————— 1 7——- — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 6 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgi: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———,— auf 1 Monat: 4 Wer.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk. Pf. „ 5„„„ 5 u—„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt 6. Schadenersatz. 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Geſchichte der Prinzeſſin Tarrakanow.*) Die endloſe Wagenreihe, in welcher die Equipage der Prinzeſſin Alexandra nur ein Glied ausmachte, war inzwiſchen vorwärts geeilt, ohne weitere Aufenthalte, als die zufälligen, die in einem größeren Wagenzug leicht entſtehen. Willanow's Erzählung hatte die Aufmerkſamkeit der beiden Mädchen von allem Andern abgelenkt, und „ſie beachteten nicht, daß der Reiter noch immer unauf⸗ hörlich an ihrer Seite ſich befand und ſich ſo nahe beim Wagen hielt, als die Umſtände es geſtatteten. Als Willanow aufgehört hatte, betrachtete Alexan⸗ dra ihre Freundin mit einer Zärtlichkeit und Herzlich⸗ keit, als ob ſie jetzt erſt anfinge, ſie wirklich zu lieben. Willanow verſank in ſich ſelbſt zurück unter ihre Erinnerungen, wie auf ein Beet von verwelkten und geknickten Blumen. Während der Pauſe, die entſtand, erinnerte ſich Alexandra, daß Willanow angedeutet hatte, ſte kenne die älteren Verhältniſſe zwiſchen Marfa und Orlow, und um das Geſpräch wieder zu beleben, fragte ſte darum. — Marfa iſt alſo die Einzige, ſagte Alexandra, die Dir aus der Heimath Deiner Jugend geblieben iſt? Gewiß liebſt Du ſie ſehr? *) Geſchichtlich wahr. Der Fürſt. II. —y⁴⁊⁊⁊ꝛ⁊h—q“ͤͤn — Ach ja, Ew. Hoheit, das thue ich. Willanow legte die Hand auf ihr Herz, während ſie antwortete. — Aber ich begreife nicht, warum Du bisher die⸗ ſes Geheimniß ſo ſtreng bewahrt haſt. Glaubſt Du nicht, gute Willanow, daß ich auch alle diejenigen lie⸗ ben würde, die Du liebſt? — Ew. Hoheit Vorwurf mag richtig ſein; aber Marfa hat mich erſucht, nichts von ihr zu erzählen, und ich fürchte ſogar, daß es ihr jetzt ſehr unangenehm ſein wird, wenn ſie erfährt, daß ich Ew. Hoheit von ihr geſagt habe. — Sei deßhalb unbekümm ert, Willanow. Ich werde ihr beweiſen, daß auch ich ſie liebe, und dann wird ſie Dir wohl verzeihen; aber es kommt mir ſehr ſonderbar vor, daß ſie, die das Vertrauen Deiner Elteru beſaß und von ihnen ſogar, wie Du Dich ausdrückteſt, mit Ver⸗ ehrung behandelt wurde, ſich jetzt auf's Wahrſagen ge⸗ worfen hat. Dieß iſt eine ſehr geringe und untergeord⸗ nete Thätigkeit im Vergleich mit ihren früheren Be⸗ ſchäftigungen.. — Sie haben hierin wiederum Recht, Hoheit, und auch ich konnte mir noch viel weniger vorſtellen, daß Marfa, die durch ihre Rathſchläge und Prophezeiungen ſo berühmt gewordene Marfa, dieſelbe ſei, die mich er⸗ zogen hatte. Durch ihr ganzes Leben zieht ſich unleug⸗ bar ein Geheimniß, das ſich nicht leicht erklären läßt. Leiden und Bekümmerniſſe, glaube ich jedoch, haben für ſie alle weltliche Ungleichheiken ausgeglichen. Unſtreitig iſt ſie eine ungewöhnliche Frau. Wenn Sie ihre Be⸗ kanntſchaft gemacht haben, werden Sie das ſicherlich ſelbſt zugeben. Für mich war ſie lange ein Räthſel, das ich nicht zu löſen vermochte; aber ich glaube das ſchon vorher geſagt zu haben. Ihr Entſetzen vor Or⸗ low war ſo lebhaft, ſo wahr.„Als ſie zum erſten Mal ſeinen Namen ausſprach, glich ſie einer marmornen Bildſäule des leibhaftigen Schreckens. Meine Neugierde 3 war geweckt, ja ſogar gereizt. Und endlich vertraute ſie mir eine Geſchichte an, die an Gräßlichkeit alles An⸗ dere übertrifft. Sie haben doch wohl von der Prin⸗ zeſſin Tarrakanow gehört, Ew. Hoheit? — Von der unglücklichen Tochter der Kaiſerin Eliſabeth? — Ganz richtig... von ihr, Ew. Hoheit. — Von dieſer Tarrakanov, die in einem Feſtungs⸗ gefängniß in Folge der Ueberſchwemmung der Newa umkam? — Juſt ſie meine ich, Ew. Hoheit. — Ich kann nicht ſagen, daß ich viel von ihren Schickſalen weiß, obſchon ich allerdings das Eine und Andere gehört habe. Aber in welchem Verhältniß ſteht Marfa zu ihr? — Nach dem, was Marfa mir erzählte, war ſie die einzige Freundin der Prinzeſſin. — Du reizeſt bloß meine Neugierde, ohne daß ich deßhalb klüger werde, denn ich begreife doch nicht, was Graf Orlow mit all' dem zu ſchaffen hat. — Ew. Hoheit kennen die Verhältniſſe nicht, wie ich höre. Das iſt eine ſchauerliche Geſchichte, Ew. Hoheit. — Mir hat man bloß ihre Todesart erzählt. Weißt Du noch mehr? — Ew. Hoheit wiſſen, daß die Kaiſerin Eliſabeth morganatiſch mit Alexis Raſumowsky vermählt war. — Ja, ja. — Die Prinzeſſin Tarrakanow, eine ihrer Töchter, war eben ſo ſchön als liebenswürdig. — Auch das hat man mir geſagt. — Während der vielen gewaltſamen Parteiſpal⸗ tungen, welche die Kräfte Polens brachen, iſt Einer nach dem Andern zur Gewalt gelangt. Unter dieſen nahm vor zwanzig bis dreißig Jahren auch ein Prinz Rad⸗ ziwill eine ausgezeichnete Stelle ein. — Auch von ihm habe ich das Fine und Andere gehört... Es war ja doch ein unruhiger, kühner und tapferer Mann? — Unſtreitig, Ew. Hoheit. Er war wie alle Män⸗ ner, welche nach der höchſten Gewalt ſtreben. In der Hoffnung, durch die Prinzeſſin die traurigen Schickſale ſeines Landes rächen zu können, vielleicht auch mittelſt ihrer Hülfe in Rußland ſelbſt eine Revolution zu Stande zu bringen und die Kaiſerin, Ihre Großmutter, zu ſtürzen... — Katharina? — Ganz richtig, Ew. Hoheit, um ſie zu ſtürzen und im glücklichſten Fall vielleicht ſelbſt den Thron zu be⸗ ſteigen, führte er Tarrakanow weg und ließ ſte in Rom erziehen, wo ſie ſich auch ſeitdem aufhielt. Aber ſobald die Kaiſerin Nachricht davon erhielt, ſequeſtrirte ſie alle Güter Radziwill's, ſo daß ſein Vermögen auf einmal zuſammenſchmolz und er, in Verlegenheit gebracht, ſei⸗ nen Plan, wie auch die Prinzeſſin ſelbſt aufgab. — Das war nicht ſchön gehandelt. — Weit entfernt, Ew. Hoheit; aber nichtsdeſto⸗ weniger handelte er auf dieſe Art. Jetzt blieb'der Kai⸗ ſerin nur noch übrig, die verlaſſene und in Armuth ge⸗ ſtürzte Prinzeſſfin gefangen nehmen und nach Rußland zurückbringen zu laſſen. Aber ich weiß nicht, ob ich Ew. Hoheit dieſe Ereigniſſe ſo darſtellen darf, wie man ſte mir erzählt hat. — Warum nicht, Willanow? Glaubſt Du vielleicht, 17 nehi⸗ nicht am Schickſal aller Unglücklichen An⸗ theil? — Fragen Sie mich das nicht, Ew. Hoheit; wenn irgend Jemand Ihr gutes Herz kennt, ſo bin ich's. Aber es kommt in der Erzählung das Eine und An⸗ dere vor, was die Kaiſerin in einem Lichte zeigt, das nicht in allen ſeinen Punkten vortheilhaft iſt. — Laß Dich dadurch nicht abſchrecken, Willanow. Ich weiß, daß die Kaiſerin ein gutes, edles Herz beſitzt, 5 obſchon ſie manchmal durch politiſche Gründe gezwungen wird, anders zu handeln, als dieſes gebietet. — Alſo wie Sie wollen, Hoheit. Ich ſagte, daß es ſich jetzt darum handelte, die arme Tarrakanow ge⸗ fangen zu nehmen und nach Petersburg zurückzuführen. — Das ſagteſt Du. — Die Prinzeſſin wohnte in Rom, und obſchon ihre ökonomiſche Lage ſehr kümmerlich war, ſo dachte ſie doch an nichts Geringeres, als, geſtützt auf ihre Ge⸗ burt, früher oder ſpäter den Thron der Czare zu beſtei⸗ gen, eine Idee, welche Radziwill zuerſt in ihr geweckt hatte. Eines Tags meldete ſich bei ihr der nunmehrige Hofnarr der Kaiſerin. — Welcher? Lambro Cazzioni? — Lambro Cazzioni iſt, wie Ew. Hoheit wiſſen dürften, zuerſt Seeraͤuber geweſen und erſt ſpäter unter Admiral Ribas in Dienſt getreten. — Und jetzt iſt er Hofnarr. Das iſt doch ſonder⸗ bar, Willanow! — Lambro Cazzioni meldete ſich, wie geſagt, bei der Prinzeſſin, und als er Zutritt erhielt, erklärte er ihr, ein ruſſiſcher Officier wünſche in einer wichtigen Angelegenheit unter vier Augen mit ihr zu ſprechen. Die Prinzeſſin, die beſtändig Sympathieen für ihr Va⸗ terland hatte, wurde von dem Geheimnißvollen, was in dieſem Vorſchlag lag, angezogen, und hieß den Officier willkommen. — Wer war dieſer ruſſiſche Officier? kennſt Du ſeinen Namen? — Es war kein anderer als Admiral Ribas ſelbſt, obſchon er ganz einfach die Uniform eines Subaltern⸗ offteiers trug, weil man vermuthlich glaubte, daß mau ſich mit der größtmöglichen Vorſicht umgeben müſſe. Er brachte der Prinzeſſin ſeine Huldigung dar, ſagte ihr, wie ſehr ſich alle ihre Landsleute für ihr Schickſal in⸗ terefſiren, beklagte mit tiefer Rührung ihre kummer⸗ volle Lage und bot ihr Hülfe an. Und die arme Prinzeſſin, jung, unerfahren und gut, ließ ſich von ſei⸗ nen Aeußerungen rühren, ſo daß ſie ihn als ihren von einer gütigen Vorſehung geſandten Retter betrachtete. Alexandra lauſchte der Erzählung Willanow's mit ſolcher Aufmerkſamkeit, daß ſie kaum Athem zu ſchö⸗ pfen wagte. — Mein Gott, Willanow, ſollte auch er ein Be⸗ trüger geweſen ſein? — Ribas, Ew. Hoheit, hatte die Gewalt, die er über Tarrakanow gewonnen, kaum bemerkt, als er, auch ſchon einen neuen Schritt that, der mit dem verabrede⸗ ten Plan übereinſtimmte.. — Wenn Sie mir erlauben, ſagte er, könnte ich Ihnen die Ausſicht auf eine glänzende, an Ehre und Macht reiche Zukunft eröffnen. Tarrakanow wurde Schritt für Schritt in die Falle gezogen, die man ihr ſtellte. — Die Ruſſen, ſprach er weiter, ſind mit der Kaiſerin Katharina unzufrieden. Ein noch geheimer, aber weit um ſich greifender Aufruhr ſteht dem Lande bevor. Die Nation iſt mächtiger, als jeder Regent, wenn ſie es ſein will; aber die Klugheit gebietet, das Alte nicht wegzuwerfen, bevor man weiß, was man von der Zu⸗ kunft zu erwarten hat. Im gegenwärtigen Augenblick ſchaut ſich das ruſſiſche Volk auch nur nach einer Per⸗ ſon um, die, von dem alten Geſchlecht der Czaren ab⸗ ſtammend, mit dem Recht der Legitimität und den Sym⸗ pathieen des Volkes ausgeſtattet, bereit ſtände, an die Spitze der Regierung zu treten. Tarrakanow wagte kaum zu glauben, was ſie hörte. Alle Vorſpiegelungen Radziwill's ſchienen ſich ja jetzt auf einmal zu einer Wirklichkeit geſtalten zu wollen. — Ew. Hoheit, fuhr der Officier gegen Tarraka⸗ now fort, in Ihnen erblickt Rußland ſeine Zukunft, aber Sie können ſich Ihren Weg dazu nicht allein bah⸗ nen. Ich habe Ihnen indeß einen Vorſchlag zu ** 7 machen, und deßhalb bin ich hierher gekommen. Sie kennen die Macht und den Einfluß des Fürſten Orlow? — Er iſt einer der Günſtlinge der Kaiſerin. — Dieß ſcheint ſo, verhält ſich aber in Wirklich⸗ keit ganz anders. Wie manche hochgeſtellte Männer ſind nicht genöthigt, einer Perſon zu huldigen, die ſie haſſen? Orlow haßt die Kaiſerin, und er hegt keinen ſehnlicheren Wunſch, als ſie zu ſtürzen. — Orlow! 1 — Ich habe dieſen Namen ausgeſprochen, und ich weiß eine Art, wie Sie unauflöslich Ihre Intereſſen mit den ſeinigen verknüpfen könnten. — Sagen Sie mir das... ſagen Sie mir das. Tarrakanow war hingeriſſen; wie nahe glaubte ſie nicht dem Throne zu ſtehen! und dennoch zitterte der Boden unter ihr. — Wollen Sie ſich mit ihm verbinden, ihm Ihr Herz und Ihre Hand ſchenken? Dann werden Sie die Revolution bald ausbrechen ſehen, welche Sie zum Throne führen wird. Der Thron war ſo lange Tarrakanow's einziger Gedanke geweſen; ſie ſchwankte jedoch bei dieſem Vor⸗ ſchlag, weil ſte ein Weib war. Das Anerbieten glänzte indeß wie ein Helenenfeuer lockend und verführeriſch. Ihre Unſchuld und Unerfahrenheit geſtatteten ihr nicht, an einen Betrug zu denken. Als der Officier ſie verließ, brachte er Orlow die Erlaubniß der Prinzeſſin, ihr einen Beſuch abzuſtatten. Orlow hielt ſich bei der ruſſiſchen Flotte auf, die damals im Mittelmeer lag. Er ließ nicht lange auf ſich warten. Die glänzenden Luftgebilde der Macht entwickelten inzwiſchen all' ihre ſchmeichleriſchen Phantasmagorieen vor der unglücklichen Tarrakanow. Geblendet gab ſie ſich ihnen hin. Orlow kam endlich in Rom an. Willanow verſtummte hier, um Athem zu ſchöpfen. Alexandra's Ungeduld war auf's Aeußerſte geſtei⸗ gert und kannte keine Grenzen. — Orlow kam an, ſagteſt Du, weiter, weiter! — Furſt Orlow war einer der kräftigſten und ſchön⸗ ſten Männer ſeiner Zeit, eine Heldenfigur, auf deren Stirne und in deren Blick Kühnheit und Muth ſtrahl⸗ ten. Indem er einen glanzvollen, mächtigen Thron der Prinzeſſin als erreichbar darſtellte, belebte er ihre Seele und gab ihren Gedanken einen höheren Flug, als ſie je zuvor gehabt hatte, während er zu gleicher Zeit ihre Sinne mit dem Zauberſtab der Liebe einnahm und ihr Herz mit lieblichen, ſanften, verführeriſchen Worten er⸗ oberte. Während Willanow ihre Erzählung fortſetzte, ſchwand ein Blutstropfen um den andern aus Alexan⸗ dra's Wangen. Die Prinzeſſin hatte ſich bis jetzt nur ſchöne, beſeligende, ſchwärmeriſch bezaubernde Begriffe von der Liebe gemacht, und es war ihr nie eingefallen, ernſtlich daran zu denken, daß irgend ein Menſch dieſes himmliſchſte aller Gefühle als Maske für einen kecken und ſchamloſen Betrug benützen könnte. Sie erblaßte daher immer mehr bei den Gedanken, die jetzt in ihr auf⸗ tauchten und auf einmal ſo viele ihrer Illuſtonen ver⸗ ſcheuchten. Ohne daß ſie es ſelbſt bemerkte, begann ſie Parallelen zwiſchen ſich und Tarrakanow zu ziehen, in deren Schickſale ſie ſich mit unheimlichem Schreck all⸗ mälig hinein verſetzte, als wären es ihre eigenen Schickſale. — Orlow, fuhr Willanow fort, betrieb dreiſt ſei⸗ nen Plan, und in Rom begann man allgemein von einer Vermählung der Prinzeſſin Tarrakanow zu ſpre⸗ chen. Sie erhielt allerdings von mehreren Seiten War⸗ nungen, weil Orlow bekannt war, aber das arme Mäd⸗ chen konnte an keinen Verrath glauben. Sie liebte„.. ſie liebte zum erſten Mal. Alexandra drückte erſchrocken die Hand an ihre klopfende Bruſt. Die Erzählung zerfleiſchte ihr Herz. 9 — Die Warnungen währten inzwiſchen fort, und der einzige Kummer, den ſie um dieſe Zeit empfand, beſtand in ihnen, weil ſie einen Schatten auf den Mann warfen, von welchem ſie gleichwohl ihre Gedanken nicht mehr abzuwenden vermochte. Eines Abends ſpazierten ſie am Strande der Tiber. Die Wogen zollten goldgelb zu ihren Füßen. Der Him⸗ mel ſtand klar unb rein über ihren Häuptern; die Sonne wärmte und der Wind koste ihre Wangen. Arm in Arm gingen ſie neben einander her. Sie ſprachen von ihrer Zukunft, von ihren Plänen, von ihrer Liebe. Tar⸗ rakanow hatte ſich nie glücklicher gefühlt. Orlow hatte ihr nie männlicher und liebenswürdiger geſchienen. Aber ohne ſeine Wolken war der Himmel der Prinzeſſin⸗ gleichwohl nicht. Die erhaltenen Warnungen bildeten dieſe Wolken. Wie ſehr machte ſie ſich's jetzt zum Vor⸗ wurf, daß ſie ihm nicht ſchon lange anvertraut hatte, welchen Argwohn man in ihr zu wecken ſuche! Gedacht, geſagt. Mit kindlicher Naivetät erzählte ſie ihm Alles. Orlow ſchien überraſcht, erzürnt, ergrimmt. Er rief Himmel und Erde zu Zeugen an; aber er bedurfte ſo hoher Zeugen nicht, um die Prinzeſſin von ſeiner Un⸗ ſchuld zu uberzeugen. In ihrem Innern hatte ſie nie an ihm gezweifelt. — Verzeih' mir, bat ſie, daß ich von dieſen Din⸗ gen da, die man mir einreden wollte, auch nur geſpro⸗ chen habe. Ich that es nicht aus Zweifel, ſondern ich that es, weil ich ein Geheimniß, wie dieſes, nicht länger zu tragen vermochte, weil ich gegen meine eigene Liebe unrecht zu handeln glaubte, wenn ich vor dem Gelieb⸗ ten Etwas geheim hielte. Meine Liebe wie meine Zu⸗ verſicht iſt unbegrenzt. Du könnteſt mich nie verrathen, könnteſt diejenige nicht verrathen, die Dich mehr liebt, als ſich ſelbſt, die nicht einen einzigen Gedanken beſttzt, der nicht ein Schatten Deines Gedankens, nicht ein einziges Gefühl, welches nicht ein Echo des deinigen wäre. Orlow verſicherte ſie ſeiner Liebe; er blickte tröſtend in ihre Augen, er drückte beruhigend ihre brennende Hand. Von dieſem Augenblick an würde Tarrakanow weit eher geglaubt haben, daß ein Wolkenzug alle Sterne vom Himmelsgewölke wegzufegen vermöchte, als daß der Morgenſtern, welchen die Liebe über der Welt ihre Her⸗ zen angezündet hatte, aufhören könnte. Aber Orlow ging noch weiter. Er bat um Er⸗ laubniß, durch die Bande der Ehe ſeine Liebe heiligen zu dürfen, und mit wonnevoller Befriedigung willigte Tarrakanow ein, weil ſie ſah, daß Orlow und ſie nur als Gatten aus dem Bereich aller Verleumdungen kom⸗ men könnten. Die Hochzeit wurde beſchloſſen und die Zeit feſtgeſetzt. Die Trauungsceremonie wurde nach den Vorſchriften der griechiſchen Kirche verrichtet und es fehlte dabei weder an Prieſtern, noch an weltlichen Be⸗ amten. Alexandra athmete tief. — Sie vermählten ſich alſo dennoch? bemerkte ſie. Dieſer Gedanke machte ihr Freude. Tarrakanow hatte alſo geliebt... auch ſie hatte geliebt wie Alexandra. — Hören Sie mich zu Ende, verſetzte Willanow, und Sie werden erfahren, wie ein Verbrechen began⸗ gen wurde mit Beobachtung aller äußeren heiligen For⸗ men, wobei man die Religion nur als einen Deckmantel des ſchändlichſten Betrugs gebrauchte, der je an einem Weibe verübt worden. Willanow wurde bei ihrer Erzählung beinahe hitzig und ſie fühlte ſich im höchſten Grad aufgeregt. Alexandra antwortete nicht; ſie harrte nur begierig, der Fortſetzung entgegen. — Tarrakanow war inzwiſchen vermählt, fuhr Wil⸗ lanow fort, ſie war glücklich. Warum hätte ſie es auch nicht ſein ſollen? Sie drückte ja den Gegenſtand ihrer erſten, ihrer einzigen Liebe an ihre Bruſt. Alle die⸗ jenigen, die ſte gewarnt hatten, geſtanden ihren Irrthum ein, die Verleumdung erſtarb: ſis beſaß keinen Stoff mehr. Tarrakanow ſtrahlte ſtolz und anmuthsvoll an 11 Orlow's Arm. Freudefeſte und Feierlichkeiten lösten einander ab. Alle wollten den glänzenden, mächtigen, männlich ſchönen Orlow ſehen. Alle wollten die be⸗ zaubernde, anmuthreiche Tarrakanow bewundern Von der Zukunft Beider ſprach man nur in verblümten Wor⸗ ten, denn man wagte noch nicht laut zu ſagen, was man ſich doch von allen Seiten zuflüſterte, daß die ruſ⸗ ſiſche Kaiſerkrone in den Wolken uͤber ihren Häuptern ſchimmere. Die Italiener verbeugten ſich nicht bloß vor einem Fürſtenpaare, man glaubte ſich vor einem zukünftigen Kaiſerpaare zu verbeugen. Wahrſagungen begleiten alles Ungewöhnliche; ſie bilden den Nimbus, woraus wichtige Ereigniſſe immer hervorblitzen. Wahrſagun⸗ gen umgaben auch dieſes Fürſtenpaar, aber weniger als ein Nimbus, denn als eine Glorie. Orlow's Abſicht war nicht, ſeine Triumphe in Rom zu genießen; nur ſeinen Plan raſch auszuführen, ſtellte er der Prinzeſſin vor, man müßte ſich, damit Katha⸗ rina's Argwohn nicht geweckt werde, in eine kleine Stadt begeben, wo man bis zum Ausbruch der Verſchwörung in Petersburg unbemerkt leben könne. Tarrakanow billigte dieſen Vorſchlag. Konnte ſie wohl auch etwas Anderes glauben, als daß derſelbe von zärtlicher Liebe und umſichtiger Klugheit dictirt ſei? Man begab ſich nach Piſa. Wie glücklich fühlte ſie ſich nicht bei dieſer Fahrt! Orlow ſaß ja an ihrer Seite. Was kümmerte ſte ſich darum, daß ſie das glänzende Rom verließ? Orlow war ja bei ihr. Kein Gedanke flog nach Piſa voraus, um die beſchränkteren Verhältniſſe zu erfahren, worin ſie da vielleicht leben ſollte. Orlow befand ſich bei ihr. Für ſie gab es kein Rom mehr, ſondern nur noch einen Orlow. Für ſie gab es kein Piſa, ſondern nur einen Orlow. Wo er ſich befand, da befand ſich auch Alles, was ſie auf Erden liebte. Die Liebe baut ihr Rom nicht auf ſieben Hügel, ſondern auf zwei Herzen, und ſchafft mit der Phantaſte als Baumeiſter um die Glück⸗ lichen her prachtvolle Paläſte und heitere, ſchöne Tem⸗ pel, die zwar nicht ewig ſind, aber herrlich, ſo lange ſie beſtehen. Auch in Piſa war die Prinzeſſin glücklich. Orlow hatte ſich dort einen prachtvollen Palaſt ge⸗ miethet, und das Leben und die Natur lächelten ſo zauberhaft um ſie her, weil die Liebe ihnen noch ent⸗ gegen lächelte. Die ruſſiſche Flotte lag damals im Hafen von Livorno. Orlow gab ſich vor Tarrakanow den Anſchein, als wiſſe er nichts davon; er freute ſich über dieſe Nachricht und erklärte, er müſſe im Intereſſe ſeiner Zukunfts⸗ pläne nothwendig dahin reiſen. Er lud die Prinzeſſin ein, ihn zu begleiten. Sie that dieß um ſo lieber, weil ſie dadurch dem großen Ziel, das ihr vorſchwebte, im⸗ mer näher zu kommen glaubte; ſie freute ſich bei dem Gedanken, ſich an Orlow's Seite ihren Landsleuten zei⸗ gen zu dürfen, welche ſie einmal, wie ſie ſich bereits ſchmeichelte, als ihre Unterthanen betrachten konnte. Unter zauberiſchen Phantaſieen kam ſie nach Livorno, wo ſie mit allen Zeichen der tiefſten Ehrfurcht empfan⸗ gen wurde. Von allen Seiten her beeiferte man ſich, ihr die Aufwartung zu machen. Der Admiral der ruſ⸗ ſiſchen Flotte und der Conſul gehörten zu den Erſten, die ſich nebſt ihren Frauen nicht nur einſtellten, ſon⸗ dern auch an ihr Gefolge anſchloſſen. Binnen Kurzem umgab ſie ein zahlreicher Hof, der mit der größten Auf⸗ merkſamkeit jeden ihrer Wünſche zu erfüllen ſuchte, als wäre ſie ſchon jetzt ein gekröntes Haupt. Aber Natur und Unſchuld flochten auch ihr Diadem in die dunkeln Locken des holden Weibes, und alle diejenigen, die ſchon jetzt um den Betrug wußten, den man ſpielte, beugten ſich tief vor dem armen Staatsopfer, ſie beugten ſich tief, um ihre eigene Scham zu verbergen, um die Thräne — ᷣ - ꝙ a— u—— u 13 zu verbergen, die ſich unwiderſtehlich in ihre Augen drängte. Alerandra's Unruhe nahm zu, je weiter Willanow kam. Sie wußte zwar nicht, wohin die Erzählung des Fräuleins führen würde, aber ſie ahnte und zitterte. — Fahr' fort, fahr fort, bat ſie. — Livorno, fuhr Willanow fort, wetteiferte mit Rom, um die Prizeſſin zu feiern. Ihre Schönheit war fürſtlich, ihre Zukunft nicht minder. Jubelnd umgab das Volk ihren Wagen, wenn ſie ausfuhr. In den Theatern vergaß man das Schauſpiel, um nur ſie zu betrachten. Alle Kreiſe ſprachen nur von ihr; alle Zeitungen waren nur mit ihrem Preiſe beſchäftigt. Die italieniſche Lebhaftigkeit bewegte ſich mit Enthuſiasmus in ihren Fußtapfen. Jeder Augenblick war ein Triumph für ſie, wurde aber vergeſſen über dem nächſten Augen⸗ blick, der ihr einen noch größern ſchenkte. Welches Weib kanie ſich ſtolzer und durch ihre Liebe beglückter fühlen, als ſie? Orlow ſprach von keinem Beſuch auf der Flotte, aber die Officiere derſelben umgaben die Prinzeſſin und ihn unaufhörlich, und thaten Alles, um Beide zu ver⸗ herrlichen. Keinem Menſchen konnte die Zukunft ſo zauberiſch entgegenlächeln wie ihr. Ihr Herz beſaß Alles, was es wünſchte. Ihrer ſtolzen Eitelkeit wurde von allen Seiten her geſchmeichelt, ihre Hoffnungen träumten ſich bereits auf einem der mächtigſten Throne Europa's. Aber je mehr ſie ſich verherrlicht ſah, um ſo ſtärker erwachte ihre Neigung, vorwärts zu eilen. Der Zauber⸗ wirbel, in welchen ſie hineingekommen war, ſollte ſie in die Tiefe hinabziehen. Eines Tags bat ſie ihren Gatten aus eigenem An⸗ trieb, er möchte mit ihr die ruſſtſche Flotte beſuchen. Das Blut der Czaren floß in ihren Adern. Sie träumte von nichts Geringerem, als daß ſie mit ihrer Jugend, ihrer Schönheit und ihren Hoffnungen die ganze ruſſiſche Flotte einnehmen könnte. Orlow willigte ein. Am folgenden Tag war am Ufer Alles in Ord⸗ nung, um ſie zur Flotte hinaus zu führen. Sie nahm nebſt einigen Damen Platz in einer prachtvollen Schaluppe. Hinter ihr kam Orlow in einer andern; an ſeiner Seite ſaß der Admiral. Der Zug ſchloß mit einer dritten Schaluppe, worin ruſſiſche nud engliſche Officiere ſaßen. Eine ungeheure Maſſe von Zuſchauern bedeckte das Ufer, Beifallsrufe ertönten weit und breit um ſie her. Welch ein ſchöner Anblick wurde ihr nicht in dieſer Stunde geboten! Livorno's herrlicher Hafen voll von wimmelnden, feſtlich gekleideten Schaaren. Die ruſſiſche Flotte von den Maſten bis zum Verdeck feſtlich geſchmückt mit zahlloſen Flaggen und Wimpeln, die in allen Far⸗ ben des Regenbogens ſchimmerten. In dieſem Augen⸗ blick ſchien vom Admiralſchiff her ein Blitz zu leuchten, und unmittelbar darauf folgte der donnernde. Knall des erſten Salutationsſchuſſes. Schuß erkrachte auf Schuß. Bald lag die ganze Flotte in einer Wolke von Pulverdampf eingehüllt. Die Schaluppen kamen immer näher. Das Getöne einer ruſſiſchen Nationalmelodie, von ſchmet⸗ ternden Blasinſtrumenten ausgeführt, ſchaukelte ſich über die Wogen. Von allen Schiffen her ſah ſie die Ma⸗ troſen Kopf an Kopf, mit geſchwenkten Hüten und Hurrahgeſchrei grüßen. Ihr Herz pochte ſo wunderbar eingenommen von endloſer Seligkeit. Sie empfing un⸗ gewöhnliche Ehrenbezeugungen, aber in ihrer dankbaren Seele ſandte ſie auch zu Gott ein Gebet empor für das ruſſiſche Reich, für das ruſſiſche Volk. Die Schaluppe legte neben dem Admiralſchiff an. Ein mit goldenen Ornamenten verzierter Lehnſtuhl wurde zu ihr herabgelaſſen und ſie in demſelben an Bord gehißt. Alles zeugte von einer Verehrung, als wäre ſie 15 eine kaiſerliche Perſon geweſen. Voll Dankbarkeit drückte ſie auch Orlow's Hand, als ſie ſich auf dem Verdeck befand. Dieß war der letzte Händedruck, den ſie wechſelten. In demſelben Augenblick, wo er ſich von ihr ab⸗ wandte, gab er ein Zeichen. Man warf ſich über ſie her wie über ein gefährliches Raubthier und ſchlug ſie in Bande. Alexandra's Aufmerkſamkeit hatte nicht einen ein⸗ zigen Augenblick geruht. Sie war der Erzählung Wil⸗ lanow's mit Leben und Angſt vor dem Ausgang ge⸗ folgt. Ein unterdrückter, halblauter Schrei des Entſetzens drang in dieſem Augenblick über ihre Lippen. Der Uebergang von den höchſten Ehrenbezeugungen bis zu dieſer niedrigen Gewaltthat war ebenſo ſchnell als unerwartet. Ehe ſie ihre Gedanken zu ſammeln und aus ihren wirren Selbſttäuſchungen ſich zu erholen vermochte, er⸗ kiätt⸗ Orlow ſie als Staatsgefangene der Kaiſerin Ka⸗ tharina. Vergebens ſtel die Aermſte dem harten Tyrannen zu Füßen und flehte ihn um Barmherzigkeit an. Sie betrachtete ihn noch als ihren Gatten und beſchwor ihn im Namen ihrer Liebe. Orlow antwortete ihr mit einem Hohngelächter und erklärte ihr, daß.... —— Aber mein Gott, ſiel Alexandra der Erzählerin in die Rede, ſie waren ja vermählt! — Ew. Hoheit täuſchen ſich. Der Mann, der hartherzig genug war, ſich zum Henker Peter's III. herzugeben, ſcheute ſich auch nicht, alle heiligen Cere⸗ monien als ein Mittel zur Hintergehung der Tochter Eliſabeth's zu benützen. Sie war nicht ſeine Frau, Ew. Hoheit. Die Prieſter, welche die Trauung voll⸗ zogen, und die Civilbeamten, die dem heiligen Akt an⸗ gewohnt hatten, waren insgeſammt nur vermummte Schurken. 16 Der Schlag war entſetzlich. Ihr Herz wollte bre⸗ chen. Bewußtlos führte man ſie vom Verdeck in den unterſten Schiffsraum hinab. Am folgenden Tag lichtete die Flotte die Anker und kehrte nach Rußland zurück.— Alexandra ſaß in tiefſtem Schweigen da. Nicht eine einzige Veränderung in Willanow's Stimme entging ihr; aber ihr Herz klopfte heftig; man hoͤrte ſeine Schläge. Als die Prinzeſſin in Petersburg anlangte, fuhr Willanow fort, wurde ſie in eine finſtere Höhle in einem der Feſtungswälle gebracht. Alexandra konnte kaum ihre Gedanken ſammeln. Tarrakanow's entſetzliches Schickſal ſtand lebhaft vor ihrer Einbildungskraft, aber aus dieſem Chaos von Eindrücken, das ihre Seele beunruhigte, tauchte ein einziger Gedanke auf, der ſie mehr als alles An⸗ dere erſchreckte. Sie hatte ſich bisher vorgeſtellt, das Herz der Kaiſerin ſei gut, obſchon die Politik ihr nicht immer geſtatte, in Uebereinſtimmung mit den ſanften Geboten deſſelben zu handeln; aber jetzt erfuhr ſte nicht bloß, wie das Herz der Politik nachſtehen mußte, ſon⸗ dern wie dieſe ſich ſogar aller Neigungen und Sympa⸗ thieen deſſelben bedienen konnte, um auf verrätheriſche Art ihr Ziel zu erreichen. Es war dieß eine weit größere Grauſamkeit, als ſie hatte ahnen können. Die Liebe ſelbſt zu einem blumenumwundenen Zügel zu machen, an welchem man in einer kalt berechnenden politiſchen Abſicht, ein ſchwaches junges Mädchen in's tiefſte Ver⸗ derben führte, das regte ihre edelſten Gefühle auf, und obſchon Alexandra ſich allerdings in einer ganz andern Stellung zu der Kaiſerin befand, als Tarrakanow, ſo war dennoch die Gleichheit vorhanden, daß die Politik auch bei ihrer Liebe den Finger mit im Spiel hatte. Die Phantaſte iſt immer unermüdlich, ſei es nun, daß ſie ihre Flügel unſeren Gedanken anſetzt, um uns unter die Sterne unſeres Glückes zu erheben, oder daß ſie den *AAKB8u g — 8— —6+— K—- 8ðᷣ 8 17 Spaten ergreift, um den Abgrund zu unſeren Füßen zu erweitern. Je mehr alſo Alexandra ihre Stellung be⸗ dachte, um ſo trüber und düſterer erweiterte ſich der Ab⸗ grund um ſie her, und immer zerknirſchter verſank ſie in ihre eigenen Gedanken. Willanow hatte Athem geſchöpft, aber ſte hatte ihre Erzählung noch nicht vollendet. — Im Gefängniß, begann ſie wieder, hatte Tar⸗ rakanow Zeit, ihre Lage zu überſchauen. Als Willanow von Neuem das Wort ergriff, fuhr Alexandra zuſammen, ſie bebte jetzt ebenſo ſehr vor der Fortſetzung, als ſie ſich vorher danach geſehnt hatte. — Wie grauſam hatte man nicht mit ihren edelſten Gefühlen geſpielt! ſagte Willanow; zu welchem Schickſal war man nicht auf einem von der Liebe zu den heiter⸗ ſten Hoffnungen gebahnten Wege geſchritten! Aber der ſchrecklichſte Theil der Erzählung bleibt noch übrig. — Der ſchrecklichſte! barmherziger Gott! Das Gefängniß war eeng und feucht. Ihre Ge⸗ fundheit litt, ihre Kräfte ſchwanden. Zur Verzweiflung gebracht, wünſchte ſte ſterben zu können. Dieß war jetzt ihre einzige Hoffnung. Aber der Tod kam nicht. Von Selbſtvorwürfen niedergedrückt, von Leiden gequält, von Gemüthskrankheiten verzehrt, begann ſie an Allem zu verzweifeln. In einem Augenblick des Wahnſinns, be⸗ ſchloß ſie, ſich ſelbſt das Leben zu nehmen, und ſie marde es auch gethan haben... aber in dieſem Augen⸗ ic... Willanow's Stimme erſtarb... ſie ſchien kaum ihren Satz vollenden zu können. lerandra war wieder ganz Ohr geworden. — Aber in dieſem Augenblick, wiederholte ſie, ſpürte Tarrakanow, daß ſie auch für ein anderes Geſchöpf zu leben hatte. ic— Für ein anderes Geſchöpf? ich verſtehe Dich nicht. Der Fürſt. II. 2 — Ach, Ew. Hoheit, ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken ſoll. — Drucke Dich ganz einfach aus... ſie hatte für ein anderes Geſchöpf zu leben... wer war dieſes Ge⸗ ſchöpf... ich begreife nicht, was Du meinſt. Die beiden Mädchen betrachteten einander. Alexan⸗ dra mit einem fragenden und verwunderten Blick, Willa⸗ now erröthend vor Verlegenheit. — Sie ſpürte, daß ſie... daß ſie... — Nun, was? — Daß ſie Mutter war, Ew. Hoheit. — Allmächtiger Gott! — Sie beſaß kein Recht mehr zu ſterben, Ew. Ho⸗ heit... ſie mußte leben... leben in einem Elend von unüberſehbarer Tiefe. Aber ich habe Etwas vergeſſen. — Was, Willanow? — Tarrakanow hatte einen Sklaven nach Italien mitgenommen. — Einen Sklaven? — Dieſen Sklaven hatte ſie von ihrem Vater be⸗ kommen.. Tarrakanow und der Sklave ſtanden in gleichem Alter, und da ſie ſich immer ſehr wohlwollend gegen ihn gezeigt, ſo widmete er ihr auch ſeine ganze Treue und Ergebenheit. Tarrakanow gab ihn auch frei, aber er wollte ſeine Freiheit nicht benützen, ſon⸗ dern blieb bei ihr. Dieſer Mann war eben ſo klug als rechtſchaffen. Als Fürſt Orlow in Rom die Prinzeſſin in die Liebe einleitete, die ſie in's Verderben fuͤhren ſollte, war er einer von denjenigen, die ſie zuerſt warnten. Er hotte nämlich von der Dienerſchaft Orlow's allerlei Geſchwätze gehört, aus dem er ſeine eigenen Schlüſſe zog. Da ſie jedoch alle Warnungen vor der Möglich⸗ keit eines Betrugs zurückwies, ſo bat er endlich um Ausſtellung des Freibriefes, den ſie ihm ſchon lange verſprochen hatte. Die Prinzeſſin gab ihm denſelben, und nun verließ er ſie, aber zu ihrer Verwunderung ſah ſie ihn bald wieder, jedoch nicht in ihrer Liyree, ſondern 22ͤ,—,——O—— —, on 2en 19 gegen ſeinen neuen Herrn zeigte, in Gutem an, um ſo mehr, als dieſer Herr ihr eigener angebeteter Gatte war. Von dem Augenblick an, wo ſie im Hafen von Livorno gefeſſelt wurde, erblickte ſie Alexandrowitſch nicht wie⸗ den Gefängnißwärterdienſt nachgeſucht, um ſie umgeben und bedienen zu können; er heirathet, und auch ſeine Frau werde, wenn die Prin⸗ zeſſin es wünſchte, ſie manchmal beſuchen können; er fürchte, daß man einen Plan gegen ihr Leben habe, Ergebenheit erfreute ſie, weil ſte ihr das ſonſt bereits verlorne Vertrauen auf die Güte der Menſchen zurückgab. Auf dieſe Art ſchwanden Monate für die Beklagens⸗ werthe hin, bis endlich die Newa, die im Dezember 1777 plöͤtzlich austrat, in ihr Gefängniß drang und der Prinzeſſin ein ſchauerliches Ende bereitete. ſeglic. Das iſt grauenhaft, Willanow, das iſt ent⸗ etzlich. — Man ſagt... Willanow that ſich wieder Einhalt. — Was ſagt man? — Man ſag aber ich glaube dieß Gerücht t. nicht. Aie Prinzeſſin ſtarb, ſagt man, auf... — Au „. 52 2* — Auf Befehl der Kaiſerin. — Das iſt unmöglich, Willanow, das kann nicht wahr ſein, nein, nein, das kann nicht wahr ſein. — Auch ich bin Ihrer Meinung, Hoheit. Die Kai⸗ ſerin konnte nicht ſo grauſam ſein; aber inzwiſchen ſagt man, der Fluß ſei abſichtlich in ihr unterirdiſches Ge⸗ fängniß hineingeleitet worden. — Man kügt, Willanow. Die Kaiſerin iſt gut, Du ſelbſt kannſt es nicht läugnen. — Weit entfernt, Hoheit, die Kaiſerin iſt gut, ſo weit ihr Wille von ihr ſelbſt beſtimmt wird. — Du meinſt, daß ſie ſich durch die Politik leiten laſſe? Alexandra dachte an ſich ſelbſt. Sie wollte die Antwort des Fräuleins hören, um ihre eigenen Gedan⸗ ken zu eontroliren. — Ja, Ew. Hoheit, ja. Alexandra zog ſich unwillkürlich zurück. Sie hätte ſich in ſich ſelbſt verbergen mögen, wenn ſie gekonnt hätte, aber ein neuer Gedanke drang jetzt durch ihre Seele. — Aber Alexandrowitſch, bemerkte ſie, hätte er nicht die Prinzeſſin retten koͤnnen? er hatte doch gewiß die Schlüſſel zum Gefängniß. — Naturlich, Ew. Hoheit, und ſicherlich würde er es auch gethan haben, wenn er gekonnt hätte; denn er iſt ein braver Mann, der für eine Perſon, die er ſchätzt, Alles aufopfern kann. — Kennſt Du auch ihn? — Nach dem Tod der Prinzeſſin gab er ſein Amt als Gefängnißwärter auf und trat bei Marfa in Dienſt. So lange Marfa ſich bei meinen Eltern aufhielt, war er die ganze Zeit auch da. Ich kenne ihn ſehr gut. Auch Sie haben ihn ein paar Mal geſehen, Hoheit. Ich? Erinnern Sie ſich nicht, daß wir vor einiger Zeit, als wir im Sommergarten ſpazieren gingen, bei einem Manne, der am Eingang Obſt zum Verkauf ausbot, ſtehen blieben und mit ihm ſprachen? 21 — Du meinſt den Sbitenhändler.— — Ganz richtig, Ew. Hoheit. Der Mann intereſ⸗ ſirte Sie. Sie erlaubten ihm, in den Garten hereinzu⸗ kommen.. — Ich erinnere mich ſeiner recht gut; er hatte einen großen ſchwarzen und krauſen Bart, gegen welchen ſeine feurigen Augen und die weißen Zähne merkwürdig ab⸗ ſtachen. Er hat alſo bei Tarrakanow und hernach bei Marfa gedient? — Ja, Ew. Hoheit. — Aber wir vergeſſen etwas, fiel Alexandra jetzt haſtig ein. Tarrakanow war ja Mutter, ſagſt Du... das Kind... das Kind... wurde es gerettet? — Es ſtarb mit ihr, Ew. Hoheit, denn es ruhte noch unter ihrem Herzen. — Welche ſchauerliche Geſchichte, Willanow! Ich hätte nie geglaubt, daß eine ſolche Bosheit möglich wäre. Die beiden Mädchen ſanken gedankenvoll jede in ihre Wagenecke zurück und überließen ſich dem melancho⸗ liſchen Eindruck, der bei ihnen geweckt worden war. Aber mitunter erwachte bei Alexandra der eine und an⸗ dere Zweifel, und jeder Zweifel war ihr ſo willkommen, weil ſie das Ereigniß in einem andern Licht zu ſehen wünſchte, als in demjenigen, das Willanow ihm gege⸗ ben, und weil ſie ſich nicht überzeugen konnte, daß man die Liebe ſo ganz und gar als einen Spielball und als ein Opfer in der Hand der Politik behandeln könne. Sie bildete ſich ein, ihre eigene Zukunft hänge beinahe von dieſem Glauben ab. Jede Möglichkeit, den Ver⸗ hältniſſen eine andere Deutung zu geben, war für ſie alſo ein Lichtſchimmer, nach welchem ſie begierig griff. — Aber ich begreife doch Etwas nicht recht, Wil⸗ lanow, bemerkte ſie. Du haſt dieſe Geſchichte von Marfa gehört, aber wie konnte ſie Alles ſo genau erfahren? — Ich habe Ihnen geſagt, Hoheit, daß Marfa eine Freundin der Prinzeſſin war, und vielleicht hielt — 5—,.—— — ſie ſich zur ſelben Zeit mit ihr in Rom und Livorno auf; daruͤber habe ich inzwiſchen Marfa nie gefragt. Was im Gefängniß vorging, das konnte ja Alexandro⸗ witſch ihr erzählt haben. Alexandra ſeufzte. Sie hatte nichts mehr einzu⸗ wenden. Langſam ſank ſie wieder zurück. Aber ſie wollte für die ſtillen Wünſche ihres Herzens kämpfen und ſie erhob ſich noch einmal. — Aber mein Gott, Willanow, erinnerte ſie jetzt, Du haſt hier von dem Fürſten Orlow geſprochen, und er iſt doch eine ganz andere Perſon als Graf Orlow, vor welchem Marfa gleichwohl in Warſchau ſo großen Schrecken zeigte. Was kann der Graf mit all dem zu ſchaffen gehabt haben? das begreife ich nicht. Willanow antwortete nicht ſogleich. — Du ſiehſt wohl ein, Willanow, wenn Marfa auch vor dem Fürſten Orlow wegen der Art und Weiſe, wie er ihre Freundin behandelte, Unwillen und Entſetzen hegen konnte, ſo iſt damit noch nicht geſagt, daß ſie auch den Grafen Orlow haſſen müßte.. — Sie ſind ſcharffinniger als ich, Ew. Hoheit, und ich muß geſtehen, daß auch ich dieſen Umſtand nicht recht erklären kann. Marfa verabſcheute vielleicht we⸗ niger die Perſon, als den Namen. Die, wenn auch entfernte, aber dennoch vor Alexan⸗ dra's Einbildungskraft ſchwebende Aehnlichkeit zwiſchen Tarrakanow's und ihrem eigenen Schickſal, hatte die junge Prinzeſſin wirklich nachdenklicher gemacht, als ſie ſonſt war. Die Politik war es, die Tarrakanow's Herz zermalmt hatte! ſollte die Politik wohl auch Alerandra's Herz zermalmen? Während dieſes Geſprächs war man immer näher zu Strelna gekommen. Schon ſah man in der Ent⸗ fernung die weißen Mauern des verfallenen Schloſſes, ̈ 0⏑— NK 23 gleich blaſſen Schatten in nächtlichem Dunkel, über die Kronen des Parkes oder zwiſchen den Alleen hervor⸗ ſchimmern. Die Mädchen hofften, mit Marfa, dem Gegenſtand ihrer Wünſche, bald zuſammenzutreffen; aber gleich⸗ wohl ſollte noch ein unvorhergeſehenes Ereigniß ein⸗ treten und ſie erſchrecken. In einer langen Reihe von Wagen braucht bloß ein einziger ſtehen zu bleiben, um unter allen nach⸗ folgenden Unordnung zu verbreiten. Ein ſolcher unbedeutende Zufall trat auch jetzt ein und ſollte Veranlaſſung zu einem wirklichen, einem weit gröͤßeren Kummer geben. Ein Wagen war ſtehen geblieben. Die nachfolgenden, die nichts davon wußten, fuhren weiter; endlich mußte man anfangen zurückzu⸗ weichen, ohne daß die hinterſten ſich ſogleich von ihrer Stelle bewegten. Es entſtand Unordnung. Die Kutſcher ſchrieen und fluchten. Die Herren wurden böſe, die Frauenzimmer ängſtlich. Alle wollten ein Wort darein ſprechen. Verſchiedene Befehle kreuzten ſich. Der Eine wußte nicht, was der Andere wollte. Die Reihe war unterbrochen; die Verwirrung nahm zu. Auf allen Sei⸗ ten wurde man von Gefahren bedroht. Einige ſpran⸗ gen entſchloſſen aus den Wägen; Andere verkrochen ſich ſo tief als möglich darin. Alexandra's und Willanow's Angſt kannte keine Grenzen. Mit klopfenden Herzen ſchloſſen ſie ſich dicht aneinander, ohne daß ſie ein Wort zu äußern wagten; aber dieſe bereits auf's Höchſte getriebene Angſt ſollte ſich noch immer mehr ſteigern. Während die beiden Mädchen noch dicht aneinander geſchloſſen daſaßen und das verworrene, beſtändig zunehmende Unweſen mit anhörten, blickte der große, blaſſe und magere Reiter durch das Wagenfenſter herein. Mit einem Angſtſchrei auf ihren Lippen, drückten ſich Alexandra und Willanow noch dichter aneinander, und der Reiter zog ſich ſchnell wieder zurück. Eine Weile nachher hörten ſie, daß vor dem Wa⸗ gen ein leiſes Geſpräch geführt wurde. — Hören Sie, horen Sie, flüſterte Willanow, hö⸗ ren Sie, Ew. Hoheit, hören Sie. — Ich höre... man ſpricht... höre... — Wer iſt es, der hier im Wagen fährt? fragte die eine Stimme. — Mein Herr! antwortete der Angeredete; wer ſollte wohl anders darin fahren? — Du lügfl. Es ſind zwei Mädchen. — Wie ſo? Sowohl Alexandra als Willanow hörten ganz deut⸗ lich, daß es der Kutſcher war, der antwortete. Willanow beugte ſich durch das Wagenfenſter vor, um zu ſehen, wer mit ihm ſprach, und nun ſah ſie, daß es der lange, magere, rieſenhafte Reiter war. 8 Ich will wiſſen, wer dieſe Mädchen ſind, fuhr er fort. — Fragen Sie ſie ſelbſt, antwortete der Kutſcher, ich kenne ſie nicht. — Hörſt Du, mein Freund, verſetzte der Reiter, kennſt Du dieſes Zeichen da? — GEs iſt eine Polizeikarte. Eine ſolche Karte iſt in Rußland eine mächtige Autorität. — Wie Du ſagſt. Willſt Du mir jetzt gehorchen? — Ich gehorche, Herr: befehlen Sie. Der Kutſcher wandte ſich von dem Reiter ab und machte heimlich ein Zeichen des Kreuzes. Die Polizeikarte flößte ihm Angſt ein. — Iſt nicht eines dieſer Frauenzimmer Fräulein Willanow? Der Reiter bemühte ſich, ſo leiſe wie möglich zu ſprechen, aber die Mädchen, die bereits ahnten daß es ihnen galt, würden in dieſem Augenblick den Fall eines Thautropfens gehört haben. 2⁵ — Sie kennen ſie ja, bemerkte der Kutſcher, warum fragen Sie mich denn? — Ich glaube, ſie iſt es. Wer iſt die Andere? — Bei der heiligen Maria, an deren Kapelle wir bald vorbeikommen, ich weiß nicht, wer ſie iſt. 1 Wenn ſchon ein Theil von Willanow's Erzählung das Blut aus Alexandra's Wangen verjagt hatte, wel⸗ chen Eindruck mußte da nicht ein Geſpräch, das ſie ſelbſt betraf, auf die Mädchen machen? Während ihre Herzen vor Unruhe ſtill ſtanden, lauſchten ſie eifrig. Man braucht dem Leſer kaum zu ſagen, daß der rieſige Reiter Andreas, der Bruder des Grafen Iwan Orlow, war, der ſich auf dem Wege nach Sirelna befand, mit dem feſten Entſchluß, Willanow zu ent⸗ führen. Von einem Bedienten begleitet, war er lang⸗ ſam ſeines Weges geritten, als er auf einmal hörte, daß man in dem Wagen, auf deſſen Seite er ſich be⸗ fand, den Namen Orlow zu verſchiedenen Malen wie⸗ derholte. Er war eigentlich nicht neugierig, aber unter ſolchen Umſtänden würde doch vielleicht Jeder gelauſcht haben. Auch Andreas that es, und jetzt fiel ihm ein, daß juſt die Dame, der ſeine Reiſe galt, ſich drinnen befand; er beugte ſich alſo über das Pferd hinab, um genau zu ſehen, ob es ſich wirklich ſo verhielt. Aber wenn die Pechfackeln auch den Weg von Außen beleuch⸗ teten, ſo war es nichtsdeſtoweniger im Innern des Wa⸗ gens dunkel, und er konnte die Geſichter der Mädchen nicht recht unterſcheiden. Da jedoch ſein Argwohn be⸗ reits angeregt war, ſo betrachtete er den Wagen näher und entdeckte, daß es eine der kaiſerlichen Equipagen war, obſchon der Kutſcher nicht die kaiſerliche Hoflivree trug. Als Hoffräulein beſaß Willanow das Recht, ſich eines kaiſerlichen Wagens zu bedienen, wobei ſie ge⸗ wöhnlich einen und denſelben Kutſcher erhielt. Um ihre Ausfahrt geheim zu halten, hatte ſie ihm befohlen, einen Civilmantel anzulegen, und der Kutſcher war ihr gerne —— zu Willen, weil die Befehle des guten Fräuleins immer wie freundliche Bitten klangen. Andreas ließ den Wagen nicht aus den Augen, ſondern folgte ihm wie ſein Schatten, und als die Unordnung im Zug entſtand, war es ein ganz natür⸗ licher Einfall, daß er zu dem Kutſcher ritt und fragte, wer darin fahre. Einen Theil des Geſprächs haben wir bereits an⸗ geführt. Andreas hatte nach der letzten Antwort des Kut⸗ ſchers bei ſich ſelbſt überlegt, was er thun follte. Ein Mädchen in Strelna zu entführen, ſie vielleicht ſogar aus der Gewalt, der wegen ihrer Frömmigkeit und Weisheit beinahe gleich einer Heiligen verehrten Marfa zu reißen, ein ſolcher Auftrag hatte ſeine be⸗ denklichen Seiten. Die Sache mußte wenigſtens ein un⸗ erhörtes Aufſehen erregen, und wenn er auch die Ueber⸗ zeugung hegte, daß ſein Bruder den Lärm allmählig wieder zum Schweigen bringen könnte, ſo war es doch jedenfalls am Allerbeſten, ihn zu vermeiden. Eine gute Idee war auch bei dem redlichen Andreas aufgetaucht, und er freute ſich ſchon zum Voraus innig darüber. Geſtützt auf die Polizeikarte, die er von Iwan er⸗ halten hatte, konnte er über den Kutſcher gebieten. Der Kutſcher durfte, wenn er dieſes Patent vor ſeinen Au⸗ gen ſah, nicht einmal zu mucken wagen. Andreas hatte bereits die Wirkung bemerkt, welche die Karte her⸗ vorrief, und warum ſollte er ſich nicht ihrer wunder⸗ baren Macht in ausgedehnterem Grade bedienen, und dem Kutſcher befehlen, an Strelna vorbei bis nach Petersburg zu fahren? Die Mädchen würden vielleicht dieſen Betrug erſt merken, wenn man ſchon weit vom Schloſſe entfernt wäre. Andreas ſprach nicht viel, außer in den Augen⸗ blicken, wo er von heftigen Leidenſchaften aufgeregt, nicht zu ſchweigen vermochte; aber er dachte beſtaͤndig, ——— O 8 u M=2Aꝗ - U 27 obſchon ſeine Gedanken allezeit das Gepräge der ge⸗ waltſamen Leidenſchaften trugen, unter denen ſeine Seele beharrlich arbeitete; ſie waren auch weit mehr kühne, unvollendete, wilde Entwürfe zu Gedanken, als eine logiſch durchgeführte Ideenaſſociation. In dieſer cha⸗ rakteriſtiſchen Seele hatte nie Etwas reifen können, mit Ausnahme vielleicht ſeiner phantaſtiſchen Liebe zu einer Perſon, die er ſelbſt getödtet hatte, nämlich zu Tar⸗ rakanow. Andreas ſah alſo nichts Unausführbares in ſeinem Plan, er war dreiſt, und das galt ihm ſo viel, als wenn er klug und gut geweſen wäre.. — Aber wer mag wohl das andere Mädchen ſein? Er fragte, vergaß jedoch die Antwort wieder, die er bekam. — Haſt Du dieſe Karte genau genug betrachtet? fragte er den Kutſcher von Neuem. — Ja, gnädiger Herr. — Du willſt nach Strelna, aber Du mußt nach Petersburg fahren. — Sie befehlen es? — Kennſt Du mich? — Nein. — Morgen ſtellſt Du Dich in der Polizeikanzlei ein... Du ſchweigſt... verſtehſt Du mich? Ein großer Theil der letzten Aeußerung des Rei⸗ ters entging Alexandra und Willanow. — Was ſollen wir thun? flüſterte Alexandra. — Still! bat Willanow. Laſſen Sie uns hören. Der Reiter verließ den Kutſcher und wandte ſich um. Man ſah jetzt, wie ein anderer Reiter ſich ihm näherte. Es war ſein Bedienter. Noch währte die Unordnung unter den Wagen fort. Von allen Seiten hörte man Fluͤche, Geſchrei und Lärm. Der Wagen der beiden Mädchen ſtand jedoch in dieſem Augenblick ſtill. — Willanow, flüſterte Alexandra, Pferde. — Ja, ja. — Er gibt es ab. — Was er wohl im Sinn haben mag? — Er kommt hierher... er. — Er will ſich zu uns in den Wagen ſetzen. — Er wird uns erkennen. — Ich zittere. — Still. Er bleibt ſtehen. Die Mädchen flüſterten ſo leiſe mit einander, daß ſie ſich ſelbſt kaum hörten. — Er nähert ſich wieder. Willanow war allen ſeinen Bewegungen gefolgt. Nichts entging ihr. Weniger aus beſtimmter Äbſicht, als in Folge eines unbewußten Inſtinktes, legte ſie ihre Hand an das Schloß des Wagenſchlages der Seite ge⸗ genüber, von welcher der Reiter herkam; ſie hatten ſich da auch bereits ſo ſehr als möglich zuſammengedrängt. — Er greift an den Schlag. Andreas' bleiches und mageres Geſicht wurde dabei von dem rothen Schein einer Pechfackel beleuchtet. — Mein Gott! Nur von ihrer Furcht geleitet, drückte Willanow an den Griff, welchen ſie noch feſthielt. — Ah, ſehen Sie. Andreas wandte ſich in dieſem Augenblick hef⸗ tig auf die Seite, gleich als würde er von Etwas be⸗ unruhigt. Das grobe Profil zeigte ſich dabei in ſeiner ganzen grotesken Plumpheit. — Laſſen Sie uns fliehen. — Fliehen? — Kommen Sie. Glücklicherweiſe bewegte ſich der Wagen vom Platze, während die beiden erſchrockenen Mädchen herausſpran⸗ Einen Augenblick ſpäter, und ihre unbedachtſame Flucht wäre ihnen vielleicht theuer zu ſtehen gekommen, er ſpringt vom 29 denn kaum waren ſie auf dem Boden, als die Pferde wieder anzogen und ſogar Andreas zwangen, für einen Augenblick ſeine Abſicht aufzuſchieben, die wirklich da⸗ hin gerichtet war, ſich zu den Mädchen hinein zu ſetzen. Wir verlaſſen hier Andreas und folgen Alexandra und Willanow. Weder Alexandra noch Willanow hatten bedacht, was ſie thaten. Die Furcht allein hatte ihnen die Flucht vorgeſchrieben, und ſie ergriffen dieſelbe, ohne ſich zu beſinnen. 4 Auf die Landſtraße hinabgekommen, wurden ſie in die Verwirrung hineingezogen, welche da ſtattfand. Alles drängte ſich um einander her: der Eine wollte vorwärts, der Andere rückwärts. Die graue Staub⸗ wolke, die aus dem ſandigen und dürren Weg aufſtieg, umhullte ſie. Alexandra wagte kaum, ſich von der Stelle zu bewegen: ihre Augen wurden vom Staube geblendet und ihre Ohren von dem Getöſe betäubt. Willanow, welche die gänzliche Rathloſigkeit der Prinzeſſin ſah, wußte nicht, was ſie beginnen ſollte. In ihrer Ver⸗ zweiflung bereute ſie jetzt, daß ſie den Wagen verlaſſen hatte, und ſte ſchaute ihm nach, fand aber zu ihrem Schrecken, daß er bereits verſchwunden war. Welch' bittere Vorwürfe machte ſie ſich nicht jetzt über dieſen Ausflug! Aber Zeit und Umſtände geſtatteten ihr keine lange Betrachtungen und Vorwürfe. Die Schwäche der Prin⸗ zeſſin bewies dem Fräulein die Nothwendigkeit, für ſie zu denken und zu handeln, zumal da es ihr, obſchon erſt jetzt, einfiel, daß Alexandra ſich noch nie in einer ſolchen Lage befunden haben konnte. An ſich ſelbſt dachte ſie gar nicht. Entſchloſſen ergriff ſie alſo jetzt ihre verwirrte Freun⸗ din beim Arm, damit ſie wenigſtens nicht getrennt wer⸗ den ſollten. O, wie wünſchte ſie, daß ſie Beide weit, weit von hier weg wären! Die Volksſtrömung begann ſich zwar wieder zu ordnen und nach einer Richtung hinzuziehen; aber durf⸗ ten ſie ſich wohl von ihr fortreißen laſſen 2 Willanow, der es in ſchweren und mißlichen Augen⸗ blicken gewöhnlich nicht an Faſſung fehlte, wußte gleich⸗ wohl jetzt keinen Rath. Unerfahren, ſchutzlos, ſchwach, mitten in eine ver⸗ worrene, wimmelnde Volksmaſſe gemengt, begann ſie, und darüber wird man ſich wohl nicht wundern, ihren Muth zu verlieren. Ein Stück weit ging ſie ganz willenlos mit. Ihre Erzählung, welche Alerandra vorher ſo ſehr aufgeregt, die Angſt, welche der unbekannte Reiter ihr eingeflößt, und endlich die Lage, worin ſie ſich jetzt be⸗ fand, Alles dieß trug dazu bei, die letzten Kräfte der jungen, zarten Prinzeſſin zu erſchöpfen. — Ich bin muͤde, flüſterte ſie dem Fräulein zu, ich will ausruhen. — Stützen Sie ſich auf meinen Arm, Hoheit, aber laſſen Sie uns nicht ſtehen bleiben. — Ich vermag nicht mehr. Wohin ſollte Willanow ſich wenden? Verzweiflungs⸗ voll blickte ſie um ſich. In dieſem Augenblick hörte ſie ein ſchreckliches, verworrenes Getöſe und Gelärm hinter ſich. Einige betrunkene Ruſſen, die ſich lediglich den bachanaliſchen Eingebungen ihres berauſchten Gehirns hingaben, tobten ſingend und lärmend einher und grif⸗ fen Jedermann an, der ihnen in den Weg kam. Das Getöſe kam immer näher. Willanow hätte ſich gerne den Ruheſtörern entzie⸗ hen mögen, aber die Prinzeſſin vermochte ſich kaum mehr fortzuſchleppen. 31 Schon waren die betrunkenen Geſellen dicht bei ihnen.. 3 Seitwärts entdeckte Willanow jetzt eine Säule, die eine neue Werſte bezeichnete. ,e Sie führte Alexandra ſogleich zu ihr hin und Beide ſanken am Fußgeſtell derſelben nieder.— V Aber die betrunkenen Geſellen hatten die Mädchen bereits bemerkt und umzingelten ſie lachend. Die Mäd⸗ chen waren einer Gefahr entwichen, hatten ſich aber in eine neue, noch ſchlimmere geſtürzt. Die Prinzeſſin zog ſich zurück. Willanow trat muthig zwiſchen die Männer und ſie. — Entfernt euch! befahl ſie. Die Gefahr war dringend, aber Willanow hatte auch ihre ganze Geiſtesgegenwart wieder gewonnen. Der Befehl war ſo einfach und ſo kurz, daß er für einen Augenblick ſelbſt den Betrunkenen imponirte, aber der Rauſch ermangelt aller Logik; er ſpricht und han⸗ delt bloß nach dem Gehör, und in demſelben Wahn, mie der Widerſtand reizt, wird auch der Rauſch wieder ühner. Ein Blitz leuchtete jedoch bereits in Willanow's Augen. Sie beſchloß, ſich lieber tödten zu laſſen, als zuzugeben, daß ſich Jemand der Prinzeſſin nähere, die in ihrer Angſt, nicht bloß vor der Unannehmlichkeit, er⸗ kannt zu werden, ſondern auch vor Gewaltthätigkeiten, ihre beiden Arme um den Marmorpfeiler geſchlungen hatte. Willanow verlor ihre Entſchloſſenheit nicht, und ſobald die Burſche ſich ihr wieder nähern wollten, trat ſie ihnen entgegen. Ein kühner Gedanke war ihr gekommen. — Noch einmal befehle ich euch, ſagte ſie zu ihnen, daß ihr euch ſogleich entfernt. Ich befehle es euch im Namen der heiligen Marfa, in deren Schutz dieſes Mäd⸗ chen und ich ſtehen. Willanow hatte ſich abſichtlich des Namens Marfa 32 bedient. Sie wußte, welche Bedeutung er, beſonders unter den ungebildeten Ruſſen, beſaß. Wunderbar und augenblicklich war auch die Wir⸗ kung dieſes Namens. Kaum hatte Willanow ihn aus⸗ geſprochen, als alles Unweſen aufhörte und alle Kopfbedeckungen herabflogen; Viele beugten ihre Kniee, Andere ſenkten ihre Häupter, Alle aber machten zugleich das Zeichen des Kreuzes auf der Bruſt und fluſterten ein leiſes: Gospodi pomiloi.*) Welche weltliche Macht iſt größer, als die des Aber⸗ glaubens, etwa die des Scepters, des Schwertes, oder die des Scheiterhaufens? Unmöglich! Der Aberglauben triumphirt auf dem Scheiterhaufen über alle drei. Selbſt beinahe überraſcht von ihrem Erfolg, be⸗ ſchloß Willanow, den Augenblick zu benützen, und ergriff Alexandra's Hand, um ſich zu entfernen. Auf allen Seiten wich das Volk von ihr und Alexandra zurück. Marfa's Name hatte eine Verehrung hervorge⸗ rufen, als wären Alexandra und Willanow ſelbſt zwei Heilige. 3 Ohne im Mindeſten beläſtigt zu werden, verließen ſie den Ort, während das Volk ſich zurückzog, noch ein⸗ mal mit dem Zeichen des Kreuzes auf der Bruſt die andächtigen Worte Gospodi pomiloi flüſternd. Eine Weile ſpäter bogen ſie von der Landſtraße ab und in eine Allee hinein.— Strelna lag jetzt vor ihnen. Die Mädchen hatten ſich wieder beruhigt. Mit welcher Befriedigung wünſchten ſie ſich nicht Glück, all, 34 Gefahren entronnen zu ſein, welche ſie bedroht atten! Willanow dankte Gott dafür, daß ſie auf den Ein⸗ *) Herr, erbarme dich! 33 fall gerathen war, Marfa's Namen zu nennen, und Alexandra ſegnete ihn in der Stille. Geſchützt von dem Heiligenſchein, welchen der Volks⸗ glaube Marfa beilegte, ſtanden ſie bald am Eingang ihrer Wohnung. Fünfzehntes Kapitel. Marfa. Strelna war zur Zeit der Kaiſerin Katharina eine Ruine, aber eine Ruine höchſt prachtvoller romanti⸗ ſcher Art. Peter der Große, welcher es liebte, von möglichſt vielen Seiten über den finniſchen Meerbuſen hinzuſchauen, von deſſen gewaltiger Mündung, wie er mit ſo großer Gewißheit vorausſah, die ruſſiſche Monarchie dereinſt bewaffnet ausgehen ſollte, um Europa zu beherrſchen, begründete auch Strelna. Wie Petershof, ſo bot auch dieſer Platz die Ausſicht auf die kareliſche Küſte, auf Kronſtadt und Petersburg. Aber Strelna wurde nie vollendet. Peter gab den ſtolzen Gedanken, hier eine Sommerreſidenz für die kaiſerliche Familie zu erbauen, auf, und Strelna blieb ein gigantiſches Fragment, das jedoch auch in ſeiner unvollendeten Größe bewies, daß Peter's I. kühner Geiſt einmal daran gedacht hatte. Unvollendet, unbebaut und verlaſſen, ſchien es bloß zu dem aufgeführt zu ſein, was es war, nämlich zu einer großartigen Ruine. Die Lage des Luſtſchloſſes am ſteilen Ufer des Meer⸗ buſens, in einer wilden maleriſchen Gegend, wo Berghöhen und Wälder mit einander wechſeln, verleiht Der Fürſt. II. 3 —yyyy— ihm ein zauberhaftes Ausſehen, das noch erhöht wird durch die ſchönen Billen und Dörfer, die rings umher zerſtreut liegen, ſo wie durch den lebhaften Verkehr auf der vorbeiziehenden Straße. Hoch erheben ſich die Mauern des Schloſſes über die Gegend, aber die Gefahr, darunter begraben zu werden, hält den Wanderer ab, die Zinnen zu beſteigen, wenn er auch ſonſt wünſchen möchte, die herrliche Aus⸗ ſicht von ihnen herab zu genießen. Das Schloß beſitzt keine alte Geſchichte, aber nichts⸗ deſtoweniger hat der Aberglaube hier, wie auf allen ver⸗ laſſenen Burgen, allmälig ſeine eigene Geſchichte geſchaf⸗ fen und feſtgehalten, ſo daß der gemeine Ruſſe nicht an den Ruinen vorbeigeht, ohne das Zeichen des Kreuzes zu machen. Eine einzige Perſon fürchtete inzwiſchen die roman⸗ tiſche Einſamkeit des Platzes nicht, und dieſe einzige Perſon war Marfa. Vielleicht trug auch juſt der Um⸗ ſtand, daß ſie hier ihren Wohnſitz wählte, nicht wenig dazu bei, ihr das große Anſehen als Wunderthäterin zu verſchaffen, das. ſie ſich in ſo kurzer Zeit erwarb. Es iſt nicht unſere Abſicht, auf eine genaue Beſchreibung ihrer ganzen Wirkſamkeit einzugehen, nach dem, was wir bereits erzählt haben, muß man beinahe annehmen, daß ſie ſich ihrer Rolle, wenn ſie auch allerdings viel Gutes in derſelben ausführte, haupt⸗ ſächlich dazu bediente, um zu verbergen, wer ſie wirk⸗ lich war, und worin ihre eigentlichen Abſichten be⸗ ſtanden. Ihr Ruf wuchs inzwiſchen ſo ſchnell, daß ſie we⸗ nige Monate, nachdem ſie ihren Wohnſitz in den Rui⸗ nen aufgeſchlagen, die Aufmerkſamkeit der ganzen Haupt⸗ ſtadt und Umgegend auf ſich zog. Ihre unerklärliche, aber glückliche Art, Krankheiten zu heilen, die Klugheit ihrer Rathſchläge und die vorausblickende Weisheit ihrer Prophezeiungen, verbreiteten ſich von Mund zu Mund und riefen allenthalben Staunen und Verwunderung ——— 2 8S— ͤS 35⁵ hervor. Von allen Seiten ſtrömte das Volk ihr zu, und Niemand wußte etwas Anderes zu erzählen, als daß die Hoffnungen Aller immer übertroffen wurden. Der Aberglaube übertreibt immer, dieß iſt die Bedin⸗ gung ſeines Daſeins. Auch hier unterließen ihre Anbeter nicht, eine Ehrenpforte von wunderbaren Erzählungen über Marfa's Namen zu errichten, während Andere den⸗ ſelben in den brennenden Schwefelofen der Hölle ver⸗ dammten. Der Volksglaube ſchreibt mit ſeinen Heroen zwiſchen den Ertremen. Der Aberglaube hat keine Grenzen für ſeine Illuſionen: er zieht Wechſel auf Wahr⸗ heit und Dichtung, ohne Rückſicht darauf zu nehmen, ob dieſe Wechſel acceptirt werden oder nicht. Mit ſeiner fabelhaften Macht verwandelt er einen Namen in einen Koloß und den Koloß je nach den Umſtänden in einen guten oder böſen Geiſt. Er unterſucht nicht, aber er nimmt an. Er prüft nicht, aber er weiß dennoch. In der Pſychologie des Volkes iſt der Verſtand von gerin⸗ ger, das Herz von einiger, das Gefühl von der größten Bedeutung: die Leidenſchaft und der Augenblick, das ſind die leitenden Mächte. Wer ſie beherrſchen kann, beherrſcht auch die Maſſen. Marfa war ein Koloß; die Einen betrachteten ſie als eine mit höherem prophetiſchem Geiſte begabte Frau, Andere als ein Wunder, das der Hölle entſtiegen ſei, um die Menſchenkinder irre zu leiten und zu verwirren. Auf ſolche Art ſtritt man ſich um die Natur ihrer Sendung, bis Marfa an dem Kreuzweg, der zu den Ruinen Strelnas hinabführte, eine Kapelle errichtete, welche ſie der heiligen Maria weihte. In dieſer Kapelle, welche beſtändig fuͤr Kommende und Gehende offen war, brannten Tag und Nacht zwölf geweihte Kerzen um das Bild der heiligen Jungfrau herum. Von nun an ver⸗ ſtummten ihre Gegner nicht bloß, ſondern gingen auch als wahre Nachtgläubige auf ein anderes Extrem über und beteten eine wunderthätige Weisheit an, deren hei⸗ 3 5 lige Bedeutung jetzt gleichſam durch das Siegel der Religion feſtgeſtellt war. 3 Die Bilderverehrung iſt ein weſentlicher Theil des griechiſchen Glaubensbekenntniſſes. Außerordentliche Opfer 1 werden den Heiligenbildern dargebracht. Nicht bloß die Kirchen ſind voll davon; auf mehreren, wo nicht auf„ den meiſten Straßen finden ſich auch kleine Kapellen, wo das Volk die Heiligen anbetet, die es als Wunder⸗ thäter verehrt. In jedem Privathaus iſt eine größere Anzahl ſolcher vorhanden: gewöhnlich hat jedes Zim⸗ 6 mer einen. Aber noch mehr: jede Perſon trägt mei⸗ ſtens ein Heiligenbild auf der Bruſt. Dieſe Bilder⸗ verehrung gibt zu unendlich vielen Ceremonien Ver⸗ 3 anlaſſung. Mit großer Pracht und Feierlichkeit trägt man zu den Kranken ein wunderthätiges Bild, an das ſie ihre Gebete zu richten wünſchen. In der Proceſſion gehen Geiſtliche, in wichtigen Fällen ſogar Anthropoliten und Archimandriten mit entblößten Häuptern, und überall, wohin das Bild getragen wird, bleiben die Vorüber⸗ gehenden ſtehen, nehmen ihre Kopfbedeckungen ab und grüßen, oft auf den Knieen, die Heiligen mit andachts⸗ vollen Bekreuzungen. Marfa beurtheilte ihre Stellung richtig. Der Zu⸗ lauf von Beſuchen wurde unaufhörlich größer und die Wunder, die man ihr zuſchrieb, umgaben ſie bald mit einem ſolchen Heiligenſchimmer, daß ſelbſt St. Baſilius mit Recht darüber neidiſch werden konnte und die ſiebenzig Interpreten Mühe genug gehabt haben würden, die Möglichkeit derſelben zu erklären. ———— Marfa ſtand über eine Oellampe gebeugt, beſchäf⸗ tigt ſte anzuzünden. Die Flamme brannte bereits und verbreitete einen blaßgelben Schein um ſich her; aber die Flamme nahm zu und der Schein wurde immer heller. 37 Unbeweglich und ſchweigſam betrachtete Marfa die Lampe, während ſie den Docht noch höher hinaufſchraubte. Lechi, das kleine häßliche Mädchen mit dem ſchwaͤr⸗ meriſchen Blick, ſtand ganz nahe bei ihr. Das Mäd⸗ chen ſchien bekümmert. Ihre Wangen waren heiß. Die Bruſt hob ſich unruhig. Sie war ſo eben von Peters⸗ hof heimgekommen und ſchien Vorwürfe wegen ihres langen Ausbleibens zu fürchten. — Seien Sie nicht böſe, gute Mutter— ſo pflegte ſie Marfa zu nennen— weil ich ſo ſpät zurückgekom⸗ men bin. Marfa antwortete nicht, ſondern fuhr fort, die Lampe in Ordnung zu bringen. — Ich hätte ſchon ſeit ein paar Stunden zu Haus ſein können, fuhr Lechi über ſich ſelbſt klagend fort, aber als ich in den Wald kam, da war es mir, als rufe mich eine Stimme. Sie können nicht glauben, beſte Mutter, wie ſehr ich erſchrack. Aber da verwan⸗ delte ſich die Stimme in einen ſo ſchönen Geſang und ich wurde in den Wald hineingezogen... Ich lauſchte... ich folgte dem Geſang... es war ſicher⸗ lich eine Ruſſalka, die ſang; ſo kam ich in einen klei⸗ nen Thalgang. Ach, wie ſchön war es da und ſo voll von Blumen! Aber der Geſang verſtummte; ſtatt deſſen ſauste es ſo wunderlich in den Bäumen um mich her. Ach, beſte Mutter, Sie wiſſen, daß ich in der Nacht vor dem letzten Johannistag ſo glücklich war, trotz aller abweh⸗ renden Geſpenſter, ein prachtvolles blühendes Schlan⸗ gengras zu pflücken, und daß ich alſo früher oder ſpä⸗ ter alle verborgenen Schätze der Erde werde ſchauen dürfen.*) Ich glaubte auch, der Augenblick ſei jetzt ge⸗ gekommen. *) Lechi's Aeußerung beruht auf einem ruſſiſchen Volksglauben, dem zufolge das Schlangengras nur eine einzige Nacht, nämlich in der Nacht vor Lechi verſtummte hier, weil ſie erwartete, daß Marfa antworten würde; aber Marfa blieb ſtill und fuhr fort, die Lampe zu putzen. — Ich kann nicht beſchreiben, wie ſchön Alles um mich her war, erzählte Lechi weiter. Die Blumen glänz⸗ ten wie Sdelſteine, die Schmetterlinge flogen um mich her wie kleine Sterne. Aus der Tiefe der Quellen ſchimmerte es ſo wunderbar: da unten meinte ich die Wohnung der goldenen Frau Solotaja Baba zu ſehen. In dem Schilf bei den Bächen ſaßen kleine Ruſſalken und kämmten ihr ſeidenweiches Haar. Um mich her ſauste es ſo bezaubernd. Es waren nicht die Sturmwinde, ſondern koſende, milde Weſte, welche hier die Geiſter der Träume, die Kilkemoren, über das Thal hinabführten. Aber plötzlich wurde es dunkel um mich her. Die Sonne ging unter. Der Schlaf ſenkte ſich auf meine Augenlider. Gleich grünen Schatten der Nacht ſtiegen jetzt Geſtalten um mich herauf. Ich ver⸗ gaß Alles, gute Mutter: ich vergaß Sie, ich vergaß meinen Auftrag. Ich ſchlief ein. Ach, wie erſchrack ich, als ich erwachte und es ſchon Nacht um mich her war. Werden Sie mir meine Saumſeligkeit verzeihen? Lechi gehörte zu den ſeltenen Weſen, welche gänz⸗ lich von Träumen, Mährchen und Naturwundern ein⸗ genommen werden. Das praktiſche wirkliche Leben be⸗ ſaß für ſie keinen Werth: In Allem und überall glaubte ſie nur Wunder zu ſehen. Ihre Seele war ein Natur⸗ ton, ein ruſſiſcher Naturton voll von Aberglauben und kindiſcher Geſpenſterangſt. Alles, was geſchah, ſchloß einen dunkeln, unerklärlichen, myſtiſchen Sinn in ſich. Die Träume waren Offenbarungen, die mit der Phan⸗ taſie ſpielten. Der Donner war die ſchreckliche Stimme eines ſtrafenden Geiſtes. Glück und Unglück wurden dem Johannistage blüht und für denjenigen, der es pflückt, die oben bezeichnete glückliche Folge nach ſich zieht. —„ ̈ 39 durch den Gang der Wolken oder den Flug gewiſſer Vögel vorher verkündet. Die Natur war von Geiſtern bewohnt, welche uͤberall den Menſchen umgeben. Ge⸗ ſpenſter blickten von den Wipfeln der Bäume auf ſie herab, Elfen lächelten aus jeder Blume ihr entgegen, die Welt und das Leben waren ein großer Zauber; ihn zu löſen war eine Vermeſſenheit, ihn zu genießen war ihre Seligkeit. Marfa hatte fortgefahren, die Lampe zu putzen, ohne dem Geplauder des Mädchens ſichtbare Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſchenken. 4 — Komm her, Lechi, ſagte ſie endlich, nimm da die Lampe und ſtelle ſie auf ihren Platz im Gang. Schweigend nahm Lechi die Lampe und entfernte ſich. Um ein Marienbild, das in einer beſondern Niſche im Zimmer ſtand, brannten drei Lichter. Sobald Lechi ſich entfernt hatte, ſank Marfa beim Altar auf ihre Kniee nieder.. Mit gefalteten Händen und den Blick gegen die Heilige empor gewandt, verrichtete ſie ein ſtilles Gebet. Marfa war eine Frau von mittlerem Alter; ſie mochte vierzig Jahre oder etwas darüber zählen. Ihr Ausſehen deutete auf große Schönheit in jüngeren Ta⸗ gen, obſchon Jahre und Leiden verheerend darüber hin⸗ gegangen waren. Die Geſichtszüge waren jetzt ſcharf, aber gleichwohl voll von der Würde, die eine fromm reſig⸗ nirende innere Ruhe gewöhnlich gewährt. Wenn man ſie genau betrachtete, ſo konnte man allerdings auf den Gedanken kommen, daß auch ſie großen und gewalt⸗ ſamen Leidenſchaften anheimgefallen geweſen ſei; aber es lag auch klar am Tage, daß dieſe nunmehr ausge⸗ rast hatten, und daß ihr Herz zum ernſten Gefühl der Vergänglichkeit des Lebens, ſo wie zum Bewußtſein einer höhern Beſtimmung gereift war, weßhalb auch die ge⸗ prüfte Erfahrung jetzt ihre beſten Saaten ausſtreute, weniger um die Reichthümer dieſer Welt zu vermehren, als um dem Himmel ein neues Opfer irdiſcher Schätze 40 darzubringen. Ihre Stirne war hoch und breit, ein ſtolzes Gewölbe, worin eine Seele mit einem ganzen Kaiſerreich in ſich hätte thronen können, obſchon der düſtere Schatten, der ſich darüber ausbreitete, bewies, daß die Melancholie ſchon lange am Sarkophag der ſtol⸗ en Hoffnungen und der kühnen Träume geſeſſen hatte. hre Wange war blaß, etwas eingeſunken, aber über ihr ſtrahlten die ſchwarzen Augen nicht mit dem bren⸗ nenden Glanz, welcher gewöhnlich der Brünette ange⸗ hört, ſondern vielmehr wie ein ſanfter Mondſchein, der aus ſchwarzen Wolken fällt. Marfa war eine ſchlanke, hohe Figur. Es fehlte ihr zwar das Weiche, Volle und Geſchmeidige in ihrem Weſen, das nur den jüngeren Jahren eigen iſt, nicht aber das Regelmäßige und Proportionirte in den For⸗ men, ohne was auch die jugendliche Geſtalt keine An⸗ muth beſitzt. Sie trug ein langes weißes Kleid von feiner Wolle, das bis an den Hals zugeknöpft war und in reichen Falten zu den Füßen niederfiel. Es ſchloß ſich dicht an ihren Leib an und war vorne offen, wodurch die weißen Beinkleider, welche ſie mit Vorliebe für die Trachten des Orients trug, etwas ſichtbar wurden. Um den Hals ſiel das kurzgeſchnittene Haar in natürlichen Locken herab. Das Marienbild, das an einem Roſenkranz an ih⸗ rer Bruſt hing, war das einzige glänzende Geſchmeide, das ihre zwar ungewöhnliche, aber doch ein ye Klei⸗ dung ſchmückte. Während Marfa noch an dem Altar kniete, öffnete ſich eine Thüre aus den inneren Zimmern, und drei Perſonen kamen heraus. Als ſie Marfa in Andacht und Gebet verſunken ſahen, machten ſie die Thüre leiſe hinter ſich zu, beugten dann ſelbſt ihre Kniee und ſenk⸗ ten betend ihre Häupter. Um dem Leſer ein vollſtändiges Gemälde zu geben, wollen wir hier dieſe Perſonen in Kürze zeichnen. 41 Die zwei erſten waren ein Mann und ein Frauen⸗ zimmer, beide von älterem, ehrwürdigem Ausſehen. Der Mann ſtand bereits in den Jahren, wo man zu den Greiſen gerechnet wird. Ein ſchneeweißes Haar fiel in Locken um ſein Haupt hinab, und die hohe, breite und offene Stirne war voll von Runzeln, womit Alter und Bekümmerniſſe ihre Verheerungen bezeichnen. Aber es lag nichts deſtoweniger etwas Mannhaftes und Freies in dieſem Geſicht; ganz beſonders gewann ihm ein Aus⸗ r druck von Rechtſchaffenheit und Verſöhnlichkeit, Treue und Güte jedes Herz. Die Frau konnte man ein voll⸗ e endetes Seitenſtück des Mannes nennen. Dieſelbe edle 1 Haltung, derſelbe milde Charakter zeigte ſich auch bei t ihr. Mehr als ein halbes Jahrhundert lag hinter ih⸗ 3 nen und hatte ihre Herzen mit Erfahrung und Weis⸗ 3 heit bereichert. Man brauchte nicht viel Menſchenkennt⸗ niß zu beſitzen, um zu ſehen, daß ſie Seite an Seite 4 ein langes Leben mit einander durchlebt hatten, denn t ſie ſchienen die ausgezeichnetſten ihrer gegenſeitigen Eigen⸗ a ſchaften von einander entlehnt zu haben, bis ſie in ein⸗ n ander verſchwunden oder ſich aufgelöst hatten, und die 3 beiden Gatten, die jetzt gleichſam zum Voraus die Wünſche und Gedanken von einander ahnten, ſich be⸗ wegten wie zwei Uhren, die von denſelben Triebfedern, derſelben Unruhe, derſelben inneren Kraft belebt ſind. ⸗ Den Bund, welchen die Liebe begonnen, hatten gleiche , Verhältniſſe und Gewohnheiten vollendet, und jetzt dachte ⸗ der eine Theil nichts mehr, was nicht auch der andere dachte. Die gemeinſchaftlichen Intereſſen, Wünſche und Beſtrebungen eines langen Lebens hatten ihr Inneres „ feſt verbunden, und was iſt die Ehe anders als eine lang fortgeſetzte Ceremonie in der hohen Abſicht, die Sorgen und Mühen des zeitlichen Lebens zu dem wich⸗ tigen Mittel dienen zu laſſen, um Mann und Weib zu einem einzigen Weſen zu vereinigen zu dieſem Bilde der ewig fortſchaffenden Macht Goztes, das wir Menſch zu nennen pflegen, denſelben Geſetzen gehorchend, den⸗ ſelben Zielen zuſtrebend. Als die alten Leute auf ihre Kniee niederſanken, ſtützten ſie einander; als ſie ſich wieder erhoben, thaten ſie dieß ebenfalls an der Hand von einander. Dabei wechſelten ſie einen herzlichen Blick; ſie brauchten ein⸗ ander nicht zu ſagen, fuͤr wen ſie ihre Gebete empor⸗ geſandt hatten, ſie wußten es dennoch, und das freute ſie, daß ſie in ihren Gedanken vor Gottes Thron ſo gut zuſammentrafen, wie ihre Herzen auf Erden zuſammen⸗ getroffen. Die dritte etwas hinter ihnen knieende Perſon war ein Mann von mitlerem Alter. Eine knapp aufliegende Seidenmütze bedeckte ſein kahles Haupt; im Uebrigen trug er einen weiten Rock von ſchwarzer Seide, mit zuruͤckgeworfener Kapuze. Nicht bloß die Kleidung, ſon⸗ auch der Roſenkranz mit herabhängendem Kreuz ver⸗ kündeten in ihm einen Diener der katholiſchen Kirche. In ſeinen tief ſchwarzen Augen, in ſeinem dunkelbrau⸗ nen Teint und in ſeinen ſtark ausgebildeten, aber männ⸗ lich friſchen und kräftigen Zügen entdeckte man einen Ausländer. Das war er auch. Marfa hatte ihr Gebet vollendet und näherte ſich jetzt achtungsvoll den drei Ankömmlingen. — Sie iſt noch nicht gekommen? bemerkte der ältere Mann. — Noch nicht, antwortete Marfa. — Gleichwohl hat es bereits elf geſchlagen, ſiel die alte Dame ein. Ihre Stimme zitterte etwas, als ſie ſprach. Sie ſchien, wiewohl vergebens, die Unruhe verbergen zu wollen, die ihre eigene Bemerkung ihr einflößte. Marfa fuhr mit der Hand über die Stirne, gleich als dächte auch ſie jetzt erſt an die Zögerung, wovon die beiden älteren Perſonen ſprachen, und als würde ſie etwas unruhig darüber. —2 u A* —,— 43 — Wir wollen mit Lechi ſprechen. Ich habe es vergeſſen. Sie ergriff dabei eine an der Seite hängende Schnur, und im nächſten Augenblick hörte man das Geklingel eines fernen Glöckchens. Der Mönch blieb ſchweigend auf ſeinem Platz, die Arme über der Bruſt gekreuzt. Lechi kam wieder. — Du haſt doch Deinen Auftrag beſorgt? fragte Marſs, und den Brief unter die Statue am Damm gelegt? — Ja, gewiß, meine Mutter, ich habe mich ja deßhalb nach Petershof begeben. Marfa's ernſte Miene und Anrede ſchien Lechi zu beläſtigen, weil ſie dadurch verhindert wurde, ſich ihrer Phantaſie hinzugeben, und ſie warf einen ſcheuen, fra⸗ genden Blick auf ihre Gebieterin, gleich als wüßte ſie nicht, was ſie glauben ſollte. — Und die Antwort... Du erhielteſt doch eine Antwort? Lechi fuhr zuſammen. Erſt jetzt erinnerte ſie ſich des Ereigniſſes mit dem Grafen Orlow. — Die Antwort... ach ja, es iſt wahr, ſchwazte ſie, ich bekam auch eine ſolche! aber... Lechi verſtummte plötzlich und ſah erſchrocken Marfa an, gleich als wage ſie nicht fortzufahren. — Gib eine Antwort her, bat Marfa, den Brief; ... Du begreifſt... — Sie haben doch von Boſſe Sedleſchko reden ge⸗ hört, meine Mutter?*) *) Boſſe Sedleſchko, der innere Schmerz, die ſtumme Klage, iſt ein bleiches, nacktes Kind mit ſtets ver⸗ ſchloſſenem Mund, und in ſeine Augen kommen niemals Thränen; es zeigt ſich bloß den Einſamen und oſſenbart ſich niemals den Glücklichen. Die Thränen kamen Lechi in die Augen, während ſie dieſe Frage ſtellte. — Was willſt Du damit ſagen? — Als ich Petershof verließ, tanzte er auf dem ganzen Weg vor mir her mit hohlem Blick und dem Finger auf ſeinem Mund. Sie können nicht glauben, was ich gelitten habe. Ich hatte erwartet, eine gute Ruſſalka zu treffen, und ſo kam mir ſtatt einer ſolchen Boſſe in den Weg. Aber als ich meinen Namen im Wald rufen hörte, da zog er ſeitwärts an der Land⸗ ſtraße, und als der Geſang aufhörte, verſchwand er. Ich will nie mehr hingehen und Briefe an die Ruſ⸗ ſalka legen, denn ſie beſchützen mich doch nicht vor bö⸗ ſen Menſchen. Das iſt nicht ſchön von ihnen. Sie wiſſen, meine Mutter, daß ich wünſchte, es ſoll nie einer ſingen oder ſich mir zeigen, damit kein irdiſches Gefühl mein Herz vom Himmel abziehen könnte, und ſo ſollte man mir die Antwort nehmen. Marfa, welche dem Landvolk der Umgegend mit Rath’ und That beiſprang, hatte einer ſterbenden Frau in der Nachbarſchaft verſprochen, ihre einzige Tochter, Lecht, als eigenes Kind aufzunehmen. Sie hielt auch ihr Verſprechen. Lechi hatte etwas an ſich, das Marfa geſiel, nämlich ihre Hingebung an das Wunderbare, Beſondere, Uebernatürliche. Die Mutter, welche ſelbſt die Rolle einer klugen Frau geſpielt, hatte ſie ſo erzo⸗ gen, ihr alte Sagen, Naturmythen und dergleichen er⸗ zählt, aus denen die Kleine mit ihrem kindlichen Sinn und warmen Herzen eine ganze Welt von Zauber und Wunder machte. Marfa hatte zwar dieſe Gegenſtände in ihrem Kopfe zu ordnen geſucht, aber das Ueber⸗ natürliche war bereits darin feſtgewurzelt, und jede Vorſtellung, welche Marfa zu veredeln ſuchte, führte bloß noch größere Verwirrung herbei, und zeigte die hohle Schale eines erſchütternden Glaubens, ſo daß Marfa, um die Lebensfreude des Mädchens nicht gänz⸗ lich zu untergraben, endlich ihr Bekehrungswerk ganz ——— — 12— — H S N 8 A-A— ᷣ 45 aufgab. Statt deſſen ſuchte Marfa dieſem Heidenthum ſopiel wie möglich Chriſtenthum einzugießen, und die Materie war bei dem Bilderdienſt der griechiſchen Con⸗ feſſion hiezu nicht unanwendbar. Die Geſchäfte des täglichen Lebens bekamen inzwiſchen ebenfalls den Ein⸗ druck von Lechi's Geiſterſeherei, wenn man es ſo nen⸗ nen darf. Marfa hatte in den letzteren Zeiten mehr als einmal Lechi als Briefträgerin zwiſchen ſich und Willanow benützt, und um dem Mädchen ihren Weg leicht und angenehm zu machen, hatte Marfa ſie bald zu den Ruſſalken, bald zu anderen Naturprieſtern geſchickt. Im Uebrigen gebrauchte Marfa die Kleine haupt⸗ ſächlich dazu, um Blumen und Pflanzen zu pfluͤcken, aus denen ſie die nöthigen Arzneien bereitete, und Lechi beſaß hierin eine Geſchicklichkeit, welche ſowohl von ihrer früheren Erziehung, als auch von ihrer Liebe zu der Natur und ihren Erſcheinungen zeugte. Hätte man all die kleinen Vorſchriften geſammelt, welche Lechi bei dieſem Geſchäfte befolgte, ſo hätte man ein ganzes Blu⸗ menlexikon bekommen. Lechi's Stimme drückte einen bedeutenden Verdruß aus, als ſie ſagte, daß man ihr die Antwort genom⸗ men habe, und auch Marfa ſchien ihre Unruhe darüber nicht unterdrücken zu können. — Wer ſollte ſie Dir nehmen? wiederholte Marfa mit einiger Heftigkeit, obſchon ſie ſich ſogleich beruhigte. Was meinſt Du damit? Wer hat Dir den Brief ge⸗ nommen? — Graf Orlow, meine Mutter. — Orlow? Der unzweideutigſte Schreck zeigte ſich in den Zü⸗ gen der beiden alten Perſonen. Das Haupt des Greiſes erhob ſich jedoch und nahm einen drohenden Ausdruck an, welcher bewies, daß die männliche Kraft noch in ſeinen Adern ſpielte. — Orlow, wiederholte ſie, Orlow? Auch Marfa konnte ſich einer Bewegung des Ver⸗ druſſes nicht enthalten; allein dieſer unwillkürliche Aus⸗ druck verſchwand bald und ſie beherrſchte ſich wieder. Der Abbé blieb unbeweglich. — Und der Graf hat Dir den Brief genommen? — Ja, das hat er gethan. — Erzähle, wie es zuging; ich will Alles hören.. Lechi kam ſogleich dem Befehl nach. Sie erzählte umſtändlich, wie ſie den Brief unter die Statue gelegt, die ſie den König der Ruſſalken nannte, und wie ſie, als ſie nach der beſtimmten Zeit die Antwort abholte, wiederum einen Brief gefunden habe, in dieſem Augen⸗ blick aber ergriffen und zu dem Grafen Orlow gefuͤhrt worden ſei, der ſie durchſuchen ließ, worauf er ſogleich das Schreiben entdeckte, erbrach und las. Außer einiger Bläſſe, die ſich dabei in Marfa's Geſicht zeigte, bemerkte man keine Veränderung an ihr. Um ſo deutlicher verrieth ſich jedoch die Unruhe und Angſt in den Mienen der zwei älteren Perſonen. Mit ſprachloſem Schrecken blickten ſie einander an, gleich als hätte ein großes Unglück ſie getroffen. — Wir müſſen ſie aus der Stellung entfernen, worin ſie ſich jetzt befindet, ſagte Marfa nach einer Weile; wo Orlow iſt, hat man Alles zu befürchten. — Wir ſind verrathen, flüſterte die alte Frau, und ſie wird nicht kommen. Der Greis ging auf und ab. Marfa antwortete nicht ſogleich, ſondern überlegte bei ſich ſelbſt. — Sie kommt, ſagte ſie endlich. — Sie glauben es? 1 — Ich bin davon überzeugt. Sie hat ja meinen Brief erhalten, da eine Antwort unter der Statue lag, und ſie weiß nicht, daß man Lechi dieſelbe abgenommen hat. Alſo kommt ſie; aber das iſt juſt das Gefährliche. — Das Gefährliche? 3 — Allerdings, weil Orlow jetzt weiß, daß ſie hieher kommt. 2 47 — Sie haben Recht, Marfa. Möge Gott ihr den Beſchluß eingeben, nicht zu kommen! — Sie kommt; ich bin es überzeugt. Ich kann nicht läugnen, fuhr ſie dann fort, daß der Vorfall mich beunruhigt. Orlow kann in ſeinem Haß weit gehen. Ich weiß nicht, ob wir nach dieſem Ereigniß das Mäd⸗ chen von Ihrem Hierſein unterrichten ſollen. — Thun Sie es nicht... wir ſchieben das auf... ſie würde dadurch nur noch ängſtlicher werden. — Das mag ſein, verſetzte Marfa, aber auf der andern Seite duͤrfte es ihr auch mehr Vorſicht bei⸗ bringen. Unter keinen Umſtänden kann Orlow, oder ein Anderer Verdacht gegen uns hegen. Mein Name ſchützt mich. — Wir müſſen das zugeben, aber nichtsdeſtoweniger ... ein einziges unvorſichtiges Wort... — Sie iſt kein Kind mehr, ſie iſt ein verſtändiges Mädchen. Aber da fällt mir etwas ein. — Laſſen Sie hören. — Marfa wandte ſich dabei an den Abbé. — Ich denke an die Möglichkeit, ſagte ſie, daß die Dokumente, welche Wanja aus Neapel ſchickte, in Or⸗ low's Hände gefallen ſein könnten. Sie müßten ſonſt ſchon ſeit mehreren Wochen hier ſein. Neue Beſtürzung erfaßte die Alten. — Er iſt Chef der geheimen Polizei, fuhr Marfa fort, und dieſe hat auch in der Poſt ein Comptoir. — Sie erſchrecken uns, Marfa. — Ich erſchrecke ſelbſt beinahe über dieſen Gedan⸗ ken, geſtand Marfa, denn in dieſem Falle können wir die Dokumente als verloren betrachten. — Das möge der Himmel verhüten! fiel der Abbé ein. Ich beſitze zwar das Hauptdokument noch; aber die mit der Poſt abgeſchickten Aktenſtücke enthalten ſo wichtige Angaben, daß wir ohne ſie nicht klar werden können. Hätte ich die Verhältniſſe gekannt, ſo wäre dieſe Unvorſichtigkeit nicht begangen worden; aber es 48 ſiel uns gar nie ein, die Zuverläſſigkeit der Poſt zu bezweifeln. Nur dem Zufall, daß das Hauptdokument bei der Couvertirung vergeſſen wurde, haben wir es zu danken, daß man es nicht auch auf die Poſt gegeben hat. — Sie haben doch das Schreiben der Königin Maria Carolina an die Kaiſerin bei ſich, Herr Abbé? — Ich habe zwei Schreiben, eines an Sie und eines an... — An... — An Armefelt. — Sie haben keines an Döring? — Nein. — Er iſt jetzt hier... das iſt wenigſtens gut... — Ich werde ihn aufſuchen. — Da die Sache jetzt ſo zu ſtehen ſcheint, ſo müſ⸗ ſen wir reiflich überlegen, was wir thun. Man pocht an die Thüre... ſtill... Lauſchend wandten ſich Alle dem Eingang zu. Es pochte von Neuem. Die Alten blickten auf Marfa, als wollten ſie in ihrem Geſichte leſen, was ſie denke; ſie hatten ſich gewöhnt, Marfa einen ungewöhnlichen Ver⸗ ſtand zuzuſchreiben. — Sie iſt es, verſetzte Marfa, ich kenne ihre Hand. Verlaſſen Sie dieſes Zimmer. — Werden wir ſie wiederſehen? — Wir wollen ſehen, verlaſſen Sie mich. — Wir gehen. Die zwei Alten gingen nebſt dem Abbé in die in⸗ neren Zimmer zurück, und Marfa gab Lechi den Befehl, die Eingangsthure zu öffnen. Wir verließen Alexandra und Willanow am Ein⸗ gang desjenigen Theils der Ruine, welche Marfa für ſich als Wohnung in Beſchlag genommen hatte. Die Mädchen glaubten jetzt in einen guten, ſichern Hafen einzulaufen,, und dieß verlieh ihnen Muth und Ruhe, e SeS 49 obſchon Alexandra nicht ſo unbefangen, wie Willanow, einem Zuſammentreffen mit Marfa entgegenſah, deren Ruf ihr ſo großartig, ſo unerklärlich, beinahe über⸗ menſchlich erſchien. Als Willanow an die Thüre klopfte, da klopfte auch Alexandra's Herz heftiger. Mit einer gewiſſen Scheu blickte ſie um ſich, und ſelbſt das Unbe⸗ deutendſte war ihr merkwürdig. Der rothe Lichtſchein, der aus einigen Fenſtern ſiel, erſchien ihr beinahe un⸗ heimlich, zumal da eine phantaſtiſche Gruppe von Schat⸗ ten ſich in den Lichtfeldern bildete, die von den Fenſtern ausſtrömten, und ſich über die Bäume verbreitete, welche den Platz umgaben. In der Luft hörte ſie, wie es um ſie her ſauste, und zuweilen ertonte von den Zinnen der Ruine herab ein widerlicher Schrei. Er kam von nichts Anderem, als von den in ihrer Ruhe geſtörten Dohlen und Eulen, die mit ſpähenden Augen die Ruine um⸗ flogen, um das Terrain zu recognosciren und kreiſchend ihren Unwillen zu erkennen gaben. Die Eingangsthüre ging inzwiſchen knarrend auf, und als Lechi's garſtiges Geſicht, beleuchtet von der Nachtlampe im Gange, zum Vorſchein kam, da zog ſich Alexandra hinter die muthigere Willanow zuruͤck. Die Prinzeſſin hatte ſich feſt in den Kopf geſetzt, daß ſte in ein Zauberneſt käme, und deßhalb flößte jede Klei⸗ nigkeit ihr Angſt ein; aber ſo ſehr dieſe Angſt ſie auch aufregte, ſo hätte ſie doch um nichts in der Welt zu⸗ rücktreten mögen. Vor ihrer Liebe zu Schwedens jun⸗ gem König, ſank ihre Angſt zu Nichts zuſammen und verſchwand gänzlich vor der Hoffnung, durch Marfa's prophetiſches Talent einen Einblick in ihre Zukunft zu gewinnen. Das Geſicht von Lechi abgewandt, hielt ſie ſich an Willanow's Arm, obſchon ſie ein Gefuͤhl der Bangigkeit nicht zurückzuhalten vermochte, als die Thüre ſchmetternd ſich wieder hinter ihr ſchloß. Als die beiden Mädchen bei Marfa eintraten, ſtand dieſe an dem kleinen Altare und hatte ihre Hand auf denſelben geſtützt. Der Fürſt. II. 4 50 Alexandra hatte ein Weib von prieſterhaftem Aus⸗ ſehen zu ſehen erwartet, umgeben von Zauberapparaten, Todtenſchädeln, Beingerippen, Schlangen, Katzen und Pflanzen, lauter Dinge, womit kluge, alte Frauen ſich ſo gerne umgeben, wie wenn ſie nothwendig zum Koſtum gehörten; aber ihr ungekünſteltes und reines Herz wurde freudig überraſcht, und ihre Verwunderung war nicht ge⸗ ring, als ſie Marfa's einfache Haltung ſah, welche mehr fürſtliche Würde als eine Macbet'ſche Hexe ver⸗ kündete, eine jener Zauberinnen, deren Weisheit ſich in Schrecken und Entſetzen kleidete. Marfa hatte im Sinn gehabt, Willanow entgegen zu kommen; aber als ſie ſah, daß dieſe nicht allein war, blieb ſie beim Altar ſtehen. — Ich habe Dich gerufen, Willanow, ſagte ſie. Du biſt nicht allein gekommen. Marfa's Stimme war klar und rein, obſchon etwas eintönig. Ein kalter Schauder überlief Alexandra, als ſie den Ton dieſer ſtrengen Stimme hörte, welche bald ihre eigene Zukunft verkünden ſollte. Selbſt Willanow empfand, trotz ihrer innigen Liebe für Marfa, beinahe daſſelbe Gefühl. Marfa beſaß eine Majeſtät, die un⸗ widerſtehlich Achtung gebot. Es war dieß die Majeſtät des ruhigen Urtheils, womit ſie ihre Macht über ſich ſelbſt und Andere eroberte, dadurch, daß ſie an der Hand des Leidens zu den Leidenſchaften hinabgeſtiegen war, und wenn auch nicht ohne ſchwere Kämpfe, dieſelben endlich bei Anderen erklärt und bei ſich ſelbſt beſiegt hatte. Willanow wollte antworten, aber Marfa kam ihr zuvor. Willanow, ſagte ſie, ich verſtehe was Du ſagen wilst Die Prinzeſſin Alexandra hat Dich begleiten wollen. Alexandra's Wange, die bisher blaß geweſen, wurde auf einmal purpurroth. Marfa äußerte ſich ſo, als hätte ſie vollkommen die Umſtände durchſchaut, welche die Prinzeſſin veran⸗ 7 laf W ſie bli ho 309 erſ um aue als kön nal Ma eine ger gew Aug Das Ruf geſch Kro nich ſon ſond und berei Wor ſagu Mar keine keine ſtren Unwe in de ſcheri⸗ -NESSSS E8E G☛ hr 7 51 laßt hatten, Willanow zu begleiten. Aber ohngeachtet Willanow in den Worten Marfa's und in der Art, wie ſie von ihr aufgenommen wurde, einen Vorwurf zu er⸗ blicken glaubte, ſo ſchätzte ſie doch die alte Dame zu hoch, um darüber zu klagen, und dieſer offene Ernſt zog ſie vielmehr noch näher zu derſelben hin. Marfa erſchien ihr als eine Mutter, die ihr Gefühl unterdrückte, um zuerſt dem Verſtand ſein Recht nehmen zu laſſen. — Seien Sie nicht böſe auf mich, Marfa, waren auch die einzigen Worte, welche Willanow ausſprach, als ſie ſich näherte. Ich habe nicht anders handeln können. Alerandra wunderte ſich nicht mehr über die bei⸗ nahe töchterliche Ergebenheit, welche Willanow gegen arfa zeigte, denn dieſe erſchien ihr nicht mehr als eine Frau von untergeordneter Stellung und zweideuti⸗ ger Beſchäftigung, ſondern vielmehr als eine mit un⸗ gewöhnlichen Eigenſchaften ausgerüſtete Perſon, vor deren Augen eine ganze Welt voll Weisheit ſich ausbreitete. Das Gerücht hatte nicht gelogen. Sie ſtand über ihrem Ruf, und aus der Glorie, womit dieſer ihren Namen geſchmückt, meinte Alexandra die goldenen Blätter einer Krone hervorſchimmern zu ſehen. Alexandra fühlte ſich nicht mehr von ihr zurückgeſtoßen: in ihrer ganzen Per⸗ ſon und Umgebung fand ſich nichts Abſchreckendes vor, ſondern vielmehr etwas Großartiges, etwas Erha benes und Unerklärliches, das ſie anzog. Alexandra fühlte bereits in ihrem Innern, daß ſie verſöhnungsvoll die Worte der Matrone glauben wurde, nicht als wie Wahr⸗ ſagungen, ſondern als unerſchütterliche Wahrheiten. In Marfa's dunkeln, aber dennoch ſanften Augen ſchien keine Falſchheit wohnen, in ihrer freien, hohen Stirne keine Treuloſtgkeit ihren Sitz aufſchlagen, über dieſe ſtrengen, aber dennoch ſo ruhigen Lippen, ſchien keine Unwahrheit gehen zu köͤnnen. Hatte Alexandra bisher in der Kaiſerin Katharina nicht bloß die Selbſt herr⸗ ſcherin Rußſands, ſondern eine mächtige Schickſals⸗ 4 52 göttin erblickt, von deren Wink das Leben von Staa⸗ ten und Menſchen abhing, ſo entdeckte ſie hier eine andere, und bei der unwillkürlichen Vergleichung, die ſie zwiſchen beiden anſtellte, glaubte ſie den Unterſchied zwiſchen dem Glück und dem Leiden, zwiſchen der Freude und dem Schmerz, zwiſchen der vom Staate emporge⸗ tragenen, in die Intriguen der Politik eingeweihten Größe und der Hoheit der Seele und des Herzens zu finden, die, obſchon unterdrückt, beinahe zermalmt von den politiſchen Verhältniſſen, innere Kraft genug beſitzt, um eingeweiht in die unendlichen Myſterien des Lebens ſich zu erheben und ſich ſelbſt ein Reich zu ſchaffen. Als Willanow die alte Dame bat, ihr die Ueber⸗ tretung zu verzeihen, die ſte durch Mitnehmen der Prin⸗ zeſſin verſchuldet, ergriff Marfa herzlich ihre Hand. — Ich verzeihe Dir, Willanow, ſagte ſie, umſo⸗ mehr, als es mich freut, die Prinzeſſin Alexandra ein⸗ mal hier zu ſehen. Ich hatte Dir Etwas von Deinen Eltern zu ſagen, aber gleichviel, Du ſollſt es dennoch erfahren. 3 Marfa führte dabei Willanow an die innere Thüre, öffnete ſie und ſchob das Mädchen hinein. Alexandra hatte das Fräulein kaum verſchwinden geſehen, als ſie auf einmal einen durchdringenden Schrei örte. Das Blut blieb in ihren Adern ſtehen, denn ſie erkannte Willanow's Stimme. Aber war es Schrecken oder Freude, was dieſer Schrei verkündete? Alexandra vermochte es nicht zu entſcheiden. Ohne eine Miene zu verändern, näherte ſich Marfa der Prinzeſſin. — Sie ſind hieher gekommen, Prinzeſſin, ſagte ſie, um ſich prophezeien zu laſſen.. Marfa gegenüber fühlte ſich Alexandra ein Kind, ein ſchwaches Kind. Sie hatte dieß niemals ſo lebhaft empfunden, wie in dieſem Augenblick, wo ſie vor einem r 53 Weſen ſtand, deſſen Blicke, wie ſie beſtimmt glaubte, ihr Innerſtes durchſchauten. Obſchon Willanow's Aus⸗ ruf noch in ihren Ohren klang, ſo erſtarb doch der Ton vor der Erinnerung an die Veranlaſſung, welche ſie hierher geführt, und vor der Angſt, die ſich ihrer be⸗ mächtigte, da ſie jetzt erwartete, daß die Zukunft ihr verkündet werden ſollte. Jede Perſon, die ſich einen großen Ruf erworben hat, übt immer einen gewaltigen Einfluß auf Andere aus. Iſt vollends dieſer Ruf von der Art, wie derjenige, welcher Marfa umgab, ſo ver⸗ mag ſelbſt der Stärkſte ſich kaum des Eindruckes zu erwehren. Auch der Weiſeſte hat immer eine Breſche in ſeinem Gemüth, wodurch das Wunderbare in ſeine Seele eindringt. Es kommt wie eine Wolke, aus der man jeden Augenblick einen Finger Gottes hervorkom⸗ men zu ſehen glaubt, in deſſen Erwartung man ſich beugt. Das Unwiderſtehliche bei Allem, was wir für unerklärlich halten, kommt nicht immer von dem Ge⸗ genſtand her, ſondern iſt oft eine Unvollkommenheit in uns ſelbſt. Was eine höhere Weisheit begreift, das be⸗ greift eine geringere nicht. Der Weg der Phänomene, vom niedrigſten bis zum höchſten, beſteht theils aus nicht aufgelösten Problemen. An der höchſten Höhe arbeiten die Weiſen der Zeit, um ein neues zu löͤſen, damit ſie nachher ein noch neueres anfangen können. Auf dieſe Art bahnen wir uns den Weg zu Gottes Thron, ohne ihn jemals zu erreichen. Stehen die Wei⸗ ſen an der Spitze dieſer Bewegung, ſo folgt die ganze Menſchheit nach. Es gibt Niemand, der nicht den ſel⸗ ben Weg geht, obſchon man mehr oder weniger lang darauf bleiben muß. Wie hoch ſtand nicht Marfa in Willanow's Augen, und wie niedrig ſtand nicht das Mädchen vor Marfa! Als Marfa mit Alexandra allein blieb, betrachtete ſie die Prinzeſſin mit feſtem Blick; aber je länger die⸗ ſer auf dem jungen Mädchen ruhte, um ſo mehr ver⸗ änderte er ſich. Im Anfang lag Strenge darin, und 54 ein ſcharfſinniger Beobachter hätte ſogar eiwas Un⸗ willen entdecken können; aber allmälig verwandelte ſich dieß in Milde, von der Milde in Güte, und von der Güte in Liebe. Man hätte glauben können, eine alte Erinnerung rege ſich in der Tiefe von Marfa's Seele und wolle nicht weichen, bevor ſie gleichſam von der perſönlichen Liebenswürdigkeit und Guͤte des ungekün⸗ ſtelten Mädchens beſchworen ſei. So war es auch, und Marfa wurde in dieſem Augenblick ganz anders. Mit klopfendem Herzen beobachtete Alexandra tiefe Stille. Vor der Kaiſerin war ihr niemals ſo zu Muth geweſen wie hier: dieß kam daher, weil ſich bei Marfa mehr von der ewigen, allmächtigen Vorſehung vorfand, während dagegen die Kaiſerin mehr bloß die begrenzte wirkliche Gewalt vertrat. Die Letztere erließ vergäng⸗ liche Geſetze, die Erſtere erklärte die unvergänglichen. Welche von Beiden war die größere? Freundlich ergriff Marfa Alexandra's Hand und führte ſie zum Altar. — Ich will Dir wahrſagen, ſagte ſie, kniee hier nieder vor dem Bild der Heiligen. Folgſam, wie ein Opferlamm, kam Alexandra der Aufſorderung nach. Bete! ermahnte Marfa, erhebe Dein Herz zu Gott! Da droben muß man ſich zum Muth in ſeinem Herzen und zur Klarheit in ſeiner Seele weihen, um würdig in ſeine Schickſale hienieden blicken zu können. Alexandra betete aus der Tiefe ihres Herzens. Marfa hatte ja geſagt, daß ſie ſich dadurch zu dem weihe, was ſie ferner hören ſollte. Als ſie ihr Gebet vollendet hatte, erhob ſie ſich kindlicher als je, empfänglicher für neue Eindrücke, weicher und zärtlicher, als ſie ſich ſeit 4 langer Zeit gefühlt hatte. Alexandra, ſprach Marfa, kommen Sie hierher. Sie faͤrchten ſich vor mir... ſagen Sie mir... fürch⸗ ten Sie mich nicht? Marfa behandelte ſie, als wäre ſie ihr eigenes Kind. 5⁵ Alexandra fühlte ſich gerührt von dieſer Herzlichkeit, ſie erſchien ihr ſo wunderlich und ergriff wirklich tief ihr beklemmtes Herz. Sie näherte ſich der alten Dame, wie wenn ſie ſich einer Mutter genähert hätte. — Sie wünſchen, daß ich Ihnen wahrſagen ſoll .. ich will es thun. Alexandra wollte ihre Hände vorſtrecken; ſie hatte ſagen gehört, daß man dieſe hinzuhalten pflege, wenn man ſich prophezeien laſſen wolle. — Das iſt nicht nöthig, Alexandra, ſagte Marfa. Die Hände zeigen mir nichts, was ich nicht bereits in Ihren Augen und in Ihrem Herzen geleſen hätte. Sie lieben doch, Alexandra? — Ja, Marfa, ich liebe. — Sie ſind jung und gut. Alexandra ſeufzte. Sie war tief gerührt; ſie hatte fich nieinals ſo demüthig gefühlt wie in dieſem Augen⸗ ick. — Ihre Liebe, fuhr Marfa fort, hängt von der Kaiſerin Katharina ab. Kennen Sie dieſe Frau? — Warum ſollte ich ſie nicht kennen? ſie iſt ja meine Großmutter! — Arme Alerxandra, Sie glauben ſie zu kennen, aber Sie täuſchen ſich. In Allem, was die Kaiſerin in äußeren weltlichen Beziehungen unternimmt, iſt ſie glücklich, denn ſie beſitzt Genie und Klugheit, Entſchloſ⸗ ſenheit und Muth, und ſie ſcheut kein Mittel, um ihr Ziel zu erreichen; in Allem dagegen, was das innere Leben betrifft, wobei es ſich um die moraliſchen Rechte der Menſchen handelt, iſt ſie unglücklich: denn dieß ſind Dinge, die ſie mit ihrem verwelkten Herzen nicht be⸗ greift, die ſie mit ihrer ſelbſtſüchtigen Natur niemals geachtet hat, und denen ſie mit ihrem kalten Charakter nie einen höheren Werth beilegen wird, als die rohe, vergängliche, bloß thieriſche Sinnlichkeit ihnen beilegt. Was ſie in ſolchen Fällen mit ihrer Hand berührt, das verwelkt unter derſelben. Sie liebt, glaubt man, aber ihr Athemzug iſt ein Froſt, der Alles um ſie her erfrie⸗ ren macht. Denken Sie an das Schickſal Peter's III. Denken Sie an alle diejenigen, die ſpäter folgten. Man betet die Kaiſerin an; aber ſie erblickt in dieſen An⸗ betern nur ihre Opfer; dieſe ſterben in ihren Armen, während ſie ihre Liebe aushauchen. Die Liebe der Kai⸗ ſerin gleicht der Liebe der Naturforſcher; denn juſt die Blumen, welche ſie liebt, bricht ſie, und juſt die In⸗ ſekten, die ihr am Beſten gefallen, ſteckt ſie auf ihre Nadeln auf. Nicht ein einziges Wort von Allem, was Marfa ſagte, entging Alexandra. Aber was hörte ſie? War dieß eine Prophezeiung oder ein Räthſel, das gelöst wurde? war es eines Sehers prophetiſcher Geiſt, der zu ihr ſprach, oder war es bloß gewöhnliche menſchliche Weisheit? Alexandra, die durch ihre Erziehung unbedingte Bewunderung für die Kaiſerin gelernt hatte, wurde zu⸗ erſt von Willanow und jetzt auch von Marfa Schritt für Schritt in eine Stellung gefuͤhrt, von wo aus die Kaiſerin ſich ihr in einem ganz andern Leichte darſtellte als früher. Die Erzählung von der Prinzeſſin Tarra⸗ kanow hatte nur einen noch unklaren Eindruck zurück⸗ gelaſſen, aber dieſer Eindruck gewann durch Marfa's Aeußerungen immer mehr an Stärke. Bisher hatte Alexandra nur unter Illuſtonen ge⸗ lebt, aber mit einer Hand, hart wie die Wirklichkeit, unbeſtechlich wie die Wahrheit und rechtſchaffen wie die Aufrichtigkeit, griff Marfa in dieſelben, und eine um die andere begann zu ſchwinden. Noch vermochte Alexandra ſich ihr Gefühl nicht klar zu machen, aber mit unausſprechlichem Schmerz ſah ſte, wie einer der Traum⸗ und Phantaſiepaläſte, unter welchen ſie ſich bisher ſo glücklich gefühlt hatte, um den andern in Trümmer ſturzte. — Die Kaiſerin, fuhr Marfa fort, hat in ihrem Herzen niemals ein Paradies beſeſſen, niemals die heilige 57 Phantaſie eines innern Lebens empfunden, ſie iſt nie⸗ mals von den idealen Entzückungen einer reinen Seele inſpirirt geweſen, und ſie kann ſolche deßhalb weder achten, noch verſtehen. Ihr Herz war immer ein ein⸗ faches Laboratorium, wo das Feuer nur durch die chemiſche Einwirkung gröberer Wünſche aufeinander, durch die Temperaturwechſel in ihrem Gemüthe oder durch die gewaltſame Reibung der Leidenſchaften an einander unterhalten wurde. Ihre Lebensbahn iſt nicht eine Entwickelung moraliſcher Motive, ſondern bloß eine Kette von Bedürfniſſen des Ehrgeizes und der Selbſtbefriedigung: ſie hat auch nicht zu einer innern, ſondern nur zu einer äußern politiſchen Größe geführt; nicht zu einer Lichtſaule, die hell durch die Nacht ſtrahlt, ſondern zu einer Wolkenſäule am Tage; nicht zu einem Stern, der die Völker an die Krippe des Erlöſers leitet, ſondern zu einer Straße, die auf einen Golgatha führt. Tis Mitwelt mag die Kniee beugen; die Nachwelt wird richten. Marfa verſtummte, ergriff aber nach einer kurzen Pauſe wieder das Wort. — Es thut mir leid, ſagte ſie, daß ich genöthigt bin, Ihren Glauben an den Charakter Ihrer hohen Verwandten zu erſchüttern, aber es iſt beſſer, Sie ge⸗ wöhnen ſich bei Zeiten daran, Ihren Hoffnungen zu mißtrauen, als wenn das Unglück Sie in Ihrem Aber⸗ glauben träfe; bereiten Sie ſich allmälig auf die har⸗ ten Schläge vor, welche das Mißgeſchick immer ver⸗ ſetzt, und Sie werden dadurch nicht zermalmt werden; wenn Sie dagegen hoffen, bis dieſe Sie treffen, ſo wer⸗ den Sie troſtlos unter Ihrer Verzweiflung erliegen. Nur Alexandra's ſtarrer Blick und ihre blaſſen Wangen deuteten an, was in ihrem Innern vorging. — Aber.. ſtammelte ſie... aber... — Die Kaiſerin liebt Sie, wollen Sie ſagen. Sie ſind nichts Anderes, Alerandra, als das Symbol der politiſchen Liebe der Kaiſerin zu Schweden. — Aber Guſtav... — Er iſt jung und er liebt Sie ohne alle poli⸗ tiſche Berechnungen, das iſt wahr; aber er iſt ein Mann, Alexandra, und wenn er die Motive Katharina's ent⸗ deckt, ſo wird ſein Stolz ihm verbieten, ſich zu demüthi⸗ gen. Ich blicke durch Ihr Herz und ſehe die Zukunft, ich urtheile nach der menſchlichen Natur und prophe⸗ zeie, was geſchehen wird; ich leſe die Hieroglyphen in Ihrem Gemüthe und ich weiß, was eintreffen wird. Haben Sie von der Prinzeſſin Tarrakanow, der Toch⸗ ter der Kaiſerin Eliſabeth, gehört? Alexandra erhob beinahe erſchrocken ihr Haupt. Tarrakanow's Schickſal hatte wie ein finſterer Schat⸗ ten ihren Gedanken vorgeſchwebt und ſchon vorher Zwei⸗ fel in ihre Seele geworfen; daß ſie dieſen Namen jetzt wiederholen hörte, das gab ihm noch größere Bedeutung. — Ich weiß das, antwortete ſie, Willanow hat mir die Geſchichte dieſer Prinzeſſin erzählt. — Tarrakanow war ein Kind wie Sie, Alexandra; ſie träumte von Liebe und Glück, ſie hatte einen leb⸗ haften Traum von Seligkeit und Zukunft gerade wie Sie; aber Katharina's kalte Politik brach den Stab über ihrem Haupte und ſie ging unter als eine Mär⸗ tyrerin ihrer Träͤume. Ich ſehe eine Thräne in Ihrem Auge, Alexandra. Weinen Sie über Katharina's Grau⸗ ſamkeit oder über Tarrakanow's Unglück? Niemand gibt gutwillig ſeine Illuſtonen auf. Alexan⸗ dra erinnerte ſich jetzt auch der Einwendungen, welche ſie Willanow gemacht hatte, die keine Antwort darauf hatte ertheilen köͤnnen. Es war nicht viel, aber doch Etwas. Die Einwendung war ja jedenfalls ein Punkt, wovon ſie ausgehen konnte, um ihre Hoffnungen zu vertheidigen. — Nicht wahr, Marfa, Sie waren es, die Willa⸗ now die Schickſale dieſer Prinzeſſin erzählte? — Ja. — Aber Willanow erzählte ſie mir als Beweis, 59 mit welchem Recht Sie den Grafen Orlow haſſen, und gleichwohl griff er in keines der Ereigniſſe ein, welche die Prinzeſſin betrafen. Marfa betrachtete Alexandra einen Augenblick ſchwei⸗ gend. — Warum ſtellen Sie dieſe Frage? ſagte ſie. — Verzeihen Sie mir, Marfa, antwortete Alexan⸗ dra, aber wenn man ſich in einer Beziehung täuſchen konnte, ſo konnte man das auch in andern. Ich möchte die Kaiſerin ſo gerne unſchuldig und von den Vorwür⸗ fen, die man ihr macht, gereinigt ſehen. — Ihr Wunſch zeugt von einem edlen Herzen und macht Ihnen Ehre. Graf Orlow war es, welcher da⸗ für ſorgte, daß die Newa in das Gefängniß hinein ge⸗ leitet wurde. Marfa gab keine Auslegung. Sie theilte bloß die Urſache ihrer Verachtung mit. — Und dennoch, fügte ſie gleichwohl nach einer Weile hinzu, ſteht dieſer Graf Orlow der Kaiſerin ſo nahe. Allerandra ſenkte den Kopf in ihre Hände, ſie hatte nichts mehr einzuwenden. — Die Geſchichte der Kaiſerin Katharina, fuhr Marfa fort, hat Donner und Blitz, aber kein Herz und keine Liebe. Sie iſt großartig wie die Segoviabrücke in Spanien; aber es fehlt ihr wie dieſer ein Strom, worin der Himmel ſich abſpiegeln kann. Allexandra höͤrte nicht, was Marfa ſagte. Um ihre Hoffnungen zu retten, hatte ſie ſich gleichſam an der Wurzel ihrer Liebe feſtgehalten. — Aber Guſtav Adolph wird hierher kommen, ſagte fier wir haben bereits ſichere Nachrichten darüber er⸗ halten. — Er wird kommen, reich an ſchönen Zukunfts⸗ träumen, und Ihre Liebe wird in neue Blüthen em⸗ porſchießen; aber Katharina's Genius wird ihn bald 60 wieder von Ihnen ſcheuchen, und all' die glänzenden Luftſchlöſſer, die Ihre Phantaſie erbaut hat, werden zu einem Schutthaufen am Fuß der Kaiſerin zerfallen. Sie hat mit der Liebe gebrochen, die Liebe wird mit ihr brechen. Sie hat geſtraft, ſie wird geſtraft wer⸗ den. Die Hefe des bittern Kelchs, den ſie für Andere eingeſchenkt hat, wird ſie ſelbſt leeren müſſen. In ihrer Macht hat ſie mit den Herzen der Menſchen geſpielt; ſgereſeis werden dieſe mit der Macht der Kaiſerin pielen. Alexandra war von Neuem in ſich ſelbſt verſunken. Marfa drückte ſich mit ſolcher Sicherheit aus, daß die Prinzeſſin an keine Vertheidigung mehr dachte. — Mein Gott, mein Gott! ſeufzte ſie bloß. Marfa legte ihre Hand auf die Schulter des kla⸗ genden Mädchens. Alexandra, ſagte ſie, in dem Herzen jedes jungen Weibes liegt ein Saitenſpiel, das von Hoffnungen auf das Leben, von Liebe in der Welt, von Glück und Seligkeit ertönt. Dieſes Saitenſpiel zu zerſchlagen, iſt eine Sünde. Niemand, wer dieſe Töne ſelbſt geliebt und verſtanden hat, thut dieß, ohne grauſam und hart zu ſein. Katharina hatte es inzwiſchen für Tarraka⸗ now zerſchlagen; aber ich, Prinzeſſin, habe nicht um meine Freundin zu rächen, nicht aus Grauſamkeit oder Härte in Ihr Leben eingegriffen. Meine Abſicht iſt eine ganz andere geweſen. Marfa ſprach in Bildern und freundlich; ihre Worte thaten Alexandra wohl. — Sie haben Katharina anbeten gelernt, Alexan⸗ dra, und für die Kaiſerin iſt es wirklich ein Bedürfniß, ſich von ihrer ganzen Umgebung angebetet zu ſehen; aber beten Sie lieber Gott an, Alexandra, und Sie werden ſich im Unglück glücklich, in Ihrer Schwäche ſtark fühlen. Sie können noch hoffen, wenn all' Ihre Hoffnungen eingeſtürzt ſind, noch lieben, wenn die Liebe Sie verläßt, noch im Tode leben. Zu Gott nahm Tar⸗ 61 rakanow ihre Zuflucht, als ſie von allen Menſchen ver⸗ laſſen war, aber durch ſeine Gnade iſt ſie auch geret⸗ tet worden. — Gerettet? Marfa achtete nicht auf die Frage. — Ich habe das Saitenſpiel in Ihrer Bruſt nicht zerſchlagen wollen, Alexandra, ich habe es nur ſtimmen wollen, damit Sie bei Zeit erfahren ſollten, daß andere Töne, als ſolche, die bisher Ihrer Neigung geſchmei⸗ chelt haben, moraliſch ſtärkend, phyſiſch reinigend darin wohnen. Hören Sie nun genau darauf, Alexandra; halten Sie Ihr Ohr dicht an Ihr Herz hinab, und Sie werden hören, wie das Weltliche im Leben, das Sie bisher allein entzückt hat, in eine herrliche Hymne ſich verwandeln wird; Sie werden bemerken, wie die heißen Seufzer der Liebe ſich in Seufzer des Gebetes verwan⸗ deln, wie die Begierden geläutert, die Leidenſchaften be⸗ ruhigt werden, und mit welcher Kraft Sie ſodann allen Fügungen der Vorſehung entgegengehen können. Marfa ergriff Alexandra's Hand. — Laſſen Sie uns beten, ſagte ſie, laſſen Sie uns zuſammen beten. Wie anders war Alexandra's Zuſammentreffen nicht ausgefallen, als ſie ſich vorgeſtellt hatte! Sie hatte ver⸗ muthet, eine zweite Pythia zu finden, die in unbeſtimm⸗ ten Orakelſprüchen dunkel ihre Zukunft beleuchten würde; aber ſie hatte Welterfahrung, Menſchenkenntniß und Chriſtenthum gefunden. Sie hatte weniger und auch mehr gefunden, als ſie erwartet; weniger, weil weder in Marfa's Perſon noch in ihren Ausſprüchen etwas Wun⸗ derbares lag; mehr, weil in beiden dennoch Etwas lag, was, wenn es auch ihren Verſtand nicht in Verwun⸗ derung geſetzt, doch ihr Herz überraſcht hatte. Alerandra und Marfa knieten Beide betend am Altar nieder. Rings um ſie her war es ſo ſtill und ſchweigſam. Das Leben konnte nie eine frohlichere Stunde beſitzen als dieſe. 62 Auf dem Altar brannten die Lichter ſo hell und das Marienbild ſtrahlte freundlich auf ſie herab. Sie beteten lange aus der Tiefe ihres Innern; aber die Worte erſtarben bereits auf ihren Lippen, und der Au⸗ genblick war gekommen, wo das Gebet aufhörte und die Gedanken mit einem Heiligenſchimmer über das noch unruhige Gewoge des Herzens hinſchwebten, als ſie plöͤtzlich von einem Gepolter geſtört wurden, das ſie veranlaßte, auf einmal mit einer heftigen Bewegung von ihren Pl ätzen aufzuſpringen. Dieſes ſo unerwartete Gepolter kam nicht von den inneren Zimmern, ſondern von Außen her, von der Eingangsthüre, die unter den heftigen Schlägen krachte. — Mein Gott, was bedeutet dieſer Lärm? fragte Alexandra; ſollte man uns verfolgt haben? Sie erinnerte ſich an das Ereigniß unterwegs, und die Furcht kehrte mit all' ihrer Kraft zurück. Marfa ſtand lauſchend da; auf ſolche Art und zu dieſer Zeit hatte man nie bei ihr einzudringen geſucht. Das Gepolter an der Thüre währte fort und nahm ſogar zu. Ein ſchnell vorübergehendes Mißvergnügen verdunkelte Marfa's Stirne, aber Stolz und Ruhe ver⸗ ſcheuchten bald die Wolken wieder. Entſchloſſen trat ſie einen Schritt gegen die Thure, um dem Unverſchäm⸗ ten entgegenzugehen, der auf dieſe Art den Frieden um ſie her ſtörte. Aber in demſelben Augenblick kam Wil⸗ lanow heraus, die ebenfalls durch den Lärm aufge⸗ ſchreckt worden. Ihr folgten die zwei Alten und der Abbé; aber ehe ſie noch auf die Schwelle kamen, wehrte ſie ihnen mit der Hand und machte die Thüre zu. Gleich als empfände ſie das Bedürfniß einer doppelten Vorſicht, ſchob ſie den äußeren Riegel vor. — Was iſt das für ein Lärm? fragte ſie. Man ſcheint mit Gewalt hier eindringen zu wollen. Laſſen Sie uns ſehen, was man will. Alexandra hatte Marfa's Hand nicht losgelaſſen, 63 und Marfa ſpürte, wie das junge Mädchen ſchwankte; ſie fuͤhrte ſie daher an eine Bank, in der Abſicht, ſte ausruhen zu laſſen. Inzwiſchen war die Thüre dem heftigen Andrang gewichen und in dieſem Augenblick ſtürzte ein Mann von rieſigem, wildem Ausſehen herein. Unter der hohen Stirne, wo die Adern ſich durchkreuzten und ſchwollen wie blaue Würmer, funkelten zwei große graue Augen. Das Geſicht war bleich und mager, aber ver⸗ wirrt von Leidenſchaften. Die Bruſt hob ſich haſtig, der Athem war kurz und heiß. Der Mann war kein anderer als Andreas, der, nachdem er bemerkt hatte, daß die Mädchen bei Zeit aus dem Wagen geflohen waren, erbittert umgekehrt war, um ſie aufzuſuchen. Er konnte leicht errathen, daß ſie den Weg nach Strelna eingeſchlagen hatten, und deßhalb eilte er auch hierher. Immer aufbrauſend, heftig und wild, von den er⸗ ſten Eindrücken des Augenblicks geleitet, betrachtete er die Flucht der Mädchen als eine Beleidigung gegen ſeine Wachſamfeit, worüber ſein Bruder ihn verhöhnen 5 und er ſchwur, ſein ganzes Anſehen geltend zu machen. Er ſtieß ſeinem Pferd die Sporen in die Seite und flog die Allee entlang nach Strelna. Ihm folgte der Bediente und zuletzt der Wagen. Wäre Jemand auf dieſer Fahrt ihm begegnet, ſo würde man ihn für einen Dämon gehalten haben, der ſich auf einer Expedition zum Teufel ſelbſt befand. Als Andreas eintrat, fiel ſein Blick ſogleich auf Willanow. Marfa befand ſich in einer Ecke des Zim⸗ mers, noch beſchäftigt, Alexandra zu tröſten. Ein dunk⸗ ler Schatten bedeckte die Prinzeſſin und ſie. Andreas ſah nichts Anderes, als Willanow: er ſuchte ſie allein. In ſeiner leidenſchaftlichen Aufregung dachte er an nichts Anderes, als an das Verſprechen, das er ſeinem Bru⸗ der gegeben hatte. Jetzt ſollte Willanow ihm nicht entkommen. — Sie folgen mir, befahl er ihr. Willanow erkannte in ihm ſogleich denſelben blei⸗ chen, unheimlichen Mann, der ſie von Petershof her zu Pferd verfolgt hatte, und obſchon ſie nicht umhin konnte, bei ſeinem Anblick einen Schritt zurückzutreten, ſo be⸗ ſann ſie ſich doch bald wieder, da ſie begriff, daß Muth und Geiſtesgegenwart, nicht aber Schwäche hier am Platze waren. — Was wollen Sie von mir, mein Herr? fragte ſie. Ich kenne Sie nicht. — Was ich von Ihnen will? ich will Sie vor der Gefahr retten, die Sie bedroht. Andreas erinnerte ſich ganz genau des Auftrages, den ſein Bruder ihm ertheilt hatte. — Ich habe nichts zu fürchten... entfernen Sie ſich.. — Sie begreifen ſelbſt die Gefahr nicht, die über Ihrem Haupte ſchwebt: freiwillig oder nicht, Sie müſ⸗ ſen mir folgen... wenn Sie nicht gutwillig kommen, ſo trage ich Sie hinweg. Das von einem dichten zottigen Bart umgebene Geſicht und die Haare, die verwirrt um ſeinen Kopf hingen, gaben Andreas ein ſchreckliches Ausſehen. Als er ſich daher jetzt Willanow näherte, in der offenbaren Ab⸗ ſicht, ſie um den Leib zu nehmen und ſeiner Erklärung gemäß, mit ſich zu ziehen, zog das Fräulein ſich er⸗ erſchrocken zurück. Andreas, der ſich in einem Zuſtand gährender Lei⸗ denſchaft befand, gedachte, ſie nicht entkommen zu laſſen und verfolgte ſie. Er begriff recht gut, daß er, obſchon er ſeinem Bruder gehorchte, dennoch Etwas vorhatte, das den Hausfrieden verletzte, und auch dieſer Umſtand, welcher in ſeiner redlichen Seele Vorwürfe hervorief, trug dazu bei, ſeine Hitze zu vermehren, weil er die Sache ſo ſchnell als möglich abzumachen wünſchte. 65⁵ Der Augenblick war auch vollkommen günſtig, da er keine andere Perſon ſah und Willanow allein glaubte. Das Mädchen zog ſich an den Altar als eine na⸗ türliche Schutzwehr zuruck, aber Andreas achtete nicht darauf, ſondern hatte, wie eine gereizte Beſtie, nur den Gegenſtand ſeiner Verfolgung vor Augen. Schon ſtreckte er ſeine langen ſehnigen Arme aus, um ſie um den Leib zu faſſen, als Marfa von Alexan⸗ dra's Seite wegeilte und zwiſchen Beide trat. — Im Namen der heiligen Maria, ſagte ſie, was machen Sie? Bei Marfa's Anblick that Andreas ſich Einhalt. Mit einer Wüͤrde, die ſich durch nichts erſchüttern ließ, ſtand ſie, die Hand gegen ihn ausgeſtreckt, da. Hätte ein Blitz zwiſchen Willanow und Andreas geſchlagen, er hätte keine ſolche Veränderung bei ihm hervorrufen können, wie der Anblick Marfa's. Von Entſetzen ergriffen, betrachtete er ſie, ſtumm, ſtarr, ver⸗ nichtet. Seine großen grauen Augen ſchienen beinahe aus ſeinem Kopf fallen zu wollen, ſeine Arme ſanken ohnmächtig auf die Seite hinab, ſein Körper wurde wie von einem gewaltſamen vulkaniſchen Aufruhr erſchüt⸗ tert; endlich ſank er auf ſeine Kniee nieder, ſeine Miene gewann einen milderen Charakter, über die groben Züge breitete ſich ein höherer Glanz: er glich dem unbehaue⸗ nen Marmorblock, der beim Lichte des Tages von ſei⸗ nem eigenen edlen Werthe glänzte; zuletzt erhob er ſeine Hände, aber nicht zum Gebet, ſondern wie wenn er bang und ſcheu in der Luft hätte fühlen wollen, wer das Weib war, das vor ihm ſtand. Nicht bloß Alexandra, ſondern auch Marfa blickte verwundert den ſonderbaren Mann an. Aber plötzlich verzerrte ſich ſein Geſicht wieder und nahm ſein fruͤheres Ausſehen an. In ſeinem Innern ſchien er von einem böſen Geiſte zerriſſen zu werden. Mit der Schnelligkeit des Jaguars, des amerikaniſchen Der Fürſt. II. 5 66 Tigers, eilte er von ſeinem Platze auf; aber in ſeiner neuen Stellung verweilte er noch einen Augenblick, die Augen ſtarr auf Marfa geheftet. — Tarrakanow, rief er mit einem Schrei, wäh⸗ rend er das Geſicht in ſeinen Händen verbarg und hin⸗ ausſtürzte, Tarrakanow! Wie ein Sturmwind war er gekommen, wie ein Sturmwind verſchwand er. 1 — Kanntet ihr dieſen Mann? fragte Marfa die beiden Mädchen. — Nein, antworteten ſie, wir kennen ihn nicht. Eine halbe Stunde ſpäter fuhren Alexandra und Willanow in ihrem eigenen Wagen, welchen Andreas vor der Thüre gelaſſen hatte, von Strelna weg. Wir übergehen die Reflexionen der beiden Mädchen über das, was ſich zugetragen hatte, glauben jedoch erwähnen zu müſſen, daß Alexandra die Urſache des Schreies zu erfahren verlangte, welcher ſich unwillkürlich über Wil⸗ lanow's Lippen gedrängt hatte, als Marfa ſie in das innere Zimmer führte.— Willanow weigerte ſich jedoch, Aufſchlüſſe darüber zu ertheilen. — Schon wieder Geheimniſſe, bemerkte Alexandra, Du biſt nie aufrichtig! — Machen Sie mir keine Vorwürfe, aber ich kann und darf nicht ſprechen. — Wurdeſt Du von etwas Wunderbarem über⸗ raſcht, das Du nicht erwartet hatteſt? — Sprechen Sie nicht davon. — Du erſchrackſt? — Nein und ja. — War es vielleicht Freude? — Ja und nein. 8 2 Æ Q RZSEe ESAS 67 Sechszehntes Kapitel. St. Petersburg.*) Die kaiſerliche Familie war nach Petersburg zu⸗ rückgekehrt. St. Petersburg iſt unleugbar eine der prachtvoll⸗ ſten und regelmäßigſten Städte Europa's, wo nicht der ganzen Welt; ſie iſt auch eine der jüngſten Städte und die jüngſte von ſo rieſengroßen Dimenſionen. Bei der Anlegung von Petersburg und Kronſtadt ging Czar Peter auf eine eigenthümliche Weiſe zu Werke. Als vorbereitende Maßregel ließ er zuerſt die für ſein neues Werk beſtimmten Plätze nebſt allen ihren lokalen Eigen⸗ heiten auf eine Plantafel aufnehmen. Sodann ließ er auf dieſen Plan Märkte, Straßen, Promenaden, Gär⸗ ten u. ſ. w. einzeichnen, hierauf die Miniaturmodelle der öffentlichen Gebäude, deren Plätze er beſtimmte, aus⸗ arbeiten: Die Zwiſchenräume längs den Märkten und Straßen hin wurden mit Privathäuſern ausgefüllt, ſo wie er ſich dieſelben dachte. Dadurch ſind dieſe Städte auch geworden, was ſie ſind, nämlich Modelle an Pracht und Ordnung. Natürlich wuchſen ſie jedoch nicht ſo ſchnell empor, wie Czar Peter ſich dachte, und erſt jetzt, nach anderthalb Jahrhunderten ſteht ſein Werk, man kann ſa⸗ gen, vollendet da, obſchon die Schöpfung noch immer wächst. Obſchon die Entfernung zwiſchen Kronſtadt und Petersburg ohngefähr vierzig Werſte beträgt, ſo kann man doch bei ſchönem Wetter von den Maſtkörben der Rhede Kronſtadts her die Thürme von Petersburg ſehen. Aber ſo kurz dieſer Weg auch iſt, ſo hat er doch allerlei *) Dieſes Kapitel können alle Diejenigen überſprin⸗ gen, die ſich nur für den Gang der Geſchichte intereſſiren. 5* Beſchwerlichkeiten. Erſt nachdem man dreißig Werſte zu⸗ rückgelegt hat, kommt man an die Newa, welche ziemlich reißend ſich in den Golf ergießt, und es iſt ein ſtarker Wind in den Segeln erforderlich, um ihren Widerſtand zu über⸗ winden. Das Waſſer iſt übrigens ſeicht; nur Schiffe, die nicht mehr als ſieben und einen halben Fuß tief gehen, kommen vorwärts. Die größeren Kriegsſchiffe, die auf dem Admiralitätsbauplatz verfertigt werden, wo die Newa tiefer iſt, werden auf ſogenannten Kamelen oder Trägern nach Kronſtadt geſchafft. Aber man ver⸗ gißt die Beſchwerlichkeiten des Weges leicht über die ſchönen Orte, durch welche man kommt, und zu welchen man beſonders Oranienbaum, Petershof, Strelna und Katharinenhof rechnen muß. Nachdem man an dem Wachtſchiff und einer Menge umfaſſender Korn⸗, Flachs⸗, Talg⸗ und Hanfmagazine vorübergekommen iſt, wird die Ausſicht im höchſten Grad impoſant, denn die Mün⸗ dung der Newa, die hier ungefähr fünfhundert Ellen breit iſt, zeigt ſich jetzt, ſo weit das Auge reicht, von Paläſten umgeben, die von einer großartigen, beinahe verſchwenderiſchen Architectur zeugen. 1 In vielen anderen Hauptſtädten wird der Eindruck durch den bunten contraſtirenden Anblick unanſehnlicher, geſchmackloſer Gebäude in der Nähe von Koloſſen in wirklich edlem Styl geſtört; hier findet keine ſolche Störung ſtatt, hier ſtehen die einzelnen Theile des Ge⸗ mäldes in Harmonie mit einander, der Eindruck iſt ganz impoſant, erhaben: Palaſt an Palaſt, ſämmt⸗ lich mit Balkonen verſehen, die auf prachtvollen Säu⸗ len ruhen, und da und dort ein Kirchthurm, vergoldet, verſilbert oder mit grünen oder mit rothen Farben be⸗ malt, der ſich glänzend über das Ganze erhebt! Da die Natur für die Schönheit dieſer Stadt Nichts gethan hat, ſo hat alſo die Kunſt aus Nichts ein Wun⸗ der gemacht. Petersburg liegt zum Theil auf dem feſten Land, v 69 zum Theil auf Inſeln, wo die Newa in drei Armen, in der großen und kleinen Newa, ſo wie in der Newka unter Biegungen in den finniſchen Meerbuſen einläuft. Die Stadt wird dadurch in drei große Theile getheilt, wovon der größte auf dem linken Üfer des Fluſſes oder auf dem feſten Lande liegt, und in Folge der Krüm⸗ mung der Waſſerader aus einem unregelmäßigen Dreieck beſteht. Dieſes Dreieck wird jetzt von vier, zu Katha⸗ rina's Zeiten aber wurde es nur von drei Kanälen durchſchnitten, wovon der eine in einer krummen Linie den andern einſchließt. Wenn man von dem hohen vergoldeten Thurm des Admiralitätsgebäudes aus, der eine endloſe Ausſicht darbietet, über die Stadt hinblickt, entdeckt man Mojka, den kleinſten der Kanäle, ſodann den Katharinenkanal, welcher den Mojka einſchließt, hieraus den Fontanka, und endlich den Zagarednoy⸗ kanal, der zuletzt angelegt worden iſt. Die gewöhnlich ſo labyrinthiſche Anlage großer Städte, die es dem Reiſenden ſo ſchwer, wo nicht un⸗ möglich macht, ſich zurechtzufinden, iſt hier nicht vor⸗ handen. Das Ganze iſt in kleinere Gruppen abgetheilt und der Name jeder beſondern Gruppe iſt ein Weg⸗zei⸗ gender Ariadnefaden, der uns bald in der ganzen Ge⸗ gend bekannt macht. Durch die Newa, welche dem Woskreſenskiſchen Kloſter gegenüber den kleinen Ochtafluß in ſich auf⸗ nimmt, ſteht Petersburg in einer vortheilhaften See⸗ verbindung mit dem Innern des Landes, und durch den finniſchen Meerbuſen wird eine nicht minder wichtige Ausſicht auf den Welthandel eröffnet. Die Geſchichte von der Anlage Petersburgs iſt kurz folgende. Sieben Werſte von der Mündung der Newa oder da, wo ſie die Ochta in ſich aufnimmt, legten die Schwe⸗ den im Jahr 1300 eine Feſtung an, die ſie nach dem Fluß, die Newaſchanze, nannten. Im Verlauf der Jahrhunderte trafen die ruſſiſchen und ſchwediſchen Waffen mehr als einmal um dieſen Militärpoſten zuſammen, und wie anders würde die europäiſche Karte jetzt nicht ausſehen, wenn die ſchwe⸗ diſchen Fahnen, ſtatt ſich, wie ſie zuletzt thaten, durch trügeriſche Illuſtonen verführt, in's Innere der ruſſi⸗ ſchen Monarchie zu vertiefen, ſich um dieſen Punkt con⸗ centrirt hätten, von wo aus die Gefahr unſerer gegen⸗ wärtigen Lage uns ſchon damals bedrohte. Aber gleich dem Hund in der Fabel ließ unſere Politik ſchon da- mals das Stück Fleiſch fahren, um nach dem Schat⸗ ten zu greifen. Peter I. dagegen mit ſeinem Scharfſinn erkannte die Wichtigkeit dieſes Punktes, und nachdem er Herr deſſelben geworden, verwandelte er ihn auch zu einem Stützpunkt des Wagebalkens, womit die ruſſiſche Politik ſpäter die Rechte der europäiſchen Staatsgeſell⸗ ſchaften und die gegenſeitigen Pflichten den Monarchen und Völkern abwog. Um ſich für immer zum Herrn dieſes wichtigen militäriſchen Knotens zu machen, beſchloß Peter die An⸗ legung einer ſtärkeren Feſtung als des Mittelpunktes für eine neue Stadt. Am Pfingſttag, einem der wichtigſten Feſte der ruſ⸗ ſiſchen Kirche, am 16. Mai 1703, legte er den Grund⸗ ſtein einer Feſtung auf der kleinen Inſel Jenniſari. Um dieſe Feſtung herum iſt ſpäter die übrige Stadt allmälig angewachſen. Auf dem ſüdlichen Ufer der Jenniſari lag Peter's J. unanſehnliche Wohnung, welche 1779, nebſt einem von ihm ſelbſt gezimmerten Boot, mit einem ſteinernen Schop⸗ pen überbaut wurde und noch heutigen Tags als ein Nationalheiligthum bewahrt wird. Wenn man dieſes kleine Häuschen Peter's, worin ſein großer Geiſt wohnte, als eine Mutter des ſtolzen 7 » Sprößlings St. Petersburg betrachten kann, ſo kann man auch ſein kleines Boot als eine Amme betrachten, 71 an deren Bruſt die mächtige ruſſiſche Flotte, deren Flag⸗ gen jetzt auf dem Weltmeer wehen, ihre erſten Lebens⸗ kräfte einſog. Aber damit man in Petersburg, der neuen Haupt⸗ ſtadt des ruſſiſchen Reiches, ruhig und ſicher ſollte woh⸗ nen können, warf er mit einem Scharffinn, der von ſtaatsmänniſchem und militäriſchem Geſichtspunkte aus gleiche Bewunderung verdient, wetter gegen das Meer hinaus einen gewaltigen Vorpoſten, und der Name die⸗ ſes Vorpoſtens iſt Kronſtadt. Heutzutage und mit der Unterſtützung, welche Kronſtadt jederzeit von Petersburg erhalten kann, dürfte man dieſe Vormauer als un⸗ einnehmbar betrachten. Der Hafen von Kronſtadt iſt auf allen Seiten, wo man einen Angriff befürchten kann, von einer Mauer aus Quaderſteinen umſchloſſen, die mit ſtarkem Ver⸗ theidigungsgeſchütz bepflanzt iſt. Im Fahrwaſſer liegen überdieß zehn bis zwölf große Batterien und Blockhäuſer, welche einander decken, und vor kuſer Befeſtigungslinie befinden ſich noch mehrere Kriegs⸗ iffe. Das Land, auf welchem Kronſtadt liegt, ſchließt mit einer langen und ſchmalen Landzunge, die auf der andern Seite einen neuen Durchgang bildet, mittelſt deſſen man das Ganze umgehen könnte; aber auch hier hat man jedem feindlichen Angriff auf's Kräftigſte ent⸗ gegengearbeitet. Kronſtadt iſt der Schlüſſel von Petersburg. Ohne daß man dieſen beſitzt, werden die Thore der Kaiſer⸗ ſtadt nicht geöffnet. Seit Peter's Zeit haben alle ruſſiſchen Regenten ſich beeifert, ſein großes Werk zu vollenden, und noch heu⸗ tigen Tags iſt das Kaiſerhaus von denſelben Einge⸗ bungen beſeelt. Betrachtet man, was Katharina II. für Rußland gethan hat, beſonders aber ihre Thätigkeit für die Ver⸗ ſchönerung der Hauptſtadt, worin ſie unleugbar am edel⸗ 72 ſten und reinſten daſteht, ſo hat ſie ſo viele großartige Werke hinterlaſſen, daß die Nachwelt immer die geſchicht⸗ liche Wahrheit der Inſchrift erkennen muß, welche ſie, als ſie auf dem Iſaksplatz Peters J. eherne Statue errich⸗ tete, in das Fußgeſtell eingraben ließ: Petro primo Catharina secunda. Aber wenn Katharina's Regierung nicht bloß eine Menge von Denkmälern, die von Größe und Energie zeugen, um ſich her ſchuf, ſondern dabei auch einen milden und liebenswürdigen Charakter gegen ihre nächſte Umgebung beſaß, ſo waren ihre Wirkungen auf allen den Punkten, wohin der eigene Blick der Kaiſerin ſelbſt nicht zu dringen vermochte, ſchrecklich und grauſam. „Jeder,“ ſagt ein Hiſtoriker,„wer direct oder indirect den Schutz des Günſtlings beſaß, übte in ſeinem Kreis die unverſchämteſte Tyrannei aus: er trotzte ſeinen Vor⸗ geſetzten, er trat ſeine Untergebenen mit Füßen; er han⸗ delte ſtraflos allen Geſetzen der Gerechtigkeit und Ord⸗ nung, ſo wie allen Ukaſen entgegen. Wollte man in der Geſchichte Beweiſe hiefür auf⸗ ſuchen, ſo könnte man ihrer unzählige erhalten. Die Sicherheit des Einzelnen, wie überhaupt die allgemeine Sicherheit, beruhte auf einer Laune der vie⸗ len Günſtlinge, ohne daß man der Kaiſerin deßhalb einen andern Vorwurf machen kann, als daß ſie ihrer Umgebung zu blind glaubte und zu unbedingt vertraute. Wir wollen hier ein einziges Beiſpiel anführen. An der Tafel des Fürſten Potemkin erklärte ein⸗ mal Jemand, er kenne einen ruſſiſchen Kaufmann in einer entlegenen Provinz, deſſen Bart bis auf ſeinen Gürtel reiche. — Es wäre doch luſtig, ihn zu ſehen, ſiel eine Dame ein, die ebenfalls am Tiſche war. 73 In Folge dieſer Aeußerung erließ Potemkin einen Befehl an die Polizei, nach dem Kaufmann zu ſchicken. Der Einfall wurde inzwiſchen vergeſſen und erſt nach ſechs Monaten erinnerte man ſich wieder daran. Der Fürſt fragte jetzt unwillig nach dem Manne, und man antwortete ihm, der Kaufmann ſei bereits ſeit fünf Monaten verhaftet, wolle aber deßungeachtet ſein Verbrechen nicht eingeſtehen.. Der alte Mann wurde beſchickt und ſtellte ſich zit⸗ ternd ein. Nachdem er der Dame gezeigt und gehörig begafft worden war, ließ man ihn wieder los. Als er in ſeine Heimath zurückkam, war ſeine Frau aus Kummer und Gram geſtorben und ſein ganzes Vermögen in Zerrüttung gerathen. Dieß that Potemkin, der gleichwohl unleugbar einer der ausgezeichnetſten Charaktere unter den Gunſtlingen der Kaiſerin war; aber noch eine weit ſchrecklichere Ty⸗ rannei übten im Bunde mit ihren Spießgeſellen die Anderen, denen alle großen und ehrenvollen Eigenſchaften Potemkin's fehlten, und die ſich nur durch Heuchelei und Geiz, Hochmuth und Niederträchtigkeit leiten ließen. Katharina war eine Despotin für Europa im All⸗ gemeinen, ihre Umgebung dagegen beſtand ausſchließlich aus Despoten für Rußland. Trotz der vielen großartigen Denkmäler und Stif⸗ tungen, wodurch Petersburg während ihrer Regierung einen Rieſenſchritt voran machte, blieb die Stadt noch immer ein Tummelplatz für die entgegengeſetzteſten Ex⸗ treme, fuͤr Ukaſe zur Aufrechthaltung der Ordnung und für die unverſchämteſten Betrügereien, für großartige Un⸗ ternehmungen und niedrige Handlungen, für geniale Eingebungen und kopfloſe Verwirrung, für Tyrannei und Gewaltthat, für beſtändig ſich kreuzende Intriguen, wobei derjenige, der für den Augenblick die Macht in ſeiner Hand hatte, den Schwächeren zermalmte. „Das Rauchopfer, welches die Umgebung der Kai⸗ ſerin ihr beſtändig anzündete, wurde auch die Wolke, welche ihr die Tyrannei verdeckte, die dieſe Umgebung im Namen der Monarchin gegen die Nation im Allge⸗ meinen ausübte. Siebenzehentes Kapitel. Iwan Orlow. Unter den vielen Holmen oder Inſelchen, die auf der linken Seite der Newa den Auslauf dieſes Fluſſes verherrlichen und zuſammen den ſogenannten Peters⸗ burgiſchen Stadttheil ausmachen, iſt Kreſtowskoi⸗Oſtrow der größte. Der Holm iſt einer der ſchönſten, ſowohl in Folge ſeiner anmuthsvollen Lage zwiſchen herrlichen Ufern, als auch vermöge ſeiner hohen und prachtvollen Alleen. Die gräfliche Familie Raſumowski hat hier lange ihre Reſidenz gehabt; aber kurz vor dem Zeit⸗ punkt unſerer Erzählung hatte Graf Orlow die Be⸗ ſitzung an ſich gebracht, ſei es nun, daß die Familie Ra⸗ ſumowski ihm dieſelbe gutwillig überlaſſen hatte, oder daß die Ueberlaſſung in politiſchen Verhältniſſen ihren Grund hatte, vermöge welcher in einem despotiſch re⸗ gierten Lande der Beſitz ſo häufig ſeine Herren wechſelt. Nachdem wir an der Menge von untergeordneten Perſonen und Dienern vorbeigekommen, die in dem großen Vorſaale und in den äußeren Zimmern gruppen⸗ weiſe ſtanden oder nachläſſig auf Bänken lagen, treten wir in Orlow's Arbeitskabinet, ein großes Zim mer mit der Ausſicht auf den Park und mit der ganzen prahleri⸗ ſchen Pracht, einer Miſchung des europaͤiſchen und aſia⸗ tiſchen Lurus, möblirt, die man zu dieſer Zeit gewöhn⸗ lich bei den hochgeſtellten Perſonen des Reiches antraf. Hier ſinden wir den Grafen Jwan Orlow allein wieder, an einen Fenſterpfoſten gelehnt. Aber man darf nicht glauben, daß ſeine Aufmerkſamkeit auf die ſchöne Natur gerichtet war, die in ihrem höchſten Glanze den — N R X—— A—— X8— 75 Palaſt umgab.... weit entfernt, mit geſchloſſenen Augen, die düſter geringelte Stirn in der Hand ruhend, iſt er in ſeine Gedanken verſunken. Wie er ſo duſter und drohend da ſteht, erinnert er an Tereus in dem Augenblick, wo er entdeckte, daß er ſein eigenes Kind verzehrt hatte. Endlich ſchlägt er die Augen auf, ein bitteres Lä⸗ cheln ſchwebt auf den Lippen und die Hand ſinkt ge⸗ ballt gegen den Fenſterpfoſten herab. — Andreas iſt noch nicht zurückgekehrt, murmelte er zwiſchen den Zähnen, obſchon bereits zwei Tage dahin gegangen ſind. Verdammt! Wie ſehr ſehne ich mich nach ihm!... Mechaniſch verließ er ſeinen Platz am Fenſter und ging mit geſenktem Haupt ein paar Mal auf und ab. — Willanow iſt entkommen... nun gleichviel... vielleicht iſt es eben ſo gut... ſie wird um ſo ſicherer in die Schlinge fallen, die ich jetzt für ſie lege. 5 Orlow näherte ſich dem Schreibtiſch, worauf meh⸗ rere Papierbände lagen. Zu oberſt befanden ſich einige Briefe, augenſcheinlich von ganz neuem Datum. Er beugte ſich hinab und betrachtete ſie, wobei er den einen um den andern wegſchob. Die Briefe enthielten nur eine einzige Zeile und ſchienen Abſchriften von einander zu ſein, denn der Text lautete in allen gleichmäßig, wie folgt: „Kommen Sie in's Luſthaus hinter dem Damm, heute Abend um...“ Die Stunde war nicht ausgeſchrieben und die Un⸗ terſchrift mangelte. „Drlow ſtrahlte voll Zuverſicht, als er die Briefe wieder wegwarf. — Es kann nicht fehlen, ſagte er, ſie werden kom⸗ men. Jede Dame in ihrem Alter hat nur eine ſinn⸗ liche Liebſchaft. Die Fürſtin Menzikoff, die Gräfin Bra⸗ nitzka, ſo wie die Fräulein Protaſow und Willanow er⸗ zürnen ſich nicht, wenn Jemand ſie bewundern will. Kein Weib ärgert ſich darüber. Sie werden dieſe Briefe leſen und wieder leſen, ohne daß ſie dieſelben Jemand zu zeigen wagen, weil ſie ein Geheimniß ent⸗ halten, das Jede am liebſten für ſich behält. Aber ſie werden ernſthaft werden, ſie werden nachſinnen, ſie wer⸗ den hin und her rathen, bis die Neugierde ſich in's Spiel miſcht, und dann werden ſie kommen. Orlow lächelte. — Man muß ſich nur auf die Schwachheiten der Menſchen verſtehen, dann kann man ſie um die Finger wickeln. Schweigend ging er noch einmal im Zimmer auf und ab. — Ohne zu wiſſen, daß ich meine Finger mit im Spiele habe, muß Subow unter allen Umſtänden die Kaiſerin veranlaſſen, einen Spaziergang in's Luſthaus zu machen; der Schlag wird ausgeführt werden, ohne daß ich mich zeige. Er war zufällig ſo gegangen, daß er, als er dieſe Worte beendigte, vor einem Wandſpiegel ſtand, der von der Decke bis auf den Boden reichte und worin ſeine ganze Perſon ſich zeigte. Ueberraſcht von ſeinem eigenen Anblick, betrachtete er ſich ſtarr. Nichts kann für einen ſchlechten Kerl un⸗ angenehmer ſein, als ſein eigenes Porträt zu ſehen, vor⸗ ausgeſetzt jedoch, daß er noch einiges Gewiſſen hat. Aber das Gewiſſen iſt keine Orangerieblume, die der Acclimatiſtrung bedarf; ſie iſt eine Pflanze, welche ſich wild und unter jedem Clima in ihrem eigenen Erdreich entwickelt. Daher kommt es, daß rohe Schurken ge⸗ wöhnlich mehr Gewiſſen haben, als feine. Die Civili⸗ ſation, die ein ſo wichtiges moraliſches und geiſtiges Lebenselement für die guten Menſchen iſt, nützt das Ge⸗ wiſſen bei den ſchlechten ab, weil ſie dieſelbe blos als einen Schleifſtein benützen, woran ſie beſtändig ihre Schurkenhaftigkeit wetzen. Ein haſtiges Zucken durch⸗ eilte zwar Orlow beim Anſchauen des hinterliſtigen 77 Blickes, den er im Spiegel ſah, aber er kreuzte die Arme über ſeine Bruſt und betrachtete ſich dann mit einem Hohn, als wollte er ſich ſelbſt Trotz bieten. Je länger er ſich indeß betrachtete, um ſo ernſthafter wurde er. — Willanow, ſagte er, unterbrach ſich aber ſo⸗ gleich, weil er bemerkte, daß das Bild im Spiegel eben⸗ falls ſeine Lippen bewegte und gleichſam daſſelbe Wort ausſprach. Willanow, ſtammelte er indeß nach einer Veile wieder, aber weniger in der Abſicht, ſeinen Satz fortzuſetzen, als um das Spiegelbild zu beobachten; du ſollſt mir nicht entgehen, fügte er dann hinzu, indem er ſelbſt kaum daran dachte. — Du ſollſt mir nicht entgehen, ſchien auch das Konterfei zu wiederholen. Dieſes Geſpräch zwiſchen ihm und ſeinem Bilde, das lebendig vor ihm ſtand, kam ihm unbehaglich vor, und es überlief ihn ein Schauder. Nach einem Augenblick drehte er ſich plöͤtzlich auf dem Abſatz um und begab ſich wieder an den Schreibtiſch. Die Hand auf die Papierbände ſtützend, welche da lagen, ſchloß er die Augen von Neuem und verſank grü⸗ belnd in ſich ſelbſt. Aber es währte nicht lange, ſo richtete er ſich wie⸗ der auf. — Die Sache iſt abgemacht, ſagte er... ſo muß es gehen... und muß ſo gehen. Wüßte ich nur mit Sicherheit, wer dieſer Worowitſch iſt! fügte er langſam hinzu. Ja, ich muß mit ihm ſprechen. Ja, ja, ich will ihn ſprechen. Geht er auf meine Pläne ein, ſo kann es noch glücklich enden, auch für ihn: thut er es nicht, nun, ſo mag er fallen. Er hat die freie Wahl. Thoren laſſen ſich indeß nicht leicht leiten. Inzwiſchen, warum ſpreche ich nicht mit ihm? Err zog an einer Klingel, und alsbald zeigte ſich ein Diener in der Thüre. 78 — Sag', man ſolle den Staatsgefangenen vorfüh⸗ ren; tummle dich! Der Diener entfernte ſich. Orlow's Stirn hatte ſich in düſtere Falten gelegt, ein Abbild der ſchwarzen Gedanken, die ſich in ihm be⸗ wegten, während er überlegte, wie er den Jüngling em⸗ pfangen ſollte. Noch immer blieb er indeß unbeweglich am Tiſche ſtehen, die Hand auf die Papierbände ge⸗ ſtützt; aber nichtsdeſtoweniger hörte er ganz gut, wie die Thüre ſich öffnete und wie Jemand eintrat. Als er ſich endlich umwandte, ſtand wirklich Worowitſch vor ihm. Es war merkwürdig, das Zuſammentreffen dieſer Feinde zu ſehen. Orlow betrachtete den Jüngling leidenſchaftslos, aber doch ſo durchdringend, als hätte er das Geheimniß erforſchen wollen, das ihn umgab; Worowitſch da⸗ gegen wechſelte die Farbe und ſeine Lippen zitterten vor Verdruß. — Alſo Sie, Graf, haben mich verhaften laſſen? bezgin er, außer Stande zu ſchweigen; ich ahnte es wohl. Orlow antwortete ihm nicht, ſondern fuhr fort, ihn zu betrachten. — Was berechtigt Sie zu dieſer Gewalithat? fuhr Worowitſch fort; ich habe mich unter den Schutz der Kaiſerin geſtellt, und dieſe, nicht aber Sie, beſitzt das Recht und die Macht, mich meiner Freiheit zu be⸗ rauben. Orlow blieb ſtill, ſeine Blicke feſt auf ihn geheftet. — Ich ſuchte Sie in Petershof im Pavillon, um zu Ihrem Verſtande und zu Ihrem Herzen zu reden, ehe ich weiter ginge und Sie vor der Kaiſerin anklagte; aber ſtatt deſſen verhaftete man mich und führte mich hieher, um mich in eine Höhle zu begraben, von wo meine Stimme nicht zum Throne dringen könnte. Schon ſeit zwei Tagen habe ich da geſchmachtet. 4 — Sie äußerten etwas von Rechten und Macht, 79 bemerkte jetzt Orlow. In Rußland kennen wir keine andere Rechte, als die der Macht. — Aber dieſe gehört nicht Ihnen. — Wem ſonſt? — Der Kaiſerin. 3 3 — Leeres Gerede! Gott wohnt hoch und die Kai⸗ ſerin iſt weit weg. Was wollten Sie mir ſagen, als Sie mich in Petershof ſuchten?— — Sie ſollen es von der Kaiſerin erfahren, Graf. — Ich täuſchte mich alſo nicht, wenn ich glaubte, daß die Anklage, welche Sie ihr vorzutragen wagten, mir gelte? — Sie täuſchten ſich nicht.. — Ohne Zweifel geben Sie jetzt auch zu, daß ich mit der vorausblickenden Klugheit eines verſtändigen Mannes gehandelt habe, als ich Sie verhaften ließ? — Sie haben Ihrer ſelbſt würdig gehandelt, Graf; aber ich kehre nicht in's Gefängniß zurück, lieber tödte ich mich hier auf der Stelle. — Machen Sie ſich keine unnöthige Mühe; ich ge⸗ denke Sie nicht länger aufzuhalten, als die Umſtände erfordern. Sollten Sie mir indeß ſagen wollen, was Sie zu thun beabſichtigen, wenn Sie frei würden? — Mein Weg geht zur Kaiſerin. — Und was gedenken Sie ihr zu ſagen? — Ich werde ihr ſagen, daß Sie verkleidet und auf eine betrügeriſche Weiſe ſich in eine polniſche Familie eingeſchlichen, daß Sie die Gaſtfreundſchaft, die man Ihnen ſchenkte, verrätheriſch verletzt, daß Sie die Briefe, die man Ihnen abzuſchicken befahl, geſtohlen und da⸗ gegen andere untergeſchoben und abgeſchickt, und daß Sie auf dieſe Art Polen in einen neuen Krieg ver⸗ wickelt haben, welcher nicht blos das Land ſeiner Frei⸗ heit, ſondern auch Millionen Einwohnern Leben und Wohlfahrt koſtete; ich werde ihr ſagen, daß Sie eine alte Familie verrathen, ſie erdichteter Verbrechen ange⸗ klagt, Ehre und Redlichkeit ſchändlich mit Fußen getre⸗ ten und es auf dieſe Weiſe durchgeſetzt haben, daß das Haupt der Familie nach Sibirien geſchickt und die Güter confiscirt wurden, damit Sie ſelbſt einen Theil davon als Lohn Ihrer Schandthat empfingen; ich werde ihr ſagen, daß Sie mit berechnender Hinterliſt, die von dem hölliſchen Charakter zeugt, den Sohn der verhafteten Eltern in die Heimath zurückgelockt haben, um allda von Ihren Kreaturen ermordet zu werden, während Sie ſelbſt mit Gewalt ſeine Schweſter wegführten, um hier aufzuwachſen, bis ſie, verfolgt von Ihrer Unverſchämt⸗ heit, es müde wird, Ihnen die Hand zu verweigern, wo⸗ durch Sie vielleicht nicht blos die noch übrigen Güter zu erhalten hoffen, ſondern möglicher Weiſe auch den ſiſtichen Rang, der, wie Sie wiſſen, damit verbun⸗ den iſt. Worowitſch ſprach mit all der Lebhaftigkeit und Energie, die ihm ſo natürlich waren. Orlow dagegen hörte ihn mit vollkommener Gleichgültigkeit an. — Und alles das gedenken Sie zu ſagen und wei⸗ ter nichts?... aber Sie ſind vielleicht noch nicht zu Ende? Worowitſch erblaßte vor Zorn bei dieſer Frage. — Sie ſchweigen, fuhr Orlow fort, und ich dürfte vielleicht annehmen, daß Sie zu Ende ſind. Es iſt alſo an mir, Ihnen zu antworten, und ich bitte Sie, mir gefälligſt ſo viel Aufmerkſamkeit zu ſchenken, als mit Ihrem heißen jugendlichen Blute vereinbar iſt. Unter den Anklagen, die Sie aufgezählt haben, befand ſich auch die, daß ich durch meine Intriguen die zuletzt in Polen ausgebrochene Revolution veranlaßt habe. Ich habe Sie doch richtig aufgefaßt? — Vollkommen richtig. — Wenn Sie mir dieſe große diplomatiſche Ehre zuſchreiben.. — Ein Schurkenſtreich, Herr Graf, und keine Ehre. — Nennen Sie's, wie Sie wollen, mein Herr, aber laſſen Sie mich es auch nennen, wie ich will. 81 Alſo, wenn Sie mir dieſes diplomatiſche Verdienſt zu⸗ ſchreiben, um Sie nicht durch das Wort Chre zu belei⸗ digen, ſo müſſen Sie doch Verſtand genug haben, ein⸗ zuſehen, daß ich die unbedeutende Urſache eines großen, für die ruſſiſche Krone glücklichen und ehrenvollen Re⸗ ſultats bin, weil ich ja dadurch ganz beſonders dazu beigetragen hätte, daß Polen jetzt uns gehört. Können Sie wohl glauben, daß die Kaiſerin eine Handlung be⸗ ſtrafen würde, die ſie vielmehr belohnen muß? Worowitſch wurde von dieſer Anſchauungsweiſe überraſcht. Er war zu unerfahren, als daß er ſelbſt jemals ſo hätte räſonniren können. Bisher hatte er die Welt blos nach einem einzigen Maaßſtab, dem der Ehre, beurtheilt, und vor dieſem muß in dem lebhaften Gemüthe eines jungen Mannes Alles weichen. Ohne indeß überzeugt zu ſein, blieb er ſtill. — Was Sie einen Schurkenſtreich nennen, das nennt der Staatsmann diplomatiſche Erfindſamkeit und der Soldat Kriegsliſt. Worowitſch brauste auf.. — Ein Staatsmann, der in ein Land eindringt, um es auf niederträchtige Weiſe zu einem ſolchen Re⸗ ſultate zu führen, wohin Polen jetzt geführt iſt, iſt ein Verräther vor Gott und den Menſchen. Ein Soldat hinwiederum, der gegen alle Ehre und Redlichkeit ſeine Waffen mit ſolchen Thaten befleckt, womit Sie ſich ſchmücken, verdient, erſchoſſen zu werden. Die Kaiſerin iſt hochſinnig und edel. Wenn Sie ihr auch zu nützen glaubten, ſo haben Sie ſtatt deſſen Ihre Monarchin beſudelt und ſie wird Sie dafür beſtrafen. Für eine regierende Perſon gibt es ein Bedürfniß, das über allen anderen ſteht, das Bedürfniß, vor der Mit⸗ und Nach⸗ welt rein da zu ſtehen. Ha, Graf, ich kenne Sie, und Ihre Abſicht, den Schatten von ſich ab⸗ und auf die Kaiſerin zu wälzen, wird Ihnen nicht gelingen. Orlow hörte Worowitſch an, ohne eine Miene zu verändern. Alles, was er ſagie, ſchien wie ein Wind Der Fürſt. II. 6 8² an ihm vorbeizublaſen; ſtatt deſſen folgte Orlow allen ſeinen Bewegungen, ſo wie jeder Veränderung in ſeinen Zügen mit gleich hartnäckiger Aufmerkſamkeit. Eine einzige Sache intereſſirte ihn vor allen Dingen, näm⸗ lich: wer Worowitſch eigentlich war. — Ich gebe ſehr gerne zu, daß Ihre Grundſätze Ihnen Ehre machen, begann Orlow wieder, obſchon Ihr jugendliches Blut allzu ſehr ſiedet, und ich will Sie nicht hindern, der Kaiſerin Alles vorzutragen, was Sie wollen, obſchon ich aufrichtig überzeugt bin, daß ſie Ihnen nur mit einem Achſelzucken antworten wird, zu⸗ mal da Sie Ihre Angaben ſicherlich nicht mit authen⸗ tiſchen Dokumenten belegen können. — Seien Sie deshalb unbeſorgt, Graf; ich habe meine Beweiſe, unzweifelhafte, untrügeriſche Beweiſe. — Das iſt etwas Anderes, in dieſem Falle gra⸗ tulire ich Ihnen. Orlow klingelte wieder. — Mach' ein Feuer im Ofen, befahl er dem her⸗ einkommenden Diener. 4 Worowitſch mit ſeinem heftigen Temperament konnte die Kälte nicht begreifen, womit Orlow Gegenſtände be⸗ handelte, die ihm ſelbſt ſo wichtig ſchienen, als ob Leben und Tod davon abhinge. Das Feuer brannte bereits. — Sie haben Beweiſe, begann Orlow wieder, und warum ſollte ich Ihnen nicht dazu gratuliren? Es iſt ja klar, daß die Kaiſerin, wenn ſie auch nicht gerne diejenigen beſtrafen würde, die dazu beigetragen haben, Polen als eine rechtmäßige Siegesbeute zu den Füßen ihres Thrones zu legen, dennoch jedenfalls nicht wüͤn⸗ ſchen kann, daß das übrige Europa hinter die Couliſſen des politiſchen Dramas blicke, das dieſem Staatsakt vorangegangen iſt. Es könnte alſo wirklich der Fall eintreten, daß ſie, um einen möglichen, ob nun gerech⸗ ten oder ungerechten Verdacht, als ob ſie ſich minder edler Mittel bedient hätte, abzulenken, ſtreng und ernſt⸗ ☛ 5—+— A uͤ 8³3 lich Jeden beſtrafen würde, der ſich auf friſcher That ertappen ließe. Glauben Sie das nicht auch? — Ich glaube es, Graf. — Und Sie ſagen, daß Sie Beweiſe haben? 3 — Ich beſitze in dieſer Beziehung Alles, was ich bedarf. Die Dokumente ſind wohl verwahrt, das dür⸗ fen Sie mir glauben. — Verwahren Sie dieſelben jedenfalls noch beſſer, damit ſie nicht in unrechte Hände fallen, da der Erfolg Ihrer Sache unläugbar davon abhängt. Sie hören, daß ich Ihnen als ein Freund rathe. 2 Worowitſch zitterte beinahe vor Aerger über dieſe Ruhe, die ſo gleichgültig der ganzen Heftigkeit ſeiner Seele trotzte. — Sie frieren, glaube ich, fuhr Orlow fort, das Gefängniß iſt vielleicht kühl geweſen, und ich will wahr⸗ lich meine Verſäumniß gegen Sie gut machen. Haben Sie die Güte und wärmen Sie ſich, mein Herr. Der verdammte Schurke von einem Bedienten— das Feuer will ſchon wieder erlöſchen— nun, nun, da iſt leicht abgeholfen. Orlow nahm dabei einen der Papierbände auf dem Tiſche — Da iſt Zündſtoff genug, ſagte er. Worowitſch war bis jetzt zu ſehr vom Gegenſtand ihrer Unterredung in Anſpruch genommen geweſen, um den auf dem Tiſche liegenden Papieren einige Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſchenken; aber beim Anblick des Bandes, den Orlow jetzt ergriff, wurde er unwillkürlich von einem Schrecken erfaßt, der ſein Geſicht verzerrte, und er ſtürzte gegen Orlow vor. — Dieſe Papiere find mein, rief er. — Sie ſind gar zu hitzig, mein junger Freund, antwortete Orlow. Sie haben ja ſelbſt geſagt, daß ie Ihre Beweiſe wohl verwahrt in Ihrer Gewalt be⸗ ſitzen; wie ſollte alſo ich ſie auf einmal haben können? 84 Gehen Sie gefälligſt ein wenig auf die Seite, damit ich das Feuer ſchüren kann. Orlow ſchob Worowitſch mit der einen Hand auf die Seite, während er mit der andern die Papiere in's Feuer warf. — Sie ſind wahrhaftig nicht artig, mein Herr, Sie zerkrümpeln mir meine Halskrauſe... jedenfalls greifen Sie nicht ſo in die Luft. Sehen Sie, wie das Feuer aufflammt.... Laſſen Sie uns alſo jetzt hier Platz nehmen und uns wärmen... das iſt ja eine ganz prächtige Flamme. Worowitſch raste. Orlow war zwar fein gebaut, aber dennoch dem Jüngling an Kräften überlegen, Alle Verſuche deſſelben, die für ihn ſo wichtigen Papiere zu retten, ſcheiterten an der Beharrlichkeit, womit Orlow, ohne ſich im Mindeſten zu übereilen, ihn vom Feuer zurückhielt. Mit Verzweiflung ſah er, wie ein Bogen um den andern vom Feuer verzehrt wurde, bis endlich nur noch kleine Stückchen an der Kohle glühten. — Ich kann Sie verſichern, ſagte Orlow, daß Ihr Kummer über die Artigkeit, womit ich an einem heißen Sommertag dieſes Feuer anzünden ließ, um Ihren von der Gefängnißluft kalt gewordenen Körper zu wärmen, mich in der That verdrießt... ſchauen Sie inzwiſchen hieher... ſehen Sie. Auf der bereits ſchwarz gewordenen Papiermaſſe wären. Worowitſch vermochte nicht zu antworten. — Im Fall, begann Orlow wieder, die ſo eben verbrannten Papiere die Beweiſe waren, über die Sie ſich mit ſo großer Zufriedenheit ausſprachen, ſo beklage I 8⁵ ich Sie wirklich; aber ganz ſicher iſt dies nicht ſo... Sie hatten ja doch Ihre Dokumente ſo wohl verwahrt ... was ſagen Sie? Sie kennen das Ding beſſer als ich... aber laſſen Sie uns jetzt die Sache da ver⸗ geſſen... Aſche bleibt immer Aſche... wir wollen von etwas Anderem reden. Haben Sie auch jetzt noch Luſt, ſich zur Kaiſerin zu begeben?. 5— Allerdings, jetzt noch mehr als vorher, mein err. Orlow zuckte die Achſeln. 3. — Sie ſind eben ſo unvorſichtig, als heftig, mein Freund, bemerkte er. Ich möchte Ihnen einen anderen Rath ertheilen, den ich für viel klüger halte. Worowitſch fixrirte ihn. — Mein Rath iſt nämlich der, zu entfliehen, und um Ihnen dies möglich zu machen, werde ich Ihnen mit Vergnügen einen Paß ausfertigen. — Entfliehen? Vor wem? Vor Ihnen? Sie ken⸗ nen mich nicht, Graf. Wo die Gefahr am groͤßten iſt, bin ich gerne dabei. Das iſt meine Natur. — Jedermann hat die ſeinige. Aber ich könnte Ihnen, im Fall Sie mich gütigſt anhören wollten, leicht beweiſen, daß Sie, nachdem Sie jetzt die Dokumente für Ihre Anklage verloren, mehr zu verlieren, als zu gewinnen haben. — Zu verlieren... ich habe nichts zu verlieren. — Sie rechnen alſo Ihre Freiheit für nichts und Ihren Kopf auch für nichts. Ich gebe inzwiſchen gerne zu, daß ein Jüngling ſolche Kleinigkeiten aufopfern kann, mit denen ein älterer Mann ſo haushälteriſch als möglich verfährt. Ich meinerſeits gehöre zu den letzte⸗ ren, d. h. zu denen, die möglichſt klug mit dem Leben zu wirthſchaften ſuchen, und ich will Sie inzwiſchen er⸗ innern, daß juſt die Anklage, die Sie bereits vor die Kaiſerin gebracht haben, jetzt, da Sie keine weiteren Be⸗ lege mehr dafür haben, als Ihre eigenen, unbewieſenen Privatmeinungen, das Hauptmittel Ihres Untergangs 86 werden kann. Aber damit iſt es nicht genug... man weiß Allerlei von Ihnen, Dinge, die vielleicht auch eine andere Perſon in den Abgrund hinabziehen könnten, in welchen Sie ſich ſo hartnäckig ſtürzen wollen... dieſe andere Perſon iſt Fräulein Willanow. Worowitſch erhob ſein Haupt. Sollte Orlow ſein Verhältniß zu ihr kennen? Als Orlow die Wirkung bemerkte, die dieſer Name auf den Jüngling hervorbrachte, fuhr er in dieſem Punkt nicht weiter fort. — Sie lieben dieſe Dame ſehr, fügte er ſtatt deſſen hinzu, und ich finde daran ganz und gar nichts zum Verwundern... denn... Sie brauchen nicht ſo er⸗ ſtaunt drein zu blicken... auch ich finde ſie im höch⸗ ſten Grade einnehmend... ich liebe ſie ſogar. — Sie flößen mir Entſetzen und Abſcheu zu glei⸗ cher Zeit ein, antwortete Worowitſch, welcher den Ver⸗ druß, der in ſeinem Innern gährte, nicht länger zu unterdrücken vermochte. Sie ſagen, daß Sie eine Dame lieben, deren Vaterland Sie verrathen, deren Familie Sie zermalmt, deren Eltern Sie durch Ihre Lügen nach Sibirien gejagt, deren Güter Sie verheert, deren Bru⸗ der Sie haben umbringen laſſen, und deren Leben Sie verbittert haben. Die Natur hat fehl gegriffen, als ſie ein wildes Thier zu einem Menſchen machte. Orlow hörte kaum auf Worowitſch's Angriff. Ein eigener Gedanke beſchäftigte ihn. Nachdem er einen Gang durch das Zimmer gemacht, blieb er vor Woro⸗ witſch ſtehen. — Wollen Sie mich eine kleine Weile anhören? Sie können mich hernach beurtheilen, wie Sie wollen, das gilt mir gänzlich gleich. Ich will blos mein Ziel erreichen und bekümmere mich um weiter nichts. Sie wiſſen, daß ich bei der letzten Theilung Polens mich dort aufhielt. Ob das in politiſchen Angelegenheiten geſchah oder nicht, gehört nicht hieher. Genug, ich war dort und hielt mich zur ſelben Zeit in Warſchau auf, d 87 wo Igelſtroöm als Oberbefehlshaber kommandirte. Bei einer Gelegenheit... ich glaube, es war in irgend einem Theater... ſah ich Fräulein Willanow zum erſten Mal und ihre Schönheit zog mich ſogleich an, Sie oder keine! wurde von dieſem Augenblick an mein Wahlſpruch. Unterbrechen Sie mich nicht. Durch meine Freunde erfuhr ich, daß ſie die einzige Tochter des Fürſten Raszonowsky war. Von ihm, einem ver⸗ biſſenen, wenn auch friedliebenden Polen, konnte ich, ein eben ſo verbiſſener Ruſſe, die Hand des Mädchens nicht zu erhalten hoffen. Was war alſo zu thun? Natür⸗ lich mußte ich ihn ſtürzen, und da Sie zu wiſſen be⸗ haupten, wie ich die Sache betrieb, ſo übergehe ich dies, um meine Erzählung nicht gar zu lange auszudehnen, obſchon ich allerdings das Eine und Andere dagegen zu erinnern hätte. Genug, die Eltern wurden nach Sibirien geſchickt, der Sohn fiel und das Mädchen wurde hieher abgeführt. — Sie geſtehen alſo ſelbſt... — Ziehen Sie keine übereilten Schlüſſe, mein Herr; ich nehme blos Ihre eigenen Vorausſetzungen an und beziehe mich übrigens nur auf die Reſultate, zu welchen der Gang der Ereigniſſe führte. Worowitſch ſtampfte erzürnt über ſolche Unverſchämt⸗ heit auf den Boden. Orlow blieb gegen alle ſeine Zor⸗ nesäußerungen gleichgültig. — In der Stellung, worin ich mich jetzt zu dieſer Familie befinde, fuhr er fort, kann ich gleichwohl ein ſehr ehrenwerthes Anerbieten machen. Aus Achtung für Fräulein Willanow's Kummer oder... ich weiß ſelbſt kaum, warum, aber genug, ich habe mit ihr noch nie von meiner Neigung geſprochen, außer neulich in Petershof. — Und ſie... — Um vollkommen aufrichtig zu ſein, ſie wandte mir den Rücken. Aber daran kehre ich mich nicht.. denn, ſehen Sie, ich habe in dieſen Jahren alle ihre 88 Schritte genau beobachtet und dabei Verſchiedenes ent⸗ deckt, was ſeine bedenklichen Seiten hat... ſie führt geheime Correſpondenzen... ſie hat geheime Zuſam⸗ menkünfte... Worowitſch fuhr auf. — Sie lügen, mein Herr. Sie... Willanow... ſollte geheime Zuſammenkünfte haben? Mit wem? Sie müſſen Ihre Ausdrücke zurücknehmen. — Nicht einen einzigen Buchſtaben, mein Herr; hören Sie mich nur an. In Petershof hatte ſie eine Zuſammenkunft mit Döring, dieſem Schweden da.. Sie kennen ihn ja... und auch mit einem Anderen ... das geſchah am hellen Tag... am Abend hatte ſie wieder eine Zuſammenkunft in der Galerie, die in den Park führt... Sie wiſſen vielleicht, mit wem. und ſpäter am Abend... — Orlow zählte dieſe Zuſammenkünfte an den Fin⸗ gern her, während er Worowitſch beſtändig betrachtete. — Und in der Nacht machte ſie eine kleine Luſtreiſe von Petershof weg.. haben Sie vielleicht auch davon erfahren? Worowitſch's Muth ſank. Mit Entſetzen ſah er Orlow an, der überall einen Abgrund für ihn eröffnete, ohne daß er eine Möglichkeit der Rettung zu entdecken vermochte. — Aus dem Angeführten erſehen Sie, daß ich Fräu⸗ lein Willanow in meiner Gewalt habe, gebunden durch ihre eigenen Intriguen, oder welchen ſchönen Namen Sie nun ihren Handlungen zu geben belieben. Mög⸗ licher Weiſe können Sie gegen mich einwenden, daß ich, ungeachtet ich alle ihre Schritte kenne und vielleicht noch etwas mehr, als ich jetzt anzuführen für gut finde, gleichwohl ſie keines Verbrechens überführen könne. Worowitſch, der ſich gegen den Thürpfoſten lehnte, während Orlow ſeine Gedanken entwickelte, wurde durch dieſes Wort von Neuem zur Raſerei getrieben. — Verbrechen! rief er. Aber Orlow ſtreckte abwehrend ſeine Hand aus. K— 89 — Keine Eraltationen, mein Herr, keine über⸗ ſpannte Ausrufungen! bemerkte er, laſſen Sie uns ver⸗ ſtändig ſein. Der Verſtand bekommt doch immer zuletzt ſein Recht. — Sie meinen die Schurkenhaftigkeit. — Wenn Sie belieben, ſo gehen wir jetzt zu dem Anerbieten über, das ich Ihnen machen will, weil es uns allein nützen kann, und ganz beſonders Ihnen, mein Herr, obſchon ich allerdings fürchte, daß Sie es nicht annehmen werden, weil Ihr gereizter Zuſtand Sie an allem klugen und ruhigen Nachdenken verhindert. Inzwiſchen will ich einmal meine Meinung ausſprechen. Hören Sie mich alſo an, wenn Sie können. Sie haben ja geſtanden, daß Sie Willanow lieben, ſo wie auch, daß Sie ſich für die Eltern des Fräuleins ſehr intereſ⸗ ſiren. Wollen Sie alle Drei retten? Ein Zug der Freude breitete ſich über Worowitſch's Geſicht. Im erſten Eindruck ſeines Gefühls vergaß er, wer ihm das Anerbieten machte. — Ich erbiete mich, fuhr Orlow fort, bei der Kai⸗ ſerin die Freiheit für Fräulein Willanow's Eltern, ſo wie das Recht zur Rückkehr in ihr Vaterland, nebſt der Rückerſtattung ihrer Güter und ihres Ranges auszumitteln. Worowitſch horte, ohne zu antworten. Der erſte Eindruck war bereits verſchwunden und er kannte Orlow. — Ich erbiete mich, fuhr Orlow, ohne ſich zu un⸗ terbrechen, fort, Fräulein Willanow das Recht zu ver⸗ ſchaffen, zu ihren Eltern nach Hauſe zurückzukehren. Worowitſch's Herz klopfte: es wurde ihm ja Alles angeboten, was er wünſchte, aber er begriff zu gut, daß irgend eine geheime Bosheit ſich hinter dem Vorſchlag verbarg. — Ich erbiete mich ferner, Ihnen ſogleich einen Paß auszufertigen, mittelſt deſſen Sie, wenn Sie Luſt haben, ſich von Petersburg entfernen und dahin zurück⸗ kehren kannen, woher Sie gekommen ſind. — Ha... — Aber nichts für nichts. Sie ſend jung und lie⸗ ben lebhaft. Sowohl an jungen Leuten, als an denje⸗ nigen, deren Herz von wahrer Liebe erfüllt iſt, iſt es ritterlich ſchön, ein Opfer zu bringen, dieß ſtimmt, glaube ich, vollkommen mit Ihrer Natur überein, und Sie wer⸗ den alſo ſicherlich auf meinen Vorſchlag eingehen. Worowitſch lächelte verächtlich. 3 — Meine Bedingung iſt... Sie finden, daß ich gerade Wegs auf die Sache zugehe... daß Sie Ihre Neigung zu Fräulein Willanow opfern... mit meinen Jahren thut man das nicht. Das Lächeln ſchwebte noch immer auf Worowitſch's Lippen. — Aber wenn ich auch auf Ihren Vorſchlag ein⸗ ginge, bemerkte er, was würden Sie wohl dabei ge⸗ winnen? — Sie haben mich noch nicht zu Ende gehört. — Sie verlangen, daß ich dieſe Neigung aufopfern ſoll; aber glauben Sie wohl, daß dieß die Verachtung des Fräuleins gegen Sie vermindern würde? — Willanow iſt im Stande für ihre Eltern ſehr viel zu thun. Aber ſie glaubt an Sie, mein Herr, weil ich wirklich fürchte, daß das Fräulein Sie liebt... und ich verlange deßhalb noch etwas mehr. — Wäre Orlow nur ein Ehrenmann nach Woro⸗ witſch's Anſchauungsweiſe geweſen, ſo hätte der Vor⸗ ſchlag wenigſtens in Erwägung gezogen werden können, aber Willanow's Hand in der ſeinigen... Worowitſch ſchauderte... er bat ihn inzwiſchen fortzufahren. — Um den Widerwillen zu überwinden... Orlow hütete ſich wohl Abſcheu zu ſagen... den ſie gegen mich hegt, verlange ich, daß Sie, da Sie Einfluß auf ihre Gefühle beſitzen, mir ein Schreiben geben, worin Sie nicht bloß auf ſie verzichten, ſondern ſie auch auf⸗ fordern, mir Hand und Herz zu ſchenken, als das ein⸗ zige und beſte Mittel, um ihre Eltern, das Fräulein ſelbſt und auch Sie zu retten. Unter dieſer Bedingung 4 d N& 9o N R —* —,— A X——-y— 91 können Sie ſicher ſein, in mir einen Freund zu beſitzen; wo nicht, ſo bin ich Ihr Feind. Es entſtand eine kurze Pauſe. — Wählen Sie, fügte Orlow hinzu. 3 Worowitſch bemühte ſich augenſcheinlich, die hefti⸗ gen Leidenſchaften zu zügeln, die in ihm gährten. Seine Bruſt hob und ſenkte ſich nichtsdeſtoweniger unruhig, und er richtete ſich in ſeiner ganzen Größe auf. In ſeinen Augen brannte ein helles Feuer, woraus eine warme und offene Jünglingsſeele leuchtete; in ſei⸗ nem ganzen Weſen drückte ſich ein Muth aus, voll von Feſtigkeit und Thatkraft. Seine Stirne ſtrahlte, als er mit der Hand darüber herfuhr. In ſeiner Miene lag nichts Hitziges und Aufbrauſendes mehr, ſondern vielmehr der entſchiedene Rechtsſinn eines warmen Ge⸗ müthes, das ſich nur von den Geſetzen der Ehre leiten läßt. Er hatte jetzt den ganzen Umfang von Orlow's Plänen begriffen, und obſchon er ſich zuweilen von allen Seiten umringt meinte, ſo verlieh ihm gleichwohl der Glaube an den Sieg der Wahrheit und Ehre über Lüge, Liſt und Schande eine Kraft, die ſeine Bruſt mit edlen Gefühlen ſchwellte und ſeine Seele zu Aufopferun⸗ gen belebte, jedoch von ganz anderer Art als ſolche, wovon Orlow geſprochen; denn in dieſem Augenblick freute er ſich darüber, Alles— ſogar Willanow und ſich ſelbſt— den Forderungen der Ehre aufzuopfern. In dem hinreißenden Stolz ſeiner Seele warf er auf Orlow einen Blick, wie ihn jener junge römiſche Pa⸗ trizier ſeinen Feinden zuwarf, als er freiwillig ſeine Hand verbrannte, um dieſe Leute zu überzeugen, was Roms Jünglinge vermöchten. — Ich habe gewählt, ſagte er bloß. Sie konnen thun, was Sie gelüſtet; aber meine Ehre rauben Sie mir nicht. Ein ſolches Schreiben bekommen Sie nie von mir. Orlow, der auf⸗ und abgegangen war, blieb ſte⸗ hen, um ſeine Antwort zu vernehmen. — Nie? wiederholte er bloß. Nun gut, wie Sie wollen. Sie können mir wenigſtens ſpäter nicht vor⸗ werfen, daß ich irgend Etwas unterlaſſen habe, was zu einem glücklichen Ende für Sie Alle hätte führen kön⸗ nen. Ihre Hartnäckigkeit kann indeſſen meine Abſicht nicht ändern, obſchon ich ſie jetzt auf eine andere Art durchführen muß. Aber vielleicht glauben Sie, daß ich nicht Entſchloſſenheit genug beſitze, allen Schwierigkeiten zu trotzen und beharrlich meine Zwecke zu verfolgen? — Ich bezweifle das nicht, denn ich glaube Sie wirklich zu Allem fähig. — Ich danke Ihnen... ich danke Ihnen... ich finde, daß Sie meinen Charakter richtig aufgefaßt haben. — Haben Sie mir noch etwas zu ſagen? Orlow war am Tiſch ſtehen geblieben, indem er ſich mit beiden Händen darauf ſtützte und etwas vor⸗ beugte. In ſich ſelbſt verſunken, achtete er nicht auf die an ihn geſtellte Frage. — Sie ſagen, daß Sie Worowitſch heißen, begann er nach einer kurzen Pauſe, aber ich glaube das nicht. Sie heißen nicht Worowitſch. Worowitſch wandte ſich haſtig gegen Orlow, als fühlte er ſich von Neuem zum Kampf aufgefordert. 3 2 Wenn ich nicht Worowitſch heiße, wie heiße ich enn? Orlow richtete ſich auf und näherte ſich ihm. — Sie können mir ein Zeugniß nicht verſagen, ſprach er, nämlich, daß ich aufrichtig gegen Sie gewe⸗ ſen bin, ich will nicht ſagen unvorſichtig; denn ich fürchte mich wegen nichts, was Sie von mir wiſſen, da Sie ja doch Nichts beweiſen können... verſtehen Sie mich wohl... ich ſehe deßhalb auch nicht ein, was mich verhindern ſollte, Ihnen noch etwas mehr anzuvertrauen. Ich habe alſo z. B. die Frage, wer Sie ſeien, nicht bloß an mich geſtellt, ſondern ſie auch zu beantworten geſucht. Und ungeachtet ich ſelbſt Wil⸗ lanow's Bruder todt zu meinen Füßen ſah... wie⸗ ⁸ u ——— .¶.¹ 93 wohl ich damals, es fiel mir erſt ſpäter ein, unvor⸗ ſichtig genug war, ſein Geſicht nicht zu unterſuchen, das er in ſeinen Händen verbarg, ſo glaubte ich wirklich, als Sie vor der Kaiſerin auftraten, einen Augenblick, daß Sie der durch ein Wunder in's Leben zurückgerufene Bruder Willanow's ſeien; aber ich habe die Sache ge⸗ nauer überlegt und bin auf andere Muthmaßungen ge⸗ rathen. Sehen Sie dieſe Papiere da? Orlow zeigte dabei auf den andern noch auf dem Tiſch liegenden Papierbund. — Kennen Sie vielleicht dieſe Dokumente? — Nein. Worowitſch betrachtete ſie, konnte ſich aber nicht erinnern, ſie je zuvor geſehen zu haben. Er begriff nicht, was er damit zu ſchaffen hatte. — Dieſe Dokumente, ſagte Orlow, ſind gleichwohl ſehr wichtig für Sie? — Für mich? — Sie ſind von Ihrer Mutter. Erkennen Sie die Handſchrift nicht? 3 Worowitſch ſah Orlow fragend an. Drohte ihm vielleicht eine neue Liſt? — Die Handſchrift meiner Mutter?... Nein... nein.. das iſt nicht ihre Handſchrift. — Sind Sie unter den Augen Ihrer Eltern auf⸗ gewachſen? 5 Worowitſch wunderte ſich immer mehr über Orlow's rage. — Ob ich unter ihren Augen aufgewachſen bin... ich verſtehe Ihre Frage nicht. — Finden Sie dieſe Frage ſo wunderlich? Sie iſt ja ganz einfach. — Ob ich nun unter ihren Augen aufgewachſen bin oder nicht, ſo ſehe ich gleichwohl nicht ein, auf was Sie abzielen, und ich weiß nicht... „Drlow war von der Aufrichtigkeit Worowitſch's nicht überzeugt. Selbſt ein hinterliſtiger Intrigant, 94 traute er Jedermann das Gleiche zu. Die Unvekannt⸗ ſchaft, die Worowitſch zeigte, betrachtete er als Vorſicht, eine Eigenſchaft, die er ihm allerdings nicht in beſon⸗ ders hohem Grad zuerkannte, deren er ihn aber gleich⸗ wohl fähig glaubte, wenn es ſich um das wichtigſte ſei⸗ ner Geheimniſſe, um die eigentliche Samenkapfel ſeiner Motive handelte. — Ich will Ihnen etwas mittheilen, fuhr Orlow fort, was Sie vielleicht noch nicht erfahren haben, da Sie ſicherlich, nach den gegenwärtigen Verhältniſſen Polens zu urtheilen, ein herumziehendes Leben haben führen müſſen. Ihre Mutter iſt... — Meine Mutter iſt... — Todt. — Mein Gott... was ſagen Sie... meine Mutter todt? — Sie ſtarb in... aber Sie wiſſen wohl ſelbſt am Beſten, wo ſie ſich aufhielt. — Sie ſtarb in... Worowitſch war nahe daran, einen Ortsnamen aus⸗ zuſprechen, aber er that ſich Einhalt und erſchrack über die Unvorſichtigkeit, die er zu begehen im Begriff gewe⸗ ſen war. Um eine ſolche nicht weiter zu riskiren, be⸗ ſchloß er für Orlow die Karten zu verwechſeln. — Wo wollten Sie ſagen, daß ſie geſtorben ſey? fiel inzwiſchen Orlow ein... — In... in... Er wußte nicht, welchen Ort er nennen ſollte... in... — In Neapel, wollten Sie doch ſagen? — Ganz richtig, in Neapel, ja in Neapel. Orlow athmete tief. Es iſt alſo ausgemacht, ich täuſche mich nicht, dachte er. Worowitſch glaubte aller⸗ dings ſeinen Argwohn von etwas abgelenkt zu haben, wodurch er entdeckt zu werden fürchtete, aber er war leichwohl verlegen uͤber die Zufriedenheit, die ſich in rlow's Geſicht ſo deutlich ausdrückte. — Sie können ſich auf meine Angaben verlaſſen, N — u— ———& 9⁵ begann Orlow wieder; Ihre Mutter iſt wirklich todt. Sie ſtarb vor etwa drei Monaten. — In Neapel? — Wir find ja darüber einig geworden. — Es iſt wahr. — Wanja hatte einen Sohn. — Wanja? — Ihr Vorname... Sie haben ihn doch wohl nicht vergeſſen... — Gewiß nicht... alſo Wanja... — Sie hatte einen unehelichen Sohn. — Wirklich? Weiter. — Die Sache begann Worowitſch zu beluſtigen, wiewohl er nicht ein einziges Wort begriff. — Dieſer Sohn iſt kein anderer als... — Als? — Sie ſuchen mir jetzt vergebens zu entkommen, mein Herr. Sie bemühen ſich zwar ſo unkenntlich als möglich zu bleiben, aber Sie ſind zu wenig an Ver⸗ ſtellung gewöhnt, und wenn Sie ſich auch mit einer doppelten Maske bedeckten, ſo wird es Ihnen nicht ge⸗ lingen, mich zu täuſchen. Alſo mein Herr, Sie ſind Muni'e Sahn— unter einem geborgten Namen. — Nun? — Ihr rechter Name iſt der Name Ihrer Mutter. — Aber mein Gott, Wanja... das iſt ja ein Frauenzimmernamen. — Der Name Ihrer Mutter war... — Ich bin beinah ungeduldig, ihn aus Ihrem Munde zu vernehmen. — Raszanowsky. „Eine bemerkenswerthe Veränderung zeigte ſich jetzt bei Worowitſch; und es war nicht mehr Verlegenheit, was ſich an ihm offenbarte, ſondern vielmehr Scheu, beinahe Verblüfftheit. Orlow bemerkte es. — Sie geſtehen, daß ich mich nicht getäuſcht habe. Aber Worowitſch richtete ſein Haupt wieder empor und betrachtete ſeinen Gegner unerſchrocken. — Ich geſtehe nicht, antwortete er, Sie köͤnnen mich nehmen, für wen Sie wollen. Orlow ſetzte ſich dabei an den Tiſch und zog den Papierbund an ſich, wie es jedoch ſchien, weniger um die darin befindlichen Dokumente zu unterſuchen, als um zu überlegen, wie er den Jüngling fernerhin be⸗ handeln ſollte, deſſen hartnäckige Schweigſamkeit in Betreff ſeiner eigenen Verhältniſſe er nicht erſchüttern zu können ſchien. — Sie haben zugeſtanden, daß Sie große Erge⸗ benheit gegen Fräulein Willanow's Vater, den nach Sibirien geſchickten Verwandten Wanja's, den einzigen noch lebenden Fürſten Raszanowsky, haben. — Ich weiß in der That nicht, ob ich dieſes zuge⸗ geben habe, aber ich kann Sie nicht verhindern anzu⸗ nehmen, was Sie für gut finden. — Sie hegen auch Liebe für Willanow... — Was wollen Sie damit ſagen? Sie ſprechen in Räthſeln. 3 — Sehen Sie, mein Herr, dieſe Ergebenheit gegen eine geſtürzte Familie wäre albern, wenn Sie nicht wirklich Wanja's Sohn wären: Eigennutz iſt die ge⸗ heime Triebfeder Ihrer Handlungen. — Eigennutz? — Ich ſage dieß nicht bloß als Menſchenkenner, ſondern auch dieſe Papiere haben mich über Verſchie⸗ denes belehrt. Worowitſch begriff ihn noch nicht vollkommen. — Wären Sie ein verſtändiger und kluger Mann, fuhr Orlow fort, ſo könnten wir noch mit einander übereinkommen; aber Sie laſſen ſich von allzu phanta⸗ ſtiſchen Jugendideen leiten und... und... Orlow war nicht ſicher, in wie weit Worowitſch wirklich den Inhalt der in Frage ſtehenden Papiere kannte, und er wußte nicht, ob er auf ein Geſpräch daruber 97 eingehen ſollte oder nicht. Worowitſch hatte zwar er⸗ klärt, daß er ſie nicht kenne, aber was bedeutete wohl eine ſolche Erklärung für Orlow? Noch einmal beſann er ſich und kam dabei auf den Schluß, daß ſeine Ge⸗ walt über den Jüngling weſentlich darauf beruhe, daß dieſer deutlich die Wichtigkeit der Dokumente begriffe und einſähe, daß Orlow ſie unter keinen Umſtänden aus der Hand zu laſſen gedächte. Sie waren ja über⸗ dieß unter vier Augen, und er hatte durchaus nichts zu riskiren. — Da Sie mir nicht mit Aufrichtigkeit entgegen⸗ kommen wollen, mein Herr, ergriff Orlow daher von Neuem das Wort, ſo will ich ſo kurz und verſtändlich ſein als nur möglich. — Ich danke Ihnen dafür, weil ich ſonſt befürchte, daß Sie mich gänzlich verwirren. — Hören Sie mich genau an. Als Chef der ge⸗ heimen Polizei habe ich ſchon vor einem Monat, wo nicht noch länger, dieſe Dokumente erhalten. Sie wa⸗ ren an einen Abbé Giannini adreſſirt und zogen deß⸗ halb meine Aufmerkſamkeit auf ſich. Aus ihnen habe ich erſehen, daß die Fürſtin Wanja Raszanowsky... Hätte Orlow in dieſem Augenblick Worowitſch bsob⸗ achtet, ſo wuͤrde er bemerkt haben, wie die Augen des Jünglings ſich klärten, gleich als hätte er auf einmal wenigſtens einen Theil des Dunkels durchdrungen, das ihn bisher umgeben hatte. — Wanja... ah... ich weiß, murmelte er vor ſich hin. Ich hatte ſie ganz vergeſſen. Daß die Fürſtin Raszanowsky als Nonne in Nea⸗ pel geſtorben iſt und in ihrer Todesſtunde entdeckt hat, ſie beſitze einen natürlichen Sohn, den ſie mit Willa⸗ now vermählt wünſche, damit die zwei verſchiedenen Zweige, die einzig noch lebenden Erben, gemeinſchaftlich die füͤrſtliche Würde übernehmen, wodurch die Familie für die Zukunft um ſo mehr Kraft und Einheit gewin⸗ nen würde. Der Fürſt. II. 7 — Was höre ich... und dieſe Dokumente? — Liegen hier. Worowitſch war nicht mehr aufbrauſend und lei⸗ denſchaftlich; er war ſtatt deſſen ernſt, beinahe düſter geworden. — Erlauben Sie mir dieſe Papiere zu ſehen, bat er. — Das iſt unmöglich, mein Herr, Sie können mir's glauben. Aber jetzt dürften Sie einſehen, daß ich wenig Mühe hatte, Sie wieder zu erkennen, als Sie hier auftraten, denn nur Sie können ein Intereſſe da⸗ bei haben, jetzt noch für die Wiedereinſetzung der Fa⸗ milie Raszanowsky's in ihre Rechte zu arbeiten... verſtehen Sie mich wohl... weil Sie ſelbſt ein Ras⸗ zanomah oder ein Prätendent auf den Rang und die eichthümer dieſer Familie ſind. Worowitſch antwortete nicht ſogleich. Es wäre ſchwer zu ſagen, was in ihm vorging. Seine Miene hatte einen beinah ſcharfen Ausdruck angenommen, gleich⸗ ſam als wolle er auf einmal Alles, was Orlow geſagt, in ſeinen Gedanken ſammeln, und als ſuche er es ſich klar zu machen. 3 — Etwas begreife ich jedoch nicht, ſagte er end⸗ lich; da Sie ſolche Dokumente in Ihrer Hand haben, wie Sie mir angeben, wie konnten Sie da einen Augen⸗ blick im Unklaren ſein, wer ich bin? — Wollen Sie damit ſagen, daß Sie die Aechtheit der Dokumente ſelbſt bezweifeln? — Das will ich. Orlow, der einmal beſchloſſen hatte, ihn von ſeiner hanzen Macht zu überzeugen, wollte den erwachten weifel nicht Wurzel ſchlagen laſſen. — Meine erſte Unſicherheit kam aus einer ganz natürlichen Urſache, nämlich daher, daß dieſe Papiere nicht auch die teſtamentariſche Verfügung ſelbſt enthal⸗ ten, obſchon an manchen Stellen davon geſprochen wird, und weil auch der Name von Wanja's natürlichem Sohne fehlt; obſchon er überall angedeutet iſt. Der 99 Name war mir alſo unbekannt, aber nicht die Perſon, nicht die Intereſſen, und dieſe ſind wichtiger als der Name. Der Gegenſtand hatte für Worowitſch ein unend⸗ liches Intereſſe gewonnen, und er hörte Orlow mit der ungetheilteſten Aufmerkſamkeit an. In den Aeußerun⸗ den des Grafen lag viel, was ihn auf's Innigſte be⸗ rührte. — Und was gedenken Sie jetzt mit dieſen Papie⸗ ren zu thun? ſtammelte er. — Ich behalte ſie. — Sie haben ja geſagt, daß ſie mir gehören. — Ihnen? Behaupteten Sie nicht, daß die Pa⸗ piere, die ich ſo eben verbrannte, ebenfalls Ihnen ge⸗ hört hätten? ich habe ſie dennoch verbrannt. — Iſt es Ihre Abſicht, mit dieſen da auf gleiche Weiſe zu verfahren? — Ganz und gar nicht, mein Herr. Dieſe Pa⸗ piere ſind zu wichtig, um ein Raub der Flammen zu werden. Nrehen Sie meine Abſicht noch nicht ein? — Nein. — Meine Abſicht iſt, Ihnen dieſe Papiere vor die Augen zu halten, damit Sie begreifen, daß Sie ohne mich keinen Schritt thun können. Haben Sie den Abbé Giannini noch getroffen? Nach dem Inhalte dieſer Do⸗ kumente zu ſchließen, ſollte er ungefähr um dieſe Zeit hier ankommen. — Ich habe ſeinen Namen noch nie gehört. — ¶Stellen Sie ſich nicht ſo unwiſſend, aber gleich⸗ viel, Sie haben das Recht, gerade ſo viel zu wiſſen, als Sie für gut finden. Eine Sache will ich indeß noch wiederholen... ſtehen Sie ab... In dieſem Augenblick wurde die Thüre langſam geöffnet, und derſelbe Diener, der ſchon vorher im Zim⸗ mer geweſen war, kam wieder zum Vorſchein. „— Was willſt Du? fragte Orlow. Vergiſſeſt Du meinen Befehl, mich nicht ſtören zu laſſen?. 7 ½ 10⁰ — Lambro Cazzioni, meldete der Diener, wünſcht mit dem Herrn Grafen zu ſprechen. — Der Narr kann warten. — Er kommt von der Kaiſerin. Orlow erhob ſich. — Sage ihm, er möge eintreten. Der Diener entfernte ſich. — Wollen Sie die Güte haben, ſagte Orlow zu Wo⸗ rowitſch, in dieſes Seitenzimmer hier zu treten. Ich verhafte Sie nur noch auf einen Augenblick. Worowitſch dachte, es verlohne ſich nicht der Mühe, ſich dieſem Wunſch zu widerſetzen, und trat in ein in⸗ neres Zimmer. Kaum hatte Orlow den Riegel hinter ihm zugeſchoben, als Lambro Cazzioni eintrat. Lambro Cazzioni war ein kleiner und unterſetzter Mann. Er war ein geborener Italiener und hatte ein Vagabundenleben geführt. In ſeinen jüngeren Jahren Seeräuber, wurde er ſpäter Seemann unter dem Befehl des Admirals Ribas, und endlich erhielt er auf Su⸗ bow's Empfehlung die Anſtellung als Hofnarr bei Katharina, ſpielte jedoch am Liebſten die Rolle eines unfehlbaren Wunderdoktors. Als Narr war er vortreff⸗ lich inſofern, als er bfter ſich ſelbſt zum Narren machte als Andere. Grobgliederig und mit krummem Rücken, ſchlich er mehr als er ging, gerade als ob er ſich immer am Bord eines in ſtarkem Wellengang ſtehenden Schiffes befände. Mit einer Phyſtognomie, die an einen zottigen Pudel erinnerte, ſchien er auch bei ſeinen Einfällen im⸗ mer die Hundszähne zu zeigen, obſchon er glücklicher Weiſe nur ſelten mit Einfällen prahlen konnte. In einer andern und ehrenvolleren Beziehung glich er eben⸗ falls dem Pudel, nämlich in ſeiner Treue gegen die Kaiſerin. 10¹ — Belzebubs Großmutter iſt los! Ach und weh! puſtete Cazzioni, als er eintrat. Seit Luther dem Sa⸗ tan das Dintenfaß in's Geſicht geworfen, hat der Sa⸗ tan aus lauter Kopfweh ärger als je graſſirt. Jetzt hat er ſeine Großmutter nach Rußland geſchickt, weil er ſelbſt alle Hände voll im ſüdlichen Europa zu thun hat. — Welcher Sturm bläst Dich hieher? fragte Or⸗ low; hat die Kaiſerin Dich geſchickt? — Meinſt Du, die Kaiſerin ſei ein Sturm oder der Sturm ſei eine Kaiſerin? Nimm Dich in Acht. Nach der Liebe, ſagt Rußlands Weiſer, kommt die Ehe. Sie kommt da ſehr ſpät. Die Liebe iſt ein Grog, halb Himmel und halb Erde, halb Schnapps und halb Waſſer.. aber wie bald hat man nicht den Grog ausgeſchlürft und dann... dann... mich ſchaudert vor der Ehe mit dem leeren Glas, welches nur dazu da iſt, um alle unſere alten Sünden in ſich zu ſammeln. Nach der Liebe... hu, mein Freund... wenn ſelbſt die Kaiſerin mich nach der Liebe heirathen wollte, ſo gäbe ich ihr einen Korb. Nach der Liebe will ich von gar nichts mehr wiſſen. Die Ehe iſt geſtiftet, um uns Alles zu nehmen, was die Liebe uns geſchenkt hat, und wenn die Kaiſerin in einem ſolchen Fall auch kein Sturm iſt, ſo iſt der Sturm beſtimmt eine Kaiſerin. Nimm Dich in Acht, ich meine, daß der Sturm jetzt um Dich freit, und es mag in ſeiner Ordnung ſein; aber daß ich den ſeidenen Himmel halten ſoll, das iſt närriſch, und daß Belzebubs Großmutter die Hochzeit anrichten ſoll, das iſt ſataniſch. LLambro Cazzioni ſchnitt Grimaſſen, während er ſprach. Der Teufel ſelbſt hätte ſie nicht ſchöner machen können. — Du ſchwatzeſt Dummheiten für eine ganze Hand⸗ voll Dukaten, bemerkte Orlow, der aufmerkſam auf ſein Gerede gehört, aber vergebens einen Sinn darin geſucht hatte. Laß mich jetzt ein bischen Verſtand für ein Kopeke hören. 102 Cazzioni grinste. — Du biſt nicht ſo dumm, Orlow, ſagte er, Du haſt in Wahrheit Verſtand für eine Kopeke oder we⸗ nigſtens für einen Poluſch*), da Du Dummheiten beſ⸗ ſer bezahlſti, als paſſende Reden: denn Verſtand und Genie werden doch nie mehr als die Schuhputzer der Dummheit, während dagegen die Dummheit Glück macht und Land und Reich regiert. Das ſieht man am Be⸗ ſten an Dir und mir. Orlow war ein arbeitſamer, thätiger Mann und begann bereits ungeduldig zu werden über einen ſinn⸗ loſen Spaß, der ſo bald noch kein Ende nehmen zu wollen ſchien. — Ich habe Dich gefragt, Narr, was Du hier wolleſt? Kommſt Du im Auftrag der Kaiſerin? — Ich komme im Auftrag einer weit wichtigeren Perſon. Ich komme geſchickt von einer Dame, deren Naſe der große Windflügel zwiſchen dem Nord⸗ und Südpol iſt, nach welchem alle ihren Lauf richten; deren Mund ſo viele Zungen hat, daß noch Niemand ſie zu zählen vermochte, Zungen, die ſämmtlich die Eigenſchaft beſitzen, daß die eine ſich immer für weiſer hält, als die anderen. — So höre doch einmal mit Deinem Geſchwatze auf und komm an's Ziel Deines Beſuches. — Ich komme von einer Dame, fuhr Cazzioui fort, die ihren Thron in jeder Kaffeepfanne hat und deren Ukaſe in Kaffeeſatz geſchrieben ſind. Orlow runzelte die Stirne. — Ich komme von Belzebubs Großmutter, d. h. von der Fama, dem Gerüchte, von dieſem Sturm, wel⸗ Geßen unt und geht, man weiß nicht woher, noch wohin.. — Wenn Du von der Fama geſandt biſt, ſo hat *) Ein Viertelkopeke. K—————— +- 103 ſte unläugbar einen würdigen Ambaſſadeur gewählt. Was hat ſie jetzt zu verkündigen? — Sie verkündet, daß die Todten leben, weßhalb es am Beſten wäre, wenn die Lebendigen Todte wären. Nimm Dich in Acht, Orlow, es gilt Deine Zunge. Haſt Du zwei, ſo danke jetzt Deinem Gott dafür. Mit mir, der ich bloß eine habe, iſt es ſchlimmer. Nach ſo vieler Liebe, welche die Kaiſerin uns geſchenkt hat, viel⸗ leicht unſere Hochzeit mit ihrem Zorn in Sibiriens Wü⸗ ſten feiern zu dürfen, das wäre wirklich eine Fatalität, die alles Lachen von meinen Lippen verſcheucht. .Orlow glaubte endlich einen Zuſammenhang im Gerede des Narren zu entdecken, und zu ſeiner Unge⸗ duld geſellten ſich jetzt noch Unruhe und Beſorgniß. Er hatte zwar noch nie die Gefahr erprobt, von einem öffentlichen Gerüchte angegriffen zu werden; aber er wußte, daß ein ſolches eine ſehr ſchwer zu bekämpfende Macht war, weil ſie von allen Seiten angreifen konnte, ohne daß ſich Jemand ihr entgegen ſtellte. Je mehr er dieſen Umſtand bedachte, um ſo wichtiger wurde es ihm, Gewißheit über den Gegenſtand zu erlangen, wovon es ſich handelte. — Siehſt Du dieſe Börſe da, ſagte er daher jetzt zu Cazzioni; ſie iſt voll von guten Silberrubeln; ich beben ie Dir, wenn Du Dich kurz und verſtändig er⸗ ärſt. Cazzioni machte eine Grimaſſe, um die jede Meer⸗ katze ihn beneidet hätte. — Kurz... ich weiß nicht, wie viel Zoll lang ein Gedanke iſt, ſage es mir, ſo will ich wie ein guter Kaufmann es mit dem Ellenmaß und den Waaren ſo genau als möglich nehmen. Verſtändig... bei der heiligen Barbara, das iſt ein Compliment, das einem Narren immer ſchmeichelt, und ich ſchwöre bei dem Gerede, das jetzt ſeinen Sturm um Dich her geſammelt hat, daß Du, wenn die Kaiſerin Dich Deiner Geſund⸗ heit wegen nach den ſegensreichen Regionen Kamtſchatka's 104 ſchickt, meine Narrenkappe als Reiſepelz geborgt be⸗ kommſt, oder wenn ſie in ihrer Weisheit und uns zum Frommen auf die glückliche Idee geriethe, Dich um einen Kopf kürzer zu machen, ſo werde ich ihn in die⸗ ſelbe einwickeln laſſen. Orlow unterbrach ihn nicht, ſteckte aber jetzt mit 8 bedeutſamen Geberde die Börſe wieder in ſeine aſche. Cazzioni bemerkte es. — Halt ein, rief er, ich will kurz ſein wie ein Zollſtab, aber inhaltsreich wie ein Dukaten. — So ſprich. — Tarrakanow iſt von den Todten auferſtanden; das heißt doch gewiß ſich ſo kurz ausdrücken, wie eine Flintenkugel. Orlow's Geſicht verzerrte ſich. — Die Fama erzählt, fuhr Cazzioni fort, daß ſie noch lebe. — Du lügſt, Cazzioni. 1— Ein Narr lügt nie. Nur ſehr verſtändige Leute ügen. — Iſt dieſes Altweibergeſchwätz der Kaiſerin zu Ohren gekommen? „— Man erzählt es von allen Seiten. Niemand weiß, woher es gekommen iſt, aber Alle wiſſen es. — Und die Kaiſerin? — Die heilige Barbara möge Deinen Erzverſtand darüber aufklären, wie die ganze Geſchichte Tarraka⸗ now's der Prinzeſſin Alexandra bekannt geworden iſt, aber ſo viel iſt ſicher, daß die Prinzeſſin ſie vollſtändig kennt, ſo daß ich ſelbſt, obſchon ich eine kleine Rolle dabei ſpiele, niemals ſo genau alle Details wußte, wie ſie. — Wie gehört das hieher? Orlow war ein zu großer Intrigant, um nicht ein⸗ zuſehen, daß dieſes Gerücht ihn wirklich mit einer Ge⸗ —— 10⁵ fahr bedrohen konnte; er wurde daher heftig und mürriſch. — Das gehört allerdings ſehr zur Sache, ſei nur nicht ſo ungeduldig. — Die Prinzeſſin weiß alſo die Geſchichte? Nun weiter. — Gerührt von dem ſchrecklichen Schickſal, das Tarrakanow getroffen, und ſchmerzlich betrübt darüber, daß die Kaiſerin in die Sache gemiſcht wurde, wendet ſie ſich an Ihre Majeſtät ſelbſt und fragt, ob ſie den Tod der Prinzeſſin befohlen habe. — Nun? — Die Kaiſerin wird beſtürzt, läßt ſich die Sache näher erzählen, geräth in Zorn; aber endlich umarmt ſie Alexandra und betheuert ihre Unſchuld. Orlow war immer bleich, aber er war nie bleicher geweſen, als in dieſem Augenblick. Erzürnt preßte er die Lippen zuſammen, ſo daß das Blut ſie färbte. — Die Kaiſerin ruft mich, fuhr Cazzioni fort; Du weißt, daß ich der Erſte war, der die Prinzeſſin in Rom beſuchte. Ich ſtelle mich ein, und ſie beſiehlt mir, zu erzählen, was ich weiß. Ich komme ihrem Wunſche nach, aber ſie unterbricht mich ſtampfend und fragt, ob ich etwas von ihrem Ende wiſſe. Natürlich habe ich nichts davon gewußt, aber das beſchwichtigt ihren ein⸗ mal erwachten Zorn nicht, und ſie gelobt, daß ſie die Sache unterſuchen werde. Sage mir, Orlow, hat nicht die Kaiſerin ihren Tod befohlen? — Befohlen? Wann hat je ein Herrſcher einen Mord befohlen? Man macht eine Geberde, man gibt einen Wink, man äußert ein halbes Wort oder wendet ſich vielleicht ſogar ſchweigend ab, wenn davon die Rede iſt, und die Anweſenden können dann alles verſtehen, wie ſie wollen. Iſt dann die That vollbracht, ſo gibt man einen Bericht ein, daß ein großes Unglück geſche⸗ hen, daß z. B. die Newa ausgetreten, in das Gefäng⸗ niß eingedrungen ſei und unglücklicher Weiſe eine Ge⸗ 106 fangene getödtet habe, ohne daß man es trotz den größ⸗ ten Anſtrengungen habe verhindern können. Man iſt da ſchmerzlich überraſcht, legt im ſchlimmſten Fall Trauer an und läßt die Sache allmälig hinſterben. — Aber unter ſolchen Umſtänden wäre es ja in der That wohl möglich geweſen, daß die Kaiſerin den Tod der Prinzeſſin nicht gewünſcht, und daß man ſie miß⸗ verſtanden hätte. Ein Achſelzucken war Orlow's ganze Antwort. — Die Handlung könnte alſo, wandte Cazzioni ein, auf Dich zurückfallen. Ein wildes, ſchreckliches Hohnlächeln glitt über Or⸗ low's Geſicht. — Laß uns von etwas Anderm ſprechen... dieſes Gerücht da, was weiß es zu erzählen? — Gib mir zuerſt die Börſe, denn ich hoffe, daß ich jetzt ſowohl kurz als verſtändig geſprochen habe. Orlow warf ihm die Börſe zu und ſie verſchwand in Cazzioni's Taſche. — Laß mich jetzt hören, was das Gerücht ſagt. — Es ſagt weiter nichts, als daß Tarrakanow auf eine wunderbare Art dem Tod entgangen ſei. Orlow ging ſchweigend auf und ab, Cazzioni folgte ihm mit ſeinen Pudelaugen. — Man ſagt wirklich, daß ſie noch lebe, bemerkte er endlich. Nun, das iſt wohl eine unverſchämte Lüge, aber jedenfalls... Orlow blieb beim Fenſterpoſten ſtehen und lehnte ſich einen Augenblick an denſelben, indem er die Stirne in ſeiner Hand ruhen ließ. Auf einmal verbreitete ſich ein Schimmer über ſein Geſicht, und als er es wieder empor⸗ hob, glänzte es von Zufriedenheit und Vergnügen. — Wie oft, ſagte er, hat nicht die Lüge, zur rechten Zeit in die Wagſchale gegen die Wahrheit geworfen, zu glücklichen Reſultaten geführt! Das Glück, ſagt ein Sprüchwort, kommt allein in des Menſchen Haus, das Unglück kommt mit großem Gefolge. Ich werde mich vor 107 dem letzteren hüten, und das Gerücht oder vielmehr die Lüge, die Du für ſo ſchrecklich hältſt, wird mich retten. Gegen jede Wahrheit erhebt ſich immer eine Unwahrheit, und wenn ſie ihre Waffen zu führen weiß, ſo wird ſie auch ſiegreich aus dem Kampf hervorgehen. — Aber iſt es wohl möglich, daß das Gerücht eine Begründung haben könnte?. Orlow warf einen mitleidigen Blick auf Cazzioni und begab ſich hohnlächelnd nach der Thüre, die zu den äußeren Zimmern führte. — Alexandrowitſch, rief er, komm herein! Orlow wollte jetzt die Thüre wieder zumachen, als ſeine Aufmerkſamkeit auf eine rieſengroße, magere Figur gelenkt wurde, welche ihm gegenüber zur Thüre eintrat und langſam auf diejenige zuſchritt, an der Orlow noch ſtehen blieb. Der Kommende war Andreas; aber wenn ſeine Miene immer düſter, verſchloſſen, drohend geweſen war, ſo glich er jetzt einem rieſengroßen Schatten, oder vielmehr einem Geſpenſt. Die einzigen Gewiſſensqualen, die auf Orlow Eindruck machten, waren die ſeines Bru⸗ ders, denn er hatte die Spuren ihrer Fortſchritte bei ihm genau beobachtet; das einzige Band des Blutes, das ſein Herz kittete, war auch das Band, das ihn mit dieſem Bruder vereinigte, in welchem er in vielen Fällen einen feſteren und kräftigeren Geiſt, als ſein eigener war, bewunderte, und der ſich gleichwohl we⸗ nigſtens bisher gehorſam unter ſeinen Willen gebeugt hatte. Andreas erſchien ihm als ein Spiritus Fami⸗ liaris, trotzig, wild, kühn, unbeugſam, nur von einem großartigen Inſtinkt geleitet. Der Anblick ſeines Bru⸗ ders wirkte daher auch eigenthümlich auf ſeine Einbil⸗ dungskraft, zumal da er ihn einige Tage vermißt, und da Andreas jetzt abgezehrter und leidender erſchien, als er ihn je zuvor geſehen hatte. Alexandrowitſch, in welchem wir den Sbitenhänd⸗ ler wieder finden, war auf Orlow's Ruf ſogleich her⸗ angeeilt. . 108 Da inzwiſchen Andreas ſich näherte und Orlow ſeinen Bruder erwartete, ſo zog Alexandrowitſch ſich auf die Seite. Als aber Andreas in's Zimmer hineinging, folgte er ihm dicht auf der Ferſe. — Wo biſt Du geweſen, Andreas? redete Orlow ſeinen Bruder an; willkommen! ich habe mich nach Dir eſehnt. 3 Andreas ſchien den freundlichen Gruß nicht zu hö⸗ ren, ſondern blickte ſtarr um ſich, und als er fand, daß ſein Bruder nicht allein war, begab er ſich an den Ofen, ohne weiter auf ihn zu achten. Kälte und Un⸗ freundlichkeit von ſeiner Seite, wenn auch nicht ſo ſtark hervortretend wie jetzt, war für Orlow etwas ganz Gewöhnliches, und er nahm die Sache ruhig hin. Alexandrowitſch's Anweſenheit erinnerte ihn jetzt nicht weniger an Cazzioni's letzte Frage, als an die Urſache, warum er ihn gerufen hatte. — Du warſt ja Gefängnißwärter in der Feſtung, Alexandrowitſch, fragte er ihn, als die Newa austrat und in eines der Gefängnißgewölbe drang, ſo daß die Prinzeſſin Tarrakanow dabei unkam? Bei dieſer Frage wandte ſich Andreas um. — Ja, gnädiger Herr Graf, antwortete Alexan⸗ drowitſch, ich hatte damals die Aufſicht über ihr Ge⸗ fängniß. tſch dreg⸗ heftete ſeine Augen ſtarr auf Alexandro⸗ witſch. — Es hat ſich jetzt ein Gerücht verbreitet, als ob ſie gerettet worden wäre, und Lambro Cazziont iſt einer von denjenigen, die nicht wiſſen, was ſie glauben ſol⸗ len. Was ſagſt Du? Alerandrowitſch's Kopf ſank mit einer haſtigen Bewegung hinab und man konnte den Ausdruck in ſei⸗ nem Geſichte nicht beobachten; um ſo ſichtbarer las man bei Andreas geſpannte Neugierde und Unruhe. — Du antworteſt nicht, fiel Orlow ein, als Alexan⸗ drowitſch ſtill blieb. 1⁰9 — Verzeihen Sie mir, gnädiger Herr, verſetzte Alexandrowitſch plötzlich, ſein Haupt wieder erhebend, ich ſtand da und dachte an... dachte an... — An was dachteſt Du?. — An den Tod der Prinzeſſin, gnädiger Herr; Sie ſahen ja ſelbſt ihre Leiche und auch Ihr Bruder hat ſie geſehen... Alle haben ſie ja geſehen... ich ver⸗ geſſe das nie. — Nun, Cazzioni, glaubſt Du jetzt, daß ſie todt iſt? — Aber das Gerücht... das Gerücht... — Wer kann die Leute hindern, zu ſchwatzen? Haſt Du auch das Gerücht gehört, daß ſie noch leben ſoll, Alexandrowitſch? — Nein, gnädiger Herr, nein. Je nachdem die verſchiedenen Perſonen ſprachen, drehte Andreas ſein Geſicht. Er ſchien nicht ein ein⸗ ziges Wort verlieren zu wollen. 4 — Du haſt es nicht gehört, begann Orlow wieder; aber wenn ich jetzt will, daß Du es gehört haben ſollſt? Alerandrowitſch verbeugte ſich. 8 — Und wenn ich ferner verlangen würde, fügte Orlow hinzu, Du ſolleſt die Möglichkeit zugeben, daß ſie gerettet worden ſei? — Aber ſie iſt ja todt, Herr, todt. Orlow's Augen funkelten. — Aber Du hörſt, ich will, daß ſie noch leben ſoll, Du hörſt das?... Alexandrowitſch verbeugte ſich wieder. — Komm her und ſchreib... Du kannſt doch ſchreiben? — Ein wenig, Herr. — Schreib, die Tarrakanow ſei nicht im Gefäng⸗ niß geſtorben, ſondern gerettet worden... Gerettet zum Beiſpiel durch Dich... gleich viel... ſchreib, wie Du willſt... aber bezeuge bei Deiner Seligkeit, daß ſie der Gefahr ntkommen ſei, die ſie bedroht. 1¹⁰ Eine ſchreckliche Angſt drückte ſich bei Alexandro⸗ witſch aus. — Sie ſetzen mein Leben auf's Spiel, gnädiger Herr, bemerkte er, Barmherzigkeit! — Der Einſatz iſt nicht groß, aber meinetwegen kannſt Du noch lange leben. Sobald Du geſchrieben haſt, werde ich Dir einen Paß ausfertigen, womit Du Dich auf eines meiner Güter in Polen begibſt, wo Du ſo lange leben kannſt als Du Luſt haſt. Schreib ſchnell. Alexandrowitſch zögerte noch. Andreas hatte ſeinen Blick nicht von ihm abge⸗ wandt. Scharf wie ein Blitzſtrahl ſchien er die innerſten Gedanken des Mannes erforſchen zu wollen. Inzwi⸗ ſchen ergriff Alexandrowitſch die Feder; aber kaum hatte er ſie auf das Papier geführt, ſo warf er ſie weg, er⸗ hob ſich und ſiel vor Orlow auf die Kniee. — Nehmen Sie mir das Leben, gnädiger Herr, ſagte er, aber ich ſtelle das Zeugniß nicht aus, das Sie verlangen. Orlow's Raſerei hatte noch nicht ausbrechen kön⸗ nen, als ſchon Andreas vortrat. — War Alerandrowitſch Aufſeher in dem Gefäng⸗ niß, wo Tarrakanow ſtarb? fragte er. Ja. — So berühre ihn nicht, Jwan, ſagte Andreas, ich nehme den Mann unter meinen Schutz. Was das Zeugniß betrifft, das Du von ihm verlangſt, ſo werde ich Dir ein ſolches ausſtellen. Andreas ſetzte ſich an den Schreibtiſch. „Daß Tarrakanow noch lebt, ſchrieb er, bezeuge ich hiermit, ſo wahr Gott am letzten Tag ſich meiner gnädiglich erbarmen möge.“ Andreas wählte ſelbſt ohne alle Bedenken dieſe Faſſung und zeichnete mit raſcher Hand ſeinen Namen darunter. — Biſt Du mit dieſer Verſicherung zufrieden, Iwan? Orlow wußte, daß Andreas ein ſtrenger Wahrheits⸗ u n— R 111 freund war und mit hartnäckiger Zähigkeit an den reli⸗ giöſen Begriffen feſthielt, denen er ſich beſonders ſeit Tarrakanow's Tod hingegeben hatte; deßhalb überraſchte und erſchreckte ihn das Zeugniß in gleichem Maaße, denn wenn es auch in ſeinem Plan liegen konnte, die Kaiſerin glauben zu machen, daß Tarrakanow lebe, ſo hätte er doch um Nichts in der Welt gewünſcht, daß dieß ſich wirklich ſo verhielte, weil ſie in letzterem Fall ihm den Unwillen, ja vielleicht die Ungnade der Kaiſerin zuziehen konnte und ohne Zweifel auch ein ſehr gefähr⸗ licher Zeuge wurde, der, aus den Gräbern aufgeſtan⸗ den, ſich gegen ihn erheben konnte. — Was will das heißen? fragte er daher Andreas. Du verſicherſt ja hier, daß ſie wirklich lebe.— — Du haſt das Recht, mein Zeugniß zu erklären, wie Du willſt, antwortete Andreas; aber ich habe auch eine Frage an Dich zu ſtellen. Geſchah es auf den Be⸗ fehl der Kaiſerin oder nicht, daß die Newa in das Ge⸗ fängniß hineingelaſſen wurde? Ich wünſche eine be⸗ ſtimmte Antwort. Ja oder nein? Vor Orlow's Gedanken trat jetzt die ganze ſchauer⸗ liche Troſtloſigkeit, die in Folge des traurigen Schick⸗ ſals der Prinzeſſin ſeinen Bruder gemartert habe; aber er vergaß auch nicht, wie gefährlich es war, die an ihn geſtellte Frage zu beantworten, nachdem die Aufmerk⸗ ſamkeit der Kaiſerin jetzt auf den Gegenſtand gelenkt worden. Andreas ſtand kalt, eiskalt vor ihm; er hätte ihn lieber in ſeiner gewöhnlichen leidenſchaftlichen Stim⸗ mung geſehen. Wenn Orlow behauptete, die Kaiſerin habe einen ſolchen Befehl ausgefertigt, ſo war dieß eine Anklage gegen ſie; und wenn er es läugnete, ſo war es eine Anklage gegen ihn ſelbſt; unter den für den Augenblick eingetretenen Umſtänden aber war weder das Eine noch das Andere rathſam. Andreas bemerkte ſeine Unentſchloſſenheit. 112 — Du antworteſt nicht, bemerkte er.. Nun erſt einmal fühlte ſich Orlow befangen, und ei um dem ſcharfen forſchenden Blick zu entgehen, den u. Andreas auf ihn heftete, wandte er ſich mit eine ſcher⸗ zenden Geberde von ihm ab. — Du verweigerſt mir alſo die Antwort, ſagte„ A Andreas wieder, und ich darf dieß deuten wie ich will. r6 Das thue ich auch. f Andreas verſtummte hier und betrachtete Iwan noch ei einmal; aber was las man in dieſem Blick? War es ſi Haß oder Liebe? War es die Regung eines warmen 1 Bruderherzens oder nur eine bezwungene Feindſeligkeit? war es die innige Ergebenheit eines theilnehmenden Gefühls oder war es bloß Abſcheu? Im nächſten Augenblick ſtreckte Andreas ſeine Hand ſ gegen ihn aus. — Leb' wohl, ſagte er. — Was? gedenkſt Du mich zu verlaſſen? — Auf ewig, Bruder. Wir können nicht mehr beiſammen ſein. Mögen unſere Wege nie mehr auf einander ſtoßen! 3 Orlow hatte dieſes Ende nicht erwartet und der Gedanke erſchütterte ihn, daß Andreas ihn verlaſſen ſollte. — Andreas, ſagte er, es kann nicht Dein Ernſt ſein, mich zu verlaſſen. Aber Andreas ließ ſich auf keine Antwort ein, ſon⸗ dern drückte nur noch einmal ſeine Hand. — Ich hätte beinahe Etwas vergeſſen, ſagte er; wenn Du über Alexandrowitſch ein Recht zu beſitzen glaubſt, ſo kannſt Du ihn mir überlaſſen. Willſt Du ihn mir ſchenken? — Nimm ihn... aber wohin willſt Du gehen? — Folge mir, Alexandrowitſch. Alexandrowitſch hielt ſich dazu bereit und noch ein⸗ mal wandte ſich Andreas gegen Iwan. — Leb' wohl, ſagte er, leb' wohl. —ͤ ͤ ͤ—-— 2A—— ————— 11³ Ungeachtet ſeine Stimme zitterte wie ein Ton aus einem gebrochenen Herzen, blieb Andreas gleichwohl kalt und hart. Orlow verſtand ſich ſelbſt nicht recht in dem Augen⸗ blick, wo ſein Bruder ſich von ihm abwandte und mit Alerandrowitſch ſich entfernte. Das einzige gute und reine Gefühl, das noch in ihm lebte, war die Liebe für Andreas, und dieſer verließ ihn jetzt. Er warf ihm einen langen, langen Blick nach, aber der Bruder ſah ſich nicht einmal um. — Andreasl! rief Orlow, Andreas! Aber Andreas antwortete ihm nicht, er hörte nicht einmal. Zum erſtenmal deuchte es Orlow, als ſei es leer in ſeiner Bruſt, als verlaſſe ihn Etwas, das er ſehr vermiſſen werde. — Ich weiß, wie man einen ſchlechten Kerl be⸗ handeln muß, Orlow, ſagte Lambro Cazzioni, ſobald ſie wieder allein waren; es iſt das Allerbeſte, vor ihm die Rolle eines Narren zu ſpielen; aber ich habe noch nie daran zu denken gebraucht, wie man ſich gegen einen Ehrenmann benehmen muß. Glaubſt Du, daß man über ihn lachen oder weinen ſoll? Lache ich, ſo drücke ich damit aus, daß er in ſeiner Art lächerlich iſt; weine ich dagegen, ſo bedeutet das, daß er in ſei⸗ ner Art zu bedauern iſt. So viel weiß ich, daß der Menſch, der jetzt ſeinen Weg ging, mich melancholiſch gemacht hat. Er war ſicherlich ein Ehrenmann. Er hatte eine Phyſtognomie, als wäre er ſo eben aus Si⸗ birien zurückgekehrt. Sibirien iſt es auch, was den be⸗ ſtändigen Kreislauf der Aus⸗ und Einfuhr ehrlicher Leute bei uns unterhält. Des Bruders Abſchied hatte einen tiefen Eindruck auf Orlow gemacht, aber Cazzioni's Geplauder rief ihn Der Fürſt. II. 8 114 wieder zu ſich ſelbſt und zu den Geſchäften zurück, die ſich von allen Seiten drängten. Auf der einen Seite wurde er vom Zorn der Kaiſerin und auf der anderen von Worowitſch's jugendlicher Heftigkeit bedroht: Brand⸗ ſtoffe, die mit Verſtand und Umſicht behandelt werden mußten, wenn ſie ihm nicht gefährlich werden ſollten. Er vergaß alſo über dem Drang ſeiner Sorgen An⸗ dreas bald. Die Ereigniſſe hatten ihn zwar in ein Labyrinth geführt, aber er war vollkommen überzeugt, daß er ſieg⸗ reich daraus hervorgehen würde, und da dieſer Gedanke ihn belebte, erwachte in ihm ein leidenſchaftliches Ver⸗ langen, die Kataſtrophe zu beſchleunigen, um deſto ſchnel⸗ ler die Früchte genießen zu können.. — Haſt Du gehört, ob die Kaiſerin einen Wunſch geäußert hat, mich zu ſprechen? fragte er Cazzioni. — Ich hörte ſie Deinen Namen nennen, aber ſie wurde unterbrochen und vergaß dann die Sache. Orlow ging heftig auf und ab. — Es iſt beſſer, ihr entgegen zu gehen, als ſie zu erwarten, ſagte er.. Einen Augenblick blieb er ſtehen, fuhr dann mit der Hand über die Stirne. — Handeln... ja, ja, ich muß handeln. nur die Thätigkeit kann meiner Lunge die nöthige Luft geben. Orlow's Bruſt hob ſich und er that einen tiefen Athemzug, ſeine fein gebaute Geſtalt erhöhte ſich dabei, er ſchien beinahe zu wachſen. Aber auf einmal wandte er ſich zu Cazzioni und ſtreckte ſeine Hand nach dem Tiſche aus. Es lag ſo viel Energie und Elaſtizität in dieſer Bewegung, daß man nicht bezweifeln konnte, daß er nicht blos klar wußte, was er wollte, ſondern daß er auch dreiſt ſeinem Ziele entgegen zu gehen gedachte. — Cazzioni, ſagte er, Du kannſt mir einen Dienſt erweiſen. — Du haſt zu befehlen. 115⁵ — Ich habe da einige Briefe. 3 Er deutete auf die im Anfang des Kapitels beſpro⸗ chenen, noch unvollendeten Briefe. — Aber warte noch ein wenig, fügte er hinzu... ich muß die Stunde dazu ſchreiben... ſo, ſo. 3 — Darauf legte er die Briefe zuſammen, verſie⸗ gelte ſie mit Mundlack, ſchrieb die Adreſſen darauf, und übergab ſie Cazzioni. — Ich kann mich doch auf Dich verlaſſen? 3 f— Wenn Du das nicht könnteſt, wäre ich jetzt nicht hier. — So nimm dieſe Briefe, Du ſiehſt die Adreſſen, es ſind kleine Liebesbillets, begreifſt Du? Cazzioni machte eine ſeiner bewundernswürdigen Geberden. — Du biſt ein liſtiger Kauz, Cazzioni. Laß ſehen, daß du dieſe Briefe ſo an Mann bringſt, daß Niemand vermuthen kann, von wem ſie kommen. — Ich verſtehe... ich verſtehe. — Keine von dieſen Damen darf wiſſen, in wel⸗ chem Verhältniß ich zu den übrigen ſtehe: jede einzelne für ſich. — Süperb, Orlow, Du biſt ein Meiſter. — Und jetzt mußt Du mich verlaſſen, mein Freund, ich habe noch etwas zu beſorgen. In einer Stunde bin ich bei der Kaiſerin. Orlow war wieder allein. Er befand ſich in der⸗ ſelben Lage, wie ein Menſch, der einen ſteilen Uferfel⸗ ſen hinanklettert, indem er mit der Hand nach jedem Gegenſtand greift, der ſein Aufſteigen erleichtern kann, während die ſchwarze bodenloſe Meereswoge brauſend ſich unter ihm erhebt, um ihn in die Tiefe hinab zu reißen; aber Orlow hatte ſich ſchon mehr als einmal in dieſer Lage befunden, und er kannte ſeine Geſchmei⸗ 117 und feinſte Menſchenkenner dringt in die Myſterien der⸗ ſelben ein. Die Geſichtsmuskeln bilden in dieſer Sprache die Konſonanten und alle Vokale liegen im Auge. Ein Blick, eine Muskelbewegung ſcheint ſo oft eins und daſ⸗ ſelbe zu ſein, adwe verſchiedene Bedeutungen be⸗ ſjtzen ſie nicht gleichwohl! 4 Jehh nr Trauer und der Freude, dieſen zwei prismatiſchen Hauptfarben unſerer pſychiſchen Erfah⸗ rung, liegt wie zwiſchen Himmel und Erde ein Regen⸗ bogen von vorübergehenden— nicht Farben, ſondern Gefühlen: wer vermag ſie alle zu beſtimmen? Ein freudiges Zucken in Orlowes Geſicht, ein fun⸗ kelnder Blick und ein halblauter, lebhafter Ruf von ſei⸗ nen Lippen deutete die Empfindungen an, womit er den Brief las. Er war folgenden Inhalts: „Eile in den Tauriſchen Palaſt. Hier ſteht bald eine Kriſis bevor. Subow hat aus der Kaiſerin her⸗ ausgelockt, daß ſie auf Armfelt's Vorſchlag und in der Abſicht, unſer verabredetes Rendezvous in der Galerie zu Petershof zu entdecken, mich und Protaſow entfernt und ſich ſelbſt mit ihm dort eingefunden hat. Armfelt hat eine dreiſte Rolle geſpielt; aber es iſt nicht genug, daß wir das wiſſen, denn die Gefährlichkeit eines ſol⸗ chen Seglers in unſerm Fahrwaſſer liegt klar am Tage: er muß auch geſtürzt werden. Glücklicher Weiſe hat Subow bei dieſer Gelegenheit keine Eiferſucht verrathen, ſo daß wir die Sache ausſchließlich als Patrioten be⸗ handeln können und unſere Intereſſen nicht voranzu⸗ ſtellen brauchen. Um keinen einzigen Augenblick zu verſäumen, habe ich der Kaiſerin ein Aktenſtück vorge⸗ legt, welches Punkt für Punkt die Bedingungen auf⸗ zählt, unter denen ſie ihm fortwährend ihre Gunſt ſchenken will. Geht er darauf ein, ſo bleibt er aller⸗ dings hier, aber er wird zugleich auch als Verräther an ſeinem Vaterlande dort verloren ſein, und wenn er keine Sympathien in Schweden beſitzt, ſo werden ſie ihm auch hier 118 bald fehlen. Geht er dagegen auf dieſe Vorſchläge nicht ein, ſo iſt für ihn der Ruͤckweg an ſeinen Verbannungs⸗ ort Kaluga gerade ſo weit, wie ſein Weg hieher war. Unſere Stellung iſt in dieſem Augenblick vortheilhaft. Ein Zufall hat dazu beigetragen, die Kaiſerin günſtiger für uns zu ſtimmen, als ſie ſeit langer Zeit war. Die Sache iſt die, daß man— ich weiß nicht, von welcher Seite her— mit der alten Geſchichte der Tarrakanow wieder hervorgetreten iſt. Die Erzählung dieſer Ge⸗ ſchichte hat ſte tief aufgeregt, und da ſie des Troſtes ihrer Freunde bedurfte, ſo iſt ſie ihnen in die Arme ge⸗ fallen. Eile alſo hieher... Subow will es... und es iſt um ſo wichtiger, als wir entdeckt zu haben glau⸗ ben, daß es Armfelt gelungen iſt, eine ganze Partei von lauter Damen gegen uns zu bilden, eine Partei, die zwar nicht gefährlich iſt, aber doch läſtig werden kann. Ich gedenke in dieſem Augenblick zur Kaiſerin zu gehen. Mit Gottes Hülfe werden wir in ein paar Stunden die Sache abgemacht oder wenigſtens dieſen läſtigen Gaſt auf die andere Seite der Oſtſee geſchafft haben. Laß nur nicht lange auf Dich warten! Komm!“ Orlow's ſchon an und für ſich nicht geringer Muth wuchs mit jedem Wort, das er las. Gleich einem Be⸗ fehlshaber, der, wenn er es am wenigſten erwartet, einen Bericht erhält, daß der Feind bereits von einem detaſchirten Korps umgangen iſt, belebte ſich ſeine Seele, und der günſtige Augenblick, den Gegner in der Front anzugreifen, durfte nicht verſäumt werden. — Meine Equipage, rief er ſeiner Dienerſchaft zu. Aber in dieſem Augenblick erinnerte er ſich an Wo⸗ rowitſch, und mit heiterer Miene betrachtete er die Thüre, hinter welcher ſich der Jüngling befand. — Uebermüthiger Junge, ſagte er jetzt, du haſt alle meine Vermittlungsvorſchläge verachtet, klage dich ſelbſt an. Mein Gluck verläßt mich nicht. Ich will mit euch Allen ſpielen, mit der Kaiſerin ſowohl, als mit Armfelt und dir. Ich hatte dir eine Theilung der ᷣ——n ——— 3 3 5. 119 fürſtlichen Güter vorzuſchlagen beabſichtigt; aber thei⸗ len, theilen mit dir? Nein, nein! In deinem blinden Selbſtvertrauen ſollteſt du es ſelbſt von dir ſtoßen und eine Schwachheit verachten, denn nur die Schwachheit theilt, die Stärke nimmt Alles. Alſo Alles oder Nichts. Die Schlinge liegt bereit, die Falle iſt geſtellt, Alles iſt in Ordnung, dich zu empfangen. Frei... frei... frei magſt du fallen... dann bin nicht ich es, der dich ſtürzt, ſondern du thuſt es ſelbſt. Aber ich habe Etwas vergeſſen. Orlow ſchrieb einige Zeilen, verſiegelte ſie, adreſſirte den Brief an Döring und klingelte dann einem Diener. — Bring' dies dem Portier im Haus Nr. 40 Alexander⸗Newsky⸗Perſpektive... ſpute Dich... es geht Niemand etwas an, von wem es kommt, nicht ein⸗ mal den Portier. — Der Bediente legte zwei Finger auf den Mund und entferte ſich. — Sobald Worowitſch frei iſt, murmelte er zwi⸗ ſchen den Zähnen, indem er dem fortgehenden Bedien⸗ ten noch nachſah, wird er... ich kann mich hierin nicht täuſchen... zu ſeinem Freund Döring eilen... und Döring wird ihm dieſen Brief zeigen, der keine Unterſchrift hat. Und von wem iſt er? Von mir? Bahl Liebe und Narrheit, ganz gewiß treffen wir alſo heute Abend zuſammen. — Keine Skrupeln, ſagte er, ich muß jetzt den Vogel loslaſſen, der Augenblick iſt gekommen. (CEr überlegte indeß noch einmal, und dann ging er in das Zimmer, wo Worowitſch ſich aufhielt. — Kommen Sie heraus, ſagte er. Worowitſch trat heraus. — Ich hätte Ihnen zwar noch viel zu ſagen, re⸗ dete er ihn an, aber meine Zeit geſtattet es mir nicht: kurz und gut, Sie ſind frei! — Frei? Die Freude ſtrahlte von Worowitſch's Geſicht; er 12⁰ hatte nicht erwartet, dieſes Wort, für einen gefangenen Jüngling das ſchönſte von allen, hören zu dürfen. — Sie können gehen, wohin Sie wollen... auch zur Kaiſerin, wenn Sie Luſt haben. Orlow's ſtolze und muthige Sprache gaben ihm ein bedeutendes Uebergewicht über Worowitſch, der in dem entzückenden Bewußtſein der Freiheit alles Andere ver⸗ geſſen hatte. — Verlaſſen Sie mich, fügte Orlow hinzu und befahl dem Jungling durch eine Bewegung, ſich zu ent⸗ fernen. Nach einem kurzen und kalten Gruß eilte der Jüng⸗ ling auch hinweg. — Dein Verderben erwartet dich draußen ſicherer, als hier innen. Das Schreiben ſeines Bruders Andreas lag vor Orlow. Auf beide Hände geſtützt, betrachtete er es eine Weile, dann legte er es zuſammen und ſteckte es in die Taſche. 3 — Todt zu ſein und doch zu leben, murmelte er dabei, das begreife ich nicht. 1 Aber er blieb noch immer ſitzen und ſtarrte vor ſich hin. Nach was ſtarrte er? wußte er es ſelbſt? Vielleicht ſchwebte Andreas' düſterer Schatten an ſeiner Seele vorüber. Eine Viertelſtunde ſpäter befand er ſich auf dem Wege nach dem tauriſchen Palaſt. 121 Achtzehntes Kapitel. Der tauriſche Palaſt. 1— Du biſt ſo ſtill, Willanow... Du athmeſt . kaum... Du ſcheinſt beinahe Dein Herz zu belauſchen. Willanow ſchlug ihre dunkeln Augen auf. d— Ew. Hoheit, ich kann mich von meinen Erinne⸗ 2 rungen an unſre Reiſe nach Sirelna und an das, was früher geſchehen iſt, nicht losreißen. — Närriſche Willanow, Du denkſt noch immer an das! Ich habe es ſchon lange vergeſſen. Marfa machte , einen tiefen Eindruck auf mich; aber mir iſt blos das Angenehme von der ganzen Geſchichte geblieben. Ich r. bin recht froh über dieſe Reiſe. e— Mir ſchwebt noch immer der Zorn der Kaiſerin e auf's Lebhafteſte vor den Augen. Ach, Ew. Hoheit, wie argwöhniſch hat ſie ſich nicht über mich ausge⸗ r ſprochen! — Ach, das freut mich, Willanow, denn dadurch r erhielt ich doch einmal Gelegenheit, Dir zu beweiſen, daß ich Deine Freundin bin. Ach, wie gluͤcklich machte mich das! n— CEs iſt wahr, Ew. Hoheit, Sie haben edel und hochſinnig gehandelt, und wie ſehr bin ich Ihnen nicht n zum Dank verpflichtet! Sie haben mich unleugbar ge⸗ rettet, aber wer weiß, ob die Kaiſerin nicht gleichwohl noch immer Argwohn gegen mich hegt; ich kann nicht leugnen, daß mir vor der Zukunft bangt. — Jetzt biſt Du noch kindiſcher, als ich, Willanow, 5 und Du haſt doch ſonſt immer ſo viel Muth bewieſen. Willſt Du übrigens hören, warum ich ſo vergnügt bin und mich ſo gluͤcklich fühle? — Ach ja, Ew. Hoheit, ſagen Sie mir's. — Fuür's Erſte freue ich mich darüber, daß Du mir jetzt noch weit theurer geworden biſt, als Du frü⸗ 122 her warſt. Ich kann nicht vergeſſen, wie Du mich auf der Landſtraße ſo muthig vertheidigteſt. Ach, wie ich Angſt hatte! — Der Name Marfa war es, was Sie rettete, nicht ich. Während Alexandra mit vieler Wärme von ihrem Gegenſtand ſprach, breitete ſich ein anmuthvolles, freund⸗ liches Lächeln über ihre Züge, wie wenn die Morgen⸗ ſtunde aus goldenen Wolken über eine ganze Blumen⸗ welt herabſchaut. Sie glich nicht jenen weſenloſen Schattenbildern, die, getragen auf einem Ton aus Oſ⸗ ſtan's gewaltig brauſender Harfe, über dem wolken⸗ umhüllten Schottland ſchweben, und eben ſo wenig jenen ernſten, hohen Erſcheinungen, womit Odin die Säle Walhalla's verherrlichte, ſondern ſie glich einer von jenen an liebenswürdiger, jungfräulicher Naivetät reichen Geſtalten, die alle Welt bezaubern und hinrei⸗ ßen durch ihre engelreine Unſchuld und Grazie, ſowie durch die ſchwärmeriſche Wärme eines Herzens, welches unbewußt unter dem reinen Eindruck eines zärtlichen Gefühles bebt, ſo wie es Petrarca's Seele in den ſchön⸗ ſten Augenblicken der Inſpiration belebte. Die ro⸗ mantiſche Natur von Vauclüſe ſchien die Wiege zu ſein, wo Alexandra's Seele ſich geformt hatte unter Wiegenliedern, welche der unſterbliche Dichter der rein⸗ ſten Liebe geſungen. — Zweitens... Alexandra's Hände waren weiß, wie der reinſte Alabaſter, und das Tageslicht brach hindurch, wie durch die feinen Adern einer Lilie. Mit einem Ausdruck der innigſten Befriedigung zählte ſie die verſchiedenen Punkte ihrer Rede an den Fingern her. — Zweitens freut es mich, daß ich einmal mit Marfa zuſammengetroffen bin. Ich kann Dir gar nicht ſagen, wie ſehr ſie mich angezogen hat. Sie rief eine ſo wunderbare Stimmung in mir hervor; ich hatte noch ₰— ——y—— 123 nie eine ſo unerklärliche, heilige Andacht in meiner Seele empfunden. Wenn ich an ſie denke, erſcheint ſie mir als ein durch große Kümmerniſſe in eine Heilige verwandeltes Weib, das mit reinerem Blick, als irgend ein anderes Menſchenkind in unſere Herzen ſchaut; ſie offenbart und erklärt, aber ſie prophezeit nicht, Willa⸗ now. Sie iſt eine moderne Seherin... mehr kann ich nicht ſagen. Entſchloſſenheit vertrat bei Willanow die Stelle der Eingebung. Sie borgte ihre Kraft von dem Augen⸗ blick, wo ſie ſich offenbarte. Die Pſyche des Mädchens war durch ihre Stellung gebunden, und die Umſtände hinderten den freien Flug derſelben. Inmitten der Ver⸗ gnügungen des Hofs und trotz all der Liebe, die man ihr bewies, betrachtete ſie ſich als eine Gefangene, und nicht bloß um eine Pflicht zu erfüllen, ſondern auch um ihre Schmermuth zu verſcheuchen, hatte ſie mit den Koketten kokettirt, mit den Fröhlichen gelacht, mit den Unglücklichen geweint, mit Cazzioni Poſſen getrieben, mit Protaſow geſchwatzt; aber mit Alexandra hatte ſie geliebt, nicht bloß um ſich zu zerſtreuen, ſondern haupt⸗ ſächlich darum, weil dieß am meiſten mit ihrer eigenen Natur übereinſtimmte. In Willanow's Buſen klopfte ein reichbegabtes Weiberherz; aber das Weib iſt im Allgemeinen etwas Unvollendetes und Unbeſtimmtes, bis es durch die Liebe zur Entwicklung gebracht wird. Wie der Phönix zu neuem Leben und neuem Flug aus dem Scheiterhaufen emporſteigt, ſo erhebt ſich der Charakter des Weibes erſt aus der Glut der Leidenſchaft in ſeiner Verherrlichung. Aber hatte wohl in den dunkeln Ah⸗ nungen des Mädchens die Liebe bereits ihr Werde ausgeſprochen? Ihre Seele war voll von Ideen, in ihrem Kopf bewegten ſich eigenthümliche Gedankeu, und in ihrer Bruſt brannten ſtarke Gefühle; aber hatte wohl darum auch die Liebe ſich ſchon im Heiligthum heimiſch gemacht? Mit einer ewigen Flamme in ihrem Kelch wuchs eine einſame Roſe in ihrem Herzen, und in den Augen⸗ blicken, wo ſie ſich ſelbſt überlaſſen war, konnte man den purpurrothen Glanz, die glühende Pracht, die orientaliſche Ueppigkeit derſelben zwar ahnen; aber noch hatte ſte ihre Knoſpe nicht in der Wirklichkeit entwickelt, ſondern nur in ihren Träumen. Mit einem beredten Blick drückte Willanow die Hand der Prinzeſſin, zum Dank für ihre freundliche Aeußerung über Marfa. — Drittens, fuhr Alexandra fort, während ſte mit einem lebhaften Ausdruck die Zeigefinger auf ein⸗ ander legte, fühle ich mich ſo unausſprechlich glücklich, weil Du mir Tarrakanow's Geſchichte erzählt haſt... Du haſt ſelbſt gehört, daß die Kaiſerin ihren Tod nicht befohlen hat... ach, wie freute mich das... der Gedanke an ein ſolches Verbrechen war entſetzlich... aber jetzt athme ich leichter... die Kaiſerin iſt un⸗ ſchuldig. — Aber, Ew. Hoheit, Sie haben den Blick nicht beobachtet, welchen die Kaiſerin mir zuwarf, als Sie erfuhr, daß ich Ihnen die Sache erzählt hatte. — Ich muß über Dich lachen, Willanow. Der Zorn der Kaiſerin war nicht gegen Dich gerichtet, ſon⸗ dern gegen den Verdacht, den man gegen ſie zu hegen wagte. In dieſer Beziehung bin ich ruhig... ſie liebt Dich... aber man bemerki es ſelten, wenn man von einer Perſon geliebt wird, die man ſelbſt nicht liebt. Höore mich indeß weiter an... das, was mich am Aller⸗ meiſten freut, habe ich bis jetzt aufgeſpart. — Ich ſehe voraus, was Sie ſagen wollen, Ew. Hoheit. Erröthend führte Alexandra die Hand an ihre ſchwellende Bruſt. Dieſe war ſo voll, ſo übervoll von Seligkeit. — Ach nein, Willanow, Du kannſt nicht wiſſen, was mich ſo vergnügt macht... und... und... X=2S= nͤ-———ꝙ — 125 und.. ich weiß in der That nicht, ob ich es Dir ſa⸗ gen ſoll, weil Du, Willanow... 3 Hätte Alexandra in dieſem Augenblick zum erſten Mal an der Seite des Geliebten geſeſſen, ſie hätte nicht ſchöner ſein können; aber in ihren Ahnungen, in ihrer. Phantaſie und in ihrer Sehnſucht durchbebte ſie auch jetzt ein ſo morgenſchönes und liebliches Gefühl, wie es nur jemals auf flatternden, weißen Schwingen das zitternde Herz einer kaum erſt Braut gewordenen Jung⸗ frau durchflogen hat.. — Weil Du beſtändig Geheimniſſe vor mir haſt, fuhr die Prinzeſſin fort. Ich hcie mir deßhalb neulich in Petershof feſt vorgenommen, auch einmal ſolche vor Dir zu haben. Du ſiehſt mich mit großen Augen an. Warum ſollte ich keine haben? Du glaubſt gar nicht, wie intereſſant Du mir durch Deine Geheimniſſe ge⸗ worden biſt, und es hat mich recht geärgert, daß ich keines haben ſollte, das Dich ebenfalls intereſſiren konnte. — Ach, Ew. Hoheit, Sie kennen ſich ſelbſt nicht; Sie haben immer Etwas, was Sie intereſſanter macht als alle andere Perſonen. — Mit nichten, Willanow, Du willſt mir bloß ſchmeicheln. Aber jetzt... jetzt... — Nichts, Ew. Hoheit, kann das Intereſſe noch erhöhen, das Sie durch Ihr warmes, Ihr gutes, ſo offenes und reines Herz Jedermann einflößen müſſen. si Die Prinzeſſin drohte ihrer Freundin mit dem inger. e Du biſt gefährlich, Willanow... Du willſt mir bloß ein Geheimniß ablocken... aber das geht nicht ſo leicht, ſage ich Dir... ich kann auch ſchwei⸗ gen, ſo gut wie andere Leute... Du glaubſt es viel⸗ leicht nicht... aber wir wollen ſchon ſehen. Alexandra's ſchalkhafte Kindlichkeit gab Willanow allmählig eine gewiſſe Seelenfriſche wieder. Die Luft klärte ſich gleichſam um ſie her; der Nebel der Melan⸗ cholie begann ſich zu zerſtreuen. Die Umriſſe ihres eige⸗ nen freien Charakters traten immer deutlicher und be⸗ ſtimmter hervor, wie die Gegenſtände in der äußeren Natur hervortreten, wenn der Morgen ſeinen erſten Strahl über ſie wirft. Willanow war ſelbſt zu lebhaft, als daß die unge⸗ künſtelte Heiterkeit, welche die Prinzeſſin beſeelte, nicht auf ſie hätte einwirken müſſen. — Ich ſagte ſo eben, bemerkte das Fräulein, daß Sie ſich ſelbſt nicht kennen, Ew. Hoheit, und jetzt be⸗ haupte ich, daß Sie mich nicht kennen, wenn Sie ſa⸗ gen, ich wolle Ihnen Ihr Geheimniß ablocken. Ich achte Geheimniſſe... wer kann dafür, daß das Herz Geheimniſſe hat... es iſt dazu geſchaffen, ſolche zu beſitzen. Alexandra beugte ſich gegen ihre Freundin vor und betrachtete ſte mit großen Augen, glänzend wie das klarſte Waſſer. Aber ſie behauptete dieſe Stellung nicht lange und im nächſten Augenblick ſchloß ſie das Fräu⸗ lein in ihre Arme. — Du weißt Dich ſo gut auszudrücken, Willanow, ſagte ſite. Unſere Herzen ſind geſchaffen, um Geheim⸗ niſſe zu beſitzen... und gleichwohl... ich ſollte mich ordentlich über mich ſelbſt ärgern... gleichwohl ver⸗ mag ich keines vor Dir zu haben. Ich habe wirklich in den zwei letzten Tagen bloß darum keine Ruhe fin⸗ den können, weil ich ein Geheimniß vor Dir hatte, wo⸗ von Du gar Nichts bemerkteſt, obſchon ich alles Mög⸗ liche that, um Deine Aufmerkſamkeit auf mich zu zie⸗ hen. Was hilft es wohl ein Geheimniß zu beſitzen, wenn ſich Niemand die Mühe nimmt, es ergründen zu wollen? bereits kenne. — Das wäre einmal ſchön... Du kennſt es... nun, laß doch hören. — Seien Sie überzeugt, Ew. Hoheit, daß ich es — Aus Ihrem Geſicht kann man in Ihrem Her⸗ 127 zen leſen. Keine Augen können ſo getreu Alles, was in ihrem Innern vorgeht abſpiegeln, wie die Ihrigen. — Aber damit iſt noch nicht bewieſen, daß Du mein Geheimniß kennſt. — Soll ich es Ihnen alſo ſagen.. — Allerdings, denn ich will Dir beweiſen, daß Du Dich auch einmal täuſchen kannſt... Nun... was weißt Du? — Ew. Hoheit haben uns nicht erzählt, was Marfa Ihnen prophezeite. — Du haſt mich nicht darüber gefragt... und was bekümmerſt Du Dich wohl⸗darum.. Du denkſt bloß an Deine eigenen wichtigen Geheimniſſe. — Ew. Hoheit thun mir Unrecht. — Beweiſe mir das. — Ich beweiſe es am Allerbeſten, wenn ich Sie überzeugen kann, daß ich Ihr Geheimniß kenne, daß ich aber aus Rückſicht, weil ich nämlich glaubte, Sie wollten es für ſich ſelbſt behalten, bisher kein Wort da⸗ von geſprochen habe. — Du wirſt ſehen, daß ich Dich gefangen habe, Willanow. Ach, wie will ich mich freuen, Dich aus⸗ lachen zu können, wenn Du zugeben mußt, daß Du Dich getäuſcht haſt! Fahre jetzt fort, fahre fort. — Am Morgen nach unſerer Rückkehr von Strelna waren Sie vergnügter, als ich Sie ſeit langer Zeit ge⸗ ſehen habe. — Das kann ich nicht leugnen; aber was half mir all mein Vergnügen, da Du ſo betrübt und beküm⸗ mert dareinblickteſt? Doch... was war es nur... es iſt wahr... jetzt laſſe ich Dich nicht los, bevor ich Dir bewieſen habe, daß Du noch nicht weißt, was ich weiß. Warum war ich ſo vergnügt geworden? Ich glaube, Du biſt Deiner Sache nicht mehr ſo gewiß... Alexrandra gerieth in Eifer. 3 1 Sie waren vergnügt, Ew. Hoheit, weil... weil.. — Nun ja.. weil... weil... ſiehſt Du Du ſtammelſt bereits. — Ich beſitze nicht viel Menſchenkenntniß, Ew. Hoheit, aber dennoch... Sie ſind offen und natürlich . und wenn ich auch nicht prophezeien kann, ſo iſt es doch nicht ſchwer, den Grund Ihrer Fröhlichkeit zu errathen. Marfa hat Ihnen eine glückliche Zufunft an Guſtav Adolf's Seite prophezeit. Alexandra wurde auf einmal blutroth, ſo heftig wirkte dieſer Name auf ſie. Ihre Liebe war bereits Leidenſchaft, eine Leidenſchaft, die mit der ganzen hin⸗ reißenden Macht der Phantaſie ihr Herz erobert hatte. Ungewiß und ſchwankend blickte ſie der Zukunft entge⸗ gen, und dennoch war es ihr bereits ein Bedürfniß, ſich beſtändig mit derſelben zu berauſchen. Sie ſchien es unaufhörlich vermeiden zu wollen, Guſtav's Namen zu hören, und dennoch gab es Nichts in der Welt, was ſie ſo gerne hörte. Ohne an die Röthe zu denken, die ihre Wangen bepurpurte, vielleicht ſogar ohne ſelbſt darum zu wiſſen, klatſchte ſie in die Hände und lachte Willanow aus. — Du tüäuſcheſt Dich, Willanow, rief ſie, Du täuſcheſt Dich... juſt das habe ich mir gedacht... ach wie luſtig... wie luſtig! — Hat Ihnen Marfa wirklich nicht prophezeit, Ew. Hoheit? — Allerdings hat ſie mir prophezeit, Willanow... aber ſie prophezeite Nichts als Widerwärtigkeiten und Unglück. — unglück? Und dennoch ſind Sie ſo fröhlich, Ew. Hoheit? Wie die Lawine in ihrem Gange wächst, ſo wächst auch das Unglück, wenn es einmal in Gang kommt. Willanow hatte das erfahren und ſie entſetzte ſich ſchon bei dem Gedanken daran. Aber je erſchrockener das Fräulein ausſah, um ſo heiterer lachte die Prinzeſſin. — Geſtehe, daß Du Dich getäuſcht haſt, Willanow, 4———— 1²9 ſagte Alexandra, geſtehe, daß Du mein Geheimniß nicht kennſt, geſtehe, daß ich es zwei volle Tage ſogar vor Dir bewahren konnte; geſtehe, daß ich mich für Deine Geheimnißkrämerei, das Einzige, was mir an Dir nicht gefällt, tüchtig gerächt habe. — Ich geſtehe, ich geſtehe. Willanow hatte ſich frühzeitig gewöhnt, an Marfa als an ein höheres Weſen zu glauben, und da es ihr gar nicht eingefallen war, daß dieſe der Prinzeſſin etwas Anderes, als eine glückliche Zukunft habe prophezeien können, ſo verſetzte die Nachricht vom Gegentheil ſie in ſprachloſe Beſtürzung, Alexandra's kindliche, bei⸗ nahe tolle Freude und Zufriedenheit machte ihr das Verhältniß noch unerklärlicher. — Willſt Du, daß ich mich erklären ſoll? fragte Alexandra. — Ja, Ew. Hoheit, ja. — Du geſtehſt, daß Du neugierig biſt? — Ja, ja. — Daß Du ſehr... ſehr neugierig biſt? — Ja, ach ja! — Du weißt nicht, was ich erhalten habe, ehe wir uns zu Marfa begaben? — Was Sie erhalten haben? Nein. — Crinnerſt Du Dich, wie ſehr es mich betrübte, daß ich niemals Briefe bekam, während Du... — Ich erinnere mich. — Jetzt kann ich mich auch rühmen, einen Brief erhalten zu haben, und weißt Du wohl, von wem? — Nein, Ew. Hoheit. — Denk Dir, von Guſtav. — Von dem jungen König? — Von ihn ſelbſt. — Iſt's möglich? Wann? — Während unſers Aufenthaltes in Petershof. Du erinnerſt Dich, daß ich ſo hartnäckig darauf beſtand, den Der Fürſt. II. 9 130 Inhalt des Briefes zu erfahren, welchen der Kammer⸗ diener Dir übergab? — Nun ja, Ew. Hoheit. — Und wenn Du Dich recht erinnerſt, bat ich Dich nicht ſogleich darum, daß Du mich nach Strelna mit⸗ nehmen ſollteſt. — Das iſt wahr. — Ferner erinnerſt Du Dich gewiß auch, daß ich eine Weile ſpäter Dich verließ. Ja. — Ich war kaum eine Viertelſtunde in meinem Zimmer, als ich einen Beſuch von der Kaiſerin erhielt, die in Begleitung meiner Mutter und Armfelt's zu mir kam. Letzterer überbrachte mir einen Brief, melchen er durch Döring, der ſo eben aus Schweden gekommen war, erhalten hatte. — Wirklich? einen Brief von dem Könige? — Nachdem ich den Brief empfangen, verließ mich die Kaiſerin, weil ſie behauptete, man leſe ſolche Briefe am Liebſten ganz, allein. Ach, Willanow, wie mein Herz klopfte, als ich mich mit einem Brief von Guſtav in der Hand allein befand! Du kannſt Dir nicht vor⸗ ſtellen, wie wunderlich es mir zu Muthe war. Ich war ſo gluͤcklich... ſo glücklich, und doch konnte ich mich nicht entſchließen, das Briefchen zu erbrechen. Im er⸗ ſten Augenblick gedachte ich zu Dir zu ſpringen, aber ſtatt deſſen ſank ich auf den Sopha nieder. Meine Füße wollten mich nicht mehr tragen. Ich begriff nicht, was mit mir vorging. Im Anfang lag ſein Brief ſchwer in meiner Hand, und es war mir, als ſinke ich immer tiefer und tiefer, ich wußte nicht wohin; dann aber ho es mich... und es kam mir vor, als wäre das Brief⸗ chen ein Flügel, mittelſt deſſen ich unter goldenen Wol⸗ ken dahin flog. Dieſes Briefchen war mir wie eine wunderthätige Reliquie. Ich wußte, Willanow, daß der Heilige meines Herzens aus dieſem Brief zu mir reden würde. Wie mußte es mir da zu Muthe ſein? Hoff⸗ 131 nung und Furcht wechſelten in meiner Seele. Die Hoff⸗ nung ſah Alles ſo lieblich, wie wenn ein Stern da oben ſich geöffnet und ſeine ganze Klarheit über mich ausgegoſſen hätte; die Furcht dagegen verdunkelte Alles um mich her. Die Träume fliegen zwiſchen zwei Ex⸗ tremen. Um mich aus meiner Unruhe zu reißen, wollte ich den Brief erbrechen; aber in demſelben Augenblick änderte ich meinen Entſchluß. Die Hand auf der Bruſt, fand ich jedoch meine Unruhe ſelbſt angenehm. Die Ungewißheit erweckte in meinem Gemüth eine Lebhaf⸗ tigkeit, welche reizZbar war, aber auch entzückend. So lange ich den Inhalt des Schreibens nicht kannte, war er für mich wie mein Schickſal. Ich wollte es in mei⸗ ner Hand halten und gleichwohl nicht kennen. Ich wollte es an meine Bruſt legen, um das Herz ahnen zu laſ⸗ ſen. Ich wollte alle meine Gedanken um daſſelbe ſam⸗ meln, ohne zu wiſſen, um was ſie ſich ſammelten. Auf einmal dachte ich an Deine Abſicht, zu Marfa zu gehen. — Nun, und dann, Ew. Hoheit? — Eine Cingebung leitete meine Gedanken. Ich beſchloß, mit Dir zu gehen. Aber ich erinnerte mich auch, daß Du immer Geheimniſſe vor mir haſt. Ach, dachte ich, jetzt habe ich auch eines! Bald war ich entſchloſſen, den Brief nicht zu erbrechen und zu leſen, bis man mir prophezeit hätte; dann erſt wollte ich Dir davon ſagen. Ich wollte die Worte der berühmten Marfa hören, ſie hernach mit dem Brief vergleichen um zu gleicher Zeit zu Dir ſagen können, daß auch ich ein Geheimniß gehabt habe. Du haſt mir vielleicht ſolche Plänchen gar nicht zugetraut; aber ſiehſt Du, ich bin nicht ſo einfältig, Du wunderteſt Dich über meinen Vorſchlag, mit Dir zu gehen; jetzt begreifſt Du den gan⸗ zen Zuſammenhang. — Aber Marfa's Prophezeiung, Ew. Hoheit? — Wirſt Du wohl glauben, daß ſie mir Nichts als Unglück prophezeite? Aber als ich nach Hauſe kam und wir uns trennten, da griff ich von guen nach 13² dem Brief. Gute Willanow, Du glaubſt nicht, wie fröhlich ich war. Alles was Marfa prophezeite, bedeutet Nichts. Guſtav ſchreibt ſo herzlich. Er hat mein Por⸗ trait geſehen... er liebt mich... nur mich. Die ganze Nacht konnte ich kein Auge zuthun. Tauſend Träume haben mich umſpielt. Ich entwarf einen Plan um den andern, einer war immer ſchöner als der andere, und in allen warſt Du dabei. Ich las den Brief immer wieder von Neuem, und jedesmal entdeckte ich Etwas, was ich vorher nicht geſehen hatte und was ihn mir un⸗ aufhörlich noch theurer machte. Als die Sonne aufging, ſaß ich bereits am Fenſter. Keine Morgenſtunde hat mir je ſo ſchön geſchienen. Die Blumen dufteten und prangten auf den Rabatten unter mir. Aus ihren Kelchen blick⸗ ten die Thautropfen wie blaue Augen auf. Die Sonnen⸗ ſtrahlen kosten ſie und der Wind wiegte ſie hin und her. Wie liebte ich ſie, Willanow! Mir war als flüſterten ſie von meiner Liebe, als kennten ſie meine geheimſten Ge⸗ danken. Da kannſt Du hören... aber, mein Gott, Du warſt ſo melancholiſch... ich ſtand im Begriff mich in Deine Arme zu werfen und Dir mein Geheimniß anzu⸗ vertrauen; aber Du merkteſt es nicht... und ich zog mich zurück... und ſeitdem haſt Du Dich gar nicht um mich bekümmert, ſondern bloß nachgegrübelt... Gott weiß über was... vielleicht über das, was Dich ſo ſehr erſchreckte, als Marfa Dich in ihre inneren Zimmer führte. — Willanow zog ſich heftig zurück, als Alexandra ſie an dieſes Ereigniß erinnerte. — Oder dachteſt Du vielleicht an dieſen Worowitſch, oder an Döring... Alexandra machte eine ſchalkhafte drohende Geberde. 8 hen. Laſſen Sie uns nicht von ihnen ſprechen, Ew. oheit. — Warum nicht, Willanow? Es war freilich un⸗ recht von Worowitſch, ſo leidenſchaftlich vor der Kaiſerin aufzutreten und dann ſo plötzlich zu verſchwinden, wie ——, ,* ¹8 8 K—ℳ — — NRS 1 3, ir 13³3 wenn ein Berggeiſt ihn entführt hätte; kannſt Du Dir das erklären? — Nein, Ew. Hoheit, obſchon ich hin und her ge⸗ dacht habe. Sicherlich iſt ihm ein Unglück zugeſtoßen. — Du ſiehſt überall Nichts als Unglück. Wenn man ſich ſo unaufhörlich Unglück vorſtellt und gar nichts Anderes ſieht, ſo ruft man es am Ende ſelbſt über ſein Haupt herab. Närriſches Mädchen, warum ſoll man nicht den Himmel ein Bischen in ſein Herz hereinſcheinen laſſen? Wir haben... Du und ich... in den letzten Tagen die Rollen vertauſcht. Früher zweifelte ich an Allem, und jetzt biſt Du es, die an gar Nichts glaubt. Guſtav's Brief iſt wie ein Oel⸗ blatt zu mir gekommen; er hat Alles in mir und auch außer mir klar gemacht. Aber was Worowitſch betrifft, ſo wird man gewiß bald Nachrichten über ihn erhalten. — Sie glauben es, Ew. Hoheit? — Döring hat ja ſeine Ehre als Pfand dafür ein⸗ geſetzt, und auf ſeine Verſprechungen kann man ſich verlaſſen. Jetzt war es an Willanow, der Prinzeſſin ſchalk⸗ haft mit der Hand zu drohen. — Vielleicht weil er Schwede iſt, Ew. Hoheit? Sie könnten dieſen Leuten wohl allzu viel Vertrauen ſchenken. Willanow, die Niemand hatte, dem ſie ihre Ge⸗ danken anvertrauen konnte, erhob ſich jetzt. — Willſt, Du mich verlaſſen? fragte Alexandra. — Erlauben Sie mir's, Ew. Hoheit. Es iſt Et⸗ was, das mein Gemüth bedrückt, und ich weiß ſelbſt nicht was... ich ſehne mich in den Park hinaus, um friſche Luft zu athmen. — Geh, Willanow, geh und komm heiterer zurück. — Alexandra blickte der Freundin nach und ihre Bruſt hob ſich von einem theilnehmenden Seufzer; aber kaum war ſie allein, ſo nahm ſie Guſtav's Briefchen wieder hervor und beugte ſich darüber hinab, indem ſie 134 es mit einer Freude betrachtete, die ſich nur mit der Wonne eines Kindes über kaum erſt empfangene theure Spielſachen vergleichen läßt. Dabei vergaß ſie bald alles Andere um ſich her. Die Zeit glitt auf ihrer Rutſchbahn wie ein Engel ohne Stundenglas und Senſe an ihr vorüber, und das Pa⸗ radies in ihrer Seele wuchs über die Welt hinaus, bis die ganze Welt in einem einzigen Paradieſe verſchwand. In ſeinem Flug über die Welt erhob der Genius der Liebe ſie in ſein Reich, und dieſes Reich, das gleich einem in ſchimmernden Feuern leuchtenden Luftballon von dem Winde nach den Ländern getragen wird, wo dieß Hoffnung beſtändig zu neuen Sonnenaufgängen einladet. Zu den beſcheidenſten und zugleich wunderbarſten Paläſten in der Welt dürfte der tauriſche Palaſt ge⸗ zählt werden; er iſt beſcheiden, ſogar ganz unanſehnlich in ſeinem Aeußern, das weder von einem edeln, noch von einem prunkhaften Stile zeugt; dagegen beſitzt er einen wunderbaren, in gigantiſchen Verhältniſſen ange⸗ legten Feſtſaal, der einem wahren Rieſentempel gleicht, yd um deſſen willen der Palaſt eigentlich erbaut zu ſein cheint. ſc Nach der Eroberung Tauriens— der Perle Ruß⸗ lands, wie die Kaiſerin dieſes Gouvernement nannte— erhielt Potemkin den ſtolzen Namen: der Taurier. Potemkin, der im Anfang ſeiner Berühmtheit die Kaiſerin als ſeine Geliebte anbetete und ſie endlich wie ſeine Ehre liebte, kehrte nach Petersburg zurück, nach⸗ dem er ſein Werk im Orient mit der Einnahme Okza⸗ kows gekröont hatte, um, mit Lorbeeren bedeckt, vor Katharina's Thron Suwarow's bezeichnende Aeußerung zu bekräftigen:„Das ſtolze Ismail liegt zu den Füßen Ew. Majeſtät.“ Seine Ankunft glich auch einem rö⸗ — 13⁵ miſchen Triumphzug, und ſein Aufenthalt in der Haupt⸗ ſtadt war ein fortgeſetztes Jubelfeſt, von deſſen verſchwen⸗ deriſchem und großartigem Charakter man einen fluͤchti⸗ gen Begriff erhält, wenn man bedenkt, daß unter den Ehrengeſchenken der Kaiſerin eine mit Diamanten ge⸗ ſtickte und auf 200,000 Rubel angeſchlagene Uniform ſich befand, ſowie ein gleichſam aus der Erde hervor⸗ gezauberter und auf 600,000 Rubel geſchätzter Palaſt, der, obſchon bloß zur Wohnung einer einzigen lebenden Perſon beſtimmt, gleichwohl von ihr den bedeutſamen Namen Pantheon erhielt. 2 Der Architekt Starow hat hier ſein Gedächtniß verewigt.— Aber eine dunkle Ahnung ſagte Potemkin, daß er ſich jetzt zum letzten Mal am Glanz ſeiner Größe er⸗ freute, und er beſchloß ebenſo glänzend von der Welt Abſchied zu nehmen, wie er in ihr gelebt hatte. Der Palaſt liegt nahe beim Newaſtrom und hat ſeine Façade gegen denſelben. Auf der entgegengeſetzten Seite befindet ſich ein großer engliſcher Park. Der Feſtſaal nimmt in Form eines Kreuzes die Mitte des Palaſtes ein. Man kommt durch eine Vor⸗ halle mit doppelter Pfeilerreihe hinein. Der Saal iſt ungeheuer groß und von koloſſalen Säulen getragen. In der halben Höhe der Pfeiler ſind die Logen ange⸗ bracht, mit ſeidenen Vorhängen und Feſtgewinden ge⸗ ſchmückt. Kryſtallkugeln verleihen dem Palaſt bei feſt⸗ lichen Gelegenheiten einen Schein, welchen rieſengroße Spiegel nach den Seiten hin zurückwerfen. Der Vorhalle gegenüber befindet ſich ein Winter⸗ garten, von dem Saal nur durch die freiſtehenden Säu⸗ len getrennt. Vorhalle, Saal und Wintergarten bilden zuſam⸗ men ein großartiges Ganzes. Schon zu Katharina's Zeiten beſchreibt ein Rei⸗ ſender dieſen Garten wie folgt: „Zwiſchen blühenden oder fruchtbeladenen Bäumen, 136 ſchlängeln ſich die Gänge bald über einen kleinen Hü⸗ gel, bald am Fuße deſſelben hin. Bezaubert von der prachtvollen Abwechslung des Pflanzenreichs, ſtößt das Auge bald auf ein Monument aus Griechenlands klaſ⸗ ſiſcher Zeit, bald auf Kryſtallvaſen, worin ſeltene Fiſche ſchwimmen. Man reißt ſich von dieſen Gegenſtänden los, um in eine Spiegelgrotte zu treten, die mannig⸗ fach alle dieſe Wunder zurückgibt, oder um die in Fa⸗ cetten eines Spiegelobelisken ſich brechenden Licht⸗ und Farbenwechſel zu bewundern, die ſich in's Unendliche vervielfachen. Die milde Wärme, der herrliche Blu⸗ menduft und die wollüſtige Stille in dieſem Feengarten, wiegen die Phantaſie in liebliche, romantiſche Träume ein; man glaubt ſich in Italiens Haine verſetzt. Mit⸗ ten unter dieſen kühnen Schöpfungen ſteht auf hohem Piedeſtal Katharina's Bild, in carrariſchem Marmor ausgehauen.“ Der Wintergarten ſchließt mit hohen, von der Decke bis auf den Boden reichenden, der Sonnen⸗ ſeite zugekehrten Fenſtern, und vor denſelben zeigt ſich der Park, eine ebenſo wechſelreiche als einfache und ein⸗ nehmende Anlage. Zunächſt dem Palaſt befindet ſich ein großer, freier Platz, in deſſen Mitte ein bedeuten⸗ der Teich zum Vorſchein kommt. Im Teiche liegt eine kleine Flotte von Miniatur⸗ linienſchiſſen, aber mit einer Vollkommenheit verfertigt, die jeden Seemann überraſcht, und zwiſchen den kleinen Dreideckern ſchwimmt eine andere Flotte... aber dieſe iſt noch ſchöner, denn ſie iſt lebendig... es iſt eine ganze Flottille von ſchneeweißen Schwänen. Waldungen umkränzen den freien Platz von allen Seiten mit wilder Schönheit. Zwiſchen den Zweigen eines weißſtämmigen Bir⸗ kenhaines blinkt auf einer Höhe, dem Teich gegenüber, ein Luſthaus hervor, das von Gold und Silber ſchim⸗ mert. Unter der Höhe ſchlängelt ſich ein murmelnder Bach, worin Goldfiſche ſchwimmen. ⅓⁸ AuN RONAn N N 137 Dieſer Theil des Parkes iſt ländlich einfach; man nennt ihn engliſch, aber der Ausdruck iſt hier falſch gebraucht... man befindet ſich hier beſſer als in einem engliſchen Park; ſelbſt der Fremde fühlt ſich da hei⸗ miſch; man iſt weder in England, noch in Rußland, man iſt in der Natur. Die Gänge ſchlängeln ſich zwiſchen Anhöhen hin, die ſich in einander verknoten unter dem Schatten von Eichen, Linden, Eſchen und Birken, welche ſich brü⸗ derlich unter einander mengen, umgeben von einer friſch grünenden Grasmatte, wo Waldhahnenfuß und Schnee⸗ gloͤckchen, Amaryllis und Pechnelken gleich verſchieden⸗ farbigen Perlen blühen und glänzen. Weiter oben am Fuße eines düſtern Felſen liegt eine Grotte, in verſchiedene kleine Räume mit mehre⸗ ren Eingängen eingetheilt. Dieß iſt ein Labyrinth in kleinem Maßſtab. So hell und heiter der Park ſonſt iſt, ſo düſter und finſter iſt er hier. Potemkin's Name und dieſer Palaſt, dieſer Palaſt und Potemkin's Name ſind unzertrennlich vereint. Obſchon die Kaiſerin, um den Lebenden zu ehren, das Gebäude Pantheon nannte, ſo ehrte ſie doch den Todten noch mehr, indem ſie dem Palaſt den durch ſeine Großthaten erworbenen Namen des Feldherrn verlieh und den tauriſchen Palaſt nannte. Sein letztes Feſt war dieſe Taufe des Palaſtes, und wir könnten unſer Gemälde nicht für vollſtändig halten, wenn wir nicht auch ihrer mit einigen Worten gedächten. Sobald die Kaiſerin in die Vorhalle trat, wurde ſie von der Gallerie herab mit einer Muſik begrüßt, die ein Orcheſter von 300 Inſtrumenten anſtimmte. Im Saal nahm ſie einen Thron ein, welcher mit Trans⸗ parenten geſchmückt war, die in ſtrahlenden Feuern ihre Ehre verkündeten. Das zahlloſe Publikum verbreitete ſich zwiſchen den Kolonnen und in den Logen. Der zweite Akt des Schauſpiels begann. Vierundzwanzig 138 Paare, gebildet von der edelſten und ſchönſten Jugend des Landes, eroͤffneten eine Quadrille. Sämmtliche Per⸗ ſonen— die Cavaliere ſowohl als die Damen— wa⸗ ren weiß gekleidet, und unterſchieden ſich nur durch die Farben ihrer Gürtel und Schärpen. Man hat den Werth ihrer Kleinodien auf 10 Millionen berechnet. Auf die Muſik folgte Geſang, und der berühmte Künſtler Pieg ſchloß die Quadrille mit einem Solo. Hierauf trat man in einen andern, mit koſtbaren Teppichen be⸗ legten Saal, wo ein mit Rubinen und Smaragden geſchmuͤckter Elephant zu ſehen war. Sein perſiſcher Fuͤhrer ſchlug auf eine Glocke und dieß war das Signal zu einer andern Veränderung. Ein Vorhang flog in die Höhe und eine prachtvoll dekorirte Bühne kam zum Vorſchein. Zwei Ballette und ein Schauſpiel wurden aufgeführt, während die Muſik mit den Singchören ab⸗ wechſelte; die Mannigfaltigkeit der Nationalkoſtüme ver⸗ lieh dieſer Scenerie ein ſo originelles und lebhaftes Aus⸗ ſehen, daß das Intereſſe und die Bewunderung auf's Pikanteſte rege erhalten wurden. Nach dem Schauſpiel begann die Illumination. Wände und Spiegel ſchienen beinah in Flammen zu ſtehen. Große, hinter den Säu⸗ len verborgene Spiegel, aus denen man zum Theil Grotten gebaut oder Pyramiden aufgerichtet hatte, er⸗ höhten die Pracht des glänzend ſchönen Feuerwerks. Der ganze Park ſchien in einen ſtrahlenden Feenpalaſt verwandelt, aus hochrothen Rubinen, blauſchimmern⸗ den Saphiren oder grünen Smaragden zuſammengeſetzt u ſein. 1 Das Feſt endete mit einem Schmauſe, welcher dem orientaliſchen Lurus des Ganzen entſprach. Das Gedeck beſtand nur aus Gold und Silber, und die Tafeln wa⸗ ren mit farbigen Vaſen beleuchtet, worin Lampen brannten. Als die Kaiſerin wieder in die Vorhalle heraustrat, wurde ein Chor angeſtimmt, den man als ihre Apotheoſe betrachten konnte. Gerührt von ſo großer Aufmerk⸗ 139 ſamkeit, wandte ſie ſich gegen Potemkin, um ihm zu danken; aber im Drang ſeiner Gefühle fank der greiſe Feldherr zu ihren Füßen, ergriff ihre Hand und be⸗ feuchtete ſie mit ſeinen Thränen. Das war das letzte Mal, daß er an dieſem Ort ſeine Dankbarkeit ſtammelte..— Einige Zeit nachher ſtarb er auf einer Reiſe zwi⸗ ſchen Jaſſy und Okzakow, unter einem Baum, dicht an der Landſtraße. Nach ſeinem Tod kaufte die Kaiſerin den Palaſt wieder und in dem Zeitpunkt, wo wir mit unſerer Er⸗ zählung angelangt ſind, reſidirte ſie darin. Ungefähr in demſelben Augenblick, wo Willanow den Palaſt verließ und in den Park ging, ereignete ſich auf der Flußſeite Etwas, das wir hier erwähnen müſſen, bevor wir das Fräulein weiter begleiten. Als Graf Orlow von Kreſtowskoy⸗Oſtrow wegfuhr, paſſirte er die Ebene vor der Feſtung, und nachdem er uͤber die Troitzkoy⸗Brücke gekommen, bog er links ab und nahm ſeinen Weg das Quai entlang. Raſch rollte der Wagen an dem Sommergarten und dem Arſenal vorüber; aber als er ein wenig über die Woskreſenskoy⸗ Brücke hinausgekommen war, zog Etwas ſeine Auf⸗ merkſamkeit an, und er befahl dem Kutſcher langſamer zu fahren. Wir haben geſagt, daß die Newa eine ſehr ſtarke, obſchon gleiche Stromung habe. In den warmen Som⸗ mermonaten fährt man in bedeckten Booten oder Gon⸗ deln hinauf; aber die Gondoliere ſind keine feurigen Italiener, ſondern ruhige Ruſſen. Sie lenken oder treiben die Gondel auch nicht unter fröhlichem Geſang und ſpielend mit einem einzigen Ruder hinan, ſondern ſie bleiben auf dem Land, werfen ein Seil uͤber ihre 140 Schulter und ziehen das Boot auf dieſe Art aufwärts. Man braucht nicht zu fürchten, daß dieß langſam gehe; angetrieben von den Beſitzern der Boote, traben die Schiffsleute mitunter ſehr raſch von dannen, und das Ganze ſieht recht pikant und eigenthümlich aus. Ein ſolches Boot war es, worauf Orlow's Blick verweilte, ſo daß er ſeinem Kutſcher gebot, im Schritt zu fahren. Die Gardinen, die in Draperien von der linnenen Decke herabhingen, waren zurückgeſchoben, vermuthlich um dem kühlenden Luftzug, der üben die gekräuſelte Waſſerfläche hinſchwebte, freieren Spielraum zu laſſen. Zwiſchen den offenen Gardinen konnte man die fahrenden Perſonen mit Leichtigkeit ſehen. Zu Hinterſt ſaß ein Greis mit ſchneeweißem, ge⸗ beugtem Haupte. Den Hut in der Hand haltend, zeigte er ſein Geſicht in ſeiner ganzen offenen Einfachheit; aber obſchon hauptſächlich Ernſt, Frömmigkeit und Friede ſich darin ausdrückten, ſo konnte man doch aus der edeln Form der Stirne nur zu gut erſehen, daß der Ernſt, wenigſtens in jüngeren Jahren, mit männlicher Kraft gepaart geweſen, und daß Frömmigkeit nnd Friede hier in einem kräftigen und thätigen Geiſt gewaltet hatten. An ſeiner Seite ſaß eine Dame ſanft und freundlich, beinahe lächelnd. Daß ſie durch Jahre und eine Liebe, welche die Gewohnheit geheiligt und die Freundſchaft vereinigt hatte, mit einander verbunden waren, war nicht ſchwer zu ſehen. Etwas entfernt von ihnen ſaß eine dritte Perſon in einem langen, ſchwarzen Kloſtergewand, die Kaputze über den Kopf gezogen. Das Geſicht des Mannes wurde durch die Kaputze verdeckt. .— Fahr langſamer, befahl Orlow, noch lang⸗ amer. Dabei drückte er den Hut tiefer in's Geſicht und 5 141 beugte ſich ein wenig über den Wagen hinaus, um die Perſonen in der Gondel recht genau betrachten zu können. — Langſamer... hörſt Du...Langſamer! rief er ergrimmt dem Kutſcher von Neuem zu.. Die Pferde ſtampften, von den Zügeln zurück⸗ gehalten.. — Schritt für Schritt, erneuerte Orlow ſeinen Befehl; gehorche mir, ſonſt... Schritt für Schritt! Der Kutſcher veränderte ſeine Miene, aber indem er ſeinen Blick, ſcharf wie eine blanke Lanzenſpitze, auf die geſpitzten Ohren ſeiner Pferde gerichtet, hielt er die ſtolzen Thiere zurück, ſo daß ſie kaum vorwärts ſchritten. Das Boot war inzwiſchen an einer kleinen Bie⸗ gung der Newa, wo die Strömung ſtärker war, ſo daß die Gondoliere mit der größten Anſtrengung arbeiten mußten, vorbeigekommen und bewegte ſich jetzt wieder ſchneller hinan. — Jetzt laß laufen, ſagte Orlow zu ſeinem Kut⸗ ſcher, ſo daß wir gleichen Schritt mit dem Boot halten. In derſelben Höhe und parallel mit einander eil⸗ ten alſo das Boot und der Wagen die Newar entlang. Orlow's Aufmerkſamkeit ließ nicht nach, ſondern war beharrlich auf die Perſonen im Boote geheftet. Als man vom Boot aus endlich die Facade des tauriſchen Palaſtes entdecken konnte, beugte ſich der Greis über den Bord, um das Gebäude in Augenſchein zu nehmen. Orlow zog ſich dabei ſchnell wieder zurück und zugleich drückte er ſeinen Hut noch tiefer in's Ge⸗ ſicht, ohne daß ſich ſein Blick von dem Gegenſtand ſei⸗ ner Forſchung abwandte. — Beim St. Alexander Newsky! rief er, ich kann mich nicht täuſchen, und dennoch, wie ſoll ich meinen Augen trauen? Wenn der Teufel nicht den Finger im Spiel hat, läßt es ſich nicht erklären. Ich muß mir Gewißheit verſchaffen... fahr zu... fahr zu... hörſt Du.. fahr zu! 142 Die Pferde wurden losgelaſſen. Sie jagten wie ein Sturmwind dahin. — Noch ſchneller, rief jedoch Orlow, noch ſchneller! Sobald der Wagen vor den Thoren des Palaſtes anhielt, winkte Orlow einen Offizier von der Wache zu ſich, und nachdem er mit wenigen Worten ſeinen Wil⸗ len kundgethan, begab er ſich in den Burghof und ſchlug den Weg nach dem Flügel ein, den Subow bewohnte. Eine Weile ſpäter legte das Boot am Quai an. Das Quai folgt dem Lauf der Newa die Stadt entlang und iſt ein großartiges Monument von Granit⸗ quadern aus Katharina's Zeit. Ohne die Bruſtwehr zehn Fuß hoch über dem Waſſerſpiegel, iſt es da und dort von Brücken und Bänken durchſchnitten. Dieſe Bänke ſind in Halbkreiſen angelegt und auf beiden Seiten mit Treppen umgeben, die zu bequemen Lan⸗ dungsplätzen hinabführen. Ein ſolcher Platz war es, wo die Gondel anlegte. Als die drei Bootführer den Fuß auf die Bruͤcke ſetzten, marſchirte der Offizier von der Wache mit eini⸗ gen Soldaten auf beiden Seiten der halbrunden Gra⸗ nitbank an der Mündung des Treppenganges auf. Un⸗ bekümmert und dieſe militäriſche Bewegung kaum beach⸗ tend, ſtiegen inzwiſchen die alten Leutchen, gefolgt von dem Mann in der langen, ſchwarzen Kutte, die Treppe hinan. 5 Um ſo überraſchter ſchienen ſie auch, als der Of⸗ fizier in demſelben Augenblick, wo ſie das Quai betra⸗ ten, ſie als ſeine Gefangenen erklärte. Die beiden Männer proteſtirten lebhaft gegen dieſe Gewalt und führten unter andern Gründen an, daß ſie in der Abſicht gekommen ſeien, ſich eine Audienz bei der Kaiſerin zu erbitten, der ſie jetzt auch vorgeſtellt zu werden verlangten; aber da half Nichts. Ohne ſich auf eine Erörterung einzulaſſen, escortirte ſie der Offizier ſeitwärts vom einen Flügel des Palaſtes, wo er ſie durch eine Hinterpforte einließ. 143 Nach einer Weile ſah man an dieſer Hinterpforte zwei neue Poſten, die mit gleichen, abgemeſſenen Schrit⸗ ten auf und ab wandelten. Vir begeben uns jetzt in den Park. Auf dem fremden Platz zwiſchen dem Schloß und dem Teich ſpazierten drei Damen auf und ab. — Du biſt ſtolz, Branitzka, verſetzte die eine von ihnen. — Ich habe nicht Luſt zu gefallen, man muß mir gefallen. — Sie ſind übermüthig, bemerkte die dritte. Branitzka lächelte. — Uebermüthig? wiederholte ſie. Iſt es Ueber⸗ muth, ſein Herz nicht durch ein unglückliches Parade⸗ exereitium überrumpeln zu laſſen? Ehe man ein Com⸗ mando über mich erhält, muß man zuerſt die Grade durchmachen. Ein Weib, das den Mann nicht Gehor⸗ ſam lehrt, bevor ſie ihm ihre Liebe ſchenkt, wird ihn ſpäter niemals zum Gehorſam bringen. — Es iſt ja doch etwas Angenehmes zu gehorchen; ich gehorche gern demjenigen, den ich liebe. — Jeder Menſch hat ſeine eigene Art. Mir macht es viel mehr Freude, denjenigen, die ich liebe, zu be⸗ fehlen, als ihnen zu gehorchen. — Du haſt nie geliebt und Du wirſt auch nie lieben. Branitzka's Augen blitzten. Die beiden andern Damen waren die Fürſtin Menzikow und Fräulein Protaſow. — Mein Herz iſt eine Feſtung, fuhr Branitzka fort, aber es lohnt ſich freilich nicht der Mühe, daß Jemand ſie im Sturm zu erobern ſucht, wie Okzakow oder Praga. — Ich glaube vielmehr, bemerkte Protaſow, daß 144 ein Sturm die einzige Art und Weiſe iſt, wie man über Dich Herr werden kann, vorausgeſetzt daß er eine ge⸗ hörige Plünderung im Gefolge hat, denn ich bin über⸗ zeugt, daß Du in Deinem Köpfſchen wenigſtens 20,000 dumme Einbildungen haſt, die man über die Klinge ſpringen laſſen muß, bevor man mit Recht ſagen kann, daß man Dich eingenommen habe. — Sie, die Sie ſo viel gereist ſind, Fürſtin, be⸗ merkte Branitzka gegen Menzikow, glauben Sie nicht, daß die große Mehrzahl der Damen Europa's meine Anſchauungsweiſe billigen würde. — Weit entfernt, Gräfin. Die Liebe hat in jedem verſchiedenen Land einen verſchiedenen Charakter. — Das wäre doch luſtig, meinte Protaſow; als ob man auf mehr als eine Art lieben könnte! — Auf tauſend, meine Gute. — Ach, mein Gott, da habe ich noch viel zu lernen. — In Italien iſt die Liebe Genuß. Die Natur flüſtert da von der Liebe, und die Liebe flüſtert von der Natur. Lieben iſt des Lebens erſtes Geſetz. — Das nenne ich verſtändig geſprochen, geſtand Protaſow zu. 3 — In Frankreich, fuhr Menzikow fort, iſt die Liebe ein Vergnuͤgen. Man will ſich luſtig machen— und man liebt. — Der Himmel weiß, ſiel Protaſow wieder ein, ob mir das nicht noch beſſer gefällt; da wo das Ver⸗ gnügen herrſcht, müſſen die Damen immer das Recht beſitzen, Geſetze vorzuſchreiben... und Freibillette aus⸗ zutheilen, fügte ſie ſchalkhaft hinzu. — In England iſt die Liebe Verſtand. Die Liebe hat dort ihr Ziel in dem häuslichen Glück. — Das glaube ich wohl, denn alle Engländer ſehen ſo langweilig aus, und wenn ſie von Liebe ſpre⸗ chen, ſo iſt es mir juſt, als höre ich einen Plumpudding 145 ſeufzen, und ich werde ſatt... ſtatt daß ich hungrig werden ſollte. — In Deutſchland iſt die Liebe Philoſophie bei den älteren, und Poeſie bei den jüngeren Perſonen; man verheirathet ſich, um die geſellſchaftliche Beſtimmung des Lebens zu erfüllen, und man liebt, um eine Muſe zu bekommen. — Das iſt noch das Köſtlichſte von Allem. — In Rußland gehört die Liebe zu den Berech⸗ nungen des Ehrgeizes... ſie iſt eine Stufenleiter, um ſich emporzuſchwingen... hier ſtiftet die Eitelkeit mehr Ehen als das Herz Branitzka hatte auf die Worte der Fürſtin gelauſcht, ohne Bemerkungen zu machen. — Bravo, Fürſtin, ſagte ſie jetzt mit einer ſtolzen, anmuthsvollen Bewegung, ich ſelbſt will als Ruſſin lieben, man wird da zugleich auch italieniſch, franzöſiſch und deutſch geliebt; denn es iſt ganz in der Ordnung, daß die Poeſte die Schönheit des Weibes verherrlicht, daß das Vergnügen ſeinen Tribut zu ihren Füßen dar⸗ bringt, da es ja ihren Liebreiz erhöht, und endlich daß. daß... Weiter kam die Sprecherin nicht. Die doppelten Glasthüren zwiſchen dem Winter⸗ garten in dem Park öffneten ſich in dieſem Augenblick mit vielem Geräuſch, und zwei Perſonen traten heraus, die zu koſtbar waren, um nicht jedes Geſpräch zu unter⸗ brechen. Die Eine iſt dem Leſer bereits bekannt, näm⸗ lich Lambro Cazzioni, der ſich aber jetzt in einem noch komiſcheren Gewand als gewöhnlich präſentirte. Der Mann bildete ſich ein, ein unfehlbarer Arzt zu ſein, und gleich einem zweiten Dulcamara bezweifelte er nie⸗ mals die Vortrefflichkeit ſeiner Wunderkuren. Er that ſich auch als Philoſoph auf, ähnlich dem Cosmoligo⸗ rius bei Holberg. Arm in Arm mit ihm ſchritt eine kleine, lächerliche, beinahe kugelrunde Figur heraus. Die Kaiſerin hatte auch eine Hofnärrin, die ihrem mäͤnn⸗ Oer Fürſt. II. 10 146 lichen Seitenſtück an Unverſchämtheit nicht nachſtand. Matrone Danilowna, wie man ſie gewöhnlich nannte, war eine alte Plaudertaſche, deren ganzer Witz in ihrem freien Weſen beſtand, d. h. in ihrer Dreiſtigkeit Alles herauszuſchwatzen, was ihr einfiel, ſelbſt die gröb⸗ ſten und roheſten Einfälle. Das gewöhnliche Loos der Narren, einander zu beneiden, veranlaßte natürlich mitunter großen Hader zwiſchen Cazzioni und Danilowna, aber deßungeachtet fand zuweilen die rührendſte Sympathie zwiſchen ihnen ſtatt. Niemand hängt mehr von den Umſtänden ab, als Narren. Langſam und pathetiſch näherte ſich das Paar den drei Damen. Cazzioni und Danilowna, die gewöhnlich lebhaft waren, ſchritten gleichwohl juſt mit einer Würde, einem Ernſt und einer Wichtigkeit heran, die ächten chineſiſchen Mandarinen Ehre gemacht hätten. — Vortrefflich, Cazzioni, rief die ſchwatzluſtige Protaſow ihnen entgegen, deine Weisheit verleugnet ſich nie und am allerwenigſten jetzt, wo Du Danilowna mit Dir genommen haſt, die unleugbar eine recht kluge alte Dame iſt. Du machſt jetzt vermuthlich Deine Runde als Doctor. Wie befinden ſich Deine Patienten? Cazzioni veränderte keine Miene. — Reich mir Deinen Arm, redete er ſtatt deſſen Branitzka an, ich will Dir den Puls fühlen. — Hältſt Du mich für krank, Cazzioni? Du biſt ſehr lächerlich. Laß mich in Ruhe, Narr! Ohne ihr zu antworten, ergriff Cazzioni ihren Arm, zog ſeine Uhr heraus und zählte die Pulsſchläge⸗ Bekümmert ſchüttelte er den Kopf. — Du biſt ſehr angegriffen, ſagte er. Ich will mit dem Lazarethdirektor Subow ſprechen, damit Du in die kleine Eremitage kommſt. Ein allgemeines Gelächter antwortete ihm. Unter dem Namen kleine Eremitage hatte die Kai⸗ ai⸗ 147 ſerin einen vertraulicheren Zirkel gegründet, wo nur ihre Günſtlinge beiderlei Geſchlechts Zutritt hatten. Cazzioni wandte ſich jetzt an Protaſo. — Strecke die Zunge heraus, meine Gnädige, bat er; ich ſehe Dir an den Augen an, daß Du Fieber haſt. — Was willſt Du, Cazzioni? Soll ich die Zunge herausſtrecken? Pfui, da haſt Du ſtatt deſſen meinen Arm. Aber ſo viel iſt ſicher, daß, wenn irgend Jemand mein Fieber kuriren kann, Du es nicht biſt.. — Der Puls galoppirt... er galoppirt fort mit Deinem Herzen. Du lächelſt... ha... das ſind nur convulſiviſche Zuckungen. Du biſt gefährlich krank. Wo⸗ hin glaubſt Du, daß man die Patientin bringen muß, Danilowna? — CEs iſt juſt in der kleinen Societät ein Bett le⸗ dig, aber die Patientin muß gut verpflegt werden... Ein neues Gelächter folgte auf dieſe Anwendung. In den letzteren Jahren hatte die Kaiſerin unter dieſem Namen eine noch geheimere und intimere Geſell⸗ ſchaft gegründet, wo Cybele mit unbeſchränkter Macht herrſchte und das Vergnügen ſeine leichtſinnigen Orgien auf ihrem Altar feierte. — Das Fieber iſt hitzig, Deine Wangen brennen, Deine Bruſt hebt ſich, arme Protaſow, fuhr Cazzioni mit unerſchütterlichem Ernſte fort. Ich ſehe voraus, daß Deine Krankheit bald alle Andern in dieſem Laza⸗ reth anſtecken wird, zu deſſen Intendanten ich— möge die heilige Barbara mich tröſten— auserſehen wor⸗ den bin. — Machſt Du den Hof zu einem Lazareth, Narr? Das iſt ein Majeſtätsverbrechen, wofür die Kaiſerin Dich zum Gaſſenlaufen verurtheilen wird. — Zwiſchen einem Spalier von ihren Hoffräulein hindurch.. in dieſem Fall werden mich keine härtere Schläge treffen, als manchen andern Mann, den dieſe Dämchen das Gaſſenlaufen hinter ſich her gelehrt haben. — Schweig, Du Narr. 10* Während Protaſow und Cazzioni mit einander plauderten, entfernten ſie ſich von Branitzka und Dani⸗ lowna. Als ſie ſo weit von ihnen waren, daß Cazzioni ſich ausſprechen konnte, ohne gehört zu werden, ergriff er Protaſow's Hand. — Willſt Du mir ſchon wieder den Puls fühlen? — Ich will Dir ein Rezept geben, das auf einmal alle Deine Krämpfe vertreiben wird. Er zeigte ihr einen Brief. — Was gibſt Du mir als Trägerlohn? — Er iſt für mich... gib her... gib her. Du biſt ein vortrefflicher Arzt... Du biſt der einzige Arzt, dem ich mich unterwerfe. — Alſo fort mit Pillen und Tränkchen. Statt deſſen Liebesbriefchen her! Nicht wahr, dieſe Kur ſagt Dir zu? — Ja, ja. — Geſtehſt Du, daß ich der einzige kluge und weiſe Menſch in dieſem Lazareth da bin? — Mit dem größten Vergnügen.. Protaſow entriß ihm das Billet und entſprang lachend. Etwas Aehnliches hatte ſich indeſſen auch zwiſchen Branitzka und Danilowna zugetragen. — Du biſt heute ſehr ſtill, Kur von Cazzioni unterwerfen. Danilowna blinzelte liſtig. — Ich bin ſtill, ſagte ſie, aber ich habe Ihnen Etwas zu ſagen... Kommen Sie mit mir... hie⸗ her... hier hört uns Niemand. Branitzka folgte ihr. — Ich habe einen Brief an Sie. — An mich? Von wem? — Von demjenigen, den Sie mehr lieben als ſich ſelbſt. Matrone Danilowna, ſagte Branitzka zu ihr, Du ſollteſt Dich ſelbſt einer do 149 — Du ſcherzeſt... ich liebe Niemand... und ich werde wohl auch kaum jemals lieben.— — Schwatzen Sie was Sie wollen, aber ich weiß doch, daß Sie lieben. Ein haſtiges Zittern eilte durch Branitzka's Glieder. — Gib den Brief her. — Geſtehen Sie, daß Sie Jemand lieben? — Ich geſtehe Nichts... aber gib den Brief her . er iſt ja für mich.. Und auch Branitzka entriß Danilowna das Billet uun entfernte ſich erröthend nach der entgegengeſetzten ichtung. Lachend trafen Cazzioni und Danilowna eine Weile ſpäter wieder zuſammen. — Du haſt den Brief abgegeben?. — Allerdings, antwortete Danilowna; aber ich glaube, daß Du mich betrügſt. — Ich, die leibhaftige Ehrlichkeit, ſollte Dich be⸗ trügen, Dich, die ich mehr liebe, als meine königliche Schellenkappe. — Cazzioni, Du haſt ebenfalls Protaſow einen Brief gegeben. Du haſt mir davon Nichts geſagt. — Was ſagſt Du? Ich? Ich habe das Fräulein bloß weggeführt, damit Du Gelegenheit erhielteſt, Bra⸗ nitzka Dein Billet zu überreichen. — Verſuche nicht mich zu hintergehen, Cazzioni. Nimm Dich in Acht! Ich werde eine Furie, wenn ich ſehe, daß Du nicht aufrichtig biſt. Geſtehſt Du, daß Du Geheimniſſe vor mir haſt? — Ich bin aufrichtig wie die Liebe ſelbſt... ach, allzu liebenswürdige Freundin, ich bin vernarrt in Dich, das weißt Du wohl. — Du haſt verſprochen mir zu ſagen, von wem der Brief war.. nun... von wem war er... ge⸗ wiß von Dir ſelbſt... geſtehe die Wahrheit... von Dir, Du Schelm.. ich kratze Dir die Augen aus vor Eiferſucht. 4 1⁵⁰ — Schöne, holde, entzückende, hinreißende Dani⸗ lowna, ich habe Dir Liebe geſchworen... und wenn Du nur ein Bischen Geduld haſt, ſo werde ich Dich lieben ſo viel als Du willſt... mehr kannſt Du ja nicht verlangen... ich habe Dir geſagt, daß ein Freund mir eine Commiſſion gegeben hat.. und Du weißt, daß ein Narr immer ein Commiſſionscontor für alle Liebesnarren in der Welt halten muß.. Verzeih, mein Mädchen... wenn ich fremde Geheimniſſe verriethe, ſo wäre ich auch im Stande, die unſerigen zu verra⸗ then. Führe mich nicht in Verſuchung, Du Zauberin meiner Seele! Ich bin bloß ein ſterblicher Menſch und Dein Argwohn iſt ein Nagel in meinem Sarg. Gleich und gleich geſellt ſich gern, heißt es. Sei meine Ge⸗ ſellin. Oeffne Deine Arme, Danilowna. Laß uns ge⸗ gen die ganze Welt in Wort und That boshaft, bitter und ſcharf ſein, aber laß uns einander lieben, wenig⸗ ſtens unter vier Augen. Die Liebe hat nie weniger, aber auch nie mehr als vier Augen. Die Deinigen ſchielen ein wenig; aber das macht unſere Liebe um ſo ſeelenvoller. 1 — Soll ich Dir glauben, oder ſoll ich Dir nicht glauben? Vergiß Etwas nicht. — 8 as? — Daß ich ſowohl eine Zunge als auch Nägel beſitze. — Du biſt entſetzlich, Danilowna. Du biſt eine zweite Medea, eine moderne Meduſe.. ich fliehe be⸗ bend vor der Alles niederſäbelnden Cavallerie Deiner Zunge... klage Dich ſelbſt an, Barbarin, im Fall Du aic nicht findeſt, wenn Du Deine Arme aus⸗ reckſt. f Cazzioni machte ſich wirklich auf die Sohlen und verſchwand bald im Parke. Danilowna ſtand allein da und ſchaute ihm mit verzerrtem Geſichte nach. — Vielleicht beargwohne ich ihn ungerecht, dachte ſie, aber, mein Gott, wenn er ſich nur kein Leid an⸗ lanow die Prinzeſſin und begab ſich in den Park hinaus. 151 thut! Seine Verzweiflung war großartig, beinahe dra⸗ matiſch, und alle Dramen endigen mit... Ein Schauer überlief ſie. — Ich muß ihm nacheilen. Als die Fürſtin Menzikow ſich entfernte, entging es Cazzioni nicht, wohin ſie ſich begab. Auf einem Um⸗ weg im Park eilte er ihr nach... — Pack Dichl ſagte ſie bei ſeinem Anblick. Dein Geſchwatze thut mir in den Ohren weh, befreie mich davon. Was willſt Du hier? — Ich will bloß Ihren eigenen Gedanken ein gol⸗ denes Kiſſen unterlegen. Er hielt den Brief empor. Menzikow wechſelte die Farbe. — Wer hat Dir das gegeben? — Ein Mann, der ſo ſtolz iſt wie Ihre Gedanken. — Was ſchwatzeſt Du, Narr? — Der ſo warm iſt wie Ihr eigenes Herz. — Gib her! — Der ſo ſchön iſt wie Ihre eigene Seele. — Fort mit Dir!. Die Fürſtin nahm den Brief und wies Cazzioni mit einem befehlenden Winke weg. Die Melancholie iſt ein Schatten, der unter Sor⸗ gen umherſchwebt, wie ein Geſpenſt unter Grabſteinen; ſie iſt mehr ein unendlicher Seufzer, der ſich unſer be⸗ mächtigt hat, als ein klar und deutlich aufgefaßter Schmerz, veranlaßt durch ein beſtimmtes Unglück, das uns getroffen. Die Melancholie iſt ein bebendes, fürch⸗ tendes Gefühl, eine Unruhe, die über einem Abgrund von ſchmerzlichen Ahnungen ſchwebt, ohne die Tiefe deſſelben ermeſſen zu können. Von einem ſolchen Gefühl beherrſcht, verließ Wil⸗ 1⁵² Im Corridor begegnete ſie Cazzioni, der ihr geheim⸗ nißvoll ein Billet in die Hand ſteckte. Nichts konnte in dieſem Augenblick ihre Gedanken beſſer auf einen ein⸗ zigen Punkt vereinigen, als dieſer Brief. Sie befand ſich in ein Labyrinth verwickelt und griff nach jedem neuen Umſtand, als nach einem Ariadnefaden. Um dem übrigen Hof auszuweichen und ſo ſchnell wie möglich in die Einſamkeit zu gelangen, ſchlug ſie den nächſten Weg zu dem entlegenſten und duſterſten Theile des Parkes ein. Am Fuß eines moosbewach⸗ ſenen Felſens, nahe bei der Grotte, von welcher wir be⸗ reits geſprochen haben, ſetzte ſie ſich auf eine kleine Bank. Der Brief war bald erbrochen. „Finden Sie ſich,“ las ſie,„heute Abend um ſechs Uhr im Luſthaus hinter dem Teiche ein.“ Ein Name ſtand nicht darunter. Willanow, welche in dem Brief wichtige Nachrich⸗ ten zu ſinden gehofft hatte, fand ſich jetzt von Neuem in die Ungewißheit verſetzt. Aus den Erzählungen am Hof wußte ſie, daß Worowitſch verſchwunden war, wie auch Döring ſeine Ehre für ihn verpfändet hatte; mehr war ihr nicht bekannt, bn Döring ſich in den letzten Tagen nicht eingefunden atte. Noch einmal durchlas ſie den geheimnißvollen Brief und durchforſchte ihn mit der größten Aufmerkſamkeit. — Er iſt nicht von Worowitſch, bemerkte ſie, denn es iſt nicht ſeine Hand. Sollte er vielleicht von Dö⸗ ring ſein? Ein ſchöner Purpur breitete ſich dabei über ihre Wangen und glänzend wie eine Sternſchnuppe ſenkte ſich ihr Blick zur Erde. — Warum nicht? dachte ſie weiter; er könnte ja .. z. B. von Worowitſch... mit mir reden wollen... das wäare ja nicht unmöglich. △☛ ☛ D ——y.—,—,—,— ——— 1⁵³ Aber ein Kopfſchütteln, heftig und lebhaft, deutete an, daß ein neuer Gedanke in ihr erwacht war. Sie beugte ſich jetzt abermals über den Brief hinab und betrachtete ihn von Neuem.. Sie hatte ſich des Briefes erinnert, welchen der Sbitenhändler ihr einmal von Orlow überreicht hatte, und ſie begann zu fürchten, daß auch dieſer von ihm ſein könnte; aber ſie hatte die Handſchrift in dem er⸗ ſteren zu wenig beachtet, und ſo fehlte ihr aller Leit⸗ faden für ihr Urtheil.. Die Stirne ſank in ihre Hand hinab; tauſend Ge⸗ danken flogen durch ihre Seele und an keinem wagte ſie feſtzuhalten. In dieſem Augenblick raſchelte CEtwas ganz nahe bei ihr, und als ſie aufſchaute, ſchwebte unwiderſtehlich ein Ausruf über ihre Lippen. Döring ſtand vor ihr. — Wie glucklich, ſagte er, daß ich Sie treffe! Aber Sie ſtarren mich erſchrocken an... ich habe Sie er⸗ ſchreckt. Willanow legie die Hand auf ihr Herz, um es zu beruhigen. — Nein, Capitän, antwortete ſie, aber ich erwar⸗ tete Sie nicht... und gleichwohl... — Dachten Sie an mich, wollen Sie ſagen. Willanow ſtrich ihre Locken zurück und heftete einen ſeelenvollen, warmen Blick auf ihn. — Sie haben's errathen, ſagte ſie, ich dachte an Sie. Im Park von Petershof retteten Sie mich vor den Verfolgungen, die mich bedrohten; aber das war noch nicht genug, ſpäter am Tag verwendeten Sie ſich auch ſo edel und ritterlich bei der Kaiſerin für Woro⸗ witſch... und noch mehr, am Abend verpfändeten Sie ſogar Ihre Ehre für die ſeinige... kurz, Capitän, ich kann Ihnen nicht genug danken und ich geſtehe mit Ver⸗ gnügen, daß ich Ihnen in einem warmen Herzen einen Platz eingeräumt habe. Wenn die Schönheit hinreißend, wenn die Unſchuld 154 edel iſt, um wie viel mehr werden ſie es, wenn Ver⸗ ſchämtheit ſie mit ihrem ſchönſten Roth drapirt! Döring's Bruſt hob ſich. Ein unwiderſtehliches Gefühl erfaßte ihn und zog ihn zu Willanow hin. Sie hatte zwar nicht die ſchwache und zarte, milde und blonde Lieblichkeit, die ihn an Luiſe Poſſe ſo ſehr be⸗ zaubert hatte; aber ihre ſüdlich oder vielmehr orienta⸗ liſch ausgebildeten Reize waren harmoniſcher, erinnerten mehr an eine vollkommene Aphrodite, während ſo viel Schwärmerei, ſo viel innere Schönheit über ihnen ruhte, daß er auch hier dieſelbe reine, klangvolle Seele zu ver⸗ nehmen, dieſelbe holde Klugheit des Herzens zu ſehen glaubte, nur in friſcheren und vollendeteren Formen. Döring hatte ein einziges Mal ſein Knie vor Willanow gebeugt, und damals ſogar ohne zu wiſſen, vor wem er es that; aber es iſt eine unumſtößliche Wahrheit, daß noch nie ein Mann vor einem Weibe ſein Knie gebeugt hat, ohne daß dieß einen dauernden Eindruck in ſeiner Bruſt zurückließ. Mit Wärme hatte er ihre Hand ergriffen und nur der Stimme ſeines Gefühls ge⸗ horchend, wollte er ſie an ſeine Lippen führen... aber auf einmal ließ er ſie los und trat verlegen zurück. Es war indeß nicht die Erinnerung an Luiſe, die in dieſem Augenblick zwiſchen das Fräulein und ihn trat, es war die Erinnerung an Worowitſch. Ein bleicher Schatten zog ſich über Döring's Ge⸗ ſicht. Der Eindruck ſeiner innern Bewegung wirkte augen⸗ blicklich auch auf Willanow, und auch über ihre Wan⸗ gen ſchien eine Wolke zu fliegen. — Wir vergeſſen Worowitſch, ſagte er. Willanow ſchaute ihm von Neuem in die Augen. Auf einmal verſtand ſie die Urſache ſeiner plöoͤtzlichen Bewegung; denn er hatte dieſen Namen auf eine ſo eigenthümliche Weiſe ausgeſprochen. Aber die Entdeckung ſchien ſie nicht unangenehm zu berühren, vielmehr klärte ſich ihr Geſicht und von Neuem begann Sonnenſchein in ihren Blicken zu ſchimmern. 15⁵ — Capitän, ſagte ſie, laſſen Sie uns einander ver⸗ ſtehen. Ich ſtehe gegen Niemand in größeren Verbind⸗ lichkeiten, als gegen Sie. 4 Trotz all ſeiner ſtrengen Grundſätze, fühlte ſich Doring durch dieſe ſo einfachen und milden Worte weich geſtimmt. 3 — Ich ſehe in Ihnen einen edeln und muthigen Mann, fuhr Willanow fort; ſehen Sie in mir ein gu⸗ tes und dankbares Mädchen.. — Hören Sie auf, um Gottes willen, hören Sie auf, bat Döring.. Döring war kaum ſeiner ſelbſt mächtig, einen ſol⸗ chen Eindruck übten die Worte des Fräuleins auf ihn; aber er that ſich Gewalt an und war bald wieder ſo ruhig wie vorher. — Es iſt mir nicht entgangen, ſagte er, daß ein großes Geheimniß Sie bedrückt... und ich komme, um Sie wenigſtens in Einem Fall zu beruhigen. Woro⸗ witſch hat ſich wieder vorgefunden. Ein ſanftes Lächeln breitete ſich bei dieſer Nachricht über ihr Geſicht; aber gleichwohl ſchien die Melancholie, die feſten Fuß bei ihr gefaßt hatte, nicht weichen zu wollen. — Ich ahnte es, ſobald ich Sie ſah, ſagte ſie; aber wenn er auch einer Gefahr entronnen iſt, ſo wird er ſich bald in eine neue ſtürzen. In ſeiner Unkenntniß der hieſigen Verhältniſſe hofft er zu viel. Wo iſt er dieſe Tage geweſen? Warum... — Er wird Sie ſelbſt darüber aufklären. Ich ver⸗ pflichtete mich, Sie aufzuſuchen, um zu fragen, ob dieſes Billet von Ihnen iſt. Döoring zog dabei ein kleines Schreiben hervor, worin Worowitſch benachrichtigt wurde, daß er Abends ſechs Uhr das Fräulein im Parkhaus des tauriſchen Palaſtes treffen könne. — Wie? Was bedeutet das.. ſehen Sie hier. auch ich habe ein Billet mit derſelben Hand erhalten. 156 Willanow zeigte ihr Billet. — Hier wird eine Intrigue geſpielt. Vor einer Stunde empfing der Portier meines Hotels dieß hier... — Und ich empfing das meinige vor einer Vier⸗ telſtunde. — Sie kennen die Hand nicht? — Nein. — Ich auch nicht.. Inzwiſchen iſt es nothwen⸗ dig, daß Worowitſch Sie trifft. — Aber nach dieſem Brief zu ſchließen, hält man uns feſt im Auge. — Ich gebe das zu, glaube jedoch, daß es juſt darum am Beſten wäre, wenn Sie heute Abend ſich träfen. Worowitſch will keinen Schritt mehr thun, ohne zuvor mit Ihnen zu ſprechen, und wenn man Sie mit⸗ telſt dieſer Briefe in einer Schlinge zu fangen ſuchte, ſo wird man auch ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf das Luſthaus da unten gerichtet halten... hier... in die⸗ ſer Grotte... könnten Sie jedoch einander treffen. — Wohlan denn! Warum nicht? Ich werde kom⸗ men. Iſt es der Wille der Vorſehung, daß uns ein Unglück widerfahre, ſo mag dieß jetzt ſo gut eintreffen, als ſpäter. Ich ahne, daß es dennoch immerhin einmal geſchehen muß, und ich habe mich darauf vorbereitet. — Alſo... Sie kommen... — Aber wie wird er Zutritt hier erhalten? — Das iſt meine Sache. Noch einmal begegneten ſich die Blicke Beider. Willanow ſchien ſprechen zu wollen; aber Döring zog ſich zurück, gleich als hätte er dieß gefürchtet. Das war auch der Fall. Seit ſeinem erſten Zuſammentreffen mit ihr war er zu keinem klaren und deutlichen Selbſt⸗ bewußtſein mehr gelangt. Luiſe begann in ſeiner Erin⸗ nerung unterzuſinken, wie eine theure Freundin, die mit ihrem weißen Tüchlein am Ufer winkt, allmählig ver⸗ ſchwindet, wenn das Schiff ſich immer mehr entfernt. Willanow dagegen... ach ihre dunkeln, klaren, ſeelen⸗ 3 1 t 157 vollen Augen hatten ſich tief in ſeinem Herzen wie in einem Blumenbette gelagert, ſich darin gleich einem Solitär mit einem goldenen Reif eingefaßt, und wohin er ſich auch wenden mochte, er konnte ihnen nicht ent⸗ gehen, weil ſie ihm ja aus ſeiner eigenen Bruſt ent⸗ gegenſtrahlten.. 3 Döring war indeß nicht mit ſich ſelbſt zufrieden. Die Geſetze der Ehre waren tief in ſein Inneres ein⸗ gegraben, und dieſe geboten das ſchöne Mädchen zu re⸗ ſpektiren, das, wie er glaubte, bereits einem Andern angehörte. Aber über die Bande, die unſere Gefühle zu knü⸗ pfen angefangen haben, kann man zwar ſchöne und lange Reden halten, ſie werden dadurch nicht immer aufgelöst; zuweilen ſpielen in dieſem Fall unſere Ge⸗ fühle mit unſerem Verſtand und knüpfen dabei lächelnd den Knoten noch feſter. Obſchon Döring ſelbſt es kaum bemerkte, hatte in ſeinem Innern ein Kampf zwiſchen ſeiner Ehre und ſeinem Herzen begonnen, ein Kampf, deſſen Ausgang er, ſelbſt wenn er die wirkliche Bedeu⸗ tung deſſelben eingeſehen hätte, vielleicht nicht mit Sicher⸗ heit hätte vorherſagen können; denn wenn er in die offenen, freundlichen, magiſch bezaubernden Züge des Mädchens blickte, da vergaß er ſeine Prinzipien, ſeine Vorſätze ſtanden entwaffnet da und geblendet ſah er nur ein einziges Ziel. In dieſer Lage befand er ſich auch jetzt, als er ſie verlaſſen ſollte. Er meinte ſo eben ſeine ganze Ruhe wieder gewonnen zu haben, und gleichwohl ſtand er bereits wie von einem Zauber umgeben da. War es Willanow beſſer zu Muthe? Wir wollen noch nicht in ihr Inneres eindringen, ſondern den Schleier fallen laſſen, obſchon vielleicht nur uͤber ein ſchwaches, zitterndes Mädchenherz. Döring hatte Furcht vor ſich ſelbſt; auf einmal wandte er ſich entſchloſſen von dem Fräulein ab und entfernte ſich. 158 Neunzehntes Kapitel. Das Luſthaus und die Grotte. Als die Gräfin Branitzka den Brief geleſen hatte, den ſte von der Matrone Danilowna empfangen, kehrte ſie nach der offenen Promenade vor dem Palaſte zurück. „Finden Sie ſich heute Abend um halb ſieben im Luſthaus jenſeits des Teiches ein,“ hatte ſie geleſen. Das Billet war gleichlautend mit denjenigen, das Willanow kurz zuvor empfangen hatte; aber die Zeit des Rendezvous war eine halbe Stunde weiter hinaus⸗ gerückt. — Nur eine einzige Perſon hat ſo kühn ſein kon⸗ nen, dieſen Brief zu ſchreiben, dieß war die einzige Bemerkung, die ſie machte. Verdruß bemächtigte ſich ihrer. Mit heftigen Schrit⸗ ten ging ſie auf und ab. Ueber ihr ſchönes Geſicht eilte mitunter ein Ausdruck des Zornes, während die Stirne ſich hob, als ob ſich der Verdruß nicht legte, ſondern vielmehr immer feſtere Wurzeln ſchlage. Inzwiſchen trat Armfelt aus dem innern Garten. des Palaſtes heraus. Zur Kaiſerin berufen, hatte er ſich angemeldet, aber es war ihm bedeutet worden, weitere Befehle abzu⸗ warten. Er begab ſich alſo in den Park hinaus, um die ſchöne Natur zu genießen, und die erſte Perſon, die er zu Geſicht bekam, war die Gräfin, auf die er auch ſogleich zuging. Er bemerkte zwar ihre gereizte Stim⸗ mung wohl, aber dieß freute ihn beinahe. Armfelt und Branitzka waren beide ſtolze Naturen; aber Erſterer hatte ſich weit in der Welt umgeſchaut, während die Letztere erſt in der neueſten Zeit ſo zu ſa⸗ gen einen tiefern Blick in ſich ſelbſt geworfen hatte. — Edle Gräfin, redete er ſie an, Sie ſind mit Jemand unzufrieden. Sie gleichen einer Sphinx, welche 1⁵9 ihre Schwingen zum Flug erhoben hat, aber Ihr Zorn läßt ſich beſchwichtigen, und Sie kommen wie die Sphinx nicht von der Stelle. 4 Branitzka wandte ſich kalt gegen ihn. — Sie ſind ja am franzöſiſchen Hof geweſen, Baron? fragte ſte bloß. Dort pflegte man ſonſt Artigkeit gegen die Damen zu lernen. An dem Hofe, wo Sie ſind, Gräſin, vermißt man dieſe nicht mehr. Der franzöſiſche Hof hat, von der Revolution verjagt, Frankreich verlaſſen müſſen und ſeine Zuflucht hieher genommen. Branitzka preßte ihre Lippen zuſammen. Der Zorn kleidete die ſtolze Schöne nicht ſchlecht. 4 — Ihre Erklärung iſt nicht ſehr ſchmeichelhaft für uns, Baron, antwortete ſie mit einer launiſchen Bie⸗ gung des Nackens; wir betrachten den Beſuch daher mehr als eine Invaſton; denn als etwas Anderes. Eine Menge alter Höflinge zu ſehen, die aus ihrem eigenen Vaterlande verjagt ſind... — Meine Gräfin, ſiel ihr Armfelt in's Wort, während ſein offenes Apollogeſicht ſich auf einmal in die Miene des Kriegsgottes verwandelte, ich bitte Sie, hören Sie auf... Branitzka hielt ein und heftete einen herausfordern⸗ den Blick auf ihn. — Warum ſollte ich meinen Satz nicht vollenden, Baron? Armfelt konnte die Urſache ihrer Feindſeligkeit un⸗ möglich begreifen. Beruhte ſie auf einer Intrigue oder auf Eitelkeit? In beiden Fällen durfte ſie ſich doch nicht ſo bitter äußern. Es mußte ſich alſo ein anderer Grund vorſinden; aber worin mochte er wohl beſtehen? — Darum, Gräfin, antwortete er inzwiſchen. aber muß ich es Ihnen wohl ſagen? — Ich bin auf Ihrer Seite auf Vieles gefaßt; haben Sie die Güte und ſagen Sie was Sie wollen. 160 Armfelt's Augen wurden immer feuriger und ſeine Stirne hob ſich. — Meine Gräfin, ſagte er, der Zorn kann aller⸗ dings einer Dame ſchön laſſen, aber er muß dann der Blitz einer edeln Regung ſein; in jedem andern Fall kleidet er ſie ſchlecht. Sie wiſſen, daß ich ſelbſt ein Mann bin, der... aus ſeinem Vaterland verjagt... ſeine Zuflucht hieher genommen hat. Wenn es Ihre Abſicht war einen Unglücklichen zu beleidigen, dann ſind Sie nicht diejenige, wofür ich Sie hielt, Gräfin. — Und wofur hielten Sie mich, Herr Baron? Sie betrachteten mich als eine leichte Beute für einen Ca⸗ valier, der ſich vielleicht bereits einiger Triumphe rüh⸗ men kann, welche er, Gott weiß über wen, errungen hat. Aber bevor Ihr Triumphwagen weiter geht, Herr Baron, will ich Sie ein Gebet lehren, das Sie manch⸗ mal ſprechen müſſen, wenn Sie allein ſind. Einem Sieger, wofür Sie ſich halten, kann es nicht ſchaden, wenn er auch ein Bischen andächtig iſt. Das Gebet lautet alſo... aber vielleicht ſollte ich es Ihnen auf⸗ ſchreiben... Sie könnten es ſonſt vergeſſen. Armfelt wurde immer bläſſer. — Ein Gebet, ſtammelte er; laſſen Sie mich hö⸗ ren... laſſen Sie mich hören. 1 — Der Herr laſſe ſein Angeſicht leuchten über Sie, ſpottete die Gräſin, und ſei Ihnen gnädig. — Ha, Gräfin... Sie... — Leben Sie wohl, Baron, fügte die Gräfin hin⸗ zu Doch, es iſt wahr... Sie können auch dieſes Billet da zurücknehmen. — Was ſoll das heißen? Ein Billet? Heftig entwickelte Armfelt das Schreiben, und kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, ſo begriff er au einmal den ganzen Zuſammenhang der Sache. — Sie haben geglaubt, dieſer Brief ſei von mir, verſetzte er. Sie haben ſich beleidigt gefühlt, Gräfin, — Nun, Baron?. 161 — Hören Sie mich an, Gräfin. — Ich höre. 7 — Sie haben vielleicht vernommen, daß man mich des Leichtſinns beſchuldigt? — Warum dieſe Frage?. — Ich will Ihnen mit wenigen Worten mein Sündenbekenntniß ablegen. — Das wäre wirklich intereſſant. Armfelt zögerte indeß eine Weile, bevor er fort⸗ fuhr; aber man ſah an ſeinem Blick und ſeinem Gang, daß er von immer höheren und feurigeren Gefühlen belebt wurde. — Vom erſten Augenblick an, begann er hierauf, wo ich füͤhlte, daß mein Herz ſchlagen konnte, habe ich das Weib als Gottes ſchönſtes und herrlichſtes Werk angebetet. Sie ſollen meine Anſichten hören. In der erſten Stunde der Zeit, als Alles fertig war, Himmel und Erde, da ſchuf Gott den Mann, um ſein Werk zu krönen. Aber der Mann blickte vewundert um ſich und verſtand nicht recht was er ſah. Warum ſchweigſt Du? fragte der Herr. Allmächtiger Vater, klagte der Mann, Dein Werk iſt unausſprechlich ſchön, unendlich herr⸗ lich... aber mir ſchwindet bei ſeinem Anblick, meine Arme vermögen es nicht an meine Bruſt zu ſchließen, meine Seele vermag es nicht aufzufaſſen. Mein Gott, ich zittere und fuͤrchte beim Anblick Deiner Größe.— Schau Dich um, ſprach Gott, und der Mann ſchaute ſich um. Und alles Herrliche und Schöne, was er in der großen Unendlichkeit ſo eben bewundert hatte— Himmel und Erde, ſammt dem Prachtvollſten, was ſie ſchmuͤckte— ſtand jetzt vor ihm, aber zuſammen⸗ gegoſſen in eine einzige Geſtalt, die er mit ſeinen Ar⸗ men umſchließen und an ſein Herz drücken konnte, und er ſank auf ſeine Kniee nieder und betete die ganze Schöpfung an— im Weibe, Armfelt ſprach immer mit Wärme, aber in dieſem Augenblick ſogar mit unverkennbarer Innigkeit. Bra⸗ Der Fürſt. II. 11 162 nitzka hatte nicht erwartet, daß er dem Gegenſtand eine religiöſe Wendung geben würde, und ſie fühlte ihr Herz wunderbar erweitert. Armfelt warf einen kühnen Blick in ihre Seele und ſah, was darin vorging. — Gräfin, fuhr er fort, können Sie einem war⸗ men, einem reich fühlenden, einem lebhaft liebenden Herzen ſein unwiderſtehliches Bedürfniß, Gottes ſchöne, große und wunderbare Schöpfung zu lieben, nicht ver⸗ zeihen? können Sie mißbilligen, daß ſeine Arme ſich öffnen, um Himmel und Erde zu umſchließen? Was iſt das Weib, was ſind Sie anders, als Erde und Himmel zuſammen? Suche ich den Glanz der Sonne und der Sterne, ſo finde ich ihn in Ihren Augen. Suche ich den Purpur des Morgens oder der Blume, ſo finde ich ihn auf Ihren Wangen. Suche ich Har⸗ monie, ſo finde ich ſie in Ihrer Geſtalt. Suche ich das ſchöne Leben des Tags, oder den ſtillen Frieden der Nacht, ſo finde ich ſie bei Ihnen. Branitzka hatte ihren Gang gemäßigt. Auf ihrem Geſicht wechſelten verſchiedene Ausdrücke. Ihr Buſen hob ſich wie eine Woge, die der Wind aufregt. Sie fühlte ſich vernichtet. Armfelt war einen Augenblick verſtummt. — Mir, begann er hierauf wieder, hat die Liebe beſtändig neue Einblicke in die unendliche Schönheit der Welt eröffnet; für mich iſt ſie ein Weg geweſen, der ſich fortwährend erweiterte und mich zum Verſtändniß des großen Ganzen führte; an der Hand des Weibes hat die Frucht der Erkenntniß mich verlockt, in ihren Augen habe ich die herrlichſten Geheimniſſe meines eigenen Herzens erklärt gefunden. Iſt das Leichtſinn bei mir geweſen? Man mag es nennen wie man will, ich habe nicht Andere um Rath gefragt; ich bin einer Stimme in meinem Innern gefolgt; ich habe nicht bei den Weiſen und Gelehrten nach den Grundſätzen für mein Leben geforſcht; ich habe gefühlt, daß ich ſie ſelbſt 163 beſaß, daß ſie in meinem Herzen gefroren waren. Auf dem großen Tummelplatz der Welt, hat die Vorſehung uns ein Feld für männliche und kraͤftige Wirkſamkeit bereitet, worauf wir im Dienſt der großen Ideen, jeder nach ſeinen Kräften kämpfen; aber auf unſere andere Seite hat die Vorſehung das Weib geſtellt, um uns während des Kampfes treu bei der Fahne des Guten und Edeln zu erhalten und nach demſelben uns zu be⸗ lohnen... im Fall wir es verdient haben. Armfelt ergriff die Hand der Gräfin. 1 — Gräfin, ſagte er, ich weiß, daß ich nicht Ihr Günſtling bin, aber Sie müſſen mir Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen und einſehen, daß ich nicht im Stande wäre, ſchlecht genug von Ihnen zu denken, um ein ſolches Billet, wie dieſes hier, ſchreiben zu köͤnnen. Ich habe Fehler— viele Fehler, aber ich habe nie einen Menſchen vorſätzlich beleidigt und am allerwenigſten eine Dame. Die Völker haben alle regierende Perſo⸗ nen für heilig erklärt; die Vorſehung hat das Weib dafür erklärt, und dieſes Grundgeſetz, das auf dem Altar der Natur ſelbſt beruht, wird in mir allzeit einen Vertheidiger beſitzen. Was für Verbrechen Sie auch an mir entdecken können, eines ſolchen Majeſtätsver⸗ brechens werden Sie mich niemals zu zeihen Urſache finden. Glauben Sie, daß ich dieſen Brief geſchrieben habe, Gräfin? — Nein, nein. Branitzka athmete Feuer. — Ich habe manchen Hof beſucht, fuhr Armfelt fort; ich habe das Weib in tauſend verſchiedenen Ge⸗ ſtalten geſehen, und überall und immer hat ſie mir eine neue Seite der Welt und des Lebens gezeigt. Je mehr ich ſie ſtudirte, um ſo mehr habe ich ſie bewun⸗ dert. Der Mann ſammelt die Reichthümer ſeines Ver⸗ ſtandes von der ganzen Welt und bleibt gleichwohl im⸗ mer arm, bis er in ſeinem Herzen ein holdes Bild trifft, das ihn mit der Milde eines Eng⸗is die einfache 164 Kunſt lehrt, zu lieben. Mit der Liebe kommt der Reich⸗ thum. Das Weib geht in ſeinen Handlungen und Ge⸗ danken von der Eingebung der ungekünſtelten Gefühle eines warmen Herzens aus, und wir kommen erſt nach vielen Umwegen dazu. Man mag mich eher tödten, als mir das Recht verſagen, dieſes Weſen anzubeten, das in ſeiner Schwachheit um ſo viel ſtärker iſt, als der Mann, in ſeiner unbewußten Weisheit um ſo viel weiſer als er; das in ſeinem lebendigen Herzen die Lö⸗ ſung all der Räthſel beſitzt, die uns irre machen, und das in ſeiner Liebe ſie auch für uns löst. Ich habe bisher alle Weiber zu verſtehen geglaubt, mit denen ich zuſammengetroffen bin; aber Sie, meine Gräfin, be⸗ greife ich nicht. Warum haſſen Sie mich? Branitzka's Herz klopfte. Armfelt's Worte ſtröm⸗ ten wie Feuer durch ihre Seele und riſſen ſie mit ſich. Hoch ſchwoll ihr Buſen. Ihr Stolz wich und ſie wußte kaum warum. — Warum ich Sie haſſe, wiederholte ſie bloß. Branitzka's Kopf war verwirrt. Ein Fieber brannte in ihren Adern. Ihr Körper zitterte wie eine tönende aite. — Ja, Gräfin, ich frage Sie das. Ich kenne Ihr edles Herz, ich achte Ihren entſchloſſenen Charakter hoch, ich... — Still, Baron, ſtill.. Es dunkelte vor Branitzka's Augen. Was war es, das ſie aufregte? Armfelt war mit ſeinen Worten in ihre Bruſt hinabgeſtiegen und hatte allen Stolz nieder⸗ getreten. — Sie ſind unerklärlich, Gräfin... ſo viel Feuer und ſo viel Kälte, ſo viel Haß und zu gleicher Zeit ſolche Milde... wie reimt ſich das zuſammen? Sie erblaſſen... Sie werden unwohl... — Ich haſſe nicht Sie, ich haſſe mich ſelbſt. Branitzka war ihrer ſelbſt nicht mehr mächtig, ihre Stimme bebte. .——½—,—-)—— 165 — Sie ſelbſt?. — Ich haſſe mich, weil... weil... aber Sie werden in Ihrer ſtolzen Seele über mich lächeln.. mag ſein... lächeln Sie, Herr Baron... lächeln Sie... wenn ich Ihnen ſage... daß ich mich ver⸗ achte... weil ich Sie liebe. — Mein Gott, was höre ich?. Branitzka hatte ſich auf eine Bank niedergelaſſen und ſie verbarg ihre blaſſen Wangen in ihren Händen. — Still! rief ſte, als ſie Armfelt's Stimme hörte, und richtete dabei ihr Haupt wieder empor; ſtill! 3 2 demſelben Augenblick erhob ſie ſich von der ank. — Warum lachen Sie nicht, Baron? Sie haben jetzt das Recht dazu; aber Sie ſchweigen, Sie weiden ſich nicht an Ihrem Siege? Bewunderung, aber auch Furcht und Schrecken zeigte ſich bei Armfelt, das Geſtändniß der Gräfin hatte etwas unwiderſtehlich Hinreißendes, aber auch etwas Zermalmendes für ihn. — Graäfin, ſagte er, indem er ſich ehrerbietig näherte. Die Welt iſt reich an Neigungen und Lau⸗ nen, aber ſie iſt ärmer an Liebe. Feuerwerke glänzen überall rund um uns her, erfreuen unſer Auge und ergötzen unſere Phantaſie; dagegen treffen wir nur einige wenige Vulkane, aber wo wir ſie treffen, da flößen ſie uns durch ihre Erhabenheit Bewunderung ein, ver⸗ miſcht mit Furcht, Sie verſtehen mein Gleichniß, Gräfin. Schon einmal hat ſich ein Weib mit vulkaniſchem Feuer mir hingegeben... ſie wurde tief unglücklich, meine Gräfin. Armfelt unterbrach ſich hier einen Augenblick und ein leiſer, aber tiefer Seufzer hob ſeine männliche Bruſt. Dieſer Seufzer war ein unwillkührliches, aber na⸗ türliches Opfer, geweiht der Erinnerung an Fräulein Rudenſköld. 166 Branitzka folgte mit rührender Aufmerkſamkeit al⸗ len ſeinen Worten. — Meine Gefühle, Gräfin, fuhr Armfelt fort, ſind keine Töne von Saiten, die uͤber ein dünnes Brett geſpannt ſind. Sie beſitzen einen Reſonanzboden— und jeder Ton zittert aus einer Tiefe und durch eine Tiefe. Sie können nicht wiſſen, Gräfin, was ich dachte, als ich den Untergang des armen, um meinetwillen unglück⸗ lichen Weibes ſah. — Nein, Baron, nein. — Ich dachte mit Cäſar, Gräfin; noch ein ſolcher Sieg und ich bin verloren. Ein ſtolzes Lächeln flog über Branitzka's Geſicht. Es war eine Juno, die beim Gedanken an Jupiter's Abenteuer lächelte. Branitzka hatte auf einmal wieder ihre ganze Herrſchaft über ſich ſelbſt gewonnen. — Fürchten Sie nicht um mich, bemerkte ſie; meinen Untergang werden Sie nicht erleben... aber ſtill... es kommt Jemand. Ernſte Gedanken hatten Armfelt's Gemüth ergrif⸗ fen, und obſchon er mit Branitzka der Fürſtin Menzi⸗ kow und Fräulein Protaſow entgegenging, welche beide zu gleicher Zeit von verſchiedenen Richtungen herkamen, ſo waren doch ſeine Blicke düſter und ſeine Schritte ſchwer. Die Fürſtin Menzikow ſah würdevoll und ruhig aus; die fröhliche, unbändige Protaſow dagegen lachte unmäßig und klatſchte in die Hände. In Branitzka's Augen entdeckte man keine Spur von dem Sturme mehr, der ſie kaum erſt ſo gewaltſam hingeriſſen hatte. Lächelnd trug ſie ihre ſtolze Stirne, gleich als hätte das Glück zu ihren Füßen ein Knie gebeugt und als wandelte ſie auf Roſen. Nur ihre Wange war blaß, aber das war ſie immer. 167 — Haſt Du Dich wieder mit dem Baron herum⸗ gezankt, Branitzka? fragte Protaſow. Aus Deiner Miene ſchließe ich, daß es Dir jetzt gelungen iſt, ihn zu überzeugen, daß er einfältig, langweilig, eigenliebig und närriſch iſt... das war es ja doch, was Du in Petershof behaupteteſt? Während Protaſow mit ihrem Geſchwatze Bra⸗ nitzka's Aufmerkſamkeit anzog, erhielt Menzikow Gele⸗ genheit einige Worte mit Armfelt zu wechſeln, der da⸗ bei auf eine höchſt unzweideutige Art Verwunderung und Ueberraſchung zu erkennen gab. — Wenn ich nicht immer derſelben Meinung war wie Du, fuhr Protaſow fort, ſo ſtimme ich doch jetzt vollkommen mit Dir überein. Hören Sie, Baron, was wir Ihnen zur Laſt legen? Protaſow gab ihm ein geheimes Zeichen, aber Arm⸗ felt ſchien es nicht zu bemerken. — Kommen Sie her, Baron, fuhr ſie fort, und vertheidigen Sie ſich, wenn Sie können... aber Sie hören mich ja gar nicht an... ſeht doch... muß der Mann nicht einfältig ſein, der nicht hört, was ein ſchönes Mädchen ſchwatzt? Noch ein neues Zeichen, aber ohne beſſern Erfolg. Branitzka ſah nicht zurück. Obſchon ihr Aeußeres Ruhe und Selbſtzufriedenheit verkündete, ſo bedurfte ſie doch ihrer ganzen Stärke, um ihre inneren Regungen in ſich zu verbergen. Gleich als hätte ſie einen beſtimm⸗ ten, gegebenen Gegenſtand im Auge, ging ſie vorwärts. Protaſow's Gedankengang warde in dieſem Augen⸗ blick nach einer andern Seite hingelenkt. Sie hatte auf nener Erhöhung des Parkes eine lächerliche Seene ent⸗ eckt. — Wenn Scherz und Heiterkeit, ſchwatzte ſie, in Euerer Seele nicht bloß Schmarotzerpflanzen wären, die aus Mangel an friſcher Luft ſchon längſt verwelkt ſind, ſo würdet ihr dorthin ſchauen und lachen lernen. Armfelt und Branitzka wandten ſich nach der an⸗ ⸗. 168 gegebenen Richtung und erblickten hinter einigen Baum⸗ ſtämmen Lambro Cazzioni, der vor Danilowna auf den Knieen lag. Das Gemälde war zum Lachen, aber Menzikow und Armfelt ſtierten es bloß ſchweigend an. Protaſow ließ die Gelegenheit nicht entwiſchen, ſon⸗ dern ergriff Armfelt's Hand. — Ich werde kommen, flüſterte ſte. — Kommen? Wohin? — Scherzen Sie nicht... iſt der Brief nicht von Ihnen? — Haſſen Sie ſehen... geben Sie her. — Hier... — Welch ein unverſchämter Scherz! ſagte Armfelt. Menzikow und Protaſow ſtanden an ſeiner Seite. — Frau Gräfin, rief er. Hören Sie mich gefäl⸗ ligſt an... nur einen Augenblick... kommen Sie hieher. Branitzka wandte ſich um. Armfelt hielt ihr zwei Briefe entgegen. — Gräfin, ſagte er, hier iſt ein freches Complott im Werk. Sehen Sie ſelbſt... Die zwei Briefe waren von derſelben Hand ge⸗ ſchrieben und enthielten dieſelbe Aufforderung wie der Brief an Branitzka. Branitzka wechſelte einen haſtigen Blick mit Armfelt. — Baron, ſagte ſie, wenn Sie ermitteln können, wer dieſe zwei Briefe verfaßt hat... Sie ſprach nicht von dem ihrigen. — So, fuhr ſie nach einer nicht bedeutungsloſen Pauſe fort, verſpreche ich Ihnen... ja... was ſoll ich Ihnen verſprechen? Protaſow und Menzikow hefteten zu gleicher Zeit ihre Blicke auf die Gräfin, weil in ihrer Stimme, im Ausdruck ihres Geſichtes, in ihren Augen nicht mehr Haß und Verachtung lag... ſondern vielmehr ſie wußten nicht, was ſie glauben ſollten... aber von demſelben Gedanken geleitet, begegneten ſich ihre Blicke. 169 Armfelt ergriff inzwiſchen die Hand der Gräfin. — Ich verſpreche Ihnen, Gräfin, ſagte er, daß ich den Briefſchreiber entdecken werde. Cazzioni und Dani⸗ lowna haben die Billette überbracht. Ich begebe mich ſogleich zu ihnen. Wenn die Fürſtin Menzikow und. Fräulein Protaſow nicht gerächt werden, ſo iſt es nicht meine Schuld. Armfelt verließ ſie, um ſein diplomatiſches Geſchäft ſogleich zu beginnen. Protaſow klatſchte fröhlich in die Hände und brach in ein herzliches Lachen aus. — Vortrefflich! ſchwatzte ſie; eine Intrigue und eine Contre⸗Intrigue. Göttlich! Menzikow zerriß gleichgültig ihren Brief und warf die Stückchen in den Teich. — Rache, murmelte Branitzka, Rache! Als Orlow in den tauriſchen Palaſt kam, begab er ſich zu Subow. Subow, ſagt ein Geſchichtſchreiber, hatte die Thor⸗ heit, Alles thun zu wollen, oder ſich wenigſtens dieſen Anſchein zu geben; aber bei ſeiner gänzlichen Geſchäfts⸗ unkenntniß pflegte er denjenigen, die Inſtruktionen von ihm verlangten, die Antwort zu geben: Macht es wie vorher. Nichts konnte mit ſeinem Hochmuth verglichen werden, als die Erbärmlichfeit derjenigen, die ihm zu Füßen fielen, und man muß geſtehen, daß die Nieder⸗ trächtigkeit des ruſſiſchen Hofperſonals den Günſtlingen Katharina's immer zuvorgekommen iſt und ihre Unver⸗ ſchämtheit noch übertroffen hat. Alle krochen vor Su⸗ bow's Füßen; er allein ſtand aufrecht da und glaubte ſich groß. Jeden Morgen war ſeine Antichambre voll⸗ gedrängt von einem zahlreichen Hof. Die älteſten Ge⸗ nerale und alle Großen des Reichs ſchämten ſich nicht, 170 dem geringſten ſeiner Diener zu ſchmeicheln. Oft ſah man, daß dieſe auf eine unverſchämte Art Generale und Offiziere wegwieſen, welche zahlreich die Thüren bela⸗ gerten nnd die Schließung derſelben verhinderten. In einen Lehnſtuhl geſtreckt oder auf einem Sopha ſich deh⸗ nend, würdigte dieſer junge Mann ſeine Umgebung kaum der geringſten Aufmerkſamkeit. Er ergötzte ſich an den Poſſen ſeines Affen, der ſeinen platten Hofſchmeichlern auf den Köpfen umherhüpfte, oder plauderte er mit ſei⸗ nem Hofnarren. Inzwiſchen ſtanden alte Männer, die mit den vornehmſten Orden des Reichs geſchmückt wa⸗ ren und unter denen er als Unteroffizier gedient hatte, im tiefſten Schweigen da und erwarteten ehrerbietig, daß er ihnen einen Blick zuwerfen möchte, damit ſie Gelegenheit erhielten, ſich vor ihm zu verbeugen. Sobald Orlow kam, ließ die Dienerſchaft ihn ſo⸗ gleich ein. Die Pracht, welche den Günſtling umgab, grenzte an's Unglaubliche. Die koſtbaren türkiſchen Teppiche waren mit Gold durchwirkt und in den Knöpfen der Kammerdiener glänzten Smaragde. Auf einem Divan liegend, in einem ſeidenen Nacht⸗ rock, der mit Zobelfell verbrämt und mit mehreren Or⸗ den geſchmückt war, hielt er eine mit Diamanten ge⸗ ſchmuͤckte Pfeife in ſeiner Hand. Zuweilen führte er die Pfeife an ſeine Lippen und that einen wollüſtigen Zug; dann blies er muthwillig den Rauch ſeinem Lieblingsaffen, der vor ihm tanzte, in die Augen. An der Thüre ſtanden einige höhere Beamte. Als Orlow eintrat, entfernten ſie ſich auf einen Wink Su- bow's unter Bücklingen. — Markow iſt bei der Kaiſerin, begann Subow, ſobald ſie allein waren; es iſt gut, daß Sie kommen. Schon recht, Affe! Ich glaube, Du biſt naſeweiß. Arm⸗ 8 muß fort von hier... was ſagen Sie zu unſerem an? 171 — Er iſt geiſtreich, wie Alles, was von Ihnen kommt. — Das freut mich, Orlow, aber was denken Sie von dem Gerücht, daß Tarrakanow noch lebe... die Kaiſerin iſt aufgeregt... ſte iſt ſogar unwohl... dummer Affe, haſt Du Dich jetzt müde getanzt... aber dieſe Sache da, Orlow, müſſen Sie vor Ihrer Majeſtät ſelbſt ausmachen. Wir wollen uns ſogleich zu ihr begeben. In dieſem Augenblick kam ein Bote von der Kai⸗ ſerin und befahl ihm, ſich bei ihr einzufinden. — Ich werde kommen, geh! — Hat, fragte Orlow, die Kaiſerin über Woro⸗ witſch's Verſchwinden Etwas geäußert? — Sie ſcheint es vergeſſen zu haben... nur von Doring hat ſie geſprochen, der mit ſeinem Kopf für die Rückkehr dieſes Menſchen bürgte. Paß auf, Affe... nimm die Pfeife... ſo ſo, ja. Der Affe nahm die Pfeife und trug ſie weg. Su⸗ bow lachte über die equilibriſtiſchen Kunſtſtücke des Thieres. — Sie find ein feiner Diplomat, Orlow, fuhr Subow fort; ſchon ehe Sie Ihren Plan in Betracht Worowitſch's mit mir beſprachen, hatten Sie Ihren Entſchluß gefaßt, und ich heiße es vollkommen gut, daß der unverſchämte Junge entfernt worden iſt. — Ich bin davon überzeugt, obſchon... — Gib einen Frack her, befahl Subow einem Kammerdiener. Tummle Dich, Sklave! — Obſchon er wieder frei iſt. — Was, frei? Subow's Geſicht verzerrte ſich, aber nicht über Or⸗ low's Aeußerung, ſondern darüber, daß er ein Fläum⸗ chen am Frack entdeckte. Fort damit! tummle Dich. Dummer Affe, tanze! — Iſt die Kaiſerin ſehr krank? — Nur unpäßlich. Sie beſchäftigt ſich mit Depe⸗ 172 ſchen für Schweden. Der Kurier ſoll morgen abgehen. Ich hoffe, daß wir dem Herzog Regenten zugleich eine Abſchrift von unſerem Vertrag mit Armfelt zuſchicken können, im Fall er unſere Bedingungen unterſchreibt. Wir haben ihn dann in der Falle. Sie verſtehen... nun, Affe, ich glaube, Du vergiſſeſt das Tanzen und willſt mich als Spion belauſchen... Apropos Kurier. Markow hat den Vorſchlag gebilligt, den Herzog Karl zu ſondiren und ihm Privatvorſchläge zu machen. Sie ſollen zu gleicher Zeit nach Stockholm abgehen. Der Kammerdiener war inzwiſchen mit dem Frack zurückgekommen und Subow ſteckte die Arme hinein. — Den Hut! Der Kammerdiener und der Affe ſprangen zugleich nach demſelben. — Brav, mein Affe, brav... mit der Zeit gibſt Du einen vortrefflichen Kammerdiener. Laſſen Sie uns jetzt zur Kaiſerin gehen. — Noch ein Wort, Ew. Hoheit. — Sprechen Sie, Orlow. — Ich ſagte, daß Worowitſch frei ſei. — Nun, und dann? — Wenn die Kaiſerin bloß unpäßlich iſt, ſo würde eine Promenade ihr ſicherlich ſehr wohl bekommen. Das Wetter iſt herrlich. — Eine Promenade? — Nur bis in's Luſthaus im Park... um ſechs Uhr, Ew. Hoheit. — Sie haben etwas Neues auf dem Korn... ah... ah... Orlow... Wir wollen an die Sache⸗ den en... laſſen Sie uns jetzt gehen. Die Kaiſerin ſaß in einem Fauteuil. Auf der einen Seite von ihr befanden ſich ein Arzt und einige dienſt⸗ as hs 173 thuende Hofdamen; auf der andern Markow. Er ſtand neben einem Tiſch, worauf verſchiedene Papiere lagen. — Es iſt natürlich, Ew. Majeſtät, ſchloß Markow einen längeren Vortrag; auf ſolche Art würde, ich ſage ſogar müßte es Ihnen gelingen, auch Schweden vor Ihren Triumphwagen zu ſpannen, wie Sie bereits mit Polen gethan haben. Armfelt muß alſo... — Sie können Recht haben, Markow, vollkommen Recht. Hr. Doctor... und ſie wandte ſich ungeduldig gegen dieſen... ich glaube, daß Lambro Cazzioni ein geſchickterer Arzt iſt, als Sie. — Ew. Majeſtät... Die Kaiſerin mußte die Anſtrengungen, welche ſie noch in ihren letzten Jahren machte, um jung und ge⸗ ſund zu erſcheinen, zuweilen theuer mit Krämpfen büßen, beſonders wurde ſie von der Roſe geplagt. — Sind die Depeſchen für Schweden fertig? fragte ſie Markow wieder. — Sie liegen hier, Ew. Majeſtät. — Es iſt mir nicht gut, Doktor... Sie müſſen mich kuriren; wenden Sie an, was Sie wollen. Was wollten Sie ſagen, Markow? — Auch das Aktenſtück, das Armfelt vorgelegt werden ſoll, iſt aufgeſetzt, Ew. Majeſtät. — Sie meinen die Depeſchen fuür Schweden? — Allerdings, ſie find in Ordnung; aber jetzt meinte ich eigentlich das Dokument, das heute Mittag die Aufmerkſämfeit Ew. Majeſtät hauptſächlich beſchäf⸗ tigt hat. — Ah, ich verſtehe... die Bedingungen, unter denen Armfelt der weitere Aufenthalt bei Hof geſtattet werden ſoll... Armfelt iſt alſo hier! — Wir haben ihn erſucht, weitere Befehle von Ew. Majeſtät abzuwarten. — Geben Sie her und laſſen Sie mich die Depe⸗ ſchen unterſchreiben. Helfen Sie mir auf, Doctor. Sie ergriff die Feder, warf ſie aber wieder weg. 174 — Wo iſt Subow? fragte ſie. — Er wird ſogleich hier ſein, Ew. Majeſtät. — Ich erinnere mich, daß er und ſein Bruder Valerian nebſt Soltikow ſich verpflichteten, einen Plan in Betreff der Feſte und Luſtbarkeiten vorzulegen, die dem König Guſtav Adolph zu CEhren ſtattfinden ſollen. Man wird es doch nicht vergeſſen haben? — Ich glaube, antwortete Markow, ſich verbeu⸗ gend, daß der Plan demnächſt fertig ſein wird. — Schicken Sie ſogleich nach ihnen, damit ſie hieher kommen. Wenn der Plan gut iſt, ſo glaube ich, daß er meine Geſundheit beſſer fördern wird, als Ihre Rezepte, Doctor. Es macht mir verdammt wenig Spaß, auf dieſe Art in einem Lehnſtuhl gefangen da⸗, zuſitzen. Ein Bote ging ab. — Geruhen Ew. Majeſtät die Depeſchen zu unter⸗ zeichnen? ſiel Markow wieder ein. — Geben Sie her... der Kurier ſoll ja heute früh abgehen... geben Sie her. Haſtig ſetzte ſte ihren Namen darunter. Markow zihineie leichter, als er die Unterſchrift in ſeiner Hand atte. — Da fällt mit Etwas ein, Doctor. Sie müſſen andere Aerzte zu Rathe ziehen. Rufen Sie welche zu⸗ ſammen. — Ich habe dieß bereits vorſchlagen wollen, ant⸗ wortete der Doctor; aber ich wünſchte zu wiſſen, welchen Aerzten Ew. Majeſtät das größte Vertrauen ſchenken. Katharina's Lippen verzogen ſich und ein ſeines Lächeln ſchwebte darüber. — Rufen Sie... rufen Sie... Lambro Caz⸗ zioni. Ich glaube beinahe, daß er ſich am Beſten auf meine Krämpfe verſteht. Der Arzt verbeugte ſich, um den Verdruß zu ver⸗ bergen, von dem er fürchtete, daß er ſich in ſeinem Ge⸗ ſicht ausdrücken könnte. S. 175 Ein neuer Page wurde nach Cazzioni abgeſandt. — Befehlen Ew. Majeſtät, daß wir Armfelt her⸗ einrufen? wagte Markow wieder zu erinnern. — Warum ſo eilig? Die Papiere liegen wohl da. Er kann warten. Subow und Soltikow... ah... da iſt er... Subow trat jetzt in Begleitung ſeines Bruders Valerian, ſowie Soltikow's und Orlow's ein. Die Letzteren blieben im Hintergrund des Zimmers ſtehen, während der Günſtling raſch voranſchritt Die Gedanken der Kaiſerin waren ausſchließlich mit den Plänen zum Empfang Guſtav Adolph's be⸗ ſchäftigt. — Du läſſeſt auf Dich warten, Subow, redete ſie ihn an. Nun, habt Ihr Etwas ausgeſonnen, wie wir den König von Schweden auf eine unſer würdige Art überraſchen können? Du weißt, der Gegenſtand inte⸗ reſſirt mich. — Mein Bruder und Soltikow haben ein Pro⸗ gramm ausgearbeitet. Sie gedenken Feldmanöver vor⸗ zuſchlagen. — Alt und gewöhnlich, bemerkte die Kaiſerin. — Feſte, Schmauſereien, Bälle, Schauſpiele.. — Abgedroſchenes Zeug, Subow. — Vielleicht würde Ihnen ein Carrouſſel gefallen, ſo wie Ew. Majeſtät im Jahr 1766 eines veranſtalteten? — Kein Carrouſſel, antwortete ſie. Nein, nein, ue ſollte es dirigiren? Die Gebrüder Orlow ſind nicht mehr. Die Bemerkung war ſchwer zu verſchlucken, aber Subow that es mit lächelnder Miene. — MNan hat, fuhr er fort, auch daran gedacht, eine Hochzeit zu veranſtalten. Zur Zeit der Kaiſerin Eliſabeth... — Lieber Subow... wir leben jetzt in der Zeit Katharina's. Werde nicht altmodiſch, mein Freund. 176 Katharina war bei ſchlechter Laune. In ſolchen Augenblicken hielt es ſchwer, ſie zufrieden zu ſtellen. Markow, welcher die Anweſenheit Subow's und der Uebrigen benützen zu müſſen glaubte, um die Kai⸗ ſerin zu beſtimmen, daß ſie Armfelt hereinrufen ließe, regte die Frage von Neuem an; aber Katharina machte nur eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Mar⸗ kow wollte ſich indeß damit nicht abſpeiſen laſſen, ſon⸗ dern berief ſich auf die Anſicht ſeiner Freunde; aber kaum hatte er Orlow's Namen genannt, als die Kai⸗ ſerin das Haupt erhob und um ſich ſchaute. — Iſt Orlow hier? ſagte ſie. Kommen Sie her, Orlow. Orlow trat vor. — Ew. Majeſtät... Mit forſchenden, durchbohrenden Blicken betrachtete ſie ihn eine Weile; dann wandte ſie ſich gegen ihre Umgebung, als wollte ſie ſehen, aus welchen Perſonen ſie beſtände. — Verlaßt mich, ſagte ſie endlich, verlaßt mich. Unter Bücklingen traten die Anweſenden ab; nur Orlow blieb zurück. Sobald er ſich mit der Kaiſerin allein befand, ſank er auf ein Knie nieder. Es trat eine augenblickliche Pauſe ein. — Sie ſind der Einzige, Orlow, ſagte die Kaiſerin endlich, der ſich noch an meinem Hof befindet, Sie müſſen von der Geſchichte mit Tarrakanow Etwas wiſſen. Sie verſtummte und ſchien ihm mit ihrem Blick ausforſchen zu wollen. Orlow wußte nur zu gut, daß das Feld der Erinne⸗ rungen, das er jetzt beirat, unter ſeinem verwelkten Raſen ein Zeugniß verbarg, das um ſo furchtbarer war, als er nicht berechnen konnte, wie viel die Kai⸗ ſerin davon in Erfahrung gebracht hatte. — Sie waren ja mit Alexis Orlow in Italien, als er ſie abholte? fügte die Kaiſerin hinzu. 177 — Ja, Ew. Majeſtät.. Orlow lag noch immer auf den Knieen vor ſeiner hohen Monarchin, ohne daß ſie nur darauf achtete. — Man hat mir geſagt, er habe ſich auf eine be⸗ trügeriſche Weiſe mit ihr vermählt. Die Prieſter waren doch vermummte Laien? — Wir glaubten Alle, Alexis handle in Ueberein⸗ ſtimmung mit den Vorſchriften Ew. Majeſtät. Orlow ſprach langſam und wog vorſichtig jedes Wort ab. — Das iſt entſetzlich. Als ſeine Gemahlin lockte er ſie dann auf das Schiff und ließ ſie in Feſſeln ſchlagen? — Ja, Ew. Majeſtät. — Wahrhaftig unerhört; und man glaubte mich einer ſolchen Handlung fähig?. Obſchon nicht ohne Mühe, erhob ſich die Kaiſerin von ihrem Platze. Es war ihr unmöglich, länger ſitzen zu bleiben. Jetzt erſt bemerkte ſie, daß Orlow vor ihr kniete. „— Warum liegſt Du ſo da? Stehe auf! Ich will mit einem Mann ſprechen und nicht mit einem Sklaven. Alſo man glaubte mich dieſer Schandthat fähig? — Ew. Majeſtät... Orlow ſtand nicht auf, ſondern blieb liegen. — Ich frage nicht, was Du glaubteſt, ſondern was die Welt glaubte. — Man nahm allgemein an, Ew. Majeſtät, Or⸗ low habe nach Ihren Inſtructionen gehandelt. — Und dieß haben alle Federn der Welt vielleicht bereits in das Blatt meiner Geſchichte eingeſchrieben— und ich erfahre es jetzt erft. Ich befahl, die Prinzeſſin auf der Feſtung zu verwahren. Sie blieb hier vor Orlow ſtehen. — Aber warum liegſt Du ſo da? Ich bedarf Dei⸗ nes Kniens nicht, ſagte ſie. Haſt Du meinen Willen nicht gehört? Stehe auf, habe ich geſagt. Der Fürſt. II. 12 178 — Ew. Majeſtät, antwortete er, ich liege nicht um meiner ſelbſt willen hier. — Was meinſt Du damit? — Ich liege um des Namens Orlow willen hier, Ew. Majeſtät. Wenn Alexis je die Grenzen Ihres Willens überſchritten hat, ſo hat er es nicht gethan, um eine Gewitterwolke um Ihren Namen zu ſammeln, ſon⸗ dern in der Ueberzeugung, Ihnen zu nützen. Meine Appellation an Ew. Majeſtät, iſt vollkommen uneigen⸗ nützig, denn ich ſpreche für einen Dahingeſchiedenen, der ſich ſelbſt nicht mehr vertheidigen und Andern nicht mehr nützen kann. Orlowes Vorſtellung ſchien wirklich uneigennützig zu ſein und machte Eindruck auf die Kaiſerin. — Wenn ſich Orlow auch durch ſeine Liebe für Ew. Majeſtät zu weit verlocken ließ, ſo fluchen Sie deßhalb ſeinem Staube nicht. — Steh auf, Orlow, ſteh auf. — Nicht bevor Ew. Majeſtät mir verſprochen ha⸗ ben, Alexis zu verzeihen. Wenn er gefehlt hat, ſo hat er aus Ergebenheit gefehlt. 4 Die Kaiſerin ging im Zimmer auf und ab. Die Erinnerung an Orlow's Ergebenheit rührte ſie. Das Gedächtniß trägt einen Heiligenkranz in ſeiner Hand. — Was geſchehen iſt, iſt geſchehen, ſagte ſie end⸗ lich mit einem Seufzer. Steh doch auf, Orlow. Orlow hatte mit dem Namen ſeines Verwandten den erſten Sturm beſchworen. Zufrieden richtete er ſich auf. Die Kaiſerin ging noch auf und ab. Die Neigun⸗ gen der früheren Tage drangen auf ſie ein. — Tarrakanow ſtarb im Gefängniß, ſprach ſie wieder. Du beſaßeſt das Vertrauen von Alexis... erzähle mir ihre Todesart. Orlow zögerte. Sollte er die Wahrheit bekennen oder nicht? Die Frage war nicht leicht zu beantworten; es kam darauf an, was die Kaiſerin ſelbſt von der N õo&mQ˖n— — ir ie 179 Sache wußte. Mit einem haſtigen Blick ſuchte er ſich in ihrem Geſichte zu orientiren, und er bemerkte darin eine gewiſſe Unruhe und Ungeduld, die ihm jedoch gleichwohl keinen ſichern Haltpunkt bot. — Die Newa trat aus, ſagte er endlich, wiewohl nur in der Abſicht zu recognosciren. Die Kaiſerin wandte ſich haſtig gegen ihn. — Weißt Du, ob Alexis in meinem Namen irgend beſtimmte Befehle bei dieſer Gelegenheit ertheilte? Orlow wich einer Antwort auf dieſe Frage aus, holte aber ſtatt deſſen tief Athem. — Du ſeufzeſt.. Du... Du... 6 Die Aufregung der Kaiſerin wurde immer aus⸗ drucksvoller. das — Ich ſeufze über das ſchreckliche Unglück, das... Beide waren beinahe gleich vorſichtig. — Das, fuhr Orlow fort, veranlaßte, daß man trotz der ſchleunigſten Hilfe nicht verhindern konnte, daß... Die Bruſt der Kaiſerin hob ſich leichter. — Daß Tarrakanow bei dieſer Gelegenheit um⸗ kam? ergänzte ſie. Man hat alſo keinen Mord auf meinen Namen begangen? Orlow war noch nicht ſicher, wie er die Frage nehmen ſollte. Er dachte an das Gerücht, daß die Prinzeſſin noch lebe. — Man hat keinen Mord begangen, Ew. Maje⸗ ſtät, das glaube ich mit Beſtimmtheit ſagen zu können .. obſchon Tarrakanow allerdings eines politiſchen Todes geſtorben iſt. — Katharina wandte ſich ab, um ihre Aufregung zu verbergen. Du — Eines politiſchen Todes? wiederholte ſie dann. mußt Dich deutlicher erklären. Orlow wollte nicht bloß erforſchen, Pns die Kai⸗ ſerin über die Sache dachte, ſondern auch, ob ſie wünſchte, daß Tarrakanow noch lebe oder todt ſei. — Ich meine, daß ihr Name aus der Zahl der Lebendigen verſchwunden iſt, und folglich auch von un⸗ ruhigen Köpfen, die möglicher Weiſe Luſt hätten, Ew. Majeſtät Rechte auf den Thron anzufechten, nicht mehr als politiſche Fahne benützt werden könnte. Orlow äußerte ſich mit ſolcher Vorſicht, daß er die Zügel des Geſpräches fortwährend in ſeiner Hand be⸗ hielt. Die Kaiſerin faßte jedoch die Sache auf ihre eigene Art auf. — Sie ſcheinen mir ſagen zu wollen, daß ſie todt ſeie... und gleichwohl noch leben könne. Aber wenn ſie noch lebt, ſo bin ich ja dennoch durch ihren Namen bedroht. — Ein Name, Ew. Majeſtät, der neunzehn Jahre todt war, erſteht nie von den Todten wieder auf. Der plötzliche Ausdruck der Zufriedenheit, der ſich bei der Kaiſerin zeigte, verſcheuchte auf einmal alle weiteren Bedenklichkeiten Orlow's, weil er daraus den Schluß zog, daß er die Gedanken der Kaiſerin nicht un⸗ richtig beurtheilt habe. Die Zufriedenheit i deß bald wieder. — Aber das Urtheil der Geſchichte, bemerkte ſie, bleibt noch immer übrig, und der Argwohn in Betracht ihrer Todesart iſt ein Flecken, der einen düſteren Schlag⸗ ſchatten über meine Krone wirft. — Das iſt unleugbar wahr, Ew. Majeſtät. Orlow hatte der Kaiſerin bisher ſolche Ausſichten eröffnet, daß ſie ſich einen Augenblick mit der Hoffnung ſchmeichelte, dieſe düſtere Epiſode in ihrem Leben, könnte in einem milderen Lichte betrachtet werden, als worin ſie nach Alexandra's Erzählung vor ihre Augen getre⸗ ten war; aber alle dieſe Vorſpiegelungen verſchwanden jetzt auf einmal.. — Was iſt da zu thun? bemerkte ſie mit wieder⸗ n ihrer Miene verſchwand in⸗ —- & &ᷣ ðà 181 erwachter Heftigkeit. In dieſem Fall ſtehen wir ja von Neuem bei unſerem Ausgangspu kt. Was denken Sie von dem Gerücht, daß Tarrakanow noch leben ſoll? — Man muß die Leute ſchwatzen laſſen, Ew. Majeſtät.. 5 Die Kaiſerin verbarg ihre Ungeduld nicht länger. Sie ſtampfte mit dem Fuß und warf einen heftigen Blick auf Orlow, der jedoch keine Miene veränderte. Er fürchtete auch den Jorn der Kaiſerin nicht mehr. Wenn er ihr für einen Augenblick all die ſchmeichleri⸗ ſchen Hoffnungen raubte, die er kaum zuvor geweckt hatte, ſo geſchah dieß bloß, um ſie deſto vollſtändiger die Bedeutung des Dienſtes fühlen zu laſſen, den er ihr erweiſen wollte, wenn er ihr zuletzt nicht bloß dieſe Hoffnungen, ſondern noch weit mehr zurückgäbe. — Sie haben für Alexis gebeten, bemerkte ſie; Sie würden beſſer thun, für ſich ſelbſt zu bitten. Ich will all die Mittheilungen wiſſen, die er Ihnen im Ver⸗ trauen gemacht hat. Ich will nicht, daß auch nur der entfernteſte Argwohn gegen mich gerichtet werden kann, Verſtehſt Du, Orlow? Orlow verbeugte ſich bloß ehrfurchtsvoll bei dieſen letzten Worten. — Antworte mir, Orlow, antworte mir. — Was ſoll ich antworten, Ew. Majeſtät? Ich ſehe mit Ihnen ein, daß, wenn Tarrakanow wirklich todt iſt, ſowohl die Mitwelt als die Nachwelt Sie viel⸗ leicht deßhalb anklagen wurde. — Nun, ja? — Ferner, daß, im Fall ſie noch lebt, ihr Name das Feldgeſchrei für viele politiſche Verwicklungen ab⸗ geben könnte. Die Kaiſerin rang ungeduldig ihre Hände. — Alſo, fuhr Orlow fort — Das Gerücht? — Ihre politiſchen Intereſſen, Ew. Majeſtät, ge⸗ bieten nicht, daß die Prinzeſſin von den Todten aufer⸗ nrit werde. Laſſen Sie ſie alſo in Wirklichkeit todt ein. — Ja, ja. — Das Gerücht, daß Sie noch lebe, hebt dagegen jeden Verdacht auf, daß Sie, Ew. Majeſtät, an ihrem Tode irgend Antheil gehabt haben; laſſen Sie ſie deß⸗ halb noch leben. — Ah! — Das Problem iſt ja gelöst, Ew. Majeſtät, wenn die Prinzeſſin in Ihrer Ueberzeugung todt iſt und in der Einbildung Anderer noch lebt. — Ich beginne Dich zu verſtehen. — Statt einer einzigen Tarrakanow kann ich Tau⸗ ſende ſchaffen. Welche iſt die rechte? oder iſt überhaupt irgend eine die rechte? Neunzehn Jahre haben alle Zeugen entfernt. Sollte die neue Tarrakanow gefährlich welden, ſo reißt man ihr nur die Maske ab und ſie ällt. 1 Die Kaiſerin ſtarrte Orlow verwundert an. War es Bewunderung oder etwas Anderes, was man in ih⸗ rem Blicke las? Sie faßte ſich indeß bald wieder. — Wir wollen an die Sache denken, antwortete ſie daher bloß... ja, ja, wir wollen daran denken. Die Kaiſerin reichte ihm gleichwohl freundlich die Hand, und Orlow fuͤhrte dieſelbe an ſeine Lippen, während er ſich von Neuem auf ein Knie vor ihr nie⸗ derließ. — Haſt Du mir noch mehr zu ſagen? Die Stimme der Kaiſerin war jetzt ganz anders geworden. Das Herzliche und Einnehmende, was ſie ſo oft hatte, war wiedergekehrt. — Ach ja, Ew. Majeſtät, mein Herz iſt voll... ich... ich... 183 — Sprich Dich aus, Orlow. Du weißt, daß ich eine gute Freundin bin. — Ich liebe. Das Geſicht der Kaiſerin erheiterte ſich. — Du liebſt... ah... das freut mich... wen .„ laß hören. — Als ich bei Ew. Majeſtät eintrat, hörte ich, daß Subow die Feier einer Hochzeit während des Be⸗ ſuchs von König Guſtav vorſchlug. — Das that er. — Nichts ſtimmt das Menſchenherz ſo ſehr zur Liebe, wie der Anblick der Liebe Anderer. Eine Hoch⸗ zeit wäre daher eine ſchöne Einleitung und könnte.. 4 — Du biſt ein ſchlauer Kopf, Orlow... daran habe ich nicht gedacht... wir wollen alſo eine Hoch⸗ zeit haben. Wen liebſt Du? — Fräulein Willanow, Ew. Majeſtät. — Ah, meine kleine Polin. Bravo, Orlow, Du zeigſt guten Geſchmack. — Aber ſie iſt jung, Ew. Majeſtät, und ich bin alt. Die Kaiſerin machte wieder ein finſteres Geſicht. — Du haſt mein Verſprechen. Fürchte Nichts. Komme Einer herein. Ein Page trat ein. — Suche Willanow auf und ſage ihr, ſie ſolle zu mir kommen. Orlow hatte ſich erhoben. Erſchrocken ergriff er bei dieſem Befehl die Hand der Kaiſerin. cjt. Jetzt nicht, Ew. Majeſtät, ich bitte Sie, jetzt nicht. — Warum nicht? Orlow konnte nicht antworten, denn in dieſem Augenblick erſchienen Subow, Markow und Soltikow nebſt dem Doctor am Eingang. — Cazzioni's Beredtſamkeit hat geſiegt, ſagte Su⸗ bow. Das ärztliche Conclave iſt abgehalten worden. Mein Gott, wie haben wir gelacht! Cazzioni war be⸗ 184 wundernswürdig; aber wo iſt er? Schon fort, der Schelm. Er iſt aus lauter Beſcheidenheit entflohen, um Ew. Majeſtät Lobſprüchen auszuweichen. Der Doctor hat für ruhiges Sitzen, Diät u. ſ. w. geſprochen, Caz⸗ zioni dagegen für Spaziergänge im Grünen und für ein fröhliches Leben. Geruhen Ew. Majeſtät einen kleinen Gang zu machen? — Hat Cazzioni es erlaubt? Ha, der Narr! Doch warum nicht? Laß mich's verſuchen. Während die Kaiſerin ſich zum Spaziergang fertig machte, traten Subow, Markow und Orlow zuſammen. — Es iſt jetzt ſechs Uhr, ſagte Subow zu dem Letzteren... ich halte mein Verſprechen. Um halb ſieben ſind wir am Luſthaus. — Aber das Armfelt'ſche Dokument iſt noch nicht unterzeichnet, bemerkte Markow. — Dem kann jetzt nicht abgeholfen werden⸗ Die Kaiſerin wartet. Laſſen Sie uns gehen. Wenn wir jetzt wieder auf den offenen Platz im Park kommen, erblicken wir weder die drei Damen noch Armfelt mehr hier. Statt ihrer treffen wir Araktſchejew und Petſcherin, den Uhlanenrittmeiſter und den Senats⸗ ſekretär; dieſe vier jungen Männer, die mit einander in Liebe zu einer Dame wetteiferten, welche ſie nie an⸗ ders als maskirt geſehen hatten, und von der ſie weiter Nichts wußten, als daß ſie in einem mit dem kaiſerlichen Wappen geſchmückten Wagen gefahren war, woraus ſie den Schluß zogen, daß ſie dem Hof angehöre. 3 Araktſchejew, welcher zuletzt anlangte, ſah zufge⸗ räumt und vergnügt aus, gleich als hätte er eine Bot⸗ ſchaft von der größten Wichtigkeit zu verkündigen. — Es iſt gut, daß ich Euch treffe, rief er. Ich habe Euch den ganzen Tag geſucht. Wo zum Teufel ſteckt Ihr denn? Ich begreife Euch nicht. 185⁵ — Der Dienſt... — Amtsgeſchäfte... — Die Pflicht... 3. — Alles das muß vor der Liebe weichen. Die Amtsſtube eines jungen Mannes iſt der Salon, im beſten Fall das Boudoir. Seinem Herzen dienen heißt ſeinem Glück dienen, o keine Pflicht iſt heiliger als die, einem ſchönen Mädchen den Hof zu machen. 1 — Wenn DOu ſchon wieder auf's Neue verliebt biſt, bemerkte Petſcherin, ſo wünſche ich Dir nur mehr Glück als das letzte Mal. — Zweifelt nicht an Araktſchejew's Erfolg, ſiel der Senatsſekretär ein, denn er hat jetzt ein bekanntes und höchſt beſcheidenes Subjekt gewählt. — Laß hören, wer ſein Ideal iſt. Araktſchejew ſtrich ſich den Schnurrbart. — Die angenehmſte Dame des Hofes, antwortete der Senatsſekretär, die kurzweiligſte Puppe, die Blume der Blumen an demſelben. — Wer iſt's? wer? — Ihr verſteht mich nicht. Ha ha ha! Zu Lambro Cazzioni’s Verzweiflung iſt es Matrone Danilowna. — Donner und Blitz! rief Araktſchejew. Eher ver⸗ ſchwinde ich in den Gruben von Neriſchinsk gänzlich aus der Welt. Die jungen Männer lachten. — Beim St. Alexander, fuhr er fort, da ſeht mei⸗ nen Paß zu der Schönen, Kameraden. Ihr ſperrt die Augen weit auf, wie wenn Ihr Eier legen wolltet. Aber dießmal iſt es kein Spaß. Da ſeht her. Araktſchejew zog ein Papier hervor und ließ es unter fortwährenden Poſſen in der Luft flattern. — Du Narr, auf dem Papier ſteht ja nicht ein einziges Wort... nicht ein einziger Name... Du biſt verrückt. — Euer Hühnerverſtand reicht zum Gackern aus, aber zu nichts Anderem. Dieſes Papier... habt Ihr denn die Form nicht bemerkt... ſeht Ihr nicht, ihr einfältigen Schlucker, daß es das Maß zu einem Füß⸗ chen der allerzierlichſten Art iſt? — Beim Teufel... wir ſehen... wir ſehen... — Als Ihr die Hoffnung aufgabet, die fliehende ſchöne Unbekannte von Petershof einzufangen, verlor ich gleichwohl noch nicht allen Muth. — Nun, was thateſt Du da? — Ich begab mich nach der kleinen Bauernhütte, nach der Eremitage zurück, unterſuchte im Sand die Spur aller kleinen Füße, entdeckte einige Spuren, welche die Nachforſchungen der Polizeidiener leiteten, maß die Dimenſionen, und da könnt Ihr jetzt das Reſultat meiner wiſſenſchaftlichen Forſchungen ſehen. Wir wiſ⸗ ſen, daß unſere ſchöne Unbekannte ſich hier bei Hof vor⸗ finden muß, und da wir übereingekommen ſind, den Raub zu theilen, ſo müſſen wir ſie auch gemeinſchaftlich ſuchen ... hier im Sand ſind Fußſpuren genug... auf die Kniee, Kameraden, und meſſet... Während die närriſchen Geſellen noch mit ihrer Meßarbeit beſchäftigt waren, trat die Kaiſerin mit ihrem Gefolge in den Park heraus. Der Uhlanenrittmeiſter, der juſt in dieſem Augen⸗ blicke mit ſeinem Maß ſich über eine Fußſpur hinbeugte, ſprang zwar beim Anblick der Kaiſerin ſchnell von ſeiner unbequemen Stellung auf, konnte jedoch ſo we⸗ nig als die Uebrigen ſeine heitere Stimmung verbergen, und die Monarchin grüßte freundlich. — Was haben Sie da, Rittmeiſter? fragte ſie; was machen Sie? — Ew. Maj., antwortete Araktſchejew, wir ſuchen Etwas, das wir verloren haben. — Was haben Sie denn verloren? — Ein... ein... er wußte nicht, was er erden⸗ ken ſollte; ein... ein Mädchen, Ew. Maj.— — Ein Mädchen? wiederholte die Kaiſerin lachend; erklären Sie ſich, das klingt ja recht luſtig. 187 Die jungen Männer waren fröhliche, unerſchrockene Burſche; eine zufällige Verlegenheit machte ihnen nicht lange Kummer. — In Petersbof, ſagte der Uhlanenrittmeiſter, machten wir die Bekanntſchaft einer maskirten Dame, die entzückend war, und obſchon ſie uns bisher entkom⸗ men iſt, haben wir dennoch uns vorgenommen, ſie zu demaskiren. — Wir überraſchten ſie, fügte Petſcherin hinzu, das erſte Mal, als ſie ein Liebesbriefchen las, ſodann bei einem Rendezvous in der kleinen Eremitage, und endlich, als ſie in einer der Equipagen Ew. Maj. aus⸗ fuhr... Gott weiß wohin. — Die Dame ſchien viel Werg an ihrer Kunkel zu haben, beſtätigte der Senatsſekretär; es war bereits dunkel, als ſie ſich zu dem letzten Rendezvous begab. Die Lippen der Kaiſerin lächelten zwar noch, aber ihre Stirne begann ſich zu verfinſtern. — Sie müſſen ſich täuſchen, meine Herren. In meiner Equipage? Aber was haben Sie da für ein Papier? — Das Maß zu ihrem Fuße, Ew. Maj., und wenn Ew. Maj. uns erlauben, ſo gedachten wir... — Ah, ich verſtehe... Sie gedenken die Fußſpuren hier zu meſſen. Bravo, meine Herren, ſehr gut. Be⸗ ginnen Sie mit den meinigen. Die Kaiſerin trat ſchalkhaft mit ihrem Fuße vor und machte einen Abdruck in dem loſen Sand. — Nun... meſſen Sie jetzt. Araktſchejew fiel auf die Kniee und legte das pa⸗ pierene Muſter aus. — Paßt es hinein? — Zu groß, Ew. Maj., zu groß. — Der Fuß oder das Papier? — Das Papier, Ew. Maj. Die Kaiſerin nickte wohlgefällig für das Compli⸗ ment. Orlow, der ſogleich einſah, daß hier ein Zufall 188 ſeine Pläne begünſtigte, munterte mit einer heimlichen Geberde die jungen Männer auf. Subow und Markow lachten nach Herzensluſt über den tollen Einfall. — Und Ihr könnt nicht errathen, wer die unbe⸗ kannte Dame war? fragte die Kaiſerin. Ungeachtet Katharina noch lächelte, zitterte gleich⸗ wohl eine gewiſſe Bitterkeit in dem Ton, womit ſie dieſe Frage ſtellte. — Ew. Maj. drücken eine ganze Welt an Ihr Herz, antwortete der Senatsſecretär. Er wollte immer fein ſein wie ein Diplomat. — Was willſt Du damit ſagen? — Aber die ganze Welt ſcheint unſere unbekannte Schöne an ihr Herz zu drücken, fügte er hinzu. Die Artigkeit war gut gemeint, aber doch etwas zweideutig, und ſie veranlaßte bei der Kaiſerin ein ner⸗ vöſes Zucken, das ſie indeß ſogleich beherrſchte. — Meine Herren, ſagte ſie, klären Sie mich darüber auf, wer die Schöne iſt, die meinen Hof compromittirt, und ich werde Sie dafür zu belohnen wiſſen. Ich ver⸗ laſſe mich auf Sie. 3 — In dieſem Fall, verſetzte Araktſchejew, der nicht ohne einen kleinen Verdruß Orlow's aufmunternde Mie⸗ nen geſehen hatte, dürften Ew. Maj. die beſten Auf⸗ ſchlüſſe erhalten, wenn Sie ſich an den Grafen Orlow zu wenden geruhten... wir haben Veranlaſſung... — So, ſo, Orlow, was ſagſt Du dazu? Die allgemeine Aufmerkſamkeit wandte ſich jetzt ihm zu. Araktſchejew lachte in ſeinen Bart, weil es ihm Spaß machte, die Verlegenheit des Grafen zu ſehen. — Ew. Majeſtät... ſtammelte Orlow. — Sprich, Orlow, ſprich. Wer iſt dieſe Dame, die ſo viel Werg an der Kunkel hat? Aber Orlow's Verlegenheit war mehr erheuchelt als wirklich. In ſeinem Herzen war er ſehr vergnügt über das Geſchehene, denn es hatte ſogar ſeine kühnſten Wünſche übertroffen. —O Cͤ——— 189 — Erlauben Ew. Majeſtät, daß ich mich unter vier Augen erklären darf? Die Kaiſerin trat auf die Seite. — Wer iſt dieſe leichtſinnige Dame, Orlow? Ge⸗ hört ſte zu meinem Hof?. — Es iſt Fräulein Willanow, Ew. Majeſtät. Nichts hätte die Kaiſerin mehr erzürnen können. — Willanow! rief ſie. Alſo dieſes Muſter von Unſchuld iſt ein Muſter von Scheinheiligkeit. Und ich hatte ſie an Alexandra's Seite geſtellt! Sie wird das Herz des armen Kindes vergiften. Sie war es auch, die der Prinzeſſin dieſe widerwärtige Geſchichte mit Tar⸗ rakanow vorſchwatzte. Man muß ein Auge auf ſie, halten. Warum haben Sie mich nicht früher davon unterrichtet? — Ich liebe ſie, Ew. Majeſtät. — Es iſt wahr... jetzt erinnere ich mich. Sie ſollen ſie heirathen. Bei der barmherzigen Mutter Got⸗ tes, das ſollen Sie. Wo iſt Willanow? Ich will ſo⸗ gleich mit ihr ſprechen. — Wenn Ew. Majeſtät mir eine Bemerkung er⸗ lauben, ſo ſollten Sie ſich gleichwohl ſelbſt überzeugen, in wie weit der Argwohn gegen das Fräulein begrün⸗ det iſt oder... — Allerdings; aber wie? — Dort im Luſthaus, Ew. Majeſtät. — Dort? — Jetzt, Ew. Majeſtät. — Jetzt? Folgen Sie mir... folgen Sie mir. Orlow war überzeugt, daß ſeine Billete ihre Wir⸗ kung gethan hätten, um ſo mehr, als er vom Fenſter aus beobachtet hatte, daß Döoring in den Park gegangen war. Er ſah ſich zwar nach Menzikow, Protaſow und Branitzka um; aber wenn dieſe ſich auch nicht vorfan⸗ den, um die Verlegenheit des Fräuleins durch ihren Spott zu erhöhen, ſo bedeutete dieß ja jetzt nicht viel. Die Kaiſerin war jedenfalls jetzt genugſam bearbeitet. 190 Subow und Markow ſchloſſen ſich der Kaiſerin, als ſie in den Park ging an und begaben ſich auf dem Fußweg nach dem Luſthaus. Die jungen Männer ſetzten ihr Geſchäft, die Fuß⸗ ſpuren aufzuſuchen und zu meſſen, fort. Das Luſthaus war in zwei kleine Zimmer einge⸗ theilt. Als die Kaiſerin an den Eingang kam, hörte man deutlich Stimmen im äußeren Zimmer. — Ich bete Dich an, ſagte die eine, ich vergöttere Dich dere. Ach, wie unglücklich bin ich nicht! — Hören Sie, Ew. Majeſtät, erinnerte Orlow. Die Kaiſerin vermochte ihre Ungeduld kaum zu zähmen. — Mit wem hat Willanow dieſes Rendezvous? Die Unwiſſenheit der Kaiſerin über dieſen Punkt und ihre Ueverraſchung, wenn ſie Worowitſch entdecken werde, war der Blitz, welchen Orlow aufſparen wollte, um ihn zu ſtürzen; er antwortete alſo ausweichend. — Gey und öffne die Thüre, Orlow, befahl ſie. Orlow wollte inzwiſchen die Kataſtrophe ſo lange wie möglich hinausſchieben, um den Zorn der Monar⸗ chin auf's Aeußerſte zu ſteigern, damit der Sturm um ſo heftiger werden ſollte. Warten Sie noch einen Augenblick, Ew. Ma⸗ cht wieder drinnen. Erlauben Sie mir vorauszugehen? Die Kaiſerin ſtand ſeitwärts von der Treppe. Or⸗ low ſtieg hinan. Vorſichtig legte er ſeine Hand an'’s Schloß. Er lauſchte. Auf einmal ſtieß er die Thüre auf; aber was ſah er? Seine Wangen erblaßten vor Wuth, als er ſtatt Willanow's und Worowitſch's, die er erwartet hatte, Matrone Danilowna auf Lambro jeſtät, bat er. Man ſpri — Aber Du hintergehſt mich, antwortete die an- ſi 191 Cazzioni's Schooße erblickte. Er war nahe daran die Treppe hinabzuſtürzen, und gleichwohl fühlte er ſich auf den Platz feſtgenagelt durch ein ſchallendes Gelächter aus dem innern Zimmer, das ſich jetzt öffnete und ihm Menzikow, Branitzka und Protaſow zeigte. 4 Orlow hatte ſie auf eine halbe Stunde ſpäter als Willanow in's Luſthaus beſchieden, weil er das Fräu⸗ lein durch die Anweſenheit dieſer Damen demüthigen wollte, denn er wußte nur zu gut, daß es für ein Weib nichts Verletzenderes gibt, als von andern Weibern ent⸗ deckt und ausgelacht zu werden. Er ſah indeſſen jetzt ſeinen Plan durchkreuzt und fühlte ſich ſelbſt entdeckt. Hatte Cazzioni ihn verrathen? Er wankte. Die drei Damen lachten immer ſtärker. Was ſollte er thun? Sich zurückzuziehen war unmög⸗ lich, denn die Kaiſerin ſtand ja ganz in ſeiner Nähe; aber in dieſem Augenblick trat Armfelt an Branitzka's Seite. Der Anblick dieſes Feindes vermehrte noch ſeinen Aerger.. — Die Damen hier, ſagte Armfelt, haben mich beauftragt, Ihnen dieſe Billette zurückzuſtellen. Orlow griff nach denſelben und war froh, daß er ſie wieder hatte. Er begriff jetzt ſehr gut, wer ſeinen Plan vereitelt hatte, wenn er auch nicht begriff, wie es zugegangen war. Noch lachten die drei Damen, und Armfelt maß ihn mit einem Blick der ſeine Seele mit bitterem Ver⸗ druß erfüllte; noch mehr aber ärgerte er ſich, als auch der Baron ein lautes Lachen nicht länger zurückzuhalten vermochte. In dieſem Augenblick zeigte ſich die Kaiſerin auf der Treppe. as Gelächter ſchlug an ihre Ohren; ſie konnte kaum etwas Anderes glauben, als daß man über ſie ſelbſt lache. Auch ſie hatte Willanow zu finden erwartet und traf jetzt ganz andere Perſonen auf dem Schauplatz. In ihrer Erwartung getäuſcht, fühlte ſie ſich verletzt. 192 Zwar erſtarrte das Gelächter auf den Lippen Armfelt's und der drei Damen; aber es tönte gleichwohl noch immer widerlich in den Ohren der Kaiſerin. Subow und Markow ſtanden hinter ihr. — Armfelt hat dieß veranſtaltet, äußerte Markow mit diplomatiſcher Erfindſamkeit Katharina zu. — Er hat die Achtung, die er Ew. Majeſtät ſchul⸗ det, aus den Augen geſetzt, fügte Subow hinzu. Armfelt beſaß zu viel Welterfahrung, um nicht ſo⸗ gleich einzuſehen, daß die Rache, die er an Orlow ge⸗ nommen hatte, ſehr leicht zu einer Beleidigung gegen die Kaiſerin gewendet werden konnte, da auch ſie ich eingefunden hatte; er beſchloß daher voranzueilen, um dieſer falſchen Deutung zuvorzukommen, aber es war bereits zu ſpät und die Kaiſerin begegnete ihm nur mit einem kalten, zurückweiſenden Blick. — Ich habe Etwas mit Ihnen zu ſprechen, ſagte ſie. Folgen Sie mir. Subow und Markow lachten in's Fäuſtchen. Or⸗ low, welcher die Veränderung im Gedankengange der Kaiſerin ſehr wohl bemerkte, wagte vor Freude kaum zu athmen. Die Kaiſerin verließ das Luſthaus. Armfelt folgte, die Gefahr nicht kennend, aber noch nicht ohne Hoff⸗ nung. Als er aus dem Luſthaus trat, fühlte er eine kleine, weiche und feine Hand, die ſich in die ſeinige ſchmiegte, und der elektriſche Funke eines unbemerkten Händedrucks flog befeuernd durch ſeine Adern. Er ſah ſich um und... Branitzka's Augen ruhten mit dunkler Glut auf ihm. In der Vorausſetzung, daß der Leſer dem Vorher⸗ gehenden mit einiger Aufmerkſamkeit gefolgt iſt, brau⸗ chen wir kaum zu erklären, daß Armfelt, als er ſich von Menzikow, Branitzka und Protaſow hinweg zu Cazziont begab, bald entdeckte, daß dieſer von dem Inhalt der Briefe Nichts wußte. In der Ueberzeugung, daß der Briefſteller ſich jedenfalls ſelbſt auf dem Sammelplatz — — 19³ einfinden würde, kam er jetzt auf den Einfall, daſelbſt ein Rendezvous zwiſchen Cazzioni und Danilowna zu veranſtalten, und er bedurfte keiner großen Liſt, um dieſen Zweck zu erreichen. Er eilte darauf zu den Da⸗ men zurück und bat ſie, das innere Zimmer im Luſt⸗ haus einzunehmen, wo ſie eine intereſſante Scene zu erwarten hätten. Wir haben ſo eben geſehen, wie in⸗ tereſſant ſich dieſelbe geſtaltete. Die Furcht vor einer Niederlage und die Freude über den Erfolg hatten bei Orlow ſchnell gewechſelt. In demſelben Augenblick, wo er das Mißfallen der Kaiſerin gegen ſich gerichtet zu ſehen fürchtete, wandte ſich der Eindruck in ihrer Seele zu ſeinem Vortheil. Die Kaiſerin verließ das Luſthaus, ohne ſich um⸗ zuſchauen. Ihr ungewöhnlich haſtiger Gang zeugte von Verdruß. Sie hatte ſich jetzt der Punkte erinnert, welche Markow ihr als Bedingungen für Armfelt's längeres Verweilen am ruſſiſchen Hof vorgeſchlagen, und ſie ge⸗ dachte ihm dieſelben ſogleich vorzulegen. So ſehr ſich Orlow freute, weil er den ſchlauen und feinen Schweden geſtürzt zu haben meinte, ſo ver⸗ droß es ihn dennoch, daß Willanow und Worowitſch ihm entgangen waren. — Ich bin betrogen worden, dachte er bei ſich ſelbſt, und wenn ich auch theilweiſe zu einem Reſultat gelangt bin, ſo iſt dieß doch auf eine ganz andere Art geſchehen, als ich berechnet hatte. Das beharrliche Schweigen der Kaiſerin theilte ſich auch ihrem Gefolge mit und lautlos ſchritt die Geſell⸗ ſchaft vorwärts. — Hurrah, Kameraden, ich hab's gefunden! höͤrte man jetzt in einem etwas entfernten kleinen Seitenweg Der Fürſt. II. 13 194 eine Stimme rufen, ich hab's gefunden. Hurrah, hurrah!. Die Kaiſerin lauſchte. — Kommt her, rief die Stimme wieder, dann werdet ihr ſelbſt ſehen, daß ich mich nicht täuſche. — Wer ruft da? fragte Katharina. — Es iſt Araktſchejew, Ew. Majeſtät, antwortete Subow, vermuthlich iſt es ihm gelungen, eine Fußſpur im Sande zu finden, die zu ſeinem Zeichen paßt. — Kommt her! kommt her! erſcholl es wieder. — Er ruft ſeine Freunde, Ew. Majeſtät. Orlow brauchte die Gedanken der Kaiſerin nicht länger zu leiten; ſie machten ſich von ſelbſt geltend. Katharina intereſſirte ſich ebenſo ſehr wie er ſelbſt da⸗ für, Willanow auf der That zu ertappen. — Laßt uns dorthin gehen, ſagte ſie. Die Kaiſerin nahm ihre Richtung quer über den Grasplatz, der die Fußwege trennte, und war beinahe ſo bald an Ort und Stelle, wie die von Araktſchejew herbeigerufenen Freunde. — Iſt es Ihnen gelungen, Etwas zu entdecken? fragte ſie. — Wir glauben es beinahe, Ew. Majeſtaͤt. Aber Ew. Majeſtät Aufmunterung hat auch unſeren Eifer angeſpornt. — Ich habe mein Verſprechen nicht vergeſſen... laſſen Sie ſehen... paßt das Muſter hinein? — Vollkommen, Ew. Majeſtät. Hier im Papier habe ich ein beſonderes Zeichen fuͤr den Abſatz gemacht, und auch das trifft genau zu... und ſehen Sie, Ew. Majeſtät, hier habe ich eine Spur und hier eine... und hier eine... und hier eine... ſie ſind ganz friſch, Ew. Majeſtät... kaum erſt getreten, glaube ich.. ſehen Sie, hier iſt wieder eine, die vollkommen zu meinem Muſter paßt... und hier eine... und hier eine... und hier eine.. — Sie führen in den Park hinein. i, 195⁵ — Vermuthlich zur Grotte, Ew. Majeſtät. Bueie Kaiſerin ſah ſich um und begegnete Orlow's ick. 9 8 Was meinſt Du, ſagte ſie, ſollen wir dorthin ehen? 3— Ew. Majeſtät haben zu befehlen. — Gib mir Deinen Arm, Subow.. Aber die Kaiſerin bewegte ſich noch nicht von der Stelle; es ſchien Etwas ihre Gedanken zu beſchäftigen. Plötzlich bog ſie den Kopf zurück, und ihr Blick haftete auf Armfelt. — Sie haben uns ſo eben mit einem Schauſpiel erfreut, Baron; es iſt in der Ordnung, daß ich Ihnen jetzt auch eines zum Beſten gebe; aber wir wollen dießmal ſicher gehen, fügte ſie hinzu. Araktſchejew, umzingle die Grotte von allen Seiten... vorſichtig... Du verſtehſt mich... — Cs ſoll keine Mücke herauskommen, verſicherte Araktſchejew. Kommt, Kameraden, kommt! Hochvergnügt über die Gelegenheit, unter den eige⸗ nen Augen der Kaiſerin einen von ihr perſönlich er⸗ theilten Befehl auszuführen, zerſtreuten ſich die jungen Männer mit der Schnelligkeit einer Tirailleurkette auf den Seiten. — Laßt uns jetzt gehen, ſagte die Kaiſerin, und gefolgt von den Perſonen, die in den vorhergehenden cenen eine mehr oder weniger wichtige Rolle geſpielt hatten, ſchritt ſte langſam vorwärts. Als Worowitſch von Orlow freigelaſſen wurde, eilte er mit der Freiheitsluſt eines jungen Mannes von einem Orte weg, wo er zum erſten Mal das Ungemach der Gefangenſchaft empfunden hatte. Unbekannt mit der Stadt, ſtreifte er umher, ohne zu wiſen, wohin 196 ihn der Weg führte; glücklicher Weiſe wandte er ſich jedoch der Newa zu, paſſirte alſo die Troitzkoybrücke und befand ſich bald vor dem Winterpalaſt und der Eremitage, dieſen Palaſtkoloſſen, welche das Centrum von St. Petersburg bilden. Zwar hatte der Gefangenwärter, vermuthlich auf Orlow's Befehl, ihm in's Ohr geflüſtert, wo Döring wohnte; aber in der Freude über ſeine Freiheit hatte er nicht darauf geachtet, er dachte nur daran, daß er hinauskam— hinaus in die freie Natur. Seine Lage war indeß nicht beneidenswerth. Da ihm alle Kenntniß der Stadt fehlte und er keine Be⸗ kannten, wie auch keinen Schilling in der Taſche hatte, ſo fühlte er bald, daß eine Freiheit unter ſolchen Ver⸗ hältniſſen nicht viel beſſer iſt als eine Gefangenſchaſt, obſchon die Gefängnißmauer, die ihn jetzt umgab, nur von leidigen Umſtänden gebildet wurde, die allerdings wie Gummielaſticum auf allen Seiten und wohin er ch wandte, nachgaben, aber nichtsdeſtoweniger ihn un⸗ aufhörlich einſchloſſen. 3 Gott iſt Gott und Mohamet iſt ſein Prophet, ſagt Jsmael. Gott iſt Gott, ſagen auch alle Abenteurer; aber der Zufall iſt ſein Prophet, fügen ſie hinzu. Der Zufall führte ihn auf den Iſaaksplatz hinaus, dieſen großen Markt, von wo die Perſpektivſtraßen ſich verzweigen und nach allen Seiten auslaufen, um glei Pulsadern den Gang der lebenſpendenden, beſtändig hin und her ſtrömenden Bewegung zu befördern. Verwundert blickte er über das großartige Gemälde hin, das ſich da eröffnete. Auf der einen Seite ſah er einen Theil der ruſſiſchen Garden unter den Waffen, und da er unter den höheren Militärs Suwarow er⸗ blickte, der ſich vor der Front zeigte, ſo vermuthete er, daß man eine Art von Revue halte! auf den übrigen Seiten erhoben ſich prachtvolle Paläſte, unter welchen die Admiralität mit ihrem vergoldeten, glänzenden &Æ AFE* 18— 8 ———— 197 Thurm den Ehrenplatz einnimmt, einer Königin gleich, die das goldene Scepter über ihr Haupt emporhält. Aber für Worowitſch war der Platz nichtsdeſtowe⸗ niger eine große Einöde; denn mitten auf dieſer Schau⸗ bühne, die ſo voll von Bewegung, Leben und Pracht war, ſtand er allein, ungekannt und kummervoll. Wo⸗ hin ſollte er ſich wohl wenden? Von Allem, was ihn um⸗ gab, erfreute ihn am Meiſten die friſche Luft, die er einathmete. Einen Augenblick beſchloß er ſich bei Suwarow zu melden, denn ungeachtet er wohl wußte, daß das Schwert des Helden von Blut trof, ſo hatte er ihm doch tief genug in das ernſte, grimmige Auge geſchaut, um uͤber⸗ zeugt zu ſein, daß ein menſchliches Herz in ſeiner Bruſt ſchlage. Aber der Zufall wollte ihm noch beſſer. Als er eben ſeine Abſicht in's Werk ſetzen wollte, mußte er ſchnell einem Wagen ausweichen, der in dieſem Augen⸗ blick über den Markt einhergerollt kam. In dem Wa⸗ gen ſaß ein einziger, mit mehreren Orden geſchmückter Mann. Worowitſch's haſtige Bewegung, um nicht über⸗ fahren zu werden, noch mehr aber ſein Ausſehen und ſeine nachläſſige Toilette, woran er in der Freude über ſeine Freiheit nicht einmal gedacht hatte, zog ihm die Aufmerkſamkeit des Fahrenden zu. — Halt! rief dieſer ſogleich ſeinem Kutſcher zu. Wenn ich mich nicht täuſche, fuhr er gegen Worowitſch gewendet fort, ſo ſind Sie der junge Mann, der vor einigen Abenden ſo kühn vor der Kaiſerin auftrat. Worowitſch bejahte es. — Ihre Flucht oder Ihr Verſchwinden hat kein geringes Aufſehen erregt. Döring hat für Ihre Wieder⸗ kehr ſeinen Kopf verpfändet, und wenn Sie ihn retten wollen, mein Freund, ſo kehren Sie zu ihm zurück. — Ich habe keinen höheren Wunſch; aber wohin ſoll ich mich alſo begeben? Ich bin gänzlich unbekannt in dieſem Sodom. Der Mann im Wagen befahl hierauf einem Be⸗ dienten, Worowitſch den Weg zu zeigen; dann hieß er wieder zufahren. — Wer iſt dieſer Herr? fragte Worowitſch, indem er dem Unbekannten einen dankbaren Blick für die freundliche Art, wie er ſich für ihn intereſſirte, nach⸗ ſandte. — Baron Armfelt, antwortete der Bediente; er begibt ſich jetzt zur Kaiſerin. Armfelt war, wie der Leſer ſich erinnern wird, bei Worowitſch's Auftreten in Petershof zugegen geweſen und das Bild des Jünglings hatte ſich ſeinem Gedächt⸗ niß eingeprägt. Da er ihm ſeine Achtung und Theil⸗ nahme nicht verſagen konnte, beſonders aber wegen ſeiner Liebe zu Döring, der ſich durch ein edles, wenn auch unvorſichtiges Verſprechen bloßgeſtellt hatte, freute ſich Armfelt jetzt ſehr über dieſes unerwartete Zuſam⸗ mentreſſen und benützte die Gelegenheit, um ihn zur Rückkehr zu ſeinem Freunde aufzufordern. Wir über⸗ gehen hier Döring's und Worowitſch's Wiederſehen, wie auch ihre Unterredung in Betreff des anonymen Billets, welches, wie der Leſer weiß, Orlow dem Portier zu⸗ ſchickte, und beſchränken uns zu ſerwähnen, daß daſſelbe Döring's Beſuch im tauriſchen Palaſt veranlaßte, wo⸗ bei er mit Willanow ein neues Rendezvons verabredete, zu welchem er Worowitſch zu führen ſich verpflichtete. Aber dieſes Verſprechen war leichter zu geben als auszuführen, zumal da ſie vorausſahen, daß eine Ent⸗ deckung, bevor Worowitſch und Willanow ſich zu be⸗ rathen vermocht hätten, höchſt unvortheilhaft, wo nicht gefährlich werden könnte. Nachdem man die Sache ſo gut wie möglich über⸗ legt hatte, wurde beſchloſſen, daß Worowitſch die Livree Armfelt's anlegen und auf ſolche Art Döring begleiten ſollt e. Geſagt, gethan. Der Plan glückte auch vortrefflich; denn ſie ge⸗ langten in den 4 ark, ohne daß man ihnen die mindeſte 2 —Seͤ See SS= 2— eo Deced— 210 x— 8 G— 199 Aufmerkſamkeit ſchenkte. Das war auch nicht zum Ver⸗ wundern. Die Aufſeher und Diener des Palaſtes wuß⸗ ten zu gut, daß Armfelt bei ihrer Gebieterin ſehr wohl angeſchrieben war, und im Uebrigen hatte man kaum erſt den Baron anfahren geſehen, ſo daß ſich Niemand darüber wundern konnte, auch einen ſeiner Diener hier zu erblicken. Döring war weit weniger bekannt und hätte vielleicht zu der einen oder anderen Bemerkung Anlaß geben können; da man indeß keine ſolche hörte, ſo hatte er dieß wahrſcheinlich Worowitſch oder wenig⸗ ſtens ſeiner Livree zu verdanken. Gleichviel jedoch; ſie erreichten ihren Zweck, kamen in den Park hinein und eilten in den entlegenſten und am wenigſten beſuchten Theil deſſelben, wo ſie bald in der vorerwähnten Grotte verſchwanden, in deren labyrinthiſchen Gängen ſie ſich geborgen glaubten. Als Willanow eine Weile nachher ankam, ſank ſie in Worowitſch's Arme. Eine Freudenthräne feuchtete ihr Auge, und Woro⸗ witſch athmete tief auf, gleich als hätte die Wonne des Wiederſehens ſeine Bruſt von einer Laſt befreit, welche ſie lange bedrückt hatte. Döring wollte ſich entfernen. So hochger die Nei⸗ gung ſchätzte, die Willanow und Worowitſch ſo innig an einander zu ketten ſchien, ſo empfand er dennoch eine Qual, die er nicht zu bekämpfen vermochte. Aber Willanow bemerkte ſeine Abſicht ſogleich und ergriff ſeine Hand. — Sie dürfen nicht gehen, Döring. Sie haben unſer Geheimniß geſehen, Sie haben meine Freude und meine Thränen geſehen, Sie ahnen unſere Sorgen und unſere Bekümmerniſſe, Sie haben treu und un⸗ eigennützig Theil an uns genommen... noch mehr... ohne Sie hätten wir uns jetzt nicht treffen können. bleiben Sie, Döring... Sie beſttzen ein Recht auf unſer unbedingtes Vertrauen... Niemand kann es mehr haben als Sie.und es ſoll Ihnen auch zu 200 Theil werden... bleiben Sie... bleiben Sie.. Ich bitte Sie darum.. ich verlange es. Döring wußte nicht, was er thun ſollte. Er fühlte ſich bereits eiferſüchtig, und Nichts belehrt uns über die Höhe unſerer Liebe ſo ſicher, wie dieſe Leidenſchaft. Sollte er bleiben und Worowitſch's Glück ſehen? Die Ehre gebot ihm zu weichen, ebenſo auch ſein Herz. Nie hatte er ein tieferes Bedürfniß nach friſcher Luft empfunden, als in dieſem Augenblick. — Ich muß fort, ſagte er, ich will wachen... wachen... Aber Willanow hielt ſeine Hand feſt, und obſchon oder vielleicht juſt weil die ihrige in der ſeinen zitterte, erſchien ſie ihm wie eine Kette, die er nicht ſo leicht zerbrechen könnte. Worowitſch hielt mit ſeinem Arm noch immer Willa⸗ now umſchlungen, ergriff aber jetzt mit ſeiner andern Hand die Hand Döring's. — Bleiben Sie, bat auch er; Sie haben zu viel für mich gethan, als daß Sie uns verrathen könnten. Wenn Sie auch einen vollſtändigen Aufſchluß über mich und das Geheimniß, das mich bisher umgeben hat, nicht wünſchen, ſo beſitze ich doch unzweifelhaft ein Recht, mich zu erklären, weil ich nur dadurch in den Stand geſetzt werde, Sie zu überzeugen... Erſchrocken ſprangen in dieſem Augenblick Woro⸗ witſch, Willanow und Döring aus einander, gleich als begänne die Erde unter ihnen zu zittern; aber Kaiſerin Katharina ſtand auch gebieteriſch und erzürnt unter ihnen, und hinter ihr zeigten ſich alle Perſonen ihres Gefolges. — Verhaften Sie Döring und Worowitſch, befahl ſie Araktſchejew. Sie bürgen mir für dieſe Herren. Leichtfinniges Mädchen, folge mir. 85 tiefem Schweigen kehrte man nach dem Palaſte zurück. — 1 AE S.=——,———— 201 Wir wollen den entſetzlichen Eindruck, welchen das Auftreten und der Befehl der Kaiſerin hervorrief, nicht zu ſchildern verſuchen. Zwanzigſtes Kapitel. Die Kaiſerin handelt. In Folge der umfaſſenden Menſchenkenntniß, die ſich Armfelt in einem ereignißreichen, vom Glück ſo oft begünſtigten, aber mitunter auch durch Widerwärtigkei⸗ ten hart geprüften Leben erworben hatte, ahnte er, daß ein Sturm im Anzug war. Es war auch nicht ſchwer zu begreifen, woher das Ungewitter kam, oder daß Subow, Orlow und Markow, das heißt, die eigentliche Günſt⸗ lingspartei es heraufbeſchworen hatten. Schwerer da⸗ gegen war es, die Mittel auszuforſchen, deren man ſich zu dieſem Zweck bedient hatte. Armfelt hatte ja noch in der allerletzten Zeit ſo hoch in der Gunſt der Kai⸗ ſerin geſtanden, daß er, kühn genug, einen Augenblick ſogar an die Möglichkeit gedacht hatte, nicht bloß den Beiſtand der Günſtlingspartei zu untergraben, ſondern ſie ſogar ſelbſt ganz allein, wenigſtens proviſoriſch, zu erſetzen. Mit einem ſeltſamen Gemüth von Freude und Hohn dachte er an den Spaziergang, den er mit Ka⸗ tharina im Park von Petershof gemacht, und an das Wohlwollen, das ſie ihm damals bewieſen. Aber wenn Armfelt unleugbar mit getreuem Gedächtniß ſich an all die Gelegenheiten erinnerte, bei denen Katharina ihm einige Gewogenheit bewieſen, ſo überſah er dagegen alle ſolche Verhältniſſe von ſeiner eigenen Seite, wodurch er ſich hatte bloßſtellen können. Es fiel ihm alſo gar nicht ein zu bedenken, daß er am Hofe ſelbſt eine Da⸗ menpartei geſtiftet und ſich an die Spitze derſelben ge⸗ 20² ſtellt hatte, wodurch er nothwendig ſeine Gegner auf's Aeußerſte reizen mußte. Ebenſo wenig bedachte er, daß er, obſchon er ſo zu ſagen ganz allein auf ſeine eigene Perſönlichkeit angewieſen war, eine große Unvorſichtig⸗ keit begangen hatte, indem er an einem fremden Hof mit allzu kühner und verwegener Hand der Günſtlings⸗ partei die Maske abzureißen ſuchte, weil er dieſe da⸗ durch zu einem Kampf auf Leben und Tod herausfor⸗ derte. Aber in dieſer Frage ging Armfelt gleichwohl mehr von einem politiſchen als von einem perſönlichen Geſichtspunkte aus, weil er die Feindſeligkeit dieſer Partei gegen Schweden und ihr Widerſtreben gegen die Verbindung der Prinzeſſin Alexandra mit Guſtav Adolph kannte, und gerade dieſe Verbindung bildete den eigent⸗ lichen Stützpunkt für all die Hebel, womit er für den Augenblick arbeitete und die er auch für die Zukunft in Bewegung zu ſetzen gedachte. Da er wußte, daß die Kaiſe⸗ rin, obſchon aus andern Gründen, dieſe Ehe von ganzem Herzen wünſchte und beinahe als eine Lebensfrage für ſich ſelbſt betrachtete, ſo glaubte Armfelt bei Allem, was er dafür that, eine wahrhaft zuverläſſige Stütze in ihr zu befitzen, ſei es nun, daß er durch ſeine Freunde auf ſchwediſchem Boden handelte, oder daß er am ruſſiſchen Hof zufällige Hinderniſſe wegräumte. Darauf ſich ſtützend, hatte er auch keinen Augenblick Bedenken getragen, ge⸗ gen Subow aufzutreten. Er zog zwar allerdings die Stellung des ſo hoch in Gnade ſtehenden Günſtlings in Betracht; aber Armfelt glaubte nicht an die Ewigkeit der Neigungen Katharina's, und da Subow's gänzliche Unbedeutſamkeit als Mann und Menſch ihm nicht ent⸗ gehen konnte, ſo vermochte er ſich eines übermüthigen Lächelns nicht zu erwehren, als er beſchloß, die Kaiſerin für ſeinen Verluſt zu tröſten und ſelbſt als ſein Erſatz⸗ mann aufzutreten. Seine Berechnungen wurden indeß von den Umſtänden durchkreuzt. Hätte Armfelt in ſei⸗ nem erſten Kampf mit Subow, als er die Kaiſerin zu beſtimmen vermochte, perſönlich und unter einer frem⸗ — S Gee E ͤ 8̈ —n 203 den Maske in der Gallerie zu erſcheinen, geſt egt, ſo iſt es nicht unwahrſcheinlich, daß er die Günſtl ingspartei auf einmal über den Haufen geworfen hätte. Aber jetzt verlor er ſein erſtes Spiel, und die Kaiſerin bekam Zeit, ruhiger zu überlegen, wobei ſie bald bemerkte, daß ſie zum Mindeſten etwas unvorſichtig gehandelt und ſich beinahe lächerlich gemacht hatte. Sie zog ſich alſo be⸗ hutſam zurück, obſchon Armfelt deßhalb nicht in ihrer Achtung ſank, ſondern ſich noch immer darin hehauptete. Aber die Gunſtlingspartei hatte bereits die ihr drohende Gefahr eingeſehen, und dieß war für ſie Grund genug, um nicht länger ein gleichgültiger Zuſchauer zu bleiben, ſondern mit feſter und ſtarker Hand ſogleich die Zügel an ſich zu reißen. Kein Mitglied dieſer Partei war noch je mit ihrem innigſten Wunſch, nämlich der Abſicht, juſt den Lieblingsplan Katharina's in Betreff einer Verbindung mit dem Schwedenkönig zu vereiteln, offen hervorgetreten; im Gegentheil hatte man mit ſehr feinem Hofmannstakt und den ſchönſten Phraſen dieſen Wünſchen der Kaiſerin geſchmeichelt und ſich ſogar be⸗ reitwillig zu all den diplomatiſchen Maßregeln und mi⸗ litäriſchen Drohungen hergegeben, welche ſtattgefunden, ehe die Sache auf ihrem dermaligen Standpunkt ange⸗ langt war. Armfelt's Mittheilung, daß man insgeheim ihrem Willen entgegen arbeite, verſetzte ſie daher in's größte Staunen, und da ſie die ganze Reizbarkeit eines neugierigen Mädchens beſaß, ſo hätte ſie erforderlichen Falls noch eine weit größere Thorheit, als diejenige war, daß ſie ſich der Maske Protaſow's bediente, be⸗ gehen können, wenn derſelbe zu einigen Aufſchlüſſen geführt hätte; da dieß aber jetzt nicht der Fall war, da Armfelt vielmehr überliſtet wurde, und ſie keinen ältern Argwohn gegen die Gunſtlingspartei hegte, ſo wurde es dieſer um ſo leichter, die Spuren eines Mißtrauens, das Armfelt möglicher Weiſe geweckt hatte, wieder zu verwiſchen. Markow, ein Mann von politiſcher Schlauheit, 204 trat jetzt mit der Anſicht hervor, die mit den Intereſſen der Kaiſerin vollkommen uͤbereinzuſtimmen ſchien, daß es ſich nicht recht zieme, daß Armfelt, über deſſen Haupt Schwedens Geſetze und Regierung den Stab gebrochen, jetzt, da dieſe Regierung den Forderungen der ruſſiſchen Politik entgegenkomme, noch mit demſelben Wohlwollen wie früher am ruſſiſchen Hof behandelt werde; er führte auf überzeugende Weiſe aus, daß, ſo ſehr man Arm⸗ felt's perſönliche Eigenſchaften und Verdienſte ſchätzen möge, es gleichwohl weder klug noch recht ſei, dieſes Wohlwollen ſo weit auszudehnen, daß man ſich ſelbſt dadurch compromittire und ſogar dieſelbe ſchwediſche Re⸗ gierung, mit der man eine ſo wichtige Verbindung zu ſchließen im Begriff ſtehe, beleidige; denn eine förm⸗ liche Beleidigung ſei es, wenn man einen von dieſer Regierung zum Tod verurtheilten Mann am Hofe dulde zu einer Zeit, wo die höchſten Behörden einen Beſuch abzuſtatten beabſichtigen. Markow ſetzte der Kaiſerin klar auseinander, wie nothwendig es ſei, in der frag⸗ lichen Beziehung den Herzog Regenten und dem ſo ein⸗ flußreichen Reuterholm einige Aufmerkſamkeit zu ſchen⸗ ken. Aus einer politiſchen Frage verwandelte er die Sache in eine Etikettenfrage, und er gewann dadurch in mehreren Beziehungen; erſtens beſeitigte er jeden Verdacht, daß Parteiabſichten dahinter ſtecken könnten; zweitens mußte die Kaiſerin durch dieſe Darſtellungs⸗ weiſe um ſo mehr in der Ueberzeugung beſtärkt werden, daß die Günſtlingspartei wirklich in allem Ernſt die Verbindung zwiſchen der Prinzeſſin und dem König wünſche; drittens endlich wurde der ſtreitige Gegenſtand auf das Gebiet der Hofetikette geſpielt, für deren Hei⸗ ligkeit jede regierende Perſon immer intereſſirt iſt und eine gewiſſe Schwäche zeigt, obſchon ſich das Ganze nur um Bagatellen handelt. Man hatte alſo alle Hoffnung auf Erfolg, aber Armfelt beſaß nichtsdeſtoweniger eine Stimme, die bei der Kaiſerin für ihn ſprach. Sie gab zwar ohne alle Ein⸗ 205 wendungen zu, daß Markow Recht habe; aber es ſchmeichelte gleichwohl ihrer Eitelkeit, daß ſie beim Be⸗ ſuch des ſchwediſchen Hofes in Petersburg eine Figur zur Hand haben ſollte, womit ſie dem Herzog nöthigen⸗ falls Schach bieten konnte. Armfelt hatte auch ein vortheilhaftes Gefühl bei ihr erweckt, und obſchon die⸗ ſes noch nicht Zeit gehabt hatte, ſich zu befeſtigen, ſo leitete es gleichwohl wie ein geheimer Finger viele ihrer Gedanken. Sie blieb alſo unſchlüſſig.— Markow gab indeß ſeinen Plan nicht auf. Um ſeine Ideen in eine beſtimmte Form und Richtung zu bringen, ſetzte er eine Denkſchrift auf, worin er Punkt für Punkt all die Forderungen aufführte, welche die Kaiſerin an Armfelt ſtellen mußte, wenn ſie Armfelt auch noch nach der Ankunft König Guſtavy's und des Herzogs bei Hof dulden wollte, ohne dadurch wenigſtens ſcheinbar ihre Würde zu verletzen. In dieſer Schrift wußte er auf eine kluge und feine Art den politiſchen Hauptbeſtrebungen der Kaiſerin zu ſchmeicheln, welche darauf ausgingen, Schweden in daſſelbe Verhältniß zu Rußland zu bringen wie Polen. Wenn Markow, ſo lange er die Sache bloß als eine wichtige Etikettenfrage zwiſchen beiden Höfen be⸗ handelte, das bei der Kaiſerin ſehr ſtark ausgeprägte Gefühl der Verehrung für die Majeſtät im Allgemeinen angeregt hatte, ſo regte er jetzt ihren Ehrgeiz an, der ſie in noch höherem Grade beherrſchte. Das Gerücht, daß Tarrakanow noch lebe, ein Ge⸗ rücht, von welchem Niemand wußte, woher es gekom⸗ men war, das aber gleichwohl angefangen hatte, ſich unter der Bevölkerung Petersburgs zu verbreiten, war dem verſchlagenen Markow, der dieſe politiſche Intrigue im Namen ſeines Vorgeſetzten Subow als ſeine eigene betrieb, gleichfalls nicht unwillkommen, da die Kaiſerin durch dieſes Gerede zwar nicht erſchreckt, aber doch be⸗ unruhigt wurde und alſo, um die Ruhe wieder zu fin⸗ 206 den, die ſie für den Augenblick vermißte, immer mehr in die Arme der Günſtlingspartei ſank. In der Welt im Allgemeinen, beſonders aber an jedem Hof, der Eſſe und dem Herd, wo die Weltereig⸗ niſſe geſchmiedet werden, iſt kein Umſtand ohne Bedeu⸗ tung. Aus dem kleinſten Atom kann beim ſchwächſten Anblaſen ein Funke werden, und aus dem Funken kann ein Feuer auflodern, bei welchem der Stahl ſich in ein Schlachtſchwert für die Feindſchaft oder in ein Geländer für die Freundſchaft verwandelt. Die Diplomatie muß daher beſtändig ihr Auge auf alle unbedeutenden Dinge in der Welt gerichtet halten, um in ihren großen Zwecken nicht zu kurz zu kommen; ſie verſieht den Dienſt eines Werkfuhrers, der mehr als einmal mit den kleinen und feinen Zängchen des Uhrmachers in den Eiſenhammer der großen Ereigniſſe eingreifen muß, weil die Gegen⸗ ſätze im politiſchen Leben ſo oft einander bedingen. Trotz all dem, was wir hier angeführt, haben wir gleichwohl vorhin geſehen, daß die Kaiſerin ſich nicht entſchließen konnte, Armfelt die von Markow aufgeſetz⸗ ten Bedingungen vorzulegen. 5 Orlow's Intrigue war es, die, obſchon ſie ſich nicht auf die berechnete Art entwickelt, und obſchon er nicht einmal die Abſicht gehabt hatte, auf eine für die Günſt⸗ lingspartei ſo wichtige Frage, wie die Entfernung Arm⸗ felt's war, damit einzuwirken, auch hier den entſchei⸗ denden Schlag führen ſollte. Die Kaiſerin war beleidigt worden, und unter der Hand einer beleidigten Monarchin rollt das Rad der Ereigniſſe immer raſch und ſchuell. Als die Kaiſerin an den Palaſt kam, hörte man Pferdegetrab ſich nähern, und bevor ſie eintrat, erſchien General Suwarow nebſt Gefolge am Eingang. nan ien 207 Suwarow hat ſich ſelbſt folgendermaßen charakte⸗ riſirt: „Wollen Sie mich kennen lernen, ſagte er einmal, ſo will ich mich Ihnen öffnen. Von Königen bin ich gelobt, von Kriegern geliebt worden; meine Freunde haben mich bewundert, meine Feinde haben mich ge⸗ ſchmäht; bei Hof hat man ſich über mich luſtig gemacht. Ich bin oft am Hof geweſen, aber nicht als Hofmann, ſondern als ein Aeſop, ein Lafontaine. Scherzend oder in der einfachen Sprache der Thiere habe ich die Wahr⸗ heit geſagt. Gleich dem Narren Balakirew, der ſich in Peter's J. Umgebung befand und Rußlands Wohlthäter wurde, habe ich Grimaſſen geſchnitten und tolle Poſſen aufgeführt. Ich krähte wie ein Hahn, weckte die Schläf⸗ rigen und wehrte den Feinden des Vaterlandes. Wenn ich Cäſar wäre, ſo würde ich mir den edlen Stolz ſei⸗ ner Seele zu erwerben ſuchen; aber ich würde ſeinen Laſtern immer fremd bleiben.“ Suwarow Rymnikski, ſpäter Fürſt Italinski, Reichs⸗ feldmarſchall und Generaliſſimus, am 13. Nov. 1729 nach der alten Zeitrechnung in Finnland geboren und einer urſprünglich ſchwediſchen Familie entſtammt, die ſich ſchon fruͤhzeitig in Rußland niedergelaſſen hatte, war einer der ausgezeichnetſten Feldherren ſeines Vater⸗ landes und überhaupt eines der größten militäriſchen Genies der Welt. Im Allgemeinen kennt und beurtheilt man ihn bloß nach den blutigen Zügen, die mit der ganzen Schrecklichkeit eines nächtlichen Mordbrandes in ſeiner Kriegsgeſchichte leuchten; aber der Krieg erhellt immer den Horizont mit blutrothen Flammen, und wenn dieſe den Krieg charakteriſtren, ſo charakteriſtren ſie gleich⸗ wohl nicht immer den Krieger. Suwarow war auch nicht bloß ein Mordbrand: mitten in dem brennenden Scheiterhaufen ſtand ein Mann mit einem warm füh⸗ lenden und leidenden Herzen. Mäßigkeit, Thätigkeit und Strenge gegen ſich ſelbſt und gegen Andere bildeten die Grundzüge ſeines Cha⸗ rakters. Unerſchütterlich in ſeinen Entſchlüſſen, war er ſeinen Verſprechungen treu und vollkommen unbeſtechlich. In Wort und Schrift war er lakoniſch, und ſeine An⸗ reden an ſeine Soldaten vor dem Beginn einer Schlacht verfehlten beinah nie ihre Wirkung. Durch ſeine ächt ſoldatiſchen, man könnte ſagen rohen Manieren, durch ſeine Verachtung gegen allen Lurus, wofür ſeine Gar⸗ derobe die unverwerflichſten Beweiſe lieferte, da ſie le⸗ diglich aus ſeiner Regimentsuniform und einem Schaf⸗ pelz beſtand— wie auch durch ſeine Unerſchrockenheit in der Hitze des Kampfes machte er ſich zum Liebling ſeiner Soldaten. Strenge Disciplin und Mannszucht war ſeine Ehre. Seine Loſungsworte lauteten„Vor⸗ wärts!“ und„Schlagt drauf!“ Seine Taktik war ein⸗ fach wie die eines Soldaten. An Muth, Unterneh⸗ mungsgeiſt, ſo wie an Raſchheit des Entſchluſſes und der Ausführung hatte er Seinesgleichen nicht. Er war ein abgeſagter Feind aller Kleinlichkeit und Pedanterie; Grauſamkeit und Schonungsloſigkeit, die man ihm ſo allgemein zur Laſt legt, folgten ihm als die gewöhn⸗ lichen Dämonen des Kriegshandwerks, ohne daß ſein Herz ſich ihnen hingab; im Gegentheil könnte man manche Züge von ihm erzählen, die von der zarteſten Schonung, von wahrer Menſchenfreundlichkeit, von einem milden Urtheil und hoher Religiöſttät zeugen. So grob er zuweilen ſein konnte, ſo zeigte er bei andern Gele⸗ genheiten, namentlich in Anweſenheit von Damen, eine feine Bildung und ein ritterlich elegantes Benehmen. Beim Anblick der Kaiſerin hielt er ſein Pferd an, ſprang herab und eilte vor. — Ew. Majeſtät, ſagte er, ich komme von der Elite Ihrer Armee, von Ihrer Garde. Die Haltung iſt gut, die Disciplin vortrefflich. Ew. Majeſtät können Ihren Scepter gegen einen Strohhalm wetten, daß der Teufel ſelbſt erblaſſen würde, wenn dieſe Burſche gegen ihn anrückten. 209 Aber die Kaiſerin war nicht in der Stimmung, die Lobſprüche des Generals in ihrem ganzen Werth aufzu⸗ faſſen; ſie nickte bloß beifällig und ging dann weiter. Suwarow, welcher ſah, daß Etwas eingetroffen ſein müßte, was die Monarchin verſtimmt hatte, ſchloß ſich dem Gefolge an. Sobald ſie in die Gallerie kamen, begab ſich die Kaiſerin, nur von den Damen und den Günſtlingen begleitet, in die inneren Zimmer. Armfelt, Döring und Worowitſch blieben zurück. Niemand wußte noch, was die Kaiſerin beſchloſſen hatte, obſchon man wohl einſah, daß es ihr jetzt an Entſchloſſenheit nicht fehlte. Vor ihrem Spaziergang im Park hatte ſte ſich unwohl gefühlt; jetzt war die Krankheit von ihr ge⸗ wichen und ſie meinte nie geſunder geweſen zu ſein. Es gibt eine Radikalkur gegen alles phyſiſche Uebel⸗ befinden, und das iſt die Geſundheit des Gemüths. Kein Arzt heilt den Körper ſo gut, wie die Seele ihn heilt. Einen Augenblick ging Katharina in ſtiller Ueber⸗ legung auf und ab. Niemand wagte zu ſprechen; in Momenten wie dieſer, hörte ſie nur auf ihre eigenen Eingebungen; aber man mußte geſtehen, daß dieſe klar und blitzſchnell ihre Gedanken leiteten. Ihr Genie zeigte ſich da in ſeinem höchſten Glanz. Willanow war mit den übrigen Damen herein⸗ getreten. Als die Kaiſerin dieß bemerkte, blieb ſie vor ihr ſtehen, ſagte aber nicht ein einziges Wort, ſondern warf ihr nur einen mehr verächtlichen als gleichgültigen Blick zu, worauf ſie ſich wieder umwandte und ihren Gang fortſetzte. Der Fürſt. II. 14 Die Kaiſerin ſchmeichelte ſich, daß ſie ſelbſt, ohne alle fremde Anleitung, der jetzt entdeckten Intrigue auf die Spur gekommen ſei. Orlow's Erfolg war voll⸗ ſtändig, vollſtändiger als er ſelbſt gehofft hatte. — Worowitſch ſoll hereinkommen, ſagte ſie endlich. Worowitſch trat ein. — Du biſt ein allzu kühner junger Mann, Woro⸗ witſch, redete ſie ihn an. Vor einigen Tagen trateſt Du mit einer Unverſchämtheit, die nicht einmal durch Deine Jugend entſchuldigt werden kann, als Ankläger gegen meine Beamten auf, und als ich Dich zu einem der ausgezeichnetſten Männer meines Landes wies und Dir erlaubte, ihm Deine Klagen ausführlich vorzutra⸗ gen, da entfloheſt Du feig. Aber nicht genug damit, heute haſt Du Dich vermummt an meinem Hof ein⸗ geſchlichen. Haſt Du Etwas zu Deiner Vertheidigung zu ſagen? Worowitſch ſtand ſtumm da. Seine Lippen be⸗ wegten ſich; aber er war ſo heftig erſchüttert, daß nicht ein einziges Wort darüber kam. Die Stimme der Kaiſerin bebte durch Willanow's Seele. Sie ſah nichts Anderes als die Gefahr, welche Worowitſch bedrohte, und ſie wußte kein anderes Ret⸗ tungsmittel, als daß ſie an Katharina's Herz appellirte. Willanow kannte die Urſache, warum Worowitſch es unterlaſſen hatte, ſich dem Befehl der Kaiſerin zu⸗ folge bei Suwarow einzufinden, noch nicht, und ſie be⸗ trachtete dieſe Verſäumniß als ein wahres Verbrechen. Die Unterredung in der Grotte war ſo plötzlich unter⸗ brochen worden, daß ſie ſich nicht hatten gegen einan⸗ der erklären können. Da Worowitſch jetzt vollends verſtummte, ohngeachtet ihn die Kaiſerin zum Sprechen aufforderte, ſo erhöhte dieß ihre Angſt noch mehr. Sie warf ſich daher der Kaiſerin zu Füßen und bat um Gnade. — Nie höre ich ein anderes Wort als dieſes, ver⸗ ſetzte die Kaiſerin. Gnade! ruft man mir von allen 211 Gegenden der Welt zu; Gnade! ruft man von allen Seiten an meinem eigenen Hof. Nie handelt es ſich um etwas Anderes als um Gnade. Man muß jedoch auch einmal der Gerechtigkeit ihren Lauf laſſen. Willanow war außer ſich und ergriff das Kleid der Kaiſerin. 1 — Gnade, Ew. Majeſtät, bat ſie von Neuem, Gnade... Worowitſch iſt... Aber Worowitſch hatte ſich inzwiſchen wieder voll⸗ kommen gefaßt, und da er aus Willanow's Worten den Schluß zog, daß ſie im Begriff ſtehe, eine Unvorſich⸗ tigkeit zu begehen, ſo berührte er ihre Schulter mit ſeiner Hand. 4 — Mein Fräulein, unterbrach er ſie, erlauben Sie mir meine Vertheidigung ſelbſt zu führen. Ew. Maje⸗ ſtät... dabei wandte er ſich mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung gegen die Kaiſerin... haben geſagt, daß nicht Gnade, ſondern Gerechtigkeit walten ſolle. Mö⸗ gen der Himmel und Sie, Ew. Majeſtät, mir verzei⸗ hen; aber wenn ich auch mehr an die Gnade als an die Gerechtigkeit der Gewaltigen dieſer Erde geglaubt habe, ſo habe ich doch immer die erſtere mehr gefürch⸗ tet als die letztere. Alle Unſicherheit war von Worvwitſch gewichen. Seine ſchlanke, elaſtiſche Jünglingsgeſtalt ſchien bei⸗ nahe zu wachſen. Während er ſprach, verſtummten Alle im Saal; aber als er ſchwieg, ging ein leiſes Gemurmel des Unwillens durch denſelben. Willanow hatte ſich aufgerichtet. Mit gefalteten Händen und niedergeſchlagenen Augen verſank ſie wie⸗ der in ihre Bekümmerniß. Ddie Kaiſerin bemerkte, daß Subow und Orlow eine Bewegung machten, als ob ſie Worowitſch fort⸗ führen wollten; aber ſie gab ihnen einen Wink, wor⸗ auf ſie ſich zurückzogen. Obſchon ezPrnt uber ſeine 4 212 dreiſte Sprache, ſchien ſie ihn doch ausreden laſſen zu wollen, um zu hören, wie weit er zu gehen wage. — Ew. Majeſtät, begann Worowitſch wieder, in⸗ dem er ſich jetzt ſeinen jugendlichen Eingebungen über⸗ ließ, ich weiß, daß ich vor einem der mächtigſten Herr⸗ ſcher der Erde ſtehe; aber ſo gern ich bereit bin, mein Knie vor allem Großen und Edeln zu beugen, was Ew. Majeſtät gethan haben, ſo wenig vermochte ich mich vor dem zu beugen, was man von Ihrer Regierung in entgegengeſetztem Sinn ſagen kann, und wenn man auch dafür mein Haupt als Sühnopfer zu den Füßen Ihres Thrones fallen ließe. Ew. Majeſtät ſagen, daß ich Ihre Beamten angeklagt habe; in der That ſelbſt aber iſt es nur ein einziger, den ich anklage, und dieſer Einzige, Ew. Majeſtät, ſteht an Ihrer Seite... es iſt Graf, Orlow, und ich wage noch jetzt Ew. Majeſtät gnädige Erlaubniß anzuſprechen, die Beſchaffenheit mei⸗ ner Anklage vollſtändiger dem ausgezeichnetſten Manne Ihres Reichs, General Suwarow, vorzutragen, deſſen ernſte Strenge und Gerechtigkeit ich nicht fürchte, deſſen redlichen und einfachen Heldenſinn ich aber auch am Feinde verehren gelernt habe. Orlow hatte inzwiſchen von den Erklärungen, wo⸗ mit Worowitſch ihn bedrohte, Nichts mehr zu fürchten, wen er ja bereits alle Beweisſtücke in ſeiner Gewalt eſaß. Katharina's Verdruß über das Vorgefallene, hatte außerdem Orlow's Sache beinahe zu ihrer eigenen ge⸗ macht, und dieſelbe Anklage, die in Petershof Orlow möglicher Weiſe hätte zermalmen können, glitt jetzt ohne alle Wirkung vorüber. Der Unwille der Günſtlingspartei, deren Intereſſen jetzt mehr als je Orlow umfaßten, ſteigerte ſich indeß, und als, Worowitſch ſchwieg, um Athem zu ſchöpfen, machte ſich ihr Unmuth durch ein neues Gemurmel Luft. Die Thüre des Salons öffnete ſich inzwiſchen und Armfelt trat ein, gefolgt von Döring. wo⸗ hten, ewalt hatte 1 ge⸗ rlow ohne feſſer ndeß, pfen, Luft. und 213 Er war allerdings von der Kaiſerin nicht gerufen worden; aber nachdem Döring ihm jetzt Alles hatte er⸗ zählen können, was er von Worowitſch wußte, wie auch den Umſtand, daß dieſer eine Armfelt'ſche Livree an⸗ gezogen hatte, um mittelſt derſelben unangefochten in den Park kommen zu können, ſo wollte Armfelt wiſſen, was vorging, und trat unerſchrocken ein. 3 — Ew. Majeſtät, ergriff Worowitſch in demſelben Augenblick das Wort wieder, darum weil ich mich nicht, Ihrem Befehl zufolge, bei General Suwarow einſtellte, beſchuldigen Sie mich der Feigheit; und auch darum, weil ich in einer Verkleidung eine Zufammenkunft mit meiner Landsmännin, Fräulein Willanow, ſuchte, fäl⸗ len Sie daſſelbe harte Urtheil über mich. Feigheit, Ew. Majeſtät, findet ſich in meiner Seele nicht vor. Es gibt kein härteres Urtheil über einen Jüngling, als daß er feig ſei. Wäre ich feig geweſen, ſo hätte ich nicht General Suwarow das Leben gerettet, wäre ich feig geweſen, ſo hätte ich mich nicht in Ihre Hauptſtadt be⸗ geben, dieſen großen Abgrund von Macht, worüber der Deſpotismus gebietet; wäre ich feig geweſen, ſo wäre ich nicht in Petershof vor Ew. Majeſtät getreten; wäre ich feig geweſen, Ew. Majeſtät, ſo ſtände ich in dieſem Augenblick nicht hier. Aber die Kaiſerin war ſeiner bereits müde gewor⸗ den, und mit einer ungeduldigen Bewegung gab ſie ihren Willen zu erkennen, daß er aufhören ſolle. Unleugbar hatte er auch den Fehler begangen, daß er ſich ſtatt die Gelegenheit zu benützen und bei dem Gegenſtand zu leiben, vom Drang ſeiner Gefühle hatte hinreißen Pfſen. Jugend und Erfahrung gehen nicht Hand in and. — Erlauben Ew. Majeſtät, daß ich mich erklä⸗ ren darf? — Es iſt unnöthig, antwortete ſie. Ich habe mein Ohr gar zu lange Ihren Ergießungen preisgegeben. Mit einer ſeltſamen Verwegenheit ſind Sie in meinen Palaſt eingedrungen und haben meine Geduld auf die Probe geſtellt. Noch Niemand hat mir auf dieſe Art zu trotzen gewagt. Wenn Ihre Hand einen Scepter ge⸗ tragen hätte, ſo würde ich Ihnen denſelben herausge⸗ riſſen, zerbrochen und Sie mit den Splittern zerſchmet⸗ tert haben. In dem Blick, den ſie um ſich warf, lag der Zorn eines ganzen Kaiſerreichs; aber als er auf Worowitſch haftete, da verſchwand das Majeſtätiſche, und nur Mit⸗ leid blieb übrig. Sie betrachtete ihn wie eine Mücke, die einen Rubin in ihrer Krone zu ſtechen geſucht, da⸗ bei aber bloß ihren Stachel abgebrochen hatte. — Wiſſen Sie, fuhr ſie fort, was es heißen wil, wenn man ſich unterſteht, ein Weib in dieſem Palaſt ohne meine Einwilligung zu lieben? Doch, fügte ſie nach einer kurzen Pauſe hinzu, das mußt Du leichter beantworten können, Willanow. Willanow ſenkte ihre Augen. — Bei der Ehre meiner Väter, fall' auf die Kniee, leichtſinnige Dirne! begann die Kaiſerin wieder. Hör Du, ich befehle Dir, auf die Kniee! Da iſt der Platz einer gefallenen Dame. Unſchuld und Schönheit haben ihre Majeſtät ſo gut wie die Gewalt, und einnehmender hatten ſie nie⸗ mals einen Purpurmantel um ſich geworfen, als jetzt in der Röthe, die ſich über Willanow's Wangen aus⸗ breitete. Aber bald wechſelte der Ausdruck. Der Pur⸗ pur verſchwand eben ſo ſchnell als er ſich gezeigt hatte, und die jungfräuliche Majeſtät des Mädchens kleidete ſich in eine ſchneeweiße Hülle, wie zu ihrem Leichen⸗ begängniß. Sie hörte ſich eines Verbrechens angeklagt, gegen das ſie ſich nicht zu vertheidigen vermochte, weil Verſchämtheit ihre Lippen verſiegelte. Die Anklage zie⸗ terte wie der Ton einer Sterbeglocke in ihrer Bruſt. Es war nicht die Hofdame, die verletzt war, ſondern die Jungfrau. Sie litt, die Aermſte, gleich als wollte das Leben mit jedem Blutstropfen entfließen, der aus 215 ihrem Herzen rann. Sie faliete ihre Hände, es lag weniger ein bittender als ein abwehrender Ausdruck in dieſer Bewegung. Sie ſchlug ihre Augen wieder auf und erhob ſie zur Kaiſerin, aber auch in ihnen lag weniger eine Bitte um Schonung als ein ſchwacher Verſuch ſich zu vertheidigen. Beinahe ohnmächtig ſank ſie endlich auf ihre Kniee nieder.. Was in Worowitſch und Döring vorging, läßt ſich unmöglich beſchreiben. 1 Worowitſch's Geſicht blitzte, Döring's Herz klopfte. Die Augen der jungen Männer begegneten ſich. Beide hätten zur Vertheidigung der Unſchuldigen auftreten mögen; aber in welcher Form konnten ſie es wohl thun? 3 die Kaiſerin, die hier zu einer ihrer Hofdamen prach. 3 — Ich kenne jetzt Deine Lebensweiſe, fuhr die Kaiſerin fort; Du haſt theils in der Eremitage, theils in der Gallerie von Petershof heimliche Zuſammen⸗ künſte gehabt. Es ſauste vor Willanow's Ohren. — Läugneſt Du es? 3 — Nein, nein, ſtammelte die Aermſte, nein. 3 — Du haſt heimliche Briefe empfangen... mein Kammerdiener hat Dir einen überbracht. — Ja, Ew. Majeſtät, ja. 1 — Dieſe jungen Männer... ſie zeigte dabei auf Araktſchejew und ſeine Freunde... haben Dich wie ein Reh gejagt, als Du maskirt entflohſt, um zu Deinem geheimen iéte- à-tete zu gelangen. Geſtehſt Du es? — Ja, ja. Willanow hätte in dieſem Augenblick Alles auf ſich genommen, ſo vernichtet fühlte ſie ſich. Ich ſelbſt habe Dich in den Armen dieſes Jüng⸗ lings getroffen. 5 1 „ Willanow beſaß kaum Kraft genug, ſich aufrecht zu erhalten, — Verzeihen Sie mir, bat ſie bloß, verzeihen Sie mir. Die Kaiſerin lächelte. — Meine Herren, ſagte ſie, wer von Euch will dieſes Weib haben? Sie iſt eine allgemeine Beute; es kann ſie nehmen, wer Luſt hat. Dieſe Frage der Kaiſerin kam ſo unerwartet, daß Alle ſich entſetzt und erſchrocken zurückzogen. Nur Wo⸗ rowitſch und Döring blieben unbeweglich auf ihren Plätzen ſtehen. Orlow hatte das allgemeine Gefühl getheilt, glaubte aber bald die Worte der Kaiſerin als einen Wink für ſich verſtehen zu müſſen, und mit kaltem Lächeln be⸗ trachtete er das Opfer. — Und auch Sie ſchweigen, Worowitſch? fuhr die Kaiſerin fort. Armes Kind] welch eine entſetzliche An⸗ klage gegen Dich! Eine Pauſe folgte. — Iſt kein Prieſter da? zragte ſie dann. Findet ſich keiner in meinem Palaſt? Wo iſt mein Hofpredi⸗ ger? Sagt ihm, er ſolle ſich hier einſtellen.⸗ Einige Pagen eilten hinaus, um ihren Befehl zu erfüllen. Es trat ein allgemeines Schweigen ein, ein Schwei⸗ gen voll der peinlichſten Erwartung. Mit einer Kopf⸗ biegung voll kaiſerlicher Würde wandte ſich Katharina dann gegen Worowitſch. Sie war mit ſich ſelbſt im Klaren. — Ich habe gefragt, ob Jemand dieſes Weib neh⸗ men wolle. Willſt Du es, Worowitſch, ſo trete vor. Orlow fuhr zuſammen. Er hatte den Augenblick aus ſeinen Händen wiſchen laſſen und ſah den Raub verloren. Unwillkürlich trat er einen Schritt vorwärts, um der Kaiſerin Einhalt zu thun; aber ſtatt deſſen that er ſich ſelbſt Einhalt, weil er ſogleich begriff, daß jetzt Nichts zu machen war. Die Kaiſerin hatte bereits ih⸗ ren Entſchluß gefaßt, und wenn dieß einmal geſchehen 217 war, ſo ließ ſie ſich nicht ſo leicht von der Ausführung abbringen. Unläugbar war auch eine Veränderung in ihr vorgegangen. Willanow's einfaches und offenes Ein⸗ geſtändniß ihrer Fehler hatte Katharina's Heftigkeit ge⸗ mildert, die ohnehin, da keine neue Veranlaſſungen dazukamen, ſich allmählig zu legen begonnen. Inzwi⸗ ſchen ließ ſie ſich dabei nicht bloß durch eine gewiſſe Abſpannung beſtimmen, wie ſie oft auf fieberhafte Hitze folgt, ſondern auch Edelmuth kam mit in's Spiel. Die Kaiſerin war Weib und ein Weib von warmem Herzen. Hingeriſſen von ihrer erſten Aufreizung, hatte ſie das Fräulein allen Anweſenden ausgeboten; aber ſie hatte dabei auch einen Blick auf das arme Opfer zu ihren Füßen geworfen, und ſie ſah den Kummer des ſchwa⸗ chen Mädchens. Die Gedanken verbinden ſich mit ein⸗ ander zu gleicher Zeit, wo ſie ſich einer aus dem andern entwickeln. Der Anblick eines großen, ergreifenden Kummers in einem ſchwachen Herzen erweckt Sympa⸗ thien. Wer viel geliebt hat, ſpielt ſehr oft mit der Liebe; aber wenn die Kaiſerin auch damit geſpielt hatte, ſo hatte ſie es gethan, wie man mit einem Heiligenbilde ſpielt. Willanow's Lage begann ſie zu ruͤhren. Sie kannte ihre Macht, aber ſie ſah auch ihre Schwäche. Man hatte ſie allerdings ſchwer erzürnt, aber die Wol⸗ ken, die ihren Horizont verfinſtert, hatten keinen Blitz für ſie; ſte ſtand uͤber ihnen. Die Wunden, die ihr Zorn ſo eben geſchlagen, begann ihr gutes Herz ſelbſt heilen zu wollen. So viele Verwünſchungen ſie außer⸗ halb der Grenzen ihres Reichs mit ihren Armeen an⸗ gerichtet hatte, ſo viel Frieden ſuchte ſie um ihre eigene erſon her zu ſchaffen; denn ſie liebte den Frieden für ſich ſelbſt, den Kampf nur um Anderer willen. Noch einmal ſenkte ſie einen tiefen Blick in Willanow's Bruſt hinab. Was ſah ſie da? Sie ſah, daß ſie das Fräulein bereits genugſam beſtraft hatte, und von dieſem Augen⸗ blick an war Edelmuth das vorherrſchende Gefühl bei ihr. Sie war ſelbſt ſchwach und deßhalb fand die 218 Schwäche eine Beſchützerin in ihr. Worowitſch's ſtolze Haltung verdroß ſie zwar noch immer; aber wollte ſie groß handeln, ſo mußte ſie es vollſtändig thun; verzieh ſie dem Fräulein, ſo mußte ſie auch dem Juͤngling ver⸗ zeihen. Sie erinnerte ſich, wie ſie Mamonow behandelt hatte, als er ihre Liebe verrieth, und dieſe Erinnerung vervollſtändigte den Sieg des Herzens über die Laune. Die Zeichnung iſt ſchlecht, hatte ſie von dieſem Günſt⸗ ling geäußert, aber das Colorit iſt gut. Sie gab jetzt dem Satz eine andere Wendung. Die Zeichnung in Willanow's und Worowitſch's Handlung iſt ſchlecht; aber meine Handlung, das Colorit, ſoll gut werden. Um dieſe ganze Gedankenreihe zu durchlaufen, bedurfte die Kaiſerin keiner Worte, ſondern nur eines Augenblicks; ſie beſchickte alſo den Prieſter und wandte ſich dann an Worohvilſch mit der Frage, die wir bereits mitgetheilt haben. Aber kaum war dieſe Frage geſtellt, kaum hatte Orlow eingeſehen, daß er ſein Spiel verloren, ſo ſprang Willanow von ihrer gebückten Stellung auf, gleich als hätte eine giftige Schlange ſie in die Ferſe geſtochen. Todesblaß ſtarrte ſie um ſich. Niemand begriff dieſe ſo unmotivirte Heftigkeit; Alle verwunderten ſich. Aber ſie war nicht die einzige Perſon, die ihre Faſſung verloren hatte. Auch Worowitſch wankte rückwärts und griff mit der Hand nach einem Gegenſtand, auf den er ſich ſtützen önnte. Die Blicke der Kaiſerin liefen von der Einen auf den Andern. Die Milde, die ſich zu Gunſten der jun⸗ gen Leute in ihr geregt hatte, begann bereits von Neuem zu verſchwinden. Aber jetzt ſiel ihr ein, daß die Aufregung derſelben in der Ueberraſchung, vielleicht auch im Zweifel ihren Grund haben konnte; am wahrſcheinlichſten glaubte ſie dieß bei Willanow, deren gefühlvolle Seele ſie kannte, und die Kaiſerin war wieder mit ihnen, beſonders mit dem Fräulein, verſöhnt, ſo daß ſie um keinen Preis ihren Plan hätte aufgeben mögen. Es könnte die Frage — Bͤ 219 entſtehen, ob nicht die Kaiſerin in dieſem Augenblick, obſchon es nicht das Schickſal der Welt, ſondern nur zweier Herzen galt, edler war als je. Bei allen ihren Fehlern konnte man von ihrem Leben ſagen, was ein Dichter vom Leben Guſtav's III. ſagte: es war doch Sonne darin. — Worowitſch, ſagte ſie... und ihre Stimme war weicher als zuvor... Du erblickſt einen Diener der Kirche an meiner Seite; ich frage Dich, willſt Du Willanow haben? — Nein, Ew. Majeſtät, nein. Seine Antwort war kurz; er ſchien ſie gewaltſam aus ſeiner Seele hervorzuſtoßen. Man konnte ſagen, daß Willanow's Herz dabei in’s Stocken gerieth. Sie heftete einen langen, langen, verzweiflungsvollen Blick auf Worowitſch. Alle betrachteten ihn mit Betroffenheit, wo nicht mit Verachtung. Döring's Geſicht verzerrte ſich. Orlow zeigte kalten Hohn. Die Kaiſerin ſtand einen Augen⸗ blick ſtumm da; bald aber brauste ihr Zorn wieder auf und der Ausbruch erfolgte unmittelbar. — Clender Feigling, ſagte ſie zu Worowitſch, ich habe mich alſo nicht in Dir getäuſcht. Suwarow, Deine unbeſtechliche Gerechtigkeit iſt bekannt. Ich ſtelle dieſen Jüngling unter den Schatten Deines Schwertes. Du hafteſt mir für ihn. Führe ihn weg. . Suwarow trat finſter und düſter an der Seite des Jünglings auf. Worowitſch war außer ſich. Er wollte ſprechen, aber kein Wort kam über ſeine Lippen. Verzweifelt ſank er vor der Kaiſerin auf die Kniee. — Fort mitz ihm! erneuerte jedoch dieſe ihren Be⸗ ſehl, fort mit ihm! irr, beinahe wild rauſchte Worowitſch wieder auf. Er war geſchlagen, er war zermalmt. — Laſſen Sie uns gehen, General, ſagte er; fort von hier.. fort... 220 Auf einen Wink Suwarow's wurde Worowitſch von Araktſchejew, Petſcherin und dem Uhlanenrittmeiſter umgeben; ſie zogen ſich mit ihm an den Eingang zurück. Aber die Kaiſerin war wieder Richterin. Die Milde wich von ihrer Seele wie ein vom Wind verwehter Blumenduft. Sie war auch als Weib verletzt. — Da ſiehſt Du, Willanow, ſagte ſie. Von ihm verſchmäht... ſie verſtummte, lächelte aber ſpöttiſch. Will Jemand ſie haben? fügte ſie dann auf das Fräu⸗ lein zeigend hinzu. Orlow beugte ſeine Kniee, aber an ſeiner Seite hing in demſelben Augenblick Döring. — Ew. Majeſtät, ſagten Beide auf einmal. Döring blickte der Kaiſerin dreiſt in die Augen. Orlow ſchielte ſeinen Nachbar an. Die Kaiſerin betrachtete die beiden Männer; ſie hatte Döring's Kniefall nicht erwartet. — In Petershof, ſagte ſie dann, trateſt Du zwi⸗ ſchen meinen gerechten Verdruß und Deinen Freund; Du ſetzteſt für ſeine Ehre ſogar Deinen Kopf als Pfand. Willſt Du auch jetzt retten, was er verachtet hat? Du biſt in Wahrheit ein guter Freund. Aber begnüge Dich damit, daß ich Dir Dein Pfand zurückgebe. Willanow, Du biſt mein kraft des Rechtes, welches die Vorſehung mir über meine Unterthanen verliehen hat; ich ſchenke Dich Orlow. Kein Zug bewegte ſich in Willanow's Geſicht. Nur die Lippen ſtießen einen unartikulirten Laut aus. Düſter und verſtört zog Döring ſich zurück. — Barmherzigkeit, rief jetzt Willanow, Barm⸗ herzigkeit!. In dieſem Augenblick trat Armfelt vor, und die Kaiſerin, die jetzt erſt ſeine Anweſenheit bemerkte, wandte ſich von dem Fräulein weg zu ihm. Armfelt hatte mit angeſehen, was vorgefallen war. Gleich den Uebrigen hatte er in der Grotte Willanow in Worowitſch's Armen geſehen; ferner hatte er Bekenniniſſe von ihr gehört, 221 die von großem Leichtſinn zeugten; er hatte auch Woro⸗ witſch's draßem Fih Aeußerungen und endlich deſſen Weigerung, das Fraͤulein zu nehmen, gehört. Er mußte zugeben, daß die Kaiſerin bei großer Strenge auch viel Guͤte gezeigt hatte, als ſie das Mädchen Worowitſch anbot; aber da Niemand, den ſeine Stellung etwa dazu berechtigen konnte, ein Wort zu Gunſten der jungen Leute ſprach, ſo glaubte er, mit aller Verehrung für die Wuͤrde und Perſönlichkeit der Kaiſerin, gleichwohl an ihren Edelmuth appelliren und als Grund für ihre Schonung die Unerfahrenheit anführen zu müſſen, wo⸗ durch ſich die Jugend zuweilen den Schein eines Ver⸗ gehens oder Verbrechens zuziehe, das in Wirklichkeit nicht immer vorhanden ſei. Ueberdieß hatte Armfelt ſchon vorher den ſtillen Wunſch gehegt, Willanow und Döring vereinigt zu ſe⸗ hen, und da er ſah, daß Letzterer jetzt keine Bedenk⸗ lichkeiten mehr dagegen hatte, ſo wollte er Döring's und ſeine eignen Hoffnungen zu retten ſuchen. 3 Dieß war Armfelt's Abſicht, als er ſich der Kai⸗ ſerin näherte; aber ſie ließ ihm nicht Zeit, ſeine Ge⸗ Wnen zu entwickeln, denn ſie entzog ihm ſogleich das ort. — Es iſt gut, daß Sie kommen, Armfelt, ſagte ſie. Gebt mir das Papier, das dort auf dem Tiſche liegt. Markow holte es eilig. — Haben Sie die Güte zu leſen, Baron, fügte ſie hinzu, indem ſie es ihm überreichte. Sie müſſen dieſes Dokument unterzeichnen, oder... Die Kaiſerin verſtummte, aber ſchon im Ton ihrer Stimme lag eine Drohung. „Errſchrocken lehnte Branitzka ihren Kopf vor. Men⸗ zikow und Protaſow dagegen zogen ſich zurück. Armfelt's Blicke flogen verwundert von der Kaiſe⸗ rin auf das Papier und vom Papier wieder auf die Kaiſerin. 222 Armfelt las. Die allgemeine Aufmerkſamkeit hef⸗ tete ſich jetzt auf ihn. Je weiter er kam, um ſo mehr verwunderte er ſich über den Inhalt. Er konnte ſeinen Augen kaum trauen. Seine Stirne ſchien ſich bald zu erweitern, bald zog ſie ſich zuſammen, während Licht und Dunkel darauf wechſelten. So lange Armfelt noch mit Leſen beſchäftigt war, näherte ſich Orlow dem Fräulein und ergriff ihre Hand. Aengſtlich und ſcheu zog ſie ſich zurück, aber er ließ ſie nicht los. — Ich habe Ihnen ein Wort zu ſagen, flüſterte er; folgen Sie mir an's Fenſter hier. Sie folgte ihm mechaniſch. — Sie haben den Befehl der Kaiſerin gehört; aber ich will Ihre Hand Ihrer eigenen Einwilligung, und nicht einem Machtgebot zu verdanken haben. — Nehmen Sie mir lieber das Leben... tödten Sie mich, wenn Sie wollen. Sie war bereits am Fenſter. — Ich will Ihnen Etwas zeigen, was Sie nach⸗ giebiger ſtimmen könnte, fuhr Orlow fort⸗ Aber ich warne Sie— verrathen Sie nicht, was Sie ſehen— beherrſchen Sie ſich. Schauen Sie da hinaus... ſehen Sie die zwei Poſten, die dort gehen? — Ich ſehe. — Folgen Sie den Gewehrläufen dieſer Soldaten aufwärts. Was ſehen Sie im Fenſter über ihnen? Keinen Ausruf... ſtill... bei Ihrem eigenen Leben und beim Leben dieſer Perſonen... kein Wort; Die Kaiſerin kennt dieſes Geheimniß noch nicht... Niemand weiß darum außer mir. Willanow blickte hinaus und ſah im Fenſter gegen⸗ über... ſah... aber wir wollen dies hernach erzählen . inzwiſchen blickte ſie hinaus und ſank auf einen Stuhl nieder. Ihre Lippen bewegten ſich nicht, aber ſie waren leichenblaß. Armfelt hatte ſeine Lecture vollendet. 223 — Nun, fragte die Kaiſerin, Sie unterſchreiben, Baron? Armfelt verbeugte ſich mit einer Ruhe und Hal⸗ tung, als ob Nichts geſchehen wäre. — Niemals, Ew. Majeſtät, antwortete er blos, niemals. — Ah, wirklich? — Ich kann mein Leben für Ew. Majeſtät opfern, aber nicht mein Vaterland; ich kann ein verfolgter Mär⸗ tyrer werden, aber niemals ein Verräther. — Und dennoch, Baron, ſind Sie in Ihrem eigenen Vaterland wegen Verraths verurtheilt. In den Worten der Kaiſerin lag eine gewiſſe Satire. — Daſſelbe Urtheil, Ew. Majeſtät, habe ich mit gleichem, wo nicht beſſerem Rechte auch über meine Richter gefällt; Gott und die Geſchichte mögen zwiſchen uns richten. Armfelt ſprach ohne alle Leidenſchaft. — Ew. Majeſtät, ſprach er weiter, bei dem großen Schachſpiel, worin Europa's Regenten und Völker mit einander begriffen ſind, glaube ich, daß der Beſtand der Monarchie auf einer verſöhnlichen und freundſchaftlichen, nicht aber auf einer feindſeligen Politik zwiſchen den Regierungen beruht. Was mein Vaterland betrifft, ſo bin ich der Anſicht, daß ſeine unabhängige Zukunft auf gleiche Weiſe in einer freundſchaftlichen Stellung zu ſeinem mächtigen Nachbar, d. h. zu Ew. Majeſtät, ge⸗ ſucht werden muß. In Uebereinſtimmung mit dieſer Anſicht habe ich gehandelt. Ich glaube an die Noth⸗ wendigkeit der gegenſeitigen Selbſtſtändigkeit beider Län⸗ der, und im Fall das Regierungsſyſtem des einen oder andern bedroht würde, ſo müßte nach meinem Dafür⸗ halten ein Nachbar dem andern hilfreiche Hand leiſten. Die Verbindung zwiſchen Guſtav Adolph und der Prin⸗ zeſſin Alexandra habe ich daher als einen Akt betrach⸗ tet, welcher die ſicherſten Bürgſchaften für die Zukunft in ſich ſchlöſſe. Liegt darin wohl, Ew. Majeſtät, Et⸗ 224 was, was meinen Namen beflecken, meine Ehre beſchat⸗ ten, mich meines Vaterlandes oder Ihrer Achtung un⸗ würdig machen könnte? Sollte ich die Stellung der Na⸗ tionen für die Gegenwart und Zukunft falſch beurtheilt haben, ſo hat man das Recht mich kurzſichtig zu nen⸗ nen, nicht aber einen Verräther. Die Bedingungen, die Ew. Majeſtät mir zur Unterſchrift vorgelegt haben, über⸗ zeugen mich indeß, daß ich bereits von Ihnen verkannt werde. Die Günſtlingspartei fürchtete Armfelt noch in die⸗ ſem Augenblick, weil ſie wußte, daß er im Stande war, durch ſeine Rede die Sympathie der Kaiſerin wieder zu gewinnen. Markow ſuchte ihn daher zu unterbrechen; aber Armfelt, der ſeine Abſicht ahnte, ließ ſich nicht irre machen. — Meine Ehre, fuhr er fort, gebietet mir deßhalb, mich zurückzuziehen. Der Glanz, den meine Günſtling⸗ ſchaft bei meinem dahingeſchiedenen großen König Gu⸗ ſtav III. auf meinen Namen werfen kann, iſt mein ein⸗ ziger Reichthum. Mit der ganzen ſtrengen Conſequenz eines ritterlich geſinnten Mannes werde ich ihn unbe⸗ fleckt zu erhalten und auf meine Nachkommen zu ver⸗ erben ſuchen. Ein Geflüſter entſtand hier zwiſchen Subow und Markow, und Armfelt bemerkte, daß dieſe ihre Aufmerk⸗ ſamkeit nach dem Eingange des Saales hefteten. Aber er achtete nicht weiter darauf. Die Kaiſerin lieh ſeinen Worten ihr Ohr, behielt jedoch ihre ganze ſtrenge und ernſte Majeſtät bei. — Ich leugne nicht, Ew. Majeſtät, ſprach Armfelt weiter, daß ich gehofft habe, hier an Ihrem Hof die po⸗ litiſchen Zwecke zweier großen Reiche dadurch in Ein⸗ klang bringen zu können, daß die Herzen der regierenden Fürſtenhäuſer ſich in Liebe und Treue vereinten. Dieſe offnung war mir um ſo theurer, als auch König Gu⸗ ſtav III. gegen das Ende ſeines Lebens ſich ihr hingab, ſo daß alſo ſeine Politik, ſeine Staatskunſt, ſein Name 225 ſich ſiegreich aus dem Grabe erheben würden, um die⸗ jenigen zu demüthigen, die ſein Gedächtniß mit Füßen getreten und ihre uſurpirte Macht dazu mißbraucht haben, ſeine Freunde als Verräther zu brandmarken. Das Geflüſter zwiſchen Subow und Markow wurde immer lebhafter.. — Ew. Majeſtät haben, indem Sie mir dieſe Be⸗ dingungen vorlegten, keine andere Abſicht hegen können, als mich zu demüthigen oder von Ihrem Hof zu ver⸗ treiben, denn Ew. Majeſtät beſitzen zu viel Menſchen⸗ kenntniß, als daß Sie nur einen einzigen Augenblick glauben könnten, ich würde ſie unterſchreiben. Bevor ich mich jedoch einem Verbannungsurtheil unterwerfe, will ich die Gelegenheit benutzen, Sie vor den Günſt⸗ lingen zu warnen, welche Sie umgeben. Die Günſtlinge ſchauten auf. Staunen und Er⸗ bitterung malten ſich in ihren Zügen. Armfelt blieb jedoch unerſchütterlich. — In nicht unbedeutendem Maße, ſprach er, habe ich dazu beigetragen, die lockern Bande zwiſchen den Höfen Ew. Majeſtät und meines Königs in Betreff der fraglichen Vermählung feſter zu knüpfen. Ich habe dabei Gelegenheit gehabt, Gegenminen zu beobachten, die auf beiden Seiten der Oſtſee geſpielt haben, um die gemeinſchaftlichen Wünſche Ew. Majeſtät und meines Königs zu durchkreuzen. Aber ſo wenig ich mich ge⸗ ſcheut habe, ihre Intriguen am Hofe meines Königs zu entlarven, obſchon mir dafür bis auf den heutigen Tag nur Verfolgungen und Schimpf zu Theil geworden ſind, eben ſo wenig will ich's unterlaſſen, denjenigen, die Ew. Majeſtät umgeben, die Maske abzureißen, und wenn auch mein Lohn wiederum derſelbe werden ſollte. „Subow's Erbitterung hatte ſich bis zur Raſerei ge⸗ ſteigert. Er vergaß die Gegenwart der Kaiſerin, er vergaß ſich ſelbſt. — Verwegener! rief er, was wagen Sie zu ſagen? Der Fürſt. II. 15 226 Aber Armfelt bewegte ſich nicht von der Stelle. — Ew. Majeſtät, fuhr er fort, ohne auch nur einen Blick auf Subow zu werfen, mein König wird bald hier ſein, aber auch hier iſt er König. In ſeinen Adern fließt edles Blut aus altem Stamme. Gleicht er ſeinem hohen Vater, was ich mit Gottes Hilfe anzunehmen wage, ſo wird er auch bald das Spiel durchſchauen, das man hinter Ihrem und ſeinem Rücken zu ſpielen wagt. An der Aufrichtigkeit Ihrer Wünſche in Betreff der Verbindung kann nicht gezweifelt werden; dieſer Ihr Gedanke iſt das ſchönſte Schooßkind Ihres ſtolzen Herzens. Beſchützen Sie es daher wohl, Ew. Majeſtät, damit nicht lauernde Feinde im letzten Augenblicke es aus Ihren Armen reißen und auf dem Altar des Eigen⸗ nutzes opfern. Der künftige Friede und die Freundſchaft zweier hochſinnigen Völker hängen von dieſer Verbin⸗ dung ab; auch das Glück zweier edlen, einander würdig und innig ergebenen Herzen hängt davon ab. Sehen Sie zu, Ew. Majeſtät, daß dieſe Herzen nicht zermalmt werden; das Leiden derſelben könnte auch Ihr eigenes Herz zermalmen, Ew. Majeſtät. Ich habe geſprochen .. ich habe gewarnt... richten Sie jetzt über mich. Die Kaiſerin hatte ihn nicht unterbrochen, weil ſie ihn zu Ende hören wollte, und ihre Seele war für Ideen, die auf eine wurdige Art vorgetragen wurden, zu empfänglich, als daß nicht viele von ſeinen Aeuße⸗ rungen Eindruck auf ſie hätten machen müſſen. Aber ſte hatte ihm einmal im Angeſicht ihres Hofes das Pa⸗ pier uͤbergeben, mit der Aufforderung, es zu unterſchrei⸗ ben, und ſie fürchtete den Schein auf ſich zu laden, als ob ſie ſich durch ſeine Worte hätte verleiten oder be⸗ thören laſſen. Sollte ſie überdieß mit der Gunſtlings⸗ partei brechen? Wäre dieß nicht eine neue Schwäche? Mit einer Haltung, wie ſie einem Manne ziemte, der ſtolz darauf war, die Gunſt des geiſtreichſten Königs — — ———-——9—— 227 Piner Zeitgenoſſen zu haben, erwartete Armfelt ihren Beſchluß. 1 Als Subow, außer Stands, ſeine Wuth gegen Arm⸗ feld zu bezähmen, taktlos auf ihn losſtürzen wollte, hatte Markow ſeinen Arm ergriffen und ihn zurückge⸗ alten. h Er ſprach hierauf leiſe mit ihm und zeigte dabei mit der Hand von Neuem auf den Eingang.. Die Kaiſerin antwortete Armfelt nicht ſogleich. Sie ſchien zu überlegen, was ſie ſagen ſollte. Subow und Markow traten auf ſie zu, um die Ge⸗ danken der Monarchin in die ihnen genehme Richtung zu lenken. — Ew. Majeſtät, ſagte Markow, welcher fürchtete, der Augenblick könnte ihm aus den Händen wiſchen. — Eine Sache iſt Ew. Majeſtät Aufmerkſamkeit entgangen, fiel Subow ein. . Meiner Aufmerkſamkeit entgangen? Nun was denn? Armfelt begriff nicht, auf was ſie abzielten, obſchon er wohl einſah, daß der Angriff ihm galt. — Ew. Majeſtät haben nicht bemerkt, in welcher Livree dieſer junge Pole da, Worowitſch, ſich hier ein⸗ zuſchleichen gewußt hat. — Was iſt das... in welcher Livree ſagen Sie? Worowitſch ſtand, umgeben von Araktſchejew und Petſcherin, noch immer an der Thüre. — Es iſt Baron Armfelt's Livree, die er trägt, Ew. Majeſtät. Der ganze Eindruck, den Armfelt's Vorſchlag auf die Kaiſerin gemacht hatte, verſchwand ſogleich. Ihr Geſicht verfinſterte ſich wieder. Armfelt ſah ein, wie ſchlau und hinterliſtig es von Subow war, in dieſem Augenblick mit einer ſolchen Bemerkung herauszurücken, denn ſo unbedeutend die ganze Sache erſcheinen konnte, ſo eignete ſie ſich doch vortrefflich dazu, den ſangen Ver⸗ 228 druß der Kaiſerin über all die unangenehmen Vorkomm⸗ niſſe des Abends hauptſächlich auf ihn zu lenken. Lange ſtarrte indeß die Kaiſerin die Livree an, gleich als könnte ſie die Angabe Subow's nicht glauben. — Ja, Baron, ſagte ſie dann, jetzt verſtehe ich's, ... Sie ſind es, der dieſen Skandal heimlich veran⸗ ſtaltet hat. Alles, was Armfelt vorgebracht hatte, war bereits vergeſſen. Katharina wandte ſich ſchnell von ihm ab und gegen Orlow. — Graf, ſagte ſte zu ihm, ich befehle Ihnen, einen Tali ds für den Baron nach Kaluga zurück auszu⸗ ellen*). — Es ſoll geſchehen, Ew. Majeſtät. Die Kaiſerin ſprach mit einer Kälte, welche Arm⸗ felt überzeugte, daß ſie ſich durch Nichts von ihrem Be⸗ ſchluß abbringen ließe. Markow's Andeutung auf ſeine Livree hatte Katharina glauben gemacht, daß Armfelt der Hauptanſtifter des Vorgefallenen ſei, und ſie verzieh ihm dieß um ſo weniger, weil er als ein erfahrener Mann ſich nicht hätte auf die Verirrungen einlaſſen ſollen, wodurch einige unbedachtſame junge Leute ihren Zorn gereizt hatten. Was konnte er übrigens wohl Anderes damit beabſichtigen, als ſich auf Koſten ihres eigenen Scharfſinnes luſtig zu machen, oder auch auf eine feine und ferne Art das Eine und Andere in ihrer Lebensweiſe zu parodiren? Das verletzte Selbſtgefühl des Weibes ließ in dieſen Betrachtungen, über welche ſie unter keinen Umſtänden *) Armfelt kam im October 1794 in Kaluga an, wo er eine Zufluchtsſtätte fand. Von da wurde er nach Petersburg berufen, aber, weil er auf die Bedin⸗ gungen, die man ihm vorſchlug, nicht eingehen wollte, nach Kaluga zurückgeſchickt. 8 n ——————— N N 229 ein Geſpräch eröffnen wollte, einen Schleier von Eis zwiſchen die wirklichen und die ſcheinbaren Verhältniſſe fallen, und wehe demjenigen, der die geheimen Fäden darin berührte, um ihn wegzureißen! Sie beſchränkte ſich alſo auf einen ganz einfachen und kurzen Befehl. Als Armfelt ſich mit einer bloßen Verbeugung zu⸗ rückzog, trat inzwiſchen Döring vor.. — Ich habe mir, ſagte er, Ew. Majeſtät Unwillen bereits zugezogen; mögen Sie mir verzeihen können, wenn ich mich demſelben noch einmal bloßſtelle; aber es i*ſt meine Pflicht, Ew. Majefiät, Perſonen, die ich hoch⸗ achte, nicht meinetwegen leiden zu laſſen. — Ihretwegen? Ah, Döring, es iſt nicht das erſte⸗ mal, daß ich Sie beſſer gegen Andere, als gegen ſich ſelbſt handeln ſehe. 1 — Ew. Majeſtät, fuhr Döring fort, Fräulein Wil⸗ lanow iſt in der Grotte getroffen worden; ich bin es, Ew. Majeſtät, der ſie überredete, dorthin zu kommen. Worowitſch wird angeklagt, weil er ſich im Park einge⸗ ſchlichen; ich bin es, Ew. Majeſtät, der ſeine Schritte geleitet hat. Baron Armfelt, fuhr er fort, hat Befehl erhalten nach Kaluga zurückzukehren, weil Ew. Majeſtät in Folge der Kleidung, die Worowitſch trägt, ihn für die geheime Triebfeder dieſes ganzen Vorfalls hält; ich habe Worowitſch dieſes Kleid gegeben, Ew. Majeſtät, und nicht er. Verzeihen Sie daher ihnen, Ew. Majeſtät; aber verurtheilen Sie mich: ich bin der Einzige, der gefehlt hat. Die Kaiſerin hatte vom erſten Augenblick an, wo ſie Döring geſehen, Wohlwollen für ihn gefaßt; es lag auch in ſeiner ganzen Perſon etwas ſo Offenes, Ein⸗ faches und ohne alle Affectation Ritterliches, daß ſein redliches Weſen nicht bloß leicht einen vortheilhaften Eindruck gewann, ſondern denſelben auch feſthielt. Ein mildes und freundliches Lächeln ſchwebte daher auch über dem Geſicht der Kaiſerin, als er ſich ausſprach. 230 — Wirklich, ſagte ſie, ſo wären alſo Sie der ein⸗ zige Verbrecher hier. Nun, fuhr ſie fort, indem ſie ſich gegen Armfelt, Worowirſch und Willanow wandte, für euch kann Nichts erwünſchter kommen... was ſagt ihr... Dhring iſt es alſo, der gefehlt hat, und nicht ihr? Haſtig, wie ein Funke entſpringt und ſtirbt, waren Armfelt's, Worowitſch's und Willanow's Augen einander begegnet. — Nein, Ew. Majeſtät, antworteten ſie ſogleich, als hätte der gleiche Gedanke durch einen und denſelben Mund geſprochen. Nein! Edelmuth erzeugt Edelmuth. Döring hatte die An⸗ dern retten gewollt, jetzt retteten ſie ihn, und wenn ſie dabei auch nicht vollkommen aufrichtig waren, ſo trafen die Folgen davon doch niemand anders, als ſie ſelbſt. — Sie hören, Döring, erinnerte die Kaiſerin bloß. Döring's Bruſt hob ſich, aber er verbeugte ſich gleich Armfelt und zog ſich zurück. Mit einem Wink gab die Kaiſerin zu verſtehen, daß die Audienz zu Ende ſei; aber in dieſem Moment fiel ihr Blick auf Willanow. Nach dem unangenehmen Auftritt, der ſtattgefunden und wobei die Kaiſerin Ihren ganzen ſtrengen Ernſt beweiſen zu müſſen geglaubt, hatte ſie inzwiſchen ein unwiderſtehliches Bedürfniß empfunden, ſich an einem Gegenſtand von fröhlicherer und freund⸗ licherer Art feſtzuhalten. — Du leideſt, Willanow, ſagte ſie. Du haſt un⸗ vorſichtig gehandelt, und ich war ſtreng; aber Du biſt aufrichtig und gehorſam geweſen; fürchte deßhalb Nichts. Während des Aufenthalts des Königs von Schweden dahier wollen wir Deine Hochzeit mit Orlow feiern, und Du ſollſt Urſache haben, mit der glänzenden Art, wie ſie vollzogen wird, zufrieden zu ſein. Kehre jetzt zu Alexandra zurück und ſei wieder vergnügt, Willanow ſtand mit geſenkten Blicken da. Keine — ,,5 D 231 Roſe ſchmückte ihre Wangen, kein Strahl der Freude leuchtete in ihren Augen.. Ihr rührendes Ausſehen erweckte die Theilnahme der übrigen Hofdamen. — Verzeihen Sie Willanow, Ew. Majeſtät, baten auch ſie jetzt, verzeihen Sie ihr. Die Kaiſerin wandte ſich gegen die Damen. — Was ſoll das heißen? fragte ſie. Ihr bittet um Gnade für Willanow. Sie ſelbſt thut es nicht... oder wie, Willanow? Ich bin nicht mehr böſe auf Dich. Auf einmal wandten ſich aller Blicke gegen das Fräulein. Worowitſch und Döring ſchienen ſie mit ihren Augen verſchlingen zu wollen. Orlow erblaßte. Alles ſchien ihm jetzt auf einem einzigen Wort aus ihrem Mund zu beruhen. Willanow ſtand beinahe zit⸗ ternd vor der Kaiſerin, während ſie ſich die Locken ſeit⸗ wärts von der Stirne ſtrich. — Sprich, Willanow, ermunterte ſie Katharina, ſag' Deine Anſicht, willſt Du Orlow nicht haben? Willanow richtete ihr Haupt empor. Ihr ganzer Stolz kehrte auf einmal zurück. Sie ſchien aus einem magnetiſchen Schlaf zu erwachen, und Entſchloſſenheit leuchtete aus ihren dunkeln, tiefblauen Augen mit einem Feuer, von dem man ſagen konnte, daß es die Anwe⸗ ſenden überſtrahlte. Ihre Lippen bewegten ſich— ſie wollte antworten. Orlow ſah die Gefahr und ergriff ihre Hand. — Vergeſſen Sie die Perſonen nicht, die Sie ſo eben am Fenſter ſahen, flüſterte er ihr zu; wenn Sie meinem Wunſch nicht nachkommen, ſo überliefere ich dieſelben ſogleich ihrem Schickſal. Willanow's Muth ſank. — Nur Sie können ſie retten, fügte Orlow hinzu. — Nun, Willanow? — Ew. Majeſtät, ſtammelte ſie. — Sprechen Sie, Fräulein, ermahnte ſie jetzt auch 232 Orlow, ſprechen Sie; ich will aus Ihrem eigenen Munde mein Urtheil hören. — Recht ſo, Orlow, recht ſo. Willanow ſchaute ſich noch um. Ihr Blick flog an Worowitſch vorbei und haftete auf Döring. Es war Sonnenſchein in dieſem Blick. Aber er kehrte von Neuem zur Kaiſerin zurück, theilnahmsvoll harrte man den Worten des Fräuleins entgegen. — Ew. Majeſtät, ſprach ſie jetzt auch mit klarer, deutlicher Stimme, Sie haben befohlen und ich gehorche. Sehen Sie hier, Graf... und ſie reichte Orlow ihre Hand.. ich bin die Ihrige. Das tiefe Schweigen, das bei dieſer Antwort ein⸗ trat, zeugte von der Ueberraſchung und Rührung, wo⸗ mit man ihre Zuſage aufnahm. Die Kaiſerin ſchien zufrieden, und ohne ein Wort hinzuzufügen oder ſich umzuſchauen, wandte ſie ſich um und entfernte ſich, gefolgt von den Damen. Dies war auch für die Uebrigen ein Signal, den Saal zu verlaſſen. 3 Worowitſch wurde weggeführt. Die Günſtlinge hatten zu wichtige Sachen zu über⸗ legen, als daß ſie ſich nicht ſchnell hinweg und in Su⸗ bow's Kabinet zurück begeben hätten. Als ſie an Arm⸗ felt vorbeikamen, verbarg keine von beiden Parteien ihre Feindſeligkeit. Armfelt verließ das Zimmer bald darauf. Er würde es ſchon lange vorher gethan haben, wenn nicht Bra⸗ nitzka's bedeutungsvoller Blick ihn zurückgehalten hätte. In einer Fenſtervertiefung an die Wand gelehnt, war Döring in ſich ſelbſt verſunken. Mit duüſterer Stirne erhob er ſich endlich, um den Uebrigen zu folgen. Die Welt hatte für ihn nichts Anziehendes mehr. Wider⸗ wärtigkeiten und Unglück hatten ſeine letzten Illuſtonen verſcheucht; aber er warf noch einmal einen Blick in's Zimmer. Willanow war auf einen Divan niederge⸗ 233 ſunken. Wie reizend erſchien nicht die Arme, ſelbſt in ihrem Kummer! Döring blieb ſtehen— er betrachtete ſie. Mächtig drängte es ihn, noch einmal mit ihr zu ſprechen. Sie waren allein... die Gelegenheit war günſtig. Je längey er ſie betrachtete, um ſo unwider⸗ ſtehlicher wurde ſein Wunſch, ihr Lebewohl zu ſagen. Die Stimme des Herzens tönt lauter als alle andern: das Herz iſt ein Deſpot... nicht immer mit dem Deſpo⸗ tismus Gottes, aber doch beinahe ebenſo unwiderſtehlich. Döring bedachte nicht mehr, wo er ſich befand, ſondern eilte auf ſie zu. Bei ſeinem Anblick fuhr Willanow auf. — Sie hier, Döring? Mein Gott, was wollen Sie? Vergeſſen Sie, wo Sie ſind und was geſchehen iſt? Ihre Wangen wechſelten in den Farben der Liebe und der Unſchuld, in dieſen eigenen Farben des Herzens, in Roth und Weiß. — Sie zürnen, Fräulein. Warum zürnen Sie? Doch es iſt wahr, das Unglück, das eingetroffen iſt, habe ich über Ihr Haupt herabgerufen. Können Sie mir verzeihen? Willanow war tief aufgeregt. Sie wandte ſich weg, um ihre Gefühle nicht zu verrathen. — Entfernen Sie ſich, Döring; ich bitte Sie darum . es kann Jemand kommen. — Ich befinde mich ſo wohl hier. Ach nein! Ich verlaſſe Sie nicht. Ich darf Ihnen in die Augen ſchauen. Sie liebten Worowitſch, mein Fräulein; welchen Betrug hat er nicht an Ihnen begangen? dct.. Klagen Sie ihn nicht an... Sie begreifen nicht... — Die Kaiſerin bot ihm Ihre Hand an und er ſchlug ſie aus. — Ich will Ihnen ein Geheimniß anvertrauen... ſtill... es könnte uns Jemand hören... nein.. nein... 234 — Sie wollen, daß ich Rache... — Nein, nein... hören Sie mich... er iſt... — Ein Verräther. — Nein, nein, er iſt kein Verräther... er iſt... — Was iſt er denn? — Er iſt mein Bruder. Döring ſprang verwundert zurück, Ueberraſchung und Freude belebten ihn. — Ewiger Gott! Ihr Bruder? Ich danke Ihnen für dieſes Wort. Sie lieben alſo nicht als... wie ſoll ich ſagen... als... Ein Wonnegefühl ſchien ihn augenblicklich über⸗ raſcht zu haben. Auch über Willanow's Geſicht ſchwebte ein Wiederſchein von Döring's Freude, wie die Flamme des Signals am Strand ſich in der klaren Welle wie⸗ derſpiegelt. — Ihr Bruder, wiederholte Döoring; beim Himmel, jetzt verſtehe ich das ganze Geheimniß. Als flüchtiger Pole hat er nicht unter ſeinem eigenen Namen aufzu⸗ treten gewagt.. aber Ihr Bruder iſt ja todt.. — Laſſen Sie uns nicht davon ſprechen, Döring. — Sie haben Recht. Während einer kurzen Pauſe betrachtete er ſie mit ſolcher Befriedigung, als wäre eine ſchwere Laſt von ſeinen Schultern genommen; mit ſolcher Seligkeit, als wäre ſie ſeine Braut. Aber bald verdüſterte ſich ſeine Miene wieder. Die Freude in ſeiner Seele wurde von einer trüben Erinnerung abgelöst. — Aber Sie haben ſich bereit erklärt Orlow an⸗ zugehören, bemerkte er. Darf ich Sie um eine Erklä⸗ rung bitten, mein Fräulein? Ich habe Urſache zu glau⸗ ben, daß Sie.. wenigſtens keine Neigung für ihn hegten. Die Erinnerung an Orlow führte Willanow zu dem letzten Ereigniß zuruͤck, das ſich mit dem ganzen Düſter einer gewitterſchwangern Wolke auf das Blumenreich her ent rich ſein Fre tigt unt 23⁵ herabgeſenkt, welches ſich kaum zuvor ſo ſchön in ihr entwickelt hatte. — Döring, ſagte ſie, Sie haben das Recht Auf⸗ richtigkeit von mir zu fordern. Ich will auch aufrichtig ſein... Wenn nur Niemand kommt.. ich fürchte... — Es kommt Niemand.. Sprechen Sie, mein Fräulein, ſprechen Sie... Sie geloben mir Aufrich⸗ tigkeit. Brene Folgen Sie mir an's Fenſter. — Sie erhob ſich und führte ihn hin. — Mein Gott, ſie ſind bereits fort. — Wer? — Die Poſten. — Die Poſten? — Beim Eingang hier ſtanden ſo eben zwei Poſten ... und im Fenſter oben ſah ich... meinen Vater und meine Mutter. — Ihre Eltern? Was höre ich? — Orlow verlangte meine Hand für ihre Rettung. Er allein wußte, daß ſie hier waren. — Ihre Eltern find ja in Sibirien? — Nach Sibirien verurtheilt, ſind ſie ihrem harten Schickſal entkommen, um hier zu fallen... oder durch mich gerettet zu werden.*) *) In Golowin's Geſchichte Rußlands wird folgende Anekdote erzählt: Herr Michalowsky, Hofadvokat in Warſchau, war in die polniſche Revolution verwickelt. Die dritte Abtheilung der kaiſerlichen Kanzlei— dieß iſt der offtzielle Name für die geheime Polizei in Rußland— gab Befehl, ihn zu verhaften und zu zweijähriger Verbannung nach Wiatka zu führen. Statt ſeiner ergriff man einen andern Michalowsky, Notar in Wilna, und führte ihn nach Wiatka ab; 236 Das Mädchen ſank auf einen Stuhl nieder und verbarg ihr Geſicht in den Händen. fre— Sie lieben alſo Orlow nicht... Ihr Herz iſt rei — Beklagen Sie mich, Döring, aber verlaſſen Sie mich.* — Beantworten Sie mir nur eine einzige Frage... — Fort... hören Sie nicht.. es kommt Je⸗ ſie mand... — Und wenn die Kaiſerin ſelbſt käme, ich weiche nicht, bevor Sie mir geantwortet haben. — Sie raſen. — Erlauben Sie mir, um Ihre Hand zu kämpfen? die Antworten Sie mir.... — Hören Sie.. ſtill. hi — Antworten Sie mir. — Keinen Kampf, Döring. Kein Duell. — Kein Duell. Nun wohl, kein Duell. Aber darf ich wirken... handeln... arbeiten... leben fuͤr... für Ihre Freiheit.. Ihr Glück... meine Hoffnun⸗ gen.. ich höre Tritte außen... eilen Sie... dar ich?... antworten Sie mir. de dort angekommen, legte er förmlichen Proteſt ein und der Irrthum klärte ſich auf. Nichtsdeſtoweniger B mußte er für die Verbrechen eines Andern büßen und die ganze Strafzeit ausſtehen; denn der Chef der geheimen Polizei wollte dem Kaiſer dieſes Ver⸗ ſehen nicht eingeſtehen, ſondern ließ lieber einen Unſchuldigen beſtrafen. Der Verfaſſer vorliegender Arbeit glaubte dieſe Anekdote als eine hiſtoriſche Rechtfertigung desje⸗ ſie nigen Theils der Erzählung, der auf einem ähn⸗ lichen Mißgriff der Polizei beruht, anführen zu müſſen.— un 237 — Ja, ja. Er ſank auf ein Knie.. — Mein Fräulein! rief er, bei Gott, Sie ſollen die Meinige werden. — Fort... hören Sie nicht... man greift an's Schloß.. Döring konnte kaum aufſpringen, als die Thüre ſich offnete; aber es war nicht die Kaiſerin, die eintrat, ſondern Alexandra. Mit lebhafter Theilnahme eilte ſie auf ihre Freun⸗ in zu. — Arme Willanow, ſagte ſie, was iſt geſchehen... die Kaiſerin...— In demſelben Augenblick, wo Döring die Thüre hinter ſich zumachte, ſanken die beiden Mädchen einan⸗ der an die Bruſt. Als Armfelt durch die äußere Gallerie ging, um den Park zu verlaſſen, öffnete ſich eine Seitenthüre; und er ſah eine Hand, die ihm winkte. Er folgte dem Wink. In einem kleineren Zimmer angelangt, traf er Branitzka vor ſich. — Gedenken Sie uns zu verlaſſen? fragte ſie. — Die Kaiſerin hat es befohlen. — Aber ich befehle Ihnen hier zu bleiben. — Da müſſen Sie mir die Erlaubniß der Kaiſerin verſchaffen. — Menzikow und Protaſow ſind eben bei ihr und ſie werden Alles thun, was ſie können. Wollen Sie das Papier, das die Kaiſerin Ihnen vorlegte, nicht unterzeichnen? — Nie. 238 — Ich billige das, Armfelt. Aber haben Sie der Kaiſerin kein Wort zu ſagen, keinen Gruß zu überſen⸗ den, der ſie verſöhnen könnte? — Nichts. — Nichts. — Da fällt mir Etwas ein... ſehen Sie hier... hier an meiner Bruſt habe ich eine Blume... die Kaiſerin gab ſie mir in Petershof... übergeben Sie ihr dieſe... und zwar vor meinem Abſchied. Branitzka nahm die Blume, drohte ihm aber halb erzürnt, halb ſcherzhaft. — Es iſt ein Gluͤck für Sie, däß Ihre Frau noch in Kaluga iſt. — Sie wird aber bald hier ſein, Gräfin. — Was glauben Sie, daß ſie von Ihnen ſagen werde? — Ich weiß es nicht— aber ich weiß, daß ſie gut iſt Menzikow von Ihnen ſagt? — Nein. 4 — Daß Sie ein gefährlicher Menſch ſeien. — Und was ſagt Fräulein Protaſow? — Daß Sie ein Verräther ſeien. — Sie ſcherzen bloß. — Sie wiſſen noch nicht, was ich ſage. — Laſſen Sie hören. — Ich ſage Ihnen, Baron, daß Sie ſich vor mir in Acht nehmen müſſen. Aber ich eile zur Kaiſerin hinein. Erwarten Sie mich hier. Armfelt wartete. Auf⸗ und abſchreitend rekapitu⸗ lirte er die Ereigniſſe, die ſich zugetragen und ihm von Neuem das goldene Vließ geraubt hatten, das er in — Ich gratulire Ihnen dazu. Wiſſen Sie, was einer glänzenden Zukunft und einer neuerſtandenen Größe ſeines Vaterlandes bald erobert zu haben glaubte. Cs grämte ihn, daß er gefallen war, doppelt aber grämte 239 es ihn, daß er der Günſtlingspartei erlegen, die er in ſeiner ſtolzen Seele mit wenig Achtung betrachtete. Strahlend vor Freude kam Branitzka endlich zurück. G deſen Sie, rief ſie, leſen Sie! r las: „Ihren Namen und Ihren Rang ſchicke ich nach Kaluga. Wollen Sie ohne dieſe hier bleiben, ſo kön⸗ nen Sie.“ Die Kaiſerin hatte dieſe Zeilen ſelbſt geſchrieben. Ein Lächeln, bitter und ſarkaſtiſch, verzog Armfelt's Geſicht; aber ſo bitter es war, ſo war es doch ein Lächeln. — Eine Maskerade alſo, bemerkte er, ein Mum⸗ menſchanz; es iſt gut, ich werde mich nach dem Befehl der Kaiſerin richten. Aber wenn ſie auch meine Per⸗ ſon vom Hof verweist, ſo werde ich durch meine Sprach⸗ rohre mit ihr reden; und wenn ſie meinen Namen und meinen Rang dem Herzog Regenten und Reuterholm als ſchmeichelnde Sühnopfer fuͤr alte Streitigkeiten zu Füßen legen will, ſo mögen dieſe ſich wohl hüten darauf zu treten, weil mein Name und mein Rang, obſchon man mir in meinem Vaterland und jetzt auch hier beide geraubt hat, nichtsdeſtoweniger dem Geſchlechtshügel in unſern alten ſchwediſchen Heldenſagen gleichen, aus dem ein gewappneter Kämpe ſich erheben kann, wenn man es am wenigſten ahnt. Ich darf alſo hier bleiben? — Ja. — Jedoch nur geheim. — Ja. — Ich bin's zufrieden. Der Politiker erreicht mas⸗ kirt ſein Ziel immer am leichteſten. Armfelt verſtummte. Er überlegte einen Augen⸗ lic. Noch ſpielte ein melancholiſches Lächeln um ſeine ippen. „——Grafin, ſagte er dann; Sie würdigten mich eines freundlichen, eines ſehr freundlichen Wortes im Parke. Aber vielleicht haben Sie es ſchon vergeſſen? — Nein. — Kann uns Jemand hier überraſchen? — Nein. — So laſſen Sie uns hier niederſitzen, meine Gräfin. Ich will aufrichtig gegen Sie ſein. Ich will Ihnen unverſtellt mein Herz öffnen.. Ende des erſten Theils. 4 Zweiter Cheil. Geſchichtliche Bemerkung. Seit dem Erſcheinen unſeres Romans, der Tra⸗ bant, iſt die ſchwediſche Geſchichte mit einer neuen, in vielen Beziehungen werthvollen Arbeit bereichert wor⸗ den, welche den Titel führt: Aufzeichnungen des Grafen Magnus Björnſtjerna. Darin finden ſich einige Aeuße⸗ rungen über die vormundſchaftliche Regierung, ſo wie über das Luſtrum, in welches die Verhandlung und die Perſonen des obenerwähnten Romans, wie auch ſeiner nunmehrigen Fortſetzung unter dem Titel der Für ſt fallen; Aeußerungen, gegen welche wir uns einige Be⸗ merkungen erlauben müſſen, weil man, geſtützt auf die genannten Aufzeichnungen, die hiſtoriſche Tendenz des Trabanten angegriffen hat. In der„Zeitſchrift für Literatur, herausgegeben von C. F. Bergſtedt, 1851, 7. Heft,“ finden ſich bei Erwähnung dieſer Aufzeichnungen folgende Stellen: Reuterholm wird als ein Mann von Klugheit, ſtaatsmänniſcher Einſicht und Weltkenntniß geſchildert; etwas zu ſehr für die franzöſiſche Revolution einge⸗ nommen und alſo ultraliberal. Er war dabei eitel, Der Fürſt. II. 16 242 rachſüchtig, ängſtlich und in ſeinem Wandel unmoraliſch. Inzwiſchen wird die Abſicht des Herzogs, als er Reuter⸗ holm zu ſeinem Vertrauten machte, als lobenswerth betrachtet, denn ſeine guten Eigenſchaften waren mehr bekannt, als ſeine Fehler, die ſich erſt entwickelten, als er zur Macht gelangte. Reuterholm vereitelte die lächer⸗ lichen und verderblichen Pläne, welche Guſtav III. ge⸗ egt, im Verein mit der Kaiſerin Katharina die fran⸗ zöͤſiſche Republik anzugreifen, im nördlichen Frankreich zu landen und die Bourbonen wieder einzuſetzen. Die Dankbarkeit konnte Guſtav eine ſolche Politik eingeben, da er mit Hülfe der Bourbonen die Revolution von 1772 zu Stande gebracht hatte; aber die Klugheit mußte den Regenten davon abhalten. Des Herzogs erſte poli⸗ tiſche Maßregel beſtand darin, daß er zuerſt in Europa die franzöſiſche Republik anerkannte, ein Schritt, der wenigſtens einen hohen Grad von politiſcher Selbſt⸗ ſtändigkeit bewies und ihm die an den europäiſchen Höfen damals alltägliche Anſchuldigung des Jakobinis⸗ mus zuzog, die durch den Allerweltsintriganten Arm⸗ felt weiter verbreitet wurde. 4 „Aus derſelben Quelle und aus denſelben Ver⸗ hältniſſen kommen alle Anſchuldigungen, die man da⸗ mals gegen den Herzog richtete und,“ fügt Herr Berg⸗ ſtedt hinzu,„die in der letzten Zeit von Herrn Ridder⸗ ſtad in ſeinem Trabant zuſammengeſtoppelt worden ſind.“ Auf dieſe Zeilen und beſonders auf Herrn Berg⸗ ſtedt's Zuſatz erlauben wir uns hier einige Worte der Erwiederung. Was zuvörderſt Reuterholm betrifft, ſo haben wir ihn im Trabant in ſeinen Hauptzügen ſo gezeichnet, wie er hier vorkommt, und dabei noch andere ziemlich bekannte Eigenſchaften von ihm, wie z. B. ſeine Vor⸗ liebe für Kabalen und Myſticismus u. ſ. w. hervor⸗ gehoben. Daß der Herzog eine lobenswerthe Abſicht gehabt, als er Reuterbolm in ſeinen Rath berief, laſſen 243 wir unbeſtritten und wir gehen darüber weg, weil es uns in allzu weitläufige Erklärungen verwickeln wurde, unzweifelhaft dürfte es jedoch nicht eine lobenswerthe Selbſtſtändigkeit des Herzogs beweiſen, daß er Reuter⸗ holm als Rathgeber beibehielt, als„ſeine Fehler ſich zu entwickeln anfingen.“ Es wird wohl Niemand leug⸗ nen wollen, daß der friedliche Zuſtand, deſſen ſich das Land während der vormundſchaftlichen Regierung er⸗ freute, von großem Werthe war, obſchon das Land frei⸗ lich nicht all' die Früchte genoß, die ſich unter einer klu⸗ gen Regierung hätten entwickeln müſſen, was auch Bru⸗ zelius in ſeiner Geſchichte für die Jugend anführt, wenn er erzählt, daß Guſtav Adolph IV. bei Reuterholm's Entlaſſung ihm„wohlverdiente Vorwürfe gemacht wegen ſeiner Hoffart, Rachſucht und Feindſeligkeit ge⸗ gen das Andenken Guſtav's III. und gegen ſeine Freunde, ſo wie wegen ſeiner ſchlechten Haushaltung mit den Staatsmitteln, ſeiner unklugen Verwaltung und der Art, wie er dem König die Augen zu verſchließen geſucht.“ Wir laſſen Guſtav's IV. Vorwuͤrfe gerne dahingeſtellt ſein, halten jedoch Bruzelius' Urtheil, daß ſie wohlver⸗ dient geweſen, für ſehr bedeutungsvoll, weil man an⸗ nehmen muß, daß er, da er ein Buch für die Jugend ſchrieb, ſich wenigſtens ebenſo eifrig in ſeinen Gegen⸗ ſtand hineingearbeitet habe, als... doch gleichviel, wen wir meinen. Aber ſo ſehr wir auch privatim die beobachtete Neutralität billigen, ſo waren wir nicht bloß als Romanſchreiber, ſondern auch als Zeichner einer ichkeit verpflichtet, Armfelt eine entgegengeſetzte Meinung verfechten zu laſſen, weil er dieſe thatſächlich verfocht, und zwar in Folge der Grund⸗ ſätze, die während der letzten Lebensjahre Guſtav's III. die geheimſten Fäden des Regierungsſyſtems ausmach⸗ ten. Abgeſehen übrigens von dem größeren oder ge⸗ ringeren Nutzen der Kriegspläne für das Land, von ihren mehr oder weniger nationellen oder gutberechneten gleichwohl von Inem höheren 1 244 politiſchen oder, um uns ſo auszudrücken, von einem mehr welthiſtoriſchen Standpunkt aus kein Recht haben, ſie ſchlechtweg mit dem Prädikat„lächerlich“ abzuſpeiſen. Dieſe Plaͤne, die zu Guſtav's III. Zeiten mehr geniale Einfälle, als reife Forderungen eines allgemein ge⸗ fühlten Bedürfniſſes, einer hiſtoriſchen Pflicht waren, erſtarben nicht mit ihm. In den Jahren 1813 und 1814 entwickelten ſie ihre Fahnen, unterſtützt nicht bloß von den Monarchen, ſondern auch von den meiſten Völ⸗ kern Europa's. Will man übrigens den im erſten Theil des Trabanten mitgetheilten Auszügen aus Napo⸗ leon's Memoiren, worin ein geheimer Vertrag zwiſchen der franzöſiſchen Regierung und Guſtav III. angedeu⸗ tet wird, einige Rückſicht ſchenken, ſo erhalten die be⸗ wußten Kriegspläne einen ſo ernſten und ausgedehnten Charakter, daß ohne Zweifel Jedermann mit dem be⸗ rühmten und großen Verfaſſer in die Worte einſtim⸗ men wird:„Ohne den verhängnißvollen Schuß, der Guſtav wegraffte, hätte Eurupa ein ganz anderes Aus⸗ ſehen bekommen.“ Die Behauptung, daß die Anerkennung der fran⸗ zöſiſchen Republik durch den Herzog einen hohen Grad von politiſcher Selbſtſtändigkeit beweiſe, zerfällt in ihr Nichts, wenn man weiß, daß dieſe Anerkennung von Reu⸗ terholm ausging, daß der Herzog nur eine Marionette in der Hand ſeines Günſtlings war und daß er ſich ſogar auf die geiſtloſeſte Art durch Geiſterſeher, Illu⸗ minatenpoſſen und Ordensfirlefanz am Gängelband füh⸗ ren ließ. Was dagegen Reuterholm zur Anerkennung der Republik veranlaßte, iſt eine andere Sache, obſchon man bei einiger Kenntniß ſeines Charakters gewiß nicht, wohl annehmen kann, daß er ſich von einem großarti⸗ gen, edeln politiſchen Selbſtſtändigkeitsgefühl habe lei⸗ ten laſſen, ſondern vielmehr von einer gehäſſigen Feind⸗ ſeligkeit gegen die Prinzipien, welche dem Benehmen Guſtav's III. und ſeiner Freunde zu Grunde lagen. hr ſe 245 „In Folge dieſer Anerkennung,“ ſagt Graf Berg⸗ ſtedt in ſeinen Aufzeichnungen weiter,„wurde der Her⸗ zog als Jakobiner verſchrieen von dem Allerweltsintri⸗ ganten Armfelt,„dem liebenswürdigſten Mann in Eu⸗ ropa, einem Genie,“ von welchem, wie Graf Bergſtedt ebenfalls behauptet, ſämmtliche Anklagen gegen den Her⸗ zog ausgingen, als ob er bei der Ermordung ſeines Bruders betheiligt geweſen wäre und die Abſicht gehabt hätte, auch den Sohn aus dem Wege zu räumen und die Krone ſich anzueignen. 3 Herr Bergſtedt ſchließt ſich in ſeiner Zeitſchrift für Literatur durch eine gravirende Bemerkung gegen den Trabanten dieſer Anſicht an, ohne ſich gleichwohl mit einer Pflicht zu befaſſen, der ſich, beſonders bei hiſto⸗ riſchen Gegenſtänden, kein Recenſent entziehen darf, nämlich der Pflicht, die verſchiedenen hiſtoriſchen Anga⸗ ben zu erforſchen und zu vergleichen, um dadurch auf dem Weg wiſſenſchaftlicher Kritik zu einem Schluſſe zu gelangen, der ein bleibender Gewinn für die Forſchung werden kann. Wir haben uns deßhalb aufgefordert gefunden, den Gegenſtand aufzunehmen. Gegen die ſo peremptoriſch geſtellte Anklage, daß wir uns im„Trabanten“ gungen, wie Graf Bergſtedt ſie erwähnt, angeſchloſſen haben, wollen wir zuvörderſt erinnern, auch Graf ſolche Gerüchte im Umlauf waren. Ein Romanſchrei⸗ ber muß ſeine Perſonen ſo ſprechen laſſen, wie ſie in ihrem Leben wirklich ſprachen. Was die Abſichten des Herzogs a 246 noch im Unklaren. Aber auch in dieſer Beziehung ha⸗ ben wir im„Trabanten“ nur angedeutet, nicht ange⸗ klagt. Was Armfelt und ſeine Freunde äußern, das äußern ſie auf ihre eigene Rechnung. Der Verfaſſer bleibt bei Seite. Der Unterſchied zwiſchen ihm ſelbſt und den Handlungen und Anſichten der Perſonen, die er darſtellt, iſt leicht einzuſehen. Wir wollten für nichts Anderes agitiren, als für die hiſtoriſche Wahrheit. Als höchſt bemerkenswerth wird inzwiſchen die auffallende Gnade hervorgehoben, die man dem Königsmörder an⸗ gedeihen läßt in demſelben Augenblick, wo die Freunde des Throns und des Königs Guſtav IV. verfolgt wer⸗ den; wie auch die Unterſuchung, in wie weit Guſtav IV. ſich bei Sinnen befinde, eine Ünterſuchung, die mit der bloßen Erzählung des Grafen Björnſtjerna nicht abge⸗ macht ſein dürfte. Man ſoll allerdings aus gewiſſen unvorſichtigen oder von Schwäche und Wankelmuth zeu⸗ genden Zuͤgen im Leben des Herzogs keine allzu be⸗ ſtimmte Schlüſſe ziehen, aber wir haben dieß auch nicht eigenmächtig gethan, und wo Anſpielungen vorkommen, haben wir die Quellen genannt, aus denen wir ſchöpf⸗ ten. Trotz all' der Schlaffheit des Charakters, welche die Geſchichte dem Herzog zuſchreibt, haben wir hinzu⸗ gefügt— und dieß könnte beweiſen, daß wir nicht aus⸗ ſchließlich in die Dienſte ſeiner Gegner treten wollen— daß man ihm ein gutes Herz und im Allgemeinen eine wohlwollende Gefinnung nicht abſprechen könne. In wie weit dagegen Reuterholm bei all' den damals offen ausgeſprochenen Anſchuldigungen wirklich betheiligt ſein mochte und was für Abſichten er hegte, das dürfte ſich factiſch niemals ermitteln laſſen. Aber ſeine Zeitge⸗ noſſen ſchildern ihn als einen ſchwediſchen Cardina Dubois, und da hat man freien Spielraum für Vermu⸗ thungen. Björnſtjerna nennt ihn ultraliberal. Seine erſten Handlungen, als er zur Macht gelangte, recht⸗ fertigen dieſe Bezeichnung. Daß er in Frankreich fuͤt die Revolution ſympathiſirte, iſt bekannt. Stellt man 1— [8L. nrH—.—j—',-————— damit z. B. die von Bruzelius offen ausgeſprochene Bemerkung zuſammen, daß mehrere Verſchworene zur Zeit Guſtav's III. höchſt wahrſcheinlich mit den Jako⸗ binern Frankreichs in Verbindung geſtanden, ſo weiß man nicht, was man ſchließen ſoll. In ſeinem Cha⸗ rakter finden ſich keine Garantieen, die ihn vor dem Verdacht ſchützen, daß er zur Ausführung ſeiner rach⸗ ſüchtigen oder eigennützigen Pläne alle auch noch ſo kühnen Mitteln habe anwenden können. Die Art, wie er den Herzog ſelbſt behandelte, und worüber Sköldebrand und mehrere Andere deutliche Winke gebgn, beſtätigt das. Wir erklären ein für alle Mal: wir haben nie⸗ mals Intereſſen gehabt und werden niemals Intereſſen haben, die uns beſtimmen könnten, auf Koſten der hiſtoriſchen Wahrheit irgend Jemand, ſei es nun der Herzog Regent, Armfelt, Reuterholm oder irgend ein Anderer, zu loben oder zu verdammen. Ohne alle Ueber⸗ treibung können wir ſagen, daß wir uns ernſtlich be⸗ müht haben, in allen uns bekannten gedruckten Arbei⸗ ten der Wahrheit der Charaktere und der Thatſachen auf die Spur zu kommen. Außer den im Buchhandel be⸗ findlichen älteren und neueren Sammlungen, ſo wie der auf der königl. Bibliothek liegenden Dokumente, haben wir namentlich auch die periodiſche Preſſe aus der Zeit der vormundſchaftlichen Regierung und eine Maſſe ungedruckter Actenſtücke zu Rathe gezogen. Wir reſpectiren Graf Björnſtjerna's Anſichten voll⸗ kommen, glauben aber nicht, daß ſie den Werth von Axiomen haben, theils weil er zur Zeit der vormund⸗ ſchaftlichen Regierung noch ſehr jung war— er iſt am 1. October 1779 geboren— theils auch weil der Her⸗ zog ihn erzog und ſchon damals ſeinen Pflegſohn nannte, weßhalb ihm Bergſtedt auch in ſeinen Urthei⸗ len die dankbare Liebe und Erkenntlichkeit eines Pfleg⸗ ſohns ſchuldete, ein Umſtand, der zwar auf ſeine Ehre und ſein Herz keinen Schatten werfen kann, wohl aber auf ſeinen Beruf zum Geſchichtſchreiber. 248 Wir geſtehen übrigens gern, daß Armfelt ein In⸗ trigant war; aber wir haben ihn auch als ſolchen gezeichnet und wir möchten hinzufügen, daß die politi⸗ ſchen Perſönlichkeiten zur Zeit Guſtav's IV., beſonders aber während der vormundſchaftlichen Regierung, im Allgemeinen und mit nur ſehr wenigen Ausnahmen Intriganten waren. Dieß gilt ganz beſonders auch von Reuterholm. Armfelt's von allen gleichzeitigen Schrift⸗ ſtellern, wie auch von Graf Biörnſtjerna anerkannte liebenswürdige Perſönlichkeit, ſein ritterliches Weſen, ſein genialer Geiſt und ſein entſchloſſener, kräftiger Cha⸗ rakter verliehen ſeinen Gedanken und Handlungen einen intereſſanten und höheren, wenn auch zuweilen ſchwin⸗ delnden Flug, während die Uebrigen größtentheils in den Staub ſanken. Streng monarchiſch, oder vielmehr ſtreng guſtavianiſch, in ſeinen Grundſätzen, wurde er ſeinem politiſchen Vorbild nie untreu, ſelbſt dann nicht, als König Karl Johann XIV., wie wir im Gegenſatz zu Cruſenſtolpe großen Anlaß zu vermuthen haben, aus ſehr kräftigen politiſchen Klugheitsgründen im Jahr 1811 ihn verhaften laſſen wollte, worauf Armfelt, um ſich zu retten, dem ruſſiſchen Kaiſer den Eid der Treue ſchwor. Wir dürften in Zukunft einmal auf dieſe Ge⸗ ſchichte zu ſprechen kommen. Da wir in die Richtigkeit unſerer Auffaſſung des Charakters Karl's XIII. ſelbſt noch Zweifel ſetzten, ſo haben wir ſeitdem ſeine Geſchichte von dem Augenblick an, wo er König wurde und Nichts ihn verhinderte, Selbſtſtändigkeit zu entwickeln, noch genauer ſtudirt; aber liefert etwa ſeine ganze Geſchichte einen Beleg für dieſe Eigenſchaft? War er es, der im Jahr 1809 das Reich rettete? Wirkte er energiſch leitend auf die Reichs⸗ verſammlung, die uns unſer gegenwärtiges Grundgeſetz gab? Uebte er irgend einen Einfluß auf die beiden Thronfolgerwahlen? Haben wir ihm die Vereinigung Norwegens zu verdanken oder vielleicht den Umſtand, daß die continentalen Bewegungen der Jahre 1813 und — oo⸗——-———,————,-——-—— — N— ꝙ 8ú—— 249 1814 für uns ſo gut wie möglich abliefen? Wir ken⸗ nen nur eine einzige bedeutende Handlung von ihm, nämlich die Abtretung Finnlands an Rußland am 27. September 1809,„der ſchwerſte Friede, welchen Schweden jemals mit ſeinen Feinden abgeſchloſſen hat.“ Der Genius der Geſchichte gräbt ſeine Aufzeich⸗ nungen nicht auf Flugblätter, ſondern in ſteinerne Ta⸗ feln ein. Weder Herr Bergſtedt noch der Verfaſſer die⸗ ſer Zeilen vermögen ein Jota daran zu verändern; aber ſowohl der Eine, als der Andere iſt verpflichtet, die ver⸗ ſchiedenen Angaben zuſammenzuſtellen und richtig zu leſen. Hier nimmt ſich die Wahrheit ihr volles Recht über Sympathieen und Antipathien. In einer größern Arbeit haben wir einen gewiſſen Zeitpunkt unter der vormundſchaftlichen Regierung zu ſchildern geſucht, und obſchon dieſe Arbeit keinen Anſpruch auf den Titel Ge⸗ ſchichte macht, ſondern bloß ein hiſtoriſcher Roman ſein will, ſo haben wir nichtsdeſtoweniger gewiſſenhaft all' die Quellen befragt, von deren Daſein wir Kunde er⸗ hielten; ja noch mehr, wir haben dabei ſogar die ein⸗ heimiſche Geſchichte der letzten Zeiten mit neuen und, wie von mehreren Seiten anerkannt worden iſt, ſehr wichtigen Aufſchlüſſen bereichert; während dagegen Herr Bergſtedt auf die noch nicht kritiſch unterſuchte Angabe einer einzigen Perſon hin, mit einer leichtfertigen und unmotivirten Redensart unſere Arbeit über den Haufen zu werfen und als ein Gemengſel von falſchen Be⸗ ſchuldigungen darzuſtellen ſucht. Wenn man in Herrn Bergſtedt gerne eine mit wiſſenſchaftlicher Bildung und kritiſchem Verſtand ausgerüſtete Auctorität erblicken will, ſo mußte ſein Urtheil auch, nicht bloß um der Arbeit willen, über die es gefällt worden iſt, ſondern um der Geſchichte ſelbſt willen einer gründlichen Prüfung unterſtellt werden, und obſchon wir uns dabei möglichſt kurz faſſen mußten, ſo glauben wir doch genug geſagt zu haben, um auf der einen Seite die Richtigkeit un⸗ ſerer Angaben darzuthun, auf der andern einen weiteren 250 Beweis für die Leichtfertigkeit oder Böswilligkeit zu liefern, womit Perſonen, denen es nicht an großen wiſ⸗ ſenſchaftlichen Mitteln fehlt, die Wirkſamkeit gewiſſer Schriftſteller behandeln, um... aber wir laſſen die Gründe dahingeſtellt ſein, weil wir ſie bloß vermuthen und nicht mit Sicherheit beſtimmen können. Uebrigens kann weder ein Hiſtoriker, noch ein Ro⸗ manſchreiber über die bereits bekannten hiſtoriſchen An⸗ gaben oder ſolche, die er durch eigene Forſchung zu ſammeln vermochte, hinauszugehen. Wenn er nicht alle neue Angaben kennt, die möglicherweiſe erſt ſpäter an's Licht treten, ſo kann ihm ein vernünftiger Menſch dar⸗ aus keinen Verwurf machen. Wenn alſo Graf Björnſtjerna's Aufſchlüſſe über diejenigen Punkte, wovon hier die Rede iſt, auch voll⸗ kommen glaubwürdig wären, ſo hätte Herr Bergſtedt ſich gleichwohl mit mehr Tact über einen Vorgänger äußern müſſen, da er ſchon aus dem Titelblatt erſehen konnte, daß die Aufzeichnungen des Grafen erſt ein Jahr ſpäter herauskamen. Da wir für das größere Publikum ſchreiben, ſo beſitzt dieſes auch ein Recht, Wahrheitsliebe von uns zu fordern, ſo weit es uns möglich iſt die Wahrheit zu ermitteln. Wir haben uns deßhalb auch zu dieſer Recht⸗ fertigung gedrungen gefühlt und derſelben keinen beſ⸗ ſern Platz anweiſen zu können geglaubt, als in einer Arbeit, deren Handlung gleichfalls in den Zeitpunkt der vormundſchaftlichen Regierung fällt und worin meh⸗ rere ſchon im Trabanten vorkommende Perſonen auftreten, die in demſelben Geiſt und nach denſelben Quellen gezeichnet ſind. — N2SU8NA 251 Erſtes Kapitel. Guſtav Adolph's IV. Ankunft in Petersburg. Der 25. Auguſt 1796 war gekommen. Schon am frühen Morgen wimmelten die Straßen Petersburgs von Volksmaſſen. Seit zwei bis drei Monaten hatte das Gerücht, daß König Guſtav Adolph IV. von Schweden einen Beſuch in der Hauptſtadt der Czaren machen werde und mit der ſchöͤnen, ſanften Prinzeſſin Alexandra verlobt ſei, den Gegenſtand des allgemeinen Geſprächs gebildet. Bereits wußte man, daß der junge König in Cron⸗ ſtadt gelandet hatte, und man erwartete ihn ſtündlich. Das Gedränge auf den Straßen nahm unaufhör⸗ lich zu. Die Quais auf beiden Seiten der Newa waren von zahlloſen Schaaren angefüllt. Neugierde und In⸗ tereſſe trieb die Leute aus allen Häuſern. Die Fenſter und Balkone waren gedrängt voll. Gleich dem dumpfen, tiefen Gebrauſe des wogenden Meeres, lief ein mäch⸗ tiges Gemurmel durch die unüberſehbaren Maſſen, wäh⸗ rend ſie auf die Rhede hinausblickten, von wo aus man den Helden des Tags zu ſehen erwartete. Von allen Seiten marſchirten Truppen in pracht⸗ vollen, koſtbaren Uniformen auf, doppelte Spaliere bil⸗ dend, gleich einer Allee, in welcher der königliche Gaſt bis zu dem Hotel paſſiren ſollte, das der ſchwediſche Ge⸗ ſandte, General Baron Stedingk, bewohnte. Endlich ſah man vom Wachtſchiff an der Mündung der Newa eine Rakete aufſteigen, und die Volksmaſſen begrüßten ſie mit lebhaftem Hurrahrufen. Kaum war die Rakete in den Wolken erloſchen, ſo begannen die Kanonen von der Citadelle her zu ſpielen. Unter dum⸗ pfem Gedonner warfen die ehernen Geſchütze Flammen aus, als wollten ſie mit ihrer Stimme und ihren Blitzen verkünden, daß ſie einem Monarchen den Willkomms⸗ gruß einer mächtigen Monarchin überbrachten. Der Donner iſt Gottes Stimme: der Donner der Kanonen iſt die Stimme der Monarchen. Auf einem Balkon gegenüber dem Landungsplatze zeigten ſich drei Perſonen: zwei Männer und eine Dame. Der eine trug einen langen ruſſiſchen Leibrock, der beinahe bis zu den Füßen hinabreichte und mit einer Schärpe um den Leib befeſtigt war. Ein kleiner nied⸗ riger Hut bedeckte ſein Haupt. Sein Geſicht verkündete edle Inſpiration: die Augen blitzten von Geiſt und die Stirne ſchien geſchaffen, um mit Lorbeeren geſchmückt zu werden. Aber das Geſicht war nicht frei: es war von einem ſtarken Bart eingefaßt, welcher der plaſtiſch reinen Formbildung und dem Apolloblitz, der den Aus⸗ druck belebte, gewaltig Eintrag that. Der Mann beugte ſich über das Geländer des Bal⸗ kons hin und folgte mit gieriger Aufmerkſamkeit dem Schiff, deſſen im Wind wehende königlich ſchwediſche Piade verkündete, daß es Schwedens König am Bord atte. Neben ihm ſtand ein jüngerer Mann in einfachem Ueberrock, aber gleichfalls den Hut ein wenig in die Stirne eingedrückt. Auch er beſaß eine edle Miene; aber obſchon nicht daſſelbe geniale Feuer aus ſeinen Augen ſtrahlte, ſo ruhte darin doch ein Ernſt voll Red⸗ lichkeit und Treue, wodurch er, wenn er auch nicht im erſten Augenblick überraſchte, gleichwohl das Intereſſe beſſer feſthalten zu können ſchien. Er war jünger, aber er ſchien eher ein jüngerer Bruder, als ein Sohn zu ſein. Der Ernſt ſeines Weſens ließ ihn älter er⸗ ſcheinen, als er war, wogegen der belebende Funke des Genies den Aelteren zu verjüngen ſchien. Die dritte Perſon war eine Dame in einfacher, aber geſchmackvoller Kleidung. Güte und Herzlichkeit überwogen bei ihr die Schönheit. Mitunter warf au ſie einen Blick über die Maſſen hinab, aber vorzugs⸗ weiſe ruhten ihre Augen auf dem Manne im ruſſiſchen 25⁵³ Leibrock, der augenſcheinlich die Hauptperſon in der kleinen Gruppe ausmachte. — Wie heftig und unruhig klopft es nicht in mei⸗ ner Bruſt! ſagte der Mann im Leibrock. Ich werde ihn alſo ſehen dürfen... gib das Fernrohr her.. ich kann es nicht abwarten... gib her... als ich ihn das letzte Mal ſah, ſtand er in ſeinem dreizehnten Jahre, und nun legt er in einigen Monaten ſein achtzehntes zurück... das ſind viele Jahre... er muß jetzt voll⸗ kommen herangewachſen ſein. 4 Mit dem Fernrohr am Auge forſchte er auf die Rhede hinaus.. — Kannſt Du Etwas ſehen, Armfelt? fragte die Dame. Der Mann im Leibrock war kein anderer als Baron Armfelt, und die Dame an ſeiner Seite war ſeine Ge⸗ mahlin, Hedwig Ulrika de la Gardin.. Nachdem Armfelt von der Kaiſerin die Erlaubniß erhalten, in Petersburg zu bleiben, jedoch unter der Be⸗ dingung, daß er als nach Kaluga verwieſen betrachtet werde, hatte er beſchloſſen, ein ſtrenges Incognito zu bewahren, bis die Zeit käme, wo er wieder auftreten könnte. Um die Kaiſerin zu überzeugen, daß er ſich in vollem Ernſt zurückgezogen habe, legte er ſogar eine in Rußland gewöhnliche, obſchon hauptſächlich nur bei den ächtruſſiſchen Volksklaſſen übliche Tracht an. Der jüngere Mann im Ueberrock war Döring. Armfelt beantwortete die Frage der Baronin nicht ſogleich, ſondern hielt das Fernrohr unverwandt auf das Schiff gerichtet. — Nein, ſagte er endlich, nein! und ließ dabei das Fernrohr auf ſeine Seite hinabſinken; ich ſehe bloß ein Gewimmel von Uniformen... „Ddböring zeigte nicht dieſelbe Theilnahme für die Paſſagiere des königlichen Schiffes; dageger ſchwebten ſeine Blicke über das unendliche Feld von Kopfen hin, das ſich unter ihm ausbreitete. 254 Armfelt ſetzte das Fernrohr von Neuem an. — Mein Gott, jetzt ſehe ich ein blaſſes Geſicht... das iſt... — Der König? — Nein, nein. — Wer denn? — Der Herzog, und an ſeiner Seite Reuterholm. Der Klang dieſes letzteren Namens wirkte beinahe unbehaglich auf die Anweſenden. — Der König zeigt ſich nicht? — Hinten ſteht ein ſchlanker Jüngling... jetzt wendet er ſein Geſicht hieher... er iſt's... das iſt der König. Armfelt war tief gerührt, als er den Sohn Gu⸗ ſtav's III. erblickte. Das Fernrohr ſank wieder hinab, und mit ſtarren Blicken ſah er auf die blaue Waſſer⸗ fläche hinaus, wo das Schiff herankam, während ſchnee⸗ weißer Schaum an ſeinem Vordertheil ziſchte. Das dumpfe Gemurmel des Volks wurde immer lauter, je näher das Schiff kam. Bald erblickte man mit bloßem Auge den jungen König, umgeben von ſeinem Gefolge, auf dem Verdeck. Eine Viertelſtunde ſpäter landete Guſtav Adolph, begleitet von ſeinem Oheim Karl und Reuterholm, nebſt einem zahlreichen, glänzenden Gefolge. Der Jubel des Volks ſteigerte ſich und erſcholl wie eine Poſaune aus einem Vulkan. Nie hatte der Bei⸗ fallsſturm der Maſſen den jungen König in ſeinem ei⸗ genen Vaterland mächtiger begrüßt, als hier an Newa's friedlichem Strande. Sein Empfang war wirklich ein Triumph, aber nicht der eines Kriegers, ſondern eines Liebhabers. Er kam nicht mit Lorbeeren bedeckt als Eroberer einer Stadt, ſondern er kam mit dem fried⸗ lichen Palmzweig und als Eroberer nur eines einzigen Herzens, des reinſten, des zärtlichſten, das je in einem Jungfrauenbuſen geſchlagen. Das Wohlwollen der ——— 25⁵⁵ Maſſen wurde ihm Alerandra's wegen geſpendet, denn das holde Mädchen wurde ſo allgemein geliebt, daß ihr Entzuͤcken ſich Allen mittheilte, die Alten belebend und die Jungen elektriſirend. Am Ufer von den höchſten Würdeträgern des ruſ⸗ ſiſchen Reiches empfangen, begab ſich der König unter dem fortgeſetzten Beifallsſturm des Volkes weiter. Mit unverwandter Theilnahme folgte Armfelt dem jungen Guſtav, in welchem er das wiedererſtandene, lebendige Conterfei ſeines abgeſchiedenen Freundes und Königs, ſowie die Hoffnung auf eine neu zurückkehrende Guſta⸗ vianiſche Aera zu erblicken glaubte. Die Baronin und Döring intereſſirten ſich, wenn auch nicht eben ſo lebhaft, doch eben ſo aufrichtig für Guſtav, in deſſen jugendlicher Hand Schwedens Schick⸗ ſale bald liegen ſollten, und der jetzt, der Stimme ſeines Herzens gehorchend, dem Glücke entgegenging, das ſeinem Leben den höchſten Reiz verleihen ſollte. Döring's Aufmerkſamkeit folgte indeß nicht aus⸗ ſchließlich dem Könige; ſeine Blicke irrten nach verſchie⸗ denen Seiten umher. In dem Augenblick, wo der Zug dicht unter dem Balkon vorbei kam, fiel Etwas vor, das ſeine Ver⸗ wunderung erregte. — Sehen Sie da, Herr Baron, ſagte er; was will das heißen? Armfelt und die Baronin wandten ſich nach der bezeichneten Stelle. „— Da find Reuterholm und Markow, fügte Dö⸗ ring hinzu, die mit einander ſprechen. — Still! ſtill! Reuterholm und Markow hatten ſich, in einem leb⸗ haften Geſpräch begriffen, ein wenig hinter die Uebrigen zurückgezogen. Was ſie ſagten, konnte man unmöglich hören, aber aus der Lebhaftigkeit ihrer Rede und aus den verbindlichen Geberden, die dabei ausgetauſcht wur⸗ 2⁵6 den, konnte man nur zu gut erſehen, daß ſie in gutem Einvernehmen ſtanden. Armfelt ließ ſie auch nicht mehr aus ſeinen Augen. Er wußte, daß ſie ſich zum erſten Mal trafen, und gleichwohl ſchien ihr Geſpräch ſo innig und vertraulich, als beträfe es weit ältere gegenſeitige Verbindlichkeiten. — Siehſt Du, welchen ſcheuen und geheimnißvollen Blick Reuterholm um ſich wirft? bemerkte Armfelt. — Er ſcheint ſehen zu wollen, ob ihn Niemand belauſcht. — So kommt es auch mir vor. Gib genau Acht; ſie bleiben ſtehen. Armfelt und Döring beugten ſich ſo weit als mög⸗ ich über das Geländer hinaus, um deſto beſſer beobach⸗ en zu können. — Sonderbar, ſieh, ſieh! Reuterholm zog jetzt ein verſiegeltes Papier heryor und überreichte es Markow, der es haſtig und ſo unbe⸗ merkt als möglich einſteckte. Unmittelbar darauf trenn⸗ ten ſie ſich und Reuterholm eilte dem Zuge nach, wäͤh⸗ rend ein fremder Mann zu Markow eilte und ihm ein Zeichen gab, auf welches hin dieſer einen Befehl er⸗ theilte und ſodann daſſelbe Dukument, das er ſo eben von Reuterholm empfangen hatte, übergab. — Hier geht etwas Sonderbares vor, bemerkte Armfelt. — Der Bediente eilt mit dem Schreiben fort, fügte Döring hinzu. — Der Bediente? Kennſt Du ihn? — Der Mann ſteht in Subow's Dienſt. Ich habe ihn mehr als einmal hinten auf ſeinem Wagen geſehen. Armfelt führte die Hand an ſeine Stirne, dieſes Gewölbe von weißem pariſchem Marmor, worin Geiſt herrſchte, umgeben von allen beſchwingten Genien der Phantaſte. Im glänzenden Ausdruck des Auges glaubte man zu ſehen, daß ein neuer Gedanke auftauchte, gleich⸗ —- CͤGA —cD GX SIe —&— 2 2 257 wie ein Stern aus der tiefblauen Woge des Himmels auftaucht. 7 — Beim Himmel, ſagte er, ich muß wieder vor die Kaiſerin treten. Die Verbannung hat bereits lang ge⸗ nug gedauert... zwei volle Monate... mein Gott, ich ertrage es nicht länger... ich muß mich wieder zeigen . muß ſprechen... warnen... Hedwig, der gute, ſanfte Genius, welchen die Vor⸗ ſehung an ſeine Seite geſtellt hatte, erſchrack beinahe, als er ſeine Abſicht äußerte, ſich wieder an den kaiſer⸗ lichen Hof zu begeben. — Beſter Armfelt, bat ſie, wirf Dich nicht von Neuem zwiſchen die Parteien. Bedenke, daß wir uns in fremdem Lande befinden, und daß wir auf allen Seiten von Neid und Feindſchaft umgeben ſind. Armſelt ging ab und zu. Hedwig's einfache Worte machten immer Eindruck auf ihn, weil er ihre auf⸗ opfernde Güte und verträgliche Ergebenheit ſo gut kannte. Du haſt Recht, antwortete er ihr, ich gebe das gerne zu; und gleichwohl kann ich Deinen Rath nicht befol⸗ gen, weil mein Inneres mir gebietet, anders zu han⸗ deln. Wo ſoll das Schwert ſein, Hedwig, außer im Kampfe? An der Wand aufgehängt, iſt es bloß ein Stück Eiſen, das bald verroſten wird. Du willſt, daß ich mich zurückziehen ſoll. Wohin ſoll ich mich denn ziehen? Ueberall befindet ſich meine Seele mitten in einem Kampf, den entgegengeſetzte Ueberzeugungen um die Zukunft der Welt kämpfen. Von allen Seiten hoͤre ich das Waffengetöſe zweier verſchiedener Zeiten, die gegen einander Sturm laufen. So lange man ein Kind iſt, wohnt man voll Zuverſicht unter dem Schutz der elterlichen Pflege; ſo lange die Zeit ein Kind war, war ſie auch leicht zu beherrſchen, denn die Regenten braͤuch⸗ ten bloß weiſe Väter, gute Patriarchen zu ſeſne Aber die Zeit iſt jetzt vollkommen herangewachſen; ſte denkt und handelt, ſte will etwas Beſſevem zueilen das ſie nicht kennt, und ſtürzt dabei⸗ ſehr häͤufig bleß von einem 417 Der Fürſt II. Tummelplatz in den andern, während ſie die Geſell⸗ ſchaft von Ruine zu Ruine mit ſich ſchleppt. Ganz Europa iſt auch im gegenwärtigen Augenblicke bloß eine große Ruine alter Herrſchergewalt. Unter dieſen Ver⸗ hältniſſen hat Rußland, unbemerkt von der übrigen Welt, ſich gebildet, bis es jetzt auf einmal in ſeiner koloſſalen Macht hervorgetreten iſt, nicht verweichlicht durch Civi⸗ liſaion, unverdorben in ſeinen Kräften, dem Wink eines einzigen Willens gehorchend. Und ich ſollte zurücktre⸗ ten? Ach nein, Hedwig, muthe mir das nicht zu. Mein Geiſt wird mitgeriſſen. Die Phalangen ordnen ſich im gegenwärtigen Augenblick, und will'’s Gott, ſo wird Schwedens Fahne an der Spitze derſelben flattern, um, wenn auch nicht mit eigenen Waffen, doch mit Waffen, 8 die ſeinem König gehorchen, einen geachteten und ſichern 3 Platz unter den Nationen zu erkämpfen. Ach Hedwig, ſo lange mächtige Gedanken in meinem Innern arbei⸗ 1 ten, verlange nicht von mir, daß ich Ruhe ſuche, denn es ſchmerzt mich nur, Deine Bitten nicht erfüllen zu können. Nur Eines kann ich Dir verſprechen, Hedwig.. — Laß hören, Armfelt. 3 1 — Daß ich Deiner würdig bleiben werde. 6 Hedwig ſank ſtill und hingebungsvoll wieder auf 1 ihren Sitz nieder. Die Arme über der Bruſt gekreuzt, betrachtete Armfelt eine Weile ſchweigend ſeine Gattin. — Arme Hedwig, ſprach er dann wieder, wenn ich Dich ſo mild, ſo gut und nachgiebig ſehe, ſo kann ich E nicht umhin, Dich zu beklagen. Du biſt eine Taube, e Hedwig, die von der Vorſehung verurtheilt worden iſt, ei einem Adler in ſeinem Flug zwiſchen Sternen und Don⸗ e nerwolken hin zu folgen; Du biſt ein Engel, der aus S dem Himmel geriſſen und an einen brennenden Kometen g auf ſeiner unregelmäßigen Bahn gebunden worden iſt. es Arme Hedwig! Alle Weiber, die je meine ſchwache Na⸗ ſt tur bezaubert haben, ſtehen doch weit hinter Dir zurück: 5 in meinem Herzen beugt jede von ihnen ihr Knie vor n Deinem Thron, Ich ſehe, daß eine Thräne in Deinem be 259 Auge glänzt: ſie bedeutet Vorwurf und dennoch Liebe, nicht waße3 Hdigs Dein Herz iſt beredt. Würdeſt Du gleichwohl mich ſo innig lieben, wie Du es thuſt, Hed⸗ wig, wenn ich anders wäre, als ich bin? 1 3 Von dem kühnen politiſchen Ausflug, den Armfelt's. Gedanken ſo eben gemacht, hatte er ſich mit der ganzen Innigkeit eines zärtlichen und gefühlvollen Mannes an Hedwig's Herz herabgelaſſen, und ſie hörte nicht bloß warme und wahre Ergebenheit in ſeinen Worten, ſon⸗ dern ſie las auch Aufrichtigkeit in ſeinem Ausdruck. Die Thräne in ihren Augen verſchwand, und ein freund⸗ liches, mildes Lächeln beſeelte ſie wieder. 3 — Möchteſt Du mich anders haben? wiederholte Armfelt ſeine Frage. Ich bin wie der Vogel, der mit Flügeln geboren iſt... nimm die Flügel weg, Hedwig, und Du haſt nur noch eine Fleiſchmaſſe übrig... wei⸗ ter Nichts. Möchteſt Du das, Hedwig? Hedwig lächelte.. — So bleibe denn, was Du biſt, Armfelt. Fliege Du... ich will im Neſte wachen... aber wenn ich manchmal klage, ſo geſchieht es bloß aus Furcht, daß nnaSeh kommen und Dich in Deinem Fluge fällen möchte. — Du biſt alſo wieder mit mir zufrieden? — Ja, Armfelt, ja. — Gibſt Du auch zu, daß jetzt der Augenblick ge⸗ kommen iſt, handelnd aufzutreten und unſern Feinden entgegen zu wirken? Der König von Schweden iſt hier... er iſt jung, unerfahren, ohne all die Weltkenntniß, die erſt mit den Jahren gewonnen wird; er wird mit der Semiramis des Nordens, der geiſtreichſten und macht⸗ gierigſten Monarchin Europa's, zuſammentreffen, und es wird da ein Bund geſchloſſen werden, wobei der Er⸗ ſtere nur den Eingebungen ſeines Herzens gehorchen dürfte, während die Letztere, die ihre politiſchen Abſichten nie vergißt, mit diplomatiſcher Feinheit jeden Schritt berechnen wird. Aber die Gefahr eſcheint, voch größer, 1 wenn man die Parteiintriguen nicht überſieht, die um beide herum, ſowohl um die Kaiſerin als um Guſtav, geſpielt werden. Wir haben ſo eben geſehen, daß Reu⸗ terholm Markow ein Schreiben zuſtellte. Was bedeutet das? Beim Himmel, ich muß handeln, wenn mir nicht die Frucht einer vieljährigen Thätigkeit von Neuem ent⸗ riſſen werden ſoll. Billigſt Du meine Anſicht nicht, Hedwig? — Thue wie Du willſt, Armfelt. Die Politik iſt für mich ein Intriguengewebe, das ich nicht begreife. Wenn ich Deine Entſchluſſe höre, billige ich ſie manch⸗ mal nicht, weil Deine Kühnheit mich bang macht; aber wenn ich Dir ſo zuhöre, ſo kann ich keiner andern Mei⸗ nung ſein. Dein kühner Flug hat Dich ſo hoch ge⸗ führt, daß die Taube, welche Dir mit matten Schwin⸗ gen folgt, die Erde nicht mehr ſieht, ſondern nur Dich . und die Wolken, Armfelt. — und hinter den Wolken— die Sterne, Hedwig. Armfelt ging im Zimmer auf und ab. — Es handelt ſich, begann er wieder, bloß um eine paſſende Art und Weiſe des Auftretens. Die Kaiſerin hat Charakter: man muß dieſen beſtegen, um ſie ſelbſt zu beſtegen. Wenn man ſie jetzt erzürnte, ſo wäre Alles verloren. Döring war auf dem Balkon geblieben. Obſchon ſeine Aufmerkſamkeit hauptſächlich auf die wimmelnden Volksmaſſen gerichtet war, die jetzt hinter dem fürſt⸗ lichen Zuge zuſammenſtürzten und verſchwanden, wie die Wogen im Kielgang eines Schiffes, ſo war doch das Geſpräch zwiſchen Armfelt und Hedwig für ihn nicht verloren gegangen. Auch Döring war in den letzten zwei Monaten von der Umgebung der Kaiſerin ausgeſchloſſen geweſen. Es ſchien ihm ſein Schickſal zu ſein, immer Freud und Leid mit Armfelt zu theilen. Nichtsdeſtoweniger war ſeine Sehnſucht dorthin gerichtet, und ſein Verlangen wurde um ſo peinlicher, je ſchwerer es zu erfuͤllen war. M—ͤ—— 261 Die Politik war indeß nicht der Magnet, der ihn an⸗ zog. Wir haben geſehen, wie unwillkürlich ſeine Nei⸗ gung für Willanow entſtanden war. Die Umſtände machten bei ihrem erſten Zuſammentreffen einen Knie⸗ fall zur Ritterpflicht für ihn, obſchon ſie damals noch ein ihm unbekanntes, verſchleiertes Weib war und, nach ſeiner Meinung, bereits einen Andern liebte. Aber der Schleier ſiel und er wurde überſtrahlt von ihrer Schön⸗ heit. Mit einer ganz unwiderſtehlichen Theilnahme folgte er ihr ſeitdem: er glaubte zwar ſelbſt, daß ſeine Theilnahme bloß Freundſchaft ſei, aber Liebe und Freund⸗ ſchaft ſind Zwillinge, und man läßt ſich oft durch ihre Aehnlichkeit täuſchen. Das herzliche Verhältniß, das er zwiſchen Willanow und Worowitſch vorausſetzte, war die Schachfigur, die ihn allmählig über die wahre Beſchaf⸗ fenheit dieſer Theilnahme aufklärte. Und obſchon er ſich fortwährend Beiden als treuer Freund widmete, ſo er⸗ hob doch bald die Eiferſucht ihren ſchwarzen Negerkopf über die Schulter der Freundſchaft, und er vermochte nicht mehr mit ungemiſcht reinem Gefühl in ſein eige⸗ nes Herz zu blicken. Die feſſelnde Anmuth des Fräu⸗ leins, noch mehr aber die einnehmende Art, wie ſie ihn behandelte, während er Worowitſch immer als denjenigen betrachtete, der ſie trennte, erweckte in ihm eine Unruhe, wodurch er allmählig die Selbſtbeherrſchung verlor, die er gewonnen hatte, nachdem die Hoffnung auf Louiſen's Beſitz als ein von rauher Wirklichkeit verſcheuchter Ju⸗ gendtraum, wie eine zu früh aufgegangene und zu früh verwelkte Aprilblume verſchwunden war. So ſtand es um ihn, als das Ereigniß im tauri⸗ ſchen Palaſte auf einmal die Gedanken ſeines Herzens entſchied. Den Verdruß, welchen er empfand, als Wo⸗ rowitſch ſich weigerte, Willanow's Hand von der Kai⸗ ſerin anzunehmen, grenzte an unbändigen Haß, und hätte nicht Rückſicht auf die Anweſenden ihn zurückge⸗ halten, ſo würde er ſeinen Freund für dieſes gemeine Benehmen auf der Stelle niedergeſtoßen haben. Er ſah, 262 wie ſehr Willanow litt, und er ſchrieb ihren Schmerz dieſer vermeintlichen Niederträchtigkeit zu. Mächtig er⸗ hob ſich in ſeinem Innern eine Stimme zu ihrer Ver⸗ theidigung; und wenn er auch das arme Mädchen noch nie vorher geſehen hätte, ſo würde doch der ſeelenvolle Blick, den ſie um ſich warf, gleich als ob ſie nach einem Beſchützer ſuchte, ihn zu ihrem Vertheidiger gemacht haben. Es war nicht der Ort ſich lange zu beſinnen, und die Ehre des Fräuleins konnte in dieſem Augen⸗ blick nur auf eine einzige Art vertheidigt werden, wenn nämlich ein Mann ſie ſeiner Ergebenheit würdig erklärte. Döring bedachte ſich alſo nicht. Allerdings hatte Arm⸗ felt ſie ihm empfohlen, aber dadurch ließ er ſich nicht leiten; wenn das Gefühl ſpricht, vergißt man alles Andere. Döring war überdieß kein Mann, der eigen⸗ nützige Berechnungen über die Gebote des Herzens und der Ehre ſtellte. Aber das Maß ſollte gefüllt werden. Die Kaiſerin verſchenkte die Hand des Fräuleins an Orlow. Dieß war eine neue Mauer, die ſich zwiſchen ihm und ſeinem Paradies erhob in dem Augenblick, wo er an keine Hinderniſſe mehr geglaubt hatte. Mit auf⸗ rühreriſchem Gefühl zog er ſich aus Achtung zurück, jedoch in der Hoffnung, daß Willanow ſich eher dem ganzen Zorn der Kaiſerin ausſetzen, als einem Befehl unter⸗ werfen würde, der gegen ihr Gefühl ſtritte; aber wie ſchmerzte es ihn nicht, als auch ſie freiwillig ſich zur Verbindung mit dieſem Manne bereit erklärte! Damit erloſch der letzte Hoffnungsſtrahl, und ſchon errichtete die Erinnerung ein Monument für zwei theure Verluſte in ſeiner Bruſt, als auf einmal die Verhältniſſe ſich ver⸗ änderten und er erfuhr, daß Worowitſch der Bruder des Fräuleins war, Orlow aber ihre Einwilligung durch die Drohung, ihre Eltern zu verrathen, erzwungen hatte. Döring's Liebe war auf ſolche Art beinahe unwill⸗ kürlich emporgewachſen. Ein Umſtand hatte ſich an den andern gereiht, und jeder neue Umſtand hatte einen Feuerfunken in ſein Herz geſchleudert. Unter der Maske ——9 ᷣ— 8 263 der Freundſchaft hatte die Liebe ſich bei ihm eingeſchli⸗ chen und ihre Vermummung nicht eher abgeworfen, als bis ſie Herr über ihn geworden war. In ſeiner Liebe für Louiſe Poſſe hatte er die Glückſeligkeitsinſel ſeiner Zukunft als ein ſchimmerndes Luftgebilde geſehen, und dieſelbe Inſel ſchimmerte ihm jetzt wieder entgegen. Sollte auch ſie in der Tiefe verſchwinden? Zwar ſtan⸗ den die Kaiſerin und Orlow ihm gegenüber; aber die Kaiſerin konnte gewonnen und Orlow konnte beſtegt werden. Allerdings erinnerte er ſich jetzt auch ſeiner unehelichen Geburt; aber die Ruſſen, die ſo oft von Frauen beherrſcht worden, waren tolerant; das eigene Verdienſt, die perſönliche Auszeichnung ſchwang ſich bei ihnen leichter auf die gleiche Höhe mit der Geburt, weil ſich mehr Gelegenheiten dazu darboten. Im Uebrigen befanden ſich Willanow's Eltern, trotz ihres fürſtlichen Ranges, in einer ſolchen Lage, daß ſie ſo gut wie alle Andere von der Gnade der Kaiſerin abhingen, und außerdem beſaß er ja auch in Worowitſch einen Freund, auf den er jetzt rechnen zu konnen glaubte. Nichtsdeſtoweniger und obſchon er mit prüfender Umſicht die Frage behandelte, empfand er zuweilen Un⸗ ruhe darüber; aber er beſchloß zu handeln und bei Zei⸗ ten Willanow und Worowitſch ſein Geheimniß anzu⸗ vertrauen. In dieſer Abſicht hatte er ſich zuerſt zu General Suwarow begeben, um Worowitſch zu treffen, aber man erklärte ihm, daß der General fort ſei, und daß man Niemand mit Namen Worowitſch kenne; unruhig darüber eilte er nach dem tauriſchen Palaſt, aber hier verwei⸗ gerte man ihm den Zutritt. Je mehr der Bogen ge⸗ ſpannt wird, um ſo mehr erhöht ſich ſeine Kraft. Je mehr Hinderniſſe ſich der zu wirklichem Leben erwachten Reigung entgegenſtellen, um ſo heftiger wird ſie. Aller⸗ wärts von Schwierigkeiten umringt, grübelte er Tag und Nacht über die Möglichkeit, ſie zu überwinden. Die Geruͤchte über die Feſte, welche Guſtav Adolph IV. 264 zu Chren veranſtaltet werden ſollten, bildeten das Tages⸗ geſpräch. Bald erzählte man das Eine, bald das An⸗ dere. Endlich vernahm er Etwas, was ihn im höchſten Grad erſchreckte. Man ſagte, es ſolle ein Carrouſſel gegeben werden, ein Ritterſpiel, und nach demſelben wolle die Kaiſerin die Hochzeit von Orlow und Willa⸗ now feiern. Unter den vielen Rittern, die auftreten ſollten, würde, erzählte man, auch Graf Orlow ſelbſt zu Ehren ſeiner jungen Braut eine Lanze brechen. Von dieſem Augenblick an kam keine Ruhe mehr in Döring's Seele. Eine Angſt, peinlicher als die Qua⸗ len des Siſyphus, bemächtigte ſich ſeiner. Aus dieſer qualvollen Unruhe bildete ſich indeß ein Plan, den er unverzüglich in's Werk ſetzte. Da er jetzt auch Arm⸗ felt's Entſchluß, am Hof aufzutreten, vernahm, obſchon der Baron kein paſſendes Mittel wußte, wie er es wa⸗ gen könnte, den Befehl der Kaiſerin zu übertreten, ſo verließ er den Balkon, bat um ein Geſpräch unter vier Augen und eröffnete ſeine Abſichten, ſo wie den Ent⸗ ſchluß, zu welchem er gekommen war. Wir übergehen jetzt dieſen Plan, werden aber ſpä⸗ ter darauf zuruͤckkommen. — Sie, Herr Baron, ſchloß Döring ſeine Erkläͤ⸗ rung, werden dadurch in Stand geſetzt, zu ſehen, welche Wirkung mein Auftreten hervorbringt, und Sie können daraus ſchließen, welche Ausſichten auf Erfolg Sie für Ihr eigenes Auftreten haben. Armfelt fand den Plan vortrefflich, obſchon ſehr gewagt, und da er ſchlimme Folgen von einer ſolchen Ünvorſichtigkeit fürchtete und in Betreff ſeiner ſelbſt weit ruhiger war, ſo glaubte er ihm abrathen zu müſſen. — Herr Baron, antwortete ihm Döring, ich habe Nichts zu verlieren, was ich nicht bereits verloren hätte, und es mag geſchehen was da will, in einer Stunde geht mein Weg in's Schloß. — Unbedingt? — Unbedingt, Herr Baron. 265 — Gut, Döring, ich folge Dir, Pietro... Der Kammerdiener trat ein. — Ich will meine Toilette machen... halte Alles in Ordnung. Armfelt ſchritt unaufhörlich auf und ab, die neue Wendung überlegend und berechnend, die er jetzt dem Gang der Ereigniſſe zu geben wünſchte. Mit vollkommener Ruhe in ſeiner Miene, kehrte Döring auf den Balkon zurück und ſchaute über die Volks⸗ maſſen hinab, die ſich allmählig zu verlaufen anfingen. Hedwig wiegte ſich in ein liebliches, ſchmeichelhaftes Vertrauen auf Armfelt's Erfahrung und Klugheit ein. Inzwiſchen öffnete ſich die Thüre und Pietro erſchien von Neuem auf der Schwelle. So eben ſind dieſe drei Briefe angekommen, Herr Baron, meldete der Kammerdiener.. Armfelt betrachtete flüchtig die Handſchrift und über⸗ gab dann die Briefe lächelnd ſeiner Gemahlin. 5 — Willſt Du, daß ich ſie erbrechen ſoll? fragte ſie, indem ſie mit großen Augen aufſchaute. 7 — Allerdings, Hedwig; Niemand verdient mein Vertrauen ſo ſehr wie Du. Aber auch Hedwig hatte inzwiſchen die Schriftzüge betrachtet, und eine flüchtige Röthe breitete ſich dabei über ihre Wangen. — Nein, Armfelt, bemerkte ſie jetzt, erbrich ſie nur ſelbſt. Ich will Deine Geheimniſſe nicht wiſſen dieſe Briefe ſind von... — Von drei Damen... Du haſt's errathen, Hed⸗ wig... erbrich ſie immerhin. — Nun, wenn Du willlſt. „ Ich habe ſo ſchnell als moglich mit Ihnen zu ſprechen, Baron,“ las ſie in dem einen.„Eilen Sie alſo ſogleich hieher.“ Nur ein M war unterzeichnet. — Armfelt, Armfelt! ſagte die gute Hedwig bloß, indem ſie ihm vorwurfsvoll mit dem Finger drohte. 266 — Lies auch den zweiten Brief, antwortete Armfelt. „Ich brenne vor Ungeduld, Sie zu treffen,“ ſtand darin zu leſen.„Wenn Sie je auf den Fittigen der Liebe geflogen ſind, ſo bedienen Sie ſich ihrer jetzt. Ich warte.. ich verlange... ich ſeufze...“ Der Brief war mit einem P unterzeichnet. — Welche Thorheit, Armfelt! ſagte Hedwig. Du biſt mir ganz unbegreiflich. Ich muß ordentlich über Dich lachen. — Lache immerhin, Hedwig, aber erbrich auch den dritten Brief. „Wofern Sie nicht wollen, daß ich in Ihrer Fa⸗ milie auftreten und Sie Ihrer eigenen Frau verrathen ſoll, ſo befehle ich Ihnen, unverweilt hieher zu eilen. 3 habe Ihnen Etwas zu ſagen, was keinen Aufſchub duldet.“ Ein einfaches B ſtand darunter.. Hedwig lachte nicht, aber ſie lächelte ſchwermüthig, während in ihre Augen ein Glanz trat, gleich als hätte eine Thräne die blauen Kugeln mit einer kryſtallhellen Feuchtigkeit überzogen. — Wie leichtſinnig! ſagte ſte bloß. In Wien, in Neapel, in Rom, in Stockholm, in Aachen, in Paris, in Berlin... — Und in Florenz, in Parma, in Venedig, in München, fuhr er ſcherzend fort, in Frankfurt, in Dresden, in Hamburg, in Kopenhagen, im Haag, in Amſterdam, in Warſchau, in Potsdam, in Prag, in Olmütz, in Rheims, in Montpellier, in Marſeille, wie auch in London, in Dublin, in Edinburgh, abgeſehen von allen Städten zweiten, dritten und vierten Rangs, ungerechnet überdieß alle Marktflecken und kleinere Bade⸗ vrter... Hedwig konnte unmöglich ein herzliches Gelächter zurückhalten. Die Thräne, die ſo eben ihr Auge ge⸗ feuchtet hatte, verſchwand, und Freude und Friede kehr⸗ ten in ihre Bruſt zurück. —9———— 267 — Ueber die Schönheiten aller Städte und Orte habe ich geherrſcht, fügte Armfelt hinzu; aber außer Dir, Hedwig, hat keine mich beherrſcht. Hedwig ſchloß ihn in ihre Arme. 3 — Pietro, rief Armfelt, iſt Alles fertig? — Ja wohl, Herr Baron. — Es iſt eine hiſtoriſche Thatſache, daß die vormund⸗ ſchaftliche Regierung ſich der Verbindung Guſtav Adolph's mit einer ruſſiſchen Prinzeſſin lange widerſetzte, weil ſie theils den ruſſiſchen Einfluß auf die ſchwediſchen Ange⸗ legenheiten, theils eine Beſchränkung ihrer eigenen Re⸗ gierungsgewalt fürchtete, im Fall der König ſich von dem mächtigen Nachbar unterſtützt wüßte. Welcher von beiden Gründen überwog, laſſen wir dahingeſtellt ſein. Man wies inzwiſchen lange Katharina's Korderungen zurück und ging im Widerſtand ſogar ſo weit, daß man Guſtav in ſeinem ſtebenzehnten Jahre, als man ſeine Erziehung für vollendet anſah, mit der Prinzeſſin Louiſe Charlotte von Mecklenburg verlobte. Daß Guſtav mehr gezwungen als aus eigener Neigung auf dieſe Perſon einging, zeigte ſich ſpäter. Aber man ließ es hiebei nicht bewenden. Um den Bewegungen des Fürſten Dolgo⸗ rucki an der finniſchen Grenze entgegenzutreten, ſchickte man den General Wrede nach Finnland. Als charakte⸗ riſtiſch für die inneren Verhältniſſe dieſer Zeit verdient bemerkt zu werden, daß Wrede, der als ein ſehr ausgezeich⸗ neter und rechtſchaffener Mann bekannt war, in ſeiner Abſchiedsaudienz gegen den König äußerte, er ſollte ſich in Folge der Ungeſchicklichkeit der vormundſchaftlichen Regierung mündig erklären. Der König verwarf in⸗ zwiſchen dieſen Vorſchlag. Unter ſolchen Umſtänden kam der ruſſiſche Geſandte, Baron Budberg, nach Stockholm. Die Regierung em⸗ pfing ihn mit Kälte und Trotz, und Budberg ſtand 4 268 hierin nicht zurück. Aber auf einmal wurde ein ganz anderer Ton angeſchlagen. Die vormundſchaftliche Re⸗ gierung wollte parlamentiren und eröffnete die Unter⸗ handlungen. Budberg wurde aufgeſucht; aber er er⸗ klärte, daß er ſich nur mit Freunden Guſtav's III. in Unterhandlungen einlaſſe, und als ſolcher wurde ihm, Eſſen bezeichnet. Je mehr Schwäche, um nicht zu ſa⸗ gen Feigheit, die vormundſchaftliche Regierung verrieth, eine um ſo ſtolzere Sprache fuüͤhrte Budberg. Vieles war auch jetzt anders geworden. Man nimmt an, daß der König ſich für Alexandra erklärt, und man glaubt zu wiſſen, daß mit Einwilligung der Kaiſerin durch Vermittlung Armfelt's, wie auch der Grafen Stenbock und Schwerin und anderer vornehmen Schweden, eine geheime Correſpondenz zwiſchen dem König und der Prinzeſſin ſtattgefunden habe. Da Budberg's erſte Forderung indeß darin beſtand, daß Reuterholm vom Staatsruder entfernt werden müſſe, ſo opferte man ſogleich die mecklenburgiſche Prinzeſſin auf, in der Hoffnung ihn dadurch zu retten. Die Un⸗ terhandlung zog ſich gleichwohl in die Länge. Budberg lud den König und den Herzog nach Petersburg ein, um ſie dort abzuſchließen; aber im Anfang wurde auch dieß abgelehnt. Die Geſinnungen des Herzogs und Reu⸗ terholm's geſtalteten ſich inzwiſchen immer günſtiger für Rußland, und man ging ſo weit, daß man nicht bloß allen Widerſtand aufgab, ſondern ſogar ſelbſt in Ruß⸗ lands Intereſſe arbeitete. Reuterholm übernahm um dieſe Zeit die ganze auswärtige Correſpondenz und unter⸗ ließ jetzt Nichts mehr, um ſich bei Budberg einzuſchmei⸗ cheln; er war es endlich auch, der bei Guſtav den Ent⸗ ſchluß durchſetzte, die Reiſe nach Petersburg anzutreten. In den öͤffentlichen Dokumenten wurde inzwiſchen die fragliche Vermählung niemals als das eigentliche Motiv der Reiſe bezeichnet, ſondern man betrachtete dieſe bloß als eine übliche Höflichkeit zwiſchen Höfen. War inzwiſchen die Nachgiebigkeit der vormund⸗ 269 ſchaftlichen Regierung aufrichtig? Lagen keine beſondere Abſichten hinter den ſichtbaren verborgen? Während man den Lieblingswünſchen der Kaiſerin ſchmeichelte und dem König Hoffnungen einflößte, ſuchte man da nicht insgeheim oder mittelſt eines fein angelegten Pla⸗ nes den Gang der Ereigniſſe in ein anderes Strombett zu leiten, um dadurch auf eine verborgene Weiſe ſeine Zwecke zu erreichen? Bei den Berathungen, welche die ſchwediſche Re⸗ gierung in Betreff der Reiſe pflog, waren allerdings auch die Bedingungen eines Ehebundes beſprochen wor⸗ den. Außer der Frage wegen eines Vertrags, der in Bezug auf den beabſichtigten Krieg gegen Frankreich zwiſchen Schweden und Rußland abgeſchloſſen werden ſollte, kam auch die Frage wegen des abweichenden Glaubensbekenntniſſes der Prinzeſſin zur Sprache. Ein definitiver Beſchluß wurde inzwiſchen nie gefaßt.. Von dem Augenblick an, wo die vormundſchaftliche Regierung in die ruſſiſchen Forderungen gewilligt hatte, war der Kurierwechſel zwiſchen den betreffenden Höfen lebhafter geworden. Die Kaiſerin verließ um dieſe Zeit den tauriſchen Palaſt, der außerhalb oder wenigſtens am äußerſten Ende Petersburgs an der Mündung des Octa liegt, und bezog die Eremitage, ein durch zwei bedeckte Gänge mit dem Winterpalaſt verbundenes Schloß, das ſie für die ſchönen Künſte und die Vergnügungen des Geſellſchafts⸗ lebens hatte aufführen laſſen. Hier wollte ſie den Schwe⸗ denkönig empfangen. 3 Ein Eilbote meldete der Kaiſerin die Stunde, wo der König in Cronſtadt anlangte, ein zweiter benach⸗ richtigte ſie, als er dieſe Stadt verließ; ein dritter, als ſein Schiff von der Thurmwarte der Admiralitätskirche aus entdeckt wurde; ein vierter, als die Citadelle ihre Salutation beginnen wollte; ein fünfter, als der Kö⸗ nig an's Land ſtieg, und ein ſechster, als er das Hotel betrat, das der ſchwediſche Geſandte bewohnte. 270 Katharina ſtand vor ihrem Spiegel in dem Augen⸗ blick, wo wir jetzt bei ihr eintreten. Ihre Toilette war äußerſt koſtbar und prachtvoll... nicht die gewöhnliche kurze Uniform mit den langen weiten Aermeln. Sie erwartete einen Beſuch des Königs von Schweden, und ſte wollte ihn als Kaiſerin von Rußland empfangen. Die⸗ Eleganz europäiſcher Moden, vermählte ſich daher jetzt mit der verſchwendriſchen Pracht Aſiens. Ihre Haare waren mit der größten Sorgfalt friſirt, und zwiſchen den Locken und Flechten funkelten Juwelen wie klare Thautropfen zwiſchen den Gewinden einer Kaiſerkrone. Obſchon ſie ſich bereits in einem vorgerückten Alter be⸗ fand, konnte man dieß doch kaum bei ihr entdecken. Die Kunſt lieh ihr Roſen und Lilien, um die Spuren zu verdecken, welche die Jahre hinterlaſſen hatten. Die Schminke war damals in Europa noch modern; aber ſich ſo zu ſchminken, daß die Natur ſelbſt ſich getäuſcht glauben konnte, war eine Kunſt, welche Katharina bis zur Meiſterſchaft vervollkommnet hatte. Noch einmal warf ſie ihren Blick in den Spiegel. Seit langen Zeiten war ſie nicht ſo heiter und ſo zu⸗ frieden geweſen, wie in dieſem Augenblick; ihre Zufrie⸗ denheit belebte daher ihre Anmuth, und der ſchmeichel⸗ hafte Gedanke, einen lang gehegten politiſchen Wunſch bald mit Erfolg gekrönt zu ſehen, erhöhte ihre Majeſtät. Branitzka war die einzige von ihren Hofdamen, die ſich zugegen befand. — Was meinſt Du, Branitzka? ſagte ſie; fehlt Etwas an meiner Toilette? — Nein, Ew. Majeſtät, antwortete ſie; Sie ſehen ſo jung aus, als haͤtten Sie kaum vierzig hinter 1 Die Kaiſerin wandte ſich um und betrachtete lächelnd ihre Freundin. Armfelt würde mir kein ſolches Compliment ge⸗ macht haben, Branitzka; aber Du kannſt ihn ja nicht ausſtehen? fügte ſie hinzu. un 271 Branitzka hatte die Kaiſerin lange nicht von Arm⸗ felt ſprechen gehört, und in ihrer Ueberraſchung ließ ſie das Sonnenſchirmchen von Marabut mit Golddruck, das ſie in der Hand hielt, fallen. — Nein, Ew. Majeſtät, antwortete ſie inzwiſchen, ich kann ihn nicht ausſtehen... ſch... ich... Zum Glück für Branitzka, kam in dieſem Augen⸗ blick Protaſow herein, aber ſo alterirt, daß die Kaiſe⸗ rin ihre ganze Aufmerkſamkeit ihr zuwandte. — Iſt der König von Schweden ſchon hier, oder warum kommſt Du ſo heftig hereingelaufen? 4 — Ein unerhörtes Ereigniß, Ew. Majeſtät, ein ſchreckliches Ereigniß... — Du erſchreckſt mich. — Ew. Majeſtät, ſtammelte das aufgeregte Fräu⸗ lein, man hat... man hat... aber ich fürchte, Ew. Majeſtät könnten ſich erzürnen. — Fürchte Nichts... ſage mir kurz und gut, was es iſt.. ich bin auf's Schlimmſte gefaßt. Iſt Alexandra — Nein, Ew. Majeſtät, aber man hat... hat... Protaſow nahm endlich ihren ganzen Muth zuſammen man hat Ew. Majeſtät beleidigt. — Mich.. erkläre Dich. — EGw. Majeſtät erinnere ſich der Marmorbüſte unter der Kryſtallkugel draußen im Saal... — Meine Buſte... nun, ja... — Man hat ſie geſchminkt, Ew. Majeſtät. Die Kaiſerin ſtand einen Augenblick etwas verwun⸗ dert da, aber bald lächelte ſte wieder. — Sonſt Nichts, liebe Protaſow? Gewiß hat einer meiner Pagen ſich auf meine Koſten ein Späßchen ma⸗ chen wollen... was iſt es mehr... ſie müſſen doch auch ein Vergnügen haben. Sage, man ſoll die Büſte waſchen, dann iſt ja abgeholfen. . Protaſow entfernte ſich verlegen, aber herzlich ver⸗ gnügt über die Stimmung der Kaiſerin, die gewöhnlich 272 im Kreiſe ihres Hofes mild und freundlich war, jetzt aber ſich ſelbſt zu übertreffen ſchien. Die Laſt der Jahre bedrückte zwar die Kaiſerin manchmal, wenn ſtie es auch zu verbergen wußte, aber jetzt fühlte ſie ſich auf's Heiterſte belebt durch den Ge⸗ danken, daß Glück und Erfolg mit dem Glanz einer noch aufgehenden Sonne ihr entgegenlächelten. Der Abend ihres Lebens glich ſeinem Morgen: Hoffnungen und Befriedigung traten ihr von allen Seiten entgegen. Ohne an Protaſow's Mittheilung weiter zu denken, wandte ſich die Kaiſerin wieder ihrer Toilette zu, um die letzte Hand an ihren Schmuck zu legen. — Weißt Du auch, meine Liebe, ſagte ſie zu Bra⸗ nitzka, daß ich für eine Selbſtbeherrſcherin des größten Reiches der Erde manchmal beinahe zu gut zu ſein glaube. Ich kann ja kaum länger als eine Viertel⸗ ſtunde Jemand grollen. Siehſt Du, ich glaube, die Locken ſind zu weit herabgefallen; hilf nach, meine Liebe. Wenn ich mich in einem Augenblick des Un⸗ muths übereilt habe, ſo bereue ich es ſogleich wieder. Reue... das iſt etwas Unangenehmes. Ich denke, Du ſprachſt ſo eben von Armfelt. Branitzka war jetzt auf ein Geſpräch über ihn vor⸗ bereitet und aufmerkſamer auf ſich ſelbſt. 4 — Wir ſprachen von Armfelt, Ew. Majeſtät; ich weiß nicht, wie es kam. — Du kannſt ihn nicht leiden, Branitzka, abet Du haſt Unrecht. Als ich meine Toilette machte, dachte ich an ihn... — An ihn? — Gewiß iſt ihm ſeine Verbannung vom Schloſſe ſehr ſchmerzlich. Etwas höher mit den Locken. weiß, daß er ſich zurückgezogen hat, und daß er m Niemand mehr umgeht. Was ſagſt Du... ein Bis⸗ chen Schminke hieher, dächte ich. Es iſt ſchon von ihm, daß er ſich ſogar, um meinem Befehl ſo treu wie möglich nachzukommen, wie ein ſimpler Ruſſe trägtz fü kür ihre Ruhe gefährlich zu werden, wie früher an den 273 Ich meinte es indeß nicht ſo ſtreng, als ich im Scherz ſeinen Namen und ſeinen Rang nach Kaluga zurück⸗ ſchickte. Halt jetzt, Branitzka, Nichts mehr. So böſe Du auch auf ihn biſt, ſo kannſt Du doch nicht leug⸗ nen, daß in ſeiner Auffaſſung meiner Worte etwas Ritterliches liegt. Apropos, ſeine Frau iſt ja bei ihm? — Man ſagt es, Ew. Majeſtät. — Armfelt, der Guſtav Adolph ſo innig liebt und bewundert, muß durch den Gedanken, ihn hier zu wiſ⸗ ſen und nicht treffen zu dürfen, ſchmerzlich berührt werden. Dieſe Juwelen da ſehen matt aus, Branitzka . nimm einige andere. Du wirſt wohl nicht leug⸗ nen, daß Armfelt doch ein intereſſanter Mann iſt? — Danilowna ſcheint mirintereſſanter, Ew. Majeſtät. — Du haſt ſchlechten Geſchmack, Branitzka. Arm⸗ felt iſt einnehmend und angenehm. Er iſt ein wahrer Hofmann. — Wenn ich gleichwohl meine Anſicht ſagen darf, ſo finde ich, daß Lambro Cazzioni... wenn er nur ein hischen größer wäre... ebenſo einnehmend wäre. — In Deinem Unwillen übertreibſt Du, Branitzka. Wenn ich die Geſinnung des jungen Königs wiſſen könnte, ſo ſollte es mich intereſſiren, Armfelt wieder hier zu ſehen. Ich möchte ihn gern mit ſeinen Feinden verſöhnen. — Ew. Majeſtät ſind immer edelmüthig. Branitzka hatte ſich gleich bei ihrem erſten Zuſam⸗ mentreffen mit Armfelt feindſelig gegen ihn gezeigt; allein die Verhältniſſe hatten ſich ſeitdem ſehr verändert. Wollte man die Urſachen ihrer Stellung gegen Armfelt vollſtändig in Betracht ziehen, ſo müßte man ſehr weit zurückgehen; inzwiſchen wollen wir hier das Geheimniß mit einigen wenigen Worten erklären. Armfelt, der immer Geiſt und Anmuth zugleich zeigte, erweckte leicht zärtlichere Gefühle. Er brauchte auch unter den Da⸗ men des ruſſiſchen Hofes nicht lange zu verweilen, um Der Fürſt. II. 274 Hofen von Paris, Stockholm, Neapel u. ſ. w. Aber von all der Zuvorkommenheit und Aufmerkſamkeit, die er gegen Tauſende zeigte, ſiel nicht ein einziges Wört⸗ chen Branitzka zu. Je mehr er ſie ignorirte, um ſo genauer beobachtete ſie ihn, bis ſie ſich endlich einer Leidenſchaft hingab, die ſich in ſeindlichen Ausfällen Luft ſchaffte, und wodurch Armfelt's Aufmerſamkeit zuletzt auf ſte gelenkt wurde. Ohne zu wiſſen, was in Branitzka vorging, wußte er auch Nichts von dem Sieg, den er uber ſie errungen hatte, bis die Gräfin, der mächtigen Stimme ihres Gefühls gehorchend, ſich ſelbſt erklärte. Zu ſtolz, um ihre einmal ausgeſprochenen feind⸗ ſeligen Worte vor denjenigen zurückzunehmen, die ihren Unwillen gegen Armfelt bereits beobachtet hatten, be⸗ harrte ſie dabei auch nachdem das Verhältniß ſich ver⸗ ändert hatte. Ihre Liebe, die brennend, heftig, gewalr⸗ ſam war, ſtand auch immer auf der Grenze eines Ver⸗ dachtes, auf dem Wendepunkt eines Haſſes. Sie zwei⸗ fene und litt, das Leiden aber machte ſie zu Allem ähig... Sobald die Günſtlingspartei erfuhr, daß die Kai⸗ ſerin Armfelt's Verweiſung nach Kaluga modiſtzirt hatte, erwachten ihre Beſorgniſſe von Neuem, und obſchon man der Monarchin keine Vorwürfe zu machen wagte, ſuchte man doch zu erforſchen, was dieſen Schritt veranlaßt hatte. Dabei fand man die bereits gemachte Entdeckung, daß Armfelt unter den Damen des Hofes eine ſehr mäch⸗ tige Partei beſaß, und daß die Fürſtin Menzikow nebſt dem Kammerfräulein Protaſow an der Spittze derſelben ſtand, von Neuem beſtätigt. Auf Menzikow hatten die Günſtlinge nie gerechnet, weil dieſe Dame ſich ganz unabhängig von ihnen geſtellt hatte; aber Protaſow hatten ſte ſogar in gewiſſe Theile ihrer Intriguen ein⸗ geweiht und ärgerten ſich alſo um ſo mehr, daß ſte von ihr betrogen ſein ſollten. Man ließ jetzt ſämmtliche Damen des Hofes eine ſtrenge Revue paſſtren und ge⸗ langte zu dem Schluß, daß die einzigs aufrichtige Fein⸗ 275 din Armfelt's, folglich die einzige zuverläſſige Perſon Branitzka ſei. Die Partei ſetzte ſich alſo ſogleich in Verbindung mit ihr, um ſo mehr als die Kaiſerin ihr ein großes Vertrauen ſchenkte, wodurch ſie einen nicht unbedeutenden Einfluß ausübte. Branitzka erkannte als⸗ bald die Nothwendigkeit, noch größere Vorſicht zu ge⸗ brauchen, und wenn bisher Stolz oder gekränkte Eigen⸗ liebe ſte veranlaßt hatte, eine feindſelige Stimmun gegen Armfelt an den Tag zu legen, ſo geſellte ſi jetzt noch die weibliche Liſt dazu, zumal da ſte nunmehr förmlich zur Günſtlingspartei gezählt wurde und daher hoffen konnte, Armfelt nützlich zu werden. Die Partei, die indeß nicht ſo bald vergaß, daß ſie von der unvor⸗ ſichtigen, leichtſinnigen Protaſow betrogen worden, ſchenkte ranitzka kein größeres Vertrauen, als juſt nöthig war, und bewachte ſie im Geheimen fortwährend mit auf⸗ merkſamen Blicken. Während die Kaiſerin ſprach, vergaß ſie ihre Rolle nicht; aber heftige Leidenſchaften erſchütterten ihre Bruſt und ſtritten um ihr Herz. Es war im höchſten Grad ſchmerzlich für ſie, nicht bloß, daß ſie ſich auf ſolche Art über einen Mann äußern mußte, dem ſie ſich doch bis zur blinden Raſerei hingegeben hatte, ſondern noch weit mehr, daß ſie aus dem Mund einer Andern ſein Lob vernehmen mußte. — Ein ſchöner Mann iſt Armfelt aber doch, fiel die Kaiſerin ein. Das mußt Du wenigſtens zugeben. — Sprechen Sie nicht von ihm, Ew. Majeſtät... ich bitte Sie... verſchonen Sie mich... ABranitzka ertrug es nicht mehr; ſie fühlte, daß ſie ihre wahren Gedanken nicht länger verbergen konnte, ſondern ſich bloßſtellen mußte, wenn das Geſpräch nicht bald aufhörte. Zu ihrem Glück trat in dieſem Augenblick Subow ein, und aus ihrer qualvollen Lage befreite ſie ein Wink der Kaiſerin, der ihr ſagte, daß ſie ſich entfernen ſollte. 18* —— 276 Zweites Kapitel. Branitzka und Hedwig Armfelt. Branitzka begab ſich von der Kaiſerin hinweg auf ihre eigenen Zimmer. Ihre Seele war tief aufgeregt. Sie begriff gar zu gut die unglückliche Stellung, in welche ihre Neigung ſie gebracht hatte, nämlich, daß ſie einen Mann liebte, der zwar allerdings ein lebhaf⸗ tes und warmes Gefühl beſaß, aber gleichwohl flatter⸗ haft genug ſich von jedem neuen reizenden Gegenſiand hinreißen ließ und... was ihr noch am zermalmend⸗ ſten erſchien... bereits an eine Andere gebunden war. Eine Andere: dieſer Gedanke erſchütterte ihre Bruft. Sie wechſelte die Farbe und wollte den Sturm in ihrem Innern beſchwören. Vergebens. Die Neigung, welche ſie mißbilligte, herrſchte mit dämoniſcher Machl über ſie. In welche beklagenswerthe Lage war ſie nicht durch dieſelbe verſetzt worden! Sie, die früher ſo über⸗ müthig auf diejenigen herabgeſchaut, die als ſchwache Opfer unter das Joch der Liebe verfallen waren, ſtand jetzt ſelbſt in einer falſchen Stellung gegen ihr ganzes früheres Leben, ja ſogar gegen ihre ganze Umgebung; egen die Kaiſerin, gegen die Günſtlinge, gegen ihre Punde und ſogar gegen Armfelt. Die Leidenſchaft war für ſie ein Tyrann geworden, der ſich jetzt ſchrec⸗ lich rächte für die ſtolze Verachtung, womit ſie ihn bis⸗ her betrachtet hatte. Die Lobſprüche der Kaiſerin auf Armfelt hatten ſte verdroſſen, weil ſie wollte, daß Armfelt's Lob nur uͤber ihre eigenen Lippen kommen ſollte. Unter den Günſtlingen intriguirte ſie gegen ihn, obſchon ſie in ihrer Seele nur für ihn arbeiten wollte⸗ Das Lob, das Menzikow und Protaſow ſo oft ver⸗ ſchwenderiſch uber ihn ergoſſen, hörte ſie mit verächt⸗ 277 lichem Lachen an, obſchon dieſes ſie quälte und ihr Herz dagegen proteſtirte.. Von dem Augenblick an, wo Hedwig nach Peters⸗ burg gekommen war, wurde ſie von einem düſtern, ver⸗ ſchloſſenen Unmuth erfaßt, den ſie nicht zu zügeln ver⸗ mochte. Wenn ein leidenſchaftliches Herz vom Glück eines andern träumt, ſo träumt es auch von ſeinem eige⸗ nen Unglück. Sie hatte Armfelt einige Male getroffen. Wenn er von ihr fort war, verlangte ſie nach ihm; wenn er bei ihr war, ſtieß ſie ihn beinahe von ſich. Sie war böſe auf die Kaiſerin, weil dieſe ihn nicht haßte, und dennoch freute ſie ſich ein ander Mal wieder innig, über die Lobſprüche, die Katharina ihm ſpendete. Sie war erzürnt über die Günſtlinge, weil ſie ihn verfolgten, und dennoch beruhigte es ſie zuwei⸗ len wieder, daß er durch die Intriguen dieſer Leute von einem Hof ausgeſchloſſen worden, an welchem er ſonſt vielleicht viel von dem Intereſſe verloren hätte, das er ihr jetzt einflößte. Sie war erzürnt über Men⸗ zikow und Protaſow, weil dieſe die gleichen Gedanken hegten. Sie war erzürnt über Hedwig, weil ſie ſeine Frau war, über Armfelt, weil er nicht ebenſo viel litt wie ſie, und über ſich ſelbſt, weil ſie litt. Branitzka war eiferſüchtig. Sie hatte ſich in eine Cauſeuſe geworfen und ihre Blicke flogen ohne ein beſtimmtes Ziel umher; aber Halddſtnnd ſie wieder auf: in ihrer Seele fand ſich kein riede. Im zweiten Stock der Eremitage befindet ſich ein Garten, deſſen gewölbter Boden im Winter geheizt wird. Dieſer Garten iſt eine Miniaturnachbildung eines der berühmten ſieben Wunder der alten Welt, nämlich der hängenden Gärten. Seltene tropiſche Pflanzen, Bäume und Blumen verſchönern dieſen Ort, wo ein ewiger Frühling zu herrſchen ſcheint. Auf der einen Seite 278 beſindet ſich ein großes Vogelhaus, hauptſächlich für Tau⸗ ben von allen Nahen. Es gehörte zu den größten Vergnügungen der Kai⸗ ſerin, in dieſem kleinen Eden die beſchwingten Bewoh⸗ ner der Luft um ſich zu verſammeln und mit eigener Hand zu füttern. Branitzka's Fenſter lagen zum Theil nach dieſer Seite hin; ein anderer Theil lag in einem vorſprin⸗ genden Winkel der Eremitage, von wo aus ſie Subow's Wohnung überſah, die ſich eine Treppe tiefer befand, als die ihrige. Branitzka ſchritt auf und ab. Die Spannung, worin ſie ſich befand, verſcheuchte Frieden und Ruhe aus ihrer Seele. Mitunter bewegten ſich ihre Lippen: als wollte ſie ihren Gedanken Luft ſchaffen, aber kein Wort kam daruͤber. Sie war blaß: die Leidenſchaſt zerpflückt und tödtet die Roſen der Wangen. Bald flog ihr Blick in Subow's Kabinet hinab, aber was kümmerten ſie all' die Menſchen, die ſich dort zu ver⸗ ſammeln anfingen! Bald wandte ſie ſich nach der au⸗ dern Seite, dem Garten zu, wo tauſend ſchöne Pflan⸗ een in namenloſer Schönheit prangten und die in allen Farben des Regenbogens ſchimmernden Vögel ſangen und zwitſcherten, glücklich über die Freiheit und Selig⸗ keit, die ſie von allen Seiten umgab; aber auch das ge⸗ währte ihr keine Freude. Aus ihrem eigenen Innern ſtieg eine Unruhe auf, welche Erde und Himmel für ſie verdunkelte. Die Un⸗ ruhe ſieht bloß ihr eigenes Spiegelbild, ſie ſieht bloß Unruhe. — Er kommt nicht, ſagte ſie endlich, Er mag ſich in Acht nehmen! Wieder ſank ſie in die Cauſeuſe am Fenſter, und ihre Blicke ſchwebten über den Garten hinaus. In der Nähe von einem Eingang deſſelben ſtand gewöhnlich ein Poſten, und ſie hörte die Tritte einer 70 279 Patrouille, die eben jetzt im Corridor ging, um die alte Schildwache abzulöſen. Branitzka erwartete Armfelt. 8 Aufmerkſam lauſchte ſie den Tritten, in der Hoff⸗ nung, daß ſie ſich täuſche, und daß Armfelt komme; aber in dieſem Augenblick hörte ſie ein Commando, Gew hre raſſelten und der neue Poſten nahm ſeinen Platz ein. Mit Kälte wandte ſie ſich von dieſer Seite des Gartens ab; allein ſte war deßhalb in ihrem Innern nicht kalt. — Liebe, ſagte ſie, unendliche Leidenſchaft! Der Sturm biegt den Baum, entblättert ſeine Zweige, plün⸗ dert ſeine Krone. Was plündert den Frühling des Her⸗ zens? Die Leidenſchaft. Der Wind ſpielt mit dem Wimpel, die Leidenſchaft ſpielt mit dem Gefuhl; aber beide weiſen uns nach der Richtung, wohin die Leiden⸗ ſchaft will. Der Kampf währt fort, ſte ſucht den Sieg; aber wenn kein Sieg zu gewinnen wäre? Ihr Linden, ſtreuet dann eure welken Blätter über ein Grab, das zu früh gebettet iſt und doch zu ſpät: zu früh, weil eine Frühlingsblume im Grabe ruht, zu ſpät, weil ſie niemals im Frieden mit ſich ſelbſt blühen durfte. Wo⸗ hin ſoll meine Liebe mich führen? An einem Abgrund aufgewachſen, beſitzt ſie keine Zukunft außer in ihm. Auf der Liebe in meiner Bruſt ruht ein Fluch, wie auf den Engeln, die von Gott abfielen. Barmherziger Himmel! Wohin wird dieſe Neigung, vor welcher alle meine Kräfte ſchwinden, mich führen? Muth, Branitzka, Muth! Es iſt beſſer, du haſſeſt, als du liebſt: deinen Haß kannſt du befriedigen, deine Liebe nicht. Wie eine Nat⸗ ter habe ich die Leidenſchaft an meiner Bruſt gewärmt; ich muß ſie beſiegen, um nicht von ihr beſiegt zu wer⸗ den. Ein Kampf ohne Hoffnung auf Sieg iſt ein Kampf für das Leben. Ich will leben.. ich will es. Werde wieder ſtolz, meine Seele; zertritt den Kopf der Schlange, die an mir nagt, in meiner Bruſt. Mein 280 Entſchluß iſt gefaßt... ich will Armfelt nie wieder ſehen... ich will wieder die Herrſchaft über mich ſelbſt gewinnen... ich will werden, was ich früher war... einig mit mir ſelbſt und mit Andern. a chabe ihn hieher beſchieden und er bleibt aus.. ja,... ich will ſtark ſein... will mich ſelbſt vekämpfen 8 will ihn muthig zurücknaiſer... ihn nie wieder ſehen... nie.. nie.. Waſſiliſſa, komm herein... Waſſt⸗ iſſa... Eine Kammerjungfer trat ein. — Wenn Baron Armfelt kommt, ſagte Branitzka n ihr, ſo ſag' ihm, ich ſei nicht zu Hauſe... weiſe ihn ab... du verſtehſt mich doch. ſag' ihm, ich empfange ihn nicht... ich wolle ihn nicht ſehen. wolle Nichts mit ihm zu thun haben. Nichts. ganz und gar Nichts... ich. Waſſiliſſa betrachtete die Gräfin mit ſtummer Ver⸗ wunderung. — Du haſt meinen Willen gehört... warum ent⸗ fernſt Du Dich nicht? — Baron Armfelt hat ſich ſo eben angemeldtt, Er wartet noch draußen. Branitzka ſprang von ihrem Platze auf. Ihre Miene gewann ihren ganzen Jugendglanz wieder. Ihre Wangen bepurpurten ſich mit neuen jungen Roſen, und die Augen ſtrahlten, als zitterten neue Himmel darin. — Er iſt hier, ſagte ſte, und Du täuſcheſt Dich nicht ... er iſt es wirklich und kein Anderer? Warte ein wenig... komm her, Waſſiliſſa... er hat auch auf ſich warten laſſen, jetzt mag er auch auf mich warten ... ich will meine Toilette machen... gib das Kleid her... ach, was bedeutet das... willſt Du, daß ich mich in rothe Seidenſarſche kleide? — Sie haben mir befohlen... — Fort mit allem Rothen; bring mir ein blaues Kleid mit Gold... oder... warum nicht... weiß mit Gold... das da... ja, ja... ſpute Dich, 281 Waſſtliſſa... ſpute Dich... jeder Augenblick iſt koſt⸗ barer als ein Juwel in der Krone der Kaiſerin... die Krone der Hoffnung iſt mehr werth, als alle Diademe fürſtlicher Macht... brav, Waſſiliſſa... es ſitzt vor⸗ trefflich. Hefte die Spitzendraperie an... ſo, ſo... die Friſur iſt bereits fertig... aber es fehlt Etwas .. ſtecke die Diamantagraffe in die Locken... ach, mein Gott, wie mein Herz klopft... jetzt verſtehe ich ... jetzt begreife ich, wie es den Engeln möglich war, zu fallen. wart' noch einen Augenblick... ich muß Athem ſchöpfen... bitte ihn, hereinzukommen... aber wart' noch einen Augenblick... ſpute Dich, Waſſtliſſa, ſpute Dich.. glaubſt Du, die Zeit bleibe ſtehen, weil Du ſtehen bleibſt... bei jedem neuen Pendelſchlag wird mein Herz um eine Seligkeit beſtohlen... ſpute Dich... Sobald Waſſiliſſa das Zimmer verlaſſen hatte, ſank Branitzka beinahe ohnmächtig in einen ſchwellenden Divan, und als Armfelt eintrat, ſaß ſie noch mit ge⸗ ſchloſſenen Wimpern da, während ihre Bruſt ſich un⸗ ruhig hob. Man hätte glauben können, ſie ſchlummere und träume... träume den ſchönſten Traum eines ge⸗ fallenen Engels. — Branitzka, flüſterte Armfelt. Branitzka ſchlug ihre Augen nicht auf, aber ein Lächeln flog über ihr Geſicht, als hätte der Ton ſeiner Stimme ſie in die höchſte Wonne verſetzt. Statt zu antworten, reichte ſie ihm ihre Hand. — Branitzka, flüſterte Armfelt wieder, indem er ſich über das bezaubernde Geſchöpf hinabbeugte. Schla⸗ gen Sie Ihre Augen auf, ich will in Ihr Herz blicken. Sie erfüllte ſeinen Wunſch, ſie ſchlug ihre Wim⸗ pern auf. Armfelt's und Branitzka's Augen ſtießen zuſammen, wie zwei Flammen, die an einander gera⸗ then und zu einer einzigen werden. Sie hatten ſich lange nicht geſehen. Sanft ſchlang er ſeinen Arm um ihren Leib, aber in dem Augenblick, wo ſie ſich berührt fühlte, zog ſie ſich erſchrocken und haſtig zuruͤck. 282 „— Sie kommen ſpät, Armfelt, ſagte ſie, wo ſind Sie geweſen?... woher kommen Sie... Sie kom⸗ men von Protaſow... Geſtehen Sie nur. — ECine geringere Gunſt weicht der Hoffnung auf eine größere. — Geſtehen Sie alſo, daß Sie von Menzikow kommen? Eine feurige Unruhe verlieh allen ihren Worten einen eigenthümlichen Ausdruck. — Man kann nicht mehr als Eine Seligkeit auf einmal genießen. — Geſtehen Sie wenigſtens, daß Sie drei Briefe empfangen haben? „Ein ſchalkhaftes Lächeln erhöhte Branitzka's Schön⸗ heit. — Es iſt wahr, Branitzka; aber ich begreife nicht... Gi Sie ahnen, von wem ſie kamen, obſchon ſie nur mit den Anfangsbuchſtaben unterzeichnet waren? Ihr ſchalkhaftes Lächeln wurde immer anmuths⸗ voller. — Ich ahne es... obſchon... — Von Hauſe hinweg begaben Sie ſich direct hieher? — Direct. — Sie täuſchen mich nicht? Ich kann mich dar⸗ auf verlaſſen? — Vollkommen; aber ich begreife nicht... — Wie ich wiſſen kann, daß Sie drei Briefe em⸗ pfangen haben? — Juſt das. — Ich weiß es daher, Armfelt, weil ich ſelbſt alle drei geſchrieben habe... bemerken Sie wohl, daß ich für Sie gefährlich bin.. daß ich Sie auch auf die Probe ſtellen kann... Sicherlich iſt Ihnen der Ent⸗ ſchluß, zu wem Sie zuerſt gehen ſollten, ſehr ſchwer ge⸗ worden.. Sie leugnen es nicht... es war eine 1AE 283 einliche Unſchlüſſigkeit... Sie waren mit ſich ſelbſt n üe nnſch bekennen Sie... bekennen Sie. — Sie täuſchen ſich, Branitzka, und ich habe nur eine einzige Bitte... — Laſſen Sie hören. — Die Bitte... daß Sie mich oft... recht oft .auf ſolche Proben ſtellen möchten. — Wir wollen ſehen... wir wollen ſehen... — Wie ſchön Sie heute ſind, Branitzka! Obſchon Branitzka nicht mehr in den Jahren ſtand, wo jugendliche Unſchuld und Unerfahrenheit den ſchö⸗ nen Umriſſen der Natur ſo unendliche Anmuth verlei⸗ hen, ſo war ſie doch in dieſem Augenblick wirklich ſchön. Bei ihr hatten die Jahre alle Zaubermacht des Lieb⸗ reizes entwickelt; die Natur hatte ihr Werk vollendet. Die Jugend iſt auch bloß als Jugend, als Frühling chön... aber die Schönheit muß, um ihren vollen Werth zu erhalten, zur Frucht heranreifen. Der Duft iſt nicht verſchwunden, wenn die Blume vollkommen aufgegangen iſt und der Strahl der Sonne mit einem Kuß ihren Kelch geöffnet hat. Die Jahre ſind nicht immer mit der Senſe der Vergängniß ausgerüſtet. Zu⸗ erſt ſtützen ſie das heranw chſende Kind mit freund⸗ lichen Händen, dann bilden ſie die Geſtalt und ſchattiren ſie; erſt allmälig runden ſie ihr Meiſterwerk ab und koloriren es. Der Frühling iſt ein Mädchen. Der Sommer iſt ein Weib. Der Frühling verſpricht, hält aber nicht immer ſeine Verſprechungen. Der Sommer verſpricht Nichts. Er gibt, was er beſitzt: eine warme, glühende Sonne in ſeiner Seele, ein üppiges, von Liebe flüſterndes Blumenreich in ſeinem Herzen. Drücke die and eines jungen Mädchens und dann die eines aus⸗ gebildeten Weibes: ſo wirſt Du den Unterſchied zwiſchen ihnen verſtehen. Bei der erſteren wirſt Du Dich ſchüch⸗ tern, vielleicht verlegen fühlen; aber bei der letzteren wirſt Du zuſammenzucken und fühlen, daß Du ein Mann biſt. Blicke auch Beiden in die Augen, und 284 wenn die einen Dir Nichts ſagten, ſo werden die an⸗ dern Dir viel ſagen.. ebenſo viel als Dein eigenes Herz Dir ſagt. Das Weib iſt minderjährig, bis es fühlt, daß es Weib iſt. Bevor die Natur von ſelbſt in ihrem Herzen das Räthſel ihres Lebens gelöst hat, weiß ſte nicht, warum ſie lebt, und erſt dieſes Wiſſen iſt der Meiſterbrief ihrer vollkommenen Schönheit. Die⸗ ſer Meiſterbrief, ſo reich an weiblichem Bewußtſein, iſt auch voll von wahrer Unſchuld; aber von einer Un⸗ ſchuld, die von ihrer himmliſchen Geburt nicht bloß träumt, ſondern tief und wahr die ganze lebendige Be⸗ deutung derſelben empfindet. Armfelt's Aeußerung machte Branitzka noch ſchö⸗ ner; aber ſie erſchrack vor dem Gefühl, das ſie in ihr hervorrief. Es war ihr, als winkte ihr aus der Tiefe eines dunkeln Abgrunds ein Engel mit tauſend Verſprechun⸗ gen von Seligkeit, und als würde es ſchwarz um ſie her. Bald riß ſie ſich jedoch wieder los von den phan⸗ taſtiſchen Bildern, die um ſie her zu ſpielen anfingen. — Laſſen Sie uns von der Ürſache ſprechen, warum ich Sie zu mir bat, ſagte ſie. Aber Armfelt war jetzt da, und er dachte nicht an die Urſache, warum er gekommen, ſondern er fühlte nur, daß er da war: er befand ſich gleichſam in einer der tropiſchen Zonen, wo der Boden uns unter den Füßen brennt. Kein Diplomat iſt ſo fein, daß nicht Schönheit und Liebe ihm die Karten aus den Händen ſpielen könnten. Man thut daher am Klügſten, nicht Diplomat zu werden, bevor man alt wird. — Laſſen Sie uns alle Urſachen vergeſſen: wir treffen uns ja ſo ſelten... — Nein, nein! — Laſſen Sie uns die Welt vergeſſen: die Liebe iſt ja sine Welt für ſich. — Kommen Sie wieder zu ſich ſelbſt, Armfelt. — Branitzka... 28⁵ Branitzka erröthete. Nie hatte ſie ihren Namen auf ſolche Art ausſprechen gehört; nie hatte eine Stimme ſo durch ihre Seele getönt. Erſchrocken zog ſie ſich von ihm zurück. Zuweilen, wenn er nicht bei ihr war, ſehnte ſie ſich mit brennendem Verlangen, ſich in ſeine Arme zu werfen, um darin hinzuſterben; aber wenn er wieder an ihrer Seite ſaß, da erwachten Furcht und Entſetzen, weniger vor ihm, als vor ſich ſelbſt. Aus Flammen wurde ſie Eis, aus Eis wurde ſie zu Flammen. Der Augenblick bewegte zwei entgegengeſetzte Pole in ihrem Buſen. Der Friede ihrer Seele erſtarb unter der Tortur der Leidenſchaft, und ſie verwandelte ſich zu einem Spielball in der Hand deſſelben. Der Verſtand war in ſolchem Augenblick nur Inſtinkt; aber bedarf es mehr als einen Inſtinkt des Rechten, um Recht zu handeln? — Still, Armfelt, ſagte ſie, ſtill; ſehen Sie, wie viel Uhr es iſt. Wir haben nur eine Viertelſtunde für uns und ich habe Ihnen viel zu ſagen. Während ſie ſprach, zeigte ſie auf die Uhr, und auch Armfelt erſchrack, als er ſah, wie ſpät es war, denn er erinnerte ſich jetzt ſeiner Uebereinkunft mit öring. 29 Sie haben Recht, Branitzka, ſagte er, wir haben viel zu beſprechen. Ich bin nicht bloß Ihretwegen,“ ſondern auch wegen der Kaiſerin hieher gekommen. Wegen der Kaiſerin? Branitzka's Augenbrauen legten ſich in Runzeln. aber Armfelt war jetzt mit ſeinen politiſchen Plänen be⸗ ſchäftigt und bemerkte es nicht. — Ich kann, ſprach er weiter, nicht leben, wenn ich die Gunſt der Kaiſerin nicht wieder gewinne. — Nicht leben? Es bedurfte bloß eines, wenn auch noch ſo ſchwa⸗ chen Hauches, um die Eiferſucht, deren Furien in ihr wohnten, zur Flamme anzufachen. — Man hat mir geſagt, daß die Kaiſerin um dieſe Zeit den Garten hier unten allein zu beſuchen pflege. — Das iſt wahr, aber was meinen Sie damit? Wollen Sie die Kaiſerin allein treffen? — Ich habe keinen höheren Wunſch... wirklich ... feinen höheren. Ein zweideutiges Lächeln breitete ſich unwillkürlich über Branitzka's Lippen. Sie fühlte ſich böſe und wurde bitter. — Da haben Sie einen glücklichen Augenblick ge⸗ wählt... die Kaiſerin befindet ſich eben jetzt in der heiterſten Stimmung... ſie hat kaum erſt mit mir von Ihnen geſprochen. — Hat ſie das? Armfelt ſtrahlte vor Vergnügen. Dieß entging Branitzka nicht. — Die Kaiſerin ſagte, ſie vermiſſe Sie. — Iſt's möglich? — Sie ſagte, Sie ſeien der liebenswürdigſte Mann von der Welt. — Wirklich... ſprechen Sie aufrichtig, Bran itzka . wirklich? Hätte Armfelt den anklagenden Blick bemerkt, wel⸗ chen die Gräfin auf ihn heftete, ſo würde er ſeine Freude gemäßigt haben. 4 — Sie ſagte... fuhr Branitzka fort, die jetzt in ſein Innerſtes eindringen wollte, um ſeine geheimſten Gedanken zu erforſchen... ſie ſagte, ſie wünſche Sie mit Ihren Feinden auszuſöhnen... fte.. ſie... Armfelt erhob ſich. — Bei Gott, ſagte er, ſie ſoll die Verbannung aufheben, ſie ſoll... — Was ſoll ſie, Armfelt? Branitzka's Frage war ſo ſchroff, daß Armfelt's Gedanken in ihrem Flug innehielten, und als er ſich umwandte, um zu ſehen, was in ihr vorging, da fand er zu ſeiner Ueberraſchung, daß die Glut, welche ſie ☛☛—2— ——— 287 kaum noch ſo ſchön gemacht, verſchwunden war, und daß ſie blaß da ſtand, wie eine kaum unter dem Mei⸗ ſel des Künſtlers hervorgegangene Marmorbüſte; aber er hatte den Uebergang zu wenig beachtet, um die Ur⸗ ſache dieſer plötzlichen Veränderung zu begreifen. — Sie ſind unwohl, Branitzka, ſagte er. Um's Himmels willen, ſetzen Sie ſich... Sie zittern... Ihre Hand iſt feucht... Sie ſind krank... .— Ich befinde mich ganz gut, Herr Baron; be⸗ kümmern Sie ſich nicht um mich... laſſen Sie uns von Ihren Angelegenheiten ſprechen... die Stunde, wo die Kaiſerin ihren einſamen Spaziergang macht, rückt heran... ſie geht heute früher als ſonſt, weil ſie einen Beſuch des Schwedenkönigs erwartet... und vom Gar⸗ ten weg gedenkt ſie der Prinzeſſin Alexandra einen kur⸗ zen Beſuch zu machen. Sie dürfen alſo den Augen⸗ blick nicht verſäumen... zögern Sie nicht. Die Kai⸗ ſerin kommt an meinem äußern Zimmer vorbei... dort können Sie auf ſie warten. Ich will Waſſtliſſa ſagen, daß ſie Ihnen den Platz zeigt. 4 Armfelt ſtaunte über die eiſige Kälte, womit die Gräfin ſprach. — Branitzka, ſagte er, ich verſtehe Sie nicht. Sie geben Ihre Worte ſo, wie wenn ich Sie beleidigt hätte. Sie ſind nicht krank, Sie ſind vielmehr böſe. Sollten Sie es übel nehmen, daß ich von meinen Wünſchen und Abſichten geſprochen habe, ohne zuvor anzuhören, nas 1 mir ſagen walltene Jedenfalls bitte ich Sie, ir je ie wichtige Mittheilung zu machen, die Sie beabzſichinten chii h 3 3 8 — Es war Nichts, Herr Baron, Nichts. — Nichts? 6„Wihs „— Aus meinen Unterhaltungen mit den Günſt⸗ lingen habe ich bloß zu erſehen geglaubt, daß die An⸗ klagen, die Worowitſch gegen Orlow erhob, von größe⸗ rer Bedeutung find, als man bisher meinte, und deß⸗ halb dachte ich, daß ſie, klug benützt, auch Ihnen 288 förderlich ſein könnten. Aber jetzt bedarf es deſſen nicht... und ebenſo wenig meiner Rathſchläge... Sie haben Ihren eigenen Weg zum Herzen der Kai⸗ ſerin, und ich wünſche Ihnen Glück und Erfolg. Wiſ⸗ ſen Sie, daß ein Kurier angekommen iſt? Armſelt war vor ihr ſtehen geblieben. — Ja, Gräfin. — Wie? Dann wiſſen Sie vielleicht auch, was jetzt bei Subow vorgeht? — Daß er die Prieſterſchaft auf ſeine Seite zu bringen ſucht? — Wer hat Sie davon in Kenntniß geſetzt? — Gleichviel... ſehen Sie hier. 1 uruiſet zog einige kleine Billete hervor und zeigte ie ihr. — Hier iſt ein Billet, das mir anzeigt, um welche Stunde der Kurier kam.. hier ein anderes, das mir Subow's Zuſammentreffen mit ihm meldet,... hier ein drittes, das die Unterredung zwiſchen ihnen mit⸗ theilt... hier ein viertes, das die Bemühungen der Günſtlinge, die Prieſterſchaft in ihr Intereſſe zu ziehen, auseinanderſetzt... hier ein fünftes... Branitzka war verblüfft und zugleich verdroß es ſie, daß Armfelt Alles bereits wußte, was ſie ihm hatte ſagen wollen. Ohne Zweifel wurde auch ihre Eifer⸗ ſucht dadurch noch mehr gereizt, weil ſie bloß einen Blick auf alle dieſe Billete zu werfen brauchte, um ſich zu überzeugen, daß ſie von Damen kamen. — Sie ſehen, Gräfin, fügte Armfelt hinzu, daß ich mit der Kaiſerin über Verſchiedenes zu reden habe. Aber Sie antworten mir nicht... Sie ſind blaß. Ihre vorwurfsvollen Blicke ſcheinen eine Anklage gegen mich zu enthalten; aber ich begreife nicht, was es ſein ſoll. Branitzka blieb unbeweglich. — Tröſten Sie ſich, Herr Baron, ſagte ſie, Sie dürften dieß mit der Zeit begreifen... aber warum Ihre koſtbare Zeit mit unnöthigem Geſchwätze vergeuden? 289 Waſſiliſſa, rief ſte dann, Waſttliſſa! begleite den Herrn aron auf den Corridor... die Kaiſerin kommt in einigen Augenblicken... verſäumen Sie das Zuſam⸗ mentreffen nicht... Ihre Dienerin, Herr Baron.. Armfelt glaubte nicht zögern zu dürfen, denn von dieſem Zuſammentreffen hing ſo viel ab. Branitzka ſtarrte ihm nach. Daſſelbe Weib, das ſich ihm kaum noch mit ſo unſäglicher Liebe hingege⸗ ben hatte, haßte ihn jetzt beinahe eben ſo ſehr. Einige wenige Worte von ſeinen Lippen hätten ſie umgewan⸗ delt. Sie machte ſich Vorwürfe darüber, daß ſte ihm ihr Herz eröffnet hatte; denn was war ſie für ihn? Bedurfte er ihrer? Er ordnete ja den Gang ſeines Lebens ohne ſie. Wie öde und leer erſchien es ihr nicht in i! Sie brannte und fror; ſie fror und brannte. Noch war ihr Blick auf die Thüre geheftet, durch welche er verſchwunden war. Er hatte ſich ent⸗ fernt, ohne ein Wort zu ſagen. Das war mehr, als ſie ſich je gedacht hatte; es war nicht bloß Kälte, es war Gleichgültigkeit, es war Verachtung. Ihre weichen, zierlichen Hände ballten ſich, und ihr Blick war ſcharf wie ein Mordſtahl. /——— Subow's Beſuch bei der Kaiſerin war bloß cere⸗ moniöſer Natur. Er entfernte ſich bald wieder, und Katharina begab ſich zur beſtimmten Stunde auf ihren gewöhnlichen, einſa men Spaziergang im Garten, um ihre kleinen beſchwingten Lieblinge zu fuͤttern. Sie hatte dießmal im Sinn, zugleich einen Beſuch bei Alexan⸗ dra zu machen, die ſich, wie ſie nur zu gut einſah, in Folge ihres bevorſtehenden Zuſammentreffens mit Gu⸗ ſtav Adolph in einer aufgeregten, unruhigen Stimmung befinden mußte. Wir haben geſagt, daß die Kaiſerin ungewöhnlich Der Fürſt. II. 19 290 gut gelaunt war. Viele Hinderniſſe hatten ſich bisher ihrem Wunſch in Betreff der Verbindung zwiſchen Alexan⸗ dra und Guſtav entgegengeſtellt, und je mehr Hinder⸗ niſſe ſich erhoben, um ſo beharrlicher wurde dieſer Wunſch. Jetzt glaubte ſie alle überwunden zu haben. Alexan⸗ dra's blühende Schönheit ſollte ihren Sieg vollenden. Niemals hatte ſie ſich über die Schönheit eines Weibes ſo ſehr gefreut wie jetzt. Aber ſie war ja auch eine ganze Armee, dieſe Schönheit, die, mit den Waffen der Liebe ausgerüſtet im Intereſſe der Politik operirte, und gleichwohl gab es— warum das leugnen?— Augen⸗ blicke, wo die ehrgeizigen Gedanken der Kaiſerin gänz⸗ lich in den Hintergrund traten und ſie, von Alexan⸗ dra's frommer und inniger Ergebenheit eingenommen, nur für das Erhabene in der kindlichen Liebe des Mäd⸗ chens Sinn hatte. In ſolchen Augenblicken war ſich Katharina ſelbſt nicht immer klar bewußt, in wie weit ſie dieſe Ehe ihrer eigenen Berechnungen und Intereſſen wegen erzielte, oder ob ſie dieſelbe nicht vielmehr nur aus wirklicher, herzlicher Theilnahme für Alexandra betrieb. 3 Eingenommen von den Gegenſtänden, die ihre Seele ſo lange beſchäftigt hatten, verließ ſie ihre Zim⸗ mer, ging die Treppen hinab und ſchlug den Gang nach dem Garten ein. Als ſie ſich dem Ende des Corridors näherte, hörte ſie, wie der Poſten das Gewehr ſchulterte; aber das war etwas ſo Gewöhnliches, daß ſie nicht weiter dar⸗ auf achtete. Ew. Majeſtät, ließ ſich in dieſem Augenblick eine Stimme vernehmen. Die Kaiſerin ſah ſich um und bemerkte, daß der Poſten es war, der ſie anredete. Sie war immer gut und freundlich gegen die Soldaten und blieb ietzt ſo⸗ gleich ſtehen. — Was willſt Du, mein Junge? fragte ſie. Haſt Du mir Etwas zu ſagen? er 5 Stin Dör es, in dat Maj Sta ich ten. wieſe ſolch wach und man höre nig Depe als ſer L Gere 291 — Ew. Majeſtät kennen mich nicht mehr, ſagte der Poſten, als die Kaiſerin ihn betrachtete.. Katharina erkannte ſein Geſicht, wie auch ſeine Stimme, und gleichwohl glaubte ſie nicht recht zu ſehen. Der Poſten behielt das Gewehr geſchultert. — Döring, ſagte ſie endlich, ſind Sie es wirklich, Döring? — Ja, Ew. Majeſtät. — Aber warum in dieſem Aufzug? Wie kommt es, daß Sie hier Schildwache ſtehen? Sie ſetzen mich in Erſtaunen. Haben Sie in meiner Garde als Sol⸗ dat Dienſt genommen? — Ich habe mich bloß auf eine Stunde in Ew. Majeſtät Garde anwerben laſſen. — Auf eine Stunde? Ich kann mich von meinem Staunen nicht erholen. — In den letzten Monaten, Ew. Majeſtät, habe ich mich vergebens bemüht, Zutritt im Palaſt zu erhal⸗ un Man hat mich immer mit Ihrem Befehl abge⸗ wieſen. — Mit meinem Befehl?. ich habe nie einen ſolchen ertheilt. Aber dieſe Uniform... dieſes Schild⸗ wacheſtehen? Inzwiſchen kam Armfelt von Branitzka heraus. und obſchon er in einiger Entfernung ſtand, ſo daß man ihn ſelbſt nicht bemerkte, ſo konnte er doch Alles hören, was geſprochen wurde. — Sie antworten mir nicht, Döring. — Jeder Soldat, Ew. Majeſtät, liebt ſeinen Kö⸗ nig und ſein Vaterland. Als ich das letzte Mal mit Depeſchen für Armfelt aus Schweden kam, wurde ich als Schwede von einigen Ihrer Offtziere beleidigt. — In Petershof? Sagen Sie mir die Namen die⸗ ſer Leute, und Sie werden keine Urſache haben, über Gerechtigkeit zu klagen. Wer war es? — Die Sache iſt bereits abgemacht, Ew. Majeſtät. 19 292 — Sie haben ſich duellirt, ohne daß ich Etwas davon erfuhr? Ich merke, daß... — Wir haben uns nicht duellirt, Ew. Majeſtät. Als mir die Gnade zu Theil wurde, die erſte Audieng bei Ew. Majeſtät zu erhalten, waren die Offtziere, die mich beleidigt hatten, zugegen. Ew. Majeſtät empfah⸗ len mich ihrer Freundſchaft, und das Duell wurde bis auf gelegenere Zeiten aufgeſchoben. — Und Sie glauben, daß die Zeit jetzt gekommen ſei... nein, Döring, nein... jetzt iſt die Zeit weniger geeignet, als damals. Ein ſolches Duell würde mit Recht das Mißvergnügen Ihres jungen Königs erregen .. nein, nein... das darf nicht geſchehen... hören Sie.. ich will es nicht haben. — Erlauben Sie mir, mich zu erklären, Ew. Ma⸗ jeſtät. Unter den Offtzieren, die ich forderte, befand ſich Araktſchejew. — Araktſchejew... ich hätte das nicht erwartet.⸗ aber ich werde ihn ſtreng beſtrafen... und Sie ſollen zufrieden ſein, Döring.. — Ich meine es nicht ſo, Ew. Majeſtät. Ich wärz untröſtlich, wenn Ihr Zorn auf irgend eine Weiſe ihn treffen ſollte. Er iſt ein edler junger Mann, deſſen Ehre ich vertheidigen will wie meine eigene. — Sie ſind ein höchſt ungewöhnlicher Gegner Döring. — Die Sache verhält ſich ſo, Ew. Majeſtät. Da wir uns in Folge Ihres Befehls nicht ſogleich ſchlagen konnten, ſo beſchloſſen wir die Zeit abzuwarten, und ſchwuren einander inzwiſchen treue Soldatenfreundſchaft — Das gefällt mir, Doring... und man 1 gegenſeitig den Schwur gehalten? — Vollkommen. Dieſer treuen Freundſchaft hab ich das Glück zu verdanken, jetzt mit Ew. Majeſtä ſprechen zu können. Schmerzlich bekümmert über mein Ausſchließung von Ihrer Umgebung, eröffnete ich Arakt ſchejew mein Herz. Mit mehr unerſchrockener Solda⸗ reint rakt⸗ lda⸗ 293 tenliſt als Klugheit und Vorſicht bat ich ihn um Er⸗ laubniß, mich in Reih und Glied ſtellen zu dürfen, ſo⸗ bald er das Commando auf der Hauptwacht erhielte. Er lehnte es im Anfang bedenklich ab; aber als ich ihm meine Abſicht erklärte, gab er nach. Ein freundliches Lächeln ſpielte auf den Lippen der Kaiſerin. — Sie haben ihm alſo in meinem Namen zum Voraus Pardon dafür ertheilt, Döring. — Verzeihen Sie mir dieſe Kühnheit, Ew. Majeſtät. — Laſſen Sie mich Ihre Abſichten hören. — Ew. Majeſtät gedenken ein Turnier zu veran⸗ ſtalten, ſo lange der König von Schweden ſich hier aufhält. — Was wollen Sie damit? — Araktſchejew und ich werden uns früher oder ſpäter duelliren, Ew. Majeſtät. Erlauben Sie uns ſtatt deſſen bei Ihrem Carrouſſel eine Lanze mit einander zu brechen. Er iſt Ruſſe, ich bin Schwede. Laſſen Sie uns, jeden für die Kokarde ſeines Landes, kämpfen. Wir ſind gleich jung... gleich kräftig... Ehre und Muth ſind auf beiden Seiten gleich. Der Vorſchlag intereſſirte die Kaiſerin. Mit ſchnel⸗ lem Blick ſah ſie ein, wie das Turnier dadurch einen nationalen Charakter erhalten würde und an Intereſſe gewinnen müßte. Gleichwohl beſann ſie ſich einen Au⸗ genblick, ehe ſie antwortete. — Araktſchejew, fuhr Döring fort, brennt von dem⸗ ſelben Verlangen, für die Farben ſeines Vaterlandes kämpfen zu durfen. Ew. Majeſtät erlauben es doch? „ Nun wohl, Döring, ich erlaube es... Ihr Vor⸗ ſchlag gefällt mir wohl... aber da fällt mir Etwas ein. Sie dürfen Niemand von meinem Verſprechen ſagen... Ihr Auftreten ſoll eine Ueberraſchung wer⸗ den... es wird Effekt machen... Niemand darf vor⸗ her davon erfahren... hören Sie... Sie müſſen das wohl bedenken, Döring.. — Ich werde es nicht vergeſſen. 294 — Meine Rüſtkammer wird Ihnen zu Gebote ſte⸗ hen... eben ſo auch mein Stall. Ich werde zu Ihnen und Araktſchejew ſchicken, wenn ich Ihnen Ctwas zu ſagen habe. Döring's Vorſchlag hatte der Kaiſerin gefallen, und angenehm erregt von dieſem Gedanken, ſchickte ſie ſich an, weiter zu gehen. — Ew. Majeſtät, ſiel Döring von Neuem ein. — Wenn Sie mir noch Etwas zu ſagen haben, ſo thun Sie es... wir ſind allein... und ich liebe Aufrichtigkeit. — Ew. Majeſtät, ich liebe. Döring faßte ſich ſo kurz wie möglich; aber dieſt wenigen Worte enthielten Alles, was ihm auf dem Her⸗ zen lag. — Wie? Sie lieben? Wen? — Fräulein Willanow. — Was wollen Sie damit ſagen? Sie wiſſen ja, daß ſie Orlow's Braut iſt. Ueberdieß iſt ſte mit ihrem. Sa vollkommen zufrieden. Ich habe ſie nie klagen gehört. 3 — Den Kummer, Ew. Majeſtät, verwahrt man in ſich ſelbſt; die Freude theilt man Andern mit. Daß Fräulein liebt Orlow nicht. — Das iſt nicht bewieſen, Döring.. Nach dem Carrouſſel wird die Vermählung ſtattfinden. Ich will das. — Ihr Wille iſt Geſetz, aber was noch nicht ge ſchehen iſt, Ew. Majeſtät, das kann Ihr Wille aud ungeſchehen laſſen. Man ſagt, daß Orlow für Fräulein Willanow eine Lanze zu brechen beabſichtige. Ertheilen Sie mir das Recht, Ew. Majeſtät, gegen ihn aufzu treten. — Sie haben großes Vertrauen auf Ihren Arm Döring. — Ein noch größeres auf Ew. Majeſtät gutes Herz — Sie können auch Hofmann ſein, bemerke iche nun, nun, wir wollen an die Sache denken... ich werd na zur ſche 295 nach Ihnen ſchicken... Wann ſahen Sie Willanow zum letzten Mal? — Als Ew. Majeſtät ihre Hand an Orlow ver⸗ ſchenkte. Seitdem habe ich ſie nicht wieder geſehen. — Das iſt gut. Wie viele Vertraute haben Sie in Betreff Ihrer Liebe? — Niemand außer Ew. Majeſtät. Armfelt war dieſer Unterredung aufmerkſam gefolgt, und die freundliche Art, wie die Kaiſerin Döring be⸗ handelte, flößte auch ihm Hoffnung auf Erfolg ein. Doring's letzte Vorſtellung verſetzte die Kaiſerin in eine ſichtlich ernſte Stimmung. — Orlow iſt ein braver Mann, Döring, und er hat mir viele große Dienſte geleiſtet, bemerkte ſie nach einer Weile. Er wird das Seinige zu vertheidigen wiſſen. Gleichviel indeß... wir wollen darüber ſprechen. Hierauf ſetzte die Kaiſerin ihren Spaziergang nach dem Garten fort. Einen Augenblick ſpäter folgte Arm⸗ felt ihr nach. Die Kaiſerin nahm in einer kleinen Laube Platz. Die Blumen dufteten und die Vögel ſammelten ſich um ſie. Auf einer Bank ſtand ein Käſtchen mit Hanfſa⸗ men und Erbſen, und fie warf den beſiederten Schaa⸗ ren, die zu ihr herabkamen, eine Hand voll um die andere zu. Döring's Vorſchlag machte ihr viel zu denken. Der Kampf mit Araktſchejew gefiel ihr, und ſie war überzeugt, daß er auch dem König von Schweden ge⸗ fallen würde. Sie überlegte auch, wie ſie damit die Neugierde auf's Höchſte ſpannen könnte. Wenn ſie nicht ſagte, wer die Kämpfer ſein würden, wohl aber daß der Kampf ſtattfinden ſollte, ſo mußte das eine herrliche Wirkung hervorbringen. Sie war überzeugt, daß das Auftreten der Unbekannten dadurch das Hauptſtück des Abends werden könnte. Dagegen verweilte ſie mit mehr Kummer bei Döring's Geſtändniß, daß er Willanow liebe. Sie hatte beinahe Luſt ſich darüber zu erzürnen, 296 aber ſie konnte nicht. Döring's Art, wie er zu Wege ging, entwaffnete ſie. Er hatte die Kühnheit oder Klug⸗ heit gehabt, ſie zu ſeiner einzigen Vertrauten zu machen, und ſie durfte doch ſein Vertrauen nicht täuſchen. Ueber⸗ dieß hatte ſie ihm ja auch die erſte Nachricht aus Schwe⸗ den, daß die vormundſchaftliche Regierung ihren Wün⸗ ſchen nachgegeben habe, zu verdanken. Sie erinnerte ſich zu wohl, daß Döring im tauriſchen Palaſt eben ſo gut wie Orlow um Willanow's Hand angehalten hatte, und zwar unter Verhältniſſen, die für das Fräulein nicht die vortheilhafteſten waren. Liebte er ſte wirklich? Aber Willanow war ja freiwillig auf Orlow's Wunſch eingegangen. Darin lag etwas Unerklärliches. Die Er⸗ innerung an Worowitſch, an welchen ſie nicht mehr ge⸗ dacht, und von dem ſie kein Wort gehört hatte, ſeit ſie ihn Suwarow übergeben, flog dabei durch ihre Seele. Von dieſem Gedanken noch eingenommen, hörte ſie in ihrer unmittelbaren Nähe ein Raſcheln, und als fie aufſchaute, ſtand Armfelt vor ihr.. Mit einer haſtigen Bewegung wandte ſie ſich gegen ihn. — Wie ſind Sie hieher gekommen, Armfelt? Wer hat Sie hier eingeführt?. — Vor einem Mann mit ernſtem Willen weichen alle Hinderniſſe, Ew. Majeſtät, antwortete er. Befehlen Sie mir, Ihr Reich zu verlaſſen, ſchicken Sie mich in die kaukaſiſchen Bergwerke, aber verbannen Sie mi nicht von Ihrer Perſon, während Sie mir doch das Recht ertheilen, in Ihrer Hauptſtadt zu verweilen. Be⸗ graben Sie mich nicht lebendig, Ew. Majeſtät, tödten Sie mich lieber ganz. Ich kenne Ihr reiches Herz und Ihre ſo mächtig begabte Seele. Allerdings bin ich zwiſchen Sie und die Schlingpflanzen, die an Ihrem Throne wuchern und Alles aufbieten, um ſie einzugarnen, getreten, aber ich habe in Ew. Majeſtät eigenem In⸗ tereſſe gehandelt, ich ſtand auf Ihrer Seite und unter Ihren Farben, als ich in Ihre Ungnade ſiel. Jetzt iſ 297 mein König hier; ich habe ihn geſehen, mein Herz iſt von erhabenen Gefühlen überwältigt worden. Niemand liebt ihn aufrichtiger als ich. Wollen Sie Ihr Ziel erreichen, Ew. Majeſtät, ſo geben Sie mir Gelegenheit, mich an ſeiner Seite zu zeigen. Alle Intriguen, die man um ihn her ſpielt, werden in meiner Anweſenheit zurücktreten. — Das Alles iſt ganz ſchön, Armfelt, und ich habe auch... aber... Die Kaiſerin war verlegen, nicht erzürnt. — Aber, fuhr ſie fort, wie ſind Sie hieher gekom⸗ men, Armfelt? „— Eben ſo unſichtbar als ich gekommen bin, werde ich auch verſchwinden. Sie allein haben das Recht, über mich zu gebieten. — Sie vergeſſen, daß Sie mich compromittiren können vor... — Vor Subow? Armfelt's Zuſatz war nicht ohne ſeinen Stachel. — Nein; aber vor... Armfelt lächelte. — Vor dem Herzog Regenten? „— CErzürnen Sie mich nicht, Armfelt; Sie koͤnnen mich vor mir ſelbſt compromittiren. — Dann bitte ich um Gnade, Ew. Majeſtät. Ich werde mich ſogleich entfernen. — Dieß hat keine ſolche Eile, Armfelt; ich habe wirklich allerlei mit Ihnen zu ſprechen. Setzen Sie ſich hier... nehmen Sie Platz. „Branitzka hatte von ihren Fenſtern aus geſehen, wie die Kaiſerin in den Garten ging und Armfelt ihr bald darauf folgte. Leiſe öffnete ſie ein Fenſter und ſchaute mit einer auf's Höchſte getriebenen Neugierde hinaus. Zwiſchen den Zweigen und Blättern der Bäume ſah ſte einen Theil ſowohl von der Kaiſerin, als von Armfelt, und obſchon ſie nicht jedes Wort, das gewech⸗ 298 ſelt wurde, deutlich unterſcheiden konnte, ſo hörte ſie dennoch das eine und andere. Welche entſetzliche Qualen zerriſſen nicht ihre Bruſt! Sie meinte, die Kaiſerin habe ſich Armfelt niemals ſo ganz hingegeben wie jetzt, und er ſelbſt habe Alles ver⸗ geſſen, außer der Kaiſerin. Vergebens kamen die Vögel herab: ſie blieben von Beiden unbemerkt. Armfelt war Genie und Liebenswürdigkeit, die Kaiſerin war Herz und Aufmerkſamkeit. Welcher Neid raste nicht in Bra⸗ nitzka's Buſen! Niemals hatte ihr Armfelt einnehmen⸗ der geſchienen als jetzt; niemals... ach wie unglück⸗ lich fühlte ſie ſich nicht! Sie beugte ſich ſo weit wie möglich zum Fenſter hinaus, um etwas mehr von der Unterhaltung aufzu⸗ fangen, oder um die Perſonen näher betrachten zu können. Die Eiferſucht hat Argusaugen: Branitzka ſah mit ihnen allen, und wie wenig meinte ſie gleichwohl zu ſehen! Jupiter beſtrafte Juno's Eiferſucht dadurch, daß er ſie in der Luft zwiſchen zwei Magneten ſchweben ließ. Seit dieſer Zeit hat ſich die Eiferſucht beſtändig zwiſchen zwei entgegengeſetzten Extremen hin und her geriſſen befunden, ohne daß ſie dem einen oder andern ange⸗ hörte. Der Haß haͤlt das Herz von einer ausſchließ⸗ lichen Liebe ab, die Liebe hält es von einem ausſchließ⸗ lichen Haſſe ab. So unerſchöpflich die Seele an Be⸗ friedigung für die Glücklichen iſt, ſo unerſchöpflich iſt ſie auch an Qualen für die Unglücklichen. Die Leiden⸗ ſchaft deckt unaufhörlich neue Schachte in uns auf und wir ermangeln beſtändig eines feſten Standpunktes. Branitzka war außer ſich. Sie tappte in einem Dun⸗ kel, das ſie erſchreckte. Was ſollte ſie thun? Sie wollte ſich in den Garten ſchleichen, um jedes Wort hören zu können; aber hörte ſie nicht bereits genug? Wie ſehnte ſie ſich nach irgend einer Veranlaſſung, um ſie unter⸗ brechen zu können! Aber vergebens ſtrengte ſie ihre Ge⸗ danken in dieſer Beziehung an. Nie hatte Sie ſo we⸗ nig Erfindſamkeit beſeſſen, als gerade jetzt. 299 Vor ihrem Fenſter ſtand ein Roſenbuſch. Einer ſeiner Zweige erhob ſich und verſperrte ihr die Ausſicht. Mehrere Male bog ſie ihn auf die Seite, aber ſobald ſie ihn losließ, erhob er ſich auf's Neue vor ihr. Aer⸗ gerlich darüber griff ſie heftig nach dem Zweig; aber da drang ein Dorn in ihren Finger und ein Bluts⸗ tropfen ſickerte heraus. Liebe und Haß war das Thema, das ſie bisher be⸗ ſchäftigt hatte; jetzt verwandelte es ſich in Liebe und Rache. Der Schmerz gab dem Gedanken eine Form. Ihr Haupt erhob ſich, ihr Geſicht klärte ſich, ein Blitz leuchtete aus den dunkeln Augen. Branitzka ſchien jetzt mit ſich ſelbſt einig zu ſein; aber noch zögerte ſie, in⸗ dem ſie ſich ſchweigend dem neuen Eindruck hingab. Der Wind wechſelt jedoch nicht ſchneller, als die Ge⸗ danken in der Seele eines Weibes, dieſe Kinder ſtets veränderlicher und wandelbarer Gefühle. — Rache? ſagte ſie jetzt laut. Nein, Gott möge mich davor bewahren! Ihr Blick verlor dabei Nichts von ſeinem Glanz; aber es war nicht mehr ein Blitz, der im Auge zitterte, ſondern es lächelte daraus jetzt ein Strahl voll milden und klaren Sonnenſcheins. Derſelbe Stolz beſeelte ſie noch, aber er hatte einen andern Charakter. Aus einem finſtern Dämon ſchien ſie plötzlich in eine Göttin ver⸗ wandelt zu ſein. Die jungfräuliche Reinheit ihres Her⸗ zens beherrſchte ſte wieder. Der Haß entfloh und jetzt war ſie wieder Liebe. Der Dorn war vergeſſen, die Roſe ſtand wieder in ihrer ganzen Schönheit da. Branitzka war allen düſtern Eingebungen ihres Herzens gefolgt, aber kaum hatte ſie in ihrer Seele an dem Becher der Rache genippt, ſo wandte ſie ſich auch mit Abſcheu wieder davon ab. Ihr Herz war gut und weiblich. Statt deſſen regte ſich in ihr ein Gefühl aufopfern⸗ den Edelmuths, und ſie beſchloß Armfelt zu zeigen, weſ⸗ ſen ſie fähig ſei, wenn es ſich um ſein Beſtes handle. 300 Ein Gedanke leitet zum andern. Mit einer Kenntniß der Pſychologie des Herzens, wie nur das hingebungs⸗ volle Weib ſie beſitzen kann, erforſchte ſie das Verhäͤlt⸗ niß zwiſchen der Kaiſerin und Armfelt, berechnete alle Folgen und ſchon wälzte ſich ein kleiner Plan in ihrem Köpfchen. Je mehr ſie überlegte, um ſo zufriedener ſchien ſie mit ſich ſelbſt zu werden. — Wenn ich ſo handle, ſagte ſie bei ſich ſelbſt, ſo muß es ſo wirken.. das unterliegt keinem Zweifel... ich kenne die Kaiſerin. Wine gewiſſe Unſicherheit zeigte ſich indeß noch an ihr. — Armfelt wird mich verkennen, ich ſehe es wohl ein.. aber der Ausgang wird beweiſen... Sie ſprach nicht mehr; aber noch einmal beugte ſie ſich zum Fenſter hinaus, um zu ſehen, ob die Kaiſerin und Armfelt noch da ſeien, und als ſie ſich davon üͤber⸗ zeugt hatte, eilte ſie fort. Sie verſchwand nicht mit den ſchweren Tritten der Erbitterung, ſondern mit dem leichtbeſchwingten Fuß der Freude und Zufriedenheit. 5 — Ich ſpreche nicht von der Tagespolitik, Ew. Ma⸗ jeſtät, ſagte Armfelt, ſondern von der Politik der Zu⸗ kunft. Große Ereigniſſe werden ſich zutragen. Europa iſt tief aufgeregt. Die Völker haben die Erfahrung von Jahrhunderten. Die Civiliſation hat die Einſicht in die entſchwundenen Jahrtauſende geöffnet, und im Wider⸗ ſchein derſelben erblicken ſie auch die kommenden Jahr⸗ hunderte. Die Geſellſchaft iſt jetzt nicht ſchlechter als vorher, aber die Forderungen ſind ganz andere. Nord⸗ amerika hat das Problem eines Freiſtaates gelöst. Von dieſem Augenblick an wird ein Freiſtaat in jedem Ge⸗ hirn ſpuken. Der Conſtitutionalismus theilt die Einheit der Alleinherrſchaft zwiſchen den Monarchen und den 301 Völkern; der Republikanismus hebt ſie gänzlich auf oder trägt ſte ſogar von den Monarchen auf die Völker über. — Ich verſtehe Sie, Armfelt, ich verſtehe Sie... — Unter ſolchen Umſtänden... 12 Armfelt wurde hier unterbrochen, denn in dieſem Augenblick füllte ſich die Laube mit mehreren Perſonen, unter denen man hauptſächlich Subow und Markow bemerkte.. Zornig fuhr die Kaiſerin auf. Einen Augenblick ſchien ſie ihrer ſelbſt nicht mächtig, ſondern blickte nur mit dem erſten heftigen Verdruß der Ueberraſchung um ſich. Armfelt erhob ſich gleichfalls. Er ſtand hinter der Kaiſerin, und es beunruhigte ihn, daß er auf dieſe Art geſtört worden. Aber hinter der Menge der Angekommenen ſah er Branitzka's Augen freundlich und aufmunternd ſich ent⸗ gegenſtrahlen. Verſtand er wohl dieſen Blick richtig? Branitzka hatte Subow gemeldet, daß die Kaiſerin ſich mit Armfelt allein im Garten befand. Geleitet von einem inſtinktartigen Rachegefühl, war ſie Anfangs auf dieſen Gedanken gekommen, aber ſie führte ihn zuletzt aus, um ihm einen Dienſt zu erweiſen, weil ſte ſehr klug berechnete, daß, wenn die Kaiſerin auch gern An⸗ dere überraſchte, die Wirkung doch ganz anders ſein mußte, wenn ſie ſelbſt überraſcht wurde. Hierin täuſchte ſie ſich auch nicht. — Ew. Majeſtät, begann Subow. — Wer hat Sie hieher gerufen? Was bedeutet dieſer Beſuch? Was wollen Sie? Bin auch ich ein Gegenſtand Ihrer Spionage? Armfelt bemerkte ſeinen Vortheil, und da er ſah, daß die Kaiſerin in ihrer aufbrauſenden Hitze ihre Ge⸗ danken nicht ſogleich ordnen zu können ſchien, ſo trat er an ihre Seite. Eine ſieghafte, aber einnehmende Ruhe lag auf ſeinem Geſichte. Wollte er ſich ſelbſt 30² vertheidigen und die Kaiſerin aus ihrer Verlegenheit retten, ſo galt es jetzt, nicht zurückzuweichen. — Erlauben mir Ew. Majeſtät zu ſprechen? fragte er. — Sprechen Sie, Armfelt, ſprechen Sie. Die Kaiſerin war froh, hinter den Schild zurück⸗ treten zu können, den Armfelt zu ihrem Schutze vorhielt. — Sie ſcheinen verwundert, meine Herren, daß Sie mich hier finden ſprach Armfelt, und es iſt natürlich, daß nur die wichtigſten Umſtände dieß rechtfertigen kön⸗ nen. Solche ſind auch eingetroffen, und ich habe Nie⸗ mandens Intereſſen... nicht einmal den Ihrigen, meine Herren... zu ſchaden geglaubt, wenn ich mich an die Kaiſerin wandte, um ſie von dem Eifer in Kenntniß zu ſetzen, womit Sie ſich in den letzten Wochen unter den Dienern der Kirche eine Partei zu ſchaffen ſuchten . natürlich nur um unruhige Gewiſſen zu beſchwich⸗ tigen... ich weiß keinen andern Grund. Armfelt zuckte die Achſeln, eine Bewegung, die ſei⸗ nen Worten einen zweideutigen Sinn gab. Die Kaiſerin hörte ihm aufmerkſam zu: ſie fürch⸗ tete, er möchte ihrem Zuſammentreffen nicht die Farbe geben können, wodurch es vollkommen gerechtfertigt würde. Subow wandte ſich nicht ohne Verlegenheit an Mar⸗ kow, in deſſen ausdrucksloſem diplomatiſchen Geſicht je⸗ doch Nichts zu leſen ſtand. Branitzka hatte nicht daran gezweifelt, daß Arm⸗ felt die Gelegenheit zu ſeinem Vortheil benutzen würde; aber nichtsdeſtoweniger freute ſie ſich ſehr, daß ſie ſich nicht in ihm getäuſcht hatte. — Ich habe, fuhr Armfelt fort, der Kaiſerin auch erzählt, daß Baron Reuterholm... er wandte ſich da⸗ bei gejen Subow... kaum den ruſſiſchen Boden betre⸗ ten ha te, als er auch ſchon eine geheime Depeſche über⸗ gab, welche durch einen Eilboten augenblicklich Ew. Hoheit gebracht wurde. 303 Subow biß ſich in die Lippen. Eine beinahe un⸗ merkliche Bewegung erſchütterte Markow. — Wie! fragte die Kaiſerin. Eine geheime Depeſche? — Ueberdieß, begann Armfelt wieder, habe ich der Kaiſerin auch mitzutheilen gedacht, daß vor einigen Tagen ein Kurier aus Wien angelangt iſt, obſchon man .. vermuthlich in den beſten Abſichten... Ihrer Ma⸗ jeſtät ſeine Ankunft zu verbergen geſucht hat. — Was bedeutet das, bemerkte die Kaiſerin von Neuem, indem ſie mit ſteigender Verwunderung Armfelt zuhörte. Iſt ein Kurier angelangt? 3 1Sbo erblaßte und Markow trat einen Schritt urück. zie he In Uebereinſtimmung mit dem, was ich in Er⸗ fahrung gebracht, ſprach Armfelt weiter, war es auch meine Abſicht, die Aufmerkſamkeit der Kaiſerin darauf zu lenken, daß die Anklagen, die Worowitſch gegen Graf Orlow erhoben, keine leere Seifenblaſen ſeien, ſondern an gewiſſen Orten allerlei Kummer verurſacht haben ſollen, zumal ſeit die Unterſuchung dem General Su⸗ warow anvertraut worden iſt, der... obſchon er ſeine bisherigen Maßregeln in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt hat... gleichwohl ſich nicht bequemen ſoll, auf die Wünſche einer gewiſſen Partei einzugehen. Bei jedem neuen Punkt, den Armfelt berührte, ſtei⸗ gerte ſich die Verwunderung der Kaiſerin. Die Günſtlinge ſtanden beſtürzt da. — Was höoͤre ich? ſiel die Kaiſerin ein. Erfahre ich Nichts von den Ereigniſſen an meinem eigenen Hof, oder bin ich verſtrickt in ein ganzes Netz von... — Intriguen? ergänzte Armfelt. Ich habe das nicht geſagt Ew. Majeſtät; aber... Ein Kammerherr näherte ſich jetzt der Kaiſerin und flüſterte ihr einige Worte zu, woruͤber ſie neue Ver⸗ wunderung zeigte. — Die Baronin?... Sie ſollte hier ſein? ſagte ſie. Es iſt gut. Die Baronin mag eintreten. 304 Die Aufmerkſamkeit wandte ſich jetzt dem Eingang zu, wo eine Dame ſich zeigte. Armfelt erkannte ſie ſogleich. Sie war keine andere, als ſeine Gemahlin Hedwig, obſchon er nicht begreifen konnte, was ſie zu dieſem Beſuch veranlaßt hatte. Die Kaiſerin ging Hedwig einige Schritte entgegen. — Was verſchafft mir das Vergnügen Ihrer An⸗ weſenheit, Frau Baronin? ſagte ſie; vermuthlich ſuchen Sie den Baron? — Ich komme, antwortete Hedwig, um Ew. Ma⸗ jeſtät dieſen Brief zu übergeben. — Einen Brief an mich? — Eine Viertelſtunde, nachdem Armfelt das Haus verlaſſen hatte, meldete ſich ein fremder Mann bei mit und forderte mich dringend auf, dieſes Schreiben in Ew. Majeſtät eigene Hände zu übergeben. — Ein fremder Mann? — Ich fragte ihn, wer er wäre, aber er verweigerte alle Auskunft darüber. Er ſagte bloß, daß wichtige An⸗ Pelsgen geiten, ja ſogar das Leben und Glück mehrerer 5 erſonen davon abhingen, daß Ew. Majeſtät den Brief ſogleich erhielten. Da Armfelt fort war, ſo bedachte ich mich nicht lange, ſondern... — Sie ſind ſehr willkommen, Baronin. Während die Kaiſerin den Brief erbrach und las, hatte Branitzka Gelegenheit, Hedwig zu betrachten, dieſes Weib, gegen das ſie ſo lange einen geheimen Haß ge⸗ hegt hatte. Wie ganz anders erſchien ihr indeß Hedwig, als ſie ſich vorgeſtellt hatte! Sie hatte als beſtimmt ange⸗ nommen, daß die Frau, welche Armfelt ſich als Beglei⸗ terin durch das Leben auserſehen, die Schönſte unter den Schönen ſein müßte, und ſie hatte keinen höheren Wunſch gekannt, als mit ihr rivaliſiren, ihr Trotz bie⸗ ten und ſie demüthigen zu können; aber vergebens ſuchte ſie jetzt irgend eine Schönheit bei ihr. Im erſten Augen⸗ blick fand ſie Hedwig ſogar ganz anmuthlos, wo nicht 306 Unwiderſtehlich zu Hedwig angezogen, näherte ſich alſo Branitzka ihr jetzt, und bald war ein Geſpräch zwiſchen ihnen im Gang. Die Kaiſerin hatte mittlerweile den Brief zu Ende geleſen. Ihre ganze Umgebung hatte ſie mit unverwand⸗ ter Aufmerkſamkeit beobachtet. Inzwiſchen hatte ſie d während der Lection keine Miene verändert; nur war ihr Geſicht ſtrenger, kälter geworden als vorher. Als ſie den Brief wieder zuſammenlegte, warf ſie einen irrenden, fragenden Blick um ſich. — Marfa? ſagte ſie, Marfa? ich habe dieſen Na⸗ men gehört... aber ich erinnere mich nicht... Ein leiſes, beinahe andächtiges Gemurmel erhob ſich beim Klange dieſes Namens unter den Anweſen⸗ den; mehrere beugten ihre Häupter und flüſterten ſich bekreuzend ein gospodi pomiloi. Die Kaiſerin hatte dieſe Bewegung kaum bemerkt, ſo erinnerte ſie ſich auch, wer Marfa war. — Richtig, ſagte ſie, dieſer Brief iſt von ihr. Ah, dadurch bekommt er eine wirkliche Bedeutung. Mit einem ſtrengen Blick muſterte ſie noch einmal die Anweſenden. — Bin ich von Verräthern umgeben oder nicht? murmelte ſie dann halblaut. Auf wen kann ich mich hier verlaſſen? Kann ich wohl einem Einzigen trauen? Erzürnt ſtampfte ſie mit dem Fuß auf den Boden. Wie bereuten nicht Subow und Markow, daß ſie Branitzka's Wink gefolgt und hieher gegangen waren! Die Kaiſerin hatte eine Nachricht erhalten, die ihre Seele bedrückte; aber Niemand wagte ſich ihr zu nähern. Einen Augenblick bedachte ſie ſich; dann ſchien ſie ihren Entſchluß gefaßt zu haben. Vielleicht wirkte auch ihre Stimmung oder die Art, wie ſie ſich äußerte, nicht wenig auch der noch immer nicht verwundene Verdruß darüber, ein, daß man ſie mit Armfelt uüberraſcht hatte. Wer einer königlichen Perſon dazu hilft, Andere zu überraſchen, ſteigt immer in ihrer Gnade; wer dagegen — 307 ſelbſt königliche Perſonen überraſcht, fällt immer in Ungnade. — Schildwache! rief ſie, Schildwache hieher! Der Poſten am Eingang trat ſogleich zur Kaiſerin vor und ſchulterte das Gewehr. Zu ihrer Verwunderung erkannten die Günſtlinge den jungen Schweden in ihm. Subow und Markow wechſelten Blicke, wodurch ſie einander zu ſagen ſchie⸗ nen, daß hier weit mehr vorgegangen ſein müſſe, als ſie geahnt hatten. — Ich kann mich doch auf Sie verlaſſen, Döring? ſagte die Kaiſerin. Hier iſt ein Brief... bringen Sie ihn dem General Suwarow... und ſagen Sie ihm, er ſolle thun, was darin geſchrieben ſteht. Wenn Sie an der Hauptwacht vorbeikommen, ſo drücken Sie Arakt⸗ ſchejew die Hand und melden Sie ihm, er ſolle ſich bei mir einfinden, ſobald er abgelöst ſei. Döring nahm den Brief, machte Rechtsumkehrt, und entfernte ſich. — Entfernen Sie ſich, meine Herren, ſagte die Kaiſerin hierauf zu den Günſtlingen. Ich habe noch Einiges mit Armfelt zu beſprechen. Beſtürzt zogen ſich die Günſtlinge zurück. — Armfelt, ſagte ſie, ſobald ſie allein waren, ich habe joßt Eile, aber wir werden unſer Geſpräch ein ander Mal fortſetzen. Branitzka... hör einmal, Bra⸗ nitzka! Branitzka und Hedwig ſpazierten in einem der Gänge des Gartens; aber als ſie die Stimme der Kai⸗ ſerin hörte, eilte die Erſtere vorwärts. — Gib Armfelt den Schlüſſel zu dem kleinen Gang. Du verſtehſt mich? . eit einer freundlichen Handbewegung entfernte ſich die Kaiſerin hierauf von der Geſellſchaft. Armfelt glaubte kaum an ſein eigenes Glück. Er legte dem Erfolg, den er gewonnen, die größte Wichtig⸗ keit bei. Nie hatte er höher in der Gumf der Kaiſerin 308 zu ſtehen geglaubt, als in dieſem Augenblick. Da er indeß von all' dieſen Dingen etwas müde geworden war, ſank er auf einer der Bänke des Gartens nieder. Branitzka war gänzlich von Hedwig eingenommen: die beiden Damen vergaßen auch Alles, was um ſie her vorging, über den Gegenſtänden, die nur ſie allein berührten. — Mit weiblicher Schönheit können wir Siege gewinnen oder unſre Sorge leicht machen, ſprach Hed⸗ wig; aber nur durch wahre innige Herzensgüte können wir ſie feſthalten. Die Männer werden von der Schön⸗ heit hingeriſſen und berauſcht; die Anmuth nimmt ſie ein, die Naivetät macht ihnen Spaß. Werden ſie mit dieſen weiblichen Waffen angegriffen, ſo erwacht die Leidenſchaft bei ihnen und wir führen ſie, wohin wir wollen: denn ſie ſind dann nicht mehr, was ſie bisher waren. Unruhig und leidenſchaftlich, zuweilen bis zum Entzücken befeuert, zuweilen aufbrauſend und argwöh⸗ niſch, machen ſie ſich ſelbſt und uns entweder maßlos glücklich oder namenlos unglücklich, ohne daß wir für das Eine oder Andere eine Garantie beſäßen. Wir durchlaufen die ganze Bahn der Illuſionen, bis die eine um die andere verſchwindet. Ach nein, Gräfin, ohne nachſichtige Güte, ohne nachgiebige Milde, ohne Fügſamkeit in unſrem Urtheil, ohne ein unbedingtes Vertrauen.beherrſchen und behalten wir die Män⸗ ner nicht. Sie ſind ſtark, wir ſind ſchwach. Unſre Bahnen fallen beſtändig zuſammen, und gleichwohl ſind ſie einander ſo ungleich. Aber in unſrer Schwachheit beſitzen wir nichtsdeſtoweniger eine Herrſchergewalt über ſie, wenn wir dieſelbe nur recht auffaſſen. Wir müſſen nachgeben, um ſpäter zu ſiegen. Wenn ich über Arm⸗ felt geklagt oder mich ſeinetwegen abgehärmt hätte, was würde ich damit gewonnen haben? Nichts; ich hätte vielmehr Alles verloren. Statt deſſen bin ich auf ſeine Art, die Welt anzuſchauen, eingegangen, während ich immer über ihn und ſein Beſtes wachte; und wie weit 309 er ſich auch manchmal von mir verirrt hat, ſo iſt er doch immer wieder zu mir zurückgekehrt. Warum? Bin ich ſchön? Weit entfernt. Aber ich bin gut, Gräfin. Und wenn die Champagnerliebe an andern Orten aus⸗ ebraust hatte, ſo wußte er, daß er bei mir immer die zuhe und den Frieden finden würde, die zuletzt dennoch eine weſentliche Bedingung für das Leben jedes wahren Mannes ſind. Denſelben Mann, den Andere... und zuweilen vergebens... mit einem ganzen Feuerwerk von Leidenſchaften zu beherrſchen ſuchten, habe dagegen ich mit einer Bitte, mit einem Seufzer, mit einem ein⸗ zigen Blick beherrſcht. Bei Andern iſt er ein unwider⸗ ſtehlicher Eroberer, ein ungewöhnlicher, vielleicht gefähr⸗ licher, immer einnehmender Mannz bei mir dagegen iſt er ganz einfach gut und aufrichtig. Ich ſchenke auch in Wahrheit gerne Jeder, die ihn will, ſeinen ſchlechte⸗ ren Menſchen, denn ich bin überzeugt, daß nur ich und ich allein über ſeinen beſſern herrſche. Die Liebe iſt für das Leben, nicht blos für den Augenblick. Der Augenblick reizt, das Leben verſöhnt, und wenn die Liebe nicht eine fortgeſetzte Verſöhnungsarbeit iſt, ſo iſt ſie nicht wahre Liebe. Noch nie hat Armfelt einen Fehl⸗ tritt begangen, ohne ihn mir zu beichten. Ich habe ihm Buße auferlegt und verziehen. Er hat gelacht und iſt zu meinen Füßen geſunken. Keines von all den Paradieſen, die Andere ihm ſchenken konnten, hat ihn ſo glücklich gemacht, wie dasjenige, das mein Herz ihm öffnete, weil es ihn mit ſich ſelbſt verſöhnte. Ich weiß, daß ich kein Aeußeres beſitze, aber ich weiß, daß ich... — Daß Sie... — Ich habe es Ihnen bereits geſagt, daß ich gut bin, Frau Gräfin, nur gut. Branitzka wurde von Hedwig's einfacher Erklärung hingeriſſen: ſie eröffnete ihr auch Ausſichten, an welche ſie früher nie gedacht hatte. — Und ich, die ich eiferſüchtig auf Sie war, be⸗ merkte Branitzka. ch eiſerfüchtig auf 8 310 — Das bin ich nie auf Sie geweſen, Gräfin. — Armfelt hat alſo... — Er hat mir auch Ihre Gefühle anvertraut. Das hat er; aber er hat dieſelben darum nicht verrathen, ſondern nur bei mir aufbewahrt.; — Wie Reliquien in einem Heiligenſchrein? — Vielleicht, Gräfin. — Laſſen Sie uns Freundinnen werden, Baronin. — Ich bin ſchon lange Ihre Freundin geweſen. Aber wir verlaſſen ſie hier. Drittes Kapitel. Guſtav Adolph und Alexandra. Indem wir jetzt wieder bei der Prinzeſſin Alexandra eintreten, finden wir nicht bloß Willanow bei ihr, ſon⸗ dern auch Lechi. Einige Tage, nachdem es bekannt geworden, daß Willanow dem Grafen Orlow ihre Hand zugeſagt, hatte ſich Lechi im Schloß eingeſtellt, unter dem Vorwand, daß ſie dem Fräulein einen Kranz zuzuſtellen habe, der ihr Glück bringen werde. Der Kranz beſtand aus ſchönen weißen Roſen, die Lechi mit eigener Hand zuſammengeflochten, und das Mädchen glaubte um ſo feſter an die übernatürlichen Eigenſchaften ihrer Blumen, als ſie dieſelben in der Ruſſalken eigenem Gehege bei Sonnenaufgang, als noch der Morgenthau auf der Erde lag, gepflückt hatte, und zwar lauter ſolche Blumen, die auf der Seite noch einen Knopf hatten. Ueberdieß hatte ſie jeder Blume, bevor ihre Hand ſie brach, ein Liedchen geſungen, und als ſie gebrochen waren, hatte ſie ein Gebet über ſie geſprochen. Als ſie den Kranz überreichte, verſicherte ſie, daß 311 die Blumen, obſchon ſie jetzt weiß wären, mit der Zeit roth werden würden. — Wie ſo? roth? wann? — Wenn die Liebe kommt, antwortete Lechi. Die Prinzeſſin, die inzwiſchen zu Willanow herein⸗ kam, hatte ihre große Freude an der überſpannten Mähr⸗ chenerzählerin und bat ſie, ihr auf die Zeit, wo der König von Schweden zum Beſuch käme, auch einen Kranz zu verſchaffen. Der eigentliche Grund von Lechi's Beſuch bei Wil⸗ lanow war indeß nicht, daß ſie einen Kranz überbringen ſollte, obſchon das Mädchen ſelbſt dieß glaubte, ſondern daß ſie ihr einen Brief von Marfa zuzuſtellen hatte. In dieſem Brief hatte Marfa mit einigen einfachen Worten das Fräulein ermahnt, auf eine gerechte und allgütige Vorſehung zu vertrauen und mit Ruhe ihrem Schickſal entgegenzuſehen, deſſen ſchreckliche Drohungen gewiß nicht in Erfüllung gehen wurden. Willanow hatte auch ihren Entſchluß gefaßt und fand ſich mit Ergebung in ihre Lage. In derſelben Stunde, wo Guſtav Adolph in Peters⸗ burg anlangte, ſtellte Lechi ſich bei der Prinzeſſin ein und überbrachte ihr den verſprochenen Kranz. Er war aus rothen Roſen geſlochten. — Viele Blumen, ſagte ſie, die im Augenblick des Brechens roth ſind, werden weiß, indem ſie verwelken. Obſchon der Kranz um unſer Herz friſch und roth prangt, wenn die Sonne aufgeht, ſo kann er doch ſchon vor Son⸗ nenuntergang weiß, winterweiß ſein. Hüten Sie ſich vor Kummer, Ew. Hoheit. Was der Froſt in der äuße⸗ ren⸗ Natur iſt, das iſt der Kummer für unſer Herz. Die Prinzeſſin lächelte ob dem überklugen Mädchen, empfing den Kranz und legte ihn, wie auch Willanow gethan hatte, in einen kleinen Blumentopf, in der Ab⸗ ſicht, ihn mit gleicher Sorgfalt zu verpflegen, wie das Fräulein den ihrigen pflegte. Beluſtigt von Lechi's ungekünſteltem Geplauder, bat 31² die Prinzeſſin das Mädchen, dazubleiben. Nicht als ob Alexandra ausſchließlich auf all' die Ausflüge hätte hören wollen, welche der myſtiſche Naturſinn der Kleinen machte, denn ſie war ſelbſt mit ganz andern Gedanken, nämlich mit der Ankunft des Schwedenkönigs beſchäftigt; aber Lechi's Geſchwätze gewährte ihr nichtsdeſtoweniger eine Zerſtreuung, der ſie mitunter gerne ihr Ohr lieh. Lechi hatte ſo eben das Mährchen von Lichoratka und den ſieben Fieberſchweſtern zu Ende erzählt, und es war eine augenblickliche Pauſe eingetreten. Inzwiſchen nahmen die Salutationen von der Cita⸗ delle aus, welche Guſtav's Ankunft in der ruſſiſchen Kaiſerſtadt bewillkommten, ihren Fortgang. — Jeder Kanonenſchuß, bemerkte Lechi, verkündet den Tritt eines mächtigen Geiſtes. — Es iſt auch ein König, der kommt, verſetzte Willanow. — Du haſt Recht, Willanow, ſagte Alexandra, es iſt ein König, der kommt. Mir iſt, als käme er in jedem Schlag meines Herzens einen Schritt näher zu mir. So ſehr ich mich vorher geſehnt habe, Guſtav zu ſehen, ebenſo ſehr fürchte ich mich jetzt davor. Ich weiß nicht, was für eine Angſt über mich kommt. — Es iſt ein Bischen Fieber, Ew. Hoheit. Ich habe ſagen gehört, daß die Liebe immer eine kleine Fieberkrankheit mit ſich führe. — Ich glaube beinahe, daß ich Fieber habe; der Puls ſchlägt ſo heftig. — Und Ihre Wangen brennen und Ihre Augen find voll von Feuer. — Sollte ich wirklich krank ſein? Das wäre ſchreck⸗ lich. Vielleicht ſollte man einen Arzt rufen laſſen, Wil⸗ lanow. Das Fräulein hatte Mühe, ihre ernſte Miene bei⸗ zubehalten. — Der Arzt wird bald hier ſein, ſagte ſie. 313 — Du haſt alſo im Ernſt geſehen, daß ich unwohl war, und haſt ihn rufen laſſen? — Ich habe ihn nicht rufen laſſen, aber er kommt von ſelbſt. — Glaubſt Du das... ach ja, ich will Alles thun was er ſagt, wenn ich nur wieder geſund werde. Fühle mir einmal den Puls, ſo wirſt Du ſehen... — Sie ſind ſehr krank, Ew. Hoheit, ſehr krank. — Du erſchreckſt mich ordentlich. Ich war immer ſo geſund und ſollte jetzt auf einmal krank werden! Der Doktor wird doch bald hier ſein? — In einer halben Stunde, Ew. Hoheit. — Was ſagſt Du... bis dahin kommt ja der König hieher. — Allerdings. — Und ich muß doch vorher wieder geſund ſein.. vollkommen geſund... hörſt Du... recht eigentlich geſund. O mein Gott, nie hat mein Herz geklopft wie jetzt. Das gehört auch zum Fieber, glaube ich. Die Wangen brennen ordentlich, darin haſt Du Recht. Gib einen Spiegel her, Willanow. Du ſagteſt, meine Augen ſeien voll von Feuer... ach ja, ich ſehe es ſelbſt... Du haſt mich nicht getäuſcht... und der Doktor bleibt noch eine volle halbe Stunde aus! Ach das wird eine ſchreckliche halbe Stunde werden. Ich fühle, daß die Krankheit zunimmt. Was ſoll daraus werden? Schicke einen Cilboten nach dem Doktor... ſpute Dich, gute Willanow, ſpute Dich... — Das geht nicht an, Ew. Hoheit, und es würde auch ſeine Ankunft nicht beſchleunigen. .— KNicht? — Sie mißverſtehen mich, Ew. Hoheit... der Arzt, von welchem ich ſpreche, iſt... der König ſelbſt. Alexandra erröthete, athmete aber wieder leichter. — Ew. Hoheit ſind ſo wenig krank als ich, Sie Fin nur unruhig... und die Unruhe legt ſich nicht, is... bis.. 314 — Du biſt boshaft, Willanow; aber ich glaube beinahe... — Daß ich Recht habe, ja, Ew. Hoheit können mir glauben. Ich kenne Sie beſſer als Sie ſich ſelbſt kennen. Sobald der König kommt, werden Sie wieder ruhig und fröhlich werden. Alexandra ſenkte träumeriſch ihr Köpfchen. Tauſend verſchiedene Fantaſien wimmelten vor ihren Augen, alle ſo heiter und anmuthsvoll, als dufteten ſie von para⸗ dieſiſcher Unſchuld. Was mußte auch nicht ein vollkom⸗ men natürliches, reines und gutes junges Mädchen em⸗ pfinden, welches wußte, daß ſie binnen eines Stündchens mit dem Ideal der allerlieblichſten Vorſtellungen ihres Herzens zuſammentreffen, zum erſten Mal mit ihm zu⸗ ſammentreffen ſollte! Zum erſten Mal! Welche Poeſie liegt nicht in dieſen Worten! In ihren Gedanken hatte ſie Guſtav ſo oft geſehen, in ihren Träumen ſo oft mit ihm geſchwärmt, in ihren Fantaſien ſo oft mit ihm geſpielt oder gelitten; aber jetzt ſollte ſie ihn in Wirk⸗ lichkeit treffen. Die Fantaſie hatte ihren Gedanken ſo lange geſchmeichelt, bis ſie an alle ihre Gebilde geglaubt hatte; aber ſie glaubte nicht ebenſo feſt an die Wirklich⸗ keit. Sie fürchtete dieſe ebenſo ſehr wie ſie die erſteren liebte. Beim erſten Salutationsſchuß, der die Ankunft des Königs verkündete, hörte ihr Herz einen Augenblick auf zu ſchlagen; beim letzten dagegen klopfte es wieder ſo heftig, daß alle Ruhe entfloh. Der Liebe Qual und Unruhe konnten ſich in keiner niedlicheren und bezau⸗ bernderen Geſtalt zeigen, als an Alexandra. Wie oft hatte ſie nicht an dieſem Tag die Farben gewechſelt! Bei jeder etwas raſchen und unvermutheten Bewegung um ſie her war ſie zuſammengefahren; aber damit nicht genug; vor manchem ihrer eigenen Gedanken war ſie erblaßt, und vor manchem war ſie erröthet. Um eine wahrhaft treue Stütze dieſer ſchwachen Ranke zu ſein, mußte Willanow die ganze Entſchloſſenheit ihres Charak⸗ ters aufbieten; und wie gerne vergaß ſie nicht ihre eigenen 315 Bekümmerniſſe, um eine Pflicht der Freundſchaft recht erfüllen zu können! Lechi ſaß ſtill da, beobachtete aber aufmerkſam Alles, was um ſie her vorging. — Zwei Gedanken beunruhigen mich, äußerte Ale⸗ randra. — Zwei Gedanken! Laſſen Sie mich hören, Ew. Hoheit! — Zuerſt Marfa. Was ſie mir prophezeite, als wir in Strelna waren, das hat heute ſo lebhaft vor mir geſtanden. Als Lechi den Namen Marfa hörte, beugte ſie ſich neugierig vor. Willanow lachte. — Kindereien, Ew. Hoheit, verſetzte ſie. Marfa iſt weiſer und klüger als alle anderen Menſchen, und Niemand kann davon feſter überzeugt ſein als ich, das wiſſen Sie ſelbſt; aber prophezeien?... Niemand kann prophezeien, Ew. Hoheit. Die Ankunft des Königs widerlegt ja übrigens am beſten Alles, was ſie ſagte. Ach nein, Ew. Hoheit, wenn ich auch bisher manchmal an Ihrem Glück gezweifelt habe, ſo thue ich's jetzt nicht mehr. Die ganze Sache iſt ja bereits ſo gut wie in Ordnung. Lechi murmelte Marfa's Namen, ſprach aber Nichts weiter. — Wie lautet der andere Gedanke, der Sie heute beunruhigt hat? fragte Willanow weiter. — Es iſt die Erinnerung an Tarrakanow. — Denken Sie nicht daran, Ew. Hoheit. Ich bin es, die Sie mit dieſem Bilde erſchreckt hat, und ich mache mir Vorwürfe darüber. Laſſen Sie uns von etwas Anderem ſprechen. Heute darf keine Wolke Ihre Seele beſchatten. Sie müſſen fröhlich ſein. Die Freude ge⸗ winnt den Mann immer mehr als der Kummer: die Freude belebt, der Kummer verſtimmt. Laſſen Sie uns von Lechi's Blumen reden. Warum biſt Du ſo ſtill, Lechi? Erſinnſt Du irgend ein Mährchen für uns? Laß 316 hören. Ach, Ew. Hoheit, ungeachtet ich viele Urſachen zu tiefer Betrübniß habe, ſo habe ich mir doch vorge⸗ nommen, meinen guten Humor durch Nichts ſtören zu laſſen. Wenn man will, kann man ſelbſt uͤber den Kummer, d. h. über ſeinen eigenen Kummer, lachen. un⸗ Lechi... biſt Du mit Deinem Mährchen jetzt ertig? — Sie ſprachen ſo eben von Marfa, ſagte das Mädchen. — Nun ja... — Lachen Sie nicht über ſie. Wer über ſie lacht, lacht ſpäter nicht mehr. Haben Sie die Sage von den Irrlichtern gehört? — Erzähle ſie... erzähle ſie... — Die Irrlichter ſind die Seelen der todtgebornen Kinder. Die Armen, die kein wirkliches Daſein haben, und weder dem Himmel noch der Erde angehören, irren herum und ſuchen ihre Körper... aber immer ver⸗ gebens. Diejenigen, die über das lachen, was heilig iſt, werden auf dieſelbe Art herumirren... ſie werden Frieden und Ruhe ſuchen, ohne ſie zu finden. Lachen Sie nicht über Marfa. Die drei Mädchen würden auf dieſe Art wahrſchein⸗ lich noch lange ihr bedeutungsloſes Geplauder fortge⸗ jetzt haben, wenn nicht ein Bote von Graf Orlow Fräulein Willanow erſucht hätte, ſich im äußern Salon einzufinden, wo er ſich ein Geſpräch mit ihr erbat. Es war das erſte Mal, daß Orlow ſie darum hatte erſuchen laſſen. Die Lebhaftigkeit, welche ſie bisher gezeigt hatte, verſchwand jetzt auf einmal. — Ich werde kommen, antwortete ſie dem Boten. Sagen Sie, der Graf möge warten. Alexandra bemerkte, was in ihrer Freundin vorging. — Du darfſt nicht gehen, ſagte ſie daher, um ſie von dieſem Beſuch zu befreien; ich will, daß Du hier bleibſt. — Laſſen Sie mich gehen, Ew. Hoheit. Wenn 317 ich nicht käme, würde ich mich in meinen eigenen Augen herabſetzen. Sie erlauben mir doch zu gehen? — Thue wie Du willſt. Willanow ging. Im äußern Zimmer wartete Orlow. Bleich und düſter, hatte er die Arme über ſeiner Bruſt gekreuzt und ſeine Blicke auf den Boden geheftet. Als die Thüre ſich öffnete, fuhr er zuſammen. Er erkannte Willanow ſchon an ihren Tritten. — Was wollen Sie von mir, Herr Graf? fragte ſie, als er ſie nicht ſogleich anredete. Aber Orlow antwortete ihr nicht, ſondern betrach⸗ tete ſie blos. — Sie ſchweigen. — Aber ich ſehe. — Wenn Sie mir nichts Wichtigeres mitzutheilen haben, ſo entferne ich mich. Orlow that haſtig einen Schritt gegen ſie und er⸗ griff ihre Hand. — Fraͤulein Willanow, ſagte er, ich habe Ihnen in Wahrheit Verſchiedenes zu ſagen. Sie dürfen mich nicht ſo ſchnell verlaſſen. — So ſprechen Sie, Herr Graf, ich werde hören. — Sie wiſſen, daß ich Sie mit einer Leidenſchaft liebe, die beſtändig zunimmt. Dieſe Leidenſchaft wird mich in's Verderben ſtürzen, wenn Sie mich nicht retten. Die Verachtung, die Sie mir bisher gezeigt haben, bringt mich um meinen Verſtand. In meiner Raſerei kenne ich keine Grenzen für meine Handlungen. Wie ein verwegener Spieler ſetze ich unaufhörlich mein gan⸗ zes Beſitzthum auf einen einzigen Wurf. Willanow wandte ſich gleichgiltig von ihm ab. — Iſt es, fuhr er fort, Ihre Abſicht, mich zu zer⸗ malmen oder mich in meinen eigenen und in fremden 318 Augen zu erniedrigen? Bedenken Sie, daß ich binnen Kurzem Ihr Gatte bin. Flößen Sie mir nicht einen Haß ein, der zuletzt ſeine ganze Freude darin finden könnte, Ihr ganzes Leben zu verbittern. Ich will, daß Sie mich lieben. Was antworten Sie mir, Fräulein? — Um meine Eltern zu retten, habe ich mir von Ihnen eine Einwilligung abzwingen laſſen, an welcher mein Herz keinen Theil hat. Sie können über meine Hand gebieten, Graf, aber nicht über mein Gefühl. Sie wiſſen ſelbſt am allerbeſten, daß Sie ein Feind meiner Familie geweſen ſind, und ich müßte eine ebenſo un⸗ natürliche Tochter als Schweſter ſein, wenn ich Sie lieben könnte. Ich habe verſprochen, Ihnen anzugehören, wie eine Beute einem Raubvogel zufällt, aber unter der Bedingung, daß meine Eltern gerettet werden; ſchmei⸗ cheln Sie ſich indeſſen nicht, daß ich Ihnen meine Hand reiche... ſelbſt auf Befehl der Kuiſerin nicht... wenn Sie mir nicht zuvor den Freibrief der Kaiſerin für ſie übergeben haben. Noch am Altar werde ich die Verbindung abzubrechen wiſſen, im Fall meine Bedingung nicht erfüllt wird. — Sie trotzen mir, mein Fraͤulein. Ha, ich muß Sie alſo beugen? Erinnern Sie ſich unſres Zuſammen⸗ treffens in Petershof? — Sehr wohl, Graf. Sie benützten die Umſtände, in welche ich aus Theilnahme für das Unglück meiner Familie gerathen war, um meinen Handlungen einen zweideutigen Charakter zu geben; Sie ſcheuten ſich nicht, Graf, mich einer frechen Verfolgung von Seiten einiger leichtſinnigen jungen Männer bloßzuſtellen... Sie verfolgten Ihre Politik... und es gelang Ihnen zu⸗ letzt, mich auch in den Augen der Kaiſerin und des gan⸗ zen Hofes zu einem verachteten Weſen zu machen. — Was Sie ſagen, iſt wahr; aber für mich waren Sie immer rein.— — Haben Sie mir noch mehr zu ſagen, Herr Graf? 319 Orlow ergriff ihre Hand wieder, aber Willanow zog ſie zurück. Zorn und Erbitterung fuhren über Orlow's Geſicht, und er ſtampfte voll Aerger auf den Boden. — Ob ich Ihnen noch mehr zu ſagen habe? wieder⸗ holte er. Allerdings, ich habe Ihnen viel zu ſagen. Ich will Ihnen ſagen, daß Sie mich lieben muſſen, daß Sie mich lieben werden. Ich ſagte Ihnen in Petershof daß es einem Mann nicht unmöglich wäre, den Haß eines Mädchens in Liebe zu verwandeln. Ich ſagte Ihnen, daß ich Sie einmal um Gnade bettelnd zu mei⸗ nen Füßen ſehen würde. Nun wohl, mein Fräulein, geſtehen Sie, daß ich meinem Ziel bereits um ein gutes Stück Wegs nahe gekommen bin. Ihre Hand iſt zu⸗ vörderſt mein, und Ihr Herz kann ebenſo gut gezähmt werden, wie Ihr Wille. Wollen Sie mich lieben? Ich verlange eine kurze und deutliche Antwort. Wollen Sie mich lieben? — Nie. Ein wildes, ſchreckliches Lächeln flog mit Blitzes⸗ ſchnelle über Orlow's Geſicht. — Nie, ſagen Sie. Und was gedenken Sie wohl zu thun, wenn die Kirche uns vereinigt hat? Willanow erhob ihre Stirne, und es lag etwas Majeſtätiſches in der Bewegung, womit ſie auf Orlow zutrat. — Was ich dann zu thun gedenke? antwortete ſie. Ha, Graf, das iſt mein Geheimniß. 3 Orlow's Geſicht verzerrte ſich beinahe bei dieſer unerwarteten Antwort. .— Wenn ich Sie recht verſtehe, bemerkte er, ſo gedenken Sie ſich zu tödten?.. .— Schaffen Sie mir den verſprochenen Freibrief für meine Eltern, und meine Hand gehört Ihnen. Weiter erſtreckt ſich mein Verſprechen nicht. Orlow kreuzte die Arme wieder über ſeiner Bruſt, während er ſeinen Blick feſt auf ſie heftete. Dann 320 ſank ſein Kopf hinab, und indem er ſich ſeinen Ge⸗ danken überließ, begann er auf und ab zu ſchreiten. Seine Bruſt hob ſich hoch, ſeine Augen warfen mit⸗ unter Feuer und Flammen aus. — Sie wiſſen, ſagte er endlich, daß Ihre Eltern meine Gefangenen ſind. — Ich weiß es. — Bei der Macht, die ich beſitze, ſteht es mir frei, ſie am Leben zu erhalten oder verſchwinden zu laſſen, ganz nach meinem Gutdünken. — Ich bin deßhalb in Angſt. — Beim allmächtigen Gott ſchwöre ich jetzt hier einen Eid und ich halte ihn. Ich ſchwöre, daß ich Ihre Eltern mit einer Grauſamkeit behandeln werde, gegen welche alles bisher Erhörte in den Schatten treten muß, und daß ſelbſt die Henker ſich über ihr Werk entſetzen ſollen; ich ſchwöre, daß ich mir Tag und Nacht keine Ruhe gönnen werde, bevor ich alle Mittel ausgeſonnen habe, um ſie zu martern... hören Sie mich an, mein Fräulein... ich ſchwöre, daß ſie endlich namen⸗ und ſpurlos in den Abgründen Nertſchinskis oder in den Wüſten Sibiriens verſchwinden ſollen.. Sie kennen ja Tarrakanow's Tod. Willanow entſetzte ſich. — Barmherzigkeit! bat ſie. — Unter einer Bedingung, mein Fräulein. Lieben Sie mich! Willanow ſank auf ihre Kniee. — Gnade! Gnade! Orlow ſtreckte ſeine Hand gegen ſie aus, brach aber das Schweigen nicht. Endlich ſagte er: — Jetzt betteln Sie mich um Gnade an? Was habe ich Ihnen in Petershof geſagt? — Tödten Sie mich, bat Willanow, tödten Sie mich. Orlow antwortete ihr mit einem Hohnlachen. — Ich will Sie nicht tödten, ich will, daß Sie mich lieben ſollen. —+½—92—ſſſͤſͤ dH 321 Haſtig ſprang Willanow aus ihrer erniedrigenden Stellung wieder auf. — Sie ſagen, daß Sie mich lieben, ſagte ſie. — Bis zum Wahnſinn, bis zur Narrheit, bis zur Raſerei. — Täuſchen Sie mich nicht? — Willanow, Willanow, ſtammelte Orlow... Sie ſollten mich lieben können... Sie wollen doch das ſagen... ſprechen Sie... ſprechen Sie. — Iſt es wahr, daß Sie mich bis zum Wahnſinn lieben? — Brauche ich es Ihnen wohl zu ſagen? Zeugt nicht Alles, was ich thue, davon? Warum habe ich Ihre Familie geſtürzt, außer um den Weg zwiſchen Ihnen und mir zu ebnen? Warum habe ich Sie in den Augen des Hofes herabzuſetzen geſucht, außer um die Huldi⸗ gungen aller Andern von ihnen abzulenken? Warum habe ich Sie angegriffen, Sie bedroht, Ihnen getrotzt? Die Leidenſchaft iſt bereits ein halber Wahnſinn. Sagen Sie, daß Sie mich lieben, oder daß Sie mich lieben können, daß es Ihnen mit der Zeit möglich ſein werde, mich zu lieben. Rauben Sie mir dagegen dieſe Hoff⸗ nung, ſo wird meine Raſerei keine Grenzen kennen, mein Wahnwitz wird Alles um mich her zermalmen, bis ich ſelbſt davon zermalmt werde. Sie ſchweigen... Sie beſinnen ſich... Sie geben nach... Bleich und zitternd hatte Willanow ihn angehört. Ihr Abſcheu vor Orlow war ebenſo groß wie ſeine Liebe, und vor dieſem Abſcheu traten alle finſteren Empfindungen des ſonſt ſo gefühlvollen Mädchens in den Hintergrund. —=— Sie geben mir doch Hoffnung... Sie ver⸗ ſprechen mir... — Daß ich Sie ewig verachten werde, Herr Graf, ſagte Willanow. Meine Liebe kann ich blos einem Mann den Chre ſchenken, und Sie ſind ein Schurke. Werden ie w ahnſinnig... ſo habe ich ſowohl meine Familie als mich gerächt. Der Fürſt. II. 3²² Willanow wandte ihm hierauf den Rücken, um ſich u entfernen. Aber auf einmal erholte ſich Orlow von ziner leidenſchaftlichen Verwirrung wieder und ſtand ruhig, mit kalter Selbſtbeherrſchung da. So war er immer am gefährlichſten. 3 — Warten Sie, mein Fräulein, ſagte er, ich habe Ihnen noch ein Wort zu ſagen. Er druͤckte ſich kurz und beſtimmt aus. Die Leiden⸗ ſchaft tönte in ſeiner Stimme nicht mehr durch, brannte nicht mehr in ſeinem Blick. — Ich habe mich bereits gar zu lange hier aufge⸗ halten, antwortete Willanow; was wollen Sie von mir? — Wollen Sie Ihre Eltern treffen? — Darum habe ich ſchon zwei Monate vergebens gebeten. — Wenn Sie mir folgen wollen, ſo können Sie ſie ſchon heute Abend ſehen. — Heute Abend? Um welche Zeit? — Sobald der König von Schweden angekommen iſt, würden Sie ſich leicht entfernen können, ohne daß Jemand es bemerkte. — und Sie verlangen, daß ich Ihnen folgen ſoll? — Dies iſt unerläßlich. Sie finden ſich in meinem Palaſte ein. Ich werde Sie am Thor erwarten, und ſogleich zu Ihren Eltern hineinführen. Willanow beſann ſich einen Augenblick. Seit zwei Monaten hatte ſie ihre Eltern nicht geſehen, obſchon ſie wußte, daß ſie ſich in Orlow's Gewalt befanden. Wie ſchmerzlich hatten ſich nicht die alten Leute nach ihr geſehnt, und wie innig verlangte ſie nicht nach ihnen! — Sie antworten nicht, bemerkte Orlow; wollen Sie vielleicht nicht? Willanow bedurfte keiner längeren Ueberlegung; ihr Herz hatte die Frage bereits entſchieden. — Ich werde kommen, antwortete ſie, ſobald ich mich unbemerkt entfernen kann. Sodann wandte ſie ſich von ihm ab und ohne ihn 6— SAS=SSS SZ Se SSA=. 323 einer weiteren Aufmerkſamkeit zu würdigen, verließ ſie das Zimmer. Mit niedergekämpfter Wuth blickte Orlow ihr nach. Die Kaiſerin begab ſich aus dem Garten zur Prin⸗ zeſſin. Sie wollte ihre Toilette ſehen und zugleich dem ſchwachen Kinde Muth einſprechen. Als ſie eintrat, er⸗ zählte Lechi eben ein Mährchen, und ſie ließ ſich durch Katharina's Anweſenheit nicht ſtören, theils weil ſie nicht wußte, wer die Kaiſerin war, theils auch weil ſie eigentlich keinen Unterſchied zwiſchen den Menſchen begriff. Die einzige Perſon, die ſie anbetete, war Marfa, welche für ſie alle Eigenſchaften einer höheren Offen⸗ barung beſaß. Der Kaiſerin geſiel ihr Geſchwatze nicht übel, zumal weil es voll Unſchuld war, obſchon es auf einem ſtarken Aberglauben beruhte. — Es iſt ſehr Schade, ſagte Lechi, daß wir ſchon im Auguſt und zwar ſchon am Ende des Monats ſind; ach wenn wir noch im Mai oder Juni wären, dann... dann... dann... — Warum wünſcheſt Du das, mein Kind? fragte die Kaiſerin, die dieſen Wunſch ſehr ſonderbar fand. Lechi ſah verwundert und mit großen Augen die Kaiſerin an. — Was ich damit meine? antwortete ſie. Mein Gott, ſollten Sie es nicht begreifen? zwiſchen dem 25. Mai und dem 25. Juni feiert man die Feſte von Ledos, dem häuslichen Glück, und ſeinen Söhnen, von Lel, der Liebe, und von Polel, der Ehe. Um Pfingſten kann jedes Mädchen ihr Schickſal erfahren. ie Kaiſerin wußte wohl, daß ſich noch viele dunkle Sagen aus der Vorzeit im Volke erhalten hatten, aber ſie hatte ſelbſt nur wenig davon gehört. — Um Pfingſten, ſagſt Du... ni geßt das zu? 1 324 Je mehr Aufmerkſamkeit die Kaiſerin dem Mädchen ſchenkte, um ſo mehr intereſſirte ſich auch Alexandra für ihr Gerede. Lechi machte ein pfiffiges Geſicht. — Ich habe auch einen Bräutigam, ich, ſagte ſie. — Nun? — Warum ſollte ich nicht auch wiſſen, was die Liebe iſt? Ich bin häßlich... ſehr häßlich... und wenn auch mein Herz für jeden Ton verſchloſſen ſein muß, der von irdiſchen Begierden zu ihm ſpricht... denn man hat mir geſagt, daß dies ſein muß... ſo habe ich doch einen Bräutigam, und ach er iſt ſo ſchön, ſo ſchön, ſo ſchön. Niemand auf Erden kann ſo ſchön ſein wie er. Er iſt blaß wie Mondſchein, aber er liebt auch den Mondſchein. Wenn ſein hellgelockter Kopf aus den Wellen auftaucht und er mit den Blumen am Strande ſpielt und ſeine Klaglieder ſingt, wie heftig und unruhig klopft da nicht mein Herz. Die Kaiſerin und Alerandra wurden von dem für ſie ganz wunderbaren Gerede des Mädchens immer mehr angezogen. — Lange, ach ſo lange, ſo lange, fuhr Lechi fort, beſuchte ich das ſchöne Petershof in der Hoffnung, daß einer der Ruſſalken des Parkes ſich mir zeigen und meine Augen für alle irdiſche Schönheit verſchließen ſollte. Lange betete ich vergebens darum; aber endlich... an demſelben Morgen, wo ich die Blumen zu Fräulein Willanow's weißem Kranz pflückte... erhob ſich ein Ruſſalke... ich ſah ihn... ich hörte ihn... aber in dem Augenblick, wo mein Herz ſich für alle irdiſche Liebe verſchloß, öffnete es ſich fur die wunderbare Schön⸗ heit des Ruſſalken. Zum zweiten Mal ſah ich ihn, als ich die rothen Roſen zum Kranz für Ew. Hoheit pflückte. Wie klare Waſſerperlen glänzten ſeine Augen, als er unter den Seeblumen dahin ſchwamm, mit den Muſcheln ſpielte und mich zu ſich winkte. Aber es iſt wahr, ich ſollte erzählen, auf welche Art man ſein Schickſal erfahren kann, obſchon... Lechi verſtummte einen Augenblick. — Obſchon, fuhr ſie dann fort, ich vielleicht Un⸗ recht thue, davon zu ſprechen, weil ich das als Geheim⸗ niß erfahren habe, und es vielleicht eine Sunde iſt, ſeine Geheimniſſe Andern anzuvertrauen. — Geheimniſſe? fiel die Kaiſerin ein. Wer hat ſie Dir anvertraut? Mit großen, verwunderten Augen ſchaute Lechi auf. — Wer? Findet ſich wohl noch eine Perſon, die Alles kennt, die Alles vermag, die über die Natur gebietet, die mächtiger iſt als alle Andern auf Erden, die.. Aber ich will ja davon reden, wie man ſein Schickſal erfahren kann. Am Donnerſtag vor Pfing⸗ ſten begibt man ſich auf die nächſte Inſel, und wenn man, während man für ſich und diejenige Perſon, die man am meiſten in der Welt liebt, einen Kranz oder grünen Zweig in die Wellen wirft, das Liedchen: Lado, Lado, Didis Lado fingt und dabei Acht gibt, wie die Blumen durch die Bewegungen der Wellen zu oder aus einander getrieben werden, ſo kann man Alles erfahren, was man wünſcht. Nähern ſich die Blumen einander, ſo bedeutet das Glück; trennen ſie ſich da⸗ gegen von einander, ſo bedeutet es Unglück; aber ſinkt eine von den Blumen und verſchwindet ſie in der Tiefe, ſo bedeutet das den Tod und Untergang der⸗ jenigen Perſon, welcher der Kranz oder Zweig gehörte. — Du ſagteſt, die mächtigſte Perſon auf Erden habe Dir dieſe Fantaſie erzählt, bemerkte die Kaiſerin. eeriſt die Perſon, die Du für die mächtigſte hältſt? is feMarfa natürlich; wer ſollte wohl mächtiger ſein als ſie? 3 Als Lechi den Namen Marfa nannte, ergriff Ale⸗ randra, nicht ohne einen gewiſſen Schrecken, die Hand der Kaiſerin. Der Eindruck theilte ſich auch unmittelbar der Kai⸗ 326 ſerin mit. Auch ſie hatte Marfa’'s Namen ſo oft in Verbindung mit abergläubiſchen Sagen nennen gehört und ganz neuerdings ſogar ſelbſt eine höchſt wichtige, wenn auch ſehr ſonderbare Zuſchrift von ihr erhalten. — Du kennſt alſo Marfa? ſagte ſie. — Warum denn nicht? Marfa iſt meine Mutter oder meine Pflegemutter. Sie war es, die mir den Auftrag gab, Fräulein Willanow den weißen Kranz zu bringen. Die Kaiſerin blieb eine Weile ſtill. Es iſt unge⸗ wiß, was ſie dabei dachte; aber prüfend, beinahe for⸗ ſchend haftete ihre Aufmerkſamkeit auf Lechi. — Höre, mein Kind, ſagte ſie endlich zu Lechi, Du darfſt das Schloß nicht verlaſſen, bevor ich mit Dir geſprochen habe. Sobald ich heute Abend frei bin, werde ich nach Dir ſchicken. Du verſtehſt, was ich ſage? Die Kaiſerin wandte ſich darauf zur Prinzeſſin. — Laß uns jetzt gehen, ſagte ſie. Aber, meine gute Alexandra, Du biſt ſo blaß. Du mußt jetzt heiter und vergnügt ſein. Guſtav Adolph IV. iſt ja hier; was kannſt Du mehr wünſchen? Alexandra ſchlug ihre Augen nieder, ohne zu ant⸗ worten. — Du mußt an etwas Trauriges denken. Laß mich hören, was es iſt, meine Liebe. — Ich denke, flüſterte Alexandra, an Marfa's Pro⸗ phezeiung und... und... und... — Und.. ſag es heraus, liebes Kind... und... — Und an den Tod der Prinzeſſin Tarrakanow. Eine heftige Bewegung durchfuhr die Kaiſerin, und ein düſterer Schatten zog ſich über ihre Stirne. — Komm, ſagte ſie, laß uns gehen. Aber wo iſt Willanow? Willanow kam in dieſem Augenblick von Orlow zurück und folgte der Kaiſerin. 22 ——— 328 lag tas Leidendes, das ihn nur um ſo intereſſanter machte. Die Kaiſerin ging ihm entgegen, während er ſich ihr näherte. Nach einigen wenigen Worten ergriff er ihre Hand, um ſie verehrungsvoll an ſeine Lippen zu führen. Artig zog die Kaiſerin ſie zurück. — Nein, ſagte ſie, ich vergeſſe nicht, daß Graf von Haga ein König iſt. — Wenn, bemerkte Guſtav, Ew. Majeſtät mir es nicht als Kaiſerin geſtatten wollen, ſo erlauben Sie mir es in Ihrer Eigenſchaft als eine Dame, der ich ſo große Verehrung und Bewunderung ſchulde. Es trat eine kurze Pauſe ein. Die Worte der Kaiſerin ſowohl als des Königs hatten allein erklungen in dem rieſengroßen Saale. Auf allen Seiten drängten ſich die ausgezeichnetſten Perſonen des Hofes und der Stadt. 3 Einer der Fenſtervorhänge war theilweiſe herabge⸗ laſſen, und hinter demſelben, gänzlich in der Vertiefung, ſah man einen dunkeln Schlagſchatten, welcher bewies, daß Jemand dort ſeinen Platz genommen hatte, ver⸗ muthlich in der Abſicht, um dieſem erſten Zuſammen⸗ treffen des nordiſchen Fürſtenpaares anwohnen zu können und ſelbſt unbemerkt zu bleiben. Auf der einen Seite des Saales ſtand einer der drei Metropoliten Rußlands: der von Moskau, der vor einigen Tagen eingetroffen war. War er wohl von der Kaiſerin berufen worden? Ganz und gar nicht. Von einer andern Perſon? Man mag rathen. Der Metropolit ſtand in vollem Ornat da, umge⸗ ben von einigen Prieſtern, unter denen man einen Erz⸗ biſchof, ein Paar Biſchöfe und mehrere Archimandriten erblickte. Der größte Ernſt ruhte über dieſer Gruppe. Gegenüber der kleinen Prieſterſchaar zeigte Fürſt Subow, umgeben von den dichtgeſchloſſenen Reihen — —— — —— 329 der Günſtlingspartei; und unter ihnen Markow und Orlow. Reuterholm ſchloß ſich ihnen an. Ganz tief im Hintergrund ſtand, auf ſein Schwert gelehnt, Suwarow allein. Guſtav's und Alexandra's Blicke hatten ſich be⸗ gegnet. Was empfanden ſie? Wie war ihnen zu Muthe? So lange das Gefühl wahr iſt, finden ſich keine Worte, die es wiedergeben; ſobald man Worte dazu bekommt, iſt das Gefühl vorüber. Die Liebe kennt keine Convenienz, keine Etikette. Alle Marimen der Welt liegen zu ihren Füßen wie ein Bündel Kleider, von denen ſie nicht einmal verſteht, wozu ſie nur dienen ſollen. Nackt wie Adam ſieht ſie ihre Nacktheit nicht, fühlt aber lebhaft ihre göttliche Geburt. Das Einzige, was ſie kleidet, iſt das Para⸗ dies, das ſie umgibt, und dies iſt Kleid genug. Guſtav's Verlegenheit war ebenſo groß wie die Alexandra's. Man hörte keinen Ton um ſie her. Aber man ſah, daß die ſchönſten Hoffnungen zweier jungen Gemüther ſich in dem Blick begegneten, der gewechſelt wurde, und daß zwei Herzen ihre tiefſten und reinſten Gefühle in der Röthe telegraphirten, die auf ihren Wangen ſchimmerte. Bang und furchtſam, wie die erſten Pinſelſtriche, die ein Genie auf die Leinwand wirft, als intereſſante Zeugen für ſeine erſten Schritte auf der Bahn einer großen Zukunft, ſo betrachtete ſich gegenſeitig das junge Fürſtenpaar, während dieſe in ihrer einfachen Unſchuld ſo einnehmende und holde Furchtſamkeit mit inniger Aufrichtigkeit die Liebe zurückſpiegelte, die Beide belebte. Alle Anweſenden hatten ſich in ſtiller Erwartung vorgebeugt, um die erſte Begegnung des jungen Paares zu ſehen. Die Kaiſerin ſelbſt erfreute ſich an dieſem Anblick, 330 ſo viel Unſchuld und Liebe leuchtete aus der Verlegen⸗ heit hervor, die Beide ſo unbewußt verriethen. Dieſe Verlegenheit währte zwar bloß eine ganz kurze Weile, war aber nichtsdeſtoweniger von tiefer Bedeutung, voll von wahrer Natur und ſchöner Poeſie. Der Großfürſt Alexander, ſchon damals ein ent⸗ ſchloſſener Jüngling, bemerkte das Aufſehen, das dieſe Verlegenheit erregte, trat daher ſogleich zu Guſtav vor und ergriff ſeine Hand. — Ew. Majeſtät, ſagte er, meine Schweſter. Guſtav drückte dankbar Alexander's Hand. — Ewige Freundſchaft, fügte Alexander hinzu, wäh⸗ rend er den Händedruck erwiederte, ewige Freundſchaft zwiſchen unſern Familien. — Und treue Ergebenheit im Leben und im Tod! ergänzte Guſtav. ie Kaiſerin freute ſich über Alexanders Benehmen nicht minder, als über Guſtav's Antwort. Zwiſchen den beiden Jünglingen ſtand Alexandra, wie ein mildes und freundliches Sinnbild des Friedens, erröthend und ver⸗ legen. Es lag in dieſer kleinen Scene etwas ſo Ein⸗ faches und Ungekünſteltes, daß die Kaiſerin, obſchon ſie nicht mehr in den Jahren ſtand, wo man von ſolchen Augenblicken, die nur dem natürlichſten Schäferleben un⸗ ſerer Gefühle angehören, am lebhafteſten ergriffen zu werden pflegt, gleichwohl ſich einer Rührung nicht er⸗ wehren konnte. Aber ihre Aufmerkſamkeit ſollte bald nach einer an⸗ dern Richtung gelenkt werden, als ſie ſah, daß der Me⸗ tropolit nebſt ſeinem prieſterlichen Gefolge ſich in Be⸗ wegung zu ſetzen anfing. Sie hatte das Geflüſter, das unter der Günſtlings⸗ partei ſtattgefunden, ſowie die aufmunternden Blicke, welche Subow den Prieſtern zugeworfen hatte, nicht bemerkt. Langſam und ernſt ſchritt der Metropolit voran, als bewegte er ſich von Amtswegen. 331 Unwillkürlich fragte ſich die Kaiſerin, was der Mann wohl im Schild führen möge. Eine eigenthümliche Ahnung von Unruhe flog durch ihre Seele, weil ſie nicht wußte, was er wollte, und weil ſie ſein Auftreten weder befohlen noch voraus be⸗ rechnet hatte. Einen Augenblick wollte ſie abwehrend ihm ent⸗ gegentreten, aber ſie fürchtete, das friedliche Behagen zu ſtören, dem ſich Alle hingegeben zu haben ſchienen. Unſchlüſſig, was ſie thun ſollte, winkte ſie Subow, um von ihm Aufſchlüſſe zu verlangen; aber Subow hatte ſich abgewandt. Inzwiſchen kam der höchſte Vertreter der ruſſiſchen Kirche immer näher zu ihr heran. Das Ceremoniell befahl daß unmittelbar nach der Vorſtellung von den Schloßfenſtern aus den unten ſte⸗ henden Muſikeorps ein Zeichen gegeben werden ſollte, worauf ſie die ruſſiſche und die ſchwediſche National⸗ hymne anzuſtimmen hätten, die man für eine Wechſel⸗ zmiſt zwiſchen zwei verſchiedenen Orcheſtern arrangirt atte. Vergebens blickte ſie nach dem Ceremonjenmeiſter; er zeigte ſich nicht. Ihre Unruhe nahm zu. Sie begriff wohl, daß der Metropolit jedenfalls nichts Anſtößiges ſagen konnte; aber ungeachtet die Kaiſerin, wenigſtens des äußern Scheines wegen und aus Achtung für den ruſſiſchen Volkscharakter, der Kirche und ihren Forderungen im⸗ mer Verehrung, ſogar Unterwürfigkeit zollte, ſo liebte ſie gleichwohl ihre Ceremonien nicht ſehr. Sie erſchienen ihr langweilig. Bei der Vorausſetzung einer Verbin⸗ dung mit Guſtav Adolph war übrigens die Frage we⸗ gen freier Religionsübung für Alexandra noch nicht entſchieden worden, obſchon man in den letzten Wochen nicht unterlaſſen hatte, die Aufmerkſamkeit der Kaiſerin auf die Wichtigkeit derſelben zu lenken. Was für einen Schritt daher auch der Metropolit thun wollte, ſo war 33²2 ſie, da er von allen Seiten geſehen wurde, mißvergnügt darüber. Aber was ſollte ſie thun? Ihr finſterer Blick und ihre ungeduldige Bewegung wurden von dem Die⸗ ner der Kirche nicht einmal beobachtet. Wie ein mäch⸗ tiger, von allen äußeren Zeichen unabhängiger Geiſt ſchritt er voran. Das, was wir hier mit einer gewiſſen Umſtändlich⸗ keit zu ſchildern genöthigt ſind, um dem Ereigniß ſein wahres Gepräge zu geben, ging in Wirklichkeit weit ſchneller vor ſich. Guſtav, Alexander und Alexandra, über deren Her⸗ een für eine kurze Weile eine Frühlingsſonne hinge⸗ ſcritten war, bemerkten jetzt die herantretenden Prieſter ebenfalls, und die Frühlingsſonne erloſch, und eine Ah⸗ nung ſagte ihnen, daß eine Donnerwolke an ihrem Him⸗ mel aufſteige. Die dramatiſche Lebendigkeit des Augenblickes wurde inzwiſchen dadurch nicht vermindert: die Handlung ge⸗ wann mehr Spannung, der Moment mehr Bedeutung, der Eindruck mehr Intereſſe. Es war etwas Unbekanntes, was herannahte, man wußte nicht was; aber es reizte die Neugierde und man ſehnte ſich ungeduldig nach der Löſung des Räthſels. Ein Auge blickte inzwiſchen ſeitwärts von dem herab⸗ gelaſſenen Fenſtervorhang hervor. Dieſes Auge gehörte der Perſon, welche den ſchwarzen Schlagſchatten in der Fenſtervertiefung bildete, und von der wir weiter oben geſprochen haben. Mit einem haſtigen Blick flog ihre Aufmerkſamkeit über die zahlloſe Maſſe von Köpſen, welche den Saal füllten. Der Mann ſah, wie der Metropolit voran⸗ ſchritt; er bemerkte die Unruhe der Kaiſerin, ſowie die angeregte, aber ſtille Verwunderung der jungen fürſt⸗ lichen Perſonen; er ſah die Zufriedenheit auf den Ge⸗ ſichtern der Günſtlinge, ſah ein feines Lächeln, das auf Markow's dünnen Lippen ſchwebte... und er ließ den Vorhang wieder ſinken. Er hatte genug geſehen. —õj u— 333 In dieſem Augenblick blieb der Metropolit vor den kaiſerlichen Perſonen ſtehen; aber in dem Moment, wo er ſeine Lippen öffnete, um zu ſprechen, ſah man ein weißes Nastuch in der Fenſtervertiefung ein Zeichen nach unten geben, und die Muſik ſtimmte mit betäubenden Tönen die erſten Accorde der ruſſiſchen Nationalhymne an. Verwirrt ſtarrte der Prieſter um ſich; er verlor ſein Concept. Die Kaiſerin dagegen gewann ihre ganze Faſſung wieder. Froh über die empfangene Hilfe, wandte ſie ſich mit einer Bewegung der Zufriedenheit gegen das Fenſter, wo der dunkle Schlagſchatten mit dem weißen Tuch in der Hand noch hinter dem Vorhang ſtand. Hierauf gab ſie einen Wink, daß man ſich nach einer andern Seite des Schloſſes begeben ſolle, wo eine neue Ueberraſchung auf Guſtav wartete. Der Hof folgte, während die Muſik fortſpielte. Nach einer Weile ſtanden nur noch Subow, Mar⸗ kow und Orlow nebſt Reuterholm da. — Der Metropolit iſt ein größerer Dummkopf, als ich vermuthet hatte, ſagte Subow. Warum ſchwieg er? Er wußte doch, daß ich durchaus eine Rede von ihm haben wollte. — Dieſer Unfall bedeutet ſehr wenig, bemerkte Mar⸗ kow. Es iſt nicht nöthig, daß unſer Plan ſelbſt in ſeinen unbedeutendſten Details gelingt, wenn wir nur mit der Hauptſache an's Ziel kommen, und nach der Schilderung, die Baron Reuterholm uns vom Charakter des Königs entworſen hat, bin ich überzeugt, daß wir uns vollkommen auf dem rechten Wege beſinden; oder was meinen Sie, Herr Baron? — Ich bin derſelben Anſicht, erwiederte Reuterholm, obſchon ich glaube, daß uns die Klugheit gebietet, nicht zu pochen und zu trotzen. — Ganz richtig, Herr Baron, verſetzte Orlow; von Ihrem Standpunkt aus vollkommen richtig. Als Ruſſen haben wir indeſſen ein anderes Material zu bearbeiten, 334 und um dieſe Ehe zu vereiteln, die weder mit Ihren noch mit unſern Intereſſen übereinſtimmt, brauchen wir bloß in dem eine Stütze zu ſuchen, was Sie, Herr Ba⸗ ron, die öffentliche Meinung nennen würden, was aber wir Aberglauben, Schwärmerei, Fanatismus nennen. Bei uns iſt dieß eine gewaltige Triebfeder, zumal wenn ſie von einem religis en Motiv in Bewegung geſetzt wird. Hätte daher der Pfaffe Gelegenheit bekommen, ſich auszuſprechen, ſo würde dieſe Nachricht unter dem Volk eine große Wirkung hervorgebracht haben. Aber das läßt ſich jetzt nicht mehr ändern. Zu der Ueber⸗ raſchung, welche die Kaiſerin dem König von der Newa⸗ ſeite her bereitet hat, haben wir eine kleine, neue Ueber⸗ raſchung gefügt, die uns vollkommenen Schadenerſatz bieten dürfte für... — Aber der Ceremonienmeiſter war ja auf meinen Befehl fort, ſiel Subow ein. Wer war es, der ſich un⸗ terſtand, das Zeichen im Fenſter zu geben? — Ew. Hoheit Bemerkung iſt ganz richtig, ant⸗ wortete Markow. Aber der Mann iſt noch da... es iſt dieſer Schlagſchatten hier. In der Abſicht, ſeinen Zorn ſchwer auf den Ver⸗ wegenen fallen zu laſſen, der ihm dieſen frechen Streich geſpielt, begab ſich Subow an's Fenſter und warf den Vorhang zurück. Man denke ſich ſeine Ueberraſchung und Verlegen⸗ heit, als Armfelt aus der Niſche hervortrat. Ohne daß ein Wort zwiſchen ihnen gewechſelt wurde, begab ſich Armfelt direkt zu Reuterholm. Die beiden Feinde hatten einander ſeit vielen Jahren nicht geſehen, und obſchon Reuterholm alle ſeine Intriguen gegen Armfelt glücklich durchgeſetzt hatte, ſo fühlte ſich doch dieſe rachgierige und verſchloſſene Natur höchſt unbehag⸗ lich bei dem unerwarteten Anblick eines Gegners, der ſo offen, ſo keck und ungenirt auftrat. — Herr Baron Reuterholm, ſagte Armfelt, Sie gehen auf böſen Wegen... aber das wundert mich 8———— 335 nicht... ich warne Sie jedoch... ſehen Sie ſich wohl vor.. und vergeſſen Sie nicht, daß die Zeit der vor⸗ mundſchaftlichen Regierung bald abgelaufen iſt. Armfelt kehrte ihm hierauf den Rücken und verließ das Schloß. Der Hof hatte ſich in den Zimmern auf derjenigen Seite des Schloſſes, die gegen die Newa zu lag, ver⸗ ſammelt. Eine unüberſehbare Volksmaſſe wimmelte auf bei⸗ den Seiten des Fluſſes. Sobald die kaiſerliche Familie ſich auf den Balkonen zeigte, wurde ſie von einem jubelnden Hurrahruf begrüßt. Mitten auf dem Fluß ſchwamm ein größerer Floß, von welchem aus ein Dutzend Raketenkäſten Tauſende von Blitzen gegen den Himmel emporſandten. Das Gemälde war im höchſten Grade impoſant, und machte auf Alle einen großartigen Eindruck. Guſtav Adolph IV. näherte ſich Alexandra, ohne daß Jemand darauf zu achten ſchien. Es fand ſich je⸗ doch eine einzige Perſon, der Nichts entging, und dieſe einzige war die Kaiſerin,— Das Feuerwerk nahm ſeinen Fortgang. Sonnen und Sterne, die in allen Farben des Regenbogens ſchim⸗ merten, leuchteten und verſchwanden um einander. Subow und Markow hatten ſich nebſt Orlow und Reuterholm den Uebrigen angeſchloſſen und ſtimmten in die allgemeine Bewunderung ein. — Das Hauptſtück des Feuerwerks kommt noch, bemerkte Protaſow. — Was iſt's? fragte man von mehreren Seiten, was iſt's? — Die Namenschiffer der Kaiſerin, antwortete ſie. — Und die des Königs von Schweden nebſt der Chiffer der Prinzeſſin Alerandra, fügte Branitzka hinzu. 336 — Obſchon das Geſpräch nicht darauf berechnet war, von den betreffenden Perſonen gehört zu werden, ſo drangen dieſe Aeußerungen dennoch zu ihren Ohren. Guſtav und Alexandra wechſelten einen herzlichen Blick. Die Vorſtellung, daß ihre Namenschiffer zu gleicher Zeit brennen ſollte, befeuerte ihre Gedanken. — Ich bin höchſt neugierig, ſiel Fräulein Protaſow wieder ein; ich kann kaum ſagen, wie neugierig ich bin. — Auf was? — Ich bin neugierig, welche Namenschiffer zuerſt angezündet wird. — Das iſt in Wahrheit nicht leicht vorherzuſagen, denn es kommt darauf an ob das Pulver in den Röh⸗ ren, die zu den Namen führen, gleich proportionirt iſt. Die Frage hängt alſo davon ab, ob der Feuerwerker eine Verſäumniß begangen hat oder nicht. — Ich wette gleichwohl, daß die Namenoschiffer der Kaiſerin zuerſt brennen wird, verſetzte Protaſow. Hat Jemand Luſt, mit mir zu wetten? — Auf den Namen der Kaiſerin wage ich keine Wette einzugehen, erwiderte Branitzka, wohl aber auf Guſtav Adolph und die Prinzeſſin, welcher von beiden Namen uerſt... 3— Wie Du willſt... ich behaupte... — Ich behaupte, daß die Chiffer der Prinzeſſin vor der des Königs angezündet wird. — Ich wollte daſſelbe ſagen; aber da Du ſo willſt, ſo behaupte ich das Gegentheil, nämlich daß die Namens⸗ chiffer des Königs... — Was wetteſt Du? — Hundert Rubel. — Zu wenig... — Zweihundert. — Immer noch zu wenig... viel zu wenig. — Nun denn 500. — Laß uns 1000 Rubel wetten. Die Frage betrifft zwei fürſtliche Namen. 3 337 Guſtav und Alexandra konnten es nicht vermeiden, das Geſpräch anzuhören. Die Wette zwiſchen Branitzka und Protaſow wurde bald bekannt und veranlaßte noch mehrere. Das allge⸗ meine Intereſſe nahm mit der ſteigenden Anzahl neuer Wetten zu. Das Feuerwerk hatte inzwiſchen ſeinen Fortgang gehabt, und der Augenblick, wo die Namenschiffern an⸗ gezündet werden ſollten, ſtand bevor. Mit einem durch das in's Spiel gezogene Privatintereſſe geſteigerten Eifer verſammelte man ſich an den Fenſtern und auf den Balkonen. Subow und Markow wechſelten geheimnißvolle Blicke, während ein kaltes Lächeln über ihre Geſichter glitt. Sie ſchienen über den Ausgang der Wetten, die rings um ſie her abgeſchloſſen worden, mehr zu wiſſen als alle Andern. Sie hatten auch Mehreren, die ihnen Wetten anboten, abſchlägige Antworten gegeben. Das Geld iſt ein mächtiger Hebel. Perſonen, deren Gemüthsruhe ſich durch andere Leidenſchaften nicht er⸗ chüttern läßt, kommen bei der Frage um Mein und Dein oft aus dem Gleichgewicht. Das Intereſſe für den Ausgang der Wetten hatte das Intereſſe für das Feuerwerk vervielfacht. Bei jedem neuen Stück, das angezündet wurde, that ſich eine Bewegung der Ungeduld unter den Anweſenden kund, weil man glaubte, daß es jetzt den Namenochif⸗ fern gelte. Alexandra und Guſtav begaben ſich gleichfalls auf den Balkon. Die Wette galt hauptſächlich ihnen. Man hatte, auf ihre Namen, wie auf zwei Karten, große Ka⸗ pitalien geſetzt. Aber dieſer Umſtand war gleichwohl für ſie nicht der wichtigſte. Alexandra wünſchte ſo ſehnlich, daß Guſtav's Name zuerſt brennen mochte, und nicht minder glühend war Guſtav's Wunſch, daß Alexandra's Chiffer zuerſt ſtrahlend ſeinen Augen entgegentrete. Ein Augenblick früher oder ſpäter haͤtte unter gewöhnlichen Der Fürſt. II. 22 338 Verhältniſſen nicht viel bedeutet; aber wie viel bedeutete das jetzt, da die allgemeine Aufmerkſamkeit darauf haftete! — Jetzt... jetzt... jetzt... rief man von allen Seiten.. jetzt.. jetzt... Man glaubte, die Namenschiffern würden angezün⸗ det werden.. Unter den Namen ſaßen im Zickzack mehrere einander kreuzende Rohre, und man ſah, wie ein Mann mit einer brennenden Lunte in der Hand ſich ihnen näherte. Alles ſtand in ſtiller Erwartung da, um den Aus⸗ gang zu ſehen. Die Wetten hatten die Fragen in einen Zweikampf verwandelt. Man beugte ſich vor. Einige Geſichter flammten vor Hitze, andere waren blaß vor Furcht. Die Leidenſchaften regten die Herzen und Sinne auf. Niemand wollte verlieren, Alle wollten gewinnen. Die Aufmerkſamkeit konnte nicht größer ſein: bei Ale⸗ randra und Guſtav wurde ſie von der Liebe, bei der Mehrzahl dagegen von der Geldgier beſeelt. Bereits brannten die unterſten Rohre und praſſelnd züngelte das Feuer und ſchlängelte ſich immer mehr nach oben.. Einige gaben ihre Freude zu erkennen, als die Flamme an einer gewiſſen Stelle auf einmal mit Blitzes⸗ ſchnelle das Rohr hinauf rauſchte, das beinahe einer kleinen Sproſſenleiter glich; Andere ſtießen einen Ruf des Verdruſſes aus, weil ſie den drohenden Verluſt fürchteten; wieder Andere dagegen wagten kaum zu athmen. Die Kaiſerin hatte den Kampf nicht bemerkt, der an ihrem Hof entſtanden war. Unter einem Baldachin ſitzend, folgte ſie mit ruhiger Aufmerkſamkeit dem Gang des Feuerwerkes. Alexandra und Guſtav dagegen, welche wußten, was die Mehrzahl ihrer Umgebung ſo eifrig beſchäftigte, befanden ſich in einer Spannung, als ſtänden ihre eigene Herzen auf dem Spiel. 1 Inzwiſchen trugen dieſe Umſtände vielfach dazu bei, 339 ſie einander noch näher zu führen. Die Liebe erhielt vih eine äͤußere Stütze, die ihr noch mehr Stärke verlieh. Haſtig warf ſich das Feuer in die Höhe, und man glaubte, alle Namen würden auf einmal angezündet werden. Ein dumpfer Ruf ging eine Weile durch die Zimmer; aber man täuſchte ſich.. nur die in der Mitte angebrachte Chiffer der Kaiſerin flammte und auf den Seiten rings umher glänzten auch die Chiffern der übrigen kaiſerlichen Familie... dagegen blieb ſowohl Alerandra's, als auch Guſtav Adolph's IV. Name gänz⸗ lich im Dunkel. Die Flamme, die zu ihnen führen ſollte, war erloſchen. Ein Beifallsſturm von den Volksmaſſen auf den Quais begrüßte die Namenschiffer der Kaiſerin; aber kaum hatte man bemerkt, daß Guſtav's und Alexandra's Namen fehlten, ſo verſtummten die Viyatrufe, und auf den Enthuſtasmus folgte ein Schweigen, gleich als hätte eine ſchreckliche Vorbedeutung eine ſprachloſe Betroffen⸗ heit hervorgerufen. Der Unmuth und die Verſtimmung verbreiteten ſich auch am Hof. Mit ſchlecht verhehlter Ueberraſchung blickte man einander an. Die Kaiſerin erhob ſich miß⸗ vergnügt, ſtampfte zornig mit dem Fuße auf den Boden, ſetzte ſich aber dann wieder. Guſtav Adolph und Ale⸗ randra erblaßten im gleichen Augenblick. Nichts hätte ſie mehr erſchüttern können als dieſes Ereigniß; es war eine gänzlich unerwartete Niederlage für ihre Gefühle. Subow, Markow, Orlow und Reuterholm blickten ſprachlos einander an. Sie hatten nicht darauf gerech⸗ net, daß der Effekt ſo groß werden könnte, wie es ſich jetzt Peigte. as Feuerwerk war zu Ende; nur die Namen brannten noch. In dieſem Augenblick hörte man indeß ein zuneh⸗ mendes Gemurmel von unten, und man beugt⸗ ſich über 340 die Balkone des Schloſſes hinaus, um die Urſache zu entdecken. Bald fand man ſie auch. In dem Augenblick, wo die Lauffeuer zu den Namenschiffern Guſtav's und Alexandra's erloſchen, hatte ein Mann ſich vom Quai herab in den Fluß geworfen, und trotz der ſehr ſtarken Strömung arbeitete er ſich entſchloſſen und kräftig bis zum Floß vor. Niemand kannte die Abſicht des Mannes, aber das Unternehmen war dreiſt, und man folgte ihm mit all⸗ gemeiner Theilnahme. Auch von den Schloßfenſtern aus hatte man ge⸗ ſehen, wie er gegen den Strom kämpfte und den Wi⸗ derſtand deſſelben mit einer Geſchicklichkeit überwand, die von eben ſo viel Kraft als Verſtand zeugte; aber man ſollte bald noch mehr Urſache bekommen, ihn zu bewundern. Auf dem Floß angelangt, eilte er auf die allda be⸗ ſchäftigten Leute zu, riß einem der Feuerwerker zwei Brandröhren aus der Hand und lief damit zu dem Ge⸗ ſtell mit den Namenschiffern. Mit bewundernswerther Schnelligkeit und Gewandtheit kletterte er ſodann an demſelben hinauf, ohne ſich um das Feuer von den brennenden Namen zu bekümmern, das um ihn her aus⸗ ſtrömte und jeden Augenblick ſeine Kleider anzünden zu wollen ſchien. Bald ſtand er hoch oben, und mit einer Brandröhre in jeder Hand, zündete er zu gleicher Zeit Guſtav's und Alexandra's Namenschiffern an, worauf er langſam herabſtieg, dem Feuerwerker die Brandröhren zurückgab, ſich von Neuem in den Fluß warf und nach dem Quai zurückſchwamm. Man kann ſich leicht vorſtellen, mit welchem Jubel das Volk den rüſtigen und muthigen Jüngling empfing. Das Hurrahgeſchrei ſchien kein Ende nehmen zu wollen. Beide Ufer überboten ſich an freudigen Zurufungen. Die Kaiſerin hatte ſich erhoben. Sie hatte kaum je ein angenehmeres Gefühl gehabt. Das Ausbleiben 341 der Namen Alexandra's und Guſtav's hatte ſie verdroſ⸗ ſen und geſchmerzt, zumal da es vielfache Deutungen zuließ und man vielleicht ſogar eine vorſätzliche Belei⸗ digung darin erblicken konnte. Guſtav's und Alexandra's Hände begegneten ſich, und ein beinahe unbewußter Druck derſelben verpflanzte einen elektriſchen Funken von Herz zu Herz. Der junge Alexander war voll Feuer und Leben. — Laßt uns den unerſchrockenen Mann heraufrufen, welcher dachte und handelte, während alle Andern rath⸗ los daſtanden, ſagte er. Die Kaiſerin ſchenkte dem Vorſchlag ihren Beifall, und ein Kammerherr wurde abgeſchickt, um den Unbe⸗ kannten zu holen, deſſen raſche Entſchloſſenheit ſie von einem unbehaglichen Eindruck befreit hatte. Die Günſtlinge nahmen an der allgemeinen Freude Theil; aber was ſie in ihrem Innern dachten, wollen wir nicht zu beſchreiben ſuchen. Mit Ungeduld erwartete man die Rückkehr des Kam⸗ merherrn, denn man ſehnte ſich, den Mann zu ſehen, der ſich auf eine ſo gluͤckliche Art zum Helden des Feſtes ge⸗ macht hatte. Der Kammerherr blieb auch nicht lange aus, brachte aber den Unbekannten nicht mit, ſondern meldete, derſelbe könne ſich vor der Kaiſerin nicht zeigen, da er nach ſeinem Bade noch durch und durch naß ſei. Katharina erneuerte indeß ihren Befehl, und bald wurde der Mann bereingeführt, worauf der Hof mit achtungs⸗ voller Höflichkeit Spaliere bildete, um ihm freien Vor⸗ tritt bis zur kaiſerlichen Familie zu geſtatten. Mit offener Stirne und ſichern Schritts kam er voran, und man ſah ihm ſehr wohl an, daß er gewöhnt war, ſich in höheren Kreiſen zu zeigen; aber die Kaiſerin erkannte mit ausnehmender Befriedigung auch in ihm einen alten Bekannten, denn der Mann war kein anderer als Döring. — Dank, Döring, ſagte ſie, Sie ſollen nicht unbe⸗ lohnt bleiben; ſeien Sie davon überzeugt. Sie haben 342 mir einen Dienſt erwieſen, der mich mehr erfreute, als irgend etwas Anderes. Von dieſem Augenblick an werde ich Sie jederzeit mit Vergnügen an meinem Hof ſehen. Guſtav hatte inzwiſchen Döring gleichfalls erkannt und wollte an Freundlichkeit gegen ihn hinter der Kaiſerin nicht zurückſtehen. — Döring, ſagte er, Sie haben der Prinzeſſin eine große Freude bereitet... tragen Sie dafür dieſen Stern als ein Zeichen meiner Erkenntlichkeit. Ich ſchulde ihn Dir übrigens noch für alte Dienſte. Mit dieſen Worten nahm der König den Schwert⸗ ordensſtern von ſeiner Bruſt und heftete ihn Döring an. Aber auch Alexandra wollte ihm ihre Dankbar⸗ keit beweiſen. — Welche Auszeichnung ſoll ich Ihnen verleihen, Deöeing⸗ ſagte ſie. Doch ich weiß... ſehen Sie dort links. Döring kam ihrer Aufforderung nach und er zuckte zuſammen, als er Willanow's düſtere, träumeriſche Augen entdeckte, die mit einer unerklärlich dunkeln Flamme auf ihm ruhten. Aber ſobald ſie ſich bemerkt wußte, ver⸗ ließ ſie ihren Platz, und er ſah, daß ſie ſich zu dem Grafen Orlow begab, mit dem ſie einige Worte wech⸗ ſelte, worauf Beide den Saal verließen. Alerandra drückte mit jugendlicher Wärme ſeine Hand; Alles um ihn her ſchien ihm ſo heiter und auf⸗ munternd entgegenzulächeln, und gleichwohl war die beſte Sonne ſeiner Zukunftshoffnungen untergegangen. Döring bildete inzwiſchen den Gegenſtand des all⸗ gemeinen Geſprächs. Guſtav Adolph IV. erzählte Alles, was er von ihm wußte, und jeder neue Zug ſteigerte die Achtung, die man ihm bereits ſchenkte. So erzählte Guſtav, wie Döring als Trabant einmal ihn ſelbſt wegen einer kna⸗ benhaften Ungerechtigkeit gegen einen jungen Pagen zu⸗ recht gewieſen, wie er ſic im Thiergarten mit einem Höfling duellirt und dabei ebenſo viel Edelſinn als —,—— 343 Muth bewieſen; wie er im Begriff geſtanden, ſich mit einem Hoffräulein zu verloben, wie aber dieſe Verbin⸗ dung durch die Umſtände vereitelt worden ſei; wie er endlich ſeinen Abſchied genommen und ſich in engliſchen Dienſten auf's Ehrenvollſte ausgezeichnet habe, weßhalb ihm auch eine wichtige und geheimnißvolle Sendung nach Neapel anvertraut worden ſei, wobei er ſich den größ⸗ ten Beifall des neapolitaniſchen Hofes erworben habe.*) Die Erzählungen des jungen Königs erhöhten das Intereſſe für Döring noch mehr. Eine Stunde ſpäter rollte ein Wagen über die Troitzkoybrücke nach Krestowzkoy⸗Oſtrow zu und von da noch weiter vor den Raſumowskiſchen Palaſt. Sobald die Equipage anhielt, ſtieg Fräulein Wil⸗ lanow heraus, und Graf Orlow empfing ſie am Thore. — Haben Sie die Güte, vorauszugehen, bat ſie, ich werde Ihnen folgen. Der Graf gehorchte. Nachdem ſie mehrere Gänge und größere Gemächer paſſirt hatten, kamen ſie in daſſelbe Arbeitskabinet, wo wir den Eigenthümer des Hauſes ſchon früher einmal getroffen haben. Kaum waren ſie dort eingetroffen, ſo trat Orlow auf Willanow zu. — Laſſen Sie uns Frieden ſchließen, mein Fräulein, waren die einfachen Worte, die er ſprach. Frieden, mein Fräulein. — In Folge Ihres Verſprechens, mein Herr, komme ich hieher, um meine Eltern zu treffen, antwor⸗ tete ſie, und bevor ich ſie getroſſen habe, gehe ich auf keine Friedenspläne mit Ihnen ein. — *) Alle dieſe hier angedeuteten Ereigniſſe ſind im „Trabanten“ ausführlich erzählt. 344 — Sie ſind noch immer ſtolz, mein Fräulein; Sie vergeſſen, daß wir jetzt allein ſind. — Ich bin nicht allein, Herr Graf, denn ich habe einen Freund mitgebracht, dem ich mehr vertraue, als Ihnen. — Wirklich? — Sehen Sie hier. Und ſie zeigte ihm dabei einen Dolch in ihrem Guͤrtel. Orlow runzelte die Stirne, begab ſich aber ſogleich zur nächſten Thuͤre, öffnete ſie und erſuchte das Fräu⸗ lein, einzutreten. Mit unausſprechlicher Freude ſtürzte ſie in... Viertes Kapitel. Nothwendige Erläuterungen. Eine Fahrt nach Sibirien. Wir haben erzählt, wie Fürſt Raszanowsky, der Vater des Fräuleins Willanow, nach dem Blutbad von Praga und dem Fall Warſchaus nach Sibirien geſchickt wurde, wohin ſeine Gemahlin ihn begleitete. Nichts⸗ deſtoweniger haben wir Beide im tauriſchen Palaſte gefunden, nachdem ſie an einer der Treppen, die zur Newa hinabführen, auf Orlow's Befehl verhaftet wor⸗ den, und wir wiſſen bereits, daß der Graf dieſen Um⸗ ſtand dazu benützte, die Einwilligung des Fräuleins in die von der Kaiſerin befohlene Ehe zu erzwingen. Wir müſſen jetzt auch erwähnen, daß Willanow von der An⸗ weſenheit ihrer Eltern auf ruſſiſchem Boden ſchon vor⸗ her wußte. Der Leſer dürfte ſich nämlich erinnern, daß das Fräulein bei dem Beſuch, den ſie mit der Prin⸗ zeſſin Alexandra in Strelna machte, von Marfa in ein inneres Zimmer geführt wurde, wobei ſie einen Aus⸗ ruf der Ueberraſchung ausſtieß, der um ſo natürlicher Sie nen en. em ich u⸗ S n— 2 — 8 8 N —y KN „ 345 war, als ſie jetzt nach zwei vollen Jahren ganz uner⸗ wartet diejenigen fand, die ſie auf Erden am meiſten liebte, nämlich ihren Vater und ihre Mutter, welche ſte ſchon lange als lebendig begraben in Sibiriens Wü⸗ ſten betrauert hatte. Im Vorhergehenden haben wir auch bereits an⸗ gedeutet, daß ein Mißgriff bei der Deportation ſie ge⸗ rettet habe; aber dieſer Mißgriff war mit einem Zug von Edelmuth verknüpft, der wohl verdient hier er⸗ wähnt zu werden. Wir haben erzählt, daß, als die ruſſiſchen Trup⸗ pen gegen Warſchau heranmarſchirten, der Fürſt, dem eine Stunde ſpäter ſeine von Unruhe und Angſt um ſein Leben gequälte Gattin nachfolgte, ſich auf den Weg machte, um mit dem Oberbefehlshaber der Armee zu⸗ ſammenzutreffen und von ihm wo möglich Gnade und Schonung für die Bevölkerung der Stadt zu erlangen. Aber nicht genug, daß er ſeine Worte umſonſt ver⸗ geudete, man nahm ihn auch gefangen und führte ihn nach einem für den Obergeneral beſtimmten Palaſt, wo⸗ hin die treue Gattin ihn begleitete. Während der militäriſchen Bewegungen, welche die Armee und ihren Commandanten in Anſpruch nahmen, vergaß man zwar, die ſtrenge Bewachung ſeiner Perſon anzubefehlen, wie die Umſtände ſie vielleicht geboten hätten, unterließ jedoch nicht, ihm ſeine Verurtheilung zur Deportation anzuzeigen. Inzwiſchen ſiel es dem Fürſten nicht ein, die Saum⸗ ſeligkeit in ſeiner Bewachung zur Flucht zu benützen, obſchon er gewiß Gelegenheit dazu gehabt hätte. Ueber⸗ zeugt von der Güte ſeiner Sache, wollte er vielmehr der Gefahr entgegengehen und begab ſich alſo im Be⸗ wußtſein ſeiner Unſchuld nach den inneren Gemächern des angewieſenen Palaſtes, wo er ruhig abwartete, was da kommen ſollte. Fürſt Raszanowsky beſaß einen alten getreuen Diener, 346 der ſein ganzes Leben hindurch kaum jemals von ſei⸗ ner Seite gewichen war. Als der Fürſt ſeine Wohnung verließ, begleitete ihn der Diener, und als die Fürſtin leichfalls aus⸗ fuhr, hatte ſie die Frau des Alten bei ſich. Unzertrennlich in den frohen Stunden des Lebens, waren ſie es jetzt auch in der Trübſal. Das Dienerpaar nahm in einem der äußeren Zim⸗ mer Platz. Sie hatten ſich noch nicht lange da aufgehalten, als einige untergeordnete ruſſiſche Beamte eintraten und nach dem Fürſten fragten. Die Ergebenheit für dieſen erwachte jetzt mit ihrer vollen Wärme in der Bruſt des Dieners. Der Edelmuth ruht auf einer Grundlage von Rein⸗ heit des Charakters und Güte des Herzens; in den meiſten Faͤllen aber entſpringt die edelmüthige Hand⸗ lung aus einer augenblicklichen Vereinigung dieſer bei⸗ den Eigenſchaften. Eine edelmüthige Eingebung machte ſich auch in dieſem Augenblick bei dem Diener geltend. Der Fürſt befand ſich in den innern Gemächern, und die Beamten, die jetzt vor dem alten Diener ſtan⸗ den, ſchienen mehr ſklaviſche Werkzeuge als Männer von Urtheil und Verſtand zu ſein. — Was wollen Sie von mir? fragte ſie der Die⸗ ner. Ich bin der Fürſt. Das Alter des Greiſen, die Würde ſeines Beneh⸗ mens, ſo wie ſeine redliche, ernſte Miene führten die Beamten irre; man bemächtigte ſich ſeiner ſogleich und ließ ihm kaum Zeit, den Fürſten mit einigen Zeilen von dem Vorgefallenen zu unterrichten. Der treue Alte war, wie geſagt, verheirathet, und ſeine Frau, welche die aufopfernde Ergebenheit ihres Mannes gegen den Fürſten vollkommen theilte, begriff ſeine Abſicht ſogleich und ſpielte ihre Rolle mit derſel⸗ ben Reſignation, derſelben Uneigennützigkeit, derſelben 347 Liebe für die Familie. Ruhig und würdevoll ging ſie ihrem ſchweren Schickſal entgegen, feſt entſchloſſen, den Mann nicht zu verlaſſen, der ihr ein ganzes Leben voll Glück geſchenkt hatte. Aus dem Palaſt wurden ſie direct nach dem De⸗ portationsfuhrwerk gebracht, und ehe ſie ſich recht um⸗ ſehen konnten, befanden ſie ſich bereits auf dem Weg nach dem Verbannungsort. Als der Fürſt das Schreiben ſeines Dieners em⸗ pfing, konnte die Sache nicht mehr abgeändert werden. Der Alte meldete ihm, was er unternommen habe, und ermahnte ihn, ſogleich zu fliehen. Wir übergehen die Rührung des Fürſten über die⸗ ſes uneigennützige, ſchöne Benehmen des redlichen Man⸗ nes; genug, während noch eine große Thraͤne über ſeine bleiche Wange herabrollte, verließ er mit ſeiner Gemah⸗ lin unbemerkt den Palaſt, wo jedes weitere Verweilen zwecklos geweſen wäre, zumal da er jetzt einſah, wel⸗ ches Schickſal ihn ohne alle Unterſuchung hätte treffen ſollen, und da es überdieß ganz unſicher war, ob die Lage ſeines Dieners ſich verändert hätte, wenn er den Irrthum aufgedeckt haben würde. Das Einrücken der ruſſiſchen Armee in der Stadt verbreitete Schrecken unter der Bevölkerung. Als der Fürſt und die Fürſtin hinauskamen, fanden ſie die Straßen leer. Eiligſt ſchlugen ſie den Weg nach ihrem eigenen Palaſte ein, aber die Thore waren bereits mit Poſten beſetzt, und man verweigerte ihnen den Eintritt. Orlow war nämlich einen Augenblick vorher mit Mann⸗ ſchaft dort angelangt und eben beſchäftigt, Fräulein Willanow wegzuführen, wobei ihr Bruder, der zur Ver⸗ theidigung ſeiner Schweſter heraneilte, einen Schuß und einen Bajonetſtich bekam, eine Scene, die wir ebenfalls ſchon früher geſchildert haben. Der Fürſt und die Fürſtin, die keine Ahnung von dem ihren Kindern widerfahrenen Unglück hatten, gaben, dem Gebote der Vorſicht folgend, für den Augenblick alle Hoffnung auf ein Zuſammentreffen mit ihnen auf und flüchteten ſich zu einem Freunde, der ihnen rieth, in einer Vermummung die Stadt zu verlaſſen und ſich bis auf Weiteres nach einem ihrer entlegenen Güter zu begeben. 4 Der Rath des Freundes war den Umſtänden an⸗ gemeſſen, und mit überzeugenden Gründen bewies er ihnen, daß dieß das Einzige war, was ſie vernünftiger⸗ weiſe thun konnten. Ueberdieß verpflichtete er ſic, ihre Kinder von dem Geſchehenen in Kenntniß zu ſetzen, und verſicherte, daß ſie dieſelben gewiß ſehr bald wie⸗ der an's Herz drücken könnten. Bei ſolchen Ausſichten ließen ſich die alten Leute überreden, und binnen einer Stunde ſaßen ſie verkleidet in einem alten Fuhrwerk, das nach Gallizien fuhr, wo ſie ſich auf ein lange nicht beſuchtes Gut zu flüchten gedachten, in der Hoffnung, daſelbſt aller und jeder Aufmerkſamkeit zu entgehen. Es ging auch in dieſer Beziehung Alles nach Wunſch. Unter fremdem Namen kamen ſie glücklich in ihrem abgelegenen Zufluchtsort an, und da ſie Voll⸗ machten beſaßen, die natürlich von dem Fürſten ſelbſt ausgefertigt waren, ſo übernahmen ſie die Verwaltung bes Gutes, ohne daß irgend Jemand ihr Incognito ahnte. Die Hoffnung, ihre Kinder bald wieder ſehen zu dürfen, war der einzige Strahl der Freude, der ihnen in ihrer zurückgezogenen Einſamkeit leuchtete. Aber es verging Woche um Woche, Monat um Monat, ohne daß ſie irgend eine Nachricht von den Geliebten erhiel⸗ ten. Dagegen wurden ſie einmal um's andere von Ge⸗ rüchten über die ſchmerzlichen Schläge, welche ihr Vater⸗ land ſeit der ruſſiſchen Invaſion trafen, in Schrecken gejagt. Aber der Freund, der die Nachrichten verſpro⸗ chen hatte, blieb ſtumm. So verging ein ganzes Jahr. In ihrer Unruhe ſchrieben ſie zwar nach Warſchau, allein die Briefe blieben unbeantwortet. Das Grab ſelbſt konnte nicht düſterer ſein, als dieſe ſelbſtgewählte ——— 349 Verbannung ihnen zuletzt wurde. Eine Hoffnung ſchwand um die andere. Die Ungewißheit uͤber das Schickſal ihrer Kinder erfüllte ſie mit Verzweiflung, und ihre Haare ergrauten, ihre Kräfte brachen. Noch verging ein halbes Jahr. Es war lang wie ein gan⸗ zes Leben. Wie auf einer Rutſchbahn jagten dabei ihre Gedanken nach dem Grabe hinab. Eines Abends hielt jedoch einer von Polens alten Kriegern vor ihrem Thore an. Aus dem Geſpräch mit dem Flüchtling erfuhren ſie, daß ihr Sohn todt und ihre Tochter nach Petersburg abgeführt worden ſei. Willanow war jetzt noch der einzige Abendſtern ihres Lebens. Zu ihr flogen auch ihre Gedanken, ihr wandte ſich ihre letzte Liebe zu. Mit der ganzen Leben⸗ digkeit der Elternliebe dachten ſie ſich ihr Leiden an dem fremden Hof, wo ſie in einer Art von Gefangen⸗ ſchaft zu leben gezwungen war. Sie überſahen alſo ihre eigene Gefahr, dachten nicht an die Möglichkeit einer Entdeckung, und nach langer Ueberlegung be⸗ ſchloſſen ſie, wiederum unter dem Schutz einer Ver⸗ mummung, nach Rußland zu reiſen. Um dieſe Zeit traf auch ein Brief von dem Freunde ein, auf deſſen Schreiben ſie ſo lange gewar⸗ tet hatten. In die politiſche Bewegung gemiſcht, war er bis⸗ her aus vielen Urſachen verhindert geweſen, ſein Ver⸗ ſprechen zu halten. Inzwiſchen beſtätigte er jetzt, was ſie bereits wußten, nämlich daß ihr Sohn geſtorben und ihre Tochter nach Rußland weggeführt worden ſei. Aber der Brief enthielt auch die Nachricht, daß Marfa ſich, um möglichſt nahe bei dem Mädchen zu ſein, gleichfalls nach Petersburg begeben und daß ſie, um ſich in ein undurchdringliches Dunkel zu hüllen, die Ruinen von Strelna zu ihrem Wohnſitz gewählt habe, wo ſie übrigens die Rolle einer weiſen Frau ſpiele, die ihr Leben der Menſchheit widme, indem ſie theils zukünftige Ereigniſſe vorherſage, theils allerlei 35⁵0 Krankheiten heile, kluge Rathſchläge ertheile und andere ähnliche Dinge thue, die ſich mit ihrer Stellung ver⸗ einigen ließen. Mehr hatte der Correſpondent nicht erfahren. Der Entſchluß, nach Petersburg zu reiſen, um wo möglich ihre Tochter wieder zu ſehen, war bereits ge⸗ faßt, und das jetzt eingelaufene Schreiben beſchleunigte ſeine Ausführung. Unter den jeweiligen Verhältniſſen hielt es das fürſtliche Paar fuͤr rathſam, weder Marfa noch Willa⸗ now von ſeiner Ankunft ſchriftlich in Kenntniß zu ſetzen, denn man fürchtete, nicht bloß ſich ſelbſt, ſondern auch dieſe beiden theuren Perſonen in Gefahr zu bringen, falls der Brief in fremde Hände geriethe. Mit einem Paß auf denſelben Namen, unter wel⸗ chem ſie ſich ſeit anderthalb Jahren in Gallizien auf⸗ hehalten hatten, machten ſie ſich auf den Weg und ge⸗ angten endlich ohne alle Abenteuer nach Strelna, wo Marfa ſie ebenſo freudig als herzlich empfing. Zur ſelben Zeit hatte Marfa auch aus Neapel Nachrichten über die Fürſtin Raszanowsky erhalten. Der Abbé brachte nicht bloß die Botſchaft von ihrem Tod, ondern auch ihr letztes Teſtament, ſowie die vieljäh⸗ rige Correſpondenz, die zwiſchen der Verſtorbenen und Marfa gefuͤhrt worden war. Im Uebrigen hatte man von Neapel aus eine Menge Zuſätze zum Teſtament mit der Poſt abgehen laſſen; aber als der Abbé ſich auf dem Bureau erkundigte, erklärte man ihm, daß man dieſelben nicht empfan⸗ gen und zu Geſicht bekommen habe. Der Leſer weiß bereits, daß dieſe Allegate in Or⸗ low's Hand gefallen waren. Unter dieſen Umſtänden ſchrieb Marfa an Willa⸗ now, die ſich damals juſt mit dem Hof in Petersburg befand, und bat ſie um ihren Beſuch. Lechi, die den Brief überbrachte, erhielt Befehl, denſelben unter eine Statue ſeitwärts von dem Teich im Parke zu legen, 351 an einen Ort, von welchem Marfa in Folge einer al⸗ ten Uebereinkunft wußte, daß Willanow ihn unterſuchen würde. Der Brief ſiel, wie wir bereits geſehen haben, dem Kammerdiener der Kaiſerin in die Hände, der je⸗ doch ehrlich genug war, keinen andern Gebrauch davon u machen, als daß er inn an ſeine Adreſſe übergab. rlow dagegen, der in olge ſeiner Leidenſchaft für Willanow ſie mit Spionen umgeben hatte, fing nicht bloß Lechi auf, ſondern bekam auch, als er ſie durch⸗ ſuchen ließ, die Antwort des Fräuleins, die ihm Ver⸗ anlaſſung gab, ſeinen Bruder Andreas abzuſchicken, um ſie auf ihrer Reiſe nach Strelna wegzukapern. Wie dieſer Verſuch ablief, wiſſen wir bereits. Um dieſe Zeit häuften ſich ohnehin die Ereigniſſe über dem Haupte des Fräuleins. Ihr Bruder, von dem ſie bisher geglaubt hatte, ſie habe ihn in Warſchau ſter⸗ bend, ermordet von Orlow's Henkerknechten, geſehen, und zwar in demſelben Augenblick, wo ſie ſelbſt gewalt⸗ ſam weggeführt wurde, hatte ſie gleichwohl neuerdings durch einen Brief in Kenntniß geſetzt, daß er noch lebe. Marfa hatte ihn zwar mit einer durch die Entſetzlichkeit des Augenblicks auf's Höchſte geſteigerten Kraft von dem blutigen Platze hinweg, wo ſie in ihm eine Leiche zu finden geglaubt, nach einem innern Zimmer getragen, um ihm alle noch erdenkliche Pflege zu widmen; aber ihre angeſtrengteſten Verſuche, ihn in's Leben zurückzu⸗ rufen, blieben vergeblich, und um nicht Alles zu ver⸗ lieren, ſondern wenigſtens zu ſehen, welches Schickſal das Fräulein bedrohte, verließ ſie ihn. Inzwiſchen kam der Jüngling allmählig wieder zu ſich, und die im Pa⸗ laſt einquartirten Ruſſen hatten die Barmherzigkeit, ihn in ein Lazareth zu bringen, wo er lange zwiſchen Leben und Tod ſchwebte, bis zuletzt das Leben, unterſtützt von den Wundern, welche die Jugend in ſolchen Fällen leicht zu Stande bringt, den Sieg davon trug. Ein ganzes Jahr lang vermochte er indeß das Lazareth nicht zu ver⸗ laſſen, und mehr als einmal hatte er ſelbſt, wie auch 35² die Aerzte, alle Hoffnung auf Rettung aufgegeben. Aber als die Kräfte einmal wiederzukehren anfingen, da kehr⸗ ten ſie auch mit beſtändig zunehmender Raſchheit zurück. Da er bei ſeinem Eintritt in's Lazareth gänzlich unfähig geweſen war, irgend eine Auskunft über ſeine Perſon, einen Namen, ſeinen Stand, oder die Veranlaſſung ſeiner ſchweren Wunden zu ertheilen, während das La⸗ zarethreglement doch befahl, den Namen jedes Patienten in die Tagebücher einzutragen, ſo hatte der Arzt kein Bedenken getragen, ihn unter demjenigen Namen, der ihm zuerſt einfiel, einzuſchreiben, und ſo erhielt er den Na⸗ men Worvwitſch. Bei ſeiner Geneſung hielt er es auch für rathſam, denſelben beizubehalten. Unter dem Schutz dieſes Namens hoffte er um ſo leichter den Beobach⸗ tungen der ruſſiſchen Beamten zu entgehen. Er ließ ſich alſo unter dieſem Namen ausſchreiben und fand bald, daß er ſehr klug daran gethan hatte, denn dieß erleich⸗ terte ihm die Nachforſchungen, die er jetzt anſtellte, um nothwendige Aufſchlüſſe über das Schickſal ſeiner Eltern und ſeiner Schweſter zu erhalten. Er erfuhr auch bald, daß die erſteren nach Sibirien abgeführt worden ſeien, letztere aber ſich an dem Hof in Petersburg aufhalte. Worowitſch— wir geben ihm fortwährend dieſen Namen— war lebhaft, unerſchrocken und unternehmend. Muthig fuhr er fort, ſelbſt über die geringſten Details der großen Kataſtrophe Erkundigungen einzuziehen. Unter ſeinen Freunden hatte ſich die Ueberzeugung ver⸗ breitet, ſein Vater habe die Sache Polens verrathen, weil man glaubte, ſein Schreiben habe die Patrioten zu dem letzten, unüberlegten Kampfe veranlaßt. Inzwi⸗ ſchen gab dieſer Umſtand Veranlaſſung zu neuen For⸗ ſchungen. Unter Anderem begann Worowitſch den Brief, den er ſelbſt empfangen hatte, genauer zu unterſuchen, und dabei fand er jetzt, was ihm früher nie eingefallen war, daß die Handſchrift, obſchon ſie der ſeines Vaters ſehr glich, dennoch verfälſcht ſchien. Dieſer Argwohn ſpornte ihn noch mehr an. Es galt ja, vor dem ganzen —5-,—S,- 3⁵³ Vaterlande die Ehre ſeines Vaters von dem kränkenden Verdacht reinzuwaſchen, daß er ein Verräther ſei. Die Hoffnung, auch dieſen Zweck erreichen zu können, trieb ihn unaufhörlich weiter, und bald erfuhr er Etwas, was im ruſſiſchen Lager durchaus kein Geheimniß war, näm⸗ lich, daß Orlow aus Liebe zu ſeiner Schweſter, ſich als ſimpler Schreiber im Hauſe ſeines Vaters aufgehalten und ſich deſſen ganzes Vertrauen erworben hatte. Da⸗ mit ſtellte er den Umſtand zuſammen, daß juſt Orlow es war, der ſeine Schweſter weggeführt, und daß Or⸗ low'ſche Mannſchaft ihn ſelbſt angegriffen hatte. Durch dieſe Entdeckungen befand er ſich bereits auf einer brei⸗ ten Bahn, und mittelſt einer weitverzweigten geheimen Correſpondenz mit den Patrioten verſchaffte er ſich eine ganze Menge von Schreiben, die ſie von ſeinem Vater erhalten hatten. Er begann ſie jetzt zu vergleichen und auf's Genaueſte zu unterſuchen, und ſo ſtellte es ſich vollkommen und klar heraus, daß der verkleidete Secre⸗ tär einen abſcheulichen Betrug begangen hatte. Es war nicht ſchwer zu erfahren, welche Truppen im Palaſt ſei⸗ nes Vaters im Quartier gelegen hatten. In den Com⸗ pagniejournalen ſtanden noch die einzelnen Numern und Namen zu leſen. Mit Hülfe dieſer Urkunden ſuchte er ſich die Leute auf, und da dieſelben jetzt nicht mehr unter Orlow ſtanden, ſo erzählten ſie ihm ohne Bedenken, daß ſie von dem Grafen den beſtimmteſten Befehl erhalten hatten, den Sohn des Fürſten Raszanowsky zu tödten, was ſie auch wirklich gethan zu haben glaubten. Auf ſolche Art führte ein Aufſchluß zum andern, und endlich ſtand Orlow gänzlich entſchleiert da. Wworoowitſch hatte bloß eine einzige Abſicht, und dieſe beſtand darin, durch hinreichende Beweiſe die Kai⸗ ſerin Katharina und ſein eigenes Vaterland zu überzeu⸗ gen, daß ſein Vater den letzten Aufruhr Polens nicht veranlaßt habe. Durch dieſe Beweisführung hoffte er den Namen und das Anſehen des Greiſes wiederherzu⸗ Der Fürſt. II. 23 354 ſtellen und ihm das Recht zur Rückkehr aus dem Exil zu verſchaffen. Um ſeinen Plan durchführen zu können, mußte er ſich nothwendig nach Petersburg begeben und unter allen Umſtänden eine Audienz bei der Kaiſerin zu erhalten ſuchen. Beides war inzwiſchen nicht leicht; aber er war jung, und die Jugend überſchätzt gern ihre Kräfte. Worowitſch hatte ebenfalls Nachrichten von Marfa und ihrem Aufenthaltsorte erhalten. Unter ihrer Adreſſe ſchrieb er jetzt an ſeine Schweſter und verkündete ihr ſeine Ankunft. Dieſe Correſpondenz war es, die das Fräulein in die zweideutige Stellung brachte, worin ſie nicht bloß zu ſich ſelbſt, ſondern auch zu Orlow gerieth, deſſen Spione von geheimen Plänen munkelten, was dem Grafen hinwiederum die Idee eingab, ſich zum Herrn des Fräuleins zu machen, und zwar mittelſt ihrer eigenen Intriguen. Wir kommen jetzt noch einmal auf Willanow's Be⸗ ſuch in Strelna zuruͤck. Nachdem die erſte herzliche Freude des Wiederſehens zwiſchen der Tochter und den Eltern ſich gelegt hatte, ging man zu Erklärungen über und vereinigte ſich da⸗ hin, daß jetzt ein gemeinſchaftlicher Operationsplan be⸗ folgt werden müſſe. Willa now erzählte, was indeß Marfa bereits mit⸗ getheitt hatte, dß Worowitſch noch lebe, daß er aber mit der ganzen Unvorſichtigkeit eines unerfahrenen jun⸗ gen Mannes vor der Kaiſerin aufgetreten ſei und in Anweſenheit des ganzen Hofes Anklagen vorgebracht habe, von denen ſie fürchte, daß ſie ihm ſchaden könnten. Dieſe Unbedachtſamkeit vetmehrte die Unruhe der alten Leute noch, die jedoch ſelbſt nicht recht wußten, wie Worowitſch eigentlich hätte handeln ſollen und wie er jetzt handeln müſſe; daher ſie bloß Willanow dringend aufforderten, ihn zu bitten, daß er möglichſt lange ſein Incognito zu bewahren ſuche. Im Uebrigen fand man, daß er, nach⸗ dem er ſich einmal auf eine unvorſichtige Art bemerklich BEo 35⁵ gemacht, nunmehr von dem eigenen Gang der Ereig⸗ niſſe abhänge und demſelben nothwendig folgen müſſe. Der Furſt ſeinerſeits ſprach ſich für das Zuwarten aus, denn es könne ja irgend ein glücklicher Umſtand eintreffen, der ihm geſtatte, ſich zu zeigen; inzwiſchen aber ſollte man, meinte er, alle dieſe Intereſſen genau im Auge behalten und auf Nebenwegen die Kaiſerin zu gewinnen ſuchen. Von dieſen Gegenſtänden wollte man juſt auf den Abbé und den Auftrag, der ihn von Neapel nach Pe⸗ tersburg geführt, übergehen, als man durch ein plötz⸗ liches Getöſe in dem äußern Zimmer, wo Marfa ſich mit der Prinzeſſin Alexandra aufhielt, unterbrochen wurde und daher hinaus eilte. Der Leſer dürfte ſich erinnern, daß dieſe Störung durch das ſtürmiſche Auftreten des Grafen Andreas veranlaßt wurde; das Geſpräch aber wurde hernach nicht wieder aufgenommen. In Folge dieſes Umſtandes wußte Willanow Nichts von den Geſchäften, womit der Abbé beauftragt war. Als ſie Strelna verließ, befand ſie ſich noch in derſelben unklaren und kummervollen Stellung wie vor⸗ her. Obſchon ſie jetzt wußte, daß ihre Eltern und ihr Bruder ihr ſo nahe waren, wagte ſie es doch Niemand zu entdecken. Bei den wenigen und kurzen Beſprechun⸗ gen, die ſie mit ihrem Bruder hatte, konnte ſie ihm zwar den Aufenthalt der Eltern mittheilen, bekam aber niemals Zeit, mit ihm vollſtändig die Art zu berathen, wie man jetzt handeln müſſe. Durch den Sbitenhändler Alerandrowitſch erhielten die alten Leute die Nachricht, daß Worowitſch von Or⸗ low verhaftet worden ſei und ſich in deſſen Gewalt be⸗ finde; da ſie nun für das Leben ihres Sohnes fürch⸗ teten, der ihrem ergrimmteſten Feinde überantwortet war, ſo vergaßen ſie ihre eigene Gefahr und faßten den kühnen, von der Elternliebe dictirten Entſchluß, ſich ohne weiteren Aufſchub zur Kaiſerin zu begeben, um ſich ihr zu Füßen zu werſen und ihre Gnade anzuſtehen. 356 Zu ſeinem Glück entdeckte und erkannte ſie jedoch Orlow auf dem Weg nach dem tauriſchen Palaſte, daher er ihre Abſicht dadurch vereitelte, daß er ſie verhaften ließ. Da er ſogleich einſah, wie wichtig dieſer Hand⸗ ſtreich für ihn war, weil er dadurch von Willanow bei⸗ nahe Alles erzwingen konnte, was er nur wollte, ſo wies er ihnen im Schloß ein Zimmer an, das für ſeine Zwecke paßte. Alles ging auch nach Wunſch, und er hoffte alſo ſein vorgeſetztes Ziel bald zu erreichen, da er jetzt den einen Theil mit dem andern im Schach halten konnte, während er beide ſowohl mit ſeiner Gunſt bei der Kaiſerin, als auch mit der ungeheuren Gewalt, die ihm als Chef der geheimen Polizei zuſtand, bedrohte. Nur Döring hatte das Fräulein anvertraut, daß Worowitſch ihr Bruder war. Vielleicht war es nicht bloß das Vertrauen, das ſie in ſeine Ehre ſetzte, ſon⸗ dern vielmehr ein noch lebhafteres und wärmeres Gefühl, was ſie zu dieſer einzigen Ausnahme veranlaßte. Willanow hatte im tauriſchen Palaſt ihre Eltern an einem Fenſter ſich gegenüber geſehen, und Orlow's Drohung, daß er dieſelben bei der Kaiſerin denunciren wollte, hatte ſie dermaßen eingeſchüchtert, daß ſie ſich willig erklärte, ihm ihre Hand zu reichen. Eine Weile ſpäter, als ſie Döring die Urſache ihrer Handlungsweiſe entdeckte, waren ihre Eltern nicht mehr ſichtbar, und ſie begriff, daß Orlow ſie hatte fortbrin⸗ gen laſſen. Seit zwei Monaten hatte der Graf auf ihr wieder⸗ holtes dringendes Bitten, daß er ihr einen Beſuch bei ihren Eltern geſtatten mochte, dieſelbe abſchlägige Ant⸗ wort ertheilt. 3 Willanow ahnte nichts Gutes und härmte ſich über das Schickſal der geliebten Perſonen, wagte ſich aber 357 Niemand anzuvertrauen. Ihr Kummer war um ſo ſchmerzlicher, weil Döring vom Hofe wegblieb und Wo⸗ rowitſch gleichſam gänzlich verſchwunden war. Wir wollen jetzt ſehen, welches Schickſal ihre El⸗ tern und den Abbé traf. Auf demſelben Hinterweg, auf dem ſie in den tauriſchen Palaſt geführt worden waren, mußten ſie ihn auch verlaſſen; ſodann wurden ſie in Orlow's Wagen ſchleunigſt nach dem Raſumowski'ſchen Palaſt abgeführt und allda alle drei in ein und daſſelbe Gefängniß einge⸗ ſchloſſen. Das Gefängniß war eng und finſter; es glich einem Grabe. Troſtlos über den Schlag, der ſie getroffen, un⸗ gewiß, ob nicht noch härtere bevorſtanden, ohne alle Ausſicht auf eine Befreiung aus der Gewalt ihres Fein⸗ des, ſuchten ſie, jedes für ſich, ein Plätzchen, um in der Stille über ihre Lage nachzuſinnen. Mehrere Stunden ver ingen. Durch eine kleine Oe nung in der Thüre wurden die Lebensmittel hereingeſchoben, die man ihnen zukom⸗ men ließ; aber noch hatten ſie ſich von ihrer Unruhe über dieſe plötzliche Wendung ihres Schickſals nicht ſo weit erholt, daß ſie Etwas zu ſich zu nehmen vermochten. Als endlich die Thüre geöffnet wurde, trat ein Ge⸗ fangenwärter ein und befahl dem Fürſten und der Für⸗ ſtin, ihm zu folgen, wobei jedoch weder Name noch Ti⸗ tel gebraucht wurde, ſondern nur die Numer. Der Fürſt war Numer 1, die Fürſtin Numer 2. Der Gefangenwärter ing ihnen voraus in einen großen Saal, wo Orlow ſie bereits erwartete. 1 Das Geſpräch zwiſchen Orlow und ihnen war ſehr rz. — Sie ſind meine Gefangenen, erklärte er ihnen, Sie ſind es in doppelter Beziehung. Durch einen Be⸗ fehl der Kaiſerin, wurden Sie wegen Ihrer Theilnahme am letzten Aufruhr in Polen zur Abführung nach Si⸗ 358 birien verurtheilt, und ſowohl die Kaiſerin als ich ha⸗ ben bisher geglaubt, der Befehl ſei vollzogen worden. Durch welche Mittel es Ihnen gelungen iſt, der Ab⸗ führung zu entgehen, gehört nicht hieher; aber Sie ſind jetzt meine Gefangenen, nicht bloß weil Sie bereits verurtheilt ſind, ſondern auch weil Sie ſich deßungeachtet hier befinden. Es gibt indeß ein Mittel zu Ihrer Ret⸗ tung, und es wird von Ihnen ſelbſt abhängen, daſſelbe zu benützen. Meine Bedingungen ſind folgende. Ihre Tochter, Fräulein Willanow, befindet ſich am Hof und hat mir heute aus freien Stücken ihre Hand zugeſagt, Sie müſſen auch Ihre Einwilligung dazu geben. Der Fürſt und die Fürſtin Raszanowski wagten ihren Ohren kaum zu trauen. — So unglaublich es mir erſcheint, antwortete der Fürſt, daß meine Tochter freiwillig ein ſolches Verſpre⸗ chen abgegeben habe, ſo liebe ich ſie doch zu ſehr, als daß ich nicht, unter der Vorausſetzung, daß Ihre An⸗ abe, Herr Graf, wahr iſt, meine Einwilligung geben ble⸗ Es handelt ſich um das Glück meines Kindes, und ſie mag frei wählen. — Dieß iſt alſo abgemacht, fuhr Orlow fort. Meine zweite Bedingung beſteht darin, daß Sie mir ein ſchriftliches Zeugniß ausſtellen, daß ich in meiner Eigenſchaft als Ihr Secretär meine Geſchäfte zu Ihrer Zufriedenheit beſorgt habe. Sie ſind damit einver⸗ ſtanden? Fürſt Raszanowski war in den letzten Jahren hart geprüft worden und hatte dabei den beſten Theil ſeiner Kräfte eingebüßt; aber bei dieſem unerwarteten Vor⸗ ſchlag flammte ſein Verdruß auf, und der alte Edel⸗ mann vermochte nur mit Mühe ſeinen Zorn zu dämpfen. — Darauf gehe ich niemals ein, antwortete er kalt und würdevoll; durch Ihren Betrug, womit Sie meine Briefe verfälſchten, haben Sie das letzte Ungluͤck meines Vaterlandes verſchuldet, und die Strafe des Herrn wird Sie dafür einmal treffen. 3⁵9 — Sie weigern ſich, auf dieſe Bedingung einzugehen, ſagen Sie. Dann verlohnt es ſich nicht der Müͤhe, Ihnen die übrigen mitzutheilen. Gefangenwärter, ſperre die Gefangenen in die Zellen 1 und 2, und öffne die Thuͤre zwiſchen ihnen. Sie dürfen nicht mehr im gleichen Zim⸗ mer mit dem andern Arreſtanten ſitzen. Wo iſt er? — Draußen. — Führe ihn herein. In demſelben Augenblick, wo man Numer 1 und 2 abführte, wurde Numer 3 hereingeführt. Das Verhör mit dem Abbé währte ebenfalls nicht ange. ge Herr Abbé, ſagte Orlow zu ihm, Sie glauben vielleicht nicht, daß ich Sie kenne. — Nach der Art, wie ich behandelt worden bin, möchte ich es bezweifeln; aber im Fall Sie mich kennen, ſo hoffe ich, daß Sie mich wieder auf freien Fuß ſetzen werden. — Damit hat es keine Eile, Herr Abbé. Sie ſind ja aus Italien.. nicht wahr? — Ja. — Sie ſind von einer nunmehr in Neapel geſtor⸗ benen Perſon hierher geſchickt worden, um eine teſtamen⸗ tariſche Verfügung zu Gunſten eines jungen Mannes zu überbringen. — Und wenn ich das zugebe, was folgt daraus? — Daß ich wiſſen will, wer dieſe Perſon iſt. — Und wenn ich mich auch dazu verſtände? — So müſſen Sie mir das Teſtament ausliefern. Orlow behandelte ſeine Gefangenen ohne alle Um⸗ ſtände. Er glaubte, daß er Nichts von ihnen zu fürch⸗ ten hätte. — Ihnen das Teſtament ausliefern? — Wie ich ſage. — Nie, Herr Graf, nie. — Sagen Sie das wirklich? 360 — Allerdings. Was eine Sterbende mir anvertraut hat, wird kein Lebender mir nehmen. — Wir wollen ſehen. Gefangenwärter, führe den Gefangenen Numer 3 in die Zelle Nr. 3. Der Abbé wurde abgeführt und von Neuem in eine ebenſo dunkle Zelle gebracht, wie diejenige war, die er kaum zuvor verlaſſen hatte. Nach einigen Stunden hörte der Abbé, daß vor der Zelle Schluͤſſel raſſelten und das Schloß geöffnet wurde. Als die Thüre aufging, bemerkte er, daß es im Corridor finſter war, und ſchloß daraus, daß die Nacht bereits eingebrochen ſei. — Ich habe Befehl, Ihnen dieſe Binde vor die Augen zu knüpfen und Sie ſodann von hier wegzufüh⸗ ren, ſagte der Gefangenwärter zu ihm. — Wohin? — Das werden Sie ſogleich erfahren. Jeder Widerſtand wäre vergeblich geweſen und der Abbé geſtattete daher gutwillig, daß der Mann die em⸗ pfangenen Befehle vollzog. Sobald die Binde auf's Sorgfältigſte feſtgeknüpft war, nahm der Gefängniß⸗ wärter ihn bei der Hand und führte ihn weg. Sie ka⸗ men bald die Treppen hinab auf einen Hof, und nach⸗ dem einige Thüren geöffnet worden, befanden ſie ſich auf einem Feld. Der Abbé ſpürte dieß ſowohl an dem weichen, ebenen Boden, als auch an dem kalten Wind, der ihm von allen Seiten entgegenblies. An der Hand des Gefangenwärters ging er vorſichtig weiter; aber auf einmal wurde er von vier ſtarken Armen angefaßt, die ihn mit einem einzigen kräftigen Griff vom Boden auf⸗ hoben und dann niederſetzten... er konnte die Beſchaf⸗ ſenheit des Platzes nicht ſogleich unterſcheiden und beur⸗ theilen... er konnte dieß um ſo weniger, als er in ————„ — n⸗ 361 demſelben Augenblick ſpürte, daß man ihm Hände und Füße band. Ein qualvoller Gedanke jagte den andern durch ſeine Seele. Aber damit nicht genug; nachdem er feſt gebunden war, nahm man ihm die Binde ab, und jetzt bemerkte er, daß man ihn in eine große hölzerne Kiſte gebracht hatte, die man alsbald über ihm zuſchlug und ſorgfäl⸗ tig verſchloß. Der Abbé begriff nicht, was man mit ihm vor⸗ hatte. Alles kam ihm ſo unerklärlich vor, daß er glaubte, ſeine Einbildungskraft beſchäftige ſich bloß mit einem infernaliſchen Traume. Sein Schrecken nahm zu, als er ſpürte, daß die Kiſte ſich zu bewegen anfing, und als er die Hufſchläge ſchneller und ſtarker Roſſe vor derſelben hörte. Tauſend Fragen drängten ſich in ſei⸗ nem Kopf, ohne daß er jedoch eine einzige zu beant⸗ worten vermochte. War er auf Befehl der Kaiſerin oder bloß auf Orlow's Veranſtaltung verhaftet? Warum hatte man ihn ſeiner Freiheit beraubt? Welches Schickſal dachte man ihm zu? Wo befand er ſich in dieſem Au⸗ genblick? Wohin wollte man ihn führen? In ein an⸗ deres Gefängniß? Aber er hatte ja gar Nichts gethan. ollte man ihn vielleicht in's Innere des Landes ab⸗ führen? Er hatte von Sibirien und den Bergwerken allda reden gehört. Konnte man nicht die Abſicht ha⸗ ben, ihn in einem dieſer Abgründe verſchwinden zu laſſen? Sibirien betrachtete er nämlich als einem Ab⸗ grund unter einer Sonne von Eis, und die Bergwerke als einen Abgrund unter einem Mond von Blei. Er entſetzte ſich vor dieſen Gedanken, aber dabei ging ihm ein neuer auf, der ihn einigermaßen tröſtete. de iſt das Wahrſcheinlichſte, meinte er nämlich, daß man mich bloß über die Grenze zurückfuͤhrt und dann freiläßt. Der tröſtliche Gedanke, nach Italien zurückkehren zu dürfen, nach ſeinem ſchönen, herrlichen Italien, und noch mehr, nach Neapel, dieſem kleinen Paradies, dieſem ——— — — 362 ſchönſten unter allen Ländern der Erde, dieſer üppigſten und prachtvollſten Blume der Natur, einer zauberiſchen, wunderbaren Oaſe, eingefaßt in einen großartigen, eben⸗ ſo umfaſſenden als herrlichen Rahmen— dieſer Gedanke ermunterte ſeine Sinne, erquickte ſeine Seele, und er vergaß das harte Lager, auf das ihm gebettet war, die barbariſche Art, wie man ihn behandelte, den Schmerz, den er in allen Gliedern empfand, ſo oft das Wagenrad auf einen Stein ſtieß. Das Einzige, was ihn bekümmerte, war, daß er ſeinen Auftrag in Betreff des Teſtaments nicht zu voll⸗ ziehen vermocht hatte, aber er hoffte dieß ſchriftlich thun zu können. Das Schloß der Kiſte, in welche man ihn einge⸗ ſperrt, beſtand aus einem dichten Eiſendrahtgitter, durch welches er eine vortreffliche Ausſicht auf— den Him⸗ mel hatte. Der Abbé hatte zwar in ſeiner langjaͤhrigen geiſt⸗ lichen Laufbahn oft von dem Himmel geſprochen, aber er hatte noch nie Gelegenheit gehabt, ihn ſo genau zu betrachten, wie jetzt. Seine Lage war indeß nichts we⸗ niger als behaglich, und es fragt ſich ſehr, ob die fromme Seele nicht weit lieber einen Schlüſſel, der ihm das Marterſchloß öffnete, zu ſehen gewünſcht hätte, als die Schlüſſel des St. Peter, womit er die Pforten des Him⸗ mels hätte erſchließen können. Um die Gegend, durch welche die Fahrt ging, ſo weit es möglich war, zu unterſuchen, richtete er ſeinen Kopf empor und erhob ſich auf ſeine Kniee; aber alle Verſuche waren vergebens. Er konnte keine Spur von der Erde entdecken. Nur der Himmel, zu welchem die Menſchen, wie er ſie ſo oft ermahnt hatte, ausſchließlich ihre Gedanken emporrichten und ihre Blicke wenden ſoll⸗ ten, ſpannte ſich hoch und kalt, blau und klar, mit ſei⸗ ner unwandelbaren Sternenſchrift über ihm aus. War es vielleicht die Rache einer ſtrafenden, allmächtigen Vor⸗ ſehung, die ihm auf dieſe Art beharrlich die ewig ſich n nNRSZ B 363 gleichbleibende Ausſicht vorhielt, welche er mit ſo gluͤ⸗ hendem Eifer Andern als das einzige würdige Ziel ihres Strebens vorgezeichnet, während er mitunter ſelbſt... er konnte das nicht leugnen... nach ganz andern Sei⸗ ten geblickt hatte. Der fortwährende Anblick des Himmels flößte ihm melancholiſche Gedanken ein. Bald meinte er, der Him⸗ mel verfolge ihn gleichſam, bald wieder, er ſelbſt werde, in ſeinem eigenen Sarge liegend, von einem Dämon oder böſen Geiſt unter demſelben weggeführt. Aus der einen Phantaſie ſtreckt eine andere ihr Haupt empor, aus der einen Einbildung blickt eine neue mit ihren hellen oder dunkeln Augen hervor. Wenn der Abbé auch im Anfang von zauberiſchen und ſchönen, ſchwärmeriſchen Luftbildern hingeriſſen wurde, ſo verwandelten ſich dieſe doch allmählig in Erſcheinungen von immer düſtrerer Art. Die erſchutterte Seele wirkte auf ſeinen Körper. Wärme und Froſt begannen mit einander zu wechſeln. Bald ſchwitzte er ſo, daß warme Tropfen über ſeine Schläfe herabrannen; bald ſchlich eine Kühle durch ſeine Glie⸗ der, ſo daß er ſich beinahe in Eis verwandelt fühlte. Der Mann wurde hereits von einem Fieber geplagt, und die Fieberphantaſteen waren nicht milderer Art, als die vorhergehenden. Ohne allen Aufenthalt war der mit kräftigen, leb⸗ haften Pferden beſpannte Wagen vorangeeilt, und erſt nach mehrſtuͤndiger Fahrt hielt er an. Angſtvoll ſtellte der Abbé die Frage an ſich, ob wohl das Ende all ſeiner Leiden gekommen ſei, oder ob die Verfolgung noch andauern werde. In dieſem Augenblick hörte er, daß Perſonen ſich näherten und daß man das Schloß der Kiſte öffnete. Glücklich in der Hoffnung, daß er jetzt befreit wer⸗ den ſollte, wollte er eben mit der Innigkeit eines ge⸗ ruͤhrten Herzens Gott dafür danken, als man ſich über ihn warf, ihm eine Binde vor die Augen knüpfte, ihn aus der Kiſte hervorhob, ſeine Haͤnde und Füße der 364 Bande entledigte, und ihn in ein finſteres Gefaͤngniß führte, wo man ihm die Binde wieder abnahm, ihn ſodann allein ließ und die Thüre verſchloß. Seine Verzweiflung wurde immer peinlicher, und es wäre ein vergebliches Bemühen, ſeine Seelenleiden ſchildern zu wollen. Neue Fragen und neue Qualen drangen auf ihn ein. Jede Frage, die man ſich nicht beantworten kann, iſt eine Qual. Von tauſend furienartig geißelnden Bekümmerniſſen erſchüttert, wie er war, begann er jetzt auch noch einen nagenden Hunger zu empfinden. Als er jedoch mit den Häanden herumtappte, gerieth er an einen Schrank, wo er etliche Teller oder Schüſſeln fand, welche die Ge⸗ fängnißkoſt enthielten, die man für ſeine leiblichen Be⸗ dürfniſſe nothwendig glaubte. Mit wahrer Gierde griff er darnach. Welche Wolluſt ... es war eine Nahrung.. gleichviel von was für einer Beſchaffenheit... es war doch eine Nahrung... und er aß mit einem Appetit, als hätte er eine ganze Woche gefaſtet. Erſchöpft, beinahe ohnmächtig ſank er ſodann auf ſein Lager nieder. Der Schlaf iſt der Freund des Un⸗ glücklichen, denn mit ihm kommen die Träume, die oft Bilder der Gluͤckſeligkeit mit ſich führen. Der Abbé träumte ſich in Italien, unter Rebhügeln luſtwandelnd, am warmen Sonnenſchein ſich erlabend, die Dufte blü⸗ hender Akazien und Pomeranzenbäume einſaugend. Hätte er doch ewig träumen können! aber ein hartes Schickſal hatte ihm einen noch härteren Kappzaum angelegt. Der Abbé hatte immer auf ein weiches Bett, einen guten Tiſch und das Recht, ſich ſo lange der Ruhe uͤberlaſſen zu dürfen, als es ihm behagte, hohen Werth gelegt. Leider waren die Umſtände jetzt ganz anders, aber nichtsdeſtoweniger verſchmähte er auch das ſo kärg⸗ liche Maß nicht, das ihm jetzt bewilligt wurde, und er ſchlief daher ſo lange als möglich, ſchlief bis zu dem Augenblick, wo ein Schließer ihn wieder weckte, ihm 365 die Augen verband, ihn auf einen Hof hinaus führte, in eine Kiſte hob, ihm Hände und Füße band und die Kiſte zuſchloß, worauf die Pferde ihn von Neuem wei⸗ ter zogen. Welch ein tiefer Seufzer hob nicht ſeine Bruſt! ein tieferer war ihr noch nie entſtiegen. Man hatte dießmal die Kiſte mit Stroh belegt und er war froh darüber, weil das Gerüttel des Wagens ihn jetzt nicht mehr in demſelben Grade marterte, wie in der vorhergehenden Nacht. ſchon er auf dem Rücken lag, konnte man doch ſagen, daß nicht er es war, der zum Himmel empor⸗ ſchaute, ſondern daß vielmehr der Himmel mit ſeinen tauſend Augen ernſt und ſtreng zu ihm herabblickte. Er verſuchte zu ſchlummern; aber da war immer Etwas, das ihn beinahe zwang die Augenlieder aufzuſchlagen, gleich als wäre er verurtheilt, ſelbſt zu ſehen, wie er von oben herab von einer höheren Macht betrachtet wurde. Der Abbé war ein frommer, ganz gewöhn⸗ licher Menſch, der, wenn er auch nicht ſonderlich viel Gutes in der Welt gethan hatte, gleichwohl ſich keiner eigentlich böſen That bewußt war. Seine Lage war inzwiſchen von ſo eigenthümlicher Art, daß der gute Mann wirklich Skrupeln über ſein früheres Leben zu bekommen anfing. Jetzt, wie in der letzten Nacht, ſtürmte eine Fantaſie um die andere durch ſeine Seele. Das Gewiſſen begann jetzt auch in dieſem wilden Fan⸗ taſieſpiel ſeinen Finger mitwalten zu laſſen. Es däuchte ihn, als betrachte ihn der Himmel mit vorwurfsvollen Blicken. Und er muſterte ſein Leben, unterſuchte es mit. der kleinlichſten Genauigkeit und entdeckte jetzt Schattenſeiten, an welche er früher nie gedacht hätte. o begann er ſich die wollüſtige Bequemlichkeit vorzuwerfen die er in ſeinem früheren glücklichen Leben genoſſen; er geſtand ſich ſelbſt, daß er dadurch viel ver⸗ äumt habe, was er zum Beſten ſeiner Mitmenſchen hätte thun können, und er nahm ſich vor, wenn er einmal 366 wieder Herr ſeiner Handlungen werde, ſo wolle er ſeiner Natur feſte Bande anlegen und dagegen mit um ſo beharrlicherem Ernſt im Weinberg des Herrn arbeiten, zum Nutzen und Frommen des Menſchengeſchlechtes. Aber während der Abbé im Angeſicht des Himmels, der ſich allenthalben uͤber ihm ausbreitete, in einem Augenblick ſo ſchöne Entſchlüſſe faßte, erwachte in ihm gleichwohl im nächſten Augenblick ein ſo unwiderſteh⸗ liches Verlangen, wenigſtens einen einzigen Fleck der Erde, worauf er weilte, wiederſehen zu dürfen, daß er dem dämoniſchen Einfluß einer wahren Raſerei ver⸗ fiel; aber vergebens ſuchte er ſeine Bande zu zerreißen, vergebens bemühte er ſich das Schloß zu ſprengen; ver⸗ gebens bot er alle ſeine Kräfte auf, um ſich aus ſeinem Gefängniß zu befreien; Von Neuem jagten tauſend Gedanken, einer ſon⸗ derbarer als der andere und haſtig einander ablöſend, durch ſein Gemüth. Dieſe Gedanken galten nicht mehr den Urſachen ſeiner Gefangenſchaft und dem Ort, wohin man ihn wohl führen wuͤrde. Die Verzweiflung iſt eine Gift⸗ miſcherin für jede fromme Menſchenſeele, und ſie träu⸗ felte jetzt auch ihr Gift in das Herz des ſonſt ſo gut⸗ müthigen und fügſamen Abbé. Wir wollen hier die troſtloſe Lebensphiloſophie, das mißgeſtaltete, aber theure Schooßkind der Verzweiflung, nicht ſchildern, dieſe Philoſophie, in deren Kreisgang ſeine Seele ſich dabei bewegte. Unzweifelhaft war er inzwiſchen auf ein Gebiet gerathen, an deſſen Sodoms⸗ äpfel der Aute Mann nicht gewöhnt war; deßhalb folgte auch die Reue den bitteren Gedanken auf der Ferſe nach und ſuchte ſie wieder zu verwiſchen. Eine Thräne rollte dabei aus ſeinem Auge und bahnte ſich den Weg über ſeine Wange. Seufzend be⸗ kannte er ſeine Ohnmacht und Schwäche; flehend rief er von Neuem Gott um Hilfe und Barmherzigkeit an; indem er ſich vor der Vorſehung demüthigte, erſchrack —.—-— 367 er nicht mehr über die Strenge, womit, wie es ihm bisher geſchienen, der Himmel mit ſeinen zahlloſen Sternen auf ihn herabgeblickt hatte, im Gegentheil er⸗ ſchien es ihm jetzt ſo befriedigend und beruhigend, daß der Himmel ſich überall über ihm ausbreitete, oder ihm gleichſam folgte, wohin auch die unbekannte Furie, welche ſich der Zügel des Fuhrwerks bemächtigt hatte, worin er ſich wie in ſeinem eigenen Leichenwagen be⸗ fand, ihn führen mochte. Auch in dieſer Nacht war der Wagen ohne allen Aufenthalt weiter geeilt. Aber als die Sterne am Him⸗ mel zu erbleichen anfingen und der erſte ferne Strahl des Tages von Neuem an den Wolken angezündet wurde, da machte der Wagen Halt. Auch jetzt eilten mehrere Perſonen auf ihn zu, auch jetzt öffnete man den Deckel, verband ihm die Augen, nahm die Bande von Händen und Füßen ab, und führte ihn in ein finſteres Gefängniß, das man ſogleich wieder verſchloß. Nachdem der Abbé den erſten ſchrecklichen Eindrücken ihr Recht hatte widerfahren laſſen, wurde er ruhiger, und mit mehr Ergebung unterwarf er ſich jetzt ſeinem Schickſal, das er als eine von der Vorſehung auferlegte Prüfung und Strafe zu betrachten anfing. Acht Tage vergingen auf dieſe Art. Jede Nacht führte man ihn, in eine Kiſte eingepackt, immer weiter und weiter. Bei Tag dagegen, oder ſobald die erſte Tageshelle ihr mattes Gold am Horizont zu verbreiten an⸗ fing, ſperrte man ihn in ein finſteres, verſchloſſenes Neſt. Aber ſo wahr und aufrichtig auch ſeine Reſignation war, ſo verſchwand gleichwohl alle Freudigkeit aus ſei⸗ ner Seele, und ein düſterer Ernſt trat an ihre Stelle. Dieſer Ernſt war zwar ohne alle Bitterkeit, aber an ſeiner Seite ſtand der Schmerz wie ein Schatten. Mit der Freudigkeit verſchwand die Friſche der Wangen und mit ihrer Friſche verſchwand auch ihre Geſundheit. Mit dem hinſiechenden Muth ſanken ſeine Kräfte. 368 Jedesmal wenn er an den Wagen hinausgeführt, oder wieder in ein Kerkerloch geſperrt wurde, fragte er ſeine Wächter oder den Schließer, wohin man ihn führe; aber nicht ein einziges Mal erhielt er eine Antwort. Dieſes beharrliche, ewige Schweigen wirkte gleich⸗ falls ſehr niederſchlagend auf ſeine Seele. Als er nach der wilden Fahrt der achten Nacht Morgens aus dem Wagen gehoben wurde, führte man ihn in ein größeres, durch eine Lampe erhelltes Zimmer, und befahl ihm hier weitere Ordres abzuwarten. Matt und leidend ſank er auf eine Bank nieder. Ohngefähr eine Viertelſtunde verging, ohne daß Jemand ſich zeigte. Endlich wurde die Thuͤre geöffnet, und einige Perſonen wankten herein. In ſeiner gänzlichen Verzagtheit be⸗ kümmerte er ſich wenig darum, wer ſie waren, und beim matten Lampenſchein war es auch nicht leicht, die Geſichtszüge der Ankömmlinge genau zu unterſcheiden. Aber auch ſie ſanken auf dieſelbe Bank wie er, und ſchienen ebenfalls weitere Befehle abzuwarten. Das Unglück findet immer die beſten Sympathien beim Unglück; der Leidende findet immer den beſten Troſt bei dem Leidenden. Nicht blos die Liebe vereinigt die Herzen, auch die Freude und der Kummer vereinigen ſie, obſchon die Freude in ihrem Uebermuth nicht darauf denkt, das Band feſter zu knüpfen, als daß der Augen⸗ blick es wieder aufzulöſen vermag; der Kummer dagegen knüpft es für die Ewigkeit, wie die Liebe. Schweigend betrachtete der Abbé ſeine Nachbarn eine Weile. Die Dämmerung im Zimmer war jedoch ein Schleier, der ſich nicht ſo leicht durchdringen ließ, aber gegen die Dunkelheit, an welche er ſich ſchon ſo lang hatte gewöhnen müſſen, war ſie dennoch verhält⸗ nißmäßig hell, und mit Schrecken erkannte er in ſeinen Nachbarn bald den Fürſten und die Fürſtin Rasza⸗ nowski. 5 Da er ſeinen eigenen Augen kaum traute, ſtand er auf und ergriff die Lampe, um ſich zu überzeugen, ob 369 er recht ſehe oder nicht. Es war wirklich ſo. Aber wie ſchrecklich waren nicht Beide verändert! Verzagt und gleichgültig blickten auch ſie ſtarr und wirr um ſich. Ihre Augen waren matt und zogen ſich ſcheu zurück vor dem Lampenſchein, der ihnen wehe zu thun ſchien. Ihre Geſichter waren bleich, abgefallen, eingeſunken, und ihre Köpfe ſenkten ſich zur Erde, als wollten ſie bloß noch ſehen, ob nicht das Grab ſich zu ihren Füßen öffne. Sobald der Abbé ſich von dem Kummer, den er bei ihrem Anblick empfand, erholt hatte, redete er ſie zärtlich an, und erſchreckt von dem Ton ſeiner Stimme, erwachten ſie wie aus einem nächtlichen Schlummer. Ihre Lage war im höchſten Grad rührend und des Abbé's menſchenfreundliches Herz widmete ihnen eine Theilnahme, die allmählig als ein wohlthätiges Heil⸗ mittel belebend und ſtärkend wirkte. Man vertraute einander gegenſeitig, was vorgefallen war, und da man nach einer langen Reiſe von acht Nächten ſo unerwartet hier wieder zuſammentraf, ſo begriff man leicht, daß alle drei von demſelben Schickſal betroffen waren. Das alte Fürſtenpaar hatte inzwiſchen in einer und derſelben Kiſte, die jedoch in zwei Räume abgeſperrt war, zuſammen faheen dürfen. Was ſie wäaͤhrend der langen, qualvollen Fahrt gedacht, empfunden und aulsgeſtanden hatten, davon ſprachen ſie kein Wort, denn eine ſolche Schilderung über⸗ ſtieg ihre Kräfte. — Aber wohin gedenkt man uns wohl zu führen? fragte der Abbé. In Italien macht man ſich keinen klaren. Begriff von Rußland, und ich weiß ſehr wenig von den Gebräuchen und Sitten allda. Zu meiner Schande muß ich geſtehen, daß ſogar die Geographie des Landes mir nicht genau bekannt iſt. Der Fürſt ſchaute verwundert auf. — Sie ahnen alſo nicht einmal, wohin wir gebracht werden? ſagte er. Der Fürſt. II. 24 370 — Beim Himmel nein! Ich begreiſe es nicht. Fährt man uns nicht über die Grenze? Ich habe es gehofft. — Man führt uns nach Sibirien, Herr Abbé, oder nach den Bergwerken.. — Ewige Vorſehung, iſt's möglich? Was haben wwir veun gethan? Ich wenigſtens bin mir keiner Schuld ewußt. Der Fürſt ließ ſein Haupt ſinken und gab keine Antwort auf dieſe Frage. — Nach Sibirien, murmelte der Abbé, nach Sibi⸗ rien! O mein Gott, das iſt entſetzlich, das iſt abſcheu⸗ lich, das iſt eine unerhörte Gewaltthat, das iſt... — Das iſt eine ruſſiſche Praxis, Herr Abbé, fiel ihm der Fürſt in's Wort, und ich beklage nur, daß die Ereigniſſe Sie mit uns in Berührung gebracht haben, denn es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß wir die Urſache Ihres Unglücks ſind. Laſſen Sie uns indeß nicht klagen, Herr Abbé, denn unſer Klagen dient zu Nichts; laſſen Sie uns vielmehr dieſen Augenblick auf eine würdigere Art benützen. — Was meinen Sie... zu was? — Zu einem gemeinſamen Gebet. Sprechen Sie ein Gebet, Herr Abbé. Wir wollen auf die Kniee fallen und unſere Hände falten. Die alten Leute thaten dieß, und die Stimme des Abbé erklang ernſt und feierlich im Zimmer. So düſter der Augenblick war, ſo mangelte es ihm nicht an einem erhabenen Charakter. — Die allmächtige Vorſehung, Herr Abbé, ſagte der Fürſt, ſobald das Gebet beendigt war, hat keine. beſſeren Apoſtel auf der Erde, als das prüfende Unglück und Widerwärtigkeiten. Wenn keine andere Stimme uns zur Einſicht in die Schwachheit unſerer menſchlichen Natur erweckt, ſo ſendet der Herr uns dieſe, und unſere Gedanken öffnen ſich, unſere Seelen heben ſich, unſere Herzen erwachen. In den letzten Jahren iſt mir das „—— G äe SSe—, de 372 — Und ſomit hätten wir noch wenigſtens dreihundert⸗ vierundzwanzig Werſte bis nach Moskau? — Ich nehme an, daß wir halbwegs ſind. Der Fürſt ſprach von der Sache mit einer Ruhe, als wäre ſie ganz gleichgültig. Seine Seele beugte ſich unter die Umſtände, und um keinen Preis hätte er eine Unruhe zeigen mögen, welche vielleicht den Kummer ſeiner theil⸗ nehmenden Gattin noch ſchmerzlicher gemacht hätte. Dem Abbé dagegen wurde es nicht ſo leicht, ſeine Gedanken zu unterdrücken, zumal da er nach acht Tagen jetzt zum erſten Mal Gelegenheit zu einer Unterredung erhielt, zum erſten Mal den Troſt genoß, ſich ſelbſt ſprechen zu hoͤren und einen Menſchen um ſich zu haben, der auf ſeine Ge⸗ danken einging und ſeine Fragen beantwortete. — Welche abſcheuliche Gewaltthat begeht man nicht an uns! ſagte er jetzt. Dieſe Fuhrwerke ſind ja kleine Gefängniſſe. Der Fürſt antwortete nicht. — Und dieſe Arreſte, worin man uns bei Tag ein⸗ ſperrt, fuhr der Abbé fort. Ich weiß in Wahrheit nicht, ob ich mehr vor den Nächten erſchrecken ſoll, d. h. vor dieſen beweglichen, transportabeln Arreſten, oder vor den Tagen, d. h. vor dieſen ſinſtern Löchern, wo man uns auf allen Stationen einſperrt, wie die Ratten in ihren Fallen. Mein Gott, welch ein entſetzliches Land muß nicht Ruß⸗ land ſein! Ein Gefängniß bei jedem Pferdewechſel und dazwiſchen laufende— von Pferden gezogene— beſtän⸗ dige Communicationsgefängniſſe. Etwas ſo Unerhörtes iſt mir noch nie vorgekommen. — Ihre Bemerkung iſt nicht unrichtig, Abbé; ich gebe zu, daß dieß ſchrecklich iſt. Ich ſelbſt bin zwar fruͤher nie in Rußland geweſen; aber ich habe die Verfaſſung, die Polizei und Geographie des Landes ſtudirt, und ob⸗ ſchon ich Alles ſehr gut zu kennen glaubte, ſo geſtehe ich doch, daß ich dieſe Gefängniſſe nirgends erwähnt gefun⸗ den habe. 373 — Aber warum bedient man ſich nur des dunkelſten Theiles der Nacht zu unſerer Reiſe? — Da ich ſchon früher einmal nach Sibirien verur⸗ theilt war, ſo glaube ich, daß man mich jetzt ſo geheim als möglich dahin führen will.. — Ich verſtehe. Dieſe Erklärung läßt ſich hören; aber etwas Anderes... warum bindet man uns an Hän⸗ den und Füßen? und wieder heraus führt. Die Thüre des Zimmers, worin ſie ſich befanden, wurde jetzt mit großem Lärm aufgeworfen und ein Mann in einfacher Polizeiuniform trat mit haſtigen Schritten ein. Das Geſpraͤch zwiſchen dem Abbé und dem Fürſten hörte ſogleich auf. Der Beamte ging auf die Lampe zu, und nachdem er ſie geputzt hatte, beleuchtete er die Gefangenen, als wollte er ſich überzeugen, wie ſie ausſähen — Wer von euch iſt der Gefangene Nr. 12 fragte er. Ich — Ünd Nr. 22 — Ich. — Sie ſind alſo Nr. 32 — Ja Jetzt entſtand eine kurze Pauſe, während welcher der Beamte mit der Laterne in der Hand die Gefan⸗ genen von Neuem mit der größten Aufmerkſamkeit be⸗ trachtete. von der geheimen Polizei in Petersburg Befehl erhal⸗ ten, Sie 3 Vorſchläge einzugehen, die man Ihnen dort gemacht hat, und unter dieſer Bedingung Ihre Freiheit zu er⸗ 374 halten. Sollten Sie darauf eingehen wollen, ſo habe ich Weſahl, Sie ſogleich nach Petersburg zurückkehren zu laſſen. Die drei Gefangenen ſahen einander verwundert an. Was ſollten ſie thun? Sollten ſie ihrer Ueber⸗ zeugung und Pflicht untreu werden oder einem ſichern Untergang entgegengehen? Nie hatten ſie ſich in einer ſchwierigeren Lage befunden, nie waren ſie grauſamer geprüft worden. Der Fürſt betrachtete ſeine Gattin. Schwach, kränk⸗ lich und dahinſiechend, wie ſie war, konnte ſie, das war er überzeugt, wenn die Reiſe nach dem bisherigen Sy⸗ ſtem fortgeſetzt werden ſollte, ihren fernen Verbannungs⸗ ort nicht lebendig erreichen. Die Zärtlichkeit gegen ſie gebot ihm, den Vorſchlag anzunehmen. Dagegen erhob ſich indeß der nicht minder für ſein Rechtsgefühl ſchmerzliche als vielleicht für ſeine Familie gefährliche Umſtand, daß er ſich dadurch blindlings in die Arme ſeines Todfeindes Orlow warf. Der Abbé beſann ſich gleichfalls, aber nur eine kurze Weile. Er ſah zwar wohl ein, daß ſeine eigenen Intereſſen ihm nicht gebieten konnten, mit Selbſtaufopferung einem ganzen Leben voll Unglück und Kummer entgegenzu⸗ ehen, aber die acht Tage, die er durchgemacht, hatten hehen Charakter geſtärkt, ſein Herz in vielfacher Be⸗ ziehung geläutert, und lebhaft trat jetzt der Gedanke vor ſeine Seele, daß er von einer Sterbenden einen Ver⸗ trauensauftrag empfangen, und daß dieſe ſein Verſprechen mit ſich in's Grab genommen habe. Schaudernd vor einem Treubruch unter ſolchen Um⸗ ſtänden, wandte er ſich von den Uebrigen ab. Noch hatte Niemand geantwortet. Jeder wartete, bis ſich der Andere ausſprechen würde Der Fürſt be⸗ trachtete ſeine Gattin, und dieſe ſchien ſeinen Blick, wie auch ſein Schweigen ſehr wohl zu verſtehen. 375 Der Beamte ſchien Befehl erhalten zu haben, ihnen eine reifliche Berathung zu geſtatten, denn er verrieth keine Ungeduld über ihr langes Stillſchweigen. Die Fürſtin war die erſte Perſon, die das Schwei⸗ gen endlich brach. — Ich ſehe, was in Dir vorgeht, ſagte ſie. Es iſt wahr, daß ich ſchwach bin und von der qualvollen, lan⸗ gen Reiſe ſehr gelitten habe; aber ich weiß, daß ein Rann Pflichten hat, die er nicht verletzen kann, ohne gegen ſeine Ehre, ſeinen Namen, ſeine Familie ein Ver⸗ brechen zu begehen, und man ſoll nicht ſagen, daß ich Dich verrathen habe. Laß uns weiter reiſen. Der Fürſt drückte ihr ſchweigend die Hand, aber er wandte dabei ſein Geſicht ab, um die Thräne zu verbergen, die über ſeine bleiche, abgezehrte Wange herabrann. Der Abbé bewunderte den Heldenmuth der leiden⸗ den alten Dame, und er ſchämte ſich beinahe, daß er auch nur einen Augenblick unentſchloſſen geweſen war, wie er handeln ſollte.. Der ruſſiſche Beamte hatte der Unterhandlung ſchwei⸗ gend zugehört. Aber ſobald die Gefangenen ihre beſtimmte Ant⸗ wort ertheilt hatten, entfernte er ſich, und bald darauf traten zwei Schließer ein, welche ſie wieder in verſchie⸗ dene Zellen abführten. Auf dieſelbe Art wie früher, wurden ſie in der fol⸗ genden Nacht wieder an die Wagen geführt, und die Reiſe nahm ihren Fortgang. „Der Abbé ſtarrte nicht mehr in banger Furcht zum Himmel empor, und ihm war, als ſchaue der Himmel nicht mehr ſo ſtreng und ſtrafend auf ihn hernieder. „ Er war ſich bewußt, daß er auf eine ſchwere Probe geſetzt worden, als man ihm die Freiheit anbot, und es freute ihn, daß er ſie gleichwohl nicht angenommen, ſondern der Verſuchung widerſtanden hatte, um ein hei⸗ liges Verſprechen, das er einer Todten gegeben, zu er⸗ 376 füllen. Er war deßhalb mit ſich ſelbſt zufrieden, und fühlte ſich ſtärker und glücklicher, als in den vorher⸗ gehenden acht Tagen. Er konnte jetzt ſogar manchmal im Wagen ſelbſt einſchlummern, aber er mochte ſchlafen oder wachen, ſo waren ſeine Gedanken auf eine nicht unangenehme Art in Anſpruch genommen, denn ſie be⸗ ſchäftigten ſich unaufhörlich, bald auf die eine, bald auf die andere Art, mit dem Himmel oben. So verſuchte er zuweilen, die Höhe und die Breite des unermeßlichen Himmelsgewölbes zu berechnen, oder begann er auch die Sterne, dieſe in zahlloſe, glänzende Inſelchen ge⸗ brochenen Scheeren am Strande der Fwigkelt, zu zählen. In der That ſelbſt war er jetzt weit mehr im Heiumn⸗. als zuf Erden, und zuweilen däuchte es ihn, als gehe ſein Weg nicht ſowohl auf der Erde, als über die Wol⸗ ken hin. Mitunter ſank ſein Muth freilich und die Spannkraft ſeiner Seele ſchwand dahin. Von keinem Himmel fällt man leichter herab, als von dem der Phan⸗ taſte. Die Sternſchnuppen ſind hier nicht ſelten. Die Anziehungskraft der Erde erſtreckt ſich aufwärts, hoch hinauf in die luftigen Regionen der Sphären und der Geiſter. In ſolchen Momenten ſchloß der gute Mann ſeine Augen, fromme Gebete ſtiegen aus ſeiner Seele auf, und bald wurde er wieder ruhiger und zufriedener mit ſeinem Schickſal. Gegen Morgen hielt der Wagen wieder an, und man ſperrte ihn wie früher in eine dunkle Höhle. Auf ſolche Art vergingen Nächte um Nächte, Tage um Tage in unaufhörlicher Einſamkeit und Stille. Nachts ging die Reiſe unaufhörlich weiter nach einem unbekannten, aber laut allen Beſchreibungen, die er da⸗ von gehört hatte, öden, grauenvollen Ziele: einem un⸗ ermeßlich großen Gefängniß unter einer gefrorenen Sonne, mit Wänden, deren ſchneidende tödtliche Kälte die Gefangenen in ſich ſelbſt zuſammenpreßte, und mit einem Fußboden, der, gleich einer Kette aus Schnee und Eis, die Schritte feſſelte. Bei Tag dagegen ließ 377 man ihn in grabesſtiller Finſterniß ruhen, gleichſam damit er Gelegenheit hätte, ungeſtört über ſein Unglück nachzudenken. Ungeachtet er ſich vertrauensvoll der Barm⸗ herzigkeit und Gnade einer allgütigen Vorſehung an⸗ heimſtellte, ſo kamen gleichwohl Augenblicke, wo auf⸗ rühreriſche Leidenſchaften durch ſein Herz ſtürmten, wo er an ſich ſelbſt, an ſeinem eigenen Verſtand zweifelte und der Wahnwitz mit wilder, unheimlicher Miene in ſeine Seele hereinſtarrte. Nach acht Tagen führte man ihn von Neuem mit dem Fürſten und der Fürſtin zuſammen, und auch jetzt ließ man ſie eine Weile allein, als wollte man ihnen Gelegenheit geben, ſich mit einander zu berathen. In den letzten acht Tagen hatten die Kräfte der alten Leute noch mehr abgenommen. — Wo ſind wir jetzt? fragte der Abbé. — Ich weiß nicht, antwortete der Fürſt. — Haben wir Moskau hinter uns? — Vermuthlich. Die Unterredung war kurz und kalt. Die letzten acht Tage hatten beide Theile gänzlich abgekühlt. In ſeinen höchſten Graden führt das Unglück zur Gleich⸗ gültigkeit. Nach einer Weile trat ein Polizeimann ein und legte ihnen dieſelbe Frage vor wie früher, nämlich ob ſie auf die von Graf Orlow in Petersburg geſtellten Bedingungen eingehen wollten, um ihre Freiheit zu er⸗ langen. Die Fürſtin war nur noch ein Schatten deſſen, was ſie früher geweſen, aber der Glaube an die Macht einer allgütigen Vorſehung und der Eifer für die unbefleckte Ehre ihrer Familie erhielt ſie aufrecht; ſie weigerte ſich auch jetzt wieder, und ihre Antwort beſtimmte ſowohl die des Fürſten als des Abbé. Sie wurden von Neuem getrennt. Bei Tag ſperrte man ſie ein, bei Nacht führte man ſie weiter. Wir können ſie auf ihrer langen Reiſe nicht be⸗ 378 gleiten. Genug, alle acht Tage führte man ſie zuſam⸗ ammen und legte ihnen dieſelbe Frage vor, aber ſie beharrten feſt auf ihrer erſten Antwort. So verging ein Monat und ein neuer begann. Der Weyg ſchien kein Ende nehmen zu wollen. Jeder Abend oder vielmehr jede Nacht brachte ihnen ein mit friſchen, ausgeruhten Pferden beſpanntes Gefängniß; jeder Morgen brachte neue Kerkerhöhlen auf den Stationen. Die erſtere Art ließ ihnen zwar die Ausſicht nach dem Himmel empor frei, aber wenn ſich auch zuweilen der eine und andere Baumwipfel zeigte, ſo endeckte man doch nicht einen einzigen Fuß breit Erde; die letzteren verſperrten die Ausſicht auf die klaren, mit dem Silber der Sterne durchwobenen Räume, dagegen wurden die Gefangenen hier nicht durch die Beſchwerden der Fahrt und die qualvollen Bande ermüdet, die ſie bei Nacht beſtändig an Händen und Füßen hatten. So fügte ſich der zweite Monat zu dem erſten; die letzten Kräfte der Gefangenen ſchwanden, und zu ihren körperlichen Schmerzen geſellten ſich auch noch Gemüthsleiden. Nach zweimonatlicher, mehr als barbariſcher Be⸗ handlung ſaßen die drei Märtyrer wieder beiſammen. — Wie lange können wir noch haben, bis wir an Ort und Stelle kommen? keuchte der Abbé, indem er mit geſenktem Kopf kraftlos auf eine Bank niederſank. — Ich weiß nicht. — Wie weit ſind wir gekommen? — Ich weiß nicht. — Nicht? — Ungefähr dreitauſend Werſte, vermuthe ich. — Mein Gott, mein Gott! Ein Polizeimann trat ein und legte ihnen dieſelbe Frage vor, die man bisher alle acht Tage an ſie ge⸗ ſtellt hatte. Ohne ſich zu erheben, ergriff indeß der Abbé jetzt das Wort. ——G——'A-ͤ-—' En 379 — Wo ſjind wir und wohin will man uns führen? fragte er. — Es handelt ſich nicht darum, wie weit Sie ge⸗ reist ſind, ſondern ob Sie auf die Bedingungen ein⸗ gehen wollen, die ich Ihnen vorgelegt habe. — Aber wenn ich darauf eingehe, ſo nimmt die Rückfahrt auch wieder zwei Monate weg, im Fall wir auf dieſelbe Art zurückreiſen ſollen. Ich halte das nicht aus. Che ich nach Petersburg käme, wäre ich be⸗ reits todt. — Laſſen Sie uns weiter reiſen, bat der Fürſt. Der Abbé wandte inzwiſchen dagegen ein, daß die Lage der Fürſtin es nicht geſtatte, daß ſie bereits mehr todt als lebendig ſei, daß man allerdings für ſeinen Namen und ſeine Familie viel thun müße, daß man aber nicht das Recht beſitze, ſich das Leben zu nehmen, daß ſie Alle durch ihre Leiden bereits zu Skeletten ab⸗ gemagert ſeien, daß ſie für ihre Ehre genug gethan haben u. ſ. w. Als der Fürſt ſeine Gemahlin betrachtete, fand er, daß der Abbé ihre Lage richtig beurtheilte. Sie konnte ſich kaum mehr ausſprechen, eſchweige denn eine An⸗ ſicht beharrlich durchſetzen. Ihre ſonſt ſo kräftige Ge⸗ ſtalt war zuſammengeſunken und glich einem Gerippe, das keuchend ein Leben aufhielt, welches mit jedem Athemzug zu entfliehen drohte. Der Fürſt wurde von ihrem Anblick tief ergriffen und alle Gedanken an die Fortſetzung der Reiſe, ſowie an ein mannhaftes Feſthalten ſeines erſten Entſchluſſes verſchwanden. — Wohlan denn, erklaͤrte er. Machen Sie mit mir was Sie wollen. — Sie gehen auf Graf Orlow's Bedingungen ein? — Ich gehe auf Alles ein. — Aber ich nicht, verſetzte der Abbé, ich will auch meine Bedingungen ſtellen. Ich verlange, daß wir hier ausruhen dürfen, daß man uns die nöthige ärztliche 380 Pflege angedeihen läßt, daß die Rückreiſe erſt nach un⸗ ſerer vollſtändigen Wiederherſtellung angetreten wird, und daß wir auf derſelben milder behandelt werden, als bisher. Der Beamte erklärte, er werde ihre Forderungen dem Platzcommandanten vortragen und bald zuruͤck⸗ kommen. Während ſie ſeine Rückkehr erwarteten, wechſelten die Gefangenen kein Wort unter einander. Die Härte, womit man ſie zwei Monate hindurch behandelt, hatte ihnen alle Elaſtizität der Seele geraubt, ohne welche kein ſelbſtſtändiges Gefühl ſich entwickeln kann. Als der Beamte zurückkam, erklärte er, ihre Rück⸗ fahrt werde auf eine Art von Statten gehen, mit der ſie vollkommen zufrieden ſein könnten. — Wir haben, bemerkte der Abbé, berechnet, daß wir uns ungefähr dreitauſend Werſte von Petersburg befinden. Was ſagen Sie dazu, mein Herr? Wollen Sie uns die Wahrheit mittheilen? Ein zweideutiges, ganz eigenthümliches und ſon⸗ derbares Lächeln ſpielte auf den Lippen des Angeredeten. — Ich habe kein Recht, Etwas zu ſagen, antwor⸗ tete er. Aber Sie werden bald ſehen, wie weit Sie von Petersburg entfernt ſind. Warten Sie hier nur einen Augenblick. In Erwartung des Weiteren blieben ſie ſtill und verſchloſſen ſitzen. In dieſem Augenblick vernahmen ſie das Getöne eines Geſprächs im nächſten Zimmer, und ohne es zu wollen hörten ſie das eine und andere Wort. Wie wunderbar! In der einen Stimme glaubten ſie Willanow zu erkennen. War es möglich, daß ſie ſich ſo nahe bei ihnen befand? Es war freilich keine Wahr⸗ ſcheinlichkeit dafür vorhanden und dennoch... welche erſtaunliche Gleichheit! Es war derſelbe klangvolle, reine Ton, derſelbe Wohllaut, dieſelbe Beſtimmtheit und In⸗ nigkeit. Aber ſie waren ja jetzt ungefähr dreitauſend Werſte von Petersburg entfernt, wo ſie ſich am Hofe 381 aufhielt. Ohne in Ungnade gefallen und zur Deporta⸗ tion verurtheilt worden zu ſein, konnte ſie ſich nicht hier befinden. Aber ſollte vielleicht auch ſie nach Sibirien verwieſen worden ſein? Für das Elternherz lag etwas Erfreuliches in der Hoffnung, ſie wieder zu ſehen und vielleicht mit ihr zuſammenleben zu dürfen, obſchon ſie ſich vor dem Schickſal entſetzten, das in dieſem Fall dem jungen Mädchen zugedacht war. Der Töne lau⸗ ſchend, wandten ſie ſich gegen die Thüre. Es war eine Mutter und ein Vater, die aus der Tiefe ihrer Herzen lauſchten. Lange ſaßen ſie verwundert da. Sie wußten kaum, ob ſie ihren Augen trauen ſollten oder nicht. Sie iſt es, flüſterte die Fürſtin endlich; es iſt un⸗ ſere Tochter... hörſt du... hörſt du... ich kann mich nicht täuſchen... ſie iſt es ganz zuverläſſig.. Der Fürſt glaubte es auch, obſchon ihm die Sache ſo unbegreiflich ſchien, daß er ſich nicht darüber aus⸗ zuſprechen wagte; aber in dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und... ſahen ſie wohl recht?... war es wirklich Willanow, die eintrat? Von einem und demſelben Gefühl geleitet, hatten die alten Leute ſich zu gleicher Zeit von ihrer Bank erhoben. Unwiderſtehlich hingeriſſen, öffneten ſie ihre Arme und mit einem Freudenruf ſtürzte Willanow an ihre Bruſt. Sie war es wirklich. Das Zuſammentreffen erſchien ihnen unerklärlich, denn was hatte ſie wohl thun können, um ſich eine Zerbannung zuzuziehen? Indeß vergaßen ſie alle Fra⸗ gen, während ſie das geliebte Mädchen in ihre Arme preßten. Die Thüre hatte ſich hinter Willanow geſchloſſen, hlei als wollte man den erſten Eindruck des Wieder⸗ ehens reſpektiren. Inzwiſchen erſchien ein neuer Gefangenwärter. — Der Commandant iſt doch auf unſere Forde⸗ rungen eingegangen, redete der Abbé ihn an; warum 38² führt man uns denn nicht fort? Ich bedarf ärztlicher Pflege, um ſo bald als möglich nach Petersburg zurück⸗ kehren zu können. — Folgen Sie mir, verſetzte der Polizeimann. In der Freude über dieſes Wieſerſehen vergaß das alte Fürſtenpaar alle überſtandenen Leiden. Noch war kein Wort zwiſchen den Eltern und der Tochter ge⸗ wechſelt worden. Das Gefühl beſitzt keine andere Sprache als den Ausruf, den Blick, den Ausdruck des Geſich⸗ tes, die Thräne, das Lächeln, die geöffneten Arme. Aber wie beredt kann man nicht mit Allem dem ſein! Willanow war eben ſo erfreut wie ihre Eltern. Man konnte beinahe ſagen, ſie haben ſie nicht geſehen, ſondern bloß gefühlt, wie ſte am Herzen dieſer theuren Perſonen liegt, und gehört, wie Herz an Herz ſchlägt. Die Aufforderung des Polizeimannes war ihnen entgangen. — Wenn Sie, erneuerte dieſer jetzt in barſcherem und ſtrengerem Tone ſeinen Befehl, die dreitauſend Werſte, die Sie von Petersburg entfernt ſind, ſo ſchnell als möglich zurücklegen wollen, ſo folgen Sie mir ſo⸗ gleich. Hören Sie? Zugleich ſtieß er die Thüre auf und das Zimmer zeigte ſich ihnen. Mit welcher Verwunderung blickten ſie nicht um ſich! wie erſtaunt ſahen ſie nicht einander an! Das Zimmer war ihnen ja vollkommen bekannt. Dieſes ſelbe Zimmer hatten ſie ja ſchon einmal geſehen, als Orlow ſelbſt ihnen die Bedingungen ihrer Freiheit vorlegte. Zu ihrer Ueberraſchung erkannten ſie alle Möbel, den Schreibtiſch mit den Büchern und Papie⸗ ren.. ſogar daſſelbe Dintenfaß ſtand ja noch an dem⸗ ſelben Platze wie damals, und neben dem Tiſche befand ſich noch derſelbe Stuhl... auch die Gardinen, die Bucherſchränke, der Sopha... Alles zuſammen war ganz unzweifelhaft wie früher. 3 —— 383 Aber noch mehr... Orlow ſtand ja auch ſelbſt ihnen gegenüber, die Hand auf den Schreibtiſch ge⸗ ſtützt. Täuſchten ihre Augen ſie nicht? Konnten ſie wohl ihren eigenen Sinnen trauen? Zwei Monate lang hatten ſie ſich unaufhörlich von Petersburg entfernt und nach dem, was ſie jetzt ſahen, glaubten ſie in einem einzigen Augenblick wie⸗ der dahin verſetzt zu ſein. Wie ſollten ſie ſich dieſes Wunder erklären? Sie hatten auf's Beſtimmteſte an⸗ genommen, daß ſie ungefähr dreitauſend Werſte gereist waren, und deßungeachtet brauchte man nur eine Thüre zu öffnen und die dreitauſend Werſte waren mit einem einzigen Schritte zurückgelegt. Ein Schritt von drei⸗ tauſend Werſten? Die Unmöglichkeit ſtand ſo klar vor ihren Augen— und doch befanden ſie ſich jetzt auf dem⸗ ſelben Platze, von wo aus ſie Petersburg verlaſſen hat⸗ ten, d. h. in Orlow's eigenem Arbeitszimmer, ihm ſelbſt gegenüber und Willanow an ihrer Seite. Aber während die alten Leute und der Abbé ſich ihrer Neberraſchung hingaben, hatte jetzt Willanow Zeit, ſie zu betrachten, und mit eigenem Schmerz ſah ſie, wie dieſe zwei Monate der Trennung durch neue Lei⸗ den ihre Stirnen gefurcht, das Feuer in ihren Augen gelöſcht, die Friſche ihrer Wangen gebleicht und ihre ietendeirende, lähmende Hand auf ihre Schultern gelegt hatten. Drlow bemerkte die gegenſeitige Verwunderung, ſchien aber durch eine ſtrenge Haltung allen näheren Erklärungen vorbeugen zu wollen. liches Gaukelſpiel. Ungeachtet ſie jede Nacht hindurch gereist waren, hatten ſie ſich doch niemals von der Ge⸗ gend von Petersburg entfe dieſelbe Strecke Wegs mit ihnen zurück, und am Mor⸗ gen kehrte man in den Palaſt wieder, wo Orlow Ker⸗ kerhöhlen genug beſaß, um ſie abwechſelnd bald in der einen, bald in der andern einzuſperren, immer in ver⸗ ſchiedenen, damit keine Erinnerung von dem einen oder andern Platz ihnen Verdacht beibringen und ihre Illuſionen ſtören könnte. Sie hatten auch nicht einen einzigen Augenblick die geheime Natur dieſes gräßlichen Gaukelſpiels geahnt, ſondern waren überzeugt geweſen, daß man ſie wirklich nach Sibirien abführe. Die alten Leute ſowohl, als Willanow und der Abbé ſchienen wie mit Einem Munde Aufſchlüſſe von Orlow erhalten zu wollen, aber er kam ihnen zuvor. — Sie haben, redete er ſeine Gefangenen an, er⸗ klärt, daß Sie auf meine Bedingungen eingehen wollen, wogegen ich mich verpflichte, Ihnen... er wandte ſich dabei direct an den Fürſten... nicht bloß die Auf⸗ hebung des kaiſerlichen Dekrets, das Sie nach Sibirien verbannt, ſondern auch eine unabhängige und ruhige Stellung zu verſchaffen. Ich habe hier eine Schrift aufgeſetzt, die Sie unterzeichnen müſſen. Der erſte Punkt, enthält Ihre Einwillung in meine Verbindung mit Ihrer Tochter, wozu die Kaiſerin bereits ihr Jawort gege⸗ ben hat. Die alten Leute wechſelten einen fragenden Blick mit Willanow. — Der zweite Punkt, fuhr Orlow fort, betrifft eine Erklärung Ihrerſeits, daß ich als Ihr Secretär Alles gethan habe, was man von einem Ehrenmann verlangen konnte. Die Stirne des Fürſten verfinſterte ſich, aber es war nicht mehr eine Donnerwolke, die einen Blitz von Muth und männlicher Kraft in ſich barg, denn dieſe Eigenſchaften waren bereits gebrochen: es war bloß eine vorübergehende Wolke, wie ſie der Wind wegbläst. — Der dritte Punkt betrifft Ihre Güter in Polen. Sie wiſſen, daß die Kaiſerin dieſelben für den Staat ——— 8—9 — 8ͤö——9—Aͤ 385 eingezogen hat, aber ich halte es für möglich, ſie wie⸗ der zu erhalten, zumal wenn ſie auf einen Ruſſen über⸗ gehen ſollen. Sie müſſen zu dieſer Uebertragung auf mich Ihre Einwilligung geben. Der Fürſt richtete ſich auf. — Nebſt meinem Namen, meinem Rang, der Ehre meiner Familie... nie.. nie. — Beruhigen Sie ſich, mein Fürſt; ſo lange Sie leben, wird Ihnen Niemand Etwas davon rauben; aber für die Zukunft... Sie beſitzen keinen Sohn. Erin⸗ nern Sie ſich überdieß, daß man niemals nie ſagen ſoll. Als Sie zum erſten Mal hier ſtanden, ſagten Sie auch: nie. Der Mann wie das Weib... er warf dabei einen Seitenblick auf Willanow... hängt von den Umſtänden ab. Wenn ſchon eine eingebildete Reiſe nach Sibirien Ihnen ſehr ſauer geworden iſt, ſo beden⸗ ken Sie, wie beſchwerlich eine wirkliche werden dürfte. Sie beſinnen ſich... Der Muth des Fürſten war bei einem Blick auf ſeine Gattin, in deren Geſicht Angſt und Verzweiflung zu leſen ſtanden, wieder geſunken. — Sie unterzeichnen? ichtder Fürſt ergriff die Feder, welche Orlow ihm reichte. — Herr Graf, fiel indeß der Abbé jetzt ein, ich ſehe mich genöthigt, gegen dieſen Zwang zu proteſtiren, weil eine teſtamentariſche Verfügung... — Schon gut, Herr Abbé, unterbrach ihn Orlow; juſt dieſes Teſtament iſt es, was Sie mir überliefern müſſen, wofern Sie nicht Luſt haben, eine noch längere Vergnugungsreiſe in der Monarchie anzutreten, die für ſolche Touren groß genug iſt. Bei dieſer Erklärung ſtanden dem Abbé die Haare zu Berge und er wich erſchrocken zurück. — Wo iſt das Dokument, Abbé? fragte Orlow, mealcher den Eindruck bemerkte, den er hervorgebracht aite. Der Fürſt. II. 4 25 386 — Es iſt bei Marfa deponirt. — Bei Marfa? in Strelna? — Ja, Herr Graf. — Gut. Ich werde es dort abholen laſſen. Nun, mein Fürſt, haben Sie ſich beſonnen? Haben Sie die Güte und nehmen Sie Platz. Ich ſehe, daß Ihre Hand ittert. 3 Der Fürſt ſank an den Schreibtiſch nieder. Willanow hatte ſchweigend die Unterredung ange⸗ hört und dabei Gelegenheit gehabt, ihre Eltern noch genauer zu betrachten. Sie begriff ſehr wohl, daß Or⸗ low durch eine tyranniſche Behandlung ihren Wider⸗ ſtand gebrochen hatte und daß er durch ſeine Drohun⸗ gen mit fortgeſetzter Gewalt ihnen Bedingungen auf⸗ nöthigen wollte, welche ſie unter anderen Umſtänden in dem Beſitz einiger Selbſtſtändigkeit mit Abſcheu ver⸗ worfen haben würden. Der Augenblick war wichtig. Hatte der Fürſt dieſe Bedingungen einmal unterzeichnet, ſo wurde das Schick⸗ ſal Aller dadurch beſtimmt. Sie kannte ihren Vater und war überzeugt, daß er, ſobald er einmal ſein Wort, ſein Verſprechen oder ſeinen Namen gegeben hätte, ſelbſt der Erſte ſein würde, der auf die Erfüllung des damit eingegangenen Vertrages dränge. Der alte Naun hätte unmöglich, ohne ſich zu Tode zu ſchämen, einge⸗ ſtehen können, daß er ſich zu einer ſolchen Handlung habe zwingen laſſen. Schwachheit war Etwas, was er immer verachtet hatte, ſo ſehr er auch Güte ſchätzte. Und in dieſem Augenblick, wo zwingende Umſtände auf ihn einſtürmten, wo der Anblick des Elendes einer angebe⸗ teten Gattin ihm die Furcht einflößte, ſie möchte unter⸗ liegen, wenn ſie auf noch härtere Proben geſtellt würde, ließ er ſich doch nicht ausſchließlich dadurch leiten. Er wußte ja von Orlow bereits, daß Willanow aus freiem Antrieb in eine Verbindung mit ihm gewilligt habe. Alſo war ja der für ihn vielleicht allerwichtigſte Punkt bereits entſchieden. Was ſeine Güter betraf, ſo waren ———-— ſie ja bereits von der Krone eingezogen, und falls ſeine Verbannung in's Werk geſetzt würde, was, wie er feſt überzeugt war, Orlow jeden Augenblick ausführen konnte, ſo waren ſie ja jedenfalls, wenigſtens im Augenblick, für ihn verloren. Was ſeinen Namen, ſeinen Rang und ſeinen Fürſtentitel anbelangte, ſo hing auch dieſe Frage nicht ausſchließlich von ihm ſelbſt ab, ſo wenig als der Vermögenspunkt; im Gegentheil ſtanden dieße beiden Fragen im genaueſten Zuſammenhang mit einander und konnten in Zukunft, wenn neue Verhältniſſe ein⸗ traten, eine ganz andere Entwickelung erhalten. Was endlich das Sekretärsamt betraf, ſo hielt er das aller⸗ dings für eine wichtige Ehrenfrage, aber für Nichts weiter. Er wußte Nichts von dem Verdacht, welchen Orlow's falſches Spiel in ſeinem Vaterland hervor⸗ gerufen hatte. Ueber das Papier hingelehnt, durchging er in ſei⸗ nen Gedanken dieſe Gegenſtände und kam auf den Schluß, daß er den Augenblick benützen ſollte, um zu retten, was noch gerettet werden könnte. Willanow urtheilte nicht mit derſelben Ruhe. Zwei⸗ monatliche entſetzliche Leiden hatten ihre Seelenſtärke nicht geſchwächt. Sie kannte die Gefahr eines Ver⸗ trags mit Orlow. Orlow war für ſie der ſchwärzeſte Charakter, den ſie ſich vorſtellen konnte. Die Gedan⸗ ken haben entweder ihre Wurzel oder ihre Blumenkrone in einem Gefühl. Das Gefühl bildete auch die An⸗ ſchauungsweiſe des Mädchens, und in Orlow's Nähe war es ihr zu Muth, als fiele ein düſterer Schlagſchat⸗ ten über die ganze Gegenwart und Zukunft ihrer Familie. Unbewußt ſpielte ihre Hand mit dem Dolchgriffe, und die eine und andere gräßliche Phantaſie ſchwebte verwirrend über ihr Herz. Aber Willanow war in der That ein höchſt beſonnenes Mädchen, und wenn ſie ſich auch nach zwingenden Umſtänden richten mußzte ſo hörte 5 388 ſie doch immer auf die Stimme des Verſtandes. Mit dem Kummer war ſie wohl bekannt, nicht aber mit krankhafter Sentimentalität. Das Frauengemüth gleicht ſo oft einer klagenden Turteltaube, die in einen Käfig eingeſperrt iſt und ſich romantiſchen Grillen hingibt. Willanow gehörte nicht zu dieſem Schlag. Sie hatte etwas Praktiſches an ſich. Die Erfahrung hatte ihr Urtheil ausgebildet oder ihm wenigſtens ein Fußgeſtell gegeben, von welchem aus ſie einen freieren Blick über die Gegenſtände hatte, als gewöhnliche Weiber. Sie hätte hier allerdings eine Scene voll romantiſch⸗drama⸗ tiſchen Knalleffects veranſtalten können, wenn ſie mit ihrer kleinen Waffe drohend zwiſchen Orlow und ihre Eltern getreten wäre, aber wenn es ihr auch nicht an Muth dazu fehlte, ſo fehlte ihr etwas noch Nothwen⸗ digeres, nämlich der Wille, weil ihr Verſtand einen ſolchen phantaſtiſchen Plan verwarf. Erröthend dar⸗ über, daß ihr ein ſolcher Gedanke auch nur von ferne gekommen war, ließ ſie den Griff des Dolches wieder los. Orlow war gewöhnt, beſtändig auf ſeiner Hut Pusiein, Willanow's Betrachtungen entgingen ihm alſo nicht. — Schreiben Sie, Fürſt, ſagte er jetzt, und fürch⸗ ten Sie keine unangenehme Folgen. Von dem Augen⸗ blick an, wo Sie mir die nöthigen Dokumente geben und mich zu Ihrem Sohne machen, wird Niemand Ihnen mehr Liebe beweiſen können, als ich. Als Feind laſſe ich keine Gelegenheit unbenützt, um meine Feinde zu. zernichten— als Freund bin ich aufopfernd und getreu. Der Fürſt ſetzte die Feder auf's Papier. — Unterſchreiben Sie nicht, Vater, bat indeß Wil⸗ lanow jetzt; bedenken Sie... 3 Säber ſie kam nicht weiter, weil der Fürſt ſie unter⸗ rach. — Mein Kind, ſagte er, iſt es wahr, daß Du in 389 eine Verbindung mit Graf Orlow gewilligt haſt? Sprich aufrichtig... Dieſe Frage entwaffnete auch ſie. — Ich habe eingewilligt, antwortete ſie mit kaum hörbarer Stimme. Entſchloſſen zeichnete der Fürſt ſeinen Namen unter die Schrift. Dieſe Verhandlungen hatten die Anweſenden zu ſehr aufgeregt, als daß ſie auf das Geräuſch geachtet hätten, das man ſeit einigen Augenblicken von Außen hörte. Orlow lauſchte in eß ſchweigend darauf als auf etwas Ungewöhnliches. Er hatte Pferdehufe, ſogar ein wiederholtes Gewieher und das ferne Geraſſel von Säbeln gehört. Begierig griff er nach der vom Fürſten unterzeich⸗ neten Schrift und ſteckte ſie ſchnell in ſeine Taſche. Das Getöſe von Außen nahm zu und kam immer näher. Obſchon es ihn in Verwunderung ſetzte, behaup⸗ tete er doch ſeine ganze Contenance. 3 — Sie müſſen mir, ſagte er zu dem Abbé, eine Vollmacht geben, die mich berechtigt, die teſtamentariſche Verfügung bei Marfa abholen zu laſſen. Aus allem bisher Geſchehenen erſah der Abbé, daß jeder Widerſtand vergeblich war, und er kam daher mit einigen Zeilen dem Verlangen Orlow's nach. Auch dieſes Papier ſteckte Orlow in ſeine Taſche. — Unſere Geſchäfte ſind jetzt abgemacht, ſagte er dann. In der Verkleidung, die Sie ſelbſt gewählt haben, können Sie, mein Fürſt, bis ich Ihnen Ihr Befreiungspatent von der Kaiſerin verſchaffe, dieſe Woh⸗ nung als Ihre eigene benützen und über meine Leute verfügen. Was Sie betrifft, Herr Abbé, ſo werden Sie, ſobald Sie ſich vollkommen erholt haben, mit aller Höflichkeit über die Grenze gebracht werden. Sowohl um Ihrer eigenen, als um meiner Sicherheit willen muß ich Ihnen jedoch ſagen, daß dieſer Palaſt ſtreng 390 bewacht iſt, und daß ſomit alle Ihre Verſuche, ihn zur Unzeit zu verlaſſen, vergeblich ſein würden. Und Sie, mein Fräulein... er wandte ſich jetzt an Willanow ... Sie zweifeln wohl nicht mehr daran, daß ich es ehrlich meine... es iſt wahr... ich hätte beinahe Eines vergeſſen... dieſer Worowitſch da... wer iſt er... jetzt da... Der Lärm von Außen hatte nicht abgenommen. Jetzt ließ ſich ſogar ein Commandoruf vernehmen. Or⸗ low horchte einen Augenblick, aber ſo ſehr er ſich auch über die Sache wunderte, ſo legte er ihr doch kein ſon⸗ derliches Gewicht bei. — Sie müſſen mir ſagen, wer dieſer Worowitſch iſt, ſagte er... Sie müſſen... — Verlangen Sie das nicht, Graf, antwortete der Fürſt, wir werden Ihnen unter keiner Bedingung darüber Auskunft ertheilen. Worowitſch iſt... — Iſt... — Uns unbekannt, wenn Sie wollen. Der Ausdruck, der in Orlow's Geſicht ſpielte, bewies, daß noch grauſame Abſichten in ſeiner Seele lauerten. Aber in dieſem Augenblick hörte man raſche und feſte Tritte, ſowie Sporngeklirr von den äußeren Zimmern her. Was mochte das bedeuten? Orlow ſchwieg wieder. Die Thüre wurde heftig geöffnet und... Ge⸗ neral Suwarow trat ein, gefolgt von einigen Offizieren. Fürſt Raszanowsky zog ſich beim Anblick des Ge⸗ nerals zurück, weil er von ihm erkannt zu werden fürch⸗ tete, da er während des polniſchen Revolutionskrieges mehrere Male mit ihm zuſammengetroffen war. Willa⸗ now fürchtete den General gleichfalls, weil ſie viel von ſeiner unbeſtechlichen Strenge und Barſchheit gehört hatte, worüber ſie ſich ſchon ſehr geängſtigt, ſeit Woro⸗ witſch in ſeine Hände übergeben worden war. Orlow's Stirne legte ſich in Runzeln. Suwarow gehörte keiner politiſchen Partei an. Von der Armee geliebt, blieb er allein und ſtand frei da, ein unerklär⸗ u— Bð— — ASdN N 391 liches, obſchon düſteres Räthſel. Was wollte er? Er kam nicht in ſeinen eigenen Angelegenheiten... denn er hatte ſelten welche... aber auf weſſen Befehl kam er? Suwarow und Orlow maßen einander mit forſchen⸗ dem Ernſt. Orlow hatte indeß nicht den Muth, ihn zu⸗ erſt anzureden. Da der General ihm immer unbegreif⸗ lich erſchienen war, ſo bebte er vor ihm. Suwarow warf einen haſtigen Blick um ſich, dann trat er auf Orlow zu. — Kennen Sie dieſen Ring, Herr Graf? fragte er. — Er gehört der Kaiſerin. — Ganz richtig. Ich habe Befehl, hier einige Papiere zu holen, fuhr der General fort. Sie ſollen in Ihrem Schreibtiſch liegen, Schublade Numer 2, rechts. Orlow verrieth Ueberraſchung und Schrecken. Sollte die Kaiſerin ihm auf der Spur ſein? — Iſt es Ihre Abſicht, eine Hausſuchung anzuſtel⸗ len, General? — Meine Abſicht iſt, den Befehl der Kaiſerin zu erfüllen. Wo iſt der Schlüſſel? — Er ſteckt. — Rittmeiſter, ſagte Suwarow zu einem der Offtziere ſeines Gefolges, ziehen Sie die Schublade Numer 2 heraus. Der Befehl wurde vollzogen und der Offizier zog einen Papierbund hervor, welcher die Allegate zu der v Alübe überbrachten teſtamentariſchen Verfügung enthielt. Sobald der Abbé ſie erblickte, eilte er vor. — Dieſe Papiere ſind mein, rief er. „Hätte Orlow einen Widerſtand wagen können, er würde es nicht unterlaſſen haben. Zornig und verwirrt warf er jetzt einen unheimlichen Blick um ſich. — Sollten dieſe Papiere Ihnen gehören? fragte Suwarow, ſich zu dem Abbé wendend. Nachdem der Abbé den Sachverhalt erklärt hatte, gab Suwarow ihm zu verſtehen, daß er ihm folgen 392 müſſe. Der Abbé bereute jetzt ſeine Uebereilung, aber es war bereits zu ſpät. Der General hatte zwar gleich bei ſeinem Eintritt Willanow's Anweſenheit bemerkt; aber er wußte, daß ſie mit dem Grafen verlobt war, und hatte überdieß damit Nichts zu ſchaffen. Dagegen heftete ſich ſeine Aufmerkſamkeit jetzt auf die zwei alten Leute, die ſich bange vor ihm zurückzuziehen ſchienen. — Fürſt Raszanowsky! rief er auf einmal. Bei allen Heiligen, Sie hier? Wie ſoll ich mir das erklären? Orlow hatte in ſeiner Verblüfftheit und Angſt über das Auftreten des Generals, ſo wie über die Thatſache, daß die Kaiſerin von den Papieren in ſeinem Schreib⸗ tiſch wußte, die Anweſenheit des Fürſten vergeſſen. Als der Fürſt ſich entdeckt ſah, trat er ſogleich offen auf Suwarow zu. — Herr General, ſagte er, Sie täuſchen ſich nicht; ich bin es. — Sie waren zur Deportation verurtheilt. Orlow war wüthend, aber in Suwarow's Anwe⸗ ſenheit, zumal da dieſer in einem Auftrag der Kaiſerin gekommen war, deſſen Folgen und Zweck er nicht be⸗ rechnen konnte, dämpfte er ſeinen Grimm. Suwarow's Blick fuhr noch einmal über die Scene, ſcharf und haſtig wie ein Blitz, der ein dunkles Nacht⸗ ſtück beleuchtet. — Sie müſſen mir folgen, mein Fürſt, ſagte er. Bei dieſen Worten rauſchte Orlow das Blut in die Stirne. Er vermochte nicht länger ein ſtiller Zuhörer zu bleiben. Die Gewalt, die er ſelbſt ſo häufig ange⸗ wandt, kehrte ſich jetzt gegen ihn ſelbſt und dieß reizte ihn zum Widerſtand. — Hier haben Sie nicht zu befehlen, Herr General, ſprach er, ſondern ich. Dieſe Leute find meine Gefan⸗ genen. Suwarow lächelte. — Beruhigen Sie ſich, Graf, antwortete er. Der 393 Krieger beſtehlt immer dem Polizeimann. Haben Sie von dieſem Säbel reden gehört... er deutete auf das Gefäß deſſelben... er hat bisher noch immer Alles zu ver⸗ antworten gewußt, was ich gethan habe. — Dießmal taͤuſchen Sie ſich jedoch, Herr General. 85 will Sie überzeugen, daß ich es bin, der hier be⸗ fiehlt. Damit ſtieß Orlow die Seitenthüre auf, zu welcher der Fürſt und der Abbé hereingekommen waren, und nun kam eine ganze Menge von Polizeidienern zum Vorſchein. — Es kann wohl nicht Ihre Abſicht ſein, General, mit der Polizei Krieg zu fuͤhren, ſagte Orlow. Sie würden dabei zu kurz kommen. Suwarow gab einem ſeiner Offiziere einen Wink. Dieſer öffnete ſogleich die Thüre, zu welcher ſie herein⸗ — Wollen Sie mir den Fürſten und den Abbé übergeben? fragte er. Orlow ſah, daß er zu ſchwach war, und zog ſich ſchweigend zurück. — Folgen Sie mir, befahl Suwarow den Gefangenen Sie geborchten. Willanow wußte nicht, ob ſie Orlow oder Suwa⸗ row vorziehen ſollte. Ihr graute vor beiden, obſchon ſie ihr ſehr verſchiedene Gefühle einflößten. Orlow war heimtückiſch, unzuverläſſig, falſch, ränkevoll, berechnend, boshaft; aber der ſchreckliche Ruf von unerhörter Grau⸗ ſamkeit und gräßlichen Blutvergießungen, der an Su⸗ warow's Waffen haftete, erfüllte das Herz des ſchwachen Mädchens mit Entſetzen. — General, ſagte ſie daher zu ihm, indem ſie ſich ihren troſtloſen Gedanken hingab, ſeien Sie barmherzig ... Sie wiſſen ja, daß es meine Eltern ſind, die Sie wegführen. — Eben darum führe ich ſie weg, antwortete er; 394 aber ſeien Sie ruhig, Ihre Eltern befinden ſich jetzt unter dem Schutz eines redlichen Mannes. Orlow blieb allein zurück. Einen Augenblick glaubte er Alles verloren aber er war nicht der Mann, der zu ſchnell die Hoffnung aufgab. Mit dem Zorn eines ge⸗ reizten Panthers ging er im Zimmer umher. — Meinen Wagen, rief er endlich, meinen Wagen! Fünftes Kapitel. Die Kaiſerin in ihrem Arbeitskabinet. Sobald Guſtav Adolph IV. den Palaſt verließ, ging der Hof aus einander und die Kaiſerin begab ſich in ihre Privatbibliothek. Der Einzige, der ihr folgte, war ihr alter Kammerdiener Zacharias. In der Bibliothek wartete bereits General Suwa⸗ row; aber der ernſte Krieger war nicht allein, ſondern ſeitwärts von ihm, weiter im Hintergrund, lehnten ſich Döring und Araktſchejew an einen Bücherſchrank. Sie bemerkte den General und die beiden jungen Offiziere zu gleicher Zeit; aber mit einer Geberde, welche dem Erſteren zu erkennen gab, daß ſie ihn geſehen habe, ſchritt ſie gleichwohl auf die Letzteren zu. — Meine Herren, ſagte ſie, mir gefällt Ihre Ab⸗ ſicht, bei dem bevorſtehenden Turnier aufzutreten. Der Großfürſt Paul wünſcht, daß es in Gatſchina ſtattfinde, während eines Beſuchs, den wir ihm abzuſtatten geden⸗ ken. Sein Plan iſt ſehr gut. Der König von Schwe⸗ den wird dort in den Malteſerorden aufgenommen wer⸗ den, und dann ſoll das Turnier vor ſich gehen. Dieß verändert jedoch Nichts an unſerer Neberenkauft und ich rechne darauf, daß ich an Ihnen beiden Ehre erleben werde. Sie können jetzt die Waffen wählen. Nehmen Sie diejenigen, die Ihnen am Beſten paſſen. Zacharias, 395 begleite die Herren in den Waffenſaal. Wenn Sie Ihre Wahl getroffen haben, will ich Sie wieder ſehen. Sobald Döring und Araktſchejew fort waren, ging die Kaiſerin auf Suwarow zu. — Es freut mich, daß Sie wieder da ſind, Suwa⸗ row; Sie haben meinen Auftrag vollzogen und die Papiere gefunden? — Sie ſind hier, Ew. Majeſtät. — Die Papiere ſollen wichtig ſein. Es intereſſirt mich zu ſehen, was ſie enthalten. Die Kaiſerin öffnete ſehr raſch das Paket und be⸗ gann ſogleich zu unterſuchen. — Das iſt ſehr ſonderbar, ſagte ſie nach einer Weile; dieſe Papiere ſcheinen mir keineswegs ſo bemer⸗ kenswerth, als der Brief angab. Haben Sie ihn bei ſich, Suwarow. — Er iſt hier, Ew. Majeſtät. Die Kaiſerin warf einige Blicke hinein. Es war dderſelbe Brief von Marfa, welchen die Kai⸗ ſerin dem General durch Döring hatte zuſtellen laſſen. — Wahrhaftig, ich begreife dieſen Handel nicht. Hier im Brief ſteht deutlich, daß wichtige Verhältniſſe, ja ſogar mehrere Menſchenleben von dieſem Plunder da abhängen. Und ich habe darin nichts Anderes als Do⸗ kumente über Eigenthumsrechte, ſowie etliche geheime Ar⸗ tikel in Betreff eines ungenannten Erben entdecken können. Verſtehen Sie, was das heißen will, Suwarow? — Einigermaßen, Ew. Majeſtät. Die letzten Zei⸗ len des Briefs... — Ach, Suwarow... die letzten Zeilen... ich bin noch nicht ſo weit gekommen... was enthalten ſie? — Die Briefſtellerin ſpricht darin die Bitte aus, Ew. Majeſtät möchten gnädigſt geruhen, die geheimen Gefängniſſe unterſuchen zu laſſen, die bei. — Bei Orlow eingerichtet ſind? — Ja, Ew. Majeſtät. — Und Sie haben es gethan? .. 396 — Es war nicht nöthig. — Was wollen Sie damit ſagen? — Ew. Majeſtät verzeihen gewiß einem alten Sol⸗ daten, der gewohnt iſt, gerade auf die Sache loszugehen. — Ich habe diejenigen immer geliebt, die friſch von der Leber weg ſprachen. Das ſind die beſten Leute. Sagen Sie mir die Wahrheit, ganz einfach die Wahrheit. Suwarow verbeugte ſich und öffnete eine Seiten⸗ thüre. Zwei ältere Perſonen, ein Mann und eine Dame traten ein. Die Kaiſerin erſchrack über den Ausdruck des Leidens und der Schwäche in ihrer ganzen Erſcheinung. — Was bedeutet das, Suwarow? fragte ſie. Beim Anblick der Kaiſerin ſanken die alten Leute auf ihre Kniee. — Um's Himmels willen, ſprechen Sie, Suwa⸗ row. Wer ſind dieſe Leute? — Mitglieder einer unglücklichen, verbannten pol⸗ niſchen Familie, Ew. Majeſtät, Fürſt Raszanowsky und ſeine Gemahlin, die Eltern des Fräuleins Willanow. Mit Verwunderung betrachtete Katharina die Knien⸗ den. Sie ſchien ſprechen zu wollen, aber das Wort erſtarb auf ihren Lippen. Sie war aufgeregt und die Lage dieſer Perſonen machte einen ſtarken Eindruck auf ſie. — Sie verſprachen mir den Inhalt dieſes Schrei⸗ bens zu erklären, ſagte ſie jedoch endlich, und ſtatt deſ⸗ ſen verwickeln Sie die Verhältniſſe noch mehr. Haben Sie den Fürſten und die Fürſtin bei Orlow gefunden? Sollte er ſie gefangen gehalten haben? Wenn mich mein Gevächtniß nicht täuſcht, ſo wurden ſie durch einen Se⸗ natsbeſchluß nach Sibirien verbannt. Wie können ſie alſo hier ſein? Aber laſſen Sie ſich durch meine Ueber⸗ raſchung nicht ſchrecken, Fürſtin. Um Gottes willen, ſtehen Sie auf und erzählen Sie mir, was das Alles heißen will. Sie haben mich überraſcht, General... fuhen Sie auf, Fürſtin... Sie ſind krank... ſehr krank. Der Fürſt und die Fürſtin richteten ſich auf und &— S S 397 erzählten nun auf den ausdrücklichen Befehl der Kaiſe⸗ rin alle ihre Schickſale ſeit Warſchau's Fall. Sie er⸗ zählten auch, wie Orlow ſich in ihre Familie einge⸗ niſtet und durch die Rolle, die er da geſpielt, den Fuͤr⸗ ſten zur unſchuldigen Urſache des letzten Revolutions⸗ krieges gemacht habe. Aber der Leſer kennt dieſe Er⸗ eigniſſe bereits und weiß, wie Orlow die Familie in's Verderben ſtürzte; wir brauchen hier nur zu erwähnen, daß der Fürſt Scene um Scene vollſtändig ſchilderte, bis zu dem Augenblick, wo er am Ufer der Newa verhaftet und auf eine kurze Weile in den tauriſchen Palaſt ein⸗ geſperrt wurde. Auf herzzerreißende Art beſchrieb er ihre Leiden während der vermeintlichen zweimonatlichen Fahrt nach Sibirien. Als er an's Ende derſelben kam, verſtummte er indeß auf einmal und ließ den Kopf ſinken. Er erin⸗ n, die er bei Orlow unter⸗ zeichnet hatte, und die Worte wollten nicht mehr über F 2 ☛ 2 8 8 8 —2 — — — S eigenen Namen gegen dieſe Leute erlaubt hatte. Mehr 1 als einmal that ſich ein bitterer Ausdruck in ihrem Ge⸗ 3 ſichte kund, mehr als einmal ballte ſich ihre Fauſt auf 3 dem Tiſch an ihrer Seite. 3 Das Unglück des fürſtlichen Paares hatte alle guten 4 und milden Eigenſchaften ihres Herzens in Anſpruch ge⸗ nommen. Die Kaiſerkrone erblaßt neben der Märtyrer⸗ krone des Unglücks. Der Fürſt hatte die Schickſale ſeiner Familie ohne 3 alle Selbſtüberhebung geſchildert, aber dennoch mit der ſtolzen Wahrheitsliebe, die auf einer Unterlage von war⸗ mer Religioſität ruht. Indem er ſeiner Würde Nichts 3 vergab, drangen ſeine Worte um ſo mehr zum Herzen. 398 Nur eine einzige Sache hatte er gänzlich übergangen, nämlich das, was ſeinen Sohn betraf. Als er ſchloß, ſah man eine unverkennbare Bewe⸗ gung bei der Kaiſerin. Ihre Brauen runzelten ſich und die auf dem Tiſch ruhende Hand zitterte etwas. Sie blieh eine Weile ſtill und ſchien das Gehörte zu über⸗ egen. — Aber, General, bemerkte ſie endlich, dieß Alles gibt mir noch keinen Aufſchluß über dieſe Papiere da und ihre eigentliche Bedeutung. — Ew. Majeſtät ſollen ſogleich genügende Erklä⸗ rung erhalten. Suwarow begab ſich wieder an die Seitenthüre, und als er ſie öffnete, trat der Abbé ein. Die Kaiſerin betrachtete ihn fragend. — Nun, Suwarow, wer iſt dieſer Mann und was hat er zu ſagen? — Erklären Sie ſich ſelbſt, mein Herr, forderte Suwarow den Abbé auf. Sie hören, daß die Kaiſerin wiſſen will, wer Sie ſind und was Sie zu ſagen haben. Der Abbé erzählte hierauf ſeine Geſchichte, wie er mit einem wichtigen Auftrag von einer ſterbenden Per⸗ ſon aus Italien nach Petersburg gekommen ſei, wie er die imaginäre Reiſe nach Sibirien machen gemußt und was er dabei gelitten habe. Mit lebhaften Farben ſchil⸗ derte er ſein letztes Zuſammentreffen mit Orlow und wie er durch Drohungen gezwungen worden ſei, ein Schrei⸗ ben abzugeben, welches Orlow ermächtigte, das Haupt⸗ dokument ſeiner Sendung, nämlich die teſtamentariſche Verfügung bei Marfa abholen zu laſſen. Hierauf er⸗ ählte er, da die Kaiſerin den vor ihr liegenden Akten⸗ ücken anz beſondere Aufmerkſamkeit zu widmen ſchien, daß A,mansn von Neapel mit der Poſt abgeſandt wor⸗ den ſeien, daß er ſie aber erſt in Orlow's Händen wie⸗ dergefunden und deßhalb vermuthe, daß der Graf ſie auf der Poſt an ſich gezogen habe. Im Uebrigen er⸗ 399 klärte er, daß die Papiere, welche die Kaiſerin jetzt be⸗ ſaß, nur Allegate zu dem Hauptteſtament ſeien. — Aber, bemerkte die Kaiſerin, wer iſt der Menſch, der in dieſen Allegaten ſo oft als Erbe vorkommt, ohne daß ſein Name genannt wird? — Er heißt Döring, Ew. Majeſtät. — Döring? der Schwede? — Er iſt in Schweden erzogen worden. — Döring iſt ein intereſſanter junger Mann.. — Von dieſer Verfügung? Nein, Ew. Majeſtät. Ich wurde in dem Augenblick verhaftet, wo ich Ew. — Und dieſer Brief... wo haben Sie ihn? — Man hat ihn mir abgenommen, ſo lange Graf Orlow mich gefangen hielt. — Welche Frechheit! Die Kaiſerin ging auf und ab.— — Aber ich verſtehe gleichwohl Etwas nicht. Die Nonne, die Ihnen den Auftrag ertheilte, ihren letzten Willen zu vollſtrecken, war ja eine Fürſtin Raszanowsky. — Wie Ew. Majeſtät zu bemerken geruhen. — Unter welchen Umſtänden kann alſo Doring ihr Erbe werden? — Er iſt ihr Sohn, Ew. Majeſtät. — Ihr Sohn? War ſie verheirathet? — Nein, Ew. Majeſtät. Die Sache verhält ſich ſo. Baron Armfelt, der ſich jetzt auch hier aufhaͤlt, verliebte ſich als Jüngling auf einer Reiſe durch Polen in ſie; aber obſchon ihrer Vermählung keine Hinderniſſe mehr im Wege ſtanden und die Trauung bereits feſtgeſetzt war, 5 nnnd. ſie gleichwohl im letzten Augenblicke noch ver⸗ eitelt. — Ich verſtehe, ich verſtehe. Wir müſſen für die 400 Vollſtreckung dieſes Teſtaments ſorgen. Döring darf keines ſeiner Rechte verluſtig gehen. Er iſt ein ritter⸗ licher und braver Mann. Das Teſtament befindet ſich bei Marfa, ſagten Sie. Sie müſſen es haben. Das iſt wichtig. Hören Sie... 1 — Aber Graf Orlow... der meine Vollmacht in Händen hat... könnte mir zuvorkommen. — Sie haben Recht... nun gut... wir wollen auf eine andere Art zu Werke gehen. Mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit ſchritt die Kai⸗ ſerin auf und ab, während verſchiebent Ausdrücke in ihrem Geſichte wechſelten. Man ſah ſehr wohl, daß ein Gedanke nach dem andern in ihr auftauchte, und daß ſte dem Gegenſtand die größte Aufmerkſamkeit widmete. — Mein Fürſt, ſagte ſie endlich, indem ſie vor ihm ſtehen blieb, und auch Sie, meine Fürſtin, Sie müſſen bis auf Weiteres meine Gefangenen bleiben. Ich verſpreche Ihnen einen wachſamen und ſtrengen Gefan⸗ 1 genwärter zu geben. Ihre eigene Tochter ſoll dazu ernannt werden. Auch Sie, Abbé, müſſen hier blei⸗ ben, um mit Ihrer Geſellſchaft... Zacharias... komm herein, Zacharias... führe dieſe Gäſte auf... Sie nannte einige Zimmer. — Was hier vorgefallen iſt, fügte ſie hinzu, iſt ein Geheimniß.. vergeſſen Sie das nicht. Doch es iſt wahr de Sie müſſen noch eine Weile hier bleiben in meiner ähe. Die Kaiſerin ſetzte ſich in einen Divan. Ihre Blicke flogen von Suwarow auf die Papiere und dann wieder von den Papieren auf Suwarow. — Ich beginne zu fürchten, ſagte ſie, ſobald ſie ſich jetzt mit dem General allein befand, daß ich an meinem eigenen Hof von Kabalen umgeben bin. Beim barmher⸗ 401 zigen Gott, in dieſem Fall werde ich ebenſo ſtreng ſein, als ich bisher gut war. Wie viel Uhr iſt's, Suwarow? — Bald Eilf, Ew. Majeſtät. — Dann müſſen Sie mich verlaſſen, General, weil ich Jemand erwarte. Gehen Sie nach dieſer Seite; ich will nicht, daß Sie Jemand begegnen. Die Einſamkeit löst alle Bande, welche uns in Ge⸗ genwart Anderer feſſeln. Die Einſamkeit iſt die einzige wahre Freiheit unſerer Seele. Die Kaiſerin ſchöpfte jetzt auch tief Athem, als ſie ſich allein wußte. Unruhig ſtand ſie von ihrem Platze wieder auf. Ihr Gang und ihre Bewegungen verriethen Gereiztheit. An der ſtolzen Hal⸗ tung des Kopfes bemerkte man einen ſo zu ſagen fürſt⸗ lichen Verdruß, während eine ſichtbare Ungeduld in ih⸗ rem Herzen arbeitete. Ein Page trat ein und meldete die erwarteten Per⸗ ſonen. — Trag dieſe Papiere da auf den Tiſch in mein Kabinet, ſagte ſie zu ihm, und laß die Leute dann hereintreten. Die Kaiſerin war vor einem Spiegel ſtehen ge⸗ blieben. — Ich bin aufgeregt... mein Blick iſt unruhi *meine Bewegungen werden mich verrathen... a ich weiß. Meine Herren... und ſie machte mit der Hand eine drohende Bewegung gegen die Thüre... ich jallt euch nicht durchſchauen... ich bin euch ge⸗ wachſen. Die Kaiſerin ſetzte ſich in die Ecke des Divans und nahm eine halbſchlummernde, ruhende Stellung ein. In dieſem Augenblick öffneten ſich die Seitenthüren, und in der einen erſchien Zacharias, in der andern ein Page. — Was wollt ihr? — Die jungen Offiziere haben jetzt Rüſtungen ge⸗ wählt und fragen... 4 h jet Ban g Der Fürſt. II. 26 40² — Laß mich allein... ſie ſollen warten... ſpute Dich. — Sie ſind bereits hier. Araktſcheljew und Döring traten ein. Beide befan⸗ den ſich in vollem ſtählernen Waffenharniſch, mit Silber⸗ und Goldeinlegungen, ganz wie zwei Ritter aus dem Mittelalter. Döring trug die ſchwediſche Feldbinde, Araktſchejew die ruſſiſche. Das war der einzige Unter⸗ ſchied zwiſchen ihnen. Der Anblick der zwei ſtattlichen jungen Männer machte einen behaglichen Eindruck auf die Kaiſerin. — Vortrefflich! rief ſie; aber ich will nicht, daß Jemand euch hier treffen ſoll... hört... ich glaube, ſie kommen... da fällt mir Etwas ein... ſtellt euch auf beide Seiten dieſes Bücherſchranks... ganz ruhig wie Bildſäulen von Eiſen... ſtill... fällt das Viſir. Sie wandte ſich hierauf zu dem Pagen. — Fort von hier! — Ew. Majeſtät befahlen mir, ein Landmädchen zu holen... Lechi... ſie iſt hier. — Was ſoll ich thun? Ah... Lechi ſtand ſich verneigend an der Thüre. Man hörte haſtige Tritte immer näher zu dem Haupteingang kommen. — Fort, Page... fort... ſetz Dich hier auf den Schemel, Lechi... ſo ſo... erzähle mir jetzt ein Mähr⸗ chen... oder kannſt Du ſingen?... ſinge, mein Kind, ſinge.. ſinge... Die Kaiſerin nahm wieder eine bequeme, ruhende Haltung im Divan ein. Lechi ſah verwirrt aus. — Singen!l ſagte ſie, indem ſie auf einmal fröhlich wurde. — Ja, ſinge... ſinge... — Darf ich ein Ruſſalkenlied ſingen? fragte ſie. — Singe was Du willſt... nur ſinge. Lechi ſang: —& es Kit ſel ohn blü hat ſchö den aber nent 403 Weh, das ſchöne Mäͤdchen flieht, 4 Der Ruſſalke eilt ihr nach. Die Thüre öffnete ſich, und Subow, di und Orlow traten ein. Als ſie das ſingende ädchen bei der Kaiſerin bemerkten, blieben ſte auf der Schwelle ſtehen. Lechi fuhr fort: „Hör mich, hör, du ſchöne Jungfrau, Löſe mir drei leichte Räthſel. Löſeſt ſie, darfſt geh'n nach Hauſe, Doch wo nicht, mußt mit mir kommen. Sag, was wächſet ohne Wurzeln? Sag, was läufet ohne Zügel? Sag, was blühet ohne Blume 2 Das Liedchen ergötzte die Kaiſerin, zumal da Lechi es mit unſchuldsvoller Einfachheit ſang. Lechi fuhr fort: „Leicht gelöſet iſt dein Räthſel: Steine wachſen ohne Wurzeln, Waſſer läufet ohne Zügel, Schlanggras blühet ohne Blume.“ Jungfrau löste nicht das Räthſel, Der Ruſſalke ſie umfaſſet, Stürzet in die Welle nieder. — Deine Jungfrau war ein Bischen einfältig, mein Kind, auch Dein Ruſſalke. Ich könnte alle Deine Raͤth⸗ ſel mit einem einzigen Wort löſen. Die Liebe wächst ohne Wurzeln, die Liebe läuft ohne Zügel und die Liebe blüht ohne Blume.. — Die Liebe? Sagen Sie das nicht. Die Liebe hat die tiefſten Wurzeln, die ſtärkſten Zügel und die ſchönſten Blumen. So hat man mir geſagt. — Vielleicht in Deinen Jahren, meine Liebe; in den meinigen nicht. Die Kaiſerin hatte Subow hereinkommen gehört, aber als ob ſie Nichts davon ahnte, wandte ſie ſich gäh⸗ nend um. 26* 404 Orlow war nicht berufen worden, aber ſie ſah es nicht ungern, daß er ſich eingefunden hatte, und ſie that, als mache ſie ſich Nichts daraus, daß er ſich die Frei⸗ heit genommen hatte, mit ſeinen Freunden zu kommen. Inzwiſchen war es ihr nicht ſo leicht, das Unbehagen zu unterdrücken, das ſie bei ſeinem Anblick empfand; aber es gelang ihr dennoch, daſſelbe in ein Gähnen zu verwandeln, das ſie abſichtlich kaum zu verbergen ſuchte. — Ich bin müde, ſagte ſie, indem ſie ſich nachläſ⸗ ſig aufſetzte, laſſen Sie uns deßhalb zuerſt von den Ge⸗ ſchäften ſprechen. Warum hat man mir die Ankunft des franzöſiſchen Couriers verſchwiegen? Still, Subow, ich will kein Polizeiverhör mit meinen Freunden an⸗ ſtellen. Iſt der Courier jetzt hier? — Er wartet draußen. — Ich will ihn jetzt nicht ſehen. Die öffentliche Meinung in Frankreich ſpricht ſich immer lauter für den Frieden aus. Der Rath der Fünfhundert verſammelt ſich im nächſten Monat, und wenn mein Korreſpondent mich nicht täuſcht... es iſt ganz und gar nichts Un⸗ gewöhnliches, daß regierende Häupter getäuſcht werden ... ſo ſoll ein Deputirter Namens Pelet den Antrag ſtellen, daß die Regierung aufgefordert werde, im In⸗ tereſſe des allgemeinen europäiſchen Friedens zu wirken. Von England, Oeſterreich, Deutſchland, Spanien, Ita⸗ lien, Frankreich, von allen Seiten her ruft man: Frieden! aber ich ahne, daß es die Stimme des Predigers in der Wüſte iſt. Sie müſſen den Courier auf eine unſer wür⸗ dige Art behandeln, aber ein wachſames Auge auf ihn haben. Haben Sie die Abſicht des Metropoliten er⸗ gründet? Der Mann war ſehr keck. — Die Kirche, Ew. Majeſtät. — Ich weiß.. ſie meint das ganze ruſſiſche Volk SSSSSSSSSSS 40⁵ für ſich zu haben... und bildet ſich vielleicht ein, ſie ſei mächtig genug, auch gegen mich zu kämpfen. — Ew. Majeſtät, ergriff Markon das Wort, ſicher⸗ lich bezweifeln Sie unſern Eifer in Ihrem Dienſt ſo wenig als unſere Ergebenheit gegen Ihre Perſon. Die Stellung, die ich einnehme, macht es mir zur Pflicht, Sie Ihrer An⸗ ſicht widerſtreitet, und ich kann nicht verſchweigen, daß Ew. Majeſtät ſich in Ihrem Urtheil übereilen. Sie Guſtav's III. und Herzog Karl's Kanonen im finniſchen Meerbuſen, erlaubt uns nicht, geſſen. So lange Finnland nicht unſer iſt, wird kein ruſſiſcher Selbſtherrſcher wahre i genießen. Ew. Majeſtät ganzes Leben iſt ein großes, Gang der Ereigniſſe von Ihrem Kabinet aus geleitet, und Tapferkeit und Muth ſind in Ihren Dienſten ge⸗ ſtanden. Nur von einer einzigen Seite her haben Sie Widerſtand erfahren, ſogar eine Niederlage erlitten. Dieſe dunkle Schattenſeite iſt von Schweden in Ihre Geſchichte eingeſchrieben. Aber den Weg, welchen die Waffen Ihrem Willen nicht zu bahnen vermocht, können Politik und Diplomatie jetzt gangbar machen. Verſäu⸗ men Sie den Augenblick nicht, Ew. Majeſtät! Es hat ſich in Wahrheit noch kein güͤnſtigerer gezeigt. Die Prin⸗ zeſſin Alexandra iſt zwar ein ſchwaches Mädchen, aber dieſe ſchwache Hand könnte... von Ihrer Kraft gelei⸗ et... Ihr großes Werk vollenden, und Rußland die⸗ jenige Einheit und Abrundung geben, nach welcher Ihre ganze Wirkſamkeit geſtrebt hat. Die Mythe erzählt uns, wie Herkules durch ein Mädchen unterging. Laſſen Sie dieſe Mythe noch einmal in Erfüllung gehen, Ew. Ma⸗ jeſtät. Ihre Enkelin wegzugeben, ohne zugleich Ihren Feind zu zermalmen, wäre eine Schwäche, die zwar 406 Ihrem edlen Herzen eine angenehme Befriedigung ge⸗ währen, von Ihrem aufgeklaͤrten Kopfe aber nicht ge⸗ billigt werden könnte. Der Kopf, Ew. Majeſtät, iſt es, der die Welt beherrſchen muß, nicht das Herz. Der Verſtand ſoll den Scepter führen, nicht das Gefühl. Die Weisheit ſoll beſchließen, nicht die Liebe. Schon die Alten haben ſich die Liebe mit einer Binde vor den Augen vorgeſtellt, und man darf ſich nicht auf blinde Mächte verlaſſen, wenn man die Schickſale der Völker mit Klugheit leiten will. Jetzt oder nie, Ew. Majeſtät, iſt der Augenblick gekommen, Schweden zu demüthigen. Meine Gruͤnde für dieſe Ueberzeugung ſind Ihnen be⸗ reits bekannt. Die Liebe hat die ganze Waffenrüſtung des ſchwediſchen Monarchen als ein Opfer vor Ihren Thron gelegt, und Sie brauchen ſich kaum hinabzu⸗ bücken, um ſie aufzuheben und in Ihrer Hand in eine Trophäe zu verwandeln. Aber nicht genug damit. Vor einigen Tagen kam, wie Ew. Majeſtät bereits wiſſen, der däniſche Geſandte in Stockholm, Graf Chriſtian Bernsdorff, hieher und brachte uns höchſt wichtige Auf⸗ ſchlüſſe über Schwedens innere Verhältniſſe, Aufſchlüſſe, aus denen man den beſtimmten Schluß ziehen kann, daß die vormundſchaftliche Regierung, in deren Händen die Geſchäfte noch liegen, ſich gelähmt, beinahe aufgelöst fühlt bei dem Gedanken, daß der König bald in ſeine Vorrechte eintreten wird, während auf gleiche Weiſe der König ſelbſt ſich durch die moraliſchen Bande gelähmt fuͤhlt, welche die Nähe der vormundſchaftlichen Regie⸗ rung ihm unfehlbar anlegt. Dieſe Spaltung in der ſchwediſchen Regierung iſt eine Breſche, welche unſere Diplomatie zu einer Triumphpforte für unſere Politik erweitern kann. Benutzen Sie alſo den Augenblick, Ew. Majeſtät. Markow ſagte ſeine Anſicht offen und gerade aus. Er kannte den politiſchen Charakter der Kaiſerin ſehr gut, und war ein zu großer Diplomat, um nicht zu wiſſen, welche Saite er anſchlagen mußte. Die unver⸗ 5— O.,—-„ͤͤͤ 407 ⸗ muthete Entdeckung der Günſtlinge, daß Armfelt noch ⸗ Zutritt bei der Kaiſerin hatte, und die Vorfälle bei 5, Guſtav's erſtem Auftreten an Katharina's Hof, veran⸗ r laßten ſie zu dem Entſchluſſe, auf ihre Art offen aufzu⸗ ie treten, ohne deßhalb ihre innerſten Gedanken bloßzu⸗ e legen. Unläugbar hatte die Kaiſerin nicht bloß in Folge n der Aeußerungen Armfelt's, ſondern auch in Folge ge⸗ e legentlicher Einwürfe von Seiten ihrer naͤchſten Damen⸗ r umgebung, ſowie in Folge der Ereigniſſe, die ſich damit t, verknüpft, die Intriguen um ſich her zu ahnen begon⸗ b. nen; aber Markow's jetzige Darſtellung war ſo einfach ⸗ und ſtimmte ſo genau mit ihrer eigenen Anſchauungs⸗ g weiſe überein, daß ihre Beſorgniſſe verſchwanden und n ſie ſich wieder ruhiger fühlte, als ſeit langer Zeit. 3 Während des Geſprächs zog ſie ſich indeß immer weiter e von dem Platze, wo Döring ſtand, zurück, weil ſie nicht r wollte, daß er es hören ſollte. „— Ich habe geſagt, Ew. Majeſtät, fuhr Markow n fort, daß Sie dieſen vielleicht nie wiederkehrenden Au⸗ genblick benutzen müſſen, um Schweden zu zermalmen. Mein Ausdruck ſcheint vielleicht übereilt, aber ich kann ihn nicht zurücknehmen. Um ein Volk zu zermalmen, weiß das Schwert nur einen einzigen Weg, den der andern: den der Demüthigung. Demüthigen Sie alſo Schweden jetzt, dann können Sie es nachher mi 1 7 e t Schlachten und Siege; die Politik dagegen kennt einen . r t t Leich⸗ tigkeit zermalmen. Ein gedemüthigter Feind iſt ſchwach. Unſere Wünſche für Ew. Majeſtät Wohl ſind Ihnen bekannt. Wir können Nichts thun, was nicht mit Ihrer 2 und Rußlands Ehre in Verbindung ſteht. Ihre Ge⸗ 1 ſchichte beſitzt bereits Größe genug, das iſt wahr; aber geben Sie ihr einen Schlußſtein, welcher der Nachwelt die unerſchöpfliche Kraft beweist, die Ihre Seele noch in dem Augenblick beſaß, wo man nach dem gewöhn⸗ lichen Maßſtab glauben mußte, daß Ihre Größe ſie be⸗ drücke und ermüde. Die Gelegenheit dazu iſt da. Sie ſich durch Nichts in Ihren Abſichten ſtören Laſſen „ Ew. 408 Majeſtät. Sie haben bisher unerſchütterlich gehandelt, und vor dieſer Unerſchütterlichkeit hat Schweden Schritt für Schritt weichen müſſen; man hat nicht nur die Ver⸗ lobung mit der mecklenburgiſchen Prinzeſſin rückgängig gemacht, ſondern der junge König iſt ſogar jetzt in eigener Perſon hier, und gebunden durch ſeine Stellung, dabei eleitet durch ſeine Liebe, wird er, ohne es ſelbſt zu wiſ⸗ dn, i genöthigt ſehen, auf Ihre Forderungen ein⸗ zugehen. — Ich weiß, was Sie ſagen wollen, Markow, und ich billige es. Sie ſprechen mir aus der Seele. — Mancherlei Intereſſen umgeben Ew. Majeſtät, fuhr Markow fort. Sie hören Armfelt's Stimme. Gu⸗ ſtav Adolph IV. hat Wohlgefallen in Ihren Augen ge⸗ funden. Die romantiſche Neigung der Prinzeſſin kann auch Sie ſchwach machen. Viele Umſtände beunruhigen daher Ihre redlich geſinnte Umgebung, Rußland blickt von einem halben Welttheil her zu Ihnen empor. Jetzt oder nie! Nicht die Kirche iſt es, die Etwas fordert, ſondern Rußlands Nationalſtolz. Geben Ew. Majeſtät dem König der Schweden eine ruſſiſche Braut und Schwe⸗ den eine Königin mit unſerm Glaubensbekenntniß. Die Liebe kann alle Bande brechen, nur die Bande der Re⸗ ligion bricht ſie nicht. Die Religion iſt ſtärker als die Liebe. Die Sache iſt ungewöhnlich und demüthigend, aber je ungewöhnlicher und demüthigender ſie iſt, um ſo lauter zeugt ſie von Ihrer Macht. Bleibt die Prin⸗ zeſſin auch als ſchwediſche Königin bei dem griechiſchen Glaubensbekenntniß, ſo wird ihr das Recht zuſtehen, ruſſiſche Prieſter an ihrer Seite zu haben, und die Wahl derſelben.. aber ich brauche Nichts mehr hinzuzufügen. So ſehr auch Markow's Aeußerungen mit ihren eigenen Wünſchen und Anſichten übereinſtimmten, ſo wurde die Kaiſerin dennoch von einer Angſt uberfallen, deren ſie ſich nicht erwehren konnte. — Aber bedenken Sie gleichwohl, wenn Guſtav Adolph auf unſern Vorſchlag nicht einginge? 2—— 409 — Er iſt jung, und die Jugend denkt nicht an re⸗ ligiöſe Gegenſtände, zumal wenn die Liebe im Herzen eingezogen iſt. ten haben, welchen Entſchluß Sie auch zu faſſen geruhen. Der Metropolit iſt hier. Geruhen Ew. Majeſtät ihn ſelbſt zu hören? — Laſſen Sie ihn hereinkommen. ſedn nächſten Augenblick ſtand der Metropolit vor der Kaiſerin. — Sie ſind einer der höchſten Würdenträger der Kirche, redete ſie ihn an. Wuͤrden Sie ein gar zu gro⸗ ßes Verbrechen gegen unſere Kirche darin erblicken, wenn Alexandra das griechiſche Glaubensbekenntniß abſchwüre? Der Metropolit verbengte ſich tief. — Ew. Majeſtät, antwortete er, ſind ſelbſt der höchſte Patriarch der ruſſiſchen Kirche und Sie ſind— allmächtig. Patriotismus und ihren Stolz, als eine eigentliche Antwort. Die Kaiſerin glaubte auch darin eine Bitte, oder einen Seufzer zu vernehmen, der tief aus der Bruſt des ruſſiſchen Volkes zu ihrem Thron aufſtiege, an deſ⸗ ſen Allmacht ſie ſelbſt glaubte. Der Ernſt, die Feſtig⸗ keit, vor Allem aber die feierliche Würde, womit der Metropolit ſeine delphiſche Antwort ausgeſprochen, wurde für die Kaiſerin beinahe ein Compliment, das ſie zu einem Halbgott machte. Aber plötzlich wandte ſie ſich zu Markow. „— Ich ſehe in die Zukunft, ſagte ſie, ich ſehe die Früchte, die ein einziger Genieblitz hervorrufen kann, 410 ich ſehe mein Volk größer und mächtiger als alle andern, ich ſehe die Zeit, wo man unter Segnungen auf unſern Namen erndten wird, was wir geſäet haben. Sowohl Markow's Worte als die des Metropoliten hatten Katharina's eigene Inſpirationen geweckt, und gleichwohl ruhte ein bedrückender Ernſt auf ihrer Stirne. — Aber wenn es uns mißlingt? fügte ſie hinzu. Das Spiel iſt hoch. Sie zitterte vor dieſem Gedanken. — Die menſchliche Natur iſt einfach, wenn man ſie unbeirrt ihren Weg gehen läßt. Wenn Ew. Ma⸗ jeſtät den jungen König mit Vergnügungen beſchäftigen, und die Prinzeſſin ſein Herz mit Liebe erfüllt, ſo bür⸗ gen wir für das Uebrige. Wir gedenken ihm den Ehe⸗ vertrag erſt eine Stunde vor der öffentlichen Verlobung vorzulegen. Er wird dann zu Nichts mehr Zeit haben als zum Unterzeichnen. Katharina's Stirne erheiterte ſich. Die Wolke, welche ſie ſo eben verdunkelt hatte, verſchwand. — Du biſt ein wahrer Staatsmann, Markow, ſagte ſie. Ich werde Deinen Rath befolgen. — Befehlen Ew. Majeſtät, daß wir Bernsdorff hereinrufen? Wir haben ihn erſucht, draußen zu warten. — Nein, Markow, nein. Da ich Sie habe, ſo weiß ich nicht, was es mir nutzen könnte, ihn anzuhören. Die Günſtlinge hatten ihr beſtimmtes Verſprechen. Der Eindruck, den Markow's Vortrag gemacht, entging ihnen nicht, und unter Bücklingen entfernten ſie ſich ſo⸗ gleich, überzeugt, daß dieſer Eindruck, ſich ſelbſt über⸗ laſſen, als ihr beſter Bundesgenoſſe wirken würde. Katharina befand ſich noch in einer höheren Stim⸗ mung. Von dem Standpunkt, auf welchen Markow ſie geführt, blickte ſie hinaus auf neue Hoffnungen, neue Siege— errungen mit den Wafefen, geſchmückt mit dem Oelzweig des Friedens oder der Myrthe der Liebe. — Ew. Majeſtät, redete jetzt eine Stimme ſie an. —-— 411 Beinahe erſchrocken wandte ſie ſich um. Orlow war zurückgeblieben. Bei ſeinem Anblick verdüſterte ſich ihre Stirne von Neuem. — Es iſt gut, daß Sie da geblieben ſind, begann ſie. Ich habe Ihnen einige Worte zu ſagen. Die Kaiſerin ging jetzt ſogleich auf die Ereigniſſe über, die man ihr vor einer Stunde erzählt, und die ihr ſo viel Verdruß gemacht hatten. Einige Augenblicke, nachdem Suwarow den Grafen verlaſſen hatte, folgte dieſer ihm nach, um wo möglich ſogleich eine Audienz bei der Kaiſerin zu erhalten. Es iſt immer klüger, der Gefahr muthig entgegenzutreten, als ſich feig von ihr aufſuchen zu laſſen. Orlow wußte zwar ganz und gar nicht, ob der General ſeinen Be⸗ richt ſchon abgeſtattet hatte, und noch wen er wohl in ſeinen Anklagen gehen würde; aber er war auf's Schlimmſte gefaßt, und beſchloß nicht zu weichen, ohne ſich zuvor zu vertheidigen. Immer entſchloſſen und bereit, ſich aller nur erdenklichen Mittel zu bedienen, concentrirte er ſeine ganze Kraft, wie ein Spieler, der zeugte ihn, daß Suwarow ſeinen Bericht bereits erſtat⸗ — Als Ew. Majeſtät Polizeiminiſter, ſagte er da⸗ her ſogleich, habe ich eine Klage vorzutragen, die in der That eine wirkliche Anklage iſt. — Gegen wen? Sie? Ach laſſen Sie hören. Gegen wen? — Gegen General Suwarow, Ew. Majeſtät. Drlow's unerſchrockene Anklage imponirte der Kai⸗ ſerin. Eine ſolche Kühnheit, meinte ſie, müſſe ſich auf ein gutes Recht ſtützen. Sie wußte noch nicht, was 41²2 Die Kaiſerin, die ſich während ihres Geſprächs mit Markow ſo weit als möglich von den Plätzen zurückge⸗ zogen hatte, wo Döring und Araktſchejew ſtanden, da⸗ mit dieſe ſie nicht hören ſollten, näherte ſich ihnen jetzt juſt in der entgegengeſetzten Abſicht.. — Sie klagen Eunaeng an, ſagen Sie... warum, Orlohn, Vergeſſen Sie nicht, daß Sie vor Ihrer Kai⸗ erin ſtehen. — Vor Gottes und Ew. Majeſtät Thron ſtehe ich alle Augenblicke meines Lebens und ich habe mich vor beiden noch nie gefürchtet, weil mein Gewiſſen ruhig iſt. Ich klage auch Suwarow nicht darum an, weil er Ew. Majeſtät Befehl vollzog, einige Papiere von un⸗ bedeutendem Werth abzuholen, die in meinem Schreib⸗ tiſch verwahrt lagen. Die Kaiſerin ärgerte ſich über die ſtolze Sprache, die der Graf führte. — Aber, ſagte ſie eifrig, Sie waren auf eine ſchlechte Art zu dieſen Papieren gekommen. — Auf eine ſchlechte Art? Ach, Ew. Majeſtät, Sie vergeſſen, daß ich als Chef Ihrer geheimen Polizei Alles wiſſen muß, um Ihre Perſon ſchützen zu können. Auch die Poſt hat ihre Polizeiabtheilung, Ew. Majeſtät. Die Kaiſerin preßte ihre Lippen zuſammen, blieb aber ſtill. — Ich klage, fuhr Orlow fort, den General Su⸗ warow deßhalb an, Ew. Majeſtät, weil er wahrſcheinlich die Grenzen Ihres Befehls uberſchritten hat, indem er drei Gefangene von mir wegführte, von denen Sie zwei zur Deportation verurtheilt hatten, während der dritte ein Ausländer iſt, den ich verwahren zu müſſen glaubte, bis ich Zeit bekäme, ihn über die Grenze zurückzuſchicken. — Der General, erklärte die Kaiſerin ganz kurz, hat nichts Anderes gethan, als was ich ihm befohlen hatte. — Unter ſolchen Umſtänden fällt natürlich meine Anklage in Nichts zuſammen; aber, Ew. Majeſtät, der —=—— 6—— 413 Beſuch des Generals hatte gleichwohl einen Charakter der Feindſeligkeit, der mich, im Fall er Ew. Majeſtät änigen eer auf⸗ in wie fern ich auf irgend eine Art e habe verwirken können. Sollte es ſich ſo verhalten, ſo wäre dieß allerdings ein Todesſtoß für mein Herz, würde mir auch zur Pflicht machen, meine Aemter zu Ew. Majeſtät Fußen niederzulegen. Orlow wollte die Sache auf's Aeußerſte treiben, um auf einmal genau zu erfahren, wie er daran war. — Sie faſſen die Sache ganz richtig auf, Orlsw, verſetzte die Kaiſerin; ich habe Urſache, mit Ihnen un⸗ zufrieden zu ſein. Welche Intriguen haben Sie nicht in Polen geſpielt? Orlow lächelte. — Die ganze Theilung Polens, Ew. Majeſtät, iſt eine große Intrigue, und wenn ich Etwas gethan habe, ſo iſt meine Mitwirkung bloß ein Bischen Mauerkalk zu dem Fußgeſtell, worauf die Endreſultate ruhen. Un⸗ terſuchen Ew. Majeſtät meine Handlungen genau, ſo werden dieſelben bis in ihre geringſten Dekails nur meine Vaterlandsliebe, nicht aber Eigennutz beweiſen. s lag unläugbar etwas Wahres darin, und die Kaiſerin ließ den Gegenſtand fallen. — Sie haben ſich gegen den Fürſten Raszanowsky verrätheriſch und heimtuͤckiſch betragen. — Wäre Ew. Majeſtät Bemerkung gegründet, ſo könnte ich Sie überzeugen, daß meine Handlungsweiſe von politiſcher Klugheit geboten war; aber ich bedarf deſſen nicht, weil ich mich gegen den Fürſten ſo benom⸗ men habe, wie es einem redlichen Manne zuſteht, und um Ew. Majeſtät in dieſem Fall meine vollkommene Unſchuld darzuthun, könnte ich Ihnen das eigene Zeug⸗ niß des Fürſten vorweiſen. Orlow verlas den erſten Punkt der von dem Für⸗ 414 ſten unterzeichneten Erklärung. Die Kaiſerin, die ſich auf allen Seiten widerlegt ſah, wurde warm, weil ſie zu fürchten anfing, daß ſie ſich üͤbere ilt habe. — Graſef ſagte ſie, ich fürchte, daß dieſes Schreiben da unzuverläſſig iſt. Ich habe den Fürſten ſo eben geſehen, und ſein leidendes Ausſehen führte eine Sprache, die unwiderſtehlich zu meinem Herzen drang. Die Wahr⸗ heit hat ſich nie vollſtändiger ausſprechen können. Sie haben ihn gemartert, Sie haben ihn gequält. Obſchon er zur Deportation verurtheilt war, ſo durften Sie ihn doch nicht als Tyrann Wehandeln. Und gleichwohl. wie erklären Sie das? wollen Sie Fräulein Wil⸗ lanow, ſeine Tochter, heirathen. Es liegt in Ihrer Handlungsweiſe ein gräßlicher Widerſpruch, der mich empört. Orlow verzog keine Miene. Der Zorn der Kaiſe⸗ rin ſchien ihn nicht mehr zu bekümmern, als das Toben des Meeres die unerſchütterliche Felſenklippe. — Ich bitte, antwortete er, Ew. Majeſtät, um Erlaubniß, den zweiten Punkt der eigenhändigen Erklä⸗ rung des Fürſten vorleſen zu dürfen. Während die Kaiſerin tief Athem holte, verlas er dieſen Punkt. Döring und Araktſchejew hörten jedes Wort; das Intereſſe des Erſteren ſteigerte ſich, als die Kaiſerin den Namen Willanow ausſprach, bis auf den höchſten Grad. Der Zorn der Kaiſerin wurde durch das, was Orlow vortrug, nicht gemindert. Aber der Verdruß, der einen Augenblick ihre Stirne verdüſterte, verſchwand gleichwohl bald, und machte einem Lächeln Platz, das trotz ſeiner Zweideutigkeit bewies, daß eine neue Eingebung ſie beſchäftigte. — Sie behaupten alſo, dieſe Erklärungen ſeien vom Fürſten ſelbſt? frag aJla i die Kaiſerin. — Ja, Ew. Majeſtät. — Und Sie beharren auf Ihrem Wunſch, Willanow zu heirathen? 415 — In Wahrheit, Ew. Majeſtät, Sie haben mir ſelbſt Ihre Zuſtimmung gegeben. — Ich weiß das, Orlow, und ich gedenke ſie nicht zurückzunehmen, deſſen können Sie überzeugt ſein, wenn nicht anders ſolche Umſtände an's Tageslicht kommen, die eine Verbindung zwiſchen Willanow und Ihnen zu einem unerhörten Verbrechen gegen die Familie machen würden, deren Mitglied Sie werden wollen. — Zu einem Verbrechen? Ew. Majeſtät haben ſelbſt gehört, daß Fräulein Willanow einwilligte. Wo wollen Ew. Majeſtät das Verbrechen ſuchen? Die Kaiſerin fuhr mit der Hand über ihre Stirne. — Sonderbar! Sie haben darin wirklich Recht; ich erinnere mich und gleichwohl... Es iſt wahr, Sie gedenken ja bei dem bevorſtehenden Turnier eine Lanze für Willanow zu brechen? Fürchten Sie nicht, daß ihr Vater oder irgend ein Anderer auftreten könnte, um Ihnen mit den Waffen in der Hand zu beweiſen, daß dieſe Erklärung.. Sie deutete auf das Papier in ſeiner Hand. — Eine Lüge iſt, erſcholl in dieſem Augenblick eine Stimme aus dem Hintergrund, und zugleich fiel ein ſchwerer Eiſenhandſchuh zu Orlow's Füßen nieder. Orlow erblaßte bei dieſer unerwarteten Heraus⸗ forderung, welche Döring, der ſeinen Unwillen nicht zu unterdrücken vermochte und in ſeinem Zorn vergaß, wo er ſich befand, dreiſt von ſeinem Platze aus ihm ent⸗ gegenſchleuderte. Er faßte ſich jedoch alsbald wieder. — Ich bin bereit, Ew. Majeſtät, jeden Handſchuh aufzunehmen, um das Verſprechen zu verfechten, das Ew. Majeſtät mir in Betreff der Hand des Fräuleins gegeben, und das nicht nureWillanow ſelbſt, ſondern auch ihr Vater beſtätigt hat. — Ihr Vater? ſiel die Kaiſerin ein. Ich kann es nicht glauben. Obſchon Katharina auf Orlow wirklich erzürnt war, 416 ſo mußte ſie doch die Ruhe bewundern, womit er die ihm zugeflogene Herausforderung aufnahm. — Sie glauben vielleicht nicht, Orlow, ſagte ſie, daß ich im Stande bin, mir ſogleich Gewißheit über dieſen Punkt zu verſchaffen; aber bedenken Sie wohl, daß ich ganz gewiß jeden Verſuch, mich hinter's Licht zu führen, beſtrafen werde, und daß Sie ebenſo gewiß, wenn Sie mich betrügen wollen, jeden redlichen Rüſſen dadurch beleidigen. Glauben Sie ſich darum, weil Sie mir den einen und andern Dienſt geleiſtet haben, berechtigt, nicht bloß in meinem Namen unerhörte Dinge zu be⸗ gehen, ſondern auch Schreiben vorzubringen... 1 Die Kaiſerin ſchloß ihren Satz mit einem Achſel⸗ zucken. — Wenn Sie ſchuldig ſind, Orlow, fügte ſie nach einer kurzen Pauſe hinzu, ſo werden alle Arme ſich gegen Sie erheben. — Und vor allen der meinige, fiel hier eine neue Stimme ein, während abermals ein Eiſenhandſchuh zu ſeinen Füßen fiel. Dießmal war es Araktſchejew, der ihn drohend herausforderte. Orlow verrieth indeß nicht die mindeſte Ueber⸗ raſchung; aber ſtatt den neuen Handſchuh aufzuheben, ſetzte er ſeinen Fuß darauf. — Ew. Majeſtät, ſagte er, Sie ſollen keiner frem⸗ den Arme gegen mich bedürfen, ſo lange mein eigener geſund iſt. Dabei zog er ſeinen Degen, fiel ehrfurchtsvoll vor der Kaiſerin auf ein Knie, entblößte ſeine Bruſt und beugte ſich gegen die Degenſpitze vor. — Die ganze Thätigkeit meines Lebens, ſagte er, hat Ew. Majeſtät angehört; aber aus dem jetzt Vor⸗ gefallenen erſehe ich nur zu gut, daß ich Ihre Gewo⸗ genheit verloren habe, und in dieſem Fall habe ich für Nichts mehr zu leben. Befehlen Sie nur, Ew. Maje⸗ ſtät, und ich tödte mich zu Ihren Füßen. 417 Orlow's Art, zu Werke zu gehen, machte einen ſtarken Eindruck auf die Kaiſerin. Konnte wohl der Betrug ſo handeln? Die Kaiſerin ſchwieg noch immer, dagegen begab ſie ſich an eine Seitenthüre, aus welcher auf ihren Ruf bald Fürſt Raszanowski eintrat. Orlow erhob ſich und ſteckte ſeinen Degen wie⸗ der ein. Der Anblick des Fürſten, der ſein ſchneeweißes Haupt zu Boden ſenkte, ließ ihn ſcheinbar unbewegt. — Mein Fürſt, redete die Kaiſerin den Greis an, ſeien Sie unbekümmert um die Folgen. Antworten Sie mir bloß aufrichtig. Haben Sie das Papier unterzeich⸗ net, das Graf Orlow in ſeiner Hand hält? Der Fürſt richtete ſich in ſeiner ganzen Größe auf, während er das Dokument betrachtete. — Dieſes Papier? Ja, Ew. Majeſtät. Die Kaiſerin ließ ſeine Hand los, ſo unerwartet erſchien ihr die Antwort. Der Fürſt fühlte ſich vernichtet. Jetzt erſt ſah er ein, wie ſehr dieſes Schreiben ihm ſchaden mußte. Aber wenn er es auch gerne mit ſeinem Blut zurückgekauft hätte, ſo war es zu ſpät. — Sie haben alſo in Willanow's Verbindung mit Orlow eingewilligt? — Ja, Ew. Majeſtät, ja. Die Kaiſerin winkte ihm, ſich zu entfernen. Ein Schauder überſiel Orlow„ als der Fürſt ein⸗ trat, und ſo kräftig er ſich bemühte, dieſen Eindruck zu bekämpfen, ſo gefror gleichwohl ſein Blut bei den Fra⸗ gen der Kaiſerin. Alle ſeine Befürchtungen waren indeß überflüſſig. Der Fürſt würde ſeinen Namen nicht ver⸗ leugnet haben, und wenn er damit ſein Leben hätte retten können. Ddie Kaiſerin blieb, als der Fürſt ſie verlaſſen hatte, eine Weile unſchlüſſig. Sie fühlte ſich geſchlagen. In ihrer Ueberzeugung, daß Orlow ſie habe betrügen wol⸗ Der Fürſt. II. 27 418 len, hatte ſie nicht bloß ſich ſelbſt betrogen, ſondern ihn auch ungerecht behandelt. Das ſchmerzte ſie. — Ich bezweifle nicht, was ich gehört habe, ſagte ſie endlich, und ich werde meine Ungerechtigkeit gegen Sie gut zu machen ſuchen. Orlow ſank von Neuem auf ſeine Kniee. — Ew. Majeſtät, ſagte er, Ihre Anerkennung iſt genügender Erſatz für mich. Sollten mir jedoch Ew. Majeſtät eine Gnade erweiſen wollen, ſo wage ich um Aufhebung des Deportationsurtheils gegen den Fürſten Raszanowski zu bitten. Durch einen Zufall iſt er der Vollſtreckung deſſelben bisher entgangen, aber da er jetzt Ew. Majeſtät ſelbſt ſeine unglücklichen Schickſale erzählen durfte, ſo intereſſirt er Sie ſicherlich. Da ich . nicht für mich, Ew. Majeſtät. ſondern für ihn um Gnade, ſowie um Ihre hohe Anerkennung ſeiner geſetzlichen Rechte bitte, ſo mögen Sie beurtheilen, in wie weit ich ſein Feind bin oder nicht. — Ich verſpreche, Ihren Wunſch zu erfüllen, Orlow, ich verſpreche es; aber verlaſſen Sie mich jetzt. — Für meine eigene Rechnung, fügte er indeß hinzu, erbitte ich mir bloß Ew. Majeſtät Erlaubniß, dieſen Eiſenhandſchuh behalten zu dürfen. Es war der Handſchuh, den Döring ihm zugewor⸗ fen hatte, als von einem Kampf um Willanow die Rede war. — Behalten Sie ihn, antwortete die Kaiſerin, be⸗ halten Sie ihn. Die Kaiſerin ſank, mißvergnügt über das Vorge⸗ fallene, in den Divan nieder, neben welchem Lechi ein⸗ geſchlafen war. Obſchon ſie Orlow mit einer Ruhe verabſchiedet hatte, als ob kein Sturm in ihr raste, ſo war ſie doch ganz und gar nicht mit ſich ſelbſt zufrieden. Mit der — ——— 419 ihn ſchnellen Auffaſſung, welche der Scharfſinn ſtets beſitzt, einer Gabe, die ſich in Folge ihrer vieljährigen Ge⸗ agte wohnheit, umfaſſende und verwickelte politiſche Geſchäfte egen zu behandeln, bei der Kaiſerin in hohem Grade ausge⸗ bildet hatte, überflogen ihre Gedanken das Gehörte, und ohne daß ſie ſich deutlich erklären konnte, worin es g iſt beſtand, ſchien ihr dennoch Vieles gleichſam trübe und Ew. dunkel. et f Plat f um Haſtig ſprang ſie von ihrem Platze auf. rſten— Voring. Araktnchefh rief ſie. Sie müſſen der mir zu Etwas helfen, was wir ſogleich in's Werk ſetzen n er wollen. Die Sache iſt eilig.. ja... ja... Lechi, kſale wach auf, Lechi... ich Lechi fuhr auf. ihn— Hören Sie, meine Freunde, fuhr Katharina einer gegen Döͤring und Araktſchejew fort, Sie wiſſen... , in................ low, ndeß Sechstes Kapitel. diß Wahrſagungen. odie Wir finden Marfa vor dem Altar mit den drei brennenden Wachskerzen wieder. Es iſt ſchon ſpät in be⸗ der Nacht; aber ihre Nächte waren ſehr häufig mehr der Thätigkeit, als der Ruhe gewidmet. Der Aberglau⸗ ben bedient ſich am liebſten der Nacht, um Rath, Hilfe und Troſt zu ſuchen. Die Nacht mit ihren phantaſtiſchen Schatten, mit ihren vermeintlichen Geiſtern und Ge⸗ -rge: ſpenſtern kann faſt eine nahe Anverwandte des Aber⸗ ein⸗ glaubens genannt werden. Marfa's Geſicht war bleich und ſcharf, aber nicht jedet ohne jene mehr der Seele als dem Leib angehörende doch Schönheit, die ſelbſt mit den Jahren nicht zu verduf⸗ der ten ſcheint.. 27 42²0 Vor ihr ſtand ein Mann mit einem breiten Geſicht, raumelirten Haaren und grauen Augen. Er war rie⸗ engroß, breitſchultrig und ſtark; doch ſchien ſein ganzer Körper nur aus Sehnen und Knochen zuſammengeſetzt zu ſein. Neben ſeiner gigantiſchen Größe war er mager: Fleiſch und Fett beläſtigte ihn nicht ſehr. Dieſer Mann war Andreas. — Weiter, Andreas, ſagte Marfa, weiter. Sie übergalen alſo den Brief der Bircnin Armfelt? Weiter ... weiter... — Ich entfernte mich dann, blieb aber vor dem Hauſe ſtehen, und eine Viertelſtunde ſpäter ſah ich ſie in ihren Wagen ſteigen und nach der Eremitage fahren. — Der Brief gelangte alſo in die Hände der Kai⸗ ſerin? Sie haben mir einen großen Dienſt geleiſtet, Andreas, und ich danke Ihnen herzlich. — Sie danken mir? Ach, Marfa, verſchonen Sie mich mit Ihrem Danke. Jede Milde gießt ſiedendes Blei in meine Adern. Was kann ich thun, wofür Sie mir zu danken brauchten? Meine Schuld gegen Sie... Und Andreas erhob ſeine grobe Fauſt, in der Ab⸗ ſicht... wie es ſchien... ſie zermalmend auf ſein eigenes Haupt fallen zu laſſen. — Keine Raſerei, Andreas, ſagte Marfa zu ihm; Sie wiſſen, daß ich das nicht liebe. Dieſe in mildem Ton ausgeſprochenen Worte ſchie⸗ nen ihn zu verwandeln; ſeine Arme ſanken beinahe gelähmt nieder. — Verzeihen Sie mir, bat er, ich bin bereits ruhig. Es war wirklich wunderbar, zu ſehen, wie der mächeige Koloß ſich durch ein einziges Wörtchen lei⸗ ten lie — Setzen Sie Ihre Erzählung jetzt fort, ſagte . Marfa; Sie erwähnten, rnibe ich, daß General Su⸗ warow bei Orlow einen Beſuch gemacht habe. — Sie ſollen Alles hören, Marfa. Als ich das Hotel verließ, das Baron Armfelt bewohnt, ſuchte ich ——,'—— à42 ht, ie⸗ zer etzt er. Sie ter em ſie en. ai⸗ tet, Sie des Sie lb⸗ ein m; ie⸗ ahe ig. der ei⸗ gte u. as 421 Alerandrowitſch wieder auf, der mich auf dem Iſaaks⸗ markt erwartete, und dann begaben wir uns nach der Gegend der Troitzkoybrücke, um Acht zu geben, ob ſich die Kaiſerin durch dieſen Brief zu irgend einem beſon⸗ dern Befehl veranlaßt ſehen könnte. Stunde um Stunde verging. Der Abend kam. Das Feuerwerk wurde ab⸗ gebrannt. Das Volk wimmelte hin und her. Cqui⸗ pagen rollten auf und ab. Nur mit Mühe konnten wir all den verſchiedenen Scenen folgen, die um uns her wechſelten. Endlich rollten einige Wagen an uns vorbei. Der erſte gehörte meinem Neuben der zweite der Kaiſerin. Erſt ſpäter erfuhr ich, daß Fraͤulein Willanow darin ſaß; im Anfang glaubte ich, es ſei irgend ein von der Kaiſerin abgeſchickter Beamter, der ſich aus Veranlaſſung Ihres Briefes nach Kreſtowskoy⸗ Oſtrow begebe. Wir eilten daher auch nach, fanden aber die Equipagen leer; doch warteten ſie noch vor dem Thor. Wir blieben ohngefähr eine Viertelſtunde oder etwas mehr dort, ohne zu wiſſen, was wir an⸗ fangen ſollten, als wir auf einmal Roſſegetrabe heran⸗ kommen hörten. Bald war die Reiterſchaar dicht bei uns, und unter den Offizieren, die an der Spitze ritten, fanden wir den General Suwarow. Düſter und ver⸗ ſchloſſen ſprang er vom Pferde, warf einem Soldaten die Zügel zu, und trat dann nebſt den Offizieren und einem Theil der Mannſchaft in den Palaſt. Mit Un⸗ geduld erwarteten wir ſeine Rückkehr. Ungefähr eine halbe Stunde verging. Aber als er jetzt wieder heraus⸗ kam, begleiteten ihn Fürſt und Fürſtin Naszanowski, wie auch Willanow und der Abbé⸗ — Suwarow befreite ſie alſo aus Orlow's Hän⸗ den? Gott ſei Dank und Preis geſagt! — Aber ſie ſind in Suwarow's Hände gefallen, Marfa. — Gleichviel. Er iſt jedenfalls beſſer als... — Als mein Bruder, wollen Sie ſagen. Ja, Marfa, 4²2 ich gebe das zu. Aber wenn Sie es erlaubt hätten, würde ich ſie auch befreit haben, und hätte ich... Andreas ſchwang erbittert von Neuem ſeinen her⸗ kuliſchen Arm. Dabei verzerrte ſich ſein Geſicht und die Zähne knarrten gegen einander. — Fluch! rief er, Fluch über ihn, der meine Ehre, mein Glück, meine Ruhe zerſtört und mein ganzes Leben in eine Wüſte verwandelt hat, wo der brennende Samum jeden grünen Hoffnungshalm, der im Sand hervorſprießen wollte, verſengt. — Still, Andreas, ſtill! — Befehlen Sie mir, was Sie wollen, aber be⸗ fehlen Sie mir nicht, meinen Haß zu erſticken. Sie wiſſen nicht, wie ich dieſen Bruder liebte, und wie ver⸗ rätheriſch er mit meiner Ergebenheit geſpielt hat. Sie wiſſen nicht, welche verheerende Brandfackel er in meine Bruſt geworfen hat; Sie wiſſen nicht... — Ich weiß, daß er Ihr Bruder iſt, Andreas. Andreas ſtierte ſie an. — Marfa, ſagte er, ſprechen Sie ein Gebet. — Warum, Andreas? — Beten Sie zu dem barmherzigen Gott, daß ich und mein Bruder nie zuſammentreffen. — Möge Gott es mir verzeihen, aber wenn wir zuſammentreffen, ſo fürchte ich, daß es unſere letzte Stunde ſein wird. — Sie raſen, Andreas. — Nein, Marfa, nein; ich habe mich nie ruhiger gefühlt, als in dieſem Augenblick. — Sie ſind entſetzlich. — Sagen Sie nicht: Sie ſind entſetzlich, ſondern: Das iſt entſetzlich. — Was? — Mein Schickſal. — Sie müſſen beten, Andreas; beten Sie brünſtig und innig. Das Gebet erhebt uns über unſere Ver⸗ irrungen, das Gebet lenkt unſere Herzen von den Kämpfen 4 = eo Se SSͤS==ͤSeSSe , 38 E re, es be⸗ Sie er⸗ — 423 der Erde ab, und zu dem Frieden, der hoch über den Sternen wohnt. Das Gebet iſt eine zweite Jakobsleiter: auf ihr ſteigen wir beſtändig aufwärts... aufwärts ... und bei jedem Schritt, den wir thun, zerſpringt eine der Feſſeln, worein die Welt uns mittelſt unſerer eigenen Leidenſchaften geſchlagen hat, und der Himmel glänzt immer mehr in Gottes eigener Klarheit. Unter dem Einfluß des Gebetes fallen alle Schrecken, die unſerem Geiſte ankleben, weg, und wir werden in dem⸗ ſelben Maß heiliger, wie wir reiner werden, gegen Andere in demſelben Maß verſöhnlicher, wie wir mit uns ſelbſt verſöhnt werden. Ihr Bruder hat unter dem⸗ ſelben Mutterherzen geruht wie Sie, und von dieſem Mutterherzen aus gebietet eine Stimme, die ſtärker iſt als alle andern, Liebe und Frieden zwiſchen Ihnen. Beten Sie, Andreas, daß dieſe Liebe nicht geſtört, dieſer Friede nicht erſchüttert werden möge, damit ein mildes Mutterauge gleich einem Stern Sie allzeit durch's Leben leiten, und einer Mutter bewillkommende Güte, wie ein wachender Engel, Sie dereinſt an Ihrer Gruft em⸗ pfangen möge. Während Marfa ſprach, verſchwand allmählig der wilde und ſchreckliche Ausdruck im Geſichte des Rieſen. Ruhe und Friede kehrten mit jedem Wort zurück, und endlich ſank er, ihren Rath befolgend, mit gefalteten Händen betend am Altare nieder. Als Andreas von ſeinem Bruder auf immer Ab⸗ ſchied nahm, und in Begleitung von Alexandrowitſch ihn verließ, begab er ſich zu Marfa. Wir übergehen hier die Erklärungen, die zwiſchen ihnen ſtattfanden, weil der Leſer dieſelben theils aus dem bereits Erzähl⸗ ten, theils aus dem weiteren Verlauf der Erzählung ſehr leicht errathen kann. Genug, er ließ ſich in ihrer Nähe nieder und wurde jetzt ein beſtändiger Gaſt Mar⸗ 424 fa's, die mit der milden Theilnahme eines wahrhaft religiöſen Gemüths ſeiner von heftigen Leidenſchaften aufgeregten Seele Troſt einzugießen ſuchte, obſchon wir geſehen haben, daß dieſer wohlthätige Einfluß ſich in der That ſelbſt nur auf die Stunden erſtreckte, wo der holde Zauber ihrer Ermahnungen ſein Licht über ihn verbreitete, daß aber ſeine gewaltſame Natur von Neuem ihre ganze wilde und regelloſe Heftigkeit annahm, ſo bald er wieder von ſeinen eigenen Gedanken beherrſcht wurde. Andreas ſtand inzwiſchen fortwährend in einem ſehr merkwürdigen Verhältniß zu Marfa. Es lag darin Etwas von der blinden Liebe eines treuergebenen Skla⸗ ven. Ein Blick von ihren Augen, ein Wink von ihrer Hand, ein Wort von ihren Lippen waren Geſetze, denen er gehorchte, ohne weiter nachzuforſchen. Er wurde ihr auch ſehr nützlich. Daß Alexandrowitſch... der Sbitenhändler... zu Marfa in älteren Verhältniſſen geſtanden, die ihn mit ſtarken Banden an ſie feſſelten, ahnt man aus dem Vorhergehenden, obſchon man noch nicht weiß, in was dieſe Bande eigentlich beſtanden. Durch Andreas und Alexandrowitſch, auf welche beide ſie ſich vollſtändig verlaſſen konnte, ſtand Marſa in beſtändiger Berührung mit der Welt um ſich her. Des Letzteren Geſchäft als Sbitenhändler brachte es mit ſich, daß er ſich fortwährend an den Thoren von Peters⸗ burg herumtrieb, wobei es ihm leicht wurde, Aufkräge zu beſorgen, Gerüchte in Umlauf zu ſetzen, die öffent⸗ liche Meinung der Maſſen gleichſam zu leiten, und dabei alles Neue und Merkwürdige, was vorging, ſchnell zu erfahren. 1 Andreas mit ſeinem verſchloſſenen Charakter beſaß nicht dieſelbe Brauchbarkeit, aber durch ſeine rieſige Geſtalt und ſeine wilde Kraftſprache verlieh er mehr als einmal den Erzählungen des Sbitenhändlers Gewicht und Bedeutung. Dieſe beiden Männer und namentlich V 425 Andreas hatten das Gerücht, daß Tarrakanow noch lebe, in Umlauf geſetzt, und durch dieſes Gerücht glaubte Marfa, wie viel oder wenig Wahres daran ſein mochte, bedeutend auf die Kaiſerin einwirken, und ſie ſogar ge⸗ wiſſermaßen von ihrem Plan abſchrecken zu können, die ſanfte, einzig und allein von ihrer Liebe geleitete Ale⸗ randra bloß als eine politiſche Schachſigur zu benützen. Als Fürſt Raszanowski ſich nach dem tauriſchen Palaſt begab, hoffte man, er würde gegen Abend zu⸗ rückkommen; aber als er ausblieb, ſtellte man ſogleich alle mögliche Nachforſchungen an, um ſein Schickſal zu erfahren. Hiebei wurde Andreas eine gute Hilfe für Marfa, weil er mit unermüdlichem Eifer die Sache umfaßte. Er war es auch, der ihr endlich die Nachricht von dem Gewaltſtreich überbrachte, den Orlow an den Gefangenen begangen hatte. In Folge dieſer Nach⸗ forſchungen, wobei Andreas ſich nicht ſcheute, ſogar in's Haus ſeines Bruders einzudringen, erfuhr man auch, was aus den ſo lange vermißten Allegaten geworden war. In ſeiner Ergebenheit gegen Marfa erbot ſich Andreas zwar, die unglücklichen alten Leute ſelbſt zu befreien, und die Papiere, wenn auch mit Gewalt, wie⸗ der herbeizuſchaffen; aber Marfa, welche fürchtete, der unbändige, auf's Höchſte geſteigerte Haß gegen ſeinen Bruder möchte, im Fall ſie zuſammenträfen, irgend ein ſchreckliches Unglück herbeiführen, nahm das Anerbieten nicht an. In ihren Ueberlegungen, wie ſie handeln ſolle, kam ſie zu dem Reſultat, daß es das Allerbeſte wäre, der Kaiſerin ſelbſt die Sache zu entdecken, weil ſie ſo hoch über allen Andern ſtand, daß ſie allein ſelbſtſtändig und entſchloſſen handeln, wie auch gerecht und mild richten onnte. Ungeachtet Marfa es an Worowitſch und dem Für⸗ ſten mißbilligt hatte, daß ſie ſich ohne Weiteres keck der Gnade der Kaiſerin anvertrauen wollten, ſo kam ſie gleichwohl, als die Umſtände ſie zwangen, ſelbſt zu 4²6 handeln, zu demſelben Schlußſatz wie dieſe. Die ruſſi⸗ ſchen Inſtitutionen ſind im Allgemeinen auch von der Art, daß der Seufzer der unterdrückten Menſchheit, ob⸗ ſchon er in mancher Bruſt wiedertönt, gleichwohl in der That nur von dem Monarchen ſelbſt gehört und beherzigt werden kann, unter gewiſſen Umſtänden ſogar nur von ihm gehört und beherzigt werden darf. Aus dem Vorhergehenden haben wir auch geſehen, daß die Kaiſerin ſich mit lebhaftem Intereſſe der Sache annahm, und zwar theils aus Rückſichten der Menſch⸗ lichkeit, theils weil ſie auf einmal Klarheit über gewiſſe verdächtige Intriguen zu erhalten hoffte, und endlich auch, weil der Name Marfa, von der ſie ſo viele wun⸗ derbare Erzählungen gehört hatte, tief auf ſie wirkte. Während Andreas noch betend am Altar lag, kam Alexandrowitſch herein und meldete, man höre in der 3 einen Wagen, der gegen Strelna her zu kommen eine. — Geh' hinaus nnd empfang die Kommenden, im Fall ſie mit mir ſprechen wollen, ſagte Marfa zu ihm. Du führſt ſie hieher.. Andreas beendigte ſein Gebet. — Soll ich Sie verlaſſen? fragte er. In der unterwürfigen Ehrfurcht, die er Marfa widmete, zeigte ſich zugleich eine ſolche Reſignation und religiöſe Hingebung, daß er ſie beinahe wie eine Heilige anzubeten ſchien. — Sie müſſen mich verlaſſen. Wie mancher Blick iſt nicht ein Gebet aus der Tiefe des Herzens! Mit einem ſolchen Blick auf Marfa entfernte ſich Andreas. Marfa blieb beim Altar ſtehen. Sie war eine Pythia im Geiſte der Neuzeit: der Altar war ihr Dreifuß. 4²7 Bald öffnete ſich die Thüre, und Alerandrowitſch führte eine ältere Dame nebſt zwei Herren ein. In ihrer Kleidung hatte die Dame ganz und gar nichts Ausgezeichnetes. Ein ſchwarzer Schleier fiel über einen Theil ihres Geſichtes herab; im Uebrigen trug ſie ein höchſt einfaches Ueberkleid. Ihre Begleiter waren in grobe, graue Soldaten⸗ mäntel gehüllt, die ihren Stand anzudeuten ſchienen. Die Fremden blieben ſtehen, ſobald ſie die Schwelle übertreten hatten. Vorſichtig und aufmerkſam ließen die zwei Soldaten ihre Blicke umherfliegen. Die halb verſchleierte Dame heftete dagegen ihre Blicke ausſchließlich auf Marfa, die unbeweglich am Altar ſtehen blieb. — Was wünſchen Sie von mir? redete ſie endlich die Unbekannten an. Erſchrecken Sie nicht, ſondern treten Sie näher. Die Verwunderung oder Ueberraſchung, welche die Fremden zeigten, war für Marfa nichts Ungewöhnliches, denn ſie hatte ſo oft gefunden, daß dieß das vorherr⸗ ſchende Gefühl bei ihren Gäſten war, wenn ſie ſtatt einer garſtigen, mit allerlei Zauberapparat, ſtinkenden Pflanzen und kriechendem Gethier umgebenen Hexe eine Dame von mittlerem Alter trafen, die noch Spuren früherer Schönheit beſaß und eine Haltung, welche einer Königin Ehre gemacht hätte. Auf Marfa's Zureden näherte ſich die fremde Dame ihr ſogleich. — Sie ſind die berühmte Marfa, ſagte ſie. Ich wünſche Sie unter vier Augen zu ſprechen. hhne zu antworten„ fixirte Marfa die Unbekannte feſt, und gab dann durch eine Handbewegung den Uebri⸗ gen zu verſtehen, daß ſie ſich entfernen ſollten. „— Wir ſind jetzt allein, begann Marfa, was wollen Sie von mir? Marfa's Stimme war ſtrenger und ernſter als ge⸗ wöhnlich. Hatte ſie die Unbekannte erkannt? Fand ſich — 428 im Leben der Letzteren oder in der gegenſeitigen Stel⸗ lung dieſer beiden Frauen Etwas vor, was Marfa's ſonſt ſo warme Seele abkühlte? — Man hat mir geſagt, daß Sie die Vergangen⸗ heit und die Zukunft kennen, ſagte die Unbekannte. Ich wünſche, daß Sie mir wahrſagen. In der Art, wie die Unbekannte ſich ausdrückte, lag etwas Gebieteriſches. Gehörte dieß zu ihrem Cha⸗ rakter, oder war es Marfa's kurze Rede und ſtrenge Haltung, was ſie reizte? Ohne Zweifel fand ſich bei dieſen Frauen Etwas, wodurch ſie mächtig auf die Ge⸗ fühle von einander einwirkten. Wußten ſie wohl ſelbſt, was es war. — Ich will Ihren Wunſch erfüllen, antwortete Marfa. Knieen Sie hier am Altare nieder. Die Unbekannte machte eine ſtolze Bewegung mit dem Kopfe. — Niederknieen? wiederholte ſie. — Wenn Sie wollen, daß ich Ihnen wahrſagen ſoll, ſo müſſen Sie, nicht vor mir, ſondern vor Gott Ihr Knie beugen. Marfa ſtand mächtig und gebietend da; ihre Worte imponirten der Andern ſichtlich, denn ſie ſenkte ihr Haupt und beugte ihre Kniee. — Beten Sie, daß Gott uns Weisheit eingeben und unſern Verſtand erleuchten möge, redete Marfa ſie wieder an. Nach einem kurzen Gebet richtete ſich die Unbe⸗ kannte wieder auf. — Sind Sie bereit, mir wahrzuſagen? — Ich bin bereit. Ziehen Sie Ihren Schleier zu⸗ rück, daß ich Ihr Geſicht betrachten kann. — Mein Geſicht? 1 — In ihrem Geſicht werde ich die Vergangenheit leſen und die Zukunft ſchauen. Obſchon nicht ohne Bedenken, zog ſie den Schleier zurück und entblößte ihr Geſicht. 429 Marfa betrachtete ſie mit durchdringenden Blicken. — Sie wollen die Vergangenheit wiſſen? fragte ſie. — Ich wünſche es, um zu hören, ob Ihr großer NRuf wirklich begründet iſt. — So hören Sie mich, ſprach Marfa. Sie ſind verheirathet geweſen. — Ja. 3 — Ihr Mann ſtarb einen ſchrecklichen Tod: man ermordete ihn, vielleicht nicht auf Ihren Befehl, aber jedenfalls in Ihrem Namen. Ein halb erſtickter Ausruf kam über die Lippen der Unbekannten. — Und was war das Schickſal des Mörders? — Er ſtarb, nachdem die Vorſehung ihn mit einem ſchrecklichen Wahnſinn geſtraft hatte. 1 Ein Schauder eilte durch ihre Glieder. — Laſſen Sie uns von der Vergangenheit abſehen und zur Zukunft übergehen. — Zur Zukunft? Marfa betrachtete ſie fortwährend mit unverwandter, beharrlicher Aufmerkſamkeit. — Können Sie mir ſagen, fragte die Fremde, was ich jetzt am allermeiſten wünſche? — Sie wünſchen Etwas, was nie in Erfüllung gehen wird. Die Unbekannte maß Marfa mit einem mißtraui⸗ ſchen Blick. „— Ihre Wahrſagerkunſt iſt nicht uverläſſig, Marfa; Sie weichen mir durch zweideutige Worte aus. Marfa ſchien die Bemerkung kaum zu hören. — Sie wünſchen eine Ehe durchzuſetzen, aber es wird Ihnen nicht gelingen. Das Mißtrauen verſchwand bei der Unbekannten. Zweifel und Bangigkeit traten an ſeine Stelle. — Nicht gelingen? Warum glauben Sie das? — Ich erkläre meine Worte nie; die Ereigniſſe werden ſie erklären. 43⁰ — Können Sie mir noch Etwas von meiner Zu⸗ kunft ſagen? — Sie werden ſterben. Marfa's kurze, aber unzweideutige Antwort ver⸗ ſetzte die Unbekannte in ſichtbare Beſtürzung. — Sterben? wann? At Die Unbekannte ſchwankte und ſtützte ſich an den tar. — Binnen Kurzem. — Sie wollen meine Einbildungskraft ſchrecken. Ich fühle mich vollkommen geſund. Sie wollen mir nur Angſt machen. Ich habe noch für ſehr Vieles zu leben. Meine Pläne... — Die Pläne, die Sie noch haben, werden wie ein Kartenhaus zuſammenſtürzen, und mitten unter ihnen erden Sie einen verzweifelten Blick zurückwerfen und ſehen... — Was? — Einen bleichen Schatten, der aus den Gräbern em porſeeige — Meinen verſtorbenen Mann? — Er wird Ihnen an den Pforten des Himmels entgegentreten; aber hier unten wird ein Schatten an Ihrem Todtenbette ſtehen und Ihnen die Opfer vorhal⸗ ten, die Ihr Eigennutz zermalmt hat. — Wen meinen Sie? — Tarrakanow. — Mein Gott! Schrecken und Entſetzen malten ſich in den Zügen der Unbekannten.. — Wollen Sie noch mehr hören? Antworten Sie mir, ſo lange das Buch Ihres Geſichtes noch offen vor mir liegt. — Sprechen Sie, ſprechen Sie... 3 Ihre Stimme war gebrochen und hohl. Marfa's Worte drangen tief ein. — Sie lieben ein junges Mädchen ſehr? — in en ie ——— 43¹ — Ja, ja. — Die Nachwelt wird aus den verwelkten Hoff⸗ nungen dieſes Mädchens einen Todtenkranz um Ihre Schläfe winden. — Sie ſind entſetzlich. Ihre Augen brennen mich und Ihre Stimme tönt wie aus dem Reich der Todten. — Sie haben Recht. Ich ſpreche aus den Gräbern, denn ich bin todt und lebe doch; ich lebe und bin den⸗ noch todt. — Wer ſind Sie? wer ſind Sie? — Das will ich Ihnen ſagen, wenn wir einander wiederſehen. — Wann werden wir einander wiederſehen? — An Ihrem Todtenbette. Die Unruhe der Unbekannten ſteigerte ſich mit jeder neuen Prophezeiung, und kraftlos ergriff ſie Marfa's Hand, um nicht zu Boden zu finken. — Still! bat ſie. Ich will nicht mehr wiſſen, ſtill, ſtill! In dieſem Augenblick wurde die Thorglocke heftig geläutet, und eine ſtarke Stimme befahl zu öffnen. Die beiden Damen lauſchten. — Was bedeutet dieſer Lärm? fragte die Unbe⸗ kannte. Sie dürfen die Leute nicht hereinlaſſen. Ich will nicht, daß mich Jemand hier ſteht. Mieine Thuͤren ſind für Jedermann offen. Schlagen Sie Ihren Schleier herab, dann wird man nicht wiſſen, wer Sie ſind. Oeffne die Thüre, ſagte ſie dann zu Alexandrowitſch, der hereingekommen war, um ihre Be⸗ fehle zu empfangen. Die unbekannte Dame hatte kaum Zeit den Schleier herabzulaſſen und ſich zurückzuziehen, als die Zimmer⸗ thüre aufging und eine neue Perſon ſich zeigte. Es war Orlow. Bei ſeinem Anblick zog ſich die nunmehr verſchleierte Dame noch tiefer in den Schatten zurück. Orlow eilte auf Marfa zu; aber als er ihr ſo nahe 43² kam, daß er ihrem Blick begegnete, blieb er plötzlich ſtehen. Aus der aufbrauſenden Lebhaftigkeit in ſeinem Geſichte, aus dem beweglichen Muskelſpiel an ſeinen Lippen, ſowie aus dem flammenden Ausdruck in ſeinen Augen erſah man, daß er hatte ſprechen und zwar ver⸗ muthlich ſogar heftige Worte ſprechen wollen; aber ver⸗ wirrt betrachtete er Marfa, und da erſtarb das Wort auf ſeiner Zunge. — Ich meine Sie zu kennen, ſagte er; wer ſind Sie 2 — Ihre Nemeſis. Wollen Sie, daß ich Ihnen wahrſagen ſoll? Die kalte und düſtere Würde in Marfa's ganzem Weſen wirkte auch auf Orlow. Aber bald war er wie⸗ der er ſelbſt. — Ich bin Herr meines eigenen Schickſals, ant⸗ wortete er, und ich verachte Ihre Wahrſagungen. Was wollen Sie alſo hier? — Sie haben ſich ohne Erlaubniß angemaßt, dieſe Mauern als Ihre Wohnung zu benutzen. — Ja. — Sie verbreiten falſche Meinungen unter dem Volk, wodurch Sie es irre machen. — Nein. — Sie haben oder hatten Perſonen von politiſch zweideutigem Charakter bei ſich, Flüchtlinge aus dem aufrühreriſchen Polen, die noch immer gegen Rußland und die Kaiſerin complottiren? — Nein. Während Orlow ſprach, heftete er mitunter einen ſcheuen Blick auf ſie, obſchon man ſehr wohl ſah, daß der erſte Eindruck, den ihre Erſcheinung ihm eingeflößt, bereits ſeine Kraft verloren hatte. Ohne Zweifel jedoch war eine alte, ferne Erinnerung durch ſeine Seele ge⸗ flogen, aber bald wieder ſpurlos verſchwunden. Die Gegenwart beſchäftigte ſeine Gedanken ſo vollauf, daß die Erinnerung aus längſt entſchwundenen Zeiten keine Macht über ihn beſaß. —— 43³3 — Unter der Maske einer in die Zukunft blicken⸗ 1 den weiſen Frau verbergen Sie demagogiſche Umtriebe. 1 Die Polizei iſt Ihren im Geheimen geſpielten Intriguen n lange auf der Spur geweſen obſchon wir jetzt erſt Be⸗ weiſe erhalten haben. Sie haben hier auch einen Abbé aus Italien verſteckt, einen gefährlichen Menſchen. t— Einen guten und redlichen Mann, müſſen Sie ſagen. — Das wollen wir ſehen. Ihre konſpirirenden Gäſte n ſind inzwiſchen meine Gefangenen. — Bleiben Sie bei der Wahrheit, mein Herr. Vor u einigen Stunden wurden ſie von dem General Su⸗ . warow in den Schutz der Kaiſerin übergeben. 1 Orlow ſtutzte. t⸗— In den Händen der Kaiſerin oder in den mei⸗ nigen, verſetzte er, das gilt gleichviel. Jedenfalls be⸗ finden ſie ſich in den Händen der Gerechtigkeit. Der ſe Abbé hat bei Ihnen ein Dokument verwahrt, das Sie ausliefern müſſen. 3 — Und wenn ich es verweigere? m— Kennen Sie die Hand des Abbs? — Sehr gut. — Sehen Sie hier, daß er die fragliche Urkunde ch ſelbſt zurückverlangt. m— Ich ſehe, daß das Schreiben von ihm iſt; aber nd wenn ich mich gleichwohl weigere, Ihrem Befehl nach⸗ zukommen? — So verhafte ich Sie; meine Leute ſtehen unten. en— Auf welchen Grund hin wollen Sie mich ver⸗ aß haften 2 3 zt,— Auf den Grund der Anklagen, die ich bereits ſch erwähnt habe. ge⸗— Und in weſſen Namen wollen Sie es thun? die— Im Namen der Kaiſerin. aß„„— In dieſem Fall gehorche ich. Das Dokument ne liegt hier auf dem Altar. Nehmen Sie es ſelbſt, mein Herr. Der Fürſt. II. 28 4³⁴ Orlow zögerte nicht, ſondern eilte vor und bemaͤch⸗ tigte ſich ſogleich des Papiers. Um ſich jedoch zu über⸗ zeugen, daß es das rechte ſei, öffnete er die Urkunde und unterſuchte ſie. Marfa's Aufmerkſamkeit wurde in⸗ zwiſchen zu der verſchleierten, unbekannten Dame hin⸗ gezogen, weil ſie von dieſer Seite her eine Bawegung der Ungeduld hörte. — Das Papier iſt daſſelbe, das ich ſuche, ſagte Orlow, ſobald er es genau betrachtet hatte, und es freut mich, daß Sie keinen Widerſtand entgegenſetzten... Marfa ſah, daß die Dame, die ſich bisher im Schatten gehalten hatte, vorwärts ſchritt und an Or⸗ low's Seite trat. — Einen Widerſtand, fuhr Orlow, ohne die dritte Perſon zu bemerken, fort, der Ihnen den Zorn der Kai⸗ ſerin zugezogen haben würde. In dieſem Augenblick wurde das Papier heftig aus ſeiner Hand geriſſen, und als er ſeine Rede unterbrach, um zu ſehen, wer ſich erfrechte, ſo Etwas gegen ihn zu wagen, ſtand die verſchleierte Unbekannte vor ihm. Orlow's Augen ſchoſſen Feuerſtrahlen. — Wahnſinnige, was unterſtehen Sie ſich? verſetzte er, indem er ihr den Schleier von der Kopfbedeckung herabriß. — Die Kaiſerin! rief er, den Schleier noch in ſeiner Hand haltend. Ew. Majeſtät... Und er ſank zu ihren Füßen nieder. — Verraͤther! ſagte ſie. Jetzt kenne ich Sie. Aber wenige Augenblicke genügten Orlow, um ſich wieder zu faſſen. Rühig richtete er ſich auf. — Gw. Majeſtät, ſagte er, ich bin in Wahrheit überraſcht, Sie hier zu finden; aber was haben Sie in meinem Benehmen Verrätheriſches finden können? Als Chef Ihrer Polizei habe ich die ſchmerzliche Pflicht, jeden verdächtigen Ort unterſuchen zu laſſen, und ich habe auch jetzt bloß meine Pflicht erfüllt, die mir gebietet, 43⁵ über die allgemeine politiſche Sicherheit und die innere Ordnung zu wachen. — Aber Sie ſprechen und handeln in meinem Na⸗ men, ohne daß ich es Ihnen befohlen habe. — Die Handhaber der Geſetze und Ordnung ſpre⸗ chen und handeln immer in Ihrem Namen, Ew. Ma⸗ jeſtät. In weſſen Namen ſollten wir ſonſt handeln? — Aber Sie haben ſich hier eines Papiers bemäch⸗ tigt, das Ihnen nicht gehört. — Als Ew. Majeſtät ſich durch General Suwarow der Papiere bemächtigten, die ich in Verwahrung beſaß, hatte ich kaum zuvor den Abbé veranlaßt, mir zu ent⸗ decken, wo dieſes Dokument ſich befand, und mir eine Vollmacht zur Abholung deſſelben auszuſtellen. — Davon haben Sie mir Nichts geſagt. — Ich glaubte Ew. Majeſtät mit dieſer Sache nicht behelligen zu dürfen, bevor ich beſtimmt wußte, ob die Angabe des Abbé wahr war; indeß hatte ich die Ab⸗ ſicht, Ew. Majeſtät dieſes Schreiben, ohne welches man die übrigen, hereits in Ihren Händen befindlichen Akten⸗ ſtuͤcke nicht genau verſteht, morgen zu Ihrer eigenen Begutachtung vorzulegen. Die Kaiſerin ſchlug das Papier mit der einen Hand gegen die andere. In ihrem Herzen erhob ſich eine miß⸗ trauiſch anklagende Stimme gegen Orlow, und doch war er ihr auch jetzt entgangen. Ihr Scharffinn begann indeß ihn zu durchſchauen, und ſie glaubte zu entdecken, daß ſte einen eben ſo kecken als falſchen und hinterliſtigen tenmäntel gehüllten Begleiter der Kaiſerin erregt. Um die nothwendige Wachſamkeit nicht zu verſäu⸗ men, hatten daher Letztere die Thüre des Zimmers, wo die Damen ſich befanden, geöffnet, ſo daß ſie Alles ſehen konnten, was ſich drinnen zutrug. 244 8 436 Um das Geſpräch mit Orlow abzubrechen, entfal⸗ tete die Kaiſerin das Papier und blickte hinein. — In Wahrheit, ſagte ſie, dieß iſt wirklich das Pa⸗ pier, das auch ich holen wollte. Kommt hieher! Die Soldatenmäntel traten vor. — Marfa, fuhr die Kaiſerin fort, Sie wiſſen jetzt, wer ich bin, und würden mir vielleicht anders wahr⸗ daen Aber gleichviel... ſagen Sie jetzt dieſen Herren wahr. Araktſchejew lachte ein wenig, während er ſeinen Mantel zurückſchlug. — Ihr Geſicht, ſagte Marfa zu ihm, iſt offen, ehrlich, ritterlich. Sie werden ſich eine glänzende Zukunft ſchaffen. Als die Reihe an Döring kam, hreitete ſich ein ſanfter, freundlicher Schimmer über ihre Züge. — Sie lieben und werden geliebt, ſagte ſie. Döring führte die Hand an ſein Herz. That er es darum, weil ihre Worte es ſtärker klopfen machten? — Ihre Liebe iſt rein und wahr. Sie werden glücklich werden. Katharina näherte ſich ihm theilnehmend und ver⸗ gnügt über Marfa's günſtige Prophezeiung. — Ihr Glück, fügte Letztere hinzu, ruht ſicher in den Händen der Kaiſerin. — Sie ſagen die Wahrheit, Marfa, es ruht in dieſem Dokument, verſetzte Katharina, indem ſie das Papier in die Höhe hielt. Es freut mich, daß Sie jetzt, ſeit Sie wiſſen, wer ich bin, wenigſtens meinen Freunden beſſer wahrſagen als mir. Das verſöhnt mich mit Ihnen. Orlow's unvermuthetes Auftreten und zweideutiges Benehmen verdrängten den Schrecken, den Marfa's Pro⸗ phezeiung der Kaiſerin zuerſt eingeflößt hatte, und ſie dachte kaum mehr daran, als ſie mit Döring und Arakt⸗ ſchejew Strelna verließ. Orlow blieb noch zurück. Er hatte ſich zwar alle Mühe gegeben, ſein Verfahren bei Marfa in den Schein 437 des Dienſteifers und der Treue zu hüllen, aber er be⸗ merkte, daß die Kaiſerin dennoch zweifelte, und dieß war für ihn Grund genug zur Bekümmerniß. Auf ein⸗ mal ſchien er ſich jedoch an Etwas zu erinnern, und er wandte ſich an Marfa. — Sie wollten mir ſo eben wahrſagen, ſprach er; thun Sie es jetzt. — Beugen Sie Ihr Knie und beten Sie zum Himmel. — Ich beuge mein Knie vor Niemand. Wollen Sie mir nicht dennoch wahrſagen? — So wenden Sie ſich um. Sehen Sie, wie dort im Punſtern 35 brennende Augen auf Sie geheftet ſind 2 — Ich ſehe. — Sehen Sie den bleichen Schatten eines Rieſen, der Ihnen droht? — Ich ſehe. — Hüten Sie ſich vor ihm. Mit der raſchen Entſchloſſenheit, die ihn ſo ſehr charakteriſirte, eilte Orlow auf die Geſtalt zu, die ſich im Hintergrund des Zimmers in matten Umriſſen zu ſehen gab. — Andreas! rief er, als er ihm ſo nahe kam, daß er den Mann erkannte, mein Bruder! Eine unerklärliche Angſt überfiel ihn indeß in dieſem Augenblick, und das Geſicht in ſeinen Händen verborgen, eilte Orlow aus dem Zimmer. Siebentes Kapitel. Der Kuß. — Paſſen Sie wohl auf, Araktſchejew, rief Pro⸗ taſow, ſonſt bekommen Sie den Kranz nicht. Sehen Sie, wie er fliegt. 438 — Seien Sie unbeſorgt, mein Fräulein; Ihr Kranz wird mir nicht entgehen. — Sie ſind zerſtreut, Fürſtin, bemerkte Petſcherin gegen Menzikow, Sie folgen dem Spiel nicht. Ich ſpringe mich halb todt und dennoch gelingt es mir nie... — Der Wind iſt gegen mich. — Schönheit und Anmuth, meine Fürſtin, haben immer vortheilhaften Wind, wenn ſie nur ihr Ruder recht halten. Die Gräfin Branitzka ſing einen Kranz auf, der ſich in der Luft zu ihr herabſenkte. 3— Das ging vortrefflich, ſagte ſie und warf ihn weiter. Auf dem Land iſt es doch viel kurzweiliger als in der Stadt. — Das iſt wahr, antwortete der Uhlanenrittmeiſter, denn man iſt hier weit ungenirter. — Ich habe nie bemerkt, daß Sie ſich irgendwo henirt hätten, fiel Protaſow ein, die ihre Ohren überall atte. — Dann kennen Sie mich nicht genau, denn ich weiß Fälle, wo ich wirklich genirt bin. — Ernſtlich? Nun wann denn? — Wenn die Damen recht ungenirt ſind. — Da kommt ein neuer Kranz. Geben Sie Acht! fangen Sie ihn auf. — Ich habe ihn. 4 Man beluſtigte ſich mit dem Federball. Die Kaiſerin hatte, um den Vergnügungen mehr Abwechslung zu geben, den Hof auf einige Tage nach Zarskoje⸗Selo verlegt. Dieſes Luſtſchloß, das Katharina im Sommer ge⸗ wöhnlich bewohnte, ſteht in Bezug auf Größe und Pracht allen andern voran. Von Katharina I. erbaut und von Eliſabeth ver⸗ ſchönert, wurde es von dem ſchöpferiſchen Schönheits⸗ ſinn Katharina's II. in halb europäiſchem, halb aſiati⸗ ſchem Geſchmack, der ſich theils in der architektoniſchen 439 r Großartigkeit, theils in der Zierlichkeit und Lieblichkeit der Anlagen beurkundet, vollendet. n Beſonders der Park iſt ausgezeichnet ſchön und bie⸗ h tet in ſeinem ungeheuern Umfang die herrlichſte Ab⸗ . wechslung von Meiſterwerken der Kunſt dar. . Auf einer von ſchattigen Bosketten umgebenen An⸗ n— höhe ragt ein Tempel in griechiſchem Styl empor, der er eine ausgewählte Sammlung von antiken und modernen Statuen enthält. In einiger Entfernung ſchimmert h zwiſchen den grünen Bäumen eine Ruine hervor... eine eigens erbaute Ruine... und die Kunſt macht die n Ruine ſchöner als die Zeit. An einem andern Ort wird 6 das Auge von einem prächtigen Monument überraſcht, das die Beſitzergreifung von Taurien darſtellt. Aber das , Bezauberndſte von Allem ſind zwei Seen, wo Schwäne und Gondeln zwiſchen den duftenden, belaubten Ufern vo hin ſchaukeln. Sie ſind durch einen Bach, über welchen eine mit Marmorpfeilern verſehene Brücke ſich wölbt, mit einander verbunden. Auf einem der Inſelchen in ch dieſen Seen erblickt man eine türkiſche Moſchee, und auf einem andern ſteht eine große Muſikhalle. Pyramiden, Obelisken und Statuen erheben ſich abwechſelnd da und dort und ſtellen tauſenderlei neue Bilder, ſämmtlich 1l prachtvoll und hinreißend, dar. Man hatte den offenen Platz zwiſchen den beiden Seen zum Ballſpiel gewählt. Der Nachmittag war herrlich. Der Himmel hatte r eine beinahe tropiſche Klarheit. Die Luft war mild. ch Jeder Athemzug war eine Wonne. Leichte Winde ſpiel⸗ ten in den luftigen Kronen der Bäume, deren Blätter e⸗ in beſtändig wechſelnden Farben gegen die Sonnenſtrahlen h ſchimmerten. Der grüne Teppich der Flur war ſo friſch, da und dort mit Blumen durchwoben. Die Natur, ein r⸗ Bild der Geſundheit und des Genuſſes, lud allenthalben 3⸗ zu Luſt und Freude ein. Freude und Luſt blieben auch i⸗ nicht aus. 440 Bald in ſtarken und brauſenden, bald in ſanften, lieblich erſterbenden Tönen ſchwebte eine Melodie um die andere von der einen Inſel über die Gegend hin. Auf der andern erblickte man die kaiſerliche Fa⸗ milie, bald in Gruppen mit einander plaudernd, bald auf und ab luſtwandelnd, bald in den Lauben ruhend, bald in der Moſchee verſchwindend, die in der That ſelbſt zu nichts Anderm, als zu einem prachtvollen Luſt⸗ haus eingerichtet war. Das Ballſpiel dauerte fort. Eine kleine Gruppe, worunter Subow und Mar⸗ kow nebſt mehreren ihrer nächſten Freunde, bildete die Zuſchauerſchaft. Auf einer etwas entfernteren Bank ſaß vereinſamt ein Mann von genialem Aeußern und zeichnete mit ſeiner Degenſpitze Figuren in den Sand. Obſchon er gänzlich damit beſchäftigt ſchien, ſo flog doch von Zeit zu Zeit ein haſtiger Blick voll Leben und Feuer bald nach dem Inſelchen, wo die kaiſerliche Familie ſich be⸗ fand, bald auf die Gruppe, die ſich um Subow ge⸗ ſammelt hatte, bald auf die Spielenden. Inzwiſchen zeichnete er unaufhörlich neue Figuren. Die Spielenden bildeten einen ſehr großen Kreis und unter ihnen erblickte man auch Willanow. Sie ſchien ſich jedoch nicht ſehr eifrig bei dieſer Luſtbarkeit zu intereſſiren, ſondern nur paſſiven Antheil daran zu nehmen. Von dem Augenblick an, wo ihre Privat⸗ verhältniſſe am Hof bekannt zu werden anfingen und ihre Verlobung mit Orlow ſtattgefunden hatte, begeg⸗ nete man ihr mit mehr Aufmerkſamkeit als vorher. Man ließ ihr unbeſchrieen ihre kleinen, mitunter plötz⸗ lichen melancholiſchen Eigenheiten hingehen, zumal da ſie nichtsdeſtoweniger dazwiſchenhinein wieder ſo heiter und lebhaft war wie früher. — Nun, Herr Ritter mit dem Kranz, bemerkte Protaſow, Sie halten mitten im Spiel inne, wie wenn Sie ſehr müde wären. 441 — Müde? Man kann in Ihrer Geſellſchaft nicht müde werden, antwortete Araktſchejew. — Warum glauben Sie das, mein Herr? — Weil Sie drei Hebel haben, die in Alles Leben bringen. Zwei davon ſind Ihre Augen. Aufgepaßt! Jetzt werfe ich.... — Und der dritte? — Iſt Ihre Zunge.. — Sie täuſchen ſich. In eine Holzſchnittfigur kann man kein Leben bringen. Der Kranz bleibt am Baume hängen. Nein, nein, er kommt hieher. Nach was ſehen Sie? — Jetzt täuſchen Sie ſich. Ich ſehe nach Nichts; dagegen denke ich darüber nach... — Wirklich? Hat auch einmal ein Gedanke den Weg in Ihren Kopf gefunden? Der muß wahrlich einen ſchönen Tummelplatz darin haben. — Sie ſind neugierig, mein Fräulein, und deß⸗ halb werden Sie boshaft. — So befriedigen Sie meine Neugierde, dann werde ich wieder gut. — Ich denke darüber nach, was es bedeutet, wenn ein Frauenzimmer erröthet. — Mein Gott, haben Sie früher noch nie daran gedacht? Ich habe immer geglaubt, die Knabenſchulen ſeien ſo eingerichtet, daß die jungen Herren in ſolchen Dingen unterwieſen werden. Aber ich bin doch jetzt nicht roth? — Sie? Sie können nicht erröthen, mein Fräu⸗ lein. Die Röthe iſt das Feigenblatt des erwachten Herzens, aber Ihr Herz träumt noch von paradiſiſcher Unſchuld. — Es iſt wahr, daß ich nicht oft erröthe; aber um ſo mehr lache ich, und zu meiner Freude gibt es auch Narren genug, über die man lachen kann. Wiſ⸗ ſen Sie, Araktſchejew, daß Sie mir juſt recht viel Kurz⸗ weil gemacht haben. Aber wer iſt es jetzt, der erröthet? 44² — Sehen Sie dorthin. — Ach, Willanow! Die arme Kleine, es iſt Jam⸗ merſchade um ſie. Daß ſie auch Orlow heirathen muß! Pfui doch! Lieber nähme ich den nächſten beſten Zau⸗ bergeiſt.— — Seien Sie unbeſorgt. Sie mögen heirathen, wen Sie wollen, ſo wird er bald ein Zaubergeiſt werden. — Wie ſo? — Ganz natürlich.. bezaubernd wie Sie ſind, werden Sie ihn immer zu bezaubern wiſſen und ein bezauberter Mann... — Iſt immer ein Zaubergeiſt, wollen Sie ſagen. Wirklich ſehr witzig! Aber warum erröthet wohl die arme Willanow? Orlow iſt ja heute nicht hier. — Sehen Sie dorthin. — Das iſt ja Döring, der auf einmal kommt. Ach, ich verſtehe. Sehen Sie, Willanow entfernt ſich. Döring! rief Protaſow. Capitän Döring! kommen Sie hieher... Sie müſſen mit uns Ball ſpielen... hören Sie nicht... ich befehle Ihnen. — Und ich gehorche, mein Fräulein... er nahm verbindlich einen Platz im Kreiſe ein... ich bin ge⸗ wöhnt, Beſehlen zu gehorchen. — Das ſind alle Soldaten, fügte der Uhlanen⸗ rittmeiſter hinzu, beſonders wenn ſie von ſchönen Lip⸗ pen kommen. — Und wiſſen Sie, was daraus folgt? ſragte Protaſow. — Das weiß ich nicht. — Daß die Frauenzimmer auch am Allerliebſten Soldaten heirathen. — Das iſt immerhin ein beſſerer Grund, als der⸗ jenige, den ich geglaubt hatte. — Was haben Sie denn geglaubt? — Daß die Damen uns deßwegen am Liebſten heirathen, weil wir bald todtgeſchoſſen werden können. — Das iſt bloß der Grund Nr. 2. ——& 22— 443 — Sie haben alſo ihrer mehrere? Laſſen Sie auch Nr. 3 hören. — Dieſer beſteht darin, weil Sie ſo eigenliebig ſind, daß es Ihnen nie... — Nie? — Daß es Ihnen nie einfällt, Argwohn zu ſchöpfen. — Sie ſind aufrichtig, mein Fräulein. — Meine Aufrichtigkeit iſt ein Stück Koſack, er plündert Sie. — Ein Soldat kann nicht geplündert werden, weil er Nichts beſitzt, was die Mühe der Plünderung lohnte. — Ei, in einem Fall ſind ſie doch ungeheure Kapitaliſten, wenigſtens in ihrer eigenen Einbildung. — In welchem? — In der Kunſt, ſich an der Naſe herumführen zu laſſen, hauptſächlich in Folge ihres unmäßigen Selbſt⸗ vertrauens. Als der Wurf an Döring kam, zögerte er einen Augenblick und ſah ſich um, als wollte er ſich beſinnen, wem er den Kranz zuwerfen ſollte. — Wollen Sie gefälligſt Acht geben, Gräfin Bra⸗ nitzka! rief er. Der Kranz kommt zu Ihnen. Nach dieſer Aufforderung ſchleuderte Döring den Kranz hoch in die Luft, von wo er in einem Bogen ſich herabſenkte und ganz leicht aufzufangen war. Die Gräfin hatie ihn kaum in ihre Hand bekom⸗ men, ſo bemerkte ſie, daß ein Papier daran befeſtigt war, das ſie ſogleich losmachte, um bei Gelegenheit unbemerkt nach ſeinem Inhalt zu ſehen. Aber Dörings Ruf und die Geſchicklichkeit, womit er den Kranz warf, lenkten die Blicke der ganzen Ge⸗ ſellſchaft auf Branitzka, und mehrere... beſonders die Damen.. bemerkten ſogleich ihr haſtiges Geſchäft mit dem Papierchen und ahnten daher alsbald eine geheime, ſchlau geführte Correſpondenz, eine Sache, die dem Ge⸗ ſchmack junger Damen allzeit zuſagt. 444 Für die Aufdeckung ſolcher kleinen Unternehmun⸗ gen beſitzen ſie einen beinahe wunderbaren Inſtinkt. Um Branitzka zu überzeugen, daß es nicht ſo leicht ſei, vor ihren Augen Etwas zu verbergen, eilten Men⸗ zikow und Protaſow lachend auf ſie zu. — Branitzka! riefen ſie, was haſt Du da? Ein Briefchen? Meinſt Du, wir wiſſen nicht, von wem es kommt... verlaß Dich daranf, daß wir... Branitzka's ſtolze Seele fuͤhlte ſich überraſcht. Röthe bedeckte ihre Wangen und verlegen ſuchte ſie ſich zu entziehen. — Du bemühſt Dich pergebens, uns zu entkom⸗ men, ſchwatzte Protaſow; wir halten Dich jetzt feſt und laſſen Dich nicht ſo leicht los. Glaubſt Du, wir ſeien unerfahren genug, daß wir nicht bemerkt hätten, was in den letzten Zeiten Deine Gedanken beſchäftigte? Du biſt eine große Sünderin, Branitzka. — Eine Sünderin? — Wir haben ein gutes Gedächtniß, Branitzka. Wir erinnern uns noch ganz genau, wie Du behaup⸗ teteſt, eine gewiſſe Perſon ſei langweilig, fad, eigen⸗ liebig, geckenhaft. Branitzka ſuchte ſich loszumachen, aber Menzikow und Protaſow hatten ſie feſt eingeſchloſſen. — Und wenn ich es einmal behauptet habe, ſo be⸗ harre ich ja noch auf derſelben Anſicht. — Glaubet einem Weib und ihr ſeid betrogen, heißt ein Sprüchwort unter den Herren. Glaubet ein⸗ ander und ihr ſeid betrogen, ſoll von nun an ein Sprüchwort unter uns ſein. Dein Verbrechen beſteht juſt darin, daß Du dieſe Anſicht niemals in Wirklich⸗ keit gehegt, ſondern immer das Gegentheil geglaubt und ihn entzückend, einnehmend hinreißend, genial ge⸗ funden haſt. Geſtehe die Wahrheit, Branitzka, und wir werden Dir vielleicht Deinen Frevel verzeihen, nicht um Deinetwillen, ſondern um... — Um weſſen willen? 445 — Um unſer ſelbſt willen, weil Du doch zugeben mußt, daß unſere Anſicht über ihn geſiegt hat, und nicht die deinige. Die beiden Damen, welche Branitzka mit ihrer Neugierde verfolgten, drängten ſie dabei immer weiter zurück, ſo daß ſie ſich bald am Ufer unten befanden. Branitzka ließ ſich von ihrer Eingebung leiten: dieſe wirkte unwiderſtehlich auf ſie. Selbſt ihr Stolz war eine Leidenſchaft. Was das Herz ihr zu thun gebot, das that ſie, was es ihr zu ſagen gebot, das ſagte ſie. Doppelzüngig und liſtig war ſie nur, wenn eine Intrigue es befahl. Bisher hatte ſie ihre Neigung zu Armfelt für voll⸗ kommen verſchleiert gehalten; als ſie ſich daher jetzt verrathen ſah, war ſie verblüfft darüber, und zu glei⸗ cher Zeit hielt ſie es für eine Demüthigung, ich mit einem zweideutigen Schweigen aus dem Spiel zu zie⸗ hen. Durch ihre Bekanntſchaft mit der Baronin Arm⸗ felt war ihre Neigung edler und reiner geworden, und ſie beſchloß aufrichtig zu ſein. Aber ſie hatte hiezu auch noch einen andern Grund. Wir haben ſchon früher die labyrinthiſche und falſche Stellung bemerkt, worin ſie zwiſchen den Freunden und den Feinden Armfelt's gerathen war; wir haben ihre Unruhe darüber geſehen, daß ſich ihr keine Gelegenheit darbot, ihre wahre Ge⸗ ſinnung zu zeigen. Eine ſolche Gelegenheit ſchien aber jetzt gekommen zu ſein. — Protaſow, ſagte ſie, laß mich vor allen Dingen ein wenig zu Athem kommen, dann will ich Dir ant⸗ worten. Höre mich auch Du, Menzikow. Alſo... ich glaube, daß dieſes Billet von Armfelt iſt. Ou gibſt zu... Du geſtehſt.. Du leugneſt nicht mehr... .— Ich gebe zu, daß ich ihn ebenſo ſehr ſchätze, wie ihr. —— Für dieſes Geſtändniß könnte ich Dir bei⸗ nahe verzeihen, daß Du uns ſo lange zu betrügen ſuchteſt. 446 — Die Sache ging eigentlich Niemand anders an, als ihn und mich. — So ſo.. Du glaubſt alſo, das gehe uns nicht auch an? Wer weiß? — Dem ſei wie ihm wolle, ich will jetzt das Bil⸗ let leſen. — Was ſchreibt er?2 — Still! — Du lieſeſt ſo langſam. Ein Liebesbriefchen muß man in einem Augenblick leſen können, ſonſt iſt es zu lang. — Menzikow... — Was willſt Du ſagen? — Protaſow... — Du machſt mich unruhig. Iſt etwas Unange⸗ nehmes geſchehen? — Armfelt iſt hier. — Hier? — Trotz all' ſeiner Bemühungen hat er keine Audienz bei Guſtav Adolph erhalten können, weil der Herzog und Reuterholm ihn unaufhörlich bewachen. Er gedenkt jetzt unter allen Umſtänden ſich ein Privat⸗ geſpräch mit dem König zu verſchaffen. — Jetzt? hier? — Er bittet mich um Hülfe. Wollt ihr mir bei⸗ ſtehen 2 — Gern, gern. — So laßt uns auf die Inſel hinüberfahren; dann können wir Rath halten. — Iſt er ſchon dort? — Ja, ja. — Kommt alſo.. Die drei Damen ſprangen in eine Gondel und fuhren nach dem Inſelchen hinüber. 1 — i⸗ 447 Fürſt Subow blieb auf ſeinem Platze und unter⸗ hielt ſich mit ſeinen Freunden. Weder er noch ſie hatten auf das Geplauder und Spiel der Herren und Damen geachtet. Statt deſſen hatten ſie ihre Aufmerkſamkeit auf das Inſelchen ge⸗ heftet und ſie ermangelten nicht, ihre Bemerkungen über die Perſonen zu machen, die dort ab⸗ und zugingen. Aus dem bittern und höhniſchen Lächeln, das ſich zu⸗ weilen auf ihren Lippen zeigte, konnte man ſchließen, daß es den Bemerkungen häufig nicht an einem Stachel fehlte. Unter Anderm war es klar, daß der Großfürſt Paul und Herzog Karl, die Arm in Arm an der Mo⸗ ſchee auf⸗ und abgingen, den Witz der Günſtlinge hauptſächlich in Bewegung ſetzten. Der Mann anf der einſamen Bank ſaß noch da, beſtändig mit der Degenſpitze neue Figuren in den Sand zeichnend; von Zeit zu Zeit richtete er zwar ſeine Blicke bald nach der einen, bald nach der andern Seite, aber er kam immer wieder auf ſein Zeichnen zurück. Nach einem langen Spaziergang blieben der Groß⸗ fürſt und Herzog Karl ſtehen, in der offenbaren Abſicht, die Inſel zu verlaſſen. Sie ſtiegen auch in ein Boot und waren bald über dem See. Am Landungsplatz ſtanden einige Gardiſten Wache und bei der Annäherung der Prinzen ſchulterten ſie das Gewehr. Beim Ton der Gewehre wandte ſich der Großfürſt gegen die Soldaten. — Warum hältſt Du den Daumen nicht am Laufe, Kerl? fragte er mit aufflammender Heftigkeit. Wer hat Dich auf dieſe Art exercieren gelehrt, Du Hallunke? Aber es wird ſchon einmal anders werden, Ich... — Laſſen Sie uns weiter gehen, Ew. Hoheit, bat Herzog Karl. Der Großfürſt brach ſeine Strafpredigt ab, aber er war aufgeregt, und als er zu der Gruppe kam, welche die Gunſtlinge bildeten, blieb er ſtehen und be⸗ trachtete ſie mit einem herausfordernden Blick, einem Blick, der zu ihnen ſagte: Mein Tag kommt ſchon auch einmal. Er hielt ſich indeſſen nicht bei ihnen auf, ſondern kehrte ihnen barſch den Rücken und ſetzte ſeinen Spa⸗ ziergang mit dem Herzog Karl fort. — Meine Gatſchineſoldaten ſtehen nicht weit von hier, ſagte er. Laſſen Sie uns hingehen und ſie in Undenſchein nehmen. Ich habe ſie ſelbſt exercieren ge⸗ ehrt. Sobald die Günſtlinge ſahen, daß er weit genug entfernt war, um ſie nicht mehr hören zu können, ſchlu⸗ gen ſie ein ſchallendes Gelächter auf. Der Mann auf der einſamen Bank erhob ſich jetzt und trat zu ihnen vor. — Ew. Hoheit, redete er Subow an, können Sie mir auf eine Viertelſtunde Gehör ſchenken? — Mit großem Vergnügen, Bernsdorff. Der Mann war Chriſtian Bernsdorff, däniſcher Geſandter in Stockholm. Als es mit der Verbindung zwiſchen Guſtav Adolph IV. und Alexandra Ernſt zu werden ſchien, war er ſchnell nach Petersburg gereist, um dieſe Annäherung zwiſchen den nordiſchen Nachbarn um jeden Preis zu hintertreiben, da die däniſche Re⸗ ierung, an deren Spitze ein ſcharfſinniger und ein⸗ ſcchtsvoller Staatsmann ſtand, für ſich ſelbſt Gefahren darin erblickte. Schweigend führte Bernsdorff den Fürſten an einen abgelegenen Theil des Parkes. — Wohin wollen Sie gehen? — So weit als möglich von den Uebrigen weg, damit Niemand hören kann, was ich Ihnen zu ſagen babe. R — Sie brauchen Nichts zu fürchten. Sprechen Sie. Was wollen Sie mir ſagen? 1 — Laſſen Sie uns gleichwohl noch etwas weiter 449 gehen. An jedem Hof finden ſich lauſchende Ohren, wo man es am wenigſten vermuthet. Dieſe Baum⸗ wipfel, dieſe Gebüſche, ach, Ew. Hoheit, ich möchte ihnen kein Geheimniß anvertrauen... laſſen Sie uns gehen... laſſen Sie uns gehen... — Ich gehe nicht weiter... was wollen Sie von mir? — Nun, ſo ſei es denn! Bernsdorff unterſuchte jedoch den Platz rings um⸗ her genau, bevor er ſeinen Vortrag begann. — Ein Diplomat, ſagte er endlich, iſt verpflichtet, jeden Hof zu ſtudiren, an dem er ſich befindet. — Natürlich. — Ich habe dieſen Hof auch ſtudirt. — Ich habe es bemerkt. — Aber erſt jetzt, Ew. Hoheit, habe ich die ge⸗ heimſten Abſichten des Hofs, d. h. Ihre eigenen ge⸗ heimſten Abſichten, vollkommen durchſchaut. — Erſt jetzt... ach... — Ew. Hoheit... Sie lächeln... aber nichts⸗ deſtoweniger ſpielen Sie ein ebenſo hohes als kühnes Spiel. — Sie glauben das? — Ich weiß es. — Und dieſes kühne Spiel... worin ſollte es wohl beſtehen? — Sie ſind der Günſtling der Kaiſerin und Sie arbeiten im Stillen einer Verbindung entgegen, die ihr ſo ſehr am Herzen liegt. — Ich leugne es nicht, und wenn Sie nichts An⸗ deres zu ſagen haben... — Hören Sie weiter. Als Gründe für Ihr Be⸗ nehmen führen Sie natürlich vor allen Dingen Ihren Patriotismus an; ſodann Ihre Anſicht, daß Rußland bei dem Kampf gegen die Völkerbewegungen im weſt⸗ lichen und ſülichen Europa allein an die Spitze treten Der Fürſt. II. 29 450 müſſe, und endlich Ihren Plan, Schweden früher oder ſpäter mit bewaffneter Hand zu unterdrücken. — Darüber haben wir ja bereits geſprochen, und ich habe Ihnen ſelbſt offen geſagt, was Sie mir jetzt vorſtellen. — Ganz richtig, Ew. Hoheit; aber es gibt da Etwas, was Sie mir nicht geſagt haben, woran Sie ſogar kaum zu denken gewagt haben, geſchweige denn, daß Sie es über Ihre Lippen gebracht hätten; Etwas, wovor... wenn Sie die Frage in ihrer ganzen Trag⸗ weite bedenken... Ihre Lippen erbleichen, Ihre Augen ſich ſchließen. Ihre Füße ſchwanken... Subow's Blicke irrten umher, als begänne er zu fürchten, daß Jemand ſie hören könnte. — Zweifeln Ew. Hoheit noch daran, daß ich Sie durchſchaut habe? Die Kaiſerin liebt ihren Sohn nicht. 3— Um Alles in der Welt, ſprechen Sie nicht ſo aut. — Der Widerwille, den ſie gegen ihn hegt, iſt ein Feld, das ſich mit Nutzen bearbeiten läßt. Die Kaiſe⸗ rin iſt alt und kränklich, obſchon ſie ſowohl ihre Jahre als ihre Kränklichkeit vortrefflich zu verbergen verſteht. — Laſſen Sie uns dieſen Gegenſtand abbrechen. — Sollte der Großfürſt den Thron beſteigen, ſo iſt Ihre Herrſchaft bald zu Ende. — Mein Herr! — Eine Verbindung zwiſchen der Tochter des Groß⸗ fürſten und Guſtav Adolph würde ihm immer eine ge⸗ wiſſe Bedeutung geben, ſelbſt in den Augen der Kaiſe⸗ rin. Die Sache muß alſo hintertrieben werden, damit der Großfürſt im Urtheil ſeiner Mutter noch tiefer ſinkt. Der eine Plan beruht auf dem andern und hängt von ihm ab. Um den Großfürſten auszuſchließen... — Sie ſind bereits zu weit gegangen, Bernsdorff. Es iſt ein Majeſtätsverbrechen, Sie noch länger an⸗ zuhören. - Mit dem jungen Alexander auf dem Thron 6 451 glauben Sie ſich leichter am Ruder erhalten zu können. Sie ſchweigen? — Ich ſchweige. — Wir verſtehen einander, und auch ich werde ſchweigen. Kehren wir zu den Uebrigen zurück. — Ja, ja. Ohne ein weiteres Wort zu wechſeln, kehrten ſie wieder um. Bernsdorff ſetzte ſich von Neuem auf die Bank und zeichnete mit ſeiner Degenſpitze neue Figuren in den Sand. Ernſter und duüſterer als gewöhnlich, ſchloß Subow ſich ſeinen Bewunderern und Freunden wieder an. — Was wollte Bernsdorff? fragte Markow, ſo⸗ bald ſie allein waren. — Nichts, antwortete Subow, aber er iſt ein ſcharffinniger Mann. Wir müſſen uns vor ihm in Acht nehmen. Sobald das Ballſpiel aufhörte, und die damit be⸗ ſchäftigte Geſellſchaft ſich nach allen Richtungen zer⸗ ſtreute, verſchwand Döring in einem der Gaͤnge des Parks. Er hatte bemerkt, wohin Willanow ihre Schritte lenke, und er wollte die Gelegenheit, ſie zu treffen, nicht aus ſeinen Händen laſſen. Im Anfang ſuchte er jedoch vergebens, endlich aber führte ihn der Schutzengel der Liebe zum Ziel und belohnte ihn auf eine entzückende Weiſe. In der Nähe der ſchönen Ruine, die den Park ſchmuͤckt, ſtand eine Statue, welche die Göttin der Jagd üde ſchönſten Offenbarung als himmliſche Luna 29* Der Platz war nicht düſter, aber einſam. Hieher hatte Fräulein Willanow ſich begeben. Nachdem ſie das ſehnende Verlangen ihrer Seele nach Einſamkeit und Stille erfüllt, fühlte ſie ſich ſo glücklich und ruhig, ohne daß deßhalb die Melancholie, dieſes erhabene Gefühl der Schwäche unſeres Herzens, von ihr wich. Um in dieſer einnehmenden Freiſtätte der Natur ſich noch eine Weile ungeſtört ihren Gedanken überlaſſen zu können, ſetzte ſie ſich am Fuß der Statue. Bald vertiefte ſie ſich auch in Träume, die niemals erman⸗ geln ſich bei einem Mädchen einzufinden, deſſen Herz Kummer oder Liebe mit ihrem Zauberſtab berührt ha⸗ ben, und allmählig ſchloſſen ſich ihre Wimpern, und friedlich und ſtill lehnte ſie ihr Haupt an den kalten Marmor. In dieſer Stellung entdeckte Döring den Gegen⸗ ſtand ſeiner Sehnſucht. Die Statue war von einer Gruppe kleiner Liebes⸗ götter umgeben und Willanow hatte ihren Arm um einen von ihnen geſchlungen. So wie die Liebesgötter daſtanden, ſchienen ſite mitten in einem muntern und ſchalkhaften Spiel um ſie her ſtehen geblieben zu ſein; die Augen der loſen Knaben lächelten ſie ſo ſchelmiſch an, ihre Hände waren ſo gerichtet, ihre Finger ſo ge⸗ krümmt, die Geſichter ſo ſchalkhaft, als wären ſie juſt darauf erpicht, ihr einen kleinen Poſſen zu ſpielen. Luna mit ihrem ſanften Blick, ihrer ruhigen Stirne, auf welcher ein halbmondförmiges Diadem ruhte, hielt ihre Hand abwärts ausgeſtreckt, als beſchütze ſie das ſchöne Mädchen. Auf die Art, wie Willanow ſich anlehnte, bildete ſie die Hauptfigur.. Ihre ruhende Haltung, die plaſtiſche Schönheit ihres Geſichtes, die geſenkten Augenlider, das Kleid, das ſich ganz einfach um ſie her drapirte, Alles trug dazu bei, die Illuſion vollſtändig zu machen. ——... 4⁵³ Döring war unſchlüſſig, ob er es wagen ſollte, ſich zu nähern oder nicht, denn er fürchtete die anmuthsvolle 2 Erſcheinung zu ſtören. — Leiſe ſchritt er indeß vorwärts und bald ſtand er neben ihr. Wie glücklich war er nicht, ſie betrachten zu „„ dürfen, ohne daß er fürchten mußte, von Jemand ge⸗ ſtört zu werden! r Wer kann das holde, aber unruhige Verlangen be⸗ n ſchreiben, das in Augenblicken wie dieſer durch die d Seele eines jungen Mannes bebt? Wer vermag die 3 Sehnſucht zu ſchildern, die allgewaltig ſeine Phantaſie 3 hinreißt, ſeine Seele erwärmt, ſeine Sinne bezaubert 2 und ſeine Kniee beugt? d Still ſank Döring an ihrer Seite nieder. n Er hatte Will anow nicht mehr geſprochen, ja ſie kaum geſehen ſeit dem ſchmerzlichen Augenblick im tau⸗ ⸗ riſchen Palaſt, wo ſie die Braut eines Andern wurde, zugleich aber ihm ſelbſt einen unzweifelhaften Beweis 3⸗. ihrer Liebe gab, indem ſie ihm erlaubte für ihren Beſitz b n zu wirken und zu leben. er amals beſaß er noch keine Hoffnung, ſondern nur d das Vertrauen auf ſeinen Muth und den Ernſt ſeiner ; redlichen Abſichten, jetzt dagegen beſaß er weit mehr, h denn er hatte das Wohlwollen der Kaiſerin, ſo wie die e⸗ Prophezeiung Marfa's für ſich, und er beſaß das Recht ſt mit Orlow eine Lanze zu brechen. In ihren ſchönſten Lenztagen bedarf die Liebe ſehr e, weniger wärmender Strahlen, um die prachtvollſten Blu⸗ lt men von Wonne und Glück in unſerer Seele zu ent⸗ 18 wickeln; wenn dagegen ihr Winter kommt, ſo iſt die ganze Macht der Sonne nicht im Stand, dem verwelkten te Stengel auch nur eine einzige Knoſpe zu entlocken. Döring blickte in Willanow's Geſ 454 thümlich luftige und leichtverſchwindende Wunderkind des Traumes. Worin beſteht dieſe Poeſte? Frage die Weiſen. Sie werden die Achſeln zucken. Frage die Dichter. Sie werden Dir mit einer Dithyrambe antworten. Unwiderſtehlich wurde Döring von ſeinem Gefuͤhle beherrſcht. Er ſaß nicht wie Pygmalion am Fuß einer Bild⸗ ſäule; er ſaß zu den Füßen des lebendigen Bildes eines ſchönen Weibes. Er brauchte den Himmel nicht anzu⸗ flehen, daß er ſie zum Leben erwecke; er hörte ja die Schläge ihres Herzens. Es däuchte ihm, als ob die Ruhe, worin ſie ſich befand, ſie in eine Heilige verwandelt hätte, zu wel⸗ cher er zwar aufzuſchauen, die er aber nicht mit ſeiner Hand zu berühren wagte. Unzweifelhaft lag nichtsdeſtoweniger etwas Magne⸗ tiſches in ſeiner Lage. Die Welt, das Leben, der Kampf nehmen unſere Kräfte in Anſpruch; die Einſamkeit macht auf nichts An⸗ deres Anſpruch als auf unſer ſinnendes Gemüth. Entſchloſſenheit und Muth, Energie und Verſtand finden ſich in Augenblicken ſchwerer Prüfung beinahe freiwillig bei uns ein; Inſpirationen anderer Art kom⸗ men dagegen über den einſamen, von Liebe hingeriſſenen Jüngling; die Schwärmerei kommt mit ihren Schwin⸗ gen und ladet zum Fluge ein, die Träume kommen mit ihren Elſen, die zum Spiele in laubigen Hainen und auf ſonnigen Feldern winken; Gefühle kommen weich und lieblich, und unſer ganzes Weſen zerſchmilzt, in einen einzigen Seußzer ſich ergießend. Charaktere, die in den großen Kämpfen des Le⸗ bens ein ritterliches Element zu entwickeln vermögen, überlaſſen ſich immer am lebhafteſten und wärmſten den Entzückungen, welche die Liebe und die Einſamkeit ih⸗ nen manchmal ſchenken. Auch erfreuen ſich alle chevalereske Naturen an der Poeſie, weil dieſe ihnen offenbart, was ſie in ſolchen 4⁵⁵ Augenblicken fühlen; alle andern dagegen begreifen die Poeſie nicht, weil ſie ſelbſt niemals ein Fünkchen davon in ihrem Innern beſaßen. Döring hatte den Eindruck eines ſolchen Augen⸗ blicks, wie derjenige war, der jetzt ſeine narkotiſchen Düfte um ihn verbreitete, noch nie empfunden. Schweig⸗ ſam und ſtill betrachtete er die ſchöne Träumerin und wagte kaum Athem zu ſchöpfen. Allmählig ſchloſſen ſich dabei ſeine Augen, ohne daß jedoch die bezaubernde Er⸗ ſcheinung ihn verließ. Plötzlich ſpürte er, daß an ſeinem Kopf ſich Etwas bewegte, und als er ſeine Augen aufſchlug, begegnete er denen Willanow's. Aus ihren Meditationen erwacht, fand ſie ihn zu ihren Füßen und ſie legte ihre Hand auf ſein Haupt. Träumte ſie vielleicht noch? — Mißfällt es Ihnen, daß ich hier ſitze, mein Fräulein? flüſterte Döring. Willanow lächelte ihm freundlich zu. — Soll ich mich entfernen 2 — Bleiben Sie, bat ſie, bleiben Sie. Döring hatte ihre Hand ergriffen, und ohne dieſelbe zurückzuziehen, ſchloß ſie ihre Augen wieder. Aber ſo tief wir auch manchmal in uns ſelbſt ver⸗ ſinken, ſo rütteln doch unſere Verhältniſſe uns immer wieder auf. Die Ereigniſſe und die Ueberlegung ver⸗ drängen allenthalben die Schwärmerei, und wer gehört nicht mehr der Welt an, als ſich ſelbſt? 3 So waren auch Döring und Willanow bald in einem lebhaften Geſpräch über ihre dermalige Stellung begriffen. 1 Die Kaiſerin, ſagte Willanow, iſt gut gegen meine Eltern und auch gegen mich. Ich vermuthe beinahe, 456 daß ſie ihre erſte Härte bereut; aber ſie äußert ſich gleichwohl ganz und gar nicht über das Vorgefallene, und wir wiſſen nicht, was wir zu fürchten oder zu hoffen haben. Ich habe ſie durch die Prinzeſſin Alexan⸗ dra auszuforſchen geſucht, aber es iſt nicht gelungen, denn die Kaiſerin gab keine Antwort auf ihre Fragen und begann ſtatt deſſen von ihrer Freude über die An⸗ kunft Guſtav Adolph's zu ſprechen. Auch an Suwarow habe ich mich gewandt, denn ich glaubte, er kenne die Abſichten der Kaiſerin; aber er warf mir einen ſtrengen Blick zu und kehrte mir den Rücken. Ich verzeihe ihm zwar gern ſeine Unhöflichkeit, weil er meine Eltern aus Orlow's Händen gerettet hat; aber er hätte mir doch einige Aufſchlüſſe über Worowitſch geben können, deſſen Schickſal mich um ſo mehr beunruhigt, als er ſeit ſei⸗ ner Auslieferung an den General gar Nichts mehr von ſich hat hören laſſen, ſondern beinahe aus der Anzahl der Lebendigen verſchwunden zu ſein ſcheint. In Be⸗ treff aller Fragen, die mich intereſſiren, befinde ich mich in einer Ungewißheit, die ebenſo qualvoll iſt als die Wirklichkeit ſelbſt. Was glauben Sie, Döring? — Ich hoffe. Die Kaiſerin hat mir in der letzten Zeit ſo viel Wohlwollen bewieſen, daß ich überzeugt bin, ſie wird Alles zu einem glücklichen Ende führen. Wiſſen Fi⸗ von ihrem Beſuch bei Marfa? — Nein. — 8 Kaiſerin hat alſo nie davon geſprochen? — Nein. Döring erzählte juſt die Ereigniſſe, die wir aus den zwei letzten Kapiteln bereits kennen, und vergaß dabei Nichts, was Orlow betraf. — Aus allem dem, fuhr er fort, kann ich nur den einzigen Schluß ziehen, daß Orlow ihr Vertrauen ver⸗ loren hat, wenn ſie vielleicht auch glaubt, ſie dürfe oder könne ihn nicht von ſich ſtoßen, ohne klare Be⸗ weiſe für ſeine Verbrechen zu haben. Das Band, das ihn bisher in ihrer Gunſt feſtgehalten, hat indeß bereits —. ———— ⏑△ +—n——— u—õ-G—2—O 0⁸ x⏑ B=B 2 ᷣ —— — d-— —. 4⁵7 ſich zu lockern angefangen und die Kaiſerin wird es bei der erſten beſten Gelegenheit mit eigener Hand zerreißen. In dem Schweigen, das ſie beobachtet, ſehe ich Miß⸗ trauen gegen ihn und Behutſamkeit. Sie zeigt ihre Ge⸗ danken nicht... das iſt wahr... aber der Graf iſt von einem Sturm bedroht. — Mein Gott, wenn ich es wagen könnte, an Ihre Worte zu glauben, Döring! — Ich habe noch nicht erwähnt, daß Marfa auch mir wahrgeſagt hat. — Wirklich? Nun, was denn? — Sie ſagte, daß ich liebe. Darin hatte ſie auch Recht. — Weiter... — Und daß ich geliebt werde. Sagen Sie, mein Fräulein, hatte ſie auch darin Recht? Willanvw's Geſicht wurde von einem morgenfriſchen Purpur übergoſſen, ihre Augen ſtrahlten von einer Klar⸗ heit, welche die Reinheit ihrer Ergebenheit, die ver⸗ ſchämte Treue ihrer Seele bezeugte. — Meine Hand gehört einem Andern, flüſterte ſie endlich; was ſoll ich antworten? Döring ergriff ihre ausgeſtreckte Hand und drückte ſie freundlich. — Darf ich meine Frage ſelbſt beantworten? fragte er dann. Ein ſchalkhaftes Lächeln war ihre einzige Antwort, Döring dagegen ſah ſehr enſthaft aus. — Sie erlauben mir? — Sprechen Sie. Glauben Sie vielleicht, daß Marfa wahrſagen könne? — Was ſoll ich wohl glauben? Ich glaube und ich glaube Nichts. Ich glaube Nichts und ich glaube. Wie Ihr Auge ſich verändert, wie Ihre Wange wechſelt, ſo verändert ſich und wechſelt auch mein Glaube. f Willanom heftete einen fragenden, forſchenden Blick auf ihn. — Marfa hat Sie nicht getäuſcht, ſagte ſie endlich, glauben Sie an ihre Worte. — Ich will lieber an die Ihrigen glauben. — Glauben Sie. — Döring drückte von Neuem herzlich ihre Hand. — Wie unausſprechlich glücklich machen Sie mich nicht mit dieſen zwei Worten! Ich glaube Ihnen auch. Zweifel kommen in meiner Seele nicht fort. Ich bin ſelbſt ohne alles Falſch, ohne allen Trug, und ich nehme das gerne auch bei Andern an. Schon ehe Sie mir erlaubten, der Hoffnung auf Ihre Hand zu leben, glaubte ich an Sie. Ich glaubte an Sie vom erſten Augenblick an, wo ich Sie ſah. Erinnern Sie ſich meines Kniefalls in der Eremitage von Petershof? Als Sie den Schleier zurückſchlugen und die Schönheit Ihrer Seele mich über⸗ ſtrömte, da verſiel ich unter Ihren Zauber. Als meines Lebens ſchönſte Hoffnung iſt ſeitdem Ihr Bild mir ge⸗ folgt, obſchon die Ueberzeugung, daß Sie Worowitſch lieben, mich auf einen von der Ehre vorgeſchriebenen Abſtand feſſelte. — Auch jetzt noch findet ſich ein Abſtand zwiſchen uns, bemerkte Willanow. Döring ſprang auf. — Zwiſchen uns? — Zwiſchen uns, ſuhr Willanow fort, ſteht jetzt Orlow's Schatten. Döring blieb einen Augenblick ſtill. 4 — Dieſer Schatten, ſagte er dann, wird verſchwin⸗ den, wie er gekommen iſt. Ich vergaß den Schluß von Marfa's Wahrſagung zu erzählen, nämlich, daß ſie ſagte, mein Glück ruhe in den Händen der Kaiſerin. — Wirklich? in den Händen der Kaiſerin? lächelte Willanow. Alſo nicht in den meinigen, Döring? — Mißdeuten Sie mich nicht. Ich ſagte... — Still, Döring, kein Wort mehr. Ich ſcherzte bloß. Marfa ſagte, Ihr Glück ruhe in den Händen der Kaiſerin, und die Kaiſerin... aber ſehen Sie jetzt 459 nicht aus, als ob Sie ſich mit mir duelliren wollten... was ſagte die Kaiſerin? Doͤring drohte ihr freundlich mit dem Finger. — Keinen Streit jetzt, Döring; ich bitte Sie. Laſſen Sie uns das für ſpäter aufſparen. — Für ſpäter... ich gehe es ein... — Und die Kaiſerin, ſagten Sie? — Marfa hatte ſich kaum ausgeſprochen, als die Kaiſerin das Papier, das ſie Orlow abgenommen hatte, in die Höhe hielt und erklärte, mein Glück ruhe darin. — Wie ſo? — Sie ſehen verwirrt aus, mein Fräulein, und auch ich begreife nicht, was ſie damit meinte. — Sie ſcherzte vielleicht? — Weit entfernt. — Was enthielt das Papier? — Ich weiß es nicht, aber ich bin überzeugt, daß es Etwas enthielt, was mir günſtig iſt. — Aber ich verſtehe nicht... wir ſprachen eigent⸗ lich von Orlow... — Ich glaube, daß das Glück uns näher ſteht, als wir ſelbſt ahnen, daß Orlow's Sonne bereits unter⸗ gegangen iſt, daß ſein Schatten... — Uns nicht mehr trennt? — Das glaube ich. — Still, Döring. So lange mein Verſprechen mich an ihn kettet, ſteht meine Ehre zwiſchen uns. — Und wie weit gebietet Ihnen dieſe zu gehen? — Bis an's Ziel, Döring. — Alſo.... — An den Altar, Döring. — Was höre ich? Wer glauben Sie dann wohl, daß Ihr Verſprechen aufheben werde 2 — Wenn die Kaiſerin und mein Vater es nicht aufheben, ſo bleibt es in Kraft. — Aber mein Gott... doch ich muß Ihnen Recht geben... und ich würde ſelbſt auf die gleiche Art han⸗ deln... und dennoch... wie iſt es möglich, daß Sie ſich nur den Gedanken denken können, ſeine Gattin zu werden? Willanow's Augen ſchloſſen ſich und es entſtand eine augenblickliche Pauſe. Döring's Frage hatte den ſchmerz⸗ lichſten Punkt in ihrer Bruſt berührt, einen Punkt, von welchem aus, wie von einer Wurzel, alle ihre übri⸗ gen Bekümmerniſſe ſich entwickelten. — Ich möchte Ihnen gerne Etwas im Vertrauen mittheilen, brach ſie endlich das Stillſchweigen; aber warum ſehen Sie mich ſo unruhig an? — Sie wollen mir Etwas im Vertrauen mittheilen? — Ich habe mir die Möglichkeit gedacht, mit Or⸗ low getraut zu werden. — Ihre blaſſen Wangen ſagen mir, wie Sie ſich dieſe Möglichkeit gedacht haben. Ihre Hand zittert... — Beunruhigen Sie ſich nicht, Döring. Ich kann mich Ihnen bloß unter der Bedingung anvertrauen, daß Ihre Seele ſtark genug iſt, ein wichtiges Geheimniß zu bewahren. Soll ich fortfahren? — Fahren Sie fort, ich werde Ihr Vertrauen nicht täuſchen. — Ich glaube das. Nur weil Sie ein Mann find, den ich achte, liebe ich Sie auch. Ich ſagte ſo eben, daß ich mir die Möglichkeit gedacht habe, mit Orlow getraut zu werden; aber ich habe mir nie die Möglich⸗ keit gedacht, ſeine Gattin zu werden. — Ich verſtehe Sie nicht. — Sollte ich mit ihm getraut werden, ſo... aber jetzt iſt es Ihre Hand, die zittert, Döring. — So, ſagen Sie, ſo... Eine ſtolze, edle Rührung ergriff Willanow. Mit entſchloſſener Seele ſchaute ſie uber das Leben ihres Herzens hin. Einem Mann angehören, den man verabſcheut, fuhr ſie fort, das heißt ſich ſelbſt erniedrigen. Um meine 461 Eltern zu retten, habe ich ihm meine Hand verſprechen können; aber mein Herz kann ich nur demjenigen ſchen⸗ ken, den ich liebe. Liebe heucheln iſt Gemeinheit. Ich bin ein ſchwaches Mädchen, indeß zittere ich nicht aus Schwachheit vor Orlow; aber wenn ich den Muth habe, mein Gefühl weiblicher Würde zu verrathen, ſo beſitze ich gleichwohl auch den Muth zu ſterben. — Zu ſterben? — Keine Weichheit, Döring, keinen Wankelmuth. Die Religion befiehlt mir zu leben; die Liebe befiehlt zu ſterben. Wem ſoll ich gehorchen? Gottes Stimme in meinem Herzen und in meinem Gewiſſen hat meinen Beſchluß entſchieden, denn ſie hat ſich mit meiner Liebe vereinigt. Es gibt Fälle im Leben, wo die gewöhn⸗ lichen Geſeb der Welt nicht für unſere Stellung paſſen. — Aber... — Halten Sie mich nicht für ſchwach genug, daß ich mich einer Thorheit hingegeben hätte. Als die Kai⸗ ſerin meine Eltern in ihren Schutz nahm, wandte ich mich an meinen Vater und vertraute ihm offen die Um⸗ ſtände an, die mein Verſprechen gegen Orlow veranlaßt hatten. Er hörte mich ruhig an, antwortete mir aber nicht. Ich bat ihn, die Kaiſerin kniefällig um ihre Ver⸗ mittlung und Gnade anzurufen. Da erinnerte er mich, daß er Orlow ſein Verſprechen, ſein Wort gegeben habe. Er war deßhalb nicht hart; weit entfernt, er drückte mich an ſein Herz und Thränen feuchteten ſeine Wangen. O, er litt ſo ſehr wie ich, aber er blieb feſt bei ſeinem Damit iſt's genug in ihren und in ſeinen eigenen Augen gedemüthigt da⸗ ſtehen. Nein, nein, keine Unehre! Bereiten Sie ſich auf einen harten Schlag vor, Döring, es kann ge⸗ ſchehen... — Hören Sie auf, Willanow, hören Sie auf. Es kann nie geſchehen. Bei der allmächtigen Vorſe⸗ 462 hung, es kann nicht! Die Kaiſerin wird die Gefahr abwenden. Mein Glück... und Sie ſind mein Glück ... ruht in ihren Händen, im Inhalt des Dokuments, das ſie bei Marfa bekam. — Auch ich hoffe, Döring. Aber die Hoffnung iſt ein ſchwaches und weiches Rohr, auf welchem die Schwalbe ſich ſchaukelt und ſtirbt. Warum glauben Sie ſo feſt an ein Papier? — Die Worte der Kaiſerin haben ihm Bedeutung verliehen. Es iſt wahr, Ihr Vater muß ſeinen Inhalt kennen. Fräulein Willanow, haben Sie ihn nie ſich darüber äußern gehört? Noch mehr... der Abbé... ah, jetzt weiß ich's... der Abbé verfügt über dieſes Papier... ich muß mit ihm ſprechen... wer iſt er? — Er iſt aus Italien. — Aus Italien? — Aus Neapel. Döring ging ein Licht auf. Auf einmal erinnerte er ſich an Armfelt's Mittheilung über den Tod ſein er Mutter, und daß ſie eine teſtamentariſche Verfügun⸗ hinterlaſſen habe, die vermuthlich für ihn vortheilhaf ſein würde. Konnte wohl das von der Kaiſerin gezeigte Papier dieſe Verfügung enthalten? War der Abbé viel⸗ leicht der Teſtamentsvollſtrecker? Je mehr Döring dieſe Möglichkeiten bedachte, um ſo mehr Wahrſcheinlichkeit gewannen ſie für ihn. — Ich muß mit dem Abbé ſprechen, bemerkte er. — Erklären Sie ſich, Döring... Sie überlegen... was iſt Ihre Abſicht? Sie wollen den Abbé treffen, aber das iſt unmöglich. — Warum? — Weil die Kaiſerin mir verboten hat irgend Je⸗ mand zu ihm und zu meinen Eltern hineinzulaſſen. — Sind ſie Gefangene? — Auf gewiſſe Art. Ich bin ihnen als Gefan⸗ genwärterin beigegeben. — Aber Ihr und —— fed mein Glück hängt davon ab e⸗ 1⸗ 463 daß ich mit ihm ſprechen darf. Sie können es mir nicht abſchlagen.. — Sagen Sie mir, was Sie zu ſagen haben, und ich will es ihm vortragen. Ein anderer, neuer Gedanke ſtieg jetzt in Döring auf. Er hatte ſich ſeiner Geburt erinnert und der That⸗ ſache, daß die daran haftende Unehre juſt der unüber⸗ ſteigliche Abgrund geweſen war, der ſich zwiſchen ihm und Louiſe Poſſe geöffnet hatte. Sollte wohl dieſelbe Unehre auch jetzt denſelben ſchrecklichen Riß in ſeinem Leben veranlaſſen? Dieſe Vorſtellung bedrückte ſeinen Muth mit einer Centnerlaſt. All die freundlichen, ver⸗ heißungsreichen Hoffnungen, die ihn bisher beſeelt hat⸗ ten, ſchwanden jetzt eine um die andere dahin. Die Erinnerung führte ihm ſo lebhaft den Augenblick vor, wo er, auch damals durch das Wohlwollen einer könig⸗ lichen Perſon begünſtigt, am Hof in Stockholm nahe daran geweſen, ein angebetetes Weſen als Braut an ſeine Bruſt zu drücken, als ganz unvermuthet die Ent⸗ deckung ſeiner unehelichen Geburt alle ſeine Hoffnungen vereitelte. Dieſer ſchreckliche Augenblick hatte ihm ſchon oft vorgeſchwebt, noch nie aber ſo lebhaft wie jetzt. Die Erinnerung daran erſchütterte ihn, und der Ge⸗ danke, daß derſelbe Umſtand auch jetzt dieſelben Folgen herbeiführen könnte, ſchnitt mit ſeinem zerfleiſchenden Meſſer tief in ſein Herz. Die düſtere Sturmwoge ſeiner unreinen Geburt hatte ihm Louiſe entriſſen; ſollte die⸗ ſelbe Woge ihm jetzt auch Willanow entreißen? Sollte ſeine Liebe nicht bloß von den Vorwürfen, daß ſie Loui⸗ ſen's Herz zermalmt, bedrückt werden? Sollte auch Wil⸗ lanow ſein Gewiſſen beſchweren? War er wohl von der Vorſehung verurtheilt, das Glück aller derjenigen zu zer⸗ ſtören, die er liebte? Willanow bemerkte mit Unruhe den plötzlichen Ueber⸗ gang bei ihm, konnte ſich aber die Urſache nicht er⸗ ären. — Döring, ſagte ſie, als er immer mehr in ſich 464 ſelbſt verſank, ich ſehe, daß etwas Wunderliches in Ihnen vorgeht. Seien Sie jetzt eben ſo aufrichtig gegen mich, wie ich ſo eben gegen Sie war. Es dürfen keine Ge⸗ heimniſſe zwiſchen uns ſtattfinden, wenn wir einander lieben. In der That ſelbſt, Döring, beſitzt unſere Liebe keine andere Gegenwart, als in der Aufrichtigkeit, und unſer Glück keine andere Freude als im Vertrauen. Sagen Sie mir, Döring, was Ihnen auf dem Herzen liegt, ſo werden Sie ruhiger werden. Ein Herz bedarf immer eines andern. — Bitten Sie mich nicht, Willanow. Ich kann nicht... ich darf nicht... Döring hatte zwar einen Augenblick daran gedacht, ſich Willanow offen anzuvertrauen; aber er verwarf dieſen Plan bald, weil er es ſogar für unpaſſend hielt, mit einem Mädchen über einen Gegenſtand zu ſprechen, wie derjenige war, der ihn jetzt bekümmerte. — Geben Sie mir nur Gelegenheit, Ihren Vater und den Abbé zu treffen, bat er. Sie können mir's nicht abſchlagen. Sie wiſſen nicht... — Ich weiß nicht?... Ei, Döring, ich weiß ſehr gut, daß ich Ihre Bitte abſchlagen muß. Döring ſtarrte ſie verwundert an. — Sie dürfen meine Bitte nicht abſchlagen. Es gilt meine Zukunft... meine Ehre. Sie willigen ein? — Unmäglich, Döring, Sie können nicht wünſchen, daß ich dem Willen der Kaiſerin und meinem gegebenen Wort entgegenhandle. Vertrauen Sie ſich ſtatt deſſen mir an. Nein, nein. — Sie handeln nicht ſo aufrichtig gegen mich, wie ich gegen Sie. Sie haben Unrecht, Döring. Döring fand, daß ſeine Ehre ihm verbot, ein herz⸗ licheres Verhältniß gegen Willanow fortzuſetzen, wenn er nicht zuvor ihrem Vater das Geheimniß ſeiner Ge⸗ burt entdeckt hätte. Wir haben ſchon lange vorherge⸗ ſehen, daß dieſe Anſicht ſich bei ihm geltend machte; 46⁵ aber erſt jetzt, nachdem er ſolche Erfolge gewonnen hatte, erregte ihm die Sache bittere Gewiſſensqualen. — Wenn Sie wüßten, was ich Ihrem Vater zu ſagen habe, ſo würden Sie meinen Wunſch erfüllen. — Ich glaube es nicht. „ Sie erlauben mir nicht, mit ihm zuſammenzu⸗ treffen? — Bitten Sie mich nicht darum. — Dann muß ich mit Gewalt zu ihm eindringen. — Sie werden mich auf ſeiner Schwelle treffen, und ich bin überzeugt, daß, wenn wir einen Kampf mit einander anfangen... — Mit einander? — Daß ich ſiegreich aus demſelben hervorgehen In Döring's Geſicht las man Angſt und Qualen. — Sie verweigern meine Bitte, Ihren Vater treffen zu durfen? — Ja. — Das iſt ſchrecklich, Willanow. — Ich erfülle bloß meine Pflicht, Döring. Muß man nicht auch den Worten eines Mädchens einigen Glauben ſchenken? Obſchon Döring einen ſo hochwichtigen Wunſch, wie derjenige war, den Fürſten und den Abbé treffen zu dürfen, von Willanow vernichtet ſah, ſo konnte er doch nicht umhin, eine Rechtſchaffenheit zu ſchätzen, die ſo muthig an ihrer Pflicht feſthielt, zumal in einer Frage, wobei ſicherlich ihre eigenen Wün he ebenſo wenig ihre Rechnun fanden, als die ſeinigen. — Obſchon ich zu glauben anfange, daß wir Beide am Rand eines Abgrundes ſtehen, ſo weiß ich doch nicht, was ich am Meiſten an Ihnen bewundern ſoll, Ihre Schönheit, Ihr Herz oder Ihren Charakter. — Nichts von allem dem, Döring. Eines jedoch weiß ich, was Sie an mir bewundern können, und das Der Fürſt. II. 30 466 iſt meine Unvorſichtigkeit. Iſt es nicht höchſt unvor⸗ ſichtig, daß ich mich ſo lange hier mit Ihnen aufhalte, daß ich den Untergang der Sonne und die Bemerkungen des Hofes vergeſſe, um mit Ihnen zu ſchwatzen? Ich werde ängſtlich, wenn ich daran denke, Döring... kommen Sie... kommen Sie... laſſen Sie uns auf⸗ brechen und zurückkehren. Sie ſprachen noch viel, aber Nichts mehr über die äußeren Verhältniſſe, worin ſie zu einander ſtanden: das Herz nahm ſich ſein Recht wieder und die Liebe verwob ihr Gold unter ihre Gedanken. Ihre Lage war ihnen jetzt ganz klar; tauſend Schwierigkeiten öffneten Abgründe zwiſchen ihnen... aber jenſeits derſelben, in weiter Ferne erhoben ſich Hügel und Parke, noch beglänzt vom milden Schimmer einer für ihre Hoffnungen aufgehenden Sonne. Sollten ſie wohl je dahin gelangen? Sie wußten es nicht. — Die Hoffnung, hatte Willanow geſagt, iſt ein weiches und ſchwaches Rohr, auf welchem eine Schwalbe ſich ſchaukelt und ſtirbt. Während Branitzka, Menzikow und Protaſow über den See fuhren, entwarf erſtere einen Plan, mittelſt deſ⸗ ſen ſie Armfelt eine geheime Audienz bei dem König ver⸗ ſchaffen zu können hoffte. Menzikow und Protaſow erſchracken indeß über die Kühnheit des Planes und zogen ſich zurück. — Die Kaiſerin wird es mißbilligen, bemerkte ſie, zumal bei der Stellung, worin ſie ſich jetzt zu Guſtav und dem Herzog beſindet. Wir müſſen einen beſſeren Plan ausdenken. 1 Aber was ſich Branitzka einmal in ihren Kopf geſetzt hatte, das war nicht ſo leicht wieder herauszubringen. — Der Plan iſt gut, antwortete ſie, aber ihr habt keinen Muth. Ich werde mit der Kaiſerin ſprechen. 467 — Aber Du vergiſſeſt, daß der König ſich daruber erzürnen könnte, und wir müſſen uns hüten, der Kai⸗ ſerin Etwas anzurathen, was ſie ſpäter bereuen dürfte. — Ich habe mir vorgenommen, Armfelt zu be⸗ weiſen, daß ich ihm helfen kann und helfen will, verſetzte ranitzka, und ich führe meinen Plan allein durch, wenn ihr nicht mitwirken wollt. — Du biſt immer ercentriſch, hartnäckig und eigen⸗ ſinnig. Warum kannſt Du Deinen Verſtand nicht gefangen nehmen, und ſein wie andere Leute? — Darum weil ein gefangener Verſtand ein Sklave der Schwachheit iſt, und weil ſolche andere Leute bloß taugen. Wollt ihr mir beiſtehen oder nicht? — Ich habe keine Luſt, mich bloßzuſtellen. — Und ich auch nicht. Branitzka warf ihnen finſtere Blicke zu. — Wenn man wahrhaft liebt, ſtellt man ſich gern Die Moſchee war ein kleiner, äußerſt prachtvoller ... wir möchten beinahe ſagen... Tempel. Aber verwandelt. Sie behielt zwar noch imm ſehen, wie auch den Namen eines türkiſchen Tempels, aber an ihrem Altar beugten nur Freude und Ver⸗ gnügungen ihr Knie. Die von Jaſpispfeilern getragene Kuppel beſtand aus einer luftigen und hellen Rotunde, von welcher das Tageslicht hereinfiel. Wie auf einer der größeren Kolonnen in der Moſchee Soliman's des roßen die ſogenannte Jungfrauenerprobende oder nackte ſenus von Prarxiteles ſtand, ſo zeigte hier einer der 468 Altäre Aphrodite in dem Augenblick, wo ſie dem Meer entſtiegen, ihren Fuß auf Paphos ſetzte. Die Wände, wie auch die Thüren beſtanden aus marmornen Bas⸗ reliefs, und der Boden war mit Porphyr eingelegt. Vier durchbrochene, vergoldete Thürme oder Minarets, gleichfalls von Pfeilern getragen, umgaben die Moſchee von außen. Als Menzikow und Protaſow in die Moſchee traten, hatte Branitzka der Kaiſerin bereits ihr Anliegen vor⸗ geiragen. ranitzka war heftig und lebhaft; ihre Augen ſtrahl⸗ ten von orientaliſchem Feuer, als ſie den Saal verließ. Die Kaiſerin nickte ihr freundlich und aufmunternd nach. Menzikow und Protaſow bereuten beinahe, daß ſie ihre Betheiligung beim Plane der Gräfin abgelehnt hatten; aber es war jetzt zu ſpät. Protaſow ſah ſich um. Wenn die Kaiſerin bei guter Laune war, ſo durfte ſie gewöhnlich Alles ſchwatzen und thun, was ſie nur wollte. — Wie ſtill es hier iſt, Ew. Majeſtät! redete ſie die Kaiſerin an. — Zwei Liebende verbreiten immer Stille um ſich her. — Die Liebe thut das im Anfang... nachher aber entſchädigt ſie ſich wieder, und lacht um ſo mehr. — Du meinſt alſo, die Liebe habe ihre Uebergänge? — Allerdings, Ew. Majeſtät! — Laß mich Deine Gedanken hören... Du haſt zuweilen ſehr richtige Anſichten. — Alle Frauenzimmer haben das, Ew. Majeſtät, wenn es ſich um die Liebe Anderer handelt; nur in unſrer eigenen ſind wir ein Bischen einfältig. Aber was wollte ich doch ſagen? Ah richtig. Die Liebe be⸗ ginnt immer mit einem Blick, aus einem Blick ver⸗ wandelt ſie ſich in einen Seufzer, aus einem Seufzer in einen Händedruck, aus einem Händedruck in einen 469 er Kniefall, aus einem Kniefall in einen Kuß, aus einem e, Kuß in... 3⸗— Ich dächte, wir könnten damit ſchließen, Pro⸗ t. taſow. 3,— Wie Ew. Majeſtät wollen. Ich für meinen ee Theil ſchließe gern mit dem Kuß. Haben Ew. Maje⸗ ſtät gehört? ,— Was meinſt du, Protaſow? r⸗— Ich hörte ganz deutlich einen Seufzer da drinnen. — Du meinſt alſo, Alerandra und Guſtav befinden l⸗ ſich noch immer im erſten Stadium der Liebe? ß.— Das iſt nicht geſagt, Ew. Majeſtät. Still, jetzt id iſt, glaube ich, der Kniefall vor ſich gegangen. 1ß— Du biſt eine große Närrin, Protaſow. nt— Nicht ſo ſehr, Ew. Majeſtät, als man gewöhn⸗ lich glaubt. Ich bin mitunter auch ſehr verſtändig. ei— Auch in der Liebe? en— In ihr mehr als in allen andern Dingen. Darf ich mir die Frage an Ew. Majeſtät erlauben, ob die ſie jungen Liebenden einander ſchon geküßt haben? — Pfui doch, Protaſow, pfui! m— Haben ſie es nicht gethan? Ach, mein Gott! dann wird auch Nichts aus der Hochzeit. Wenn man er einander recht innig liebt, ſo kann man nicht umhin r. ſich zu küſſen, und wenn man einander nicht liebt, ſo 2 braucht man nur einen Kuß auszutauſchen, dann kommt die Liebe ſogleich. Im Kuß wechſelt man die Seelen, ſt Ew. Majeſtät, man wechſelt die Herzen, man... Während Protaſow ſo plauderte, ging die Seiten⸗ t, thüre in ein inneres Kabinet auf. in Auf der Schwelle zeigte ſich Branitzka als Türkin er gekleidet, aber ſo prachtvoll, daß man ſie eher für eine es Feenkönigin halten konnte. r⸗ Nie hatten ihr majeſtätiſcher Wuchs, ihre nacht⸗ er ſchwarzen Locken, ihre großen, feurigen Augen ſich beſſer en ausgenommen. Das Haar, das in üppigen Locken um die Schul⸗ 2„ 470 äei herabſiel, war mit Diamanten und Perlen über⸗ reut. Vom Kopf wallte in reichen Falten ein Schleier über einen rothen, mit Goldblumen durchwirkten Sammt⸗ rock, der vorn offen war, ſo daß das ſchneeweiße, ihrer Taille wie angegoſſene, gleichfalls mit Goldblumen hor⸗ dirte Kleid ſichtbar wurde. Da wo das Kleid aufhörte, begannen die Mame⸗ lucken, die ſich in ſchneeweißen Spitzen, wie in einem Kranz von Lilien, um den zierlichen Fuß, ein wahres Diminutiv von einem Fuße, ſchloſſen. Um den Leib trug ſie eine Schärpe von Purpur und Gold, woraus der brillantbeſetzte Griff eines Dol⸗ ches hervorſtach. Halsketten und Bruſtjuwelen trugen das Ihrige zum Glanz der ganzen Erſcheinung bei. In der Hand hielt ſie einen Zauberſtab. Langſam führte Branitzka ihre Hand dreimal an bie Stirne, eine im Orient gewöhnliche Begrüßungs⸗ orm. — Hoſch geldun, ſefa geldun,) ſagte ſie. Hierauf ſchritt ſie vorwärts. Guſtav Adolph und Alexandra, denen man gemel⸗ det hatte, daß eine Türkin oder etwas Aehnliches ange⸗ langt ſei, kamen heraus, und als ſie Branitzka erkannten, blieben ſie neugierig ſtehen, um zu ſehen, was ſie vor⸗ nehmen würde. Branitzka ſtand mitten im Zimmer. Von der Rotunde ſtrömte das helle Sonnenlicht über ſie herab, und dieſe Beleuchtung machte ſie noch einnehmender. — Vo ſchöpfte ich meinen erſten Athemzug? ſprach ſte. An den blauen, goldgerandeten Wolken, die über Kaſchmir's zauberiſchen Thaͤlern ſchweben. Wo ſchauten meine Augen zum erſten Mal der Sonne Licht? An Kaſchmir's Strand, wo der Strahl der Sonne ſo klar *) Der gewöhnliche Gruß in der Türkei⸗ 471 iſt, daß er die Trauben ſelbſt in das reinſte Gold ver⸗ wandelt. Wo begann mein Herz zu ſchlagen? Unter dem Tubabaum in Mahomet's Paradies. Wo wohnen meine Väter? Im Reich der Feen, in Dingiſtan, in der Juwelenſtadt. Wo ſchlürfte ich zum erſten Mal aus 89 Becher der Weisheit? Unter Lotusblumen, an den Qüellen des Schadukiam, wo man das kryſtallhelle Waſſer holt, das die Unſterblichen trinken. Wo ſeufzte ich zum erſten Mal? Unter den Turteltauben in Roſet⸗ tas Hainen. Branitzka verſtummte. Sie ſchien beinahe verlegen zu ſein und kaum zu wiſſen, wie ſie fortfahren ſollte. In der That war ſie auch in der orientaliſchen Redeweiſe nicht ſonderlich gut zu Hauſe; aber ſie verließ ſich auf ihr Gedächtniß, und nahm es mit kleinen Irrthümern und Verwechslungen nicht ſo genau. Ihr Wunſch war blos, ihre Rolle mit einigem Geſchick durchführen zu können. In ſo fern war ihr dieß auch gelungen, als ſie bereits die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen hatte. Um ſich indeß nicht in weiteren Orientalismen zu verirren, warf ſie ſich unmittelbar auf ihren Gegenſtand. Um die Logik bekümmerte ſie ſich ganz und gar Nichts, und wenn ſie ſich auch noch ſo viel daraus gemacht hätte, ſo hätte ihr das wahrlich Nichts geholfen, weil ſie nie eine andere ſtudirt hatte, als diejenige, die jedes vernünftige Weſen ſich allmählig erwirbt. Den Zauberſtab gegen Guſtav und Alexandra aus⸗ geſtreckt, wandte ſie ſich zu ihnen. — Ueber eure Häupter, ſprach ſie, iſt der Human⸗ vogel hingeflogen: eine Krone wird ſie auch bald be⸗ ecken. — Du königlicher Jüngling mit Alis holden Augen, fuhr ſie fort, und Du Prinzeſſin mit der zauberiſchen Lo⸗ tusblume in Deinem Blick, was verlangt ihr von mir? Wollt ihr eure Schickſale wiſſen? Die Pagodendroſſel 472 könnte ſie nicht ſo ſchön beſingen, als ihr ſie ſchauet, wenn ihr einander betrachtet. Begehret jedoch, was ihr wollet. Soll ich der Sonne befehlen, niemals über eurer Liebe unterzugehen? Warum jedoch das? Die Liebe haßt nicht das Licht des Mondes, nicht die Dämmerung der Nacht. Soll ich der Erde befehlen, ewig um Euch her zu blühen? Warum jedoch? Schöner als Kaſchmir blüht ein Thal in Eurem Herzen, wo die Seufzer Winde ſind. Was wollt Ihr? Du, Jungfrau, ſchöner als Leila, willſt Du hören, von was Deine Zukunft flüſtert? So lege die Hand auf Deine Bruſt, und eine Peri wird Dir die Räthſel deuten. Und Du, Jüngling, tapferer als Ruſtan, was willſt Du? willſt Du zurückkehren? willſt Du vorwärts ſehen? Du ſchweigſt, Dein Blick ſenkt ſich. Ich komme von dem Stern, wo Deines Vaters Geiſt wohnt. Willſt Du ſeine Stimme hören, willſt Du ſeinen Rath vernehmen? Du wünſcheſt es... Du willſt es... es ſoll Dir auch werden. Branitzka merkte ſelbſt nicht, daß ſie weniger phan⸗ taſtiſch war, was ſie doch ſein wollte, als feierlich, was ſie nicht ſein wollte. Guſtav Adolph IV. blieb ſein ganzes Leben hindurch ziemlich unverändert. Was er als Knabe geweſen, das war er auch als Jüngling; grübelnd, feierlich, ſtarr⸗ köpfig, heftig... Als Branitzka den Namen ſeines Vaters nannte, wurde er von einem Ernſt ergriffen, unter deſſen Ein⸗ fluß die Gedanken an alles Andere verſchwanden. — Dieſer Zauberſtab iſt aus den Ländern der Sonne geholt, fuhr Branitzka fort; Israfils Weltgerichtspoſaune iſt aus dem Stamm des Baumes gemacht, auf welchem dieſer Stab gewachſen iſt; er iſt in einen der Flüſſe des Paradieſes getaucht und Geiſter wohnen in ihm; aus der Hand des Todesengels Esrail iſt er auf die Erde gefallen. Blicket nach Oſten, Weſten, Süden und Nor⸗ den, hört! hört! Branitzka ſchwang den Stab um ſich her, als wäre —-—-— S=—B—õ* 473 ſie von einer Inſpiration ergriffen. Aber noch einmal hielt ſie inne. — Ihr glaubet nicht an meine Macht? bemerkte ſie, und als ſie das eine und andere Lächeln um ſich her ſah, begann ſie zu fürchten, ſie möchte das Intereſſe nicht rege erhalten können. — Ja, Branitzka, ich glaube, antwortete ihr Alerandra, fahre nur fort. Du biſt recht kurzweilig. Branitzka bewegte ſich nicht von der Stelle, ſondern heftete einen fragenden Blick auf Guſtav. — Ich dagegen glaube nicht, daß Sie Ihr Ver⸗ ſprechen zu halten vermögen, ſagte dieſer. Sie hatte ihm einen Nath von ſeinem Vater ver⸗ ſprochen und dieſes Verſprechen beſaß für ihn eine Be⸗ deutung, welche nur diejenigen, die ſeine Erzählung und Gemüthsart kannten, recht verſtehen konnten. Alexandra und Guſtav zogen durch ihre widerſpre⸗ chenden Aeußerungen Aller Augen auf ſich. Die Erſtere erröthete, der Letztere erblaßte. Protaſow, die ſchon gar zu lang hatte ſchweigen müſſen, hielt die Gelegenheit für ungemein günſtig, um ſich jetzt auch in's Geſpräch miſchen zu duüͤrfen. Hatte vielleicht auch ſie einen Zweck? — Ew. Majeſtät, redete ſie Guſtav an, glauben nicht, daß Branitzka die Macht zu zaubern beſitze, Ew. Hoheit dagegen... dabei wandte ſie ſich an Alexan⸗ dra... ſind davon überzeugt. Ach, welch eine herr⸗ liche Gelegenheit jetzt zu wetten um... um... um ... ja um was? Protaſow's ſchalkhaftes Lächeln ſchien anzudeuten, daß ſie ſehr wohl wiſſe, was ſie ſagen wollte, obſchon ſie ſich ſcheue, damit hervorzurücken. Branitzka hatte inzwiſchen einen neuen Leitfaden für ihren Gedanken⸗ gang bekommen und benützte ihn. Um eine roſenrothe Calamata, ſchlug ſie daher vor, um dieſe Liebesranke, welche die Wünſche aller derjeni⸗ gen erfüllt, die in Indra's Himmel wohnen; um einen 474 Tropfen vom Wein des Paradieſes; um den ſchönſten Stoff für den Geſang einer Nachtigall; um den hol⸗ deſten Traum der Liebe; um die froheſte Hoffnung des Herzens... Branitzka wollte ihre Rolle beibehalten, ohne mit ihrem Geſchwatze eigentlich Etwas zu ſagen. — Allerdings, unterbrach Protaſow die Zauberin, wiewohl ich es Ihrer Majeſtät der Kaiſerin anheimſtellen möchte, den Preis der Wette zu beſtimmen. Sie hatte ihr Geſpräch mit der Kaiſerin nicht ver⸗ geſſen und trachtete nach der Möglichkeit Etwas auf die Bahn zu bringen, was ſie als das unzertrennliche Va⸗ demecum der Liebe betrachtete, nämlich einen Kuß. — Ich will das nicht, Protaſow. Branitzka ſoll ihre Räthſel ſelbſt deuten... wettet jetzt. — Was ſagen Ew. Majeſtät? bemerkte Alexandra gegen Guſtav. Wollen wir wetten? — Sehr gern, aber wir können ja von allem dem, was die Gräffn uns vorzuführen beliebt hat, Nichts bekommen. — Verzeihen Ew. Majeſtät, ſiel Protaſow ein, Branitzka kann zaubern. — Nun wohl denn, ich wette gerne und werde nicht ungerne ſehen, wenn ich verliere.. Die Wette wurde abgeſchloſſen. Je näher Branitzka der Kataſtrophe ſelbſt kam, um ſo ängſtlicher wurde ſie. Als ſie ihren Plan entwarf, glaubte ſie ihm einen lediglich ſcherzhaften Charakter geben zu können; aber ihre eigene mehr ernſte als hei⸗ tere Gemüthsart hatte auch in dem Scherz ihr Recht in Anſpruch genommen. Ueberdieß hatte ſie bei der Durchführung ihrer Rolle Etwas gefunden, was ſie früher nicht eingeſehen, nämlich, daß es mehr tragiſch als komiſch war, wenn ſie Guſtav Adolph die Möglich⸗ keit vorſpiegelte, gleichſam mit einem Boten von ſeinem verſtorbenen, hochverehrten Vater zuſammentreffen zu dürfen. Dieſe Bemerkung machte ſie indeß nicht, als 8Hᷣ-. ſie den Eindruck gewahrte, den ihre Worte bei ihm her⸗ vorriefen. Wir haben auch geſehen, daß Menzikow und Protaſow ſich bei ihrer Veranſtaltung nicht betheiligen wollten. Hätte ſie der Kaiſerin ihre Anſichten vollſtändig auseinandergeſetzt, ſo wäre wahrſcheinlich auch Nichts daraus geworden. Nur ihre Ergebenheit gegen Armfelt, erhielt ihren Muth noch aufrecht. — Ew. Majeſtät, begann Branitzka, obſchon mit zunehmendem Herzklopfen, wieder, der Augenblick iſt ge⸗ kommen. Nehmen Sie mich bei der Hand. Der König kam ihrem Wunſche nach, als hätte er einen wirklichen Geiſterbeſchwörer vor ſich gehabt. — Was Sie ſehen oder hören werden, bleibt zwiſchen den Todten und Ihnen. Damit führte ſie ihn an die Seitenthüre, aus welcher ſie ſelbſt gekommen war. Die Thüre öffnete ſich und ſchloß ſich ſogleich hinter ihm. Die Kaiſerin war nicht die Einzige, die dem König mit einer gewiſſen Unruhe folgte. Alexandra bereute auch bereits, daß ſie die Wette eingegangen hatte. Das quã⸗ lende Gefühl, das Alle erfaßte, kam indeß weniger von Branitzka her, als von dem jungen König, deſſen Bläſſe und ernſter Blick ſogar Protaſow verſtimmten. Mit athemloſer Stille waren alle Blicke auf die Thüre geheftet, von wo man Guſtav's Rückkehr erwartete. Er blieb auch nicht lange aus. Wir müſſen ihm folgen. In einem eraltirten Zuſtand der bei Guſtay Adolph IV. vnrchaus nichts Ungewöhnliches war, trat er in das Ka⸗ inet. Ein Mann mit ſtarkem Backenbart und in einem ein⸗ fachen ruſſiſchen Leibrock kam da auf ihn zu. Guſtav war verblüfft, einen Unbekannten zu finden und trat einen Schritt zurück, 478 — Wer ſind Sie, mein Herr? fragte er. Der Unbekannte ſchien über die Frage verwundert. — Ew. Majeſtät erkennen mich nicht? — Nein. — Nur auf dieſe Art wagen Ihre treueſten Diener Ihnen zu nahen. 1 — Wer ſind Sie? — Ich beſaß die Freundſchaft Ihres hohen Vaters in vollerem Maße als irgend ein Anderer, ich empfing ſeinen letzten Willen, und als er ſeinen letzten Seufzer ausſtieß, drückte ich ihm die Augen zu; aber nichts⸗ deſtoweniger muß ich mir ein Zuſammentreffen mit ſei⸗ nem Sohne erſchleichen. — Noch einmal, wer ſind Sie, mein Herr? — Es iſt nicht möglich, daß Ew. Majeſtäͤt mich nicht erkennen. — Nein, mein Herr, nein. — Sie ſcherzen mit Ihrem alten Diener, Ew. Majeſtät. — Nein, habe ich geſagt, nein. Der Unbekannte verrieth eine ſchmerzliche Ueber⸗ raſchung. Mit tiefem Kummer in ſeinen Augen be⸗ trachtete er den König. Dieſer ſtarrte ihn noch immer an. Ohne ein weiteres Wort zu ſagen, löste der Un⸗ bekannte ſeinen langen Bart ab und legte ihn auf den Tiſch. 3— Erkennen Sie mich auch jetzt nicht, Ew. Ma⸗ jeſtät. — Ich erinnere mich... ich erinnere mich nicht... — Iſt's möglich? Nun denn... Der Unbekannte löste jetzt ſeinen Gürtel und legte ſeinen Leibrock ab. Unter demſelben trug er die ſchwediſche Generals⸗ uniform mit mehreren ſchwediſchen Orden. — Ew. Majeſtät, ſagte er, indem er ſich nieder⸗ beugte, nur vor dem Sohn ſeines hohen verſtorbenen Königs und Freundes beugt Armfelt ſein Knie. Vor 477 allen anderen Manarchen Europa's habe ich mit er⸗ hobener und ſtolzer Stirne geſtanden. Guſtav zog ſich jedoch nur noch mehr zurück. — Was bedeutet das, Armfelt? ſagte er endlich. er Ich liebe Maskeraden nicht. Armfelt erhob ſich raſch. Die ungeduldige Bewe⸗ gung in ſeinen Gliedern elertriſirte auch ſeinen Blick. rs— Ew. Majeſtät... ſtammelte er. ig Er ſprach jedoch nicht ſogleich aus, was er ſagen er wollte, ſondern betrachtete den jungen König noch ein⸗ g⸗ mal mit ſprachloſer Verwunderung. i⸗— Ich komme... begann er dann wieder... ich kann wohl ſagen, ich komme vom Todtenbett Ihres Vaters, und Ew. Majeſtät ſcheinen mir den Rücken ch kehren zu wollen. Hören Sie mich jedoch einen Augen⸗ blick an. Ich wünſche im Namen Ihres Vaters zu ſprechen. Ew. Majeſtät ſind jung. Die Lehren der v. Erinnerung müſſen einen großen Werth für Sie haben. Für Schwedens Stellung zu Rußland hat dieſes Jahr⸗ hundert zwei wichtige Epochen gehabt. Die erſte iſt r der bedeutungsvolle Zweikampf dieſer Länder unter e⸗ Karl XII. und Peter J., die zweite iſt der Kampf zwi⸗ 1. ſchen Katharina II. und Guſtav III. In dieſen wech⸗ ⸗ ſelreichen Kämpfen hat unſer Vaterland viel verloren, if aber dennoch ſeine Ehre und Selbſtſtändigkeit bewahrt. Ich kenne Rußlands Politik, und wenn Sie für Ihre ⸗ Nachkommen bewahren wollen, was Ihre Ahnen ge⸗ rettet haben, ſo verſäumen Sie die Gelegenheit nicht, die ſich Ihnen jetzt darbietet. Mit dem Schwert ver⸗ mögen wir fortan unſere Macht nicht wieder zu gewin⸗ e, nen, ſondern nur, ſo Gott will, uns zu vertheidigen. Betreten Sie alſo den Weg des Friedens— auch die⸗ ſer kann Ausſichten auf Siege eröffnen. Intriguen umgeben Siez aber laſſen Sie dadurch die Verbindung 4 nicht hintertreiben, welche die Kaiſerin jetzt ſo ſehnlich 1 wünſcht. Ihr hoher Vater, der größte Monarch ſeiner Zeit, wollte gleichfalls noch gegen Rußland kämpfen, aber er täuſchte ſich über ſeine Kräfte, und bei den Friedensunterhandlungen von Waͤrele ging ſein ein⸗ ſichtsvoller Geiſt zu einem andern Syſtem über. Be⸗ folgen Sie dieſes, Ew. Majeſtät. In dieſes Syſtem paßte Ihre Verbindung mit Alexandra, in der kühnen Abſicht, einmal ſelbſt an die Spitze der ganzen ruſſiſchen Armee gegen die Völkerbewegungen im ſüdlichen Europa zu treten. Ihr Vater ſtarb, Sie leben. Vollenden Sie, was er angefangen hat. Ich bin nunmehr der Einzige, der die Abſichten Ihres hohen Vaters kennt, und wenn Ew. Majeſtät erlauben, ſo werde ich nicht unterlaſſen, ſie Ihnen vollſtändig zu entwickeln. So viel iſt ſicher, daß Sie, Ew. Majeſtät, mit Alexandra an Ihrer Seite, ſich die Liebe der kaiſerlichen Familie erwerben, und dieſe Liebe repräſentirt die mächtigſte Monarchie in der Welt, den am abſoluteſten herrſchen⸗ den Willen. Ich weiß wohl, daß man hier davon träumt, mit Alexandra's ſchöner Hand unſer altes Schwe⸗ den zu zerreißen; aber die Liebe hat noch nie... Ohne ſich noch von ſeiner Verblüfftheit erholt zu haben, hörte Guſtav den Sprecher gleichgültig an. — Laſſen Sie uns dieſes Geſpräch da abbrechen, fiel er ihm in die Rede. — Ew. Majeſtät... — Wir wollen ſpäter daran denken, Armfelt. — Später? — Wenn ich den Thron beſteige... — Mein Gott, Ew. Majeſtät, ich hoffte auch von der Ungerechtigkeit ſprechen zu dürfen, die über mich ergangen iſt... 3 — Wenn ich den Thron beſteige, wiederholte je⸗ doch Guſtav, ſo werde ich Alles das in Erwägung zie⸗ hen; aber keine Maskeraden, Armfelt... bedenken Sie das wohl... keine Maskeraden. Kalt und verſchloſſen, wie er gekommen war, ent⸗ fernte er ſich hierauf wieder. Armfelt ſank in einen Stuhl. Betrübte er ſich 479 über die Art, wie er aufgenommen worden? Mag ſein; aber am tiefſten ſchmerzte es ihn, daß die großen Ge⸗ genſtände, die er in Anregung gebracht, in der Seele des jungen Fürſten keinen Anklang gefunden hatten, ſondern ſpurlos an ſeinen verſchloſſenen Ohren vorüber⸗ gegangen waren. — O mein Vaterland, ſeufzte er, was wird deine Zukunft ſein! Als Guſtav in den Salon zurückkehrte, wo die Kaiſerin und Alexandra ihn erwarteten, beſaß er Selbſt⸗ beherrſchung genug, um eine heitere und ſcherzhafte Miene anzunehmen. Er begriff jetzt, daß Branitzka ihm einen Streich geſpielt hatte. 7. Alexandra, die mit wahrer Angſt ſeine Rückkehr erwartet hatte, war uͤberglücklich, als ſie ſah, daß das Mißvergnügen von ſeiner Stirne geflohen war und ein Lächeln auf ſeinen Lippen ſchwebte. — Branitzka hat Ew. Majeſtät nicht getäuſcht, be⸗ merkte die Kaiſerin; ich ſchließe dieß aus Ihrer Miene. Guſtav, der jetzt klarer ſah, fand, daß er die Rolle eines Zufriedenen ſpielen mußte, obſchon ein gewiſſes bitteres Gefühl ſich bei ihm angeſetzt hatte. — Weit entfernt, Ew. Majeſtät. Die Gräfin iſt eine vollendete Zauberin, und ich geſtehe mit Vergnü⸗ gen, daß ich die Wette verloren habe. Branitzka hatte alle Urſache, ſich über dieſe Worte zu freuen, und ihr Muth kehrte zurück. — Die Wette, ja, es iſt wahr, ſprach die Kaiſerin; was haben Sie denn eigantlich gewettet? — Das kann ich in Wahrheit nicht ſagen, weil... — Nun, Alexandra, was ſagſt denn Du? — Die Wette? ſtammelte ſie. Die Wette? Es war ja bloß ein Scherz. — Und Du, Branitzka? 480 — Ich glaube, daß ich eine Calamata oder ſoge⸗ nannte Liebesranke daran ſetzte. Branitzka war nicht mehr verlegen. Sie ſchien in aller Ruhe darauf zu denken, wie ſie ſich aus dem La⸗ byrinth losmachen ſollte, worein ſie gerathen war. — Aber die Calamata wächst ja im ganzen Um⸗ kreis des ruſſiſchen Reiches nicht. — Ich ſchlug, ſcherzte Branitzka, auch einen Tro⸗ pfen Paradieswein vor. — Albernheiten, gute Branitzka. Du ſetzteſt, glaube ich, auch den ſchönſten Stoff für den lieblichſten Ge⸗ ſang einer Nachtigall. Protaſow näherte ſich der Kaiſerin, um ſich bei der erſten beſten Gelegenheit in's Geſpräch zu miſchen. Nach ihrer wichtigen Miene zu urtheilen, beſchäftigte eine lichte Idee ihre Seele. — Und ferner, ſiel ſie ein, ſchlug Branitzka ja auch den holdeſten Traum der Liebe vor. So poetiſche Einſätze häͤtten meiner Treu Niemand anders als Branitzka einfallen können. Sie ſprach, wenn ich mich recht erinnere; auch von der Hoffnung des Herzens. aber ſo närriſch das Alles zuſammen erſcheint ſo. 9... — So.. was willſt Du ſagen, Protaſow: be⸗ merkte die Kaiſerin. Begreifſt Du Etwas von der gan⸗ zen Sache 2 — Etwas, Ew. Majeſtät, Etwas. Protaſow ſagte dieß in einem höchſt ſchalkhaften Pee⸗ Sie hatte gewiß ihre eigene Anſicht von der Sache.. — So laß mich hören. Wächſt etwa eine Cala⸗ mata in Rußland 2. 4 Branitzka fuhr zuſammen; es ging ihr ein Licht auf, mittelſt deſſen ſie ſich herauszuhelfen hoffte.. — Bitte um Entſchuldigung, Ew. Majeſtät, ſiel ſie ein; aber rechtlich bin wohl ich es, die das Räthſel löſen muß. ei A. N— -— 481 — Wenn Ou es nur könnteſt, meine Freundin! Du ſiehſt unſicher aus. — Ein dunkler Feuerſtrahl glänzte in Branitzka's Augen. Protaſow dagegen lächelte bloß. — Ew. Majeſtät dürften ſich gnädigſt erinnern, antwortete indeß Branitzka, daß ich ſagte, die Calamata erfülle die Wünſche aller derjenigen, die in Indra's Himmel leben. Ich kenne ſolche Blumen, Ew. Majeſtät. Protaſow nickte ihr zu. — Und der Paradieswein, Ew. Majeſtät, auch dieſer findet ſich. — Protaſow hat Recht, Ew. Majeſtät, ich weiß... Branitzka und Protaſow wechſelten einen ſchalk⸗ haften Blick. Beide waren auf eine und dieſelbe Idee gekommen, obſchon die Eine möglicherweiſe auf dem Weg der Leidenſchaft, die Andere auf dem Weg flüch⸗ tigerer Gedanken.. — Ich weiß jetzt auch, was der ſchönſte Stoff für den Geſang einer Nachtigall wäre. — Wirklich, Branitzka?. — Gewiß weiß auch Jedermann, fügte Protaſow hinzu, von was die Liebe am liebſten träumt und nach was jedes Herz... das liebt... am meiſten dürſtet. — Es ſcheint, als verſtündet ihr einander, aber ihr habt das Unglück, von uns Andern nicht verſtanden zu werden. — Nicht? — Ew. Majeſtät Scharfſinn verleugnet ſich. — Wie ſo? — Der Verſtand erleuchtet nicht immer das Herz; manchmal erleuchtet auch das Herz den Verſtand. „ Das Geſicht der Kaiſerin erheiterte ſich dabei und ein Lächeln begann ſich über ihre Züge zu breiten. — Iſt's möglich? verſtehe ich euch recht? Sie drohte ihnen freundlich mit der Hand.— — Du biſt kühn, Branitzka, und Du, Protaſow, Der Fürſt. II. 31 482 biſt leichtſinnig. Inzwiſchen mißverſtehe ich euch viel⸗ leicht. Kommt her, und laßt mich hören, was ihr meint. Branitzka beugte ſich zu der Kaiſerin hinab und üſterte leiſe ein Wort. Protaſow folgte ihrem Bei⸗ ſpiel. Die Kaiſerin lächelte noch freundlicher. — Ihr könnt Recht haben, ſagte ſie; aber... und ſie beſann ſich einen Augenblick... gleichviel je⸗ doch... wir wollen ſehen... wir wollen ſehen. Die Kaiſerin wandte ſich hierauf zu Guſtav und Alexandra, welche aufmerkſam den ganzen Hergang be⸗ obachtet hatten. — Branitzka und Protaſow haben wirklich Recht, ſagte ſie; ich muß zugeben, daß die Wette eingelöst werden kann... was ſagen Sie dazu? Graf von Haga, halten Sie ſich bereit, zu bezahlen, was Sie verloren haben. Und Du, Alexandra... Du weigerſt Dich wohl nicht, eine rechtmaͤßige Forderung einzuziehen? Guſtav verbeugte ſich. — Ich für meinen Theil, Ew. Majeſtät, gehe mit Vergnügen auf Alles ein, was möglich iſt. In Alexandra dürfte eine Ahnung erwacht ſein. Sie willigte gleichfalls ein, aber ſie erröthete. — Die Sache iſt alſo abgemacht und wir werden uns bei einer beſſeren Gelegenheit daran erinnern. Eine beſſere Gelegenheit kam auch bald. Alexan⸗ dra und Guſtav begaben ſich, verlockt von dem herr⸗ lichen Abend, in's Freie. Die Liebe empfindet immer das Bedürfniß, ſich von der Natur umgeben zu ſehen. Nur in der Natur öffnet ſie alle ihre Himmel, nur in ihr glaubt man * ——— 483 ſeine Gedanken um ſich her wieder gegeben zu ſehen, nur in ihr glaubt man zu hören, daß des Herzens war⸗ mer Schlag, daß der Seufzer ſelbſt ein Echo hat. Die Wogen des Sees brachen ſich anmuthig am Strande der Inſel, die Schwäne kamen ſo ſchneeweiß unter den unruhigen Wellen einher, das Grün war ſo lebhaft und friſch. Bei einer vorſpringenden Bucht ſchlängelten ſich Hartriegel und wilde Traubenranken bis in die Baum⸗ wipfel empor, ſchmiegten ſich um Zweig und Zweig, fie⸗ len endlich gleichſam in dunkeln und tiefen Franſen hinab und bildeten auf dieſe Art eine kleine Laube, kühl und behaglich. Alexandra und Guſtav begaben ſich dahin. Die Strahlen der Sonne kosten ſo freundlich die Wolken im Weſten, die Winde athmeten ſo leicht um ſie her, Bäume und Blumen dufteten Geſundheit und Friſche, und wei⸗ ter hinweg ertönte eine holde, ſanfte Muſik, gleich als wollte die Kunſt mit ihren Harmonieen der ringsum herrſchenden Stille eine noch höhere Bedeutung geben. Guſtav und Alexandra hatten einander lange ge⸗ liebt, ohne ſich geſehen zu haben. Die Phantaſie täuſcht nicht immer; manchmal malt ihr Pinſel die Wirklich⸗ keit getreu. Das hatte ſie auch bei dieſen jugendlichen Herzen gethan. Vom erſten Augenblick an, wo ſie ein⸗ ander gefunden, zog Alexandra's ſanfte Schwärmerei Guſtav immer mehr an, waͤhrend Guſtav's abgemeſſe⸗ ner Ernſt für Alexandra eine Stütze wurde, an der ſie ſich als eine ſchwache Ranke ſo gerne feſthing. Während ſie ſich noch an dem ſchönen Behagen des Augenblicks, an der Wolluſt der ſie umgebenden Natur, an dem ſtillen Frieden, welchen das Gefühl ihres Glückes ihnen eingab, erlabten, ſtand unvermuthet die Kaiſerin an ihrer Seite. — Welcher glückliche Zufall, daß ich euch traf. Laßt mich an eurer Unterhaltung Theil nehmen. Von was ſprechet ihr? 915 484 — Wir ſprachen von unſerer Wette, antwortete Guſtav, aber da wir Beide im Räthſellöſen keine Künſt⸗ ler ſind, ſo verſtehen wir ſie noch nicht. Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß der Zufall die Kai⸗ ſerin zu ihnen geführt hatte. — Verſtehſt auch Du Branitzka's Meinung nicht, Alexandra? — Nein, Ew. Majeſtät, flüſterte ſie, ſchlug aber dabei ihre Augen nieder. — Wächst alſo wirklich eine Calamata in Ruß⸗ land? fuagte Guſtav. — Allerdings... glaubſt Du es nicht, Alexandra? Alexandra erröthete; die Kaiſerin lächelte. Nur Gu⸗ ſtav ſchien Nichts zu begreifen. — Ich erinnere mich gehört zu haben, bemerkte er, daß ſie bloß im Orient wachſen ſoll. Ich glaube in den Thälern Kaſchmirs. — Das mag ſein, antwortete die Kaiſerin, aber es gibt gleichwohl auch einen andern Orient, einen aller⸗ liebſten kleinen Orient, wo mancher Jüngling ſich ſehr gern orientirt, und da wächst eine Blume, roſenroth wie die Calamata, und ſie erfüllt alle Wünſche des Herzens... — Iſt's möglich... und dieſer Orient... — Iſt der Mund eines ſchönen Mädchens. — Was ſagen Ew. Majeſtät! ach!... ja... ja ... ich bin recht einfältig geweſen. — Sie waren unſchuldig und das macht einem jun⸗ gen Mann immer Ehre. — Aber der Wein... aber der Paradieswein. 2 — Damit jedes Mannesherz in der Nähe eines ſchö⸗ nen Mädchenmundes Durſt empfinden ſollte, träufelte ein Engel ſchon im Paradies einen Tropfen von Wein der erſten Traube auf die Lippen der erſten Jungfrau. Guſtav hörte. Sein Herz pochte. Fragend wandte er ſich an Alexandra, und das verſchämte Mädchen blühte ſelbſt wie eine wirkliche Calamata oder Liebesranke. — Ihr verſteht mich doch jetzt, ergriff die Kaiſerin 48⁵ wieder das Wort; ihr verſteht wohl, von was der Ge⸗ ſang der Nachtigall handelt? Von der Liebe, könnte man antworten. Das iſt wahr... aber die Liebe, hat ihren Blitz... ihren elektriſchen Funken. Und wie heißt er? Verſteht ihr jetzt, von was unſer Herz am Liebſten träumt, was die Liebe am ſehnlichſten zu gewinnen hofft? Verſteht Ihr wohl..den erſten Kuß? Guſtay ergriff Alexandra's Hand und legte ſie zwiſchen die ſeinigen. Die Bruſt Beider hob ſich. Ge⸗ fühle, wie ſie noch nie empfunden hatten, erwärmten ſie. — Ihr liebt einander, fuhr die Kaiſerin fort. Bin⸗ nen Kurzem werdet Ihr öffentlich verlobt werden. Ich will es jetzt im Stillen thun. Ich liebe Alexandra, als wäre ſie meine eigene Tochter; Guſtav, laſſen Sie mich auch Sie lieben, als waͤren Sie mein Sohn. Möge der Himmel Euch glücklich machen, das wird mich er⸗ freuen und auch mich glücklich machen... Nun, löſet jetzt Eure Wette ein. Alexandra und Guſtav ſanken ſich an die Bruſt. Um keine Calamata in der Welt hätte Guſtav den Kuß vertauſchen mögen, den er dem erröthenden Mädchen auf die Lippen druckte. Achtes Kapitel. Das Tournier. Nach unſerer Abreiſe von Zarskoje⸗Selo, dieſem prachtvollen Luſtſchloß, von welchem Prinz Heinrich von Preußen äußerte, es fehle bloß an einem„Etui, um es aufzubewahren,“« übergehen wir einige Tage und bege⸗ ben uns direkt nach Gatſchina, wohin der Großfuͤrſt Pan die Kaiſerin und Guſtav Adolph IV. eingeladen atte. 486 Gatſchina liegt ſchön am Iſchora. Ohne mit einem der übrigen kaiſerlichen Luſtſchlöſſer wetteifern zu können, hat es ein ſehr impoſantes Ausſehen. Erſt im Jahr 1796 wurde der Platz von Paul zum Rang und zur Würde einer Stadt erhoben. Der Großfürſt hatte ſeine Gäſte zu einem Tournier eingeladen, dergleichen man in der Mitte oder zu Ende des vorigen Jahrhunderts am einen oder andern Hof aufzuführen pflegte. Um jedoch der Sache für den Schwedenkönig eine noch ausgezeichnetere Bedeutung zu geben, hatte man beſchloſſen, daß er in den Malteſerorden aufgenommen werden ſollte. Man weiß, wie die Johanniter oder Hoſpitalbrüder von Land zu Land, von Inſel zu Inſel vertrieben wurden. Aus Paläſtina verjagt, ſchlugen ſie ihren Wohnſitz in Cypern auf, von Cypern begaben ſie ſich nach Rhodus, von Rhodus gingen ſie nach Candia, ſodann nach Ve⸗ nedig, Rom, Nizza, Syrakus, bis ſie endlich die Inſel Malta erhielten und den Namen Malteſerritter annah⸗ men; aber auch von da verjagte ſie zuletzt Napoleon und nun ließen ſie ſich in Catanea in Sicilien nieder, mußten jedoch bald auf Befehl des Papſtes nach Ferrara über⸗ ſiedeln. Die letzten matten Strahlen der Sonne, welche ſo herrlich uͤber der an Heldenthaten reichen und glän⸗ zenden Periode der Kreuzzüge geleuchtet, erloſchen auf dieſe Art in flüchtigen Nebeln und Schatten. Aber auch auf das nördliche Europa ſollte noch ein matter Strahl fallen. Die ſchwediſche Inſel Gothland wurde die letzte Hoffnung des Ordens. Der Großfürſt Paul war in den Malteſerorden auf⸗ enommen worden, und wurde ein eifriger Freund und Beſchützer des bereits auf ſeinem Todtenbett liegenden Bundes. In Folge einer Uebereinkunft mit dem da⸗ maligen Großmeiſter des Ordens, Baron von Hompeſch, 487 uahm Paul ſeine Stelle ein. Politiſche Intereſſen, über⸗ einſtimmende Grundſätze und die Pläne, die man ſchon damals für die Zukunft zu entwerfen anfing, wurden natürliche Gründe für Guſtav Adolph's Eintritt in den Orden. Man ließ auch die Gelegenheit nicht unbedingt vorübergehen.*) *) Für diejenigen, die Näheres darüber zu erfahren wünſchen, theilen wir nachſtehende, der Gothlän⸗ diſchen Zeitung entnommene Notiz mit: Paul's Ergebenheit gegen den Orden beruhte auf ſeiner Vorliebe für den Adel überhaupt. Man hatte ihm nämlich vorgeſchwatzt, daß der ganze franzöſiſche Adel, der ſich während der Revolution aus Frankreich geflüchtet, ein Opfer ſeiner Liebe für den Monarchen ſei, wie er eine Stütze der Monarchie geweſen. Daher kam nicht bloß die Freigebigkeit, womit er viele von dieſen Unglück⸗ lichen unterſtützte, ſondern er erblickte auch in je⸗ dem Adeligen einen natürlichen und geſchworenen Feind der Grundſätze der Freiheit und Gleichheit, die von den Wortführern der Revolution unauf⸗ hoͤrlich gepredigt wurden und einen großen Theil der Regenten Europa's erſchreckten. Da nun der Malteſerorden, ſeinen Statuten gemäß, nur aus Edelleuten, wiewohl von allen Nationen, beſtehen durfte, ſo betrachtete er dieſen Orden als einen Vereinigungspunkt für Alles, was Adel hieß. Guſtav Ado ph, der in ſehr vielen Beziehungen die Grundſätze des Kaiſers Paul theilte und wäh⸗ rend ſeines Aufenthalts in Petersburg in die höhe⸗ ren Grade des Ordens aufgenommen worden war, kam nach Paul's Tod auf den Einfall, die Ritter in die Oſtſee zu verpflanzen und ihnen Gothland als Wohnſitz zu überlaſſen. Vielleicht hatte er da⸗ bei den geheimen Plan, ſich mit der Zeit auf den ſie, Sobald die Kaiſerin nach Gatſchina kam, erklaͤrte daß ſie keine Aufwartungen annehme, weil ſie von Großmeiſterſtuhl emporzuſchwingen, und er brauchte hiebei von Seiten des ruſſiſchen Hofes um ſo we⸗ niger Widerſtand zu fürchten, als Alexander ſich bloß als Beſchützer des Ordens erklärt hatte. Auch das machte kein Hinderniß, daß die Malteſerritter durch ihren Eid verpflichtet waren, einen ewigen Krieg gegen die Ungläubigen zu führen, worunter man in den letzteren Jahren nur die afrikaniſchen Seeräuberſtaaten verſtehen konnte; denn Paul hatte Frieden geſtiftet zwiſchen dem Orden und ſeinen älteſten geſchworenen Feinden, den Türken. Es wurden ÜUnterhandlungen wegen dieſer Ueberſiede⸗ lung eingeleitet und der König ſchickte einen in ſchwediſchen Dienſten ſtehenden Engländer, Namens Matthews, Aa Catanea auf Sicilien, wo der eigentliche Hauptſitz war. Die Ritter begannen den Vorſchlag in Erwägung zu Fiehen, und ob⸗ ſchon ſie, da ſie an das wärmſte Klima Europa's gewöhnt waren, ſo hoch oben im Norden zu frie⸗ ren fürchteten, ſo waren gleichwohl die ihnen ver⸗ heißenen Vortheile zu bedeutend, als daß ſie den Antrag ablehnen durften, zumal da es nicht un⸗ möglich ſchien, daß ſie früher oder ſpäter von den Franzoſen aus Sieilien vertrieben werden könnten. Ihr Geſandter am ruſſiſchen Hof erhielt alſo Be⸗ fehl, dem Kaiſer, ohne deſſen Einwilligung ſie Nichts unternehmen konnten, den Plan vorzulegen und ſodann durch den ſchwediſchen Geſandten die Unterhandlungen fortzuſetzen. Die Ritter ſchienen die Sache ſo anzuſehen, als ob ſie durch die Annahme Gothlands Schweden einen wahren Dienſt erwieſen, indem ſie ſich ver⸗ pflichteten, zum Dank für die Schenkung, dem 1—n8 K N — —9 2-2—— N Aᷣ—'A N N 489 der Reiſe ermüdet ſei, und begab ſich auf ihr Zimmer. Sie war nämlich krank, obſchon ſie es nicht wollte be⸗ kannt werden laſſen. Die Nacht ging vorüber und der Tag des Tur⸗ nieres kam. Die Natur war düſter und trübe. Finſtere Wolken zogen über den Himmel hin. Die Parke und Haine verbreiteten keine eigenen Schatten um ſich her; ein einziger großer Schlagſchatten ruhte über der ganzen Gegend. Schon ein einfacher Beſuch der Kaiſerin in Gatſchina würde die Bevölkerung der Gegend veranlaßt haben, in zahlloſen Schaaren herbeizuſtrömen, und jetzt ſie den König von Schweden mitbrachte, war der Zu⸗ drang natürlich noch weit größer. Jedermann wollte den Fürſten ſehen, der übers Meer gekommen war, um in Rußland eine Braut zu gewinnen. Auf das Turnier, ſchwediſchen Handel Schutz zu verſchaffen; aber da ſie ſogar in ihrer blühendſten Periode und ſelbſt von einer Inſel des Mittelmeeres aus der Seeräuberei nicht zu ſteuern vermocht hatten, ſo iſt im ſchwediſchen Reich anſäßig zu ſehen, erſetzt wor⸗ den. Die wichtigeren Ereigniſſe, die den König Haftin a⸗ veranlaßten inzwiſchen 490 von dem man ſchon ſeit dem Beginn der Vorbereitun⸗ en dazu unaufhörlich geſprochen hatte, ſtachelte die eugierde in nicht geringem Maaße. Die Kaiſerin hatte verſprochen, am Vormittag allen Denjenigen, welche ihr die Aufwartung zu machen wünſchten, Audienz zu ertheilen; aber Niemand wurde vorgelaſſen. Die Säle des Hofes waren gedrängt voll, theils von den Mitgliedern des Hofes ſelbſt, theils von ein⸗ geladenen Gäſten; unüberſehbar dagegen waren die Volksmaſſen, die im Burghof, im Park oder um die große, fuͤr das Turnier eingerichtete Arena her wim⸗ melten. Je dichter das Gedränge an einem Ort iſt, um ſo größer iſt auch die Neugierde. Der König und der Großfürſt zeigten ſich auf einem Balkon und wurden von dem Volk mit ſtürmiſchen Hurrahrufen empfangen. Aber die Kaiſerin ließ ſich nicht blicken; wo war die Kaiſerin? Alle fragten, Niemand antwortete. Treten wir ins Vorzimmer der Kaiſerin. „Katharinens Edelmuth, der Glanz ihrer Regierung, die Pracht ihres Hofes, ihre Einrichtungen, ihre Denk⸗ mäler und Kriege— ſagt ein Geſchichtſchreiber— ſind für Rußland daſſelbe, was das Zeitalter Ludwigs XIV. für Europa war; aber Katharina war perſönlich größer als Ludwig. Ludwig verdankte ſeinen Ruhm ſeinen Franzoſen, Katharina beglänzte ihre Ruſſen mit dem ihrigen: ſie hatte nicht den Vortheil, über ein bereits gebildetes Volk zu regieren und von großen Männern umgeben zu ſein. Sie beſaß zwar einige verſchmitzte Diplomaten und glückliche Generäle; aber mit Aus⸗ nahme Romanzows, Paniens und Potemkins beſaß ſie keine Männer von Genie.— S SOS—N en 491 „Die Kaiſerin genoß alle Arten von Vergnügungen, ohne darum ihre Regierungsgeſchäfte auch nur im Min⸗ deſten zu vernachläſſigen. Vom Conſeil hinweg begab ſie ſich oft auf einen Ball oder in ein Theater, und nach der wichtigſten Senatsſitzung überließ ſie ſich fröh⸗ lichen Zeitvertreiben. Sie ertheilte fremden Miniſtern Audienz, ohne hiezu größerer Vorbereitungen zu bedür⸗ fen, als wenn ſie ein Mitglied ihres eigenen Hofes em⸗ pfing, und ſie diktirte einen Ukas mit derſelben Leichtig⸗ keit wie ein Liebesbriefchen. Jede Art von Ehre lag ihr am Herzen und ſie wußte ſich Zwang anzulegen, um welche zu gewinnen.“ Wenige Weiber haben das Talent„ Alle zu bezaubern, die in ihre Nähe kamen„ in höherem Maße beſeſſen als ſie. Die majeſtätiſche Anmuth ihres Weſens, ihre einnehmende Erſcheinung und ihre eiſtreiche Unterhaltung verliehen ihr eine unwider⸗ ſehliche Liebenswürdigkeit. In Folge der natürlichen, einfachen und zwangloſen Freiheit, welche ſie ihrer nächſten Umgebung einräumte, verſchwand in den ge⸗ wöhnlichen Verhältniſſen das Bedrückende, was in der ihr als Monarchin zuſtehenden Macht über der Menſchen Wohl und Wehe, über Leben und Tod lag, und ſie er⸗ ſchien nur als eine ausgezeichnete und einnehmende Dame. Wenn wir indeß früher ſehr häufig geſehen haben, daß in ihrer Umgebung Freude und Zufriedenheit von allen Geſichtern ſtrahlten, ſo bietet gleichwohl das Zim⸗ mer, das wir jetzt betreten, ein ganz anderes Ausſehen dar. Bekümmerniß ſteht in jedem Auge, Verſtimmtheit in jedem Blick zu leſen, Ernſt ruht auf jeder Stirne, und Unruhe ſpricht halbflüſternd, gleichſam ihre eigene Stimme fürchtend, aus jedem Munde. „Branitzka ging auf und ab, gleich als bedürfte ſie dieſer Zerſtreuung für ihre Gedanken. Menzikow ſaß nachdenklich und grübelnd, mit verſchloſſenen Augen auf 492 einem Sopha. Selbſt Protaſow, der es ſonſt ſo ſchwer fiel, ihren Vorwitz im Zaum zu halten, war gäͤnzlich verſtummt. Vorſichtig und ſchweigſam ſchlich zwar mitunter der eine und andere Würdenträger des Hofes durch das Zimmer, aber keine der Damen ſchien im Mindeſten darauf zu achten. Endlich zeigte’ſich Döring in der Thüre, aber gleich als fürchtete er ein großes Unglück, blieb er auf der Schwelle ſtehen, in der augenſcheinlichen Abſicht, aus dem Ausdruck in den Geſichtern der Anweſenden zu ſchließen, in wie weitſeine Beſorgniß begründet ſei oder nicht. Außer dem Fräulein Protaſow, die ihn zu ſich winkte, waren alle Andere zu ſehr von ihren eigenen Gedan⸗ ken in Anſpruch genommen, um ihm die mindeſte Auf⸗ merkſamkeit zu widmen. Froh darüber, wenigſtens von einer einzigen Perſon bemerkt worden zu ſein, begab er ſich ſogleich zu ihr. — Iſt es wahr, daß die Kaiſerin krank iſt? fragte er; man flüſtert davon. — Flüſtert man? das iſt ſchrecklich, daß man zu fluſtern wagt, wenn die Kaiſerin es nicht haben will. Aber ſetzen Sie ſich, Döring; es iſt gut, daß Sie ge⸗ kommen ſind, ich habe jetzt doch wenigſtens eine einzige Perſon, mit der ich ſprechen kann. Was iſt es, das man von der Kaiſerin zu flüſtern wagt? — Daß ſie krank ſei. — Es iſt wahr, aber wie hat man es erfahren können? Wir haben Befehl, zu ſchweigen wie eine Wand, und, lſber meinen Mund iſt es nicht gekommen, ſo viel weiß ich. — Iſt ſie gefährlich krank?2 — Sprechen Sie nicht ſo laut... um Alles in der Welt... nicht ſo laut. Wenn Jemand uns hört, ſo ſind wir unglücklich. Die Kaiſerin will nicht haben, daß man ſie krank glauben ſoll. Die Schminke macht ſie jung, der Glanz ihres Auges verleiht ihr Friſche, no das hat Ei wa berꝛ falle kran regt Fieb war hu, ————— 493 — Daß man drinnen ſprach. — Still! — Wer iſt bei der Kaiſerin? — Orlow und... — Graf Orlow? — Wie ich ſage. Dieſe Nachricht erſchreckte Döring und er wurde noch aufmerkſamer als bisher. — Wenn Graf Orlow drinnen iſt, ſo hat er alſo das Vertrauen der Kaiſerin wieder gewonnen? fragte er. — Es ſieht beinahe ſo aus. In den letzten Tagen hat er oft Audienz gehabt und heute früh war er der Einzige, den ſie zu ſich berief. Aber um Gottes willen, was iſt Ihnen? — Nichts, Nichts... fahren Sie fort... er iſt berufen worden... was wollten Sie noch weiter ſagen? — Sie ſind aufbrauſend... hüten Sie ſich jeden⸗ falls vor Krämpfen, Döring... dieß iſt keine Männer⸗ krankheit. Döring faßte ſich wieder, aber qualvolle Ahnungen regten ihn auf. — Sie ſagten, die Kaiſerin habe heute Nacht im Fieberwahnſinn einen Namen gerufen... 8. 5 1 — ZJa, Döring.. einen einzigen Namen... es war recht unheimli dieſes ewige Jammern zu hören... „ wenn ich daran denke, 494 Ich bin durchaus nicht zu ängſtlich, aber Sie dürfen mir glauben... — Aber welcher Name war es denn, der ſie ſo be⸗ ſtändig beſchäftigte? — Der Name Tarrakanow, Döring, Tarrakanow. Sie haben vielleicht gehört, daß ſich gewiſſe entſetzliche Geſchichten an dieſen Namen knüpfen. — Ich weiß... ſie ſtarb ja im Gefängniß bei einer Ueberſchwemmung... — Wenn das Alles wäre... aber... — Ich erinnere mich jetzt auch, daß vor einiger Zeit ein Gerücht wiſſen wollte, ſie lebe noch. — Vor einiger Zeit, ſagen Sie. Das Gerücht geht noch immer, Döring, und Gott weiß, woher es kommen mag. All' die Leute, die in der letzten Woche Audienz bei der Kaiſerin hatten, haben ihr tauſenderlei Mährchen vorgeſchwatzt, ohne daß wir, ihre tägliche Umgebung, begriffen, wie viel Marterndes darin für ſie lag. Aber heute Nacht, Döring, heute Nacht.. oh, es wäre unmöglich, dieß zu beſchreiben... heute Nacht ſah ſie in beſtändigen Fieberparoxismen unaufhörlich Tarrakanow's Geſpenſt an ihrem Bette... hören Sie Nichts... ich meine beſtimmt, eine Stimme drinnen zu 44... ſtill... es iſt nicht Orlow's Stimme... es iſt... — Iſt außer Orlow noch Jemand drinnen? — Auch Fräulein Willanow. — Willanow? — Um's Himmeswillen, Döring, ſterben Sie nicht in meinen Armen. Sie werden ja leichenblaß. — Willanow, ſagen Sie, Willanow? — Verzeihen Sie mir, Döring, daß ich dieſen Na⸗ men nannte. Ich dachte nicht an die Neigung, die Sie für einander hegen. Aber ich beklage Sie auſf⸗ richtig, Döring, von ganzem Herzen. Ich begreife ſo wohl, wie zwei Perſonen leiden müſſen, die ſich lieben —= =SSS=A e ih gl die no ein nie um Ho ber und alle Hoffnung verloren haben, einander zu bekom⸗ men. Es gibt da nur eine einzige Rettun Protaſow machte eine ſchalkhafte Miene. — Gibt es doch eine? ſagen Sie mir... ſagen Sie mir... was meinen Sie? — Natürlich nichts Anderes, als daß Sie jetzt an⸗ fangen müſſen, einer Andern den Hof zu machen. Döring's Stirn ſank in ſeine Hand hinab. Pro⸗ taſow hielt das Hofmachen für Liebe und wußte nicht einmal, daß ſie eine Dummheit geſagt hatte. Döring ergriff indeß bald ihre Hand und ſchaute ihr in die Augen auf eine Art, daß ſie erſchrocken zurückfuhr. .. — Nie, mein Fräulein, nie! — So heftig pflegt auch Branitzka ſich auszudrücken; ihr Beide würdet für einander paſſen. — Sagen Sie mir, mein Fräulein, warum Sie glauben, daß alle Hoffnung für mich verloren ſei. — Eine höchſt ſonderbare Frage. Darum, weil die Kaiſeren Orlow ihre Einwilligung gegeben hat, wozu noch kommt, daß Willanow ſelbſt und ſogar ihre Eltern einverſtanden ſind. „ Döring hatte ſeine letzte Unterredung mit Willanow nicht vergeſſen, und er wußte, daß ſie Nichts thun wurde, um die Vermählung zu verhindern. — Darum ferner, fuhr Protaſow fort, weil die Hochzeit auf heute Abend feſtgeſetzt iſt und die Kapelle bereits hiezu in Ordnung gebracht wird. Döring rang ſeine Hände. 496 — Darum endlich, ſprach Protaſow weiter, weil Willanow's Brautkleid auf Befehl der Kaiſerin bereits fertig iſt und die Brautjungfern ausgewählt ſind. — Aber Orlow hatte ja die Gewogenheit der Kai⸗ ſerin verloren und man hoffte, daß ſie... — Daß ſie ihr Verſprechen zurücknehmen würde ... das mag ſein... aber Sie ſehen wohl ein, Dö⸗ ring, daß man die Audienzen, die Orlow in den letzten Tagen beinahe öfter als früher bei der Kaiſerin hatte, nicht als Ungnade betrachten kann. Heute zum Bei⸗ ſpiel... hören Sie... jetzt ſpricht man wieder drin⸗ nen... es war... — Heute zum Beiſpiel, ſagten Sie... fahren Sie fort... fahren Sie fort... heute zum Beiſpiel... — Heute zum Beiſpiel hat die Kaiſerin erklärt, daß ſie nur Orlow empfangen wolle und keinen Andern. Be⸗ weist das etwa eine Ungnade? — Nein, nein! Döring achtete nicht weiter auf das Gerede des Fränleins. Plötzlich legte er jedoch ſeine Hand auf die ihrige. — Fräulein, ſagte er, wenn die Kaiſerin Orlow empfangen konnte, ſo muß ſie ſich alſo jetzt beſſer be⸗ finden, als heute Nacht? — Natürlich; aber jedenfalls iſt ſie noch ſehr un⸗ wohl. Sie kann ſich kaum von der Stelle bewegen. — Halten Sie es für möglich, eine Audienz zu erhalten? — Der alte Kammerdiener der Kaiſerin ſitzt an⸗ der Thüre. Er hat ſtengen Befehl, Niemand einzulaſ⸗ ſen... nicht einmal wir Frauenzimmer erhalten Zutritt. — Alſo nur Orlow und Willanow? — Wie Sie ſagen. Entſchloſſen ſtand Döring auf und begab ſich zu dem Kammerdiener. — Alter Freund, ſagte er zu ihm, haben Sie die Güte, mich bei der Kaiſerin anzumelden. 497 Der Alte ſchüttelte den Kopf. — Sie wiſſen, daß die Kaiſerin mich nicht un⸗ gern ſieht. — Das iſt mir nicht unbekannt; aber ſie hat mir ſtreng verboten, Jemand anzumelden oder einzulaſſen. — Und all' die Leute, die draußen auf eine Au⸗ dienz warten, werden auch ſie abgewieſen? Der Alte zuckte bejahend die Achſeln. Döring legte freundlich die Hand auf ihn. — Wenn die Jugend Kummer hat, ſagte er, an wen ſoll ſie ſich um Hülfe wenden, als an das Alter? Helfen Sie mir jetzt zur Kaiſerin hinein, und ich werde Sie lieben, wie wenn Sie mein Vater wären. Ich habe wichtige Dinge mit der Kaiſerin zu ſprechen. Unter Anderm wiſſen Sie, daß ich am Turnier Theil neh⸗ men werde... — Ich glaube nicht, daß die Kaiſerin heute ein Turnier beſuchen wird. — Laſſen Sie mich nur zu ihr hinein. — Nein. — Ich flehe Sie an. — Dringen Sie nicht in mich. Still... ich bitte Sie... ſtill, es kommt Jemand. Die Thüre der Kaiſerin öffnete ſich und Orlow trat heraus. Seine Haltung, ſein Gang, die Zufrie⸗ denheit in ſeinem Blick und der Stolz auf ſeiner Stirne bewieſen, daß er ſich noch in der Gunſt der Kaiſerin behauptete. Den herausfordernden Blick, den er Dö⸗ ring zuwarf, während ein bitterer Zug ſich um ſeine Lippen legte, wußte dieſer ſich ſehr leicht zu deuten. Aber die Aufmerkſamkeit des jungen Mannes verweilte nur ganz flüchtig auf Orlow's Perſon, weil die ge⸗ öffnete Thüre ihm einen andern Anblick gewährte, der ihn mehr intereſſirte. Drinnen ſah er nämlich Willanow, das Geſicht in ihren Händen begraben, auf den Knieen neben dem Divan liegen, auf welchem die Kaiſerin ruhte. Der Fürſt. II. 32 498 Im nächſten Augenblick ging die Thuͤre wieder zu, aber Döring hatte bereits ſeine Schlußfolgerungen gezogen und ohne ſich um etwas Weiteres zu beküm⸗ mern, eilte er hinaus und ſank endlich neben Arakt⸗ ſchejew auf einen Stuhl nieder. — Was iſt Dir, Döring? fragte dieſer. Du ſiehſt aus, als ob Du aus einem Todtenhaus kämeſt. Iſt es jetzt Zeit, zu verzweifeln? Siehſt Du nicht, daß ich be⸗ reits angezogen bin? Spute Dich, Döring... Das Turnier beginnt in einer Viertelſtunde und die Pferde ſtampfen bereits draußen. Mechaniſch ließ Döring ſich ſeine Rüſtung anlegen. — Du vergiſſeſt, ſprach Araktſchejew wieder, daß Du Schweden repräſentiren mußt. Du mußt friſch und fröhlich ſein, ſonſt gewinne ich Dir den Lorbeerkranz ab. Ein kranker und verzweifelter Held iſt ſchon halb geſchlagen. — Ich liebe... — Um ſo ſtolzer und muthiger mußt Du ſein: wenn die Liebe nicht bloße Empfindelei iſt, ſo flößt ſie dem Manne Muth ein. — Ich bin unglücklich. — Das bilden ſich alle Liebhaber ein. Biſt Du jetzt fertig? — g. In dieſem Augenblick berief ein Page Beide zur Kaiſerin. Auf einem großen Feld in der Nähe des Parkes hatte der Großfuͤrſt die Turnierbahn herrichten laſſen. Ein hohes, grünangeſtrichenes Gerüſte, mit kaiſer⸗ lichen Kronen geſchmückt, dehnte ſich längs der einen Seite der Arena hin. In der Mitte hatte die kaiſer⸗ liche Familie ihren Platz unter einem Thronhimmel von Seide und Gold. 499 Die Auslaͤnder, Corps und Corporationen, die zu dem Feſte eingeladen waren, hatten ihren Platz dem kaiſerlichen gegenüber. Die Turnierſchranke war aus Lanzen erbaut und i gewiſſen Abſtänden flatterten ruſſiſche und ſchwediſche ahnen. Auf der langen Seite des Kampfplatzes war das roße Thor angebracht, durch welches die Ritter herein⸗ ommen ſollten. Nahe dabei befand ſich der für die Kampfrichter beſtimmte erhöhte Platz. Die Truppen, über welche der Großfürſt in Gat⸗ ſchina verfügte, waren als Schildwachen ausgeſtellt. Seitwärts vom Eingang ſaßen mehrere Herolde zu Pferd, um die ankommenden Ritter zu empfangen. Das Volk hielt in zahlloſen Maſſen bereits alle zugängliche Plätze beſetzt. Nicht bloß die Gerüſte waren voll, ſondern man drang auch von allen Seiten ein. So weit das Auge ſah, drückte ſich Kopf an Kopf. Alle Anhöhen waren mit Neugierigen beſetzt, von jedem Baume ſchauten Augen herab. Wie in einem Ameiſen⸗ haufen alle kleinen Theile ſich zu bewegen ſcheinen, ſo bewegte ſich auch hier jeder Fleck, als haͤtte er Leben erhalten. Der König von Schweden, der Großfürſt und die übrige kaiferliche Familie hatten bereits ihre Plätze ein⸗ genommen. Nur die Kaiſerin fehlte und der leere Platz unter dem Thronhimmel ſchien auch eine Leere in allen Her⸗ zen hervorgerufen zu haben. Das Volk war ebenſo düſter und verſtimmt, wie der Himmel. Der Großfürſt hatte von ſeiner hohen Mutter ſchon ſo zahlreiche Beweiſe ihrer Unzufriedenheit erhalten, daß er nicht wußte, wie er ſich ihr Ausbleiben erklären ſollte. Man hatte ihn zwar verſichert, daß ſie krank ſei, aber die Sache ließ ſich leicht auch als eine Un⸗ gnade auslegen. 32* 500 Alexandra war ſchöner als je. Auf den Wunſch der Kaiſerin war ſie zur Preisvertheilerin auserſehen worden und ſie ſtrahlte von jugendlichem Liebreiz. An ihrer Seite ſtand Guſtav. Kaum erſt in den Malteſer⸗ orden aufgenommen, trug er die Inſignien deſſelben, die weiße Achſelſchärpe mit dem rothen Kreuz. Neugierig fragende Blicke kamen von allen Seiten her. Die große Menge wußte noch nicht, warum die Kaiſerin ausblieb; in der Ferne ſchien ſich ſogar bei⸗ nahe ein dumpfes Gemurre kundgeben zu wollen. Der Anblick war äußerſt prachtvoll. Ueberall zeig⸗ ten ſich bunte Uniformen aus allen Zeiten und allen möglichen Himmelsgegenden, aus denen die ruſſiſche Monarchie zuſammengeſetzt iſt. Neben den dreiſpitzigen Federhüten ſchimmerten juwelengeſchmückte Turbane, und zur Seite des goldgeſtickten ruſſiſchen Reiterdolmans glänzte eines Tſcherkeſſenfürſten halbvergoldete Mütze oder ein Kurde mit ſeiner purpurflammenden Kappe und ſeinem dunkelbraunen Mantel. Der Großfürſt hatte einen Oberhofmarſchall abge⸗ ſchickt, um noch einmal die Befehle der Kaiſerin ein⸗ zuholen und ihr die Verſicherung zu ertheilen, daß er lieber das Feſt aufſchieben, als in ihrer Perſon die glänzendſte Zierde deſſelben vermiſſen möchte. Man ah die Antwort der Kaiſerin zwar voraus, erwartete ſie aber nichtsdeſtoweniger mit dem größten Intereſſe. Nach einer Weile kam der Hofmarſchall zurück, und verkündete den ausdrücklichen Willen der Kaiſerin, daß das Feſt beginnen ſolle, obſchon ſie ſelbſt ſich nicht ein⸗ finden könne. Das Zeichen wurde auch ſogleich gegeben und unmittelbar darauf zogen zwei dichtgeſchloſſene Reiterabtheilungen auf dem Platz vor der Schranke auf. Eine dieſer Abtheilungen war eine griechiſche Qua⸗ drille, die andere eine römiſche. Xenophon zeigte ſich, ſagt man, mit einem Schild aus Argos, einem Harniſch aus Athen, einem Helm aus Böotien und einem Pferd von Epidaurus. 2=ͤS 501 Noch prachtvollere Waffen fanden ſich dagegen in dieſen beiden Quadrillen vor. Es gibt Gelegenheiten, ilber eingelegt, wie auch mit buntfarbigen, ſtrahlen⸗ den Edelſteinen geſchmückt. Federbüſche aller Art wall⸗ vergoldeten Spitzen. Die Pferde, die in glänzende Rü⸗ ſtungen gehüllt waren, ſtampften und ſchnoben vor Feuer und Muth. Leben, Kraft, Entſchloſſenheit und Kampf⸗ luſt thaten ſich allenthalben kund. Als die Kampfrichter an der Spitze der beiden Qua⸗ drillen in die Schranken ritten und ihre Plätze einnah⸗ men, ſchmetterten ihnen die Trompeten entgegen. Suwarow war zum erſten Kampfrichter ernannt. Dicht hinter einander ritten die beiden Quadrillen herein. Langſam ließen ſie ihre ungeduldigen Pferde dreimal um die Arena herum gehen, und ſo oft ſie an der kaiſerlichen Loge vorüberkamen, ſenkten ſie ehrfurchts⸗ begann. „Paarweiſe brachen die Ritter jetzt eine Lanze mit einander. Der Kampf ging raſch von ſtatten. Die Pferde wurden mit Geſchicklichkeit geführt, die Lanzen mit feſter Hand und ſicherm Blick. Schnell rannten ſie gegen einander, aber die Vertrautheit mit den lan⸗ gen Waffen kam dem Muthe nicht gleich, und es war beſchloſſen worden, daß derjenige, der von ſeinem Geg⸗ ner nur getroffen würde, ſich als beſtegt zu betrachten 50²2 hätte. Gleichwohl entſpann ſich der eine und andere harte Strauß, der das Intereſſe in erhöhtem Grade anregte. So oft ein Ritter fiel, ſchmetterten die Trom⸗ peten zu Ehren des Siegers. Graf Orlow führte die eine Quadrille an, und wenn auch ſeine Figur nichts Außerordentliches hatte, was von ungewöhnlicher Stärke zeugte, ſo führte er doch ſein Pferd mit einer Geſchicklichkeit, welche das raſche, feurige Thier zu einem ebenſo gehorſamen als geſchmeidigen Werkzeug ſeines Willens machte; dabei war ſein Blick ſo ſcharf und aufmerkſam, ſein Arm ſo feſt, daß ſeine Lanzenſpitze mit einer Sicherheit traf, die mit unwiderſtehlicher, blitzſchneller Kraft den Geg⸗ ner augenblicklich zu Boden warf. Mit lebhaftem Bei⸗ fall war man ihm gefolgt und freudige Bewunderung begrüßte ihn, als er endlich, der letzte auf dem Platz, ſein Viſir aufſchlug und ſein Kniee vor der Prinzeſſin Alexandra beugte, um den Preis des Tages, einen reich mit Juwelen beſetzten goldenen Lorbeerkranz zu empfangen. Als er ſich unter ſchallendem Trompetenklang er⸗ hob, blieb er mit dem Preis in ſeiner Hand vor dem Großfürſten ſtehen. — Ew. kaiſerliche Hoheit, ſagte er, ich habe Sie um eine Gnade zu bitten. — Ich bewillige Sie zum Voraus, Orlow, ant⸗ wortete der Großfürſt; Sie ſind ein tapferer Ritter und den Tapfern verweigere ich nicht gerne Etwas. — Dann geben Sie mir alſo das Recht, Ew. kai⸗ ſerliche Hoheit, zu Ehren meiner ſchönen Braut, Fräu⸗ lein Willanow, eine Lanze brechen zu dürfen? — Wir werden mit Vergnügen zuſehen, Orlow. Es freut mich ſehr, daß der Adel des Landes ritterliche Uebung liebt. Kaum hatte der Großfürſt dieſe Worte ausgeſpro⸗ chen, als Orlow ſich zu Fräulein Willanow wandte, die ihren Platz ganz nahe bei Alexandra hatte. — Mein Fräulein, ſagte er, Sie ſind es, die mir die Kraft verlieh, dieſen Preis zu gewinnen; erlauben Sie mir daher, Sie jetzt zur Preisrichterin zu erwählen. Mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung legte er den Kranz in ihren Schooß. Willanow veränderte keine Miene; ohne den Kranz anzublicken, ohne ihn zu berühren, ließ ſie ihn ſo liegen, wie Orlow ihn gelegt hatte. In Orlow kämpften die Leidenſchaften, aber er dämpfte ihren Ausbruch, ſchwang ſich bleich auf ſeinen raſchen Renner und nahm ſeinen Platz ein. — Ritter, rief er dann mit lauter Stimme, ich fordere Euch alle heraus, Mann für Mann mit mir um den Preis zu kämpfen, der in Fräulein Willanow's Schooße liegt. Die Trompeten ſchmetterten und der Herold wieder⸗ holte die Herausforderung Orlow's. Willanow wagte erſt jetzt ihren Blick zu erheben. Sie wußte, daß Döring die Herausforderung anneh⸗ men wollte, aber ein ſchmerzliches Gefuhl durcheilte ihre Bruſt, als er ſich nicht zeigte. Orlow blieb ſtill auf ſeinem Platz und wartete gleichgültig, ob Jemand gegen ihn auftreten würde oder nicht. Wirklich ſchien auch der eine und andere von den bereits beſiegten Rittern geneigt, auf's Neue einen Strauß mit ihm zu verſuchen, aber ihre Abſichten thaten ſich nur durch ein Gemurmel kund und keiner bewegte ſich vom Platze. Zum zweiten Mal erſchollen die Trompeten und zum zweiten Mal verkündete der Herold die Herausfor⸗ derung Orlow's. Unter tiefem Schweigen blickten die Maſſen ſpähend umher, ob Niemand ſich gereizt fühle, um den Preis zu kämpfen, der noch immer im Schooße des ſchönen, aber leichenblaſſen Mädchens glänzte. Aber Niemand meldete ſich an. Döring kam nicht zum Vorſchein. 504 Zum dritten und letzten Mal erſchollen die Trom⸗ peten; aber in demſelben Augenblick, wo der Herold voreilt, um auch zum dritten und letzten Mal die Her⸗ ausforderung Orlow's zu verkündigen, erhoben die um die Schranken ſich drängenden Maſſen ein donnerndes Vivatgeſchrei, ſo daß die ganze Verſammlung dorthin ſchaute, um die Urſache der unvermutheten Unterbre⸗ chung zu erfahren, und überraſcht ſah man jetzt die Kaiſerin Katharina mit heiterer, lächelnder Miene auf einer Sänfte einherkommen. Der Enthuſiasmus über ihre Erſcheinung wollte kein Ende nehmen. Man hatte ſie ſo eben noch krank geglaubt und jetzt zeigte ſie ſich vollkommen geſund. Dieß war eine Ueberraſchung, die den Juübel noch er⸗ höhte. Das Orcheſter auf ſeinem Chor ſpielte die ruſ⸗ ſiſche Nationalhymne und die Maſſen ſtimmten mit ein. Paul und Guſtav eilten ihr ſogleich entgegen. — Ew. Majeſtät ſind alſo geſund! ſagte Paul. Gott ſei Dank! Welch eine Freude fuͤr uns und Ihr Volk! — Ich war bloß von der Reiſe etwas müde, Paul; jetzt bin ich wieder ausgeruht. Die Kaiſerin beherrſchte ſich vollkommen. Sie ver⸗ barg ihre Krämpfe unter der freundlichen Maske eines liebenswürdigen Lächelns. Sobald ſie ihren Platz eingenommen hatte, winkte ſie den Hofmarſchall zu ſich und wechſelte einige Worte mit ihm. Alsbald ſchmetterten die Trompeten wieder. Zwei Ritter, die in der Suite der Kaiſerin gekom⸗ men waren, aber an der Schranke Halt gemacht hatten, ritten jetzt in die Bahn. Orlow zog ſich zurück. Die zwei neuangekommenen Ritter, die man bisher nicht bemerkt hatte, lenkten jetzt Aller Augen auf ſich. Man betrachtete Beide mit Bewunderung Die Waffenrüſtung des Einen war von blauem, die des An⸗ 505 dern von grünem emaillirtem Stahl; beide waren mit Goldeinlegungen geſchmückt. Auf dem Bruſtharniſch trug deri Eine das ſchwe⸗ diſche, der Andere das ruſſiſche Reichswappen. Dieſel⸗ ben Reichswappen glänzten auch mitten auf ihren Schil⸗ den. Die verſchiedenen Feldbinden bezeichneten gleich⸗ falls die verſchiedenen Nationen. Mit verſchloſſenen Helmen ritten ſie voran auf ara⸗ biſchen Schimmeln, die ſich ebenſo ſehr durch ihre Stärke, wie durch ihre edle Bildung auszeichneten. Die Harmonie zwiſchen den Bewegungen der edlen Thiere und der Art, wie die Ritter ſie führten, war ſo voll⸗ kommen, daß man meinen konnte, derſelbe Wille und derſelbe Muth elektriſire Mann und Roß. Der Anblick, welchen die beiden Unbekannten darboten, war unläug⸗ bar bewundernswürdig ſchön. Als ſie vor den Kampfrichtern ihre Lanzen ſenkten, übergaben ſie Suwarow einen Siegelring, bei deſſen Anblick der General ſeinen Hut lüpfte, als Beweis ſei⸗ ner Achtung für jedes Zeichen, worin er den Willen der Kaiſerin ausgedruͤckt ſah. 4 Langſam ritten ſie weiter bis zu der kaiſerlichen oge. Ein Gemurmel theilnehmenden Beifalls folgte ih⸗ nen. Das Turnier ſchien erſt jetzt ſein wahres Intereſſe zu erhalten. — Wer ſind ſie? flüſterte man rechts und links. — Der Eine iſt ein Schwede, antwortete man, und der Andere... — Ein Ruſſe.. fa... fa... Die nationalen Sympathien erwachten, dieſe ewi⸗ gen Saiten im menſchlichen Gemüth, die nur angeſchla⸗ gen zu werden brauchen, um mit vaterländiſchen Melodien auch ein ſonſt ſchlummerndes Volk zum Selbſtgefühl zu erwecken. Alles bewunderte nicht blos die hübſchen jungen Männer, die beide auf ſo ſtattliche Art ihr Land vertra⸗ 506 ten, ſondern man bewunderte auch die Kaiſerin, von welcher man die Idee ausgegangen glaubte. Das bei⸗ fällige Gemurmel wurde immer ſtärker und mit geſtei⸗ gerter Neugierde harrte man jetzt dem Kampf entgegen, der bald ſtattfinden ſollte. Sobald die Ritter an die kaiſerliche Loge gekom⸗ men waren, ſenkten ſie ihre Lanzen tief. Der Großfürſt war entzückt. Guſtav dagegen blickte ernſthaft drein. Er befand ſich in einem fremden Land und wußte nicht, welchen Händen Schwedens Ehre und Nationalſtolz anvertraut war. Einige Worte von der Kaiſerin ſchienen ihn jedoch bald zu beruhigen. Willanow hatte die ganze Zeit über mit unver⸗ wandten Blicken die jungen Mändder beobachtet. Ohne daß ſie es wußte, erblühte und erſtarb dabei eine pur⸗ purrothe Blume um die andere auf ihren Wangen. Orlow ſaß düſter und drohend da. Es entging ihm Nichts. Er bemerkte ſogar den Farbenwechſel im Ge⸗ ſichte des Fräuleins und zornig knirſchte er mit den Zähnen. Auf einen neuen Trompetentuſch ſchwenkten die beiden Ritter um und eilten jetzt nach den entgegenge⸗ ſetzten Seiten der Bahn, um ihre Plätze einzunehmen. Ein dritter Tuſch erſcholl. — Schweden hoch! rief der Eine. — Rußland hoch! rief der Andere. Hierauf ſtürzten ſie mit Sturmeseile auf einander los. Der Staub wirbelte hoch auf um die Hufe ihrer Roſſe. Die vergoldeten Lanzenſpitzen glänzten wie ein langer, ſchmaler Strahl, als ſie voranſausten. Das Ganze ſe war das Werk eines Augenblicks. Die Lanzen flogen in kleinen Splittern aus einander, als wären ſ von Glas: d —2, r=Sͤ=SSS=A—-- beide hatten den Bruſtharniſch getroffen. Aber Keiner S der Streiter wankte. Stolz und muthig warfen ſie die ſe zerſtümmelten Schäfte wie eine Spielſache weg und zo⸗ gen ihre Schwerter. Der Kampf wurde jetzt heftiger. di Schlag folgte auf Schlag. Parade auf Parade. Beide 507 boten alle ihre Kräfte auf. Es galt nicht ihnen ſelbſt, es galt ihrem Vaterlande. Die Kräfte ſchienen unauf⸗ hörlich zuzunehmen. Die Schwertſchläge fielen ſchneller und heftiger. Das Kampfſpiel war voll von Leben und Kraft, von Muth und Aufmerkſamkeit. Die Zuſchauer ſpendeten lebhaften Beifall. Feſt, wie auf ihre Pferde angewachſen, trotzten die Kaͤmpfer ihren gegenſeitigen Angriffen. Araktſchejew und Döring ſchienen beide mit einander ſelbſt und mit ihren Schwertern zu ſpielen; aber es war ein hartes und gewaltſames Spiel, bei wel⸗ chem ſie ſich mehr als eine Buckel auf Helm und Har⸗ niſch hämmerten. Noch einmal rannten ſie zuſammen. Araktſchejew wollte dem Kampf ein Ende machen. Er fingirte einen Hieb auf Döring's Schulter und zielte dagegen auf ſeinen Helm; aber mit Blitzesſchnelle warf Doͤring ſein Pferd auf die Seite und Araktſchejew's Hieb traf blos ſeinen Schild, aus welchem die ſcharfe Klinge ein Stück abſchlug. Jetzt ſprang Döring vom Pferd, legte ſeinen Schild weg und bot ſeinem Gegner einen Kampf zu Fuß an. Araktſchejew zögerte nicht, ihn anzunehmen. Der Zweikampf beruhte jetzt nur noch auf ihrer perſönlichen Kraft und Geſchicklichkeit. Er währte unter zunehmenden Beifallsäußerungen fort. Keiner wich vor dem Andern. Es war ein wunderſchönes Waf⸗ fenſpiel. Araktſchejew wollte ſeinen Gegner noch einmal überraſchen. Aber auch jetzt bemerkte Döring ſeine Ab⸗ ſicht; dann trat er einen Schritt zurück, ſtieß ſein Schwert in die Erde und breitete ſeine Arme gegen Araktſchejew aus, der ſein Schwert wegwarf und ihm an die Bruſt ank. Unter dem erneuten Jubel der Zuſchauer und einem dichten Regen von Kränzen und Blumen, die von allen Seiten her flogen, begaben ſich die Helden nach der kai⸗ ſerlichen Loge. — Ihr habt als tapfere Maͤnner geſtritten, ſagte die Kaiſerin zu ihnen. Araktſchejew, von Stund an ſind Sie mein Adjutant und. Sie werden ſich Ihr 508 Glück ſchaffen, fügte ſie mit einer Anſpielung auf Mar⸗ fa's Ausſpruch hinzu. Döring... ſehen Sie hier, Döring... nehmen Sie dieſes verſiegelte Dokument und leſen Sie es bei paſſender Gelegenheit, Sie wer⸗ den zufrieden ſein, hoffe ich. Guſtav Adolph näherte ſich. — Ew. Majeſtät, ſagte er, auch ich bin dankbar für das Vergnügen, welches dieſer Kampf mir gewährt hat. Dank, Döring, fuhr er fort, Dank! Dabei drückte er Döring herzlich die Hand. — Araktſchejew, fuhr er gegen dieſen gewandt fort, Sie haben als ein Held gekämpft und Ihr ſcharfes Schwert hat ein Stück aus dem ſchwediſchen Schilde gehauen. Dieſes Stuͤck müſſen Sie mich um jeden Preis zurückkaufen laſſen. — Kein Preis in der Welt, Ew. Majeſtät, kann den Werth dieſer Trophäe für mich aufwiegen. Ich werde ſie in mein Familienwappen einſetzen und meine Nach⸗ kommen werden bei ihrem Anblick ſtolz ſein auf mich und auf dieſen Augenblick. Er ſprach als ein Ruſſe: verbindlich, aber mit einer konſequenten, auf die Zukunft gerichteten Politik. Guſtav Adolph betrachtete ſeine Worte als eine ge⸗ wöhnliche Artigkeit. Er nahm eine goldene Kette, die er keug, ab und warf ſie lächelnd Araktſchejew um den Hals. Von Neuem ſchmetterten die Trompeten ein Auf⸗ gebot. Der Herold ritt wieder vor. Aller Augen wand⸗ ten ſich ihm zu. — Ritter! ſprach er mit vernehmlicher Stimme⸗ Graf Orlow fordert zum dritten und letzten Mal Euch Alle auf, Mann für Mann mit ihm um den koſtbaren Preis zu ſtreiten, den Fräulein Willanow auszutheilen hat: einen Kranz von Gold und Juwelen. Orlow war dem Kampf zwiſchen Döring und Arakt⸗ 8 „ O———————, d—, S — S 509 ſcheiew mit der größten Aufmerkſamkeit gefolgt, zumal da er überzeugt war, daß er mit dem Einen oder An⸗ dern zu thun bekommen würde. Da er die Geſchick⸗ lichkeit anerkennen mußte, womit Beide ihre Waffen handhabten, ſo konnte er ſich einen Augenblick einer peinlichen Beſorgniß, hier zu unterliegen, nicht erweh⸗ ren; aber dieſe Befürchtung ſchlug gleichwohl ſeinen Muth nicht nieder, ſondern ſteigerte vielmehr nur ſeinen Scharfſinn. Er kam auch zu dem Reſultat, daß er wo möglich den Kampf mit der Lanze ausmachen und der Rothwendigkeit, zum Schwert zu greifen, ausweichen müſſe, da Döring ſich als ein wahrer Meiſter in dieſer Waffe erwieſen hatte; nachdem er ſofort darüber mit ſich einig geworden, begann er mit der ganzen Genauigkeit eines Kenners ſeine Rüſtung zu unterſuchen, und fand zu ſeiner Freude, daß die Achſelſchienen ſeines Gegners ein⸗ ander nicht vollkommen bedeckten, ſondern nachläſſig zu⸗ geknöpft waren. Nach dieſer Entdeckung wurde er voll⸗ kommen ruhig. Kaum hatte Döring die Herausforderung des Herolds gehört, ſo ſprang er von ſeinem Pferd und verlangte eine Lanze.. Die Entſchloſſenheit in ſeiner Bewegung verlieh der Scene neues Intereſſe; aber Döring hatte die geforderte Lanze noch nicht empfangen können, als man in einiger Entfernung ein Kampffignal ertönen hörte, und in dem⸗ ſelben Augenblick ſah man einen neuen Kämpen, wie her⸗ vorgezaubert aus der zahlloſen, gaffenden Menſchenmaſſe, um nicht zu ſagen aus der Erde ſelbſt, auftreten. Der neue Ankömmling trug eine ganz ſchwarze Rü⸗ ſtung ohne irgend ein Wappenzeichen. Man konnte un⸗ möglich einfacher ausgerüſtet ſein. Sein Pferd war klein, hatte aber ein Feuerblut wie die Traube und löwenſtarke Muskeln; es gehörte jener lebhaften Race an, die an Murſa⸗Bulaks oder Chobdas Ufern geweidet, und die ein Kirgiſenhäuptling in den Steppenkämpfen, nahe bei den Sandwüſten Kara⸗Kums, die Kunſt gelehrt hat, einen Reiter zu tragen und ihm zu gehorchen. Döring hatte die Gelegenheit, ſich mit Orlow meſſen zu dürfen, augenblicklich ergriffen, ſah aber zu ſeinem Verdruſſe, daß nichtsdeſtoweniger der Unbekannte ihm zuvorkam. Mit wahrhaft wunderbarer Schnelligkeit eilte dieſer heran. Sein Schimmel ſchien kaum die Erde zu berühren. Man ſah nur einen ſchwarzen Punkt, gefolgt von einer leichten Staubwolke, über das Feld hinfliegen. Die ge⸗ wöhnlichen Geſetze des Turniers ſchienen ihn ſo wenig zu bekümmern als die Turnierpforte. Ohne ſich gleich ſeinen Vorgängern gebührend die Erlaubniß zum Eintritt zu er⸗ bitten, machte er blos eine Bewegung mit der Hand, und ſein Pferd war durch die Pforte und drinnen in der Bahn. Pfeilſchnell ſchoß er weiter. Als er an den Ort kam wo Orlow's hingeworfener Ausforderungshandſchuh lag, beugte er ſich mit einer ebenſo gewandten als kühnen und ſchönen Bewegung hinab und hob den Handſchuh auf, ohne deßhalb die Schnelligkeit ſeines Thieres zu hemmen. Keiner der flinkſten ruſſiſchen Steppenreiter hätte dieſes Manöver beſſer ausführen können. Die Bewegung war bewundernswürdig ſchön, die Schnelligkeit und Sicherheit ſo gut berechnet, daß beide einander vollkommen zu beſtim⸗ men ſchienen. Mit dem aufgehobenen Handſchuh in der Hand drehte er jetzt ſeinen Renner nach der kaiſerlichen Loge zu. Dort angekommen, ſprang er zur Erde, wo⸗ bei ſein Pferd ganz ruhig und lammfromm ſtehen blieb. Der ſchwarze Ritter beugte jetzt ſein Knie vor der Kai⸗ ſerin, ohne ſein Viſir zu öffnen. — Großmächtigſte Kaiſerin, ſprach er, ich bitte mir die Art meines Auftretens dahier gnädigſt zu verzeihen; aber ich bin mit anderen Geſetzen als denen des Krieges nur wenig bekannt. In ſeinem ganzen Auftreten lag etwas Bezauberndes, und gleichwohl bot ſein Aeußeres nichts Ueberraſchendes dar; aber es war eine ſolche Friſche, eine ſolche Frei⸗ &ᷣe—————— — — 511 heit und beinahe Wildheit darin, daß er unwiderſtehlich das Intereſſe feſſelte. Als er ſich hinabbeugte, um den Handſchuh aufzu⸗ heben, glaubten Viele, er ſei nahe daran aus dem Sattel zu fallen; um ſo tiefer war daher auch der Eindruck, als er ſich wieder aufrichtete. Ein lebhafter Ausruf des Ent⸗ zückens belohnte ihn. Die Kaiſerin, die im öffentlichen Leben gerne ſtreng alle Gebote der Hofetikette beobachtete, fühlte ſich ſelbſt von dieſem wirklich ſchönen und kühnen Zug ſo hingeriſſen, daß ſie alles Andere vergaß. Sie winkte ihm alſo freundlich zu, als er ſein Knie vor ihr beugte. — Ew. Majeſtät, fuhr der Jüngling fort, Umſtände gebieten mir, daß ich unbekannt zu bleiben ſuchen muß. Geruhen Sie es mir gnädigſt zu erlauben. Ich weiß, die Turniergeſetze verlangen, daß ich von guter Geburt ſein muß. Zweifeln Sie nicht daran, Ew. Majeſtät. Glauben Sie vielmehr, daß meine Familie weit älter und edler iſt, als die des Grafen Orlow. Ich ſchwöre es beim Himmel und bei der Lanze, mit welcher ich Ew. Majeſtät beweiſen zu dürfen wunſche, daß ich ein wür⸗ diges Mitglied der Ritterſchaft bin. Die Kaiſerin, die ſich nicht bloß ſelbſt für dieſen neuen und unerwarteten Vorſchlag intereſſirte, ſondern auch und hauptſächlich dem König von Schweden einen großartigen Begriff von ihrer Macht beibringen und zu⸗ gleich eine angenehme Unterhaltung verſchaffen wollte; bewilligte ohne alle Schwierigkeiten den Wunſch des Unbekannten. Sdie ſah zwar wohl ein, daß ſie dadurch Döring einer Ehre beraubte, die ſie ihm gerne gegönnt häͤtte, aber da jetzt eine noch pikantere Scene in Ausſicht ſtand, ſo entſchied ſie ſich für dieſe. Orlow hatte Alles, was vorging, geſehen und ge⸗ hört. Das unerwartete Auftreten des Unbekannten ver⸗ wirrte ihn. Er hätte Luſt gehabt, einen Kampf mit ihm 512 zu verweigern; aber gegen die Erlaubniß der Kaiſerin wagte er nicht zu proteſtiren. Döring zog ſich mißvergnügt zurück; er hatte zwar die Hoffnung nicht verloren, den Preis aus Willanow's Hand zu erobern, denn wenn der Unbekannte ſiegte, ſo gedachte er ihm einen neuen Kampf anzubieten; aber er hatte die Hoffnung verloren mit Orlow zu kämpfen. Bereits hatte der ſchwarze Ritter ſeinen Platz eingenommen und die Trompeten gaben das Zeichen zum Beginn des Kampfes. Orlow drückte die Lanze feſter unter ſeinen Arm; der Unbekannte dagegen warf ſeinen Zügel auf den Sattelknopf und lenkte von dieſem Au⸗ genblick an ſein feuriges Thier nur mit den Beinen. War der Lanzenkampf zwiſchen Döring und Araktſchejew kurz geweſen, ſo war dieſer neue heinahe noch kürzer. Mit ſicherem Blick richtete Orlow ſeine Waffe; aber in dem Augenblick, wo ſie zuſammenſtoßen ſollten, machte der Unbekannte eine ſchnelle Schwenkung aus der Linie und ſchlug dabei mit ſeiner Lanze mitten auf die Lanze Orlow's, ſo daß ſie zerſplitterte, während er zu gleicher Zeit ihm ſelbſt einen Stoß verſetzte, der ihn mit un⸗ widerſtehlicher Kraft zu Boden warf. Orlow fiel ſchwer und ſein Viſir öffnete ſich im Falle. Bleich vor Wuth, aber unbeweglich in Folge des Schmerzes, welchen der Stoß und der Fall zugleich ihm verurſachten, ſtarrte er um ſich. Aber mit derſelben kühnen Raſchheit, welche den unbekannten jungen Ritter bisher ſo vortheilhaft aus⸗ gezeichnet hatte, hielt er jetzt ſein Pferd an Orlow's Seite an und ſenkte ſeine Lanzenſpitze gegen die Bruſt des Grafen. Die allgemeine Theilnahme war auf's Höchſte ge⸗ ſpannt, denn es lag in Allem, was der Unbekannte that, etwas ſo Eigenthümliches, Verwunderliches und die Neu⸗ gierde Reizendes, daß man den lauten Beifall vergaß und ihm ſtatt deſſen die ſtille Aufmerkſamkeit widmete, welche das Intereſſe noch beredter ausdrückt. . 513 In der That hatte die kühne Haltung des jungen Mannes, der ſeine Lanze auf der Bruſt des überwun⸗ denen Orlow ruhen ließ, etwas höchſt Impoſantes. Er erinnerte unwillkürlich an St. Georg, wie man ihn ge⸗ wöhnlich zu zeichnen pflegt, in dem Augenblick, wo er den Drachen beſiegt hatte. Es lag etwas Räthſelhaftes darin und neugierig harrte man der Löſung entgegen. — Graf Orlow, rief er jetzt, und in der allgemei⸗ nen Stille erklang ſeine Stimme klar und ſtark, ich klage Sie eines ebenſo unmenſchlichen als heimtückiſchen Mor⸗ des an der Prinzeſſin Tarrakanow an, ich klage Sie an... Bei dieſer Anklage, hauptſächlich aber beim Namen Tarrakanow fuhr die Kaiſerin zuſammen. Ihr ſchreck⸗ licher Fiebertraum in der letzten Nacht ſtand auf einmal in ſeiner ganzen Entſetzlichkeit vor ihr. — Vor Gott und Rußlands Majeſtät klage ich Sie vieler Verbrechen an, fuhr der Unbekannte gegen Orlow fort. Die Turniergeſetze, fügte er dann hinzu, retten Ihr Leben, aber Ihre Ehre iſt verwirkt. Hierauf erhob er die Lanze wieder und ritt langſam gegen die kaiſerliche Loge zu. Aber Döring, der ſich vorſtellte, er wolle bei Willanow ſeinen Preis abholen, kam ihm auf halbem Wege entgegen. 4— Zum Kampf, rief er, ich beſtreite Ihnen den reis. Der Unbekannte hielt einen Augenblick an, dann aber ſchwenkte er ſein Pferd um und nahm ſeinen Platz ein. Es galt jetzt einen Kampf zwiſchen zwei Männern, welche beide bewieſen hatten, daß ſie ſowohl an Geſchick⸗ lichkeit als Tapferkeit und Entſchloſſenheit mit einander rivaliſiren konnten, und dieſer Umſtand erhöhte die Sym⸗ pathien der Zuſchauer noch mehr. Die Maſſen erthei⸗ len ſo gerne dem Muth und der Kühnheit den Preis, aber hier wußte man nicht, wem man ihn ſchenken ſollte. Als man jedoch voll Begierde einen gewaltſamen Kampf Der Fürſt. II. 33 erwartete, und die Pferde bereits gegen einander liefen, ſah man mit Verwunderung, daß der Unbekannte ſeine Lanze wegwarf und unbewaffnet ſeinem Gegner entgegen⸗ flog. Döring war indeß zu ſehr in Anſpruch genommen, um es zu bemerken, aber er ſollte auch keine Gelegenheit erhalten, ſeinen Muth oder ſeine Edelherzigkeit zu be⸗ weiſen, denn ſobald ſie dicht zu einander gekommen waren, ſprang der ſchwarze Ritter plötzlich aus dem Sattel und blieb zu Fuß mit gekreuzten Armen vor ihm ſtehen. Verwundert über dieſe unerwartete Bewegung, hielt Döring ſein Pferd an. — Ich bin beſiegt, erklärte der Schwarze. — Aber nicht von mir, erklärte Döring. — Der beſte Sieg eines rechtſchaffenen Mannes iſt derjenige, den er ohne Kampf gewinnt. Ich habe mich für beſtegt erklärt. Steigen Sie vom Pferde, Döring, und folgen Sie mir. Während die beiden jungen Männer Hand in Hand ſich zu der kaiſerlichen Loge begaben, erſchollen die Trom⸗ peten und Döring wurde von dem Herold als Sieger ausgerufen. Das Ungewöhnliche im Benehmen des Unbekannten heftete die Augen Aller auf ihn. Eine ſtille Frage beſchäftigte die Gedanken. — Wer iſt er? Als der Unbekannte bis zur Loge vorkam, führte er Döring zu Willanow. — Mein Fräulein, ſagte er, ſehen Sie hier einen Mann,, welcher verdient, ſeinen Lohn von Ihrer Hand zu empfangen. Zitternd vor unausſprechlicher Freude, überreichte das Fräulein Döring den Preis. Der Unbekannte dagegen beugte wiederum ſein Knie vor der Kaiſerin. — Ew. Majeſtät, ſagte er, ich erſtatte Ihnen mei⸗ nen unterthänigſten Dank für die Erlaubniß, eine Lanze mit einem Feinde brechen zu dürfen, um ſo mehr, als —— ù,— efen, ſeine gen⸗ nen, nheit be⸗ tren, und hielt 3 iſt nich ing, and om⸗ eger nten age rie nen and dieſe Erlaubniß mit dem Recht verbunden war, unbe⸗ kannt zu bleiben. Der Name Tarrakanow war für die Kaiſerin in Folge all der Gerüchte, die ihr in den letzten Wochen zu Ohren gekommen, ein wahrer Schrecken geworden. Der Unbekannte hatte dieſen Namen ausgeſprochen. Marfa's Prophezeiung flocht ebenfalls einen Dorn in ihre Gedanken. Die Unruhe im Herzen zehrte wie ein Roſtfleck immer mehr um ſich her. Wie auf die Maſſe der Zuſchauer, ſo hatte das ganze Benehmen des Unbekannten auch auf die Kaiſerin einen eigenthümlichen, wunderbaren Eindruck gemacht. — Wer iſt er? dachte auch ſie. Bei dieſem Gedanken vertiefte ſie ſich in ein La⸗ byrinth von Grübeleien, die ihr Urtheil nur noch mehr verwirrten und verdunkelten. Der ſchwarze Ritter zog ein Paket hervor und überreichte es ihr. — Ew. Majeſtät, ſagte er, erhöhen Ihre Gnade dadurch, daß Sie dieſe Aktenſtücke in Empfang neh⸗ men. Ihr Inhalt wird Sie überzeugen... aber ich wage Nichts mehr hinzuzufügen. Die Kaiſerin empfing das Paket, in der Hoffnung, durch daſſelbe genügende Aufſchluͤſſe über Etwas zu er⸗ halten, was ihr jetzt unbegreiflich ſchien. Der Ritter erhob ſich ſofort, trat ehrfurchtsvoll zu⸗ rück, beſtieg ſein Pferd wieder und eilte von dannen, wie er gekommen war. Das allgemeine Intereſſe für ihn hatte ſich bis zu peinlicher Neugierde geſteigert. 516 Neuntes Kapitel. Berathungen. Die Kaſan'ſche Kirche. Die Kapelle. Sobald das Turnier zu Ende war, verſchloß ſich die Kaiſerin in ihr Kabinet. Was ſie da that, weiß man nicht; vermuthlich öffnete und las ſie die Dokumente, welche der unbekannte Ritter ihr überreicht hatte. Wäh⸗ rend dieſer Zeit baten mehrere Mitglieder ihrer Fami⸗ lie, wie auch ihrer nächſten Umgebung, von anderen hoch⸗ geſtellten Perſonen gar nicht zu reden, um Zutritt bei ihr; aber Niemand wurde empfangen. Die Kaiſerin blieb allein. Der Erſte, den ſie zu ſich beorderte, war General Suwarow. Bald darauf wurde Döring hereingerufen und endlich auch Orlow. Döring's Audienz war jedoch ganz kurz; um ſo länger währte die des Grafen. Die Aufmerkſamkeit war auf's Höchſte geſpannt, die Neugierde auf ihren äußerſten Punkt getrieben; ringsum herrſchte tiefes Schweigen. Als die zur Kaiſerin berufenen Perſonen wieder herauskamen, zeigten ſie ſich ernſt, jedoch nicht ver⸗ ſtimmt. Von allen Seiten ſtrömte man zu den Gluͤck⸗ lichen, welche eine Audienz gehabt, um zu erfahren, mit was die Kaiſerin ſich beſchäftige; aber man erhielt nur ausweichende Antworten. Tauſend Fragen wurden aufgeworfen, ohne daß man auf eine einzige genügenden Beſcheid wußte. — Was macht die Kaiſerin? iſt ſie krank? Sind etwa wichtige Nachrichten eingelaufen? Wer war der unbekannte Ritter? Was enthielt das Paket, das er überreichte? Hat Suwarow vielleicht Subow's bisheri⸗ gen Platz in der Gunſt der Kaiſerin erobert? Döring . ein unbedeutender Schwede... wie hat er ſo ſehr in Aufnahme kommen und auch nur die Aufmerk⸗ ſamkeit der Kaiſerin anziehen können? Und dann. Or⸗ ͤͤͤͤͤͤſͤͤſͤͤͤͤſſͤſſſſſſſſ 517 low... der kaum erſt in der Turnierbahn öffentlich eines Mords angeklagt worden iſt... wie hat er ſich gleichwohl in ihrer Gunſt behaupten können? Aber das war noch nicht Alles. Jedermann wußte, daß die An⸗ ordnungen zur Vermählung zwiſchen Orlow und Willa⸗ now getroffen waren, und daß man nur auf die Kaiſe⸗ rin wartete. Alſo auch in dieſer Beziehung neue Fra⸗ gen. Warum wenden alle in die Geheimniſſe des Hofes eingeweihte Perſonen ſchweigend ihre Geſichter ab, wenn man von dieſer Verbindung ſpricht? Iſt eine Hof⸗ intrigue oder ſonſt etwas Myſteriöſes dabei im Spiel? Alles iſt fertig und warum ſcheint es gleichwohl an Al⸗ lem zu fehlen? Woher kommt der düſtere Schatten, der über dieſer Sache ruht? Lieben ſie einander nicht? Warum ſollten ſie es nicht thun? Aber die Kaiſerin ſchnitt alle dieſe Fragen ab durch den Befehl, ihre Equipagen vorführen zu laſſen, weil ſie unverzüglich nach der Hauptſtadt zurückkehren wolle. Damit beſchäftigten ſich jetzt alle Gedanken. Die ge⸗ ſchäftige Neugier hatte keine Zeit mehr, ſich auszukra⸗ men. Bald waren auch die Wagen vorgefahren und die ganze Geſellſchaft hielt ſich bereit, Gatſchina zu verlaſſen. Man wartete nur noch auf die Kaiſerin. Vielleicht hatte der Hof ſelten mit ſo großem Intereſſe ihrer Er⸗ ſcheinung entgegengeharrt, denn bei der Menſchenkennt⸗ niß, welche ein Hofperſonal ſich immer zutraut, glaubte Jedermann ſie nur ſehen zu müſſen, um ſie auch zu durchſchauen. Aber dieſe Leute taͤuſchten ſich jetzt wie gewöhnlich. Umgeben von ihrer Familie und geführt von dem Großfürſten, zeigte ſie ſich endlich, aber nicht geheimnißvoll und düſter, ſondern mit einem ſo lächeln⸗ den, ſo verbindlichen und freundlichen Blick, daß man in deſſen Sonnenſchein Alles vergaß, nur nicht ſein eige⸗ nes Entzücken. „Der Großfürſt hatte gehofft, dieſer Beſuch der Kai⸗ ſerin ſollte ein herzlicheres Verhältniß zwiſchen ihr und ihm wieder anbahnen, zumal da ein ſo wichtiges Verbin⸗ 518 dungsglied wie die Liebe zwiſchen Guſtav und Alerandra zur Hand war, aber auch er fand ſich getäuſcht. Die Kai⸗ ſerin hatte ihm wenig Aufmerkſamkeit geſchenkt und ver⸗ ließ ihn ja bereits wieder. Ehe die Sonne unterging, war Katharina wieder in Petersburg. Die Verbindung zwiſchen Willanow und Orlow wurde aufgeſchoben. Die Thüre eines der inneren Zimmer der Kaiſerin öffnete ſich und Subow trat ein, gefolgt von Orlow. — So weit ſind wir jetzt gekommen, ſagte Orlow, ohne daß uns Jemand bemerkt hat. — Wir werden noch weiter kommen, folgen Sie mir nur. Ich muß mit der Kaiſerin ſprechen. Sie haben ganz recht, Orlow, es haben ſich da fremde Ele⸗ mente eingemiſcht und wir müſſen ihnen zuvorkommen. Ich wollte, dieſe Schweden wären, wo der Pfeffer wächst. — Beunruhigen Sie ſich nicht, Ew. Hoheit... Aber auf einmal unterbrach ſich Orlow und blieb lauſchend ſtehen. — Ich meinte, es nähere ſich Jemand, ſagte er. — Ziehen Sie ſich zurück, Orlow, bat Subow; vielleicht iſt es am beſten, wenn ich zuerſt... — Ganz richtig, Ew. Hoheit, ganz richtig, begin⸗ nen Sie das Geſpräch. Allein werden Sie immer leich⸗ ter all die Mittel anwenden können, die nur Ihnen zu Gebot ſtehen, um die Kaiſerin von der Frechheit zu über⸗ zeugen, die in der Mordanklage dieſes unbekannten ſchwarzen Narren da gegen mich liegt, einer Anklage, wodurch man ganz offenbar ſämmtliche Günſtlinge der Kaiſerin beſchimpfen wollte, und namentlich auch Ew. Hoheit, obſchon man nicht ſogleich ſo weit zu gehen wagte, ſondern es vorerſt mit mir verſuchen wollte.— — Verlaſſen Sie ſich auf mich, Orlow. Ich bin 519 viel zu ſcharfſinnig, um nicht einzuſehen, nach welcher Richtung der Hieb gezielt war. Ich ſpüre es hier... hier... Subow legte die Hand auf ſein Herz. — Aber ziehen Sie ſich jetzt zurück, Orlow; ich glaube wirklich, daß Jemand kommt. — Nur noch Eins, Ew. Hoheit. Wenn alle an⸗ deren Mittel fehlſchlagen, ſo bedienen Sie ſich jeden⸗ falls der harten Bande, an denen wir ſie unter allen Umſtänden führen können, wohin wir wollen. — Sie meinen unſer Verſprechen, den Schweden eine Königin unſerer Confeſſion aufzuzwingen? — Ganz richtig, Ew. Hoheit, und ferner mein Verſprechen, der Welt zu beweiſen, daß Tarrakanow nicht todt iſt, ſondern noch lebt, obſchon man ſie aus politiſchen Gründen verborgen hält. — Seien Sie ruhig, Orlow, Ihre Sache iſt die meinige. Sie ſollen es ſelbſt hören. Treten Sie hin⸗ ter dieſen Schirm da zurück. Hören Sie... es kommt Jemand. Orlow war nicht unzufrieden darüber, daß Subow es auf ſich nahm, allein mit der Kaiſerin zu ſprechen, und da er Tritte ſich nähern hörte, ſo nahm er eiligſt das ihm bezeichnete Verſteck ein. Beinahe in demſelben Moment trat auch die Kaiſerin ein, gefolgt von Bra⸗ nitzka. Bei Subow's Anblick ſchien ſie etwas überraſcht, faßte ſich aber bald. — Subow, ſagte ſie, Sie hier? Ich hatte das nicht erwartet; aber Sie ſind immer willkommen... obſchon... obſchon... — Obſchon ich, fügte Subow hinzu, heute das Un⸗ glück gehabt habe, mit meiner Bitte um eine Audienz bei Ew. Majeſtät abgewieſen zu werden. — Sie wiſſen, Subow, daß ich, wenn ich krank bin, für mich allein zu ſein wünſche. Die Kaiſerin wechſelte mit Branitzka einen Blick, welcher ausdrückte, daß Subow ſie beläſtige. 520 — Sie könnten mir einen Dienſt erweiſen, Su⸗ bow... Sie wollte ihn abſchütteln, aber auf eine verbind⸗ liche Art. — Ich habe wichtige Dinge mit Ew. Majeſtät zu ſprechen, wandte Subow ein. 8 — Staatsangelegenheiten, vermuthe ich. Nein, Subow, nein, erlaſſen Sie mir das heute Abend. Ich bin noch nicht recht geſund... und ich bedarf der Ruhe . aber morgen, Subow, morgen... Morgenſtund hat Gold im Mund... dann werde ich mit Vergnügen Alles anhören, was Sie mir zu ſagen haben... jetzt dagegen.. unmöglich... ich will ruhen... heß— Ew. Majeſtät, es iſt noch nicht ſpät und ich abe... — Und ich habe Ihnen meine Meinung geſagt... alſo kein Wort mehr jetzt. Statt deſſen ſollen Sie jetzt Etwas beſorgen, was nur Sie thun können. Der Kö⸗ nig ſoll den Wunſch geäußert haben, die Kaſan'ſche Kirche zu ſehen, und heute Abend wird dort eine ſehr feſtliche Ceremonie gefeiert. Begeben Sie ſich alſo zu Guſtav Adolph, Subow, und pihren Sie ihn in die Kirche. Ich habe eine vollſtändige Beleuchtung befoh⸗ len und ich hoffe, daß der Gottesdienſt und der Tem⸗ pel einen guten Eindruck auf ihn machen ſollen. Be⸗ obachten Sie wohl, was Sie ſehen... morgen ſollen Sie mir es erzählen. Es that Subow leid, daß er von der Kaiſerin ſcheiden und Orlow hinter dem Schild zurücklaſſen ſollte, aber er mußte ſich ihrem beſtimmten Verlangen fügen, und er hoffte, Orlow würde immerhin Gelegen⸗ heit erhalten, ſich zu entfernen, da die Kaiſerin in ihr Schlafkabinet gehen wollte. Ihre freundlichen Aeußerungen überzeugten ihn überdieß, daß keine Gefahr vorhanden war und daß ſeine Einbildungen in dieſer Beziehung unnöthige Schreck⸗ niſſe geweſen. „und Angriffe gegen ihn nicht bloß grundlos, ſondern 521 Außerdem wollte er nicht gerne eine Gelegenheit hinauslaſſen, zu ſehen, welchen Eindruck die griechiſche Confeſſion auf Guſtav machte; denn er hatte zwar über dieſen Punkt bereits von Reuterholm Aufſchlüſſe erhal⸗ ten, hielt es aber doch für's Beſte, ſich mit eigenen Augen zu überzeugen. — Ew. Majeſtät erlauben mir alſo, morgen... — Von Allem zu ſprechen, was Ihnen auf dem Herzen liegt. Ja, ja, Subow.. das erlaube ich Ih⸗ nen... aber zögern Sie jetzt nicht länger... Sie wiſſen, wie ſehr Guſtav's Anſicht von unſerer Kirche mich intereſſirt... Leben Sie wohl, Subow, leben Sie wohl! — Morgen, Ew. Majeſtät... — Wie Sie ſagen... morgen... leben Sie wohl! Sobald Subow die Thüre zugemacht hatte, warf ſich die Kaiſerin in einen Lehnſtuhl. — Gott ſei Dank, daß er fort iſt! ſagte ſie. Orlow ſtand wie auf glühenden Kohlen. Aufrecht⸗ erhalten durch ein feſtgewurzeltes Selbſtvertrauen, hatte er nie Etwas gefürchtet, ſelbſt die drohenden Anzeichen nicht, die ihn in den letzten Wochen umgeben hatten. Immer erfindſam und muthvoll, mit einer mehr als gewöhnlichen Diplomatenfreiheit begabt, lächelte er ver⸗ ächtlich über ſeine Feinde, weil er ſo genau wußte, daß er ſelbſt in den ſchwierigſten Umſtänden immer noch eine Reſſource in ſich ſelbſt beſaß. Bei den wiederholten Privataudienzen, welche die Kaiſerin dem Grafen in den zwei letzten Tagen ertheilt, hatte ſie ſich vollkommen von ſeinem heimtückiſchen Cha⸗ rakter überzeugt; aber er hatte ſich nichtsdeſtoweniger aufrecht zu erhalten und ſie immer in neue Zweifel, neue Bedenklichkeiten, neue Ungewißheiten zu führen gewußt. Um ſeinen Sieg zu vollenden, hatte ſich Orlow zu Subow begeben und ihm eingeredet, daß die Anklagen 522 auch eigentlich gegen den Fürſten gerichtet ſeien, ob⸗ ſchon man es nicht gewagt habe, ihm direct zu Leibe zu gehen, ſondern aus Gründen der Vorſicht und ver⸗ ſuchsweiſe zuerſt Orlow beim Kopf nehmen wolle. Seine Angelegenheiten ſtanden in Folge dieß ſo gut als möglich, zumal da Subow ſich verpflichtete, ſie bei der Kaiſerin zu verfechten. Wie ärgerte er ſich nicht, als er hörte, daß die Kaiſerin den Fürſten weg⸗ ſchickte, während er ſelbſt ſich, verlockt von Subow's Verſprechungen und ſeinen eigenen Hoffnungen, hinter dem Schirm befand, wie ein in ſeiner eigenen Höhle gefangener Bär, ohne zu wiſſen, ob es ihm gelingen würde, ſich ungeſehen zu entfernen, oder nicht. Aber die Furcht hatte auf Orlow immer weniger Einfluß, als die Berechnung und die Liſt. In je ſchwe⸗ rere Bedrängniß er ſich verſetzt wußte, um ſo mehr ſchärfte ſich ſein Verſtand. Es lief ihm eiskalt über den Rücken, als er hörte, daß Subow ihn verließ; aber als die Kaiſerin in ihren Lehnſtuhl ſank und Gott dankte, daß ſie den Fürſten losgeworden, da wurde er wieder ganz ein lauſchendes Ohr. Der Ernſt in den wenigen Worten, worin die Kai⸗ ſerin ihre innerſten Gedanken ergoſſen, verwandelte ſeinen urſprünglichen Verdruß darüber, daß er im Stich gelaſſen worden, in frohe Zufriedenheit, weil er hoffte, daß die Kaiſerin, die ſich jetzt gänzlich unbewacht glaubte, ihre Seele und ihr Herz bloßlegen würde, ein Umſtand, welcher, klug benützt, ſie möglicherweiſe wieder gänzlich in ſeine Hände werfen könnte. Orlow lauſchte alſo aus der Tiefe ſeiner Seele, damit kein Wort ihm entgehen ſollte, aber die Kaiſerin blieb lange ſtill und ſchien eines tiefen Athmens zu bedürfen. Branitzka hatte ihre Hand ergriffen und betrachtete ſie mit ebenſo inniger Unruhe als Freundſchaft. — Ew. Majeſtät, ſagte ſie mit tiefgefuͤhlter Theil⸗ nahme, Sie befinden ſich nicht wohl. Die Anſtrengun⸗ 3 523 gen der letzten Tage haben Ihre Kräfte erſchöpft. Sie bedürfen Ruhe... — Ruhe? Wer bedarf nicht Ruhe, Branitzka? Unſer ganzes Lebenlang ſuchen wir Ruhe, und wo finden wir ſie? Ich bin nicht müde, aber ich bin verdrießlich, unruhig, ängſtlich. Ich weiß nicht mehr, wem ich trauen ſoll. Habe ich ſo lange gelebt, daß ich Niemand mehr glauben kann, mein Gott, wie unnöthig habe ich dann gelebt! Doch warum hievon ſprechen? Es regt mich nur auf. Siehſt Du, Branitzka, ich bin argwöhniſch geworden. Ich fürchte alle Menſchen, ſogar mich ſelbſt. In den Schatten, die um mich her ſchleichen, erblicke ich Gedanken, vor denen mir bangt; und in meinen eige⸗ nen Gedanken meine ich Schatten zu ſehen, die mich bedrohen. Ich fühle, daß eine wichtige Veränderung mit mir vorgehen wird. Ach, Branitzka, wenn ich doch einen wahren Freund beſäße, dem ich mich anvertrauen könnte! Es iſt entſetzlich, uͤber Millionen gebieten zu können und gleichwohl nicht einen einzigen Freund zu beſitzen; es iſt entſetzlich, eine halbe Welt knieend zu ſeinen Füßen zu ſehen und gar Nichts für ſein eigenes Herz zu haben; es iſt entſetzlich, mit dem Zepter in der Hand ſich gleichwohl in egoiſtiſchen Intriguen kleiner Seelen eingeſchnürt zu finden; es iſt entſetzlich, das Wahre zu wollen, das Rechte zu ſuchen und ſich den⸗ noch überall von Betrug umlauert zu ſehen. Wer iſt in der That ſelbſt mächtiger als ich, Branitzka? und gleichwohl beſitze ich nicht die Macht, die Geheimniſſe eines einzigen Intriganten zu entwirren. Mein Fuß ſteht auf einer Welt, und was bin ich gleichwohl ſelbſt? Ein Spielball verborgener, im Finſtern ſchleichender Abſichten. Nationen ziehen an meinem Triumphwagen und Würmer nagen einen Abgrund am Fuß meines Thrones. Ha, Branitzka, glaubſt Du nicht, daß das Große nur dazu da iſt, um von dem Kleinen verzehrt zu werden? Ich beginne zu fürchten, daß es unrecht iſt, einem Menſchen ſo viel Macht zu geben, wie ich 524 hier beſitze, wenn man ihm nicht auch ein allſehendes Auge gegeben hat. — Ew. Majeſtät wünſchen ſich einen Freund, fiel Branitzka ein, als die Kaiſerin verſtummte. Ich... Aber die Kaiſerin hörte nicht auf ſie. — Ich habe, fuhr ſie fort, in den letzten Wochen ſo viel erfahren; aber es kommt mir vor, als ob die Sterne, die bisher ſo klar über meinem Haupte geleuch⸗ tet, ihren Gang verändert hätten. Es iſt ſchlimm, Branitzka, daß die Aſtrologie in ihrem übeln Ruf un⸗ tergegangen iſt, ſtatt vorwärts zu ſchreiten und eine wahre Wiſſenſchaft zu werden. Glaubſt Du nicht, daß die Aſtrologie dies hätte werden können? Ich bin da⸗ von überzeugt. Die Aſtrologie war in ihrem erſten Auftreten einbildiſch und beging viele Thorheiten, bis ſie zuletzt ausgelacht und, wie vieles andere Gute in der Welt, in ihrer Entwicklung, in ihren Knoſpen er⸗ drückt wurde. Branitzka, nur die zur Wiſſenſchaft ver⸗ vollkommnete Aſtrologie hätte den Mächtigen das all⸗ ſehende Auge geben können, deſſen ſie bedürfen, um im⸗ mer zu wiſſen, wie ſie handeln müſſen, und um ihre Umgebung durchſchauen zu können. Hatte die Kaiſerin die letzte Bemerkung Branitzka's ganz unbeachtet gelaſſen, ſo ſchenkte in der That auch die Gräfin den Aeußerungen der Kaiſerin wenig Auf⸗ merkſamkeit. Jede der beiden Damen war von ihren eigenen Gedanken in Anſpruch genommen. — Ew. Majeſtät ſprachen ſo eben von einem Freund, bemerkte Branitzka von Neuem. — Eine regierende Perſon beſitzt keinen Freund, erwiderte die Kaiſerin. Glaube mir Branitzka, man beſitzt keinen Freund, als höchſtens im eigenen Intereſſe. Der Thron iſt eine Idee, und ſeine Freunde ſind Ideen, Abſtractionen. Aber das Herz wird von Abſtractionen nicht erwärmt. In meinem ganzen Leben habe ich eine ganze Welt an meine Bruſt gedrückt, aber nie einen ——,. 5²5 Freund. Es iſt ein ſchreckliches Bekenntniß, Branitzka, ein Bekenntniß, das man Niemand machen kann als... — Einem Freunde, Ew. Majeſtät... — Du haſt Recht, Branitzka. — Darf ich mir ſchmeicheln, einen ſolchen Platz bei Ihnen einzunehmen? — Thue das nicht, Branitzka. Aber begnüge dich nichtsdeſtoweniger mit dem Platz, den Du haſt, denn in Deiner Geſellſchaft fühle ich mich dennoch glücklich, denn ich fühle mich— allein. — Ich verſtehe, Ew. Majeſtät, denn in der That denke ich ebenſo wie Sie. Ein Freund muß mehr als nur weiſe, er muß gut und liebenswürdig ſein; ein Freund muß uns durch das Herz gewinnen. Nicht wahr, Ew. Majeſtät, ein Freund muß uns, unſere Fehler und Mängel verſtehen und uns mit Milde und Aufrichtigkeit eine leitende Hand reichen. Ein Freund muß ein Arzt des Herzens ſein; er muß, nachdem er in unſer Auge geforſcht und uns den Puls gefühlt hat, die Krankheit heilen, die unſer Inneres quãlt... Die Kaiſerin ergriff Branitzka's Hand. — Wo einen ſolchen Freund treffen? Er iſt nicht zu finden. Branitzka ſchwieg eine Weile. — Er findet ſich, Ew. Majeſtät, ſagte ſie dann. Erlauben Sie, daß ich ihn hereinrufe? — Ihn? — Er iſt hier. Soll ich ihn eintreten laſſen? — Wen meinſt Du? Sage mir's. — Armfelt. ie Kaiſerin war erſtaunt und ſchien kaum ihren Ohren trauen zu wollen. Branitzka fürchtete, daß ſie zu weit Pegangen ſein möchte. 1 — Du haſſeſt ihn ja? verſetzte die Kaiſerin endlich. es Ich habe ihn gehaßt, Ew. Majeſtät; aber jetzt etzt... — Jetzt liebſt Du ihn... Ah, ich verſtehe! Liehe 4 526 und Haß ſind wie Tag und Nacht, ſie wechſeln im Her⸗ zen des Weibes; aber die Liebe, die auf den Haß folgt, iſt eine verzehrende Liebe. — Sagen Sie das nicht, Ew. Majeſtät; Sie zer⸗ malmen mich. — Und er iſt hier, ſagſt Du... hier... ganz nahe?2 — Ew. Majeſtät haben mir ſelbſt befohlen, ihm die Schlüſſel zu der geheimen Treppe zu geben. — Ich weiß das... aber... — Soll ich die verborgene Thüre öffnen, Ew. Majeſtät! Die Kaiſerin lehnte ſich in den Fauteuil zurück und bedeckte ihr Geſicht mit der Hand. Branitzka hü⸗ tete ſich, ſie zu ſtören. — Branitzka, ſagte die Kaiſerin nach einer kurzen Pauſe. — Ew. Majeſtät... — Du haſt recht gehandelt, meine Liebe; Du haſt tiefer in meine Seele geblickt, als irgend eine andere Perſon. Ich ſchätze Armfelt, nicht als ob er... wie Du Dich ausdrückteſt... mich durch mein Herz gewonnen hätte... glaube das nicht... ſondern darum, weil er nicht blos viele Einſicht, ſondern auch, was man ſonſt an den Männern ſo oft vermißt, ein warmes und theil⸗ nehmendes Herz beſitzt. Ich beklage blos Eines, weil dies ein Unglück iſt. — Was, Ew. Majeſtät? — Daß Du ihn liebſt, meine Freundin. — Ich war unglücklicher, als ich ihn haßte. — Ich glaube Dir... aber laß uns nicht davon ſprechen. Heiße ihn hereinkommen, Branitzka; aber ver⸗ ſchließe zuerſt die Thüre da, damit Niemand hereinwi⸗ ſchen kann. Ich habe nie ein ſo großes Bedürfniß em⸗ pfunden, mich mit ihm zu berathen, wie in dieſem Augenblick. So, Branitzka, jetzt öffne die geheime Thüre und bitte ihn hereinzutreten. Du bleibſt hier.. hoͤrſt 527 Du, Branitzka. Ich habe keine Geheimniſſe vor Dir, ſeit Du Deine Meinung über Armſelt geändert haſt. Branitzka vollzog den Willen der Kaiſerin, und nachdem ſie den gewöhnlichen Eingang verſchloſſen hatte, öffnete ſie eine Tapetenthüre, durch welche Armfelt eintrat. Orlow wagte ſich nicht zu bewegen; mit offenen Ohren und klopfendem Herzen lauſchte er auf jedes Wort. Die Denkungsart der Kaiſerin im Allgemeinen, wie auch ihre und beſonders Branitzka's offen einge⸗ ſtandenen, obſchon bisher geheimgehaltenen Sympathien für Armfelt waren für ihn neue Entdeckungen, die auf die innere Stellung des Hofes ein ganz anderes Licht warfen, als dasjenige war, worin er ſie bisher betrach⸗ tet hatte. Die Günſtlingspartei, die er für ungemein einflußreich gehalten hatte, war ja jetzt zu einem bloßen Scheinbild herabgeſunken. Die Gefahr war größer, als er ſie ſich gedacht, und er pries jetzt ſeinen guten Ge⸗ nius, der ihm eine ſolche Gelegenheit verſchafft hatte, in die wahren Verhältniſſe einzublicken. Armfelt war nicht lange bei der Kaiſerin geweſen, ſo bemerkte er auch ſchon, daß ſeit kurzer Zeit eine ſehr bedeutende Veränderung mit ihr vorgegangen war. Ihr Temperament war nicht mehr fröhlich und lebhaft wie rüher; ſie war vielmehr verſtimmt und niedergeſchla⸗ gen? Woher kam dieſe Veränderung? Kam ſie von inneren oder äußeren Urſachen, oder von einem Zuſam⸗ menwirken beider? Vermuthlich war letzteres der Fall. ie Kaiſerin hatte ihre in allgemeinen Reflexionen ſich eewegende Unterredung mit Branitzka fortgeſetzt; aber um den Motiven ihrer dermaligen Lage auf die Spur zu ommen, ſuchte Armfelt das Geſpraͤch auf die neueſten Ereigniſſe zu leiten. Dies war auch nicht ſchwer, zu⸗ 528 mal da die Bemerkungen der Kaiſerin unaufhörlich von ihnen auszugehen und zu ihnen zurückzukehren ſchlenen; es waren Meditationen, die juſt unter dem Druck der gegenwärtigen Umſtände hervorgegangen waren. Sie dehunden ſich auch bald mitten auf dieſem Felde. —, Sie behaupten, daß ich krank ſei; nun ja, Armfelt, ich bin es und ich bedarf eines Arztes, aber mehr für meine Seele als für meinen Körper, obſchon auch dieſer leidet. — Ew. Majeſtät haben ſich ſeit der Ankunft Gu⸗ ſtav Adolph's IV. zu ſehr angeſtrengt. — Vielleicht, vielleicht auch nicht, antwortete ſie. Meine phyſiſchen Umſtände wirken weniger auf meine Seei, als die Seele auf meine phyſiſchen Umſtände wirkt. Die Kaiſerin befand ſich unleugbar in einer ſehr aufgeregten Stimmung; Armfelt verſtand ſie noch nicht recht, aber er betrachtete ſie mit Theilnahme. — Wenn Ew. Majeſtät, ſagte er, ſich mir aufrich⸗ tig anvertrauen wollen, ſo werde ich mich dieſes Ver⸗ trauens würdig zu machen ſuchen. — Ich glaube es beinahe und nichtsdeſtoweniger zweifle ich daran. Ich bin daran gewöhnt, daß die Menſchen ſich mehr von ihrem Intereſſe als von den unmittelbaren Eingebungen ihres Herzens leiten laſſen. Sie ſind Schwede, Armfelt... — Das iſt kein Fehler, Ew. Majeſtät. Ich bin Schwede, es iſt wahr, ich bin es mit Leib und Seele, aber ich könnte es nie auf Koſten meiner Ehre ſein. Sie können mich auf die Probe ſtellen, Ew. Majeſtät, und ich bin überzeugt, daß ich die Probe beſtehen werde. — Thun Sie das, Ew. Majeſtaͤt, bat Branitzka, thun Sie das. Auch ich glaube, daß Armfelt Sie nicht verrathen könnte. Vertrauen Sie ſich daher ihm an. Die Kaiſerin fuhr noch einmal mit der Hand über ihr Geſicht; dann aber ſchaute ſie ſich um, bis ihre Blicke zuletzt auf Armfelt verweilten. —--——,— ʒ 3 —,— 529 — Können Sie mir einen guten Rath geben, Arm⸗ felt? Ich habe deſſen nie mehr bedurft, als in dieſem Augenblick. — Erklären Sie ſich, Ew. Majeſtät. Ihr Glücks⸗ ſtern iſt in einer Wolke ſtehen geblieben. Sie ſind in der That unwohl. Ihre Gemüthsſtimmung flößt mir Kummer ein. Vertrauen Sie ſich mir an, Ew. Majeſtät. Orlow beugte ſeinen Kopf hinter dem Schirm vor: er wollte nicht blos hören, er wollte auch ſehen. — So hören Sie mich denn an, Armfelt. Wäh⸗ rend eines langen Lebens iſt mein Glück mir voran⸗ gegangen und hat über manche Schwierigkeiten, manche Hinderniſſe, manche.. ich möchte beinahe ſagen... Unmöglichkeiten eine Brücke geſchlagen. Ich meines Theils ſah blos zu, wie Erfolg und Glück in meinem Dienſt arbeiteten, und fröhlich und zufrieden ſchritt ich voran, ohne Etwas zu fuͤrchten. Der erſte Warnungs⸗ ruf, der mir nahte, kam von Ihnen. Ich erſchrack einen Augenblick... bald aber glaubte ich, daß Sie ſelbſt ge⸗ täuſcht ſeien oder daß Sie mich täuſchen wollten. Un⸗ terbrechen Sie mich nicht, Armfelt, ſondern hören Sie mich weiter. Mein Urtheil hat ſich inzwiſchen ſeitdem allmählig verändert; ich glaube jetzt wirklich, daß die eine und andere Ihrer Warnungen wahr iſt, und es kommt mir vor, als wäre die Brücke hinter mir auf einmal abgebrochen und ich allein im Stich gelaſſen worden. Sie werden mich ſogleich verſtehen. Sie wiſſen ſelbſt, welche kleine Unannehmlichkeiten, kurz nach un⸗ ſerer letzten Unterredung, bei Guſtav Adolph's erſtem Auftreten dahier eintrafen. Durch Sie und Döring... nicht durch einen meiner eigentlichen Günſtlinge... wurde Alles wieder in Ordnung gebracht, und ich habe nicht vergeſſen, daß ich Ihnen dafür Dank ſchulde. Gleichwohl begann das Mißtrauen bereits ſich in meinen Gedanken einzuniſten, und ich habe Verſchiedenes be⸗ merkt, was mich beunruhigt. Wenn Sie meine politi⸗ ſche Laufbahn betrachten, ſo werden Sie finden, daß Der Fürſt. II. 34 530 immer der eine Schritt die Folge eines vorhergehenden iſt, manchmal, ich gebe es gerne zu, ein Schritt, wozu die Nothwendigkeit mich gezwungen hat, am Oefteſten aber ein Schritt, den ich aus eigenem freien Antrieb that. Seit Guſtav's III. Beſuch dahier iſt ſeine Familie mir lieb geweſen. Der Friede von Werelä, zu deſſen Unterzeichnern Sie ja ſelbſt gehören, zeugt auch von dieſer Neigung. Mein Wunſch. Alexandra mit Guſtav Adolph verbunden zu ſehen, wurzelt alſo tief in unſeren älteren Verhältniſſen. Dieſe Verbindung iſt zum theuer⸗ ſten Wunſch meiner Seele herangereift; ich habe... Sie wiſſen es ſelbſt... vor ganz Europa, ſo zu ſagen, meine Ehre dafür verpfändet. Ich will ſie... ich will ſie mit meinem Herzen. Sie muß geſchehen, weil... weil... weil ſie geſchehen muß. Die Kaiſerin vermied es vorſichtig, die wahren Grunde für den Eifer anzugeben, womit ſie auf dieſe Partie drang. — Aber indem ich, fuhr ſie fort, mich mit jedem Tage mehr dem Ziele meiner längſt gehegten Wuͤnſche näherte, iſt der eine und andere Zweifel in mir erwacht und hat meine Zuverſicht erſchüttert. Ich weiß ſelbſt nicht recht, welche unglückliche, dunkle Eingebung mich antrieb, daß ich, als ich aus anderen Gründen einen Beſuch in Strelna machte, die Gelegenheit benützte, um mir von Marfa wahrſagen zu laſſen. Sie haben doch wohl von dieſer berühmten Seherin gehört? — Man braucht nicht lange in Petersburg gelebt zu haben, Ew. Majeſtät, um ſie zu kennen. Sie lebt in Aller Mund. Inzwiſchen... ſie prophezeite... — Ich bereue, daß ich mich an ſie wandte. — Aber in was beſtanden ihre Prophezeiungen, Ew. Majeſtät? — In Albernheiten, Armfelt, und gleichwohl... obſchon ich ſie damals bald vergaß... ſind ſie jetzt wieder in meiner Seele aufgetaucht.. und warum es leugnen... ſie erſchrecken mich. 53¹ — Aber was prophezeite ſie? — Daß die Verbindung zwiſchen Alexandra und Guſtav nicht zu Stande kommen würde. — Wirklich? — Sie prophezeite, daß ich ſterben würde. — Was ſagen Ew. Majeſtät 24 — Damit nicht genug... Sie haben ſicherlich von der unglückſeligen Geſchichte der Tarrakanow gehört, von — Nun ja.. — Marfa ſagte, Tarrakanow wuͤrde an meinem Sterbebette erſcheinen. Armfelt konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. — Wiſſen Ew. Majeſtäͤt, bemerkte er, ob Tarraka⸗ now wirklich todt iſt oder ob ſie noch lebt? — Orlow hat mir früher immer geſagt, daß ſie todt ſei; aber ſeit er von dem unbekannten Ritter beim Turnier angeklagt worden iſt, daß er ſie auf eine heim⸗ lickſche Art ermordet habe, behauptet er jetzt, daß ſie noch lebe. Armfelt blickte ernſt vor ſich. Er überlegte. In ihrer aufgeregten Stimmung heftete die Kaiſerin un⸗ ruhig ihre ganze Aufmerkſamkeit auf ihn. — Sie ſchweigen, Armfelt, bemerkte Branitzka, die mit inniger Theilnahme der Erzählung der Kaiſerin ge⸗ folgt war. Beweiſen Sie jetzt durch einen guten Rath, daß Sie ein wirklicher Freund der Kaiſerin ſind. rlow hatte im Schirm eine Ritze entdeckt, durch welche er, ohne das Mindeſte für ſich ſelbſt zu fürchten, ebenſo gut ſehen konnte, als er bisher gehört hatte. — Bevor Sie Ihre Anſicht ausſprechen, fuhr die Kaiſerin fort, laſſen Sie mich meine Beichte vervollſtän⸗ digen. Es kommt mir vor, als ob Tarrakanow's Schat⸗ ten drohend das Glück umſchwebe, das ich mir von der Verbindung Alexandra's mit Guſtav verſuxechr, und 532 dieſer Gedanke reißt ſchmerzliche Ahnungen auf, die ich g nicht zu erdrücken vermag. Aber damit iſt es nicht ſ genug. Auch andere Dinge beunruhigen mich. Sie. wiſſen, daß ich meine Einwilligung zu einer Vermäh⸗ j lung zwiſchen Willanow und Orlow gegeben habe. Aber e ich habe ſichere Beweiſe in der Hand, daß Orlow... ü obſchon er mir unleugbar manchen Dienſt geleiſtet hat r .. dennoch ein ſchlechter Kerl iſt, weil er jedenfalls L nicht bloß Willanow's Eltern verrätheriſch und grau⸗ 8 ſam behandelte, ſondern auch, geſtützt auf das Ver⸗ trauen, das ich ihm ſchenkte, ſeine Macht mißbraucht hat. b Armfelt's Geſicht belebte ſich, als die Kaiſerin die⸗ d ſen Gegenſtand berührte. Sie bemerkte es auch ſehr fi gut, ließ ſich aber Nichts anmerken. Sie begann bloß ihn noch genauer zu firiren. — Auf der einen Seite, fuhr ſie mit derſelben h Schwermuth wie bisher fort, ſehe ich ſehr wohl ein, S daß ich Willanow unglücklich mache, wenn ich meine einmal ausgeſprochene Abſicht ausführe, und auf der en andern Seite hat Orlow mein Verſprechen. Was ſoll ko ich thun? Ich weiß recht gut, daß Willanow und Dö⸗ A ring... 3 Armfelt wandte ſich bei dieſem Namen haſtig um. g, Seine Raſchheit ſchien die Kaiſerin auf einmal an Etwas m zu erinnern, denn der Ausdruck in ihrem Geſichte ver⸗ änderte ſich. m — Daß Willanow und Döring, fuhr ſie indeß nach je einer Weile fort, einander lieben... und zwar herzlich G und innig lieben... ſah Als ſie dießmal den Namen Döring ausſprach, be⸗ al tonte ſie ihn ſtarker. m Armfelt hatte ſich erhoben und ging mehrere Male ſt auf und ab. gl Hätte er jetzt die Kaiſerin ebenſo aufmerkſam be⸗ ur obachtet, wie bisher, ſo würde er leicht entdeckt haben, g6 daß trotz der Schwermuth, die ſie beherrſchte, ihre leb⸗ di hafte Seele gleichwohl einen neuen Gedanken auf⸗ 533 gefaßt hatte, der, wenigſtens ſo lange er ſie beſchäftigte, ſie auch von ihren eigenen Bekümmerniſſen ablenkte. — Döring, begann ſie wieder, iſt ein vortrefflicher junger Mann und hat ſich durch ſeinen edlen Charakter ein Recht auf mein Wohlwollen erworben. Ich bin überzeugt, daß er Willanow mit einer warmen und reinen Neigung liebt, wogegen ich fürchte, daß Orlow's Liebe ſich bei all' ihrer Leidenſchaftlichkeit auf großen Eigennutz gründet. Orlow konnte kaum länger ein ruhiger Zuhörer bleiben. Wuth kochte in ſeiner Bruſt und gleichwohl durfte er nicht einmal zu athmen wagen. Jedes Wort fiel ſchwer wie ein Fluch auf ihn. Armfelt blieb vor der Kaiſerin ſtehen. — Sie haben nunmehr meine Bekümmerniſſe ge⸗ hört, Armfelt, ſagte ſie, ſprechen Sie jetzt, wie glauben Sie, daß ich handeln muß? — CEdel, wie es der Majeſtät geziemt, antwortete er; entſchloſſen, wie es einem ſcharffinnigen Verſtande zu⸗ kommt, raſch und ohne Zeitverluſt, wie es dem feſten Willen gebührt. Armfelt ſprach zuverſichtlich, offen und in wohl⸗ geſetzten Worten. Die kranke Seele der Kaiſerin ath⸗ mete darin Geſundheit. — Ich will nicht ſagen, fuhr Armfelt fort, daß es mich freue, wenn mein erſter Warnungsruf in Ew. Ma⸗ jeſtät eigenem Mißtrauen ſeine Beſtätigung fand; im Gegentheil ſchmerzt es mich, weil ich ſehe, wie ſehr ſchon dieſer bloße Gedanke Ew. Majeſtät quält. Von all den Bekümmerniſſen, die Sie mir anvertraut haben, möchte ich jedoch nicht eine einzige mit demſelben Maß⸗ ſtab meſſen wie Sie; am Allerwenigſten, Ew. Majeſtät, glaube ich, daß dieſelben ſo viel Rückſicht verdienen, um als eine beſchwerende, drückende Laſt auf Ihre Seele gelegt werden zu können, wenn Sie Ihrer ſelbſt wür⸗ dig handeln wollen. 534 — Aber, Armfelt, was ſoll ich thun, z. B. in der Frage über die Verheirathung Willanow's? — Mit dem Grafen Orlow 2 — Za, ja. — Machen Sie dieſe Sache rückgängig, Ew. Ma⸗ jeſtät.. Die Augen der Kaiſerin blitzten: genau betrachtet, ſchien ſie bei dieſer Frage einen Hintergedanken zu haben. — Mein Verſprechen nicht erfüllen, ein Verſprechen, das Willanow ſelbſt und ſogar ihre Eltern gutgeheißen haben? — Unter keinen Umſtänden, Ew. Majeſtät, würde ich Jemand rathen, ein Verſprechen zuruͤckzunehmen, das auf einem gerechten Grunde ruht; dagegen nehme ich keinen Anſtand, es zu thun, wenn das Verſprechen auf dem Gegentheil beruht und in ſeinem Reſultat nicht beglücken, ſondern vielmehr zwei Herzen zermalmen wuͤrde. — Aber mein Wort? — Nicht der Sieg des Wortes iſt für die Welt wichtig, Cw. Majeſtät, ſondern der Sieg der Wahrheit, des Edelmuths, der Gerechtigkeit. Das Wort eines Mo⸗ narchen iſt wichtiger, als das Wort anderer Menſchen, das mag ſein; aber auch der Monarch iſt nur ein ſchwa⸗ cher Sterblicher und der Eindruck des Augenblicks be⸗ herrſcht auch ihn. Sind die Verhältniſſe nicht anders, als zur Zeit, wo Orlow Ihr Verſprechen erhielt? Wuß⸗ ten wohl Ew. Majeſtät damals, daß er ein ſchlechter Mann iſt? — Nein, Armfelt, nein! — Geſtehen Sie, Ew. Majeſtät, daß Sie das Fräu⸗ lein dem Chrenmanne zuſagten und nicht dem Schurken. Sie können doch nicht ſo grauſam ſein, ein edles Mäͤd⸗ chen an einen Elenden wegzuſchenken? Ein brennender Schweißtropfen um den andern rann über Orlow's Stirne. Ich geſtehe, antwortete die Kaiſerin, daß Sie viel⸗ er 535 leicht Recht haben können, aber nichtsdeſtoweniger bedeu⸗ tet gleichwohl... Armfelt ſchwieg, um die Kaiſerin ihren Satz voll⸗ enden zu laſſen. — Bedeutet gleichwohl, fuhr ſie nicht ohne Ver⸗ legenheit fort, mein kaiſerliches Wort noch Etwas... — Die ſchönen Thaten ſind es, Ew. Majeſtät, die Ihre Würde krönen müſſen. Jedem Menſchen kann der Betrug ein Verſprechen ablocken; aber Niemand iſt län⸗ ger daran gebunden, als bis der Betrug entdeckt iſt. Wahrhaftig, Ew. Majeſtät, die Umſtände ertheilen Ih⸗ nen vollkommene Abſolution, wenn Sie in Uebereinſtim⸗ mung mit ihnen handeln. — Und wenn ich alſo Willanow und Döring zuſam⸗ mengäbe? — Ja, Ew. Majeſtät, ja. Armfelt war eifrig. Die Kaiſerin heftete einen ſchlauen Blick auf ihn. — Wir wollen die Sache überlegen, ſprach ſie; aber man ſagt... und ſie ſprach jetzt ihre Worte ſo langſam aus, als wünſchte ſie, daß jedes von ihnen ſo tief wie möglich in Armfelt's Herz dringen ſollte; aber man ſagt, daß Döring ein.. ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken ſoll... ein Vater⸗ und Mutterloſer, daß er von mehr als niedriger Geburt ſei, und daß ſich deßhalb ſchon einmal eine Partei für ihn zerſchlagen habe. Wie verhält es ſich damit, Armfelt? Sie ſehen wohl ein, daß, wenn ſich Gründe vorfinden, die es einem ſchwediſchen Hoffräulein unmöglich machten, ihre Schickſale mit dem ſeinigen zu vereinigen, dieſelben Gründe anch hier zu denſelben Folgen führen müſſen. Das fühlen Sie ſicherlich, Armfelt— obſchon Sie es bisher vermieden haben, davon zu ſprechen. Die Frage der Kaiſerin ſchlug eine Saite an, die durch Armfelt's ganzes Weſen ertönte. Wir wiſſen, daß er Döring hochſchätzte und daß es ihm ein höchſt ſchmerzliches Bewußtſein war, alles Unglück deſſelben 536 verſchuldet zu haben. Da er nun jetzt neues Unglück für ihn fürchtete, ſo fühlte er ſich doppelt verpflichtet, daſſelbe wo möglich abzuwehren. Einen Augenblick blieb er indeſſen unſchlüſſig und wußte nicht, was er thun ſollte; aber das Gefühl ſprach laut zu ihm und ohne auf etwas Anderes zu hören, gehorchte er den Eingebungen deſſelben. Armfelt ließ ſich vor der Kaiſerin auf ein Knie nieder. — Ew. Majeſtät, ſagte er, Döring iſt mein Sohn. Können Sie dem Vater verzeihen, ſo wird wohl auch der Sohn Ihre Verzeihung erhalten. Seit mehreren Tagen milderte jetzt zum erſten Mal ein Lächeln den Ernſt im Geſichte der Kaiſerin. Bra⸗ nitzka dagegen erhob ſich überraſcht, als wäre ſie auf eine unangenehme Art aus einem lieblichen Traume geweckt worden. — Ihr Sohn? ſtammelte ſie. — Branitza, unterbrach ſie die Kaiſerin, betrachte Armfelt recht genau. So ſieht ein Verräther an unſe⸗ rem Geſchlechte aus.. Branitzka verbarg das Geſicht in ihren Händen. Armfelt war überrumpelt worden, aber die Ueber⸗ rumpelung hatte den edelſten Theil eines Mannes, das Vaterherz, getroffen. Der Scherz der Kaiſerin und Branitzka's Kummer gingen in dieſem Augenblick für ihn verloren: er hatte nur ein einziges Gefühl, näm⸗ lich daß er als ein lebendiger Schild für das Glück ſei⸗ nes Sohnes dalag. — Ich bitte, ſagte er, nicht um meinetwillen, ſon⸗ dern Döring's wegen Ew. Majeſtät um Erlaubniß, mich erklären zu dürfen. — Das iſt nicht nöthig, Armfelt; ich kenne Ihre ganze Geſchichte zum Voraus. Inzwiſchen muß ich doch für Döring eine Strafe ausſinnen, weil er es gewagt hat, ſeine Blicke zu einer Dame von Willanow's Rang zu erheben. Das war es indeſſen nicht, was ich Ihnen 537 ſagen wollte. Wiſſen Sie, was ich am Allermeiſten mißbillige? — Nein, Ew. Majeſtät. — Sie haben mich aufgefordert, mein Verſprechen gegen Orlow zurückzunehmen, Sie haben Ihr ganzes Rednertalent aufgeboten, um mich zu überzeugen, daß meine Ehre und meine Pflicht es mir gebieten; Sie haben Anſichten geäußert,... ich ſage nicht, daß ſie unrichtig ſind... aber ich ſage, daß ſie dennoch... im Eigennutz ihren Grund haben. Sie wurden beredt, weil es ſich um das Wohl Ihres Sohnes handelte... ſehen Sie, Armfelt, daß auch Sie nicht fehlerfrei ſind. — Verurtheilen Sie mich, Ew. Majeſtät, fiel Arm⸗ felt ein, aber verurtheilen Sie Döring nicht. Er iſt unſchuldig. — Ich will die Sache überlegen. Jetzt antworte ich noch Nichts. Aber betrachten Sie Branitzka, Arm⸗ felt, ſehen Sie, welchen Kummer Sie ihr gemacht haben? Als Branitzka ihren Namen hörte, entblößte ſie ihr Geſicht und eine Thräne glänzte in ihren Wimpern. — Verzeihen Sie ihm, bat auch ſie jetzt. Von dem Augenblick an, wo Branitzka die Baro⸗ nin Armfelt kennen gelernt hatte, war ſie ſanfter und verſöhnlicher geworden. Die Kaiſerin lächelte Beiden freundlich zu. — Ich fürchte, ſagte ſie, daß, wenn Du Gründe haſt, mich um Verzeihung für ihn zu bitten, er ebenſo viele Gründe hat, mich um Verzeihung für Dich zu bitten. Wie ſteht’s, Soll ich euch Beiden verzeihen? — Ja, ja. — Nun denn, ich thue es, aber bedenket wohl... nur ein einziges Mal. Obſchon die Kaiſerin ihren Worten einen ſcherz⸗ haften Ton gab, meinte man doch einen tiefen Schmerz daraus erklingen zu hören. 538 Die Kaiſerin wich abſichtlich allen beſtimmten Ver⸗ ſprechungen und Antworten aus, hörte aber aufmerkſam Alles an, was Armfelt ſagte. Er war dadurch in Un⸗ gewißheit verſetzt, ob ſie mit ihm zufrieden ſei oder— nicht; aber das hinderte ihn nicht, ſeine Meinung fort⸗ jo während mit der gleichen Offenheit auszuſprechen. Die Stirne in ihre Hand gelehnt, betrachtete die Kaiſerin während einer kurzen Pauſe Armfelt und Bra⸗ ſc nitzka mit einem ſchwärmeriſchen Blick. Man hätte bei⸗ nahe glauben können, ſie wolle in die Zukunft dieſer d Perſonen ſehen; aber dabei eilte ein ſchnell voruber⸗ gehender Schauer durch ihre Glieder und ſie gewann p ihre ganze Faſſung wieder. a — Laſſen Sie uns zu unſerem Gegenſtand zurück⸗ d gehen, begann ſie. Sie haben gehört, welche Beküm⸗ 2 merniſſe mich beunruhigen. Was denken Sie von Mar⸗ fa's Prophezeiung? Armfelt erhob ſich. Ein mächtiges inneres Ge⸗ fühl hatte ihn einen Augenblick hingeriſſen. Die Hand an ſein Herz gedrückt, beherrſchte er ſich wieder. ei Nichts floͤßt dem Weib größeres Vertrauen zu dem Mann ein, als ſeine Selbſtbeherrſchung. Will man S glücklich an der Seite des Weibes gehen, ſo muß man ruhig gehen. Dieſe Kunſt iſt nicht leicht, weil man h jedenfalls immer an der Seite eines kleinen Vulkans d geht, deſſen Ausbrüche indeß mehr intereſſant als ge⸗ fährlich ſind, wenn man nur ſeine Seelenruhe nicht da⸗. durch erſchüttern läßt. Armfelt wußte dieſe zu behaup⸗ e ten: er kannte die Herrſchergewalt der Ruhe. Ohne ſich die fortwährende Aufregung ſeines eige⸗ nen Gefühls anmerken zu laſſen, nahm er zuvorkom⸗ mend die Frage der Kaiſerin auf. — Marfa's Prophezeiung? wiederholte er. k Die Sache ſtand vollkommen klar vor ſeinen Augen. g — Sie prophezeite Ew. Majeſtät einen unglück⸗— lichen Ausgang der in Frage ſtehenden Verbindung? — Ja, ja. 539 — Sie prophezeite Ihnen einen baldigen Tod? Der Blick der Kaiſerin ſenkte ſich. — Und daß Tarrakanow an Ihrem... — Daß ſie an meinem Sterbebett ſtehen würde, ja! das iſt wahrhaft entſetzlich. Die Kaiſerin bedeckte ihre Augen. — Ew. Majeſtät verlangen, daß ich meine Anſicht ſagen ſoll? — Unverſtellt und aufrichtig, Armfelt; ich wünſche das. — Man müßte ein Prophet ſein, um eine Pro⸗ phezeiung erklären zu können. Hören Sie mich indeß an. Ew. Majeſtät geſtehen, daß Sie für die Verbin⸗ dung zwiſchen der Prinzeſſin Alexandra und Guſtav Adolph Ihre Ehre verpfändet haben? — Ich geſtehe es. — Ihre Ehre iſt Ihr Leben. Die Kaiſerin ſtarrte ihn fragend an. — Werden Ihre Wünſche in dieſer Beziehung ver⸗ eitelt, ſo kann die Prophezeiung in Erfüllung gehen. Die Kaiſerin hörte Armfelt beinahe mit demſelben Schrecken an, wie früher Marfa. — Tarrakanow, fuhr Armfelt fort, iſt unzweifel⸗ haft todt und die Todten ſtehen nur auf eine Art wie⸗ der auf. — Auf welche Art, Armfelt? — In unſerem Gewiſſen, Ew. Majeſtät. In Ihrem eigenen Gewiſſen wird ſie an Ihrem Sterbebette ſtehen. — Sie ſind noch ſchrecklicher als Marfa. — Ich bin bloß unverſtellt und aufrichtig. — Sie glauben alſo... — Daß Marfa's Prophezeiung in Erfüllung gehen kann, ja, Ew. Majeſtät, das glaube ich; aber ich glaube auch, daß es in Ihrer Macht ſteht, dieß zu ver⸗ hindern. — Laſſen Sie hören, Armfelt... ſprechen Sie un⸗ geheuchelt, offen. Still, was war das. 2 S Ein leiſes Geräuſche wurde vom andern Ende des Zimmers her gehört. — Ungeheuchelt? Allerdings, Ew. Majeſtät, dieß iſt immer meine Art, zu Werke zu gehen. Aber damit iſt noch nicht geſagt, daß Sie ſo handeln werden, wie ich denke. 3 — Sagen Sie mir, wie glauben Sie, daß ich han⸗ deln ſoll? Rathen Sie mir.. rathen Sie mir. —. Sie dürfen eine Sache, die ſchon längſt ſir und fertig ſein müßte, nicht länger aufſchieben. Wenn In⸗ triguen Sie umgeben, ſo wachſen ſie wie Schlingpflanzen fort, bis ſie Ew. Majeſtät in die Tiefe hinabziehen. Die Kaiſerin lauſchte begierig auf jedes Wort, das aus Armfelt's Munde kam. — Iſt dieſe Partie einmal in's Reine gebracht, Ew. Majeſtät, ſo wird Ihre melancholiſche Stimmung weichen, und die Friſche und Heiterkeit Ihrer Seele werden wiederkehren. — Vielleicht, Armfelt, ich glaube Ihnen beinahe. — Und wenn Sie Ihre Seelenfriſche wieder ge⸗ wonnen haben, fügte er hinzu, ſo wird Tarrakanow ausbleiben. Armfelt war ſelbſt von ſeinen Gedanken belebt wor⸗ den, und er machte einen Gang durch das Zimmer; dann blieb er wieder vor der Kaiſerin ſtehen. — Ew. Majeſtät, ſagte er, ich habe mit allen Altern und mit allen Klaſſen, mit der Jugend und dem Greiſen⸗ alter, mit der Hoheit und der Niedrigkeit, mit dem Reichthum und der Armuth gelebt und genoſſen. Da⸗ bei habe ich mir ein einziges Kapital geſammelt, und dieſes Kapital vermag mir Niemand zu rauben: es heißt Erfahrung. Die Jugend iſt ein Leben in ſäuſeln⸗ den Hainen, wo die Blumen auf dem Boden wachſen und die Nachtigallen in den Wipfeln ſingen. Das mitt⸗ lere Alter iſt eine Wanderung in hohen, beirrenden Wäl⸗ dern und unter ſteilen, wegloſen Bergſtürzen, wo der Schwache alle Hoffnung aufgibt, weiter zu kommen; α— 541 nur der Starke bricht ſich dreiſt eine Bahn. Das vor⸗ geſchrittene Alter hinwiederum iſt eine unüberſehbare Haide: vergebens ſucht der Blick nach Hainen und Berg⸗ ſtürzen; wohin man das Auge wendet, ſieht man nur eine Wüſte, auf allen Seiten vom Horizont begrenzt. Wenn wir in jüngeren Jahren genoſſen oder kämpften, wurden unſere Lebensgeiſter durch ein gegebenes Ziel, innerhalb einer beſchränkten Ausſicht, in Bewegung ge⸗ ſetzt. Dieß erhöhte unſere Kraft und belebte unſern Muth unaufhörlich durch neue Abwechſelungen; das Herz hatte das Glück, Stunden zu beſitzen und in der Stunde bedeutet der Menſch Etwas. Aber auf der Haide, in der Wüſte, wie im Alter, beginnt die Ewigkeit, Un⸗ ter ihrer unmittelbaren Einwirkung erhält unſer Leben einen ganz andern Charakter. Die irdiſchen Gegen⸗ ſtände verſchwinden und wie der Seemann auf dem Meere, müſſen wir nach den Sternen berechnen, wo wir uns auf der Erde befinden. Der Rand des Himmels iſt die einzige Begrenzung, die unſere Augen beſitzen. Unſere individuelle Kraft löst ſich auf in der erhabenen Unendlichkeit, die uns umgibt. Wir fühlen uns nicht mehr im Angeſicht von einander, ſondern im Angeſicht eines Gottes. Wir herrſchen nicht mehr ſelbſt über eine Welt; die Welt in ihrer eeigenen unſterblichen Größe beherrſcht uns. Die Vorſehung ſchiebt einen andern Thron vor, als derjenige war, von welchem herab wir unſern Zepter ausgeſtreckt haben, und vor der neuen Majeſtät verwandelt ſich die unſerige in ein Atom. Wenn wir nicht früher darüber belehrt werden, ſo belehrt uns doch unſer Alter über unſere Bedeutungsloſigkeit, unſere Schwäche, die Endlichkeit unſerer Macht. Ew. Majeſtät, Sie befinden ſich noch unter den Bergſtürzen des Lebens; aber ſinken Sie hinab, indem Sie Ihre Kraft zur Er⸗ reichung eines Zieles bezweifeln, dann werden ſie ſich, ehe Sie ſelbſt daran denken können, draußen auf der Haide, in der endloſen Wüſte befinden. In unſerer 542 Seele findet ſich nur ein einziges Heilmittel gegen den Tod bur. Wiſſen Ew. Majeſtät, worin es beſteht? — Nein. — In unſerem Muth, Ew. Majeſtät. Auch jetzt hörte man ein Geräuſche von derſelben Richtung her wie vorhin. Armfelt und die Kaiſerin beachteten es zwar nicht, aber Branitzka ſpannte ihre Ohren. — Fahren Sie fort, Armfelt, bat die Kaiſerin; ich bitte Sie, fahren Sie fort... Wenn ich an Ew. Majeſtät Stelle wäre, ſo würde ich kurz und gut handeln. Ich glaube, zu wiſſen, daß die Verbindung zwiſchen Willanow und Orlow zuerſt in der Abſicht angeregt wurde, um durch das Beiſpiel auf Guſtav Adolph's Herz zu wirken. Der Gedanke iſt nicht ohne ſeine Wahrheit. Die Liebe iſt magnetiſch. Sie zieht Gegenſtände von derſelben Natur an ſich. Ich will bloß bemerken, daß das lockende, feſtliche Vorbild nothwendig auch ein Element von wahrer Liebe in ſich tragen muß; denn im entgegengeſetzten Fall ſchadet es mehr als es nützt. Unzweifelhaft müßte auch eine Ver⸗ bindung zwiſchen Orlow und Willanow durch ihren düſtern und liebloſen Charakter Jedermann abſchrecken, das Beiſpiel zu befolgen. Vereinigen Sie dagegen Dö⸗ ring und Willanow, ſo wird der Eindruck ein ganz anderer werden. Willanow's ſchamhaftes Erröthen, des glücklichen Herzens unendliche Beredtſamkeit im Auge, Döring's ſtolzes Entzücken, ſein von unausſprechlicher Seligkeit belebtes Weſen müßten alle Herzen um ſie her gewaltig anregen. Noch mehr, Ew. Majeſtät, Guſtav Adolph iſt Döring ſehr gewogen und Alexandra liebt Willanow. Der Anblick des Glückes unſerer Freunde beglückt uns ſelbſt. Wenn wir die Wohlfahrt unſerer Freunde ſehen, ſo genießen wir ſelbſt ein Gefühl der Wohlfahrt. Alſo... — Unterbrechen Sie ſich nicht, Armfelt. Alſot ſag⸗ ten Sie.. 543 Branitzka hatte aufmerkſam gelauſcht, ob vielleicht daſſelbe Getöne, das ſie bereits gehört hatte, ſich er⸗ neuern würde, und ſie hörte jetzt eine Bewegung, wie wenn ein Fuß auf dem Boden ſcharrte. — Ich will einige Worte vorausſchicken, begann Armfelt wieder. Obſchon Ew. Majeſtät Umgebung bei allen Gelegenheiten zu beweiſen ſucht, daß ſie die Ver⸗ bindung mit Guſtav Adolph aufrichtig wüͤnſche, ſo bin ich doch überzeugt, daß man ihr insgeheim entgegen⸗ arbeitet, und Ew. Majeſtät eigene Befürchtung zeigt, daß Sie denſelben Argwohn hegen. Laſſen Sie uns deßhalb annehmen, etwas Aehnliches finde wirklich ſtatt ... was iſt dann einfacher, als daß Sie durch eine entſchloſſene Handlungsweiſe... und wenn man es am wenigſten ahnt... allen Ränken ein Ende machen? Alſo... ſage ich... ſchieben Sie die Verlobung nicht länger auf, geben Sie zu erkennen, daß Sie dieſelbe ſchon morgen wollen... und da die jungen Leutchen einander lieben, ſo werden ſie mit Freuden darauf ein⸗ gehen. „Branitzka vergaß alles Andere, um mit inſtändiger Bitte Armfelt beizutreten. — Ew. Majeſtät, bat auch ſie, befolgen Sie Arm⸗ felt's Rath. Ich bin überzeugt, daß die Unruhe, welche Sie jetzt quält, dann weichen wird. Die Kaiſerin blieb jedoch ſtill. — Befehlen Sie Orlow, Ew. Majeſtät, fuhr Arm⸗ felt fort, daß er Tarrakanow ſogleich zur Stelle ſchaffe, da er behauptet, daß ſie noch lebe. Ein ganz deutlicher Ton nahte jetzt Branitzka's Oh⸗ ren. Sie fuhr lauſchend von ihrem Platze auf; es tönte, als ob Jemand geathmet haͤtte. Die Kaiſerin bemerkte Nichts. Während ſie Arm⸗ felt's Rath überlegte, ſank ihr Kopf hinab⸗ — Lebt Tarrakanow wirklich, Ew. Majeſtäͤt, ſagte Armfelt, ſo iſt ja die ganze Schrecklichkeit, die in Marfa's 544 Prophezeiung liegt, nur leerer Wind, wie der Zauber einer gewöhnlichen Herxe. Die Kaiſerin ſchwieg fortwährend. — Wenn, ſprach Armfelt weiter, Ew. Majeſtät ſich ſelbſt zum Handeln beleben und zugleich wie mit einer Zauberruthe den Boden unterſuchen wollen, auf dem Sie ſtehen, ſo vereinigen Sie vor allen Dingen Willa⸗ now und Döring. Aus dem Eindruck, den dieſe Ver⸗ bindung machen muß, werden Ew. Majeſtät beurtheilen können, inwiefern der Augenblick, weiter zu gehen, ge⸗ kommen iſt oder nicht. — Aber mein Verſprechen gegen Orlow, bemerkte ſie wieder. Dieſes Verſprechen ſchmerzt mich und den⸗ noch iſt es ein Verſprechen. Orlow ſteht überdieß nicht allein. Subow und Markow unterſtützen ihn, und welchen Argwohn ich auch gegen dieſe Leute haben mag, ſo beſitze ich doch keine überzeugenden Beweiſe. — Hören Ew. Majeſtät, fiel jetzt Branitzka auf einmal ein, hören Sie? — Was meinſt Du? — Ich hörte deutlich, daß dort in der Ecke ſich Etwas bewegte. — Hinter dem Schirm? — Ja, Ew. Majeſtät, ja. — Auch ich meinte es ſo eben... aber es iſt un⸗ möglich... wer könnte es wagen, ohne meine Erlaub⸗ niß hier einzudringen? — Die Intrigue, Ew. Majeſtät, erinnerte Armfelt. — Die Intrigue? — Hören Sie, Ew. Majeſtät, es athmet wieder, ich kann mich unmöglich täuſchen... ich habe dieſen Ton ſchon mehrere Male gehört... es hat ſich Jemand hier verſteckt.. — Beim allmächtigen Himmel, brauste die Kaiſe⸗ rin auf, ſollteſt Du Recht haben? Die Kaiſerin erhob ſich. 545 — Wenn Ew. Majeſtät erlauben, ſo will ich den Platz unterſuchen. — Bleiben Sie, Armfelt, bleiben Sie. Meine Zimmer unterſuche ich ſelbſt. Unerſchrocken begab ſie ſich ſofort zu dem Schirm, gefolgt von Branitzka und Armfelt. In einem Augen⸗ blick war der Schirm weggerückt und— Orlow ſtand vor ihr. Wir haben nicht zu ſchildern verſucht, was wäh⸗ rend des letzten Theils der Unterredung in Orlow vor⸗ ging; aber der Leſer mag ſich ſelbſt den Eindruck den⸗ ken, welchen ein Geſpräch, das die Entwürfe der Günſt⸗ lingspartei und ſeine Neigenen Pläne durchkreuzte, auf dieſe leidenſchaftliche Natur machen mußte. Je länger es währte, um ſo unmöglicher wurde es dem„Graſen, die Vorſicht zu beobachten, die ſeine gefährliche Stellung in ſo hohem Grad erheiſchte. Er mußte ausathmen, er mußte ſich bewegen— und er verrieth ſich ſelbſt. Zitternd und bleich ſtand er vor der Kaiſerin. Zum erſten Mal fühlte er Furcht, weil er zum erſten Mal kein Mittel fand, ſich auch nur mit einem Schein von Ehre aus ſeiner Stellung zu ziehen. Orlow's unvermutheter Anblick traf die Kaiſerin nicht minder ſchmerzlich. Mit ſprachloſem Staunen betrachtete ſie ihn einen Augenblick; aber das Staunen ging⸗ bald in Zorn über. — Fort aus meinen Augen! rief ſie ihm zu, fort von hier! Sputen Sie ſich! Frniedrigen Sie mich nicht durch einen Kniefall... fort. Orlow ſchwankte aus dem Zimmer. Er verſuchte nicht ein einziges Wort zu ſeiner Vertheidigung. —h. ohend düſter und kalt blickte die Kaiſerin ihm nach. — Verlaſſen Sie mich, Armfelt, ſagte ſie. — Che ich gehe, Ew. Majeſtät, haben Sie die Gnade, mir zu ſagen, was Sie jetzt von meinen Rathſchlägen denken. 4 Der Fürſt. II. 35 546 — Ich denke jetzt Nichts, Armfelt; aber ich werde die Sache überlegen. Armfelt ſah, wie ſchwer es der Kaiſerin wurde, ihre äußere Würde ruhig zu behaupten. Der Sturm im Buſen des Weibes ſchlägt hohe Wellen. Er verbeugte ſich und trat ab. 1 2 Sobald ſie ſich allein ſah, ſank ſie in Branitzka's rme. Zehntes Kapitel. Fortſetzung. Und welche Rolle ſpielten wohl während all dieſer Ereigniſſe Herzog Karl, der Vormund Guſtav Adolph's IV., und Reuterholm? Die Geſchichte mag ſprechen. Der Herzog hatte, ſo glauben mehrere Schriftſteller, den Wünſchen der Kaiſerin nachgegeben, weil er Geld und Subſidien von ihr zu erhalten hoffte. Andere glau⸗ ben, er habe ſich mit der Hoffnung getragen, bei ſei⸗ nem bald bevorſtehenden Rücktritt von der vormundſchaft⸗ lichen Regierung, durch Rußlands Vermittlung das Herzogthum Finnland als Lehen zu erhalten. Reuterholm dagegen betrachtste Rußland als ein Mittel, ſeinen Einfluß auch noch beim Regierungsan⸗ tritt des Königs zu behaupten, denn er hoffte, im Ka⸗ binet von Petersburg eine Stütze zu gewinnen. Ein Autor ſpricht ſich folgendermaßen aus: „Da der Regent fand, daß ein Friedensbruch mit Rußland unvermeidlich war, wenn er nicht wenigſtens den Schein der Nachgiebigkeit annahm, und da er gleich⸗ wohl mit der franzöſiſchen Regierung unzufrieden war, weil ſie ihm auf eine tückiſche Weiſe die vom Wohl⸗ fahrtsausſchuß verſprochenen Subſidien entzogen hatte; da er es überdieß vermeiden wollte, Schweden in einen 547 Krieg zu verwickeln, dem der König im Augenblick ſeiner Volljährigkeit ein Ende machen konnte, ſo beſchloß er, ſich vor der Siegerin zu beugen und die hochweiſe Mi⸗ nerva des Nordens ſo gut als möglich zum Beſten zu halten.“ Derſelbe Schriftſteller ſagt ferner: „Die außerordentliche Unbeugſamkeit des jungen Königs in Bezug auf religiöſe Gegenſtände, ſo wie ſein unbeweglicher und halsſtarriger Charakter, waren dem Regenten nicht unbekannt. Guſtav hatte die griechiſche Kirche immer für noch unvereinbarer mit dem Chriſten⸗ thum gehalten, als die katholiſche, und mit Beihilfe ſei⸗ nes Religionslehrers ſuchte der Regent jetzt bei jeder Gelegenheit ſeinen Abſcheu vor dem in den ruſſiſchen Staaten üblichen Gottesdienſt noch mehr zu wecken. Als der königliche Gaſt nach Petersburg kam, da ſielen ihm die gänzliche Unwiſſenheit und der kraſſe Aberglaube des Volkes dermaßen in die Augen, daß er in Pinrur ſchon vorher nicht geringen Abſcheu vor dieſer Nation dadurch gewaltig beſtärkt wurde. In dieſer Anſchauungs⸗ weiſe des jungen Königs erblickte der Regent jetzt das beſte Mittel, um die Verbindung zu hintertreiben, die er ſo ſehr fürchtete. Seine Hoffnung beruhte auch wirk⸗ lich auf keiner falſchen Berechnung. Der junge König, der ſich ſehr über die Fügſamkeit freute, womit der Re⸗ gent ſeinen Wünſchen entgegenkam, ſpazierte oft incog⸗ nito mit ihm durch die Stadt, ohne eine andere Be⸗ lleitung als etliche Bedienten des ſchwediſchen Geſandten, Barons Stedingk, welche den Weg zeigen mußten. Auf dieſen Wanderungen richtete es der Regent ſo ein, daß der König Gelegenheit erhielt, einige der auffallendſten Beiſpiele von der plumpen Heiligenverehrung in der griechiſchen Kirche und der abergläubiſchen Unwiſſenheit der Ruſſen zu beobachten.*) —Q—Q—Q······ꝭ—o ·Q·QQQ—/́q— *) Man kann dem Verfaſſer nicht zumuthen, daß er ſich auf eine kritiſche Prüfung der hiſ ſchen Rich⸗ Der Wunſch des Königs, die Kaſan'ſche Kirche zu ſehen, war der Kaiſerin zu Ohren gekommen und ſie Fute eine außerordentliche Beleuchtung des Tempels be⸗ ohlen. Als Subow ſich auf die Aufforderung der Kaiſerin in der Wohnung des Königs einfand, war dieſer be⸗ reits ausgegangen. tigkeit der einen oder andern Angabe einlaſſen ſolle; aber dieſe letztere Erklärung hat gleichwohl ſo viel Wahrſcheinlichkeit für ſich, daß man ſie als wirklich begründet anſehen kann. „Was mir in dieſer Sache noch jetzt unbe⸗ greiflich erſcheint,“ ſagt Graf Björnſtjerna in ſei⸗ nen Aufzeichnungen,„das iſt der Umſtand, daß die Frage, ob die Prinzeſſin ihre Religion wech⸗ ſeln müſſe oder nicht, um Königin von Schweden zu werden, nicht zum Voraus zwiſchen den Ge⸗ ſandten abgemacht war, ſondern daß man die Ent⸗ ſcheidung dieſes wichtigen Punktes bis auf den Abend(21. September 1796) aufſchob, wo die Kaiſerin, auf ihrem Throne ſitzend und von ihrem ganzen Hofſtaat umgeben, die Ankunft des jungen Königs mit Ungeduld erwartete, um die öffent⸗ liche Verlobung in's Werk zu ſetzen.“ Daß Guſtav Adolph IV. ſelbſt, ein verliebter Jüngling von 17 Jahren, all die diplomatiſchen oder juridiſchen Maßregeln, die zu einem ſolchen Akt erforderlich waren, nicht kannte, dürfte zu entſchuldigen ſein; aber der Herzog, als ſein Vor⸗ mund, waͤre unzweifelhaft verpflichtet geweſen, bei Zeiten das Nöthige vorzunehmen. Die Vernach⸗ läſſigung dieſes Punktes fällt zuvörderſt ihm und dann Reuterholm als ſeinem Factotum zur Laſt, und ſie wäre ſicherlich nicht vorgekommen, wenn ſie nicht den geheimen Intereſſen und Abſichten der vormundſchaftlichen Regierung entſprochen hätte. e2 8SSESRSRER Subow begab ſich alſo nach der Kirche. Wie ſchon früher ſehr oft, hatten ſich der König und Herzog Karl nebſt Reuterholm, in einfachem Civil⸗ aufzug und nur von einem einzigen Bedienten begleitet auf den Weg gemacht und waren direkt auf das Ziel ihrer heutigen Abendpromenade losgeſteuert. Die große Newski'ſche Perſpektive iſt wahrſcheinlich eine der ſchönſten Straßen in Europa. Sie beginnt bei der Admiralität und endet erſt bei'm Kloſter Alexander Newski, iſt alſo mehr als vier Werſte lang. Dabei hat ſie auch eine bedeutende Breite. Abgeſehen von den Trottoirs, iſt ſie noch mit doppelten Alleen verſehen. 4 Die Kirche der Kaſan'ſchen Mutter Gottes liegt in dieſer Straße. Guſtav Adolph ſchlug alſo dieſen Weg ein. Der erſte Anblick des Tempels flößt Bewunderung ein. In Form eines Kreuzes gebaut, die Facade der Newski⸗Perſpektive zugekehrt, macht das ſchöne Gebäude durch ſeinen leichten, luftigen, graziöſen und zierlichen Styl einen angenehmen Effekt. Unmittelbar von der Facade gehen auf beiden Seiten zwei ſchöne Säulen⸗ gänge aus. Nicht weniger als hundertundzwanzig can⸗ nelirte Säulen joniſcher Ordnung ſtehen paarweiſe auf einer Terraſſe von angemeſſener Höhe und bilden mit dem Periſtyl in der Mitte einen ſehr großen Halbkreis. unter dem Periſtyl erblickt man eherne Thore mit Bas⸗ reliefs und die koloſſalen Bilder des Großfürſten Wla⸗ dimir und Alexander Newski's, wie auch des heiligen Andreas und Johannes des Täufers. Unter dem Tem⸗ pel erhebt ſich ein kleinerer Thurm, auf deſſen Spitze eine Kugel mit einem goldenen Kreuze ruht. Die Höhe und Breite des Tempels betragen ungefähr zweihundert Fuß.*. Guſtav's ernſte und feierliche Gemüthsart beruhte *) Die Kaſan'ſche Kirche iſt hier ſo beſchrieben, wie ſie im Jahr 1826 war. 550 33 einem tiefen, wenn auch unklaren, religiöſen Ge⸗ fühl. Deer Herzog und Reuterholm ließen ihn nicht einen einzigen Augenblick unbewacht. — Mein Gott, bemerkte der König, das iſt der ſchönſte Tempel, den ich je geſehen habe. Mir iſt, als müßte ich hier niederknien und beten. Der Herzog und Reuterholm erſchracken beinahe ühee dieſe Aeußerung und wechſelten bedeutungsvolle Blicke. Laſſen Sie uns gehen, Ew. Majeſtät, und ſehen, wie das Innere beſchaffen iſt, erinnerte Reuterholm. Petersburg beſitzt unläugbar große Gebäude, aber der Geiſt, der darinnen wohnt, iſt nicht ſo großartig. Sie gingen. Der Befehl der Kaiſerin, die Kirche glänzender als gewöhnlich zu illuminiren, war zu ſpät angekommen, um noch ausgeführt werden zu können. Sie traten ein. Sechsundfünfzig polirte Säulen, jede aus einem einzigen Granitblock gehauen, tragen das Gewölbe. Der Anblick war unläugbar ſchön. Mit einem Ausruf der Bewunderung blieb Guſtav ſtehen und erfreute ſich des ſchönen Schauſpiels. Die geräumige Kirche war voll von Menſchen. In Petersburg ſtehen die Kirchen, wenigſtens zum großen Theil, alle Tage offen, und nur ſehr wenige Ruſſen gehen an ihnen vorüber, ohne ein Zeichen des Kreuzes zu machen. Gewöhnlich geht man hinein, kauft etliche Kerzen, die man vor irgend einem Heiligen aufgeſtellt läßt, oder ſpricht ein Gebet. In den beſuchteren Kir⸗ chen brennen die Kerzen auch alle Tage. Ein unendlich melodiſches, hinreißendes Hallelujah, von einem ausgewählten Kinderchor geſungen, mit Stim⸗ men, die man von Engeln entlehnt glauben könnte, ſchwebte über die Volksmaſſe hin. ſein hin Sti neh Oſt ang vier wol unſ den We Ker Rer pel gel weg zu. and uns nig Ma Rie abe Tal des 551 Guſtav war gerührt, ſollte jedoch bald aus dieſer ſeinem Herzen wohlthuenden Rührung geriſſen werden. — Kaufen Sie mir einige Kerzen ab! rief man hinter ihm. — Die meinigen ſind beſſer! kreiſchte eine andere Stimme. — Aber die meinigen ſind den Heiligen am ange⸗ nehmſten, ließ eine dritte ſich vernehmen; ſie ſind in der Oſterwoche gegoſſen. — Und die meinigen ſind bei den Menſchen wohl angeſchrieben, weil ſie am wenigſten koſten, belferte eine vierte. Guſtav ſchaute ſich unwillkührlich um, um zu ſehen, woher dieſe Mißlaute kamen, welche die Andacht auf ſo unſchickliche Art ſtörten, und nun entdeckte er auf bei⸗ den Seiten des Eingangs eine Menge garſtiger alter Weiber, welche den Kommenden und Gehenden ihre Kerzen feilboten. — Wie unſchicklich! bemerkte er. Sie haben Recht, Reuterholm. Der Geiſt, der in dieſem herrlichen Tem⸗ pel wohnt, iſt nicht ebenſo herrlich. Dort ſingen En⸗ gel und hier kreiſchen alte Weiber. Laſſen Sie uns weggehen! Herzog Karl und Reuterholm blinzelten einander zu. Ihre ſtille Pantomimenſprache hatte juſt eine ganz andere Bedeutung. — Wenn Ew. Majeſtät erlauben, ſo laſſen Sie uns, da wir jetzt einmal hier ſind, noch ein klein we⸗ nig verweilen und noch etwas weiter vorſchreiten. Der Herzog ergriff den Arm des Königs. — Sehen Sie dorthin, ſagte er. Sehen Ew. Majeſtät. Guſtav ſtarrte aufmerkſam nach der angewieſenen Richtung und erblickte jetzt einen rieſengroßen, hagern, aber ſtarkknochigen Mann, der ſo eben einige dünne Talglichter gekauft hatte, über die er jetzt das Zeichen des Kreuzes machte, worauf er ſie mit einer ſo aber⸗ 5⁵²⁷ gläubiſchen Andacht küßte, daß Guſtav, trotz ſeines eigenen Aberglaubens, ſich unbeſchreiblich widerlich an⸗ geregt fühlte. Mit den Lichtern in der Hand ging der Mann in dieſem Augenblick an dem König vorbei. — Laſſen Sie uns ihm nachgehen, flüſterte der Herzog. Geſagt, gethan. Aus dem großen Kreuzgang begab ſich der Mann rechts nach dem kleineren. Guſtav ließ ihn nicht aus dem Auge. Nachdem der Mann ſeine Lichter einem Kirchen⸗ diener übergeben, der ſie jetzt anzündete und vor einer Mutter Gottes aufſtellte, die mit ihrer Heiligenkrone aus Goldpapier, das in Spitzen ausgeſchnitten war, auf einem der Pfeiler ſtand, lehnte er ſich in einiger Entfernung von dem Bilde an eine Wand. Guſtav und der Herzog hatten einen freien Platz eingenommen. Gerade vor ſich hatten ſie den Chor. Weiter oben ſtanden zahlreiche Schaaren von Recht⸗ gläubigen, Männer und Weiber unter einander. Auf der Seite links vefand ſich die einſame Rieſengeſtalt, die Nichts zu hören und gänzlich im Anblick der heiligen Jungfrau verſunken ſchien Vor dem Chor war ein Predigerſtuhl in Form einer Kanzel angebracht, wo ein Prieſter in ſchwarzer Kutte ſaß und fortwährend predigte. Guſtav verſtand nicht ein einziges Wort von Allem, was er ſagte. Aber die Stimme war eintönig, ſie hob und ſenkte ſich in regelmäßig wiederkehrendem Tonfall, obſchon er mitunter ſeinen Ton gleichſam hinauszog, ohne daß man eigentlich ſagen konnte, ob es ein Aus⸗ ruf oder ein Sington war; ſo monoton klang das Ganze. Von Zeit zu Zeit unterbrach der Prieſter ſeinen Vortrag, aber er that dieß nicht, um der Verſammlung einen Augenblick Ruhe zu gönnen oder ſelbſt Athem zu ͤ—n A ſchöpfen, ſondern das gehörte augenſcheinlich zum Ri⸗ tual; denn bei dieſen Pauſen fiel immer eine grobe Baßſtimme, halb ſprechend und halb ſingend, hinter dem Vorhang ein, welcher das Innere des Chors vom Volke trennte. Von Neuem ließ ſich jetzt einer der Chöre verneh⸗ men, welche den Gottesdienſt der griechiſchen Kirche in ſo hohem Grade verſchönen. Hingeriſſen von den holden, lieblichen, melodiſchen Tönen, die ſo wunderſam ſein Herz und ſeine Seele anſprachen, vergaß Guſtav die früheren unbehaglichen Eindrücke wieder. Es kam ihm vor, als hätte der Himmel ſich ge⸗ öffnet, als tönte ein Geiſtergeſang, accompagnirt von Seraphsharfen, zu ihm hernieder. Er hatte nie eine ſolche Muſik gehört: ſie betete, ſie ſeufzte, ſie weinte. Es war ein am Altar knieender Engel, der ſein Hallelujah zu dem Herrn des Lichtes ertönen ließ und ihn um Barmherzigkeit anflehte. Alle Gefühle, die in Guſtav's Bruſt wohnten unausſprech⸗ liche, unerklarliche Gefühle, worin jedoch, dem Menſchen unbewußt, immer der Himmel gleichſam verweilt, beka⸗ men jetzt eine Stimme und ſprachen in ihm auf eine ſolche Art, daß er alles Irdiſche vergaß. Erſchrocken fuhr er indeß aus ſeiner Verzücktheit auf, als er auf einmal ganz in ſeiner Nähe ein ſtören⸗ des, unharmoniſches Getöne von einem Menſchen hörte, der ſich ſtöhnend zu Boden warf. Mit Verdruß ſah er, daß es der ungeſchlachte Rieſe war, der ſich in ſeiner ganzen Länge niederge⸗ worfen hatte. So widerlich der Eindruck war, ſo konnte Guſtav doch unmöglich ſeine Augen von ihm abwenden. Alle höheren, heiligeren und ſchöneren Erſcheinun⸗ gen waren geflohen und nur ein grobthieriſches Bild zeigte ſich ihm noch. Mit einem Aberglauben, der ihm aus den Augen 554 leuchtete, küßte der Mann den Boden und kroch dann ein Stück weit auf ſeinen Knien, während er unauf⸗ hörlich ſeinen Kopf verneigte und ſich bekreuzte, wie auch nral um's andere die Worte gospodi pomiloi wieder⸗ olte. Der Mann hatte ſich ungefähr zehn Schritte von der Säule hinweg, wo das jetzt von ſeinen Lichtern be⸗ glänzte Marienbild ſtrahlte, niedergeworfen. Wie ein Wurm kroch er auf dem ſteinernen Boden hin zu ſeinem Ziele vor, wobei er von Zeit zu Zeit ſein bleiches, abgezehrtes Geſicht erhob, unaufhörlich ſich bekreuzte, Gebete murmelte und einmal ums andere die Erde küßte. Als er endlich ankam, ſtreckte er ſeinen ſehnigen Hals, erhob ſeinen Kopf und küßte die Säule; dann aber kroch er auf dieſelbe Art, wie er ſich genähert hatte, nur rücklings, zurück. Der Anblick war peinlich. Der Gottesdienſt hatte inzwiſchen ſeinen Fortgang genommen, und als die Chöre jetzt aufhörten, ſank die ganze Verſammlung auf einmal, die Köpfe gegen den Boden hinabneigend, nieder. Nur Guſtav, der Herzog und Reuterholm blieben ſtehen. Aller Augen wandten ſich ihnen zu. Guſtay hatte nie in ſeinem Leben ein unangeneh⸗ meres Gefühl empfunden. — Ew. Hoheit, flüſterte er dem Herzog zu, ich bereue, daß ich mich hieher begeben habe. Dieß Alles erſcheint mir widerlich und heidniſch. Das ſind nicht Menſchen, welche Gott verehren, ſondern Thiere. Sie müſſen es zugeben, daß ich Recht habe. — Ich gebe es zu... aber ſtill... der Gottes⸗ dienſt iſt jetzt zu Ende. — Gott ſei Dank! Bald begann auch das Volk ſich zu entfernen und 5⁵⁵ Guſtav wollte nicht der Letzte bleiben; aber in dieſem Augenblick trat Subow zu ihnen. Subow, der dieſelben Pläne hegte, wie der Herzog und Reuterholm, erfuhr von ihnen bald, welchen Ein⸗ druck der Gottesdienſt auf Guſtav Adolph gemacht hatte. In Begleitung des Fürſten erhielt Guſtav jetzt, als der größere Theil der Verſammlung ſich entfernt hatte, Gelegenheit, das Heiligthum hinter dem Vor⸗ hang zu beſehen. Ehe er jedoch den Platz verließ, wo er während des Gottesdienſtes geſtanden, ſchaute er ſich unwillkühr⸗ lich um, ob vielleicht der rohe Koloß, der ſeine Auf⸗ merkſamkeit ſo ſehr angeregt hatte, noch immer auf dem Boden liege. Es war ſo. Im Innern des Chors zeigte man jetzt Guſtav alles Sehenswürdige, und es fehlte nicht daran. Eine halbe Stunde, wo nicht eine ganze, verſtrich. Gegen das Ende zeigte ſich Orlow in der Thüre und auf einen Wink von ihm entfernte ſich Subow. Die Prieſter ſagten, daß ſie noch die koſtbarſten Kleinodien zu zeigen hätten, und da ſie erfahren hatten, wer Guſtav war, ſo wollten ſie ihn nicht loslaſſen, bis er auch dieſe ge⸗ ſehen hätte. Man öffnete alſo eine eiſerne Thüre in der Wand, und nun zeigte ſich ein dunkles Loch oder eine Sakriſtei. Ein Mönch ging hinein und holte einen koſtbaren Schmuck um den andern hervor, wie auch eine Menge gold⸗ und ſilbergeſtickte alte Kleidungs⸗ ſtücke, die den Heiligen gehört hatten. Die ſchwediſchen Gäſte ließen die Koſtbarkeiten aus einer Hand in die andere gehen und gaben ſie dann zurück. Zufällig wandte ſich Guſtav dabei einmal um, und da entdeckte er in einem Spiegel auf der entgegengeſetzten Seite ein Geſicht; überraſcht beobachtete er es naher und ſah jetzt, 5⁵6 daß hinter einer Säule ein Mönch ſtand, der unver⸗ wandt in den Spiegel blickte, ſo daß er alle Bewegun⸗ gen der Schweden auf's Genaueſte betrachten konnte. Zu Guſtav's bereits vorhandener Verſtimmung ge⸗ ſellte ſich jetzt ein neuer Verdruß. Nur ein einziger Gedanke ſtieg in ihm auf; aber ſo natürlich er war, ſo beleidigend und kränkend war er auch. — Fürchtet man, daß wir Etwas ſtehlen könnten? lautete dieſer Gedanke. Ohne weiter zu überlegen, wandte er ſich gegen den Herzog und Reuterholm. — Kommen Sie, ſagte er, laſſen Sie uns gehen. Ich mag nicht länger da bleiben. Die Luft iſt verpeſtet. Damit verließ Guſtav das innere Heiligthum ſo⸗ gleich, und der Herzog und Reuterholm verweilten auch nicht länger. Der König war gleich außen vor dem Chor ſtehen geblieben, um ſeine beiden Begleiter zu erwarten. — Ich habe, ſagte er zu ihnen, als ſie heraus⸗ kamen, nie eine widerlichere Empfindung gehabt, als dieſen Abend. Mein ganzes Gefühl iſt empört. Mein Gott, wie einfach und natürlich iſt nicht unſer luthe⸗ riſches Glaubensbekenntniß gegen das, was ich jetzt ge⸗ ſehen habe! Man behauptet hier, Gott ſei ſo maͤchtig, daß man durch Geſandte, durch Heilige mit ihm ſpre⸗ chen müſſe. Welches Heidenthum liegt nicht in dieſer Vorſtellung! Nein, nein... je einfacher man Gott betrachtet, um ſo erhabener wird er in ſeiner Allmacht und Allweisheit. Apropos, es iſt doch noch kein Schrei⸗ ben vom Conſiſtorium in Stockholm angelangt? — In Bezug auf die Confeſſion Alexandra's? — Natürlich. — Noch nicht, Ew. Majeſtät, wenn nicht anders die Poſt von heute Abend eines gebracht hat. Aber =2= wenn es auch ausbleiben ſollte, ſo hat dieß ja wenig zu bedeuten. — Was meinen Ew. Hoheit damit? — Daß man, wenn man liebt, an nichts Anderes denkt, als an den Gegenſtand ſeiner Liebe. Guſtav Adolph runzelte die Augenbrauen. — Glauben Ew. Hoheit das? Allerdings, Ew. Majeſtät, und nachdem ich die Prinzeſſin Alerandra ſelbſt geſehen habe, kann ich mich nicht mehr darüber wundern, denn um ganz aufrichtig zu ſprechen, ich haͤtte... verſteht ſich, in meinen jün⸗ geren Jahren... um ihre Hand zu erhalten... aber Sie duͤrfen mich nicht für leichtſinnig halten, Ew. Majeſtät... — Sprechen Sie aus, Ew. Hoheit. — Ich hätte, fuhr der Herzog fort, um ihre Liebe zu gewinnen, mein eigenes Glaubensbekenntniß auf⸗ opfern und blind das ihrige annehmen können. Die Liebe, Ew. Majeſtät, macht Proſelyten, denn da ſie das Herz auf ihrer Seite hat, ſo unterwirft ſie ſehr leicht den Verſtand. Der König erſchrack nicht bloß über das leichtſinnige Gerede des Herzogs, ſondern auch über den Ernſt, welcher demſelben dennoch zu Grunde zu liegen ſchien. — Der Verſtand? wiederholte er; aber was meinen Sie wohl hier mit dem Verſtand? Der Herzog antwortete nur mit einem zweideuti⸗ gen Achſelzucken. — Ew. Hoheit müſſen Ihre Worte erklären. Ich bitte Sie darum... ich will es. — Sie befehlen es mir alſo? „— Sollte dieß nöthig ſein, Ew. Hoheit, ſo ver⸗ zeihen Sie mir gewiß, wenn ich auch das thue. Was meinen Sie alſo mit dem Verſtand? A 5 Ich meine die Achtung vor der ſchwediſchen irche. 5⁵8 — Aber ich habe ja dieſe Achtung niemals aus den Augen geſetzt. — Ich meine die Achtung vor der Anſchauungs⸗ weiſe der Nation. — Aber dieſe Anſchauungsweiſe iſt ja doch immer reſpektirt worden. — Ich meine die Grundgeſetze Schwedens. — Auch gegen dieſe habe ich nie zu verſtoßen be⸗ abſichtigt. — Das mag ſein, Ew. Majeſtät; aber wenn man verliebt iſt... wenn die Zukunft in einer ſo ſchönen Geſtalt, wie die Alexandra's, winkt... dann vergißt b ſo leicht... und ich wundere mich nicht dar⸗ über.. — Was vergißt man ſo leicht, Ew. Hoheit? — Die Kirche. — Wie ſo? — Die Wuünſche ſeines Volks. — Ich weiß keinen Grund dazu. — Die Grundgeſetze. — Warum das? — Weil die Liebe unſerem Herzen ihre eigenen Grundgeſetze vorſchreibt. — Sie ſprechen ganz unbegreifliche Dinge, Ew. Hoheit. Ich verſtehe kein Wort von alle dem. Um Nichts in der Welt bräche ich mit... — Mit Alexandra? — Ach.. ich dachte juſt nicht an ſie. — Nun, mit was würden Sie alſo nicht brechen wollen? — Ich meinte, mit der ſchwediſchen Kirche. Und ebenſo wenig verletze ich jemals... — Die Prinzeſſin Alexandra? — Sie mißverſtehen mich, Ew. Hoheit; ich wollte ſagen, ebenſo wenig verletze ich jemals die Anſchauungs⸗ weiſe des ſchwediſchen Volkes. Ich ſchätze ſie ebenſo hoch als. als.. 559 — Als Alexandra? — Ich wollte ſagen, als die Grundgeſetze Schwe⸗ dens. — Jedenfalls, Ew. Majeſtät, können Sie nicht leugnen, daß Alexandra ein höchſt einnehmendes Maͤd⸗ chen iſt, das Ihre Seele belebt und Ihr Herz vor Wonne klopfen macht. Ich habe wenig Damen geſehen, die ſo viel Schönheit mit ſo viel Unſchuld und Güte vereinigten. Es liegt wirklich etwas Rührendes in ihrer reinen und innigen Ergebenheit gegen Ew. Majeſtät. — Das iſt unleugbar wahr, Ew. Hoheit: ſie ent⸗ ſpricht vollkommen Ihrer Beſchreibung. Ich habe mich nie ſo glücklich gefühlt, als ſeitdem ich ihre Liebe ge⸗ wann. Sie feſſelt mich und entzückt mich. Mit ihrer kindlichen Milde verbindet ſie ſo viel Verſtand, daß ich nicht weiß, ob ſie mich mehr durch die erſtere entzückt oder durch den letzteren in Staunen ſetzt. Wiſſen Sie, von was wir neulich einmal im Theater während der Zwiſchenakte geſprochen haben? — Natürlich von dem ſchönen Spiel, von der Mo⸗ Juf des Stücks, von der Liebhaberin und dem Lieb⸗ haber. 6 1. Wir ſprachen von der ſchwediſchen Kirche, Ew. oheit. Guſtav warf einen ſelbſtzufriedenen Blick um ſich, während der Herzog ſich überraſcht zeigte. — Können Sie errathen, was auf dem Ball bei dem Grafen Stroganow den Gegenſtand unſerer eifrigen CErörterungen bildete? fuhr Guſtav fort. Sie erinnern ſich gewiß, daß unſere Lebhaftigkeit die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit erregte, ſo daß Alexandra vor Schüchtern⸗ heit erröthete. Können Sie es errathen? — Sie ſprachen ſicherlich von dem Tanz... oder vielleicht auch von der Muſik... Tanz und Muſik ſind mit der Liebe verwandt. — Wir ſprachen von der Denkungsart der ſchwe⸗ diſchen Nation. 560 — Sie verſetzen mich in Staunen, Ew. Majeſtät. — Sie ſollen noch mehr hören, Ew. Hoheit. Beim Turnier... unmittelbar bevor Alexandra den Preis vertheilte, was glauben Sie wohl, daß da unſere Ge⸗ danken beſchäftigte? — Die Ritter... das Volk... der Jubel... die Natur... — Wir ſprachen von den Grundgeſetzen Schwedens. — Ew. Majeſtät ſind ein ungewöhnlicher junger Mann. Unter Ihrem Zepter wird Schweden zu Große und Glück, zu Ehre und Wohlſtand emporblühen. Apropos... wo iſt Subow... wir können die Kirche nicht ohne ihn verlaſſen. — Sehen Sie nach ihm, Reuterholm... er kann ſich nicht entfernt haben, ohne uns Etwas zu ſagen. Reuterholm ging, um dem Wunſch des Königs nachzukommen. Der König verſank in ſich. Der Herzog wollte ihn nicht ſtören, ſondern ging auf dem Platz, wo ſie ſtan⸗ den, auf und ab. — Da denke ich eben an Etwas, ſagte Guſtav endlich. — Vermuthlich an den unſtreitig ſchönen Tempel, wo wir uns befinden, Ew. Majeſtät? — Keineswegs. Ich denke an das Schreiben. — An welches Schreiben, Ew. Majeſtät? — An das Schreiben, das wir vom Conſiſtorium in Stockholm erwarten. — Ah! — Ich ſehne mich, den Inhalt zu ſehen. — Sein Inhalt kann nicht wohl von der Art ſein, daß die Verhältniſſe hier dadurch verändert würden. Die Kaiſerin ſelbſt bekümmert ſich gar zu wenig um reli⸗ giöſe Dinge. Wenn nur Alles um ſie her fröhlich iſt, ſo iſt ſie zufrieden. Wir ſprachen ſchon etliche Male von dem Glaubensbekenntniß der Prinzeſſin, aber ſie iſt immer mit einem Scherz darüber hinweggegangen. Die un 561 Frage kann als abgemacht betrachtet werden, ohne daß wir uns nur darum zu bekümmern brauchen. — Sie glauben es? — Ich zweifle nicht daran. — Ich auch nicht. Aber ich warte jedenfalls mit Ungeduld auf... — Auf was? — Auf das Schreiben natürlich. In dieſem Augenblick näherte ſich dem König und dem Herzog das Getöſe eines heftigen, in kurzen und ſcharfen Worten geführten Geſprächs. Sie wandten ſich um, und nun zeigten ſich Subow, Orlow und Reuter⸗ holm nebſt dem hagern Rieſen, deſſen fanatiſche Reli⸗ gioſität Guſtav's Aufmerkſamkeit ſo ſehr angeregt und ihm Verachtung und Abſcheu eingeflößt hatte. Der Rieſe hatte offenbar die Uebrigen ſo eben verlaſſen und eilte jetzt an dem König vordei. Aber als er Guſtav Adolph erblickte, blieb er ſte⸗ hen und fixirte ihn. Ehe wir damit fortfahren, müſſen wir erzählen, wie Subow und Orlow mit dem Unbekannten zuſam⸗ mentrafen. Als Orlow die Kaiſerin verließ, befand er ſich in einer Wuth und Verzweiflung, die es ihm unmöglich machte, einen vernünftigen Entſchluß zu faſſen. Auf einmal erinnerte er ſich jedoch, daß Subow Befehl er⸗ halten hatte, Guſtav Adolph in die Kaſan'ſche Kirche zu begleiten, und ohne ſich ſelbſt über ſeine Abſicht Rechenſchaft zu geben, eilte er ebenfalls dahin. Wir haben erwähnt, daß er ankam, als Guſtav eben das Innere des Chors betrachtete, und daß Subow ſich zu ihm hinaus begab. Nicht in Folge etwaiger Berech⸗ nungen, ſondern ohne alle Ueberlegung ſuchte er jetzt ſeinen Platz auf, wo er ſich allein glaubte, und erzählte Der Fürſt. II. 36 56² Subow, was geſchehen war. Subow erhielt alſo Kennt⸗ niß von dem Zuſammentreffen zwiſchen der Kaiſerin und Armfelt, ſo wie von dem Argwohn der Erſteren gegen die Günſtlingspartei, und dem Rath, welchen der Letztere ertheilt hatte. Orlow vertraute ihm auch an, was die Kaiſerin über ihn geäußert hatte, und erzählte endlich, wie er hinter dem Schirm entdeckt und hinausgewieſen worden ſei. Dieſe Nachrichten trafen Subow Schlag auf Schlag. In ſeiner Verblüfftheit wußte auch er nicht, was man beſchließen ſollte. Orlow ſchöpfte inzwiſchen wieder Muth. Subow's Schwanken machte ihn ſtark. Subow's Unruhe machte ihn ruhig. Mit der Kraft und Ruhe in ſeiner Seele ſtellte ſich auch ein großer Theil ſeines Scharfſinns wieder ein. — Ich bin der Anſicht, ſagte er jetzt, daß, obſchon unſere Stellung ſchwierig iſt, und zwar vielleicht ganz beſonders die meinige, gleichwohl noch Nichts verloren iſt, wenn nur Ew. Hoheit mit der erforderlichen Ent⸗ ſchloſſenheit auftreten. — Laſſen Sie Ihre Meinung hören, Orlow. — Ew. Hoheit haben ja morgen Audienz 2 — Ja, ja. — Benutzen Sie da die Gelegenheit, um ihr be⸗ ſtimmt und deutlich zu erklären, daß ſie ohne uns Schweden nicht dadurch demüthigen könne, daß ſie ihm eine Königin unſerer Confeſſion gebe. — Aber unſere Abſicht war ja, die Verlobung Hänzlich zu hintertreiben, und wenn ſie jetzt dennoch vielleicht ſchon morgen ſtattfinden ſoll, ſo fällt ja der ganze Zorn der Kaiſerin auf uns. — Warum das? Was haben wir denn gethan? Gedenken wir denn einen einzigen Schritt zu thun, der uns kompromittiren könnte? Zeigen wir uns nicht ſelbſt bis in die geringſten Details der Sache der Kaiſerin er⸗ geben? Ihr Zorn kann uns unmöglich treffen... er wird den König von Schweden treffen, und dieſer reist ſogleich ab. Nach meiner Anſicht muß man alſo nur ſe die Frage der Demüthigung Schwedens durch Alexandra feſthalten. Dieſe Idee iſt nun einmal eine Schwachheit bei ihr geworden, und man gelangt ſelten zu ſeinem Ziel, wenn man nicht die Schwachheiten Anderer ausbeutet; dann aber erreicht man Alles, was man will. Und was die Zeit der Verlobung betrifft, ſo denke ich, daß ſie jetzt gekommen iſt. Aber wir wollen mit dem Herzog darüber reden. Was mich insbeſondere anbelangt, ſo heißt meine Schachfigur Tarrakanow. Wollen Ew. Ho⸗ heit das Herz der Kaiſerin aufregen, um dann nach Gefallen darüber zu gebieten, ſo bemerken Sie, ohne je⸗ doch allzu großes Gewicht darauf zu legen, es ſei Ih⸗ nen zu Ohren gekommen, wie das Geruücht ihr zur Laſt lege, daß ſie Tarrakanow's Ermordung im Gefängniß anbefohlen habe, und daß die Hineinlaſſung der Newa eine von ihr gutgeheißene Veranſtaltung geweſen ſei. — Ich verſtehe... ich verſtehe... — Fügen Sie hinzu, daß nur ich allein beweiſen könne, daß Tarrakanow wirklich noch lebe. — Können Sie das wirklich? — Ja, Ew. Hoheit, aber nur unter einer Bedin⸗ gung. — Und dieſe beſteht... — Darin, daß die Kaiſerin mir ihre Gunſt wie⸗ der ſchenkt, und daß ich Willanow's Hand erhalte. So weit war Orlow gekommen, als eine hagere, bleiche, gigantiſche Geſtalt vom Fuß der nächſten Säule ſich emporrichtete und auf einmal an ſeiner Seite ſtand. — Elender! ſagte der Mann, indem er ſeine ſtarke, knochige Hand auf Orlow's Schulter legte. Orlow fuhr zuſammen. — Laß mich los! befahl er. Was willſt Du? wer biſt Du? — Du kennſt mich alſo nicht? — Nein, nein. Ein Hohngelächter erſcholl von den Lippen des Rie⸗ ſen und ſein Geſicht verzerrte ſich immer Wbyr 564 — Du ſagteſt, begann der Unbekannte wieder, daß Tarrakanow noch lebe. Hüte Dich wohl, zu entdecken, wo ſie ſich befindet, denn dort triffſt Du mich. Das kurze Geſpräch war laut und mit leidenſchaft⸗ licher Heftigkeit geführt worden. — Laſſen Sie uns weggehen, bemerkte Subow. Kommen Sie, Orlow, kommen Sie. 5 In dieſem Augenblick kam Reuterholm und nun begaben ſie ſich alle Drei zu dem König; aber der un⸗ bekannte Rieſe eilte ihnen voran. Wir haben erwähnt, daß er vor Guſtav Adolph ſtehen blieb und ihn mit feſtem Blick betrachtete. — Sie ſind der ſchwediſche König, ſagte er endlich. Ich erkenne Sie wieder. Guſtav zog ſich erzürnt zurück. — Wenn Sie ſich retten wollen, ſo verlaſſen Sie eiligſt dieſes Land. Trotz ſeiner ernſten und ſteifen Haltung fand ſich immer ein Gefühl der Furcht bei Guſtav vor. — Sie ſind ein junger Mann, fuhr der Unbe⸗ kannte fort, ſeien Sie auf Ihrer Hut. Hier wird man Ihr Herz zermalmen, Ihre Liebe zerſtören und Sie ſodann hinter Ihrem Rücken verhöhnen. Sie ſind nicht das erſte Herz, deſſen Hoffnungen man hier mit eiskal⸗ ter Berechnung vernichtet hat. Fliehen Sie, Ew. Ma⸗ jeſtät, fliehen Sie! Subow und Orlow waren jetzt hinzugekommen und hörten die letzten Worte noch. Die Blicke des Unbekannten irrten bald zu dem Einen, bald zu dem Andern. Sein Zuſtand war auf⸗ geregt, drohend, wild. Ein Sturm gährte in ſeiner Bruſt und auch über das bleiche Geſicht flogen düſtere Wolken, während in den Augen ein Blitz zitterte. — Wer iſt er? fragte der König. 6 — Ein Wahnſinniger, antwortete Orlow. Verlaſſen wir ihn. — Ein Wahnſinniger? wiederholte der Unbekannte. Ich war wahnſinnig, ſo lange ich Deine Rathſchläge bef gek ſche dre Nel hat geb low All geko auf den dem wor una er a ſei und öffen ſtatt Bere lobu Alle⸗ gewi ohne Erei befolgte; aber jetzt bin ich wieder zu meinem Verſtand gekommen. Er wandte ſich hierauf zu Guſtav. — Ew. Majeſtät wollen wiſſen, wer ich bin? Ich ſchäme mich jedoch, es zu ſagen: mein Name iſt An⸗ dreas Orlow und ich bin der Bruder des Grafen da. Rehmen Sie ſich vor ihm in Acht, Ew. Majeſtät, er hat über das Glück mehr als Eines Menſchen den Stab gebrochen. Nach dieſen Worten entfernte er ſich ſogleich. Or⸗ low ſtierte ihm nach und bemerkte nicht, wie die Blicke Aller auf ihm hafteten. Von Allem, was dem König an dieſem Tage vor⸗ gekommen war, hatte Nichts einen ſo tiefen Eindruck auf ihn gemacht, wie Andreas. Noch ſah er beſtändig den groben Koloß vor ſeiner Seele, wie er fanatiſch vor dem Marienbilde kroch; noch tönten die Warnungs⸗ worte, womit er ihm ein drohendes Unglück verkündet, unaufhörlich in ſeinen Ohren. Der König bedachte jetzt auch ſeine Stellung. Da er all' dieſer Feſte bereits müde war, ſo meinte er, es ſei Zeit, endlich zu dem Zweck ſeiner Reiſe zu gelangen, und er beſchloß, die Kaiſerin zu bitten, ſie möchte ſeine öͤffentliche Verlobung mit Alexandra je eher je lieber ſtattfinden laſſen. Auch Subow und der Herzog waren in Folge einer erathung zu dem Reſultat gelangt, daß man die Ver⸗ lobung jetzt ſo bald wie möglich feſtſetzen könne, da Alles bereit war und der König ſich in der von ihnen gewünſchten Stimmung befand. Alle Parteien vereinigten ſich alſo in dieſem Punkt, ohne daß man einander noch mitgetheilt hatte, daß die reigniſſe zum„Anfang des Endes« herangereift waren. 566 An demſelben Abend übergab der Herzog dem Kö⸗ nig ein Schreiben. Es kam aus Stockholm und war im Namen des Conſiſtoriums von Flodin abgefaßt worden. Es intereſſirte den Herzog, zu ſehen, welchen Ein⸗ druck es auf Guſtav machen würde; aber es veränderte ſich kein Zug in ſeinem Geſichte. 3 Als er das Schreiben geleſen hatte, legte er es wie⸗ der zuſammen, ſteckte es in ſeine Taſche und entfernte ſich dann ſtillſchweigend. Eilftes Kapitel. Fortſetzung. Die Kapelle. Noch befand ſich der Hof in geſpannter Erwartung. Jedermann bemerkte ſehr wohl, daß etwas Wichtiges, vielleicht ſgar Beunruhigendes die Kaiſerin beſchäftigte, aber nur Wenige wußten, worin es beſtand, und Nie⸗ mand vermochte ihre Abſichten zu errathen. An dem ſonſt ſo fröhlichen Hof herrſchte eine gedrückte Stimmung, und die Luft ſchien gewitterſchwanger. Schon am frühen Morgen hatte die Kaiſerin meh⸗ rere Befehle ertheilt und nach verſchiedenen Richtungen Boten abgeſandt. Ihre gewöhnliche Umgebung verſam⸗ melte ſich allmälig. Noch hatte die Kaiſerin ſich nicht gezeigt. Subow war bei ihr. In der großen Gallerie ging General Suwarow bald mit heftigen und raſchen, bald mit langſamen und bedenklichen Schritten auf und ab. Im Vorzimmer der Kaiſerin ſaßen Fürſtin Men⸗ ikow und Protaſow, halblaut mit einander flüſternd. Branitzka ſtand in ihrer Nähe, beobachtete aber ein ge⸗ heimnißvolles Stillſchweigen. Zwei Sachen wußte man mit Beſtimmtheit. Erſtens, daß der König von Schweden durch einen ſeiner Hofbeamten die Kaiſerin um ein Geſpräch unter vier Augen erſucht, und daß dieſe es natürlich mit zuvor⸗ kommender Höflichkeit zugeſagt hatte. Zweitens, daß die Kaiſerin dem Grafen Orlow durch einen Kammerherrn hatte ſagen laſſen, er ſolle ſich in der Kapelle einfinden, und daß der Graf ſich be⸗ reits daſelbſt eingeſtellt hatte. Das Geſpräch der in kleinen Gruppen zerſtreuten Höflinge drehte ſich auch um dieſe zwei Punkte. — Was wollte der König? — Warum war Orlow in die Kapelle beſchieden worden? Bald rollten Equipagen auf den Schloßhof herein; es war der König von Schweden, der ankam. In dem⸗ ſelben Augenblick trat die Kaiſerin heraus. Ohne daß ihre Haltung Etwas von ihrer gewöhnlichen Würde vermißte, entdeckte man gleichwohl etwas Leidenſchaft⸗ liches und Heftiges an ihr, das nicht gewöhnlich war; die Stirne war ſtolzer, der Blick feuriger, der Tritt kleiner und lebhafter. Subow, der ſie am Arm führte, ſchien derſelbe zu ſein wie immer; wer ihm jedoch recht tief in's Auge ſah, konnte leicht bemerken, daß ſein Blick ſich nicht mit dem gewöhnlichen Trotz auf die Gegenſtände heftete: vielleicht waren auch ſeine Wangen etwas bläſſer als ſonſt. — Ew. Majeſtät ſind mir zuvorgekommen, ſagte die Kaiſerin zu dem König; auch ich wünſchte ein Geſpräch unter vier Augen mit Ihnen. Als Ihr Bote ankam, wollte ich eben den meinigen zu Ihnen ſenden. Es wäre unnöthig, hier näher auseinanderzuſetzen, was ſie einander zu ſagen hatten. Von beiden Seiten wünſchte man, daß die öffentliche Verlobung je eher je lieber vor ſich gehen möchte, und man vereinigte ſich dahin, ſie auf den Abend ſtattfinden zu laſſen. Die Kaiſerin war hoch erfreut über die Ungeduld, 568 womit der König ſein Verlangen vortrug, und der Kö⸗ nig war nicht minder entzückt über die Bereitwilligkeit, womit die Kaiſerin ſeinem Wunſche nachkam. Der Hof, der ſich während dieſes Geſprächs ehr⸗ furchtsvoll zurückgezogen hatte, verſammelte ſich nach demſelben wieder um ſie. Die Kaiſerin ſchien ihre volle Geſundheit wieder gewonnen zu haben, und man hoffte, daß jetzt Ver⸗ gnügen und Behagen wiederkehren ſollte. Die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich geheftet, ſtand ſie noch auf dem Platz, wo ſie mit dem König geſprochen hatte. Unzweifelhaft beſchäftigte ihre Seele Etwas. Auf der Stirne ruhte eine leichte Wolke: die Brauen waren zuſammengezogen und die Augen blickten abwärts. Aber ſchnell veraͤnderte ſich ihr Ausſehen. Ihre Ge⸗ ſtalt hob ſich, ihre Stirne klärte ſich. — Ew. Majeſtät, ſagte ſie, indem ſie ihre Hand gegen Guſtav ausſtreckte; Sie ſind ein junger Mann, aber die Jugend beſitzt im Allgemeinen ein ſtrengeres Rechtsgefühl, als das Alter, und durch dieſe ſchöne Tugend zeichnen Sie ſich vor allen Andern aus. Guſtav fühlte ſich geſchmeichelt und trat verbind⸗ lich näher.. Alle lauſchten, verwundert über dieſen Anfang. Suwarow, der über einen Lehnſtuhl hingebeugt da⸗ ſtand, ſchaute auf. — In den letzten Tagen, fuhr die Kaiſerin fort, hat ein nicht unbedeutender Kummer meine Gedanken erfüllt. Ich war unſchlüſſig... ich ſchwankte... und beinahe Jedermann dürfte vielleicht meine Unruhe be⸗ merkt haben. Bei jedem Wort ſteigerte ſich die Aufmerkſamkeit. Still und leiſe näherte man ſich von allen Seiten, um kein Wort zu verlieren. Der Augenblick ſchien jetzt ge⸗ kommen zu ſein, wo man eine Löſung des Geheimniſſes 1 r 1 1 erhalten ſollte, das ſo viel Neugierde geweckt und ſo manches Geflüſter veranlaßt hatte. 2 Wollen Sie mein Richter werden, Ew. Ma⸗ jeſtät 2 Guſtav reckte ſich empor. — Die Frage iſt folgende: Alle waren ganz Aufmerkſamkeit, ganz Ohr. — Nehmen Sie an, ich hätte ein Kleinod, einen Edelſtein gekauft und mich verpflichtet, eine beſtimmte größere Summe dafür zu bezahlen. Glauben Ew. Ma⸗ jeſtät, daß ich verbunden bin, mein Verſprechen zu halten. Die Umſtehenden ſahen einander verwundert an. Man hatte erwartet, etwas recht Merkwürdiges, etwas Unerhörtes und Außergewöhnliches zu vernehmen, und nun war es bloß eine höchſt einfache Frage, deren Be⸗ antwortung keinen ſonderlichen Scharfſinn erforderte. Guſtav Adolph ließ auch nicht lange auf ſeinen Entſcheid warten. — Natürlich, ſagte er, muß man ſein Verſprechen halten und den Preis bezahlen, für den man übereinge⸗ kommen iſt. Suwarow ahnte, daß die Kaiſerin einen geheimen Sinn hinter den räthſelhaften Worten verbarg, und er betrachtete dieſelben nur als eine poetiſche Umhüllung ihrer eigentlichen Abſicht. — Aber, fuhr die Kaiſerin fort, nehmen Sie ferner an, ich hätte, bevor ich die Summe erlegte und alſo mein Verſprechen einlöste, die Entdeckung gemacht, daß das für echt ausgegebene Kleinod falſch und der Edel⸗ ſtein weiter Nichts als eine Glasſcherbe ſei; glauben Ew. Majeſtät, daß ich auch dann noch verpflichtet ſei, mein Verſprechen zu löſen? — Ew. Majeſtät machen keine großen Anſprüche an meine Urtheilskraft, meinte Guſtav. Es wäre ja eine Schwachheit, Jemand dafür zu bezahlen, daß er uns betrogen hat. 570 — Sie glauben alſo, daß man von einem ſolchen Verſprechen entbunden ſei? — Vollkommen entbunden, Ew. Majeſtät, voll⸗ kommen entbunden. So einfach die Fragen waren, ſo gewann doch die Weisheit des Königs allgemeinen Beifall.. Suwarow hatte ſich aus ſeiner gebeugten Stellung emporgerichtet und trat auf die Kaiſerin zu. Ueber das ſonſt ſo ernſte Geſicht des ſtrengen Krie⸗ gers zog ſich ein ſarkaſtiſches Lächeln, das jedoch bald wieder verſchwand. Nach dem ſcharfen Blick zu urtheilen, der unter den buſchigen Augenbrauen hervorſchoß, ſchien auch in ſeiner Seele ein Gedanke zu arbeiten. Subow allein blieb ſtill und hielt ſich zurückgezogen. Wußte er wohl, was die Frage der Kaiſerin eigentlich bedeutete? — Sind Sie mit dem Urtheil des Königs nicht auch einverſtanden, Subow? — Freilich, Ew. Majeſtät, antwortete er mit einer Verbeugung, wie könnte man anders? 3 — Gut, Subow.. wir ſind alſo auf allen Sei⸗ ten zufrieden... hören Sie einmal... Sie winkte einem Hofmarſchall. Aber in dieſem Augenblick trat Suwarow zur Kai⸗ ſerin vor. — Ew. Majeſtät, ſagte er, auch ich habe Etwas, was lange, ſehr lange meine Gedanken beſchäftigt und beunruhigt hat. Darf ich Ew. Majeſtät um die Gnade bitten, jetzt und mit Rückſicht auf das Vorhergehende meine Richterin zu werden? — Unendlich gerne, Suwarow. Im Geſicht des rauhen Mannes ſuchte man ver⸗ gebens, zu erforſchen, auf was er abzielte. Von dem Augenblick an, wo er den Mund geöffnet, hatte ſich der ſatyriſche Ausdruck, der ſich nur ganz flüchtig bei ihm gezeigt, in einen Eiſenharniſch zurückgezogen. — Sagen Sie, was Ihnen auf dem Herzen liegt. Suwarow, ermahnte die Kaiſerin, als er nicht ſogleich fortfuhr; Sie wiſſen ja, wie ſehr ich Sie ſchätze. — Nehmen Sie an, Ew. Majeſtät, es ſei ein Kleinod an mich verkauft worden... — Oh Suwarow, Sie bringen ja mein eigenes Problem... wollen Sie mir Oppoſition machen? — Ganz und gar nicht, Ew. Majeſtät. — So Kahren Sie fort, Suwarow, fahren Sie fort. — Nehmen Sie an, Ew. Majeſtät, ſage ich, es ſei ein Kleinod an mich verkauft worden, aber mit dem Bemerken, daß es bloß ein Glasſcherben ſei, und ich hätte es daher mit Verachtung angeſehen und nur auf einige wenige Kopeken geſchätzt. — Wo wollen Sie jetzt hinaus, Suwarow? Sie drehen meinen Satz um. — Zum Theil, Ew. Majeſtät. Aber jetzt tritt die⸗ ſer eigene Fall ein, daß ich in der Glasſcherbe einen echten Edelſtein von unendlich hohem Werth entdecke; ſagen Sie mir, Ew Majeſtät, muß ich ihn auch dann noch mit Verachtung betrachten? — Weit entfernt, Suwarow; es heißt ja, man ſoll Gott geben, was Gottes iſt, und dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt. — Ew. Majeſtät ſind alſo der Meinung, daß man den wirklichen Werth deſſelben anerkennen muß? — Darüber kann kein Zweifel entſtehen... aber haben Sie eine ſolche Affaire gehabt, Suwarow? — Ja, Ew. Majeſtät, und ich werde die Chre haben, mich ſogleich zu erklären. Ich bitte bloß um Erlaubniß, mich einen Augenblick entfernen zu dürfen. Suwarvw blieb nicht lange aus, aber als er zurück⸗ kam, war er nicht allein. An ſeiner Seite ging Wo⸗ rowitſch. Lange hatte man den Jüngling nicht mehr geſehen, und die Meiſten erinnerten ſich ſeiner nicht mehr ſo ge⸗ nau, ſondern wußten nur noch, daß er bei der Kaiſerin 572 in Ungnade gefallen, von ihr an Suwarow übergeben worden und dann verſchwunden war. Sein Wieder⸗ auftreten juſt an Suwarow's Seite erregte daher kein geringes Aufſehen. Die Kaiſerin ahnte ſogleich, welche Abſicht Suwa⸗ row mit ſeinem Problem gehabt hatte, und ſie drohte ihm ernſt und lächelnd zugleich mit dem Finger. — Sie wollen mich uͤberrumpeln, Suwarow, Sie wollen mich mit meinen eigenen Worten ſchlagen. Neh⸗ men Sie ſich in Acht. Man ſagt, Sie ſeien ein großer Krieger, aber ein unbedeutender Hofmann. Sie ſind aber in beiden Eigenſchaften gefährlich. Laſſen Sie mich jetzt hören, was Sie zu ſagen haben. Suwarow veränderte keine Miene. Er blickte drein, als ſtände er vor der Mündung einer geladenen Kanone. — Ew. Majeſtät, ergriff er das; ort, obſchon die⸗ ſer Jüngling mir einmal das Leben gerettet hat, ſo hat dieß gleichwohl nicht auf mein Urtheil eingewirkt; aber da Ew. Majeſtät mir befohlen haben, ſeine Angelegen⸗ heit zu unterſuchen, ſo war ſein früheres Benehmen vielleicht eine Aufforderung für mich, dieß ſo unpar⸗ teiiſch zu thun, wie im Uebrigen auch meine Pflicht mir gebot. Er kam mir auch offen entgegen und nachdem luumit ohne alle Verſtellung mitgetheilt, wer er eigent⸗ ich iſt... — Wer er iſt? Wer iſt er denn? — Er iſt der Sohn des gefangenen Fürſten Ras⸗ zanowski. — Willanow's Bruder? — Ja, Ew. Majeſtät. — Man hat mir geſagt, daß er todt ſei. — Man hat es geglaubt, Ew. Majeſtät; aber zur Ehre der Krankenpflege in Ihren Armeen wurde er nach mehrmonatlicher Krankheit gerettet. Suwarow erzählte hierauf kurz und einfach die dem Leſer bereits bekannten Schickſale, welche Worowitſch ſeit ſeinem Austritt aus dem Hoſpital überſtanden hatte. — ½— Die Kaiſerin hörte den General ſchweigend an; aber mitunter verrieth ein lebhafterer Blick oder eine flüchtige Verziehung des Mundes, daß auch ſie ihre eige⸗ nen Gedanken hatte. — Nach dieſer Aufklärung der Verhältniſſe, fuhr Suwarow fort, wurde ich über den von Ew. Majeſtät erhaltenen Auftrag bekümmert. Die Aktenſtücke wieder zu bekommen, auf welche Worowitſch ſeine Verthei⸗ digung gründen wollte, war unmöglich, denn ſie waren verbrannt, und gleichwohl waren ſie nothwendig, wenn er in ſeinem rechten Lichte ſollte erſcheinen können. Ich zögerte indeß nicht lange. Ich ſchickte ihn mit einem Courierpaß und einem Empfehlungsſchreiben an den Gouverneur von Warſchau expreß dahin, und es gelang ihm auch, von Neuem und ſchneller, als ich gehofft hatte, die erforderlichen Dokumente zu erhalten. Ich habe ſie genau geprüft, Ew. Majeſtät, es unterliegt kei⸗ nem Zweifel... — Ah, Suwarow, aber warum haben Sie die Papiere mir nicht vorgelegt? — Worowitſch iſt erſt vor drei Tagen aus Polen zurückgekommen und Ew. Majeſtät Unwohlſein... Sl= Ich bin geſund, Suwarow, ich war nicht un⸗ wohl. — Ew. Majeſtät unruhige Gemüthsſtimmung... — Verhüllen Sie die Wahrheit nicht, Suwarow; geſtehen Sie, daß Sie meinen Edelmuth in Frage ſtellten. Die Kaiſerin äußerte ſich nicht ohne Heftigkeit, aber Suwarow blieb vollkommen ruhig. — Nichts lag mir mehr am Herzen, als Ew. Ma⸗ jeſtät die betreffenden Aktenſtücke vorlegen zu können, und in der That ſekbſt haben Ew. Majeſtät ſie auch bereits erhalten. — Ich habe ſie erhalten 2 — Beim Turnier in Gatſchina ſchenkten Ew. Majeſtät einem unbekannten ſchwarzen Ritter, der ein Kirgiſenpferd ritt, Ihren Beifall. 574 — Richtig, ich erinnere mich ſeiner ganz gut. Er überreichte mir ein Papier. — So iſt es, Ew. Majeſtät; dieſes Papier ſchil⸗ dert die Leiden einer Familie... — und die Verfolgungen gegen einen jungen Mann . aber das Schreiben enthält nicht einen einzigen Namen. 1 — Der junge Mann war der ſchwarze Ritter, Ew. Majeſtät. — Das glaubte ich herauszuſinden; aber wer war er? — Ew. Majeſtät haben die wunderbare Aehnlich⸗ keit zwiſchen der Geſchichte dieſer Familie und der des Fürſten Raszanowski nicht bemerkt. — Was ſagen Sie, Suwarow? Dieß iſt mir gänz⸗ lich entgangen. Aber Sie haben Recht... es ſind wirklich dieſelben Schickſale, dieſelben Ereigniſſe... und der junge Mann... der ſchwarze Ritter... — War Worowitſch, Ew. Majeſtät. — Ah, Suwarow, Sie haben alſo dieſe Effeetſcene veranſtaltet. Gab es kein einfacheres Mittel, mir dieſes Dokument zu überreichen, was doch, wie ich jetzt ver⸗ muthe, der Hauptzweck war? — Zürnen Sie nicht, Ew. Majeſtät, bat Suwarow. Die Kaiſerin antwortete ihm nicht, ſondern wandte ſich an Worowitſch. — In Wahrheit, Worowitſch, ſagte ſie, wenn Ihr erſtes Auftreten kühn und gewagt war, ſo ſind Sie ſpäter mit um ſo größerer Vorſicht zu Werke gegangen. Ich ſehe jetzt auch ein, wer die Perſon iſt, die in dem Schreiben mit ſo ſchwarzen Farben gemalt wird. — Ich habe ſeinen Namen nicht nennen wollen, Ew. Majeſtät. — Sie haben Recht gehabt, Suwarow. Während ihrer langen politiſchen Laufbahn hatte die Kaiſerin ſich gewöhnt, jeder Frage, manchmal ſogar bei Kleinigkeiten, eine gewiſſe politiſche oder diploma⸗ tiſche Form zu geben. Hinter den Worten, die ſie ſprach⸗ lag ſehr oft ein Pfeil; hinter dem Gedanken, den ſie in Anregung brachte, lag ſehr oft ein anderer Gedanke. Suwarow hatte ſie unleugbar überrumpelt, indem er ihre eigene Appellation an Guſtav in der Frage von dem echten und dem falſchen Edelſtein benützte, und ſie hatte das nicht vergeſſen. Sie ſann jetzt auch auf eine Revanche. Während die Kaiſerin überlegte, war eine kurze Pauſe eingetreten. Katharina belebte ſich ſchnell wieder; aber aller Sonnenſchein ſchien jetzt auf einmal zu ver⸗ ſchwinden. — Wenn ich Sie nicht mißverſtanden habe, Su⸗ warow, ſo meinen Sie, daß Worowitſch ein ſolcher Edel⸗ ſtein ſei, deſſen Werth bisher nicht recht geſchätzt worden. Suwarow verbeugte ſich ſchweigend. — Die Frage bedarf indeß einer näheren Unter⸗ ſuchung, fügte ſie hinzu und rief dann den Hofmarſchall. Dieſer ſtand ſogleich an ſeiner Seite und die Kai⸗ ſerin flüſterte ihm einen Befehl zu, worauf er eine Seitenthüre öffnete, aus welcher eine Weile ſpäter der alte Fürſt Raszanowski nebſt ſeiner Gemahlin und dem Abbé heraustrat. Obſchon der Anblick der alten Leute, die langſam voranſchritten und von deren Anweſenheit im Schloß nur ſehr Wenige vom Hoſperſonal, vielleicht ſogar außer Su⸗ warow Niemand, wußte, eine Ehrfurcht einfloßte, worein ſich ein Gefühl der Verwunderung über die Urſache ihrer Hereinrufung miſchte, ſo klopften doch bald alle Herzen noch wärmer und ſtärker, als die Alten und Worowitſch einander erkannten und ihre Züge von der vollen Ergebenheit zärtlicher Elternliebe und kindlicher Verehrung beſeelt wurden. Alle drei vergaßen alles Andere und überließen ſich, nur der Stimme in ihrem Innern gehorchend, ungetheilt der Ueberraſchung des Wiederſehens, indem ſie zu gleicher Zeit ihre Arme ge⸗ gen einander ausſtreckten, um einander an den Buſen zu ſinken. 576 Ohne daß ein Wort gewechſelt oder eine Erklärung abgegeben wurde, begriffen die Anweſenden ſo gut, daß die Familie, von deren Leiden Suwarow ihnen kaum noch ſo viel erzählt hatte, jetzt vor ihnen ſtand, daß die alten Leute die Eltern Worowitſch's waren, und daß Worowitſch ihr Sohn war. Die allgemeine Theilnahme machte ſich auch un⸗ mittelbar Luft und die Kaiſerin erſchien den Verſam⸗ melten, die jetzt geſehen hatten, wie ſie durchaus unvor⸗ bereitet eine ganze Familie in die Arme von einander zurückführen könnte, nicht mehr bloß als ein gewöhn⸗ liches Weib, ſondern als eine mächtige Fee, deren Zep⸗ ter in einen Zauberſtab verwandelt worden. Selbſt Suwarow, der mehr Selbſtbeherrſchung be⸗ ſaß, als alle Andern und überdieß ſchon vorher gewußt hatte, daß der Fürſt ſich im Schloß befand, fühlte ſich von dieſer Vorſtellung nicht ganz frei, ſo unerwartet hatte die Antwort oder vielmehr die Handlungsweiſe der Kaiſerin ſein Herz getroffen. Er hatte viele Siege gewonnen, aber keiner hatte ihm eine ſo ungemiſchte Freude, eine ſo innige Wonne gewährt, wie dieſer. Wo⸗ rowitſch's Stellung hatte ihm unleugbar viel Kopf⸗ zerbrechen verurſacht, weil er lange nicht mit ſich klar wurde, auf welche Art er am paſſendſten und mit der beſten Ausſicht auf Erfolg der Kaiſerin die Sache vor⸗ legen und ſie zum erwünſchten Ziele führen könnte. Niemals blind für die Umſtände, hatte er, wie er über⸗ haupt die Welt zu betrachten gewohnt war, die Kaiſe⸗ rin nicht als einen Feind betrachtet, ſondern als ein feindliches Lager, das er vermöge taktiſcher und ſtrate⸗ giſcher Mittel einnehmen und erobern müſſe. Da ſein ganzes Leben eigentlich nur ein fortgeſetztes Bivouak geweſen war, ſo hatte er keine Zeit gehabt, lieben zu lernen; aber Worowiſch hatte ſeine Neigung gewonnen, ſeine ſonſt barſche und verſchloſſene Natur hatte ſich vor dem Jüngling geöffnet, und er gewann ihn bald ſo lieb, als wäre er ſein eigener Sohn geweſen. ———%— —— Das allgemeine Entzücken ſchien indeß von einer einzigen Perſon nicht getheilt zu werden, und dieſe ein⸗ zige Perſon war die Kaiſerin. Mit würdevoller Ruhe ſah ſie die alten Leute ein⸗ treten, und in dem Augenblick, wo dieſe ihren Sohn erkannten und ihre Arme ausſtreckten, um einander an die Bruſt zu ſinken, trat die Kaiſerin zwiſchen ſie. — Stille! ſagte ſie. Der Beifall erſtarb. Mit fragenden Blicken zog man ſich zurück. Selbſt Suwarow, der einen Augen⸗ blick von ſeinem ſchönſten Siege geträumt hatte, wußte jetzt nicht, was er denken ſollte. — Suwarow, ſprach die Kaiſerin, geſtehen Sie, daß Sie mich haben überrumpeln wollen; geſtehen Sie, daß Sie meinen Edelmuth bezweifelt haben. Suwarow vermochte nicht zu antworten. — Nehmen Sie ſich in Acht, Suwarow; ſolche Zweifel können Ihnen den Lorbeer noch in dem Augen⸗ blick entreißen, wo Sie bereits Ihr Haupt damit um⸗ wunden zu haben glauben. Suwarow konnte ſich in dem Ernſt der Worte der Kaiſerin nicht täuſchen, und gleichwohl lag in ihrer Stiunnne Etwas, was ihm Unſchlüſſigkeit anzudeuten chien. — Ew. Majeſtät, redete ſie jetzt den jungen König von Schweden an, Sie erblicken hier... und ſie deutete auf den alten Fürſten... einen Mann, der viele Jahre hindurch den Hauptknoten der unruhigen Bewegungen in Polen bildete, einen Mann, zu welchem das ganze alte Polen als zu einem von der öffentlichen Meinung auserkore⸗ nen Vertrauensmann aufſchaute; Sie erblicken in ihm einen von mir nach Sibirien verurtheilten Mann, der jedoch in Folge eines Mißgriffs oder Zufalls ſeiner Strafe entgehen konnte und... Gott weiß... in welchen Abſichten... unter einem falſchen Namen hier⸗ her gekommen iſt. 8 Der Fürſt. II. 37 Niemand konnte erklären, was die Kaiſerin wollte. Alle ſahen einander ſcheu an. — Sie geben doch zu, was ich geſagt habe, Fürſt? fügte ſie hinzu. — Um meines armen Vaterlandes willen, antwortete der Greis, wollte ich Frieden zwiſchen ihm, als dem ſchwächeren, und Rußland, als dem ſtärkeren Reiche. Von Allem, was ich beſeſſen habe, Ew. Majeſtät, bleibt mir Nichts mehr übrig, als dieſes altergraue Haupt, und zum letzten Beweis dafür, daß ich offen, redlich und wohlmeinend ſpreche, wie ich gehandelt habe, lege ich es vor Gottes Thron und Ihren Füßen nieder. Eine Thräne zitterte im Auge des Greiſes. Die Kaiſerin betrachtete ihn mit unzweifelhafter Theilnahme; dann aber wandte ſie ſich ſchnell gegen Worowitſch und wurde wieder unerklärlich und verſchloſſen. — Ew. Majeſtät, fuhr ſie gegen Guſtav fort, auf dieſer Seite hinwiederum erblicken Sie einen jungen Mann, der mit dem ganzen unerſchrockenen Muth eines Jünglings in Polens Armeen gegen meine Truppen ge⸗ kämpft und ſicherlich mehr als Einen meiner Tapferen getödtet hat; auch er hat ſich in mein Neich eingeſchli⸗ chen, auch er hat ſich unter einem falſchen Namen an meinem Hof eingeſchmuggelt. Er behauptet zwar, daß er verfolgt worden ſei, und Suwarow's Zeugniß ſpricht in dieſer Beziehung für ihn; aber was hat ihn wohl verhindert, Suwarow auf dieſelbe Art zu betrügen, wie er uns betrogen hat? Wer einen Namen entlehnt, kann auch einen Charakter entlehnen. Er ſagt, einer der Meinigen habe ihn verrätheriſch tödten wollen; aber welche Beweiſe... Suwarow wollte ſprechen; aber Worowitſch's Bruſt hob ſich, ſeine Seele brannte, ſein Herz wollte in freien Worten ſein Feuer aushauchen. Verzeihen Sie mir, Ew. Majeſtät, ſprach er, aber obſchon ich die Zeit des Kampfes für mein Vaterkand als die ſchönſten Tage meines Lebens betrachte und ſtolz —,—,—,——— ,- ᷣ SS= 25 darauf bin, bis zum letzten Augenblick die uralte Frei⸗ heit und Selbſtſtändigkeit deſſelben vertheidigt zu haben, ſo habe ich mir gleichwohl niemals in feig verrätheri⸗ ſchen Abſichten irgend einen Erfolg zu verſchaffen ge⸗ ſucht, weder über meine perſönlichen Feinde, noch hier, an dieſem Hof. Ich bin mit einem entlehnten Namen gekommen, das iſt wahr; aber ich kam mit dem Namen, welchen die ruſſiſchen Krankenhausjournale mir gaben. Beſaß ich wohl noch ein Recht auf meinen alten Namen, nachdem mein Vaterland kaum den ſeinigen behalten durfte? Welche Beweiſe kann man für die Wahrheit meiner Augaben fordern, wenn das Zeugniß des Ge⸗ nerals Suwarow Nichts gilt? Beweiſe... ach ja, Ew. Majeſtät, ich beſitze einen... aber er ſpricht eine Sprache, die vielleicht nicht für einen Thron paßt. Worowitſch ſprach, wie er fühlte. Er ſtand vor der Selbſtherrſcherin Rußlands und nunmehr auch ſeines eigenen Landes; er ſtand vor ihr mitten in dem glän⸗ zendſten Hofe Europa's; noch mehr, er ſtand vor dem König Schwedens und vor Suwarow, der ſich ſo väter⸗ lich ſeiner angenommen hatte; aber er ſtand auch vor ſeinen Eltern, und Nichts in der Welt hätte ihn ver⸗ mocht, ſeine Herzensmeinung zu verſchweigen. — Dieſer Zeuge mag indeß ſprechen, Ew. Majeſtät, fuhr er fort; er wird Ihnen wenigſtens ſagen, daß ich kein Feigling geweſen bin, und... Ew. Majeſtät... nur die Feiglinge ſind es, die lügen. 3 Worurvitſch riß ſeinen Rock auf und zeigte ſeine ruſt. — Ew. Majeſtät, wenn dieſe Zeichen auf meiner Bruſt, die Spuren einer Kugel und eines Bajonetſtiches, mich nicht vertheidigen können, ſo... — Und wenn dieſer Orden, unterbrach ihn die Kaiſerin, welche ſogleich den polniſchen Orden bemerkte, den er unter der Bruſt verborgen trug, nicht beweist, daß Sie ein Rebell geweſen ſind, ſo... ſo... haben Sie die Güte und fahren Sie fort, niein Herr⸗ 580 — Dieſen Orden, ſtammelte Worowitſch, der ſich in ſeiner Unvorſichtigkeit von Neuem bloßgeſtellt hatte, habe ich vor der Front der polniſchen Armee von Kos⸗ eiusko, dem größten Helden meines Vaterlandes, erhal⸗ ten. Ich trage ihn zunächſt an meinem Herzen, als das einzige Adelsdiplom, welches mein Herz anerkennt. Die Kaiſerin ſchien ihre ſtrenge Miene nicht länger beibehalten zu können; ihre Züge milderten ſich immer mehr und endlich faßte ſie den Fürſten und Worowitſch bei den Händen. — Ich bin ja Ihre Richterin? ſagte ſie. Niemand antwortete ihr. — Ew. Majeſtät, fuhr ſie gegen Guſtav Adolph fort, Sie haben gehört, daß Suwarow mich zu über⸗ rumpeln ſuchte und meinen Edelmuth zu gering an⸗ ſchlug. Fürſt, fügte ſie hinzu, indem ſie bald den Greis, bald den Jüngling anblickte, wie ſoll ich Sie beſtrafen? Nur ſo dürften Sie mir antworten, wie es Katharina geziemt. Wohlan denn! Oeffnet eure Arme und fallet einander an die Bruſt. Ich gebe einem Vater ſeinen Sohn, einem Sohn ſeinen Vater zurück. Seid frei, ſeid glücklich! Unter tiefem Schweigen ſank Worowitſch ſeinen Eltern in die Arme. — Verzeiht mir, begann die Kaiſerin wieder, daß ich euch einen Augenblick beunruhigt habe; aber ich hatte Urſache, Suwarow zu beweiſen, daß er mir Un⸗ recht gethan hat. Ein Wort aus ſeinem Mund, in die Wagſchale meiner Macht gelegt, genügt vollkommen. Er bedarf keiner Intrigue, um einen genügenden Ein⸗ fluß auszuüben. Geſtehen Sie, daß ich mich gerächt habe, Suwarow? — Mit Edelmuth, ja, ja, Ew. Majeſtät, ich ge⸗ ſtehe es. — Eine Thräne glänzte in Deinem Auge, Suwa⸗ row. Könnte ich ſie in einen Juwel verwandeln und gegen einen der Edelſteine in meiner Krone vertauſchen, ich thäte es gerne. Deine Thräne iſt die Thräne eines redlichen Herzens. Du wollteſt mich beſiegen, Suwa⸗ row; geſtehe, daß dieſe Thräne eine Trophäe iſt, die ich erobert habe. Mit freundlichem Lächeln ſchaute ſie um ſich und ſchien ſich an der allgemeinen Zufriedenheit zu erfreuen. — Wie viel Uhr iſt's? fragte ſie. — Elf Uhr, Ew. Majeſtät. — Schon Elf! Mein Gott, wir haben uns die Zeit aus den Händen wiſchen laſſen. Sie that ſich indeß hier Einhalt und überlegte au⸗ genſcheinlich bei ſich ſelbſt; aber das währte nur einen Augenblick. Dann wandte ſie ſich von Neuem zu Guſtav. — Ich habe bemerkt, ſagte ſie zu ihm, daß Ew. Majeſtät Blicke eine Perſon ſuchten, die hier vermißt wird. Wünſchen Sie mit Alexandra zu ſprechen? Guſtav erröthete über die unvermuthete Frage und die Kaiſerin ging mit ihm bei Seite. — Wie wonnevoll muß es ſein, Ew. Majeſtät, eine Perſon rein und wahr zu lieben und ſich wieder geliebt zu wiſſen! — Ich habe, antwortete Guſtav, welcher jetzt Herr ſeines Gefühls war, die Wahrheit der Worte Ew. Maje⸗ ſtät empfunden, als ich hieher kam. — Und in Zukunft werden dieſe Worte noch größere Bedeutung für Sie haben. Das iſt juſt das Wunderbare an der Liebe, daß man, je länger man ſie empfindet, um ſo mehr neue Seiten an ihr entdeckt. Haben Sie ſchon ein Brautpaar geſehen, Ew. Majeſtät? — Niemals.. — Für den Liebenden iſt es ein eigenthümliches Gefühl, zwei Andere zu ſehen, die in zaͤrtlicher Liebe 582 vereinigt ſind. So lange man bloß liebt, gleicht man Pygmalion, welcher zu den Füßen der Bildſäule liegt und die Götter anfleht, ihr Leben einzuhauchen; ſobald man aber den Gegenſtand ſeiner Liebe beſitzt, hat das Bild bereits Leben erhalten. Würde es Ihnen Freude machen, ein Brautpaar zu ſehen? — Unendlich. — Ein Brautpaar iſt in Wahrheit ein Studium für einen Liebenden. Die Freude, das Erroöthen, die Blicke der beiden Glücklichen klären unſer Herz über ſo Vieles auf. Die Wahrheit und Wirklichkeit der Liebe wird uns durch die Liebe Anderer nicht bloß anſchau⸗ licher gemacht, ſondern ſie bekommt auch eine berau⸗ ſchende Gewalt über uns. Wiſſen Sie, mit was man die Liebe vergleichen könnte? — Nein. — Mit Champagner, Ew. Majeſtät; wenn man Andere welchen genießen ſieht, ſo bekommt man ſelbſt Luſt dazu. — Aber man kann auch am Champagner genug bekommen, Ew. Majeſtät. — Glauben Sie das? Ich habe Luſt, Sie vom Gegentheil zu überzeugen. Guſtav nahm dieſe Bemerkung wörtlich. — Thun Sie das lieber nicht, Ew. Majeſtät; ich bin kein ſonderlicher Freund vom Champagner. — Haben Sie den Champagner einmal gekoſtet, den ich Ihnen zu bieten habe, ſo werden Sie ihn ge⸗ wiß ſehr lieben. — Ich bezweifle es. — Wir wollen uns bald überzeugen. Haben Sie die Güte und betrachten Sie dieſe Thüre da. — Dieſe hier. — Ja. — Wohin führt ſie? — In dem Sinn, den ich meine, kann ich wirk⸗ lich ſagen, es ſei eine Kellerthüre. 583 — Eine Kellerthüre? gt— Nicht ohne Mühe konnte die Kaiſerin ihre ſcherz⸗ hafte Laune aufgeben.. 1s— Wenn ich jetzt ein Zeichen gebe, Ew. Majeſtät, de ſo geht die Thüre auf... geben Sie wohl Acht. — Ich gebe Acht. — Das iſt gut. ut Auf ein Signal der Kaiſerin öffnete ſich jetzt auch je die bezeichnete Thüre, und auf einmal wurde das Auge ſo geblendet durch die Scene, die ſich darbot. be Das Zimmer war voll von ſchönen, feſtlichgeklei⸗ 1 deten jungen Damen. Zuvorderſt ſtand Alexandra und 1, neben ihr Willanow. in— Was ſagen Ew. Majeſtät zu meinem kleinen Weinkeller? Er iſt doch allerliebſt? Dieſe Mädchen.. enthalten den vortrefflichen Champagner, einen Cham⸗ in pagner von Feuer... aber er löſcht den Durſt nicht, ſt ſondern reizt ihn vielmehr. Guſtav war gänzlich überraſcht. Alexandra war 1g nie ſchöner geweſen als jetzt, da ſie nur von Jugend umgeben daſtand. Der milde Ausdruck ihrer blühenden m Formen überglänzte alle andere. Guſtav hörte die Worte der Kaiſerin nicht; er vergaß Alles über dem Vergnü⸗ gen, das einnehmende, in ſeiner kunſtloſen Einſamkeit ch ſo zauberiſche Mädchen zu betrachten, das er am Altar der Hoffnung bereits ſeine Braut nannte. t, Auf ein neues Zeichen der Kaiſerin ſetzten ſich die c⸗ jungen Damen in Bewegung und kamen paarweiſe heran. Alexandra und Willanow bildeten das erſte Paar. Mit zuvorkommender Freundlichkeit ging die Kai⸗ ie ſerin ihnen entgegen. Willanow, ſagte ſie, folge mir. 5 Willanow glich ſich kaum mehr. Die Kaiſerin hatte ihr am Morgen befohlen, ſich als Braut zu kleiden; dieß war ein Todesurtheil über alle ihre Hoffnungen, k⸗ aber ſie klagte nicht, ſie weinte nicht, ſie bat nicht, ſie ſeufzte nicht. Mit der ganzen aufopfernden Seelen⸗ 584 ſtärke einer Spartanerin verſchloß ſie ihren Schmerz, gleich der tödtenden Kraft einer Mine, in ſich ſelbſt. Blaß und ſchweigſam, wie ein Mädchen, das allen holden Frühlingsverſprechungen der Erde entſagen und ſich in dem ſchmalen Grabchor einer Nonnenzelle ein⸗ weihen laſſen ſoll, folgte ſie der Kaiſerin. Ihre Blicke auf den Boden geſenkt und die Hand auf dem Herzen ruhend, ſchien ſie ſich vor allen Andern ebenſo ſehr zu fürchten, wie vor ſich ſelbſt. Hätte man ihre Schärpe unterſucht und nur ein wenig zwiſchen den Fingern auf die links ruhende Hand geſehen, ſo würde man etwas Blankes, etwas Schim⸗ merndes entdeckt haben, den Griff des kleinen Dolches, ohne deſſen Begleitung ſie einmal Orlow nicht ruhig folgen zu können geglaubt hatte, als er ſie zu ihren Eltern führte. Die Verzweiflung hat auch ihre Hoffnung. Die Verzweiflung drückte hier die kleine Waffe hart an's Herz; ihre Hoffnung wohnte in der Spitze derſelben. Armes Mädchen! So lange das Leben ihr entgegen⸗ lächelte, wer war fröhlicher als ſie? So lange die Hoff⸗ nung ihr noch winkte, wer ging ſtolzer und muthiger den Gefahren entgegen? Aber das Leben lächelte nicht mehr, die Hoffnung wehte ihr nicht mehr mit bunten Verſprechungen zu. Des Lebens Freude und die Ver⸗ heißungen der Hoffnung, Alles war in ihrer Seele zu⸗ ſammengeſtürzt. Armes Mädchen! 1 Die Kaiſerin führte Willanow zu ihren Eltern. — Willanow, ſagte ſie, Du geſtehſt doch noch ein⸗ mal, daß Du verſprochen haſt, dem Grafen Orlow an⸗ zugehören? Sie ſtammelte ein Geſtändniß. — Und Sie, mein Fürſt, haben ja auch ſchriftlich Ihre Einwilligung ertheilt? Auch er gab es zu. — Wohlan denn, fuhr die Kaiſerin fort, auch mein Verſprechen hat Orlow erhalten, Willanow, zum Braut⸗ — geſchenk gebe ich Dir die Freiheit Deiner Eltern, die ich in ihre angebornen und ererbte Rechten wieder einſetze. es iſt wahr, Willanow... ich habe Dir noch Etwas zu geben... ich gebe Dir auch Deinen Bruder zurück. Willanow bemerkte ihn jetzt erſt. Glücklich ſank ſie in ſeine Arme; aber es war ein Glück, welches nur flüchtig das Herz erleuchtete und dann wieder verſchwand. Durch das nächtliche Dunkel in ihrer Seele ſchimmerte kein Stern mehr. — Laſſen Sie uns jetzt nach der Kapelle gehen. Orlow wartet. Der Fürſt ergriff die Hand ſeiner Tochter. Die Kaiſerin winkte den König zu ſich, während die Prinzeſſin voranſchritt. — Sie wünſchten ein Braupaar zu ſehen, Ew. Majeſtät? — Allerdings; obſchon... obſchon... — Sie ſcheinen nicht zufrieden. Iſt die Braut nicht einnehmend? Unleugbar, aber ſie iſt nicht glücklich. Ihre Miene verſtimmt mich. Ew. Majeſtät ſprachen von brennen⸗ den Blicken, voll von Liebe, von erröthenden Wangen, welche die Verſchämtheit des Herzens verkünden ſollten; aber hier liest man Verzweiflung in dem kalten, hohlen Blick und zehrenden Gram in der bleichen Wange. — Warten Sie nur, Ew. Majeſtät, bis zu dem Augenblick, wo ſie ihren Bräutigam zu ſehen bekommt, und dann geben Sie Acht, ob die Liebe nicht ihr Recht geltend macht. Das Herz hat Uebergänge, Mo⸗ mente, und will man die Liebe ſtudiren, ſo muß man vor allen Dingen dieſe ſtudiren. Die Prozeſſion ſchritt vorwärts, aber ſie glich we⸗ niger einem Hochzeits⸗ als einem Leichenzug. Als Orlow den Befehl erhielt, ſich in der Kapelle einzufinden, war er überzeugt, daß Subow in ſeiner 586 Morgenaudienz alle Inſinuationen Armfelt's überwun⸗ den habe, und daß die Kaiſerin, wenn auch gegen ihren Willen, doch aus höheren politiſchen Rückſichten mit der Günſtlingspartei und ihm ſelbſt nicht brechen zu dürfen glaube. Da er indeſſen auch ſich ſelbſt die mißliche Stellung bekannte, worin er im Verlauf ſeines ereignißreichen und von Leidenſchaften aufgeregten Lebens gerathen war, ſo bot er ſeine ganze Geiſteskraft auf, um hier den Fall, daß ihn jetzt ein unerwarteter harter Schlag treffen ſollte, ein rettendes Brett zur Hand zu haben. Er bereitete ſich alſo zum Kampfe vor, wie wenn dieſer eben erſt begonnen hätte. An eine Waffenruhe dachte dieſer raſtloſe Geiſt nicht: intriguiren und käm⸗ pfen gehörte zu den Grundzügen ſeines Charakters. Er hatte ſich von Anfang an in Worowitſch und Döring getäuſcht, weil er glaubte, daß Erſterer Willa⸗ now liebe, ſtatt des Letzteren; aber obſchon er, nachdem er dieſen Irrthum eingeſehen, ſeine Erbitterung und Aufmerkſamkeit auf Döring übertrug, während Woro⸗ witſch ihm gleichgiltiger wurde, ſo bliehen doch die Ver⸗ hältniſſe im Ganzen ungefähr dieſelben wie vorher. Gewöhnliche Neugierde verleitete Orlow nie zu einem Schritte. Er bekümmerte ſich alſo nicht im Min⸗ deſten darum, wer der ſchwarze Ritter war, der ihn beim Turnier zu Gatſchina wie einen Schuljungen ge⸗ züchtigt hatte; um ſo mehr aber ging ihm die öffent⸗ liche Anklage zu Herzen, daß er Tarrakanow ermordet habe. Dieſer Umſtand beſchäftigte unaufhörlich ſein ganzes Nachdenken und allen ſeinen Scharfſinn. Die Anklage war ſo unerwartet gekommen und mit einer ſolchen überzeugenden Sicherheit vorgetragen worden, daß ſie auf wirklichen Beweiſen beruhen mußte. Nur dieſer einzige Punkt beunruhigte ihn. Er hatte zwar keine Gewiſſensqualen; aber er fürchtete auch ſolche weit weniger als die Möglichkeit, entſchleiert zu werden. 587 Immer jedoch hoffte er ſich noch hinauswinden zu können. Dem Kühnen iſt Alles möglich. Das allgemein verbreitete Gerücht, daß Tarrakanow noch lebe, veranlaßte ihn Anfangs zu dem. Plan, dieß wirklich zuzugeben, und zu dem kühnen Gedanken, für den Fall, daß man Beweiſe fordere, eine Perſon zu erkaufen, die dieſe Rolle übernähme. Als Chef der gehei⸗ men Polizei war ihm das nicht ſchwer, und nach ſo manchen Jahren hätte Niemand ſo leicht den Betrug entdecken können, zumal da nur ſehr wenige Perſonen in Rußland die Prinzeſſin je geſehen hatten, weil ſie ſich beinahe beſtändig in Italien aufgehalten. Aber von dieſem Gedanken, ſich auf ſolche Art aus dem Spiel zu ziehen, war er durch Andreas abgebracht und auf eine andere Idee geleitet worden... nicht daß ſie wirklich noch lebe, wie dieſer behauptete... ſondern daß bereits Jemand ihre Rolle ſpiele, und zwar mit einer ſo täuſchenden Aehnlichkeit, daß der arme, phantaſtiſche Andreas ſich von der Identität habe über⸗ zeugen laſſen. Nach der Anklage in Gatſchina und um auf eine ebenſo einfache als überzeugende Art ſeine Unſchuld dar⸗ zuthun, erklärte er alſo mit kühnerer Zuverſicht als bisher, daß Tarrakanow wirklich noch lebe. Von den Umſtänden gezwungen, hatte er ſich entſchloſſen, ſeinen Bruder aufzuſuchen und womöglich ſein Vertrauen zu gewinnen, weil er ſonſt nicht erfahren konnte, wer die Unbekannte war, die Tarrakanow's Namen uſurpirte. Gluͤckte ihm das, ſo war ja die Sache klar. Da er den Charakter ſeines Bruders auf's Genaueſte kannte und wußte, daß es ihm rein unmöglich war, eine Unwahrheit zu ſagen, ſo war er bei der erſten Nachricht, daß ſie noch lebe, erſchrocken; aber je mehr er die Sache überdachte, um ſo unmöglicher erſchien ihm das. Die lebende fürchtete er, weil ſie möglicher Weiſe das Eine und Andere vorbringen konnte, was er nicht bekannt zu ſehen wünſchte; die todte dagegen fürchtete 588 er ganz und gar nicht, und über die falſche freute er ſich ſehr, weil ſie, ohne von dem wirklich Vorgefallenen Etwas zu wiſſen, ihm als Blitzableiter dienen konnte. In dieſer Hoffnung lächelte er auch über die Gefahr. Aber er blieb in ſeinen Ueberlegungen dabei nicht ſtehen. Wie ein Baumeiſter alle Theile ſeiner Arbeit beſichtigt, ſo faßte er auch alle Einzelnheiten ſeiner Stel⸗ lung genau in's Auge. Wir wollen uns indeß hier bei all dieſen Spitzfindigkeiten nicht aufhalten, zumal da die Geſchichte ihren Verlauf nimmt, ohne ihnen Rech⸗ nung zu tragen. Als er in die Kapelle kam, fand er ſie ungemein feſtlich hergerichtet, aber ganz menſchenleer. Er hatte alſo Zeit zu neuen Ueberlegungen, und zur größeren Gewißheit erforſchte er ſeine Stellung noch einmal, bis er ſie zuletzt ſogar vortrefflich fand. Was man ernſtlich wünſcht, das calculirt man ſich leicht herbei. Unſer Verſtand und Urtheil haben eine ganz beſondere Schwachheit dafür, ſich mit unſern In⸗ tereſſen in Uebereinſtimmung zu ſetzen. Es währte lange, bis er in ſeinem Selbſtvertrauen geſtört wurde; endlich aber vernahm er das Getöſe einer herannahenden Prozeſſion. Der Augenblick war jetzt gekommen. Orlow hatte ſeinen Platz am Altar einge⸗ nommen; er wollte die Kaiſerin überzeugen, daß er ihre Meinung verſtanden habe. Als die Prozeſſion herein⸗ kam, warf er einen Blick über ſie. Er entdeckte die Kaiſerin und Subow. Beide hatten in ihren Mienen Nichts, was ihn erſchreckte. Er ſah Willanow und ihre Eltern, das war ja ganz in der Ordnung. Willanow ſah niedergeſchlagen, traurig, leidend, unglücklich aus. Was konnte er mehr verlangen? Sie liebte ihn ja nicht, das wußte er; und alſo bewies juſt dieſes Leidende in ihrer Haltung und in ihren Zügen, daß die Kaiſerin ihr Schickſal zu ſeinem Vortheil entſchieden hatte. Wäh⸗ rend er ſeine Aufmerkſamkeit von einer Perſon auf die andere übertrug, entdeckte er auch Worowitſch. Seine V Anweſenheit ſetzte ihn in Erſtaunen; da er jedoch wußte, daß Worowitſch die ihm förmlich angebotene Hand Wil⸗ lanow's ausgeſchlagen hatte, ſo konnte es ihm ja ganz gleichgültig ſein, ob er da war, oder nicht. Die Hauptſache war, daß Döring fehlte, und ihn ſuchte er vergebens. Mit ſtolzer Zuverſicht weidete er ſich jetzt an dem Glück, ſein Ziel erreicht zu haben. Aber auch Willanow hatte Orlow am Altare ge⸗ ſehen und erkannt; es wurde ihr dabei ſchwarz vor den Augen und ſie drückte krampfhaft ihre Hand um den Griff des kleinen Dolches, den ſie an der Seite trug. Ihr Vater, der Fürſt, fühlte, wie ſie wankte; aber er flüſterte ihr ein Wort zu und ihre Schritte gewan⸗ nen wieder Sicherheit. Endlich waren ſie am Altar. Willanow blieb ſchon in einiger Entfernung davon, ein zitterndes Opferlamm, ſtehen. Bis hieher hatten ihre Kräfte ausgereicht; aber jetzt ſtanden ſie ihr nicht länger zu Gebot. Die Kaiſerin und ihre nächſte Umgebung gingen an Willanow vorbei auf Orlow zu, und die Uebrigen ſtellten ſich auf beiden Seiten des Chores auf. Orlow trat der Kaiſerin entgegen, um ihr ſeinen unterthänigen Dank abzuſtatten; aber ſie kam ihm zu⸗ vor, als die Worte bereits auf ſeinen Lippen ſchwebten. — Orlow, ſagte ſie, Sie haben ja mein Verſpre⸗ chen, daß Sie Willanow's Hand erhalten ſollen? — Ach ja, Ew. Majeſtät, und ich danke von gan⸗ zem Herzen für die Gnade meiner Kaiſerin. Die Kaiſerin drückte ſich kurz aus. Das Schwan⸗ kende und Unſichere, das ſich in den letzten Tagen ge⸗ zeigt hatte, war jetzt von ihr gewichen. Man glaubte eher eine Uebertreibung in einer andern Richtung zu erkennen, nämlich eine übertriebene Entſchloſſenheit, ob⸗ ſchon man nicht läugnen konnte, daß dieſe Entſchloſſen⸗ heit jedenfalls von einer gewiſſen Ruhe oder, könnte man vielleicht eher ſagen, Kälte begrenzt wurde. . 590 — Orlow, fuhr die Kaiſerin fort, Sie haben ja auch Willanow's Verſprechen? — Ew. Majeſtät wiſſen das ſelbſt und auch das Fräulein läugnet es nicht. Erſt jetzt bemerkte Orlow die Kälte in der Anrede der Kaiſerin. Er blickte daher dreiſt in ihre Augen, um nach dem Barometer derſelben die Zahl der Grade zu berechnen. — Orlow, hub die Kaiſerin von Neuem an, Willa⸗ now's Eltern haben Ihnen ja auch ihre Einwilligung gegeben? — Ew. Majeſtät haben das eigenhändige Schreiben des Fürſten Raszanowski ſelbſt geſehen. Ehe noch die dritte Frage der Kaiſerin abgemacht war, ſah Orlow bereits ein, daß irgend eine Gefahr um den Weg war, und daß er ſich zu ſeiner Vertheidigung bereit halten mußte. Inzwiſchen aber kam Etwas vor, worauf er ſich nicht vorbereitet hatte. Bei ſeinem vieljährigen Aufenthalt am Hof hatte er Gelegenheit gehabt, den Charakter der Kaiſerin auf's Genaueſte kennen zu lernen, und er hatte bemerkt, daß Niemand zugänglicher, ja ſogar ſchwächer und lenkſamer ſein konnte, als ſie, wenn man es nur verſtand, ihr Herz in Bewegung zu ſetzen, ihre Gefühle anzuſprechen, ihr Inneres aufzuregen, ihre feine Weiblichkeit in den Wirbel der Sympathien oder Antipathien zu verwickeln. Wie oft hatte nicht auch Orlow ſie durch dieſe Mittel geleitet, und zwar ohne daß ſie es ſelbſt wußte! Aber es fanden ſich auch Augenblicke, wo ſie, wenn ſie von ganzer Seele einer Sache vergewiſſert war, das ſonſt ſo ſchwache Herz mit einem Schild von Eis umgab, und in ſolchen Augenblicken ging ſie mit unerſchütterlicher Conſequenz auf ihr Ziel los, nicht als ob ſie ſich dabei von irgend einer Leidenſchaft, einer Heftigkeit oder Ueber⸗ eilung hätte leiten laſſen... weit entfernt... ſondern nur als ein kalter, beinahe mechaniſcher Verſtand. V So war ſie auch jetzt. Orlow würde ſie nicht gefürchtet haben, wenn ſie aufbrauſend geweſen wäre... in einer brauſenden Seele findet ſich immer der Ankergrund für einen neuen Ge⸗ danken... aber er fürchtete ihre Kälte. Jeder Verſuch, ſie auf der glatten Eisfläche feſtzuhalten, beſchleunigt nur den Fall. Orlow, der ſich beſſer als je zu ſeiner Vertheidi⸗ gung vorbereitet hatte, erblaßte jetzt. — Ew. Majeſtät, fuhr die Kaiſerin gegen den Kö⸗ nig von Schweden gewendet fort, dieſer Mann iſt der Cdelſtein, welchen ich der Hand Willanow's würdig ge⸗ glaubt hatte; aber ich habe entdeckt, daß er unächt, daß er falſch, daß er ihrer nicht würdig iſt. Bei dieſem ſo öffentlich vor dem ganzen Hof aus⸗ geſprochenen Schimpf, der auf einmal einem ganzen Leben voll Tücke und Intriguen die Maske abriß und zu gleicher Zeit alle Hoffnungen zertrümmerte, denen er ſich noch bis zum letzten Augenblick hingegeben hatte, wurde Orlow von einer ſolchen Raſerei erfaßt, daß er ſich nicht mehr zu beherrſchen vermochte. Der erſte mächtige Eindruck ſeiner Vernichtung zog ſeine Glieder zuſammen, trieb das Blut nach ſeinem Herzen, erſchütterte mit vulkaniſcher Gewalt ſeinen Kör⸗ der; dann aber breitete ſich das Blut wieder aus, ſeine Bruſt erweiterte ſich, ſeine Geſtalt wuchs beinahe und die gewaltſame Erſchütterung war vorüber.. Aber er hatte vergeſſen, daß er vor der Kaiſerin, Lor der Selbſtherrſcherin aller Reußen ſtand. Sein Scharfſinn hatte ihn nicht verlaſſen, aber ſeine Klug⸗ heit hatte ihr Gleichgewicht verloren. — Ew. Majeſtät, begann er. Seine Augen flammten, ſeine Stimme bebte. — Schweig, Orlow, unterbrach ihn die Kaiſerin, und ſieh Dich vielmehr um. Von allen Seiten treten Ankläger gegen Dich auf. Was ſind Fürſt Naszanowski und ſeine Gemahlin? Deine Ankläger. Was iſt der 592 Abbé? Dein Ankläger. Was iſt Worowitſch... aber Du kennſt ihn nicht, weil Du ihn todt glaubſt, er iſt jedoch der Sohn des Fürſten Raszanowski... was iſt er? Dein Ankläger. Aber ſie ſind nicht allein. Aus ihrem Grab klagt auch Tarrakanow Dich an. Bei jeder neuen Anklage ſteigerte ſich Orlow's Wuth. Sein Grimm kannte keine Grenzen mehr. Es brannte in ſeinem Kopf, es brannte in ſeiner Bruſt; aber die Kaiſerin hatte einen Namen ausgeſprochen, um welchen ſein entfliehender Verſtand noch ſeine letzten Kräfte ſam⸗ melte. Dieſer Name war Tarrakanow. — Ha, Ew. Majeſtät, ſtammelte er, ſie klagt nicht mich an, ſondern Sie. Dieſe freche Sprache gegen die Kaiſerin rief bei den Umſtehenden ein lautes, heftiges Gemurre hervor. Mit einem halblauten Ausruf auf den Lippen beugten ſich Alle vorwärts. Suwarow legte die Hand an ſeinen Degengriff und die meiſten Höflinge folgten ſeinem Bei⸗ ſpiel. Es war indeß nicht bloß die Aeußerung des Gra⸗ fen, was ſie empörte, ſondern vielmehr ſein wildes Aus⸗ ſehen. Man glaubte jeden Augenblick einen gewaltſamen Ausbruch ſeiner Raſerei befürchten zu müſſen. Orlow's Anſchuldigung ging der Kaiſerin tief zu Herzen, ſo tief, daß ihr Puls in ſeinem gleichmäßigen Gang ſtockte; aber deßungeachtet veränderte ſich kein Zug in ihrem Geſichte, vielmehr wurde die Eisrinde um ihr Herz noch härter. — Orlow, begann die Kaiſerin wieder, aber das Sprechen machte ihr ſichtlich Mühe. Die Stille des Grabes kann nicht tiefer ſein als diejenige, die jetzt in der Kapelle herrſchte. — Orlow, nahm die Kaiſerin ihren angefangenen Satz wieder auf und ihre Stimme zitterte nicht mehr; Sie haben mir erklärt, daß Tarrakanow noch lebe. Entfernen Sie ſich und zeigen Sie ſich nie wieder vor meinen Augen, außer mit dieſer Prinzeſſin an Ihrer Hand. müſſen. Aber Orlow blieb noch ſtehen. — Sie befehlen, daß ich mich entfernen ſoll. Ich gehorche, Ew. Majeſtät, aber bedenken Sie wohl, daß es von mir abhängt, Tarrakanow wieder herbeizuſchaffen oder ſie todt bleiben zu laſſen. Bleibt ſie das letztere, Ew. Majeſtät, dann... dann... 1 Die Kaiſerin wurde von einer wunderbaren, hefti⸗ gen Bewegung erſchüttert. Die Eisrinde zerborſt und das Feuer in ihrer Bruſt flammte in einem Blitz aus ihren Augen. — Dann... dann... wiederholte ſie. — Dann wird der Genius der Geſchichte mit ſei⸗ nem Griffel die Anklage wegen ihres Todes um Ew. Majeſtät Namen zeichnen. Der Auftritt war entſetzlich. Die Kaiſerin ergriff Suwarow's Arm. Nur ein leiſer, halb erſtickter Aus⸗ ruf drang über ihre Lippen. ,— Kehre ich mit Tarrakanow zurück, Ew. Maje⸗ ſtät, dann bin ich es, der Ihre Ehre rettet. Neunzehn Jahre waren verſchwunden, ſeit Tarra⸗ kanow, der allgemeinen Annahme zufolge, bei einem Austritt der Newa in ihrem Gefängniß umgekommen war. Wenn ſich eine beunruhigende, ihr Gewiſſen quä⸗ lende Erinnerung in der Seele der Kaiſerin vorfand; wenn ſie mit oder ohne Grund ſich vorſtellte, das Ge⸗ rücht halte ſie in Verdacht, den Untergang dieſer Un⸗ glücklichen abſichtlich verurſacht zu haben; wenn Orlow mit oder ohne Berechnung... irgend ein Wort davon hatte fallen laſſen; wenn Katharina auch in Marfa's Prophezeiung eine Andeutung darauf gehört hatte— ſo hatte doch noch Niemand es gewagt, ſie auf ſolche Art anzuklagen. Katharina war ehrgeizig. Die Geſchichte war für ſie, was die Geldkiſte für den Geizhals iſt: ein Platz, wo ſie eine Maſſe glänzender Thaten und Beſchlüſſe nie⸗ Der Fürſt. II. 38 Wir wollen dann ſehen, wie wir Sie richten 594 derlegte, man könnte ſagen aufbewahrte; Thaten und Beſchlüſſe, von denen zwar viele bloß rohe Materialien waren, mit denen ſie aber gleichwohl vor der Nachwelt wuchern wollte. Man kann nicht ſagen, ſie habe den Rechenſchaftstag der Geſchichte geachtet, wohl aber, ſie habe ihn gefürchtet. In der Geſchichte erblickte ſie das Himmelreich, wo ſie nach dem Leben eingehen ſollte, und im Urtheil der Welt erblickte ſie Gottes Urtheil. In einem glänzenden hiſtoriſchen Namen erblickte ſie die Unſterblichkeit ihrer Seele; aber auf dieſelbe Art, wie der Geizhals es mit den Mitteln zur Vermehrung ſeiner Schätze nicht zu genau nimmt, ſo war auch Katharina in Bezug auf die Mittel, ſich einen glänzenden Namen zu erwerben, nicht allzu delikat. Bei all ihrer unruhvollen Angſt vor dem Urtheil der Nachwelt, fürchtete ſie doch den Augenblick, die Ge⸗ genwart nicht; mit ihr ſpielte ſie oft ſehr leichtſinnig, manchmal ſogar grauſam. Da ſie ſich von einer ſolchen Philoſophie leiten ließ, ſo war natürlich das Gerücht über Tarrakanow immer ein nagender Wurm für ſie geweſen. Ihr erſter Gedanke, nachdem Orlow ausgeſprochen hatte, war, ihn verhaften zu laſſen; aber ſie mäßigte ſich. Der feine weibliche Takt konnte ſie manchmal ver⸗ laſſen; die Klugheit verließ ſie niemals. Orlow hatte, als ein ſchlauer, berechnender Kopf, in ſeinen letzten Worten ihre Ehre und ihren Ruf an eine Möglichkeit zu knuͤpſen gewußt, welche nothwendig vorausſetzte, daß ſeine Freiheit und ſein Leben unan⸗ getaſtet blieb. — Fort aus meinen Augen! befahl ſie ihm bloß fort von hier! Wenn Du einen Spiegel anhauchſt, ſo verdun kelt ſich Dein eigenes Bild. In den Dunſt kannſt Du ein Wort ſchreiben, und es ſteht deutlich, leſerlich da. Aber der Dunſt vergeht, das Wort verſchwindet, der Spiegel iſt wieder klar. Dieß Alles iſt nur das Werk eines Augenblicks. So düſter die Kaiſerin geweſen, ſo tief Orlow's Worte bei ihr eingedrungen waren, ſo fand ſich gleich⸗ wohl nach ein Paar Sekunden Nichts mehr davon vor, wenigſtens nicht in ihren Zügen. Berechnete ſie wohl, daß eine heitere und freund⸗ liche Miene das Urtheil der Anweſenden mehr zu ihren Gunſten ſtimmen würde, als eine aufgeregte und ver⸗ zweifelte?2 Katharina war ein ſchlaues Weib. — Ew. Majeſtät, redete ſie den König von Neuem an, Sie ſind Zeuge der Thorheit eines wahnſinnigen Menſchen geweſen; verzeihen Sie ihm, Ew. Majeſtät. Der Verluſt von Willanow's Hand hat ſeinen Verſtand aus den Fugen gerenkt; aber verzeihen Sie auch mir, weil ich mich gar zu lange damit aufgehalten habe. Laſſen wir die Ceremonie ihren Fortgang nehmen. Ein ſchöner Chor, von derſelben Art wie derje⸗ nige, der Guſtav Adolph in der Kaſan'ſchen Kirche ſo erhabene Gefühle eingeflößt hatte, ließ ſich jetzt ver⸗ nehmen. Dabei öffnete ſich rechts von dem Säulengang eine Thüre und eine neue Prozeſſion kam heraus. In ihr erblickte man Döring. Als die Prozeſſion in den großen Gang hereinkam, ſprang Orlow von einer Säule, an die er ſich einen Augenblick gelehnt hatte, hervor und ergriff Döring beim Arme. — Sie ſtehlen mir meine Braut, ſchnaubte er ihm in's Ohr, aber bei allen Heiligen, Sie ſollen ſie nie an Ihre Bruſt drücken. Hierauf ſtürzte er aus dem Tempel. Zaedermann kann ſich den Uebergang denken, der jetzt in Willanow's Innerem ſtattfand. Statt eines Gewitters in ihrem Herzen, ertönte jetzt ein mildes, liebliches Hallelujah barin 596 Statt der Mitternacht in ihren Gedanken, ſtrahlte jetzt der klarſte und reinſte Tag darin. Orlow war fort. Döring kam. Was hatte ſie nicht gelitten! aber wie namenlos war nicht auch jetzt ihre Wonne! Man konnte ſagen, die Kaiſerin habe ein grauſa⸗ mes Spiel mit ihr getrieben; und doch wie gut war ſie nicht! Eine Thräne iſt ein Schmerz, eine Thräne iſt eine Freude: das beruht auf dem Herzen. Die Thräne, die in Willanow's Auge glänzte, war eine Freudenthräne. Seitwärts vom Chor ſtand ein Tiſch mit Schreib⸗ zeug. Während die Prozeſſion ſich näherte, wechſelte die Kaiſerin einige freundliche Worte mit Willanow, auf deren Wangen ſich jetzt die letzte Lilie in eine morgen⸗ friſche Roſe verwandelte. Sobald Döring herangekommen war, wandte ſich die Kaiſerin gegen ihn. — Döring, ſagte ſie, indem ſie gütig ſeine Hand ergriff, Sie ſind ein junger Mann von redlichem und ritterlichem Charakter; aber es fehlt Ihnen Name und Geburt. Döring blickte verwundert auf. Ihm war, als dränge eine Lanzenſpitze in den empfindlichſten Theil ſeiner Bruſt. — Sie haben, fuhr die Kaiſerin fort, ein junges ſchwediſches Hoffräulein geliebt; aber aus Mangel an guter Gebut mußten Sie die Hoffnung auf ihren Beſitz aufgeben. Immer tiefer drang die Lanzenſpitze in ſeine Bruſt. — Trotz einer ſolchen Warnung haben Sie nichts⸗ deſtoweniger Ihre Blicke zu einer der ſchönſten Zierden meines Hofes, zu Fräulein Willanow, erhoben. Döring wurde von einer Angſt ergriffen, die ſeinen Puls ſtocken machte⸗ — Nicht wahr, Döring, Ihre Oreiſtigkeit verdiente keine Belohnung, ſondern eher eine Strafe? Sie geben das zu? Döring neigte ſeinen Kopf nicht, er öffnete ſeinen Mund nicht. — Aber wir lieben kühne Männer und offene Cha⸗ raktere, Döring, und obſchon der ruſſiſche Hof im übri⸗ — gen Europa als die Pflanzſchule des Deſpotismus be⸗ trachtet wird, ſo kann er doch auch liberal handeln. Demjenigen, der keinen Namen beſitzt, einen ſolchen aber verdient, geben wir ihn; demjenigen, der keine Geburt beſitzt, einer ſolchen aber würdig iſt, geben wir ſie. Die Kaiſerin befand ſich jetzt wieder vollkommen in ihrem Gleichgewicht. Jeder Schatten war verſchwun⸗ den, und aus ihrem reichen Innern wuchs die Ma⸗ jeſtät ihres guten Genius empor, wie aus dem Dunkel der Nacht ein prachtvoller, zauberiſcher Park empor⸗ wächst, beſtrahlt vom reinſten Lichte des Tages. — Ihre Geburt iſt mir nicht unbekannt, Döring. Sie ſind der Sohn der Fürſtin Wanja, einer geborenen Naszanowski. Döring verbeugte ſich ſchweigend. — Aus dem Ookument, das Sie in Gatſchina von mir erhielten, kennen Sie das Teſtament Ihrer Mutter 2 — Ja, Ew. Majeſtät. — Ich ſetze Sie in alle Rechte ein, die dieſes Do⸗ kument Ihnen zuſpricht, Döring. Ich habe bereits mit Willanow's Eltern darüber geſprochen und ſie erwarten mit Sehnſucht den Augenblick, wo es ihnen vergönnt 3 ſein wird, Sie als einen nahen, theuren Anverwandten an ihre Bruſt zu drücken. „Döring ſank vor der Kaiſerin auf die Kniee, aber kein Wort kam über ſeine Lippen. Das wahre Gefühl ſricht wenig oder Nichts. Als er ſich aufrichtete, öff⸗ nete Fürſt Raszanowski ſeine Arme gegen ihn. Tief ge⸗ rührt ſank er an die Bruſt des Greiſes. 598 — Willkommen, mein Sohn, redete ihn der Fürſt an; in mir ſollſt Du einen Vater finden und hier eine Mutter. Damit legte er ihn in die Arme der Fürſtin. Für Worowitſch war ſeine nahe Verwandtſchaft mit Döring eine ganz neue Entdeckung. Kühn, wenig oder gar nicht an Ceremonien gewöhnt, ein Kind der fortgeſetzten Kriegs⸗ oder Revolutions⸗ zuſtände ſeines Vaterlandes, dachte er nicht einmal daran, daß es nöthig ſein könnte, den Ausdruck ſeines Ent⸗ zückens zu mäßigen. — Mein Bruder! rief er, indem er Döring's Hals umſchlang, mein Bruder! Wie war Willanow zu Muthe? Ihre Blicke flogen von der Kaiſerin zu Döring, von Döring zu ihren Eltern, von dieſen zu Worowitſch. Die Hand an ihrer Stirne, drehte ſie ihren Kopf, wie wenn das Auge einen neuen Gegenſtand ſuchte. Sie ſchien Nichts zu begrei⸗ fen und dennoch begriff ſie Alles ſo wohl. Je deutlicher und mächtiger ſich der Eindruck der Ueberraſchung kundthat, welche die Kaiſerin bereitet hatte, um ſo mehr freute ſie ſich darüber, weil ſte eine unwill⸗ kürliche Anerkennung darin ſah. Als der erſte Schwall des überwallenden Gefuhls ſich gelegt hatte, winkte ſie Döring an den kleinen Schreibtiſch. — Sehen Sie hier, Döring, ſagte ſie, hier ſehen Sie eine in aller Form Rechtens aufgeſetzte und von dem Für⸗ ſten Raszanowski bereits unterſchriebene Urkunde; aber es fehlen darauf noch zwei Namen, der Ihrige und der meinige. Schreiben Sie, Döring. Döring ſchrieb ſeinen Namen. — Weiter, erinnerte ihn die Kaiſerin, weiter! Döring ſah fragend auf. — Nun? ermahnte die Kaiſerin wieder, warum ſchreiben Sie nicht Ihren ganzen Namen aus? — Ich habe ihn ja bereits geſchrieben? Was ver⸗ langen Ew. Majeſtät, daß ich noch hinzufügen ſoll? — Geben Sie die Feder her, Döring. Döring hatte ſeinen Namen wie gewöhnlich ge⸗ ſchrieben. Die Kaiſerin ſchrieb vor denſelben Fürſt und dahinter Raszanowski. Döring begriff die ganze Größe der Auszeichnung, die ihm widerfuhr, aber er beſaß keinen Ausdruck fuͤr ſeine Gefühle. Die Kaiſerin ſchien auch keine Zeit zum Warten zu haben, nachdem ſie ſich einmal in Thätigkeit geſetzt hatte. Sie hatte ihre Rolle noch nicht zu Ende geſpielt. — Ich habe euch jetzt— ſo ſprach ſie zu ihrer Umgebung— einen Fürſten gegeben; aber ich habe noch eine ſchönere und beſſere Gabe... jedoch nicht für euch, meine Herren.. ſcherzte ſie... ſondern für ihn, denn ich will auch ihm eine Fürſtin geben, welche die Luſt ſeines Lebens noch erhöhen wird. So ſprechend nahm die Kaiſerin die erröthen de Willanow bei der Hand und führte ſie Döring zu. Auf ein Zeichen von ihrer Hand ſtimmte der Chor wieder an. Die Kaiſerin näherte ſich jetzt Guſtav. — Ew. Majeſtät, ſagte ſie, ich habe Ihnen zwei verſchiedene Brautpaare gezeigt, jedoch nur eine einzige Braut. Dem erſten Paar fehlte die Liebe und ſein An⸗ blick verſtimmte Sie. Wie anders dagegen das zweite ... Sie ſehen es ja ſelbſt... betrachten Sie die Leut⸗ chen genau... lieben ſie nicht einander? Sehen Sie, wie ihre Bruſt ſich hebt, wie das Herz ſie mit ſeinem Lichte, ſeinem Glanz, ſeiner Freude verklärt, wie... man kann es wohl ſagen... wie gleichſam ein Stern ſich in dem einen Auge entzündet, um in dem andern zu erlöſchen, wie der leichte Händedruck, der jetzt zwi⸗ ſchen ihnen, ich möchte beinahe ſagen, wie zwiſchen zwei Welten, gewechſelt wird, eine neue Engelsbotſchaft von Liebe iſt... ſehen Ew. Majeſtät... — Ich ſehe.. ich ſehe... 600 Die Ceremonie ging vor ſich und bald hatte das Band der Kirche unauflöslich Döring's und Willanow's Schickſale vereinigt. Während der Ereigniſſe, die wir hier beſchrieben, hatte die Kaiſerin ſo viel Edelſinn und Kraft, ſo viel Geiſt und Würde, ſo viel wahre Größe und Güte ent⸗ wickelt, daß Orlow's Raſerei und Anklage dadurch gänz⸗ lich überglänzt wurden. Es dachte auch Niemand mehr naran außer einer einzigen Perſon... der Kaiſerin elbſt. Der gegen ihre Ehre gerichtete Schlag hatte tief getroffen und obſchon ihre Miene von Zufriedenheit und Ruhe zeugte, blutete gleichwohl in ihrem Innern eine ſchmerzliche Wunde. Sobald ſie auf ihr Kabinet kam, ließ ſie Woro⸗ witſch zu ſich rufen. — Worowitſch, ſagte ſie, in Gatſchina klagteſt Du Orlow an, daß er Tarrakanow ermordet habe. Wie verhält es ſich damit? 3 — Beim Himmel, Ew. Majeſtät, das weiß ich nicht. — Wie, und Du klagteſt ihn gleichwohl an? 3 — Als ich auf meiner Rückreiſe von Warſchau in Strelna die Pferde wechſelte, hörte ich verſchiedene wun⸗ derbare Erzählungen von einer Wahrſagerin. — Von Marfa? 1 — Wie Ew. Majeſtät zu ſagen geruhen. Unruhig über meine eigene Lage und ungewiß, wie die Ereigniſſe ſich entwickeln würden, kam ich auf den Einfall, ſie zu beſuchen, und ich that es. — Sie prophezeite Dir? — Ich kann in Wahrheit kaum ſagen, ob ſie das that oder nicht. In der That ſelbſt glaube ich, daß ich es war, der ihr meine Schickſale und Abſichten erzählte, und... wie es nun kam... gepug, ich bat ſie eher — um einen Rath, als um eine Prophezeiung. Sie gab mir auch einen. — Worin beſtand er? — Darin, daß ich, wenn ich Orlow ganz ſicher im Allerinnerſten ſeines Herzens tödtlich treffen wolle, ihn öffentlich des genannten Mordes anklagen ſolle. — Das iſt Alles, was Sie wiſſen? — Alles. Düſtere Gedanken umgaben die Kaiſerin wie mit einem Nebel; ſie überlegte, gleichſam mitten in eine Wolke verſetzt. — Kann ich mich auf Sie verlaſſen, Worowitſch? fragte ſie nach einer Weile. — Im Leben und im Tod, Ew. Majeſtät. — Wollen Sie mir einen Dienſt erweiſen? — Nichts lieber, Ew. Majeſtät. — Begeben Sie ſich zu Marfa und ſagen Sie ihr, daß ich ſie ſprechen wolle. Heute habe ich nicht Zeit, weil das Feſt am Abend mich in Anſpruch nimmt... aber morgen... hören Sie... ſpäteſtens morgen will ich ſie ſprechen. Uebergeben Sie ihr den Siegelring; mit ihm kann ſie frei paſſtren. Sie richten doch dieſen Auftrag aus? — Sogleich, Ew. Majeſtät. Was ſeinen Beſuch bei Marfa betraf, ſo hatte Wo⸗ rowitſch bloß verſchwiegen, daß er in ihr eine alte Freun⸗ din ſeiner Eltern und eine ihm ſelbſt wohl vertraute Perſon wieder erkannt hatte. Labyrinth, das ſeinen Minotaurus hat und worin ganz Zwölftes Kapitel. Der einundzwanzigſte September 1796. „Im Verlauf dieſer Erzählung haben wir Gelegen⸗ heit gehabt, einige Mittheilungen über die geheime Po⸗ lizei in Rußland zu machen. Inzwiſchen waren dieſe Mittheilungen doch nur höchſt oberflächlich und Nichts weniger als erſchöpfend. „In Rußland— ſo ſteht in einem neuerdings er⸗ ſchienenen Werke zu leſen— wo mehr die unbeſchränkte Gewalt als der Deſpotismus ſelbſt herrſcht, iſt die ſo⸗ ceiale und politiſche Inquiſition unendlich, grenzenlos, unbarmherzig in ihrer Ausübung. Man erinnere ſich der entſetzlichen Geſchichten, die im Verlauf der Jahr⸗ hunderte, gleich unterirdiſchen Dämpfen, durch die Mauern der ſchrecklichen Gefängniſſe gedrungen ſind, wo Vene⸗ digs Zehnmännerrath, die geheime Vehme und die ſpa⸗ aie Inquiſition ihre Gefangenen marterten, deren Verſchwinden bloß bekannt wurde, ohne daß Jemand davon zu ſprechen wagte, und deren Verbrechen ſowohl, als ihre Beſtrafung in Grabesdunkel verhüllt blieb, mit einigen wenigen Ausnahmen, welche bloß dazu dienten, dem Menſchenherzen noch tieferen Abſcheu vor dieſen hölliſchen Inſtitutionen einzuimpfen. Der Leſer mag ſich Alles, was er in dieſer Beziehung geleſen und ge⸗ hört, Alles, was ſeine Einbildungskraft ihm von ſolchen Gemälden vorführen kann, vergegenwärtigen und noch die geheime Polizei in Rußland hinzudenken, ſo wird er gleichwohl nur eine höchſt unvollkommene Idee von der myſteriöſen, verborgenen Macht derſelben erhalten, von der Art, wie ſie Alles, ſelbſt das, was man tief verborgen glaubte, durchdringt, und von dem Schrecken, den ſie einflößt.“ Die geheime Pvlizei iſt ein modernes, ſchreckliches Rußland, von der kaiſerlichen Familie herab bis zu dem armſeligſten Leibeigenen, herumtappt. Alle fühlen es, Alle wiſſen es, Alle fürchten es. Aber Niemand ſieht es, Niemand weiß, wo es beginnt, Niemand kann erklären, wie ſeine Gänge ſich durch alle Familien win⸗ den, und dem Minotaurus, der von Zeit zu Zeit ſein Opfer verſchlingt, muß ohne Widerſpruch Gehorſam ge⸗ leiſtet werden. Orlow's Macht war nicht gering, auch wenn er ſie in den höheren Kreiſen und ſogar in denjenigen, für welche die Kaiſerin ſich intereſſirte, anwenden wollte. Nachdem er ſich von ſeinem Schmerz über die ſchimpf⸗ liche Ungnade, die ihn betroffen, erholt hatte, bereute er den übereilten Ausbruch ſeiner zügelloſen Wuth; aber das Geſchehene ließ ſich nicht ändern und alles bedächtliche Zögern konnte ihm Nichts mehr helfen, ſon⸗ dern er mußte raſcher und kühner als je auf ſein Ziel losſchreiten. So lange er ſeine Macht noch beſaß, ſo lange die Kaiſerin ſie ihm noch nicht abgenommen hatte, war er auch entſchloſſen, alle die ihm zu Gebot ſtehenden Mit⸗ tel anzuwenden, um der Gefahr entgegenzutreten. Aus der Kapelle begab er ſich nach den Zimmern, die ihm in der Eremitage angewieſen waren. Seine Stellung geſtattete ihm keine langen Ueber⸗ legungen und er beſchloß, ſchleunigſt zu Werke zu gehen. Er hatte Döring bedroht. Was ſollte er mit ihm beginnen? Sollte dieſer Menſch unbeſtritten das Glück genießen dürfen, Willanow an ſein Herz zu drücken? Niemals! Eher war Orlow entſchloſſen, mit ihm unter⸗ zugehen. Döring mußte alſo wie durch einen Zauber⸗ ſchlag aus dem Weg geſchafft werden. Er hatte ſich bei ſeinen Ueberlegungen an einem Um⸗ ſtand feſtgehalten, der ihm bisher entgangen war. Andreas hatte geſagt, daß Tarrakanow noch lebe. Wir wiſſen, daß er dieſer Angabe keinen Glauben ſchenkte, ſondern die Ueberzeugung hegte, daß irgend eine andere 604 Perſon die Rolle der Prinzeſſin ſpiele; aber Andreas hielt ſich in Strelna oder in der Nähe auf und er hatte ihn bei Marfa getroffen. Wie ſollte er ſich das erklären? Wer war wohl dieſes Weib? Er erinnerte ſich ſehr wohl, daß Marfa's Erſcheinung ihn bei ſeinem Beſuche über⸗ raſcht und daß er ſogar einen Augenblick gemeint hatte, er erkenne in ihr eine ſchon früher geſehene Perſon. Konnte wohl ſie es ſein, die dem verrückten Andreas die Rolle Tarrakanow's vorzuſpielen ſuchte? Warum nicht? Dieß ſtimmte ja vollkommen mit ihrem Alltags⸗ geſchäft überein, das darin beſtand, den Leuten allen möglichen Unſinn in den Kopf zu ſetzen. Die Sache mußte unterſucht werden und da die Umſtände jetzt keine gelinde Maßregeln geſtatteten, ſo beſchloß er, Ge⸗ walt zu brauchen. Orlow ſtampfte auf den Boden. Eine Fallthüre ſchob ſich auf die Seite und ein ſtämmiger Burſche in einem ſchwarzen Leibrock kam ſogleich herauf. Schwei⸗ gend und mit gekreuzten Armen blieb er vor Orlow ſtehen. — Wie viele Mann haben wir hier im Schloß, Nicolai? — Fünfundvierzig. — Was ſind ſie? — Die Meiſten ſind Bedienten, Einge ſind Hand⸗ langer. — Haben wir keinen Hofbeamten? — Sechs. — Findet ſich ein Kammerherr unter ihnen? — Einer. — Wer? — Der Kammerherr Schamilow. — Iſt er zuverläſſig? — Vollkommen. Orlow ſetzte ſich und ſchrieb einige Zeilen. Sie lauteten wie folgt: 1 „Ich glaube eine Gefahr entdeckt zu haben, die 60⁵ mich bedroht, und muß Dich deßhalb heute Abend um ſechs Uhr treffen. Du findeſt mich im linken Flügel, zwei Treppen hoch, am Ende des Corridors, im Zim⸗ mer 51. Willſt Du einem Freund helfen, der in eine unglückliche Lage gerathen iſt, ſo wirſt Du gewiß die Stunde nicht verſäumen. Ein Freund muß auf einen Freund rechnen können, und Du, der Du ſo eben den glänzendſten Beweis von der Gunſt der Kaiſerin em⸗ pfangen haſt, biſt meine letzte Hoffnung. Ich unter⸗ zeichne dieſes Briefchen nicht, weil mir das Gefahr brin⸗ gen könnte, im Fall es je unſerm gemeinſchaftlichen Feind, dem Schurken Orlow, in die Hände fallen ſollte.“ Ein Hohngelächter ſpielte auf Orlow's Lippen, als er dieſes garſtige Urtheil über ſich ſelbſt niederſchrieb; aber nichtsdeſtoweniger ſchrieb er es mit inniger Be⸗ friedigung, weil er die Ueberzeugung hegte, daß der Empfänger des Schreibens ſich einſinden würde. Nachdem der Brief fertig und zuſammengelegt war, überſchrieb er ihn an Döring. — Niecolail rief er. Nicolai ſtand an ſeiner Seite. — Du mußt heute Abend um fünf Uhr oder etwas ſpäter dieſen Brief dem Kammerherrn Schamilow über⸗ bringen und ihm ſagen, daß er ihn beſtellen ſolle, aber eine Gelegenheit abwarten müſſe, wo Döring allein ſei, Schamilow braucht nicht zu wiſſen, von wem der Brief kommt. Etwas vor Sechs begibſt Du Dich mit ſo viel Mann, als Du nöthig glaubſt, in den linken Flügel, zwei Treppen hoch, in's Zimmer Nr. 51. Sobald Jemand an die Thüre klopft und herein will, öffneſt Du ſie... und wer auch der Eintretende ſein mag, Du nimmſt ihn ſogleich gefangen und bringſt ihn in die Zelle unter 51. Haſt Du mich verſtanden? — Ja.„ — Sag' dem Gendarm Niſchsky, er ſoll herauf⸗ kommen. — Befehlen der Herr Graf noch Etwas? 606 — Geh'! Niſchsky ſtand bald vor Orlow. Der Mann war klein aber unterſetzt und ſtark. Sein rothes Haar und ſein Bart von derſelben Farbe gaben ihm ein wildes Ausſehen. — Du haſt ſchon lange nichts Nützliches mehr ge⸗ than, Niſchsky, ſagte Orlow zu ihm. Heute Abend jedoch ſollſt Du wieder ein Vergnügen haben. — Ich danke Ihnen, Herr Graf. Man wird es müde, auf ſeinen Lorbeeren zu ruhen, denn ſobald ſie verwelken, werden ſie hart, wie des Teufels Bart. — Heute Abend gilt es Strelna. — Gut, Herr Graf, ich bin zu Allem bereit. — Kennſt Du Marfa? — Die Seherin... die Mächtige... die Zau⸗ berin... die Wahrſagerin! Bei allen Heiligen, Herr Graf, geben Sie einem Andern dieſen Auftrag, der Teufel ſtreitet nicht gern mit Hexen; ſie gehören ja doch im Ganzen zu ſeiner eigenen Familie. — Aber doch kann nur er allein mit ihnen ſtreiten. — Schonung, Herr Graf, denn ich zittere, wenn ich nur an Marfa denke. — Schwatz kein dummes Zeug, Niſchsky. Ich will es. — Aber, Herr Graf... aber... — Haſt Du gehört? ich will es. — Ich gehorche; aber der Himmel ſei mir gnädig! — Du kennſt doch auch meinen Bruder Andreas? — Ob ich ihn kenne? — Er hält ſich bei Strelna auf. — Ich weiß es; aber der Herr Graf haben nicht geſagt, was ich mit dieſen Leuten anfangen ſoll. Niſchsky ſah bekümmert aus; aber Orlow hatte be⸗ fohlen, und er mußte gehorchen... — Du ſollſt ſie verhaften. — Aber wenn ſie zaubert und dann wie eine Queck⸗ ſilberkugel aus meinen Händen verſchwindet?² ——=„» —6 N — Willſt Du Deinen Kopf riskiren? — Ich verſtehe, Herr Graf. Sie ſoll nicht ent⸗ kommen. — Du nimmſt zwei Miethkutſchen und ſo viel Leute, als Du brauchſt. In die eine Kutſche ſetzeſt Du Marfa, in die andere Andreas. Späteſtens heute Abend um eilf Uhr müſſen ſie in meinem Palaſt, in zwei be⸗ ſonderen Zellen, eingeſperrt ſein. — Befehlen der Herr Graf noch Etwas? — Richteſt Du den Auftrag ſchlecht aus, ſo weißt Du, was Dir bevorſteht. Richteſt Du ihn gut aus, ſo werde ich Dich belohnen. Geh'! Er verſchwand und die Fallthüre ſchloß ſich wieder. Das Gerücht, daß die öffentliche Verlobung zwiſchen Guſtav Adolph und Alexandra am Abend vor ſich gehen ſollte, verbreitete ſich wie ein Lauffeuer. Die Kaiſerin wollte dieſes Feſt auf eine großartige Weiſe feiern. Alles, was ſich Ausgezeichnetes und Hervorragendes in der Kai⸗ ſerſtadt befand, wurde an den Hof beſchieden, der bei dieſer Gelegenheit keine Koſten ſcheuen wollte, um den blendendſten Glanz zu entwickeln. Der Thronſaal der Czare wurde geöffnet. Katharina, die wirkliche Vollen⸗ derin des von Peter I. angefangenen Werkes, glaubte jetzt den Augenblick gekommen, um von demſelben Thron herab, dem er zu hoher Ehre verholfen, den Grundſtein zur zukünftigen Herrſchaft über Schweden zu legen, einer Herrſchaft, deren Nothwendigkeit für Rußlands Einheit und innere Stärke er vorausgeſagt hatte. Der Saal, der mit den Wappenſchildern der verſchiedenen Völkerſchaften geſchmückt war, die ſich unter den über zwei Welten ausgebreiteten Fittigen des Doppeladlers geſammelt, hatte ein prachtvolles Ausſehen. Zwiſchen den Schilden ſtanden Trophäen, die in der Kettenreihe 608 von Feldzügen erobert worden, welche dieſe Monarchie unternommen hatte, und ohne die ſie nicht geworden wäre, was ſie war. Im Schloß herrſchte Leben und Bewegung. Die kaiſerliche Prachtwohnung brauchte bloß geöffnet zu werden, um ihre Gäſte zu empfangen, aber die bekannte Neigung der Kaiſerin, ſelbſt den übertrie⸗ benſten Luxus noch zu überbieten, rief bei jeder unge⸗ wöhnlichen Feſtlichkeit einen ſtets ſich erneuernden Wett⸗ eifer hervor, alle nur erdenklichen Mittel aufzuwenden. Ganz beſonders war dieſer Tag von der größten Wich⸗ tigkeit für ſie. Jedermann wußte, daß ſie, um dieſe Verlobung durchzuſetzen, alle möglichen Hebel, Politik und Diplomatie, Waffen und Gold, aufgeboten hatte. Die Frage war mit einem Eifer behandelt worden, als hänge ihr eigenes Leben davon ab. Um ihren Zweck zu erreichen, hatte ſie mit wahrer Leidenſchaft nach allen Mitteln gegriffen. Ihr Wort und ihre Ehre waren un⸗ zweifelhaft vor der Mitwelt dafür verpfändet. Der Augenblick war jetzt gekommen, wo ſie dieſelben einlöſen ſollte, und ſie wollte dabei nicht bloß ihre Macht, ſon⸗ dern auch ihren Glanz zeigen. Der Gedanke, daß ganz Europa ſeine Augen auf ſie hefte, war ein genugſamer Sporn. Die Kaiſerin hatte Subow und Markow zu ſich beſchieden. Die letzten Ereigniſſe, die Loblieder, die man ihr für ihren Edelmuth gegen die Familie des Für⸗ ſten Raszanowski geſungen, die Bewundernng, die man ihr wegen der würdevollen Mäßigung geſpendet, womit ſie den wahnſinnigen Orlow behandelt hatte, Alles das hatte ſie neubelebt und ihr wenigſtens eine ſcheinbare Geſundheit und Seelenruhe wieder geſchenkt, ohne welche die Majeſtät keine wahre Majeſtät beſitzt. Nur der ſchärfſte Blick konnte zwiſchen ihren Augenbrauen einen dunkeln Schatten entdecken, einen Fleck, der von einem geheimen, durch Orlow's letzte Worte genährten Kum⸗ mer zeugte. Auf den Geſichtern der Günſtlinge war keine Veränderung wahrzunehmen. Orlow's Fall hatte NR Au——-6 ihre Stellung nicht verändert. Sie waren auch ohne ihn ihres Zieles gewiß. Ein gefallener Freund iſt kein Freund mehr. — Wie ſonderbar! ſagte die Kaiſerin; ich meine, mich nie ſo glücklich gefuhlt zu haben, wie in dieſem Augenblick. Die aſiatiſchen Staaten, die ich erobert habe, waren von rohen Barbaren bewohnt; die Türkei, die ich beſtegt habe, war entnervt und verweichlicht; Polen, das ich getheilt habe, war unterhöhlt. Schwe⸗ den dagegen beſitzt einen geſunden Kern, Civiliſation und Kraft, was auch mehr als hundertjährige Kämpfe und Demuͤthigungen für uns bezeugen. Von Allem, was meine Geſchichte bis jetzt zu meiner Ehre außzeich⸗ net, läßt ſich Nichts mit dem Vergnügen vergleichen, Schweden vor unſere Füße zu legen. — Ew. Majeſtät Politik iſt bewundernswürdig, antwortete Subow. Die Weltgeſchichte hat nur ſeyr wenig Züge zu erzählen, welche der genialen Art und Weiſe gleichkommen, wie Sie Ihren Nachbar im We⸗ ſten zu demüthigen gedenken. — Ich bin der Anſicht, fügte Markow hinzu, daß der Plan zur Unterwerfung Polens ſich auf keinerlei Weiſe mit dem vergleichen läßt, was Ew. Majeſtät jetzt vorhaben. Dort handelte es ſich um Krieg und Intrigue, um Aufruhr und Gewalt; hier iſt die Liebe, dieſer göttliche Funke in jeder Menſchenbruſt, der ein⸗ zige Stützpunkt aller Ihrer Maßregeln. Das zeugt von ebenſo großer Weisheit, als Menſchenkenntniß, und die Erreichung des Ziels kann jetzt nicht mehr be⸗ zweifelt werden. Geruhen Ew. Majeſtät den Ehevertrag unterzeichnen? Wir haben nur noch wenige Stunden uͤbrig. — Es iſt gut, daß Sie mich daran erinnern, Mar⸗ kow; wir haben wirklich keine Zeit zu verlieren. Mit einem raſchen Federzug zeichnete ſie ihren Na⸗ men. Aber ſie betrachtete das Dokument noch eine Der Fürſt. II. 39 610 Weile und ihre Lippen verzogen ſich dabei zu einem Lächeln. — Dieſe Urkunde, ſagte ſie, iſt eigentlich... was halten Sie davon... ein Ehevertrag zwiſchen Rußland und Schweden. — Ein Vertrag, ergänzte Markow ihren Satz, wobei Rußland der Mann und Schweden die ſchüch⸗ terne Jungfrau iſt. Die Kaiſerin nickte beifällig. Im Verlauf des Ge⸗ ſprächs ſchwebten ihre Blicke von Zeit zu Zeit nach der Thüre, als erwarte ſie Jemand. — Ich ſagte, begann ſie wieder, daß ich mich in dieſem Augenblick ſo glüͤcklich fühle, und gleichwohl kann ich nicht ſcherzen. Aber gleichviel, ich habe Urſache zu⸗ frieden zu ſein, und ich ſtehe jedenfalls bei Ihnen in großer Verbindlichkeit für Ihre getreue Beihilfe. — Obſchon wir nichtsdeſtoweniger verkannt worden ſind; aber darüber haben wir uns weniger zu beklagen, Ew. Majeſtät, als über... — Ueber wen, meine Herren? — Ueber Baron Armfelt, einen Intriganten von der erſten Sorte, einen eingebildeten und überklugen Herrn, einen... — Still, Subow, ſtill... — Es iſt mir unmöglich, Ew. Majeſtät, meine Gedanken länger zu unterdrücken... er hat... — Würden Sie ihm auch perſönlich das Alles ſa⸗ gen wollen? — Ich fürchte nur eine einzige Perſon, und dieſe einzige Perſon ſind Ew. Majeſtät. — Wir dürften alſo einen ſehr intereſſanten Augen⸗ blick erhalten, denn da kommt Armfelt. Die Günſtlinge ſahen einander verlegen an; ſie hatten gar zu gut erprobt, daß Armfelt kein Gegner war, der mit ſich ſcherzen ließ. — Ew. Majeſtät haben mich beſchieden, begann Armfelt, und ich habe mich beeilt, Ihrem Befehl nach⸗ den und zukommen, um zugleich meinen wärmſten Dank für die Gnade abzuſtatten, womit Sie Döring auszeichneten, einen jungen Mann, für den ich immer eine väterliche oder vielleicht eher bruderliche Ergebenheit gehegt habe. Markow hatte inzwiſchen den ſo eben unterzeichne⸗ ten Ehevertrag zuſammengelegt und eingeſteckt. — Um Döring, antwortete die Kaiſerin, vereinig⸗ ten ſich ſo viele günſtige Umſtände, daß er beinahe, ohne es ſelbſt zu wiſſen, weit mehr von dieſen, als von ſei⸗ ner eigenen Rechtſchaffenheit emporgetragen wurde. In der That habe ich keine Gnade ausgeübt, ſondern nur Gerechtigkeit. Die Staatsgeſellſchaft hat bisher ver⸗ untreut, was ihm nach der Ordnung der Natur unzweifel⸗ haft zukam. Aber Nichts mehr davon. Subow hat ein Wort mit Ihnen zu ſprechen, Armfelt. — Ich.. ſtammelte Subow... ich... — Armfelt hat mir ſeinerſeits anvertraut, er ſei jetzt überzeugt, daß er Sie verkannt habe, Subow. — Ich. ſtammelte jetzt auch Armfelt... ich... Beide ſchienen einen Augenblick gleich ſehr über⸗ raſcht. ſht Aus Intereſſe für die Durchſetzung der Ehe, die von dieſem Augenblick an als unwiderruflich angeſehen werden darf, haben Sie beide einander verkannt; aber da jetzt alle Befürchtung aufhören darf, ſo könnten Sie ja beiderſeits Ihren Irrthum einſehen und... Freunde werden. So ernſt ich jetzt geſtimmt bin, ſo glücklich, ſo ruhig, ſo friedvoll fühle ich mich auch. Es iſt mir ganz ſo zu Muthe, als ob ich nach einem langen und mühſeligen Tage mich nunmehr im Schatten meines elbſtherangezogenen Baumes niederſetzen, ausruhen, Athem ſchöpfen und den Lohn für das Werk meiner eigenen Hände genießen dürſte. Alſo, meine Herren, keine Zwietracht mehr. Ich will Frieden um mich her haben, und deßhalb will ich auch unter meinen Freun⸗ en Frieden ſehen. Nehmen Sie einander bei der Hand und laſſen Sie den Handſchlag eine Fabiid, nicht einer 612 fortgeſetzten und neuen Feindſchaft, ſondern der Freund⸗ ſchaft werden. Freundſchaft ehrt immer rechtſchaffene Männer. — Der Wille der Kaiſerin iſt mir Geſetz, antwor⸗ tete Subow, ſehen Sie hier meine Hand, Herr Baron. Armfelt that, als ob er die dargebotene Hand nicht bemerkte. — Eine Sache, Ew. Majeſtät... — Was wollen Sie ſagen, Armfelt? — Darf ich mir die Frage erlauben, wann Ew. Majeſtät den franzöſiſchen Sendboten zu empfangen be⸗ abſichtigen? Man brauchte nur Frankreich zu nennen... die⸗ ſen endloſen Schlund, durch welchen die Revolution ihre erſten gewaltigen Athemzüge einer neuen Zeit in Eu⸗ ropa that... ſo wurde alles Andere vergeſſen. — Frankreich! rief ſie, beim Schwert des Czars Peter, Du ſollſt eine Antwort erhalten. Sobald die Verlobung bewerkſtelligt iſt, wird Guſtav Adolph ſtatt meiner antworten. — Kennen Ew. Majeſtät das letzte Kriegsbülletin? — Nun? Dieſer Krieg war ein Thema, das immer eine ſtark vibrirende Saite bei Katharina anſchlug. Armfelt wußte, was er in Anregung brachte. — Würzburg iſt von den Oeſterreichern eingenom⸗ men. Die Truppen drangen durch die Auguſtinerſtraße nach der Mainbrückenſtraße. Die Franzoſen wurden überall niedergemacht. — Eine frohe Botſchaft, Armfelt. Die närriſche Republik hat alſo doch auch einmal verſchmeckt, was es heißen will, in die Angel zu beißen. — Sie hat etwas noch weit Schlimmeres ver⸗ ſchmeckt, Ew. Majeſtät. — Was denn? — Sie hat verſchmeckt, was es heißen will, in's Gras zu beißen. Apropos Republik, Ew. Majeſtät, — 10 613 ich erhielt in dem Augenblick, da ich mich hieher bege⸗ ben wollte, das letzte Modejournal aus Paris. — Sie wiſſen Alles eine Stunde früher als andere Menſchenkinder. Haben Sie das Modejournal bei ſich? Laſſen Sie ſehen, laſſen Sie ſehen. — Hier, Ew. Majeſtät. Die Kaiſerin griff nach dem Modejournal mit dem⸗ ſelben Eifer, wie Eva nach dem Apfel im Paradieſe riff. — Ah Ceriſeguirlanden mit Buketten... Pago⸗ denarme... Taille à la Louis XV.... das iſt doch gar nicht republikaniſch. Wiſſen Sie, Armfelt, Ceriſe würde, glaube ich, der Branitzka vortrefflich laſſen. Was ſagen Sie? — Sie iſt eine Brunette, Ew. Majeſtät. — Nun ja? — Orange, chamois und pistachegrün läßt einer Brunette am Beſten. Ceriſe paßt für die Prinzeſſin Alexandra. — Und alſo auch für Protaſow? — Sie hat eine friſche und lebhafte Farbe. Lila paßt für ſie. — Wollen Sie mir in Alerandra's Kabinet fol⸗ gen? Meine Damen ſind dort. Dieſes Journal wird, von Ihnen erklärt, als eine Freudenpoſt aufgenommen werden. Sie können ſich den Kummer dieſer Frauen⸗ zimmer gar nicht vorſtellen... keine weiß, was ſie am Beſten ſchmückt. — Ich folge Ew. Majeſtät mit Vergnügen. An die Verſöhnung zwiſchen Armfelt und Subow dachte ſie bereits nicht mehr. Als die Kaiſerin an Markow vorbeiging, erinnerte ſie ihn noch einmal, die Zeit zu ſeinem Beſuch bei Guſtav Adolph ſo geſchickt zu wählen, daß ihre Abſich⸗ ten nicht mißlingen könnten. Subow ſtand noch mit ausgeſtreckter Hand da. 614 Mit einem ſtolzen Lächeln verbeugte ſich Armfelt bloß vor ihm und folgte dann der Kaiſerin. Im Zimmer der Prinzeſſin Alexandra und in den angrenzenden Gemächern herrſchte Freude, Munterkeit und Leben. 1 Die Zeit war vorangeſchritten, der Abend nahte heran. Alle Damen am Hof, die zum Glanze deſſelben beitrugen, hatten ſich bei Alexandra eingefunden und wetteiferten mit einander, ſie zu dem Feſte zu ſchmücken, das für immer ihre Schickſale mit einem Jüngling ver⸗ binden ſollte, welchen ſie ſchon ſo lange und ſo auf⸗ richtig liebte. Alexandra gehörte zu den Lieblingen der Grazien und ihre Liebe war die einer ſchüchternen Veſtalin. Wie Felicia in der Sage von ihrem Aſtolph träumte, ſo hatte ſie von Guſtav geträumt. Er kam. Der Traum wurde nur noch ſchöner. Von der Wirklichkeit entlehnte er jetzt bloß einen feſteren Boden und einen umfaſſen⸗ deren Horizont. Wie glücklich fühlte ſie ſich nicht! Mehr als tauſendmal fragte ſie ſich, ob ſie des Glückes wür⸗ dig ſei, das ihrer wartete, mehr als tauſendmal hatte ihr Herz ſie fluͤſternd davon überzeugt, und gleichwohl tauchten tauſend neue Zweifel auf. Man ſtand im Begriff, die letzte Hand an ihre Toilette zu legen. Alle wollten ein Wort mitreden, Alle wollten ihr einen Rath ertheilen. Die Eine wollte das, die Andere etwas Anderes. Man ſchwatzte und lachte. — Charmant, Ew. Hoheit, ſagte Menzikow. Ich verſichere Sie, daß ich während meines ganzen Aufent⸗ haltes in Italien nirgends ſo viel Schönheit und Pracht vereinigt geſehen habe. Die Italienerinnen beginnen ſchon mit fünfzehn Jahren abzublühen. BVunͤ— Die Prinzeſſin hörte auf Alles, was man um ſie her ſchwatzte; aber ſie hatte auch ihren eigenen Gedanken⸗ gang. — Die garſtige Willanow! murmelte ſie; kann mir Eine ſagen, warum ſie nicht hier iſt? Aber die Uebrigen dachten nur an ſich ſelbſt und be⸗ kümmerten ſich wenig um Willanow. — Haben Sie die Gnade, ſich umzuwenden, Ew. Hoheit, bat Branitzka. Das Kleid iſt ſuperb. Man ſage was man will, aber dieſe Lyoner Seide iſt pracht⸗ voll. Blau und Gold... Sie haben die ſchwediſchen Farben gewählt... unläugbar ein guter Geſchmack. Betrachten Sie nur dieſes Blümchen; wie meiſterhaft iſt es nicht hineingewoben?„Ewige Treue gegen die blaue Farbe,“ war die Deviſe auf einem kleinen Degen, der an einer Bandroſe hing, welche eine Prinzeſſin von Pfaltz⸗ burg ihrem Ritter als Pfand ihrer Liebe ſchenkte. Ach, Ew. Hoheit, wenn man Sie ſieht, ſo kann man auch jetzt rufen: Ewige Treue gegen die blaue Farbe. — Eitles Geſchwatze, Ew. Hoheit! ſiel Protaſow ein. Der junge König denkt gewiß weit eher: Ewige Treue gegen die Prinzeſſin! Aber geben Sie jetzt die Perl⸗ bänder her und erlauben Sie mir, ſie in Ihre Locken zu flechten. — Dieß hat die Prinzeſſin mir verſprochen, bemerkte eine Andere. — Unmöäglich, meine Liebe, es iſt mir verſprochen worden, behauptete eine Dritte. —= Schwatzet mir Nichts vor, erwiederte Protaſow; ihr ſehet ja, daß ich die Perlbänder bereits habe. Haben Sie die Güte und halten Sie Ihren Kopf etwas höher, Ew. Hoheit... ſo, ſo... — Die⸗böſe Willanow! ſeufzte die Prinzeſſin; das hatte ſie mir zu thun verſprochen. Ddie Perlbänder waren von verſchiedener Farbe und Größe, theils Parangonperlen, theils Zahlperlen, alle von Sumatra, die einen weiß, die andern roſenfarbig. 616 Mit bewundernswerther Geſchicklichkeit flocht Protaſow ſie in einander. — Wo iſt das Diadem? — Hier, Protaſow; aber das will ich anlegen. Ich laſſe es mir nicht nehmen. Weg mit Dir! Ihrerſeits kam eine Dritte und behauptete, ſie habe das Recht, den Diamantenſchmuck zu befeſtigen, einen achten Schmuck aus Wiſapur, in Roſetten geſchliffen, die im klarſten Waſſer glänzten, obſchon ſie in einer unend⸗ lichen Mannigfaltigkeit von Blau und Roth, von Gelb und Grün und allen dazwiſchen liegenden Nüancen ſpielten, ſo daß ſie auf eine blendende Weiſe die Lichtſtrahlen bald brachen, bald concentrirten, bald zurückwarfen. Der Schmuck konnte zwar nicht mit Rundſchit Sing's Licht⸗ berg wetteifern, aber er war doch ein Schmuck von eitel Licht, eitel Feuer: ein Schmuck, der unaufhörlich flammte und gleichwohl nicht brannte. Die Toilette war fertig, aber Alexandra ſaß noch vor dem Spiegel. — Protaſow, ſagte ſie, thue mir einen Gefallen, meine Liebe. — Gerne, Ew. Hoheit, gerne. — Bitte Willanow, hereinzukommen. Du haſt ja geſagt, daß ſie draußen ſitze... — Mit Döring... ja, ja, Ew. Hoheit... aber iſt es nicht eine Sünde, zwei Liebende zu ſtören, die kaum erſt einander bekommen haben? — Erfülle dennoch meine Bitte. Sie muß ſich doch wohl einen Augenblick von ihm trennen können. Ich verlange bloß einen Augenblick. Protaſow ſprang hinaus und kam mit Willanow zurück. — Vo biſt Du geweſen, Willanow? — Bei Döring, Ew. Hoheit. — Was haſt Du bei ihm gethan? — Geſchwatzt. — Geſchwatzt! ja wohl, ſo ſieht ſie gerade aus, —— er le 617 fiel Protaſow ein. Sie hat ſo viel geſchwatzt, Ew. Hoheit, daß ihr Mund jetzt weit röther iſt als vorher. Nicht weniger als vier glaubwürdige Zeugen, Ew. Ho⸗ heit, beweiſen die Wahrheit deſſen, was ich ſage. — Vier Zeugen? — Vor allen Dingen ihre Augen, die ſich ſo ver⸗ ſchämt zur Erde ſenken, und dann die Wangen, welche ſo roth werden wie tyriſcher Purpur. — Willanow, begann Alerandra wieder, Du haſt nicht Zeit gehabt, an mich zu denken, wohl aber mich zu vergeſſen. — Machen Sie ihr keine Vorwürfe, Ew. Hoheit, ſchwatzte Protaſow wieder; Sie werden ſehen, ſobald Sie ebenſo weit kommen wie Willanow, ſo rächen Sie ſich auf dieſelbe Art und vergeſſen ſie auch. Es gibt einen Monat, Ew. Hoheit, einen Monat, der nicht in jedes Jahr fällt, ſondern gewöhnlich nur ein einziges Mal im Leben kommt: er iſt nicht ſo bunt wie der Blüthemonat, denn er hat nur einen einzigen Roſen⸗ ſtrauch, aber ſobald man eine Blume von ihm abge⸗ brochen hat, ſo kommt eine andere an ihre Stelle, und auf dieſe Art kann man ſo viele Blumen bekommen, als man nur will; er iſt verrückter als die Hundstage, denn er raubt uns allen Verſtand, der uns zugefallen war: man ſieht nicht, man hört und denkt nicht, aber man fühlt um ſo mehr; er iſt ſonderbarer als der Ernte⸗ monat, denn man erntet zwar unaufhörlich, aber ohne eine einzige Aehre in die Scheune zu bekommen. Dieſer ganz wunderbare Monat iſt der... Honigmonat, in welchem eine unaufhörliche Sonnenfinſterniß um uns her, aber ein beſtändiger Sonnenſtand in uns iſt. Verlangen Sie in dieſem Monat keine Freundſchaft, Ew. Hoheit. Alle Liebenden ſind da unverbeſſerlich und dieß kommt— wie ſoll ich nur ſagen?— von dem Sonnenrauch her. — Du biſt eine Närrin, Protaſow, antwortete die Prinzeſſin; inzwiſchen, Willanow, ſollſt Du dennoch 618 auf irgend eine Art bei meiner Toilette mitgeholfen ha⸗ ben. Siehſt Du, dieſe Blume habe ich für Dich auf⸗ bewahrt... nur Du ſollſt ſagen, wo ſie ſitzen muß, und nur Du ſollſt ſie dort befeſtigen. Willanow nahm die Blume und betrachtete Alerandra. — Jetzt weiß ich, wo ſie ſitzen muß, Ew. Hoheit, ſagte ſie dann; da, an der Schärpe, vor Ihrem Herzen, iſt ihr Platz. Ihr Herz iſt ſo gut und edel, ſo voll von Unſchuld und wahrer Liebe, daß es keines andern Schildes bedarf, als einer ſchwachen Blume. — Dank, Willanow, Dank! — Bedürfen Sie meiner noch mehr, Ew. Hoheit? — Du haſt ſo große Eile? — Ach ja, aber verzeihen Sie mir's. — Wohin gehſt Du? — Zu Döring. — Und was willſt Du bei ihm thun? — Schwatzen, Ew. Hoheit, ſchwatzen. Die Damen lachten. Willanow erröthete, entſprang aber ihres Wegs. — Gw. Hoheit, nahm Branitzka das Wort, ſo gut und ſchön Alles iſt, ſo findet ſich gleichwohl Etwas, was mich betrübt. Für Dich findet ſich immer Etwas, was Dir nicht gefällt, ſiel ihr Protaſow in die Rede. — Sage mir, was Du meinſt, bat Alexandra; aber ſage mir doch jetzt nichts Betrübtes. Ich bin ja ſo fröhlich, ich bin ja ſo glücklich. Ach, wenn ihr wuͤßtet, wie klar und hell es hier in meiner Bruſt iſt! Es iſt kein Wölkchen darin... — Fürchten Sie Nichts, Ew. Hoheit, verſetzte Vranitzka, das was uns betrübt, iſt für Sie erfreulich. Ich beͤtrübe mich bloß darüber, daß Ihre Hochzeit nicht hier in Rußland gefeiert wird; denn ſo dürfen wir Ih⸗ nen den Brautkranz nicht abtanzen. tr Protaſow meinte, ihre Freundin habe dießmal aus⸗ nahmsweiſe einen ganz geſunden Gedanken ausgeſprochen. Jedenfalls dürfen wir doch den Brautſchleier nähen, fiel Menzikow ein. Ach, Ew. Hoheit, wie fröhlich wol⸗ len wir da ſein! Wir werden uns wohl hüten, eine Thräne darauf fallen zu laſſen. — Ein Wort, Ew. Hoheit. — Was für eine Dummheit willſt Du jetzt wieder ſagen, Protaſow 2 fi 8 Wir Frauenzimmer ſind ja doch ganz allein hier? — Nun, und dann? — Wir ſtellen uns vor, es ſei Ihr Hochzeitabend, während es nur der Verlobungstag iſt. — Nun? — In einen Kreis, Mädchen... in einen Kreis, Mädchen... ſo, ſo, Hand in Hand... jetzt tanzen wir um die Prinzeſſin herum, und ſo löſen wir einander ab, bis jede von uns ſich ein paar Mal mit ihr herumgedreht hat. Ich fange an... Eine muß ſingen... irgend Eine... wer ſingt... wir ſingen alle zuſammen... ja, ja... unſere weltberühmte Blechmuſik könnte keine beſſere Polka ſpielen, als wir ſie ſingen.. Man tanzte, man ſang, die Freude ſchlug bis an die Decke. Die tolle Protaſow war wie losgelaſſen und ihre unbändige Luſtigkeit theilte ſich auch den Andern mit; inzwiſchen konnte man nicht viel ſingen und nicht viel tanzen, denn auf einmal öffnete ſich die Thüre und auf der Schwelle ſtand, gefolgt von Armfelt, die Kaiſerin. Der Tanz hörte auf, der Geſang verſtummte. — Kinder, Kinder, redete die Kaiſerin ſie an, was treibt ihr da?. Die Kaiſerin kam mit dem Modejournal, überzeugt, 620 daß ſie ihrer Damenumgebung keinen beſſeren Rath⸗ geber ſchenken könnte. Aber beim Anblick ihres luſtigen Gebahrens, der jugendlichen Schönheit, die hier blühte, und jetzt von der kindlichen Freude des Augenblicks, ſo wie von der geſchmackvollen Pracht und Verſchwendung, die jede von ihnen an ihren Putz gelegt hatte, aufs Lieblichſte belebt wurde, warf ſie gleichgiltig das Modejournal weg. Es war hier in der Wirklichkeit übertroffen.. Die überraſchten Damen, die an keine ſolche Stö⸗ rung gedacht hatten und ganz ungenirt auf Protaſow's tollen Vorſchlag eingegangen waren, fühlten ſich verle⸗ gen. Vielleicht war daran nicht ſowohl die Anweſenheit der Kaiſerin, als vielmehr Armfelt'’s Schuld; inzwiſchen währte ihre Verlegenheit nicht lang und ſie begannen von Neuem zu lachen und zu ſcherzen. Armfelts Blick umfaßte ſchnell das einnehmende Gemälde. Aber ſo tief Branitzka's Augen flammten, ſo ſchwärmeriſch die Augen Menzikow's glühten, ſo lu⸗ ſtig, beinahe jungenhaft, die Augen Protaſow's ſtrahl⸗ ten, ſo mußten doch Alle vor Alexandra zurückſtehen; 65 wüi war voll von der reinſten und natürlichſten Un⸗ uld. — Ew. Hoheit, ſprach er, von dieſem Augenblick an kann ich Sie nur noch als Schwedens künftige Königin betrachten, und ich will der Erſte ſein, der Ihnen ſeine unterthänige Huldigung darbringt. Die Kaiſerin glaubt, daß ihre Politik es ſei, welche die Verbindung zwiſchen Ihnen und dem jungen König Schwedens zu Stande ebracht habe; aber man braucht Sie nur zu ſehen, um ſich zu geſtehen, daß dieſes Verdienſt Ihnen ſelbſt zu⸗ kommt. In einigen Monaten werden Sie über das Meer fahren und Ihr Fuß wird die ſchwediſche Erde weit früher betreten als der meinige. Ich beneide Ew. Hoheit. — Wiſſen Sie, Armfelt, was ich thun will? Armfelt ſchüttelte den Kopf. ———,— 12 S=B& 8. — ᷣ N N- N —— SG8—-ð—— — Ich will mich von keinem Andern, als von Ihnen nach Schweden überführen laſſen. Ich will nicht ohne Sie dahin kommen. Ich will nicht... aber jetzt drücke ich mich unrichtig aus... ich will juſt deßhalb den König bitten, daß er Sie wieder in den ſchwediſchen Dienſt einſetze, und er wird gewiß meine erſte Bitte nicht abſchlagen können. Armfelt hatte lang dieſe Hoffnung gehegt, obſchon er ſie nie hatte ausſprechen wollen. — Der König wird einen Wunſch von Ihren Lip⸗ pen nicht verſagen, und Schweden wird mich mit offenen Armen aufnehmen, wenn es ſieht, welchen koſtbaren Schatz ich ihm zuführe. Menzikow, Branitzka und Protaſow wechſelten Blicke, welche bewieſen, daß ſie mit dem, was ſie hörten, nicht einverſtanden waren. — Wollen Sie uns verlaſſen? fragte Menzikow. Sehnen Sie ſich fort von hier? — Armfelt, ſagte Branitzka, gedenken Sie uns im Stich zu laſſen? Sind Sie unſer bereits müde? — Ohne unſre Erlaubniß, ſiel Protaſow ein, wird dieß gleichwohl nicht geſchehen, und unſre Einwilligung erhalten Sie nie Ei, Sie dürfen doch nicht Alles mit uns machen, was Ihnen nur einfällt. Menzikow lächelte ihm ſchwärmeriſch entgegen. Bra⸗ nitzka's Wangen flammten und ihr Buſen hob ſich. Pro⸗ taſow blickte ſchalkhaft um ſich. — Ew. Majeſtät, ſagte Protaſow, indem ſie ſich nach Soldatenmanier emporreckte, ſodann mit einigen kurzen, raſchen Schritten bis zur Kaiſerin marſchirte, vor ihr Halt machte und ihre Hand ſalutirend an den Kopf führte, Ew. Majeſtät, ich bitte mir eine Gnade aus.. — Sie iſt zum Voraus bewilligt, Protaſow, laß hören, worin ſte beſteht. — Ich bitte, daß dieſe Eremitage in ein Gefängniß verwandelt werden möge. 622 — Du kindliche Seele! 4 1— Daß Baron Armfelt in dieſem Gefängniß ein⸗ geſperrt werde als großer Reichsverräther, weil er das 5 Reich und uns verlaſſen will. — Weiter.. weiter... — Daß Menzikow zum Direktor ernannt, daß Bra⸗ nitzka der militäriſche Befehlshaber... und ich... p ich... nun ja, daß ich der Chef der geheimen Polizei dahier werde. Sie willigen ja ein, Ew. Majeſtät... n aber das iſt bereits geſchehen... ei nun, Herr Baron, ſc glauben Sie auch jetzt noch, daß Sie von hier fort⸗ 1 kommen werden? Ueberdieß ſchmieden wir Sie in Ket⸗ 1 ten, Baron. Branitzka konnte nicht länger eine ſtille Zuhörerin d bleiben. — Protaſow hat Recht, ſagte ſie; wir ſchmieden Sie in Ketten, Baron; wir feſſeln Sie. 2 Dabei knüpfte ſie ein ſeidenes Band um ſeinen rm. — Vortrefflich, Branitzka, meinte Menzikow, und d folgte ihrem Beiſpiel. Da er einmal hier iſt, ſoll es u ihm nicht ſo leicht werden, zu entkommen. e Und auch ſte befeſtigte ein Band an ſeinen Arm. b — Die Prinzeſſin Alexandra, ſagte Protaſow, hat u ganz allein einen Schweden erobert. Sollten wir, die wir doch drei Stück ſind, nicht auch einen beſiegen kön⸗ le nen? Ich werde ſeinen andern Arm binden. S Und ſie that es. — Ich erkläre, erinnerte Branitzka, daß er von 4 dieſem Augenblick an unter dem ausſchließlichen Com⸗ mando des Militärbefehlshabers ſteht. — Keineswegs, Branitzka, ich bin Direktor... g und er ſteht unter der Direktion. 1 — Ihr ſeid im Irrthum, meine Lieben, in gänz⸗ lichem Irrthum. Armfelt ſteht unter der Autoritaͤt der Polizei. Wollt ihr das zugeben? — Höret mich an, verſetzte Branitzka; ich habe einen Vorſchlag zu machen. Die Kaiſerin ſoll zwiſchen uns richten. Ew. Majeſtät, ich lege dieſes Band in Ihre Hände nieder und überlaſſe Ihnen zu gleicher Zeit das Urtheil über den Alcibiades unſerer Zeit. — Ich gehe auf den Vorſchlag ein, meinte Men⸗ zikow. Ew. Majeſtät, empfangen Sie auch dieſes Band und urtheilen Sie... urtheilen Sie über den Moritz von Sachſen unſrer Zeit. — Was ſoll ich thun? meinte Protaſow. Es iſt nicht angenehm, der Minorität anzugehören. Ich ſchwimme lieber mit dem Strom. Ew. Majeſtät, hier 8 mein Band. Welches Urtheil fällen Sie über en... — Heraus mit der Sprache, Protaſow, heraus damit. — Ueber den Don Juan unſerer Zeit? Es gibt ein Glück, das namenlos iſt, ein Glück, das,„im Schooße guter Götter geſäugt“, mit der Liebe um die Welt ſchwebt. Der Engel iſt namenlos, weil er kommen wird, ohne daß Jemand weiß, wen man an⸗ beten ſoll; er wird gehen, ohne daß man weiß, wen man zurückrufen ſoll. Die Taufformel iſt nicht über ſeinem Haupte ver⸗ leſen; wohl aber etwas noch Beſſeres, nämlich der Segen. Ein ſolches nanenloſes Glück hatte ſeine Fittige über Döring und Willanow geſenkt und ausgebreitet. Sie hatten unendlich mehr gewonnen, als ſie je gehofft.. Als das ſchwerſte Unheil ſie bedrohte, erſchloſſen ſich ihnen die Pforten des Heils. Als das Unglück ſie zermalmen zu wollen ſchien, drückte das Glück ſie an ſeine Bruſt. Ihr Glück war um ſo größer, als ſie überall, wo⸗ 624 hin ſie ſchauten, nur Glückliche erblickten. Es kam ih⸗ nen vor, als ſähen ſie allenthalben nur Spiegelbilder von ſich ſelbſt. Nach allen Seiten hin ſchien das Glück mit verſchwenderiſcher Hand ſeine Gaben zu ſpenden. Die allgemeine Freude des Hofes erhöhte ihre eigene. Alexandra's Feſttag war auch für ſie ein ſchönes Feſt. Die Zeit ihrer erſten Bekanntſchaft lag wie eine überſtandene Wochenarbeit hinter ihnen mit ihren Leiden und Bekümmerniſſen, ihren Kämpfen und Gefahren; vor ihnen dagegen lag ein Feſttag, der ſie zu dauernder Seligkeit einlud. Der Abend des Feſttages war bereits gekommen. Sie hatten einander ſo viel zu ſagen, und wie we⸗ nig ſagten ſie doch nicht zu einander! Daß man einander liebt, ohne ſich recht zu kennen, iſt weder unmöglich, noch ſelten; in den gewoͤhnlichſten Fällen wächſt die Liebe ſo auf. Aber der wahre Pro⸗ birſtein der Liebe beſteht in Wirklichkeit darin, daß man einander kennt und auch dann noch liebt. Erſt dann iſt die Liebe nicht mehr Leidenſchaft oder Laune, ſondern Wahrheit. Der Honigmonat iſt nicht bloß Wonne; un⸗ ter den wonnigen Genüſſen treffen jetzt zwei Charaktere zuſammen, einander erforſchend und ſtudirend. Das Herz macht dabei einen Kurs durch, den wichtigſten im Leben, von dem auch ſein ganzes künftiges Glück oder Unglück abhängt. Jeder Tag kann eine neue Ent⸗ deckung, jeder Augenblick eine neue Erfahrung mit ſich führen; Ungleichheiten müſſen geebnet, allzu ſchroffe Kanten abgerundet werden. Man iſt nicht mehr bloß die eigene Perſon, ſondern man iſt auch eine andere Perſon, aber man darf nicht ſo ſehr die andere Perſon werden, daß man gänzlich aufhört, die eigene Perſon zu ſein. 1 3. Willanow hatte einen ſtillen Kummer auf ihrem Herzen. Freundlich legte ſie ihre Hand auf Döring's Arm, während ſie ſich gegen ihn verneigte. gen — ——N —— ᷣ— — Döring, ſagte ſie, gedenkſt Du noch lange hier in Petersburg zu bleiben? — Wünſcheſt Du es? Ich wollte Dir ſonſt den Vorſchlag machen... — Was wollteſt Du mir vorſchlagen... ſag' es mir.. ich möchte ſo gerne wiſſen, was Du denkſt... vielleicht willſt Du nach Schweden zurückkehren? Döring bemerkte einige Unruhe in ihrer Stimme und begann zu ahnen, daß hinter dieſer Frage Etwas verborgen liege. — Laß mich Dir ins Auge ſehen, Willanow. Willanow ſchaute auf. — Jetzt weiß ich, wohin wir reiſen wollen. — Wohin, Döring? Haſt Du es in meinen Au⸗ gen geſehen? — Ja. — Wohin reiſen wir alſo? — Wir folgen Deinen Eltern. Willanow ſchlang ihre Arme um ſeinen Leib. Er hatte es errathen. ſjetzt weiß ich's... da flog... Du wünſcheſt... Du wil 8. Su — Iſt's möglich, Döring, ſagte ſie, daß man die Wünſche von einander auf dieſe Art leſen kann? Laß mich auch in Deine Augen ſehen. Haſt Du wirklich einen Wunſch? Willanow blickte ſchalkhaft drein. Ein Seufzer hob Döring's Bruſt. — Warte ein wenig.. es iſt etwas Melancholi⸗ ſches in Deinem Blick... und dann ſeufzteſt Du ſo eben —. wohin flog dieſer Seufzer, Döring? Darf ich die Hand auf Dein Herz legen... wie es klopft... ach Du haſt ſchon früher einmal geliebt. Döring drückte ihre Hand. — Mein Gott, jetzt verſtehe ich die Melancholie in Deinem Blick und weiß auch, wohin dieſer Seufzer Der Fürſt. II. 626 würdeſt gern ſehen... aber lache mich nur nicht aus, wenn ich mich täuſche. — Was iſt es, Willanow, das ich gern ſehen — Nun, daß Du... — Aber es wäre vielleicht am beſten, wenn ich Dir zuerſt ſagte, was ich glaube, daß Du nicht wolleſt? — Laß hören. — Du willſt nicht, daß eine gewiſſe Perſon hier ſein ſoll. Das willſt Du doch nicht? — Nein, Willanow, nein. Sie drückte ſich auf eine ſolche Art aus, daß er ſogleich verſtand, von wem ſie ſprach. — und Du moöchteſt jetzt auch nicht bei ihr ſein, oder wie? — Weit entfernt, Willanow; jetzt kann ich mich nur bei Dir wohl befinden; aber was glaubſt Du, daß ich wünſche? — Du winſcheſt... aber wende Deine Augen nicht ab, Döring, obſchon ich Deinen geheimſten Gedanken auf der Spur bin... Du wünſcheſt... — Um Alles in der Welt... weiter, Willanow, weiter. Döring merkte, daß ſie wirklich dem einzigen noch übrig gebliebenen Wunſche ſeines Herzens auf der Spur war. — Du wuünſcheſt, daß ich in einem herzlichen Briefe... 1 Willanow begleitete faſt jedes ihrer Worte mit einer ſchalkhaft drohenden Bewegung mit dem Finger. Döring konnte nicht umhin, den unendlichen Hell⸗ blick der Liebe zu bewundern. — Wahrhaftig, Willanow, Du überraſcheſt mich, Ich wünſchte, daß Du. — Daß ich an Louiſe Poſſe ſchreiben ſolle.. . o ich weiß ihren Namen wohl... daß ich ihr ſchreiben ſoll, wie ſehr ich Dich liebe, wie glücklich ich Dich zu machen wünſche, wie unſre Liebe ſo zu ſagen aufgewach⸗ ſen iſt, ohne daß wir ſelbſt dafür konnten. — Schreibe, was Du willſt, Willanow, aber ſchreibe ... ich wünſchte, daß ihr Beide einander kennen lerntet ... wie würdet ihr nicht einander lieben! Willanow zog ein ſchiefes Geſicht. — Erlaß mir alle weiteren Beredtſamkeitsproben über Deine erſte Liebe, denn Du könnteſt leicht die zweite eiferſüchtig machen. Aber laß mich noch einmal in Dein Auge ſchauen. War es nicht ſo, wie ich dachte 2 Ich leſe darin wirklich noch einen Wunſch. Habe ich Unrecht... nein, Döring, ich bin meiner Sache voll⸗ kommen ſicher. Du wünſcheſt.. wie ſoll ich mich doch jetzt ausdrücken... Du wünſcheſt... — Nun, was wünſche ich? — Du wünſcheſt... Statt fortzufahren, ſchlang ſie von Neuem ihre Arme um ſeinen Leib und Döring drückte einen Kuß auf ihre Lippen. In dieſem Augenblick kam Protaſow heraus, und Willanow folgte ihr, wie wir wiſſen, zur Prinzeſſin hinein. Döring war alſo allein, und der Kammerherr Scha⸗ milow benuͤtzte dieſen Moment, um ihm das Schreiben Orlow's zu uͤbergeben, mit dem Bemerken, daß er es von einer unbekannten Perſon empfangen habe. Döring las es ſogleich. Der Inhalt erſchien ihm ſonderbar, aber wichtig. Ein Freund rief ihn um Hilfe an. Konnte Worowitſch von irgend einem Unglück bedroht ſein? Warum nicht? Auch ihn ſelbſt hatte ja das Mißgeſchick in ſo vielen Geſtalten bedroht. Er ſah auf die Uhr; es war bereits nahe an ſechs. Er durfte alſo keinen Au⸗ genblick verlieren. Da Willanow eben nicht da war, ſo hielt er es für's Beſte, ſich ſogleich hinweg zu bege⸗ ben, weil er dann um ſo eher zurüickzukommen hoffte. 628 Als Willanow wieder heraustrat, war Döring be⸗ reits fort. In der Hoffnung, er werde nicht lange aus⸗ bleiben, ſetzte ſie ſich auf den Sopha. Aber Döring er⸗ ſchien nicht wieder. Eine Viertelſtunde verging. eine halbe Stunde verging... eine Stunde verging... aber er ließ nichts von ſich hören. Welche unruhige Gedanken irrten nicht dabei durch ihre Seele! Das Auge unverwandt auf die Thüre geheftet, lauſchte ſie auf das Getöne jedes herannahenden Schrittes. Bald war die Stunde da, wo ſie ſich mit dem übrigen Hof in den Thronſaal begeben ſollte; aber dachte ſie wohl jetzt daran? Döring hatte ſie ja ſelbſt gebeten, ſo lang als mög⸗ lich bei ihm zu bleiben, und ſie hatte es mit Freuden zugeſagt. Sie wußte, daß er von Nichts in Anſpruch ge⸗ nommen war, daß Nichts ihn verhinderte, bei ihr zu ſein. Wie ſollte ſie ſich dieſes im höchſten Grad ſeltſame Ausbleiben erklären? War etwas Unangenehmes eingetroffen? Aber welche Widerwärtigkeit konnte ihn wohl an einem Hofe treffen, wo jetzt eitel Freude und Vergnü⸗ gen herrſchte, und wo er ſelbſt kaum erſt die größten Beweiſß von der Gewogenheit der Kaiſerin empfangen hatte?. 3 Vergebens bot ſie ihren ganzen Scharfſinn auf, um irgend einen Grund für ſein Ausbleiben ausfindig zu machen; aber je unmöglicher ihr dieß wurde, um ſo mehr ſteigerte ſich auch ihre Unruhe. Man war übereingekommen, Abends 7 Uhr im Thronſaal zuſammenzutreffen. Bereits hatte die Kaiſerin, umgeben von ihrem Hof F 3Z ☛— — geber und den ausgezeichnetſten Würdenträgern des Reichs, den Thron eingenommen. Aſiens verſchwenderiſche Pracht und Europa's raf⸗ finirter Luxus ſchienen ſich hier ein Rendezvous gegeben zu haben, nicht bloß um mit einander zu wetteifern, ſondern auch um ihren gegenſeitigen Glanz zu erhöhen. Rußland ſchien hier in einem einzigen Brennpunkt Alles zu vereinigen, was es an Reichthümern und Koſtbarkeiten beſaß. Der Anblick war wunderbar blendend. Die Haare und Kleider der Kaiſerin ſchimmerten von Juwelen, und auf dem Kopf trug ſie eine Krone von Diamanten. Der St. Alerander Newsky⸗, der St. Wladimir⸗ und der St. Katharinen⸗Orden prangten in einem Kreuz auf ihrer Bruſt. Auf der einen Seite dieſes Kreuzes trug ſie den St. Andreas⸗ und auf der andern den St. Georgs⸗ Orden. Um den Thron her hatten die Mitglieder der kai⸗ ſerlichen Familie ihre Plätze. Rußland beſaß in ihnen unleugbar eine Zukunft und die ſichere Verheißung, daß ſeine Politik auf wundervolle Art die Bahn verfol⸗ gen werde, welche Peter ausgeſteckt und der Katharina eine europäiſche Bedeutſamkeit verliehen hatte. Neben Alexandra hatte Alexander ſeinen Platz ein⸗ genommen. Das Hoſperſonal ſtand der kaiſerlichen Familie an Pracht wenig nach. Sämmtliche Anweſende waren in boſtbare Stoffe gekleidet, die von Diamanten und Ju⸗ welen funkelten. Die Knöpfe, Schnallen, Degengriffe, Uhrketten, Epauletten und Ordensſterne der Herren, wie auch die Ohrenbehänge, Halsbänder und Aigretten der Damen blitzten von ſtrahlenden Brillanten. e In Europa hat es keinen glänzenderen Hof ge⸗ geben. Aber mehr als Alles, was wir hier beſchrieben ha⸗ 630 ben, glänzte die Stirne der Kaiſerin, die Augen der Kaiſerin. Aus ihnen ſtrahlte die ſtolze Befriedigung der in ihren Berechnungen ſieghaften Monarchin; aber ſchöner noch als alles Andere waren Alexandra's ſchwär⸗ meriſche Blicke und erröthende Wangen. In ihnen las man die ſchöne Sage von der unſchuldsvollen Liebe und Hoffnung eines jungen Herzens. Die ganze zahlreiche, glänzende Verſammlung hatte ihre Blicke auf dieſe beiden Damen geheftet, die hin⸗ wiederum unverwandt nach dem Eingang ſchauten, durch welchen der König erſcheinen ſollte. Man erwar⸗ tete ihn jeden Augenblick. — Ich werde, ſagte die Kaiſerin halb flüſternd zu Subow, meinem Gaſt alle mögliche Ehre und Aus⸗ zeichnung erweiſen; ſtehend werde ich ihn an meinem Throne empfangen. — Um hernach deſto ruhiger auf demſelben zu ſitzen, fügte Subow hinzu. Die Kaiſerin lächelte beifällig. Alexandra hielt die Hand an ihrem Herzen. Dieſes Herz klopfte ja bereits ſo heftig; um wie viel heftiger mußte es nicht klopfen, wenn die Thüren aufgingen und Guſtav Adolph eintrat! Sie fürchtete ſich vor ihrem eigenen Gluck, vor ihrer eigenen Freude; ſie fürchtete, dieſe möchten den Blumenkelch ihres Herzens ſprengen, welchen die wärmſte Liebe bereits bis zum Rand mit dem reinſten, berauſchendſten Nektar gefüllt hatte. Aber die Thüren gingen nicht auf, und der König erſchien nicht. Warum zögerte er wohl? 1 — Iſt Markow noch nicht zurückgekehrt? fragte die Kaiſerin Subow. — Noch nicht, Ew. Majeſtät.- — Sonderbar, ſeltſam... erkundigen Sie ſich, oh man Nichts von ihm gehört hat. Guſtav's Ausbleiben war ein Wolkenfleck an dem klaren Tropenhimmel; bedeutete es wohl Sturm und Gewitter? dem und Trotz der Schminke auf den Wangen der Kaiſerin, ſ man, daß ſie vor Mißvergnügen und Verdruß er⸗ laßte. — Spute Dich, Subow, fügte ſie hinzu; wenn der König nicht ſchon da iſt, ſo ſchicke einen Boten ab und laß ihm ſagen, daß wir warten. Durch Alexandra's jugendliche Bruſt zitterte ein Gefühl unendlicher Unruhe. Sie wußte ſo wenig als irgend eine andere Perſon, was um den Weg war; aber eine unheimliche Ahnung erfüllte ihren Buſen. Ihr Bruder Alexander bemerkte die Aufregung des ſchwachen Mädchens und ergriff tröſtend ihre Hand. — Beunruhige Dich nicht, Alerxandra, flüſterte er ihr zu. Guſtav wird bald hier ſein. Du weißt ja doch, wie ſehr er Dich liebt. — Ja, ja. — Sei alſo ruhig, liebe Schweſter. Aber ungeachtet Alexander ſich mit einer Sicher⸗ heit ausſprach, welche der Prinzeſſin für einen Augen⸗ blick ihren Muth zurückgab, ſo füllte ſich doch ſeine eigene Seele mit Angſt und Verdruß. Man hatte bereit eine Stunde gewartet. Subow war zurückgekommen, hatte mit der Kaiſe⸗ rin einige Worte gewechſelt und ſich dann von Neuem hinaus begeben. Die Kaiſerin vermochte ihre Ungeduld nicht länger zu beherrſchen. 1 Neeugierde und Verwunderung ſtand auf allen Ge⸗ ſichtern zu leſen. — Was iſt vorgefallen? flüſterten die Damen un⸗ ter ſich. — Iſt der König krank geworden? fragte man auf andern Seiten.— — Wie kann dieſer winzige Schwedenkönig ſich unterſtehen, äußerte man weiter weg, die Selbſtbeherr⸗ ſcherin in ihrem Thronſaal mit ihrem ganzen verſam⸗ melten Hof warten zu laſſen? 63² — Das iſt, meinten Andere, zum Mindeſten eine Unart, wofür ihn die Kaiſerin, wenn wir uns nicht in ihr täuſchen, früher oder ſpäter ſchwer büßen laſſen wird. Plötzlich kam Subow zum zweiten Mal zurück... er wechſelte wieder einige Worte mit der Kaiſerin und dann verſchwand er ebenſo haſtig von Neuem. Zwei Stunden waren bereits vergangen. Alexandra verſuchte zu lächeln, aber eine Thräne ſickerte über ihre Wange hinab. Sie wußte noch nicht, was ſich ereignete, aber ihre Lage wurde dadurch nur um ſo beängſtigender. Früher hatte ſie an ihrem Glück gezweifelt; jetzt zweifelte ſie an ihrem Unglück. War es wohl denkbar, daß Guſtav Adolph ſo weit hatte ge⸗ hen und noch im letzten Augenblick ſeine Geſinnung hatte verändern können? Unmöglich. Er war aller⸗ dings noch ein zarter Jüngling, aber vermöge ſeines Ernſtes war er ja bereits ein Mann, und in ſeiner Liebe... hatte ſie doch ſo viele Beweiſe davon geſehen .. in ſeiner Liebe war er Jüngling und Mann zu⸗ gleich, Jüngling vermöge ſeiner Wärme, Mann vermoͤge ſeiner Treue. Aber mit jedem Augenblick, um den ſich die Er⸗ ſcheinung des Königs verzögerte, nahm ihre Angſt zu. Immer haſtiger hämmerten die Pulſe in ihren Schläfen, immer heftiger pochte es in ihrem Herzen. Aus dem dunkeln Schatten, der ſich um ſie zu ſammeln begann, ſtiegen ſchwarze Geſtalten auf, dro⸗ hend und höoöͤhniſch. Was wollten ſie? Marternd zerfleiſchten ſie ihre Bruſt, quälten ihre Seele, höhnten ihre Liebe. Auf einmal war es ihr, als riefen ſie ihr einen Namen zu. Unwillkürlich fuhr ſie zuſammen und blickte entſetzt um ſich. Marfa! ertönte es in ihrer Seele; Marfa! ertönte es in ihrem Herzen. Der Beſuch in Strelna trat ihr jetzt ſo lebhaft vor die Augen. ————⁰——-—V—— b Ebenſo wenig befriedigend war der Gedankengang, dem die Kaiſerin ſich hingab. Auch ihr hatte man die wahre Urſache für das Ausbleiben des Königs noch verſchwiegen. — Er kommt, hatte man zu ihr geſagt; aber er hat den Ehevertrag noch nicht unterzeichnet. — Ihr habt mich doch verſichert, daß er ſich nicht einmal die Mühe nehmen würde, ihn zu durchleſen. Ihr habt mich alſo getäuſcht. — Darin haben wir uns ſelbſt getäuſcht, antwor⸗ tete man ihr, denn juſt die Durchleſung des Vertrags iſt es, was ihn aufhält; aber ſobald er ihn durchleſen hat, wird er augenblicklich erſcheinen. Die Kaiſerin vermochte indeß nur mit Mühe ihren Zorn zu beherrſchen. Aerger und Wuth funkelten aus ihren Augen und hoben ihren Buſen. Die Ahnungen gehen wie Brautjungfern der Ge⸗ wißheit voran. Die Ahnungen waren düſter und trübe. Was ver⸗ kündeten ſie? Sollte die Gewißheit in ihren Spuren mit einer Bahre einherſchreiten, auf welcher ihre ſchön⸗ ſten Hoffnungen in's Gewand der Vergänglichkeit ein⸗ gehüllt lagen? — Unmöglich. Sollte wohl dieſes ganze Gebäude, für deſſen Auf⸗ führung ſie ſo manche Jahre ſich abgemüht, ſo viel berechnenden Scharfſinn aufgeboten, ſo manches Opfer gebracht und keine Koſten geſcheut hatte; ſollte wohl dieſes ganze Gebäude, ſtatt ſich zu einem Pantheon für die ſchönſten Gedanken ihres politiſchen Lebens zu ge⸗ ſtalten, zuletzt bloß als ein Kartenhaus befunden wer⸗ den, das beim geringſten Windhauch über ihr ſelbſt zu⸗ ſammenſtürzte? — Unmäglich. Sollte ſie, das anerkannt erſte regierende Haupt Eu⸗ ropa's, die Semiramis des Nordens, eine zweite Mi⸗ nerva an vorausblickender Weisheit, ſie, vor deren Macht 634 zwei Welttheile gezittert, deren Genie ſiegreich durch unzählige Schwierigkeiten ſich Bahn gebrochen und im⸗ mer triumphirend das Ziel erreicht hatte; ſie, deren Schwert gleich dem des Damokles, aber nicht bloß über einem einzigen Haupte, ſondern über einer ganzen Welt hing; ſollte ſie den Schimpf erleben, mit ihren Abſich⸗ ten und ihrem Willen unmächtig vor einem Jüngling, einem unerfahrenen Knaben, einem Kinde zurückweichen zu müſſen? — Unmöglich. Sollte ſie, die Europa einen durch friedliche und freundſchaftliche Mittel unterjochten König hatte zeigen wollen, in den Augen deſſelben Europa ein Gegenſtand des Gelächters werden, das jedem mißlungenen Wage⸗ ſtück auf der Ferſe nachfolgt? — Unmöglich. Je mehr Fragen in ihr auftauchten, um ſo mehr wuchs ihre Unruhe. Unſere Hoffnungen bauen ihr Neſt am Krater des Vulkans der Erinnerungen. Die Erinnerung weicht nie von uns, wenn ihre Stimme auch nicht beſtändig ſpricht. Vor den Guten und Liebevollen tanzt eine helle Flamme, ein Helmenfeuer über den Krater der Erinne⸗ rungen. Entſetzliche Eruptionen brechen dagegen vor denjenigen aus, die ſich von ihren Leidenſchaften und eigenmächtigen Eingebungen beherrſchen laſſen. Die Hoffnung iſt ein Zugvogel. Düſtere Erinnerungen tauchten vor der Kaiſerin auf. Sie hätte ihnen entfliehen mögen; aber der Aus⸗ bruch dröhnte in ihrer eigenen Seele. Die befiederten Schaaren der Hoffnungen flogen mit geſenkten Flügeln um ſie her, wie über einem ſich verdunkelnden Meere: ſie ſchienen Sturm zu verkünden. Ein Sturm raste ja auch bereits in ihrem Innern. In dieſem Augenblick glitt Marfa's düſteres Bild an ihrem Blicke vorüber. Die Kaiſerin und Alerandra waren beide, wiewohl auf verſchiedenen Wegen, bei demſelben Gedanken an⸗ gekommen. Dieſelbe Frage machte ſich jetzt auch bei ihnen geltend. — Werden wohl Marfa's Prophezeiungen in Er⸗ füllung gehen? — Unmöglich, antwortete die Kaiſerin. — Unmöglich, hatte auch Alexandra geantwortet. — Er wird mir nicht zu trotzen wagen, dachte die Kaiſerin. Er liest den Vertrag; mag er ihn leſen. Er wird bald hier ſein. 3* — Er kann mir nicht untreu werden, dachte Alexan⸗ dra. Er weiß, daß ich nicht ohne ihn leben kann, und ich weiß, daß er nicht ohne mich leben kann. Er wird bald hier ſein... ſtill... kommt nicht Jemand... die Thüren öffnen ſich. Die Thüren öffneten ſich auch wirklich; aber es war nicht der König von Schweden, der eintrat, ſon⸗ dern Subow, der jetzt Markow bei ſich hatte. — Das Ding iſt gelungen, flüſterte der Eine dem Andern zu. — Hätten wir es nur ſchon der Kaiſerin vorge⸗ tragen. — Muth! — Sagen Sie lieber.. ſtill... — Still... 4 Als die beiden Günſtlinge bei der Kaiſerin ange⸗ kommen waren, meldeten ſie ihr, daß der König von Schweden ſich geweigert habe, den ihm vorgelegten Ehe⸗ vertrag zu unterzeichnen. Der Schlag war fürchterlich. Nie hatte dch Katharina in dieſem Maße von Ver⸗ druß und Scham überwältigt gefühlt. 9 Alle ihre Pläne und Wünſche waren wie Seifen⸗ blaſen zerplatzt.. Die Heftigkeit ihrer Gefühle und die Nothwendig⸗ 636 keit, ſich in Anweſenheit des Hofes zu beherrſchen, zo⸗ gen ihr einen leichten Schlaganfall zu. Ihre Glieder zitterten; ihre Züge wurden durch plötzliche und heftige Krämpfe verzerrt. Als ſie ſich endlich aufrichtete, vermochte ſie nicht zu ſprechen. Alexandra, die Braut ohne Bräutigam, war ver⸗ ſteinert vor Beſtürzung; aber Alexander ſtand ſtützend an ihrer Seite. — Alerandra, flüſterte er, faſſe Muth, um Alles in der Welt, faſſe Muth. Laß Niemand ſehen, wie tief er Dich gedemüthigt hat. Eines ſchwöre ich Dir, Alexandra... und er legte dabei die Hand an ſeinen Degen... ich ſchwöre Dir, daß ich dereinſt dieſen Schimpf rächen, ſein Reich zerſtückeln, ihm die Krone vom Haupte reißen und ſie zu ſeinen Füßen zerſchmet⸗ tern werde. Alexandra hörte dieſen Schwur nicht, ſie hörte Nichts. Die Kaiſerin mußte in ihre Zimmer geführt oder oder vielmehr beinahe getragen werden. Mehr todt als lebendig langte Alexandra auf dem ihrigen an, wo ſie an Willanow's treuer Bruſt ihr Geſicht verbarg. — Mein Gott, ſtammelte Subow, verblüfft über das Unheil, das er anſtiften geholfen hatte, ich fürchte, wir ſind zu weit gegangen. Markow zuckte die Achſeln. — Bedenken Sie, fügte Subow hinzu, wenn unſer Sieg die Kaiſerin in's Grab ſtürzt, ſo haben wir Nichts damit gewonnen. — Laſſen Sie uns zu ihr gehen, antwortete Mar⸗ kow bloß. Der Hof war in demſelben Augenblick, wo die Kai⸗ ſerin ſich entfernt hatte, aufgebrochen. In dem großen Reichsſaal ſtand nur noch ein ein⸗ ziger Menſch ganz allein.. An eine Säule gelehnt, ließ er ſeinen Blick auf der Thüre haften, durch welche die Kaiſerin verſchwun⸗ den war, und ein höhniſches Diplomatenlächeln ſchwebte auf ſeinen Lippen. Dieſer Mann war Bernsdorff. Sobald die Kaiſerin auf ihr Zimmer gekommen war, ſank ſie in einen Lehnſtuhl. Nicht ein einziges Wort kam über ihre Lippen. Die Günſtlinge und ihre nächſten Vertrauten ſtan⸗ den, von ſprachloſer Beſtürzung ergriffen, um ſie her. Eine geheime Thüre öffnete ſich jetzt und leiſe trat Armfelt ein. Niemand bemerkte ſeine Anweſenheit, bis er vor der Kaiſerin ſtand. In tiefem Schmerz betrachtete er ſie. Welcher Ab⸗ ſtand gegen das, was ſie noch vor wenigen Stunden geweſen war! Das Feuer ihres Auges ſchien erloſchen, ihre Kräfte ſchienen gebrochen zu ſein, die Schminke war weggefallen, die Stirne runzelig, die Wangen blaß⸗ gelb und welk. Sowohl ihr kaum noch ſo friſches, beinahe jugend⸗ liches Ausſehen, als auch die Hoffnungen, die ihre Seele belebt hatten, waren Illuſionen, deren Betrüg⸗ lichkeit ſich jetzt auf einmal zu erkennen gab. Ew. Majeſtät leiden, redete ſie Armfelt an. Sie erkannte die Stimme und richtete ihr Haupt auf. — Ich bin verrathen, antwortete ſie, oder... — Oder... — Oder hat des Himmels Blitz mich getroffen. — Der Blitz, der Ew. Majeſtät getroffen hat, kommt von der Heimtücke, der Intrigue her. Da ſtehen die Thäter. Die Kaiſerin ſtarrte auf. Armfelt deutete auf Subow und Markow⸗ Das Geſicht der Kaiſerin verzerrte ſich; aber ihr Haupt ſank bald wieder nieder. 638 Was hatte ſich wohl bei Guſtav Adolph zugetra⸗ gen? Wir haben die ſchrecklichen Wirkungen ſeiner Weigerung, den Ehevertrag zu unterzeichnen, geſehen; aber was waren wohl die nächſten Urſachen dieſer Wei⸗ gerung? Der Leſer kennt bereits die Abneigung des Königs gegen die griechiſch⸗ruſſiſche Confeſſion und er weiß auch, wie es gelungen war, dieſelbe auf's Aeußerſte zu ſtei⸗ gern. Hiezu kamen das am Abend vor der Verlobung ihm zugeſtellte Schreiben von Flodin, ſowie Bernsdorff's wiederholte offene Vorſtellungen über das Unglück, wel⸗ ches Schweden in Folge der Vermählung Johann's III. mit einer fanatiſchen Katholikin betroffen habe, und ſeine Bemerkung, daß es jedenfalls ein Hohn gegen einen ſchwediſchen König ſei, wenn ſeine Braut nicht ihrer Religion entſage und die ſeinige annehme, wäh⸗ rend doch Rußland unbedingt fordere, daß jede deutſche Prinzeſſin, die ſich mit einem ruſſiſchen Prinzen vermählte, ihre Confeſſion abſchwöre und die griechiſche annähme. Man wagte es inzwiſchen nicht, den Vertrag zu früh zur Unterſchrift vorzulegen, weil man fürchtete, der König könnte ſich, wenn er Zeit zur Ueberlegung hätte, zur Nachgiebigkeit entſchließen, und deßhalb war man übereingekommen, ihn im letzten Augenblick zu überraſchen, damit der erſte Eindruck des Gefühls un⸗ mittelbar wirken ſollte. Als Markow ankam, hatte der König bereits ſeine Toilette vollendet. Er wünſchte auch voll Ungeduld, bald zu dem Feſte eilen zu können, das ihn erwartete und ſein Herz mit inniger Sehnſucht erfüllte. Man hatte ihn verſichert, die Kaiſerin würde auf die religiöſe Frage kein großes Gewicht legen, und dieß hatte er auch aus den Beſprechungen, die er mit ihr über die⸗ ſen Punkt hatte, ſchließen zu können geglaubt. Es fanden ſich alſo keine Hinderniſſe vor und bei ſeiner herzlichen Neigung zu der einnehmenden Alexandra ſah er fröhlich dem Augenblick entgegen, wo er ſich nach dem Thronſaal begeben ſollte. Um ſechs Uhr kam inzwiſchen Markow mit dem Ehevertrag. Man hatte der Kaiſerin einzureden gewußt, Guſtav Adolph würde, zumal wenn er das Dokument ſo ſpät erſt erhalte, ſogleich blindlings unterzeichnen; aber das geſchah nicht. Im Gegentheil durchlas und prüfte er es mit der größten Aufmerkſamkeit. Auf weſſen Rath dieß geſchah, erzählt die Geſchichte nicht; aber man dürfte leicht Muthmaßungen darüber wagen. Die Hauptpunkte des Vertrags waren folgende: Als Mitgift ſollte Alerandra 80,000 Rubel Ren⸗ ten erhalten, abgeſehen von einem eigenen Kapital von 100,000 Rubeln und Juwelen im Werth von 600,000. Dabei ſollte die Ausſteuer der Prinzeſſin ſowohl als des Königs würdig ſein. Dagegen hatte Guſtav Nichts einzuwenden. Der franzöſiſchen Republik ſollte der Krieg erklärt werden und daran knüpfte ſich eine Menge näherer Be⸗ ſtimmungen. Auch in dieſer Beziehung fand Guſtav Nichts aus⸗ zuſetzen. Die Prinzeſſin ſollte das Recht beſitzen, ihre Re⸗ ligion frei auszuüben. Demzufolge ſollte im Schloß zu Stockholm eine griechiſche Kapelle eingerichtet und grie⸗ chiſche Prieſter aus Petersburg an derſelben angeſtellt werden. Bei dieſem Punkt richtete ſich der König auf. — Iſt dieſer Punkt auf Befehl der Kaiſerin feſt⸗ geſetzt worden? fragte er. Markow bejahte es. — Dieſer Punkt, erklärte der König, ſtimmt mit meinen früheren Verabredungen mit der Kaiſerin nicht überein. Ich habe zwar niemals verlangt, daß die Prinzeſſin ihr Glaubensbekenntniß förmlich abſchwören 640 ſolle, denn ich will ihrem Gewiſſen keinen Zwang an⸗ thun und ſie mag ihre Religion immerhin ausüben; aber ich kann ihr das Recht nicht zugeſtehen, eine be⸗ ſondere Kapelle im Schloß einzurichten und Prieſter von hier mitzuführen; im Gegentheil muß ich, in Uebereinſtimmung mit den Geſetzen Schwedens, ver⸗ langen, daß ſie ſich in allen äußeren Ceremonien nach der Religion meines Vaterlandes richte. So innig ſich der Herzog, Reuterholm und Mar⸗ kow über dieſe Antwort des Königs freuten, ſo ſtellten ſie ſich gleichwohl ebenſo verlegen, als verwundert. Sie mußten ihre Rolle zu Ende ſpielen. Sie ließen es alſo nicht an dringenden Vorſtellun⸗ gen fehlen, in der Hoffnung, daß die Kaiſerin dieß er⸗ fahren werde, aber vergebens; Guſtav hielt ſich uner⸗ ſchütterlich an das Schreiben Flodin's, welcher den Un⸗ tergang der ſchwediſchen Kirche vorherſagte, wofern die griechiſche Eingang in Schweden erhielte. Markow begab ſich nach dem Schloß zurück und meldete Subow, wie die Sachen ſtanden. In der heftigſten Aufregung kam er jedoch bald wieder und erklärte, die Kaiſerin erwarte den König bereits im Thronſaal und man könne unmöglich mit ihr ſprechen. Mit großer Lebhaftigkeit bemühte er ſich jetzt, den König zur Unterzeichnung des Dokuments zu vermögen. War dieß wohl eine Vorſichtsmaßregel, die er beobach⸗ ten zu müſſen glaubte, um ſich vor allen möglichen ſchlimmen Folgen ſicher zu ſtellen? — Ich unterſchreibe nicht, erklärte der König, der hartnäckig auf ſeiner Meinung beharrte, ich will nicht, ich kann nicht. Nichts vermochte ſeinen Entſchluß zu erſchüttern. Erzürnt über den Betrug, den man ſich gegen ihn erlaubt, und über die Hartnäckigkeit, womit man ihm zuſetzte, begab er ſich in ſein inneres Kabinet und ver⸗ ſchloß die Thüre hinter ſich. Dreizehntes Kapitel. Eine halbe Stunde ſpäter. Erſchüttert von herzzerreißenden Gefühlen, war Alerandra an Willanow's Bruſt geſunken.. Aber auch Willanow hatte einen großen Kummer. Döring war verſchwunden. Willanow ließ ſich jedoch durch das Unerklärliche, was darin lag, nicht aus der Faſſung bringen; ſie beſchloß, alles Moͤgliche zu thun, um ſich zu beruhigen. Während der Hof im Begriffe ſtand, ſich zu ver⸗ ſammeln, traf ſie Araktſchejew und vertraute ſich ihm ſogleich an. Araktſcheiew war ebenſo verwundert wie ſie und ſeine ſichtliche Ueberraſchung jagte ihre Angſt nur noch mehr auf. — Vielleicht hat er ſich zum König von Schweden oder zu Armfelt begeben, meinte Araktſchejew. In Folge ſeiner fruheren Verhältniſſe glaubt er ſich noch immer zur größten Ergebenheit gegen ſie verpflichtet. Ich will ihn aufſuchen und hoffe ihn zu treffen. Beruhigen Sie ſich inzwiſchen. Araktſchejew ging. Mit ungemindertem Kummer erwartete Willanow ſeine Wiederkehr und... er kam, aber ohne die min⸗ deſte Auskunft über Döring erhalten zu haben. Er war ſeit mehreren Tagen weder bei dem König noch bei Armfelt geweſen. Dieſe Nachricht ſteigerte ihre Angſt noch mehr; aber was konnte ſie thun? Ihre Eltern wollte ſie nicht beunruhigen, Worowitſch war im Auftr g der Kaiſerin in Strelna und alle Uebrigen waren von dder Verlobung, die jetzt vor ſich gehen ſollte, in Anſpruch genommen, Sie verſchloß ihre Unruhe in ſich. Der Fürſt. II. 41 642 Der harte Schlag, der Alexandra traf, löste indeß auf einmal alle Bande, mit denen Willanow bisher ihren Kummer zu feſſeln vermocht hatte, und ſie brach in Thränen aus. Die Thränen in Willanow's Augen wirkten wohl⸗ thuend auf die Prinzeſſin, die bis jetzt kalt und ſtumm geblieben war. Das Herz ſchwoll, die Gefühle lebten auf, die Bruſt hob ſich und es folgte eine Fluth von Thränen. Aber Alexandra's Schmerz und Willanow's Kum⸗ mer waren von verſchiedener Art; die Erſtere hatte die Hoffnung verloren, der Letztern war dieſe geblieben. Das Unglück wird erſt dann vollkommen, wenn die Hoff⸗ nung uns im Stiche läßt. Mit der Hoffnung verſchwindet die troſtvollſte Kraft, welche die Vorſehung in unſere Bruſt gelegt hat. Noch rannen daher Willanow's Thränen, als die Augen der Prinzeſſin ſich bereits getrocknet hatten. Das thränenvolle Auge zeugt von einem Kampf, der im Herzen zwiſchen der Hoffnung und dem Zweifel, das thränenloſe von einem Kampf, der zwiſchen dem Leben und dem Tod geführt wird. Nachdem Alexandra's Thränen verſiegt waren, be⸗ kam ſie einen Krampfanfall. Willanow erſchrack, als ſie ſah, wie das Geſicht der Freundin ſich verzerrte und wie ihre Glieder erſchüt⸗ tert wurden. In dieſem Augenblick kam eine Perſon von der Kaiſe⸗ rin und fragte nach Döring. Ohne zu wiſſen, was ſie that oder ſagte, und nur von Alexandra's leidendem Zuſtand in Anſpruch genom⸗ men, antwortete ſie ganz kurz, ſie wiſſe nicht, wo er ſei. Mit einem Ausdruck höhniſcher Bosheit entfernte ſich die Perſon eilig. Alexandra's Krampf währte fort. Willanow ſührte ſie in ihr Schlafzimmer, um alle der beit wo Nie Die hur Maßregeln zu ergreifen, die ihr Zuſtand nothwendig machte. Eine neue Botſchaft kam von der Kaiſerin mit einer neuen Anfrage. Mit Alexandra beſchäftigt, hörte ſie ebenſo wenig, wer fragen ließe, als was die Frage eigentlich betraf. — Ich habe keine Zeit für Sie, antwortete ſie blos... verlaſſen Sie mich, ich weiß Nichts. Mit boshafter Zufriedenheit lächelte die Perſon über dieſe unpaſſende Antwort, machte jedoch keine Bemer⸗ kungen, ſondern verließ ſie mit einem beinahe teufli⸗ ſchen Grinſen. Alexandra's Leiden war das Einzige, auf was Willanow hörte und ſah. Der Krampfanfall hatte ein periodiſch wiederkeh⸗ rendes wildes und ſchauerliches Lachen in ſeinem Gefolge. Willanow war außer ſich. Die Kaiſerin oder Ale⸗ randra's Eltern, die ſelbſt durch das Vorgefallene ſo tief aufgeregt waren, in Kenntniß zu ſetzen, daran dachte ſie gar nicht. Sie ſchickte nach einem Arzt. Inzwiſchen kam die dritte Botſchaft von der Kaiſe⸗ rin mit dem Befehl, daß Willanow ſich ſogleich bei ihr einſtellen ſolle; aber da ſie immer noch nicht wußte, wo ihr der Kopf ſtand, ſo antwortete ſie, ſie könne nicht kommen. Die Botin, die auch diesmal Niemand anders war als der weibliche Hofnarr, die ſogenannte Matrone Da⸗ nilowna, ſtarrte ſie ebenſo verwundert als zufrieden an und entfernte ſich mit einem widerlichen Lachen. Danilowna hatte den Spott nie vergeſſen können, der auf Armfelts Veranſtaltung im Pavillon des Parkes beim tauriſchen Palaſt mit ihr und Cazzioni getrieben worden war. Sie haßte im Stillen, aber deßhalb um Nichts weniger bitter, zuerſt Armſelt und dann alle Diejenigen, die in irgend einer freundſchaftlichen Bezie⸗ hung zu ihm ſtanden. Döring war daher ſchon lange ein Gegenſtand 644 ihres Grimmes geweſen, ohne daß es ihr gelang, ihm an den Leib zu kommen, und da Willanow jetzt mit ihm vermählt war, ſo kehrte ſich ihr Unmuth auch ge⸗ gen ſie. Die unpaſſende Antwort, die Willanow in ihrem aufgeregten Zuſtand ganz unvorſätzlich gab, wurde in⸗ zwiſchen von Danilowna nicht ſo, wie ſie wirklich gege⸗ ben worden war, mitgetheilt, ſondern noch mit allerlei Zuthaten geſchmückt. Als wir die Kaiſerin das letzte Mal verließen, hatte die Wuth, nach dem Bewußtſein ihrer erſten Nie⸗ derlage, ihre Kräfte erſchöpft, und ſie war in einen lethargiſchen Zuſtand verſunken; aber die Lethargie konnte eine Natur wie die ihrige, nicht lange in ihren lähmenden Feſſeln halten: ihre ſtarke Seele zerbrach dieſelben bald, obſchon nichtsdeſtoweniger dieſe Seele ſelbſt bereits gebrochen war. Den erſten Beweis ihrer wiedergekehrten Beſinnung gab ſie durch den Befehl, daß Alle ſich entfernen ſollten, weil ſie allein ſein wolle. Mit einer Genauigkeit und einem Eifer, als wäre ſie in der mediziniſchen Wiſſenſchaft zu Hauſe, begann ſie jetzt zu unterſuchen, in wie fern ihre Geſundheit durch den Paroxismus, der ſie ſo gewaltſam heimge⸗ ſucht, gelitten habe, und ſie mußte ſich geſtehen, daß ſie ſich ſowohl phyſiſch als pſychiſch ganz anders fühlte, als vorher. Der Kopf that ihr weh, ihre Bruſt litt ꝛc. Dieſe Erforſchung führte ſie endlich an den Spie⸗ gel, und auf ihrem Gange dahin dunkelte es vor ihren Augen, ihre Schritte wankten. Beim Anblick ihres Bildes ſchauderte ſie zurück und ſank in einen Lehnſtuhl nieder. 4 Es war nicht mehr die geſchminkte Katharina, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickte, ſondern die un⸗ geſchminkte, in deren Geſicht das Leben bereits dem Tode ein gewiſſes Terrain eingeräumt zu haben ſchien. Der Umſtand, daß Marfa's Prophezeiung in Be⸗ zug auf Alexandra's Vermaͤhlung ſich bereits erwahrt hat deu zeit ſcha der hat des ſich ſchi ihn inz ſes auf lau hatt mit ſelb ſelb daß fahl daß nich daß hatte, verlieh auch ihren übrigen Aeußerungen eine Be⸗ deutung. Unwillkürlich drängte ſich ihr jetzt auch die Prophe⸗ zeiung uͤber ihr eigenes bald bevorſtehendes Ende auf. Dieſer Gedanke hatte ſie früher eigentlich nie be⸗ ſchäftigt. In ihrer Allmacht hatte ſie die Hinfälligkeit der menſchlichen Natur beinahe vergeſſen. Ihre Seele hatte den Glauben an die Unſterblichkeit, d. h. zuerſt des Lebens und dann der Geſchichte, ſo vollkommen in ſich aufgenommen, daß ſie es vergaß, zwiſchen dem ver⸗ ſchiedenen Weſen beider zu unterſcheiden. Erſt jetzt dachte ſie ſich den Unterſchied zwiſchen ihnen in ſeiner ganzen einfachen und nackten Wahrheit. Der leichte Schauer, der ſie dabei überfiel, währte inzwiſchen nur zeiuen Augenblick. Sie hatte hier noch ſo Vieles zu beſtellen und die⸗ ſes Gefühl ehereſhte ſie. Auf einmal richtete ſie daher auch ihre Gedanken auf die Ereigniſſe, welche ſie ſo eben mitten im Sieges⸗ lauf ihrer Hoffnungen ſo unvermuthet überrumpelt hatten. Mit weniger Verdruß und Erbitterung, aber auch mit mehr Klugheit überdachte ſie jetzt ihre Lage. Schnell richtete ſie ihr Haupt wieder empor. Noch iſt nicht Alles verloren, ſagte ſie zu ſich fl, nein, nein! Nichts iſt verloren, was man nicht ſe lbſt als verloren anſieht; aber ich muß mich beeilen .. meine Zeit iſt kurz. Danilowna. Danilowna... Die Kaiſerin hatte bereits ihren Plan entworfen. Als Danilowna, von welcher die Kaiſerin wußte, daß ſie im äußern Zimmer Wache hielt, hereinkam, be⸗ fahl ſie ihr, Döring uffnihen und ihm zu ſagen, daß er ſich ſogleich einſtellen ſolle. Danilowna kam dem Befehl nach. Da ſie indeß nicht wußte, wohin ſie ſich wenden ſollte, wohl aber, daß Willanow bei Alexandra war, ſo begab ſie ſich zu 646 ihr, um die nothwendigen Aufſchlüſſe zu erhalten. Wir wiſſen, wie Willanow ſie empfing. Die Antwort... zumal in der Faſſung, wie dieſe Botin ſie überbrachte ... verdroß die Kaiſerin und veranlaßte ſie, die Bot⸗ ſchaft zu erneuern. Danilowna ſalzte jedoch jedesmal die Antworten noch ſtärker. Bei der letzten, als Willa⸗ now ſich weigerte zu kommen, wurde die Kaiſerin von tiefem Unmuth erfaßt. Sie erhob ſich mit mehr Kraft, als man ihr in ihrer Lage zugetraut hätte. — Stuͤtze mich, Danilowna, ſagte ſie, ich will mit Willanow ſprechen. Daß die Kaiſerin ſich weder einer entnervenden Lethargie überlaſſen, noch lange mit zaghaften Ueber⸗ legungen abgegeben hatte, geht daraus hervor, daß kaum eine halbe Stüunde nach dem Aufbruch aus dem Thron⸗ ſaal verfloſſen war, als ſie bereits in Alexandra's Ge⸗ mächer eintrat. Der Arzt war inzwiſchen bei der Prinzeſſin ange⸗ langt, deren Lage ſich indeſſen immer mehr verſchlim⸗ merte. Ein nervös⸗ hyſteriſcher Anfall um den andern er⸗ ſchütterte ſie. Ueber die ſchönen Lippen war früher nie etwas Anderes gekommen, als Gute und Herzlichkeit, Milde und Innigkeit; jetzt erſcholl ein ſpasmodiſches Hohn⸗ gelächter um das andere von ihnen. Der Arzt war noch beſchäftigt, das zu beobachtende Regime vorzuſchreiben, und Willanow ging ſtill im äußeren Zimmer auf und ab, als die Kaiſerin eintrat. Krank, aufgeregt und erzürnt, hatte ſie etwas Schreckliches in ihrer Erſcheinung. — Warum biſt Du meinem Befehl nicht nachgekom⸗ men? fragte die Kaiſerin. — Ew. Majeſtät Befehl? wiederholte Willanow verwundert. Ich weiß nicht, was Ew. Majeſtät meinen. wur ſoll Dei Dal der der ſelb anſe ſie. erſe rück Bei ſchi mie wo ich ſaß zur zu wei Willanow begriff es wirklich nicht und ſtarrte ſie ver⸗ wundert an. 4 — Man hat Dich gefragt, wo Döring iſt. — Mich? — Man hat Dir geſagt, daß Du zu mir kommen ſollſt. — Mir? — Nimm Dich in Acht, Willanow. Verſchlimmere Deine Keckheit nicht durch eine Unwahrheit. Iſt nicht Danilowna hier geweſen? — Ja, Ew. Majeſtät, ich glaube beinahe. — Beinahe? Biſt Du wahnſinnig, Willanow? — In der That, Ew. Majeſtät, wäre es kein Wun⸗ der, wenn ich wahnſinnig wäre. Die entſetzliche Lage der Prinzeſſin... Döring's Verſchwinden... ich weiß ſelbſt nicht mehr, was ich gethan habe oder was ich thue. Jetzt war es die Kaiſerin, die verwundert Willanow anſah. — Die entſetzliche Lage der Prinzeſſin? wiederholte ſie. Iſt Alexandra krank? — Hören Sie, Ew. Majeſtät, hören Sie... Ein Gelächter, das die Anweſenden ſchaudern machte, erſcholl in dieſem Augenblick aus dem inneren Zimmer. Die Kaiſerin begab ſich hinein. Als ſie endlich zu⸗ rückkam, war ſie aufgeregter und verſtörter als vorher. Beinahe unmächtig ſank ſie auf einen Divan. Aber bald glättete ſich ihr Geſicht wieder und ſie ſchien von Neuem ihre Gedanken zu ſammeln. „— Wo iſt Döring? fragte ſie Willanow. Ich wende mich an Dich, als ſeine Gattin... Du mußt wiſſen, wo er iſt... meine Hoffnung beruht jetzt auf ihm... „— Auf ihm... ach mein Gott, Ew. Majeſtät... ich weiß nicht, wohin er gekommen iſt. Um ſechs Uhr ſaßen wir noch im grünen Kabinet. Protaſow rief mich zur Prinzeſſin hinein. Döring verſprach meine Rückkehr zu erwarten... aber als ich kam, war er fort, und ich weiß noch immer nicht, wohin er gegangen iſt. Ich habe 648 ihn ſuchen laſſen, Ew. Majeſtät. Araktſchejew iſt beim Baron Armfelt, wie auch im Hotel des Königs von Schweden geweſen, aber nirgends wollte man Etwas von iha wiſſen. Denken Sie ſich meine Unruhe, Ew. Ma⸗ jeſtät. — Verſchwunden alſo und juſt jetzt, da ich ſeiner bedürfte! 3 Ein neues Gelächter... wild und ſchauerlich... erſcholl aus Alexandra's Zimmer. — Es iſt entſetzlich, bemerkte die Kaiſerin. Von einem unbehaglichen Gefühl ergriffen, ſuchte ſie ſich aufzurichten, ſank aber wieder auf ihren Sitz nieder. — Wir müſſen Döring auskundſchaften, ſagte ſie. Danilowna, rufe Zacharias hieher... ſpute Dich... gib mir etwas Waſſer, Willanow... meine Bruſt brennt... Der alte Kammerdiener der Kaiſerin ſtand bald vor ſeiner Gebieterin. — Zacharias, ſprach ſie zu ihm, ſage ſogleich dem Chef der Polizei im Schloſſe, er ſolle ſich hier einfin⸗ den. Tummle Dich. Zacharias zögerte nicht. Nach wenigen Minuten trat Orlow ein. Die Kaiſerin ſtutzte bei ſeinem Anblick; ſie hatte ihn nicht erwartet. — Wagen Sie es noch, vor meine Augen zu tre⸗ ten? redete ſie ihn an. Es will mich bedünken, daß ich Ihr Auftreten vor mir an eine Bedingung geknüpft habe. — Ein neuer Befehl, Ew. Majeſtät, ändert jedoch immer einen alten. — Welchen neuen Beſehl habe ich denn gegeben? — Daß der Chef der geheimen Polizei im Schloß⸗ ſich hier einfinden ſollte. — Das iſt wahr, antwortete ſie. Es iſt ganz richtig. na er Die Kaiſerin erinnerte ſich jetzt, daß ſie ihn nicht abgeſetzt hatte. — Da Sie Chef der geheimen Polizei ſind, erklärte jetzt die Kaiſerin, ſo befehle ich Ihnen, ſogleich Döring herbeizuſchaffen. Ein heftiges Zucken in Orlow's Geſicht bewies den Grimm, welchen dieſer Name ihm einflößte. — Iſt er alſo im Schloß? Ew. Majeſtät? — Das müſſen Sie beſſer wiſſen, als irgend ein anderer Menſch. Er war um ſechs Uhr hier, iſt aber ſeitdem ſpurlos verſchwunden. Sie müſſen ihn ſogleich herbeiſchaffen. — Das iſt unmöglich, Ew. Majeſtät. — Unmoöglich! — Bei einem ſolchen Feſte, wie dasjenige war, das heute Abend hier gefeiert werden ſollte, wo die Menſchen ſchaarenweiſe durch die Thore des Palaſtes herein und heraus ſtrömten, iſt es unmöglich, die Schritte jedes Ein⸗ zelnen zu beobachten. — Orlow, unterbrach ihn die Kaiſerin, wenn Ih⸗ nen Ihr Amt lieb iſt, ſo muß Döring in einer Vier⸗ telſtunde hier ſein. — Ew. Majeſtät, antwortete er, was in menſchli⸗ chen Kräften ſteht, ſoll geſchehen. Mit einer beinahe trotzigen und herausfordernden Verbeugung entfernte er ſich. Die Kaiferin folgte ihm mit einem forſchenden, ſcharfen Blick, bis die Thüre hinter ihm zuging. — Ich wundere mich nicht mehr, Willanow, ſagte ſie dann, daß dieſer Mann Dir nichts Anderes als Ent⸗ ſetzen einflößen konnte. Haſt Du ihn beobachtet? — Ja, Ew. Majeſtät. — Saheſt Du ihn an, als ich Döring's Namen nannte? — Seine Augen funkelten wie zwei Dolchſpitzen; er traf mit beiden zugleich mein Herz. — Ich fürchte, daß er zu Allem fähig wäre. 650 Danilowna höͤrte die Aeußerung der Kaiſerin mit Schrecken an. Sie gehörte zu den kleinlichen Naturen, die mit vieler Einbildung Bosheit und Feigheit, Haß und Aengſtlichkeit vereinigen. — Gott gebe, fügte Willanow hinzu, daß er nicht, nachdem er jetzt die Hoffnung verloren hat, auf die er ſo großen Werth legte, etwas Böſes anſtelle. — Gegen mich? Danilowna ſperrte die Augen auf. — Warum nicht, Ew. Majeſtät? Der Haß iſt immer ein gefährlicher Feind. Eine Hofrevolution kann nie einen beſſeren Chef haben als einen gefallenen Günſt⸗ ling. Es iſt gefährlich, Ew. Majeſtät, ihn auf ſeinem Platz zu laſſu⸗ Aber à propos, darf ich die Frage wagen, in welcher Abſicht Ew. Majeſtät Döring ſuchen ließen? — Ich will es Dir ſagen. Ein ſchrecklicher Lärm, Geſchrei und Drohungen, Waffengetöſe und Flüche ließen ſich jetzt in einiger Ent⸗ fernung vernehmen. — Still! rief die Kaiſerin. — Um's Himmels willen, was ſoll das bedeuten? — Höre... das Getöͤſe erſtirbt dort... es nimmt wieder zu. Danilowna... Danilowna zitterte und war leichenblaß. — Eile hinaus und ſieh, was es iſt. — Ich will gehen, ich, Ew. Majeſtät, erklaͤrte Willanow. Ich fuͤrchte Nichts. — Du bleibſt bei mir; geh, Danilowna, geh! Danilowna gehorchte. Aber Danilowna war kaum hinausgekommen, als der Lärm noch ärger wurde. — Revolution... rief ſie, als ſie kaum das Zim⸗ mer verlaſſen hatte ... zu den Waffen... zu den Waffen... Nevolution! Ihr Ruf wurde bald von allen Seiten wiederholt, Thüren öffneten und ſchloſſen ſich, ſchnelle Tritte nah⸗ ten von allen Seiten, Waffen klirrten, in dem einen Zimmer ſah man Lichter anzünden, in dem andern ver⸗ ſchwanden ſie. — Wo iſt die Kaiſerin? rief man endlich. Sie iſt fort... wo iſt ſie... wo iſt ſie? Zu den Waffen, zu den Waffen! Man hatte ſie in ihren eigenen Zimmern geſucht, dieſelben aber leer gefunden. Der Schrecken jagte Alles aus den Betten auf. Die Verwirrung und der Lärm erreichten ihren höchſten Gipfel. Bald blitzten die Waffen in den Händen der ſchlaftrunkenen Helden. Mit erneuter Spannkraft ihrer Seele hatte die Kaiſerin dem Getöſe gelauſcht. — Ew. Majeſtät, ſagte Willanow, ſollten wir uns nicht zurückziehen?... hören Sie... es nahen Leute ... der Lärm kommt hieher... — Still, Willanow. Wenn Du glaubſt, daß auch mein Reich wie ein Kartenhaus über meinem Haupte zuſammenſtürzen werde, ſo täuſcheſt Du Dich. Es ruht auf ſicheren Grundpfeilern. Laß uns vielmehr der Ge⸗ fahr entgegentreten... eine Gefahr iſt ſelten mißlich, wenn man ihr in's Geſicht zu ſchauen wagt. Aber in dieſem Augenblick wurden die Thüren auf⸗ geworfen und Danilowna ſtürzte herein. — Revolution... rief ſie. Retten Sie ſich, Ew. Majeſtät...eilen Sie fort von hier... Revolution... Danilowna war außer ſich. Mit fliegenden Haaren, brennenden Augen, bleichen Wangen, verzerrten Ge⸗ ſichtszügen war ſie ſelbſt eine lebende Furie der Re⸗ volution. Ein Mitglied vom Hoſperſonal um das andere be⸗ gann ſich ietzt bei der Kaiſerin einzufinden, bis ſie zu⸗ 65² letzt von der Mehrzahl aller im Schloſſe anweſenden Wa Perſonen umgeben war. tig Eine Abtheilung der Hauptwache marſchirte in den äußeren Zimmern auf und und beſetzte die Thüren. Th Was ſollte die Kaiſerin denken? Natürlich daſſelbe, V 1 was alle Andern dachten. ich Subow und Markow ſtanden an ihrer Seite. Bra⸗ nitzka, Menzikow und Protaſow ſchloſſen ſich ebenfalls Bli an ſie an. Fürſt mszunawoch und der Abbé hatten unt ihrerſeits auch nicht ermangelt, ſich einzufinden. Alle drängten ſich um die Kaiſerin, Alle wollten ſie ſehen, um ſich zu überzeugen, daß ſie noch lebe, Alle wollten vor ihr nahen, um zu beweiſen, wie treu ſie ihr anhingen. Da Die Thüren waren von Zimmer zu Zimmer geöff⸗ gen net worden, und auf der ganzen Linie wimmelte es 4 von bewaffnetem Volke. Bereits ſchritten vor jedem St Eingang Schildwachen auf und ab. Das Kommando wartete nur auf die Befehle der Kaiſerin. Die Scene hatte ein kriegeriſches Ausſehen. Ungewißheit und Furcht, Unruhe und Beſtürzung prägten ſich auf allen Geſichtern ab. V Unleugbar hatte Orlow's unerwarteter Beſuch nebſt ſeinem trotzigen Venehmen und dem widrigen Eindruck, erle den er hervorgerufen, auf die Einbildungskraft der Kai⸗ bra ſerin gewirkt. Nichtsdeſtoweniger war ſie die Erſte, die ſich faßte. — Laßt uns der Gefahr entgegen gehen und ſehen, Ka worin ſie beſteht, ſagte ſie. Wer folgt mir? — Wir Alle folgen Ihnen, rief man. Es lebe die ſetz Kaiſerin! jeſt Aber Subow und Markow, die bei Seite ein kur⸗-⸗ Sc zes Geſpräch mit einander gehabt hatten, baten ſie, zu nu. bleiben. wa — Warum noch zögern? ſagte ſie. Hört Ihr, wie der Lärm noch fortdauert... laßt uns gehen! Me — Geruhen Ew. Majeſtät, uns beiden allein einen Augenblick Gehör zu ſchenken, wandte Markow ein. Wns wir zu ſagen haben, iſt von der höchſten Wich⸗ tigkeit. 3 Die Kaiſerin begab ſich in einen abgelegeneren Theil des Zimmers. — Was wollen Sie, Markow? Sprechen Sie... ich höre Sie... — Wollen Ew. Majeſtät ohne alle Opfer, ohne alles Blutvergießen, ohne allen Krieg Finnland und Schweden unter Ihren Scepter bringen? — Ob ich will? ſagte ſie. Die Kaiſerin richtete ihr Haupt empor. Ein Zug von Entſchloſſenheit und Strenge kam zum Vorſchein. Das kaum noch ſo matte und welke Geſicht der Kaiſerin gewann wieder Leben und Farbe — Ew. Majeſtät brauchen blos zu befehlen; ſagte Subow; Markow's Vorſchlag iſt vortrefflich. — Erklären Sie ſich, meine Herren. — Der König von Schweden iſt hier. — Nun ja 2 — Der Herzog Regent befindet ſich ebenfalls hier. — Nun und dann? — In fünf Minuten ſind ſie... wenn Ew. Majeſtät erlauben, gefangen und hinter Schloß und Riegel ge⸗ bracht. — Ah! Diejer kurze Ausruf war die einzige Antwort der Kaiſerin. — Im Gefängniß ſchreiben wir ihnen diejenigen Ge⸗ ſetze vor, die uns gut dünken. Der König hat Ew. Ma⸗ jeſtät ſchwer beleidigt und der Aufruhr, der ſo eben im Schloß ausgebrochen iſt, dürfte ebenfalls auf ihre Rech⸗ nung geſchrieben werden. Sie ſind vollkommen berechtigt; was antworten Ew. Majeſtät? 4 Die Augen der Kaiſerin wanderten von Subow auf Markow und wieder von Markow auf Subow. — Ew. Majeſtät antworten nicht? 4 Ein unerwartetes dumpfes Gemurmel unter denjeni⸗ 654 gen, die in den äußeren Zimmern ſtanden, zog jetzt die Aufmerkſamkeit der Kaiſerin an. Sie ſah, daß das Hof⸗ perſonal Spaliere bildete, wie wenn eine hochwichtige Perſon zwiſchen den Reihen hinſchritte. Kopf um Kopf verneigte ſich ehrerbietig, und als die Perſon näher kam, der dieſe Ehre erwieſen wurde, bemerkte man ſogar, daß Einer um den Andern das Zeichen des Kreuzes machte. Was bedeutete das?2 Die ankommende Perſon näherte ſich jetzt der Schild⸗ wache vor der nächſten Thüre, und die Kaiſerin ſah eine ſchwarzlockige Frau von mittlerem Alter mit einem inter⸗ eſſanten, blaſſen Geſicht eintreten. Die Haltung der Un⸗ bekannten war majeſtätiſch, ihre Kleidung prachtvoll. Langſam und würdevoll ſchritt ſie voran. An ihrer Seite ging ein Mädchen, eher häßlich als ſchön. Bald ſtand die Unbekannte vor der Kaiſerin, ohne daß dieſe ſie erkannte. Die Augen Beider begegneten ſich. Die Fremde hatte in ihrer Erſcheinung Etwas, was eine unwillkür⸗ liche Verehrung einflößte; aber kaum hatten die Blicke beider Damen ſich begegnet, ſo erkannte die Kaiſerin... — Marfal rief ſie, Marfa! Das Mädchen an Marfa's Seite war Lechi. Aus dem Vorhergehenden wiſſen wir, daß die Kai⸗ ſerin Worowitſch zu Marfa abgeſchickt mit dem Befehl, ſich am folgenden Tag im Schloſſe einzufinden, und daß ſie ihm ihren Siegelring anvertraut hatte. Wir wiſſen auch, daß der Gendarme Riſchsky von Orlow den Be⸗ fehl erhalten hatte, ſie nebſt Andreas zu verhaften. Einige Augenblicke, nachdem Orlow die Kaiſerin verlaſſen hatte, ging er in ſeinen Zimmern im Schloſſe auf und ab. Er befand ſich in einem fortgeſetzten Zuſtand der Gährung, was ihn indeß nicht verhinderte, zu handeln und zu überlegen. 65⁵ Während er auf und ab ſchritt, fuhr ein Gedanke nach dem andern durch ſeinen allzeit plänereichen Kopf. Man ſollte vielleicht glauben, er habe ſich nach ſei⸗ nem Beſuche bei der Kaiſerin in einer Art von Ver⸗ zweiflung befunden, zumal da der Befehl in Betreff Döring's ſtreng und beſtimmt lautete; aber das war nicht der Fall. Im Gegentheil war er nach dieſem Be⸗ ſuche zufriedener als vorher. Orlow hatte nämlich da⸗ bei tiefer in den Zuſtand der Kaiſerin geblickt, als ſie ſelbſt ahnte. Er hatte nicht bloß die Zerſtörung in ih⸗ rem Aeußern bemerkt, auch die Zerſtörung in ihrem Innern war ihm nicht entgangen. Hätte er noch fort⸗ während in ihrer Gunſt geſtanden, ſo würden dieſe Ent⸗ deckungen ihn beunruhigt haben; aber als Feind und nach der ſeindſeligen Behandlung, die er erlitten, ur⸗ theilte er anders, und er freute ſich, eine Verheerung zu ſehen, welche ihm die Gewißheit gab, daß er, wenn er ſich nur noch ganz kurze Zeit zu behaupten vermochte, bald Nichts mehr zu fuͤrchten haben würde; denn der Schlag, der ſie in Folge von Guſtav's Weigerung ge⸗ troffen, war augenſcheinlich in Seele und Herz, durch Mark und Bein gedrungen, und hatte mit der ſcharfen Schneide einer Todesſichel ihre Kräfte verheert. Er begann alſo bereits neue Pläne auf die Aſche der toͤdten Katharina zu bauen, und er kam dabei ſo weit, als ſeine Hoffnungen ſich je erſtreckt hatten. Miit Katharina's Tod.. er dachte ſich auch Dö⸗ ring als nicht mehr vorhanden... war ja dieſe ganze Geſchichte aus und es begann eine neue, in welcher Willanow noch einmal eine Rolle für ihn ſpielen konnte. Während dieſer Betrachtungen hörte er ein dumpfes Getöne unter ſich. Die Fallthüre ging auf und der rothhaarige Riſchsky kam zum Vorſchein. — Willkommen, Niſchsky! rief er ihm entgegen. Du biſt heute Abend flink geweſen und Deine Beloh⸗ nung ſoll auch darnach ausfallen. Die Gefangenen ſind wohl bereits an Ort und Stelle? 656 — Keine Belohnung, Herr, antwortete Niſchsky. Ich verdiene keine. — Wie ſo? Erbittert ballte Orlow ſeine Fauſt; Zorn flammte aus ſeinem Geſichte. — Verſtehe ich Dich recht? Sollten Marfa und Andreas noch frei ſein? — Gnädiger Herr Graf, es iſt nicht meine Schuld. Wie Sie mir befahlen, begab ich mich mit zwei bedeck⸗ ten Wagen und genügender Mannſchaft auf den Weg. Wir waren muthig und munter, weil wir wußten, was wir zu thun hatten, und wir thaten uns vorher noch in der erſten beſten Schenke gütlich. Es koſtete mich mein ſchönes Geld, Herr Graf, aber ich glaubte damals, nie würden es mir erſetzen; jetzt kann ich es nicht mehr hoffen. — Sei nicht ſo umſtändlich, ſondern faſſe Dich ſo kurz als möglich. Ihr waret auf dem Weg, ſagſt Du? — Mehr als auf dem Weg, Herr, wir waren be⸗ reits halbwegs und ſogar noch weiter, als wir einem von Strelna herkommenden Wagen begegneten. Sie wiſſen, Herr Graf, daß wir unſere Augen bei uns ha⸗ ben, wenn wir draußen ſind. So ſchauten wir auch jetzt in's Innere des Wagens hinein, und glaubten zu unſerer Freude ſogleich Niemand anders als Marfa ſelbſt und Ihren Bruder darin zu entdecken. Bums halt, gnädiger Herr Graf, und im Nu war der Wagen umringt. — Nun... und dennoch. — Und dennoch ſind ſie uns entwiſcht. Es iſt ein Wunder, gnädiger Herr Graf, aber Marfa iſt ja auch eine Hexe... Wie geſagt, wir hatten ſte alle Beide. Ihr Bruder, Herr Graf, wollte zwar aus dem Wagen ſpringen, aber wir wußten, wie heftig er iſt, und gaben es nicht zu. Alles ging vortrefflich. Ich hatte ein Paar Schraubenſchlöſſer mitgenommen und war juſt be⸗ ſchäftigt, ſie an den Wagenſchlägen zu befeſtigen, da ge un im ge wi mi in He al⸗ kor erhielt ich einen Degenhieb über den Rücken, der mich gerade wie eine Knute kitzelte. Wüthend drehte ich mich um in der Abſicht, den Schlag zurückzugeben. — Wer war der Unverſchämte, der es wagte, Dich im Dienſt anzugreifen? 3 — Ein Juüngling, Herr, ſchlank und hoch, aber geſchmeidig und ſtark wie ein Mann. Derſelbe, den wir einmal bei Strelna verhafteten. — Worowitſch? — Allerdings, Herr. Worowitſch hieß er. — Ihr machtet doch kurzen Prozeß mit ihm? — Zum Teufel, Herr, er machte kurzen Prozeß mit uns. — Feige Canaillen! — Sie ſtrafen mich allzu hart, Herr. War ich je in meinem Leben feig? Haben nicht Sie ſelbſt geſagt, Herr, es ſei eben ſo ſchwer, meinen Muth zu zügeln, als gefährlich, ihn loszulaſſen? — Noch einmal, halte Dich an die Sache. Wie konnte wohl dieſer Junge Euch in die Flucht jagen? — Wir zeigten die Polizeiordre, Herr. — Und er reſpektirte ſie nicht? 2. — Er zeigte den Siegelring der Kaiſerin, gnädi⸗ ger Herr. Orlow wandte ſich erbittert von Niſchsky ab; er knirſchte mit den Zähnen, ſeine Augen ſprühten Feuer. — Die Kaiſerin, murmelte er, kreuzt meine Wege... Möge der Teufel bald... Er vollendete ſeinen Satz nicht. — Wohin begaben ſich Marfa und Andreas? Wo ſind ſie? — Sie ſind hier, Herr Graf. — Hiexr? im Schloß? 3 — Wie ich ſage, Herr Graf. Sobald wir den Siegelring der Kaiſerin erblickten, geſtatteten wir den Reiſenden freie Fahrt und ſtiegen wieder in unſere Wa⸗ gen; aber ich konnte keine Ruhe in meiner Seele he⸗ Der Fürſt. II. 4² 658 kommen, bis ich meinen Rapport bei Ihnen gemacht hätte. Ich ließ alſo friſch darauf zufahren, und ſo hat⸗ ten wir Marfa bald überholt und eilten hieher. Es ging, als hätte der Satan ſelbſt auf dem Bock geſeſſen... aber mit Verlaub zu ſagen, er fuhr dießmal ganz ſo, wie ein anderer vornehmer Herr, der drinnen ſitzt. — Du ſagteſt, Marfa und Andreas ſeien hier. — Wir überholten ſie, Herr Graf, ſagte ich, und wir ſahen, daß ihr Wagen dicht hinter uns einherkam. Als ich aus dem Wagen ſprang, ſah ich den ihrigen bei der Admiralität, und als ich in der Polizeiſtube un⸗ ten ankam, ſah ich durch's Fenſter, daß ſie vor dem Schloß anhielten. Mit haſtigen, kurzen und unruhigen Schritten ging Orlow auf und ab. Unwillkürlich drängten ſich ihm einige Gedanken auf. Was bedeutete alles das? Aus welcher Veranlaſ⸗ ſung hatte Worowitſch den Siegelring der Kaiſerin er⸗ halten? Waren Marfa und Andreas zu ihr berufen worden oder fanden ſie ſich freiwillig ein? Aber ſo ſchnell dieſe Fragen auftauchten, ebenſo ſchnell beantwortete er ſie auch. — Sie will ſich wahrſagen laſſen, murmelte er. Ein verächtliches Lächeln flog dabei wie ein Licht⸗ ſchein über ſein Geſicht. — Aber, ſagte er bei ſich ſelbſt, wenn Marfa jetzt wirklich dieſelbe wäre, die meinem Bruder die Rolle⸗ Tarrakanow's vorzuſpielen ſucht, was kann ich dann mehr wünſchen, als daß ſie Zutritt bei der Kaiſerin erhält? 4 Niſchsky ſtand noch im Zimmer. Dieſer neue Gedankengang machte Orlow wahrhaft glücklich. — Die Hölle lächelt mir noch freundlich zu, fuhr er fort; in Wahrheit, die Sache würde ſich ja in dieſem Falle ganz natürlich und einfach, ohne alles Zuthun von meiner Seite, entwickeln. wo At der Seine Stirne verfinſterte ſich indeſſen. — Es iſt dennoch nicht wahrſcheinlich, ſagte er weiter, daß ſie ſich ſelbſt der Gefahr ausſetzt, der Kaiſe⸗ rin zu verrathen, für wen ſie ſich ausgibt. Von dieſen Betrachtungen hingeriſſen, begann Or⸗ low laut zu denken: der Gedanke entlehnte die Hilfe des Wortes, um deſto deutlicher zu werden. 3 denöblih blieb er ſtehen. Seine Stirne klärte ſich wieder. — Während ſie bei der Kaiſerin iſt, ſagte er, will ich auftreten und ihr die Maske abreißen. Mein Bru⸗ der muß mein Zeuge ſein, und Marfa wird durch ihre eigene Lüge zu Fall gebracht werden. — Aber ich muß ſie ſehen. Niſchsky! — Herr! — Iſt Marfa ſchon bei der Kaiſerin vorgelaſſen worden? — Sie ging ſo eben durch das Thor hinein. — Ich werde ihr begegnen. Daß Worowitſch den von der Kaiſerin empfangenen Auftrag an Marfa ausgerichtet, haben wir bereits aus dem Vorhergehenden erſehen; aber daraus folgt nicht, daß man auch den Grund einſieht, warum Marfa ſich ſchon am Abend fortbegeben und die von der Kaiſerin feſtgeſetzte Zeit nicht abgewartet hatte. Die Sache verhielt ſich folgendermaßen: Der Leſer weiß, daß Andreas ſich zufällig an dem⸗ ſelben Abend wie Guſtav Adolph in der Kaſan'ſchen Kirche befand und daß er, ohne es zu wollen, ein ge⸗ heimes Geſpräch zwiſchen Subow und Orlow, in Be⸗ treff eines Plans, um die Verbindung zwiſchen Guſtav und Alexandra zu hintertreiben, anhörte. 2 Dieſer Umſtand veranlaßte ihn damals ſogleich— wenn der Leſer ſich noch erinnern wird— einige Worte der Warnung zu dem König zu ſprechen. 660 Der Vorfall würde indeß auf den Gang der Er⸗ eigniſſe nicht eingewirkt haben, weil Andreas die Sache gänzlich vergeſſen hatte; aber Worowitſch's Ankunft mit dem Befehl der Kaiſerin, friſchte ſein Gedächtniß auf, und er erzählte jetzt, was er gehört. Marfa, die von Worowitſch auch erfahren hatte, wie edelmüthig ſich die Kaiſerin gegen ſeine Eltern, gegen ihn ſelbſt und ſeine Schweſter bewieſen, beurtheilte ſie bereits mit milderen Gefühlen und beſchloß daher, ſogleich und unverzüglich der Intrigue der Günſtlinge dadurch wo möglich vor⸗ zubeugen, daß ſie in's Schloß eile und die Kaiſerin warne. Dieſen Beſchluß faßte ſie indeß nicht bloß aus Dankbarkeit für die Güte, womit die Kaiſerin ihre Freunde behandelt, ſondern auch weil Alexandra ihr bei ihrem Beſuch eine aufrichtige Freundſchaft und Zunei⸗ gung eingeflößt hatte. Bevor alle dieſe von zwei Seiten ihr zugekommenen Nachrichten ihr den erwähnten Gedanken eingegeben hat⸗ ten, verging die Zeit und man machte ſich erſt ſehr ſpät auf den Weg. Das Zuſammentreffen auf der Landſtraße mit Niſchsky haben wir bereits geſchildert. Orlow hatte ſeinen Platz auf der oberſten Treppe eingenommen, unter einer Lampe, die ihren klaren Schein weit um ſich her verbreitete, obſchon er ſelbſt im Schatten ſtand. Marfa war bereits auf der unterſten Treppenſtufe. Mit dem funkelnden Auge eines lauernden Tigers be⸗ trachtete Orlow ſie. Er erkannte ſie auch ſogleich als diejenige, die er in Strelna geſehen hatte, und dennoch war ſie ſich ganz ungleich. Aber die Urſache dieſer Ungleichheit vermochte er nicht auf den erſten Blick zu entdecken. Seine Aufmerkſamkeit wurde immer ſchärfer und durchdringender. Stufe um Stufe ſchritt Marfa die Treppe hinan. Wie der Tiger allen Bewegungen ſeines Feindes ſolgt, ſo folgte auch er den ihrigen. Jetzt leuchtete es ihm auf einmal ein, warum ſie ihm ſo ganz anders vorkam zu an dem Abend, wo er ſie zum erſten Mal geſehen hatte. Die Urſache lag in ihrem Aufzug. Sie trug jetzt nicht den gewöhnlichen langen, knapp⸗ anliegenden Rock nebſt Mamelucken, ſondern ein pracht⸗ volles Kleid vom feinſten Purpurſammt, reich mit Gold geſtickt und mit Juwelen durchwirkt. Auf ihrem Haupte ſtrahlte ein kleines Diadem, un⸗ gefähr in Geſtalt einer halben Krone. Unwillkürlich ſtutzte er zurück, als er ſie jetzt be⸗ trachtete, denn dieſes Gewand... er traute ſeinen Au⸗ gen kaum... dieſes Gewand hatte er ſchon geſehen... es war ihm vollkommen bekannt... er hatte es ſogar ſelbſt einkaufen geholfen... er hatte die Stickerei be⸗ ſtellt... und dann dieſes Diadem... auch das hatte er ſelbſt gekauft. Aber damit war es noch nicht genug. An einer Kette um Marfa's Hals hing überdieß ein Kreuz, das ſein hoher Verwandter, der nunmehr verſtorbene Fürſt Orlow, ſelbſt getragen, und das er zu wiederholten Malen an ihm bewundert hatte. Von Marfa's Aufzug wandte ſich ſein Blick wieder zu ihrer Geſtalt und ihrem Geſicht zurück. In welch einem andern Lichte zeigten ſie ſich nicht jetzt? Die Majeſtät war nicht entlehnt, ſie war angeboren. Die allerdings von der Zeit verheerten Züge beſaßen noch eine unvergängliche Würde und Schönheit. Die Erin⸗ nerung an ein ſeiner Seele längſt entſchwundenes Bild erhob ſich wieder aus dem Grabe der Vergeſſenheit. Erſtaunt zog er ſich tiefer in den Schatten zurück, wo er ſtand. Wäre ein mächtiges Geſpenſt mit den Attri⸗ buten des letzten Strafgerichts vor ihm erſchienen, ſein Anblick hätte ihm kein größeres Entſetzen einflößen kön⸗ nen. Marfa war alſo wirklich... Der Name erſtarb auf ſeinen Lippen. 662 Eine unbeſchreibliche Angſt erwachte in ſeinem In⸗ nern. Alte Erinnerungen ſprachen mit dem Poſaunen⸗ ton des jüngſten Tages zu ihm. Das Gewiſſen, das er bisher gehoöhnt hatte, ſtand lebendig vor ſeinen Augen. Seine Gedanken verwirrten ſich: ſie verwandelten ſich für ihn in marternde Geißeln. Die Pulſe, die kaum noch ſo heftig geſchlagen, ſtockten, als wären ſie verſtei⸗ nert. Das Haar ſtand ihm zu Berge. Marfa kam immer näher und näher. Wären alle abgeſchiedenen Geiſter der Welt ihren Gräbern entſtie⸗ gen, er würde keinen andern geſehen haben als ſie. So glücklich ihn vorher der Gedanke gemacht hatte, Marfa vor der Kaiſerin entlarven zu können, ſo ſehr bebte er jetzt davor. Aber ein neuer Gedanke erfüllte ihn jetzt mit Schrecken: nämlich daß Marfa ſelbſt nur in der Abſicht komme, um zu entdecken, wer ſie ſei. Das Todesurtheil ſchwebte alſo über ſeinem Haupte. Nur eine augenblickliche kühne That konnte ihn retten. Er war auch dazu bereit. Als Marfa die oberſte Treppenſtufe betrat, ſchlug Orlow heftig in ſeine Hände, ſo daß es laut klatſchte. Augenblicklich kamen jetzt, wie aus den Mauern ſelbſt, mehrere Perſonen heraus, die ſämmtlich der geheimen Polizei angehörten. Orlow blieb beharrlich im Schatten unter der Lampe ſtehen. — Verhaftet dieſes Weib! befahl er mit lauter Stimme; verhaftet dieſes Weib! Die Schergen eilten hervor in der offenbaren Ab⸗ ſicht, über Marfa herzufallen; aber als ſie bis auf we⸗ nige Schritte zu ihr kamen und in dem hellen Lampen⸗ ſcheine die Wahrſagerin von Strelna erkannten, da blie⸗ ben ſie auf einmal, wie vor einer Heiligen, feſtgewurzelt ſtehen, und mehr als Einer erhob die Hand zu einer frommen Bekreuzung. Orlow war außer ſich vor Wuth, als er die Zag⸗ haftigkeit ſeiner Leute ſah. — Schurken! rief er; was ihr nicht wagt, thue ich ſelbſt; aber zittert vor meiner Strafe. Mit einem Sprung, ſo wie ihn der Tiger nimmt, wenn er ſich auf das Lamm wirft, warf ſich Orlow über Marfa her; aber er erreichte ſie nicht, denn eine rieſenſtarke, eiſerne Hand ergriff ihn in der Luft. Dieſe kraftige Hand war die ſeines Bruders An⸗ dreas. Voll Beſtürzung ſah er ſich jetzt Angeſicht zu An⸗ geſicht ihm gegenüber. Wie ſehr hatte er ihn geliebt, ohne ſich jedoch da⸗ durch abhalten zu laſſen, auf eine grauſame Art mit ſeiner Ehre und ſeinen Gefühlen zu ſpielen, und jetzt... jetzt brauchte er ihm nur in die Augen zu ſchauen, um ſich zu überzeugen, daß er ſeinem ergrimmteſten Tod⸗ feind in die Hände gefallen war. Vergebens krümmte ſich Orlow, um ſich den Hän⸗ den des Rieſen zu entwinden. — Rettet mich, rief er, helft mir... hierher... hierher... Sobald es ſich nur nicht um einen Kampf mit Marfa handelte, waren ſeine dienſtbaren Geiſter zu Al⸗ lem bereit. Muthig griffen ſie alſo Andreas an. Die Waffen klirrten, Drohungen wurden ausgeſtoßen, Flüche ertön⸗ ten, ein wirres Geſchrei erhob ſich. Auf einen Augen⸗ blick gelang es auch, ihm den Raub zu entreißen. Aber Andreas war eine nicht minder wilde Natur als Orlow. Waren ſeine Leidenſchaften einmal losge⸗ laſſen, ſo rasten ſie wie gewaltſame Stürme. Sobald Orlow ſich frei fühlte, ſuchte er wegzu⸗ ſchleichen; aber wenn Andreas auch durch den unerwar⸗ teten Angriff auf eine Weile aus der Faſſung gebracht worden war, ſo bahnte er ſich doch jetzt unerſchrocken mit ſeinen Fäuſten einen Weg durch den Sklaventroß, der alle ſeine Kräfte aufbot, um ihn zurückzuhalten. Rechts und links ſtürzte bei jedem Schlag, den er 664 führte, ein Opfer nieder, und bald hatte er die Phalanr durchbrochen. Das erſchlaffende Gefühl der Feigheit war Orlow in ſeinem ganzen Leben unbekannt geweſen, und den⸗ noch übermannte es ihn jetzt. Aber Marfa betrachtete ihn, und es war ihm, als ſchleudere ſein eigenes Gewiſſen durch ſie ſeine Verach⸗ tung in ſein Herz hinab; aber nicht blos das... derje⸗ nige, der ihn angriff, war auch ſein eigener Bruder; deß⸗ halb entſank ihm der Muth und er entfloh. Andreas verfolgte ihn. Dieſe ungeſchlachte Natur überlegte und wußte jetzt nicht mehr, was ſie that. Er gehorchte der Stimme in ſeinem Innern, wie das Segel⸗ boot dem Winde gehorcht und ſich von ihm forttreiben läßt. So drang er immer weiter, ohne zu bedenken, wohin. dlbin war nach der Treppe zu einem obern Stock eeilt. 1— Rettet mich! erſcholl es dumpf, während er ſich immer mehr entfernte, rettet mich! Andreas folgte ihm Schritt für Schritt, ſeinerſeits ver⸗ folgt von den Polizeidienern. Auf ſeiner Flucht erinnerte ſich Orlow an das Zim⸗ mer Nr. 51, daſſelbe, das er in ſeinem Schreiben an Döring als den Ort eines Rendezvous mit einem Freunde bezeichnet hatte. Hieher beſchloß er zu fliehen, hier wollte er ſich retten. Er, der ſich niemals gefürchtet, nie vor einer Ge⸗ fahr ſich zurückgezogen, ſondern ſolche eifrig geſucht hatte, um ſie dann auf kluge Art für ſeine Intereſſen auszu⸗ beuten, welche entſetzliche Angſt empfand er nicht in dieſem Augenblick! Aber wenn er ſich vorher nicht fürchtete, warum fürchtete er ſich jetzt? Es gibt Etwas, was ſeit dem Kampf zwiſchen Cain und Abel ganz beſonders entſetzlich auf alle Sprößlinge vor ein len! Ga vor nig ber um ſein den ver blie treſ ſtür lich hat geg und ſtell ſchr ſich mar Uel ſche tret gez⸗ mit von Cain's eigenem Blute wirkt, und dieſes Etwas iſt ein Brudermord. Orlow floh. Unter beſtändigem Geſchrei und ſchal⸗ lenden Flüchen ging es von Treppe zu Treppe, von Gang zu Gang. Bereits ſah er die Thüre von Nr. 51 vor ſich und er hoffte zu entkommen. Noch einige we⸗ nige Schritte und er war am Ziel... jetzt hatte er bereits die Hand am Schlüſſel und raſch drehte er ihn um und zog ihn aus dem Schloſſe. Die Schritte ſeines Bruders ertönten immer näher. Mit einem Sprung war Orlow im Zimmer; aber ſeine Hand glitt aus, als er auf der innern Seite nach dem Schlüſſel greifen wollte, um die Thüre wieder zu verſchließen, und Andreas ſtieß dieſelbe in dieſem Augen⸗ blicke auf. Das Zimmer, wo ſie ſich befanden, war ein En⸗ treſol. Die Fenſter gingen bis tief auf den Boden herab. Mit einem wilden Geheul, dem eines Bären ähnlich, ſtürzte Andreas über ſeinen Bruder her. Ein ſchreck⸗ licher Kampf auf Leben und Tod entſtand jetzt. Orlow hatte ſeinem Bruder zwar keine entſprechenden Kraͤfte ent⸗ gegenſtellen; aber er beſaß Verſtand, Berechnung und Liſt. Um ſeinen entſetzlichen Fäuſten, dieſen zwei rührigen und lebendigen Herkuleskeulen, nicht allzu ſehr bloßge⸗ ſtellt zu ſein, ſchlug er die Arme um ſeinen Leib, ſchmiegte ſich mit dem Kopf an ſeine Bruſt und drückte ſich ſo nahe an ihn, wie die Rinde an den Stamm. Auf den Gängen und Treppen hinter ihnen, hörte man noch das Geſchrei und die eiligen Tritte der Uebrigen. Bald waren ſie auch an Ort und Stelle. Ihr Er⸗ ſcheinen machte Andreas nur noch wüthender. 4 Eine abſcheuliche Scene bot ſich jetzt den Herein⸗ tretenden dar. 5 Der Kampf hatte ſich an die tiefgehenden Fenſter gezogen. Andreas hielt Orlow in die Höhe, um ihn mit einem einzigen Schlag an dem ſteinernen Boden zu ——— 666 zerſchmettern; aber Orlow's Arme waren frei und er ergriff Andreas beim Kopfe. Der Augenblick war entſcheidend. Orlow wurde zu Boden geſchleudert, aber er ließ ſeinen Griff nicht los. Andreas ſtrauchelte und er fiel gegen das Fenſter. Dieſes zerſprang in Scherben und alle Beide ſtürzten hinaus. Die Polizeiheiducken eilten herbei, aber ſie kamen zu ſpät. Ohne ſich aufzuhalten, kehrten ſie jetzt um und eilten auf den Platz, wohin die kämpfenden Brüder gefallen waren; aber wie ihre Ueberraſchung erklären, als ſie am Fuße der Schloßmauer nur einen einzigen von ihnen vorfanden! Dieſer einzige war Andreas, der mit zerſchmetterten Kopf unbeweglich und todt dalag; Orlow dagegen kam nicht zum Vorſchein, er war verſchwunden. Der Lärm und die Verwirrung, die durch dieſes Ereigniß hervorgerufen wurde, in Verbindung mit dem allgemeinen Glauben an eine beinahe beſtändig drohende Revolution am ruſſiſchen Hofe, erſchreckten Danilowna's leicht erregbare Phantaſie und veranlaßten ſie zu ihrem erſten Ausruf, daß eine Revolution ausgebrochen ſei. Dieſes Wort iſt, einmal ausgeſprochen, eines von denjenigen, die leicht über die Lippen kommen. Marfa blieb eine Weile auf dem Platz ſtehen, wo Orlow ſie anzugreifen geſucht hatte. Sie hatte tief in Andreas' Inneres geblickt und kannte zu gut die koloſ⸗ ſalen Leidenſchaften, die darin rasten, als daß ſie nicht, als die beiden Brüder jetzt zuſammenſtießen, eine ſchreck⸗ liche Kataſtrophe vorausgeſehen hätte. Sie wollte auch in's Mittel treten; aber theils konnte ſie ſich nicht durch ihre Umgebung hindurcharbeiten, theils verſchwanden ———— auch die beiden Kämpfenden bald auf der Treppe nach dem obern Stock. Das Geſchrei: Revolution! das jetzt von Stock zu Stock, von Zimmer zu Zimmer erſcholl, ſowie das von allen Seiten herbeiſtrömende Hofperſonal, brachte auch ſie aus der Faſſung. Als ſie die Nachricht erhielt, daß die beiden Brüder zum Fenſter hinaus geſtürzt ſeien, ſank ſie auf ihre Kniee nieder und verrichtete ein Gebet. Ruhig und ernſt erhob ſie ſich dann und ſetzte ihren Gang fort. Worowitſch, Lechi und Alexandrowitſch folgten ihr. Wir haben bereits erzählt, daß die Kaiſerin ſie wieder erkannte. — Marfa, hatte ſie gerufen, Marfa! Aber die Stimme war nicht feſt, die Ausſprache unſicher. Es war nicht eine Wahrſagerin, welche die Kaiſerin vor ſich ſah, ſondern die ganze Erſcheinung verkündete eher eine Fürſtin. Es war Marfa, und doch war ſie es nicht. Wer war Marfa? Marfa's Vorausſagungen ſtanden lebhaft vor der Seele der Kaiſerin. Sie hatte ihr prophezeit, daß ſie bald auf ihrem Sterbebette liegen würde; aber ſie hatte auch geſagt, daß Tarrakanow an demſelben erſcheinen würde. So manche aufregende Gefühle ſtürmten jetzt auf die Kaiſerin ein, daß eine ganz eigenthümliche, wunder⸗ ſame Stimmung ſie überkam. — Verlaßt mich, befahl ſie ihrer Umgebung, ver⸗ laßt mich!. Noch zögerte man und war unſchlüſſig, ob man ihrem Wunſch nachkommen ſollte, denn ihre Lage er⸗ ſchien beunruhigend. 1 — Ich wünſche mit Marfa allein zu ſein, ſagte ſie noch einmal und winkte Allen, ſich zu entfernen. Das Hofperſonal zog ſich in's äußere Zimmer zu⸗ rück, ohne die Thüren zuzumachen. 668 Marſa ſchien den nunmehr vollzogenen Befehl als Etwas erwartet zu haben, was ſich bei ihrem Ver⸗ hältniß zur Kaiſerin von ſelbſt verſtehe. Lechi hatte ſich fortwährend mit zwei Kränzen, einem rothen und einem weißen, an ihrer Seite ge⸗ halten, begab ſich aber jetzt zu Alexandra hinein. — Ew. Majeſtät, erhob Marfa ihre Stimme, Sie ſcheinen darüber verwundert, daß ich mich früher, als ich berufen worden, hier eingeſtellt habe; aber ich wollte Ew. Majeſtät warnen, wollte Sie warnen... bevor... Die Kaiſerin betrachtete Marfa jetzt, als hätte ſie ein mächtiges, unbegreifliches Weſen vor ſich. — Bevor? wiederholte ſie. — Bevor meine Prophezeiung in Erfüllung ginge ... aber ich komme zu ſpät. Die Frucht unſerer Tha⸗ ten reift ſchnell, wenn wir auf der Gränze zwiſchen dem Leben und dem Tod ſtehen. Dieſelbe Vorſehung, die uns ſo lange geduldig durch die Welt folgt, erforſcht am Rande des Grabes ſchnell unſere Herzen und fällt in einem Augenblick ihr Urtheil. Ihr Urtheil iſt gefällt, Kaiſerin... — Sie wiederholen es? — Wenn das Herz über die Politik vorherrſcht, handelt es mit wahrer Klugheit und wahrem Verſtand, mit Freundſchaft und Liebe; herrſcht dagegen die Politik über das Herz vor, ſo wird es hart und ſelbſtſüchtig, kalt und eigennützig. Im Zimmer hieneben liegt ein neues Opfer Ihrer Selbſtſucht. Die Kaiſerin zitterte. — Dieſer Schlag hat alle Ihre Berechnungen ver⸗ nichtet, Ihre Kräfte erſchüttert, Ihr Leben gebrochen. Erinnern Sie ſich noch an Tarrakanow? Auch ſie ſiel als Opfer einer kalten und harten Politik. — Nein, nein, antwortete die Kaiſerin. Ihre Be⸗ ſchuldigung iſt ſchrecklich und ungerecht, Tarrakanow's Tod befleckt mich nicht. Nein, nein! un ihr ihr vor Fre den mit ihn ſcht lon wer Ei Dieſer Gegenſtand machte die Kaiſerin immer eifrig und hitzig. — Ich zeuge gegen Sie. Die Kaiſerin war außer ſich, aber jetzt drängte ſich ihr ein Gedanke auf, der bald deutlich und klar vor ihr ſtand. — Ha, rief ſie, dieſe Anklage iſt eine neue Kabale von Orlow. Aber ich werde ſeine Vermeſſenheit und Frechheit zu beſtrafen wiſſen. Kommt herein! rief ſie dem Hofperſonal zu, kommt herein! Das Zimmer füllte ſich wieder. Die Kaiſerin blickte mit herausforderndem Stolz um ſich. — Schaffet Orlow herbei! ſagte ſie. Ich will mit ihm ſprechen. Hieher mit ihm! Auch dieſes Weib be⸗ ſchuldigt mich wegen des Todes der Tarrakanow. Or⸗ low und ſie ſtehen im Complott mit einander; aber ich werde ihnen die Masken von ihren Geſichtern reißen. Ein Mord. Ha, es iſt ſchrecklich! Meine Krone iſt ſchwarz, wenn ſie von den Fingern eines Mordengels berührt wird. Die Leiden der Kaiſerin gaben ihrem Verdruß be⸗ dindis neue Nahrung. Sie wandte ſich wieder zu arfa — Nehmen Sie Ihre Anklage zurück, ſagte ſie, neh⸗ men Sie dieſelbe zurück. Auf ein Wort von mir ſpringt ein Blitz aus meinem Zepter und zermalmt Sie. Neh⸗ men Git die Anklage zurück. Ich nehme ſie nicht zurück. — Wohlan denn, ſo werde ich Sie mit Orlow und Orlow mit Ihnen vernichten. Orlow hat erklärt, daß Tarrakanow noch lebe... Ha... da iſt der Bote. wo iſt Orlow? — Er iſt todt, Ew. Majeſtät. — Die Kaiſerin fuhr zuſammen. — Todt? wiederholte ſie. Todt? Und er hat ſeine Anklage mit ſich in's Grab genommen. Weh mir! 670 Ihre Aufregung erſtickte auf einen Augenblick ihre Stimme. Tarrakanow getödtet? ſtammelte ſie. O mein Gott, mein Gott! Aber mit entſchloſſener Haltung richtete ſie ſich wie⸗ der auf und wandte ſich von Neuem gegen Marfa. — Sie ſind alſo meine einzige Anklägerin, die ein⸗ zige Perſon, die auftritt, um mich vor der Mit⸗ und Nachwelt eines Verbrechens zu zeihen, das eine Blut⸗ ſchuld auf mein Leben wirft. Fürſt Raszanowsky näherte ſich der Kaiſerin. — Ew. Majeſtät, ſagte er, erlauben Sie mir, ein Wort zu ſprechen? — Was wollen Sie ſagen? — Sie haben meine Familie und mich mit einer Güte behandelt, die uns zu ewigem Dank verpflichtet, und ich kann meine Freude darüber nicht unterdrücken, daß ich dazu beitragen zu können glaube, Ihre Seele von den Qualen zu befreien, welche der Gedanke, einer ſolchen Unthat geziehen zu werden, in Ihnen erregt. — Sie, mein Fürſt? — Marfa geht zu weit, Ew. Majeſtät. Ich kann es beweiſen. — Wie... Sie, Fürſt... ach, was ſagen Sie? Sollte mein Edelmuth gegen Sie ſo bald belohnt wer⸗ den? Erklären Sie ſich deutlicher. Sie behaupten, beweiſen zu können, daß Marfa zu weit gehe. — Auch der Abbé und meine Frau können es be⸗ zeugen. — Sie können es? 71 Ja, Ew. Majeſtät, weil Tarrakanow nicht todt iſt. — Nicht todt? Es ſollte alſo wahr ſein, daß ſie noch lebt? Die Frage wird immer verwickelter. Wache herbei! Man verhafte Marfa! — Nicht ſo, Ew. Majeſtät, bemerkte der Fürſt, Ihr Herz wird nicht zugeben, daß... Daß, unterbrach ihn Marfa, die einzige lebende Zeugin gegen Sie verhaftet wird, denn dieſe Zeugin iſt... Iſt. Tarrakanow ſelbſt. Die Kaiſerin ſtützte ſich einen Augenblick auf den Divan, dann ſank ſie in denſelben zurück. — Ew. Majeſtät, fuhr Tarrakanow mit unerſchüt⸗ terlicher Strenge fort; es iſt nicht Ihr Verdienſt, daß ich dem Tode zentging. Dieſes Verdienſt gebührt einem alten treuen Diener. Marfa ſah ſich um, und als ſie Alexandrowitſch an der Thüre entdeckte, winkte ſie ihn zu ſich. — Sehen Sie hier, Ew. Majeſtät, den Mann, der mich rettete; die Leiche, die man in der mit Waſſer angefüllten Grube fand, war ſeine Frau. Alexandro⸗ witſch, fügte ſie hinzu, neunzehn Jahre unſeres Lebens ſind eine fortgeſetzte Reihenfolge von treuen Opfern Deinerſeits und innigem Danke meinerſeits geweſen; noch einmal... Dank, mein Freund. Die Kaiſerin blieb ſtill. Unverwandt ruhte ihre Aufmerkſamkeit auf Tarrakanow. — Unzweifelhaft, ſagte ſie endlich, ſind Sie Tar⸗ rakanow. Ich erkenne jetzt in Ihren Zuͤgen eine ent⸗ fernte Aehnlichkeit mit Eliſabeth. Sie ſagen, ich habe Ihren Tod gewollt; aber ich leugne es. — In der ganzen gräßlichen Geſchichte, die ſich an meinen Namen knüpft, bemerkt man Ihren Finger. Die Kaiſerin brauste auf, um mit einer neuen gewaltſamen Anſtrengung ihre Ehre zu vertheidigen. — Nein, rief ſie, nein, neint Eine unruhige Bewegung ließ ſich in dieſem Augen⸗ blick von den äußeren Zimmern bin vernehmen. Heftige Tritte näherten ſich. — Laſſen Sie mich los, rief eine Stimme, ich muß zur Kaiſerin hinein. Ich bitte Sie, meine Herren, verſperren Sie mir den Weg nicht! 672 Willanow, die zwiſchen der Kaiſerin und Alexandra hin und her ging, höͤrte die Stimme... ſie lauſchte... ihr Herz legte dabei ſeine ſchönſten Roſen auf ihre Wan⸗ gen, ihre Seele ihr lebhafteſtes Feuer in ihre Augen .. ſie hatte die Stimme erkannt... ſie war ihr ſo vertraut. Als das Hoſperſonal Platz machte, war. es Dö⸗ nng der herbei eilte. Ihm folgte ein Prieſter und ein Arzt. Willanow hätte ſich in ſeine Arme werfen mögen, aber ihre Verſchämtheit geſtattete es ihr nicht, und ſie lehnte ſich an Worowitſch, indem ſie mit Blicken der innigſten Liebe Döring folgte. Als die Kaiſerin ihn ſah, erinnerte ſie ſich, daß ſie ihm einen Auftrag zu geben gewünſcht hatte. — Ew. Majeſtaͤt, ſprach er, ich komme von der Leiche des Grafen Orlow. — Es iſt alſo wahr, daß er todt iſt? Die Gedanken der Kaiſerin beſchäftigten ſich mit nichts Anderem, als mit der Anklage, welche Tarraka⸗ now gegen ſie erhoben hatte. Der Eindruck derſelben hatte die ganze Sicherheit ihrer Seele über den Haufen geworfen, und ſcheu blickte ſie nicht allein um ſich, ſon⸗ dern auch über die Welt hin. — Da ich mich der ſchauerlichen Beſchuldigungen erinnerte, die er ſich in der Kapelle gegen Ew. Majeſtät erlaubte, ſo benützte ich die Gelegenheit, ihn auf ſei⸗ nem Todtenbett zu einem wahren Geſtändniß aufzu⸗ fordern. Die Kaiſerin erhob ſich. Leben und Tod ſchienen ſich an die Erzählung zu heften, welche Döring vorzu⸗ tragen hatte. 8 — Nun, ſagte ſie, zögern Sie nicht, Döring... ſprechen Sie weiter... ſprechen Sie... — Die Geſchichte iſt folgende. Fürſt Alexis Orlow hatte eines Tags den Grafen zu ſich gerufen und ihm mit aka⸗ lben ufen ſon⸗ igen eſtät ſei⸗ afzu⸗ enen rzu⸗ ... rlow ihm 4 anvertraut, daß Sie, Ew. Majeſtät, als Sie, nachdem er Ihnen ſehr lange die ganze Wahrheit verſchwiegen, voll⸗ ſtändige Kenntniß von der Art und Weiſe empfangen, wie er die Prinzeſſin in Italien behandelt habe, und nachdem Sie endlich vernommen, daß dieſelbe in einer elenden Höhle eingeſperrt ſei, daß, ſage ich, Sie, Ew. Majeſtät, über die Lage der Prinzeſſin ſich zu beunru⸗ hihfn angefangen und Symptome von Mitleid gezeigt ätten. Die Kaiſerin verlor kein Wort. Auch Tarrakanow lauſchte mit geſpannter Neugierde. Niemand regte ſich. Die Aufmerkſamkeit war allgemein. — Fahren Sie fort, bat die Kaiſerin, fahren Sie ort. — Fürſt Alexis Orlow wollte die Lage der Prin⸗ zeſſin unter keinen Umſtänden gemildert ſehen, denn er fürchtete, im Fall er früher oder ſpäter einmal die Gunſt Ew. Majeſtät verlöre, ſo könnte ſeine betrügliche Ver⸗ heirathung mit ihr ihm zur Laſt gelegt werden. Die Kaiſerin war über das, was ſie hörte, nicht ſowohl erfreut, als vielmehr gerührt. Döring's Worte enthielten ein Geſtändniß, das ſie nicht zu erhalten erwartet hatte, und zwar juſt in dem Augenblick, wo ſie von Tarrakanow ſelbſt angeklagt wurde. — Noch mehr, Ew. Majeſtät, fuhr Döring fort, Orlow fürchtete, Ew. Majeſtät gutes Herz könnte ſich zu einer gänzlichen Freilaſſung der Prinzeſſin bewogen fühlen, und in dieſem Fall könnte ſein Name und Ruf überall, wo ſie ſich zeigte, von ihr compromittirt wer⸗ den. Deßhalb äußerte er gegen den Grafen, er wünſchte, daß Tarrakanow aus dem Weg geſchafft würde, und verſprach ihm ewige Dankbarkeit, im Fall dieß auf eine ſo geſchickte Art ausgeführt würde, daß kein Verdacht auf ihn ſelbſt fallen könnte. Das Gefühl fleckenloſer, moraliſcher Reinheit ge⸗ Der Fürſt. II. 43 674 währte der Kaiſerin eine innere Befriedigung, die ſich auch in ihrem Aeußern abſpiegelte. — Welche Freude haben Sie mir nicht bereitet, Döring! ergriff ſie endlich das Wort; wie reichlich be⸗ lohnen Sie mich für den geringen Dienſt, den ich Ih⸗ nen geleiſtet habe! Kommen Sie her, Döring, knieen Sie nieder. Empfangen Sie dieſe Erinnerung an meine Dankbarkeit. Sie haben mich vor dem Fluch der Ge⸗ ſchichte gerettet und ich kann Sie nicht genug be⸗ lohnen. Die Kaiſerin löste dabei den Ordensſtern des hei⸗ ligen Georg von ihrer Bruſt, und befeſtigte ihn an der ſeinigen. — Ew. Majeſtät, begann Döring wieder, ſehen Sie hier die zwei Perſonen, die das Bekenntniß mit anhörten. Er zeigte auf den Arzt und den Prieſter, welche durch eine Verbeugung die Wahrheit ſeiner Worte be⸗ ſtätigten. Eine Thräne entfiel den Augen der Kaiſerin: es war eine Freudenthräne. In Tarrakanow war eine große Veränderung vor⸗ gegangen. Das Scharfe, manchmal ſogar Bittere, das ſo oft in ihren Zügen hervortrat, verſchwand immer mehr. Milde, Zufriedenheit und Herzlichkeit traten an die Stelle. Mit einer Rührung, die durch eine in vieljährigen Kümmerniſſen geläuterte und gekräftigte Seele gemildert wurde, ſank ſie auf ihre Kniee nieder. — Neunzehn Jahre lang habe ich an der Menſchheit gezweifelt, ſagte ſie; o mein Gott, ich danke dir, daß ich wieder an ſie glauben darf. Sie wandte ſich zu der Kaiſerin. — EGw. Majeſtät, können Sie mir meinen Argwohn verzeihen? — Komm an meine Bruſt, Tarrakanow; Du haſt entſetzlich gelitten. Den Argwohn des Leidenden kann — — 675 man tadeln, aber den Leidenden ſelbſt muß man an ſein Herz drücken. Ich verzeihe Dir, Tarrakanow. Die Scene war rührend. Von allen Seiten hatte man Döring aufgefordert, über die Urſache ſeines Verſchwindens und die Art und Weiſe, wie er mit Orlow zuſammengeführt worden, Aufſchlüſſe zu ertheilen. Er erzählte alſo, daß er um ſechs Uhr einen Brief empfangen habe, worin er im Namen der Freundſchaft aufgefordert worden ſei, ſich zu einer gewiſſen Zeit in einem gewiſſen Zimmer einzufinden, und daß er ſich dahin begeben habe. Aber nachdem er an die Thüre geklopft und dieſe geöffnet worden, hatte er kaum die Schwelle betreten können, als zehn bis zwölf Burſche über ihn herfielen und ihn mit rückwärts gebundenen Händen und einem Knebel im Mund in ein enges Gefängniß ſperrten, wor⸗ auf ſie ihn allein ließen. Durch beharrliche Bemühungen gelang es ihm end⸗ lich, ſeine Hände los zu machen, und als ſeine Hände frei waren, fühlte er ſich ſelbſt wieder frei, zumal da man vergeſſen hatte, ihm ſeinen Degen abzunehmen. Inzwiſchen unterſuchte er den Arreſt. Die Thüre ein⸗ zubrechen, war unmöglich. Sie war von innen mit Eiſen beſchlagen. Die Gitter vor dem Fenſter waren feſt und dicht. In ſeinem Freiheitsdrang begann er mit ſeinem Degen die Wand zu durchſtoßen. Die Arbeit ging langſam von ſtatten, aber ſie führte doch zu einem Reſultat. Nach mehreren Stunden war es ihm gelun⸗ gen, einige Eiſenſtangen abzulöſen, ſo daß ſie, auf der einen Seite noch befeſtigt, mit den entgegengeſetzten Enden frei hinausſtanden. So weit war er gekommen, als er auf einmal einen heftigen Lärm über ſeinem Haupfes hörte. Er 676 lauſchte, und aus den gewaltſamen Bewegungen ſchloß er, daß hier eine Unthat begangen werden ſolle. Der Abend war ſchon weit vorangeſchritten und Dunkelheit breitete ſich um ihn her. Der Kampf im Zimmer oben wurde immer heftiger. Auf einmal hörte er einen ſchrecklichen Sturz, begleitet von einem eben ſo ſchrecklichen Angſtſchrei; zu gleicher Zeit klirrten Glasſcherben und verkündeten ihm, daß das Fenſter oben hinausgeſchlagen worden war. Mit peinlicher Aufmerkſamkeit folgte er lauſchend jedem Ton. In dieſem Augenblick ſah er etwas ganz Grauenhaftes, nämlich zwei Perſonen, die, einander feſthaltend, von oben herabſtürzten. Beide ſtießen auf die ausgebroche⸗ nen Fenſtergitter; der eine ſiel mit dem Kopf darauf, ſo daß er ſeinen Gegner losließ und weiter in die Tiefe hinabſtürzte. Der andere dagegen blieb an einem der Eiſengitter hängen, und Döring, der an's Fenſter geeilt war, ergriff ihn glücklicher Weiſe und zog ihn hinein, worauf er erſt entdeckte, daß Graf Orlow es war, den er gerettet hatte. Orlow hatte indeß eine tiefe, tödtliche Wunde er⸗ halten. Eines der Eiſengitter war ihm in die eine Seite gedrungen. Beinahe bewußtlos, ſchien er jeden Augenblick ſterben zu können. Döring hörte jetzt unter dem Fenſter Stimmen, und entdeckte, daß man bereits beſchäftigt war, die Leiche des andern Unglücklichen wegzutragen. Er rief Leute herbei, erklärte ihnen das Vorgefal⸗ lene und bat ſie, die Thüre zu öffnen. Nach einigen Minuten geſchah dieß auch. Ein Arzt und ein Prieſter wurden gerufen, aber alle Hilfe war vergeblich. Orlow's Leiden war ſchrecklich. Sein Gewiſſen züch⸗ tigte ihn mit Skorpionen. Er erzählte, daß er Döring habe einſperren laſſen, und warum er dieß gethan. Döring glaubte in dieſem Bekenntniß eine Art von Reue zu entdecken, und da er ſich in dieſem Augenblick an Orlow's Drohung gegen die Kaiſerin erinnerte, ſo fragte er ihn über dieſen Punkt. Orlow wollte nicht bekennen; aber die Todesſtunde nahte und das Gewiſſen legte endlich die Worte auf ſeine Lippen. Während der Erzählung Döring's war die Kaiſerin immer ruhiger geworden. Ein ſtiller, wenn auch ganz kurzer Friede, war in ihr Inneres zurückgekehrt; mit Wohlbehagen blickte ſie Döring an. — Subow! rief ſie endlich. Subow trat zu ihr vor. — Auch Du, Markow, fügte ſie hinzu, komm her, komm her! Beide Günſtlinge ſtanden an ihrer Seite. — Befehlen Ew. Majeſtät Etwas? — Ihr habt mir ſo eben vorgeſchlagen, einen ge⸗ wiſſen Akt der Gewalt gegen den König von Schweden und den Herzog Regenten auszuführen. Die Kaiſerin ſprach laut und die Günſtlinge ſahen ſich ſcheu um. Sie wünſchten, daß Niemand von ihrem Vorſchlag erfahren ſollte. — Allerdings, Ew. Majeſtät, ſtammelte Markow, allerdings. — Ihr verlangtet meine Antwort, fuhr ſie fort, aber ich gab ſie euch noch nicht. — Ganz richtig, Ew. Majeſtät, ganz richtig. — Döring! rief ſie dann. Du erweiſeſt mir gewiß gerne den Dienſt, daß Du jetzt ſogleich zu dem König von Schweden gehſt und ihn bitteſt, mich auf einen Augenblick zu beſuchen. Schildere ihm meine Lage und ſag' ihm, daß ich, obſchon ſein Benehmen mich ſehr auf⸗ geregt hat, ihn dennoch ſchätze und ihn jetzt zu ſehen wünſche, wie ich auch hoffe, daß Alles zwiſchen uns noch ein befriedigendes Ende nehmen könne. Beſter Döring, ſpute Dich... ich ſehne mich wahrhaftig, den König zu treffen. 678 Döring verbeugte ſich und ging. Willanow's und ſeine Augen waren ſich mehr als einmal begegnet, aber die Umſtände hatten ihnen nicht geſtattet, auch nur ein einziges Wort zu wechſeln. — Subow, und Du, Markow, ihr haftet mir da⸗ für, daß dem König kein Leid geſchieht, ſo lieb euch euer Leben iſt. Habt ihr meine Antwort auf euren Vorſchlag verſtanden? Mit Ausnahme ihrer nächſten Vertrauten, befahl ſie hierauf allen Uebrigen, ſich zu entfernen. Der junge König hatte, ſeit Markow ſeine letzte Antwort empfangen, keine Ruhe gehabt, ſondern ſich, nur von einem Bedienten begleitet, aus dem Hotel be⸗ eben. 3 Sein Weg ging nach dem Schloſſe. Ohne erkannt zu werden, erfuhr er dort bald, was ſich im Innern des Palaſtes zutrug; er hörte von der Wuth der Kaiſerin und der Erkrankung Alexandra's. Mit der Verzweiflung eines unglücklichen Liebha⸗ bers vernahm er dieſe Kunde. Mehr als einmal erwachte bei ihm die Neigung, ſich anmelden zu laſſen, weil er ein Geſpräch unter vier Augen mit der Kaiſerin zu erhalten hoffte; aber die Rückſicht auf ſeine eigene Würde und ſeine bereits er⸗ theilte Antwort hielt ihn zurück. Döring traf ihn indeß, als er noch am Thore ſtand, und richtete ſeinen Auftrag aus. Der Wunſch der Kaiſerin wirkte mächtig auf ihn. Die Liebe ſiegte über die Vorſätze. Er ging mit Dö⸗ ring. „Obſchon mit mehr Etikette als vorher, empfing ihn die Kaiſerin höflich, ſogar freundlich. In dem Geſpräch, das ſie jetzt mit einander hatten, ☛‿ ☛‿ wurde die Vermählungsfrage ernſter und vollſtändiger behandelt, als je zuvor. Beide erklärten gegenſeitig die Motive ihrer Hand⸗ lungsweiſe. Der König hielt ſich an die Grundgeſetze Schwe⸗ dens und die Kaiſerin an das Gutachten ihrer Prieſter⸗ ſchaft. Beide wollten nicht nachgeben. Der König erklärte, er wolle die Frage den ſchwedi⸗ ſchen Reichsſtänden anheimſtellen; aber darauf wollte Katharina nicht eingehen. Die Kaiſerin ſchlug dagegen vor, ſie wolle mit einer Armee die Schweden zwingen, die vom König ge⸗ troffene Wahl zu reſpektiren; aber davon wollte hinwie⸗ derum Guſtay nichts hören. Willanow ſtand während dieſer Unterredung an der Seite der Kaiſerin; Döring dagegen ſtand neben dem König. Nur die Anweſenheit der hohen Perſonen hielt ſie in einem gewiſſen Abſtand von einander. — Einen Wunſch hege ich, ſagte der König gegen das Ende des Geſprächs, und mein Herz erlaubt mir nicht, ihn zu unterdrücken. Ich wünſchte nämlich, die Prinzeſſin noch einmal ſehen zu dürfen. Der Kaiſerin gefiel dieſer Wunſch; ſie erblickte darin ſogar eine Möglichkeit, die abgebrochenen Verhäͤltniſſe wieder feſtzuknüpfen. — Das ſollen Sie, Ew. Majeſtät, ſagte ſie, o der Anblick Alexandra's wird Sie tief rühren. — Sie iſt krank... ſehr krank... — Ihr Ausbleiben heut Abend hat alle Illuſionen des ſchwachen Mädchens zerſtört. Das Leben hat keinen Werth mehr für ſie. Ein Nervenanfall um den andern hat... aber Sie ſollen ſie ſelbſt ſehen. Der Tod ſitzt bereits am Lager des armen Kindes, und nur Sie kön⸗ nen ihn verſcheuchen. Laſſen Sie uns gehen, Ew. Ma⸗ jeſtät; aber auch ich bin krank... Mit Mühe erhob ſich die Kaiſerin. Als ſie weg⸗ 680 gehen wollte, fielen ihre Augen auf Willanow und Dö⸗ ring, und ſie blieb noch eine Weile ſtehen. — Ew. Majeſtät, bemerkte ſie, Sie haben einen Wunſch ausgeſprochen. Auch ich habe einen. — Haben Sie die Güte, ihn mir zu ſagen, Ew. Majeſtät; wenn ich kann, ſo erfülle ich ihn. — Nehmen Sie Döring bei der Hand, Ew. Ma⸗ jeſtät. Der König that es, während die Kaiſerin Willa⸗ now's Hand ergriff. — Ew. Majeſtät, fuhr ſie fort, ſehen auch hier zwei Liebende; aber dieſe, Ew. Majeſtät, verſtehen ihr Glück zu gut, um ihm entgegenzuarbeiten. Ihnen brauche ich bloß zu ſagen: liebet euch! und... ſehen Sie ſelbſt, Ew. Majeſtät. Willanow und Döring ſanken erröthend einander an die Bruſt. — Ew. Majeſtät, fügte die Kaiſerin hinzu, ich wünſchte Sie und Alerandra ebenſo glücklich zu ſehen. Was ſagen Ew. Majeſtät? — Ich werde die Stände fragen, antwortete Guſtav. — Das will ich nicht. Nehmen Sie lieber eine Armee von mir. — Nein. 1 — So kommen Sie, Ew. Majeſtät, und ſehen Sie Alexandra ſelbſt. Aber als ſie ſich umwandte, um in Alerandra's Zimmer zu gehen, entdeckten ſie den Großfürſten Alexan⸗ der, der ſo eben von ihr herausgekommen war und die letzten Worte zwiſchen ihnen mit angehört hatte. — Wohin, Ew. Majeſtät? fragte er. — Zu Alexandra. — Ihr Gang iſt vergeblich. — Was meinſt Du? Du erſchreckſt mich. Wel⸗ chen Blick hefteſt Du auf mich! Wie ſteht es mit Alexandra? — Sie iſt glücklich, wo ſie jetzt iſt, Ew. Majeſtät. Sie iſt todt. Leichenblaß ſank die Kaiſerin auf den Divan nie⸗ der. Ihre Augen ſchloſſen ſich. Man hätte glauben können, ſie ſei von einem ſogleich tödtenden Schlag ge⸗ troffen worden. Ihr Athem hörte auf, die Bruſt blieb ganz ruhig. Wie durch einen wunderbaren Schickſals⸗ ſchlag ſchien ſie auf einmal in Marmor verwandelt zu ſein. — Codt? ſtammelte der junge König, todt? Unfähig, ſich länger zu beherrſchen, eilte er hinweg. Willanow eilte in Alexandra's Zimmer. Döring zog ſich in eine Fenſterniſche zurück. Subow und Markow ſtanden bleich, erſchrocken und aufgeregt da. Der Schlag zermalmte auch ſie nebſt dem Ziel ihrer Hoffnungen in dem Augenblick, wo ihre Intriguen vom vollkommenſten Erfolg gekrönt wurden. — Sie iſt todt, ſtüſterte Subow. — Nein, ſie lebt noch, antwortete Markow; ſehen Sie, ihre Bruſt hob ſich wieder. — Geſtehen Sie Eines, Markow. — Was? — Daß wir die Urſache ſind von... — Kein Wort mehr, ſtill! Sie kommt zu ſich... — Ja, aber nur, um bald ihrem Ziel entgegen⸗ zugehen. — Welchem Ziel? — Dem Tod. — Sie glauben es? und unſere Pläne? — Still! — Der Großffürſt Paul ſollte alſo... — Den Thron beſteigen. Ganz gewiß. 682 — CEntſetzlich! Alles, was wir gethan, gedacht, be⸗ rechnet und gehofft haben... — Wird von Katharina's letztem Athemzug wie ein Nebelbild weggeblaſen. — Weh' mir! Sobald der Großfürſt Alexander den ſchrecklichen Eindruck ſah, den ſeine Mittheilung hervorgerufen hatte, eilte er auf die Kaiſerin zu. Er bog ſein Knie vor ihr, er ergriff ihre Hand, er fühlte ihr den Puls, er ſchaute ihr in's Geſicht. Mit verzweiflungsvoller Angſt, gleich als hätte er ein Verbrechen begangen, lag er da und machte ſich ſelbſt Vorwürfe. 3 Menzikow, Branitzka und Protaſow umſtanden die Gruppe. Branitzka's dunkle Augen befeuerten ſich auf einmal⸗ Sie eilte hinaus. Als ſie zurüͤckkam, führte ſie Tarrakanow bei der Hand.— — Sie ſind erfahren und weiſe, ſagte ſie zu ihr. Können Sie der Kaiſerin helfen 2 Tarrakanow betrachtete ſie. — Die Kaiſerin wird bald wieder zu ſich kommen, ſagte ſie. Beruhigen Sie ſich.. Hierauf zog ſie ein Fläſchchen hervor und hielt es der Kaiſerin unter die Naſe. 4 Augenblicklich fuhr ſie zuſammen, und ſchlug die Augen auf. — Mein Gott, ſagte ſie, wo bin ich? Träumte ich oder war ich wach? Ich meinte, Alexandra ſei ge⸗ ſtorben.— „Der Großfürſt Alexander lag noch vor ihr auf den Knieen. 1 — Ew. Majeſtät, ſagte er, können Sie mir ver⸗ — —— 3 zeihen? Ich bin ſehr unvorſichtig geweſen, ich hab einen großen Fehler begangen. — Du? — Ew. Majeſtät, fuhr er fort, Alexandra kann für denjenigen, den ſie liebt, Eltern und Vaterland, Angehörige und Freunde verlaſſen; aber ſie kann nie⸗ mals dem Eid untreu werden, den ſie einmal Gott vor dem Altar geſchworen hat, Ew. Majeſtät... Alexander richtete ſich auf. — Du willſt Etwas ſagen? — Ew. Majeſtät, wiederholte er, ich habe geſagt, daß Alexandra todt ſei, und ſie iſt auch todt, aber nur für den König von Schweden; für Sie dagegen und für uns Alle lebt ſie noch. Der heftige Anfall, den ſie hatte, als ſie aus dem Thronſaal zurückkam, iſt durch die Vorſorge und Geſchicklichkeit des Arztes überwun⸗ den worden. Alexandra iſt beſſer. Man öffne die Thür da, damit die Kaiſerin es ſelbſt ſehen kann. Die Thüre ging auf und nun zeigte ſich ein ein⸗ nehmend ſchönes Gemälde. Man ſah in der Tiefe des Zimmers Alexandra, geſtützt auf Willanow. Hinter ihnen zeigten ſich Alexandra's Eltern und zu den Füßen derſelben Lechi. Sie hatte Alexandra einmal einen rothen und Wil⸗ lanow einen weißen Kranz gegeben. Dieſe lagen jetzt verwelkt an ihrer Seite; aber ſie war mit neuen Kränzen gekommen. Es war wiederum ein rother und ein weißer; aber ſie hatte jetzt den weißen Kranz in Alexandra's und den rothen in Willanow's Locken geflochten. Ein freundliches, herzliches Lächeln ſchwebte über dem Geſicht der Kaiſerin; mit einem liebevollen Aus⸗ druck öffnete ſie ihre Arme und ſtreckte ſie gegen die ſchöne Gruppe aus. Alerandra winkte Döring zu ſich. Als er kam, legte ſie Willanow's Hand in die ſeinige... ihre Bruſt hob ſich dabei... und eine Thräne feuchtete ihr Auge. Nicht ein einziges Wort kam über Alexandra’s Lip⸗ pen. Durch die Thräne betrachtete ſie das glückliche Paar mit einem Blick, als hätte ſie leſen wollen, was in ihrem Herzen vorging. Und was las ſie darin? Sie las das Bekenntniß einer warmen und reinen Liebe— und ſie laͤchelte wieder. — Welch' ein ſchönes Gemälde! flüſterte Tarraka⸗ now der Kaiſerin zu, und doch findet ſich ganz nahe bei ihnen ein gebrochenes Herz. — Macht die Thüre zu, bat die Kaiſerin, macht die Thüre zu! Und ihr Kopf ſank in ihre Hand hinab. Ende. ſſſnſnſnſnſnſnſſnſſnſſſnnnſſünſn 15 7 8 9 10 11 12 13 14 16