11 4, Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur GEduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Linterlegei⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezählt⸗ werden und eträgt:. für echentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —-——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Wet.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — c.— = — — — — AWeger ScLeipzig, Lr Hs eer Bu h k 8 h Für Pranenlanil 1 Von Otfrid Aylius. Erſter Band. 4 —————— — —— —— 4 4 ——— ——— Pur Prauenlfant. b Sinnige Erzählungen und Novellen zu Luſt und Lehre für Frauen und Cüchter gebildeter Stände. Von Otfrid Kylius. Erſter Band. Mit dem Bildniß des Verfaſſers. Stuttgart, Verlag von Alfred Bruchmann. 1875. Dorwort. „Für Frauenhand“ betitelt ſich dieſer anſpruchsloſe Band Erzählungen und Novellen, und dieſer prätentiös klingende Titel erheiſcht einige erläuternde Worte. Zwei früher von mir herausgegebene Sammlungen von Novellen mit ſittlich⸗reli⸗ giöſer Grundlage:„Dunkle Wege“(Stuttgart 1857) und „Vier ſinnige Erzählungen für alles Volk und alle Zeit“(Stutt⸗ gart, Schiller 1860) ſind ſeiner Zeit von der gebildeten Leſe⸗ welt und beſonders von den Frauen ſehr beifällig aufgenom⸗ men worden und längſt vergriffen. Bei Gelegenheit verſchiede⸗ ner an mich ergangenen Anfragen: ob und wann von dieſen Bänden neue Auflagen erſcheinen würden, machten mir einige hochachtbare Frauen den Vorſchlag, auch eine Auswahl von Erzählungen zu veranſtalten, deren ſittlicher und ſinniger Grundton den Gegenſatz zu den heute ſo begehrten Senſations⸗ geſchichten bilden und ſich beſonders für Frauen und Töchter gebildeter Stände zu einer anmuthenden und auch gemüthlich anregenden Lektüre eignen würde. Jene Frauen motivirten ihren Vorſchlag hauptſächlich damit, daß ihres Wiſſens der⸗ malen in der deutſchen Literatur ein fühlbarer Mangel an derartigen Erzählungen zu bemerken ſei, welche man den Frauen VI und insbeſondre den Töchtern unſerer Nation zur Lektüre bieten könne, und welche den Forderungen an das Prädikat „Luſt und Lehre“ entſprächen. Ich wollte mich dieſem Verſuche nicht entziehen, zum angeregten Zweck eine kleine Auswahl von Novellen und Geſchichten zuſammenzuſtellen, welche bei volks⸗ thümlichem und einigermaßen lehrhaftem Gehalt die Leſerinnen menſchlich anzumuthen, gemüthlich und ſittlich zu erheben ge⸗ eignet und eine geſunde Hausmannskoſt für Geiſt und Herz wären, zugleich aber einen hübſchen Band bildeten, welchen Väter, Gatten, Brüder, Verlobte u. ſ. w. zu Geburtstags⸗, Weihnachts- und Feſtgeſchenken für ihre Gattinnen, Töchter und Bräute verwenden könnten, wie jene mir ſo wohlwollenden Frauen vorgeſchlagen hatten. Hier liegt nun die erſte Samm⸗ lung vor, welcher, falls ſie beifällig aufgenommen und als be⸗ rechtigt anerkannt würde, noch einige weitere Bände folgen könnten. Der Ton und Inhalt der Erzählungen mag für ſich ſelbſt ſprechen, wenn dieſelben auch auf vollendete Kunſtform und literariſchen Werth keinen Anſpruch erheben. Möge daher meine beſcheidene Spende um ihrer guten Abſicht willen Nach⸗ ſicht und Wohlwollen finden und manches ſchlichte Gemüth anſprechen! O. M. Inhalts⸗Verzeichniß. Schickſalswege; aus dem Leben zweier Vielgeprüften. Kern und Schale. Acht Tage aus dem Leben einer Sandpaſtoren Sonſt und Jetzt Eine vernachläſſigte Frau —— 1—— Schickſalswege. Aus dem bewegten Leben zweier Vielgeprüften. Heb' empor die feuchten Augen, Was Dir welkte, ſchaue nicht! Wage ſtill den Troſt zu ſaugen, Der zu Dir aus Sternen ſpricht. Kannſt Du's auch nicht unterſcheiden, Glück und Frühling kehrt zurück, Nacht wird Licht und Glück das Leiden, Leid iſt Knoſpe, Blume Glück. K. R. Tanner. 13 Es war eine unheimliche trübe Novembernacht. Dichter Nebel lag über der flachen Gegend und dem breiten Strom, an deſſen niederem Ufer das kleine Städtchen W. lag, in welchem unſere Geſchichte anhebt. Die Stunde war ſchon ſpät; die Stadt war ſtill und ſtumm, die Laternen brannten trüb und nur die Hauptſtraße allein wob mit ihrem Lichtſchimmer einen helleren Nebelſtreifen in den grauen Mantel, der über der Landſchaft lag. Von hier oben, von dem Vorwerke aus, das den Fluß beherrſchte, ſah man ihn deutlich, dieſen Streif, Mylius, Für Frauenhand. 1. 1 2 und er diente der armen Frau, welche hier aus dem Fenſter eines kleinen Gärtnerhäuschens mit ſchmerzdurchwühltem Ge⸗ müthe beklommen lauſchend in die Nacht hinaus ſpähte, ge⸗ wiſſermaßen zum Leuchtthurm. Armes Weib! man hätte Dein Herz beinahe pochen hören können an den Eichenſims des Fenſters, woran ſich Deine Bruſt lehnte. Deine Augen brannten wie Feuer vom feuchten beizenden Nebel, Dein Bett ſtand ſo nahe, und der kleine Knabe im Korbe daneben ſchlief ſo ſanft, ſo engelſüß, daß es wundern muß, wie Du ſolcher Einladung widerſtehen mochteſt!— O wer ſchilderte mit treuen Zügen, was in der Seele dieſes Weibes aus dem Volke vorging! Wer malte greifbar genug das Elend aus, das Du in fünf langen Jahren erduldet! Die Seelenpein, die Dich zwang, nach mehreren durchwachten Nächten noch hier am offenen Fenſter zu warten, und mit Auf⸗ bietung aller geiſtigen und leiblichen Kraft in die Nacht hin⸗ auszuhorchen und die feuchte Moorluft zu trinken!— Arme Charlotte! Niemand vermöchte das! Niemand kümmerte ſich um Dich, Niemand ſah Deine Leiden als Einer, Der droben, welchem auch das Verborgene klar iſt wie der Mittag, und der in unſers Herzens tiefſte Falten ſchaut! Charlotte war die Gattin des Gärtners Wilibald Franzen, dem das kleine Häuschen und die Hufe Landes gehörte, mit deren Ertrag er ſich und die Seinigen ſeither ge⸗ nährt. Das Haus lag am äußerſten Saume der Vorſtadt, auf der Krone des alten Dammes weit entfernt von den anderen Gebäuden und überſchaute einen ſchmalen freien Platz ober⸗ halb des Leinpfads, wo gewöhnlich Zimmerholz, Planken und aandere Holzwaaren aufgeſtapelt lagen, welche hier aus den Flußſchiffen gelichtet und dann gelegentlich nach den benach⸗ 3 barten Holzhöfen geſchafft wurden. Hinter dem Häuschen und zu beiden Seiten zog ſich ein Blumen⸗ und Gemüſegarten hin, welcher den Unterhalt der kleinen Familie lieferte, von einer hohen Mauer eingefaßt, an welche ſich einige Spaliere und Treibhäuſer anlehnten. An den Wänden des Häuschens zogen ſich Schlinggewächſe hin und umfaßten es mit einem friſchen grünen Gewande, das ſelbſt jetzt die erſten Winter⸗ fröſte noch nicht ganz zu entblättern und abzuſtreifen vermocht hatten. Das kleine Haus lag ſo freundlich und anmuthig, recht wie ein Neſtchen in einem blühenden Fliederbuſche, am Saume ſeines Gartens; ſein ſpitzes Giebeldach und ſeine nie⸗ deren Fenſter, ſein Epheukleid und die hohe Weymouthskiefer, welche den Firſt überragte, ſpiegelten ſich drunten in des Stromes grünen Wellen, die langſam an ſeinem Fuße hin⸗ zogen. Es war ein Plätzchen, worin ein Menſchenpaar ſich hätte heimiſch und glücklich fühlen können. Aber dennoch war das Glück hier nicht zu Hauſe, denn der Hausvater, Wilibald, war ein Trunkenbold, und floh des häuslichen Weſens fried⸗ liche Räume oft Tagelang, wenn ihn der wüſte Dämon des Branntweins einmal erfaßt hatte. Und dieſer Friedenſtörer hatte ihn nun ſchon ſeit einer vollen Woche vom Hauſe fern gehalten, und das arme Weib dadurch in Noth und Sorge verſetzt, welche beinahe menſchliche Begriffe des Erfaſſens und menſchliche Kraft der Duldung überſtiegen. Wilibald hatte vor einigen Tagen ein vortheilhaftes Ge⸗ ſchäft abgeſchloſſen, deſſen Ertrag ſeine Erwartungen über⸗ ſtiegen; er hatte Samen von einer neuen Nutzpflanze, deren Kultur er mit Glück verſucht, an einen Großhändler der Stadt verkauft, welcher eine bedeutende Beſtellung darauf aus Ruß⸗ land erhalten. Hr. Mühlbach, der Kaufmann, kannte Wilibald 1* 4 gut und war mit ſeinen häuslichen Verhältniſſen genau ver⸗ traut; er kannte die Mängel im Charakter des Gärtners, ſeine Charakter⸗ und Willensſchwäche, ſeinen Wankelmuth in Ent⸗ ſchlüſſen, ſeinen unſeligen Hang zum Trunk, aber er wußte auch ſeine guten Eigenſchaften zu ſchätzen, welche Wilibald nicht abzuſprechen waren: ein gewiſſes rauhes Selbſtgefühl, den Ausfluß des Bewußtſeins ſeiner ſeltenen Geſchicklichkeit als Gärtner, einen ſeltſamen, oft ſchroffen Ehrgeiz, große Gut⸗ müthigkeit und blindes Vertrauen zu Anderen, und eine un⸗ eigennützige Aufopferungsfähigkeit, welche leider oft von Un⸗ würdigen ausgebeutet wurde. Hr. Mühlbach hatte Wilibald ſogar ſchon häufig mit kleinen Geldanlehen unterſtützt, und ſich daher ſoviel Anſpruch auf des Gärtners Dankbarkeit er⸗ worben, daß er ſich für berechtigt erachtete, demſelben bei der Zahlung des Betrags jenes Samenkaufs einen Theil der Summe zurückzubehalten, in der wohlmeinenden Abſicht, den⸗ ſelben für die Bedürfniſſe des bevorſtehenden Winters als Nothpfennig der Familie zurückzulegen. „Ihr müßt mich nicht mißverſtehen, Meiſter Franzen 14 hatte der Kaufmann geſagt;„ich werde Euch das Geld ver⸗ zinſen, da Ihr geſtehet, es nicht ſogleich und in ſeinem ganzen Betrage zu bedürfen. Bei Eurer unſeligen verhängnißvollen Leidenſchaft glaube ich aus Gründen der Menſchlichkeit Eurem braven Weibe und Eurem Kinde dieſe Rückſicht ſchuldig zu ſein. Schneidet es mir doch allemal durch Mark und Bein, wenn ich erfahre, daß die arme Charlotte kaum das liebe Brod zu nagen hat, während Ihr im Wirthshauſe bei Trunk und Spiel den ſchweren ſauren Ertrag Eures gemeinſamen Fleißes vergeudet! Lieber Meiſter! wollte Gott, Ihr könntet der Verführung da⸗ zu immer ausweichen, Ihr wäret dann der glücklichſte Mann, denn der liebe Gott hat Euch ein rechtſchaffenes, tüchtiges Hausweib gegeben, die bravſte Frau, welche ſich ein Mann Eures Standes nur wünſchen kann.“— Hr. Mühlbach war eine gerade, derbe Natur; er hatte in ſeinem Weſen etwas Herbes, was oft von Solchen miß⸗ deutet wurde, die ihn nicht näher kannten, eher einen Mangel an Zartgefühl, als an wirklichem Mitgefühl. Dieß⸗ mal aber hatte er die betreffenden wohlgemeinten Aeußerungen gegen Franzen auf ſeinem Comptoir gethan, vor einem halben Dutzend ſeiner Ladendiener, und damit den Stolz des Gärt⸗ ners empfindlich gekränkt. Wilibald war, wie viele Männer aus den unteren Ständen, nicht ſonderlich redefertig; daher erwiderte er Nichts auf ſeines Gönners Rede, aber ſein wetter⸗ gebräuntes Geſicht überlief eine dunkle Glut und die Stirn⸗ ader ſchwoll ihm dick an; mit mürriſchem Schweigen und ohne Dank ſtrich er die zwölf Thaler ein, die ihm Hr. Mühlbach hingezählt und verließ die Zahlſtube ohne„Guten Tag“. Der Kaufmann blickte ihm betreten aus dem Fenſter nach, ſah, wie Wilibald auf der Straße ſtehen blieb, mit den geballten Fäu⸗ ſten in der Luft fechtend, dann wieder ſich vor die Stirne ſchlagend, mit den Füßen den Boden ſtampfend, kurz mit allen Zeichen eines gewaltigen ohnmächtigen Ingrimms, und wie er dann in der Richtung nach dem Thore mit raſchen un⸗ ſicheren Schritten davon eilte. Ein einziges Wörtchen aus des Kaufherrn Munde hätte den Wüthenden vielleicht noch be⸗ ſänftigt; allein dieſes Wörtchen wollte bei all ſeiner Gut⸗ müthigkeit dem reichen Manne, der ſeiner guten Abſicht ſich bewußt war und die Einrede der Wahrheit für ſich hatte, nicht über die Lippen, und dieſe nicht geſprochenen Worte zertrüm⸗ merten vollends das wankende Lebensglück einer Familie, und ͤͤͤme-ͦ-zrrgêgäVrxgBw ʃ— 6 wurden die Urſache namenloſer Prüfungen, welche über die drei Glieder derſelben ergingen. Am Abend jenes Sonnabends, wo die geſchilderte Scene auf der Zahlſtube des Kaufherrn ſtattgehabt, war Wilibald ſtark angetrunken nach Hauſe gekommen, hatte ſich ſtumm in ſeine Sonntagskleider geworfen, ein kleines Säckchen mit Wäſche gefüllt, und war dann vor ſeine betroffen und wortlos überraſchte Frau, die ihm mit Herzpochen zugeſehen hatte, hin⸗ getreten mit den Worten:„Gott befohlen, Lotte! das Geld liegt noch bei Hrn. Mühlbach; haſt Du mir einen Kurator ge⸗ ſetzt, ſo brauchſt Du mich auch nicht mehr; haſt meinen guten Namen an den Pranger geſchlagen; nun ſieh' zu, wie Du aus⸗ kommſt. Adieu!“ Damit war er fort, ohne Händedruck, ohne einen Blick auf den kleinen Knaben, der am Tiſche über ſeiner Abendſuppe. eingeſchlafen war. Seit jener Stunde, eine volle Woche lang, hatte Charlotte ihren Mann nicht mehr geſehen. Eine Unter⸗ redung mit dem Kaufherrn am andern Morgen hatte ihr das Räthſel gelöst; ſie hatte, den Knaben an der Hand oder auf dem Arm, ihren Gatten in allen Schenken aufgeſucht und nie⸗ mals getroffen, obwohl ſie überall Spuren und Beweiſe fand, daß er die Drohung des Davonlaufens nicht vollzogen hatte. Auch die Polizei, welche ſie endlich, wiewohl mit Widerſtreben, aufgeboten, um des pflichtvergeſſenen Mannes habhaft zu wer⸗ 4 den und das Mißverſtändniß aufzuklären, hatte ihn nicht aus⸗ findig machen können. Er blieb aus, und jede Nacht wachte 4 die arme Frau unter dem Fenſter, in der Hoffnung, er werde noch einmal zurückkehren, herangelockt von der Liebe zu ſeinem Knaben, an welchem er ſo ſehr hing, und von dem beſſern Prinzip in ihm, das doch wohl einmal obſiegen werde, wenn 4 — — 7 die Branntweindünſte ſein Gehirn wieder verlaſſen und ſein erhitztes Blut ſich abgekühlt haben würde. Aber Wilibald kam nicht, und die Unruhe, der Gram rieben die unglückliche Char⸗ lotte beinahe auf.— Mitternacht war längſt vorüber, die Laternen der Stadt erloſchen allmälig, und der Morgenwind rauſchte in den dürren Zweigen der Jerichoroſen und des Gaisblatts über Charlot⸗ tens Kopfe, da wähnte ſie vom Strome her leiſe Ruderſchläge zu vernehmen, und ſiehe da! bald tauchten zwei Männerge⸗ ſtalten auf dem Leinpfad drunten aus dem Nebel auf, und ſtanden dem Häuschen gegenüber ſtill, in leiſem Zwiegeſpräch mit einander. „Hier iſt ſein Haus, Joſt!“ ſagte der eine der beiden zum andern;„hinter dem Plankenſtoße können wir uns verſtecken, und wenn er heimkommt, ſo ſchlagen wir ihn zu Boden und nehmen ihm dann das, was er Euch abgewonnen. Er kann keine Viertelſtunde mehr ausbleiben, denn ich ſah ihn über die Schiffbrücke gehen, und wir haben mit dem Kahn ein gut Stück Weges abgeſchnitten.“ „Ich wollte, er wäre da!“ brummte der Andere, ein Mann in Schiffertracht;„Ihr Schufte habt mir nicht geholfen, als der Wirth dazwiſchen ſprang; ohne ihn hätt' ihm mein Kappmeſſer den Heimweg erſpart und mir die Mühe, herüber zu rudern.— Wenn ich recht ſehe, ſo iſt Licht in ſeinem Häus⸗ chen; er iſt daheim!“ „Wilibald! Wilibald, lieber Mann! biſt Du da?“ rief Charlotte in dieſem Augenblick in namenloſer Spannung zwiſchen Furcht und Hoffen getheilt. „Kein Wilibald da, Frau!“ rief der Mann, welcher zu⸗ erſt geſprochen, der Holzmäkler Dolffs;„legt Euch ſchlafen, 8 Frau. Euer lüderlicher Gatte liegt betrunken zu Ried drüben in der Schenke, wo ſie ihn tüchtig zerſchlagen haben!“ „Seid Ihr es, Meiſter Dolffs?“ rief die Frau;„iſt's wirklich wahr, was Ihr ſagt? iſt mein Wilibald noch da?“ „Ei, der entläuft Euch nicht, Weib!“ lachte Dolffs.„s wäre Euer Glück, wenn er es thäte, aber er thut Euch den Ge⸗ fallen nicht. Er hat im Spiel betrogen, und da haben ſie ihm den Rücken tüchtig zerbläut. Legt Euch ſchlafen, Frauchen, wenn der Burſche ſeinen Rauſch ausgeſchlafen, wird er ſchon wieder heimkommen, daß Ihr ihm die Löcher im Schädel ver⸗ bindet. Gute Nacht!“ Damit zog er den Schiffsmann weiter, und beide waren bald wieder im Nebel verſchwunden. Hinter einem hohen Stoß Bauholz hielten ſie ſtille. „Der Henker hole Euch, Dolffs! was brauchtet Ihr dem Weibe wieder zu plappern, wo der Kerl iſt?“ brummte der Schiffsmann. „Ihr ſchwatzt wie Ihr's verſteht, Joſt,“ gab Jener zur Antwort.„Es galt, das Weib in's Bett zu ſchicken, damit wir keinen Zeugen zu Dem haben, was wir beginnen wollen. Und wenn wir den Gärtner nun recht tüchtig abgebläut hier vor ſeiner Thüre liegen laſſen, wird ſie ihm morgen früh nicht glauben, daß wir ihn durchgeprügelt haben, ſondern wähnen, er habe ſeine Löcher im Kopfe mitgebracht. Seht, ſein Weib iſt ſchon nicht mehr unter'm Fenſter; mein Geſchichtchen hat Glauben gefunden!“ Sie ſtreckten ſich auf einige Planken nieder und horchten. Joſt, der Schiffer, war betrunken, Dolffs nicht mehr nüchtern.„Meine ganze Ladung Torf an den Kerl verſpielt— ſechszig blanke Thaler!“ ſprach der Schiffsmann vor ſich hin und betheuerte es mit einer gräßlichen Verwün⸗ — 4 9 ſchung;„ich bin ruinirt, ich kann nicht mehr nach Hauſe, wenn ich mein Geld nicht wieder bekomme! Warum ſind wir ihm nicht lieber über die Brücke nachgeeilt, Dolffs? Wir hätten ihn zur Zeit nun eingeholt und brauchten nicht in der kalten Nacht hier zu liegen!“ „Geduldet Euch, Joſt!“ meinte Dolffs;„er muß jeden Augenblick kommen. Sandi Ihr ja doch, daß ſein Weib ihn erwartete. „Hm, wenn er aber ſchon zu Hauſe wäre?“ meinte der Schiffer;„wenn ſeine Alte ſich nur ſo geſtellt hätte, als ob er noch nicht zu Hauſe ſei, weil ihr ſchwante, was wir von ihm wollten? He, Dolffs, hat Euer fintenreiches Gehirn daran noch nicht gedacht?“ „Es iſt nicht möglich!“ verſetzte der Andere nach kurzem Beſinnen;„der Weg zu Waſſfer iſt näher und ich ſah ihn deut⸗ lich über die Schiffbrücke gehen. Auch iſt's dem Weibe nicht um's Verhehlen, denn ſie gönnte, denk' ich, ihrem Manne eine Tracht Schläge recht von Herzen. Indeſſen können wir ja nachſehen.“ Sie ſtiegen die Lehne des Damms hinan, an welcher Steinſtufen bis zu dem Häuschen hinaufführten. Oben war ein ſchmaler Pfad längs der Krone des Dammes, von welchem aus man leicht in die niedrigen Fenſter ſchauen konnte. In der kleinen Wohnſtube war Alles dunkel; aber in der Schlaf⸗ kammer brannte eine trübe Oellampe, nothdürftigen flackern⸗ den Schein über den engen Raum verbreitend. Das Fenſter war noch angelegt, und ließ die beiden lauſchenden Männer ſehen, daß Frau Charlotte, von Erſchöpfung überwältigt, ſich in den Kleidern auf das Bett gelegt hatte und eingeſchlafen war. Ihre tiefen, langen Athemzüge verriethen, wie unerbittlich 10 die Natur ihr Recht an ſie geltend machte, und wie ſehr ihr Wille dem Mangel an phyſiſcher Kraft erlag. In der Ecke neben der breiten Himmelbettlade ſtand ein großer Korb, das Bett des Knaben, eines lieblichen Kindes von kaum drei Jahren. Aber von dem Vater des Knaben war nirgends eine Spur zu ſehen. Dolffs hatte einige Male den Namen des Gärtners in die Stube hineingerufen, aber nur das hohle Echo der leeren Räume hatte ihm geantwortet. Da ward der Schiff⸗ mann ungeduldig. „Laßt'mal ſehen, ob er drinnen ſteckt!“ ſagte er mit wildem Ingrimm zu ſeinem Spießgeſellen;„ich kenne das Häuschen noch gut aus der Zeit, wo es ein Schifferkrug war; mir ſoll er nicht entkommen. Ich muß meine blanken Thaler wieder haben!“ Mit dieſen Worten zog er ſeine Schifferſtiefeln herunter, kroch durch das Fenſter der Kammer hinein, ſchürte den Docht der Ampel mit den Fingern auf und durchſuchte die ganze Wohnung, vom Torfkeller bis zum Speicher, ein Wunder, daß er das Häuschen nicht in Brand ſteckte. Aber ſein Suchen war vergeblich, und mit verbiſſener Wuth kehrte er wieder in die Schlafſtube zurück. Eben als er die Lampe auf den Schrank ſtellte, regte ſich der kleine Knabe in ſeinem Korbe: die rauhe nebelige Zugluft, welche durch das offene Fenſter eindrang, mmoochte ihn fröſteln, und er verlangte im Schlafe nach ſeiner Mutter. Dem wilden Schiffer fuhr es wie ein Meſſer durch den Rücken, als er dieſe Stimme hörte, und er ſagte zu Dolffs: „Hört, Kamerad, er iſt nicht da. Wenn ich wüßte, daß ihn das recht ſchmerzte, ich könnte ihm ſein Weib erwürgen!“ „Das wäre dumm von Euch, Mann,“ flüſterte Dolffs, „denn da thätet Ihr dem Gärtner wohl noch einen Gefallen: würde er damit doch die leidige Betſchweſter von Weib los. Aber mir kommt da ein anderer Einfall: nehmt das Kind mit als Geißel für Euer verloren Geld: an dem Knaben hängt der Wilibald mit ſeinem ganzen Leben, und Ihr gebt das Kind nicht eher heraus, als bis er Euch das Geld wiederſchafft, um das er Euch betrogen hat!“ „Ha! Schlaukopf, Ihr habt Recht!“ flüſterte der Schiffer. „Ich will mir ein lebendes Unterpfand nehmen für mein Geld, und den Knaben werft' ich in's Waſſer, wenn Wilibald nicht bezahlt!“ Raſch nahm er den Knaben aus dem Korbe, nahm das grobwollene Umſchlagetuch der Mutter vom Haken, wickelte das Kind darein, und reichte es Dolffs hinaus. Eine Minute ſpäter waren Beide ſchon unten am Nachen, Joſt legte den Knaben auf ſeine Stiefeln im Bug nieder, und ruderte rüſtig in den Strom hinein, und ſtromaufwärts, nach der Stelle zu, wo ſein Flachboot lag, während Dolffs ſich in der Nähe des Gärtnerhäuschens wieder hinter einem hochaufgeſchichteten Stoße Zimmerholz in den Hinterhalt legte, um den Gärtner zu erwarten. Der Elende lächelte ſpöttiſch vor ſich hin:„Ein lebendes Unterpfand, ſagte Joſt!“ murmelte er;„ja, ja, es ſoll an Dir heimgeſucht werden, leichtfertiger Torfſchiffer, hart⸗ geſottener roher Ruderknecht!.... Hätſchle nur den Kleinen, und ſing' ihn in Schlaf. Derweile ſchlag' ich den betrunkenen Gärtner nieder, und nehme Deine blanken Thaler, dann habt Ihr Beide das Nachſehen!“ Damit hatte der ehrliche Dolffs übrigens die Rechnung ohne den Wirth gemacht, denn der erwartete Gärtner kam nicht, und den Wegelagerer übermannte der Schlaf, ſo daß er einnickte und nicht eher erwachte, als bis der Tag zu grauen begonnen hatte und das Morgenlicht mit dem dichten Nebel kämpfte. Es war ein Glück, daß es Sonntag war, denn ſonſt hätte man ihn hier gefunden; ſo aber erreichte er noch unbe⸗ merkt ſeine benachbarte Wohnung bei den Holzhöfen. ** .* Es war ſchon heller Tag und die Kirchenglocken des Sabbaths klangen dumpf durch die dicke Luft, als die Gärt⸗ nersfrau erwachte. Ihr erſter Blick galt natürlich dem Knaben neben ihr; aber das Bettchen war leer.„Wilibald! Herzchen! lieb' Söhnchen! Wilibald!“ rief ſie. Keine Antwort. Sie wähnte, der Kleine ſei vielleicht ſchon aufgeſtanden, weil ihm im Bettchen die Zeit zu lange geworden, und ſie ſuchte ihn im ganzen Haus, wiewohl vergebens. Da erſt erblickte ſie die Spuren eines kothigen nackten Fußes auf der Diele des Fuß⸗ bodens, auf dem Eſtrich; ſie entdeckte das nur angelehnte Fen⸗ ſter, das Verſchwinden ihres Umſchlagetuchs, und ein fürchter⸗ licher Argwohn dämmerte in ihrer Seele auf. Wie, wenn ihr der Vater ſelbſt ſeinen Knaben geraubt hätte! Hieng doch Wilibald's Herz bei all ſeinen Fehlern mit unſäglicher Liebe an dem einzigen Kinde, womit ſeine Ehe geſegnet war! Dieſer Gedanke war übrigens allzu ſchauderhaft, allzu entſetzlich, als daß ſie ihn gern hätte annehmen ſollen; ſie kämpfte und rang mit ihm, wie mit einer Verſuchung, aber er ſiegte endlich ob, und bewältigte ihren Zweifel. Sie rief die Nachbarn herbei, theilte ihnen ihren Jammer und die Ahnung mit, die ſich ihr inſtinktmäßig aufdrang, und fragte ſie nach demd Later und dem Kinde. Niemand wollte Beide deſ hen haben; ther übi die Möglichkeit, daß der Vater ſelbſ die Meinungen getheilt.— 13 „Das hat Wilibald nicht gethan!“ ſagte Drews, ein an⸗ derer Gärtner und Nachbar;„dazu iſt er zu gerade, zu trotzig; hätt' er den Jungen Euch nehmen wollen, um Euch weh zu thun und zu ſtrafen, ſo würd' er's offen und Euch in's Ange⸗ ſicht gethan haben, denn feig und tückiſch war er nie! So hab' ich ihn wenigſtens kennen gelernt!“— Dies war ein Troſt für Charlotten, ein Hoffnungs⸗ ſchimmer in dunkler Nacht, denn es hatte dem Mutterherzen noch den herbſten Stich gegeben, daß der Gatte dieſen geführt haben ſollte. Aber die Nachbarinnen waren anderer Meinung, wie es kurzſichtiger Weiber Art iſt. Der Umſtand, daß Wili⸗ bald gedroht hatte, ſeinem Weibe zu entlaufen, und daß dieſe ſelbſt, vom Schein bethört, in der erſten Betäubung von Schreck und Schmerz ihren Argwohn auf Wilibald gelenkt, genügte den Weibern, ihn ſchon für überwieſen anzuſehen und mit ihren Verwünſchungen zu überhäufen. Der alte Drews ſchüttelte den Kopf und richtete einige tröſtliche Worte an die arme Frau.„Kommt nicht gleich von Sinnen, gute Franzen!“ ſagte er;„ſeid ja doch ſonſt ein Weib⸗ chen, das ſeine gute Portion Unheil in Geduld ertragen kann. Mit Jammern und Stöhnen geſchieht Nichts; laßt uns lieber die Polizei und die Behörden angehen, daß ſie Euren Mann und das Kind ſuchen helfen, denn wenn ich mir ſo Alles genau überlege, ſo möcht' ich mich überreden, die Beiden ſeien jetzt zuſammen, Wilibald habe das Kind geholt, um Euch dafür zu ſtrafen, daß Ihr ſeines Erachtens zu gleichgültig geweſen bei ſeinem Weggehen; aber eben darum wird er nicht weit ſein, denn der Knabe iſt ihm eine Bürde, und Euer Mann ſelber, wenn er noch Geld hat, kann nicht an drei Schenken nach ein⸗ ander vorüber, ohne in der vierten hängen zu bleiben! Kommt 14 mit, wir wollen ihm den dummen Spaß verderben:'s kann Nichts ſchaden, wenn er dafür etliche Tage eingeſperrt wird. Waſſer und Schwarzbrod und die Einſamkeit werden ihn ſchon nüchtern und beſonnen machen!“— Charlotte ließ ſich willenlos von dem Nachbar leiten, und folgte ihm zu den verſchiedenen Behörden, wo dieſer für ſie die Angabe machte, die ſie nur beſtätigen und durch Einzelnheiten ausführlicher machen durfte. Drews hatte die Genugthuung, zu ſehen, daß die Gerichte und die Polizei den Kinderdiebſtahl nicht leicht nahmen, ſondern ſtehenden Fußes alle nöthigen Vorkehrungen trafen, um des pflichtvergeſſenen Gatten habhaft zu werden und der tieferſchütterten Mutter den Liebling wie⸗ der zu geben. Allein mehrere Tage vergingen ohne alles Er⸗ gebniß. Man hatte Wilibald mit ſeinem Päckchen noch vor Mitternacht im Schifferkruge zu Ried geſehen, allein von die⸗ ſem Augenblick an war ſeine Spur verloren; von dem Kleinen war gar nichts in Erfahrung gebracht worden, trotzdem daß man keinerlei Mühe geſpart hatte, um alle Kräfte der damali⸗ gen Polizei und Juſtiz in Bewegung zu ſetzen, denn man ver⸗ geſſe nicht, daß unſere Geſchichte ſchon vor mehr als fünfzig Jahren ſpielte. Der Vorfall ſelbſt machte im Städtchen großes Aufſehen, und da Charlotte nur guten Leumund hatte, ſo er⸗ wies man ihr auch viele Theilnahme, bis eine zweite Begeben⸗ heit plötzlich das Blatt gegen ſie kehrte. Etwa acht Tage nach dem Verſchwinden des Kindes machte der Kaufherr Mühlbach mit Frau und Kindern der armen Frau Franzen einen Beſuch. Es war um die Mittagsſtunde, wo viele Leute auf dem Holzwerft und den Holzhöfen waren, welche die Neugier heranlockte, da ſie den reichen, Allen wohlbekannten Kaufherrn die Treppenſtufen an der Böſchung des alten 15 Dammes hinan ſteigen und in das Gärtnerhäuschen treten ſahen.„Gebt Acht,“ hieß es,„da kommt eine Kunde von Wi⸗ libald!“ Dem war aber nicht ſo, obwohl die Schuld daran nicht an dem Kaufherrn lag, denn er hatte ſich wirklich große Mühe gegeben, etwas über Wilibald in Erfahrung zu bringen, und auch bei den Behörden all ſeinen Einfluß aufgeboten. Nein, dießmal kam der Kaufherr in anderer Abſicht: am Vor⸗ abende dieſes Tags hatte ſeine älteſte Tochter ſich mit dem Sohne eines ſehr reichen Geſchäftsfreundes in Hamburg ver⸗ lobt, und zum Gedächtniß dieſes frohen Ereigniſſes nun wollte Herr Mühlbach eine ſchöne, großmüthige Handlung begehen; er hatte die Schulden, die auf Wilibald Franzen's Anweſen laſteten, bezahlt und wollte den befreiten Schuldbrief jetzt der gebeugten und verlaſſenen Frau Franzen ſelber behändigen, und ſeine Gattin, all ſeine Kinder und insbeſondere der junge Stüve, ſein künftiger Eidam, ſollten Zeugen dieſes Schauſpiels ſein, zu welchem der Kaufherr in ſeiner Selbſtbefriedigung und Eigenliebe mit ungeheuren Erwartungen herangekommen war. Sonderbares Menſchenherz! wie oft müſſen nicht edlere Triebe der geheimen Selbſtſucht und Eitelkeit ihre beſchönigende Maske leihen, und wie oft würde nähere Erforſchung der Beweg⸗ gründe einer guten Handlung gar ſehr den verſchönernden Schleier abziehen! Genug, der Kaufherr kam mit ungemeinen Erwartungen von dem Erfolg der Schenkung, die er beab⸗ ſichtigte. Es lag etwas wie Spannung, Ungeduld, Triumph in ſeinen Augen, in ſeinem ganzen Weſen, als er in die kleine Stube trat, wo Charlotte Franzen ſaß. Wohlgefällig bemerkte er, daß müßige Weiber und männliche Gaffer ihm und den Seinigen folgten— es war ihm niemals unlieb, wenn man um den Gebrauch wußte, den er von ſeinem Reichthum machte. 16 Um ſo mehr überraſchte es ihn, daß Charlotte bei ſeinem und der Seinigen Eintritt kaum aufblickte, geſchweige denn auf⸗ ſtand, denn ſie ſaß einſam, mit gebrochener Kraft und fiebe⸗ riſch glühenden, thränenloſen Augen am Tiſche, mit weit vor⸗ gebeugtem Oberkörper, das müde verwirrte Haupt auf ihre beiden Hände geſtützt. Sie war in jenem Stadium des Schmer⸗ zes angelangt, wo dieſer ſelbſtſüchtig wird, wie das Glück, und ſtumm und menſchenſcheu macht, wo Einem die Welt gleich⸗ gültig, das Leben eine Bürde, der Tod ein Labſal erſcheint, — eine Stufe des Schmerzes und Seelenleidens, die nur der⸗ jenige kennt, welcher ſie ſchon erlebt hat— und wohl Dem, welchem dieſe Kunde erſpart blieb! Die Störung war der ar⸗ men Frau beinahe ärgerlich, um ſo mehr als Herr Mühlbach einen ſalbungsvollen Sermon anhob, worin er ſchwere An⸗ klagen auf das Haupt des heimathflüchtigen Gatten häufte und mit der Erklärung ſchloß, daß er, um wenigſtens die äußere Lage der tiefgebeugten Frau beſſer zu geſtalten und ein from⸗ mes Werk zur Feier eines Familienfeſtes zu thun, ihres Gatten Schulden auf das Häuschen bezahlt habe und ihr nun den ſchuldenfreien Beſitztitel übergeben wolle. Frau Franzen blickte dem Kaufherrn betroffen und ver⸗ wirrt in's Geſicht, auf welchem ſich die ungeheure Behaglichkeit abſpiegelte, die er von der reichen Tafel daheim mitgebracht und der er nun auch durch einen geiſtigen Genuß die Weihe geben zu wollen ſchien. Es war als habe ſie ihn nicht begrif⸗ fen, als gehe ihr Geiſt irre. Herr Mühlbach wiederholte ihr den Zweck ſeines Beſuchs und legte ihr den Beſitztitel auf den Tiſch. Da ſank die Frau, die ſich zuvor betroffen aufgerichtet hatte, plötzlich in den Stuhl zurück, und barg mit lautem Weinen den Kopf in die Hände. 17 „Nun, nun, liebe Frau,“ ſagte Herr Mühlbach zu ihr und rüttelte ſie leiſe an der Schulter;„laßt Euch das nicht ſo angreifen!'s iſt nur eine Kleinigkeit, was ich thue, und Ihr ſeid nun wenigſtens der bitteren Sorgen ledig, und könnt wieder einen brävern Mann und andere Kinder bekommen!“ Charlotte fuhr wild auf und ließ ein ſeltſames irres Lachen hören.„Eine Kleinigkeit?“ rief ſie und ſtieß das Pa⸗ pier zurück,—„ja, wohl eine Kleinigkeit iſt's, wenn dieſes Stück Papier einer armen Frau den Gatten und das Kind erſetzen ſoll! den Gatten, den Sie ihr vertrieben— Sie, ja Sie, Herr, mit Ihrer dummen Fürſorge, mit Ihrer mißver⸗ ſtandenen guten Abſicht und Ihrem übel angebrachten guten Rath! Mein Wilibald war kein Engel— weit entfernt; aber auch ſo ſchlimm war er nicht, wie Sie ihn eben ſchalten. Er war ein muſterhafter Gatte und Vater, wenn er nicht Brannt⸗ wein getrunken hatte, und den trank er meiſt nur, um die drückenden Sorgen zu vergeſſen. Das wiſſen und verſtehen freilich die reichen Leute nicht, die dann in ihre Geſellſchaften oder die Komödie gehen. Nein, ganz ſchlecht war mein Wili⸗ bald nicht, denn er hatte noch ſeinen Stolz, und bei dem konnte man ihn packen. Und Sie haben ihn auch dabei gepackt, Herr Mühlbach, als er vor vierzehn Tagen bei Ihnen ſein Geld holen kam, aber Sie packten ihn von der unrechten Seite. Wie viel hatte er mit dem Geld ausrichten wollen, das er von Ihnen zu bekommen hatte! wie hatten wir uns darauf gefreut, daß wir damit einige von unſeren kleinen Schulden abtragen und dieß und jenes für den Hausrath anſchaffen könnten und einen Nothpfennig hätten für den Winter. Da hatten Sie ihm vor all Ihren Leuten den guten Namen und die Repu⸗ tation genommen, und ihn toll und armſelig gemacht und ſein Mylius, Für Frauenhand. I. 2 18 armes Weib in falſchen Verdacht gebracht, und nun erſt fuhr der Böſe in ihn, und ſo iſt es denn mit uns gekommen, zu meinem und zu ſeinem ewigen Unheil— durch Sie, durch Sie!“ Sie hatte das Alles mit ſolcher Zungenfertigkeit heraus⸗ geſtoßen, daß der vor Erſtaunen und Betroffenheit ſtets die Farbe wechſelnde Kaufherr gar keine Worte hatte finden können. Endlich aber unterbrach er ſie mit den Worten:„Aber liebe Frau Franzen, ſeid Ihr denn gar von Sinnen oder ſo ſchnöde undankbar, daß Ihr....“ „Dank! Ei ſieh! ja ſo ſeid Ihr reichen Leute alle!“ rief die Frau von Neuem und ihr Auge flog unſtät und irre von Einem zum Andern im Stübchen;„was Ihr thut, dafür be⸗ gehrt Ihr Dank. Und ſo ſoll's Ihnen, Herr Senator, die arme Frau auch danken, daß Sie ihr den Mann vertrieben und das Kind geraubt haben, ja Beide geraubt! denn was hälfe es, wenn mein Wilibald nun mit dem Kleinen wieder⸗ käme? da würden ihn die Gerichte packen und ihn in's Spinn⸗ haus ſtecken oder unter die Baugefangenen, als einen Kinder⸗ dieb! Und mein Kind und ich dürften dem Manne nicht mehr in die Augen ſehen und müßten uns beinahe vor den Leuten ſeiner und ſeines Namens ſchämen. Und dafür ſoll ich noch danken?!— Und das Papier da iſt wohl zu einem Wund⸗ pflaſter beſtimmt und Schmerzengeld, das meine Schmerzen zum Schweigen bringen ſoll?— O weit gefehlt, Herr Senator! Und wären Sie der Großmogol mit all ſeinen Schätzen, Sie könnten mir's nicht erſetzen, was ich verloren, was ich da drinnen in meiner Bruſt gelitten habe ſeit vierzehn Tagen. Glauben Sie denn, wir armen Leute haben ein ſchlechteres Herz als Ihr Reichen, weil's ein gröberes Tuch deckt? O fehl⸗ geſchoſſen! das grobe Herz erträgt wohl mehr als Eures, aber 49 es ſchmerzt noch tiefer, wenn's verwundet wird.— Ja, ich würde das Geſchenk annehmen und Ihnen die Füße dafür küſſen, Herr Senator, wenn Sie mir meinen Mann und mein Kind wiedergeben könnten! Wir würden dann glücklich leben, weil nicht mehr die bitteren Sorgen da wären, die uns Beide oft beinahe zum Verzweifeln brachten! Aber ſo wie die Sachen ſtehen, nehm' ich's nicht, auch wenn mir's Jemand anders böte als Sie! Halten Sie mich für ſo ſchlecht und ſo ſelbſtſüchtig, daß ich mir hier gütlich thäte, während Mann und Kind draußen in der Fremde kümmern? Nein, ich ziehe ihnen nach, ich muß ſie wieder finden, denn der Wilibald kann nicht weit kommen mit dem Knaben; und wenn ich dann mein Kind, meinen ſchönen lieben Knaben wieder habe, dann, dann,“ rief ſie und ein wilder Enthuſiasmus flog über ihr bleiches, abge⸗ härmtes, fieberiſches Geſicht,—„dann will ich Gott auf den Knieen danken, daß ich ſie wiedergefunden habe, und will mir die Seele aus dem Leibe arbeiten, um meinem Wilibald zu beweiſen, daß ich ihn nicht verrathen habe, und daß wir der reichen Gönner nicht bedürfen, ſo lange wir nur geſund und einig ſind und der liebe Gott uns beiſteht!— Aber mein Kind, mein armes Kind muß ich wieder haben, ſonſt bin ich verloren!“ Damit brach ſie von Neuem wieder laut jammernd vor der leeren Korbwiege zuſammen. Den Kaufherrn mochte dieſer Auftritt wohl erſchüttert haben, aber ſein gekränktes Selbſtgefühl machte ihn etwas kalt gegen den Jammer der Frau, und er ſagte:„Kommt, Kinder, komm', Frau! wir haben hier Nichts mehr zu ſchaffen! Ich ſehe ſchon, dieſem undankbaren verblendeten Weibe gegenüber würde alles Zureden Nichts frommen, und ich will keine Per⸗ len vor die Schweine ſchütten. Mag's alſo geſchehen, wie es 2* die Franzen haben will; aber ich ſehe die Stunde noch kommen, wo ſie vor meiner Thüre betteln und winſeln wird; jedoch ich werde dann auch nicht hören!“ „Dann wird Gott, Gott mich hören!“ ſchrie die beinahe aberwitzige Mutter;„geht hin, und behaltet Euer Geld; aber fordert keinen Dank für Euren guten Willen!“ Herr Mühlbach ging, unverſöhnlichen Groll im Herzen, und ſchüttelte draußen den Staub von den Füßen. Ein Mann machte ſich an ihn, mit der kriechenden Demuth gemeiner heuch⸗ leriſcher Armuth.—„Gott lohne es Ihnen, Herr Senator!“ ſagte er;„Sie haben uns durch Ihre Großmuth ordentlich gerührt. Ach wie wohl thut es, daß man ſolche Menſchen auf Erden trifft, wie Sie! Aber Sie hätten wirklich Perlen vor die Schweine geworfen, wenn Sie der Franzen eine Wohlthat gethan hätten! das Weib iſt zwar fleißig und man kann ihr nichts Schlimmes nachſagen; aber ſie hat den Teufel im Leibe, dieſe Lotte! Eine Zunge wie ein zweiſchneidig Schwert, ein wahres Meſſer von einem Weibe, voll Gift und Galle, und fängt Feuer wie ein Lichtſpan! Der arme Wilibald hat wohl gewußt, warum er davon ging; ihre Zunge ließ ihm kein Stündchen Ruhe, und ſo'ne böſe Weiberzunge ſchneidet ein Kabeltau ab, geſchweige denn den Spinnefaden der Liebe!“ „Wirklich, Dolffs?“ fragte Herr Mühlbach;„kennt Ihr die Verhältniſſe genauer?“ „Leider ja, Herr Senator! wir ſind ja Nachbarn und ich hab' mich immer auf des Wilibald's Seite geſchlagen, denn ich wußte, daß er oft nur den Groll im Schnapsglas ertränkte, wie ſie ſelber geſagt hat!“ „Dann hat mir mein guter Stern noch bei Zeiten die Augen geöffnet!“ ſagte der Kaufherr ſichtlich erleichtert. 21 „Kommt gelegentlich'mal bei mir vor, Dolffs, damit Ihr mehr von der Sache erzählt, denn ich will nicht auf den erſten Groll hören, den ich von hier mitnehme!“— Dolffs verſprach's und kroch davon.„Das Häuschen muß mein werden!“ murmelte er vor ſich hin;„es ruht'ne Schankgerechtigkeit auf dem Hauſe, und die ſoll mir ein gutes Auskommen ſichern, und den ſtolzen Herrn da will ich ſchon auf meine Leimruthe locken, daß er mir die harten Thaler vor⸗ ſpannt, die ich zur Einrichtung eines Kruges bedarf!“— *⁵* * Die Nachbarn und ihre Weiber und die Leute aus den unteren Ständen, welche dieſen Auftritt mit angehört oder aus Anderer Munde erfahren hatten, billigten und bewunderten die Handlungsweiſe der armen Frau.„Die Charlotte iſt doch ein Kapitalweib!“ ſagten ſie;„wie Die's dem Senator deutſch unter die Naſe geſagt hat! Er ging davon wie ein begoſſener Pudel! Ja, ſie hatte Recht: lieber betteln, als von dem hoch⸗ fahrenden reichen Mann ſo ein Schmerzengeld annehmen! Wenn ſie nur ihr Kind wieder hätte,— den Mann könnte ſie wohl miſſen!“ Aber Charlotte erprobte bald, was es heiße, mächtige Feinde haben. Faſt überall, wo ſie bisher Mitgefühl und guten Rath oder Unterſtützung gefunden, begegnete ſie merk⸗ licher Kälte oder Anfeindung. Die Behörden legten keinen Eifer mehr an den Tag, die Spur ihres Mannes und Kindes ausfindig zu machen, und die Gläubiger Wilibald's wurden ungeſtüm in ihren Mahnungen. Als der Winter noch nicht völlig um war, merkte ſie, daß ihres Bleibens nicht länger hier ſei, weil ſie ſogar den guten Ruf, ihr einziges Beſitzthum, eingebüßt. Zudem war von ihrem Gatten auch nicht das Mindeſte mehr gehört worden, und eine dämmernde Ahnung ſagte Charlotten, Wilibald möchte etwa den Weg nach Ham⸗ burg oder nach Holland eingeſchlagen haben, wo er vordem als Gärtner gearbeitet und wohin er ſich immer zurückgeſehnt hatte, wenn die Sorgen für das eigene Heimweſen und deſſen Erhaltung allzu ſchwer auf ihn drückten. Dorthin zog es ſie mit unwiderſtehlicher Gewalt, in der trügeriſchen Hoffnung, ihre beiden Lieben wiederzufinden. Sie ordnete alſo mit Hülfe eines Anwalts das Schuldenweſen ihres Mannes, wobei ſie noch ihre eigene geringe Habe zum Opfer brachte, und wanderte eines Wintermorgens auf der Hamburger Straße dahin, das Herz von Erwartungen geſchwellt, einen Korb am Arme, der all ihre Habſeligkeiten enthielt. Einige Tage ſpäter zog Dolffs in das Häuschen auf dem Damme, und richtete den früheren Schifferkrug wieder ein. Er hatte es aus den Händen des Senators Mühlbach erſtanden, welcher als Hauptgläubiger von Wilibald Franzen es unter dem Hammer erworben hatte. *⁵* * Mehrere Jahre lang waren Charlotte und ihr Gatte und das Kind ganz verſchollen; die Geſchichte des Kinderraubs war beinahe ganz in Vergeſſenheit gerathen oder im Andenken der Bewohner des Städtchens von anderen neueren Ereigniſſen verdrängt worden. Nur Dolffs, der bald nach der Einrich⸗ tung ſeines Kruges ſich mit einem Dienſtmädchen aus dem Hauſe des Senators verheirathet hatte, ſchien jene Geſchichte noch immer nicht vergeſſen zu können, und erzählte ſie oft den Schiffern, ſeinen Gäſten, wenn ſie an den langen Winter⸗ abenden bei ihm zum Biere ſaßen und der Wind um das Dach pfiff. Und ſelten verfehlte er dann, den einen oder den andern fremden Schiffsmann nach dem Joſt Hausmann zu 23 fragen, der früher immer mit Torf den Strom herunterge⸗ kommen, nun aber ſchon ſeit Jahren verſchwunden ſei. So waren fünf Jahre vergangen, da ſtieg eines Abends ſpäte eine hochgewachſene Frau aus dem Marktſchiff, welches unter dem Damm an Dolff's Schenke anlegte und trat auf den Platz unter den Holzſäößen. Ihr Auge ſuchte die Krone des Damms und die Stelle, wo das Pförtchen in den Garten der Schenke und zu dieſer ſelbſt führte; und das Pförtchen war kenntlich genug, denn über demſelben ſchwankte am eiſer⸗ nen Bogen eine große Schiffslaterne und warf ihren Schein durch den leichten Dunſt, welcher über dem Strome lag, bis zur Anlände herunter. „Mein Haus,— unſer Häuschen!“ flüſterte die Fremde und rang die Hände, wie von peinlichen Erinnerungen erfaßt; —„und ſo, ſo muß ich es wieder ſehen?“ Sie ſchwankte eine Weile, ob ſie hinaufgehen oder den anderen Leuten des Marktſchiffes folgen ſollte, die auf einem andern Pfade über den Damm nach der Stadt gingen. Endlich aber entſchloß ſie ſich doch zum Erſten, wankte die Steinſtufen an der Böſchung hinauf, welche zum Gartenpförtchen führten, und trat langſam und zögernd in die Schenke. Dolffs ſaß mit drei rohen Burſchen am Tiſch und ſpielte Karten. Die Männer waren ſo in ihr Spiel vertieft, daß ſie das Eintreten der Fremden wohl nicht bemerkt hätten, würde nicht die durch die offen gebliebene Thüre eindringende Zugluft ihre Kerze flackern gemacht haben. So aber blickten ſie auf und ſahen das fremde, große, blaſſe Weib mitten in der Stube ſtehen und ſich feuchten Auges die Wände betrachten. „Heda, Weib! was wollt Ihr?“ rief Dolffs;„wie er⸗ dreiſtet Ihr Euch, ohne ein Gottwillkomm in die Stube zu 24 treten?“ Er glaubte eine Bettlerin vor ſich zu haben, ſprang vom Schemel auf und wollte auf ſie zu treten, um ſie hinaus⸗ zuweiſen. Das Weib aber drehte ſich nach ihm um, Beider Blicke begegneten ſich und Dolffs prallte unwillkürlich mit einem Schrei des Entſetzens zurück. „Charlotte!.... was wollt Ihr hier? wo kommt Ihr her?“ ſtammelte er. „Vergebt mir, Meiſter Dolffs!“ verſetzte ſanft die Fremde, in welcher unſere Leſer bereits die Frau Wilibald Franzen's erkannt haben werden; nich komme aus den Niederlanden und möchte gerne noch einmal das Häuschen ſehen, worin.... wir unſern.... unglücklichen Hausſtand begonnen haben. Ich konnte mir's nicht verſagen, obſchon der Anblick keine ange⸗ nehmen Erinnerungen weckt. Und da unſer Häuschen nun ein Krug iſt, ſo dacht' ich, man dürfe hier ungefragt ein⸗ treten!“ „Und was wollt Ihr hier?“ „Jenun, noch ein einzig Mal durch das Häuschen wan⸗ deln, wo ich einſt mit meinem Manne gewohnt und mit.... mit meinem armen Kind. Noch einmal unter dieſem Dache ſchlafen und in der Stube, wo ſeine Wiege geſtanden!“ Damit trat ſie gegen die Thüre der kleinen Nebenſtube, aber Dolffs ſprang ihr wie aberwitzig in den Weg. „Zurück, Weib!“ rief er drohend und ballte die Fäuſte; da drinnen liegt meine Frau im Kindsbett mit dem Kleinen!“ „Nun, nun! dann laßt mich nur hineinblicken, Meiſter Dolffs! Ich ſtehle ja keine Kinder, ich laſſe mir nur die mei⸗ nigen ſtehlen!“ Dolffs bebte ſichtbar zuſammen.—„Ihr dürft nicht hinein, Frau Franzen! Zurück, ſag' ich, oder ich erwürge Euch, wenn Ihr einen Schritt weiter geht! Scheert Euch fort; ich herberge keine Weiber und mein Haus iſt voll!“ „Nur einen Blick in die Stube; aus dieſer Kammer ward mir vor fünf Jahren mein Knabe geſtohlen, wie Ihr wißt! Seid barmherzig, Dolffs! nur Einen Blick!“ „Nichts, nichts!“ rief er und eine wilde Angſt durchzuckte ihn.„Fort aus meinem Hauſe, Unglücksweib! Ihr bringt mir nur Unſegen über die Schwelle!.... He, David!“ rief er einem der Schiffer zu, die betroffen dem unerklärlichen Auf⸗ tritt zuſchauten,„führt mir das verrückte Weib hinaus, oder Ihr ſollt ſehen, daß ich mich an ihm vergreife!“ „Kommt, Weibſen! geht Eurer Wege!“ ſagte der rohe Schiffer ſchüchtern;„Ihr ſeht ja, daß Euer Anblick dem Wirthe nicht gut thut! Kehrt morgen am Tage wieder, dann mögt Ihr das Häuschen nach Guſto betrachten!“ Charlotte ging; aber auf der Schwelle kehrte ſie ſich noch einmal nach Dolffs um, der noch immer wie verſteinert daſtund und unter Zittern kein Auge von ihr loswerden konnte, und ſagte:„Ich hab' Euch meines Wiſſens niemals was zu Leide gethan, Dolffs, und Euch längſt vergeben, daß Ihr mich aus dieſem Hauſe vertrieben! Mir iſt's unfaßlich, warum Euch mein Anblick ſo ſehr entſetzt; aber das Warum davon wird auch einmal zu Tage kommen, und dann wehe, wehe über Euch, wenn Ihr Euch ſchuldig wißt!“ Damit verſchwand ſie in der Dunkelheit, und ſeither hatte Dolffs ſie nicht wieder geſehen.—— 2. Tiefer ſüdlich im deutſchen Vaterlande erhebt ſich in einer fruchtbaren Provinz aus dünnbevölkertem Flachlande ein klei⸗ ner Hügel, der noch Reſte ehemaliger Befeſtigungen zeigt: einen 26 Kranz doppelter Wälle, über welche hie und da die blitzenden Bayonnette von Schildwachen ragen, einige maſſige Thürme und etliche leidlich erhaltene Baſtionen. Es iſt Sternburg oder Starenburg, im Volksmunde gemeinhin die Frohnveſte ge⸗ heißen,— früher eine kleine Feſte, die hauptſächlich zur Auf⸗ bewahrung von Staatsgefangenen diente, aber neuerdings in eine große und leider nur immer allzu ſehr bevölkerte Correc⸗ tionsanſtalt umgewandelt worden war. Aus der alten Zeit der Feſte ſind noch einige Thore da, von Militärwachen beſetzt und heutzutage, im tiefen Frieden, wohl noch ſchärfer bewacht als ehedem zur Zeit der Befeſtigung. Es war ein freundlicher Frühlingsmorgen, mehr als dreißig Jahre, nach der Novembernacht, in welcher unſere Ge⸗ ſchichte anhebt, als die Poſten auf dem Wall einander die Mel⸗ dung zuriefen, daß ein leichter Bauerwagen den gewundenen Weg herauffahre, welcher um die Hügellehne zum untern Thore führt. Der Unteroffizier der Thorwache ſtieg in das Thürm⸗ chen hinauf und blickte die Straße hinunter, um zu ſehen, wer denn wohl das Einerlei dieſes Garniſonslebens unterbreche, und ſiehe da: ein hochgewachſener ſchlanker Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, deſſen ſchwarze Kleidung auf geiſtlichen Stand ſchließen ließ, ging dem Wagen gedankenvoll um einige Schritte voraus, und beſchaute ſich das vergitterte Thor, dem er zu wanderte, und die ängſtlichen Vorſichtsmaßregeln, welche allenthalben den Zutritt verſperrten. „Aha!“ ſagte der Füſilierfeldwebel zu den Soldaten, die erwartungsvoll zu ihm hinaufblickten,„ich verſtehe. Das iſt gewiß der neue Zuchthauspfaffe, der mit Sack und Pack ein⸗ marſchirt! Na, wohl bekomm' ihm der Dienſt; ich beneide ihn meiner Treu nicht!“ 27,. Die Vermuthung beſtätigte ſich als richtig, denn der ſchwarze Herr war gleich darauf am Thore angelangt, und gab ſich als„Candidat Richard Stirnbrand, der neue Kaplan der Frohnveſte,“ zu erkennen, ward eingelaſſen, behändigte dem Unteroffizier ſeine Papiere, und erhielt von dieſem einen Füſilier mit Ober⸗ und Untergewehr zum Geleite nach dem innern Thore. Die Schritte der Beiden tönten ſchaurig durch den befeſtigten Weg, der in einer großen Kurve vor die Zugbrücke und den innern Thorthurm führte. Die Wache an der Brücke läutete, der Offizier kam herunter, warf einen Blick in die Papiere, griff dann ſalutirend an den Helm, rief mit einem ſehr neugierigen Blicke auf den neuen Ankömm⸗ ling ſein„Paſſirt,“ und begleitete den Kaplan artig durch den langen, feuchten und finſtern Thorweg, jenſeit deſſen die Mor⸗ genſonne in den breiten Hof der alten Feſte ſchien, welchen hohe Mauern von den im Kreiſe ſtehenden neuen Gebäuden ſchieden. „Ihre Wohnung iſt dort hinten, auf der freundlicheren Weſtſeite, Herr Kaplan!“ ſagte der Lieutenant.„Die Ihres Vorgängers, welche hier oben im nächſten Gebäude lag, iſt nun zur Kaſerne für das Bewachungskommando eingerichtet. Aber Sie dürften bei dem Tauſche Nichts verloren haben, denn Sie haben nun eine freundliche Ausſicht in's Freie, während Sie hier nur immer den Thorthurm vor Augen hätten, an welchen man Dante's Spruch:„Lasciate ogni speranza“*)! füglich anſchreiben dürfte!“ „Der Spruch mag auf manchen der Gefangenen wohl paſſen, die hinter jenen Gittern und Riegeln vegetiren müſſen, Herr Lieutenant!“ entgegnete der Kaplan mit freundlichem *) Laßt alle Hoffnung hinter Euch! 28 Ernſt dem geſprächigen Offizier;„aber bei mir würde er trügen, denn meine Hoffnungen ſproſſen nun erſt recht mit dem Schritte über dieſe Schwelle; ich finde hier einen erſehn⸗ ten Wirkungskreis, und ſpreche mit Inbrunſt, indem ich in denſelben eintrete: Mit Gott den Anfang!““ O weh, ein Pietiſt vom reinſten Waſſer! dachte der Lieu⸗ tenant und warf einen neuen, weit forſchenderen Blick auf den Kandidaten, während deſſen ihm mancherlei Gedanken durch den Sinn zogen. Das Aeußere des Kandidaten ließ eine Muth⸗ maßung, daß er ein Pietiſt ſei, kaum aufkommen. Die Züge dieſes Mannes, männlich ſchön, faſt von ſüdlichem Schnitt und dunkler Färbung, trugen das Gepräge eines feſten eiſernen Willens; aus dem dunklen Auge leuchtete Verſtand und der Widerſchein eines reichen, von mancherlei herberen Lebenser⸗ fahrungen geläuterten Gemüths, die ihre Spuren noch in einem gewiſſen Ernſte und Melancholie dieſer Phyſiognomie zurück⸗ gelaſſen hatten, welche aber ihrem mannhaften Ausdruck keinen Abbruch that. Die aufrechte Haltung, der ſtraffe Gang und vor Allem der freie offene Blick hatten etwas ſo Entſchiedenes, daß man wohl bemerkte, er könne weder heucheln noch frömmeln. „Jenun, ſo wünſche ich Ihnen Glück zu Ihrer Miſſion, Herr Kaplan! und vor Allem Ausdauer!“ meinte der Lieu⸗ tenant.„Ihr jüngſter Vorfahr im Amte kam vor vier Mona⸗ ten mit denſelben Vorſätzen, und ſchon nach acht Wochen hatte er das Amt ſo dick ſatt, daß er ſich krank meldete, nur um un⸗ ter dem Vorwand einer Luftveränderung wieder von hier weg⸗ zukommen!“ Der Kandidat Stirnbrand zuckte die Achſeln.„Ich habe davon gehört,“ ſagte er,„und das Ergebniß ſoll vorauszuſehen geweſen ſein, da mein Vorfahr einer guten Familie angehörte 29 und nur mit Widerwillen hieher ging. Auch ſagte man mir, daß ſeit der Gründung dieſer Stelle dieſelbe ein wahres Tau⸗ benhaus geweſen, wo immer ein Aſpirant dem Andern ſozu⸗ ſagen die Thüre in die Hand gegeben habe.— Allein, Ver⸗ gebung, Herr Lieutenant!“ unterbrach ſich der Kandidat mit einem ungeduldigen Blicke auf den Thorweg,„dürfte ich mir die Frage erlauben, ob dem Einlaß des Wagens mit meinem Gepäck noch ein Hinderniß im Wege ſteht!“ „Ah ſo? nein, keineswegs!“ entgegnete der Lieutenant. „Aber die Sache wird ihre mechaniſchen Schwierigkeiten haben, wegen des ſteilen Weges. Da kann man jedoch abhelfen; heda, Füſiliere!“ rief er einigen Soldaten da, die müßig ſchwatzend und rauchend unter einer der Linden des Hofes ſaßen;„geht 'mal hinunter an's äußere Thor und helft den Wagen, der drunten ſteht, den bedeckten Weg heraufſchieben!“ „Sehr verbunden, Herr Lieutenant!“ entgegnete der Kan⸗ didat und fuhr dann fort:„Mancher von meinen Vorgängern mag die Stelle nur in Ermangelung eines beſſern Amtes und in der Erwartung angenommen haben, von hier um ſo ſicherer auf eine günſtigere Stelle aſpiriren zu können. Mich dagegen zog der Wirkungskreis an und ich vertauſchte angenehmere Verhältniſſe in einem angeſehenen Hauſe der geſelligen Reſidenz mit dieſem Poſten, dem Ziele lange gehegter Wünſche und Ideale. Ich wollte der Freund, der Vertraute und Arzt der Armen werden, welche ihre Vergehen gegen die bürgerliche Ordnung hinter dieſen Mauern abbüßen!“ Der Offizier blickte abſeits, um dem Kaplan ein leichtes ſarkaſtiſches Lächeln zu verbergen, das um ſeine Lippen zuckte. „Ein etwas ſchwärmeriſch klingender Vorſatz, Herr Kaplan, der ſich nicht ſo leicht ausführen laſſen dürfte! Eine Liebhaberei 30 — nehmen Sie mir's nicht übel— die für mich etwas Para⸗ dores hat.— Soweit ich dieſe Strolche und Schurken hier oben kennen gelernt habe, iſt die Hoffnung, ſie zu beſſern, eine ſehr problematiſche, wenn man nicht die Fuchtel tüchtig führt, und das iſt juſt nicht Ihre Sache und Ihres Amts. Es gibt zwar einige ganz intereſſante Kerls unter dieſen Strafgefangenen, ein paar Mordkerls von Abenteurern, wie den Jäger vom Eſchenhof und etliche Aehnliche; aber die große Mehrzahl der Anderen, dieſe Todtſchläger, Räuber, Mörder, Fälſcher, Aſoten und Gauner ſind eine Race, die noch ſchlechter iſt als der Staub hier unter der Schuhſohle. Ich wette, wenn Sie die Brut ein Mal geſehen haben, werden Sie einen erklärlichen Eckel ſo wenig niederkämpfen können, als jeder andere anſtändige Menſch, der mit dieſem Gelichter in Berührung kommt!“ „So mögen manche meiner Vorgänger im Amt auch geurtheilt, und darin mag dann ſicher die Urſache ihres Mißerfolges und ihrer Unbefriedigung gelegen haben, Herr Lieutenant. Sie fänden vielleicht auch die Beobachtung und Unterſuchung krankhafter Bildungen oder Veränderungen des menſchlichen Körpers am Leichnam ſehr eckelhaft und abſtoßend, und doch darf ſie der Jünger der Heilkunde nicht umgehen, denn die pathologiſche Anatomie iſt die Vorfrage für das Ge⸗ lingen ſeines Heilverfahrens, die unerläßlichſte Vorkenntniß. Der Geiſtliche, als Seelſorger und Seelenarzt, darf aber vor der pathologiſchen Anatomie der Seele, wenn ich ſo ſagen darf, eben ſo wenig zurückbeben, noch der Berührung mit dem moraliſch tief geſunkenen Menſchen ausweichen, als der leib⸗ liche Arzt es wagen darf, einen mit Peſt oder irgend einer andern anſteckenden oder ecklen Krankheit Behafteten zu meiden, wenn dieſer ſeine Hülfe begehrt....“ 31 „Allerdings, Herr Kaplan; aber nicht Jedermann iſt zum Arzt geſchaffen. Und der Arzt iſt den Kranken gegenüber noch in einer weit beſſern Stellung, als Sie oder der Seel⸗ ſorger überhaupt gegenüber von ſolchem Abſchaum der Menſch⸗ heit, wie Sie ihn hier treffen werden. Der Arzt iſt eine will⸗ kommene Erſcheinung am Krankenbette; aber in Ihnen wird jeder Verbrecher nur ſeinen Feind ſehen....“ „Da ſei Gott für!“ meinte der Kaplan.„Mancher mag ein ſolches Vorurtheil hegen, weil er in dem Manne meines Standes und Amtes eine Art perſonificirten Gewiſſens ſieht, ein Werkzeug des ſtrafenden Richters über den Sternen, der Herzen und Nieren prüft. Aber gerade der Umſtand, daß er mir mit Scheu entgegentritt, zeugt von dem Bewußtſein ſeiner Schuld, dem Bewußtſein eines krankhaften Seelenzuſtands, und zeigt mir den Punkt, wo ich den Hebel einſetzen kann, um ihm zu beweiſen, daß er zwar krank, aber nicht unheilbar krank iſt, und um ihm die heilende Kraft der göttlichen Liebe zu zeigen, die dem Reuigen den Schoos der Gnade öffnet. Was würden Sie zu dem Arzte ſagen, der Sie für krank erklärte, ſo lange Sie noch nicht des ſchleichenden Siechthums an ihrem Körper bewußt wären? Würden Sie ihm im Wahn, als Ge⸗ ſunder ſeiner nicht zu bedürfen, nicht ebenfalls mit Vorurtheil Es dreht ſich alſo Alles um den Angelpunkt: ob man ſich krank gfühle und Vertrauen zum Arzt, ſeiner Kunſt und ſeinen Heil⸗ mitteln habe; nicht wahr?“ „Allerdings!“ ſagte der Lieutenant, der ſeither erſtaunt und mit unwillkürlichem Intereſſe den Kandidaten betrachtet hatte, und ſich nun auf einmal ſeltſam von ihm angezogen fühlte. 32 Das Dröhnen des Wagens, der ſo eben über die Zug⸗ brücke und durch den Thorweg einfuhr, machte dem Geſpräch ein Ende, und lenkte beider Männer Aufmerkſamkeit dorthin. Mit dem Wagen kam ein ältererer Mann in einer modernen Livree, der ſcheu und betreten die ihm neuen Umgebungen betrachtete. 8„Ach, beſter Herr Stirnbrand,“ ſagte er zu dem Kaplan, p wie dauern Sie mich! Hier möcht' ich nicht gemalt hängen. Mirr graust es ordentlich vor dem finſtern Riegel⸗ und Gitter⸗ werk und den ſchwarzen Mauern! Wie oft werden Sie mit Schmerzen an unſer ſchönes Haus und den freundlichen Gar⸗ ten und an den freundlichen Edelhof zu Rodach zurückdenken! Meiner Treu, wenn Sie nicht in drei Wochen das Heimweh haben, wie ein ſchweizer Soldat, ſo ſollen mich die Hunde freſſen!“ „Laßt es gut ſein, lieber Formann! die Neigungen und Geſchmäcke der Menſchen ſind verſchieden. Sorgt nun ge⸗ fälligſt für das Abladen des Wagens. Der Herr Lieutenant iſt vielleicht ſo freundlich, Euch Jemanden mitzugeben, der Euch meine künftige Wohnung anweist!“ „Mit Vergnügen, Herr Kaplan!“ verſetzte dieſer, und ſandte einen Gefreiten mit dem Wagen.„Die Livree des Grafen Rhodich, unſers Staatsminiſters?“ fragte er dann, auf den weggehenden Diener deutend;„ſtehen Sie in irgend einer Beziehung zu dem allmächtigen Miniſter, Herr Kaplan?“ 3 „Ich war Erzieher ſeiner Söhne und in den jüngſten Jahren eine Art Sekretär bei ihm,“ entgegnete Stirnbrand beſcheiden.„Nur der Wunſch, hier einen meinen Neigungen und längſt gehegten Planen entſprechenderen Wirkungskreis zu finden, veranlaßte mich, meinen Gönner um die Entlaſſung 33 aus ſeinem Hauſe zu bitten, und ſeine Fürſprache zur Er⸗ langung dieſes wenig begehrten Amtes nachzuſuchen.“ „Und Sie hatten keine höhere Ambition als dieſen Poſten?“ fragte der Lieutenant verwundert. Stirnbrand zuckte lächelnd die Achſeln.„Vorerſt nicht, Herr Lieutenant!“ ſagte er;„es zog mich hieher, in den Kreis des Berufes zurück, dem ich mich für das ganze Leben geweiht hatte,— aus dem Sybaritenleben eines vornehmen Hauſes in unſerer Reſidenz hinaus in die ſtrenge nüchterne Klauſe dieſes moraliſchen Krankenhauſes, die ich hoffentlich nicht ſo raſch wieder verlaſſen werde!“ 4 Der Offizier war betreten.— Ein wunderlicher Kauz! mochte er denken; ein frommer Schwärmer bei all ſeinem Verſtand!—„Da kommt der Verwalter!“ ſagte er zu dem Kandidaten, auf einen kleinen Mann mit militäriſch⸗ſtraffer Haltung deutend, der ſo eben über den Hof her auf die Beiden zukam.„Den hat das Geräuſch ihres Wagens angelockt, und er wird Sie nun zum Juſtizrath und Kommandanten führen und dann in Ihre neue Wohnung einweiſen. Unſer neuer Hauskaplan; Herr Verwalter Geyer! Herr Kandidat Stirn⸗ brand! Auf Wiederſehen, Herr Kaplan!“ Damit grüßte er militäriſch und ging zu ſeiner Truppe, welche ſo eben unter Trommelſchlag vor der Wache in's Gewehr trat.— 3. Es gibt ein Gefühl in der Menſchenbruſt, dem an innerer Befriedigung und Erhabenheit nur wenige andere Empfindun⸗ gen gleichkommen dürften, und dieß iſt das Bewußtſein treu erfüllter Pflicht in dem uns angewieſenen Wirkungskreiſe. Dieſes Gefühl, dieſer innere Frieden, dieſe ſtille dankbare Mylius. Für Frauenhand. I. 3 34 Zufriedenheit lagen auch auf dem Angeſicht und in dem ganzen Weſen des Kandidaten Stirnbrand zu Tage, als er erſt einige Wochen in den erſehnten Beruf eingetreten war, und ſich darin heimiſch gemacht hatte. Dieſer Friede ſprach mit be⸗ redter Kraft aus der ſchlichten ſchmuckloſen Darſtellung ſeiner eigenen Lebensverhältniſſe, die er am Tage ſeiner Inveſtitur vor Antritt ſeines Amtes, von den Stufen des Altars aus, der begierig horchenden Gemeinde vor Augen gelegt hatte. Dieſes Gefühl von Dank und Begeiſterung, womit er die wunderbare Gnade Gottes pries, die in ſeinem Leben gewaltet und ihn von dem armen Findelkinde, das einſt ein mitleidiger Mann dem gefährlichen Schlummer am Leinpfade eines tiefen Stroms entriß, durch die mannigfaltigſten Schickſale hinan⸗ geführt hatte bis zu der Kanzel, von welcher herab er ſo beredt und begeiſtert den Reichthum der Liebe und Erbarmung ver⸗ kündigen durfte, womit ſich der Lenker aller Menſchengeſchicke ſo ſichtbar an ihm bezeugt hatte,— dieſes Gefühl ſchlug zün⸗ dend in die Herzen ſeiner Zuhörer und gewann ihm in vielen Herzen ein Vertrauen, das ihm ihre Achtung unwandelbar ſicherte. Selbſt die Offiziere des Bewachungskommando's, ſonſt lauter junge Freidenker, konnten ſich nicht verhehlen, von dem ſelbſtgeſchilderten Lebenslaufe und noch mehr von der Predigt Stirnbrand's ſo tief angeregt worden zu ſein, daß ſie es ihm vergaben, wenn er vorerſt die Abendgeſellſchaft bei Bier und Taback mied, welche alle Beamte der Frohnveſte zu fixer Stunde und in unwandelbarem Lokale verſammelte. Sie fühlten, daß er ein beſonderer, ausgezeichneter und ſelten begabter Menſch ſei, eben weil er kein Sonderling war, ſon⸗ dern in Allem eine Offenheit und Natürlichkeit zeigte, die ſo ganz und gar auf alles Hervorkehren günſtiger Eigenſchaften 4 35 oder beſonderer Begabung verzichtete. Man verzieh ihm den Anſchein von Ungeſelligkeit, denn Jeder der Uebrigen, der ihn an jenem Tage auf der Kanzel geſehen und gehört, oder der ihn beobachtet, wie er in den Abendſtunden des Sonntags ſich mit den Sträflingen abgegeben, unter ihnen gewandelt, freund⸗ lich zu ihnen geſprochen, Dieſem ein kleines Buch gereicht, Jenem ein mildes Wort des Troſtes geſpendet,— der mußte ſich ſagen, daß einem Manne dieſer Art wie Stirnbrand die alltägliche, ja banale Unterhaltung am Biertiſche nichts be⸗ ſonders Anziehendes bieten konnte. Man ließ ihn alſo ge⸗ währen, und der alte Kommandant, der ſonſt am ſtrengſten darauf hielt, daß ſeine Untergebenen(wie er alle Bewohner der Frohnveſte nannte) ſich allabendlich um den Eichentiſch ſammelten, an dem er den Vorſitz führte, und vor Schlafen⸗ gehen gewiſſermaßen noch bei ihm eantraten', war dießmal am nachſichtigſten gegen den neuen Ankömmling geſtimmt.„Laßt mir ihn gewähren!“ ſagte er oft;„wird ſchon ſelber kommen, uns aufzuſuchen, wenn ihm mal der Reiz der Neuheit bei die Schlingels drüben vergangen iſt. Na, ich bin froh, daß wir 'mal'nen Pfaffen gekriegt haben, der Schneide hat. Iſt ein Mordkerl der Stirnbrand; hat mich weiß Gott mit ſeiner Geſchichte beinahe ſelber zum Flennen gebracht! Und die Menſchen kennt er; die Schlingels werden ihm kein X für ein U machen!“ So dachten die Männer; bekanntlich aber iſt die Wirkung, welche ein öffentlicher Charakter und namentlich ein beredter Kanzelredner auf die Frauen macht, eine noch weit größere, und„das ſämmtliche Frauenvolk auf Starnburg war“— mit des alten Majors Ausdrucksweiſe zu reden—„complet in den Bibelhuſaren verſchoſſen,“ und keine der Beamtenfrauen 3* 36 und Töchter, von der„Mamſell“ oder Wirthſchafterin des Kommandanten herab bis zu Jungfer Malchen, der Tochter oder Mündel der Frau Halling, welche die Koſtreichung für die Gefangenen und Sträflinge übernommen hatte, fehlte jemals in der Kirche, wenn Herr Stirnbrand Abendlektion oder Frühpredigt hielt. Seltſamerweiſe aber machte ſich der Kaplan den Vortheil nicht zu Nutze, welchen er bei den Frauen errungen hatte, denn er bediente ſich kaum der oft wiederholten Einladungen zum Beſuch im Familienkreiſe, welche er von der erſten Anſtandsviſite an von all den Frauen erhielt. Die Frauen aber ſind bei all ihrer Großmuth gegen ſolches Ge⸗ bahren nicht allzu nachſichtig, und in der Meinung, daß dahin⸗ ter doch etwas Apartes ſtecken müſſe, verbanden ſie ſich gleich⸗ ſam ſtillſchweigend, ihn genauer zu beobachten. Man forſchte bei dem Feſtungsboten, welcher den Verkehr mit dem nahege⸗ legenen Poſtamt beſorgte, an wen der neue Kaplan Briefe richte oder ob er viele und namentlich von weiblicher Hand empfange. Aber der alte Stelzfuß konnte ſich nicht erinnern, jemals mehr als Amtsbriefe oder etliche Male ein zierliches Billet an die Miniſterin von Rhodich aus den Händen des Kaplans empfangen zu haben, und die für ihn eingehende Correſpondenz beſtand meiſt nur in den ſchweren Briefen mit großen Amtsſiegeln und dem bekannten blauen Livree⸗Couvert der Kanzleien. Auf unbegreifliche Weiſe ging aber eines Tages das Gerücht von Mund zu Mund, Herr Stirnbrand bringe ſeine Huldigungen und widme einen Theil ſeiner Frei⸗ ſtunden beſagtem Malchen, der Tochter einer Frau, welche auf der ſozialen Rangleiter der Einwohnerſchaft von Starn⸗ burg ſo ziemlich eine der unterſten Stufen einnahm. Die Frauen der guten Geſellſchaft wollten erſt der neuen Kunde keinen Glauben ſchenken; als aber die eine und die andere Perſon des Mikrokosmus, den die freien Feſtungsbewohner bildeten, Zeugſchaft anbot, daß ſie ſelber Herrn Stirnbrand mit Jungfer Malchen im Geſpräch geſehen— die eine auf einem Spaziergang um den Wall, die andere plaudernd im Gärtchen, welches zur Amtswohnung gehörte, und zwar(was man nicht verſchweigen konnte) ſtets im Beiſein der Frau Halling — da ſeandaliſirten ſich die Frauen der beſſeren Stände ge⸗ waltig über dieſen Bruch der Etikette, und der Thermometer ihrer Theilnahme für den jungen Prediger ſank raſch um mehrere Grade.— „Unglaublich!“ ſagte die Majorin Lebret, die Schweſter des Kommandanten, welche eine verblühte Tochter von dreißig Jahren beſaß, eine ſchmachtende Blondine, die im Verein mit ihrer Mutter bislang nach jedem der Vorfahrer Stirnbrand's vergebens die Angel ausgeworfen;„was für ein Intereſſe mag er nur an dieſer Perſon' finden! Malchen iſt die Pflege⸗ tochter eines früheren Unteroffiziers und Chauſſeegeld⸗Ein⸗ nehmers, und kein Menſch weiß, woher die Perſon kommt!“ „Jenun, Mama, eben darin liegt vielleicht ein Anziehungs⸗ punkt für Herrn Stirnbrand!“ meinte Fräulein Eugenie mit einem mitleidigen Achſelzucken.„Er iſt ja ebenfalls ein Hei⸗ mathloſer, ein ehemaliges Findelkind!“ „Nun ja!“ ſagte die Majorin;„la caque sent toujours le hareng! Aber ich verbiete Dir, meine Liebe, in Zukunft wieder Bücher von ihm anzunehmen. Und Sie, mon frère!“ wandte ſie ſich an den Major,„Sie ſollten dem Herrn Prediger bedeuten, daß dieſer Umgang gar niäͤcht für ihn paßt, und ſeinem Anſehen bei den übrigen Honoratioren bedeutend Ab⸗ bruch thue!“ 38 „Das werd' ich wohl bleiben laſſen, Lene!“ ſagte der Major mit einem ſchadenfrohen Lachen.„Was kümmert's mich, was der Bibelhuſar in ſeinen Freiſtunden treibt! Er hat ja keine Seele auf der lieben Gotteswelt, die ſich ſeiner annimmt; da muß er wohl ein Mädel haben, das ihm ſeine Strümpfe ſtopft und die Hemden waſcht und die Stube ſcheuert, und dazu wirſt Du Dich wohl ebenſowenig verſtehen, wie Eugenie!“ „Pfui doch, Herr Bruder! wie unzart, vor Damen eine ſolche Sprache..... 4 „Höllendonner! ſo laßt mich in Frieden mit Eurem Kram!“ rief der Alte.„Malchen iſt ein ſchmuckes Ding, und der Bibelhuſar ein wackerer Kerl, und da werden ſie wohl Beide ſelber wiſſen, was Sie zu thun haben!“— Die Thatſache war aber unleugbar, und der Kaplan ſelber machte kein Hehl daraus. Die Berührung mit Frau Halling und ihrer Pflegetochter war auch unvermeidlich ge⸗ weſen. Jedem der Beamten war ein Theil des alten innern Wallgrabens, den man in Gärten verwandelt hatte, zur Nutz⸗ nießung zugewieſen worden. Auf die Pfarrerswohnung war ein kleines Stückchen auf der Abendſeite unter einer Baſtion zugetheilt, welche unmittelbar neben dem Gärtchen der Frau Halling lag, und dieſe hatte bei dem häufigen Wechſel in der Beſetzung der Predigerſtelle ſeither eine Art Gewohnheitsrecht der Nutznießung ausgeübt, und das verwahrloste Stückchen Land gemeinſam mit dem ihrigen angebaut. Stirnbrand, der keine eigene Wirthſchaft führte, ſondern ſich um billige Penſion von dieſer Frau verköſtigen ließ, hatte ſein Gartentheil ſchon angeblümt gefunden und daher nie Miene gemacht, ſeinen Beſitz anzutreten. Er dachte gerecht genug, um der Frau den 39 Ertrag dieſes Jahres nicht zu verkümmern. Eines Tages aber war Frau Halling in ſeiner Wohnung erſchienen, und hatte ihm ein Körbchen der ſchönſten Kirſchen und ein Teller präch⸗ tiger großer Gartenerdbeeren gebracht, die auf ſeinem Eigen⸗ thum gewachſen waren.„Sie haben ſcheint's keine Freude an Ihrem Gärtchen, Herr Prediger,“ ſagte ſie im Verlaufe des Geſprächs,„denn Sie haben es noch gar nicht betreten!“ Stirnbrand verſicherte ſie des Gegentheils und äußerte, nur Zartgefühl und die Abſicht, ſie nicht aus dem ſeither innege⸗ habten Gütchen zu verdrängen oder während ihres Aufent⸗ haltes daſelbſt zu beengen, habe ihn bisher fern gehalten. Frau Halling dagegen geſtand, wie es ihr ſeither eine wahre Verlegenheit geweſen, daß er ſich nicht um die Gemüſe, die Spargeln und dergleichen bekümmert und wie ſie den Ertrag eingeheimst habe, um die liebe Gottesgabe nicht zu Grunde gehen zu laſſen; ſie habe aber Alles, was ſie daraus gezogen, durch Malchen aufnotiren laſſen, um ihm den Geldwerth zu vergüten. Aus dem hiernach entſtandenen Wetteifer von Un⸗ eigennützigkeit zwiſchen Beiden ergab ſich eine Verſtändigung dahin, daß Frau Halling forthin wie bisher die Gemüſebeete benützen ſolle, während der Ertrag der Spalier⸗ und Obſt⸗ bäume und Rebſtöcke und die Benützung der Laube auf dem Parapet der Mauer Stirnbrand zufallen ſolle. Und da der Abend ſchön war, ſo ließ ſich der Prediger von der wackern verſtändigen Frau, die ſich ſeine volle Achtung erworben, ſo⸗ gleich in ſeine Domäne einführen. Stirnbrand war ange⸗ nehm überraſcht von der Zierlichkeit und Verſtändniß, womit jedes Fleckchen Raum im Wallgraben benützt war. Statt der Epheuranken, die die Feſtungsregel verpönte, weil ſie, gehörig erſtarkt, einem Gefangenen bei etwaigem Fluchtverſuch als 40 lebendige Leiter hätten dienen können„hatte Frau Halling ſchon vor Jahren die Mauern mit Obſt⸗ und Weinſpalieren von edlen Sorten bezogen. Ein beſcheidener, mit Geſchmack gruppirter Blumenflor erfreute das Auge, und auf dem An⸗ tritt hinter der Bruſtwehr der Mauer war eine trauliche Laube von Gaisblatt und Pfeifenſtrauch gezogen, die den Beſitzer der Neugier der Feſtungsbewohner ganz entzog, thalwärts aber einen herrlichen Ausblick auf fruchtbares Gefilde und die blaue Ferne bot, wie man ihn nicht lieblicher wünſchen konnte. Und in eben dieſer Laube ſaß jetzt, zur Zeit des Beſuchs Stirn⸗ brand's, ein Mädchen von etwa vierundzwanzig Jahren, eine ſchlanke Brunette, hochgewachſen und kräftig, auf deren friſchen Wangen das Incarnat der Geſundheit mit der lieblichſten Glut der Verlegenheit ſich paarte, gerade hier mit einem Buche überraſcht worden zu ſein. Das Mädchen, reinlich aber höchſt einfach gekleidet, wollte entfliehen; aber Richard hielt ſie ſanft am Arme zurück und ſagte:„Es iſt wohl Ihre Tochter, Frau Halling?“ ſagte er;„ich will hoffen, daß Sie ſich nicht ver⸗ treiben laſſen, ſonſt löſe ich den Vertrag augenblicklich wieder, liebe Frau! Dieſe Laube ſcheint ein Lieblingsplätzchen von Ihnen, und wenn Sie wirklich wollen, daß ich ſie ebenfalls benütze, ſo kann es nur dann geſchehen, wenn ſie zwiſchen uns Beiden gemeinſam bleibt. Hören Sie es, liebe Frau? nur gemeinſchaftlich, oder ich trete lieber ganz zurück!“ „Ich will keine Umſtände machen, Herr Stirnbrand,“ ſagte Frau Halling mit ihrer gewohnten Offenheit.„Ich nehme recht gerne Ihre Erlaubniß an, und Malchen wird auch zufrieden ſein, denn der Einfall, die Laube hier zu er— richten, rührt von ihr her. Sie hat ſie auch geſchaffen, und es war ihr Lieblingsplätzchen!“ 41 „Und ſoll es bleiben, wenn mir das Gärtchen Freude machen ſoll!“ ſagte der Prediger.„Wie grauſam wäre es, Ihnen den Ort zu rauben, wo Sie vielleicht Ihr einziges Vergnügen ſuchen und finden! Sie kommen wohl ſelten aus dieſen Mauern hinaus, mein liebes Kind?“ wandte er ſich an das Mädchen, welches in einer reizenden Verlegenheit zitternd und linkiſch da ſtand. „Kaum zwei⸗ bis dreimal im Jahre!“ entgegnete Malchen leiſe.„Wir haben im ganzen Lande nicht einen einzigen Bekannten!“ „Dacht' ich's doch, Sie ſeien hier fremd! Ihr Aeußeres und Ihre Mundart bekunden es. Da muß Ihnen das Plätz⸗ chen um ſo lieber ſein, wo man ſo ungeſtört ſitzen und von der fernen Heimath träumen und in Erinnerungen ſchwelgen kann!“ Er brach betroffen ab, denn über Malchens Züge flog bei ſeinen Worten eine tiefe Wehmuth, als habe er eine un⸗ liebſame Saite ihres Innern berührt. Der Schmerz gab ihren regelmäßigen ſanften Zügen einen eigenthümlich ergreifenden Ausdruck. „Ach, ſie hängt den Träumen an die Heimath oft nur allzu ſehr nach,“ ſagte Frau Halling.„Malchen leidet oft an Heimweh, das ich kaum mit aller Mühe bannen kann. Dann ſitzen wir gewöhnlich hieher und beten und ſingen zuſammen!“ „Es vergeht immer wieder, wenn meine liebe Mutter bei mir iſt!“ ſagte Malchen und zerdrückte zwei große Thränen. „Sie wiſſen Einem ſo ſchön und ergreifend zu Herzen zu ſpre⸗ chen, und geben mir immer Troſt von oben. Dann denke ich, das Heimweh ſei eine Sünde, denn der liebe Gott iſt ja überall!“ „Sie ſind alſo wohl eine Waiſe, und haben an Ihm den rechten Vater gefunden?“ fragte Stirnbrand theilnehmend. 42 „Ja, halten Sie ſich nur recht feſt an Ihn, mit aller Einfalt und Innigkeit Ihres gläubigen Gemüths, dann wird Ihnen auch die Wüſte und das fernſte Land zur Heimath!“ Seine Stimme ward unwillkürlich weich, denn die eigene Bruſt bot ein Echo für die Gefühle Malchens.„Auch mir,“ fuhr er fort und eine unwillkürliche Rührung riß ihn hin,„auch mir ſind die Stimmungen nicht fremd, wo eine unerträgliche, ſchmerz⸗ hafte Oede in das Herz einzieht und mir die Frage auf die Zunge legt, wo denn die Wurzeln ſeien, mit welchen ich in der Menſchengeſellſchaft hafte,— wo die Scholle, die ich meine Heimath nennen dürfe, wo das geſegnete Dach, unter welchem eine mir unbekannte Mutter mich geboren, wo ſie im Schmerz der Armuth und Verlaſſenheit mich der Hand des Vaters über den Sternen anempfohlen! Und wenn dann das Gefühl des Alleinſtehens und der unbefriedigte heilige Drang gegenſeitiger Liebe mich beinahe zu Boden drücken, pflegt mein Geiſt in⸗ ſtinktmäßig über jene Sonne hinaufzublicken nach dem Raume, wohin wir im frommen Glauben unſere vorangegangenen Lieben verſetzen, und mir iſt dann, als ſenkten ſich Geiſtergrüße von Jenſeits in mein Herz, die mich mit der tröſtenden Hoff⸗ nung auf ein ſpäteres Wiederſehen und mit der Ueberzeugung von der Allgegenwart des Vaters erfüllen, deſſen Liebe auch der Tod nicht brechen und deſſen Fürſorge für mich kein Men⸗ ſchenwille ſtören kann!“ Stirnbrand lehnte ſich mit dem Rücken an die Mauer⸗ bruſtwehr und ſchaute mit unwillkürlich gefalteten Händen das Mädchen an, das ihm mit bebender Aufmerkſamkeit zuhörte und allmälig, wie unbewußt, die feuchten Augen zu ihm auf⸗ ſchlug. Er ſchaute gedankenvoll hinein und ihm war, als habe er noch nie in einen ſolchen Seelenſpiegel geſchaut, als habe er 43 kein gewöhnliches Mädchen vor ſich. Es ſchoß ihm ein Bild durch den Kopf, als wäre vor ſeinen Augen aus unſcheinbarer Scheide eine prächtige Waffe vom beſten Stahl, mit lauterm Gold eingelegt, gezückt worden, ſo ſah er mit dem ahnenden innern Blicke Kraft und Weichheit, Zähigkeit und Biegſamkeit in dieſem jungen Weſen. „Sie müſſen dem träumeriſchen Heimweh nicht Raum geben!“ fuhr er fort, und dachte eigentlich nur laut.„Ihr Loos— ich kenne es freilich nicht— iſt nicht das unglücklichſte, mag auch die Gegenwart dürftiger und öder ſein als die Ver⸗ gangenheit. Sie haben doch noch eine Heimath, ein liebes Fleckchen Erde, das Sie kennen, das für Ihre Erinnerung ein Bild bietet, eine greifbare Wahrheit! Sie haben eine Mutter; wenn auch keine leibliche, ſo doch Eine, die mit nicht minderer Liebe Sie umfängt, die Ihnen die Stütze bietet wie der Pfahl dem jungen Baum, und die die lang aufgeſpeicherten, thatlos geſchlummerten Triebe und Dränge eines Mutterherzens auf diejenige überträgt, welche ſie für den Sproß der eigenen Bruſt entſchädigen ſoll, den ihr der unerforſchliche Rathſchluß der höchſten Macht verſagte!.... Ich dagegen weiß die Stätte nicht, wo ich geboren ward, ich erinnere mich nur dunkel, daß einſt eine Mutter über mir geweint und mich geherzt, aber wo und wann dieß geſchehen, iſt auf den Tafeln meiner Erinne⸗ rung ganz ausgewiſcht. Das war ſchon oft das herbſte Leid meines Lebens; aber wie kühlender Balſam legt ſich auf dieſe meine Wunde der Glaube, daß auch dieſes Loos die wohl⸗ bedachte Fügung eines ewigen Gottes iſt!“ „Hörſt Du? hörſt Du, Malchen?“ fragte Frau Halling unter Thränen;„ſiehſt Du wohl, daß es noch ärmere Herzen gibt?“ 1 „Ja wahrlich!“ ſagte Malchen und ergriff, von einem unerklärlichen Drange hingeriſſen, Richard's Hand, die ſie küßte und mit Thränen bedeckte.„Der liebe Gott ſchickt mir durch Sie dieſe Lehre; ich nehme ſie dankbar an. Nie will ich wieder zagen, denn ich bin ja noch glücklicher als Sie, trotz meinem Unwerth und Undank. O, Gott lohne es Ihnen! ich werde niemals wieder murren!“ Dann aber ließ ſie ſeine Hand plötzlich los, als fürchtete ſie etwas Unſchickliches begangen zu haben und ging langſam durch die Kaſematte der Baſtion da⸗ von. Frau Halling folgte ihr ohne Abſchied, denn auch auf ſie war ein erſchütternder Eindruck gemacht worden, der ſie über die Erinnerung an die Gegenwart und die geſelligen Rück⸗ ſichten hinaustrug. Als ſie ihre benachbarte kleine Wohnung erreicht hatte, fand ſie Malchen noch weinend in einen Stuhl zuſammengeſunken; das Mädchen ſprang aber bei ihrem An⸗ blick auf, warf ſich ungeſtüm an ihre Bruſt und ſchluchzte laut. —„Mutter, liebe Mutter!“ rief ſie endlich;„wie iſt der liebe Gott ſo gnädig, daß er uns dieſen Mann ſchickt! Ach, ich hätte vor ihm niederknieen mögen, um ihm zu ſagen: ſolch einen Freund hab' ich mir lange ſchon gewünſcht! Ich wußte nicht, wie mir war, aber ich muß mich recht albern gegen ihn be⸗ nommen haben!“ „Keineswegs, liebſtes Kind! nur etwas ungeſtüm warſt Du, und das wird der fromme, treffliche Herr ſchon zurecht zu legen wiſſen!“ ſagte Frau Halling.„Sieh, ich bin doch weit älter als Du, und mir iſt's nicht anders gegangen! Ich hätt’ ihm mögen um den Hals fallen und ihm ſagen: iicch, ich will Ihre Mutter ſein, und Sie ſollen keine beſſere haben können!' Aber er hat Etwas für mich, das mir Reſpekt einflößt, bei all der herzlichen Freude, die ich an ihm habe!— O Malchen! ſo 45 alt wäre ungefähr auch mein lieber ſeliger Wilibald, mein Schmerzensſohn!“ „Murren Sie nicht, liebe Mutter! Herr Stirnbrand hat Ihnen ja gezeigt, wo wir unſere Lieben wiederfinden, und Ihr Wilibald iſt beſſer aufgehoben.... als..... als mein armer Vater!“ Die beiden Frauen verſanken wieder in ſtilles Nachdenken, und Jede hing in leiſem Weinen ihren eigenen Gedanken nach.— Inzwiſchen lehnte der Prediger noch immer in der Laube an der Mauer und blickte gedankenvoll vor ſich hin oder auf ſeine Rechte, wo der laue Abendwind die Feuchtigkeit von Malchens Thränen trocknete, und dieſe Verdunſtung keine Kälte erzeugte, ſondern die leiſe zitternde Hand mächtig glühte, und die Glut davon gleichſam durch die Adern heraufſtieg in Arm, Schultern und Bruſt, bis in's Herz, wo ſie eine ungewöhnliche Beklemmung verurſachte.„Malchen! liebes, treues Weſen!“ flüſterten ſeine Lippen gedankenlos, und vor ſeinem Blicke ſchien noch immer ihr Bild auf der Bank und auf dem Boden, wie ſie ſeine Hand geküßt und mit Thränen bedeckt hatte, zu ſchweben, und ihm war, als fielen die heißen Tropfen darauf herab. Ihm war das Herz auf einmal ſo voll, ſo ſchwellend, wie er es noch nie gefühlt hatte, und ein holdes fremdes Etwas fand noch Raum in ſeinem Sinn, und ſchien ihn nicht mehr verlaſſen zu wollen. Halb träumend ging er nach Hauſe, und ſagte ſich:„Eine ſeltſame Art, Bekanntſchaft zu machen! Wir haben beinahe zuſammen geweint! Jenun, wenn's eine Saat war, die wir ſo unter Thränen eingelegt, ſo muß ſie nach der Schrift mit Freuden aufgehen!“ So hatte ſich die Bekanntſchaft angeknüpft. Beim nächſten Zuſammentreffen war nur Malchen eine kurze Weile verlegen 46 geweſen; allein ſchon das erſte Wort aus Richard's Munde hatte alle Befangenheit von ihrer Seite verſcheucht, und ſie verkehrte mit ihm ſchüchtern und züchtig, wie es einer Jung⸗ frau geziemt. Brauche ich wohl zu ſagen, daß eine Art mes⸗ meriſcher Wahlverwandtſchaft fortan häufiger dieſe drei Men⸗ ſchen zuſammenführte, und eben die Vereinſamung und das gleiche Loos, welche ſie ſozuſagen auf Ein Niveau ſetzte, ein Bindemittel ihres allerſeits liebgewordenen Umgangs ward? 4. So ſchwand der Sommer, und die Landſchaft zeigte be⸗ reits wieder die bunten Tinten herbſtlicher Färbung, als eines Tages ein eleganter Landauer den bedeckten Weg der Sternburg hinanfuhr. Er brachte den Grafen Rhodich, den einflußreichen Miniſter, nebſt ſeiner Gemahlin und ſeinen beiden Söhnen zum Beſuch bei Herrn Stirnbrand, bei welchem ſie auch ab⸗ ſtiegen, zum großen Verdruß der Frau Majorin von Lebret und ihrer Tochter. Es war Vormittags, und Stirnbrand war, nach ſeiner gewohnten Weiſe, nicht zu Hauſe, ſondern drüben in der Strafanſtalt, wo er bald in den großen Arbeitsſälen vorzuleſen oder zu den Herzen der Gefangenen zu reden pflegte, bald die zur Einzelhaft verurtheilten Gefangenen und die in Sicherheitshaft befindlichen in ihren Zellen aufſuchte. Frau Halling empfing daher den vornehmen Beſuch, welcher den Kaplan hatte überraſchen wollen, und ließ ihm durch Malchen des Kandidaten Wohnung aufſchließen. Dann wollte ſie fort⸗ eilen, um Stirnbrand zu holen. „Mit Wem habe ich denn die Ehre zu reden?“ fragte ſie verlegen;„ſehen Sie, gnädige Frau,'s iſt nicht aus Neugier, daß ich frage, ſondern nur um dem Herrn Pfarrer ſagen zu können... „Eben dieß wollen wir vermeiden, liebe Frau, entgegnete die Gräfin Rhodich milde;„laſſen Sie ihn nicht wiſſen, wer ihn ſprechen will, ſondern ſagen Sie ihm nur obenhin: es ſeien Gäſte zum Beſuche da.— Nicht wahr, Sie thun mir dieſen Gefallen? Wir wollen ihn nicht in ſeinen Amtsgeſchäf⸗ ten ſtören!“ „Um aber Ihre Neugier zu befriedigen, liebe Frau,“ ſagte der Graf lächelnd,„und weil ich Sie ebenfalls um eine Ge⸗ fälligkeit bitten möchte, ſo nehmen Sie dieſe Viſitenkarte und geben Sie ſie gefälligſt bei dem Herrn Kommandanten drüben ab!“ Frau Halling knixte devot und nahm die Karte, konnte aber nicht umhin, einen genauen Blick darauf zu werfen. Ihr Erſtaunen war ſo unverkennbar, daß ſie ihm ſogleich Worte geben mußte.„Malchen,“ flüſterte ſie dem Mädchen zu, das noch halb verlegen zögernd zwiſchen Thür und Angel ſtand: „Es ſind Graf Rhodichs! Denke Dir, ſie beſuchen ihn!“ Eine dunkle Röthe überflog auf einen Augenblick Malchens Wangen, ſchwand aber raſch wieder und ſie warf noch einen ſcheuen Blick auf die gräfliche Familie, bevor ſie der Pflegemutter folgte. Aber die Gräfin rief ſie noch einmal zurück, und ſtellte einige Fragen über ihre eigenen und Herrn Stirnbrand's Verhält⸗ niſſe an das ſchüchterne Mädchen, welches anfänglich zaghaft und befangen antwortete, dann aber unter dem milden Zu⸗ ſpruch der Gräfin immer mehr aufthaute und endlich unwill⸗ kürlich die Koſten des Geſprächs allein trug, da es galt, der leutſeligen hohen Frau über das ganze Leben und Treiben ihres Schützlings genaueſte Auskunft zu ertheilen. 48 Mittlerweile war die Nachricht von der Ankunft des mäch⸗ tigen Miniſters wie eine Bombe in die Kommandantenwohnung gefallen. Der Lieutenant von der Wache hatte nicht ſobald die Meldung eingeſchickt gehabt, als dieſer ſchon die Karte des Grafen auf dem Fuße folgte.„Er kommt zu uns, der Graf?“ fragte der Major, aus ſeiner Behaglichkeit ganz elektriſch auf⸗ gerüttelt.„Rede Sie, Frau Halling! kommt er zu uns?“ „Halten zu Gnaden, Herr Major! davon haben der Herr Graf Nichts geſagt,“ verſetzte Frau Halling;„ſie ſind drüben beim Herrn Pfarrer Stirnbrand abgeſtiegen!“ „Welche ſie? wer denn?“ rief der Major, der ganz ver⸗ wirrt ſchien. „Jenun, die Excellenzen, Herr Major!“ entgegnete Frau Halling, welcher der Boden ſelber unter den Füßen brannte. „Der Herr Graf, die Frau Gräfin, und die zwei gnädigen jungen Herren!“ „Da muß ich hinüber und meine Aufwartung machen, nicht wahr, Lene?“ wandte ſich der Major an ſeine Schweſter. „Ei freilich, und Du wirſt ſie zum Diner einladen! Ach liebe Zeit! und womit ſie bewirthen, mon frère? Wir können ihnen doch nicht Weißkohl und Pökelfleiſch anbieten, und hier oben iſt nichts Anderes zu haben.... Rathe mir nur, lieber Auguſt, was ſoll ich thun!“ „Schweigen— mich in Ruhe laſſen!“ rief dieſer über⸗ laut.„Höllendonner! was geht mich die Küche an? Biete, was Du haſt, und laß mich in Ruhe. Weiß ich doch wahrlich ſelbſt kaum, wo ich anfangen ſoll. Heda, Stapf!“ rief er ſei⸗ nem Burſchen zu;„die Uniform! Du Millionhund! die Uni⸗ form, oder Dich ſoll..“ Und nun erſt die Scene, die dann folgte; wie die Majorin 49 Lebret ganz wie toll die Frau Halling in ihr Wohnzimmer hineinzerrte, ſie zmit einem betäubenden Schwall von Fragen beſtürmte und doch nur mit halbem Ohr auf die Beantwortung derſelben hörte, weil ſie bald mit Schürze und Lappen Möbeln abwiſchte, dann wieder Eugenien tauſenderlei Befehle und Weiſungen wegen der Toilette und des Diners gab, auf welche dieſe ebenfalls nicht hörte, weil auch ſie die arme Frau Halling mit Fragen beſtürmen wollte! Wie der dicke Major endlich in den Uniformsrock hineingelangte, aber in der Eile des Zu⸗ knöpfens die falſchen Knopflöcher wählte, dann den Degen verkehrt einſteckte und dergleichen, und wie er, als ihn Stapf ſchadenfroh auf dieſe Verſehen aufmerkſam machte, dieſem voll Wuth die Schuld davon auf den Kopf gab, wie er den Uni⸗ formshut überall ſuchte und ihn endlich unter ſeinem Schlaf⸗ rocke fand, womit er ihn in der Eile zugedeckt hatte; wie er dann endlich über den Wall nach der Wohnung des Pfarrers hinüberging, und erſt auf der Treppe bemerkte, daß er ver⸗ ſchwärzte Handſchuhe angelegt ſtatt der neuen, die er ſich aus der Kommode genommen, und wie er ſchon wieder umkehren wollte, als ihm der Graf ſelber entgegenkam und ihn begrüßte; wie die Majorin Lebret zwei Soldaten kommandirte, daß ſie ſchnell die Beſuchszimmer aufräumten, und wie ſie dann, in der haſtigen Sorge um ihre Toilette und um das Diner, welches ſie für die vornehmen Gäſte extemporiren ſollte, mit gar Nichts fertig wurde, und wie endlich, als ſie gehörig geſchnürt, ge⸗ ſchminkt, in Putz geworfen und all ihrem Geſchmeide und einer Tour falſcher Locken behangen vor dem Spiegel ſtand, und voll Ungeduld mit ihrer Eugenie, die vor dem andern Spiegel graciös⸗devote Knixe einübte, auf den Platzadjutanten Ober⸗ lieutenant Heinefetter wartete, welcher die beiden Damen zum Mylius, Für Frauenhand. I. 4 50 Grafen hinüber begleiten ſollte, von ihrem Bruder aus durch Frau Halling's Malchen die Nachricht erhielt, daß die Herr⸗ ſchaften nicht bei Majors ſpeiſen würden, ſondern ein Frühſtück mitgebracht hätten; daß ſie eben jetzt die Strafanſtalt beſich⸗ tigten, und darnach und nach eingenommenem Imbiß wieder abreiſen müßten. Ein Kaufherr, der ſein Schiff Angeſichts des Hafens mit all ſeinen Schätzen ſcheitern ſieht, kann nicht wohl eine troſtloſere Miene machen, als die Majorin Lebret, die nun all die ſchönen Pläne vereitelt ſah, welche ſie auf dieſe Bekannt⸗ ſchaft mit der Gräfin für ihre Eugenie gebaut hatte. Graf Rhodich war in der Abſicht gekommen, unſern jun⸗ gen Bekannten Stirnbrand ſeinem geiſtlichen Berufe wieder untreu zu machen. Seine beiden Söhne hatten ſo eben ihre Univerſitäts⸗Studien vollendet, und ſollten nun eine größere Reiſe durch Deutſchland, Italien, Frankreich und England machen, um nach der Rückkehr von derſelben in's praktiſche Leben einzutreten— der Eine in das Heer einer deutſchen Großmacht, der Andere in das Juſtizdepartement eines Nach⸗ barſtaats. Der Miniſter hätte gar zu gern ſeinen längſtgeheg⸗ ten Plan, den beiden Jünglingen ſeinen erprobten Hausfreund Stirnbrand als Mentor mitzugeben, in Erfüllung gehen ge⸗ ſehen, und dieſen Zweck zu erreichen, war die Hauptabſicht ſeines perſönlichen Beſuchs. Als die Familie des Miniſters nach Beſichtigung der Strafanſtalten mit dem Prediger auf dem Walle ſich erging, beſtürmten ihn Alle, er möchte doch dieſer Bitte des Miniſters und ſeiner beiden Söhne willfahren. Seine Stelle ſollte ihm ſpäter wieder eingeräumt werden, wenn er nicht eine anderweitige Anſtellung vorzöge. Das Anerbieten hatte ſchon an ſich viel Verlockendes für einen Mann von Stirnbrand's Alter und Bildungsſtufe. Die Welt 51 zu ſehen, die Schönheiten der Natur unter verſchiedenen Zonen, die Denkmäler der Kunſt des Alterthums und des Mittelalters, wie ſie in Italien, und die Schöpfungen der Civiliſation, wie ſie in den verſchiedenen Hauptſtädten Europa's ſich ſeinem Auge bieten mußten, ſich alle Kreiſe, ja ſelbſt die höchſten, ge⸗ öffnet zu ſehen,— das erſchien auf den erſten Blick ſehr an⸗ ziehend. Es begegnete geheimen Wünſchen, die Stirnbrand in früheren Tagen der Armuth oft ſehnlichſt gehegt hatte. Einen Augenblick ſchwankte er, unſchlüſſig gemacht durch die Bitten ſeiner Zöglinge und ihrer Mutter, durch den Gedanken, er werde ſich durch eine abſchlägige Antwort dem Schein einer Undankbarkeit gegen ſeine Wohlthäter ausſetzen. Dann aber raffte er ſich auf und beſchloß, dieſen Entſchluß nicht raſch zu faſſen, ſondern, wie er oft in verfänglichen Lagen ſeines Lebens gethan, in ernſtem Nachdenken und innerer Sammlung zu berathen. „Excellenz,“ ſagte er endlich mit eigenthümlichem Ernſte, „laſſen Sie mich keinen übereilten Beſchluß faſſen, der mich mit meinem Gewiſſen in Conflict brächte! Haben Sie die Ge⸗ wogenheit, mir nur drei Stunden Bedenkzeit zu geben,“ fuhr er fort, als er eben die Trommel rühren hörte, um die Gar⸗ niſon zur gewohnten Mittagsparade unter's Gewehr zu rufen. „Sie haben Ihre Abreiſe auf drei Uhr feſtgeſetzt. Vergönnen Sie mir, daß ich Ihnen um dieſe Stunde meinen Entſchluß kundthue!“ „Topp! Sie werden meine Hoffnung nicht vereiteln, lieber Stirnbrand!“ verſetzte der Miniſter;„und nun laſſen Sie uns zum Frühſtück gehen!“ Die Gräfin hatte den Major und ſeine Hausgenoſſen und den Juſtitiar der Strafanſtalt zum Frühſtück einladen laſſen . 4* 52. und die Stübchen des Pfarrers hatten noch gar nie ſolch vor⸗ nehmen Beſuch geſehen. Die Gräfin wußte mit der ihr eigenen Anmuth die Wirthin ſo zu machen, daß aller Zwang verbannt blieb und die traulichſte Stimmung herrſchte. Beſonders bot ſie Alles auf, Herrn Stirnbrand die hohe Achtung und das Vertrauen, welche ſie für ihn hegte, fortwährend recht ge⸗ fliſſentlich zu bethätigen. Allein trotzdem blieb er ſchweig⸗ ſamer und ernſter als in der erſten Stunde des Wiederſehens. Es kämpften in ihm zwei Mächte: der leibliche Menſch mit ſeiner Selbſtſucht und Menſchenfurcht, und das ſtrengere Ge⸗ wiſſen, das nur die höhere Pflicht gegen den Himmel kennt. So blieb er bis gegen zwei Uhr. Dann aber nahm er einen Augenblick wahr, wo er ſich weniger beachtet glaubte und eilte in ſein Gärtchen in die Laube hinab. Hier ſandte er den Blick hinaus in die Ferne oder in den Zug der fliehenden Wolken, und ging mit ſich ſelbſt und Dem, auf welchen er all ſein Glück und ſeine Hoffnungen ſetzte, zu Rathe. Er überblickte ſeine Erfolge in dem Amte, das er nun ſeit nahezu ſechs Monaten bekleidete, und ein ſtrenges Urtheil gegen ſich ſelbſt ſagte ihm, daß er leider noch wenig Thatſächliches aufweiſen konnte, was ſeine Wirkſamkeit vor der ſeiner meiſten Vorgänger aus⸗ zeichnete— er konnte ſich nicht ſagen, ſchon Eine Seele ge⸗ rettet zu haben. An ſeinem guten Willen hatte es nicht gefehlt; wie aber, wenn es ihm an den ſonſtigen Eigenſchaften fehlte? wenn er einem geeigneteren, befähigteren Geiſtlichen den Platz verſperrte? Aus dieſem Zweifel an ſich ſelbſt war er ſchon nahe daran, des Grafen Wunſch zu entſprechen; nur erhob ſich dagegen in ſeinem Innern das andere Bedenken: ob er nicht allzu muthlos ſei, daß er das begonnene Werk darum verlaſſe, weil er noch keine greifbaren Beweiſe ſeines Erfolges geſehen 53 habe? Dieſe beiden widerſtreitenden Zweifel verſetzten ihn noch in peinlichere Unruhe. Da bat er endlich im Stillen den Lenker aller Geſchicke um einen Wink und Fingerzeig aus dieſem Wirrſal, und ging gedankenvoll auf dem Auftritt der äußern Mauer auf und nieder. Noch hatte er die Länge ſeines Gartens nicht ein Dutzendmal zurückgelegt, als er ſich von der Baſtion aus gerufen hörte. Aufblickend gewahrte er Gußmann, den Aufſeher der Strafgefangenen, und neben ihm Malchen, die ſchüchtern zu ihm herunterſchaute und die Hand über die Augen hielt, als ob ſie dieſelben vor der Sonne ſchützen wolle. „Was wünſchen Sie von mir, Herr Gußmann?“ fragte Stirnbrand. „Vergebung, Herr Pfarrer!“ verſetzte der Aufſeher, ver⸗ legen die Mütze in der Hand drehend,„'s iſt'ne eigne Sache, die wir beſſer da unten beſprechen, wenn ich ſo frei ſein darf.“ „Bitte, kommen Sie— ich bin zu Ihren Dienſten!“ „Ich komme Ihnen wohl ungelegen, wo Sie heute ſo hohen Beſuch haben; aber ich kann nicht anders— gleichviel ob der arme Kerlſpinnt) oder nicht, ich konnte ihm ſeine Bitte nicht abſchlagen, daß er endlich„mal Ruhe gibt!“ ſagte Gußmann halb gedankenvoll. „Von wem reden Sie denn? wer ſendet Sie denn ei⸗ gentlich?“ „Ah ſo, das hätt' ich nahezu vergeſſen!“ ſagte Gußmann; „jenun, der Strafgefangene in der Einzelzelle Nr. 28, den die Anderen nur den Schiffertom nennen.... Sie erinnern ſich doch? Derſelbe, welcher im vorigen Winter beide Beine ge⸗ *) Im Provinzialidiom ein bildlicher Ausdruck für Schwermuth oder Anfall von Wahnwitz in Folge von fixen Ideen. 3211 brochen hat bei dem verunglückten Fluchtverſuch auf der Nord⸗ baſtion. Er, er ſchickt mich und läßt Sie dringend bitten, ihn doch einmal zu beſuchen, und noch heute Abend, wenn es ſein kann, um die Stunde, wo er aus dem Arbeitslokal in ſein⸗ Zelle kommt!“ .„Der Schiffertom? dieſer rohe hartgeſottene Menſch, der ſeither jede Annäherung von meiner Seite hartnäckig und mürriſch zurückgewieſen hat?“ fragte Stirnbrand verwundert und ſah den Aufſeher fragend an. Gußmann nickte bejahend.„Ja, nicht wahr, das wundert Sie ebenfalls, Herr Pfarrer!“ ſagte er.„Aber es iſt ſo, auf mein Wort! Er hat mich ſo gebeten und gefleht, daß ich nicht umhin konnte, ſogleich zu Ihnen zu gehen, nachdem meine Schur(jour) um war. Er meint, er müſſe mit Ihnen reden, er müſſe Ihnen Etwas beichten, was ihm hier, hier in der Bruſt brenne wie heißes Pech!“ Ueber Richard's Züge flog auf einmal eine Heiterkeit, welche den Aufſeher betroffen machte.„Gottlob! nun kenne ich meine Pflicht!“ flüſterte er mit einem raſchen Dankesblick nach oben.„Und wann wird der Strafgefangene von der. Ar⸗ beit frei? und wie kommt es, daß gerade Er, den ich für den Fühlloſeſten hielt, ſo angeregt iſt!“ fuhr Richard haſtig fort. „Sehen Sie, das ging ſo zu,“ erwiderte Gußmann;„die Schlingel wiſſen Alle, daß ich nicht ſo ganz hart und bomben⸗ feſt gegen Rührungen bin, wie ich wohl ſein wollte, und wie es meine Kollegen ſind. Aber was kann ich dafür? Man iſt halt eben Menſch und nicht gerade zum Zuchthauswärter ge⸗ boren! Da paſſen denn die Kerle, wenn Einer etwas auf dem Herzen hat, die Zeit ab, wann ich die Schur(du jour) bin und tragen mir ihre Anliegen vor. Wie ich nun heute nach dem 55 Eſſen im Arbeitsſaal am Schiffertom vorübergehe, winkt er mir mehrmals mit den Augen. Anfangs thu' ich, als ſäh' ich's nicht; gucke mir den Kerl aber von der Seite an, und ſiehe da! er kommt mir ganz anders vor. Sein eines Auge ſuchte allzeit den Boden, ſtatt daß es, wie ſonſt, trotzig und frech mich anſtiert, und ſein braunes Pockengeſicht iſt ungewöhnlich lang.“ Ich denke, der Mann iſt krank. Nach einer Weile ruft er mich bei Namen und will auf einen gewiſſen Ort geführt ſein— Sie wiſſen, man muß ihn zu Zweien führen, weil ſein eines Bein ganz lahm iſt. Ich winke Zweien, ihn hinauszuführen, aber wie er unter der Thüre an mir vorübergeht, flüſtert er mir zu:„Nur zwei Worte allein, Herr Gußmann! Schicken Sie die Anderen hinein; ich laufe nicht davon!“ Soviel hat er noch nie in Einem Male geſprochen, ſeit wir ihn hier haben. Ich ſeh' ihn an— dem Burſchen zittert und zwinkert das eine Auge, und mir kommt er vor wie ein umgewendeter Handſchuh. Auf der Bank an der Treppe laß ich ihn niederſitzen, weil er laut über Uebelkeit klagt, und ſchicke die Anderen hinein. Da hat er mich denn eine Viertelſtunde lang mit gerungenen Hän⸗ den gebeten und Worte gemacht— Worte, ſag' ich Ihnen, die ich hinter dem Kerl nicht geſucht hätte— ich ſolle ihm aus der Seelenangſt helfen und ſeine Seele nicht verderben, und ihn nicht um den Troſt berauben, daß er ſein Gewiſſen erleichtern und ſeine Sünden bekennen dürfe.— Ich geſtehe, es hat mich ordentlich wie Eis überlaufen....“ „Und um welche Stunde wird er von der Arbeit frei?“ fragte Richard mit geſteigertem Intereſſe. „Mit Einbruch der Nacht,“ erwiderte Gußmann, und fuhr ſogleich wieder fort:„Anfangs hielt ich Alles für eine Finte— wir kennen ja ſolche Tücken— aber nach und nach 56 kam mir's doch vor, als ob es dem Kerl Ernſt ſei mit dem Reu⸗ und Leid⸗machen, denn er geberdete ſich, als brenne ihn ſchon der Höllenpfuhl in's Genick. Glauben Sie mir, Den hat nur die lange Einzelhaft ſo gemacht, d. h. entweder zum Narren oder zum bußfertigen Sünder— ich will noch nicht ſagen, was eigentlich an ihm iſt. Denn noch vor Jahr und Tag hörte man von ihm Nichts als Gottesläſterungen, ſo oft er den Mund aufthat, und nun duckt er zuſammen, wie ein gepeitſch⸗ ter Hund!“ „Und er will alſo wirklich beichten?“ fragte Richard. „So ſagt' er— und er thut's, geben Sie Acht! Aber ich ſag' Ihnen: er hat ſich faſt ſo leidenſchaftlich geberdet und ſo unzuſammenhängend herausgeſchwatzt, daß ich beinahe be⸗ haupte: er ſpinnt. Aber ſoviel iſt wahr! größere Angſt und größern Jammer habe ich noch ſelten an einem Menſchen geſehen!“ 8 „Sagen Sie ihm: ich komme,— eher noch vor der Zeit, wenn ich darf,— ich komme, ſobald meine Gäſte fort ſind!“ rief Richard und drückte dem Aufſeher warm die Hand.„Ich danke Ihnen, daß Sie mich ſogleich davon in Kenntniß geſetzt haben— ich komme, ich komme bald!“ Mit dieſen Worten eilte er durch die Kaſematte und auf den Wall, um in ſeine Wohnung zurückzukehren. Als er über die Brückentreppe ging, holte er Malchen ein und bot ihr guten Tag. „Leben Sie wohl!“ flüſterte ſie. „Warum ein Lebewohl?“ fragte er, ſich raſch umwendend, „gehen Sie von hier fort, Malchen?“ „Nicht ich, wohl aber Sie!“ „Ich?“ fragte Richard;„wer ſagt das?“ „Die Herrſchaften droben— Frau Halling hat's aus 57 ihrem eigenen Munde!“ Malchen blickte ihn ſchüchtern for⸗ ſchend an, und als ihrem Blicke der ſeinige offen begegnete, erheiterten ſich ihre blaſſen verſtörten Züge, und Richard be⸗ merkte nun erſt eine ungewohnte Aufregung, ein unruhiges Heben und Senken der Bruſt an dem Mädchen. „Was iſt Ihnen, liebes Kind?“ fragte er theilnehmend; „Sie ſind ſo ganz anders als ſonſt? Sind Sie unwohl?“ „Hm, ja,— nein— das heißt— ich bin nur ſtark ge⸗ gangen, um Sie zu beſuchen, als Herr Gußmann vorhin nach Ihnen fragte!“ ſtammelte Malchen über und über erglühend; „aber ich komme nun wieder zu Athem!“ „Und wie fanden Sie mich gerade im Gärtchen? ſahen Sie mich hinuntergehen?“ „Ja.... nein!.... das heißt, ich ſah Sie über den Wall gehen und da dacht' ich: nun geht er, von dem lieben Fleckchen und der ſchönen Ausſicht Abſchied zu nehmen, weil er fort will!“ „Fort will?“ fragte Richard, mit beſonderer Betonung. „Aber ich will nicht fort, ich will und werde bleiben!“ „Iſt das wirklich wahr?“ entfuhr dem Mädchen unwill⸗ kürlich und in einem ganz eigenthümlichen Tone. „Gewiß und wahr!“ ſagte Richard ernſt;„und es freut Sie wohl, Malchen, daß ich bleibe?“ ſetzte er leiſer hinzu. Sie ſtand auf's Neue verlegen und mit Gluth übergoſſen. „Jenun, mich natürlich,“ ſagte ſie langſam und mit Bedacht, „Niemand unter allen Bewohnern der Frohnveſte würde Sie wohl gern verloren haben,— das wiſſen Sie recht gut!“ Damit eilte ſie raſch an ihm vorüber, und er blickte ihr lange nach. Ein ſeltſamer Gedankenzug dämmerte in ihm auf. Als er aufblickte, ſah er den jüngſten ſeiner Zöglinge am 58 Fenſter.„Wir vermißten Sie, lieber Stirnbrand,“ rief er herunter.„Der Zeitpunkt der Abreiſe naht— Sie haben ſchon Abſchiedsbeſuche gemacht— um ſo beſſer!“ Als er hinaufkam, empfahlen ſich die Schweſter und Nichte des Kommandanten ſo eben. Der Graf kam Richard lächelnd entgegen:„Nun, mein Zögerer, wie fällt der Beſcheid aus L4 fragte er. „Ich muß bleiben!“ entgegnete Stirnbrand;„verkennen, mißdeuten Sie die Motive meines Entſchluſſes nicht, Excellenz. Auf die Gefahr hin, vor Ihnen und den Ihrigen in einem ungünſtigen Lichte zu erſcheinen, muß ich dieſes lockende An⸗ erbieten ausſchlagen. Ich könnte damit vielleicht Ihre Gunſt und reiche Genüſſe für meinen Verſtand und meine Phantaſie erkaufen, aber ich müßte meinen Seelenfrieden, die Ruhe meines Gewiſſens verſcherzen, und dieſes Opfer dünkt mich zu groß!“ Die Gräfin und ihre Söhne beſtürmten ihn auf's Neue, um ſeinen Entſchluß zu erſchüttern. Aber er blieb feſt. „Ich bitte Sie, Frau Gräfin!“ ſagte er;„drängen Sie nicht weiter in mich. Sie müßten ja unendlich klein von mir denken, wenn Ihre Bitten meine Beweggründe über den Haufen würfen!“ „Was aber hält Sie hier denn um's Himmelswillen ſo unzerreißlich feſt, lieber Stirnbrand?“ fragte der Graf be⸗ treten. „Mein Beruf, Excellenz, der innere wie der äußere; meine Miſſion!“ „Und die blauen Augen jener Blondine, nicht wahr?“ fügte die Gräfin lächelnd hinzu und deutete auf die Majorin und ihre Töchter, welche ſo eben über den Hof gingen 59 „Gewiß nicht, gnädige Frau!“ betheuerte Richard faſt verlegen, und erröthete unwillkürlich. „Ich möchte eher das braune Augenpaar anklagen, dem Sie vorhin drunten ſo gedankenvoll und ſchwärmeriſch nach⸗ blickten!“ rief Graf Oscar neckend.„Dort iſt gewiß der Magnet, der Sie hier hält!“ „Malchen?“ fragte Richard,„o nein! das arme Kind träumt nicht davon!“ „Aber Sie deſto mehr von ihr, lieber Herr Stirnbrand, oder ich verſtehe mich ſchlecht auf Phyſiognomie!“ „Herr Graf, der Scherz war bitter!“ ſagte Richard; aber der Miniſter, welchem die unangenehme Wendung nicht ent⸗ ging, die der ganze Auftritt nehmen zu wollen ſchien, trieb zum Aufbruch und ſagte:„Wir dürfen nicht mehr weiter in Sie drängen, lieber Freund, oder wir würden Sie beleidigen. Ich gehe zwar um eine ſchöne Hoffnung ärmer, aber nicht um einen Deut theilnahmsloſer oder mit geringerer Achtung für Sie. Die allgemeine Hochachtung, die Sie ſich hier erworben, rechtfertigt Ihren Entſchluß. Aendern Sie ihn einmal, ſo vergeſſen Sie nicht, daß meine Achtung und Freundſchaft für Sie unwandelbar geblieben ſind!“ Der Wagen ward vorausgeſchickt an den Fuß des Ber⸗ ges, und Richard begleitete noch ſeinen Gönner und deſſen Familie bis hinunter. Der Abſchied war herzlich; mit heißen Segenswünſchen trennte ſich der Pfarrer von ſeinen früheren Zöglingen, und einen Augenblick trat ihm der Wunſch vor die Seele, ſie begleiten zu dürfen. Er hob ſie in den Wagen und drückte noch Allen die Hand; als er an Oscar kam, hielt ihn dieſer feſt und ſagte launig:„Wenn's möglich, lieber Freund, ſo verſchieben Sie die Hochzeit mit dem hübſchen Malchen bis 60 zu unſerer Rückkehr, nicht wahr? Es wäre nicht ſchön von Ihnen, wenn Sie uns Ihren Chrentag nicht mitfeiern ließen!“ Damit lachte er herzlich auf, als ob er hinter dieſem Scherz bergen wollte, wie nahe ihm der Abſchied ging. Der Wagen rollte von dannen und als eine Krümmung der Straße ihn den Augen des Pfarrers entzog, wandte er ſich wieder nach dem bedeckten Weg und dem Feſtungsthore. Das Gefühl ſeiner Einſamkeit, ſeines Alleinſtehens in der Welt überkam ihn fühlbarer, lebhafter als je, während er wieder hinanſtieg, und vom erſten Wall aus mit den Blicken dem Wagen ſeiner Gönner folgte, der, von einer Staubwolke be⸗ zeichnet, zwiſchen den Bäumen der Landſtraße bald auftauchte bald verſchwand. Da fiel ſein Blick auf die Kettenſträflinge, die unten im Graben arbeiteten, und er gedachte an den Schif⸗ fertom und deſſen Anliegen, und beſchloß, ihn ſogleich aufzu⸗ ſuchen. Es wird ſeine Bangigkeit abkürzen und mir ſelbſt eine willkommene Ablenkung meiner Gedanken geben! ſagte er ſich, und ſchritt droben der Strafanſtalt zu. Der Schließer ließ ihn ſogleich in den großen Arbeitsſaal und einer der Aufſeher be⸗ zeichnete ihm den Ort, wo der Gefangene ſaß. Es war an einem Ende des Saales, der allen Inſaſſen desſelben ſichtbar war. Schon der Eintritt des Pfarrers zu ſo ungewohnter Stunde erregte unter den Sträflingen Aufſehen und Aller Augen hefteten ſich auf ihn, um den Zweck ſeines Beſuchs zu erfahren. Der Schiffertom, ein ungeſchlachter Mann von nahezu ſechszig Jahren, breitſchulterig aber durch Alter etwas vorge⸗ beugt, einäugig, das Geſicht von Blatternarben verunſtaltet und durch einen wilden Bart halbverdeckt, ſaß vor einer kleinen Maſchine, worauf Beinknöpfe gedreht wurden. Ein junger 64 Nenſch, ebenfalls Sträfling, trat das Rad der Maſchine und ſchob die Beinröhren unter die kleine Säge, welche ſie zer⸗ theilte. Schiffertom hatte den Pfarrer nicht ſobald in den Ar⸗ beitsſaal treten ſehen, als ſich ſeiner eine gewiſſe Unbehaglich⸗ keit bemächtigte; ſein Athem hob ſchneller und hörbar die breite Bruſt, er räuſperte ſich verlegen und blickte rechts und links, um immer wieder mit ſeinem Blick auf denjenigen Gegenſtand zurückzukehren, dem er ausweichen wollte. Mit wachſender Unruhe ſah er Herrn Stirnbrand näher, ja endlich gerade auf ihn zukommen. „Holla, Junge! ſpute Dich und gaffe nicht!“ ſagte er zu dem Gefangenen, der das Rad trat, ſo barſch und rauh als möglich. Er wollte gerade in dieſem Augenblick ſtark erſchei⸗ nen, und darum brach er das Gebot des Schweigens. „Guten Abend, mein Freund! Ihr ſeid noch fleißig?“ redete ihn der Pfarrer an. „Muß wohl!“ verſetzte Tom barſch. „Ich dächte, Ihr könntet nun die Arbeit einſtellen, wenn es der Herr Aufſeher erlaubt!“ fuhr Richard fort;„ich bin erbötig, Euch das Gehör zu ſchenken, das Ihr verlangt habt, und will mit Euch hier oder in Eurer Zelle reden,— je nach Eurem Wunſche!“ Schiffertom zuckte zuſammen, als hätte er auf eine Schlange getreten, und die ihm nächſten Sträflinge blickten ihn betroffen, höhniſch oder fragend an; der junge Sträfling⸗ am Rade grinste ihm in's Geſtcht. Endlich brummte Tom etwas in den Bart. „Sprecht, mein Freund! ſoll ich Euch in Eure Zelle fol⸗ gen? oder wollt Ihr auf dem Flur mit mir reden? —-———— 62 „Laßt mich! will Nichts von Euch!“ brummte Tom. „Nun, nun? Ihr habt ja nach mir geſandt, mein Freund? Ich komme ja auf Euren Wunſch, um mich mit Euch über Dinge zu beſprechen, die Euch auf dem Gewiſſen liegen!“ „Auf dem Gewiſſen?“ lachte der Sträfling gezwungen; „hahaha! Gewiſſen?— Schnickſchnack! hab' mein Lebtage kein Gewiſſen gehabt... Kenn' Euch, Pfaffe; will Euch nicht! laßt mich in Ruhe fortarbeiten, daß ich meine Aufgabe fertig kriege!“ Richard war betreten. Der Gefangene hatte nicht aufzu⸗ ſchauen gewagt und doch eine fiebernde Unruhe an den Tag gelegt. „Scheut Euch nicht, die Regung zu bekennen, welche liber Euren verſtockten Sinn ergangen iſt, lieber Freund!“ ſprach der Pfarrer mild und eindringlich.„Gott pocht damit an der Thüre Eures Herzens an, und Ihr, wenn Ihr klug ſeid, wer⸗ det ihm aufthun. Kommt mit mir, man wird Euch auf meine Fürbitte den Reſt Eurer Aufgabe für heute erlaſſen!“ „Was ſucht Ihr denn bei mir, Herr?“ fragte Schiffer⸗ tom;„was ſoll's mit dem Geſchwätze? Ich habe Nichts vom Pochen an meiner Herzensthüre verſpürt. Wer dort eintreten will, darf nur'ne Bulle Branntwein mitbringen!“ „Ließet Ihr mich nicht durch Herrn Gußmann, den 2uf ſeher, zu Euch bitten, Mann?“ fragte Richard. „Der Henker auch! ich glaube, Ihr ſeid nicht recht Troſte, Herr Pfarrer!“ „Nr. 34! habt Ihr mich nicht heute Mittag ſelbſt zum Herrn Pfarrer geſandt und mich inſtändig gebeten, ich ſolle ihn mitbringen?“ fragte Gußmann, der inzwiſchen dazu ge⸗ treten war. „Nein, ich nicht!“ ſagte Joſt. 63 „Pfui, ſchämt Euch dieſer Lüge, Mann!“ ſagte der Pfarrer. „Schert Euch zum Geier, Pfaffe!“ brüllte der Sträfling höhniſch;„merkt Ihr denn nicht, daß ich mir nur einen Scherz mit Euch erlauben wollte? Der Kerl da, der Fuchs, ſtank heute Mittag ſo gewaltig,— wie ein ganzes Neſt voll Füchſe, und um auf'ne Weile friſche Luft zu ſchöpfen, hab' ich dem Auf⸗ ſeher den Bären da aufgebunden!“ „Schurke! das ſagſt Du mir in den Bart?“ rief Guß⸗ mann außer ſich vor Zorn, und reckte ſchon die Hand aus, um den Frevler zu züchtigen. Aber Stirnbrand hielt ihn zurück. „Wenn dieſe Ausrede wahr iſt,“ hub er mit einer Stimme an, die das rohe Gelächter der Sträflinge im Saal übertäubte, „ſo wird Deine Frechheit ſchwer an Dir gerächt werden, Du fühlloſer, verſtockter Knecht! Wenn es aber nur Vorgeben iſt, ſo zittere doppelt, denn Du haſt die Gnade von Dir geſtoßen! Dieſe Stunde, Menſch, wird Dir noch oft auf dem Gewiſſen brennen— glaube mir's! die göttliche Strafgerechtigkeit hat noch andere Mittel, Dich aus Deinem Trotze aufzurütteln. Ich wende mich jetzt von Dir, denn wenn Du nun auch be⸗ reuteſt, könnteſt Du doch in dieſem Augenblicke mit Deinem doppelzüngigen Weſen nicht vor das Antlitz Deines Gottes treten. Aber wahrlich, ich ſage Dir, meine Worte ſollen Dein Gewiſſen noch treffen wie Nadelſtiche!“ „Laſſen Sie ihn jetzt mir!“ ſagte Einer der Aufſeher; „einſtweilen wollen wir ihn in Sicherheitshaft bringen, und auf den Latten wird ihm das Höhnen vergehen. Und Ihr dort, Ruhe!“ rief er den Lachern zu, nſonſt habt Ihr heute Abend Faſttag!“ Sie zerrten zu Zweien den Schiffertom aus 64 dem Saale, der den Kopf hängen ließ, wie ein geknebelter Bär. Richard folgte ihm, begleitet von Gußmann.„Es thut mir wahrlich leid für Sie, Herr Pfarrer, aber Sie werden mir glauben, daß ich Sie nicht belogen habe!“ ſagte Guß⸗ mann.„Ich weiß nicht, ſoll ich mich über den Kerl ärgern oder ihn mehr bemitleiden!“ „Jedenfalls Letzteres, denn er iſt aufrichtig zu beklagen!“ ſagte Richard und trat ſtumm und verdüſtert in's Freie. Gußmann der Aufſeher ſchüttelte bedenklich den Kopf. „Daran ſind Sie ſelber Schuld, Herr Pfarrer u“ fagte er. „Eile mit Weile! heißt es bei dieſen Menſchen vorzugsweiſe. Hätten Sie zugewartet, bis der Kerl in ſeiner Zelle geweſen wäre, wo ihn Niemand beobachtet und Sie ihn unter vier Augen gehabt hätten, ſo wäre er ſo mürb geweſen, daß man ihn hätte um einen Finger wickeln können. Aber nun er ge⸗ ſehen hatte, wie die Anderen auf ihn blickten und ſich ver⸗ wunderten und entſetzten, daß er, der Wildeſte und Roheſte von Allen, nach dem Pfarrer geſchickt hatte,— nun ſie ihn offenbar für einen Fuchsſchwänzer oder Angeber hielten, da hat ſich der böſe Geiſt in ihm wieder geregt, und er hat ent⸗ weder aus falſcher Scham oder aus Verrücktheit umgeſchlagen, denn ich glaube noch immer, der Kerl ſpinnt!“ „Sie mögen Recht haben, Herr Gußmann,“ ſagte Richard gedankenvoll;„der natürliche Menſch hat ſich wieder in ihm geregt, und ich bin, wie man im gemeinen Leben ſagt, mit der Thüre in's Haus gefallen und habe das Kind mit dem Bade ausgeſchüttet!“ „Ja, ja, das iſt's! das war das rechte Wort!“ ſagte — Gußmann lächelnd.„Aber ſeien Sie nur ruhig: den Burſchen packt es ſchon wieder, daß er Reu' und Leid macht!“ „Das gebe der Himmel!“ meinte Stirnbrand;„ich we⸗ nigſtens will es weder an Winken noch an freundlichen Er⸗ mahnungen an ihn insbeſondere fehlen laſſen!“ „Unterlaſſen Sie das ja, lieber Herr Pfarrer!“ bat Guß⸗ mann warnend.„Sie kennen ſolche Starrköpfe noch nicht recht. Je mehr Sie ſich jetzt um ihn bemühen würden, ſei es in Gegenwart der Anderen oder allein,— deſto weniger wür⸗ den Sie erzielen. Das würde ihn einerſeits beſchämen, andrer⸗ ſeits hochmüthig machen! Am beſten iſt's, Sie warten zu, bis er ſelber wieder kömmt, das macht ihn doppelt unglücklich und damit mürber! Was ich dazu thun kann, um den Burſchen noch weich zu machen, das will ich nicht fehlen laſſen!“ „Ich will mir's überlegen, Herr Gußmann!“ ſagte Richard und ging nach ſeiner Wohnung. Er war etwas ver⸗ ſtimmt und entmuthigt von der neuen Enttäuſchung, obwohl er ſich die Schuld davon ſelbſt beimeſſen mußte. Er nahm ſich vor, das Werk der Bekehrung dieſes Unglücklichen in brün⸗ ſtigem Gebete Dem anzubefehlen, der alle Herzen kennt und lenkt. Zu Hauſe in ſeinem einſamen Stübchen ſah er noch Licht — Frau Halling und Malchen waren da und räumten auf, was die Gäſte derangirt hatten. Die alte Frau war ſeelen⸗ vergnügt, daß er in ſeinem Amt bleibe, und ſagte ihm dieß nach ihrer Weiſe mit wenigen Worten. Malchen ſtand fort- während lächelnd da und ſchaute von ihm auf Frau Halling und umgekehrt; ſie ſchien noch in höherem Grade darüber er⸗ freut, daß er dableibe, als ihre Pflegemutter. „Und warum ſind Sie denn ſo froh, daß ich hier bleibe?“ Mylius, Für Frauenhand. I. 5 66 fragte Richard die Matrone freundlich, denn dieſer Troſt that ihm in dieſem Augenblicke wohl. „Ei ſehen Sie,“ meinte Frau Halling,„ich werde nach⸗ gerade alt und breſthaft, und es will nicht mehr recht mit mir gehen. Die Tage kommen, von denen es heißt: ſie gefallen mir nicht; und ſo möcht' ich für mein Leben gern nur von Ihnen auf die Reiſe vorbereitet werden, von der Niemand wiederkommt. Zu Ihnen hab' ich nun einmal das Vertrauen, daß Sie mir eine weit beſſere Wegzehrung für die Ewigkeit reichen würden, als ein Anderer! Ach! man hat ſo mancherlei erlebt und ſo Vieles auf dem Herzen, wenn man in meinen Jahren ſteht und durch meine Schulen gegangen iſt, und das könnt' ich keinem Andern ſo getroſt und ohne Rückhalt anver⸗ trauen, wie Ihnen! Und Sie werden mir's nicht abſchlagen, nicht wahr? „Gewiß nicht, liebe Frau Halling!“ ſagte Richard herz⸗ lich.„Sie thun mir ordentlich wohl mit Ihrem Vertrauen, denn es zeigt mir das edle Motiv des Wohlwollens, welches Sie während meines ganzen bisherigen Aufenthalts hier be⸗ thätigt haben... Ja, ja, Sie haben mich oft beſchämt durch Ihre ſinnreiche ſorgliche Liebe! Sie haben mich behandelt und über meine geringſten Bedürfniſſe und Behaglichkeiten gewacht, wie nur eine geliebte Mutter über ihren geliebten Sohn wachen kann. Sie haben oft die Illuſion in mir erzeugt, ich habe wirklich eine Mutter, die für mich ſorge und mich liebe, und Sie haben mir dadurch manche unvergeßlich ſchöne Stunde eines ſüßen Wahns bereitet.— Wie glücklich, wenn ich Ihnen nur ein kleines Bruchtheil davon vergelten könnte, liebe wackere Frau!“ „Ach reden Sie nicht ſo, Herr Pfarrer!“ rief Frau 67 Halling,„das iſt mehr, als ich verdiene— Sie haben ja Alles bezahlt!“ „Mit nichten, liebe Frau! das zahlt man nicht mit klingen⸗ der Münze— das bezahlt man mit dem Herzen!“ Frau Halling weinte vor Freuden, als ihr der Geiſtliche warm die Hand drückte.„Beſchämen Sie mich nur nicht, Herr Pfarrer!“ ſagte ſie weinend, aber mehr vor freudiger Rührung, als vor Schmerz.„Sehen Sie, es war von meiner Seite auch ein Bißchen Selbſtſucht dabei. Wenn ich für Sie ſorgte, da dacht' ich mir im Stillen: Vielleicht ſchickt der liebe Gott im Himmel, der Alles ſieht, meinem Sohn in der Ferne, wenn er noch lebt, auch eine Mutter, die ſo für ihn ſorgt; und mein höchſter Wunſch war ſtets nur der, mein Wilibald möchte doch unter der Zucht der Vorſehung auch ſo wohl gerathen ſein wie Sie!“ „Sie haben alſo auch einen Sohn? Das iſt das erſte Wort, das ich davon höre!“ fragte Richard. Malchen winkte ihm, dieſen Gegenſtand unberührt zu laſſen, und er bemerkte an dem heftigen Ausbruch des Schmerzes, welcher ſich bei Frau Halling ſo plötzlich äußerte, daß dieß ein wunder Fleck in ihrem innern und äußern Leben ſeie. „Ich hatte einen Sohn,“ ſagte Frau Halling,—„ach, ein ſo liebes holdes Kind! aber es kam mir abhanden, als es noch nicht drei Jahre alt war! Wo er jetzt iſt, mein armer Wilibald,— nur der liebe Gott weiß es. Wenn er aber noch am Leben iſt, ſo hoffe und vertrau' ich feſt, der Herr der Welt werde mich nicht von hinnen rufen, ohne daß ich ihn noch ge⸗ ſehen habe...“ „Du lieber Himmel, welch ein Loos! Wie verloren Sie denn das Kind?“ rief der Pfarrer tief ergriffen. 5* 68 Frau Halling zuckte die Achſeln und ihre Züge zeigten einen unſäglichen Schmerz.„Ich weiß es nicht,“ flüſterte ſie; „'s iſt'ne lange troſtloſe Geſchichte, die ich Ihnen längſt ſchon gern erzählt hatte. Aber ich hatte nicht den Muth, Sie darum zu bitten. Was könnte Sie das Schickſal einer armen Frau, wie ich, intereſſiren, wenn es auch ein noch ſo ſeltſames iſt? Und doch flüſterte mir immer eine leiſe Ahnung zu: Sie könn⸗ ten und würden vielleicht noch einmal in mein Lebensrad ein⸗ greifen!“ „Sie müſſen mir Ihre Geſchichte erzählen, liebe Frau!“ rief Richard lebhaft;„Vertrauen um Vertrauen! Sie ſollen dann auch die meinige vernehmen! Eine eigenthümliche Fügung, daß gerade wir uns begegnen müſſen— Sie, die Sie ein Kind verloren haben, und ich, der elternloſe, verſtoßene Findling! Warum aber wollen wir unſere Lebensgeſchichten nicht ſogleich austauſchen, liebe Frau Halling?...“ „Das geht nicht an, Herr Pfarrer!“ fiel ihm Malchen in's Wort.„Sie ſind ja eingeladen!“ „ch?... „Ei freilich— Sie ſollen mit der Frau Majorin und ihrer Tochter im Ritterbau drüben den Thee nehmen. Die Mutter hat nur vergeſſen, es Ihnen zu melden. Schon vor einer Stunde kam die Einladung...“ „Ich werde abſagen laſſen,...“ rief Richard.„Ich bin nicht in der Stimmung...“ Da klopfte es an der Thüre, und herein trat Stapf, der Diener des Kommandanten, um den Herrn Kaplan an die Einladung ſeiner Herrſchaft zu erinnern, die ſeines Kommens gewärtig ſei. „Ach, lieber Stapf! der Herr Pfarrer hat's ſo eben erſt erfahren— wir hatten es vergeſſen!“ rief Frau Halling, be⸗ gierig dem Pfarrer den Schein einer Säumniß zu erſparen, und Richard ließ melden, daß er ſogleich kommen werde. „Ich gehe ungern,“ wandte er ſich an Frau Halling, als der Diener fort war.„Ich paſſe nicht zu dieſen Damen; und meine Stimmung wäre eher geeignet, mich in Erinnerungen der Vergangenheit zu verſenken, oder Ihre Lebensgeſchichte anzuhören, liebe Freundin. Allein ich habe heute Anderer Hoffnungen vereitelt, und ſcheine nun mit gleicher Münze be⸗ zahlt werden zu ſollen. Aber auf ein ander Mal, und ſo bald als möglich,— nicht wahr, Frau Halling?“ 5. Der Beſuch der gräflichen Familie und die unverkenn⸗ bare, auszeichnende Familiarität, womit ſie ihn behandelt hatte, war von der Majorin Lebret nicht unbemerkt geblieben. Als ſie ſich nach der Abreiſe der Gräfin Rhodich wieder mit Euge⸗ nien allein geſehen, ſagte ſie:„Ich hätte freilich lieber geſehen, wenn Graf Rhodichs heute unſere Gäſte geweſen wären, liebe Eugenie! Wir hätten dadurch Erlaubniß erhalten, ihnen in der Reſidenz einen Beſuch zu machen, und da wollte ich ſchon ſo herumgeſchwenkt haben, daß die Gräfin uns doch kommenden Winter auf etliche Wochen in ihr Haus eingeladen hätte. Auf ihren Bällen oder Soireen hätte ſich dann gewiß eine Parthie für mein Töchterchen gefunden!“ „Mama!“ rief Eugenie, und that als ob ſie ungeheuer erröthe,—„ich bitte, brechen Sie ab— Sie bringen mich in Verlegenheit...“ „Närrchen! wir ſind ja unter uns,“ fuhr Mama fort. „Der Plan iſt jetzt vereitelt— wir müſſen auf etwas Anderes ——P— 70 beſonders für Dich intereſſirt, Eugenie. Ich habe ein Wörtchen fallen laſſen von der großen Achtung, ja Verehrung, welche Du für Herrn Stirnbrand hegeſt...“ „Ich, Mama?!“ rief Eugenie;„ich für den trockenen Mucker, mit ſeinem ſchlechten Geſchmack und gemeinem Um⸗ gang mit der.... Pflegetochter der Frau Halling?.... O ich bitte Sie! was haben Sie mir zugemuthet, Mamachen?“ „Nur gemach, mein Kind! Du ſiehſt den Wald vor lauter Bäumen nicht!“ fuhr die Majorin fort.„Ich habe mein Plänchen, und dieß ſoll mir Niemand ausreden.— Kurz, ich erzählte der Gräfin, wie wir jeden Sonntag in die Kirche gingen, weil Du keine Predigt von ihm verſäumen könneſt; wie wir Alles aufböten, um ihn in unſern häuslichen Zirkel zu ziehen,— wie dieß aber leider an Herrn Stirnbrand's ſcheuer Ungeſelligkeit ſcheitere. Mit Einem Worte: ich habe der Gräfin recht deutlich zu merken gegeben, daß der Herr Pfarrer eine Parthie für meine Eugenie wäre, welche wir Alle mit Freuden aufnehmen würden, und ſie wird ihm dieſen Wink gewiß noch vor dem Abſchied beibringen!“ „Aber liebſte Mama!...“ rief Eugenie, höchſt erſtaunt und beinahe entrüſtet;„aber liebſte Mama, der Menſch iſt ja mir unausſtehlich!“ „Auch wenn Du durch ihn etwa Frau Hofpredigerin werden könnteſt?“ fragte die Majorin;„wenn Du durch ihn ebenſo gut hoffähig würdeſt, als wenn Du einen Oberſten heiratheſt?“ „Mama! Sie treiben den Scherz zu weit!...“ „Ich will... ich verſichere Dich, daß ich nicht ſcherze, Eugenchen!“ verſetzte die Majorin.„Das ſind keine Luft⸗ denken. Die Gräfin ſcheint uns wohl zu wollen, ſie hat ſich 71 ſchlöſer, das ſind Wirklichkeiten, Möglichkeiten! Biſt Du erſt Frau Stirnbrand, ſo wirſt Du auch Frau Hofpredigerin, oder ich bin nicht ich!“ „Aber wie erſt Frau Pfarrerin werden?“ flüſterte Eu⸗ genie gedankenvoll. „Das ſei meine Sorge! Wir haben vielerlei wieder gut zu machen, denn wir haben den jungen Mann auf eine thörichte Weiſe vernachläſſigt. Aber von heute ſoll's anders werden. Wir wollen ihn bei ſeinem Ehrgeiz, bei der Eitelkeit packen. Ich werde Alles daranſetzen, und hab' mein Plänchen. Und Du mußt auch das Deinige thun, Eugenchen! Er ſoll Dir Stunde geben in der Logik oder Aeſthetik oder in was Du willſt!— Und heute Abend beginnen wir ſchon, denn er ſoll heute Thee mit uns trinken!— Begreifſt Du nun den Plan und die guten Abſichten Deiner zärtlichen Mama?“ „Ach, Mama! liebſte Mama!“ rief die überſchwengliche Blondine und ſank ihrer Mutter um den Hals;„es gibt keine geiſtvollere und zärtlichere Mutter auf Erden, als Sie! Ich werde Ihnen in allen Stücken gehorſam ſein!“—— Dieſes Zwiegeſpräch der beiden Damen mag den freund⸗ lichen Leſerinnen einen Vorſchmack von der Leutſeligkeit und gefliſſentlichen Zuthunlichkeit geben, mit welchen Richard an dieſem Abend von der Majorin behandelt wurde. Es war eilf Uhr vorüber, als Stirnbrand die Freitreppe vor dem Kom⸗ mandantenhauſe herabging. Die Nacht war für eine Herbſt⸗ nacht von ſeltener Schönheit; das Siebengeſtirn ſtand gerade über der Linde des Feſtungshofs, und die Sterne ſchauten ſo friedlich und freundlich hernieder, als wüßten ſie, wie leer in Kopf, Gemüth und Magen Richard von den Damen herunter⸗ ging, und als wollten ſie ihn freundlich grüßen mit dem un⸗ 72 nennbaren Reize und verſöhnenden Troſt der ewigen Natur gegenüber von der Künſtlichkeit und Unnatur menſchlicher Dinge.— „O Weiber!“ flüſterte er vor ſich hin;„welche Zerrbilder auf edle Weiblichkeit ſind dieſe beiden! Welche Verſchrobenheit und Unnatur, welche Geſinnungsloſigkeit!— Und dieſe Mutter kann auch nur einen Augenblick denken, daß ich ſie nicht durch⸗ ſchaue, und daß meinem einfachen geſunden Weſen dieſe über⸗ tünchte Hohlheit und Geiſtesarmuth behagen können!...“ Langſam und mit dem Blicke auf den Sternenhimmel ſchlenderte er über den Hof ſeiner Wohnung zu. Da rief ihn plötzlich eine der Schildwachen im Hofe an, und ſchreckte ihn jählings aus ſeinen Gedanken auf. Er gab die nöthige Ant⸗ wort, und durfte paſſiren. Aber er konnte nicht umhin, eine Geſtalt zu bemerken, die auf ſeine Antwort ſich von dem ge⸗ öffneten Fenſter der hochgelegenen Wohnung der Frau Halling zurückzog. Die Umriſſe auf der beleuchteten Gardine wollten ihn glauben machen, es ſei Malchen geweſen, und er ſtand eine Weile ſtille und blickte hinauf. Unwillkürlich trat ihm die Strophe und Melodie eines bekannten Volkslieds auf die Lippen und er ſummte: „Jetzt bei der Lampe ſtillem Schein Sitzt ſie in ihrem Kämmerlein, Und ſchickt ihr Nachtgebet zum Herrn...“ Bei dieſen Worten brach er ſelber ab, als ſcheute er ſich dieſen Gedanken weiter zu verfolgen, wandte ſich um die Ecke und trat in ſein Haus. Als er im Stübchen Licht gemacht, ſah er, daß Frau Halling ihm noch ein Abendbrod auf ſeinen Tiſch geſtellt hatte, und daneben im blanken Zinnkruge einen Trunk landesüblichen Ciders. Dieß rührte und erfreute ihn. „Sie mag die Leere ahnen, die ſolche Abende in Kopf, Herz und Magen hinterlaſſen,“ ſagte er lächelnd; und that dem kalten Fleiſch alle Ehre an. Und unwillkürlich ſtellte er im Stillen eine Vergleichung zwiſchen dieſen Frauen an: auf der einen Seite die hagere Majorin mit ihrer mondſcheinblaſſen Tochter, Geſchöpfe ohne Mark und Kern, Puppen, verbildet durch die Geſellſchaft, verkommen durch Unthätigkeit und die Sucht, mehr ſein und für mehr gelten zu wollen, als ſie waren. Andererſeits dieſe Frau, hochgewachſen und ſtämmig, ein Weib des Volks, mit harten Händen und Zügen, aber einem warmen empfänglichen, wiewohl herb erprobten Herzen und Gemüthe; vom frühen Morgen bis zur ſpäten Nacht ſtets emſig und voll Rührigkeit, und darum ſcheinbar ſtrotzend von Geſundheit, ſelbſt in einem Alter, wo der Körper nicht mehr die volle Spannkraft hat. Und neben ihr Malchen, kräftig, blühend, ſittig, natürlich,— einer ſchönen wilden Roſe zu vergleichen, die nicht weithin prangt wie die üppige künſtlich gezogene Centifolie, aber bei näherer Betrachtung doch ſchönere Farben und Formen zeigt und reichern Wohlgeruch ſpendet.— Bei den beiden Damen überall Sucht zu beſtechen, zu gefallen, und für ſich einzunehmen, lauter Oſtentation; bei den beiden Frauen aus dem Volke nicht einmal ein Bewußtſein eines Werths, ja vielmehr das Gefühl, daß ſie lange nicht ſo gut ſeien, wie Andere, daß ſie ihr jetziges ſorgenfreies Loos, das ihre harte Arbeit lohnte, nicht einmal verdienten. Ein Zug insbeſondere war bezeichnend für die beiden Frauen. Frau v. Lebret hatte ihm heute Abend erzählt, daß ſie von ihrer ſpärlichen Penſion ſeit dem Tode ihres Gemahls ſchon an zweitauſend Thaler als Mahlſchatz für ihre Eugenie erübrigt habe und hatte hinzugeſetzt:„Sehen Sie! So habe ich Alles mir ſelbſt zu verdanken. Gott hat Nichts, gar Nichts für mich gethan, um mir meinen Wittwenſtand zu er⸗ leichtern!“— Frau Halling hatte ihn dagegen vor einigen Tagen gefragt: ob er eine Sparbank in der Reſidenz, welche ſich jetzt in öffentlichen Blättern empfehle und auch die kleinſten Einlagen annehme, für ſicher halte? Sie wolle ihre geringen Erſparniſſe dort anlegen.„Wie? Sie haben auch Kapitalien?“ hatte er ſie neckend gefragt, und ſie hatte ihm darauf mit allem Ernſte geantwortet:„Ja, der liebe Gott hat mir Segen in meiner Arbeit gegeben, ſo daß ich für Malchens Zukunft einen kleinen Nothpfennig zurücklegen kann. Weil mir aber Gott dieſes Pfund anvertraut hat, ſo muß ich auch mit aller Treue darüber haushalten, daß es gut erhalten werde; er hat's ge⸗ geben, damit ich es vermehre und gute Rechnung davon ab⸗ legen kann, wenn er einmal die Rechenſchaft darüber abver⸗ langt. Es iſt alſo nicht blos eine kleingläubige oder Geiz⸗ Sorge, denn wenn Er das Haus nicht hütet, ſo wachet der Wächter umſonſt!“— Dieſe zweierlei Aeußerungen verglich er jetzt in Gedanken, und ihm war wohl klar, welche von beiden größer und edler war. Der Gedanke an Frau Halling und Malchen geleitete ihn zur Ruhe. Die Neckerei des jungen Grafen hatte ihn anfangs beinahe unangenehm, verletzend berührt; aber nun, ſeit er darüber mehr nachdachte, konnte er ſich nicht ausreden, daß ſein Gefühl der Theilnahme für Malchen wohl nicht ganz unerheblich geweſen ſei für den Erfolg meines Entſchluſſes. — Ich bin dem lieben Mädchen gut, recht gut„ ſagte er ſich mit einem ſtillen Seufzer; ich wäre wohl glücklicher mit ihr, als mit irgend einem andern Weſen. Und ſie, ſie iſt mir wohl auch gut,— unverkennbar. Aber eben darum muß ich's ver⸗ 75 ſchweigen— es würde ſie fremder, ſcheuer machen, und mich dadurch um manche ſtille Freude ärmer. Die Zeit, die Zeit kann ja noch Alles fügen,— wenn's im Rathe der Vorſehung ſo beſchloſſen iſt.. Das tröſtete ihn beim Einſchlafen, und erfüllte ſeinen Traum. Der folgende Tag brachte wieder andere Sorgen, andere Geſchäfte für Richard. Einer der Sträflinge bei der Arbeit in den alten Kaſematten, welche abgetragen und theilweiſe auch ausgefüllt werden ſollten, hatte durch leichtfertiges Ausbrechen der Schlußſteine in einem der alten Gewölbe den Einſturz der Kaſematte veranlaßt, und unter den Trümmern derſelben ſich ſelbſt und noch zwei Mitgefangene begraben. Den Einen hatte man todt herausgezogen, den Andern mit zerſchmetterten Ar⸗ men und Beinen; dem Sträfling ſelber aber, welcher trotz aller Warnungen und Gegenbefehle den Unfall veranlaßt hatte, waren durch die ſtürzenden Steine beide Oberſchenkel abge⸗ ſchlagen und die ganzen Beine zermalmt worden. Es war ein wüſter, roher, gefährlicher Menſch geweſen, deſſen ganzes Be⸗ tragen zu der Annahme veranlaßte, daß er damit ein Werk der Bosheit begangen habe. Der Einſturz war am Nachmittag geſchehen und mit einem Getöſe und einer Erſchütterung des Bodens, welche die ganze Einwohnerſchaft der Frohnveſte er⸗ ſchreckten, und anfänglich der Befürchtung des Einſturzes ſämmtlicher Befeſtigungen Raum gaben. Die Beamten der Starenburg, den Kommandanten an der Spitze, eilten ſogleich nach dem Ort des Unfalls, und Offiziere und Soldaten, Richard, der Verwalter und mehrere Andere, legten ſelber mit Hand an, der eigenen Gefahr nicht achtend, um die Verun⸗ glückten aus den Trümmern herauszuſchaffen, denn man hörte ihr gräßliches Stöhnen. Die übrigen Kettengefangenen da⸗ gegen waren, als ihr erſter jäher Schreck ſich gelegt hatte, auf dem Punkte, eine Meuterei zu verſuchen, und beſchuldigten die Beamten, man habe ihnen dieſe lebensgefährliche Arbeit nur gegeben, um ſie einem ſichern Tode zu weihen, und die Mehr⸗ zahl derſelben weigerte ſich ſogar, an der Rettung der Ge⸗ fangenen mitzuwirken. Als die Aufſeher dieſer Weigerung ernſten Zwang entgegenſetzten, drang einer der gefährlichſten der Baugefangenen mit geſchwungenem Steinpickel auf den Aufſeher ein und drängte ihn in eine Ecke des Wallgrabens mitten unter die anderen Sträflinge hinein, die ſchon auf dem Punkte waren, die allgemeine Verwirrung durch eine meute⸗ riſche Schilderhebung zu vermehren. Dieß war ſo raſch ge⸗ ſchehen, daß es von den, noch unter dem erſten Eindruck des Schreckens wie gelähmten Soldaten der Bewachung nicht be⸗ merkt worden war, und als dieſe endlich durch ihr Geſchrei darauf aufmerkſam machten und die Musketen auf die Meu⸗ terer anlegten, ſchaarten ſich dieſe um den Aufſeher in ihrer Mitte zuſammen und machten Miene, Gewalt gegen Gewalt zu kehren.„Schießt, ihr Lumpen!“ ſchrie einer der Ketten- ſträflinge;„auf den erſten Schuß ſchlagen wir Den da zu⸗ ſammen!“ Dieſer neue unerwartete Zwiſchenfall lähmte plötzlich die Thätigkeit der Rettenden,— Alle ſtürzten aus der Kaſematte heraus und dem Schauplatze des drohenden Kampfes zu. Der Kommandant ſchien den Kopf verloren zu haben; der Juſtitiar rief:„Laſſen Sie Feuer geben, Herr Major! ſtatuiren Sie ein Exempel, oder wir werden nicht Meiſter!“ Die Offiziere zogen ihre Säbel und der Verwalter und einige andere Beamte wollten nach ihren Wohnungen eilen, um ihre Gewehre zu holen. Aller Augen richteten ſich wechſelsweiſe auf den Major 866 und auf die Meuterer— die Soldaten harrten nur auf einen Wink, um Blut zu vergießen. Da drängte ſich ein Mann zu dem Kommandanten hindurch, der ſchon entſchloſſen ſchien, auf die Sträflinge feuern zu laſſen. Es war Richard.„Um Gott, Herr Major, keine Uebereilung!“ ſagte er;„laſſen Sie nicht ſchießen! Es iſt Gußmann, den dieſe Menſchen in ihrer Mitte haben; ein Wink von Ihnen beſiegelt ſein Schickſal, und er hat eine zahlreiche Familie! Laſſen Sie mich erſt ver⸗ ſuchen, ihn zu retten! Gelingt dieß nicht, dann erſt, im äußer⸗ ſten Fall, thun Sie, was Sie nicht laſſen können!“ Damit wandte er ſich und ſchritt barhaupt, aufrecht und feſt auf die Kettenſträflinge los, deren Rädelsführer den dem Aufſeher Gußmann entriſſenen Säbel drohend ſchwang und die übrigen Baugefangenen zum Widerſtand reizte. Dieſe hatten zweien Soldaten, die ſie abgeſchnitten, ebenfalls die Waffen entriſſen, und ſchon hörte man, wie einige der Gefangenen das Pförtchen einzuſchlagen verſuchten, das nach dem äußeren Wallgraben und von dort leicht in's Freie führte. Den Rädelsführer mit feſtem Blicke meſſend, ſchritt Richard raſch auf dieſen zu, und rief!„He, ihr Leute! wollt Ihr wirk⸗ lich Blut, ſo mag's über Euch kommen! Aber Ihr ſollt nicht dieſes Mannes Kinder hier zu Waiſen machen, ſo lange ich noch einen Arm rühren kann! Gebt ihn heraus und nehmt mich, wenn Ihr den Muth habt!“ „Komm' nur, Amſelpfäfflein! ſo haben wir ihrer zwei!“ rief der Züchtling, und trat ihm entgegen;„kommt, Kerle! nehmt ihn gleich in die Mitte!“ „Nehmt mich, wenn ihr Muth habt!“ rief Richard, und ſprang unverſehens mitten in den Haufen hinein, ſtürzte ſich auf die beiden verwegenen Burſche, mit welchen Gußmann 78 rang und ſchleuderte dieſen mit einem verzweifelten Ruck weit aus dem Kreiſe der Sträflinge heraus. Ehe dieſe noch Zeit gefunden, ſich von ihrer Betroffenheit zu erholen, hatte der Pfarrer dem Aufwärter zugerufen:„Retten Sie ſich, Guß⸗ mann!“ und mit dieſen Worten auf den Rädelsführer ein⸗ dringen, denſelben, welcher den Säbel auf ihn ſchwang, unter⸗ rennen, niederſchlagen, entwaffnen und halb betäubt in den Kreis der immer näher rückenden Soldaten ſchleudern, war das Werk eines Augenblicks! „Hurrah für den Pfarrer!“ riefen die Soldaten.— „Macht Euch fertig! Schlagt an!“ lautete das Kommando. Fünfzig Feuerſchlünde richteten ſich auf das Häuflein der Sträflinge, deren Anführer, von Kolbenſtößen blutig nieder⸗ geſchlagen, am Boden ſich krümmte. „Werft Eure Pickel und Brecheiſen weg! mit dem Ge⸗ ſicht an die Mauer, die Hände auf den Rücken, oder ich kom⸗ mandire Feuer!“ rief der Lieutenant Arens. Inſtinktmäßig folgten die Sträflinge. Zwei derſelben waren an der Mauer hinaufgeklettert, um über den äußern Wall zu entkommen; da blitzte und knallte ein Schuß von der obern Baſtion, und —— der Vorderſte der Flüchtigen ſtürzte mit zerſchmettertem Kopfe vom Parapet in den Haufen ſeiner Kameraden, während der Andere durch eine Schildwache mit dem Bayonnet gezwungen ward, wieder in den Graben hinunterzuſpringen. Die Anſtifter und die Trotzigſten bebten zuſammen, als ſie das Ergebniß ſahen, und wurden leicht gewältigt und in Haft gebracht. Die Anderen mußten ihre Grabwerkzeuge wieder aufnehmen und an der Rettung der Verunglückten mitwirken. Die angeſtrengte Arbeit Aller genügte, um binnen einer halben Stunde die Verſchütteten zu Tage zu fördern. Man trug die beiden Todten —— in eine Kaſematte im innern Hofe, und die fürchterlich Ver⸗ ſtümmelten, welche noch lebten, in den Arbeitsſaal des Zucht⸗ hauſes, bis man ein Krankenzimmer zu ihrer Aufnahme her⸗ gerichtet haben würde. Dorthin nun wollte Richard dem Arzte folgen, weil ihm eine Ahnung ſagte, daß ſeine eigene Hülfe doch wohl nöthiger ſein werde, als die ärztliche Kunſt. Aber er hatte bei dem Graben und Herauswühlen ſo werkthätig mitgeholfen, daß er ſich erſt reinigen mußte. Als er dieß gethan und ſeine Woh⸗ nung wieder verließ, ſah er Malchen weinend und hände⸗ ringend am Fenſter von Frau Halling's Wohnſtube ſtehen und ihm heraufwinken. Er eilte hinauf, und rief beſtürzt:„Was iſt Ihnen, Malchen? welches neue Unglück?“ „Sehen Sie her!“ ſagte dieſe ſchluchzend und deutete in's Nebenſtübchen, wo Frau Halling fieberglühend und irreredend in ihrem Bette lag;„ſie iſt todtkrank, und es kam ſo plötzlich, ſo unvermuthet, daß ich mir gar nicht zu helfen weiß! Iſt ſie denn ernſtlich krank? Ach, fühlen Sie ihr doch den Puls!“ „Beruhigen Sie ſich!“ ſagte Richard, nachdem er Malchens Wünſchen willfahrt hatte.„Ich werde ſogleich den Doctor Birsfeld herüberſenden. Es iſt ein heftiges Fieber— vielleicht auch Gehirnentzündung, aber man wird der Krankheit ſicher leicht Herr werden... die kräftige Konſtitution der guten Frau...“ Malchen ſchüttelte zweifelnd den Kopf, und meinte:„Nein, nein! dießmal hat es die Mutter allzu heftig gepackt! der Schreck war zu gewaltig!“ Und als ſie wieder etwas mehr Faſſung gewonnen hatte, erzählte ſie ſofort, Frau Halling ſei mit ihr und den anderen Feſtungsbewohnern ob dem Lärm und der Unglückskunde auch an den Ort deſſelben hingeeilt, dort Augen⸗ 80 zeuge des Auftritts mit den meuteriſchen Sträflingen geweſen und juſt in dem Augenblick mit einem herzzerreißenden Schrei des Entſetzens in Ohnmacht geſunken, wo Richard mit dem Züchtling handgemein geworden ſei. Sie, Malchen, habe dann mit Hülfe einiger Frauen die Mutter nach Hauſe geſchafft, und ſie mit Mühe wieder zur Beſinnung gebracht und über ſein, des Pfarrers, Schickſal beruhigt, als man die beiden Trag⸗ bahren mit den Schwerverwundeten über den Hof gebracht und die Mutter, die eben zum Fenſter hinausgeblickt, mit dem Rufe:„Er iſt todt! er iſt doch todt!“ von Neuem zuſammen⸗ gebrochen, um in ein Delirium zu verfallen, von welchem ſie ſeit einer Viertelſtunde nicht erwacht ſei, und von Zeit zu Zeit in Jammertönen und wirrer Rede nach ihrem Sohne, ihrem Wilibald rufe, wie ſie oft im Schlafe zu thun pflege. Richard war betroffen; da aber ſein Amt und Beruf ihn fortrief, ſo beruhigte er Malchen, empfahl ihr die Anwendung einiger Hausmittel, die er ihr angab, und verſprach, den Arzt zu ſchicken und wiederzukehren. Der Auftritt, der ihn drüben im Arbeitsſaale des Zucht⸗ hauſes erwartete, verdrängte die Gedanken, welche Malchens Schilderung in ihm angeregt, aus ſeinem Kopfe. Die beiden Verunglückten lagen auf Tiſchen, die man in der Eile zurecht gerückt hatte. Der Arzt, Dr. Birsfeld, hatte Beide aufgegeben; auf dem Angeſichte des Einen lag ſchon der Vorbote des Todes, jene ſchlaffe Mattigkeit und Ruhe der Reſignation, der Andere ſchrie herzzerreißend. Richard trat zum Erſten. Der Blick des Armen ſagte ihm, daß er bei vollem Bewußtſein ſei, und er redete zu ihm in jenen Worten des Troſtes, woran die chriſt⸗ liche Lehre ſo reich iſt. Der Sterbende dankte ihm mit dem Blicke, und nickte bejahend, als er ihn fragte: ob er ihm noch —— —— das heilige Abendmahl reichen ſolle, und ob er auf deſſen Ge⸗ nuß vorbereitet ſei? Niemals hatte ſich vielleicht in dieſen Räumen der Verzweiflung ein hehreres Schauſpiel und eine höhere Feier zugetragen, als jetzt erfolgte, da Richard(der Doctor hatte ſeinem Beichtkind noch eine Stunde zu leben ge⸗ geben) inmitten dieſer zahlreichen Gruppe von Verbrechern ſein kirchliches Gewand anlegte, und die heiligen Gefäſſe her⸗ beitragen ließ, um nach einer ernſten tieferſchütternden An⸗ ſprache dieſen Unglücklichen mit ſeinem Schöpfer zu verſöhnen, und ihm das Pfand dieſer Verſöhnung und der Entlaſtung von ſeinen Sünden, den ſymboliſchen Leib und das Blut ſei⸗ nes Erlöſers, reichte. Die heilige Feier hatte die Zeugen der⸗ ſelben gewiß niemals tiefer ergriffen, als in dieſem Augen⸗ blicke, wo der Kranke, gewiſſermaßen das letzte Aufflackern der ſchwindenden Lebensflamme benützend, noch mit matter Stimme zu reden anhub. Er pries die Gnade Gottes, die ihm ſeine Sünden vergeben; er dankte dem Herrn des Lebens für dieſen entſetzlichen ſchmerzhaften Tod, den er erleide, als Sühne für die vielen Vergehungen ſeines kurzen Lebens, und rief, mit einem Tone, der durch Mark und Bein drang:„Und Ihr, meine Mitgefangenen! beſſert Euch, büßet, wendet Euch zu Gott! O, das Sterben ohne Gott iſt das Fürchterlichſte in der Welt,— ein Schmerz im Herzen, größer als der Todes⸗ ſtreich, ein Jammer ohne Maßen,.. o Preis ſei ihm, daß er mich angenommen, daß ich auf ſeine Gnade hoffen darf!“ Das waren ſeine letzten Worte; dann ſchloß ſich ſein Mund, mauer⸗ feſt vom Trismus zuſammengehalten, ſein Auge zuckte und blinzelte vor Schmerzen, eine Weile rieſelten Schauer durch ſeine zermalmten Glieder und machten ſeine Bruſt und den ganzen Rumpf erbeben— dann noch ein langes Zucken, und Mylius, Für Frauenhand. I. 6 82 die Seele war bei Gott. Richard drückte tief ergriffen das ge⸗ brochene Auge zu, und betete laut über ihm. Er erflehte vom Richter aller Welt Gnade für ihn und Erleuchtung der dunklen Herzen, die um dieſe Leiche eines bußfertigen Sünders her⸗ ſtanden, und denen die Vorſehung in ihrer Langmuth dieſen Unglücksfall nahe gelegt, damit ſie in ſich gehen,— er bat den Allmächtigen um ſeinen Segen, daß der Heiland und Erlöſer in dieſer Stunde nicht vergeblich an die Herzensthüre Vieler poche, u. ſ. f. Als er geendet, ſah er viele Augen feucht, unter den Züchtlingen und den Soldaten, und er hörte einige der Gefangenen in den fernen Ecken des Saales laut ſchluchzen. Eine Weile ſpäter ſchlug der Feierabend für die Gefange⸗ nen, und der Saal leerte ſich. Die Dämmerung war hernieder⸗ geſunken, nur zwei trübe Kerzen erleuchteten matt die Mitte des weiten Gelaſſes, und den Tiſch, worauf der Urheber des ganzen ſchweren Unglücks ächzend und röchelnd lag, vom Arzte aufgegeben, der ſeine Kunſt hier zu Ende erklärt hatte. Richard trat zu ihm, und es ſchnürte ihm der Anblick dieſes Menſchen das Herz in der Bruſt zuſammen. Größeres Elend, tieferen Jammer, entſetzlichere Hoffnungsloſigkeit hatte er noch nie in einem menſchlichen Angeſichte geleſen, das doch das Ebenbild Gottes ſein ſollte. „Nun, Scholler,“ fragte er ihn milde,„habt Ihr gehört und geſehen, wie leicht ſich's in Chriſto ſtirbt? Könnt Ihr auch ſo von hinnen, wie Jener, der Euch vor wenig Minuten noch den ſchmerzhaften Tod verziehen, den Ihr ihm bereitet habt, und der jetzt vor Gottes Angeſicht um Vergebung für Euch fleht?“ Ein Jammergeheul war die Antwort, der äußere Wieder⸗ hall des innern Jammers. Scholler war ein Wilddieb, der 83 lange Jahre ſein Unweſen in den Kronforſten getrieben und ſein Leben nur getheilt hatte zwiſchen dem Zuchthaus und dem freien Leben im Wald. Des Mords an einem Förſter höchlich verdächtig aber nicht überführt, war er endlich um minderer Vergehen willen eingeſetzt worden und hatte durch ſeinen Trotz ſeine Haft ſtets verlängert. Nun mit dem einen Fuß im Grabe, auf der ſchmalen Brücke zwiſchen Zeit und Ewigkeit, in den grenzenloſen leiblichen Schmerzen einen Vorſchmack der ewigen Qualen verſpürend, war ſein Trotz gebrochen, und die Angſt ſeiner Seele führte vielleicht zum erſten Mal in ſeinem Leben das ganze Bild ſeiner Vergangenheit im rechten Licht an ihm vorüber. Sie trieb ihn, den Mord an dem Förſter und die Bosheit einzugeſtehen, womit er den jüngſten Unfall herbei⸗ geführt, um ſich unter den Trümmern zu begraben, da ihm das Leben im Kerker eine Bürde war. Reuig zwar, aber noch nicht verſöhnt, noch nicht der Gnade des Ewigen ſich getröſtend, ſtarb er in Verzweiflung und Jammer im erſten Grauen des kommenden Herbſtmorgens, unter Richard's Augen, welcher nicht von ihm gewichen war. Richard ließ natürlich dieſes Ereigniß nicht unbenützt, um die Sträflinge auf den Kontraſt zwiſchen dem Ende dieſer zwei Unglücksgenoſſen, dem des bußfertigen und bekehrten und demjenigen des in ſeinen Sünden dahingerafften Sünders, aufmerkſam zu machen, und ihnen mit gewaltigen, durch Mark und Bein ſchneidenden Worten ihr jetziges und ewiges Elend, die Nothwendigkeit der Buße und die allzeit zur Aufnahme des reuigen Sünders erbötige Gnade des Weltenrichters zu pre⸗ digen. Ein unerklärlicher Eifer, eine mächtige Begeiſterung überkam ihn, als er am kommenden Sonntage auf der Kanzel des Betſaales in der Strafanſtalt ſtand, und dieſe Schaar 6* 84 unglücklicher Menſchen überblickte, die ſeine Brüder waren und deren Seelen zu erretten ihm aufgegeben war, die Alle auf ihn blickten und die er Alle ſehen konnte, obwohl Keiner den Andern ſah, ſo daß Jeder gleichſam zu glauben genöthigt war, des Pfarrers ernſte Ermahnung gelte nur ihm, ihm allein. Er warf ſich ſelber voll Demuth vor Gott in den Staub, und bekannte der Gemeinde, daß auch er ein Sünder ſei wie ſie, von Haus aus Menſch und darum allen menſch⸗ lichen Schwachheiten und Hinfälligkeiten unterworfen, und wie der Unterſchied zwiſchen ihm und ihnen nur darin liege, daß er früher als ſie Gottes Gebote erkannt und daraus ge⸗ lernt habe, ſein Leben nach ihnen zu regeln und nach Kräften die Sünde zu fliehen. Wir wollen ihm nicht durch den ganzen Verlauf ſeiner Predigt folgen, aber das wollen wir nicht unerwähnt laſſen, daß er Viele, und darunter einige der verwegenſten Verbrecher, tief erſchüttert und in Thränen ſah, und daß ihm Einige im Vorübergehen die Hand küßten, als er nach beendetem Gottes⸗ dienſte auf dem Flur ſtand, wo ſie alle an ihm vorüber nach ihren Zellen zurückgeführt wurden. Ein unnennbar wohlthuendes Gefühl erfüllte ihn, als er aus dem Betſaale nach ſeinem Gärtchen ging, und in der Laube niederſitzend, in den heiteren, ſtillen, herbſtlichen Sabbathabend hineinblickte, und ſeine Gedanken auf den Höheren richtete, der in uns mächtig iſt, in den Schwachen. Es war ihm, als habe ſein Beruf erſt jetzt die Weihe erhalten durch jenes erſchütternde Ereigniß und ſeine Folgen; es war ihm, als finde er nun ſchon den Lohn dafür, daß er hier geblieben, ſeinem Berufe treu, an⸗ ſtatt den verlockenden Erbietungen des Grafen Rhodich nach⸗ zugeben, und ſelbſt die mancherlei Mühſale und irdiſchen = 85 Sorgen, die die jüngſten Tage ihm zugeführt hatten, erſchienen ihm leicht oder drückten ihn weniger. Und doch waren dieſe Sorgen noch am Morgen dieſes Tages mit bleierner Schwere auf ſeinem Gemüthe gelegen, — obſchon Sorgen, die er ſich gemacht hatte. Es waren Sorgen um Frau Halling und um Malchen. Die Erſtere lag noch immer ſchwer erkrankt, bewußtlos darnieder. Der Arzt erklärte es für eine Gehirnentzündung der gefährlichſten Art, und hegte wenig Hoffnung auf Rettung.„Die Seele der Kranken“, ſagte er,„ſcheint in der jüngſten Vergangenheit gar mancherlei innere Kämpfe, Spannungen und Stürme er⸗ fahren zu haben, und die übermäßig geſpannte Saite ihres Geiſtes iſt geſprengt worden durch die letzte erſchütternde Auf⸗ regung. Es wird ein Wunder bedürfen, wenn ihr Geiſt nicht bleibende Störungen erleidet, falls je die Körperkraft dieſen Stößen trotzen kann!“— Und doch fürchtete er, auch an dem letztern zweifeln zu müſſen. Malchens Jammer bei dieſer Erklärung war unſäglich. Es war nicht die leibliche Sorge um ihre eigene Wohlfahrt unnd die der Kranken, ſondern es war der namenloſe Schmerz eines kindlich liebenden Herzens, die treue Mutter, die Freun⸗ din, die Beratherin zu verlieren. Es war das Vorgefühl des Schmerzes, dieſen Mund nicht mehr von Worten der Liebe und des Rathes überfließen zu hören, ſondern von ewigem Schweigen oder gar von— Wahnwitz geſchloſſen zu ſehen. Es bedurfte der ganzen Ueberredungsgabe des Predigers und ſeiner Kenntniß des Menſchenherzens und des chriſtlichen Troſtes, um dieſem leidenſchaftlichen Schmerze, dieſen lähmen⸗ den Befürchtungen Einhalt zu thun. Und dieſe Pflicht war um ſo ſchwerer, als Richard ſelber, auf eine ihm ſelbſt uner⸗ AX 86 klärliche Weiſe, dieſen Schmerz in hohem Grade theilte und ſich durch eine geheimnißvolle Vorausbeſtimmung unſäglich innig zu der Kranken hingezogen fühlte. Die ruhige feierliche Schönheit des Abends und die Sammlung, ſowie die Nachklänge der Stimmung, welche ihn aus dem Betſaale begleitet hatten, wirkten übrigens beruhigend auf Richard ein, und nach eingebrochener Dämmerung verließ er das Gärtchen, und begab ſich in Frau Halling's Wohnung. Die wilden Delirien hatten eben nachgelaſſen und die Kranke lag in einem Zuſtande tiefer Betäubung. Malchen ſaß ganz erſchöpft neben dem Bette, und ihr Auge fand keine Thränen mehr für ihren Jammer. „Ach, wie freundlich von Ihnen, Herr Pfarrer, daß Sie noch kommen!“ ſagte ſie.„Die Mutter hat in ihrem Irre⸗ reden wieder viel von Ihnen geſprochen und Sie abermals mit dem Sohne verwechſelt, den ſie vor mehr als dreißig Jahren verloren hat. Und zwiſchen hinein ſprach ſie immer und immer wieder von ihrer Hochzeitsbibel und wollte aus dem Bette, um dieſelbe zu ſuchen, ſo daß die Magd und ich alle Mühe hatten, ſie im Bett zu halten. Die Mutter rief immer: ſie müſſe Ihnen die Bibel bringen. Mich dünkte nun, es müſſe eine beſondere Bewandtniß mit dieſem Buche haben, und da hab' ich dasſelbe vorhin, wo die Mutter einſchlummerte, hervorgeſucht. Sehen Sie, dort iſt das Buch! Nehmen Sie es zu ſich, nach dem Wunſch der Mutter. Vielleicht finden Sie heraus, weßhalb die Sorge um das Buch der Kranken keine Ruhe läßt!“ Richard nahm das Buch, eine alte Hausbibel mit großen Lettern, nach alterthümlicher Weiſe in Schweinsleder gebunden, zwar ſtark gebraucht, aber ſchonlich bewahrt und mit einem 87 metallenem Schloſſe verſehen. Als er es öffnete, begegneten ſeinem Blicke auf dem erſten weißen Blatte vergelbte Schrift⸗ züge,— die Widmung, durch welche ihr Vormund das Buch der Charlotte Frege bei ihrer Verehelichung mit dem Gärtner Wilibald Franzen ſchenkte, als Hort und Schatz in guten und böſen Tagen, und mit einem frommen alten Spruch. Auf dem zweiten Blatt dagegen hatte die Beſitzerin ſelber die Haupt⸗ begebenheiten und⸗Momente ihres Lebens aufgezeichnet: den Tag ihrer Geburt, ihrer Confirmation, ihrer Verlobung mit dem Gärtner Franzen und ihrer Trauung, dann hatte eine andere männliche Hand die folgenden Worte eingetragen: „Am 15. Weinmond Anno 18— hat uns der liebe Gott ein Knäbchen geſchenkt, von dem die Mutter, mein liebes Weib Charlotte, Morgens um acht Uhr genaß, und erhielt daßelb in der Tauff den Namen Wilibald nach mir. Gott gebe, daß es unſer beider Gatten rechte Freude werde, und ein Menſch nach dem Herzen Gottes!“ Auf der Rückſeite dieſes Blattes begann dann von der Hand der Beſitzerin in langer Schilde⸗ rung und ſchlichten Worten, oft mit Bibelſtellen und geiſtlichen Liederverſen durchſprengt, eine Schilderung ihres weitern Lebens, viele Blätter enthaltend, an welche noch loſe Blätter angefügt waren, oft in Form eines Tagebuchs, oft mehrere Jahre überſpringend, deren Erlebniſſe nur kurz und gedrängt erzählt waren, bis in die jüngſten Monate herunter. Es war eine Lebensgeſchichte von ganz abſonderlich reichem Inhalt, reich an Leiden, recht durchwoben mit Prüfun⸗ gen und Heimſuchungen eines Herzens, das aber unter allen: Leiden und Trübſalen nie das kindlich⸗gläubige Vertrauen auf die höhere Macht verlor, in deren Hand aller Menſchen Ge⸗ ſchicke liegen. Richard verſenkte ſich tief darein, und las und las, am Ende vergeſſend, wo er war und was ihn eigentlich hieher geführt hatte. Wir wollen im Folgenden eine kleine gedrängte Ueberſicht von dem Inhalte dieſer Aufzeichnungen geben. 6. Unſere Leſer werden in der Frau Halling wohl ohne Zweifel ſchon früher die unglückliche Gattin und Mutter er⸗ kannt oder vermuthet haben, die wir im Eingange unſerer Erzählung kennen lernten. Sie werden ſich noch erinnern, daß Charlotte nach den fruchtloſen Bemühungen, den vermißten Knaben wieder aufzufinden, in die Fremde wanderte. Ihr erſtes Ziel war Hamburg, wo ſie ſich vergebens nach ihrem entwichenen Gatten erkundigte. Hier blieb ſie, den ganzen Tag Umfrage haltend, bis ihre Mittel verzehrt waren. Ein unbe⸗ ſtimmter Wink, den ſie erhalten, ſchien darauf hinzudeuten, daß Wilibald die Straße nach Holland eingeſchlagen und dort vielleicht ein Unterkommen in ſeinem Berufe geſucht habe. Halb bettelnd, halb mit dem Erlös des Wenigen, was ſie von ihren Habſeligkeiten noch entbehren konnte, ihr Leben noth⸗ dürftig friſtend, durchwanderte ſie den weiten Bogen über Oſt⸗ friesland nach Rotterdam, und erkundigte ſich auch hier ver⸗ gebens. Es ſchien bei ihr zur fixen Idee geworden zu ſein, daß ſie ihn und den Knaben zuſammen aufſuchen müſſe, daß Wilibald den Kleinen bei ſich habe. Sie hatte niemals daran glauben wollen, wenn ihr menſchenfreundliche Leute nach An⸗ hörung ihrer Geſchichte die Vermuthung ausgeſprochen, der gewiſſenloſe Gatte werde ſich nicht mit ſolcher Bürde geſchleppt haben, ſondern nach Verpraſſung des mitgenommenen Geldes wahrſcheinlich Werbern in die Hände gefallen ſein, von denen damals faſt alle größere Städten wimmelten. In Rotterdam — — 89 fand ſie endlich ein Unterkommen bei einer mitleidigen Wittwe, die, obwohl ſelbſt arm, der durch Mangel und Entbehrung, Kummer und Strapazen erſchöpften Frau ein Plätzchen an ihrem Herde gönnte. Die beiden Frauen friſteten einige Jahre lang ihr Leben durch Waſchen, und es gelang der armen Char⸗ lotte, durch die äußerſte Sparſamkeit einmal eine Summe von hundert holländiſchen Gulden zurückzulegen. Da erſchien eines Tages ein Menſch in einer verwahrlosten alten Uniform, ein Invalide, bei ihr und brachte ihr Grüße von ihrem Manne und die Bitte, ſie ſolle doch etwas für ihn thun; er ſei Soldat geworden aus Verzweiflung über ſich und ſein Unglück, und diene im— ſchen Heere. Aber das Soldatenleben behage ihm nicht, und der kleine Wilibald, der jetzt Pfeifer ſei, höre in der Kaſerne auch nichts Gutes. Dazu komme, daß er als Gärtner bei einem ſeiner früheren Offiziere eine Stelle finden könnte, wenn er nur die Mittel hätte, mit dem Knaben zu deſertiren. Der Invalide, welcher ſich für einen Landsmann und frühern „Schlaf“(Bettkameraden) Wilibald's ausgab, wußte das Alles ſo anſchaulich und mit ſo viel Einzelnheiten zu erzählen, daß die gute Charlotte alles Unrechts, aller Leiden vergaß, welche ihr Gatte über ſie verhängt hatte, und an nichts Ande⸗ res mehr dachte, als wie ſie den Schwergeprüften und ihrer beider Kind aus dem Soldatenrock befreien könnte. Dafür wußte der alte Grim ſchon Mittel und Wege. Er gab einen Wirth an in der angeblichen Garniſonsſtadt, welchem das Geld zugeſtellt werden ſollte; der habe ſchon manchem braven Kerl aus dem verwünſchten Soldatenkittel herausgeholfen, wenn er durch die Werber ſich hatte verlocken laſſen, Leben und Freiheit an die Fahne zu verkaufen. Alles geſchah pünktlich, wie der alte Grim es angegeben, der natürlich nicht verfehlt ⁴ hatte, der erſchütterten Frau das tiefſte Geheimniß über dieſen Gegenſtand anzuempfehlen, weil es ihm den Kopf koſten könnte, wenn ſeine Mitwirkung entdeckt würde. Reich beſchenkt ſchied der Invalide, aber die arme Charlotte ſah ihr Geld nie wieder, und ihren Gatten und Sohn noch weniger. Und trotz dieſer derben Witzigung ward ſie noch öfter der Spielball von Be⸗ trügern, welche, ihre Leichtgläubigkeit benützend, ihr allerlei falſche Nachrichten zutrugen; denn das Mutterherz glaubte ja ſo gerne, was es wünſchte. Der Tod der alten Frau, mit welcher ſie ſeither gelebt, trieb Charlotten endlich aus dieſem Aſyle, das ſie für eine Weile gefunden hatte. Sie kehrte mit einem kleinen Spar⸗ pfennig in die Heimath zurück, um zu hören, ob nicht inzwiſchen Nachrichten von ihrem Gatten oder Kind eingelaufen ſeien. Bei dieſem Anlaß verſagte ihr Dolffs eine Herberge in ihrem frühern Häuschen. Abermals wanderte ſie hierauf, von un⸗ beſtimmten Ahnungen und vagen Gerüchten getrieben, in die Welt hinein, und forſchte nach ihrem Verlornen. Hie und da nahm ſie Dienſte, nur um wieder die Mittel zu erſchwingen, ihre Odyſſeus⸗Wanderung fortzuſetzen. Aber nirgends kam eine Spur zum Vorſchein, welche auf das Daſein von Gatten und Kind führte. Wer ihre Geſchichte hörte und den felſen⸗ feſten Glauben, womit die Frau noch immer auf die Wieder⸗ auffindung der Vermißten hoffte, der ſchüttelte mitleidig den Kopf und hielt es für eine fixe Idee, und Charlotten für etwas aberwitzig. Da kam endlich— Charlotte hatte bereits die Vierzige betreten,— ein erſchütterndes Nothjahr. Charlotte büßte ihren Dienſt ein und fand kein anderes Unterkommen; die Polizei verwies die Arme in ihre Heimath zurück, weil ihre Papiere angeblich nicht ganz in Ordnung ſeien. Es war zu 91 Anfang Winters, die Witterung kalt und ſtreng, und tiefer Schnee, als die arme Frau ihre gezwungene Heimreiſe aus dem Innern Deutſchlands nach ihrer fernen nordweſtlichen Heimath antrat. Hunger und Strapazen machten die arme Pilgerin krank, und hemmten ihr Fortkommen. Wo ſie um Hülfe anpochte, da klagte man ihr die eigene Noth, den eigenen Jammer; nirgends fand die„Fremde“ einen barmherzigen Samariter. Ihre Tagmärſche wurden immer kleiner, und ſie konnte ſich kaum aufrecht erhalten. So kam denn der Weih⸗ nachtsabend, deſſen Einbruch, von heftigem Schneegeſtöber be⸗ gleitet, ſie in einer flachen, dünnbevölkerten Gegend überraſchte, wo Moorbrüche und kleine Gehölze noch dazu beitrugen, die erſchöpfte Wandrerin im Dunkel die beſchneite Straße verlieren zu laſſen. Hier war Charlotte außer Standes, ſich weiter zu ſchleppen, und ſank in den Schnee, vergebens mit dem Schlum⸗ mer ringend, der ſie befallen wollte. Sie hatte Nichts mehr, als die dürftige Kleidung, die ſie am Leibe trug; all ihre an⸗ deren Habſeligkeiten waren ſchon dem Hunger geopfert wor⸗ den, und ihre einzige Bürde war die Bibel, die ſie in ein Tuch eingeknüpft am Arme trug,— den Schatz und Hort, von welchem ſie ſich nicht hatte trennen wollen und können. In dieſer bittern Noth wandte ſie ſich an Den über den Sternen, und bat inſtändig um ſeine Hülfe. Sie war zum Tode bereit; war dieſer ja doch nur das Ende ihrer Mühſale. Aber die Eine Sorge hegte ſie: wenigſtens unter Menſchen und Chriſten ſterben zu dürfen, denen ſie dieſe Bibel anbefehlen könnte, um ſie an den Magiſtrat ihrer Vaterſtadt einzuſenden zur Auf⸗ bewahrung für ihren Gatten oder Sohn, falls dieſe ſich je wieder melden würden. Da ward ihr Stoßgebet erhört: Schellengeläute, wie von einem Schlitten, ließ ſich in der Nähe 92 vernehmen,— ein Beweis, daß hier eine Straße vorüberführte. Sie raffte ſich auf, ſie ſchrie, aber ihre Stimme erſtarb in der dicken Luft und den fallenden Flocken. Doch zeigte ein Licht⸗ chen, das durch das Abenddunkel zog, ihr die Richtung der Straße. Noch einmal alle ihre Kräfte ſammelnd, wankte ſie der Gegend zu, wo der Lichtſchein vorübergezogen, erreichte die Straße, und kroch auf einen Pfahl geſtützt weiter, bis die letzte Kraft geſchwunden war und ſie bewußtlos zuſammenſank. In dieſem Zuſtande ward Charlotte von einem, mit ſeinem Zuge heimkehrenden Poſtknechte gefunden und mühſam nach dem einſamen Häuschen eines alten Chauſſeegeld⸗Einnehmers gebracht, der einzigen menſchlichen Behauſung auf eine Meile in der Runde. Dieſer übte Chriſtenpflicht an der halb Er⸗ ſtarrten, und beherbergte, verpflegte und heilte ſie. Als ſie wieder zur Beſinnung kam, kannte er ihre Schickſale ſchon aus dem Inhalte der Aufzeichnungen in ihrer Bibel, und bot ihr eine Zuflucht in ſeinem Hauſe. Das Weſen des alten Mannes gefiel Charlotten, denn der alte Halling war ein Veteran, der ſchon unter dem großen Preußenkönig gefochten und hier ein ſpärliches Brod als Invaliden⸗Verſorgung genoß, aber eine ehrliche, gerade, rechtliche Natur, voll inniger Religioſität, die ſeine einſame Lebensweiſe noch genährt hatte. Seine alte Magd war vor Kurzem geſtorben, und eine junge hatte er vor wenig Tagen fortgejagt, weil ſie ihn beſtohlen. Sein Alter heiſchte Pflege, und Charlotte bedurfte ein Obdach; ſo fanden Beide ihre Rechnung bei dieſem Zuſammenleben.— Dieß dauerte etwa ſechs Jahre; da überkamen Altersbeſchwerden mancher Art den Greis und verkündeten ihm, daß die Zeit gekommen, wo er der Einberufung in ein anderes Heer gewärtig ſein mußte. Mit dieſer Ueberzeugung im Herzen machte er Char⸗ 6 93 lotten den Vorſchlag, ſie zu heirathen.„Ich habe meinem Lande lange und redlich gedient und gerechten Anſpruch dar⸗ auf, daß man meine Hinterlaſſene verſorge,“ ſagte er,„und da ich mein Lebtage allein geſtanden habe und keine Seele mehr auf Erden mein nenne, ſo wird man begreiflich finden, wenn ich meine Anſprüche auf eine andre Perſon, die deſſen würdig, übertrage. Und das ſind Sie, Charlotte! Nach meinem Tode erhalten Sie eine Penſion; iſt's auch nicht viel, ſo deckt's doch die ſtrengſte Nothdurft und gibt Ihnen die Mittel, bei ſon⸗ ſtigem Fleiß noch einen Sparpfennig für Ihren Sohn zürück⸗ zulegen, wenn er je wieder zum Vorſchein kommt. Und Ihrem Manne brechen Sie ja die Treue nicht, wenn Sie mich hei⸗ rathen. Gott iſt mein Zeuge, Sie werden bald die Wittwen⸗ haube tragen!“ Charlotte wollte davon Nichts hören; aber Halling drang ſo lange in ſie, bis ſie auf ſeinen Vorſchlag ein⸗ ging; er verſicherte ſie, daß er nicht ruhig ſterben würde, wenn ſie ſeinen Plan vereitelte, den er ſeit Jahren gehegt. Zudem ſetzte er ihr mit dem ſchlagendſten und gewichtigſten aller Gründe: mit der Rückſicht auf ihren Sohn, ſo ſehr zu, daß ſie ſich überreden ließ. Seine Prophezeiung erfüllte ſich: Frau Halling trug kaum ein halbes Jahr ſpäter die Wittwenhaube. In das Chauſſeehäuschen zog ein andrer Einnehmer mit einer zahlreichen Familie, und Charlotte überſiedelte mit ihrem klei⸗ nen Beſitzthum in eine benachbarte Provinzialſtadt. Nun ſie aber frei war und im Beſitze eines kleinen Sparpfennigs, zog die Sehnſucht ſie abermals nach der Heimath. Hier fand ſie zwar Alles verändert, allein die Ahnung, daß ſie dort vielleicht Nachrichten von ihrem Gatten erhalten würde, hatte ſie nicht getäuſcht; Wilibald war vor einigen Jahren dageweſen, aus fernen Welttheilen in die Heimath zurückgekehrt, aber die fürch⸗ 94 terliche Enttäuſchung, als er weder Weib noch Kind mehr an⸗ traf, als er vernahm, welches Unglück ſeine Entweichung an⸗ gerichtet hatte, als er erfuhr, daß er ſelbſt im Verdacht ge⸗ ſtanden, der Mutter den Kleinen geraubt zu haben, daß er ver⸗ muthlich Charlotten dadurch das Herz gebrochen,— all dieſe Erfahrungen, welche auf ihn in dem Augenblicke einſtürmten, wo er ſelber arm und gering, nach jahrelanger Sehnſucht und Heimweh in's Vaterland zurückkehrte, das Herz von der Hoff⸗ nung geſchwellt, nach langer Sühne nun Verzeihung von ſei⸗ nem Weibe zu erlangen und fortan nur für ſie und ſein Kind zu leben und zu arbeiten,— dieſe fürchterlichen Enttäuſchungen warfen ihn auf's Krankenlager, von welchem er ſich nur erhob, um in eine Irrenanſtalt gebracht zu werden. Den armen Mann peinigte nun der Gedanke: er müſſe noch einmal nach Oſtindien zurück, wohin er mit einem Regiment engliſcher Jäger, von welchem er ſich in Hamburg hatte anwerben laſſen, früher gebracht worden war; er müſſe nun dort reich werden, um dann als gemachter Mann heimkehren und ſeine Frau aufſuchen und ihr und dem auf ſolch räthſelhafte Weiſe ver⸗ ſchwundenen Knaben einen ſorgenfreien Lebensabend und eine heitrere Zukunft bereiten zu können. Dieſe Idee beherrſchte ihn ganz und gar, ſo daß er fortwährend auf Fluchtverſuche ſann und nach manchem vereitelten Anſchlage endlich aus jener Anſtalt entwiſchte und ſeitdem verſchollen war. Jene Kunde von ihrem Gatten hatte Charlotten tief er⸗ ſchüttert. Sie ſah nun ein, daß ſie Unrecht gethan, ihm durch Länder und Städte nachzuziehen, anſtatt in der Heimath oder an einem feſten Wohnſitze zu bleiben und einen Spar⸗ und Nothpfennig zu ſammeln, damit Gatte und Sohn, bei ihrer etwaigen Rückkehr, ein behagliches Obdach fänden. Charlotte 33. begriff nun erſt, wenn auch faſt zu ſpät, die Wahrheit des Sprüchworts: daß ein rollender Stein kein Moos anſetzt, und daß ſie vielleicht ihr Kind wieder aufgefunden hätte, wenn ſie an einem und demſelben Orte geblieben wäre, wo die zufällig ſich ergebenden Spuren und Nachweiſe über ihr Kind ſie ſtets ge⸗ troffen haben würden. Allein, wie geſagt, alles Bedauern half nun Nichts mehr; das Verſäumte konnte nicht wieder gut ge⸗ macht werden und Charlotte konnte nur für die Zukunft ſich die erhaltene Lehre zu nutz machen. In W. litt es ſie nicht mehr; in jenem Jahre, als Charlotte in die Fremde ging, hatte ſie gewiſſermaßen ihre Schiffe hinter ſich verbrannt und ihre Brücken hinter ſich abgebrochen; ſie hatte ſich damals mit Schmerzen und mit dem Verluſt vieler Wurzelfaſern von der heimiſchen Scholle losgeriſſen, und fand ſich darum nun fremd in der Heimath. Einer ihrer erſten Gänge nach der Rückkehr hatte dem Häuschen am Strome gegolten, das einſt die Wiege ihres ein⸗ zigen Kindes beherbergt. Aber ſie fand es nicht mehr: der Platz ſogar, wo es geſtanden, war leer, und in eine Zimmer⸗ werfte umgewandelt, die Weymouthskiefer und das freundliche Häuschen waren vom Erdboden verſchwunden, und Charlotte erfuhr mit wahrem Herzweh, daß dieß durch Brandſtiftung geſchehen war, deren Urheber, Dolffs, jetzt dieſes Vergehen im Zuchthauſe büßte. Sie ſagte ſich, auch dieß hätte vermieden werden können, wenn ſie einſt zur Stelle geblieben wäre, an⸗ ſtatt einer unruhigen Haſt nachzugeben. Der heimtückiſche Dolffs war in ſeinem wüſten Leben an den Bettelſtab gekom⸗ men, und der Senator Mühlbach wollte das Häuschen, das ihm verpfändet war, verkaufen laſſen. Da hatte Dolffs es in mehreren Brandverſicherungen zugleich zu verſichern gewußt, 96 und in einer argen Sturmnacht angezündet. Allein der Un⸗ that war die Entdeckung auf dem Fuße gefolgt, und da eine Magd in der Feuersbrunſt verunglückt war, ſo büßte er ſein Vergehen mit lebenslänglichem Zuchthauſe. Seine Kinder waren fremder Pflege anvertraut worden, und wuchſen zum Theil in arger Verwahrloſung auf. Da erbarmte ſich Char⸗ lotte des jüngſten derſelben, eines ſanften, lieblichen Mädchens, und nahm es mit ſich in die ferne neue Heimath, um es zu einem beſſern Looſe zu erziehen. Dieß war Malchen. In die Provinzialſtadt heimgekehrt, wo ſie nach ihres zweiten Gatten Tode ihren Wohnſitz genommen, war Char⸗ lottens Beſtreben nur darauf gerichtet, ein kleines Vermögen anzuſammeln, und Malchen zu einem frommen, braven Weſen zu erziehen. Rührig und rechtſchaffen, wie ſie war, erfuhr ſie in reichem Maaße den Segen des Himmels für ihre Be⸗ mühungen. Erſt trieb ſie einen kleinen Viktualienhandel, dann ward ſie Koſtreicherin in einem Militärhoſpital, und endlich übernahm ſie, durch Gönner und Freunde unterſtützt, die Speiſe⸗ meiſterei der Strafanſtalt auf der Frohnveſte Starenburg, wo ſie ebenfalls durch ihren redlichen Fleiß und ihre Rechtlichkeit bald der allgemeinſten Achtung genoß. Charlottens einziger Wunſch war, wie ſie in ihrer letzten, erſt vor wenigen Tagen niedergeſchriebenen Aufzeichnung geſagt: ihren Sohn noch ein⸗ mal zu ſehen und von ihrem Gatten noch nähere Nachrichten zu erhalten. Der hoffnungsvolle Glaube, daß ihr dieß möglich werde, bevor der Tod ſie abberufe, gründete ſich auf ihr inner⸗ ſtes religiöſes Gefühl, auf ihre Ueberzeugung von der Unfehl⸗ barkeit und Untrüglichkeit der Verheißungen des heiligen Bibelwortes, und der ſtete Widerhall und Grundton ihres täglichen Gebets war das Flehen geweſen, daß Gott ſie dieſe 97 Freude der Gattin und Mutter noch möge erleben laſſen. Eine beſondere Seite der Aufzeichnungen galt ihrem Sohne. Es waren Worte der Liebe, aus dem Herzen zum Herzen, endend in der Bitte, er möge, falls er bei ſeiner Heimkehr die Mutter nicht mehr am Leben finde, dieſe Bibel als theuerſtes Vermächtniß hoch in Ehren halten und in ihrem Inhalte ſtets die Richtſchnur für ſein ganzes Leben ſehen, damit er denſelben Troſt und Frieden darin finde, wie ſeine Mutter, und damit ſeine Mutter einſt hoffen dürfe, in jener Welt mit ihm ver⸗ einigt zu werden, falls es der allwiſſende Vater im Himmel ſo geordnet habe, daß ſie in dieſem Leben ihn nicht mehr an das mütterliche Herz drücken ſollte. In Malchen aber, der treuen Gehülfin und Pflegerin ſeiner Mutter, ſolle er eine Schweſter ſehen, ſie als ſolche halten, wenn er je nicht— wozu die Mutter die verlaſſene Amalie erzogen habe— auch ſeine Lebensgefähr⸗ tin in ihr finden könnte. Das Letztere aber würde noch in einem andern Leben ihr ſchönſter Troſt ſein.—— ** * Mit tiefer Bewegung hatte Richard dieſe Aufzeichnungen zu Ende geleſen— es war nahezu Mitternacht. Da ſaß Mal⸗ chen noch ſchlummernd im Stuhle neben der Kranken, über⸗ mannt von dem Bedürfniß nach Ruhe. Ihr Haupt, mit dem Antlitz voll heiteren Friedens und holder Unſchuld, war auf das Kiſſen der Kranken geſunken. Die Lippen der Letztern bewegten ſich und ſprachen leiſe unverſtändliche Worte. Der junge Prediger erhob ſich ſtille vom Tiſche und betrachtete Beide— eine rührende Gruppe. Er nahm den Schirm von der Lampe und ließ das Licht auf die beiden Köpfe fallen. Da ſah er, daß Frau Halling die Augen offen hatte und ſeinem Blick begegnete. Matt erhob ſie die Hand und winkte ihm Mylius, Für Frauenhand. I. 7 heran.„Wilibald, Wilibald!“ flüſterte ſie mit einem gar ſelt⸗ ſam ergriffenen geheimnißvollen Tone,„ich wußte wohl, daß Du noch kommen würdeſt! Die Mutter hat Dich ja immer erwartet. Und hier iſt Malchen, Dein Malchen, Deine Braut, mit der Du glücklich ſein wirſt!“ „Arme Mutter!“ ſagte er;„ein glücklicher Wahn gaukelt Dir das Ziel Deiner Wünſche vor, und Du biſt doch noch ſo ferne davon!“ Die Kranke ergriff ſeine Hand und zog ihn näher. Er willfahrte ihr und blickte ſie mit tiefer Rührung an; ſie wollte reden, aber ihre Worte waren verworren, wie die Bilder ihrer Seele. In dieſem Augenblick erwachte Mal⸗ chen und ſtierte ihn verwundert an. Er erzählte ihr, was ge⸗ ſchehen war, und ſie meinte: dieſer Wahn habe die Kranke ſchon ſeit Monaten beſchäftigt, und ſie rede in ihren Träumen oft von ihm als ihrem Wilibald. Und da nun die Delirien der Kranken wieder in wildes Faſeln übergingen und beſchwich⸗ tigende Mittel nöthig machten, ſo ging Richard, in einem ſelt⸗ ſam aufgeregten Zuſtande, und überließ die arme Frau der treuen Pflege Malchens. Die Bibel aber nahm er mit ſich, um ihre beſchriebenen Blätter am Tage noch einmal mit mehr Muße und Aufmerkſamkeit zu leſen, denn er fühlte ſich auf eigenthümliche ahnungsvolle Weiſe davon angezogen. 8 In dieſen Tagen, während die arme Charlotte Halling von Bewußtloſigkeit umnachtet und von Schmerzen gekrümmt an ihr Krankenlager gefeſſelt lag, und Stirnbrand häufig über den Aufzeichnungen ſeiner Freundin ſaß und Auszüge aus denſelben machte, ward die Jammer⸗Kolonie der Verbrecher vermehrt durch einen neuen Ankömmling, der gleich bei ſeinem 99 Einzuge unter den Bewohnern der Frohnveſte Senſation er⸗ regte. Ein ſeltſamer Ruf ging ihm voran und das Intereſſe an ſeiner Perſon ward noch erhöht durch ſeine Erſcheinung. In dem Begleitſchreiben und Urtheil hieß der Strafgefangene kurzweg Kaats, ſeine Heimath war nicht zu ermitteln ge⸗ weſen, da der Gefangene während ſeiner Unterſuchungshaft ein hartnäckiges, durch keinerlei Zwangsmittel zu brechendes Stillſchweigen über ſeine Herkunft und früheren Schickſale be⸗ obachtet hatte. Aus ſeinen Antworten auf allerlei Suggeſtiv⸗ fragen, die man ihm geſtellt hatte, ging wenigſtens ſo viel her⸗ vor, daß er früher Soldat oder Matroſe oder Beides zugleich geweſen und als ſolcher ſich Jahrelang auf den malayiſchen Inſeln herumgetrieben hatte, wie denn die Sprache, deren er ſich gemeinhin bediente, um ſeinem Grolle in Selbſtgeſprächen und Verwünſchungen Luft zu machen, ebenfalls ein malayiſcher Dialekt zu ſein ſchien. Der Gefangene ſprach aber ſo geläufig Deutſch und mit einem ſolch unverkennbar plattdeutſchen oder niederſächſiſchen Accente, daß man wohl annehmen konnte, ſeine Heimath ſei urſprünglich im nördlichen Deutſchland zu ſuchen. Sein Vergehen, welches er hier oben durch fünfjährige Haft abbüßen ſollte, war ebenfalls ein höchſt eigenthümliches. Der ſogenannte Kaats hatte in einer Provinzialſtadt in einer Herberge übernachtet, weil man ihn wegen ſeines verwahr⸗ losten Aufzugs in keinem Gaſthofe hatte annehmen wollen, obſchon er mit Geld hinreichend verſehen war. Dort hatte ihn der Wirth in einen Schlafſaal mit einem halben Dutzend ande⸗ rer Individuen zuſammengelegt; am andern Morgen aber vermißte Kaats nach ſeiner Angabe eine Brieftaſche mit ver⸗ ſchiedenen Werthpapieren, worunter auch ſein Paß, erhub Lärmen, beſchuldigte den Wirth und die anderen Gäſte, welche 7* 100 mit ihm im ſelben Gelaß übernachtet hatten, und erhub einen gewaltigen Tumult. Der Wirth bezweifelte die Angaben des Kaats, nannte ihn einen Lügner und Landſtreicher, der ihn durch ſolche Vorſpiegelungen nur um eine Entſchädigung ſchröpfen wolle, und machte endlich Miene, Kaats aus dem Hauſe zu werfen. Nun aber erſchien dieſer plötzlich wie ein wildes Thier, zog ein großes dolchartiges Meſſer von ſonder⸗ barer fremder Form, bediente ſich deſſelben ſchon beim erſten Schlage, den er erhielt, mit blinder Wuth und verwundete ſechs Perſonen, worunter einen Gendarmen, gefährlich, bis ihn endlich ein von hinten geführter Schlag auf den Kopf mit einer Stange niederwarf und ſeine Angreifer in den Stand ſetzte, ihn zu bewältigen. Er hatte in der Haft und Unterſuchung die That nicht geleugnet, vielmehr Alles zugeſtanden, aber dabei fortwährend und hartnäckig behauptet, daß der an ihm begangene Diebſtahl einen Werth von mehreren tauſend Thalern betragen habe. Das in einer ledernen„Geldkatze“ bei ihm vorgefundene Geld betrug ebenfalls einige tauſend Thaler in engliſchen, franzöſiſchen und holländiſchen Gold⸗ münzen, und die von Gerichts wegen angeſtellten Nachforſchun⸗ gen ergaben, daß wirklich ein Londoner und ein Rotterdamer Bankierhaus dem Jan Kaats mehrere Wechſel von hohem Betrage auf deutſche Wechſelplätze ausgeſtellt hatten, welche noch nicht eingelöst und deren Auszahlung ſofort inhibirt worden war. Auch traf die Perſonalbeſchreibung des Beſitzers jener Wechſel mit der des Verhafteten zuſammen, und mehrere Polizeiſtellen, auf welche derſelbe ſich berufen, beſtätigten, daß ſie einen vom königl. niederländiſchen Konſulat in Singapur ausgeſtellten Paß eines Jan Kaats viſirt hatten. Kaats hatte im Gefängniß ſich ſtille und fügſam benommen, auch ſtets theil⸗ 101 nehmende Erkundigungen nach den von ihm Verwundeten an⸗ geſtellt und dieſe mit Geld freigebig beſchenkt. Sonſt aber war Nichts über ſeine perſönlichen Verhältniſſe aus ihm heraus⸗ zulocken geweſen, als daß er mit dem und dem Schiff nach Europa gekommen, um eine Reiſe durch Deutſchland zu machen, ſo daß ſein ganzes ernſtes Weſen und die ſeltſame Verkettung von widrigen Umſtänden, welche eine ſo verhängnißvolle, mit dem Tode eines der Verwundeten endende Kataſtrophe herbei⸗ geführt hatten, ihm bei ſeinen Richtern ſelber zum Milderungs⸗ grund diente, zumal als man die That als im Affekt begangen annahm und bei dem Angeſchuldigten unverkennbare Spuren vorübergehender Geiſtesſtörungen bemerkt hatte. Dieſer Kaats nun war ein Mann von mindeſtens ſechszig Jahren, unterſetzt und hager, ganz ausgedörrt von der tropi⸗ ſchen Sonne, gelb und reizbar wie alle die europäiſchen Oſt⸗ indier, aber von einer furchtbaren Körperkraft. Sein gelb⸗ braunes, farbloſes Geſicht, von einem ſtruppigen eisgrauen Barte eingefaßt, war ſo kalt und regungslos wie eine Maske von Bronze, aber in ſeinen tiefliegenden braunen Augen glühte ein düſteres unheimliches Feuer, und um den Mund lag ein verbiſſener Grimm, ein Trotz und Groll gegen die Welt, die — wie er oft äußerte— ihm ſchlimm mitgeſpielt. Sein ganz kahler, mit Narben bedeckter Schädel und ſeine gebeugte Hal⸗ tung, ſo wie der meiſt zu Boden geheftete Blick gaben der Er⸗ ſcheinung dieſes Menſchen etwas Abſtoßendes, Unheimliches, und doch lag wieder in den nicht unſchönen, regelmäßigen und intelligenten Zügen des alten Mannes etwas Ergreifendes, was ein ſeltſames Intereſſe für ihn weckte. Da er ſchon wäh⸗ rend ſeiner Unterſuchungshaft mehrmals zu entſpringen ver⸗ ſucht und einige vereitelte Ausbruch⸗Verſuche angeſtellt hatte, 102 ſo war dem Vorſtand der Strafanſtalt die größte Wachſamkeit und ſtrengſte Beaufſichtigung des Gefangenen in dem Abliefe⸗ rungsſchreiben anempfohlen worden, zumal Kaats zur Ketten⸗ ſtrafe verurtheilt war. Dieſe Vorgänge nun machten dieſen Kaats auf eine Weile zum Helden des Tags in dem eintönigen ereignißloſen Leben der Beamten der Frohnveſte. Der Arzt proteſtirte laut gegen das Unrecht, daß man einen ſolchen Menſchen kriminell beſtraft habe, da er offenbar an einer Monomanie leide und geiſtig nicht zurechnungsfähig ſei.„Der Menſch hat einen Sonnen⸗ ſtich,“ pflegte er zu ſagen,„und nebſtdem leidet er an Gallen⸗ ſtein; ich verwette, daß er die Zeitfriſt ſeiner Strafe nicht über⸗ lebt. Es iſt grauſam, ein ſolches Individuum zur Kettenſtrafe zu verurtheilen, bei welchem liebreicher Zuſpruch, ſchonende Pflege und ein gefügiges Eingehen auf ſeine fixen Ideen beſſere Früchte tragen würde!“ „Ja wenn man Euch Herren hörte, ſo müßte man die Hälfte aller Verbrecher laufen laſſen wegen funktioneller Störungen der Gehirnthätigkeiten!“ erwiderte eines Abends der Juſtitiar Wiedenbruck unſerm Doctor, als er in einer Abendgeſellſchaft bei'm Kommandanten dieſe Aeußerung ge⸗ than;„damit wäre aber der öffentlichen Wohlfahrt nicht gedient, und im materiellen Punkte kommt es im Grunde auf Eines heraus, ob man den Verurtheilten im Narrenhaus oder in einer Strafanſtalt aufbewahrt. Ich wage zu behaupten: je enger man ſolche Individuen bewacht, deſto mehr iſt der gemeinen Wohlfahrt Rechnung getragen.“ Dieß war der ſtete Angelpunkt des Streites zwiſchen dieſen beiden Beamten, von denen der Eine ein ſtarrer Rechts⸗ mann, der Andere ein Aufklärler und Anhänger der unbe⸗ 103 grenzten Humanität war; der ſich auf's Neue entſpinnende Streit zwiſchen Beiden ſchien, wie immer, die übrigen Männer der Geſellſchaft ſehr ergötzen zu wollen, als ſich Stirnbrand in's Mittel legte und den Arzt um nähere Auskunft über den Gefangenen bat. Er hatte, wegen ſeines ungeſelligen Lebens, ſeither nur wenig von dem neuen Ankömmling vernommen, aber die Thatſache, daß derſelbe ebenfalls in Oſtindien ge⸗ weſen, wie der erſte Gatte der Frau Halling,— die Hoffnung, durch ihn vielleicht irgend welche Kunde über jenen Wilibald zu erlangen, und das rein menſchliche Mitleid mit einem Greiſe, welcher vielleicht nach einem Leben voll ehrlicher mühſamer Arbeit, in Folge einer raſchen That, ſeine letzten Jahre in den Mauern einer Strafanſtalt zubringen ſollte, erweckten in Stirnbrand eine ungewöhnliche Theilnahme. Er ſuchte ſich ihm zu verſchiedenen Malen zu nähern, aber der finſtre ver⸗ ſchloſſene Mann ließ ihn nicht ankommen; Richard konnte ihn weder auf ſeine eigenen Lebensſchickſale zu reden bringen, noch ihm einige Redſeligkeit für die Beantwortung derjenigen Fragen abgewinnen, an deren Beantwortung ihm für die arme Frau Halling ſo viel gelegen war. Der alte Kaats war„zuge⸗ knöpft bis an's Kinn,“ und nach der Ausſage der Aufſeher war es nach Monaten ſeines Aufenthalts auch noch keinem ſeiner Mitgefangenen gelungen, dem düſtern Manne einiges Vertrauen abzugewinnen. Er zeigte ſich gegen die Aufſeher niemals ſtörriſch und ungefüge, gegen die Gefangenen aber finſter und barſch, und als ihn eines Tages einige der Frechſten bei der Arbeit geneckt und verſpottet hatten, war er dem Einen auf den Leib gerückt und hatte ihn ſeine Frechheit unter einem Schwall von Verwünſchungen in ſeiner fremden Sprache ſo empfindlich büßen laſſen, daß die Anderen wenig Luſt mehr bezeugten, dieſem herkuliſch ſtarken Manne unter die Hände zu fallen. Er ſchien es den Anderen merken laſſen zu wollen, daß er ſich hoch über ihnen dünke; daneben aber war er mit ſeinen Gedanken immer anderswo; murmelte den ganzen Tag über halblaute, oft leidenſchaftliche Worte in jener fremden Sprache vor ſich hin und ſtierte gefliſſentlich zu Boden, um ja Niemanden in die Augen ſehen zu müſſen. Das ſchien denn allgemein den Verdacht des Arztes zu beſtätigen, daß er nicht ganz bei Sinnen ſei, und als man nach einigen Monaten be⸗ merkt hatte, daß er keinerlei Fluchtverſuche gemacht und unge⸗ reizt nie zu Exceſſen ſich hatte hinreißen laſſen, zollte man dem alten Manne neben einigem Mitleid auch noch die Rückſicht, daß man ihn ſo wenig als möglich in Berührung mit den übrigen Baugefangenen brachte, und ihn, wo es thunlich war, allein arbeiten ließ. So war ihm namentlich die Sorge für die Reinlichkeit und Unterhaltung der Wälle in gutem Zu⸗ ſtande übergeben worden, ſowie die Beſorgung der Baum⸗ pflege u. ſ. w. in der kleinen Allee auf dem Walle, ein leichtes und nicht entwürdigendes Geſchäft, das er meiſt nur unter der Aufſicht einer einzigen Schildwache beſorgen durfte. Allein wir haben mit dieſen Schilderungen der Verhält⸗ niſſe des neuen Ankömmlings dem Gang unſerer Erzählung einigermaßen vorgegriffen. Es war der Vorabend des heiligen Chriſtfeſtes, der Weihnachtsabend, an welchen wohl für einen Jeden unter uns ſo manche wohlthuende traute Erinnerung ſich knüpft. Das Gefühl der Freude und innern Zufriedenheit, welches Richard ſchon ſeit einigen Wochen darüber empfunden, daß es ſeiner Fürbitte, Malchens Pflege und der ärztlichen Sorgfalt gelungen war, die Frau Halling wieder zur Genefung im Leiblichen und Geiſtigen zu bringen, hatte ihn veranlaßt, 105 zum dankbaren Gedächtniß dieſes Ereigniſſes ſeinen Gefange⸗ nen eine Weihnachtsfreude zu bereiten. Ein religiöſer Verein in der Reſidenz, an welchen er ſich gewandt, hatte ihn darin unterſtützt, und ihm eine kleine Sammlung guter religiöſer Traktate, eine Anzahl neuer Teſtamente und verſchiedener Kleidungsſtücke zur Verfügung geſtellt. Weitaus den größten Theil der Koſten aber hatte Herr Stirnbrand auf ſich ſelber übernommen. Wohl war ſein Gehalt klein, aber ſeine Bedürf⸗ niſſe waren noch geringer, und ließen ihm allmonatlich ein kleines Sümmchen übrig. Früher, unter den rauſchenderen Umgebungen und den mancherlei Genüſſen einer belebten Hauptſtadt, hatte er manchen Thaler für geiſtige Genüſſe ver⸗ ſchiedener Art: Theater, Concerte, Sehenswürdigkeiten, Lek⸗ türe ꝛc. verausgabt, noch mehr aber in der Stille an Bedürf⸗ tige verſchenkt. Hier oben aber, wo Andere an ſeiner Stelle vielleicht weit mehr für Bücher, Zeitſchriften und geiſtige Nah⸗ rung ausgegeben haben würden, hatte er ſich Entſagung auf⸗ erlegt und weiſe Enthaltſamkeit, denn er hatte die Erfahrung gemacht, daß Geben ſeliger ſei denn Nehmen, daß er eine reinere Freude empfinde, wenn er einen der Gefangenen körper⸗ lich erquicke, als wenn er Ohr und Phantaſie an der rauſchen⸗ den Mufik eines vollendeten Orcheſters erlabe, und daß es ihm wärmer um's Herz war, wenn er Einem der Unglücklichen ein Paar warmer Strümpfe bieten konnte, als wenn er ſelber ein neues modiſches Kleid trug. Dazu kam noch, daß er ſich durch derartige kleine Geſchenke das Herz manches verhärteten Ar⸗ men erſchloſſen und demſelben Zutrauen abgewonnen hatte. An dieſem Weihnachtsabend nun hatte er im großen Arbeits⸗ ſaale eine Abendandacht gehalten, welcher eine Einbeſcherung folgen ſollte, und zwar in Geſtalt eines Glückstopfes, aus 106 welchem jeder der Gefangenen ein Loos zu nehmen hatte. Die Rede, womit er die Feier eingeleitet, war ihm heute beſonders gelungen; er hatte den ganzen Tag ſich in der Stille und Sammlung durch Gebet und Leſen der Schrift und durch Rückblicke in ſein eigenes Leben darauf vorbereitet, und ſich dann ganz von der Rührung tragen laſſen, welche der ſo ver⸗ brachte Tag, die Feierlichkeit des Augenblicks und der Dank gegen Gott für die Führungen auf ſeinem Lebenswege in ihm wachgerufen hatte. „Meine lieben Freunde und Brüder im Herrn,“ hatte er zu ihnen geſprochen;„der heutige Abend hatte einſt in meinem Leben eine beſondere Bedeutung. Er ward einſt gewiſſermaſſen der Wendepunkt meines Geſchicks, wie Ihr ſogleich hören ſollt. Ich war damals noch ein Kind von vielleicht kaum fünf Jah⸗ ren, höchſtens ſechs, noch ohne alle Begriffe von Recht und Un⸗ recht, verwahrlost und verwildert in hohem Grade, ſtumpf wie ein Thier. Ich hatte keine Heimath, keine Eltern, ich hatte wohl Jahre lang kein freundliches Wort gehört, keine behag⸗ liche Behauſung geſehen, keinen Menſchen geſprochen als den Schiffer, in deſſen Schiff ich ein winziges Eckchen mit etlichen Lumpen meine Heimath nannte. Das wundert wohl Manchen von Euch, nicht wahr? denn Ihr Alle werdet mehr oder weni⸗ ger eine Behauſung gehabt haben und Eltern, die Euch nähr⸗ ten; Ihr werdet den Unterſchied von Tag und Nacht, von Sonntag und Werktag gekannt haben. Das Alles hatte ich einſt nicht; mir war's nur wie ein ferner, ferner Traum, daß ich einſt grüne Wieſen und Gaisblatt an einer Wand und einen Garten voll Blumen und das freundliche bleiche Geſicht eines Weibes geſehen habe, das mich herzte und küßte und mich Lilli nannte,— Lilli, dieſes thörichte Wort war gleichſam das 107 Einzige, was von jenem holden Traum in meiner Erinnerung haften geblieben iſt. Und doch überkam, ja überkommt mich noch manchmal dieſer Traum, wie ein Lichtpunkt meines Lebens, wie ein einſamer Stern an einem wolkengrauen Himmel. Dagegen erinnere ich mich noch um ſo deutlicher des dunklen Raumes im Hintertheile des Schiffes, wo ich auf Lumpen in einem runden Faſſe lag, Jahre lang vielleicht, und wenig Stimmen hörte, als das Bellen des Hundes Snotje und das rauhe, wüſte, trunkene Toben des Mannes, dem das Schiff zu gehören ſchien. Nur zuweilen, wenn der Schiffer aus Verſehen das Thürchen offen ließ, kroch ich heraus, kletterte auf dem Deck herum und tummelte mich mit Snotje, dem Hunde, deſſen Name beinahe Alles war, was ich von Worten wußte. Dann erinnere ich mich noch dunkel, daß man mich eines Nachts in ein Stück alten Segeltuchs wickelte, aus dem Schiffe trug und in einem Loche niederlegte, welches nach mei⸗ nen dürftigen Erinnerungen etwa die Mündung einer Waſſer⸗ leitung ſein mochte. Hier lag ich lange, über mir den dunklen Himmel mit den Sternen, wie ich ihn oft geſehen, dann Mor⸗ gengrauen und Tag, dann die Sonne und dann wieder Nacht, und wieder Morgen, da lag ich, bald wach, bald ſchlafend und weinte, denn mich hungerte. Aber Niemand kam, auch der Mann nicht, der mich gewöhnlich fütterte und ſchlug und trat, den ich haßte und liebte, je nachdem mein Magen für ſeine Pflege zeugte oder nicht, und der doch der Einzige war, den ich ſeit Jahren geſehen. Wie lange ich gelegen, weiß ich nicht; aber das weiß ich, daß auf einmal Snotje, der rauhe ſtruppige Hund, bei mir war, mich mit freudigem Bellen umſprang und wedelnd an mir emporhüpfte, daß er mich mit ſeinem rauhen Pelze rieb und mir allerlei Poſſen vormachte, bis ich endlich aufſtand und mit ihm an dem Waſſergraben entlang herumlief und meines Hungers vergaß; wie er dann immer in Einer Richtung davon lief und mich mit ſeinem Gebell nachlockte. Dann ward es Nacht, ich fürchtete mich vielleicht oder war müde,— kurzum, ich erinnere mich noch, daß ich auf einer Stelle im Gras mich niederſtreckte und wieder vor Hunger weinte und der Hund geſchäftig um mich herſprang und dann wieder in die Luft hinausbellte und heulte, nach dem Waſſer hin, und mit ſeinen Zähnen an den Lumpen zog, die mich ſpärlich deckten, und ſich auch durch mein Schlagen nicht darin irre machen ließ, bis auf einmal der Mann wieder kam, der mein Vater geweſen zu ſein ſcheint, und den Hund und mich fürchterlich ſchlug.„Brod, Brod,“ rief ich und er gab mir am Ende welches, dann nahm er mich mit ſeiner harten Fauſt am Arm und zerrte mich fort, und Snotje zottelte verdutzt hinter⸗ her. Endlich konnt' ich nicht mehr weiter, da ſchlug und trat er mich abermals, und am Ende trug er mich auf dem Arm; ſo wanderte er eine Zeitlang mit mir hin, und ich mochte ein⸗ geſchlafen ſein; denn ich habe keine Erinnerung mehr an das, was um mich her vorging. Das aber iſt mir noch klar und lebendig gegenwärtig, daß ich plötzlich von einem Gefühl durch⸗ zuckt wurde, als würden mir alle meine Gebeine entzweige⸗ ſchnitten oder als fahre mir ein Blitz durch meinen ganzen Leib. Ich lag zappelnd im Waſſer und Snotje, der Hund, zerrte mich ſchwimmend auf eine kleine Kiesbank und bellte wüthend gegen ſeinen Herrn. Ich kann nicht anders glauben, als daß der Mann, der der Pfleger meiner Kindheit war, mich in's Waſſer geworfen hatte, um ſich meiner zu entledigen. Er pfiff dem Hunde, aber Snotje blieb bei mir und bellte drohend gegen ihn. Ich weiß nicht mehr, was darauf ſich begab; aber 109 mir iſt, als ſei ich nach der Hand in einem Bettchen gelegen, habe viel zu eſſen bekommen und freundliche Geſichter um mich geſehen. Dann kam ich wieder auf ein Schiff, aber da war der häßliche Mann nicht mehr, ſondern einige andere Männer, die freundlicher mit mir und Snotje waren, und ein Schiffsjunge, der hieß Franz, und der ſpielte oft mit mir und lehrte mich reden und zeigte mir den Himmel, die Bäume, die Thiere und den Fluß und die Schiffe und Flöße. Der arme Franz bekam oft Schläge von den Schiffern und weinte dann bei mir in meinem Winkel und betete. Er war ein verlaſſenes Geſchöpf, wie ich, ohne Vater und Mutter; aber er hatte in der Schule gelernt, daß er einen Vater über den Wolken hatte, dort dro⸗ ben wo die Sonne ihren weiten Bogen zieht, und daß dieſer Vater ihn nicht verließ. Zu dieſem Vater betete er, wenn die Männer in den blauen und rothen Hemden und ſchmierigen Beinkleidern ihn knufften und ſtießen, und von dieſem Gott erzählte er mir oft und lehrte mich kleine Gebete. Ich weiß nur noch, daß mich auf Franz's Schilderungen eine unendliche Sehnſucht anwandelte, dieſen lieben Gott einmal zu ſehen, und daß ich oft die Gebetchen wiederholte, die mich Franz gelernt hatte. Eines Tags lag das Schiff ſtill; es war Herbſt; an den Bäumen auf der Uferböſchung waren Birnen und Pflaumen reif, und ich weiß noch, daß Franz oft welche mit Steinen her⸗ unterwarf, wenn wir anhielten, und daß wir ſie dann zuſam⸗ men verzehrten. Franz ſagte mir, das Schiff müſſe mehrere Tage da bleiben und verſprach mir, wir wollten nun am Lande herumſchweifen und Aepfel und Pflaumen ſuchen, wenn erſt die Männer in der Schenke ſeien. Und das that er auch, und wir waren ſo vergnügt und ich konnte mich nicht genug wundern, wie ſchön es am Lande ſei; aber als wir am Abend 110 wieder auf das Schiff kamen, ward Franz unbarmherzig ge⸗ ſchlagen, weil er daſſelbe verlaſſen hatte. Er kroch zu mir in mein Winkelchen und wimmerte und weinte lange. Am Mor⸗ gen aber war er fort und kam nicht wieder; die Schiffer fluch⸗ „ten über ihn und ſagten, er wäre durchgegangen. Nun war ich wieder allein mit meinem Snotje und ſehnte mich recht nach meinem guten Franz, der mir immer ſo ſchöne Geſchichten erzählt und Gebete gelehrt hatte, und ich bat den lieben Gott, Franz möchte wiederkommen. Aber er kam nicht; und wenn die Schiffer vom Schiffe gingen, zogen ſie das Brett an's Land, damit Snotje und ich nicht vom Schiffe könnten. Da ward mir denn die Zeit recht lang, namentlich wenn ich die Kinder auf den Feldern und Wieſen ſpielend und jubelnd ſich tummeln ſah. Eines Tags nun neckten mich die Kinder am Ufer und nannten mich thöricht, daß ich nicht auch zu ihnen an's Land komme, um zu ſpielen. Sie zeigten mir ein Tau, das über den Bord herunterhing und riethen mir, daran herabzuklettern, wie ich es oft von Franz hatte thun ſehen; das Waſſer ſei nicht tief zum Ertrinken. Ich fürchtete mich aber vor Schlägen und that es nicht. Als aber die Kinder fort waren, deren Spielen zuzuſehen mir wenigſtens Unterhaltung gewährt hatte, über⸗ kam mich doch die Luſt und ich ließ mich am Tau herunter⸗ gleiten auf das ſeichte Kiesufer und gelangte an's Land. Als Snotje mich ſah, ſprang er mir nach und wir ſchlenderten durch die Landſchaft unbekümmert wie Kinder, unſerer Frei⸗ heit uns freuend und unſäglich glücklich; es ging den Hügeln zu, die ich in der Ferne geſehen und die mich ſo ſehr in Er⸗ ſtaunen geſetzt hatten. Unterwegs fand ich Birnen und Aepfel die Fülle, aß ſie nach Herzensluſt und wanderte immer zu in die vielen Bäume hinein, unter denen aber keine Aepfel lagen, — “— ſſſſͤͤͤ“ 111 denn es war der Wald. Endlich ward es Nacht, ehe ich mich deſſen verſehen hatte, doch war ich weit weg vom Schiffe, und ſah kein Waſſer und keinen Leinpfad mehr. Ich war ſehr in Angſt, denn auch keine Häuſer waren in der Nähe. Endlich führte mich Snotje zu einer Strohhütte, unter Obſtbäumen, wie ſie die Obſthüter errichten; darein krochen wir Beide, denn es donnerte und blitzte gewaltig und machte mir recht Angſt; und die ganze Nacht währte ein Sturm und Regenguß mit Blitz und Donner, daß ich kein Auge ſchließen konnte. „Es war ſchon hoch am Tage, als mich das Bellen Snotje's weckte; der Obſthüter kam, dem das Hüttchen gehörte, und war ſehr zornig, mich hier zu ſehen, aber er durfte mich nicht ſchlagen, wie er wohl gern gewollt hätte, denn Snotje wehrte ſich wacker um mich. Als ich nun dem Manne erzählte, wie ich hierher gelangt ſei, überwog am Ende das Mitleiden; er gab mir und Snotje von ſeinem Brod, packte mir noch von ſeinen Aepfeln auf und wies mir den Weg nach dem Waſſer. Aber die Wege waren ſchlecht, im Walde verirrte ich mich, und es ward wieder Abend, bis ich endlich den Fluß und ein Dorf erreichte. Es war freilich nicht das, wovor wir gelegen hatten, aber dennoch erkannten mich die Leute ſogleich und riefen mir zu: Grüttefien, der Schiffer, habe nach mir gefragt und ſei ſchon am Morgen vorübergefahren; ich ſolle nur nachgehen; die Kinder aber warnten mich und ſagten, Grüttefien habe mit fürchterlichen Schlägen gedroht, wenn er mich wieder finde. Das hatte ich auch ſchon den ganzen Tag gefürchtet und oft gedacht, ich ſollte nur„durchgehen,“ wie mein früherer Gefährte Franz; wenn ich nur gewußt hätte, wohin. Ein Mann gab mir endlich zu eſſen und ließ mich in ſeinem Stalle übernach⸗ ten; am andern Morgen zog ich wieder weiter, ſtromabwärts 112 in der Richtung, welche Grüttefien's Barke genommen. Wie lange ich ſo fortgelaufen, ohne ihn zu erreichen, weiß ich nicht mehr; aber eines Abends kam ich zu ſchwarzbraunen Leuten, die mit einem Karren und zwei Eſeln unter den Weiden am. Fluſſe lagerten und an einem Feuerchen kochten. Es waren braune halbnackte Kinder dabei, die mit mir plauderten und mich ausfragten. Bei dieſen Zigeunern blieb ich, denn ſie ſagten mir, Grüttefien's Schiff ſei ſchon ſeit vielen Tagen vorüber und nicht mehr einzuholen und er habe gedroht, mich todt zu ſchlagen, wenn er mich treffe; ſie wollten mich an ihrem Feuer liegen laſſen und mir von ihrem Eſſen geben. Und ſie thaten's auch; ich blieb lange bei ihnen, einen ganzen Winter hindurch und dann noch einen Sommer, bis es wieder Winter wurde. Sie zogen Land⸗auf Land⸗ab, wir Kinder mußten betteln und in den Bauerhäuſern ſtehlen, wurden belobt, wenn wir viel Eier oder Speck oder Kartoffeln brachten, und bekamen Prügel und Faſten, wenn Eines mit leeren Händen heimkehrte. Die Weiber ſtahlen und wahrſagten; die Männer machten Muſik in den Schenken, dreſſirten geſtohlene Hunde, flickten Pfannen und Tiegel und ſchnitzten Kochlöffel und Holzſchuhe, wenn der Hunger ſie plagte. Mich eckelte ihr Weſen an, denn ſie waren noch wüſter als die Schiffer, unter denen ich vordem gelebt. „Eines Abends— wir waren in der Nähe einer Stadt — hatten ſie mich mit den andern Kindern in die Stadt ge⸗ ſchickt, um zu betteln, aber wir waren von der Polizei ein⸗ geſteckt worden und durften erſt am andern Morgen wieder los, wo uns denn ein„Butz,“ wie wir die Gendarmen nann⸗ ten, zu der Horde zurückbrachte und dieſe weiter wies. Wie ich zu dem Karren kam, ſprang mir mein Snotje nicht wie ſonſt *½ 113³ 4 entgegen, und als ich nach ihm fragte, ſagte der alte Reinhard mit ſcheelem Lachen: Snotje ſei in der Nacht davongelaufen, vermuthlich um mich zu ſuchen. Ich war in Angſt um den Hund, und als die Anderen aufbrachen, blieb ich allein dahin⸗ ten und ſtreifte überall herum, um meinen treuen Freund zu ſuchen. Darob ward es Mittag, und ich mußte nun den Ande⸗ ren nach, was ich mit ſchwerem Herzen that, mich nur mit dem Gedanken tröſtend, daß er uns ſchon wieder auffinden werde, wie er oft gethan. Nach etlichen Tagen aber,— wir waren in einem kleinen Städtchen, und mein Snotje war noch immer nicht zurückgekommen, was mich den ganzen Tag weinen machte,— ging ich Abends durch die Gaſſen, um zu betteln; es war mir ſchwer um's Herz, und ich ſehnte mich ordentlich von den Zigeunern hinwegzukommen, denn ſeit der Hund fort war, dünkte mich's unleidlich bei dieſen Menſchen. Ich ſetzte mich auf eine Haustreppe und bat den lieben Gott, er möge mich doch meinen Hund wieder ſinden laſſen und von den Zigeunern hinwegbringen. Es war dieß das erſte Mal, daß ich wieder an Gott dachte, ſeit ich von Franz getrennt war; das Gefühl meiner Einſamkeit und meines Unglücks mochte mich wieder an ihn erinnert haben. Wie ich ſo da ſaß, ſah ich den alten Reinhard mit einem Päckchen unter dem Arme in ein Häuschen mir gegenüber treten. Neugierig, was der alte Böſewicht wohl da drinnen mache, ſchlich ich mich an die nied⸗ rigen Fenſter im Erdgeſchoß und ſchaute hinein. Reinhard handelte mit einem Manne um ein Hundefell, das er verkaufen wollte, und als ich es genauer anſah, da ging mir's wie ein Schwert durch die Seele:— das Fell war Snotje's zottiges, blutbeſprengtes Kleid. Wie ein Raubthier ſtürzte ich durch die Thüre in's Haus, zu dem Gerbermeiſter in ſein Zurichte⸗ Mylius, Für Frauenhand. I. 8 114 ſtübchen, riß dem alten Reinhard das Fell aus der Hand, der erſchrocken zurückprallte, als er mich anſichtig wurde, und über⸗ häufte ihn mit Verwünſchungen und Schimpfworten. Der Gerber ſchaute betroffen drein, als er mich ſo heulend und zähneknirſchend vor dem alten Zigeuner ſtehen und mit meinen ſchwachen Fäuſten auf ihn eindringen ſah, ihn einen Mörder und Dieb ſcheltend. Es mochte ihm nicht wohl bei der Sache ſein, und er rief ſeine Geſellen, die den Zigeuner nicht aus dem Auge ließen. Als mein erſter Grimm vorüber war, konnte ich des Meiſters Fragen deutlicher beantworten, und der alte Reinhard leugnete gar nicht, daß ſie neulich den Hund ge⸗ ſchlachtet, als wir Kinder in der Stadt auf der Polizei geſeſſen. Der Meiſter ſchalt ihn aus und die Geſellen prügelten den Zigeuner zum Hauſe hinaus; ich aber ſaß noch immer da und weinte in unſäglichem Schmerz in Snotje's zottiges Fell hinein. Das erbarmte den Meiſter, und er ließ ſich meine Geſchichte erzählen. Darauf verſprach er, ſich meiner anzunehmen; aber ſeine Frau litt es nicht; kaum duldete ſie mich eine Nacht unter ihrem Dache, vor Furcht, die Zigeuner möchten ihr darob das Haus anzünden. Am andern Morgen gab mir der Meiſter— ich habe nie ſeinen Namen erfahren können— einige alte Kleider, ein Brod und ein Stück Geld, und nannte mir eine Stadt, wohin ich mich wenden ſollte an den Aufſeher des Waiſenhauſes. Ich dankte ihm, nahm Snotje's Fell unter den Arm und wanderte die Straße, die er mir angegeben. Eines Tags kam ich in eine große Stadt, wo Jahrmarkt war und alle Gaſſen von Menſchen wimmelten. Mich hatte ſchon am vorigen Tage gewaltig gehungert und Niemand hatte mir Brod gegeben: Nachts war ich den Bauern in die Scheunen gekrochen und hatte mich in's Heu gewühlt. An jenem Tage 115 nun begegnete ich auf dem Jahrmarkte in jener großen Stadt unverſehens den Zigeunern wieder; der alte Reinhard und ſeine Söhne und ein fünfter Zigeuner ſtanden an einer Ecke und machten Muſik; ich entkam, ehe ſie mich bemerkt hatten; aber ich lief bald darauf der alten Mutter in die Hände, die mir Brod gab und mich aufforderte, wieder zur Horde zu kom⸗ men, in welchem Fall mir nichts zu Leid gethan werden ſolle. Ich weigerte mich, und ſie drohte mir; ſie hielt mich feſt, aber ich riß und biß und machte mich los, und die Umſtehenden nahmen für mich Partei; ich entkam, aber ſie hatte Snotje's Haut mir abgenommen. Von Weitem ſchrie ſie mir noch in ihrer Zigeunerſprache nach: ſie werde mich finden, denn ſie Alle würden auf mich Jagd machen und mich durch Spießruthen jagen, und ich ſollte ihnen nicht entgehen. Da überkam mich eine gewaltige Furcht und ich verſteckte mich hinter einem Hauſe und fror gewaltig, denn es war bitter kalt und tiefer Schnee. Endlich als es Abend war, trieben mich Froſt und Hunger aus meinem Verſteck; aber wunderſam ward mir zu Muthe, als ich den Lichterglanz in den Läden der breiten Straßen und das geſchäftige Treiben der Menſchen, ſowie die vielen unbegreif⸗ lichen und doch ſo ſchönen Sachen in den beleuchteten Gewölben ausgeſtellt ſah. Mir war wie in einem Traume, und zerſtreut wanderte ich lange umher. Auf einmal ſah ich mich vor einem großen Hauſe, in deſſen Erdgeſchoſſe viele Fenſter erleuchtet waren und eine ſanfte ſchöne Muſik zu hören war. Ich kletterte am Fenſter hinauf und ſah viele Leute drinnen und eine Menge Knaben von meinem Alter und größer und kleiner in dunkel⸗ grauen Jacken mit blauen Krägen wie Soldaten, die hatten Bücher in der Hand und horchten auf die Muſik. Viele Leute gingen an mir vorüber, zur Thüre hinein in's Haus und in 8* das hellerleuchtete Gemach. Ich war nicht ſcheu und befangen, wie andere Knaben, ſondern ein frecher kleiner Landſtreicher; darum ließ ich mich vom Fenſter herabgleiten und lief nach der Thüre, wo die Leute eingingen. Zwei von den Knaben in den grauen Jacken ſtanden an der Thüre und wehrten mir's nicht, hineinzugehen.„Was gibt's denn da?“ fragte ich.—„Chriſtabend⸗Gottesdienſt,“ war die Antwort.— Auf meine Frage: was denn das ſei? ſchaute mich der Knabe ver⸗ wundert an, gab aber keine Antwort. Mittlerweile fingen die Knaben alle zu ſingen an, und Der, den ich gefragt hatte, ſchloß leiſe die Thüre, öffnete ſein Buch, das er mir hinhielt und hub auch zu ſingen an. Nun war das Verwundern an mir: ich ſetzte mich ſtill in die Ecke und folgte mit ganzem Herzen und voller Aufmerkſamkeit Allem, was um mich her vorging, ſah den Prediger auf die Kanzel ſteigen, und verlor keines ſeiner Worte von Anfang bis zu Ende. Mein Kopf ſchwindelte mir, wie wenn ich Branntwein getrunken hätte, aber es war ein anderer, ſeliger, ſüßer Rauſch. Nach dem andern Geſang ſtanden die Knaben in den grauen Jacken auf und gingen zuſammen, von vielen Kindern begleitet, aus einer andern Thüre über einen großen Hof in einen zweiten Saal, wo viele lange Tiſche ſtanden, darauf abermals viele Lichter, Zinnteller und auf jedem Backwerk und mancher⸗ lei als Einbeſcheerung. Schöne Frauen ordneten noch daran, während die Graujacken ſcheu und erwartungsvoll in der Ferne ſtanden, und ich hinter ihnen, denn ich war dem Knaben nicht von der Seite gegangen, deſſen Bekanntſchaft ich unter der Thüre des Betſaals gemacht hatte.„Wer ſind denn dieſe Knaben?“ fragte ich meinen Bekannten;„gehören ſie denn alle Einer Mutter?“—„Nicht doch, wir ſind lauter Waiſen⸗ 117 knaben; wir haben die wenigſten noch Vater und Mutter!“ Nun ließ ich mir erklären, was Waiſen ſeien, und begriff erſt dann, daß mich Gottes Hand ohne mein Wiſſen in das Haus geführt hatte, in welches mich der Gerber gewieſen. „Ich erfuhr, daß dieſe Frauen nicht die Mütter der Wai⸗ ſenknaben, ſondern reiche und vornehme Frauen ſeien, welche den armen Waiſenkindern eine Weihnachtsfreude bereitet; und da ich nach den verſchiedenſten alltäglichen Dingen fragte, wie Einer, der zum erſten Male in die civiliſirte Welt tritt, ſo hatte ſich bald ein ganzer Knäuel von Knaben um mich gebildet, denen meine Antworten ebenſo viel Vergnügen und Beluſtigung zu machen ſchienen als meine Fragen. Endlich ſagte ich gar:„Ich bin auch eine Waiſe, habe nicht Vater mehr noch Mutter, ich will auch ein Waiſenknabe werden und bei Euch bleiben!“ Da jubelten ſie Alle zuſammen und lachten, daß der Aufſeher heran kam und Ruhe gebot. Dem erzählten ſie es nun und führten mich zu ihm hin; aber da ward eben ein Glöckchen geläutet, und das zweite Kapitel im Evangelium Lucä geleſen und ein frommes Lied von all den Knaben und Mädchen geſungen. Ich ſah erwachſene Leute weinen und einige der ſchönen Frauen, und weinte mit: dieſe Waiſenkinder erſchienen mir unendlich glücklicher als ich, und ich wünſchte Nichts ſehnlicher, als hier unter ihnen zu bleiben. Nach dem Geſang traten die Kinder jedes zu ſeinem Platze am Tiſche und ich folgte ihnen mit den Augen und weinte noch lauter. Ein Herr, derſelbe, den ich zuvor auf der Kanzel geſehen und der von dem Jeſuskind geſprochen,— kam mit dem alten Auf⸗ ſeher auf mich zu, fragte mich vielerlei und ich mußte ihm meine ganze Lebensgeſchichte erzählen. Er hatte ſo forſchende ernſte dunkle Augen und eine ſo ſanfte Stimme, daß er von 118 ſeinem erſten Worte an mein ganzes Herz gewonnen hatte. Als ich zu Ende erzählt, ſah ich auf und gewahrte all die Frauen um uns her ſtehen und mich mit feuchten Augen be⸗ trachten. Der Herr mit dem ſchwarzen Rocke fragte die Ande⸗ ren:„Soll dieſem Armen heute nicht auch der Herr geboren ſein?“— Die Frauen aber ſagten:„Ja, ja, der Arme ſoll nicht verloren gehen!“ und öffneten ihre Herzen und Börſen, und traten mit dem Pfarrer berathend zuſammen. Dann ward mir eröffnet, daß ſie ſich meiner treulich annehmen wollten, und daß ich vorerſt hier bleiben ſollte. Nach ein Paar Tagen aber geleitete mich der Pfarrer ſelbſt in ein ſogenanntes Ret⸗ tungshaus für verwahrloste Kinder, wo man mir ein Unter⸗ kommen geſichert hatte, und dieſes Haus war für mich ein wahres Rettungshaus, denn ich ward nun gerettet vom zeit⸗ lichen und ewigen Verderben und durch frommer Menſchen Rath hingeleitet zur Kenntniß des Wortes Gottes und der Lehre von unſerm Erlöſer Jeſu Chriſto, der mir ſeither Stütze und Stab auf meinem Lebenswege und ein treuer Führer zum Himmel iſt!“. An dieſe Erzählung nun knüpfte Herr Stirnbrand die Be⸗ trachtung: wie das Loos der Sträflinge ſo ganz gleich ſei dem ſeinigen vor jenem Weihnachtsabend ſeiner Rettung, wo der Herr der Heerſchaaren ihm geholfen und ſich zu ſeinem ſchwa⸗ chen Gebet und Glauben bekannt habe, wie auch ſie im Schat⸗ ten des Todes und Finſterniß ſeither gewandelt, weil Chriſtus ihnen gefehlt habe, der da ſelig macht. Und die Schilderung des Jeſuskinds und des Zwecks ſeiner Weltkunft nun, die Er⸗ mahnung, die er folgen ließ, daß alle Betrübten, Elenden, Mühſeligen und Beladenen zu dieſem Kindlein kommen dürf⸗ ten, um von ihm Heil und Segen, Gnade und Rettung zu holen,— kurz die ganze Ausführung dieſes Thema's war ein ſolches Meiſterwerk hinreißender Rede und Begeiſterung, daß ein Theil der Zuhörer ſich des Weinens nicht enthalten konnte; ſelbſt die Aufſeher tief erſchüttert horchten, und den ernſten ſtillen Mann bewundernd und erſtaunt betrachteten.— „Einen ſolchen Prediger haben wir noch niemals hier gehabt,“ flüſterte Gußmann den Anderen zu;„ſo eine Predigt iſt ein brennendes Feuer und ein erfriſchendes Bad zugleich!“ und die Anderen nickten. Darnach ward eine lange Bank hereingetragen, um die Geſchenke auszulegen und der Glückshafen ging vor ſich. Einer um den Andern von den Sträflingen holte ſeinen Gewinn nach der Nummer ſeines Looſes, und diejenigen, welche Bücher u. dgl. bekommen hatten, waren faſt noch froher als diejenigen, denen das Loos Gegenſtände leiblicher Nothdurft und Bequem⸗ lichkeit beſcheert hatte. Als die Reihe an den Gewinnſt Nro. 83 kam, ein Exemplar des Heidelberger Katechismus, von Stirnbrand ſelbſt hinzugelegt, mußte er dieſe Zahl mehrmals aufrufen, bevor eine ungewöhnlich weich klingende Stimme aus einer Ecke des Saals antwortete:„Ja, ja, ich komme ſchon!“ worauf der Haufe der Gefangenen fich theilte und der Schiffer⸗ tom ſich von zwei Mitgefangenen heranſchleppen ließ. Stirn⸗ brand erbebte unwillkürlich vor innerer Bewegung, als er ſich dem Manne gegenüber ſah, deſſen Betragen vor einigen Mo⸗ naten ihn hier gefeſſelt und der dennoch ſeither kein Zeichen von Buße mehr gegeben hatte. Aber dießmal erſchien ihm der Gefangene anders. Seine Haltung war eine tief zerknirſchte, gebrochene, ein unterdrücktes Schluchzen erſchütterte ſeine Bruſt und ſo viel er ſich auch Mühe gab, gefaßt zu erſcheinen, man 120 ſah ihm doch an, daß eine ungewöhnliche Erſchütterung ſeines ganzen Weſens ihn überkommen hatte. „Ihr habt ein Buch gewonnen, mein Freund,“ redete der Prediger ihn ſanft an,„das ſchon Hunderttauſenden ſeit bald 300 Jahren den Weg zur Seligkeit gezeigt hat. Es iſt für Kinder geſchrieben und alſo auch verſtändlich für Jedermann; leſet es darum auch mit kindlicher Einfalt, wie denn die Schrift ſagt: So ihr nicht werdet, wie die Kindlein, könnet Ihr nicht in das Reich Gottes eingehen!“ Ihr habt vielleicht ſelbſt einſt Kinder gehabt, und möget daran wahrgenommen haben, welche Lieblichkeit, Unſchuld, Einfalt und heilige Demuth in einem Kinde liegt. Leſet es darum aufmerkſam und bewahret ſeinen Inhalt; und bedenket, was geſagt iſt: Wehe dem, durch wel⸗ chen Aergerniß in die Welt kommt'!“ Der alte Sträfling ſchluchzte laut: ſo oft das Wort Kind an ſein Ohr drang, war's als ob ein elektriſcher Schlag ihn durchzuckte; endlich ergriff er die Hand des Pfarrers in ſeine bebenden Fäuſte und rief:„Vergebung, Herr! Vergebung für Alles, was ich an Ihnen gethan habe! Gott ſei mir Sünder gnädig!“ „Ich habe längſt vergeben,“ entgegnete Stirnbrand, ſelt⸗ ſam bewegt von dieſer Stimme;„betet nur Euren letzten Spruch allſtündlich mit inniger Reue und Ihr werdet die Gnade bald verſpüren!“ Das Schluchzen des Alten ließ ſeine Antwort hierauf nicht mehr verſtehen; er ward wieder auf ſeinen Platz zurück⸗ geführt, und die Vertheilung der Gewinnſte hatte ihren Fort⸗ gang, und ward bald beendigt. Stirnbrand überließ die Ge⸗ fangenen ihrer Weihnachtsfreude und begab ſich, körperlich etwas angegriffen, aber am Geiſt und Glauben wunderbar er⸗ ——j— ——j— quickt, nach ſeiner Wohnung. Als er über den ſtockfinſtern äußern Feſtungshof ging, flog ſein Blick unwillkürlich zu den Fenſtern von Frau Halling's Wohnung hinauf und er be⸗ merkte, daß er droben erwartet wurde, denn ein Kopf und eine Büſte erſchien unter dem offenen Fenſterchen.„Herr Stirn⸗ brand,“ flüſterte Malchens Stimme herunter;„wir erwarten Sie zur Einbeſcheerung!“ Sie erkennt mich am Gange, flüſterte er vergnügt vor ſich hin, und eine wohlthuende Wärme ſtrömte von ſeinem Herzen auf gegen Stirn und Wangen.„Ich komme, ich komme, liebes Malchen!“ rief er halblaut und beſchleunigte ſeinen Schritt. Unten im Erdgeſchoß, gerade unter Malchens Fenſter, lag aber die Metzig des Fleiſchers der Frohnveſte, und Meiſter Herber verſorgte ſo eben einige Mägde und den Diener des Kommandanten mit den Fleiſchrationen auf den morgenden Feſttag. Die dort Verſammelten hörten das kurze Zwiege⸗ ſpräch und lächelten ſchadenfroh. „Potz Wetter!“ ſagte die eine Magd,„die thun ja ſchon wie Liebesleute!“ „Oder wie Brautleute!“ meinte die Andere;„die Jungfer Malchen hat's hingedreht; gebt Acht, die iſt Frau Paſtorin, eh' es Kirſchen gibt!“ „Und ich gönn's dem lieben Kind von Herzen,“ ſagte Meiſter Herber;„ſie kriegt eine gute Verſorgung und der Pfarrer eine brave Hausfrau.“ „Ich meinte immer, Den ſollt' Euer Fräulein haben!“ ſagte eine der Mägde zu Stapf;„ſie hat ſich ja beinahe die Augen aus dem Kopfe geſchmachtet!“ „Da müßte der Pfarrer all jeine Tage noch kein Vater⸗ 422 unſer gebetet haben,“ verſetzte Stapf;„die Alte iſt ein Pfriem, ſag' ich Euch, aber die Junge iſt ſchärfer als ein Schuſterkneif. Wenn die einen goldenen Spinnwocken hätte und könnte Du⸗ katen draus ſchütteln, möcht' ich ſie nicht; und der wackere geiſtliche Herr hat doch gewiß was Beſſeres verdient als ich. Aber mir iſt's ſchon recht, daß ich das weiß mit der Jungfer Malchen. Wenn die Majorin mir heute Abend wieder ſo'ne armſelige Weihnachtsbeſcheerung gibt, wie vorigen Chriſtabend, ſo erzähl' ich das mit dem Pfarrer und Jungfer Malchen. Da fährt die alte Beißzange aus der Haut vor Grimm!“— 8. Wie froh und heiter war der Chriſtabend in der Woh⸗ nung der Frau Halling! Wie ſtrahlten die Geſichter all der Kinder, denen Malchen und ihre Pflegetochter eine kleine Freude zugedacht; wie hold erſchien das liebliche bleiche Malchen, wenn ſie die Kleinen Eines um das Andere zu dem Tiſche führte und ihm ſein Theil anwies mit der Bitte, mit der kleinen Gabe und dem guten Willen fürlieb zu nehmen! Richard konnte kein Auge von ihr verwenden, war gedankenvoll geworden; er träumte von einer dämmernden ahnungsvollen Zukunft, in welcher Malchen ein weſentlicher Theil zugedacht war. Er konnte kaum Worte finden, bis die Leute alle fort waren, deren Kinder hier erfreut wurden. Und nun ward ihm einbeſcheert. Malchen deutete verſchämt auf eine Serviette oben am Tiſch, welche ein großes Körbchen verdeckte; aber Frau Halling mußte von ihrem Lehnſtuhl am Ofen aus das Wort führen, denn Malchen fand den Muth nicht, ihn anzureden, ſondern flüchtete in die dunkle Nebenſtube. „Es iſt eine Kleinigkeit, Herr Pfarrer, aber ſehen Sie den guten Willen an!“ ſagte Frau Halling;„wir hätten mehr ge⸗ than, wenn meine Krankheit nicht geweſen wäre, aber glauben Sie mir, Malchen hat gethan, was ſie konnte, damit Sie nicht leer ausgehen ſollten. O, bitte, lüften Sie das Tuch!“ Er willfahrte und ein Ah! der Ueberraſchung entfuhr ihm. War die Gabe denn ſo prächtig? O nein, lieber Leſer! Du wirſt vielleicht lächeln, indem Du es hörſt! in einem Körbchen lagen inmitten von Stollen, Hutzelbrod und anderem Backwerk nur zwei weiße Predigerkrägchen, zwei Paar geſtrickte Puls⸗ wärmer, drei Paar Wollenſtrümpfe und ein gehäkelter langer Shawl von dunkelblauer Wolle. Aber dieſe Gabe, beſcheiden wie ſie war, feuchtete dennoch vor Rührung Richard's Auge. „Welch liebevolle Fürſorge,“ ſagte er.„Ach Malchen, wie ſoll ich Ihnen das vergelten? Sie haben ſich ſicher manche liebe Nachtſtunde den Schlaf abgebrochen, um mich zu erfreuen, denn ich weiß, daß Sie bei Tage keine Zeit dazu finden!— Malchen, liebes Kind! ſo kommen Sie doch, daß ich Ihnen danke!“ Scheu kam ſie aus der andern Stube; der Purpur der Scham glühte ihr auf Antlitz und Nacken, eine Freudethräne perlte ihr im Auge ob der Freude, die ſie ihm gemacht; ſie wagte ihn nur verſtohlen anzublicken und ihm zaghaft ihre bebende heiße Hand zu reichen. „Nehmen auch Sie fürlieb,“ flüſterte ſie;„ich verſtehe Nichts von den feineren Frauenarbeiten und hatte keine Zeit zum Erlernen; aber es kommt nicht weniger von Herzen, als wenn es geſtickte Vorhänge oder ein Sophakiſſen wäre!“ „Und iſt mir willkommener, weil nöthiger, als ſolche Ue⸗ berflüſſigkeiten!“ entgegnete er.„Ach, Malchen, wenn Sie ahnten, welchen Werth dieſe Gegenſtände für mich haben... Wenn ich heute, an einem ſolchen Abende noch mehr heiſchen dürfte... Malchen verſtand ihn und wandte ſich ab, um die Gluth zu verbergen, die ihr auf Stirn und Nacken flammte. Frau Halling aber ſagte:„Gottlob, daß Sie zufrieden mit unſerer Gabe ſind! Ach Gott, nehmen Sie das Geſchenk der Armuth, den Dank für die vielen, unſäglichen Wohlthaten, die Sie mir und dem Mädchen ſeit Ihrem Hierſein und zumal in meiner Krankheit erwieſen haben... Wir wiſſen, Sie verlangen's von uns nicht vergolten! aber es iſt anderswo Ihnen ange⸗ ſchrieben im Buche des Lebens. Einfache Leute, wie wir ſind, haben wir keine Phantaſie für ſchöne Geſchenke, und ſo gaben wir, was wir fertigen konnten. Die Strümpfe hab' ich in mmeinem Bette geſtrickt,— wenn ſie nur nicht zu groß ſind für Ihren kleinen Fuß!“ Stirnbrand lächelte durch Thränen und drückte Frau Halling die Hand; o welch eine rührende einfältige Liebe, wie ſie vor Gott gilt! dachte er und dankte der geneſenen Frau mit ſchlichten herzlichen Worten, wie man ſie von ihm ge⸗ wöhnt war. „Aber nun müſſen Sie auch mir erlauben, daß ich Ihnen eine kleine Gabe bringe!“ ſagte er und legte zwei Päckchen unter das Weihnachtsbäumchen; auf jedem war der Name der Perſon geſchrieben, für welche es beſtimmt war; er führte Malchen zu ihrem Päckchen und legte Frau Halling das ihrige auf den Schoos. Malchen fand ein großes ſchwarzes Um⸗ ſchlagetuch mit ſchöner Palmenbordüre, Frau Halling den Stoff zu einem Mantel von dunklem Tuche. Die beiden Frauen⸗ zimmer konnten gar keine Worte finden, um den Dank für dieſe reiche Gabe auszudrücken, und machten beinahe Miene, 125 es gar nicht anzunehmen; aber es half ihnen Nichts, ſie mußten es behalten. „Ihr habt für meine Behaglichkeit und Geſundheit ge⸗ ſorgt, wenn ich in dieſen Wintertagen hinunter in die Pfarr⸗ dörfer von Balders gehe, um meines kranken Amtsbruders Stelle zu verſehen; und ich wollte Euch, meine Freundinnen, einen Schutz vor der Unbill der Witterung geben, wenn Ihr in dieſen Wintertagen zur Kirche geht, um die frohe Botſchaft vom Herrn zu hören. Jedes von uns hat nach ſeinen Mitteln gewählt und gehandelt; darum wollen wir nicht meſſen und wägen nach weltlicher Schatzung.“ „Aber das Duch iſt ſo ſchön, ſo reich!“ ſtammelte Mal⸗ chen mit naſſen Wimpern und ließ Richard ihre Hand;„zu ſchön und vornehm für mich; eine Pfarrfrau brauchte ſich nicht daran zu ſchämen!“ „Eine Pfarrfrau?“ rief Stirnbrand lebhaft, und zog Malchen unwillkürlich näher an ſich;„und wer ſollte denn hindern, liebes Malchen, daß Sie meine Pfarrfrau werden? Welche innere Stimme flüſtert Ihnen in dieſem Augenblicke den geheimſten meiner Gedanken zu, welchen ich hegte, als ich dieſes Tuch auswählte?“ Amalie bebte zuſammen und wollte ſich von ihm losmachen; aber er hielt ſie mit ſanfter Gewalt. „Malchen, liebes Malchen!“ flüſterte er mit unbeſchreiblich weichem Tone,„könnteſt Du mich abweiſen, wenn ich Dir den Vorſchlag machte, Deine Hand als Gattin in die meinige zu legen? Willſt Du mir's jetzt verſagen, wo ich im Ernſte werbe?“ Sie barg ihr Geſicht an ſeinem Buſen und ſchluchzte laut. „Herr Pfarrer!“ ſtammelte ſie,„ich, ich? O mein Gott, bin ich ſolcher Ehre würdig?“ 126 „Malchen, liebſt Du mich denn nicht?“ Sie blickte zu ihm auf und ein Himmel lachte aus ihrem ſanften Auge.„Ich kenne keinen beſſern Menſchen als Sie,“ hauchte ſie. „So ſprich Ja, hier und vor der Welt, und laß uns Beide uns gegenſeitig zum Himmel führen!“ bat er;„die Mutter wird uns ſegnen!“ „Ich?“ rief dieſe im Tone der bangſten Seelenangſt; nich?— Nein, nein! das kann nicht ſein! Herr Pfarrer! um's Himmelswillen, bedenken Sie!— Malchen, ſei ſtark und ſträube Dich! kämpfe gegen die Verſuchuug, trotze der Eitelkeit und Anfechtung! O Himmel! verſtehſt Du mich denn nicht? Denke an Deinen Vater!“ Die Matrone war ſo laut und heftig geweſen, daß Richard unwillkürlich erſchrocken und zurückgebebt war und geduldet hatte, daß Frau Halling ihre Pflegetochter hinwegriß. „Aber, liebe Frau,“ begann er,„können Sie denn be⸗ zweifeln, daß Malchen und ich glücklich ſein werden? Ich hätte gedacht, Sie vertrauten mir mehr! ich wähnte, Sie liebten mich wie einen Bruder, Malchen!“ „O großer Gott, ſtärke mich durch Deinen Sohn!“ rief Frau Halling im höchſten Affekt ihres leidenſchaftlichen ange⸗ bornen Weſens.„Warum mußt' es ſo weit kommen! Ach, wo nehme ich meine Kraft her!... Ob ich Sie liebe? fragen Sie?... So wahr ich auf die Ewigkeit hoffe, ich liebe Sie wie mein eigen Kind; hätt' ich Sie unter dem Herzen getragen, ich könnte nicht mehr Liebe für Sie haben! Aber ebendarum, — eben weil ich Sie liebe und Malchen!... Ach, begreift Ihr denn Beide nicht?... Ebendarum muß ich Euch ja meinen Segen verſagen und mich Ihrem Willen widerſetzen!“ 127* „Ich begreife nichts,“ erwiderte Stirnbrand betreten. „Malchen, rede! Malchen, biſt Du auch in der Mutter Vorur⸗ theil befangen?“ Er wollte ihre Hände wieder ergreifen, aber ſie prallte mit einem Schrei zurück und weinte laut. Endlich ſtürzte ſie mit Händeringen vor ihm nieder und rief:„Laſſen Sie von mir, Herr! ſo wahr ich lebe, ich kann Ihre Frau nicht werden— ich müßte Sie nicht ſo lieben, wie ich's thue, wenn ich Ihr Anerbieten anhören wollte,— ich würde mich gegen Sie verſündigen! Bedenken Sie! mein Vater... Ihre Stel⸗ lung!“ In Stirnbrand tagte es allmälig; er begriff Malchens Bedenklichkeiten.„Dein Vater, liebes Kind, iſt ein Unglück⸗ licher; bejammernswerth iſt ſein Schickſal allerdings, aber Du trägſt die Schuld nicht, daß er ſich gegen göttliches und menſch⸗ liches Geſetz verfehlt hat, und dieß nun nach menſchlichem Ge⸗ richte büßt,— und wer weiß, ob nicht inzwiſchen die Gnade des Herrn über ihn gekommen iſt, und in ſeiner Heimſuchung den Armen auf den rechten Weg geführt hat?!“ Nalchen entfuhr ein wilder Schrei des tiefſten Schmerzes, und Frau Halling rief leidenſchaftlich:„O nein! leider nein! Wollte Gott, es wäre ſo! aber der arge Menſch hat das Maaß ſeiner Sünden vollgemacht und iſt zeitlich und ewig verloren!“ „So iſt er alſo todt?“ rief Richard und unbewußt faſt in freudigem Tone. „Ja wohl, todt— auf ewige Zeiten! O Malchen! ſchreck⸗ lich, daß ich es noch einmal vor Deinen Ohren wiederholen muß... Der alte Dolffs hat im Zuchthauſe ſelber Hand an ſich gelegt!“ „Gott ſei ihm gnädig!“ ſagte Stirnbrand tief erſchüttert, und verſank eine Weile in tiefes Schweigen.„Alſo eine Waiſe?“ fuhr er dann fort,—„die Waiſe eines unbuß⸗ fertigen Mannes, den der göttliche Zorn in ſeinen Sünden hingenommen?... Aber wer darf ihn richten, als der All⸗ wiſſende allein? Wer vermag zu ſagen, ob nicht in der um⸗ nachteten Seele jenes Unglücklichen noch Regungen der Reue gewirkt und er vergebens um Gnade gerungen? ob er nicht bekehrt worden wäre, wenn ihn die hülfreiche Hand eines Menſchen aus der Tiefe ſeiner Zerknirſchung gezogen, ihm den Weg zu Gott gezeigt und ihm ſo zum ewigen Leben ver⸗ holfen hätte?“— Sollte darum ſein unſchuldiges frommes Kind das Glück des ganzen Lebens opfern?“ „Aber bedenken Sie doch, Herr Pfarrer! Sie, ein Diener der Kirche und Malchen, die Tochter eines— Selbſtmörders? das kann keine rechte Verbindung abgeben! Was würden die Leute dazu ſagen?“ „Ja ja, die Leute!“ entgegnete Stirnbrand;„iſt Salz darum weniger Salz, wenn es in einem hölzernen Gefäße liegt, als das in einem goldenen? Iſt Balſam und Narden darum weniger köſtlich, weil es in einem abgefallenen Blatt geſammelt wird, anſtatt in einer kryſtallenen Flaſche?— Und was bin ich, den der Allmächtige doch auch gewürdigt hat, ein Diener ſeines Wortes und ſeiner Gnade zu werden? Weiß ich denn, wer meine Eltern ſind und waren? und wo ſie jetzt ihr Haupt bergen, wenn ſie noch hienieden ſind?— O klein⸗ gläubige Frauen! wollt Ihr darum zwei Menſchenherzen trennen, welche ſeither im Glauben ſich geſucht und gefunden haben?“ „Erbarmen!“ rief Malchen;„ach, haben Sie Mitleid! Es kann, es darf nicht ſein! Die Mutter hat Recht. Wie dürfte ich armes elendes Mädchen zu Ihnen hinaufblicken?— Mein Geviſſen ſagt mir, daß Sie zu gut für mich ſind, und der böſe Feind ſoll mich nicht durch Stolz und Selbſtſucht ver⸗ führen! Laſſen Sie mich, wie ich bin, wenn Sie mich lieb haben, Herr Stirnbrand! Glauben Sie mir, ich würde um einer kurzen Freude willen doch zeitlebens unglücklich, und Sie viel⸗ leicht mit! Laſſen Sie ſich nicht von den Sinnen bethören!“ „Aber das iſt Wahn, eitel frommer Wahn!“ rief Stirn⸗ brand leidenſchaftlich.„Die Schmach hat auch ihr Gutes; die Erinnerung an ihres Vaters unglückliches Leben und unſeliges Ende wird lebenslang Malchen auf dem rechten Weg er⸗ halten.... „Ich bin jetzt ſchon auf dem rechten Wege, gottlob! und darauf will ich auch bleiben!“ rief das Mädchen und warf ſich an den Hals ihrer Mutter. Dieſe liebkoste ſie. „So recht, mein Kind! ſo recht! dem Himmel ſei Dank, daß Du überwunden haſt!“ rief Frau Halling.„Höre nicht auf ihn, denn jetzt ſpricht die menſchliche Verblendung und die Leidenſchaft aus ihm, denn auch Gerechte wie Er können irren. Malchen, wenn Du mich liebſt, wenn ein Funken Dank⸗ barkeit in Dir iſt, ſo gib nicht nach, ſo ſei ſtark und wenn Dir das Herz darob bricht— lieber den zeitlichen Frieden verloren als den ewigen!“ Vergebens kämpfte Richard gegen dieſe Ermahnungen an; er ſprach in die Luft. Da überkam ihn das menſchliche irdiſche Gefühl, die Schwäche des Fleiſches. „Nun ja doch,“ rief er plötzlich von einem Gedanken er⸗ griffen, der ihm jählings durch den Sinn gefahren war,— nich weiß nun, was Sie ſo reden macht, Frau Halling! die Selbſtſucht iſt's, Frau Halling! Ich erinnere mich, was ich in Ihren Aufzeichnungen geleſen— Sie haben Malchen für Mylius, Für Frauenhand. I. 9 130 Ihren Sohn beſtimmt, auf deſſen Heimkehr Sie noch immer hoffen, und dieſem eigennützigen Plane, der in Ihnen zur fixen Idee geworden iſt, dieſer vagen Hoffnung wollen Sie nun Malchens Lebensglück und Herzensneigung zum Opfer bringen!“ „Gerechter Himmel, welche Verkennung!“ rief Frau Halling erſchüttert.„Können Sie das von mir denken, Herr Stirnbrand? Halten Sie mich für ſo ſchlecht und lieblos? Nein, nein, das iſt Ihr Ernſt nicht! Sie wollen mir damit nur eine Falle ſtellen, daß ich ſagen ſoll:'da, Malchen, nimm ihn, damit er widerlegt iſt!' Aber mein Wort darauf, Herr Pfarrer, auch mit dieſer Fußangel fangen Sie mich nicht 1 Dieſe drei Perſonen waren in größter Aufregung und es wären vielleicht noch weitere bittere Worte gefallen, wenn nicht in dieſem Augenblick Stapf's dummdreiſtes Geſicht unter der Stubenthüre erſchienen wäre.„Um Vergebung,“ ſagte er, „ich hab' eine halbe Viertelſtunde angepocht, und es ſcheint mich Niemand gehört zu haben; da muß ich eben ohne Um⸗ ſtände herein kommen!“ „Und was ſoll's denn, Herr Stapf?“ fragte Frau Hal⸗ ling faſt unmuthig. Stapf deutete auf Stirnbrand.„Ich ſoll Sie holen, Herr Pfarrer! die gnädige Frau Majorin läßt Ihnen was einbeſcheeren, und hier iſt's ja doch ſchon vorbei,“ ſagte er und deutete auf das halbverſengte Tannenbäumchen, deſſen Brand Niemand wahrgenommen hatte und das Stapf nun mit pfiffiger Miene löſchte.„Ich war drüben in des Herrn Pfarrers Wohnung; als er aber nicht drüben war, wußt' ich ſchon, vo ich ihn ſuchen ſollte. Darum allerſeits Nichts für ungut, daß — 131 ich geſtört habe!— Was ſoll ich der Frau Majorin berichten, Herr Pfarrer?“ „Ich werde ſogleich die Ehre haben,“ verſetzte er, und als Stapf draußen war, wandte er ſich zu den beiden Frauen⸗ zimmern:„Mir iſt meine Weihnachtsfreude auch verbrannt,“ ſagte er und deutete auf das Bäumchen.„Aber ich hoffe, der morgende Tag ſoll die Anſichten anders geſtalten; Gott gebe, daß er die Ihrigen ändere, wenn Sie ſie mit ihm berathen und darüber geſchlafen haben!“ Dann ſchieden ſie ruhiger und mit geheimem Leide, daß es ſo zur Erklärung gekommen war.—— 85* 4* Die Einladung zum Kommandanten in dieſem Augen⸗ blick war Richard höchſt unwillkommen, denn er ſehnte ſich jetzt nach Einſamkeit und Stille; aber er konnte nicht aus⸗ weichen, ſo ſehr ihm auch vor Dem bangte, was ihn dort er⸗ wartete. Was bewog die adelsſtolze Dame zu ſolcher Freund⸗ lichkeit gegen ihn? Ihm graute vor ihr deſto mehr, je zuvor⸗ kommender ſie gegen ihn war, denn ſie legte ihre Pläne mit einer gewiſſen Plumpheit zur Schau. Auf den heutigen Abend hatte die Frau Majorin insbeſondere große Hoffnungen ge⸗ ſetzt— heute ſollte die Mine auffliegen, welche im Herzen des Paſtors Breſche legen ſollte, damit ſie den Sturm für ihre Eugenie unternehmen könnte. Es war ihrem Bruder aus der Reſidenz ein Wink zugekommen, daß er ſeine Stelle verlieren ſolle, um Gouverneur des Invalidenhauſes in W. zu werden, denn ſeit der Rebellion der Kettenſträflinge und den erfolg⸗ reichen Fluchtverſuchen zweier politiſchen Gefangenen war man mit ſeiner Thatkraft und Wachſamkeit höhern Orts gar nicht mehr zufrieden. Die Verſetzung konnte ſtündlich kommen, und 9* 1432 dann war die Möglichkeit dahin, den Pfarrer zu fangen, und das Netz zerriſſen. In der Kommandanten⸗Wohnung brannte ſchon der Weihnachtsbaum: man ſah, der Pfarrer ward er⸗ wartet, und man empfing ihn mit freundlichem Tadel über ſein langes Säumen. Das Geſicht der Majorin Lebret war ganz Honigſeim, als ſie Stirnbrand's Arm ergriff und ihn zuerſt vor den ebenfalls anweſenden ledigen Offizieren des Bewachungs⸗Kommando's zum Tiſche führend ſagte:„Sie haben heute die armen Gefangenen auf ſo ſinnige Weiſe er⸗ freut; nun müſſen Sie auch mir und meiner lieben Eugenie vergönnen, daß wir Ihnen eine kleine Freude bereiten! Nur wenig, ſehr wenig, aber recht gern und in aufrichtiger Ver⸗ ehrung!“ Dabei nahm ſie ein Tuch von ſeinem Teller und zeigte ihm ein ſchön genähtes Sophakiſſen in Straminarbeit und darunter einen feinen weißen Stoff mit Stickerei. „Wie? für mich, gnädige Frau?“ rief Stirnbrand be⸗ troffen und bebte beinahe zurück;„für mich dieſe reichen, ſchönen Gaben?“ Das that dem Herzen der berechnenden Mutter unſäglich wohl und ſie blickte ſehr bedeutſam abwechſelnd auf ihn und auf Eugenien.„Das Sophakiſſen hat meine Tochter genäht,“ gab ſie ganz ſentimental zur Antwort,„und auch die Zeichnung des Emblems iſt von meiner lieben Eugenie. Wir dachten uns, Sie würden wenig Freude an einem der gewöhnlichen Genre⸗ bildchen haben, und darum verfiel Eugenie darauf, Ihnen die Sinnbilder von Glaube, Liebe und Hoffnung auf das Kiſſen zu ſticken. Und wie finden Sie die Arbeit, beſter Herr Stirn⸗ brand?“ „Ueberaus ſchön, ſo viel ich beurtheilen kann,“ entgegnete —:z der Pfarrer verlegen;„aber für mich, für mein armſeliges Ameublement und mein leeres Stübchen viel zu ſchön und zu reich!“ „O, Sie werden es aber darum nicht verſchmähen, nicht wahr?“ fragte Eugenie verlegen und von ferne, denn ſie wollte doch wenigſtens auch zu Worte kommen. „Ich würde es thun, wenn ich nicht fürchtete, Sie damit zu beleidigen,“ ſagte Stirnbrand befangen.„Ich kann mir nicht denken, womit ich dieſe beſondre Freundlichkeit von Ihnen verdient habe.... Es kommt ſo überraſchend, es paßt ſo gar nicht zu meinem alten Geräthe.... In der That, gnädige Frau...“ Die jungen Offiziere lächelten ſardoniſch, aber es war zweifelhaft, ob über den Bibelhuſaren' oder über die berech⸗ nende Mama, die jetzt etwas verlegen wurde. „O nicht doch,“ ſagte ſie;„machen Sie doch von dieſer Bagatelle nicht ſo viel Aufhebens— Sie beſchämen ja uns! Sehen Sie, ſchon im Herbſte, als Graf Rhodichs hier waren und Eugenie und ich in Ihre Wohnung kamen, ſagten wir uns verwundert: Nein, der Herr Pfarrer iſt doch gewaltig arm⸗ ſelig möblirt; er muß ſich ordentlich ſchämen, wenn er wieder ſolch einen vornehmen Beſuch bekömmt. Wir müſſen dafür ſorgen, daß er wenigſtens einige nothwendige Sachen be⸗ kommt, z. B. geſtickte Vorhänge, und da ſetzten wir uns denn ſtracks hin und ruhten nicht eher, als bis wir den ganzen Stoff geſtickt hatten!“ Stirnbrand ſtammelte etwas von Dank und allzuviel Güte und reichte den beiden Damen die Hand, jedoch ohne den derben Druck der Mutter und den ſchüchternen der Tochter zu erwidern. Und da Frau v. Lebret im Augenblicke auch nichts Paſſendes zu ſagen wußte, ſo ging ſie jetzt zu dem Beſchenken der übrigen Offiziere über, die natürlich nur mit ſcherzhaften Kleinigkeiten abgeſpeist wurden, aber ihre Schadenfreude über die unverkennbare Vereitelung der Pläne der alten„Kneip⸗ zange“ nicht verhehlen konnten, um ſo mehr als der Komman⸗ dant hiezu ſelber ſo zu ſagen den erſten Anſtoß gab. Der Kommandant hatte aufrichtiges Mitleid mit dem „Faffen,“ wie er ihn nannte, denn er fühlte mit ſeiner geraden Weiſe die Thorheit und das Unpaſſende ſolcher krummen Wege, und wollte ſeine Schweſter gelegentlich darüber derb abkanzeln; zudem ſehnte er ſich ſchon allzulange vergeblich nach der ge⸗ wohnten Tabaksſtube und ſchnitt daher unmittelbar nach dem Einbeſcheeren den Damen jeden weiteren Schritt gegen Stirn⸗ brand dadurch ab, daß er darauf beſtand, dieſer müſſe„heute einmal dem Teufel ein Bein brechen und mit in die Tabaks⸗ geſellſchaft gehen,“ wozu ſich Richard auch beſtimmen ließ. Aber noch ehe die beiden Damen, voll Aerger über ihre vereitelten Pläne, zu Bette gegangen waren, hatte ihnen Stapf, im Mißmuth über die erhaltene karge Beſcherung, ſchon durch Hannchen, die Köchin,„ſtecken laſſen“, daß Herr Stirnbrand an dieſem ſelben heutigen Abend bei Mutter Halling um ihr Malchen angehalten habe, und daß die beiden Weibsleute vor Freuden darüber„elend geheult hätten“. Ein tieferes Leid hätte der Majorin und Eugenien nicht begegnen können, und ſie geſtanden ſich, noch ſelten ſolch unſelige Weihnachten erlebt zu haben. Wie würden morgen die Offiziere hohnlachen, wenn ſie das erführen, und was müßten alle Standesgenoſſen von dem Dementi denken, das ſie ſich gegeben hätten! 135 9. Die Zeit heilte dieſe Wunde im Herzen Eugeniens und im Selbſtgefühl ihrer Mutter nicht. Wochen vergingen zwar, ohne daß der Anſchein die erhaltene Kunde zu beſtätigen ſchien, allein die Thatſache der Werbung Stirnbrand's um Malchens Hand war konſtatirt worden, denn Frau Halling hatte es nicht geleugnet. Stirnbrand hatte für die ihm gewordenen Geſchenke einen formellen Beſuch gemacht und ein reiches Gegengeſchenk überſandt, das er von der Gräfin Rhodich hatte wählen laſſen. Aber anſtatt eine Annäherung angebahnt zu ſehen, ſchien da⸗ durch nur eine totale Vereitlung aller Hoffnungen der Majorin herbeigeführt worden zu ſein, denn man konnte ihn nicht ein⸗ mal mehr ſeine gewohnten Spaziergänge auf dem Walle ma⸗ chen ſehen. Blieb er wohl aus Berechnung weg, um ja den beiden Damen nicht zu begegnen? Oder hielt ihn irgend ein anderer Grund ſo ſehr an ſein einſames Stübchen gefeſſelt und nur in ſeinem Berufe thätig? Der Majorin erſchien es, als wenn er ſeitdem ſogar in der Kirche beim Gottesdienſte es ver⸗ meide, ſeinen Blick zu ihrem Sitze herüberzuwerfen. ** * Es war auch in der That eine gewiſſe Umwandlung mit Richard Stirnbrand vorgegangen; er war bläſſer und ſtiller geworden und es lag etwas wie eine ſchmerzliche Reſignation auf ſeinem ſonſt ſo ruhigen Angeſicht. Die Ereigniſſe jenes Weihnachtsabends wirkten in ihm nach. Allein in der Welt, ſeither unter lauter fremden Geſichtern und Menſchenherzen wandelnd, hatte er deßhalb oft und vergeblich nach jener Theil⸗ nahme geſchmachtet, welche eine der tönendſten und ſtärkſten Saiten ſeines Gemüths in Schwingung verſetzen ſollte und 136 konnte. Dieſe Saite hatte erſt jüngſt zu tönen angefangen, ſeit er Malchen kennen gelernt und hatte, nur ihm hörbar, in traulicher Stille und Einſamkeit getönt. Er liebte das ein⸗ fache, fleißige, fromme Mädchen, und ſeine Liebe war nicht ge⸗ gründet auf den flüchtigen Rauſch der Sinne, auf den Kitzel der Eitelkeit, auf die Billigung oder Berechnung des klügeln⸗ den Verſtandes, ſondern ſie war erprobt durch jene Selbſt⸗ prüfung vor dem Gewiſſen und Herzen, welches für Men⸗ ſchen wie unſer Pfarrer der Prüfſtein für alle Ereigniſſe und Vorkommniſſe dieſes Lebens iſt. Und eben weil er keiner von jenen Sanguinikern war, die der leiſeſte Wind der Leidenſchaft bewegt, ſondern ein ſtarkes Herz, an welchem ſich die Stürme des Lebens ſchon oft gebrochen, ſo war dieſes Gefühl der Zu⸗ neigung und Hingabe an Malchen und die Hochachtung für ſie auch um ſo inniger und tiefer gewurzelt. Die Vereitelung ſei⸗ ner Wünſche und Hoffnungen erſchütterte Stirnbrand tief, aber das Unglück ſeines natürlichen Menſchen und das Fehlſchlagen ſeiner liebſten Erwartungen war ihm eine ſolch gewohnte Sache geworden, daß er in ſeinem Glauben als Chriſt und in ſeinem Vertrauen auf die Vorſehung einen feſten Anker gegen derlei Herzensſtürme fand.—„Es hat eben ſo ſein ſollen! es war mir beſtimmt, meinem Glauben auch dieſes Opfer zu bringen!“ ſagte er ſich ſelbſt, und begrub dieſe Liebe in der eigenen Bruſt, verſenkte ſich um ſo ungetheilter in die Geſchäfte ſeines Amts⸗ berufs und ſuchte ſich Malchen aus dem Sinne zu ſchlagen. Zuweilen gelang ihm dieß ganz; aber häufiger ging ihm doch ein Schmerz durch die Seele und ein Kampf zwiſchen dem gläubigen und dem natürlichen Menſchen wühlte in ſeiner Bruſt. Er mied die Menſchen, und namentlich Frau Halling und Malchen, in der Ueberzeugung, daß ſolche Vorurtheile nur ——p — — — — ———— 137 durch die Zeit und innere Umwandlungen beſeitigt werden müſſen, nie aber durch äußere Gründe bekämpft werden können, und bat nur im Stillen den Lenker aller Geſchicke, daß er auch der beiden Frauen Herzen lenken möge, wenn es Sein Wille ſei, daß er mit Malchen vereinigt würde. So waren mehr als zwei Monate vergangen, ohne daß Stirnbrand Malchen wieder geſprochen. Sie hatten ſich zwar manchmal geſehen und immer freundlich gegrüßt, aber in den Freudenbecher des Wiederſehens mengte ſich ſtets wie Wermuth das Bewußtſein der Trennung, und dieſes gab dann der Be⸗ gegnung einen um ſo bitterern Nachgeſchmack. Ein einziger Verſuch, Frau Halling umzuſtimmen, welchen Richard gemacht, hatte gänzlich fehlgeſchlagen und ihm die Vergeblichkeit jeder Wiederholung gezeigt. Er hatte an ſie geſchrieben, einen langen inhaltſchweren Brief, und ihr auszureden verſucht, daß Mal⸗ chens Heirath mit ihm für beide Theile unpaſſend ſei. Nach zwei Tagen war ſie ſelber gekommen, um ihm mündlichen Be⸗ ſcheid zu bringen. Ihre Augen waren noch verweint, ſonſt aber zeigten ihre bleichen Züge keine Alteration. Sie wieder⸗ holte ihren Beſcheid vom Weihnachtsabende und belegte ihn mit Gründen.„Wohl heißt es,“ ſagte ſie,„daß Gott nur auf's Herz ſehe; aber gegen die Stimme des Gewiſſens kann Niemand ankämpfen, und das meinige wiederholt mir, ſo oft ich's auch überlege und von welcher Seite ich es auch betrachte, daß ich Nein ſagen muß und Nein ſagen werde, ſollten auch Sie und Malchen noch viel tauſendmal unglücklicher werden, als Ihr Beide nun ſeid. Was iſt der Zeit Unglück gegen das ewige, und welche Schuld für meine Seele, wenn ich nicht auf die deutliche Stimme meines Gewiſſens hörte?— Ich habe das kommen ſehen, beſter Herr Pfarrer, als ich Sie von meinem 138 Krankenlager aus beobachtete. Ich habe mich anfangs darob gefreut und einen ſelbſtſüchtigen Troſt darin gefunden, denn wo hätte ich für Malchen einen würdigern Mann gefunden als Sie!— Aber als ich dieſe Sorge im Gebet vor Gott prüfte, da ward mir deutlich, daß ich es hätte nicht zugeben ſollen; darum warnte ich Malchen davor, und ſie gelobte mir Gehorſam. Der liebe Gott friſtete mir nur das Leben, damit ich Ihre ſtillen Pläne vereitele, und darum alſo werden Sie mich feſt finden und unerbittlich, ſo lange ich noch lebe, und Malchen wird mir auch über meinem Grabe nicht ungehorſam und untreu ſein wollen. Glauben Sie mir, ſpäter danken Sie mir's noch einmal, und dann bin ich gerechtfertigt. Und wenn auch nicht, ſo will ich die Schuld mit in die Grube nehmen, daß ich Euch unglücklich gemacht habe, denn ich will's vor Gott vertreten auf Grund meines Gewiſſens!“— Mit dieſer Antwort verabſchiedete ſie ſich von ihm, und er wußte, daß ihr Entſchluß nicht ſo leicht zu erſchüttern war, wie der manches Mannes. Malchen war blaß und verwandte kaum den Blick vom Boden, außer wenn ſie ſeinen Schritt erkannte, und er hörte bald, daß ſie ſogar körperlich leidend ſei und daß eigenes Siechthum und gegenſeitige Pflege beide Frauen an ihre Wohnung bannte. So ſtanden die Sachen, als Ende Februar's die Abbe⸗ rufung des Kommandanten erfolgte, welchem die Beamten der Frohnveſte noch ein Abſchiedsmahl gaben. Der neue Kom⸗ mandant war ſchon eingetroffen, ein jüngerer verdienter Offi⸗ zier, welcher wegen körperlicher Untüchtigkeit den aktiven Dienſt verlaſſen mußte; er wohnte der Feſtlichkeit bei, die ſeinem Vorfahr galt. Die Majorin Lebret hatte ſich vorgenommen, — ⁴. —p— 139 bei dieſer Gelegenheit dem Pfarrer Stirnbrand noch Eins anzuhängen, das ihn wo möglich in den Augen des neuen Kommandanten recht compromittire. Sie ſaß neben dieſem am Tiſche, und unfern von ihr der Pfarrer.„Nun,“ fragte ſie dieſen ſehr laut, um ja am ganzen Tiſche verſtanden zu werden,—„nun, Herr Pfarrer, haben Sie für mich keine Botſchaften nach der Reſidenz? Wir werden jedenfalls Graf Rhodichs unſre Aufwartung machen, weil wir die Verſetzung meines Bruders dem huldvollen Einfluſſe des Grafen zu ver⸗ danken glauben. Darf ich alsdann der Gräfin auch von Ihnen erzählen? Darf man Ihre Verlobung mit Jungfer Malchen Halling, der Tochter der Speiſemeiſterin im Zuchthauſe, ſchon offiziell mittheilen, oder iſt es Ihnen vielleicht unangenehm, wenn ich in jenem Hauſe einen nur offiziöſen Wink fallen laſſe?“ Dem Pfarrer ſtieg das warme Blut in's Antlitz, aber er faßte ſich und entgegnete gelaſſen und mit Würde:„Wenn Sie ſo freundlich ſein wollen, die Frau Gräfin, meine hohe Gönnerin, von meinen äußeren Lebensverhältniſſen in ge⸗ nauere Kenntniß zu ſetzen, als es meine eigenen gelegentlichen Briefe zu thun vermögen: ſo erſuche ich Sie um die Gewogen⸗ heit, gnädige Frau, der Gräfin wahrheitsgemäß zu berichten: daß meine Werbung um Amalie Dolffs, die Pflegetochter der Speiſemeiſterin im Zuchthauſe, fehlgeſchlagen hat, weil Frau Halling nicht zugeben will, daß ich die Tochter eines in einer Strafanſtalt Verſtorbenen eheliche, oder vielleicht auch, weil ihr meine Herkunft, als ein ungelöstes Räthſel, für ihre Fa⸗ milie nicht gut genug dünkt. Befangen in volksthümlichen Vorurtheilen, wird mir dieſe arme ſchwergeprüfte Frau vor⸗ ausſichtlich niemals diejenige Theilnahme und dasjenige wohl⸗ 140 wollende Entgegenkommen zollen, deſſen ich— der heimath⸗ und elternloſe Zigeunerknabe— mich unverdientermaßen aber mit innigem Dank von Ihnen und von Seiten Ihrer Fräulein Tochter zu erfreuen hatte!“ Die übrigen Tiſchgenoſſen weideten ſich an der unver⸗ kennbaren Niederlage der verſtummten Majorin, und ihr Bruder, der Ex⸗Kommandant, rief ein donnerndes Bravo, und kam mit Glas und Handſchlag auf den Pfarrer zu.„Gut geſprochen, lieber Stirnbrand! Sie haben der Alten heimge⸗ leuchtet, wie Blücher den Franzoſen, und Sie haben Recht gehabt. Ich danke Ihnen nur, daß Sie Ihren Sieg und Ihre Ueberlegenheit mit ſoviel Mäßigung benützten, denn auf eine ſolche— Taktloſigkeit hätte eigentlich ein gröberer Streich gehört. Na, halten Sie's der Dummheit zu Gute, Pfarrer! und tragen Sie's mir nicht nach, denn meiner vollen Hoch⸗ achtung darf ich Sie nicht erſt verſichern!— Sie haben ſich in Wort und That als ein rechter Mann bewährt, für den es nur Schade, daß er in dem langen ſchwarzen Rocke ſteckt. Ihnen, Herr Kamerad,“ wandte er ſich an ſeinen Nachfolger, nempfehle ich den Mann hier ganz beſonders! Sie werden mit mir einverſtanden ſein, daß es beſſer und ehrenvoller iſt, wenn das Kind eines armen Teufels oder eines Zuchthäuslers wohl geräth, als wenn das Kind braver Eltern ein Tauge⸗ nichts iſt, und darum Ehre dem Ehre gebühret! Kommen Sie, Pfarrerchen! Ihr Wohl aus inniger Hochachtung!“ Die ganze Tiſchgeſellſchaft fiel ein, und die Majorin und ihre Tochter verſchwanden vom Tiſche. Stirnbrand's Rührung über dieſe herzliche Auszeichnung hinderte ihn nicht, den beiden Damen nachzueilen und ſich von ihnen freundlich zu verab⸗ ſchieden, um thatſächlich zu beweiſen, daß er ihnen vergeben. 141 Aber das beſchämte die Majorin Lebret nur noch mehr, und ſie reichte dem Pfarrer die Hand mit Widerſtreben und mit einem Blicke, als ob ſie ihn damit vergiften wollte, wie ein Baſilisk. Dieſer Vorfall hatte die wohlthätige Folge gehabt, den neuen Kommandanten, Oberſtlieutenant Walther, auf den Pfarrer und ſein emſiges Wirken aufmerkſam zu machen. Er ſuchte Stirnbrand ſchon am andern Tage auf und beſprach ſich mit ihm lange über nothwendige Reformen in der Haus⸗ und Platz⸗Ordnung. Der Pfarrer fand in ihm einen Mann von ſtrenger Religioſität und unbeugſamem Pflichtgefühl; ſie begegneten ſich auf mancherlei Punkten in gleichen Anſichten, und ſchieden faſt wie alte Freunde und mit der aufrichtigſten gegenſeitigen Hochachtung. Namentlich hatte Stirnbrand die Fürbitte des Arztes um Erleichterung des Looſes jenes alten Oſtindiers Kaats unterſtützt, welcher ſich ſeit ſeinem Aufent⸗ halt auf der Frohnveſte muſterhaft benommen und während des harten Winters mancherlei körperliche Leiden und Unge⸗ mach getragen hatte, die aus ſeiner harten Beſchäftigung im ungewohnten Klima und ſeinen vorgerückten Jahren entſpran⸗ gen, und des Pfarrers Fürſprache hatte wenigſtens die wohl⸗ thätige Folge, daß dem Kaats mit Zuſtimmung der vorgeſetz⸗ ten Behörden die Ketten abgenommen wurden. Wohl ahnte Stirnbrand damals nicht, von welchem Ein⸗ fluß dieſer Umſtand binnen Kurzem auf die Entwicklung ſeines weitern Schickſals werden ſollte. Eines Abends, zu Anfang April's, ſaß der Pfarrer in der Laube ſeines Gärtchens, und gab ſich ſtillem einſamem Sinnen hin; er hatte heute ein Schreiben des Grafen Rhodich erhalten, worin ihm dieſer die Erledigung einer, ſchon vor Jahren Stirnbrand verheißenen — 142 Patronatspfarre auf einem ſeiner Güter meldete und ſich auf's Neue zu Erfüllung ſeiner Zuſage erbot. Dießmal ſchwankte Richard in der That zwiſchen Gehen und Bleiben, denn ſeine heutige abendliche Begegnung mit Malchen im Gärtchen, wo⸗ hin die Frauen der milde Frühlingstag und die Sorge für die Beſtellung des Gärtchens gelockt hatten, war ihm beinahe ein Motiv mehr, ſich aus der Nähe des Mädchens hinwegzuwün⸗ ſchen, um nicht in der ihm nöthigen Ruhe zuweilen geſtört zu werden. Hier in der Abgeſchiedenheit, angeſichts einer weiten, vom Frühling verſchönten Landſchaft überlegte er ſich das Anerbieten ſeines gräflichen Gönners, die Gründe für Bleiben oder Wegzug, und ſein Ideengang ſpann ſich ſoweit aus, daß er nicht bemerkte, wie allmälig die Dämmerung hernieder⸗ ſank, wie der Zapfenſtreich längſt vorüber war und die Nacht⸗ poſten ſchon auf dem Walle aufzogen. Auf einmal erſchreckte ihn ein leiſes Zittern der Mauer, an welche er mit dem Rücken lehnte, und ein dumpfes fernes Getöſe, das aus den Eingeweiden der Erde unter ihm zu kom⸗ men ſchien. Er lauſchte verwundert, aber es verſtummte bald, um nach einer Weile wieder zu beginnen und näher, deutlicher. Dann ſchwieg es wieder und Stirnbrand verſank in ſein vori⸗ ges Sinnen. So mochte eine Viertelſtunde vergangen ſein und die Dämmerung war ſchon der Nacht gewichen, als aus der Kaſematte, durche welche der Eingang in's Gärtchen führte, abermals ein Geräuſch wie von abbröckelndem Mörtel ſich vernehmen ließ. Der Pfarrer drehte ſich um und blickte horchend über die Lehne ſeiner Bank in der auf dem Parapet angebrachten Laube hinunter, ſich fragend, ob Ratten oder Marder dieſes Geräuſch verurſacht. Da ſah er eine dunkle Menſchengeſtalt gebückt und behutſam aus der Thür der Kaſe⸗ 143 matte in das Gärtchen treten, zum Treppchen ſchleichen, das zum Parapet heraufführte— einige Sekunden ſpäter und er ſtand dem geheimnißvollen Wanderer gegenüber, und erkannte in ihm Kaats. „Halt! wohin wollt Ihr?“ fragte er ihn verwarnend. „Aus dem Wege— das kümmert Euch nicht!“ flüſterte der Sträfling drohend. „Ich darf Euch nicht fortlaſſen! Ihr rennt in Euer Un⸗ glück— auch der äußere Wall iſt von den Nachtpoſten beſetzt!“ „Schweigt und tretet bei Seite.... oder!“ „Bleibt, Kaats! ich darf Euch nicht entkommen laſſen; es wäre gegen meine Pflicht!“ „Aber Ihr müßt!“ flüſterte der alte Mann, deſſen Augen wie Kohlen glühten, und einen Augenblick ſpäter ſchloßen ſich ſeine Hände wie Krallen um des Pfarrers Hals und verſuchten ihn zu erwürgen. Stirnbrand konnte ſich des Gegners nicht mehr erwehren, der ihm mit der Behendigkeit eines Tigers an die Kehle gefahren war; er konnte nicht ſchreien, ſein Hirn fieberte, vor ſeinen Augen tanzten Feuerflammen und ein ent⸗ ſetzlicher Druck auf ſein Haupt drohte ihm die Beſinnung zu rauben. Er konnte von ſeiner phyſiſchen Ueberlegenheit keinen Gebrauch mehr machen; aber der Trieb der Selbſterhaltung gab ihm noch den Rath ein, mit den Füßen auf den Bretter⸗ boden der Laube zu ſtampfen, damit er von den Schildwachen gehört werde, bevor ihn der Andere ſo ſchweigend und im Finſtern erwürgte. Die Beſinnung ſchwand ihm, eine bleierne rabenſchwarze Nacht ſank auf ihn herab. Er hatte nicht mehr gehört, daß ein Schuß über ihm abgefeuert worden war, welcher Kaats den Arm zerſchmettert und ihn über die Mauer, die er eben 144 vom Parapet aus überklettern wollen, hinuntergeſtürzt hatte. Als er wieder zu ſich kam, lag er auf ſeinem Bette, um ihn her der Arzt, der Oberſtlieutenant Walther, mehrere der Be⸗ amten und— Malchen, die mit einem Freudenſchrei das Auf⸗ ſchlagen ſeiner Augen begrüßte. Stirnbrand's erſtes Wort war:„Malchen!“ Nun erſt erfuhr er Alles, denn er hatte ſich ſchnell erholt, nachdem eine Aderläſſe ihm Lungen und Kopf erleichtert;— nur ein Druck auf's Gehirn und eine Schwere in den Gliedern waren zurückgeblieben. Kaats war verhaftet und in's Zucht⸗ haus zurückgeführt worden, und ein Fluchtverſuch der Ketten⸗ ſträflinge, die ſich von der Kaſematte aus, worin ſie beherbergt wurden, durch eine Dohle durchgebrochen, war durch des Pfar⸗ rers Dazwiſchenkunft und Kaats' Verwundung vereitelt wor⸗ den. Aber auch noch weitere gewichtige Entdeckungen und Er⸗ öffnungen harrten ſeiner, die man dem Pfarrer in dieſem Augenblicke nicht anzuvertrauen wagte, weil der Arzt Schonung für den Kranken und Vermeidung aller Aufregung verordnet hatte, die aber für den folgenden Tag ſeiner harrten. Die um ſein Bett verſammelten Perſonen wünſchten ihm herzlichſt Glück zu ſeiner Rettung, und entfernten ſich dann auf Anrathen des Arztes. Zuvor aber drückte Oberſtlieutenant Walther dem Kranken noch die Hand und ſagte:„Ich danke aufrichtig dem lieben Gott, daß uns Ihr Leben erhalten worden iſt! Sie wiſſen wohl nicht, daß Ihnen von zwei Seiten der Tod drohte. Als die Schildwache auf der Baſtion nach der verſtockten, tückiſchen Beſtie Kaats ſchoß, ſah er eine Geſtalt vom Parapet herunterfallen und wußte doch, daß er nicht nach dem großen Manne geſchoſſen, ſondern nach dem Kleinen. Als nun die anderen Wachen vom oberen Wall und dem Zuchthausthor 4 — 145 herankamen, wollten ſie ſogar auf Sie ſchießen, der noch bewußtlos am Boden lag, und hätten es gethan, wenn der wackere Aufſeher Gußmann nicht herzugekommen wäre und die Füſiliere daran gehindert hätte, weil ihm geſchwant haben mochte, daß Sie es ſeien. Gußmann war auch der Erſte, der hinunterſtieg, Sie erkannte und Sie für todt auf den Schul⸗ tern hieher trug. Das Einzige, was ich beklage,“ ſchloß er un⸗ muthig,„das iſt: daß die Füfiliere auf dem äußern Wall ſo ſchlecht gezielt haben; ich wollte, die fünf Schüſſe, die auf die⸗ ſen Kaats gefallen ſind, hätten ihm den Garaus gemacht, denn er hätte das fürwahr um ſie verdient und wir wären den Kerl für immer los!“ Der Doctor hatte Malchen erlaubt, daß ſie bei dem Pfar⸗ rer bleibe und ſich mit Frau Gußmann in ſeine Pflege theile. Stirnbrand winkte ſie zu ſich her, ergriff ihre Hand und blickte ſie wehmüthig lächelnd an; ſie war ſo bleich und zitterte noch unter den Nachwehen des Schrecks, den ſie erlitten hatte, und doch lächelte ſie jetzt ſo froh durch Thränen hindurch und ihre Miene war ein leſerliches Dankgebet.„Wie ſeltſame Schickſale verhängt doch der Himmel über mich, liebes Mal⸗ chen!“ ſagte er;„ohne Ihrer Mutter beharrliche Weigerung wären wir jetzt ein glückliches Paar, und dieſe heutige Gefahr wäre nicht vorgekommen. Doch ich will der guten Frau darob nicht gram ſein: wer weiß, welchen Zweck die Vorſehung da⸗ mit verbunden hat? Ich bin nur begierig, ob ſie damit über mein Gehen oder Bleiben dahier entſcheidet!“ „Sie wollen alſo gehen?“ fragte Malchen. Er erzählte ihr den Antrag des Grafen Rhodich und ſeine eigene Unſchlüſſigkeit, und ſetzte hinzu: noch wiſſe er nicht, in welchem Lichte er die Gefahr zu betrachten habe, welche die Mylius, Für Frauenhand. I. 10 Vorſehung über ihn verhängt, ob als Strafe für ſeinen klein⸗ müthigen Wunſch, den jetzigen Wirkungskreis zu verlaſſen, oder als ein folgenreiches Mittel, ihn in einen andern Wirkungs⸗ kreis zu verſetzen. Jedenfalls aber betrachte er die dadurch ihm widerfahrene Gemüths⸗Erſchütterung für ebenſo heilſam, wie ſeine Rettung aus ſolcher Gefahr für eine hohe Gnade des Himmels. Und da er das innere Bedürfniß fühlte, ſeines Herzens Dank vor Gott zu bringen, ſo entließ er ſeine beiden Pflegerinnen und verſchloß ſich in ſeinem Kämmerchen mit ſei⸗ nem Gebete. 10. Frühe am Morgen erſchien der Arzt, um ſich nach dem Befinden des Pfarrers zu erkundigen. Er traf dieſen ſchon munter und an ſeinem Schreibtiſche; Stirnbrand verſicherte vollkommen wohl und wieder hergeſtellt zu ſein.„Und was macht Kaats? iſt er ſchwer verwundet?“ fragte er den Arzt. Dr. Birsfeld zuckte die Achſeln und ſah den Pfarrer da⸗ bei forſchend an.„Sein Ziel iſt geſteckt,“ entgegnete er ſehr ernſt.„Die Kugel hat den rechten Oberarm ganz in der Nähe des Gelenkknopfs zerſchmettert, und der Arm hat heute Nacht abgenommen werden müſſen. Die Geſchwulſt iſt noch zu groß, um entſcheiden zu können: ob wir ihm den Stumpf im Gelenk exſtirpiren müſſen oder nicht. Aber jedenfalls iſt die Gefahr für ihn durch die Operation nicht minder groß, als die durch den drohenden Brand an der Wunde!“ „Der Unglückliche!“ ſagte Stirnbrand ſchaudernd;„es droht ihm alſo jedenfalls ein ſchreckliches Ende?“ „Ein ſchmerzvolles allerdings!“ ſagte Dr. Birsfeld;— „vielleicht um ſo peinlicher, als er auch entſetzliche Gewiſſens⸗ biſſe empfindet.“ 147 „Iſt er erſchüttert?“ rief Stirnbrand;„fühlt er Reue über ſeine That, und glauben Sie wohl, daß er für evangeli⸗ ſchen Troſt und Zuſpruch empfänglich wäre? Ich will ſogleich zu ihm gehen!“ „Wollen Sie das wirklich?“ fragte der Arzt lebhaft und mit einem beſonders forſchenden Blicke.„Wollen Sie ihm Ihre eigene Vergebung ankündigen?“ „Ei gewiß! ich habe ihm ſchon vergeben, und mein Amt, meine Pflicht gebieten mir, ihm Den vorzuhalten, der alle Sünden vergeben kann!“ „Aber wird es Sie nicht allzuſehr angreifen, ihn jetzt zu ſehen und zu ſprechen und vielleicht mancherlei aus ſeinem Munde zu erfahren, was Sie von Neuem in heftige Gemüths⸗ bewegung verſetzen könnte!“ „O nicht doch! Sie wiſſen ja, ich bin kein Schwächling— meine Nerven ſind geſtählt!“ „Nun dann gehen Sie in Gottes Namen!“ ſagte Birs⸗ feld.„Ich kam eigentlich in der Abſicht, Sie zu dem Ver⸗ wundeten zu entbieten, der im Krankenſaale liegt. Aber ich fürchtete, Sie könnten oder wollten ihn noch nicht ſehen— eine Anſicht, die ich jetzt für doppelt irrig erkannt habe!“ Stirnbrand ließ ſich kaum von dem etwas pedantiſchen Arzte beſtimmen, zuvor zu frühſtücken, weil Birsfeld mit großem Aufwand gelehrter Gründe behauptete, Gemüthsbewegungen greifen den Organismus bei leerem Magen weit mehr an, als nach einer mäßigen Mahlzeit. „Aber glauben Sie denn, daß mich der Anblick dieſes ar⸗ men Menſchen ſo ſehr angreifen werde?“ fragte Stirnbrand Herrn Birsfeld verwundert;„Sie ſprechen ſo feierlich, ſo geheimnißvoll, als wenn mir wunder welche Begebenheiten 10* 148 oder Erlebniſſe bevorſtünden! Haben Sie denn irgend Grund dazu?“ „Hm, nein! das eben nicht,“ verſetzte der Arzt.„Aber bei Ihrem jetzigen Allgemeinbefinden und bei Ihrer pſychiſchen Conſtitution befürchte ich eine gewiſſe Alteration— irre ich mich, um ſo beſſer! Und nun auf Wiederſehen— ich eile voran, um den Verwundeten auf Ihren Beſuch vorzubereiten!“ Damit ging er, gleichſam um weiteren Fragen auszuweichen. Mit ſeltſamer beengender Spannung und unerklärlichem Herzpochen folgte ihm Stirnbrand beinahe auf dem Fuße. Als er in den Krankenſaal trat, wies man ihn in einen Verſchlag auf der Oſtſeite. Frau Halling, die ihn an Gang und Stimme erkannt hatte, ſchlug den Vorhang zurück, und ſchaute ihn mit einem ſolch ſonderbaren Blicke ihrer fieberiſch glühenden Augen an, trug einen ſolchen Ausdruck von Spannung und Unruhe, Haſt und Aufregung in ihren Zügen zur Schau, daß des Pfar⸗ rers Betroffenheit noch mehr wuchs.. „Sie hier, Frau Halling? Immer dienſtfertig, wo es Lei⸗ dende zu pflegen gibt?!“ redete er ſie an und trat hinter den Vorhang. Vor ihm ſtanden zwei Betten zu den beiden Seiten des Fenſters; auf dem einen, zu deſſen Häupten Birsfeld mit ſeiner gewöhnten ärztlich⸗bedächtigen Amtsmiene und zugleich mit einer unverhohlenen Spannung ſtand, lag der verwundete Kaats, vom Schmerz zuſammengekrümmt,— auf dem andern hockte der einäugige Schiffertom, ſchon ſeit Wochen gichtbrüchig und von der Gicht verkrümmt. Der Pfarrer wollte auf den Verwundeten zu treten und ihn anreden; da bemerkte er aber, daß die Blicke aller Anweſenden mit einer ſolchen Aufmerk⸗ ſamkeit auf ihm hafteten, daß er darüber betroffen ward. Frau Halling beſonders ſchien nach Worten zu ringen und ſah mit ———,. 149 forſchendem Blick abwechſelnd auf den Pfarrer und auf Schiffer⸗ tom, der ſchüchtern bejahend nickte und ihr wieder ermunternd winkte. „Was habt Ihr denn, Leute?“ fragte der Pfarrer betreten. Der Arzt nahm das Wort, da Frau Halling nicht reden konnte.„Erlauben Sie mir eine Frage, lieber Freund! dieſe Frau hier und die beiden Kranken wünſchten zu wiſſen, woher Sie— den Namen Stirnbrand führen?“ „Was haben Sie denn mit dieſem Namen zu ſchaffen?“ fragte der Pfarrer lächelnd und doch mit geſteigerter Betroffen⸗ heit.„Man ertheilte mir dieſen Namen bei meiner Aufnahme in's Waiſenhaus, weil ich keinen Geſchlechtsnamen meiner El⸗ tern oder Verwandten anzugeben wußte, in Folge eines Brand⸗ mals an der Stirne,— hier, über dem rechten Auge! Damit ſtrich er das dunkle Haar aus der Stirne und zeigte eine Narbe in hufeiſenförmiger Geſtalt. Schiffertom ſtieß bei deren Anblick einen unartikulirten Schrei aus.. „Und woher rührt dieſe Narbe?“ fragte Frau Halling haſtig und mit wogender Bruſt;„bitte, ſagen Sie es!“ Ein bitterer wehmüthiger Zug lagerte ſich plötzlich über Stirnbrand's Antlitz.„Es iſt ein Andenken aus meiner frühe⸗ ſten Jugendzeit,“ ſagte er;„meine Erinnerungen daran ſind nicht mehr deutlich, aber ich weiß noch ſo viel, daß ein Schiff⸗ mann, der mich auf ſeiner Treckſchuite hatte, mich einmal am Lande beim Feuer mit einem heißen Eiſen hieher ſtieß, weil ich, mit den brennenden Holzſcheiten tändelnd, einen Topf mit Speiſe umgeſtoßen hatte.“ Wiederum ſtieß der Schiffertom einen Schrei aus und ſchrie in plattdeutſcher Sprache und mit rauher Stimme einen Schwall von gräßlichen Verwünſchungen heraus, die mit den Worten ſchloſſen:„Höllenlilli! Galgenlilli! Wechſelbalg! Hundeſohn! daß Dich die Ratten fräßen! daß Du in Deinem erſten Bad ertrunken wäreſt! Wart, ich ſchmore Dich, Bettel⸗ kind! ſonſt werd' ich Dich nimmer wieder los!“ Der Eindruck, den dieſe Worte auf den Pfarrer hervor⸗ brachten, war ein fürchterlicher. Er prallte entſetzt zurück, fuhr mit der Hand über die Stirn, die Haare ſtanden ihm un⸗ willkürlich zu Berge, die Augäpfel drangen weit aus ihren Höhlen und ſtierten gedankenlos auf den Krüppel, der dieſe Worte ausſtieß; ſeine Fäuſte ballten ſich, ſeine Zähne knirſchten und er ſtand da, wie ein zum Sprunge gerüſteter Tiger. „Er iſt's! Er erkennt mich!“ rief der Krüppel faſt jubelnd, „es iſt Lilli!“ „Unmenſch! Barbar!“ ſtöhnte der Pfarrer aus gepreßter Bruſt;„er iſt's freilich, der hülfloſe Knabe, den Du zertreten wie einen Wurm und der nun als Mann Nechen chaſt von Dir Ungethüm fordert!“ „Erſchlagt, erwürgt mich!“ wimmerte nun Schiffertom wie ein Kind, das man ſtrafen will und krümmte ſich noch mehr zuſammen, als fürchte er ſchon, daß der Andere auf ihn ſtürze. „Ja, ich bin Joſt, der Schiffer, der Euch Eurer Mutter ſtahl, und wenn Ihr mir bei lebendigem Leibe das Herz heraus⸗ reißet, ſo iſt's noch nicht die Hälfte von dem, was ich um Euch verdient habe!“ „Meiner Mutter geſtohlen? Und wer war meine Mutter, wo iſt ſie?“ knirſchte der Pfarrer, der in ſeiner furchtbaren Er⸗ regung ſchon längſt auf den Unglücklichen eingeſprungen wäre, wenn nicht Frau Halling, die er gar nicht bemerkte, ſich vor ihm auf die Kniee geworfen und ſeine Handgelenke mit ver⸗ 151 zweifelnder Gewalt umfaßt hätte, denn er rang und ſchüttelte unbewußt, um ſich von ihr zu befreien. „Hier, hier! vor Euch! vor Dir!“ riefen Joſt und Frau Halling aus Einem Munde.„Mein Sohn! mein Wilibald! ich bin ja Deine Mutter! ich habe Dich wieder gefunden!“ ſtammelte die Frau. Der Pfarrer hob ſie vom Boden auf und riß ſie an ſeine Bruſt.„Meine Mutter?“ ſchrie er;„meine Mutter? iſt das wahr? iſt das möglich?“ Birsfeld, Kaats und Joſt bejahten. „Mein Sohn, mein Knabe, der mir als Kind geſtohlen wurde, und den ich nun durch Gottes Barmherzigkeit gleich⸗ zeitig wiederfinde mit ſeinem Vater!“ rief die Mutter weinend. „Vater? wo iſt mein Vater?“ fragte der Pfarrer. Nie⸗ mand antwortete. Charlotte hielt ihren Sohn feſt umſchlungen und blickte zu dem Verwundeten hinüber, der ihm die einzige Hand bittend entgegenſtreckte.—„Der dort? Kaats?“ fragte Stirnbrand mit unwillkürlichem Schauder. „Nicht Kaats, ſondern Wilibald Franzen, der Gatte Deiner Mutter, den die Hand des Herrn zu uns geführt hat, damit er nicht in Sünden dahinfahre!“ ſagte Charlotte ernſt und feierlich. Die Aufregung war gewaltig. Das Geſicht mit den Hän⸗ den bedeckend, ſank der Pfarrer in einen Stuhl. Der Ver⸗ wundete heulte laut zu Gott um Gnade, daß er als Lohn für alle ſeine Sünden beinahe das Leben ſeines eigenen, längſt er⸗ ſehnten Sohnes geraubt hätte. Die Umſtehenden, ſelbſt die herzugetretenen Krankenwärter, waren bis zu Thränen er⸗ ſchüttert. Dr. Birsfeld hielt dem Pfarrer Riechſalze vor, denn er glaubte ihn ohnmächtig. 52 Aber Stirnbrand warf ſich auf die Kniee, rang die Hände, ſchlug den Blick zum Himmel auf und rief:„Welch ein Wie⸗ derſehen!.... mußte ich hier die Eltern und den Peiniger mei⸗ ner Jugend finden?... Doch es war Dein Werk und Wille, o Herr, und Dein Name ſei hochgelobt!“ Dann fiel er der Mutter um den Hals und küßte ſie, und führte ſie zu dem Ver⸗ wundeten. Aber dieſer lag in tiefer Ohnmacht, ſo daß Wili⸗ bald nur des Vaters welke Hand ergreifen und einen Kuß da⸗ rauf drücken konnte. „Und Joſt?“ fragte ihn die Mutter leiſe;„willſt Du ihm nicht auch vergeben? Ohne ihn hätten wir Dich nicht gefunden!“ Joſt hob mit ſtummer Bitte die gefalteten Hände zum Pfarrer empor; da reichte ihm Wilibald die Hand und ſprach: „Um ihretwillen habe ich Dir vergeben; möge Dir Gott ebenſo verzeihen!“ „Gott ſei mir Sünder gnädig!“ ſtöhnte Joſt und brach zuſammen. Dr. Birsfeld ſchob Mutter und Sohn mit ſanfter Gewalt aus dem Verſchlage hinaus und verbot ihnen, vor Mittag wie⸗ derzukehren. Wilibald begleitete die Mutter nach Hauſe und begrüßte Malchen als Bruder, und um ihr und dem Pfarrer das Räthſel zu löſen, auf welche Weiſe ſeine Herkunft entdeckt worden war, erzählte nun Frau Halling die Ereigniſſe der ver⸗ gangenen Nacht. Die Schüſſe der Wachen auf den Flüchtling Kaats hatten die ganze Frohnveſte allarmirt und faſt alle müſſigen Bewohner nach der Heinrichsbaſtion gelockt. Die Nachricht, daß der Flüchtige den Pfarrer erſchlagen, hatte Frau Halling beinahe ohnmächtig gemacht; nur die gegentheiligen Verſicherungen des Arztes, die ihr Malchen überbracht, ſie wieder beruhigt. — 153 Aber eine entſetzliche Wuth gegen den Urheber der That er⸗ füllte die ſonſt ſo ruhige Frau und ſie ward von den anderen, nicht minder entrüſteten Frauen mitgezogen unter den Thor⸗ weg des Zuchthauſes, um den wieder erhaſchten Flüchtling ein⸗ bringen zu ſehen, denn die Kunde von ſeiner Einholung hatte 3 ſich mit Blitzesſchnelle verbreitet und eine wilde Freude unter den Bewohnern hervorgerufen. Endlich brachte ihn eine Wache von Füſilieren, den Lieutenant Arens an der Spitze. Ein Un⸗ teroffizier mußte Kaats beinahe ſchleppen, denn er konnte kaum mehr gehen und brach unter dem Thorwege des Zuchthauſes zuſammen. Während man eine Tragbahre aus den Kranken⸗ ſtuben holte, lag Kaats am Boden, noch immer trotzig und un⸗ gebeugt, und erwiderte in ſeinem malayiſchen Idiom die Ver⸗ wünſchungen der ergrimmten Weiber, die ſich um ihn dräng⸗ ten und vor deren Wuth die Soldaten den Gefangenen ſchützen mußten. Frau Halling war der Ton ſeiner Stimme durch Mark und Bein gedrungen, ſie hatte ſich herzu gedrängt, ihm feſt und forſchend in's Auge geſehen. „Wilibald! Franzen! um's Himmels willen, biſt Du es?“ ſchrie ſie und beugte ſich über ihn.— „Charlotte! Du biſt hier?“ rief er, und ſie ſank bewußtlos zuſammen. Als ſie ſich wieder erholt hatte, löste ſie den verwunderten Umſtehenden das Räthſel, gab ſich als die Gattin des Ge⸗ fangenen zu erkennen, und erwirkte vom Kommandanten und Juſtitiar die Erlaubniß, den Verwundeten verpflegen zu dürfen. Nachdem die ärztliche Unterſuchung die Nothwendigkeit einer Amputation des Arms ergeben und dieſe vorüber war, hatte man Franzen in denſelben Verſchlag gebracht, wo der gicht⸗ brüchige Schiffertom lag, und Charlotte war ihm dahin gefolgt. b 1 154 Aus der Unterredung der beiden Gatten hatte er ihre Namen entnommen und gehört, welches Unglück der Verluſt ihres Kin⸗ des über ſie gebracht. Seine körperlichen Leiden und noch mehr die Gewiſſensbiſſe ſeiner ſchlafloſen Nächte hatten ihn längſt mürbe gemacht, und nur der verſtockte Trotz, die Menſchen⸗ furcht und falſche Scham ihm den Mund verſchloſſen. Als er aber aus Charlottens Munde Dankgebete dafür hörte, daß die Vorſehung auf ſolche wunderbare Weiſe die ſo lange getrenn⸗ ten Gatten an dieſem Orte und unter ſolch unvermutheten Um⸗ ſtänden wieder vereinigt habe, als er beide Gatten dieß als Gottes Fügung preiſen und ſagen hörte, ſie wollten gern ſter⸗ ben und alle Schmach und alle Strafe gern tragen,— da pochte auch an ſein Herz die Hand des Herrn, und er gab ſich ihnen zu erkennen als ein Bekannter aus alten Tagen, und verſicherte ſie der Gewißheit, daß er ihnen Nachricht von ihrem Kinde geben könne. Er hatte längſt in dem Pfarrer jenen Knaben zu erkennen gewähnt, den er einſt mehr in Trunkenheit und blinder Rachgier als aus Bosheit ſeiner Mutter geſtohlen; aber ſeit er am Weihnachtsabend bei der Andacht im Arbeits⸗ ſaale, aus des Pfarrers eigenem Munde, deſſen Jugendgeſchichte ſo ausführlich vernommen, war ihm daran kaum mehr ein Zweifel geblieben, und es hatte gewaltig in ihm gekämpft, ſich dem Opfer ſeiner Grauſamkeit zu erkennen zu geben. Allein die Furcht vor einer harten Strafe, die er dafür vorausſah und die ihm bei ſeinem jetzigen Gebreſte doppelt fürchterlich erſchien, hatte ihm bislang den Mund geſchloſſen und hätte ihn viel⸗ leicht noch länger ſchweigen gemacht, wäre er nicht in ſolch peinlicher und angſtvoller Nähe in die letzte Kataſtrophe des Schickſals zweier Menſchen verflochten worden, zu deren zeit⸗ lichem Unglück und leidenvollen Prüfungen er den erſten An⸗ 155 ſtoß gegeben hatte. Nun erſt, ſeit er Alles geſtanden, dünkte ihm ein Alp von Schuld von ſeiner Seele genommen, und er ſehnte ſich nach Verſöhnung mit ſeinem Schöpfer und nach Er⸗ löſung von ſeinen irdiſchen Leiden. ** *.. Vierzehn Tage waren vergangen. Zwei müde Pilger ruhten unter kühler Erde und ſtanden vor dem Richterſtuhl des Ewigen: Wilibald Franzen und Joſt Denje. Der Pfarrer hatte ſie mit geiſtlicher Wegzehrung verſehen und mit der tröſt⸗ lichen Zuverſicht, daß ſie über den Sternen einen milden Rich⸗ ter finden würden; ja er hatte ihnen noch das Verſöhnungs⸗ mahl gereicht und es mit ihnen, ſeiner Mutter und Malchen ge⸗ noſſen. Er hatte ihre letzten Stunden noch mit der tröſtlichen Gewißheit verſüßt, daß ihre ſterbliche Hülle bei anderen Chriſten in geweihter Erde ruhen ſollte, anſtatt wie diejenige anderer, im Zuchthauſe verſtorbener Sträflinge, an die Anatomie der nahen Hochſchule abgeliefert zu werden.— Die Ueberlebenden aber: Mutter, Sohn und Pflegetochter, waren nun mit ein⸗ ander vereinigt, um ſich für dieſes Leben nicht wieder zu tren⸗ nen. Wilibald hatte am Tage nach der Beerdigung ſeines Vaters eine kurze Schilderung ſeiner jüngſten Erlebniſſe an den Grafen Rhodich geſandt, die ihm angebotene Patronats⸗ Pfarre dankend abgelehnt und ihn nur um ſeine Verwendung bei der zuſtändigen Behörde gebeten, damit ihm, dem Pfarrer, die Erlaubniß werde, unbeſchadet der Rechte Dritter, ſeinen eigentlichen Taufnamen und den Familiennamen ſeines Vaters anzunehmen. Nun ſaß er am Sonntag Abend nach vollbrachtem Tage⸗ werk mit ſeiner Mutter und Malchen in der Laube, und ſie 156 ſprachen noch von dem todten Vater und ſeinen Eröffnungen und ſuchten nach ſeinen theilweiſen wirren Mittheilungen den ganzen Lebenslauf des Verſtorbenen herzuſtellen. So ward denn alſo erhoben, daß Wilibald Franzen in jener Nacht, wo er in der Schenke von Ried mit Dolffs und dem Torfſchiffer Joſt gezecht, Letzterem ſeine Baarſchaft im Spiel abgewonnen und dieſer ſammt ſeinen Spießgeſellen den Gärtner auf dem Heimwege verfolgt hatte,— daß der Gärtner ſich damals ver⸗ folgt ſah und um ſich vor den Gegnern und ihren Prügeln zu verſtecken, in eine Chaiſe gekrochen war, die vor dem Poſthauſe an der Brücke ſtand. In dieſem Wagen war er eingeſchla⸗ fen, übermannt vom Froſt und dem Uebermaß des genoſſenen Getränks; er war ſelbſt nicht erwacht, als der Poſtknecht ſpäter die Pferde davor legte und mit der Kutſche davon fuhr. Am andern Morgen war er mit wüſtem Kopfe im Schuppen des Poſthauſes einer fünf Meilen entfernten Stadt erwacht, arm wie eine Kirchenmaus, und des gewonnenen Geldes beraubt. Er hatte darob mit den Poſtknechten und Stallleuten im Hauſe Zank angefangen, der damit endete, daß Franzen arg zerbläut als Landſtreicher verhaftet wurde, weil er das Fuhrgeld von W. nicht hatte bezahlen können. Dieſe Strafe hatte den ehr⸗ geizigen Mann faſt wüthend gemacht und er lief in die weite Welt, weil er die Schmach nicht ertragen konnte, daß dieſe Thatſache in ſeiner Heimath bekannt werde. Bald gerieth er in die Hände engliſcher Werber und mit dieſen über's Meer, nach Irland, nach Indien und endlich nach Java, wo er bei einem der Beamten von Sir Stamford Raffles eine Stelle als Gärtner fand, nachdem er ſeine Kapitulation abgedient und wegen eines körperlichen Leidens nicht mehr zu erneuern ver⸗ mocht hatte. Als es ihm nun beſſer erging, denn im Soldaten⸗ 151 ſtande, überkam ihn oft eine gewaltige Reue und die heißeſte Sehnſucht nach Weib und Kind. Er ſchrieb zu verſchiedenen Malen in ſeine Heimath, bekam aber niemals Antwort. End⸗ lich verjagten ihn das Heimweh, die Reue und die Sehnſucht nach ſeinen ſo ſchnöde verlaſſenen Lieben aus behaglichen Ver⸗ hältniſſen, und trieben ihn in die Heimath. Wie er aber hier in ſeinen Hoffnungen enttäuſcht wurde und die Folge dieſer Enttäuſchungen ihn gar in's Irrenhaus gebracht, das wiſſen unſere Leſer bereits. Nach der Flucht aus der Irren⸗Anſtalt gelangte er abermals nach Java und erwarb ſich wiederum ein kleines Vermögen, bis ihn Todesahnungen, innere Unruhe und unbezwingliches Heimweh zum zweiten Male nach Europa zu⸗ rückbrachten. Auf dieſer Heimreiſe hatte er einen falſchen Na⸗ men angenommen und unter dieſem ſeine Vaterſtadt beſucht, und hier von dem Beſuche ſeiner Frau in derſelben und von der Scheidung gehört, welche das Gericht über ſeine Ehe aus⸗ geſprochen, weil er Charlotten böswillig verlaſſen. Das Alles erbitterte ihn ſehr; aber gleichwohl hatte er nicht ſo bald die Gegend erfahren, in welcher Charlotte als Wittwe nun leben ſollte, als er ſich dorthin aufmachte, um ſeine Habe mit ihr zu theilen und ihr dadurch wenigſtens einen ſorgenfreien Lebens⸗ abend zu bereiten. Wenn ſie ihm dann verziehen, ſo hätte er, nach ſeinem Plan, ſich in ſeiner Vaterſtadt zu erkennen gegeben und ein Aſyl als Pfründner im Bürgerſpitale nachgeſucht. Allein im Rath der Vorſehung war es anders beſchloſſen, und er ward auf andere Weiſe und unter, allerdings erſchütternde⸗ ren Verhältniſſen und Wechſelfällen wieder mit Weib und Kind zuſammengeführt. Auch über des Sohnes Schickſale erfuhren Frau Halling und Malchen nun erſt Näheres. Wie er nach ſeiner Confir⸗ 158 mation aus dem Rettungshaus für verwahrloste Kinder aus⸗ geſchieden und einem Buchbinder in die Lehre gegeben worden ſei; wie er bei dieſem, einem gottesfürchtigen alten Manne, ſo viel Leſewuth und Lernbegier an den Tag gelegt und dem alten kinderloſen Ehepaare ſo ſchön und andächtig Abends und Mor⸗ gens aus der Bibel vorgeleſen, daß, als die alte Meiſterin ein⸗ mal den Wunſch geäußert, Richard nur einmal ſelber predigen zu hören, Meiſter und Lehrjunge dieſen Gedanken begierig aufgegriffen, und Meiſter Hartung ihn auf die Schule geſchickt und ihm Privatunterricht ertheilen laſſen, und wie er dann auf der Univerſität jener Stadt die Gottesgelehrtheit ſtudirt habe. Wie der Meiſter und ſeine Frau ſchon im dritten Jahre ſeiner Studienzeit das Zeitliche geſegnet und der arme Student nur durch Unterrichtgeben, einen Freitiſch und die Unter⸗ ſtützungen guter Menſchen ſeine Studien zu beenden vermocht, weil ihm die Erben des Hartung'ſchen Ehepaares das Legat im Proceßwege beſtritten, welches er hätte bekommen ſollen, und wie dann eben die äußere Noth und der Kampf mit dem Leben und das gänzliche Alleinſtehen in der Welt ihn an Gott und dem Glauben an ſeinen Sohn den beſten Troſt und treue⸗ ſten Helfer habe finden laſſen, der ihn erſt als Pfarrgehülfen durch verſchiedene Prüfungen auf dem platten Lande herum und endlich in die Familie des Grafen Rhodich geführt, deſſen Söhnen er während ihres Ferienaufenthalts auf einem der Güter des Grafen, in deſſen Nähe Richard damals lebte, Un⸗ terricht gegeben und ihre Schulpenſa„eingepaukt“ habe. Wie ihn endlich ein ahnungsvoller innerer Drang auf die Staren⸗ burg getrieben und hier erhalten, bis er in den jüngſten er⸗ greifenden und tragiſchen Ereigniſſen die Erklärung all der —— 159 weiſen und herrlichen Schickungen gefunden, die die Vorſehung über ihn verhängt habe: das Ziel ſeiner Schickſalswege. Frau Halling umarmte mit Thränen der Rührung den Sohn, und die drei Herzen ergingen ſich im Lobe der uner⸗ forſchlichen Weisheit, die ſie geführt. Nun brauchte Malchen ihm nicht mehr fern zu ſtehen, denn die Mutter konnte nun keine Einwendungen mehr gegen die Vereinigung Beider ma⸗ chen. War ja doch Amalie von je her von der Mutter dem er⸗ ſehnten Wilibald zugedacht geweſen, und war ja nun auch er, er der Sohn eines Züchtlings! Frau Halling fühlte h ohne daß ſeither ein Wort hier zwiſchen ihr gewechſelt worden war, und als ſie ihn nun einen Hand an ihren Buſen drückte, als wollte ſie hieder laſſen und Malchen ſtille weinend abſeits ſtand, ich dieſe heran, flüſterte:„Ihr ſeid ja Beide meine erh und gab Beiden ſozuſagen einen ſtummen Segen. Malchen,“ flüſterte Wilibald,„wenn das Trauerjahr um iſt, wirſt Du dann mir zum Altar folgen?“ „O Gott,“ erwiderte ſie,„bin ich denn Ihrer werth, Herr Stirnbrand? Sie ſo gelehrt, ich ſo arm und unwiſſend!“ „Aber reich an Tugend und an wahrer Weisheit, im Glauben,“ entgegnete der Pfarrer und ſchloß ſie in den Arm. —„Doch nun noch eine weltliche Sorge, liebe Mutter!“ wandte er ſich an dieſe.„Der Vater hat mir eröffnet, daß die ihm ab⸗ genommenen Kapitalien, welche in W. und in A. für ihn ver⸗ waltet werden, eine runde Summe von vielleicht ſechstauſend Thalern betragen; er rieth mir, ſie zu erheben, und ich habe durch einen rechtskundigen Freund deßhalb ſchon Schritte thun laſſen. Allein wenn mein beſcheidener Wunſch Ihnen etwas gilt, liebe Mutter, ſo verwenden wir das Geld nicht für uns, 160 — ſondern ſchenken es den Armen und Bedürftigen. Der, an den wir glauben, hat uns mit väterlicher Hand ſeither verſorgt; wir ſind alle drei an Armuth und Entbehrung und den Segen eines beſcheidenen Looſes gewöhnt und gedenken andere Schätze zu ſammeln, als die zählbaren. Warum ſollten wir dieſes Geld nun annehmen, um uns Sorgen zu machen oder Gefahr zu laufen, daß unſer Herz ſei, wo unſer Schatz iſt? Wollen wir nicht lieber uns Freunde machen mit dem ungerechten Mammon?“ 2 3 „O mein Sohn! mein rechter Sohn 2 „thue wie Du willſt! Du haſt das beſte The „Und was rathet Malchen?“ „Ach, wie könnte ich anderer Anſicht ſein „Ich begreife Ihren Edelmuth, und bin ja ſchon übet Sie. dlie lulit ich mehr wünſchen⸗ 9, wie er r das viüle Geld, das ſein Vater ſo ſauer erwor! Rettungshäuſer und Blinden⸗ und Taubſtummen⸗Aſyle ſchenkte und zur Linderung fremder Noth verwandte. Aber er bereute es nie; ein treuer Diener des Herrn nach dem Evangelium, wandelt er ſeither in den Wegen des Glaubens, und ſegnet die Allmacht, die ſeinen und der Seinigen Schickſalswege gelenkt, und lehrt ſeine Kinder ſich ſpiegeln in den tröſtlichen Erfah⸗ rungen, die er gemacht. Und Manche, die ihn näher kennen, ſehen in ihm mehr als einen Schwärmer, Mucker oder Pietiſten, und manche gerettete Seele wird einſt zeugen von ſeinem ſegens⸗ reichen Wirken auf der Starenburg.— — Ihr, der nicht auf Schein geſeh'n, Wählt ſo recht und trefft ſo ſchön; Weil Euch dieſes Glück geſcheh'n, Wollet nicht nach anderm geh'n. Shakespeare, Kaufm. v. Venedig. 1. Es war um die M ittagsſtunde, und die Königsſtraße, der Corſo der Reſidenz, mit eleganten Herren und Damen ange⸗ fünlt⸗ welche hier auf und ab wandelten, in Erwartung der Wachtparade, die gewöhnlich von den belebenden Klängen einer zahlreichen Militärbande begleitet ward. Die Damen gingen im milden, warmen Sonnenſchein des ſchönen Frühlingstages entweder ab und zu, um ihre Sommerroben und Sommerhüte zu zeigen oder einzukaufen, oder blieben wohl gelegentlich auch vor den Schaufenſtern der Läden ſtehen, die hier in dieſer Straße zu den prunkhafteſten und eleganteſten der Stadt ge⸗ hörten. Einen beſondern Anziehungspunkt für Schauluſtige aller Alter, Geſchlechter und Stände aber bildeten die hohen Mylius, Für Frauenhand. I. 11 162 breiten Fenſter der Verdi'ſchen Kunſthandlung, an der Ecke des Neumarktes. Hier war eine Anzahl der ſchönſten neuen engliſchen Kupferſtiche ausgeſtellt, welche der Eigenthümer vor Kurzem von der Leipziger Meſſe mitgebracht haben mochte, und unter dieſen feſſelte beſonders ein großes, meiſterhaft geſtoche⸗ nes Blatt nach dem Gemälde eines der erſten engliſchen Genre⸗ maler, welches die Unterſchrift trug:„Lady Mary Wortley Montague und Alexander Pope“. Es ſtellt die Scene dar, wo die in allen Reizen der Jugend, Schönheit und des Reichthums prangende kokette Lady Montague den armen, verkrüppelten Pope mit lautem Hohnlachen abweist, als er ihr ſeine ſtille Neigung zu geſtehen wagt. Es war eine geniale Zeichnung und Anordnung, tadellos in Gruppirung, äußerſt wirkſam durch den Contraſt der beiden Hauptfiguren, der hochgewachſe⸗ nen, ſtolzen, ſtrahlend ſchönen Lady und des kleinen, buckeligen, krummbeinigen Dichters mit dem gleichwohl ſo bedeutſamen, genialen Geſichte; der Effekt war kein unnatürlicher, geſuchter, ſondern hielt ſich ganz innerhalb der Grenzen des Harmoni⸗ ſchen und wirklich Schönen. Das Häßliche in Pope's Erſchei⸗ nung war geadelt, wie in dem Ausdruck der Schadenfreude und des kalten, muthwilligen Spotts der jungen Dame. Die übrige Staffage und die Atours waren ſorgfältig behandelt, aber immerhin als minder bedeutende Nebendinge, und die überaus gelungene Vertheilung von Licht und Schatten erhöhte durch eine ergreifend wirkſame Stimmung den Geſammteffekt auf merkwürdige Weiſe. Der Kupferſtich war eines jener Kunſtwerke, die durch die augenfällige Gewalt ihrer Naturwahrheit den Laien frappiren und den Kunſtkenner befriedigen, und ſomit allgemein an⸗ ſprechen. Kein Wunder daher, daß das Fenſter, hinter welchem f 163 das Kunſtblatt hing, den ganzen Tag von neugierigen und be⸗ wundernden Beſchauern umlagert war, und namentlich in die⸗ ſer Stunde ſich eines großen Zulaufs von Seiten der eleganten und ſchönen Welt erfreute. Unter einer Gruppe von ſolchen, die ſich ſo eben herzudrängten, war auch ein noch junger Mann zu bemerken, der an einem Krückenſtock mühſam ging und hinkte. Er war nicht groß, von ſchwächlichem Körperbau, mit dünnen, gekrümmten Beinen und verunſtalteten Klumpfüßen, und durch den Gebrauch des Krückenſtocks ſtand die rechte Schulter bei ihm merklich höher als die linke. Sein Geſicht war ziemlich regelmäßig, aber doppelt entſtellt durch Pockennarben und ein brennendrothes ſogenanntes Feuermaal, das ſich vom linken Naſenflügel bis unter das Auge hinzog und ſeine halbe Wange bedeckte und durch die Bläſſe ſeines hageren Geſichts noch mehr hervorgehoben wurde. Allein eine hohe, freie Stirn, ein dunk⸗ les, blitzendes Augenpaar voll Geiſt und Leben und ein freund⸗ licher, milder Zug um den Mund machten für denjenigen, wel⸗ cher dieſes Geſicht näher betrachtete, die ſonſtigen Nachtheile deſſelben einigermaßen wieder gut, und zeugten von einem ſcharfen Verſtande und lebhaften Geiſte, der ein herzliches Wohlwollen mit einer gewiſſen Energie des Charakters paarte. Seine Kleidung war ſehr einfach und beſcheiden, allein ſeiner ganzen Erſcheinung war das Gepräge eines Mannes von Bil⸗ dung aufgedrückt. Beſcheiden wartete dieſer Herr ab, bis eine Reihe ſchau⸗ luſtiger Damen ihm vergönnte, ſich den Anziehungspunkt der ganzen Schauſtellung zu beſchauen, nämlich den vorhin ge⸗ ſchilderten Kupferſtich. Die Wachtparade kam in dieſem Augen⸗ blick in die Nähe und lenkte die Aufmerkſamkeit der Umſtehen⸗ den ab, ſo daß der genannte Herr auf einige Minuten ganz . 11* 164 allein vor dem Fenſter ſtand und ſich das Bild ungeſtört be⸗ trachten konnte. Seine ganze Seele ſchien ſich in dem Blick zu concentriren, womit er das Kunſtblatt beſchaute, welches un⸗ verkennbar einen tiefen Eindruck auf ihn machte. Anfangs ver⸗ kündeten ſeine beredten Züge Zorn oder Entrüſtung, aber all⸗ mälig legten ſich dieſe Affekte und wichen einem tiefen gedop⸗ pelten Intereſſe, weil das Bild vom äſthetiſchen Standpunkt aus ebenſo ſehr befriedigen als in des Beſchauers Gemüthe Erinnerungen und Gedanken erwecken mußte, die nicht ohne Schmerz und Kummer waren. „Es iſt wahr,“ murmelte er unwillkürlich,„es iſt ſchau⸗ derhaft wahr und der Natur abgelauſcht!...“ Dann trat er bei Seite und flüchtete vor dem Andrang des zahlreichen Pu⸗ blikums, welches die Wachtparade begleitete, in den Hausein⸗ gang neben dem Fenſter, wo er verweilen wollte, bis die Men⸗ ſchenfluth ſich verlaufen haben würde, durch welche er mit ſei⸗ nem Gebrechen ſich nicht gewandt genug hindurch arbeiten konnte. Noch ſtand er keine Minute hinter dem maſſiven Pfeiler, von außen, wenigſtens von den Schaufenſtern aus, nicht ſicht⸗ bar, als der Klang einer Stimme ganz in der Nähe ihn un⸗ willkürlich erbeben machte. Es war die Stimme einer jungen Dame, die nicht gerade auffallend ſchön, aber immerhin hübſch und von regelmäßigen Zügen war, welche ein friedlicher, ſinnig⸗ heitrer, ja oft ſogar an Melancholie ſtreifender Ausdruck be⸗ ſonders auszeichnete. Ein tadellos ſchöner Wuchs von Mittel⸗ größe, ſchöne, dunkle Augen voll Geiſt und Ausdruck und eine blühende Friſche des brünetten Teints, ſowie eine unverkenn⸗ bare, ungeſuchte Anmuth der ganzen Haltung machten die ſehr einfach gekleidete junge Dame, welche am Arm eines alten Herrn mit grauem Schnurr⸗ und Backenbarte hing, zu einer mindeſtens intereſſanten, wenn auch nicht eben blendenden Er⸗ ſcheinung. Die junge Dame unterhielt ſich ſo eben mit ihrem ältern Begleiter über den Kupferſtich. „Nein, lieber Onkel,“ ſagte ſie mit ihrer wohlklingenden Stimme,„das Bild gefällt mir nicht. Seinem Kunſtwerth will ich nicht zu nahe treten; aber der Gegenſtand, den es behandelt, dünkt mir unſchön und unbefriedigend. Was für ein kaltes, herzloſes Geſchöpf muß dieſe Lady geweſen ſein, wenn ſie es über ſich vermochte, ſo über den armen Pope zu lachen! Ich finde dieß geſucht oder outrirt, und jedenfalls unweiblich von ihr!“ —„Ich möchte ſie nicht ſo ſtreng beurtheilen,“ entgeg⸗ nete der alte Herr;„ich finde es nur natürlich, daß ſie ihn auslachte, denn es dünkt mir ein ſehr dummer Streich von ihm, daß er mit ſeinen dünnen Spindelbeinchen und dem Verdruß' auf dem Rücken um ſolch eine ſchmucke, elegante Dame freite!“ „Wenn er ein gewöhnlicher Mann geweſen und ihr mit einer unwillkommenen Werbung beſchwerlich gefallen wäre, ſo hätte ſie vielleicht ein Recht gehabt, ihn nach Herzensluſt auszulachen,“ warf die junge Dame ein.„Allein Pope war doch ein Mann von Talent und Verdienſten, die ihr einige Achtung hätten einflößen ſollen. Vor Allem aber ſcheint mir, daß gerade ſeine Gebrechlichkeit ihre Laune und ihren Ueber⸗ muth hätten zügeln ſollen.“. —„Ich denke, Du gehſt in Deiner Herzensgüte zu weit, liebe Fanny,“ verſetzte der Oheim warm.„Es war doch, meines Bedünkens, eine unverantwortliche Unverſchämtheit von einem ſolchen Buckelorum und Hinkebein, einer ſo ſchönen ——-——— 166 und angeſehenen Dame wie dieſe Lady hier den Hof zu machen.“ 3 „Aber beſter Oheim,“ rief das hübſche Mädchen,„ich hätte nie geglaubt, daß Sie eine ſo geringe Meinung von unſerm Geſchlecht hätten, um uns Frauen zuzutrauen, daß wir ein ſo großes Gewicht auf die perſönliche Erſcheinung und auf bloße Aeußerlichkeiten legten. Es mag allerdings manche Frauen und Mädchen geben, die ſich nicht über die niedrige und banale Anſchauungsweiſe erheben, welche Sie ihnen zutrauen; allein ich glaube aus vollſter Ueberzeugung, daß jedes Frauenzimmer von Gemüth und geſundem Urtheil ſich weit mehr geehrt und ausgezeichnet fühlen würde, wenn es der Gegenſtand der wirklichen Neigung und Hochachtung eines vielleicht körperlich verkümmerten Mannes wäre— wie z. B. des Herrn Logau,— als wenn ihr einer jener hohlen, ge⸗ ſchniegelten Centauren von der Garde, ſolch ein Graf Hückler oder ſonſt irgend einer dieſer Junker, den Hof machte.“ —„Daran mag etwas Wahres ſein, mein Kind,“ ver⸗ ſetzte der alte Herr.„Logau iſt ein gediegener Charakter und hochgebildeter Mann.“ „Einer der edelſten und uneigennützigſten Männer in der ganzen Welt,“ erwiderte die Nichte enthuſiaſtiſch. —„Zugegeben; aber dennoch zweifle ich, ob unter hun⸗ dert Frauen— oder wenigſtens unter hundert jungen Frauen und Mädchen— auch nur Eine ſich fände, welche den braven Logau mit ſeinem Krückenſtock dem ſchmucken, gecken⸗ haften Grafen Hückler vorzöge.“ „Fürwahr, lieber Onkel, das ſcheint mir eine gewagte Behauptung!“ ſagte Fanny.„Ich hoffe zur Ehre unſers — —— 167 Geſchlechts, daß ich nicht die einzige Ausnahme von der Regel wäre und daß Sie im Irrthum ſind.“ Damit gingen Oheim und Nichte weiter und hatten ſich bald im Menſchengewühl verloren. Der Herr mit dem Krückenſtocke, welcher kein anderer war als Albert Logau, hatte gierig auf jedes Wort von Fanny und ihrem Oheim gelauſcht, die er an der Stimme erkannt hatte. Er ſah den Oberſten Brandt an ſich vorübergehen, ohne daß er von ihm oder Fanny bemerkt wurde. Er blickte Beiden eine Weile gedankenvoll und tief ergriffen nach, bis ſie ihm in dem Gewühle derer, welche der Wachtparade nachzogen, aus dem Geſicht gekommen waren; dann trat er aus dem Hauseingang und machte ſich gedankenvoll auf den Heimweg. 2. Fanny Sternberg ſaß am andern Morgen in dem be⸗ ſcheidenen Wohnzimmer ihrer Mutter, der verwittweten Juſtiz⸗ räthin, als ihr der Poſtbote einen Brief unter ihrer eigenen Adreſſe brachte. Die Handſchrift mußte ihr eine bekannte ſein, denn ſie erröthete leicht, als ſie ſie betrachtet hatte und erbrach das Siegel mit einer von unwillkürlicher Aufregung bebenden Hand. Das Schreiben, welches ſie aus dem Briefcouvert nahm, lautete: „Mein verehrtes Fräulein! „Ich bin einigermaßen in Verlegenheit, wie ich dieſen Brief beginnen ſoll, weil ſein erſter Satz das Geſtändniß enthalten muß, daß ich geſtern unwillkürlich das Vergehen beging, eine Unterredung zu belauſchen, die nicht für meine Ohren beſtimmt war. Ihre Großmuth mag jedoch eine Ent⸗ ſchuldigung für mich darin finden, daß die Worte, die ich 168 hörte, auf offener Straße geſprochen wurden und bloſe ge⸗ legentliche Aeußerungen über ein Kunſtwerk waren. Mein Fräulein, ich ſtand in Ihrer Nähe, als Sie vor Verdi's Schaufenſter den Kupferſtich„Lady Montague und Pope“ betrachteten. Ich hörte, welche edle Anſichten Sie dabei äu⸗ ßerten, und dieſe Aeußerungen, die ich vernommen, ver⸗ mochten mir allein die Kühnheit zu geben, Ihnen ein Ge⸗ ſtändniß zu machen, welches ich außerdem mit mir in's Grab genommen haben würde. Ja ſogar noch in dieſem Augen⸗ blick fühle ich mich verſucht, dieſe Zeilen eher den Flammen zu übergeben, als durch ihre Abſendung das größſte Glück meines wirklichen Lebens auf's Spiel zu ſetzen, nämlich den Beſitz Ihrer Freundſchaft, den Genuß eines gelegentlichen, geſelligen Verkehrs mit Ihnen. Allein es liegt nun einmal in der Natur des Menſchen begründet, daß er unerſättlich und niemals mit demjenigen zufrieden iſt, was er wirklich beſitzt; daß er unabläſſig mit raſtloſer Gier weiter ſtrebt. Dieß ſcheint auch bei mir der Fall zu ſein. Ich beſitze Ihre Freundſchaft;— aber nicht zufrieden mit dieſem unſchätz⸗ baren Schatze, möchte ich noch mehr begehren,— ich, der arme, buckelige Krüppel! Allein ich weiß, daß meine dünkel⸗ hafte Vermeſſenheit von Ihnen kein Hohngelächter, keine Geringſchätzung erfahren wird. Ich weiß, Sie glauben auf⸗ richtig, daß der körperlich Mißgeſtaltete an Geiſt und Herz geſund und wohlgebildet ſein, ja, daß er unter Umſtänden weit mehr Achtung und Liebe verdienen kann, als einer der ggeſchniegelten Centauren von der Garde'. Ich danke Ihnen von Herzen für dieſe großmüthige edle Anſicht; allein iſt es möglich, daß ein äußerlich mißgeſtalteter Menſch je auch ein noch zärtlicheres Gefühl einzuflößen vermag? Ich 8 — meinerſeits vermag leider kaum daran zu glauben; ich mei⸗ nerſeits fürchte beinahe das Gegentheil, und doch muß ich mein Ein und Alles, mein höchſtes Glück auf dieſe Frage ſetzen! Wenn ich glaubte, daß meine Bewerbung mit größe⸗ rer Huld aufgenommen werden würde, als meine ſehnlichſten Wünſche mir zu hoffen erlauben, ſo würde ich fürchten, Ih⸗ nen eine ſolche vorzutragen. Ich möchte nicht, daß das Mit⸗ gefühl Ihres edlen großmüthigen Herzens Ihren natürlichen Abſcheu oder Widerwillen beſiegte und Sie dem Hohn und Geſpötte und der Mißdeutung einer Welt ausſetzte, die nur allzu abgeneigt iſt, an edle und uneigennützige Motive zu glauben, und die daher in einer Verbindung Ihrer Jugend, Geſundheit und Anmuth mit einer ſolchen Maſſe von Miß⸗ geſtalt und Kränklichkeit, wie ich bin, nur etwas Ungeheuer⸗ liches ſehen würde. Und die Welt würde ohne Zweifel Recht haben, und es wäre, nach Ihres Herrn Oheims Aeußerung, eine unverantwortliche Unverſchämtheit' von mir, wenn ich mich zu etwas Anderm vermeſſen wollte, als allein und ungeliebt die mir noch zugemeſſene Strecke meiner irdiſchen Lebensbahn fürbaß zu wandeln. Glauben Sie, meine theuerſte Fanny!(erlauben Sie mir, daß ich Sie wenigſtens dieſes Eine Mal ſo nenne!) ich hege keinerlei Hoffnung, und Ihre Abweiſung wird mir daher auch keine Enttäuſchung bereiten. Sie werden nun fragen: zu welchem Zwecke ich Ihnen als⸗ dann geſtehe, wie innig und treu ich Sie liebe? Jenun, ich kann hierauf nichts antworten. Es drängt mich unwider⸗ ſtehlich und mit raſtloſer Angſt, Ihnen zu geſtehen, mit wel⸗ cher ſtillen, geduldigen Innigkeit ich Sie ſchon ſeit Jahren liebe; und ich finde den Muth zu einem ſolchen Geſtändniß nur in dem Bewußtſein, daß es mit zartſinnigem Mitge⸗ 170 fühl und nicht mit kalter Verachtung von Ihnen aufgenom⸗ men werde. Ich weiß, es wird Ihrem ſanften, gütigen Her⸗ zen ſchmerzlich fallen, mir eine entſchieden abweiſende Ant⸗ wort zu ſchreiben, und ich bitte Sie daher, ſenden Sie mir, als bloſe Empfangs⸗Anzeige auf dieſen Brief, nur ein weißes Blatt— ich werde dann ſeine Bedeutung ver⸗ ſtehen. Vergeben Sie mir die Anmaßung, welche in meiner Bitte liegt; es iſt die Vermeſſenheit eines Mannes, der nur durch Uebermaß von Liebe kränkend wird— Ihres aufrichtigen Albert Logau. N. S. Fürchten Sie nicht, mein hochgeehrtes Fräulein, daß ich Sie fürder mit meinen Briefen beläſtigen werde; bei Empfang Ihrer Antwort werde ich von hier abreiſen, und den Reſt meiner Lebenszeit auf dem Lande verbringen!“ Fanny hatte dieſen Brief nicht ohne tiefe Gemüthsbe⸗ wegung zu Ende geleſen, dieſelbe aber weit weniger an die Er⸗ ſcheinung treten laſſen, als junge Damen bei derartigen Ge⸗ legenheiten gewöhnlich thun. Sie war allein und dachte lange darüber nach, und ging dabei von Zeit zu Zeit aufgeregt im Zimmer auf und ab. Endlich aber eilte ſie an ihr kleines Schreibpult, und begann folgende Antwort zu ſchreiben, wobei ſie nur gelegentlich inne hielt, um die Thränen zu trocknen, die ihr unabläſſig in die Augen traten: „Mein lieber, theurer Freund! „Wie können Sie mich für ſo undankbar halten, daß ich Ihnen auf einen ſolchen Brief nur durch Zuſendung ei⸗ nes weißen Blattes antworten ſollte? Nein, ſelbſt nicht um mir den Schmerz eines abſchlägigen Beſcheides zu erſparen, würde ich mich hiezu bequemen. So aber, wie die Sachen 171 ſtehen, kann ich mir dieſen Schmerz durch andere Mittel er⸗ ſparen, obſchon der Gegenſtand einige Erläuterung und Er⸗ wägung erfordert. Zuvörderſt muß ich Sie fragen: ob Sie wiſſen, daß ich ſchon einmal verlobt war? Sie werden viel⸗ leicht davon gehört, aber auch erfahren haben, daß dieſes Verlöbniß ſchnell wieder gelöst wurde; allein Sie können nicht wiſſen, wie innig ich liebte— wie grauſam ich ver⸗ laſſen und verrathen wurde! All' dieß und meine eigenen ſchmerzlichen Empfindungen verbarg ich zwar ſo viel wie möglich vor den Augen der Welt, aber ich fühlte es nichts⸗ deſtoweniger. Und obwohl ich jetzt, ſelbſt wenn es in mei⸗ nen Kräften ſtünde, die Vergangenheit nicht ändern möchte, um die armſelige, getäuſchte, ſorgen⸗ und kummer⸗belaſtete Gattin des Wüſtlings und Spielers zu ſein, den ich einſt liebte, ſo fürchte ich doch beinahe, mein Herz werde für immer unempfänglich und verſchloſſen ſein gegen jede Rückkehr der Empfindungen und Gefühle, die ich damals hegte. Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen dieß zu ſagen, mein lieber, lieber Freund, damit Sie ſich die kalte, geſchäftsmäßige und bei⸗ nahe herzloſe Weiſe zu erklären vermögen, in welcher ich eine Frage zur Erörterung bringe, vor welcher Sie ſo ſehr bangen. Glauben Sie mir, mein theuerſter Freund— denn dieß müſſen ſie fortan für mich bleiben, mit oder ohne den weitern Titel eines Gatten,— glauben Sie mir, daß wenn ich noch ein Herz zu verſchenken hätte, dies längſt gewonnen wäre durch die manchen herrlichen Eigenſchaften, deren Ver⸗ ein Ihren edlen Charakter bildet. Falls Sie Alles gehört haben, was ich geſtern über Sie äußerte, werden Sie mich nicht der Schmeichelei bezüchtigen, wenn ich Ihnen dieß ſage. Allein ich muß Ihnen weiter geſtehen, daß ich— liebeleer, — V —— b V 1 172 wie ich bin und vielleicht immer bleiben muß— ich ſchon vor längerer Zeit mir vorgenommen habe, und zwar aus einer Regung von Pietät und kindlichem Pflichtgefühl, mich zu verheirathen, ſobald ſich mir eine paſſende Gelegenheit dazu darbiete. Ich wünſche hiedurch meiner guten Mutter den einzigen Grund zur Beſorgniß wegen meiner Zukunft zu benehmen,— ihre bange drückende Sorge nämlich, was aus mir werden ſollte, wenn dereinſt mit ihrem Tode das kleine Einkommen aufhört, von welchem wir Beide nun leben. Die liebe Mutter kann den Gedanken nicht ertragen, daß ich mir meinen Unterhalt durch Arbeit verdienen ſoll, wie ich ſo gerne thun würde und worauf ich ſchon von jeher vorbereitet bin. Mein Oheim aber hat ſelbſt für eine ſehr zahlreiche Familie zu ſorgen, und darum können meine liebe Kutter und ich uns nicht entſchließen, ſein großmüthiges und oft wiederholtes Anerbieten, daß er nach meiner guten Mama Tode für mich wie für ein eigenes Kind ſorgen wolle, anzunehmen. Sie erſehen hieraus, mein theurer Freund, daß wir arm ſind und daß ich nicht einmal eine Mitgift be⸗ ſitze. Auch Sie ſind nicht reich, wie ich glaube, und Sie ſind allzu ehrenhaft, um Verbindlichkeiten einzugehen, welche zu erfüllen Ihnen nicht möglich wäre. Ich bitte Sie daher, er⸗ wägen Sie ſich Ihren Schritt noch einmal reiflicher. Sie kennen natürlich Ihre eigenen Umſtände am beſten und kön⸗ nen beurtheilen, ob es rathſam ſein würde, durch die Ver⸗ bindung mit einem armen Mädchen ohne Mitgift Ihre Aus⸗ gaben und die Koſten Ihres Unterhalts noch zu vermehren. Was meine eigenen Gefühle für Sie anbelangt,— ein Gegenſtand, welchen ich nach Ihren Erwartungen wahr⸗ ſcheinlich zu allererſt hätte erörtern ſollen,— ſo kann ich Sie verſichern, daß ich Ihnen herzlich gut bin, daß ich keinen Mann kenne, welchen ich bei klarer, ruhiger und nüchterner Vernunft ſo gerne gewählt und für ſo geeignet gehalten haben würde, eine beſcheidene, zärtliche Gattin vollſtändig und auf die Dauer glücklich zu machen.— Dieß, mein lieber Herr Logau, iſt der ganze Beſcheid, welchen Ihnen zu geben vermag Ihre dankbare und aufrichtige Freundin Fanny Sternberg.“ „Nachſchrift. Ich habe der lieben Mutter nichts von Ihrem Briefe geſagt und mache auch vorerſt ſie nicht damit bekannt, ſo lange die Umſtände nicht eine Wendung nehmen, welche dieß nöthig machen.“ Sie hatte nach den Worten: ſo lange' eine große Pauſe im Schreiben gemacht und in Verlegenheit und Un⸗ ſchlüſſigkeit beinahe das Ende ihres Federhalters abgebiſſen, weil ſie ſich vergebens bemühte, Worte zu finden, mittelſt welcher ſie zart auf die Möglichkeit anſpielen konnte, daß ſie dennoch nicht abgeneigt ſei, Logau ihre Hand zu reichen. Es ſchien ihr eine rechte Herzens⸗Erleichterung zu ſein, daß ſie endlich eine Wendung gefunden hatte, welche ihrer Abſicht einigermaßen entſprach, und ſie ſchrieb die Schlußworte der Nachſchrift ſchnell nieder. Hierauf überlas ſie Logau's Brief noch einmal und dann den ihrigen, lächelte und ſeufzte, und ſchien erſt ihren ganzen Muth zuſammenfaſſen zu müſſen, bevor ſie ihr Schreiben in eine Enveloppe ſteckte und dieſe ſiegelte. Sie war ſo eben im Begriff, die Adreſſe Logau's darauf zu ſchreiben, als der Beſuch einer Freundin ſie hieran verhinderte, und Fanny, welche ſich bereits im Stillen Vor⸗ würfe darüber gemacht hatte, daß ſie in dieſer Angelegenheit — —V—V— ————————y —————— 174 ohne Vorwiſſen ihrer Mutter gehandelt, verſteckte raſch den Brief und ſah in der unerwarteten Störung unwillkürlich eine Art Wink der Vorſehung, daß ſie dieſen Brief noch nicht ab⸗ ſchicken ſolle. 3 Als die Freundin wieder fort war, holte Fanny den Brief abermals hervor und vollendete die Adreſſe; dann ging ſie an die Thüre, um das Dienſtmädchen zu rufen, daß dieſes den Brief in die nächſte Poſtbrieflade werfe; allein zwiſchen Thür und Angel trat ihr die Mutter entgegen in Begleitung eines alten Freundes der Familie, des Juſtizkommiſſärs Reichardt. Die Züge der Frau Sternberg, welche ſo eben von einem Beſuche in der Stadt zurückkehrte, verriethen eine ge⸗ wiſſe Aufregung und ihre Augen ſtrahlten in einem feuchten Glanz der Freude. „Unſer lieber Freund, Herr Reichardt, bringt Dir eine ſehr erfreuliche Nachricht, mein Kind,“ hub Frau Sternberg an und ließ ihrer Tochter und dem Gaſte kaum Zeit zum Austauſch der üblichen Begrüßung. —„Wirklich, liebe Mutter?“ entgegnete Fanny.„Wenn die Nachricht, welche unſer trefflicher Freund uns bringt, Dich ſo froh und glücklich gemacht hat, Mama, ſo gewährt ſie mir ſchon Vergnügen genug, ehe ich ſie noch näher kenne, und ich brauche ſie nicht erſt zu erfahren!“ „Nicht doch, meine Liebe, Sie müſſen ſie erfahren,“ ſagte Herr Reichardt lachend.„Sie müſſen mir nicht nur eine Ur⸗ kunde ausſtellen, ſondern ich fürchte ſogar, wenn ich jetzt wieder wegginge, ohne Sie mit dem Glücke bekannt zu machen, das ich Ihnen verkündigen ſoll, und nachdem ich Ihre liebe Mutter wegen ihres abſoluten Stillſchweigens in Pflicht genommen 175 habe, ſo würden Sie ſich bald vor Neugier Ihren hübſchen kleinen Finger abbeißen!“ —„Nun ja, ich will mich nicht ganz freiſprechen von allen Schwächen meines Geſchlechts, Herr Reichardt,“ ent⸗ gegnete Fanny.„Ich will gar nicht in Abrede ziehen, daß ich überhaupt neugierig und in dieſem Augenblicke beſonders ge⸗ ſpannt bin, zu erfahren, was für gute Nachrichten Sie mir zu überbringen haben. Nehmen Sie alſo Platz, ich bitte, mein lieber Herr Reichardt, und laſſen Sie mich hören, was für ein Glück mir widerfahren iſt!“ „Wohlan, ſo erfahren Sie denn, daß ich vor einigen Jahren für einen meiner Klienten ein Teſtament machte, durch welches Ihnen für den Fall des Todes der teſtirenden Partei ein Vermögen von dreißigtauſend Thalern zufallen ſollte....“ —„Iſt es möglich?“ rief Fanny überraſcht;„und wer iſt dieſer theure Freund, der ſo für mich ſorgen wollte?“ ſetzte ſie begierig hinzu. „Meine Liebe, ich bin nicht befugt, Ihnen auf dieſe Frage Beſcheid zu ertheilen!“ —„Nicht? Warum aber quälen Sie mich alsdann durch die Mittheilung, daß ich einen ſolch großmüthigen, freigebigen Freund in der Welt habe und doch niemals im Stande ſein ſoll, ihm eher meine Dankbarkeit zu beweiſen oder ſeine Wohl⸗ that durch Liebe eher zu vergelten, als bis der Geber oder die Geberin nicht mehr im Stande iſt, meine Stimme zu hören?“ rief Fanny, wirklich tief bewegt. „Mein liebes Kind, ich ſchickte dieß nur voran, damit die Ueberraſchung Ihnen keinen Schaden zufüge,“ erwiderte Herr Reichardt;„Sie hätten mich ruhig ausreden laſſen ſollen, um mich ganz zu verſtehen. Gleichzeitig mit der Anfertigung des Teſtaments übergab mir die teſtirende Partei den dritten Theil des Ihnen zugedachten Legats in Staatspapieren mit der aus⸗ drücklichen Beſtimmung, daß es mir geſtattet ſein ſolle, Ihnen zu der Zeit, wo Sie möglicherweiſe heirathen könnten oder wollten, dieſe Summe als Ausſtattung einzuhändigen als Ge⸗ ſchenk unter Lebenden oder als Abſchlagszahlung auf das künf⸗ tig anfallende Erbe. Sie ſind nun 25 Jahre vorüber, liebes Fräulein, und ich erachte den Zeitpunkt für gekommen, wo Sie füglich an Ihre Verheirathung denken dürften. Ich komme daher als Ueberbringer dieſer Summe, um ſo mehr als die erblaſſeriſche Partei vorausſichtlich nicht mehr lange leben wird!“ Fanny ſtieß unwillkürlich einen leichten Schrei des Schreckens aus und rief:„Iſt es möglich? Und gleichwohl will dieſe edle Perſon auf meine Dankbarkeit und Verehrung verzichten? Dieſe Perſon, wer ſie auch immer ſein mag, muß mir außerordentlich gewogen ſein, daß ſie mir ein ſo unge⸗ heures Geſchenk zuweist; es muß eine Perſon ſein, der auch ich ſicher recht gut bin. Und doch beſinne ich mich vergebens, wer dieſe großmüthige Perſon ſein dürfte!“ —„Grübeln Sie auch gar nicht darüber, meine Liebe!“ ſagte Herr Reichardt;„wollten Sie Ihr liebes Köpfchen auch noch ſo ſehr mit Muthmaßungen plagen und von jetzt bis zu Neujahr rathen, Sie würden die rechte Perſon doch nicht er⸗ rathen. Nehmen Sie daher dankbar, was die Vorſehung Ihnen zugedacht hat, und grübeln Sie nicht lange über das Wie und Woher!“ „Und das Teſtament, ſagen Sie, iſt ſchon vor einigen Jahren gemacht worden?“ fragte Fanny's Mutter;„ſollte es ſeither nicht vielleicht abgeändert worden ſein?“ — —ÿy „Gott behüte! ich kann Ihnen hiefür einſtehen, meine liebe Freundin!“ gab Herr Reichardt heiter zur Antwort. „Das Teſtament iſt noch heute ganz unanfechtbar gültig; ja, das Vermögen, welches Fräulein Fanny zugedacht iſt, hat ſich inzwiſchen durch die zum Kapital geſchlagenen Intereſſen noch namhaft vermehrt; allein dieß kann kein Gegenſtand des Be⸗ denkens für meine junge Freundin ſein!“ —„Doch, doch, lieber Herr Juſtizkommiſſär! Wie leicht können ärmere oder bedürftige rechtmäßige und natürliche Erben durch dieſes Legat an mich verkürzt worden ſein!“ ſagte Fanny. „Mit nichten, mein Schätzchen! Gott vergelte Ihnen dieſes Zartgefühl und dieſe Uneigennützigkeit Ihres Gewiſſens, aber Sie können das Legat ruhig annehmen. Die erblaſſeriſche Partei hat gar keine rechtmäßigen und natürlichen Erben, und hat mir erſt ſpäter die ausdrückliche Genehmigung ertheilt, Ihnen dieſe zehntauſend Thaler in Staatspapieren auszu⸗ händigen. Hier ſind ſie und hier die Quittung, welche Sie mir zu unterſchreiben haben. Und nun nehmen Sie und laſſen Sie uns das Geſchäft raſch abmachen, denn es hat Eile. Meiner Treu', ich habe in meinem ganzen Leben noch keinem Menſchen eine Erbſchaft ſo ſehr aufdringen müſſen, wie Ihnen, liebes Kind! Andere ſind nur allzu bereit, an einen ſolchen Glücksfall zu glauben— trotz Thatſachen, Geſetz und Ver⸗ nunft, die vielleicht dawider ſtreiten. Allein ich bin preſſirt, meine Damen,“ ſetzte er mit einem Blick auf die Uhr hinzu; nich bitte, Fräulein, laſſen Sie uns unſer Geſchäft zu Ende bringen, denn ich muß wieder fort; es iſt Mittagszeit!“ „Dürft' ich Sie noch um eine Gefälligkeit bitten, ver⸗ ehrter Freund?“ fragte Frau Sternberg, als die Quittung Mylius, Für Frauenhand. I. 12 — — 178 ausgeſtellt war, was natürlich nach Frauenart nicht ohne mancherlei Umſtände geſchehen konnte.—„Sie gehen auf dem Heimwege gewiß an irgend einer Brieflade vorüber, nicht wahr? Fanny hat, wie ich ſehe, einen Brief geſchrieben, den ſie abſchicken möchte, und ich habe das Mädchen in die Stadt geſchickt. Und weil wir denn in unſerer Vorſtadt ſo weit von einer Brieflade entfernt ſind, ſo erkennen wir es immer mit großem Danke an, wenn ein Freund zuweilen die Gefälligkeit hat, uns einen Brief mitzunehmen!“ „Geben Sie her, meine Liebel dieſe Kleinigkeit hätte nicht der langen Vorrede bedurft,“ ſagte Herr Reichardt freundlich. —„Sie ſind allzu gütig,“ entgegnete Fanny etwas ver⸗ wirrt;„aber ich möchte Sie nicht länger aufhalten, da ich dem Briefe noch einige Zeilen anzufügen habe!“ „Jenun, wenn die Nachſchrift, die ja jeder Frauenbrief haben muß, nicht über eine Seite einnimmt, ſo kann ich ſchon warten,“ gab der launige Anwalt zur Antwort, den die Neu⸗ gier zu plagen ſchien, an wen wohl Fanny zu ſchreiben habe. „Ich will mich gerne noch ein Viertelſtündchen gedulden, wenn ich Ihnen dienen kann!“ Er ließ ſich hierauf in ein Geſpräch über gleichgültige Gegenſtände mit Frau Sternberg ein, während Fanny ihrem Briefe noch eine weitere Nachſchrift beifügte. Sie hätte eigent⸗ lich gewünſcht, daß weder ihre Mutter noch Herr Reichardt die Adreſſe dieſes Briefes erfahre, allein durch die dringende Dienſt⸗ fertigkeit des Anwaltes war ein ferneres Verhehlen unmöglich, wenigſtens vor ihm. Alles, was ihr daher zu thun übrig blieb, war, ſich in das Unvermeidliche zu ergeben, ſich in ihrer ſchrift⸗ lichen Mittheilung möglichſt gedrängt und kurz zu faſſen und ſich ganz unbefangen und geſchäftsmäßig zu ſtellen, während ſie, unter den ſcharf beobachtenden Blicken des Herrn Reichardt, folgende Nachſchrift hinzufügte: „Seit ich vorſtehende Zeilen niederſchrieb, iſt etwas vor⸗ gefallen, was meine Anſichten und Entſchlüſſe über Ihren Antrag einigermaßen verändert. Ein Freund— ein herzens⸗ guter Mann, der nur in dieſem Augenblicke ohne es zu wiſſen mir durch ſeine Nähe läſtig wird— wartet auf dieſen Brief, um ihn mitzunehmen und in eine Brieflade zu werfen; ich habe daher keine Zeit, um mich auf die beſte und paſſendſte Ausdrucksweiſe zu beſinnen. Ich bin zu einem ruhigen Nach⸗ denken unfähig, denn ich fühle, daß er mich mit lauernder Ungeduld beobachtet, und dieß macht mich nervös und zer⸗ ſtreut. Was ſoll ich Ihnen daher ſagen? Wie ſoll ich die ſchlichte Wahrheit in wenigen Worten ausſprechen und ſie doch mit der nöthigen Rückſicht und Delicateſſe einkleiden? Mein lieber, theurer Freund, laſſen Sie mich ein Citat aus Shakeſpeare borgen:“ Hiemit hatte ſie das Ende einer Seite erreicht und mußte das Blatt umwenden; das angeführte Citat war aus dem „Sturm', und ſtand als einzige Zeile auf der letzten Seite mit den Worten: „Ich bin Eu'r Weib, wenn Ihr mich haben wollt*)!“ Als ſie dieß ſchrieb, vergaß ſie den Advokaten und dachte einzig nur an das Glück, welches ſie vermöge ihrer plötzlich ſo ſehr verbeſſerten Vermögens⸗Verhältniſſe nun einem Manne bereiten konnte, den ſie ſo hoch achtete und innig verehrte. Vielleicht lieh eine Regung von bewußter Selbſtaufopferung, welche ſie damit beging, daß ſie ihr eigenes Ich und ihr gegen⸗ *) Der Sturm, III. Akt, erſte Scene. 12* wärtiges und künftiges Vermögen einem Manne ſchenkte, gegen welchen die Natur ſo grauſam und ſtiefmütterlich ge⸗ weſen war, ihren Gefühlen noch ein beſonderes Aufglühen von Enthuſiasmus. Sicherlich vergaß ſie für eine Weile den Advokaten und ſeine ſcharfen, lauernden Blicke, denn ſie ſchlug die feuchten Augen voll Rührung zum Himmel auf, und ein Ausdruck engelſüßer Herzensgüte ſtrahlte in Wirklichkeit auf einen Moment von ihrem lieblichen Geſicht und verklärte das⸗ ſelbe, ſo lange er dauerte, mit einer wunderbaren, ergreifenden Schönheit. Herr Reichardt war ganz betreten, und es blieben ihm beinahe mitten in der Rede die Worte aus. Fanny aber ſammelte ſich plötzlich wieder, verſiegelte abermals ihren Brief und gab ihn mit einer Miene voll Selbſtbeherrſchung und mit ihrem gewöhnlichen Tone freundlicher Bitte Herrn Reichardt, der ſich nun empfahl. 4. Herr Reichardt wanderte rüſtig der Stadt zu, aber an mehren Briefladen vorüber, ohne den anvertrauten Brief hinein zu werfen. Vielleicht hatte er es vergeſſen; doch nein! es ſpielte ihm ein geheimnißvolles Lächeln um ſeine ſchmalen Lippen, als er, auf einem öffentlichen Platze angelangt, wo Droſchken ſtanden, ſich in eine derſelben warf und dem Kutſcher dieſelbe Straße und Hausnummer angab, welche er von der Adreſſe des Briefes herunter las. Kannte er denn Herrn Logau? Dieſe Frage war ſogleich entſchieden, als der Mieth⸗ wagen vor Herrn Logau's Wohnung hielt und Herr Reichardt zu dieſem in's Zimmer trat, worin derſelbe in einem Zuſtand außerordentlicher Aufregung auf und ab ging. Logau eilte auf den Anwalt zu, erfaßte ſeine Hand, drückte ſie krampfhaft 181 und rief:„Was bringen Sie mir? Wie hat ſie Ihre Mit⸗ theilung aufgenommen?“ —„Setzen Sie ſich und ich will Ihnen alsdann von Anfang bis zu Ende den ganzen Hergang erzählen,“ entgeg⸗ 3 „nete Herr Reichardt.„Zunächſt muß ich Ihnen ſagen, daß Fräulein Sternberg bei meinem Eintritt einen Brief in der Hand hatte, welchen ſie bei Seite legte, um mit mir zu ſprechen...“ „Einen Brief für mich, ohne Zweifel!“ rief Logau in großer Aufregung;„ich will ſogleich zur Poſt ſchicken...“ —„Nicht doch, bleiben Sie und hören Sie mich ruhig an,“ entgegnete der Advokat.—„Fanny's erſte Gemüthsbewe⸗ gung, nachdem ich ihr meinen Auftrag mitgetheilt hatte, war mehr Rührung als Freude und das ängſtliche Verlangen, den 2 Namen ihres Wohlthäters kennen zu lernen, damit ſie ihm ihren Dank abſtatten könne...“ „Das ſieht ihr ganz gleich! dacht' ich es doch!“ murmelte 6 Logau. —„Sodann äußerte ſie ein Bedenken, es möchten etwa irgend welche rechtmäßige Erben um dieſe Summe verkürzt werden, welche ſie bereichern ſollte!“ „O, ſie iſt ein Inbegriff von allen trefflichen Eigenſchaf⸗ ten!“ ſeufzte abermals der entzückte Anbeter. 5—„Als ich weggehen wollte, bat mich Madame Stern⸗ berg, den Brief mitzunehmen, welchen Fräulein Fanny vorhin in der Hand gehabt hatte, und ihn im Vorbeigehen in eine Brieflade zu werfen. Allein Fräulein Fanny hieß mich noch ein Wenig warten, weil ſie noch Einiges hinzuzufügen hatte, und ich wartete gerne, obſchon es ihr nicht gerade angenehm zu ſein ſchien, daß ich um die Adreſſe ihres Briefes wiſſe!?! 182 „Und der Brief war für mich? Und Sie haben ihn auf die Poſt gegeben? rief Logau lebhaft. —„Er war für Sie beſtimmt, mein lieber Herr Logau. Ich warf ihn aber nicht in die Brieflade, ſondern eilte ſo⸗ gleich ſelbſt mit demſelben hieher, da ich mir denken konnte, daß ſein Inhalt für Sie ſehr wichtig ſein werde. Hier iſt der Brief!“ Logau nickte nur dankend, dann nahm er mit zitternder Haſt den Brief und erbrach ihn. Während er ihn durchlas, wechſelte der Ausdruck ſeines Geſichts, je nachdem Hoffnung oder Zweifel bei ihm vorherrſchten. Als er an die letzte Nach⸗ ſchrift kam, ward er todesblaß und ſeine Lippen bebten. Er las bis an das Ende der Seite und hatte den Muth nicht mehr, das Blatt umzuſchlagen und das Citat aus Shakeſpeare zu leſen, denn er war überzeugt, daß Fanny ihm einen Korb ge⸗ geben. Der Brief entſank ihm; er fuhr mit der einen Hand über die Augen, ergriff mit der andern die Rechte des Advo⸗ katen und ſagte mit gebrochener Stimme:„Laſſen Sie mich allein, mein lieber Freund! Mein Schmerz iſt allzu groß, als daß ich ihn mit Ruhe tragen könnte, und ich möchte nicht ein⸗ mal vor Ihnen meine Schwäche ſehen laſſen. Fanny verſchmäht mich; o Himmel ſie ſtößt mich zurück! Und doch, was konnte ich Anderes erwarten? Ich ſollte es ruhiger zu tragen ver⸗ mögen!“ —„Fräulein Sternberg verſchmäht Sie?“ rief Herr Reichardt und hob den Brief wieder auf.„Das iſt ja gar nicht möglich! Da müßten mich ja meine beiden offenen Augen getäuſcht haben. Sie ſcheinen den Brief offenbar nicht recht verſtanden zu haben. Mit jener Engelsmiene in ihren Zügen hätte ſie ſicher keiner lebenden Seele wehe zu thun vermocht. *ͤͤ — 9* 183 Nein, nein, überleſen Sie ihn noch einmal! Sie müſſen ſich irren!“ „Leſen Sie und überzeugen Sie ſich!“ ſagte Logau und deutete auf die zweite Nachſchrift. Herr Reichardt las, aber wie ein beſonnener Mann und nicht wie ein Verliebter, darum ſchlug er auch das letzte Blatt um und las das Citat. —„Sie haben vermuthlich dieſe Stelle aus Shakeſpeare nicht geleſen, nicht wahr? Ich denke, das iſt doch deutlich ge⸗ nug! Sehen Sie her! Ich bin eu'r Weib, wenn ihr mich haben wollt!““ „O Himmel!“ rief der arme Logau mit einem Schrei des Entzückens;„der Engel von einem Mädchen! O Fanny, Fanny! ... Reichardt, lieber Freund, gehen Sie!l laſſen Sie mich al⸗ lein! Ich muß Ihnen kindiſch vorkommen in meiner Freude, in meinen Thränen!”“ —„Kehren Sie ſich nicht an mich, Freundchen!“ ſagte der Advokat blinzelnd, um etwas aus ſeinen Augen zu ent⸗ fernen, und nahm eine bedächtige Priſe;„ich bin zwar ein ſolch' ausgedörrter und vertrockneter Aktenwurm, daß ich nicht um Geld und gute Worte eine Thräne herauspreſſen könnte; aber dennoch gebe ich keinen Dreier für einen Mann unter vierzig Jahren, welcher nicht bei großen Gelegenheiten ein paar Zähren zu vergießen im Stande iſt!“ Reichardt wandte ſich ab und trat zum Fenſter, wo er an die Scheiben trommelte, während Logau den Brief noch ein⸗ mal überlas und mit Küſſen bedeckte. „Und ſie läßt alſo ſich wirklich herab, mich zu heirathen? mich den elenden, kränklichen, buckeligen Krüppel?“ rief Logau. „Und ſie hält mich ſogar für arm?“ —„Dafür hält Sie Jedermann, der nur auf Ihre ein⸗ 184 gezogene, beſcheidene und frugale Lebensweiſe ſieht, und nicht weiß, wie viele Wohlthaten Sie im Stillen verüben!“ „Laſſen wir das, mein Freund. Für die Zukunft muß ich mich an das Sprüchwort halten und meine Menſchenliebe im eigenen Hauſe beginnen laſſen. Und konnt' ich es denn über mich gewinnen, meinen armſeligen, kränklichen Körper mit den Lappen und Flittern der Mode und des Reichthums zu behängen, ohne mich vor meinem innerſten Ich lächerlich zu machen?.... Aber ſagen Sie ſelbſt, lieber Reichardt, iſt es nicht wie ein Traum, daß ich denken ſoll, ich bekomme eine ſolche Gattin?“ —„Bah, mein Lieber, ich weiß keinen Mann, der des beſten Weibes in der ganzen Chriſtenheit mehr werth wäre, als Sie!“ ſagte Reichardt.„Ich geſtehe Ihnen offen, daß ich glaube, Sie haben nur erhalten, was Sie verdienen; aber ich bin auch überzeugt, daß Fanny Sternberg an Herz und Ge— müth nicht ihresgleichen mehr hat!“ „Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung!“ rief Logau entzückt. „Fanny weiß Ihren Charakter zu ſchätzen, mein Freund, „und ich bin feſt überzeugt, daß wenn ſie Sie erſt noch näher kennen gelernt hat, Fanny Sie in ebenſo hohem Maaße lieben lernen wird, als ſie Sie ſchon achtet. Ihr Beide habt gegen⸗ ſeitig den geſunden Kern unter der beſcheidenen Schale erkannt.“ 5. Nach einigen Wochen wurden die glücklichen Verlobten getraut und Fanny erfuhr nun erſt, daß Logau, welchen ſie für einen armen Gelehrten gehalten hatte, der Beſitzer einer Viertelsmillion war, die ſich jährlich mehrte, weil er bei ſeinen — ſehr beſcheidenen Anſprüchen und ſeiner genügſamen Lebens⸗ weiſe ſeither kaum den vierten Theil ſeiner Intereſſen ver⸗ braucht hatte. Logau kaufte ein hübſches Landgut, welches er ſeiner Frau als Morgengabe ſchenkte, und wo ſie fortan wohn⸗ ten. Fanny's Mutter theilte dieſen angenehmen Aufenthalt in einer geſegneten, reizenden Gegend und erlebte noch die Freude, einige blühende, geſunde Enkel auf den Armen zu wiegen. Sie und Fanny blieben der Einfachheit und Beſchei⸗ denheit ihres frühern Standes auch in dem neuen Glücke ge⸗ treu; Frau Logau ward allgemein als ein Muſter von einer trefflichen Gattin und Mutter und als eine fromme Tochter anerkannt. Juſtizrath Reichardt kam etwa vier Jahre nach der Trau⸗ ung ſeines Freundes einmal in Geſchäften nach Weidach und ward gerührt Augenzeuge von dem Glücke Logau's, den er weit kräftiger und fröhlicher und geſünder fand, als er ihn je gekannt hatte. Als Herr Reichardt eines Vormittags in Logau's Abweſenheit auf deſſen Studierzimmer arbeitete und den gan⸗ zen Schreibtiſch mit Papieren und Urkunden bedeckt hatte, kam Fanny herein und brachte dem Gaſte eine Flaſche feurigen Ahrwein, ein Körbchen Erdbeeren und Zwieback zum Imbiß. Da ſah ihr der Juſtizrath mit aufrichtiger Bewunderung in das liebe, freundliche Geſicht und fragte, mit einem bedeutſamen Seitenblicke auf ſeine Papiere: „Soll ich Ihnen nicht ein kleines Geheimniß anver⸗ trauen, das mir ſchon lange auf dem Herzen liegt, meine liebe Freundin?“ —„Ein Geheimniß? O reden Sie, ich bitte!“ verſetzte Fanny lächelnd;„ich bin um ſo begieriger darauf, als ich ahne, daß es meinen lieben Mann angeht!“ 186 „In der That, Sie haben es errathen!“ ſagte er und reichte ihr ein Papier.„Sehen Sie, hier iſt ein Teſtament, welches ich vor zehn Jahren für Ihren lieben Mann anfertigte und worin er Ihnen jene dreißigtauſend Thaler vermachte, wovon Sie das erſte Drittel 4 —„Wie? iſt das Ihr Ernſt? Das hätte Er... Albert, mein theurer Albert, er hätte das gethan?“ „Ei gewiß war er es, der Ihnen ſo wohl wollte! Leſen Sie nur das Dokument!“ rief der Juſtizrath. —„Aber wie kam es denn,“ fragte Fanny,„daß Sie mir gerade an jenem Morgen die Kunde davon brachten, wo er mir jenen Brief geſchrieben hatte?“ „Ei, meine Liebe, merken Sie denn nicht, wie das kam?“ ſagte Reichardt.„Er ſchickte mich zu Ihnen, um Ihnen auf dieſe Weiſe ein Vermögen in die Hand zu ſpielen, damit nichts auf Ihre freie Wahl einwirke, und damit namentlich Ihre liebe Mutter, in ihrem Eifer Sie verſorgt zu ſehen, Sie nicht be⸗ reden möge, ſeine Werbung anzunehmen, die ja möglicherweiſe ganz gegen Ihre Neigung und Abſicht ſein konnte. Er wollte Ihnen mit dem Bewußtſein des Reichthums gleichſam den Muth der freien Wahl geben, denn er wußte damals noch nicht, daß Sie ihn für arm hielten!“ —„Welch' eine edle That! O der liebe, liebe, großherzige Mann!“ rief Fanny gerührt und begeiſtert zugleich;„und denken Sie ſich, beſter Juſtizrath, der liebe, böſe Schelm hat mich auch nicht Ein Mal während unſerer Ehe ahnen laſſen, daß er der von mir ſo innigſt verehrte Urheber jenes Teſta⸗ ments war, nach deſſen Bekanntſchaft mich ſo ſehr verlangte, weil ich ihm ſo gerne gedankt hätte!“ „Das ſieht ihm ganz ähnlich, liebe Freundin. Er iſt und ——— 187 bleibt ein trefflicher Sonderling,“ ſagte der Juſtizrath.„Allein dennoch war es eine gefährliche Probe, oder wäre wenigſtens ein gewagter Schritt bei den meiſten Frauen geweſen. Allein Sie gingen glänzend und ſiegreich aus der Prüfung hervor!“ —„Nicht doch,— Sie überſchätzen mein Verdienſt!“ ſagte ſie mit abbittendem Blick und beſcheidenem Erröthen.„Ich that nur etwas ganz Natürliches. Er liebte mich um meiner ſelbſt willen. Ich dachte, ich könnte ihn glücklich machen, und wußte, daß er wenigſtens mich glücklich machen würde, und ſo zögerte ich denn nur aus Befürchtung, ich werde ihm durch unſere Heirath eine große Laſt auferlegen. Dieſer Sorge ent⸗ hob mich dann die Ausſicht auf den mir künftig zufallenden Reichthum. Ich geſtehe Ihnen offen, daß ich Albert ſchon zu⸗ vor ſo herzlich gut war, als ich es nur noch einem Manne ſein konnte, nachdem ein— ein Unwürdiger mich um die erſte Nei⸗ gung betrogen. Aber wie kam es, daß Sie mir damals ſagten: der Erblaſſer habe nicht mehr lange zu leben?“ „Ich ſagte es Ihnen in ſeinem Auftrage. Er war in der That überzeugt, daß er nicht mehr lange leben würde, wenn Sie ſeine Werbung ausgeſchlagen hätten. Er wäre dann außer Landes gegangen, wie er Ihnen verſprochen hatte, und Sie würden ihn nie wieder geſehen haben. Und ich hatte überdieß noch die Vollmacht von ihm, wenn er nicht ſo frühe ſterben ſollte, als er erwartete, Ihnen noch die ganze Summe des Ver⸗ mächtniſſes auszubezahlen.“ —„Der edle, treffliche Mann!“ rief Fanny im Tone der innigſten dankbarſten Bewunderung;„o lieber Herr Reichardt! ſagen Sie ſelbſt: bin ich nicht eine unſäglich glückliche und ge⸗ ſegnete Frau, daß ich einen ſolchen Gatten beſitze?“ Ein Seufzer der tiefſten Befriedigung ertönte hinter ihr, 88 und als Fanny ſich umwandte, ſtand ihr Gatte hinter ihr und drückte ſie mit ſtummer, aber mit deſto inniger gefühlter Glück⸗ ſeligkeit an ſein Herz; er war unbemerkt durch ein Nebenzimmer eingetreten und hatte ihre letzten Aeußerungen noch gehört. Sie ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals, ſchmiegte ihre Wange an ſeine Schulter und flüſterte, während Beider Augen ſich in einem Blicke vollkommener Liebe begegneten:„Du lieber, edler, hochverehrter Mann!“ 3 Sie hatte geglaubt, die Befähigung zu lieben, ſei in ih⸗ rem Herzen ganz und auf immer erſtorben; allein die Erfah⸗ rung lehrte ſie nun, daß die zweite Liebe ebenſo tief und ebenſo ſtark ſein kann, als die erſte, und daß ſie jedenfalls weit aus⸗ dauernder iſt, zumal wenn ſie ſich mehr an den Kern, als an die Schale hält!— Mit Gott den Anfang, ſonſt geht's den Krebsgang! dachte Juli, als ich aufſtand, und wahr⸗ haftig mit weit ſchwererem Herzen, als es wohl jemals eine Frau im Buſen trug, deren Gewiſſen durch keinerlei Verbrechen Der liebe Gott führt uns Menſchen oft gar wunderliche Wege, obſchon alle zu einem einzigen ſchönen und ſeligen Ziele. Ich arme Pfarrfrau hatte davon in den ſiebzehn Jahren meiner Ehe ſchon mehr erfahren, als manche andere Frau in der doppelten Reihe von Jahren erlebt. Es hatte mir nicht an Schmerzen und Sorgen gefehlt, zumal ſeit mein lieber Gatte hier in dem kleinen Dorfe Feldwies auf⸗ gezogen war, allein wir hatten auch unſern gewiſſen Theil Freuden gehabt— innerer und äußerer Freuden— und es iſt gut, wenn man in Stunden der Sorge und Prüfung dies ich an den Morgen jenes 4. 1 und Schuld belaſtet war. nicht vergißt! 189 Acht Tage aus dem Leben einer Landpaſtorin. 1. 8 190 Das dacht' ich auch an jenem Sonntagmorgen, als ich um ſechs Uhr aufſtand und die Fenſterläden öffnete und ſich mit dem Morgenlichte eine ſolche Fluth von Lieblichkeit über mein Auge ergoß und ich hinausblickte in eine ſolche ſonnbe⸗ glänzte herrliche Sabbathfrühe, daß ich auf einen Augenblick all' die Sorgen vergaß, welche mit mir erwacht waren und daß mir all' mein Muth und gewohntes Gottvertrauen wieder⸗ kehrten. Aber allerdings nur auf einen Augenblick, denn was mir in jener Stunde auf dem Herzen lag, war nicht leicht.— Das Wetter übte aber von je her einen großen Ein⸗ fluß auf meine Stimmung, und ein Tag, welcher trüb und regneriſch begann, ſchien mir meiſt trübe Gedanken oder un⸗ liebſame Erfahrungen mitzubringen; lachte mir dagegen ſchon beim Erwachen die Sonne, dann lachte ſie mir ordentlich in's Herz hinein, machte mich fröhlich und ſtark, und gab; mir gute Gedanken und Entſchlüſſe, ſo daß ich mehr ertragen konnte und weniger den peinlichen Gedanken der Sorge verfiel, wie an düſteren Tagen voll Gewölk oder Regen. Manche Leute würden freilich meine damaligen Sorgen minder ſchwer genommen haben, denn ſie waren ja nichts ſo Außerordentliches; ſie entſprangen alle aus einer ſehr alten Quelle menſchlichen Elends, nämlich aus Mangel an Mitteln, um für den Unterhalt meiner Lieben zu ſorgen. Aber dieſe Sorgen, die alltäglichſten vielleicht, ſind doch immer die qual⸗ vollſten für eine Hausfrau und Mutter. Mein Gatte, der an dieſem Sommermorgen noch im friedlichen Schlummer dalag und von meiner innern Unruhe und Aufregung keine Ahnung hatte, war ein gewiſſenhafter, ernſter Geiſtlicher von guter Abkunft und großer Gelehrſamkeit, aber weder ſein reiches 194 Gemüth, ſeine hohe Bildung, ſein vielſeitiges Wiſſen, noch ſeine feinen Manieren vermochten von unſrer Schwelle das graue, grauſige Geſpenſt zu bannen, welches man„des Lebens Nothdurft“ nennt. Ich ſelber war die Tochter eines Geiſtlichen und hatte von Kindheit auf nur Genügſamkeit und Beſchränkung kennen gelernt. Frühe verwaist, war ich von einem unverheiratheten Oheim aufgenommen worden, dem einzigen Bruder meiner igen Mutter, einem Manne, der durch ausdauernden Fleiß d ſtrenge Sparſamkeit reich geworden war, aber auch mit Zähigkeit an ſeinem Gelde hing. Auch bei Onkel Kohlhardt hatte ich nur engherzige Nüchternheit und Entſagung kennen gelernt; en atte mich von vorne herein darauf vorbereitet, er laſſe mir nur eine ſolche Erziehung geben, daß ich ſo bald als möglich meinen eigenen Unterhalt als Gouvernante oder Leh⸗ rerin von kleinen Kindern erwerben könne. Mit ſiebzehn Jah⸗ ren ward meine Erziehung für dieſen Zweck als vollendet an⸗ geſehen und durch des Oheims Einfluß mir eine Stelle bei den Kindern des Barons Heyden verſchafft worden. In dieſem ſelben Hauſe lebte damals mein jetziger Gatte, Hermann Poſtel, als Hofmeiſter. Während eines zweijährigen Beiſammenlebens und täglichen Verkehrs lernten wir uns kennen und— lieben, obſchon wir uns das mit keiner Sylbe, keinem Wort geſtanden. Eines Tags kündigte Hermann ſeine Stelle in unſerm Hauſe, da er eine Anſtellung als Hülfspfarrer oder Pfarrverweſer erhalten hatte, und ſein Heil fortan im geiſtlichen Berufe ver⸗ ſuchen wollte, dem er ſich aus innigem Herzensdrang gewidmet hatte. Ein Vierteljahr, nachdem er ſeine Stelle auf einem Dorf im Gebirge angetreten, warb er ſchriftlich um mein Herz und meine Hand, und ich— ich war glücklich über dieſen Antrag 192 und gerne erbötig, ſein beſcheidenes Loos zu theilen. Wir glaubten uns Beide ganz gerechtfertigt, auf Hermann's kleines Einkommen hin zu heirathen. Seither waren ſiebzehn Jahre vergangen, und erſt an dem eben geſchilderten beſondern Sonn⸗ tag kam mir zum erſtenmal ein Zweifel, ob wir damals auch klug und weiſe nach Art der Welt gehandelt. Es war in die⸗ ſen ſiebzehn Jahren Manches in Freude und Leid an uns vor⸗ übergegangen, das ſich mit unauslöſchlichen Zügen u 41 Herzen eingegraben hatte. Meine älteſte Tochter Helens we 3 8 nun ſechzehn; nach ihrer Geburt hatten wir der Reihe n h)„ vier liebe Kinder verloren: zwei in ihrer früheſten Kindheit, zwei im Alter von vier und ſechs Jahren; dann kamen Theo⸗ dor und Heinrich, und endlich Alfred und Wilibald, die beiden Zwillinge. In dieſen Jahren allen war Hermann von einer Hülfspfarre auf die andere verſetzt worden, ohne 82 ſein Gehalt weſentlich verbeſſert hätte, bis es ihm gelungen war, die Pfarrſtelle in Feldwies, eine Patronatspfarre des Grafen Hoyer, zu bekommen, welche doch endlich dreihundert Thaler nebſt freier Wohnung und einigen Klaftern Holz ertrug. Jetzt waren wir acht Jahre in Feldwies, das noch zwei Filiale hatte, auf denen Hermann jeden Sonntag abwechſelnd predigen mußte. Aber die Stelle, wenn auch die beſtbeſoldete, welche mein Gatte ſeither innegehabt, ließ Manches zu wünſchen üb⸗ rig; unſere Pfarrkinder waren ein armes, rohes Volk und ſeit der Einführung der Fabriken in der waſſerreichen Gegend nicht 4 beſſer geworden; der Graf lebte als Geſandter in Paris, und überließ Alles ſeinem Rentmeiſter, welcher zwanzig Meilen von uns in einer andern Provinz wohnte und jährlich höchſtens zweimal nach Feldwies kam, um den Holzſchlag in den Wäldern anzuordnen und die Pachtzinſe zu erheben, und dem es nur 4 — flichen Einkünfte und ſeinen Antheil Aufbeſſerung der Gehalte des armen erhungernden Schulmeiſter in den Gebirgsdörfern 3 un. Mußten dieſe ja doch froh ſein, nur dieſe Stellen haben, für die es nicht an andern Bewerbern gefehlt habhen mürde! Um jedoch alle Lebensbedürfniſſe außer Wohnung und Heizung zu beſtreiten und eine Familie von fünf Kindern zu ernähren, zu kleiden und zu erziehen, reichte das Gehalt von 300 Thalern trotz all' unſerer Sorgfalt und Mühe kaum aus. Und hieraus erwuchſen meine Sorgen an jenem Sabbathmor⸗ gen im Juli, obſchon mir der Sonntag immer ein lieber und lieblicher Tag geweſen, als Ruhepunkt und Erholung von jenen aufreibenden Mühen, Sorgen und kleinen Verlegen⸗ heiten, welche jede Woche mit ſich brachte. Freilich werden manche wohlhabende Leute, denen dieſe Zeilen zu Geſichte kommen, nicht geneigt ſein, dieſe alltäglichen Bekümmerniſſe um das Daſein als wirkliche Leiden gelten zu laſſen, denn Niemand iſt weniger zur Theilnahme aufgelegt, als Diejenigen, welche niemals arm oder in Geldnoth geweſen ſind. Die ſchweren Lebensgeſchicke und Heimſuchungen, der Verluſt von theuren Angehörigen oder ganzen Vermögen, die Wunden, daran, nicht aber i Pfarrers und der welche dem Menſchen eigene und fremde Schuld ſchlagen, ge⸗ täuſchte Erwartungen oder verrathene Neigung— kurz all' die verſchiedenen ausnahmsweiſen Geſchicke und Leiden des Men⸗ ſchen erwecken Mitleid; allein die kleinen Leiden des Alltags⸗ lebens, die uns täglich und ſtündlich placken und drücken, bis ſie eine Wunde verurſacht haben, welche blutet, dann eitert und nicht wieder heilt— mit Einem Worte, jene kleinen täg⸗ lichen Trübſale, welche am meiſten Mitgefühl verdienen, weil Mylius, Für Frauenhand. I. 13 194 Art geringſchätziger als gänzliche Nicht⸗ Beachtung, welche beinahe ve beachtung. 3— Das Gehalt meines Gatten ward in vierteljährigen Ra⸗ ten bezahlt, wir konnten daher auch unſere Rechnungen mit den Gewerbsleuten und Lieferanten nur alle Vierteljahre ord⸗ nen, und ich war dann nicht immer im Stande, die Ausgaben mit den Einnahmen zu decken. Ich hielt Lieferungsbüchlein bei den verſchiedenen Gewerbsleuten, mit denen wir verkehrten: beim Bäcker, Fleiſcher, Spezereihändler u. dergl.; aber jedes Vierteljahr war ſeither bei dieſem oder jenem ein kleiner Reſt unbezahlt geblieben und uns aufgeſchrieben worden, und dieſe Reſte waren im Verlauf von fünf bis ſechs Jahren zu uner⸗ klärlichen und unerſchwinglichen Summen angewachſen, bei deren Erinnerung mir das Herz ſchwer ward wie ein Blei⸗ klumpen. Nie aber fühlte ich mich banger und gedrückter, als um die Zeit des Quartalwechſels, wo unſer Gehalt fällig ward und die Rechnungen einliefen, und weil die Quartalrate nahezu fällig ward, hatte ich in Folge jener qualvollen Aufregung und Vorahnung ſchon die ganze vergangene Woche eiskalte Hände und Füße und einen glühenden Kopf gehabt, während ich mit mir insgeheim zu Rathe ging, wie ich unſer kunſtvolles Schuldengebäude balanciren ſollte. Wir hatten nur ein einziges Dienſtmädchen aus der un⸗ terſten Klaſſe, ein junges Ding aus dem Dorfe, welches nur geringen Lohn hatte, aber— wie ich ihr zur Ehre nachrühmen muß— tüchtig dafür arbeitete. Es war eine ungehobelte Perſon, mit welcher ich meine liebe Noth hatte, daß ſie ſich nur leidlich benahm, wie es einer Magd aus dem Pfarrhauſe „ 195 ziemte. Bethchen Kopp war gutmüthig, aber beſchränkt, dabei leidenſchaftlich aufwallend und vom geſundeſten Appetite, denn ſie aß mehr als Hermann und ich und die Kinder zuſammen. Nachdenken und Ueberlegung, Urtheil und Unterſcheidungs⸗ gabe waren ihr fremd, und ſo glaubte ſie, weil wir in einem geräumigen Hauſe wohnten und mit leidlicher Behaglichkeit und Reinlichkeit eingerichtet waren und keinerlei grobe Arbei⸗ ten ſelber verrichteten, ſo ſeien wir Leute, welche Geld genug hätten oder wenigſtens nicht auf den Thaler zu ſehen brauchten. Ich hatte von je her ängſtlich darauf gehalten, Bethchen ihren Lohn pünktlich zu bezahlen, denn ſo wie ſie war und gar zu leicht vergaß, was ſie ihren Brodherren und Vorgeſetzten und Lehrern ſchuldete, hätte ich füglich befürchten müſſen, die ſchlimmſten Seiten ihres Weſens aufzubieten und ihrer nicht. 8 mehr Herr zu werden, wenn ich ſie am Quartaltage nicht prompt bezahlt hätte. 3 Es war alſo nahe der Zeit, wo der Quartal⸗Gehalt meines Gatten fällig ward, und ich hatte an manchem unſerer Liefe⸗ ranten Spuren von Mißtrauen, lauernder Grobheit oder mür⸗ riſcher Unhöflichkeit bemerkt, daß ich mich ſchon am geſtrigen Sonnabend halb geſträubt hatte, Beſtellungen für den Sonn⸗ tag zu machen, aus Furcht vor Kredit⸗Verweigerung. Die Leute wußten zwar, daß die Zeit für die Zahlung noch nicht da war; aber etliche hatten ſchon eine Andeutung fallen ge⸗ laſſen, daß ihre Rechnung ſehr groß ſei und deren möglichſt ſchnelle, gänzliche Berichtigung ihnen ſehr lieb wäre. Ich war genöthigt geweſen, mich zu entſchuldigen, um Aufſchub zu bitten, zu beſchönigen und— es mag einer Mutter, welche mit blutendem Herzen und aus allen Kräften nur für ihre 8 Angehörigen und Kinder ſorgt, wohl verziehen werden, wenn 13* — 196 ſie dies that!— zu verſprechen, was ich nicht halten konnte (wie mir mein gepreßtes, zuckendes Mutterherz wohl vorhielt), ſelbſt wenn mein armer Gatte ſein vierteljähriges Gehalt voll erhalten haben würde, was aber kaum zu hoffen war. Es drohte uns nämlich ein anderes Unglück, welches mir bisweilen bei dem Gedanken daran eine ſolche Angſt einjagte, daß ich mich gar nicht mehr mit meinen gewohnten Geſchäften befaſſen konnte. Einer unſerer Gläubiger in einem früheren Wohnorte hatte uns nämlich eingeklagt und einen Zahlungsbefehl erwirkt, kraft deſſen uns ein Drittel der Beſoldung ſo lange abgezogen werden ſollte, bis jene Schuld getilgt war. Nun fragte es ſich, ob die erſte Rate ſchon an der Beſoldung für dieſes Quartal abgezogen werden ſollte, und wenn ſo, was war dann zu machen? wie ſollte ich dann erſt die Ausgaben für das Haus⸗ weſen beſtreiten? Und dies war noch nicht einmal Alles: Hermann hatte mir erſt vor einigen Wochen geſtanden, daß er ſich durch ſein gutes Herz und ſeine argloſe Unkenntniß der Welt hatte hin⸗ reißen laſſen, vor Jahr und Tag für einen ſeiner Kollegen, den Pfarrer in Neuenhaus, eine Bürgſchaft von 150 Thalern zu leiſten, und daß nun, da der Schuldner inzwiſchen geſtorben war und nur einen Haufen Kinder und große Schulden hinter⸗ laſſen hatte, der Gläubiger ſeine Anſprüche an Hermann gel⸗ tend machte. Hermann war zwar erbötig, den Zins für dieſe Schuld unverweigerlich fortzubezahlen, wenn ihm dieſelbe noch einige Jahre geſtundet werde; allein Heymann Levi hatte zur Antwort gegeben, er überlaſſe die Sache ſeinem Anwalt Iſaak Jordan, einem der unbarmherzigſten Kehlabſchneider von An⸗ wälten, welcher ſeit lange der Schrecken der ganzen Provinz war. Auch dieſen Jammer noch zu all' der andern Noth! — 197 Geſtern Abend war der Gerichtsbote da geweſen, um ein Schreiben an meinen Gatten ſelbſt abzugeben, welches ver⸗ muthlich dieſe Angelegenheit betraf. Allein die Abweſenheit Hermann's, der, einer Sterbenden das Abendmahl zu reichen, nach dem Filial Grubenthal gegangen war, hatte die Beſtellung des Schreibens verhindert. Heute am Sonntag ward nicht geamtet und wir hatten alſo vor den Gerichten Ruhe, aber der Montag drohte um ſo mehr des Widerwärtigen zu bringen; und ganze vierzehn Tage mußten noch vergehen, bevor das Gehalt meines Gatten fällig ward, und ſelbſt dann ward es oft nicht genau auf den Tag bezahlt. Iſt es da zu verwundern, daß ich an jenem Morgen niedergeſchlagen und von ganzer Seele betrübt war? Mein Gatte hatte ein glücklicheres, ſanguiniſcheres Temperament, als ich; er nahm Alles leichter, und zwar, wie er ſagte, im Vertrauen auf Gottes Vorſehung. Zuweilen aber, wenn ich recht gereizt war, erklärte ich ihm, ſeine Stärke ſei nur Selbſt⸗ ſucht und Apathie, welche alles ignorire, ſo lange keine wirk⸗ liche Entbehrung oder Unbehaglichkeit daraus entſtehe. Ein Mann hat keine von jenen furchtbaren Sorgen und Aengſten, welche in einem Haushalte, wo es an baarem Geld und Kredit gebricht, einer Frau ſtündlich und auf jedem Schritte aufſtoßen. So um nur Eines anzuführen: wir mußten an jenem Sonn⸗ tag alle in die Kirche gehen, aber Helenens Schuhe waren ſo zerriſſen, daß ſie beinahe auf dem blanken deutſchen Boden ging, und ihr beſtes Kleid war ſo verwachſen und verwaſchen, daß ſie kaum mehr öffentlich darin erſcheinen konnte. Die Schuhe der Knaben waren geflickt, ihre Kleider fadenſcheinig⸗ und abgetragen, und obſchon dies als eine Kleinigkeit erſchei⸗ nen mag, ſo wußt ich doch, daß wir Alle eine ſtrenge Muſterung 1 1 1 8 4 493 von Seiten unſerer Pfarrkinder aushalten mußten, welche den Geiſtlichen immer auf Tritt und Schritt und in ſeinem ganzen Weſen und Leben beobachten. Und einem Mutterherzen iſt es immer ſchmerzlich, die eigenen Kinder mißachtet und verhöhnt zu ſehen, weil ſie nicht ſo gut gekleidet ſind, als es der gemeine Mann von den Angehörigen des über ihm ſtehenden Gebildeten erwartet. Freilich hatte ſeither noch Niemand von den Ge⸗ meinde⸗Angehörigen uns auch nur das mindeſte Geſchenk ge⸗ macht, während mein herzensguter Gatte ſchon manchmal aus eigenem Antriebe den Armen und Kranken unter ſeinen Beicht⸗ kindern mit Unterſtützung in Speiſe und Geld beigeſprungen war. Unſere Feldwieſer Pfarrkinder waren ein eigenthümlicher roher und hartgeſottener Menſchenſchlag, deren Herzen nicht leicht zu gewinnen waren. Die große Mehrzahl war ſo arm, daß ſie in den Gruben und Fabriken, namentlich den Baum⸗ wollſpinnereien und den Braunkohlenwerken, arbeiten mußten, hierdurch waren ſie gleichgiltig, frivol und leichtſinnig gewor⸗ den, und ſahen in dem Geiſtlichen nur einen beſoldeten ent⸗ behrlichen Müſſiggänger, den ſie beneideten und haßten. An⸗ dererſeits dagegen ſchaute die kleine Minderheit der Bäcker, Fleiſcher, Krämer, Schänkwirthe und unabhängigen Handwer⸗ ker, welche von dem genußſüchtigen Volke der Fabrikarbeiter und Taglöhner lebten und ein reichliches Einkommen hatten, hochmüthig auf den„Hungerleider“ im Pfarrhauſe herab, der es ihnen in keiner Weiſe gleichthun konnte. Ein armer Geiſt⸗ licher ſteht bei der ländlichen Bevölkerung, ſeien es nun Bau⸗ ern oder Fabrikarbeiter oder Bergleute, niemals in einiger Achtung. Aber alle dieſe Sorgen und Zuſtände kümmerten meinen Gatten nicht, der an jenem Sonntag ruhig ſein Frühſtück ver⸗ 199 zehrte, ohne im mindeſten zu ahnen, wie ſchwer es mir gewor⸗ den war, nur den Kaffee, die Sahne, die Butter und das Brod aufzutreiben, geſchweige denn die paar Pfund Schöpſenfleiſch und den Milchreis, welche wir zum Mittagbrod haben ſollten. Unbekümmert um alles Andere, hatte ſich Hermann beim Früh⸗ ſtück ganz in ſeine Predigt vertieft. Ein vortrefflicher Kanzel⸗ redner, trug er ſich immer mit der Hoffnung, ſeine Predigten eines Tages noch geſammelt und gedruckt zu ſehen, und mit dem Honorar, welches er dafür beziehe, unſere jetzigen und künftigen Schulden zu bezahlen. Dieſe Predigten aber waren nicht ſeine einzige literariſche Beſchäftigung;— o nein! es konnte keinen fleißigeren und rührigeren Gelehrten geben, als meinen guten Gatten. Früh und ſpät war er an ſeinem Schreibtiſche, und das Porto für die Bücher, die er aus den Bibliotheken der Hauptſtadt und der nächſten Univerſitäten kommen ließ, verzehrte das Jahr hindurch manchen Thaler. Aber ich gönnte es ihm. Seine Gelehrſamkeit war ſein und mein Stolz, und ich wußte, daß er von ſeinen Kollegen deßhalb ſehr geachtet ward. Sah ich gleich nie einen klingenden Ehren⸗ ſold von ſeiner ſchriftſtelleriſchen Thätigkeit, ſo bemerkte ich doch mit einer geheimen Befriedigung, welche wohl verzeihlich war, daß er mit bedeutenden Gelehrten in Verbindung und Briefwechſel ſtand, daß angeſehene wiſſenſchaftliche Zeitſchrif⸗ ten Hermann's Arbeiten abdruckten, wenn ſie ihn auch gleich nicht honorirten, und daß er über dieſen Studien ſeine Amts⸗ pflichten nicht verwahrloste. Was mir aber ſeine literariſche Thätigkeit beſonders werth machte, das war die gewonnene Erkenntniß, daß er über derſelben manches Widrige und De⸗ müthigende in unſerer Lage vergaß, und daß ihn dieſe Studien vor der Gefahr bewahrten, zu verbauern und zu verſauern, 1 3 ——— wie ſo viele andere ſeiner Kollegen. Nein, in der langen Zeit, wo Hermann vom ſtädtiſchen Leben und größern Weltverkehr abgeſchnitten geweſen, war er dennoch in Form und Gebahren wie in ſeiner ganzen Denk⸗ und Redeweiſe noch derſelbe Mann von Bildung und Ehre geblieben, als den ich ihn im Hauſe des Barons Hayden kennen gelernt hatte— ein vollkommener 4 Gentleman, obſchon im fadenſcheinigen Rock, verſchoſſenen 8 fuchſigen Hut und plumpen, ausgetretenen Schuhen. Er glaubte zuverſichtlich an beſſere Tage, wo ſein literariſches Verdienſt noch anerkannt werden und ihm ſo viel eintragen würde, daß er den Seinigen ein behaglicheres Loos bereiten könne, und darum fühlte er auch durchaus kein Unbehagen 8 wegen unſerer Schulden, welche für mich eine immerwährende Quelle von Angſt und Befürchtungen waren. Den Stoff zu ſeiner heutigen Predigt hatte Hermann die zweckloſe Unruhe(wie er es nannte) geliefert, worin er mich die ganze jüngſtvergangene Woche hindurch geſehen hatte, und den letzten Satz des Textes;„Iſt es nicht genug, daß jeder Tag ſeine eigene Plage habe?“ hatt' ich mir ſchon den ganzen Morgen hindurch ſelber vorgeſagt. Ich hatte mir wiederholt, es ſei ja wieder der heilige, geſegnete, ruhige Sonntag gekom⸗ men, welcher nach der reichlichen Mühe, Haſt, Unruhe und Angſt der verfloſſenen ſechs Wochentage nun Ruhe für Körper und Geiſt bringe; aber zu meinem eigenen Kummer und Selbſt⸗ vorwurf fand ich, daß ich mir keinen Frieden einreden konnte. Bevor noch vierzehn Tage vergingen, mußten ja meine armen Kinder von wirklichem Hunger bedroht, konnte unſer Mobiliar gepfändet, unſer Hausſtand aufgelöst ſein, und unſer Loos unter dieſen kalten, hartgeſottenen Feldwieſern Schmach und Verachtung werden. Allerdings hatten wir ſeither Niemand —— um Hülfe angegangen, denn wie hätten wir dies auch ver⸗ mocht? Wären wir ja doch außer Stande geweſen, ein Dar⸗ lehen zurückzuerſtatten, und hatten wir ja bereits Verbindlich⸗ keiten genug, die uns drückten— namentlich eine, die mir ſehr ſchwer auf der Seele lag. Und da ſaß ich und lauſchte den Predigtworten, welche mein Gatte laut ablas, um ſie zu me⸗ moriren, und obſchon dieſe geſegneten Worte des Troſtes und der Hoffnung von Lippen fielen, welche mir die allertheuerſten auf Erden waren, ſo vermochte ich doch nicht, froh und frei an ſie zu glauben. Geduld und Vertrauen zu Gott waren die Stichworte geweſen, an welche ich ſeither als eine treue Chriſtin und Pfarrfrau mich gehalten, und wo war nun mein Gottver⸗ trauen? Nirgends. Ich wollte mir einreden, daß nur noch ein Wunder uns aus all' dieſen Verlegenheiten retten konnte, und mein Kleinmuth ſagte mir: die Zeit der Wunder ſei vorbei! So ſaß ich denn in dumpfem Hinbrüten da und horchte zerſtreut auf meines Gatten Predigt. Als Hermann in derſelben von den Lilien des Feldes und ihrer Schönheit ſprach, die ja auch der Herr kleide, da ertappte ich mich darüber, daß ich unwillkürlich Helenens ſchäbiges, fleckiges Kleidchen und Theodor's dreimal geflickte Stiefel muſterte, welche zu meinem unbeſchreiblichen Entſetzen nun auch an den Zehen zu platzen drohten. Und als Hermann den Spruch citirte:„Ihr ſollt nicht ſorgen und ſagen: was werden wir eſſen? was werden wir trinken?“ da fielen mir Fleiſcher Riebe's grobe Anſpie⸗ lungen und Zögern ein, als ich geſtern bei ihm den Schöpſen⸗ bug für unſern Sonntagsbraten beſtellt hatte. Thränen traten mir unwillkürlich in die Augen, und in meinem tiefſten Innern ſprach jene leiſe, geheime Stimme, die niemals ſchweigend im⸗ mer mahnt und ſich geltend macht, ſo laut, daß es meines 1 — ͦu—— Gatten kräftige, ſonore Stimme übertönte:„O ihr Klein⸗ gläubigen!“ Und gleichwohl hatte der Druck der Armuth mir die Verſuchung nahe gelegt, daß ich im innerſten Herzen mich überreden wollte, alle jene Troſtesworte und Verheißungen der Schrift ſeien zwar gut genug und paſſend geweſen für jene fernen jüdiſchen Zeiten, wo das geſellige Leben noch keine ſol⸗ chen Anforderungen an den einzelnen Menſchen geſtellt und wo es noch ſolche ſelbſtverleugnende thatkräftige Männer ge⸗ geben habe, denen die Verbreitung des Evangeliums anver⸗ traut worden ſei; aber, fragte ich mich, wie würde es uns heut⸗ zutage ergehen, wenn ich die Sache eben ſo leicht nehmen würde, wie dieſer gutmüthige Pfarrer hier predigte, der von ſeiner Kanzel herab uns Dinge lehren wollte, welchen unſere eigene wirkliche Erfahrung im Alltagsleben ſo ſehr widerſprach? So weit war ich in meinen muthloſen Zweifeln gekom⸗ men, als mein Gatte plötzlich inne hielt, denn drunten vor dem Pfarrhauſe machte ſich ein Lärm von Stimmen geltend, welcher durch die offenen Fenſter bis zu uns heraufdrang. Ich ſchaute hinunter auf eine leidenſchaftlich erregte Gruppe von Leuten aus dem Dorfe von jedem Alter und Geſchlecht, deren wilde Geberden, drohende Fäuſte und finſter rollende Augen mich erſchreckten. Alle umſtanden den alten Holzhauer Jooſt, der zu uns heraufblickte. „Um's Himmels willen, Jooſt, was gibt es denn? Wollt Ihr zu uns?“ rief ich erſchrocken hinunter. „Ja, Frau Paſtorin; ich komme, den Herrn Paſtor zu holen, daß er dem Sägeknecht Kleemann ſchnell noch das Nacht⸗ mahl reiche. Aber es iſt keine Zeit zu verlieren!“ Hermann war neben mich an's Fenſter getreten.„Ich 3 8 203 komme ſogleich, Meiſter Jooſt,“ ſagte er;„iſt denn ein Un⸗ glück geſchehen?“ „Ja, Herr Paſtor! Häuer, die von der großen Grube Himmelsſegen heute früh ausfuhren und durch den Wald nach Grubenthal wollten, haben im jungen Buchenſchlag am Lerchen⸗ berg ein Wimmern gehört, und als ſie hineinkamen, den Säger in einer Blutlache gefunden mit einem Schuß groben Hagels im Rücken. Einer der gräflichen Jäger muß es gethan haben. Man hat den Säger noch bis zu den erſten Häuſern gebracht und ſein Weib und Kinder herbeigeholt, aber er kommt nicht mehr auf— er kann nicht mehr reden und ſpuckt Blut.“ „Barmherziger Gott, das iſt wieder die Folge einer Wild⸗ dieberei,“ ſagte Hermann tief erſchüttert, und kleidete ſich haſtig an, um zu dem Sterbenden zu eilen. Kaum war er aus dem Hauſe, ſo kam eine von den Frauen, welche mit den Häuern nach Grubenthal gegangen war und den Säger hatte finden helfen. Sie erzählte mir, was ſie ſelber geſehen und was der Sterbende noch mit müh⸗ ſamer, kaum verſtändlicher Stimme über die Urſache ſeines Zuſtandes erzählt hatte. Der Sägeknecht Kleemann war Tage⸗ löhner in der oberen Sägemühle, die weit vor dem Dorfe am Fuße des Lerchenbergs lag. Der Mann hatte ſieben Kinder mit ſeinem kargen Tagelohn zu unterhalten, und ging aus Noth wilddieben, wie man im Dorfe allgemein wußte, hatte aber niemals ertappt werden können. Am Orte, wo man ihn gefunden, lag neben ihm ein ſtarker Rehbock, der ſich auf der Grenze des Hochwalds und der jungen Schonung in einer Drahtſchlinge gefangen und im Todeskampf fußtiefe Löcher in den Waldboden gewühlt hatte. Damit beſchäftigt geweſen, das erwürgte Thier aus der Drahtſchlinge zu nehmen, war 4 1 . 204 Kleemann vor demſelben am Boden gekauert, als hinter ihm ein Schuß knallte und er die ganze Ladung groben Hagels auf die Hüftgegend erhielt und über ſeine erwürgte Beute hinein⸗ ſtürzte. Nach dem Schuſſe ſich umwendend, hatte er den Schützen noch in's Holz treten geſehen, aber nicht mehr erkannt, und war mehrere Stunden in ſeinem Blute gelegen, ehe man ihn gefunden, denn der Schuß hatte ihn offenbar gelähmt. Die Frau ſchilderte mit krampfhaftem Schluchzen und leidenſchaft⸗ lichen Verwünſchungen den Jammer des armen Weibes, als es auf die Kunde von dem Vorfall in das Gehöfte geeilt war, wo man den Sterbenden auf der Tenne einer Scheune nieder⸗ gelegt hatte.... Und ich hatte ſo eben noch gemurrt und gezweifelt?! Oh, eine unſägliche Zerknirſchung und Reue erfaßte mich, als ich ſo über dem namenloſen Jammer jener Familie unſere eigenen Bekümmerniſſe und Aengſten vergaß. Ich überſah es, daß die Knaben forteilten, um den Sterbenden zu ſehen, und hatte keinen andern Gedanken mehr, als Reue über meinen eigenen Kleinmuth und ein brünſtiges Gebet zum lieben Gott, er möge ſich doch der armen Waiſen des Sägeknechts erbarmen und dem Sterbenden vergeben! Man hatte ſchon zweimal zur Kirche geläutet, als Her⸗ mann zurückkam, ſeine ſchönen, ſeelenvollen Augen überſtrö⸗ mend von Thränen.„Es iſt vorüber mit ihm, Clara,“ ſagte er mir auf meinen fragenden Blick;„Gott ſei ſeiner armen Seele und ſeinen ſieben unerzogenen Kindern gnädig!— O mein liebes Herz, es war einer der erſchütterndſten Auftritte, die mir jemals in meinem Seelſorgerberuf vorgekommen. Der Mann war ſchuldig, allerdings, und es iſt grauſam, ein harm⸗ loſes Thier ſich ſo in einer Schlinge zu Tode zerren zu laſſen; 205 — aber um eines Rehbocks willen, der kaum vier Thaler werth iſt, einen Menſchen, einen Familienvater hinterrücks nieder⸗ ſchießen wie ein Raubthier, das iſt der Gipfelpunkt der Bar⸗ barei und Rohheit.— Allein komm, laß uns zur Kirche gehen! Ich muß predigen, wenn mir auch das Herz im Leibe bluten möchte über den Jammer, deſſen Zeuge ich war!“ Mein lieber Gatte war ganz verſtört und bleich, als er auf die Kanzel trat. Die Kirche war ſo voll, wie ſeit Jahren nicht mehr, denn alle Leute, Jung und Alt, drängten herbei in der inſtinktmäßigen Erwartung, der Paſtor werde des Vorfalls von der Kanzel herab gedenken. Und dieſe Erwartung trog nicht: Hermann gedachte des furchtbaren Vorfalles auch, aber ganz in ſeiner Weiſe. Er bat zunächſt ſeine Zuhörer um Nachſicht, wenn er heute, ungewöhnlich erregt und erſchüttert wie er ſei, nicht mit der gewohnten Ruhe zu ihnen rede, und bat dann Gott inbrünſtig, er möge durch das heutige ſchmerz⸗ liche Ereigniß die Herzen Aller rühren, daß ſie in ſich gehen und eine Lehre aus dieſer Thatſache ziehen und ihre Wege ſorgfam wählen mögen. Und dann begann er ſeine Predigt ganz mit ſeiner gewohnten Wärme, Innigkeit und Glaubens⸗ friſche, und ſprach über ſeinen Text alle jene Worte voll uner⸗ ſchütterlichen Gottvertrauens, welche er mir ſchon nach dem Frühſtück zum Theil vorgetragen hatte. Das heutige tragiſche Ereigniß paßte ihm trefflich als Beiſpiel zu ſeiner Lehre, denn er führte aus, in welch' beklagenswerthem Irrthum ſich der Säger befunden, indem er, anſtatt im Vertrauen auf Gott zu ſeinem früheren Tiſchlergewerbe zurückzukehren, den harmloſen armen Thieren des Waldes Schlingen gelegt; er ſchilderte den verzweiflungsvollen Todeskampf eines ſolchen Thieres, das, in der Drahtſchleife gefangen, ſich durch ſeine Bemühungen, der Schlinge zu entkommen, erwürge. Er hob hervor, wie roh und fühllos ein Menſch ſein müſſe, der an einem derartigen Sommermorgen, der ſabbathlichen Ruhe vergeſſend, hinaus⸗ gehen könne in den Wald, um ſolch ein gefangenes und er⸗ würgtes Thier zu holen, ohne ſelbſt vor der Blutthat zu ſchau⸗ dern; aber um wie viel grauſamer und roher erſt derjenige ſei, welcher mit kaltem Blute ſeinen Nebenmenſchen, ein Mitge⸗ ſchöpf, ein Ebenbild Gottes, einen Miterlösten Chriſti, einen Familienvater, einen Wehrloſen niederſchießen könne, anſtatt ihn dem Arm der ſtrafenden Gerechtigkeit zu übergeben! Und er ſchloß dann: mit welchen Gefühlen der feige Meuchelmörder wohl jetzt durch dieſen ſonnenhellen goldenen Sommermorgen hingehen möge, mit den blutbefleckten Händen und dem ſchuld⸗ beladenen Gewiſſen, am Tage des Herrn, am Ruhetag der Chriſten, wo Jeder in ſich einkehren und die Leidenſchaften und Gedanken des Werktags ablegen ſollte; und mit welchen Ge⸗ danken jetzt diejenigen ſeiner Pfarrkinder die Kirche verlaſſen müßten, welche ſich ebenfalls ſchon der Sünde des Wilddiebens ſchuldig gemacht und zur Steigerung jener Gehäſſigkeit der Forſtſchutzbeamten beigetragen, welche heute ſolch' blutige Früchte getragen und eine zahlreiche Familie ihres Haupts und Ernährers beraubt hatte; und ob ſie nicht in dieſer Stunde das ernſte Gelübde thun wollten, dieſer Sünde fürder auf im⸗ mer zu entſagen, um einen Kranz der Sühne auf Kleemann's Grab zu legen. Die Predigt übte einen gewaltigen Eindruck auf die ſonſt ſo gleichgültigen und kalten Bauern und Fabrikarbeiter, und ich ſah manchen ſtarken Mann weinen. Und als wir aus der Kirche gingen und ich an Hermann's Arm unter das Thor des Kirchhofs trat, ſtanden da der Schulze und etliche der Aelteſten 207 4 und warteten auf uns, um ſich bei meinem Gatten zu bedanken, daß er dies Alles ſo ſchön geſagt und den Leuten ſo in's Ge⸗ wiſſen geredet habe. Ich war ordentlich ſtolz auf Hermann, der aber mit ſeiner Predigt nicht ganz zufrieden war und meinte, er hätte doch dieſen Vorfall noch mehr ausbeuten ſollen, aber er ſei noch zu tief erſchüttert geweſen, und er werde ſich Mühe geben, in der Leichenrede, die er dem Erſchlagenen halten müſſe, das Verſäumte einzuholen. Wir waren bei Tiſche ſehr ſtill und bewegt und die Kinder aßen weniger als ſonſt von dem Milchreis, ihrer Lieblings⸗ ſpeiſe, weil ſie unter ſich ausgemacht hatten, ihren Antheil den Kindern Kleemann's zu bringen, die ihren Vater und Ernährer verloren hätten. Theodor, mein gutherziger, ſinniger Junge, hatte dies angeregt. Nach Tiſche ging Hermann wieder in die Kirche hinüber, um Kinderlehre zu halten und als er davon zurückkehrte, kam der Bader und ſagte: der Säger könne erſt am Mittwoch be⸗ erdigt werden, weil die Herren vom Gericht mit dem Phyſikus noch die Leiche unterſuchen müßten. Hermann ging dann nach dem Filial Grubenthal, wo er die Nachmittagspredigt zu be⸗ ſorgen hatte. Helene aber und ich gingen zu Frau Süßmilch auf die Altſchmiede, die uns zum Kaffee gebeten hatte, und blieben daſelbſt bis zum Abend, wo mein Gatte auf dem Heim⸗ weg von Grubenthal vorüberkam und uns abholte. Hermann hatte auch in Grubenthal von dem erſchütternden Ereigniß ge⸗ ſprochen und die Herzen ſeiner Zuhörer ſo tief bewegt, daß einer der Hammerſchmiede vom Werk meinem heimkehrenden Gatten unterwegs das losgeſchraubte Schloß von ſeinem Jagd⸗ gewehre einhändigte mit der Bitte, es aufzubewahren, weil der Mann ſich das Gelübde gethan, nie wieder auf den Anſtand - 208 zu gehen und Wildfrevel zu verüben. Und Hermann meinte, dies ſei für ihn eine Genugthuung, welche er ſich mit gar nichts aufwiegen laſſen würde. Als die Knaben zu Bette gegangen waren, ſaßen Her⸗ mann und ich noch ein Stündchen in der Buchenlaube, und mein Gatte ſprach voll Hoffnung von zwei Manuſkripten, die er unlängſt weggeſchickt, nachdem er mehrere Jahre daran ge⸗ arbeitet hatte. Das eine,„über die deutſche Heldenſage und ihre Quellen und Parallelen“, hatte er an einen Leipziger Buchhändler geſchickt, welchen ihm Jakob Grimm auf eine Zu⸗ ſchrift empfohlen. Das andere,„die Frucht fünfzehnjähriger emſiger Mühen und Studien“, war das Werk, von welchem Hermann für ſich ſelbſt noch die Anerkennung der ganzen ge⸗ lehrten Welt und für ſeine Familie einen reichen klingenden Ehrenſold von vielen Auflagen erwartete, nämlich ſein„Grund⸗ riß der deutſchen Alterthumskunde“. Hermann hatte erſt ein Handbuch in mehreren Bänden daraus gemacht und ſich der Hoffnung geſchmeichelt, es werde, als das erſte umfaſſende Lehrbuch dieſer Art, von den Buchhändlern in Sturm genom⸗ men und glänzend honorirt und brillant gedruckt werden. Er hatte die Abbildungen dazu mit unſäglicher Mühe und Geduld ſelber gezeichnet und dem Texte eingefügt. Aber mindeſtens ein Dutzend Buchhändler, darunter die erſten Deutſchlands, hatten nach monatelangem Erwägen den Verlag artig abge⸗ lehnt, weil ihnen das Werk zu umfangreich ſei und der Ver⸗ faſſer noch keinen Namen in der Literatur habe, daher das Wagniß zu groß wäre. Allein wie tief ihm auch alle dieſe ab⸗ ſchlägigen Beſcheide zu Herzen gingen, Hermann war darum noch nicht verzweifelt und an ſeiner Aufgabe irre geworden. Er hatte ſich noch einmal an dieſelbe Aufgabe gemacht, aus 209 dem großen Werke einen gedrängten Auszug in Form eines Grundriſſes bearbeitet, und dieſen der königl. Akademie in München eingeſandt, weil ihm ein berühmter Gelehrter in Berlin geſchrieben, jene Akademie habe einen großen Preis auf die Bearbeitung eines ſolchen Werkes ausgeſetzt. Und nun war das Mannſkript ſeit zwei Monaten fort und wir hatten noch immer nichts davon gehört, was nach Hermann's Anſicht ein günſtiges Zeichen war, denn wenn es die Akademie abge⸗ lehnt hätte, wäre es, wie er ſagte, längſt zurückgekommen. So aber könnten wir jede Stunde eine Nachricht darüber erhalten, welche, wie mein Gatte zuverſichtlich erwartete, eine erfolgreiche ſein werde. Guter theurer Mann! Ich mochte ihm dieſe Illuſion nicht rauben, wie wenig ich auch ſeine kühnen Erwartungen theilte. Ach, ich hatte ſchon ſo vielen derartigen Hoffnungen in's Grab geblickt. Aber er bedurfte dieſer Illuſionen, denn ſie waren ihm ein Sporn zu ſeiner geiſtigen Thätigkeit, zu ſeinem raſtloſen Voranſtreben, über welchem er den Druck der Gegen⸗ wart vergaß. Ich wußte von ſeinen Freunden, daß Hermann in dieſem Fache ungemein ſeltene Kenntniſſe beſaß; ja, der Superintendent Freiesleben, der ihm ſehr wohlwollte, hatte mir einmal anvertraut: wenn Hermann auch nur an der klein⸗ ſten deutſchen Univerſität eine Docentenſtelle bekleidete, könnte er aus dieſen ſchönen Kenntniſſen mehr Kapital machen als in ſeiner jetzigen Stellung, denn ohne jene öffentliche Beglaubigung werde er in der gelehrten Welt immer nur höchſtens als ein geiſtvoller Dilettant angeſehen werden, und Herr Freiesleben hatte mir den Rath gegeben, ich ſolle den Onkel Kohlhardt be⸗ ſtimmen, daß er uns tauſend Thaler vorſchieße, damit Her⸗ mann ſich an einer Univerſität habilitiren könne, wo es ihm Mylius, Für Frauenhand. I. 14 dann an einer glänzenden und ergiebigen Zukunft nicht fehlen werde. Aber eher hätte ich aus Diſteln Seide geſponnen, als den Onkel bewogen, uns ohne genügende Sicherſtellung das viele Geld zu borgen, zumal— doch davon ſpäter! Genug, ich beſtärkte Hermann in ſeinen Hoffnungen wegen der beiden Manuſkripte, obſchon ich dieſelben keineswegs theilte. Aber ich ſelbſt athme ja freier, wenn ich ihn muthig, hoffnungs⸗ voll und zuverſichtlich ſehe, und will gern meine Kümmerniſſe allein tragen, wenn mir nur der liebe Gott ſein theures Leben erhält!— Um zehn Uhr gingen wir hinauf und legten uns nach einem inbrünſtigen Abendgebet zur Ruhe nieder.— 2 . Die Sorge um die Familie des armen Kleemann hatte mich erſt ſpät einſchlummern laſſen, allein dann ſchlief ich ſo geſund, daß ich erſt erwachte, als die Sonne ſchon hoch am Himmel ſtand. Alle ſtille Sabbathsfreude ſchwand aus meiner Seele, als ich am Montag meine Augen öffnete. Ich habe nie⸗ mals eine beſondere Vorliebe für den Montag gehabt, denn er bringt wieder ſechs lange Tage voll Unruhe und Angſt, und wer konnte unter unſeren jetzigen Verhältniſſen wiſſen, welch ein Schwall von Elend und Unbehagen und Widerwärtigkeiten während jener ſechs Tage über uns hereinbrechen mochte, ehe wieder ein wohlthätiger Sabbath der Ruhe und friedlichen Stille für uns kam? Allein ehe ich mein Morgengebet ver⸗ richtete, ſchlug ich mich doch reuig an die Bruſt und klagte mich des Undankes und der unnützen übertriebenen Angſt und Sorge an, denn wenn ich mich mit der armen Wittwe des Sägeknechts verglich, um wie viel beſſer erſchien mir dann ſelbſt noch meine Lage, und ich machte mir Vorwürfe darüber, daß ich mich um 211 die eitlen Behaglichkeiten des irdiſchen Lebens gräme, anſtatt mich ergebungsvoll mit dem zu begnügen, was der liebe Gott mir beſcheert hatte, und zu warten, bis er mir mehr gewähren wolle. Nach dem Frühſtück küßte mein Gatte mich und die Kinder und ging nach dem Filial zur Katechiſation. Ich gab daher den Knaben ihre Schulaufgaben und hieß Helene ſie beauf⸗ ſichtigen, denn mein Gatte mußte unſere älteren Knaben ſelber unterrichten, da wir nur eine armſelige Dorfſchule in Feldwies hatten, und Helene half dabei dem Papa nach Kräften. Ich ſelber ging nun ab und zu hinaus, um Bethchens Arbeit zu beaufſichtigen und für das Mittageſſen zu ſorgen; Hermann war gleichwohl hungrig, wenn er von dem Filiale heimkam, da er aus Sparſamkeit im dortigen Wirthshauſe nicht ein⸗ kehrte, und dann zu Hauſe eine warme Suppe vorzufinden erwartete. Ich hatte noch ein Stückchen vom geſtrigen Schöp⸗ ſenbraten übrig, wovon ich ein Ragout machte, damit Hermann wenigſtens etwas Fleiſch habe, denn wir aßen nur Grütze und Weißkohl. Die Knaben waren an dieſem Morgen außerge⸗ wöhnlich artig und manierlich, und arbeiteten ihre Aufgaben in aller Stille aus, weil ſie hernach hinaus wollten in den Lerchenberg, um den Ort zu beſichtigen, wo der unglückliche Säger ſein Leben eingebüßt hatte, denn um zehn Uhr ſollte der Amtsrichter mit dem Gerichtsarzt und den Schöffen zur Unterſuchung eintreffen, und die Häuer von der Grube Him⸗ melsſegen waren ſchon beſtellt, auf dem Platze zu erſcheinen, ihre Ausſagen zu wiederholen und genau zu beſchreiben, wie und wo ſie den Säger gefunden hatten. Dieſe ſchauerliche Begebenheit beſchäftigte noch immer alle Gemüther und auch das meinige, welches heute ohnedem aufgeregt genug war, 14* 1 6 — ———— 212 denn Montags kam auch der Amtsbote und brachte die Briefe aus der Stadt. Jedesmal ſo oft die Glocke an der Hausthüre ertönte, ſchrak ich zuſammen und Helene und ich blickten ein⸗ ander an. Das arme gute Mädchen war ja alt und geſcheidt genug, um zu begreifen, und ſo hatte ich ſie zu meiner Ver⸗ trauten gemacht, und ſie kannte nicht nur unſere ganze Lage, ſondern auch den geheimen Kummer, welcher mich ſeit vierzehn Tagen bedrückte und um deſſen willen ich jedesmal erblaßte, wenn die Glocke an der Hausthüre erklang. Dieſer geheime Kummer war nicht die kleinſte der Laſten, die ich auf dem Herzen trug. Vor einigen Jahren hatten wir von meinem Onkel Kohlhardt hundertundfünfzig Thaler ent⸗ lehnt, um die Unkoſten einer ſchweren Krankheit zu beſtreiten, welche mich nach der Geburt meiner beiden Zwillingsknaben Alfred und Wilibald befallen hatte. Onkel hatte mir das Dar⸗ lehen zwar gegeben, aber nur unter der Bedingung, daß wir es ihm ſo lange verzinsten, bis wir das Kapital heimbezahlt haben würden; und da der reiche Mann ſein Geld nur gegen genügende Sicherheit auslieh, wie er ſagte, ſo hatten wir eine Lebensverſicherungspolice auf Hermann's Leben und das meinige im Betrage von 300 Thalern nehmen müſſen, deren Prämie der Oheim im Voraus bezahlte, weil er die Police als Pfand verwahrte. Dieſe Prämie und die Zinſen von dem Darlehen waren zu Johannis fällig und ich hatte ſie noch nicht bezahlt, was in den Augen eines ſolch pünktlichen und nüchternen Ge⸗ ſchäftsmannes, wie mein Onkel, ein halbes Verbrechen war. Er liebte in allen Geldangelegenheiten die größte Klarheit und Kürze, und als er mir bei meiner Verheirathung mit Hermann 300 Thaler geſchenkt, um mir damit eine kleine Ausſtattung zu kaufen, hatte er mir feierlichſt erklärt, dies ſei Alles was ich 213 jemals von ihm zu erwarten habe.„Ich habe mir von je her vorgenommen, das Vermögen, welches ich mir erwerbe, dem Waiſenhauſe in Halle zu hinterlaſſen, worin ich erzogen wor⸗ den bin,“ hatte er geſagt.„Ich verdanke meinen ganzen Er⸗ folg im Leben nur der Erziehung, die ich in jener Anſtalt er⸗ halten habe, und ich will dafür ſorgen, daß dieſelbe Wohlthat auch anderen armen Waiſen zu gute komme.“ Gegen eine derartige Beſtimmung war nichts einzuwen⸗ den, denn ich kannte den Eigenwillen meines Onkels genugſam. Auch auf die Zinſen war er ordentlich verſeſſen, und ich mußte daher täglich eine jener lakoniſchen entſchiedenen Zuſchriften des Onkels erwarten, die in ſtreng geſchäftsmäßigem Style ge⸗ wöhnlich begannen:„Meine liebe Nichte! Ich muß Dich um pünktlichere Zuſendung des Zinſes und der Verſicherungs⸗ Prämie bitten“ ꝛc., und meiſt folgendermaßen ſchloſſen:„Du weißt, daß ich bei dem dermaligen flauen Geſchäftsgang meiner Zinſen nicht entbehren kann, ſonſt würde ich ſie Dir für dies⸗ mal gerne erlaſſen. Im Uebrigen verbleibe ich Dein wohl⸗ affektionirter Oheim Wilibald Kohlhardt.“ Die Angſt, daß gerade an dieſem Montag der Mahnbrief vom Oheim kommen werde, war ſchon mit mir erwacht; allein Stunde um Stunde verging und dieſe Zuſchrift kam nicht, obſchon es mir nicht an Widerwärtigkeiten anderer Art fehlte. Ausgaben über Ausgaben kamen und ich ſah den Geldvorrath in meiner Börſe jählings zuſammenſchwinden. Nach Tiſche mußte mein Gatte auf das Rathhaus zu einer Sitzung der Armen⸗Kommiſſion, um zu beſchließen, was mit den Kindern des erſchoſſenen Sägers zu beginnen ſei, welche der Gemeinde zur Laſt fielen. Und während Hermann ſo abweſend war, hatte ich meine liebe Pein mit den Knaben: Theodor war von — dem Ausflug am Morgen noch ſo zerſtreut, daß er gar nicht aufmerkte, und die beiden Zwillinge ſo ungeberdig, daß Helene ſie tüchtig ſchüttelte. Ich mußte mich in's Mittel legen und Helene unter vier Augen über ihre Heftigkeit tadeln, während ich doch gleichzeitig fühlte, daß ich ſelber heute ungewöhnlich heftig war und beim geringſten Anlaß Gefahr lief, mein Biß⸗ chen Selbſtbeherrſchung zu verlieren. Aber auch der Nach⸗ mittag verging und der geſegnete Abend kam, ohne daß irgend ein unliebſamer Beſuch gekommen wäre. Als die Kleinen zu Bette geſchickt und Helene in die Putzſtube hinaufgegangen war, um ſich auf dem Klavier zu üben, verſuchte ich mich mit Hermann über des Tages Mühen und Laſten zu unterhalten, aber er hörte kaum auf mich, denn einer ſeiner Kollegen hatte ihm ein Heft von einer wiſſenſchaftlichen Zeitſchrift zugeſchickt, worin ihn ein Aufſatz ganz in Anſpruch nahm. „Was hilft all unſer Schwatzen und Erörtern, liebe Seele?“ ſagte er endlich;„iſt es nicht genug, daß jeder Tag ſeine eigene Plage hat? Glaube mir, auch mich haben heute manche ernſten Gedanken, Zweifel und Befürchtungen heim⸗ geſucht, aber der Tag iſt ja mit Gottes Hülfe auch vorüber⸗ gegangen, ohne daß uns ein Uebel widerfuhr. Es wird Alles noch recht werden. Dein Oheim muß noch Geduld haben, denn irgend etwas wird uns doch aufſtoßen. Faſſe Dich in Geduld und Ergebung, liebe Clara, und vertraue Dem, welcher am beſten weiß, wie viel Noth und Trübſal jedes von ſeinen ſchwachen Geſchöpfen ertragen kann!“ Das war zwar Alles recht ſchön und erbaulich, aber ich konnte damit weder den Bäcker noch die Milchfrau bezahlen, und wenn mich irgend etwas in Hermann's Benehmen verdroß, ſo war es der ſtehende Ausdruck, daß uns„irgend etwas auf⸗ — ſtoßen müſſe.“ Nichts war mir fataler, als dieſe blinde Zu⸗ verſicht auf den Zufall. Glaubte er denn an einen Goldregen gleich demjenigen der Danae, der uns gerade dann zufiele, wenn wir ſeiner am dringendſten bedürften? Konnten wir in der Lotterie gewinnen, ohne ein Loos genommen zu haben? Nur ein einziges Mal war uns ein unerwarteter Glücksfall auf⸗ geſtoßen, indem ein weitläufiger Verwandter Hermann's aus Frankreich zurückkam, wo er ſeit vierzig Jahren etablirt war, und ihm als ſeinem Pathen 25 Thaler geſchickt hatte, damit er„ſeine Geſundheit trinke.“ Dieſes Geld war uns gerade in einem Augenblick zugelommen, wo wir um alle Welt nicht wußten, wie wir vollen es durch den Reſt des Quartals kom⸗ men ſollten. Und ein ander Mal, wo wir Alle dringend noth⸗ wendig neuer Kleider bedurften und dieſe nicht zu erſchwingen wußten, ohne weitere Schulden zu machen, was mir in der Seele zuwider war, kam der Oberſchulrath Wagener mit Herrn Superintendent Freiesleben zur Schulviſitation nach Feldwies und der Oberſchulrath, welcher ein Freund von Hermann's ſeligem Vater geweſen war, aß mit dem Superintendenten bei uns und mochte wohl geſehen haben, wo uns der Schuh drückte. Und da er ein Junggeſelle und reich war und ſich doch genirte, einem Paſtor eine Geld⸗Unterſtützung zu reichen, die denſelben trotz alles Bedürfniſſes beleidigen konnte, ſo hatte er den Takt, mir von ſeinem Wohnorte aus dreißig Thaler zu ſchicken mit der Bitte, es in den Spartopf der Kinder zu legen, oder zu deren Nutzen beliebig zu verwenden. Ich verſtand den Wink und ſcheute mich nicht, die Gabe anzunehmen, denn ich wußte, daß ſie von Herzen kam, und oft und viel hab' ich dem edlen Geber in meinem Herzen dafür geſegnet. Dieſe beiden Glücksfälle hatte mein Gatte wohl im Sinne, wenn er ſagte, es müſſe uns irgend etwas aufſtoßen, allein derartige gebratene Tauben fliegen Einem nicht oft in den Mund. Der alte Verwandte in Bordeaux war längſt todt und der Oberſchulrath penſionirt, und daß dieſe Gunſtbezeugungen des Zufalls uns einmal widerfahren waren, verbürgte mir, daß ſie ſich nicht ſo bald mehr wiederholen würden. Ich wollte daher gerade Hermann vernünftige Vorſtellungen gegen der⸗ artige Hoffnungen machen, als er aufſtand und ſagte:„Laß es gut ſein, liebes Herz, und uns heute Abend nicht mehr von derlei unangenehmen Dingen ſprechen! Ich finde hier eine Notiz, daß man in München einen Lehrſtuhl für Archäologie der Kunſt gründen will, und ich gehe mit dem Gedanken um, mich um dieſe Stelle zu bewerben. Ich werde morgen nach Dornau zu dem Superintendenten gehen und mich mit ihm darüber beſprechen. Geh' zu Bette, liebſtes Clärchen, und laß mich noch ein Wenig über meinen Plan brüten!“ Ich ging und bat den lieben Gott, er möge es mit Her⸗ mann machen, wie es ſeinem weiſen Rath entſpreche; und ſo endete der gefürchtete Montag.— Mein guter Gatte ſchlief in dieſer Nacht ſehr unruhig; der Gedanke an jene Profeſſur in München wollte ihm nicht aus dem Sinne, und doch wußte er entfernt nicht, wie er es anfangen ſollte, ſich darum zu bewerben.„Das beſte wäre wohl, Clärchen, ich reiste ſelber hin und bewärbe mich perſön⸗ lich,“ ſagte er;„wenn ich den Herren das Manuſkript von meinem großen Werk vorlegte, ſo bedürfte es gewiß keines weitern Ausweiſes mehr für meine Befähigung. Aber woher das Geld zur Reiſe und für den Stellvertreter bekommen? Ja, wenn Dein Oheim ſo bereit wie fähig wäre, uns zu helfenl.. 4 „Ich bitte Dich, lieber Hermann, wie können wir an ihn ſchreiben, ohne die verfallene Zinsrate und die Prämie bezahlt zu haben?“ verſetzte ich mit einem tiefen Seufzer. „Nun denn, der liebe Gott wird ſchon helfen, wenn es ſein Wille iſt, daß ich jene Stelle erhalte,“ ſprach Hermann, und ſein Ton klang ſo ruhig und kindlich, daß ich ihn um ſein unerſchütterliches Vertrauen beneidete.„Der himmliche Vater wird es mir nicht für Hochmuth auslegen, daß ich nach einem ſolchen Wirkungskreiſe ſtrebe, wenn gleich ich nicht verkennen will, daß ich noch immer nicht demüthig genug für einen echten Chriſten bin.— Ich werde nach Dornau gehen und mit dem Superintendenten ſprechen; Herr Freiesleben iſt ein wohl⸗ habender Mann und mir gewogen; vieleeicht ſtreckt er mir die Mittel zur Reiſe nach München vor, denn ich bin überzeugt, daß ich ihm dieſe Schuld bald wieder abtragen kann!“ Ich ließ ihn auf dem Glauben, denn der Verluſt dieſer Illuſion hätte Hermann tief geſchmerzt. Schon in aller Frühe machte er ſich auf den Weg nach der Stadt, und ich gab ihm dazu den letzten Silberthaler, den ich im Hauſe hatte. Was mir noch an baarem Gelde verblieb, mochte in Scheidemünze und Kupfer kaum ſo viel betragen, und der Anblick davon trieb mir einen wahren Angſtſchweiß auf die Stirne. Nach dem Frühſtück überhörte ich Theodor ſeine lateini⸗ ſchen Vokabeln, als Jemand an der Hausthüre klingelte und mir plötzlich der Athem ſtockte, denn ich hatte die beſtimmte Ahnung von einem Unheil. Es war ein Zerren an der Glocke, als ſollte der Draht abgeriſſen werden— ſo ſchellte Niemand aus dem Dorfe, noch der Amtsbote.„Halt' inne, Theodor!“ ſprach ich und lauſchte, denn ich hörte drunten im Hausflur Stimmen; Bethchen war hinuntergegangen, um die Thüre zu⸗ öffnen, und jetzt kam ſie und meldete, es ſeien drei Herren da, welche den Herrn Paſtor ſprechen wollten und nicht wieder fortgingen, obſchon ſie ihnen geſagt, daß ihr Herr nicht zu Hauſe ſei. Ich ging hinaus, und an der Anlände kam mir ein Mann entgegen, den ich an ſeinem ſtrammen, barſchen, halb⸗ militäriſchen Weſen für eine Art Gerichtsboten erkannte. Er hatte ein Papier in der Hand und verlangte einhundertzwei⸗ undſechzig Thaler und elf Silbergroſchen, die auf Exekution ſtanden, im Namen von Heymann Levi in Hirſchbrunn. Da hatten wir's denn! Es war die Bürgſchaftsverbind⸗ lichkeit, welche Hermann für den verſtorbenen Pfarrer in Neuenhaus eingegangen und von welcher er mir nicht geſagt hatte, daß ſie ſchon auf Exekution ſtand. Ich bat den Gerichts⸗ boten freundlich, in die Putzſtube zu treten, und erklärte ihm dann, mein Gatte ſei nach Dornau gegangen und werde erſt im Laufe des Nachmittags zurückkehren; ich aber habe nicht die Mittel, ihn zu bezahlen. Die Stimme verſagte mir beinahe, und ich ſchwankte in den Knieen vor Schreck; einen Augenblick war ich nahe daran, in ein ſchmerzliches Weinen auszubrechen und zu geſtehen, daß wir ruinirt und verloren ſeien; aber ich überwand es mit Mühe. Der Mann bemerkte meine Seelen⸗ pein und Angſt, und rückte mir einen Stuhl hin.„Faſſen Sie ſich, Frau Paſtor'n,“ ſagte er;„hier hilft keen Maulſpitzen, hier muß jefiffen ſind. Indeß es koſtet ja nicht den Kopp. Sehen Sie'mal, es thut mich wahrlich leid, daß ich Sie ſo uff die Bude ſteigen muß; aberſcht es iſt Amtspflicht. Indeſſen hab' ich ooch een Herz, und kann Sie vielleicht mit meine ge⸗ ſetzliche Erfahrung was nutzen, denn ich helfe gern, wie und wo ich kann, und ich ſehe Sie an, daß die Sache Sie faſt um⸗ bringt. Sagen Sie mich offen: iſt der Herr Paſtor wirklich — — 219 fort? Holt er das Geld und haben Sie Hoffnung, daß er die 162 Thaler 11 Silbergroſchen und die Sportel bezahlen kann?“ Der Mann war ſo treuherzig, daß ich es nicht über mich gewann, ihn mit einer Nothlüge zu täuſchen; ich ſagte ihm da⸗ her offen, mein Gatte habe ſicherlich in ſeiner gelehrten Zer⸗ ſtreutheit ganz vergeſſen, daß die Forderung auf Exekution ſtehe, und ſei in keiner Weiſe darauf vorbereitet oder im Stande, dieſe große Summe zu bezahlen. „Hm, hm, das iſt ſchlimm, Frau Paſtor'n,“ ſagte der Mann.„Sollte mir leid thun, wenn der Herr Paſtor mir er⸗ klären müßte, daß er mir nicht bezahlen könne.“ „Das muß er ſicherlich, mein Herr!“ ſtammelte ich und die heißen Thränen ſtürzten mir über die Wangen;„woher ſollten wir in der Eile dieſe große Summe bekommen? Wir haben hier Niemand, der... und auch keinen Kredit... unſer geringes Gehalt...“ „Begreife, Madamchen! Sind noch andere Schulden da, nicht wahr?“ fiel mir der Mann in die Rede und nahm ge⸗ räuſchvoll eine Priſe.„Na, ich weiß, die Herren Paſtoren ſind keene Kap'taliſten nich. Indeſſen man nur noch ruhig, Frau⸗ chen! Wer weiß, wozu das gut iſt? Der verd—te Kerl von Av'katen, der Sie da die Geſchichte über'n Kopp wirft für den Heymann Levi, den Bauernſch—, den Biedermann wollt' ich ſagen, duht Sie vielleicht mit die janze Sache eenen jroßen Ge⸗ fallen. Es gibt einen kleenen Konkurs, man zieht den Herrn Paſtor'n Drittel von's Gehalt ab, rangſchirt die Forderungen, und Sie bleiben ruhig und unangefochten!“ „Und wovon dann leben, lieber Herr?“ rief ich bis in den Tod erſchrocken.„Die Pfarre trägt knapp 300 Thaler; 220 ein Drittel Abzug; bleibt 200; wie ſollen wir davon leben und fünf Kinder erziehen?“ „Hm, das iſt hart, Frauchen, das geb' ich zu,“ ſagte er; „indeß Sie werden's fertig bringen müſſen und fertig kriegen. Sie erſcheinen mich eene reſolute Frau.— Vielleicht bekommt der Herr Paſtor een Gratial von des Königs Majeſtät, viel⸗ leicht wird ihm anders geholfen. Jedenfalls werden Sie nich verhungern mit Ihre fünf Kinder— Gott verläßt ja keenen Preußen nicht.— Indeſſen muß ich wieder amtlich mit Sie reden, Frau Paſtor'n, denn inſofern als ich die Möglichkeit vorausſehe, daß der Herr Paſtor ſich für inſolvent erklärt, muß ich Jemand hier laſſen, welcher darüber wacht, daß nichts aus dem Hauſe geſchafft werde, was zur Maſſe gehört— nichts für ungut, Madamchen; es iſt geſetzliche Vorſchrift, nicht Miß⸗ trauen meinerſeits, wie Sie glauben mögen. Ich kann's nicht ändern, wie gern ich es in Rückſicht für Ihnen thäte.“ Ich ſah wohl ein, daß der Mann mit aller Schonung ge⸗ gen uns verfuhr und ſchwieg daher. Der Gerichtsbote wartete noch eine Minute, als ob er mir Zeit gönnen wollte, mich auf einen andern Ausweg zu beſinnen, dann ging er hinunter und holte einen ſeiner Begleiter herauf, der wie ein verkommener Bürgersmann ausſah und mir gar nicht gefiel. Dieſem gab der Gerichtsbote einige Anweiſungen und wandte ſich dann an mich:„Dieſer Mann bleibt hier, Frau Paſtor'n, bis die Schuld bezahlt oder die Vermögens⸗Unterſuchung von Gerichts wegen angeordnet iſt,“ ſagte er;„und da der Mann das Haus nicht verlaſſen darf, Madamchen, ſo müſſen Sie ihm Koſt und Woh⸗ nung und ſein Taggeld geben. Und Ihr, Fricke, benehmt Euch hübſch manierlich gegen die Paſtorsleute, verſtanden? Na, man nur den Kopf hübſch oben halten, Frauchen! Wird Alles 221 noch recht werden! Indeſſen auf Wiederſehen, Frau Paſtor'n!“ Damit legte er militäriſch grüßend die Hand an die Mütze und ging. Der Andere aber, den er Fricke genannt hatte, ſah ſich in der Putzſtube um, als wollte er ein Inventar davon auf⸗ nehmen und machte ſich gleich bequem auf unſerm Plüſchſopha, das ich mir bei meiner Verheirathung von den dreihundert Thalern des Oheims gekauft hatte. Der Plüſch war zwar jetzt fadenſcheinig und verblichen, aber Helene hatte Schutztücher gehäkelt und darüber befeſtigt, ſo daß Sopha und Seſſel noch ziemlich gut ausſahen und die Putzſtube recht reinlich und an⸗ ſtändig erſcheinen ließen. Ich ſah im Nu ein, daß der Mann nicht hier bleiben konnte, denn wenn irgend ein Beſuch kam, was mußte der wohl denken, wenn er dieſes Individuum hier fand? In die Küche konnt' ich dieſen Fricke auch nicht ſchicken, denn ſonſt wäre Bethchens Neugier erregt worden, und ſie hätte durch Fragen herausgebracht, in was für Angelegenheiten er im Hauſe ſei; die Nachricht wäre wie ein Lauffeuer durch das ganze Dorf gegangen und hätte uns um alle Ehre und Reputation ge⸗ bracht. Was ſollt' ich nun beginnen, daß er mit dem Mädchen nicht in Berührung kam? In den Familienkreis konnt' ich ihn doch auch nicht aufnehmen, ohne meinem armen Gatten eine fortwährende Demüthigung zu bereiten, denn wer weiß, wie lange der Mann im Hauſe bleiben mußte? Jedenfalls mehrere Tage, bis das Gericht das Weitere angeordnet hatte!— Bevor ich noch einen entſcheidenden Beſchluß faſſen konnte, trat Helene ins Zimmer, welche das Erſcheinen der fremden Männer und mein langes Ausbleiben unruhig gemacht hatte; der Anblick unſeres Gaſtes erfüllte ſie mit jähem Schreck und ließ ſie ſeinen unliebſamen Auftrag und Beruf errathen. „O Mutter, liebſte Mutter, was bedeutet das?“ rief ſie und brach in Thränen aus.„Sie werden uns doch unſere Möbel und ſonſtige Sachen nicht nehmen wollen, Herr? O, thun Sie's nicht, ich beſchwöre Sie! Ich will ja arbeiten und das Geld abverdienen; nur laſſen Sie uns unſer kleines Heim⸗ weſen und verkaufen Sie uns nicht unſere Sachen!“ Das arme Kind ſchluchzte laut vor tiefer Gemüthsbewegung, und Herr Fricke bat ſie, ſich zu beruhigen. Aber es koſtete Mühe, ſie zu beſchwichtigen, und erſt allmählich ergab ſie ſich in das Unab⸗ wendbare. Ich theilte ihr dann mit, um was es ſich handle, und, ſie wußte ſogleich Rath.„Wir quartieren den Herrn drunten im Schulzimmer an der Hinterthür ein, wo Papa Winters die Katechismusſtunde und den Konfirmations⸗Unter⸗ richt hält,“ ſagte Helene, noch immer laut weinend;„dort ſtört er uns nicht, hat die Hausthüre im Auge, ſieht Jedermann aus⸗ und eingehen, und iſt ganz ſein eigener Herr!“ Das leuchtete mir ein, und ich war ſogleich damit einver⸗ ſtanden.„Geh', liebe Helene, ſag' Bethchen, daß ſie die Knaben ankleide,“ erwiderte ich;„wir wollen ihnen einen Feiertag geben. Sie mögen über den Schlotthau nach Langgitz zu Paſtor Frauſtadts gehen, welche ſie ſchon lange eingeladen haben, und Bethchen ſoll ſie begleiten. Sie brauchen erſt heute Abend acht Uhr wieder zurück zu ſein. Geh, liebes Kind, Du hilfſt uns jedenfalls mehr, wenn Du das thuſt, als wenn Du Dir die Augen ausweinſt. Thränen helfen da nichts, Kind, ſonſt wollt' ich weinen, daß das Waſſer davon liefe!“ Meine liebe, kluge Helene trocknete ſich auch entſchloſſen die Augen, unterdrückte ihr Schluchzen und vollführte, was ich ihr aufgetragen. Bethchen war nicht wenig erſtaunt, ſo kurz vor dem Mittageſſen einen Feiertag zu erhalten, und fragte, 223 wer denn kochen ſolle? Aber Helene nahm Alles auf ſich, und die Knaben, ſeelenvergnügt über den Ausflug, den man ihnen erlaubte, waren raſch fertig zum Weggehen, ſobald Bethchen ſich angekleidet hatte. Als Alle fort waren, ſchafften Helene und ich das alte Schlafſopha aus Hermann's Studierzimmer und meinen Korb⸗ ſtuhl hinunter in das Schulzimmer im Erdgeſchoß und baten Herrn Fricke, uns dahin zu folgen und hier vorlieb zu nehmen während ſeines Aufenthaltes, der hoffentlich nicht lange dauern werde. „Schon gut, Frau Paſtor'n“, ſagte er;„ich nehme überall vorlieb und werde hernach hinuntergehen. Einſtweilen aber muß ich, wie der Ex'kutor mir aufgegeben, ein Inventar über diejenige Fahrniß aufnehmen, die Sie entbehren können, ſoweit ſie zur Deckung von Forderung und Koſten nothwendig iſt. Aber ich ſehe ſchon, da wird die halbe Fahrniß nicht zureichen!“ Mir erbebte die Seele im Leibe bei dieſen Worten und ich ſah ſchon im Geiſte, wie man unſere lieben, alten Möbeln und Geräthe unter den Hammer brachte und mich mit meinen Kindern obdachlos in die Welt hinausſtieß. Es war mittlerweile elf Uhr geworden, und ich ſandte Helenen in die Küche, um ein kleines Mittagbrod zu bereiten: Pfannkuchen und Salat, denn mein Gatte war vor fünf Uhr nicht aus der Stadt zurück zu erwarten. Ich aber ſetzte mich nieder und ſchrieb einen flehentlichen leidenſchaftlichen Brief an Onkel Kohlhardt mit der Bitte, uns noch dreihundert Thaler zu leihen, damit wir alle unſere Schulden bezahlen und einem Konkurſe entgehen könnten, da wir verhungern müßten, wenn uns das Gericht ein volles Drittel von der mageren Beſoldung abzöge. Offen geſtanden, ich hatte kein großes Vertrauen zu 224 Onkels Menſchenfreundlichkeit und Wohlthätigkeitsſinn, aber ich glaubte wenigſtens nichts unverſucht laſſen zu dürfen, was in meinen Kräften ſtand. Und als der Brief geſchrieben war und Helene ihn fortgetragen und in den Briefſchalter geworfen hatte, war mir doch etwas leichter, und eine leiſe Hoffnung auf Erfolg regte ſich in mir. Helene deckte den Tiſch und brachte dem Manne ſeine Portion hinunter in das Schulzimmer, wo er bereits rauchend auf und ab ging, wir aber hatten Beide keinen Appetit und konnten nicht eſſen; ich zwang mich ordent⸗ lich, meine Thränen hinunterzuſchlucken. Ich weiß kaum mehr, wie mir der Nachmittag verging. Ich beſſerte die Kleider der Knaben aus, Helene flickte ein Bettlaken, denn wir mußten ja für Fricke ein Bett auf dem Schlafſopha machen; aber Keines von uns Beiden war zum Sprechen aufgelegt, und Helene ging oft hinaus, um mir ihre Thränen zu verbergen. Endlich gegen ſechs Uhr ſah ich Her⸗ mann die Dorfgaſſe und den Kirchſteig herauffommen: er war ſichtlich ermüdet und ſenkte das Haupt, und als er näher kam, ſah ich, daß ſeine bleiche Wange glühte und er ſeine Kinnladen mit jenem eigenthümlichen Leerkauen bewegte, wie er in auf⸗ geregter Stimmung immer that. Er trat in die Wohnſtube, wo Alles ſeinen gewohnten Anſtrich trug. Der Tiſch war noch gedeckt und der Salat ſtand noch da, aber er würdigte es keines Blickes, ſondern kam mit gefalteten Händen auf mich zu und ſagte:„Ich weiß Alles, liebe Clara, der Exekutor iſt mir unter⸗ wegs begegnet und ich habe ihm auf dem„Neuwerke“ das ſchmerzliche Geſtändniß unter den Zahlungsbefehl geſchrieben, daß ich zahlungsunfähig ſei.... Vergib mir, mein liebes Weib, daß ich auch dieſen Jammer noch über Dich bringe, nach all dem vielen Leid, das wir ſchon zuſammen getragen haben. 225 Aber wenn auch die Hand des Herrn jetzt ſchwer auf uns liegt, ſo laß uns nicht verzagen, denn der alte treue Gott lebt ja noch, und auf jede Nacht folgt wieder ein Morgen. Sagt ja doch die Schrift: ‚Die Gerechten ſchreien und der Herr höret ſie und erlöſet ſie aus aller ihrer Trübſal!“ Das iſt ein mächtiger Troſt für unſere Herzen.“ Dieſer Zuſpruch fand zwar ein Echo in meinem Gemüthe, aber ich mußte doch unwillkürlich in Thränen ausbrechen, als ich ſah, wie der ſonſt ſo gefaßte und gläubige Mann erſchüttert war. Allein Hermann faßte ſich bald wieder und hörte ruhig an, was ich ihm über den fremden Gaſt im Hauſe zu berichten hatte. „Wir müſſen uns darein ergeben, liebes Herz,“ ſprach er. „Seine Anweſenheit iſt noch lange nicht das Schlimmſte von dem, was uns noch erwartet, aber wir wollen auch dem Aeußer⸗ ſten gefaßt entgegengehen.“ „Was meinſt Du damit, Hermann?“ rief ich erſchrocken, denn ich ahnte, daß uns neue Bedrängniſſe erwarten.— Und nun erzählte mir mein Gatte, daß ihm unterwegs Burgward, der reiſige Förſter des Grafen, begegnet, aber an ihm vorüber⸗ gegangen ſei, ohne ſeinen freundlichen Gruß zu erwiedern, daß ihm der Superintendent mitgetheilt, der gräfliche Amt⸗ mann habe ſich bereits an die geiſtliche Behörde gewandt mit der Beſchwerde, daß dem Vernehmen nach der Paſtor Poſtel ſich auf der Kanzel unziemlicher Ausfälle gegen die gräflichen Forſtbeamten erlaubt und ſie Meuchelmörder genannt habe; der Amtmann verlange eine Unterſuchung gegen meinen Gat⸗ ten, habe auch bereits auf Anrufen der Forſtmeiſter eine Mel⸗ dung hiervon an den gräflichen Rentmeiſter und den gnädig⸗ ſten Grundherrn ſelber gemacht und ſich Beſcheid und An⸗ Mylius, Für Frauenhand. I. 15 226 weiſung in dieſer Sache erbeten. Es ſeien damit, wie Her⸗ mann ſagte, die beiden Predigten gemeint, welche er am Sonn⸗ tag gehalten habe. „Und was wirſt Du nun gegenüber einer ſolchen Anklage thun, lieber Hermann?“ rief ich, außer mir vor Angſt. „Meine Pflicht, liebes Herz,“ erwiederte er ruhig.„Ich habe ein gutes Gewiſſen und werde mich der Anklage erwehren können. Herr Freiesleben, dem ich meine Aeußerungen bei⸗ nahe wörtlich wiederholte, iſt der Ueberzeugung, daß man mich nicht ſchuldig finden kann. Ueberdieß hat die Ermordung des Sägers bereits viel Staub aufgeworfen. Im Dornauer Kreis⸗ blatt von heute ſteht ein fulminanter Artikel gegen die An⸗ maßungen der gräflichen Forſtleute und die ungebührliche Hegung von Wild in den gräflichen Waldungen, und die Re⸗ gierung wird förmlich zum Einſchreiten aufgefordert. Das kann mir nur zu Statten kommen, liebe Clara.“ Ich ſchüttelte wehmüthig und ungläubig den Kopf; aber ich mochte ihn nicht enttäuſchen. Für mich lag die Sache an⸗ ders, denn ich ahnte, daß ein Artikel, welcher gegen die gräf⸗ liche Verwaltung an die öffentliche Meinung appellirte, die Beamten noch mehr erbittern müſſe. Der Amtmann Haldweg in Langgitz war meinem Gatten ohnedem nicht gewogen, weil Hermann ihm zu freidenkend, zu wenig frömmelnd war; Hald⸗ weg's Ideal eines Paſtors waren jene Geiſtlichen vom alten Schlage, welche in jeder Predigt den Bauern mit Hölle und ewigen Strafen warm machten und denſelben den lieben Gott nur als den zürnenden, rächenden, ſtrafenden Gott des Alten Bundes darſtellten. Aber zu dieſen Kanzeldonnerern gehörte Hermann nicht, obſchon ihn ſeine Gemeinde vielleicht gerade deßhalb weniger fürchtete und reſpektirte, denn dem gemeinen 222 Manne entlockt gewöhnlich nur die Furcht Ehrfurcht. Ich ahnte mit einem wahren Herzkrampfe, daß der Amtmann dieſe Ge⸗ legenheit nicht verſäumen werde, meinem wackern Gatten„et⸗ was am Zeuge zu flicken“, wie er längſt gedroht hatte. „Und was wirſt Du morgen beginnen, wenn Du dem unglücklichen Kleemann die Leichenrede hältſt, mein Lieber?“ fragte ich. „Ich werde unerſchrocken meine Schuldigkeit thun, ohne Menſchenfurcht nach unten, wie nach oben, liebes Herz,“ ver⸗ ſetzte mein Gatte.„Schwiege ich morgen an dem offenen Grabe in Folge dieſer Einſchüchterung, ſo wäre ich ein Feigling und kein Diener des Wortes, das der Inbegriff der Gerechtigkeit und Weisheit iſt. Aber ängſtige Dich nicht, Clara; ich werde maßvoll ſein und jede Gelegenheit zu einer Mißdeutung ver⸗ meiden. Ich werde meine Leichenrede niederſchreiben und ab⸗ leſen, wie ſehr ich auch ſonſt gegen das Ableſen von Predigten und Reden bin. Das Geſchriebene ſoll dann für mich zeugen!“ Ich kannte Hermann's Treue gegen ſich ſelbſt und ſeine Gewiſſenhaftigkeit zu gut, um nicht zu wiſſen, daß ich mit keinerlei Gegenvorſtellungen durchdringen würde; darum ließ ich ihn ſeinem Gewiſſen Genüge thun, und ging meinen häus⸗ lichen Geſchäften nach. Gegen acht Uhr kamen die Knaben von Langgitz zurück, mit glühenden Wangen und ſonnver⸗ brannten Hälſen, aber ſeelenvergnügt und mit Waldblumen beladen. Als ihnen Helene ſagte, Papa habe einen Beſuch be⸗ kommen, welcher drunten im Schulzimmer logire und in amt⸗ lichen Geſchäften ſich einige Tage bei uns aufhalten werde— was ja buchſtäblich wahr war— ſchauten ſie ſehr erſtaunt drein und Bethchen war ordentlich verblüfft, als ich dem Ge⸗ hülfen des Exekutors ſein Butterbrod mit Schlackwurſt durch 15* 228 ſie hinunterſandte und er ſie nach der Schenke ſchickte, um ihm einen Krug Bier um ſein eigen Geld zu holen, und er ihr ſei⸗ nen Knaſter ins Geſicht dampfte. Die Knaben legten ſich ſogleich nach dem Abendbrod ſchlafen, aber Helene und ich blieben mit Hermann noch einige Zeit auf, denn er war im tiefſten Innern erſchüttert. Ich wagte kaum, meinen Gatten ganz ſchüchtern nach dem Ergeb⸗ niß ſeiner Unterredung mit dem Superintendenten zu fragen. Aber Hermann geſtand mir offen, daß daſſelbe ſeinen Erwar⸗ tungen nicht entſprochen, Herr Freiesleben ihm wenig Hoff⸗ nungen gemacht und die Bitte um ein Darlehen abgelehnt habe. Er hatte zu Oſtern ſeinem älteſten Sohne eine Apotheke gekauft, ſeinen zweiten auf die Univerſität geſchickt, und da⸗ durch alle ſeine Mittel ausgegeben. „Aber was liegt daran, liebes Herz?“ ſchloß mein Gatte; „bei Gott iſt ja kein Ding unmöglich, und wenn Er es will, muß ſogar ein dürrer Stock grünen. Ich habe heute ſchon von Dornau aus nach München geſchrieben und mich den Herren von der Akademie als Aſpiranten auf die Profeſſur zu erken⸗ nen gegeben. Was werden ſoll, das kommt dennoch zu Stande.“ Hierauf folgten wir ihm zum Abendgebet in ſeine Stu⸗ dierſtube und legten uns dann ſtill und mit ſchweren Gedanken ſchlafen; und ſo endete der Dienſtag. 3. Am Mittwoch erwachten wir mit Tagesanbruch zu dem ganzen Bewußtſein unſerer hülfloſen Lage. Mir war, als hätten wir einen Todesfall im Hauſe, und den Kindern erging es ebenſo: ſie wagten kaum leicht aufzutreten, ſo wild und leb⸗ haft ſie auch ſonſt waren. Hermann ſchloß ſich in ſeine Stu⸗ dierſtube ein, um ſeine Leichenrede zu ſchreiben, und ich ging meinen häuslichen Geſchäften nach, aber mit bebendem Herzen, denn als ich meine ganze Baarſchaft zählte, hatte ich nur noch ſechzehn Silbergroſchen gefunden, und wir hatten nun noch einen Kopf mehr zu unterhalten— einen erwachſenen Mann, dem wir Gaſtfreundſchaft angedeihen laſſen mußten, wenn wir auch nicht geſetzlich dazu verpflichtet waren. Nach dem Früh⸗ ſtück nahm Helene die Knaben in die Putzſtube und gab ihnen Unterricht, weil Papa verhindert war, und ich hieß Betchen im Garten arbeiten und einige Beete ſtürzen, um noch Gemüſe zu ſäen. Theodor, mein älteſter Knabe, war aufgeweckt genug, um wahrzunehmen, daß etwas Ungewöhnliches im Hauſe vor⸗ ging und ſeine großen Augen waren immer ängſtlich fragend auf mich gerichtet, wenn ich an ihm vorüberkam. Als Helene ihre Lehrſtunde begonnen hatte und Bethchen in den Garten gegangen war, nahm ich Hut und Mantille und ging hinunter ins Dorf zu Fleiſcher Riebe, um dem Manne gute Worte zu geben, daß er uns den Kredit nicht gerade in dieſem Augenblick entziehe, wo wir ihn ſo nothwendig brauch⸗ ten. Helene hatte ſich zu dieſem Gang angeboten, aber ich dachte, es werde dem geldſtolzen, übermüthigen, arroganten Manne mehr ſchmeicheln, wenn ich ſelbſt ihm unſer Anliegen vortrage. Mein Herz zitterte mir ordentlich im Buſen, als ich den Gang antrat. Im Vorbeigehen hatte ich in Hermann's Studierzimmer hineingeblickt und geſehen, daß er, das Geſicht in den Händen, ſich über ſein Pult beugte— anſcheinend die einzige Art und Weiſe, wie er in ſeiner unpraktiſchen Art ſich aus dieſen Verlegenheiten herausarbeiten konnte. Zu meiner Ueberraſchung empfing mich aber Riebe ſo artig, als es nur irgend in ſeinem Weſen lag— ungefähr gerade ſo, als wenn 230 ich ihm ſeine Rechnung bezahlt hätte. Ich wählte mir eine Schöpſenkeule und ein Stück Pökelfleiſch und hoffte damit für den Reſt dieſer ſchweren Woche auszureichen. Ich hatte meine Bitte ſchüchtern vorgebracht, die der Fleiſcher mit einem ſtum⸗ men Kopfnicken aufnahm, und ich wollte eben mit meinem Korbe wieder weggehen, als Riebe mich fragte, ob ich nicht auf einen Augenblick in ſeine Wohnſtube nebenan treten wolle. Ich dachte, die Kniee müßten unter mir einbrechen, aber es half nichts; ſo ging ich denn hinüber und fand daſelbſt Frau Riebe, die über ihrem Kundenbuch ſaß und von der Schiefer⸗ tafel aus Einträge in daſſelbe machte. „Notire'mal der Frau Paſtor'n ihr Fleiſch, Hanne— elf Pfund zu vier Groſchen acht Pfennige,“ ſagte Riebe. Die dicke Fleiſchersfrau, welche in dem ganzen Dorfe für eine„rare Schönheit“ galt, ſchrieb die Schuld auf die Schiefer⸗ tafel und ſtarrte mich dann mit einem blöden Lächeln aus ihren ſehr kleinen hellblauen Augen an, die hinter den dicken rothen Pausbacken faſt verſanken.„Haſt Du ſchon mit der Frau Paſtor'n geſprochen, Michel?“ fragte ſie ſüßlich. „Nee, Hanne, aber ich bin eben daran,“ ſagte Riebe und fuhr mit der Hand an ſeinem Wetzſtahl herum, als könnte er daran ſeinen Witz ſchärfen wie ſeine Meſſer.„Die Sache iſt die, Frau Paſtor'n, meine Hanne da hat einen Einfall gehabt, der nicht übel iſt und Sie betrifft...“ Nun kommt es! dacht' ich und mein Puls ſtockte. „Das heißt, Frau Paſtor'n, wenn es für Sie nicht ſcha⸗ nierlich iſt, verſtehen Sie,“ fuhr Riebe ſtotternd fort;„meine Hanne da hat nämlich gedacht, da die Rechnung der Frau Paſtor'n dies Vierteljahr'n Bißchen ſtärker iſt als ſonſt, ob Sie vielleicht nichts dagegen haben, wenn unſere beiden Mädels 231 wöchentlich'n paarmal ins Pfarrhaus kämen und bei Ihnen Unterricht nähmen in Franzöſ'ſch und Klavierſpielen mit Mam⸗ ſell Helene...“ „Ja, und auch in Jegraphiek und Grammartik und Auf⸗ ſatz und den andern Krimskrams, was die Frölens in de Stadt lernen,“ ſetzte Frau Riebe wichtig hinzu. „Die Frau Paſtor'n oder Mamſell Helene können für die Stunde anrechnen, was recht und billig iſt, verſtehen Sie, denn für meine Mädels iſt mir das Beſte nicht zu gut, und wir ſchreiben es dann an der Rechnung ab,“ fuhr Riebe fort, und klimperte mit dem Geld in der Taſche ſeiner Schürze.„Sehen Sie, Frau Paſtor'n, wir wollten die Mädels zur Mamſell Düvang nach Dornau thun, aber die Gänſeken woll'n nich, weil die Stadtfrölen auf ſie herunterſehen könnten als auf Fleiſcherstöchter, obſchon ich der Mann bin, jeder'mal eine ſo runde Ausſteuer zu geben, wie ſie nur ſo'n hochnäſiges Frölen kriegt...“ „Riebe! Michel! Du wergißſt Dich!“ fiel ihm Frau Hanne ins Wort. „Na, niſcht für ungut, Frau Paſtor'n. Aber die Hanne, die ein kapitalgeſcheidtes Weib iſt, meinte: ſo gut Paſtors den beiden Mädels von Herrn von Illgen Unterricht gegeben ha⸗ ben, werden ſie's um Geld und gute Worte auch unſeren Kin⸗ dern thun, da Fleiſcher Riebe's Geld ſo rund iſt, wie Herrn von Illgen ſeiniges; und ich wette heut einen Maſtochſen gegen ein Spanferkel, daß, wenn's'mal zum Klappen kommt, Flei⸗ ſcher Riebe ſeinen Mädels ein größeres Heirathsgut reicht, als Herr von Illgen den ſeinigen. Und ich ſeh' darum gar nicht ein, warum meine Müädels nicht auch Franzöſ'ſch ſprechen und Klavier ſchlagen lernen ſollten, wenn es um Geld zu haben 232 iſt— heißt das, wenn es Ihnen nicht ſchanierlich iſt, Frau Paſtor'n. Und da alle Leute in Feldwies davon ſprechen, wie wunderbar geſcheidt Mamſell Helene ſei und daß ſie das Alles von ihrer Mutter gelernt habe, ſo meinte die Hanne, es gelte 'mal wenigſtens die Anfrage.“ Dieſer hochmüthige Vorſchlag des dicken Fleiſchers fiel mir in die Seele wie Engelsmuſik, und ich ſtand vollkommen beſchämt und zerknirſcht über meinen zaghaften Kleinmuth und Zweifel da. Der liebe Gott hatte Erbarmen mit uns geübt, bevor wir es noch ahnten. „Ich bin mit größtem Vergnügen erbötig, auf Ihren Vor⸗ ſchlag einzugehen, mein lieber Herr Riebe,“ erwiederte ich ihm mit Thränen der Rührung im Auge;„bei unſerem kleinen Ein⸗ kommen iſt uns jede Gelegenheit zu Privatlektionen erwünſcht, und Helene und ich werden unſer Möglichſtes thun, damit Ihre Töchter'was Rechtes lernen.“ Wir kamen ſogleich über Tage und Stunden überein, wo Johanna und Ludovike Unterricht bekommen ſollten, und der Fleiſcher und ſeine Frau begleiteten mich mit der größten Höf⸗ lichkeit aus dem Hauſe, das ich am jüngſten Sonnabend mit tiefer Demüthigung über ihre Barſchheit verlaſſen hatte. Freu⸗ denthränen rannen mir über die Wangen herab, als ich meinen Korb nach Hauſe trug und ein brünſtiges, ſtilles Dankgebet gen Himmel ſandte. Helene fiel mir um den Hals und weinte vor Rührung, als ich ihr ſagte, wie wir zu neuen Zöglingen gekommen ſeien, und mit Einem Male waren Muth und Hoff⸗ nung wieder in unſere angſtvollen Gemüther zurückgekehrt. „Helene,“ ſagte ich dann,„der Tag iſt ſchon einmal glück⸗ lich, ich will ihn ausnützen. Unſer Geld geht zur Neige, und ich kann es nicht über mich gewinnen, hier im Dorfe bei Jemand — —— 2 einige Thaler zu borgen. Ich werde nach Dornau gehen und Frau Elze um ein kleines Darlehen bitten; ſie weiß, was Noth iſt, und hilft mir gerne. Sorge Du für die Küche, Kind! Ich bin im Lauf des Nachmittags wieder zurück.“ Helene wollte mir's zwar ausreden, weil der Tag gar ſo heiß ſei; allein ich ging doch. Die Fußwanderung that mir gut und enthob mich meiner trüben Gedanken, und nach Dor⸗ nau war's ja nur eine ſtarke Meile. Ich ſteckte alſo ein Butter⸗ brod zu mir und ging. Aber als ich nach Dornau kam und die Predigerswittwe aufſuchte, war ihre Wohnung geſchloſſen; Frau Elze, ſagten die Hausleute, ſei zu ihrer Tochter gereist, die in die Wochen gekommen. Das war eine Enttäuſchung der bitterſten Art; denn Frau Elze war meine einzige vertraute Freundin in Dornau und eine herzensgute Matrone, die mir ſchon manchmal aus der Verlegenheit geholfen hatte. Ich ging noch zu Kaufmann Dietrichs und die guten Leute behielten mich bei Tiſche; aber als die Ladendiener und die Kinder weg⸗ gegangen waren und Herr Dietrichs mich fragte, ob es denn wirklich wahr ſei, was man ſich im Städtchen erzähle, daß Paſtor Poſtel ſeine Inſolvenz angezeigt, und ich weinend be⸗ jahte und die Leute nur einige alltägliche Worte des Bedauerns für mich hatten und der reiche Schnittwaarenhändler mit einem halb verlegenen Geſicht aus dem Zimmer ging— da hatte ich den Muth nicht, von ihm ein Darlehen von fünf Thalern zu erbitten, und verabſchiedete mich bald. Ach, wie ſchwer ward mir das Herz wieder auf dem Heim⸗ wege! Wie deutlich fühlte ich, daß man ſich ſo gar unbedeutend und armſelig vorkommt, wenn man keinen Thaler mehr in der Taſche hat und nicht einmal ſeinen Dienſtboten den Lohn bezahlen kann! Daß ich zum erſten Mal Bethchen nicht auf den 234 Margarethentag ſollte bezahlen können, das ſtieß mir beinahe das Herz ab. Und weil ich mich denn ſchämte, ſo mit thränen⸗ den Augen auf der Landſtraße möglicherweiſe irgend einem Bekannten aus der Stadt zu begegnen, ſo bog ich ſogleich vor dem Thore in den Feldweg ein und ſchritt rüſtig aus, um wieder nach Hauſe zu kommen, denn es war mir zu Muthe, als müſſe mir bei dem Anblick der Meinigen erſt meine Kraft zum Dulden wieder kommen. So war ich jenſeit der Neuſchmiede in das Tannendickicht eingebogen und ſchon ein gutes Stück in dem dämmernden Forſt auf rauhem Pfade hingegangen und den Baumwurzeln ausgewichen, als mein Fuß plötzlich auf etwas trat, das mir unter der Sohle wich. Ich ſprang erſchrocken bei Seite und wäre beinahe zu Boden geſtürzt, denn ich wähnte auf eine Kröte getreten zu ſein, und vor dieſen Thieren graute mir ſehr. Als ich mich aber ſcheu umſah, gewahrte ich eine kleine Taſche von abgegriffenem rothen Saffian am Boden liegen, die ich anfangs für ein Cigarren⸗Etui hielt. Halb erſchrocken hob ich ſie auf, es war ein großes Portemonnaie, ganz ſchwer von Geld. Mit bebenden Fingern öffnete ich das Ding, und das Blut drang mir in der Aufregung ſo raſch zum Herzen, daß ich mich an einen Baumſtamm lehnen mußte, um nicht zuſammenzubrechen, denn die Taſchen waren voll von Gold und Silber und Kaſſen⸗ ſcheinen. Soll ich es geſtehen? Meine erſte Regung war un⸗ begrenzte Freude und inniger Dank gegen Gott, denn ich wollte mir einreden, der Himmel ſchicke mir dieſes Geld, um Heymann Levi zu bezahlen und den unliebſamen Gaſt im Pfarrhauſe los zu werden. Allein nur eine Minute trübte dieſer träume⸗ riſche Wahn meine Beſinnung. Einen ſolch' werthvollen Fund zu verhehlen, war ja Diebſtahl, Verbrechen, einer Chriſtin, ——ꝛ—————— —— 235 einer gebildeten Frau, der Gattin eines Geiſtlichen unwürdig. Nein, nicht um die ganze Welt würde ich das gewagt haben, und wenn meine armen Kinder verhungert wären. Ich ſah noch einmal das Portemonnaie genau an; auf dem einen Meſ⸗ ſingbügel war mit zierlicher Schrift eingravirt:„Joſeph Kratky, Zimmerwerkmeiſter in Dornau.“ Ich kannte den Mann, denn die ganze Stadt kannte ihn und ſei⸗ nen großen Holzhof in der Vorſtadt mit der Dampfſäge. Das Portemonnaie mußte zurückgegeben werden und zwar ſogleich, denn der Eigenthümer hatte es ſicher bereits vermißt. Ich zählte das Geld: es waren dreiundzwanzig ganze und doppelte Friedrichsd'or, zehn Thaler in Silber und über zweihundert Thaler in Kaſſenſcheinen, ſowie andere Papiere von anſchei⸗ nend großem Werth. Ich war zwar ſchon über eine Wegſtunde von Dornau entfernt, aber ich machte mich ſogleich auf den Rückweg, und der Gedanke, daß Herr Kratky dem redlichen Finder doch eine anſtändige Belohnung reichen werde, beflügelte meinen müden Fuß. Das Portemonnaie feſt mit der Hand umſpannend, er⸗ reichte ich nach einer langen Stunde Herrn Kratky's Holzhof; daneben ſtand ſein ſchönes ſtattliches Wohnhaus in einem großen Garten. Mitten im Holzhofe gewahrte ich den hoch⸗ gewachſenen, rieſigen Herrn Kratky ſelbſt mit ſeinem rothen Geſicht und grauen Bart, wie er mit einigen Herren ſprach. Ich ging auf ihn zu, aber ein Mann kam mir entgegen und fragte nach meinem Begehren. Ich verlangte Herrn Kratky zu ſprechen und zwar in einer dringenden Angelegenheit, und bat den Mann, es ſeinem Herrn zu ſagen; aber ich mußte wohl eine halbe Stunde warten, ehe es dem großen Holzhänd⸗ ler genehm war, von mir Notiz zu nehmen, und ich grübelte 236 einſtweilen zum Zeitvertreib darüber, wie hoch wohl die Be⸗ lohnung ſein würde, welche Herr Kratky mir reichen werde. Endlich verließen ihn ſeine Beſucher, man meldete ihm meine Gegenwart und er trat auf mich zu. Er war ein Mann von koloſſaler Größe und Dicke, mit dunkelrothem Geſicht, ſtechenden Augen und einem finſtern, harten Ausdruck, und galt für einen ſehr reichen, aber auch ſehr harten Menſchen. Höflich war er wenigſtens nicht, denn er maß mich mit miß⸗ trauiſchen Blicken und ſchnaubte barſch:„Was ſteht zu Dien⸗ ſten, Madame?“ „Ich habe, wie ich glaube, die Ehre, Herrn Joſeph Kratky...“ hub ich an, aber er unterbrach mich ſchnell: „So heiße ich— was wollen Sie von mir?“ „Ich komme... ich habe... ich wollte nur fragen, ob Sie nicht etwas verloren haben?“ „Etwas verloren? Ich? Nicht daß ich wüßte. Aber wie kommen Sie auf dieſen Einfall, Frau?“ „Je nun, ich habe vor einer ſtarken Stunde droben im Tannenwalde bei der Neuſchmiede etwas gefunden, das Ihnen gehört,“ ſagte ich;„vielleicht wollen Sie es mir beſchreiben.“ Herr Kratky wechſelte die Farbe, fühlte erſt an den Sei⸗ ten⸗, dann an der Bruſttaſche ſeines Rocks herum, betaſtete die Taſchen ſeiner Weſte und Beinkleider und rief erſchrocken: „Alle Teufel, mein Geldtäſchchen! Haben Sie es gefunden?“ „Darf ich Sie bitten, es mir zu beſchreiben?“ ver⸗ ſetzte ich. „Ein großes Portemonnaie von rothem Saffian mit Meſſingbügel und vier Taſchen darin,“ rief er;„ich hatte darin vier Fünfzig⸗ und etliche Zehnthaler⸗Kaſſenſcheine, in Gold ungefähr vierundzwanzig Friedrichsd'or, und dann noch 237 einige Wechſel auf verſchiedene Leute. Mein Name ſteht außen auf dem Bügel eingravirt.“ „Hier iſt Ihr Eigenthum, Herr Kratky; ich verlangte nur der Form wegen die Beſchreibung davon. Es iſt übrigens ein Glück, Herr, daß ich es gefunden habe; gegen Abend, wenn die Landleute vom Markte kommen, iſt der Waldweg ſehr be⸗ gangen, und es wären dann Viele des Weges gekommen, die ſich nicht ſo beeilt haben würden, Ihnen Ihr Eigenthum wieder zuzuſtellen. Zählen Sie gefälligſt das Geld nach!“ „Alles in Ordnung,“ ſagte er haſtig;„meiner Treu, Madame, ich bin Ihnen ſehr zu Dank verbunden. Mit wem hab' ich die Ehre?“— Ich nannte ihm meinen Namen.— „Ah, die Frau Paſtorin von Feldwies? Freut mich ſehr, Ma⸗ dame, und nochmals meinen beſten Dank!“— Sehen Sie, ich war in Buchſee auf der Schneidemühle, Holz zu kaufen. Weil es ſo heiß war, zog ich auf dem Heimwege den Rock aus und hing ihn über'n Arm, und da muß das Ding herausge⸗ fallen ſein. Ich hatte es auch bislang noch nicht vermißt; denn wie ich ſo erhitzt nach Hauſe kam, waren Leute in Ge⸗ ſchäften da. Aber in den nächſten fünf Minuten hätt' ich den Verluſt wahrgenommen.“ Ich blieb ſtehen und er bewegte ſich unruhig hin und her. „Kann ich irgend etwas für Sie thun, Madame?“ fragte er endlich halb verlegen. Das Blut ſtieg mir in die Wangen und ich ſtand wie auf Kohlen, aber ich dachte an meine fünf Kinder daheim, nahm daher all' meinen Muth zuſammen und entgegnete:„Herr Kratky, ich habe Sie heute vor einem großen Verluſt bewahrt und bin Ihretwegen mehr als eine Stunde Weges zurückge⸗ gangen. Sie wiſſen, daß ich die Frau eines armen Patronats⸗ 238 pfarrers bin, deſſen ganzes Jahreseinkommen nicht ſo viel beträgt, als Sie in Ihrem Portemonnaie haben, obwohl ſieben Köpfe davon leben müſſen... Hieraus können Sie abnehmen, daß es ſchmal genug bei uns hergeht. Und da Sie vermuth⸗ lich eine Belohnung für den redlichen Finder Ihres Geldes ausgeſetzt haben würden, ſo werden Sie hoffentlich auch mir geben, was Sie einem Andern geboten haben würden, und es ſoll dankbar angenommen werden.“ Die helle Gluth ſchlug mir aus den Wangen bei dieſer Demüthigung vor dem harten Manne, aber das Mutterherz und die Mutterſorge hatten mich jede falſche Scham über⸗ winden laſſen. Herrn Kratky's Geſicht ward noch purpurner als ſonſt, und er rang nach Worten.„Ich weiß nicht, wie Sie mir vor⸗ kommen, Madame,“ ſtotterte er endlich;„Sie ſind die Frau eines Geiſtlichen; Sie haben einfach nur Ihre Schuldig⸗ keit als rechtſchaffene Frau gethan, und Sie verlangen, daß ich Sie dafür bezahlen ſolle?“ „Keineswegs, Herr, ſondern ich will nur...“ ſtammelte ich, aber er ließ mich nicht ausreden, ſondern rief barſch: „Nun thue ich es erſt recht nicht— ſchon aus Grundſatz nicht. Ich will nächſten Sonntag einen Friedrichsd'or in die Armenbüchſe werfen, aber wenn mir wieder'mal ein Pfarrer über Ehrlichkeit predigt, dann will ich an die Frau Paſtor'n von Feldwies denken. Guten Tag, Madame!“— Damit ging er in ſein Haus, ſchlug deſſen Thüre hinter ſich zu und ließ mich ganz verſteinert über ſeinen ſchmutzigen Geiz und ſeinen groben Vorwürfen. Ich will in dieſer Geſchichte ganz wahrheitsgetreu ſein, und muß daher geſtehen, daß ich im erſten Augenblick auf⸗ 239 richtig bereute, dieſem fühlloſen Geizhals ſein Eigenthum zu⸗ rückgegeben zu haben. Allein bald kehrte meine beſſere Ein⸗ ſicht zurück und ich dankte dem lieben Gott in meinem Herzen, daß er mich gnädig bewahrt und nicht hatte in Verſuchung fallen laſſen. Ich machte mich auf den Heimweg, aber in einer ſehr gedrückten Stimmung und mit einer körperlichen und geiſtigen Mattigkeit, daß ich mehrmals niederſitzen und mich ausruhen mußte, um nur nicht zuſammenzubrechen. Es war ſchon ſieben Uhr Abends, als ich aus dem Walde heraustrat und mich Feldwies näherte. Auf dem Wege durch das Dorf grüßten die Leute mich freundlich, ſahen mir aber, wie mich bedünken wollte, mit einer eigenthümlichen Verwunderung nach. Auf der Schwelle kam mir Helene mit verſtörtem Geſichte und verweinten Augen entgegen, und fragte mich, ob mir Papa nicht begegnet ſei. Ich verneinte.„Es iſt gewiß wieder ein Unglück vorgefallen, Kind?“ rief ich erſchrocken;„ſprich, was hat es gegeben?“ Helene berichtete nun, mein Gatte habe um fünf Uhr die Leiche des erſchoſſenen Sägeknechts unter einem großen Zulaufe von Menſchen aus der ganzen Gegend zu Grabe geleitet und an dem Grabe eine ergreifende Rede gehalten, ſo daß alle Zuhörer erſchüttert vom Kirchhofe weggegangen ſeien. Noch aber habe mein Gatte zu Hauſe ſeinen Kirchenrock nicht abge⸗ legt gehabt, ſo ſeien der Amtmann Haldweg und die beiden gräflichen Förſter ins Pfarrhaus gedrungen, haben den Paſtor wegen ſeiner Rede mit Vorwürfen und Drohungen überhäuft und ihn bezüchtigt, er ſei der Verfaſſer des Schmähartikels gegen die gräfliche Forſtverwaltung im Dornauer Amtsblatt. Herr Haldweg habe Papa erklärt, er werde nicht eher ruhen, 240 als bis er meinen Gatten, den unruhigen Kopf, den„Libera⸗ len,“ den„Demokraten,“ den Freigeiſt, vom Dienſte gebracht habe, und er ſuspendire den Paſtor einſtweilen von aller und jeder Amtspflicht, bis die weiteren Verfügungen von Seiten des Rentmeiſters und des Patronatsherrn einträfen. „Und was hat ihnen Papa geantwortet, liebe Helene?“ fragte ich voll Todesangſt, denn ich fürchtete, Hermann habe ſich am Ende zu einer Heftigkeit hinreißen laſſen, die vollends Alles verdorben habe. „Papa war ruhig und gefaßt, liebe Mutter, und hat all' dem Toben und Schreien einen ſtillen Muth und eine wunder⸗ bare Faſſung entgegengeſetzt,“ erwiederte Helene.„Er ſagte ihnen: ‚Es iſt mir ein Kleines, daß ich von einem menſchlichen Tage gerichtet werde, denn der Herr iſt's, der mich richtet.' Ich habe jenen Artikel im Amtsblatt nicht geſchrieben, ich kann ihn daher nicht zurücknehmen, wie ich auch kein Wort von alle dem widerrufen werde, was ich auf der Kanzel und am Grabe über das Verbrechen geſagt habe, deren Opfer der Säge⸗ knecht ward. Einer Unterſuchung gegen mich durch die Ge⸗ richte und durch meine vorgeſetzte geiſtliche Behörde ſehe ich mit Ruhe entgegen und unterwerfe mich deren Spruche mit Ergebung.“— Darauf erklärte ihm der Amtmann, wenn er nicht widerrufe, werde er binnen drei Monaten vom Dienſte gejagt werden, worauf Papa erwiderte: ‚Der Patronatsherr kann mir geſetzlich nur den Dienſt kündigen; vom Dienſte jagen kann mich nur Gewalt, Willkür oder Verurtheilung wegen eines Verbrechens, Herr Amtmann; ich ſehe der Zukunft mit gutem Gewiſſen entgegen.“— Und damit hatte er die drei wuthſchäumenden Männer ſtehen gelaſſen, und war hinweg⸗ 241 gegangen, angeblich um mir entgegenzugehen und mich vorzu⸗ bereiten.“ Alſo auch dies noch? Noch eine gerichtliche Unterſuchung und der Verluſt von Amt und Brod? dachte ich, und einige Minuten drohte das Uebermaß dieſer Kümmerniſſe mich nieder⸗ zudrücken; dann aber klammerte ich mich feſt an den Gedanken an, daß ich wenigſtens den Kopf nicht verlieren dürfe.„Es kommt Alles zuſammen, Helene, um uns aus dem gewohnten Geleiſe herauszuwerfen und unſern beſcheidenen Hausſtand zu vernichten,“ ſagte ich.„Allein wer weiß, wozu es gut iſt? Vielleicht iſt es eine Schickung von oben, um unſerem ganzen Leben eine andere Wendung zu geben!“ „Wenn Papa ſeinen Dienſt verliert, dann ziehen wir in eine große Stadt; wir Beide geben Unterricht, gründen eine Arbeitsſchule für Kinder, und um Papa iſt mir auch nicht bange, denn ein Mann von ſeiner Gelehrſamkeit iſt ſicher im⸗ mer geſucht,“ erwiderte Helene.„Unſere Freunde ſagen ja alle, es ſei ſchade, daß Papa mit ſeinem großen Wiſſen hier auf dem Dorfe verſauere.“. „Liebes Kind, Dein Plan wäre ſchon gut, wenn wir nur die Mittel hätten, von hier in eine große Stadt zu ziehen und einſtweilen dort zu leben, bis wir wieder einen Nahrungsſtand haben. Aber Du vergiſſeſt, gute Helene, daß man uns ſelbſt unſere wenige Habe noch nehmen wird. Wir werden dann kaum mehr haben, wohin wir unſer Haupt legen.“ „Mit nichten, lieb Mütterchen,“ ſagte Helene muthig;„ich weiß das beſſer. Der Exekutor war heute Nachmittag hier und ich habe mit ihm geſprochen, weil Papa nicht im Ausarbeiten ſeiner Grabrede geſtört ſein wollte. Er ſagte, Heymann Levi bekomme keinen Pfennig, denn was wir haben, könne man Mylius, Für Frauenhand. I. 16 242 uns nicht nehmen, das ſei Alles Kompetenz, und der Gerichts⸗ Aſſeſſor, welcher morgen kommen ſoll, um die Vermögens⸗Un⸗ terſuchung vorzunehmen, habe geſagt: die Sache habe keine Eile, denn es ſei gar kein Grund zum Konkurs gegen Papa, da ja nichts vorhanden ſei, woran ſich die Gläubiger halten könnten— die Kompetenz und die Anſprüche der Frau er⸗ ſchöpften Alles, und das Gericht werde nicht zugeben, daß man einem gebildeten Manne mit einer ſo zahlreichen Familie auch noch einen namhaften Theil ſeiner kleinen Beſoldung abziehe. Und der Exekutor behandelte die Sache wie einen guten Spaß, den man ſich mit den Gläubigern mache.“ „Hüte Dich, mein Kind, dieſe Angelegenheit ſo leicht zu nehmen,“ erwiderte ich.„Mag's auch dahingeſtellt ſein, ob der Exekutor Recht hat oder nicht, ſo dürfen wir die Sache nie⸗ mals von dieſer leichtſinnigen und weltlichen Seite auffaſſen.“ „Aber, liebſte Mama, das thue ich ja auch nicht,“ ſagte Helene mit Thränen in den Augen;„ich nehme eure Sorgen und Noth wahrlich nicht leicht, aber ich wollte nur hervorheben, daß ja am Ende in jedem Unfall auch wieder ein Troſt liege.“ Ja, mein gutes Kind hatte Recht; die Vorſehung ſchickt dem Menſchen gewiß niemals ein Unglück, das nicht wieder irgend eine gute Seite hätte! dachte ich, und ſah mich im Haus⸗ weſen um, aber Helene hatte für Alles treulich geſorgt. Die Knaben waren baden gegangen, das Abendbrod ſtand bereit: Dickmilch und Butterbrod; nur Hermann fehlte noch, und ſein Ausbleiben machte mich unbehaglich. Indem kam der Schulze, und in ſeinem wehmüthigen, ernſten Geſicht las ich ein neues Unglück. Allein ich täuſchte mich: er brachte einen Thaler für die Leichenrede, welche der Paſtor dem Erſchoſſenen gehalten, und die aus dem Armenfonds bezahlt werden mußte. Ich 243 bringe Ihnen das Geld ſchon heute, Frau Paſtor'n, denn ich weiß, daß morgen der Gerichts⸗Aſſeſſor zur Vermögens⸗Unter⸗ ſuchung kommt,“ ſagte er;„und morgen hätten dann die Gläubiger Anſpruch daran. Ich kann Sie verſichern, Frau Paſtor'n, daß ich Sie im innerſten Herzen bedauere, denn ich weiß, Sie haben redlich gekämpft und geſorgt, damit Sie in der Wirthſchaft die beiden Enden zuſammenbringen. Aber es iſt ja gottsvergeſſen, daß die Herrſchaft dem Herrn Paſtor, der doch ein ſtudirter Mann iſt, weniger bezahlt, als dermalen je⸗ der Maurer aus dem Dorfe in der Stadt Tagelohn verdient. Und wie ſehr es mir auch nahe geht, Frauchen, daß wir Herrn Poſtel als Paſtor verlieren ſollen, wie der Herr Amtmann heute Abend im ‚Adler' gedroht hat, ſo denk' ich doch, es wird zu des Herrn Paſtors Beſtem ſein, und an unſerm Zeugniß ſoll's dem Herrn Paſtor nicht fehlen, wenn ihm der Herr Amt⸗ mann an den Kragen will. Wir werden feſt bei der Wahrheit ſtehen.— Darum nur hübſch den Kopf oben behalten, meine liebe Frau Paſtor'n! Steht ja doch in der Schrift: der Herr ſänftiget den Wind auch für das geſchorene Lamm. Es wird Ihnen auch Gutes aus dem Ueblen erwachſen, und ſollten Sie auch hier abziehen, ſo hinterlaſſen Sie Alle ein geſegnetes An⸗ denken.“ Solch ein Troſtwort ſelbſt aus dem ſchlichteſten Munde thut unendlich wohl, und ich war wieder ruhig und gefaßt, als mein Gatte endlich heimkehrte. Er war bleich und verſtört, und ein tiefer Schmerz lag in ſeinen Zügen. Stumm reichte er mir die Hand und ſah mich fragend an, und ich ſagte ihm, daß ich Alles wiſſe. „In drei Monaten, Clara, ſind wir heimathsloſe Bettler,“ ſprach er, und in ſeiner Stimme lag ein verhaltenes Weinen. 16* vEmEWMWMUTRNhhdhNPDD S S D„ T„dDQhn 244 „Oder auf einer beſſeren Stelle, die Deiner würdiger iſt, lieber Mann. Sprich nicht ſo muthlos, und laß Dich nicht von uns Frauensleuten beſchämen. Bitte morgen den Grafen ſelbſt um Entlaſſung von der Stelle, komm' den Umtrieben des Amtmanns zuvor, bewirb Dich bei dem Konſiſtorium um eine andere Stelle, die man Dir ja ſchuldig iſt, und bis dahin, wo Du wieder eine Pfründe haſt, wollen wir in eine größere Stadt ziehen und Unterricht ertheilen und arbeiten, und der liebe Gott wird weiter helfen. Du haſt ja immer geſagt: es ſei nachgerade an der Zeit, die Knaben in die Stadt zu bringen, wo ſie beſſeren und regelmäßigen Unterricht erhalten. Komm, mein theurer Hermann, gib nicht dem nutzloſen Schmerze Raum; es wird ſich auch für Dich ein anderes Unterkommen finden.“ „Das ſagte auch der Superintendent, Clara,“ erwiderte er.„Ich danke Dir für Deine Faſſung und Deinen Muth, denn ich fürchtete, Dich werde es tiefer erſchüttern als mich. Aber nun ſehe ich, daß Du, wie immer, die Praktiſchere und Entſchloſſenere biſt.“ Nach dem Abendbrod gingen wir im Mondſchein Arm in Arm im Garten auf und nieder, und ich erzählte Hermann den Fund des Geldes und die ſchmutzige, filzige Handlungs⸗ weiſe des Herrn Kratky.„Der Vorfall war allerdings demüthi⸗ gend, liebes Herz,“ meinte mein Gatte;„allein der Vorwurf jenes Mannes iſt verdient, denn Du hatteſt kein Recht, eine Belohnung zu erwarten, wenn Du nur einer alltäglichen Pflicht genügt hatteſt.“ „Hermann,“ verſetzte ich,„haſt Du felber ſchon derartige Verſuchungen erlebt?“ „Nein, ich bin noch niemals in den Fall gekommen, Geld behalten zu wollen, das nicht mein war,“ ſagte er. 245 „Jenun, dann kannſt Du meine Empfindungen und Regungen auch nicht würdigen, lieber Mann; es liegt nicht in unſerer Macht, zu verhindern, daß Verſuchungen uns nahe treten, aber in unſerer Gewalt, dieſelben zu überwinden; und ich haͤbe ſie überwunden.“ Er küßte mich auf die Stirne und ſagte:„Du biſt meine gute wackere Clara, die edelſte Frau, die jemals lebte. Kratky hätte allerdings freigebig gegen Dich ſein dürfen, aber ich bin froh, daß wir ihm nicht verpflichtet ſind; Deine That hat in meinen Augen nun ein deſto größeres Verdienſt.“ „Aber wie ſollen wir aus unſerer Bedrängniß heraus⸗ kommen und Jenen dort los werden?“ ſagte ich und deutete auf Fricke, der rauchend unter dem Fenſter der Schulſtube lag. „Durch Geduld, meine Liebe; die Hülfe wird nicht verziehen, wenn ihre Zeit gekommen iſt,“ erwiderte er.„Auch ich war einen Augenblick außer mir, aber ich habe meinen feſten Anker wieder gefunden.“ Der Donnerſtag brach nach dieſem ſtürmiſchen Mittwoch verhältnißmäßig ruhig an, obſchon wir wußten, was für neue Heimſuchungen er bringen werde. Zunächſt brachte er mir keinen Brief vom Onkel Kohlhardt, der alſo offenbar nicht helfen wollte;— was ſollte nun aus uns werden?— Her⸗ mann war frühe aufgeſtanden und ſchrieb Briefe. Er gab zunächſt ſein Entlaſſungsgeſuch nicht ein, wie ich vorgeſchlagen hatte, ſondern proteſtirte nur gegen ſeine Suspenſion, als die ungeſetzliche Verfügung einer inkompetenten Behörde. Dann ſchrieb er an einige ſeiner früheren Univerſitätsfreunde in Berlin und bat ſie um ihre Verwendung für ſich, da er auf eine Stelle im Staatsdienſte aſpiriren wolle. Er that jetzt Alles das, um was ich ihn ſeit Jahren vergebens gebeten und was er immer aus Beſcheidenheit, Demuth und— vielleicht auch aus Indolenz abgelehnt hatte. Hermanns Verwandte waren zum Theil einflußreiche Leute, deren Fürſprache ihm nicht entgangen wäre, wenn er dieſelbe nachgeſucht hätte, und dann wären wir ohne Zweifel längſt in beſſere Umſtäude ge⸗ kommen. Mein Gatte war bei allen Vorzügen ſeines Charak⸗ ters eine im Grunde jungfräulich argloſe und unpraktiſche Natur. Den Knaben hatte ich heute abermals wieder einen Feier⸗ tag gegeben, und ſie waren in den Wald gegangen; ich hatte aber in den Augen von Theodor und Heinrich ihre Verwunde⸗ rung über die ungewohnte Störung der ſonſt ſo ſtrengen Haus⸗ ordnung geleſen.— Helene gab den beiden Töchtern des Flei⸗ ſchers Riebe ihre erſte Lektion, und ich machte mir im Hauſe herum zu ſchaffen und ärgerte mich über die Neugierde, womit Bethchen gar zu gern erfahren hätte, wer denn der ſonderbare Gaſt im Schulzimmer ſei, dem ſie Morgens die Stube und die Stiefeln reinigen und Abends das Bett auf das Sopha machen mußte. So oft die Hausglocke ertönte, ſchrak ich jedoch zu⸗ ſammen, denn ich fürchtete den Beſuch des Gerichts⸗Aſſeſſors. Um halb elf Uhr erſchien dieſer endlich und verlangte meinen Gatten zu ſehen; er hatte einen Schreiber und zwei Gemeindeſchöffen bei ſich, war aber freundlich und höflich. Als ich Hermann herbeirief und er den Aſſeſſor erblickte, wich einen Moment die Farbe von der Wange meines armen Gatten. „Sie kommen, um die Vermögens⸗Unterſuchung gegen mich einzuleiten, Herr Aſſeſſor?“ fragte Hermann mit unſicherer Stimme. „Mit nichten, Herr Paſtor, damit hat es noch keine Eile, denn es wird da wenig für Ihre Gläubiger zu holen ſein,“ „ 24⁷ verſetzte der Aſſeſſor.„Ich komme, um Sie zu inquiriren. Sie ſind angeſchuldigt der Ehrenkränkung durch die Preſſe gegen die Beamten des Grafen Hoyer. Sie haben ohne Zweifel Kenntniß von einem Artikel im Dornauer Amtsblatt, über⸗ ſchrieben ‚das Ereigniß in Feldwies.“ Sie ſind angeklagt, den Artikel verfaßt oder wenigſtens eingeſandt zu haben.“ „Weder das Eine noch das Andere, Herr Aſſeſſor,“ ver⸗ ſetzte mein Gatte;„geleſen habe ich den Artikel zwar, aber nicht einmal gebilligt.“ „Nicht?“ fragte der Aſſeſſor und ward plötzlich ernſthaft und ſinſter.„Jenun, dieſe einfache Erklärung enthebt mich nicht der unangenehmen Nothwendigkeit, ein Verhör mit Ihnen vor⸗ und ein Protokoll aufzunehmen!“ Hermann erklärte ſich bereit und führte die Herren in ſeine Studierſtube, wohin ich ihnen folgte, denn der Schreck hatte mich beinahe gelähmt. Der Aſſeſſor that, als bemerke er mich gar nicht, war aber freundlicher und ſagte: er habe in Sachen der Unterſuchung wegen des erſchoſſenen Wilddiebes Geſchäfte im Dorfe gehabt und dieſe Gelegenheit wahrnehmen wollen, um meinem Gatten einen unliebſamen Gang vor Amt und eine Vorladung zu erſparen, was ihm Hermann ſehr dankte. Dann begann das Verhör, das erſte, deſſen ich in meinem ganzen Leben Zeugin war und deſſen Ernſt mich bei⸗ nahe ohnmächtig machte. Man las meinem Gatten eine lange Klagſchrift des Amtmanns und der beiden Förſter vor, worin allerlei Anklagen wegen Verleumdung gegen ihn erhoben, er als der Einſender jenes Artikels bezeichnet und ſchließlich eine ſchwere Geld⸗ und Gefängnißſtrafe gegen Hermann beantragt wurde. Mein Gatte aber blieb immer gelaſſen und ſanft, leugnete die Bezüchte, gab ſeine geſchriebene Predigt und 248 Leichenrede zu den Akten und betheuerte, in keinerlei Bezug zu dem Artikel zu ſtehen. Hierauf legte ihm der Aſſeſſor das Manuſkript jener Einſendung vor, welches von einigen Zeilen begleitet war, in welchen der Einſender, der ſich mit dem Na⸗ men meines Mannes unterzeichnet hatte, um Aufnahme des Artikels in das Amtsblatt bat. Es ging mir ein Stich durch das Herz, als mein Gatte das Blatt in die Hand nahm und die Farbe wechſelte; dann aber verſicherte er: weder die Hand⸗ ſchrift, noch den Artikel, noch den Brief als den ſeinigen anzu⸗ erkennen, ja ſelbſt in Abrede ziehen zu müſſen, daß er auch nur die Inſpiration dazu gegeben; es habe irgend Jemand ſeinen Namen mißbraucht, und der Aſſeſſor werde aus der Ver⸗ gleichung der Handſchrift des Artikels und der Predigten oder eines der vielen umherliegenden Manuſkripte leicht ermitteln können, daß dieſelben nicht identiſch ſeien. „Allerdings, es iſt eine jüngere und minder geläufige Handſchrift, Herr Paſtor,“ ſagte der Aſſeſſor;„aber es könnte ja ein Diktat ſein. So lange wir den Schreiber nicht ermit⸗ teln und den Beweis nicht erbringen können, daß Sie daran unbetheiligt ſind, ſteht die Sache immer ſchlimm für Sie. Iſt Ihnen denn die Handſchrift des Fremden nicht bekannt?“ „Sie dünkt mir bekannt, aber ich bin weder meiner Sache ſicher genug, noch berechtigt, einen Verdacht auszuſprechen, Herr Aſſeſſor. Der Artikel iſt offenbar ein übereilter, jugend⸗ licher Streich, im Affekt verübt.“ „Aber bübiſch und dolos durch die angebliche Benützung Ihres Namens, Herr Paſtor! Nennen Sie mir den Thäter, wenn Ihr Argwohn nur einigen Anhalt hat.“ Hermann ſagte, er könne es nicht über ſich gewinnen, den Denunzianten zu machen, um ſo mehr als der Artikel im We⸗ ſentlichen Wahres enthalte und nur in der Form fehle, worin zu weit gegangen ſei. Mehr wolle und könne er vorerſt nicht ausſagen. Der Aſſeſſor ſchloß das Protokoll, ſchickte die Leute fort und redete dann meinem Gatten zu, den Thäter zu nennen, falls er ihn ahne oder erkannt habe, da es außerdem für Her⸗ mann ſchwer ſein würde, die Anklage des Amtmanns zu ent⸗ kräften, was ja für meinen Gatten von den gewichtigſten Fol⸗ gen ſein könnte. Aber Hermann beharrte auf ſeiner Weige⸗ rung und blieb ſelbſt für meine Bitten taub. Die Handſchrift ſei verſtellt, und er getraue ſich kein Urtheil, zumal in einer Sache, welche möglichermeiſe ſolch' ernſte Folgen haben könne. Plötzlich hörten wir Stimmen auf dem Flur und Bethchen kam herein und meldete, Herr Link, der Lehrgehülfe, wünſche den Herrn Paſtor zu ſprechen, und Link trat ein, ehe er noch. die Erlaubniß erhalten hatte, ſtürzte auf meinen Gatten zu, bat ihn mit Thränen in den Augen um Verzeihung und be⸗ kannte ſich als den Verfaſſer und Einſender des Artikels im Amtsblatt. Als er die begleitenden Zeilen geſchrieben, ſei ihm plötzlich der Einfall gekommen, der Buchdrucker Rahn könnte den Artikel nicht aufnehmen, weil er den Einſender nicht kenne, und er habe daher, ohne ſich von der Tragweite einer ſolchen Fälſchung Rechenſchaft zu geben, den Namen des Paſtors dar⸗ unter geſetzt, aber ſeither keine ruhige Stunde mehr gehabt, zumal als er gehört, daß man den Paſtor deßwegen in An⸗ klageſtand verſetzt. Er ſei zwar im Stande, alle ſeine Behaup⸗ tungen in jenem Artikel zu beweiſen, allein er würde hierdurch ſicher ſeine Stelle verlieren und bequeme ſich daher zum Wi⸗ derruf. Großer Gott! ſo böſe ich dem unbedachten jungen Men⸗ ſchen war, ſo hätt' ich ihm in dieſem Augenblicke um den Hals fallen mögen! Der Aſſeſſor drückte meinem Gatten ſtumm die Hand, denn er hatte begriffen, aus welchem Beweggrund Her⸗ mann den Schuldigen nicht verrathen; und der Aſſeſſor for⸗ derte den Lehrgehülfen auf, ihm nach dem Rathhauſe zu folgen, um ein Protokoll über ſein Geſtändniß aufzunehmen. Er meinte, die übrigen Punkte der Anklage gegen meinen Gatten laſſen ſich leicht widerlegen, und es werde wohl kein weiteres Verhör mehr erforderlich ſein. Ich hatte Hermann unter Freudenthränen umarmt, als wir allein waren. Dieſer Streich war ja an uns vorüberge⸗ gangen. Helene kam, um uns zu Tiſche zu rufen, denn die Knaben waren hungrig vom Walde zurückgekehrt; und als ich Herrn Fricke ſeine Portion hinunterſchicken wollte, beſtand mein Gatte darauf, daß der Mann bei uns am Diſche eſſe, denn ſo unangenehm ſeine amtliche Stellung auch ſei, ſo könne er ja doch ein anſtändiger und rechtſchaffener Mann ſein, und habe ſich jedenfalls gegen uns rückſichtsvoll erwieſen; Stolz aber gezieme Leuten in unſerer Stellung am wenigſten. Und ob⸗ ſchon ich Hermann bat, den Mann um der Kinder willen nicht mit uns eſſen zu laſſen, weil die Knaben leicht Fragen an uns ſtellen könnten, beſtand doch Hermann darauf und wir mußten Fricke herbeiholen. Der Reſt des Tages verging ohne weitere Erlebniſſe. Herrmann ſchrieb den ganzen Tag an ſeinen Briefen, und als wir Abends ſpazieren gehen wollten, kam ein entſetzliches Ge⸗ witter und bannte uns an die Stube. 4 Jenen Freitag werde ich lebenslang nicht vergeſſen. 251 Regen hatte ſich nicht mit dem Gewitter verzogen, ſondern es goß noch immer wie in Strömen herab, und der Morgen war ſo düſter und grau, daß es Einem förmlich auf dem Gemüthe lag, und namentlich mir, die ich mein letztes Zehngroſchenſtück hatte wechſeln laſſen, um einige unentbehrliche Kleinigkeiten zu kaufen. Mir erſchien jetzt Alles ſchwarz und trüb und hoff⸗ nungslos, und ich vermochte den Gedanken nicht los zu wer⸗ den, daß ich noch vor Abend meinen letzten Pfennig ausgegeben haben würde, und Hermann, das wußte ich, hatte auch kein Geld mehr, denn ich hatte Heinrich geſtern Abend, als er die Briefe frankirte, noch achtzehn Pfennige dazu geben müſſen. Allerdings wäre es meine Chriſtenpflicht geweſen, mein Bißchen Muth und Selbſtbeherrſchung jetzt geltend zu machen; ich hatte ja erſt vor dem Frühſtück meinen Gatten jene herr⸗ lichen gnädigen Verheißungen aus dem Buche der Bücher vor⸗ leſen hören. Allein ich berichte hier lautere Wahrheit, und ſo darf auch mein Kleinmuth und meine ewig wechſelnde Stim⸗ mung nicht verſchwiegen bleiben. Du lieber Himmel! jede Mutter, die ſich in meine Lage verſetzt, wird keinen Stein auf mich werfen, weil ich vor Seelenangſt bebte, da ich keinen Drittelsthaler mehr in der Taſche, keine Vorräthe mehr im Hauſe und keinen Kredit hatte, dagegen aber den Gehülfen des Exekutors unter meinem Dache und außerdem acht Perſonen zu ernähren. Ich konnte mich nicht mehr halten, ſondern eilte in Hermann's Studierſtube, wo dieſer ſoeben ſeine Predigt für den kommenden Sonntag begonnen hatte, warf mich neben ſeinem Stuhl auf die Kniee nieder, und brach in ein lautes herzbrechendes Wehklagen aus. „Clara! liebes Herz! ich bitte Dich, um meinet⸗, um un⸗ ſer Aller willen laß Dich nicht ſo ſehr von der Muthloſigkeit übermannen!“ ſprach Hermann ſanft, legte ſeine Feder hin, und beugte ſich zu mir herab, um mich zu liebkoſen und mein ſorgenſchweres Haupt in ſeine beiden Hände zu nehmen.„Raube mir nicht auch meine Faſſung, liebe theure Seele! Wo iſt denn Dein Glaube, Dein Gottvertrauen? Was ſind dieſer Zeit Leiden alle gegen die Freuden und Herrlichkeiten der Ewig⸗ keit.. a „Ach, Hermann, Du haſt gut predigen auf Deiner Kanzel, aber wo ſoll Deine Predigt einer armen verzweifelnden Mutter helfen!“ rief ich.„Für meinen Theil wollte ich Alles ertragen, aber die armen Kinder, die von morgen an hungern ſollen! Wir haben nur noch wenige Groſchen im Hauſe und keine Einnahmen vor uns. Ach, Hermann, mach' nur ein einziges Mal eine Anſtrengung und rühre Dich! Der liebe Gott hilft ja Denen, welche ſelber zugreifen. Thu' nur einen einzigen Schritt und Du ſollſt keine Vorwürfe mehr von mir hören!“ Meine Heftigkeit rüttelte ihn aus ſeiner ſanften, gelaſſenen Weiſe auf und er fragte halb verlegen:„Was kann ich denn thun, außer hoffen und warten, Clara?“ „Du kannſt Geld borgen!“ verſetzte ich barſch. „Borgen? Und von wem?“ fragte er;„ich war vor⸗ geſtern Abend drüben bei Herrn v. Illgen auf dem Gute, um von ihm ein kleines Darlehen zu erbitten, aber er iſt auf acht Tage nach Dresden zu ſeiner Schweſter. Ich ſagte Dir's nicht, um Dich nicht durch eine vereitelte Hoffnung mehr zu betrüben. Aber ich weiß keine befreundete Seele mehr in der Nachbar⸗ ſchaft, an die ich mich wenden könnte... Und doch, warte,“ fuhr er lebhaft fort,„da fällt mir ſo eben etwas ein! Nach Tiſche, wenn ich mit meinem Predigtentwurfe fertig bin, werde ich zu Herrſch Moſes gehen und meine Taſchenuhr und meinen Ehering verpfänden, meine einzigen Kleinodien! Das wird über einige Tage hinweg helfen!“ So ſehr mich dieſes Opfer ſchmerzte, ſo ging ich doch ge⸗ tröſteter von Hermann hinweg, und nahm die Uhr und den Ring mit, um ſie ſogleich ſelber zu dem Hebräer zu tragen, der uns ſchon mehrfach in ähnlicher Weiſe geholfen hatte. Kaum war ich von dem Juden zurück, als der Gerichts⸗Aſſeſſor kam, aufgeregt und haſtig.„Nur auf ein Wort, Herr Paſtor,“ hub er erhitzt an;„machen Sie ſich raſch reiſefertig, Sie müſſen mit mir... „Sie wollen mich verhaften, Herr Aſſeſſor?“ fragte Her⸗ mann betreten. „Warum nicht gar? Fällt mir nicht ein; hätte auch keinen Grund dazu,“ ſagte er lächelnd.„Nein, Sie müſſen mit mir nach Grubenthal und einen hartgeſottenen Burſchen auf eine Eidesleiſtung vorbereiten. Die Sache eilt ſehr, damit wir end⸗ lich klar ſehen... Ah, ich merke, Sie ahnen nicht, um was es ſich handelt. Na, hören Sie denn! Alle Jäger und Forſtwäch⸗ ter des Grafen haben ein Alibi nachgewieſen und können den Sägeknecht nicht erſchoſſen haben, und doch konnte der Schuß nothgedrungen nur von einem Jäger herkommen. Da meldet mir der Steuerbote Fleckſch geſtern Abend, er wiſſe vom Hörenſagen, daß einer der Hammerſchmiede auf dem Gruben⸗ thaler Werk geäußert, er habe am Sonntag vor Tag den Säger Kleemann mit ſeinem älteſten Knaben, der einen Sack ge⸗ tragen, zu Holz gehen ſehen, und Gottfried müſſe den Schützen kennen, denn er ſei nach dem Schuß in wilder Flucht den Richt⸗ ſteig hinuntergerannt. Auch könnte er den Schützen nennen, wenn er nur wollte. Wir haben es dem Hammerſchmied vor⸗ gehalten, aber er leugnet Alles; allein auch der Hauſirer leug⸗ net, gegen welchen er die Aeußerung gethan und der ſie dem Steuerboten wieder erzählt hat. Nun mußéich wenigſtens den Hauſirer ſchwören laſſen, den wir einſtweilen eingeſperrt haben, und Sie müſſen mir dafür ſorgen, daß mir der Burſche keinen Meineid ſchwört. Auf den Hammerſchmied wollen wir dann ſchon einwirken, daß er plaudert, denn der Kerl war offenbar am Sonntag Morgen ſelber im Wald, um zu wilddieben!“ Während mein Gatte ſich ankleidete, erzählte ich dem Aſſeſſor den Vorfall mit dem Gewehrſchloß, welches am Sonn⸗ tag Nachmittag meinem Hermann übergeben worden war, und er nahm die Sache mit Begierde auf.„Ich danke Ihnen für dieſen Wink, Madame, und werde ihn verfolgen,“ ſagte er ſichtlich vergnügt.„Je ſchneller dieſe Unterſuchung wegen des Erſchoſſenen beendigt iſt, deſto ſchneller kommen wir an Ihre Sache. Aber der Kriminalfall iſt wichtiger, weil gar zu leicht Indicien verloren gehen könnten, wenn wir lange ſäumen.— Uebrigens fällt mir ein, daß ich Ihnen den Gehülfen des Exe⸗ kutors vom Halſe ſchaffen kann, indem ich ein Protokoll auf⸗ nehme, welches Sie und der Herr Paſtor unterſchreiben. Sie ſind dann der läſtigen Gegenwart jenes Menſchen enthoben.“ Hierauf ſchrieb er etwas nieder und belehrte mich, daß ich von dieſer Stunde an von unſerer ganzen Fahrniß nichts verkaufen, verpfänden, verſchenken, veräußern oder verderben dürfe, bei hoher geſetzlicher Strafe, ſondern am Tage der Fahr⸗ niß⸗Aufnahme Alles ſo angeben und vorlegen werde, wie es zur Stunde in meinem Beſitz ſei. Dies mußten Hermann und ich unterſchreiben, und der Aſſeſſor rief dann Herrn Fricke und entließ ihn. Wir mußten ihm drei Thaler zwanzig Silber⸗ groſchen Taggeld bezahlen, was beinahe die ganze Summe erſchöpfte, welche ich vom Juden gebracht hatte; aber der un⸗ liebſame Gaſt war nun wenigſtens entlaſſen. „Vergeben Sie mir, Herr Paſtor, daß ich nicht am Diens⸗ tag ſchon an dieſes Auskunftsmittel dachte; allein ich hatte den Kopf ſo voll mit der Kriminal⸗Unterſuchung, und der Gerichts⸗ Direktor iſt auf Urlaub.— Apropos, Madame, dieſer Kratky hat ſich als ein rechter Schmutzfinke Ihnen gegenüber benom⸗ men,“ wandte er ſich dann an mich.„Der Mann hätte ver⸗ dient, daß das Portemonnaie in die Hände einer minder an⸗ ſtändigen Perſon gefallen wäre.“ Der Aſſeſſor und mein Gatte gingen im ſtrömenden Regen, und da ich Herrn Fricke nicht ohne Imbiß gehen laſſen wollte, ſo bat ich ihn, noch über Mittag zu bleiben und unſere frugale Mahlzeit zu theilen, denn mein Gatte konnte ja doch nicht miteſſen. Fricke war damit einverſtanden und ſchied dann mit vielen Dankſagungen. Gegen drei Uhr trabte ein Reiter die Straße herauf und hielt vor dem Pfarrhauſe. Es war ein Poſtillon als Stafette, welcher einige Briefe brachte. Auf dem einen davon in einem großen Couvert mit ſchwarzen Rändern ſtand mit großen Buchſtaben:„Durch Stafette oder Extraboten zu beſorgen.“ Ich war mit mir uneins, ob ich den Brief annehmen ſolle, denn er ſollte zwölf Silbergroſchen koſten— bis auf einige Pfennige meine ganze Baarſchaft. Die Handſchrift war mir ganz unbe⸗ kannt, aber dem Poſtſtempel nach kam der Brief von B., dem Wohnorte meines Onkels. Helene hatte aber von dem Poſt⸗ knecht erfahren, daß wir die Stafette bezahlen müßten, gleich⸗ viel ob wir den Brief annähmen oder nicht, und ſo zahlte ich denn mit einem wahren Herzkrampf das Geld, und war nun buchſtäblich ausgebeutelt. Während Helene und ich uns noch die Köpfe zerbrachen mit Grübeln, was denn der Juſtizrath Hirt, von dem der Brief laut Stempel kam, uns ſo Wichtiges mittheilen könne, daß es einer Stafette bedürfe, trat mein Gatte ins Zimmer. Er war ſehr bewegt und wollte mir eben erzählen, was ihm begegnet war, als ich ihm den Brief ein⸗ händigte. Langſam erbrach er ihn, nachdem er ihn von allen Seiten betrachtet hatte. Ein Kaſſenſchein von fünfzig Thalern fiel heraus, als er das Papier auseinander ſchlug. „Gott ſei geprieſen, das kommt von Onkel Kohlhardt!“ rief ich, als ich den Schein aufgehoben.„Wach' ich oder träume ich? Was hat das zu bedeuten?“ „Einen Todesfall, Clara!“ verſetzte mein Gatte, welcher den Brief überflogen hatte.„Die Wege des Herrn ſind wun⸗ derbar. Wir dürfen uns nicht freuen, aber Du haſt ein Recht, Gott zu preiſen, mein liebes Herz, denn in Seiner Hand liegt Wohl und Wehe, und Er kann im Nu unſer Leid wenden. Da, lies ſelbſt den Brief, liebe Clara!“ „Ich kann nicht, meine Augen ſind voll Thränen!“ rief ich.„Lies Du, lieber Mann! Sieh, ich habe nur Gedanken für Eines: nämlich, daß der Onkel doch mit Etwas geholfen hat!“ ſagte ich und drückte den Kaſſenſchein an meine Lippen. „Ich kann mich nicht verſtellen. Lies Du für mich oder ſag' mir, was in dem Briefe ſteht.“ Und mein Gatte ſagte mir's: mein Onkel Kohlhardt war todt. Als der Brief, worin ich ihn um Hülfe beſchwor, in B. ankam, war er ſchon da, wo ihn keine menſchliche Bitte mehr erreichen konnte. Er war ſo ſchnell geſtorben, daß er nicht einmal mehr Zeit gehabt, ein Teſtament zu machen; er ſelbſt hatte es mit brechender Stimme noch geſtanden:„Ich habe kein⸗ Teſtament— Clara erbt Alles.“ Ich war, als ſeine einzige 257 Verwandte, auch ſeine Inteſtaterbin— ich, die ich ſoeben noch keinen ganzen Silbergroſchen mehr mein nannte und meine Fahrniß zu verlieren bedroht war— ich war jetzt die Univer⸗ ſalerbin eines wohlhabenden Mannes. Onkel Kohlhardt's Anwalt und Geſchäftsmann, der Ju⸗ ſtizrath Hirt, hatte meinen Brief geöffnet und geleſen; er hatte uns mit der Todesanzeige die fünfzig Thaler geſchickt und meinen Gatten gebeten, wo möglich zum Begräbniß zu kom⸗ men, welches am Samſtag früh um zehn Uhr ſtattfinden ſolle. Da war keine Zeit mehr zum Ueberlegen. Wir riefen Helene herein, damit ſie beim Schulzen den Kaſſenſchein wech⸗ ſeln laſſen und Fleiſcher Riebe's Droſchke beſtellen ſolle, denn es war keine Stunde mehr zu verſäumen, wenn Hermann noch rechtzeitig für den Nachtzug nach B. die Eiſenbahn erreichen ſollte. Ich packte das Reiſeſäckchen meines Gatten, während er ſich umkleidete, dann umarmten wir uns mit Thränen im Auge, und Hermann fuhr davon nach B., wo Onkel Kohlhardt ein prächtiges Haus gehabt, welches nun uns gehörte— uns, die wir noch vor wenigen Stunden gefürchtet hatten, binnen drei Monaten ohne Brod und Obdach zu ſein. O wie ſehr hatte Hermann Recht gehabt, als er geſagt:„Warte in Ge⸗ duld und Vertrauen!“ und ich hatte es nicht gekonnt. Ich mußte tüchtig arbeiten, um meine gewaltige Auf⸗ regung niederzukämpfen, und machte mich jetzt mit Bethchen daran, das Schulzimmer zu reinigen, welches unſer tabak⸗ rauchender Herr Fricke nicht in allzu reinlichem Zuſtand hinter⸗ laſſen hatte. Dann aber vergegenwärtigte ich mir den armen Mann und ſeine Freude über die Heimkehr zu den Seinigen nach mehrtägiger Abweſenheit, und wie wohl es ihm ſein werde, ſeine Berufsarbeit als Schuſter wieder aufzunehmen, und wie Mylius, Für Frauenhand. I. 17 behaglich er wieder in ſeinem eigenen Bette ſchlafen werde, denn Heimath iſt doch Heimath, und eigener Herd iſt Goldes werth; iſt er auch arm, hält er doch warm. Unſer Schulzimmer war vielleicht geräumiger und beſſer möblirt, als ſeine beſte Putzſtube; aber dieſe mag ihm doch weit heimiſcher erſchienen ſein.. Die Freude iſt weit aufregender als der Kummer, denn dieſer überkommt uns wie ein Bleigewicht, das uns zu Boden drückt, und eine ſeiner bezeichnendſten Wirkungen iſt Träg⸗ heit, Stumpfheit, Schlaffheit. Selbſt mein Gatte hatte ſich bei allem ſeinem Glauben und ergebungsvollem Vertrauen doch nicht mit der gewohnten Energie ſeinen geiſtigen Beſchäftigun⸗ gen hinzugeben vermocht, während unſere Lage ſo verzweifelt ausſah. Aber auch ſelbſt jetzt waren Helene und ich nicht im Stande, uns emſig mit den häuslichen Geſchäften zu befaſſen; wir fühlten das Bedürfniß, uns gegenſeitig auszuplaudern; und wie meine Tochter ſo vor meinem Stuhle kniete und ich ihre weichen Locken ſtrich, da dankte ich dem lieben Gott in meinem Herzen inbrünſtig, daß das gute Kind nun nicht mehr genöthigt ſei, ſein täglich Brod draußen in der herzloſen weiten Welt zu ſuchen. Und als ich meine Knaben nach dein Abend⸗ brod zu Bett ſchickte und ihnen ſagte, aß wir ſie nun in eine gute Schule ſchicken und was Tüchtiges lernen laſſen könnten, da meinte Theodor: wie gern er auch in die lateiniſche Schule in der Stadt käme, ſo könne er ſich nur halb darauf freuen, wenn Papa und Mama nicht ebenfalls mitgingen. Der wackere Knabe ward erſt wieder froher, als ich die Andeutung fallen ließ, daß wir vielleicht bald Alle zuſammen in eine größere Stadt zögen, weit fort von hier, denn nun glaubte und hoffte 259 ich ebenfalls, daß Hermann's Plan wegen der Profeſſur in München ſich verwirklichen laſſe. „Aber was ſoll denn nun mit Riebe's Töchtern werden, Mama? Müſſen wir ihnen Unterricht geben?“ fragte Helene. „Allerdings, mein liebes Kind, wenigſtens für einige Zeit; denn wahrſcheinlich bleiben wir doch noch ein ganzes Viertel⸗ jahr hier,“ ſagte ich und erſchrak dann plötzlich über alle Maßen, denn mir fiel es centnerſchwer auf die Seele, daß Hermann in der Ueberraſchung abgereist war, ohne, für den Fall, daß er nicht rechtzeitig zurück käme, einen Stellvertreter für die Sonntagspredigt und Kinderlehre zu gewinnen, und ich äußerte dies gegen Helene. „Das hat Papa rein vergeſſen, und wir müſſen nun morgen dafür ſorgen, Kind,“ ſagte ich;„aber wen von den Kollegen bitten wir um dieſen Freundſchaftsdienſt?“ Helene wußte auch keinen Rath, und dieſe Sorge quälte mich die ganze Nacht und ließ mich nicht ſchlafen, denn mir ahnte wohl, daß Amtmann Haldweg nicht ermangeln werde, daraus Kapital gegen meinen Gatten zu machen. Ach, dieſe Sorge ließ mich zu gar keiner Nachtruhe kommen und vergällte mir auch die Freude über die unerwartete Wendung unſeres „Schickſals. Ich mußt viel an meinen ſeligen Onkel denken und den großen Zufall, daß er kein Teſtament gemacht habe, worin er das Halle'ſche Waiſenhaus zum Erben eingeſetzt, wie er immer beabſichtigt hatte. Ich will mich nicht beſſer machen, als ich bin, und daher nur offen geſtehen, daß ich zwar den Onkel Kohlhardt niemals eigentlich geliebt, und daß mich da⸗ her auch ſein Tod nicht allzu ſehr erſchütterte, daß ich ihm aber gerne noch eine Reihe von Jahren hindurch das Leben gegönnt hätte, wenn er uns nur einigermaßen aus unſerer Bedrängniß 17* 260 geholfen haben würde. Obſchon hart und abſtoßend in mancher Hinſicht, hatte er ſich aber doch meiner liebreich angenommen, als ich eine verlaſſene freundloſe Waiſe war, und ich konnte ihm dies nie wieder vergeſſen. Wie ſeltſam, daß Freude und Kummer ſich ſo innig um Leben und Tod ſchlingen!— Mein ſeliger Oheim war im Grunde ein unglücklicher Mann geweſen, der keine Freunde und keine Freuden und für den nichts Werth hatte, als das Geld— ein Mann, welcher ſelbſt für mich nie ein herzliches Wort oder einen väterlichen Blick, noch gar ein freundliches Lächeln gehabt hatte. Da ich doch keinen Schlaf gefunden, war ich ſchon mit Tagesanbruch aufgeſtanden. Wir hatten an dieſem Sonnabend ja ſo viel zu thun, mußten für uns und die Knaben Trauer⸗ kleider kaufen und ſie anfertigen laſſen u. dgl. m., und mit wahrer Wehmuth entſann ich mich des Herzwehs, womit ich vorigen Sonntag die Kinder in ihrem ärmlichen Aufzuge hatte zur Kirche gehen ſehen. „Mama,“ ſagte Helene,„ich habe da einen Einfall. Papa hat vielleicht ſeine Predigt geſtern fertig gebracht, bevor der Gerichts⸗Aſſeſſor ihn abholte. Und wenn das iſt, ſo mag der Schullehrer ſie vom Altar aus vorleſen und für Papa den Gottesdienſt als Bibelſtunde halten.“ „Du haſt Recht, liebes Kind, das mag helfen; ich will 'mal ſogleich nachſehen,“ erwiderte ich, und ging in Hermann's Studierſtube, um auf ſeinem Pult nach der Predigt zu ſehen. Aber da lagen noch die Briefe, die der reitende Bote geſtern gebracht hatte, uneröffnet, bis auf ein amtliches Schreiben von der Superintendentur Dornau, worin Herr Freiesleben mei⸗ nem Manne eröffnete, er ſei auf Antrag des gräflichen Rent⸗ meiſters als General⸗Bevollmächtigten des Patronatsherrn bis —— 26 auf Weiteres von den Funktionen des Paſtorats zu Feldwies ſuspendirt und ihm in der Perſon des Kandidaten Fürkorn ein Stellvertreter auf Koſten des Patronatsherrn gegeben.— Mein Gatte hatte uns dies nicht einmal mitgetheilt, wohl aus Schonung, denn ich begriff wohl, wie tief ihm dieſe unverdiente gehäſſige Behandlung in die Seele geſchnitten haben mußte. und doch ward mir etwas leichter, als ich mich auch dieſer Sorge enthoben ſah. Die Kunde von der Erbſchaft, welche wir gemacht hatten, war wie ein Lauffeuer im Dorfe herum⸗ gekommen, und von zehn Uhr an gab ein Beſuch dem andern die Thüre in die Hand, und Leute, die ſich in Jahren nicht um uns bekümmert hatten, wetteiferten nun mit einander in Be⸗ theuerungen ihres Beileids und ihrer Theilnahme, in Glück⸗ wünſchen wie in Bedauern über die Suspenſion des Herrn Paſtors, die nur eine Kabale des Amtmanns ſei, welchem jedoch der Uebermuth auch bald werde gelegt werden, denn man munkle ſo allerlei von Ausſagen, die der älteſte Sohn des erſchoſſenen Sägers und der Hammerſchmied Franzen geſtern in ſpäter Nacht noch gemacht hätten u. dgl. m., und die den Herrn Amtmann und ſeinen älteſten Sohn, den Kandidaten, ſehr blosſtellten. Ich war jedoch gar nicht neugierig, zu er⸗ fahren, worin dieſe Gerüchte beſtünden, denn mein Herz war frei von Groll gegen Amtmann Haldweg. Er war mir nicht ſo faſt ein perſönlicher Feind, als vielmehr ein Werkzeug der Vorſehung, um unſerem Schickſal eine andere Wendung gebe zu helfen. Ich war froh, als dieſe Beſuche endlich aufhörten, und ich den beiden Nähterinnen helfen konnte, damit die Trauer⸗ kleider für Helene und mich noch zum Sonntag fertig wurden. Und namentlich ſollte Hermann die beiden Frauenzimmer nicht mehr antreffen, wenn er heimkehrte, denn er liebte dieſe Klatſch⸗ baſen nicht. Wir erwarteten meinen Gatten gegen 9 Uhr zurück, da er mit dem Zug um 7 Uhr 30 Minuten wieder in Dornau eintreffen mußte, und ich hatte Bethchen einen Hahn braten laſſen, meines Gatten Leibſpeiſe, um ihm eine Ueberraſchung zu bereiten. Gegen ſieben Uhr Abends hört' ich plötzlich Huf⸗ ſchlag auf der Straße drunten und ſah den Aſſeſſor mit drei Gensdarmen das Dorf herauf reiten und gerade auf das Pfarrhaus zukommen. Ein jäher Schreck durchfuhr mich, als er vor dem Hauſe hielt und abſtieg, während die Gensdarmen zu Pferde blieben und die Leute zuſammenliefen. Mit wanken⸗ den Knieen ging ich ihm entgegen, um mich nach der Urſache dieſes Beſuches zu erkundigen. Aber es war offenbar kein un⸗ freundlicher, denn er rief mir ſchon vom Fuß der Treppe ent⸗ gegen:„Nichts für ungut, Frau Paſtorin, und erſchrecken Sie nicht über mein Erſcheinen! Ich habe Sie nur um eine große Gefälligkeit bitten wollen, nämlich um ein Nachtquartier für mich, ſei es auch nur auf einem Sopha und um die untere Stube, worin der Gehülfe des Exekutors war, für einen Ge⸗ fangenen auf eine einzige Nacht. Das Ortsgefängniß iſt in einem erbärmlichen Zuſtande, und die Schulſtube bei Ihnen das einzige Lokal im ganzen Dorfe, das vergitterte Fenſter hat. In einer Stunde ſind wir wieder da, und ich gebe Ihnen nähere Aufklärung. Alſo Sie gewähren mir die Gaſtfreund⸗ ſchaft?“ Ich bejahte herzlich, aber allerdings etwas verblüfft; der Aſſeſſor ſchüttelte mir dankbar die Hand, ſchwang ſich wieder in den Sattel und ritt dann mit den Gensdarmen davon, daß die Funken ſtoben. Helene und ich hatten uns von unſerer Erwartung noch nicht erholt, und wir wußten noch nicht, zu was für Dingen unſer kleines Pfarrhaus auserſehen ſei, als die Leute in hellen Haufen zuſammenliefen, ſich vor dem Hauſe verſammelten, in lebhafter Erwartung mit einander geſtikulirten und dann wie⸗ der geſpannt in der Richtung der Altſchmiede hinausſahen. Endlich kam der Schulze mit etlichen Schöppen, und ich winkte ihm herauf, um ihn zu befragen, was es denn eigentlich gebe, denn auch er war ſo ernſt und verſchloſſen. „Werden es wohl bald ſelber ſehen, Frau Paſtor'n,“ ſagte er.„Ich darf nicht reden, denn es iſt Amtsgeheimniß. Man glaubt aber, daß man den Mann entdeckt habe, welcher den Säger hinterrücks erſchoſſen und nun werden ſie ihn wohl bringen, d. h. wenn ſie ihn noch kriegen!“ „Barmherziger Gott! und dieſer Menſch ſoll hier unter unſerem Dache verwahrt werden, Herr Schulze?“ rief ich. „Na ja doch, Frau Paſtor'n, nämlich wenn ſie ihn noch kriegen, denn man macht mit ſo'nem Herrn doch mehr Um⸗ ſtände, als mit einem Landſtreicher,“ ſagte der Schulze, der gar nicht zum Reden aufgelegt ſchien. Und während wir noch in großer Aufregung da ſaßen, ging es drunten unter dem Volkshaufen wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund:„Sie kommen! Sie haben ihn! Sie haben alle Beide!“ Und Theodor kam heraufgeſprungen ganz athem⸗ los und rief:„Mama, ſie bringen Amtmanns Guſtav in Ketten, er hat den Kleemann erſchoſſen!“ Ich war einer Ohnmacht nahe, denn wirklich ſah ich nun die Gensdarmen und den Aſſeſſor wieder im ſchärfſten Trabe heranreiten, und vor ihnen fuhr ein offener Wagen, worin zwei Gensdarmen ſaßen und 264 zwei junge Leute: Guſtav Haldweg, der Sohn des Amtmanns, und des Amtmanns Kutſcher. Vor dem Pfarrhauſe hielt der Wagen und man half dem jungen Manne herunter, denn er trug Handſchellen. Die Bauern ſchimpften ihn und drängten drohend heran, ſo daß der Schulze und die Gensdarmen ſie zurückweiſen mußten. Der junge Haldweg war todesblaß und ſo elend, daß mir die Thränen aus den Augen ſtürzten, denn ſchuldig wie er war, konnt' ich mich doch des tiefſten Mitleids nicht erwehren, als ich ihn ſo unter der Schmach ſeiner Lage und dem Wuthgeſchrei und Haß der Bauern zuſammenbeben und ins Haus herein⸗ wanken ſah. Ein Gensdarm führte ihn in das Schulzimmer, ein anderer blieb vor der Hausthür mit gezogenem Säbel, und der Aſſeſſor mit den zwei anderen Gensdarmen und dem zwei⸗ ten Gefangenen begaben ſich nach dem Dorfgefängniß, wohin ihnen der Schulze mit den Schöppen folgte. Das geſchah etwa um halb neun Uhr, noch bei hellem Tage, und lange nachher wimmelte es noch von Weibern und Männern vor dem Hauſe, und die Leute ließen ſich nicht ver⸗ treiben und hofften den Gefangenen noch einmal zu ſehen. Inmitten des Auflaufs kam mein Gatte in einer Droſchke an⸗ gefahren und ſchien ganz verblüfft und erſchrocken ob dem Auf⸗ lauf und dem Gensdarmen vor der Thür. Ich eilte daher hinunter und erklärte ihm die ungewöhnliche Erſcheinung. „Ach ja, ich weiß es,“ ſagte er;„ich hörte ſchon geſtern davon, durfte aber nicht reden. Kleemann's älteſter Knabe, Gottfried, hat ja ſein erſtes Geſtändniß in meine Hand nieder⸗ gelegt. Später will ich es euch erklären. Ja, ja, der liebe Gott weiß die Stolzen recht zu demüthigen und die Zuverſichtlichen zu Fall zu bringen. Der arme Amtmann hat ſich nicht träumen — — laſſen, daß ſein eigener Sohn ein Meuchelmörder von Wehr⸗ loſen ſei.— Aber komm, meine liebe Clara, wir haben von anderen Dingen zu reden!“ Und nun erzählte mir Hermann, daß er mit dem Nacht⸗ zuge nach Mitternacht B. erreicht und der Beerdigung des Oheims noch beigewohnt habe. Er hatte ſchon am frühen Morgen eine Beſprechung mit dem Juſtizrath Hirt gehabt und von dieſem das Nähere über die kurze Krankheit und den ſchnellen Tod des Onkels erfahren. Es war nun über jeden Zweifel erhaben, daß der Verſtorbene auch nicht ein Streifchen Papier hinterlaſſen hatte, womit er die Abſicht kund gab, die Francke'ſchen Stiftungen in Halle zu ſeinem Univerſalerben einzuſetzen. „Gleichwohl liegt uns in dieſer Hinſicht eine ernſte Pflicht ob, liebe Clara,“ ſagte mein Gatte.„Dein Oheim hat von jeher davon geſprochen, daß er eine heilige Verpflichtung gegen jene Anſtalten abtragen wolle. Das ganze Vermögen, welches der Verſtorbene hinterließ, mag ſich auf mehr als achtzigtau⸗ ſend Thaler belaufen, und ich hoffe und wünſche, daß Du mit demjenigen einverſtanden biſt, was ich als ein gewiſſenhafter Diener Gottes für gerecht und billig halte.“ „Wie?“ rief ich erſchrocken und aufwallend,—„Du wirſt doch nicht unſer rechtmäßiges Erbe an eine Anſtalt weg⸗ geben wollen, welche bereits reich genug iſt? Du wirſt doch das Vermögen unſerer Kinder nicht von Dir ſtoßen wollen? Mit nichten, Herrmann! Ich bin Mutter und werde nie in dieſen Vorſchlag willigen!“ „Wie ungeſtüm, Clara! Bis jetzt habe ich ja noch gar keinen Vorſchlag gemacht,“ verſetzte mein Gatte ſanft.„Ci ei, meine Liebe, immer ſo vorſchnell und oben hinaus!“ „Ja, Hermann, ich bin noch gerade ſo vorſchnell und un⸗ geſtüm wie damals, wo ich dem ſeligen Onkel erklärte, wenn ich Dich nicht heirathen dürfe, werde ich niemals heirathen! Haſt Du es bereut, Hermann, daß ich damals auch ſo unge⸗ ſtüm war?“ „Nein, mein liebes Herz, ich habe in Armuth und Reich⸗ thum es nie bereut,“ ſagte er milde;„aber Du biſt ohne Noth verletzt und ungehalten.„Schau' nur Dein Geſicht im Spiegel an! Wozu denn dieſe Zornesröthe und dieſen Ingrimm! Du haſt mich ja nicht einmal ausreden laſſen!“ Ja, er hatte Recht, meine Augen funkelten vor Zorn, und ich ſchämte mich beinahe meiner Aufregung; aber ſollte denn das Glück, welcher uns ſo unerwartet heimgeſucht hatte, nur eine Viſion, nur ein Schemen ſein? Sollten Hermann's lä⸗ cherliche Gewiſſensſkrupel die Zukunft meiner Kinder gefähr⸗ den? Ich für meinen Theil konnte von trockenem Brod leben, wenn man mir nur die Sorgenlaſt der Schulden abnahm; aber meine Kinder, meine vielverſprechenden Jungen, welche zu brauchbaren Menſchen herangebildet werden ſollten!... „Hermann, Du wirſt nicht ſo grauſam ſein, dieſes Vermögen zu opfern?“ ſagte ich. „Gerechtigkeit iſt keine Grauſamkeit, meine Liebe, und grauſam oder gleichgültig bin ich meines Wiſſens niemals ge⸗ gen Weib und Kind geweſen,“ erwiderte mein Gatte.„Sei nicht bitter und ungeſtüm, Clara, und verbanne jeden unge⸗ rechten Argwohn, denn ihr Frauen ſeid ſo gern zu voreiligen Schlüſſen aufgelegt. Komm, ſei lieb und hör' mich ruhig an, denn von dem Vergeuden dieſes Erbes iſt keine Rede,“ fuhr er fort, faßte meine beiden Hände und ſchaute mir ſanft und bittend in's Geſicht.„Weißſt Du wohl, wie hoch ſich unſer jährliches Einkommen aus dem ererbten Vermögen belaufen wird, wenn wir es ſo belaſſen, wie es dermalen angelegt iſt, was wohl das Beſte ſein wird, da ich mich nicht auf Spekula⸗ tionen und Geldverwaltung verſtehe und keinerlei Wagniß eingehen will?“ „Wie kann ich das wiſſen, Hermann? Ich habe noch nie Gelegenheit gehabt, Zinſe zu berechnen oder ein Vermögen zu verwalten!“ „Denke Dir, wir haben über viertauſend Thaler Ein⸗ künfte, liebes Herz,“ ſagte Hermann.„Meine Abſicht geht nun dahin, die Hälfte von dieſen Einkünften beiſeite zu legen und den Francke'ſchen Stiftungen in Halle als Geſchenk zuzu⸗ weiſen. Auf dieſe Weiſe werden wir in vierzig Jahren genau dieſelbe Summe abgetragen haben, welche dein Oheim jener Anſtalt hinterlaſſen wollte— und wir müſſen unſeren Kindern die heilige Verpflichtung auferlegen, daß ſie dieſer Aufgabe auch nach unſerem Tode gewiſſenhaft genügen; allenfalls kön⸗ nen wir durch ein Teſtament auch ſolche Verfügungen treffen, daß ſie ihr Erbtheil nur unter jenen Bedingungen antreten dürfen.— Bedenke, meine liebe gute Clara, noch heute vor acht Tagen mußten wir mit jährlichen dreihundert Thalern leben, und hatten nur die Ausſicht, ſelbſt dieſes geringe Ein⸗ kommen noch geſchmälert zu ſehen. Es iſt daher keine Illuſion, wenn ich glaube, daß wir mit zweitauſend Thalern Rente be⸗ haglich leben können, abgeſehen davon, daß ich mir durch eigene Thätigkeit noch einen Erwerb zu verſchaffen ſuche. Unſere Kinder aber wollen wir zur Arbeitſamkeit und Genügſamkeit erziehen, damit ſie ſich mit Wenigem begnügen lernen und die Anſprüche der Gerechtigkeit und Billigkeit achten lernen!“ Ich ſank meinem Gatten zu Füßen, wie ich ohne Beſchä⸗ 268 mung geſtehe, und rief:„Vergib, lieber Hermann! Ich bin nicht werth Deine Gattin zu ſein, noch bin ich dieſes Glückes würdig. Du ſo uneigennützig und großmüthig, und ich ſo ſelbſtſüchtig, ſo ganz aufgehend in den Sorgen um weltliches Gut und ein vergängliches mühſeliges Daſein!“ „Fortan nicht mehr mühſelig, liebe Clara,“ verſetzte er und hob mich vom Boden auf.„Der Herr hat unſer Loos be⸗ reitet auf das Lieblichſte. Laß uns nur trachten und wachen über uns ſelbſt, daß wir die Welt nicht allzu ſehr lieb gewin⸗ nen. Der Himmel hat uns den größten Luxus gewährt, näm⸗ lich daß wir im Stande ſind, ſeine Gaben zum Wohl unſerer leidenden Brüder zu verwenden. Unſere Bedürfniſſe waren bisher klein und einfach; wir wollen uns dieſe anſpruchsloſe Genügſamkeit erhalten. Wir haben ſelber Leid und Mangel kennen gelernt, und werden nun verſtehen, wie man fremde Noth lindern muß. Und nun, meine liebe treue Seele, laß mich die Kinder begrüßen und dann in mein Studirſtübchen gehen und dem lieben Gott für dieſe Stunde herzlich danken!“ Als ich zehn Minuten ſpäter Hermann dort aufſuchte, um ihm zu ſagen, daß wir einen Gaſt zum Abendbrod haben wür⸗ den, den Aſſeſſor, der ſoeben auf das Pfarrhaus zukam, fand ich meinen Gatten mit einem offenen Briefe in der Hand, Freudenthränen im Auge. „Ein Glück kommt nie allein, mein ſüßes Herz,“ erwi⸗ derte er auf meine fragenden Blicke.„Der Sekretär der Mün⸗ chener Akademie ſchreibt mir, daß mein Manuſkript auf Staats⸗ koſten gedruckt werde, und bittet mich, das Honorar ſelbſt zu beſtimmen. Das Buch iſt des großen Preiſes nicht würdig er⸗ kannt worden, weil es den vorgeſchriebenen Umfang nicht er⸗ reicht, aber es wird mir den Weg zu meinem Ziel, einem Lehr⸗ b b ——— ſtuhle, bahnen, wenn auch gerade nicht in München. O Clara, welche Genugthuung, alle jene Jahre der Sorgen und Mühen und der gewiſſenhaften Arbeit nicht umſonſt geopfert zu haben!“ „Mein lieber theurer Mann, wie viel hab' ich Dir abzu⸗ bitten!“ ſtammelte ich gerührt, und fiel ihm um den Hals; naber nun komm' zu Tiſche! Der Braten wird ſonſt kalt!“ Der Gerichtsaſſeſſor begegnete uns auf der Treppe und⸗ ließ ſich nicht lange bitten, unſer Gaſt zu ſein. Er war tod⸗ müde und hungrig, denn ſeit geſtern früh hatte ihn die Unter⸗ ſuchung in hieſiger Gegend und in Dornau herumgehetzt. Aus ſeinen Mittheilungen ging hervor, daß der hochfahrende, ſtolze, heftige Sohn des Amtmanns am Sonntag vor Tage mit dem Kutſcher ſeines Vaters heimlich zu Holze gegangen, um auf Rehe zu blatten. Das Dächſel, welches ſie mit ſich führten, hatte ſie auf die Fährte des Rehes gebracht, welches ſich in der Drahtſchlinge des Sägeknechts erwürgt, und Guſtav Haldweg lauerte nun voll Entrüſtung über dieſen ſchändlichen Wild⸗ frevel in der Nähe auf den Wilddieb, der die Schlingen gelegt, welche dieſer auch in der Frühe beſuchen werde, um ſeine Beute auszulöſen. In der That war auch Kleemann bald darauf ge⸗ kommen und hatte ſich dem Wechſel allein genähert, während ſein Knabe Gottfried einen andern benachbarten Wechſel be⸗ ſuchen ſollte, um eine zweite Drahtſchlinge daſelbſt nachzuſehen. Als der Wildieb nun niederkniete, um das erwürgte Reh aus der Drahtſchleife zu nehmen, ſchoß ihn Guſtav hinterrücks aus dem nur zwanzig Schritte entfernten Verſteck nieder und ging dann eilends davon. Gottfried war auf den Schuß herbeige⸗ eilt und hatte den fliehenden Schützen noch erkannt, ſich aber an den Boden niedergelegt, um nicht ſelber bemerkt und be⸗ ſchoſſen zu werden. Erſt nach einiger Zeit, nachdem der junge Haldweg weit entfernt war, hatte Gottfried ſich zu ſeinem Vater hingeſchlichen und dieſen bewußtlos in ſeinem Blute ge⸗ funden, worauf er nach mehreren vergeblichen Verſuchen, den Armen aufzuheben, den Vater für todt hielt und in verzweif⸗ lungsvollem Schmerz davonlief, um Hülfe aus dem Dorfe zu holen. Unterwegs noch im Walde begegnete er dem Hammer⸗ ſchmied Franzen, den er kannte, und der ebenfalls auf Rehe blatten wollte, und über den blutigen Kleidern und dem krampf⸗ haften Schluchzen des Knaben wähnte, der Schuß, welchen er vorhin in jener Gegend gehört, ſei auf den Knaben abgefeuert worden. Franzen hielt daher den Knaben an und befragte ihn über das Vorgefallene, ging dann mit demſelben zu dem Ver⸗ wundeten zurück und ſah, daß der Sägeknecht noch nicht todt war. Er verbot daher dem Knaben in das Dorf zu gehen, wo ſein Erſcheinen Lärm gemacht hätte, und befahl ihm, ſeine blu⸗ tigen Kleider an einem Bächlein zu waſchen, während er auf dem Werke einen Schubkarren holen wollte, um den Verwun⸗ deten vom Platze zu ſchaffen und in einem Verſteck unterzu⸗ bringen. Bis er aber mit dem Schubkarren wieder nach dem Lerchenberg zurückkehrte, war der Verwundete ſchon aufgefun⸗ den worden, und Franzen mußte unverrichteter Dinge wieder umkehren. Er empfahl dem Knaben das tiefſte Stillſchweigen über den ganzen Vorfall, weil er ſonſt ſammt Franzen ins Zuchthaus kommen würde, wenn er den Amtmannsſohn an⸗ gäbe, und der Knabe hatte beharrlich geſchwiegen, und würde wohl auch nicht einmal ſeiner Mutter geſtanden haben, wer der Mörder ſeines Vaters ſei, um nicht als Mitſchuldiger an dem Vergehen des Vaters in Unterſuchung zu kommen. Allein der Mord will an den Tag;: ein Hauſirer, welcher mit ſeinem Reff auf dem Rücken über den Lerchenberg wollte, hatte den Ham⸗ merſchmied und den Knaben Zwieſprach im Walde halten ſehen, bevor ſie aus einander gingen, und war dann nach einigen Hun⸗ dert Schritten auf die Leute geſtoßen, die von Feldwies heraus⸗ eilten, um den Erſchoſſenen ins Dorf zu tragen. Schlau behielt er für ſich, was er geſehen, denn er vermuthete, der Hammer⸗ ſchmied, den er als Wilddieb kannte, und dem er vielleicht ſchon manchmal Schießbedarf verkauft hatte, habe den Sägeknecht erſchoſſen. Er ſchlich daher am Nachmittag zu ihm, um ihm dies vorzuhalten, und erfuhr hierdurch die Wahrheit. Guſtav Haldweg und der Kutſcher waren ganz ſtille wieder ins Amt⸗ haus nach Langgitz zurückgeſchlichen, ohne bemerkt worden zu ſein, und hatten Niemand ahnen laſſen, daß ſie im Walde ge⸗ weſen ſeien; und ſo wäre die Schuld Guſtav's vielleicht unent⸗ deckt geblieben, wenn nicht der Hauſirer einen Erpreſſungs⸗ verſuch bei Guſtav gemacht, dieſem einige Thaler und ſeine goldene Uhr abgeſchwindelt, ſich dann aus Freude über den ge⸗ lungenen Streich betrunken und im Rauſche gegen den Steuer⸗ boten eine Anſpielung gemacht hätte. Auf die erſte Kunde davon, daß die Juſtiz den Hauſirer, den Hammerſchmiedge⸗ ſellen Franzen und den Gottfried Kleemann aufgegriffen, hatte ſich Guſtav in einer Jagdköthe verſteckt und der Amtmann das Schweigen der Wiſſenden durch Beſtechung zu erkaufen geſucht, in der Abſicht, in der Nacht auf den Sonntag ſeinen Sohn ſelber außer Landes zu bringen. Allein der Gerichtsaſſeſſor hatte alle dieſe Anſchläge vereitelt, den jungen Haldweg in jener Jagdköthe aufgehoben, welcher anfangs Alles leugnete, den Kutſcher verhaftet, welcher noch am Abend im Verhör ein Geſtändniß abgelegt hatte, und durch die Ausſagen des Kut⸗ ſchers und des Gottfried Kleemann den Thäter überwieſen, deſſen Schuld nun unzweifelhaft und ohne Milderungsgründe 272 erſchien, und auch den Amtmann, unſern gewiſſenloſen Ver⸗ folger, ſchwer kompromittirte. Hermann und ich waren furchtbar aufgeregt und erſchüt⸗ tert, als wir dies aus dem Munde des Aſſeſſors erfahren und namentlich gehört hatten, daß nach allen Anzeichen der drei⸗ undzwanzigjährige Guſtav Haldweg ohne Beruf und Pflicht mit kaltem Vorbedacht den Wilddieb erſchoſſen. „Oh, es iſt entſetzlich, dies nur denken zu müſſen!“ ſagte Hermann tiefbewegt.„Gott ſtärke den unglücklichen Vater des Mörders, den ſtolzen, ſelbſtgerechten Amtmann! Es gibt ja kein ſchwereres Leid als dasjenige, welches uns in unſeren Kindern ereilen kann. Ich bemitleide den Amtmann von gan⸗ zer Seele!“ Hermann hatte kaum ausgeſprochen, ſo kam Bethchen herein und meldete: der Amtmann Haldweg ſei draußen und wünſche den Herrn Gerichtsaſſeſſor zu ſprechen. „Ich kann ihn nicht ſprechen; ich habe ihm keine Audienz zu geben— es geht gegen meine Vorſchrift,“ verſetzte dieſer. „Will er auch mich noch zu beſtechen verſuchen, wie die An⸗ deren?“ „Thun Sie ein Uebriges, Herr Aſſeſſor,“ bat mein Gatte; „bedenken Sie, der arme Mann muß in Verzweiflung ſein; es iſt ſein älteſter Sohn, ſein Stolz, ſein präſumtiver Nach⸗ folger im Amte— laſſen Sie ihn nicht ohne ein Wort der Beruhigung von hinnen!“ Ich ging zur Thüre und führte den Amtmann herein, ohne des Aſſeſſors Antwort abzuwarten. Es war ein grauſen⸗ erregender Anblick: der ſonſt ſo ſtolze zuverſichtliche Mann war wie gebrochen; er hatte keine Thränen mehr, und in ſei⸗ nen verſtörten Zügen und kraſſen Augen zuckte ein faſt wahn⸗ witziger Schmerz. Er bat, ſeinen Sohn noch einmal ſehen zu dürfen; er bot ſein ganzes Vermögen, um ihn loszukaufen— aber vergebens; er mußte in ſpäter Nacht nach Langgitz zurück, ohne ſeinen Zweck erreicht, Beruhigung gefunden zu haben. Es war eine ſchaurige Nacht für uns, aber als der Sab⸗ bathmorgen in ſeiner goldenen Glorie anbrach und die Sonn⸗ tagsglocken ertönten und wir zur Kirche gingen, während der unglückliche Guſtav unter Gensdarmenbedeckung auf den Schauplatz ſeines Verbrechens hinausgeführt ward, um über die That Rede zu ſtehen— da war nur eitel Friede und Freude und Dankbarkeit in unſeren Herzen, und wir dankten Gott inbrünſtig für die Sabbathruhe, die in unſere Gemüther ein⸗ gezogen war, und flehten um Gnade und Frieden für unſere Feinde, mit jener Hoffnung, mit jenem Vertrauen und jener Gewißheit, welche nur diejenigen zu ſchätzen wiſſen, die aus Sorgen und Noth errettet worden ſind. Holde Leſerin, lieber Leſer, Du biſt vielleicht nun dieſer einfachen, alltäglichen Detailſchilderung von Kümmerniſſen, wie ſie auf Hunderten und Tauſenden unſerer Mitbrüder laſten, überdrüſſig geworden, und ich ſchließe ſie daher. Ich habe ſie überhaupt nur niedergeſchrieben, um Denjenigen, die in Sorge und Noth ſind, jenes tröſtliche Wort in's Gedächtniß zu rufen, das wir zwar oft citiren, aber ſo ſelten mit dem rechten Herzens⸗ glauben verſpüren, nämlich den Spruch:„Unſere Trübſal mag eine Nacht währen, am Morgen aber kommt Freude!“ Eine Woche der Angſt, Furcht, Trübſal und des Zweifels hat für uns geendet in einem Sabbath der Seele, voll Frieden, Ruhe, Zuverſicht und Hoffnung, wovon wir lebenslang die Nachwirkung ſpüren werden. Mylius, Für Frauenhand. I. 18 2 ₰ Sonſt und Jetzt. Eheſtands⸗Geſchichten in loſen Blättern aus zwei Tagebüchern. 1. Januar 1765.—„Mit Gott den Anfang, ſonſt geht's den Krebsgang!“ Mit dieſem Sprüchlein will ich heute den Eintrag in das Tagebuch, welches mir der liebe Vater ver⸗ gangene Weihnachten geſchenkt hat, und den Eintritt in ein neues Lebensjahr beginnen. Geſtern Abend haben wir das alte Jahr ſtill und heiter beſchloſſen. Die ganze Familie: Va⸗ ter, Mutter, Schweſter Hannchen, Bruder Reinhold und ich ſind aufgeblieben, denn Vetter Ludwig Schuchwort und Eliſa⸗ beth und Pauline Lambert waren zum Beſuch herüber gekom⸗ men, um den Sylveſterabend bei uns im Amthauſe zu ver⸗ bringen. Wir aßen zuſammen Abendbrod, dann braute die gute Mutter eine Kanne Würzbier und wir ſpielten Zahlen⸗ lotto um Nüſſe und plauderten heiter und gemüthlich von den Zeitläuften und wie nun nach dem Kriege Alles ſo theuer ge⸗ worden ſei, aber wie man doch mit Vergnügen ſehe, daß alle ehrliche Nahrung und Hantierung wieder gehe und die Bettelei 275 und Armuthei abnehme, mit Ausnahme der entlaſſenen Sol⸗ daten und Kriegskrüppel; und der liebe Vater erzählte gar lehrreich und beweglich von früheren Zeiten, und wie es dazu⸗ mal noch viel ſchlimmer geweſen mit all dem Elend und der Verarmung, ſo der Krieg dahinten gelaſſen u. drgl. m. Und ſo gegen eilf Uhr wollten wir noch ein Menuet tanzen, aber das Spinett war ſo entſetzlich verſtimmt, daß wir es aufgeben mußten, und ſo ſangen wir denn ſtatt deſſen ein paar ſchöne alte Lieder und machten einige Pfänderſpiele. Aber es hat mir leid gethan, daß aus dem Tanzen nichts geworden iſt, denn Vetter Ludwig Schuchwort tanzt ſehr gut und ich hätte wohl auch gern einmal wieder ein Tänzchen ge⸗ macht, denn es kommt hier auf dem Lande ſo ſelten an uns. So ward es denn nachgerade etwas ſtill unter uns und wir wurden allmälig ſchläfrig. Wir blieben daher auch nur ſo lange auf, bis wir Jüngeren einander das Neujahr abgewon⸗ nen und Vater und Mutter unſern Glückwunſch dargebracht hatten. Ich war denn auch recht froh, als Alles vorbei war und wir zu Bette gehen durften. Heut früh ſind wir natürlich Alle ſehr ſpät auf die Beine gekommen, und es war ſchon ſieben Uhr vorüber, als die Morgenſuppe auf den Tiſch kam. Der liebe Vater neckte uns daher auch und meinte: zur Strafe ſoll⸗ ten wir eigentlich heute nicht mit zur Kirche. Das wäre mir aber ſehr unangenehm geweſen, da wir nach Hirzenthal hinüber wollten, um den neuen Diakonus predigen zu hören. Vater und Mutter und Hannchen mit der Muhme Agathe ſollen in unſerer alten Kutſche fahren und Reinhold neben den Knecht auf den Kutſchbock ſitzen. Für mich aber wollte Vetter Ludwig ſorgen, der ſein Pferd bei ſich hatte, einen ſtarken derbknochigen Gaul von den kaiſerlichen Küraſſieren, den er als Beutepferd 18* 276 aus dem Felde mitgebracht hat und der ſich ſehr ſchön trägt. Und weil Vetter Ludwig weiß, wie viel Spaß mir das Reiten macht, ſo hatte er mir verſprochen, den Hinterſattel mitzubrin⸗ gen und mich auf ſeinem Schäcken mit nach Hirzenthal hinüber zu nehmen, worauf ich mich ſchon lange gefreut hatte. Der Weg iſt ja ſo ſchön durch den beſchneiten winterlichen Wald und über Berg und Thal, und ich gehe ſo gern nach dem Städtchen, wo ich nun ſchon ſeit vorletzt Oſtern nicht mehr war, obwohl es nur drittehalb Stunden von hier entfernt iſt. Nach der Morgenſuppe ſputeten Hannchen und ich uns um die Wette, um mit den häuslichen Geſchäften fertig zu werden, und ich war eben auf dem Hofe und fütterte die Hüh⸗ ner, als Vetter Ludwig zum Thore hereinritt. Ludwig Schuchwort macht zu Pferde gar eine ſeattliche Figur, und ich müßte mich groß täuſchen, wenn Pauline Lam⸗ bert dies nicht ſchon längſt bemerkt hätte. Scheint mir doch ſchier gar, daß Pauline ein Augenmerk auf ihn gefaßt hat; und warum denn nicht? Ludwig iſt ein hochgewachſener mann⸗ hafter Burſche, mit friſchen rothen Wangen, dunklem Haar und einem Paar großer ſchwarzer geſcheidter Augen, aus denen immer ein kleiner Schelm blitzt. Vater ſagt, der Vetter habe'was Tüchtiges gelernt und ſei ein guter Wundarzt, dem einmal ein guter Poſten als Phyſikus nicht entgehen könne, weil er einen glänzenden Abſchied als Feldſcheer mit aus dem Kriege gebracht habe. Er ſoll auch in der Feder gewandt ſein und hat manche gute Bücher geleſen, und man lernt immer etwas Nützliches von ihm, wenn er mit Einem plaudert. Auch ſagt man, er habe ſich im Krieg mit dem Beutegeld und den Bonifikationen ein rundes Stück Geld gemacht, ſo an die Zwei⸗ tauſend Gulden, was ja ein ganzes Vermögen wäre. Und ſo 277 find' ich es begreiflich, daß ihm Lambert's Pauline keinen Korb gäbe. Als wir geſtern Abend blinde Kuh ſpielten und Vetter Ludwig mit verbundenen Augen umhertaſtete, da ſah ich wohl, wie ihm Pauline etliche Male mit Abſicht in die Hände lief; aber er hielt ſie niemals feſt, wenn ſeine Hand ihren Spenſer von fließigem Biber ſtreifte und er ſie daran erkannte, und das hat mir, glaub' ich, eine innere Befriedigung gegeben,— ich weiß nicht, warum! Die gute Mutter wollte zwar nichts davon hören, daß Vetter Schuchwort mich hinter ſich auf den Sattel nehme, und meinte, ſie könnten mich noch in der alten Kutſche mitnehmen, aber Vater und Reinhold ſtanden mir bei, maßen ſie ſahen, daß ich mein Herz darauf geſetzt hatte, einmal auf dem Hinterſattel zu reiten. So ward mir denn mein Wunſch gewährt und ich. ſtieg hinter Ludwig auf den Schäcken und wir hatten einen ſehr angenehmen Ritt und kamen in weniger als zwei Stunden nach Hirzenthal, noch lange vor Vaters Kutſche. Da man noch nicht in die Kirche geläutet hatte, waren in Hirzenthal die Läden noch offen, und dicht neben der Herberge zum deutſchen Kaiſer, wo Ludwig ſein Pferd einſtellte, ſtand ein ganz neu eingerichteter Laden von einem Tauſendkrämer; da nahm der Vetter mich mit ſich hinein, um ſich ein Uhrband zu kaufen, bei deſſen Wahl ich ihm helfen ſollte. Er fragte mich nämlich, was meine Lieblingsfarbe ſei, und da ich ſagte:„Kornblumen⸗ blau“, ſo kaufte er ein paar Ellen ſchön gewäſſertes Seiden⸗ band von dieſer Farbe und ſteckte das Päckchen in die Taſche, und ich merkte wohl, daß es für ein Uhrband viel zu lang war, und dachte bei mir: Aha, er hat es für ſeine Schweſter gekauft, die ebenfalls ſolches Flachshaar hat wie ich. Darauf mußtz ich Beſcheid thun auf eine Schale Kaffee und ein Stück Topfkuchen, 278 die er in der Herberge beſtellt hatte; und eben als wir damit zu Ende waren, kam die Kutſche angefahren, und die Kirchen⸗ glocken läuteten zum Gottesdienſte zuſammen, und wir giengen alle mit einander zur Kirche, wo der neue Diakonus, der ehr⸗ würdige Magiſter Fabricius, eine ſehr ſchöne und lange be⸗ wegliche Rede hielt, die uns ſehr erbauete. Nach der Predigt giengen wir mit den Eltern Beſuche machen bei dem Bürgermeiſter und dem Rendanten und aßen dann im Kaiſer' ein einfaches Mittagbrod. Vater hatte Ge⸗ ſchäfte mit dem kurfürſtlichen Forſtmeiſter, der droben auf dem Schloſſe wohnt, und Mutter und Muhme Agathe und wir beide Mädchen giengen einſtweilen im Städtchen von Laden zu Laden, um Einkäufe zu machen. Wir hatten beinahe all unſern eige⸗ nen Flachs verſponnen und mußten neuen kaufen für uns und die Dienſtmädchen, und die liebe Mutter brauchte ein Umſchlage⸗ tuch, das ſie ſich ſchon zu Weihnachten gewünſcht hatte, und weil wir gerade im Städtchen waren, ſo kaufte Mutter zwanzig Brabanten Ellen großgeblümten engliſchen Zitz zu Sommer⸗ ſonntagskleidern für Hannchen und mich, was uns ganz über alle Maßen freute. Und nöthig hatten wir es, denn aus den anderen kattunenen Sommerkleidchen, die wir ſchon ſeit der Einſegnung zur erſten Kommunion trugen, waren wir hinaus⸗ gewachſen. Am Nachmittage kamen noch einige Honoratioren aus Hirzenthal mit ihren Frauen auf ein halbes Stündchen in den Kaiſer' und wir erfuhren da allerlei Neuigkeiten von Bekann⸗ ten und Unbekannten, und von neuen Verlöbniſſen und Braut⸗ ſchaften... Und ich hörte, wie der Amtsphyſikus zu Vetter Ludwig ſagte: Der alte Phyſikus Hauber auf der Dietrichs⸗ hütte habe einen Schlagfluß gekriegt und werde kaum mehr —ᷣ 249 wieder aufkommen, und das wäre ein Dienſtchen für einen thätigen jungen Wundarzt wie Schuchwort, und er ſolle nur nicht blöde ſein, und ſich bei Zeiten bei der Erlaucht in Lau⸗ bach melden, denn der Herr Graf Chriſtian habe den Dienſt zu vergeben. Und Vetter Ludwig war dem Herrn Ainisphy⸗ ſikus ſehr dankbar für den Wink. Mittlerweilen war aber ein garſtiges Schneegeſtöber los. gebrochen, ſo daß die Frauen von unſeren Hirzenthaler Be⸗ kannten der Anſicht waren, ich könne nicht heimreiten, und mich einluden, bei ihnen zu bleiben und zu logieren. Ich hatte aber gar keine Luſt dazu, obwohl die gute Mutter für mich bange war, ich könnte mich bei dem Schneeſturm erkälten, wenn ich heimreite. Jedoch Vetter Ludwig hatte bald Rath geſchafft und von dem Stellmacher Bratſiſch ſich einen Schlitten und ein Pferdegeſchirr geborgt, und ſchlug nun vor, er wolle mich im Schlitten heimbringen und alle unſere Päcke und Einkäufe dazu. Und es war ordentlich eine luſtige Heimfahrt, trotz Wind und Kälte und Schneewehen, denn ich war hübſch eingemummt in Pferdedecken und in des Forſtſchreibers Wildſchur und ſaß ganz in die linke Ecke des Schlittens geſchmiegt, und Ludwig zu meiner Rechten kutſchirte den ſtarken Gaul. Hinten am Schlitten aber hieng eine Laterne mit einer brennenden Oel⸗ ampel und beleuchtete den Weg für die beiden Ackergäule vor der Kutſche, ſo daß dieſe nicht verirren konnten, denn es war ſtichdunkel und vor wirbelnden Schneeflocken ſchier nicht aus den Augen zu ſehen. Aber mir machte die Fahrt doch trotz alledem viel Spaß, denn Vetter Ludwig war ſo guter Laune, daß ich keine Lang⸗ weile hatte und immer hell auf lachen mußte. Und zwiſchen hinein richtete er wieder einige Fragen an mich, die mir zu 280 denken gaben und mir ſeltſam vorkamen. Ich möchte nur wiſſen, wer ihm verrathen hat, daß ich am Thomasfeiertage bei Oberförſters mit dem Rendants⸗Subſtitut getanzt habe.... Als wir zu Hauſe ankamen und vor der Thüre hielten, hob mich Vetter Ludwig aus dem Schlitten und trug mich auf den Armen die Steintreppe hinauf, denn ich war ſo dicht ein⸗ gepackt, daß ich weder Hand noch Fuß rühren konnte. Als er mich langſam auf den Boden gleiten ließ, beugte er ſein Ge⸗ ſicht über das meinige, ſchaute mir mit ſeinen dunklen glänzen⸗ den Augen gleichſam bis auf den Herzensgrund und flüſterte: „Liebes Lottchen, vergieb', aber nun nehm' ich mir mein Schlit⸗ tenrecht!“ und ehe ich mich's verſah noch begriff, was er damit ſagen wollte, hatt' er mich auf Wange und Mund geküßt. Ich war ihm ſchier böſe, aber zum Glück hat's Niemand geſehen, denn er pochte erſt jetzt an der Thüre, daß die Mägde herunter kamen, die uns im tiefen weichen Schnee nicht hatten kommen hören. Dann wickelte Ludwig mich aus den Decken, ſchob mir ein Päckchen in die Hand und flüſterte:„Lieb' Lottchen, das blaue Band hab' ich für Dich gekauft, zur Erinnerung an den heutigen glückſeligen Tag!“— Ich weiß nicht mehr, was ich ſagte, denn ich war ſo verwirrt und verlegen und glühte am ganzen Kopf, und ſo wußt' ich nichts Beſſeres zu thun, als mit meinem Band in der Hand die Stiege hinaufzulaufen. Wie würde mich die gute Mutter zanken, wenn ſie um dies Alles wüßte!... Ich glaube nicht, daß Vetter Ludwig jemals Lam⸗ Ach welch ein ereignißreicher Tag war dies! Noch nie in meinem Leben habe ich ſo viel an Einem Tage erlebt! Wie kann ich Ludwig nur wieder unter die Augen treten, nachdem er mich geküßt hat? Aber ich konnte mich ja nicht ſträuben! Das iſt meine einzige Beruhigung. Und er hat es auch nur in Ehren gemeint— es war ja Schlittenrecht! ** * Den 1. Januar 1865.— So vergnügt habe ich ſchon lange kein Neujahr mehr angetreten wie dieſes. Der Ball im Caſino war wirklich glänzend, und ich bin der Tante Henriette ſehr dankbar, daß ſie mich eingeladen hat, aus der Reſidenz herüberzukommen, obſchon ich mir im Allgemeinen aus ſolchen Bällen in den kleinen Provinzialſtädten wenig mache. Man vermißt ſo ſehr die gefeierten Tänzer und namentlich die Offi⸗ ziere in dieſen Landſtädtchen. Tante Henriette aber hat mir in der That nicht zu wenig verſprochen, als ſie mir prophezeite, daß ich hier Senſation erregen werde. Ich merkte wohl, daß ſie einen kleinen Plan mit mir habe, aber ich ſtellte mich ganz blind und unbefangen. Papa wollte zwar anfangs nichts da⸗ von hören, daß ich den Kaſinoball in Mühlhauſen mitmache, und brummte wieder wegen des Aufwands; allein Tante Hen⸗ riette wußte Mama dafür zu intereſſiren und meinte, wenn man vier Töchter zu verheirathen habe und die älteſte davon ſchon fünf Ballſaiſons mitgemacht habe, ohne unter die Haube gekommen zu ſein, ſo dürfte ihre Ottilie das Netz auch einmal in einem fremden Fiſchwaſſer auswerfen. Ich glaube, ich habe allen Grund, mit meinen Erfolgen zufrieden zu ſein. Meine Balltoilette war reizend, raviſſant; Madame Keßler in Frank⸗ furt hat ein kleines Meiſterwerk geliefert und Papa wird ge⸗ hörig toben, wenn er die Rechnung bekömmt; allein was liegt daran, falls der Zweck nur erreicht wird! Tante Henriette iſt eine werthvolle Verbündete und ordent⸗ lich darauf erpicht, mir zu einer guten Parthie zu verhelfen. — Als ich mit dem Schnellzuge ankam, erwartete ſie mich ſchon am Bahnhof in Begleitung einiger jungen Herren, denen ſie mich als die„Königin der Harmoniebälle in der Reſidenz“ vorſtellte. Ih wurde wie im Triumphe in Tantchens Haus gebracht und die Herren mußten mit uns Kaffee trinken, damit wir einſtweilen einigermaßen mit einander bekannt würden. Einer davon iſt ein Fabrikbeſitzer, Albert Ledermann, ein Mann von etwa dreißig Jahren, ſehr gewöhnlich, ſüßlich, mit den Manieren eines Commis⸗Voyageur und einem Geſichte, das ſo ennuyant iſt als ſein Name. Ich finde nichts Sympathiſches an ihm. Der Zweite iſt der Amtsrichter Vincenti, ſchon ein älterer Mann, eine Art Aktenmenſch, aber mit guten Kon⸗ nexionen im Miniſterium; er kennt Papa und ſprach ſehr an⸗ erkennend von ihm. Der Dritte iſt ein Herr Friedrich Hellmalz, der Sohn eines reichen Oekonomen, der eine große Bierbrauerei und Branntwein⸗Brennerei beſitzt und der Nabob von Mühl⸗ hauſen zu ſein ſcheint. Ein junger Apotheker, ein Forſtmann, ein Gutsbeſitzer und ein Arzt ſchließen den Reigen. Als wir etwa ein Stündchen geſcherzt und geplaudert hatten, beſtand Tante Henriette darauf, daß ich mich noch ei⸗ nige Stunden niederlege um von der Fahrt auszuruhen, und die Herren entfernten ſich, nachdem ich jedem eine Tour hatte verſprechen müſſen. Tantchen ſchilderte mir die äußeren Ver⸗ hältniſſe dieſer Herren, die lauter annehmbare und gute Par⸗ thieen ſeien, namentlich Ledermann und Hellmalz. Aber ich lächelte nur ſtumm und ſagte:„Ich will mir's überlegen, Tantchen, und die Herren ankommen laſſen! Man muß nicht mit der Thüre in's Haus fallen; es hat ja noch Zeit!“— Als ich aber in Tante's Gaſtſtübchen auf dem Bette lag und doch vor einer gewiſſen Aufregung nicht ſchlafen konnte, da ſagte ich 283 mir:„Nein, es iſt die höchſte Zeit, Ottilie! künftigen Sonntag vollendeſt du dein dreiundzwanzigſtes Lebensjahr; die meiſten deiner Altersgenoſſinnen und Freundinnen aus der Penſion ſind ſchon verheirathet, und du, du warſt zweimal verlobt und haſt deine Anbeter zu Scheffeln gehabt und doch keinen gefangen— nun nimm dich zuſammen, Ottilie, und mach' Ernſt!“ Dieſe Reflexionen hatten mich beinahe traurig ge⸗ ſtimmt, als die Coiffeuſe kam und mich friſirte. Tante Hen⸗ riette und eine Freundin von ihr, die Wittwe eines Bürger⸗ meiſters Wollmar, halfen mir bei meiner Toilette, waren ganz entzückt von derſelben, und prophezeiten mir, ich werde die eleganteſte und ſchönſte, die Königin des Balls ſein. Und das war ich auch, ohne Widerrede, denn keine von den Damen von Mühlhauſen konnte mir den Rang ſtreitig machen. Als ich in den Ballſaal trat, hefteten ſich Aller Augen auf mich, und ich ſah, daß die Leute ſchon auf mein Erſcheinen vorbereitet waren. Die Herren, alt und jung, ſtarrten mich ganz erſtaunt an, die jungen Damen renkten ſich ſchier die Hälſe aus, um mich zu ſehen, und die alten Damen barſten beinahe vor Neid. Ich war im Nu umlagert, und alle Welt ließ ſich mir vorſtellen. Ich habe jede Tour getanzt, und bin in beiden Cotillons keine zwei Minuten nach einander ſtill⸗ geſtanden, ſo oft wurde ich aus der Tour geholt. Ich habe namentlich den Herren Ledermann und Hellmalz und dem Amtsrichter Vincenti die Köpfe heiß gemacht, und beſonders Herr Ledermann war von einer Wärme gegen mich, daß ich jeden Augenblick befürchtete, er werde die verhängnißvolle Frage ſtellen!— Ja, ich darf wohl ſagen: befürchtete, denn im Grunde gefällt er mir nicht. Hellmalz ſoll reicher ſein, iſt aber zurückhaltender.... 284 Nach der Pauſe hatte ich zwei große Ueberraſchungen: zwei Dragoner⸗Offiziere aus S. kamen noch auf den Ball, und einer davon war Hermann v. Kleeberg, der mir ſchon als Polytechniker den Hof gemacht hatte. Seither ſind vier Jahre vergangen, aber wir erkannten uns ſogleich wieder, und er er⸗ zählte mir ſeine bisherigen Schickſale. Er iſt noch immer der⸗ ſelbe luſtige, unverwüſtlich heitere Menſch wie damals als Senior der Rhenanen, nur iſt er reifer und hübſcher geworden und die hellblaue Uniform mit den amaranthrothen Aufſchlä⸗ gen kleidet ihn gut. Kleeberg und der Premierlieutenant v. Weſtern ſind bis Mitternacht in ihrem Regimentskaſino in S. geweſen und dann mit Extrapoſt herübergefahren, um noch einige Touren zu tanzen. Ich habe ihnen natürlich jedem eine Extratour bewilligt, denn ſolch ein Offizier iſt doch ein ganz anderer Tänzer als ein Civiliſt, und Hermann Kleeberg wurde ordentlich glühend und nannte mich nur immer ſchlechtweg Dttilie.... Die andere Ueberraſchung war eine Begegnung mit Ger⸗ trude Schultze, der Tochter des Juſtizraths, in deſſen Hauſe wir lange Jahre wohnten. Sie iſt ſeit vier Jahren an einen Landarzt in einem kleinen Flecken nahe bei Mühlhauſen ver⸗ heirathet, oder vielmehr in einem elenden Neſte vergraben, was ich gar nicht wußte. Ich war möglichſt freundlich und zu⸗ vorkommend gegen ſie, obwohl wir früher niemals ſehr gut mit einander ſtanden, denn ſie iſt einige Jahre älter als ich, ſehr geſcheidt und von einer ſcharfen Zunge. Es war für mich ein wahrer Dämpfer auf meine Freude, als ich ſie ſo uner⸗ wartet hier ſah, nachdem ich ſie zuvor gar nicht bemerkt hatte....— Wir kamen erſt nach vier Uhr Morgens nach Hauſe, und 285 ein halbes Dutzend Herren geleiteten uns bis an Tanten's Wohnung. Ich war todesmüde, konnte aber vor Aufregung nicht ſchlafen und warf mich Stunden lang im Bett herum; endlich nahm ich Chinin und Laudanum, und ſchlief dann ein. Nach eilf Uhr war ich kaum aufgeſtanden, ſo brachte mir Tante Henriette ein prachtvolles Bouquet, welches Kleeberg geſchickt hatte. Er ließ fragen, ob er die Ehre haben könne ſich nach meinem Befinden zu erkundigen, und Tante hat es ihm geſtattet. Ich frühſtückte eilends und machte Toilette, und als ich in's Beſuchzimmer trat, waren ſchon einige Herren da, die ſich ebenfalls erkundigen wollten, wie ich geſchlafen habe. Ich war etwas enttäuſcht, daß Herr Hellmalz nicht darunter war, und gegen mein Erwarten kam er auch nicht. Dagegen erſchienen gegen Zwölf die beiden Dragoner⸗Offiziere, die mit dem erſten Morgenzuge nach S. heimgefahren, um ihre Gra⸗ tulationsbeſuche zu machen, und dann wieder hieher zurückge⸗ kehrt waren. Hermann lud mich ein, um zwei Uhr auf den Schloßteich zu kommen, wo die ſchöne Welt von M. ſich mit Schlittſchuhlaufen vergnügte. Kleeberg und Weſtern hatten die Regimentsmuſik hinbeſtellt, die nachher im Schützenhauſe ein Konzert gibt. Ich war auf dem Schloßteich, bin Schlitt⸗ ſchuh gelaufen und ſehr bewundert worden. Ein Aſſeſſor vom Stadtgericht, ein Herr v. Ziegenhayn, machte mir auffallend den Hof, und ſuchte Herrn Ledermann auszuſtechen. Herr Hellmalz hat ſich nicht mehr ſehen laſſen, und Tante Henriette meint, er ſei eiferſüchtig über meine Vertraulichkeit gegen Kleeberg. Gegen Abend geleitete mich Hermann nach Tanten's Hauſe, die ihm beinahe abweiſend begegnete, denn offenbar hätte mir Herr Ledermann lieber den Arm geboten. Ledermann! welch 286 ein ſchauderhafter ominöſer Name! Wollte der Himmel, Her⸗ mann Kleeberg hätte ſein Geld! Aber Tantchen ſagte mir: wenn ich nicht Ledermann oder Hellmalz kapere, ſo würden ſie mir Beide vorausſichtlich weggeſchnappt von den Töchtern des Forſtmeiſters, zweien derben, rothwangigen Landmädchen.... — Ich bin heute Abend mit meinen Aufzeichnungen nicht weiter gekommen, denn ich war kaum etwas über eine Stunde auf meinem Zimmerchen, um zu ſchreiben und meine Erlebniſſe und Empfindungen meinem Tagebuch anzuvertrauen, ſo holte mich Tante. Der Apotheker Weißmann hatte ſich zu ihr zum Thee eingeladen, weil er, wie er ſagte, auf dem Balle und auf dem Eiſe keine Gelegenheit gehabt hatte, ſich mir ſo zu nähern, wie er es gewünſcht hätte. Das waren zwei qualvolle Stun⸗ den mit dieſem kleinen engherzigen methodiſchen Männchen, dem die Tante das Wort redete, obſchon er mir unausſtehlich iſt. Er legte mir alle ſeine Verhältniſſe dar: ſein Vermögen, ſeine Familie, ſeine Lebensanſichten; er ſei nicht reich, aber unabhängig, denn der Oheim, von dem er die Apotheke erkauft, habe ihm teſtamentariſch den Reſt der Schuld erlaſſen. Er ſuche eine feingebildete graziöſe Frau, die zugleich eine tüchtige Hauswirthin ſei. Auf Vermögen ſehe er nicht, ſondern nur auf Gemüth und Charakter, einen anſpruchsloſen Sinn, eine ſtille trauliche Häuslichkeit. Er habe ſich vorgenommen, ſeine Apotheke ſo lange zu betreiben, bis er ſie entweder einem ſeiner Kinder als Mitgift übergeben, oder nach 25 bis 30 Jahren vortheilhaft verkaufen könne; dann gedenke er ſich zur Ruhe zu ſetzen, in irgend eine ſchön gelegene größere Stadt zu ziehen und ſeinen Lebensabend ruhig zu genießen. Er ſei ein Freund von bildender Kunſt und Gartenbau, von Obſtkultur und Blumenzucht u. drgl. m..... Schauderhafte Proſa, mit einer A A₰ 287 dünnen näſelnden Kinderſtimme vorgetragen und von Tante Henriette und deren Gatten mit bewundernder Anerkennung und bedeutſamen Winken für mich kommentirt, die dazu freund⸗ lich blicken ſollte, wo ich kaum das Gähnen unterdrücken konnte! Da ſchmetterten auf einmal unter Tantchens Fenſtern zwölf Blechinſtrumente die luſtigen Klänge von Strauß's Walzer „An der ſchönen blauen Donau“, und nahmen Herrn Weiß⸗ mann, der vor Entſetzen die Farbe wechſelte, die Worte vor dem Munde hinweg. Ich errathe ſogleich den Zuſammenhang: Hermann hat den Stabstrompeter beauftragt, bevor er mit dem Abendbahnzuge nach S. zurückkehre, mir noch eine Sere⸗ nade zu bringen. Die Muſik hat ganz Mühlhauſen auf die Beine gebracht, aber den Apotheker auch, der mit franzöſiſchem Abſchied verſchwand!.... Vogue la galère! noch geb' ich mich nicht ſo wohlfeil, Herr Weißmann, um mich an Ihrer Seite 25— 30 Jahre lang in ein ſolches Neſt von Landſtädtchen zu vergraben und eine ſpießbürgerliche hausbackene Exiſtenz zu führen. Ich habe Mama erklärt, daß ich nur einen reichen Mann heirathe, der mir ein faſhionables Hausweſen in einer eleganten Straße, eine Loge im Theater und eine Equipage bieten kann, mag er dann auch ein gichtbrüchiger Krüppel ſein. Tante und Mama werden vielleicht ſchmälen; aber Gott helfe mir! ich kann nicht anders! 3. Januar 1865. Da wär' ich wieder daheim, und es iſt ganz anders gekommen als wir erwartet hatten! Ich bin von Tante Henriette ziemlich leicht geſchieden, denn ſie bürdet mir die Schuld auf, daß ihre Erwartungen nicht in Erfüllung gegangen; ſie warf mir vor, die ernſtlichen ſoliden Bewerber verſcheucht zu haben, weil ich ſo offenkundig mit den beiden 288 Dragoner⸗Offizieren kokettirt,— welche Engherzigkeit! Die Serenade habe vollends Alles verdorben, behauptet ſie. Ich war ſehr niedergeſchlagen, obſchon ich mich nicht getroffen fühlte, denn meine kleine Baſe Hermine hat mir anvertraut, die Doktorin Sprenger, nämlich die frühere Gertrud Schultze, habe auf dem Balle offen erzählt, mein Papa ſei nur einfacher Kriegsrath, ohne Vermögen, nur auf ſein Gehalt angewieſen und habe vier ſehr kokette und vergnügungsſüchtige Töchter zu verheirathen, und dies ſei wie ein Lauffeuer unter den Her⸗ ren herum gekommen, ſo daß nur noch zwei treulich ausgehal⸗ ten hätten, Ledermann und Weißmann, die aber beide von den Dragoner⸗Offizieren vertrieben worden ſeien. Tante Henriette war unzart genug, mich merken zu laſſen, daß ein längeres Verweilen in M. nun doch vergeblich wäre, und ſo hab' ich meinen Koffer gepackt und bin um 11 Uhr 15 Min. mit dem Zug abgereist. Ich war ſehr verſtimmt und das Weinen ſtand mir näher als alles Andre, denn ich war in all meinen Er⸗ wartungen von dem ſchönen Ball getäuſcht; in meinem Coupé lauter landfremde Geſichter, ältere Frauen und Kinder. Wie der Zug in S. hält, ſeh' ich auf dem Perron Her⸗ mann v. Kleeberg; er grüßt und verſchwindet, aber einen Augenblick ſpäter tritt ein Reitknecht in Livree an den Schlag, übergibt mir ein Billetchen und bittet um mein Handgepäck. Hermann ſchreibt mir: Süße angebetete Ottilie! Ich weiß Alles; ich muß Sie ſprechen, koſte es was es wolle. Ich muß Sie verſöhnen und Ihnen eine amende honorable geben. Bei⸗ folgend ein Billet bis L. für die erſte Klaſſe; ich beſchwöre Sie, nehmen Sie dort Platz und erwarten Sie Ihren treu ergebenen anbetenden H. v. K.“ Ich war verwirrt, ſah Aller Augen im Coupé fragend auf 8 289 mich gerichtet und wußte nicht, was ich thun ſollte. Dann kommt ein Schaffner heran und fragte: Wo iſt die Dame, welche in die erſte Klaſſe überſteigen will? Schnell, Madame! wenn ich bitten darf! wir müſſen fort! Und ehe ich noch zu einem Entſchluß gekommen bin, werde ich herausgehoben, ſechs geſchäftige Hände reichen mir mein Handgepäcke, und ehe ich mich verſehe, bin ich in einem Coupé erſter Klaſſe allein; der Schlag wird zugeworfen, der Zug ſetzt ſich in Bewegung und ich bin wie betäubt und in einer furchtbaren Aufregung. Was ſoll daraus werden? Nach einer langen Fahrt pfeift die Lokomotive wieder, wir halten auf einer kleinen Station, die Wagenthüre wird geöffnet und Hermann ſteigt ein. Ich weinte wahrhaftige Thränen vor Scham und Verlegenheit. Allein Hermann war lieb und gut; er bat mich, ihn nicht ungehört zu verdammen, ſondern ihn ruhig anzuhören; dann geſtand er mir, daß er mich ſtets geliebt habe, daß ich ſeine rechte Jugendneigung ge⸗ weſen, daß jüngſt bei dem Wiederſehen auf dem Balle ſeine Neigung mit einer Leidenſchaft wieder erwacht ſei, die ihm ſage, daß er ohne mich nicht leben könne. Ich weiß, Ottilie, daß man Sie nur nach Mühlhauſen geſchickt hat, um Sie zu ver⸗ heirathen, und ich habe jene Berechnungen vereitelt, ſagte er; zaber ich that es nur, weil ich Dich unausſprechlich lieb habe und weil Du viel zu gut biſt für jene hausbackenen Philiſter⸗ ſeelen, weil ich Dich beſitzen will, um Dich auf den Händen zu tragen! Ottilie, ſüßes, himmliſches Mädchen, willſt Du mein ſein?“ rief er leidenſchaftlich und faßte meine beiden Hände. Ich erwiderte nichts, ſondern ſah ihn nur ſtumm aber mit einem innigen Blick an, lächelte durch Thränen, und flüſterte: Was werden meine Eltern dazu ſagen?!' und vergrub dann 3 Mylius, Für Frauenhand. I. 19 290.* mein Geſicht ſchluchzend in die Wagenecke. Hermann ſchlang ſeinen Arm um mich, zog mich an ſich und küßte mir die Thrä⸗ nen von den Wangen; dann ſagte er:„Ottilie, mein Engels⸗ herz, wenn nur Du mich liebſt, ſo überlaß alles Andre mir! Es iſt wahr, ich bin ſeither ein leichtſinniger Burſche, ein Roué, ein Verſchwender geweſen; ich habe mich mit meinen Ver⸗ wandten überworfen. Aber wenn nur Du mir vertrauſt, ſo ſoll noch Alles gut werden! Meine Mutter liebt mich; ſie wird mir glauben, daß ich an Deiner Seite ein andrer Menſch wer⸗ den werde; ich werde Deinen Vater überzeugen, daß ich nur Dein Glück will, und wir gehen einer ſchönen Zukunft ent⸗ gegen. Es hängt nur von uns Beiden ab, meine angebetete Ottilie, ſo kauft mir mein Oheim Renaud ein Rittergut und ich mache Dich zur Chätelaine, wie Du es verdienſt! Du weißſt, die Kleebergs ſind eine Familie, die feſt zuſammenhält, und von gutem ritterbürtigem Adel!.... So willigte ich denn ein und wir waren ſeelenvergnügt, bis wir nach L. kamen, wo Hermann ausſteigen und mit dem kreuzenden Zuge zurückkehren mußte, da er keinen Urlaub hatte. Bei dem haſtigen Abſchied konnte ich ihm nur verſprechen, daß ich Mama Alles erzählen und ihm das Ergebniß melden wolle, denn unſere Verlobung ſollte einſtweilen ein Geheimniß bleiben, bis er ſeine Mutter dafür gewonnen haben würde.... Ich weiß kaum mehr, wie ich vollends nach Hauſe kam, ſo ſtürmiſch wogten in mir Gefühle und Gedanken. Ich traf Mama allein zu Hauſe, und ſie mochte es an meinen glühenden Wangen und blitzenden Augen ſehen, daß ich anders heim⸗ kehrte, als ich gegangen war. Ich erzählte ihr Alles und ſie war nicht ſo vergnügt, als ich gehofft hatte; ſie hätte einem ſoliden Gewerbsmann, ſogar dem kleinen Apotheker, den Vor⸗ 291 zug gegeben, weil ein ſolcher dann eher für meine jüngeren Schweſtern hätte ſorgen und denſelben Männer verſchaffen können. Allein ſchließlich fand ſie es doch für eine paſſende Parthie, wenn Hermann ein Rittergut erwerben könnte, und ſie verſprach mir, einſtweilen Papa noch nichts zu ſagen. Oh, ich bin doch recht froh, daß es ſo gekommen iſt! Ottilie Frei⸗ frau v. Kleeberg' klingt doch anders als Frau Apotheker Weißmann!'—— 21. März 1765. Ich bin heute den ganzen Tag im Keller beſchäftigt geweſen, um die Küper zu beaufſichtigen, welche unſern Rheinwein abzogen, und mußte ſelber tüchtig zugreifen, denn ich hatte nur Röſe bei mir. Margreth hatte ſich die Hand verſtaucht, als ſie dem Küper das Stückfaß auf die Bettung legen half, und ich habe ſie recht auszanken müſſen, weil ſie die Kufe mit dem eingeſchlachteten Schweinefleiſch vernachläſſigt und die Salzlake nicht aufgefüllt hatte, ſo daß ein paar Pfund Rippenſpeer ſtinkend wurden und ich ſie den Hunden vorwer⸗ fen mußte. Ich habe es der Mutter nicht geſagt, damit ſie ſich nicht ärgere; aber Röſe hat mir anvertraut, daß Margreth dermalen ganz den Kopf verloren, weil Gottfried Nöckel, unſer ehemaliger Knecht, um ſie gefreit habe. Ich war ganz erſtaunt über dieſe Nachricht, denn Margreth iſt eine ſo geſetzte Per⸗ ſon und ſchon ſeit vielen Jahren in unſerem Hauſe. Und wenn alſo Röſe Recht hatte, ſo müßten wir ſie verlieren ,was den Eltern ſehr unangenehm ſein wird, denn wenn man eine Per⸗ ſon ſo lange— vergangene Mariä Lichtmeſſen waren es fünf⸗ zehn Jahre— um ſich gehabt hat, ſo gehört ſie gleichſam zur Familie. Ich will daher der lieben Mutter auch noch nichts 19* 293 wort zum Verweſer des Phyſikates auf der Dietrichshütte er⸗ nannt ſei und bei Wohlverhalten wohl nach etlich Jahren auf Dauer beſtätiget werden dürfte. Mir hüpfte ordentlich das Herz im Leibe vor Freude, als ich das hörte und vernahm, daß Vetter Heinrich ſchon zu St. Georgii⸗Tag dort aufziehen müſſe. Ich dankte in meinem Nachtgebet dem lieben Gott recht von Herzen für die großen Gnaden dieſes Tages! Den 12. April 1765. Heute ſind wir alle ſehr überraſchet und erfreuet worden, denn als wir Mädchen mit der Mutter und der Muhme im Küchengarten arbeiteten, kam ein offener Schweizer Wagen angefahren und hielt im Amtshofe. Es war Vetter Heinrich mit ſeiner Mutter, die er uns brachte mit der Bitte, die lieben Eltern möchten ſie für einige Wochen aufneh⸗ men, bis er drüben auf der Dietrichshütte ſein Neſtchen einge⸗ richtet habe. Die Frau Baſe Schuchwort brachte ihr Bette und eine Kommode, einen Stuhl und einen Tiſch mit, die auf den Wagen geladen waren und von Hermann's Schäcken gezogen wurden. Sie iſt eine freundliche, ſtille, fromme alte Frau und begegnete uns Allen recht lieb und zuthunlich, und mich ſchaut ſie immer ganz abſonderlich und forſchend an, wenn ſie meint, daß ſie es hehlings und unbemerkt thun könne. Vetter Hein⸗ rich aber fuhr bald wieder fort und hat mich recht geneckt mit dem Schlittenrecht— der loſe Schalk! Ich habe mich vor ſeiner und meiner Mutter und vor Muhme Agathe ordentlich ſchämen müſſen. Und wenn er wiederkommt, um ſeine Mutter, die ver⸗ wittwete Paſtorin, abzuholen, ſo will ich ihm ſagen, daß er recht garſtig war. 3 292 ſagen, ſondern mich in der Stille auf Kundſchaft legen, ob wir nicht Gärtners Bethchen in Dienſt bekommen können, die ein braves und anſtelliges Mädchen iſt. Als ich eben die Küper entlaſſen hatte, erwartete mich eine neue Ueberraſchung, denn ich hörte des Poſtreiters Horn. Er hatte einen Brief für den lieben Vater gebracht und während Margreth den Brief hinauftrug zur lieben Mutter und ſich das Poſtgeld bezahlen ließ— ganze vierzig Kreuzer für den einzigen Brief— reichte ich dem Poſtknecht ein Glas Aepfel⸗ wein. Vater war bei den Kohlenmeilern im Walde, und wir wußten uns gar nicht vor Neugierde, was wohl in dem Briefe ſtehe. Als Vater um ſechs Uhr heimkehrte zum Abendbrod, er⸗ fuhren wir es endlich. Der Brief war von einem Notarius aus Frankfurt am Main und meldete, daß der Vetter Chriſtian Schlehdorn geſtorben war und Vater von ihm Tauſend Gul⸗ den, ein zweiſchläferiges Bett und einen ſilbernen Becher ge⸗ erbt habe, damit er daraus nach Belieben auf des ſeligen Vet⸗ ters Geſundheit trinke. Das brachte große Freude in's Haus, denn das Vermögen war den lieben Eltern hoch willkommen, nachdem die langen Kriegszeiten unſer ganzes Hab und Gut verſchlungen hatten; aber es brachte auch große Unruhe, weil Vater meinte, es wäre wohl das Beſte, wenn er ſelber nach Frankfurt ginge und zum Rechten ſähe und ſeinen Antheil an der Erbſchaft ſelbſt erhöbe. Wir hatten darüber ſo viel zu be⸗ ſprechen und zu fragen, daß darob das Abendbrod ſchier ver⸗ geſſen und das Hafermus und die Speckpfannkuchen ganz kalt wurden und wir bis nach zehn Uhr aufblieben. Und erſt als wir zu Bett gingen, fiel Vater'n ein, daß er uns noch eine Neuigkeit mitzutheilen habe, die er von dem reißigen Förſter von Hirzenthal gehört hatte,— nämlich daß Vetter Schuch⸗ 294 Trappenhof, den 24. März 1865.— So haben wir Beide, ich und Hermann, unſern Willen nun doch durchgeſetzt und vorgeſtern in der Reſidenz unſere Verlobung gefeiert und die Verlobungsanzeigen offiziell erlaſſen. Ach, es nimmt ſich ganz allerliebſt aus auf dem glatten engliſchen Glacépapier: „Ottilie Föllinger, Hermann, Freiherr von Kleeberg, Kientenant im 2. Dragoner-Kegiment, als Verlobte.“ Wie werden ſich die Tante und die Spiesbürger in Mühl⸗ hauſen wundern und ärgern, wenn ſie dies leſen! Ich war ganz ſelig vor Glück und Stolz, als ich vorgeſtern Mittag in einem neuen hellfarbigen Seidenkleid und Hut an Hermann's Arm die Hauptſtraße herunterging, um bei ſeiner Tante, der Geheimeräthin Sommerſtatt, den erſten Beſuch zu machen. Es zog gerade die Wachtparade auf, alle Bekannten vom Militär und Civil waren auf den Beinen und grüßten mich, und da ſo eben die Matinée musicale Rubinſtein's im Muſeumsſaale zu Ende war, warteten wir expreß dort an der Thüre auf meine Schweſter Lolo, die ein Freibillet bekommen hatte, und alle Damen, welche herauskamen, mußten uns ſehen und barſten beinahe vor Neid und Erſtaunen. Geſtern reiste ich dann mit Hermann und Schweſter Lolo hieher auf das Rittergut Trap⸗ penhof, wo Herrmann's Mutter bei ihrem Bruder, dem Baron Renaud, lebt und ihm die Wirthſchaft führt, da er Wittwer iſt. Der Empfang war von ihrer Seite etwas kühl und förm⸗ lich, trotz aller Artigkeit, aber ich habe mir Mühe gegeben, den Oheim zu gewinnen, der etwas linkiſch und ſchwerfällig iſt 295 und ſehr adelsſtolz ſein ſoll. Ich habe mich aber in meinen Erwartungen von dieſem Rittergut getäuſcht geſehen, denn dieſes Schboß iſt kaum ſo hübſch wie unſere Stadtwohnung in der Waldſtraße, und wenig beſſer als ein großes Bauernhaus. Onkel Renaud zeigte mir mit großer Befriedigung ſeine ganze Oekonomie: die Ställe, die Pferde, das Melkvieh, die Bienen⸗ ſtände, die Scheunen u. ſ. w., und ich hatte Mühe ihm meine Langeweile zu verhehlen und immer mir den Schein zu geben, als ob ich ihm freundlich und voll Intereſſe zuhöre; allein er war im Ganzen doch mit mir zufrieden, wenn ich auch gleich grobe Verſtöße machte und eine Egge für einen Pflug, eine Säemaſchine für eine Dreſchmaſchine anſah und Roggen und Hafer nicht zu unterſcheiden wußte. Der gute Herr ſagte mir: wenn ich auf dem Trappenhof einziehe, werde mir die Milch⸗ wirthſchaft und der Geflügelhof als meine Domäne übergeben werden und ich müſſe mich hierauf vorbereiten!! Das fehlte mir noch. Geſtern Abend war dann Familienrath. Meine künftige Schwiegermutter und Baron Renaud ſind der Anſicht, Her⸗ mann werde beſſer thun, wenn er als Offizier quittire und Oekonom werde, als wenn er weiter diene auf Avancement; er ſolle dann unter des Oheims Führung ſich auf dem Trappen⸗ hof ausbilden und freie Station und ein Jahresgehalt bekom⸗ men, ſo daß wir Beide in einigen Jahren genug von der Land⸗ wirthſchaft gelernt hätten, um eine Domäne pachten zu können, wozu der Oheim das Betriebskapital geben wolle. Um als Offizier zu heirathen, müßte Hermann ein freies Vermögen von ſo und ſo viel Tauſend Gulden nachweiſen und als Kau⸗ tion einlegen können, das weder ſeine Mutter noch Onkel Re⸗ naud ihm geben könnten und das auch Tante Sommerſtatt 296 nicht vorſchießen wolle. So bleibe Hermann nichts übrig als die Oekonomie! Mich überlief es ganz eiskalt, als ich dies hörte, denn der Gedanke an eine ſolche Exiſtenz iſt mir entſetzlich, und ich finde, daß Hermann in Civilkleidern eine ſchlechte Figur macht— er ſah in ſeinem Reiſeanzug geſtern aus wie— ich konnte mir's nicht verhehlen! wie ein endimanchirter Badergeſelle! Ich kann mir Hermann nicht ohne Uniform und Säbel denken! Als Hermann heute früh mit mir einen Waldſpaziergang machte und mir die Unterredung vom geſtrigen Abend wieder einfiel, da konnte ich mich der Thränen nicht erwehren und warf mich ganz verzweifelt an den Hals meines Verlobten. Er ſuchte mich zu tröſten und meinte, er wolle dieſen philiſtrö⸗ ſen Plänen ſeiner lieben Verwandten ſchon ein Schnippchen ſchlagen— falle ja kein Baum auf den erſten Streich. Ich ſolle nur dem Onkel Renaud tüchtig um den Bart gehen, weil der Alte im Grunde doch ein gutmüthig beſchränkter und ſchwa⸗ cher Charakter ſei; Hermann wolle dann die Tante Sommer⸗ ſtatt auf ſich nehmen und ihr's abſchmeicheln, daß ſie die Kau⸗ tion für uns ſtelle. Er laſſe ſich dann in die Reſidenz zum Leibdragonerregiment verſetzen, Tante Sommerſtatt müſſe uns das Parterre ihres Hauſes einräumen, er werde mir ein Reit⸗ pferd halten und wir wollten ein ſtilles, beſcheidenes und doch angenehmes Leben führen, denn er habe noch immer Hülfs⸗ quellen. Und zum Beweiſe dafür verehrte er mir einen reizen⸗ den Ring mit Smaragden und Brillanten, den er mir zur Verlobung beſtimmt, aber nicht mehr rechtzeitig erhalten hatte. Hierauf verabredeten wir, morgen wieder in die Reſidenz zu⸗ rückzukehren, um ferneren Erörterungen mit der Familie aus⸗ zuweichen. Ich werde morgen meine Migräne und meine — Krämpfe wieder haben, und wenn wir dann mit dem Schnell⸗ zuge nach der Reſidenz zurückfahren, dann können wir unter Umſtänden noch die Vorſtellung von Lohengrin' beſuchen, worin Nachbaur ſingen wird— das iſt ja ſchon längſt mein ſehnlichſter Wunſch. Den 15. Juli.— Heute iſt mein Geburtstag; ich habe mein 24. Jahr zurückgelegt und bin nua verlobt. Es war zwar einer der ſchönſten Geburtstage, die ich je gefeiert habe, und ich wurde mit Geſchenken überhäuft,— Hermann war über alles Erwarten freigebig, und ſeine Geſchenke zeugen von feinem Geſchmack: eine neue Robe von Moire antique mauve mit Blonden, zu Staatsbeſuchen, eine Parüre von Cameen, Reitkleid von Halbtuch nebſt Hütchen und Reitpeitſche mit ſil⸗ bernem Knauf, und ein Schreibtiſch von Paliſanderholz, nebſt verſchiedenen Nippes— aber es hat ſich doch manche Enttäuſchung in meine Freude gemiſcht. Hermann's Mutter, Oheim Renaud und Tante Sommerſtatt ſpeisten bei uns und baten mich ernſtlich, Hermann zu bewegen, daß er den Dienſt quittire und ſich der Oekonomie widme, und als ich zu meiner Entſchuldigung vorgab, meine Vorſtellungen in dieſem Punkte haben wenig Gewicht bei Hermann, ſo ſprach Frau v. Kleeberg ernſtlich mit Papa und ſtellte dieſem vor, daß wenn Hermann ſeinem Eigenſinn folge und fortfahre als Offizier in den Tag hinein zu leben, er Gefahr laufe, ſich mit ſeinem Oheim zu überwerfen und deſſen Zuneigung zu verſcherzen, was er ſpäter bitter bereuen müßte. Papa hat darauf heute Abend mir vor⸗ geſtellt, daß nichts übrig bleibe, als dem Andrängen von Her⸗ mann's Verwandten nachzugeben, damit meinem Verlobten ernſte Verlegenheiten erſpart würden, von denen Hermann be⸗ droht ſei. Als wir Abends aus dem Theater kamen, erzählte ich Hermann Alles. Er war anfangs überraſcht, ja ſogar er⸗ ſchrocken; dann aber lächelte er und ſagte leichtfertig:„Unſinn! laß Dir darüber keine grauen Haare wachſen, darling! ich werde meinen Weg ſchon ſelber finden und kümmere mich kei⸗ nen Pappenſtiel um die Alten!“ Seine Zuverſicht gab mir meinen Muth wieder und ich ſagte mit einem Seufzer:„Ach wenn wir verheirathet wären, Schatz, dann würde ich mich eher zufrieden geben! So aber hab' ich immer Angſt, man wolle uns gewaltſam aus einander treiben!“— Hierauf gab mir Hermann die tröſtliche Verſicherung, daß er ſein Möglichſtes thun werde, um noch vor dem Spätherbſte unſere Hochzeit durchzuſetzen. S., den 20. Oktober.— Morgen werden es acht Tage, daß wir hier ſind, und daß ich als Freifrau v. Kleeberg die Beſuche der„Geſellſchaft“ der Stadt empfange und erwidere. Ach, es iſt doch etwas Entzückendes um das Bewußtſein, eine verheirathete Frau zu ſein und ſich ſeiner unumſchränkten Frei⸗ heit zu erfreuen! Mein Gatte hat ſein Wort gehalten: am Tage nachdem er von den Wettrennen in Baden zurückkam, trat er vor meine Eltern und fragte: ob meine Mitgift ſo weit fertig ſei, daß wir Hochzeit machen könnten. Mama erklärte: vor vier bis fünf Wochen ſei daran nicht zu denken; aber Her⸗ mann beſtand darauf. Er übergab Mama hundert Louisd'or, um noch einige Anſchaffungen zu unſerer Mitgift zu machen, behändigte Papa die Kautionsſumme in Staatspapieren und gab ſein Heirathsgeſuch ein. Dann reiste er mit Mama und mir hieher nach S., miethete die ſchönſte Wohnung der Stadt, und bat ſeinen Regiments⸗Kommandeur, dem er mich vorſtellte, um ſein Fürwort wegen der Heirath.„Ich habe mir vorge⸗ nommen nun ſolid zu werden, Herr Oberſt, und meine kleine Ottilie da wird mir ſchon den Kappzaum anlegen,“ ſagte er in ſeiner treuherzigen leichtſinniger Weiſe, und der Oberſt drohte ihm blos lächelnd mit dem Finger und meinte, er ſolle nicht den alten Spruch bewähren, daß der Weg zur Hölle mit guten Vorſätzen gepflaſtert ſei. Ach, das waren glückliche Tage! Dank der Verwendung Papa's erhielt Hermann die Heirathserlaubniß ſchon nach drei Tagen. Wir beſchleunigten das Aufgebot und machten am 27. September Hochzeit, wobei Papa wirklich zeigte, daß er die Ehre einer Verbindung mit der Kleeberg'ſchen Familie zu ſchätzen wußte, denn er gab ein glänzendes Feſt zu unſerer Trauung, und Lolo verlobte ſich mit unſerm Stabsarzt, den ſie bei dieſer Gelegenheit kennen lernte. Hermann und ich aber traten von der Hochzeitstafel weg unſere Reiſe an, durchflogen die Schweiz, verweilten einige Tage am herrlichen Genfer See und reisten dann über Paris, London und Brüſſel nach Hauſe. Hier in S. hatten Mama und Hermann's Mutter uns einſtweilen unſer comfortables Logis recht elegant eingerichtet, und am Morgen nach unſerer Ankunft weckte uns die Regi⸗ mentsmuſik mit einem Morgenſtändchen. Nach dem Frühſtück kamen Hermann's Kameraden, um uns zu beglückwünſchen und einen prächtigen Theeſervice von Silber als Angebinde überreichen zu laſſen, und am Nachmittag ritt ich mit den Herren nach der Kieferhaide, wo eine Regiments⸗Steeplechaſe ſtattfand. Hermann hatte mir hinter meinem Rücken in Lon⸗ don ein wunderſchönes frommes Damenpferd, einen Schimmel, gekauft, welchen er mir nun als Reiſegeſchenk vorführen ließ und welcher mich entzückte und allgemeine Bewunderung und Neid hervorrief. Die Kameraden Hermann's verſicherten mich, ich mache zu Pferde eine raviſſante Figur und überhäuften 300 mich mit Galanterieen. Jeder ſchwur mir, wie ſehr er Klee⸗ berg, den Glückspilz, beneide und wie er entzückt ſei, nun ein friſches Haus und eine unübertrefflich liebenswürdige und geiſt⸗ volle Kameradenfrau gefunden zu haben, welche berufen er⸗ ſcheine, den Mittelpunkt der Geſellſchaft in dem verfluchten langweiligen Neſt zu bilden. Am dritten Abend war das ganze Offizierscorps bei uns zum Thee und wir waren ſeelenvergnügt und die Aufwartung ging wie am Schnürchen. Hermann war ſehr zufrieden und der heiterſte, ange⸗ nehmſte Wirth. Er ſagte: ich habe die Honneurs mit ſehr viel Takt und Würde gemacht und dem alten Oberſt förmlich den Kopf verdreht. Wir werden jeden Dienſtag offenes Haus, je⸗ den Sonnabend ein Spielkränzchen haben. Hermann will zu ſeinem Gig noch ein Coupé und eine Droſchke kaufen, weil meine Fenella auch Kutſchpferd iſt. Ach, er iſt ſo gut, er thut Alles, was er mir an den Augen abſieht, und ich bemühe mich, auch ihn möglichſt zu erheitern und zu zerſtreuen, denn er hat ab und zu Momente, wo er ſehr düſter und wortkarg iſt und durch den Rauch ſeiner Cigarre hindurch in's Kaminfeuer oder in den Lichtkreis der Lampe an der Decke ſtiert. Und wenn ich ihn dann um den Grund dieſes finſtern ſtarren Schweigens frage, ſo lächelt er gezwungen und nennt ſich einen Grillen⸗ fänger und Hypochonder; es hänge dies mit Leberleiden zu⸗ ſammen, gegen welche er künftigen Sommer eine Kur in Karls⸗ bad gebrauchen wolle; es ſeien Funktionsſtörungen im Unter⸗ leibe. Und er heitert ſich dann auf und ſucht durch eine aus⸗ gelaſſene Luſtigkeit dieſer melancholiſch⸗krankhaften Stimmun⸗ gen Herr zu werden. Den 7. Februar 1766.— Heute habe ich mein fünfund⸗ zwanzigſtes Jahr mit Gottes gnädiger Hülfe vollendet, und ſchaue mit innigem Dank auf ein ereignißreiches und geſegnetes Jahr zurück. Wer hätte noch vor zehn Monaten gedacht, daß Alles ſo kommen und daß der himmliſche Vater es ſo gütig mit mir machen würde! Ach, es iſt weit mehr als ich verdient habe, und ich muß nun lebenslang eingedenk ſein, wie ich mich dieſer Gnade würdig mache. Hier aber ſoll Alles aufgezeichnet werden, wie es der Himmel in ſeiner reichen Gnade mit mir gefügt hat. Die Paſtorin Schuchwort iſt bis in den Heumond hinein bei uns geweſen, denn die Bauhandwerker hatten die neue Wohnung für den Phyſikus nicht eher fertig gebracht. Zu Johannis kam dann Vetter Heinrich, ſeine Mutter abzuholen, die ſich uns Allen unentbehrlich gemacht hatte. Wir weinten alle, als ſie ging, ſo lieb hatten wir die wackere fromme Frau gewonnen. Als wir die Treppe hinuntergingen und ich ihren Spinnrocken trug, da nahm ſie meine Hand, drückte mir ein klei⸗ nes Päckchen in dieſelbe und ſagte:„Nimm dies, meine liebe Louiſe; es iſt ein ſilbernes Herzchen, das meine ſelige Mutter mir bei der Einſegnung verehret hat und das chi all die langen Jahre zeither hoch in Ehren gehalten und meiner Tochter ver⸗ erbet hätte, ſo mir eine ſolche vom Himmel vergönnet worden wäre. Nimm den guten Willen für die That, liebes Louiſechen, und laß Dir das Ding den Leitſtern und das Symbolum auf Deinem Lebenswege ſein; dann kann es Dir niemals am innern Frieden fehlen!“ Dann herzte und küßte ſie mich unter Thrä⸗ nen, und ſtieg auf den Wagen. In dem Päckchen aber fand ich einen ſilbernen Patzer von Filigranarbeit, ein Herz dar⸗ ſtellend, darauf ein Kreuz und ein Anker aufgeflochten war, alſo die Wahrzeichen von Glaube, Liebe und Hoffnung. Da⸗ rinnen aber war eine lichtbraune Haarlocke wie von einem Kinde, und ich wußte von der Paſtorswittwe, daß es eine Locke von Vetter Heinrich ſei, ihm abgeſchnitten, da er ein Knäblein von drei oder vier Jahren geweſen. Dieſes Geſchenk freute mich als ſo ſchön und reich und unverdient, und ich trage dies Herz fortan als mein ſchönſtes Kleinod mit ehrerbietigem Danke. Heinrich's Mutter fehlte uns allenthalben, als ſie gegan⸗ gen war. Weil wir aber nur drittehalb Meilen von einander entfernt waren, ſo beſuchten wir uns im Sommer und Herbſt gegenſeitig mehrmals, und zu Weihnachten war ich drei Tage drüben auf der Dietrichshütte, wo Vetter Heinrich ein hübſches zweiſtöckiges Häuschen allein bewohnt. Es liegt mit ſeinem Gärtchen dicht am Walde, etwas abſeits vom Werk, ſeinem Ruß und Rauch und Lärm. Im obern Stock hat die Frau Paſtorin ihr Wittwenſtübchen und ſind zwei Gaſtzimmer; im Erdgeſchoß ſind vier Stübchen, welche der Vetter bewohnt und worin ſeine wackere Mutter als Wirthſchafterin waltet. Alles iſt ſo friedlich und ſchmuck darin, ſo recht die Heimath von Ruhe und Genügſamkeit. Heinrich und ſeine Mutter wurden nicht müde, mich zu fragen, ob es mir hier gefalle, und ich konnte aus vollem Herzen bejahen, Ohne mich dabei auf eigen⸗ nützigen Gedanken und Hoffnungen zu ertappen. Die Frau Paſtorin erzählte mir aber, daß es zur Sommerszeit hier noch unendlich ſchöner ſei, und daß ſie ſich auf den Sommer freue, weil der Winter immer ihr altes Gebreſte: geſchwollene Beine und Gliederreißen, bringe, und ſie dann nicht gut tauge, das kleine Hausweſen allein zu führen. Mich hat der Aufenthalt in dem Häuschen ſehr ange⸗ 303 heimelt und ich entſinne mich noch, daß ich eines Nachts, wie ich ſo allein und wachend in meinem Kämmerchen lag, mir Gedanken darüber machte, ob dem Vetter Heinrich nun, wo ihm der erlauchte Graf zu Laubach das Phyſikat ordnungs⸗ mäßig übertrage, nicht heirathen und auf wen dann ſeine Wahl fallen werde— ob auf Bethchen oder Pauline Lambert oder auf die Tochter des Hüttenverwalters, die Mamſell Lindemann, die in Frankfurt erzogen und ſehr fürnehm und eine junge Dame war. Entfernt aber ließ ich mir nicht träumen, was noch kommen werde. Ich war nämlich noch keine fünf Wochen wieder auf dem Amtshofe zurück, da traf ich eines Sonntagsmorgens, von der Dorfkirche in Mittelſeen zurückkehrend, die Frau Paſtorin und Heinrich in unſerer Wohnſtube. Sie waren von Dietrichshütte herüber gekommen und nahmen das Mittagbrod mit uns ein. Nach Tiſche richteten Hannchen und ich eben den Kaffeetiſch zurecht, da wir bei der ſchönen Schlittenbahn Gäſte aus Lau⸗ bach und Grünau erwarteten, da holte mich die MNuhme Agathe nach des Vaters Schreibſtube hinüber. Ich weiß nicht, warum mir das Herz darob klopfte und noch lauter pochte, als ich den Herrn Phyſikus Schuchwort und ſeine Mutter bei den Eltern in der Schreibſtube ſah und ſie mich alle mit abſonderlichen Blicken und einiger Erwartung anſchauten. Vater ſagte mir, daß die Frau Paſtor'n mir etwas mittheilen wolle, und als dieſe mir entgegen kam und mich lächelnd anblickte, da ſahe ich, daß ihre Augen naß waren und ihre Hände zitterten. „Louiſeken,“ ſagte ſie und ihre Stimme bebte ihr, wie ſie meine Hand ergriff,„ſeit ich Dich hier kennen gelernet, hab' ich Dich herzlich lieb gewonnen als eine brave fromme Jungfrau, ſchlicht und recht vor dem Herrn und ein häusliches Kind, 304 ganz ſo wie ich mir von jeher eine Tochter gewünſchet habe. Und ſo iſt es denn ſtets mein ſtiller Wunſch geweſen, daß mein Sohn Heinrich Dich als ſeine chriſtliche Ehefrau heimführe, was⸗ maßen er ohnedem Dich in ſeinem Herzen längſt ſchon ſich er⸗ wählet hat und Dich liebet, und da Heinrich ein guter Sohn iſt und auch deinen Eltern ein willkommener Eidam wäre,— alſo frage ich Dich, meine liebe Tochter, ob Du gewillet wäreſt, ihm als ſeine eheliche Gattin zum Altar zu folgen und ſeine treue Lebensgefährtin zu werden?“ Ich war wie mit Glut übergoſſen, ſchaute bebend in die Runde und dann zu Boden und wußte mir nicht zu helfen noch Worte zu finden, denn es war ja mehr als ich je mir er⸗ wartet oder zu wünſchen getrauet hatte. Allein Heinrich kam mir zu Hülfe, nahm mich liebreich in den Arm und ſagte: „Herzliebe Luiſe, darf ich mir Deiner Eltern Segen für unſern Bund erbitten?“ Statt aller Antwort fiel ich ihm weinend um den Hals und war ſo bewegt, daß ich nichts von dem Segen unſerer Eltern hörte. So ſind wir denn ein Paar ge⸗ worden, und zu Sommer⸗Johannis ſoll die Hochzeit ſein, wo⸗ für dem lieben Gott Preis und Dank und Ruhm ſei für und für und ſein Segen mit uns, Amen! Dietrichshütte, den 26. Heumond 1766.— So ſind wir denn mit Gottes herrlichem gnadenvollem Beiſtand geſtern, durch den heiligen Bund der Ehe vereiniget, ein Paar gewor⸗ den, mit einander Freud' und Leid, gute und böſe Tage zu theilen und uns gegenſeitig gen Himmel zu führen, wozu Gott Seinen Segen geben wolle um Jeſu Chriſti willen! Unſre Hochzeit war klein und ſtill in meiner Eltern Hauſe ausgerichtet worden. Nur die nächſten Angehörigen der Fa⸗ milie und zwei Brautjungfern: Bethchen Lambert und Eliſa⸗ beth Wolthan, und etliche Freunde meines lieben Gatten Hein⸗ rich waren dabei und füllten juſt die zween Tiſche in der großen Eckſtube, während wir in der Wohnſtube am Abend noch ein Tänzchen machten. Heute früh ſind wir aufgebrochen, und der Abſchied vom Elternhauſe iſt mir faſt ſchwer geworden; aber es iſt ja des Weibes Beſtimmung, dem Manne zu folgen, und meine Eltern, die meine Hand vertrauensvoll in diejenige mei⸗ nes braven Heinrich gelegt hatten, gaben mir ihren Segen und ihre beſten Wünſche mit auf den Weg. Der Morgen war ſo ſchön und ſonnig und die Gegend ſo anmuthig und es war mir ſo wohlig an meines Herzensfreun⸗ des Seite und Alles erſchien mir ſo neu und eigenartig, daß ein Trennungsſchmerz nicht aufkommen konnte und ich mich des neuen Standes baß erfreute und mit ganzer Seele mir gelobte, dieſes wackern Mannes Glück zu ſein, der mich nun in ſein eigenes Heimweſen heimführte und daran erinnerte, daß„Eigener Herd iſt Goldes werth; iſt er auch arm, hält er doch warm!“ zumal wenn Genügſamkeit, Duldſamkeit, Liebe und Vertrauen darin wohnen! Jenſeit Hirzenthal holten wir den Pachter Gottfried Nöckel, des Vaters ehemaligen Knecht, mit dem Wagen ein, darauf meine Mitgift und Brautgabe geladen war. Gottfried hatte es ſich nicht nehmen laſſen, mein Mitgebrachtes auf ſei⸗ nem Heuwagen und mit ſeinen Pferden nach der Dietrichshütte zu bringen. Der Wagen war verziert mit Blumenſträußern und Kränzen, Gottfried ſelbſt und ſein Kleinknecht hatten Sträußer und Bänder auf den Hüten und bunte Schleifen an den Peitſchen, und die Kummeter der beiden Pferde waren mit Kränzen verziert. Oben auf dem Wagen aber, der meine zwei Betten nebſt Tiſch, Schrank, Kommode, Stühlen und Küchen⸗ Mylius, Für Frauenhand. I. 20 306 geſchirr enthielt, waren zwei Malterſäcke mit Weizen und ein Sack Mehl geladen, welche mir Vater in die neue Wirthſchaft geſchenkt hatte, und auf einem Packen Hanf und Flachs waren Spinnrad und Rocken aufgebunden und mit farbigen Bändern geputzt. Meine guten Eltern hatten von ihren eigenen Möbeln und von dem Geräthe, das wir von der Großmutter geerbt, die beſten Stücke hergegeben, um mich für das künftige Haus⸗ weſen auszuſtatten. War es auch einfach und beſcheiden, ſo konnte doch Alles berichten von der Genügſamkeit und dem geduldigen Fleiß der Vorfahren, und als ich Heinrich mit feuchten Augen darauf aufmerkſam machte, wie beſcheiden meine Mitgift ſei und die dreihundert Gulden Morgengabe vom Vater, da küßte er mich ohne ein Wort zu reden, als wollte er mir den Mund ſtopfen, und die Frau Paſtor'n ſagte:„Hein⸗ rich ſiehet auf Dein Herz und nicht auf die äußeren Glücksum⸗ ſtände!“— Mein höchſter Wunſch und mein eifrigſtes Be⸗ ſtreben ſei, ihm immer zu gefallen und ſeiner werth zu ſein. Das walte Gott! Amen. Bremen, den 17. Juli 1868.— Nach zwei langen Jah⸗ ren voll der widerſtrebendſten Erfahrungen ſuche ich dieſes Tagebuch meiner Jugend, das ich ſeit meinen Flitterwochen vernachläſſigte, wieder hervor, um mein Leid darin niederzu⸗ legen. Grauſamer iſt wohl niemals ein Frauenherz getäuſcht und ein ſchwaches leichtgläubiges weibliches Weſen vom Schick⸗ ſal heimgeſucht worden als ich Arme! Der Morgen meiner Ehe war ſo heiter, und ließ nichts von dem ſtürmiſchen Mittag ahnen, und was wird erſt aus dem Abend werden? Welche 307 Schreckenstage liegen hinter uns und welche Looſe beherbergt der Schoos der Zukunft noch für mich und den armen Knaben, der in glücklicher Kindesunwiſſenheit an meiner Seite ſchlum⸗ mert? Damit meine Kinder dereinſt erfahren mögen, wie ſchwer die Hand des Schickſals auf ihrer unglücklichen Mutter gelegen hat, will ich in dieſer einſamen Nachtſtunde noch in Kürze meine Erlebniſſe verzeichnen. Morgen Abend um dieſe Stunde ſchwimmen wir Alle ſchon auf dem Ocean und laſſen die deutſche Heimath hinter uns— für immer, denn wir haben kein Heim mehr darin! Alle Lebensfreuden ſind hinter uns verſunken, und vor uns liegt ein unbekanntes Vielleicht voll Sorgen und Kampf! Wie wird es enden? Das erſte Jahr meiner Ehe war wie ein heiterer Som⸗ mertag. Nur hie und da ſtörten mich der finſtre Unmuth und die fieberiſche Unruhe meines Gatten, wenn er mit mir allein war, und ich ſah, wie er gierig in geiſtigen Getränken ſich be⸗ täuben wollte. Wie oft ich ihn auch bat, mir die Quelle ſeiner Düſterkeit zu nennen, er verweigerte es mir ungeduldig oder ſchützte körperliche Schmerzen und Unbehagen vor. Erſt als mein lieber kleiner Sohn drei Wochen alt war, ſollte ich den Grund davon erfahren. Eines Morgens nach dem Appell kam Hermann verſtört nach Hauſe, vertauſchte die glänzende Uni⸗ form mit Civilkleidern, packte ſich eine Reiſetaſche und nahm eilfertig und verſtimmt Abſchied von mir. Er müſſe ſchnell nach dem Trappenhofe, ſagte er; es ſeien Dinge vorgefallen, welche ſeine Anweſenheit dort erheiſchten und die er mir zu ſchildern nicht Zeit habe. Wenn ich Rath bedürfe, ſolle ich den Auditeur Hunold rufen laſſen, der ſich meiner annehmen werde. Damit entwand er ſich mir und ging. Ich war unruhig aber 20* 308 ahnungslos, denn er hatte während des Sommers mehrfach geheimnißvolle Reiſen von einigen Tagen unternommen, von denen er zuweilen noch verſchloſſener, zuweilen heiter und faſt übermüthig zurückgekehrt war. Ich war zu ſchwach und krank, um mich in ein vergebliches Grübeln zu verſenken, und zu arg⸗ los und unbefangen, um Schlimmes zu ahnen. Erſt als drei Tage vergangen waren, ohne daß irgend jemand von den Offi⸗ zieren oder deren Familien mich beſuchte oder Hermann zurück⸗ kehrte, ward ich unruhig, und verlangte nach Albrecht, dem Burſchen meines Mannes, um ihn zum Rittmeiſter zu ſenden und fragen zu laſſen, auf wie lange Hermann Urlaub genom⸗ men. Meine Wärterin erklärte mir verlegen und zögernd, daß Albrecht in den drei Tagen nicht mehr gekommen ſei und nicht mehr in unſeren Dienſten ſtehe. Erſchrocken ſchickte ich zu dem Auditeur, der denn auch alsbald in Begleitung des Majors v. Hadern bei mir erſchien..... Nie werde ich die verlegenen, feierlich⸗ernſten, mitleidigen Mienen dieſer beiden Herren vergeſſen, als ſie an meinem Bette erſchienen,— nie die furchtbaren Enthüllungen, welche ſie mir machten. Hermann hatte ſeine Entlaſſung genommen, um einer ſchimpflichen Entlaſſung zu entgehen. Er war ein Ha⸗ zardſpieler, ein Schuldenmacher, ein Schwindler, ein— meine Feder ſträubt ſich, das bezeichnende Wort auszuſprechen! Her⸗ mann war geflohen, um der Strafe zu entgehen, die ſeiner ge⸗ harrt hätte. Er hatte das Vermögen eines Kameraden, des Premierlieutenants v. Weſtern, verſpielt, er hatte mehr als dreißigtauſend Thaler veruntreut! Ich konnte es nicht glauben, aber es war nun wahr, wie ich bald erfahren ſollte. Herr v. Weſtern hatte im Sommer 1865 Urlaub genom⸗ men, um ſeine militäriſche Ausbildung auf Reiſen zu vollenden, und war mit einem Reiſeſtipendium der Regierung nach Frank⸗ reich gegangen, um deſſen Heereseinrichtungen kennen zu ler⸗ nen. Er hatte im Vertrauen auf Hermann's Freundſchaft und Ehrenhaftigkeit dieſem eine Kaſſette mit Staatspapieren, die ſein ganzes Vermögen bildeten, anvertraut. Hermann ſollte die Zinſen davon erheben und Herrn v. Weſtern überſenden, der in einem halben Jahre zurückkommen wollte. Als die Hoff⸗ nungen Hermann's auf die Unterſtützung der Tante Sommer⸗ ſtatt zu unſerer Verheirathung nicht in Erfüllung giengen, hatte er für einige Tauſend Thaler Staatspapiere von Weſtern's Vermögen verpfändet, war damit nach Baden⸗Baden gegangen und hatte zur Zeit der Rennen mit Glück geſpielt und gegen 40,000 Gulden gewonnen, ſich ſelber flott gemacht und unſere Heirath bewerkſtelligt. Dies war die geheimnißvolle ſichere Hülfsquelle geweſen, von welcher er gegen mich geſprochen hatte. Als er ſpäter dieſen Spielgewinn aufgebraucht hatte, war er wieder und wieder heimlich nach Baden gegangen, hatte mit abwechſelndem Glück geſpielt, hatte Schulden gemacht und Weſtern vertröſtet, er habe die Kaſſette damals, als er 1866 in's Feld zog, einer Bank anvertraut und den Legſchein ver⸗ legt oder verloren. Der gutmüthige leichtgläubige Weſtern hatte ſich eine Zeit lang hinhalten laſſen, denn er war nach dem deut⸗ ſchen Krieg in ein anderes Regiment verſetzt und in preußiſche Garniſonen verſchickt worden, um dort den Dienſt zu erlernen. Endlich aber hatte er ſich anderen Freunden anvertraut, die ihn zu überzeugt verſuchten, daß Hermann ihn hintergehe. Er hatte ſich in einem vertraulichen Briefe an den Oberſt von Her⸗ mann's Regiment gewandt, und nun war Alles mit Einem Schlage zu Tage gekommen, d. h. Hermann hatte ſich Urlaub erbeten, angeblich, um die Kaſſette von jener Bank herbeizu⸗ 310 ſchaffen, eigentlich aber um zu fliehen. Von Luzern aus ſchrieb er den ganzen Vorfall dem Oheim Renaud mit der Bitte, ihn vor der Schmach zu bewahren und ſich ſeiner Familie anzu⸗ nehmen. Hermann wollte in's Ausland gehen und bei einer fremden Armee Dienſt ſuchen. Baron Renaud hatte Herrn v. Weſtern 25,000 Thaler Entſchädigung angeboten gegen die Bedingung, daß er von gerichtlicher Verfolgung ſeiner An⸗ ſprüche abſtehe und nicht eine ganze Familie unnöthig kompro⸗ mittire, und Weſtern war auf den Zuſpruch der Kameraden auf dieſes Anſinnen eingegangen. Somit war der Skandal vermieden, und man wollte alles Weitere ſo viel wie möglich vertuſchen. So ſchonend man mir dies beibrachte, ſo ſchlug es mich dennoch zu Boden, denn ich ahnte unwillkürlich, daß es nicht Alles ſei. Ich verfiel in eine heftige Krankheit. Als ich wieder zu Beſinnung kam, ſah ich meine Eltern um mich, aber mein Vater war wie gebrochen. Sobald mein Zuſtand es erlaubte, kehrte ich mit meinem Kinde in mein elterliches Haus zurück. Hermann's Verwandte wollten nichts von mir wiſſen und be⸗ ſchuldigten mich, die Urheberin von Hermann's Unglück zu ſein. Sie ſetzten mir und meinem Kinde einen kleinen Jahres⸗ gehalt aus, den ich ablehnte, den aber mein Vater für mich annahm. Ueber unſere Habe brach der Konkurs aus, den Hermann hatte gegen 60,000 Thaler Schulden. Mein Gatte ſchrieb mir aus der Verbannung, aus Luzern und Genf, wo er unter falſchem Namen lebte. Er bat mich um Verzeihung, er ſchwur mir, daß er nur aus falſcher Scham, aus dem Wunſche mich glücklich zu machen, in jene Verſuchungen ge⸗ fallen ſei; er gelobte mir hoch und theuer ſich zu beſſern und anderwärts eine Stellung zu erringen. Er beſchwor mich ihn nicht ganz zu verlaſſen, weil er ohne mich und meinen Glauben an ihn verloren wäre, und weil er an meiner Seite ſich noch Kraft und Ausdauer genug zutraue, ein beſſerer Menſch zu werden. Und ich glaubte ihm, ich durfte ihn nicht fallen laſſen, weil ich immer noch mit einer gewiſſen Neigung an ihm hänge und weil mein Loos an ſeiner Seite nicht ſchlimmer ſich ge⸗ ſtalten konnte, als daheim, wo Mangel und Düſterkeit herrſch⸗ ten und ich nur Thränen und ſchmerzlichen Blicken begegnete. Ich ſchrieb ihm Briefe über Briefe und predigte ihm Troſt und Muth. Hermann hatte lange Monate hindurch vergebens ver⸗ ſucht, in fremden Heeren Dienſte zu erhalten, der Mangel an den geeigneten Papieren und Empfehlungen hatte alle ſeine Verſuche vereitelt. Zuletzt war er in Florenz Sekretär bei ei⸗ ner anonymen Geſellſchaft von Spekulanten geweſen, welche verſchiedene Aktien⸗Unternehmungen gründen wollten. Aber auch dieſes Projekt ſcheiterte, und er ſchrieb mir vor etwa ſechs Monaten, er ſei auf dem Wege nach New⸗York, wo er durch die Fürſprache eines Bekannten mit der Stellung eines Stall⸗ meiſters in einem Livery stable betraut worden ſei. Er hoffe dort ſich eine Exiſtenz gründen zu können und wolle mich und ſein Kind nur noch einmal ſehen, um ſich an unſerm Anblick für den dornenvollen Weg zu ſtärken, der vor ihm liege. Ich dürfe ihm dieſe Bitte nicht abſchlagen, von deren Erfüllung unſer Aller Zukunft abhänge. Ich reiste mit meinem Knaben nach Nancy, wohin mich Hermann beſtellt hatte, und hier bat er mich kniefällig um Verzeihung und gelobte mir bei dem Haupte ſeines Kindes die äußerſten Anſtrengungen, um drüben in Amerika eine Stellung zu gewinnen. Wie hätte ich ihm mißtrauen können!.... Wir lebten drei Tage zuſammen, 312 dann ſchlug die Trennungsſtunde, die mir beinahe das Herz zerriß. Als ich meinen Gatten auf das Geſicht unſres Sohnes herabweinen und ſich in bitteren Selbſtanklagen ergehen ſah, da wäre ich am liebſten mit ihm in alle Welt gereist, wenn nur unſere Mittel es erlaubt hätten! Aber Hermann hatte kaum Reiſemittel für das Zwiſchendeck und ich verkaufte noch Bei meiner Rückkehr in's Vaterhaus erwartete mich neuer Jammer. Papa war ſchwer erkrankt und erlag zehn Tage ſpäter dem Typhus. Mit ihm verloren wir nicht nur unſere Stütze, ſondern auch unſern guten Namen, denn anſtatt eines beſcheidenen Vermögens, das ihm meine Mutter einſt zuge⸗ bracht hatte, fanden ſich nur Schulden und Schande vor, denn der Unglückliche hatte ſich an Pupillengeldern vergriffen. Anſtatt uns zur Einfachheit, Genügſamkeit und Arbeit zu er⸗ ziehen, hatte er uns zu Genuß und Oſtentation erzogen in der eitlen Hoffnung, unſer Bißchen Anſtand und Bildung und un⸗ ſere leidlich hübſchen Geſichter würden uns zu guten Parthieen verhelfen,— ein Mißgriff, den wir nun durch ein verfehltes Leben voll Schande und Jammer büßen mußten.... Die Verlobung meiner Schweſter Charlotte war längſt zurückge⸗ gangen, und Lolo mußte nun eine Gouvernantenſtelle in Ruß⸗ land annehmen. Helene ward froh, ein Unterkommen als Garderobejungfer bei einer wallachiſchen Bojarin zu finden, und Hermine ſuchte eine Zuflucht im Kloſter, wo ſie früher er⸗ zogen worden war, bei der Mère pröfète, deren Zuneigung ſie ge⸗ wonnen hatte. Meine Mutter, an Geiſt und Körper gebrochen, lebte mit mir in einem ärmlichen Häuschen der Vorſtadt von ihrem kleinen Wittwengehalt. 313 Meine Hoffnung, daß Hermann's Familie etwas für mich und mein Kind thun würden, um mich in den Stand zu ſetzen, meinem Gatten nach New⸗York zu folgen, von wo er mir in⸗ mitten meines Jammers ſeine glückliche Ankunft und den An⸗ tritt ſeiner Stellung gemeldet hatte, ſollte bald ebenfalls ſchei⸗ tern, denn Baron Renaud ſtarb vor wenigen Wochen an den Folgen eines Inſektenſtichs oder einer Blutvergiftung. In ſeinem Teſtament hatte er Hermann, einen ſeiner nächſten In⸗ teſtaterben, enterbt und ein Fideikommiß für deſſen Kinder ge⸗ macht, aus welchem mein kleiner Sohn hinfort ſtatt des ſeither an mich bezahlten Gehalts nur einen Erziehungsbeitrag er⸗ halten ſollte. Ach, und in wenigen Monaten hatte ich meinen Gatten mit einem weitern Liebespfande zu beſchenken. Her⸗ mann vereinigte ſeine Bitten mit den meinigen, damit ſeine Mutter mir die Mittel gebe, ihm zu folgen, da er mich nun er⸗ nähren zu können hoffte. Mama hat mich zwar beſchworen, mich nicht auf meinen Gatten zu verlaſſen und einem unge⸗ wiſſen Looſe anzuvertrauen; allein ſie ſpricht wohl nur aus Selbſtſucht ſo, weil ſie auf meine Pflege rechnet. Ich folge je⸗ doch meinem Berufe und meiner Pflicht als Gattin, denn die Bitterkeit über die verfehlte Erziehung, welche meine Eltern mir und meinen Schweſtern gegeben haben, bildet eine unſicht⸗ bare aber allgegenwärtige Schranke zwiſchen mir und meiner Mutter, und ich bin der Demüthigungen und der halb mit⸗ leidigen halb höhniſchen Geringſchätzung überdrüſſig, womit man mir ſeither in meiner Vaterſtadt begegnete. Mich halten keinerlei Intereſſen mehr im Vaterlande, denn meine Schwie⸗ germama haßt mich und hat mir meinen Knaben entreißen und mich allein in die Welt hinausſtoßen wollen, und ich habe ihr die erbetene Unterſtützung zuletzt nur abgedrungen durch .. So habe ich nun meine Schiffe hinter mir verbrannt und ſchüttle morgen früh den Staub der Heimath von den Füßen, um auf dem Dampfer Hermann' zu meinem Gatten zu eilen. Ich betrachte dieſen Namen für ein gutes Omen, und werde drüben mir angelegen ſein laſſen, durch irgend eine Beſchäfti⸗ gung etwas zum gemeinſamen Unterhalt beizutragen. Ich werde durch meine philoſophiſche Ruhe und Ausdauer das widrige Schickſal zwingen, mir in Zukunft freundlicher zu lächeln. Ich habe ja erfahren, daß der Menſch ſeines eigenen Glückes Schmied iſt. Ich werde die Erinnerungen an die Ver⸗ gangenheit in's Meer werfen und verſenken und als eine An⸗ dere den Boden der neuen Welt betreten mit dem hoffnungs⸗ vollen muthigen Rufe:„Hail Columbia“. Grünau, den 10. Brachmond 1774.— Mein alter Lehrer Magiſter Thilenius hat uns gerathen, von Zeit zu Zeit in un⸗ ſeren Tagebüchern einen Rückblick auf die vergangenen Jahre zu werfen und lautes Zeugniß abzulegen für die treuen Füh⸗ rungen des Herrn auf unſerm Lebenswege. Dieſes will ich denn auch heute thun, wo wir in einen neuen Lebenskreis ge⸗ treten ſind, weil mein lieber Gatte kürzlich zum Kreisphyſikus in Grünau befördert worden iſt und wir uns hieher überſiedelt haben. So ſuche ich denn mein Tagebuch wieder hervor, das ich ſeit Jahren vernachläſſiget habe, um meine weiteren Erleb⸗ niſſe nachzutragen. Will es mir doch erſcheinen als hätte ich jene vergilbten Zeilen erſt geſtern niedergeſchrieben, und doch 3415 überzeugt mich das Datum, es ſeien ſeither acht Jahre ver⸗ gangen. Acht Jahre voll der reichſten Erfahrungen an meinem innern und äußern Leben! Ich habe nun fünf geſunde, liebe, folgſame Kinder um mich, wahre Oelzweige, denn ſie bilden Heinrich's Glück und das meinige und gedeihen unter unſerer Pflege und Beiſpiel zu einfachen, genügſamen und arbeitſamen Menſchen. Unſere gute Mutter, die Paſtorin Schuchwort, iſt allerdings heimgegangen und ſchlummert den ewigen Schlaf auf dem kleinen Kirchhof zu Dietrichshütte; allein ihr Segen ruhet auf uns und unſeren Kindern. Wir hatten anfangs einen ſchweren Stand in unſerm Hausweſen, denn die Praxis in der armen Gegend trug wenig, aber wir ſuchten uns zu behelfen, und kamen auch mit Weni⸗ gem aus. Mein Gatte war unverdroſſen und unermüdet und half Arm und Reich nach ſeiner beſcheidenen Kraft. Er wußte die Herzen und das Vertrauen ſeiner Kranken zu gewinnen und ſcheute nicht Nacht und Sturm, nicht Froſt und Hitze, wenn es galt, den Leidenden beizuſpringen. Der alte Schäck, der nun das Gnadenbrod im Stalle genießet, hat in der hügeligen Gegend ſeine beſte Kraft daran gegeben und jeden Weg und Steg kennen gelernt, wann er Heinrich auf der Landpraxis zu ſeinen Patienten getragen. Heinrich hat allmälig viel zu thun bekommen und ſich aus Büchern und am Krankenbette ſo fort⸗ gebildet, daß der gelehrte Herr Doktor Wentzel aus Frank⸗ furt, der ihn bei des erkrankten Grafen Chriſtian Erlaucht kennen gelernt als man ihn eigens hergerufen und konſultiret, meinem Gatten das ehrende Zeugniß ausgeſtellt hat, er könnte jeder Fakultät zur Zier gereichen und ſei der fürſichtigſte und ſcharfblickendſte Arzt in der ganzen Gegend, dem ſich die Er⸗ laucht ohn' Bedenken ganz anvertrauen dürfe. Und daß Hein⸗ 316 rich die Erlaucht mit Gottes Hülfe glücklich von ſeiner Darm— gicht kurirt, hat vielleicht zumeiſt dazu beigetragen, daß mein Gatte hieher nach Grünau berufen ward auf das Kreisphyſikat, obwohlen man ſonſten einem jüngern Manne ſolch eine Stelle nicht verleihet. So ſind wir denn nun hier in einem wohl⸗ habenden Städtgen, das ſeine gute Nahrung und einen bevöl⸗ kerten Umkreis hat, und Heinrich iſt ſeit des Herrn Doktoris Barthel's Hingang der einzige Arzt und Wundarzt allhie und der fürnehmſte im ganzen Kreiſe. Wir haben von der Herr⸗ ſchaft den ohnentgeltlichen Genuß eines geräumigen Hauſes mit Wurzgarten und Baumwieſe, können zwei Pferde und zwo Kühe halten, und Heinrich erhält für die Behandlung der Gemeinde⸗Armen und Pfründner ein Wartegeld. Die Praxis aber iſt in dieſer Gegend minder mühſam und mit Riſico ver⸗ bunden, und bringt meinen Gatten in angenehmere Berührung mit aufgeweckten und gebildeten Leuten. Hat er doch in Diet⸗ richshütte von wegen der Abgelegenheit des Orts hierin viel entbehren müſſen, obwohlen er niemals ſich beſchweret, ſondern daheim bei den Seinigen und in guten Büchern Erholung ge⸗ ſucht. Dennoch aber iſt es mir um Heinrich's willen lieb und ich bin dem Himmel aufrichtig dankbar, daß er nunmehro ſein eigen Licht auch kann leuchten laſſen, und daß man ſeinen Werth, ſein Wiſſen und ſein zutreffendes Urtheil ſammt all ſeinen Eigenſchaften nun auch in weiteren Kreiſen als ſeither erkennen kann. Wie aber muß ich erſt dem Herrn danken, daß er uns ſo gnädiglich hieher befördert in die Kreisſtadt, wo ich meinen Kindern den Umgang mit ſittſamen Geſpielen und den Genuß guter Schulen und Lehrmittel verſchaffen kann! Iſt mir ja doch vordem oft ein Bangen gekommen, was aus meinen Würmlein werden würde, ſo ſie auf dem Hüttenwerke unter den rohen Kindern der Schmelzer und Schmiede und Köhler aufwüchſen, ohne eine ordentliche Schule und nur auf die paar Stunden angewieſen, ſo Heinrich von ſeinem Berufe und ich von meinem Hausweſen uns erübrigen könnten, ſie zu unter⸗ richten! Wie hab' ich in meinem zaghaften ſorgenden Gemüthe dieſe Sorge für meiner Kinder Zukunft dem lieben Gott im Gebet an Sein Vaterherze geleget, und nun hat er gnädiglich unſer Loos geſtaltet auf's lieblichſte! Deß ſei ihm Preis und Dank und Ehre für und für! Heinrich iſt ſo zufrieden, ſo demüthig und pflichttreu, daß er in dieſer Beförderung nur eine Beſtärkung in ſeinem redlichen Wandel ſiehet und der Selbſtüberhebung und dem falſchen Hochmuth nicht Raum läſſet. Das hat er mir heute abermals bewieſen, denn als wir unſere Möbeln vertheilet und unſere häusliche Einrichtung vollendet hatten und die drei Oberſtuben mit der Kammer und Küche noch ledig blieben, ſagte er:„Nun ſieh, Luiſe, wie fein ſich das ſchicket! Wenn Dein guter Vater ſich zur Ruhe ſetzet und das Amt mit Ge⸗ nehmigung der Herrſchaft an Reinhold übergeben kann und Hannchen mit dem Aſſeſſor Müller verheirathet iſt, dann kön⸗ nen Deine Eltern und Muhme Agathe zu uns ziehen und ohn⸗ entgeltlich wohnen und Du haſt dann all Deine Lieben um Dich. Und deine Eltern werden gern und ohne falſchen Stolz unſern Antrag annehmen!“ So denkt er immer auf mein Glück und auf Anderer Vor⸗ theil, und das macht, daß meine treue dankbare Neigung zu ihm jeden Tag neue Nahrung findet! Und ſo ſind wir denn einig in unſeren Herzen und in Freud und Leid ein zufriede⸗ nes Ehepaar nach dem Worte der Schrift, und finden unſer Glück in unſeren Kindern und in uns ſelbſt, maßen wir uns immer nur nach unten und niemalen nach oben vergleichen und heitere wie trübe Tage dankbar aus der Hand des Herrn hinnehmen, der uns auch dies Haus hier in Grünau gebauet hat, und das wir im Aufblick auf ihn bezogen haben,— denn Wann Gott nit gibt dem Haus ſein' Gunſt, So iſt all unſer Bau'n umſunſt! ** * Chicago, den 10. Februar 1874.— Heute beim Aus⸗ packen iſt mir dieſes Tagebuch meiner Jugend wieder in die Hände gefallen, und ſein verblichener Einband und verblaßter Goldſchnitt haben mich wehmüthig an die Vergnügungsſucht und die Enttäuſchungen des Lebens gemahnt! Mit einer Art bitte⸗ ren Hohns habe ich darin geblättert und mich über die thö⸗ richten Illuſionen und geronnenen Ideale meiner Backfiſchzeit und Jugend geärgert, wo ich mich gedrungen fühlte, dieſen glatten Blättern alle Empfindungen und Eindrücke von einem Balle oder einer Landparthie anzuvertrauen. Wie wenig hielt mir das Leben, was es mir in jenen Tagen meiner Jugend verſprach, und wohin iſt mein ſchöner Jugendtraum entflohen! Welche Bitterkeit erfüllt mein Herz, wenn ich meiner bethörten denke, dem ich die beſten Jahre meiner Jugend geopfert,— dieſem Manne, den zu erringen ich mir ſo viele Mühe koſten ließ und der mich ſo elend um mein Lebensglück betrogen hat?! In welchen Illuſionen wiegte ich mich noch in jener Nacht in Bremen, bevor ich mich auf dem Dampfer einſchiffte! Wie wenig ahnte ich, daß ich nur neuen Prüfungen entgegengehen ſollte?! Eltern und ihrer Erziehung und des gewiſſenloſen Gatten ge⸗ 319 Nach einer glücklichen Fahrt erreichte ich mit meinem Knaben New⸗York, und ſah mich von Hermann erwartet, der uns liebreich empfieng und in ein kleines Haus, nicht größer als ein Gartenhäuschen, in der obern Stadt führte, das er uns gemiethet hatte. Hier genas ich einige Monate darauf eines zweiten Kindes, eines Töchterchens. Anfangs ging Alles gut, obſchon keine meiner beſcheidenſten Erwartungen erfüllt worden war. Das armſelige hölzerne Häuschen in der 117. Straße enthielt nur zwei kleine Stübchen und eine Küche und war kaum mit den unentbehrlichſten Möbeln verſehen. Unſere Nachbarn waren meiſt gewöhnliche Arbeiter und Tagelöhner, vorwiegend Irrländer. Ich hatte kein Mädchen zur Bedienung, mußte alle Arbeit ſelbſt verrichten oder für ſchlechte Arbeit theuer zahlen. Ich war unter lauter wildfremden Menſchen, deren Sprache ich nicht verſtand und deren täppiſche Annähe⸗ rung und Vertraulichkeit mich verletzte. Den ganzen Tag war ich allein und ſchutzlos, denn mit dem früheſten Morgen mußte Hermann in die Stadt hinunter in ſeine Reitbahn, um Reit⸗ unterricht zu geben und Pferde zu drainiren, und ſpät Abends kehrte er müde und verdroſſen zurück. Nur ſelten kam er unter Tags auf einen Augenblick zu uns heraufgeritten, um nach uns zu ſehen. Dabei an allen Ecken und Enden Noth und Be⸗ ſchränkung, das ſchneidendſte Gegentheil von unſerm frühern ehelichen Leben. Es gab Zeiten, wo Hermann mir kein Geld mehr geben konnte, da er ſelber keines hatte, und dann machte ich ihm Vorwürfe über den Leichtſinn, womit er uns über das Weltmeer gelockt hatte, um in einem fremden Lande zu ver⸗ derben, wo ſich Niemand um uns kümmerte, während wir da⸗ heim doch noch Anſprache und Rückhalt und barmherzige Men⸗ ſchen gehabt haben würden. Doch trat noch nicht die eigent⸗ 320 liche Noth an uns heran, denn ich hatte Hermann vorſichtiger⸗ weiſe verſchwiegen, daß wir noch ein kleines Einkommen in dem Erziehungsbeitrag für unſere Kinder hatten und daß ſeine Mutter, an welche ich von Zeit zu Zeit bewegliche Briefe ſchrieb, mir mehrmals Geld geſchickt hatte. Anfangs hatte Hermann meine verdienten Vorwürfe ziem⸗ lich ruhig hingenommen; ſpäter aber erwiderte er ſie in hef⸗ tigem barſchem Tone und maß mir die ganze Schuld ſeines Unglücks bei. Dadurch kam es zu Wortwechſeln und die Folge derſelben war, daß er dann mehrere Tage lang nicht mehr nach Hauſe kam oder bei der Heimkehr angetrunken war und meine Vorwürfe durch Schläge zu erwidern drohte. Ich konnte mir nicht verhehlen, daß er mich nicht mehr liebte, ſondern nur der Kinder wegen noch zu mir zurückkehrte, und dieſer Gedanke war mir unerträglich. Ich wollte wiſſen, ob er nicht eine An⸗ dere liebe, und drang ſo lange in ihn, bis er eine andere Woh⸗ nung, in der ſechzigſten Straße, miethete, wo ich ſeiner Reit⸗ bahn und dem Johnſon'ſchen Miethſtalle näher war. Hier hatten wir vier Stübchen, und ich vermiethete zwei derſelben an unverheirathete Männer und erſchwang dadurch einen Theil unſerer eigenen Hausmiethe. So ging es eine Zeit lang beſſer, und da Hermann auch ein höheres Gehalt bekam, ſo waren unſerer Sorgen weniger. Eines Tages zog ein Herr in mittleren Jahren bei mir ein, der ſich Mr. Michael Holyman nannte und Prediger einer Sekte war. Er bemerkte bald, daß mir dieſes Loos nicht an der Wiege vorgeſungen worden ſei, kam mir mit zarter Theil⸗ nahme und unverkennbarer Achtung entgegen, und ſtand mir mit Rath und That bei, was er um ſo eher konnte, als er bei⸗ nahe den ganzen Tag zu Hauſe war. Freilich wollte er mich — 321 auch bekehren und mir glauben machen, unſer ganzes verfehl⸗ tes Leben und beſonders mein eigenes unverdientes Schickſal rühre von meinem Mangel an chriſtlicher Demuth und wahrer Frömmigkeit her. Da ich ihm aber hierauf gehörig erwiderte, gab er nach einiger Zeit ſeine Bekehrungsverſuche auf und zollte mir und meinen Kindern nur noch eine rein menſchliche Theil⸗ nahme. Aus ſeinen halben Winken entnahm ich, daß er mich für die unglücklichere Hälfte unſers Ehebundes hielt und den Verdacht hegte, Hermann täuſche mich noch immer. Wie oft ich aber in ihn drang, ſich hierüber deutlicher auszuſprechen, weil dieſe Andeutungen mir nur meinen eigenen heimlichen Argwohn beſtätigten, niemals war er zu bewegen, ſich offen auszuſprechen. Pflicht und Gewiſſen verbiete ihm, ſtörend zwiſchen Ehegatten zu treten, und Nichtwiſſen oder Dämme⸗ rung mache mich weniger unglücklich als die volle Gewißheit, ſagte er, und war nicht zum Reden zu bewegen, ſondern ver⸗ ließ mich dann gewöhnlich nur mit einem ſtummen Händedruck, einem traurigen Blick und einem mitleidigen„Gott ſegne Sie, arme Frau. Sie hätten ein beſſeres Loos verdient!“— Dies brachte mich auf die Dauer beinahe außer mir, aber die Zeit kam, wo mir die Augen ſelber aufgehen ſollten. Eines Tags war ich unten in der Stadt, um eine Anweiſung einzukaſſiren, welche mir Hermann's Mutter heimlich geſchickt hatte, um Kleider für die Kinder zu kaufen; da ging ich an dem feinen Reſtaurant von Delmonico vorüber und ſah Hermann mit drei oder vier eleganten jungen Herren herauskommen, alle luſtig und guter Dinge, mit rothen Köpfen und ſehr angeheitert, wie von einem Gelage. Und ich und die Kinder hatten nicht jeden Tag Fleiſch zu eſſen! Das empörte mich, und als ich nach Hauſe kam und es dem Revd. Johnſton erzählte, ſuchte Mylius, Für Frauenhand. I. 21 322 er mich zu beruhigen und rieth mir, gegen Hermann nichts davon zu erwähnen, um nicht aus Uebel Aerger zu machen; ich ſolle ſchweigen und mich gedulden, bis ich zutreffendere Beweiſe haben würde. Allein Hermann kam am Abend betrunken nach Hauſe und ich vermochte mich nicht mehr zu halten und ſagte ihm die Meinung. Er leugnete nichts, ſondern behauptete nur, von ſeinen Schülern traktirt worden zu ſein; als ich aber ihn beſchuldigte, er belüge mich, ſo mißhandelte er mich thätlich. Ich war die Schwächere und mußte nachgeben und meinen Groll verſchlucken, aber es ſollte ihm nicht geſchenkt ſein. Einige Wochen ſpäter, an einem ſchönen Frühlingstage, führte mich der Revd. Johnſton in den Centralpark, dieſen ausgedehnten prächtigen Spaziergang in New⸗York, den ich noch nicht ge⸗ ſehen hatte, weil Hermann mich an keinen derartigen Ort führte. Ich war recht vergnügt, wieder einmal unter Menſchen zu kom⸗ men, und ſaß mit meinen drei Kindern und Herrn Johnſton in einem kleinen Kiosk, als wir plötzlich einige Damen und Herren zu Pferde an uns vorüberſprengen ſahen, darunter auch Hermann, den ich ſogleich an ſeiner trefflichen Haltung erkannte und meinem Söhnchen zeigte. Mit Einem Male ſprengt Hermann im vollſten Galopp wieder zurück, parirt in einiger Entfernung ſein Pferd, ſteigt ab, hebt etwas vom Boden auf, jagt wieder zurück und parirt abermals ſein Pferd vor den Damen, die ihm entgegen geritten waren, ergreift die Hand einer der reich geputzten Reiterinnen, einer ſchon älteren ſtattlichen Dame mit unſchönen ſtolzen Zügen, macht ſich an ihrem Handgelenke etwas zu ſchaffen und küßt ihr dann die Hand, was ſie mit einem holdſeligen Verneigen erwidert. Dar⸗ auf ſprengen ſie alle in der früheren Richtung davon. Ich ſaß wie verſteinert, leichenblaß, an allen Gliedern bebend, 323 der Sprache beraubt. Herr Johnſton ſchüttelte den Kopf und meinte, ich ſolle mir keine Gedanken darüber machen, denn es habe ſich nur um eine oberflächliche Galanterie gehandelt, zu der mein Gatte ſich habe hinreißen laſſen. Er kenne die Dame, eine Miſſis Brownrigg, die Wittwe eines Farmers aus Penn⸗ ſylvaniens, eines ſogen. Petroleum⸗Königs, der verſchiedene Steinölbrunnen gebohrt, ausgebeutet, dann verkauft und ſich zu Tode getrunken habe, nachdem er mit ſeiner Familie nach New⸗York überſiedelt ſei. Dieſe Miſſis Brownrigg ſei ein dummſtolzes, gemeines, ungebildetes Weib, an welcher ein Gentleman wie Hermann keinen Gefallen finden könne, nament⸗ lich wenn er ſie mit mir vergleichen würde. Ich wollte jedoch auf ſeine Zureden nicht hören, denn ich wußte von Hermann, daß Frau Brownrigg und ihre Töchter ſeine Schülerinnen in der Reitbahn waren.... Am Abend kam Hermann ganz un⸗ befangen und zeigte mir eine hübſche goldene Uhr ſammt Kette, die er von Frau Brownrigg als Geſchenk erhalten, weil er ihr ein koſtbares Armband mit Brillanten wiedergebracht, das ſie beim Spazierritt im Centralpark verloren. So plauſibel und unbefangen er dies erzählte, ſo wenig vermochte er mich damit zu täuſchen. Ich hielt ihm ſeine Treuloſigkeit vor, ich ſagte ihm, daß ich Zeugin jenes Handkuſſes geweſen und daß er ein Elender, Ehrloſer, Pflichtvergeſſener ſei. Es kam wieder zu einem heftigen Wortwechſel und ſchließlich ſchlug Hermann mich mit der Reitpeitſche über den Kopf, daß mir das Blut vom Nacken lief. Ich eilte zum Friedensrichter und verklagte ihn, und er mußte vor dem Polizeigericht erſcheinen, ward zu zwei Tagen Gefängniß verurtheilt, und die ganze Geſchichte kam in die Zeitung, und während in der Nummer zuvor mei⸗ nes Gatten Ritterlichkeit und Gewandtheit und ſein Eifer bei 21* 324 Herbeiſchaffung des verlorenen Armbands gerühmt worden war, erfuhren jetzt die Leute aus den Polizeiberichten der Journale, was für eine Bewandtniß es mit der Ritterlichkeit habe und welch eine verworfene Perſon die Miſſis B. ſei. Als Hermann aus dem Gefängniß entlaſſen war, trat er mit einer wilden Miene vor mich und ſagte: ich habe ihm durch meine grundloſe Heftigkeit unendlich mehr geſchadet als ich je verantworten könne; ſeine jungen Freunde hätten die Geſchichte von dem Armband in die Zeitungen gebracht, um dadurch für ihn Reclame zu machen und ſein Intereſſe zu fördern. Nun aber durch meine Unvernunft und blinde Wuth eine angeſehene und wohlwollende Dame unſchuldig verunglimpft und kompro⸗ mittirt worden ſei, habe ſein Herr ihn des Dienſtes entlaſſen und er das Vertrauen der freigebigen Familie Br. verſcherzt. Er ſei nun ohne Brod und all ſeine Ausſichten zerſtört; er wolle mir vergeben, aber er wünſche nur, daß ich niemals zu bereuen habe, was ich hierdurch über ihn und uns alle gebracht. Ich erklärte ihm kalt, daß ich bereit ſei alle Folgen meines Schrittes zu tragen, daß ich mit einem Manne nicht mehr leben könne, der mich blutig geſchlagen und vergeſſen habe, was ich ihm, dem Dieb und Betrüger, geopfert, und daß unter meinem Dache kein Raum mehr für ihn ſei. Er erblaßte und bebte am ganzen Leibe.„Iſt dies Dein Ernſt, Ottilie?“ fragte er dann mit dem Blick eines geprügelten Schulknaben.—„Es iſt mein feſter, reiflich erwogener Entſchluß,“ ſagte ich. Er wollte mich dann um Vergebung bitten, ſich mit ſeiner Gereiztheit und Aufregung rechtfertigen und beſchwor mich, um der Kinder willen dieſen Entſchluß zu widerrufen, die Hand zur Verſöh⸗ nung zu bieten und nicht zu vergeſſen, daß ich es geweſen, die ihn in Schande und Fehltritt hineingetrieben. Ich blieb jedoch 325 konſequent und wollte nichts mehr von ihm hören. Was half mir ein Gatte, der keinen Nahrungsſtand mehr hatte und mich hinterging! Als Hermann meine Feſtigkeit ſah, ſchlug er einen andern Ton an, packte ſeine Siebenſachen zuſammen, umarmte noch einmal die Kinder und ging, nachdem ſein beweglicher Abſchied von den Kleinen die beabſichtigte Wirkung auf mich ebenfalls verfehlt hatte. Ich ſtellte mich unter Herrn Johnſton's Schutz, und ver⸗ dankte dieſem, daß die tückiſchen Streiche, welche Hermann unter der Hand gegen mich führen ließ, in's Leere fielen. Der Anwalt der Frau Bromnrigg ſtrengte einen Prozeß wegen Verleumdung gegen mich an, und Johnſton half mir New⸗York verlaſſen und mich unter anderm Namen nach Baltimore flüchten. Hier lebte ich mit meinen Kindern ein Jahr und er⸗ nährte mich durch Ertheilung von Unterricht in Tanz und Geſang, und Johnſton ſtand mir anfangs treulich zur Seite. Dann aber ward er lauer und zurückhaltender gegen mich, brach am Ende mit mir und verließ Baltimore, weil ſein Um⸗ gang mit mir zu ärgerlichen Nachreden in ſeiner Gemeinde Anlaß gegeben hatte. Ich fand aber bald einen andern Be⸗ ſchützer in der Perſon des bekannten Spiritiſten Lowell, der mich veranlaßte, ſein Medium zu werden. Ich begriff das Geſchäft ſehr ſchnell und arbeitete ihm ſo glücklich in die Hände, daß er mir ein gutes Gehalt bezahlte und mich veranlaßte, ihn auf ſeinen Reiſen zu begleiten. Dabei waren mir nun allerdings die Kinder hinderlich und ich nahm Geordie Lowell's Anerbieten an, dieſelben auf dem Lande bei anſtändigen Leu⸗ ten unterzubringen. Hierzu war ich auch vollkommen befugt, denn der Unterhalt für mich und die Kleinen lag ganz auf mir. Seit ich Hermann's Mutter ausführlich geſchrieben, warum 326 ich dieſe verlaſſen hatte, waren Briefe und Gelder ausgeblieben, und auch Hermann hatte nichts mehr für die Kinder gethan. Was ich von ihm vom Hörenſagen erfuhr, gab mir nur Be⸗ friedigung über den Schritt, den ich gethan hatte, denn er ſoll nach St. Louis gegangen ſein und dort einen Livery⸗Stable gegründet haben; es ging ihm ſchlecht und er hatte zweimal Bankerott gemacht. Da ich unter verſchiedenen angenommenen Namen reiste, erreichten mich ſeine Briefe nicht; aber ein Ad⸗ vokat in Baltimore machte mich doch ausfindig, während ich mit Lowell im Süden Geiſtervorſtellungen gab und wies mir eine Vollmacht von Freifrau Helene v. Kleeberg, Majors Wittwe, aus T. in Deutſchland, dermalen in Baltimore, vor, welche mir drohte, wegen böswilliger Verlaſſung meines Gatten und meiner Kinder mich gerichtlich zu verfolgen, ferner Vollmachten von Mr. Hermann Kleeberg, Privatſtallmeiſter in St. Louis, und von Mrs. Brownrigg in New⸗York, alle auf gerichtliche Verfolgung zielend und mit öffentlichen Schritten gegen mich drohend, wenn ich nicht in eine Scheidung von meinem Gatten unter Verzicht auf die Kinder willige, in welchem Fall mir eine Abfindungsſumme von zweitauſend Dollars geboten ward. Ich wollte mich anfangs auf die Hinterfüße ſtellen, allein Geor⸗ die Lowell redete mir zu, alles öffentliche Aergerniß zu ver⸗ meiden und nachzugeben. Durch Feilſchen ſchlug ich noch 2500 Dollars heraus und Geordie verſprach mir, mich zu heirathen, ſobald ich geſchieden ſein würde. Wir gedachten dann einen „Salon“ in New⸗York zu eröffnen und dort ſpiritiſtiſche Vor⸗ ſtellungen und Manifeſtationen zu geben, mit denen wir viel Geld verdient und uns ein gutes Leben gemacht hätten. Ich verglich mich alſo mit den Kleeberg'ſchen und verzichtete auf 327 die Kinder, welche die Großmutter zu ſich nahm, da ſie eigens zu dieſem Zweck nach Amerika gekommen war. Leider aber ward ich trotz all meiner Vorſicht abermals getäuſcht. Ich hatte mein Vermögen in guten Banknoten ſtets bei mir getragen, denn Geordie Lowell mußte mir verſprechen, daß er mir das Geld als mein freies Eigenthum überlaſſen wolle, wenn wir erſt verheirathet ſeien. Als wir in Memphis, in Tenneſſee, Vorſtellungen gaben und ich die Somnambüle ſpielte, gelang es eines Abends dem abgefeimten Betrüger Geordie, mir ein Tuch mit Chloroform unter die Naſe zu hal⸗ ten, während ich mit geſchloſſenen Augen auf dem Bette lag und vor einer kleinen Geſellſchaft odiſch⸗magnetiſche Vorſtel⸗ lungen geben ſollte. Ich ward betäubt und konnte nicht mehr antworten; Geordie entließ die Zuſchauer mit dem Bedeuten, ich ſei eingeſchlafen und liege in hypnotiſcher Betäubung. Dann band er mich an Händen und Füßen, ſteckte mir einen Knebel in den Mund, klebte mir ein Pechpflaſter über die Au⸗ gen, plünderte mich aus und ſuchte mit meinen Erſparniſſen und Pretioſen das Weite. Am andern Tage fanden mich die ſchwarzen Zimmermädchen des Hotels, und ich ward erbar⸗ mungslos fortgejagt und konnte nicht einmal gegen den Elen⸗ den klagen, der mich ſo hintergangen hatte. Allein ich ließ mich nicht entmuthigen, ſondern ſchüttelte 4 nach den erſten Ausbrüchen ohnmächtiger Wuth meine Ent⸗ muthigung ab und ſchlug mich kümmerlich durch nach dem Nor⸗ den, wo ich mich einem andern Spiritiſten als Medium anbot und leicht wieder Beſchäftigung und Verdienſt fand, da ich in dieſer Linie ſchon einen gewiſſen Ruf erlangt hatte und dieſes Geſchäft ſeither beſſer lohnte als jedes andere, denn die Dummheit, die 4 Neugier und der Aberglauben ſterben in Amerika nicht aus. 3˙8. Seit zwei Jahren beſchäftige ich mich aber auch mit Kar⸗ tenlegen und Wahrſagen, und da mein letzter Brodherr und ich in mehreren Städten das Unglück gehabt haben entlarvt und mit Hohn vertrieben zu werden— unter Anderm auch in St. Louis, wo ganz gewiß mein ehemaliger Gatte an dieſem Fiasco nicht unſchuldig iſt und mir einen Streich zu ſpielen verſucht hat,— ſo habe ich es für rathſam gefunden, die Geiſterklopferei und die geheimnißvollen Offenbarungen aus dem Jenſeits für einige Zeit aufzugeben und mich in Chicago als Kartenlegerin aufzuthun, wo, wie ich nach den Ankündi⸗ gungen in den Zeitungen ſchließe, dieſes Geſchäft ſehr blühen muß. Ich habe mich zu dieſem Zweck mit einer ſehr geriebenen alten Frau verbunden, welche lange in Chicago als Hebamme und Krankenwärterin und in allen möglichen Berufsarten ge⸗ lebt hat, eine Menge Perſonen und deren Geheimniſſe kennt und mir trefflich in die Hand arbeiten kann. So hoffen wir hier ein gutes Geſchäft zu machen und ein ſchönes Stück Geld zu verdienen, was ja die Hauptſache iſt. Ich habe mich ſo viel durchſchlagen und placken und alle bitteren Waſſer des Lebens koſten müſſen, daß jetzt mein einziges Beſtreben dahin geht mir ſoviel zu verdienen, daß ich ein elegantes Boarding⸗houſe oder Hotel garni in einer großen Stadt errichten kann und mich eines behaglichen Lebensabends erfreuen darf. Für eine Frau, welche das Schickſal ſo ſtiefmütterlich behandelt und aus allen natürlichen Beziehungen herausgeriſſen hat, wie es mir gethan, iſt ja Geld und Geſundheit und behagliches Genüge noch der einzige Troſt, und ich fühle jetzt die Mittel in mir, dieſes Ziel auf Koſten der Menſchheit zu erreichen, die ich ver⸗ achten und haſſen gelernt habe, wie ich hier ausſpreche! * 329 Grünau, den 31. December 1795.— Genau vor dreißig Jahren ſchrieb ich in dieſe Blätter die erſten wichtigeren Be⸗ gebniſſe und Empfindungen meines Lebens, und heute ſchreibe ich auf das letzte Blatt die Summe aller meiner Erfahrungen. Ich kann dem Herrn nicht genug danken für alle ſeine Füh⸗ rungen in meinem langen Leben, auf welches ich nun mit tiefer Rührung und frommem Dankgefühl zurückblicke. Ich bin un⸗ ter Arbeit und Sorge alt geworden; wir ſind im beſcheidenen Mittelſtande geblieben, Heinrich und ich, weder reich noch arm, aber wir haben unſer tägliches Brod und den innern und äu⸗ ßeren Frieden. Ein Häuflein gutgearteter Kinder und Enkel umgibt uns, ein unzerreißbares Band herzlicher Liebe verknüpft uns, denn unſere lieben Söhne und Töchter haben unſere Leh⸗ ren und Beiſpiel befolgt und ſind rechtſchaffene und genügſame Menſchen geworden, die ſich ebenſo dankbar gegen Heinrich und mich wie liebreich gegen ihre Gatten und Kinder erweiſen. Das Vertrauen auf den Herrn, die Demuth und die dankbare Ergebung in Freud und Leid, was immer uns der Herr auch zuſchickte, hat uns nicht zu Schanden werden laſſen. Heinrich und ich haben uns ſtets bemüht, einander zum Himmel zu füh⸗ ren, wie es uns der Pfarrer bei der Trauung vor dem Altar gebot, und ſo können wir im Hinblick auf das nahezu vollendete Jahr wie auf unſer vergangenes Leben uns in Demuth und Freude rühmen: wir haben ſtets ehrlich geſtrebt auf dem rechten Wege zu wandeln, und ſind wir auch geſtrauchelt, wie es in menſchlicher Schwachheit liegt, ſo haben wir einander liebreich geſtützt und im Glauben wieder aufgerichtet. Und ſo ſei denn dies Büchlein beſchloſſen mit dem aufrichtigen Lobliede: der Herr hat Großes gethan an uns und den Unſrigen, deß ſind wir fröhlich! Amen. 330 Eine vernachläſſigte Frau. 4. „In guten und böſen Tagen, in Reichthum und Armuth, in Geſundheit und Krankheit einander zu lieben, zu ehren und zu unterſtützen.“ So hatte der Geiſtliche geſprochen, welcher Roſa Vierland 8 und Herbert Gramberg traute, und nie iſt wohl der Schwur einer Frau, dem Manne ihrer Liebe in allen Stücken zu ge⸗ horchen und ihm unverbrüchlich treu zu ſein, mit einem auf⸗ 8 richtigeren Herzen und mit andächtigerem Ernſte geleiſtet wor⸗ den, als von Roſa, als ſie vor dem Altare ihre Hand in die⸗ 8 jenige ihres geliebten Herbert legte. Keine Schaar beglückwünſchender Freunde oder Ver⸗ wandten geleitete das Brautpaar auf dieſem inhaltsſchweren Gange zu der heiligen Stätte, um ſie mit ihren guten Wün⸗ ſchen zu begleiten und den Segen des Himmels auf dieſe Ver⸗ bindung herabzurufen. Sie waren allein bis auf eine treue Dienerin, welche ihre junge Herrin auch auf dieſem Gange 331 nicht verlaſſen wollte, ſelbſt wenn dieſe dabei in der Irre ging, — eine treue Seele, welche zuvor vergebens verſucht hatte, Roſa von dieſem Schritt des Ungehorſams und jugendlicher Uebereilung und Verblendung abzuhalten, dann aber ſie auf der Flucht aus dem Vaterhauſe begleitete und nun bei ihrer Trauung anweſend war,— und einen alten Arzt, den lang⸗ jährigen Freund Herbert's, einen Mann von ſanften Zügen und ſtillem, freundlichem Weſen, welcher ſich nur durch die dringendſten Bitten des jungen Mannes hatte gewinnen laſſen, der Ceremonie beizuwohnen. Die kleine Gruppe ſah verſcheucht und freudlos drein. Es war ein trüber, nebeliger Abend, der Regen goß in Strö⸗ men herab und ſchlug an die Kirchenfenſter, und es war ſo dunkel, daß man Lichter hatte auf den Altar ſetzen müſſen, da⸗ mit der Geiſtliche die liturgiſche Trauungsformel ableſen könne, was er in einer ſolch raſchen und eiligen Weiſe und mit ſo leiſer Stimme that, daß dadurch kaum das geſpenſtige Schwei⸗ gen des Kirchleins unterbrochen wurde. Was dieſe beiden Perſonen hier zuſammengeführt hatte, um vor dem Antlitz des Allmächtigen das Gelübde ewiger Liebe und Treue abzulegen, das war die alte Geſchichte von heißer Liebe, welche von Seiten der Eltern Widerſtand fand und end⸗ lich zu offener und unverſöhnlicher, nie wieder gut zu machender Rebellion gegen die elterliche Gewalt führte. Roſa's Vater, der Oberſt v. Vierland, war ein Mann von guter Familie und großem Reichthum, Beſitzer eines ſehr bedeutenden Majorates. Leider hatte ihm der Himmel keinen Sohn geſchenkt, auf wel⸗ chen er ſeinen Namen, Titel und Reichthum mit den übrigen Vortheilen eines Majoratsherrn hätte vererben und auf wel⸗ chen er all ſeine Liebe hätte concentriren können, und dies hatte ͤeQ—·· 332 den alten Herrn um ſo mehr verbittert, als es ihm nie gelungen war, ſeine drei Töchter beſonders anhänglich an ſich zu machen. Von einer ſanften, liebevollen Mutter in der beſcheidenſten Zurückgezogenheit erzogen und mehr für die Häuslichkeit als für die große Welt gebildet, hatten die drei Töchter des Ober⸗ ſten ihre Mutter verloren, als ſie kaum die Kinderſchuhe aus⸗ getreten, und waren dann nach dem Wunſch der Mutter in einer Töchterpenſion untergebracht worden, welcher eine Jugend⸗ freundin ihrer Mutter vorſtand. Aus dieſer heraus hatten die beiden älteren Töchter ſich verheirathet, und zwar an Männer, die in keiner Hinſicht unfähig waren, ſie glücklich zu machen; allein dem ſtolzen Sinne des Oberſten waren die Parthieen, welche Meta und Ottilie machten, nicht glänzend, nicht vor⸗ nehm und augenfällig genug, und er hatte in dieſe Verbindun⸗ gen nur ungern gewilligt und nur darum, weil er einmal gar keinen ſtichhaltigen Grund dagegen geltend machen konnte, und dann, weil ſich die Prinzeß Auguſte, die Pathin der beiden Bräute, ſehr lebhaft dafür intereſſirte. Allein er grollte trotz⸗ dem den beiden jungen Frauen und ſuchte Entſchädigung dafür in weitausſehenden, glänzenden Plänen, welche er im Stillen für ſeine jüngſte und liebſte Tochter Roſa ſchmiedete, die ſeit der Verheirathung ihrer Schweſtern in's Vaterhaus zurück⸗ gekehrt war und das Hausweſen leitete. Allein unglücklicher Weiſe lernte Roſa gerade in dem Augenblick, wo der Vater am Ziele ſeiner Wünſche zu ſtehen ſchien und eine Parthie aus⸗ findig gemacht hatte, die all ſeinen Anſprüchen an Vermögen, Rang und Lebensſtellung entſprach, einen gewiſſen Herbert Gramberg kennen, und des Oberſten jahrelang gehegte Pläne und Luftſchlöſſer fielen mit Einem Male in's Waſſer. Ein Winteraufenthalt in der Reſidenz hatte die Bekannt⸗ 9 4 333 ſchaft zwiſchen der Tochter des penſionirten Oberſts und dem Sohne eines wohlbekannten Wechſelmäklers und Waarenſen⸗ ſals einer größern nordiſchen Handelsſtadt vermittelt. Herbert war ein Mann von ſehr vortheilhaftem Aeußern, von den an⸗ genehmſten Manieren und einer ſorgfältigen, durch Reiſen und Weltverkehr gehobenen Bildung. Er hatte eine gute Erziehung genoſſen, dann dem Handelsſtande ſich gewidmet und mit einer reichlichen Unterſtützung ſeines Vaters die Welt geſehen, ohne gerade durch Dienſtverhältniſſe ſich an Zeit und Ort zu binden. Vielleicht zog ihn eine gewiſſe Begeiſterung für alles Anziehende in der Kunſt und Schöne in der Natur zu jenem müſſigen Ge⸗ nußleben und Dilettantismus hin, welcher oft der größte Ruin warmer, empfänglicher Naturen iſt. Gerade dieſe Eigenſchaften des Geiſtes und Herzens aber machen gewöhnlich einen tiefen Eindruck auf das Gemüth der Frauen, und ſo war Herbert ganz beſonders geeignet, die ſanfte, ſenſitive Roſa für ſich ein⸗ zunehmen, welche ſeither noch nicht viel von der Welt geſehen und namentlich noch wenig andere Männer kennen gelernt hatte, als die biderben Landedelleute oder alten Soldaten, mit welchen der Oberſt auf ſeinem Gute gewöhnlich und am liebſten verkehrte. Der alte Gramberg war ein wunderlicher Kauz; er hatte ſich durch Fleiß und Sparſamkeit vom armen Waiſenknaben bis zum reichen Manne hinaufgearbeitet, und wirkte noch Tag und Nacht in ſeinem beſcheidenen aber einträglichen Geſchäfte, das er einſt ſeinem Sohne zu überlaſſen gedachte. Er wußte, daß die reichen Kaufleute und Großhändler geringſchätzig auf ihn, den Mäkler, herunterſahen und ihm ſogar kein Hehl dar⸗ aus machten, und er haßte ſie dafür. Allein er blieb dennoch bei ſeinem Berufe, weil er ihm ein gefahrloſes, ſicheres Brod 334 abwarf, und ſetzte ſeinen Stolz und ſeine Rache darein, daß er die Wechſel ſeiner Verächter kaufte und ſie ſelber zur Zahlung präſentirte, und daß er ſeinem Sohn eine wo möglich noch gründlichere und beſſere Erziehung gab, als jene Kaufherren ihren Söhnen. Eingedenk ſeiner eigenen harten, troſtloſen Jugend hatte er ſich vorgenommen, ſeinem einzigen Sohne Alles zu verſchaffen, was nur die erſten Mannesjahre eines ge⸗ bildeten, ſittlich⸗guten und für alles Schöne und Gute empfäng⸗ lichen Menſchen anziehend und lehrreich machen könne. Her⸗ bert durfte alſo mehrere Jahre in London und Paris nur ſei⸗ ner Ausbildung leben und darnach einige Jahre in Italien ſich aufhalten und zwar mit einem ſolch reichlichen Zuſchuß aus der väterlichen Kaſſe, daß er ſich damit den Zutritt in die beſte Geſellſchaft verſchaffen konnte. Nach des Vaters Plan ſollte er dieſes Daſein bis zum zurückgelegten achtundzwanzigſten Jahre führen, alsdann in ſeine Vaterſtadt zurückkehren, die Tochter irgend eines angeſehenen Hauſes heirathen und das 3 ſichere, gefahrloſen Nutzen bringende väterliche Geſchäft über⸗ nehmen und ſich einer geachteten und behaglichen Exiſtenz er⸗ freuen. Man ſieht, der Plan des alten Gramberg für ſeinen Sohn war ſehr hübſch und liebevoll ausgedacht, allein im Grunde mit weit mehr Liebe als Welt⸗ und Menſchenkenntniß. Der alte Herr, der das Geld als Mittel zum Zweck und Grundlage ſeines Stolzes ſo hoch zu ſchätzen gewöhnt war, hatte nicht be⸗ dacht, daß ein Menſch von beſſerer und ſorgfältigerer Erziehung im Verkehr mit müſſigen, nur ihrem Vergnügen lebenden Men⸗ ſchen und im vertrauten Umgang mit einer Geſellſchaft, de ihm an Rang und Stand und öffentlicher Geltung überlegen iſt, und in Kreiſen, wo er nur um ſeiner perſönlichen Vorzüge, Talente und Annehmbarkeiten willen Zutritt findet, nothwen⸗ dig mit Zeit und Weile andere Lebensſchauungen gewinnen und andere Ziele des Ehrgeizes kennen lernen muß, als die: dereinſt in einer finſtern Zahlſtube die Geſchäfte eines Mäklers und Waarenſenſals zu beſorgen oder auch nur zu überwachen. Der Alte hatte nicht bedacht, daß Erziehung und Umgang in dem Individuum gewiſſe Aſpirationen ſchaffen, welche ein Andrer, der in beiden Stücken auch nur um einige Sproſſen niedriger ſteht, kaum begreift. So war es denn dahin gekommen, daß Herbert, als er kaum das ſechsundzwanzigſte Lebensjahr angetreten hatte, mit unbezwinglicher Geringſchätzung auf den Beruf herabſah, für welchen er ſich beſtimmt wußte; und als er endlich von dem Vater nach Deutſchland zurückbeſchieden wurde, um einige Zeit in ſeiner Vaterſtadt zu leben und ſich zu zeigen und geltend zu machen, zog er unaufhörlich das Mißfallen ſeines Vaters auf ſich durch ſeine Gleichgültigkeit in allen Dingen, welche ſich auf dieſe Berufsgeſchäfte bezogen, und durch das emſige Beſtreben, jede Gelegenheit und jeden Vorwand zu erfaſſen, um ſich den⸗ ſelben zu entziehen. Der alte Gramberg wollte es zwar ſeinem Sohne gönnen, ſeine Anſprüche an das geſellige Leben als voll⸗ kommener Gentleman geltend zu machen; dagegen ſollte ſich Herbert dabei gleichzeitig auch das Anſehen eines gewiegten, eifrigen und rührigen Geſchäftsmannes geben und auf dieſem Gebiete die Aufmerkſamkeit der Väter von der kaufmänniſchen Ariſtokratie in ebenſo hohem Grade auf ſich lenken, als er auf dem andern Gebiete das Intereſſe der Frauen und Töchter und den Neid der Söhne jener Väter erregte. Herbert hatte aber gar keine Luſt, dieſe Doppelrolle zu ſpielen, und ſein Verſuch, die vornehmen Bekanntſchaften zu erhalten, welche er im Aus⸗ lande gemacht hatte, und in demſelben Style fortzuleben, wie jene, verdroſſen ſeinen Vater und gaben manchmal zu Zwiſtig⸗ keiten Anlaß, denn der alte Herr ſah ſeinen Lieblingsplan ge⸗ fährdet durch den Trotz des Sohnes; er ahnte, daß deſſen müſ⸗ ſiges Genußleben ihn bei ſeinen Mitbürgern lächerlich machen oder in Mißkredit bringen mußte, und er hatte in letzter In⸗ ſtanz auch ſein Geld, mit welchem ſich ja ſo viel Anderes und Beſſeres erzielen ließ, zu lieb, um es von Herbert für die Auf⸗ rechterhaltung einer eitlen Oſtentation aus dem Fenſter werfen zu ſehen. Hieraus entſtand am Ende eine ernſtliche Spannung, welche damit endete, daß Herbert ſeinen vorübergehenden Auf⸗ enthalt nach jener größern Reſidenz verlegte, wo ihn das Schick⸗ ſal mit Roſa Vierland zuſammenführte und ſo eine Kataſtrophe vorbereitete, welche für Sohn und Vater höchſt unerwartet kam. Die beiden jungen Leute liebten ſich und hatten dieß ſich gegenſeitig geſtanden. Herr Gramberg billigte nach einigem Widerſtreben die Wahl ſeines Sohnes;— gehörte ja Roſa doch einer geachteten Adelsfamilie des Nachbarlandes an, welche um beſonderer Umſtände willen ſich auch in ſeiner Vaterſtadt eines bedeutenden Anſehens und Einfluſſes erfreute. Weder Herbert noch Roſa ahnten auch nur entfernt, daß der Oberſt Baron v. Vierland ſeine Einwilligung zu ihrer Verbindung verſagen könnte. Um ſo unvorbereiteter und niederſchmettern⸗ der traf ſie daher die Kunde, daß Herr Gramberg— welcher es ſich nicht hatte nehmen laſſen, bei der Bewerbung ſeines Sohnes um die Hand von Fräulein Roſa das Gewicht ſeiner eigenen Perſönlichkeit' in die Wagſchale zu legen und münd⸗ lich den Freiwerber für Herbert zu machen— von dem Ober⸗ ſten mit beleidigendem Hochmuth und Hohne abgewieſen wor⸗ den war und die Erklärung erhalten hatte, er, Baron v. Vier⸗ land, Oberſt a. D., haſſe nichts ſo ſehr als Handel und Geld⸗ mäklerei und Alles, was damit zuſammenhänge, und würde ſeine Tochter lieber dem letzten Tambour der königlich preußi⸗ ſchen Armee zum Weibe geben, als dem hochfahrenden Sohne eines Auctionators, der ſich erfrecht habe, in die gefeiten Kreiſe der Geburts⸗Ariſtokratie ſich einzuſchmuggeln. Der Hohn, welcher in dieſen Worten lag, empörte den Vater wie den Sohn; nur äußerte ſich bei Beiden die Wirkung auf verſchiedene Weiſe. Der alte Gramberg, welcher ohnehin eine entſchiedene Abneigung gegen alles Soldatenthum hatte, verbot ſeinem Sohne ganz entſchieden, auch nur entfernt noch fürder an eine Verbindung mit Roſa Vierland zu denken. Herbert Gramberg aber wollte halb aus Groll und Rache gegen den Oberſt nun erſt recht Roſa beſitzen, und das Verbot ſeines Vaters wirkte hierin vielleicht nur noch als ein Sporn mehr. Am meiſten zu beklagen war Roſa unter dieſen unglück⸗ ſeligen Verhältniſſen. Sie hatte keine Mutter mehr, welcher ſie ſich anvertrauen, bei welcher ſie ſich Troſt holen konnte, oder die vermittelnd zwiſchen ſie und den erbosten Vater trat, deſſen ſtürmiſcher, leidenſchaftlicher Zorn ſie nur zu erſchrecken und einzuſchüchtern, nicht aber von irgend einem Unrecht, das ſie begangen hätte, zu überzeugen vermochte. Sie verſprach zwar, ihm zu gehorchen, und gab ſich Mühe, es zu thun, und eine Weile glaubte ſie auch, es ſei ihr gelungen; als aber ſpäter Herbert's Briefe ihr zukamen, die zärtlichſten, vorwurfs⸗ vollſten Briefe, da waren plötzlich all' ihre guten Vorſätze ver⸗ geſſen. Dieſes arme, einſame, verlaſſene, ſo liebesbedürftige Herz brach beinahe in dieſem Kampfe, denn Roſa liebte ihren Vater zärtlich und hatte, bevor ſie Herbert kennen gelernt, auch nicht ein einziges Mal an die fürchterliche Möglichkeit gedacht, Mylius, Für Frauenhand. I. 22 233 ihn aus freien Stücken zu verlaſſen. Und doch blieb ihr am Ende keine andere Wahl, als dieß zu thun, denn der Vater drang darauf, ſie mit einem Andern zu verheirathen, einem ältern Mann, den ſie kaum vom Sehen kannte und nicht liebte, während ihr Herz mit der leidenſchaftlichſten Bewunderung und innigſten Liebe an Herbert hing. Die fürchterliche Stunde des Ungehorſams ſchlug endlich, wo ſie unter dem Schutze einer dunklen Novembernacht pflichtwidrig aus dem Vaterhauſe floh. Sie hatte das einundzwanzigſte Jahr zurückgelegt, und war alſo mündig vor dem Geſetz,— ein Umſtand, der ſicher nicht ohne Einfluß auf ihren Entſchluß geblieben war. In kurzer Entfernung von dem Gute ihres Vaters erwartete Herbert ſeine Roſa, nahm ſie auf den Arm und trug die halb Beſin⸗ nungsloſe in den harrenden Wagen. Roſa's Mantel war ſchwer vom Regen, ihr langes Haar hatte ſich in der Angſt und Eile der Flucht gelöst und hing über ihr liebliches, junges Ge⸗ ſicht herab, das vor Aufregung ganz blaß und ſtarr war. Jeder Augenblick Verzug drohte Gefahr der Entdeckung; daher ver⸗ weilte man nicht ſo lange, um die wirren Flechten zu ordnen, ſondern die treue Johanna, die nur mit Widerſtreben und aus reiner Anhänglichkeit ihrer Herrin folgte, umſchlang die zu⸗ ſammengeſunkene Geſtalt Roſa's im Wagen, während Herbert die erſtarrten Hände rieb, welche ſo feſt zuſammengefaltet waren, daß er ſie nur mit Mühe trennen konnte. Bis zu dieſer Stunde hatte Herbert vielleicht niemals nach ſeinem ganzen Umfang das Opfer erwogen, welches Roſa dem Manne ihrer Liebe brachte, noch den Kampf, welchen ihr dieſer Schritt gekoſtet hatte. Er fühlte aber in dieſem Augenblicke Beides vollkommen gut, und that ſich ſchweigend aber an⸗ dächtig das Gelübde, der theuren Braut lebenslang durch 339 die innigſte Hingebung ſeine Dankbarkeit und Liebe zu be⸗ währen. Der Nachtſchnellzug der Eiſenbahn brachte die drei Per⸗ ſonen in wenigen Stunden nach Hamburg, von wo ſie am Morgen mit einem Dampfboote weiter reisten. Herbert hatte es ſo eingeleitet, daß man glauben ſollte, er ſei mit Roſa nach England entflohen. In Wahrheit aber ging ſein Weg nach Süden, nämlich über Rotterdam und den Rhein herauf in die Schweiz, wo er ſich trauen laſſen wollte, um dann mit ihr nach Italien zu reiſen. In einer der erſten Städte der Schweiz hatte er einen ältern Freund, einen Arzt, den Dr. Wyß, welcher ſeiner Verlobten ſo lange ein Aſyl geben ſollte, bis der Segen der Kirche ihren Herzensbund geeinigt. Nur ungern verſtand ſich der greiſe Arzt hiezu; er mißbilligte entſchieden den Schritt, welchen Herbert gethan hatte, und verhehlte dieß weder ihm noch Roſa. Allein ſo wie nun einmal die Sachen ſtanden, war am Ende die Heirath das Einzige, was noch zu machen war, um Schlimmeres zu verhüten. Roſa mit ihrem ſüßen, ſanften Weſen flößte ihm ein wahrhaft väterliches Intereſſe ein,— aber freilich auch einige Furcht vor ihrer Zukunft. Der Doctor hatte ſo vielerlei im Leben erfahren, daß er wohl wußte, wie äußerſt ſelten ſolche heimliche Ehen zum Wohle der Betheilig⸗ ten ausſchlagen, und er machte darüber ſeinem jungen Freunde die ernſteſten Vorſtellungen; aber Herbert gelobte mit einer Innigkeit, Roſa ewig zu lieben und auf den Händen zu tragen, und ſie blickte durch Thränen ſo ſtolz und glücklich und ver⸗ trauensvoll auf den Geliebten, daß Dr. Wyß ſelbſt die Wege ebnete, um die Trauung herbeizuführen. Er führte Roſa ſelbſt zum Altar, und ihre ganze Seele und Herz waren ſo in ihrer Liebe zu Herbert aufgegangen, daß ſie in dieſem Augenblicke 22* 340 alle Reue wegen der Vergangenheit und alle Beſorgniſſe wegen der Zukunft vergaß. Sie trat mit dem Vorſatz vor den Altar, ihr ganzes Leben ihm zu weihen, ihm jeden Gedanken an eige⸗ nes Glück aufzuopfern, wenn daſſelbe nicht zu ſeiner Wohl⸗ fahrt mit beitragen könne; ſeinem Willen wollte ſie ſich fügſam und gerne unterwerfen, um ſeinetwillen wollte ſie geduldig lei⸗ den, freudig hoffen, für ihn wollte ſie beten— ja, am liebſten für ihn und mit ihm! Sie hatte ſich immer vorgeſtellt, die Krone ihrer Bemühungen um Einfluß auf ihn müßte es ſein, in ihm religiöſen Sinn und Liebe zur Beobachtung auch der äußeren Religionsübungen zu wecken. Dieſer religiöſe Drang in ihr war allerdings, ihr unbewußt, mehr eine bloße Gefühls⸗ ſache, denn wenn ihre religiöſen Ueberzeugungen recht innig und tief geweſen wären, ſo müßten ſie Roſa von jenem Schritte kindlichen Ungehorſams abgehalten haben, den wir ſo eben er⸗ zählten. Mit der liebenden, hingebenden Leichtgläubigkeit eines Weibes und im Glauben an ſeine Verſicherungen, daß Alles noch ſo kommen werde, wie ſie es ſich wünſchte, freute ſie ſich jetzt im Stillen, daß ſie nicht nur auf Erden Ein Herz und Eine Seele ſein, ſondern auch, wie es in der Liturgie hieß, einander zum Himmel führen würden. Auf dieſe Weiſe ſtark in ihren eigenen guten Vorſätzen gegen ihn, legte Roſa freudig das Gelübde ab, das ſie ihm auf ewig verband. Als die Einſegnung vorüber war, erhob er ſie von ihren Knieen, zog ſie an ſeinen Buſen, beugte ſich zu ihr hernieder, küßte ſie auf die Stirne, als ob er damit ihren ge⸗ meinſamen Vertrag beſiegeln wollte, und nannte ſie ſein liebes Weib. Auf dem reinen, holden Antlitz, das zu ihm aufge⸗ ſchlagen war, gewahrte ſein ſtolzer, bewundernder Blick kein Wölkchen, und in den liebenden Augen, die ihn ſo vertrauens⸗ voll anblickten, lag keine Spur von Traurigkeit. Sie waren nun getraut, nur der Tod allein konnte ſie jetzt trennen, und Herbert athmete freier auf. Von der Kirche aus begaben ſie ſich nach dem Hauſe des Doctors, wo ſie zum letzten Mal übernachteten, und am andern Tage ſetzten ſie die Reiſe nach Italien fort. Herbert wußte, daß ſeines Vaters Zorn und Mißvergnügen, wenn ihm die Nachricht von dieſer Heirath ſeines Sohnes zukäme, anfangs grenzenlos ſein würde; er hoffte aber, dieſer Groll werde ſich mit der Zeit mindern und am Ende noch ganz verſöhnen laſſen. Mittlerweile hatte er ſeine eigenen Anordnungen ſchon getroffen gehabt. Roſa hatte ein eigenes freies Vermögen von fünfundzwanzigtauſend Thalern von ihrer Mutter und ihrer Tante, und Herbert ſelber beſaß ein ähnliches Muttergut etwa vom halben Betrage des vorſtehenden. So hatten ſie darauf gerechnet, mit dieſem ge⸗ meinſamen Einkommen von ungefähr zwölfhundert Thalern für den Anfang leben zu können, und zwar, wie Herbert ſagte, in Italien weit beſſer als irgend anderswo. Lieber unter knap⸗ pen Verhältniſſen mit Roſa in Italien, als im Ueberfluſſe an Gold in ein Comptoir gebannt in ſeiner Vaterſtadt, und Roſa, welche vom Leben noch nichts kannte, als ihre Liebe für Her⸗ bert und die Freuden und Leiden, in welche ſie um derſelben willen verwickelt worden war, war mit allen ſeinen Vorſchlägen im Voraus einverſtanden. Das junge Paar ließ ſich in Florenz nieder. Hier war Alles für Roſa neu und anmuthend, denn ſie hatte nie zuvor ihre Heimath verlaſſen, und es verurſachte Herbert ein beſon⸗ deres Vergnügen, ihr alle Schönheiten ihres neuen Wohnortes vorzuführen. Beide ſuchten nicht nach neuen Bekanntſchaften, denn Herbert fühlte ſich in ſeiner neuen, ſtillen Häuslichkeit viel zu glücklich, um ſich nach anderer Unterhaltung umzuſehen, und er bemerkte mit Freuden, daß auch Roſa nach keiner an⸗ dern Geſellſchaft verlangte, als nach der ſeinigen. Es that ihm wohl, daß er auf dieſe Weiſe im Stande war, ihre ganze Seele auszufüllen und ſo zur Quelle ihres völligen Glückes zu wer⸗ den. Ihr häusliches Leben war ein ganz ſtilles, eingezogenes; ſie verließen das hübſche Häuschen in der Vorſtadt nur, um Ausflüge in die herrliche Umgebung zu machen oder um die öffentlichen Sammlungen, die Galerien und die Ateliers der verſchiedenen Künſtler zu beſuchen. Am Abend namentlich war es ihnen nirgends ſo wohl, als im eigenen Gärtchen unter ei⸗ ner ſchattigen Laube, wo Roſa nähte oder ſtickte und Herbert ihr einſtweilen aus irgend einem Buche laut vorlas. Die liebe, theure Roſa! ſie hatte ſich ſo wunderbar darein geſchickt, das Hausweſen zu führen, unermüdlich zu arbeiten und in Allem die größſte entſagendſte Sparſamkeit zu beobach⸗ ten. Sie hatten nur eine einzige Magd außer Johanna, welche ſelber einen großen Theil der häuslichen Geſchäfte auf ſich nahm und die es beinahe übel vermerken wollte, daß ihre junge Gebieterin darauf beſtand, ſo Vieles zu erlernen und fortwäh⸗ rend zu arbeiten. Roſa's Arbeit war auch in der That zu jener Zeit eine freiwillige, welche ſie ſich ſelber auferlegte, denn ſie machte ſich ein beſonderes Vergnügen daraus, ihren Gatten beinahe ausſchließlich zu bedienen, ihm jeden Wunſch an den Augen abzuleſen, und ſie ward ordentlich eiferſüchtig, wenn man ihr dieſes Vorrecht ſtreitig machte. Herbert hatte eingeſehen, daß er mit ſeinen jetzigen be⸗ ſchränkteren Subſiſtenzmitteln nicht mehr das müſſige Leben der vornehmen Welt führen könnte, das er ehedem gelebt hatte; 343 er hatte ſich ſelbſt geſagt, daß er einen Stand und Beruf wäh⸗ len müſſe, der ihm ſpäter eine gewiſſe Unabhängigkeit und pekuniäre Selbſtſtändigkeit ſichere; Roſa hatte dieſen ſeinen Entſchluß mit Freuden begrüßt. Eine ſeiner Lieblings⸗Beſchäf⸗ tigungen war von jeher Zeichnen und Malen geweſen, wofür er ein ganz entſchiedenes Talent hatte und ſchon etwas Er⸗ kleckliches für einen Dilettanten zu leiſten vermochte. Dies er⸗ leichterte ihm die Wahl und das Betreten einer Berufsbahn; er entſchied ſich für die Malerei, trat nun in das Atelier eines berühmten Meiſters und ſuchte ſich mit größſtem Eifer in dieſer Kunſt, worin er ſchon ſolch erfreuliche Anfänge gemacht hatte, zu vervollkommnen. Allerdings mußte er dadurch jeden Tag einige Stunden außer dem Hauſe zubringen, allein die Freude des Wiederſehens, wann er am Nachmittage wieder nach Hauſe zurückkehrte, wog dieſe Entbehrung reichlich auf. Roſa erwar⸗ tete ihn jeden Tag bei der Heimkehr, und ſo oft ihr ſcharfes Ohr ſeinen Schritt auf der Treppe oder auf der Straße er⸗ kannte, eilte ſie ihm entgegen und öffnete ihm die Thüre noch ehe er geläutet hatte. Es war ſehr angenehm, ſich ſo von ihrem freudeſtrahlenden Geſicht begrüßt zu ſehen und zu wiſſen, daß in dieſem Lächeln keine Täuſchung, in dieſem fröhlichen Will⸗ kommen nichts Erzwungenes lag. Roſa war ein Weſen, das ganz zur Liebe geſchaffen ſchien; ſie war vielleicht nicht eigentlich ſchön, allein unbeſchreiblich lieblich, ſanft, hold und gewinnend. Sie ſchmiegte ſich immer an ihren Gatten an, als ob er die Quelle von all dem Glück und Frieden wäre, der in Wirklichkeit ihr Werk war, und ſie bemühte ſich, Geſchäfte und Arbeiten zu erlernen, an welche ſie ſeither nicht gewöhnt geweſen war, nur damit ihr kleines Ein⸗ kommen um ſo eher zur Beſtreitung gewiſſer Behaglichkeiten 344 und Annehmlichkeiten ausreiche. Manchmal, wenn ſie im Früh⸗ jahr nach den Cascine, dem Ziel der Spaziergänge und Spazierfahrten der eleganten Welt von Florenz, hinauswan⸗ delten und Roſa die Equipagen und die Reiter ſah, wovon die Piazza, der allgemeine Sammelplatz, wimmelte, fuhr es wie ein Schatten über ihr liebes Geſicht bei dem Gedanken, daß Herbert früher hier ebenfalls unter dieſen eleganten Reitern geweſen ſei und noch jetzt dieſes Vergnügen genießen könnte, wenn er nicht ſeiner Liebe zu ihr ſo große Opfer gebracht hätte. Und verſicherte Herbert alsdann, daß jene Vergnügungen der Vergangenheit ihm nicht jenen reinen Genuß gewährt haben wie die der Gegenwart, ſo wollte Roſa ihn beinahe anbeten wegen dieſer uneigennützigen Liebe, während ſie ſelber ganz vergaß, daß auch ſie früher nicht ohne eine Equipage gelebt und daß ihr kleiner Fuß ſelten etwas Rauheres betreten habe, als die wohlgeebneten, glatten Gartenwege auf dem Gute ihres Vaters, bis ſie um ſeinetwillen Alles zurückgelaſſen hatte. Bei der Rückkehr in die Wohnung nahm ſie dann ſtets ihr Haus⸗ haltungsbuch und überlegte, woran ſie am beſten ſparen könnte, damit ſie Herbert veranlaſſen möge, ſich bisweilen einen Spa⸗ zierritt zu gönnen, namentlich wenn ſie ihn überführen würde, daß er ſich dieſen kleinen Genuß füglich erlauben dürfe. Wenn dann Roſa in ihn drang, ſo vermochte Herbert ihr dieſe Freude nicht abzuſchlagen; die körperliche Bewegung ſelbſt that ihm gut und Roſa freute ſich ſo ſehr über ſein ſtattliches Ausſehen zu Pferde. Ohnedem war die Zeit gekommen, wo ſie nicht mehr ſo lange, noch ſo weit gehen konnte wie früher. So verwandte er denn hie und da einen Nachmittag zu einem Spazierritt nach den Cascine oder zu einem Ausfluge mit einer engliſchen Familie Namens Norton, vornehmen, heiteren, lebensluſtigen und faſhionablen Leuten, die er früher in Rom kennen gelernt und die ſich neuerdings ebenfalls in Florenz niedergelaſſen hatten, wo ſie die Bekanntſchaft mit Herbert wieder auffriſchten und über die Abgeſchiedenheit lachten, zu welcher ſich er und ſein hübſches, romantiſches Weibchen ent⸗ ſchloſſen zu haben ſchienen. Der Frühling war ſchon ſo weit vorgerückt, daß dieſe Spazierritte erſt in die Abendſtunden fallen konnten, und es koſtete ihn dann oft Mühe, den dringen⸗ den Bitten der Norton's, daß er mit ihnen nach Hauſe gehen und den Reſt des Abends mit ihnen zubringen möge, zu wider⸗ ſtehen; allein er dachte an Roſa und lehnte es gewöhnlich ab. Sie erwartete ihn zu Hauſe immer an dem kleinen Tiſchchen, woran ſie nach norddeutſcher Sitte ſtatt eines förmlichen Abend⸗ brods Thee tranken; ſie arbeitete an irgend einer Nähterei und er mußte ihr dann die Einzelnheiten ſeines Ausflugs erzählen; ſie freute ſich ſo ſehr, wenn es ihm Vergnügen gemacht, ſie war ſo dankbar für die Rückſicht, daß er um ihretwillen die Ein⸗ ladung zu einer Abendgeſellſchaft abgeſchlagen hatte, und be⸗ ſtand dagegen darauf, er ſolle das nächſte Mal eine ſolche ein⸗ laden, wenn es ihm Freude mache. Sie war allerdings viel⸗ leicht vor ſeiner Heimkehr ein Wenig betrübt geweſen, aber ſie ſagte ihm nie etwas davon, denn wenn ſie je ihre Zweifel oder Ahnungen laut werden ließ, ſo blickte Herbert ſehr ernſt darein und fragte etwa, ob er ihr nicht mehr zu einem zufriedenen Daſein genüge. Die Gefühle, die ſie in ſeiner Gegenwart auf dieſe Weiſe zurückhalten und vergeſſen mußte, drückten aber in ihren einſamen Stunden deſto ſchwerer auf ihr Gemüth; und auf ihrem einſamen Spaziergang in den Boboli⸗Gärten mit ihren ſchattigen Alleen und Luſtgehölzen konnte ſie ſich oft einer trüben Ahnung wegen der Zukunft nicht entſchlagen, und die ₰ 346 Erinnerung an ihre körperlichen Zuſtände gemahnte ſie häufig auch an ihren Vater, der ihr noch immer grollte und allen Bitten um Verſöhnung und Vergebung widerſtand. Er wollte, wie ihre Schweſtern ſchrieben, gar nichts mehr von ihr wiſſen und es durfte nicht einmal mehr ihr Name vor ihm genannt werden. O daß er ihr doch wenigſtens verziehen, daß er gewußt hätte, wie ihr gar nichts mehr fehlte als dies, um ſie ganz vollkommen glücklich zu machen! Fehlte ihr wirklich nur dies? Wer weiß es? Es trübte noch ein anderes Nebelflöckchen dieſen glänzenden Horizont: das Bewußtſein ihres Fehltritts lag ſchwer auf ihrer Seele, und machte ſie mißtrauiſch gegen ſich ſelbſt, ſchwächte das Ver⸗ trauen in ihren Einfluß auf ihren Gatten und machte ſie min⸗ der zuverſichtlich in ihren Anſprüchen an ſeine Liebe. Der Sommer ſchwand, der Herbſt kam, und eine neue Sorge und eine neue Freude entſprang für Roſa. Eine neue Quelle der Liebe hatte ſich ihr erſchloſſen, und doch ward Her⸗ bert nicht an ihrer Liebe verkürzt durch das Daſein ſeines Kindes. Er war beinahe eiferſüchtig geweſen auf das kleine, liebe Geſchöpf, welches ſich mit ihm in Roſa's Zärtlichkeit thei⸗ len ſollte; allein bald übte die neue Neigung ihre Reize auch auf ihn aus, und Roſa hüpfte das Herz im Leibe vor Ent⸗ zücken, als ſie die täglich wachſende Liebe Herbert's für ſeinen Knaben bemerkte. Das Kind war ſo hübſch, ſo vielverſprechend, daß die Mutter es für einen förmlichen, vom Himmel ihr herab⸗ geſandten Boten künftigen Glückes hielt. Sie nannten ihn Hans, nach dem Großvater Vierland, und Roſa ſchrieb dies und die in ihr erweckten Hoffnungen an ihre Schweſter und ſchickte ihr eine kleine Locke von dem goldenen Haar des Kin⸗ des in der zuverſichtlichen Erwartung, dieſes müſſe als un⸗ 347 widerſtehliche Fürſprache für ſie zu dem Herzen ihres Vaters reden. Die ſehnſüchtige Tochter baute größere Hoffnungen auf dieſe Berufung an das Herz ihres Vaters, als ſie ihrem Gatten geſtehen wollte. Dieſes Thema war ſtets ein unangenehmes für Herbert, denn er ſchien ihre Sehnſucht nach der Vergebung ihres Vaters ſo auszulegen, als büße er dadurch etwas an der gänzlichen Hingebung ein, welche ſie ihm gelobt hatte. So war denn ſchon Ein Punkt vorhanden, über welchen ſie in ihren Anſichten uneins waren— es gab Einen Gedanken, Eine Angſt, welche Herbert nicht theilen durfte und wollte. Sie mochte ihn auch nicht mit einem einzigen Blick betrüben, und darum war ſie immer bereit, ihn bei der Heimkehr mit demſelben holden Lächeln und heitern Tone zu empfangen, und Herbert pflegte dann ſie und ihr Kind an's Herz zu drücken, und behauptete, er ſchätze nun die Augenblicke, welche ſie dann zuſammen ver⸗ brachten, doppelt, ſeit die eifrige Beſchäftigung mit ſeinen Studien ihn ſo zur Abweſenheit von Hauſe verbanne. Außer⸗ dem war es ja auch, da er bald als Künſtler auftreten und ſich als Porträtmaler aufthun wollte, für ihn nothwendig, Be⸗ kanntſchaften anzuknüpfen und die liebe Zurückgezogenheit der erſten Periode ihres Eheſtandes aufzugeben. Dieſe Nothwen⸗ digkeit ſah Roſa ſelber ein, wenn ſie ſich gleichwohl nur mit Seufzen darein ergeben konnte. Herbert hatte neuerdings den brieflichen Verkehr mit ſeinem Vater wieder aufgenommen, allein der Alte hatte ihm, um ihn gleichſam von der Vergeb⸗ lichkeit jeder Hoffnung auf ſeine Freigebigkeit zu überzeugen, zwar ſeine Vergebung angedeihen laſſen, aber auch mitgetheilt: er habe nun lange genug für ſich ſelber gearbeitet, um ſich mit Fug und Recht zur Ruhe ſetzen zu dürfen, und da er kein Intereſſe mehr habe, das Geſchäft fortzuführen, weil ſein Sohn ſich demſelben nicht widmen wolle, ſo habe er daſſelbe verkauft, ſich wieder verheirathet und ſeine Frau zur eventuellen Uni⸗ verſalerbin ſeines Vermögens eingeſetzt. Herbert knirſchte mit den Zähnen vor Grimm, als er dieſen Brief las, und brach in einen wahren Sturm von leiden⸗ ſchaftlichem Zorn aus, der entſetzlich anzuſehen war. Roſa ſuchte ihn zu beſchwichtigen und den ſtrengen Vater zu ent⸗ ſchuldigen, indem ſie ſich ſelber als die Urſache der gegenſeiti⸗ gen Entfremdung anklagte, bis Herbert wieder ruhiger ge⸗ worden war; allein gerade dadurch beſtärkte ſie ihren Gatten in der Ueberzeugung von der Größe des Opfers, welches er ihr gebracht, indem er ſie geheirathet hatte, und von der helden⸗ müthigen Anſtrengung, womit er ſich jetzt einem Lebensberufe widmete. 2 Herbert hatte ſo viel Talent für die Kunſt, welcher er ſich gewidmet hatte, daß er ſchon nach zweijährigen Studien ſich als Porträtmaler etabliren konnte und auch ſogleich Aufträge erhielt. Ueberdem war er ein ſo vollendeter Weltmann und vorzüglicher angenehmer Geſellſchafter, daß er überall will⸗ kommen war, und binnen Kurzem fand der vielverſprechende junge Künſtler Zutritt in den beſten Häuſern von Florenz. Roſa wäre ohne Zweifel ebenſo beliebt und geſucht geweſen, allein hätte ſie jeden Abend in Geſellſchaft gehen wollen, ſo würde dieß einen Koſtenaufwand und einen Zeitverluſt herbei⸗ geführt haben, welche nach ihrer Anſicht weit über ihre Kräfte gingen; während Herbert, ausnehmend ſtolz, dünkelhaft und anſpruchsvoll wie er war, ſich einbildete, ſeine materielle Exi⸗ ſtenz ſei noch nicht hinreichend begründet, um ihm zu erlauben, 349 daß ſie unter Bedingungen und Anſprüchen vollkommener Gleichheit unter den geldſtolzen Engländern erſcheine, welche von je her einen ſo weſentlichen Beſtandtheil der gebildeten Ge⸗ ſellſchaft von Florenz gebildet haben. Er hätte es gerne ge⸗ ſehen, wenn Roſa in Toilette und anderem Aufwand mit den eleganteſten Frauen jener Kreiſe, worin er verkehrte, gewett⸗ eifert haben würde, und ſchon der bloſe Gedanke, daß ſie nur geduldet würde, oder daß diejenigen, auf deren Achtung ſie vollgültiges Anrecht habe, auf ſie als auf die Frau eines armen Künſtlers herabſähen, genügte, um ihn in die aberwitzigſte Wuth zu verſetzen. Roſa theilte dieſe Skrupel nicht; vielmehr dienten ihr dieſelben nur dazu, ihr Betragen darnach zu regeln und bei der ſtillen, zurückgezogenen Lebensweiſe zu verharren, zu wel⸗ cher ſie ſich in ihrem beſcheidenen häuslich⸗traulichen Sinne von Natur beſtimmt gefühlt hatte. Es würde ſie allerdings vielleicht gefreut haben, hie und da in Geſellſchaft zu gehen, und wenn dies geſchah, ſah ſie in ihrem einfachen weißen Muſſe⸗ linkleide und mit den Camellien im Haar ſo reizend aus, daß ſich Aller Blicke bewundernd ihr zuwandten; allein ſie hatte bald ausfindig gemacht, daß die gute Geſellſchaft in Florenz höchſt gebieteriſche Anforderungen an ihre Mitglieder macht— ſo zwar, daß man ſich ihr entweder ausſchließlich widmen oder riskiren muß, bei gleichgültigerem Erſcheinen ganz verbannt zu werden. Es könnte z. B. eine Perſon nicht heute Abend in dem Concert der Lady B. erſcheinen und morgen Abend von der Soirée der Fürſtin D. ausbleiben, ohne Gefahr zu laufen von der Einladungsliſte der letztern geſtrichen zu werden und allen Anſpruch auf deren Bekanntſchaft zu verlieren. In Her⸗ bert's Stellung und zumal da er nie verfehlte, die krankhafte 350 Reizbarkeit ſeines Charakters auch ſeine arme Frau ent⸗ gelten zu laſſen, würde es höchſt kränkend und gefährlich ge⸗ weſen ſein, wenn ihm eine derartige Zurückſetzung paſſirt wäre; darum zog ſich Roſa allmälig von allen derartigen Feſtlich⸗ keiten und Genüſſen zurück, theils aus Furcht, irgendwie Ge⸗ legenheit zu unangenehmen Erlebniſſen zu geben, theils aus den früheren Rückſichten der Sparſamkeit und Klugheit, und nach Verlauf von wenigen Jahren war die Quelle des Ver⸗ gnügens, welches hie und da eine gelegentliche Abendgeſell⸗ ſchaft ihr verſchafft haben würde, für ſie vollſtändig verſiegen gegangen. So jung Roſa auch noch war und ſo ſehr ſie ſich hätte Bewunderung verſchaffen können, ſo koſtete dieſe Abgeſchloſſen⸗ heit ſie doch auch nicht das mindeſte Bedauern. Herbert und ihr Kind füllten ihr Herz aus, und ſie wollte ſelbſt, wenn ſie ſo einen Abend um den andern bei der Lampe ſaß und ſeine Heimkehr erwartete, dem Gedanken nicht Raum geben, daß er zu viel von Hauſe weg ſei, und ſie wollte ſich nicht allzu ſehr mit ſeinen Abendausgängen beſchäftigen. That er es denn nicht, um vorzugsweiſe nur ſein Fortkommen in ſeinem Beruf anzubahnen? und für wen anders arbeitete er denn, als für ſie? War es denn in Abrede zu ziehen, daß ſich mit der Er⸗ weiterung ſeines Bekanntenkreiſes auch ſeine Praxis vermehrt und im gleichen Verhältniſſe auch ſeine Einnahmen ſich ge⸗ ſteigert hatten? Er hatte ſich ein hübſches Atelier in einem der frequenteſten Stadttheile von Florenz gemiethet und einge⸗ richtet, und die Miethe davon, ſowie die Löhnung eines Dieners, welchen er dafür halten mußte, bildeten einen bedeutenden Aus⸗ gabepoſten, zu deſſen Beſtreitung er wieder namhafte Ein⸗ nahmen machen mußte. Herbert erwiderte Roſa's ſchüchterne Zweifel und Winke immer mit der ungeduldigen Aeußerung, daß jedes neue Unternehmen auch irgend eine Auslage mit ſich führe, und citirte das Sprüchwort:„Wer nicht wagt, gewinnt nicht.“ Er kam bisweilen müde, reizbar und verſtimmt nach Hauſe, denn er kam auch mit gemeinen filzigen Leuten in Be⸗ rührung, welche Bilder beſtellten, die ſie entweder gar nie be⸗ zahlten, oder für Porträts ſaßen, an denen ſie am Ende zu tadeln wußten und die ſie daher zurückgaben. Roſa hatte jedesmal die Rückwirkung ſeiner Verſtimmung und Abneigung zu ertragen, wenn er irgend eine derartige Unannehmlichkeit erfuhr. Die lebensfrohe, genußreiche Welt, welche ihn als den Mann mit der beſten Toilette und dem vornehmſten, vortheilhafteſten Ausſehen unter allen anweſen⸗ den Herren in einem Salon erſcheinen ſah, ahnte nicht entfernt den kleinlichen Mißmuth, welcher ſich ſo oft über die arme, geduldige Gattin entlud, die er zu Hauſe ließ. Roſa beklagte ſich nie, ſondern ging mit ihrem ſanften Lächeln der gewöhnlichen Routine ihrer häuslichen Pflichten und Beſchäf⸗ tigungen nach. Sie legte jeden Abend ihrem Gatten die Kleider in ſeinem Zimmer zurecht und ſorgte dafür, daß ſein Anzug vollſtändig für ihn bereitlag; ihre eigene Hand theilte immer das dunkelbraune Haar über ſeiner blaſſen, intelligenten Stirne und gab der Schleife ſeiner Halsbinde vollends die letzte Vol⸗ lendung. Herbert kleidete ſich mit gewiſſenhafter Sorgfalt, obſchon ohne alle poſitive Extravaganz; und doch hätte die Auslage für ſeine Handſchuhe allein, die er jeden Abend zu erneuern für unerläßlich hielt, eine Spazierfahrt für Roſa bezahlt, deren Wangen bleich und hohl ausſahen, und die irgend einer gelegentlichen Luftveränderung und Erholung ſehr bedürftig geweſen wäre! An all dieß dachte er aber niemals, denn wie ſollte er es, da ſie ja für ſich ſelber niemals daran dachte! Wäre Johanna noch bei ihnen geweſen, ſo würde ſie ſicherlich eingeſchritten ſein; allein der kleine Hans hatte kaum das zweite Jahr zu⸗ rückgelegt gehabt, ſo ward die treue Dienerin durch Kränklich⸗ keit, weil ſie Klima und Lebensweiſe in Italien nicht ertragen konnte, gezwungen, nach Deutſchland zurückzukehren, und Roſa hatte nur noch italieniſche Dienſtboten um ſich, an welche ſie ſich nicht anſchließen konnte und welche ſie nur mit der Lauheit von Miethlingen pflegten, als ſie gerade der ſorgſamſten Pflege und Aufmerkſamkeit bedurfte. Wäre Herbert bei Tage weniger mit ſeiner Kunſt und den vielen Beſuchen in ſeinem Atelier be⸗ ſchäftigt geweſen und hätte er ſich weniger in den Strudel von Aufregung hinreißen laſſen, den er für ſein Geſchäft amm Abend ausgeben wollte, ſo hätten ihm die Zeichen von Leiden an ſeiner Gattin nicht entgehen können, ſo ſehr ſie ſich auch be⸗ mühte, ſie ihm zu verhehlen, weil ſie es für ſelbſtſüchtige Schwäche gehalten haben würde, ſich zu beklagen. So vergingen einige Jahre, die ihn immer noch mehr in dieſen berauſchenden Strudel verſtrickten und ihn noch weit mehr über ſeine eigene Gleichgültigkeit und nachläſſige Sorg⸗ loſigkeit gegen Roſa blind machten. Er pflegte nun ſpäter als ſonſt zum Diner nach Hauſe zu kommen, welches er auf die Abendſtunden verlegt hatte, um angeblich die verlornen Stun⸗ den ſeiner durch Beſucher vielfach in Anſpruch genomwenen Zeit nicht durch das Mittageſſen und den Weg nach ſeiner Wohnung und zurück noch zu vermehren. Unmittelbar nach dem Eſſen ſchlief er gewöhnlich ein und erhob ſich nur wieder, um ſich anzukleiden und in irgend eine glänzende Abendgeſell⸗ ſchaft zu gehen; und wenn er alsdann von derſelben zurück⸗ 3353 kehrte, ſo durfte er verſichert ſein, daß Roſa noch auf den Bei⸗ nen war und ihn erwartete, ordentlich erpicht darauf, nur noch einige Augenblicke ſeine Unterhaltung zu genießen und auf die Schilderung der Abenteuer und Erlebniſſe des verbrachten Abends zu lauſchen. Dies war der einzige Punkt, worin ſie ihrem eigenen Willen folgte und für alle ſeine Gegenvorſtel⸗ lungen taub blieb. Und weil Herbert ſich erinnerte, wer für ihn wachte und wartete, hatte er lange Zeit ſo viel Selbſtbe⸗ herrſchung und Entſagung bewahrt, daß er den Ball gerade dann verließ, wenn er am glänzendſten und fröhlichſten war, damit nicht der grauende Morgen ſeine Frau noch auf ſeine Rückkehr harrend finden ſollte. Endlich aber fand er dieſe Be⸗ ſchränkung und dieſen Zwang beinahe langweilig und läſtig, und einige Male, wenn er den Verſuchungen eines verlängerten Soupers oder irgend einer angenehmen Tänzerin im Cotillon nicht zu widerſtehen verſucht hatte, machte es ihn beinahe zor⸗ nig, daß er einen wohlbekannten Schritt, wenn auch nicht mehr ſo elaſtiſch wie vordem, nach der Hausthüre eilen hörte, um auf ſein Anläuten zu antworten, und daß er dann einem blaſ⸗ ſen, ängſtlichen Geſichte begegnete, welches ihm ſtumme Vor⸗ würfe über ſeine verſpätete Heimkehr zu machen ſchien. „Wie lächerlich iſt es von Dir, Roſa, daß Du mich ſelbſt einläſſeſt? Warum willſt Du denn darauf beſtehen, ſo lange ſitzen zu bleiben und Deine Kraft zu erſchöpfen?“ fragte er ſie eines Abends. „O, ich bin nicht müde,“ war die Antwort;„nur bliebſt Du heute um ſo viel länger aus, daß ich um Deinetwillen in Sorge war, und....“ „Was kann ich dafür, daß es ſo ſpät iſt? Du weißſt, mein Kind, daß ich mir eine Stellung erwerben, nützliche Ver⸗ Mylius, Für Frauenhand. I. 23 354 bindungen anknüpfen, neue Bekanntſchaften ſuchen muß. Glaubſt Du denn, wenn ich mich immer daheim eingeſchloſſen hätte, ich würde dann den jetzigen, Erfolg⸗verſprechenden An⸗ fang in meinem Berufe angebahnt haben? Ich lege nun den Grund zu Ruf und Vermögen. Bildeſt Du Dir ein, wir ſollten uns niemals über die elende Lage erheben, worin wir bisher vegetirt haben?“ „Du nennſt ſie elend, Herbert?— oh, elend?!“ Sie ver⸗ mochte nicht mehr zu ſagen, ſondern ſenkte das Haupt, damit er die Thränen nicht bemerke, die ihr in die Augen traten, während ſie ihm die Pantoffeln ſorgfältig anzog. Dieß war einer von den kleinen Liebesdienſten, welche ſich Roſa in der erſten Zeit ihres Eheſtandes ſelber auferlegt und an deren Ver⸗ richtung Herbert ſich gewöhnt hatte, als an Etwas, das ſich gleichſam von ſelbſt verſtand. Wie ſie nun ſo vor ihm knieete, huſtete ſie zu wiederholten Malen und zog ihren Shawl dichter um ſich. „Siehſt Du?“ rief Herbert tadelnd und mürriſch;„da haſt Du die Folge Deines Eigenſinns! Du haſt Dich bei dem langen Aufbleiben erkältet! Ich beſtehe nun darauf, daß Du fortan nicht mehr auf mich warteſt, wenn ich bis Mitternacht nicht zu Hauſe bin. Eine der Mägde kann dies ebenſo gut thun!“ „Aber lieber Herbert, bedenke doch, daß die Dienſtboten, wenn ſie den ganzen Tag gearbeitet haben, Abends müde ſind und in ſolch geſunden Schlaf verfallen, daß ſie ſicher nicht hören werden, wenn Du die Glocke zieheſt!“ „Jenun, dann kann ich ja einen Hausſchlüſſel mitnehmen und ſo wird niemand mehr beläſtigt werden. Laſſe mir gleich morgen einen ſolchen beſtellen!“ 35⁵⁵ „Ach nein, Herbert! thu' das nicht!“ bat ſeine Frau; „ſiehe, ich bin ja nicht krank! Laß mich immer auf Deine Heimkunft warten, ich bitte Dich darum! Ich ſehe ja ohnedem jetzt ſo wenig von Dir, Herbert, ſo außerordentlich wenig!“ Sie war, noch immer auf den Knieen, ihm noch näher gerückt, ſchmiegte ſich an ihn an und legte ſchmeichelnd ihre Wange auf ſeine Hand. „Geh', Roſa!“ rief Herbert und zog ſeine Hand unmuthig zurück;„laß das— Du langweilſt mich!“ Sie langweilte ihn! War es alſo ſo weit gekommen? Waren dieſe wenigen Jahre hinreichend geweſen, ihn eines Weſens überdrüſſig zu machen, welches er auf Lebenslang zu lieben, zu ehren und auf den Händen zu tragen gelobt hatte? — Der unheilverkündende Wolkenfleck am Horizont von Roſa's Zukunft vergrößerte ſich ſchnell, und das Sonnenlicht von Roſa's Leben verſchleierten trübe, düſtere Wolken. Herbert ward noch unmuthiger, als er ſie ſo bitterlich weinen ſah. Er fühlte ſich unzufrieden und unbehaglich, ver⸗ ſuchte ſich aber zu überreden, es ſei nur ihre Hartnäckigkeit oder ihr Eigenſinn wegen des Hausſchlüſſels, was dieſen leiden⸗ ſchaftlichen Ausbruch verurſacht habe, und dies beſtärkte ihn in ſeinem Entſchluß, nicht nachzugeben. Es war ihr erſter häuslicher Zwiſt, denn Roſa, die ſonſt ſo gelehrig, ſo widerſtandslos und nachgiebig war, wollte dieß⸗ mal nicht ohne einige Oppoſition in einer Sache nachgeben, die— wie ſie ahnungsvoll und doch deutlich vorausſah— nothwendig mit Zeit und Weile das Band aller häuslichen Gewohnheiten und aller Regelmäßigkeit zerreißen mußte. Her⸗ bert dagegen ward durch ihren Widerſtand nur noch mehr ge⸗ 23* 356 reizt, wurde daher peremtoriſcher und beharrte darauf, ſein Vorhaben durchzuführen. Der Hausſchlüſſel ward anfertigt und Roſa erhielt das gemeſſenſte Verbot, nicht mehr aufzubleiben. Herbert wähnte, er könne jetzt in ſeinem Siege großmüthig ſein; er küßte alſo am nächſten Abend, bevor er wegging, ſeine Frau, ſagte, es ſolle Alles vergeben und vergeſſen ſein, und bat ſie, ſich doch zeitig zu Bette zu legen, damit er beim Zuhauſekommen, falls er je bis nach Mitternacht aufgehalten werden würde, ſie noch ſchlafend finde. Roſa blickte zu ihm auf, um ſeinem Kuß zu begegnen, und verſuchte zu lächeln; allein um ihr Herz lag es wie eine Eis⸗ kruſte, und die Liebesworte, welche ehedem unaufgefordert ihr auf die Zunge zu treten pflegten, waren nun erzwungen und nur zum mindeſten Theil wahrhaft gemeint. Herbert fühlte dieſe Veränderung, welche mit ihr vor ſich gegangen war, allein er war zu ſtolz, um ſich das Anſehen zu geben, als bemerke er es. Indeſſen verweilte er doch noch einige Minuten, und Roſa brachte ihm nach gewohnter Weiſe Hut und Handſchuhe herbei; aber er vermißte ihre ſonſtige Munter⸗ keit und Zärtlichkeit. Es war nur die geduldige Unterwürfig⸗ keit einer Sklavin— nichts weiter. Er brauchte an dieſem Abend lange Zeit, bis er ſeine Handſchuhe angezogen hatte, und Roſa's Finger zitterten, als ſie ſie ihm zuzuknüpfen verſuchte. Hätte er ſie in dieſem Augen⸗ blick an ſein Herz gedrückt und nur die beiden Wörtchen:„Ver⸗ gib mir!“ ihr in's Ohr geflüſtert, ſo würde die Erinnerung an alle Unbill, die ſie erlitten, verwiſcht worden ſein; allein falſcher Stolz hinderte ihn daran und band ihm die Zunge. Bis zur letzten Sekunde ſeines Bleibens hoffte Roſa noch, 357 er werde nachgeben, jedoch vergebens. Fröhlich entbot er ihr gute Nacht, nahm dann den Schlüſſel, der auf dem Tiſche lag, ſteckte ihn i in die Taſche, und verließ das Zimmer. Als ſie die Thüre des Flurs hinter ihm in's Schloß fallen hörte, ſprang ſie auf, eilte in den Flur hinaus und rief ihm nach:„Herbert, lieber Herbert!“ Sie öffnete ſogar die Vorthüre des Flurs, um ihm noch nachzurufen; allein als ſie ihn ein heiteres fran⸗ zöſiſches Liedchen trällern hörte, während er die Treppe hinun⸗ ter ging, da ging ein plötzlicher Umſchwung in ihren An⸗ und Abſichten vor ſich. Die Thüre fiel raſch in's Schloß, und Roſa ſank auf ihre Kniee nieder und weinte krampfhaft. Zwei oder drei Monate nach dieſem Auftritt lächelte Roſa's bleiches Geſicht auf ein neugebornes kleines Mädchen hernieder, und eine Zeitlang ſchien es der Mutter vergönnt zu ſein, mit wiedergekehrter Geſundheit und Kraft ſich ganz der Pflege ihres kleinen Säuglings zu widmen. Allein das Kind wollte nicht gedeihen; es ſchien Gift aus dem Buſen ſeiner Mutter zu ziehen, und ehe der Sommer zu Ende ging, war das ſchwächliche, liebe Weſen hingewelkt und geſtorben. Herbert fühlte den Verluſt nur wenig, denn er wie alle Diejenigen, welche das arme Kind geſehen hatten und Zeugen ſeiner ſchwächlichen Leibesbeſchaffenheit geweſen waren, hatte keinen Grund gefunden, ſeinen frühen Tod zu beklagen. Allein eine Mutter läßt ſich nicht mit ſolchen Vernunftgründen ab⸗ finden. Der Tod hatte ihr noch nie zuvor eine Perſon geraubt, die ſie liebte, und die Hülfloſigkeit des Kindes hatte ihr daſſelbe eher noch theurer gemacht. Gerade um jene Zeit war Alles ſehr ruhig, und Herbert that ſein Möglichſtes, um Roſa aufzuheitern; allein als der Herbſt weiter vorrückte und Roſa noch immer leidend und gedrückt war, fand er es bald wieder für noth⸗ 358 wendig, ſeinen geſelligen Vergnügungen nachzugehen, und es währte nicht lange, ſo ſpielte er noch mehr als früher eine hervorragende Rolle in all' den Coterieen, welche der heran⸗ nahende Winter in Florenz vereinigt hatte. Herbert pflegte jetzt jeden Tag ſpazieren zu reiten; es be⸗ durfte keiner Bitte von Roſa mehr, um ihn dazu zu bewegen, denn er hielt es, nach mehrſtündiger Arbeit in ſeinem Atelier, für eine nothwendige Erholung. Man ſah ihn dann nament⸗ lich im Park le Cascine, als eine allgemein bemerkte und ge⸗ feierte Perſönlichkeit unter der Menge von jungen Männern, welche die in dem großen Viereck aufgefahrenen Equipagen umgab. —„Nein, Herr Gramberg, Sie dürfen es mir nicht ab⸗ ſchlagen! Sie müſſen die Rolle des Falkland' übernehmen, wenn ich die der Julia ſpielen ſoll! Beſuchen Sie mich mor⸗ gen, damit wir alle nöthigen Verabredungen treffen!“ ſagte eines Tages eine frivole Schönheit zu ihm, welche ihn zu ihrem Wagen herangerufen hatte. Herbert war namentlich ein leidenſchaftlicher Verehrer der dramatiſchen Kunſt und einer der beſten Schauſpieler für Lieb⸗ haber⸗Theater, weßhalb man ſich zu ſolchen Aufführungen ordentlich um ihn riß. Er hatte daher kaum Zeit, ſich zu ver⸗ beugen und lächelnd zuzuſtimmen, als er ſchon wieder nach einer andern Seite hin abgerufen wurde. „Gräfin Zoni hat mich nach Ihnen geſchickt, Gramberg,“ redete ihn ein junger Adcliger aus Florenz mit wallendem, ſchwarzem Lockenhaar und einem keimenden Schnurrbärtchen an.„Sie hat mir gedroht, ich dürfe ihr nicht wieder unter die Augen treten ohne Sie; daher kommen Sie!“ „Ah, kann man Sie endlich auftreiben, Sie Böſewicht?“ rief ihm die Gräfin entgegen.„Für heute entwiſchen Sie mir nun nicht mehr. Kommen Sie mit mir nach Hauſe, um mit mir zu ſpeiſen, und geben Sie mir Ihre Anſicht ab über die Gruppirung der lebenden Bilder, welche wir aufführen wollen. Miß Norton ſpeist heute bei mir; alſo kommen Sie!“ Herbert vermochte es nicht über ſich, eine derartige Ein⸗ ladung abzuſchlagen; daher nahm er ſie gierig an. Es war ſchon ſo weit gekommen, daß Herbert gleichſam keinen eigenen Willen mehr hatte, ſondern nur noch für das Vergnügen An⸗ derer lebte, die ihn zu ihrer Unterhaltung bedurften. Und ſo ſah er ſich durch Liebhaber⸗Theater, durch Diners, lebende Bilder, Charaden, Sprüchwörter und ähnliche rafſinirte Me⸗ thoden, die koſtbare Zeit todtzuſchlagen, in einen ununter⸗ brochenen Wirbel und Strudel von Aufregungen hineinge⸗ riſſen, die ihm durch den Kontraſt die Stille und Eintönigkeit ſeines Hauſes noch auffallender und unangenehmer machten. Er war dadurch ſo viel außer dem Hauſe, daß er Roſa's beſtändiges Kränkeln und Hinſiechen nur wenig bemerken konnte, zumal da ſie ſich Mühe gab, ihm ihre zunehmende Schwäche zu verbergen, aus bloſer Furcht, im andern Fall Ausgaben für eine Badekur oder dergleichen zu veranlaſſen, welche ſie kaum beſtreiten zu können hoffen durfte. Die Koſten der langen Krankheit des verſtorbenen Töchterchens hatten ſich bereits in ihren Finanzen ſehr fühlbar bemerklich gemacht und ſie fürchtete noch eine Verſchlimmerung dieſes Uebels, falls ein Arzt zu ihrer Berathung und Pflege gerufen werden würde. Sie hoffte, ihr Huſten werde mit der Zeit nachlaſſen; ſie kämpfte daher gegen die hartnäckig fortgeſetzten Angriffe von Unwohl⸗ ſein beharrlich an, verlor aber in dieſem Ringen täglich mehr an Kraft und an Boden. 360 Deerr Winter kam— ſo kalt und ſtrenge, wie er nur ſelten unter dieſem geſegneten Himmel Italiens auftritt. Die ſchar⸗ fen Winde und andauernden Regengüſſe hielten ſie mehrere Wochen lang im Hauſe gefangen, und hinderten ſie ſogar an den gewohnten kleinen Spaziergängen mit ihrem Söhnchen Hans, ſogar am ſonntäglichen Kirchenbeſuche. Die arme Roſa! wie oft war ſie früher allein dorthin gegangen! Wo waren nun die Hoffnungen, welche am Hochzeitstage ihr Herz erfüllt hatten, und von denen ſie damals geglaubt, ſie würden ihr ganzes Daſein heiligen? Allein bei alledem war dieſe Heim⸗ ſuchung für ſie doch nicht ganz nutzlos; ſie lockerte das Band, das Roſa mit der Welt verknüpfte, und lenkte ihre Hoffnungen, Ausſichten und Neigungen auf einen andern höhern Zweck, auf einen unſichtbaren Gegenſtand hin. Endlich kam ein warmer, windſtiller, ſonniger Tag, und ſie ließ ſich durch die dringenden Bitten ihres Söhnchens zu einem Spaziergang bewegen; allein kaum war ſie einige Mi⸗ nuten im Freien geweſen, ſo fühlte ſie ſich ſo ſchwach, daß ſie nach Hauſe zurückkehren mußte und nur noch mit der größſten Mühe die Treppe hinanſteigen konnte. Erſchöpft ſetzte ſie ſich auf jeden Treppenabſatz nieder, und Hans blickte ihr beſorgt in’s Geſicht und wollte wiſſen, ob denn Mama krank ſei? Ja, ſie war krank, kränker als ſie ſelber es vermuthete oder ahnte. Den ganzen Tag mußte ſie auf dem Sopha liegen, bis beinahe um die Zeit, wo Herbert nach Hauſe kam, um ſich zu einem Diner anzukleiden, zu welchem er eingeladen war. Sie hatte ſich vorgenommen gehabt, ihm zu ſagen, wie unwohl und angegriffen ſie ſich fühle; allein er war ungeduldig und in großer Eile und ſehr ärgerlich, weil irgend etwas, das er zu Hauſe angeordnet hatte, unterblieben war. Roſa hatte— 3641 heute beinahe zum erſten Mal— ſeine Weiſung vergeſſen ge⸗ habt; allein ſie hörte demüthig ſein Zanken und Schelten an und verſprach, es ſolle nie wieder ein ſolches Verſehen vor⸗ kommen. Mittlerweile hatte Hans, welcher an des Vaters An⸗ kleidetiſch ſpielte, unbemerkt deſſen Brieftaſche zur Hand ge⸗ nommen und geöffnet und die darin enthaltenen Papiere her⸗ ausgezogen. Als ein kleines Billet neben Roſa's Füßen auf den Boden fiel, hob das Kind daſſelbe auf und legte es der Mutter auf das Knie; gerade in dieſem Augenblicke aber be⸗ merkte Herbert, was der argloſe, kleine Schelm unabſichtlich gefrevelt hatte. Mit Gedankenſchnelle ſprang er vorwärts, riß das Briefchen an ſich und ſchlug in ſeinem Zorn den Knaben heftig. Dies Alles hatte zwar nur einen Augenblick gewährt, allein Roſa hatte das Billet doch geſehen; das Blut ſtieg ihr in die Schläfe empor und ein wilder Schmerz von tödtlichem Schrecken zuckte ihr durch das Herz, als ſie die verdächtige Haſt bemerkte, womit ihr Gatte jenes bedeutſame Briefchen an ſich riß und verbarg. „Auch dieß noch?!“ ſtammelte ſie kaum hörbar, und ſank in die Kiſſen zurück. Alle ihre früheren Leiden und Kümmer⸗ niſſe erſchienen ihr nun unbedeutend im Vergleich mit ihrem jetzigen Unglück. Sie enthielt ſich jedoch aller lauten Aeuße⸗ rung hierüber, und hob nur ruhig das Kind auf, welches vor Schmerz und Schreck krampfhaft ſchluchzend ſich zu ihr geflüch⸗ tet, an ſie geſchmiegt und ſein Geſicht in ihren Schoos verbor⸗ gen hatte. Dann nahm ſie, mit einem unbeſchreiblich ſchmerz⸗ lichen, kummervollen Blicke auf Herbert, den Knaben an der Hand und führte ihn aus dem Zimmer. Als ſie wieder zurück⸗ kehrte, war Herbert fortgegangen. 362 Abendbeſuche von Fremden waren ſehr ſeltene Erſchei⸗ nungen in Roſa's ſtiller Wohnung; darum überraſchte es ſie nicht wenig, daß an dem Abend jenes Tages, etwa um neun Uhr, ein Herr ſie zu ſprechen verlangte. Sie lag gerade wie⸗ der auf dem Sopha, die arme, enttäuſchte Frau; ſie hatte ih⸗ ren Knaben eingeſchläfert und an ſeinem Bette geweint und gebetet, und ruhte nun, ganz erſchöpft und müde, auf dem Sopha aus— ſo heruntergeſtimmt, daß ſie nur mühſam die Hand nach der Viſitenkarte ausſtrecken konnte, welche ihr der ſpäte Beſucher hereingeſchickt hatte. „Doctor Wyß?!“ rief ſie nun überraſcht, ſprang auf und eilte nach der Thüre, um ihn willkommen zu heißen. Der freundliche alte Herr kam ihr mit vorgeſtreckten Hän⸗ den entgegen, und ſein Geſicht ſtrahlte vor Freude; allein plötz⸗ lich trat er zurück und hielt zögernd inne, ſichtlich unſicher und ungewiß über die Identität der Perſon, die er anredete. Die kleine, hagere, ſchattenhafte Frau in tiefer Trauer⸗ kleidung, die eingeſunkene Geſtalt, das abgehärmte Geſicht mit den beinahe durchſichtigen Zügen, und der fieberiſche Glanz des tief eingeſunkenen Auges, welcher durch die plötzliche Röthe der Ueberraſchung und Aufregung auf den hohlen Wangen noch mehr hervorgerufen wurde,— dies Alles zuſammen mußte ihn billig zweifeln laſſen, ob er in dieſen Trümmern die einſt ſo holde, anmuthige Roſa Vierland wieder erkennen ſolle und könne. „Lieber Doctor, kennen Sie mich denn nicht mehr?“ fragte ſie ihn, und es war noch immer dieſelbe ſüße Stimme wie ehedem.„Haben Sie Ihren alten Liebling Roſa ver⸗ geſſen?“ 363 —„Nein, mein theures Kind, ich erkenne Sie endlich wieder, und bin recht erfreut, ſie wiederzuſehen,“ entgegnete Dr. Wyß und küßte ſie mit der Zärtlichkeit eines Vaters auf die Stirne. Dann ſetzte er ſich zu ihr auf das Sopha und blickte ſie eine lange Zeit ſchweigend an.„Ich bin heute Abend hier eingetroffen,“ fuhr er dann, aus ſeinen Gedanken ſich auf⸗ rüttelnd, fort.„Ich begleite den Grafen A. und ſeine Familie als Reiſearzt, und unſer Aufenthalt dauert wahrſcheinlich nur wenige Tage; darum habe ich Sie ſogleich aufgeſucht, um auch nicht Einen Abend Ihre Geſellſchaft zu verlieren. Wo iſt Herbert?“ „Unglücklicherweiſe iſt er heute Abend ausgebeten, zu ei⸗ nem Diner und zu einem Balle eingeladen,“ erwiderte Roſa und ſtammelte alsdann etwas, wie ſehr Gramberg es bedauern werde, wenn er nach Hauſe komme und höre, wer dageweſen ſeie; allein ſie benahm ſich dabei ſehr verlegen, denn die Augen ihres alten Freundes waren noch immer durchdringend auf ſie geheftet, und die Hälfte von Dem, was ſie hatte ſagen wollen, erſtarb ihr auf den Lippen. —„Nun, liebe Roſa, wie gehi es Ihnen denn?“ fuhr Wyß fort; pes iſt ſchon ſo lange her, daß Sie mir nicht mehr geſchrieben haben. Die beiden erſten Jahre kamen ihre Briefe ſo regelmäßig, ſo voll Glück und Freude, ſo voll von Ihrem Herbert und dem kleinen Hans, daß ich glaubte, Sie erfreuten ſich ewiger Flitterwochen.“ „Und haben Sie aus meinem Schweigen auf das Gegen⸗ theil geſchloſſen?“ fragte ſie ängſtlich.„O, dann ſind Sie im Irrthum. Glauben Sie das ja nicht, ſondern ſchreiben Sie das Ausbleiben meiner Briefe dem Umſtande zu, daß alle meine Zeit ſo ſehr in Anſpruch genommen iſt, und daß mir in der 364 jüngſten Zeit erſt eine ſo furchtbare, ſchmerzliche Heimſuchung beſcheert wurde.“ Und nun erzählte ſie ihm die Krankheit und den Tod ihres kleinen Kindes. Ueber dieſen vermochte ſie end⸗ lich ohne Zwang zu ſprechen, und ihre Thränen floſſen frei und reichlich, als ſie bei dem Verluſte ihres kleinen Töchterchens verweilte; aber es lag ein Troſt in dieſen Thränen und eine Freude ſogar in ſolchem Kummer, denn er heiſchte wenigſtens keine Verſtellung. —„Arme Roſa!“ ſagte der Doctor;„ſo haben Sie alſo ſchon jetzt Ihr reichliches Theil Kummer und Schmerz erfah⸗ ren? Aber der kleine Hans iſt Ihnen ja noch geblieben— — darf ich ihn nicht ſehen?“ Sie willfahrte ihm gerne und führte ihn in ihr Zimmer, wo der Knabe in einem kleinen Bettchen, dicht neben dem ihrigen, in ſüßem Schlafe lag. Er war ſchön, ſogar für an⸗ dere Augen als diejenigen ſeiner Mutter; ſo lag er nun in ſeinem Bettchen, das Köpfchen auf den einen Arm gelehnt, mit roſigen Wangen, die goldenen Locken über das Kopfkiſſen zer⸗ ſtreut, mit geſchloſſenen Augenlidern, in deren Wimpern noch Thränen hingen, von Zeit zu Zeit noch im Schlafe zuſammen⸗ zuckend und ſchluchzend in Folge der Alteration über die väter⸗ liche Züchtigung. In ſeinem unruhigen Schlafe hatte er die Steppdecke etwas bei Seite geſchoben und ſeine hübſch gerunde⸗ ten Glieder lagen nun zu Tage, bisweilen noch zuckend bei jedem ſchluchzenden Athemholen, als Nachwehen des erſten Paroxysmus von wirklichem Kummer, welchen ihm ſein junges Leben beſchieden hatte. „Iſt er nicht hübſch und lieblich?“ flüſterte Roſa, als ſie ihm zärtlich die in Unordnung gerathene Kleidung und Bett⸗ zeug wieder zurechtlegte; dann kniete ſie neben ſeinem Bettchen 365 nieder, beugte ſich über ihn und küßte ihn lange, lange, als ob ſie den balſamiſchen Athem einſaugen wollte, der ihre Wange ſo ſanft fächelte. Der alte Herr hatte ihr mit thränenfeuchten Augen zuge⸗ ſehen; als er aber Roſa ſich ſo lange über das Kind herein⸗ beugen ſah, zog er ſie beinahe zornig hinweg. —„Das ſollten Sie nicht thun!“ ſagte er ernſthaft zu ihr;„wiſſen Sie nicht, daß Kinder nie in ihrem Schlafe ge⸗ ſtört werden ſollen noch irgend jemands Athem einhauchen dürfen? Der Kleine ſollte eigentlich gar nicht hier bleiben; Sie müſſen ihn in ein anderes Zimmer betten!“ „Ach, lieber Doctor! dieß können Sie mir unmöglich zumuthen! Ich würde den Kleinen ſo ſehr vermiſſen! Er klettert immer auf mein Kopfkiſſen herauf, wenn er erwacht, und küßt mich ganz ſachte und leiſe, bis ich ebenfalls die Augen öffne, und bei Nacht, wenn ich nicht ſchlafen kann und auf ihn warte— auf Herbert nämlich, wenn er ſo lange in Geſell⸗ ſchaften aufgehalten wird— da betrachte ich meinen lieben Kleinen im Schlafe und fühle mich gar nicht allein.“ —„Sie müſſen nicht wachen oder wach liegen, meine Liebe!“ erwiderte Dr. Wyß;„Sie müſſen ſich beſſer pflegen, denn Sie ſind krank!“ „Ich? nicht im Mindeſten! ich bin nicht krank!“ —„Nicht krank Abei einem ſolchen Huſten?“ „Nun ja,“ meinte ſie,„aber das iſt mir nichts Neues; ich habe dieſen Huſten ſchon ſeit mehr als Jahresfriſt, und er iſt erſt in der jüngſten Zeit etwas ſchlimmer geworden. Ich glaube, ich habe ſogar jeden Abend auch etwas Fieber, aber es verliert ſich gewöhnlich vor dem Morgen wieder.“ Sie waren mittlerweile wieder in den Salon zurückge⸗ 366 kehrt und Dr. Wyß richtete noch mehrere Erkundigungen über ihren Zuſtand an Roſa, welche ſie ſchüchtern und mit ſchwacher Stimme beantwortete; denn nun die erſte Aufregung durch ſeine Gegenwart vorüber war, fühlte ſie ſich zu jeder weitern Anſtrengung unfähig, und vermochte ihm ihren wahren Zu⸗ ſtand nicht mehr zu verhehlen. Kraftlos ſank ſie in ihren Lehn⸗ ſtuhl zurück, mit halbgeſchloſſenen Augen, während der Doctor ihre dünne weiße Hand hielt und ihr den unſtäten Puls fühlte. Einige Minuten lang ſaß er ganz in Gedanken verſunken, dann ſtand er plötzlich auf, fragte beſorgt, wo Herbert ſei und zu welcher Zeit er zurückkehren werde. Roſa nannte ihm das Haus, worin der Ball ſtattfand, zögerte aber, ſeine zweite Frage zu beantworten. Er bemerkte ihre Verlegenheit und gab dem Geſpräche eine andere Richtung.— —„Ich werde morgen wieder bei Ihnen vorſprechen, Roſa, und auch Herbert beſuchen; ich will Sie ärztlich behandeln, ſo lange ich hier bleibe. Allein die erſte Bedingung, welche ich Ihnen ſtelle, iſt unbedingter Gehorſam. Der kleine Knabe muß noch heute Nacht in ein anderes Zimmer geſchafft werden!“ „Aber ich verſichere Sie, lieber Doctor, er ſtört mich nicht im mindeſten!“ —„Sein Sie doch vernünftig, liebe Roſa! Iſt denn nicht der Fall denkbar, daß Sie ihm Schaden zufügen?...“ Ein plötzlicher Argwohn zuckte in ihr auf und ſie blickte ihm forſchend in's Geſicht. Es war eine jener ſtummen Bitten oder Fragen, welche einem Arzt das Herz zuſammenſchnüren, und denen man nur in Folge langjähriger Selbſtbeherrſchung einen gewiſſen Gleichmuth entgegenſetzen kann. —„Erſchrecken Sie nicht unnöthig, meine Liebe!“ ſagte er beinahe fröhlich zu ihr;„ich meine nur, der Knabe könnte 367 von Ihnen leicht den Huſten erben, während ich gerade damit beſchäftigt bin, Sie von dem Ihrigen zu befreien, und dieß wäre ſehr unangenehm und gefährlich für den Kleinen. Das iſt aber auch Alles, was ich fürchte!“ Hierauf bot er ihr gute Nacht und verabſchiedete ſich raſch. Allein ſo ruhig auch ſein Benehmen in ihrer Gegenwart geweſen war, ſo hatte er kaum die Hausthüre hinter ſich, als er die Hände rang und im Tone der tiefſten Betrübniß aus⸗ rief:„Sie iſt verloren, rettungslos verloren! Arme, arme Roſa!“ Der Zufall wollte, daß er eine Empfehlung an jene Fa⸗ milie hatte, welche an dieſem Abend den Ball gab, und im Vertrauen hierauf beſchloß er, ſich ſogleich anzukleiden, dort⸗ hin zu gehen und Herbert aufzuſuchen. Er hatte Roſa ſeinen Plan nicht mitgetheilt, um ſie nicht zu erſchrecken; allein er. machte ſich unverweilt an die Ausführung deſſelben und ſchon nach einer halben Stunde ſtellte er ſich in jenem Hauſe ein. Hier traf er mehrere Bekannte, die er früher als Arzt berathen und behandelt hatte, und jeder, der ihn kannte, war hoch er⸗ freut, ihn wieder zu ſehen, und ſo fand er denn auch die ver⸗ bindlichſte Aufnahme bei der Dame des Hauſes, welche ihn einige Zeit durch ihre Unterhaltung an ihre Seite feſeelte. Sobald er aber mit Anſtand ſich von ihr loszumachen ver⸗ mochte, begann er ſich begierig umzuſchauen, ob er Herbert nicht ausfindig machen könne, und es währte nicht lange, ſo ſah er ihn über den Stuhl einer faſhionablen Dame herabge⸗ beugt, welcher er die auffallendſte Aufmerkſamkeit widmete. Kurz darauf ſah er ihn in den wildeſten Tanz ſich ſtürzen, und verfolgte ihn mit den Blicken, als Herbert mit ſeiner Tänzerin durch die Säle promenirte. Während er ihn ſo von 368 ferne beobachtete, vernahm er aus dem Munde verſchiedener Perſonen abſichtsloſe Bemerkungen über ihn: Gramberg ſei heute wieder bezaubernder als je; die Marcheſa F. erfreue ſich jetzt ſogar größerer Aufmerkſamkeit von ſeiner Seite, als ſelbſt Miß Norton, trotzdem daß ſie erſt vor Kurzem in einem eleben⸗ den Bilde' mit einander gewirkt und ſo großen Beifall geerntet. Dieſe wenigen Andeutungen verſchafften dem Doctor Wyß plötzlich eine ganz klare Einſicht in die Sachlage. Mit ahnungs⸗ vollem Blicke erſah er daraus die ganze Geſchichte von Roſa's Eheſtandsleben. Auf einen Augenblick vergaß er der glänzen⸗ den Umgebung, worin er ſich befand, und verſetzte ſich im Geiſte zurück zu dem demüthigen, kummervollen Antlitz der armen, vernachläſſigten Frau, welche er heute Abend geſprochen hatte. Dann aber erinnerte er ſich plötzlich, weßhalb er hier war, und mengte ſich entſchloſſen unter die Gäſte, um Herbert aufzuſuchen, der ſich in der Menge verloren hatte. Es währte nicht lange, ſo entdeckte er ihn unter einer Gruppe von jungen Männern, welche ſich um einen Spieltiſch verſammelt hatten; er ward von Einigen aufgefordert, am Spiele theilzunehmen, und Her⸗ bert ſetzte mit der größſten Gleichmuth einige Goldſtücke, die er verlor. Er hatte gerade keine Freude am Spiel, und noch weniger war er ein leidenſchaftlicher Spieler, allein dennoch verſuchte er bisweilen ſein Glück darin, wiewohl er mehr aus einer gewiſſen Oſtentation oder aus Ehrgeiz, es darin Anderen gleichzuthun, als aus irgend einer natürlichen Vorliebe für das Spiel. Er hatte ſoeben wieder gleichgültig zwei Napoleons auf eine Karte geſetzt und verloren, und wollte gerade dem Spiel⸗ tiſch den Rücken wenden, als eine Hand ſich auf ſeinen Arm legte und er in dem Heirn hinter ihm ſeinen alten Freund und Vertrauten erkannte. 369 Des Doctors Züge waren bleich und ernſt; die letzte Scene, der er angewohnt, hatte ſeinen Widerwillen vervollſtändigt. Er rief ſich die kleinen Zimmer von Roſa's Wohnung, die ein⸗ fachen Möbeln, die engherzige Sparſamkeit in's Gedächtniß, welche dem ganzen Hausweſen der armen Frau Gramberg auf⸗ geprägt war; er gedachte daran, wie die demüthige, liebevolle Frau in dem Wunſche, möglichſt zu ſparen, ihre eigene Geſund⸗ heit vernachläſſigt hatte, und ſein Herz empörte ſich gegen den ſelbſtſüchtigen Vergnügling von Weltmann, welcher vor ihm ſtand. Herbert's Benehmen war zwar herzlich, aber verlegen, und ſchon bei den erſten Worten der Begrüßung verſpürte er einen Zwang, den er nicht ganz abzuſchütteln vermochte. Es quälte ihn der Zweifel und die Neugier, ob der Doctor ſchon ſeine Frau geſehen und geſprochen habe, und der Auftritt mit dem kleinen Billet trat ihm wieder mit unbehaglicher Span⸗ nung vor die Seele. Seine Ungewißheit war aber bald zu Ende. „Lieber Gramberg,“ hub ſein alter Freund an und zog ihn in eine Fenſterniſche—„Herbert, ich liebte Sie einſt wie meinen eigenen Sohn;— ich ſpreche ſogar noch in dieſem Au⸗ 9 hn; genblicke wie ein Vater mit Ihnen. Es ſind kaum etwas mehr als vier Jahre her, daß ich mit Ihnen in der kleinen Dorfkirche ſtand und Ihnen Roſa Vierland vor dem Altare zuführte. Da⸗ mals übergab ich ſie Ihnen friſch, ſchön, blühend, ſtrotzend von Geſundheit und Hoffnung. Heute lange ich in Florenz an und finde Roſa ſchwach, verlaſſen, voll Kummer und mit gebroche⸗ nem Herzen! Ja, ja, ich ſah Alles ganz deutlich, wie es ge⸗ kommen war! Ich fand Ihre Frau, die Ihnen Alles geopfert hat— ſie, welche Sie auf den Händen zu tragen gelobten—, Mylius, Für Frauenhand. I. 24 — 370 merken Sie wohl auf meine Worte, Gramberg!— Ihre Frau fand ich ſterbend, dem Tode rettungslos verfallen!“ —„Sterbend?“ wiederholte Herbert und alle Farbe wich von ſeinen Lippen und den ſchamerglühten Wangen, obſchon ſein Entſetzen ſo groß war, daß er es kaum nach ſeinem ganzen Umfange erfaßte.— Sterbend? Warum ſollte Roſa den ſterben? ſie lebte, ſie athmete ja nur in ihm? Warum ſollte ſie denn jetzt gerade ſterben, wo ſie zu ſeinem Glücke noch ſo 1 nothwendig war? „Ja, ſterbend!“ fuhr der Doctor mit einer Stimme fort, welche vor Aufregung bebte;„Ihre Frau iſt rettungslos ver⸗ loren, und doch finde ich Sie hier! Roſa wollte mir nichts ſagen, ſondern verſuchte mich beharrlich zu überreden, daß ſie glücklich und daß Sie noch immer ihr lieber, zärtlicher Gatte ſeien. Allein die Höhe, zu welcher Roſa's Leiden ſich ſo ent⸗ wickeln konnte, ohne daß auch nur ein Verſuch gemacht wurde, demſelben zu begegnen,— der Stempel der Vereinſamung, Verlaſſenheit und Verwahrloſung, welcher ihrer ganzen Um⸗ gebung aufgeprägt iſt,— die Spuren von Thränen, welche ich auf ihrem lieben, ſanften Geſichte ſah,— die gefliſſentliche Müßhe, die ſie ſich gab, um meinen Fragen wegen der Zeit Ihrer allabendlichen Rückkehr nach Hauſe auszuweichen,— alles dies bewies mir ſonnenklar das Vorhandenſein eines Zuſtandes der Dinge, einer Sachlage, welche ich noch vor zwei Stunden für ganz unmöglich gehalten haben würde!“ Herbert vermochte noch immer nicht zu antworten; der Gedanke, daß Roſa's Leben wirklich gefährdet ſei, drückte mit eiſerner Wucht auf ſein Gemüth. Er vermochte nicht klar zu denken oder Schlüſſe zu ziehen; er war noch ganz betäubt, denn er ſah ſich zum erſten Mal aus einem Traum von Aufregung 4 —ÿõÿõ——— 371 und Zerſtreuung und Vergnügen zu einem plötzlichen, ſchwin⸗ delnden Erwachen von Reue und Gewiſſensbiſſen aufgerüttelt. Dr. Wyß mißdeutete die Motive ſeines Schweigens und fuhr bitter fort:„Man muß das Kind wegnehmen, wenn Sie nicht ebenfalls ſeinen Tod wünſchen, um mit einem Male ein ganz freier Mann zu ſein. Ich verſichere Sie, es bringt dem Knaben den Tod, wenn er in ſolcher Nähe bei der kranken Mutter ſchläft. Ich habe Roſa ſelbſt dies beinahe mit dürren Worten geſagt, um ſie zu bewegen, daß ſie einwillige, das Kind hinwegzugeben, und ſie warf mir dann einen Blick zu, welcher mir beinahe das Herz zerriß. Allein ich konnte, ich wollte ſie nicht täuſchen! Sie kann nur noch einige Wochen, höchſtens vielleicht zwei bis drei Monate leben, dann iſt Alles aus. Die einzige Möglichkeit, ihr das Leben zu verlängern, beſteht darin, daß man in ihr noch Hoffnung aufrecht erhält; darum muß ich dem lieben armen Weſen noch Muth einſprechen, denn Roſa hängt, wie ich ſehe, mit unbeſchreiblicher Liebe an dem Knaben und es wird für ſie ein furchtbarer Schlag ſein, wenn ſie ſo⸗ gleich erfährt, daß ſie auch ihn verlaſſen, ihn derſelben Ver⸗ nachläſſigung preisgeben muß, die ſie ſelbſt erfahren hatte!“ —„O Doctor!“ rief Herbert leidenſchaftlich,„wenn Sie mich nicht zum Wahnſinn treiben wollen, ſo quälen Sie mich nicht mit dieſem beißenden Hohn. Wo hätte ich ſie vernach⸗ läſſigt? wo wäre ich ihr mit Unfreundlichkeit begegnet? Hat ſie mich deſſen beſchuldigt? hat ſie darüber geklagt?“ „Nicht mit einem Wort, nicht mit der leiſeſten Andeu⸗ tung! Und dennoch, hatte ſie nicht Grund genug dazu? Her⸗ bert Gramberg, wer könnte eine halbe Stunde in dieſen Räu⸗ men verweilen und müßte nicht meine Beſchuldigungen gegen Sie wiederholen? Allein Sie werden bald von Ihrer Bürde 24* 372 befreit werden! Ich kam, um Ihnen dies anzuzeigen, und ich gehe nun wieder!“ —„Bleiben Sie, ich bitte, ich beſchwöre Sie!“ verſetzte Herbert und erfaßte ſeine beiden Hände;„ich habe nicht recht gehört; ich verſtehe Sie noch nicht. Roſa im Ster ben! mein liebes, treues, hingebendes Weib? Nein, das iſt nicht mög⸗ lich! ſie ſtirbt nicht; ſie mag krank ſein,— ſehr krank, gefähr⸗ lich krank vielleicht;— aber ſie wird nicht ſterben! Sie wollten mich nur damit ſchrecken, nur in Verſuchung führen, nicht wahr?“ „Ei, ei, wozu dieſer leidenſchaftliche Ausbruch?“ verſetzte der alte Herr;„Sie ſollten mir ja eher für die gute Nachricht danken, die ich Ihnen gebracht habe! Bedenken Sie nur, wie bald Sie wieder frei und ledig ſein werden, obſchon Roſa ſeit⸗ her eigentlich nur ein leichtes Hinderniß für Ihre Freiheit und Ihren Lebensgenuß war! Sie werden in Kürze wieder im Stande ſein, zu tanzen, Komödie zu ſpielen und ſchönen Frauen den Hof zu machen, Hazard zu ſpielen, ſich in den wildeſten Strom des Genußlebens hinein zu verſetzen, ohne einen einzigen Gedanken an das bleiche, ſorgenvolle Antlitz Ihrer Gattin, das ſich inzwiſchen in ſchlafloſem Kummer über die Wiege ihres Kindes beugt,— an jenes liebe, verkannte Weſen, das ſich immer wie ein warnendes oder vorwurfsvolles Geſpenſt zwiſchen Ihr Vergnügen und Ihr Gewiſſen ſtellt!“ Bevor Herbert ſich noch hinreichend von ſeinem Schrecken erholen konnte, um zu antworten, entwand ſich der Doctor ſeinen krampfhaften Händen und verſchwand eilig. Eine Minute ſpäter ſah man Herbert durch die Säle ſtürzen und alle Anweſenden, die ihn ſahen, waren in Verwunderung und Ueberraſchung über ſein unbegreifliches Benehmen, ſein 3 6 34 373 bleiches, von Entſetzen entſtelltes Geſicht und ſeinen unſichern Gang. Als er auf der Straße war, ſprang er in einen Wagen und befahl dem Kutſcher, ihn in größſter Eile nach Hauſe zu fahren. 4. Herbert ſtieg unter dem Portone oder Thorweg aus und eilte die Treppe hinauf, ohne auch nur eine Sekunde lang ſeine Eile zu mäßigen, bis er den Treppenabſatz vor der Thüre ſeiner Wohnung erreichte. Behutſam ſteckte er den Schlüſſel in's Schloß, leiſe öffnete er die Vorthüre und trat im Flur leicht auf, um Roſa nicht zu erſchrecken, um nicht allzu plötz⸗ lich zu ihr einzutreten. Er wollte ſeine Frau nicht erſchrecken! Was für eine Veränderung war binnen einer kurzen Viertelſtunde mit ihm vorgegangen! Er fürchtete ſich beinahe, ihr unter die Augen zu treten;— kalter Schweiß ſtand ihm auf der Stirne, und ſeine Hände zuckten convulſiviſch. Grabesſtille herrſchte im ganzen Hauſe und contraſtirte um ſo auffallender mit der Scene, welche er ſo eben erſt verlaſſen hatte,— um ſo tiefer aber wirkte ſie nun auf ſein erſchüttertes Gemüth. Ein Licht brannte in dem Zimmer, woran das Schlaf⸗ zimmer Roſa's ſtieß, und worin ſie ihn gewöhnlich noch er⸗ wartete; er hatte jedoch kaum den Muth, es zu betreten. End⸗ lich näherte er ſich geräuſchlos, blieb in einiger Entfernung ſtehen und betrachtete ſie unbemerkt. Roſa beugte ſich über einen Tiſch, den ſie ſich zum Sopha gerückt hatte; ein kleines Reiſeſchreibpult und einige Papiere waren offen ausgebreitet, und ſie ſchien geſchrieben zu haben, denn eine mit Tinte be⸗ netzte Feder lag noch vor ihr. Allein dieſes Geſchäft hatte ſie in dieſem Augenblick aufgegeben und ſie drückte die Hand in die Seite, als ob ſie heftigen Schmerz verſpüre. Dieſe bedeut⸗ ſame Geberde, das abgehärmte Antlitz, der hohle, dumpfe Huſten— das Alles ſah er jetzt zum erſten Male und allzu ſpät, der blinde, elende, ſelbſtſüchtige Thor! Wie furchtbar erſchütternd iſt jene unzweideutige Ueberzeugung vom Aller⸗ ſchlimmſten, wenn ſie plötzlich auf unſer Gemüth einſtürmt! wie ſchließt ſie alle Hoffnung aus, wie ſcheint ſie in ſich ſelbſt allen Kummer und alle Seelenangſt zu concentriren, von welchen wir glauben, daß nur ein langſamer und allmälig vorbereitender Verlauf uns zu geduldiger, reſignirter Er⸗ tragung befähigen könnte! Wie Schuppen fiel es jetzt von ſeinen Augen und im Nu ſchwanden ihm all jener Wahn und jene Illuſionen, welche die angeborne Selbſtſucht der Menſchen⸗Natur, die Eitelkeit, der überwältigende Hang zu den Weltfreuden und der Durſt nach Bewunderung in ihm auf ſolch verhängnißvolle Weiſe entwickelt und genährt hatten. Zum erſten Male ward er ſich mit einem niederdrückenden Schmerz⸗ und Schamgefühl des großen, namenloſen Unrechts bewußt, welches er Roſa zuge⸗ fügt hatte: ſeine Gleichgültigkeit, ſeine Vernachläſſigung, ſeine ganze Schuld ſtanden in erſchreckender Größe vor ſeinem geiſti⸗ gen Auge. Die Liebe zu ihr, die er ſo lange vergeſſen und verſcherzt,— das Andenken an frühere Zeiten, die im fiebe⸗ riſchen Getriebe und Getümmel ſeines ſpätern Lebens ihm zu zahm und ſchaal erſchienen waren, als daß er ſich dieſelben gern in's Gedächtniß zurückrief,— die ſtille, duldende, ſchonende, verzeihende, treue Anhänglichkeit, die ihm Roſa noch bis zu dieſer Stunde bewahrt hatte— dies Alles ſtieg jetzt bei dieſem furchtbar erſchütternden Rückblick auf ſein Leben in ſeinem Geiſte auf, als er nun mit zerknirſchtem Gemüthe zu ihr trat — 5 △ 375 und ſie mit wehmuthbebender Stimme bei ihrem Namen an⸗ rief:„Roſa! liebe, ſüße Roſa!“ Sie blickte auf und eine freudige Röthe, ein ſeliger Aus⸗ druck flog über ihr blaſſes Antlitz, als ſie den veränderten Aus⸗ druck des ſeinigen ſah. Mit einem leichten Freudenrufe richtete ſie ſich auf und ſtreckte ihre Arme aus und er ſchloß ſie wieder voll Innigkeit an ſein Herz. Keines von Beiden ſprach, denn die heißen Thränen, welche auf ihr Geſicht herabfielen, flehten beredt genug um Nachſicht für ihn, um Vergebung. Herbert, ihr Herbert von ehedem, war wieder zu ihr zurückgekehrt, und Roſa mußte ihn nun verlaſſen! Ja, ſcheiden ſollte ſie von ihm, und bald, ſehr bald! Die Gemüthsbewegungen und Aufregungen dieſes Tages griffen ſie gewaltig an, und ein ſchleichendes Fieber ſtellte ſich nun bei ihr ein und ſchien ſie von Tag zu Tag dem Grabe näher zu führen. Von einem Extrem zum andern übergehend, ging ihr Gatte jetzt, nachdem die Schuppen der Selbſtſucht, die ihn ſo lang verblendet hatten, ihm von den Augen gefallen waren, gar nicht mehr von ihrer Seite. Doctor Wyß kam täglich, um nach ſeiner Kranken zu ſehen, und ſein Zorn über Herbert wich einigermaßen beim Anblick ſeiner tiefen Zerknirſchung, ſeines aufrichtigen Schmerzes und der ängſtlich beſorgten Zärtlich⸗ keit, womit er jede Veränderung in Roſa's Zuſtand beobachtete. Es war für den freundlichen Greis eine ſchwere, bittere Prü⸗ fung, als er Florenz verlaſſen mußte, obſchon er wußte, daß in einem derartigen Falle auch der beſte Wille und die größſte Geſchicklichkeit eines Arztes vergeblich geweſen ſein würden. Mehr Herbert zu Liebe als in der Hoffnung auf irgend einen erheblichen Dienſt, der dadurch der Kranken geleiſtet werden könnte, hatte der Doctor noch einen andern deutſchen Arzt — 376 beigezogen, dem er bei ſeiner Abreiſe die Behandlung Roſa's übertrug. Dem neuen Arzte ward daſſelbe Syſtem von Vor⸗ ſicht und die Nothwendigkeit, die Kranke bei gutem Muthe und reger Hoffnung zu erhalten, zur Pflicht gemacht— eine Liſt, welche zwar von den Aerzten freundlich gemeint ſein mag, aber durchaus nicht zu vertheidigen iſt— ſo zwar, daß dem armen Gatten einerſeits jede Hoffnung benommen ward, auf Roſa's Wiedergeneſung zu hoffen, er aber anderſeits gezwungen ward, ihr gegenüber die armſelige Täuſchung aufrecht zu erhalten, als ob er an ihre Rettung glaube. Als Dr. Wyß ſich von Roſa verabſchiedete, hatte er ſo viel Selbſtbeherrſchung, daß er eine heitere Miene und einen muntern, feſten Ton der Stimme bewahren konnte, während Herbert, von ſeinen Gefühlen übermannt, raſch aus dem Zim⸗ mer geſtürzt war. In dieſer halben Viertelſtunde nun, wo Roſa mit dem Doctor unter vier Augen ſprechen konnte, be⸗ händigte ſie ihm einen Brief mit der inſtändigen Bitte, den⸗ ſelben ihrem Vater zuzuſenden. Sie erzählte ihm, daß ſie den⸗ ſelben in der erſten Nacht nach ſeiner Ankunft angefangen und daran in verſchiedenen Pauſen weitergeſchrieben habe, je nach⸗ dem es ihre Kraft und die Gelegenheiten erlaubten, wo ſie es ungeſehen von Herbert thun konnte. „Ich habe den Brief meinem Gatten nicht gezeigt,“ ſetzte ſie hinzu,„weil ich ihn nicht auf den Gedanken bringen wollte, als ob ich ſelber an meinem Aufkommen verzweifelte. Allein ich konnte nicht länger damit warten; hätte ich noch mehr ſäumen wollen, wer weiß, ob ich es noch im Stande geweſen wäre!— Lieber Freund, ich bitte Sie herzlich, ſuchen Sie für mich die Verzeihung meines Vaters zu gewinnen! Sprechen Sie ihn, wenn es Ihnen möglich iſt, und ſagen Sie ihm, wie —— — ſehr ich ihn liebe und ihn von je her geliebt habe! Beſchwören Sie ihn, mir zu glauben, denn es iſt wirklich wahr, was ich ihm verſichere! Erzählen Sie ihm von meinem kleinen Hans, und von Herbert, meinem armen, unglücklichen Herbert! Be⸗ richten Sie ihm, wie freundlich und wohlwollend, wie hin⸗ gebend er nun gegen mich iſt! Iſt er nicht die Geduld ſelbſt? iſt er nicht voll Zärtlichkeit und liebevoller Sorgfalt gegen mich? Nicht wahr, Doctor, lieber Doctor!“ fuhr ſie fort und legte ihre Hand bittend auf die ſeinige,—„nicht wahr, Sie ſagen ihm dies— aber auch nur dies?“ Dem alten Herrn ſchnürte es krampfhaft die Kehle zu⸗ ſammen in der Bemühung, die Thränen zu unterdrücken, welche ihm bei dieſem letzten Zuge von Roſa's allvergebender, Alles erduldender Liebe in die Augen ſtiegen, während er ſich ver⸗ pflichtete, ihren Wunſch und ihre Bitten nach jeder Richtung hin zu erfüllen. „Der Himmel lege ſeinen reichſten Segen auf Sie für dies und für Alles, was Sie an uns gethan haben!“ ſagte Roſa inbrünſtig, und ſetzte dann mit einer minder ſichern Stimme hinzu:„Nicht wahr, Sie unterlaſſen es nicht, meinem Vater von Hans zu erzählen und ihn für den Knaben zu inter⸗ eſſiren— für meinen edlen, guten Hans? O Doctor! wenn ich daran denke, daß ich das Kind hier auf Erden laſſen muß, dann bricht mir beinahe das Herz!“ „Erinnern Sie ſich des Verheißungs⸗Wortes in der hei⸗ ligen Schrift: Ueberlaſſe mir Deine Waiſen und ich will ſie aufziehen', dann können Sie nicht ohne Troſt von hinnen gehen, Roſa!“ „Ich weiß es, ich weiß es wohl, und doch erſcheint mir bisweilen Alles finſter und öde!“ entgegnete ſie.„Dieß rührt daher, daß ich keinen ernſten, feſten, überzeugenden Glauben habe. Meine Seele iſt gebrochen und niedergeſchlagen, und obſchon ich— und zwar ernſtlich— bete, ſo zittere ich doch während meines Gebets. Hans iſt ſo leidenſchaftlich, ſo ſtolz, ſo liebevoll und empfänglich, und ſein Vater verdeht ſich ſo wenig darauf, ihn zu behandeln. Dazu iſt Herbert noch jung und kann wieder heirathen, und wenn dann eine Fremde hart und ungerecht wäre gegen Hans— ach mein Kind, mein armes, unglückliches Kind!“ Hier ſchwand ihre Faſſung und ſie brach in ein bitteres Weinen aus; allein ſie hatte keine Gelegenheit, mehr zu ſagen, denn man hörte bereits Herbert's Schritte herannahen, und Dr. Wyß wußte, daß die Trennungsſtunde für ihn nun ge⸗ kommen war. Er beugte ſich mit unſäglichem Mitleid und Zärtlichkeit über die Kranke, ſagte ihr Lebewohl und ging mit dem Bewußtſein, daß er dieſes ſanfte, liebe Geſicht auf Erden nicht mehr wiederſehen werde. Es war ein fürchterlicher, ſchmerzhafter Verluſt für Her⸗ bert, als der Doctor fort war. Er hatte keine Seele, der er ſein Herz öffnen, gegen welche er die unbeſchreibliche Bitterkeit ſeines Schmerzes ausſchütten konnte. Die heiteren Bekannten und Kameraden aus ſeinem geſelligen Kreiſe, die Genoſſen jener Stunden rauſchender Vergnügungen, an welche er in ſeiner jetzigen Gemüthsverfaſſung nur mit der tiefſten Weh⸗ muth und Reue zurückzudenken vermochte, hielten ſich alle in dieſer ſchweren Prüfungsſtunde ferne von ihm. Allein er ach⸗ tete ihrer Abweſenheit nicht, denn ihr Umgang hatte keinen Reiz mehr für ihn. Sie hätten doch kein Mitgefühl für ſein Unglück gehabt, und in der düſtern Stimmung, worin er ſich befand, wäre ihm ihr Erſcheinen in der Nähe einer ſolchen, 379 der Welt und ihren Freuden abgeſtorbenen Perſon, wie Roſa, die er jetzt wie eine Heilige verehrte, nur als eine Entweihung erſchienen. Er blieb daher allein— allein in der eitlen Be⸗ mühung, die Aſche der Gluth wieder anzufachen, welche ſeine eigene Vernachläſſigung hatte ausgehen laſſen; allein, um zu pflegen, zu wachen, zu dulden, zu bereuen und doch wieder heiter und hoffnungsvoll von Wiedergeneſung zu ſeiner ſterben⸗ den Gattin zu ſprechen, die er doch unrettbar verloren ſah! Roſa pflegte ihn mit einer ruhigen, holden Sanftmuth in ihren Zügen anzuhören, denn ſie getraute ſich nicht, ihm die Hoffnung zu benehmen, welche, wie ſie wähnte, noch immer in ſeinem Herzen weilte, obſchon ſie ſtets ein Verlangen trug, mit ihm von der Trennung zu reden, welche ihnen ſo nahe bevorſtand— damit ſie ſich Beide hieraus auf ein einſtiges Wiederſehen jenſeit des Grabes vorbereiten lernen möchten. Allein wann ſie ihn von den ſchönen glücklichen Tagen der Zukunft reden hörte, welche ihnen noch gegönnt ſein würden, wagte ſie ihm nicht zu geſtehen, daß dieſe Träume oder Hoff⸗ nungen für ſie auf Erden nicht mehr zu verwirklichen ſeien, geſchweige denn ihm den Gedanken auszuſprechen, welcher ihr zuweilen durch den Sinn zog, daß wenn ſie nun Beide auf dieſen ſchweren Schlag gerüſtet wären, es beſſer ſein würde, ſo zu ſterben, ſo liebend und wieder geeinigt, als wiederzuge⸗ neſen, um die Feſtigkeit ſeiner Vorſätze zu erproben. Nicht als ob ſie irgend ein Mißtrauen in die Reue ihres Gatten ſetzte, ſondern ſie hatte ſo ſchwer gelitten, ihr Leben war eine ſolche verlängerte und fortgeſetzte Enttäuſchung geweſen, daß ihr Gemüth alle Spannkraft der Hoffnung eingebüßt zu haben ſchien, und ſie unfehlbar am gebrochenen Herzen geſtorben wäre, wenn ſie abermals ihren Gatten dem ſtillen häuslichen 2 8380 Leben hätte den Rücken kehren ſehen, um ſich in den Wirbel der Weltfreuden zu ſtürzen und ſeine beſten Kräfte an die herz⸗ loſe, ſpöttiſche Welt und ihre Götzen zu vergeuden. Und doch hatte ſie ihm nicht nur Alles vergeben, ſondern beinahe ver⸗ geſſen! Sie begrüßte auf's Neue die ſo ſpät wieder erwachte Zärtlichkeit ohne irgend einen Vorwurf oder einen Rückblick auf die Vergangenheit; ſeine früheren Jahre der Kälte und des Irrthums waren zwiſchen ihnen beiden ein verſiegeltes Buch, denn in ihrer großen, mitleidsvollen und vergebenden Liebe enthielt ſie ſich jeder Anſpielung auf das, was ſie erlitten hatte, um damit nicht ſeine Selbſtanklagen noch zu ſteigern und zu verbittern! Eine große, ſtillſchweigende, heimliche Veränderung war übrigens ſchon ſeit einiger Zeit in Roſa vor ſich gegangen. In der Schule der Trübſal waren die religiöſen Eindrücke ih⸗ rer Jugend wieder belebt worden, und da ſie, wie ſo viele An⸗ dere, ſich in ihren Erwartungen auf die Welt getäuſcht ſah, ſo hatte ſie ſich zu Dem gewendet, welcher die Mühſeligen und Beladenen eingeladen hat, zu ihm zu kommen und Troſt bei ihm zu ſuchen. Am Fuße des Kreuzes hatte ſie endlich den⸗ jenigen Frieden gefunden, welchen ſie ſonſt überall vergebens geſucht hatte. Sie ſah nun in Allem, was ſie in ihrer Ehe er⸗ lebt hatte, nur eine gerechte Züchtigung und Strafe für den Ungehorſam gegen ihren Vater und die Auflehnung wider die väterliche Autorität, und die Gleichgültigkeit ihres Gatten ge⸗ gen ſie erſchien ihr nun blos als der verdiente Lohn für die abgöttiſche Verehrung, welche ſie Herbert früher gezollt, den ſie über alles Andere in der Welt geſtellt hatte. So mußte ſie denn bei ihrem jetzigen Gemüthszuſtande ſich ganz beſonders gedrungen fühlen, in der Stille ihres Herzens unaufhörlich gefühlt. Es war hart, Dir das zu ſ 381 für ihren Gatten und ihr Kind zu beten, wenn Herbert bei ihr ſaß und ſie unterſtützte, wie ſie ſo ihren ſchwachen Arm um ſeinen Nacken ſchlang, und ihre Hand in der ſeinigen haltend, ihr von dem wiederkehrenden Frühling ſprach, wo er ſie auf's Land ſchicken wollte und wo ſie ſich ſchnell wieder erholen werde. So ging es denn weiter; der Sand in Roſa's Lebensuhr fiel immer tiefer, bis in einer Nacht die lange zurückgehaltene Angſt ihrer Seele die Feſſeln ſprengte und ſie ihm Alles be⸗ kannte. Der Knabe hatte wie gewöhnlich vor ihr gekniet und ſeine ſchlichten, kleinen Gebete hergeſagt, als ſeine Mutter ihn zu ſich heranzog, ihm die reichen Locken von der offenen Stirne ſtrich und mit einer ſehnſüchtigen, ſinnigen und ausdrucksvollen Zärtlichkeit in die großen Augen blickte, als ob ſie in deren Spiegel ihr eigenes Bild unaustilgbar einzubrennen ſtrebte; dann entfuhr ihr plötzlich im bitterſten Kummer der Ausruf: „Mein Kind, mein Sohn, wer wird Dich beten lehren, wann ich nicht mehr bei Dir bin!“ Bei dieſen Worten, dieſem Aufſchrei einer kummerge⸗ preßten Seele, ſprang Herbert zu ihr hin und bedeckte ſein Ge⸗ ſicht mit den Händen, während ſeine Bruſt unter convulſiviſchem Schluchzen arbeitete.. „O Herbert!“ rief Roſa, als ihre bebenden Hände ihn zu ſich zu ziehen ſuchten,„vergib mir dieſe Thränen, dieſen Kum⸗ mer, welchen ich Dir ſoeben bereitet habe. Allein es geht mit mir zu Ende, mein Lieber! ich habe es ſchon lange gewußt und ſagen; es war hart, es ſo⸗ gar mir ſelbſt zu geſtehen, nun mich zuweilen bedünkt, das Leben könnte für uns wieder ſo geſegnet ſein. Und doch iſt es beſſer ſo; wir haben nun keinerlei Geheimniſſe mehr vor einander; wir wiſſen, daß wir uns trennen müſſen. Allein ich bitte Dich vollkommeneren Leben hoffſt; ſage mir, nd, und daß Du ent⸗ ſchloſſen biſt, hinfort nicht mehr der eitlen Weltluſt zu leben, ſondern Deinem Gott und Heiland!“ Herbert vermochte nicht zu ſprechen, ſondern vergrub ſein Geſicht noch tiefer in ihr Kiſſen, und ſie fuhr fort:„Es hat Zeiten gegeben, wo die Hoffnung mich ganz verließ. Mir war als könnten die Gebete einer ungehorſamen Tochter keine Er⸗ hörung vor dem Throne des Allmächtigen finden; dann aber erinnerte ich mich wieder, daß Gott ein zerbrochenes und zer⸗ ſchlagenes Herz nicht verachtet, und ich bot ihm das meinige an. Ich verzichtete bald darauf, um irdiſches Glück und Wohl⸗ ergehen zu beten, denn ich fühlte, daß dieſes mir nicht beſchieden ſein ſollte; allein ich betete alsdann für Dich, für Dein und mein ewiges Heil, für unſer Kind, daß es unter den rauhen Stürmen und Verſuchungen bewahrt bleiben möge, welche ſei⸗ ner vielleicht noch warten; ich betete für mich ſelber, daß ich möge erleuchtet werden von der Gnade Gottes, bevor ich ſterbe, und daß der Glaube auch in Deinem Herzen ſeine Fackel an⸗ zünden möge. „Ich bin nur ein ſchwaches, irrendes Weib, und Du könn⸗ teſt ſagen: eine Tochter, die ſich gegen ihren eigenen Vater auflehnte, ſei wenig berufen, einen Andern z zum allſehenden und gerechten Richter hinzuführen. Ich weiß dies Alles wohl, und es hat mich lange darüber ſchweigen laſſen, denn ich ge⸗ traute mir nicht, mit Dir hierüber zu rechten und zu ſtreiten. Allein nun muß ich reden, lieber Herbert; ich kann dieſem zuckenden, bebenden Herzen nicht eher Ruhe gebieten, als bis ich Dich entſchloſſen ſehe, der verführeriſchen Welt zu entſagen Du auf ein Wieder⸗ 383 und zum tröſtlichen Glauben eines wahren Chalſten zurückzu⸗ kehren.“ Sie hielt noch einmal inne, richtete ſich auf ihrem Kiſſen auf und verſuchte die Hände zu trennen, womit er noch immer ſeine Augen bedeckt hielt; ſie bemühte ſich, den Paroxismus von Kummer und Schmerz zu beſchwichtigen, deſſen er nicht Herr werden konnte. Die edle, reine Frau wollte ihn noch im Tode gewinnen für eine ewige, unendliche Liebe, die Grab und Tod überdauerte! Plötzlich leuchtete ein Lächeln auf ihrem abgemagerten Geſichte auf, als einige leiſe geflüſterte, gebrochene Worte an ihr Ohr ſchlugen, und ein Ausdruck unausſprechlicher Inbrunſt und Andacht verklärte ihr mattes Auge. Es war ihr, als ob ihre Thränen und flehentlichen Bitten plötzlich durch den großen Vermittler im Himmel in Erfüllung gegangen ſeien, als ob ihre jahrelange Hoffnung nun verwirklicht würde. Demüthig, gebrochen, wie ein Kind, flüſterte nämlich Herbert:„Roſa, bete für mich! bete mit mir!“ Und ſie betete. Die Stimme der Sterbenden unterbrach die Stille der Nacht, als ihre ſchwachen Laute zum Throne der ewigen Gnade emporſtiegen. Es war, als ob ſich die Engel gefreut hätten über das ſchwache Stammeln des reuigen Man⸗ nes, als ob ſie mit ihren Harfen eingefallen wären in heiligen Jubel, weil die Seufzer eines zerſchlagenen Herzens dieſe flehentliche Bitte begleiteten! Es war ein tief ergreifender Anblick, der auch den kälteſten Religionsverächter gerührt haben würde und ihm eine Ahnung eingegeben hätte von der mächtigen Gewalt der Religion. Dieſe Frau, auf dem Schmerzenslager ausgeſtreckt, von wel⸗ chem ſie nicht mehr erſtehen ſollte, mit der ganzen Zärtlichkeit einer Frau durch die innigſte Liebe an die Erde gebunden, und doch ſtark in ihrem Chriſtenglauben, ohne Schrecken vor phirend über die Schwäche ihrer Natur und noch im Stande, dem ſtärkern Gatten Muth einzuſprechen, ihm Lehren des Troſtes und der Ergebung in den göttlichen Willen zu erthei⸗ len, ihm den Weg zu zeigen, welchen er in ſeinem künftigen Leben gehen ſollte, und ihm durch das eigene Beiſpiel weiſend, wie man auf den Tod vorbereitet ſein müſſe! Nur wenige Tage noch friſtete Roſa das zuckende, ver⸗ glimmende Leben; noch einige Tage waren ihr vergönnt, be⸗ vor die Lampe erloſch, die ſilberne Saite barſt, das goldene Gefäß bei der Quelle zerbrochen wurde! Ein Brief von ihrem Vater traf noch ein, welcher ihr vollkommene Verzeihung ge⸗ währte, die äußerſte Liebe und Beſorgniß und Zärtlichkeit athmete, und worin der Oberſt verſprach, er werde, ſobald ſeine geſchwächte Geſundheit ihm das Reiſen erlaube, nach Florenz eilen, um ſie zu beſuchen. Dr. Wyß hatte Roſa's Sache ſo wirkſam geführt und ſo energiſch auf das Herz des Vaters eingewirkt, welches bisher ſo ſchroff und unnachgiebig gegen das ungehorſame Kind geweſen war, daß der alte Oberſt allen Groll von der Seele geworfen hatte und wie umgewandelt er⸗ ſchien. Sogar ihre letzte Bitte hatte der Vater noch erfüllt: er ſprach ohne Zorn und ſogar in wohlwollenden Ausdrücken von Herbert, und verſprach Roſa, ihr Hans, ihr goldgelocktes Söhnchen, ſolle die Freude ſeines eigenen Alters ſein und ſein Liebling um ihretwillen werden. Und dann, als ob die Ge⸗ fühle, die er ſo lange unterdrückt hatte, durch dieſen Zwang und dieſes Niederdrücken nur um ſo ſtärkere Innigkeit gewon⸗ nen hätten, erging ſich Herr v. Vierland in Ausdrücken der höchſten Zärtlichkeit und Liebe und beſchwor ſie zu leben, für ihn zu leben, damit ihr Lächeln wieder ſein Daſein erheitere — und in Schilderungen des ſtillen häuslichen Glückes, deſſen ſie ſich nach ihrer Widervereinigung auf ihrem ländlichen Wohnſitz erfreuen dürften! Roſa weinte, als ſie dieſe Zeilen las, und für eine kleine Weile mochte es ihr hart erſcheinen, daß ſie gerade jetzt eine Welt verlaſſen ſollte, in welcher ihr noch eine ſolch unerwartete Freude zu Theil werden könnte. Ihr ſchwaches Herz, ihr er⸗ löſchender Geiſt ſehnte ſich nach einem längern Aufenthalt unter denjenigen, welche ſie ſo ſehr geliebt hatte. Allein wie die Sonne weit ſtrahlender ſcheint, wenn die verhüllende Wolke von ihr gewichen iſt, ſo enthüllte ſich auch bei ihr um ſo ſchöner die Tiefe ihres Glaubens und die Erhabenheit ihrer Hoffnung, als ſie dieſe letzee Prüfung überwand. Kein Wort des Murrens oder der Klage kam über ihre Lippen, als ſie— eingedenk des Ungehorſams und Fehltrittes ihrer früheren Jahre— die Ge⸗ rechtigkeit dieſer verdienten Strafe anerkannte. Sie war durch manche Thränen, durch manchen, lang und voll Demuth ge⸗ tragenen Kummer geläutert und heimgeſucht worden, und nun ſie den ſchweren Gang durch das dunkle Todesthal gehen ſollte, fand ſie in ihrem Glauben eine feſte Stütze und in ihrem Er⸗ löſer eines ſtarken Führers hülfreiche Hand. Ja ſelbſt die Sorge um ihren Sohn, die ſo lange an ihrem Herzen genagt hatte, dieſer Kummer, welchen ſie ſogar nicht einmal ihrem Gatten mitgetheilt, war nun von ihr genommen, und ſie war ſeinetwegen ganz ruhig. Sie hatte alle ihre Sorge um das ſchuldloſe, unmündige Kind zu den Füßen Deſſen niedergelegt, der Erbarmen mit dem Seelenſchmerz einer Mutter hat und der, gerührt von dem Gefühl unſerer Schwächen, auch die Ge⸗ Mylius, Für Frauenhand. 1. 25 fahren und Verſuchungen kannte, welche den künftigen Lebens⸗ pfad dieſes von der Liebe der Mutter nicht mehr gehüteten, von ihrer Nähe nicht mehr beſchützten Kindes bedrohten. Für Herbert war jeder Tag, der ihr noch vergönnt war, gleichſam ein langes Lebewohl. Sogar während der kurzen Pauſe von Schlaf, welche man ihr nur durch Opiate verſchaffen konnte, wich er keinen Angenblick von Roſa's Seite; ſie pflegte ihn zwar dringend zu bitten, er ſolle ſich etwas Ruhe gönnen, und er gab ſich das Anſehen, als ob er ihr gehorche; allein ſchon nach einer kleinen Weile kehrte er heimlich wieder in ihr Zimmer zurück, zählte ihre Athemzüge, ergriff ſanft die zarte, hagere, durchſichtige Hand, die ſie auf der Bettdecke ausſtreckte und legte ſie auf die ſeinige, als ob er ſich einbildete, das volle kräftige Leben, deſſen Strom ſich durch ſeine Adern ergoß, könnte auch ihrem Körper vorübergehend noch Kraft und Energie mittheilen. In jenen Stunden des Leidens und des Mangels an Ruhe und Schlaf, welche die Vorboten der Auflöſung ſind, war es ſein Mund, der ihr die Worte des Lebens, nun ihre liebſte Nahrung, vorlas oder die kräftigſten Gebete aus den beſten Erbauungsbüchern vorſprach; ſeine Hand war es, welche ihr müdes, ſchwaches Haupt ſtützte und die kraftloſe Geſtalt aufrichtete, welche nur in ſeiner Nähe Ruhe zu finden ſchien. Der einzige Fremde, welcher die Stille und Abgeſchloſſenheit dieſer Scheideſcene unterbrach, war der Geiſtliche, welchen Roſa zu ſehen verlangt hatte, und der ſie auf ihre Bitte täg⸗ lich beſuchte. Allein dieſe Stunden ſeiner täglichen Beſuche ausgenommen, waren die beiden Gatten immer allein: Eines bemühte ſich mit einem Glauben, der über das Zeitliche hinaus⸗ reichte, das Andere auf die Ewigkeit vorzubereiten. 387 Als das Ende herannahte, empfahl dieſe ſchüchterne Frau, welche bei Lebzeiten ſo ſcheu und lenkſam und ſo leicht zu unter⸗ werfen war, ihre Seele ihrem ewigen Erlöſer und ging mit wunderbarer Ruhe und hehrem Muthe dem letzten Kampfe entgegen, als ob ſie ſich im Geiſte mit dem Tod vertraut ge⸗ macht habe und ſelbſt im härteſten Todeskampfe noch lächeln könne. So entſchlummerte ſie ſanft in den Armen ihres Gat⸗ ten, den Kuß ihres Kindes auf ihrer Wange— ihr letzter Blick war Liebe, ihr letztes Wort Gebet! Herbert Gramberg fühlte ſich nun nicht länger mehr in Florenz heimiſch; er verließ es mit ſeinem Kinde, kehrte nach Norddeutſchland zurück und lebte ſtille und arbeitſam als Maler in einer norddeutſchen Hauptſtadt. Der Tod iſt ein mächtiger Verſöhner; er hatte auch ihm den Frieden mit ſeinem Vater und ſeinem Schwiegervater wieder verſchafft, vielleicht durch den kleinen Hans, den Liebling Aller. Lebenslang aber wer⸗ den Roſa's Andenken und die Rathſchläge, die ſie ihm auf ihrem letzten Schmerzenslager gegeben, in Herbert Gramberg lebendig bleiben, denn ſie haben ſeinem ganzen Weſen, inne⸗ rem wie äußerem, und ſeinem geſammten Dichten und Trach⸗ ten eine neue Richtung gegeben. So hatte ſich die vernach⸗ läſſigte Gattin an dem gleichgültigen, ſelbſtſüchtigen Manne gerächt, dem ſie Alles geopfert, der ihr Alles geraubt hatte, und wer würde ſie um dieſe Rache nicht beneiden?— — 5 — 8 Druck von C. Mayer in Schorndorf. 4⁴ .