gnade für Recht ergehen laſſen; noch mehr, ich habe ihn eine ganze Viertelſtunde in der qualvollſten Un⸗ gewißheit über meine Abſicht gehalten. Die Oberhofmeiſterin war allzu erſchüttert geweſen, um ſich ſogleich wieder erholen zu können. Sie hatte inzwiſchen einen tiefen Blick in Mylady's Herz gewor⸗ fen und den Kampf geſehen, der darin raste; um ſo mehr bewunderte ſie daher auch die edle Regung, die am Ende über ihre Leidenſchaft obgeſiegt hatte. Heiter und zufrieden begab ſich der König zur Geſellſchaft, wo er ſcherzend erzählte, Armfelt habe ſich in eines der entzückendſten Meiſterſtücke Schidoni's, das Mitleid, verliebt, deſſen lilienfeine Hände auch allgemein den Preis über Guido's Morgenröthe gewannen. Armfelt trat beinahe in demſelben Augenblick wie der König in den Salon ein. Mit einem Lächeln, das nur Mylady verſtand, nahm er den Scherz auf, der ſich von allen Seiten gegen ihn kehrte. Der König hielt das Porträt noch in ſeiner Hand, als man die Königin meldete und ſie eintrat. — Ew. Majeſtät, begann der König zur Königin gewandt, wir haben eine Liebesintrigue an unſerem Hof 1 238 231 entdeckt. Bewundern Sie unſern Scharfſinn; und der König erzählte auf's Neue, was der Leſer bereits weiß. — Armfelt, fügte der König hinzu, ich billige Ihre Wahl und Ihren Geſchmackz, und als Beweis dafür ſchenke ich Ihnen dieſes Gemälde. Hängen Sie es vor Ihrem Schreibtiſche auf. — Ich liebe das Mitleid, Ew. Majeſtät, aber nicht an meinem Schreibtiſch. — So hängen Sie es über Ihrem Bette auf. — Auch da liebe ich das Mitleid nicht. Der Kaiſerin Maria Thereſia ſchöne Tochter ſtand ſchweigend, aber aufmerkſam und ſchöner als je daz ſie lächelte, aber es war das Lächeln eines Sonnen⸗ ſtrahles durch einen Roſenbuſch. Eine Weile nachher trat Armfelt zu Mylady Munk. — Das Herz macht die Frau liebenswürdig, ſagte er zu ihr, der Geiſt macht ſie entzückend. Sie ſind ſo⸗ wohl liebenswürdig als entzückend. Mylady drückte den kleinen Ring hart in ihre Hand, als Armfelt ſie verließ. Früher oder ſpäter, dachte ſie, wird dieſer Ring mich wohl aufklären, wer meine unbekannte Neben⸗ buhlerin iſt. Als der Hofzirkel aufgelöst werden ſollte, wandte ſich der König zu der Prinzeſſin Sophie Albertine. — CEw. Hoheit begleiten uns doch heute Abend auf die See? Sie werden dann ſehen, daß das Fiſchen ein Vergnügen iſt, mit dem ſich kein anderes meſſen kann. Che wir Ferdinand IV., König beider Sieilien, auf die Fiſchpartie begleiten, die er Andern zum Beſten zu geben gedachte, weil er ſich ſelbſt viel Vergnügen davon verſprach, wollen wir in der Geſchwindigkeit bei Vin⸗ cenz einen Beſuch abſtatten. Franz Piraneſt, der eigentliche und gewöhnliche 232 Spion, welchen die vormundſchaftliche ſchwediſche Re⸗ gierung in Italien hielt, rühmt ſich in ſeinen merk⸗ würdigen Briefen an General Johann Acton öffentlich ſeiner ſyſtematiſch ausgebildeten und auf Koſten der ſchwediſchen Krone unterhaltenen Spionage in Bezug auf Armfelt. Ich habe, ſagte er in dieſen Briefen unter Anderem, einen dienſtbaren Geiſt, der mich von Allem in Kennt⸗ niß ſetzt, und mit zwei ſchnellen goldenen Flügeln ver⸗ ſehen iſt. Mit denſelben Schlüſſeln, die eines Tags den Thurm der Dange öffneten, öffnet er, ohne geſehen zu werden, alle Thüren. Nachdem ich ihn, einem hohen Befehl zu Folge, der mir von einem wohlthätigen Engel*) zugeſtellt wurde, beauftragt habe, alle Unternehmungen des Barons Armfelt zu überwachen, ſo hat mein dienſt⸗ barer Geiſt dieſes ſein Geſchäft ſo vortrefflich ausgeführt, daß er mich mehrere Male in die größte Verwunderung verſetzte. Beurtheilen Sie ſelbſt, ob ich die Wahrheit ſage. Er war mit dem Baron im Bade zu Lucca, als er ſeinen Proſpectus zu dem Leben Guſtav's III ſchrieb; er war bei ihm, als er denſelben in ganz Toscana ver⸗ öffentlichte, ihn in Livorno an Micali übergab und in Florenz allen fremden Geſandten daſelbſt ſechs Exem⸗ plare zuſtellen ließ. Er war bei ihm, als er für den Abbé d'Heral und Herrn Vignes, die mit dem Revo⸗ lutionsplan für die ruſſiſche Kaiſerin nach Petersburg abgeſandt wurden, Päſſe durch ganz Deutſchland erhielt. Mein dienſtbarer Geiſt begleitete dieſe beiden Reiſenden unſichtbar bis nach Düſſeldorf. In Neapel war er Baron Armfelt's unzertrennlicher Schatten. Er beglei⸗ tete ihn überall, in alle Geſellſchaften, bei allen Be⸗ ſuchen. Er ſammelte ſeine Worte, Ausdrücke und Macht⸗ ſprüche, die er an der Tafel und in Geſellſchaften von ſich gab. Er verlor nicht einen einzigen ſeiner Ausfälle gegen den Herzog Regenten. Er ſchlich ſich mit ihm *) Er meint Reuterholm. 23³3 Re⸗ an den Toilettentiſch und in die Schlafzimmer ſo man⸗ erk⸗ cher Prinzeſſin und Mylady, die für ihn ſeufzte. Noch lich mehr, er begleitete ihn bis an den geheimen Ort, wo der er ſeine Briefe ſchrieb. Wenn Andere ſchliefen, wachte zug mein dienſtbarer Geiſt am Schlüſſelloch und ließ Arm⸗ felt nie aus dem Auge, außer wenn er durch eine ge⸗ m, heime Thüre einer Treppe verſchwand, die in's Zimmer nt⸗ einer Schönen führte. Glauben Sie nicht, daß ſeine er⸗ Entdeckungen damit aufhörten. Ich kann Ihnen merk⸗ den würdige Details ſagen, worüber Sie ſich verwundern zu werden. Sie kennen Angelika's wunderbaren Ring. So den wiſſen Sie denn, daß mein Geiſt auch dieſen beſeſſen 5) und mit Hülfe deſſelben nicht bloß den Proſpect, ſondern en den ganzen Plan zur Revolution entdeckt und ihn ab⸗ ſt⸗ geſchrieben hat, ſammt den Chiffern auf dem Tiſch und rt, allen Briefen ſeiner Mitſchuldigen, die, wie ich glaube, ig die Vorſicht des Barons nicht ſehr zu rühmen haben. eit Ich kann Ihnen nicht genau ſagen, wie die Dokumente 1s verſchwanden, aber das weiß ich, daß ſie ihren Weg 5; nach Rom nahmen, wo man ſie mit Ungeduld erwartete, ⸗ und daß ſie von da aus nach Stockholm geſchickt wur⸗ n den. Mein dienſtbarer Geiſt wurde immer fleißiger und n⸗ aufmerkſamer. Aufgemuntert durch die Hoffnung auf n neue Entdeckungen gonnte er ſeinen Augen keinen Schlaf ⸗ mehr, ſo daß er endlich in Neapel erkrankte. In dem⸗ g ſelben Hotel wohnend wie Baron Armfelt, und zwar in t. einem Zimmer, das dem ſeinigen gegenüberlag, ge⸗ n brauchte er die Vorſicht, ſein Bett gerade vor die Thuͤre zu ſtellen, die beſtändig halb offen war, damit er, ob⸗ ſchon krank, die Perſonen beobachten konnte, die kamen und gingen. Auch ſeine Wahl eines Chirurgen war ⸗ ſehr wohl berechnet. Beurtheilen Sie ſelbſt, welchen 1 Nutzen er ſogar aus den unſchuldigen Berathungen zu ziehen wußte, zu denen der Kranke auf ſeinem Schmer⸗ zenslager Veranlaſſung geben konnte u. ſ. w. Wie theuer dieſe auf Reuterholm's Befehl organi⸗ ſirte Spionage dem ſchwediſchen Lande zu ſtehen kam, 234 iſt nicht mit Beſtimmtheit ausgemitt, ſteht feſt, daß Piraneſi prahlend er ſchließen, wie hoch ſich die Ausgaben in drei Monaten beliefe Auch das iſt gewiß, daß eine Spionage wie dieſe, bei der man Alles aufbietet, um ſeinen Mann zu fan⸗ gen, ſehr leicht ſelbſt den ehrlichſten Mann auf's Schaffot 4 führen kann. eher Piraneſi ein blindes Werk⸗ . nz ein Werkzeug in der Hand Piraneſi's, obſchon letzterer dieß ſelbſt nicht ein⸗ jetzt zu Vincenz zu⸗ ſcheint, an ſeiner Bruſtwunde. Das Bett vor der Thüre, und die Thür iſt halb offen. — Sie müſſen mir Ihre Anſicht ſagen. — Sehr gerne, Herr Graf, ſehr gern, huſtete ſteht gerade — Ich habe Ihnen meine Abſichten gegen Fräulein Poſſe und Baron Armfelt anvertraut, um Ihr Urtheil darüber zu vernehmen. Nun wohl, was ſagen Sie jetzt, mein Herr? — Ihr Plan iſt gut, er muß gelingen, wenn er nur geſchickt ausgeführt wird. Verzeihen Sie mir meine Wortkargheit, aber ich bin krank und kann kaum ſprechen. Vincenz war auch wirklich ſehr unwohl, weil ein nicht unbedeutendes Wundſieber in ſeinen Adern brannte. Adlerſtern ging ſchweigend im Zimmer auf und ab. und leidet, wie es —,— 23⁵ — Uund Sie haben bereits mehrere wichtige Do⸗ kumente an Reuterholm abgeſchickt? begann er wieder, indem er einen neuen Gegenſtand aufnahm. — Ja, Herr Graf. 1 ¹ — Sie ſagen, daß Sie Armfelt in Ihrer Hand haben und Ihrer Sache ſicher ſeien? — Ganz richtig. Adlerſtern machte von Neuem einen Gang durch's Zimmer, wobei er den Kopf in die rechte Hand neigte, wie wenn er ernſtlich etwas überlegte. — Er bleibt lange aus, bemerkte er dann. — Nur noch einige Minuten. Mit dem letzten Schlag der Glocke iſt er hier. — Sie ſcheinen Alles voraus zu wiſſen. Ein mattes Lächeln breitete ſich über Vincenzens bleiche Züge. — Ich kann mir dieſe Allwiſſenheit nicht erklären. — Nicht? Und gleichwohl wiſſen Sie jetzt ſelbſt, Graf, daß heute Nacht dem Baron Armfelt etwas Un⸗ angenehmes widerfahren wird. — Das iſt etwas Anderes. Ich habe ja ſelbſt die Veranſtaltungen dazu getroffen. — Sehen Sie. — Nachdenklich ging Adlerſtern von Neuem im Zimmer umher. Als er damit aufgehört, ſtand er zufällig vor einem Spiegel. Beim Anblick ſeines eigenen Ge⸗ ſichtes verzogen ſich ſeine Lippen zu einem höhniſchen Lächeln, das aber neben ſeinem Spott einen ſolch bittern Schmerz ausdrückte, wie wenn er als Opfer unter einem Marterinſtrument läge. — Sie betrachten ſich, bemerkte Vincenz, nicht ohne Ironie im Ausdruck und Blick. Adlerſtern antwortete ihm mit einem verdrießlichen und halblauten, kurzen und kalten Lachen. Es klang beinahe, wie wenn auf einem ſchlechten Inſtrument eine Saite ſpringt. — Sie lachen, fuhr Vincenz fort. 236 — Muß ich nicht lachen? verſetzte Adlerſtern. Was ſind wir? Was werden wir? Wenn ich mich betrachte, erinnere ich mich, was ich vor wenigen Jahren war. Mein Gott, wie ganz anders verhielt es ſich da mit mir! Damals wohnte noch Friede in meinem Herzen und Hoffnungen erfüllten meine Seele; damals glaubte ich noch an eine Alles beherrſchende allweiſe Vorſehung; jetzt.. iſt das nicht zum Lachen 2... Fluch über das Schickſal, das, nachdem es unſere Herzen geplündert, uns unter ſeinen Füßen zermalmt! Nicht wahr, es härtet uns ab, bis wir gänzlich verhärtet ſind? was hilft es dann, ein ehrlicher Kerl zu ſein? Ein Schurke kommt ebenſo weit, ſogar noch weiter, weil ſeine Arme nicht durch ein Gewiſſen gebunden ſind. Wäre es nicht ebenſo gut, wenn wir gleich als ſchlechte Geſellen auf die Welt kämen, als daß die Welt uns allmälig dazu macht? Dieſe Wiedergeburt in Bezug auf Seele und Herz iſt eigentlich nichts Anderes, als ein Bischen Dummheit, das wegfällt, wenn unſere Erfahrung etwas zugenommen hat. Es lebe die Erfahrung, Herr Vin⸗ cenz, und Hohngelächter erſchalle über den Gräbern der Rechtſchaffenen! Vincenz blickte ihn mit Befriedigung an, weil in dieſer Rede etwas lag, das bei ihm Anklang fand. Vincenz hatte ein moraliſches oder vielmehr urſprüng⸗ lich religiöſes reines Gemüth, aber dieſe Religioſität war bloß der natürliche Inſtinkt eines guten Herzens und hatte ſich niemals durch Nachdenken und Studien zu einer wahren Lebensphiloſophie entwickelt. Es fehlte ihm, um uns ſo auszudrücken, nicht an einem feſten Standpunkt, aber dieſer Standpunkt war niemals ver⸗ edelt worden und trug deßhalb keine Früchte, keine dauernden Winterfrüchte für ſein ganzes Leben. Vin⸗ eenz war eine Art religiöſer Naturmenſch, während Adlerſtern dagegen ein Convenienzmenſch in einer mo⸗ raliſch entnervten Zeit war; Erſterer hatte ein aus natürlicher Neigung warm für das Rechte und Edle 237 klopfendes Herz, das Gemüth des Letzteren war bloß für die gewöhnlichen Gebräuche und äußeren Ehren⸗ geſetze der Welt zugänglich. Nur da, wo Herz und Seele mit einander in Harmonie ſtehen und Beide von einem hellen höheren Licht durchflammt ſind, wohnt wahre Stärke. Es iſt nicht genug, das Rechte und Gute zu ahnen, man muß es auch kennen. Unſere Vernunft muß ſo gut wie unſer Gefühl von den Wahrheiten des Lebens durchdrungen ſein, oder vielmehr, was unſer Gefühl mit mächtiger Stimme uns angibt, muß klar entwickelt in unſerer Vernunft liegen und gleich ewigen Geſetzen unſere Handlungsweiſe beſtimmen. Auch die ſchönſte Pflanze kann, wenn ſie der Pflege ermangelt, entſtellt und häßlich werden. Es braucht nur an Re⸗ gen zu fehlen, ſo verwelken und vermodern ihre Zweige. Die Reife, die religiöſe Stabilität im ganzen Weſen und in ſeiner Denkungsart war es, was Vincenz fehlte; bei Adlerſtern fehlte der Keim, die religiöſe Wurzel. Von Widerwärtigkeiten bedrückt, von Stürmen zerriſſen, von den Wirbelwinden der Leidenſchaft erfaßt, ſchwankten Beide: der Erſtere allerdings nicht ohne Widerſtand, weil das Gute, wenn es auch nur Inſtinkt iſt, ſich nie⸗ mals ohne einen ernſten Kampf ergibt; der Letztere aber fiel ſchneller, er ſiel ſogleich. Aus Mangel an einer wahren und reinen Lebensphiloſophie, die Herz und Sinn unmittelbar beſeelte, hatten inzwiſchen Beide immer nur nach den Umſtänden gehandelt. Aber auf welchen verſchiedenen Standpunkten befand ſich gleichwohl nicht im gegenwärtigen Augenblick ihr inneres Leben, und dennoch wie nahe waren ſie nicht einander! Vincenz hatte ſein Schickſal und ſeine Liebe verflucht, und das zermalmte Herz war es, das darin ſeine vielleicht letzte religiöſe Verzweiflung aushauchte. Vincenz hätte gewünſcht, daß die ganze Welt über ſei⸗ nem Haupte zuſammenbräche; aber war es nicht die Verirrung menſchlicher Schwachheit, wenn er glaubte, daß ein beruhigender Geiſt mitten in ſein von vulkani⸗ 238 ſchen Elementen aufgerührtes Gemüth hinabgeſtiegen ſei? war es nicht vielmehr der ruhige, concentrirte, kalte Haß, um deſſen Stirne ſeine aufgeregte Phantaſie einen Glorienſchein von ſchimmernden Eiskryſtallen flocht, war es nicht dieſer Haß, welcher kam und im Namen des Geſetzes, im Namen der Geſellſchaft Rache predigte? Adlerſtern, deſſen moraliſches Leben ſchlaffer war, war durch weit geringere Mißgeſchicke untergegangen; er war nicht dunch eine von der Welt gegen ihn began⸗ gene Ungerechtigkeit gefallen, ſondern nur durch eine unbefriedigte Leidenſchaft, aber ſein Fall äußerte ſich auch nicht in der erhabenen Verzweiflung eines tiefen Schmerzes, ſondern in Hohn, in bitterem Grinſen. Obſchon unter ſehr verſchiedenen Verhältniſſen, ſtanden ſie ſich gleichwohl ſo nahe, daß ſie die inneren wabehüngen von einander verſtanden und auf einander örten. — Man ſpricht von einer ewigen Gerechtigkeit auf Erden, fuhr Adlerſtern fort; eine ſchöne Gerechtigkeit! Sie heißt: Wer nicht nimmt, der wird genommen. Liegt wohl mein Schickſal in meiner eigenen Hand, oder in weſſen Hand liegt es? Mein Glück, meine Seligkeit, meine Ehre, mein Glaube an den Himmel ſelbſt liegt in einem Frauenherzen. Von den Launen ihrer Nei⸗ gung hängt mein ganzes Leben ab. Durch den Verrath, den das Weib ſchon im Paradies begangen hat, iſt das ganze Menſchengeſchlecht gefallen, und der Verrath wird noch heutigen Tags fortgeſetzt. Die Liebe ſollte den Egoismus aufheben, aber ſtatt deſſen erzeugt ſie ihn und bildet ihn aus. Die Liebe ſollte unſer Glück ſein, und ſie iſt unſer Unglück. Die Welt hat ſich in ein Labyrinth von falſchen Vorderſätzen und Schlußfolge⸗ rungen verirrt. Der Haß erbt den Platz der Liebe in unſerer Bruſt, der Hohn übernimmt Sitz und Stimme des freundlichen Wortes auf unſeren Lippen. Das ko⸗ ſende herzliche Lächeln wird ein Grinſen. Was kann man anders thun, als ſeinen eigenen Weg gehen und 239 ſowohl über die Gegenwart, als über die Zukunft la⸗ chen? Wenn ich hier im Spiegel in mein Auge, in mein Inneres blicke, ſo beginne ich wirklich einzuſehen, daß all die Kindermärchen von Ehre, Redlichkeit, Tu⸗ gend, Sitte, und der Himmel weiß, wie die guten Sachen alle heißen, nur Goldkörner ſind, womit man die Menſchen verlocken will, ſich auf dem einfältigen Weg der Beſcheidenheit und Nachgiebigkeit voranzu⸗ ſchleppen. Was habe ich mit einem Andern als mit mir ſelbſt zu ſchaffen? Gott erbarme ſich all unſerer Thor⸗ heit! Man nimmt an, daß die Geſetze über die Rechte Aller wachen ſollen, aber mein höchſtes Recht iſt das Recht des Herzens, und können wohl die Geſetze auch über dieſes wachen? Bah! Jeder iſt ſeines eigenen Glückes Schmid. Wenn Zeit und Vernunft einmal all dieſen moraliſchen Unſinn vernichtet haben werden, ſo wird eine neue Moral und eine neue Religion aus dieſem einzigen Sprüchwort hervorgehen. In Vincenzens Lage war es für ihn etwas Tröſt⸗ liches, daß ein Anderer gleichſam für ihn in die Schran⸗ ken gegen die Vorſehung trat, die ihn noch immer, wenig⸗ ſtens an der äußerſten Flügelſpitze des Gewiſſens, feſthielt. Er reichte auch Adlerſtern dankbar ſeine Hand, ohne jedoch ein Wort zu ſagen. In dieſem Augenblick ſchlug die Wanduhr. — Hören Sie, es ſchlägt, bemerkte Adlerſtern, aber Armfelt kommt nicht, obſchon Sie es verſprochen haben. — Sie hören alſo die Tritte auf der Treppe nicht? — Wirklich? Ja, Sie haben Recht; er kommt. Armfelt hatte ſo eben den königlichen Palaſt ver⸗ laſſen, und zwar in keiner andern Abſicht, als um ſich für die beſchloſſene Seefahrt umzukleiden. Als er an Vincenzens offener Thure vorbeiging, grüßte er den Kranken freundlich. Adlerſtern benützte dieſe Gelegenheit vadihat um die Erlaubniß, einige Worte mit ihm zu — Herr Baron, begann er, ſobald er in Armfelt's ——— —— Zimmer gekommen war, ich erſcheine bei Ihnen nicht ahhe einen gewiſſen Zweifel, ob ich recht handle oder nicht. Er verſtummte, um zu ſehen, welchen Eindruck ſeine Worte machten, aber er konnte keine Veränderung in Armfelt's Geſicht entdecken. — Bevor ich auf den Gegenſtand eingehe, der mich eigen tlich hierhergeführt hat, glaube ich, Ihnen, Herr Baron, für die Freundlichkeit danken zu müſſen, daß Sie mich in Folge der lügenhaften Angabe dieſes Zam⸗ parelli, als ob ich mit ihm eine Art von Vertrag ge⸗ gen Fräulein Louiſe Poſſe eingegangen hätte, nicht bloß⸗ geſtellt haben. — Lügenhafte Angabe?— Armfelt runzelte die Stirne. — Um meine Worte zu beweiſen, bin ich hierher gekommen, Herr Baron. Sie dürften vielleicht wiſſen, daß ich Fraͤulein Poſſe liebe? — Ich habe davon gehört. — Fraulein Poſſe weiß es ſelbſt am allerbeſten, obſchon ſie allerdings meine Neigung noch nicht auf⸗ gemuntert hat. Nun wohl, Herr Baron, halten Sie es für denkbar, daß man mit einem ſimplen Banditen einen Bund gegen eine Perſon eingehen könnte, die man liebt? Armfelt zuckte die Achſeln. — Aber das Schreiben, das Schreiben, das er ge⸗ zeigt hat?— — Dieſes Schreiben ſetzte mich eben ſo ſehr in Verwunderung wie Sie, und in der Verblüfftheit des Augenblicks fühlte ich mich vernichtet. Es war meine Handſchrift, die Handſchrift glich der meinigen, ich ge⸗ ſtehe es, aber um ſo unmöglicher wurde es mir auch, ſogleich zu beweiſen, daß ſie falſch war. — Ich kann nicht einſehen, welche Intereſſen hier.. — Intereſſen, fragen Sie, Herr Baron? Ich habe Urſache zu fürchten, daß eine abſcheuliche Intrigue ihr icht oder ruc ung nich derr daß um⸗ 241 feines Netz um mich ſpinnt, eine Intrigue, die auch Fräulein Poſſe umfaßt hat. — Sie ſollten der Gegenſtand eines im Finſtern arbeitenden Planes ſein? Ich verſtehe. Aha, auch ich fühle, wie die Intrigue mit verborgenem Dolch ſtill um mich her ſchleicht, ohne daß ich hinter der lauernden Maske das wahre Geſicht zu entdecken vermag. — Ich glaube.... — Sprechen Sie ſich aus, Graf, und verlaſſen Sie ſich auf mich.. 4 — Sie wiſſen, daß der Trabant Döring Fräulein Louiſe liebte... — Nun wohl? — Er iſt in Neapel, Herr Baron. Armfelt glaubte, daß Niemand es wiſſe, und er war daher überraſcht, es aus Adlerſtern's Mund zu ver⸗ nehmen. — Er iſt hier, fuhr der Graf fort, und zwar ver⸗ kleidet und unter fremdem Namen. — Und in welchem Zuſammenhang ſollte dieß mit der Entführung von Fräulein Poſſe ſtehen? — Liebe und Thorheit, Herr Baron, ſind Ge⸗ ſchwiſter geweſen, ſeit Adam und Eva aus dem Para⸗ dies getrieben wurden; warum dieſer fremde Namen und dieſe Verkleidung? Armſelt wollte aus politiſchen Gründen ſich nicht anmerken laſſen, daß er von Wiljams Anweſenheit in Neapel bereits wußte. — Noch mehr, Herr Baron, fuhr Adlerſtern fort, warum hat er ſich juſt jetzt hier ein efunden? — Sie können Recht haben. ie Sache iſt nicht ohne ihre bedenklichen Seiten. Wenn Armfelt auch die Urſache, warum Wiljams nach Neapel gekommen war, weit beſſer wußte, als Adlerſtern, ſo war es ja ſehr möglich, daß auch er einige Pläne für ſeine eigene Rechnung auf Louiſe hatte. Der Trabant. III. 16 Auch Armfelt glaubte, daß Liebe und Thorheit Ge⸗ ſchwiſter ſeien. — Täuſche ich mich nicht, fuhr Adlerſtern wieder fort, ſo wird unter ſolchen Umſtänden eine Fälſchung meiner Handſchrift leicht erklärlich. Döring haßt mich. Die Entführung in meinem Namen zu bewerkſtelligen und im Fall der Entdeckung den Schatten auf mich zu werfen, während man den Raub für ſich ſelbſt behält, das hieße wirklich kein ſchlechtes Spiel ſpielen. — Sollte es möglich ſein? Aber Wiljams iſt ja nach Rom gereist. Armfelt übereilte ſich, indem er dadurch eingeſtand, daß er von Wiljams Aufenthalt wußte; aber dieß ent⸗ ging Adlerſtern's Aufmerkſamkeit. — Fortgereist? Mag ſein. In einer Stunde kann man hier über den Raub eines Mädchens einen Ver⸗ trag abſchließen, und die Vorſicht kann gebieten, daß man ſich ſelbſt entfernt, während die That ausgeführt wird. Armfelt wurde immer mehr geneigt, auf Adler⸗ ſtern's Vorſtellungen einzugehen; die Liebe war für ihn viel zu ſehr Galanterie, als daß er ein eigentliches Ver⸗ brechen darin hätte ſehen ſollen. — Ihre Anſicht, bemerkte er jedoch, gründet ſich gleichwohl nur auf willkürliche Vorausſetzungen. — Ich kann das nicht laͤugnen, aber ich will Et⸗ was hinzufügen, was von Wichtigkeit iſt. Um der In⸗ trigue auf die Spur zu kommen, habe ich in den letzten Laim Zamparelli's Unternehmungen zu überwachen geſucht. — Er iſt alſo an der Wunde, die ich ihm verſetzt habe, nicht geſtorben 2 — Die Wunde blutete mehr, als daß ſie gefährlich war. Ich ſagte, daß ich ſeine Spur verfolgt habe, und es iſt mir gelungen, eine neue Vermeſſenheit zu ent⸗ decken, um deren willen ich auch wirklich hierher ge⸗ kommen bin. ———+ 243 — Eine neue Vermeſſenheit? 1 — Wie ich ſage; man beabſichtigt nämlich heute Abend oder heute Nacht während der Fiſchpartie Fräu⸗ lein Louiſe zu entführen, und zwar mitten aus dem Hofzirkel. 3— — Welche Frechheit! Wie, ſollte Einer ſo weit zu gehen wagen? 8 — Ich verſichere Sie mit einem heiligen Schwur, daß ein ſolcher Verſuch wenigſtens gemacht werden wird. — Sie ſchwören darauf? — Meine gekränkte Ehre hat mir geboten, alle Mittel aufzubieten, um dem falſchen Spiel auf die Spur zu kommen, und ich weiß, was ich ſage. Sie müſſen mir helfen, die Gefahr abzuwenden, Herr Baron. — Beim Himmel, Sie haben Ihren Mann gefun⸗ den. Wir müſſen Fräulein Poſſe überreden, zu Hauſe zu bleiben. 3 — Nein Herr Baron, das taugt nichts; ſie muß dabei ſein, damit Sie meine Angabe glauben können und damit man im Stande iſt, die Intrigue zu ent⸗ larven. Meine Ehre erfordert es. — Wir müſſen ſie mit einer ſichern Wache umgeben. — Mit einer Wache, die indeß nur in der Ent⸗ fernung ſie im Auge behaͤlt, waͤhrend man ihre Feinde glauben macht, daß ſie nicht beobachtet werde. — Ja, ja. — Glauben Sie wohl jetzt auch noch, Herr Ba⸗ ron, daß Zamparelli's Anſchuldigung gegen mich wahr⸗ ſcheinlich ſei? — Nein, mein Graf, nein. — Ich danke inzwiſchen Gott für dieſe Anſchul⸗ digung, weil ſie eine Veranlaſſung gegeben hat, die Cxiſtenz einer niederträchtigen Intrigue gegen Fräulein Louiſe zu vermuthen und am Ende die jetzt drohende Gefahr zu entdecken. — Sie ſind ein ehrlicher Mann, Heer. Grafe und 3 1 244 wenn ich Ihnen in meinen Gedanken jemals Unrecht gethan habe, ſo bitte ich um Entſchuldigung. — Wollen Sie auch Fraͤulein Louiſe meine Un⸗ ſchuld darſtellen, Herr Baron? — Ich verſpreche es. 3 1 9 Und Döring, oder wie er ſich jetzt nennt, Wil⸗ jams... Adlerſtern ſchlug ſeine Augen nieder, gleich als büite Verſchämtheit ihm geboten, ſeinen Satz zu voll⸗ enden. „— Ich verſtehe Sie ganz gut, Herr Graf, und ich verſichere Sie, daß, im Fall dieſer Angriff, der für die Königin, welche beſchloſſen hat, den Glanz dieſer Luſt⸗ partie durch ihre Gegenwart zu erhöhen, ebenſo ver⸗ letzend iſt, wie für Fräulein Louiſe Poſſe, daß, im Fall dieſer Angriff wirklich ſtattfindet, Döring oder Wiljams ſich vor mir in Acht nehmen ſoll. 5 Armfelt war aufgebracht. Er liebte ſelbſt jede Liebesintrigue und er konnte über eine klug oder kühn in's Werk geſetzte Entführung lachen„aber er verzieh eine beleidigende Kühnheit gegen einen Hof nicht, noch weniger gegen eine Königin und am allerwenigſten vielleicht gegen Marie Karoline, die ſchöne Gemahlin des ſchwachen Ferdinand. — Wenn Sie die Verkleidung bedenken, Herr Ba⸗ ron, in welcher Döring hier aufgetreten iſt. — Ach ja, Sie haben ganz Recht. In dieſem Augenblick fiel es Armfelt ein, daß Dö⸗ ring, deſſen wirkliche Stellung in Neapel er aus poli⸗* tiſchen Gründen dem Grafen nicht aufdecken konnte, vielleicht in Folge einer Benachrichtigung, daß Fräu⸗ lein Poſſe ſich daſelbſt aufhielt, den Admiral Hood um ein Commando dahin erſucht haben konnte, um wäh⸗ rend dieſer Zeit ſeinen Plan gegen Louiſe auszuführen. Der Gedanke an eine ſolche lang vorher überlegte Be⸗ rechnung erhöhte Armfelt's Verdruß noch mehr. —₰—— — und Zamyarelli iſt es, der auch jetzt die Ge⸗ waltthat gegen Fräulein Poſſe ausführen ſoll? — Wie Sie ſagen, Herr Baron, Zamparelli iſt’s. Armfelt ging haſtig im Zimmer auf und ab. Mit Schmerz erinnerte er ſich, daß ein Zamparelli es ge⸗ weſen war, der die Banditen gegen ihn angeführt hatte an dem Abend, wo Wiljams vor der Thüre des Pa⸗ laſtes ſchilderte. Eine abſcheuliche Treuloſtgkeit, murmelte er vor ſich hin, im Fall Wiljams und Zamparelli mit ein⸗ ander im Complott ſtehen ſollten. Er glaubte einen Faden der Intrigue in der Hand zu haben und er beſchloß, ihn nicht loszulaſſen, bevor das ganze Gewebe klar vor ihm läge. Noch wandelte Armfelt heftig im Zimmer auf und ab, als es an die Thüre pochte. — Herein! rief er. Zu Armfelt's und Adlerſtern's größter Verwunde⸗ rung trat jetzt Wiljams ein. Adlerſtern's Lippen verzogen ſich zu einem ſtolzen und verächtlichen Lächeln, während eine düſtere Wolke übere ſeine Stirne ging. Armfelt blickte ihn überraſcht an und trat einen Schritt zurück. Es ſchien jedoch, als ob er dieſe Schwachheit ſogleich bereute, denn ohne ſcheinbar noch weitere Notiz von ihm zu nehmen, wandte er ſich gegen ſeinen Kammerdiener. — Droon! rief er, wirf mir den Mantel um. Droon vollzog den Befehl. Es entging Wiljams nicht, daß etwas Wichtiges vorgegangen ſein mußte. Er hatte einen freundlichen Empfang von Armfelt erwartet und fühlte ſich verletzt durch deſſen Art, ihm zu begegnen. — Herr Baron, begann er... Armfelt blieb vor ihm ſtehen und ſirirte ihn feſt. Wenn er ſeinem erſten Drang hätte folgen können, ſo würde er Wiljams ſogleich aufgefordert haben, ſich zur Wehr zu ſetzen; aber wenn er auch ſeine eige⸗ 246 nen Intereſſen vergeſſen konnte, ſo mußte er dennoch die Intereſſen Adlerſtern's berückſichtigen, und dieſe for⸗ derten, daß man die Ereigniſſe der Nacht ohne alles Weitere ſich entwickeln ließ. Er vermochte jedoch ſeinen Verdruß nicht vollſtändig zu bezwingen. — Herr Lieutenant, ſagte er, wenn Sie einen Streich ausführen wollen, ſo hüten Sie ſich wohl, mir in den Wurf zu kommen. Obhne etwas Weiteres hinzuzufügen, verließ er dann das Zimmer, begleitet von Adlerſtern, der noch in der Thüre dem in Ungunſt Gefallenen einen höhniſchen Blick zuwarf. Wiljams blieb verwundert ſtehen. Er ſah ein, daß man ihn verleumdet hatte, und er begriff nur zu gut, woher die Verleumdung gekommen war. Für den Au⸗ enblick konnte er nichts thun, aber er hoffte, die Sache llte ſich bald wieder in's Reine bringen laſſen, zumal da er ſich bewußt war, nichts begangen zu haben, was Armfelt's Unzufriedenheit verdiente. So eben von Rom zurückgekehrt, wohin er den Abbé d'Heral und Herrn Vignes begleitet, hatte er ſogleich dem General Acton ſeinen Bericht abgeſtattet und ſich dann zu Baron Armfelt begeben. Wiljams hatte den Baron immer ſehr verehrt. Es ſchmerzte ihn daher tief, daß dieſer ihn verkennen ſollte. Er mußte ſich für den Augenblick ſeinem Schickſal un⸗ terwerfen, aber er nahm ſich vor, ihn bei der nächſten Gelegenheit um eine Erklärung zu bitten. Inzwiſchen wollte er jetzt die Oberhofmeiſterin auf⸗ ſuchen, in der ſtillen Hoffnung, möglicherweiſe Louiſe zu treffen. Dieſe Hoffnung war, obſchon eine Thräne der Melancholie in ſeinen Wimpern glänzte, der lieb⸗ lichſte Gedanke ſeiner Seele. Als er in den Gang hinauskam, fiel ſein Blick durch die geöffnete Thüre in das Zimmer gegenüber, von wo Vincenzen's bleiches Geſicht ihm entgegen⸗ ſtarrte. , —j 8e 8A&— — 247 Ein unerklärliches Gefühl ergriff Vincenz beim An⸗ blick dieſes Mannes. Die Theilnahme, die er Wiljams gezeigt, ſo wie der geheimnißvolle Schleier, womit er ſich jederzeit umgeben, hatte ihm einen bleibenden Platz im Gedächtniß des Jünglings geſichert. Aber dazu kam jetzt noch ein an⸗ derer Grund. Wiljams hatte ſein Vaterland verlaſſen und dabei faſt alle Hoffnung aufgegeben, jemals üver ſeine wirklichen Eltern Aufſchluß zu erhalten; nichts⸗ deſtoweniger fand ſich in ſeinem Innern eine Stimme vor, die ihn beſtändig an ſie erinnerte, ſo unbekannt ſie ihm auch waren. Gar häaufig, wenn der Dienſt ſeine Aufmerkſamkeit nicht gänzlich in Anſpruch nahm, ſchmei⸗ chelte er ſich mit dem Gedanken, daß er ſie an ſeine Bruſt drücken, und daß er von ihrer Bruſt hinweg an Louiſen's warmes, ihm entgegenfliegendes Herz ünken werde. In ſolchen Augenblicken ſtand hauſig Vincenz vor ſeinen Gedanken, eben ſo die Fürſtin Raszanowsky, und endlich auch jener flüchtige Augenblick, wo er von ihrer Hand das ſo reich eingefaßte Portrait empfan⸗ gen hatte. Sollte Vincenz mein Vater ſein? dachte er manch⸗ mal bei ſich ſelbſt; unmöglich, antwortete er dann auf ſeine eigene Frage. Vincenz hat mir Theilnahme er⸗ wieſen, aber keine väterliche Zärtlichkeit; und ohne ſich die Urſache erklären zu können, widerſtrebte er ſeinem Gefühl, ſich Vincenz als ſeinen Vater zu denken. Und die Fürſtin, könnte ſie meine Mutter ſein? Bah, das Weib war wahnſinnig. Aber dieſes Portrait, das ſie mir ſchenkte, ja, das iſt gewiß ein Bild meiner Mutterz ja, ach ja, das iſt meiner Mutter Geſicht. Die Augen blicken ſo freund⸗ lich auf mich, der Mund lächelt mir ſo friſch und ſanft entgegen; ja, das iſt ſie, das iſt meine Mutter. Ich muß Vincenz treffen. Und gleichwohl gab er, als er Vincenz im Hotel Moriconi wieder traf, ſeine Anweſenheit nicht zu erkennen. 248 Er hatte damals kaum erſt von General Acton den Befehl erhalten ſich incognito in Neapel herumzutreiben, und er traf ihn überdieß in einem heimlichen Geſpräch mit Adlerſtern. Sowohl ſeine Pflicht als ſein augen⸗ blickliches Gefühl hielten ihn deßhalb ab, mit Vincenz zuſammenzutreffen, der in ſeine Mönchskutte eingehüllt und unter einem fremden Namen ihm überdieß ſehr ver⸗ dächtig vorkam. Nachdem inzwiſchen ſein Aufenthalt in Neapel jetzt ſo unerwartet zu Adlerſtern's Kenntniß elangt war, 3 g und er gefunden hatte, daß Armfelt, wie vorher Vin⸗ cenz, ſich an dieſen angeſchloſſen, glaubte er, eine längere Beibehaltung der Myſtiſication könne zu nichts nützen. Er trat daher bei Vincenz ein, in der Hoffnung, die Oberhofmeiſterin noch am ſelben Tag, wenn auch etwas ſpäter, beſuchen zu können. Vincenz hatte mit feſtem Blick alle ſeine Tritte im Gang beobachtet, ohne durch irgend ein Zeichen zu erkennen zu geben, daß er ihn zu empfangen wünſche. Dieſe Kälte entging Wiljams nicht. Die Zeiten verändern die Menſchen, dachte er: ich habe das bei Armfelt geſehen, jetzt ſehe ich es auch hier. Gleichviel, nur bei einer einzigen Perſon hat die Zeit noch keine Veränderung hervorgebracht. Nur die Liebe erhält den Menſchen immer bei der gleichen Geſinnung. Die Liebe iſt die nie verſtegende Jugendquelle der Seele. Ein leichter Seufzer hob dabei ſeine Bruſt. — Sie erkennen mich alſo wieder, begann Vincenz, als Wiljams ſich ihm näherte. Ich glaubte unkenntlich 1 zu ſein. Der Tod hat bereits ſeine Rechnung in mein Geſicht geſchrieben, und ich ſehe, daß ich im Begriff ſtehe, ſie zu bezahlen, auf den Grund des alten Geſetzes: von Erde biſt du gekommen und zur Erde ſollſt Du wieder werden. Seine Stimme war ohne Modulation und Wohllaut, dumpf und hohl. n2 249 — Sie ſind krank, Vincenz, ſehr krank. — Ich fühle, daß es bald vorüber ſein wird. O, mein Gott, wie ich leide! A — Aber um's Himmels willen, wie iſt es zuge⸗ gangen? ich.... Er wollte ſagen, daß er ihn im Hotel Moriconi noch geſund geſehen habe, aber er unterbrach ſeine Rede, um ſich nicht dem Glauben auszuſetzen, als ob er Vin⸗ cenz beargwohne. 1 — Sehen Sie hier, da können Sie ſehen... und er zeigte ihm die Wunde... Das ſind die Folgen eines Duells. — Eines Duells? was ſagen Sie 2 mit wem? — Fragen Sie gelegentlich... Aber auch Vincenz vollendete ſeinen Satz nicht, weil er keine Veranlaſſung zu einem Geſpräch zwiſchen Armfelt und Wiljams über ſich geben wollte, denn er fürchtete, dieß könnte zu Auſſchlüſſen führen, die er jetzt nicht mehr wünſchte. — Mit wen ſoll ich ſprechen? 1— Mit Niemand, antwortete ihm Vincenz ganz urz. 3 Das Geſpräch pauſirte jetzt. Als Wanja in's Kloſter ging, erloſch in Vincenzen's Seele jeder Funke von Freundſchaft für die Menſchen. Seine unter dem Aushängeſchild des geſellſchaftlichen Rechtes noch fort⸗ geſetzten Rachepläne gegen Armfelt, konnten als ſeine Todesarbeit betrachtet werden, während er ſelbſt das Leben mit gänzlicher Gleichgültigkeit anſah und mit voll⸗ ſtändiger Apathie dem Tode entgegenſchaute. Die Wunde zehrte auch an ſeinen Kräften, obſchon der Arzt ſie mit der größten Sorgfalt pflegte. Das Wundſieber war ſchmerzlich und langwierig und trug daher auch dazu bei, ihn gegen Alles gleichgültig zu machen. — Während Ihres Aufenthaltes in der Hauptſtadt Schwedens, begann Wiljams nach einer Weile wieder, führten Sie mich einmal bei einer Fürſtin Raszanowsky ein. Würden Sie die Güte haben, mir zu ſagen, wer dieſe Dame eigentlich war und in welchem Verhältniß ſie zu mir ſtand? Wiljams Stimme zitterte beinahe, als er ſeine Frage ſtellte, denn er fühlte in dieſem Augenblick wohl, wie wichtig ſie war. Vincenz wandte ſein kaltes Ge⸗ ſicht gegen ihn, ohne daß irgend eine Rührung darin zu bemerken war.. — Sie antwworten mir nicht? Wiljams hatte ſich über Vincenz hinabgeneigt, um Filts ſeiner Worte zu verlieren; aber Vincenz blieb ille. 3 — Auf meinen Knieen bitte ich Sie, antworten Sie mir... ſie gab mir ein Portrait, Sie erinnern ſich deſſen ſicherlich ſelbſt. Wiljams bemerkte, daß eine haſtige Flamme in Vincenzens Auge zitterte, und ſah; wie eine Reihe klei⸗ ner Waſſertropfen glänzend auf ſeiner Stirne zum Vor⸗ ſchein kam. Er kämpfte einen heftigen inneren Kampf, und dennoch blieb das Geſicht kalt und ſtolz. — Dieſes Portrait, fuhr Wiljams wieder fort. — Haben Sie es noch? fragte Vincenz endlich. — Ich habe es verloren, aber jedes ſeiner Züge lebt in meiner Seele... es ſtirbt darin nie... Wen ſtellte dieſes Portrait vor? Stellte es— Wiljams Stimme wurde immer zitternder und milder— ſtellte es nicht meine Mutter vor? — Fragen Sie die Gräber. Von Wanja betrogen, hatte Vincenz ohne Liebe gelebt; er dachte, daß auch die Mutter ohne Sohn und der Sohn ohne Mutter leben könne. Das war auch eine Strafe. Vincenz war grauſam geworden, als er aufgehört hatte ſchwankend und leidenſchaftlich zu ſein. Stark und heftig klopfte jedoch ſein Herz, obſchon ſein Geſicht bloß Kälte zeigte. Haß und Liebe fämpften —.—. 251 noch einmal darin, aber keine dieſer Leidenſchaften ſiegte; die Gleichgültigkeit deckte den Rückzug beider. — Statt hier länger im Beinhaus der Erinnerung zu forſchen, wo Sie dennoch die Knochen Derjenigen, die Ihnen das Leben ſchenkte, niemals ausfindig machen können, ſagte er endlich, will ich Ihnen einen Rath geben. Vincenz wollte den für ihn ſo aufregenden Gegen⸗ ſtand abbrechen und nahm daher einen neuen vor. — Einen Rath? Wiljams' Blick heftete ſich unverwandt auf Vincenz. Im Ausſehen des Letzteren lag etwas, was in Wiljams den Gedanken erweckte, daß er und kein Anderer die wahre Löſung für das dunkle Räthſel ſeines Lebens zu geben vermöge. — Sie lieben doch Fräulein Poſſe noch? Wiljams antwortete nicht, ſondern betrachtete Vin⸗ cenz bloß. Dieſer Name verſetzte Wiljams' Gedanken mit einem Mal auf einen Platz in ſeinem Herzen, wo die Mor⸗ genröthe des Lebens noch ſchimmerte, trotz der Nebel, die um ihn her ſchwebten. — ESie antworten mir nicht. Sollten Sie ſogleich ein wohlbemanntes Boot bekommen können? — Fräulein Poſſe 2 wiederholte Wiljams jetzt. Lie⸗ ben, fügte er dann hinzu, indem er ſeine Hand auf's Herz legte, während ſeine Augen ſich zur Erde ſenkten, lieben heißt leben, nicht lieben heißt ſterben. — Können Sie ein wohlbemanntes Boot anſchaf⸗ fen? frage ich. — Ein Boot? was ſoll ich mit einem Boot? — Antworten Sie mir, können Sie es 2 — Nöthigenfalls, ja. — Wiſſen Sie, daß der Hof heute Nacht eine Fiſch⸗ parthie vor hat? Wiljams richtete ſich auf, ohne ſeinen Blick von Vincenz abzuwenden. Er glich in dieſem Augenblick — 25² einem Automaten, der nur durch die Worte des Letzte⸗ ren in Bewegung verſetzt wurde. — Sie meinen, bemerkte jedoch Wiljams, daß ich ſie da möglicher Weiſe treffen könne? — Ich meine das nicht, ich meine, daß Fräulein Poſſe in der größten Gefahr ſchwebt. — In Gefahr? — In der größten Gefahr, ſagte ich. — Ich verſtehe Sie. Ich bedarf ein Boot. Beim Gedanken, daß Fraͤulein Poſſe von einer Ge⸗ fahr bedroht ſei, vergaß er plötzlich ſeine Eltern. Sie waren für ihn bloß flüchtige Traumbilder, während Louiſe ſeines Herzens ſchönſte Wahrheit war. — Um ſte zu retten, bedürfen Sie eins. — Ich eile. — Wohin? — In den Hafen... — Aber Sie ſind bei Hof nicht vorgeſtellt. — Ich kenne aber meine Pflicht. — Sie wiſſen ja nicht, welche Gefahr ſie bedroht. — Sprechen Sie, ſprechen Sie. — Man will ſie rauben. 4 Wiljams gönnte ſich kaum Zeit, Vincenzens letzte Worte zu hören, ſo eilte er auch bereits von ihm hinweg. Vincenz folgte dem Wegeilenden mit einem Lächeln, aber hinter dem Lächeln ſah man in ſeinem Auge den Ausdruck tiefer Melancholie, gleich einem in einer ſchwar⸗ zen Höhle angebundenen finſteren Geiſt. — Wie anders hätte es nicht ſein können! mur⸗ melte er vor ſich hin. Von dem königlichen Palaſt kommt man auf der Seeſeite nach der Kanonengießerei, dem Arſenal und der Schiffswerfte, wo ſich die Mittel vorfinden, ſechzig . 1 —— ——— —— ie Id 2⁵³ Galeeren zu bauen und auszurüſten, und in den Docks findet ſich wenigſtens für fünfundzwanzig von ihnen Platz. Her Palaſt ſteht übrigens mit dem Arſenal durch eine bedeckte Brücke in Verbindung, welche der König gewöhnlich paſſirte, wenn er ſich nach⸗ Poſilippo begab oder Spazierfahrten auf dem Meer vornahm, was in der ſchönen Jahreszeit meiſtens jeden Sonntag vorkam. Der Sommer war inzwiſchen vorbei und der Herbſt weit vorangeſchritten. Es war auch eine Herbſtfiſcherei, wozu der Hof jetzt eingeladen war. Der König wollte ſich mit Fiſchſtechen beluſtigen. Man genießt dieſes Vergnügen in Neapel nicht ſelten. Wenn die Sonne untergeht und das Dunkel der Nacht ſich über das Meer ſenkt, ſieht man zahlreiche lodernde Feuer auf der ſchwarzen ſpiegelklaren Waſſer⸗ fläche entlang ſich bewegen. Dieſe rothen Feuer, bei denen die Menſchen in der Ferne wie Schatten aus⸗ ſehen verleihen dem ſonſt düſteren Nachtgemälde etwas Impoſantes. Der Neapolitaner iſt ein geſchickter Fiſcher und ganz beſonders führt er ſeine Fiſchgabel auf meiſterhafte Weiſe. Selten ſtößt er fehl, wenn der Fiſch, von dem verführeriſchen Irrlicht gelockt, ſich dem Boote nähert. Dieſe Art zu fiſchen fordert auch ihren wohlgeüb⸗ ten Mann, der Arm muß ſtark ſein, wie wenn er eine Ritterlanze führte, die Hand feſt und der Blick ſicher. König Ferdinand IV war der beſte Fiſcher ſeines Volks. Hätte er ſeinen Scepter ebenſo geſchickt geführt wie ſeinen Fiſchſtecher, ſo wuͤrde der Thron unter ihm nie gewankt haben. Mit derſelben Fertigkeit, wie Na⸗ poleon 1806 die Krone von ſeinem Haupte riß, riß Ferdinand mit ſeiner Fiſchgabel den Fiſch aus der Tiefe des Meeres herauf. Die Nacht war bereits angebrochen; das Dunkel hatte ſich ausgebreitet. Die Stunde war gekommen, wo man die königlichen Perſonen erwartete. Längs dem Meere hin im Arſenaldamm lag, kann man wohl ſagen, ein kleines Geſchwader von kleinen Booten, ſämmt⸗ lich mit Ruderern wohl bemannt und bereit, den Hof zu empfangen. Da und dort in den Booten brannte bereits eine Fackel und beleuchtete die ſonnengeſchwarz⸗ ten neapolitaniſchen Geſichter der Ruderer und Steuer⸗ männer. Größer und beſſer ausgerüſtet als die übrigen, lag auf dem rechten Fluͤgel das Fahrzeug, das für den Kö⸗ nig und die Königlichen Perſonen beſtimmt war. Etwas entfernter ſchaukelten ſich Diejenigen, die den Hof empfangen ſollten. Unter den Letzteren zeichnete ſich vor Allen ein Nachen, durch ſeine leichte und zierliche Bauart aus, indem er beinahe einem Palmblatt glich. Im Vorderſteuer deſſelben lag eine Perſon auf den Arm gelehnt und von einer Fackel beleuchtet, die ſeit⸗ wärts am Boote befeſtigt war. Der Mann trug die Tracht der Königlichen Boot⸗ führer, und das Bemerkenswerthe lag weniger in ſeinen Kleidern, als in ſeinem Ausſehen. Das krauſe, von Natur ſchwarze Haar ging in Grau über; Schnurr⸗ und Backenbart waren ebenfalls grau geſprenkelt. Das Geſicht war nicht braun, ſondern blaß, und die Stirne war von Nunzeln durchſurcht. Aber obſchon alle dieſe Umſtände andeuteten, daß der Mann bereits einem vorgeſchrittenen Alter angehörte, ſo leuch⸗ tete doch ein jugendlich friſches Feuer aus ſeinen leb⸗ haften Augen. — Andreas, ſagte er zu ſeinem nächſten Nachbar, eher flüſternd als lant, ſage den Kameraden, daß ſie heute Nacht zeigen müſſen, was ſie taugen. — Sei unbeſorgt. — Ich habe gehöoͤrt, daß ihr euch neulich vor dem Palaſte dumm benommen habt. Zum Henker, ihr hattet doch bloß zwei oder drei Burſche gegen euch, und dennoch zeigtet ihr euch als armſelige Stümper. m — Nein, nein, Hauptmann, wir haben uns bloß in der Perſon geirrt.. — Ich verſpreche, daß das heute Nacht nicht ge⸗ ſchehen ſoll; gebt nur Acht auf mich. 3 — Aber zum Teufel, wie haben Sie uns dieſe Röcke da verſchaffen können? Wir ſind ja in des Kö⸗ nigs Dienſt 4 — Das iſt ganz gleich, aber vergeßt nicht, daß ihr die Röcke von mir habt und daß ihr in meinem Sold ſtehet. — Wir müſſen Sie bewundern, Hauptmann. — Thut das; ich habe auch eine Bekanntſchaft ge⸗ macht, die ich bewundere; es iſt ein Mann, der, wenn er nicht heren kann, der Teufel ſelbſt ſein muß, ein Mann, der... — An die Ruder, Jungens, unterbrach er ſich augenblicklich, als er jetzt ein helles Licht vom Gewölbe der bedeckten Brücke herausſtrömen ſah. Der König kommt, zu den Rudern! Wie ein Blitz ſprang er dabei von ſeinem Platze auf und hüpfte auf die Hafenbrücke; aber ob es nun wirklich vom Alter herkam oder ob er älter ſcheinen wollte, als er war, genug, ſobald er auf die Brücke eſemdfn war, wo er gerade ſeinem Boote gegenüber ehen blieb, ſenkte er ſeinen Kopf und nahm das ganze müde und ernſte Ausſehen eines alten Mannes an. Welch ein ſchöner Abend, welch herrliches Wetter, ſagte die Königin Marie Karoline, als die königlichen Perſonen in den Hafen kamen. — Heute Nacht fangen wir viele Fiſche, bemerkte der König mit Wohlbehagen. Siehſt Du, wie die See⸗ vögel ihre Flügel ſenken und ſich in die Wogen herab⸗ laſſen? Sie wiſſen wohl, wo die Fiſche ſich aufhalten. Laß uns dorthin ſteuern. — Ah, nein, nein, Ew. Majeſtät, erwiederte die Königin, ich will nicht fiſchen, das iſt nicht kurzweilig *. es geht zu langſam. — Nicht kurzweilig? antwortete der König verwun⸗ dert. Es iſt wahr, es geht langſam, aber die Beharr⸗ lichkeit beweist Geduld, und Geduld iſt eine Tugend auf dem Throne. Was wollen Sie denn, meine Königin? — Segeln, Ew. Majeſtät, ſegeln! Die Winde kühlen ſo lieblich, wenn man dahin ſegelt; laſſen Sie uns ſegeln, C. Majeſtät. — Segle Du, ich fiſche. Und während der König in ſein Fiſcherboot ging, ſprang die Königin in das zunächſt liegende. — Wollen Sie fiſchen oder ſegeln, Baron? rief ſie Armfelt zu; wählen Sie nach⸗ Belieben. Armfelt war nicht unentſchloſſen in ſeiner Wahl; mit einem einzigen Sprung war er in demſelben Fahr⸗ zeug, wo die Königin ſich bereits befand, während die Segel auf Befehl der Königin, gleich weißen Flügeln, bald auf den Seiten der Maſten ſich entfalteten. Die Fürſtin Menzikoff und Mylady Munk wollten ebenfalls in die Schaluppe der Königin, aber alle Plätze waren bereits mit geſchäftigem Eifer beſetzt, und ſie be⸗ ſtiegen daher das nächſte Fahrzeug. — Auch wir ſegeln ja doch lieber als wir fiſchen, ſagte die Fürſtin Menzikoff. — Natürlich wir ſegeln. Fräulein Poſſe und die Oberhofmeiſterin erhielten ihren Platz in dem kleinen Boot, das einem Palmblatte glich. — Die Segel ausgeſpannt! befahl der grauköpfige Bootführer mit einem muthvollen Blick, ſobald er ſie an Bord ſah. Louiſe blickte, als ſie die Stimme des befehlenden Mannes hörte, erſchrocken auf; aber als ſie ſein Geſicht und ſeinen grauen Bart betrachtete, ſenkte ſie beruhigt ihre Augen wieder. In Folge der Vermuthung Adlerſtern's, daß ein kecker Entführungsverſuch gegen Fräulein Louiſe zu er⸗ warten ſtehe, hatte Armfelt den Hafenchef, dem die Ausrüſtung und Bemannung der Boote anvertraut war, —= ͤ— ͤ— l 257 überredet, dieſelben mit tüchtigen Leuten in gehöriger An⸗ zahl zu verſehen und auch den Einen und den Andern von der Bemannung zu bewaffnen. 3 14 Der Hafenchef war dieſer Aufforderung dienſtwillig nachgekommen. 1 Armfelt war auch vollkommen ruhig, ohne deßhalb das Boot, worin Louiſe ſich befand, gänzlich aus dem Auge laſſen zu wollen. 3 Die Oberhofmeiſterin hatte gegen das Einſetzen der Segel nichts einzuwenden. Da die Königin ſegelte, ſo wollte auch ſie es thun. 11)0 3 Der Wille der Königin fand natürlich am meiſten Anklang. Als daher das kleine Geſchwader den Hafen verließ, flatterten weiße, leichte, vom Winde bereits halb geſchwellte Segel über jeder Schaluppe, mit Aus⸗ nahme derjenigen, in welcher der König ſich befand, deſſen Fahrzeug mit ſeinen Rudern einem ſchönen See⸗ thiere glich, das mit vielen Füßen langſam auf der Waſſerſläche dahin ſchritt. — Wie kindiſch! ſagte der König zu der Prinzeſſin Sophie Albertine, die neben ihm Platz genommen hatte. Ich wollte ihnen auf meine Weiſe ein Vergnügen ma⸗ chen und da laſſen ſie mich ſogleich im Stich. Dieſe Leute begreifen nicht, daß jedes Vergnügen, um wahr zu ſein, auch nützlich ſein muß. Scpophie Alhertine war zu höflich, um die Anſicht ihres königlichen Wirthes bekämpfen zu wollen. — Wenn das Segeln auch nicht ſo nützlich iſt, wie das Fiſchen, bemerkte ſie gleichwohl, ſo iſt es doch un⸗ läugbar ein Vergnügen. Sehen Sie, wie die Boote voranſchreiten; das ſieht mit den brennenden Fackeln vorn aus, als ob ſie von Feuergeiſtern gezogen würden. Sehen Sie, Ew. Majeſtät... es iſt ein herrlicher An⸗ blick, aber in der That ſehe ich lieber zu, als daß ich mit an Bord ſein möchte. O, da fiſche ich lieber. — Thun Sie das, Hoheit? — Ach ja, in Schweden... Der Trabant. III. 17 ⸗ 258 Die Erinnerungen kommen und gehen wie Wolken, bald mit goldenen Säumen, bald von einem Sternbild durchſtrahlt, bald einen Blitz in ihrem Schooße tragend; zuweilen kommen ſie mit ſäuſelndem Weſt wieder; aber warum kommen ſie, warum gehen ſie? Es iſt das Herz, das ſie hervorruft, und das Herz⸗ das ſie fortſchickt. Als die Prinzeſſin Sophie Albertine ihr Vaterland nannte, ſtieg eine freundliche Erinnerung in ihrer Seele auf. — Sie denken oft an Schweden? — Sollte ich das nicht? Ich bin eine Schwedin. Schweden iſt ſo ſchön, Ew. Majeſtät. Man nennt die Schweden die Franzoſen des Nordens; mit gleichem Recht könnte man Schweden das Italien des Nordens nennen; es iſt ſo ſchön, ſo herrlich. Die Ströme fließen da ſo klar wie Kryſtall, prachtvolle Holme ſpiegeln ſich in den ruhigen Seen, der Maͤlar iſt ein Lago maggiore. Unſere Gebirge ſind Alpen, unſere Thäler Arnothäler, Ich denke in dieſem Augenblick an den ſchwarzen See, fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe fort, indem ein Seufzer ihren Buſen hob; ach, Ew. Majeſtät, dort ſingen auch Nachtigallen. Holde Erinnerungen, Erinnerungen aus früher Jugendzeit erfüllten die Seele der Prinzeſſin und gaben ihrem Ausſehen einen höhern, lieblicheren Glanz. — Und gibt es auch eine gute Jagd in Schweden? fragte der König. Bei dieſer für die Prinzeſſin ſo gleichgültigen und fremden Frage erwachte ſie wie aus einem ſchönen Traum. — Ja, Ew. Majeſtät, man jagt auch in Schweden, antwortete ſie hold. — Und fiſcht man auch? — Nan fiſcht viel. 8 — Es iſt Schade, daß Schweden ſo weit weg liegt, ſonſt würde ich dahin fahren und jagen und ſiſchen. G g' —— —, 259 afen, Ew. Hoheit haben vermuthlich auf dem ſchwarzen See abild gefiſcht, weil Sie ihn ſo ſehr lieben? end;— Ganz richtig, Ew. Majeſtät; ich habe da gefiſcht. aber Der Gedanke an das Vaterland, an ihre Jugend und an den ſchwarzen See war wie eine poetiſche Re⸗ Herz, minisrenz durch Sophie Albertinen's Seele geflogen und wieder verſchwunden. Sie war noch in Neapel ein land lebendiger Seufzer von Schweden. 1 ihrer— Laſſen Sie uns ſiſchen, Ew. Majeſtät, ich habe gute Augen— ſie hatte wenigſtens ſchöne Augen— ich will Ihnen helfen. din. Die Prinzeſſin wollte ſich von ihren Träumen los⸗ di⸗ reißen, indem ſie ihre ganze Aufmerkſamkeit dem Unter⸗ hem nehmen des gegenwärtigen Augenblicks widmete. dens— Ew. Majeſtät, fuhr ſie fort, während ſie ihren eßen Kopf über Bord hinablehnte und auf die Tiefe des ſich Meeres blickte... — Sehen Ew. Hoheit etwas. ore⸗ iler.— Zwei große rothe Augen betrachten mich aus See, der Tiefe. 3 fzer Der König erhob ſeinen Fiſchſtecher. nuch— Wie Silber glänzen die blanken Schuppen gegen das Feuer hin. Er nähert ſich uns. iher Der König firirte den Gegenſtand. ben— Wie prächtig er ſich nicht bewegt! Die Floß⸗ federn glimmen wie Gold. en? Der Koönig beugte ſich vor und zielte mit dem Fiſchſtecher. 3. und,— Berühren Sie ihn nicht, Ew. Majeſtät, laſſen nen Sie ihn paſſtren. Der König hörte nicht auf die Bitte der Prinzeſſin, en, ſondern warf in demſelben Augenblick mit kräftigem Arm ſeinen Stecher in die Seite des Fiſches. Unter den ſtarken Schlägen des gegen die Uebermacht kämpfen⸗ den. Fiſches ſpritzte das Waſſer ſchäumend umher. gi, Mit wahrhaſt bewunderuswürdiger Geſchicklichkeit en. hatte der König ſeinen Stecher gewörſen⸗wund nicht 3 1 ohne Befriedigung betrachtete er ſeine jetzt auf dem Halbverdeck zappelnde Beute. Beleuchtet von der vorn flammenden Fackel, glitt das Boot des Königs immer weiter hinaus, während ſein Auge mit dem ſichern Blick eines Seeadlers nach Raub ſpähte. Mit ſeinem Stecher bewaffnet, beſaß er auch eine Adlerskralle, die ihr Ziel nicht verfehlte. Sein Fiſcherglück ſetzte auch die Prinzeſſin in Er⸗ ſtaunen, und endlich, als ſie einen Fiſch nach dem an⸗ dern aus der See heraufziehen ſah, begann dieſes Glück ſie auch zu intereſſtren und zu kurzweilen. Dieſes In⸗ tereſſe ſchmeichelte Ferdinand. Mitunter warf ſie den einen und andern Blick auf die See hinaus nach der Gegend, wo die Segelboote wie in einem Fackeltanz um einander herflogen. Dieſe Seitenblicke entgingen Ferdinand'’s Auge nicht. — Bald haben wir auch für die Andern genug geſiſcht, ſagte er endlich, und fügte dann mit einem behaglichen Lächeln hinzu. Was würden Ew. Hoheit ſagen, wenn wir uns jetzt ebenfalls Muße nähmen und die Segel aufhißten, um unſern Platz in der Quadrille dort einzunehmen? Mein Boot iſt ein guter Segler. — Ach ja, Ew. Majeſtät, laſſen Sie uns ein wenig ausruhen. Ich wage es beinahe im Namen Ihrer Ma⸗ jeſtät der Königin, Ihrer Gemahlin, Ew. Majeſtät zu einem Contretanz mit Fackeln aufzufordern. — Wohlan denn, Ew. Hoheit, ich nehme die Auf⸗ forderung an.—2 Und die Segel wurden auſgezogen, und das Boot ſchoß mit eiliger Fahrt über die Woge hin. 5 Der Schaluppenführer hatte gegen das Land hin⸗ geſteuert, um ſodann in neuer Richtung und mit vor⸗ theilhafterem Wind zu den übrigen Booten zu eilen. Man war auch juſt mit der Wendung beſchäftigt, als zu des Königs Erſtaunen und Sophie Albertinens Schrecken ein heftiges Geſchrei draußen auf der See gehört wurde. 261 em Unwillkürlich blickte man lauſchend dahin. it Jetzt hörte man einen Schuß... dann wieder litt einen. nd Die Schüſſe kamen von den Segelſchaluppen, unter ach welchen, nach den Bewegungen der Feuer zu urtheilen, er eine große Verwirrung entſtanden zu ſein ſchien. Die Unruhe des Königs vergrößerte ſich, als er ſah, wie die Verwirrung eher zu⸗, als abzunehmen ſchien. — Es muß ein Unglück geſchehen ſein, ſagte er zu Sophie Albertine gewendet, bei allen Heiligen, wenn ich nur dort wäre! ruf— Sehen Sie, ſehen Sie! rief die Prinzeſſin. ote— Man ſah jetzt ein Boot oder vielmehr ein Feuer teſe ſich eiligſt von den übrigen entfernen und auf die ſchwarze Waſſerfläche hinausſchießen. ug— Was ſoll das bedeuten? em— Es nimmt ſeinen Weg nach der andern Küſte. eit— Es trennt ſich von den andern. ind— Man ſollte glauben, es entfliehe, ſo ſehr be⸗ ille ſchleunigt es ſeine Fahrt. .— Mein Gott, ach, Ew. Majeſtät, ich glaube, daß nig man es verfolgt. ta⸗— Wahrhaftig, ein neues Boot verläßt die Linie. zu— Es zieht dem erſten nach. —— Ganz richtig, es macht Jagd darauf. uf⸗— Falle beſſer unter den Wind, befahl der König ſeinem Schaluppenführer, damit wir ſchneller voran oot kommen. 3— Die Boote ſcheinen dort einander beinahe nach⸗ in⸗ zufliegen. or⸗— Die Feuer flammen wie Kometenſchweife hinter en. ihnen her. als— Schnell, ſchnell! ens— Ich zittere vor Ungeduld. See— Sehen Sie, Ew. Majeſtät, man löſcht das Feuer auf dem erſten Boot. 262 — Richtig. — Welch eine ſchreckliche Ungewißheit! — Setzt alle Segel bei! — Laſſen Sie uns eilen. — Und mit verdoppelter Eile ſchoß die Schaluppe des Königs vorwärts. Als die Schaluppe der Königin den Hafen verließ, bildeten ſämmtliche Boote eine Linie ſeitwärts von der⸗ ſelben und liefen mit vollen Segeln in die See hinaus. — Laßt uns um die Wette fahren, rief die Köni⸗ gin, als ſie in den Golf gekommen waren, wir wollen ſehen, welcher Segler den Preis verdient. Der Vorſchlag wurde freudig angenommen und er⸗ munterte die Schiffleute, ihre gan bieten, um den beſtmöglichſten Nutzen aus dem Winde zu ziehen. — Denjenigen von Euch, der mich zu umſegeln vermag, ſagte die Königin weiter, werde ich reichlich zu belohnen wiſſen. — Es lebe die Königin! rief man jubelnd. Königin einen Vorſprung von etlichen Klaftern.. Armfelt ſaß ganz nahe bei der Königin, vergaß jedoch nicht, aufmerkſam das Boot zu beobachten, worin Fräulein Poſſe ſich befand, denn er erinnerte ſich beſtän⸗ dig der Gefahr, wovon Adlerſtern ihn unterrichtet hatte. Nachdem man eine Weile geſegelt, bemerkte er mit Verwunderung, daß ihre Schaluppe, obſchon von der leichteſten Bauart, etwas hinter den andern zurückblieb. — Sie halten Ihre Segel ſchlecht, rief er dem Schaluppenführer zu, herauf in die Linie! Dem Fehler wurde auch ſogleich abgeholfen, und die Schaluppe nahm bald ihren früheren Platz wie⸗ der ein. ze Erfahrung aufzu⸗ Aber trotz aller Verſuche behielt die Schaluppe der 263 Der Wind war nicht ſtark, aber gleichmäßig. In der Tiefe der Bucht gingen die Wellen ziemlich hoch, weil ſie vom Meere her auf der andern Seite von Capri herumtrieben. Je weiter man herauskam, um ſo mehr ppe begannen die Boote zu ſchwanken, und man lachte und ſcherzte vergnügt über die kleinen Unannehmlichkeiten, die daraus entſtanden. Die Königin beſonders war in der heiterſten Laune. Es wurden eine Menge Scherze und muntere Einfälle zum Beſten gegeben. Armfelt warf mit luſtigen Anek⸗ er⸗ doten um ſich. Mylady und die Fürſtin Menzikoff waren ganz wohlgemuth. Die Eiferſucht legte nicht die Worte auf ihre Lippen, Freude und Zufriedenheit machten ſie en liebenswürdig und einnehmend. Die Oberhofmeiſterin hatte einen tollen Einfall um den andern, den ſie mit fröhlicher Geſchwaͤbiakrit Preis gab. Sogar Louiſe war 13 glücklich; dieſe we hſelreiche und maleriſche Scenerie ſagte de ihrer Seele zu; der einzige Schatten, den ſie auf dem bunten Gemälde bemerkte, war Adlerſtern, den ſie in In dem Boote neben ſich erblickte und deſſen Augen beſtän⸗ zu dig auf ihr ruhten. — Es iſt Keiner im Stand, uns zu überholen, bemerkte die Königin mit einem höhniſchen Lächeln. — Ew. Majeſtät Glück iſt hier an Bord, und das er ſegelt immer mit vollen Segeln. 6 Armfelt bemerkte, daß Fräulein Poſſe's Boot wieder in langſam zu fahren anſing. —— Der Schaluppenführer dort, ſagte er, muß ein 3 minder guter Seemann ſein: er gebraucht offenbar ſeine ³ Segel ſchlecht. — Sie haben ſchon einmal daran erinnert, Baron. — Ganz richtig, Ew. Majeſtät, und gleichwohl... — Und gleichwohl ſcheint er ſeine Schuldigkeit nicht zu thun. d— Voran in die Linie dort, rief Armfelt ihm zu; hören Sie's! Voran, ſage ich Ihnen. Aber obſchon der Bootführer ſeine Verſäumniß ſo⸗ ———— 264 gleich verbeſſerte, ſo ſchien doch Armfelt's Erinnerung ihm keineswegs zuzuſagen. r über die ganze Fahrt ſeine eigene Meinung und richtete ſeine Handlungsweiſe darnach ein. — Ew. Majeſtät kennen ihn nicht? — Ich kann mich nicht erinnern. Vermuthlich iſt er erſt neuerdings in Dienſt genommen worden. Kurz bevor die königlichen Perſonen den Hafen verließen, war eine einſame Schaluppe von der äußerſten Spitze des Molo hinausgefahren. Ohne eine brennende Fackel im Vordertheil, ſchlich ſie ſich wie ein weißer Schatten durch die Nacht hin. Das Boot war wohl⸗ bemannt. Nicht bloß die Segel waren aufgeſpannt, ſondern auch die Ruderer ſaßen an ihren Plätzen und hielten ihre Ruder empor, bereit, auf den erſten Wink des Befehlshabers ſie in die See hinabzulaſſen. An Bord der Schaluppe ſtand Wiljams, ſich leicht auf ein ausgezogenes Fernrohr ſtützend, das er von Zeit zu Zeit an's Auge führte. Als das kleine Geſchwader ſich näherte, ließ Wil⸗ jams mehrere Segel aufſpannen und verſchwand wieder aus ſeiner Nähe; als jedoch das Geſchwader langſamer zu fahren anfing, ſo verminderte auch er die Anzahl ſeiner Segel. In großen, weiten Biegun gen umſchweifte er die Boote, wie ein Adler in der Luft einen gewiſſen Gegen⸗ ſtand in großen Bogen umkreist. Auf den Wunſch der Königin ſteuerte man gegen den Wind, um zu ſehen, was die kleinen Boote hierin vermöchten. Aber auch bei dieſem Verſuch zeigte ſich die Schaluppe, worin Louiſe ſaß, als der ſchlechteſte Segler. lu Unbegreiflich, ſagte Armfelt, das Boot liegt ganz vortrefflich auf den Wellen und dennoch... ha... er fällt vor dem Winde ab. 4 Er begann eine Verrätherei an Bord zu fürchten. — Wenn Ew. Majeſtaͤt erlauben, ſo ſteuern wir 265 auf dieſes Boot dort zu, es ſcheint uns nicht folgen zu können.. Durch eine geſchickte Wendung des Schaluppen⸗ führers der Königin gelangte man auch ſogleich in ſeine Nähe. 3 — Kennen Sie den Bootführer dort? fragte Arm⸗ felt einen Schiffer, der ganz nahe neben ihm ſtand. — Welchen? — Den dort mit dem grauen Bart und dem grauen Haar.. — Ich erinnere mich nicht, ihn geſehen zu haben, antwortete der Mann. Vermuthlich iſt er bloß für die heutige Fahrt angenommen worden, ich weiß, daß der Hafenchef Mangel an Bootführern hatte. — Sonderbar, murmelte Armfelt, während die Schaluppe ſich ſeitwärts von Fräulein Poſſe’s Boot hielt. Durch dieſe Bewegung hatten ſich indeß beide Boote etwas von den übrigen entfernt, und die Linie war durchbrochen. Die fremde Schaluppe, die ſtill und einſam im weiten Kreiſe um das kleine Geſchwader her lavirte, kam bei dieſer Gelegenheit ganz nahe an Armfelt vorüber. Dieſes Boot erſchien ihm verdächtig, und er be⸗ trachtete es daher aufmerkſam. Er ſah, daß es wohl⸗ bemannt war, und daß an jedem Ruder ein Mann ſaß, der die weißen Ruderblätter aufwärts hielt, bereit, ſie auf den erſten Wink in die Ses zu laſſen. Die Segel waren etwas eingerefft. Im Hintertheil ſtand ein ſchlanker, ſtattlicher junger Mann, der, mit dem Fernrohr am Auge, während ſein Bsot langſam voran⸗ ſchritt, Alles beobachtete, was um ihn her vorging. Armfelt erkannte zu ſeiner Verwunderung Wiljams in dem jungen Mann. — Adlerſtern ſcheint ſich nicht getäuſcht zu haben, dachte Armfelt bei ſich ſelbſt. Wiljams iſt wirklich hier, aber ich werde ihm zuvorkommen, und wenn er in einem 266 eheimen Bund mit dem graubärtigen Bootführer ſtehen ollte. — Wir fahren langſam und ſchlecht, ſagte die Oberhofmeiſterin, wir kommen nicht vom Fleck. Und deßhalb haben wir's auch langweilig... wir ſind bloß zwei Frauenzimmer. — Arme Freundin, beklagte ſie die Königin. Soll⸗ ten Sie nicht zu uns an Bord kommen können? — Ich wollte Ew. Majeſtät eben dieſen Vorſchlag machen, ſiel Armfelt ein. Wenn wir ein Bischen näher anlegen, ſo iſt es leicht geſchehen. Waͤhrend die Boote damit beſchäftigt waren, näherte ſich auf der andern Seite der Schaluppe der Königin diejenige, worin Adlerſtern ſich befand. — Herr Baron Armfelt, ſagte Adlerſtern. — Was beliebt? Warten Sie ein wenig. — Armfelt hatte in dieſem Augenblick bereits die Oberhofmeiſterin bei der Hand gefaßt, um ihr aus dem einen Boot in das andere zu helfen. Die Wogen gingen ſehr hoch, ſo daß die Ueber⸗ ſchiffung ihre S wierigkeiten hatte. Inzwiſchen war die Oberhofmeiſterin bereits glücklich an Bord gebracht, und Armfelt ſchickte ſich an, Fräulein Poſſe in Empfang zu nehmen. — Herr Baron, wiederholte Adlerſtern. — Was gibt's? — Ein Schreiben aus Schweden. — Aus Schweden? — Die Poſt kam, als wir eben den Hafen ver⸗ laſſen wollten. In einem Schreiben an mich war dieſes da beigelegt. Aus einigen dunkeln Ausdrücken in dem meinigen ſchließe ich, daß die Sache von der höchſten Wichtigkeit iſt, weßhalb ich... Armfelt dachte nicht mehr an Fräulein Poſſe.. er dachte an keine Gefahr für ſie... er vergaß ſeine Ritterpflicht, ihr in's Boot der Königin herüberzuhelfen; 267 er dachte an Schweden... an ſeine Pläne... an Politik. Er hatte um dieſe Zeit wichtige Nachrichten aus dem Norden erwartet und er vermuthete, daß ſie jetzt augekommen ſeien. Ungeduldig erbrach er den Brief und näherte ſich einer Fackel, um ihn haſtig zu überlaufen, als auf einmal das Boot ſo heftig ſchwankte, daß er beinahe umfiel. Zu gleicher Zeit erhob ſich ein Ausruf des Schreckens und Entſetzens von beiden Schaluppen. Um die Boote beiſammen zu halten, hatte die Mannſchaft des kleineren Bootes die Lehne des größern feſtgehalten. In dem Augenblick, wo Fräulein Poſſe, unterſtützt von einem andern Cavalier, das Erſtere zu verlaſſen gedachte, ließ die Mannſchaft die Lehne los und ſtieß die Schaluppe der Königin kräftig von ſich. Ein ſtarkes Gewoge half ihr dabei und erweiterte den Abſtand zwiſchen den Booten. Während dieß bewerkſtelligt wurde, ſah man, wie der grauhärige Bootführer ſeinen Arm um Fräulein Poſſe's Leib ſchlang und ſie mit Gewalt an ihren Platz auf den Hintertheil des Schiffes zurückführte. 24 Aber wenn auch der Eine und Andere von ſeinem Schreck zu ſehr in Anſpruch genommen war, um an die Rettung des Fräuleins zu denken, ſo vergaß gleich⸗ wohl Adlerſtern ſeine Schuldigkeit nicht. Mit einem kühnen und kräftigen Sprung ſchwang er ſich in das Boot der Königin, um von da ſchnell weiter, wo möglich den Bord des kleinen Bootes zu erreichen. Das ganze Ereigniß ging ſehr ſchnell vor ſich, ſchneller als man es erzählen kann; Armfelt konnte kaum um ſich blicken, ſo war es ſchon ausgeführt. Er bemerkte... ohne im erſten Augenblick die Urſache zu wiſſen, wie Adlerſtern haſtig an ihm vorbei rauſchte 268 lnd vann einen kühnen Sprung nach dem kleinen Bobte machte. 3. Der Sprung zeugte von Kraft und Geſchmeidigkeit, von Energie und Kühnheit, von Raſchheit und Leben⸗ digkeit, und es ſchien einen Augenblick, als habe der Graf ſein Ziel erreicht, aber es ſchien auch nur einen Augenblick ſo, denn ſein Fuß glitt vom Bord des klei⸗ nen Bootes zurück, während ſeine Hände nach einem Gegenſtand tappten, um einen feſten Halt zu bekommen. Seine Unerſchrockenheit zeigte ſich bei dieſer Ge⸗ legenheit in einem ſchönen Licht. Ueber dem Abgrund balancirend, von Verrätherei umgeben, ſchien er nichts zu fürchten. 5 Seine Abſicht war deutlich. Er wollte muthig Louiſe aus der Gewalt der Banditen befreien, und end⸗ lich gelang es ihm, ſich am Tauwerk feſtzuhalten, aber in dieſem Augenblick faßte ihn der graukopfige Boot⸗ führer mit kräftigen Armen um den Leib und warf ihn in die Tiefe hinab. Adlerſtern war jedoch ein guter Schwimmer und kam bald wieder empor, aber inzwiſchen hatte ſich das Boot mit Louiſe, jetzt ein ausgezeichneter Segler, mit Windesſchnelligkeit entfernt. — Adios! rief der Bootführer den Uebrigen zu, während er lachend ſeine Mütze ſchwang. Der Schreck war allgemein. — Warum mußten Sie mir den Brief juſt in dieſem Augenblick übergeben? ſagte Armfelt nicht ohne Verdruß zu Adlerſtern. — Mein Gott, Herr Baron, wer konnte von Sei⸗ ten der Mannſchaft ſelbſt Verrath ahnen? Sie haben ſelbſt geſehen, daß ich nichts verſäumt habe, um, ſo viel an mir war, Fräulein Poſſe zu retten. O, ich leide mehr, als Sie ſich vorſtellen können, von dieſem ſchänd⸗ lichen Bubenſtück... Laſſen Sie uns ihnen nachjagen. — Sie haben Recht, Sie haben Recht. Armfelt bereute es ſogar, daß er Apdlerſtern —ù SOddͤN 269 einen Vorwurf gemacht hatte. Er hatte ja ſelbſt ſeine Kühnheit, ſeine Unerſchrockenheit eingeſehen. Weder die Furcht vor einer überlegenen Anzahl von Verräthern, noch vor der Tiefe des Meeres hatte ihn abgehalten, ſeine Ritterpflicht zu erfüllen. Mit Erlaubniß der Kö⸗ nigin und auf Armfelt's Befehl gab man einen Signal⸗ ſchuß, um die übrigen Boote zuſammenzurufen, wäh⸗ rend Adlerſtern ſich erbat, mit dem ſeinigen die Flie⸗ henden zu verfolgen. Der Schuß wurde beantwortet und die Boote ſam⸗ melten ſich.„ Adlerſtern unterließ nichts, um das flüchtige Fahr⸗ zeug zu erreichen. Er ſetzte alle Segel ein und forderte die Mannſchaft auf, auch nach den Nudern zu greifen. Die Fackeln ſprühten und die Fahrt ging pfeilſchnell von Statten. In der Ferne ſah es aus, wie wenn zwei Flammen einander jagten. Man ſah auch, wie die hinterſte Flamme der erſtern immer näher und näher kam, während der Abſtand zwiſchen ihnen ſich unauf⸗ hörlich verringerte. Aber der Befehlshaber im erſten Boot, der jetzt ein eben ſo kluger als raſcher und entſchloſſener See⸗ mann war und ſein eben ſo gut als leicht gebautes Fahrzeug vortrefflich zu regieren verſtand, ſah ein, daß das Feuer bloß ein Merkzeichen für den Verfolger war, warf deßhalb die Fackel über Bord und ſetzte ſeine Flucht im Dunkeln fort. Als Adlerſtern in der Fackel ſeinen Wesgzeiger ver⸗ loren hatte, verſchwand bald auch das Boot aus ſeinen Augen, und man erklärte die Jagd nach demſelben für gänzlich zwecklos. Miit einem ironiſchen Lächeln auf den Lippen be⸗ fahl er, zu den übrigen Booten zurückzukehren. Kaum war jedoch die Wendung ausgefuhrt, ſo bemerkte er, wie einen weißen Schatten, daß ein großes, von gutem Wind gefülltes Segel ſich naͤherte, wäͤhrend neun ſchnee⸗ weiße Ruderblätter, gleich Armen, in gleichem Takt auf 270 glaubte beiden Seiten arbeiteten. Im erſten Augenblick er, es ſei eine der übrigen Neapolitaniſchen Schaluppen, die ſich ebenfalls zur Verfolgung aufgemacht habe, aber es war kein Feuer an Bord, und beim Schein ſeines eigenen entdeckte er bald die engliſche Flagge, die von der Stange am Hintertheil herabflatterte. In dieſem Augenblick kam das Boot dicht an ihm vorüber. Die Schnelligkeit gehörte mehr dem Blitz als dem Pfeile an. Es ſchäumte um ſein Vordertheil her. Perlen ſpritzten an den Rudern empor. Der Wind pfiff im Tauwerk, aber an Bord war Alles ſtill. Man hätte glauben können, es ſeien Geiſter, die voranſegelten, es ſei eines jener Todtenboote, von welchem die Serleute ſo viele wunderbare Sagen zu erzählen haben. Aber bei der Flaggenſtange ſtand ein junger Mann, ſein Fern⸗ rohr beſtändig vor dem Auge haltend. Was ſah er wohl in der Finſterniß? Er ſah einen dunklen Punkt ſich langſam auf der Waſſerfläche hinbewegen; er ſah ihn bei demſelben Schein, den der wolkenfreie Himmel über die Wogen herabwarf... er ſah nichts Anderes, als dieſen Punkt... aber er ließ ihn auch nicht aus dem Auge los. Sein Auge und dieſer Punkt blieben unveränderlich die beiden Endziele des Fernrohrs, zwei unverrückbare hale zwiſchen denen ſein Boot in gerader Linie vor⸗ anlief. — Etwas mehr rechts! verbeſſerte er die Richtung, genug, ſo, ſo, haltet euch dran, Jungens... Chrlich .. halte Dich mit der Lunte bereit, wenn ich preien 1 will. Gut, meine Freunde, friſchen Muth! Adlerſtern erkannte Wiljams. Wiljams fuhr vor⸗ bei, ohne Adlerſtern zu bemerken. Er hatte bloß ein einziges Ziel im Auge: Louiſe Als Adlerſtern Wiljams Nähe entdeckte, empfand er ein Gefühl, das aus Erbitterung und Hohn gemiſcht war. Er war nahe daran, von Neuem umzuwenden, 1 T 271 aber er wußte nicht, zu welchem Zweck, er ſetzte ſeinen Weg zu den übrigen fort. 3 Der König und die Prinzeſſin Albertine waren be⸗ reits angelangt. Der Zorn des Erſteren ſo wie der Schmerz und die Unruhe der Letzteren, als ſie erfuhr, was geſchehen war, laſſen ſich kaum beſchreiben. Der König ſchwur bei ſeiner Krone, den Schimpf zu rächen, der ihm angethan worden. Still und bekümmert zog das kleine Geſchwader nach dem Hafen zurück.. — Herr Baron, ſagte Adlerſtern, ſobald er Arm⸗ felt traf, ich kann Sie jetzt verſichern, daß Döring oder Wiljams oder wie er ſich nennt, der Urheber dieſer Schandthat iſt. — Auch ich habe Urſache, es zu vermuthen. — Er war heute Nacht auf der See. — Ich ſah ihn. — Sobald das kleine Boot ſich von uns entfernt hatte, ſchlug er dieſelbe Richtung ein. — Sie ſahen es 2... — Beim Himmel, Herr Baron, die ganze Mann⸗ ſchaft meines Bootes kann es bezeugen. — Ich treffe ihn... — Nun wohl, glauben Sie auch jetzt noch, Herr Baron, an Zamparelli's Anſchuldigungen gegen mich? — Nein, nein, mein Freund, das habe ich Ihnen ja bereits geſagt. MMitt hoͤhniſchem Lächeln auf den Lippen entfernte ſich Adlerſtern. Wir müſſen Wiljams folgen. Wiljams blieb unbeweglich auf ſeinem Platze. Mit dem Fernrohr vor ſeinen Augen ſchien er in eine ſtei⸗ nerne Bildſäule verwandelt zu ſein. Obſchon die Wo⸗ gen unter ihm rollten, der Wind um ihn her ſauste 272 und das Boot mit rauſchender Eile im ſchneeweißen Schaum ſich vorankämpfte, ſchien doch nichts ihn be⸗ wegen oder erſchüttern zu können. Sein ganzes Leben und Weſen war in einem einzigen Gedanken concentrirt, und dieſer Gedanke in einem einzigen langen Blick, der be⸗ ſtändig durch das Sehrohr flog und beharrlich bei dem Ziele verweilte: dem noch entfernten ſchwarzen Punkt, der mit der einzigen Seligkeit ſeines Herzens, mit Louiſe Poſſe, entfloh. — Kameraden, ſagte er zur Mannſchaft, wenn wir das Boot nicht einholen, bevor es das Ufer erreicht, ſo iſt unſere Arbeit vergebens. Haltet euch d'ran, Jun⸗ gen; beweiſet, daß wir Engländer ſind, die Herren der Wogen. 3 — Haltet ein wenig gegen Steuerbord; genug... Er ſprach mit einer Rühe und Sicherheit, welche bewies, daß er ſeine Leute kannte, und mit einer Ruhe und Kraft, die nur von ihm ſelbſt übertroffen wurde, fuͤhrte die Mannſchaft auch ſeine Befehle aus. Sie liebten ihn, weil er ein tapferer, rechtſchaffener und ge⸗ ſchickter Mann war, und er liebte auch ſie, weil er von Jedem unter ihnen das Gleiche dachte. Er brauchte keine Worte zu verſchwenden, er brauchte bloß ſeinen Willen auszuſprechen.— 1 Kurz bevor Louiſe entführt wurde, war Wiljams an dem Geſchwader vorbei gezogen. Als das Angſt⸗ geſchrei der Damen und endlich die Schüſſe an ſein Ohr ſchlugen, fürchtete er, daß die Gefahr, die nach Vincenzen's Ausſage Louiſe bedrohte, bereits eingetroffen ſei. Mit dem Fernrohr folgte er dem fliehenden Boot und ſah, daß er ſich nicht täuſchte. Unverzüglich be⸗ gann er jetzt ſeine Jagd. Das fliehende Boot nahm ſeinen Weg nach der Küſte von Poſilippo und, wie er glaubte, ungefähr in derſelben Richtung, wo die Ruinen eines alien Pa⸗ laſtes lagen, der einer von Neapels zu ihrem Unglück berühmten Königinnen, Johanna II, angehört hatte. enr o Se(0 0 —8 273 Dieſer Palaſt, jetzt bloß eine melancholiſche Erin⸗ nerung an die zerſtörende Kraft der Zeit und ein Raub des tückiſchen Spieles der Wellen, war früher eine Woh⸗ nung der Freude und Luſt geweſen. Von der letzten Liebe dieſer Johanna erzählen die Geſchichtsbücher noch heutzutage eine tragiſch rührende Kataſtrophe. Sie liebte jung und ſie war glücklich; ſie liebte alt und ſie wurde unglücklich. Die Liebe iſt nur der Jugend getreu. Ihre letzte Liebe war einem jungen Mann Johann Carraccioli gewidmet, aber der Chrgeiz befriedigte nicht alle Forderungen ſeines Her⸗ zens, und er wurde ſeiner königlichen Geliebten untreu; die Königin rächte jedoch die Beleidigung, die ſie als Weib erfahren, und ſein Haupt ſiel auf dem Richtblock. Kaum war er für immer dahin, als auch der Kummer in Johanna's Herz ſeinen Tod rächte. Gequält von Liebe, von Sehnſucht verzehrt, ſtarb ſie kurz darauf vor dem blutigen Haupt ihres angebeteten Carraccioli, das ſie Tag und Nacht betrachtete. Beide liegen in der Kirche St. Giovanni begraben. Zu Johanna's altem Palaſt, wo früher ſo viel Liebe geſeufzt hatte, wo aber jetzt nur die Woge am Strand und der Wind in den Cypreſſenwipfeln ſeufzte, zu dem nunmehr eingefallenen Thurm und ein eſtürzten Gewölbe dieſes Schloſſes ſchien das verfolgte Joot ſeine Zuflucht zu nehmen. Man hatte ſich allmälig der Küſte genähert. Im Bereich der Schatten, welche die Berge und Hügel war⸗ fen, verſchwand der letzte Schimmer des wolkenfreien Himmels. Das Fernrohr hörte hier auf, Wiljams nütz⸗ lich zu ſein. Mit Verzweiflung im Herzen legte er es von ſich. — Zeigt jetzt, daß ihr Feuer und Leben in den Adern habt, rief er ſeinen Matroſen zu. Doppeltes Leben in jeder Bruſt und in jedem Arm, Kameraden! Und er ergriff ſelbſt das Steuerruder. Der Trabant. III. 18 274 In einer Viertelſtunde iſt Alles verloren. In die⸗ ſer Viertelſtunde müſſen wir mehr thun als vorher in einer Stunde, ſonſt... es lebe der engliſche Seemann! Vorwärts Jungen! Das Boot verdoppelte ſeine Eile, man konnte ſagen, daß es wie eine Gazelle, leicht und munter, über die Wogen hinhüpfte. — An die Kanone, Chrlich! Ehrlich nahm mit der brennenden Lunte in der Hand ſeinen Platz ein. — Beim Himmel, ich habe mich nicht in Euch getäuſcht, Kameraden, wir holen ſie ein, wir holen ſie ein. Seht, ſie bemerken uns und verdoppeln ihre Eile ... vergebens. Das kleine Boot vermehrte wirklich durch neue An⸗ ſtrengungen die Eile ſeiner Fahrt. — Paß auf, Chrlich, wir müſſen ſie anrufen; Feuer! Es blitzte und der Schuß rollte über die Waſſer⸗ fläche hin. — Halt! rief ihnen Wiljams zu, ergebt euch, ſonſt ſchießen wir euch in den Grund. Niemand antwortete, aber auf beiden Seiten floß man vorwärts. — Herr Lieutenant, rief Ehrlich. — Was willſt Du ſagen? Bei wichtigen Ereigniſſen ſpricht man nicht mehr als nöthig iſt. Um einander zu verſtehen, bedarf es bloß eines einziges Wortes, eines einzigen Blicks, einer einzigen Geberde. — Man zündet da drüben die Lunte an. Man gedenkt uns mit einem Schuß zu antworten. Wiljams wagte ſeine Drohung, daß er ſie in den — Grund ſchießen wolle, nicht auszuführen, weil Louiſe an Bord war. — Mach Dich fertig, Ehrlich, befahl er nichts⸗ deſtoweniger. — 1 ——.—— 275 — Fertig! antwortete er. 4 Ein Feuerſtrahl ergoß ſich in dieſem Augenblick aus einer der kleinen Kanonen des fliehenden Bootes, und es erfolgte ein dröhnender Schuß. Er pfiff über ihre Häupter hin. Das Segel zitterte und die Kugel ſchlug ein Loch durch das Segel. Auf Wiljams Boot ſchien man vollkommen gleich⸗ gültig dagegen; der Angriff feuerte die Mannſchaft nur um ſo mehr an.. — Man wendet da drüben. — Die andere Kanone ſoll gegen uns Dienſt thun. — Gut! wir greifen ſie inzwiſchen an. Die Boote waren einander ganz nahe. — Fort mit der Lunte, EChrlich, einen Enter⸗ haken her! — Fertig antwortete dieſer. In dieſem Augenblick wurde die andere Kanone gegen Wiljams Boot abgefeuert. — Ergebt euch, rief Wiljams. Die Kugel traf den Vorderſteven der Schaluppe und ſchlug in die Flanke ein. — Das Boot füllt Waſſer, berichtete Ehrlich. — Wir ſind in ſeichtem Waſſer, antwortete Wil⸗ jams; gebrauche den Enterhaken. Chrlich warf ihn aus, erreichte aber das Ziel nicht. Wiljams hatte ſich getäuſcht, als er glaubte, daß ſeine Gegner bloß wenden, um zu ſchießen, und daß er ſie inzwiſchen fangen könnte. Sie hatten gewendet und geſchoſſen, aber nur um in demſelben Augenblick in einer neuen Richtung vorwärts zu eilen. Die Be⸗ wegung war wohl berechnet und gab ihnen wieder einen Vorſprung vor Wiljams. Man war bereits ganz nahe am Ufer unter den Ruinen des Palaſtes. Die Wogen rüttelten an den ſchwankenden Säulen deſſelben und die Winde ſausten in den zerfallenen Fenſterbogen. Flatternde Nachtvögel gaben mit dumpfen Tönen ihr Mißvergnügen darüber 18* in ihrer Ruhe ſtörte. Gäſte recognosciren. das fliegende Boot. ſeine Ehre an Bord. Jetzt begann eine tere war geſchmeidiger Klauen in den Nacken genähert. zu erkennen, daß man ſie in Schnelligkeit vergrößern ein Adler und ein Weih; der Erſt gen. Mehr als einmal ſchie Man ſprach auf ke gungen gingen wie von ſelbſt vo um was es ſich handelte. Die M handelte wie eine einzige Perſon.) 3 Menſchen ſo ſehr zu einem einzigen Willen und einer 276 Es trug Reihe kleiner, aber geſchickt aus⸗ geführter Manöver. Wiljams r ſeinem Feinde, aber in dem Augenblick, wo Ehrlich ſei⸗ nen Enterhaken auswerfen wol jedesmal eine ſo feine und geſchi daß er ſich getäuſcht fand. Die vögeln, die mit leichte gen ihre Richtung ver war immer dicht hinter lte, machte der Gegner ckt berechnete Bewegung, Boote glichen zwei Meer⸗ n und ſchnellen Flügelbewegun⸗ äändern und nach Umſtänden die oder verringern konnten. Es war ere war ſtärker, der Letz⸗ und lebhafter in ſeinen Bewegun⸗ n der Erſtere ſeine mörderiſchen des Letzteren zu hauen, aber eine nkung mit dem einen Wendung ſeitwärts, eine Schwe Flügel, mit einem Wort eine manchmal kaum ſichtbare, in der That aber ſehr wichtige Schwächeren wieder. Wiljams mußte dieſe Geſchicklich⸗ keit bewundern, und als Seeman führer die Hand drücken m anſchickte ihm ſeinen Degen Während dieſes ebenſo kü geführten Spieles hatten die B an einer Bucht unter zwei hervorſpringenden Mauern Bewegung, rettete den un hätte er dem Boot⸗ ögen, während er ſich jetzt durch den Leib zu rennen. hnen als meiſterhaft aus⸗ oote ſich den Ruinen Wiljams beſchloß, ſeinen Gegnern dort zu fangen. ſ iner Seite mehr. Alle Bewe⸗ r ſich. Jeder begriff, Kannſchaft beider Boote Nichts verſchmilzt die n ſo ungewöhnlicher Stunde Ruhe„ Kreiſchend umſchwebten und um⸗ kreuzten ſie die Schiffe, als wollten ſie die ungeladenen Wiljams achtete jedoch auf nichts Anderes als auf ſein Glück, ſein Leben, 9 tu — eir ſich e 277 einzigen Kraft wie die Gefahr. In ihrem Tiegel löſen ſich alle ſonſt verſchiedenen Intereſſen in das einzige gemeinſchaftliche Intereſſe des Sieges oder der Ret⸗ tung auf. — Muth, Louiſe! rief Wiljams der Angebeteten zu. — Wiljams, Wiljams! hörte er ſie antworten. Ihre Stimme zitterte wie ein wohlklingendes Echo in ſeinem Herzen nach. Schon hatte man das Land erreicht. Der von CEhr⸗ lich's ſtarkem Arm geworfene Enterhaken hatte ſich feſt in die Seite des Bootes eingekrallt und die Mannſchaft ſtand bereit, über die Banditen herzufallen. Der Augen⸗ blick war entſcheidend. — Ergebt euch, befahl Wiljams wieder, oder be⸗ reitet euch auf's Schlimmſte vor. Man beantwortete ſeine Drohung mit einem Hohn⸗ gelächter. — Wenn Einer von euch, antwortete der grauköpfige Bootführer, einen Fuß an Bord meines Schiffes ſetzt, ſo werfe ich mich mit dieſem Frauenzimmer in die See. So ſprechend, faßte er Louiſe um den Leib und hob ſie in die Höhe, während er zugleich eine drohende Be⸗ wegung über die Bruſtlehne hin machte. Wiljams ließ ſich durch die Drohung zurückhalten, aber obſchon die Ueberraſchung bloß einen Augenblick währte, ſo genügte dieß den Banditen, um ihren offen⸗ bar ſchon vorher gefaßten Beſchluß auszuführen. Wiljams kannte natürlich den Grund des Meeres ſowie die Eigenſchaften der Ruinen nicht ſo gut wie ſie. 3u ſeiner Verwunderung ſah er daher, wie ſie auf einmal gleichſam auf ein gegebenes Zeichen, ſich in die See warfen. — Verfolgt ſie, verfolgt ſie! rief er. und Wiljams warf ſich nebſt ſeinen Leuten gleich⸗ falls in die See. Aber ſeine Feinde befanden ſich weiter vorn in der Bucht, und während das Waſſer ihnen nur bis an den Leib ging, ging es Wiljams und den Sei⸗ 278 nigen bis über die Schulter, und nicht ohne Schwierig⸗ keit arbeiteten ſie ſich vorwärts, ihre Waffen über ihre au Köpfe emporhaltend. Aber ſie waren noch nicht weit gekommen, als die zu Banditen, die Louiſe trugen, die Ruinen hinaufzuklet⸗ lo⸗ tern anfingen, und als Wiljams am Fuße der einge⸗ ſtürzten Mauer ankam, verſchwanden ſie in den zerfalle⸗ zu nen Pfeilergewölben über ihm. ne Sein Herz ſchlug gewaltſam. Unnennbare Qualen 8 zerfleiſchten ſeine Seele. Die Verzweiflung war nahe ko daran ſich ſeines Gemüthes zu bemächtigen. In ſeiner ve Raſerei eilte er ebenfalls die Ruinen hinauf. Der Weg lo war abſchüſſig. Er fühlte, wie ein Stein um den an⸗ 7 dern unter ſeinen Füßen hinabglitt; aber da wo er den 5 Fuß aufſetzen wollte, hielt er ſich mit den Händen feſt. b Eiskalt lief es ihm über den Rücken und der Schweiß 3 perlte von ſeiner Stirne. Mit Entſetzen dachte er an 0 die Lage, worin Louiſe ſich befand. In dieſem Augen⸗ 6 blick wünſchte er ſich Flügel, er hätte ein Blitz, eine i Donnerwolke ſein mögen, um ſie zu erreichen und zu befreien. Aber der Schmerz verminderte ſeinen Muth nicht, ſondern trieb ihn zur höchſten Exaltation. Er wünſchte ſich Flügel, und man konnte ſagen, daß dieſer Wunſch ihn mit ſolchen verſah. Er wollte ein Blitz ſein und ſein Wille war das; er beneidete die Don⸗ nerwolke um ihren ſchnellen Gang, und dieſer Neid gab ihm eine mehr als menſchliche Kraft. Die Leidenſchaft ſpannte ſeine Sehnen, befeuerte ſeine Kräfte, belebte alle ſeine Tritte. 1 Schon ſtand er nahe bei dem Pfeilergewölbe, wo die Banditen verſchwunden waren, und bereits hoffte er, mehr Raum zu ihrer Verfolgung gewonnen zu haben, als er aus der ſchmalen Oeffnung des Gewölbes ebenſo heftig als unerwartet angefallen wurde, und es ihm nicht entgehen konnte, daß ſeine Gegner die Abſicht hatten ihn von der Höhe hinabzuſtürzen, die er endlich glücklich hinangeklettert war⸗ 279 Die Tiefe unter ihm war abſchüſſig. Er fühlte, auch bei dem Angriff, daß er wankte, aber es gelang ihm, den Arm, der ſich über ihn erhoben hatte, feſt an⸗ zufaſſen und er gewann dadurch augenblicklich das ver⸗ lorene Gleichgewicht wieder... In der Finſterniß entſtand jetzt ein wilder Kampf zwiſchen ihm und dem Unbekannten. Wiljams ließ ſei⸗ nen Griff nicht los, und ſein Gegner fühlte, daß dieß ſein Tod war, wenn er ſich nicht von ihm losmachen konnte. Wiljams Stellung war unbequem; inzwiſchen verlor er die Hoffnung nicht. Der Kampf währte nicht lange. Leben und Tod waren hier in den kurzen Raum eines Augenblickes eingeſaßt. Mit einer kräftigen Be⸗ wegung gedachte Wiljams ſich auf die Ecke des Gewöl⸗ bes zu werfen, als in demſelben Augenblick die Steine unter ſeinen Füßen einbrachen und er fühlte, wie der Gewölbebogen über ihm zitterte, wo nicht ſich löste. Einen Augenblick ſchwebte er ohne Fußſtütze in der Luft, im nächſten Augenblick ſtürzte er hinab. Aber er war nicht allein. Noch hielt er den Unbekannten feſt und beide ſtürz⸗ ten in die Tiefe hinab. In ihrem Fall riſſen ſie mehrere Matroſen, die ihrem Führer treu gefolgt waren, mit ſich. Nach einer Weile ſah man Ehrlich und ein paar andere ſeiner Kameraden über Wiljams ſich hinbeugen, den ſie in's Freie getragen hatten. Wiljams' Augen waren geſchloſſen und er athmete nicht. Das Leben ſchien aus dem muthigen Jüngling geflohen zu ſein, die Wangen trugen die Farbe des Todes. Auf dem Weg von Poſilippo nach Neapel hörte man jetzt das Getoͤſe ſchneller Roſſehufen. Es war der grauhaarige Bootführer, der jetzt in größter Eile und geſchützt vom Dunkel der Nacht die ohnmächtige Louiſe wegführte. 280 Elftes Kapitel. Neuterholm nähert ſich dem Ziele. Wir ſind im Monat Dezember, zehnten. Wir finden Reuterholm in beitszimmer wieder. Unter und zwar am ſieb⸗ ie Schwärmerei in ſeinem uge war brennender, feuriger als gewöhnlich; aubte darin nicht bloß ehrgeizige Traͤume zu leſen, ſondern auch eine geſpannte Erwartung, welche die ſchwere B 9 Bedeutung der gegen⸗ wärtigen Stunde zu verrathen ſchien. Herr Baron, daß ſie ſelbſt die Depeſche überbringen? n, ging Reuterholm noch einmal im Zimmer auf und ab. Er ſchien tüchtig athmen zu wollen, um ſodann die Angemeldeten mit mehr Ruhe zu empfangen. — *) Im Anfang dieſes Buchs h ſchreibung Reuterholm's geſagt, ſeript, das wir vor uns haben, 281 Es wäre nicht ohne Intereſſe, in dieſem Moment einen Blick in das Innere des, aus ſo manchen chaoti⸗ ſchen Neigungen zuſammengeſetzten Mannes zu werfen, eines Mannes, der für ſich allein eine ganze Revolution ſein wollte, aber auch eine Revolution nur zu ſeinem eigenen Nutzen; der Jacobiner war, wenn es ſich um die monarchiſchen Intereſſen handelte; Despot, wenn es der vormundſchaftlichen Regierung galt; Demokrat, wenn es ſeine ariſtokratiſchen Feinde anging; Ariſtokrat, wenn es ſeine demokratiſchen Feinde betraf, und im All⸗ gemeinen eine regierende Mittelmäßigkeit, die ſich immer nur auf ſich ſelbſt, niemals aber auf die Redlichkeit anderer Leute verließ. Wir folgen jedoch lieber dem Gang der Ereigniſſe, als daß wir uns noch weiter mit dieſem Gegenſtand beſchäftigen. Reuterholm blieb vor einer Uhr ſtehen, ſeine Augen aufmerkſam auf das Zifferblatt geheftet, gleich als haͤtte er ſich vorgenommen, die Hereinlaſſung der ſo eben an⸗ gemeldeten Perſonen zu verzögern, bis der Zeiger auf eine beſtimmte Zeit deutete. Seine Ungeduld geſtattete ihm inzwiſchen nicht, die Augen auf den Stundenzeiger zu heften, ja nicht ein⸗ mal auf den Minutenzeiger, ſondern bloß auf den Se⸗ kundenzeiger. Als Reuterholm ſich endlich umwandte, befahl er dem Diener, die Wartenden einzulaſſen. Auf einmal traten auch drei von des Herzogs Tra⸗ banten ein. 5 — Willkommen, meine Herren, bei Eurer Rückkehr! Ich habe Euch erwartet. Zeder von ihnen, einer um den andern, gab jetzt ſeine Depeſche ab. — Von Neapel, berichtete der Eine. — Von Rom, der Andere. Von Hamburg, der Dritte. Als der Letztere ſeine Papiere auf den Tiſch nieder⸗ 282 legte, Blick. betrachtete ihn Reuterholm mit einem finſteren aron, und er Verzögerung. 2 ermuthlich wird der Inhalt der Depeſchen mich de tfertigen. Reuterholm 9 Ungewöhn⸗ liches. Alle ſeine Zeitgenoſſen beſchuldigen ihn eines raſtloſen Ehrgeizes, aber eines Ehrgeizes, der gleichwohl rtroffen wurde. war, blieb er vor dem Tiſch ſtehen, Er betrachtete ſie mit einem Blick, der durch den Umſchlag hindurch den Inhalt leſen zu wollen ſchien. Er hatte es nicht 5 zu laſſen, ſon⸗ dern die Kuriere hatten ſie ihm ſelbſt überbringen müſ⸗ ſen. Während er ſie jetzt betrachtete, zitterte er in Folge „ wovon die eine Hälfte egierde angehörte. — Werden ſie wohl genügende Beweiſe für das verbrecheriſche Treiben Armfelt's und ſeiner Partei ent⸗ Werden ſie eine Verſchwörung entdecken, die ſtaats⸗ gefährlich genug iſt, daß ich auf einmal allen Wider⸗ ſtand gegen mich zermalmen und auf den Trümmern e Partei mein ſiegreiches Banner aufpflanzen kann? 4 3 aß ſie bereits gegangen ſind? Er nahm eines der Pakete 1 Hand, aber ein plötzlicher Einfall ſchi Auge zu glänzen, und er nahm in di auf dem Tiſch liegendes, mi unterſchrift verſehenes Dokument. In dieſem Augenblick kann ich mich als eine Wag⸗ ſale liegen. ſchale betrachten, auf welcher Schwedens Schick 283 Und er wog die Papiere auf und ab. — Du ſinkſt, ſagte er zu der Hand, in welcher das Paket lag. Sinke, fügte er hinzu und ein ſchreckliches Lächeln ſchlich ſich dabei über ſeine Lippen. — Du ſteigſt, ſagte er dann zu der andern Hand. worin ſeine Namensunterſchrift lag. Steige!. Nachdem er die Dokumente weggelegt hatte, ergriff er einen Pack, um ihn aufzubrechen, warf aber dabei einen langſamen Blick um ſich her. Der Blick haftete auf der Thüre nach dem äußeren Zimmer, und als er ſie eine Weile nachdenklich betrachtet hatte, erhob er ſich und ſchob den Riegel vor. Langſam näherte er ſich hierauf einer andern Seitenthüre und legte ſein Ohr lauſchend an das Schlüſſelloch. — Er ſchreibt, flüſterte er vor ſich hin, ich höre, wie die Feder geht. Auch hier ſchob er den Riegel zu, und kehrte dann an den Tiſch zurück. — Von Hamburg, ſagte er, das erſte Paket er⸗ brechend, und einige kleine Briefe fielen in ſeine Hände. Befriedigung und Freude drückte ſich immer leb⸗ hafter in ſeinem Geſichte aus, jemehr er las. — Sie ſitzen feſt, rief er endlich. Bregard, Du haſt Deine Sache brav gemacht. Und er las weiter. — Welch ein ſchrecklicher Hohn gegen meine Re⸗ gierung, welch eine kecke Satyre gegen meine Perſon, welch unverſchämte Sarkasmen über alle meine Regie⸗ rungsbeſchlüſſe, welch ein bitterer und beleidigender Scherz, welch ein zermalmendes und unverſöhnliches Gelächter! Ha! Rache! Sein Geſicht verzerrte ſich unter dem grauſamen Eindruck, den das mäͤchtige Gefühl der verletzten Eigen⸗ liebe hervorrief. 1 — Aus Rom! murmelte er, als er nach dem zwei⸗ ten Paket griff. erfals an nach dem zu — Brav, Piraneſi, brav, mein Freund, rief er, 284 während er ſeinen Bericht las; Du ziehſt die Schlingen mit geſchickter Hand um ſeinen Hals zuſammen. Verlaß Dich auch auf mich, ich werde den Knoten ſchon zu ma⸗ chen wiſſen. Vortrefflich... Du biſt ein geborner Diplo⸗ mat... Ich werde Dich mit einem Patent für das, wozu die Natur Dich wirklich gemacht hat, belohnen, brav, Piraneſi, brav! Er hatte den größten Pack bis zuletzt aufbewahrt. Als er ihn öffnete ſchien er auf's Höchſte überraſcht; es fiel nämlich ein Brieſchen in ſeine Hand, unter wel⸗ chem er Vincenzens Namen fand, einen Namen, von dem er im Verlauf von anderthalb Jahren nicht hatte ſprechen hören. Aber der Inhalt des Schreibens ſetzte ihn noch in größere Verwunderung, nicht bloß wegen der Nachrichten die er aus Neapel mittheilte, ſondern noch mehr wegen der Rubriken auf den Dokumenten, die ſich in dem Pack finden ſollten. Brief noch nicht zu Ende geleſen, als er mit einem Ausdruck ſo ungeduldiger Siegesfreude in ſeinem Geſichte aufſprang, daß er für einen Augenblick die Kraft verloren zu haben ſchien, ſeine Gedanken ge⸗ hörig zu zordnen. Nur ein Ausruf kam über ſeine Bei dieſem Ausruf hörte er eine Bewegung im Seitenzimmer, und er warf ſich mit ausgebreiteten Armen über die Papiere, gleich als hätte er gefürchtet, es wolle ſie Jemand ihm rauben. — Wer iſt's, wer iſt's? rief er. — Ich bin's, Herr Baron, antwortete eine Stimme aus dem Seitenzimmer. — Ich? ich? Was willſt Du? Er ſchien ſich nicht ſogleich erinnern zu können wer der Antwortende ſei, ſo entzückt war er über die empfangenen Papiere. — Wer biſt Du? Was willſt Du? — Wer ich bin? Kein Anderer als Alm, Herr — n ne err 28⁵ Baron. Was ich will? Ich meinte, der Herr Baron riefen mich.. — Fort, fort mit Dir!— Doch nein, warte ein wenig, ich will mit Dir ſprechen. Nachdem er einen Tiſchteppich über die Papiere geworfen, öffnete er auch die Thüre und ließ Alm herein. heene Haſt Du Deine Arbeit jetzt vollendet? — So ziemlich, Herr Baron. 3 — Du mußt für heute damit aufhören. Wir ha⸗ ben etwas Anderes zu thun bekommen... Reuterholm begann dabei im Zimmer auf⸗ und abzugehen. Seine Ungeduld geſtattete ihm nicht, ruhig ſtehen zu bleiben. — Etwas Anderes zu thun? — Wir müſſen ſie verhaften... was ſage ich ver⸗ haften... ha, daß ich dieſes Wort einmal ausſprechen darf! Wir müſſen ſie Alle zuſammen verhaften laſſen. — Die Armfeltianer? — Du mußt den Polizeidirektor hierher ſchaffen... jetzt ſogleich... hörſt Du... im Augenblick... i will mit ihm ſprechen. — Ich freue mich mit Ihnen, Herr Baron, und eile nach dem Polizeidirektor. — Nach dem Polizeidirektor? Warte noch ein we⸗ nig... nein, nein, jetzt noch nicht... ich muß mich bedenken. Du kennſt Forſter, haſt Du mir geſagt. — Forſter? ſoll auch er verhaftet werden? Eine wilde, hölliſche Freude belebte dabei Alm. Es war die höhniſche Befriedigung des Neides. — Alle müſſen verhaftet werden, alle Freunde Arm⸗ felt's mit einander. — Herr Baron, fiel Alm ein, ich habe Sie um eine Gnade zu bitten. — CEine Gnade? Worin ſoll ſie beſtehen? — Wenn Forſter verhaftet werden ſoll, ſo ertheilen Sie mir dieſen Auftrag. Ich bin, Alm ſenkte dabei 286 das Auge zur Erde— ich bin, Sie verſtehen, Herr ſ Baron, ſein Freund... und... und... Id... zn Und er gedenkt heute Abend ſeine Hochzeit zuſ 3 feiern. Es waͤre mir daher angenehm, wenn ich ihm den kleinen Freundſchaftsſtreich ſpielen könnte, ſein Braut⸗ zu verwandeln. — Das iſt brav, daß Du mich ſelbſt um etwas bitteſt, was ich Dir doch zu befehlen gedachte. Aber er muß ſpäteſtens heute Abend um halb zehn Uhr ver⸗ haftet ſein... Hörſt Du 1 1... ich will mit ihm ſpre⸗ chen... Du führſt ihn hieher. — Gerade um dieſe Zeit geht die Trauu — Und die Verhaftung muß ohne all bewerkſtelligt werden. — Das iſt um ſo leichter, als ich ſelbſt zur Hoch⸗ zeit geladen bin. — Brav, mein Freund, brav. Es läßt ſich aus Dir etwas machen. Alſo heute Abend um zehn Uhr und ohne alles Aufſehen. Ich werde dem Polizeidirektor gen, daß er Dir die nöthige Mannſe gibt. ſchaft an die Hand t Forſter's Glück war für Alm ein Dorn im Auge geweſen; wenn Alm ſich perſönlich mit Forſter vergliche ſo ſiel das Urtheil immer zu ſeinen eigenen Gunſten aus; aber welch ein Unterſchied fand nicht in ihren Stellungen in der Welt ſtatt! Forſter war bereits ſein eigener Herr und ganz unabhängig, während Alm noch immer ein ſimpler, ſchlecht bezahlter, beſtändig von An⸗ dern abhängiger Copiſt war. Aber noch nicht genug. Forſter beabſichtigte ſein Glück jetzt dadurch zu krönen, daß er die hübſche, liebliche Marie heimführte, der Alm ſelbſt eines Abends, das konnte er nicht vergeſſen, auf Lilienholm den Hof gemacht hatte. — Und dennoch, murmelte Alm zwiſchen ſeinen Zähnen, indem er ſich von Reuterholm entfernte, den: noch thut dieſer Glückspilz nichts Anderes, als daß er ng vor ſich. ees Aufſehen Herr it 3 raut⸗ twas er er ver⸗ zu ihm —— 287 ſich ſeine Kehle ſchmiert und dann über ſeinem Glücke ſchläft, während dagegen ich mit unermüdlicher Beharr⸗ lichkeit unaufhörlich Pläne ſchmiede und mir den Kopf zerbreche, um mein Glück zu machen. Das iſt ein Majeſtätsverbrechen gegen die Ord⸗ nung der Natur. Aber endlich darf ich ihm doch einen Strich durch ſeine Rechnung machen... Schön. prächtig... wie wird er ſeine Augen aufreißen. Be⸗ denke einmal, wenn ich ihm die kleine Marie und ſeine ganze Wirthſchaft wegſchnappen könnte... Göttlich!... wer hätte jedoch geglaubt, daß ſein Unglück das Fun⸗ dament meines Gluckes werden ſollte? Jetzt wird mir das Glück nicht entgehen... Vorwärts Alm, nur vor⸗ wärts! Sobald Reuterholm allein war, begann er die Pa⸗ piere wieder durchzuforſchen, aber ſie hatten in ihm bereits gar zu viele einander durchkreuzende Pläne und Gedanken hervorgerufen, als daß er die Ruhe beſeſſen hätte, ſich lange damit zu beſchäftigen. Er mußte ſeinen Projekten einen Abzugskanal verſchaffen. — Zum Herzog! rief er alſo und erhob ſich. Der Herzog Regent ſtand gegen den Fenſterſims gelehnt und blickte über die Hauptſtadt hin, aber ſeine Gedanken flogen in eine ganz andere Richtung, als ſein Blick. — Wie werden wir nicht unaufhörlich von unſerer eigenen Natur getäuſcht! ſagte er vor ſich hin, man glaubt zu lieben, und man liebt wirklich, aber diejeni⸗ gen, die man liebt, ſind doch bloß wie Porzellanbilder in unſern Herzen. Der Abgott, der in einem Augen⸗ blick dort auf den Altar geſtellt wird, und für den wir ſogar in den Tod gehen zu wollen glauben, wird im näͤchſten Augenblick, ſobald ein neues Bild aufgeſtellt wird, zerſchlagen. Die Liebe iſt das Heidenthum des 288 Herzens, wo man einen ganzen Olymp anzubeten hat. Warum ſollte auch das Menſchenherz nicht, wie die meiſten Pflanzen der Natur, in einer Mannigfaltigkeit von Blumen aufblühen dürfen? Ohne einen Mord dämpft man die Triebe der Natur nicht, und gleichwohl wie oft bleiben wir nicht ſelbſt das Opfer, wenn wir dieſen Trieben ihre Freiheit laſſen? Auf dieſelbe Art, wie man der Liebe opfert, wird man ſelbſt geopfert. Die Liebe genießt ihren Frühling, während der Früh⸗ ling unaufhörlich vor dem Genuß der Liebe verſchwindet. as Vergnügen und das Verderben tragen ungleiche Früchte, ſaugen aber ihren Saft aus demſelben Boden, bis ihr Boden ausgeſogen iſt. Die Neigungen raſen durch unſere Herzen. Vor ihrem Athemzug erwachſen Luſtgärten, vor ihren Flügelſchlägen fallen ſie geplün⸗ dert und verwelkt zuſammen. Manchmal— welche Unbekanntſchaft mit den ewigen Geſetzen der Natur— manchmal glaubt man, daß man in ſeinem Herzen aus⸗ gelebt habe... und im nächſten Augenblick... welches Wunder jedoch... kommt eine neue Neigung mit einer ganzen Welt von Jugendkraft und belebt es wieder. So ſtirbt man in ſeinen Gefühlen und lebt dennoch unaufhörlich in ſeinem Herzen. Welche merkwürdige Erſcheinung! unſere Neigungen verändern ſich, aber ſie llerbem nicht. Jeder Tag hat ſein verſchiedenes Feld⸗ eſchrei. 8— Ich ſollte genug geliebt haben, und gleichwohl liebe ich jetzt mehr als je. Der Herzog that es wirklich. Schon lange be⸗ zaubert von Fraͤulein Rudenſköld's Anmuth und geblen⸗ det von ihrer einnehmenden Schönheit, liebte er ſie jetzt. Auch befriedigte ihn nichts mehr. Reuterholm's Macht war allerdings unbeſchränkt und eher im Zu⸗ als im Abnehmen, aber ſie beruhte weniger auf dem Vertrauen und der Freundſchaft des Herzogs, als auf einem Ge⸗ fühl der Gleichgültigkeit.. Der Herzog war mißvergnügt, beinahe unglücklich, 289 weil ſeine Liebe nicht erwiedert wurde, und er beſaß nicht die Kraft, ſein Unglück zu tragen, ſein Gemüth wurde dadurch nur niedergedrückt. Mit Entſetzen ſah Reuterholm, daß ſein Schickſal gänzlich von der Laune eines Weibes abhing, und daß lein einziges Wort von ihren Lippen ſeinen Einfluß auf immer vernichten könnte. Er hatte damit angefangen, daß er jeden Schritt und Tritt des Herzogs bewachte, und zuletzt machte er ihm Vorwürfe, wobei er ſogar beleidigend zu Werke ging. Der Herzog hatte inzwiſchen nicht den Muth, ſeine Bande zu zerreißen, ſondern er ließ ſich von Jedermann leiten. Im Herbſt 1793 hielt ſich der Hof lange in Drott⸗ ningsholm auf. Mamſell Schloßberg, die ſich noch immer beim Herzog behauptete, hatte ihn dahin be⸗ gleitet und für ihre Rechnung eine der kleinen Flügel⸗ wohnungen in Beſchlag genommen. Aber Mamſell Charlotte war kein genügendes Surrogat mehr gegen ſeine Neigung für Fräulein Rudenſtöld. Schöner als je glänzte dieſe hier, nur von einer ſchönen, herrlichen Natur umgeben. In ihrem Herzen eine Tochter derſelben, athmete ſie ſo friſch und glücklich in dieſen Hainen, denen des Mälars leichte Winde Kühlung zufächeln. Sie wußte noch nicht, daß ſie in dem letzten ſchönen Sommermonat ihres Lebens ſtand, ſie ahnte nicht, daß die Stürme des kommenden Herbſtes alle Blumen auch in ihrem Herzen verheeren und jedes geträumte Götterbild in ihrer Seele umſtürzen ſollten. Rie war ſie liebenswürdiger geweſen als jetzt, nie hatte ſie ſo geſtrahlt wie jetzt; ſie konnte ſagen, daß ſie ihre Umgebung mit dem Glanz einer aufgehenden Sonne beherrſchte. Die Herzogin ſchätzte ſie hoch, und dem Herzog gebot ſeine Liebe, auf alle ihre Einfälle einzu⸗ gehen. Ihr Wink war auch ein Zauberſtab, der Alles in Liebreiz und Freude, mit des Frühlings ſriſchen Blumen in dem fliegenden Leben, verwandelte. Aber theils wußte Reuterholm die Schritte des Herzogs ſo genau zu bewachen, theils verſtand auch Der Trabant. III. 19 b 290 Fräulein Rudenſköld ihn ſo fein zu behandeln, daß er nicht einen einzigen Augenblick Gelegenheit erhielt, ſeine Neigung näher zu erkläͤren, als er ſchon lange vorher gethan hatte. Wir kennen die myſtiſchen Mittel, deren ſich Reuter⸗ holm bediente, um den Herzog von den Regierungs⸗ geſchaſten fern zu halten, und wir wiſſen, wie weit die dadurch hervorgerufene Seelenkrankheit ging. Aber da die Art, wie ſie geheilt wurde, in keiner Berührung mit den ſonſt in dieſer Arbeit auftretenden Perſonen ſteht, ſo glauben wir hier die Zeit mit der Beſchreibung derſelben nicht verſchwenden zu dürfen; genug, der Her⸗ zog wurde wieder geheilt. Inzwiſchen lag in der Tiefe ſeines kranken Herzens noch Etwas, das kein Myſticismus zu heilen vermochte, und dieſes Etwas griff immer mächtiger um ſich: es war die Liebe zu Fraulein Rudenſköld. CEhe der Hof nach Stockholm zuruͤckkehrte, hatte der Herzog einen Brief geſchrieben, den er ihr zu ſchicken beſchloß. Es war nicht der erſte Brief, den er ihr ſchrieb, aber es wurde der letzte. Der Herzog war tief niedergeſchlagen. Die Liebe machte ihn melancholiſch. Er hoffte nicht und dennoch hoffte er. Seine Phantaſieen trieben mit ſeinem Herzen ihr Spiel. Manchmal malten ſie ihm verheißungsweiſe liebliche Erfolge vor, ein andermal umgaben ſie ihn mit einer Finſterniß voll von Zweifel und Kleingläubig⸗ keit. Wenn die Hoffnung neu belebt wurde, war es Tag in ſeiner Seele; wenn ſie entfloh, war es Nacht darin. Er hatte ſeinen Brief in einer muthigen Stunde geſchrieben. Es war auch ein Abſchiedsbrief geworden. Alle glauben zu verſtehen, was Liebe iſt, bei Kei⸗ nem iſt ſie jedoch daſſelbe wie beim Andern, weil ſie ihr Weſen nach den verſchiedenen Charakteren der Ein⸗ zelnen geſtaltet. Bei dem Herzog war die Liebe eine 1 ͤ- SOSnS S —— ß er ſeine orher uter⸗ ngs⸗ t die r da rung onen dung Her⸗ Schwachheit. Hätte Fräulein Rudenſköld ſeine Neigung erwiedert, ſie würde ihn wie ein Kind geleitet haben. Das war es, was die Guſtavianiſche Partei ſah, und weßhalb ſie verlangte, das Fräulein ſolle ihre Liebe auf den Altar des Vaterlandes zum Opfer bringen. Auch Reuterholm ſah das ein und fürchtete deßhalb den Ausgang. Er hatte mehr als einen Verſuch gemacht, ſie für ſeine Partei zu gewinnen, aber es war ihm nie gelun⸗ gen. Er mußte ſie alſo ſtürzen. Es blieb nichts An⸗ deres übrig. Gedankenvoll lehnte der Herzog noch ſeine Stirne an den Fenſterpfoſten, als die Thüre ſich öffnete und ſein vertrauter Diener eintrat. — Schon zurück? ſagte der Herzog. — Ich habe Ew. Hoheit Befehl vollzogen. — Las ſie den Brief? — Nein, Ew. Hoheit. — Sie empfing ihn aber doch? — Sie empfing ihn und... — nnn wiß ni — weis nicht, ob ich wagen darf, es zu ſagen. — Sprich, ſprich! aon dari, e zn ſig — Sie empfing ihn und warf ihn unerbrochen auf ihren Nähtiſch. Des Herzogs Kopf ſank auf ſeine Bruſt hinab, aber in ſeinem Herzen wühlte der Zorn unter den Hoffnun⸗ gen, die ſo eben noch drinnen geblüht hatten. In dieſem Augenblick trat Reuterholm ein. Nie hatte ſich Reuterholm, wenn er zu dem Herzog kam, ſelbſt mächtiger geglaubt, als eben jetzt, man ſah das an ſeinem Aeußern und er fühlte es in ſeinem Innern. — FHoheit, begann er; ich grüße Sie von dem un⸗ ſihibaren Großmeiſter der Brüder in dem nordiſchen rkel. Der Herzog wandte ſich ſchnell um, dbes als wäre 292 er auf eine unangenehme Art in ſeinen Betrachtungen geſtört worden. — Er arbeitet für uns, er arbeitet unermüdlich... Er bittet mich, Ihnen zu ſagen, daß Ihr Schickſal bald in Erfüllung gehen werde. — Mein Schickſal? — Die Vorſehung hat unter den Sternen eine Krone über Ihr Haupt gezeichnet. Der Herzog blickte nur mit kalter Verwunderung Reuterholm an. Was bedeutete wohl in dieſem Augen⸗ blick eine Krone für ihn? Seine Gedanken waren von andern Gegenſtänden in Anſpruch genommen. Reuter⸗ holm merkte auch, daß ſeine Worte keinen Anklang fanden, und bei einem forſchenden Blick auf den Herzog ahnte er, was in ſeinem Innern vorging. — Ich habe Ihnen ſchreckliche inge zu erzählen, begann er wieder, gleich als hätte er des Herzogs eigene Gedanken aufgenommen, Ew. Majeſtät haben Recht, bekümmert, mißvergnügt zu ſein und über Undank zu klagen... man betrügt Sie, Ew. Hoheit. Des Herzogs Miene belebte ſich bei dieſen Worten ein wenig... in Reuterholm's Worten lag Etwas, das mit ſeinen Gefühlen ſympathiſirte, und das angeregte Gefühl ſpiegelte ſich ſogleich in ſeinem Geſichte ab. — Der Undank, Ew. Hoheit, ſteht ganz nahe bei Ihnen;... nehmen Sie ſich in Acht. — Mein Gott, ſagſt Du das? Mein Herz glaubt Dir. Du haſt Recht, es iſt undankbar... Reuterholm war gewöhnt, in des Herzogs Inneres zu blicken, und er bedurfte bloß einer halben Antwort auf ſeine eigenen Phraſen, um den ganzen Gedanken⸗ gang deſſelben zu kennen. — Rächen Sie ſich bei Zeit, Hoheit, ſonſt werden Sie ſelbſt die Erfüllung Ihres Schickſals verhindern. — Du weißt nicht... aber der Herzog fuhr in ſeinem Gedankengang nicht fort, ſondern wandte ſich beinahe verlegen ab. 295 — Ich habe noch wichtigere Nachrichten erhalten. — Laß hören, laß hören. Des Herzogs Ungeduld nahm zu. — Von Neapel. — Was ſchreibt man von Neapel? — Man ſchickt mir ganze? äcke von Abſchriften, unter denen auch Armfelt's Revolutionsplan ſich be⸗ findet. — In Abſchrift? 3 — Wie Ew. Hoheit bemerken, in Abſchrift. — Das iſt ein ſchlechter Beweis. — Armfelt hat das Original bereits nach Peters⸗ burg geſchickt. 7 — Du erſchreckſt mich.. ſollte die Kaiſerin... — Die Kaiſerin begünſtigt die Guſtavianiſche Partei, und die Dokumente ſollten ihr durch einen Abbé d'Heral und einen Herrn Vignes zugeſtellt werden... — Welche Keckheit... und dieſer Revolutions⸗ plan... Ew. Hoheit ſollen die Abſchrift ſelbſt zu leſen bekommen. — Aber wenn die Kaiſerin das Original bereits in Händen hat und den Plan billigt? — Nun... — Wir haben eine Armee, meinſt Du... — Ganz richtig. 1— Und eine Flotte... — Die ihre Erinnerungen an Hogland nicht vergißt. 4— Du haſt Recht, aber jedenfalls... — Jedenfalls brauchen Sie die Kaiſerin nicht zu fürchten. — Nicht zu fürchten? — Ganz und gar nicht, H volutionsplan... — Der Revolutionsplan, ſagſt Du... — Ich erwarte ihn mit umgehender Poſt. — Das Original? oheit, denn der Re⸗ — 296 — Ja, das Original. — Aber es liegt ja in den Handen des Abbs d'Heral und des Herrn Vignes. — Immerhin; aber der Abbé d'Heral und Herr Vignes... — Haben Armfelt verrathen? — Das nicht; aber.. — Aber... — Sie ſind Beide auf ihrer Reiſe nach Peters⸗ burg in Düſſeldorf verhaftet worden. — Ich athme wieder auf. Und das Original⸗ actenſtück? — Wie geſagt, Hoheit, ich bekomme es in ein paar Tagen, vielleicht ſchon heute Abend. — So laß uns keinen Augenblick mehr zögern. Keine Gnade, Reuterholm, merke Dir's wohl, keine Gnade. Armfelt mag auf ſeiner Hut ſein. Er hat ſelbſt die Strafe über ſein Haupt herabgerufen, ſie möge ihn nun auch ſchonungslos treffen. Es wäre eine pflicht⸗ vergeſſene Schwachheit, wenn ich ihm durch die Finger ſehen wollte... nein, nein, das Geſetz ſoll mit Ernſt gehandhabt werden, hörſt Du, Reuterholm. Ich will von keiner Milde und keiner Weichheit reden hören.. Gerechtigkeit und Strenge... das iſt meine Pflicht. — Aber er ſteht nicht allein, Ew. Hoheit, er hat mehrere Mitſchuldige hier in der Heimath. In's Gefängniß mit ihnen Allen, in's Gefängniß mit ihnen! Man hat gar zu lange mit mir ſein Spiel getrieben, und es iſt jetzt hohe Zeit, zu zeigen, daß ich keine Kinderpuppe auf dem Thron, ſondern ein wirk⸗ licher Regent bin, daß meine Macht — Ganz richtig, Cw. Hoheit, man hat Ihre Re⸗ gentſchaft gar zu lange nicht anerkannt. — Das iſt's, was ich ſage; man hat es gewagt, mich zu verkennen; aber ich werde ihnen zeigen, daß ich nicht mit mir ſpaßen laſſe. Laß mich hören, wer ſte ſind... bei Gott, ſie ſollen erfahren... . 297 — Der Erſte vor Allen iſt Armfelt. deral— Wir rufen ihn ſogleich ab und ſchicken ein paar Schiffe nach Neapel, um ihn gefangen zurückzubringen. Herr Der Sekretär in der Kanzlei des Königs, Chren⸗ ſtröm. — Wir verhaften ihn. — Der Generaladjutant Aminoff. — Verhafte ihn, verhafte ihn. ers⸗— Der Kellermeiſter Forſter. — In's Gefängniß mit ihm, in's Gefängniß! nal⸗— Der Oberſtlieutenant Baron Lilie. — Auf die Hauptwache mit ihm! aar— Der Oberpoſtdirector Frank. — Verhafte ihn, verhafte ihn. ern.— Der Kaufmann Sources. ine— Verhafte ihn. hat— Der Buchhalter Signeul. öge— Verhafte ihn, verhafte ihn. ht⸗— Der General Toll. ger— Verhafte ihn, laß ihn in Bande ſchlagen. nſt Der Herzog war außer ſich. In dieſem Augen⸗ ill blick wäre er im Stande geweſen, alle Welt verhaften zu laſſen. Reuterholm weidete ſich auch an ſeinem Er⸗ folg, da er nicht zweifelte, daß er ſich von dieſem Zeit⸗ jat punkt an als vollkommen unbeſchränkter Machthaber betrachten durfte. Der Herzog ſchritt haſtig auf und iß ab und wünſchte nur noch einen Namen aufzählen zu iel hören, um die Gefangennehmung der Betreffenden zu ich befehlen; aber auf einmal hielt er in ſeinem Gange k⸗ ein und blieb vor Reuterholm ſtehen. — Du haſt noch nicht Alle genannt, Reuterholm, e⸗ oder wie? — Nicht Alle, Ew. Hoheit. t,— Wer iſt noch übrig? 5ö— Nur eine einzige Perſon, Ew. Hoheit. er— Nur eine Einzige? höre jetzt, Reuterholm. — Ew. Hoheit? 298 Der Herzog ſchien genirt zu ſein. Er wußte nicht recht, wie er ſeine Meinung ausdrücken ſollte. — Zu welcher Strafe glaubſt Du, daß die Ver⸗ brecher nach dem ſchwediſchen Geſetz verurtheilt, werden können? — Zum Tode, Ew. Hoheit. eerr Herzog begann von Neuem im Zimmer auf⸗ und abzugehen. Sein Herz war bekümmert. Mehr als einmal öffnete er ſeinen Mund, um zu ſprechen, ohne daß jedoch irgend ein Ton von ſeinen Lippen kam. Er ſchien in ein Labyrinth gerathen zu ſein, aus dem er ſich nicht zu helfen vermochte. 3 — Zum Tode, wiederholte er. Der Tod, das iſt doch eine ſchreckliche Strafe... was ſagſt Du? — Die Strafe muß der Beſchaffenheit des Ver⸗ brechens angemeſſen ſein. Das Geſetz iſt ſtreng. Eine Verſchwörung gegen Ihre Regierung... — Aber Du haſt ja bloß Abſchriften von den Do⸗ cumenten, wenigſtens meine ich, daß Du ſo ſagteſt. — Es liegen auch mehrere Originalbriefe in mei⸗ ner Hand. — Und ſie haben ordentliche Unterſchriften 2 — Ein großer Theil... andere nicht. — Und den Revolutionsplan bekommen wir heute Abend oder wenigſtens bald? Wäre es nicht eine edle Handlung, Reuterholm, wenn wir Gnade für Recht ergehen ließen: Was ſagſt Du dazu? 4 Reuterholm ſah mit Furcht die neue Richtung, welche die Gedanken des Herzogs nahmen, und er be⸗ ſchloß, ihr zeit ig entgegen zu wirken. — Ew. Hoheit erinnern ſich doch der Jahre 1788 und 892 — Ja gewiß, Reuterholm. Es waren ein paar von meinen glücklichſten Jahren; wenn ich mich ihrer erinnere, ſo fühle ich doch, daß ich zum Seemann ge⸗ boren bin. — Ganz richtig, Ew. Hoheit. Aber Sie erinnern 299 ſich wohl auch verſchiedener Correſpondenzen aus dieſer Zeit, z. B.... — 3. B. 2 Der Herzog ſtarrte hierbei beinahe erſchrocken Reu⸗ terholm an.. — Erinnern Sie ſich der Berathung, die am 20. und 21. September 1788 in Anjala gehalten wurde? — Warum mich daran erinnern? Was willſt Du damit ſagen? 3 — Erinnern Ew. Hoheit ſich Ihres Aufenhalts in Loviſa in demſelben Jahre? — Ob ich mich daran erinnere! — Ew. Hoheit haben wohl den Briefwechſel nicht vergeſſen, der in Folge der damaligen Verhältniſſe zwiſchen Ihnen und Ihren Freunden ſtattfandd? — Dieſe Papiere, hal jetzt entſinne ich mich ihrer. Es ſind dieſelben, die dieſer Ek... Ek von Rings⸗ taholm hinterließ, und die auf eine ſo ſonderbare Weiſe verſchwanden. Nicht wahr? Es ſind doch dieſelben? — Ganz richtig, Ew. Hoheit... dieſe Papiere... — Dieſe Papiere.. — Wenn man dieſe Papiere nicht anders wieder bekommen könnte, als dadurch, daß man Armfelt der Strenge des Geſetzes überlieferte, was würden Sie dann thun, Hoheit? — Gott ſteh' mir bei! was ſoll ich antworten? ha, Du treibſt mich ſehr in die Enge. — Ew. Hoheit, ich weiß jetzt, in weſſen Hand dieſe Papiere liegen. — Gott ſei Lob und Dank! — Preiſen Sie Ihr Glück nicht zu früh. Dieſer Mann... — Reuterholm, mein Freund, dieſer Mann mag ſein, wer er will, ich muß die Papiere haben. — Dieſer Mann läßt ſich nicht erkaufen. — Aber Du weißt doch, wer er iſt? 300 — Wenn Sie gegen Ihre eigenen Intereſſen han⸗ deln, mein Fürſt, ſo iſt er Ihr Feind. — Mein Feind? — Ihr ſchlauſter Feind. Er könnte... — Reuterholm, laß uns ihn feſtnehmen und ein⸗ ſperren.. Es iſt nothwendig... es iſt ein gefähr⸗ licher Menſch. 4 an Man kann ihn nicht gefangen nehmen, Ew oheit. 3 — Wer iſt er denn? — Handeln Sie dagegen in Uebereinſtimmung mit Ihren Intereſſen, ſo iſt er Ihr Freund. — Du ſetzeſt mich in Staunen. Mein Freund, ſagſt Du? — Ihr wärmſter, ergebenſter Freund. Beſinnen Sie ſich deßhalb wohl und wählen Sie zwiſchen ſeiner Freundſchaft und ſeiner Feindſchaft. — Was ſoll ich thun? Kläre mich auf. Rathe mir. — Sie müſſen die Guſtavianiſche Partei der Strenge des Geſetzes überantworten. — Was meinſt Du damit? — Dem Richtbeil. — Noch ein Wort, Reuterholm, ſage mir zuerſt, wer der Mann iſt, der zugleich mein ſchlauſter Feind und mein beſter Freund iſt. Ich hätte wohl Luſt, ihm das Weiße im Auge zu beſehen. Reuterholm antwortete nicht ſogleich. Statt deſſen ging er im Zimmer umher, wie wenn er ſich beſänne. Dann blieb er vor dem Herzog ſtehen, während er die e Arme über der Bruſt kreuzte. — Sie können alſo nicht errathen, wer dieſer Mann iſt? — Unmöglich. — Der Mann bin ich, Ew. Hoheit. — Reuterholm hatte die Actenſtücke in dem Paket von Vincenz aus Neapel erhalten. — Und die Papiere liegen in Deiner Hand 2 I an⸗ 301 — In der meinigen. — Du mußt ſie mir überlaſſen. — Nicht eher, Ew. Hoheit, als bis Sie Ihrer ſelbſt würdig und Ibren Intereſſen angemeſſen handeln. — Du biſt grauſam. — Ich bin redlich und aufrichtig. — Laß mich hören, was Du forderſt. — Sie müſſen alle Diejenigen, die der feindlichen Partei angehören, den Händen der Gerechtigkeit über⸗ antworten. — Die Namen, die Namen. — Armfelt. — Einverſtanden. — Frank. — Gern. — Aminoff. — Es ſei. — Forſter. — Gut. — Toll. — Ja, ja. — Lilie. — Laß ihn feſtnehmen. — Ehrenſtröm. — Unendlich gern. — Sources und Signeul. — Sehr gerne. — Und... Reuterholm wußte gar zu gut, daß der Herzog nur eine einzige Perſon retten wollte, und daß er die an⸗ deren Alle gern den Gerichten überlieferte, aber juſt dieſe einzige Perſon fürchtete Reuterholm für ſich ſelbſt am meiſten. — Die Liſte iſt jetzt lang genu ut; uns aifbirenein ſt jet g genug, Re arholur laß — Es iſt noch eine einzige Perſon übrig, Ew⸗ Hoheit.. die gefährlichſte von ihnen allen. 3 ——I 3⁰² — Die Gefährlichſte? — Die Gefährlichſte... weil dieſe einzige Perſon ein Weib iſt. Andern auf die Seite geſchafft ſind. — Glauben Sie das? — Es iſt meine feſte Ueberzeugung. — Und auf was beruht ſie? Perſon ein Weib iſt. Feind. ganzen Härte gegen ihn. — Sie haßt Sie. Armfelt es beföhle. Sie hier... — Du ſcherzeſt. — Leſen Sie weiter. — Sie iſt bitter. Des Herzogs Geſicht wechſelte die Farbe. — Welche kränkende Beletdigungen; — Was ſagen Ew. Hoheit jetzt? nen zu funkeln. — Glauben Ew. Hoheit auch jetzt noch.. ich wiederhole das Wort, Der Herzog zuckte zuſammen. Er hatte es geahnt. — Aber dieſe einzige Perſon, Reuterholm, kann ja gar nichts thun, von dem Augenblick an, wo die — Auf dem einfachen Grund, daß dieſe einzige — Aber dieſes Weib iſt Ihr unverſöhnlichſter Mit Schmerz erinnerte ſich der Herzog jetzt ihrer Die Nachricht, daß ſie ſeinen Brief gleichgültig auf das Nähtiſchchen geworfen hatte, wurmte ihn jetzt auf's Neue. — Sie wäre im Stande, Sie zu tödten, wenn — Schrecklich! murmelte der Herzog, vielleicht nicht ſowohl als Antwort auf Reuterholm's Aeußerung, als vielmehr als Antwort auf ſeine eigenen ſtillen Gedanken. — Wollen Ew. Hoheit wiſſen, wie ſie von Ihnen denkt? Ich habe einige Briefe mitgenommen. Sehen Des Herzogs Lippen zitterten, ſeine Augen began⸗ — ₰ ☛☚ SSe 303 — Still, Reuterholm, ich weiß, was Du ſagen willſt. Kein Wort mehr über dieſes Weib. Nein, nein, in's Gefängniß mit ihr. Sie iſt nicht beſſer, als die Andern alle. Ach, mein Gott, wie thöricht bin ich geweſen! Ich hielt es für Gold und es war blos Flit⸗ tergold. Ich glaubte, es wäre ein Edelſtein und es war bloß eine Wachsperle. — Und noch wiſſen Sie nicht Alles, Hoheit. — Nicht Alles? Haſt Du noch mehr Gift in mei⸗ nen Becher zu gießen? Beeile Dich, damit ich das Ganze auf einmal ausleere. — Ew. Hoheit wiſſen nicht, daß ſie ihre Juwelen verkauft hat. — Verkauft? zu welchem Zweck? — Zu Zwecken ihrer Liebe. — Sage, was Du meinſt. Ich bin kein Kind; oh nein, ich bin ein Mann... — Sie hat ſie verkauft, um für Armfelt Anhän⸗ ger zu werben. — Alles opfert ſie für Armfelt, Alles, Alles. Für eine dieſer Perlen hätte ich eine Krone geben mögen. Was ſage ich jedoch? Fort, weibiſche Schwachheit! Schwachheit iſt Feigheit. Wir müſſen uns rächen, Reu⸗ terholm, rächen, hörſt Du! rächen! Rache iſt Kraft, Rache iſt Stärke. Laß uns zeigen, Reuterholm, daß wir ſtark ſind. Barmherzige Vorſehung, wer doch im⸗ mer ſtark ſein könnte! So lange das Gefühl allein die Regungen des Herzogs leitete, fehlte es ihm nicht an Herz. — Wir ſind alſo einverſtanden, Ew. Hoheit? — Vollkommen einverſtanden... alſo... — Alſo verhafte ich Fräulein Rudenſköld. — Verhaften? wiederholte der Herzog. Ddieſes Wort bedeutete für ihn eine Handlung, die ihn von Neuem erſchreckte. — Ich ſperre ſie auf der Hauptwache ein. — Einſperren, ſagſt Du? 1 Dieſe Vorſtellung hatte noch immer etwas Schreck⸗ liches für den Herzog. Fräulein Rudenſköld's bezau⸗ berndes Weſen ſtand auch in dieſem Augenblick ſo leb⸗ haft vor ſeiner Seele, daß er ihre aus Feuer und Schnee gegoſſenen Formen vor ſich zu ſehen, in ihr aus einem blauen Himmel gebildetes Auge zu blicken glaubte. Ja, noch mehr, unter dünnen Gazen und zwiſchen ſchnee⸗ weißen Flurſpiten meinte er zu ſehen, wie ihr Buſen ſich hob und ſenkte... der Herzog ſchloß ſein Auge, um die Wolluſt ſeiner Phantafie zu genießen... und ſein Zorn war verflogen. Er dachte nicht mehr an ihre Sarkasmen... er ſah ihre lächelnden Blicke; er erinnerte ſich nicht mehr ihrer Gleichgültigkeit, er dachte nur an ihre Grazie und Anmuth. Seine Phantaſie war ſo reizend, ſo ſchön, ſo all⸗ mächtig, daß er lächelnd ſeine Arme wie nach einer Wirklichkeit ausſtreckte. In dieſem Augenblick ſiel ihm Etwas ein. 1 — Reuterholm mag für ſeinen Theil Armfelt, Frank, Aminoff, Ehrenſtöm nehmen... er mag ſie Alle neh⸗ men; ich behalte mir für meine Rechnung nur Fräu⸗ lein Rudenſköld vor. — Ich werde ihr die Gefahr zeigen, die über ihrem Haupte ſchwebt, aber ich werde ihr auch das Mittel zeigen, ch zu retten, und ſie wird nach dem letzteren greifen und die Meinige werden. Reuterholm! begann der Herzog wieder. — Ew. Hoheit. — Wann gedenkſt Du die Verbrecher zu verhaften? ſt — Schon heute Nacht. — Das iſt gut. — Ew. Hoheit billigen alſo meinen Entſchluß? — Vollkommen, nur mit einer einzigen Ausnahme. — Und dieſe Ausnahme? — Iſt Fräulein Rudenſköld. ick⸗ lee a, 80⁵ — Ew. Hoheit, Sie vergeſſen Ihr bereits gegebe⸗ nes Verſprechen. 1 — Du hörſt meinen Willen. — Sie vergeſſen, daß die Correſpondenz von 88 und 89 in meinen Händen liegt. 4 — Ich vergeſſe nichts. Aber jetzt verlange ich Ge⸗ horſam. — Ew. Hoheit!. — Kein Wort mehr. Mein Beſchluß iſt gefaßt. — Sie ſind ſchwach, Herzog. — Ich bin jetzt ſtärker als je. — Was gedenken Sie zu thun? — Ich gedenke... aber gleichviel... Heute Abend um eilf Uhr kommſt Du wieder hierher. Du wirſt dann meine beſtimmte Antwort hören. Bis dahin leb' wohl! Reuterholm wollte inzwiſchen ein Feld, wo er ſich bereits Sieger geglaubt hatte, nicht ſo bald räumen, ſondern ſuchte zu proteſtiren; es half ihm jedoch dieß⸗ mal nichts. Die Liebe iſt mächtiger als alles Andere. — Verlaß mich, befahl endlich der Herzog, und komm heute Abend um eilf zurück. Mit allen Martern, die ein Staatsmann empfin⸗ den kann, wenn er fühlt, daß ſein Einfluß wankt, ent⸗ fernte ſich Reuterholm. Eine halbe Stunde ſpäter verließ der Herzog, wohl in ſeinen Mantel eingehüllt, das Schloß und nahm ſeinen Weg nach dem Palaſt der Prinzeſſin Sophie Albertine. Der Trabant. III. Zwölftes Kapitel. Politik und Liehe. — Nein, meine Herren, nein, ſagte Fräulein Ru⸗ denſköld. Und gleichſam um ihren Worten noch mehr Nach⸗ druck zu geben, legte ſie die Hand auf ihr Herz. Man konnte ſagen, es war ein Lilienblatt gelegt auf eine Roſe. — Die Liebe, mein Fraulein, bemerkte Ehrenſtröm, iſt gleichwohl nur dann wahr, wenn ſie klug iſt. — Sie ſprechen wie der Blinde von der Farbe, mein Herr. Die Liebe iſt nur dann wahr, wenn ſie ſanft und treu iſt. — Aber bedenken Sie inzwiſchen unſere Stellung, fiel Aminoff ein. Frank's Bemerkung iſt ja ganz rich⸗ tig. Seit einem Monat iſt die Poſt ausgeblieben. Beweis genug, daß man uns auf der Spur iſt. — Sie haben alſo Angſt, Herr Generaladjutant? — Ei, mein edles Fraͤulein, erinnerte Frank, ſo ungern ich einer Dame Unrecht gebe, ſo kann ich gleich⸗ wohl dießmal nicht umhin, mich an Ehrenſtröm und Aminoff anzuſchließen. — Ich gratulire zu dem Bund, meine Herren, ver⸗ ſetzte Fraͤulein Rudenſtöld, aber ich bleibe bei meinem orte. Sie womp'ottiren, ich liebe; das iſt der Unter⸗ ſchied zwiſchen uns. Sie handeln aus Intereſſe, ich aus Gefühl. Sie berechnen Alles, ich fühle Alles, bei Ihnen beſtimmt der Verſtand uͤber Ihre Handlungen; bei mir iſt es das Herz. Gehen Sie Ihren Weg, ich gehe den meinigen. Sie ſprechen von Gerüchten, von Gefahren, von Gott weiß was.. ich ſpreche von Hoff⸗ nungen, von Muth, von Seelenſtärke, von Liebe. Un⸗ ſere Anſchauungsweiſe iſt ſehr verſchieden. Legen Sie die Hand auſ's Herz, meine Herren, und beantworten Sie mir eine Fr age. Sie wiſſen, daß ich bisher that⸗ 307 ſächlich den Mittelpunkt Ihrer Correſpondenz mit Ihrem Chef Armfelt gebildet habe; Sie wiſſen, daß ich ohne alle Furcht Dinge geſchrieben habe, die Sie nicht zu ſchreiben wagten, und gleichwohl... habe ich je nach Ihren eigentlichen Abſichten gefragt, wie weit Sie ge⸗ hen wollten? Habe ich je nach etwas Anderem gefragt, als wenn Armfelt zurückkommen werde? Und jetzt... wann das wahr iſt, was Sie ſagen.. jetzt da die Umſtände uns zu bedrohen ſcheinen, wollen Sie ſich da⸗ durch retten, daß Sie mich aufopfern. — Weit entfernt, mein Fräulein, erinnerte Ehren⸗ ſtröm, wir wollen Sie nicht aufopfern, wir wollen die ganze vormundſchaftliche Regierung in Ihre Hände legen. — Mein Herr, ich kenne all' die Erniedrigung, die dieſe ſo ſchöne Phraſe in ſich ſchließt. Sie wollen mich in die Arme des Herzogs werfen, um ein rettendes Brett für ſich ſelbſt zu haben. Schon Ihr Vorſchlag kränkt mich; weit mehr noch die Sache ſelbſt. Aber wenn meine Liebe zu Armfelt ein Fehler iſt, der Sie berech⸗ tigen kann, mich zu verkennen, ſo würde gleichwohl jede Nachgiebigkeit gegen Ihre Wünſche ein Verbrechen. Be⸗ merken Sie auch den Unterſchied, meine Herren, zwi⸗ ſchen einem Fehler, der in der Tiefe des Herzens eine Tugend iſt, und einem Verbrechen, das in derſelben Tiefe ein Laſter iſt. Meine Seele ſträubt ſich gegen Sie. In Wahrheit, Ihr Vorſchlag empört mich. Mein Gott! wenn ich den Herzog liebte, ſo würde ich ihm mein ganzes Leben weihen; aber ich thue das nicht, und gleichwohl verlangen Sie... Man mag ſagen, ich ſei ſchwach geweſen, aber man ſoll nicht ſagen, daß ich ſchlecht geweſen ſei. Denjenigen, den ich liebe, liebe ich offen und rein, und ſcheue mich nicht, es zu bekennen, ſelbſt wenn ich dadurch einen Fehler bekenne... aber Heuchelei, meine Herren, Falſchheit... o nein.. jedes falſche Weiberherz flößt mir den größten Abſcheu ein. Allerdings ahne auch ich, daß Gefahren uns be⸗ drohen. Glauben Sie aber wohl, das 10 deßhalb Innern gekommen, daß all gelehnt. Als er ſich erhob darauf. daß ich, Gott ſei Dank, ein tü Handſchriften aller Menſchen ſie nur ganz 308 V kleinmüthiger werde? Je mehr ich geprüft werde, um ſo mehr Muth wird die Liebe mir geben. Es ſind nicht Si die plaudernden Lippen eines launiſchen Ihnen reden, es iſt ein tiefes, inniges Gefühl. Dieſes Gefühl kann ſterben, aber es kann ſich nicht erniedrigen bel laſſen. Ich blicke der Gefahr ruhiger entgegen, als dem Erfolg. Beim Gedanken an einen Erfolg zittert mein es Herz vor Freude, beim Gedanken an eine Gefahr hört es auf zu ſchlagen. Ach nei i . meine Herren, bereiten der wir uns zum Kampfe, wenn es nöthig iſt, aber laſſen Sie uns einander nicht feig verr athen. aufhörte, entſtand ein ſo unmittelbar aus ihrem e weiteren Ueberredungs⸗ zurück. am Sopha „ bemerkte er einen Brief — Ach, mein Fräulein, rief er dann, Sie wiſſen, w chtiger Oberpoſtdirector bin, — Drücken Sie ſich deutlicher aus, mein Herr. — Daß ich ein ganz beſonderes Talent beſitze, die G wieder zu erkennen. n as iſt ja etwas ganz Natürliches. e — Allerdings, aber... nm — Da liegt ein Brieſchen auf dem Nähtiſch, mein 96 Fräulein. 4 ne — Richtig, ich habe es vergeſſen. — Sie wiſſen, von wem es iſt? di — Allerdings. Und dann? li — Es iſt von dem Herzog, mein Fräulein. — Nun? Sie correſpondiren alſo auch mit ihm? Fräulein Rudenſköld empfand einen Verdruß, den ſchlecht zu verbergen vermochte. t m ſo nicht e zu ieſes igen dem nein hört iten ſſen ein 3⁰9 — Sie können den Brief leſen, meine Herren, wenn Sie wollen. — Er iſt unerbrochen.. — Um ſo ſicherer ſind Sie, daß Sie ihn ſo zu leſen bekommen, wie ich ihn erhalten habe. — Sollte ich Sie beleidigt haben, mein Fräulein? es war nicht meine Abſicht. Fräulein Rudenſköld antwortete nicht, aber ſie nahm den Brief und erbrach ihn. — Sehen Sie hier, mein Herr, leſen Sie ihn. — Ah nein, mein Fräulein, Sie verkennen uns. — Ich verlange, daß Sie den Brief leſen. — Nein, nein. — Ich verlange es.. — RNicht ohne Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt nahm Frank das Schreiben und las, wie folgt:*) „Mein Fraäulein! Da Sie jetzt einen Aufenthalt verlaſſen, den nur Ihre Gegenwart für mich verſchönt hat, ſo bitte ich Sie, einem Manne, der Ihnen die aufrichtigſte Huldigung widmet, zu geſtatten, daß er Ihnen ſein tiefes Bedauern kund gibt. Verzeihen Sie meine Kühnheit, wenn ich noch einmal Ihrem Gedächtniſſe die Lebhaftigkeit der Gefühle vorführe, die Sie bei mir erweckt, und die Sie zwar zum Schweigen verurtheilt haben, die aber dennoch keine Macht zu verwiſchen vermag. Nein, weder die Zeit, noch ſelbſt die Gleichgültigkeit, die Sie gegen mich gezeigt haben, wird die flammende Liebe vermindern kön⸗ nen, die Sie meinem Herzen eingeflößt haben. » Die Abweſenheit übt nur auf diejenigen Gemüther, die bloß ſchwach lieben, oder auf ſolche, die eigennützig lieben, einen Einfluß aus; aber Diejenigen, die von **) Es iſt das die wortgetreue Ueberſetzung eines der fahibſ⸗ die Herzog Karl an Fräulein Rudenſköld hrieb. ieſer offen chen nen fügt an⸗ ge⸗ Sie von en, ſo tr⸗ eſe ier er⸗ a⸗ nd 1 ig en er t. ⸗ 6 311 Mit einem Ausruf der Verwunderung unterbrach man Frank mehrere Male, während er dieſen Brief vor⸗ las. Fräulein Rudenſköld zeigte ſich vollkommen gleich⸗ gültig dabei. Als man zum Schluß kam, blickten Ami⸗ noff, Ehrenſtröm und Frank verwundert einander an. Forſter, der ebenfalls zugegen war, aber fortwäh⸗ rend ein unverbrüchliches Stillſchweigen beobachtet hatte, ſchien nicht minder überraſcht als die Andern. — Was verlangen Sie mehr von dem Herzog? bemerkte endlich Aminoff. Er kann ſeine Gedanken nicht beredter ausdrücken, ſeine Gefühle nicht rührender an den Tag legen. Fräulein Rudenſtöld, Sie ſind ſo gut, ſo liebenswurdig und ſo geiſtreich. Ihr Geiſt würde ihn zu beherrſchen, Ihre Liebenswürdigkeit würde ihn zu bnden wiſſen; mein Fräulein, wir appelliren an Ihre üte. — Verſchließen Sie uns Ihr Ohr nicht, ſiel Ehren⸗ ſtröm ein. Leſen Sie dieſen Brief noch einmal durch. Bei dem Abſchied, den der Herzog Ihnen hier zuſendet, liegt die Hoffnung auf dem Grunde. Seine Gedanken ſchimmern durch. Sehen Sie, Fräulein, ſehen Sie, dieſe Gedanken ruhen auf dem Boden einer getreuen Ergebenheit. Bemerken Sie nicht, daß er die Zügel der Regierung in Ihre Hände legt? Wenn Sie nur wollen, ſo können Sie über ein Koͤnigreich gebieten. Stoßen Sie das Anerbieten nicht zurück. — Verzeihen Sie, ſagte Frank, daß ich es noch einmal wage, mich mit unſern gemeinſchaftlichen Freun⸗ den zu vereinigen, aber wenn ich Sie auch bereits daran erinnert habe, daß die Poſt von Armfelt einen ganzen Monat ausgeblieben iſt, ſo habe ich Ihnen Bregard's Mittheilung noch nicht geſagt, nämlich daß wir ent⸗ deckt ſind. — Entdeckt? — Alſo, mein Fräulein, wenn Sie uns nicht ret⸗ ten wollen, ſo... — Sind wir verloren. — Beſinnen Sie ſich wohl, ehe Sie unſern Wunſch abſchlagen. Ich will nicht von uns ſprechen, aber be⸗ denken Sie, daß jetzt auch Armfelt's Schickſal in Ihrer Hand liegt. — Wenn Sie wollen, ſo werde⸗ ich in Ihrem Na⸗ men mit dem Herzog ſprechen. — Wir müſſen Bedingungen vorſchreiben. Reuter⸗ holm muß abtreten, Armfelt zurückkehren und der junge König in den Conſeil eintreten. Ihre Zuſtimmung iſt eine Revolution. 4 — Das Vaterland wird Sie auf den Armen tragen, der Herzog wird zu Ihren Füßen ſeufzen, Ihre Freunde werden jubelnd Sie umgeben. Ihr Leben wird ein fort⸗ beieder Triumph, Ihr Name eine Zierde unſrer Anna⸗ len ſein. Fräulein Rudenſköld's Blicke flogen von Einem zum Andern, nachdem ſie geſprochen hatten. Ihr ganzes Leben hatte ſich in einem einzigen Augenblick eoncentrirt. Sie fühlte die Bedeutung deſſelben. Unruhig hob ſich ihr Buſen. Die Röthe war von ihren Wangen gewi⸗ chen und eine Thräne glänzte in den Wimpern. — Sie ſchweigen, Fraulein? — Wir begeben uns zum Herzog? — Sie willigen ein? — Niemals, meine Herren, niemals. Sie war in dieſem Augeublick zu aufgeregt, um mehr ſagen zu können. Aber ſie beruhigte ſich bald wieder. — Meine Herren, begann ſie dann, es gibt noch etwas Anderes in der Welt als Berechnung und Eigen⸗ nutz.. Sie glauben mir nicht... aber betrachten Sie mich einmal. Ich bin ein ſchwaches Weib, aber ich fühle mich gleichwohl ſtark, und was iſt es, das mir dieſe Stärke gibt? Die Weltereigniſſe wechſeln beſtändig, durch das Leben geht ein Sturm, Männer wanken, Throne ſtürzen ein; aber Eines wechſelt nicht, wankt nicht, ſtürzt nicht ein, und dieſes Eine iſt die Liebe im 8 ASe S. ◻ .„.—, 313 Herzen des Weibes. Mehr als ein Mal haben Europa's Freiheit und Civiliſation zum Herzen des Weibes ihre Zuflucht genommen und ſind gerettet worden. Mehr als einmal iſt die mit Untergang bedrohte Welt von der Liebe befreit worden. Ich fürchte keine Verfolgung, meine Herren ich bin ruhig, und wenn der Tod mich bedrohen ſollte; ich bin ruhig, weil ich liebe. — Sie weiſen alſo das Anerbieten des Herzogs zurück? — Allerdings. Die Wichtigkeit der Frage hatte die Anweſenden dermaßen beſchäftigt, daß ſie nicht bemerkten, wie die Thüre zu Fräulein Rudenſköld's innerem Zimmer, all⸗ mälig ſich öffnete und ein junger Mann in Gardeuni⸗ form auf der Schwelle ſtehen blieb. Der Eintretende war kein Anderer als Bengt Rudenſköld, des Fräuleins Bruder. Mit einem Intereſſe, das ſich kaum beſchreiben läßt, war er dem Gang des Geſpräches gefolgt, Unruhe und Angſt ſpiegelten ſich abwechſelnd in ſeinen Zügen, je nachdem die Gedanken wechſelten. Als das Fräulein endlich die innerſten Gefühle ihrer Seele in einem ein⸗ zigen Wort zuſammenfaßte, da vermochte er nicht länger auf ſeinem Platze zu bleiben. — Schweſter! rief er und breitete ſeine Arme aus, komm an meine Bruſt. Fräulein Rudenſköld ſank an ſein Herz. — Ich bin mit Dir unzufrieden geweſen, Schweſter, aber ich verzeihe Dir Alles um dieſes einzigen Augen⸗ blicks willen. Ich habe Alles gehört. Dank, meine Schweſter. Ich liebe und achte Dich wieder. Mit mehr Bewunderung als Billigung, mehr Ver⸗ zweiflung als Verdruß entfernten ſich Chrenſtröm, Ami⸗ noff und Frank. Forſter blieb noch zurück. — Mein Fräulein, begann er. — Sie ſind noch da, Forſter? 314 — Wenn eine Gefahr Sie bedroht, ſo werde ich immer der Letzte ſein. — Dank, mein guter Forſter, Dank. — Sie können nicht böſe auf mich ſein, Fräulein, wenn ich Ihnen ſage, daß ich Sie hochſchätze, mehr als irgend einen andern Menſchen, ich habe meine Braut von Ihnen erhalten; ſollte ich Sie alſo nicht verehren? Aber ich ehre auch den Baron Armfelt, ich habe das vom erſten Augenblick an gethan, wo er mit mir ſprach, .. ich vergeſſe es nie. — Sie haben ein gutes Gedächtniß... erzählen Sie mir die Geſchichte, lieber Forſter. Sie wiſſen, daß ich mich für Alles intereſſire, was Armfelt betrifft. — Es war am 21. April des vergangenen Jahres, am ſelben Tag, wo Ankerſtröm zum dritten Mal auf dem Schaffot auf dem Heumarkt ausgeſtellt wurde. Der Baron war als Frberſatthalter zugegen, und ich kam ganz in ſeine Nähe zu ſtehen. Es war kalt an dieſem Tag, ſo daß Ankerſtröm, der viel litt, vor Froſt ordent⸗ lich zitterte. — Forſter, rief mir der Baron zu, willſt Du Dei⸗ nen Pelz verkaufen? — Ich hatte einen Waſchbärenpelz an. Warum nicht? meinte ich, er koſtet fünfzig Reichsthaler Banko. war, ſo ſah ich doch eine Thräne in ſeinem Auge, und ich kann Sie heilig verſichern, mein Fräulein, daß er, obſchon in Ketten geſchmiedet, gleichwohl dankbar ſich hinabneigte und Baron Armfelt's Hand küßte. Keiner von Ankerſtröm's Freunden zeigte ihm das Baron Armfelt that es trotz des Haſſes, den er dem Mörder ſeines Königs natürli⸗ 315 Das war ein ſchöner Zug, mein Fräulein, ein Zug, den ich niemals vergeſſen konnte. Gott verzeihe mir, aher ich denke noch jetzt mit Rührung daran. — Sie ſind ein ehrenwerther, braver Mann, Forſter; ſagte Fräulein Rudenſköld; ich danke Ihnen in Arm⸗ felt's Namen. Wenn ich ihm das nächſte Mal ſchreibe, ſo werde ich nicht vergeſſen, ein Wort von Ihnen bei⸗ zufügen.. — Ach ja, thun Sie das, gutes Fräulein... aber es iſt noch etwas Anderes. — Richtig, ich verſtehe... Sie wollen wegen Marie mit mir ſprechen... Ihre Hochzeit findet ja heute Abend ſtatt... Den Brautkranz habe ich gefloch⸗ ten... möge er Glück in Ihr Haus bringen! — Allerdings will ich auch davon ſprechen. Aber es iſt doch etwas Anderes, das ich zuerſt ſagen wollte. — Sprechen Sie ungenirt, Forſter, ich höre Sie mit Vergnügen an. — Die Sache iſt die, daß ich gut Freund bin mit Einem Namens Alm. — Nun? — Dieſer Alm iſt Schreiber bei Baron Reuterholm. — Bei Reuterholm? — Ach ja, ich weiß es jetzt. Eines ſchönen Tags, es ſind jetzt ſchon mehrere Monate, kam er zu mir und ſchwatzte, Gott weiß wes Alles... aber ich glaubte ihm gutmüthig... wie er auf eine ſichere Weiſe einen Brief an Baron Armfelt beſtellen könne. — Was höre ich? Ha, Forſter! — Ich war dumm, mein Fräulein, ſehr dumm, aber ich glaubte, daß ich es mit einem Freund zu thun hätte. Da er jedoch nicht wieder kam, da ich hörte, daß er bei Baron Reuterholm im Dienſte ſteht, und endlich, daß er auch nicht verlobt war, wie er mich ver⸗ ſicherte, ach, da wurde mein Herz von Bangigkeit er⸗ griffen, denn ich ſah ein, daß er mich betrogen hatte. — Sie haben unvorſichtig gehandelt, Forſter, ſehr unvorſichtig. „— Ich hahe auch ſeitdem nicht einen einzigen ru⸗ higen Augenblick mehr gehabt, und da ich jetzt höre, daß man unſere Correſpondenz entdeckt haben ſoll, ſo ..... — So... — So fällt es mir ein, daß ich am ganzen Un⸗ glück Schuld bin. Mein Gott, wenn es ſich ſo ver⸗ hielte... ach, ich könnte mir's nicht verzeihen, mein Fräulein. — Es iſt unmöglich, mein liebe genau zu wiſſen, was an den Gefahren, die der Eine und der Andere ſich vorſpiegelt, Wahres ſein mag; ich hoffe, daß man ſich täuſcht, und ich rathe Ihnen, nichts merken zu laſſen. Heirathen Sie ruhig, lieber Forſter und denken Sie mehr daran, Ihre Frau glücklich zu machen, als an andere Dinge. Was meine Verzeihung betrifft, ſo gebe ich Sie Ihnen, wie auch die Ereigniſſe ich entwickeln mögen. Ich flechte ſie in Marien's Braut⸗ kranz als das einzige Hochzeitsgeſchenk, das ich Ihnen geben kann. Inzwiſchen müſſen Sie ſich künftig vor dieſem Alm beſſer in Acht nehmen. Der ſchlimmſte Feinn den man haben kann, iſt ein betrügeriſcher reund. — Dank, gutes Fräulein, Dank. Sie hätten mir kein beſſeres Hochzeitsgeſchenk geben können. O mein Gott, Sie haben in Mariens Myrthenkranz eine Blume eingeflochten, die ſie in meinen Augen doppelt ſchön macht. Verlaſſen Sie ſich auch darauf, daß ich in Zu⸗ kunft gegen Alm vorſichtig ſein werde. Ich habe ihn allerdings zur Hochzeit geladen, aber ſo ſchändlich er mich auch hintergangen hat, ſo mußte ich doch wohl mein Verſprechen halten, und ich hatte verſprochen, ihn einzuladen. — Sie ſind ein ehrenwerther Mann, Forſter. — Zu meinem Glück fehlt bloß, daß ich auch Sie, r Forſter, jetzt ſchon 817 mein Fräulein, bei meiner Hochzeit ſehen dürſte. Marie wünſcht es ſo ſehnlich, und ſie würde ſich ſo herzlich reuen... 4— Unmsglich, mein lieber Forſter, unmöglich. Mein Bruder kann bezeugen, daß wichtige Geſchäfte meine Zeit in Anſpruch nehmen, Geſchäfte, die nicht einen einzigen Augenblick Aufſchub geſtatten. Nicht wahr, Bengt? Während des Geſprächs mit Forſter war Bengt in die inneren Zimmer zurückgekehrt. Von andern Ge⸗ ſchäften in Anſpruch genommen, hörte er die Frage ſei⸗ ner Schweſter nicht. — Er antwortet mir nicht, bemerkte Fräulein Ru⸗ denſköld; gleichviel, kommen Sie ſelbſt, Forſter, ſo wer⸗ den Sie ſehen, was uns beſchäftigt. Als Forſter eintrat, traf er Bengt an einem, mitten im Zimmer ſtehenden Tiſch beſchäftigt, eine Menge Ju⸗ welen und Schmuckſachen, wie auch andere koſtbare Gold⸗ und Silberpiecen zu numeriren und anzuzeichnen. — Sie gedenken zu verreiſen? fragte Forſter ver⸗ wundert. — Weit entfernt; aber dieſe Kleinigkeiten da ſollen ihres Wegs ziehen. Inzwiſchen finden Sie, daß wir zu thun haben. Grüßen Sie Marie herzlich und ſagen Sie ihr, daß ich lebhaften Antheil an ihrem Glück nehme und gewiß nicht ausbleiben würde, wenn nicht ebenſo heilige als theure Pflichten mich dazu zwängen. Morgen oder übermorgen werde ich ihr dagegen in ihrer neuen Wohnung meinen Beſuch machen. Sobald Forſter das Fräulein verlaſſen hatte, trat ſie zu ihrem Bruder ein. Sie blieb an ſeiner Seite ſtehen und warf einen Blick auf die Anzeichnungen. Frrräulein Rudenſköld hatte es aus Liebe zu Armfelt über ſich genommen, alle ſeine vielen Correſpondenzen aus der Hauptſtadt in ihrer Hand zu vereinigen, und vor allen Dingen dem jungen König ſeine Schreiben zu übergeben und deſſen Antworten in Empfang zu nehmen. Reuterholm jedoch traf von dem Augenblick an, wo er ſie zu beargwöhnen anfing, ſolche Maß⸗ regeln, die ihre Stellung immer mehr erſchwerten. Mehr als ein Mal bereute ſie auch ihr Verſprechen gegen Armfelt, ohne es jedoch brechen zu wollen. Ihre Lage wurde noch ſchwieriger, als Guſtav Adolph ihr zuletzt ſagte, er habe dem Herzog ſein heiliges Verſprechen geben müſſen, niemals einen Brief zu öffnen, ſondern alle Schreiben ihm zu übergeben, weßhalb ſie ihm künftig nur noch den Inhalt von Armfelt's Briefen ſagen ſolle. Die eigentliche Correſpondenz mit Armfelt wurde mit Chiffern geſchrieben, wozu nur Fraäulein Rudenſköld und er ſelbſt den Schlüſſel hatten. Durch Frank erhielt fie die Briefe aus Italien und ſandte ſie dann an ihre Adreſſen. Die meiſten Correſpondenten antworteten ſelten ſchriftlich, ſondern nur mündlich, und Fräulein Rudenſköld brachte ihre Antworten in Chif⸗ ſtand bereits vor ihrer Thüre und ſie hatte ihre Toi⸗ lette noch nicht gemacht, als der Brief verſiegelt werden Armfelt'ſche Correſpondenz, das blos in einem Kopfe beſtand, nicht finden, ſondern benützte ihr Wappen. Dieſe Unbedachtſamkeit wurde einer der Gründe, warum man ſie ſpäter rechtlich ihrer Freiheit berauben zu dür⸗ Indem ſie ſich niederbeugte, betrachtete ſie die Zif⸗ fern auf dem Papier. Es reicht noch nicht ganz hin, fürchte ich.. — Doch, Schweſter, mit dieſer Broche und die⸗ ſem Stirnband wird die Summe hoffentlich genügend werden. ——& ,—.+ O ⸗—+₰ 0.,— 319 Sie nahm den Stirnſchmuck und betrachtete ihn. Ein Seufzer hob ihre Bruſt. — Du ſeußzeſt, Schweſter? — Ich erinnere mich bloß des Tags, wo ich dieſen Schmuck zum erſten Mal anlegte. Es war in Drott⸗ ningholm... ich ſah Armfelt an dieſem Tag zum erſten Mal, deßhalb iſt mir das Ding lieb und theuer. — Du kannſt Deine Augen nicht davon abwenden. — Ach Bengt, Du kannſt nicht ahnen, welch ſchöne und glückliche Träume ich unter dieſem Schmuck ge⸗ träumt habe. b Ich ahne ſie, Schweſter, denke aber nicht gerne aran. — Du haſt Recht und Unrecht zugleich... in⸗ zwiſchen nimm den Schmuck... die Summe kommt ſonſt nicht zu Stande. Bengt ſah ſeiner Schweſter in's Auge. — Behalte das Ding, ſagte er, es wäre eine Sünde, Dich vielleicht des liebſten Schmuckes, den Du beſitzeſt, zu berauben; wir werden die Summe doch wohl zuſammenbringen. — Du taͤuſcheſt Dich. Ich verſtehe mich auch auf die Zahlen. Man darf nicht ſchwach ſein, wenn man thun will was recht iſt. Sieh, hier, nimm den Schmuck, ich verlange es. — Verlangſt Du es durchaus. — Sieh, Bengt, es iſt auch ein bischen Stolz da⸗ bei. Kann ich wohl das, was ich beſitze, zu einem beſ⸗ ſern Zwecke anwenden, als ich jetzt thue? Je mehr das Opfer mich koſtet, um ſo mehr freut es mich, ich möchte beinahe ſagen, um ſo mehr ſchmeichelt es mir. Mein Gefühl ſteht jedoch in naher Verwandtſchaft mit der Thräne; denn obſchon der Schmerz dieſe hervorlockt, ſo iſt ſie von einer meinem Herzen lieblichen Empfin⸗ dung begleitet. Nimm den Schmuck, Bengt! Glaube mir, er iſt mir niemals theurer geweſen als gerade jetzt, wo ich ein Unglück damit verhindern kann. Ach, ja, zu welchem höheren Zweck kann wohl Etwas die⸗ nen, als um einen Kummer abzuwehren? Wenn Du auch Alles nähmeſt, was ich beſitze, ſo bleibt mir gleich⸗ wohl noch ein Schmuck... Bengt blickte ihr wieder in's Auge. — Und dieſer Schmuck iſt? fragte er. — Die Hoffnung, Bengt, die Hoffnung auf eine beſſere Zeit. — Du täuſcheſt Dich, Schweſter, das iſt nicht der beſte Schmuck. Die Hoffnung taͤuſcht, Du haſt einen noch beſſeren. — Ich2 — Wie ich ſage. 3 — Sollte ich Etwas vergeſſen haben? Jedenfalls ſage es mir, damit ich's zum Uebrigen legen kann. — Das iſt unmöglich, Schweſter; dieſer Schmuck würde niemals recht geſchätzt oder bezahlt werden. — Wie Du doch ſchwatzen magſt! Ich will nicht, daß Etwas zurück bleibe, denn die Hauptſache iſt, daß die Summe zuſammen kommt. Alſo ſage mir.. doch nein.. vielleicht doch... ich will in meinem Toilettentiſch nachſehen. — Es iſt kein Toilettenſchmuck, von dem ich ſpreche, und Du ſuchſt ihn dort vergebens. — Nun aber dann verſtehe ich Dich nicht. Du ſagſt ja ein Schmuck, mein koſtbarſter Schmuck. — Dein koſtbarſter Schmuck, Schweſter, das iſt Dein gutes Herz. — Ah, Schmeichler, wärſt Du nicht mein Bruder... — Nun, wenn ich nicht Dein Bruder wäre... jetzt... Und Bruder und Schweſter ſchloſſen einander herz⸗ lich in ihre Arme. — Wenn ich aufrichtig ſein ſoll, Bengt, ſo iſt dieſe Stunde eine der glüäcklichſten, die ich ſeit vielen Jahren hatte: ich bin ruhig, ich fühle mich befriedigt, ich — So würde ich Dich auch nicht küſſen... aber — pf ka ( 7 S 3 i 1 6 5 324 pfinde vollkommenen Frieden in meinem Innern. Warum kann es nicht immer ſo ſein? — Warum? ſoll ich Dir's ſagen? — Ja, ja, ſage mir's. — Darum, weil Du ein zärtliches Herz haſt. — Aber ich fühle, daß meine Ruhe in dieſem Augenblick gerade von dieſem ausfließt. — Natürlich; aber von ihm kommt auch all die Unruhe, die Du zuweilen empfindeſt. — Vielleicht haſt Du Recht. — Die Liebe macht nur diejenigen glücklich, denen ſie ein eigenes Haus und einen eigenen Herd erbaut; alle Andern macht ſie unglücklich. Bengt äußerte ſich vorſichtig. Er wollte keine un⸗ angenehmen Erinnerungen wieder aufreißen. — Weißt Du, an was ich manchmal gedacht habe? ſiel Fräulein Rudenſköld ein. — Laß mich hören; es iſt ſchon lange her, daß wir nicht mehr vertraulich mit einander geplaudert haben. — Wenn ich Mittel beſäße... ach, in dieſem Augenblick fällt es mir ſchwer auf's Herz, daß ich arm bin... dann würde ich den Hof und all die Verwick⸗ lungen, worin ich mich jetzt befinde, für immer ver⸗ laſſen. Ich würde auf's Land ziehen. — Wuͤrdeſt Du das? — Ich würde mir ein kleines Gütchen kaufen und mit meiner Mutter dahin ziehen. — Aber es würde Dir da nicht gefallen. — Doch ja, Bengt, auf einem hübſchen kleinen Gütchen würde es mir wohlgefallen. Es würde mir Freude machen, Alles um mich her recht nett und be⸗ haglich anzuordnen. Die Einſamkeit iſt für mich keine Plage, ſondern vielmehr eine Freude. Ich weiß, wie ich mich manchmal ſo glücklich gefühlt habe, wenn ich unter dem Schatten eines Baumes athmen, aus der Ferne einen Bach murmeln hören, oder auch nur eine einfache Blume betrachten durfte. Ich glaube, daß ich mich in Der Trabant. III. 21 meiner Laufbahn getäuſcht habe... Nicht für den Hof, ſondern für das Land hat die Natur mich geſchaffen. Aber was willſt Du, das Alles iſt nur ein ſchöner Traum, den ich nicht zu verwirklichen im Stande bin. Wie viel Gutes geht gleichwohl nicht für uns verloren, weil wir unſere Träume nicht verwirklichen können! — Du biſt des Hofes überdrüſſig geworden? — Ja, Bengt, oder vielmehr ich bin der beſtändi⸗ gen Intriguen des CEhrgeizes, die hier geſpielt werden, uͤberdrüſſig. Manchmal entſetze ich mich ſogar vor meiner Stellung mitten unter denſelben, und ich wäͤre froh, alle Bande zerreißen und arm und allein mich weit hinweg von ihnen entfernen zu können. Aber wo ſollte ich einen Platz finden, an dem ich mich vor der ganzen Welt verbergen könnte? Einmal in's Gewimmel der Welt hinausgekommen, wird man überall von ihr aufgeſucht. Mitunter iſt es mir, wie wenn ich nicht einmal in meinem eigenen Herzen Frieden beſäße. — Du weißt, Schweſter, daß ich Dein Benehmen nicht immer gebilligt, ſondern Dich beklagt und mich ſtill zurückgezogen habe, gebunden durch das Verſprechen, das Du mir einmal abforderteſt; aber jetzt, wo Du ſelbſt Dein Inneres vor mir öffneſt, will ich Dich um etwas bitten.. zerreiße alle Bande mit Armfelt. Bengt's Vorſtellung kam ebenſo offen als unerwartet, und machte dadurch einen deſto tieferen Eindruck. Fräu⸗ lein Rudenſköld ſenkte ihre Augen und blieb eine Weile ſtill, als beſänne ſie ſich. Bengt wollte ſie nicht ſtören. — Wenn Du Jemand liebteſt, Bengt, fragte ſie endlich, ſage mir, würdeſt Du den Freund in dem Augenblick verlaſſen, wo er verfolgt, des Landes ver⸗ wieſen, gehaßt... mit einem Wort, unglücklich wäre? Bengt ſchwieg. — Der Menſch iſt frei, ſagt man; aber iſt er es auch wirklich? Iſt er es in ſeinen Gedanken? iſt er es in ſeinen Handlungen? Der Gedanke iſt ſein Herr, die Ereigniſſe ſind ſeine Tyrannen. Ich kann mich nicht 323 frei nennen. Ich bin durch die Umſtände gebunden. Ich ſelbſt habe ebenſo aufrichtig Luſt, meine gegen⸗ wärtigen Verbindungen zu zerreißen wie Du, und den⸗ noch... ich habe es auf mich genommen, an der Tempel⸗ pforte von Armfelt's Glück Schildwache zu ſtehen... ich darf alſo meinen Poſten nicht verlaſſen. Ich habe mich unverantwortlich in ſeine Schickſale verwickelt. Ueberall in meinen Verhältniſſen und in meinen Ge⸗ danken, in meinen Unternehmungen und in meinem Herzen ſehe ich ſeine Finger über meine Beſchlüſſe be⸗ ſtimmen. Mein Loos iſt nicht beneidenswerth, und dennoch... Es gibt in der Welt ein, wie ſoll ich mich doch ausdrücken... ein... ein... laß mich es nur ein Dennoch nennen, an welchem unſere innerſten Wünſche ſo oft ſtranden. Ich liebe ihn und liebe ihn noch im⸗ mer, ſo wie nur ein Weib geliebt hat. Gleich wie der Himmel den Stern in ſeinen Räumen umſchließt, ſo werde ich von meiner Liebe umſchloſſen: ich weiß keine Grenze für ſie. Still, Bengt! ich verſtehe Alles, was Du ſagen willſt, und ich habe mir das ſelbſt tauſend⸗ mal geſagt. Du biſt die Donnerwolke... die Donner⸗ wolke des Gewiſſens, wenn Du ſo willſt... an meinem Liebeshimmel, und ich beuge auch mein Knie vor dieſer Wolke und bitte ſie, daß ſie mich mit ihrem Blitz zer⸗ malme, aber mir meinen Himmel nicht raube. Siehſt Du, Bengt, wenn ich ſelbſt alle Bande zu zerreißen wünſchte, wenn ich mich auf's Land zurückzuziehen wünſchte, ſo geſchah es nicht, weil ich aufhören wollte, zu lieben, ſondern weil ich mit allem Andern aufhören wollte, nur nicht mit der Liebe. Als er Schweden ver⸗ ließ, legte er die Laſt aller ſeiner Bekümmerniſſe auf meine Schulter, und ich habe ſie getragen, ſo gut ich konnte; aber mit ihm war gleichwohl alle meine Freude dahin. Welche Qualen haben nicht ſeitdem in meiner Bruſt getobt? Ich bin eiferſüchtig geweſen auf die Luft, die er athmet, auf die Sonne, die ihm leuchtet, auf den Boden, den er betritt. Gott ſei Dank, ich bin jetzt 3 21 324 ruhiger und doch noch immer wie vorher: ich brenne, aber ich brenne ruhig. Wäre er hier, ſo würde ich ihm viel⸗ leicht Lebewohl ſagen können; aber er iſt fort und ich kann ihn nicht verrathen. Mein Beſchluß iſt auch ge⸗ faßt. Ich werde getreu meine Pflicht gegen ihn erfüllen, ſo wie mein Herz ſie mir vorſchreibt. Gelingt es mir, ihn hieher zurückzubekommen, ſo wird mein Schickſal durch den erſten Blick, der mich aus ſeinem Auge trifft, entſchieden werden. Dieſer Blick wird mir ſagen, was ich zu thun habe. Leſe ich darin dieſelbe Sprache wie früher, o Bengt... was ſoll ich Dir ſagen... ich bin die Seinige... der Himmel ſelbſt wird nicht tadeln können, was ſeine Liebe vereinigt hat. Finde ich dagegen etwas Anderes in ſeinem Blick, ſo werde ich den Hof ver⸗ laſſen, werde ihn verlaſſen und mir einen ſtillen Winkel ſuchen, wo ich ſtill für ihn beten und ebenſo ſtill ſter⸗ ben kann. Bengt hatte nicht das Herz, einige Erinnerungen gegen ſie zu machen; ſtatt deſſen ſchlang er ſeinen Arm um ihren Leib, während ein theilnehmender Seufzer ſeine Bruſt hob. Beide verſanken in ſich ſelbſt, von einem gemeinſamen Gedanken eingenommen, dem Ge⸗ danken an ihre gegenwärtige, minder glückliche Lage. Es verging ein Augenblick voll von ſtillem innern Frieden. Das Herz iſt manchmal dermaßen von einer lieblichen Wehmuth in Anſpruch genommen, daß ſelbſt der Gedanke gleichſam ſeine Schwingen in Ruhe ſetzt, um es in ſeiner melancholiſch friedlichen Schwärmerei nicht zu ſtören. Lange währte jedoch dieſer ſtille nachdenkliche Sab⸗ bathaugenblick ihrer Herzen nicht. Ein Bedienter meldete den Herzog an. Bei dieſer Nachricht fuhren die beiden Geſchwiſte erſchrocken auf. Es war ihnen, als nahe ſich eine dro⸗ hende Gefahr, als ſei ihnen ein Sturm verkündigt worden. 325 — Der Herzog? wiederholte Fräulein Rudenſköld, was will er von mir? Der Abend war bereits weit vorangeſchritten. — Wenn Du willlſt, ſo werde ich ihn empfangen, bemerkte Bengt. 44 — Nein, Bengt, nein, ich will ihn nicht abweiſen; aber ſeine Anweſenheit beunruhigt mich... ſo ſpät; es iſt höchſt ungewöhnlich. Ich kann es mir nicht er⸗ klären. — Beruhige Dich, Schweſter. — Allerdings, allerdings. Aber jedenfalls, ſo ſpät... ſo ſpät... Sie erinnerte ſich jetzt des Briefs, den ſie bekom⸗ men hatte, und wurde beinahe noch mehr davon ge⸗ ſchreckt. — Dieſer Beſuch erſcheint mir beinahe unartig, um nicht zu ſagen keck. — Ich geſtehe, daß er wenigſtens nicht als ein Compliment betrachtet werden kann. — Inzwiſchen gleichviel. Ich werde die Gelegen⸗ heit benützen und ſeinen Brief mündlich beantworten. Bengt, verlaß mich! Begib Dich in's Zimmer hinein und vollende Deine unterbrochene Arbeit... ſieh zu, daß die Summe zuſammenkommtz ich will inzwiſchen mit dem Herzog ſprechen. Bengt hatte ſich kaum entfernen können, als der Herzog eintrat. MNicht ohne eine gewiſſe Unruhe, beinahe Furcht, erſchien er bei Fräulein Rudenſköld. Die Umſtände klagten ſie eines Verbrechens an, und ſtand es wohl in ſeiner Macht, ſie von den Folgen zu retten, nachdem er bereits ſeine Einwilligung zum Sturze der Uebrigen gegeben hatte? Nichtsdeſtoweniger ſchmeichelte er ſich mit der eiteln Vorſtellung, dieß thun zu können, wenn nur ſie ſelbſt darauf eingehen wollte. Von ſeiner Leiden⸗ ſchaft verblendet, merkte er nicht, daß die Forderung, die er als Bedingung ſeines Schutzes zu ſtellen beab⸗ ſichtigte, alles edlen Sinnes entbehrte. Es war in⸗ zwiſchen nicht das erſte Mal, daß die Machtvollkommen⸗ heit den ſchwächeren Theil mit dem Opfer eines neuen Verbrechens Schonung erkaufen läßt. Zwiſchen den wimmelnden Leidenſchaften tauchte nichtsdeſtoweniger ein dunkles Gefühl in ſeinem Herzen auf, das ihn anklagte. Es war die Stimme des Gewiſſens, das im Hinter⸗ grund murrte, ohne ſeinen Vorwurf geradezu und deut⸗ lich auszuſprechen. Nachdem er ſie gegrüßt hatte, irrte ſein Blick ver⸗ legen umher. Gücklicherweiſe bemerkte er jedoch den offenen Brief. — Sie haben das Schreiben geleſen, mein Fräu⸗ lein, ſagte er, nur um das Geſpräch mit etwas anzu⸗ fangen, und Sie erzürnen ſich nicht darüber, daß ich komme, um Ihre Antwort ſelbſt entgegenzunehmen. — Sie erweiſen mir zu viel Ehre, Ew. Hoheit, und gleichwohl verſtehe ich Sie nicht recht. In Ihrem! Briefe neymen Sie ja Abſchied von mir. — Es iſt wahr, mein Fräulein, aber es gibt Um⸗ ſtände, wo man um keinen Preis in der Welt diejenige Perſon verlaſſen will, von welcher man Abſchied nimmt. Der Herzog fühlte ſich bedrückt durch die Schwierig⸗ keit, zu erklaren, warum er eigentlich gekommen ſei. Je mehr er ſie betrachtete, um ſo verlegener wurde er, er wünſchte den Stein des Anſtoßes, der ihm im Wege lag, zu entfernen, aber dieſer Stein befand ſich in ſeinen eigenen Gedanken. Fräulein Rudenſköld war auch nicht minder genirt,. aber ſie wollte dem Herzog Zeit laſſen, die Urſache ſeines Beſuches zu erklären. 3 In der That ſelbſt ſtanden Beide bewaffnet einander gegenüber, nur mit dem Unterſchied, daß der Herzog glaubte, der Angriff ſei ſchwerer als die Vertheidigung, während Fräulein Rudenſköld meinte, daß die Verthei⸗ digung ſchwieriger ſei als der Angriff.. Aber am allerwenigſten war der Herzog Diplomat. 20 —— in⸗ hen⸗ uen den ein gte. ter⸗ ut⸗ der⸗ den iu⸗ zu⸗ ich eit, em. m⸗ ge nt. ei. er, en 327 Das Herz war bei ihm immer mehr als der Verſtand, ob es ſich nun um Haß oder um Liebe handelte, und die Theilnahme iſt die Frucht, die am unmittelbarſten daraus erwächst. Auch jetzt machte ſie ſich geltend. — Mein Fraäulein, ſagte er zu ihr, laſſen Sie uns gut Freund ſein. Geben Sie mir Ihre Hand. Sein Wunſch wurde mit einer ſo einfachen, beinahe einfältigen und frommen Naivität ausgeſprochen, daß er unwiderſtehlich war. Sie erfüllte ihn auch ſogleich. — Ich beklage Sie, mein Fräulein, ich habe etwas entdeckt, das mich ſchmerzt. Sie thun Alles, was toll iſt; laſſen Sie mich Ihnen helfen. — Um Alles zu thun, was toll iſt? Dieſe Wortklauberei verletzte den Herzog, doch er⸗ regte ſie ſeinen Verdruß nicht, ſondern vermehrte viel⸗ mehr ſeine Bewunderung. Inzwiſchen fühlte er ſich ein wenig beleidigt, und dieß erhöhte wenigſtens ſeinen Ruth. — Sie haben Ihre Juwelen verkauft, mein Fräu⸗ lein, erinnerte er, gleichſam um ſeine Revanche zu nehmen. Frräulein Rudenſköld erhob ihr Haupt und blickte ihm offen und unerſchrocken in's Geſicht. Der Herzog hätte allerdings mit weit wichtigeren Bemerfungen beginnen fönnen, aber der Juwelenverkauf hatte ſeine Eigenliebe verletzt, weil er ihm bewies, daß ſie für einen Andern Alles aufopfern konnte, ſogar die Koſtharkeiten, womit die weibliche Citelkeit ſich ſo gerne ſchmückt, während ſie ihm ſelbſt nicht eimal einen ein⸗ zigen Blick zu ſchenken hatte. — Se haben ſie verkauft, mein Fräulein, leugnen Sie es nicht. — Ich leugne es auch nicht, Ew. Hoheit, ich habe ſie wirklich verkauft. — Sie geben es zu? — Warum ſollte ich es leugnen? Die Juwelen waren mein⸗ 328 — Allerdings, mein Fräulein, aber es macht Ihrem Verſtand und, ich gehe noch weiter, auch Ihrem Unter⸗ thanenpflichtgefühl keine Ehre. Der Herzog hatte gehofft, daß ſie den Verkauf wenigſtens leugnen würde. Ihr Eingeſtändniß und be⸗ ſonders die Art, wie ſie die Sache zugab, reizte ihn noch mehr. 3 — Ew. Hoheit, ich verſtehe Sie nicht. Wie könnte es meinem Pflichtgefühl als Unterthanin Unehre machen, daß ich meine Juwelen verkauft habe? Ich geſtehe, Ew. Hoheit, daß Ihre Bemerkung ein Räthſel iſt, das ich nicht zu löſen vermag. — Mein Fraäulein! ſagte der Herzog bloß, aber er hob dabei die Hand, nicht um ihr zu drohen, ſondern um ſeinen Worten ein erhöhtes Gewicht zu geben. Dieſe zwei Worte waren nebſt der Handbewegung ſo vorwurfsvoll, daß Fräulein Rudenſköld ein tiefes und ſchmerzliches Gefühl empfand. — Meine Juwelen verkauft, wiederholte ſie. Aller⸗ dings... aber... aber... ich möchte wiſſen, wer mir das verwehren könnte 2 Der Herzog hatte erwartet, daß ſie ſogleich voll Angſt flehend zu ſeinen Füßen ſinken und wie eine büßende Magdalena an ſeine Barmherzigkeit appelliren würde. Der Stolz, womit ſie ihm begegnete, verdroß ihn nicht bloß, ſondern verhärtete ihn auch gegen ihren Liebreiz. — Sie ſehen, daß Sie entdeckt ſind, mein Fräu⸗ lein, alſo... keine Verſtellung mehr. Wenn die Maske abgenommen iſt, ſo iſt die Maskerade zu Ende. b — Wenn ein unterthan jemals berechtigt iſt, einen Fürſten zu fragen, warum er beleidigt; wenn es je einem Weibe erlaubt ſein kann, einen Mann zu fragen, wie er ihre Ehre verletzen kann, ſo wage ich dieſe zwei Fragen an Ew. Hoheit zu richten. — Und der Fürſt antwortet, daß Sie Ihre Juwelen verkauft haben, um für einen Aufrührer Anhänger zu ☛‿ 421ο ˙ 1 t L 1 329 werben; und der Mann antwortet Ihnen, daß ſein Herz übervortheilt worden iſt, und daß in den Spuren der entfliehenden Liebe Haß wächst. — Meine Juwelen verkauft, um Anhänger zu er⸗ werben? Mein Gott, was ſagen Sie, welche gemeine Verleumdung, welche verletzende Beſchuldigung, welche bittere Unwahrheit. — Sie geſtehen, daß Sie Ihre Juwelen verkauft haben, aber Sie leugnen, daß es Armfelt zu Liebe ge⸗ ſchehen iſt. Ah, mein Fräulein, ſuchen Sie wenigſtens Ihre Conſequenz zu retten und erinnern Sie ſich, daß ich nicht als Ihr Ankläger, ſondern als Ihr Regent vor Ihnen ſtehe. Warum eine Sache leugnen, die, meinem Vertrauen überlaſſen, verziehen werden kann? — Sie glauben alſo Ihrem Berichterſtatter mehr, als mir, Ew. Hoheit. Laſſen Sie mich wenigſtens wiſſen, wo er iſt, damit ich ihm ſagen kann, daß er nicht bloß über mich gelogen, ſondern auch Sie betro⸗ gen hat. — Sie beharren auf Ihrem Leugnen? — Ich könnte Ihnen beweiſen... — Neue Ausflüchte. Die Eiferſucht warf unaufhörlich neuen Brandſtoff auf das Feuer in des Herzogs Gemüth, während da⸗ gegen Fraͤulein Rudenſköld durch ihr gekränktes weib⸗ liches Gefühl aufgeregt wurde. — Ew. Hoheit, ſagte ſie endlich, ich vermag dieſe ſo ungerechten Vorwürfe, dieſen ſo erniedrigenden Argwohn nicht zu ertragen; ich muß meine Unſchuld beweiſen. Der Herzog glaubte ihr nicht. Die Eiferſucht zweifelt noch in ihrer Todesſtunde. Mißtrauen iſt ihre Natur. 3 Fräulein Rudenſköld eilte an ihr Nähtiſchchen und nahm aus einem der kleinen Schublädchen einige Briefe heraus. — Haben Sie die Güte, zu leſen, Cw. Hoheit... ſehen Sie hier... leſen Sie... leſen Sie. 330 und ſie übergab ihm die hervorgeholten Briefe, die nämlich von ihrer eigenen Mutter geſchrieben waren. In dem erſteren klagte die Reichsräthin Rudenſköld über ihren Geldmangel und die Schwierigkeit, die Haus⸗ miethe zu bezahlen. In den ſpätern dankte ſie ihrer Tochter für das Anerbieten, durch den Verkauf ihrer Juwelen dem Mangel abzuhelfen. Im letzten Briefe wurde dieß Anerbieten angenommen, mit der Bitte, daß Bengt die Sache abmachen ſolle. Die Briefe waren mit mütterlicher Liebe und Innig⸗ keit geſchrieben; ſie deckten ein delikates Familienver⸗ hältniß auf eine rührende Weiſe auf. Als der Herzog ſie geleſen hatte, fühlte er ſich aufgeregt. — Ich habe Sie beleidigt, ich habe Sie ſchwer beleidigt... können Sie mir verzeihen? — Ich verzeihe Ihnen, Ew. Hoheit, flüſterte ſie. Die ungerechte Beſchuldigung war ihr ſehr nahe gegangen, und ſie war niedergeſchlagen und muthlos. — Mein Fräulein, ich muß meine Ungerechtigkeit wieder gut machen; ich werde Ihre Juwelen einloſen. Ihr Vater hat ſich um das Vaterland verdient gemacht; deßhalb ſollen Sie Ihre Juwelen nicht zu veräußern brauchen, um für Ihre Mutter zu ſorgen. Wenn auch der Staat für Sie beide nichts hat, ſo habe ich etwas. Eine verehrungswürdige Mutter und eine edle Tochter brauchen nicht Noth zu leiden, ſo lange ich regiere. Laſſen Sie mich die Summe wiſſen, ſo werde ich ſie Ihnen morgen ſchicken. 1 Fräulein Rudenſköld, die nur eine kurze Weile herabgeſtimmt und leidend geweſen war, erhob ihre Augen wieder zu dem Herzog. Ihr Stolz kehrte zurück. — Jedes Weib, Ew. Hoheit, würde ſo gehandelt haben wie ich. Jede Tochter thut bloß ihre Pflicht, wenn ſie einer bedrückten Mutter hilft. Ich habe auch nichts Anderes gethan. Ich kann deßhalb meine Hand⸗ lung nicht ſo ſchätzen, wie Sie zu thun geruhen; aber † —— 331 wenn... merken Sie ſich, Ew. Hoheit, ich ſage, wenn... wenn meine Handlung irgend wie als edel⸗ müthig betitelt werden könnte, ſo werden mich wohl Ew. Hoheit des Schönſten darin, nämlich des Opfers nicht berauben wollen. Es gibt ſo wenig edle Hand⸗ lungen, die der Menſch ſich anrechnen kann, daß er durchaus keine verlieren darf. — Sie lehnen alſo mein Anerbieten ab? — Ja, Ew. Hoheit. — Sie beharren auf Ihrem Opfer und wollen es ungetheilt für Ihre eigene Rechnung haben? — Ich wünſche das. — Und ich billige es; aber haben Sie die Güte und leihen Sie mir auf einen Augenblick Dinte, Feder und Papier. Fraͤulein Rudenſköld wunderte ſich über das Ver⸗ langen des Herzogs, weil ſie nicht einſehen konnte, was er wohl um dieſe Stunde mit Schreibmaterialien machen wollte, aber ſie erfüllte ſeinen Wunſch, und nun ſchrieb der Herzog einige Zeilen, die er mit ſeinem Namen unterzeichnete. — Sie haben mich die Briefe Ihrer Mutter leſen laſſen, ich muß Sie jetzt auch etwas leſen laſſen. Haben Sie die Güte, dieß zu leſen. Zu ihrer Ueberraſchung fand ſie, daß das Schreiben ein Penſionsdekret war, worin der Herzog ſich ver⸗ pflichtete, ihr aus ſeiner Handkaſſe jährlich zweitauſend Reichsthaler ausbezahlen zu laſſen. Das Schreiben war ſechs Monate zurückdatirt. 3 Che ſie ſich von ihrer Ueberraſchung erholte, hatte der Herzog die Hälſte der Summe auf den Tiſch gezählt. Fräulein Rudenſköld äußert ſich in ihren Memoiren folgendermaßen darüber: „Meine Betroffenheit war groß. Dieſe Wohlthat anzunehmen, während ich Armfelt's Plan kannte, die Minderjährigkeit zu verkürzen, folglich die Zeit der Gewalt des Herzogs zu verringern, das erſchien mir 332 unwürdig. Und wenn es mir auch nicht ſchwer gefallen d Partei zu trennen, der grauſamſte aller Schmerzen. — Ew. Hoheit... ſtammelte ſie. aſſen Sie uns einander einmal verſtehen, mein Fräulein. 5 — Ich kann mich von meinem Erſtaunen nicht erholen. Dieſe Summe, dieſer Penſionsbrief i Gott, hat in meine Seele einen Ged von dem ich nicht weiß, ob ich mich darüber freuen oder darüber erſchrecken ſoll. — Welchen Gedanken? o ſagen Sie mir. Der Herzog hoffte, es moͤchte ein Gedanke an ihn ſein. — den Gedenken, reich zu ſein. — Reich? — Ich könnte mir ein kleines Gütchen auf dem Lande kaufen, mir ein einzelnes Häuslein erbauen und da im Frieden wohnen. Ah! welch ein ſchöner Traum! Täuſchen mich meine eigenen Gedanken nicht... Der Herzog betrachtete ſie ſchweigend. Dieſe Schwär⸗ merei machte ſie wieder allerliebſt, und es war nicht mehr die Leidenſchaft, es war Poeſte, was ſie belebte. — Und dann könnte meine Mutter zu mir ziehen, welche Freude, welches Glück! — Sie lieben das Land? — Ich würde mir eine kleine Laube anpflanzen; dort würde ich leſen und arbeiten, während die Blumen um mich her dufteten, die Winde ſausten und die Vö⸗ gel zwitſcherten; dort würde ich mich der Vergangenheit erinnern, von der Zukunft träumen und in meinen eigenen Gedanken wieder ein Kind werden. Der Herzog hatte ſie niemals bezaubernder geſehen, ———— —— 333 als in dieſem Augenblick. Ihre Schönheit wurde von einer ſanften Begeiſterung erhöht. — Ein Kind, ſagen Sie? — Ach warum können wir nicht immer Kinder bleiben! Nur ſo lange wir nichts begreifen, intereſſirt uns Alles. Ein Vogel auf dem Baum, eine Blume im Park, wie lieblich und hübſch! Aber die Jahre und die Convenienz kommen mit ihrem Käfig und ihrem Blumentopf, und die Freiheit des Vogels und die Schönheit der Blume, wo ſind ſie? Der Herzog betrachtete ſie bloß. — Ah, wenn ich eine Blume wäre! Sie neigte ihr Haupt in ihre Hand hinab und blieb ſtill, gleich als dächte ſte an etwas. — und, fügte ſie nach einer Weile hinzu, die Blätter dieſer Blume müßten kleine, kleine Flügel ſein. Ah, ich würde in der Natur umherſchwärmen, mein Herz in der blauen Luft baden und die köſtlichen Düfte einathmen. Sie ſchloß ihre Augen und überließ ſich gänzlich ihrer Schihatmeret hr ſief — Ich flöge, fuhr ſie fort, flöge nach... — Wohin, wohin? 4 — Nach Neapel zu ſeinem ewigen Frühling, in das Land der Pomeranzen und Anemonen. Wie ſchön muß es da ſein! Der Herzog gab mit einem Achſelzucken das un⸗ behagliche Gefühl zu erkennen, das er empfand; er dachte an Armfelt, der ſich dort aufhielt. — Nach Neapel? — An Virgil's Grab! Die Schönheit der Natur beweist ja dort, daß ſie üͤber dem Herzen eines Dichters blüht. Wie würde ich mich wohl fühlen unter Palmen, Lorbeeren und Oliven! Es war dem Herzog nicht länger möglich, ſeinem Entzücken zu widerſtehen; er hatte zu tief in ihre Seele geblickt und ſich zu ſehr dem Zauber des poetiſchen 334 Rauſches des Augenblicks überlaſſen, um ſeine Ge⸗ danken länger bemeiſtern zu können. — Fraͤulein Rudenſföld, begann er, indem er ihre Hand ergriff. Sie lieben... Ihre Gedanken duften von Liebe... Sie wiſſen es ſelbſt nicht. Verwundert ſchaute ſie zu ihm auf. — Auch ich liebe, fuhr der Herzog fort. Fräulein Rudenſköld ſtrich ihre Locken auf die Seite, während ſie mit der Hand über die Stirne fuhr. — Sie lieben, Ew. Hoheit? — Ich liebe; ich vergeſſe das nie. — Nein, nein! wer könnte wohl vergeſſen, daß er liebt? 3 — Aber ich werde nicht wiedergeliebt. — Armer Fürſt! Dieſe aus der Tiefe ihres Innern hervorgekom⸗ menen wenigen und einfachen Worte, die auf eine ſo ſanfte Art gleichſam von ihrem Herzen ausgeſprochen wurden, bewegten den Herzog noch mehr. — Sie beklagen mich? fragte er, ah, mein Gott, Sie müſſen, ja, ja, Sie müſſen mich auch lieben. Sie können mich nicht zu Ihren Füßen ſterben ſehen wollen, ... laſſen Sie mich hoffen... Sehen Sie nicht hin⸗ weg von mir. Fräulein Rudenſköld ſtarrte ihn erſchrocken an. Von lieblichen Träumen hingeriſſen, hatte ſie nicht bloß den Herzog, ſondern ſogar Armfelt vergeſſen. Sie hatte gewünſcht, eine beflügelte Blume zu ſein, um in den Raumen umherſchweben und ſich im blauen Aether ba⸗ den zu können, und ſie hatte ſich ſo ausſchließlich dieſem Wunſch hingegeben, daß ihre Seele einen Augenblick das war, was ſie wünſchte, eine Blume, die umher⸗ ſchwaͤdmnte Des Herzogs Liebe rief ſie wieder zu ſich elbſt. 1 — Liebe? wiederholte ſte. Es iſt wahr, fuhr ſie dann fort, und ein ſchnelles Lächeln flog über ihre Lippen. Sie lieben mich? Ich vergaß in Wahrheit, &☛ ₰ ˖——‿ & e, 335 daß ich von einem Einzelnen geliebt werden konnte, während ich davon träumte, die ganze Welt zu lieben. So lieblich es iſt, zu lieben, ſo ſchrecklich iſt es, von demjenigen geliebt zu werden... — Von demjenigen... — Von demjenigen, den man nicht ſelbſt liebt. Der Herzog erlitt die Qual eines Märtyrers. Je⸗ der Blutstropfen verſchwand aus ſeinem Geſicht. — In dem Penſtonsbrief, den ich Ihnen gegeben, habe ich, obſchon die Summe gering iſt, doch gewiſſer⸗ maßen gezeigt, was ich für Sie thun will. Sein Blick erklärte die Bedeutung ſeiner Worte. — Die Penſion wäre alſo... ich verſtehe Sie... mein Gott, wie könnte ich Sie auch je mißverſtehen? dieſe Penſion, ſagen Sie... — Ich verdopple ſie... ich vervielfache ſie. Miit einem unbeſchreiblichen Ausdruck des Entſetzens riß ſie, wie von einer giftigen Schlange geſtochen, ihre Hand aus der des Herzogs. — Ich werde Ihnen einen Landſitz in der Nähe der Hauptſtadt kaufen. Sie ſollen nichts vermiſſen. — Allmächtiger Gott! — Ich werde Lauben anlegen, wo die ſeltenſten Mflanzen duften ſollen, und Vögel ſollen um Sie her ſingen. — Hören Sie auf, Ew. Hoheit, hören Sie auf! — Ich werde den Platz in ein Paradies verwandeln. — Und mich? Der Herzog hörte nur ſeine eigenen Gedanken. — Wenn die Sonne untergeht und der Abend ſeine kühlen Schatten über Berge und Thäler ausbreitet, wenn Ihr Herz wartet, Ihr Ohr lauſcht, Ihr Auge ſehnſüchtig um ſich blickt, und Sie hören dann Hunde⸗ gebell... das Getöne von Roſſehufen... das Knar⸗ ren eines Thores... Des Herzogs Wangen bepurpurten ſich wieder, wäh⸗ rend eine Leichenbläſſe ſich immer mehr über Fraͤulein Rudenſköld's Geſicht breitete. 3 — Sie wenden ſich um.. leiſe Tritte nahen ſich ... und ich... — Sie... — Und ich falle zu Ihren Füßen. Der Herzog machte dabei eine verbeugende, bei⸗ nahe niederknieende Bewegung vor Fräulein Rudenſköld, die einen Schritt zurücktrat und ihre Hand gegen ihn ausſtreckte. — Nähern Sie ſich mir nicht, Ew. Hoheit. Der Herzog ſchaute jetzt ſeinerſeits verwundert auf. — Sie haben mir die Anweiſung auf eine Pen⸗ ſion gegeben? — Allerdings... — Sie wollen die Summe verdoppeln? — Ganz richtig. — Sie wollen ſie vervielfachen? — Ja, ja. 8* — Sie wollen mir einen Landſitz anſchaffen? — Ich halte mein Verſprechen.. — Sie wollen ihn in ein Pargdies verwandeln? — Befehlen Sie und Ihr Wille ſoll in allen Punk⸗ ten vollzogen werden. 1 f ler. Ach, Ew. Hoheit, ich will nicht über Sie be⸗ ehlen... Der Herzog näherte ſich ihr. Sein Geſicht klärte ſich immer mehr auf. — Ich will keinen Landſitz von Ihnen haben. — Sie wollen nicht? — Ebenſo auch keine erhöhte Penſion. Der Herzog wurde ſichtlich immer befangener. Er glaubte einen Augenblick, daß ſie ſich nur aus Liebe, ihm übergeben wolle.— — Ich will überhaupt keine Penſion von Ihnen haben. Sehen Sie hier, Ew. Hoheit, ich ſtelle Ihnen — 337 ein Nhu⸗ Anweiſung zurück und ebenſo die tauſend Reichs⸗ aler. ſich— Sie wollen ſie nicht haben? 2— Von Ihnen nicht, gnädiger Herr. Der Herzog ſchien ſie nicht zu verſtehen. — Ich ſchätze Ihren guten Willen hoch, Herzog, gei⸗ daß Sie an mein Beſtes denken; aber ich will nicht ld, Ihre Schuldnerin werden. — Sie wollen nicht? — Haben Sie die Güte, Ew. Hoheit, und neh⸗ men Sie die Anweiſung zurück. Mein Herz gehört uf. einem Andern. Der Herzog vermochte ſich kaum von ſeiner Ueber⸗ raſchung zu erholen. Verblüfftheit und Zorn malten ſich in ſeinem Geſicht. Verdruß und Unwille bemäch⸗ tigten ſich immer mehr ſeines Gemüthes. Seine Unter⸗ 1 lippe zitterte und ſeine Stirne legte ſich in eine dro⸗ hende, düſtere Wolke. — Und dieß iſt Ihr letztes Wort, mein Fräulein? 4— Mein letztes. In dieſem Moment lag im Blick des Herzogs Etwas, das ſie erſchreckte, ſo daß es ihr war, als wuüͤrde ſie mit einem Eisſtrahl durchbohrt. nt⸗— Ohne alle Barmherzigkeit weiſen Sie alſo mein be⸗ Anerbieten zurück, begann der Herzog endlich wieder; b was hilft es mich alſo, daß ich gegen Sie barmher⸗ rie zig bin? — Ew. Hoheit... Fräulein Rudenſköld ſah, daß ein Sturm drohte, aber ſie blieb unerſchütterlich und ruhig. „— Sie wollen nicht? wiederholte er dann und er⸗ Er griff ihre Hand, die er feſt in der ſeinigen preßte, ich 6 dagegen ſage, Sie werden. 4— Vergeſſen Sie ſich nicht, Ew. Hoheit. Erin⸗ en nern Sie ſich, daß Sie zu einem Weihe reden. en— Das iſt es, was ich nicht vergeſſe. Der Trahant. III. 2² 338 Waͤhrend der Herzog ſprach, nahm ſein Verdruß zu. Vielleicht wurde er auch durch die Ruhe gereizt, die Fräulein Rudenſköld beobachtete; aber ſein Verdruß war eiskalt. — Geben Sie mir Etwas zu, mein Fräulein... Fräulein Rudenſköld antwortete nicht, wandte aber ihren Blick nicht von ihm ab. — Geben Sie zu, daß ich Ihnen ohne alle Be⸗ dingungen die Penſion anbot? — Das iſt wahr. — Geben Sie zu, daß ich Sie ſo aufmerkſam be⸗ handelt habe, wie Sie nur je fordern konnten? — Auch das gebe ich zu. — Geben Sie zu, daß ich mit keinen Mitteln, die als Drohungen oder Zwang angeſehen werden könnten, Ihre Einwilligung in die Wüunſche zu gewinnen geſucht habe, die meine ganze Seele ſo innig erfüllten? — Sie haben Recht, Ew. Hoheit, ich kann Ihnen nichts Derartiges vorwerfen. — Das iſt gut, mein Fräulein, und ich gehe jetzt zu dem Grund über, warum ich Sie ſo behandelt habe. — Zu dem Grund? — Der Grund war der, daß ich Sie aufrichtig liebte, und daß ich hoffte, nur in Gutem Ihre Achtung, ja noch mehr, Ihre Gegenliebe zu erwerben; jetzt da⸗ gegen.. jetzt iſt es ganz anders.. Ihre Härte be⸗ rechtigt auch mich, hart zu ſein. — Sie ſprechen unbegreifliche Dinge, Hoheit. — Haben Sie nur Geduld, ſo werden Sie mich bald verſtehen. Der Herzog ſchnappte nach Athem, gleich als ſuchte er neue Kraft zu gewinnen, um fortfahren zu können. — Ich habe geſagt, daß Sie mein Anerbieten an⸗ nehmen würden; hören Sie mich jetzt auch an, mein Fräulein. Als ich mich hierher begab, kam ich, um eine große Gefahr abzuwenden, die Ihnen droht, eine Gefahr, der nur ich allein vorzubeugen vermag. —,— 339 Bei dieſen Worten wurde Fräulein Rudenſköld von einer unwiderſtehlichen Angſt ergriffen. Sie glaubte nämlich darin die Gewißheit zu ſehen, daß die Pläne der Guſtavianiſchen Partei entdeckt ſeien; zwar hatte Frank ſie bereits davon unterrichtet, aber ſie hatte bisher noch immer gehofft, daß dieſe Beſorgniſſe kei⸗ nen Grund hätten. Um ſich nicht zu verrathen, ſtützte ſie ihre Hand auf das Nähtiſchchen, während ihre Lippen lächelten. — Sie haben das Vaterland verrathen, mein Fräu⸗ lein, fuhr der Herzog fort. Ich kenne die ganze In⸗ trigue. Sie ſind entdeckt. Sie hatte ſich alſo nicht getäuſcht, ſie waren wirk⸗ lich entdeckt. Ich könnte Ihnen Ihre eigenen Briefe zeigen. Sie haben ſich zu Handlungen hergegeben, die eines Unterthanen unwürdig ſind; aber nicht genug damit, Sie ſprechen in dieſen Briefen von mir und meiner Re⸗ gierung in einem Ton, welcher beweist, daß Sie weit leichter Ihre Pflicht, Ihr Gewiſſen, Ihre Ehre, Ihr Vaterland vergeſſen können, als Ihre kleinen Phantaſien, die flüchtigen Neigungen Ihrer Laune. Ich habe Arm⸗ felt's Revolutionsplan bereits erhalten. Ha, mein Fräu⸗ lein. Ihr Schickſal ruht in meiner Hand... be⸗ denken Sie wohl, in der meinigen. Fräulein Rudenſköld fühlte ſich gänzlich vernichtet. Sie war nahe daran, dem Herzog zu Füßen zu ſinken. t In dieſem Augenblick... fuhr der Herzog for Fräulein Rudenſköld fuhr bei dieſen Worten zu⸗ ſammen. — Im dieſem Augenblick— wiederholte ſie. — Sind bereits die Befehle ansgefsrtlge, Ihre Freunde zu verhaften, und eben ſo auch.. Sie ſelbſt. Der Herzog hielt mit den letzten Worten ein we⸗ nig inne.. Noch ſtand Fräulein Rudenſköld b S3 ſie war blaß wie eine Leiche. Das Feuer war aus ihren Augen geflohen und die Kraft aus ihren Gliedern. Sie bebte . aber gleichwohl ſtand ſie noch. 1 Es gibt Augenblicke, wo das Herz gleich einer ſtehen gebliebenen Uhr nicht mehr ſchlägt, und wo der Gedanke gleich einem unbeweglichen Zeiger nur auf einen einzigen Punkt deutet, für alles Andere gleichſam erſtorben. Fräulein Rudenſköld befand ſich in einem ſolchen Zuſtand. — Sie haben ein kühnes Spiel geſpielt, mein Fräu⸗ lein, begann der Herzog wieder, ein vermeſſenes Spiel. Unter einer einnehmenden Maske haben Sie die Auf⸗ rührerin verborgen. Sie haben die Rolle der Marionette angenommen, in der Hoffnung, daß Niemand die Fä⸗ den ſehen würde, die Ihre Bewegung leiteten. Sie haben ſich getäuſcht. Einer heftigen Leidenſchaft anheim⸗ gefallen, haben Sie ſich blindlings dem unſichern Fluge derſelben überlaſſen und ſtehen jetzt im Begriff als ihr Opfer zu fallen. Das Verbrechen erheiſcht Rache. Fraulein Rudenſköld war in dieſem Augenblick Weib. Zermalmt ſank ſie zu den Füßen des Herzogs nieder. — Gnade, Euer Hoheit, Gnade! — Auch ich habe zu Ihren Füßen gelegen und Sie um Gnade gebeten. — Gnade, Gnade! Der Herzog lächelte. — Wo iſt jetzt Ihr Muth, mein Fräulein? jetzt da die Strafe in ihrer ganzen nackten Wahrheit vor Sie tritt, beugt ſich Ihr ſonſt ſo ſtolzes Haupt in den Staub, jetzt flehen Sie mich an, obſchon Sie über mich hätten befehlen können. Das Verbrechen hat ſein Ge⸗ wiſſen, die Strafe ihr Entſetzen. Das begreifen Sie, aber nicht meine Liebe. Warum ſoll das Verbrechen mächtiger ſein, als die Liebe? Das Gewiſſen ſpuckt, mein Fraulein. ————BKB——B—— — — —— ———j—— 341 — Barmherzigkeit, CEw. Hoheit! — Wollen Sie die Anweiſungen wieder nehmen? — Mein Gott! 3 — Geben Sie mir das Recht, die Penſion zu ver⸗ — Herzog!. — Bewilligen Sie meinen Wunſch, Ihnen ein Landgut zu kaufen? Fräulein Rudenſköld verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. — Erlauben Sie mir, einen Fleck Erde in ein Paradies für Sie zu verwandeln? — Allmächtige Vorſehung! — Nur Ihre Liebe kann Ihr Verbrechen ſühnen. Ohne zu antworten, legte ſie bloß die Hand auf ihre Bruſt. — Sie wollten nicht, ich ſagte Ihnen aber, daß Sie dennoch würden. Langſam richtete Fräͤulein Rudenſköld ſich auf. All' die entzückenden Illuſionen eines warmen Her⸗ zens waren auf einmal von ihr gewichen. Vielleicht war es jedoch weniger das Entſetzen wegen des Ver⸗ brechens, deſſen der Herzog ſie beſchuldigte, als wegen desjenigen, das er ihr vorſchlug, was dieſe Selbſttäu⸗ ſchungen verſcheuchte. Aber an die Stelle der holden Gewalt entſchwun⸗ dener Illuſionen trat nicht ſtürmiſche Heftigkeit oder troſtloſe Verzweiflung. Sie wurde nicht bloß ruhig, ſie wurde kalt. — Antworten Sie mir, mein Fräulein. — Ich habe bereits geantwortet, Ew. Hoheit. — Sie weigern ſich noch 2 — Verlaſſen Sie mich, Ew. Hoheit. — Was wollen Sie damit ſagen? 3 — Daß ich meine Ehre nicht aus Furcht vor irgend Etwas verkaufe. Der Herzog blickte ſie verwunderter als je an. 342 — Wenn ich ein Verbrechen gegen den Staat und die Regierung begangen habe, ſo mag das Geſetz es beſtrafen. Ich appellire lieber an das Geſetz Schwedens, als an Ihre Gnade. — Sie höhnen meine Macht, beim Himmel, Sie ſollen ſie fürchten. — Ich fürchte nichts, Ew. Hoheit, denn ich fürchte meine eigene Schwäche nicht mehr. — Sie haben Ihr Verbrechen bekannt, Sie haben mich um Gnade gebeten. 3 — Das war eine augenblickliche Schwäche, die ich jetzt bereue. — Ihre Handlungen zeugen gegen Sie. — Meine Handlungen werden meine Unſchuld be⸗ weiſen. Der Herzog wurde von einer Raſerei ergriffen, die ihm alle Selbſtbeherrſchung raubte. — Pllichtvergeſſene, rief er, während er zornig die Anweiſung zerriß und mit ſeinen Füßen zertrat. Wenn die Sonne das nächſte Mal aufgeht, werden Sie ihre Strahlen nur ſpärlich durch das Gefängnißfenſter ſehen. Der Herzog ergriff das Nähtiſchchen und ſchuttelte es hin und her. — Unmächtige, rief er ihr zu, Sie werden es be⸗ reuen, das ſchwöre ich. Im Schreck vor der drohenden Bewegung flog ein Ausruf der Angſt über Fräulein Rudenſköld's Lipppen. Der Herzog erſchien ihr beinahe wahnſinnig. Bei dieſem Angſtſchrei ſtürzte Bengt herein und eilte auf ſie zu. Als er die drohende Stellung des Herzogs ſah, ſchlang er ſeinen einen Arm um den Leib der Schweſter und ſtreckte den andern vertheidigend ge⸗ gen ihn aus. Als Bengt mit der Bezeichnung der zum Verkauf beſtimmten Juwelen fertig geworden war, hörte er zwar, daß der Herzog noch da war, konnte oder wollte aber nicht belauſchen, von was man ſprach. Endlich als er 44 343 die Heftigkeit bemerkte, die in dem Geſpräch eintrat, begann er unruhig zu werden, und ſeine Unruhe ſteigerte ſich mit der Leidenſchaftlichkeit der ſprechenden Perſonen. Mehr als einmal legte er die Hand an's Schloß, um einzutreten, that ſich aber Einhalt. Zuletzt, als er den Angſtſchrei ſeiner Schweſter hörte, vermochte er ſich nicht läuger zu bezwingen, ſondern trat ein. Obſchon die Raſerei des Herzogs ſich bei Bengt's Anblick ein wenig zu legen ſchien ſo verminderte ſich doch ſein Zorn und Verdruß nicht. — Sie hier? ſtammelte er. — Ich bin auf meinem Platz, Ew. Hoheit. Ich bin bei meiner Schweſter. — Bengt, Bengt, klagte Fräulein Rudenſköld und lehnte ihr Haupt an ſeine Schulter. — Beruhige Dich, Schweſter, beruhige Dich. Fürchte nichts, ich bin hier. — Ich fürchte nicht für mich, ſondern nur für Dich, Bengt, verlaß mich. Was willſt Du hier? — Thoren, rief der Herzog, Ihr wißt nicht, wie weit ein beleidigter Fürſt in ſeiner Rache gehen kann. Fürchtet mich.. meine Macht erreicht Euch. Und noch zitternd vor Zorn entfernte er ſich. “— ſininmiſſt. 16 17 18 DIwnaETrnanannnmmrannmmmmraannnmmmnrnnaqunnn 15 9 10 11 12 13 14