) X eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ) NX Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für iochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1„„„„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. ksunwt Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —-⸗-.--— ☛— N Der Fürſt. 8 Geſchichtlicher Roman von C. F. Ridderſtad. — Aus dem Schwediſchen überſetzt 1 von. Gottlob Fink. * Erſtes bis viertes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung⸗ 1852. Erſtes Kapitel. Zwei Neiſende. Zu Ende des Junimonats 1796 ſah man einen zweiſpännigen Wagen auf der Rigaer Straße nach St. Petersburg fahren. Er hatte bereits Oranienbaum hinter ſich und war in der Nähe von Pekershof angekommen. Die Pferde ſchäumten von Schweiß, Beweis genug, wie ſchnell ſie hatten laufen müſſen. Der Kutſcher, eine ſtattliche Figur in einem hellblauen, langen bis zu oberſt zugeknöpften Rock und mit einem Gürtel um den Leib, wußte die Zügel als ein Mann von Fach zu handhaben. Inzwiſchen waren die Pferde bereits er⸗ müdet und die Peitſche bewegte ſich ſchneller als die Thiere. Ein ruſſiſcher Bauer in einem gleichfalls zu⸗ geknöpften und anliegenden, aber grauen Rock ging neben dem Fuhrwerk her und hielt ſich an der einen Wagenfeder. Im Wagen ſaßen zwei Perſonen: ein Mann von ungefähr 24— 25 Jahren und ein noch jüngerer Mann. Beide waren gänzlich von der Unterredung in An⸗ ſpruch genommen, die ſie beſchäftigte. — Sie ſind nicht aufrichtig, mein Herr, ſagte der Aeltere; Ihre Angaben widerſprechen ſich; was Sie in der einen Stunde bejahen, verneinen Sie in der andern. Ueberdieß zeigen Sie eine Verlegenheit, welche Sie mit Der Fürſt. I. 1 2 Recht noch verdächtiger macht. Ich bin kein Polizei⸗ mann, ſondern ſpreche als ein aufrichtiger Freund zu Ihnen; aber bedenken Sie, mein Herr, daß die ruſſiſche Polizei keinen Spaß verſteht. Sie erblaſſen... was ſoll ich glauben? Der Jüngere, der ungefähr 18— 20 Jahre haben mochte, wechſelte wirklich die Farbe, als er die ruſſiſche Polizei nennen hörte, und zugleich blickte er dem Spre⸗ cher in die Augen, als wollte er darin leſen, in wie weit er Urſache habe, ihn zu fürchten oder nicht. Der Jüngling beſaß übrigens ein einnehmendes, liebenswürdiges Ausſehen, und obſchon ſeine Taille, wie man es in dieſem Alter ſo oft findet, beinahe etwas Schlenderndes hatte und der Haltung und Feſtigkeit noch ermangelte, die erſt mit den Jahren kommt, ſo zeigte ſich doch mitunter in ſeinen Bewegungen etwas Mann⸗ haftes und Entſchloſſenes, das ihn noch weit intereſſan⸗ ter machte. Man hätte ſagen können, der Grundriß, das Skelett des Mannes ſei fertig, aber es fehle noch an der Schattirung oder Colorirung. Er war groß, beinahe ebenſo groß wie der Aeltere, aber mager, obſchon dieſe Magerkeit nichts Kränkliches hatte und nicht von ausſchweifendem Leben herrührte, ſondern vielmehr die immer zunehmende friſche Jugendkraft verrieth. die je⸗ doch von keiner Ueberfülle der äußeren Formen be⸗ ſchwert wurde. Die Wangen waren eingefallen, aber obſchon etwas ſonnenverbrannt, wechſelten ſie in Roth und Weiß mit derſelben Leichtigkeit, als wäre ſein Herz ein noch unerfahrenes, ſchüchternes Mädchenherz. Sein Reiſegefährte dagegen war ein vollkommen ausgebildeter, kräftig gebauter Mann mit offenem, mann⸗ haftem Geſicht. Die hohe Stirne deutete auf Charakter⸗ feſtigkeit und Muth; die dunkelbraunen Augen ſtrahl⸗ ten von Verſtand und Ernſt; aber wenn man tiefer hinein blickte, ſo ſah man darin die düſtere Flamme eines melancholiſchen Feuers, jedoch nicht das freie Feuer einer ungebundenen Leidenſchaft, ſondern gemildert durch 3 ernſten Kampf, der ihm aber nichtsdeſtoweniger einen gewiſſen empfindſamen Ausdruck verlieh, welcher ſein ganzes Weſen auf eine einnehmende Art veredelte. Der Jüngling betrachtete ihn noch immer. — Sie wollen, fuhr der ältere fort, als er den prüfenden Blick des Jünglings bemerkte, Sie wollen erforſchen, welche Anſicht ich von Ihnen hege, ndach werde Sie in dieſer Beziehung in's Klare ſetzen. J halte Sie für einen jungen Mann von gutem und red⸗ lichem Herzen, glaube aber, daß Sie aller Erfahrung ermangeln und durch die Umſtände in die Welt hinaus gejagt worden find, wofern Sie nicht aus jugendlicher Abenteuerluſt Ihre Heimath verlaſſen haben. Als ich Sie auf der Poſtſtation in Riga traf, befanden Sie ſich in einer Lage, die mich ruͤhrte, und Sie mögen ſelbſt entſcheiden, ob ich Sie nicht ſo gut als nur möͤg⸗ lich behandelt habe. Der Jüngling ergriff mit Wärme die Hand des Sprechenden und drückte ſie lebhaft. — Ach ja, mein Herr, ſagte er, Sie haben mich wie einen Bruder behandelt. Beim Himmel, Niemand hätte mehr für mich thun können, als Sie thaten. Man war nahe daran, zu entdecken, daß mein Paß falſch war; Sie traten in's Mittel und retteten mich. — Ohne mein Courierzeichen hätte ich das nicht vermocht.. — Gleichviel, Sie retteten mich dennoch. Aber nicht genug damit, Sie ſahen meine Bekümmerniß, meine Kaſſe war auf der Neige und Sie boten mir einen Platz in Ihrem Wagen an. O mein Herr, wie werde ich Ihnen meine Dankbarkeit für all' die Güte, die Sie an mich verſchwendeten, beweiſen köͤnnen! — Sie können das. — Sagen Sie mir wie, und... — Vertrauen Sie ſich aufrichtig mir 4 Das Geſicht des Jünglings verfinſterte ſich dabei und er ſchlug verlegen die Augen nieder. — Sie ſagten mir geſtern, fuhr jedoch der Andere fort, daß Sie Worowitſch heißen und von Mitau ſeien; heute nannten Sie ſich Wornonwitſch und behaupteten, Sie ſeien von Witebsk. — Verzeihen Sie mir, verzeihen Sie mir, bat der Jüngling und drückte ſeinem Reiſegefährten von Neuem die Hand, während eine hohe Röthe ſein Geſicht be⸗ deckte; es iſt wohl möglich, daß ich mich verredet habe, aber ich habe es nicht abſichtlich gethan. Mein Name iſt Worowitſch... ich bin von Mitau. Der Aeltere ſchaute zum Wagen hinaus und ſah ſich zerſtreut um; er ſchien die Verſicherung des Jüng⸗ lings zu bezweifeln, und über ſein Geſicht glühte ein Ausdruck des Mißvergnügens, den er jedoch aus Zart⸗ gefühl vor ſeinem Reiſegefährten zu verbergen ſuchte, wel⸗ cher ihn auch nicht bemerkte, ſondern bald wieder in ſeine eigenen Betrachtungen verſank. — Ich weiß nicht, begann inzwiſchen der Aeltere nach einer kurzen Pauſe wieder, was es iſt, das mich an Sie feſſelt. Ich glaube, es iſt Ihre Jugend, Ihre ſichtbare Un⸗ erfahrenheit, Ihre beinahe ſchutzloſe Lage und zugleich die lebhafte Hingebung, womit Sie ſich über mehrere Gegen⸗ ſtände geäußert haben. Dieß Alles hat mich zu Ihnen hingezogen und je tiefer ich in Ihren Charakter eindrang, um ſo mehr haben Sie mich an einige Jahre meines eigenen Lebens erinnert, wo ich mich ungefähr in derſel⸗ ben Lage befand, wie Sie jetzt, obſchon Ihnen Etwas fehlt, was ich beſaß, nämlich die Aufrichtigkeit. In Ihren Jahren ſollte man jedoch aufrichtig ſein können. Es iſt allerdings wahr, daß ich kein Recht habe, dieſe Eigenſchaft von Ihnen zu fordern; aber ich appellire daran auch bloß.. ich weiß ſelbſt kaum warum. Sie ſind wie aus den Wolken in meine Gewalt gefallen, und wenn wir nach St. Petersburg kommen, werden wir uns trennen, vielleicht um nie wieder zuſammen⸗ —.-:ʒ—— 5 zutreffen. Ich bin ſelbſt noch jung, aber ich habe in der Schule der Erfahrung die Kinderſchuhe zertreten, und es würde mich freuen, wenn ich Ihnen auf irgend eine Weiſe nützen könnte. Was gedenken Sie zu beginnen, wenn Sie in die Hauptſtadt kommen? Der Jüngling antwortete nicht, ſondern blickte bloß eeriert auf, um hernach wieder in ſich ſelbſt zu ver⸗ finken. — Sie ſind in Wahrheit ein Räthſel, bemerkte der Aeltere wieder und nicht ohne Ungeduld; es würde mich ſchmerzen, wenn ich meine gute Anſicht von Ihnen nicht bis Ende behalten dürfte, ſondern... ſondern... Er ſchloß die Bemerkung mit einem Achſelzucken, das mehr ausdrückte, als alle Worte. Der Jüngling hob dabei ſchnell ſein Haupt empor und ſeine Augen erweiterten ſich. — Was meinen Sie? bemerkte er. In dieſer Bewegung zeigte ſich ſo viel natürlicher Stolz, ſo viel unerſchrockene, mannhafte Offenheit, eine ſolche Reinheit des Charakters und jugendliche Unſchuld, daß aller Argwohn des Aelteren ſogleich wieder ver⸗ ſchwand: Er legte freundlich ſeine Hand auf die Schul⸗ ter des Jünglings. — Gut, mein Freund, ſagte er; beredter hätten Sie meine Inſinuation nicht beantworten können, als Sie jetzt thaten. 4 Der Jüngling verſank dabei wieder in ſich, und das Geſpräch würde wahrſcheinlich aufgehört haben, wenn er nicht nach einer kurzen Pauſe mit einer hef⸗ tigen Bewegung ſich gegen den Aelteren gewendet hätte. — Da fällt mir Etwas ein; ſagen Sie mir, ſind Sie Ruſſe? w — Nein; aber warum dieſe Frage? Die Bruſt des Jünglings hob ſich, als wäre eine Laſt von ſeinem Herzen gefallen. — Sie ſind kein ruſſiſcher Beamter, kein ruſſiſcher Officier? daß Sie mir das nicht vorher geſagt haben, 6 2 denn? Schwede. Die Miene des Jünglings bekam immer mehr Lebendigkeit. — Schwede, wiederholte er, indem er ſeinen Reiſe⸗ gefährten noch aufmerkſamer fixirte. Gott ſei Dank! fügte er gleichſam zu ſich ſelbſt redend hinzu. Ich habe immer viel Gutes von den Schweden gehört. Ihr Name iſt Döring— Moritz Döring— Sie ſagten ja doch ſo? — Ganz richtig; aber ich kann nicht begreifen, warum Sie ſich darüber freuen, daß ich Schwede bin, oder vielmehr, warum Sie die Ruſſen zu fürchten ſchei⸗ nen. Sie ſind ja ſelbſt Ruſſe, und wenn Sie ein recht⸗ ſchaffener junger Mann ſind, warum beargwöhnen Sie Ihre Landsleute? — Warum? warum? Ewiger Gott! Aber ohne daß ich hoffe, Ihnen vollſtändige Klarheit über meine Perſon geben zu können, preiſe ich mich dennoch glück⸗ lich wegen meines Einfalls, nach Ihrer Landsmann⸗ ſchaft zu fragen; und noch mehr gratulire ich mir dazu, daß Sie kein Ruſſe ſind. Sehen Sie, mein Herr, ein Ruſſe liebt ſein Vaterland, er muß es thun, denn er wäre ſonſt kein rechtſchaffener Ruſſe— er muß es lie⸗ ben wie ich— aber das gehört nicht hierher— ver⸗ zeihen Sie mir mein unzuſammenhängendes Gerede— wo war ich jetzt— ich wollte ſagen, daß nach meiner Anſicht jeder Ruſſe Pflichten gegen ſein Vaterland habe, liebe, theure Pflichten, und daß er, wenn er zugleich ruſſiſcher Beamter iſt, noch höhere Pflichten habe— genug, man muß den Patriotismus keines Mannes von Ehre in Verſuchung führen, und in der That ſelbſt kamen meine zweideutigen Erklärungen gegen Sie— mögen Sie mich jetzt nicht tadeln— nur von dieſer Rückſicht her. Ich wundere mich wahrlich nicht darüber, daß ich in meinen Aeußerungen mir ſelbſt widerſprochen habe; ach, mein Herr, ich habe mit Ausnahme der letzten mein Herr; aber was für ein Landsmann ſind Sie 7 Wochen nie nöthig gehabt, zu lügen, und ich glaube nicht, daß ich mich jemals recht daran gewöhnen werde. Ich wundere mich auch nicht darüber, daß Sie meine Ehrlichkeit und meinen Charakter bezweifelten, weil ich mich unaufhöͤrlich in ein Labyrinth von Zweideutig⸗ keiten verwickelt habe, woraus ich keinen Ausgang mehr fand. Beklagen Sie mich, mein Herr, aber hof⸗ fen Sie darum nicht, eine vollſtändigere Auskunft über mich zu erhalten: ich bin es höheren Pflichten ſchuldig, mich zu verbergen, bis... aber jetzt bin ich wieder nahe daran, auf Abwege zu gerathen. Einer Sache dürfen Sie indeß verſichert ſein, nämlich daß Sie weder einen Undankbaren, noch einen ehrloſen Abenteurer von der Landſtraße aufgehoben haben. Beim Himmel, mein Herr, Sie dürfen mir glauben, daß ich Ihre Achtung verdiene, ſo fern man ſie ſich durch Ehrenhaftigkeit erwerben kann. Ich bin ein unglücklicher junger Mann, der nicht einmal das Recht beſitzt, von ſeinem Unglück zu ſprechen. Dieß iſt in kurzen Zügen das Geheimniß meines Lebens. Mögen Sie übrigens nicht glauben, daß ich ſo unerfahren und ſo kindiſch ſei, wie meine bisherige Haltung Sie vermuthen ließ. Ich bin uner⸗ fahren in der Kunſt zu betrügen, ein Kind, wenn es ſich darum handelt betrogen zu werden, und ich würde alſo immer in einem falſchen Lichte vor Ihnen ſtehen. Sehen Sie, mein Herr, ich habe gleichwohl einen Paß, der nicht falſch iſt; aber ich würde es nicht gewagt haben, ihn einem Ruſſen zu zeigen. Der Jüngling knüpfte dabei Rock und Weſte auf und zeigte ſeine Bruſt. — Sehen Sie hier meinen Paß... er iſt von nichts Geringerem, als von einer Kugel und von einem Bajonett geſchrieben. Döring— diejenigen unſerer Leſer, welche den Ro⸗ man der Trabant geleſen haben, erkennen ihn ſicher⸗ lich wieder. Döring entdeckte auf der einen Seite der Bruſt des Jünglings zwei ſehr bedeutende, obſchon jetzt geheilte Wunden. — Sie ſind im Feld geweſen... Sie ſind Militär . Sie haben als tapferer Mann geſtritten... Ihre Hand, mein Herr, aber was ſehe ich da? Als Worowitſch— wir müſſen den jungen Mann ſo nennen, nachdem er ſich ſelbſt dieſen Namen gegeben hat— ſeine Bruſt entblößte, hatte er Etwas auf die Seite geſchoben, was er mit einer Schnur um den Hals hängend auf der Bruſt trug; aber nichts deſto weniger ſtach ein Theil des verborgenen Gegenſtandes vor, und Döring glaubte zu bemerken, daß es die glänzenden Zacken eines militäriſchen Ordens waren. Bei Döring's Worten knüpfte Worowitſch ruhig Weſte und Rock wie⸗ der zu, und ſchien dadurch jede weitere Frage abwehren zu wollen. — Sie wollen ſich mit einem undurchdringlichen Dunkel umgeben. Wie es Ihnen beliebt, mein Herr... Aber warum ſollten Sie es nicht wagen, Ihren Lands⸗ leuten die ehrenvollen Spuren zweier ſolcher Wunden zu zeigen, welche Sie im Kampfe für Ihr Vaterland erhalten haben müſſen? Solche Wunden ſind Vollmach⸗ ten auf die Achtung aller Welt, und obſchon ich kein Ruſſe bin, ſo muß ich doch der Gerechtigkeit zu Ehren erklären, daß die Tapferkeit ein Verdienſt iſt, welches man in Rußland ebenſo hoch ſchätzt und ehrt, wie in irgend einem andern Lande. Worowitſch ſtierte den Sprecher bloß an. — Ich finde Ihre Bemerkung richtig, antwortete er endlich; aber ich habe Ihnen geſagt, daß ich ein Räthſel bleiben müſſe und... und... Döring, der ſich bewußt war, den jungen Mann mit ungewöhnlicher Ritterlichkeit behandelt zu haben, konnte in dieſem Augenblick einen gewiſſen Verdruß über ſeine, wie es ihm ſchien, gar zu unberufene Vor⸗ ſicht nicht unterdrücken. 9 — Als ich Sie in Riga ohne Paß, verlaſſen und verzweifelt fand, mißtraute ich Ihnen nicht. Döring äußerte ſich ohne alle Heftigkeit, aber den⸗ noch mit ſoviel Ausdruck, daß Worowitſch ſeine Abſicht verſtand. — Und ich mißtraue Ihnen gleichwohl, wollen Sie ſagen; weit entfernt, ich habe nie auch nur einen Augen⸗ blick an Ihrer Ehrenhaftigkeit und Ihrem Herzen ge⸗ zweifelt. So lange ich Sie für einen Ruſſen anſah, geſchah es nur aus Achtung vor Ihrem Patriotismus, wenn ich mich bedachte, wie ich mich vor Ihnen zeigen ſollte; und jetzt, da ich weiß, daß Sie kein Ruſſe ſind, habe ich auf die einzige mir mögliche Art Sie zu über⸗ zeugen geſucht, daß ich Ihrer Freundſchaft nicht un⸗ würdig bin. Mehr von mir zu ſagen beſitze ich kein Recht, weil ich mir ſelbſt nicht angehöre. Hätte ich kein Vertrauen zu Ihnen gehabt, ſo würde ich Ihnen nicht einmal ſoviel entdeckt haben, wie ich that. Glau⸗ ben Sie nur zuverſichtlich an meine Ehre, das iſt Alles, um was ich Sie bitte. Sie haben mich als ein Mann von Ehre behandelt, und es würde mich ſchmerzen, von Ihnen mißkannt zu werden. Döring konnte ſeinen jungen Reiſegefährten nicht länger beargwöhnen. Er begann vielmehr zu vermu⸗ then, daß er einer von den vielen unglücklichen politi⸗ ſchen Flüchtlingen ſei, welche damals Europa über⸗ lhnemanten. Inzwiſchen behielt er ſeine Vermuthungen bei ſich. — Hier iſt meine Hand, ſagte Döoring, und jetzt kein einziges Wort mehr in dieſer Sache. Ich habe Achtung vor dem Unglück, und kann ich Ihnen jemals zu Dienſten ſein, ſo wenden Sie ſich mit vollem Ver⸗ trauen an mich. Während des Geſprächs hatte man einige Werſte zurückgelegt und man näherte ſich Petershof. Auf einmal hörte man eine Kanonade aus grobem Geſchütz. 10 — Hören Sie. Der Wagen hielt. Döring und Worowitſch richteten ſich lauſchend und verwundert in der Equipage auf. — Es find Salutationsſchüſſe, bemerkte Döring, man hört das an den Pauſen zwiſchen den Schüſſen. — Gewiß eine fürſtliche Salutation! Iſt vielleicht die Kaiſerin in Petershof? — Kommt der Ton der Schüſſe nicht von Kron⸗ ſtadt her? — Nein... — Sie haben Recht, die Kanonade iſt ganz nahe bei uns, fahr zu... fahr zu... Worowitſch ergriff Döring beim Arm, in der Ab⸗ ſicht Etwas zu ſagen, aber er blieb ſtill, gleich als wäre er mit ſich ſelbſt nicht da rüber einig, ob er ſich äußern ſollte oder nicht. — Sagen Sie, was Sie auf dem Herzen haben, bat Döring.*. Der Kutſcher fuhr inzwiſchen zu. — Wenn der Hof hier iſt, ſagte Worowitſch, ver⸗ ſtummte aber wieder. — Nun, wenn der Hof hier iſt? 4 Doring bemerkte die ſtarke Aufregung, die ſich auf einmal des Jünglings bemächtigte, und die ſeine Un⸗ ruhe und Angſt unverſtellt darlegte. — Wenn Sie von dem Hof Etwas zu fürchten haben, fiel Döring ein, ſo rathe ich Ihnen, entſchloſſen zu handeln. Zeigen Sie ſich vor Andern ebenſo ſchwan⸗ kend und unſicher wie vor mir, ſo werden Sie binnen 24 Stunden als eine verdächtige Perſon Ihrer Freiheit beraubt. Antworten Sie mir offen, fürchten Sie den Hof? — Ja. — Sie wollen alſo alles Aufſehen und wo möglich auch die Polizei vermeiden? — Naltürlich. Der Wagen war inzwiſchen in die Alleen von 11 Petershof hineingekommen, und man ſah Menſchen⸗ gruppen hin und wieder ſich um einander herumtreiben, unter den buſchigen, im prachtvollſten Sommergrün prangenden Baumwipfeln. Döring hatte einen Augenblick überlegt. — Wenn der Hof hier iſt, ſagte er endlich, was, nach Allem zu urtheilen, was wir hier ſehen und hören, alle Wahrſcheinlichkeit hat, ſo bin ich genöthigt, eben⸗ falls hier zu bleiben. Sie haben mir geſagt, daß es für Sie von Wichtigkeit ſei, ſobald als möglich nach Petersburg zu kommen. — Das iſt wahr und dennoch... — Und dennoch? — Und dennoch bleibe ich gerne hier, im Fall Sie mich nicht loszuwerden wünſchen; denn ich bin über⸗ zeugt, daß ich mich in Ihrer Geſellſchaft am allerſicher⸗ ſten in die Hauptſtadt ſchmuggeln kann. — Auch ich glaube das... aber jedenfalls iſt es am klügſten, ſo vorſichtig wie möglich zu ſein. In den zwei letzten Jahren habe ich mich hauptſächlich in Ruß⸗ land aufgehalten, und ich weiß, daß die geheime Polizei nicht mit ſich ſcherzen läßt. Alſo... ich will Ihnen Etwas vorſchlagen. — Ihre Freundſchaft rührt mich tief. 1 — Befände ich mich in Ihren Umſtänden, ſo bin ich überzeugt, daß Sie mich auf dieſelbe Art behandeln würden. Worowitſch drückte Döring's Hand; dieß war ſeine einzige Antwort. — Wollen Sie meinen Rath befolgen, fuhr Döͤring fort, ſo ſteigen Sie jetzt aus dem Wagen und ſuchen allein bis zum Gaſthof auf der andern Seite des Schloſſes zu gelangen. In dem Volksgetümmel können Sie unbemerkt dahin kommen, und dort ſuchen Sie mich als einen alten Bekannten auf, der überraſcht ſein wird, Sie wieder zu ſehen. — Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen ſehr... Sie 12 find erfahrener als ich. In meinem Unglücke bin ich ſehr glücklich, daß ich einen redlichen Mann getroffen habe Worowitſch war lebhaft gerührt von der Freund⸗ ſchaft, welche Döring ſo einfach und herzlich ihm ſpen⸗ dete. Ohne alle weitere Ueberlegung ſprang er aus dem Wagen und verſchwand bald im Getümmel. Der Wagen fuhr fort, aber je weiter er kam, um ſo ſtärker wurde das Volksgedränge, und um ſo ſchwie⸗ riger die Aufgabe, ſich bis zum feſtgeſetzten Ort des Zuſammentreffens einen Weg zu bahnen. In dem Augenblick, wo Döring in einiger Ent⸗ fernung am Schloſſe vorbei fuhr, hörte er die ruſſiſche Hornmuſik eine Nationalhymne ſpielen. Die Töne rollten über die Landſchaft hin und erſtarben allmälig. Eine Viertelſtunde ſpäter hielt ſein Wagen vor dem Gaſthof an. Zweites Kapitel. Petershof. In zahlreichen Gruppen ſchwärmte das Volk in den Alleen von Petershof hin und her. Die Meiſten waren maskirt; Einige trugen ſchwarze, ſeidene Domi⸗ nos, Andere ganz einfach ihre Nationaltrachten. Auf einer Bank in einer der dunkelſten Alleen, wo die Bäume ihre Zweige zu einem dichten Gewölbe verflochten, ſaß oder ſtreckte ſich vielmehr ein einſamer Mann, den Rücken auf das Geländer geſtützt und die Füße auf der Bank liegend. Den Kopf hatte er in der Hand ruhen und ſchien Alles um ſich her zu vergeſſen. In der Entfernung erſcholl die Hornmuſik, und die Töne ſchwebten in langen, anhaltenden Harmonien über das Feld hin. 13 Nichts ſchien indeß den Einſamen ſtören zu können. Zu oberſt in der Allee zeigte ſich ein Mann, der ein Brett oder eine Art von Tiſchſcheibe auf dem Kopfe trug, worauf allerlei kleine Artikel zum Verkaufe ſtan⸗ den. Unter dieſen Waaren ſah man eine große Flaſche mit Sbiten, einem ruſſiſchen Lieblingsgetraͤnk, das aus Honig, Pfeffer und Waſſer gekocht wird. Der Mann war ein ſogenannter Sbitenhändler. Während er un⸗ aufhörlich ſeine Waaren ausrief, ſchritt er langſam voran und näherte ſich allmälig dem Einſamen, der, ohne ſich ſtören zu laſſen, fortwährend auf der Bank liegen blieb. Wir müſſen dieſen Unbekannten etwas näher zu zeichnen ſuchen, weil er in der vorliegenden Arbeit eine gar zu wichtige Rolle ſpielt, als daß er nicht ſogleich unſere Aufmerkſamkeit auf ſich zöge. Der Mann beobachtete eine nachläſſige Haltung, während ſein Kopf in der Hand ruhte. Dieſe Haltung ſchloß indeß nichts weniger als Sorgloſigkeit in ſich; im Gegentheil ſah man ganz deutlich, daß er in ſchmerzliche, qualvolle Gedanken verſunken war. Nicht bloß der Ausdruck ſeines Geſichtes war trübe, auch die Stirne war voll von Düſterheit; beſonders ſah man zwiſchen den Augen⸗ brauen tiefe Runzeln, und zuweilen bemerkte man ſchnell vorübergehende heftige Zuckungen um die Lippen, welche zu erkennen gaben, daß die Leidenſchaften eben jetzt in ihm rasten. In Folge der verſchloſſenen Augenlieder hatte es den Anſchein, als ob er, ohne ſelbſt darauf gerechnet zu haben, ſich in ſich ſelbſt verſchloſſen hätte. Das Geſicht war übrigens nicht häßlich, wenn es auch keine ausge⸗ zeichnete Schönheit beſaß. Es war ernſt und fein pro⸗ portionirt, aber blaß, wie wenn die Leidenſchaften bereits alle friſcheren Roſen darauf verheert hätten. Der ſchwarze Domino, der ihn bedeckte, war etwas zurückgefallen, und man ſah darunter Theile einer mit reichen Stickereien geſchmückten Hofuniform hervor⸗ 14 ſchimmern, woraus man ſchließen konnte, daß er ein Mann von Bedeutung war. In derſelben Hand, worin der Kopf ruhte, hielt er eine Maske. Die Muſik fuhr fort. Schwärme von Spazier⸗ gängern kamen und verſchwanden; der Einſame ſchien für das Eine wie für das Andere erſtorben zu ſein. — Kaufet Sbiten, rief jetzt eine Stimme ganz nahe bei ihm, kaufet Sbiten! Es war der umherziehende Händler, der mit ſeiner Boutike auf dem Kopfe jetzt dicht neben ihn gekommen war. Beim Getöne dieſer Stimme hob er ſein Haupt aus der Hand empor und warf einen Blick um ſich her. Der Platz war in dieſem Augenblick leer um ſie her; ob dieß nun von einem Zufall herkam, oder ob der Händler ſeinen Gang ſo eingerichtet hatte, daß er erſt unter ſolchen Umſtänden bis zu dem Unbekannten voran gekommen war. — Kaufet Sbiten! rief der Händler wieder und blickte vorſichtig um ſich. Kaufet Sbiten. Der Mann auf der Bank ſtand auf und gab dem Händler ein Zeichen, worauf dieſer ſich näherte. — Haſt Du ſie getroffen? fragte er. — Ja, gnädiger Herr. — Du haſt den Brief abgegeben? 4 8— Ich traf das Fräulein im Boskett in der Nähe des Schloßplatzes, und ich ſagte ihr, ein Unbekannter habe mich erſucht, den Brief zu übergeben.„ — Las ſie ihn in Deiner Gegenwart? — Das Fräulein ſchien neugierig zu ſein und er⸗ brach ihn ſogleich. — Was ſagte ſie? — Nichts... aber... aber... — Was willſt Du damit ſagen? — Sie erröthete, gnädiger Herr. — Das iſt gut.. Das Geſpräch wurde hier durch eine Lachſalve un⸗ 15 terbrochen, die in dieſem Augenblick aus einer der an⸗ liegenden Alleen erſcholl. — Entferne Dich, befahl der Unbekannte dem Händler, nachdem er eine Weile auf das immer näher rückende Gelächter gelauſcht hatte, entferne Dich, aber nicht ſo weit, daß ich Dich nicht treffen könnte, im Fall es nöthig wäre. — Kauft Sbiten! rief der Mann, vortrefflichen Sbiten, fuͤr eine Kopeke das Glas; Kaufet Sbiten! Dabei kehrte er dem Domino den Rücken, und ver⸗ ließ ihn mit einer Gleichgültigkeit, als hätten ſie gar nichts mit einander zu ſchaffen gehabt. Der Unbekannte band ſchnell die Maske vor ſein Geſicht und verſank wieder auf die Bank, wo er dieſelbe nachläſſige Lage wie vorher wieder einnahm. Im nächſten Augenblicke kamen etliche Herren vom Hof lachend und ſchwatzend. — Sie iſt hierher geflohen, ſagte einer von den Ankömmlingen, ein Uhlanenrittmeiſter in ſeinen beſten Jahren, aber man ſieht nichts mehr von ihr. Beim Teufel, das iſt liſtig... ha ha ha. — Erkannteſt Du ſie nicht, Araktſchejew? fragte ein Senatsſekretär. Du ſpracheſt doch mit ihr. — Die Stimme war mir bekannt. Ich kann darauf ſchwören, daß ich ſie ſchon vorher gehört habe. Sie gehört dem Hofe an. — Habt Ihr ihre Füße geſehen? bemerkte Petſcherin, ein Gardelieutnant. In ihren weißen Seidenſchuhen gleichen ſie den Fuͤßen junger Gänſe, ha ha ha. — Sie hatte feurige Augen, wie... wie... — Du ſtotterſt... vielleicht ſo feurig wie Deine Leidenſchaften! Wir ſollten eine Klappjagd auf ſie anſtellen. — Wenn Ihr ſie jagt, ſo will ich ſie nachher klappen. — Die verdammte Maske, brummte der Uhlanen⸗ rittmeiſter, die uns ſo eiferſüchtig ihr Geſicht vorent⸗ hielt. Beim heiligen Alexander, ich bin verliebt in die 16 Unbekannte... ſie war ſchlank wie eine Lanze, lebhaft in ihren Bewegungen wie ein Arabiſchas⸗ — Füllen, willſt Du ſagen. charmant, Herr Bruder, Du haſt Gleichniſſe, wie ein Pferd, ha ha ha, ich bin auch in ſie verliebt, d. h. in ihre Maske. — Und ich bin vernarrt in ihre ſchlanke Taille. — Und ich in ihre kleinen Füße. — Dieß kommt vermuthlich daher, daß ſie in Deinen Augen Gänſefüßen glichen. Du biſt immer ſo eine Art Liebhaber von Gänſen geweſen. — Was haſt Du zu ihr geſagt, Araktſchejew? Du mußt es uns geſtehen. — Ich ſagte ihr. — Daß ſie Dein beſſeres Ich geplündert habe, daß Du eine Zielſcheibe ſeieſt, die von ihren Blicken zer⸗ ſchoſſen worden. — Ich ſagte. — Daß du vergebens gegen die Leidenſchaft ge⸗ kämpft, die ihre kleinen Füße erweckt, daß Dein Stolz ſich in ihren Spuren verkrochen habe, daß Du aus vuh Entzücken im Begriffe ſteheſt, gegen Dich ſelbſt zu raſen. — Ich ſagte ihr. — Daß ſie entzückend ſei, nicht wahr... daß ſie eine Hindin ſei an Schnelligkeit, eine Taube an un⸗ ſhuld, ein Schwan an Keuſchheit, eine Nachtigall. eine. — Ci, ſo unterbrecht mich doch nicht immer, ich ſagte ihr... oder vielmehr ich frag te... — Ha ha ha, Du fragteſt... vortrefflich... was fragteſt Du? — Fragteſt Du vielleicht, ob ſie wiſſe, wie es zu⸗ gegangen ſei, als der Teufel mit dem Engel um den Leichnam Maſe ſich feii⸗ — Ich fragte. — Bielleich um die Urſache, warum die Romer 17 im Monat Mai nicht heiratheten, aber um ſo mehr im Juni und Juli. — Ich... — Du fragteſt ſie ganz gewiß, ob das Ei für das Huhn da ſei, oder das Huhn für das Ei. — Ihr ſeid Narren... aber ſeht, da iſt ſie... ſeht Ihr... Ein Frauenzimmer mit der Maske vor dem Geſicht trat wirklich in dieſem Augenblick in die Allee. Sie blickte ſcheu um ſich und ſchien ſich auf die andere Seite begeben zu wollen, aber die jungen Herren umringten ſie ſogleich. — Es leben alle Myſtifikationen! Es leben alle Liebesintriguen und Abenteuer des Peter⸗ und Paultags! Es lebe unſer Karneval! Wer ſind Sie, ſchoͤne Unbe⸗ kannte? Sie entkommen uns nicht, bevor Sie Ihre Maske abgenommen haben. — Laſſen Sie mich gehen, meine Herren! ſprach die Dame, ich bitte Sie, laſſen Sie mich gehen, laſſen Sie mich gehen. — Welch' eine göttliche Stimme! Bezaubernde Maske, Sie ſprechen wie eine Flöte;... ha. beim Him⸗ mel, wir müſſen Ihr Geſicht ſchauen. Ihre Blicke haben unſere Herzen entzündet; wir beten Sie an, wir ver⸗ ehren Sie göͤttlich. Unter ſolchem Gerede verſperrten die jungen Maäͤn⸗ ner der Maske den Weg. — Laſſen Sie mich gehen, bat die Dame wieder. Ich habe Eile, hindern Sie mich nicht. — Wir müſſen ſehen, wer Sie ſind... — Laſſen Sie mich gehen, laſſen Sie mich gehen. — Welche gottvolle Augen! Seele und Herz ſtrah⸗ len aus ihnen. — Zurück, meine Herren! — Welche zierliche Händchen, nur geſchaffen um geküßt zu werden! — Sie beleidigen mich. 5 Der Fürſt. I. 2 18 — Welche ſtolze, prächtige Figur! Wie ſchlank iſt nicht die Taille! Sie ſind eine der drei Grazien. Die jungen Männer wurden immer dreiſter und ſchienen nicht geneigt, ihren Raub loszulaſſen. — Sie ſind geſchaffen, um geliebt— um angebetet— um bewundert zu werden. — Sie muͤſſen Ihre Maske lüften; wir laſſen Sie nicht gehen, bevor wir Ihr Angeſicht betrachten durften. — Meine Herren! Der Uhlanenrittmeiſter hatte ihre eine Hand ergrif⸗ fen, und Araktſchejew legte die ſeinige auf die Schulter der Dame, in der Abſicht, ihr die Maske vom Geſicht zu reißen. In dieſem Augenblick trat der unbekannte Domino vor, der bisher auf der Bank geſeſſen hatte. — Was gedenken Sie zu thun, meine Herren? redete er ſie an. Vergeſſen Sie gänzlich, daß Sie ſich im Park der Kaiſerin beſinden? Eine Gewaltthat könnte Sie hier ſehr theuer zu ſtehen kommen. Die Stimme des Domino war nicht bittend und überredend, ſondern vielmehr kalt und befehlend. Die jungen Männer thaten ſich einen Augenblick Einhalt, indem ſie verwundert den Unberufenen an⸗ ſchauten. — Wer ſind Sie?— fragte endlich der Uhlanen⸗ rittmeiſter,— und was berechtigt Sie?... Ohne ihn ausſprechen zu laſſen, beugte der Do⸗ mino ſich gegen das Ohr des Rittmeiſters und flüſterte ihm ein paar Worte zu. Der Rittmeiſter entblößte ehr⸗ furchtsvoll ſein Haupt und gab ſeinen Freunden ein heimliches Zeichen. Wie mit einer Zauberformel be⸗ ſchworen, entfernten ſie ſich ſchleunigſt. Sobald der Domino ſich mit der Maske allein be⸗ fand, kreuzte er die Arme, und betrachtete ſie eine Weile unter hartnäckigem Schweigen. Die Maske, welche die Abſicht zu haben ſchien, dankbar für den erwieſenen Dienſt ſich ihm zu nähern, 19 wich jetzt beim Anblick ſeiner Kalten und ſtrengen Hal⸗ tung einen Schritt zurück. — Wie haben Sie ſich ſo bloßſtellen können, mein Fräulein, indem Sie ſich auf dieſe Art allein hinaus⸗ begaben? redete endlich der Domino ſie an. Sie ſind unvorſichtig, mein Fräulein. Hätte man Gelegenheit gehabt, die Dame unter der Maske zu beobachten, ſo hätte man ſehen können, wie ſie bei dieſer Anrede von einer unbeſchreiblichen Unruhe erfaßt wurde. — Sie antworten mir nicht, mein Fräulein; glau⸗ ben Sie vielleicht, daß ich Sie nicht kenne? Die Dame blieb ſtille, zog ſich aber zurück. — Sie haben ſo eben ein anonymes Briefchen er⸗ halten, und ohne zu wiſſen, von wem es kam, waren Sie ſogleich bereit, ſich hinauszubegeben, weil Sie ver⸗ muthlich hofften, insgeheim einen Anbeter treffen zu können. Sie ſind ſehr leichtſinnig, mein Fräulein! — AHch, mein Herr! — Läugnen Sie vielleicht, daß Sie ein Brieſchen empfangen haben, ohne zu wiſſen, von wem es war? — Wer ſind Sie, mein Herr? — Das gehört nicht hieher, mein Fräulein; Sie haben zuerſt meine Frage zu beantworten. Das Brief⸗ chen lud Sie hieher ein; aber wie kann man einem ſo leichtfertigen Schreiben Gehör ſchenken? — Ich habe nichts zugeſtanden und weiß noch nicht, wer Sie ſind. — Das Briefchen wurde Ihnen in dem Boskett neben dem Schloßplatz übergeben. — Noch einmal, mein Herr, wer ſind Sie? Sind Sie ein Spion? Ein Mann von Ehre erniedrigt ſich nicht ſo weit, daß er ein ſchwaches Weib auf dieſe Art verunglimpft. — Schwach ſagen Sie und Sie haben Recht. Sie find ſehr ſchwach, mein Fräulein. Ihre Handlungen haben in den letzten Zeiten Denjenigen, de Sie näher 20 beobachteten, ſo viel l ich will das Wort nicht aus⸗ ſprechen, ſo viel... wie ſoll ich mich doch ausdrücken? 2⸗ ſo viel Unbedachtſamkeit verrathen, daß Ihre Freunde Ihretwegen erſchrocken ſind. Bei dieſen ſo verletzenden Worten gewann die Dame die ganze Würde und Haltung eines beleidigten Weibes wieder. — Wer Sie auch ſein mögen, mein Herr, ſagte ſte, ſo erkläre ich Ihnen, daß Sie ſich dieſes zufällige Zuſammentreffen auf eine unwürdige Art zu Nutzen machen. Es iſt wohl möglich, daß Sie mich kennen; ebenſo iſt es möglich, daß die eine und andere meiner Handlungen Ihnen und auch meinen Freunden uner⸗ klärlich erſcheinen kann; aber ſo viel weiß ich, daß meine Handlungen niemals die Farbe bekommen können, die Sie ihnen zu geben belieben. Ich fühle auch meinen eigenen Werth zu gut, mein Herr, um nicht mit Ver⸗ achtung jede verkleinernde Inſinuation zurückzuweiſen, welche Perſonen Ihres Schlags, die ihr Geſicht nicht offen zu zeigen wagen, gegen mich vorzubringen für gut finden, Ich habe Sie aufgefordert mir zu ſagen, wer Sie ſind, Sie haben ſich geweigert, das zu thun. Ich ſtehe von meinem rechtmäßigen Verlangen ab, weil ich lieber einen Unbekannten als einen Bekannten verachten will. Leben Sie wohl, mein Herr. Mit einer ſtolzen Bewegung wollte die Dame ſich jetzt zurückziehen, aber der Domino vertrat ihr den Weg. — Sie ſind aufgebracht, mein Fräulein, verſetzte er, und das wundert mich nicht. Aber ich habe Ihnen nichts Anderes geſagt, als was man rings um Sie her flüſtert, und was zu flüſtern Ihre Handlungen in den letzten Zeiten den Hof berechtigt haben. Selbſt Ihr Beſuch hier.. was ſoll ich davon denken? Sie er⸗ halten einen Brief... Sie wiſſen nicht, von wem er iſt... und gleichwohl... aber ich will Ihnen keine Vorwürfe mehr machen, und am allerwenigſten wegen dieſes Beſuchs, weil das anonyme Schreiben, das man — 21 Ihnen im Boskett überreichte, von keinem Andern war als— von mir. — Von Ihnen? Wer ſind Sie denn? Ihre Stimme... — Sie erkennen mich nicht wieder? Nun ich wun⸗ dere mich nicht darüber... ich weiß, daß ich Ihnen gleichgültig bin. — Wären Sie vielleicht... — Sie errathen es, mein Fräulein, ich bin Graf Orlow. — Ha! — Es hat Ihrer Aufmerkſamkeit nicht entgehen können, daß ich Sie liebe, obſchon ich bis jetzt kein ein⸗ ziges Wort gegen Sie geäußert habe; Sie wiſſen es, weil Sie es nothwendig in meinen Zügen geleſen, in meinen brennenden Blicken geſehen, in meiner zitternden Stimme gehört haben müſſen. Alle meine Bewegungen haben Ihnen meine Liebe verkündet. Ach, mein Fräu⸗ lein, Sie ziehen ſich zurück. Beeilen Sie ſich indeſſen nicht. So leicht Sie meine Liebe entdecken konnten, eben ſo leicht war es auch mir, die Kälte, wo nicht den Haß zu ſehen, womit Sie dieſe Liebe lohnen. Wie entſetzlich iſt es jedoch, von Derjenigen verachtet zu werden, die man liebt... — Noch entſetzlicher iſt ds, mein Herr, von einem Menſchen geliebt zu werden, den... den man.. — Den man verachtet, wollen Sie ſagen. Gut; aber Sie kennen mich noch ſehr wenig. Einem Manne, mein Fräulein, iſt es nicht unmöglich, den Haß eines Mädchens in Liebe zu verwandeln; dieß dürfte eben ſo leicht ſein, als es für eine Dame iſt, die Liebe eines Mannes in Haß zu verwandeln. Warum indeſſen die Sache auf's Aeußerſte treiben? Der Kampf iſt un⸗ gleich. Sie ſind ein Weib, ein ſchwaches Weib, das haben Sie ſelbſt geſtanden, und ich bin ein Mann. Ich habe mich lange bemüht, das Feuer der Liebe in meiner Bruſt zu erſticken— jedoch vergebens— das Wort iſt 22 jetzt ausgeſprochen, und Sie haben keine andere Wahl, als entweder mir anzugehören, oder vor meiner Leiden⸗ ſchaft und Rache zu Grunde zu gehen. Ueberlegen Sie, mein Fräulein. — Das habe ich bereits gethan, Herr Graf... ich bin entzückt... — Sie gehören mir an? — Täuſchen Sie ſich nicht, Graf. Ich bin ent⸗ zückt darüber, daß Sie mir ein Recht gegeben haben, zwiſchen Ihrem Haß und Ihrer Liebe zu wählen. Haſſen Sie mich, Herr Graf, haſſen Sie mich, ich bitte Sie darum. Die Dame that wiederum einen Schritt, um ſich zu entfernen. Der Domino ſchien tief erſchüttert. Es trat eine kurze Pauſe ein. — Sie bitten mich um meinen Haß, fuhr der Do⸗ mino fort, während er ihr von Neuem den Weg vertrat. Sie ſollen nicht nöthig haben, mich darum zu bitten. Gleichwohl erſuche ich Sie noch einmal, die Sache et⸗ was ernſter zu überlegen. Vor allen Dingen wünſche ich, daß Sie ruhig und ohne alle Uebereilung einen Blick in meine Bruſt werfen und den ganzen Vulkan ermeſſen möchten, welcher darin brennt. Sie zittern! Bedenken Sie ſich, mein Fräulein! Wenn meine erſte Erklärung bereits Ihre Furcht wecken kann, was glau⸗ ben Sie wohl, daß mein Haß wird thun können? Ich erkläre Ihnen auch jetzt ganz einfach, daß ich nichts unterlaſſen werde, um Sie unter meinen Willen zu beugen. — Sie lieben mich, ſagen Sie, und Sie erklären mir einen Krieg auf Leben und Tod; das iſt unläug⸗ bar eine eigene Art, ſeine Liebe zu verſtehen zu geben. — Jeder hat ſeine eigene Art, zu Werke zu gehen, mein Fräulein. In dieſem Augenblick bin ich es, der zu Ihren Füßen liegt und um Ihre Gnade bettelt; ſtoßen Sie mich von ſich, ſo werde ich nicht ruhen, bis 23 ich Sie zu meinen Füßen liegen ſehe und mich um Gnade anflehen höre. — Sie find verabſcheuungswürdig, mein Herr. — Sprechen Sie aufrichtig, mein Fräulein, finden Sie mich wirklich verabſcheuungswürdig? — Brauche ich dieſes Wort wohl zu wiederholen? — Ich bemerkte ſo eben Ihr Entzücken.— Ach, mein Fräulein, jetzt bin ich nicht minder entzückt, entzückt darüber, daß Sie mich verabſcheuungswürdig finden, weil dieß immerhin doch ein Schritt iſt, der mich meinem Ziele näher führt. Aber ich habe noch Etwas hinzuzu⸗ fügen... erweiſen Sie mir das Wohlwollen, mich auf⸗ merlſam anzuhören. — Haben Sie die Güte, Alles auszugießen, was hür Zorn Ihnen zu diktiren für gut ſindet... ich dre.. — Ich ſagte Ihnen ſo eben, daß man Verſchiedenes von Ihnen ſpreche, was nicht zu Ihrem Vortheil ſei. — Nun, und dann? — Sie dürfen nicht glauben, mein Fräulein, daß ich ebenſo ſchlecht von Ihnen denke; aber die Verläum⸗ dung ſchadet mir nicht, und ich werde ſie noch weiter in Gang ſetzen. — Thun Sie was Sie wollen, umſomehr werden Sie den Abſtand zwiſchen uns erweitern. — Sie täuſchen ſich. Wenn die Liebe Sie nicht in meine Arme führt, ſo wird der Haß es thun. Das Gefühl, das Sie jetzt ſo ſtolz macht, wird gebrochen werden, und ehe Sie es glauben, werden Sie Ihrem Feind zu Füßen liegen. Sie lächeln. Ich kann Ihnen jedoch ein Geheimniß anvertrauen, das jedes Lächeln von Ihren Lippen verſcheuchen wird. — Sie ſind höchſt intereſſant, Herr Graf. Ich höre Ihnen mit Vergnügen zu. — So merken Sie ſich wohl, mein Fräulein, was ich Ihnen jetzt anvertraue. In dieſem Augenblick klatſchte der Graf einmal 24 in die Hände. Unmittelbar darauf trat eine maskirte Perſon von der einen Seite der Allee hervor. — Was ſoll das heißen, mein Herr? — Nichts, mein Fräulein, ganz und gar nichts; es iſt bloß ein Geheimniß, das ich Ihnen anvertraue. Und er klatſchte von Neuem in die Hände, worauf ſogleich eine neue Maske von der andern Seite her⸗ vortrat. — Wie ſo? Was bedeutet das? Aber der Graf beantwortete ihre Frage nicht, ſon⸗ dern gab ein drittes Zeichen, in Folge deſſen eine dritte Perſon, gleichfalls maskirt, von einer andern Seite herkam. t— Ha, Graf, Sie haben mich mit Spionen um⸗ geben. 3— Errathen: ſeit einem halben Jahr iſt jeder Ihrer Schritte ausgekundſchaftet worden, und brauche ich Ihnen jetzt wohl zu ſagen, daß ich Sie kenne? Mögen Sie mich jetzt ebenſo gut kennen, ich habe nichts da⸗ gegen. Und damit Sie auf einmal wiſſen, wer ich bin, ſo will ich Ihnen anvertrauen, was bis jetzt nur Wenige erfahren haben, daß ich der Chef der geheimen Polizei in Petersburg bin. Sie haben vielleicht von dieſer Polizei reden gehört. Sie machen jetzt Bekanntſchaft mit ihr. Möge es in einer für Sie glücklichen Stunde ſein! Dieſe geheime Polizei iſt ein über das ganze Reich geſponnenes Netz, worin jeder Menſch ſich ge⸗ fangen befindet, ohne es ſelbſt zu wiſſen. Sie iſt, wenn Sie ſo wollen, eine Höllenmaſchine, auch unter Ihren Füßen. Sie ſind Polin, mein Fräulein, d. h. Sie ſind verdächtig. Seien Sie verſichert, daß die Correſpondenz, die Sie mit Ihren Freunden in Polen geführt haben, mir bekannt iſt. — Ihre Drohungen ſind eben ſo unwürdig als vergeblich, Herr Graf. Ich bin Polin, das iſt wahr; aber ich bin ſtolz darauf, eine Tochter dieſes Landes zu ſein, ſo zermalmt und verheert es auch jetzt ſein mag. —— 25 Mhein⸗ Familie hat für die Freiheit und Ehre deſſelben gekämpft. — Sie haben gekämpft und ſind untergegangen. — Die Güter meiner Ahnen ſind confiszirt, meine Eltern ſind nach Sibirien abgeführt, mein Bruder ge⸗ ſtorben, geſtorben im Kampf für das Vaterland... und ich bin hier. Was glauben Sie nun, mein Herr? Glauben Sie, daß dieſe Umſtände Geheimniſſe ſeien, daß ich mich in dieſen Hof eingeſchlichen habe, und daß unſere hohe Beſchützerin, die Kaiſerin, nicht wiſſe, wer ich bin, und die Wünſche nicht kenne, die ich für das Beſte meiner Eltern hege? Sie täuſchen ſich, mein Herr. So wenig ich meine Liebe für meine Eltern ge⸗ heim halte, ebenſo wenig miſche ich mich in politiſche Intriguen, und ich kann Ihnen zur Ehre meiner Be⸗ ſchützerin ſagen, daß ſie meine kindlichen Gefühle ſchätzt, obſchon ſte aus Gründen, die ich nicht einmal zu beur⸗ theilen wage, dieſelben weder unterſtützen will noch unterſtützen kann. Handeln Sie, wie es Ihnen beliebt, Herr Graf, aber verſchonen Sie mich mit Ihrer Liebe. — Das werde ich thun, mein Fräulein. Auf einen Wink des Grafen näherte ſich eine der Perſonen, die hinter den Bäumen hervorgekommen waren. — Bemerkteſt Du, wohin dieſe Herren gegangen Pnd. die ſich ſo eben von hier entfernt haben? fragte der ra — Ich ſah' ſie vor einem Augenblick noch in der Allee daneben. — Sage ihnen ſie möchten hieher kommen. Die Dame kehrte hiebei Graf Orlow den Rücken, und wollte ihn verlaſſen. — Sie fragen mich nicht, mein Fräulein, ſiel je⸗ doch der Graf ein, warum ich die jungen Männer er⸗ ſuche, hieher zu kommen? — Nein, mein Herr. — Ich will es Ihnen ſagen, wenn Sie auch nicht 26 wollen. Meine Abſicht iſt, dieſen Herren anzuvertrauen, von wem der Brief war, den Sie laſen, als Sie von ihnen überraſcht wurden. Sie haben doch nichts da⸗ — Nein.„ Die Dame entfernte ſich. Sie hatte inzwiſchen kaum einige Schritte thun können, als die jungen Män⸗ ner lachend zuruͤckkamen.— — Sie haben uns gerufen, Graf, begann der Gardelieutenant. — Ich wollte Ihnen bloß ſagen, daß man auch in meinen Jahren noch eine bonne fortune haben kann. Was meinen Sie? Ich habe mir die Zeit auf eine höchſt angenehme Art vertrieben. Sie brauchen es nicht zu verheimlichen, meine Herren. Denn wenn Sie Luſt haben, ſo gebe ich Ihnen das Recht, auf meine Koſten zu ſcherzen, ſo viel Sie wollen. — Vortrefflich, Herr Graf, vortrefflich. Sie ſind ein ächter Cavalier... unüberwindlich... Die Dame bog in dieſem Augenblick in eine an⸗ dere Allee ein, während ſie hörte, wie man hinter ihrem Rücken lachte. — Sie müſſen uns ſagen, Herr Graf, wer die Maske war, bat der Uhlanenrittmeiſter. — Obſchon ich mich ſelbſt verrathen habe, ant⸗ wortete der Graf, ſo verrathe ich doch ſie nicht. Es iſt jetzt Ihre Sache, ihr die Maske abzureißen; thun Sie Ihr Beſtes. So ſprechend, huͤllte ſich der Graf in ſeinen Do⸗ mino, ohne zurückzuſchauen. Lachend und ſcherzend eilten die Männer nach der⸗ ſelben Seite, wohin die Dame ſich begeben hatte. Zur Aufklärung unſerer Leſer müſſen wir hier die Verhältniſſe näher beleuchten, unter welchen die eben er⸗ wähnten Umſtände ſtattgefunden haben. 1 27 In das Ende des Junimonats fällt der Peter⸗ und Pauls⸗Tag, und die Kaiſerin Katharina II. ließ einen ſolchen für ihre Familie ſo wichtigen Tag nicht gerne voruͤbergehen, ohne ihn auf's Feſtlichſte zu feiern. Das Feſt, dem man mit Recht einen der erſten Plätze in der Welt der Vergnügungen anweiſen konnte, weil es in einem auf wahrhaft gigantiſchem Fuß ange⸗ legten Maskenzug beſtand, wobei das Publikum freien Zutritt hatte, fand in Petershof ſtatt, wo das Schloß, der Park und die Umgebung zauberhaft geſchmückt und dem Publikum überlaſſen waren. Der Ruſſe iſt von Natur fröhlich, ſanftmüthig und unterwürfig. Er hat nicht klagen gelernt, weil er weiß, daß er das nicht thun darf, und deßhalb überläßt er ſich um ſo lieber den Genüſſen des Augenblicks. Im Tanz vergißt er die Bekümmerniſſe des Lebens, im Ge⸗ ſang haucht er die geheimen Qualen ſeines Herzens wie einen Seufzer in dem Winde aus, und die Sorgen, deren er auf dieſe Art ſich nicht zu entſchlagen vermag, erſäuft er im Glaſe. Durch ſein ganzes Leben geht ein Ton aſiatiſcher Sorgloſigkeit, welcher macht, daß er den Gefahren und dem Unglück nicht bloß mit geſchloſ⸗ ſenen Augen, ſondern auch mit ergebungsvollen Be⸗ kreuzungen, den Genüſſen und Vergnügungen des Lebens, aber mit offenen Armen und offenem Blicke entgegentritt. Die ganze genußſüchtige Bevölkerung eilte daher auch zu dieſem Feſte hinaus. Schon am frühen Morgen begann die Straße, die von der Hauptſtadt aus an Strelna vorbei nach Peters⸗ hof führt, von Equipagen, Reitern und Fußgängern zu wimmeln. Eine buntere Schaar konnte man ſich nicht denken. Die Menſchenmaſſe ſchlängelte ſich die Chauſſee entlang, wie ein in verſchiedenen Formen und Farben wechſelndes Ungeheuer. Wenn man dieſe Haufen be⸗ trachtete, hätte man glauben können, all' die verſchiede⸗ nen Länder und Reiche der ungeheuren Monarchie hätten ſich beeifert, wenigſtens durch einige Vertreter 28 an dieſem unüberſchaubaren Zug, der einen ganzen Tag dauerte, Theil zu nehmen. Die Equipagen mit ihren prächtigen Geſpannen konnten nur langſam voran⸗ ſchreiten und bildeten, je näher ſie dem Schloſſe kamen, eine weitſchichtige, bewegliche Wagenburg. Die Reiter waren gezwungen, ihre ſchäumenden Pferde anzuhalten, weil ſie auf allen Seiten von Fußgängern, einer zahl⸗ loſen und bunten Schaar in den verſchiedenſten Natio⸗ naltrachten, gedrängt wurden. Petershof, das fünfundzwanzig Werſte von Peters⸗ burg am finniſchen Meerbuſen liegt, iſt vermöge ſeiner Natur das erſte und ſchönſte aller Luſtſchloͤſſer des Kaiſerreichs, vermöge ſeiner Anlage jedoch das zweite in der Reihenfolge. Es beherrſcht unuͤberſehliche prachtvolle Parke und Gärten, und von hier aus präſentirte ſich die careliſche Küſte, Petersburg und Kronſtadt jenſeits der Meeresbucht, die von Segeln und Flaggen aus allen Häfen der Welt angefüllt iſt. Als Peter I. dieſes Luſtſchloß anlegte, wählte er unläugbar gut, denn ſein Auge konnte ſich hier an all den reichen Ausſichten für die Zukunft weiden, von denen ſeine Seele wie von ſchönen, kühnen Träumen erfüllt war. Später erlitt die erſte Anlage des Schloſſes viel⸗ fache Veränderungen, und gegenwärtig bildet daſſelbe eine bunte Muſterkarte der architektoniſchen Geſchmacks⸗ richtungen verſchiedener Zeiten. Antike und moderne Pracht wechſeln anf eine für das Auge entzuͤckende und pifante, wenn auch nicht immer den Regeln der Kunſt entſprechende Art. Auf der Landſeite iſt das Schloß von Waldpär⸗ ken und Blumengärten umgeben, denen ein großes Baſſtn mit Waſſerkünſten Leben verleiht. Das ganze Feld nach der Seeſeite bildet ein gewaltiger Park, be⸗ rühmt durch ſeine Denkmäler und Waſſerkuͤnſte, worun⸗ ter ſich mehrere beſinden, welche Waſſerſäulen im Durch⸗ meſſer von anderthalb Fuß bis zu einer Höhe von drei Klaftern emporwerfen. Ein Kanal theilt den Park i — 29 zwei Theile. An kleineren Paläſten, reizenden Land⸗ häuſern und allerliebſten Tempeln fehlt es hier auch nicht. In einem einſamen Waldpark liegt das zierliche Monplaiſir, wo die Kaiſerin Eliſabeth zuweilen ſelbſt ihre nicht unbedeutende Geſchicklichfeit in der Kochkunſt gezeigt haben ſoll. Dicht am Meerbuſen ſteht ein net⸗ tes hölzernes Gebäude, Peter's I. Lieblingsaufenthalt, weil er von da aus die herrlichſte Ausſicht über Kron⸗ ſtadt und die Flotte hatte. Und dann das Badhaus mit einem Baſſin, worin kleine Schiffe und Gondeln aller Art ſich ſchaukeln! Aber wir dürfen auch nicht vergeſſen, eine ganz zauberhafte, eigenthümliche kleine Wohnung zu erwähnen, die dem Auge großen Genuß gewährt und den Geiſt in Verwunderung verſetzt. Sie beſteht aus einer duͤrftigen Bauernhütte, worin die leibhaftige Ar⸗ muth ihre Wohnung aufgeſchlagen zu haben ſcheint. Aber welch' ein Wunder! Man tritt hinein und findet ſich auf einmal gleichſam in den Palaſt einer Feen⸗ königin verſetzt, worin man all' die vielen kleinen Ka⸗ binette, in welche die Hütte eingetheilt iſt wie auch ſeine eigene Perſon mittelſt der in reich vergoldeten Rahmen eingefaßten Wandſpiegel von allen Seiten vielfach zu⸗ rückgeſtrahlt ſteht; wie ſchön, wie bezaubernd iſt nicht dieſer Feenpalaſt! Des Orients phantaſtiſcher Luxus und die feinſten Moden des Weſtens ſcheinen ſich in dieſer Hütte ein Rendezvous gegeben zu haben. Nur in Rußland kann man eine ſolche Ideenaſſociation in's Leben geſetzt ſehen. Wir befinden uns jetzt in einem Theil des Parkes ganz nahe bei der kleinen Bauernhütte, welche wir hier zu zeichnen verſucht haben. Der Platz iſt von laubreichen Bäumen umgeben, welche tiefe, weithin reichende Schatten gleich einer zwei⸗ ten Abenddaͤmmerung über den Platz werfen. Zwiſchen 30 den hohen Bäumen flechten ſich wilde Rankenpflanzen zu hohen, undurchſichtigen Mauern. Man hört in der Entfernung das Getöſe der wimmelnden Volksſchaaren, gleich dem Gedröhne eines fernen Seewindes, der über rollende Wogen hinbraust. Von all' den Annehmlich⸗ keiten, welche das Leben bietet, findet man hier nur eine einzige, die Einſamkeit. Aber wie manche lockende und wollüſtige Vergnügungen, wie manche lieblich win⸗ kende Freuden werden nicht für das wunde Herz von dem Glück aufgewogen, abgeſchieden von dem Getöſe und dem Getuͤmmel der Welt, in unbewachter Ruhe ſeinen Schmerz in ſtiller Einſamkeit aushauchen zu dürfen! Wir finden hier auch die unbekannte, maskirte Dame wieder. Sie hat ſich ihren Gedanken überlaſſen und iſt in ihren Kummer verfunken. Wenn ſie auch kaum erſt im Gefühl ihrer Un⸗ ſchuld und Würde mit ſtolzer Verachtung die herben Drohungen Orlow's zurückzuweiſen vermocht hatte, ſo war ſie dennoch, als ſie dieſen kaum verlaſſen, in die unbeſuchteſten Gänge des Parkes geeilt und in den fin⸗ ſterſten und entlegenſten Theilen deſſelben verſchwunden. Die Maske bedeckte noch immer ihr Geſicht; man hätte beinahe glauben können, ſie wolle ſich vor der ganzen Welt verbergen. Und mit dem Ausdruck des größten Leidens rang ſie ihre Hände, während ihre Bruſt von tiefen Seuf⸗ zern gehoben wurde. War es das ungerecht beleidigte, das unſchuldig verunglimpfte Weib, das hier die Einſamkeit ſuchte, um ungeſehen ſeine Verzweiflung ergießen und dadurch wieder Ruhe und Frieden mit ſich ſelbſt gewinnen zu können, oder war es vielleicht die Kokette oder Intri⸗ gantin, die ſich von gerechten Vorwürfen in ihrem Her⸗ zen getroffen fühlte und von ſchmerzlichen Empfindun⸗ gen gequält wurde, während fie ſich ſelbſt nicht einmal ihre Verzweiflung darüber zu verbergen vermochte, daß xe dA 31 ſie ausſpionirt wurde, und wäre es auch nur in ihren kokettirenden Berechnungen oder Intriguen? Die Zeit glitt hier unbemerkt an ihr vorüber; nur die veränderte Lage der Schatten verkündete den Ver⸗ lauf des Tages. Aber für den Schmerz iſt die ganze Welt ein Schatten und dieſer bewegt ſich nicht. Sie wußte auch ſelbſt nicht, wie lange ſie ſich da aufgehal⸗ ten hatte, als ſie auf einmal in den Gebüſchen neben ſich Etwas raſſeln hörte und der herumziehende Händ⸗ ler zwiſchen den Zweigen hervorguckte. Sein Geſicht war, wie man dieß in Rußland bei den unteren Klaſſen ſehr häufig findet, in einem Bart begraben, der ſich gleich kohlſchwarzem Moos um Kinn und Wangen kräuſelte. Die weißen Zähne und die feurigen Augen contra⸗ ſtirten dagegen und leuchteten mit um ſo höherem Glanz. Es lag in ſeinem Ausſehen etwas Wildes, beſonders jetzt, weil er aufgeregter ſchien, als während des kurzen Geſprächs mit dem Grafen Orlow, wo er ſich zum erſten Mal dem Leſer präſentirte. — Fräulein! rief er. Die Dame fuhr erſchrocken auf. Beim Anblick des wilden, lebhaften Ausdrucks im Geſichte des Händlers empfand ſie eine Bangigkeit, aber dieſe währte nur einen Augenblick. — Biſt Du's Alexandrowitſch? was willſt Du? — Er iſt hier, Fräulein, hier... — AHch, mein Gott, wohin ſoll ich fliehen? — Fliehen? Was meinen Sie? it einer heftigen Bewegung ſchien die Dame ihre aufgeregte Stimmung beſchwichtigen zu wollen, und es gelang ihr. Mit vollkommener Selbſtbeherrſchung er⸗ hob ſie ſich jetzt von der Bank, in derſelben ruhigen Haltung, als ob nichts vorgefallen wäre. — Alexandrowitſch, ſagte ſie, komm her! 3 Der Mann trat vor und näherte ſich ihr mit — 32 derſelben Ehrfurcht, womit ein Selave ſich ſeinem Herrn nähert. 3— Wußteſt Du, von wem der Brief war, den Du mir im Boskett bei dem Schloßplatz übergabeſt? — Ja, gnädiges Fräulein. — Und Du ſagteſt mir nichts davon? — Ach, Fraͤulein, ich konnte nicht. Sie hatten ihn kaum empfangen, als einige Hofleute kamen, ſo daß ich kaum noch Zeit hatte, wegzueilen. — Gib Dich nicht mit ſolchen Dingen ab, Alexan⸗ drowitſch; nimm Dich in Acht, daß Du meinen Arg⸗ wohn nicht erweckſt. Alexandrowitſch ſtürzte vor der Dame auf die Kniee. — Zürnen Sie mir nicht, bat er, ach nein, thun Sie das nicht... Sie thun mir nicht bloß Unrecht, Sie thun mir auch wehe. Verzeihen Sie, Fräulein, verzeihen Sie! Er drückte ſich mit ſolcher Aufrichtigkeit aus, daß man keinen Verdacht gegen ihn haben konnte. — Für dießmal verzeihe ich Dir; aber Du ſag⸗ teſt, er ſei hier... laß uns von hier weggehen... ich will ihn nicht treffen... führe mich in's Schloß... wohin Du willſt... aber nur fern von ihm. — Fern von ihm? Nein, nein, Fräulein, ich will ihn zu Ihnen führen. — Den Grafen Orlow:? — Es iſt wahr, Sie wiſſen nicht, von wem ich ſpreche; ſehen Sie hier... er übergab ihr ein offenes Papier, worauf ein Name geſchrieben ſtand. Als die Dame den Namen las, ſchien ſie im höch⸗ ſten Grad überraſcht. Um ſich zu beruhigen, drückte ſie die Hand gegen ihre Bruſt. Ihre Füße ſchwankten, und ſie würde ohnmächtig auf die Bank niedergeſunken ſein, wenn nicht Alexandrowitſch vorgeeilt wäre und ſie in ſeine Arme aufgefangen hätte. — Es iſt ihm alſo gelungen, ſagte ſie endlich, alle 33 Schwierigkeiten zu überwinden. Er iſt hier... o, mein Gott, Du mußt mich zu ihm führen. — Das iſt unmöglich, Fräulein. — Wo hält er ſich auf? — Im Gaſthof. Sie ſehen wohl ein, daß man Sie dort bald entdecken müßte, und mehr bedürfte es nicht, um auch ihn bloßzuſtellen. — Ich muß ihn gleichwohl treffen. — Es iſt weit beſſer, wenn ich ihn hierher führe. — Aber ich bin von Spionen umgeben. — Daran zweifle ich nicht, aber ich glaube den⸗ noch nicht, daß man Ihnen bis hierher gefolgt iſt, ſon⸗ dern ich bin überzeugt, daß man Ihre Spur verloren hat. Ich habe den ganzen Park durchkreuzt, ohne eine einzige verdächtige Perſon zu entdecken. — Wie ſchrecklich, daß man es nicht wagen kann, auch nur einen Schritt zu thun! — Fürchten Sie nichts, Fräulein. Es iſt noth⸗ wendig, daß Sie ihn treffen, und ich glaube, daß Sie ohne alle Gefahr in der Hütte hier zuſammenkommen könnten. Verlaſſen Sie ſich auf mich... ich werde über Sie wachen... was befehlen Sie? Führe ihn hierher, aber ſpute Dich. Drittes Kapitel. Die Bauernhütte. In dem Gaſthaus, an welchem Döring abgeſtiegen, waren alle Zimmer beſetzt. Nichtsdeſtoweniger ließ er ſeinen Wagen davor ſtehen, weil er die Ankunft Worowitſch's abwarten wollte, um ſodann gemeinſchaftlich mit ihm eine Unterkunft zu ſuchen. Der Fürſt. 1. 3 34 Das Volk, das ſich ſeinen Vergnügungen hingab, achtete auf nichts Anderes, und er fürchtete alſo nichts mehr für Worowitſch.— Inzwiſchen wurde der Wagen ausgeſpannt und der Kutſcher blieb bei demſelben. Döring miſchte ſich unter die Menge, um ſich nicht bloß über die Urſache des ungewöhnlichen Feſtes, ſon⸗ dern auch über das Eine und Andere, was ſeinen eige⸗ nen Reiſezweck betraf, zu erkundigen. In Bezug auf das Erſtere war es nicht ſchwer, all' die Aufſchlüſſe zu erhalten, die er wünſchte. Jeder⸗ mann wußte ihm vollſtändige Auskunft darüber zu er⸗ theilen; aber in der letzteren Beziehung wollte er ſich nicht an den erſten Beſten wenden und er ging mehrere Mal unter der Menge umher. Dabei haftete ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf einem Soldaten, der mit einem Officiers⸗ mantel auf dem Arm am Eingang des Parkes ſtand und dort Jemand erwartete. Deerr Soldat trug gelbe Lederhoſen mit hohen Stulp⸗ ſtiefeln. Auf dem Kopfe hatte er einen dreiſpitzigen Hut, unter welchem gepuderte Locken aufgerollt lagen, die hinten in einen Zopf zuſammenliefen. Der Mann ſtand unbeweglich wie eine Bildſäule 1ahnnn hatte den Blick unverwandt auf den Eingang geheftet. Döring erkannte ihn ſogleich als einen Soldaten von Paul's holſteiniſcher Garde, dieſem Muſtercorps, womit der Großfürſt in Gatſchina experimentirte. — Kannſt Du mir ſagen, Kamerad, redete Döring ihn an, ob der Großfürſt Paul hier iſt? Ohne eine Miene zu verändern, wandte ſich der Mann gegen Döring. — Iſt der Großfürſt, Dein Herr, hier? fragte Dö⸗ ring von Neuem. Der Soldat antwortete bloß mit einem bejahenden Nicken. 4 — Iſt er droben im Schloß? 3⁵ Der Soldat ſchüttelte verneinend den Kopf. — Wo könnte man ihn treffen? Kannſt Du mir darüber Auskunft ertheilen? Der Angeredete ſchien ſich zu befinnen, inwiefern er auch dieſe Frage beantworten könnte, ohne den Mund öffnen zu müſſen. Nach einer Weile ſtreckte er die Hand aus und zeigte nach einer gewiſſen Richtung, gleich als wollte er ſagen: Begeben Sie ſich dahin und Sie wer⸗ den den Großfürſten treffen. Aber Döring war mit der Antwort nicht zufrieden. — Ich ſehe wohl, daß Du einer von den gut ge⸗ ſchulten Soldaten Gatſchina's biſt, der ſeinen Dienſt kennt und vor allen Dingen weiß, daß man auf dem Poſten nicht ſprechen darf; aber ich bin Courier und muß den Großfürſten treffen, oder vielmehr einen Mann, von dem ich vermuthe, daß er in ſeiner Geſellſchaft iſt. Kennſt Du den Baron Armfelt? Der Soldat nickte bejahend. — Beſindet er ſich in der Suite des Großfürſten? Wiederum eine zuſtimmende Bewegung. — So ſag' mir doch, wo ich dieſe Herren ſuchen ſoll. Der Mann antwortete indeß auch jetzt nicht, ſon⸗ dern deutete bloß nach derſelben Richtung wie früher. Dieſe übertriebene Unbeweglichkeit, die um ſo un⸗ nöthiger war, als der Mann bloß mit einem Mantel auf dem Poſten ſtand, beluſtigte Döring, und er wollte ſehen, wie weit der Burſche in ſeinem militäriſchen Stoizismus gehen würde; er nahm daher ein paar Silbermünzen hervor, um ſie ihm als Trinkgeld für die ertheilten Aufſchlüſſe zu geben. Aber als Döring ſie ihm reichen wollte, ſenkte der Soldat ſeine Hand und deutete auf den Boden, während ſein Blick auf eine unzweideutige Art der Bewegung folgte. Döring warf daher die Münze hin, und ſobald ſte auf den Boden fiel, ſetzte der Soldat mit unveränder⸗ ter Ruhe ſeinen Fuß darauf. Es war dieß die in ihrer Art ganz eigene Beredſamkeit fines Gatſchina⸗ 36 Soldaten, um nicht zu ſagen einer Maſchine, und Dö⸗ ring mußte den Mann bewundern, obſchon er die Luſt verloren hatte, ihn auf weitere Proben zu ſtellen. Er begab ſich daher jetzt hinweg und nach der Richtung, wohin man ihn gewieſen hatte. Inzwiſchen kam er nicht weit, als er auch ſchon Worowitſch erblickte, der in einem Geſpräch mit einem herumziehenden Sbiten⸗ händler begriffen war, demſelben, deſſen Bekanntſchaft der Leſer ſchon im vorhergehenden Kapitel gemacht hat. Döring ging ſogleich auf ihn zu, um ihn im Gedränge nicht zu verlieren. Sobald Worowitſch ſeinen Reiſe⸗ gefährten erblickte, bemerkte Döring, daß er dem Händ⸗ ler ein geheimes, wiewohl ſehr deutliches Zeichen gab, um ihm zu erkennen zu geben, daß irgend ein Ge⸗ heimniß zwiſchen ihnen ſtattfinde. Dieſe Entdeckung mußte Döring in Verwunderung ſetzen, weil Worowitſch ihm geſagt hatte, daß er keine älteren Verbindungen in Petersburg beſitze. Döring, deſſen Argwohn in Betreff Worowitſch's neues Leben erhielt, ſah, wie der Sbitenhändler ſich langſam entfernte, während er von Zeit zu Zeit ſeine Waare ausrief, und wie Worowitſch ſich bedachte, ob er dieſem Mann folgen oder Döring entgegengehen ſollte. Döring war jedoch in dieſem Augenblick ſchon nahe bei ihm, und dadurch wurde der Jüngling zu dem Letz⸗ teren gezwungen. Eine hohe Röthe bedeckte ſeine Wangen, ſein Athem war kurz, ſeine Bruſt hob ſich heftig und unruhig, ſo daß Döring daraus den Schluß zog, es müſſe eiwas ſehr Wichtiges eingetroffen ſein.. — Der Gaſthof iſt beſetzt, erzählte ihm Döring, indem er that, als ob er nichts bemerkt hätte, und ich weiß nicht, wo wir Zimmer erhalten ſollen. Dieß iſt doch ſehr verdrießlich. Worowitſch ſchien ſich darum nichts zu bekümmern, ſondern gab eine gleichgültige Antwort, während ſeine Blicke beſtändig dem Sbitenhändler folgten. 37 — Sie ſehen ſo unruhig aus, Worowitſch, begann Döring daher; iſt Ihnen etwas Unangenehmes zuge⸗ ſtoßen. Wer war der Mann, mit dem Sie ſo eben ſprachen? Noch einen Augenblick ſchien der Jüngling mit ſich ſelbſt zu Rath zu gehen. Döring benützte dieſe Gelegenheit, um ihn noch einmal ſcharf zu beobachten. Worowitſch's Augen ruhten gegen die Erde geſenkt. Sein Ausſehen war beinahe rührend. Es zeugte von Unſchlüſſigkeit und Unruhe. Ohne Zweifel waren ſeine Gedanken mit etwas Wichtigem beſchäftigt. Seine Züge waren im Uebrigen ſo rein und voll Unſchuld, daß Döring obſchon er die Zweideutigkeit nicht über⸗ ſah, deren er ſich ſchuldig gemacht hatte, in ſeinem Her⸗ zen dennoch glaubte, er könne ihn von allem Verdacht entbinden. Statt deſſen drängte ſich Döring unwillkürlich die Vermuthung auf, die er ſchon früher einmal gehegt hatte, daß Worowitſch ein verfolgter politiſcher Flücht⸗ ling ſei, der ſich jetzt genöthigt ſehe, ſich in ein undurch⸗ dringliches Dunkel zu hüllen, obſchon er ſich theils aus Unerfahrenheit, theils auch wegen ſeines gar zu ehr⸗ lichen nnd aufrichtigen Charakters noch nicht recht in ſeine Rolle habe finden können. Von dieſen Betrachtungen geleitet und geneigt, die edlen Eingebungen des Gefühls auf ſich einwirken zu laſſen, legte Döring die Hand auf die Schultern des Jünglings, in der Abſicht, ſeine Theilnahme auszu⸗ drücken. — Ich ſehe Ihre Bekümmerniß, Worowitſch, und obſchon ich an mehreren Ihrer Angaben zweifle, kann ich dennoch nicht umhin, Freundſchaft für Sie zu hegen. Es iſt Ihnen Etwas zugeſtoßen; Sie ſprachen ſo eben mit dem Mann dort. Ich will Sie nicht fragen, was der Gegenſtand Ihrer Unterredung war, oder was Sie jetzt beſchäftigt; aber Sie haben Etwas vor und wiſſen vielleicht nicht, wie Sie mich los werden ſollen. Nichts 38 iſt jedoch leichter, und während ich Ihnen jetzt die Verſiche⸗ rung ertheile, daß Sie ſich in keiner Beziehung vor mir zu fürchten brauchen, entferne ich mich, wenn Sie wollen, und zwar ohne die geringſte Neugierde in Be⸗ zug auf den Ort, wohin Sie ſich zu begeben gedenken. Bei Döring's freundlicher Anrede warf der Jüng⸗ ling ſeinen Kopf zurück— es war dieß eine ſeiner ge⸗ wöhnlichen Bewegungen— und blickte den Sprecher mit einem Ausdruck dankbarer und aufrichtiger Treu⸗ herzigkeit an. — Sie haben mich durchſchaut, antwortete er jetzt; ich habe wirklich Etwas vor, das mich unruhig macht. Im Uebrigen thut es mir leid, daß ich gezwungen bin, mich mit einem Schleier des Geheimniſſes zu umgeben, der Ihnen verdächtig erſcheinen kann, weil ich mich ungern von Männern verkennen laſſe, deren Ehre ich einmal hochſchätzen gelernt habe. og 6 Geniren Sie ſich deßhalb nicht, ich verlaſſe Sie ogleich. — Nein, nein. Sie dürfen mich nicht verlaſſen. Am allerwenigſten jetzt, weil ich... weil ich Ihrer bedarf. — Sie beduͤrfen meiner? — Haben Sie Zeit, mir eine halbe Stunde zu opfern? — Und wenn ich dieſe Zeit hätte? — So würde ich Ihnen beweiſen, daß ich Ver⸗ trauen zu Ihnen hege, ohne daß ich deßhalb Etwas zu verrathen brauche, was zu verſchweigen meine Ehre ge⸗ bietet. Ich würde Ihnen beweiſen, daß ich, geſtützt auf. dieſes Vertrauen, Ihre Freundſchaft noch weiter in An⸗ ſpruch nehme, ich würde Ihnen beweiſen... — Sie zögern unaufhörlich. — Zögern? Allerdings, aber ich befinde mich ja auch auf einem Boden, der mir fremd iſt, ich bin von Umſtänden ſo eigenthümlicher Art umgeben, daß ich die Grenzen meiner Aufrichtigkeit nicht zu beſtimmen vermag. 1* ———— 39 Inzwiſchen opfern Sie ja doch mir zu lieb eine halbe Stunde? — Ich folge Ihnen. — Wohlan denn. Laſſen Sie uns gehen. Sehen Sie, der Mann, mit dem ich ſo eben ſprach, geht dort; wir müſſen ihm folgen, obſchon in einer gewiſſen Ent⸗ fernung, damit Niemand ihn für unſern Wegweiſer halten kann. — Wohin führt er uns? — Ich weiß es ſelbſt nicht; aber jetzt fällt mir ein, daß ich Ihnen Aufſchluß über Etwas ſchulde. In den erſten Tagen unſerer Bekanntſchaft, und als ich noch nicht wußte, wie ich Sie betrachten, ja nicht ein⸗ mal, wie ich die Freundſchaft anſehen ſollte, die Sie mir bewieſen, ſagte ich Ihnen, daß ich in Petersburg Niemand kenne. Dieß war bloß eine Ausflucht. Wie Sie jetzt finden, kenne ich z. B. dieſen Mann da. Er iſt eine redliche Seele, ein ehrliches Herz, und ich kann mich ihm vollkommen anvertrauen. Meine Ankunft hier wurde von ihm bereits erwartet, obſchon ich aller⸗ dings nicht glaubte, daß ich ihn fruͤher als in Petere⸗ burg treffen würde. Zufällig ſtieß ich mit ihm zuſam⸗ men. Da er allerlei Waaren ausruft, ſo war es ihm nicht ſchwer, den Beobachter zu machen. Unter Vielem, was er mir erzählte, verſprach er mir eine Zuſammen⸗ kunft mit... mit... mit einer Dame. — Einer Dame? — Wie ich ſage... — Und wir begeben uns jetzt zu ihr? Doring ſtellte dieſe Frage mit einer Ueberraſchung, die er nicht einmal zu verbergen ſuchte, und welche die Aufmerkſamkeit des Jünglings erweckte. Er blieb da⸗ her ſogleich ſtehen und betrachtete ihn mit einem fra⸗ genden, beinahe zweifelnden Ausdruck. — Ich habe an Etwas nicht gedacht, ftel er ein; vielleicht haben Sie keine Luſt, ſich durch eine Promenade bloßzuſtellen, die möglicherweiſe nicht ganz ohne Ihre... 40 — Sprechen Sie ſich aus, was meinen Sie damit. — Es iſt nicht Ihr Muth und Ihr Herz, was ich in Frage ſtelle, indem ich dieſe Bemerkung mache; aber als Courier beſitzen Sie eine Art von officiellem Cha⸗ rakter, und Sie duürfen ſich vielleicht nicht auf ein Aben⸗ teuer einlaſſen, von dem ich zwar nicht glauben will, duß es mit einer Gefahr verbunden iſt, das aber jeden⸗ alls... — Seine Seiten hat, ſiel Döring lächelnd ein; nur fürchten Sie meinetwegen nichts; ich habe allerlei durchgemacht und ſcheue ein kleines Abenteuer nicht. Kann ich Ihnen in Etwas dienen, ſo thue ich es recht gern. Wen hoffen Sie zu treffen? — Eine Dame. 5 — Das haben Sie bereits geſagt; aber wer iſt ſie? — Hier beginnt meine Räthſelhaftigkeit wieder, mein Herr. Ich darf es nicht ſagen. Unſer Weg⸗ weiſer hat mir geſagt, daß ich ſie in einer kleinen Bauernhütte treffen wuͤrde, die hier im Park liegen ſoll. Unſere Unterredung kann eine Viertelſtunde oder zwan⸗ zig Minuten währen. Aus ſchuldiger Vorſicht, weniger um meinetwillen als der Dame wegen, wollte ich Sie bitten, unſere Sauvegarde zu werden— was ſagen Sie dazu? Ungeachtet Döring ein ſolches Geſchäft vielleicht nicht üͤbernommen haben würde, wenn er zum Voraus um dieſe Abſicht gewußt hätte, ſo war er gleichwohl jetzt zu weit gegangen, um zurücktreten zu können. Worowitſch hatte Döring inſofern richtig beurtheilt, als er keine perſönliche Furcht hegte; aber er glaubte, daß er gleichwohl wegen ſeines officiellen Charakters als Courier einige Vorſicht beobachten müſſe. Vielleicht um ſeine eigenen Bedenklichkeiten zum Schweigen zu bringen, lachte Döoring jetzt über die Skrupeln des Jünglings und ſteckte den Arm in den ſeinigen. Döring ließ ſich dabei weniger durch ſeine rege gewordene Neugierde, als durch ſeine Theilnahme für ——— 41 den unerfahrenen Jüngling leiten. Er hatte ſich über⸗ dieß allzu oft argwöhniſch gegen Worowitſch gezeigt, als daß er ihm jetzt Veranlaſſung geben wollte, denſelben Maßſtab an ihn ſelbſt anzulegen. Im Kampf mit den Klugheitsregeln, die ſeine Dienſtverhältniſſe ihm aufer⸗ legen konnten, ließ er ſich alſo voranziehen. Der Weg führte ſie in den Park hinein, und man paſſirte mehr als eine Allee, durch welche der Sbiten⸗ händler vorausging. So kamen ſie endlich zu der kleinen Bauernhütte, in deren Nähe wir die unbekannte Maske ſo eben verlaſſen haben. Eine Weile ſpäter finden wir Döring auf dem Platze vor der Hütte und in einiger Entfernung den herumziehenden Händler mit ſeiner Boutike auf dem Kopf. Döring hatte geſehen, wie Worowitſch im Eingang der Hütte verſchwand und von einer maskirten Bame empfangen wurde. Da ſie ſich von den allgemeinen Promenaden ſehr entfernt befanden, ſo glaubte er zwar nicht, daß ſie eine Ueberrumpelung zu befürchten hätten; aber nichts deſtoweniger war ſeine Lage ihm läſtig, und er hätte ſich um Alles in der Welt nicht entdecken laſſen mögen. Er wachte daher mit derſelben Aufmerkſamkeit als gälte die Sache ihm perſönlich. Aber wenn das Abenteuer auch Döring, als einem Mann, dem ein wichtiger politiſcher Auftrag anvertraut war, nicht in allen Theilen gefiel, ſo hatte es nichts deſtoweniger für ſein Herz etwas Intereſſantes, das ihn reizte. Er hatte ſelbſt mit der ganzen Wärme und in⸗ nigen Ergebenheit eines jungen Mannes geliebt, und er dachte, daß er jetzt eine Liebe beſchütze, die ebenſo rein und wahr, vielleicht auch ebenſo unglücklich ſei; während er daher mit einem Seufzer ſeiner eigenen früheren Verhältniſſe gedachte, wachte er mit brüderlicher Zärtlichkeit über das junge Paar, das vielleicht nach mehrjähriger Trennung erſt jetzt ſich wiederſah. Es war ihm nicht entgangen, mit welcher Rührung Worowitſch der Maske ſich genähert hatte, und er glaubte 7 42² auch bemerkt zu haben, daß ſie ihn mit zärtlicher Hin⸗ gebung empfangen. Worowitſch befand ſich in dem Alter, wo die Wur⸗ zeln, welche die Liebe ſchlägt, das ganze Herz durch⸗ dringen, und die Blumen, welche ſie entwickelt, für die Gedanken und das Gemüth allzeit friſche und grüne Zweige werden, zu denen ſie während ihres jugendlichen Flugs um die Welt beſtändig ſehnſuchtsvoll zurückkehren, nicht bloß um den Duft, ſondern auch die Ruhe zu fin⸗ den, die ihre Seligkeit ausmacht. Allerdings hatte die Maske Döring das Geſicht der Dame verborgen, aber er hatte ihren Wuchs, er hatte das Feuer in ihrem dunkeln Auge, er hatte die lebhafte Bewegung geſehen, womit ſie die Hand des Jünglings drückte, und daraus ſchloß er auf das, was in ihrem Innern vorging.. Während er hin und her wandelte, drängte ſich ihm mehr als ein melancholiſcher Gedanke auf, und ſeine Seele flog auf den Fittigen der Erinnerung nach Schwe⸗ den hinüber, wo ſein Herz den erſten Eindruck der Liebe erfahren, aber auch Alles, ſogar die Hoffnung verloren atte. W3 Rings um ihn her war es ſo ſchweigſam und ruhig. Die Bäume flochten ihre Zweige in einander und umgaben ihn auf allen Seiten, gleich als wanderte er in einer großen Laube auf und ab. Von Zeit zu Zeit näherte ſich ihm bloß das Getöne von den Ausru⸗ fungen des Händlers, die ihm zugleich die Gewißheit ver⸗ ſchafften, daß auch er auf der Wacht ſtehe. Döring's Furcht vor einer Ueberraſchung verſchwand allmälig; er gab ſich ſeiner eigenen Schwärmerei hin und nahm Platz auf einer Bank nahe bei der Thuͤre der Hütte. Indem er liebe, theure Namen in den Sand zeich⸗ nete, vertiefte er ſich immer mehr in ſeine Erinnerungen, während die Gegenwart immer mehr erblaßte. Endlich hörte er, wie die Thüre der Hütie kafne 43 wurde, und als er ſich umwandte, ſah er, daß Woro⸗ witſch ihm winkte. Er erhob ſich ſogleich und näherte ſich ihm. — Kehren wir jetzt in den Gaſthof zurück? fragte er. — Noch nicht; aber haben Sie die Güte, hier hereinzukommen. Wir haben beſchloſſen, uns Ihren Händen anzuvertrauen. Döring fand keinen Grund, ſich zurückzuziehen; er ahnte bereits den Inhalt der vertraulichen Mittheilung, die man ihm machen wollte, und er trat ein. Das prachtvolle Innere der Hütte überraſchte ihn beim erſten Anblick, und er blieb auf der Schwelle ſtehen. Worowitſch wollte ihn in eines der inneren Kabi⸗ nette führen, wo die Dame wartete, aber Döring konnte einige Bemerkungen über das, was er ſah, nicht unter⸗ drücken, und dadurch entſtand ein, wenn auch nur ganz kurzer Aufenthalt. Dieſer Aufenthalt ſollte inzwiſchen ihre Stellung verändern. Worowitſch hatte die Thüre hinter ihnen verſchloſ⸗ ſen, und in dem Augenblick, wo ſie ſich in das innere Zimmer zu begeben beabſichtigten, klopfte es heftig an die Thüre. — Im Namen der Kaiſerin, öffnet! rief man. Döring erſchrack bei dieſem Befehl. Er wußte zwar, daß er ſich bei Nichts betheiligt hatte, was gefährlich ſein konnte, aber der Name der Kaiſerin enthielt, auf ſolche Art gebraucht, immer etwas Drohendes. Unwill⸗ kürlich warf er einen Blick auf Worowitſch. Dieſer ſtand bleich, beinahe zitternd da. — Was ſoll das heißen, fragte Döring, von ſeinem erſten Eindruck geleitet. Sie erblaſſen, Sie zittern. Iſt dieß Zuſammentreffen von der Art, daß es das Miß⸗ vergnügen der Kaiſerin erwecken kann? Antworten Sie mir. Ich habe an Ihre Ehre geglaubt, Sie haben mich doch nicht in unangenehme Händel verwickelt? Ich bin 44 Ausländer und will mich bei keinem Complott gegen die Behörden des Landes betheiligen. Es pochte von Neuem an die Thüre und zwar dieß⸗ 3 mal noch heftiger. — Im Namen der Kaiſerin, öffnet! wurde von Neuem gerufen, öffnet, öffnet! Da Worowitſch nicht antwortete, begab ſich Döring an die Thüre, um ſie zu öffnen; aber als Worowitſch ſeine Abſicht bemerkte, ſo kam er wieder zu ſich. — Warten Sie einen Augenblick, ſagte er und legte ſeine Hand auf Döring's Schulter; da draußen befehlen ſie uns zwar im Namen der Kaiſerin zu öffnen, aber ich bitte Sie um Gotteswillen, es nicht zu thun. Die Dame, die im inneren Zimmer das Klopfen und den Befehl gehört hatte, kam jetzt heraus. Die Maske bedeckte noch ihr Geſicht. Döring's Hand lag bereits am Schloſſe, und er brauchte bloß den Schlüſſel herumzudrehen, um die Perſonen hereinzulaſſen, die draußen pochten. 4 — Um Gotteswillen, bat auch ſie, warten Sie, warten Sie,... Sie können uns nicht verrathen wollen. — Ganz gewiß nicht... aber was ſoll ich thun? — Hören Sie mich an, fuhr ſie fort, und wandte ſich an Worowitſch; Sie müſſen fort... augenblicklich fort, ſonſt ſind wir beide verloren. Worowitſch bewegte ſich nicht vom Platze. — Soll ich Dich hier laſſen... Dich in der Ge⸗ walt unſerer Feinde laſſen... erwiederte er,... nein! — Nimm dieſen Schlüſſel und begib Dich in das innere Kabinet; dort findeſt Du eine Thüre, die in den Park hinausführt. Spute Dich. Döring wußte nicht, was er von dieſem Auftritte denken ſollte. — Bitte mich nicht, Dich zu verlaſſen, drängte Worowitſch; an Deiner Seite bin ich bereit, jeder Ge⸗ fahr entgegenzutreten, aber ohne Dich nicht. Man pochte fortwährend an die Thüre. — —9+—— 45⁵ — Keine Einwendungen. Gehorche mir. Ich will es. Während die Leute ſich bei dieſem Eingang ſam⸗ meln, wird man die Hinterthüͤre unbewacht laſſen, und Du kannſt leicht entkommen. Zögere nur nicht. — Es wäre Feigheit, Dir zu gehorchen; höre ſtatt deſſen meinen Vorſchlag. Ich bleibe hier, und Du ent⸗ fliehſt durch die Hinterthüre. — Oeffnet, öffnet! rief man von Außen. Die Dame hatte entſchloſſen ihre Hand auf Döring's Hand gelegt, um ihn zu verhindern, die Thüre zu öff⸗ nen. Sie war die einzige Perſon, die in die Verhält⸗ niſſe eingeweiht war, und deßhalb die nöthige Faſſung beſaß, um mit Ueberlegung zu handeln. — Du villſt, begann ſie wieder, daß ich fliehen und Dich Deinem Schickſal überlaſſen ſoll? Das ge⸗ ſchieht nicht. Ich habe wenig zu riskiren, Du Alles. — Aber man wird Dich mit einem fremden Manne hier treffen. — Was macht mir das... man wird ſich auf meine Koſten luſtig machen... das iſt Alles... ich bin daran ſchon gewöhnt... geh', ſage ich, geh'!... Bei Allem was uns theuer iſt, ſpute Dich! Die Aufforderungen zu öffnen, wurden immer un⸗ geſtümer. Obſchon Döring nicht wußte, welche Gefahr eigent⸗ lich drohte, ſo begriff er doch, daß zwiſchen den jungen Leutchen ein edler Wettſtreit ſlattfand, und er empfand den lebhafteſten Wunſch, ihnen aus der Verlegenheit zu helfen... aber auf welche Art? Auf einmal flog ihm eine Idee durch den Kopf. — Antworten Sie mir ehrlich, ſagte er jetzt, wer von Ihnen beiden beim Dableiben am meiſten riskirt. — Worowitſch, erklärte die Dame. — Dann muſſen Sie ſich ſogleich entfernen, wenn auch nicht um dieſer Dame willen, ſo doch meinetwegen; denn ich bin im Vertrauen zu Ihnen hierher gekommen, und Sie dürfen mein Vertrauen nicht täuſchen. Der Jüngling zögerte. — Aus Ihrer Aufregung, fuhr Döring fort, ſchließe ich, daß es ſich hier um wichtigere Dinge handeln muß, als um ein einfaches Liebesabenteuer. — Sie haben Recht, ſagte die Dame, es handelt ſich um... — Ich will es nicht wiſſen, ſiel Döring ihr in's Wort, aber wenn Sie, Worowitſch, ſich ſogleich ent⸗ fernen, ſo werde ich die Dame retten und dieſes Zuſam⸗ mentreffen in ein gewöhnliches Rendezvous verwandeln. Die Dame heftete einen feurigen Blick auf Döring. Sie hatte ihn verſtanden. — Hörſt Du, was Dein Freund ſagt? ſagte ſie zu Worowitſch Willſt Du uns Alle retten, ſo eile hin⸗ weg... kein Wort mehr.. eile nur fort. Worowitſch zögerte nicht länger, ſondern eilte in das innere Kabinet. Kaum hatte er dort verſchwinden können, ſa ſank Döring auf ſeine Kniee. Ein Lächeln kräuſelte dabei ſeine Lippen. — Meine Rolle beginnt, ſagte er. Die Dame zog ſich verlegen einen Schritt zurück. — Ich ſchäme mich, mein Herr, antwortete ſie. Döring hatte kaum erſt gehört, wie ſie ſich mit großer Energie ausſprach; jetzt dagegen lag etwas Weiches und Liebliches in ihrer Stimme. War es ſein Kniefall, was dieſe plötzliche Verwandlung verurſacht hatte? Der befehlende Wille war verſchwunden und jetzt ſtand nur eine zärtliche, bange Jungfrau vor ihm, die ſchamhaft zurückwich. — Oeffnen Sie die Thüre, und ſtoßen Sie mich mit Verachtung zurück... die Schande wird dann mich allein treffen. — Ich mißbrauche Ihre Güte. — Sie können mich hinreichend belohnen, wenn Sie mir Ihr Geſicht zeigen wollen. Doring war eine ſchöne Geſtalt, von mannhaftem, edlem Ausſehen. Seine Wangen wurden in dieſem d8 GUS SSn—,— 47 Augenblick von einer Röthe gefärbt, welche den ritter⸗ lichen Ausdruck ſeines Weſens noch erhöhte. Das Auge brannte von einem dunkeln Feuer. Die Erinnerung an ſeine erſte Liebe war mit all ihrer Kraft wiederge⸗ kehrt. Seit er die Hoffnung aufgegeben, durch ſie glück⸗ lich zu werden, hätte er vor keinem Weib mehr ſein Knie gebeugt. Ohne daß das Herz pocht, beugt man indeſſen das Knie nicht. Einen Augenblick betrachtete ihn die Dame. — Sie wollen ſehen, wer ich bin, wiederholte ſie; aber, mein Herr, Sie machen mich erröthen. — So erröthen Sie, aber erlauben Sie mir, Sie zu ſehen. Die Bruſt der Dame hob ſich, ihr Athem ging heftiger und ihre Augen ſtrahlten von höherem Glanz. — Sie verlangen es... — Ich verlange nichts.. ich bitte bloß. — Wohlan denn... So ſprechend, löste ſie die Maske ganz leicht und ließ ihn einen Blick hinter dieſelbe werfen; ſodann be⸗ feſtigte fie die Maske von Neuem vor ihrem Geſichte. Ein Ausruf des Entzückens kam unwillkürlich über Döring's Lippen. Seine Seele leuchtete aus ſeinen Augen; welch' eine zauberhafte Anmuth hatte er nicht geſehen! Um ſich aus ihrer Verlegenheit zu rapeen, legte die Dame jetzt die Hand an's Schloß, in der Abſicht, die Thüre zu öffnen, als Döring plötzlich von ſeinem Platze aufſprang. „„ Warten Sie noch, bat er; ich kann es nicht über's Herz bringen, Sie bloßzuſtellen, auch Sie müſſen gerettet werden. Derſelbe Weg, auf welchem Worowitſch ſich entfernte, ſteht ja auch Ihnen offen. — Und Sie ſollen allein zuruͤckbleiben? Was würde man glauben, im Fall man Sie hier träfe? Man kann glauben, was man will, das iſt mir jetzt ganz gleichguͤltig, wenn nur Sie gerettet werden. 48 — Warum jetzt mehr als vorhin? — Erlaſſen Sie mir die Antwort auf dieſe Frage. Befolgen Sie meinen Rath... fliehen Sie... Ihre Ehre... Ihr Namen... — Ich danke Ihnen für Ihr Zartgefühl; aber Sie vergeſſen, daß man, wenn man Sie allein hier fände, Sie aufgreifen könnte wie einen gewöhnlichen... — Was meinen Sie? — Wir haben Etwas uberſehen. — Was? — Daß wir uns alle beide entfernen können. — Ja, ja, Sie haben Recht. — So laſſen Sie uns wegeilen. Inzwiſchen hatte man von Außen den Befehl, die Thüre zu öffnen, fortwährend wiederholt, und zuletzt die Drohung beigefügt, ſie im Weigerungsfalle zu ſprengen. Man war auch bereits zur That geſchritten, allein die Thüre hatte mehreren ſtarken Stößen Widerſtand geleiſtet. Sobald Döring und die Unbekannte ihren Beſchluß gefaßt hatten, gemeinſchaftlich den Platz zu verlaſſen, eilte die Letztere in das Kabinet. Döring folgte ihr auf den Ferſen, war aber noch nicht weiter als bis auf die Schwelle gekommen, als die Eingangsthüre dem immer ſtärkeren Drucke wich und aufſprang. In dieſem Augen⸗ blicke ſtürzten mehrere Perſonen herein, und als Döring die Unmöglichkeit einſah, ſelbſt zu entkommen, ſo be⸗ ſchloß er, wenigſtens die ſliehende Dame zu retten; er ſchlug daher die Kabinetsthüre hinter ihr zu und nahm dann ruhig und gleichgültig ſeinen Platz an dem Thür⸗ pfoſten ein; entſchloſſen, Niemand hineinzulaſſen, bevor ſie hätte entwiſchen können. 83ͤ B⏑*⏑ ò —— 1N—u— 49 Aber man machte keine Verſuche weiter vorzudringen, ſondern forderte ihn auf, mitzukommen, ein Anſinnen, gegen das er nicht proteſtiren zu dürfen glaubte. Als er zu der kleinen Hütte hinauskam, fand er da mehrere junge Männer verſammelt, in welchen wir dieſelben wiederfinden, die den Park durchſtreift hatten, um auf Orlow's Aufforderung die Dame zu demaskiren, die ihre Neugierde in ſo hohem Grade gereizt. Als ſte Döring erblickten, konnten ſie ihre Neigung zum Scherzen und Lachen, was ſich junge Männer überhaupt nicht gerne verbieten laſſen, nicht zurückhalten und em⸗ pfingen ihn daher mit einem ſchallenden Gelächter, welches Döring natürlich im höchſten Grade verdroß und aufbrachte. Wir haben bereits geſehen, daß Döring ein ſehr vorſichtiger Mann war; aber war er einmal in ein Abenteuer hinein gerathen, ſo pflegte er ſich nicht zurück⸗ zuziehen, bevor er das Ende geſehen hatte. Dreiſtigkeit und Muth waren ihm angeboren; Beſonnenheit und Bedachtſamkeit hatte er während ſeines ereignißreichen Lebens ſich erworben. Als ein Mann der That brachte er ſowohl die erſteren als die letzteren von dieſen Eigen⸗ ſchaften oft zur Geltung; aber wenn es ſich um ſeine Ehre handelte, ſo mußten die letzteren immer hinter den erſteren zurückſtehen. Unerſchrocken trat er alſo auf die jungen Männer zu. — Meine Herren, redete er ſie an, ich habe Ihnen anzuzeigen, daß ich ein Ausländer bin und deßhalb eine gewiſſe Ritterlichkeit von Ihrer Seite in Anſpruch nehme. Ich bitte Sie, geben Sie Ihre Scherze auf— ſie ſind gegen mich gerichtet, das ſehe ich. Döring ſagte dieß ganz ruhig; die Angeredeten aber kamen nicht zur Beſinnung, ſondern wurden nur noch zusgelaſſener. — Ich gehöre, begann jedoch Döring wieder, ohne luch nur einen Augenblick ſeine Kaltbluͤtigkeit zu ver⸗ ieren, ich gehöre einem Lande an, das zwar im Ver⸗ Der Fürſt. 1. 4 50 gleich mit demjenigen, dem Sie anzugehoren die Ehre haben, klein iſt, aber dieſes kleine Land, meine Herren, erzeugt dennoch Männer, die im Fall der Noth ihre Ehre zu vertheidigen wiſſen. Erinnern Sie ſich, daß die Geſchichte das Andenken eines Ereigniſſes aufbewahrt hat, wo eine Armee von 8000 Mann eine andere von 80,000 ſchlug;— dieß war einer gegen zehn; ich ſtehe jetzt hier einer nur gegen fünf. Das Gelächter und die Witzeleien hörten indeſſen nicht auf. — Beim heiligen Nikolaus, rief der Gardelieutnant, es iſt meiner Seel ein Schwedlein, mit dem wir es zu thun haben, ha ha ha, ein Schwedlein! — Laßt uns ihn genauer betrachten, Kameraden, bemerkte der Senatsſekretär. Die Schweden und ihre Geſchichte erinnern mich immer an den ſeligen Don Renudo von Calibredos; wenn ſie ihren Schlafrock an haben, bilden ſtie ſich ein, in der Löwenhaut zu gehen. Dieß iſt ein drolliges Völkchen. Sie erobern die Welt in aller Bequemlichkeit mit ihren großen Erinnerungen. — Obſchon Karl XIl. ſeit etlichen ſtebenzig Jahren todt iſt, ſtel der Uhlanenrittmeiſter ein, ſo ſtellen ſie ihn gleichwohl noch immer an die Spitze ihrer Armeen, um in der Einbildung Rußland zu erobern. — So, ſo, Sie ſind alſo ein Schwedlein, ſagte Petſcherin, indem er vor Döring die Arme kreuzte, wahr⸗ haftig, ein Schwede ſieht alſo auf dieſe Art aus. Das Blut kochte heftig in Döring's Adern. Nur mit Mühe bezwang er ſeinen Verdruß. — Wiſſen Sie auch, daß wir uns ſchmeicheln, recht bald mit dem Beſuch Ihres Königleins beehrt zu wer⸗ den? fiel der Gardelieutnant wieder ein; wir bedürfen siner Spielpuppe, und man hat ihn gewählt. Er will vielleicht nicht, aber er muß. — Wenn, fügte der Uhlanenrittmeiſter hinzu, unſe Armeen einmal ausmarſchiren, um das zu erobern, w⸗ wir von der Welt noch nicht haben, ſo kann es geſchehe. 4 4 51 daß Ihr im Nachtrab mitziehen dürft. Ihr braucht da keine Gefahr zu fürchten. Döring vermochte ſeinen Zorn nicht länger zu bän⸗ digen. Blaß und drohend trat er ſeinen Gegnern unter die Augen. — Meine Herren, redete er ſie an, Sie haben mein Vaterland gehöhnt und beſchimpft; ich verlange Ge⸗ nugthuung. Wo treffen wir uns? — He he he! führt ihn weg, Wache! führt ihn weg! riefen ſie. He he he! Die Leute, die mit Döring aus der Hütte gekom⸗ men waren, ergriffen ihn jetzt beim Kragen, um den Befehlen der jungen Männer nachzukommen; aber ob⸗ ſchon Döring unbewaffnet war, ſetzte er ſich dennoch zur Wehre, nicht, weil er hoffte mit Erfolg gegen Alle⸗ kämpfen zu können, die ihn jetzt umgaben, ſondern nur, damit man ihm nicht vorwerfen konnte, er habe ſich freiwillig der Gewaltthat unterworfen, die man an ihm eging. ährend der Kampf noch andauerte, ſah Döring einen Soldaten aus einer der Seitenalleen kommen, und er erkannte ſogleich den Mann von Gatſchina, mit dem er am Eingang des Parks geſprochen hatte. — Kamerad, rief er ihm zu, hierher! Das Lieblingskorps des Großfürſten Paul beſtand aus Holſteinern, und obſchon Döring freilich nicht hoffte, daß der Angerufene ihm Hülfe leiſten könnte, ſo wollte er ihm dennoch einen Auftrag an den Großfürſten geben, von dem er glaubte, daß er ihm nützen könnte. Deer Soldat hörte den Ruf und blieb ſtehen, ohne jedoch einen Schritt näher zu treten. Zu ſeiner Freude erblickte Döring indeß mehrere höhere Militärperſonen, die jetzt in derſelben Allee heran⸗ kamen und, nachdem ſie mit dem Soldaten einige Worte gewechſelt hatten, unmittelbar auf Döring zugingen. Sie waren bald an Ort und Stelle. Ihre Haltung und ganze Erſcheinung. zeugtt von 2 6 52 hohem Rang. Ganz beſonders ſah man demjenigen, der an der Spitze ging, wohl an, daß er gewöhnt war zu befehlen und Gehorſam zu finden. Sein Geſicht war ernſt und ſtreng, obſchon ein Zug um ſeinen Mund und ein Strahl in ſeinem Blick zu gleicher Zeit von einer innigen Milde zeugte, die jedem guten Herzen ſo eigen iſt, ſelbſt wenn ſie nicht immer der vorherrſchende Charakterzug bleiben kann. Döring erkannte ihn ſogleich. Es war der Groß⸗ fürſt Paul. „Der Großfürſt war ein hitziger und reizbarer Charakter,“ ſagt Abbé Perin.„Der erſte Augenblick ſeiner Zornesausbrüche war entſetzlich; gleichwohl hielt es nicht ſchwer, ihn zu beruhigen. Er liebte Gerechtig⸗ keit,“ ſagt derſelbe Verfaſſer,„und ließ ſie Allen wider⸗ fahren, denen es gelang, bis zu ihm zu dringen. Aber trotz ſeines edlen Herzens verzieh er denjenigen nicht gerne, die einer in wirkliche Ungnade gefallenen Familie angehörten. In ſeiner Heftigkeit war er leidenſchaftlich, launiſch, ſogar rachgierig; bei milderer Stimmung da⸗ gegen nachgiebig. Beſtändig argwöhniſch, wurde er ein Spielball, den man zwiſchen die Extreme der Leiden⸗ ſchaften hineinwarf, und daher kamen auch die Wider⸗ ſprüche in ſeinem Charakter.“ Nachdem er einen Blick über die Scene geworfen, die unter ſeinen Augen vor ſich ging, trat er in den Kreis vor, welcher Döring umgab. — Was gibt es hier? fragte er. Bei der Ankunft des Großfürſten wichen Alle auf die Seite, ſo daß Döring gerade vor ihm ſtand. — Was haſt Du gethan, weil man Dich feſtneh⸗ men will? fragte er von Neuem, als Döring nicht ſo⸗ gleich antwortete.. — Nichts, antwortete Döring offen und uner⸗ ſchrocken, Nichts, was zu dem Verfahren berechtigen könnte, das man ſich gegen mich erlaubt hat; ich bin ein Ausländer. 53 Der Uhlanenrittmeiſter wollte einfallen, aber der Großfürſt befahl ihm zu ſchweigen. — Du trägſt das Courierzeichen auf der Bruſt, redete er Döring wieder an. Was ſoll das bedeuten? — Daß ich Courier bin. — Courier? Woher? Während des Widerſtandes, den Döring geleiſtet, war das Courierzeichen herausgedrängt worden, und hing jetzt ſichtbar auf ſeiner Bruſt. — Von Stockholm. Die Stirne des Großfürſten legte ſich in düſtere Falten. Jeder, der ſeine inneren Familienverhältniſſe kannte, vermochte die Urſache des Mißvergnügens, das ſich bei ihm kund that, wohl einzuſehen. — In weſſen Geſchäften befindeſt Du Dich hier? — In Geſchäften des Barons Armfelt. Der düſtere Ausdruck verſchwand wieder. Die Stirne ebnete, das Geſicht erheiterte ſich. — Haſt Du den Baron getroffen? — Nein. — Wann biſt Du hier angelangt? — So eben. Der Großfürſt verſtummte; aber mit einem for⸗ ſchenden Blick ſchien er in Döring's Geſicht leſen zu wollen, ob er gute oder ſchlechte Nachrichten mitbringe. Einen Augenblick bewegten ſich ſogar ſeine Lippen, gleich als wolle er ſich Aufſchluß über Etwas verſchaf⸗ fen, was ihn zu ſehr zu intereſſiren ſchien; aber er kniff die Lippen wieder zuſammen, wie wenn er ſeinen Wunſch unterdrücken wollte. Statt deſſen wandte er ſich mit einer heftigen Bewegung gegen diejenigen, welche Döring umgaben. — Warum wolltet Ihr ihn verhaften? — Wir haben Befehl erhalten. — Befehl, Befehl! unterbrach er den Sprecher mit einer gewaltſamen Geberde, welche bewies, wie ſchnell 54 ſein Blut in Wallung gerathen kannte. Wer hat Euch das befohlen... wer?. — Graf Orlow. — Orlow, ſtammelte er, Orlow;... ich werde... ich werde... Die Angeredeten ſchienen ſich näher erklären zu wollen, aber der Großfürſt kam allen weiteren Expli⸗ cationen zuvor, indem er Döring befahl, ihm zu folgen, und den Andern plötzlich den Rücken kehrte. Döring, der dadurch ſein Ziel zu erreichen und Armfelt zu treffen hoffte, wünſchte nichts ſehnlicher. . Ehe er jedoch den Platz vor der Hütte verließ, er⸗ innerte er ſich ſeines Zwiſtes mit den jungen Männern, die ſich auf ſeine Koſten luſtig gemacht, und die er über dem Auftreten des Großfürſten und ſeinem Geſpräch mit ihm vergeſſen hatte Aber als er ſich umwandte, um ihnen wenigſtens durch ein Zeichen zu verſtehen zu geben, daß er wiederkehren würde, waren ſie bereits verſchwunden. Viertes Kapitel. Kaiſerin Katharina II. Ein Geſpräch zwiſchen der Prinzeſſin Alexandra Paulowna und Fräulein Willanow. In Wirklichkeit dürfte Rußland's Politik niemals größeren und erſtaunlicheren Exrfolg gehabt, und ſein Scepter nimals mächtiger geherrſcht haben, als zur Zeit Katharina's II. Das Genie erſann, das Glück voll⸗ führte ihre weitausſehenden Pläne. Mit Ueberraſchung blickte die Welt zu dieſem neuen Staat empor, auf deſſen wallendem Banner der Doppeladler ſeine Flügel ausbreitete, und der vor ſo kurzer Zeit erſt aus dem moskowitiſchen Stamm hervorgegangen war, aber bereits auf der Grenze zwiſchen zwei Welten ſich fertig hielt, um gegen Europa mit Aſien und gegen Afien mit Eu⸗ —— ———— ropa zu kämpfen, nicht in der Abſicht, ſelbſt einem von beiden anzugehören, ſondern um auf der Grundlage einer eigenen Moral und Politik ein ſelbſtſtändiger Welttheil mit einer eigenen Kultur zu werden. Gleich⸗ zeitige Ereigniſſe in Europa, wo das bisher glänzendſte Volk in einer blutigen Kataſtrophe trotzig die Fahnen der Revolution gegen alle Throne ſchwang, während es den ſeinigen in Trümmer zerſchlug, und Grundſätze über die Macht des Volkes predigte, die es aus dem Weſten, von der neuen Welt, entlehnt hatte, trugen dazu bei, die Aufmerkſamkeit noch mehr auf das Er⸗ ſcheinen des jungen Rußland's in der Arena zu lenken, während ſie ihm die in die Weltereigniſſe tief eingrei⸗ fende Rolle übertrugen, die es ſodann durchführte, und noch in dieſem Augenblick, wenn auch nicht unbeſtritten, doch unſtreitig durchführt, nämlich die Rolle, mit dem Brennusſchwert in der Hand die goldenen Gewichte der europäiſchen Bildung in die Wagſchale zwiſchen den Regenten und den Völkern zu legen. Wenn Peter I. Rußland zur Einheit organifirt und daſſelbe gleich einem Vorpoſten von den öden Steppen bis in die Nähe des Lagers der civiliſirten Welt vorgeſchoben hatte, während er ſein Volk unauf⸗ hörlich mit Theilen dieſer Civiliſation rekrutirte, und ſeine Armeen unter dem Einfluß von Karl'’s XII. Vor⸗ münderſchwert erzogen wurden, ſo war es Katharina II. vorbehalten, die politiſche Erziehung des moskowitiſchen Stammes, wenn wir uns ſo ausdrücken dürfen, zu vollenden, denſelben in die Geheimniſſe der europäiſchen Diplomatie einzuweihen, ſeine Stimme bei den Be⸗ rathungen über die Schickſale der Nationen zu mäch⸗ tiger Geltung zu bringen, und ſeinen Waffen Ausſichten zu eröffnen, die, ungeachtet ihre eigene Lebensſonne bald niederſank, gleichwohl nicht verſchwanden, ſondern noch zu dieſer Stunde, wenn auch nur in der Perſpektive ferner Hoffnungen, die ſchmeichelnde Ausſicht auf eine ruſſiſche Weltmonarchie zeigen. 56 Rußland iſt, ſo wie es jetzt daſteht, ein gigantiſcher Abkömmling Peter's I. als ſeines Vaters und Katha⸗ rina's als ſeiner Mutter. Sein politiſches Syſtem ent⸗ lehnt auch von dem erſteren ſeine kühne, vorherrſchende, beſtändig in derſelben Richtung vorangehende Charakter⸗ feſtigkeit, und von der letzteren die feine, ſchlaue, all⸗ zeit egoiſtiſche und intriguirende Erfindſamkeit, womit es ſo oft ſeine Feinde verblendet hat. Katharina hatte mehrere weitausſehende Kriege, mehr als irgend ein ruſſiſcher Monarch vor ihr, zu Ende geführt, Kriege, worin nicht bloß ihre Waffen Lorbeeren geerntet, ſon⸗ dern auch ihre Politik ſich ſiegreich erwieſen hatte. Aber nicht genug damit, vor den Augen der europäiſchen Völker war die Theilung Polens vor ſich gegangen, und noch ertönten die letzten Seufzer dieſes Reichs um ihren Thron her. In die große Kriſts, welche die franzöſiſche Revolution hervorrief, hatte ſie die meiſten Regenten zu verwickeln gewußt, ungeachtet ſie ſelbſt noch nicht einen einzigen Schritt gethan, und als ſie ſah, wie die Andern ihre Kräfte erſchöpften, während das Ziel eher in die Ferne als in die Nähe rückte; als ſie ſah, wie Einer um den Andern durch den Gang der Ereigniſſe in eine Art gezwungener Vaſallenſchaft ihr ſelbſt gegen⸗ über getrieben wurde, da betrachtete ſie ſich als eine von der Vorſehung begünſtigte Richterin über Europa, und zu gleicher Zeit glaubte ſie auch, die Eroberung Aſtens wieder vornehmen und den Gedanken an ein orientaliſches Reich in's Werk ſetzen zu können. Bei allem dem vergaß ſie auch Schweden nicht. Katharina, die nur dann, wenn ihre Nachbarn ſich unterwürfig zeigten, in Frieden mit ihnen leben konnte, ſuchte nach Mitteln, um in Schweden ihren durch Guſtav's III. Genie verringerten alten Einfluß zu er⸗ neuern, und zwar, wie man annehmen zu können glaubte, in der Abſicht, auf ſkandinaviſchem Boden ein Gegenſtück von Polens Theilung aufzuführen. 57 Solcher Art war die Stellung dieſes Weibes, wel⸗ ches die Mitwelt bereits zur Zeit unſerer Erzählung die Semiramis des Nordens nannte. Ihr Hof glich dem glänzenden Lager eines orien⸗ taliſchen Siegeshelden. Da ſah man Staatsmänner und Generale in den verſchiedenſten und bunteſten Uni⸗ formen, mit Orden und Ehrenzeichen geſchmückt, welche die verſchiedenen Länder anzeigten, woher ſie gekommen waren. Neben den ausgezeichnetſten Männern, die Rußland ſelbſt geliefert, ſtanden die franzöſiſchen Emi⸗ granten, polniſche Magnaten, Muhamedaner, tartariſche Khane, Griechen, Moldauer, Koſacken, Kalmucken, Baſch⸗ kiren, Armenier, Kruſier u. ſ. w. Die Kaiſerin war, begleitet von einer zahlreichen Suite, ſo eben von einer Promenade zurückgekommen. Die Suite war in einem der äußeren Zimmer zu⸗ rückgeblieben, und die Kaiſerin ſelbſt trat in einen der prachtvollſten Säle von Petershof, nur begleitet von der Gemahlin des Großfürſten Paul, der ſanften und lie⸗ benswuͤrdigen Maria Feodorowna, einer geborenen Prin⸗ zeſſin von Württemberg, ſowie von ihren Lieblingen, der Gräfin Branitska und dem Kammerfräulein Pro⸗ taſow. Unter den Kavalieren bemerkte man vorzugs⸗ weiſe ihren früheren Flügeladjutanten Subow, der ſich zu dieſer Zeit bereits zum deutſchen Reichsfürſten, Ge⸗ neralfeldmarſchall, Generaladjutanten, Generalgouver⸗ neur von Catharinoslev und Taurien, Senator, Chef der Nobelgarde und Ritter des Andreas⸗, des Alexander Newski⸗, des weißen Adler⸗, des ſchwarzen Adler⸗ und des St. Annenordens aufgeſchwungen hatte. Der Kammerdiener Zacharias Conſtantinowitſch hatte an der Thüre gewartet. Die Kaiſerin war von mittlerer Größe, aber von ſtarkem Körperbau und etwas fettleibig. 58 Ihr Gang war gewöhnlich majeſtätiſch, langſam, mit kleinen Schritten, aber in dieſem Augenblick haſti⸗ ger und lebhafter als ſonſt. Den Kopf trug ſie hoch, der Blick war zu Boden geſenkt, und in ihrem Geſicht verrieth ſich ein Zug von Unruhe. Obſchon ſie bereits in einem ſehr hohen Alter ſtand, waren noch immer Spuren von Schönheit ſichtbar. Ihre Kleidung war einfach, aber geſchmackvoll, und erhöhte ihre natürliche Anmuth. Das Haar war mit allerliebſter Kunſtloſigkeit aufgebunden. Die Krone war für dieſes ſtolze Haupt geſchaffen. Ohne alle Verſtöße gegen die Schönheitsregeln war indeß das Geſicht nicht, denn die untern Parthieen waren etwas plump. Das ſinnliche Element in ihrem Charakter hatte ſich darin auf Koſten des pſychiſchen en wickelt. Ihre Augen waren graublau, aber vom Feuer der Leidenſchaft belebt. Eine kleine Runzel an der Naſe konnte man auslegen wie man wollte. Man hat ge⸗ ſagt, ſie bedeute Bosheit. In dem Saal, welchen die Kaiſerin betrat, ſtanden die Glasthüren offen auf einen Balkon, wo ſeltene Pflanzen in ihrem ſchönſten Farbenglanz prunkten. Während ſie mit einer gewiſſen Ungeduld, als be⸗ ſchäftigte etwas Wichtiges ihre Gedanken, durch den Saal ſchritt, um ſich in die inneren Zimmer zu bege⸗ ben, warf ſie einen Blick auf den Balkon. Auf einmal blieb ſie dabei ſtehen, gleichſam ge⸗ feſſelt von dem ſchönen Anblick, der ſich ihr darbot. Ihre Begleitung gehorchte unmittelbar der Kaiſe⸗ rin, blieb ebenfalls ſtehen und heftete ihre Aufmerk⸗ ſamkeit auf denſelben Gegenſtand. 1 Ein leichter Ausruf kam über die Lippen der Monarchin, und ſie reichte ihre eine Hand der Groß⸗ fürſtin. — 59 4— Sieh,, meine Liebe, ſagte ſie, das iſt ein ſchöͤnes ind. Die Großfürſtin hatte den Gegenſtand der Bewun⸗ derung der Kaiſerin bereits bemerkt, und ihr Geſicht ſtrahlte vor Vergnügen über den Beifall, den ſie aus⸗ geſprochen. Der Anblick war auch höchſt bezaubernd. Auf dem Balkon ſaß ein junges reizendes Mädchen von nur fünfzehn Jahren. Es war die Enkelin der Kaiſerin, die Tochter der Großfürſtin, die durch ihre Schönheit und ihren ſanften Charakter ſo liebenswürdige Alexandra Paulowna. Die Großmutter betrachtete mit Stolz, die Mutter mit Liebe die bezaubernde Prinzeſſin, die unter den ſchönen Blumen ſelbſt die ſchönſte ihren von blonden Locken umwallten Kopf gegen die ſchneeweiße Schulter hinabſinken ließ. Das Mädchen war eingeſchlummert. — Laſſen Sie uns ſie wecken, bat die Großfürſtin, die Sonne brennt ſie. — Berühre ſie nicht, erwiederte die Kaiſerin, ſiehſt Du, wie ſchön ſie iſt... laß mich ſie betrachten. — Sie lieben meine Alexandra, Majeſtät! Möge ſie immer Ihre Güte verdienen.. — Sie träumt, ſprach die Kaiſerin wieder. Sie erröthet, ſie lächelt... — Sie iſt jung, Majeſtät, und glücklich. — Welche Zeit der Unſchuld! Was wir auch in der Welt gewinnen, wir gewinnen nie unſere Jugend wieder. Während die Kaiſerin ſprach, milderten ſich ihre Züge immer mehr, und ein freundliches, herzliches Lä⸗ cheln zeigte ſich auf ihrem Geſichte. — Von was glaubſt Du, daß das Mädchen träume? fuhr ſie fort. — Ach, Ew. Majeſtät! — Sie träumt gewiß von ihm, deſſen bin ich ſicher. 60 Die Kaiſerin näherte ſich ihr jetzt, gefolgt von der Großfürſtin. Als ſie auf den Balkon hinauskamen, bemerkten ſie ein Medaillon in Alexandra's Hand. — Was habe ich geſagt? verſetzte jetzt die Kaiſe⸗ rin auf das Medaillon deutend; ſiehſt Du, ſie träumt von ihm. — Auch ich habe es geglaubt. Das Medaillon war ein Portrait von Guſtav Adolph IV. Die Kaiſerin drückte einen ſanften Kuß auf die Lippen des Mädchens, die Großfürſtin deugte ſich über ſie. Noch ſchlafend lächelte ſie ihnen entgegen.— — Sollen wir ſie nicht wecken? fragte die Groß⸗ fürſtin, ich fürchte, daß... — Wecke ſie nicht, antwortete die Kaiſerin. Einen Traum, wie ſie ihn träumt, zu ſtören, iſt Sünde. Ach, Fürſtin, unſere Jugendträume ſind doch das einzige Schöne, was unſere Herzen übrig behalten, wenn wir alt werden. Laß uns nur die Ialouſie hier vorziehen, ſie wird die Sonnenſtrahlen mildern. Als man den Befehl der Kaiſerin vollzogen hatte, betrachtete ſie Alexandra noch einen Augenblick. Eine heftige Bewegung zeigte ſich dabei in ihrem Geſicht. — Du ſollſt glücklich werden, Alexandra, ſagte ſie, und man bemerkte, daß die Worte mit unberſtellter Ent⸗ ſchloſſenheit ausgeſprochen wurden; ich ſchwöre es bei meinem Leben, Du ſollſt glücklich werden. Und noch einmal drückte ſie einen Kuß auf die Lippen des Mädchens, ſodann ergriff ſie die Hand der Großfürſtin und verließ den Balkon. Als ſie in den Saal zurückkam, wo ihr Gefolge wartete, zeigte ſie ſich wieder mit der majeſtätiſchen Hal⸗ tung, die ihr ſo natuͤrlich war. Durch eine Handbewegung befahl ſie den Warten⸗ den, ihr in die inneren Zimmer zu folgen. — 61 Kaum hatte ſie jedoch ein paar Schritte gethan, als ſie wieder ſtehen blieb. Ihr feines lauſchendes Ohr bemerkte, daß die Thüre hinter ihr geöffnet wurde, und ſie wandte ſich, um zu ſehen, wer die eintretenden Perſonen waren. Es war der Diplomat Markow und Graf Orlow. Beim Anblick dieſer Männer ſchien ſie mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehen und ihren Entſchluß zu ändern. Während ſie ihnen winkte, näher zu treten, nickte ſie mit einer kleinen Kopfbewegung der Gräfin Branitska und dem Kammerfräulein Protaſow zu, die auch dieſes Zeichen, zumal da es von einem befehlenden Lächeln begleitet war, ſehr gut verſtanden, und ſie daher ſogleich verließen. — Sie haben Depeſchen erhalten? fragte ſie Markow. — Ich habe ſie bei mir, Ew. Majeſtät. — Laſſen Sie uns in's nächſte Zimmer gehen, fügte ſie hinzu; Sie können mir folgen, Großfuͤrſtin, vielleicht betreffen die Depeſchen auch Sie. Geführt von Subow, ſchlug ſie darauf den Weg nach den inneren Zimmern des Palaſtes ein. Die Prinzeſſin Alexandra ſtand noch in ihrem fünf⸗ zehnten Jahre, war aber ausgebildeter, als die meiſten Mädchen in dieſem Alter. Ihre wahrhaft außergewöhn⸗ liche Schönheit blühte in ihrem reinſten Frühling. Ihre ſchlanke Geſtalt war eben ſo einnehmend, wie ihre regel⸗ mäßigen, von Unſchuld und Liebenswürdigkeit beſeelten Geſichtszüge. Ihre blauen Augen waren ſanft und von dem Feuer eines ſchwärmeriſchen Herzens belebt, wenn ſie ſich den unruhigen Träumen ihrer Liebe hingab. Die hellen Locken, die um ihren Hals ſpielten, oder auch um den Kopf herum aufgebunden waren, ſchienen, ſagt ein gleichzeitiger Schriftſteller, ſo geordnet, 62 als wäre der liebe Gott ſelbſt ihre Kammerjungfer ge⸗ weſen. 1 Ihre Liebe zu dem damals ſiebenzehnjährigen, dem⸗ nächſt mündigen König von Schweden, Guſtav Adolph, iſt eine rührende Sage, wie die Phantaſie, geweckt und unterhalten von politiſchen Berechnungen, das Herz er⸗ obern kann, damit es hernach mit der Vergänglichkeit der politiſchen Pläne durch die Wirklichkeit zermalmt wird. Man behauptet, ſchon in dem Friedensvertrag von Werelä, der am 14. Auguſt 1790 abgeſchloſſen wurde, ſei ein geheimer Artikel aufgenommen worden, Kraft deſſen die Kaiſerin Catharina und Guſtav III. eine Verbindung zwiſchen der Prinzeſſin Alexandra und Guſtav Adolph IV. feſtſetzten. Eine Weile nachdem die Kaiſerin ſie verlaſſen hatte, ſchlug die Prinzeſſin ihre Augen auf. Verwirrt ſchaute ſie ſichum. Ein holdes Lächeln ſpielte auf ihren zierlichen Lip⸗ pen: es war der Genius des Traumes, der von ihren Sinnen floh und ſie jetzt verließ. Dann fuhr ſie erſchrocken auf: — Mein Gott, ich glaube, ich habe geſchlafen... ja, ja, ich habe geträumt, ich ſah ihn... er war bei mir. Und noch einmal kehrte das ſanfte Lächeln auf ihr Geſicht zurück; man hätte glauben können, der Traum wolle ſich noch einmal ihr zuwenden. — Hat mich wohl Jemand ſchlafen geſehen? doch nein, man würde mich ſonſt geweckt haben: ach wie lieblich iſt es, zu träumen! Sie fuhr mit der Hand über das Geſicht und ver⸗ ließ den Balkon. 3 4 — Und da habe ich ſein Portrait in der Hand. Ach das iſt ſehr unvorſichtig, wenn Jemand es geſehen hätte... Sie verbarg das Medaillon. — Hier iſt Dein Platz, mein Freund, ſagte ſie 63 dabei... hier... aber ich weiß, daß Du einen noch beſſeren haſt. 1 Und ſie machte eine Bewegung gegen ihr Herz, gleich als hätte ſte von dieſem geſprochen. Jetzt ſchwieg ſte eine Weile und ging im Zimmer auf und ab. — Aber wo mag Willanov ſein? ſagte ſie; noch zeigt ſie ſich nicht. Sie iſt Schuld, daß ich eingeſchla⸗ fen bin... ei, ei, dieſe Willanov... Ein kleiner Verdruß zeigte ſich jetzt in ihrem Ge⸗ 1 und das zierliche Händchen ballte ſich in kindiſchem orn. Im nächſten Augenblick öffnete ſich indeß die Thüre und ein Mädchen von etlichen und zwanzig Jahren er⸗ ſchien auf der Schwelle. Sie war ſchön wie Alexandra ſelbſt, aber es war eine andere Schönheit. Willanov war als Brünette, was Alexandra als Blondine war. Aus den dunklen Augen ſtrahlte hier eine Flamme von blendendem Glanz, und ſchwarze Locken fielen ſpie⸗ lend um einen ſchneeweißen Buſen. Kaum hatten die beiden Mädchen ſich erblickt, ſo eilten ſie auch fröhlich und herzlich auf einander zu. — Wie habe ich mich nach Dir geſehnt, Willanov! ſchalt die Prinzeſſin. Es iſt recht grauſam von Dir, daß Du mich ſo lange allein ließeſt. Ich glaube, es iſt eine ganze Stunde vergangen, ohne daß ich Dich geſehen habe. Wo biſt Du geweſen, Willanov? Du mußt Dich verantworten. Die Prinzeſſin drohte ihr ſchalkhaft mit dem Fin⸗ ger, während ſie ſprach. — Verzeihen Sie meine Verſäumniß, Hoheit, bat Willanov, aber welches Mädchen am Hof kann wohl gänzlich über ſich gebieten? Die Toilette nimmt auch viel Zeit weg. — Eine ſchlechte Entſchuldigung, Willanoy; die 64 Toilette nimmt Dir nicht viel Zeit weg, dazu biſt Du zu ſchön. Du willſt bloß ausweichen... ich ſehe Dir's an... Du wechſelſt die Farbe. Ach, wie Dir das ſo gut anſteht, Willanov! Willſt Du wiſſen, welche Toilette Dich am allerbeſten ſchmückt, ſo beſteh' Dich jetzt im Spiegel. Dieß war es indeß nicht, was ich ſagen wollte, ſondern. ſieh' mir in's Auge, Willanov; was lieſeſt Du darin? Gleich als wollte ſte die Augen der Prinzeſſin recht gründlich und ernſthaft ſtudiren, beugte ſich Willanov gegen ſie vor und nahm dabei eine ſo hochweiſe Miene nne daß ſte ſich ſelbſt kaum enthalten konnte, darüber zu achen. dj— Garſtige Willanov; nun, was lieſeſt Du? — Güte und Milde, flüſterte ſie. — Jetzt ſcherzeſt Du, Willanov. Meine Augen drücken ſicherlich etwas ganz Anderes aus... ich wollte ſagen Zorn und Mißvergnügen... aber ich kann dieſe Worte nicht im Ernſt über meine Lippen bringen. Und die Prinzeſſin ſchlang dabei ihre Arme um den ſchlanken Leib der Freundin und blickte liebevoll in ihre von dunklem Feuer ſtrahlenden Augen. — Weißt Du Etwas, Willanow? Fräulein Willanow hatte ebenfalls ihren Arm um die Taille der Prinzeſſin geſchlungen und ſo hielten die beiden Mädchen einander wie zwei Schweſtern, die ſich innig lieben. 3 — Du ſchweigſt.. Du weißt nicht, was ich zu ſagen gedachte. — Doch, Hoheit, ich weiß es. — So laß hören; aber ich glaube nicht, daß Du es weißt. 3 — Sie gedachten mir zu ſagen... daß Sie mich ſehr lieb haben. Nicht wahr, Hoheit? Sie wollen das agen? ſas— Und dennoch war ich ſo eben noch recht böſe auf Dich.. recht verdrießlich... 65 — Weil ich eine Stunde von Ihnen fort war? Natürlich; warum ſollte ich ſonſt mißvergnügt ſein? ch nahm mir auch vor, Dich ordentlich auszuzanken, wenn Du zurückkämſt. — Aber Sie haben das Herz nicht dazu, Hoheit, geſtehen Sie es. — Ich bin ſchwach, Willanow, ſehr ſchwach. Viel⸗ leicht thue ich Unrecht, daß ich mich ſo innig an Jemand anſchließe. Wäre es nicht weit beſſer, wenn man ſich daran gewöhnte, allein zu ſein? Das kann ja doch am Ende mein Schickſal werden. Das Geſicht der Prinzeſſin nahm dabei einen ſo melancholiſchen Ausdruck an, daß Willanow ſich noch liebevoller an ſie ſchloß. — Wenn ich allein bin, fuhr die Prinzeſſin beinahe klagend fort, ſo verſinke ich in mich ſelbſt, und ich werde ſo betrübt, ſo betrübt, und dennoch weiß ich nicht recht, warum ich es werde. Willanow drohte ihrerſeits jetzt der Prinzeſſin mit dem Finger. „ Sie wiſſen nicht, warum... ſoll ich es Ihnen agen? — Ach jal Aber... aber laß es lieber ſein... Du machſt mich nur betrübt. Wenn man die Veränderungen in den Geſichts⸗ zügen der Prinzeſſin betrachtete, ſo hätte man daraus den Schluß ziehen können, daß ſie ſehr gern juſt von dem baben ſurechen wollen, wovon zu ſchweigen ſie Willanow erſuchte. — Viſſen Sie, Hoheit, was ich recht ernſtlich zu wünſchen anfange? — Du wünſcheſt Etwas; ah, wie angenehm, laß es mich hören. — Aber Sie müſſen mir verſprechen, daß Sie mich nicht auslachen wollen. Als ich klein war, ſpielte ich mit Puppen. Der Fürſt. I. 5 66 — Das war eine angenehme Zeit. Willſt Du vielleicht noch jetzt mit ſolchen ſpielen? Ach, Willanow, ich glaube, ich könnte auf eine Puppe eiferſüchtig wer⸗ den, wenn Du ſie mir vorzögeſt. — Glauben Sie das nicht, Hoheit, ich bin jetzt über die Puppen hinausgewachſen. Aber ich möchte gleichwohl Jemand haben, den ich ebenſo lieben könnte, wie ich eine meiner Puppen liebte... es war ein klei⸗ ner Officier, dieſe Puppe, und Ew. Hoheit können ſich gar nicht vorſtellen, wie ich ſie liebte. Jetzt habe ich Nie⸗ mand, den ich lieben kann. — Als mich, Willanow. — Allerdings... aber jedenfalls... Sie wiſſen ja den Unterſchied, Hoheit, zwiſchen Freundſchaft und Liebe. Die Prinzeſſin ſenkte ihre Augenlider; hätte ſie das nicht gethan, ſo würde man geſehen haben, wie eine Thräne die glänzenden Augen feuchtete. — Wie wonnevoll muß es ſein, zu lieben! fuhr Willanow fort; Ach, mein Gott, ich beneide Ew. Hoheit. — Du beneideſt mich, Willanow? Beklage mich vielmehr. Du weißt, wie unglücklich ich bin. — Unglücklich? Das mag ſein; aber Ihr Unglück iſt gleichwohl beneidenswerth. Wenn ich uns Beide vergleiche, ſo meine ich, daß Sie leben, aber daß ich noch kein Leben bekommen habe. Sie hoffen und fürch⸗ ten, Sie träumen und ſchwärmen, Sie ſeufzen und lei⸗ den, Sie fühlen und genießen. Und ich... ich bin ja für Jedermann gleichgültig. Wenn ich dagegen liebte, Prinzeſſin, wie weit beſſer würden wir dann einander verſtehen und wir könnten dann ſprechen... ſprechen von denjenigen. — Die wir lieben.. ach ja.. 3 Die beiden Mädchen ſchlangen wiederum die Arme um einander und blickten ſich in die Augen. — Etwas kommt mir gleichwohl ſonderbar vor, begann Willanow wieder. NN uÖ 67 Sonderbar... was denn? 5 — Daß Ew. Hoheit einen Mann lieben können, den Sie gleichwohl noch nie geſehen haben. — Nie geſehen... wie kannſt Du das ſagen? — Wie ſo? — Jetzt biſt Du kindiſch, Willanow... Sollte ich ihn noch nie geſehen haben? Im Gegentheil iſt gerade das das Schlimme, daß ich beinahe nie einen Andern ſehe, als ihn. Während Du ſo eben fort warſt, ſaß ich hier auf dem Altan. Der Wind wehte ſo mild um mich her und die Blumen dufteten herrlich. Aber wer glaubſt Du wohl, daß zuletzt vor mir ſtand. Kein An⸗ derer, als er. — Ew. Hoheit träumten. — Wir ſprachen mit einander und er lächelte mir zu. — Das waren die Blumen, die Ihnen zulächelten. — Ich fühlte, daß ſein Athem meine Wange koste. — Das war der Weſtwind, der Sie koste. — Er beugte ſich über meine Schulter hinab. — Das war die Sonne, die Sie wärmte. — Und... und... — Sie ſtammeln... ich begreife, was Sie ſagen wollen. 3 — Das kannſt Du nicht, Willanow. — Ich glaube doch, ja, ja, ich glaube es. — Unmbglich. Die Prinzeſſin erröthete jedoch, während ſie ſich bertheitigte — Darf ich ſagen, was ich glaube? — Laß hören. — Es war Ihnen im Traum, als ob er.., aber Sie werden vielleicht böͤſe auf mich. — Nein, nein, ſprich nur. — Als ob er... als ob er... — Als ob er... — Als ob er Sie küßte. Die Prinzeſſin verbarg das Geſicht in ühren Händen — Werden Sie nicht böſe auf mich, Hoheit. Ich will Ihnen ſagen, daß das, was Sie für einen Kuß hielten, ſicherlich nur ein Blumenblatt war, das, vom Winde bewegt, Ihre Lippen ſtreifte. Bei dieſer Erklärung ſah die Prinzeſſin, von einem einzigen Gefühl überwältigt, ſehr ernſthaft drein. — Du haſt Recht, die Blumen, der Wind, die Sonne waren es, die auf meine Einbildungskraft wirk⸗ ten, aber zu einer einzigen Geſtalt vereinigt, war er es. Es iſt jedoch nicht das erſte Mal, daß ich ihn ge⸗ ſehen habe. In meinen Spielen beſchäftigte mich ſein Name immer. In den Lectionen war ich fleißig, weil die Lehrer mich verſicherten, daß er mich dann lieben würde. Wie die Blume aus ihrer Knoſpe wächst, ſo wuchs er aus meinen Gedanken auf. Ich bin in meinem Herzen mit ihm auferzogen worden. Er iſt meine erſte Erinnerung; noch mehr, er war bei mir vor meinem erſten Seufzer. Ich kann mich an nichts erinnern, was ſich nicht unter dem Einfluß des Gedankens an ihn bei mir entwickelt hätte. In meiner Seele bin ich immer ſeine Braut geweſen. Wie oft erröthete ich nicht vor den Worten, von denen ich meinte, daß er ſie in mein Ohr flüſterte! Du ſagſt, ich hätte ihn nie geſehen, und dennoch, Willanow, brauche ich bloß meine Wimpern zu ſchließen, um ihn zu ſehen. Hier in meiner Bruſt hat er beſtändig gewohnt. That ich Etwas, was Un⸗ recht war, ſo verfinſterte ſich ſeine Stirne; that ich da⸗ gegen etwas Gutes, wie ſanft meinte ich nicht, daß er mir entgegen lächele. Setze ich mich an's Klavier, ſo ſehe ich ihn an meiner Seite, und er iſt es, für den ich ſpiele und ſinge. Tanze ich, ſo iſt er es, mit dem ich dahinſchwebe. Du betrachteſt mich mit Verwunderung. Du denkſt gewiß, ich ſei ein Kind, und was bin ich anders? Aber das Kind hat einen Traum vom Leben— und dieſer Traum iſt er. Kann ich wohl dafür, wenn mein Herz älter iſt, als mein Verſtand? Die Erfah⸗ rung des Herzens kommt mit demjenigen, den man liebt; 69 der Verſtand kommt erſt mit der Zeit. Ach, die Liebe iſt ſo früh zu mir gekommen... ſo früh.. jetzt... jeszt.. Willanow hörte die Prinzeſſin mit einer Theil⸗ nahme an, wie nur ein lebhaftes Herz ſie einem an⸗ dern ſchenken kann. — Und jetzt, wiederholte ſie, warum fügen Sie dieſe Worte hinzu? Sie ſcheinen an Etwas zu zweifeln? — Muß ich das nicht, Willanow? — Warum müſſen Sie? Die Prinzeſſin ſchaute ſich vorſichtig um. — Willanow... — Hoheit! Die Prinzeſſin nahm eine geheimnißvvolle Miene an, die bei ihr etwas ganz Ungewöhnliches war. — Ich könnte Dir Etwas anvertrauen, aber ich fürchte, man könnte mich hören. — Wir ſind allein, Hoheit; Sie können mir Alles ſagen, was Sie wollen. — Haſt Du nicht bemerkt, daß Etwas um uns her vorgeht, was ganz ſonderbar iſt? — Nein, Hoheit. — Du ſiehſt nicht mit denſelben Augen wie ich. — Ich liebe Niemand, Hoheit. 4 — Das mag ſein, Willanow; aber ich habe be⸗ bba chtet daß man mich anſieht, wie wenn man mich eklagte. — Sie täuſchen ſich... warum ſollte man das thun? — Wenn ich komme, ſo flüſtert man um mich her; wenn ich gehe, ſo tönt es noch hinter mir. — Man bewundert und liebt Ew. Hoheit. — Die Kaiſerin, meine Großmutter... — Zweifeln Sie an ihrer Liebe? — Sie ſpricht nicht mehr ſo oft wie früher von ihm, und wenn ſein Name ihr zuweilen entfällt, ſo ge⸗ ſchieht es mit einem bittern Lächeln. Vor einiger Zeit 70 kam ich unangemeldet in ihr Kabinet. Subow war da. Ich hörte deutlich, daß man von Krieg ſprach, von Krieg mit Schweden. Du glaubſt nicht, wie ich er⸗ ſchrack. Ich zog mich ebenſo ſchnell, wie ich gekommen war, zurück; aber von dieſem Augenblick an habe ich keine Ruhe in meiner Seele gehabt. Ich habe an Allem gezweifelt. Ach, mein Gott, er liebt mich ge⸗ wiß nicht, obſchon man mich das beſtändig verſichert. Jedesmal, wenn ich die Kaiſerin treffe, ſtockt mein Herz vor Furcht, und bei Subow's Anblick erblaſſe und zit⸗ tere ich. Nur allein bei Dir, Willanow, finde ich Troſt und Ruhe. Wie liebe ich Dich! Ach, nur mit Dir darf ich von ihm ſprechen. 3 illanow wurde dabei immer ernſthafter. Ein Seufzer erhob ihre Bruſt und ſie legte das Geſicht in ihre Hand. Der Kammerdiener der Kaiſerin, Zacharias, hatte ſich, nachdem er der Kaiſerin die Thüre und die inneren Gemächer geöffnet, wieder entfernt. Er trat jetzt von Neuem in den Salon. Die Prinzeſſin, deren Herz ſo leicht angeregt wurde, bemerkte die Veränderung in Willanow's Geſicht und glaubte, dieſelbe komme von ihrer Furcht her. — Nicht wahr, Willanow, Du ahnſt daſſelbe wie ich? Er liebt mich nicht, obſchon man es mir einreden will. Es iſt ſchrecklich, daran zu denken. Ich ſehe Dir's an, daß... daß.. ach, wie unglücklich bin ich! Willanow war einen Augenblick in ihre eigenen Gedanken verſunken. Die Wehmuth der Prinzeſſin weckte ihren eigenen Schmerz, der ſich ihrer unwiderſtehlich be⸗ mächtigte. Beim Klang der Stimme der Prinzeſſin kam ſie jedoch wieder zu ſich, betrachtete aber ſchweigend ihre Freundin, weil ſie ihre letzten Worte nicht gehört hatte. Willanow's Zerſtreutheit kann unerklärlich ſchei⸗ nen und gleichwohl war ſie vorhanden, denn wie manche größere Bekümmerniſſe beſchäftigten nicht ihre Seele und wie manche tiefer gehende Sorge erfüllte nicht ihr N8 A—A— *—N A- —6— 71 Herz! Eine Hofdame muß ſich über derjenigen Perſon, in deren Dienſt ſie angeſtellt iſt, vergeſſen. Wie eine Schauſpielerin darf ſie nicht ſie ſelbſt ſein: ſie hat eine Rolle durchzuführen, ſie muß ihr eigenes Leben ver⸗ geſſen, um mit einem Lächeln oder einem Scherz auf den Lippen ihr Publikum zu erheitern. Während indeß eine Schauſpielerin Ehre und Beifall gewinnt, wenn ſie ihre Rolle gut durchführt, welcher Lohn wird wohl einer Hofdame? Auch wenn ſie glücklich ſpielt, erfüllt ſie bloß eine untergeordnete Pflicht. Bei der letzten Theilung Polens, einem Act, der am 3. Januar 1795 in Petersburg unterzeichnet wurde, gingen mehrere der ausgezeichneiſten Familien dieſer Nation zu Grunde. Mit Kosziusko's Niederlage und Fall bei Macziewica am 4. November 1794 ſiel Polen. Praga wurde darauf von Suwarow mit Sturm ge⸗ nommen, und dieſer General ließ ohne Rückſicht auf Alter oder Stand zwanzigtauſend Einwohner über die Klinge ſpringen. Warſchau capitulirte. Während dieſer entſetzlichen Kataſtrophe wurde die Familie Fräu⸗ lein Willanow's zerſprengt. Ihr Vater wurde nach Sibirien abgeführt, wohin ſeine treue Gattin ihm folgte. Ihr Bruder ſiel im Kampf für das Vaterland; ſie hatte ihn ſelbſt blutend und ſterbend geſehen, ohne auch nur ſeine Augen zudrücken zu dürfen, weil ſie auf Su⸗ warow's Befehl ſogleich gefeſſelt und nach Petersburg geſchickt wurde, nicht um den Hof zu verſchönern, ſon⸗ dern um ein lebendiges, für Katharina ſchmeichelhaftes Zeugniß zu bilden, daß Polen nunmehr ein unter⸗ worfenes Vaſallenland ſei. Die ſchöne Willanow hörte nicht auf, an das ſchreckliche Schickſal derjenigen zu denken, welche ihr ſo theuer waren. Aber ihr in der Schule großen Unglücks ausgebildeter Verſtand lehrte ſie bald, ihre Gefühle vor Andern zu verbergen, ſich den Umſtänden zu unterwerfen und wenigſtens eine ſchein⸗ bare Gleichgültigkeit zu zeigen. Welche Gedanken auch in ihrer Seele arbeiten mochten, ihre Lippen lächelten 72 dennoch, ihre Stirne glänzte und ihre Augen ſtrahlten. Ohne alle Berechnungen erwarb ſich das einnehmende Mädchen die Zuneigung der Prinzeſſin Alexandra Paulowna, und ihr von Natur offenes Herz fühlte ſich durch dieſe Liebe beglückt. Sie bildete in der Finſterniß einen Lichtpunkt, auf welchen ſie ſo gerne ihre Blicke heftete. Alerandra war ein Kind, und ein Kind, das bereits mit der ganzen Wärme eines Weibes einen Mann liebte, den ſie nie geſehen hatte. Welcher kindliche Sinn verrieth ſich darin! Willanow's Herz wurde dadurch ge⸗ rührt, und die Freundſchaft der beiden Mädchen nahm unaufhörlich zu. Indem ſie auf ſolche Art ihren eigenen Kum⸗ mer tief in der Schatzkammer der Erinnerungen begrub und beſtändig mit einem Lächeln ſich zu dem neuen Dienſt der Liebe einweihte, hatte ſie am Hof der Kai⸗ ſerin Katharina anderthalb Jahre verlebt, als ein Er⸗ eigniß eintraf, welches auf einmal das leichte Geflecht von Aprilblumen, womit beruhigende Umſtände ſie um⸗ geben hatten, zerriß, und ſeit einiger Zeit hatten die⸗ jenigen, die ſie näher beobachteten, nicht bloß eine un⸗ gleiche, zuweilen düſtere, heftige oder unruhige Stimmung bei ihr bemerkt, ſondern auch etwas Geheimnißvolles in ihren Handlungen, ſo daß bereits der Eine und An⸗ dere eine Intrigue oder möglicher Weiſe auch einen Scandal zu ahnen anfing, obſchon noch Niemand zu errathen vermochte, worin die eine oder der andere eigent⸗ lich beſtehen könnte. Willanow ſelbſt glaubte ſich vollkommen unbemerkt, aber ſie fragte keine andern Augen um Rath, als die ugen Alexandra's und darin las ſte nur Unſchuld und Freundſchaft; dieſe erwiederte ſie auch immer auf eine ſolche Art, daß die Prinzeſſin an etwas ganz Anderes, als an ihre eigene Liebe hätte denken muͤſſen, um die Veränderung zu bemerken, die bei ihrer Freundin vorging. 1. Im Verlauf der Ereigniſſe wird der Leſer in das — 8π— 2 NABUeoenS 73 Geheimniß eingeweiht werden, das um dieſe Zeit für Willanow's Gedanken eine neue Bahn eröffnete. In einem unbewachten Augenblick hatte Alexandra's Wehmuth auch die ihrige geweckt. Alexandra glaubte, daß der Seufzer, der Willanow's Bruſt hob, nur in ihrer Theilnahme ſeinen Grund habe. — Du beklagſt mich, ſagte die Prinzeſſin; wenn Du jetzt nachdenkſt, Willanow, ſo ſiehſt Du gewiß ebenſo gut ein wie ich, daß man mich täuſcht. Guſtav liebt mich nicht. Von dieſem Gedanken eingenommen, wankte die Prinzeſſin und war nahe daran, ohnmächtig auf einen neben ihr ſtehenden Divan zu ſinken. Willanow war indeß bereits wieder zu ſich gekommen. — Sie ſind unwohl, Hoheit, ſagte ſie; mein Gott, wie ſchwach ſind Sie! Die Geſpenſter, welche Sie er⸗ ſchrecken, ſind bloß in Ihrer eigenen Vorſtellung vor⸗ handen. Sie haben keinen andern Feind, als Ihre Furcht. Die Kaiſerin liebt Sie. Die Hoffnung lächelt Ihnen zwiſchen Roſen ohne Dornen entgegen. Ganz anders iſt es mit mir... ich... o mein Gott... Die Liebe wird leicht egoiſtiſch; aber ſo ſehr dieß auch bei Alexandra der Fall war, ſo beſaß ſie gleich⸗ wohl noch ein Gefühl für die Freundſchaft. 8 Der Schmerz, der Willanow's Worten zu Grunde lag, zog daher ihre Aufmerkſamkeit an, und eine feurige Theilnahme belebte ſie. „— Du erſchreckſt mich, Willanow, ſagte ſie; Du biſt traurig. Iſt Dir etwas Unangenehmes zugeſtoßen? Deine Augen füllen ſich mit Thränen. Du biſt blaß. Und ich, die ich nur an mich ſelbſt dachte und Deinen Schmerz nicht beachtete! Erzähle mir, Willanow. Hat Dich Jemand beleidigt? Vertraue Dich mir an. Die Kaiſerin wird nicht geſtatten, daß Jemand Dir zu nahe tritt. Was iſt es, Willanow? Du ſprichſt nicht. Willanow ſchwankte. Ihre Bruſt hob ſich hoch. Alexandra's Freundſchaft rührte ſte. Aber auf einmal 74 kehrte ihre Seelenſtärke zurück. Das Auge flammte, die Wange bepurpurte ſich, und ein wehmüͤthiges Lächeln breitete ſich über ihr Geſicht. — Hoheit, ſagte ſie, wenn Jemand uns ſähe, ſo würde man ſagen, wir ſeien alle beide ſchwache, unver⸗ ſtändige Mädchen, die einander erſchrecken. Soeben zit⸗ terten Sie, jetzt zittere ich, und warum? Wiſſen wir es ſelbſt wohl? Laſſen Sie uns wieder lachen und fröh⸗ lich ſein, Hoheit. Wir Mädchen haben nichts Anderes zu thun, als uns zu beluſtigen. Wir ſind nicht nach Petershof herausgekommen, um an etwas Ernſthaftes zu denken. Wenn auch unſere Erinnerungen uns eine Thräne in's Auge treiben, ſo wollen wir dieſelbe mit dem Fächer wieder abwiſchen. Laſſen Sie uns von Ihrer Liebe ſprechen, Prinzeſſin. Dieß iſt eine Quelle, aus der unſere Gedanken beſtändig Freude trinken koͤn⸗ nen. Erinnern Sie ſich noch, daß Sie mir verſprochen haben, mich nach Schweden mitzunehmen? Wie ange⸗ ehn wird ba5 ſein, Hoheit? Wenn das Gluͤck will, o... ſo... fo... Willanow war wieder heiter, wie wenn der Schmerz niemals gewagt hätte, ſeinen Schatten auf ſie zu werfen. Auch Alexandra vergaß alle Beküm merniſſe; ihre Ge⸗ danken wurden ja wieder von der Vorſtellung belebt, die ihrem ganzen Leben ſeinen Reiz gab. — Wenn das Glück will... wiederholte ſie. — Dann.... Willanow⸗s Augen leuchteten von Schalkhaftigkeit. — Dann? — Ew. Hoheit verſtehen mich nicht. — Nein, Willanow, nein. 5 — In Stockholm... — Nun ja, in Stockholm? — Sie werden Königin dort. — Weiter, weiter. — Ich werde Ihre Freundin. — Ja, ja.. 4 75 — Vor der Freundin der Königin beugt Schwedens ganze ſtolze Ritterſchaft die Kniee. — Gut, Willanow, gut, ſie beugen ihre Kniee vor Dir, ja, ja. Die Prinzeſſin klatſchte in kindlicher Freude in die Hände, und auch ſie ſtrahlte von Vergnügen und Wohl⸗ gefallen, als hätte nicht ein einziges Wölkchen den Him⸗ mel ihres Herzens beſchattet. Der Kammerdiener Zacharias Conſtantinowitſch trat jetzt vor. Als der alte Diener in den Salon zu⸗ rückkam, blieb er an der Thüre ſtehen. Er hatte eines jener ehrlichen Geſichter, die ohne alle andern Doku⸗ mente unwiderſtehlich von einem ganzen Leben voll Rechtſchaffenheit uͤberzeugen. — Verzeihen Sie, Hoheit, ſagte er, ſich vor der Prinzeſſtn verbeugend, aber ich habe einen Brief an das Fräulein, und ich hoffe, daß Sie mir erlauben werden, ihn zu übergeben. — Einen Brief! ſiel Alexandra ein. Wie glücklich biſt Du, Willanow, daß Du Briefe bekommſt! Nun, ſo nimm ihn doch und ſieh' ihn nicht an, als ob er Dir aus den Wolken zugefallen wäre. Die Bemerkung der Prinzeſſin war nicht ohne ihren huhen Grund. Willanow betrachtete nicht ohne Schrecken ald den Brief, bald den Boten. — Wie überraſcht Du ausſiehſt, Willanow... das iſt ſicher ein ſehr wichtiger Brief, ſehr wichtig. Du kennſt die Handſchrift nicht. Von wem iſt er? — Ich weiß es nicht, Hoheit. — Du weißt es nicht? Das iſt noch das Luſtigſte von Allem. Ein Geheimniß! Aber ſo erbrich doch den Brief, damit wir erfahren, von wem er iſt. Ich bin ſo neugierig, ſo neugierig... Willanow hatte die Handſchrift erkannt; mit einem prüfenden Blick frixirte ſie den Kammerdiener. Ohne daß Alexandra es bemerkte, legte er bedeu⸗ 76 tungsvoll den Zeigefinger auf ſeinen Mund und ent⸗ fernte ſich dann ſchweigend. — Aber warum erbrichſt Du denn das Briefchen nicht? fuhr Alexandra fort. Du mußt nachſehen von wem es iſt. Jetzt nicht, Hoheit, bat Willanow. Es iſt ja vielleicht... — Ein Liebesbrief? 7 Ich bin überzeugt, daß es das nicht iſt; aber . aber.. Alexandra's Augen wurden immer größer. — Oder vielleicht? — Was meinen Sie, Hoheit? — Eine Conſpiration. Willanow wechſelte die Farbe. — Du erblaſſeſt. Ei, ei, Willanow, Du eine kleine Conſpirateurin... Du conſpirirſt vielleicht gegen alle Liebesgötter oder... oder... — Oder? Willanow athmete heftiger; ihre Blicke flogen un⸗ ruhig umher.— — Oder gegen das ruſſiſche Reich... vielleicht gegen die Kaiſerin... ſiehſt Du, Willanow, das werde ich der Kaiſerin ſagen. Ich muß lachen, wenn ich an die Angſt denke, die ſie vor Dir haben wird. Ach, jetzt begreife ich, warum Du eben noch ſo ernſthaft warſt... Deine Gedanken beſchäftigen ſich mit einer ganzen Re⸗ volution. Du weihſt mich wohl in dieſelbe ein. Du kannſt überzeugt ſein, daß Du eine gute Bundesgenoſſin in mir erhältſt. Zu Anführern wählen wir Lambro, Cazzioni oder Leo Nariſchini, die Hofnarren der Kai⸗ ſerin, das wird göttlich. Der eine bildet unſern rechten Flügel, der andere den linken. Wir ſelbſt bilden das Centrum und ſo ſtürmen wir... was meinſt Du wohl? die kleine Geſellſchaft der Kaiſerin und führen Subow im Triumphe fort. Biſt Du dabei? Aber laß uns jetzt 77 den Brief leſen.. ich bin neugierig, Du glaubſt nicht, wie neugierig ich bin. — Verzeihen Sie mir, Hoheit, aber ich kann Ihnen dieſes Schreiben nicht zeigen. Er betrifft weder Liebes⸗ angelegenheiten, noch Conſpirationen; aber auch ich kann ja ein Geheimniß haben, das ich fͤr mich behal⸗ ten muß... erlauben Sie mir deßhalb. — Ich erlaube Dir nichts, Willanow. Du ſollteſt ein Geheimniß haben, von dem ich nichts weiß? Du biſt ſehr garſtig... und ich, die ich gar kein Geheim⸗ niß vor Dir habe! Aber es darf nicht ſein. Ich werde es der Kaiſerin ſagen und ſieh'. — Um Gotteswillen, Hoheit, was wollen Sie thun? — Ich gehe ſogleich zur Kaiſerin und werde Dich des Hochverraths gegen meine Freundſchaft anklagen Du haſt ein Geheinuniß⸗ ſagſt Du... und ich ſollte es nicht kennen?. Das iſt keine Freundſchaft, Wil⸗ lanow. Je ſchalkhafter Alexandra ſich zeigte, um ſo un⸗ ruhiger wurde Willanow. — Die Kaiſerin ſoll entſcheiden, wer von uns bei⸗ den Recht hat. Der Brief ſoll von ihrer eigenen Hand erbrochen werden und ich. ich... ich habe dann das Vergnügen gehabt, Dich als eine kleine Conſpira⸗ teurin gegen ihren Thron auszuliefern. Ach wie luſtig, wie luſtig! — Iſt es Ew. Hoheit Ernſt damit? — Ja, gewiß, Willanow. „Die Prinzeſſin ging auch wirklich auf die inneren immer zu. Willanow bedachte ſich einen Augenblick. — Hoheit, ſagte ſie dann, Sie ſind zu gut, um mich unglücklich machen zu wollen. Willanow drückte ſich mit einem Ernſt aus, der nicht mißverſtanden werden konnte. — Unglücklich? — Ew. Hoheit werden mich bald verſtehen. Sie 78 ſind eine Tochter des Thrones. Hohe fürſtliche Ehre umſtrahlt Sie, die Kaiſerin liebt Sie wie eine Mutter. Glückes. Aber Ihr Herz iſt ebenſo edel wie Ihre Ge⸗ mit den Schwingen des Paradiesvogels an ihre Schul⸗ tern geheftet. Ihre Liebe lebt von großen Zukunfts⸗ hoffnungen: ſie trägt eine Königskrone auf der Stirne, denn Sie lieben einen Mann, welcher ein Reich zu Leben und die Welt zu lieben? Niemals. Ein allan⸗ tiſcher Wind, mild und fein wie der Aether der Engel, umſäuſelt Sie ſchützend überall, und auf allen Seiten ſind Sie von Freundſchaft und Ergebenheit umringt, wie wenn eine ſchneeweiße Amaryllis Sie mit ihren geſenkten langen Blättern umgäbe. Sie können nicht — Mein Herz ſagt mir, was es iſt. Das Unglück iſt Liebe ohne Hoffnung, Hoffnung ohne Gewißheit, Ge⸗ wißheit ohne Liebe. — Hoffnung ohne Gewißheit, meinen Sie; aber was iſt denn Gewißheit ohne Hoffnung? — Das heißt wahrhaft unglücklich ſein. Ich bin, gleich Ihnen, Prinzeſſin, von einer Liebe gepflegt worden, wie nur das zärtlichſte Mutter⸗ herz ſie zu ſchenken vermag. In meinem kindlichen Glauben an die Freuden des Lebens, wußte ich kaum, daß der Himmel eine Wolke, die Erde einen Schatten = uͤ u G 79 hatte. Aber Sie kennen das ſchreckliche Ereigniß, wel⸗ ches den Stab über dem Haupte meiner Familie brach. Von der ſchönen Welt meiner Jugend bleibt mir nichts übrig. Ein einziger Schlag des Schickſals hat ſie ver⸗ heert: das iſt eine Gewißheit, Prinzeſſin; und welche Hoffnung habe ich? Alexandra ſchlang wieder ihren Arm um die Freun⸗ din und blickte ihr in die Augen. — Mit Gewalt von den Meinigen weggeriſſen, fuhr Willanow fort, würde ich in Verzweiflung vergangen ſein, wenn nicht Ihre Freundſchaft mich aufgemuntert hätte, wie ein Strahl von einer gütigen und milden Vorſehung. Ihre Augen lächelten mir ſo innig zu, Ihr Herz pochte mir ſo warm entgegen, Ihre Worte waren ſo erquickend. Mit ſchweſterlichem Wohlwollen öffneten Sie Ihren Buſen dem einſamen, ſo gänzlich zermalmten Mädchen, und in der Geſellſchaft eines edlen Herzens ewann ich meine Ruhe wieder. Aber ich habe auch hre Güte zu vergelten geſucht: Den großen Kummer meines Lebens, die ſchmerzliche Kataſtrophe meiner Schickſale, die Leiden meiner zerſprengten Familie, die blutigen Kämpfe meines Vaterlandes, dieß Alles habe ich in mir ſelbſt verſchloſſen, in meiner Seele begraben; ach, Ew. Hoheit, nur um mich nach Ihnen richten, mit Ihnen fröhlich ſein, Sie erheitern, fͤr Sie leben zu können. Haben Sie eine Thräne in meinen Augen ge⸗ ſehen? Nie! Haben Sie ein Mißvergnügen auf meiner Stirne bemerkt? Nein. Alles Leid habe ich für mich ſelbſt behalten, und alle Freuden habe ich mit Ihnen getheilt. Ich habe das Vergnügen nicht um meinet⸗ wegen geſucht, ſondern um Ihretwillen. Jeder Scherz iſt mir lieb geweſen, nicht bloß weil ich meinen Kum⸗ mer hinter demſelben verbarg, ſondern auch, weil er zu Ihrer Erheiterung beitrug. Mein Leben iſt ein fortge⸗ hten Opfer geweſen, aber ein Opfer, das meine höchſte reude war, weil Ihre Zufriedenheit mein einziges Glück ausmachte, Aber, Hoheit, glauben Sie deſſen ungeachtet, 80 daß ich mich ſelbſt und die Theuren, die in Sibiriens Wüſten nach Freiheit ſeufzen, gänzlich vergeſſen könne? Ich habe ſie nicht vergeſſen. Ach, man vergißt die⸗ jenigen, die man liebt, nicht ſo leicht... und dieſer Brief... — Iſt von Deinen Eltern? — Ich will das nicht ſagen; aber ich bin über⸗ zeugt, daß er einige Nachrichten von ihnen enthält. Die Prinzeſſin ſchloß Willanow in ihre Arme. — Arme Willanow, flüſterte ſie, gute Willanow! — Ich bitte Ew. Hoheit, daß Sie dieſen Brief ein heheineis zwiſchen uns bleiben laſſen. Er iſt wichtig ür mich. 4 — Fürchte nichts, Willanow. Ich würde mich lieber Kädien laſſen, als Dich verrathen... ſtill... hörſt u... — Ja, ja. — Die Kaiſerin iſt drinnen. — Sie ſpricht. — Sie kommt hierher. — Laſſen Sie uns auf unſer Zimmer zurückgehen. — Ja, das wollen wir thun. Fünftes Kapitel. Depeſchen. Wichtige Berathungen hatten inzwiſchen bei der Kaiſerin ſtattgefunden. Sie hatte ſich nach Petershof begeben, um den Peter und Paulstag zu feiern; aber die Vergnügungen hinderten ſie niemals, über die In⸗ tereſſen ihres Landes, d. h. über ihre eigenen Intereſſen zu wachen. Von mehreren Ländern waren Depeſchen angelangt, und der Kaiſerin geſtattete ihre Ungedu nicht, eine andere Gelegenheit abzuwarten, um von den⸗ 81 ſelben Kenntniß zu nehmen. Herrſchſucht und Ehrgeiz ließen ihr keine Ruhe, wenn ein wichtiger Plan ſich in ihrem Haupte wälzte. Als Markow die angekommenen Schreiben vorge⸗ legt hatte, flog der Blick der Kaiſerin darüber hin: es lag in dieſem Blick etwas vom Blitze, wenn er uͤber eine in Dunkel gehüllte Gegend hinſchwebt. Die Anweſenden folgten aufmerkſam den Bewe⸗ gungen der Monarchin, um ihre Gedanken zu errathen. — Dieſes Schreiben kommt von der Armee in den Heorgiſchen Gebirgen oder dem Gebirgspaß von Dag⸗ eſtan. — Es hat damit keine Eile. — Dieſes da iſt von Tauris. — Schon gut. — Hier iſt eines von Kißlar. — Weiter. — Von Polen. — Hm! — Von Kurland. — Schon gut. — Von Wien. Die Blicke der Kaiſerin ruhten eine Weile auf die⸗ ſem Schreiben.— — Von Frankreich. — Warten Sie einen Augenblick. Von Wien ſagen Sie... Erbrechen Sie dieſes. Markow erbrach die Depeſche. — Was ſchreibt der Geſandte? Leſen Sie. — Wider alles Vermuthen, las Markow, iſt ein franzöſiſcher Courier aus Italien, in Begleitung eines kaiſerlichen Officiers in Wien eingetroffen. Der Courier trug einen reich mit Gold geſchmückten Rock, die drei⸗ farbige Schärpe, die Nationalkokarde auf dem Hut, und auf der Bruſt hatte er einen Schild, worauf ein Frei⸗ heitsbaum abgebildet war. Er wurde in der Staats⸗ Kanzlei empfangen, begab ſich aber von da zu dem Der Fürſt. I. 6 Kaiſer nach Laxenburg. Nachdem man die Depeſchen im Kabinet geöffnet und den Kaiſer von ihrem Inhalt in Kenntniß geſetzt hatte, wurde der Courier nach Wien zuruͤckgeſandt, wo man ihm in der Kaſerne an der Donau eine Wohnung anwies. Man ſagt allgemein, die Depeſche enthalte Vorſchläge zur Eröffnung von Friedensunterhandlungen. Der Courier hat die Abſichten der franzöſiſchen Regierung in dieſer Beziehung mitge⸗ theilt. Er wird hier auf's Zuvorkommendſte behandelt. Die Depeſchen haben den Kaiſer und die Miniſter in woße Thätigkeit verſetzt. Der Courier hat Erlaubniß, federmann, wen er wünſcht, zu Tiſch zu laden, allein der Eingeladene muß um beſondere Erlaubniß nach⸗ ſuchen. Er hat ſich bereits in den Theatern gezeigt und andere Orte beſucht, hat jedoch immer einen ofſi⸗ ziellen Begleiter bei ſich. Es werden alsbald Couriere nach Petersburg und London abgeſandt werden. — Friede? murmelte die Kaiſerin, Friede? Im Himmel mag Friede ſein, aber auf der Erde iſt Kampf. Doch warum nicht? Sie mögen ihn immerhin ſuchen, ſte werden ihn nie erhalten. Prometheus hat das Feuer vom Herde der Götter geſtohlen, aber angefeſſelt auf den Felsſpitzen des Kaukaſus, wurde er dafür von Geiern zerfleiſcht. Dieß wird auch Europa's Schickſal ſein, wenn es das erringt, was es ſucht,— nämlich Frieden. Enthält das Schreiben noch etwas? — Nein, Ew. Majeſtät. Die Hand der Kaiſerin ruhte in dieſem Augenblick auf der Depeſche aus Frankreich. — Erbrechen Sie auch dieſe, ſagte ſie. Markow vollzog den Befehl. — Soll ich leſen? — Ja. — Vom Kriegsſchauplatz in Italien verlautet, las Markow, daß die Franzoſen nach Neapel über Rom vorzudringen beabſichtigen. Nach der Schlacht bei Lodi öffnete Eremona ſeine Thore. Die ganze Lombardei 83 befindet ſich in den Händen der Republik. Die Regie⸗ rung in Venedig vertreibt alle franzöſiſchen Emigran⸗ ten aus ihrem Gebiet. Frankreich verlangt, daß Livorno ſeine Häfen den Engländern verſchließen ſoll. Man glaubt, daß die franzöſiſche Republik binnen zwei Mo⸗ naten mit allen Continentalmächten Frieden geſchloſſen haben wird, ſo daß die Armee es nur noch mit Eng⸗ land zu thun hat. ährend Markow las, wechſelte der Ausdruck im Geſicht der Kaiſerin zwiſchen Erbitterung und Freude. — Krieg mit England, ſagte die Kaiſerin, indem ſie Markow unterbrach; ja, ja, dieß iſt das Loſungswort für Rußlands Zukunft. Ein Krieg zwiſchen dem Meer und dem Land um die Herrſchaft über die Erde. Bei einem ſolchen Krieg mögen die Uebrigen Frieden haben. Wahrhaftig, die franzöſiſche Revolution ſcheint mir auf einen Wink meines eigenen Scepters ausgebrochen zu ſein. Dieſe Revolution wird wie ein Krebsſchaden um ſich greifen, ſie wird die Continentalmächte entkräften, zerſtören, untergraben, bis ihre Throne in meine Hände fallen. Möge ſie voranſchreiten! Bonaparte's Siege werden für den Augenblick Frankreich groß machen, aber dieß wird eine Größe ſein, die nicht beſtehen kann, weil er für ſich zu viel nimmt, um es verdauen zu kön⸗ nen. Wenn er die Andern niedergebeugt hat, wollen wir ihn niederbeugen. Leſen Sie weiter. Orlow hatte in einer Fenſtervertiefung Platz ge⸗ nommen, von wo aus er mit unverwandter Aufmerk ſamkeit den Veränderungen in den Geſichtszügen der Kaiſerin folgte. — DasSchreiben enthält ſonſt nur unbedeutende Dinge. — Leſen Sie es dennoch, dieſe Sachen unterhalten mich, weil das Blindekuhſpiel der Franzoſen mit der Freiheit uns nützt. Leſen Sie. — Allen Theaterbeſitzern und Theaterdirectoren von Paris, las Markow, iſt bei perſönlicher Verantwortung anbefohlen, das Orcheſter täglich die Lieblingsſtac der 84 Republik ſpielen zu laſſen, wie z. B. die Marſeillaiſe, Ga ira, den Chant de depart. Nach dem zweiten Act ſoll immer die Marſeillaiſe aufgeſpielt werden. Die Mordarie le réveil du peuble iſt verboten. Es iſt Befehl gegeben, Je⸗ den zu verhaften, der im Theater durch irgend eine Aeußerung zu Wiedereinführung der Königsgewalt, zur Auflöſung des Geſetzgebenden Körpers oder der beſtehenden Regie⸗ rung auffordert, oder auf irgend eine Art aufwiegelt. Derjenige, der geſtern dieſes Dekret im Faydeantheater verlas, wurde ausgeziſcht. 1 Geſtern, bemerkte die Kaiſerin mit gerunzelter Stirne, geſtern? Wir müſſen uns einen andern Cor⸗ reſpondenten anſchaffen. — Ew. Majeſtät... — Die Nachricht, die er uns erzählt, iſt ſchon alt, wenn ich mich nicht täuſche, ſo erhielt ich dieſe Notiz ſchon im Januar, und ich glaube mich zu erinnern, daß das hier erwähnte Dekret bereits am zehnten des⸗ ſelben Monats erſchienen iſt. Fahren Sie inzwiſchen fort. — Es kommt nur noch ein Epigramm, das im National⸗Barometer angeführt iſt, und in kurzen Zügen Frankreich im gegenwärtigen Augenblick charakteriſirt. — Laſſen Sie hören. Die Jakobiner auf Sturm. 1 Der Rath der Fünfhundert auf Gewitter. Der Rath der Alten auf freundlich. Das Direktorium auf veränderlich. Die Aſſignaten auf Wind.* Das Volk auf ſehr trocken. Ein Lächeln, das von einer gewiſſen Bosheit zeugte, ſpielte auf den Lippen der Kaiſerin. — Mbgen ſie ihre Waffen ſchleifen, ſagte ſie dann, mögen ſie ihre Federn ſpitzen: Es wird ihnen nicht ge⸗ lingen, Andere als ſich ſelbſt zu verwunden. Unſer roßer Czar Peter ſagte, daß er Rußland als einen leinen Bach übernommen und als einen Fluß hinter⸗ laſſen habe; ich habe es als einen Fluß uͤbernommen, — ——- 8⁵ und werde es als ein Meer hinterlaſſen. Wir dürfen uns nicht übereilen. Mögen die Revolutionen die fürſt⸗ lichen Purpurmäntel des Kontinents zerreißen. In Lumpen werden ſie um unſere Hülfe betteln. Nach der Revolution gegen die Fürſten wird eine Revolution unter den Klaſſen ausbrechen. Inzwiſchen mögen unſere Adler im Winterpalaſt ausruhen. Peter ſagte, daß wir Rußland in einem fortwährenden Kriegszuſtand er⸗ halten müſſen. Ich thue das. Er ſagte, daß wir den Frieden als ein Mittel zum Krieg, und den Krieg als ein Mittel zum Frieden dienen laſſen müſſen. Ich habe es nicht vergeſſen. Er ſagte, daß wir bei allen Gelegenheiten an den Verwicklungen und Streitigkeiten Europa's Theil nehmen müſſen. Ich habe es nicht außer Acht gelaſſen. Er ſagte, daß wir Polen theilen müſſen. Ich habe es getheilt. Als die Kaiſerin hier verſtummte, trat Subow vor. — Gw. Majeſtät ſagen, daß Czar Peter die Thei⸗ lung Polens befohlen, und daß Ew. Majeſtät dieſelbe vollzogen haben. Aber Sie vergeſſen einen nicht min⸗ der wichtigen Punkt im Teſtament des großen Czars. — Was meinſt Du, Subow? — Czar Peter beſiehlt auch, daß Rußland ſo viel wie möglich von Schweden nehmen und dieſes Land zu einem Angriff reizen ſolle, um einen Vorwand zu ſeiner vollkommenen Unterjochung zu erhalten. Das Geſicht der Kaiſerin erheiterte ſich. Mit einer ſtolzen Bewegung bog ſie ihr Haupt zuruͤck, und ein Lächeln breitete ſich über ihre Lippen. — Still, Subow, ſagte ſte, ſtill, Subow. Der Czar ſchrieb ſein Teſtament nicht mit der Schwertſpitze, ſondern mit einer biegſamen Feder. Ich habe die Ge⸗ fahr noch nicht vergeſſen, in welche der Aufbruch der ſchwediſchen Armee 1788 Petersburg verſetzte. Es iſt eine unläugbare Wahrheit, daß die Hauptſtadt des Kai⸗ ſerreichs keine wirkliche Ruhe genießt, ſo lange ein feindliches Land ſo nahe an ſie ſtößt. 8⁶ — Ew. Majeſtät brauchten inzwiſchen nur zu be⸗ fehlen. Die Armee gehorcht Ihren Winken. — Weißt Du, was eine Armee iſt, mein Freund? — Eine ruſſiſche Armee iſt eine unwiderſtehliche Macht, welche die Gewalt Ew. Majeſtät mit jedem Schritt, den ſie thut, vergrößert. — Eine Armee iſt bloß eine Erndtemaſchine, Su⸗ bow; was die Politik ſäet, das heimſt das Schwert ein. Subow erhob ebenfalls ſein Haupt. Er ſchien ſich auf eine Antwort vorzubereiten; aber die Kaiſerin winkte ihm zu ſchweigen. — Was für weitere Depeſchen? fragte ſie Markow. Haben wir von Budberg eine erhalten? — Hier, Ew. Majeſtät. Mit einem Ausdruck von Unruhe ſtreckte die Kai⸗ ſerin ihre Hand nach der Depeſche aus; aber bevor ſie dieſelbe berührt hatte, ſenkte ſie die Hand wieder. Der Blick, den ſie dabei auf das Papier heftete, war voll von Majeſtät, voll von einem unerklärlichen räthſelhaften Ausdruck. Nach einer kurzen Pauſe, wäh⸗ rend welcher die Anweſenden ſich nicht vom Platze be⸗ wegtent, ergriff ſie die Hand der Großfürſtin Maria Feodorowna. — Du ſiehſt dieſes Schreiben? ſagte ſie. — Ew. Majeſtät... — Lege Deine Hand hier auf mein Herz, meine Freundin, zähle die Schläge deſſelben und berechne da⸗ nach meine Liebe zu deiner Tochter Alexandra. — Ew. Majeſtät! 3 Katharina's Genie hatte ſich niemals von einem größeren Unglück, dieſem ſo nützlichen Zuchtmeiſter, ge⸗ zuͤgelt gefühlt. Ernſtlich bezweifelte ſie daher niemals ihren Erfolg, aber ihr Stolz, der durch die Ungewißheit in der Stunde der Entſcheidung erſchüttert wurde, war dennoch mit einer gewiſſen Bangigkeit verſetzt. Es war dieß manchmal eine grauſame Furcht, die zuweilen auch zu Grauſamkeit führte, obſchon ſie in dieſem Augenblick — ε A 87 nur zaͤrtliche Gefühle hervorrief. Aber ſie ſchöpfte Athem und war wieder ruhig. — Man wird nie ſo alt, ſagte ſie dann, daß man nicht in einem kleinen Theil ſeines Herzens noch ein Kind bleibt.. Mit einer Bewegung der Zerſtreutheit flog ihre Hand über die Stirne. — Dieſes Schreiben... wie viel hängt nicht da⸗ von ab! Es trat eine augenblickliche Stille ein, während welcher ſie mit ausgeſtrecktem Zeigefinger ihre Aufmerk⸗ ſamkeit auf das Schreiben geheftet hielt. — Aber was beunruhigt mich doch? Budberg muß ſein Ziel erreicht haben. Erbrechen Sie es, Markow. Markow ließ es ſich nicht zweimal befehlen. — Leſen Sie. — Als ich, ſchrieb Budberg, als Botſchafter Ew. Majeſtät in Stockholm anlangte und Audienz verlangte, antwortete man mir, der junge König ſei krank; man glaubte dadurch ein perſönliches Zuſammentreffen zwi⸗ ſchen ihm und mir verhindern zu koͤnnen. Um Ew. Majeſtät nicht zu compromittiren, zog ich mich gleich⸗ gültig zurück. 4 — Man trotzt mir alſo noch? ſiel die Kaiſerin ein; fahren Sie fort. — Indeſſen muß die Nachricht, daß Dolgoruki an der Spitze einer der kaiſerlichen Armeen gegen Finnland heranrücke, der Regierung zu Ohren gekommen ſein. Katharina's Züge veränderten ſich. Ein kaltes Lächeln breitete ſich uͤber dieſelben. — Man begann hier ſogleich ſich zu rüſten. Ge⸗ neral Wrode wurde nach Finnland geſandt; bei ſeiner Abſchiedsaudienz forderte er den König auf, ſich in Folge der Ungeſchicklichkeit der vormundſchaftlichen Re⸗ heeugha mündig zu erklären, aber der Köͤnig wei⸗ gerte ſich. 88 — Er weigerte ſich? wiederholte die Kaiſerin. Wenn ich nur wüßte, ob der junge Thronfolger ein Genie wie ſein Vater oder bloß ein beſchränkter Stier⸗ ſchädel iſt? Aber fahren Sie fort, fahren Sie fort. — Im Fall des Kriegs haben ſowohl der Herzog Vormund als der König beſchloſſen, ſich beide nach Finn⸗ land zu begeben. — Sie ſind willkommen. — In den letzten Tagen, las Markow weiter, hat ſich inzwiſchen viel verändert, ich glaube weniger aus Furcht vor Dolgoruki's Armee, als vielmehr in Folge der Liebe des Königs zu der Großfürſtin Alexandra, einer Liebe, die ſicherlich ebenſo aufrichtig und brennend iſt, als die Liebe der Prinzeſſin zu ihm; denn er em⸗ pfängt jede Mittheilung über ſie mit der größten Freude, und von ihrem Portrait will er ſich gar nicht trennen. Geſtern wurde ich daher zur Audienz berufen; ich fand jedoch bald, daß, ſo groß auch die Veränderung ſein mag, immer noch viel zu thun bleibt, bis das Ziel er⸗ rungen iſt. Zwiſchen den Privatwünſchen des Königs und dem Ziel ſtehen noch immer der Herzog und Reuter⸗ holm, und es iſt nicht ſchwer, in die Motive dieſer Männer einen Einblick zu gewinnen. — Budberg hat Recht, bemerkie die Kaiſerin, es iſt nicht ſchwer, ihre Motive einzuſehen. Sie fürchten jede Verbindung zwiſchen mir und dem König, weil ſie einſehen, daß in Folge einer ſolchen der König Schwe⸗ den regieren würde, und nicht ſie. Weiter... — Bei meiner Audienz erklärte der König, er ge⸗ denke ſich nicht zu vermählen, bevor er mündig ſei, und er habe ſeine Wahl noch nicht getroffen. Ich brauche kaum hinzuzufügen, daß der Herzog und Reuter⸗ holm zugegen waren. Sie ließen ihn nicht eine einzige Sekunde aus den Augen. Der Köͤnig war blaß und ſchwankend, als er ſprach. Er litt ſichtlich. Ddie Kaiſerin rang ungeduldig ihre Hände und ging einmal heftig im Zimmer auf und ab. 89 — Der König erklärte mir dabei, daß er enöthigt ſei, Ew. Majeſtät Einladung zu einem Veſuch in Pe⸗ tersburg abzulehnen. — Er hat ſie abgelehnt? — So ſchreibt Budberg. — Herzog, Herzog, ſagte die Kaiſerin, Du thuſt Deinem Muͤndel Gewalt an; beim Himmel, Du be⸗ darfſt einer Lektion in der Kunſt, gegen Frauenzimmer artig zu ſein! Was ſchreibt Budberg weiter? — Bloß daß er nicht alle Hoffnung verloren habe. Der Brief endigt übrigens nur mit einigen Gedankenſtri⸗ chen.. ſie ſcheinen nicht ohne Bedeutung zu ſein. — Einige Gedankenſtriche... Bedeutung... laſſen Sie ſehen. Als Katharina das Schreiben betrachtet hatte, ſenkte ſie ihren Blick zur Erde und überließ ſich einem ſtillen Nachdenken. Subow trat einen Schritt näher zu ihr. Ihr Günſtling konnte ſie täuſchen, ſogar irreleiten, aber niemals beherrſchen. — Dieſe Gedankenſtriche, wiederholte ſie noch einmal—. — Ew. Majeſtät, ſie können nichts Anderes be⸗ deuten, als... Mit einem ſtolzen Kopfſch ütteln wandte fie ſich gegen Subow. „— Sie bedeuten, ſagte ſie, unterbrach ſich aber wieder— — Daß Dolgoruki's Armee über die Grenze rücken muß, fügte Subow jetzt hinzu. Die Kaiſerin heftete einen kalten Blick auf Subow. — Ew. Majeſtät müſſen den Herzog demüthigen. ſichine leidenſchaftliche Bewegung zeigte ſich in ihrem eſichte. — Die Frage betrifft nicht bloß die Prinzeſſin Ale⸗ randra, ſondern auch ihren Thron. Graf Orlow blieb unbeweglich auf ſeinem Platz 90⁰ in der Fenſtervertiefung. Unverwandt folgte er den Be⸗ wegungen der Kaiſerin. So oft ihre Züge ſich verän⸗ derten, veränderten ſich auch die ſeinigen. Es lag klar am Tage, daß die Frage für ihn von der größten Wichtigkeit war. Die Kaiſerin blieb noch ſtill. In der Haltung der ſtolzen Stirne ſah man, daß ein kühner Plan ihre Seele beſchäftigte. Sie ſtand wirklich wie eine zweite Schickſalsgöttin da, düſter, verſchloſſen, geheimnißvoll, nachdenkend über Krieg oder Frieden, über Menſchen⸗ leben, vielleicht über den Beſtand eines Reiches. In ihrer Miene lag kein Zorn, kein Kummer, keine Freude, aber ſie war voll von einem Ernſt, der etwas von all dieſen drei Eigenſchaften zu enihalten ſchien und bedeutungs⸗ voller war, als jede einzelne derſelben. Sie kannte ihre Macht. Als ſie ihre Augen wieder aufſchlug, ergriff ſie die Hand Meßi Feodorowna's. — Ich habe bei meinem Leben geſchworen, ſagie ſte, daß Alexandra glücklich werden ſoll. Ich werde mein Verſprechen halten. In ihren Augen brannte ein dunkles Feuer. Subow, Orlow und Markow Serocte ihre rrude kaum t zu verbergen. Ew. Majeſtät beſchließen alſo.. Noch ruhte eine Wolke auf der Stirne der Kaiſerin, V aber ſie Cerſchepand in dieſem Augenblick. — Setz Dich nieder und ſchreib, ſagte ſie zu Subow, ich will dictiren. Subow ergriff die Feder. — Doch nein, ſiel ſie ein, ich will ſelbſt ſchreiben.* Subow verließ den Platz. Die Hand der Kaiſerin flog mit der Feder über das Papier. Ohne ein Wort zu ſprechen, legte ſie dann das 4 Schreiben zuſammen. Noch wußte Niemand, was es enthielt 91 — Meine Adjutanten ſollen herein kommen! Orlow eilte hinaus. Nach einer kurzen Weile traten einige Adjutanten der Kaiſerin ein. Unter ihnen erblickte man den Stre⸗ litzenhauptmann Araktſchejew und den Gardelieutenant Petſcherin. — Wer von Euch, fragte Katharina, glaubt den Weg zu dem Fürſten Dolgoruki in der kürzeſten Zeit zuruͤcklegen zu können? — Ich, ich, riefen Alle, ich, ich, ich! Keiner von ihnen wollte das Vertrauen der Kai⸗ ſerin zurücklehnen. Dieſer Wetteifer erregte ihre Zufriedenheit. 1 Das Schreiben in ihrer Hand haltend, ließ ſie ihren Blick über die Männer hinfliegen.. — Markow, ſagte ſie, machen Sie von dieſem Brief ſo viele Abſchriften, als Adjutanten da ſind, und geben Sie Jedem ſeinen Courierpaß. Sie mögen wetteifern, wer zuerſt zu dem Fürſten kommt. Die Belohnung für Denjenigen, der dieſe Ordre zuerſt übergibt, iſt der St. Annenorden zweiter Klaſſe. Ehrgeiz und Freude leuchtete in den Geſichtern der jungen Männer. Markow nahm das Schreiben in Empfang. Su⸗ bow und Orlow begaben ſich zu ihm. Alle Drei in⸗ tereſſirten ſich gleich ſehr für den Inhalt, ohne daß ſie deßhalb ihre innerſten Gedanken und Wuͤnſche vor der Kaiſerin bloßlegen wollten. Bei all ihrer Ergebenheit gegen die Kaiſerin und ihren Thron hegten ſie verſchie⸗ dene Anſichten über die Art, wie Schweden behandelt werden ſollte. Neugierig beugten ſie ſich über das Schreiben hinab, und nicht ohne Mühe vermochten ſie ihre lebhafte Freude zu verbergen, als ſie laſen: Krieg mit Schweden. Die Kaiſerin beobachtete ſie aufmerkſam; ſie wollte ſehen, welchen Eindruck ihr Befehl hervorrief. — Krieg, murmelten ſie, Krieg! 92 — Krieg! wiederholten die Adjutanten wie ein Echo, Krieg! Ein Soldat wird von dieſem Wort immer belebt. Da er ſeine Beſtimmung kennen muß und auf Kriegs⸗ glück hofft, ſo pocht ſein Herz friſcher beim Getöne eines Kriegsſignals. Die Kaiſerin erfreute ſich einen Augenblick an der Gewalt, die ſie beſaß, als ſie den Anklang ſah, den ihr Beſchluß fand. Aber in dieſem Augenblick ertönte auch ein Seufzer. Er hob die Bruſt der Großfürſtin. Sie dachte an ihre Tochter und ſeufzte über den Krieg, worin ſie ſich einen Dämon dachte, welcher das Glück des geliebten Kindes zerſtören müßte. — Fürchte nichts, tröſtete jedoch die Kaiſerin, auf den Krieg wird ein Frieden folgen, und der Frieden wird uns zum Ziele führen. eodorowna, fügte ſie hinzu, Du weißt nicht, wie ſehr ich mich dafür intereſ⸗ ſire; glaube mir nur, daß es mir eben ſo ſehr am Her⸗ zen liegt wie Dir, und daß es einen weſentlichen Theil der höchſten Zwecke meines politiſchen Lebens ausmacht. Du weißt vielleicht nicht, daß Guſtav III., der Vater des gegenwärtigen jungen Königs, auf meine Pläne gegen das revolutionäre Europa einging, bereit auf meinen Wink als ein Ritter des Nordens den Fehde⸗ handſchuh des Südens aufzuheben, und auf ſeinem Ge⸗ biet den Kampf zwiſchen den Fürſten und den Völkern auszufechten. Dieſe große Verpflichtung muß ſein Sohn jetzt übernehmen, und ſeine Vermählung mit Paulowna wird ihn auch zu meinem Helden machen. Beruhige Dich, Feodorowna, nichts wird mich vermögen, Ale⸗ xandra's Glück aus den Augen zu laſſen. Mein eigenes iſt ſo innig mit dem ihrigen verknüpft. 3 Subow hatte inzwiſchen in aller Eile die Abſchrif⸗ ten des Briefes der Kaiſerin an Dolgoruki verfertigt. Er wollte nicht einen einzigen Augenblick der fuͤr den Krieg günſtigen Stimmung verlieren, weil er fürchtets, 93³ ſie möchte noch Veränderungen erleiden. Die Abſchriften wurden jetzt vorgezeigt und den Adjutanten übergeben. — Ihr habt mein Verſprechen gehört, redete die Kaiſerin dieſe wieder an, flieget wie Sturmwinde mit meiner Botſchaft dahin. Eine Auszeichnung erwartet denjenigen von euch, der mir zuerſt ein Wort von dem Fürſten überbringt. Rußland liebt den Krieg. Der Raubvogel in unſeren Fahnen hat ſeine Freude am Blut. Die Ehre unſerer Nation wächst auf dem Un⸗ tergang anderer Nationen. Unſere Politik iſt mit dem Feldgeſchrei des Krieges auf den Lippen geboren. Sputet euch! Mein Name wird die vormundſchaftliche Regie⸗ kung Schwedens aus ihrem Schlaf aufſchrecken. Krieg! rieg! — Krieg! jubelte man um ſie her. — Und Siegl fügte ſie hinzu. Die Adjutanten ſchickten ſich an, das Zimmer zu verlaſſen und waren hochbeglückt über die Gelegenheit, mit einander um die Gunſt der Kaiſerin zu rivaliſiren; aber in dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und der Großfürſt Paul blieb auf der Schwelle ſtehen. Beim Anblick ihres Sohnes legte ſich die Stirne der Kaiſerin in düſtere Runzeln. 3 Als der Großfürſt eintrat, hörte er das Gemurmel, das den Krieg verkündete. Seine Aufmerkſamkeit ſiel dabei auf ſeine Gemahlin, Maria Feodorowna, und der beklommene Ausdruck derſelben entging ihm nicht. Eine Ahnung ſagte ihm auch ſogleich, um was es ſich han⸗ delte, und dieſe Ahnung wurde zur Gewißheit, als ſein Blick auf Subow verweilte, in deſſen Geſicht er Zu⸗ friedenheit und Selbſtvertrauen las. „— Wer hat Sie hierher berufen? fragte die Kai⸗ ſerin, gegen ihren Sohn gewandt. Hat man Ihnen nicht geſagt, daß wichtige Depeſchen mich beſchäftigen? — Meine Mutter, Ew. Majeſtät, Sie führen eine harte Sprache gegen mich, aber mein kindlicher Ge⸗ horſam iſt zu groß, als daß ich daruͤber klagen könnte, 94 Man hat mir geſagt, daß Depeſchen von Budberg aus Schweden angelangt ſind, und mögen Sie mir verzei⸗ hen, wenn ich, geleitet von dem Intereſſe, welches auch ich für die Angelegenheiten hege, die Ihre Geſandten beſchäftigen, hierher geeilt bin, um die gewiß frohe miſchait welche Sie erhalten haben, gleichfalls zu ver⸗ nehmen. Die Unterwürfigkeit des Großfürſten entwaffnete die Kaiſerin. Ungeachtet Katharina ihren Sohn nicht liebte, ſon⸗ dern ihn kaum ausſtehen konnte, ſo daß er beinahe unaufhörlich von ihr verbannt in Gatſchina ſich auf⸗ halten mußte, beobachtete Paul immer eine ehrfurchts⸗ volle, kindliche Haltung gegen ſie. Auch jetzt mangelte ihm dieſer Tact nicht. — Wohlan denn, antwortete ſie daher, Du ſollſt meiner Freude theilhaftig werden, Paul. Schweden hat ſich geweigert, auf unſere Forderungen einzugehen; aber beim heiligen Alexander, ſie ſollen dadurch nur geſtei⸗ gert werden. Meine Herren— ſie wandte ſich jetzt ge⸗ gen die Adjutanten— ihr habt meinen Befehl gehört, eilet zu meiner Armee an der finniſchen Grenze, damit Dolgoruki unverzüglich meinen Willen erfährt und die⸗ ſelbe überſchreitet. Sputet euch. 4 Paul zeigte Verwunderung und Unruhe. Eine kurze Weile ſchien er unſchlüſſig, was er thun ſollte; aber als die Adjutanten ſich entfernen wollten, hielt er ſte auf. — Was machſt Du, Paul? fragte ihn die Kaiſerin, während ein zorniger Ausdruck ſich fluͤchtig in ihren Zügen zeigte; wagſt Du es, die Ausführung meiner Vefebhl⸗ zu hindern, wagſt Du es, mir in den Weg zu reten? 3 — Ew. Majeſtät, antwortete ihr Paul, haben Sie die Gnade, mir das Datum der Depeſche mitzutheilen, die Sie empfangen haben. 4 — Sie iſt vom Zwölften. Der Courier iſt auf ſeiner Seereiſe von Stürmen aufgehalten worden. 9⁵ Paul blieb ſtill und überlegte ſichtlich. Er ſchien zu fühlen, daß er ſeine Mutter beleidigen könnte, und n wußte, daß es nicht ſo leicht war, ſie zufrieden zu ellen. Sein Entſchluß war indeß bald gefaßt. — Ew. Majeſtät, ſagte er, ich hoffe, Sie werden mir verzeihen, wenn ich Jemand hier einführe... Ohne eine Antwort abzuwarten, ſchob er die Thüre weit auf, und Baron Armfelt kam zum Vorſchein. Dicht hinter ihm ſah man Döring. Armfelt näherte ſich der Kaiſerin mit der ganzen ritterlichen Eleganz, die ihm ſo natürlich war. — Ich höre, ſagte er, daß Ew. Majeſtät Depeſchen vom Zwölften aus Schweden erhalten haben. — Es iſt wahr, mein Baron. — In Folge des Inhalts dieſer Depeſchen wollen Sie dem Fürſten Dolgoruki den Befehl zuſchicken, über die Grenze zu gehen und in Finnland einzurücken. — Ich habe der ſchwediſchen Regierung meine Freundſchaft angeboten, aber ſie zieht meine Feindſchaft vor. Dolgoruki wird die Ehre ſeiner Kaiſerin zu wah⸗ ren wiſſen. — Dießmal wird dieß nicht nöthig ſein, Ew. Ma⸗ jeſtät. Das Herz meines jungen Königs hat bereits Alles ausgeführt, was Sie von Ihrer Armee erwar⸗ ten konnten, denn es hat die Regierung beſiegt. — Wie ſo? — Die Schlacht iſt gewonnen. Herzog Carl und Reuterholm haben eine Niederlage erlitten, Ew. Ma⸗ jeſtät haben im Miniſterrath triumphirt. Der König von Schweden... — Was ſagen Sie, Baron? Sie vergeſſen dieſe Depeſche, die ich ſo eben empfing. — Die aber nichtsdeſtoweniger vom Zwölften iſt, Ew. Muſenzl. — Nun... 96 — Ich habe eine andere von weit ſpäterem Datum empfangen. 4 — Wenn Sie kein Zauberer ſind, Baron, ſo iſt dieß unmöglich. — Ew. Majeſtät Courier iſt an der Küſte von Aland durch die Stürme aufgehalten worden, die in den letzten Tagen wütheten. — Ganz richtig. — Mein Courier hat Stockholm erſt am ſechszehn⸗ ten verlaſſen. — Die Stürme währten auch da noch fort. — Er wurde auch vom Winde verſchlagen, Ew. Majeſtät, aber er folgte dem Sturm und ſchlug den Land⸗ weg über Riga ein, von wo aus er hierher eilte. Er iſt vor einigen Minuten hier angelangt, und wenn Ew. Majeſtät befehlen, ſo können Sie perſönlich ſichere und vollkommen friſche Neuigkeiten von Schweden erhalten. Die Kaiſerin nickte freundlich, und Armfelt gab Döring einen Wink, vorzutreten. Döring's Herz klopfte. Während ſeiner wechſelreichen Laufbahn hatte er mehr als einmal vor Fürſten geſtanden, aber in der Hand all' dieſer hatte das Wohl und Wehe der Menſchen nicht ſo geruht, wie in der Hand der Fürſtin, vor welcher er jetzt ſtand. Der Gedanke an ihre unbeſchränkte Ge⸗ walt, eine Gewalt, die beinahe einen Gott erforderte, um ſie vollkommen zu benützen, beherrſchte ihn. Döring blieb aufrecht und gerade vor ihr ſtehen. Statt ſich ihr mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung zu nähern, rich⸗ tete er ſich auf. Ein weniger ſicherer Blick als der Ka⸗ tharina's würde darin Mangel an Lebensart und Trotz gefunden haben; aber ſie ſah weiter ſie ſah wie ſeine Bruſt von widerſtreitenden ſtuͤrmiſchen Gefühlen geho⸗ ben, ſah wie ſeine Wangen von der Röthe der Ver⸗ legenheit gefärbt wurden, ſah wie ſeine Augen von einem höheren Feuer leuchteten, während ſein Blick unver⸗ wandt auf ihr haftete. 3 Die ruſſiſche Umgebung der Kaiſerin betrachtete die 97 Monarchin ſtillſchweigend und erwartete, daß ihr Miß⸗ vergnügen über den Etikettenfehler, den Döring beging, ſich Luft ſchaffen würde. Ein freundliches und mildes Lächeln ſpielte jedoch bald auf ihren Lippen. Die Bewunderung, die ſie in Döring's Geſicht las, war ihr mehr als alle Etikette und ſchmeichelte ihrer weiblichen Eitelkeit. Armfelt bemerkte den vortheilhaften Eindruck, wel⸗ chen der Jüngling machte, und freute ſich darüber. — Sie kommen aus Schweden? fragte ihn die Kaiſerin endlich. Wann trafen Sie Budberg zum letz⸗ ten Mal? Döring fuhr bei dieſer Frage zuſammen. Erſt jetzt erinnerte er ſich, daß er gegen die Convenienz ge⸗ fehlt hatte, aber dieſer Gedanke machte ihn nur noch ſtärker erröthen. — Am ſechszehnten, Ew. Majeſtät, Abends, ant⸗ wortete er, indem er ſeine Worte mit einer tiefen Ver⸗ beugung begleitete und die Hand an ſeine Bruſt führte, gleich als wollte er damit ehrfurchtsvollſt ſeine Verſäum⸗ niß entſchuldigen. — Laſſen Sie uns hören, was für Neuigkeiten Sie bringen. Haben Sie perſönlich mit dem Könige geſprochen? — Ich habe die Gnade gehabt, Ew. Majeſtät, und ich habe aus ſeinem eigenen Mund die Ver⸗ ficherung empfangen, daß er in Begleitung ſeines Oheims, des Herzogs von Südermannland, bereits Anſtalten treffe, Ew. Majeſtät einen Beſuch abzuſtatten. Die De⸗ peſchen, die ich Sr. Excellenz, Baron Armfelt übergeben habe, berichten Näheres darüber. General Budberg uͤbergab mir ebenfalls ein Schreiben an Ew. Majeſtät⸗ Ueber die Geſichter Subow's, Markow's und Or⸗ low's breitete ſich eine düſtere Wolke; im Geſicht der Kaiſerin dagegen zeigte ſich ſieghafte Zufriedenheit. Der Fürſt. I. 7 98 Armfelt überreichte jetzt Budberg's Depeſche und die Kaiſerin erbrach ſie ungeduldig mit eigener Hand. In dieſem Schreiben erklärte Budberg, daß ſeit ſeiner letzten Depeſche Alles ſich gänzlich verändert habe, und die Urſache dieſer ſo unvermutheten und ſchnellen Veränderung glaubte er in der Liebe des jungen Königs zu der Prinzeſſtn Alexandra zu finden. — Er kommt alſo hierher, ſagte die Kaiſerin, das freut mich. Markow, fügte ſie hinzu, nehmen Sie das Schreiben an Dolgorucki zurück. Die Armee muß ſich zu⸗ rückziehen. Sie werden die deßfallſigen Ordres ausfertigen. Nachdem ſie dieſen Befehl ertheilt hatte, verweilte ihr Blick auf Döring, und dann wandte ſie ſich zu den Adjutanten. — Die jetzt eingelaufenen Nachrichten, ſagte ſie zu ihnen, berauben euch des Vortheils, um einen ehren⸗ vollen Preis zu wetteifern; ich werde euch jedoch ſobald als möglich Erſatz dafür zu verſchaffen ſuchen. In⸗ Piſchen empfehle ich dieſen jungen Schweden eurer reundſchaft. Ich wünſche ihn geehrt und mit Achtung behandelt zu ſehen. Eine Handbewegung zeigte, daß ſie Döring meinte, gegen welchen ſie in gleichem Augenblick fortfuhr: — Ich werde Sie und die Freude, die Sie mir be⸗ reitet haben, nicht vergeſſen. Der Großfürſt erkannte unter den Adjutanten Arak⸗ ſchegug und Patſcherin; er firirte ſie ſtreng, hielt es aber nicht für paſſend, Klage gegen ſie zu fuͤhren. Statt deſſen verweilte ſein Blick auf Orlow, als dem Chef der geheimen Polizei. Die Kaiſerin näherte ſich inzwiſchen der Großfür⸗ ſtin und gab durch ein Zeichen zu erkennen, daß ſie mit ihr allein zu ſein wünſche. Als Subow ſich hinaus begab, folgten ihm Markow und Orlow. Döring leiſtete den Adjutanten Geſellſchaft. Alle hatten jetzt die Kaiſerin und die Großfurſtin verlaſſen, nur Armfelt war noch dageblieben. — U Gu 8 99 — Ew. Majeſtät, ſagte er, indem er ſich ihr näherte, in der Depeſche an mich lag ein Brief, von welchem ich vermuthe, daß Ew. Majeſtät nicht mißbilligen wer⸗ den, wenn ich ihn auf dieſe Art, d. h. Ihnen allein überreiche. — Ein Brief? — Von meines Königs eigener Hand. — Er iſt willkommen, Armfelt. — Abrer er iſt nicht an Ew. Majeſtät gerichtet. — Nicht? An wen denn? — An ſdi⸗ Prinzeſſin Alexandra. — A Die Kaiſerin betrachtete den Brief. — Armfelt, ſagte ſie dann, dieſen Brief müſſen Sie ſelbſt überreichen. Folgen Sie mir... ich will an Alexandra's Freude meine Luſt ſehen. Und Arm in Arm mit der Großfürſtin begab ſie ſich zur Prinzeſſin. Armfelt folgte ihnen. Sechstes Kapitel. Erwarten Sie mich um elf Uhr. Der Aufenthalt der Kaiſerin in Petershof war nur auf einen einzigen Tag feſtgeſetzt. Der Hof logirte ſich daher auch ganz nach den Umſtänden ein. In einem kleinen von Bäumen und Pflanzen umgebenen Pavillon wohnte Graf Orlow. Die Familie Orlow ſpielte zur Zeit der Kaiſerin Catharina, beſonders während der erſten Hälfte ihrer Regierung, eine Rolle, die bedeutend in die Geſchichte Rußlands eingriff. Obſchon dieſe Familie zu den alten adeligen Ge⸗ ſchlechtern Rußlands gehört, ſo weiß man doch von 100 ihrer früheren Geſchichte nichts. An dem Fluß Wäatka, im Gouvernement Kaſan, beſtndet ſich eine Stadt die⸗ ſes Namens, aber es gibt in Rußland auch noch viele kleinere Flecken, die denſelben Namen führen. Während der Regierung Peter's I. war ein Gre⸗ gorius Orlow Oberſtlieutnant der Strelitzen, und er verheirathete ſich in ſeinem dreiundfünfzigſten Jahr mit einem Fräulein Sinowiew, einem Mädchen von ſechs⸗ zehn Jahren. Von neun in dieſer Ehe erzeugten Kin⸗ dern ſind fünf Söhne in die Geſchichte übergegangen, nämlich Iwan, Gregorej, Alexej, Feodor und Wladimir. Von dieſen fuͤnf Brüdern waren Gregorej und Alexej diejenigen, welche ſich am meiſten hervorthaten. Gregorej's Einfluß war unbegrenzt. Ein ſouve⸗ räner Fürſt konnte keinen größeren haben. In den Jahren 1762 und 63 waren Heirathspläne zwiſchen der Kaiſerin und ihm im Werke. Sie hatten damals auch ſchon mehrere Kinder mit einander. Er war ein Mann von gewaltſamer, unbändiger, wilder Gemüthsart. Als die Kaiſerin endlich mit ihm brach, hegte ſie darüber eine Unruhe, die an ſklaviſche Furcht grenzte. Sie ließ eiſerne Riegel an die Thüre ihres Schlafzimmers ſetzen und ihre Kammerdiener mußten mit geladenen Piſtolen Wache halten. — Ihr kennt Gregorej nicht, ſagte ſie, er waͤre im Stand, mich und den Großfürſten zu ermorden. Alexej's Charakter war nicht minder übermüthig und wild; er war zu jeder noch ſo gewaltſamen und grauſamen Handlung fähig. Muth und Dreiſtigkeit erſetzten bei ihm den Mangel an Gewandtheit und Er⸗ fahrung. Als er die türkiſche Flotte bei Tſchesme zer⸗ ſtörte und verbrannte, erwarb er ſich ausgezeichneten Ruhm als Seeheld, obſchon er dieſen Erfolg haupt⸗ ſächlich den Engländern zu verdanken hatte. — Geben Sie mir zehn Millionen Rubel, ſagte er damals zur Kaiſerin, ſo will ich Griechenland und * 101 Egypten erobern und mit der Flotte in den Dardanellen einlaufen. — Ich gebe Ihnen zwanzig Millionen, antwortete Catharina. Obſchon derjenige Orlow, der einen Platz in un⸗ ſerer Erzählung einnimmt, keiner von dieſen, ſondern nur ein entfernter Verwandter iſt, ſo finden wir doch bei ihm die Grundelemente deſſelben Charakters wieder. Seine Familienverbindungen hatten ihn empor⸗ gehoben. Die kluge Unterwürfigkeit, die er gegen Subow, den letzten Erben des Einfluſſes aller ehemaligen Günſt⸗ linge Katharina's zeigte, befeſtigte ihn in ſeiner Stellung. Zur Zeit unſerer Erzählung war er Oberhofmarſchall, wirklicher Kammerherr und Ritter des Alexander⸗Newski⸗, ſo wie des St. Annenordens. Zu dieſen Auszeichnun⸗ deni eigiel er noch die Stelle eines Chefs der geheimen olizei. Mis er von ſeiner Aufwartung bei der Kaiſerin zurückkam, befand er ſich im äußeren Zimmer des Pa⸗ villons, wo er ſo eben verſchiedene Berichte von größe⸗ rer und geringerer Bedeutung empfangen und neue Be⸗ fehle ausgefertigt hatte.. Auf ſeiner Stirne ruhte ein düſterer, drohender Schatten, während er heftig auf⸗ und abſchritt. Aus den eingegangenen Berichten hatte er erſehen, daß die maskirte Dame, mit welcher er im Park ge⸗ ſprochen, ſich in die Eremitage, d. h. in die Bauern⸗ hütte begeben und daſelbſt ein Rendezvous mit zwei Männern gehabt hatte, aber nebſt einem von ihnen entkommen war. Der Andere, von dem es ſich zuletzt herausſtellte, daß er ein Ausländer, ein Schwede war, war dagegen feſtgenommen, aber von dem Großfürſten, der in dieſem Augenblick ankam, befreit worden. Der Bericht ſagte ferner, daß man alles Mögliche gethan habe, um zu entdecken, wohin die junge Dame entkommen ſei, aber 10²2 ohne Erfolg. Spurlos war ſowohl ſie ſelbſt, als ihr Cavalier verſchwunden. — Verflucht, murmelte Orlow zwiſchen den Zäh⸗ nen, daß ich ihr überall auf der Spur ſein muß und dennoch niemals einen Zipfel des Schleiers erwiſchen kann, womit ſie ihre Unternehmungen bedeckt. Meine Polizei taugt nichts; ſie iſt bloß ein Schreckſchuß, eine Seifenblaſe, ein Geſpenſt, eine Haſenklapper, womit man den Leuten Angſt einjagt, aber ſie iſt keine all⸗ wiſſende Wirklichkeit, kein allſehendes Auge in der Nacht, keine überall eingreifende allmächtige Hand. Man glaubt, daß ich Alles wiſſe. Bah, ich vermag nicht einmal die Geheimniſſe eines Mädchens auszuſpioniren. — Ein Schwede, fuhr er nach einer Weile fort, ein Schwede. Man ſtößt an dieſem Hof jetzt überall auf Schweden. O, wie haſſe ich dieſe Leute! Subow's Politik iſt die richtige. Man muß dieſe Schweden zer⸗ malmen, wie man Polen zermalmt hat, und Subow an die Spitze der Armeen ſtellen, die einmal gegen Frank⸗ reich rücken ſollen; und es iſt unklug, eine ſolche Ehre einem Ausländer, einem Feinde zu übertragen. Dadurch ewinnt dieſer nur neue Größe und Kraft. Beim hei⸗ igen Nicolaus, das darf nicht geſchehen. Aber die eingegangenen Berichte hatten ihm auch etwas Anderes gemeldet, nämlich, daß man ein Mäd⸗ chen, die als ſehr garſtig, wo nicht ſogar abſcheulich beſchrieben wurde, am Fuße einer im Park befindlichen Statue beſchäftigt gefunden habe, ein Papier zu ver⸗ bergen. Man habe zwar die Abſicht gehabt, ſich dieſes Papiers zu bemächtigen, um ſeinen Inhalt zu erfahren, aber der Kammerdiener der Kaiſerin, der alte Zacharias Konſtantinowitſch, habe dieß verhindert, den Brief ge⸗ nommen und ſich damit entfernt. — Alter Schurke! brummte Orlow beim Gedan⸗ ken an die Intrigue, die er hierin zu finden glaubte. Ich hoffe, Dich doch noch einmal zu erwiſchen. 3 In Folge dieſes Berichtes hatte er Befehl gegeben, 103 ſogleich nach dem Mädchen zu fahnden und ſie unter allen Umſtänden zu ihm zu führen, damit er ſie ſelbſt in's Verhör nehmen könne. Die Arme über der Bruſt gekreuzt ſchritt er auf und ab. In ſeinen ernſten, aber feinen und blaſſen Geſichts⸗ zügen arbeiteten gewaltſame Leidenſchaften. Je haſtiger ſein Schritt wurde, um ſo heftiger wur⸗ den auch ſeine Leidenſchaften. Der Tag neigte ſich zu Ende und des Abends kühle Schwingen begannen ihre Schatten auszubreiten. Aber Orlow, der ausſchließlich mit ſeinen eigenen Betrachtungen beſchäftigt war, bemerkte es nicht. Nach einer Weile trat indeß ein Polizeidiener ein. Bei ſeinem Anblick blieb Orlow ſtehen. — Nun? fragte er. — Das Mädchen iſt verhaftet. Wir fanden ſie bei derſelben Statue, wo wir ſie zuerſt entdeckten. — Führe ſie herein. Das Mädchen erſchien ſogleich. Eine ſchwache und leidende Geſtalt, zitterte ſie vor Furcht, als ſie vor Orlow ſtand. Ihr Aeußeres ermangelte aller Anmuth. Sie war ſehr häßlich, aber dennoch nicht abſcheulich. Ihre Farbe war blaßbraun, die Stirne niedrig, die Wangen knochig und mager; in ihren Augen jedoch lag, obſchon ſie weder glänzend, noch groß waren, etwas Schwärmeriſches, das zu ihrem Vortheil einnahm. Auf dem Kopf trug ſie einen ſogenannten Koſchnik, eine mit Gold⸗ und Siülberſtickereien verzierte Haube. Im Uebri⸗ gen war ihre Kleidung höchſt einfach und ohne alle Auszeichnung. Ohne irgend Widerſtand zu leiſten, warf fie ängſt⸗ liche und wirre Blicke um ſich her. — Wer biſt Du? fragte Orlow. — Fch bin Lea, gnädiger Herr, aber man nennt mich auch Lechi. . In dem ruſſiſchen Volksglauben werden die Natur⸗ 104 geiſter Lechi genannt. Die Idee, die man ſich von ihnen macht, iſt recht ſchön. Ihr Weſen beruhte im⸗ mer auf denjenigen Naturgegenſtänden, worin ſie leb⸗ ten. Unter den kleinen Blumen waren ſie klein, unter den großen waren ſie größer. Im Moos konnte man ſte kaum entdecken, aber ſie wuchſen mit dem Gras und mit der Saat. Im Wald dagegen waren ſie ſtattlich gleich Rieſen; ihr Gang und ihre Stimme ſetzte die Natur in Aufruhr, und ihre Häupter ſchauten von den Baumwipfeln herab. Wurde man von einem Lechi der Wälder verfolgt, ſo gab es keine andere Rettung, als daß man in ein Thal zu entkommen ſuchte, wo der Geiſt wieder ſo klein wurde, wie die Blume oder das Moos. — Was haſt Du hier im Parke gethan? — Nichts, gnädiger Herr, nichts. So ängſtlich ſie war, ſo lag doch etwas Schwärmeri⸗ ſches, Mildes und Wohllautendes in ihrer Stimme; das häßliche Geſicht wurde beinahe ſchön, als ſte ſprach. 4— Du haſt unter einer Statue ein Papier ver⸗ orgen. IeDas Mäͤdchen antwortete nichts, aber ſie zitterte wie ein Eſpenlaub. — Du geſtehſt, daß Du unter der Statue einen Brief verborgen haſt? 3 Lechi, wir wollen ſie ſo nennen, flüſterte ein kaum hörbares Geſtändniß. — Weißt Du, was der Brief enthielt? — Es war ein Opfer für die Ruſſalken des Par⸗ kes. Ach, gnädiger Herr, fuhr das Mädchen fort, ſehen Sie, ſo häßlich ich bin, ſo fuͤrchte ich dieſe dennoch nicht; denn ich bin gut und unſchuldig und ſie ſchaden keinen andern, als denjenigen, die ſelbſt böſe ſind oder auf ſchlechten Wegen wandeln. Meine Mutter ſchrieb den Beief; ich durfte ihn nicht leſen, aber er enthielt ein Gebet an die Ruſſalken, daß einer von ihnen ſich mir zeigen oder vor mir ſingen möge, damit meine Augen 10⁵ für alle irdiſche Schönheit verſchloſſen werden und ebenſo meine Ohren und mein Herz für jeden Ton, der aus einer Menſchenbruſt kommt. Meine Mutter hat mir geſagt, ich müſſe, wie ſie, mein Leben dem Himmel wid⸗ men, und die Erde von meinen Gedanken ausſchließen. Ich ging zu der Statue, die am Strande des Kanals ſteht, und von der ich hörte, daß ſie dem König der Ruſſalken gewidmet ſei. An ihrem Fuß legte ich mein Gebet nieder. Ich weiß, daß die Ruſſalken im Mond⸗ ſchein, wenn Alles rings umher ſtill iſt, aus den Wo⸗ gen zu ſteigen pflegen, ſich an das Ufer ſetzen und mit Muſcheln und Waſſerblumen ſpielen. Die Mythe von den Ruſealken iſt ebenfalls ein ruſſiſcher Volksglaube, der aus der fernen Heidenzeit ſtammt und ſich in die Feſte der chriſtlichen Kirche ein⸗ geflochten hat, ſo daß man dieſem Aberglauben noch heutigen Tags Opfer bringt. Einige betrachten die Ruſſalken als böſe, Andere als gute Weſen, und der letzteren Anſicht ſchien auch Lechi zu ſein. Das Waſſer iſt ihre eigentliche Heimath, aber ſie ſind nicht darin geboren, ſondern auf dem Lande, und ſie ſehnen ſich beſtändig nach dieſem zurück. „Dieſe kleinen Weſen,“ erzählt ein berühmter Schrift⸗ ſteller,„die ſich den Sterblichen als holde Wunderkin⸗ der zeigen, ſind ſolche, die von ihren Müttern, Mädchen oder Frauen ermordet und in's Waſſer geworfen worden ſind, um ihre Schande und ihre Untreue zu verbergen. Dieſe ermordeten Kinder ſind die Frucht der Sünde, und dennoch ſind ſie an ihrem Unglück nicht Schuld. Sie ſehnen ſich beſtändig hinauf nach der warmen Erde, von welcher ſie beim Anfang ihres Lebens verbannt wurden, und ſie lieben das Menſchengeſchlecht, aus dem ſie ſo frühzeitig ausgeſtoßen worden. Sie ſind immer ſchön und liebenswürdig, und ſie verwandeln ſich nur dann in Schreckgeſtalten, wenn ein leichtſinniges Mäd⸗ chen in der ſtillen Nacht beim falſchen Mondſchein auf Irrwegen wandelt und ihrem Verführer entgegeneilt. 106 Wenn eine Unſchuld fällt, ſtimmen ſie eine herzzerreißende Klage an, ſingen ihr dann ihr Todtenlied und rufen vom Himmel ihren hellen Stern herab, welcher für ewig erliſcht. Deßhalb ſagt man auch, wenn man einen Sternfall bemerkt: eine Unſchuld iſt wieder der Sünde anheimgefallen. Die Pfingſtwoche wird die Woche der Ruſſalken genannt und die Lieder, die in dieſer Woche geſungen werden, heißen Ruſſalien. Am Ufer des Dnie⸗ pers findet ſich ein Hain, welcher der Ruſſalkenhain ge⸗ nannt wird, und eine Grotte, welche das Ohr des Klage⸗ rufs heißt. In der genannten Woche verſammeln ſich die Frauen und Jungfrauen der Gegend, ziehen in den Ruſſalkenwald und ſchmücken die Eichen mit Bändern und bunten Lappen; die Verlobten flechten Kränze und hängen ſie an die Birkenzweige; diejenigen aber, welche den Gegenſtand ihrer Liebe verloren haben, flechten Todtenblumen zuſammen und legen ſie in die Grotte des Kummers. Lechi hatte ſich mit einer ſolch' einfachen und un⸗ gekünſtelten Aufrichtigkeit ausgeſprochen, daß Orlow einen Augenblick nahe daran war, ſie gehen zu laſſen; aber jetzt erinnerte er ſich, daß der Kammerdiener der Kaiſerin den Brief abgeholt hatte, und ſein Argwohn kehi daher in ſeiner ganzen urſprünglichen Stärke urück. 4— Der Brief war von Deiner Mutter geſchrieben, ſagſt Du. Wer iſt Deine Mutter? 4 — Marfa, gnädiger Herr. Das Mädchen machte ein Zeichen des Kreuzes, als ſie dieſen Namen ausſprach. — Marfa? wiederholte auch Orlow, Marfa? Wer iſt ſie? Ah, ſollte ſie vielleicht... Und auch Orlow machte ein kleines, kaum bemerk⸗ bares Zeichen des Kreuzes. — Marfa, ſiel das Mädchen ein, bei der St. Ma⸗ rienkapelle. 107 Der Polizeidiener, der an der Thüre ſtehen geblie⸗ ben war, machte jetzt ebenfalls das Zeichen des Kreuzes. Orlow ſchwieg, heftetete aber auf Lechi einen Blick, als wollte er ſie gänzlich durchſchauen, um ſich zu über⸗ zeugen, ob ſie die Wahrheit geſprochen habe oder nicht. — Weißt Du, wer den Brief geholt hat, den Du unter die Statue legteſt? Das Mädchen war im höchſten Grad erſchrocken. Noch zitterten ihre Glieder. Die Furcht ſchien eher zu⸗ als abzunehmen. Schweigend ſenkte ſie ihre Augen auf den Boden. Man fand Dich jetzt wieder bei der Statue? — Ach ja. — Was wollteſt Du da? Vermuthlich die Ant⸗ wort holen? Lechi verſtummte wieder. Sie war leichenblaß und zog ſich erſchrocken zurück. — Unterſuche ſie, befahl Orlow dem Polizeidiener. Das Mädchen vermochte keinen Widerſtand zu lei⸗ ſten und bald fand man einen Brief in ihrer Schürze. Orlow erbrach das Schreiben, und ein Ausdruck der Ueberraſchung und des Verdruſſes zeigte ſich auf ſeinem Geſichte, als er den Inhalt las. — Es iſt die Hand Willanow's, murmelte er, ohne daß die Anderen ihn hören konnten, es iſt unzweifelhaft ihre Hand. — Gnädiger Herr, ſagte Lechi, indem ſie in ſein Geſicht ſchaute, meine Mutter hat mir geſagt, die Ruſ⸗ ſalken wurden mir antworten. Ach, gnädiger Herr, ſagen Sie mir, was antworten ſie? Noch einmal betrachtete Orlow das Mädchen. Die Flamme, die in ihren Augen brannte, zeugte von einem blinden, aber dennoch jungfräulichen und einfachen Glau⸗ ben an das Uebernatürliche. Es war nicht Aberglau⸗ ben in ſeiner ſtrengſten Bedeutung, es war vielmehr Liebe zum Wunderbaren; nicht eigentlich Fanatismus, 108 ſondern weit eher ein ſchwärmeriſcher Traum, was in ihren Augen glänzte. So braun und blaß ihre Augen waren, ſo flog gleichwohl jetzt eine hellrothe Farbe daruͤber hin; in ihrem ganzen Ausſehen lag etwas Kindliches, Ungekünſteltes, Scheues und Furchtſames. Als ſie Orlow bat, ihr zu ſagen, was die Ruſſalken geantwortet, hatte ſie unbewußt ihre Hände wie zum Gebet gefaltet. In dieſer Stellung ſchien ihr Name Lechi recht gut für ſie zu paſſen. Aber Orlow's Aufmerkſamkeit heftete ſich wiederum ü auf den Brief, worin er Willanow's Hand er⸗ annte. — Entweder iſt das Mädchen hier eine ſchlaue Betrügerin, überlegte er leiſe, oder ſie iſt eine Schwär⸗ merin und ſelbſt betrogen. So viel ſteht feſt, daß die Intriguen, denen ich hier auf die Spur komme, ſich um Willanow's Hand drehen und in ihr zuſammen⸗ laufen. Aber ſollte der Kammerdiener der Kaiſerin mit im Spiele ſein? Warum nicht? Und die Kaiſerin ſelbſt? Sie iſt ſehr zurückhaltend, wenn ihre Pläne es fordern. Ich muß auf meiner Hut ſein. Während dieſer Ueberlegung ging er auf und ab und fuhr dabei in ſeinen Betrachtungen fort: aber auf einmal hielt er ein, ſein Beſchluß war gefaßt. — Du biſt frei, ſagte er zu dem Mädchen, ent⸗ ferne Dich. 3 Bei dem Wort Freiheit vergaß das Mädchen alles Andere und eilte hinaus. Orlow gab dem Polizeidiener einen Wink. — Folge ihr, befahl er ihm, laß ſie nicht aus dem Auge und rapportire dann, wohin ſie ſich begibt. — Heute Abend? — Sobald wie möglich. Als Orlow allein war, blieb er noch lange mit dem Schreiben in ſeiner Hand ſtehen. Der Inhalt, der ihn ſo heftig aufgeregt hatte, war folgender: 109 „Sobald es dunkel wird, begebe ich mich von hier weg. Erwarten Sie mich um elf Uhr.“ Als er endlich das Papier zuſammenlegte und ein⸗ ſteckte, kehrte er ſich langſam um und öffnete die Thüre zu einem innern Zimmer. Siebentes Kapitel. Zwei Brüder. Orlow öffnete die Thüre in das innere Zimmer mit einer Vorſicht, als wollte er es vermeiden, Jemand drinnen zu ſtören. Dieß war auch der Fall. Als er hineinkam, machte er die Thüre nicht ſogleich Pidi ſich zu, ſondern blieb unmittelbar auf der Schwelle ehen. Schweigend heftete er ſeine Aufmerkſamkeit auf einen Mann, der an einem Tiſch mitten zwiſchen zwei Fenſtern ſaß. 4 Der Unbekannte hatte Orlow's Eintritt nicht be⸗ merkt. Die Ellenbogen auf den Tiſch geſtützt und den Kopf in die Hände gelehnt, war er in die Lektüre eines großen Buchs vertieft. Orlow beobachtete ihn genau, ohne ſeinen Platz zu verlaſſen. Der Unbekannte war breitſchulterig und kräftig ge⸗ baut. Sein Haar war bereits grau melirt. Es verging eine Weile. Endlich ließ der Unbekannte ſeine Arme ſinken, ſchlug das Buch heftig zu und warf ſich in den Lehn⸗ ſtuhl zurück. — Vergebens, ſprach er, ſuche ich in der ganzen Geſchichte Rußlands nach einem Seitenſtück meines Ver⸗ brechens. Es iſt entſetzlich. Rächende Vorſehung, ſoll ich in dieſem ganzen Werk, das ſo voll von blutigen 110 Thaten iſt, nicht eine einzige gräßlichere finden, als die meinige! Die Sonne Nowgorods ſtieg mit unheimli⸗ chem Entſetzen in ihr Grab hinab, und Iwan's ſchreck⸗ licher Henkername ſteht im Buch der Erinnerungen ver⸗ zeichnet; aber das waren doch zwei große Staaten, die offen um die Herrſchaft ſtritten, und der ſchwächere ging unter in Folge ſeines Unvermögens zu beſtehen. Wen habe dagegen ich zermalmt? Ein Weib. Oleg lockte die Fürſten von Kiew, Oskold und Dir, auf ſeine Schiffe, ließ ſie verrätheriſch umbringen und bemächtigte ſich des Landes. Dieß war die Macht, welche um Macht ſtritt, in dieſem Mord lag wenigſtens Politik, aber welche Politik liegt in dem meinigen? Olga ermordete die Fürſten der Drewlier, aber ſie übte gleichwohl nur eine Rache gegen Diejenigen, die früher ihren Mann ermordet hatten. Aber was hat ſie gegen mich ver⸗ brochen, daß ich... Orlow hatte ſtill lauſchend dieſe Betrachtungen an⸗ gehört, und legte jetzt ſeine Hand auf die Schulter des Sprechenden. — Andreas, redete er ihn an, welche Thorheiten beſchäftigen Dich wieder! Andreas ſprang von ſeinem Platze auf mit einer kräftigen Lebhaftigkeit, welche bewies, daß er noch ſeine volle Stärke beſaß. 5 — Was willſt Du hier? rief er Orlow zu. Fort mit Dir! Komm nicht in meine Nähe. Warum be⸗ rührſt Du mich mit Deiner Hand? Du warſt es, der mich verleitet, Du warſt es, der mich überredete; aber auf wen fällt gleichwohl das Verbrechen zurück, wer iſt es, der leidet? Nur ich allein. Andreas hatte ſich in ſeiner ganzen Größe aufge⸗ richtet. Er war eine herkuliſche Geſtalt. Unbewußt hatte er den einen Arm mit geballter Fauſt über Or⸗ low's Haupt erhoben, und als er ſo in der Luft ſchwebte, glich er einer Keule, die mit einem einzigen Schlag 8α8* NE 111 Orlow, deſſen ſchlanker Körper von keiner ungewöhnli⸗ chen Kraft zeugte, zermalmen zu können ſchien. 3 — Beruhige Dich, Bruder, fiel indeß Orlow ein, ohne zurückzuweichen, ich habe wichtige Sachen mit Dir zu beſprechen. Beruhige Dich. — Fort! befahl Andreas, ſonſt zerhämmere ich Dich zu Staub, fort! Der Rieſe ſchwang ſeine geballte Fauſt. — Du biſt wahnſinnig, bemerkte Orlow. — Wahnſinnig, ja, ja. Ich kann wahnſinnig werden bei dieſem einzigen Gedanken, der meine Seele verheert, in meinem Herzen brennt, und mich unauf⸗ hörlich zu dieſer That zuruͤckführt, die alle Verbrechen in ſich ſchließt, welche ich aufzuzählen vermag: Ver⸗ rätherei, Feigheit, Liſt, Heimtücke, und endlich— Mord. Wahnſinnig! Bei allen Heiligen! ſollte ich mit Wahn⸗ ſinn beſtraft werden, ſo weiß ich ſchon, worin meine erſte Handlung beſtehen würde. — Deine erſte Handlung? — Meine erſte Handlung, ja, ja. Ich weiß, daß ſie Rache an Demjenigen ſein würde, der mich zu meinem Verbrechen verleitete. Sie würde darin beſtehen, daß ich Dich ermordete. Fort von hier! 3 Orlow beſaß viel Muth; deß ungeachtet wich er unwillkürlich zurück. — Unvernünftiger Menſch, ſagte er inzwiſchen, ein viertel Jahrhundert iſt bereits ſeit jener Zeit vor⸗ übergegangen. Es iſt wohl gut, daß man ſich erinnern kann; noch beſſer aber iſt es, vergeſſen zu können. — Wer iſt der Wahnwitzigere, Du oder ich? Haſt Du von Flecken auf der Erde gehört, aus welchen das Feuer beſtändig flammt? An ſolchen Orten ſind große Verbrechen begangen worden, und Gottes ſtrafende Hand hat die Erde gebrandmarkt. Ein viertel Jahrhundert ſagſt u; möge auch ein ganzes Jahrtauſend ſeinen kühlen⸗ den Winterſchnee auf dieſe Orte werfen, er löſcht gleich⸗ wohl das Feuer nicht: das Feuer wird den Schnee 112 ſchmelzen und die Flamme wird ebenſo ſtark lodernd aus der Erde emporſchlagen. Das Verbrechen hat ein Gedächtniß, keine Vergeſſenheit; es hat einen Fluch, keinen Tod; es hat eine Strafe, kein Erbarmen; und weißt Du auch, warum es nur ein Gedächtniß hat und keine Vergeſſenheit? Darum, weil es noch ein neues Verbrechen wäre, es vergeſſen zu können. Kommt jemals Erbarmen über den Verbrecher, ſo kommt es erſt, nachdem der Fluch ſeine Geiſel abgenützt hat, uͤbrigens... Du ſagſt ein viertel Jahrhundert... und Du täuſcheſt mich... noch ſind es erſt neunzehn Jahre, ſeit dieſe gräßliche That vollbracht worden iſt, und ich erinnere mich ihrer ſo genau, als hätte ſie ſich erſt geſtern zugetragen... Es war im Dezembermonat. Der Newaſtrom ruhte ſtill unter ſeiner Eisdecke, aber auf einmal wurde die Eisbrücke aufgeriſſen. Ein hef⸗ tiger Südweſtwind erſchütterte ihren Grund, die Wogen wuchſen, die Fluth ſtieg. Eine ſchreckliche Ueberſchwem⸗ mung drohte. Da trateſt Du zu mir ein. — Folge mir, ſagteſt Du. Wie ein Opferlamm folgte ich Dir. Ich bin immer das Opfer geweſen, wo Du auftrateſt. — Auszeichnungen, Glück, Ehre, Hoheit, alle Güter der Welt erwarten uns, ſagteſt Du, wenn Du nur die⸗ ſen eiſernen Laden da einſtößeſt. Ich ſtarrte Dich an. Dieſen eiſernen Laden da? fragte ich. Wohnt wohl unſer Glück da drinnen? Da vertrauteſt Du mir an, daß die Prinzeſſin Tarrakanow im Gefängnißgewölbe eingeſperrt ſitze und daß die Kaiſerin ihren Tod wünſche. Bei Gott, Du logeſt auf die Kaiſerin. Es iſt unmöglich, ſie hat nie⸗ mals einen ſo unerhörten Wunſch ausſprechen können. Was ich jetzt einſehe, das ſah ich jedoch damals nicht ein. Berauſcht von Deinen Verſprechungen, verführt von dem Wunſch der Kaiſerin, blindlings erpicht auf die Auszeichnungen, die mich erwarteten, verleitet von meiner 113 Freundſchaft zu Dir, die damals noch mein höchſtes Glück ausmachte, reiße ich den eiſernen Laden herab. Allmäch⸗ tige Vorſehung! Von dieſem Augenblick an öffnete ſich ein Abgrund in meiner Seele, ein Abgrund, der ſich unaufhörlich erweiterte und ſich noch heutigen Tages mit unausſprechlichen Martern beſtändig erweitert. Die Fluth ſchäumte immer höher, die Wogen ſtiegen mit brauſen⸗ dem Gedröne, der Sturm heulte um mich her. Gleich wilden Geſpenſtern jagten die Wogen gegen einander. Es war eine grauenvolle Nacht. Zwiſchen den ſchwar⸗ zen Wolken ſchaute von Zeit zu Zeit der Mond hervor, hochroth wie ein unendlich großer Blutstropfen. Da hörte ich einen Schrei... durchdringend... wild... einen Todesſchrei... Orlow konnte nicht länger ſchweigen. Die aufge⸗ regte Stimmung ſeines Bruders erſchreckte ihn nicht, aber ſie war ihm läſtig, — Höre doch einmal mit dieſem Gejammer auf, ſagte er zu ihm, was nützt es denn? Beruhige Dich, Bruder, beruhige Dich und komme wieder zum Verſtand. Du biſt der größte Narr, den ich kenne. Aber Andreas hörte nicht auf ihn. — Das Haar ſträubte ſich auf meinem Kopfe, ſo herzzerreißend war dieſer Schrei, ich eile an die Oeffnung vor, die Fluth ſtrömt bereits in das Gefängnißgewölbe hinein. Ich beuge mich nieder, ich blicke hinein, ich ſehe,... ach warum hat nicht in dieſem Augenblick eine erzürnte Allmacht ihren ſtrafenden Blitz herabge⸗ ſchleudert und mein Haupt zermalmt... ich ſehe ein Licht in dem Gewölbe brennen, bei dem Licht ſehe ich ein Mädchen... jung, ſchön, einnehmend... mit ge⸗ falteten Händen lag ſie da auf ihren Knien und flehte den Himmel um Barmherzigkeit an. Es war mir, als wäre ihr Gebet an mich gerichtet, als beföhle der Him⸗ mel ſelbſt in dieſem Augenblicke... hörſt Du... als beföhle er mir... ihrem Mörder... ſte zu retten. Hölliſche Qualen durchſtrömten meine Bruſt; in meiner Der Fürſt, I. 8 114 Seele flammte es wie in einem kochenden Vulkan. Ich ergriff den eiſernen Laden, ich wollte ihn wieder in die Oeffnung hineinfügen; aber die Fluth riß ihn mir aus den Händen und er ſank in die Tiefe hinab. In wilder Raſerei ſtürzte ich gegen die Mauer. Ich wollte ſie einreißen, ich wollte die Oeffnung in's Gefängniß erweitern, ich wollte hinabſtürzen und ſie retten.. verſtehſt Du dieſe Worte... Diejenige retten, deren Untergang ich ſelbſt veranlaßt hatte. Aber unerſchüt⸗ terlich trotzten die Mauern der Feſtung meinen An⸗ ſtrengungen. Die Wuth erfüllte meine Adern mit Feuer. Ich rief um Hülfe. Der Orkan übertönte mich. Ich beſtürmte den Himmel mit meinen wilden Gebeten. Er verbarg ſich in ſchwarzen Wolken, aus denen der Mond nur einen blutigen Strahl auf mich warf. Noch einmal kehrte ich an die Oeffnung zurück. Mit wahn⸗ finniger Verzweiflung faßte ich die Mauer an, die ſie umgab. Ich hörte, wie es über meinem Kopfe krachte. Ich lachte vor Freude, denn ich hoffte einen Augenblick, die Mauer würde wenigſtens einſtuͤrzen und auch mich in ihrem Fall zermalmen, da ich mir doch keinen Weg zu der Unglücklichen hinabbahnen konnte. Tarrakanow hatte mich geſehen, vielleicht auch gehört. Sie wandte ſich gegen mich. Ihr Geſicht ſtrahlte mir verklärt ent⸗ gegen. Unſere Blicke begegneten ſich. Der Himmel hat niemals einen ſolchen Blick auf einen Sterblichen geworfen. Aber in dieſem Augenblick erloſch das Licht, und es war Nacht drinnen... tiefe Nacht... die Nacht des Todes. Unmächtig ſank ich nieder: Ich hatte die Beſinnung verloren. Ich weiß nicht, was um mich her vorging. Als ich wieder zum Bewußtſein kam, lag ich am Fuße des Feſtungswalles. Orlow war gleichgültig im Zimmer auf⸗ und ab⸗ geſchritten. Er ſchien nur mit Ungeduld das Ende der Ergießungen ſeines Bruders zu erwarten. Da Andreas hier eine Pauſe machte, ſo wandte ſich Orlow gegen ihn. 115 — Biſt Du jetzt zu Ende? fragte er. Aber noch ſtürmte es in der Bruſt des Bruders und ſeine Augen brannten von einem dunkeln Feuer. — Zu Ende? wiederholte er, zu Ende? Gibt es wohl ein Eude für die Qualen des Gewiſſens? Sie haben einen Morgen... feuerroth geht ihre brennende Sonne auf, aber ſie geht niemals unter... ſie haben keinen Abend, keine Ruhe, keinen ſtillen Frieden, keinen beruhigenden Schlaf. Zu Ende? Ach nein! Wie wunderbar wechſeln jedoch nicht die Gedanken in un⸗ ſerer Seele! Als ich niederſank, ermattet von mei⸗ nen Anſtrengungen und zermalmt von dem Bewußt⸗ ſein, Tarrakanow im Schooße der Wellen begraben zu ſehen, ſtellte ſich ein Traum bei mir ein... er war ſo ſchön und herrlich dieſer Traum... ich meinte, die Gefängnißthüre öffne ſich in dem Augenblick, wo die Fluth das Mädchen in ihr unendliches Grab hinabreißen wollte... ich ſah ein neues Licht in der Thüröffnung, ſah zwei Geſichter hervorſchauen, ſah wie ſie näher ka⸗ men... im Traum ſtrengte ich mich an, um ſie zu bitten, daß ſie das Mädchen retten möchten, aber ich konnte nicht ein einziges Wort hervorbringen... Nichtsdeſtoweniger hörte ich, wie ſie flüſterten, ich ſah, wie ſie die Unglückliche ergriffen, aufhoben und hinaus⸗ trugen, ich ſah ſie noch... der Traum war ſo lebhaft .. ein wonniges Gefühl ſtrömte durch meine Bruſt... ich glaubte ſie gerettet... war es nur ein Traum oder war es Wirklichkeit? Wie manchmal habe ich dieſe Frage an mich geſtellt! Von einer neuen überwältigenden Eingebung er⸗ griffen, verbarg Andreas ſein Geſicht in den Händen. Orlow näherte ſich ihm noch einmal und faßte ihn beim Arm. — Komm doch wieder zu Dir ſelbſt, ſagte er, ich habe Dir geſagt, daß ich wichtige Dinge mit Dir zu beſprechen habe. Andreas ſtarrte ihn bloß an, 116 3— Haſt Du einen Thautropfen im Kelch einer verwelkten Blume geſehen? fragte er. — Was willſt Du damit ſagen? — Der Traum in unſeren Herzen iſt ein ſolcher Thautropfen. In dieſem Tropfen ſpiegelt ſich Alles ab, was der Himmel Schönes beſitzt. 4 Orlow kehrte ihm den Ruͤcken. — Mit dieſem holden hoffnungsreichen Traumbild eilte ich in die Feſtung hinein. Aber kaum war ich zu den Thoren hineingekommen, ſo meldete man mir den Tod der Prinzeſſin. Getäuſcht durch das Trugbild der Nacht, zweifelte ich an der Angabe und verlangte ſie zu ſehen. Man zeigte ſie mir; welch' ein gräßliches Schreckbild fand ich nicht... Es war nicht mehr das ſo wunderſchöne Mädchen, das ich in der Nacht geſehen hatte, es war eine entſtellte, angeſchwollene, eckelhafte Leiche, von der ich mit unwiderſtehlichem Entſetzen wegſtürzte. — Närriſcher Menſch! murmelte Orlow, während er die Arme über ſeine Bruſt kreuzte und Andreas mit⸗ leidig betrachtete. — Ich kehrte zu Dir zurück.. ich vertraute Dir meine Verzweiflung an... Du lächelteſt. — Was da geſchehen iſt, ſagteſt Du zu mir, das muß ein Geheimniß unter uns bleiben. Die Kaiſerin, fügteſt Du hinzu, waſcht ihre Hände in Unſchuld. Der Tod der Prinzeſſin iſt eine unglückliche Folge der Ueber⸗ ſchwemmung des Fluſſes. Vergiß das nicht.— Damit wandteſt Du mir gleichgültig den Rücken. Ein Achſelzucken war Orlow's ganze Antwort. — Ein Geheimniß! fuhr Andreas fort. Welch ein entſetzliches Geheimniß! Gleich einem Gift hat es an meinem Innern gezehrt, hat an meinem Herzen und an meiner Seele gezehrt, und dennoch mi hmicht ver⸗ zehren können. In mich ſelbſt verſchloſſen mit meinem Verbrechen, habe ich grauſamere Martern erlitten, als je ein Gefangener. Ich habe in den Geſchichtsbüchern er 117 geforſcht, ob ich eine Handlung finden könnte, vor wel⸗ cher die meinige erblaſſen wurde. Vergebens! Kein Mord übertrifft den meinigen an gemeiner Erbärm⸗ lichkeit. Heimtükiſch und feig, tödtete ich ein gefangenes, ſchutzloſes Weib, das ſich von ſeinem lauernden Feinde nichts träumen ließ. Ich verrieth Unſchuld und Tugend, Schönheit und Jugend, und vermochte meine Schande nicht einmal hinter einem Vorwande zu verbergen. Haßte ich ſie? Mein Gott, nein, ich kannte ſie nicht. Tödtete ich ſie in einem heftigen Augenblick mit eigener Hand? Ganz und gar nicht. Ich ließ die Fluth los und dieſe tödtete ſie. Zeigt ſich auch nur ein Funke von Muth in dieſer That? Nein, nein, nur Nieder⸗ trächtigkeit, nur Erbärmlichkeit. Eine Schande, die über alle andere geht! Und dennoch lebe ich; aber von was lebe ich! Willſt Du es hören? — Sprich, Andreas, ſprich! Ich weiß ſchon lange, daß Du doch nicht aufhörſt, bevor Du alle Deine Ge⸗ danken ergoſſen haſt. Faſſe Dich nur kurz, denn ich habe Eile. Du mußt ein Geſchäft für mich beſorgen⸗ Die Zeit drängt. Andreas folgte noch immer nur ſeinem eigenen Ge⸗ dankengang und alle Aeußerungen ſeines Bruders er⸗ reichten ſeine Ohren nicht. — Von drei Gedanken habe ich gelebt; von drei entſetzlichen Gedanken, immer einer grauſamer als der andere. Ich habe von meinem Abſcheu vor mir ſelbſt gelebt, und auf dieſem Boden habe ich eine reiche Nahrung für Qualen geſucht und gefunden, welche den Schlaf von meinen Augen ſcheuchten und meine Seele in raſt⸗ loſe Unruhe verſetzten; ich habe von der Hoffnung ge⸗ lebt, daß der Traum— aber es war mehr als ein Traum, es war ein Geſicht— daß das Geſicht, das mir Tarrakanow als gerettet zeigte, nicht bloß eine Täuſchung ſein möchte, ſondern eine Wirklichkeit. Dieſe Hoffnung hat mir Bilder vorgegaukelt, die mit meinen Qualen ſpielten, ſo daß dieſe niemals ſterben können, 118 ſondern mit vermehrter Kraft und in erneuter Geſtalt beſtändig wiederkehren. Sie haben dieß auch gethan, und unaufhörlich bin ich in einen immer tieferen Ab⸗ grund hinabgeſunken, worin die Furien des geſtrigen Tages ſanfte Engel waren, im Vergleich zu denen des heutigen Tags. Aber nicht genug damit. Du weißt nicht, was ſich hier im Innerſten meines Herzens zutrug, als ich vergebens meine ganze Kraft zu ihrer Rettung aufbot, als ich ſte bei dem matten, im nächſten Augen⸗ blick erlöſchenden Lichte knieen ſah, als ich ſah, wie ſie ihr vom Heiligenſchein des Todes verklärtes Geſicht gegen mich wandte, wie ihre Lippen mich um Hülfe an⸗ flehten, wie ihre milden, reinen, von Unſchuld belebten ugen in die meinigen blickten... Du weißt nicht... Andreas verſtummte. Ein kalter Schweiß rann von ſeiner Stirne. Sein Ausſehen hätte Jedermann vnsſe und Entſetzen einflößen können, nur ſeinem Bru⸗ er nicht. So feine Geſichtszüge Orlow beſaß, ſo plump und grob waren die Züge ſeines Bruders. Unter der hervorſtehenden hohen Stirne glühten graue große Augen. Das Geſicht war lang und breit, aber die Wangen eingeſunken. Wilde Leidenſchaften hatten lange und tief an ihm gezehrt. Er ſchien aus Beinen und Muskeln zuſammengeſetzt: zu ſein: das Fleiſch beläſtigte ihn nicht ſonderlich. Aber dieſe ma⸗ ere Geſtalt hatte gleichwohl nichts von ihrer urſprüng⸗ kehen Rieſenkraft verloren. Jede ſeiner Bewegungen zeugte davon, ſelbſt ſeine Rede und ſeine Denkungsart bewies es. Die Natur ſchien aus einer Caprice An⸗ dreas in phyſiſcher Beziehung nicht bloß für ſeine eigene Rechnung, ſondern auch für die ſeines Bruders ausge⸗ bildet zu haben, welcher dagegen innerhalb der Grenze kleinerer Verhältniſſe ſtehen geblieben war. Fügt man noch hinzu, daß gewaltſam ſtrafende Leidenſchaften eben⸗ falls von koloſſalem Charakter jetzt blindlings in An⸗ dreas breiter, gigantiſcher Bruſt rasten, gleich wie der ——JO u K&.——— 119 Sturm in dem Säulengewölbe einer Ruine heult, ſo war gewiß etwas Großartiges, etwas Erhabenes an dieſem Mann, etwas, das ihn im höchſten Grade un⸗ gewöhnlich erſcheinen ließ, und ſeinem Weſen ſehr große Dimenſionen gab. Aber die Ruhe, welche Orlow ſeiner Raſerei entgegenſetzte, zeigte auch, daß es ihm ebenſo wenig an Muth und Kraft fehlte, obſchon dieſe Eigen⸗ ſchaften weniger in die Augen fielen. In den Augen des Bruders las man ein ganzes Heidenthum von troſtloſer Verzweiflung, aus Orlow's Augen ſprach ein nicht minder leidenſchaftliches Herz, zugleich aber auch Klugheit und Berechnung, Verſtand und Liſt. Ganz beſonders zeigte ſich Orlow in der Nähe von Andreas ſo. Wenn dieſer raste, fühlte er ſich klein, unbedeutend. Es gab ſogar Augenblicke, wo er genö⸗ thigt war, die großartige Kraft, die mit der ungehemm⸗ ten Wildheit einer zügelloſen Fluth voranſtürzte, und in vollem Aufruhr Alles zu Boden warf, was ſich in den Weg ſtellte, zu bewundern, wo nicht zu beneiden. Orlow wußte jedoch, daß er in einer Beziehung immer die Herrſchaft über ihn behielt, nämlich in der ruhigen Be⸗ ſinnung und Ueberlegung. Wenn Andreas ausgeſtürmt hatte, leitete ihn Orlow wieder wie ein Kind. Trotz dieſer mannigfachen Verſchiedenheiten blieben die Brüder unzertrennlich. Nicht bloß das Verbrechen, von welchem Andreas ſprach, hielt ſie verbunden, ſondern auch gegenſeitige Anhänglichkeit. Orlow war als Be⸗ amter hoch emporgeſtiegen, Andreas war in Folge ſeiner inneren Qualen in einer unbemerkten, bedeutungsloſen Sphäre geblieben. Aber auch in dieſer unterſtuͤtzte er ſeinen Bruder uneigennützig, ohne ſich jedoch irgendwie binden zu laſſen. Einen entſchloſſeneren, zuverläſſigeren Bundesge⸗ noſſen konnte ein Chef der geheimen Polizei nicht be⸗ ſitzen, als Orlow ihn in ſeinem Bruder beſaß. Be⸗ herrſchte Orlow ihn einmal mit ſeinem Willen und ſeinem überlegenen Verſtand, ſo gehorchte er auch wie ein Sklave. 120 Gewaltſame Leidenſchaften durchſtürmten jedoch immer ſein Gemüth. Orlow hatte indeß bemerkt, daß die Gewiſſensbiſſe ſeine Reizbarkeit bis zu einem gewiſſen Höhepunkt ge⸗ trieben hatten, von wo er bald wieder ohne Widerſtand unter ſeine Botmäßigkeit hinabſinken würde. Während des Schweigens, das Andreas beobachtete, hafteten ſeine Augen auf einem einzigen Punkt. Er ſchien einen Blick auf die neunzehn verſchwundenen Jahre, auf all die Leiden, die ihn während dieſer Zeit zerfleiſcht hatten, auf die Feſtungsmauer, auf die Prin⸗ zeſſin Tarrakanow in ihrer Todtesſtunde, zurückzuwerfen. — Du weißt nicht, ſtammelte er endlich, als er wieder zu ſich kam, Du weißt nicht... — Was weiß ich nicht? Andreas Augen hafteten auf Orlow. — Haſt Du die Klageweiber an den Betten von Todten geſehen? fragte er. — Was willſt Du damit? — Haſt Du gehört, wie ſie den Todten fragen, warum er von ihnen geſchieden ſei? — Nun ja, ich habe es gehört. — Haſt Du auch die Leiche antworten gehört? — Niemals. — Mein Herz iſt auch eine Leiche und es antwortet Dir nicht. Andreas verſtummte wieder. Langſam hob ſich ſeine Bruſt, er ſchöpfte Athem, wie wenn er eine ſchwere Laſt auf ſich gehabt hätte. Die Augen ſanken beinahe gläſern unter dem vorſtehenden Gewölbe der Stirne ein. Ein ſchauerlicher Gedanke arbeitete in ihm mit ermü⸗ dender und abſtumpfender Wirkung. — Kann man todt und dennoch lebendig, kann man lebendig und dennoch todt ſein? fragte er endlich. Ich muß ſprechen; ich vermag meine Qualen nicht länger zu ertragen. Du ſollſt etwas Entſetzliches zu hören bekommen. 4 121 Orlow verſtand ihn nicht. Er hatte Andreas nie auf dieſe Art ſprechen gehört. Verwundert näherte er ſich ihm. Du haſt mir Etwas anzuvertrauen. — Viel...6 ein Geheimniß. Eine unerklärliche Unruhe ergriff Orlow. Was konnte Andreas wohl meinen? Auf einmal glaubte er jedoch, zu ahnen, was dieſer ſagen wollte. Auf die Unruhe folgte Furcht. — Du ſpracheſt ſo eben davon, daß Du vor Dei⸗ nem eigenen Entſetzen bebeſt. — Ich ſagte das. — Du erwähnteſt auch, daß Du geträumt habeſt, die Tarrakanow ſei gerettet worden. Andreas nickte bejahend.. — Sollte es möglich ſein? lebt ſie wirklich noch? — Ja, ja. — Täuſtheſt Du mich nicht? Erkläre Dich. — Sie lebt hier, hier in meinem Herzen. Orlow athmete leichter. — In Deinem Herzen? Ha, ich errathe. — Du erräthſt? Sie iſt todt und dennoch lebt ſie in meiner Bruſt; ſie lebt in meiner Bruſt und dennoch iſt ſie auf Erden todt. Verſtehſt Du mich? — Vollkommen. — Als ich Tarrakanow ſterbend, betend, mit dem Lächeln eines Engels in ihrem Blicke ſah, da fühlte ich, obſchon außer Stands, ſie zu retten, mein Herz klopfen, eine Thräne drängte ſich in mein Auge, ein Seufzer hob meine Bruſt und ihr Bild ſchlug ſein La⸗ ger in meiner Seele auf. Ich liebte. Jahre ſind ver⸗ gangen; die Natur hat ihre Geſtalt verändert. Winter und Sommer haben gewechſelt, Frühlinge ſind mit Blät⸗ tern und Blumen gekommen und der Wind hat ſie wie⸗ der verheert; aber hier— hier in meiner Bruſt hat ſie unveränderlich geherrſcht, wie von einem Felſen herab, an deſſen Fuß der Ocean ſelbſt ſeine Wellen bricht. 122 Die Natur hat für mich keinen Reiz gehabt, ſie hat keine Veränderung erfahren. Nur ſie habe ich geſehen: ich habe die Schönheit ihrer Todesſtunde geſehen, die Jugend in ihr Leichenkleid eingehüllt, Liebreiz ohne Herz, ohne Seufzer, ohne Leben. Wenn ich einen Stern in Newa's blauen Wogen zittern ſah, ſo glaubte ich noch immer, ſie mir zulächeln zu ſehen, wie ſie in dem Augen⸗ blick lächelte, wo ich ihr den Tod gab. Todt und leben⸗ dig auf einmal liebe ich ſie und verfluche mich ſelbſt. Andreas hatte alle ſeine Kräfte erſchöpft. Der Rieſe ſank auf einen Stuhl nieder und mit vorgebeug⸗ tem Haupt ruhte er darin, ein Bild der Verzweiflung. Orlow war ein kalter, in gewiſſer Beziehung ſogar herzloſer Mann, aber er konnte doch ſeinen Bruder nicht 8 dieſer Lage ſehen, ohne Theilnahme für ihn zu em⸗ pfinden. — Armer Bruder, ſagte er daher, Du leideſt. Orlow ſprach dieſe wenigen Worte mit einer Wärme, an welche Andreas nicht gewöhnt war; aber Orlow fand auch in dieſem Augenblick ein weit aufrichtigeres Mitleid mit ſeinem Bruder, als je ſonſt. Die Liebe war eine Leidenſchaft, welche er verſtand. Andreas erhob ſein Haupt und wandte ſich gegen ihn. Die freundliche Stimme that ſeinem Herzen wohl. Er ſah aus, als wäre er ganz plötzlich von einem viele Jahre hindurch nicht gehörten, heimathlichen Ton über⸗ raſcht worden, und als lauſchte er, ob derſelbe ſich nicht noch einmal vernehmen laſſen würde. — Andreas, ſagte Orlow jetzt zu ihm, Du biſt ein Mann, der ſo viele gute Eigenſchaften beſitzt, daß Deine Lage mir wehe thut. Du mußt jetzt, wie ſchon manchmal früher, in Thätigkeit verſetzt werden, damit Du Dich von den Dämonen losreißeſt, die unaufhörlich Deine Ruhe zerſtören. Glaubſt Du, daß ich Dich liebe, Andreas? Andreas ſchaute unwillkürlich auf. — Du höͤrſt mich nicht an, fuhr Orlow fort; weißt äu———* u— a 123 Du auch, daß Du gedroht haſt, mich, Deinen Bruder, der doch Alles für Dich thut, zu ermorden? — Wie? Dich zu ermorden? Die Stimme war jetzt ebenſo eintönig, als ſie vor⸗ her kräftig und biegſam geweſen war. — Du haſt wie ein Wahnſinniger gerast; Du haſt ganze Welt angeklagt; armer Andreas, Du biſt rank. — Ich habe Dich ermorden wollen? wiederholte er bloß, Dich ermorden? — Du haſt den Fluch des Himmels über Deinen Bruder herabgerufen, Du haſt ihn einen Böſewicht, einen Schurken, eine Kanaille genannt. Habe ich Dich nicht immer mit Güte behandelt? — IJwan, Iwan, kannſt Du mir verzeihen? — Jetzt wie immer, komm in meine Arme. — Dich ermorden? Iſt's möglich? daß eine ſolche Drohung über meine Lippen kam? Das iſt entſetzlich. Dich ermorden? Du biſt der einzige Menſch auf Erden, den ich noch liebe. Mein Gott, ich ſollte Dir drohen? Der Kopf thut mir weh. Meine Pulſe ſchlagen un⸗ regelmäßig. Sehr möglich... ich weiß nicht immer, was ich ſage, Ein böſer Geiſt hat Macht über mich er⸗ halten. Der Satan regiert zuweilen in meinem Herzen. — Du biſt bloß krank, mein Bruder, ſehr krank. dchewe ein Mittel, das Dich wieder geſund machen würde. — Du weißt eines? — Wie ich ſage. — Das Blut gährt und brennt in meinen Adern. Die Pulſe klopfen wie Stangenhämmer. Die Gedan⸗ ken werden wie von einem Wirbelwind fortgeriſſen. Es ſtürmt in meiner Seele, es rast in meiner Bruſt, es heult in meinen Ohren. Du haſt Recht. Ich bin krank, ſehr krank. Theilſt Du nicht meine Anſicht? — Welche Anſicht? 124 — Daß das Leben eine Krankheit und daß der Tod Geſundheit iſt. — Hüte Dich vor einem Rückfall, Andreas; keine Narrheiten jetzt! Willſt Du geſund werden, ſo mußt Du wirken, in den Gang der Freigniſſe eingreifen.. Dir ſelbſt und Andern nützlich zu werden ſuchen. — Andern, ja, ja, Andern. Sage mir nur, was ich thun ſoll.. — Willſt Du Auszeichnungen gewinnen? Andreas ſchüttelte den Kopf. — Ehre? — Nein, nein. — Die Gunſt und Gnade der Kaiſerin? Andreas lächelte bitter. — Gott verdamme mich, Andreas, Du biſt ein ſchlechter Ruſſe. Du verehrſt Deine Kaiſerin nicht und liebſt Dein Vaterland nicht. Mit einer heftigm Bewegung ſprang Andreas wie⸗ der von ſeinem Platz auf. Seine Augen erweiterten ſich, ſeine Wangen wurden von einer ſchwachen Röthe gefärbt. Der eine Arm hob ſich mit der geballten Fauſt wieder über Orlow's Haupt, während er mit der an⸗ dern ihn bei der Schulter ergriff. — Wiederhole Deine Anklage nicht, Iwan. Bringe mich nicht zur Raſerei. — Ein Ruſſe arbeitet und klagt nicht. Du klagſt und Atberteſ nicht. — Ben Ruſſe gehorcht, ohne zu überlegen; Du überlegſt bloß und gehorchſt nie. — Jwan, Iwan! — Ein Ruſſe verehrt ſeinen Beherrſcher und nicht ſich ſelbſt; Du verehrſt nur Dich ſelbſt und verachteſt die Gunft Deiner Beherrſcherin. — Du verſtehſt mich nicht. — Ein Ruſſe nimmt die Welt wie ſie iſt, und über⸗ läßt ſich nicht eigenen Schwärmereien. 125 — Ich bitte Dich, Iwan, ſage mir, was ich thun ſoll? — Ich achte Deine Gefühle; aber ich behaupte, daß Deine Liebe ein Wahnſinn iſt. Du liebſt ja eine Todte. Heftige Zuckungen zeigten ſich in Andreas Geſicht. — Kennſt Du die Mythe von Herkules und An⸗ täus? Der Kampf des Mannes mit der Liebe iſt ein Gegenſtück davon. Die Liebe iſt wie Antäus von der Erde geboren; ſobald ſie ihre Mutter berührt, erhält ſie beſtändig neue Kräfte, und dieſe werden nicht überwun⸗ den, ſondern überwinden Herkules. Meine Liebe wird auch immer von der Erde genährt: denn diejenige, die ich liebe, lebt; Deiner Liebe dagegen fehlt der feſte Boden, denn diejenige, die Du liebſt, iſt todt. Nur mit mannhaftem Ernſt kannſt Du dieſe Liebe überwinden. Andreas hörte Orlow aufmerkſam an. — Du kämpfeſt gegen ein Dunſtbild in der Luft, fuhr Orlow fort, welcher das Terrain bemerkte, das er bereits gewonnen hatte, Du biſt das Opfer einer dum⸗ men Phantaſie. Wie ſoll das enden? Im Narrenhaus. Andreas ſenkte ſeine Augen zu Boden. — Du biſt ein ſcharfſinniger Mann, wenn Du nur willſt; Du beſitzeſt Herz und Kopf, wenn Du ſie nur anwenden willſt. Du haſt Kräfte wie ein Löwe, aber ſie erſterben in der Schwachheit hin; Du haſt Kühnheit und Muth, aber Du raſeſt damit nur gegen Dich ſelbſt; Du haſt Alles, was ein Mann ſich wun⸗ ſchen kann, aber Du wünſcheſt nichts. Wir haben bereits erwähnt, daß der Tag ſein gold⸗ gelocktes Haupt nach den Wolkenbetten im Weſten hinab⸗ lehnte und daß der Abend mit ſeinem Schatten und ſeiner Kühle kam „Drlow war ſo weit gekommen, als auf einmal, wie von einem einzigen Zauberſchlag hervorgerufen, ein ſtarkes Licht vom Park her in's Zimmer ſtrömte. Die Illumination begann jetzt, womit das Peter⸗ und Paulfeſt auf Petershof immer endete, 126 In dieſem Augenblick wurde die Luft durch einen grenzenloſen Jubel von Tauſenden von Stimmen er⸗ ſchüttert und die Hornmuſik ertönte. Andreas zog lauſchend ſeine Augenbrauen hinauf. Orlow ergriff ſeine Hand. — Hörſt Du, wie friſch und fröhlich es da draußen klingt. Sei ein Mann, ſo wirſt auch Du Dein Leben genießen konnen. Ich würde Dir allerlei anvertrauen, wenn ich mich nur auf Dich verlaſſen könnte. Andeas war in einer ſtehenden Haltung geblieben. Mit treuherziger Aufrichtigkeit ergriff er jetzt Orlow's and. — Du kannſt Dich nicht auf mich verlaſſen, ſag⸗ teſt Du, Iwan? Du thuſt mir Unrecht. Sag', was ich thun ſoll, und Du wirſt ſehen, daß ich ein Mann bin. — Du weißt, daß Rußland noch während der Re⸗ gierung der Kaiſerin mit den meiſten ſeiner Nachbar⸗ länder Krieg gehabt hat. — Ich weiß es. — du haſt an keinem einzigen Theil genommen. — Nein. — Siehſt Du nicht ein, was der Eine und An⸗ kire eFhalh von Dir ſagen könnte? Man hält Dich ür feig. 6 f Das wenige Blut, das Andreas in ſeinem Geſichte hatte, verſchwand auf einmal. — Feig? Sage mir, wer das geſagt hat, denn ich muß ihn umbringen! feig? Andreas Augen funkelten. Krampfhaft ballte ſich ſeine Hand. — Jwan, fuhr er fort, nachdem er mit einer hef⸗ tigen Bewegung ſeinen erſten Verdruß unterdrückt hatte; mache mit mir, was Du willſt, aber gib mir Gelegen⸗ heit, zu beweiſen, daß ich nicht feig bin. Ich geſtehe, daß Du verſtändiger biſt, als ich; aber verſetze mich nur in Thätigkeit, ſo werde ich nicht ſo leicht ermüden. Ich.„.ein Orlow.. ſollte feig ſein? Du verſprichſt 127 doch, mir Etwas zu ihun zu geben, nicht wahr? Du biſt ja mein Bruder und meine Ehre muß Dir am Herzen liegen. Willſt Du, daß ich in den Krieg zie⸗ hen ſoll, oder ſoll ich mich vielleicht mit denjenigen, die mich verleumdet haben, ſchlagen und ſie wie Hunde umbringen? — Du ſollſt keines von beiden thun, Du ſollſt... — Sprich, ſprich! — Willſt Du ein unglückliches Mädchen retten? — Gerne.. laß hören. — Durch Intriguen und Kabalen ſucht man ſie in's Verderben zu ſtuͤrzen. — Ich rette ſie. — Aber ſie ſieht das Unglück, das ſie erwartet, ſelbſt nicht ein, und ſie dürfte Widerſtand leiſten. — Sei deßhalb ohne Furcht. — Du kennſt ja Fräulein Willanow? — Ich kenne ſie. In dieſem Augenblick donnerte die Kanone. Es war ein Salutationsſchuß zu Ehren der Kaiſerin. — Hörſt Du? — Iſt es die Willanow, deren Ehre oder Leben in Gefahr ſteht? — Man ſchießt... hörſt Du... — Auf welche Art ſoll ſie gerettet werden? — Die Kaiſerin hat ſich in den Park hinab be⸗ geben; ich muß fort. — Du bekommſt mich nicht los, bevor Du mir ſagſt, wie Willanow... — Laß mich gehen. — Du bleibſt hier. Ich will etwas thun, was beweist, daß ich ein Mann bin. — Das ſollſt Du, aber ſpäter, ſpäter. — Ich will jetzt handeln. — Noch einmal, laß mich gehen. — Nein, nein, 128 — Weißt Du, wer geſagt hat, daß Du eine feige Memme ſeieſt? — Nein. — Ich habe es geſagt. — Tod und Verdammniß! — I Wa es geſagt, weil... — Weil... — Weil Du drohen kannſt, mich zu ermorden. Andreas ließ Orlow's Hand los und ſeine Arme ſanken erſchlafft zur Seite nieder. — Großer Gott, ſollte ich das geſagt haben? Ver⸗ zeih mir, Bruder, verzeih mir. — Thor! Man hörte jetzt an die äußere Thüre klopfen. Or⸗ low begab ſich hinaus. Als die Thure aufging, trat derſelbe Polizeidiener ein, dem er befohlen hatte, Lechi nachzugehen, er kam jetzt, um ſeinen Bericht abzuſtatten. Als Orlow ihn empfangen hatte und zu Andreas zurückkehrte, leuchtete ſein Geſicht von Freude und Zu⸗ friedenheit. — Du willſt jetzt ſogleich handeln, ſagte er zu ihm; Du ſollſt es auch duͤrfen. — Dank, Jwan, Dank! — Um zehn Uhr oder etwas ſpäter heute Abend ſollſt Du hier außen ein Pferd geſattelt finden. — Weiter. — Du beſteigſt es. — Nun ja. — Du begibſt Dich nach den Ruinen von Strelna. — Und dann? — Dann bleibſt Du bei der kleinen Marienkapelle. — Gut. — Um elf Uhr kommt Willanow dahin. Du be⸗ mächtigſt Dich ihrer, bindeſt ſie auf Dein Pferd und entfuhrſt ſie ſo ſchnell als möglich. — Wohin? — Nach Petersburg. Du mußt noch heute Nacht e ☛ X t 129 dort ankommen. Aber ich vergeſſe etwas. Jede Ueber⸗ eilung wäre gefährlich. — Was willſt Du damit ſagen? — Auf der ganzen Chauſſee iſt viel Volk auf den Beinen und Dein Ritt mit einem Mädchen würde Jeder⸗ Ran verdächtig erſcheinen. Da nimm dieſe Polizei⸗ arte. — Ich verſtehe. — Sobald Du nach Strelna kommſt, zeigſt Du dieſe Karte dem erſten Polizeiſergeanten, den Du triffſt. — Es ſoll geſchehen. — Du beſiehlſt ihm, einen bedeckten Wagen herbei⸗ zuſchaffen. Er wird Dir gehorchen. ter — Weiter. — Du ſetzeſt das Mädchen in den Wagen und läſſeſt die Pferde tüchtig laufen. — Wie Du willſt. — Du kommſt durch das Rigaer⸗Thor hinein, eilſt weiter, ziehſt über den Markt Peter's I., begibſt Dich über die Brücke nach der Feſtung und weiter bis nach Krestowskoi⸗Oſtrow, das dem Grafen Razumowsky ge⸗ hört. Gleich rechts am Ufer findeſt Du ein Häuschen von unſcheinbarem Ausſehen. Dort hältſt Du, ſteigſt ab... ſieh da, ich will einige Zeilen ſchreiben... frage nach dieſer Adreſſe... das Mädchen überlieferſt Du dem Mann, der das Schreiben erkennt... wir können uns auf ihn verlaſſen... Du haſt mich doch verſtanden? — Vollkommen. — Du darfſt von Allem dem, was ich Dir geſagt habe, nichts vergeſſen... nichts, bedenke das wohl. — Ja. — Ich verlaſſe mich auf Dich. — Das kannſt Du. — Ich werde Dir ſagen laſſen, wann Du zu Pferd ſteigen mußt. Der Fürſt. I. 9 130 — Ganz gut. — Here Hand darauf. — jer. Drlow eilte von Andreas hinweg und in den Park hinaus, um ſich an das Gefolge der Kaiſerin anzu⸗ ſchließen.. Achtes Kapitel. Der Abend. Als Orlow von ſeinem Bruder hinauskam, waren der Park und die Gärten bereits mit bengaliſchen Feuern, Pechfackeln und Lampen beleuchtet, die überall aufs Prächtigſte angeordnet waren. Der Anblick war im höch⸗ ſten Grao hinreißend. Die Abenddämmerung und die laubigen Wipfel der Bäume gaben dieſem Feuer einen eigenthümlich magiſchen Glanz, wodurch man ſich in eine Zauberwelt verſetzt glaubte. Die grünen Blätter wechſelten gleichſam in Gold und Purpur, die Stämme und Zweige der Bäume glänzten wie von Silber und die Waſſerſtrahlen der Springbrunnen ſchimmerten gleich klaren Kryſtallen in allen Farben des Regenbogens⸗ Die ganze großartige bunte Landſchaft zerſchmolz in einer wwendlichen Mannigfaltigkeit von Flammen und Licht. Der Kanal ſpiegelte auf eine wunderbar hinreißende Art die flaggenden, vom Verdeck bis zum Toppmaſt illuminirten Schiffe zurück, die auf ſeiner Oberfläche ſich ſchaukelten. Am Ufer erhob ſich eine Feuerpyramide, aus welcher die Namenschiffre der kaiſerlichen Familie ſtrahlte, wie aus funkelnden Diamanten zuſammen⸗ geſetzt. Nahe am Meeresufer befand ſich eine Flotte, deren Kanonendonner die Chre des Tages verkündete, während vom Land aus Jubel und Muſik ihre Grüße erwiederten, ark 131 In dieſem Panorama von Wundern und magiſchem Zauber wimmelt eine unüberſehbare Menſchenmaſſe mit Masken und ſeidenen Kleidern; dieſe verſchiedenen Grup⸗ pen gleichen dahinſchwebenden räthſelhaften Schatten in einer Welt, welche wunderbar iſt gleich den phan⸗ taſtiſchen Sagen des Orients. Umgeben von ihrem Hof, erſchien die Kaiſerin in dem bunten Gewimmel wie ein Stern erſten Rangs zwiſchen beweglichen, veränderlichen Wolkenmaſſen. Ueberall wurde ſie mit ſtürmiſchem Beifall und Hurrahruf begrüßt, dieſem Rauchopfer, das unſere Zeit ihren Halbgöttern darbringt. Die Seele des Großfürſten Paul beſaß alle brenn⸗ baren Elemente zu aufbrauſender Heftigkeit. Nur vor ſeiner kaiſerlichen Mutter vermochte er ſich zu beherrſchen. Andern gegenüber that er ſich um ſo weniger Zwang an. In dem Augenblick, als er, nachdem er die von Döring mitgebrachte neueſte Depeſche aus Schweden ge⸗ leſen, die Kaiſerin verließ, hatte ſeine Aufmerkſamkeit mit einem drohenden Blick auf dem Chef der geheimen Polizei, Graf Orlow, verweilt. Als er in's äußere Zimmer hinauskam, machte der Großfürſt ihm derbe⸗ Vorwürfe wegen des Angriffs, den ſeine Spürhunde im Park gegen Döring's Freiheit ſich erlaubt hatten; aber da Orlow es nicht wagte, ſich uͤber dieſe Vorwürfe zu beſchweren, und ihn doch auch nicht in ſeine Privat⸗ abſichten einweihen wollte, ſo gab er gar keine Ant⸗ wort darauf, eine Handlungsweiſe, welche den Groß⸗ fürſten verdroß, weil er ſich jetzt die Sache erklären konnte, wie er wollte. ährend der Promenade blieb er daher auch düſter und verſchloſſen. Um ſo freudiger dagegen ſtrahlte das Geſicht ſeiner Gemahlin und der Prinzeſſin Alerandra Pau⸗ lowna. Die Mutter weidete ſich an der Freude ihrer Tochter, die Tochter war entzückt über ben Brief, den 132 ſie von Schwedens jungem König erhalten hatte.*) Die Liebenden ſind glücklich, wenn ſie ſich nur ge⸗ liebt wiſſen. Armfelt befand ſich ganz nahe bei der Kaiſerin. Er ſtand jetzt in der vollen Kraft ſeiner Jahre. Nie hatte ſeine ſtattliche Figur ſich einnehmender gezeigt. Schlank und hoch, trug er ſein ſtolzes Haupt wie ein Ritter, welchen das zuverſichtliche Bewußtſein belebt, daß Alles vor ihm weichen muß. Kummerlos blickten ſeine feurigen Augen rings umher, ſo daß er eher ein glücklicher Liebhaber als ein kühner Staatsmann zu ſein ſchien. Seine Politik, wie er ſelbſt, hatte auch weniger einen Minerva⸗ als einen Apollokopf. Als Staatsmann ließ er ſeine Hand am Schwert ruhen, als Held trug er die Feldbinde des ſchönen Geſchlechtes um ſeinen Leib, als Liebhaber jubelte oder jauchzte die Leyer des Geſanges in der Tiefe ſeines Herzens. Arm⸗ felt erinnerte unwillkürlich an die ausgezeichnetſten un⸗ ter den ritterlichen und geiſtreichen, aber leichtfertigen Charakteren, die an dem ebenſowohl durch Tapferkeit, als durch Galanterie glänzenden Hof eines Heinrich's IV. „oder der Ludwige ſchimmerten und Bewunderung ernte⸗ ten. Ein Baſſompierre und ein Herzog von Belegarde hätte vor ihm in den Hintergrund treten müſſen. Un⸗ widerſtehlich im Kampf wie in der Liebe, ging ihm der Ruf ſeiner Siege voran. Dieſer Ruf allein genügte, um ihm unaufhörlich neue Siege zu verſchaffen. Seine Antecedentien waren bekannt, jedoch auf dieſelbe Art, *) Die Geſchichte äußert ſich nicht vollſtändig über den Briefwechſel, der zwiſchen Alexandra und Gu⸗ ſtav Adolph IV. ſtattgefunden haben ſoll. Man glaubt, derſelbe ſei durch Armfelt, ſo wie durch die Grafen Steinbock und Schwerin und andere vornehme Schweden vermittelt worden. Der Her⸗ zog Regent ſoll nichts darum gewußt haben. 13³ wie eine Landſchaft bekannt iſt, die man in einem Kos⸗ morama betrachtet, wo gewiſſe Gruppen und Partien in unwillkürlich bezaubernder Farbenpracht hervorſtehen, während andere in einer Dämmerung verſinken, worin jedoch die Einbildungskraft immer noch neue Figuren zu entdecken glaubt, ohne daß man ſie mit Sicherheit firiren kann. Man kannte ihn und man kannte ihn dennoch nicht; aber was man wußte, reizte die Neu⸗ gierde, ihn noch näher kennen zu lernen, obſchon es oft geſchah, daß man, wenn man ihn endlich vollkom⸗ men durchſchaut zu haben glaubte, ihn weniger kannte als je. Seine politiſchen Abſichten verbarg er nicht ſelten unter der Maske der Liebe, während er bei an⸗ deren Gelegenheiten ſeine Liebe unter der Toga der Po⸗ litik verbarg. Am ruſſiſchen Hof, war er eine Erſchei⸗ nung, die namentlich zu dieſer Zeit immerhin eine be⸗ deutende Rolle ſpielen mußte. Ungeachtet es da nicht an ſchönen Männern fehlte, vereinigte doch keiner die edlen Formen der Geſtalt mit einem ſo unwiderſtehlich einnehmenden Talent die Herzen zu entzücken, wie er, eine Kunſt, die er in Guſtav's III. geiſtreichen Salons ſtudirt und an den Höfen Marie Antoinettens und Ma⸗ rie Carolinens zuͤr Vollendung gebracht hatte. Seine breite, reine Stirne verkündete Verſtand und Phantaſie, ſeine blauen Augen waren von Geiſt befeuert, und um den ſchwellenden, von Wolluſt glühenden Mund ſpielten der Witz und anmuthiger Scherz. Gleich Pfeilen, die zuweilen ſchneidend und ſcharf, zuweilen an der Spitze mit Roſen umwunden und bald aus dem Köcher der Ueberzeugung, bald aus dem Köcher der Liebe genommen waren, warf er ſeine Worte um ſich. Schlugen ſie hie und da eine Wundo, ſo heilte er dieſelbe, wenn es ihm genehm war, mit einem lächelnden Blick; entzückten ſie ein andermal, ſo konnte es ihm einfallen, mit einem Blick zu verwunden, der ſo ſcharf war wie eine Pfeilſpitze. Kein Edelmann hat jemals alle die Waf⸗ fen, welche den Mann in den höheren Kreiſen unüber⸗ 134 windlich machen, beſſer in ſeiner Gewalt gehabt, als Armfelt, denn zu den Eroberungen, die er unter den Fahnen der Liebe gewann, fügte er auch noch das Ver⸗ dienſt, im Rathsſaale mit Verſtand und im Feld mit Erfolg und Muth zu kämpfen. Am ruſſiſchen Hof repräſentirte er auf eine über⸗ legene und geniale Art noch immer Guſtav's IIlI. Zeit und Ideen, und er ſpielte eine um ſo intereſſantere Rolle, als er ſeinem verſtorbenen König und Freund getreu ergeben blieb und mit unerſchütterlicher Conſequenz für die königlichen Rechte ſeines Sohnes gegen den Herzog und Reuterholm arbeitete, wofür ihn auch die Schande des Schaffottes getroffen hatte. Armfelt iſt vielfach mit Alcibiades verglichen worden; Armfelt in Rußland und Alcibiades bei den Lacedämoniern ſagten auch Beide: Unſere Feinde ſollen von uns hören. Die Kaiſerin wurde von Subow geführt, aber Armfelt's Geſtalt und liebenswürdiges Weſen zogen die Blicke der Monarchin an. Kein Weib hat jemals die männliche Schönheit beſſer zu beurtheilen verſtanden. Aaer dieſer Seitenblicke war ein Dolchſtoß in Subow's erz. Subow beſaß nicht die Verdienſte Armfelt's: er hatte weder ſeine ſtattliche Figur noch ſein Talent, auf eine anmuthsvolle Art für ſich einzunehmen. Trotz der ernſt⸗ lichſten Bemühungen, ſeine verſäumte Erziehung zu er⸗ ſetzen, kam bei ihm immer der Parvenü zum Vorſchein. Seine Perſon ſowohl als ſeine Rede ermangelten jenes angeborenen Adels, jener natürlichen Ritterſchaft, welche erobert und ihre Eroberungen behält, ohne es ſelbſt eigentlich zu wiſſen. Nur an der Seite der Kaiſerin be⸗ merkte man ſeine Größe, weil die Günſtlingſchaft einen Schein davon auf ihn übertrug. Zur Zeit, die wir jetzt ſchildern, war er allmächtig; aber dieſe Allmacht lag nicht in ſeiner Perſönlichkeit, ſondern in ſeiner Stellung. Er liebte die Muſik; aber wenn auch in ſeiner Seele Muſik lag, ſo lag doch in ſeinem Aeußern keine. Der oeͤ—O eSSens ESNA — ——— 8 O G-=ð&ðx& 8⏑ ⏑ e 13⁵ Violine wußte er ſchöne Töne zu entlocken, aber ſein eigener Charakter hatte nicht denſelben ſchönen Ton. Ehrgeizig, kenntnißlos und eigennützig, wurde er durch die Gunſt ſeiner Beherrſcherin emporgetragen, während er ſelbſt durch dieſe Eigenſchaften ſie beherrſchte. Man hat geſagt, er habe ſich zum unverbrüchkichen Geſetz gemacht, niemals einen eigenen Willen zu hegen, ſobald er nicht mit dem der Kaiſerin übereinſtimmte, und es iſt wahr, daß er niemals, gleich den Fürſten Orlow und Potemkin, von höheren Leidenſchaften hin⸗ geriſſen, gegen die Anſichten der Monarchin auftrat; aber dieß hinderte ihn gleichwohl nicht, ſeine beſonde⸗ ren Wünſche und Sympathien zu hegen und dieſelben nach den Umſtänden zu bearbeiten, ſo gut es geſche⸗ hen mochte. Es iſt auch allgemein angenommen, daß ſeine ganze Macht und ſein Einfluß weſentlich auf dieſer Nachgie⸗ bigkeit beruhten, wie denn auch wirklich ein Einfluß, welchen Orlow und Potemkin verdrängte, nicht wohl auf einer ſchwächeren und unbedeutenderen Baſis ruhen konnte. Aber Subow gewann auch unaufhörlich an Macht und Reichthum in demſelben Maß, wie Katharina an Thä⸗ tigkeit, Kraft und Geiſt verlor. Je mehr ihre Sonne unterging, um ſo mehr hob ſich die ſeinige, bis alle beide erloſchen. Sein Hochmuth hatte zuletzt keine Gren⸗ zen mehr, ausgenommen diejenige, welche das Daſein der Kaiſerin ihm ſetzte. Während die Kaiſerin dahin ſpazierte, ſprach Arm⸗ felt von Italien, Oeſtreich und Frankreich, und ſchilderte das Hof⸗ ſo wie das Volksleben mit all' ihren Con⸗ traſten auf eine ſo lebendige Art, daß jede Erzählang ein Gemälde wurde, worin die Ereigniſſe und Abenteuer ſich bald komiſch, bald tragiſch gruppirten und jede neue Vergleichung den Bildern höheres Leben und friſchen Glanz verlieh. Die Kaiſerin war entzückt, ohne es ſelbſt zu wiſſen. Ihr Intereſſe ſteigerte ſich, ohne daß ſie daran dachte. 136 Sie folgte ſeinen Geberden, den geringſten Bewegun⸗ gen ſeines Geſichtes, allen ſeinen Blicken, gleich als hätten ſeine Worte nicht Alles enthalten, was er ſagen wollte, ſondern als müßte er noch immer Einiges hin⸗ zufügen. Subow litt, er fühlte, wie der Arm der Kaiſerin ſich immer ſchwächer auf ihn ſtützte; man konnte bei⸗ nahe ſagen, ſeine Größe und ſeine Macht entglitten ihm auf dieſe Art. Vergebens ſuchte er nach einem Wort, einem Einfall, einem Gedanken, um ihre Auf⸗ merkſamkeit von Armfelt abzuziehen. Je mehr er ſuchte, um ſo mehr ſah er ein, daß er nur in einem leeren Raum umhertappte. Inzwiſchen hatte die Kaiſerin gefühlt, wie ſein Arm zitterte und eine krampfhafte Bewegung der Ungeduld zuweilen ſeine Nerven erſchütterte; aber ſte fühlte ſich ſelbſt electriſirt und folgte bloß ihrer eigenen Empfind⸗ dung, da ſie ſich vorſtellte, dieſe Bewegungen würden nur von dem geſpannten Intereſſe verurſacht, das Arm⸗ felt's lebhafte Schilderungen erweckten. — Geſtehen Sie, Subow, flüſterte ſie, indem ſte ſich gleichgültig gegen ihn wandte, daß Armfelt ein höͤchſt angenehmer Mann iſt. In Wahrheit, Ew. Majeſtät, in Wahrheit, ſtam⸗ melte Subow, erblaſſend vor Gram. — Ich weiß nicht, unterbrach ihn die Kaiſerin, was ich am meiſten bewundern ſoll, ſeine vielſeitige Bildung, ſeine Erfahrung und Auffaſſungsgabe, oder die geiſtreiche, ſpielende und einnehmende Art, wie er die Gegenſtände darzuſtellen verſteht. — Gewiß, Ew. Majeſtät, gewiß... Subow vermochte die Raſerei, die in ſeinem In⸗ nern kochte, kaum zu verbergen. Die Kaiſerin blieb am Fuß der Pyramide ſtehen, wo die Namenschiffre der kaiſerlichen Familie durch prismatiſche, in allen Regenbogenfarben glühende Kry⸗ ſtalle ſtrahlte. 1 ——— 137 In dieſem Augenblick donnerte die kaiſerliche Sa⸗ lutation von den Schiffen her, die an den Küſten flagg⸗ ten. Die Muſik ſtimmte die Nationalhymne an und jubelnd verkündete die wimmelnde Maſſe ihre unter⸗ thänige Ehrfurcht. Die Welt war für Katharina in dieſem Augen⸗ blick nur ein einziger großer Lobgeſang. — In einem Jahrhundert, Ew. Majeſtät, bemerkte Armfelt, wird Ihr Name noch herrlicher glänzen, aber nicht bloß bei Ihrem eigenen Volk, ſondern bei allen Nationen der Erde. Dankbar drückte ſie Armfelt's Hand, aber der Ge⸗ danke an die Unbeſtändigkeit des Lebens trat in dieſem Augenblick vor ſie. — Dann, Armfelt, bemerkte ſie, dann ſind wir nicht mehr. — Es iſt die ſchöne Pflicht der Geſchichte, Ew. Maje⸗ ſtät, alles Große und Geiſtreiche in ihrem Schooße zu be⸗ wahren. Was Ihre Seele Edles gedacht, was Ihr Herz Schönes empfunden hat, das wird die klaren Kryſtalle bil⸗ den, durch welche Ihr Name durch die Zeitalter hin⸗ ſtrahlen wird. Chrenreiche Thaten weihen Sie zur Un⸗ ſterblichkeit. Glücklich diejenigen, Ew. Majeſtät, die am Fuße des Piedeſtals ihre Namen einzeichnen dür⸗ fen als Ihre Günſtlinge. Armfelt verweilte bei dem letzten Wort, während ſein Blick ſich in die Augen der Kaiſerin hinabſenkte, nicht wie ein Feuerſtrahl, ſondern vielmehr wie eine Flamme, die darin ſterben will. Die Kaiſerin fuhr zuſammen. — Beim Himmel, dachte Armfelt, ſie iſt noch nicht ſo alt, um bloß Königin zu ſein, ſie iſt auch noch Weib. Als Orlow ſeinen Bruder Andreas verließ, begab er ſich ſogleich zu dem Gefolge der Kaiſerin. Bald hatte er die augenblickliche Stellung der Par⸗ teien überſchaut. An einem Hof können ſolche Ver⸗ hältniſſe ſich plötzlich verändern, Die Gnade iſt da der 138 Sonnenzeiger, welcher das Leben der Menſchen in Stun⸗ den, Minuten und Sekunden abtheilt: die Furcht war⸗ tet unaufhörlich auf die letzte Sekunde. Bei dem erſten Wolkenfleck, welcher die Augen der Beherrſcherin ver⸗ dunkelt, iſt Alles vorüber. Eines Höflings Leichenkleid iſt der Schatten, ſein Tod iſt die Vergeſſenheit. Willanow ging ganz nahe bei der Prinzeſſin Alexandra Paulowna. Als Orlow herzukam, ſchloß ſie ſich nur noch feſter an die Prinzeſſin an, und mit einer Gleichgültigkeit, als hätte er ſie gar nicht beobachtet, begab ſich der Graf zu Subow. Die Kaiſerin wechſelte in dieſem Augenblick einige leiſe Worte mit Armfelt.. — Ew. Majeſtät, ſagte er, ich habe Ihnen etwas Wichtiges zu ſagen. — Sprechen Sie, Armfelt. — Ich fürchte, man könnte mich hören. — So laſſen Sie uns auf die Seite treten... hierher... — An Ihrem eigenen Hof, Ew. Majeſtät, arbei⸗ tet man Ihren Abſichten entgegen. — An meinem Hof? Sie täuſchen ſich, Armfelt. — Verlangen Sie nähere Auskunft darüber? — Ja, ja. — Man kann mich beargwöhnen, im Fall ich Sie länger hier aufhalte. Inzwiſchen wird man Ew. Majeſtät erſuchen, heute Abend Masken tragen zu laſſen; willigen Sie ein. Geben Sie Acht, welches Coſtüm Fräulein Protaſow wählt; entfernen Sie dieſe dann ſogleich. Im Uebrigen vertrauen Sie ſich mir an. Die Kaiſerin blickte erzürnt um ſich, gleich als wollte ſie ihre Feinde herausfordern. — Verrathen Sie ſich nicht, Ew. Majeſtät. Man betrachtet uns. Laſſen Sie uns zu den Ueggigen zu⸗ rückkehren. 4 Scherzend und lächelnd kehrten ſie zurück. Die Kaiſerin beherrſchte ſich vollkommen. Wenn 139 ſte ſich in irgend einer Beziehung verändert hatte, ſo beſtand dieß nur darin, daß ſie noch lebhafter und ein⸗ nehmender geworden war als vorher. Zermalmter Hochmuth und verletzte Eitelkeit, zwei Furien der Seele, rasten in Subow. Orlow ergriff ſeine Hand. — Hoheit, ſagte er, befehlen Sie etwas? — Befehlen... befehlen... ſtammelte Subow; ich habe hier nichts zu befehlen. Merken Sie nicht, daß dieſer Schwede da allein es verſteht, die Aufmerk⸗ ſamkeit der Kaiſerin anzuziehen? Fluch über ihn! — Auch ich haſſe ihn, Ew. Hoheit, Sie wiſſen es. — Es iſt nicht genug, zu haſſen... wir müſſen handeln. — Ew. Hoheit haben Recht. Wollen Sie mich heute Abend in der Galerie beim Ausgang des Parkes treffen? Ich habe an etwas gedacht, was zu bewerk⸗ ſtelligen der Mühe lohnt. — Haben Sie mit Markow geſprochen? — Er billigt meinen Plan. — Ich werde kommen. Um welche Zeit? „— Sobald die Kaiſerin ſich in ihre Gemächer be⸗ gibt. Fräulein Protaſow wird Sie in Kenntniß ſetzen. — Niades auch Sie ſich ein? — Ja. — Wenn Sie die ſanften Töne einer Balalajea*) hören, ſo kommen Sie. — Von welcher Seite her? — Vom Garten. — Gut. Ich komme. Sehen Sie, da ſteht Arm⸗ tr nuch immer an der Seite der Kaiſerin. Wir müſſen... — Wir müſſen zuerſt überlegen, und dann... Dann.. — Dann wollen wir ſchon ſehen. *) Eine Art kleine ruſſiſche Zither mit zwei Saiten. 140 Nach der Audienz, welche Döring ſo unerwartet ſchnell bei der Kaiſerin erhalten hatte, beabſichtigte er nach dem Hotel zurückzukehren, wo er noch einen Ver⸗ ſuch machen wollte, ſich Zimmer zu verſchaffen. — Er begleitete inzwiſchen die Adjutanten aus dem Salon der Kaiſerin. Er hatte unter ihnen den Stre⸗ litzenhauptmann Araktſchejew und den Gardelieutnant Petſcherin erkannt, die ihn auf eine ziemlich unver⸗ ſchämte Art im Parke beleidigt hatten. Döring wollte die Gelegenheit nicht hinauslaſſen, ſondern eine Erklä⸗ rung von ihnen fordern, und es ſchien, als ob Arakt⸗ ſcheſew und Petſcherin ihrestheils ebenfalls keinen höheren Wunſch hätten, denn ſobald ſie auf den Schloß⸗ de hinausgekommen waren, gingen ſie ſogleich auf n zu. r. Sie haben den Befehl der Kaiſerin gehört, re⸗ dete Araktſchejew ihn an, und wir kommen, Ihnen unſere Freundſchaft anzubieten. Nach der Art, wie Döring vorher von ihnen be⸗ handelt worden war, hatte er dieſe ehrliche und offene Handlungsweiſe nicht erwartet. Er wollte ſich alſo nicht weniger aufrichtig zeigen. — Ich danke Ihnen für Ihr Anerbieten, ant⸗ wortete er; aber Sie erinnern ſich ganz gewiß, daß Sie mich beleidigt haben, ehe die Kaiſerin ihren Wunſch zu erkennen gab. — Wir haben es nicht vergeſſen, geſtand Petſcherin zu, aber der Wille der Kaiſerin iſt ein Geſetz, das unſere Handlungsweiſe beſtimmt, und noch einmal, wir reichen Ihnen unſere Hand. — Daß der Wille der Kaiſerin für Sie ein Geſetz iſt, bemerkte Döring, darin iſt noch nicht enthalten, daß er es auch für mich ſein muß. Ich habe bisher... und ich hoffe als nicht ganz unwürdiges Mitglied... ſowohl der ſchwediſchen als der engliſchen Armee ange⸗ hört, und Sie haben mich in beiden Beziehungen be⸗ 141 leidigt. Um nicht in einem falſchen Licht zu erſcheinen, muß ich Genugthuung von Ihnen verlangen. 1 — Wir verweigern Ihnen dieſe nicht, aber Sie ſehen wohl auch ein, daß wir ſie für den Augenblick nicht geben können, weil wir dem Gebot der Kaiſerin nicht zuwider handeln dürfen; dieß wäre ein Majeſtäts⸗ verbrechen, und dazu werden Sie uns doch nicht zwingen wollen. Laſſen Sie uns daher die Ehrenſache, die zwi⸗ ſchen uns obſchwebt, auf eine künftige Zeit verſchieben, und für den Augenblick die Bekanntſchaft, die wir mit einander geſchloſſen haben, freundſchaftlich genießen. — Ich theile Araktſchejew's Anſicht vollkommen, fügte Petſcherin hinzu. Hier iſt für den Augenblick meine Hand, obſchon Sie allerdings, wenn Sie wollen, ein Recht beſitzen, über unſere Waffen zu gebieten. — Der Vorſchlag iſt vollkommen ehrlich, begann Araktſchejew wieder, als Döring noch immer ſchwieg. Laſſen Sie uns einander zuerſt kennen lernen, dann werden Sie finden, daß wir zu ſehr Soldaten ſind, um anders zu ſprechen, als wir denken. Alſo für jetzt Freundſchaft und dann Streit! — Sie haben meinen König, mein Vaterland und mich verunglimpft, antwortete ihnen endlich Döring; aber ich ſehe jedenfalls ein, daß darin für mich kein Grund liegt, die Kaiſerin zu verunglimpfen. Der Han⸗ del mag alſo bis auf Weiteres zwiſchen uns ruhen. Da haben Sie meine Hand. Ich danke Ihnen für die Aufrichtigkeit, womit Sie zugeſtanden haben, daß Sie mir Genugthuung ſchulden, ich werde dieſe verlangen, ſobald die Umſtände es geſtatten. Mögen wir alſo bis auf Weiteres einander als Freunde und hernach als Feinde erproben; ich bin gerne überzeugt, daß wir in bei⸗ den Fällen Urſache haben werden, einander hochzuachten. Von den freundlichſten Geſinnungen belebt, drück⸗ ten ſie einander die Hände und begaben ſich dann Arm in Arm hinweg. Döring ſagte ihnen, daß er ſich in den Gaſthof zu 142 begeben beabſichtige, und die beiden Offteiere wollten ihn nicht allein laſſen, ſondern gingen mit. — Da unſere Ehrenſache jetzt abgemacht iſt, ſagte Araktſchejew zu Döring, als ſie vom Schloſſe weggin⸗ gen, ſo können wir im Intereſſe der Freundſchaft nicht umhin, Ihnen über die Veranlaſſung zu unſeren aller⸗ dings etwas gar zu vorlauten Aeußerungen etwas Nä⸗ heres mitzutheilen. Die Sache iſt die, daß wir kurz vor unſerem Zuſammentreffen mit Ihnen unter den Masken dahier eine Dame entdeckten, die unſere Aufmerkſamkeit anzog. Sie war ſchlank und graziös, ihr Gang war leicht und anmuthsvoll. Junge Herzen ſchlagen warm, und als die Dame in einem Gebuſch vor uns ver⸗ ſchwand, ſo jagten wir ihr nach. Endlich bekamen wir ſie wieder zu ſehen und wir wollten unſern Raub nicht loslaſſen, als ein maskirter Mann plöͤtzlich zwiſchen ſie und uns trat. Wir wären indeſſen nicht gutwillig zu⸗ rückgetreten, wenn der Unbekannte ſich nicht demaskirt und wir in ihm nicht den Grafen Orlow erkannt hätten. Das Mädchen hatte uns inzwiſchen einmal bezaubert und... — Jeder von uns, ſiel Petſcherin ein, hätte ſich gerne eine Inſubordination zu Schulden kommen laſſen, um das Vergnügen zu haben, einen Blick hinter die Maske der ſchönen Sylphide zu werfen. — Die Liebe kennt keine Disciplin, und es iſt wirklich wahr, daß die Formen der maskirten Dame uns im höchſten Grad bezaubert hatten. Denken Sie ſich alſo unſern Aerger, als Graf Orlow ſie uns entriß. Wir zogen uns indeß nicht weit zurück, und nach einer Weile ließ der Graf uns wieder zu ſich rufen. Nicht ohne eine gewiſſe Eigenliebe ſagte er uns jetzt, daß man auch in ſeinen Jahren noch eine bonne fortune haben könne, und daß er ein Stündchen auf's Allerangenehmſte verbracht habe. Man konnte ihn nicht mißverſtehen. — Der Graf, ſiel Petſcherin ein, gab uns ſogar 143 das Recht, auf ſeine Koſten zu ſcherzen. Sie begreifen, was das bedeuten will. — Wir erſuchten ihn, fuhr Araktſchejew fort, uns mitzutheilen, wer die Dame ſei, aber er ſchlug unſern Wunſch ab und forderte uns auf, die Sache ſelbſt aus⸗ zumitteln. Er brauchte dieß nicht zu wiederholen, denn wir eilten ſogleich der Unbekannten wieder nach, aber auch jetzt hatten wir böſes Spiel... — Vermuthlich errieth ſie unſere Abſicht, ſiel Pet⸗ ſcherin ein, denn ehe wir uns entſchließen konnten, ſchlug ſie ſich in den Park und verſchwand in den Gängen deſſelben. — Der Zauber, der auf uns lag, ließ uns jedoch keine Ruhe, und obſchon wir ſie aus den Augen ver⸗ loren, wurde ſie doch bald von einigen Polizeidienern aufgeſpürt, welche im Sand die Spuren ihrer Tritte erkannten, und gemeinſchaftlich mit ihnen begaben wir uns in die kleine Bauernhütte, wohin ihre Tritte fuhrten. — Um nicht in das Vorhaben der Polizeidiener mit verwickelt zu werden, zogen wir uns indeſſen zurück, während dieſe ſich in die Hutte hinein begaben. — Aber denken Sie ſich unſere Ueberraſchung, als die Polizei herauskam und nicht, wie wir erwartet hatten, die Dame, ſondern Sie mitbrachte. — Es iſt nicht unſere Abſicht, Entſchuldigungen für die Art zu ſuchen, wie wir Sie behandelten. Glau⸗ ben Sie das nicht; aber Sie begreifen wohl, daß wir uns unmöglich enthalten konnten, uͤber Sie zu lachen, weil Sie entweder auf eine unangenehme Art in einem an⸗ Penehmen téte-à-téte überraſcht, oder auch von dieſer ame zum Beſten gehalten worden waren, was Sie ſelbſt am leichteſten entſcheiden können; ſagen Sie uns aufrichtig, wurden Sie überraſcht, oder hat die Dame Sie zum Beſten gehalten? Döring, der von Anfang an die Erzählung ſeiner Begleiter ganz gleichgültig angehört hatte, weil er nicht glaubte, daß ſie ihn ſelbſt eigentlich berühren 144 könnte, zeigte beim weitern Verlauf derſelben immer mehr Intereſſe dafür. — Ueberraſcht, wiederholte er, oder zum Beſten gehalten? Ich verſtehe nicht recht, was Sie meinen. — Sie verſtehen nicht, ha ha ha, lachten die jun⸗ gen Männer, es ſoll Ihnen nicht gelingen, ſich auf dieſe Art aus dem Spiel zu ziehen; ſolche Rendezvous begreifen wir auch in Rußland. Sagen Sie uns, wer iſt ſie? Sie kennen die Dame. Iſt ſie ſchön? Wie heißt ſte? Gehört ſie dem Hof... oder... oder... Döring wurde ganz ernſthaft, während man dieſe Fragen an ihn richtete. — Erlauben Sie mir eine Bemerkung, ſagte er. — Sie geſtehen alſo zuerſt, daß Sie ein Rendez⸗ vous mit einer maskirten Dame im ſchwarzen Seiden⸗ domino hatten. — Ich läugne nicht, daß ich mit einer mir unbe⸗ kannten Dame zuſammengetroffen bin. — Mit einer Ihnen unbekannten Dame? Die Be⸗ kanntſchaft war wohl leicht gemacht, ha ha ha. — Dagegen beſtreite ich, daß ich ein verabredetes Rendezvous mit ihr hatte, aus dem man irgend einen nachtheiligen Schluß auf ihr Benehmen ziehen könnte. Die Bemerkung, die ich machen will, beſteht daher darin, daß ich Sie erſuche, mit mehr Schonung von einer Dame zu ſprechen, deren Ehre gewiß vollkommen fleckenfrei iſt. 4 Araktſchejew und Petſcherin lachten. — Fleckenfrei? Ha ha ha! Sie vergeſſen das Rendezvous Ihrer Schönen mit dem Grafen Orlow. Sie eilte von ihm weg zu Ihnen. Welch' eine Un⸗ ſchuld... ha ha ha. Die Bemerkung war richtig, und obſchon Döring recht gut wußte, daß er ſein Zuſammentreffen mit der Dame nur einem Zufall verdankte, ſo konnte er doch nicht überſehen, daß ſein geheimnißvoller neuer Freund 145 Worowitſch ein voraus berechnetes téte-à-tete mit ihr gehabt hatte. — Sehen Sie, Döring, bemerkte daher Petſcherin, Sie können Ihre Dame nicht länger vertheidigen. Sa⸗ gen Sie uns daher jetzt, wer iſt ſie? — Wenn ich ihre Ehre nicht vertheidigen kann, erwiederte Döring, ſo kann es mir doch niemals ein⸗ fallen, ſie anzugreifen. Ich habe einen großen Grund dazu Araktſchejew und Petſcherin lachten wieder. — Einen großen Grund, ſagten ſie, wir verſtehen, wir verſtehen. — Sie täuſchen ſich, verſetzte Döring. In der That ſelbſt gibt es nur einen einzigen Umſtand, der in der Sache bemerkenswerth iſt, und juſt dieſer Umſtand iſt es, den weder ich, noch Sie begreifen können. — Und worin beſteht er? — Darin, daß ich nicht weiß, wer die Dame war, mit der ich in der kleinen Eremitage zuſammengetrof⸗ en bin. f— Sie kennen ſie nicht? — Nein. 3 4 — Das iſt unbegreiflich; aber ſagen Sie uns doch, ob ſie ſchön und reizend iſt. j der. Darüber kann ich wirklich einige Auskunft er⸗ theilen. — Sie ſahen ſie alſo ohne Maske? — Nur einen einzigen Augenblick, aber dieß ge⸗ nügte... — Wie glücklich müſſen Sie nicht geweſen ſein! Sie war alſo bezaubernd? — Denken Sie ſich eine Sonne mitten in der Nacht. — Sie war ein Brünette. — Denken Sie ſich einen glühenden Morgenſtern mitten in einer ſchwarzen Wolke. ) Der Fürſt. I. 10 146 — Denken Sie ſich Jugend und Schönheit auf Wan⸗ gen, welche errötheten, und in Augen, ſchwarzen Augen, welche flammten; denken Sie ſich Unſchuld und Liebreiz in holdem Verein, denken Sie ſich zwei Lippen, zwei kleine purpurrothe Wellen, zwiſchen denen die ſchnee⸗ weißen Perlen der Zähne ſich badeten. Ich vermag ihr Portrait nicht vollſtändiger wiederzugeben. — Und Sie wiſſen nicht, wer ſie war? — Nein. — Aber mein Gott, wie konnten Sie ſie loslaſſen, ohne ihren Namen zu erfahren? Döring antwortete nur mit einem Achſelzucken. — Sie nehmen die Sache ganz gleichgültig; wäre ich an Ihrer Stelle geweſen, ſo hätte ich ſie gezwungen, mir ihren Namen zu ſagen. — Was hatte ich mit ihrem Namen zu ſchaffen? Er ging mich ja nichts an. — Sie lieben ſie alſo nicht? 3 — Nein, meine Herrn, das thue ich nicht. Döring war inzwiſchen bis vor den Gaſthof ge⸗ langt, wo er Worowitſch erblickte. Mit Freude empfing er von ihm die Nachricht, daß er einige Zimmer erhal⸗ ten habe. Döring ſtellte jetzt auch den beiden Adjutan⸗ ten der Kaiſerin ſeinen geheimnißvollen jungen Freund vor und empfahl ihn ihrer Freundſchaft. Dabei unter⸗ ließ er nicht, Worowitſch genau zu beobachten, um zu ſehen, ob er ſich auch jetzt ebenſo unentſchloſſen und zweideutig zeigen würde, wie vorher; aber er fand zu ſeiner Zufriedenheit, daß nichts Schwankendes mehr an ihm zu bemerken war. Alle Vier begaben ſich darauf in die angewieſenen Zimmer, wohin die Effekten bereits geſchafft waren. Der Champagner iſt ein Lieblingsgetränk der Ruſ⸗ ſen, und da man ſich in einem Wirthshauſe befand, ₰‿ 88U8SXRN X 147 ſo glaubten ſich Araktſchejew und Petſcherin auch be⸗ rechtigt, die Wirthe zu ſpielen. Die Kaiſerin hatte ja überdieß Döring ihrer Freundſchaft anempfohlen. Ohne daß ſie dem Letzteren ihre Abſicht mittheilten, ließen ſie einige Flaſchen bringen. — Zwiſchen uns, ſprach Araktſchejew, nachdem er die Gläſer gefüllt hatte, wird früher oder ſpäter ein Duell ſtattfinden. Ich bin nicht beredt, fügte er hinzu, aber ich bringe einen Toaſt auf Denjenigen aus, wel⸗ cher den Platz verläßt. — Ein Duell? bemerkte Worowitſch verwundert über dieſe Worte, warum ein Duell? Döring war nicht geneigt, ihn darüber aufzuklären, weil er ihn nicht in die Sache hineinziehen, ſondern die⸗ ſelbe auf eigene Fauſt ausmachen wollte. — Legen Sie kein Gewicht darauf, Worowitſch, bat er daher. Es handelt ſich bloß um eine Bagatelle, und ich hoffe nur, Sie als Zeugen dabei zu haben. — Meine Hand darauf, antwortete ihm Worowitſch mit einer ſehr bedeutungsvollen Heftigkeit; Sie können über mich gebieten, wenn Sie wollen. — Davon bin ich überzeugt und ich danke Ihnen. Bevor ich indeß die Geſundheit des Siegers trinke, fuhr Döring gegen Araktſchejew fort, ſtelle ich Ihnen an⸗ heim, ob man nicht in denſelben Toaſt auch Denjenigen einſchließen könnte, der auf dem Platz bleiben wird. — Einen Toaſt auf beide! „Die Gläſer wurden bis auf den Grund geleert und wieder gefüllt. — Ehe Sie Urſache finden, die Genugthuung zu verlangen, wozu wir Ihre Berechtigung anerkennen, ſagte Petſcherin, haben wir einander Freundſchaft an⸗ gelobt. — Freundſchaft, ja, ja. — Laſſen Sie uns alſo auf Freundſchaft, auf Brü⸗ derſchaft trinken. Araktſchejew und ich verſprechen Ih⸗ nen, in Freud und Leid getreulich beijutehen und 10 V 9 148 redlich all die Pflichten zu erfüllen, die man von einem Soldaten und guten Freund verlangen kann. Der Wille der Kaiſerin iſt auch der Wunſch unſerer Herzen: Freundſchaft, Brüderſchaft! Die Gläſer erklangen wieder und das perlende Ge⸗ tränke verſchwand; aber die Flaſchen waren noch nicht leer. — Da fällt mir etwas ein, ſagte Araktſchejew. Die Dame, welche die Urſache unſerer Bekanntſchaft iſt, verdient auch ein Glas. Worowitſch hatte keine Gelegenheit gehabt, Döring zu fragen, wie das Abenteuer in der kleinen Bauern⸗ hütte ausgefallen ſei, und als er jetzt hörte, daß eine Dame in das Verhältniß verwickelt war, in wel⸗ ches Döring zu den zwei ruſſiſchen Officieren ge⸗ rathen, ſo warf er einen forſchenden Blick auf ihn. Döring aber ließ denſelben an ſich vorübergleiten und that, als ob er nichts bemerkte. — Sie haben uns geſagt, daß ſie die Dame nicht kennen, fuhr Araktſchejew fort, und wir können Ihre Verſicherung nicht in Zweifel ziehen; aber Sie haben ſte geſehen und das genügt. Laſſen Sie uns einen Bund mit einander eingehen. Worowitſch wurde immer aufmerkſamer. Er begriff bereits ſehr gut, um welche Dame es ſich handelte. Döring blieb kalt und unerſchütterlich, gleich als wäre ihm die Sache vollkommen gleichgültig. Zu einem großen Theil war ſie es auch. — Einen Bund, wiederholte er bloß, ich dachte, es handle ſich um einen Toaſt auf ſie. — Das eine Gute ſchließt das andere nicht aus. Ich habe eine unwiderſtehliche Neigung gefaßt, die ſchöne Unbekannte zu demaskiren. Ihre Figur war hinreißend, und wenn ſie ging... aber ſie flog mehr als ſie ging, denn ihre Füße berührten nur ſchwebend die Erde.. ſo war ſie göttlich. Ich liebe ſie, ohne nur ihr Geſicht geſehen zu haben. Das iſt mein Unglück, aber ein 65 149 ſolches Unglück kann ein Mann haben. Wollen Sie einen Bund mit mir ſchließen? — In welcher Abſicht? — Um wo möglich auszumitteln, wer die Zauberin iſt. Graf Orlow... Als Araktſchejew dieſen Namen nannte, wechſelte Worowitſch die Farbe; aber bald flammten ſeine Wan⸗ gen wieder. — Graf Orlow, murmelte er bloß. So gleichgültig Döring war, ſo entging ihm doch nichts von dem, was um ihn her geſchah. — Graf Orlow, fuhr Araktſchejew fort, hat uns ein Recht gegeben, die Schöne zu demaskiren, obſchon ich nicht laͤugnen kann, daß dieſe Anweiſung mehr ſaty⸗ riſch als ernſt gemeint ſchien; es würde daher meiner itelkeit ſchmeicheln, ſeiner Eigenliebe ein Bischen auf die Spur zu kommen. Was ſagen Sie, Döring? Wol⸗ len Sie in dieſen Bund eintreten? Sollte es, nachdem wir die Schönheit entdeckt haben, geſchehen, daß wir uns beide in ſie verlieben, ſo haben wir einen weiteren Grund, einander mit Piſtolen entgegen zu treten, und dieſelben ſo zu führen, daß nur ein Einziger von uns lebendig ven Platze kommt. Was ſagen Sie zu meinem Vor⸗ ag? Döring hielt ihn zwar nicht für ſo übel, aber ob⸗ ſchon er deßohngeachtet beſchloß, nicht darauf einzugehen, o zögerte er dennoch mit ſeiner Antwort, weil er die Unruhe bemerkte, welche dieſe Frage bei Worowitſch her⸗ vorrief, und weil er Letzteren dabei zu ſtudiren wünſchte, um zu ſehen, ob dieß nicht zu einigen Aufſchlüſſen, nicht bloß über ihn ſelbſt, ſondern auch über ſeine Stellung 1u de für ihn ebenſo räthſelhaften Mädchen leiten önnte. — Aber wenn ich auf Ihren Vorſchlag eingehe, ſagte inzwiſchen Döring, ſo begehe ich ja bloß einen dummen Streich, da ich den Vortheil über Sie beſitze, daß ich die Dame ſchon geſehen habe. 15⁰ — Ei, wir ſind ja keine Kleinhändler, Döring, erwiederte Araktſchejew, ſondern Soldaten, und Sie dür⸗ fen Ihre Vortheile nicht auf der Goldwage wägen. Der Freundſchaft muß ihr Recht widerfahren. Beim Klange der Trommel und mit den Würfeln in der Hand ſpielen wir Soldaten mit einander um unſere eigene und um fremde Schickſale. Schlagen Sie ein und die Sache iſt abgemacht. Döring ſtreckte ſeine Hand aus, jedoch nicht ſo, daß er Araktſchejew's Hand ergriſſ. Worowitſch erröthete und erblaßte einmal um's andere. Er ſchien ſich nicht länger beherrſchen zu können. — Dbring, ſiel auch er jetzt ein, ich habe nähere Rechte auf Ihren Handſchlag. — Wie ſo? 3 — Wir ſind ältere Bekannte. — Das iſt wahr. — Geben Sie mir Ihre Hand darauf, daß Sie dieſen Bund nicht eingehen wollen. — Warum nicht? — Sie ſehen wohl, daß ich nicht wiſſen kann, um welche Dame es ſich handelt; aber es ſcheint hier die Ehre eines Weibes zu gelten, und man muß edel zu Werke gehen. Laſſen Sie uns auf ihre Geſundheit trin⸗ ken, nicht aber ſie verfolgen. Die Art, wie Worowitſch ſeine Anſicht vortrug, war einfach und ſchmucklos. Nichts deſtoweniger legten ſich die Stirnen der zwei ruſſiſchen Officiere in finſtere Fal⸗ ten und eine drohende Wolke breitete ſich zwiſchen ihren Augen aus, denn ſie fanden die Rede des jungen Man⸗ nes gar zu dreiſt. Worowitſch dagegen begegnete dem Sturme von dieſer Seite her mit ruhiger und ungekün⸗ ſtelter Würde. — Erzürnen Sie ſich nicht, meine Herren, bat er; ich bin bei der Sache ganz und gar nicht intereſſirt, aber ich kann nicht umhin, meine Anſicht auszuſprechen. Habe ich Unrecht, ſo handeln Sie, wie Sie wollen; habe 151 ich dagegen Recht, ſo billigen Sie gewiß, was ich geſagt habe. Ihre eigene Ehre leitet Sie beſſer als meine Worte. Trinken wir die Geſundheit des Mädchens! Döring hatte Worowitſch nicht ſo viel Takt und Vorſicht zugetraut; er begann einzuſehen, daß es ihm nicht ſo leicht werden dürfte, das Geheimniß zu durch⸗ ſchauen, in deſſen Zauberkreis er ſich bewegte. Araktſchejew und Petſcherin waren zwei offene und edle Charaktere, obſchon ſehr leichtſinnig, nicht bloß in Folge ihrer Jugend, ſondern auch in Uebereinſtimmung mit dem Tone, der unter dem Militär ſo ziemlich vor⸗ herrſchend iſt. Auf beiden Seiten geſtand man ſchweigend zu, daß Worowitſch Recht habe, und die Gläſer wurden zur Ehre der unbekannten Dame geleert. Das Geſpräch würde vermuthlich damit noch nicht aufgehört haben, wäre nicht in dieſem Augenblicke der Kellner gekommen, mit der Meldung, daß ein Läufer aus dem Schloß Döring ſuche. — Ein Läufer? Heißen Sie ihn hereinkommen. Der Läufer trat ein und brachte einen Befehl von Baron Armfelt, daß Döring ſich auf dem Schloß ein⸗ zuftnden habe, weil die Kaiſerin ihren Wunſch zu er⸗ kennen gegeben, daß er der Eiikette gemäß ihr vorge⸗ ſtellt würde. — Beim heiligen Nikolaus, rief Araktſchejew, ſobald der Läufer ſich entfernt hatte, eine ſolche Ehre, Döring, macht Sie zu einem Löwen unter uns. Doring hatte dieſe Gnade nicht erwartet, begriff aber wohl, daß er ſie Armfelt zu danken hatte. — Die Depeſchen, die Sie aus Schweden mitbrach⸗ ten, bemerkte Petſcherin, haben Ihnen die Gunſt der Kai⸗ ſerin verſchafft, wir gratuliren Ihnen. Ihr Glück iſt beneidenswerth. Wworowitſch blieb ſtill, aber er betrachtete Döring mit großen Augen. Der Argwohn hätte in der Ver⸗ 1⁵² wunderung, die er zeigte, vielleicht ein Bischen Neid ent⸗ decken können. — CEs iſt ſchon ſpät, meine Herren, erinnerte Dö⸗ ring, und Sie ſehen wohl ein, daß ich meine Toilette machen muß. — Geniren Sie ſich nicht, wir werden uns ſogleich entfernen.— Der Befehl des Läufers an Döring hatte einen ſtarken Eindruck auf Worowitſch gemacht. Noch weilte ſein Blick unverwandt auf Döring; aber mitunter fuhr er mit der Hand über ſeine Stirne, und man entdeckte leicht, daß ein ungewöhnlicher Ge⸗ danke heftig in ihm arbeitete. Araktſchejew und Petſcherin ergriffen ihre Hüte. — Wir ſehen einander im Schloſſe wieder, ſagte der eine von ihnen. — In einer halben Stunde. — Wir treffen uns. Schon ſtanden ſie an der Thüre und waren bereit, ſich zu entfernen, als Worowitſch, obwohl nicht ohne ein gewiſſes Zögern, ſich an ſie wandte. — Können Sie mir ſagen, meine Herren, wo der General Suwarow ſich jetzt aufhält? Die beiden Adjutanten ſtarrten Worowitſch verwun⸗ dert an. Seine Frage ſchien ſie in Staunen zu ſetzen. — Der General hat die Kaiſerin hierher begleitet, antwortete Araktſchejew endlich, und er wohnt im Schloſſe. — Er iſt alſo hier? Oh, welch ein Glück! Worowitſch's Geſicht ſtrahlte. Nur ſehr wenigen von Rußlands Helden, vielleicht nicht einem einzigen, iſt es gelungen, ſich eine ſolche Popularität bei dem ruſſiſchen Volke zu erwerben, wie Suwarow ſie genoß. Die Armee nannte ihn ihren guten alten Vater, und mit dieſem Schmeichelnamen erwarb er ſich auch die Liebe des Volkes. Unerſchrocken, keck und klug im Kampfe, war er als Sieger furchtbar. Polen und die Türkei haben geblutet unter der Grauſamkeit, A=— ———-6——uG&$⏑ᷣ— 1⁵5³ womit er dieſe Länder verheerte, und die Wunden, die er ſchlug, heilten niemals. Sein wilder, kriegeriſcher Muth und ſeine Erfolge, im Verein mit vielen Eigen⸗ heiten, ſeine Art, die Soldaten zu behandeln, ſeine lako⸗ niſchen Antworten, ſeine kurzen Kraftausdrücke, die er manchmal ſogar in Verſen gab, machten ihn zu einem Abgott der ruſſiſchen Armee, und noch heutigen Tags ſind unter dem Volke Anekdoten von ihm in Umlauf, welche ihm nicht bloß in den Blättern der Geſchichte, ſondern auch noch mehr im Gebiete der ruſſiſchen Natio⸗ nalität Unſterblichkeit ſichern. Aber welche Größe er auch in den Annalen und der Anſchauungsweiſe ſeines eigenen Volkes erworben haben und behalten mag, ſo wird doch das übrige Europa, wenn es ſeine kriegeriſchen Thaten genau betrachtet, in ſeinem Schwert nur ein Henkerſchwert, geführt von Katharina's Politik, erblicken. Als Privatmann war er übrigens eine rechtſchaffene Natur, und es mangelte ihm nicht an guten und ehren⸗ haften Grundſätzen. Worowitſch hätte alſo in ganz Rußland nach keinem Namen von gleicher Bedeutung wie Suwarow fragen können. — Ich möchte wiſſen, fragte Worowitſch die Offi⸗ eiere, ob der General ſich heute Abend im Kreis der Kaiſerin einfinden wird. — Ganz gewiß; kennt er Sie? — Nein. — Wie ſo? — Aber ich kenne ihn. — Das wundert uns nicht. Er iſt weit und breit bekannt. Und mit einem gewiſſen Lächeln auf den Lippen begaben ſich jetzt die beiden Adjutanten von dannen. Wworowitſch befand ſich in einer aufgeregten Ge⸗ müthsſtimmung. Ein kühner Gedanke bewegte ſich in 154 ſeiner Seele, obſchon er vielleicht noch nicht mit ſich im Klaren war, in wiefern er ſich ihm hingeben ſollte oder nicht. Döring hatte bereits angefangen, ſeine Tollette zu machen, und er brauchte nicht viel Zeit dazu. Die Uniform macht alle langen Umſtände überflüſſig. Als Armfelt in Folge des Urtheils, das man in Schweden über ihn gefällt, ſeine Zuflucht nach Rußland nahm, verlangte Döring ſeinen Abſchied aus dem engliſchen Dienſt, um dem Flüchtling zu folgen. Sein Geſuch wurde mit einer Erhöhung des Dienſtgrades, d. h. mit Ertheilung des Kapitänsranges, ſowie des Rechtes, die Uniform zu tragen, bewilligt, in Anerkennung des Eifers, den er nicht bloß im aktiven Dienſt, ſondern auch be⸗ ſonders während ſeiner Miſſion in Neapel an den Tag gelegt hatte. Die rothe Uniform mit ihren ſchwarzen, goldgeſtickten Aufſchlägen kleidete ihn auch ganz gut. Während der Zeit ging Worowitſch auf und ab. In dem ganzen Ausſehen des jungen Mannes lag etwas Ver⸗ ſtörtes, beinahe Verzweifeltes. Döring war unruhig über die Lage ſeines Freundes, aber da Worowitſch ſeine ge⸗ heimnißvolle Rolle weiter ſpielen wollte, ſo hielt es Döring mit ſeiner Ehre unvereinbar, ihm noch weiter ſeine Freundſchaft aufzudrängen, weil man ihm dieß möglicherweiſe als eine ungebührliche Neugierde aus⸗ ſenen konnte. Endlich blieb Worowitſch neben Döring ehen. — Sie betrachten mich verwundert, Döring, ſagte er, und ich finde das nicht auffallend, da ich mich viel⸗ leicht wie ein Wahnſinniger benehme. In meiner Stel⸗ lung würden Sie indeß vielleicht nicht klüger handeln. Wie ſchrecklich war für mich nicht der Augenblick, wo ich Sie und die maskirte Dame in der kleinen Hütte laſſen mußte! Als ich hinaus kam, wollte ich zurück⸗ kehren, aber ich hatte die Thüre hinter mir in's Schloß geſchlagen. Sie können nicht glauben, wie peinlich mir der Gedanke war, ein Weib und Sie im Stiche gelaſſen zu haben, Meine Flucht war feig. +ͦ-—NRSEAn* 3 —6“,NGNAðNo¼ 1⁵⁵ — Beruhigen Sie ſich, Worowitſch; alle Vorwürfe ſind überflüſſig; das Abenteuer endete ganz gut. Die Dame entkam, ohne geſehen zu werden. Und ich... ich habe eigentlich Ihnen den Vortheil zu danken, daß ich bereits eine Audienz bei der Kaiſerin hatte. Worowitſch hörte Döring mit der ungetheilteſten Aufmerkſamkeit an. — Die Dame entkam? wiederholte er; iſt's möglich? Und Sie ſelbſt... welch' ein Glück... man hat Ihnen alſo nichts zu Leide gethan? — Im Gegentheil, Sie ſehen ja, daß ich mich eben ankleide, um von Neuem an den Hof zu gehen. Worowitſch ſchritt im Zimmer auf und ab. — Meine Lage iſt höchſt ſeltſam, murmelte er dabei vor ſich hin. Ich darf nicht zögern, ein raſcher Ent⸗ ſchluß muß gefaßt werden. Man dürfte mir bereits auf der Spur ſein. Ich muß zuvorkommen, damit man mir nicht zuvorkommt. Döring wandte ſich um und betrachtete ihn. — Die Polizeidiener, erklärte er, hatten, ich weiß nicht auf weſſen Befehl, die Schritte der maskirten Dame aufgeſpürt und wußten alſo, daß ſie ſich in der Hütte befand, obſchon ich noch immer nicht begreife, in welcher Abſicht ſie ſie verfolgten. — Das iſt nicht ſchwer einzuſehen. Wir haben einen Feind, einen alten Feind. — Die Dame und Sie? — Kennen Sie den Grafen Orlow? — Nur ſehr wenig. — Er liebt die Dame. Döring richtete ſich bei dieſen Worten zur Häͤlfte auf, und ein Ausdruck des Verdruſſes glitt über ſein Geſicht. — Er liebt ſie? Döring's Heftigkeit legte ſich indeß ſogleich; er ſetzte ſich wieder, blickte in den Spiegel und fuhr mit ſeiner Toilette fort. 15⁶ — Sie ſagten ja ſo eben, verſetzte er dabei, daß Orlow der Feind dieſer Dame ſei. — Es gibt ſolche Naturen. Was dieſer Menſch nicht freiwillig erhält, das will er ſich auf dem Wege des Skandals erzwingen. Er hat geſchworen, daß ſie auf ihren Knieen ihn um Gnade anbetteln ſolle. — Graf Orlow? — Aber er iſt noch nicht am Ziel, und mit Gottes Hülfe wird er es auch nicht erreichen. — Was gedenken Sie zu thun, Worowitſch? Ich will nicht gegen Ihren Willen in Ihre Geheimniſſe ein⸗ zudringen ſuchen, aber ich ziehe meine Schlußfolgerungen, und ungeachtet ich an Ihrer Ehre nicht zweifle, ſo habe ich doch keinen ſtarken Glauben an Alles das, was Sie mir von ſich geſagt haben. Wiſſen Sie, was ich denke? — Nein. — Daß Sie ein politiſcher Flüchtling ſind. Einer der edlen Söhne dieſes zerſprengten Volkes, das jetzt umherirrt und eine Freiſtätte ſucht. Ueberlegen Sie deß⸗ halb genau, was Sie thun. Bedenken Sie, daß Sie in Rußland ſind. Jede unvorſichtige Handlung kann ſchwere Folgen nach ſich ziehen. Sie ſind ein junger Mann, Sie lieben, und wenn ein Jüngling liebt, ſo überdenkt er ſeine Handlungen nicht immer ſo genau. Worowitſch führte die Hand an ſeine Stirne, wäh⸗ rend Döring ſprach. Auch als dieſer aufgehört hatte, blieb er noch eine Weile in derſelben Stellung. — Döring, antwortete er daher, was Sie ſagen, überzeugt mich von der Nothwendigkeit, nicht länger zu zögern, ſondern einen raſchen Entſchluß zu faſſen. Meine gegenwärtige Lage macht mich zu einem vogelfreien Manne. Dieß kann mir und noch Andern ſchaden. Ich muß mir eine Stellung ſchaffen, die mich vor allem ge⸗ fährlichen Argwohn ſchützt. Weit beſſer, man weiß, wer ich bin, als daß... Worowitſch verſtummte hier. — Als daß.. e je πα 8— RK R⏑ — — 157 — Sehen Sie, Döring, auch um dieſes Mädchens willen muß ich Etwas thun, damit ſie ſich nicht zuletzt compromittirt. 3 Döring fühlte ſich auf eine ſonderbare Art gereizt durch dieſe Erklärung Worowitſch's. — Sie lieben ſie, bemerkte er, mit der ganzen Hingebung eines jungen Mannes. Worowitſch's Blicke hafteten auf Döring. — Ob ich ſie liebe? Ich? Aber Sie haben ein Recht— ich liebe ſie, und ſie ſoll nicht nöthig haben, ſich unvorſichtig meinetwegen aufzuopfern. Es lag in Worowitſch's Antwort etwas ganz Un⸗ klares, weil das mimiſche Muskelſpiel ſeines Geſichtes in einem gewiſſen Widerſpruch zu den Worten zu ſtehen ſchien, deren er ſich bediente. Worowitſch war jedoch ein⸗ für allemal ein unerklärliches Räthſel für Döring, und dieſer nahm an, daß auch der jetzt entdeckte Wider⸗ ſpruch zu ſeinem Charakter gehöre. — Ich billige Ihre Denkungsart, antwortete daher Döring, und ich warne Sie bloß, ohne Ihnen zu der einen oder andern Handlungsweiſe zu rathen, weil ich Ihr Geheimniß nicht kenne. Aber Sie nannten ſo eben den General Suwarow. Sie wiſſen doch, daß er es iſt, der Polen beſtegt hat? — Ich weiß es ſehr gut. — Dann habe ich Ihnen nichts mehr zu ſagen, ſondern begebe mich in's Schloß. Leben Sie wohl! — Ich hoffe Sie dort zu treffen. — Leben Sie wohl! 158 Neuntes Kapitel. Armfelt. Armfelt liebte die Natur, den friſchen Wind, die grü⸗ nen Haine, die duftenden Blumen, den klaren Himmel, ob er nun im milden Schein der glühenden Sonne ſtrahlte oder von den glänzenden ſilbernſchimmernden Sternen der Nacht verherrlicht wurde. Aber vor Allem liebte eer das Weib, die Blondine ſowohl als die Brünette, weil ſie für ihn der Brennpunkt war, worin die Natur, um die Flamme der Liebe auf Erden anzuzünden und b9 unterhalten, alles Schöne vereinigt hatte, was ſie eſaß. Wir finden Armfelt auf dem Schloßplatz wieder. Er hatte ſo eben den Großfürſten Paul verlaſſen, mit dem er in Folge der neueſten Depeſchen eine wichtige Unterredung gehabt, und von ihm hinweg begab er ſich auf den kleinen Burghof hinaus, um friſche Luft ein⸗ zuathmen. Der Platz war von Pechfackeln und Lampen umm⸗ geben, und obſchon der Abend bereits angebrochen, war es hell um ihn her.— Mit raſchen Schritten maß er den kleinen Platz, während er auf⸗ und abging, Seine Bruſt hob ſich hoch; zuweilen breitete ſich ein duſterer Ernſt über ſeine Stirne, zuweilen glänzte ſie klar und rein. Nur ſein gleich⸗ mäßiger, raſcher Gang veränderte ſich nicht. Auf der Schloßuhr ſchlug es jetzt Acht. Armfelt zählte die Schläge, und als der letzte ertönte, blieb er ſtehen und wandte ſich gegen denjenigen Schloßflügel, der auf der einen Seite den Platz ſchloß, wobei ſeine Blicke ſich zu einem der Fenſter emporrichteten. — Sie läßt ſich nicht ſehen, murmelte er, aber ich habe auch noch Zeit zu warten. Dann begann er wieder auf⸗ und abzuſpazieren 159 und warf dazwiſchen hinein ſeine Blicke nach demſel⸗ ben Fenſter. — Welche wunderbare Schickſale verfolgen mich nicht? ſprach er vor ſich hin. Mein Geiſt ſcheint ge⸗ ſchaffen, um mit Königen um Reiche zu ſpielen. Ein bedeutungsloſer armer Jüngling, verließ ich Finnland und kam nach Schweden, mit einem Wirkungskreis, der bloß in meinen Träumen groß, mit einer Heimath, die nur im Luftſchloß meiner Seele reich war, und mit einer Liebe, die nur im Ideal meiner Phantaſien einen Gegenſtand ihres Feuers beſaß. Wie anders jetzt! Curopa iſt im gegenwärtigen Augenblick der Schau⸗ platz meiner Berechnungen. Meine Luftſchlöſſer ſind in fürſtliche Paläſte verwandelt und meine Liebe ſtreckt ihre kühnen Arme nach Herzen aus, die unter könig⸗ lichem Purpur klopfen. Welch' eine phantaſtiſche Sage! Und nichtsdeſtoweniger ſchwebt ein Todesurtheil über meinem Haupte. Er blieb hier ſtehen. — Aber über weſſen Haupt, fügte er nach einem Augenblick hinzu, ſchwebt nicht ein Todesurtheil? Ueber dem Haupte aller Menſchen. Wir ſind mit einem Todes⸗ urtheil über uns geboren. Er ſetzte wieder ſeinen Spaziergang fort. — O Vaterland! begann er nach einer Weile von Neuem, wie ſehne ich mich nicht, deine Erde wiederum küſſen zu dürfen. Mit der ſtarken und kühnen Hand der Vaterlandsliebe und des Genies wollte Guſtav III. dir eine ehrenvolle Zukunft unter den europä iſchen Na⸗ tionen begründen. Schon waren die Materialien ge⸗ ſammelt, die Pläne waren fertig, noch ein Jahr, und er würde zu der Welt geſagt haben: was Karl's XlI. Schwert verloren, hat das meinige wieder gewonnen. Aber der Verrath wollte es nicht. Guſtav ſiel und Schwedens Sonne ging mit ihm unter. Schande über Schande! Unter drei Millionen Schweden bin ich der Einzige, der ſeinem Gedächtniß treu geblieben. 160 Seine Schritte waren während der letzten Worte immer kürzer und langſamer geworden; aber bald be⸗ gann er wieder raſch und lebhaft zu gehen wie vorher. Aber ſeinem Gedächtniß treu ſein, das heißt der Majeſtät der Ideen und der großen Unternehmungen treu ſein, und dieſe Majeſtät lebt ewig. Ich werde auch nicht von ihr laſſen. Schweden nach ſeinen Ideen neu zu geſtalten, durch dieſe Ideen den verlorenen Rang als erſte Monarchie des Nordens wieder zu gewinnen, den Sohn vollenden zu laſſen, was der Vater dachte, zu kämpfen und dereinſt, wenn der Sieg gewonnen iſt, an der Gruft meines dahingegangenen genialen Königs zu meinem Vaterland zu ſagen: Du haſt keinem Leben⸗ den dieſes Wort zu verdanken, ſondern einem Abge⸗ ſchiedenen; obſchon der Held todt iſt, ſo iſt doch der Lorbeer friſch, da ſieh her. Für ſeine Ehre lebe ich, nicht für die meinige. Welche Ehre iſt es doch, den Pur⸗ purmantel würdig zu tragen, worin eine große Idee lebt und wirkt! Bald wird der Sohn meines unſterb⸗ lichen Helden dieſes Land beſuchen. In ſeinem Gefolge werden auch meine Feinde kommen, der Herzog und Reuterholm. Wunderbare Macht des Schickſals! Hier, hier am ruſſiſchen Hof ſollen meine Feinde zermalmt wer⸗ den— hier wird Guſtav's Geiſt den Verrath. in ſeinem eigenen Lande beſtegen— hier wird Schweden den erſten Schritt auf der großen Bahn einer neuen Zukunft thun. Katharina, Katharina wird in ihrem eigenen Lande be⸗ ſiegt werden... ſtill... Ergriffen von ſeinen Gedanken, befeuert von der angeborenen Lebhaftigkeit ſeiner Seele, hatte er laut gedacht. Er erblaßte jedoch über ſeine eigene Kühnheit, als er in dieſem Augenblick ein Fenſter knarren hörte, das ganz nahe bei ihm geöffnet wurde. Bald nahm er indeß ſeine gewöhnliche heitere Miene wieder an, als er in dem Fenſter das freundliche Ge⸗ ſicht des Kammerfräuleins Protaſow entdeckte. — Verräther! rief ſie ihm halblaut zu, indem ſte 3 8SSA8n R NR 161 Sie jetzt? — Verrätherin! antwortete er ihr mit derſelben Geberde. Haben Sie mich nicht eine ganze Viertel⸗ ſtunde verrathen und vergebens unter Ihren Fenſtern Schildwache ſtehen laſſen? Ungetreue? Wie manche Seufzer ſind nicht während dieſer Zeit vergebens aus meiner Bruſt emporgeſtiegen. Sie plündern mein Herz, ohne ſich auch nur an dem Raub zu erfreuen. Un⸗ dankbare! Vergebens habe ich mich geſehnt und hier gebrannt; bedenken Sie, wie viel von meiner Seele reinſtem Feuer ohne allen Zweck verloren gegangen iſt. Ich mache Sie verantwortlich dafür und ſtelle Ihr Herz zum Richter zwiſchen uns auf. — Ich bin bereits gerichtet. ürer Wie ſo? bereits? Laſſen Sie mich Ihr Urtheil hoͤren. — Ich bin verurtheilt, Ihnen zum Schadenerſatz zu geben... laſſen Sie ſehen... pro primo... Protaſow führte mit anmuthsvoller Bewegung die Hand zu ihren Lippen und warf ihm einen Kuß zu. — Und pro secundo, fiel Armfelt ein. 1 Mit erhöhter Schalkhaftigkeit ſtreckte ſie die Arme zum Fenſter gegen ihn hinaus, wie zu einer Umarmung. — Und pro tertio fuhr Armfelt fort. — Das will ich Ihnen ein ander Mal ſagen. — Ein ander Mal iſt ein Schelm. — Ich habe bemerkt, daß Sie alle Male ein Schelm ſind. — Still... jedenfalls ſtill... das ſollte ich eher zu Ihnen ſagen, als Sie zu mir. — Ich ſchwöre... — Machen Sie ſich keine Mühe damit„.. aber jetzt muß ich Sie wieder verlaſſen. — Schon? Aber wie war es? Sie hatten mir Etwas verſprochen. Ich glaube, daß ich vergeſſen habe, was es war. Der Fürſt. I. 11 ſchalkhaft mit der Hand drohte, gegen wen complottiren 162 — Sie ſind ein gefährlicher Mann, aber ich habe Sie ſehr lieb und verzeihe Ihnen. — Sie haben mich gefangen, und obſchon Nie⸗ mand ſeine Freiheit inniger lieben kann als ich, ſo haben Sie mich gelehrt, meine Gefangenſchaft noch inniger zu lieben. Wer iſt alſo gefährlicher, Sie oder ich? Aber jetzt erinnere ich mich, was Sie mir verſprochen haben. ehnunnt Subow auf die Gallerie? — Ja — Und Orlow? — Ja.— — Und Markow? — Ja. — WMein Gott, da Sie ſo freigebig mit bejahen⸗ den Antworten ſind, ſo darf ich doch wohl noch einige ragen thun? — Ja, ja. — Darf ich Sie heute Abend treffen? — Aha, mein Herr, Sie wollen den vortheilhaften Wind benützen, von dem Sie glauben, daß er Ihre Segel fülle, und ſteuern gerade zu... „— Darf ich? d — Nein. f — Ich flehe. 3 — Nein. 4 — Ich bettele. — Nein. p — Sie ſind grauſam. le — Nein, nein.. a — Barmherzigkeit mit einem armen Sünder. d. — Nein. 4 fi — Wenn Sie ſich vorgenommen haben, kein Ja w über Ihre Lippen kommen zu laſſen, ſo geben Sie mir an ein Zeichen. a Protaſow lachte, ſchlug das Fenſter wieder zu und li verſchwand. — — ⏑— A 163 Es war auch hohe Zeit, denn in dieſem Augen⸗ blick ſtand Döring an Armfelt's Seite. — Es iſt gut, daß Du kommſt, Döring, ſagte Armfelt. Iſt ein Läufer aus dem Schloß bei Dir ge⸗ weſen? eine Unterhaltung zwiſchen ihnen ſtattgefunden hatte. Im Uebrigen kannte er Armfelt's ſchwache Seiten ſehr gut, und es würde ihm nicht eingefallen ſein, ſich darüber zu verwundern, wenn eine ſolche auch wirklich ſtattgefunden hätte. Döring hatte den Grundſatz ange⸗ nommen, ſich in nichts zu miſchen, wobei ſeine Ehre und ſein Herz ihn nicht beſtimmt aufforderten. — Du biſt in's Schloß beſchieden worden? — Der Läufer brachte einen ſolchen Befehl. — Das iſt gut, Döring. Wir wollen mit einan⸗ der gehen. Die Kaiſerin hat Wohlgefallen an Dir ge⸗ funden. Die Depeſchen, die Du mitbrachteſt, haben ihr großes Vergnügen gewährt. Inzwiſchen weiß ich, daß Du ein Mann biſt, den ein kleiner Erfolg noch nicht ſchwindeln macht: Du biſt durch Widerwärtigkeiten er⸗ probt worden, und haſt Dich nicht an die Schmeiche⸗ leien des Gluͤcks gewöhnen können, ſondern vielmehr 164 erheben, wo ſo eben noch Roſen blühten. Der Kranz des Lebens wird von dem Faden des Todes zuſammen⸗ gehalten. Armfelt wurde immer von ſeinen eigenen Gedan⸗ ken hingeriſſen, wenn er ſich ihnen frei überlaſſen konnte, und je mehr er jetzt ſprach, um ſo ernſthafter wurde er. Döring kannte ihn jedoch zu gut, um nicht einzuſehen, daß es ſich jetzt um einen ungewöhnlichen Schmerz handelte. Als wir uns das letzte Mal trennten, begabſt Du Dich nach Stockholm, und ich ging nach Petersburg. Keiner von uns iſt ohne Beſchäftigung geblieben. Ich vertiefe mich nicht gern in nutzloſen Kummer, aber ich habe eine Nachricht erhalten, die mir ſehr nahe geht, und auch Dir nahe gehen wird. — Sagen Sie mir ohne alle Umſtände, was Sie auf dem Herzen haben, Herr Baron. Obſchon man vollkommene Gewißheit hatte, daß Döoring Armfelt's Sohn war, ſo nannte er ihn doch nie⸗ mals Vater, weil hier etwas lag, das ſie beide com⸗ promittirte. Sie liebten einander deßhalb um nichts weniger, aber ihre beſondere Stellung blieb ein Ge⸗ heimniß zwiſchen ihnen, aus welchem Beide Vortheil zu ziehen glaubten. — Es liegt in Deiner Natur, fuhr Armfelt fort, von ganzer Seele Diejenigen zu lieben, denen ſich Dein Herz einmal zugewandt hat. Ich will Dir ſagen, daß Pihraeumrdings Nachrichten von Deiner Mutter erhalten abe.. 1— Aus Italien? — Aus Neapel. Sie iſt... iſt... — Sie iſt geſtorben, ſiel Döring ein. — Ja, mein Freund, ſie iſt geſtorben. Armfelt empfand ſelbſt den tiefen Eindruck den ſeine Nachricht hervorrief, und entfernte ſich ſchweigend auf einen Augenblick. Der Kummer fordert Achtung; der Schmerz fordert Einſamkeit. Die Thräne im Auge ☛— 82 ☛= 12.——=ͤeͤe- 2—— e ☛ ——,———, — * 165⁵ hat keinen freien Lauf, wenn ein anderes Auge ſie er⸗ blickt. Die Thräne iſt des Herzens heiliges Eigenthum, wie das Gebet und der Seufzer. Der wahre Kummer will nur vor Gott beichten, nicht vor Menſchen. In der Freude gehören wir Allen, im Leide gehören wir nur uns ſelbſt an. Armfelt war inzwiſchen nicht lange allein gegan⸗ gen, als Döring ſich ihm wieder näherte. — Ich habe mich erholt, Herr Baron, ſagte er, begeben wir uns jetzt in's Schloß?. Armfelt drückte ſeine Hand mit einer Theilnahme, deren Aufrichtigkeit Döring's Herzen wohlthat. — Laß uns zuvor noch ein paar Worte ſprechen, ſagte Armfeld. Die Nachricht, die ich aus Neapel er⸗ halten habe, iſt ſehr unvollſtändig; aber Deine Mutter, die Fürſtin Raszanowsky, ſcheint Dich in ihrer Todes⸗ ſtunde nicht vergeſſen zu haben. In Polen hinterließ ſie fürſtlichen Reichthum und fürſtlichen Rang. Wäreſt Du ihr Sohn aus einer geſetzlichen Ehe, Döring, ſo wäreſt Du auch ihr einziger geſetzlicher Erbe. Wir dürfen jedoch nicht verzagen. Polen liegt jetzt in den Händen der Kaiſerin, und Du haſt Dir heute ihre Ge⸗ wogenheit erworben. Wir wollen ſpäter weiter davon ſprechen. Verſäume inzwiſchen nichts, was die vortheil⸗ hafte Anſicht fördern kann, welche die Kaiſerin von Dir hegt. Döring lauſchte eifrig jedem Worte, das aus Arm⸗ felt's Munde kam. Obſchon Widerwärtigkeiten, die für jedes junge und reine Gemüth ſchmerzlich ſein mußten, viele ſeiner frü⸗ heſten Illuſionen geſtört hatten, ſo glühten dennoch in ſeiner Bruſt, gleich einem eingeſchloſſenen Feuer, ehr⸗ geizige, hochemporſtrebende Pläne. 3 — Fürſtlichen Rang, wiederholte er, als Armfelt verſtummte. Er dachte nicht zuerſt an Reichthum, ſondern an Rang. Er hatte auch Grund dazu: denn woher, außer 166 von dem Unglück, außerehelich geboren zu ſein, waren wohl all die Schickſalsſchläge gekommen, die ſeine ſchönſten und herrlichſten Hoffnungen vernichtet hatten? Aber mit der männlichen Kraft, rechtzeitig alle voreiligen und ein junges Gemüth leicht irreführenden Lockungen zurückzuweiſen, legte er die Hand auf ſein Herz, um ihm Stillſchweigen und Ruhe anzubefehlen. Es wurde auch ruhig drinnen. — Ich werde Ihren Rath befolgen, Herr Baron, aber niemals zu viel vom Leben erwarten, ſondern ſtets eingedenk bleiben, daß mein Daſein ſelbſt ein Denkmal auf einem Grabe iſt, worin ein gebrochenes Mutterherz ruht. Mit Ergebung habe ich meinen Entſchluß ge⸗ faßt. Die Hoffnung iſt für die Glücklichen, die Erin⸗ nerung für die Unglücklichen; meine Seligkeit liegt hin⸗ ter mir. Was auch die Zukunft in ihrem Schooße tragen mag, ich werde ihr ruhig entgegengehen. — Ich verſtehe Deine Melancholie, Döring, ſagte Armfelt, aber ich billige ſie nicht. Du weißt, daß ich den Kummer Deines Herzens kenne, aber Du mußt als ein Mann damit brechen, und das Leben wird noch lächelnde Haine für Dich haben. Das Herz iſt zu mehr als einem einzigen Gefühl fähig, wenn es nur frei und natürlich athmen darf. Wie oft hat nicht der Tod die Liebe eines Mannes verheert, und gleichwohl hat neue Liebe unter den Ruinen aufgeblüht. Harte Schickſalsſchläge ſind die Vergänglichkeit in einer andern Geſtalt. Das Gefühl, das ewig durch einen Verluſt leidet, wird eine Niobe mit einem bald erſtarrten Her⸗ zen. Aus dem Eis wachſen keine Roſen. Eine einzige theure Erinnerung darf das Leben des Mannes nicht verheeren. Das Leben iſt mehr werth als ein einziges Unglück. Luiſe Poſſe bezauberte Dich mit der ganzen liebenswürdigen Macht einer ungewöhnlichen Schönheit. Aber die Umſtände haben den Stab über Euern Häup⸗ tern gebrochen, und warum ſich einer Phantaſie hinge⸗ ben, die nicht verwirklicht werden kann? Das heißt die AA 167 ſchönſten Kräfte der Seele unter Luftſchlöſſern ohne alle Wirklichkeit verſchwenden. Die Treue iſt eine Tugend, wenn ſie uns und Andere noch glücklich machen kann; ſie iſt dagegen eine Schwachheit, wenn ſie Alle nur un⸗ glücklich macht. Trafeſt Du Luiſe während Deines Aufenthalts in Stockholm? — Ein einziges Mal. — Ich appellire mit Zuverſicht an ihre eigenen Worte. Was ſagte ſie zu Dir? t Sie wiſſen, Herr Baron, daß ihr Vater geſtor⸗ en iſt. — Ich habe es gehört. — Sie erzählte mir, der Graf ſei an einer Fieber⸗ krankheit verſchieden, worin er allerlei geäußert habe, was von einem erſchütterten Gemüth zeugte, ohne daß ſie ihn jedoch recht verſtand. Auch mein Name ſoll dabei oft vorgekommen ſein, und geleitet von kindlich ärtlicher Ergebenheit, glaubte Luiſe ihn mit der Ver⸗ cherung zu beruhigen, daß ſie niemals mir angehören wolle. — Es iſt alſo abgemacht, Döring; der Todte hat ihr Verſprechen mit ſich in's Grab genommen, und Du weißt zu gut, daß dieß in ihrem religiödſen Gemüth feſte Wurzeln ſchlagen muß. Sie iſt unwiderruflich für Dich verloren. .— Sie ſagte mir das. Wie rührend war ſie nicht in ihrem ruhigen Schmerz, wie bewundernswürdig in ihrem milden Kummer! — Das Blatt hat ſich alſo jetzt gewendet, Döring, und nicht Du biſt es, der es gewendet hat, ſondern ſie. Verbittere Dein Leben nicht länger mit einem Kummer, der Dich nur immer mehr verdüſtern wird. Schaue Dich um. Wenn die Sonne an einem Ort untergeht, ſo geht ſie am andern auf. Nie hat uns noch ein Schmerz verzehrt, wenn wir uns nicht ſelbſt ganz wider⸗ ſtandslos ſeinen Händen überlaſſen haben. Wir haben unſere Kraft erhalten, um unſere Bekümmerniſſe zu 168 bekämpfen, nicht um uns ihnen zu unterwerfen. Der Kummer zermalmt Niemand; unſere Schwachheit iſt es, die uns zermalmt. Der Vogel hat ſeine Flügel, damit er nicht auf einem einzigen Zweig zu leben und zu ſterben braucht; der Menſch hat Geſundheit und Muth erhalten, damit ſein Leben ſich nicht bloß in einem einzigen Seufzer auflöst. Siehſt Du, Döring, die Welt iſt groß, aber das menſchliche Herz iſt gleich groß. Der Waſſertropfen iſt unbedeutend, aber er ſpie⸗ gelt Himmel und Erde zurück. Das Herz thut dieß auch. Mach Platz für neue Eindrücke, und Du be⸗ kommſt bald Platz für eine ganze Welt. Erinnerſt Du dich an Deine Mutter? Sie liebte bloß einen Einzi⸗ gen: mich, und wie unglücklich war ſie nicht! Erinnerſt u dich auch an Vincenz? auch er liebte nur eine Ein⸗ zige: Deine Mutter, und wie unglücklich war nicht auch eer! Wenn wir uns Denjenigen hingeben, die uns auf⸗ gegeben haben, ſo ſtürzen wir uns geradezu in's Ver⸗ derben. Die Welt iſt groß genug, wenn man nur nicht verzagt. Die Pforte Deiner Jugendliebe iſt verſchloſſen, und der Tod hat ihren Schlüſſel in der Tiefe des Gra⸗ bes verborgen; keine Macht vermag ihn wieder herauf zu beſchwören. Faſſe Muth, Döring! Verſinkſt Du nur in eine einzige Erinnerung, ſo wirſt Du vich, wenn Du einmal aus Deiner Melancholie erwachſt, in den Armen eines Skelets finden. Der Mann gehört dem Staate an, nicht bloß ſich ſelbſt, und um ihm anzuge⸗ hören, muß ſein Gemüth friſch, ſein Herz warm, ſeine Seele jung ſein. Friſche, Wärme und Jugend, das iſt wahre Liebe. Du mußt wieder lieben lernen, und mit Erfolg lieben. Die Liebe iſt ein Sporn zu allem Gu⸗ ten und Großen in der Welt. — Auch Luiſe ſprach ſo. —— — Um ein Mann zu werden, und das Gedächtniß Deiner Mutter würdig zu ehren, mußt Du mit kräfti⸗ gem Arm in den Gang der Ereigniſſe eingreifen. Aber der Arm iſt ſchlaff, wenn das Herz krank iſt. Nur 169 eine neue Liebe kann eine alte heilen. Ich möchte Dir etwas anvertrauen, Döring. — Sprechen Sie, Herr Baron, ich höre. — Seit meiner Ankunft in Petersburg war ich beſtändig beſchäftigt. Bald ſah ich ein, daß am Hofe ſelbſt eine ächt ruſſiſche Partei beſteht, welche der Ver⸗ mählung der Prinzeſſin Alexandra mit Guſtav IV. ent⸗ gegen arbeitet, obſchon die Kaiſerin dieſe Verbindung wuͤnſcht. Dieſe Partei wagt deßhalb auch nicht offen zu Werke zu gehen, ſondern ſchleicht ſich nur in der Stille vorwärts. Ich habe auch gefunden, daß ich hier auf allen Seiten von Spionen umgeben bin; aber ich hoffe das Beſte. Gegen eine Partei muß man eine andere aufſtellen, und ich habe mir eine ſolche unter den Damen geſucht; in Hofintriguen iſt das Weib immer mächtiger als der Mann. Du kennſt meine Ab⸗ ſichten: ich muß meine Feinde zermalmen, ich will nach Schweden zurück, und eine Verbindung zwiſchen Alexandra und Guſtav ſchließt beides in ſich. Willſt Du mir beiſtehen? — Von Herzen gern, zweifeln Sie nicht daran. — Kennſt Du Fräulein Willanow? — Nein. — Willanow iſt ſchön, einnehmend, jung. Ich habe noch wenig ſo bezaubernde Weiber geſehen. Sie beſitzt auch Alerandra's Freundſchaft und Ergebenheit im höchſten Grade. Sie allein beherrſcht die Prinzeſſin. Das wäre eine Partie für Dich, Döring. — Für mich? — Mit ihrer Liebe würden wir... aber es iſt zu früh, davon zu ſprechen. Ich will Dir nur ſagen, daß Willanow denſelben Namen führt, wie Deine Mutter, weil ſie einem jüngeren Zweig der polniſchen Familie Raszanowsky angehört. Es kann alſo viel von dem Teſtament abhängen, das Deine Mutter hinterlaſſen hat. Ich habe Dir geſagt, daß ich es nicht in ſeinem ganzen Umfang kenne, aber ſicherlich hat ſie irgend 170 einen Vollſtrecker ihres Willens auserſehen, und wir werden bald davon hören. Verſchließe nur Dein Herz der Stimme der Natur nicht, ſondern laß Schönheit 8 Unſchuld zu Dir reden und hoffe. Laß uns jetzt gehen.— Tauſend neue Ideen kreuzten ſich in Döring's Haupt. Armfelt hatte andere Ausſichten für ihn er⸗ öffnet, über welche ein neuer Morgenſtern ſich ſtrahlend unter ſeinen Gedanken erhob. Es war ihm ſo wun⸗ derlich zu Muthe, und er folgte Armfelt beinahe wie in einem Nebel, aber in einem Nebel, der nahe daran war, ſich zu verdünnen und zu verſchwinden. Zehntes Kapitel. Die Flintenkugel. — Meine Herren, Sie haben auf mich gewartet, ſagte die Kaiſerin lächelnd, als ſie aus ihren Gemächern kam; aber ich habe mehr die Welt in der Hand als die Zeit, die Zeit iſt ein unbeſtändiger Junggeſelle. Dabei ſchritt ſie zwiſchen doppelten Reihen junger Männer von beſonders einnehmendem Aeußern hin. Die Kaiſerin hatte eine Schwachheit, welcher der Hof gerne huldigte, nämlich auf dieſe Art zwiſchen Spalieren von ſchönen Männern durchzugehen. — Ach, der Held von Ismail und Pragal rief ſie, als Suwarow ſich näherte. Willkommen, Du muthiger Ritter meiner Politik! Unter meinen Fahnen biſt Du groß geworden, aber unter den Deinigen bin ich mäch⸗ tig geworden. — Ew. Majeſtät, antwortete Suwarow, in Ruß⸗ land findet ſich nur eine einzige Fahne vor: Ihr Wille. Suwarow war ſich's bewußt, daß er ſeinem Lande 1 171 große Dienſte geleiſtet und viel Ehre erworben hatte, aber bei all ſeiner ungebeugten und in vielen Fällen ganz un⸗ civiliſirten Kraft, war er vor der Selbſtherrſcherin Ruß⸗ lands ein nicht ungeſchickter Hofmann. Seine Reden und Antworten waren zwar kurz, aber deßhalb nicht minder kräftig. — In Zukunft, Suwarow, fuhr die Kaiſerin fort, wird man Ihr Portrait neben dem meinigen malen. — Möge Gott mich vor einer ſolchen Ehre bewah⸗ ren, Ew. Majeſtät! — Wie ſo? Die Kaiſerin runzelte ihre Augenbrauen. — Das iſt ein ganz natürlicher Wunſch, weil dann Niemand mich bemerken würde. Das Geſicht der Kaiſerin erheiterte ſich wieder. — Sie gehören meiner Geſchichte an, Suwarow; reichen Sie mir den Arm. Subow war mit der Kaiſerin in den Saal gekom⸗ men; aber die Chre, Katharina zu führen, die er ſonſt eiferſüchtig jedem Andern mißgönnt haben würde, über⸗ ließ er gerne dem lieben alten Vater der Armee. Ueberall, wo die Kaiſerin ſich zeigte, wurde ſie mit. Bewunderung und Ergebenheit empfangen. Obſchon ſie bei ceremoniellen Gelegenheiten ſehr häufig auf's Prächtigſte coſtümirt war, ſo trug ſie doch heute ihre gewöhnlichſte Kleidung, in der ſie ſich ſehr vortheilhaft ausnahm. Sie beſtand in einer Art Uni⸗ formsrock mit langen Aermeln und vorn weſtenartig zu⸗ geſchnitten. Auf dem Haupt trug ſie eine mit Juwelen geſchmückte kleine Mütze, und das etwas gepuderte Haar lag über die Schultern ausgebreitet. Während die Kaiſerin ihre Runde fortſetzte, blieb der Großfürſt Paul ſtehen und ſprach mit einigen Offi⸗ zieren von höherem Rang. Die Prinzeſſin Alexandra und Fräulein Willanow folgten dicht hinter der Kaiſerin. Als Katharina ungefähr in die Mitte des Saales 172 kam, blieb ſie ſtehen und warf einen verwunderten Blick um ſich. — Bei allen Heiligen, ſagte ſie, ich kann eine Be⸗ merkung nicht zurückhalten. Ihre Stimme tönte klar und rein: Alle lauſchten in Erwartung, was ſie ſagen würde; aber nach einer kurzen Pauſe breitete ſich ein freundliches Lächeln über ihr Geſicht. — Man hat die Fortdauer der Maskerade ge⸗ wünſcht, und gleichwohl ſehe ich nicht eine einzige Maske. — Vor dem Thron Ew. Majeſtät, antwortete Su⸗ bahad muß ein guter Unterthan immer unmaskirt ehen. — Schon gut, Suwarow, verſetzte die Kaiſerin; aber in einer Stunde werde ich Ihnen mit einem guten Beiſpiel vorangehen. Wir haben uns auf's Land begeben, um uns luſtig zu machen; die Freude iſt auch ein Held, der ſeine Eroberungen verdient. Keine Fürſtin konnte gegen ihre nächſte Umgebung liebenswürdiger und einnehmender ſein als Katharina. An ihrem Hof hatte ſie ſich durch Güte und Wohlwollen alle Herzen erworben. „In ihrem Privatleben,“ ſagt ein Schriftſteller, „ſchien die Fröhlichkeit und das Vertrauen, womit ſie umgeben war, die Jugend, die Spiele und den Scherz um ſie her zu verewigen.“„Die Freunde der Freiheit,“ ſagt derſelbe Schriftſteller an einem andern Ort,„müſ⸗ ſen Katharina wenigſtens dieſelbe Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, wie vernünftige Theologen jenen großen und weiſen Männern, die des Lichtes der Offenbarung nicht theilhaftig geworden ſind. Katharina's Verbrechen kamen von ihrer Lebensſtellung, nicht von ihrem Herzen. Die Frau, welche die Schlächtereien von Ismail und Praga anbefohlen hatte, zeigte ſich an ihrem Hof als die Menſchlichkeit ſelbſt. Alle, die mit genauer Auf⸗ merkſamkeit der Kaiſerin folgten, erkannten jeh ihrem ungewöhnlichen Charakter zwei von einander getrennte 173 Perſonen. Die eine war das liebenswürdige, geſſtreiche, nachſichtige, gute und aufgeklärte Weib; die andere war die ehrgeizige, gewaltthätige und manchmal grauſame Kaiſerin, die ihre ſchwachen Nachbarn niederbeugte, ihren Thron mit Blut beſudelte und die ganze Welt erſchreckte. Es fehlte ihr vielleicht bloß, daß ſie unglücklich geweſen wäre, um nur reine Tugenden zu beſitzen; aber ihr be⸗ ſtändiger Erfolg verderbte ſte. Die Eitelkeit, der gefähr⸗ lichſte Stein des Anſtoßes für ein Weib, war dieß auch für Katharina, und ihre Regierung wird in den Augen der Nachwelt den Stempel ihres Geſchlechtes tragen.“ An einem Ende des Saales ſtand eine kleine Gruppe von Damen, wie es ſchien in einem lebhaften Geſpräch begriffen. — Sie ſind viel gereist, Fürſtin, ſagte die Gräfin Branitzka, und Sie hielten ſich ja Anno 93 in Neapel auf, oder war es 947 — In beiden Jahren, ſiel das Fräulein Protaſow ein, in beiden Jahren; die Fürſtin war ja dort en Famille. — Dann müſſen Sie auch Armfelt kennen? Die dritte Perſon, an welche Branitzka und Prota⸗ ſow ihre Fragen richteten, war die Fürſtin Menzikow. Eine ſchnell vorübergehende Röthe breitete ſich bei der letzten mit ſo großer Sicherheit ausgeſprochenen Frage über die Wangen der Fürſtin. — Natürlich kenne ich ihn, antwortete ſie, ohne je⸗ doch, wie es ſchien, ein beſonderes Gewicht auf ihre Antwort zu legen; auf Reiſen lernt man allerlei Leute kennen. 1 — Und er war ja eine wichtige Perſon an Maria Karolinen's Hof? — CEr war da gerne geſehen, ſagte man; ich habe indeß nichts Näheres darüber erfahren. heit— Man erzählte ſich indeß hier allerlei. Die Bos⸗ eit... 174 — Man ſoll niemals glauben, was die Bosheit ſagt, fiel Protaſow ein. — Darin bin ich einverſtanden, ſagte die Fürſtin, die Bosheit iſt ein Hündchen auf dem Schooße einer vornehmen Damez es glaubt ſich berechtigt, Jedermann anzubellen, ohne daß man es wagt, dem naſeweiſen Geſchöpf das Maul zu ſtopfen. — Meine beſte Fürſtin, verſetzte die Gräfin, ich habe ja noch nicht ein einziges Wort geſagt, das Jemand verletzen könnte. Die Fuürſtin wechſelte die Farbe und Protaſow biß ſich in die Lippen. — Die Bosheit hat dießmal Niemand verläumdet, fuhr Branitzka fort: ſie hat bloß geſagt, daß Armfelt am neapolitaniſchen Hofe, wie auch am ſchwediſchen, die Rolle des Unwiderſtehlichen geſpielt habe, und den⸗ noch habe ich, weiß Gott, noch nichts Unwiderſtehliches an ihm entdeckt. — Noch nicht? fiel dabei eine Stimme hinter ihnen ein. Die Sprechenden wandten ſich um, und die Kaiſerin ſtand mitten unter ihnen, lächelnd und mit aufgehobenem drohendem Finger.. 4 — Von wem ſprechen Sie? fragte die Kaiſerin un⸗ mittelbar darauf. Alle ſchlugen ihre Augen nieder. Ihre Verlegen⸗ heit beluſtigte Katharina. — Nun, fügte ſie hinzu, Sie brauchen nicht ſo ſtumm zu ſein. Aber vielleicht wollen Sie meinen Scharf⸗ ſinn auf die Probe ſtellen, und mich den Namen des Mannes errathen laſſen, von dem es ſich jetzt handelte. — Ach ja, thun Sie das, Ew. Majeſtat, bat Pro⸗ taſow, thun Sie das. — Sie ſprechen von Armfelt, nicht wahr? Nehmen Sie ſich vor ihm in Acht, meine Freundinnen. Er iſt ein Meteor; man weiß nicht von wannen er kommt, und wohin er geht er leuchtet und verſchwindet. —&——— d n ——— 175 — Ach nein, Ew. Majeſtät, juſt das iſt es, was ich nicht begreife, bemerkte Branitzka. — Ich glaube, Du begreifſt ſehr viel, Branitzka, aber was iſt es denn, was Du jetzt nicht begreifſt? „— Daß Armfelt ein Mann ſei, vor dem man ſich in Acht nehmen müſſe. — Es ſteht ja auch in Deiner freien Wahl, dieß bleiben zu laſſen. Man lächelte um die Kaiſerin her. Branitzka fühlte, wie ihre Wangen zu gluͤhen begannen. — Ew. Majeſtät verſtehen mich falſch, antwortete ſte. Man hat behauptet, daß Armfelt im höchſten Grad liebenswürdig und einnehmend ſei. — Nun ja, meine Liebe, und Du findeſt das auch? — Weit entfernt, Ew. Majeſtät, ich finde ihn lang⸗ weilig, fad, eigenliebig, närriſch. — Und die Fürſtin Menzikow, hegt die entgegen⸗ geſetzte Meinung, vermuthe ich? — Keineswegs, Ew. Majeſtät, ich habe noch nicht ein einziges Wort über ihn geäußert. Ich ſah ihn aller⸗ dings am Hof in Neapel, aber ich kenne ihn gleichwohl zu wenig, um ihn beurtheilen zu können. — Dann biſt wohl Du es, unvorſichtige Protaſow, fuhr die Kaiſerin fort, die unſerer Freundin Branitzka den Verdruß bereitet hat, eine andere Anſicht auszu⸗ ſprechen als ſie?. — Gewiß nicht, Ew. Majeſtät; ich kann in dieſem Fall keine eigene Anſicht haben, denn ich habe bis jetzt noch kaum Zeit gehabt, den Baron Armfelt zu beobachten. — Aber mit wem iſt denn Branitzka im Zwieſpalt? Aller Augen wandten ſich jetzt auf die Gräfin. — Ich bin im Zwieſpalt mit... — Sie iſt mit ſich ſelbſt im Zwieſpalt, Ew. Ma⸗ jeſtät, fügte Protaſow hinzu. 4 — Das heißt, Ew. Majeſtät, ſagte die Fürſtin Menzikow, mit der Bosheit. Man lachte noch über das Beißende in der Bemer⸗ 176 kung der Fürſtin, als die Thüre aufging und Armfelt eintrat. 3 Döring ging an ſeiner Seite. Subow, Markow und Orlow, die bisher miteinander geſprochen hatten, verſtummten jetzt und folgten aufmerk⸗ ſam Armfelt. — Seht, da iſt der Baron ſelbſt, bemerkte die Kai⸗ ſerin. Kommen Sie her, Armfelt. Man ſtreitet über Sie. Die Damen wollten ſich zurückziehen, aber die An⸗ weſenheit der Kaiſerin geſtattete es ihnen nicht. — In der Gräfin Branitzka haben Sie wahrhaftig eine ſchöne Feindin gefunden. Die Augen der Gräfin blitzten, während ſie dieſel⸗ ben auf Armfelt heftete. — Eine ſchöne Feindin, wiederholte Armfelt; aber er legte den Ton auf dieſe Worte ganz anders als die Kaiſerin, und ſtatt eines Scherzes verwandelte er ſie in ein Compliment. — Ungeachtet Menzikow, fuhr die Kaiſerin fort, zu gleicher Zeit mit Ihnen in Neapel war, Armfelt, ſo be⸗ hauptet ſie doch, daß ſie Sie kaum kenne.. Die Fürſtin veränderte keinen Zug, aber Armfelt entdeckte eine qualvolle Unruhe in ihrem ſchwebenden Blick. — Die Fürſtin hat Recht, antwortete Armfelt. Sie ſpielte am neapolitaniſchen Hof die Rolle einer mar⸗ mornen Aphrodite; ſte wurde von Allen anerkannt und bewundert, aber ſie erkannte ſelbſt Niemand an. — Und Protaſow behauptet, ſie habe noch nicht einmal Zeit gehabt, Sie zu beobachten. Ein feines Lächeln ſpielte auf Armfelt's Lippen. Protaſow erröthete bis unter die Augen. — Fräulein Protaſow hat das Recht, die Nolle eines zweiten Narciß zu ſpielen und nur ſich ſelbſt zu beobachten. Dieß bleibt immer eines der erſten Vor⸗ rechte der Schönheit. Prota ſow ſenkte ihre Augen. — Sie ſind ein artiger Mann, fuhr die Kaiſerin 177 fort, aber in Branitzka haben Sie dennoch eine Feindin, die ſich nicht durch Complimente entwaffnen läßt. Sehen Sie, wie ihre Augen brennen. Branitzka wich nicht zurück; ſie ſchien vielmehr einem Kampf mit Armfelt mit Vergnügen entgegenzuſehen. — Ich halte mich bloß an eine einzige Anſicht, ſagte ſie, nämlich, daß etwas für das weibliche Geſchlecht Verletzendes darin liegt, einem Mann das Prädikat un⸗ widerſtehlich zu geben. Ich habe noch keinen Mann ge⸗ ſehen, der dieß geweſen wäre. — Unwiderſtehlich, Frau Gräfin! wiederholte Arm⸗ felt, allerdings; das Prädikat kommt nicht dem Manne zu, ſondern der Frau. Obſchon ich allerlei mitgemacht habe, weiß ich doch nicht, was das heißt, eine Dame zu beſiegen, wohl aber beſtegt zu werden. Armfelt benützte die Pauſe, die jetzt entſtand, um Döring der Kaiſerin vorzuſtellen. Eine Weile ſpäter ging die Fürſtin Menzikow an Armfelt vorüber. — Ich habe viel mit Ihnen zu ſprechen, Armfelt, flüſterte ſie ihm zu; wann beſuchen Sie mich? Armfelt konnte nicht antworten, weil Fräulein Pro⸗ taſow ſich in dieſem Augenblicke von der andern Seite näherte. — Wir treffen uns, flüſterte ſie. Noch ruhte Branitzka's herausfordernder Blick wie ein Feuerſtrahl auf ihm, während ein trotziges Lächeln auf ihren Lippen ſpielte. Armfelt's Stirne hob ſich, ſeine Bruſt ſchwoll. In ſeinem ganzen Weſen lag in dieſem Augenblick ſo viel romantiſche Liebe, daß er bezaubernd erſchien: Träumte wohl ſein ſtolzes Herz von einem neuen Siege? Sein feuriger Blick begegnete dreiſt den Blicken Branitzka's. Noch verweilte er auf ſeinem Kla, als überlegte er bei ſich ſelbſt; dann aber ſetzte er ſich in Bewegung und begab ſich unmittelbar zu... ſeiner ſchönen Feindin. Der Fürſt. I. 12 178 Die ſcherzende Anmuth, welche die Kaiſerin bei der ſo eben geſchilderten Scene als einnehmendes Weib ge⸗ zeigt hatte, verſchwand, als Döring ihr vorgeſtellt wurde, und ſie ſtand vor ihm als Regentin. Wie alle Ausländer, welche die Ehre hatten, ihrer Perſon zu nahen, ſagte auch er im Siillen zu ſich ſelbſt: Das iſt ſie, das iſt die Semiramis des Nordens. Die Kaiſerin hatte Suwarow wieder unter dem Arm genommen, und ſie gab Döring einen Wink, ihr zu folgen, worauf ſie ſich zu Alexandra Paulowna begab. — Schweden iſt Dir lieb, Alexandra, ſagte ſie. Sieh' hier einen Schweden,— ſie wandte ſich dabei gegen Döring— der Dir intereſſante Nachrichten mit⸗ theilen dürfte. Er iſt es, der die letzten Depeſchen über⸗ bracht hat. Alexandra wird Ihnen ſelbſt dafür danken. Ein Zittern, leicht und vorübergehend, wie wenn ein Oſtwind das Blatt einer ſchönen Blume bewegt und dann wieder entflieht, erſchütterten die jungfräulich zar⸗ ten Glieder der Prinzeſſin. Sie erröthete und lächelte zugleich. — Sie waren heftigen Stürmen ausgeſetzt, ſagte ſie, und ſind dennoch hierher geeilt. Dank Capitän! Mit einer Freundlichkeit, ſo einfach, mild und ein⸗ nehmend wie ihr ganzes Weſen, ſtreckte ſie ihre Hand gegen ihn aus. — Ew. Hoheit, begann Döring, indem er ſein Haupt erhob, um zu antworten, Ew. Hoheit... Aber Döoring kam nicht weiter, denn als er ſich gegen die Prinzeſſin wandte, entdeckte er an ihrer Seite dieſelbe Dame, mit welcher er unter ſo abenteuerlichen Umſtänden in der kleinen Bauernhütte zuſammengetrof⸗ fen war, und die ſich auf einen Augenblick vor ihm demaskirt hatte. Döring wagte ſeinen Augen kaum zu trauen und vermochte ſie nicht von ihr abzuwenden. Wie ſchön war ſie nicht! Und als er ſich jetzt erinnerte, daß er vor die⸗ ſem ſo bezaubernden Weſen bereits einmal auf den 179 Feen gelegen, da übermannte ihn ein wonniges Ent⸗ ücken. 4 Aber bald gewann er ſeine Selbſtbeherrſchung wie⸗ der, und ruhig trug er jetzt der Prinzeſſin die Ausdrücke der Verehrung vor, die ihre Perſon ihm einflößte. Mit⸗ unter flog jedoch aus ſeiner Seele ein Blick voll von Schwärmerei zu ihrer Nachbarin hinüber, die, gleichſam von einem Zauberkreis der Schönheit umgeben, magne⸗ tiſch alle ſeine Gedanken anzog. — Ich glaube, es iſt das erſte Mal, daß Sie ſich am ruſſiſchen Hofe beſinden, bemerkte die Prinzeſſin. Laſſen Sie mich die Zahl Ihrer Bekannten durch meine Freun⸗ din, Fräulein Willanow, vermehren. — Willanow! bemerkte er vor ſich hin. Sie iſt dieſelbe, von der Armfelt ſo eben geſprochen hat. Willanow hatte auch Döring wieder erkannt, und obſchon ſie ſich zurückzog, um ihre Ueberraſchung nicht zu verrathen, ſo entging ihr doch der Eindruck nicht, den ſie auf ihn machte. Zum Glück für beide wandte ſich die allgemeine Aufmerkſamkeit in dieſem Augenblicke dem General Su⸗ warow zu. Ein Kammerherr meldete ihm nämlich, ein fremder junger Mann habe ſich im Vorſaal des Schloſſes ein⸗ gefunden und die Dienerſchaft dringend erſucht, dem General ſeine Bitte um eine augenblickliche Unterredung zu überbringen, Die Dienerſchaft hatte inzwiſchen ſein Begehren abgeſchlagen, weil es ihr in Rückſicht auf Zeit und Ort gleich unpaſſend erſchien. Der Unbekannte hatte ſich gleichwohl nicht abweiſen laſſen, ſondern hartnäckig verlangt, daß man ihn an⸗ melden ſolle. Während der Wortwechſel darüber noch fortwährte, war der Kammerherr zufällig vorbeigekommen.— Der Fremdling hatte ſich jetzt mit derſelben Bitte an ihn gewandt. 12⸗ 180 Der Kammerherr erzählte die Scene auf eine Art, welche die Neugierde reizte. — Ich fragte den Unbekannten, wer er wäre. — Obſchon noch ſehr jung, antwortete er mir, habe ich Rußland einen großen Dienſt erwieſen, und ohne mich wäre General Suwarow in dieſem Augenblicke nicht hier. Suwarow's Stirne legte ſich in drohende Falten. — Iſt der Junge verrückt? fragte er bloß. — Darauf bat ich ihn, fuhr der Kammerherr fort, mir ſeinen Namen zu ſagen. — Sagen Sie dem General Suwarow, erwiederte er, daß ich um Erlaubniß bitte, mit ihm zu ſprechen, und ein Name, der in meinem Mund ohne alle Bedeu⸗ tung iſt, durfte in dem ſeinigen welche erhalten. 4— Das iſt ein Abenteurer, bemerkte die Kaiſerin. Wie ſieht er aus? — Er iſt ein ſchlanker, hochgewachſener Jüngling, von vortheilhaftem Aeußern. — Und ſein Aufzug? — Er trägt eine ſchöne Uniform, die ich indeß noch nie geſehen zu haben meine. — Nun, Suwarow, ſiel die Kaiſerin ein, die ihre Neugierde nicht gänzlich unterdrücken konnte, was ge⸗ denken Sie zu thun? — Ew. Majeſtät haben zu befehlen. — Iſt er noch drunten? — Als ich mich entfernen wollte, fuhr der Kammer⸗ herr fort, nahm er ein Stück Blei und erſuchte mich, es dem General zu überreichen. Suwarow wurde immer ungeduldiger. — Welche Kühnheit! brummte er. — Ich weigerte mich, das Stück Blei anzunehmen und ſchob es weg, allein er ließ mich nicht los, bis ich ſeinem Wunſche endlich willfahrte. — Ei, General, das Ding wird ja immer luſtiger; 181 laſſen Sie mich das Stück Blei ſehen. Ha, General, das iſt eine Flintenkugel, obſchon plattgedrückt. — Wie Sie ſagen, Ew. Majeſtät, es iſt in Wahr⸗ heit eine plattgedrückte Flintenkugel. Der Verdruß zeichnete ſich immer deutlicher in Su⸗ warow's Zügen. 1 — Die Geſchichte beginnt mich zu intereſſiren. Ich glaube, wir wollen den Unbekannten herauf kommen laſſen, ſagte die Kaiſerin. — Nein, Ew. Majeſtät, nein. Ich bin mir nicht bewußt, mit irgend einem Abenteurer in Verbindung zu ſtehen. Es iſt bloß ein unverſchämter Verſuch, in Ihren Palaſt einzudringen. Der Kammerherr hatte ſeine Erzählung laut vor⸗ getragen, ſo daß alle Anweſenden ſie hören konnten. An einem Hof, wo Ciikette und Convenienz Alles in ihre Bande ſchlagen, braucht es nicht viel, um Intereſſe zu erwecken, und hier traten mehr ungewöhnliche Ele⸗ mente zuſammen, um die Aufmerkſamkeit zu erregen, als nöthig war; die Kaiſerin ſelbſt machte keinen Hehl aus ihrem Wunſch, den Fremden zu ſehen. Suwarow, Rußlands größter Krieger, war überdieß in die Sache verwickelt. Schweigend harrte man dem Beſchluß ent⸗ gegen, der gefaßt werden ſollte. Der Einzige, den die Sache beunruhigte, war Dö⸗ ring: eine Ahnung ſagte ihm, daß der Unbekannte kein Anderer ſei, als Worowitſch. 3 Wie Kaiſerin betrachtete noch immer die Flinten⸗ ugel. — Hier ſtehen einige Buchſtaben eingegraben, be⸗ merkte ſie. Ich täuſche mich nicht. Praga... ja, ja, hier ſteht wirklich Praga. Was vill das heißen? „Suwarow's Augen ſahen aus wie zwei Piſtolen⸗ mündungen. — Praga? wiederholte er, Praga? — Sehen Sie ſelbſt, General. Suwarow empfing die Kugel. 182 — Tauſend Teufel.. ich bitte um Entſchuldigung, Ew. Majeſtät, hier ſteht deutlich Praga. Aber auf einmal wurden ſeine Geſichtszüge hart und kalt wie Granit, und die Hand fuhr langſam über die Stirne.. — Praga, murmelte er, Praga. Ddöring's Furcht ſteigerte ſich. Welche Unvorſichtig⸗ keit hatte wohl ſein räthſelhafter Freund begangen? Die Kaiſerin heftete ihre Aufmerkſamkeit ausſchließ⸗ lich auf Suwarow. — Erlauben Ew. Majeſtät, daß ich mich zu dem Unbekannten hinabbegebe? — Laſſen Sie ihn heraufkommen. — Nein, Ew. Majeſtät, nein. — Warum nicht? — Weil ich noch nicht ſicher bin, wer es iſt. Darf ich mich entfernen, Ew. Majeſtät? — Thun Sie was Sie wollen, Suwarow. Aber ich erwarte Sie mit Ungeduld zurück, um Ihren Bericht zu empfangen. Suwarow entfernte ſich. Mit der geſpannten Theilnahme, die jedes unge⸗ wöhnliche Ereigniß einflößt, hatte man ſich um die Kai⸗ ſerin verſammelt. Als Suwarow aus den großen Sälen verſchwand, folgten ihm alle Blicke, und als die Thüre auletzt hinter ihm ſich ſchloß, verweilten ſie auf ihr. an erwartete, daß etwas Pikantes eintreten würde. Die Kaiſerin konnte ſich von einer Regung weiblicher Neugierde nicht befreien. Döring näherte ſich Willanow, um ſie auf Woro⸗ witſch's vermuthliches Auftreten vorzubereiten. — Mein Fräulein, redete er ſie an, ich habe be⸗ merkt, daß Sie mich mit einiger Furcht betrachtet haben. Ich eile daher, Sie zu verſichern, daß ich mich des Ver⸗ 1 183 trauens, welches mir der Zufall verſchafft hat, würdig zeigen werde. a räͤulein Willanow zog ſich in eine Fenſterniſche urück. 1— Ich glaube Ihnen, Capitän, antwortete ſie, und es freut mich, daß ich Sie hier wiederfand. Ich habe Ihnen ſo viel zu ſagen, ſo viel zu erklären. Mein Be⸗ nehmen kann Ihnen ſonderbar erſcheinen. Ihre Stimme war klar und wohlklingend; ihr Ton zitterte wie eine liebliche Muſik durch Döring's Seele. — Ganz und gar nicht, mein Fräulein. Seien Sie überzeugt, daß ich Sie mit Verehrung betrachte und Ihre Handlungsweiſe nicht einen einzigen Augenblick mißkannt habe. Man braucht Ihnen nur in die Augen zu ſehen, mein Fräulein, um zu begreifen, daß hr Benehmen nur reine Motive haben kann. Ich preiſe mich glücklich, daß ich Ihnen einen Dienſt erweiſen konnte, als ich Sie noch nicht kannte, und es würde mich ſtolz machen, wenn ich Ihnen jetzt, da ich weiß, wer Sie ſind, ebenfalls nützlich ſein könnte. Ein leiſes Gemurmel ging in dieſem Augenblick durch die Säle. Döring, der auf einen andern Punkt geführt wor⸗ den war, als auf den eigentlichen Gegenſtand, worüber er mit Willanow ſprechen wollte, kam jetzt wieder auf dieſen zurück. — Es iſt wahr, mein Fräulein, ich gedachte Sie zu warnen. — Mich zu warnen? Vor was? Das Gemurmel nahm zu. — Sie ahnen nicht, wer der Fremdling iſt, der mit Suwarow zu ſprechen wünſcht? — Wer er iſt? Willanow hatte inzwiſchen die Frage kaum wieder⸗ holen können, als die vor ihr ſtehende Schaar der Um⸗ gebung der Kaiſerin ſich öffnete, und zwiſchen den mur⸗ melnden Reihen Suwarow erſchien, einen ſchlanken, 184 hochgewachſenen jungen Mann von angenehmem und intereſſantem Ausſehen, in einer prachtvoll geſtickten, polniſchen Cavalerieuniform, an der Hand führend. Döring und Willanow erkannten ſogleich den für die Uebrigen fremden Worowitſch. Bei ſeinem Anblick wurde Willanow von Entſetzen und Schrecken erfaßt. — Mein Gott, flüſterte ſie, was gedenkt er zu thun? Ihre Wangen waren todesblaß, und um nicht zu wanken, nahm ſie Döring's Arm und ſtützte ſich darauf. — Bedenken Sie, daß Sie von dem ganzen ruſſi⸗ ſchen Hofe umgeben ſind, erinnerte Döring. Nehmen Sie ſich in Acht, ſtellen Sie ſich nicht bloß. Sehen Sie... dort werden Sie von zwei ſcharfen Augen be⸗ trachtet... es iſt Graf Orlow... unter allen Umſtän⸗ den beruhigen Sie ſich. Willanow beherrſchte ſich wieder, aber jeder Bluts⸗ tropfen war aus ihren Wangen verſchwunden und Dö⸗ ring hörte, wie ihr Herz unruhig klopfte. — Wie muß ſie ihn nicht lieben! dachte er bei ſich Plhſ Welche Seligkeit, zu lieben und geliebt zu werden! uch ich... Noch ruhte ihr Arm auf dem ſeinigen. Welches Behagen, wenn auch mit einem melancholiſchen Gefuühl vermiſcht, empfand er nicht! Worowitſch's Auftreten war augenſcheinlich für Wil⸗ lanow ein wichtiges Ereigniß. Mit forſchender, unab⸗ läſſiger Theilnahme folgte ſie allen ſeinen Bewegungen. Die ganze Ruhe ihrer Seele ſchien einzig und allein von ihnen abzuhängen. — Haben Sie Acht auf ſich, mein Fräulein, bat Döring von Neuem; Sie vergeſſen, wo Sie ſind. — Fürchten Sie nichts. Große Ereigniſſe reißen die Schranken der Con⸗ venienz nieder. Die Ungewißheit, worein Willanow ſich verſetzt fand, hatte Dböring auf einmal zu einem Bru⸗ der und Freund für ſie gemacht. Was unter gewöhn⸗ — 185⁵ lichen Umſtänden viele Jahre nicht zu Stande gebracht hätten, das hatte jetzt der Augenblick gethan. Da ſie ſich fortwährend an ihn ſtützte, ſo ſah er das Vertrauen ein, das ſie ihm ſchenkte. Der Zufall hatte beide zuſammengeführt, und ihn in die Geheimniſſe zweier jungen Herzen eingeweiht, und mit der Hand auf ſeiner eigenen Bruſt, worin ſo manche Erinnerungen wohnten, fühlte er ſich würdig und ſogar beglückt, der Freund beider zu ſein. Selbſt das Opfer einer hoffnungsloſen Liebe, war es bei ihm ein natür⸗ liches Gefühl, ſein Leben der Freundſchaft zu opfern. Aber was hatte Worowitſch vor? Was beabſichtigte er mit dieſer Art und Weiſe zu der Kaiſerin zu dringen? War es bloß der Wunſch, ſich vor Argwohn und Ver⸗ folgung zu ſchützen, war es nicht vielmehr das Verlangen, Willanow näher zu kommen? Dieſe Fragen drängten ſich Döring von ſelbſt auf, während auch er mit ſeiner Aufmerkſamkeit Worowitſch falaie, der an Suwarow's Hand jetzt vor der Kaiſerin and. Ew. Majeſtät, ſprach Suwarow. In den großen Sälen herrſchte ein tiefes Schweigen: von allen Seiten her wollte man hören, was der Ge⸗ neral zu ſagen hatte. — Sie befahlen mir, Ew. Majeſtät, fuhr er fort, bald zurückzukommen und meinen Bericht abzuſtatten. Ich wagte Ihre Worte ſo zu deuten, daß ich ein Recht hätte, Ew. Majeſtät dieſen Jüngling vorzuſtellen. Eine freundliche Handbewegung gab den Beifall der Kaiſerin zu erkennen. — Dieſer Jüngling hat Recht, Ew. Majeſtät, wenn er erklärte, daß ich ohne ihn heute Abend nicht hier wäre. Suwarow überging die Aeußerung des Jünglings, daß er Rußland einen großen Dienſt erwieſen habe. — Er hat Recht, Ew. Majeſtät, wenn er ſagt, daß ſein Name Werth für mich habe. 186 Nur Suwarow's männliche Stimme ertönte im al. Döring und Willanow, die bisher für Worowitſch gefürchtet hatten, wurden von einem freudigen Gefühl ergriffen, das um ſo ſtärker war, je unerwarteter es kam. Willanow wurde gänzlich davon überwältigt, und mit tiefer Rührung ſah Döring, daß eine Thräne ihre dunkeln Augen feuchtete. — Der Sachverhalt iſt folgender, Ew. Majeſtät. Sie wiſſen, daß Praga ſich tapfer vertheidigte, obſchon es zuletzt Ihrer Armee unterlag. Als wir die feindlichen Truppen entwaffneten, befand ich mich vor der Front derſelben. Der Platz war eng und ich war auf allen Seiten von Leuten umgeben. Ein Mann— er war kein Soldat, ſondern gehörte der Bevölkerung der Stadt an— bemächtigte ſich dabei plötzlich eines Gewehres, und in der wilden Raſerei der Verzweiflung legte er von hinten auf mich an. Der Schuß geht los, und ich würde den Sieg blutig bezahlt haben, hätte nicht dieſer Jüngling, der den Angriff bemerkte, im rechten Augen⸗ blick auf das Gewehr des heimtückiſchen Schützen ge⸗ ſchlagen; die Kugel pfiff an meinem Kopfe vorbei, plät⸗ tete ſich an einer Steinmauer neben mir und ſiel zu meinen Füßen nieder. Der General pauſirte hier. — Ew. Majeſtät, fuhr er dann fort, ehe ich mich umſehen konnte, hörte ich aus den Reihen meiner Krie⸗ ger ein beifälliges Hurrahgeſchrei; dieſer Jüngling ſtürzte vor, hob die Kugel auf und übergab ſie mir. — General, ſagte er, Sie haben mein Vaterland verwüſtet und jeder redliche Pole iſt Ihr Feind; aber Sie finden keinen Meuchelmörder unter uns, Sie haben edle Feinde. Der General paufirte von Neuem. Worowitſch ſtand mit geſenkten Augen vor der Kai⸗ ſerin. Bewunderung erſcholl rings um ihn her. — Ew. Majeſtät, fuhr Suwarow wieder fort, ich Sa 187 ſtreckte meine Arme aus, drückte den hochſinnigen Jüng⸗ ling an mein Herz, ſchenkte ihm die Freiheit, bat ihn, die Kugel als Andenken an mich aufzubewahren, und verſicherte ihn meiner Freundſchaft, im Fall er ihrer je bedürfen ſollte. Auf allen Seiten von wichtigen Ge⸗ ſchäften beſtürmt, vergaß ich damals nach dem Namen des Jünglings zu fragen, und die ganze Geſchichte war ſeitdem meinem Gedächtniß entfallen. Er hat mir jetzt den erſteren angegeben und mich an die letztere erinnert. Sein Name iſt Worowitſch. Die Kaiſerin trat dem Jüngling einige Schritte näher, während ſie ihn ſtillſchweigend betrachtete. — Laſſen Sie mich die Kugel ſehen, ſagte ſie zu ihm Noch einmal heftete ſie ihre Blicke darauf. — Suwarow, ſagte ſie dann, Du mußt dieſe Kugel in Diamanten einfaſſen laſſen und dann Worowitſch zurückgeben, damit er ſie auf der Bruſt trage. Worowitſch war mit ungezwungener Haltung ein⸗ getreten, und hatten auch ſeine Augen ſich geſenkt, ſo hatte doch ſein Haupt ſich nicht vor der Kaiſerin ge⸗ beugt, aber bei ihrem ſchmeichelhaften und freundlichen Befehl, ſchienen die widerſtreitenden Gefühle in ſeinem Innern ſich zu Verehrung und Hochachtung zu ordnen, und auf einmal ſtürzte er auf ein Knie vor ihr nieder. — Sie belohnen hochſinnig, Ew. Majeſtät, ſagte er, aber Sie wiſſen nicht... — Was weiß ich nicht?— — Daß ich einer von Polens ſtolzen Söhnen bin, der mit der ganzen Kraft eines jungen Mannes gegen Ihre Krieger gekämpft hat, und daß ich noch in dieſem Augenblick mit meiner ganzen Seele an der Selbſtſtän⸗ ditei und Freiheit meines unglücklichen Vaterlandes änge. — Ich ſehe das an Ihrer offenen Stirne und Ihrem kühnen Blick, und für Ihre Jahre finde ich dieſen En⸗ thuſtasmus ſchön. Thun Sie, was ich geſagt habe, Suwarow. 188 Worowitſch richtete ſich wieder auf. Ohne alle Furcht ſchaute er ſich um. Niemand konnte dem ſchlan⸗ ken, aber kräftig gewachſenen Jüngling ein Gefühl der Achtung verſagen. — Sie ſind ohne Waffe an Ihrer Seite, bemerkte Katharina. — Ich bin, wie mein Vaterland, antwortete er, wir ſind beide entwaffnet. Willanow hatte ſich vorgebeugt, ſo daß Worowitſch ſie jetzt entdeckte, aber er ſirirte ſie nur einen einzigen Augenblick, dann flog ſein Blick weiter, gleich als ſuche er Jemand. Nach den heftigen Leidenſchaften zu ſchließen, die auf einmal in ſeinem Geſicht zu arbeiten begannen, hatte er auch denjenigen gefunden, den er ſuchte, denn ſein Blick verweilte jetzt wie eine Flamme des Zornes auf dem Grafen Orlow. Was wir hier beſchrieben haben, war nur das eerk einer Minute, und außer Döring und Willanow, die ihn kannten, ahnte Niemand, was in ſeinem Innern vorging. Es fand ſich jedoch noch Jemand, der in Worowitſch einen Feind ahnte, obſchon er ſich den Grund nicht er⸗ klären konnte. Dieſer Dritte war Orlow. War es das Gewiſſen, das ihn ſchlug? Während der kurzen Pauſe nach Worowitſch's letzter Antwort, hatte die Kaiſerin Suwarow zu ſich gewinkt. — Geben Sie mir Ihren Degen, ſagte ſie. Suwarow übergab ihn. — Worowitſch, redete ſie dann den Jüngling wieder an, Sie haben den ausgezeichnetſten Helden der ruſſi⸗ . ſchen Armee gerettet, und wenn ich ihn entwaffne, ſo eſchieht es, um ſeinen Retter zu bewaffnen. Es iſt eine uszeichnung für Sie, aber eine Ehre für ihn, daß ein Feind wie Sie ſein eigenes Schwert trägt. Hier, Woro⸗ 189 witſch, hängen Sie es an Ihre Seite, Sie haben es verdient. Worowitſch zögerte indeß, den Degen anzunehmen. Ein Gedanke beſchäftigte ihn augenſcheinlich. — Ew. Majeſtät, ſprach er dann, verzeihen Sie mir, aber ich kann dieſen Degen nicht annehmen. Ich bin kein Ruſſe, Ew. Majeſtät, ich bin Pole. Ich fühle mich ſtolz und glücklich, darüber, daß ich den General Suwarow von einem verrätheriſchen Angriff gerettet habe, aber ich müßte vor mir ſelbſt erröthen, wenn ich ein Schwert trüge, das... das... das... Die Hand der Kaiſerin ſank mit dem Degen nieder. — Das, wiederholte ſie, das... — Das vom Herzblute meines Vaterlandes trieft, vollendete Worowitſch mit feſter Stimme. Die Unterlippe der Kaiſerin zitterte krampfhaft. — Entſetzliche Parteikämpfe, große, ſchauerliche Un⸗ glücksfälle haben mein Vaterland heimgeſucht, ſprach Worowitſch weiter; aber ich kenne einige der geheime Kräfte, die uns Schritt für Schritt an den Abgrunl des Verderbens führten. Ew. Majeſtät haben Ihr Schwert ausgeworfen, und ſeine Schneide hat gleich der Senſe des Todes verheert und verwüſtet. Ich klage nicht, denn das Recht des Krieges iſt auf Ihrer Seite; aber eine Klage habe ich doch, die ich vor Ihren Thron zu bringen wage. Ich bin jung, ich bin unerfahren und weiß nicht was Staatskunſt und Politik gebieten, aber ich bin alt genug, um zu verſtehen, was Treue und Ehre gebieten. Während er ſprach, erhob ſich ein unzufriedenes Gemurmel um ihn her. Nur die Kaiſerin behielt ihre ganze Würde; aber wenn man tiefer in ihre Augen blickte, ſo bemerkte man einen ſteigenden Verdruß. Willanow, die ſich vorher ſo innig über Worowitſch's Erfolg gefreut hatte, athmete jetzt immer langſamer, und ihr Arm, der noch fortwährend auf Döring's Arm ruhte, wurde immer ſchwerer. 190 Was wollte Worowitſch wohl weiter ſagen? Suwarow trat mit drohender Miene einen Schritt näher zu Worowitſch, um den Flug zu hemmen, den ſeine Gedanken nehmen zu wollen ſchienen; aber Woro⸗ witſch zeigte keine Luſt aufzuhbren, nachdem er einmal das Wort ergriffen hatte. — Ew. Majeſtät, fuhr er unerſchrocken fort, als ich Praga verließ, einer von den Wenigen, oder vielleicht der Einzige, der von General Suwarow die Freiheit empfangen, da kehrte ich in meine väterliche Wohnung zurück, um in der Mitte meiner Angehörigen mich dem Machtgebot der großen Ereigniſſe zu unterwerfen. Ich kam und wurde Augenzeuge der Todeszuckungen Polens, worin meine Familie, die ihre letzten Kräfte auf dem Altar des Vaterlandes opferte, verwickelt war. Auch ich kämpfte, aber ich kämpfte jetzt für meine Verwandten. Es war eine Selbſtvertheidigung, welche die Stimme der Natur mir auferlegte. Aber bald blieben von vieler alten Ehre nur die Splitter übrig, von einem mächtigen Einfluß nur Sklaverei, von ungeheurem Reichthum nur Armuth. War es indeß nur das Schwert, das ſo viele, im Laufe von Jahrhunderten geſchaffene Größe zermalmt hatte? Ganz und gar nicht, Ew. Majeſtät. Was Ihre Waffen gethan haben, darüber beklage ich mich nicht, aber ich beklage mich über Ihre Beamten. Unter ihnen hat mehr als Einer ſich heimtückiſch in unſeren Familien eingeniſtet und, nachdem er Vertrauen gewonnen, die Geſetze der Ehre und Redlichkeit mit Füßen getreten. Ich kenne wenigſtens Einen, der durch falſche Anklagen vorſätzlich Perſonen von der erprobteſten Tugend geſtuͤrzt und erwieſene Freundſchaft und Achtung mit Schimpf und Schande belohnt hat. Es lag etwas Erhabenes in Worowitſch's uner⸗ ſchrockener Aufrichtigkeit. Hingeriſſen von ſeiner jugend⸗ lich heroiſchen Inſpiration, vergaß er, wo er war. Die Kaiſerin hatte ihn mehr als einmal unter⸗ brechen wollen, aber es fehlte ihr an Worten, und ihre 191 Lippen bewegten ſich zwar, aber es kam kein Ton über dieſelben. Als jedoch Worowitſch an dieſe Stelle ſeines Vor⸗ trags kam, da nahm das Gemurmel um ihn her immer mehr zu. — Um vor dem Thron Ew. Majeſtät dieſen Mann anzuklagen, habe ich es gewagt, hier einzudringen. Dieſer Mann... Worowitſch's Augen bewegten ſich wieder, um Or⸗ low zu finden, aber Orlow hatte ſich einen Weg bis zu ihm vor gebahnt, und ſtand jetzt an ſeiner Seite; ein Gefühl der Ueberraſchung, beinahe der Verblüfftheit, durchbebte daher Worowitſch, als er neben ſich dieſen Mann ſah, der ihn mit einem Blick voll höhniſcher Verachtung maß. Mit einer unwillkührlichen Bewegung wandte er ſich von ihm ab und ließ ſeine Blicke von Neuem an Willanow vorbeiſtreifen. Was ſah er da? Ein flehendes Auge, eine warnende Geberde, einen angſt⸗ voll bittenden Ausdruck, eine von Schrecken ergriffene Seele, die an ſeine Vorſicht appellirte. Worowitſch ſenkte ſein Haupt. Einen Augenblick ſchien er geſchlagen; er war unſchlüſſig. Dumpf währte das Gemurre um ihn her fort. — Suwarow, erhob die Kaiſerin ihre Stimme, wer iſt dieſer Mann, den Du hierher geführt haſt? Sie ſtampfte ungeduldig mit dem Fuß, als Suwa⸗ row, ohne zu antworten, ſich zurückzog. Orloew erhob ſeine Hand hinter Worowitſch, doch ſo, daß die Kaiſerin ſeine Abſicht ſah und begriff. ——= Befehlen Ew. Majeſtät, fragte er dabei, daß ich ihn entfernen ſoll? Gleich als wäre dieß ein verabredetes Signal ge⸗ weſen, brach jetzt das Mißvergnügen in lautem Ge⸗ murre von allen Seiten aus. Worowitſch ſchlug jetzt von Neuem ſeine Augen auf. Von einem ſtolzen Selbſtbewußtſein belebt, erhob 192 er ſein Haupt, und mit begeiſterungsvollem Muth trat er der Kaiſerin einen Schritt näher. — Ew. Majeſtät, ſagte er von Neuem, Stürme haben um mich her gerast, ſo lange ich mich erinnere. Wenn irgend Jemand ein Sohn der Stürme iſt, ſo bin ich es. Wenn ich kühn geſprochen habe, Majeſtät, ſo kommt dieß alſo daher, daß der Sturm nach dem großen Unglück, das mein Vaterland zermalmt und die letzten Kräfte meiner Familie verheert hat, noch immer durch meine Seele braust. Vielleicht habe ich den Augenblick ſchlecht gewählt, um meine Klagen vor den Füßen Ew. Majeſtät darzubringen; mögen Ew. Majeſtät mir er⸗ lauben, ein andermal vollſtändiger die Ereigniſſe dar⸗ zuſtellen, welche ſo frühzeitig den Kummer in meiner Seele geweckt, und meine Bruſt für einen einzigen kla⸗ genden Seufzer erweitert haben. Ich höre, wie das Miß⸗ vergnügen laut um mich her murrt, ich leſe Zorn auf Ew. Majeſtät Stirne, aber Ihre Weisheit und Ihr edles Herz ſtrahlen zu klar durch die Gewitterwolke, die Ihren Thron umgibt, um mich nicht zu überzeugen, daß unter den vielen Tugenden, die Ihrer Regierung ſo großen Glanz verleihen, die Gerechtigkeit obenan ſteht. Was Worowitſch ſagte, war an und für ſich nicht unrichtig; aber die Kaiſerin war nichts deſtoweniger erzürnt, und mit einer befehlenden Geberde ſtreckte ſie ihre Hand gegen ihn aus. Worowitſch erblaßte und ſchwankte, machte jedoch in ſeiner Verzweiflung noch eine letzte Anſtrengung. — Ew. Majeſtät, ſagte er, was habe ich geſagt, das Sie erzürnen konnte? Ich bin gekommen, um einen Ihrer Günſtlinge anzuklagen. Kann die Gunſt das Verbrechen bemänteln? Der Purpur vermag es nicht, noch weniger die Gnade. Ich habe ſeinen Namen noch nicht geſagt. Möge man deßhalb nicht glauben, daß meine Anklage gleich dem Blitz in der Nacht über allen Häuptern ſchwebe. Sie ſchwebt bloß über einem Einzigen, und dieſen wird ſie einmal treffen. Ew. Majeſtät haben 193 die Macht, über unſer Leben zu richten; aber die Mit⸗ welt und die Zukunft richten uͤber Ihre Ehre und Ihre Größe, und beide müſſen durch Weisheit und Gerech⸗ tigkeit ihre Unſterblichkeit gewinnen. Befehlen Sie mir mich zu entfernen, aber befehlen Sie mir nicht, zu ſchweigen; laſſen Sie mich in die eiſerne Zwangsjacke ſchmieden, aber ſchmieden Sie meine freie Seele nicht in die Ketten des Stillſchweigens; begraben Sie mich lebendig, wenn Sie wollen, aber begraben Sie meine Worte nicht. Ich verklage... Worowitſch rückte ſeinem Ziele näher und war in dieſem Augenblick entſchloſſen, der Kaiſerin ſeine Klage vorzutragen; aber ein neues Gemurmel, heftiger als das vorhergehende, unterbrach ihn. — Worowitſch, redete ihn jetzt die Kaiſerin an, wenn Sie Grund zu klagen beſitzen, ſo ſollen Sie nicht vergebens an meine Gerechtigkeit appellirt haben. Orlow, laſſen Sie ihn abführen und bewachen. Die Kaiſerin ertheilte ihren Befehl mit Ruhe und Würde; aber ihre Stimme zitterte, und man hörte gar zu gut, daß der Verdruß ſich nur in ihrer Bruſt verbarg. Sie war in dieſem Augenblick kalt und hart. Ein lauter Beifall erſcholl durch den Saal. Ohne darauf zu achten, wandte ſie ſich zu Suwarow. Orlow legte ſeine Hand auf Worowitſch's Schulter. — Folgen Sie mir, redete er ihn an. Als ihre Blicke ſich begegneten, betrachteten ſie ein⸗ ander mit eiſiger Kälte. Aus dem Geſchehenen hätte man ſchließen können, daß Orlow und Worowitſch in älterer, näherer Bekannt⸗ ſchaft mit einander geſtanden, und daß Orlow dabei dem Letzteren Urſache zu dem Haß gegeben habe, den er hegte. Aber wenigſtens inſofern verhielt ſich die Sache anders, als Worowitſch perſönlich Orlow nie geſehen hatte, bevor er nach Petershof kam, wo er im Park zufällig erfuhr, wer er war, und auf dieſelbe Art Der Fürſt. I. 13 194 konnte auch Orlow ſich nicht erinnern, jemals mit Worowitſch zuſammengetroffen zu ſein. Trotz dieſes ſehr wichtigen Umſtandes war Orlow gleichwohl von Worowitſch an das Eine und Andere gemahnt worden, was eine unangenehme Erinnerung an ſein früheres Leben weckte, und wenn er dabei noch den wilden, von Haß glühenden Blick in Betracht zog, womit der Jüngling unter der zahlreichen Verſammlung ihn allein auszeichnete, ſo konnte er nicht länger daran zweifeln, daß die Klagen, welche er der Kaiſerin vor⸗ trug, ihm gaͤlten und keinem Andern. Orlow wußte natürlich ſeine Thaten in Polen ſelbſt am allerbeſten. Unruhig über das, was er hörte, näherte er ſich daher Worowitſch ſo ſehr als möglich, theils da⸗ mit er ſich vorbereiten konnte, dem Sturme dreiſt ent⸗ egenzutreten, theils auch um das Geſicht des Jüng⸗ ings zu erforſchen und ſich zu überzeugen, ob er ihn ſchon früher geſehen habe oder nicht. Aber ſein Ge⸗ dächtniß wollte ihn nicht erkennen. Er kam daher bloß auf einen einzigen Schluß, der ihm jedoch vollkommen genügte: Der Mann kennt mich und iſt mein Feind, folglich muß er fort von hier. Die unvorſichtige, allzu jugendlich dreiſte Sprache, welche der Jüngling in ſeiner Unkenntniß der feingedrechſelten Formen, woran die Ohren des Hofes gewoöhnt waren, gebraucht hatte, machte daher Orlow jetzt Freude, und er brauchte bloß den unzwei⸗ deutigen Ausdrücken in den Geſichtszügen der Kaiſerin, dieſem ſo unfehlbaren Thermometer für die Temperatur des Hofes, zu folgen, um mit ſeinem ſicheren Auge und ſeiner bewährten Erfahrung einzuſehen, daß er wenig⸗ ſtens für den Augenblick ihn nicht ſonderlich zu fürchten hatte. Wie mancher ruinirte Intrigant hat ſich nicht derſelben Politik bedient und ſeine unerfahrenen, aber gefährlichen Gegner auf ganz bequeme Weiſe dadurch geſtürzt, daß er ihnen geſtattete, ſich frei ſich ſelbſt zu üͤberlaſſen und ungehindert ihre Gedanken auszudrücken. Bei jedem neuen Punkt ſeines Vortrags verlor Worowitſch 195 immer mehr Terrain, bis endlich das Maß voll und die Kaiſerin der Jeremiade müde war. Vielleicht würde indeß der Ausgang ganz anders geworden ſein, wenn nicht Willanow's warnender und ſlehender Blick Woro⸗ witſch in ſeiner Abſicht, den Mann zu entlarven, gegen den ſein Angriff eigentlich gerichtet war, gehemmt hätte. Folgen Sie mir, hatte Orlow geſagt. daß Orlow's und Worowitſch's Augen begegneten ſich abei. f Willanow ſank auf einen Sitz in der Fenſterniſche nieder. — Retten Sie ihn, flüſterte ſie Döring zu, ſonſt iſt er verloren. Dieſe einfache Bitte befeuerte Döring. In all' dem Getöſe um in her hörte er nur noch die drei Worte: Retten Sie ihn. Aber wie? Ein Gewimmel von Ge⸗ danken ſchwebte augenblicklich an ſeiner Seele vorüber. Er ſah nach Armfelt, aber Armfelt zeigte ſich nicht. ar der Augenblick verloren, ſo war Alles verloren. Befand ſich Worowitſch einmal in Orlow's Hand, ſo war ſein Untergang ganz gewiß, denn ohne daß Döring die Feindſchaft zu kennen brauchte, die aus älteren Gründen wiſchen ihnen ſtattſinden konnte, liebte ja auch Orlow räulein Willanow. Mehr bedurfte es nicht Wenn Döring übrigens die wahre Stellung der jetzt handeln⸗ den Perſonen nicht richtig auffaßte, ſo kam dieß daher, daß er in ihre gegenſeitigen Verhältniſſe noch nicht ein⸗ Kuenngen war. Was er wußte, war jedoch genug. im Uebrigen hatte ja Willanow zu ihm geſagt: retten Sie ihn. Nur den Eingebungen ſeines Herzens gehorchend, und hingeriſſen von dem Gedanken, ſich vor Willanow in einem vortheilhaften und ritterlichen Lichte zeigen zu dürfen, eilte er vor.. — Ew. Majeſtät, rief er, indem er ſeine Kniee vor der Kaiſerin beugte, Gnade! Auch ich bin jung wie Worowitſch, und der eine junge Mann bittet für 196 den andern. Man iſt nicht weiſe, Majeſtät, bevor man Erfahrung gewinnt; man wird nicht berechnend, bevor man alt wird; man wird nicht ruhig, bevor die ver⸗ heerende Macht des Alters Schnee auf den Scheitel ge⸗ legt hat. Verzeihen Sie Worowitſe Döring's Dazwiſchentreten machte einen guten Ein⸗ druck auf die Kaiſerin. Der harte und kalte Ausdruck verſchwand, und mit freundlicher Theilnahme ſchwebte ihr Blick über die beiden jungen Männer. — Suwarow, ſagte ſie endlich, Sie erweiſen gewiß Worowitſch gerne einen Dienſt. Nehmen Sie ſeine Klagen entgegen, und machen Sie mir ſodann Mit⸗ theilung darüber. Worowitſch, fügte ſie hinzu, ſeien Sie überzeugt, daß das Schwert der Gerechtigkeit in keinem meiner Staaten darniederliegt, ſondern alle meine Unterthanen ſicher trifft. Stehen Sie auf, Döring! Sie ſind ein junger Mann, ſagten Sie, aber Sie ſind entſchloſſen und edel, und ich ſchätze Sie. Sie können über das Schickſal Ihres Freundes beruhigt ſein. Die Kaiſerin winkte ihnen, und ſie entfernten ſich. Armfelt hatte ſich in einem andern Zimmer befun⸗ den, als Döring zu der Kaiſerin vortrat; aber ſobald er Döring's Stimme hörte, eilte er hinein. Während die Kaiſerin ſich gedankenvoll umſchaute, bemerkte ſie Armfelt ganz in ihrer Nähe, und erinnerte ſich der Uebereinkunft zwiſchen ihnen. — Laſſen Sie uns dieſe kleine Epiſode vergeſſen, ſagte ſie jetzt, und in unſerem Maskeradevergnügen ſort⸗ fahren. Protaſow, folge mir. Die Kaiſerin gab Armfelt ein Zeichen, als ſie ſich entfernte. Armfelt verſtand es. Der Hof zerſtreute ſich nach allen Seiten, um die Masken anzulegen; nur Armfelt blieb noch zurück. — 197 Elftes Kapitel Intriguen. Wir befinden uns noch in Petershof. Armfelt erſuchte die Kaiſerin, ſie möchte das Mas⸗ keradevergnügen fortwähren laſſen, und Katharina gab ihre Einwilligung. Fuürſt Subow und Graf Orlow waren übereingekommen, in der Galerie am Ausgang des Parkes maskirt einander zu treffen. Hieher beab⸗ ſichtigte Armfelt die Kaiſerin zu führen, um eine gegen ſie geſchmiedete Intrigue zu belauſchen, mittelſt welcher man die Verbindung zwiſchen Alexandra Paulowna und Guſtav Adolf IV. zu vereiteln hoffte. Die Kaiſerin entfernte ſich mit Fräulein Protaſow von ihrer Umgebung, und nachdem ſtie beobachtet, wel⸗ ches Koſtüm letztere wählte, befahl ſie dem Kammer⸗ fräulein, daſſelbe ihr zu überlaſſen, und ertheilte ihr einen Auftrag, wodurch ſie verhindert wurde, an der Luſtbarkeit Theil zu nehmen. 1 Die in Frage ſtehende Galerie war ein prachtvoller Saal, mit Säulen von ausgezeichnetem architektoniſchem Werth. Zwiſchen denſelben ſtanden Statuen, die man aus Italien gebracht, herrliche Kopien von Antiken. Auf der einen langen Seite waren mehrere Glasthüren für die heutige Gelegenheit angebracht. Durch dieſelben eröffnete ſich eine herrliche Ausſicht auf den ſchönſten Theil des Parkes, wo prachtvolle Schlingpflanzen und Blumen ſich ſchlängelten und auf allen Seiten grup⸗ pirten. Zwiſchen den Laubkronen der Bäume hingen mehrfache Reihen von Guirlanden, gebildet aus kugel⸗ förmigen Lampen, welche zauberhaft den Platz beleuch⸗ teten. Das Gemälde zeigte ein ſchönes Blumenſtück ſo prachtvoll, als hätte Van Huyſum, der Raphael des Blumenreichs, mit eigener Hand es geordnet. Im Augenblick, wo wir in die Galerie treten, ſieht man eine Dame, die vorſichtig um ſich ſchaut, am Ein⸗ .⁴ 198 gang. Da ſie Niemand entdeckt, nimmt ſie die Maske ab, welche ſie zu beläſtigen ſcheint, und wir erkennen Fräulein Willanow wieder. Es ſchlägt halb elf Uhr. — Unmöglich, ich kann ihn nicht treffen, ſagte ſie vor ſich hin. Die Prinzeſſin erwartet mich, und die Zeit verſtreicht. Um elf Uhr müſſen wir bei Marfa ſein. Mein Gott, ich darf nicht länger zögern. Könnte ich ihm doch nur ein einziges Wort ſagen! In dieſem Augenblick erſchien Worowitſch in den Gängen des Parks. — Sehe ich recht? Er iſt es.. welch ein Glück! Ich muß ihm ein Zeichen geben. Willanow winkte ihm alſo mit dem Nastuch, und er eilte auf ſie zu in die Galerie. — Ich habe Dich geſucht, ſagte er, ihre Hände ergreifend..— — Auch ich ſuche Dich; aber ſprich leiſe. — Du haſt Recht. Man darf uns nicht beiſam⸗ men treffen; aber bald werde ich ein Recht beſitzen, Dich zu ſehen und mit Dir zu ſprechen. — Du hoffſt mehr als ich. Welch eine entſetzliche Unvorſichtigkeit, Dich ſo bei der Kaiſerin einzudrängen, wie Du thateſt?. — Nenne es nicht unvorſichtig, ſondern ſage lieber kühn. Was ſollte ich denn thun? Ich konnte ja nicht ewig ein Schatten im Schatten bleiben. In dieſem Fall wäre es vergeblich geweſen, hieher zu kommen. Während dieſes Geſprächs zeigte ſich am Eingang des Parkes ein ſchwarzer Domino mit einer Maske; ſobald er Worowitſch und Willanow bemerkte, blieb er lauſchend ſtehen. — Auf welche Art gedenkſt Du jedoch gegen Orlow aufzutreten? begann Willanow wieder. Ich begreife nur zu gut, daß Du nach Deiner Rückkehr aus dem Kriege ſeine Handlungsweiſe gegen uns erfuhreſt, aber Du mußt auch einſehen, daß er ein gefährlicher Feind 199 iſt, an deſſen kühnem Charakter und feinpolirter Ober⸗ fläche jeder ritterliche Lanzenſtoß abgleiten wird. Gegen einen ſolchen Gegner muß man vorſichtig zu Werke gehen, wenn man nicht ſelbſt zu Grunde gehen will. Greifſt Du ihn ohne alle Schonung an, ſo iſt er auch im Stande, Dich ohne alle Schonung zu ſtürzen. Ich bitte Dich um Gotteswillen, höre auf meinen Rath. Die Kaiſerin weiß zu unſerem Glück noch nicht, gegen wen Dein Angriff gerichtet war; ſchiebe daher die Ent⸗ deckung des Namens hinaus, warte die Zeit ab und glaube mir, die Ereigniſſe werden ſich früher oder ſpä⸗ ter ſo entwickeln, daß man mit größerer Hoffnung auf Erfolg auftreten kann. — Du ſprichſt wie ein Mädchen, ich muß als Mann handeln. Ich fürchte Orlow ſo wenig als irgend einen Andern. Nur ſo lange ich unerſchrocken und offen zu Werke gehe, begreife ich mich ſelbſt. Ein Mann iſt nur muthig, ſo lange er ehrlich handelt. Ich habe übrigens lange genug geſchwankt. Aus Unentſchloſſen⸗ heit habe ich in den letzten Tagen dieſen Döring, der mir bereits ſo viel Freundſchaft erwieſen hat, auf eine ſo zweideutige Art behandelt, daß ich mich vor mir ſelber ſchämen muß. Je länger ich zögerte, ihm ehrlich die Wahrheit zu ſagen, um ſo feiger bin ich auch ge⸗ worden. Ich werde ihm inzwiſchen, ſobald ich ihn treffe, Alles entdecken. Er verdient es. — Ja, mein Freund, er verdient es, und dennoch . ich weiß nicht... aber ich bin meiner Sache nicht gewiß. — Er iſt mein Freund. — Ich glaube das auch... ach ja, ich bin davon überzeugt. Er iſt... er iſt... — Er iſt ein braver Mann. Mit furchtloſer, auf⸗ opfernder Freundſchaft hat er ſich zwiſchen den Zorn der Kaiſerin und mich geworfen; ſei überzeugt, daß er würpefin Freund iſt. Du brauchſt deßhalb nicht zu erröthen. 200 — Zu erröthen? — Wir müſſen uns mit ihm verbinden. Willanow ergriff heftig Vkobitſche Arm. — Laß das. Ich weiß nicht... aber er... er.. — Du thuſt ihm Unrecht. — Unrecht? Ich? Ach nein, das könnte ich nicht. Aber dennoch flößt er mir ein gewiſſes Gefühl ein. ich weiß ſelbſt nitht Kecht, was es iſt, Furcht, Unruhe.. — Du erblaſfeſt. — Sprich nicht von ihm. Willanow wandte ſich von dem Jüngling ab, um den Farbenwechſel zu verbergen. der von Neuem auf ihren Wangen vorging. Ihr Blick haftete dabei auf dem am Eingang lauſchenden Domino. — Mein Gott! ſieh bot;. dort unter dem Baum . hinter dem Stamm.. fiehſt Du Niemand.. man hat uns belauſcht. — Es kommt wirklich Jemand dort zum Vorſchein. Fort von hier! Willanow nahm die Maske wieder vor ühr Geſicht. — Wann treffen wir uns? — Morgen; aber wo? — Um Zwölf promeniren die Prinzeſſin und ich im Sommergarten. Als Willanow hierauf durch einen der Seiten⸗ gänge enteilte, lehnte ſich Worowitſch an eine der Säu⸗ len der Galerie. Der im Park lauſchende Domino näherte ſich der Galerie, ſobald er bemerkte, daß Willanow ſich entfernt hatte, aber er war nicht weit gekommen, als das Ge⸗ töne mehrerer Stimmen ſich ihm näherte, worauf er ſich ſogleich wieder zurückzog. Einen Augenblick ſpäter trat Döring ein in Beglei⸗ tung mehrerer ruſſiſcher Offiziere, unter denen Arakt⸗ ſchejew und Petſcherin ſich befanden. Der Uhlanenritt⸗ 4 3 ——— 201 weſer und der Senatsſecretär folgten ihnen auf den erſen. — Ich ſah ganz deutlich, ſagte Araktſchejew, daß es dieſelbe Maske war. — Das iſt nicht glaublich, behauptete Döring, Sie täuſchen ſich. — Ein ſchlechter Schütze, antwortete Araktſchejew, der fehlſchießt, wenn er einmal das Korn im Auge gehabt hat. — Und ſie verſchwand hier? — Wie ich geſagt habe. Hier müſſen wir ſie fangen. — Bei der heiligen Alexandra, ergriff der Uhlanen⸗ rittmeiſter das Wort, das Abenteuer beginnt immer heiterer zu werden. Wir bilden jetzt eine Patrouille von vier Mann und einem Korporal, und können gleichwohl nicht einmal ein Mädchen fangen. Die Weiber ſind im Stande, den Teufel ſelbſt zum Narren zu halten. Um ein Weib zu fangen, muß man ſelbſt ein Weib ſein. Raphael malte die Schlange im Paradies mit einem Weibergeſichte. Das beweist, daß er das ſchöne Geſchlecht kannte. Sie ſoll ſich hier befinden, ſagt Ihr, aber wo? Sie ſchwebt vor uns her, wie die Wolken⸗ ſäule vor den Kindern Israel, und ſie flieht vor uns, ſobald wir ihr näher kommen. Döring entdeckte in dieſem Augenblick Worowitſch, der noch immer an die Säule gelehnt ſtand. — Worowitſch da? bemerkte er bei ſich ſelbſt. Araktſchejew hat Recht: Willanow und Worowitſch ha⸗ ben ſich wieder getroffen. Aber was geht das mich an? fügte er hinzu. Daß zwei Perſonen, die ſich lieben, einander zu treffen ſuchen, iſt ja die natürlichſte Sache von der Welt. Worowitſch hatte die Hereintretenden wohl bemerkt ohne ſich jedoch weiter darum zu bekümmern; aber ſo⸗ bald er Döring erblickte, begab er ſich unmittelbar zu ihm. 2⁰0² — Ich habe Ihnen meinen aufrichtigen Dank ab⸗ zuſtatten, Kapitän, ſagte er, für die Theilnahme, die Sie mir bei der Kaiſerin zeigten; ein Beweis von Freundſchaft, den ich in ſeinem ganzen Werth zu ſchätzen weiß. Ich kann Ihnen meine Erkenntlichkeit nicht beſſer zeigen, als indem ich Sie um ein Geſpräch unter vier Augen bitte, damit ich Ihnen alles noch Unerklär⸗ liche in meiner Perſon entſchleiern kann. Worowitſch war kaum ſo weit gekommen, als ein Adjutant am Eingang ſich zeigte. Er ging gerade auf Worowitſch zu. — General Suwarow, ſagte der Adjutant, hat mir befohlen, Sie zu erſuchen, daß Sie ſich ſogleich bei ihm einſtellen möchten. — Jetzt? — Ja. Worowitſch überlegte einen Augenblick. — Ich werde ſogleich kommen, antwortete er dann. — Sogleich?— a Der Adjutant verließ hierauf die Galerie.. Die ruſſiſchen Offiziere verſammelten ſich mittler⸗ weile um Worowitſch, der mit der Hand vor der Stirne ſich zu bedenken ſchien. 4 Willanow hatte ihm ein Wort geſagt, das einen neuen Gedanken in ihm hervorrief. Es verhält ſich mit den Gedanken, wie mit den Ereigniſſen, man faßt ſie erſt hintendrein richtig auf. Der Gedanke muß ſeine Zeit haben, um ſelbſt klar zu werden. Die Frucht iſt nicht ſogleich reif. Willanow hatte ihn vor einer öffentlichen Anklage gegen Orlow gewarnt, und er be⸗ gann allmälig zu begreifen, daß dieſe Warnung eine reife Ueberlegung verdiente. — Haben Sie die Güte, meine Herren, redete er nach einer Weile die ruſſiſchen Offiziere an, und ſagen Sie mir, wo ich den Grafen Orlow treffen kann. — Den Grafen Orlow? 5 u—& A —— 203 Der Domino am Baum beugte ſich vor, als dieſer Name genannt wurde. — Ich habe etwas unter vier Augen mit ihm zu beſprechen. — General Suwarow hat Sie ja rufen laſſen. — Mag ſein, aber ich wünſche den Grafen zu treffen, bevor ich mich zu dem General begebe. Wo wird man ihn treffen? — Graf Orlow wohnt im Pavillon rechts vom Schloſſe. Zu dieſer Zeit dürfte er jedoch kaum zu treffen ſein. Der Domino hielt lauſchend ſeinen Kopf wieder vor. — Im Pavillon rechts vom Schloſſe, wiederholte Worowitſch, ich danke Ihnen. Darauf verließ er ſie.. — Die Liebe des Soldaten iſt luſtig wie ſein eige⸗ nes Leben. Nur das bewegliche Zelt iſt ſeine Heimath, und über was kann er gebieten? Kaum über den Augenblick. Seine Liebe iſt daher nur ein heiteres Soldatenliedchen. — Laſſen Sie uns unſere Gedanken wieder ſam⸗ meln, bemerkte Araktſchejew, als Worowitſch ſich ent⸗ fernt hatte, und über die klügſte Art und Weiſe nach⸗ denken, wie wir unſern ſchönen Fluͤchtling erwiſchen können. Hier findet ſie ſich nicht vor, das ſeht Ihr. — Ich habe mich, verſicherte der Uhlanenrittmeiſter, feierlich vor Gott und den Menſchen dem Teufel ver⸗ ſchrieben, daß ich nicht einen einzigen Augenblick ruhen will, bis ich dieſem Weibe, das ſich unterſtanden hat, mit meinem Herzen Blindekuh zu ſpielen, die Maske vom Geſicht geriſſen habe. — Einfältige Menſchen, ſiel Petſcherin ein, Ihr bekreuzt Euch darüber, daß ein überirdiſches Weſen Eure eingeſchlafenen Herzen geweckt hat. Ich danke Gott dafür, weil ich jetzt weiß, daß ich ein Herz beſitze: Vorher wußte ich es nie. Summa Summarum, meine Herren, Diogenes ſuchte mit einer Laterne nach einem 204 Menſchen, ich ſuche mit einer andern Laterne, mit mei⸗ nem eigenen Herzen, mit der Argand'ſchen Lampe meines Bruſtkaſtens, nach meiner Schönheit. Laßt uns unſere Jagd fortſetzen... laßt uns jagen! — Petſcherin iſt der Klügſte von uns, bemerkte der Senatsſekretär, weil ſich in ſeiner Narrheit doch ein Körnchen, wenn auch nur ein ganz kleines Körnchen Verſtand vorfindet. Er ſagt nämlich: laßt uns ihr nachſetzen... laßt uns Jagd auf ſie machen... — Laßt uns das thun! Döring folgte ihnen langſam, weil er für den Fall, daß ſie Willanow trafen, das Fräulein vor dem Kzit leichtfertigen Eifer ſeiner neuen Freunde retten wollte. Kaum hatten die jungen Männer den Platz ver⸗ laſſen, als der lauſchende Domino vortrat. Ohne ein einziges Wort zu ſprechen, erhob er die Hände und klatſchte laut einmal. In demſelben Augenblick trat eine Maske von der einen Seite des Parkes vor. Er klatſchte dann noch einmal, und eine neue Maske erſchien von der andern Seite. Beim dritten Klatſch kam eine dritte Maske. — Kommt mit mir, befahl er. Während ſie eintraten, nahm der Domino ſeine Maske ab; wir erblicken in ihm den Grafen Orlow wieder. Habt Ihr den jungen Mann bemerkt, redete er die Masken an, der in einer polniſchen Cavalerie⸗Uniform ſo eben von hier wegging? — Wir haben ihn geſehen. — Kennt Ihr ihn? — Nein. — Seine Perſon enthält ein Staatsgeheimniß, und Ihr durft keinen Verſuch machen, erfahren zu wollen, 205 wer er iſt. In dieſem Augenblick begibt er ſich nach meinem Pavillon. Eilet dahin und feſſelt ihn ſogleich. Verſteht Ihr mich? — Vollkommen. — Es iſt ſchon dunkel. Mit gefeſſelten Händen und dem Knebel im Munde führt Ihr ihn nach Kres⸗ towskoioſtrow. Kein Wort darüber. Morgen treffen wir uns. Die drei Masken wollten ſich entfernen, aber Orlow hielt ſie noch auf. — Sobald Ihr den Polen gefeſſelt habt, eilt Einer von Euch hieher... doch nein... ich bin vielleicht nicht mehr da. Im Vorzimmer des Pavillons hängt ein Gongong, nehmt ihn, und gebt mir mit drei Schlä⸗ gen ein Signal. Hört Ihr? — Wir hören. — Tummelt Euch. Die Masken eilten fort. Sobald Orlow allein war, krenzte er die Arme über ſeine Bruſt, indem er auf⸗ und abſchritt. — Ich habe mich nicht getäuſcht, Worowitſch hat wirklich mich gemeint. Orlow athmete kurz und heftig; unruhige Leiden⸗ ſchaften kämpften in ſeinen feingebildeten Geſichtszügen, die ſo beweglich waren, als ſchliche eine Schlange unter der weißen Haut hin. — Welchen Blick heftete er nicht auf mich! Ich hörte Feindſchaft und Haß in der Anklage, die er der Kaiſerin vortrug. Während ſeine Lippen ſich in bitterem Zorn zu⸗ ſammenpreßten, ballten ſich ſeine Hände. — Wer mag er wohl ſein, dieſer junge Mann, der mich zu kennen ſcheint, ohne daß ich ihn kenne? Doch, was zerbreche ich mir den Kopf darüber? Er iſt mein Feind, das genügt... — Welch ein Glück, daß ich Willanow und ihn bei ihrem Rendezvous jetzt üͤberraſchte! Dieß gibt mir 206 die Gewißheit, daß ich mich nicht in ihm täuſche. Ach nein, ich täuſche mich nicht. Von heftigen Leidenſchaften hingeriſſen, wanderte er mit ſchnellen Schritten auf und ab. — Wäre Willanow's Bruder nicht todt, ſo würde ich glauben, daß er es ſei; aber ich habe ihn vor mei⸗ nen Augen ſterben geſehen. Ich ahne, daß er... aber ich werde es bald ermittelt haben... bald, ſehr bald. Die Pauſen, die er dazwiſchen hinein machte, wa⸗ ren fieberhaft. Seine Muskeln bebten, ſein Geſicht ver⸗ zerrte ſich, ſein Körper zitterte. — Ungeſtraft hat noch Niemand gegen einen Or⸗ low aufzutreten gewagt, und ich will nicht der Erſte ſein, den man verachtungsvoll mit Füßen zu treten ſich unterſteht. In meiner Hand liegt Macht genug, um einen Jungen zu zermalmen. Er will über die Newa waten, aber er berechnet ihre Tiefe nicht; ehe er ſich vem Strande entfernt hat, wird der Tod ihn hinab⸗ ziehen. Er ſchritt raſtlos auf und ab, und ſchien es ſelbſt kaum zu wiſſen: es lag etwas Krampfhaftes in ſeinen Bewegungen. Auf einmal blieb er ſtehen. Das melancholiſche Getöne eines ruſſiſchen Volks⸗ lieds ließ ſich in einiger Entfernung hören: man wußte kaum recht woher. Orlow lauſchte. Der einfache klagende Geſang währte fort, be⸗ gleitet von den einförmigen Toͤnen einer Balalajca. — Ich hätte mein Rendezvous mit Subow und Markow beinahe vergeſſen. Es iſt Protaſow, die ſpielt. Ich muß Subow aufſuchen. Orlow blieb ſtehen. — Worowitſch, wiederholte er, Worowitſch? Dieſer Name iſt mir unbekannt. Ich will mit Subow ſprechen. Seine politiſchen Intereſſen ſind nur in ſoweit die mei⸗ nigen, als die meinigen die ſeinigen ſind. Ich werde B— 2— g 1 n 2 T uöS B N —— N 207 ſie vollkommen in Einklang zu bringen wiſſen, ja, ja, das muß ich thun. Er ging noch einmal im Saale umher, ohne daß ſeine Heftigkeit nachzulaſſen ſchien. Von Neuem hörte man einige Accorde der Balalajca. — Die Vorſehung hat jedem Menſchen eine Waffe gegeben, um ſich zu vertheidigen. Auch ich habe die meinige bekommen. Um nicht zermalmt zu werden, muß man zermalmen. Aber wenn ich nicht reuſſirte? Bah! nur Dummheit und Schwachheit reuſſiren nicht. Der Plan iſt gut und ich rechne auf meinen Verſtand. Zum dritten Mal erklangen die Töne der Balalajca. — Ich eile zu Subow. Einen Augenblick, nachdem Orlow ſich hinausbe⸗ geben hatte, traten zwei neue Masken ein, ein Mann und eine Dame, beide in Dominos. Außer dem Unterſchied in der Taille trug die Dame noch eine Balalajca, die an einem grünen Band über ihrer Schulter hing.. Einige Schritte hinter ihnen kam Döring. Sobald ſie ſich allein ſahen, nahmen ſie auch ihre Masken ab, und man erkannte die Kaiſerin und Armfelt. Die Kaiſerin war nicht mehr die ſanfte und gute Frau. Entſchloſſenheit und Heftigkeit verriethen ſich jetzt in ihren Bewegungen. Im Bewußtſein ihrer ganzen unumſchränkten Gewalt war ſie ihrer Umgebung ſo lange aufrichtig zugethan, als ſie keinen Argwohn hegte, daß Jemand auf den Einfall kommen könnte, einen eigenen, dem ihrigen widerſtrebenden Gedanken haben zu wollen. Sie wußte zu gut, daß ſie Rußlands ausgezeichnetſte Männer von der Regierung entfernt hielt, damit ihr eigener Wille um ſo mehr zur Geltung kommen konnte, und daß ſie ſich aus demſelben Grunde mit Perſonen umgeben hatte, die ſich niemals ſelbſt 208 und mittelſt eigener Kraft aus ihrer urſprünglichen Niedrigkeit hätten erheben können; gerade deßhalb war ihr der Gedanke, daß dieſe gegen ſie conſpiriren, jetzt um ſo verdrießlicher. Sie wollte zwar, daß dieſe Leute glänzen ſollten, aber ſie wollte ſelbſt kein Licht von ihnen entlehnen, ſondern ſie ſollten es von ihr borgen. Einen Angriff fürchtend, bewaffnete ſie ſich zur Vertheidigung, aber mit der Gewißheit, ſiegreich aus dem Kampf hervorzu⸗ gehen, trug ſie ihr gekröntes Haupt majeſtätiſcher als je. — Armfelt, haben Sie ein Bleiſtift? — Hier, Ew. Majeſtät. Die Kaiſerin empfing von Armfelt Papier und ein Bleiſtift, dann ging ſie an eine Statue des Mars, deren Fußgeſtell ihr als Schreibtiſch diente. — Döring, ſagte ſie hierauf, tragen Sie diefen Befehl auf die Hauptwache, und übergeben Sie ihn dem Kommandanten. Die Ordre ſoll ſogleich vollzogen werden. Döring entfernte ſich. Armfelt konnte nicht umhin, den ruhigen und beſtimmten Willen der Kaiſerin zu bewundern. Sie überließ ſich keiner weiblichen Schwäche und Unruhe, ſondern handelte mit der gleichmäßigſten Gelaſſenheit. — Noch zeigt ſich Niemand, bemerkte ſie; ſind Sie gewiß, daß Sie ſich nicht getäuſcht haben? — Ich bin meiner Sach vollkommen ſicher, Ew. Majeſtät. — Protaſow ſchien darauf vorbereitet zu ſein, mir ihr Koſtüm abzutreten. — Sie wußte ſchon vorher, daß Ew. Majeſtät es verlangen würden. Auf des Fräuleins eigenen Wunſch befinden Sie ſich jetzt hier, Ew. Majeſtät. — Protaſow iſt mir ergeben; ich glaubte es immer. Aber Sie vergaßen, mich zu erſuchen, daß ich Markow entfernen ſollte. In dem Augenblick, wo ich ausging, befahl ich ihm, einige wichtige Depeſchen aufzuſetzen⸗ — ᷣ 209 Sie haben mir Protaſow's Rolle zugetheilt, ich gebe Ihnen jetzt die Rolle Markow's Man bleibt noch immer aus. Laſſen Sie uns einen Gang im Parke machen. Die Scenen wechſeln ſchnell, wenn eine Intrigue die handelnden Perſonen belebt. Man verläßt, je nach⸗ dem die Intereſſen es gebieten, eben ſo leicht ſeinen Platz, wie die Figuren auf einem Schachbrett ſich ver⸗ ſetzen laſen. Niemand hat Gelegenheit, länger an einem Ort zu bleiben, als das Bedürfniß erfordert. Jede Intrigue ſpannt die Thätigkeit der Seele. Die Intrigue iſt im öffentlichen Leben, was der Zweifel in der Liebe, was das Mißvergnügen in der Geſellſchaft iſt. Sie ſetzt das Blut in raſchen Umlauf, ſie ſpannt die Triebfedern der Seele, ſie läßt uns weder Ruhe noch Raſt. Kaum waren die Kaiſerin und Armfelt in der nächſten Allee verſchwunden, als Subow und Orlow eintraten, beide in ſchwarzen Dominos, wie die erſteren. — Wohin führen Sie mich, Graf? fragte Subow. Wir entfernen uns gar zu weit, und befinden uns nichts deſtoweniger auf einem beinah offenen Platze. — Der Platz iſt gut, Ew. Hoheit. Niemand wird. uns hier beargwöhnen. Als deutſcher Reichsfürſt hatte er bloß Anſpruch auf den Titel Durchlaucht; aber Subow hörte es, wie Biron zur Zeit der Kaiſerin Anna, gerne, wenn man ihn Hoheit nannte, und die Kaiſerin ließ es hingehen. — Dieſe Zuſammenkunft beunruhigt mich, ſagte Subow. Ich wollte nicht, daß die Kaiſerin Kenntniß davon erhielte Wir hätten beſſer gethan, hinter ver⸗ ſchloſſenen Thüren zu berathen. — Die Wände haben in Petersburg gute Ohren, nur hier auf dem Lande hat die Natur keine. Sie kennen das berühmte ſyrakuſaniſche Ohr, mittelſt deſſen Der Fürſt. 1. 14 210 die Selbſtherrſcher Alles hörten, was man mehrere Mei⸗ len in die Runde ſprach. Ein ſolches Ohr iſt auch Petersburg. Nein, Ew. Hoheit, nur hier können wir ungehindert ſprechen. Niemand kann ſich nähern, ohne bemerkt zu werden. Und dieſe Götter... er deutete dabei auf die Statuen,... ſie ſchwatzen nicht... Seien Sie alſo unbekümmert. — Markow bleibt lange aus. Orlow ging in der Gallerie auf und ab, um nach⸗ zuſchen, ob ſie allein wären; dann kehrte er zu Subow zurück. — Ew. Hoheit, ſagte er, ich habe mir ein Privat⸗ geſpräch mit Ihnen erbeten. — Ganz richtig, Graf. Sie haben mir verſprochen, einen Plan anzug ben, wodurch wir die Verbindung der Prinzeſſin mit dem König von Schweden vereiteln, und dieſe Schweden da entfernen können. — Sie ſprechen vom Ziel, Ew. Hoheit; ich will von den Mitteln ſprechen. Aber um dieſe klar beſtim⸗ men zu können, müſſen wir alle Umſtände in Betracht ziehen. — Laſſen Sie Ihre Anſicht hören. — Gegen uns... aber ich habe immer Unrecht, wenn ich von uns ſpreche, weil die Sache mich perſön⸗ lich ſehr wenig intereſſirt... ich will lieber ſagen, gegen Sie, haben Sie die Liebe der Prinzeſſin, eine Liebe, die ſich nicht bezwingen läßt, und was noch weſentlicher iſt, auch noch der unerſchütterliche Wille der Kaiſerin iſt gegen Sie. Und was haben Sie für Mittel, dieſe Mächte zu bekämpfen? Einzig und allein Ihren Wunſch; das heißt mit einem Strohhalm den Atlas aus ſeinem Fundament verſetzen wollen. — Sie übertreiben, Graf. 1 — Erzürnen Sie ſich nicht, Hoheit. Sollen wir zu einem für Sie nützlichen Schluß gelangen, ſo darf man ſich nicht ſcheuen, die Umſtände in ihrer ganzen Nacktheit zu betrachten. Laſſen Sie uns weiter gehen 2— DOO£ 8RRn — N —&ᷣ—,=g —— 211 Die Liebe beſtimmt das Gefühl der Prinzeſſin. Beſitzen Sie wohl ein Mittel, Hoheit, um die Träume, die Ge⸗ danken, die Phantaſien, die Hoffnungen einer jungen Dame zu verändern? Sie können eher verſuchen, den Wolken einen andern Gang, dem Wind eine andere Richtung zu geben. 3— Aber die Verbindung hängt nicht von ihr allein 49... — Sondern von der Kaiſerin, meinen Sie. Halten Sie es für leichter, den Willen eines alten Weibes zu erſchüttern, als das Herz eines jungen Mädchens um⸗ zuformen? Ich zweifle. — Ich verſtehe Sie nicht, Graf, bemerkte Subow; Sie verſprechen mir einen Plan, um das Heirathsprojekt über den Haufen zu werfen, und ſtatt deſſen beweiſen Sie mir die Unmöglichkeit, es zu thun. — Man muß die Feſtung recognosciren, bevor man ſte belagert oder ſtürmt. j— Laſſen Sie uns alſo ſogleich zum Sturm über⸗ gehen. — Noch nicht, Ew. Hoheit, wir müſſen zuvor Ihre eigene Stellung in Betracht ziehen. Seit Orlow ſich in Folge früherer Handlungen von einer Gefahr bedroht wußte, und noch mehr, ſeit er das téte-à- tete Worowitſch's und Willanow's ausſpionirt hatte, woraus er den Schluß zog, daß ſie ihn gemein⸗ ſchaftlich anzugreifen gedächten, hatte er ſich vorgenom⸗ men, ſeine Intereſſen zu denen Subow's zu machen, ohne indeß die Aufmerkſamkeit des Fürſten auf andere Intereſſen als ſeine eigenen zu lenken. Unzweifelhaft war es auch dieſe Abſicht, was Orlow zu dem Umweg veranlaßte, den er jetzt in ſeiner Beweisführung nahm, einem Umweg, wodurch er Subow's Mißtrauen zu er⸗ wecken wünſchte. Das Feuer in der Eſſe biegt das Eiſen, das Mißtrauen biegt den Mann. — Sie wollen meine Stellung in Betracht ziehen, bemerkte Subow; wozu ſoll das dienen 3 Meins Stel⸗ 212 lung iſt ungemein vortheilhaft, die Kaiſerin liebt mich, und es wird mir nicht ſchwer, ihren Willen zu dem meinigen zu machen. Subow begann ſich vor Orlow zu fürchten, weil es ihm höchſt ſonderbar erſchien, daß dieſer verſprochen hatte, ein Mittel zur Hintertreibung des bewußten Hei⸗ rathsplanes anzugeben, und daß er jetzt nur die Un⸗ möglichkeit, ihn zu hintertreiben, bewies. Aber ohne daß der Fürſt ſich etwas anmerken ließ, bemerkte Orlow gleichwohl den Hinterhalt, den Subow ihm legte. — Ich möchte, ſagte Orlow, Ew. Hoheit dieß auch rathen; Sie ſind ein kluger Mann, wenn Sie den Wil⸗ len der Kaiſerin zu dem Ihrigen machen. Orlow drückte ſich mit unerſchütterlicher Kälte aus. Die Antwort ſetzte Subow in Verwunderung; er hatte eine ganz andere erwartet. — Aber, Graf, in dieſem Fall weiß ich nicht, warum Sie mich erſucht haben, hieher zu kommen. — Es kann ſo ſcheinen, Ew. Hoheit, und gleich⸗ wohl bin ich durch aufrichtige Ergebenheit gegen Sie dazu veranlaßt worden. 5 Subow zuckte die Achſeln. — Ich habe gedacht, daß es für Ew. Hoheit von größtem Nutzen wäre, Ihre Stellung klar und deutlich einzuſehen, bevor das Unglück einträfe. — Das Unglück? Ihre Auffaſſung iſt unrichtig. Welches Unglück kann mich wohl bedrohen? Die Kai⸗ ſerin iſt ein ſo vortrefflicher Blitzableiter, daß ich mich an ihrer Seite ganz ſicher befinde. Es handelt ſich bloß... — Sie verſtummen, Hoheit; es handelt ſich bloß⸗ fagen Sie, es handelt ſich bloß... — Sie wollen es durchaus wiſſen? — Das wird von Ew. Hoheit ſelbſt abhängen. Ich werde keine Einwendungen gegen Etwas erheben, was Sie mir verbürgen wollen. —— A— ——BN* 213 — Ich brauche meine Ueberzeugung nicht geheim zu halten... es handelt ſich alſo höchſtens bloß um meine Eitelkeit. Jetzt war es Orlow, der die Achſeln zuckte. — Ich ſagte Unglück, Hoheit, und Sie belieben Eitelkeit zu ſagen. Fühlen Sie Ihre Citelkeit verletzt, ſo werden Sie ſich unglücklich fühlen. Eitelkeit? Sie bedienen ſich eines unrichtigen Ausdrucks. Die Eitelkeit iſt die Selbſtbefriedigung eines ſchwachen Charakters im Schooße ſeiner Eigenliebe; ſie iſt der Traum einer kleinen Seele von ihrer Größe, ſie iſt ein Narr, Ew. Hoheit, der in ſeiner Selbſttäuſchung ſeine Narrenkappe für einen Königsmantel hält. Subow wurde auf einmal blaß vor Wuth, aber ſein Zorn konnte ſich nicht ergießen, denn Orlow fuhr jetzt ſo ruhig, als hätte er dieſen plötzlichen Wechſel in der Laune des Gunſtlings nicht bemerkt, fort: — Sie ſind ehrgeizig, Ew. Hoheit, nicht eitel. Ihr Stolz erhebt ſich daher auch mit Recht gegen Ihre Schüchternheit. Der Ehrgeiz iſt eine Macht in uns, die mit einer Welt kämpfen kann, um einen Lorbeer oder eine Krone auf unſer Haupt zu gewinnen. Der CEhrgeiz iſt der Adlerflügel des talentvollen und kräfti⸗ gen Mannes, womit er ſich über Andere erhebt, ſich bis zu den Sternen emporſchwingt, um zuletzt ſelbſt ein Leitſtern für die Generation zu werden. Ew. Hoheit ſind ehrgeizig, nicht eitel. Subow's Zorn legte ſich; aber ohne zu antworten, kreuzte er die Arme über ſeine Bruſt, und beobachtete Orlow mit einem prüfenden, kalten Blick. — Ew. Hoheit, fuhr dieſer fort, laſſen Sie jetzt die Umſtände Ihren Ehrgeiz mit Füßen treten, und Sie werden ſich, ich wiederhole es, tief unglücklich fühlen, nicht bloß deßhalb, weil Sie in Ihren eigenen Intereſſen ekränkt und vernichtet ſind, ſondern auch darum, weil Ihre Beſtrebungen für das Allgemeine, für das Vater⸗ land auf einmal abgeſchnitten ſind. Das heißt mit 214 andern Worten, ich betrachte in Ihrem Untergang theil⸗ weiſe auch den Untergang Rußlands. Sie werden mich bald verſtehen. Mit Peter IJ. that die ruſſiſche Mo⸗ narchie ihren erſten großen Rieſenſchritt, wobei ihr Fuß auf Europa's Nacken ſtehen blieb, während ihre Hand die Herkuleskeule über dieſen Welttheil hielt. Unter der Regierung Katharina's II. hat die Keule in der Luft geſaust, und mehr als ein Nackenbein iſt zerſchmettert worden. Gleichzeitig iſt die Volksrevolution in Frank⸗ reich ausgebrochen. Dieſe Revolution wird der Kriegs⸗ geſchichte einen neuen Charakter geben. Der Krieg wird früher oder ſpäter nicht bloß zwiſchen verſchiedenen Ländern, ſondern zwiſchen den Monarchien und den Völ⸗ kern raſen. Die Erſteren werden ſich mit allen um ſie her centraliſirten Intereſſen zu einer Macht gegen die Letzteren vereinigen, welche ſich ihrerſeits ebenfalls ver⸗ einigen werden. Der Ausgang des Kampfes kann nicht ſchwer vorherzuſehen ſein. Die Regierungen beſitzen Einheit durch eine ſeit tauſend Jahren beſtehende Or⸗ ganiſation der Staatsgewalten, wobei ſie das Geheim⸗ niß zu regieren und die Kunſt zu befehlen gelernt ha⸗ ben. Die Völker dagegen ermangeln aller Organiſa⸗ tion in ſich ſelbſt, und obſchon die Summe ihrer Kräfte weit überwiegend iſt, ſo werden ſie dieſelben doch nie⸗ mals ſummiren können, ohne überall, bald hier, bald dort, theilweiſe... aufgelöst... eines ums andere... zermalmt und zurückgetrieben zu werden. Sehen Sie da den Krieg der Zukunft. Die Kaiſerin Katharina hat bis jetzt ihre wichtige Sendung in Bezug auf die Zukunft meiſterhaft vollführt. Während ſie das übrige Europa ſich ſelbſt zerfleiſchen, die Völker gegen die Re⸗ gierungen, und die Regierungen gegen die Völker wü⸗ then ließ, hat ſie mit ſtets wachſamem Blick auf den Gang der Ereigniſſe ihre Kräfte geſchont. Aus tauſend toͤdtlichen Wunden bluten Oeſterreich, Preußen, Italien, Frankreich, Spanien, auch England. Nur Rußland blutet nicht; mit ſeiner ganzen Energie, wie wenn es &— 8— u 215 ſo eben vollkommen bewaffnet aus Kaukaſiens Wiege er⸗ ſtanden wäre, blickt es muthig über die Welt hin und hält ſich bereit, um, wenn die Zeit gekommen ſein wird, ſein Schwert unter die Weltereigniſſe zu werfen. Dieß iſt ſeine bisherige Stellung. Aber juſt jetzt ſteht die Kaiſerin im Begriff einen politiſchen Fehler zu begehen. Mit Recht ſtolz auf all ihre Erfolge, auf all die friſchen Lorbeern, womit ſie Rußlands kriegeriſche Ehre bekränzt, und auf die Erweiterungen, die unſere Grenzen erhalten haben, will ſie weiter gehen und ſich auch Schweden unterwerfen. Ich mißbillige dieſe Abſicht nicht. Die ſkandinaviſche Halbinſel hat die Vorſehung mit Ruß⸗ land feſt verwachſen laſſen und als eine natürliche Schutz⸗ mauer für Petersburg, die Hauptſtadt der Monarchie, in das Meer gegen Weſten hinausgeworfen; Skandina⸗ vien gehört uns alſo, ich kann wohl ſagen durch Ge⸗ burt, durch Lage und in Folge unſeres Bedürfniſſes an. Noch einmal, ich mißbillige die Abſicht nicht, wohl aber die Art und Weiſe der Ausführung. Subow wurde immer gedankenvoller. Orlow gab dem Gegenſtand eine umfaſſendere und tiefere Bedeu⸗ tung, als der Fürſt ſich vorher gedacht hatte. Wenn Subow ſich ſo eben durch Orlow's Aeußerung beleidigt gefunden, ſo hatte er jetzt eine glänzendere Genugthuung erhalten, als er ſelbſt erwartet. Bis jetzt hatte Subow's Eitelkeit oder, wenn man ſo will, Ehrgeiz nur dahin geſtrebt, mit der Kaiſerin identiſizirt zu werden; aber er mußte doch zugeben, daß es eine noch höhere Chre war, mit der ruſſiſchen Monarchie identiſtzirt zu werden, auf was Orlow zu deuten ſchien. Er lauſchte daher aufmerkſam auf die Worte des Grafen und erwartete neugierig die Reſultate. — Die Kaiſerin, fuhr Orlow fort, glaubt durch Alexandra einen unbeſtreitbaren Einfluß auf Schweden zu erhalten. Bah! iſt nicht die Kaiſerin ſelbſt eine Tochter Deutſchlands, und dennoch wer iſt mehr Ruſſin als ſie? Mit dem Hochzeitsfeſt iſt die Verwandtſchaft zu 216 Ende. Die Monarchen opfern niemals ihre eigenen Intereſſen und den Wunſch ihre Gewalt zu vergrößern, den Intereſſen und Wünſchen Anderer auf. Die Welt⸗ geſchichte hat auf dieſe Wahrheit ihren Stempel ſo oft gedrückt, wie auf irgend eine andere. Sie geben das ſicherlich Au — Vollkommen. — Stimmt es alſo, frage ich, mit Rußlands In⸗ tereſſe und mit ſeiner Zukunft überein, den König von Schweden an die Spitze der vereinigten nordiſchen Ar⸗ meen zu ſtellen, die dereinſt gegen das ſüdliche Europa in's Feld ziehen ſollen? — Das habe ich ſchon lange auch gefürchtet. — Ich bin davon überzeugt. Die Lorbeeren, welche die Armeen ernten, bleiben an der Degenſpitze des Be⸗ fehlshabers hängen; die Ehre, die ſie gewinnen, heftet ihr Diadem an ſeinen Namen, die Erfolge, die ſie er⸗ ſtreiten, erweitern ſeine Macht und ſeinen Wirkungskreis. Und dieſe Lorbeeren, dieſe Ehre und dieſe Erfolge über⸗ läßt die Kaiſerin einem König, der, wenn er Kraft be⸗ ſäße, wie er Muth beſitzt, keinen höͤheren Wunſch haben wuͤrde, als ſeine Waffen gegen uns zu kehren. — Ich bin mit Ihnen einverſtanden. — Wer bürgt dafür, daß er ſich nicht, obſchon im gegenwärtigen Augenblick ein perſönlicher Feind Frank⸗ reichs, wenn er einmal kriegeriſchen Heldenruhm erwor⸗ ben hat, mit den Franzoſen zu einem Angriff gegen uns verbinden könnte, da wir juſt wegen unſerer Nachbar⸗ ſchaft immer ſein gefährlichſter Feind bleiben würden? — Ihre Anſichten ſind richtig, Orlow, vollkommen richtig, aber wir verhindern... — Und während Schwedens König durch Rußlands Anſtrengung europäiſche Bedeutſamkeit gewänne, welche Rolle unſeden wohl Sie ſpielen, Hoheit? 9 a — Enthält nicht der Auftrag der Kaiſerin an Guſtav Adolf IV. eine Ungnade für Sie, eine Ungnade, 217 welche ſogar Guſtav's Siege der ganzen Welt verkün⸗ digen würden? — Aber, gibt es denn kein Mittel, mich aus dieſer Verdammniß zu retten? — Wem anders als Ihnen müßte Katharina die ehrenreiche Bahn eröffnen, um der Ueberwinder des ſüd⸗ lichen Europa's zu werden? Subow intereſſirte ſich immer mehr. Der Gedanke, daß ſeine Günſtlingſchaft Gefahr laufen koͤnnte, er⸗ ſchreckte ihn. — Wer ſieht nicht, fuhr Orlow fort, daß ſchon der bloße Gedanke, Schwedens jungen und unerfahrenen König in eine ſo glänzende Stellung einzuſetzen, für Ew. Hoheit der Anfang einer Ungnade iſt? Haben Sie nicht bereits Kälte im Benehmen der Kaiſerin bemerkt? — Ich weiß nicht, ich glaube nicht, ich kann nicht ſagen, ich... 3 — Die Kaiſerin iſt unbeſtändig. Wie Manche ſind nicht geſtiegen? Eben ſo Viele find gefallen. Sie müſſen Rußland retten, Hoheit, Sie muſſſen ſich ſelbſt retten. An eine der Statuen ſich ſtützend, ſtarrte Subow um ſich her. Orlow lächelte, obſchon das Lächeln nicht auf ſeinen Lippen ſpielte. — Ich habe Ihnen jetzt die Gefahr gezeigt, ſagte er; laſſen Sie uns nun auch auf die Mittel zu Ihrer Rettung üͤbergehen. Zwölftes Kapitel. Fortſetzung. Subow hatte niemals ſo deutlich wie jetzt die dro⸗ hende Gefahr eingeſehen, die über ſeinem Haupie ſchwebte. Da er bezweifelte, daß Orlow ihm eben ſo glücklich eine 218 rettende Hand reichen könnte, wie er ihm den Abgrund gezeigt hatte, worein er ſich bereits geſtürzt ſah, ſo kehrte er ſein Haupt an die kühlende Marmorſtatue. Seit die Kaiſerin Subow bis zu ihrem Thron emporgehoben, hatte er ſich durch emſige Studien mehrere Kenntniſſe und auch einen gewiſſen ſtaatsmänniſchen Blick erwor⸗ ben; aber deßungeachtet war er nicht in das Gebiet der großen Ideen eingedrungen. Dahin hatte Orlow ihn gefuͤhrt, und er entſetzte ſich beim Anblick der düſteren und drohenden Geſtalten, die ſich ihm jetzt zeigten. Orlow ſah die Gewalt, die er beſaß, und gedachte ſich den Sieg nicht aus den Händen wiſchen zu laſſen, bevor er ſich der Früchte bemächtigt hätte. Ueberlegend ging er in der Gallerie auf und ab. — Ew. Hoheit, fuhr er endlich fort, wenig Mo⸗ narchien ſind ſo ſtark organiſirt wie Rußland. Der Selbſtherrſcher gebietet allmächtig über das Ganze, wir gebieten über die verſchiedenen einzelnen Theile, aber das Ganze iſt aus ſeinen Theilen zuſammengeſetzt. Auf jeder Treppenſtufe vom Thron abwärts herrſcht der Ab⸗ ſolutismus in demſelben Geiſte. Unſer Wille iſt der Wille der ganzen Monarchie, weil Alles von uns durch⸗ drungen iſt, Alles nach unſern Abſichten ſich bewegen muß. Wir find die ſelbſtlautenden Vokale in dieſem Land, alle Andern ſind Conſonanten: Ohne uns beſitzen ſie keine Bedeutung, nicht einmal einen Ton zur Be⸗ zeichnung ihres eigenen Daſeins. Wir ſind Herrſcher, Einer unter dem Andern, mit dem Fuß auf den Rücken eines großen Ungeheuers tretend, einer in der Tiefe wimmelnden gigantiſchen Maſchine, eines wunderlich zuſammengeſetzten mechaniſchen Thieres oder Werkzeugs, das zu leben ſcheint und doch nicht lebt: ich meine, was man im ſüdlichen Europa das Volk nennt, und was wir Sklaven nennen. So lange unſere Einheit fort⸗ währt, ſind wir unüberwindlich; denn ſo lange bewegen ſich alle Kräfte in einer Richtung zu einem Ziel, wie d d L 3 ſ 4 00 d BSee — ——— A— ͤ ͤN 219 der rieſige Elephant ſich nur nach dem Zügel ſeines Führers bewegt. Subow erhob ſein Haupt; das neue Gemälde, das Orlow jetzt ihm aufrollte, war kräftiger und glänzender, zumal da er ſehr wohl einſah, in welchem Grade er ſelbſt die Vortheile mitgenoß, welche Rußlands Staats⸗ einrichtung denjenigen gewährt, die am Ruder ſitzen. — Vor einer halben Stunde, fuhr Orlow fort, hörte man gleichwohl, wie ein Pole, noch ein Junge an Jahren, ſich unterſtand, einen der Beamten unſeres Landes, Gott weiß welchen, anzuklagen; laſſen Sie ein Glied in der großen Kette brechen, Hoheit, und die zu⸗ ſammenwirkende Einheit zwiſchen allen Kräften iſt auf⸗ gelöst. Heute wird ein uns unbekannter Beamter an⸗ gegriffen, morgen werde es vielleicht ich, übermorgen Sie. In einem Lande, wie das unſrige, müſſen alle zur gemeinſchaftlichen Vertheidigung ſich die Hand reichen. Worowitſch muß geſtürzt werden und zwar bald. Orlow war auf ſeine Privatintereſſen gerathen und ſprach hitzig. — Subow näherte ſich ihm. Wäre Orlow in ſei⸗ nem Eifer nicht gänzlich blind geweſen, ſo würde er das Mißtrauen bemerkt haben, das bei dem Günſtling zu erwachen anfing. — Worowitſch, bemerkte Subow, was haben wir mit ihm zu ſchaffen? Drlow blickte auf. Die Frage tönte ſo wunderlich in ſeinen Ohren. Ueberraſcht betrachtete er Subow. Auf einmal las er in ſeiner Miene einen ausdrucksvollen Zweifel. Worowitſch, ſtammelte er, Worowitſch... — low bemerkte, daß er ſich von ſeiner Leidenſchaft in die gefährliche Verſuchung hatte führen laſſen, ſeinen geahnten und vielleicht juſt deßhalb um ſo mehr ge⸗ fürchteten Feind anzugreifen. Die Ahnung, welche der Gewißheit einer Gefahr vorangeht, iſt oft ſchrecklicher 220 als die Gewißheit ſelbſt; aber Orlow faßte ſich bald wieder. — Allerdings, verſetzte er, habe ich Worowitſch ge⸗ nannt. Natürlich ſind ſeine Drohungen mir gleichguͤl⸗ tig, ſo weit ſie es einem von uns ſein können. Die Kaiſerin hat ihm Gerechtigkeit verſprochen, und ſie dürfte vielleicht auch im Stande ſein, dieſelbe widerfahren zu laſſen. Aber laſſen Sie Gerechtigkeit für Alle prokla⸗ miren, welche Luſt haben, zu klagen; was würde da aus Rußland, was würde aus Ihnen ſelbſt werden? Der Aufruhr, wo er ausbrechen mag, hat nur eine einzige Stimme, die Klage, und nur ein einziges Ziel: Gerechtigkeit. — Mag ſein, unterbrach ihn Subow, aber wir entfernen uns von unſerem Gegenſtand. Es handelt um... Es lag in Subow's Aeußerung eine ſolche Gleich⸗ gültigkeit, daß ſie den Anſtrich von Verachtung gewann. Orlow beſaß gleichwohl zu große geiſtige Mittel, als daß er zu befürchten hatte, er möchte ſeine Gewalt über Subow verlieren. Unwillkürlich runzelten ſich jedoch ſeine Augenbrauen, und er betrachtete Subow mit einem ſcharfen Blick. — Es handelte ſich davon, ſagte er, Subow's letzte Worte aufnehmend, die Vermählung zu verhindern. — Allerdings. — Beantworten Sie mir zuerſt meine alte Frage, Ew. Hoheit, ob Sie die Liebe der Prinzeſſin vernichten oder vielleicht den Willen der Kaiſerin verändern zu können glauben. Subow war während des letzteren Theils von Or⸗ low's Vorſtellungen immer ungeduldiger geworden, und bei dieſer letzten, ſchon fruͤher erhobenen und jetzt wie⸗ derholten Einwendung verzerrte ſich ſein Geſicht. Aerger⸗ lich ſtampfte er auf den Boden und wandte ſich erzürnt gegen Orlow. ————— &ᷣ— n— d R ——- — A —— 224 — Ich habe Sie ſchon gar zu lange angehört, Graf; jetzt bin ich Ihres Geſchwatzes müde. Orlow lächelte höhniſch. — Meines Geſchwatzes? wiederholte er. Ew. Ho⸗ heit, fuhr er dann fort, Ihr Scharfſinn iſt mehr als einmal auf die Probe geſtellt worden, aber ich habe ſagen hören, daß ein Arzt ſeine eigenen Krankheiten nicht heilen könne, ſondern ſich an andere Aerzte wen⸗ den müſſe. Wahrhaftig, Ew. Hoheit, Sie gleichen den Herren Aerzten. — Was wollen Sie damit ſagen, Graf? — Ich will ſagen, daß Sie in Betracht Ihrer eigenen Intereſſen keinen Scharffinn beſitzen. — Sie ſind ſehr kühn, Graf. — Wenn die Gefahr groß iſt, Hoheit, ſo muß die Kur darnach eingerichtet ſein. Geſchwatze! wiederholte er noch einmal, ſoll ich vielleicht ſchweigen? Erbitterung und Unruhe, Zorn und Verwunderung, Gram und Neugierde rasten in Subow. — Sprechen Sie, Graf, antwortete er jedoch. Was haben Sie mir noch mehr zu ſagen? — Ich habe Ihnen bisher darzuthun geſucht, daß Sie, wenn Sie die Abſicht hegen, den Willen der Kai⸗ ſerin zu bekämpfen, nicht mit Ihren eigenen Intereſſen voranzutreten und ſich nicht den Anſchein zu geben brauchen, als ob Sie nur fuͤr ſich ſelbſt handelten, ſon⸗ dern daß Sie ſich mit großen und wichtigen nationalen Intereſſen maskiren können. Subow ſtampfte wiederum mit dem Fuß. — Werſtehen Sie mich nicht? fragte Orlow. — Nein. Subow war eine hochmüthige Natur: jetzt war er zugleich zornig. „— Ich habe Ihnen meine Art, wie ich Rußlands politiſche Stellung auffaſſe, auseinandergeſetzt. — Ich habe es gehört. 222 — Ich habe Ihnen ferner in wenigen Worten ein Bild unſeres Staatsorganismus vorgeführt. — Auch das weiß ich. — Handeln Sie in Uebereinſtimmung mit dieſen Elementen, Hoheit; ſchieben Sie die allgemeinen Intereſſen der Nation vor; verbergen Sie Ihre eigenen Abſichten hinter dieſen; laſſen Sie Ihre eigenen Beſtrebungen nicht zum Vorſchein kommen, ſo werden Sie in Ihrem Kampf von Kräften unterſtützt werden, von denen Sie im gegemwartigen Augenblick kaum eine Ahnung beſitzen. Subow's Geſicht erheiterte ſich. — Ich bin aber noch nicht zu Ende. — Fahren Sie fort, Graf, fahren Sie fort. — Wollen Sie das Ziel erreichen, ſo müſſen Sie nothwendig einſehen, daß Sie weder die Neigung der Prinzeſſin noch den Willen der Kaiſerin ändern können. Subow zog ſich wiederum einen Schritt zurück und ein plötzlicher Verdruß eilte über ſeine Stirne. Welch ein zweideutiger Widerſpruch lag nicht nach ſeinen Begriffen in Orlow's Rede! Inzwiſchen verän⸗ derte der letztere keine Miene. — Die Kaiſerin iſt unſere Herrſcherin. Ihr Wille muß uns heilig ſein. Wenn Sie gegen dieſen auftreten, ſo ſtürzen Sie ſich ſelbſt. — Bei allen Heiligen, Graf, gegen wen oder was ſoll ich denn auftreten? — Das blanke Schwert entſcheidet die Schickſale der Welt weit weniger als politiſche Klugheit und diplo⸗ matiſche Feinheit. Laſſen Sie uns nachdenken, Hoheit. — Ich meine, wir hätten genug gedacht. — Man hat nie genug gedacht, bevor man das Ziel erreicht hat. Laſſen Sie uns alſo nachdenken. Sollen wir mit der Kaiſerin anfangen oder mit der Prinzeſſin? — Mit beiden, wenn Sie wollen. Deſto eher kom⸗ men wir zu einem Reſultat. —..— 6 223 — Mit beiden? Wohlan denn. Ich nehme an, daß Sie für die Wünſche der Kaiſerin und der Prin⸗ zeſſin Achtung hegen. — Da Sie es verlangen, ſehr gerne. — So laſſen Sie uns die Perſonen in Betracht ziehen, deren Intereſſen mit denen der Kaiſerin und der Prinzeſſin am meiſten verwachſen ſind. — Fahren Sie fort. geh— Ich bleibe vor Allen bei Guſtav Adolf IV. ehen. — Ganz richtig, — Sein Charakter iſt mir unbekannt, aber er iſt ein noch unmündiger Jüngling, unter der Leitung einer ihm feindſeligen vormundſchaftlichen Regierung erzogen, und wird bald ſeine Regierung antreten. In dieſen Um⸗ ſtänden liegen bereits manche Veranlaſſungen zu der Vermuthung, daß ſein Charakter in gewiſſer Beziehung eine ſchiefe Richtung erhalten haben muß. — Wie ſo? Subow verſtand zwar noch nicht, wohin Orlow zielte; aber ſeine Anſichten begannen dennoch eine Ge⸗ ſtalt anzunehmen, wenn die Geſtalt auch vor der Hand bloß ein Schatten war. — An Guſtav Adolſ's Seite ſteht der Herzog⸗Re⸗ gent, und an deſſen Seite Reuterholm. Wie man mir dieſe Männer ſchildert, ſo muß Etwas von einem Judas Iſchariot in ihre Politik gegen Guſtav eingefloſſen ſein. Ew. Hoheit, Sie müſſen ſich mit dieſen Männern ver⸗ binden, Sie müſſen dieſelben nöthigenfalls erkaufen. Das Schattenbild erhielt eine immer beſtimmtere Form für Subow. — Wir wiſſen, daß der Herzog und Reuterholm der Verbindung mit Alexandra entgegen gearbeitet haben. — Aber ſie haben jetzt nachgegeben. — Sie haben nachgegeben, aber nur weil ſie durch politiſche oder andere Umſtände dazu gezwungen wurden. Seien Sie überzeugt, daß ſie ein Anerbieten von Ihnen, 224 die Sache rückgängig zu machen, mit Freuden aufneh⸗ men würden. Subow begann auf und ab zu gehen. All die Seelenleiden, die von ungewiſſen Hoffnungen erzeugt wurden, arbeiteten in ſeinen Geſichtszügen. — Ich billige Ihre Anſicht. Ich werde ſchon mor⸗ gen einen Courier nach Schweden abſchicken. — Wählen Sie nur keinen Ruſſen dazu, Ew. Ho⸗ heit, denn ſonſt könnte man Ihnen auf die Spur kom⸗ men, ſondern einen Ausländer. — Das will ich, ja das will ich. Ha, Orlow... ich athme leichter... ich... — Hören Sie mich noch weiter an, Ew. Hoheit. — Ich höre. — Zwei Wege führen ſchwerer nach Rom als ein einziger. Ich bin überzeugt, daß der Herzog ſehr leicht in Guſtav Adolf's Charakter eine Schwäche aufdecken kann, mittelſt welcher er, wenn er ſich von hier aus heimlich unterſtützt weiß, möglicherweiſe die Verbindung abzubrechen vermag, vielleicht durch Guſtav ſelbſt; aber laſſen Sie uns dabei nicht, durch gar zu große Sicher⸗ heit verblendet, die Prinzeſſin überſehen.. — Aber Sie glauben ja nicht, daß man ſie von ihrer Liebe abbringen könne. — Das glaube ich nicht; ich glaube wenigſtens nicht, daß wir es thun könnten. Aber laſſen Sie uns nachdenken, Ew. Hoheit, nachdenken! Das Nachdenken iſt ein Sieb, mit welchem man das Korn von der Spreu ſcheidet. Je mehr man nachdenkt, um ſo beſſer wird das Reſultat. Die Prinzeſſin hat, wie Sie wiſſen, eine Freundin. — Fräulein Willanow. — Es iſt wunderbar, wie zwei Mädchen, die einan⸗ der recht verſtehen, in ihre Herzen Liebe einſchwatzen können. Wenn das Feuer darin abnehmen will, ſo werfen ſie ein Wort um das andere auf die Gluth, und die Flammse lodert immer höher wieder auf. Wie viel W W . - l i 1 225 Liebe iſt nicht aus eitel Geſchwatze zuſammengeſetzt? Was man beſtändig hört, das glaubt man zuletzt. Die Prinzeſſin hat jetzt auch ſo viel von Guſtav Adolf ſchwatzen gehört, daß ſie ihn zu lieben glaubt, und was liebt ſie in der That ſelbſt? Nur das Geſchwatze von ihm. Ihre Liebe ſind Worte, und nichts als Worte. Und wer iſt wohl die größte Schwätzerin? — Willanow. — Allerdings, Ew. Hoheit. Sie müſſen das Fräu⸗ lein von der Prinzeſſin entfernen. — Sie entfernen? Das iſt unmöglich. Die Kai⸗ ſerin iſt ihr gewogen, die Prinzeſſin liebt ſie. — Um ſo leichter muß es ſich ausführen laſſen. Nur eine ſolche Perſon, die man einmal geliebt hat, kann man zuletzt recht haſſen. Denken Sie ſich, die Kaiſerin erführe einmal was von ihr, was ſie ſelbſt oder ihren Hof beleidigte. — Sie führen mich in einen Wirbel hinein, der mich in einen hinabzieht. Orlow that, als ob er Subow's Bemerkung nicht hörte. — Fräulein Willanow, fuhr er fort, iſt Polin. — Nun ja. — Das iſt bereits ein Brandmal auf ihrer Stirne. Erweitern Sie es, Ew. Hoheit, damit es groß genug wird, um der Kaiſerin in die Augen zu fallen. — Sie wollen, daß ich ſie belügen ſolle. — Ich will, daß Sie bloß die Wahrheit von ihr ſagen ſollen. Die Materialien dazu werden Sie von mir erhalten. Worowitſch iſt auch Pole. Still... „Orlow verſtummte. Man hörte in der Entfernung Stimmen und ſah, wie zwei Perſonen zwiſchen den Bäumen im Park zum Vorſchein kamen. — Es kommt Jemand. — Bedecken wir uns. Subow und Orlow ſetzten ſchnell ihre Masken wieder auf. Der Fürſt. T. 15 226 Als die Kaiſerin und Armfelt die Galerie verließen, begaben ſie ſich in den Park hinaus. In Katharina's Kopf war der Gedanke aufgetaucht daß man ihren Willen bekämpfen wolle. Dieſer Ge⸗, danke reizte ſie, gleich als hätte ein unreiner Finger den goldenen Reif der Kaiſerkrone berührt. Die fürſtliche Eitelkeit war verletzt, und dieſe war eben ſo groß wie die weibliche. Armfelt hatte nur noch die Aufgabe, auch die letztere zu wecken. Ihr Buſen hob ſich hoch, ihr Herz klopfte heftig. Mit inniger Wärme ſeinem Vaterlande ergeben, wälzte Armfelt tauſend Pläne in ſeinem Haupt, um ihm zu nützen, aber in Uebereinſtimmung mit ſeiner politiſchen Anſchauungsweiſe, welche die ÄAnerkennung von Guſtav's III. Syſtem, die Einſetzung Guſtav Adolf's IV. in die königliche Würde, ſowie den Sturz des Herzogs, vor Allem aber den Sturz Reuterholm's in ſich ſchloß. In der Kaiſerin erblickte er den Hebel, womit er ſein Werk durchführen wollte. Armfelt war Cgoiſt, jedoch einer jener edlen Egoiſten, welche die Intereſſen des Vaterlandes eben ſo hoch ſtellen, wie ihre eigenen. Es war keine geringe Macht, die Kaiſerin am Arme zu führen. Die Frage, wie der Augenblick recht benützt werden müſſe, war jedoch nicht ſo leicht beantwortet. Armfelt ſchwieg. Nichts deſto weniger achtete er genau auf alle Be⸗ wegungen der Kaiſerin, auf die zunehmende Haſt ihrer Athemzüge, auf den unruhigen Gang ihres Buſens, auf die heftige Lebhaftigkeit ihrer Schritte. Er forſchte in ihrer Seele, er forſchte in ihrem Herzen. Der Abend war unbeſchreiblich ſchön. Es war ein nordiſcher Sommerabend in bereits weit vorangeſchrit⸗ tener Saiſon. Der Park war nicht minder zauberhaft. In den laubigen Wipfeln der Bäume ſeufzte der Wind um ſie her und gleich einem unmittelbaren Echo erwach⸗ ten auch die Seufzer im Herzen. Der phantasmagoriſche Farbenwechſel, der ſich von den Fackeln und Lampen 227 aus verbreitete, verlieh dem Ganzen einen magiſchen Reiz, welcher den Eindruck noch mehr erhöhte. Da und dort kamen in den Gängen, gleich Ge⸗ ſpenſtern, unbekannte, in ſchwarze, lange Dominos ge⸗ hüllte Masken an ihnen vorüber. In der Entfernung hörte man eine zitternde, ſanft zum Herzen dringende Muſik; die Harmonien ſchwebten wie Geiſter durch die Luft. Die wunderbaren und geheimnißvollen Mächte, die auf dem Grund der Menſchenſeele wohnen, tauchen in Augenblicken wie dieſer gleich Gnomen aus der Tiefe empor. Wie eine Geiſterbeſchwörerin ſtand die Natur mit⸗ ten in ihrem wunderbaren Zauberkreis da, auf myſtiſche Weiſe die fantaſtiſchen Geſtalten der Einbildungskraft in's Leben heraufrufend. Wir haben geſagt, daß Armfelt ſchwieg. Warum ſchwieg er? Berechnete er die Allmacht des Schweigens? Die Kaiſerin und er, Arm in Arm, beide in lange ſchwebende Dominos gehüllt, mehr der Geiſterwelt an⸗ gehörend als der Wirklichkeit, umgeben von einem Wech⸗ ſel zwiſchen Licht und Dunkel, der weder Tag noch Nacht war, aber auf eine ſo lockende und verführeriſche Art an Beides erinnerte; einer entfernten, melancholi⸗ ſchen Muſtk lauſchend, die gleich einem ſauſenden Wind durch die Bäume wogte, unbeſtimmt, aber dennoch hin⸗ reißend wie das Gefühl— welch eine Situation! Armfelt hatte die Kaiſerin ſtudirt und wollte Nutzen aus ſeinen Studien ziehen. Sie war nicht mehr jung, ſondern im Gegentheil bereits alt. Das erfahrene Weib wird nicht mit Sturm genom⸗ men. Ex belagerte daher ihr Herz, und er nahm die Natur, den Abend, die Dämmerung, die Muſik, das Feſt, die Blumen und die Winde zu ſeinen Bundesge⸗ noſſen; aber dieß war noch nicht Alles. Wenn er redete, 228 ſo ſtörte er den Einfluß des Zaubers, der von allen Seiten auf ihr Herz wirkte. Deßhalb ſchwieg er. Das Schweigen verlieh dem Augenblick ſeine rechte Wolluſt. Die Kaiſerin ſeufzte. Für ihn war es in dieſem Augenblick das Schick⸗ bu ſal Schwedens, das ſeufzte: er wagte auch ſelbſt kaum do zu athmen. Die Schritte der Kaiſerin wurden weniger heftig; ihre Bewegungen wurden immer ruhiger; das Gewoge en ½ ihrer Bruſt nahm ab. W War es berechnet oder nicht, aber jetzt drängte ſich M auch aus Armfelt's Bruſt ein Seufzer. ei Katharina zitterte dabei, gleich als würde ſie aus fa einem magnetiſchen Schlaf geweckt. de i917 Sprechen Sie, Armfelt, warum ſprechen Sie we nicht? — Die Natur ſpricht ſelbſt, Ew. Majeſtät. Laſſen di Sie uns nur denken oder... un — Oder.. ha — Fühlen, Ew. Majeſtät, das iſt lieblicher. H Ein neuer Seufzer hob ihre Bruſt. gl Die Scenerie, die Katharina umgab, machte einen unwiderſtehlichen Eindruck auf ſie. vo Die Natur war ja auch unwiderſtehlich ſchön. Am Schluß eines ſo wechſelreichen und bunten Le⸗ M bens wie das ihrige, wird man immer von einer Er⸗ ge⸗ innerung nach den Luſtgärten zurück verlockt, die man zu durchwandelt hat, und die jetzt gleich Kirchhöfen öde ne ſtehen, nur voll von Verluſten, nur reich an bezeichnen⸗ D den Grabkreuzen. wi Der Seufzer, welcher die Bruſt der Kaiſerin hob, ur flog über eine ganze Welt von Verluſten. ſte Armfelt fühlte, was ſie empfand. Dieſer große, W mächtige Geiſt lag offen dar vor ſeinem eigenen. CE G beſtand zwiſchen ihnen eine Verwandtſchaft, welche ſelbſt ho ihre verſchiedene geſellſchaftliche Stellung ihnen nicht ni verbergen konnte. 9 229 — Sehen Sie das Licht, Ew. Majeſtät, das ſich dort entfernt? — Ich ſehe es.. — Sehen Sie auch, wie der Schatten des Roſen⸗ buſches da in die Länge und Weite wächſt, je nachdem G das Licht ſich entfernt? — Ich ſehe, ich ſehe. — Je mehr die Flamme des Jugendlebens ſich entfernt, um ſo größer werden die Schatten um uns. Warum können wir nicht immer jung bleiben, Ew. Majeſtät? Nur da ſind die Blumen und das Licht eins, und die kleinen Schatten, die zwiſchen die Blätter fallen, erhöhen nur die Anmuth des Bildes Aber mit den Jahren wachſen die Schatten, und die Schatten werden allmälig Nacht. Die unwillkürliche, melancholiſche Klage, die in dieſen Worten lag, glich die Jahre zwiſchen Armfelt und der Kaiſerin aus. Ohne es ſelbſt berechnet zu haben, wurde ſeine Aeußerung eine Brücke zu ihrem Herzen, und der Gedantke es zu erobern, tauchte bald gleich einem chineſiſchen Wachtthurme in ihm auf. Unbewußt wurde Katharina's Bruſt auf's Neue von einem Seufzer gehoben. — Ich will nicht läugnen, ſagte ſie, daß etwas Menſchliches in Ihrem Wunſche liegt, Etwas, worin gewiß jedes Herz einſtimmt, und gleichwohl, Armfelt, zweifeln Sie ſicherlich nicht daran, daß auch der Son⸗ nenuntergang des Lebens Annehmlichkeiten bieten kann. Der Abendſtern iſt ja in der Wirklichkeit der nämliche wie der Morgenſtern. Das Herz iſt immer daſſelbe in unſerm Leben, ob wir der Wiege oder dem Grabe nahe ſtehen. Unter dem Bogen des Morgenroths glüht die Welt, die Flimmer flammen, die Vögel jubeln, unſere Gedanken werden von feurigen Gefühlen entzündet, wir hoffen; unter dem Bogen der Abendröthe iſt die Hitze nicht geringer, obſchon die Schatten wachſen: unſere Herzen erinnern ſich mehr, aber die Erinnerungen leiten 230 das Herz; wir ſeufzen mehr, aber der Seufzer hebt un⸗ ſern Geiſt. Entweder ſchwebt die Seele da in jedem Seufzer wie in einem Luftballon über die Welt hinaus, oder ſie erhebt ſich in unſern Erinnerungen wie in einem Eliaswagen: mit einem Wort, wir koͤnnen mehr um⸗ faſſen, weil unſer Buſen ſich mit der Erfahrung unſers Herzens erweitert hat. Jetzt iſt mein Herz reich; würde ich wieder jung, ſo wäre es ja wieder arm. Laſſen Sie es ſein wie es iſt, Armfelt. Alle Alter haben ihre Annehmlichkeiten. Wenn wir jung ſind, genießt unſer Gefühl; wenn wir alt find, genießt unſer Verſtand. Das höchſte Glück iſt das Glück des Verſtandes. Unſers Glückes bewußt zu ſein, iſt das zur Frucht gereifte Glück. Das Gefühl tappt mit ſeinen Armen immer nach etwas Unbeſtimmtem, nur der Verſtand weiß mit Sicherheit, was er an's Herz ſchließt. Ich bin nie ſicher geweſen, Etwas zu beſitzen, bis mein Verſtand mir geſagt, daß ich es wirklich beſaß. Unbewußt habe ich, das gebe ich gerne zu, oft nach meiner entſchwundenen Jugend ge⸗ ſeufzt; aber nach einem Augenblick hat mein Verſtand mir zugeflüſtert: warum klagen? Du beſitzeſt ja jetzt mehr als früher; früher träumteſt Du vom Glücke des Lebens, jetzt genießeſt Du ſeine Wirklichkeit, und was auch alle Poeten der Welt immer behaupten mögen, die Wirklichkeit gewährt dennoch höhere Genüſſe, als der Traum je zu gewaͤhren vermag. Armfelt fragte ſich, wie er das Raiſonnement der Kaiſerin deuten ſollte. Enthielt es eine Aufmunterung? Um die Kaiſerin zu erobern, mußte er zuvor das Weib erobern. Ohne daran zu denken, entfernten ſie ſich inzwiſchen immer mehr von der Gallerie. — Sie antworten nicht, bemerkte die Kaiſerin. — Ich überdenke ſtatt deſſen, Ew. Majeſtät, was Sie zu äußern beliebt haben. — Sie haben viel geſehen, Armfelt, auch viel —4 10=ͤͤ— 231 durchgemacht, ſagen Sie mir, iſt Ihre heitere Welt⸗ anſicht dadurch geſchwächt worden? — Keineswegs, Majeſtät, aber dennoch iſt Vieles anders als es früher war. Früher flog gleichſam die ganze Welt mir entgegen, jetzt zieht iſte ſich gleichſam vor mir zurück. Die Kaiſerin ſchien ihrerſeits jetzt Armfelt's Worte zu überdenken, aber plötzlich wandte ſie ſich gegen ihn. — Sagen Sie mir, Armfelt, hegen Sie noch Liebe für Jemand? Die Frage kam ſo unerwartet, daß Armfelt ſich überraſcht fühlte. Unwillkürlich richtete er ſich auf, ſein Geſicht gewann einen höheren Glanz, ſein Auge wurde von einem Ausdruck voll von Bewunderung und Selig⸗ keit befeuert. Der Zufall hatte ihre Schritte ſo gelenkt, daß ſie ſich von den beſuchteſten Theilen des Parkes entfernt hatten. Schlingpflanzen und Blumen, die in prismatiſch wehſellder Beleuchtung ſtrahlten, umgaben ſie von allen eiten. Die Kaiſerin, die ſich müde fühlte, hatte auf einer Bank Platz genommen. Armfelt's elaſtiſche Bewegung war an und für ſich eine ſehr bezeichnende Antwort auf ihre Frage. Einen Augenblick betrachteten ſie einander ſtill⸗ ſchweigend; darauf ſank Armfelt auf ein Knie nieder. Die Frage der Kaiſerin hatte Armfelt überraſcht; Armfelt's Kniefall überraſchte die Kaiſerin. In lautlo⸗ ſer Stille verging ein Augenblick. Es war ein ſolcher Augenblick, wo wunderbare, entgegengeſetzte Gefühle in unſerer Seele zuſammentreffen, um ſich entweder im Blitze des Haſſes oder in der Flamme der Liebe zu ent⸗ laden. Hier ſollte er jedoch weder das eine noch das andere hervorrufen. Armfelt beugte die Kniee vor der räthſelhaften Norne 232 ſeines Schickſals; bebend fragte er ſich auch, was die nächſte Stunde mit ſich führen würde. Die Kaiſerin, die ſo unbewußt die Leitung ihrer weiblichen Gefühle Armfelt überlaſſen hatte, verſtand erſt jetzt, um was es ſich handelte. Obſchon auf allen Sei⸗ ten von zauberhaften Eindrücken, von den feenhaft ein⸗ nehmenden Schönheiten des Abends, von ihren eigenen luftigen Träumen und von Armfelt's perſönlichen Eigen⸗ ſchaften umgeben, fand eine plötzliche große Veränderung den inr fei und ihn, ſo wie ſich ſelbſt beherrſchend, er⸗ ob ſie ſich. Durch einen Zufall, ob er nun berechnet war oder nicht, fiel dabei von ihrem Finger ein Diamantring auf den Boden vor Armfelt, der ihn ſogleich aufhob. — Ich danke Ihnen, Baron, ſagte ſie, während ſie den Ring in Empfang nahm und wieder an ihren Finger ſteckte, daß Sie Sich niedergebeugt und ihn aufgehoben haben, fügte ſie dann hinzu. Die Kaiſerin ſchien ſeinem Kniefall eine eigene Be⸗ deutung geben zu wollen. — Wir vergeſſen den Zweck unſerer Promenade, hr ſie fort. Laſſen Sie uns nach der Galerie zurück⸗ eehren. Armfelt erhob ſich bläſſer als gewöhnlich. Es war ſchwer zu ſagen, was in ſeinem Innern vorging. — Erlauben Ew. Majeſtät, bat er, daß ich dieſe Blume als eine Erinnerung an dieſen Augenblick auf⸗ bewahren darf? — Eine Blume? Welche Blume? — Dieſe, Ew. Majeſtät. Armfelt zeigte eine kleine einfache Gartenblume, die er gebrochen hatte, als er ſich aufrichtete. — Sie iſt unter meinem Knie zerdrückt worden. Der Blick der Kaiſerin ſchwebte wieder an ihm vorüber. — Bewahren Sie ſie immerhin, antwortete ſie. 4₰o A— u— u u— XN—* — 233 Ihre Gedanken ſchienen von Neuem eine andere Richtung zu nehmen. — Armfelt, ſagte ſie, indem ſie ſeine Hand ergriff, Sie behaupten, daß meine nächſte Umgebung meinem Wunſch, Guſtav Adolf und Alexandra verbunden zu ſehen, entgegen arbeite. Sagen Sie mir, wer diejenigen ſind, die das zu thun wagen. Wäre es..ihre Hand zitterte dabei leicht in der Hand Armfelt's, wäre es... aber . aber.. Laſſen Sie mich wiſſen, wer ſie ſind. Armfelt glaubte, die Vorſicht gebiete ihm, keine beſtimmte Perſon anzuklagen, ſondern die Kaiſerin ſelbſt höͤren zu laſſen, was um ſie her vorgehe; er er⸗ klärte daher, er wiſſe bloß, daß man ihr entgegen ar⸗ beite, könne aber nicht ſagen, wer es thue. — So laſſen Sie uns in die Gallerie gehen. Wir haben uns bereits zu lange aufgehalten. Subow und Orlow nahmen die Masken vor, als ſie von der Parkſeite her Schritte kommen hörten. Da Subow ganz und gar keine Luſt gezeigt hatte, Fräulein Willanow von der Prinzeſſin Alexandra zu entfernen, ſo wollte Orlow eben mit einem neuen Vor⸗ ſchlag hervorrücken, aber in dieſem Augenblicke hörte man die Tritte im Park immer näher kommen, und un⸗ mittelbar darauf traten zwei Dommino's ein, wovon der Eine eine Balalajca trug, die an einem grünen Band über die eine Schulter hing. Subow zog ſich etwas zurück, während Orlow die Ankömmlinge ſcharf in's Auge faßte. — Seien Sie ruhig, Ew. Hoheit, ſagte er nach einer Weile, es iſt Markow und Protaſow. Laſſen Sie uns ihnen entgegen gehen. — Sie täuſchen ſich doch nicht, Graf? — Verlaſſen Sie ſich auf mich. Die vier Masken näherten ſich jetzt einander. r2 — Sie ſind lange ausgeblieben, Fräulein, ſagte Orlow zu der Dame. — Die Kaiſerin hat mich aufgehalten, antwortete die Angeredete. Eine Maske verbirgt nicht bloß das Geſicht, ſie bricht auch die Stimme und macht ſie unkenntlich. Orlow ahnte keinen Betrug. — Die Kaiſerin hat ſich in ihre Gemächer begeben? — Ja. Der Leſer erräth ohne Mühe, daß die neuen An⸗ kömmlinge die Kaiſerin und Armfelt waren. Armfelt näherte ſich Subow. — Ihr Begleiter iſt doch Markow? fragte Orlow. — Natürlich, wer ſonſt? Armfelt war du erfahren und zu ſehr an ſchwierige, kritiſche Augenblicke gewöhnt, um nicht zu wiſſen, daß nur Kühnheit auf Erfolg hoffen kann. — Laſſen Sie uns, ſagte er daher, auf den Ge⸗ genſtand unſeres Zuſammentreffens übergehen. Auf wel⸗ ches Reſultat ſind Sie gekommen? Mehr bedurfte es nicht, um Orlow's ganze Auf⸗ merkſamkeit von den Perſonen abzulenken und wieder der Sache zuzuwenden, die ihn ſo ſehr intereſſirte. — Was wir verabredet haben? ſagte er. Horen Sie mich an Markow, Sie werden es gewiß billigen. Um die Neigung zu ſchwächen, welche ſich der Prinzeſſin ſo gänzlich bemächtigt hat, und die dadurch eine beſtän⸗ dige Nahrung erhält, daß ihre Gedanken unaufhörlich auf Guſtav Adolf gelenkt werden, halte ich für nöthig Willanow von ihr zu entfernen. Sie antworten mir nicht, Markow; aber ich bleibe feſt bei dieſer Anſicht. Laſſen Sie uns ihre Meinung hören. Armfelt antwortete nicht. — Und Sie, Fräulein? Die Liebe lebt von Illu⸗ ſionen, ſie wächſt von Träumen und Einbildungen, ſie nimmt an Stärke zu, ſo lange die Gedanken an den Gegenſtand unterhalten werden. Gleich dem Phönix auf 23⁵ ſeinem Scheiterhaufen wird ſie nicht von dem Feuer ver⸗ zehrt, ſondern erhebt ſich neu und verklärt aus demſel⸗ ben. Fräulein Willanow muß fort. Sagen Sie Ihre Anſicht. Sie ſind ein Frauenzimmer und begreifen die Sache. Billigen ſie meine Anſicht oder nicht? — Ich billige ſie. Die Kaiſerin und Armfelt wechſelten einen Blick. — Und Sie, Markow, überlegen Sie noch immer? — Auch ich billige Ihre Anſicht. — Nun, Ew. Hoheit? — Ich bin nicht mit Ihnen einverſtanden, antwor⸗ tete Subow. Die Kaiſerin liebt Willanow, ich fürchte... .— Was fürchten Sie? fragte Orlow. Es gibt zwei Mittel. Das eine beſteht darin, daß ſie ganz einfach verſchwindet. — Und das andere? — Daß ſie Jemand heirathet, auf den Sie, Ho⸗ heit, ſich verlaſſen können. Orlow trug jetzt ſeinen neuen Vorſchlag vor, und es ärgerte ihn nur, daß er nicht ſchon lange vorher daran gedacht hatte. — Sie verheirathen? nahm Subow die Frage auf, damit wäre ich einverſtanden; aber wen kann man ihr vorſchlagen? — Darüber wollen wir ein andermal nachdenken. Orlow ließ ſeine Blicke auf der maskirten Dame haften, in deren Bewegungen ſich eine gewiſſe Heftigkeit zeigte, die ihn in Verwunderung ſetzte. — Ich habe auch von Worowitſch geſprochen, fuhr er inzwiſchen fort, indem er jedoch ſeinen Blick beſtän⸗ dig auf der Maske haften ließ, nach meiner Anſicht muß er gleichfalls entfernt werden, weil... Orlow verſtummte. — Weil, ſtammelte er jedoch wieder, weil... Mit Schrecken glaubte er jetzt zu bemerken, daß es nicht Fräulein Protaſow ſey, die er vor ſich hatte, ſon⸗ dern... er wagte kaum zu denken, wen er vor ſich zu 236 haben glaubte. Er konnte ſich jedoch nicht lange täu⸗ ſchen. Protaſow war ſchlanker, und er hatte alſo Nie⸗ mand anders vor ſich als... — Weil... wiederholte die Dame. Der Argwohn ſteigert die Aufmerkſamkeit, Kein Ohr iſt ſo fein, wie das des Argwohns: es hört das Gras wachſen. „Was Orlow vor allen Dingen ganz beſonders aus⸗ zeichnete und hauptſächlich zu ſeinem Einfluß beitrug, das war die Entſchloſſenheit, die er immer, namentlich aber im Augenblick der Gefahr, zeigte. Ohne lange zu überlegen, wandte er jetzt der Dame den Rücken und näherte ſich Subow.„ — Ein Wort unter vier Augen, Hoheit, ehe ich weiter gehe, redete er dieſen an. Subow und Orlow zogen ſich auf die Seite. — Wir find verrathen, ſagte er.* — Verrathen? — Ja. — Dieſe Maske da iſt...— — Wer? — Die Kaiſerin... Schweigen Sie, unter allen Umſtänden ſchweigen Sie, ſonſt ſind wir verloren. — Mein Gott, was ſagen Sie, die Kaiſerin? Sollte Markow uns verrathen haben? — Es iſt nicht Markow, der mit der Kaiſerin ſpricht; Markow iſt kleiner. Aber ſeien Sie ruhig, Ew. Hoheit, ich rette Sie. — Sie retten mich? Subow dachte bloß an ſich. — Wenn Sie auf meinen Vorſchlag eingehen, ſo thue ich's. — Auf welchen Vorſchlag? — Daß ſie einen Courier nach Stockholm abſenden. — Ja. Orlow war eifrig, aber er verlor die Selbſtbeherr⸗ 237 ſchung nicht, die in dieſem Augenblicke ſo nothwen⸗ dig war. — Ferner müſſen Sie das gutheißen, was ich für hothidis halte, um Willanow und Worowitſch zu ent⸗ ernen. — Ich verſtehe nur nicht... — Die Kaiſerin lauſcht auf uns. Gehen Sie auf meinen Vorſchlag ein? — Wer iſt es, mit dem ſie ſpricht? — Ach ahne, daß es Armfelt iſt. — Schwören Sie, daß Sie mich unterſtützen und meine Pläne fördern wollen. .— Gut, ich ſchwöre. Während dieſes Geſprächs hatte Armfelt ſich eben⸗ falls der Kaiſerin genähert. — Sie berathen ſich, flüſterte er. — Ich werde ſie bald entlarven. — Beurtheilen Sie ſie nicht zu hart, Ew. Majeſtät. — Der eine iſt Subow. Er, den ich aus dem Staube erhoben habe! — Allerdings. — Der andere iſt Orlow. — Ja. — Ich kann mich doch darauf verlaſſen, daß Dö⸗ diüch heing Ordre auf der Hauptwache richtig abgegeben at? — Das können Sie, Ew. Majeſtät. ſe— Dann muß die Wache bereits auf ihrem Platze ein. — Ganz ſicher. — Stilke — Sie kommen. 1 Orlow kam jetzt von Subow zurück. Vergnügt rieb er ſich die Hände, als hätte er Urſache zur größten Zufriedenheit.— Die Kaiſerin mußte ſich Gewalt gnthun, um ihm 238 nicht die Maske vom Geſichte zu reißen; aber ſie be⸗ zwang ihre Ungeduld noch, um ſeine Abſichten deſto vollſtändiger zu erfahren. Subow folgte niedergeſchlagen allen Bewegungen Orlow's. „Armfelt nahm ſeinen Platz ganz nahe bei der Kai⸗ ſerin ein. — Alles geht vortrefflich, Fräulein, ſagte Orlow u der maskirten Dame; es iſt mir jetzt gelungen, den Pürſten auf unſere Seite zu bringen. Ein kalter Schweiß brach auf Subow's Stirne aas. Er begriff nicht, wohin Orlow abzielte. — Sie ſind doch damit einverſtanden, Fräulein Pro⸗ taſow, daß wir auf irgend eine Weiſe Willanow ent⸗ fernen? — Ja. Die Kaiſerin konnte vor Erbitterung kaum ihre Würde bewahren, als ſie dieſe Worte hörte. — Und Sie, Markow? — Ich denke ganz wie das Fräulein. — Wir ſind alſo in der Sache einig. Die Mittel zu ihrer Entfernung können verſchiedener Art ſein. Man hörte jetzt einen ſtarken Schlag auf einen Gongong. Das heftige Zucken, das dabei durch Orlow's Glie⸗ der flog, bewies, daß dieſer Ton für ihn große Bedeu⸗ tung hatte. — Das beſte Mittel, fuhr er inzwiſchen fort, iſt, daß wir.. dieß iſt unläugbar eine gute Idee, z. B. Worowitſch Gelegenheit geben, ſie zu entführen. — Worowitſch? Bemerkte die Kaiſerin, Worowitſch? — Warum nicht? Sie iſt Polin und er iſt Pole. Ich bin überzeugt, daß ſie in einem geheimen Bund mit einander ſtehen, denn ich habe ſie ſo eben ganz al⸗ lein hier überraſcht. Willanow ſchürt die Neigung der Prinzeſſin, und Worowitſch ſcheint nur hieher gekom⸗ vn=—=ꝑi Dn 239 men zu ſein, um bei der Kaiſerin Jemand aus ihrer Umgebung anzuklagen, der jedoch noch unbekannt iſt. Ein neuer Schlag auf dem Gongong ließ ſich jetzt hören. — Sie ſind doch damit einverſtanden, Fräulein? nicht wahr? — Vollkommen. — Und auch Sie, Markow? — Auch ich — Worowitſch iſt gekommen, wie wenn wir ihn zu unſern Plänen beſonders verſchrieben hätten. — Ja ja! — Geſtehen Sie, Fräulein, daß Sie ihn hier er⸗ warteten. — Und wenn es ſo wäre? — Daß Sie ſchon lange den Plan gehegt haben, Willanow zu entfernen! — Ich möchte beinah über Sie lachen. — Daß Sie dieß wünſchen, weniger um der Ab⸗ ſichten willen, die ich ausgeſprochen habe, denn aus Furcht, daß Willanow Sie bei der Kaiſerin ausſtechen önnte. — Ja gewiß, gewiß. Der dritte Schlag auf dem Gongong ertönte jetzt. Orlow lauſchte darauf, als wollte er ſich an dem letzten erſterbenden Tone laben. Er gab ihm die Befrie⸗ digung zu wiſſen, daß Worowitſch jetzt fortgeſchafft war. — Nicht wahr, Fräulein, Sie haben Willanow und Worowitſch vortrefflich zum Beſten gehabt, und drehen auch der Kaiſerin manchmal ein Näschen? Sie koͤnnen es nicht läugnen. Obſchon die Kaiſerin ſich beleidigt fühlte, lachte fie gleichwohl über dieſen Einfall, ſo drollig erſchien er ihr. — Und auch Sie, Markow, fuhr Orlow fort, ſpie⸗ len die Rolle eines Fuchſes. Wenn die Kaiſerin wuͤßte, wie Sie gegen ſie cabaliren, ſo würde Sie Ihnen wahr⸗ 240 lich das Vertrauen nicht ſchenken, das Sie jetzt beſitzen. Sie ſind ſtill wie eine Mauer. 1 Saluſh Arnfelt fand die Sache ſo komiſch, daß er achte. — Die arme Kaiſerin! Es iſt doch recht luſtig, daß man ſie ſo geſchickt betrügen kann. Auch ich kann nicht umhin, darüber zu lachen. Orlow begann wirklich zu lachen, aber dieſes Lachen ſchnitt auf einmal die Geduld der Kaiſerin ab. Em⸗ pört trat ſie jetzt gegen Orlow vor und gab ihm mit dem Handſchuh einen Schlag in's Geſicht. — Verräther! rief ſie, Sie lachen zu früh. Wache herein, Wache! Auf ihren Ruf öffneten ſich beide Seitenthüren der Galerie und auf beiden Seiten erſchien die Wache. Döring trat mit ihr ein. Aber ſo kaltblütig, als ob nichts vorgefallen wäre, begab ſich Orlow in den Aus⸗ gang der Galerie und klatſchte dreimal in die Hände, worauf maskirte Polizeidiener eintraten. — Verhaftet dieſe zwei Perſonen, befahl er ihnen, auf die Kaiſerin und Armfelt deutend. Es iſt Fräulein Protaſow und Markow, welche ich des Verraths an der Kaiſerin anklage. Ich danke Gott, fügte er dann hinzu, daß es mir endlich gelungen iſt, das Complot aufzu⸗ decken, dem ich ſo lange auf der Spur geweſen bin. Die Kaiſerin ſtand verwundert und betroffen da. Armfelt begriff, daß er in Orlow ſeinen Meiſter gefun⸗ den hatte. — Ew. Hoheit, ſagte dieſer zu Subow gewandt, ich habe doch mein Verſprechen gehalten? — Sie haben es gehalten. 3 — Mein Verſprechen, Sie zu retten, fuhr er leiſe gegen Subow fort, mein Verſprechen, Protaſow und Markow entlarven, fügte er laut hinzu. — Ja, ja. Die Kaiſerin wußte nicht, was ſie von dem gan⸗ zen Vorgang denken ſollte, —— ———,8———,——— 00— 8—jjjed 241 — Was ſagen Sie dazu, Armfelt? fragte ſie. Sie haben ſich getäuſcht. — Man hat uns bei Zeiten erkannt, Ew. Maje⸗ ſtät, und ſpielt jetzt eine Comödie mit uns. — Verhaftet ſie, befahl Orlow von Neuem. Ew. Hoheit, ſagte er dann zu Subow gewandt, obſchon Sie gehört haben, daß Fräulein Protaſow und Markow ſelbſt ihre betrügeriſche Handlungsweiſe gegen die Kaiſerin ein⸗ geſtanden, ſo wiſſen Sie gleichwohl noch nicht Alles und nicht einmal, daß ich dieſer Intrigue zu ſpät auf die Spur gekommen bin, weil Worowitſch und Willanow kaum erſt geflohen... oder verſchwunden ſind... ich weiß ſelbſt nicht was. Worowitſch wurde zu dem Ge⸗ neral Suwarow berufen; aber aus Furcht, der Scharf⸗ fſinn des Generals möchte das verrätheriſche Spiel ent⸗ decken, das er angefangen, hat er Reißaus genommen. Fräulein, bekennen Sie Ihre Schuld. — Sollten Worowitſch und Willanow wirklich ent⸗ flohen ſein? — Stellen Sie ſich nicht ſo unſchuldig, mein Fräu⸗ lein. Alles das wiſſen Sie ſicherlich weit beſſer als ich. Subow hatte jetzt auch ſeinen ganzen Muth wieder gewonnen, und er wollte vollenden, was Orlow ſo ge⸗ ſchickt angelegt hatte. — Sie erkennen Ihre Schuld nicht an, ſagte er. Wachkommandant... er nahm jetzt die Maske ab... thun Sie Ihre Schuldigkeit und verhaften Sie dieſe zwei Perſonen. Die Wache ſchritt vorwärts. — Halt! Befahl die Kaiſerin. Wer wagt es, fuhr ſie die Maske wegwerfend fort, mir vorzuwerfen, daß ich gegen die Kaiſerin complottire? Beim Anblick der Kaiſerin warf ſich Orlow auf die Kniee. — Ew. Majeſtät! rief er. Vor dem Throne habe ich immer Unrecht. Man hatte mir geſagt, daß Com⸗ plotte gegen Sie im Werke ſeien, und beſeelt von Pflicht⸗ Der Fürſt. I. 16 24⁴2 efühl und Treue erſuchte ich den Fürſten. mit mir zu ommen, um die Verbrecher ſelbſt zu hören; als ich Sie ſah, glaubte ich Protaſow und Markow zu erkennen... und ich konnte nicht ahnen... — Daß ich gegen mich ſelbſt conſpiriren würde?... Orlow richtete ſich wieder auf. — Sie ſprachen von Worowitſch und Willanow, daß ſie entflohen ſeien... was wollen Sie damit ſagen? — Die Wahrheit, Ew. Majeſtät. — Wie? Sie ſind wirklich entflohen? — Ew. Majeſtät, ſie ſind wenigſtens verſchwunden. Ich habe bereits alle meine Spürhunde losgelaſſen, um ſie feſtzunehmen. — Aber die Urſache, der Zweck? Die Kaiſerin ſtampfte vor Verdruß. — Das iſt mir unbekannt, Ew. Majeſtät; Sie wiſ⸗ ſen ſelbſt, daß ſie Landsleute ſind. Vielleicht liebten ſie ſich.. ich weiß nichts. Es eniſtand eine augenblickliche Pauſe... die Kai⸗ ſerin blickte zweifelnd um ſich. — Ew. Majeſtät, ſagte jetzt eine Stimme hinter ihr. Es war Döring, welcher vortrat. — Sprechen Sie, Döring, was wollen Sie ſagen? Die Aufmerkſamkeit heftete ſich jetzt auf ihn. Die Masken waren von allen Geſichtern gefallen und die handelnden Perſonen ſtanden mit wundervollem Ernſte da. Döring war jung, ſein Herz ſchlug warm und ſeine Seele wurde von edlen Gedanken belebt. Dieß war mehr als Geburt und Rang, was ihm jedoch, wie er nur zu gut wußte, beides auch nicht fehlte. — Ew. Majeſtät, ſagte er, auf meiner Reiſe von Riga hieher machte ich die Bekanntſchaft des jungen polniſchen Offiziers, der vor einer Stunde vor Ew. Ma⸗ jeſtät ſtand. Ohne die Urſachen zu wiſſen, die ihn zu ſeiner Reiſe hieher, ſo wie zu ſeinem Auftreten vor Ew. Majeſtät veranlaßten, lernte ich in ihm einen jungen — 22 ————— — 0 8—8d 243 Mann von ritterlichem Charakter und ehrenhaften Grund⸗ ſätzen kennen. Döring ſprach mit einer Feſtigkeit und Beſonnen⸗ heit, welche ihm den ſtillen Beifall der Kaiſerin ver⸗ ſchafften. Niemand wußte übrigens, was er zu ſagen beabſichtigte, und es ſchien ſich nicht ſo leicht ein Mittel zu finden, um ihn zum Schweigen zu bringen. — Man hat hier geſagt, daß Worowitſch und Fräu⸗ lein Willanow ältere Bekannte ſeien. Das iſt ſehr mög⸗ lich; aber man hat auch geſagt, daß ſie entflohen ſeien. Ew. Majeſtät, ich bin Schwede; aber erlauben Sie mir in dieſer Sache Ihr Unterthan zu werden und mit mei⸗ nem Kopf dafür zu bürgen, daß weder der Eine noch die Andere das gethan haben. Döring ſenkte ſein Haupt und kreuzte ſeine Hände über die Bruſt. — Und wenn ich Sie beim Wort nähme, was wür⸗ den Sie dazu ſagen? — Ich hege keinen höheren Wunſch, Ew. Majeſtät. Worowitſch iſt ein unvorſichtiger junger Mann, dem alle Erfahrung fehlt; aber er iſt nicht im Stande, etwas Unehrenhaftes zu begehen. Ich habe ſein Herz ſtudirt, ich habe in ſeinen Charakter geblickt und ich bürge da⸗ für, wie für meinen eigenen. So wenig Fräulein Wil⸗ lanow und Worowitſch entflohen ſind, Ew. Majeſtät, ebenſo wenig iſt es ihnen je eingefallen, gegen Sie zu conſpiriren. — Und dafür wollen Sie mit Ihrem Kopf bürgen? — Mit meinem Kopf. Döring's uneigennütziges Auftreten zur Vertheidi⸗ gung der Äbweſenden geſiel der Kaiſerin. — Ich nehme Ihr Pfand an, antwortete ſie. Jede aufopfernde, erhabene Handlung erweckt immer Bewunderung. 1 Es war nicht das erſte Mal, daß die Kaiſerin die würdevolle und edle Haltung bemerkte, die ſämmtliche Handlungen Döring's zu leiten ſchienen; ichen zweimal 244 vorher hatte er ſich in demſelben Lichte gezeigt, und da alles Ritterliche leicht Wohlwollen und Beifall gewinnt, ſo hatte er auch bereits die Kaiſerin gewonnen. Mit Wohlgefallen weilten ihre Blicke auf ihm. — Alſo, ſagte ſie, Sie ſind jetzt Ruſſe? — Mit all der Macht, die Gott Ew. Majeſtät ver⸗ liehen hat, können Sie über mich richten, wenn Woro⸗ witſch und Willanow entflohen ſind. Wenn Ew. Maje⸗ ſtät erlauben, ſo entferne ich mich ſogleich, um den Sach⸗ verhalt auszumitteln. Die Kaiſerin nickte beifällig. Döring entfernte ſich. Subow wandte ſich mit einem fragenden Ausdruck an rlow. Orlow lächelte höhniſch. — Folgen Sie mir, Subow, ſagte die Kaiſerin, worauf ſie gleichfalls die Galerie verließ. Als Armfelt ſah, daß es Orlow gelingen ſollte, ſich aus dem Spiel zu ziehen, verſank er in ſeine eigenen Gedanken, und da die Kaiſerin Subow den Arm reichte, ſo begriff er, daß er die Partie verloren hatte. Lang⸗ ſam erhob er ſein Haupt und blickte ihnen nach. Welche Pläne wälzten ſich wohl dabei in dem Haupte dieſes ebenſo ſtolzen als geiſtreichen Mannes? Er hatte eine Niederlage erlitten; aber fühlte er ſich wohl deßhalb vernichtet? Orlow ſtand noch da. Auch er war ſtark in Folge der Hilfsmittel, die ſich im Augenblick der Noth immer in ſeiner thätigen Seele vorfanden. Herausfordernd begegneten ſich jetzt die Blicke bei⸗ der. Die Gegner hatten einander gefunden. Keiner von beiden ſenkte den Blick. Beide ſchienen ſich mit Stolz gegen einander zu bewaffnen. 3 — Ich bin Ruſſe, begann endlich Orlow, der ſei⸗ nen Zorn nicht länger zurückzuhalten vermochte, ich bin... An der Art, wie Orlow dieſes einzige Wort aus⸗ ſprach, hörte man gar zu deutlich, daß ein langerer 2⁴⁵ Vortrag folgen ſollte; aber Armfelt, der ſich in kein Geſpräch mit ihm einlaſſen wollte, unterbrach ihn. — Und ich bin Schwede!l rief er mit derſelben Be⸗ tonung; ſodann wandte er ſich mit einer ſtolzen Bewe⸗ gung von ihm ab und verließ die Galerie. Als er in den Park hinaus kam, ſcholl ein kal⸗ tes Hohngelächter ihm nach. Dreizehntes Kapitel. Auf dem Wege zu Strelna's Ruinen. Zur ſelben Zeit, wo die ſo eben erwähnte Scene in der Galerie ſtattfand, eilten zwei junge Damen, wohl in ihre Mäntel gehüllt, über eine der kleineren Treppen des Schloſſes hinab. „Als ſie in den Park kamen, begaben ſie ſich nach einem der Hinterhöfe. — Mein Gott, wenn Jemand uns entdeckte! flü⸗ ſterte die Eine. — Seien Sie ruhig, Hoheit, antwortete die Andere, wir werden uns im Dunkel halten. — Aber wenn... wenn... — Ich bin bereit, Alles zu thun, was Sie befehlen. Das Einzige, an was ich erinnern muß, iſt, daß es keine ſo günſtige Gelegenheit geben kann, um Marfa zu beſuchen, wie dieſe. ir ſind nicht immer in Petershof. — Laß uns eilen, Willanow. Meine Angſt iſt bloße Kinderei. Bekümmere Dich nicht darum. — Sie ſchwanken, Hoheit. Stützen Sie ſich auf meinen Arm. — Laß uns lieber laufen, Willanow. Du glaubſt nicht, wie mein Herz klopft. Laß uns ſo ſchnell laufen, als dieſes ſchlägt. Wo wartet der Wagen? 246 — Dort.. dort... Als ſie am Pavillon vorbeigingen, den Orlow be⸗ wohnte, ſahen ſie einen großen, magern, aber grobglie⸗ derigen Mann zu Pferde ſteigen. Es war Andreas, der, gleich einem Geſpenſt aus dem Grabe, ſeinen Bucephalus beſtieg. „— Welche ſchreckliche Geſtalt! flüſterte die Prin⸗ zeſſin Alexandra; laß uns ſeitwärts treten, Willanow. Die beiden Mädchen machten einen kleinen Um⸗ weg und gingen ungeſehen an Andreas vorbei, der ſich im Sattel zurecht ſetzte und langſam den Kopf ſeines Pferdes gegen die Landſtraße richtete. Andreas' geſpenſtergleiche, gigantiſche Geſtalt er⸗ ſchreckte auch Willanow, und ſie führte beſchwichtigend die Hand an ihre unruhige Bruſt, während ſie die Prin⸗ zeſſin zurückhielt. — Ew. Hoheit, bemerkte ſie, ich beginne beinah ebenfalls zu fürchten, daß wir Unrecht thun. Vielleicht wäre es am beſten, wir kehrten wieder um. Keine von ihnen wußte, was ſie thun ſollten. — Was iſt das Schwarze da, das ſich dort zeigt? fragte die Prinzeſſin. 3 — Es iſt der Wagen, der uns erwartet, Hoheit. Aber wollen Sie meinen Rath befolgen, ſo kehren wir wieder um. Ich habe mich nie ſo unruhig gefühlt wie jetzt. Unſer Unternehmen iſt doch gar zu übereilt. Wir wollen umkehren, Hoheit; nicht wahr? — Hörſt Du? — Es kommen Leute hierher. — Mein Gott! laß uns hier im Schatten uns verbergen. an hörte wirklich mehrere Stimmen näher kommen. — Ich ſah ganz deutlich, daß ſie ſich hieher bega⸗ ben, ſagte eine der Stimmen. — Zwei Damen? — Wie Du hörſt, zwei. i r d f 3 — 24⁷ — Wir müſſen ſehen, ob eine von ihnen Diejenige iſt, die wir ſuchen. — So laß uns eilen. 4 Es waren Araktſchejew, Petſcherin, der Uhlanen⸗ rittmeiſter und der Senatsſekretär, die ihre Jagd auf die unbekannte Schöne, welche ſie ſo ſehr bezaubert hatte, fortſetzten. Willanow glaubte die Stimme zu erkennen. Die Prinzeſſin bebte und das Blut gerann in den Adern der beiden Mädchen. Die Stimmen kamen immer näher. — Man verfolgt uns, bemerkte Willanow. f— Wohin ſollen wir uns wenden? fragte die Prin⸗ zeſſin. — Mein Gott. ich weiß nicht. Die Mädchen waren jetzt dicht bei dem Wagen. — Laſſen Sie uns hineinſteigen. — Laß uns das thun. Ein Bedienter wartete an dem offenen Wagenſchlag. Mit einem Sprung waren die Mädchen drin, und der Schlag wieder geſchloſſen. Die Verfolger hatten ihr Verſteck bemerkt und eil⸗ ten ihnen nach. Die Prinzeſſin war außer ſich vor Angſt. Fahr zu, rief ſte, fahr zu! Der Wagen fuhr im geſtreckten Galopp davon. — Verdammt! fluchte Araktſchejew. — Welcher Unſtern! brummte Petſcherin. — Der Teufel treibt mit unſern Neigungen ſeinen Spaß, murmelte der Uhlanenrittmeiſter. — Habt ihr das Wappen am Wagen geſehen? fragte der Senatsſekretär; es war ein kaiſerliches Wappen. — Ein kaiſerliches? — Beim Henker, das Ding wird immer pikanter. Während ſie noch daſtanden und dem Wagen nach⸗ blickten, verſchwand er aus ihren Augen. 248 Die Chauſſee zwiſchen Petersburg und Petershof geht nahe an Strelna vorbei, das zwiſchen beiden Plätzen liegt, 17 Werſte von erſterem und 8 von letzterem ent⸗ fernt. Obſchon die Straßen in Rußland, zumal im An⸗ fang der neunziger Jahre, ſich im Allgemeinen in ſchlech⸗ tem Stande befanden, ſo waren ſie gleichwohl in der Nähe von Petersburg ſchon damals ganz ausgezeichnet. Die Petershof'ſche Chauſſee oder die Riga'ſche Land⸗ ſtraße, wie ſie auch genannt wird, iſt acht Faden breit und auf den Seiten mit Trottoirs verſehen. Die Dämme ſind gepflaſtert und mit gewölbten und gedeckten Quer⸗ gräben verſehen. Die Brücken ſind von gehauenem Granit. Die Entfernung zwiſchen jeder Werſte wird durch Granitpfeiler bezeichnet, die auf hohen marmor⸗ nen Fußgeſtellen ruhen. Die Chauſſee iſt von dem Ge⸗ neral Bauer auf eine ſehr verdienſtvolle Art angelegt worden.. Aber nicht die Vortrefflichkeit der Chauſſee iſt es, was das Auge hauptſächlich anſpricht, ſondern mehr noch die ſchönen Landhäuſer, die prächtigen Sommer⸗ luſtſchlöſer und Eremitagen, ſo wie die herrlichen Aus⸗ ſichten auf Dämme, Inſelchen und wechſelnden Natur⸗ ſcenen, die dem Reiſenden von allen Seiten entgegen⸗ treten. Beſonders iſt dieß in der nächſten Nähe von Pe⸗ tersburg der Fall.. „Der verblüffte Reiſende,“ ſagt der Schriftſteller, „der ſich aus den mooſigen Wäldern Ingermannland's plötzlich in dieſe Gegend verſetzt ſteht, kann ſich in eine Feenwelt gezaubert glauben, wo Natur und Kunſt einen Zaubertanz um ſeinen Wagen herum aufführen.“ Die Volksmaſſen, die Morgens nach Petershof hin⸗ aus geſtrömt waren, wogten jetzt in entgegengeſetzter Richtung zurück, einer Fluth gleichend, in der jede Welle ein Kopf war, und die ſich jetzt nach ihrem Auslauf, 249 näm lich der Hauptſtadt drängte, um alldawie in einem zweiten Meere zu verſchwinden. Um die Chauſſee zu beleuchten, waren da und dort Pechfackeln angezündet. Der Wagen, worin die Prinzeſſin Alexandra und Willanow ſich befanden, gerieth bald in die große Reihe von Equipagen, die ſich eine um die andere dahin be⸗ wegten. — Gott ſei Dank, ſagte die Prinzeſſin, daß wir hier ſind. Ich wäre beinah in Ohnmacht gefallen aus Schrecken vor den Männern, die uns verfolgten. — Ich hätte nie geglaubt, daß ich ſo ängſtlich wer⸗ den könnte, wie ich ſo eben war, Ew. Hoheit; aber Sie waren auch bei mir, und ich fürchtete um Ihretwillen. — Du biſt vielleicht muthiger ohne mich? — Ich glaube es beinah. — Bedenke, gute Willanow, wenn ſie uns einge⸗ holt hätten! was würden wir dann gethan haben? — Es iſt wahr, Ew. Hoheit, aber ich erinnere mich jetzt, daß mein Bruder zu ſagen pflegte, die Ge⸗ fahr floöße Muth ein, und ich glaube, daß die Vorſehung uns niemals verläßt. Wenn es gilt, bekommt man Inſpirationen. Nichtsdeſtoweniger bin ich über dieſe Fahrt hier verdrießlich. Wenn Ihnen was Unangeneh⸗ mes zuſtößt, ſo wird man mir Vorwürfe machen, daß ich Sie verlockt habe. — Dann würde man Dir ſehr Unrecht thun, Wil⸗ lanow, denn ich war es ja, die Dich beredete. — Aber ich war es, die Ihre Neugierde anregte, mit Marfa zu ſprechen. — Nicht doch, Willanow; von ihr ſprechen ja alle Menſchen gerade, wie wenn ſie eine Heilige wäre, und das muß ſie ja auch ſein; denn um uns unſere Schick⸗ ſale vorausſagen zu können, muß man wohl etwas mehr ſein als andere Leute. „— Wenn ſie auch juſt keine Heilige iſt, Ew. Ho⸗ heit, ſo iſt ſie wenigſtens ein ganz kluges Weib, das 250 guten Rath ertheilen und viele Dinge vorausſagen kann. Es iſt mir jedoch recht bange zu Muth. — Jetzt bin ich wieder ruhiger als vorhin; aber da war es mir ſchrecklich. — Ew. Hoheit mißverſtehen mich. Mir iſt vor de taiſerin bange. Bedenken Sie einmal, wenn ſie erführe... — Erſchrecke mich nicht, Willanow. Wir konnten ja nichts Anderes thun; als was wir jetzt thaten. — Wir hätten uns am hellen Tag zu Marfa be⸗ geben können, das wäre klüger geweſen. — Wie magſt Du ſo ſprechen? Man prophezeit nicht am Tage, ſondern nur bei Nacht. Wenigſtens haben die Prophezeiungen nicht dieſelbe Macht, wenn die Sonne ſcheint. Und dann darf man es auch Nie⸗ mand ſagen, daß man ſich prophezeien laſſen will, ſondern man ſoll ſich in Geſellſchaft von zwei, höchſtens drei Perſonen ganz heimlich an Ort und Stelle begeben. Das habe ich in mehreren Büchern geleſen, und wenn die Kaiſerin auch ein Bischen böſe auf uns wird, im Fall ſie von unſerm Ausflug erfährt, ſo wird ſie uns doch bald wieder verzeihen, denn ſie verſteht dieſe Dinge gewiß ebenſogut wie wir, vielleicht noch weit beſſer. Nein, Willanow, je mehr ich die Sache überlege, um ſo mehr freue ich mich darüber, daß ich zugegen war, als der Kammerdiener Dir den Brief überreichte, der Dich ſo erſchreckte, denn ſicherlich hätte ich ſonſt niemals er⸗ fahren, daß Du zu Marfa zu gehen gedachteſt. Sie erwartet uns doch, Willanow? — Ich antwortete ihr ſogleich, und der Brief wurde Pr Uebereinkunft gemäß unter die Marmorſtatue am amme gelegt. Ew. Hoheit können überzeugt ſein, daß ſte nicht unterlaſſen hat, ihn abzuholen. Ddie Correſpondenz, um die es ſich hier handelt, iſt keine andere als diejenige, wegen welcher Lea oder Lechi, wie ſie ſich auch nannte, verhaftet wurde, und die Or⸗ low veranlaßte, dieſes Mädchen zu verhören. ri L b- n g A T 5 25ʃ Der Wagen rollte inzwiſchen raſch vorwärts. Die ſchöne Nacht, die wechſelnden Landſchaften, die Volks⸗ maſſen, die um ſie her wimmelten und ſich bewegten, verſcheuchten endlich die Angſt der beiden Mädchen und erfüllten dagegen ihre Gemüther mit angenehmen und wonnigen Vorſtellungen. Alle behaglichen Eindrücke, die Alexandra empfand, ordneten ſich bei ihr nur um ein einziges Bild, einen einzigen Gedanken: um ihre Vorſtellung von Guſtav Adolf IV., dem Ritter ihres Herzens, dem König aller ihrer Phantaſtien. Anders war es mit Willanow. Wenn die Liebe auch ihren unendlich ſchönen Sternenhimmel über das Herz und die Seele dieſes Mädchens auszubreiten be⸗ gann, ſo wurden ihre Gedanken doch von vielen ſchmerz⸗ lichen Bekümmerniſſen in Anſpruch genommen, welche den Neigungen ihres Herzens nicht geſtatteten, ſie allein zu beherrſchen. Um ſie her prunkten nicht bloß ſchöne, glänzende Luftgebilde von Seligkeit, es dufteten nicht bloß roſige Nebel, und wölbten ſich nicht bloß goldene Wolken; gewaltſame, erſchütternde Ereigniſſe hatten ſich mit ihrem gewitterſchwangeren Gewölke um ſie gelagert, und noch in dieſem Augenblicke drohte der Blitz des Schickſals ſte zu zermalmen. Getheilt zwiſchen großen, beunruhigenden Erinne⸗ rungen und neu geweckten vielleicht erſt erwachenden Hoffnungen, mußte ſie ſich beherrſchen, um keine von beiden zu verrathen; aber ob ſie das wohl immer ver⸗ mochte? Wir find mit ihrem Inneren noch nicht genau genug bekannt, um dieſe Frage beantworten zu können. — Wie ſehne ich mich, Marfa zu hören, unterbrach Alexandra das Stillſchweigen; aber ſprich doch etwas, Willanow; ſehnſt Du Dich nicht auch? Was glaubſt Du, daß ſie mir prophezeien werde? — Daß Ew. Hoheit glücklich ſein werden. — Glaubſt Du das? Willanow! Aber ſtill, jeden⸗ falls ſtill. Ich habe kaum die Kraft Dir zuzuhören, 2⁵² wenn Du mir das mit ſo großer Gewißheit verſicherſt . und wenn Marfa daſſelbe ſagt... ich fürchte... — Sie find zum Glück geboren, Ew. Hoheit, und müſſen ſich daran gewöhnen. 3 Willänou Bemerkung machte Alexandra nach⸗ enklich. — Es iſt höchſt ſonderbar, daß Du das behaupten kannſt, und hier in meinem Herzen regt ſich doch eine Stimme, die mir unaufhörlich das Gegentheil ſagt. Welch eine glückliche Gabe muß es ſein, prophezeien zu können! Man braucht da vor Nichts eine unnöthige Angſt zu haben... man weiß Alles zum Voraus... Du kennſt Marfa? — Sehr gut. — Und das haſt Du mir heute zum erſten Mal geſagt. Warum biſt Du denn ſo geheimnißvoll, Wil⸗ lanow? Vielleicht hätteſt Du mich noch jetzt nicht ein⸗ mal in Dein Geheimniß eingeweiht, wenn ich nicht ſo unvermuthet Deinen Brief zu Geſicht bekommen hätte. Sprich, Willanow, hätteſt Du es gethan? — Nein, Ew. Hoheit, ich hätte es nicht gethan. — Nicht? wirklich nicht? Du biſt recht garſtig. Und ich, die ich Dich ſo lieb habe, die ich nicht das Mindeſte vor Dir verbergen könnte! Willanow beſaß einen entſchloſſenen Charakter, aber in dieſem Augenblick war ſie nichts deſto weniger ſchwach und weich. Während ihres langen Aufenthalts am Petersburger Hof, hatte ſie in einem beinahe paſſtven Zuſtande ge⸗ lebt. Obſchon ihre Seele noch immer von früheren Unglücksfällen litt, ſo war es ihr doch nicht ſchwer, dieß vor Andern zu verbergen und ſich den Eindrücken des Augenblickes hinzugeben, ſo lange der Augenblick ſelbſt ihre Thätigkeit nicht unmittelbar für die fruͤheren Leiden in Anſpruch nahm. Wie viel war jedoch nicht an die⸗ ſem eina en Tage eingetroffen, was ſie aus dem ſchein⸗ baren Iiumendr, worin ſie lebte, herausriß! 253 Worowitſch, mit welchem ſich unzweifelhaft viele ihrer älteren Erinnerungen und Verhältniſſe verknüpf⸗ ten, war angekommen. Orlow, der augenſcheinlich auf eine dämoniſche Art auf das Leben dieſer zwei Leute eingewirkt, hatte ihr ſeine Liebe erklärt und ſich drohend entfernt. Die aufregende Scene in der Bauernhütte, ſowie das Zuſammentreffen mit Döring, bildete vielleicht auch ein neues Blatt in ihrem Lebensbuch, obſchon ſie es vielleicht noch nicht wagte, die dunkeln Worte zu leſen, welche ſich in daſſelbe einzuzeichnen begannen. Aber damit war es noch nicht genug. Marfa's Brief war ebenfalls angelangt, und ſie hatte es nicht vermeiden können, ihn der Prinzeſſin mit⸗ zutheilen, die es inſtändig verlangte. Worowitſch's Auftreten vor der Kaiſerin und das Unglück, das, wie ſte befürchtete, jetzt über ſeinem Haupte ſchwebte, vermehrten noch ihre Bekümmerniſſe. Gleich einem mit Früchten überladenen Zweig be⸗ ſaß ſie nicht Kraft genug, alles dieſes allein zu tragen. Ihr angeborner Stolz war bisher die Schildburg geweſen, welche ſie gegen jede Demüthigung geſchützt und gewappnet hatte; aber obſchon dieſer Stolz jetzt um nichts kleiner geworden war, ſo half er ihr gleichwohl nichts, wenn ſie ſich allein oder nur mit einer Freundin zuſammen befand. Willanow gehörte zu den Charakteren, die einer Oppoſition beduͤrfen, um all ihre Kräfte entwickeln zu können, und die erſt dann entſchloſſen ſind, wenn es ſich wirklich um Etwas handelt, wobei große Leidenſchaften in's Spiel kommen, die aber bei Peferchtunain ohne beſtimmte Grenzen, bei Bekuͤmmerniſſen ohne gegebene Form, in einem bewußtloſen Seufzer dahinſterben. Die Ereigniſſe des Tages hatten von allen Seiten auf die Wehrloſe eingeſtürmt, und wohin ſie ſich wandte, ſah ſie eine drohende Veränderung; ſie zog ſich daher in ſich ſelbſt zurück, um einen Punkt zu ſuchen, von wo 2⁵4 aus ſie ihre Stellung überſchauen und eine beſtimmte Richtung für ihre Handlungsweiſe finden konnte. Stille muſterte ſie jetzt noch einmal alle ihre Er⸗ lebniſſe von heute. Aber wie ſie dabei zu Werke ging, ſo waren es nicht ihre eigenen Gefahren, über die ſie nachſann, ſondern ſolche, von denen ſie Worowitſch be⸗ droht glaubte. Nichts kann uneigennütziger ſein, als das Herz eines jungen Mädchens. Orlow, deſſen Liebe ſich nicht entblödete, ſich mit allen Waffen des Haſſes auszurüſten, um ſie ſich zu unterwerfen, erſchien ihr nicht um ihrer ſelbſt willen furchtbar, wenn ſie auch einen Augenblick vor ihm ſchauderte, ſondern ſie fürch⸗ tete ihn um Worowitſch's willen, weil ſie geſehen hatte, wie ſeine Augen bei Worowitſch's Erklärung vor der Kaiſerin zornig brannten. Andere beflügelte, flüchtig ſchimmernde Gedanken, Gedanken, wie ſie in glücklichen Stunden an der Seele des Dichters vorbeifliegen, flogen auch an der ihrigen vorbei, wenn ſie ſich an Döring erinnerte, der ſo aufopfernd und uneigennützig, nur von ſeiner Redlichkeit und ſeinen Gefühlen geleitet, ihnen zu Hülfe gekommen war. Aber ſie erſchrak, während ſie ſo an Döring dachte, weil auf einmal Orlow düſter und finſter auch an ſeiner Seite ſtand, und unwillkürlich drängte ſich ihr die Frage auf, ob es edel gehandelt wäre, ihn in ein Geheimniß Pineinzuziehen, das möglicher Weiſe auch ihn zermalmen önnte. Auch ihn? Sie ſuchte eine Antwort auf dieſe Frage, un wo konnte ſie eine ſolche finden? Nur in ihrem erzen. Wie auf einer Jakobsleiter, umgeben von ſchwär⸗ meriſchen Träumen, ſtieg ihre Seele in daſſelbe hinab, um aus ſeiner Tiefe die Antwort zu holen. Wie jedoch dieſe Antwort lautete, das wurde nicht einmal durch einen Seufzer verrathen, aber ihre Wangen erblaßten dabei. Da kam Alexandra mit ihrer freundlichen Ver⸗ ſicherung ungetheilter Aufrichtigkeit, und ſie lauſchte ihr, 25⁵ wie der in der Wüſte dürſtende Pilger dem Fall des Thautropfens lauſcht. Was ihr Herz nie vorher gehört hatte, das hörte es jetzt; es hörte nicht bloß die Stimme der Freundſchaft, ſondern die ungekünſtelte, wahrhaft ſchweſterlich theil⸗ nehmende Liebe. Es waren mehr als Töne und Worte, was ſie hörte; ſie hörte eine Melodie voll kindlicher Ergebenheit. Noch nie war es ihr eingefallen, ſich der weichen, von ihren eigenen Neigungen ſo ausſchließlich in An⸗ ſpruch genommenen Alexandra anzuvertrauen; jetzt ſiel es ihr zum erſten Mal ein. Willanow hatte es getadelt, daß Worowitſch als Ankläger vor die Kaiſerin getreten war; aber nachdem es einmal geſchehen, warum ſollte ſte nicht auch in Alerandra eine Stütze ſuchen? Die Kaiſerin liebte ſie ja. In der Welt liegt ein Räthſel neben dem andern. Wer löst ſie? Nicht die Menſchenvernunft iſt es, die ſie löst, ſondern ſie ſelbſt offenbaren ſich uns, wenn die Stunde gekommen iſt, freiwillig. Als Willanow auf den Gedanken kam, ſich Ale⸗ randra anzuvertrauen, glaubte ſte das Räthſel gelöst zu haben, das ſie ſo ſehr beunruhigte. — Ew. Hoheit, ſprach ſie, ſagen, daß Sie kein Geheimniß vor mir haben. 1 — Sollte ich wohl eines haben? Ach Willanow, dann würde ich Dich nicht ſo ſehr lieben, wie ich Dich liebe; aber mit Dir iſt es nicht ſo. Wenn Jemand Urſache hat, uͤber Dich zu klagen, ſo bin ich's; aber ich habe nicht einmal das Herz dazu.. „— Seit ich bei Hof eingefuͤhrt bin, haben Sie mich Peücgt. Hoheit, und dennoch kennen Sie mich nicht recht. — Ich glaube es beinahe. — Von Marfa haben Sie viele Erzählungen ge⸗ hört, und nichts deſto weniger kennen Sie auch dieſe nicht, 256 — — Das iſt wahr, Willanow; ich weiß weiter nichts, als was das Gerücht von ihr erzählt hat; aber warum denkſt Du jetzt an ſie? — Und dann Worowitſch— Sie haben ihn ge⸗ ſehen, aber Sie wiſſen nicht, wer er iſt. — Wie wunderlich Du ſprichſt! Kennſt Du ihn? — Und Orlow, Ew. Hoheit?... — Orlow habe ich nie geliebt, Willanow; ich er⸗ ſchrecke jedes Mal, wenn ich ihn ſehe. Aber vielleicht kennſt Du auch Döring? — Die Frage der Prinzeſſin kam ſo unerwartet, daß Willanow fühlte, wie ſie erröthete. — Ich kenne ihn nicht... ich habe ihn heute zum erſten Mal geſehen. — Aber haſt Du nicht beachtet, wie er Dich an⸗ ſah, als er vorgeſtellt wurde? Willanow erröthete noch ſtärker. 3. — Und dann flützteſt Du Dich auf ſeinen Arm in der Fenſterniſche... glaubſt Du vielleicht, ich hätte es nicht geſehen? — Aber warum ſprechen Ew. Hoheit von ihm? — Wenn man einander gut iſt, Willanow, ſo ſpricht man gerne von ihm. Aber Du wollteſt mir ja Etwas anvertrauen. Sprich, Willanow, ſprich... ach Du glaubſ nicht, wie gerne ich Dich anhöre. n der Seite des Wagens bemerkten die beiden Mädchen in dieſem Augenblick einen hohen finſtern Schatten, welcher die Ausſicht über die wogende Volks⸗ maſſe verderbte. 1 Dieſer Schatten war ein beinahe rieſenhafter Rei⸗ ter, der dem Wagen folgte. Willanow nannte Orlow's Namen. Der Reiter hörte es. Als die Mädchen neugierig durch das Wagenfenſter blickten, begegneten ſie dem Blick des Reiters, der ſte ſtarr betrachtete. 3 Unwillkürlich zogen ſie ſich in den Wagen zurück, ᷣ—⁸½ r e 257 erſchrocken über den ſtrengen und düſtern Ausdruck in den bleichen, mageren Zügen. — Das iſt dieſelbe geſpenſtiſche Figur, flüſterte Alexandra, die wir am Pavillon ſahen, als wir das Schloß verließen. — Ja, ja. Alexandra und Willanow faßten ſich, von demſelben Gefühl geleitet, bei den Händen. Der unbekannte Rei⸗ ter zog dabei ebenfalls ſeinen Kopf zurück, ſei es nun, weil er ſich nicht darum bekümmerte, die Mädchen ge⸗ nauer anzuſehen, oder aus ſchuldiger Aufmerkſamkeit; oder kam es vielleicht ganz einfach daher, daß die vor⸗ gebeuate Stellung juſt nicht ſonderlich bequem war. Willanow erholte ſich zuerſt von ihrem Schreck. Sie, die ſo oft Proben von Muth und Charakterſtärke gegeben hatte, war gleichwohl nur ein ſchwaches Mäd⸗ chen. So lange das Gemüth nicht von einem gegebenen Gegenſtand belebt und geſpannt wird, iſt es dem Ein⸗ druck jeder Zufälligkeit unterworfen. Willanow beſchloß, ſich aus ihrer unentſchloſſenen und juſt deßhalb klein⸗ müthigen Stimmung aufzuraffen. — Wollen Ew. Hoheit das Eine und Andere aus meinem Leben hören? begann ſie. Der Schreck, welcher ſo eben dem Fräulein das Blut an's Herz getrieben, hatte ſie erwärmt und belebt. „— Ach ja, Willanow! Ich höre Dir mit Ver⸗ gnügen zu. — Sie wiſſen bereits, daß meine Eltern in Si⸗ birien ſind? — Ich weiß es. — Aber Sie kennen die Urſache nicht? — Laß mich ſie horen. Während ſie ſprachen, hörten ſie die Hufſchläge vom Roſſe des Reiters neben dem Wagen. Er folgte ihnen. — Das ſollen Sie, Hoheit. Aber verzeihen Sie mir, wenn der Gedanke an das Unglück meiner Eltern mich aufregt. Der Fürſt. I. 17 258 — Arme Willanow! Die Prinzeſſin drückte ihre Hand. — Ew. Hoheit haben in mir nur ein ſchwatzhaftes, läſtiges Mädchen geſehen. — Ein gutes und artiges Mädchen, Willanow. — Sie hätten mich ſehen ſollen, wie ich in der Zeit. als ich mir ſelbſt gehörte, als ich frei war. — Frei? — Ach ja, Ew. Hoheit, frei wie der Vogel, frei wie der Wind. Wie glücklich und fröhlich war ich nicht damals! Jetzt hänge ich von Andern ab. — Nur von mir, Willanow, und Du mußt zugeben, daß ich doch mehr von Dir abhänge als Du von mir, weil Du auch ohne mich ſein kannſt; aber was würde ich werden ohne Dich? — Vielleicht, Ew. Hoheit, vielleicht... Willanow ſchien über die Worte der Prinzeſſin nachzuſinnen. — Fahre jetzt fort, Willanow, fahre fort. — Ich habe vielleicht Unrecht, über meine gegen⸗ wärtige Lage zu klagen, denn es iſt wahr, daß ich mit vieler Güte behandelt werde; aber ich kann jedenfalls nicht ohne innige Rührung an mein Vaterland denken. Ach, Ew. Hoheit, Niemand kann beſſere Eltern gehabt haben als ich; ſie waren ſo gut, ſo gut. Sie wiſſen, daß ich einen Bruder hatte; er war ein munterer, kräf⸗ tiger Junge. Er war ein Jahr älter als ich und leben⸗ dig wie Feuer. Wie innig liebten wir nicht einander! Da war kein Vogelneſt zu hoch, daß er nicht hinauf kletterte und es mir zu Liebe ausnahm. Er that es, um mir Freude zu machen, und ich grämte mich darüber. Ich dachte an den Kummer der kleinen Vögel, wenn ſie ihre Eier und ihre Jungen vermißten. Ich ſchalt ihn aus, ich verbot ihm das zu thun, aber es half nichts. Er lachte bloß über meinen Zorn. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie ich mehr als einmal, wenn mein Bruder ſich entfernt hatte, auf denſelben Baum hinauf 8 259 kletterte, um die kleinen Jungen wieder in ihre Neſter zu legen. Wie mein Herz da klopfte vor Angſt um die kleinen Vögelein in meiner Schürze; aber welche Freude empfand ich auch, wenn es mir endlich gelang, hinauf⸗ zukommen. Manchmal überraſchte er mich auch oben im Baume, wenn ich da ſaß und die Jungen fütterte⸗ Ich erröthete da über mein kindiſches Benehmen..„ ich ſchämte mich beinahe... — Dein Bruder war böſe. — Nicht böſe, Ew. Hoheit, er war gut, aber eiwas jungenhaft. Es iſt wahr, daß er mich auslachte, wenn ich mich böſe zeigte; aber wenn ich ihn recht innig um Etwas bat, ſo konnte ich ihn um einen Finger wickeln. Zwei Geſchwiſter haben einander nie herzlicher lieben können, als wir beide. — Ich weiß es am allerbeſten, wie ſehr man Dich lieben kann. — Mein Vater war ein ſtrenger, ernſter, aber red⸗ licher und allgemein geachteter Mann. Ich kenne die neueſte politiſche Geſchichte meines Vaterlandes nicht vollkommen, und Gott weiß, wann oder ob ſie je recht bekannt wird. Daß mein Vater jedoch tief in die öf⸗ fentlichen Angelegenheiten eingriff, glaube ich mit Be⸗ ſtimmtheit, weil er beſtändig von vielen Leuten beſucht wurde, und ich ſie oft von Verhältniſſen reden hörte, die ich zwar damals nicht recht verſtand, die ich mir aber jetzt hintennach beſſer erklären kann. Inzwiſchen bin ich überzeugt, daß er eigentlich darauf hinarbeitete, daß man auf eine friedliche und verſöhnliche Art der Zukunft entgegengehen, und nicht durch eine revolutio⸗ näre Stellung gegen Rußland das Schickſal des Landes auf einen einzigen Stein ſetzen ſolle. Ich bin davon überzeugt, weil ich mich noch ganz gut erinnere, daß er⸗ als meine Mutter, welche die Güte und Milde ſelbſt war, ihn einmal warnte, ſie verſicherte, es könne ihn keine Gefahr bedrohen, weil ſeine Politik auf friedlichen Abſichten beruhe. 177 260 — Aber warum hat ihn denn die Kaiſerin nach Sibirien geſchickt? — Das werden Sie bald hören, Ew. Hoheit. Ich muß Ihnen jedoch erſt noch Einiges von den inneren Verhältniſſen meiner Familie erzählen. Aber meine Erzählung wird Ihnen vielleicht langweilig. — Glaube das nicht, Willanow. Was Du mir erzählſt, intereſſirt mich ebenſo ſehr, wie wenn es mich ſelbſt beträfe. — Ich bin 1777 geboren und wir haben jetzt 1796. Als ich erſt ein Jahr alt war, trat eine für meine El⸗ tern ſehr wichtige Veränderung ein, und ich muß ſie hier erwähnen, weil ſie mit dem Nachfolgenden im Zu⸗ ſammenhang ſteht. Viele Jahrhunderte hindurch hat die fürſtliche Familie Raszanowsky einen ausgezeichneten Platz in der Geſchichte Polens eingenommen. Auch mein Vater gehörte dieſer Familie an, und wir betrach⸗ teten den letzten Fürſten dieſes Namens als den Chef unſers Hauſes. Nach ſeinem Tod trat mein Vater als ſolcher auf, in der Ueberzeugung, daß er der nächſte Erbe ſeines Reichthums, Ranges und Namens ſei. Aber mein Vater hatte ſich getäuſcht, denn mit noch gültigeren Anſprüchen trat eine Dame auf, die geſchiedene Gattin des Prinzen Lubomirski, und an ihrer Seite eine an⸗ dere Dame, die, ohne Erbanſprüche zu beſitzen, gleich⸗ wohl durch Freundſchaft und Guüte einen großen Einfluß gewann. Die erſte von dieſen zwei Frauen wurde ge⸗ wöhnlich Wanja genannt, die letztere dagegen hieß Marfa. — Dieſelbe Frau, zu der wir uns jetzt begeben? — Dieſelbe. Mein Vater, dem man niemals eigen⸗ nützige Abſichten vorwerfen konnte, da er vielmehr die Gerechtigkeit als die Grundbedingung aller Tugenden betrachtete, erkannte Wanja's Anſprüche an; aber durch Marfa's Vermiſtlung wurden ihm gleichwohl verſchie⸗ dene, in dem jetzigen Ruſſiſch Polen gelegene Güter ab⸗ getreten, nebſt dem Recht, daß er als der einzige über⸗ —,— 261 lebende männliche Verwandte des verſtorbenen Fürſten das Oberhaupt und der Chef der Familie bleiben könne. Die Hauptgüter, die in dem berühmten Prondricker Thal, in der Nähe von Krakau, liegen, ſielen dagegen aus⸗ ſchließlich Wanja zu. — Aber Du warſt ja erſt ein Jahr alt, als dieß geſchah, und dennoch... — Dennoch weiß ich es, meinen Ew. Hoheit. Warum ſollte ich es nicht erfahren haben? So klein ich war, ſo hatten meine Eltern mich nach Prondrick mitgenommen, wo Marfa eine ſo große Anhänglichkeit an mich faßte, daß ſie ſich nicht von mir trennen wollte, ſondern mit meinen Eltern auf ihr Gut zurückging. Sie iſt es auch, die ſpäter meine Erziehung übernahm; mit ihren Kenntniſſen hat ſie meinen Verſtand, mit ihren Tugenden mein Herz ausgebildet; ich habe kein Gefühl, Ew. Hoheit, das in meinem Herzen älter wäre, als meine Ergebenheit gegen dieſe Frau. — Mein Gott, dann kennſt Du ſie ja beſſer als alle Andern? — Ob ich ſie kenne? Aber Sie ſollen hören. Durch Marfa's Erzählung ſind mir dieſe Erbſchaftsverhältniſſe bekannt geworden. Die Prinzeſſin ſah nachdenklich aus. Es war klar, daß ſie über etwas nachſann. — Wanja und Marfa, bemerkte ſie auch; aber ſage mir, das ſind ja doch nur ihre Vornamen. — Darin haben Sie vollkommen Recht, Ew. Ho⸗ heit, aber ich habe ſie nie anders nennen hören. Nach⸗ dem Wanja den Namen der Familie Raszanowsky angenommen hatte, iſt ihr älterer Name wohl ver⸗ ſchwunden.. — Das begreife ich; aber Marfa? — Ich kann darüber keine Aufſchlüſſe geben und habe auch bis jetzt niemals daran gedacht. Ew. Hoheit Frage erinnert mich indeß daran, daß Vieles von dem, was ich von dieſen zwei Frauen gehört und geſehen 262 habe, mit ſo manchen unausgemittelten, dunkeln und myſtiſchen Umſtänden verbunden war, daß ich ſie, un⸗ geachtet ich ſie liebte, gleichwohl niemals recht verſtanden habe. Ich glaube beinahe, ja, Ew. Hoheit, ich bin ſogar vollkommen überzeugt, daß einige große Unglücks⸗ fälle tief in ihr früheſtes Leben eingegriffen haben, weil arfa von ſich und ihrer Freundin Wanja immer mit einer Vorſicht ſprach, die mir oft ungemein auffiel, weil ſie zwar viel andeutete, aber nichts beſtimmt erklärte. Im Uebrigen erwieſen meine Eltern Marfa eine an Verehrung grenzende Achtung; im Anfang dachte ich natürlich nicht darüber nach, aber ſpäter habe ich es mitunter gethan, und Ew. Hoheit Bemerkung iſt auch nicht ohne Bedeutung, denn es iſt immerhin ſonderbar, daß eine Dame in ihrer damaligen äußern Stellung keinen andern Namen als Marfa gehabt haben ſollte. — Das meine ich auch. — Soviel weiß ich beſtimmt, fuhr Willanow fort, daß Marfa das unbedingte Vertrauen meiner Eltern beſaß, und daß ſie ſich, wie es ſchien, ausſchließlich mit mir wie auch mit meinem Bruder beſchäftigte, den ſie beinahe eben ſo ſehr liebte wie mich. Aber jetzt erinnere ich mich gleichwohl an einen andern Umſtand, der... doch es iſt wahr, das gehört nicht hieher. — Warum nicht... Du darfſt Dich nicht unter⸗ PBrechen... erzähle Alles, was Oir in den Sinn kommt, Willanow. — Ich wollte ſagen, daß Marfa, ſo heiter und freundlich ſie ſonſt war, dennoch Stunden hatte, wo eine tiefe Schwermuth ſte beherrſchte. Aus dem, was man um mich her ſagte... ich war damals bereits kein Kind mehr.. erſah ich, daß Wanja ein herumreiſen⸗ des Leben führte, und ich bemerkte, daß Marfa jedes⸗ mal, wenn ſie einen Brief von ihrer Freundin erhielt, mit der ſie in beſtändiger Correſpondenz ſtand, ſich in ihr Zimmer einſchloß, als wollte ſie Niemand den Kum⸗ mer zeigen, der ſie erfaßte. Ich erinnere mich nicht 263 genau, ob es 1793 oder 94 war, aber jedenfalls kam in einem dieſer beiden Jahre ein Brief an, der ſie mehr verſtimmte als alle andere. Zufällig erfuhr ich ſpäter, daß Wanja, die ſich ihrer Geſundheit wegen nach Ita⸗ lien begeben, in Neapel den Schleier genommen hatte und Nonne geworden war, ſowie daß Prinz Lubomirski, ihr geſchiedener Gatte, unter der Laſt ſeines Kummers und vieler Widerwärtigkeiten geſtorben war. 9 In⸗ zwiſchen hielt ich dieß für die Urſache von Marfa's Melancholie, einer Melancholie, in Folge deren ſie ſich mehrere Wochen nicht zeigte. — Was ſagſt Du, Wanja wurde Nonne? — Ja, Ew. Hoheit. Sie war eines Lebens über⸗ drüſſig geworden, das ihr keine Freude ſchenkte. — Und Marfa und Wanja waren ſehr gute Freundinnen? — Sie hatten einander viele, viele Jahre lang gekannt. — Vielleicht waren ſie Verwandte? — Das glaube ich nicht. Aber Unglücksfälle und Leiden hatten ſie vereinigt und ſie liebten ſich wie Schweſtern. Die beiden Mädchen betrachteten einander mit einer ſo unverſtellten und reinen Liebe, wie nur je Unſchuld und Ergebenheit einander betrachten können. Zur Seite des Wagens hörte man fortwährend den gleichmäßigen Takt der Pferdehufen, welche den bleichen rieſigen Reiter verkündeten. Manchmal wurde der Schat⸗ ten ſeiner Geſtalt vor dem Wagenfenſter ſichtbar. „Das Volk ſtrömte auf den Seiten um ſie her, gleich einer in zwei Arme getheilten Fluth. ⁵) Diejenigen, welche den Roman„der Trabant“ ge⸗ leſen haben, werden gewiß hier in Lubomirski Vincenz, und in Wanja die Mutter Döring's wie⸗ der erkennen. 264 — Ew. Hoheit wiſſen, fuhr Willanow fort, daß die ſchreckliche Kataſtrophe, welche meine älterliche Fa⸗ milie zerſtörte, mit den letzten blutigen Anſtrengungen meines Vaterlandes verbunden iſt, als Suwarow Praga mit Sturm nahm und Warſchau kapitulirte; es han⸗ delt ſich jetzt um die Ereigniſſe, die in meiner Familie vorgingen. — Laß mich ſie hören, Willanow. Wie ſehr mußt Du nicht gelitten haben! — In die allgemeinen politiſchen Ereigniſſe des Landes hineingezogen, hatte mein Vater ſeine Güter verlaſſen und ſich nach Warſchau begeben, begleitet von meiner Mutter, Marfa und mir. — Du ſagſt nichts von Deinem Bruder. — Mein Bruder war, ohngeachtet mein Vater ihn zurückzuhalten ſuchte, ſchon vor mehreren Jahren in die Armee getreten; aber um dieſe Zeit befahl ihm mein Vater, der mit klugem Blick den Untergang des Landes zu ahnen ſchien, ſich in's Ausland zu begeben. — Ich verſtehe... Dein Vater wollte ihn vor der Theilnahme an einem Kampf bewahren, der zum. Ver⸗ derben führen mußte. Ganz ſicherlich war das ſeine Abſicht, Ew. Hoheit. Ein Menſch, im Alter meines Bruders, mehr Jüngling als Mann, erhitzt ſich zu leicht. Er war übrigens nicht der Einzige, der ſich auf dieſe Art zurückzog. Die Hauptführer im Selbſtſtändigkeitskampf Polens hatten im Allgemeinen daſſelbe gethan. Kosciusko hielt ſich in Italien auf, Zajonczek, Kolontai und Ignaz Potocki verweilten in Dresden, und Alles ſchien ein friedliches Ende nehmen zu wollen. Mein Vater that auch gewiß dafür Alles, was er nur konnte. Während dieſer ganzen Zeit wurde Polen von ruſſiſchen Emiſſären durchkreuzt. Gott möge ſie richten für all das Böſe, was ſie anſtifteten! War⸗ ſchau beſonders war der Hauptplatz ihres wilden Trei⸗ bens. Mein Vater bedurfte eines Gehülfen, eines Schreibers. Ein Mann von mittlerem Alter meldete — —— 265 ſich und wurde angenommen. Mit ihm trat das Un⸗ glück in unſer Haus. — Mit ihm,... mit einem Schreiber?... — Ew. Hoheit werden erfahren, wer dieſer Mann war. Als wir nach Warſchau kamen, nahm Marfa an unſerem geſellſchaftlichen Leben weniger Antheil als früher. Sie lebte beinahe wie eine Nonne in ihren Zimmern. Ob ſie beſondere Gründe für dieſe einge⸗ zogene Lebensart hatte, weiß ich nicht. Aber eines Tags... mein Vater hatte ſich damals bereits einige Monate ſeines neuen Schreibers bedient... warnte ſie meinen Vater vor dieſem Manne, den ſie zufällig von ihren Fenſtern aus geſehen hatte, ſie ſagte, ſie kenne ihn ſchon ſeit vielen Jahren, er ſei ein verkleideter Ruſſe und könne keine guten Abſichten haben. Aber mein Vater hatte ſich bereits an ihn gewöhnt, und bei ſeinen ſtrengen Begriffen von Ehre und Redlichkeit, ließ er ſich von keiner Heimtücke überzeugen. Marfa's drin⸗ gende Bitten blieben vergeblich, und mein Vater wurde in ſeinem Benehmen dadurch beſtärkt, daß Marfa den wahren Namen des Mannes nicht angeben wollte, was unläugbar auch ſehr ſonderbar war und zu beweiſen ſchien, daß ſie ihrer Sache nicht ganz ſicher ſei. — Aber wer war denn dieſer Mann? War er wirklich ein verkleideter Ruſſe? — Der Gang der CEreigniſſe wird die Frage Ew. Hoheit bald beantworten. Mehr als einmal höͤrte ich jetzt meinen Vater ſeine Freude darüber ausſprechen, daß Polens Schickſal ſich, wie er meinte, friedlich ent⸗ wickeln würde. — Und gleichwohl... —=⁄ Eines Abends— ich erinnere mich der Sache in dieſem Augenblicke ſo genau— ſaßen wir in unſerm kleinen Kreiſe: meine Mutter, Marfa und ich. Meine Mutter und Marfa beſchäftigten ſich mit einer Nähar⸗ beit, und ich las eines der vaterländiſchen Gedichte des tapfern und talentvollen Niemscewicz. Es war eine 266 der letzten ſchönen Stunden, die ich unter denjenigen zubrachte, welche ich ſo innig liebte. Auf einmal öͤff⸗ nete ſich die Thüre und mein Vater ſtürzte bleich und verwirrt herein. — Allles iſt verloren! rief er. 4 Bebend ſammelten wir uns um ihn. — Ihr wißt, fuhr mein Vater fort, daß ich die beſten Hoffnungen für die ruhige und ſelbſtſtändige Zu⸗ zunft Polens hatte; aber jetzt ſind dieſe Hoffnungen ahin. Wir baten ihn um Aufklärung. — Alle meine Pläne ſind über den Haufen gewor⸗ fen, ſagte er; Kosciusko, Zajonezek, Kolontai und Potocki ſind aus dem Ausland zurückgekehrt und befin⸗ den ſich bereits in Krakau, das bedeutet Krieg... rieg... Wir zitterten vor Furcht bei dieſem Worte. — Auch mein Sohn iſt gegen meinen Willen zurück⸗ gekommen, und auch er iſt jetzt in Krakau. Mein Vater konnte kaum ſprechen, ſo aufgeregt war er. — Man hat mich betrogen, erzählte er jedoch wei⸗ ter; die Correſpondenz, worin ich mit der Kriegspartei ſtand, enthält ganz andere Verſprechungen. Woher kommt dieſer Betrug? Die Tagespoſt meldet mir, daß die Abſichten verändert worden ſind. Wer hat ſie ver⸗ ändert? Der Plan iſt klar, Rußland will einen neuen Aufruhr hervorrufen, damit es einen Vorwand bekommt, uns alle zuſammen niederzumachen. Als einen Beweis des Betrugs zeigte mein Vater uns einen Brief von meinem Bruder, worin dieſer mit der Lebhaftigkeit eines Jünglings ſeinen freudigen Dank dafür abſtattete, daß er ihn in die Heimath zurückge⸗ rufen und ermahnt habe, bis zum letzten Augenblick für das Vaterland zu kämpfen. Mein Vater hatte gleichwohl meinem Bruder nie etwas von dieſer Art geſchrieben. 3 ₰ 267 Ew. Hoheit können ſich ſelbſt beſſer vorſtellen, als ich zu beſchreiben vermag, welche Unruhe und Angſt ſich bei dieſen Nachrichten unſer bemächtigten. Meines Vaters Vorherſagung, daß der Kampf, der jetzt losbrechen ſollte, das Vaterland und uns ſelbſt in ſicheren Untergang ſtürzen würde, hing wie ein drohen⸗ Schwert über unſern Häuptern. Marfa allein blieb ruhig. — Sie ſehen nicht ein, von wem dieſer Betrug kommt? ſagte ſie zu meinem Vater. — Nein, nein. — Ich will es Ihnen ſagen. — Sie? — Er kommt von Ihrem Schreiber. — Von ihm.. wer iſt er denn? — Ich habe Ihnen ſeinen Namen nicht nennen wollen, antwortete ſie, weil er für mich ein Entſetzen iſt, und ich fuͤhle, daß meine Lippen erbleichen werden, wenn ſie ihn ausſprechen müſſen. — Erklären Sie ſich, rief mein Vater. Hat er mich in einem Fall betrogen, ſo dürfte er es auch in anderen Fällen gethan haben. — Daran dürfen Sie nicht zweifeln. Er hat Sie überall betrogen, wo er nur konnte. Der Mann iſt... — Wer? wer? Marfa's Wangen und Lippen erblaßten wirklich bei dem bloßen Gedanken, daß ſie den Namen aus⸗ ſprechen müſſe. 3 1 — Er iſt, fuhr ſie indeß nach einer Weile fort— ein Orlow. — Der Fürſt? — Nicht der Fürſt, aber ein Geiſtesverwandter von ihm, ein Graf Orlow. 1 — Und Sie ſind gewiß, daß Sie ſich nicht täuſchen? — Ich bin meiner Sache vollkommen ſicher. Von Kummer und Verzweiflung überwältigt, ſank 268 mein Vater auf einen Stuhl, gewann aber bald wieder Ruhe und Kraft. 4 — Barmherziger Gott! rief er dann, ich lege das Schickſal meines Vaterlandes und mein eigenes in Deine Hände. Ich bin mir bewußt, für eine gute Sache und in guten Abſichten gearbeitet zu haben. Vor Dir, Du Allwiſſender, bin ich unſchuldig an dem Ver⸗ derben, dem wir jetzt entgegengehen, unſchuldig an dem Blute, das jetzt fließen wird. Magſt Du mich richten! Wir ſanken meinem Vater an die Bruſt. Wie würdevoll und edel erſchien er uns nicht! wie innig liebten wir ihn nicht! Als mein Vater hierauf nach ſeinem Schreiber ſchickte, befand er ſich nicht mehr im Hauſe. Er war verſchmunpen⸗ Dieſer Umſtand beſtätigte Marfa's Ver⸗ acht. Die Prinzeſſin hörte Willanow mit ſteigendem In⸗ tereſſe an: aber ſie hielt ſich an einer einzigen Sache feſt. — Orlow, ſiel ſie jetzt ein, Graf Orlow... iſt das derſelbe Orlow, der jetzt der Kaiſerin ſo nahe ſteht? — Es iſt derſelbe, Ew. Hoheit. — Aber in welchem Verhältniß kann Marfa zu ihm geſtanden haben? — Das iſt eine andere Geſchichte, Hoheit. Ich weiß nur ſo viel beſtimmt. daß Marfa, ſo lange er ſich in meines Vaters Hauſe aufhielt, den größten Abſcheu vor ihm zeigte. — Aber wenn ſie mit einander zuſammentrafen, wie behandelten ſie einander da? — Sie trafen nie zuſammen, Ew. Hoheit. Ich ſagte ſo eben, daß Marfa während unſers Aufenthaltes in Warſchau ganz eingezogen lebte. Als ſie zufällig und ohne ſelbſt von Orlow bemerkt worden zu ſein, entdeckt hatte, daß er ſich unter einer Vermummung bei meinem Vater eingeſchlichen, wurde ſie noch zuruͤckge⸗ zogener. Sie verabſcheute ihn nicht bloß, ſie ſchien ihn auch zu fürchten. 269 — Aber ich verſtehe nicht... — Ew. Hoheit verſtehen nicht, was ſie dazu ver⸗ anlaſſen konnte? — Wie Du ſagſt, Willanow, ich verſtehe das nicht. — Marfa hatte ihre Gründe, aber wir wollen ſpäter davon ſprechen. — Gut. Fahre jetzt in Deiner Erzählung fort. — Bald darauf, Ew. Hoheit, lief die Nachricht ein, daß man in Krakau Kosciusko zum General der polniſchen Armee erwählt habe, welche indeß damals nicht mehr als eiwas über 4000 Mann zählte. Zu gleicher Zeit wurde die Inſurrektionsakte bekannt ge⸗ macht, und einige Hundert mit Senſen bewaffnete Bauern vereinigten ſich mit der Armee. Bald trafen die Heere auf einander, und nach hartnäckigem Kampf beſiegte Kosciusko 7000 Ruſſen, die er in die Flucht ſchlug. In dieſer Schlacht wurde mein Bruder auf dem Schlacht⸗ felde mit einem Militärorden dekorirt, und mit Thränen in den Augen laſen wir von den Proben der Tapfer⸗ keit, die er abgelegt. Aber unſere Freude ſollte ein ſchreckliches Ende nehmen. Ein Seufzer hob Willanow's Bruſt und Alexandra drückte mit zärtlicher Theilnahme ihre Hand. — Kosciusko's Erfolg, fuhr ſie inzwiſchen fort, war in Warſchau kaum bekannt geworden, als der ruſ⸗ ſiſche Oberbefehlshaber in der Stadt, Igelſtröm, alle diejenigen verhaften ließ, von denen er vermuthete, daß ſite den Inſurgenten anhingen. Da mein Bruder am Kriege thätigen Antheil nahm, ſo waren auch wir verdächtig. Mein Vater wurde verhaftet. Meine Mutter und ich wollten nicht von ſeiner Seite weichen; aber meine Eltern befahlen mir, bei Marfa zu bleiben. Ich gehorchte. Als meine Mutter und mein Vater weggeführt wurden, vergoß ich blutige Thränen. Willanow vermochte kaum ihre Erzählung fortzu⸗ 270 ſetzen, ſo erſchüttert war ſie. Aber auch Alerandra fühlte den Kummer der Freundin mit, und in den Augen der beiden Mädchen glänzten Thränen, welche ein und daſſelbe Gefühl in ihrer Bruſt abſpiegelten. — Die Verhaftung meines Vaters und anderer Patrioten reizte die Bevölkerung Warſchau's, und ein entſetzlicher Aufruhr brach aus. Die Kanonen donner⸗ ten. Das Blut ſtrömte auf allen Straßen. Der ruſ⸗ ſiſche Obergeneral wurde in ſeinem Hauſe belagert, ſo daß er ſich nur durch die Flucht retten konnte. Die Inſurgenten hieben 2000 Ruſſen nieder und befreiten die Gefangenen. Polen ſchien ſich von Neuem ſiegreich zu erheben. Alles hoffte; nur mein Vater zweifelte am Ausgang. Einige Anhänger Rußlands wurden als Reichsverräther aufgeknüpft, theils in Wilna, theils in Warſchau. Mein Vater beklagte all dieſes Unglück. Bei ſeiner friedlichen Geſtnnung wurde er nicht bloß von Rußland, ſondern auch von Polen mit Mißtrauen betrachtet. Seine Vorherſagungen ſollten ſich indeſſen bald, nur allzubald beſtätigen. Bei all ſeinen Erfolgen erlitt Kosciusko auf einmal eine entſcheidende Nieder⸗ lage bei Macijowice, wo auch die letzten ſelbſtſtändigen Fahnen des Vaterlandes im Blute ſanken. Die pol⸗ niſche Armee wurde aufgelöst, niedergeſäbelt oder ge⸗ fangen. Beinahe ſterbend ſank der Held auf dem Wahlplatze nieder, wurde gefangen und nach Petersburg abgeführt. Zu gleicher Zeit naherten ſich Suwarow's Heerſchaaren unſerer Hauptſtadt. Die Vorſtadt Praga wurde mit Sturm genommen. Es entſtand ein uner⸗ hörtes Blutbad. Schrecken und Entſetzen bemächtigte ſich aller Gemüther. Warſchau ergab ſich. Beſpritzt von dem Blut der unglücklichen Freiheitskämpfer, rück⸗ ten die Sieger triumphirend in die Stadt ein. Willanow erzählte dieſe Dinge, die ſie ſelbſt erlebt hatte, auf eine ſo anſchauliche Weiſe, daß Alexandra ſich darüber entſetzte. — Mein Vater, fuhr ſie fort, hatte ſich zu den 4 271 Siegern hinausbegeben. Ein Bote meldete uns, daß er verhaftet worden ſei. Meine Mutter eilte, auf den Knieen den Feldherrn für ihn anzuflehen; aber ein neuer Bote meldete uns auch ihre Verhaftung. Auch ich wollte hinaus eilen, um meine Eltern zu befreien oder ihr Schickſal zu theilen; aber in dieſem Augen⸗ blick langte mein Bruder an. Wir hatten uns mehrere Jahre nicht geſehen. Mit einem Ausruf ſanken wir einander in die Arme. Marfa, die jetzt unſere einzige Stütze war, verlangte, wir ſollten uns bereit halten, zu fliehen. Mein Bruder theilte ihre Anſicht. Marfa ſelbſt begab ſich in ihre Zimmer, um die eine und an⸗ dere Anordnung zu treffen, die ſie für unſer Entkommen wichtig glaubte. Inzwiſchen beſetzte eine ruſſiſche Trup⸗ penabtheilung unſer Haus. Drohungen und Flüche, wilde Geſänge und kannibaliſcher Lärm ertönten von allen Seiten her. Die von Freude berauſchten Sieger griffen mich auf beleidigende Art an. Mein Bruder zieht ſein Schwert zu meiner Vertheidigung. Unter meinen Augen entſteht ein Kampf, wobei einer der Feinde nicht bloß ſein Gewehr auf ihn abfeuert, ſondern ihn auch mit dem Bajonnet angreift. Mein Bruder ſtürzt. Sein vom Schmerz verzerrtes Geſicht verbergend, ſtößt er ſeinen letzten Seufzer aus. Ich kniete an ſeiner Leiche nieder. Eine gewiſſe fieberhafte Spannung hatte Willanow ergriffen, während ſie ſprach. Alexandra hörte ſie mit derſelben Fieberhaftigkeit an. — Als ich wieder zu mir kam, ſtand meines Vaters Schreiber an meiner Seite. Ich hatte den Argwohn gegen ihn vergeſſen und fuhr raſch auf, um ſeine Hülfe anzurufen. — Wer iſt der Todte hier? fragte er mich, auf meinen Bruder deutend.. „— Ich ſagte ihm, wer er war, und erneuerte meine Bitte um Hulfe. — Verhaftet ſie, befahl er. 272 Als ich mich entfernte, warf ich noch einen Blick zurück und ſah jetzt aus der Thüre in die inneren Zim⸗ mer eine verſchleierte Dame voreilen. Es war Marfa. Auf eine bedeutungsvolle Art, die mir zu Herzen ging, ſtreckte ſie die Arme gegen mich aus. Darauf blieb ſie bei der Leiche meines Bruders ſtehen, und ich ſah, wie ſie mit einer Anſtrengung, die ihre Kräfte zu überſteigen ſchien, ihn aufhob und wegtrug. — Arme, arme Willanow, ſeufzte Alexandra, die ihre Gefühle nicht länger zu unterdrücken vermochte. Jetzt verſtehe ich all Deinen Kummer. — Orlow folgte mir. Tags darauf ſetzte man mich in einen Wagen und ich wurde hieher nach Petersburg geſandt. 5 — Welche ſchreckliche Schickſale haſt Du nicht durchgemacht! — Meine Eltern wurden nach Sibirien verbannt. Ich habe ſie nie wieder geſehen. Willanow verſank einen Augenblick in ſich ſelbſt. Mit ihren Gedanken flog ſie weithin über die unermeß⸗ lichen Ländereien weg, welche ſie von ihren Geliebten trennten. Alexandra beugte ſich gegen die Freundin vor und drückte ihren Kopf koſend an ihre Bruſt. — Und Du glaubſt, daß Orlow die eigentliche Ur⸗ ſache dieſes unerhörten Ungluͤckes geweſen ſey? — Ich kann es nicht ſagen... aber was Woro⸗ witſch der Kaiſerin erklärte... — Worowitſch, ja. Es iſt wahr... Wer iſt Wo⸗ rowitſch.. Du kennſt alſo auch ihn? Willanow zog ſich bei dieſer Frage langſam von der Prinzeſſin zuruͤck. Sie hatte ſich verredet. — Worowitſch... ſtammelte ſie. — Wer iſt er? Du weißt es. — Ja, Ew. Hoheit, ich weiß es, aber... — Aber? Die Verlegenheit in Willanow's Stimme zeigte an, —/01 w N h ☛ △ 273 daß ſie den Gegenſtand, der jetzt auf's Tapet kam, nicht gerne berüͤhrte. — Das heißt, Ew. Hoheit... Willanow ſchien nicht recht zu wiſſen, wie ſie fort⸗ fahren ſollte. 4 — Das heißt, Ew. Hoheit ich kenne ihn nur ſehr wenig... er... ich will ſagen, ich... — Nun? — Sprechen Sie mit mir nicht von ihm, Hoheit, es iſt ſo, daß... — Daß? — Daß ich ihn nicht kenne. Willanow erröthete und erblaßte abwechſelnd. Aber der Verdacht der Prinzeſſin war einmal erwacht und ſie wollte von dem Gegenſtand nicht abgehen. — Du biſt verlegen, Willanow, und... und... Die Prinzeſſin drohte ihr ſchalkhaft mit dem Finger. — Du biſt wieder einmal nicht recht aufrichtig ge⸗ gen mich, fuhr ſie fort: weißt Du, was ich glaube? — Nein, Ew. Hoheit. — Daß Du dieſen Worowitſch ſehr gut kennſt... vielleicht nur allzu gut. Alexandra's Bemerkung machte Willanow betroffen; ihre Wangen wurden ſchneeweiß. — Daß ich ihn kenne? wiederholte ſie. — Du liebſt ihn, Willanow. Du haſt ihn ſchon längſt geliebt... habe ich's nicht errathen, Willanow? Willanow antwortete nicht ſogleich. — Ich habe bemerkt, daß Du, wenn Du von Wo⸗ rowitſch ſprichſt, immer ein ganz beſonderes Intereſſe und ungemein viel Wärme verräthſt. Ich verſtehe mich auf ſolche Dinge... ſage mir, habe ich's errathen? — Ich läugne es nicht, Ew. Hoheit. — Du liebſt ihn? — Ich liebe ihn. Willanow ſchlug ihre Augen nieder und ihre Stimme war kalt, beinah klanglos. Der Fürſt. I. 18 274 Die Peinzeſſin, welche die Verſtimmtheit des Fräu⸗ leins bemerkte, wollte aus Freundſchaft und Theilnahme das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand leiten. — Du verließeſt Marfa in Warſchau und jetzt iſt ſie hier bei Strelna. Wann ſahſt Du ſie wieder? — Nachdem man mich aus Warſchau hierher ge⸗ bracht hatte, hörte ich mehrere Monate nichts von den Meinigen. Wir waren aleichſam todt für einander. Ew. Hoheit wiſſen, daß Marfa's Name erſt im Verlauf eines Jahres in Petersburg und der Umgegend beruhmt geworden iſt. Auch ſch hörte lange von der weiſen und heiligen Frau bei Strelna ſprechen, ohne daß ich wußte, wer ſte war. Aber zu Anfang dieſes Jahrs erhielt ich einen Brief, worin ich aufgefordert wurde, mich in Strelna einzufinden. — Und Du fandeſt Dich ein? — Ich benutzte eine Gelegenheit, wo Ew. Hoheit auf Beſuch bei Ihren hohen Eltern in Gatſchina wa⸗ ren, und reiste hin. — Und Du erkannteſt ſie ſogleich wieder? — Sogleich. Sie gab mir die letzten Nachrichten von dem Schickſal der Meinigen. — Aber da kommt mir ein Gedanke, Willanow. Wenn Orlow wirklich die Urſache ſo vielen und großen Unglucks geweſen wäre, ſo müßte doch ſein Gewiſſen ihm geſchlagen haben, nicht bloß, als er das ſchauerliche Schickſal ſah, das er über Deinen Vater gebracht hat, ſondern auch noch mehr, als er Deinen Bruder todt vor ſeinen Fußen fand. — Mein Bruder hatte in ſeiner Todesſtunde ſein Geſicht vor mir verborgen, und er verbarg es auch vor Orlow. Gewiſſen? Selbſt der Tod hat nichts Zermal⸗ mendes für den Gewiſſenloſen. 4 — Orlow und Dein Bruder hatten vielleicht ein⸗ ander fruher nie geſehen? — Nie. ———— ſſſnſnſſinrſnſnſſ 8 9 10 11 ſinſmſnſnſſſnſſnnſſn 12 13 14 15 16 17