— 3 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.. Jeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den aͤngenommen.— 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 1 4 3 d —j wird. 6. 45 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 1 2 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr. Jf. 1 Nr. 50 Pf. 2 Nt. Pf. — 3 „ 3.„„„„= ⸗„ 4„=—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 Aöö h f T. F. M. Nichter's Reiſen zu Waſſer und zu Lande. Zweiter Band. T. F. M. Richters keiſen zu Waſſer und zu Lande. Für die reifere Jugend zur Belehrung und zur Unterhaltung ſür Jedermann. Vierte verbeſſerte Auflage bearbeitet von 6 Friedrich Gerſtäcker. Mit acht Abbildungen in Tondruck. Zweiter Band. 8 Leipzig, Arnoldiſche Buchhandlung. 1857. Inhaltsverzeichniß. Bemerkungen über England und Reiſe nach Sicilien.. Beſchreibung der Stadt Meſſina und Schilderung ihrer Einwohner. Bemerkungen über Sicilien, Reiſe von Meſſina nach Aegypten und Rückkehr nach jener Stadt... Reiſe von Meſſina nach Alicante, Iviza, Bona Tarragona, Malta und Odeſſa und Rückkehr nach Sicilien... Reiſe von Meſſina nach Livorno, Genua, Savona, Catania, Readel, Balern und den ioniſchen Inſeln und über Malta und Trieſt nach Sachſen Erklärung der in dieſer Reiſebeſchreibung vorkommenden nautiſchen Kunſt⸗ ausdrücke 1 Bemerkungen über England und Reiſe nach Sicilien. 1. Der Verf. hält ſich geraume Zeiti in England auf. Erzählung einiger ihn betreffenden Vorfälle. Bemerkungen über England. Ich kam im Juli 1811, von meiner Reiſe nach China, zwar nicht völlig erkrankt auf der Themſe an, wohl aber mit dem Gefühl eines geſchwächten Körpers, das mir es zur dringenden Pflicht machte, auf Erholung und Ruhe zu denken. Da ich blos in der Abſicht, die Welt kennen zu lernen, den Beruf des Seefahrers gewählt, und ungeachtet des langen Umherſchweifens eine warme Liebe zum Vaterlande behalten hatte, ſo erwachte bei mir ſchon damals das Verlangen, in den Schooß desſelben zurückzukehren. Allein, die Zeitumſtände — der Krieg, und beſonders die von Napoleon ergriffenen Maßregeln, England alle Verbindung mit dem übrigen Europa abzuſchneiden,— waren der Aus⸗ führung dieſes Vorhabens nicht günſtig, und nöthigten mich, dem Strome zu folgen, in den ich mich einmal begeben hatte. Ich faßte ſonach den Entſchluß, vor allen Dingen auf britiſchem Boden meine Geſundheit wieder zu ſtärken, und mittlerweile zu überlegen, was künftig zu thun ſein möchte. Ich brachte fünf bis ſechs Wochen in London zu, begleitete dann einen Bekannten auf ſeiner Geſchäftsreiſe nach Oxford und Liverpool, und hielt mich nach erfolgter Rückkehr noch einen Monat in der Hauptſtadt auf, indem ich dann und wann kleine Ausflüge in die umliegende Gegend, nach Woolwich, Chatham und andern Richtungen machte. Es läßt ſich leicht denken, daß mir bei dieſem Aufenthalt in einem Lande, welches an auffallenden Erſcheinungen ſo fruchtbar iſt, mancherlei Sonderbares, Richter's Reiſen. II. 1 2 guter und böſer Art, begegnete. Ich darf jedoch der beabſichtigten Kürze wegen nicht alles einzeln berühren, ſondern beſchränke mich auf zwei Vorfälle, welche bei mir in friſchem Andenken geblieben ſind. Als ich eines Tages im Hafen von Chatham ſpazieren ging, und meine Augen an dem anziehenden Schauſpiel der dort verſammelten Kriegsſchiffe wei⸗ dete, führte der Zufall einen Deutſchen herbei, der ſich in Dienſten auf einer nicht fern liegenden Fregatte befand. Landsmannſchaft, verwandte Lebensart und ſeemänniſche Ungezwungenheit brachten uns ſchnell einander näher, und weil ihm ſeine Verhältniſſe keinen langen Aufenthalt am Lande erlaubten, be⸗ gleitete ich ihn, um unſere Bekanntſchaft fortzuſetzen, auf ſein Schiff. Da das⸗ ſelbe auf einem Kreuzzug in der Nordſee einige däniſche Fahrzeuge genommen, und ſie erſt vor wenigen Stunden eingebracht hatte, ſo traf ich daſelbſt viele kriegsgefangene Dänen; und wie groß war meine Ueberraſchung, als ich unter dieſen Unglücklichen einen mir theuern Freund erblickte,— den jüngern Sohn des oft erwähnten Schiffskapitän Fedderſen. Die Freude, den geliebten Knaben wiederzufinden, und ihn zum kraftvollen Jüngling heran gewachſen zu ſehen, wurde durch den Schmerz über ſeine mißliche Lage ſehr getrübt. In demſelben Augenblick faßte ich aber auch den Entſchluß, ihn aus derſelben zu retten, und dachte darüber nach, wie es anzufangen wäre. Seine Freilaſſung förmlich aus⸗ zuwirken, dazu fehlten mir die erforderlichen Mittel. Engliſchen Kriegsdienſt zu nehmen, half ihm zwar auf der Stelle aus der Gefangenſchaft; allein wie konnte man ihm, da ſein Vaterland in offener Fehde mit England war, einen ſolchen Antrag machen, ohne ſein patriotiſches Herz zu verwunden! Es blieb daher zu ſeiner Rettung nichts übrig als die Flucht, welche jedoch, weil man die Gefangenen am nächſten Morgen in ſichern Gewahrſam, nämnlich auf Blockſchiffe bringen wollte, ohne Aufſchub bewerkſtelligt werden mußte. Die Ausführung des Vorhabens wurde dadurch, daß der erwähnte Deutſche, obſchon ein Beamter der Fregatte, ſeinen Beiſtand nicht verſagte, ſo wie auch durch andere Umſtände ſehr erleichtert; und kurz, als am Abend die Schiffsmannſchaft ſich der Freude, welche die glückliche Rückkehr in den Hafen, die angekommenen Weiber und Bekannten, und die in Menge herbeigeſchafften Lebensmittel veranlaßten, unge⸗ ſtört überließ und nur mit ſich ſelbſt beſchäftigte, führte ich den jungen Fedder⸗ ſen, durch Verkleidung unkenntlich gemacht, in ein bereit ſtehendes Fährboot, das uns bald aus Sicht des Schiffes, und an Land brachte. Wir eilten ſodann nach Gravesend, einem Städtchen an der Themſe, wo es mir gelang, den Flücht⸗ ling mit den nöthigen Bedürfniſſen zu verſehen, auf einem ſo eben in See ge⸗ henden amerikaniſchen Kauffahrer unterzubringen, und ihn dadurch vor jeder Verfolgung ſicher zu ſtellen.— Nach einem Zeitraum von beinahe drei Jahren 84 4₰4 3 7 erhielt ich die frohe Nachricht, daß er, in Amerika glücklich angekommen, in den Dienſt eines boſtoner Handelshauſes getreten, und von dieſem zum Schiffs⸗ kapitän befördert worden ſei, welche Stelle er vielleicht noch jetzt bekleidet. Seine Befreiung aus der Gefangenſchaft gewährt mir immer eine angenehme Erinnerung, und ob ſie gleich auf eine Weiſe geſchah, die mit den Geſetzen einer ſtrengen Moralität nicht übereinſtimmt, ſo war ſie doch immer eine Handlung der reinen Menſchenliebe, und um ſo verzeihlicher, da mir kein anderes Mittel zur Rettung eines Unglücklichen übrig blieb. Während der letzten Wochen, die ich in London zubrachte, traf ich dort mit einem meiner vertrauteſten Freunde, dem Schiffsarzte Walter zuſammen, und wiewohl er ſich eben verheirathen wollte— ein Verhältniß, das oft die innigſten Freundſchaften trennt, vermochte dies doch nicht, eine ähnliche Wir⸗ kung auf die unſrige hervorzubringen, die ſich im Gegentheil mit jedem Tage verſtärkte. Da ich vom Morgen bis zum Abend ihn begleiten mußte, ſo ward ich von ihm bei ſeiner Braut eingeführt, einer jungen, liebenswürdigen Frau, und nicht ohne Vermögen. Ihr Gatte war vor einigen Jahren nach Oſtindien gereiſt, und dort, ohne das Geringſte von ſich hören zu laſſen, verſchwunden. Sie hielt ihn daher für todt, und glaubte ihre Hand weiter verſchenken zu dür⸗ fen. Es war zwei Tage vor dem zur Hochzeit beſtimmten, als ſie meinen Freund und mich, nebſt vielen ihrer Vettern und Muhmen, mit einem Abendeſſen be⸗ wirthete, und eben den Tugenden des verſtorbenen Mannes, vielleicht dem künf⸗ tigen zur Belehrung, eine Lobrede hielt,— da öffnet ſich plötzlich die Thür, der vermeinte Todte tritt friſch und munter herein, und die junge Frau ſinkt, mit einem Schrei des Entſetzens und der Freude, in ſeine Arme. Man kann leicht denken, daß Walter ſich für einen unberufenen Zuſchauer dieſes zärtlichen Auftrittes hielt, und ſich ſchnell entfernte. Ich theile nun meinen Leſern einige Bemerkungen über England im All⸗ gemeinen mit, eine gedrängte Zuſammenſtellung alles deſſen, was ich ſowohl während meines jetzt beſchriebenen als früheren Aufenthaltes in dieſem Lande wahrzunehmen Gelegenheit hatte. Wenn Reiſende der britiſchen Inſel ſich nähern, ſo fällt ihnen, oftmals in weiter Entfernung und ehe ſie noch ſichtbar wird, der von ihr ausſtrömende Geruch der Steinkohlen auf, den ſie jedoch, weil die Geruchsnerven ſich bald daran gewöhnen, nach der Ankunft auf dem Lande nicht widerlich, ſondern bis⸗ weilen nach einiger Zeit, wie der Eingeborne, ſogar angenehm finden. Da England den ſtets aus dem Meere aufſteigenden Dünſten ausgeſetzt, und den größern Theil des Jahres, wo nicht mit dickem Nebel, doch mit einer feuchten, vom Kohlenrauche verdüſterten Luft bedeckt iſt, ſo läßt ſich in der Ferne oft 1* 4 nichts anderes von den Küſten erkennen, als die weißen kreidigen Berge, die hier und da, beſonders bei Landsend und an der Seite des Kanals, hervor ragen. Faſt nur im Sommer gibt es Tage, wo die Reinheit der Luft eine freie Anſicht der Landſchaften geſtattet. Daher erſcheint das Aeußere des Lan⸗ des, auf den erſten Anblick, meiſtens nicht reizend. Doch, die ungemeine Lebhaf⸗ tigkeit umher, nämlich das Drängen und Treiben der ab⸗ und zugehenden Schiffe, bereitet den Ankömmling auf ein großes Schauſpiel im Innern vor, und ſteigert mit jedem Augenblick ſeine Erwartungen. Es dürfte wohl Wenigen unbekannt ſein, daß der Zuſammenfluß von Schiffen und Menſchen aus allen Himmelsſtrichen, die Menge der in⸗ und aus⸗ ländiſchen Waaren, ſo wie der großen Gebäude, worin dieſelben niedergelegt werden, und der Anſtalten, um ſie hin und her zu ſchaffen— daß, ſage ich, Schifffahrt und Handel nirgends in ſo glänzendem Lichte ſich zeigen, als in den engliſchen Häfen. Von den zahlloſen und merkwürdigen Gegenſtänden, auf die man dort unaufhörlich ſtößt, will ich nur denjenigen herausheben, welcher am wenigſten gefällig erſcheint, und deshalb von den meiſten Fremden ganz überſehen wird, ſo wichtig er auch für den Briten iſt. Ich meine die Kohlenſchiffe, d. h. Fahrzeuge, welche die Steinkohlen aus den Niederlagen in Newcaſtle, Shields, Sunderland ꝛc. nach allen Theilen des Reichs ſchaffen. Da dergleichen Schiffe wenigſtens alle vierzehn Tage eine Reiſe machen, und folglich eben ſo oft eine Fracht Kohlen ein⸗ und ausladen, was nie ohne die größte Verunreinigung derſelben geſchehen kann, ſo iſt es trotz aller Bemühung unmöglich, ſie ſauber zu halten, und man pflegt, um den Schmutz zu verber⸗ gen, alle Theile mit ſchwarzer Oelfarbe, oder mit Theer anzuſtreichen. Sie nehmen ſich daher, auf den erſten Anblick, neben den prächtigen Kriegsſchiffen und Kauffahrern nicht vortheilhaft aus. Allein, faßt ſie der Beobachter genau in's Auge, ſo wird er gewahr, daß ihre Mannſchaften faſt alles übertreffen, was den Seemann in Abſicht auf Thätigkeit, Muth, Abhärtung und Geſchick⸗ lichkeit auszeichnet. Kaum ſind ſie im Hafen angelangt, ſo eilen ſie die La⸗ dung ein⸗ oder auszuſchiffen, und gehen dann ſchnell wieder in See, es ſei bei Tage oder bei Nacht, im Regen oder Sonnenſchein, bei günſtigem oder un⸗. günſtigem Winde. Kurz, zu jeder Zeit ſieht man die Kohlenſchiffe längs den Küſten kühn dahin ſegeln, und im Sturm oder Nebel— wenn andere Schiffe, aus Furcht an den Klippen und Sandbänken zu ſcheitern, ſich fern vom Lande halten,— unverſehrt den Ort ihrer Beſtimmung erreichen, was nicht ſelten eine ſchwierige Aufgabe, und ſchwieriger iſt, als den Weg über den Ocean nach Weſt⸗ oder Oſtindien zu finden. Die Bewunderung, die ein ſolches Fahrzeug dem Beobachter abnöthigt, ſteigt noch mehr, wenn er bemerkt, daß „ 8 4 t » 5 deſſen Mannſchaft außer zwei bis drei Erwachſenen, aus lauter Knaben von acht bis ſechszehn Jahren beſteht. Dieſe jungen Leute werden meiſtens auf ſieben Jahre in die Lehre genommen, während welcher ſie nichts als die Koſt und eine kleine Geldſumme erhalten, die den Bedarf an Kleidern und Wäſche nur ſpärlich befriedigt; allein, nach Verlauf der Lehrzeit haben ſie meiſtens auch den Vortheil errungen, zu irgend einem ſeemänniſchen Geſchäfte tüchtig zu ſein, und, in der That, es ſind die geſchickteſten Seefahrer, wie z. B. der berühmte Weltumſegler Cook, aus ihnen hervorgegangen. Man ſieht hieraus, daß die Kohlenſchiffe eine der beſten ſeemänniſchen Pflanzſchulen, und, da der Wohlſtand Englands hauptſächlich auf der Schifffahrt beruht, die vorzüglichſten Grundlagen desſelben ſind.. Das Innere des Landes, man mag auf der Themſe oder von irgend einer andern Seite dahin gelangen, ſtellt ſich überall als eine von mäßigen Hügeln durchſchnittene Fläche dar; nur im Weſten und Norden, gegen Schottland und Wales hin, geht es in Gebirge über. Der Boden enthält in ſeinem Innern zwar keines der edlen Metalle, aber Zinn, Blei, Kupfer, Eiſen und andere nütz⸗ liche Mineralien, beſonders viel Steinkohlen und Salz, ſo wie auch heilende Quellen. Auf der Oberfläche beſteht er, in den meiſten Gegenden, aus einer glücklichen Miſchung von Lehm, Thon, Sand, Kies und Dammerde, und iſt deshalb dem Gedeihen der Gewächſe ſehr förderlich. Die vormaligen bedeu⸗ tenden Wälder hat der Anbau des Landes faſt ganz verdrängt. Mit ihnen ſind auch die urſprünglich einheimiſchen, wilden vierfüßigen Thiere meiſtens ver⸗ ſchwunden; denn außer Haſen, Füchſen, Kaninchen, wilden Katzen und einigen Dammhirſchen, gibt es wenige, die Erwähnung verdienen. Maulwürfe und Fledermäuſe, ſo wie der Kornwurm, werden oft zu wahren Landplagen. Unter dem wilden Geflügel zeichnen ſich die Lerchen aus; die in der Gegend von Dunſtable(ſpr. Dönnſteb'l) ſind von beſonderer Güte und deshalb ſehr berühmt. An Fiſchen geben die inländiſchen Gewäſſer und das Meer an den Küſten gute Ausbeute. Mit der trefflichen Beſchaffenheit des Bodens vereinigt ſich auch das Klima, den Pflanzenwuchs zu befördern. Die Luft iſt wegen der Nähe des Meeres feucht, aber ſehr mild, und die Winterkälte gemäßigter als in Frankreich oder den höher gelegenen Theilen von Spanien. Im Sommer findet ſelten trockene Hitze Statt, obſchon während dieſer Jahreszeit der Himmel im Ganzen ſehr heiter iſt. Man ſieht daher die Fluren faſt immer mit einem friſchen, das Auge ergötzenden Grün bedeckt. Weizen, Gerſte und Hafer— Roggen baut man in England nicht,— ſo wie alle bekannte europäiſche Obſt⸗ und Gemüſe⸗ arten, gedeihen vortrefflich. Auch kommt manches im ſüdlichen Europa ein⸗ — 6 heimiſche Gewächs fort; Wein wird aber blos in einzelnen Gärten gezogen, ge⸗ wöhnlich an Mauern, die zur Vermehrung der Sonnenhitze ſchwarz angeſtrichen ſind. Minder zuträglich iſt die berrſchende Witterung für den menſchlichen Körper, den ſie zwar kräftig, aber zu Schnupfen, Flüſſen und böſen Hälſen, zu Zahn⸗ und mancherlei andern Uebeln geneigt macht, weshalb auch die Engländer den Genuß hitziger und geiſtiger Getränke nicht gut entbehren können. Die rege Lebendigkeit, der unermüdliche Fleiß und dadurch erlangte große Wohlſtand der Einwohner ſind Eigenſchaften, welche die Aufmerkſamkeit des Fremden, bei ſeinem erſten Eintritt, ſo wie bei ſeinem fernern Fortſchreiten im Lande, unabläſſig beſchäftigen. Wohin er ſich nur wendet, trifft er auf ſchön angelegte, in allen Richtungen ſich durchkreuzende Landſtraßen. Hier begegnen ihm zahlloſe wohlgekleidete Menſchen, die mit ſchnellen Schritten einhergehen, oder auf ſtattlichen Pferden, oder in prächtigen Kutſchen dahin eilen; dort er⸗ blickt er zahlreiche Städte und Dörfer, die oft viele Meilen weit ein zuſammen⸗ hängendes Ganzes auszumachen ſcheinen. Bald eröffnet ſich ihm die Ausſicht auf ein ſchönes Landhaus, mit anmuthigen Blumen⸗ und Obſtgärten; bald laden ihn reizende Luſtwäldchen in ihre kühlenden Schatten ein. Jedes Feld und jede Wieſe findet er mit grünen Hecken, oder Baumreihen, und mit Gräben eingefaßt. Das Getreide und Gemüſe, die Bäume und Sträucher mit ihren Früchten, und ſelbſt das Gras— alles zeigt ſich ihm kräftiger und vollkommener, als irgendwo; daher auch die zahlreichen Rinder, Schafe und die übrigen nutz⸗ baren Hausthiere ſich im beſten Zuſtande befinden. Immer mehr drängt ſich ihm die Ueberzeugung auf, daß der Landmann auf die Bearbeitung des durch Frucht⸗ barkeit ausgezeichneten Bodens einen muſterhaften Fleiß wendet, einen Fleiß, der den Kopf ſowohl als die Hände in Anſpruch nimmt, kurz, daß die Land⸗ wirthſchaft einen hohen Grad der Vollkommenheit erreicht hat. Aber warum, dürfte man fragen, kann denn England die Einfuhr fremden Getreides nicht entbehren? Dies liegt nicht allein in der ſtarken Bevölkerung, ſondern haupt⸗ ſächlich auch in dem Umſtande, daß viele bedeutende Gemeinheiten nicht urbar gemacht, ſondern nur als Weiden benutzt werden. Ueberdem beziehen die Colo⸗ nien, weil die dort lebenden Engländer der europäiſchen Koſt nicht entſagen, und ſogar die urſprünglichen Einwohner ſich nach und nach daran gewöhnen, viele Lebensmittel aus dem Mutterlande; daher eine große Menge des einge⸗ führten Getreides, theils in Körnern, theils in Mehl, Graupen, Grütze und Nudeln, ſo wie in mancherlei Backwerk verwandelt, oder zu Porter und Brannt⸗ wein benutzt, wieder auswärts geht. Manufacturen und Fabriken, ſo wie Anſtalten, um den Verkehr und das Hin⸗ und Herſchaffen der Waaren zu erleichtern, ſind in zahlloſer Menge durch 8 4 -* 7 das Land verbreitet. Dahin gehoren Spinnmühlen, Webereien, Kalk⸗ und Zie⸗ gelöfen, Eiſen⸗, Kupfer⸗ und Alaunwerke, Zuckerſiedereien, Brau⸗ und Brenn⸗ häuſer, über⸗ und unterirdiſche Kanäle, prächtige Brücken u. ſ. w. Doch es würde mich zu weit führen, wenn ich alle Gegenſtände des Gewerbfleißes an⸗ führen wollte, die ſeit der Entdeckung der Dampfkraft ſich noch ſo unendlich vermehrt und den Wohlſtand des Landes nur vergrößert haben. Die engliſchen Städte haben in ſo fern ein düſteres Anſehen, daß das Mauerwerk der Häuſer, welche man durchgängig aus Backſteinen baut und nicht mit Kalk übertüncht, vom Steinkohlenrauche ſchwarzbraun gefärbt iſt. Die Bauart der Häuſer iſt etwas kleinlich, weniger auf die Pracht des Aeußern, als auf den Nutzen und die Bequemlichkeit des Innern berechnet. Die meiſten haben eine Breite von drei bis ſechs Fenſtern, und eine Höhe von zwei bis drei Stockwerken; ein acht bis zehn Fenſter breites läßt ſchon auf einen bedeutenden Rang und Wohlſtand des Beſitzers ſchließen. Zu den Wohnungen vieler Krä⸗ mer, Künſtler und Handwerker führt kein anderer Eingang, als der durch den Laden oder die Werkſtatt, weil dieſe oftmals das ganze Erdgeſchoß einnehmen. Paläſte, wie ſie die großen Städte des Feſtlandes ſchmücken, hat London im Verhältniß keineswegs ſo viele aufzuweiſen als jene, aber deſto gewaltigere Gebäude anderer Art, die zu Waarenlagern, Hoſpitälern und andern gemein⸗ nützigen Anſtalten dienen. Deſſen ungeachtet gewähren Englands Städte einen angenehmen und ſogar heitern Anblick. Die Kleinheit der Gebäude gibt allen Theilen derſelben eine vorzügliche Nettigkeit, ſo wie die Schwärze ihrer Mauern die glänzenden, ſie umgebenden Gegenſtände deſto mehr hebt. Die großen Scheiben der Fenſter beſtehen aus ſchönem ſpiegelartigen Glaſe, die Rahmen werden öfters angeſtrichen, was auch mit den Thüren geſchieht, die man über⸗ dem mit prächtigen metallenen Schloßbeſchlägen verziert; und überhaupt wird Alles in ſo gutem Stande gehalten, als wenn es eben aus den Händen des Verfertigers käme.— Ueber die innere Einrichtung der Wohnhäuſer will ich weiter unten etwas ſagen. Die Straßen ſind breit und gerade, und da, wo ſie dieſe Eigenſchaften nicht haben, ſucht man ſie ihnen nach und nach zu geben. So wurden ſchon in einigen Städten die Häuſer ganzer großer Bezirke niedergeriſſen, z. B. in Mancheſter, Liverpool, Neweaſtle, und beſonders in London, obſchon in dem uralten Theile dieſer Hauptſtadt, der City, viele enge und krumme Gaſſen ihrer Verſchönerung noch entgegen ſehen. Das Pflaſter iſt, in Hinſicht der Regelmäßig⸗ keit und Dauer, durchaus muſterhaft; auf jeder Seite läuft längs den Häuſern ein breiter Fußweg von Plattſteinen hin. Die Straßen werden in der größten Sauberkeit erhalten, indem man den Fahrweg jede Nacht fegt, und alle Morgen die Fußwege wäſcht. Bei Nacht ſind ſie, und zwar in neuern Zeiten faſt durch⸗ gängig mit Gas, vortrefflich erleuchtet. Jede bedeutende Stadt beſitzt, außer den Markt⸗ und denjenigen freien Plätzen, welche gewöhnlich die Kirchen und die andern öffentlichen Gebäude umgeben, auch viele ſo genannte Squares (Gierecke), die man blos der geſunden Luft wegen angelegt hat. Sie ſind in der Mitte zum Theil mit Baumreihen beſetzt, großen Theils auch, weil der Engländer gern allenthalben das Bild der einfachen Natur aufſtellt, blos mit Gras oder mit Sträuchern bewachſen, und mit eiſernen Geländern umſchloſſen. Das Recht, innerhalb dieſer Vermachungen ſpazieren zu gehen, kommt nur den Bewohnern der umliegenden Häuſer zu, die gewöhnlich aus den reichſten und vornehmſten Familen des Ortes beſtehen. In den meiſten Gaſſen enthält jedes Haus einen Kauf⸗ oder Kramladen, und das fünfte oder ſechste eine Bier⸗ oder ähnliche Wirthſchaft. Da Leute einerlei Gewerbes, des beſſern Verdienſtes wegen ſich gern von einander ent⸗ fernen, ſo ſind die Läden ſehr gemiſcht, indem z. B. der eines Schnitthändlers auf den eines Metzgers, dann wieder der eines Goldſchmieds, Apothekers, Bäckers folgt, und ſo geht es in bunter Abwechſelung fort. Die Verſchiedenheit der Handelsartikel macht eine ſchöne Wirkung auf das Auge. Jedes Gewölbe kündigt ſich durch ein glänzendes Schild an. Die bis auf den Fußboden herab⸗ gehenden Fenſter ſind mit ſchönen Gardinen behängt, und mit den Probeſtücken der Waaren beſetzt. Durch die große Glasthür kann der Vorübergehende das Innere— den Reichthum der Waaren, ausgebreitet auf ſchönen Tafeln und Geſtellen, die herrlichen Spiegel und Verzierungen— deutlich ſehen. Die Ver⸗ käufer verſtehen im hohen Grade die Kunſt, ihre Waaren geſchmackvoll zu ord⸗ nen, ſo daß keine die andere verdunkelt, und jede auffällig und doch anziehend erſcheint. Selbſt Gegenſtände, die anderwärts einen ſchlechten, ja oft Ekel er⸗ weckenden Anblick gewähren, weiß man auf eine Art darzuſtellen, die den Be⸗ ſchauer mit Wohlgefallen dabei verweilen läßt. Z. B. in den Gewölben der Metzger liegt das Rindfleiſch, zierlich in viereckige Stücke zerſchnitten, auf rein⸗ lichen Schüſſeln von Steingut, und auf Tafeln, die mit ſchneeweißen Tüchern bedeckt ſind. An den Wänden umher ſtehen Töpfe mit Blumen und andern wohlriechenden Gewächſen, zwiſchen welchen hier eine Schöpskeule, dort ein Schinken und dergleichen hängt, und zum Kaufen einladet. Der Leſer ſchließe hieraus auf die Nettigkeit und die Pracht ſolcher Läden, dergleichen in allen Ländern ein gefälliges und prächtiges Anſehen haben. Nirgends findet man die Straßen einer Stadt ſo lebhaft als in England, was nicht ſowohl von der Menge der Einwohner, als vielmehr von ihrer großen Geſchäftigkeit herrührt. Dieſe Lebhaftigkeit iſt aber von ganz anderer Art, als .. ** X — G⸗ 4 9 z. B. in den italieniſchen und franzöſiſchen Städten, wo durch das unaufhörliche laute Sprechen, das Schreien und Singen der Menſchen die Ohren betäubt werden. Zwar verurſacht das Raſſeln der Wagen, das Hämmern und Hand⸗ thieren der Arbeiter, und der Muthwille einzelner Pöbelhaufen keinen geringen Lärm; aber die Volksmenge im Ganzen bewegt ſich anſtändig, ſtillſchweigend und blos mit ſich ſelbſt beſchäftigt ſchnell durch die Straßen. In den See⸗ ſtädten erhält dieſe Regſamkeit noch einen bedeutenden Zuwachs durch den Großhandel, durch den Zuſammenfluß von Menſchen aus allen Himmelsſtrichen, und durch mancherlei beſondere Auftritte. In Hinſicht der letztern will ich nur diejenigen erwähnen, welche das Preſſen oder gewaltſame Werben der Matroſen für die königliche Marine, beſonders in Kriegszeiten, veranlaßt. Nicht ſelten erblickt man Haufen bewaffneter Seeleute, welche, von den Kriegsſchiffen abgeſchickt, die Straßen und Gaſthäuſer durchſtreichen, und die ihnen aufſtoßenden Kauf⸗ fahrteimänner mit ſich fortſchleppen. Dies ſind jedoch nur gelegentliche Werber; es gibt aber auch, hauptſächlich in London, ſehr viele vom Staat beſtändig un⸗ terhaltene, nämlich die berüchtigten Preßgänger. Unter ihnen denke man ſich Menſchen, die mit Rohheit und Grauſamkeit große Liſt verbinden. Obſchon zum Tragen einer Art militäriſcher Kleidung berechtigt, erſcheinen ſie doch, um ſich unkenntlich zu machen und dadurch ihre Schlachtopfer deſto leichter zu über⸗ raſchen, faſt immer bürgerlich gekleidet, und zwar ganz verſchieden, z. B. der eine wie ein Herr von Stande, der andere wie ein Fährmann, der dritte wie ein Maurer u. ſ. w. So durchziehen ſie die Stadt, in Geſellſchaften(Preß⸗ gängen) zu acht, zehn und mehr Mann, jedoch unter die übrige Volksmenge vertheilt, und mit einer ſcheinbaren Unbefangenheit, als wenn keiner zu dem andern gehöre. Stößt aber ihren Späherblicken ein Matroſe, oder ſonſt ein zum Marinedienſt fähiger Menſch auf, dann wiſſen ſie ihn durch geſchickte Wen⸗ dungen in ihre Mitte zu bringen, ehe er es gewahrt oder ahnt. Plötzlich fühlt er ſich auf die Schulter geklopft, oder bei der Bruſt ergriffen, ſieht den Anführer des Preßganges(Preßmeiſter) vor ſich ſtehen, und hört deſſen Stentorſtimme ihm lakoniſch zurufen:„Was für ein Landsmann?“ Fällt die Antwort aus: „Ein Engländer, ein Schottländer, oder Irländer,“ dann heißt es eben ſo kurz:„Vorwärts, mein Sohn!“— denn nur Landeskinder zwingt das Geſetz zum Kriegsdienſte— und man bringt ihn unverzüglich auf ein Kriegsſchiff, oder an einen ſichern Ort. Lautet aber die Antwort:„Ein Ausländer,“ und wird ſie durch Vorzeigung des Schutzpaſſes, dergleichen jeder ausländiſche Seemann vom Conſul ſeines Landes erhält, bekräftigt, dann ziehen die Preß⸗ gänger, ohne ihn länger zu beläſtigen, ſtillſchweigend weiter. Bisweilen haben ſie die Unverſchämtheit, ſolche Päſſe, wenn beim Vorzeigen derſelben kein giltiger Augenzeuge zugegen iſt, zu zerreißen, und ſo den Eigenthümer, ſeines Schutzes beraubt, in ihre Gewalt zu bringen. Nicht ſelten geſchieht es aber auch, daß ihnen, trotz ihrer Menge und Verſchlagenheit, die feſtgenommenen Leute wieder entwiſchen, oder ſich gegen ſie zur Wehr ſtellen, was ſchon blutige Auftritte und ſogar Todtſchlag veranlaßt hat. Mit der regen, auf verſchiedene Weiſe ſich äußernden Lebhaftigkeit auf den Straßen contraſtirt die Stille, die auf den freien Plätzen, Squares genannt, ſo wie überhaupt in allen ſolchen Stadttheilen, welche von Vornehmen und Reichen bewohnt werden, herrſcht, und nur dann und wann von den Tritten einzelner Fußgänger oder von dem Geraſſel einer Kutſche unterbrochen wird. Es gibt hier weder Kramläden, noch Niederlagen, Werkſtätten, oder ſonſt etwas, das die Volksmenge herbeiziehen könnte. Die Thüren der Häuſer ſind ſtets ver⸗ ſchloſſen, und man öffnet ſie nur, wenn Jemand anklopft, daher neben dem Schloſſe ein metallener Klopfer angebracht; die Zahl der Schläge zeigt den Stand des Ankommenden und ſein Verhältniß zu dem Hausherrn an. Der Engländer liebt die Einſamkeit, und wenn ihn ſeine Verhältniſſe nicht an die geſchäftige Welt binden, ſo beſucht er ſie blos zu ſeiner Zerſtreuung. Die Reinlichkeit, der Wohlſtand und die Lebhaftigkeit, welche in den Städten herrſchen, finden ſich auch, und zwar in noch höherem Grade, in den Dörfern. Die Häuſer ſind, wie dort, aus Backſteinen gebaut, und mit Ziegeln gedeckt; ſie haben aber, weil ſie freier ſtehen und folglich weniger vom Rauche leiden, eine weit hellere Farbe. Nur in den nördlichen und weſtlichen Theilen des Landes ſtößt man hier und da auf eine Hütte von Lehm, mit einem Stroh⸗ oder Schindeldache. Die Wohnungen der reichen Gutsbeſitzer übertreffen an Größe wie an Schönheit, die der Städter. Jedes Haus iſt mit einem anmuthi⸗ gen Blumengarten umgeben. Die Gehöfte, meiſtens auch die Gaſſen, haben ein Pflaſter, und werden in der größten Sauberkeit erhalten. Hier beleidigen keine Miſthaufen und Miſtpfützen das Auge; denn jeder Abgang von Menſchen, Thieren und Pflanzen wird in ausgemauerten, bedeckten Gruben ſorgfältig ver⸗ wahrt, und, zur Zeit der Düngung, in dichten Karren oder Tonnen auf die Felder geſchafft. Zu den angeſehenſten Einwohnern in den Dörfern gehören hauptſächlich die Pächter der herrſchaftlichen Güter; denn dieſe haben in der Regel einen großen Umfang, ſo daß man oft halbe, ja ganze Tage wandern, und ſich den⸗ noch während der Zeit auf dem Boden eines einzigen Herrn befinden kann. Eigentliche Bauern gibt es daher wenige; der größte Theil der Dorfbewohner beſteht aus Häuslern, die dem Grundherrn einen Zins entrichten und ſich als Tage⸗ löhner, oder als Arbeiter in den Fabriken ernähren. Auch fehlt es auf dem Lande — — — nicht an Krämern und Handwerkern. Eben ſo leben hier viele angeſehene Fa⸗ milien, ob ſie ſchon kein Grundſtück eigenthümlich beſitzen oder bewirthſchaften; daher man in manchem von großen Städten entfernten Dorfe eine Menge gut gekleideter Leute herumgehen, und des Sonntags zehn, zwanzig und mehr präch⸗ tige Kutſchen vor den Thüren der Kirche halten ſieht.— 2. Die Bewohner Englands.— Urſprung und Sprache derſelben— ihre körperliche Beſchaffenheit— ihre Kleidung— ihr Hausgeräth. Die Macht der Mode und deren Folgen. Geiſtige Eigenſchaften und Charakterzüge. Die Einwohner von England ſind bekanntlich Nachkommen der Angelſach⸗ ſen, Dänen und Normänner, die nach der Reihe das Land eroberten, ſich mit einander, ſo wie mit den Urbewohnern, den Galen oder Altbriten(einer eeltiſchen Nation), und ſpäterhin mit Schotten und Irländern vermiſchten, der vielen einzelnen Familien aus Deutſchland, Holland, Frankreich und andern Ländern, welche ſich von Zeit zu Zeit unter ihnen niederließen, nicht zu gedenken. Gleich⸗ wohl iſt ihnen in unſern Tagen nichts von dieſer Vermiſchung anzuſehen; ſie ſtellen ein ſo einförmiges Ganzes dar, daß der Ausländer eine große, eng verbundene Familie zu erblicken glaubt. Nur in der Sprache haben ſich Spuren von den ein⸗ zelnen Theilen der vielfach zuſammengeſetzten Volksmaſſe erhalten. Man ſieht deutlich, daß das Angelſächſiſche(eine plattdeutſche Mundart) und das damit verwandte Däniſche den Grund zu dem Sprachgebäude legten, während das von den Normännern eingeführte Altfranzöſiſche, und auch manches Altbritiſche (Waliſiſche), Schottiſche und Iriſche hinzukamen. Aber nur an dieſem Grund⸗ bau der Sprache läßt ſich der Urſprung des Volks erkennen, denn ſpäterhin hat ſie nach der neuern franzöſiſchen ſich mehr ausgebildet, die Wortfügung derſelben, und viele ihrer Wörter angenommen. Auch ſind ihr durch die Künſte und Wiſſenſchaften viele Ausdrücke aus dem Lateiniſchen, Griechiſchen und Italieniſchen, ſo wie durch den Handel Benennungen aus mancherlei andern, ſelbſt aſtatiſchen und amerikaniſchen Sprachen einverleibt worden; was alles um ſo leichter geſchah, weil ſie, wegen ihrer vielfachen Zuſammenſetzung, für jede Wortform empfänglich iſt. Uebrigens empfiehlt ſie ſich weniger durch Wohlklang, als durch Reichthum, Kraft, Beſtimmtheit und Kürze im Ausdruck. So wie in England jede Sache anziehend erſcheint, ſo auch das Aeußere der Einwohner. Sie haben faſt durchgängig einen kraftvollen, wohlgeſtalteten Körper mittler Größe. Krüppelhafte Perſonen findet man ſelten, und die meiſten derſelben ſind es nur durch beſondere Unglücksfälle geworden. Die Geſichtsfarbe iſt weiß und blühend, obgleich hierin, wie in allen Ländern, zwiſchen den verſchiedenen Ständen und zwiſchen den Einwohnern in großen Städten und denen auf dem Lande einiger Unterſchied Statt findet. Das Geſicht bezeichnen, neben einem gefälligen Ebenmaße ſeiner Theile, eine offene Stirn, eine wohlgeformte Naſe, mehr helle und milde als feurige Augen, und weniger reizende als edle und ſanft verſchmolzene Züge. Unregelmäßige und verzerrte Geſichter, ſo wie ſcharfe, tief eingegrabene Züge nimmt man ſelten wahr. Eine die Geſichtsbildung der Engländer entſtellende Eigenheit iſt, daß die untere Lippe merklich vor der obern hervorragt, was vielleicht blos daher rührt, weil ſie im Sprechen, um gewiſſe ihnen eigenthümliche Laute hervorzubringen, den Mund auf die genannte Weiſe geſtalten müſſen. Indeß kommen bei dieſer Gelegenheit oftmals die Zähne zum Vorſchein, die meiſtens wie Elfenbein glänzen, da man auf ihre Säuberung nicht allein aus Liebe zur Reinlichkeit, ſondern auch weil das Klima ſie zur Fäulniß geneigt macht, ſtets die größte Sorgfalt wendet. Die Augen ſind gewöhnlich braun oder. ſchwarz, ſeltener blau oder graulich. Das Haar iſt am häufigſten braun, ſelten hell⸗ farben, und am ſeltenſten ſchwarz oder roth. An der Schönheit des weiblichen Geſchlechtes vermiſſen die Ausländer gewöhnlich nichts, als eine lieblichere Form des Mundes, die niedlichen Füße, und das Lebhafte, Ausdrucksvolle und Reizende in den Mienen der franzöſiſchen und italieniſchen Frauen, wiewohl ſie dieſe den Engländerinnen, in Hinſicht des übrigen ſchönen Ganzen, nicht an die Seite ſtellen. In den Bewegungen des Körpers zeigen die Engländer zwar nicht die außerordentliche Leichtigkeit und Gewandtheit des Franzoſen, aber auch nicht das Schwerfällige des Holländers, noch die feierliche Steifheit des Spaniers. Schnelligkeit und Feſtigkeit bezeichnen ihren Gang. Ihr Anſtand iſt ungezwun⸗ gen, aber würdevoll; von dem ungeſchickten und tölpiſchen Benehmen, woran man in den meiſten Ländern die unterſten Volksklaſſen erkennt, finden ſich ſelbſt am niedrigſten Pöbel wenig Spuren. In der Kleidung des engliſchen Volkes herrſcht eine ungemeine Nettigkeit, und eine ſo große Uebereinſtimmung, daß die verſchiedenen Stände ſich ſchwer unterſcheiden laſſen, und die Fremden bei ihrer Ankunft dergeſtalt davon über⸗ raſcht werden, daß vielen die Frage„Was haben denn alle dieſe geputzten Leute vor?“ oder„Wo iſt denn der Pöbel?“ und mehr dergleichen entſchlüpft. Denn ungeachtet die Mode ſo oft als bei den Franzoſen wechſelt, wird ihr dennoch von Jedem, vom Greiſe wie von dem Jüngling, vom Handarbeiter wie von dem Lord, in den verſchiedenen Theilen des Reichs wie in der Hauptſtadt, ge⸗ 1 1 13 huldigt; und wenn in der letztern eine neue Tracht erſcheint, bedarf es kaum vierzehn Tage, um die ganze Nation, mit Ausnahme der Aermern, darnach umzuſchmelzen. Dies gilt jedoch blos von den wichtigen Veränderungen; die unbedeutenden— dergleichen von den ſo genannten„Modiſchen“(Fashionab- les), d. i. den Ton angebenden Stutzern in London, faſt wöchentlich vorge⸗ nommen werden,— übergeht der große Haufe. Indeſſen ſieht man ſelten Leute um ein halbes Jahr in der Mode zurück, und niemals ſolche, deren An⸗ zug, wie dies z. B. in Deutſchland häufig der Fall iſt, das Gepräge verſchie⸗ dener Zeitalter an ſich trägt; Rock, Weſte, Beinkleider, Hut und alles Uebrige paſſen in Hinſicht des Alters zu einander. Es iſt aber nicht blos das Modiſche, was die Kleidung bezeichnet; die Reinlichkeit, Ordnung und ſchickliche Zuſam⸗ menſtellung, das Einfache und Gediegene desſelben ſind eben ſo hervorſtechende Eigenſchaften. Schönheit der Wäſche geht dem Engländer über Alles, daher er nie zu den Mitteln, um die Mängel derſelben zu verbergen, z z. B. Vorhemd⸗ chen zu tragen, ſeine Zuflucht nimmt. Er verachtet jeden Flitterſtaat, und zieht immer das Theure dem Wohlfeilen vor, das man nur zum Verkauf in das Ausland verfertigt. Die Farben ſeiner Kleidungſtücke ſind ſtets einfach, nie grell, bunt, oder unpaſſend, und verrathen überhaupt einen feinen Geſchmack, obgleich die Formen nicht immer das Gefällige der. franzöſiſchen erreichen. Uebrigens liegen der Mode, trotz ihres häufigen Wechſels, gewiſſe feſt ſtehende Regeln zum Grunde. So iſt z. B. die Kopfbedeckung der Männer ſtets ein runder Hut; dreieckige ſieht man nur bei den Offizieren des Landmilitärs und der Marine, bei den Hofleuten in Gala, und in dem Londoner Opernhauſe, wo blos vornehme Familien, und zwar in der Hoftracht erſcheinen. Mützen werden blos auf der Jagd, oder auf der Reiſe getragen. Schuhe und Kamaſchen kom⸗ men auf Spaziergängen und auf der Reiſe, ſelbſt zu Pſande, nicht aus dem Gebrauch. Auf gleiche Weiſe, wie in der Kleidung, unterwerfen ſich die Engländer im Hausrath der Zeitſitte, obſchon weniger allgemein, weil ihre Forderung nicht ſo leicht hierin zu befriedigen iſt; doch darf ich kühn behaupten, daß die meiſten Bemittelten ihre Haushaltungen alle drei oder vier Jahre durchaus neu einrichten. Neben dem Stempel der Neuheit trägt das Geräth den der Nettigkeit und des Werthes. Aber es zeichnet ſich zugleich durch Einfachheit aus, die beſonders auch in der Anordnung desſelben vorherrſcht; und ungeach⸗ tet manche unnöthige Bedürfniſſe— z. B. prächtige Fußteppiche in den Zim⸗ mern, ja, ſogar auf den Gängen und Treppen,— eingeführt ſind, nimmt man doch nirgend eine geſchmackloſe Ueberfüllung wahr. Es erhellet hieraus, welche Macht die Mode in England ausübt. Gleich⸗ wohl äußern ſich dort ihre Folgen weit weniger ſchädlich, als in andern euro⸗ päiſchen Staaten. Denn eben die genaue Befolgung ihrer Geſetze, welche auf der einen Seite zu einigem Aufwande nöthigt, hält auf der andern von über⸗ triebener Verſchwendung ab, daher der Vorrath an Kleidern und Möbeln faſt bei Niemanden übermäßig groß, ſondern nach dem Grundſatze:„Wenig und gut“ berechnet iſt. Da übrigens Jedermann ſeine Bedürfniſſe nur aus den inländiſchen Fabriken bezieht, ſo dient der Luxus dem Gewerbfleiße des Landes einen hohen Schwung, und dem Gelde einen ſchnellen, für das Ganze ſehr wohlthätigen Umlauf zu geben. Jener kraftvolle thätige Geiſt, welcher einſt die kühnen Eroberer Englands beſeelte, hat auch ihre Nachkommen nicht verlaſſen; er äußert ſich allenthalben, in den Unternehmungen der Staatsmänner, der Kaufleute und Seefahrer, wie in den Arbeiten der Gelehrten, der Künſtler, Handwerker und Landwirthe. Ihm verdankt das Land hauptſächlich ſeinen Wohlſtand und ſein Uebergewicht über die übrigen Staaten Europa's, obwohl auch nicht zu läugnen iſt, daß die dem Handel ſo günſtige Lage, und beſonders die Colonien Vieles dazu beige⸗ tragen haben. 4. Meinen Leſern den hohen Muth des engliſchen Volks zu ſchildern, würde am unrechten Orte ſein. Wiſſen doch alle, wie kühn und ausdauernd es Gefah⸗ ren trotzt, und wie tapfer es im Kriege gegen ſeine Feinde kämpft, würdig des „Sinnbildes im königlichen Wappen, ich meine— die drei Löwen. Sogar die Frauen beſitzen, ungeachtet ihrer Zartheit, einen hohen Grad von Herzhaftig⸗ keit, die auf mannichfache Weiſe ſich zu erkennen gibt. Sie finden z. B. Ver⸗ gnügen wilde Roſſe zu beſteigen oder an der Kutſche zu lenken; unzählige ver⸗ trauen ihr Leben dem tobenden Meere an, und machen gefahrvolle Neiſen nach den entlegenſten Himmelsſtrichen; oftmals nehmen die Weiber der Seeleute auf den Kriegsſchiffen lebhaften Antheil am Gefecht mit den feindlichen, und die Soldatenweiber zu Lande folgen ihren Männern unaufhaltſam in das Getüm⸗ mel der Schlacht. Man weiß aber auch, daß der Muth des weiblichen Ge⸗ ſchlechtes leicht in Herrſchſucht übergeht, die geneigt iſt, dem männlichen die Obergewalt zu entreißen. Da nun aber Menſchen von vorzüglicher Geiſteskraft, je nachdem dieſelbe ausgebildet und überhaupt von äußern Umſtänden geleitet wird, zugleich großer Tugenden und großer Laſter fähig ſind, ſo kann es nicht fehlen, daß die Be⸗ wohner Englands eine auffallende Verſchiedenheit in ihren moraliſchen Eigen⸗ ſchaften zeigen. Dies muß um ſo mehr der Fall ſein, weil die Staatsver⸗ faſſung ihren Handlungen einen weiten Spielraum läßt, und mithin die freie Ausbildung des Charakters begünſtigt. Man hat daher nicht ſelten behauptet, — 8 1 8 1 15 daß es der engliſchen Nation an einem allgemeinen Charakter fehle. Indeſſen kann wohl Niemand in Abrede ſtellen, daß ihr gewiſſe Grundzüge unauslöſch⸗ lich eingeprägt ſind, und daß der größte Theil Sinn für alles Gute, Große und Edle in hohem Grade entwickelt. Obgleich der Engländer im Aeußern der herrſchenden Mode gehorcht, ſo läßt er ſich doch übrigens in der Denk⸗ und Handelsweiſe nicht beſchränken. Er folgt nie blindlings den Anſichten und Meinungen Anderer, ſondern ſchafft ſich immer ſeine eigenen, die ihn im Thun und Laſſen beſtimmen. Sein Frei⸗ heitſinn ſpricht ſich gleich ſtark im bürgerlichen, wie im häuslichen Leben aus. Hierin liegt es denn hauptſächlich, daß er leicht vom Gewöhnlichen ſich entfernt und auf Sonderbarkeiten verfällt, weshalb man England ſo oft„das Land der Sonderlinge“ genannt hat. Uebrigens mag wohl auch die Feinheit ſeines Ge⸗ fühls und die Beharrlichkeit, womit er empfangene Eindrücke feſthält,— Eigen⸗ ſchaften, worüber ich weiter unten ausführlicher ſpreche,— dabei mitwirken. Der Freiheitſinn des engliſchen Volks iſt jedoch weit entfernt, nach Ge⸗ ſetzloſigkeit zu trachten. Es widerſtrebt blos dem willkührlichen Aufzwingen neuer Geſetze, und verlangt dieſe, im Fall ihrer Nothwendigkeit, durch ihre Stellvertreter ſich ſelbſt zu geben; dagegen die einmal als gültig anerkannten wie Heiligthümer betrachtet werden. Bei den meiſten Engländern wird man bemerken, daß ſie immer mit Nach⸗ denken beſchäftigt ſind, bei jeder Handlung die Vernunft zu Rathe ziehen und eine genaue Berechnung ihrer Folgen vorangehen laſſen. Auf dieſe beſtändige Uebung des Denkvermögens iſt die Schärfe des Urtheils gegründet, die aus allen ihren Unternehmungen ſo hell hervorſtrahlt. Eben daher ſchreibt ſich auch ihre Gründlichkeit, welche zur Erweiterung der Wiſſenſchaften, beſonders der höhern, ſo viel beigetragen hat. Die Geneigtheit des Engländers, der Vernunft Gehör zu geben, macht ihn bereit, das Aufwallen der Leidenſchaften zu unterdrücken. Selten bemerkt man an ihm übermäßige Ausbrüche des Zorns, des Schmerzes oder der Freude; er bleibt ſich faſt in allen Verhältniſſen des Lebens gleich. Seine Seele iſt vornehmlich zum Ernſt geſtimmt, der jedoch von keinem mürriſchen Weſen, ſon⸗ dern von einer freundlichen, aus dem Bewußtſein edler Handlungen üißenden Heiterkeit geleitet wird. Den hier genannten Eigenſchaften iſt es zuzuſchreiben, warum in Eng⸗ land z. B. die Muſtk, trotz der großen Verehrung, die ſie dort genießt, nicht die glänzenden Fortſchritte macht, wie das Kupferſtechen und alle ſolche Wiſſen⸗ ſchaften und Künſte, die mehr Scharfſinn, Genauigkeit und beharrlichen Fleiß, als leidenſchaftliches Feuer vorausſetzen. Eben ſo liegt darin der Grund, wes⸗ — 16 halb die Bewohner jenes Landes nicht ſo erfinderiſch, als geſchickt ſind, Erfin⸗ dungen zu würdigen, zu verbeſſern und nützlich zu machen; daher ſie auch den Ruhm von mancher ſich zueignen, die ſie nicht gemacht, ſondern nur vervoll⸗ kommnet haben. Aus dem kräftigen und feſten Sinn, aus der Beſonnenheit und dem ruhi⸗ gen Ernſt des engliſchen Volks erklären ſich auch mancherlei Erſcheinungen in ſeinem Aeußern, z. B. daß deſſen Geſichtszüge minder ausdrucksvoll, als bei Nationen einer leidenſchaftlichern Gemüthsart ſind, daß er jedes Geberdenſpiel für abgeſchmackt hält, oder daß bei ihm ein unwilliger Blick dasſelbe ſagt, als in Frankreich ein Strom von Vorwürfen, und ein Händedruck eben ſo viel be⸗ deutet, als wenn dort die Leute mit Küſſen einander faſt erſticken. Aus derſelben Quelle entſpringen auch andere Eigenſchaften des Eng⸗ länders. Er haßt die Geſchwätzigkeit, und ſucht im Sprechen wie im Schreiben ſich deutlich und beſtimmt, aber mit möglicher Kürze auszudrücken. Er findet immer Geſellſchaft in ſich ſelbſt, weshalb ihm der Umgang mit Andern kein unentbehrliches Bedurfniß, und die Einſamkeit ſogar anziehend iſt. Der Hang zu rauſchenden Vergnügungen übt keine ſo ſtarke Macht über ihn aus, als über die meiſten europäiſchen Völker, daher ſelbſt London nicht die geſelligen Freu⸗ den darbietet, welche die Ausländer in einer ſo großen und reichen Stadt er⸗ warten. Die merkwürdigen Gebäude und Anlagen derſelben, die zahlloſen, zum Verkauf oder blos zur Schau ausgeſetzten Kunſtſachen, die Schifffahrt, der Handel, und das geſchäftige Treiben der ungeheuern Menſchenmaſſe— dies alles gewährt zwar vielfachen Stoff zu einer angenehmen und lehrreichen Unterhaltung; allein, was man eigentlich unter öffentlichen Vergnügungen ver⸗ ſteht, beſchränkt ſich auf die Theater, auf einige Parks und Theegärten, ſo wie die jährlichen und gelegentlichen Volksfeſte. Die Kaffeehäuſer tragen wenig zur Beförderung der Geſelligkeit bei. Ein Fremder, der zum erſten Mal ein ſolches Haus betritt, glaubt die Verſammlung einer frommen Secte zu erblicken. Man denke ſich einen einfachen, weder mit Spiegeln, noch mit andern aufheiterndem Putze verſehenen Saal, worin, wegen ſeiner großen Tiefe, wegen der geringen Anzahl ſeiner Fenſter und weil die untere Hälfte derſelben beſtändig mit grü⸗ nen oder rothen Vorhängen behängt iſt, ein feierliches Dunkel herrſcht. An beiden Seiten befinden ſich Tiſche mit Bänken, welche, gleich denen in vielen proteſtantiſchen Kirchen, hohe Lehnen haben, worauf noch Vorhänge, ebenfalls von grüner oder rother Farbe, an ausgeſpannten metallenen Stäben befeſtigt ſind. Mithin bildet jeder Tiſch, nebſt Zubehör, ein kleines abgeſondertes Ge⸗ mach,„Box“(Loge) genannt, das die darin befindliche Geſellſchaft vor den Uebrigen völlig verbirgt. Die ſämmtlichen Gäſte beſchäftigen ſich mit dem 17 Leſen der Zeitungen; und meiſtens herrſcht unter ihnen eine tiefe Stille, obſchon bisweilen ein heftiger Wortwechſel über politiſche Gegenſtände ſich entſpinnt. Bälle und dergleichen geſellige Zuſammenkünfte finden gewöhnlich nur unter Bekannten Statt, und erfordern eine beſondere Einladung. Ueberdem hat es überall, wo die Menſchen in großer Menge ſich verſammeln, das Anſehen, daß ihr Zweck mehr dahin geht, Andere zu beobachten, als Umgang mit ihnen zu pflegen; jede Familie bildet einen geſchloſſenen Kreis, und der Einzelne, be⸗ ſonders der Fremde, ſteht allein da, ſich ſelbſt überlaſſen. Ungleich ſtärkern Reiz, als geräuſchvolle Luſtbarkeiten, haben für die meiſten Engländer die ſtil⸗ lern Vergnügungen, z. B. Fahren, Reiten, Waſſerfahrten, und vorzüglich die häuslichen Freuden unter Angehörigen, Freunden und Nachbarn. Indeſſen gibt es, ſowohl unter den höhern, als den niedern Ständen, Viele, die beſon⸗ ders an gefährlichen und gewagten Spielen Geſchmack haben. Dahin gehören hohe Glückſpiele und Wetten, der Fauſtkampf, welcher oft, trotz der ſehr ver⸗ derblichen Folgen, auch zum Zeitvertreibe dient, ferner Wettlaufen, Stangen⸗ klettern und mehr dergleichen. Auch auf die Thiere werden ſolche Spiele aus⸗ gedehnt; man läßt Pferde um die Wette rennen und Hähne, bisweilen auch Hunde, Stiere, Löwen, Tiger u. ſ. w. mit einander kämpfen. Ein großes Ver⸗ gnügen gewährt Manchem die Jagd, wiewohl ſie aus Mangel an Wild ſich meiſtens auf Füchſe beſchränkt. Was aber alle Engländer gleich mächtig anzieht, iſt der Aufenthalt auf dem Lande überhaupt. Jeder Städter eilt, wenn ſein Geſchäft es geſtattet, gern in's Freie, in die offenen Felder, nach einem Gehölz, oder auf einen Hügel. Auf dem Lande zu leben, iſt ſein höchſter Wunſch, den er früher oder ſpäter zu erfüllen ſucht. In den geräuſchvollen Städten wohnt man blos, um Geld und Gut zu gewinnen, und iſt dieſer Zweck erreicht, ſo verläßt man ſie, um das Erworbene in ländlicher Ruhe zu genießen. Kaum die Hälfte ihrer Einwohner wird in denſelben geboren, und eine eben ſo kleine Zahl ſtirbt darin. Sie enthalten immer den kräftigſten Theil der Nation, indem Kinder und bejahrtere Leute auf den Dörfern und den einzelnen Landſitzen leben; und eben der Umſtand, daß die meiſten Städter in einem Dorfe geboren und erzogen ſind, ſcheint der Hauptgrund ihrer Vorliebe für das Land, und überhaupt ihres hohen Sinnes für Gegenſtände der Natur zu ſein. Dieſer Charakterzug iſt am meiſten in der Lebensweiſe der vornehmen und unabhän⸗ gigen Familien ſichtbar, die ſich zwar während des Winters in London verſam⸗ meln, aber nach dem erſten freundlichen Blick der Frühlingsſonne in alle Theile des Reichs zerſtreuen, ſo daß Weſtminſter— der vorzugsweiſe von ihnen be⸗ wohnte Theil jener Hauptſtadt— ſieben Monate lang wie Auspeſtorban iſt. Richter's Reiſen. II. Daher es auch hauptſächlich kommt, daß ihre dortigen Wohnungen nicht ſo prächtig, als ihre ländlichen ſind; denn letztere werden immer als die eigentliche Heimath betrachtet. Es kann nicht fehlen, daß der Tiefſinn, die Feſtigkeit, der ruhige Ernſt, die Selbſtgenügſamkeit und Verſchloſſenheit des engliſchen Volks ſeinem Aeu⸗ ßern einen gewiſſen Anſtrich von abſtoßender Kälte geben, der beſonders bei denjenigen, welche Strenge zu üben genöthigt ſind, z. B. bei obrigkeitlichen Perſonen, Offizieren der Land⸗ und Seemacht, bei Schullehrern u. ſ. w., ſich ſehr auffallend zeigt. Ein großer Irrthum aber iſt es, wozu der Ausländer oftmals verleitet wird, dieſe Kälte für Gefühlloſigkeit zu halten. Zwar ſchützen den Engländer die obigen Eigenſchaften vor allzu großer Reizbarkeit, und machen, daß er nur geprüften Perſonen das Herz öffnet, und überhaupt ſeine Empfindungen zu beherrſchen und äußerlich zu verbergen ſucht. Deſſen unge⸗ achtet beſitzt er einen hohen Grad von Gutmüthigkeit, und ein feines und zartes Gefühl, welches die empfangenen Eindrücke tief und unauslöſchlich eindringen läßt. Wenn er auch weder ſeine Freude bei frohen Ereigniſſen, noch bei trau⸗ rigen ſeinen Schmerz zu erkennen gibt, ſo liegt die Urſache nicht in dem Man⸗ gel an Rührung, ſondern darin, daß dieſe zu innig iſt, um ſich zu äußern. Macht man doch allenthalben die Erfahrung, daß Menſchen, die ihre Ge⸗ müthsbewegungen mit dem Schein des Gleichmuthes bedecken, weit lebhafter davon ergriffen ſind, als andere, welche ihren Kummer mit Weinen und Weh⸗ klagen, oder ihre Fröhlichkeit mit Scherz und Gelächter begleiten. Daher kommt es auch, daß die Engländer, trotz ihrer Seelenſtärke, im Unglück oder bei fehlgeſchlagenen Hoffnungen leichter, als der reizbare, aber ſich ſtets Luft ſchaffende Franzoſe, ein Raub der Schwermuth und des Wahnſinnes werden. Deutlich leuchtet die Zartheit und Innigkeit ihres Gefühls aus ihrer Treue in der Freundſchaft hervor, die zwar ſchwer zu gewinnen, aber, wenn einmal ge⸗ wonnen, nicht leicht zu verlieren iſt. Uebrigens liegen die ſprechendſten Be⸗ weiſe davon in vielen andern ihrer Charakterzüge, in dem hohen Sinn für die Religion, in der Liebe zur Gerechtigkeit, Wahrheit und Redlichkeit, in der Men⸗ ſchenliebe, Mildthätigkeit und Freigebigkeit, in der Großmuth, der Vaterlands⸗ liebe, ſo wie in der ehelichen Treue und väterlichen Sorgfalt. Die Engländer ſind wenig aufgelegt, Unrecht zu erdulden, aber eben ſo willig, Andern Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Das Gefühl für Recht iſt ihrem Weſen ſo tief eingeprägt, das es ſie auch im Zorne nicht verläßt. Selbſt der Pöbel bleibt bei ſeinen Schlägereien gewiſſen Geſetzen der Billigkeit ein⸗ gedenk; denn man bedient ſich z. B. keines Stocks, wenn der Gegner nicht dieſelbe Waffe führt, man greift dieſen nie hinterliſtig an, ſondern immer nach 19 einer voraus gegangenen Herausforderung, oder läßt ihm, wenn er niederfällt, Zeit ſich aufzurichten, ſich zu ermannen, und ſtehenden Fußes den Kampf zu erneuen, und mehr dergleichen. Nur gegen die Ausländer wird der Brite, durch ſeinen Nationalſtolz, oftmals zur Parteilichkeit verleitet; beſonders fällt es ühn ſchwer, die Vorzüge und Verdienſte derſelben anzuerkennen. Das engliſche Volk geht gern gerade und offen zu Werke, und haßt jede Art von Schleif⸗ oder Umwegen. Zum Zorn und zur Rache gereizt, ſucht es dieſe Leidenſchaften nicht verſteckt zu nähren, ſondern ſie auf der Stelle zu be⸗ friedigen. Es wendet im Nothfall lieber offenbare Gewalt, als Liſt und Ränke zur Erreichung ſeiner Abſichten an; daher in England z. B. grober Straßen⸗ raub häufiger, als fein erſonnener Diebſtahl iſt. Mit der Geradheit und Offen⸗ heit des Engländers hängt ſeine Liebe zur Wahrheit genau zuſammen. Von dieſer Eigenſchaft überzeugt man ſich am deutlichſten bei den Verhören vor Ge⸗ richt, wo die Schuldigen oft mit geringer Mühe zum Geſtändniß der ſchwerſten Verbrechen gebracht werden. Der Fall, daß Verbrecher ihre Miſſethat hart⸗ näckig leugnen, kommt weit ſeltener vor, als daß ſie dieſelbe, obſchon zu ihrem Verderben, ſtolz bekennen; ja, manche treten als ihre eigenen Ankläger auf. Schon im Aeußern des Engländers ſpricht ſich ſeine Unverſtelltheit deutlich aus, indem ſein Anzug nie durch nichtigen Tand die Augen täuſcht, und alles, was an ihm iſt, den Stempel der Echtheit trägt; und wenn ſchon unechtes Gold, falſche Edelſteine u. ſ. w. ſich hier und da mit einmiſchen, ſo liegt die Schuld meiſtens an der Unwiſſenheit des Beſitzers. Hieraus läßt ſich leicht der Schluß ziehen, wie ſehr man den Prahler, den Heuchler und Schmeichler ver⸗ achtet, daher auch nichts ſagende, dem Herzen fremde Redensarten, übertriebene Höflichkeit und Demüthigung, Bücklinge und Kratzfüße aus dem Umgange verbannt ſind. Selbſt ſolche Handwerksleute, die in allen Ländern etwas win⸗ dig erſcheinen, zeigen in ihrem Benehmen eine gewiſſe Gediegenheit. Eine nothwendige Folge des geraden, offenen und wahrheitliebenden Sin⸗ nes iſt Redlichkeit. In der That, nirgends macht man an die Redlichkeit des Menſchen ſo hohe Anſprüche als in England, und wer in dieſee Hinſicht des guten Rufes verluſtig wird, kann ihn ſchwerlich wieder erlangen. Obgleich der Handel leicht zu unredlichen Maßregeln verführen kann, und daher vor Alters, bei den Grichen und Römern, für verwandt mit dem Gewerbe der Diebe galt, ſo ſpielt er dennoch in jenem Lande eine ſehr ehrbare Rolle, indem er ſich mehr ufrisſe Thätigkeit, auf kühne und große Unternehmungen, als auf liſtige und niedrige Bevortheilung ſtützt, wozu höchſtens der kleine Krämer ſeine Zuflucht nimmt. Daher kommt es, daß ſelbſt der hohe Adel kein Bedenken trägt, an den 2* — 20 Geſchäften der Kaufleute Theil zu nehmen, und dieſe ſich mit jenem auf eine faſt gleiche Stufe ſtellen. Von Menſchenliebe und Mildthätigkeit, Freigebigkeit und Großmuth gibt kein Volk ſo ſchöne Beweiſe, als das engliſche. Nicht nur dem Bedräͤngten, der Schutz und Hülfe begehrt, kommt es willfährig und theilnehmend entgegen, ſondern ſucht oftmals auch den ſtillen Dulder auf, um ihn mit dem Schickſal zu verſöhnen. Unermüdlich ſorgt es, durch Errichtung und Erhaltung von Krankenhäuſern, von Armenanſtalten und milden Stiftungen jeder Art, das Elend der Menſchen zu mildern, und Glück unter ihnen zu verbreiten. Dieſe Fürſorge erſtreckt ſich in vielen Fällen ſogar auf das Ausland; und wiewohl ihr Uebelgeſinnte gern unedle Triebfedern, z. B. Eitelkeit, Ruhmſucht, unter⸗ ſchieben möchten, ſo iſt doch ſo viel gewiß, daß in England unzählige Wohl⸗ thaten ohne alles Geräuſch erwieſen werden, deren⸗Urheber ſich Niemand zu er⸗ kennen geben, und mithin auf Dank und Ruhm keinen Anſpruch machen. Die bisher genannten Eigenſchaften ſind es hauptſächlich, welche der Eng⸗ länder von dem Gebildeten verlangt. Wer, neben würdevollem Anſtand, einen feſten, ernſten und ruhigen, mit freundlicher Heiterkeit verbundenen Sinn, ein edles, von Anmaßungen freies Selbſtgefühl, und ein für alles Rechte, Wahre und Gute empfängliches Gemüth zeigt, der gilt, ohne Rückſicht auf Stand und Geburt, allgemein für einen Gentleman, d. i. für einen ſittigen, fein gebildeten Mann. Dieſes Wort iſt zwar, in der urſprünglichen Bedeutung, ein dem nied⸗ rigen Adel eigenthümlicher Ehrentitel der aus Artigkeit auch auf andere, über dem Pöbel erhabene Volksklaſſen, auf den Kaufmann, den Gelehrten und Künſt⸗ ler ausgedehnt wird, ſo daß er ſich im Deutſchen durch„ein Mann von Stande, von guter Herkunft, ein achtbarer, angeſehener Mann“, und oft durch das viel⸗ umfaſſende„Herr“ überſetzen läßt. Allein, im engern Sinne bezeichnet das Wort nicht den bürgerlichen Rang, ſondern alles das, was man allgemein für anſtändig und ſittig hält. Daher, und weil man mit großer Freimüthigkeit Urtheile über Andere fällt, muß der Lord, wenn er ſeine Würde vergißt, es ſich gefallen laſſen, daß die Leute öffentlich von ihm ſagen:„er ſei kein Gentleman“; dagegen bisweilen der gemeinſte Menſch, in Bezug auf ſein anſtändiges Beneh⸗ men, den Lobſpruch erhält,„daß er ein Gentleman ſei“. Die beiden Bedeu⸗ tungen dieſer Benennung ſind am deutlichſten aus den dadurch veranlaßten Wortſpielen zu erkennen, z. B.„dieſer Gentleman(Herr) iſt kein Gentleman (kein gebildeter, wohl gezogener Menſch)“. So ſehr man auch in England Gelehrſamkeit ſchätzt, ſo wird ſie doch nicht als nothwendige Eigenſchaft des Gebildeten betrachtet. Deſto mehr Ver⸗ achtung zieht derjenige ſich zu, welcher ohne gelehrt zu ſein, dafür gelten will. Die Artigkeiten, welche der Franzoſe im Umgang mit Andern ſich zum Ge⸗ ſetze uiacht, z. B. Keinen von der Geſellſchaft zu überſehen, Jedem etwas An⸗ genehmes zu ſagen u. dergl. mehr, ſind nach den Begriffen der Engländer nichts weniger als Erforderniſſe des guten Tones. Unter allen Eigenſchaften der Engländer erregt wohl keine ſo viel Be⸗ wunderung, als ihre Frömmigkeit. In den meiſten chriſtlichen Staaten macht man die Bemerkung, daß die Religion an Anſehen verliert, und faſt nur noch unter den niedern Ständen, und an Solchen Verehrer findet, welche, durch Armuth oder Alter der irdiſchen Freuden beraubt, ihre Hoffnung nach dem Himmel richten. Man ſollte daher meinen, daß ihr Verfall in England, wo Reichthum und Ueppigkeit höher als irgendwo geſtiegen ſind, kaum zu verhin⸗ dern wäre. Gleichwohl hält ſich dort fortwährend ihre wohlthätige Kraft, und ihr Geiſt durchdringt den Jüngling wie den Greis, den Reichen, Vornehmen und Gelehrten, wie den Armen, Niedrigen und Ungebildeten. Da die Glau⸗ bensfreiheit jenes Landes alle Religionsverwandte ſchützt, und jeder calviniſchen Secte gleiches Recht mit der herrſchenden biſchöflichen oder anglikaniſchen Kirche verleiht, ſo erſcheint zwar das Chriſtenthum in ſehr verſchiedenen Ge⸗ ſtalten, aber man erblickt allenthalben ein eifriges Drängen zu den Kirchen, und während des Gottesdienſtes eine feierliche Andacht, welches tiefes Nach⸗ denken und innige Ueberzeugung von den Wahrheiten der Religion verräth. Die Gotteshäuſer zeichnen ſich durch die größte Einfachheit aus, und alles, was auf die Sinne wirkt, iſt aus ihnen verbannt; weshalb auch keine Muſik darin Statt findet, und in vielen nicht einmal Geſang und Orgelſpiel. An Feſttagen herrſcht durchaus eine feierliche Stille, in den Städten und Dörfern, und auf den Landſtraßen, mit Ausnahme des Geräuſches, welches die vielen Kirchengänger veranlaſſen. Zwar bringen die begüterten Stadtbewohner jeden Feſttag auf ihren Landhäuſern zu, aber, um an demſelben keine Störung zu verurſachen, brechen ſie meiſtens ſchon am Vorabende dahin auf. An ſolchen Tagen ruhen alle Gewerbe; Kramläden und Gaſthäuſer ſind geſchloſſen, und Niemand unternimmt etwas, wodurch die allgemeine Ruhe geſtört wird. Jeder wohnt dem öffentlichen Gottesdienſte bei, oder überläßt ſich zu Hauſe frommen Betrachtungen; die auf das Land gereiſten Städter beſuchen fleißig die Kirchen der Dörfer, und ſcheinen überhaupt die Stadt weniger aus Liebe zum Ver⸗ gnügen, als in der Abſicht verlaſſen zu haben, ihren Schöpfer in der freien Natur deutlicher wahrnehmen zu können. Erſt in den Abendſtunden kehren die Menſchen in die ſinnliche Welt zurück. Es erſcheinen dann Spaziergänger, Kutſchen und Reiter; man geht in Geſellſchaft, doch finden weder Geſang, noch Muſik, Tanz oder Spiel, folglich auch keine Schauſpiele Statt, was alles für ſtrafbare Entweihung des heiligen Tages gilt. Daher pflegt man den Vor⸗ abend dem geſelligen Vergnügen zu widmen. Dies iſt auch der Grund, daß Ausländer, die mit kirchlichen Feſten Jubel und Freude zu verbinden gewohnt ſind, an dergleichen Tagen die peinlichſte Langweile empfinden. Es ſind indeß die Andachtübungen und das ruhige Verhalten nicht das Einzige, was die Feſt⸗ tagsfeier bezeichnet; mit der geiſtigen Veredelung und Wiedergeburt tritt auch eine gänzliche Reinigung und Umgeſtaltung des Aeußern ein. Der niedrigſte Arbeiter würde ſich ſchämen, wenn er an einem Feſttage die ſchmutzigen Klei⸗ der nicht mit anſtändigen vertauſcht, und ſeine Wohnung ſorgfältig aufgeräumt und geputzt hätte. Uebrigens darf man die Frömmigkeit der Engländer nicht für trügeriſchen Schein, für bloße Frömmelei halten. Was könnte ihn auch dazu vermögen?— Genießt er doch eine unbeſchränkte Freiheit in ſeinen reli⸗ giöſen Meinungen, und ſeine Mitbürger legen ihm keine andern Pflichten auf, als Anſtändigkeit und Redlichkeit. Ob er die Kirche beſucht, ob er Anglikaner, Presbyterianer, Methodiſt u. ſ. w. ſei, darüber läßt Niemand eine Frage ver⸗ lauten. Ueberhaupt betrachtet man die Glaubensmeinungen der Menſchen als Heiligthümer, die nicht angetaſtet werden dürfen; weshalb auch Niemand es wagt, die Religion öffentlich zum Gegenſtande des Geſprächs zu machen. Jeden Engländer durchglüht eine brennende Liebe für das Vaterland; er nimmt eifrig Theil an allem, was deſſen Wohl und Ehre betrifft, und betrach⸗ tet es wie ſeine eigene Angelegenheit. Daher die vielen in England erſcheinen⸗ den Zeitungen, die Menge der darin enthaltenen inländiſchen Nachrichten, und die lüſterne Begierde, womit dieſelben von dem Volke verſchlungen werden. Daher auch die genaue Kenntniß, die jeder Bürger von dem innern Zu⸗ ſtande des Landes und von deſſen Verhältniſſen zu andern Staaten beſittzt, ſo wie der unermüdliche Eifer, womit er die Schritte der Großen bewacht, und ſogar Blicke in ihr häusliches Leben wirft. Dies erſtreckt ſich ſelbſt auf die Leute vom niedrigſten Stande. Eifrig ſuchen ſie die Neuigkeiten des Landes zu erfahren, und jedes neue Ereigniß wird lebendig und oft mit vieler Schärfe und Umſicht beſprochen. Sehr auffallend zeigt ſich der Patriotismus des eng⸗ liſchen Volks bei allen öffentlichen Feierlichkeiten, z. B. bei der Wahl eines Mayor's(Bürgermeiſters), eines Parlementsgliedes, oder an den Namenstagen der königlichen Familie, oder bei der Gedächtnißfeier einer für den Staat wich⸗ tigen Begebenheit. Viele dieſer Feierlichkeiten ſind an ſich höchſt einfach, viele ſogar mit abgeſchmackten Gebräuchen der frühern Jahrhunderte verbunden; aber die Menge der Zuſchauer zu Fuß, zu Pferd und zu Wagen, ihre durchaus an⸗ ſtändige, feſtliche Kleidung, und beſonders die allgemeine Freude, welche an ſolchen Tagen die Grenzen des gewöhnlichen Ernſtes überſchreitet, dies alles verleiht ihnen einen Glanz, den man bei ähnlichen Gelegenheiten auf dem Feſt⸗ lande vergebens ſucht. Nirgends kann wohl etwas Prächtigeres gefunden wer⸗ den, als eine Freudenerleuchtung Londons. Es ſind alsdann alle Gegenſtände der Stadt bis in die entfernteſte Umgebung, die zahlloſen Schiſſe auf der Themſe mit inbegriffen, nicht nur auf das glänzendſte mit Lampen erleuchtet, ſondern die meiſten auch mit ſinnreichen Inſchriften, Gemälden, und auf andere Weiſe geſchmückt. Schwerlich wird ein nicht erleuchtetes Haus anzutreffen ſein; und man ſieht deutlich, daß die Feierlichkeit nicht ein bloßes Werk der Obrig⸗ keit, ſondern eine Veranſtaltung der Nation iſt. Erſtaunlich ſind die Wirkun⸗ gen, welche die Liebe zum Vaterlande bei den Engländern hervorbringt; man opfert willig Gut und Leben dafür auf. Zur Ausführung eines wichtigen Unternehmens, z. B. eines nothwendigen Krieges, ſtrömen von allen Seiten Gelder in den öffentlichen Schatz, und häufen ſich in wenig Tagen zu Milljonen an. Unzählige ſchöne Werke zum Beſten des Landes, als Straßen, Brücken, Kanäle u. ſ. w., werden von einzelnen Bürgern, und zwar mit der größten Uneigennützigkeit angelegt, indem ſie einen ſo geringen Zoll darauf legen, daß erſt die ſpäten Nachkommen den völligen Erſatz der aufgewandten Koſten zu erwarten haben. Obſchon Jeder nach Freiheit und Unabhängigkeit ſtrebt, ſo gehorcht er doch gern der Stimme und den Forderungen des Vaterlandes, und zeigt im Dienſte desſelben eine faſt ſklaviſche Unterwürfigkeit. Die Wörter „England, Landsmann“ und jede Benennung, die an den vaterländiſchen Bo⸗ den erinnert, durchbeben alle ſeine Nerven; ſie ſind hinreichend, den Muth des Kriegers auf den höchſten Gipfel zu erheben, wie der Wunder thuende Wahl⸗ ſpruch des heldenmüthigen Nelſon:„Landsleute! England macht es uns zur Pflicht, zu ſiegen oder zu ſterben!“ ſo oft bewieſen hat. Die Vaterlandsliebe der Engländer iſt es, was ihre Aufmerkſamkeit auf das Wohl aller Stände richtet, und macht, daß ſie zwar viele dem Lande fehlende Natur⸗ und Kunſt⸗ erzeugniſſe, nie aber ſolche, die den inländiſchen Gewerbfleiß hemmen würden, zum Verbrauch einführen. Die Vaterlandsliebe iſt es, die dem Kampfe der Parteien ſteuert, die ſämmtlichen Glieder zu einem unerſchütterlichen Ganzen vereint, und alle die bürgerlichen Tugenden erzeugt, die unter dem Namen „Gemeingeiſt“ begriffen werden. Nicht minder kräftig äußert ſich jene Eigen⸗ ſchaft bei den in der Fremde lebenden Familien. Sie behalten ſtets eine ſtarke Anhänglichkeit am Vaterlande, die auf Enkel und Urenkel forterbt, und ſie eng verkettet; daher kein Himmelſtrich und kein Zeitraum vermögend ſind, das Ge⸗ präge ihrer urſprünglichen Sitten zu verwiſchen. Wenn ſchon Menſchen von andern Nationen in wenig Jahren mit fremden ſich verſchmelzen laſſen, ſo werden doch die Engländer in allen Erdtheilen, wo ſie ſich niedergelaſſen haben, nach Jahrhunderten noch einander ähnlich ſehen und ſich als Volksverwandte er⸗ kennen, ſollte auch— wie es nicht fehlen kann,— ihr bürgerliches Band zer⸗ riſſen ſein. Minder edle Wirkungen, die der Patriotismus des Engländers erzeugt, ſind ſeine Eigenliebe, ſein übertriebener Stolz und ungerechter Haß gegen Fremde. Er betrachtet ſeine Nation in jeder Hinſicht als erhaben über alle andere, und als berechtigt, die Huldigung derſelben zu empfangen. Während der Deutſche das Ausländiſche bewundert und darnach verlangt, wird es von jenem verachtet und verbannt. Alles, was vom Auslande kommt, Menſchen und Waaren, Erzeugniſſe der Kunſt und Wiſſenſchafft, und ſelbſt ihre Namen, alles muß ſich einer Umgeſtaltung und einer Aufprägung des heimiſchen Stem⸗ pels unterwerfen. Daher der gefeierten Oper„der Freiſchütz“ wohl keine größere Ehrenbezeigung von dem engliſchen Volke widerfahren konnte, als daß es derſelben den urſprünglich deutſchen Namen gelaſſen hat. Der Haß gegen das Ausländiſche geht ſo weit, daß Fremde in einer von der Landesſitte ab⸗ weichenden Tracht bis auf die neueſte Zeit, wo die Ausſtellung ſo viele Fremde nach London gebracht hat, Gefahr liefen, vom Pöbel mit Koth beworfen, und mit Schimpfwörtern belegt zu werden. Nicht ſelten iſt man von der Liebe zu dem Heimiſchen ganz verblendet, und gibt ihm ſelbſt dann den Vorzug vor dem Fremden, wenn es von dieſem augenſcheinlich übertroffen wird. Aus dem Grunde ſind die Engländer auch ſelten in der Kenntniß der auswärti⸗ gen Staaten bewandert; obſchon viele dieſelben bereiſen, ſo pflegen doch die meiſten, aufgebläht von Eigendünkel, an allen Gegenſtänden mit Gleichgiltig⸗ keit vorüber zu eilen, ſo daß ſie, ungeachtet ihres ernſten Sinnes und ihrer Gründlichkeit in den Wiſſenſchaften, ſehr oberflächliche Erfahrungen ſammeln, und, ungeachtet ihrer ſonſtigen Gutmüthigkeit und Menſchenliebe, nichts als ein Verzeichniß wahrgenommener Gebrechen in die Heimath bringen, was nur dient, die Nation in ihrem Stolze zu beſtärken. Man pflegt die Engländer des Eigennutzes, der Habſucht und des Geizes zu beſchuldigen. Wohl übertreffen ſie alle Nationen in dem Streben nach Er⸗ werb, und in der Kunſt, die Ausgaben ſo einzurichten, daß die Einnahme nicht nur zureicht, ſondern auch Ueberſchuß gewährt. Aber dennoch machen die vom Glück begünſtigten bedeutenden Aufwand, geben gern ihren Mitbürgern etwas zu verdienen, und belohnen den Arbeiter reichlich für ſeine Mühe; ja, oftmals ſpielen ſie die Rolle des großmüthigen Räubers, welcher dem Dürftigen zuwirft, was er dem Reichen abnimmt. Am allerwenigſten ſind ſie geeignet, die nöthi⸗ gen Bedürfniſſe des Lebens zu beſchränken; und wer ſich, in Hinſicht der Ver⸗ gnügungen, noch ſo ſehr der Sparſamkeit befleißigt, ſcheuet doch keine Koſten, 25 um gute Kleider zu tragen und ſeinen Tiſch mit nahrhaſten Speiſen zu be⸗ ſetzen. Menſchen, die Schätze aufhäufen, ohne ſich und Andern einen mäßigen Genuß dadurch zu verſchaffen, gehören in England gewiß mehr als ander⸗ wärts zu den Seltenheiten. d0 Einrichtung der Wohnungen— Tiſchgebräuche, Gaſtereien und kleine Zuſammenkunfte. Erziehung der Kinder. Der Engländer, dem es nirgend beſſer als in ſeiner Wohnung gefällt, ſucht ihr alle mögliche Annehmlichkeiten und Reize zu verſchaffen. Vor allem iſt ſein Augenmerk auf ihre Geſundheit gerichtet. Sodann beachtet er ihre Nutzbarkeit und Bequemlichkeit, die ihm weit wichtiger als eine blos für den äußern Glanz berechnete Einrichtung ſcheinen; und endlich wendet er die größte Sorgfalt an, um dieſelbe mit allem, was ſie in ſich faßt, ſauber und ordentlich zu erhalten. Da ſeine Liebe zur Ordnung und Reinlichkeit nicht auf Prahl⸗ ſucht, ſondern auf Achtung gegen ſich ſelbſt gegründet iſt, ſo erſtreckt ſie ſich auf die unbedeutendſten Gegenſtände und die verborgenſten Theile des Hauſes. Man ſollte daher meinen, daß die Dienſtleute mit Waſchen, Scheuern und Putzen nicht fertig würden; allein, da ſie keine Unreinlichkeit aufkommen laſſen, jeden Gegenſtand, ſo wie er gebraucht iſt, ſäubern und wieder an ſeinen Platz brin⸗ gen, und überhaupt im Geſchäfte des Reinigens durch die tägliche Uebung große Fertigkeit erlangen, ſo verrichten ſie es mit großer Leichtigkeit, und brauchen dazu nicht mehr als den frühen Morgen, nach deſſen Verlauf die Wohnung das Anſehen hat, als ob es ein Feſttag ſei. Sonach weiß man nichts von jenen läſtigen„Scheuerfeſten“, die das ganze Haus in Aufruhr bringen, und oft mehre Tage bedürfen, um den Schmutz wegzuſchaffen, der ſeit Wochen oder Monaten ſich geſammelt hat.— Dieſelbe gleichförmige Nettigkeit, die alle Theile und Geräthſchaften des Hauſes bezeichnet, findet ſich auch an dem Aeu⸗ ßern ſeiner Bewohner. Jung und Alt, das männliche wie das weibliche Ge⸗ ſchlecht, die Dienſtleute wie die Herrſchaft, alle ſind beim Frühſtück ſauber an⸗ gekleidet, und im Stande, ſich auf der Straße ſehen zu laſſen, wenn und wann es nöthig iſt. Häusliche Verrichtungen, oder der Umſtand, das man nicht aus⸗ geht, entſchuldigen keine Nachläſſigkeit im Anzuge. Sogar viele Handwerker, deren Gewerbe in andern Ländern zu den ſchmutzigen gerechnet werden, wiſſen ſich ſo einzurichten, daß die Nettigkeit ihres Aeußern keinen erheblichen Abbruch 26 leidet. Daher findet die anderwärts herrſchende Gewohnheit, allen Putz für das Erſcheinen im Publikum aufzuſparen, und der beliebte Grundſatz, daß auch die ſchlechteſte Kleidung gut im Hauſe iſt, wenig Beifall bei den Engländern. Eben daher, und weil ſie Flitterſtaat nicht lieben, brauchen ſie auch, um ſpazieren oder in Geſellſchaft und ſelbſt in die Kirche zu gehen, an ihrem Anzuge wenig zu ändern und ihm beizufügen. Hut und Handſchuhe, und höchſtens ein Ober⸗ rock oder ein Mantel ſind meiſtens alles, was er bedarf. Zwar pflegen Viele ſich zwei⸗ oder mehrmal des Tages anzukleiden; allein dies geſchieht nicht, wenn ſie ausgehen, ſondern wenn ſie zurückkommen, nicht um ſchlechtere Kleider an⸗ zulegen, ſondern die vom Straßenſtaub verunreinigten mit ſaubern zu vertau⸗ ſchen. Hauptſächlich muſtert Jeder ſein Aeußeres, bevor er zu Tiſche geht; ja, viele Bettler, die den Tag über in Lumpen gehüllt einher ſchleichen, halten den⸗ noch in anſtändiger Kleidung am Abend ihre Mahlzeit. Da die Engländer ſich ungern in ihrem Häuslichen ſtören oder beſchrän⸗ ken laſſen, ſo pflegt jede Familie ein ganzes Haus zu bewohnen, gleich viel, ob es ihr Eigenthum oder gemiethet iſt; nur unter den ärmern und niedrigern Volksklaſſen findet man, daß mehre Familien gemeinſchaftlich unter einem Dache leben. Die Wohngebäude ſind deshalb nicht ſo groß, wie in den meiſten enropäiſchen Ländern, wo faſt alle zur Aufnahme von Mithleuten eingerichtet werden. Die weitläufigſten findet man auf dem Lande; aber in London und überhaupt in den großen Städten hat die Mehrzahl, wie ſchon oben erwähnt wurde, blos eine Breite von drei bis ſechs Fenſtern, und eine Höhe von zwei Stockwerken. Das erſte Stockwerk enthält die Wohnzimmer, wo gegeſſen und getrunken, und Beſuch angenommen wird; das zweite die Schlafſtuben, in wel⸗ chen man ſich ankleidet, ſo wie auch Kleider und Wäſche aufbewahrt. Im Erd⸗ geſchoſſe befindet ſich meiſtens ein Kaufladen, eine Werkſtatt, oder was ſonſt das Gewerbe des Hausbewohners mit ſich bringt, ſo daß der Eingang dazu auch die Stelle der Hausthür vertritt, und der Weg von der Straße nach den obern Gemächern hindurch führt. In den Häuſern ſolcher Leute, deren Be⸗ ſchäftigung und Verhältniſſe keine öftere Berührung mit der Volksmenge nöthig machen, findet man eine Hausflur, auf der Seite mit Stuben; aber die Thür des Hauſes iſt ſtets geſchkoſſen. In London ſind die Höfe gewöhnlich klein. Deſſen ungeachtet beſitzen die meiſten ein Röhrwaſſer oder einen Brunnen; und was zu ihrer Reinlichkeit, und überhaupt zur reinen Luft im Hauſe Vieles beiträgt, iſt der Umſtand, daß Kanäle unter den Abtritten hinlaufen. Was die Einrichtung in den Wohnſtuben betrifft, ſo läßt ſich den Bemer⸗ kungen, die ich ſchon oben über die Coſtbarkeit und gleichwohl Einfachheit des Hausgeräthes machte, im Allgemeinen nichts hinzufügen, als daß der Kamin 8 * „ 27 allenthalben eine bedeutende Rolle ſpielt, und immer die Blicke des Eintreten⸗ den zuerſt auf ſich zieht. Er ſteht gewöhnlich mitten in einer Seitenwand. Der Rauchfang iſt oft mit Gemälden verziert; auch mit einem Simſe verſehen, wo⸗ rauf mancherlei Seltenheiten, z. B. chineſiſches Porzellan, geſtellt werden. Der Herd iſt mit eiſernen Platten belegt, und mit einer zwei bis drei Zoll hohen meſſingenen Einfaſſung verſehen, um das Hinabfallen des darauf geſetzten Ge⸗ ſchirres zu verhüten. In der Mitte befindet ſich der Feuerplatz, eine länglich viereckige Vertiefung, welche, außer einem Roſte anf dem Boden, auch vorn ein Gitterwerk von vier oder fünf horizontal laufenden eiſernen Stäben hat, damit die aufgeſchütteten Steinkohlen feſtgehalten, jedoch von der Luft frei beſtrichen werden, und ungehindert ihre Hitze ſeitwärts über das Gemach ausſtrömen können. Eine unter dem Feuerplatze befindliche Höhlung nimmt nicht allein die durch den Roſt ſich abſondernde Aſche auf, ſondern dient auch, den Luftzug nach dem Feuer zu vermehren; ſie iſt mit einer durchbrochen gearbeiteten, meſ⸗ ſingenen Thür verſchloſſen. Auf den Dielen vor dem Herde ſteht ein kupfernes, meiſtens halbkreisförmiges Becken, um die hinab fallenden Kohlen aufzufangen; auch ſind hier die verſchiedenen Feuergeräthe, als Schaufeln, Zangen und Schüreiſen, ſämmtlich von Stahl, neben einander aufgeſtellt. Alle die hier genannten metallenen Gegenſtände, ſammt den kupfernen Keſſeln und Pfannen, die man über das Feuer ſetzt, werden durch tägliches Putzen in einem Glanze erhalten, welcher, durch die Gluth des Feuers vermehrt, vielfarbig ſtrahlend in die Augen fällt. Da die engliſchen Bauleute eine große Fertigkeit beſitzen, gute Züge in die Schornſteine zu bringen, ſo ſteigt der Rauch der Steinkohlen und der Dampf der Speiſen ſchnell darin auf, und wird, was man kaum glauben ſollte, im Gemache nicht verſpürt. Auf dieſe Weiſe laſſen ſich auch die eigent⸗ lichen Küchen ſehr reinlich halten; ja, oftmals übertreffen ſie alle Haustheile an Nettigkeit und ſogar an Schönheit, indem ſie wie die Zimmer eingerichtet, und überdies am obern Theil der Wände mit Simſen verſehen ſind, worauf ſchönes, glänzendes Geſchirr von Zinn und Kupfer in langen Reihen ſteht. Daher vertritt die Küche, ſelbſt in den Häuſern angeſehener Bürger, nicht ſelten die Stelle des Wohnzimmers. Ein großer Fehler der beſchriebenen Ka⸗ mine iſt der, daß ſie bei Froſtwetter das Gemach nicht gehörig heizen, weil die erwärmte Luft ſchnell durch den Schornſtein entweicht, und zwar deſto mehr, je beſſer dieſer zieht. An ſolchen Tagen darf das Feuer nicht abgehen, und den⸗ noch geſchieht es, daß die Leute, die dicht dabei ſitzen, an dem einem Theile des Körpers allzu große Hitze, und an dem andern Kälte empfinden. Gleichwohl würden die Engländer um keinen Preis ihre Heerde gegen die ſo gleichförmig und angenehm wärmenden deutſchen Oefen vertauſchen. Der Anblick des offenen Kohlenfeuers und das Geſchäft, es anzuſchüren, haben für ſie einen eigenen Reiz, den nur derjenige begreift, welcher mit ihren Sitten genau bekannt iſt. Während man anderwärts am Fenſter verweilt und die Blicke nach der Straße richtet, weiden ſie die Augen an der praſſelnden Gluth und dem aufſteigenden Dampfe der Kohlen. Der Kamin iſt es, der alle Glieder einer engliſchen Fa⸗ milie an ſich zieht, und das Band der Vertraulichkeit um ſie ſchlingt. An ſei⸗ ner Seite verſammeln ſie ſich, um zu eſſen und zu trinken, um ſich über ihre Angelegenheiten zu berathen, um Erholung nach der Arbeit, Troſt im Uuglück, oder Mittheilung und Erhöhung ihrer Freude zu ſuchen; und wenn auch ein Hausvater noch ſo verdrießlich von ſeinen Geſchäften kommt, ſo erheitert ſich dennoch ſeine Miene, ſo bald der Stuhl am Kaminfeuer ihn empfüngt. Schon der prächtige Fußteppich, der vor dem Herde ausgebreitet liegt, und der ſchöne große Tiſch, der vor ihm ſteht, verkünden, daß dieſer Platz den Hausbewohnern der liebſte ſei. Der Anblick einer ſolchen Gruppe bietet dem Maler Stoff zu den reizendſten Familienſtücken dar.— Das Bettzeug der Engländer weicht von dem in Deutſchland gebräuch⸗ lichen völlig ab. Der Federn bedient man ſich blos zur Füllung der Kopfkiſſen. Ein oder zwei mit Roßhaaren geſtopfte Betten, nebſt einem Betttuche, machen die Unterlage aus; ein zweites Betttuch, und über demſelben eine wattirte Decke, wozu im Winter noch einige wollene kommen, vertreten zuſammen die Stelle des Deckbettes. Das obere Blatt der Decke, die bei Tage über das Ganze ge⸗ breitet wird, beſteht meiſtens aus vorzüglich feinem und ſchönem Kattun. Jedoch nehmen die niedrigen Volksklaſſen, die dieſes Stück als eine beſondere Zierde ihres Hausraths betrachten, ſich nicht ſelten die Mühe, es aus vielen buntfar⸗ bigen Fleckchen, und zwar in mannichfachen Figuren, wovon die mittelſte ge⸗ wöhnlich eine Sonne vorſtellt, zuſammen zu ſetzen, um durch eine ſo mühſame Arbeit den Werth desſelben zu erhöhen. In vielen Haushaltungen pflegt man die Betten bei Tage mit weißen oder bunten Teppichen zu überdecken. Die Bettſtellen ſind mit einem Boden von ausgeſpannter Leinwand verſehen, der, wegen ſeiner Elaſticität, Strohſäcke entbehrlich macht; daher man von dem Staube, den dieſe verurſachen, und von dem Ungeziefer, das ſie gewöhnlich be⸗ herbergen, befreit iſt. In vielen Häuſern finden ſich durchaus eiſerne Geſtelle, welche bekanntlich ein wirkſames Schutzmittel gegen die Wanzen ſind. Sehr häufig haben die Bettſtellen einen Himmel, rund umher mit Vorhängen von Kattun, Merino oder Flor, die ſich auf⸗ und zuziehen laſſen. Hin und wieder gibt es auch welche in der Geſtalt einer Kommode, die man, ſammt den darin aufgerollten Betten, ohne große Mühe aufſchlagen kann; von der Art ſind häuftg die für Gäſte beſtimmten. Beiläufig bemerke ich, daß das Bettzeug in 22 jedem Hauſe, wofern es deſſen Oertlichkeit erlaubt, alle Morgen einige Stun⸗ den gelüftet wird. An der großen, vor dem Kamin des Wohnzimmers ſtehenden Familien⸗ tafel werden, wie ſchon erwähnt, die Mahlzeiten gehalten. Vater und Mut⸗ ter pflegen mit dem Rücken gegen das Feuer gekehrt, und die Kinder und ſonſtigen Angehörigen in beſtimmter Ordnung rund umher zu ſitzen. Nicht nur beim Mittagsmahl, ſondern auch beim Thee des Morgens und des Abends iſt der Tiſch vollſtändig gedeckt, weil auch dann warme und kalte Speiſen auf⸗ getragen werden. Das Tiſchgeſchirr zeichnet ſich durch guten Geſchmack und durch Koſtbarkeit aus. Silberne Löffel, Gabeln durchaus von Silber, und Meſſer mit Griffen von demſelben Metall ſind ſehr gewöhnlich. Bekanntlich herrſcht der Gebrauch, daß man beim Decken des Tiſches die Gabel auf die Linke, und das Meſſer nebſt dem Löffel auf die rechte des Tellers legt, in wel⸗ cher Ordnung jedes dieſer Werkzeuge auch während des Eſſens, und folglich die Gabel ausſchließlich mit der Linken gehandhabt wird. Eben ſo unentbehrlich als Salz und Pfeffer aaf einem deutſchen Tiſche, ſind auf einem engliſchen auch Senf und mancherlei andere Gewürze, ſo wie künſtliche Brühen, was alles auf einem beſondern zierlichen Aufſatze beiſammen ſteht. Servietten ſind nicht ſo gebräuchlich, wie bei uns; ſelbſt viele ehrbare Perſonen begnügen ſich mit ihren Taſchentüchern. Das Vorlegen der Speiſen macht ſtets der Hausvater zu ſei⸗ nem Geſchäft. Was die Beſchaffenheit der Speiſen und Getränke betrifft, ſo will ich— um nicht zu wiederholen, was ich ſchon an andern Orten darüber geſagt habe,— nur im Allgemeinen bemerken, daß Kraft und Fülle, aber ein⸗ fache Bereitung die Speiſen bezeichnet, und daß die Getränke hauptſächlich in Thee, Porter und Portwein, ſo wie in Rum, Arrack und Genever beſtehen. Auf dem Lande trinkt man auch viel Aepfel⸗ und Birnenmoſt, und Wein aus Stachel⸗ und Johannisbeeren. 3 Die meiſten Familien höhern und mittlern Standes pflegen erſt Nach⸗ mittags um vier, fünf Uhr oder noch ſpäter, wenn die Geſchäfte des Tages beendigt ſind, ihre Hauptmahlzeit zu halten; daher ſie, meiſtens um zehn des Morgens, ziemlich ſtark frühſtücken, am Abend aber ſich mit einer Schaale Thee und einigen Butterſchnitten begnügen, oder auch in der zehnten oder elften Stunde das Abendeſſen einnehmen. Unter den niedern Volksklaſſen herrſcht der Gebrauch, früh um acht Uhr das Morgenbrot, um zwölf Uhr das Mittageſſen und Abends um ſechs oder ſieben Uhr das Abendeſſen einzu⸗ nehmen, zu welchen regelmäßigen Mahlzeiten noch dann und wann ein Imbiß kommt.— Die Engländer bewirthen gern ihre Freunde; Reiche ſpeiſen faſt keinen 30 Tag ohne die Geſellſchaft einiger, und jährlich zwei⸗ bis dreimal verſammeln ſie den ganzen Kreis ihrer Bekannten zu einem gemeinſchaftlichen Mahle. MNan kann leicht denken, daß die Gaſtereien in einem Lande, wo Jeder an gute Koſt und an den größten Glanz der ihn umgebenden Dinge gewöhnt iſt, ſich durch Ueberfluß und Pracht auszeichnen. Dieſe Eigenſchaften zeigen ſich in der Menge und Koſtbarkeit der Gerichte, in der Größe der Schüſſeln, ſo wie in dem herrlichen Silberzeuge, Porzellan und Glaswerk, und in vielen andern Gegenſtänden des Luxus. Es iſt gebräuchlich, daß der Wirth bei Tiſche obenan ſitzt, um deſto leichter die Gäſte überſehen, ihren Wünſchen zu⸗ vorkommen, und die Unterhaltung leiten zu können. Die Wirthin nimmt gewöhnlich den Platz an der Seite des Gatten, bisweilen auch den ihm ent⸗ gegengeſetzten ein, oder führt den Vorſitz an einer zweiten Tafel. Während des Eſſens pflegt man ſich mit dem feinſten Anſtand, und ſogar etwas ſteif zu benehmen, auch gewiſſe Förmlichkeiten ſtreng zu beobachten. Nach und nach aber entfernt der Wein allen Zwang, und führt eine herzliche Fröhlichkeit herbei, die immer höher ſteigt. Beim Nachtiſche, der in Backwerk und Obſt, in Wein und Likören beſteht, verweilen die Gäſte oft mehre Stunden, indem ſie luſtige Geſchichten erzählen, witzige Gedanken und Einfälle vorleſen, und hauptfächlich patriotiſche Lieder ſingen. Die Frauen pflegen nach der Mahl⸗ zeit ſich in ein beſonderes Zimmer zu verfügen. Gewöhnlich dauert die Luſt⸗ barkeit bis um Mitternacht fort, wo ein ſtarker Thee der überhand nehmenden Unordnung ſteuert, ſo daß die Geſellſchaft mit ziemlicher Nüchternheit ausein⸗ ander geht.— Beiläufig bemerke ich, daß große Gaſtmahle ſelten mit Hoch⸗ zeiten, Kindtaufen und ähnlichen Familienfeſten, die man ohne Geräuſch und blos im Kreiſe der nächſten Angehörigen feiert, verbunden werden. Auch fin⸗ den ſie nie bei kirchlichen Feſten Statt, ſondern großen Theils an den Namens⸗ tagen der königlichen Familie, oder an Gedächtnißtagen verdienſtvoller Män⸗ ner und wichtiger Begebenheiten. Kleine Zuſammenkünfte unter vertrauten Freunden und Nachbarn werden, beſonders in den langen Winterabenden, häufig veranſtaltet. Die ältern Leute machen dann meiſtens ein Whiſtſpiel, während die jüngern ſich mit Tanzen, oder mit Pfänderſpielen, zu gewiſſen Zeiten mit Bleigießen und ähnlichem Spielwerk vergnügen, wie dies auch in vielen Gegenden Deutſch⸗ lands zu geſchehen pflegt. Die Sitte, Tabak zu rauchen, iſt ſchon ſeit gerau⸗ mer Zeit aus den Geſellſchaften der höhern und mittlern Stände verbannt, obgleich die gemeinen Leute das Rauchen und Kauen des Tabaks als eine große Ergötzlichkeit betrachten. Einen wichtigen Gegenſtand im Familienleben der Engländer macht die 31 Erziehung der Kinder aus, woran der Vater und die Mutter gleich eifrig Theil nehmen; und in der That, man erblickt wohl nirgend eine ſo blühende, viel verſprechende Nachkommenſchaft. Die Grundſätze, welche bei der Er⸗ ziehung befolgt werden, ſind faſt in jeder Familie dieſelben. In der erſten Periode des Kindes ſehen die Eltern hauptſächlich auf die freie Entwickelung ſeines Körpers. Sie tragen unermüdet Sorge für ſeine Reinlichkeit, kleiden es leicht und einfach, und ſuchen es frühzeitig, z. B. durch öftern Aufenthalt in freier Luft, gegen jede Jahreszeit abzuhärten. Sie halten es nicht zum Stillſitzen an, ſondern zu ſteter Bewegung. Seinen Willen ſchränken ſie nicht unnöthiger Weiſe ein, ſorgen aber dafür, daß es nichts Schlechtes hört oder ſieht, und nur Eindrücke der beſſern Art empfängt. Seine Liebe und An⸗ hänglichkeit gewinnen ſie mehr durch Wohlwollen und Nachſicht, als durch Tändeln und Scherzen, und ſichern ſich den Gehorſam desſelben mehr durch Belohnung eines guten Betragens, als durch Beſtrafung muthwilliger Streiche. Nebenbei iſt man bemüht, ihm richtige Begriffe von den Dingen, die den Men⸗ ſchen zunächſt umgeben, nach und nach beizubringen, was jedoch blos geſpräch⸗ weiſe geſchieht. Eigentlichen Unterricht empfangen die Knaben, wie die Mäd⸗ chen, erſt im ſechſten Jahre. In dieſem Alter bringt man ſie auf Schulen, wo ſie Koſt und Wohnung erhalten. Nur wenige werden im älterlichen Hauſe erzogen. Denn Lehranſtalten nach deutſcher Art, in welchen die Kinder täg⸗ lich nur einige Stunden verweilen, gibt es nicht, ausgenommen die Frei⸗ und Sonntagſchulen für die niedrigſten Volksklaſſen. Auch iſt die Zahl derjenigen beſchränkt, welche das Amt eines Hauslehrers übernehmen. Ueberdem gibt man der Erziehung in jenen Anſtalten, wenigſtens des männlichen Geſchlechts, faſt allgemein den Vorzug vor der häuslichen. Die Schulen für Knaben zer⸗ fallen in öffentliche, zum Theil mit guten Einkünften verſehene Gelehrten⸗ ſchulen(Collegien) und in Privatſchulen(Akademien), welche letztere ſich wieder in zwei Klaſſen theilen, wovon die eine blos die ällgemeine Bildung, und die andere die Vorbereitung zu einem beſtimmten Berufe, z. B. der Ma⸗. lerei, der Nautik u. ſ. w., zum Zweck hat. Gelehrtenſchulen finden ſich in allen beträchtlichen Städten; die zu Weſtminſter und Eton ſind die berühmte⸗ ſten. Von ihnen begeben ſich die jungen Leute im ſechzehnten bis achtzehnten Jahre auf die Univerſität, oder treten unmittelbar in bürgerliche Thätigkeit, auch gehen viele, begleitet von einem Führer, nach dem Feſtlande, um zu ihrer fernern Ausbildung Frankreich und Italien, und bisweilen, auf dem Rück⸗ wege, Deutſchland zu bereiſen, was man„die große Reiſe durch Europa“ zu nennen pflegt. Uebrigens erhalten auch viele zu Kaufleuten und Künſtlern. beſtimmte Knaben die frühere Erziehung in den Collegien; ſie werden mei⸗ ſtens im vierzehnten Jahre von dort in andere Anſtalten verſetzt. Akademien ſind zahlreich über das ganze Land verbeitet, und auf den Dörfern, wie in den Städten anzutreffen. Auf den die allgemeinere Bildung bezweckenden bleiben die Zöglinge bis zum zwölften oder vierzehnten Jahre. Die zu See⸗ offizieren beſtimmten begeben ſich oftmals ſchon im neunten oder zehnten Jahre als Kadetten auf die Kriegſchiffe, und haben oft im zwölften ſchon alle Haupt⸗ theile der Erde kennen gelernt. Die ſämmtlichen Lehranſtalten für das männ⸗ liche Geſchlecht, ſogar die Univerſitäten nicht ausgenommen, haben das mit einander gemein, daß die Lehrer in Hinſicht des Fleißes und der ſittlichen Aufführung auf ſtrenge Zucht unter den Lernenden halten, dieſelben ſtets mit Kälte und ernſter Würde behandeln, und ſich nie zu einem vertrauten Um⸗ gange mit ihnen herablaſſen, was ſelbſt bei den Unterlehrern der Fall iſt, wiewohl dieſe in einer ſteten Berührung mit ihnen ſtehen. Sorgfältig ver⸗ meiden ſie, irgend eine Parteilichkeit gegen den einen oder den andern blicken zu laſſen. Auch miſchen ſie ſich weder in die Spiele, noch in die Streitigkeiten und überhaupt in die Verhältniſſe, welche unter denſelben Statt ſinden. In ſo fern genießen die⸗Zöglinge eine völlige Unabhängigkeit, und bilden gleich⸗ ſam einen Freiſtaat, der ſich ſelbſt regiert, und keine fremde Obergewalt an⸗ erkennt. Jeder genießt dieſelben Rechte, der Sohn eines Handwerkers, wie der eines Lords. Keiner findet einen Beſchützer an dem Lehrer; daher es unter ihnen weder Ankläger, noch Zuträger und Fuchsſchwänzer gibt. So erblickt ſich der Engländer in einem Alter von ſechs Jahren als einen ſelbſt⸗ ſtändigen Menſchen, der ſeine Kräfte gebranchen und anſtrengen, ſein eigener Führer und Beſchirmer ſein, und immer den geraden Weg einſchlagen muß, um durch die Welt zu kommen. Wer begreift nicht, daß dieſe Verhältniſſe in der frühen Jugend es ſind, welche die Hauptzüge ſeines Charakters ent⸗ falten, die Liebe zur Thätigkeit, den willigen Gehorſam gegen das Geſetz, und die kühne Widerſetzlichkeit gegen Willkühr und Bedrückung, ſo wie die Offen⸗ heit und Redlichkeit und andere der oben genannten Eigenſchaften. Während der Schuljahre beweiſt ſich auch zuerſt ſeine Vorſicht in der Wahl der Freunde und ſeine unverletzliche Treue gegen geprüfte; ja, die Schulen ſind die vor⸗ züglichſten Orte, wo dauerhafte, durch das ganze Leben ſich bewährende Bündniſſe geſchloſſen werden, und wo politiſche, kaufmänniſche, kirchliche und andere Verbrüderungen ihren Urſprung nehmen. Da man in England faſt allgemein von den wohlthätigen Folgen überzeugt iſt, die eine weite Entfer⸗ nung von der Heimath für die Erziehung junger Leute hat, ſo beſtehen die Zöglinge einer männlichen Lehranſtalt ſelten in Kindern aus der Nachbar⸗ ſchaft, ſondern meiſtens aus ſehr entlegenen Gegenden; viele haben einige ₰ 33 hundert engliſche Meilen nach dem väterlichen Hauſe. Es leuchtet ein, daß dieſe öftern weiten Reiſen zur Erhaltung und Befeſtigung der Geſundheit nicht wenig beitragen; und da ſie dieſelben, hin und her, faſt immer ohne Beglei⸗ tung machen, ſo bietet ſich ihnen frühzeitig Gelegenheit zu Erfahrungen dar, die ihren Muth, ihre Vorſicht, Beſonnenheit und Entſchloſſenheit ſchärfen. Mit der Ankunft der jungen Leute, tritt neues Leben in die Kreiſe der Fami⸗ lien. Es finden während der Schulferien die meiſten geſelligen Zuſammen⸗ künfte, Bälle und andere Luſtbarkeiten Statt; und überhaupt benutzen die Aeltern dieſe Zeit, ihre Kinder mit der großen Welt bekannt zu machen. So genießt die engliſche Jugend das Glück, weder durch eine gänzliche Abgezogen⸗ heit von der Welt, noch durch eine beſtändige Gemeinſchaft mit derſelben allzu früh die Empfänglichkeit für ihre Genüſſe zu verlieren. Sie erfreut ſich des wichtigen Vortheils, daß beide Geſchlechter in keiner völligen Unbekanntſchaft, aber auch nicht in Vertraulichkeit mit einander ſtehen, ſich immer von der glänzendſten Seite erblicken, und daher mit gegenſeitiger Achtung erfüllt wer⸗ den, was unbezweifelt der erſte Keim und eine vorzügliche Stütze des Glücks iſt, das ſpäterhin ihren Eheſtand bezeichnet. Zwar fehlt dem Aeußern der jungen Engländer faſt immer jene Abgeſchliffenheit, die ein frühzeitiger Um⸗ gang mit dem andern Geſchlechte bewirkt, aber um ſo ſchöner leuchtet aus, ihrem Betragen die männliche Bildung hervor. Daher erſcheinen ſie in Ge⸗ ſellſchaft mit Frauen ſcheu und verlegen, aber dreiſt und unbefangen unter Männern; und eben dies iſt es, was ihnen die Liebe des einen und die Ach⸗ tung des andern Theils erwirbt. So vortrefflich die Lehranſtalten für die männliche Jugend auf die Ausbildung des moraliſchen Charakters wirken, ſo wenig befriedigen ſie in Hinſicht des Unterrichts die Forderungen des gegen⸗ wärtigen Zeitalters. In den Privatſchulen wird faſt nichts als Leſen, Schrei⸗ ben und Rechnen, etwas vaterländiſche Geſchichte und Geographie, und die erſten Anfangsgründe des Lateiniſchen und Franzöſiſchen gelehrt. Auf den öffentlichen Schulen, ſo wie auf den Univerſitäten, haben die Studien noch ganz den Zuſchnitt der vorigen Jahrhunderte. Auf den erſten befaßt man ſich ausſchießlich mit Erlernung der Sprachen des Alterthums, und in der That, die Lernenden zeichnen ſich durch bedeutende Fortſchritte darin aus; Mathe⸗ matik, Phyſik, Geſchichte, neuere Sprachen, kommen damit in keine Berührung. Die Lehrer auf den Univerſitäten zu Orford und Cambridge halten Vorträge über Philoſophie, Mathematik, und hauptſächlich über Theologie, welche jedoch meiſtens auf den dogmatiſchen Theil ſich beſchränkt; philoſophiſche Natur⸗ wiſſenſchaft, Aeſthetik und andere dem deutſchen Studenten unentbehrliche Wiſſenſchaften nennen ſie kaum beim Namen. Der Unterricht über Arznei⸗ Richter's Reiſen. II. 2 3 und Rechtskunde wird in beſondern Anſtalten zu London ertheilt. Es erhellet hieraus, wie viel dem eignen Fleiße der engliſchen Gelehrten überlaſſen bleibt, um mit dem Zeitalter gleichen Schritt zu halten. Deſſen ungeachtet geht, über alle Zweige des menſchlichen Wiſſens, eine Menge großer Männer aus ihnen hervor. Man kann bei Erwägung dieſes Umſtandes nicht umhin, die Geiſteskraft zu bewundern, welche ſo große Schwierigkeiten überwindet. Zu⸗ gleich drängt ſich der Gedanke dabei auf, daß mühſam erworbene Kenntniſſe oftmals kräftiger gedeihen, und beſſere Früchte tragen, als ſolche, die auf leichte Art erlangt worden ſind. Indeſſen kommt es dem Engländer bei ſei⸗ nen Studien ſehr zu Statten, daß man ihm nur Gründlichkeit, aber keine große Vielſeitigkeit des Wiſſens zur Pflicht macht. So widmet er den Schrif⸗ ten der Griechen und Römer, als der Urquelle wiſſenſchaftlicher Bildung, einen ausgezeichneten Fleiß und den größten Theil ſeiner Jugend; erſt in reifern Jahren, wenn er tief in den Geiſt des Alterthums eingedrungen und mit den Grundſätzen desſelben innig vertraut iſt, wagt er ſich in das Gebiet der neuern Gelehrſamkeit. 4. Die niedrigen Volksklaſſen in's Beſondere— ihr geiſtiger und ſittlicher Zuſtand— Rohheit und Un⸗ ſittlichkeit des Londoner Pöbels— Beſchaffenheit der Dienſtleute— die mangelhafte Erziehung der Kinder des gemeinen Volks, und die in dieſer Hinſicht herrſchende Meinung der Engländer. Was ich bisher über den Charakter und die Sitten der Engländer geſagt habe, bezieht ſich hauptſächlich auf die mittlern Stände, welche, wie bei allen Völkern, als der Kern des Ganzen zu betrachten ſind. Es iſt jedoch nöthig, noch einige Bemerkungen über die niedrigen Volksklaſſen, oder den ſogenann⸗ ten Pöbel beizufügen, weil ſie in der Denk⸗ und Handelsweiſe von den übri⸗ gen Theilen der Nation auffallend abweichen.— Hierbei muß ich bemerken, daß man keineswegs die Handwerker im Allgemeinen dahin rechnen darf. Dieſe Leute leben in England meiſtens mit ſo viel Anſtand und in ſo glück⸗ lichen Verhältniſſen, daß ſie oftmals vom Kaufmann, vom Gelehrten und Künſtler ſchwer zu unterſcheiden, und mithin dem Mittelſtande füglich beizu⸗ zählen ſind. Was zur Verfeinerung ihrer Sitten bedeutend beiträgt, iſt der Umſtand, daß ſie als Lehrlinge von ihren Meiſtern mit vieler Schonung und Milde, und überhaupt auf eine Art behandelt werden, die mit dem deutſchen Zunftgebrauche wenig gemein hat. Der milde und religiöſe Sinn des gebildeten Engländers iſt dem grö⸗ ßern Theile des niedrigen Volkes fremd. Dieſe Menſchen hängen entweder mit einer blinden Glaubenswuth an der Secte, wozu ſie ſich bekennen, oder ſie ſind durchaus gleichgiltig gegen die Religion, und betrachten den Sonntag blos als einen Tag, den man geſchäftlos, mit unmäßigem Eſſen und Trinken, mit Whiſtſpiel und dergleichen Vergnügungen zubringt. Der edle Freiheit⸗ ſinn der ehrbaren Bürger artet bei dem Pöbel in Zügelloſigkeit, die Feſtig⸗ keit und Beharrlichkeit in Trotz und Unbiegſamkeit, der mit Freundlichkeit verbundene Ernſt in ein mürriſches, zankſüchtiges Weſen, oder in wilde Luſtig⸗ keit aus. An die Stelle der Sparſamkeit und der häuslichen Tugenden tritt Sorgloſigkeit für die Zukunft, ein Streben nach Befriedigung ſinnlicher Ge⸗ nüſſe, und beſonders eine ungezähmte Neigung zum Trunke; man verthut jeden Abend, was am Tage verdient wurde, in Eſſen und Tinken, und auf andere Weiſe. Daher ſind die Haushaltungen dieſer Leute in der Regel weit ſchlechter beſtellt, als es bei ihres Gleichen in Deutſchland der Fall iſt. Faſt alle entbehrliche Habe ſteht gewöhnlich in Pfand, und wird nur eingelöſt, um an Feſttagen Staat damit zu machen, ſo daß die Gewölber der Pfandver⸗ leiher, deren es in den Städten eine große Anzahl, und ſelbſt in vielen Dör⸗ fern einige gibt, am Abend vor ſolchen Tagen mit Einlöſenden, ſo wie an dem darauf folgenden Morgen mit Verſetzenden angefüllt ſind. So wenig die niedrigen Kolksklaſſen ihre Lage durch Sparſamkeit zu verbeſſern ſuchen, ſo ſehr bauen ſie hierin auf die Gunſt des Glücks; daher ſpielen ſie leidenſchaft⸗ lich Karten und in Lotterien, und es gehört nicht zu den ſeltenen Fällen, daß Jemand ſein letztes Hemd veräußert, um ein Loos dafür zu kaufen. Der Aberglaube herrſcht unter dem Pöbel in England nicht minder, als in andern europäiſchen Ländern, und zeigt ſich in mancherlei Geſtalten. Man glaubt an Geſpenſter, an Sympathie, und beſonders an die Möglichkeit, ſein künftiges Schickſal zu erforſchen und zu leiten. Mit der Unwiſſenheit des engliſchen Pöbels iſt großen Theils eine gänz⸗ liche Verwilderung der Sitten verknüpft. Zwar gibt es in den Dörfern und Flecken ſehr viele, wenn gleich rohe, doch minder verdorbene, gutmüthige Menſchen; allein, in den größern Städten geht die Unſittlichkeit ſo weit, daß ſie oftmals an das Unmenſchliche grenzt. Beſonders findet dies in London und ſeinen Umgebungen Statt.»Obſchon hier das gemeine Volk bei Tage etwas ſcheu iſt, ſo läßt es doch bei großen Aufläufen, ſo wie jederzeit des Abends ſei⸗ nem Muthwillen den Zügel ſchießen, und bedarf nur einer geringen Veran⸗ laſſung, um ſich zu Verbrechen verleiten zu laſſen. Es würde mir nicht ſchwer fallen ein ganzes Buch mit Schilderungen von der Rohheit des Londoner Pöbels anzufüllen. Doch wird es, um dem Leſer einen Begriff davon zu geben, hin⸗ reichend ſein, wenn ich erwähne, daß man z. B. ſich ein Vergnügen daraus 3* 36 macht, im Gedränge ein paar Menſchen die Arme und Beine zu zerbrechen, ſie halb todt zu drücken, oder in Streit gerathene Leute ſo lange gegen einander zu erhitzen, bis einer derſelben ohnmächtig in ſeinem Blute liegt. Am auf⸗ fallendſten erſcheint dieſe Rohheit des Pöbels bei den Hinrichtungen, die er wie ein Freudenfeſt betrachtet. Tauſende geleiten unter wildem Jubel den Ver⸗ brecher nach dem Richtplatze, indem Viele wetteifern, ihn durch den ſchmutzig⸗ ſten Scherz zu unterhalten, und beſonders ihm ſtarke Getränke zu reichen, ſo daß er das Blutgerüſt in ſinnloſer Betäubung beſteigt, und ſo vom Leben ſcheidet. Während meines Aufenthalts in London ereignete ſich auch der Fall, daß Einige den teufliſchen Einfall hatten, eins der für die Zuſchauer errichte⸗ ten Gerüſte durch das Umreißen der Stützen abſichtlich einzuſtürzen; und als durch das Zuſammenbrechen einige Menſchen mehr oder weniger beſchädigt wurden, erhob das Volk ein ſchallendes Gelächter und wildes Hurrahgeſchrei. Der Ausländer hat indeß, um den Charakter des Londoner Pöbels kennen zu lernen, nicht nöthig, ſolchen fürchterlichen, oftmals ihm ſelbſt gefährlichen Auftritten beizuwohnen. Ein flüchtiger Beſuch des großen Gefängniſſes, „Newgate“ genannt, wird zur Erreichung dieſes Zwecks völlig hinreichen. Man erblickt hier, von dem platten Dache des Gebäudes— wohin die Gefängnißwärter den Beſchauer gewöhnlich führen,— in den weitläufigen Höfen einige tauſend Böſewichter, die, ſelbſt durch die Gefangenſchaft und durch die traurige Ausſicht in die Zukunft nicht gedemüthigt, ihrer Wildheit und ihrem Muthwillen freien Lauf laſſen. Ich habe bisher von dem Londoner Pöbel im Allgemeinen geſprochen, wovon der größere Theil in den Vorſtädten ſeine Wohnung hat, ſich in den Fabriken, oder ſonſt mit Handarbeiten, oder mit Hökerei beſchäftigt, in er⸗ träglichen Umſtänden lebt, und, wenigſtens an Feſttagen, anſtändige Kleider trägt. Es gibt aber auch eine beſondere Klaſſe— man ſchätzt ſie auf zwan⸗ zigtauſend Köpfe—, die kein beſtimmtes Gewerbe treibt, keine bleibende Stätte, und im Aeußern mit der engliſchen Sauberkeit nichts gemein hat, die in ihrer Roheit den Wilden gleicht, keine bürgerliche Ordnung anerkennt, und, mit Neid und Haß gegen die wohlhabenden Bürger erfüllt, durch häufige Verbrechen dem Galgen entgegen geht. Dieſes fürchterliche Geſindel hält ſich am Tage, um zu betteln oder zu ſtehlen, an den Ufern der Themſe, auf den Landſtraßen um die Stadt, oder in den benachbarten Dörfern auf. Mit Ein⸗ bruch des Abends ſtrömt es in die Stadt, und verliert ſich unter dem Ge⸗ wühle der Menſchen. Zum Theil ſucht es ein Unterkommen in gewiſſen Her⸗ bergen, und mir ſelbſt waren mitten in der City einige ſolche Häuſer bekannt, wo jeden Abend ein paar Dutzend Bettler ihren Einzug hielten, anſtändige Kleider anlegten, dann ſich dem Schwelgen überließen, und bei Tagesanbruch von neuem, in Lumpen gehüllt, auswanderten. Eine bedeutende Menge ver⸗ birgt ſich, um die nächtliche Ruhe zu halten, hinter Zäunen und Hecken in den Gehöften der Backhäuſer, in Schuppen u. ſ. w. Weit größer aber iſt die Anzahl derjenigen, welche in der Nacht die Straßen der Stadt durchſtreifen und unſicher machen, ſo daß einzelne Fußgänger nach zehn Uhr immer Gefahr laufen, ausgeplündert und gemißhandelt zu werden. Ohne Zweifel trägt zur Beförderung der Rohheit und Unſittlichkeit des Londoner Pöbels beſonders der Umſtand bei, daß die höhern und mittlern Volksklaſſen in beſondern Stadttheilen, und zwar jede Familie ganz allein in ihrem Hauſe, wohnen, während jener in gewiſſe ſchmutzige Vorſtädte und Gaſſen der City, zum Theil in elende Hütten verbannt, und hier ſich völlig überlaſſen iſt, indem ehrbare Bürger ungern einen Fuß in dieſe Stadttheile ſetzen, geſchweige daß ſie ihre Wohnung darin aufſchlagen ſollten. Lebten die verſchiedenen Stände gemiſcht unter einander, dann würde der Pöbel öfter in Berührung mit dem beſſern Theile des Volks kommen, und Gelegenheit haben, ſich an der Lebensweiſe desſelben zu ſpiegeln, auch einer genauern Aufſicht unterworfen ſein, was alles auf die Veredlung ſeiner Sitten Einfluß hat. Ueberdem dürfen wir nicht aus der Acht laſſen, daß ſchon die bloße Wohnung, ſo wie ſie nach ihrer guten oder ſchlechten Beſchaffenheit den Geiſt erheitern oder verdüſtern kann, auf den ſittlichen Charakter der Menſchen zu wirken vermag. Eine Stube in einem hübſchen, von anſtändigen Leuten bewohnten Hauſe, wenn auch eine Hof⸗ oder eine Dachſtube, flößt dem Armen und Nied⸗ rigen eine gewiſſe Achtung gegen ſich, und mithin auch gegen Andere ein, während das Gegentheil eintritt, wenn er, gleichſam ausgeſtoßen von der höhern bürgerlichen Geſellſchaft, ſich in einer Wohnung erblickt, die mit ihren Umgebungen das Gepräge des Elends an ſich trägt.— Daher ſcheint die neuerlich in den großen Städten Deutſchlands genommene Maßregel, bei der Erbauung und Einrichtung neuer Häuſer blos auf Wohnungen für die höhern und mittlern Stände Rückſicht zu nehmen, wodurch die niedrigen nach und nach in die äußerſten Vorſtädte verdrängt werden, der allgemeinen Sitten⸗ verbeſſerung ſehr entgegen. 1— Auch darf ich diejenige Volksklaſſe nicht übergehen, welche den Ueber⸗ gang von den Bürgern zu dem Pöbel macht, nämlich die Dienſtleute. Wohl in keinem Lande genießen dergleichen Leute eine ſo milde Behandlung, als in England. Sie werden anſehnlich bezahlt und vorzüglich gut verpflegt. Sie bekommen dieſelben Speiſen, welche die Herrſchaft genießt, indem alles, was auf dem Tiſche der letztern übrig bleibt, bisweilen ganz unberührte Braten, 38 Flaſchen Wein u. ſ. w., in ihre Stube wandert; denn ihre Koſt auf geringere Nahrungsmittel, oder auf beſtimmte Gaben zu beſchränken, iſt nicht gebräuch⸗ lich. Sonach, und weil man in den meiſten Ländern häufig die Erfahrung macht, daß der Diener wie der Herr, und der Charakter des letztern der Maß⸗ ſtab zur Beurtheilung des erſtern iſt, wäre mit Recht etwas Vorzügliches von den engliſchen Dienſtleuten zu erwarten. Gleichwohl ſind die männlichen höchſt ungeſchliffen, treulos, diebiſch und überhaupt laſterhaft. Beſonders zeichnen ſie ſich durch große Habſucht aus, indem ſie an Jeden, der bei ihrem Herrn ein Anliegen hat, auch an die Handwerker, Krämer und Alle, die er in Nahrung ſetzt, ſo wie bei Gaſtmahlen, auf Trinkgelder mit vieler Unver⸗ ſchämtheit Anſpruch machen. Wenn dieſe Menſchen, wie es oft geſchieht, durch ſchlechte Streiche ihren Dienſt und ihr ferneres Fortkommen verſcherzen, ſo ſchließen ſie ſich meiſtens, aus Hang zur Laſterhaftigkeit, und weil ſie kein Gewerbe erlernt und ſich an ein träges Wohlleben gewöhnt haben, dem ver⸗ worfenſten Geſindel an. Es iſt nicht zu verwundern, daß bei den vornehmen Engländern häufig franzöſiſche Köche und Kammerdiener, deutſche Kutſcher und Reitknechte und andere ausländiſche Diener gefunden werden. Uebrigens ſcheint die Verdorbenheit der inländiſchen ihren Grund nicht allein in dem Mangel an Erziehung und dem böſen Beiſpiele der niedrigen Volksklaſſen überhaupt, ſondern auch darin zu haben, daß Dienſtbarkeit in einem Lande, wo Unabhängigkeit über Alles geht, und der gemeinſte Menſch ſich über dem Kammerdiener der vornehmſten Herrſchaft erhaben glaubt, mit einem drücken⸗ den, ſchädlich auf das Gemüth wirkenden Gefühle begleitet iſt.— Sehr vor⸗ theilhaft zeichnen ſich indeß vor den männlichen Dienſtleuten die weiblichen aus, und die meiſten erſcheinen anſtändig und verrathen ſo viel Lebensart, daß man ſie von ihren Gebieterinnen kaum unterſcheiden kann. Die Unſittlichkeit des gemeinen Volks in England hat hauptſächlich ihren Grund in der geringen Sorgfalt, welche auf die Erziehung desſelben gewendet wird. Zwar hat man hin und wieder, beſonders in London, Schu⸗ len errichtet, worin die Kinder jener Volksklaſſe unentgeltlich Unterricht in der Religion, im Leſen, Schreiben und Rechnen bekommen; auch müſſen die Prediger des Sonntags, neben dem Gottesdienſte für Erwachſene, Religion⸗ ſtunden für die Jugend— Sonntagſchule— halten. Allein, da man es nur ſolchen Leuten, die öffentliche Almoſen erhalten, zur Pflicht macht, ihre Kin⸗ der in die Schule zu ſchicken, ſo werden dieſe nicht fleißig beſucht. Kurz, der größere Theil des Pöbels wächſt ohne allen Schulunterricht auf, indem die Aeltern ihre Söhne und Töchter, um der Sorge für deren Verpflegung über⸗ hoben zu ſein, frühzeitig in die Fabriken ſchicken, oder anderswo zur Hand⸗ arbeit anhalten, ohne ſich im mindeſten um die Bildung ihres Geiſtes und Herzens zu bekümmern. Es iſt zu verwundern, daß die ſonſt ſo umſichtige engliſche Regierung keine größere Aufmerkſamkeit auf den Schulunterricht des gemeinen Volks richtet, da dieſer doch gewiß das einzige Mittel iſt, ſeiner ſittlichen Verwil⸗ derung, die immer tiefere Wurzeln ſchlägt und das Staatsgebäude zu unter⸗ graben droht, Einhalt zu thun. Wehe dem Lande, wenn unter jenem fürch⸗ terlichen Pöbel ein allgemeiner Aufruhr ausbrechen ſollte!— Von was für Grundſätzen die Staatsmänner Englands in dieſer Hinſicht geleitet werden, vermag ich nicht zu entſcheiden. So viel aber iſt gewiß, daß überhaupt die Engländer von dem, was die Erziehung des gemeinen Mannes betrifft, ganz andere Anſichten als die Deutſchen haben. Ich nahm oft Gelegenheit, mit ihnen darüber zu ſprechen, und obgleich ihre dabei geäußerten Gedanken mei⸗ ſtens auf unrichtigen Begriffen beruhten, ſo will ich doch das Wichtigſte davon mittheilen.„Der Pöbel,“ ſagte mir Einer,„iſt in England unwiſſen⸗ der, roher und ungeſitteter als in vielen Theilen des Feſtlandes; aber ſteht er deshalb an Thätigkeit, an Geſchicklichkeit, Kraft und Ausdauer in ſei⸗ ner Beſchäftigung, und an andern dem Staate nützlichen Eigenſchaften dem in den übrigen Ländern Europa's nach? Gewiß, er übertrifft hierin Alle ſeines Gleichen. Schwerlich würde dies der Fall ſein, wenn man ihn in der Kindheit, durch Stillſitzen in der Schule, an Unthätigkeit der körper⸗ lichen Kräfte gewöhnte, anſtatt ihn, ſeiner Beſtimmug gemäß, frühzeitig zur ſteten Uebung derſelben anzuhalten. Schon Knaben von zehn bis zwölf Jahren, dergleichen in manchem andern Lande ſich außer der Schule mit Spielwerk beſchäftigen, ſind geſchickte Arbeiter, und im Stande, ihr Brod zu verdienen.“ Ein Anderer äußerte ungefähr Folgendes:„Der engliſche Pö⸗ bel, behaupten die Ausländer, gleicht an Roheit den Wilden— immerhin, denn eben dieſe Naturmenſchen ſind es, was den kernhaften Stamm der Na⸗ tion aufrecht und der Ueberfeinerung der höhern Stände das Gegengewicht hält. Daß eine Menge von Böſewichtern unter ihnen aufkeimt, iſt kein Wun⸗ der, weil auf einem Boden, wo edle Früchte kräftig gedeihen, auch das Un⸗ kraut mächtig aufſchießt. Ueberdem fehlt es an Betrügern, an Dieben und andern böſen Menſchen in keinem Staate; um wie viel mehr muß dieſes in England der Fall ſein, wo allgemeines Streben nach Erwerb, Anhäufung von Schätzen, wo Ueppigkeit und Wohlleben ſo leicht zu Laſtern und Ver⸗ gehungen reizen. Gegen dieſe mächtigen Triebfedern vermag der Schulunter⸗ richt das gemeine Volk nicht hinlänglich zu ſchützen, weil dasſelbe, wenn es nicht für ſeine Handthierung unbrauchbar werden ſoll, ihn nicht in dem Maße 40 erhalten kann, daß er dauerhafte Eindrücke hinterläßt. Nichts als ſtete Thätig⸗ keit, und mithin das Beſtreben der Regierung, dieſelbe durch Erleichterung eines rechtmäßigen Erwerbes und durch Vermeidung von Bedrückungen aufzu⸗ muntern, nichts als dies vermag den engliſchen Pöbel von böſen Handlungen abzuhalten.“„Daß die niedrigen Volksklaſſen in Deutſchland,“ ſagte ein Dritter,„geſitteter als in England ſind, liegt wohl weniger in der größern Aufklärung, als in den ſchwächern Reizmitteln zur Laſterhaftigkeit, nämlich dem beſchränktern Reichthum, und hauptſächlich in der friedlichern, fügſamern und zufriedneren, aber auch minder lebhaften, weder großer Tugenden, noch großer Laſter fähigen Gemüthsart.“ Als ich vor kurzem mit einem in Deutſchland reiſenden Engländer über die Vortheile ſprach, die das gemeine Volk dieſes Landes vor dem des ſeinigen in Hinſicht der Erziehung genießt, erwiederte er: „Es iſt ohne Zweifel höchſt wohlthätig für Deutſchland, daß man hier die Kinder der niedern Stände frühzeitig in den Grundſätzen der Religion zu unterrichten, und auf die Veredlung ihres Herzens zu wirken ſucht; wozu nützt es aber, dieſelben in den Schulen viele Jahre mit Leſen, Schreiben und über⸗ haupt mit Dingen zu beſchäftigen, wovon ſie nach dem Eintritt in das bürger⸗ liche Leben ſo wenig weſentlichen Nutzen ziehen? In der That, ſehr viele haben in wenig Jahren nach dem Abgang aus der Schule faſt alles, was ſie dort mühſam erlernten, aus Mangel an fortgeſetzter Uebung wieder vergeſſen; ja, vielen bleibt in einem Alter von dreißig Jahren kaum die Fähigkeit, einige Zeilen zu leſen und zu ſchreiben, oder eine unbedeutende Rechnung zu fertigen, und manchem ſchwebt nur noch der Gedanke, daß er dies dereinſt verſtand, wie ein Traum vor der Seele. So gering nun aber die Vortheile ſind, welche dem gemeinen Mann aus jenem, die geiſtige Bildung bezweckenden Theile des Schul⸗ unterrichts erwachſen, ſo ſchädlich muß dieſer, wegen des damit verbundenen anhaltenden Stillſitzens, auf das Wachsthum, die Kraft, Thätigkeit und G⸗ wandtheit des Körpers wirken, was man doch als vorzügliche Eigenſchaften für I die arbeitenden Volksklaſſen anzuſehen hat. Gewiß,“ fuhr er fort,„die Deut⸗ ſchen handeln ſehr unrecht, daß ſie nicht nur von dem Gelehrten eine Bekannt⸗ ſchaft faſt mit allen Zweigen des menſchlichen Wiſſens verlangen, ſondern auch ſogar den Tagelöhner und Laſtträger zum Halbgelehrten machen wollen, und ſo dem Menſchen es erſchweren, in dieſem oder jenem Fache etwas Vorzügliches A zu leiſten; der geiſtigen und körperlichen Erſchlaffung nicht zu gedenken, die dadurch erzeugt und auf die künftigen Geſchlechter im verſtärkten Maße über⸗ getragen wird. Es dürfte wohl zweckmäßiger ſein, wenn der Schulunterricht für die niedrigen Volksklaſſen, ſtatt des vielen Leſens und Schreibens, ſich hauptſächlich damit befaßte, auf eine ſocratiſche Weiſe das Gefühl für Religion 41 und Tugend in den ⸗Kindern zu wecken, und ihnen richtige Begriffe von dem, was den Menſchen zunächſt umgibt, beizubringen. Dabei ſollte in den Städten auf die zahlreichen Gegenſtände der Gewerbkunde, ſo wie in den Dörfern auf die der Landwirthſchaft beſonders Rückſicht genommen werden. Man würde dann wenigſtens nicht Gefahr laufen, über der mechaniſchen Beſchäftigung mit todten Buchſtaben die freie Entwickelung der Verſtandeskräfte zu vernachläſſi⸗ gen, und Menſchen zu erziehen, welche— wovon Deutſchland ſo manches Bei⸗ ſpiel gibt,— trotz ihrer Schulwiſſenheit nicht fähig ſind, ſich über die Sphäre der Gewohnheit, oder über die bloße Nachahmung des Fremden zu erheben; man würde ſie für den Abbruch, den die Schule der Ausbildung ihres Körpers thut, durch eine nicht blos ſcheinbare Veredlung des Geiſtes entſchädigen.“— Hierbei muß ich bemerken, daß man nicht mit allen Engländern über die Un⸗ tugenden ihres Pöbels ſo frei, wie es hier geſchah, ſprechen darf. Die meiſten beſitzen eine ſo blinde Vorliebe für ihre Landsleute, daß ſie es für eine Belei⸗ digung ihrer Ehre halten, wenn Ausländer die Wahrheit über jene Fehler ſagen, die ihnen überdem, weil ſie daran gewöhnt ſind, weit minder auffallend und gefährlich ſcheinen, als dem unparteiiſchen Beobachter. 5. Der engliſche Adel— ſeine hohe Bildung und Verdienſtlichkeit. Der engliſche Hof. Einiges über die Einwohner von London in's Beſondere. Warnung vor einſeitiger Beurtheilung der engliſchen Nation. So wie die niedrigen Stände eine Ausnahme von dem machen, was oben über die Nation im Allgemeinen geſagt wurde, eben ſo weichen auch die höhern in mancher Hinſicht von derſelben ab. Hierher gehört nicht nur der Adel, ſon⸗ dern auch der höhere Bürgerſtand(gentry). Jener begreift die Herzoge, Marquis, Grafen, Viscounts, Barone, die den gemeinſchaftlichen Ehrentitel „Lord“ erhalten; dieſer führt den Titel:„Baronet, Knight, Esquire,“ und be⸗ ſitzt zum Theil eben ſo ausgebreitete Ländereien, wie die Lords, daher man ihn bisweilen, obſchon uneigentlich, den niedern Adel nennt. Der Baronet und der Knight führen den Ehrentitel„Sir“, welcher den Taufnamen vorgeſetzt wird, z. B. Sir Thomas Walter Scott. Einen niedern Adel, ausgezeichnet durch erbliche Vorzüge im Sinne des Lehnrechts(Herr von), kennt man in England nicht.— Zwar werden die höhern Stände in denſelben Anſtalten, und auf dem⸗ ſelben Fuße wie der Mittelſtand erzogen; allein, die Reiſen, welche ſie ſpäter * gewöhnlich nach Frankreich, Italien u. ſ. w. machen, ihr meiſt ungeheueres Vermögen, daß die Befriedigung jedes Wunſches und jeder Laune begünſtigt, und beſonders die bürgerliche Auszeichnung, die ihnen zu Theil wird,— dies alles trägt dazu bei, das äußere Gepräge ihrer Nation mehr oder weniger zu verwiſchen. Unter den jungen Herren, beſonders denen, die beſtändig oder wenigſtens im Winter in der Hauptſtadt leben, iſt es Ton geworden, die franzöſiſchen Manieren nachzuahmen. Da es jedoch dem Engländer, zufolge ſeiner Erziehung, ſchwer und nie ganz zur Natur wird, ſich in demi flüchtigen Elemente des Franzoſen zu bewegen, ſo werfen die meiſten, überdrüſſig des Zwanges, den ſie ſich anthun müſſen, im reifern Alter dieſe läſtige Larve ab, und treten von neuem in der natürlichen gediegneren Geſtalt hervor. Weit we⸗ niger ſind die großen Landbeſitzer, die, fern von der Hauptſtadt, das ganze Jahr hindurch auf ihren Gütern leben, einer Veränderung ihrer Gewohnheiten unterworfen; der größere Theil derſelben behält die nationellen Eigenthümlich⸗ keiten in ihrem ganzen Umfange. In Hinſicht der geiſtigen Bildung und des moraliſchen Charakters zeichnet ſich der engliſche Adel durch die vortrefflichſten Eigenſchaften aus, und iſt als eine wahre Zierde der Nation zu betrachten. Zwar fehlt es nicht an jungen Leuten, die von ihren Reiſen im Auslande mit deſſen Laſtern zurückkommen, und, verdorben für ihre höhere Beſtimmung und frühzeitig überſättigt vom Genuß des Lebens, ſich und Andern läſtig ſind. Auch gibt es, beſonders unter dem unbeamteten, völlig unabhängigen Landadel, keine geringe Zahl ſolcher, welche frühzeitig die in der Jugend erworbenen Kenntniſſe vergeſſen, blos an ihren Pferden und Hunden— dergleichen ſie oft in unglaublicher Menge unterhalten,— oder an der Jagd, am Fauſtkampfe, an Thiergefechten und Wettrennen, Gaſtereien und Gelagen Behagen finden, und die überhaupt in ihrem ganzen Weſen etwas Rohes zu erkennen geben, ob ſie ſchon im Rufe großer Rechtlichkeit ſtehen. Aber die Mehrzahl ſtrebt nach moraliſcher Vollkommenheit und erweitert die erlangten Kenntniſſe, die ſie ihr ganzes Leben hindurch zum Beſten des Staates und ſeiner einzelnen Glieder anwendet. Man kann ſich wohl keinen feiner gebildeten Mann, als in der Regel ein engliſcher Lord iſt, denken. In ihm erblickt man das Muſterbild eines Mannes, welcher im Gefühl der ihm verliehenen Vorzüge, jede ſeiner Hand⸗ lungen mit Ehrfurcht gebietender Würde bezeichnet, aber durchdrungen von Achtung für die Menſchheit, ſich durchaus anſpruchslos, herablaſſend und gütig zeigt, und Wohlthun um ſich her verbreitet. Großen Theils bringen die ade⸗ ligen Familien den Winter, d. i. gemeiniglich die fünf Monate von November bis März, in London zu. Ihre Zeit iſt hier zwiſchen den Geſchäften und Zer⸗ ſtreuungen getheilt, welche die zahlloſen Gegenſtände des Handels und Gewerb⸗ fleißes, der Zuſammenfluß von Bekannten, das Opernhaus, die Theater und die wenigen öffentlichen Luſtörter, ſo wie die Concerte, Bälle, Maskeraden, Gaſtereien und andere Zuſammenkünfte darbieten. Ihre Lebensweiſe während des Aufenthaltes in London hat beſonders das Auffällige, daß ſie gewöhnlich die Nacht zum Tage machen, erſt in der dritten oder vierten Stunde des Mor⸗ gens zu Bette gehen, und um zehn oder eilf Uhr, oder um Mittag aufſtehen. Der Aufwand, den ſie dort machen, iſt nicht ſo bedeutend, als man wohl von den Großen des reichſten und ſtolzeſten europäiſchen Volkes erwarten ſollte; denn ſie hüten ſich, den reichen Bürger hierin zu übertreffen, um ihm keine Ge⸗ legenheit zu Neid und Mißgunſt zu geben. Ihre Wohnungen, ihr Hausgeräth, ihre Kleider, Kutſchen ſind nicht prächtiger, ja, oft einfacher als die der Kauf⸗ leute. Zwar ſcheint der Umſtand, daß faſt alles, was ſie beſitzen, die Häuſer, Kutſchen u. ſ. w., mit dem adeligen Wappen geziert, und dieſes ſogar auf die Knöpfe an den Röcken der Dienerſchaft geprägt iſt, oder daß z. B., wenn ſie ausfahren, unter den Dienern, die hinten auf der Kutſche ſtehen, jederzeit der⸗ jenige, welcher den Beſuch anmeldet, einen langen Stock mit großem ſilbernen Knopfe führt— dies und manche andere Förmlichkeit ſcheint einen hohen Grad von Ahnenſtolz und anſpruchsvoller Eitelkeit zu verrathen. Allein, man muß wiſſen, daß dergleichen äußere Formen Ueberbleibſel aus den frühern Jahr⸗ hunderten ſind, die, gleich manchen andern, ſich in England fortdauernd erhal⸗ ten haben, wiewohl ſie ſchon ſeit langer Zeit aus dem übrigen Europa ver⸗ ſchwanden; man muß wiſſen, daß der Adel ſogar dem Volke Anſtoß geben würde, wenn er die Beobachtung dieſer durch das Alterthum geheiligten Ge⸗ bräuche unterließe. Wie wenig Werth er aber auf äußere Auszeichnung und überhaupt auf die Gunſtbezeigungen des Glücks legt, erhellet am deutlichſten aus der Achtung, die er dem geſitteten und verdienſtvollen Bürger beweiſt, und aus der Herablaſſung, womit er ſich unter die übrigen gebildeten⸗Volksklaſſen miſcht; denn es gehört nicht unter die ſeltenen Erſcheinungen, daß z. B. ein reicher Bierbrauer, oder ein Fiſchhändler, Lords vom erſten Range zur Geſell⸗ ſchaft bei ſich hat. Ganz verſchieden iſt die Lebensweiſe der engliſchen Großen, wenn ſie auf ihren Gütern ſich befinden. Die Veranlaſſung, Aufwand zu machen, erhält hier einen größeren Spielraum, indem ſie weitläufige Schlöſſer und Paläſte bewohnen, und einen beinahe fürſtlichen Hofſtaat unterhalten. Bei dem allen ſuchen ſie dann den Zwang der läſtigen Hofſitte, ſo viel wie möglich, zu entfernen, leben ſtill und häuslich, und nicht nur mit den Ihrigen im engen Verein, ſondern auch mit den Untergebenen auf einem vertraulichen Fuße. Die ganze Tagesordnung erhält eine angemeßnere Geſtalt, was man ſchon daraus abnehmen kann, daß ſie, um die ſchönen Morgen zu genießen, gewöhnlich um ſechs oder ſieben Uhr aufſtehen, und daher noch vor Mitternacht ſich niederlegen. Ihre ländliche Ruhe wird höchſtens ein⸗ oder zweimal in der Woche durch Zu⸗ ſammenkünfte mit den benachbarten Gutsbeſitzern unterbrochen. Die übrige Zeit bringen ſie, beſchränkt auf den Kreis der Familie, beſchäftigt mit der Ver⸗ beſſerung und Verſchönerung der Ländereien, mit Maßregeln zur Unterſtützung Noth leidender Unterthanen zu. Daher verwalten diejenigen, welche ein öffent⸗ liches Amt bekleiden, gewiſſenhaft ihre Berufsgeſchäfte, und wenn gleich, wäh⸗ rend des Sommers, faſt die ſämmtlichen Miniſter und die übrigen hohen Beam⸗ ten abweſend von der Hauptſtadt, und verſtreut auf ihren Gütern ſind, ſo daß das Staatsruder verlaſſen ſcheint, iſt dennoch vielleicht gerade dann ein wich⸗ tiges politiſches Unternehmen im Werke. Eben ſo wählen ſich die meiſten be⸗ ſondere Lieblingsſtudien, worauf ſie einen ausgezeichneten Fleiß wenden. Be⸗ kanntlich zählt der engliſche Adel eine Menge Männer von tiefer Gelehrſamkeit, und ihm verdankt die Nation viele ihrer klaſſiſchen Schriften. Er beſitzt zum Theil koſtbare Sammlungen von Büchern, Gemälden und Kunſtwerken aller Art, aus der alten und neuen Zeit, ſo wie Sammlungen von Naturſeltenheiten, was alles demjenigen, der es beſehen, oder Belehrung daraus ſchöpfen will, offen ſteht. So findet man den Lord, während ſeines Aufenthaltes auf dem Lande, theils in ſeinem Studierzimmer, leſend oder ſchreibend, oder in Gedan⸗ ken vertieft; theils erſcheint er im großen Familienſaal, im Park, oder auf einer Spazierfahrt, umgeben von den Seinigen, und den ſchuldloſen Freuden des zärtlichen Gatten und Vaters überlaſſen. Bald zeigt er ſich auf freiem Felde, mitten unter ſeinen Pächtern und Arbeitern, im Berathen über landwirthſchaft⸗ liche Gegenſtände begriffen; bald auf dem Wege zu einer bedrängten Familie, der er Troſt und Hülfe bringt. Die adeligen Damen zeichnen ſich durch eine muſterhafte Wohlthätigkeit, eine lebhafte Theilnahme an allem, was das Wohl des Staats betrifft, ſo wie durch häusliche Tugenden aus, obſchon diejenigen, welche beſtändig in London wohnen, geneigt zu Zerſtreuungen ſind. Solcher⸗ geſtalt weckt und befördert der engliſche Adel den Kunſt⸗ und Gewerbfleiß im Lande, rechtfertigt die Gunſtbezeigungen des Glücks, und genießt die Achtung der Nation in ſo vollem Maße, wie man in einem Staate, der den Bürgern ſo viele Freiheiten geſtattet, kaum erwarten ſollte. Aller Augen ſind auf ihn gerichtet, ſeine Handlungen und ſogar häuslichen Angelegenheiten werden beobachtet, und von den aufmerkſamen Zeitungsſchreibern bekannt gemacht; und eben dies wirkt wieder auf ſein Beſtreben zurück, durchaus ſeines Standes würdig zu erſcheinen. Der engliſche Hof lebt, ungeachtet des ſehr anſehnlichen Hofſtaats und der uralten Gebräuche, an die er gebunden iſt, ſeit einer langen Reihe von Jahren prunkloſer und eingezogener, als manches kleine Fürſtenhaus. Außer⸗ halb der Nähe ſeines Sitzes wird man faſt nirgend von ſeinem Daſein etwas gewahr. Der Palaſt von St. James, die eigentliche Reſidenz der engliſchen Könige, was er aber in neuern Zeiten nur an gewiſſen feierlichen Tagen iſt, hat ein ſo unbedeutendes Anſehen, daß der Fremde in Verſuchung geräth, ihn für ein altes Fabrikgebäude zu halten. Die Luſtſchlöſſer der königlichen Familie — z. B. das zu Windſor, ihr gewöhnlicher Aufenthalt, oder das beim St. James Park gelegene Buckinghamhouſe, wo dieſelbe, wenn ſie auf kurze Zeit nach London kommt, abzuſteigen pflegt,— ſind zwar dem Zeitgeiſte mehr ange⸗ meſſen, aber dennoch, in Vergleich mit dem Reichthum und der Größe des Landes, und mit dem, was andere Länder in der Art aufzuweiſen haben, nichts weniger als prächtig. Wie es ſcheint, trägt die Häuslichkeit des engliſchen Hoſes viel dazu bei, den hohen Sinn für dieſe Tugend unter dem Volke, und beſonders unter dem Adel zu nähren. In Hinſicht des Charakters und der Sitten der Engländer iſt noch ein großer Theil der Einwohner Londons als Ausnahme zu erwähnen. Dieſe ungeheure Stadt, wo die Schätze des ganzen Landes zuſammenfließen, und wo der Luxrus die höchſte Stufe erreicht hat, iſt auch der Sammelplatz für alle Arten der Ausſchweifung und des Laſters. Hier nimmt man nicht nur unter dem zügelloſen Pöbel, ſondern unter allen Volksklaſſen, eine Menge ſittenloſer und verdorbener Menſchen wahr. Faſt jeder reiche Müßiggänger, Wollüſtling und Verſchwender nimmt ſeinen Aufenthalt in der Hauptſtadt. Alle Betrüger und Taſchendiebe, die im Lande ſich nicht länger halten können, wenden ſich dahin, weil ſie daſelſt, verſteckt unter der großen Volksmenge, eine ſichere Zu⸗ flucht und einen freien Spielraum für ihre ſchlechten Handlungen finden. Eben ſo flüchten ſich entehrte Mädchen, um der Schande in der Heimath zu entgehen, meiſtens dahin, wo ihnen nichts übrig bleibt, als mit ihren Reizen ein Gewerbe zu treiben; die Zahl ſolcher Unglücklichen wird gewöhnlich auf ſechzig tauſend geſchätzt. Kurz, London beherbergt den Auswurf des engliſchen Volkes, wozu überdies noch viele fremde landesflüchtige Verbrecher, ſo wie auch Abenteurer aus fremden Ländern kommen, denen man unter andern einen großen Theil der zahlreichen deutſchen Judenſchaft beizählen muß, welche, weil der Handel in England ſo allgemein betrieben wird, in großem Elend und mithin mancher Verſuchung zu Schändlichkeiten, ausgeſetzt iſt. Bei dem allen glaube ich be⸗ haupten zu können, daß das vortheilhafte Bild, welches ich von den Eigenſchaf⸗ ten der Engländer im Allgemeinen entworfen habe, auch auf die größere Hälfte der Londoner paßt. Beſonders ſind die in der City wohnhaften Bürger mei⸗ ſtens Leute, die, obſchon mitten im Strudel verdorbener Sitten, ſich durch große Rechtſchaffenheit, durch den edelſten Patriotismus, ſo wie durch ſtille Häuslichkeit auszeichnen, und die, gleich den ehemaligen Reichsſtädtern in Deutſchland, als eine haltbare Stütze der nationellen Tugenden zu betrachten ſind. Es leuchtet indeſſen ein, wie leicht ein Reiſender, der von England nichts als London, ja, vielleicht blos einen einzigen Stadttheil kennen lernte, zu ganz falſchen Begriffen von dem Charakter der Nation verleitet werden kann, und hierin ſcheint hauptſächlich der Grund zu liegen, warum die Engländer ſo oft verkannt, und mit gehäſſigen Farben geſchildert werden. Ueberdem iſt noch zu berückſichtigen, daß auf die Stimmung des Beobachters, auf ſein nationelles Intereſſe, und auf den Umſtand, ob er frei oder eingenommen von Vorurthei⸗ len das Land betritt, Vieles ankommt, in welcher Geſtalt die Gegenſtände des⸗ ſelben ihm erſcheinen. Auch hängt von den erſten Eindrücken, die er dort bei ſeiner Ankunft empfängt, Manches ab, weil ſie immer die ſtärkſten und dauer⸗ hafteſten, und, wenn von übler Art, vermögend ſind, ihn gegen die glänzend⸗ ſten Tugenden blind zu machen. Noch glaube ich meine Leſer auf einige Irrthümer aufmerkſam machen zu müſſen, in die man auf dem Feſtlande bei Beurtheilung der Engländer ſo häu⸗ fig verfällt. Wenn z. B. die Zeitungen verkünden, daß in England, wie es oftmals der Fall iſt, zwanzig und mehr Tauſend Fabrikarbeiter ohne Beſchäf⸗ tigung, und deshalb in Aufruhr begriffen ſind, ſo machen ſich minder unterrich⸗ tete Deutſche nicht ſelten eine übertriebene Vorſtellung von dem Elende des dortigen gemeinen Volks. Dennoch findet man wohl keinen Staat, wo derjenige, welcher Luſt zu arbeiten hat, ſein Brot ſo leicht, wie eben dort, verdient, wo Arbeit ſo reichlich belohnt, und überhaupt für die Erhaltung und Beſchützung jedes Gewerbes ſo thätig geſorgt wird. Zwar kann es bei dem hohen Schwunge, den das Fabrikweſen in England nimmt, nicht fehlen, daß bald der eine bald der andere Zweig, von äußern Umſtänden veranlaßt, plötzlich ſinkt, wodurch die damit beſchäftigten Menſchen für den Augenblick außer Thätigkeit geſetzt werden. Allein, iſt nicht die Regierung und das ganze Volk faſt eben ſo ſchnell bemüht, dem gefallenen Nahrungszweige aufzuhelfen, und— defindet er ſich nicht bald wieder im alten Gleiſe? Das Elend, welches uns England, trotz ſeines ungeheuern Reichthums darbietet, ſcheint ſeinen Grund hauptſächlich darin zu haben, daß das gemeine Volk jenes Landes zu halsſtarrig, zu ſehr an Ungenügſamkeit und Ueppigkeit gewöhnt iſt. Es wünſcht nicht nur zu leben, ſondern verlangt auch gut zu leben. Der gemeinſte Arbeiter muß täglich feines Weizenbrot, Beefſteaks, einige Gläſer Rum oder Genever, und mehre Krüge Porter haben, um einiger Maßen zufrieden mit ſeinem Schickſale zu ſein. So⸗ nach legt er keinen Nothpfennig zurück, wiewohl ihm, ungeachtet des hohen Preiſes aller Bedürfniſſe, bei einer Lebensweiſe, wie ſeines Gleichen in Deutſch⸗ land führt, wenigſtens ein Drittel ſeines Verdienſtes übrig bleiben würde. Tritt nun ein Stocken irgend eines Geſchäfts ein, dann gerathen die dabei be⸗ theiligten Arbeiter in eine verzweifelte Verlegenheit. Zudem geſtattet ihnen ihr ungeſtümes und trotziges Weſen nicht, einen günſtigen Zeitpunkt des Erwerbes geduldig zu erwarten, oder ihre Zuflucht zu einem andern Nahrungszweige, als dem bisher betriebenen zu nehmen, was überhaupt dem Engländer ſchon des⸗ wegen ſchwer wird, weil er ſich dem Geſchäft, das er einmal ergreift, mit Leib und Seele hingibt. Kein Wunder daher, wenn in dieſer oder jener engliſchen Fabrikſtadt einige tauſend brotloſe Arbeiter ſich auf den Straßen umher treiben, laut über Elend ſchreien, oder einen förmlichen Aufruhr ſtiften. Wäre es mit ihrem Charakter verträglich, ſich gleich dem Franzoſen in die Zeiten zu ſchicken, und bald dieſes bald jenes Gewerbe zu ergreifen, verſtänden ſie, wie ſo viele Menſchen in Deutſchland, die Kunſt, bisweilen zu darben, und gleichwohl, wenn nur die Leute nichts davon merken, froh zu ſein, und das beliebte Sprüchelchen: „Es ſieht mir Niemand in den Magen, aber Jeder auf den Kragen,“ nach welchem der Menſch blos für die Augen Anderer lebt, zu befolgen— dann würde uns gewiß kein Wort von Noth in England zu Ohren kommen.— Ein anderer Irrthum, den die Deutſchen bei Beurtheilung des engliſchen Volks häufig begehen, iſt der, daß ſie von den vielen engliſchen Reiſenden, die in den letzten Jahren Frankreich, Italien, die Schweiz und Deutſchland überſchwemm⸗ ten, einen Schluß auf das Ganze ziehen, und behaupten, jenes Volk habe ſeinen früher gerühmten Charakter völlig geändert und— was ſehr ungereimt iſt— ſogar ſeinen Reichthum gegen Armuth vertauſcht. Ich will nicht in Abrede ſein, daß die Bewohner Englands durch den immer höher ſteigenden Lurxus mehr, als ehedem, in ihrer Freigebigkeit beſchränkt werden; allein, man muß bedenken, daß diejenigen, welche vor dem franzöſiſch⸗engliſchen Kriege das Feſt⸗ land beſuchten, faſt immer aus Lords, oder reichen Kaufleuten beſtanden, die zwar ihren Stolz gegen den Ausländer, ihre Launen und Sonderbarkeiten nicht verbargen, aber dies alles durch eine unbeſcholtene Redlichkeit, und beſon⸗ ders deshalb vergeſſen machten, weil ſie— freigebig bezahlten; und daß dage⸗ gen die ſeit dem Friedenſchluſſe uns beſuchenden großen Theils vermögenloſe Offiziere auf halbem Solde ſind, die, weil ſie in der Heimath nicht beſtehen können, von der Wohlfeilheit des Feſtlandes angezogen werden, und ſich folg⸗ lich für die Rolle des Freigebigen wenig eignen, die deſſen ungeachtet auf ihren nationellen Stolz nicht verzichten, ſondern an ein gebieteriſches Weſen gewöhnt, ihn dem Ausländer empfinden laſſen, die endlich durch ein langwieriges wildes Kriegerleben in Spanien, oder wohin ſonſt die Unternehmungen Englands gerichtet waren, völlig ausgeartet und die ausſchweifendſten Menſchen geworden ſind. Dazu kommt noch, daß in den erſten Friedensjahren die Neugier nicht nur reiche, ſondern auch viele arme Engländer zu uns herüber trieb, um die Gegenden kennen zu lernen, wo Napoleon, jener furchtbare Feind ihres Vater⸗ landes, ſo lange geherrſcht, und ihnen den Zutritt verweigert hatte; ferner, daß mancher Verſchwender die lang erſehnte Gelegenheit ergriff, ſeinem erſchöpf⸗ ten Vermögen durch Erſparniß auf dem Feſtlande zu Hülfe zu kommen, und daß endlich das ganze Heer kleinlicher Speculanten, die wir unter andern Um⸗ ſtänden nur einzeln würden geſehen haben, mit einem Male zum Vorſchein kamen, und wie ein Lauffeuer ſich über den Continent verbreiteten,— ſämmt⸗ lich Leute an die wir in keiner Hinſicht einen großen Maßſtab legen dürfen. Aus dem allen aber erhellet, wie gewagt es iſt, nach einzelnen Reiſenden eine ganze Nation abzuſchätzen; dieſe kann man nur durch einen längern Aufenthalt in ihrem Lande kennen lernen.— Eben ſo wenig ſollte man den Charakter der Engländer nach ihren politiſchen Schritten meſſen, die freilich nicht immer eine reine Moralität beurkunden. Solche Schritte ſind oft das Werk einiger Weni⸗ gen, und dem Wiſſen und Willen des Volkes fremd. Ueberdem weicht die Po⸗ litik allenthalben von den Anſichten des gewöhnlichen Menſchen ab, und muß dies ſchon deswegen, weil er ſich nicht auf den Standpunkt zu exheben vermag, um die Verhältniſſe ganzer Völker zu einander richtig zu beurtheilen; und wenn dieſe Abweichung in der Politik Englands auffallender, als in der eines andern Landes iſt, ſo liegt vielleicht der Grund blos in der vorzüglichen Thätigkeit und dem unbegränzten Patriotismus ſeiner Staatsmänner.— Ich habe ſchon oben über das Unbillige, die Engländer im Allgemeinen des Geldgeizes und der Habſucht zu beſchuldigen, geſprochen und dabei bemerkt, daß zwar uner⸗ müdliches Streben nach rechtlichem Erwerb ein hervorſtechender Charakterzug ſei, daß man ihn aber von der Habſucht, d. h. dem übermäßigen, oft uner⸗ laubte Mittel anwendenden Streben nach Erwerb unterſcheiden müſſe, weil nur einzelne ſchlecht denkende Menſchen ſich dazu herabwürdigen. Hier muß ich noch eine Bemerkung hinzufügen. Man glaubt in dem Sprachgebrauche dieſer Nation, anſtatt nach unſerer Art zu fragen„wer iſt der Mann?“ ſich immer des Ausdrucks„was iſt der Mann werth(d. h. was hat er im Vermögen)?“ zu bedienen, und demnach den Werth des Menſchen nach ſeinem Vermögen zu ſchätzen,— man glaubt hierin einen ſprechenden Beweis für ihren Geldgeiz zu finden. Mir ſcheint es, daß jener gehäſſigen Redensart etwas zum Grunde liegt, wodurch ſie verzeihlich wird. Denn Stand und Titel ſind für den Eng⸗ länder ganz gleichgiltige Dinge; nach ſeinen Begriffen ehren nicht ſie den Mann, ſondern dieſer muß ſie ehren. Alles, was er von den Menſchen verlangt, 49 iſt Geſchicklichkeit und Fleiß, Anſtand und Redlichkeit; und ein Handwerker, der dieſe Eigenſchaften beſitzt, ſteht bei ihm in größerer Achtung, als der üppige und verſchwenderiſche ſittenloſe Lord, daher auch zwiſchen den verſchiedenen Ständen keine ſo ſcharfen Grenzlinien, wie anderwärts gezogen ſind. Da nun aber in England ein erlaubter Erwerb mit ſo viel Vortheilen, und Armutb öfter, als in andern Ländern, mit Schlechtigkeit verbunden iſt, ſo gibt die größere oder geringere Wohlhabenheit eines Menſchen, in vielen Fällen, den Maßſtab von ſeinen bürgerlichen Verdienſten, ob er geſchickt oder ungeſchickt, thätig oder träge, ob er ſparſam oder verſchwenderiſch, geſittet oder ungeſittet ſei; und dies, wie geſagt, iſt ja alles, was der Engländer von dem Unbe⸗ kannten wiſſen will.— Oftmals lieſt man in den engliſchen Zeitungen Auf⸗ ſätze, worin die Betrüglichkeit, Gewinnſucht und Ueppigkeit der Menſchen gerügt und gleichſam öffentlich an den Pranger geſtellt wird. Mancher Deutſche wähnt, hierin ein giltiges Beleg für das allgemein überhand nehmende Sittenverderbniß jener Nation zu finden. Gleichwohl beweiſt es gerade das Gegentheil, indem die Aeußerungen eines engliſchen Zeitungſchreibers ſelten ſeine eigenen, ſondern faſt immer die herrſchende Stimme des Volks ſind, die er wie das Echo wiedergibt. Nur dann dürfen wir uns in jener ungünſtigen Meinung beſtärken, wenn dieſe richtende Stimme aufhören ſollte, ſich zu er⸗ heben, ſo wie man z. B. in Italien ſelten ein Wort über die Ränkeſucht, oder in Frankreich über die Ausſchweifungen der Menſchen vernimmt, weil dort dergleichen moraliſche Uebel zu allgemein und alltäglich ſind, um Aufſehen zu erregen, und zu tief eingewurzelt, um Ausrottung hoffen zu laſſen. 6. Englands Staatsverfaſſung— Land und Seemacht— Polizei— Stellung des Königs und des Par⸗ laments— obrigkeitliche Behörden— Zuſtand der Rechtspflege— Bemerkungen über die politiſchen Parteien und die Stützen des Staatsgebäudes. Was die Staatsverfaſſung Englands betrifft, ſo iſt ſie, als ein der Na⸗ tion nicht aufgedrungenes, ſondern von ihr ſelbſt geſchaffenes Werk, das treue Abbild von den oben genannten Eigenſchaften. Das ganze Land athmet Frei⸗ heit, und ſcheint, faſt ohne militäriſche und polizeiliche Gewalt, durch ſich ſelbſt regiert zu werden. Die Stärke des Staats, um ſich gegen äußere Angriffe zu vertheidigen, beruht auf ſeiner Seemacht, die bekanntlich jede andere, ſowohl in Hinſicht der Zahl und Vortrefflichkeit der Schiffe, als der Geſchicklichkeit und Richter's Reiſen. II. 4 50 Tapferkeit der Mannſchaften übertrifft, und ein furchtbares Bollwerk des Landes bildet. Die Beſchützung des Innern iſt den Milizen oder Bürgerſoldaten an⸗ vertraut; außer den 9000 Mann königlicher Leibwachen(veomanry) und den Truppen in den Colonien, darf in Friedenszeiten kein ſtehendes Heer unterhal⸗ ten werden. Zwar verwalten die Friedensrichter und ihre Gehülfen, die Con⸗ ſtables, das polizeiliche Amt; allein es erſtreckt ſich mehr auf die Vortheile des Bürgers, z. B. die Anlegung von Straßen, Waſſerleitungen, Brücken u. f. w., als auf ſeine Sicherheit. In letzter Hinſicht hat es blos mit Entdeckung der Verbrecher zu thun; ſelten dehnt es ſeinen Wirkungskreis auf die Verhütung von Unglücksfällen, von Beeinträchtigungen und Betrügereien aus, wie ſchon die große Zahl habſüchtiger und gewiſſenloſer Aerzte, Apotheker, Verkäufer von Lebensmitteln u. ſ. w. beweiſt, welche, beſonders in Londen, ungehindert ihr Spiel treiben. Ueberhaupt fällt die Ohnmacht der polizeilichen Verfaſſung am meiſten in der Hauptſtadt auf. Dieſe ganze ungeheure Stadt, mit ihren mehr als einer Million Einwohner, war bisher blos einigen hundert, zum Theil be⸗ jahrten und kraftloſen Conſtables und Nachtwächtern überlaſſen), ſo ſehr ſie auch von gefährlichen Menſchen beunruhigt wurde. Denn lieber erträgt der Engländer den Nachtheil einer mangelhaften Polizei, als den Abbruch, den bei einer beſſer geordneten ſeine bürgerliche Freiheit leiden müßte. Viele große Männer, z. B. Montesquieu, halten die Verfaſſung des briti⸗ ſchen Reichs hauptſächlich deswegen für muſterhaft, weil die drei Hauptzweige der höchſten Gewalt, nämlich die geſetzgebende, die vollziehende und die richter⸗ liche, von einander getrennt ſind. Der Monarch iſt durch die Reichsgeſetze, die allen Bürgern Sicherheit der Perſon und des Eigenthums, ſo wie auch gleiche Rechte gewähren, beſchränkt. Seine Perſon iſt heilig und unverletzbar, jedoch müſſen ſeine Stellvertreter von allen ihren Maßregeln und Handlungen öffent⸗ lich Rechenſchaft ablegen. Die geſetzgebende Macht, verbunden mit dem Rechte zu beſteuern, theilt der König mit der Nation, welche durch das Parlement, das aus dem Ober⸗ und Unterhauſe oder dem Hauſe der Lords und dem der Ge⸗ meinen beſteht, vertreten wird. Jeder Theil hat eine Stimme, und kann Geſetze in Vorſchlag bringen, die aber nur dann geſetzliche Kraft erhalten, wenn alle drei Stimmen für ihre Annahme ſind. Das Parlement iſt nicht beſtändig ver⸗ ſammelt, ſondern der König hat das Recht, es zu berufen und aufzuheben. Weder dieſes noch jenes darf länger als ſieben Jahre unterbleiben. Jenes ge⸗ ſchieht durch ſchriftliche Einladung jedes einzelnen Lords für das Oberhaus, und durch Befehle an die Grafſchaften und Städte, die Abgeordneten für das *) Erſt vor wenig Jahren hat man die Londoner Polizei verſtärkt. 51 Unterhaus zu wählen. Die Fähigkeit, in den Wahlverſammlungen zu ſtimmen, hat in den Städten jeder Bürger, in den Grafſchaften jeder unabhängige Land⸗ eigenthümer(freecholder), der 40 Schillinge jährlicher Einkünfte hat. Wähl⸗ bar ſind nur Leute, die von eigenen freien Gütern jährlich 500 Pfund Ster⸗ ling ziehen, und dabei weder ein Amt begleiten, noch ein Jahrgeld von der Krone genießen, um als Vertreter des Volks von den Miniſtern unabhängig ſein zu können. Das Parlement verſammelt ſich in dem königlichen Palaſte zu Weſtminſter, wo jedes Haus ſeinen beſondern Saal hat. Die vollziehende Ge⸗ walt, die einzige fortwährend beſtehende, iſt dem König anvertraut, bei deren Ausübung der Staatsrath, das geheime Cabinet und die Miniſter, als die höchſten Staatsbehörden, ihn unterſtützen. Er beſetzt alle öffentlichen Aemter, entläßt die Beamten, erklärt Krieg, ſchließt Frieden und Bündniſſe, und gebie⸗ tet über die Flotte des Reichs; auch hat er das Recht, Verbrecher zu begnadigen. Die richterliche Gewalt wird im ganzen Lande im Namen des Königs verwal⸗ tet; adelige Gerichte gibt es wenige. Die erſte Inſtanz bilden die Friedens⸗ richter, deren der König ſo viele, als er will, jedoch auf unbeſtimmte Zeit, für jede Grafſchaft ernennt. Ihre Gewalt iſt aber mehr polizeilich, als richterlich; ſie wachen über die öffentliche Ruhe, nehmen Klagen an, verhaften die Miſſe⸗ thäter, und verhören ſie über die Hauptſache des Verbrechens. Zugleich ſind ſie verpflichtet, den Lordlieutenant und den Sherif der Grafſchaft in der Ausübung ihrer Amtspflichten zu unterſtützen, und derſelben den erforderlichen Nachdruck zu geben. Ihre Werkzeuge ſind die Conſtables, eine Art Polizei⸗ und Gerichts⸗ diener, welches Amt jeder Einwohner, dem es von ſeiner Gemeinde übertragen wird, entweder perſönlich oder durch einen vereideten Stellvertreter, ein Jahr lang und ohne Beſoldung verwalten muß; doch hat man für die Städte Lon⸗ don und Weſtminſter vom Staat beſoldete, beſtändig unterhaltene Conſtables angeſtellt. Die eigentliche Gerichtsbarkeit üben in jeder Grafſchaft die viertel⸗ jährlichen Verſammlungen der darin angeſtellten Friedensrichter(Quarter Ses- sions) aus, wozu die Jury, d. i. ein Ausſchuß von zwölf vereideten Bürgern, gezogen wird, um über die bei den Friedensrichtern angebrachten bürgerlichen und peinlichen Klagen zu entſcheiden. Die Kläger, wie die Angeklagten, haben das Recht, die Geſchworenen zu verwerfen, worauf andere gewählt werden müſſen. Nach geendigter Sitzung löſt ſich das Gericht wieder auf. Die Frie⸗ densrichter gehören unſtreitig zu den kräftigſten Stützen des britiſchen Reichs, weil ſie, zwar ohne Rückſicht auf Stand und wiſſenſchaftliche Vorbereitung, aber ſtets aus den angeſehenſten Grundeigenthümern gewählt, und mithin bei der ſorgfältigen Verwaltung des Amtes ſehr betheiligt ſind, weil ſie ferner mit der Oertlichkeit ihres Gerichtsbezirks in genauer Bekanntſchaft ſtehen, und auch . 4* 52 ihr Amt unentgeltlich verwalten, ſo daß Niemand, aus Furcht vor den Un⸗ koſten, ſein Recht zu ſuchen ſcheuet. Fortdauernd iſt in jeder Grafſchaft das Amt des Sherifs und des Lordlieutenants. Erſter vertritt die Stelle des Kö⸗ nigs in Civilſachen. Sein Geſchäftskreis umfaßt die Vollſtreckung der von den Gerichtshöfen ausgeſprochenen Urtheile, die Leitung der Parlementswahlen, die Beſchützung der königlichen Rechte, Güter u. ſ. w., und die Entſcheidung über die dabei vorkommenden Streitigkeiten, die jedoch ohne die Abſtimmung eines zuſammen berufenen Geſchwornengerichts nicht Statt finden kann. Der Lord⸗ lieutenant iſt der militäriſche Statthalter; er leitet alle Geſchäfte, welche auf die Aushebung und Bildung der Miliz Bezug haben. Die Obrigkeiten der Städte beſtehen in einem Mayor(Bürgermeiſter)— der von London iſt wäh⸗ rend ſeiner Amtsführung Lord,— und in zwölf Aldermen(Aelteſten); ſie wer⸗ den ſämmtlich aus den Bürgern jedes Jahr neu erwählt. Von den hier ge⸗ nannten niedern Gerichten gehen die Appellationen in bürgerlichen Sachen an den Gerichtshof der gemeinen Rechtshändel(Court of common Pleas); in peinlichen und ſolchen Sachen, wo die Krone Partei iſt, an die königliche Bank (King's Bench), ſo genannt, weil ehedem der König auf einer erhöhten Bank den Vorſitz führte; in Finanzſachen an das Schatzkammergericht(Court of the Exchequer), verſchieden von der Schatzkammer, da ſie nicht Richter in eigener Sache ſein kann. Alle drei ſprechen jedoch, in gewiſſen Fällen, auch in erſter Inſtanz, und von dem erſten kann auch noch an die königliche Bank appellirt werden. Die zwölf Richter reiſen jährlich zweimal, wie ehedem die fränkiſchen Sendgrafen, im Reiche umher, nämlich je zwei in einem der ſechs Gerichtskreiſe (Circuits), in die das eigentliche England eingetheilt iſt, und halten mit Zu⸗ ziehung von zwölf Geſchworenen die Gerichtsſitzungen(Assizes), in welchen über alle, innerhalb ſechs Monaten bei ihnen angebrachte Klagen entſchieden wird. Außer dieſen drei hohen Gerichtshöfen iſt das Kanzleigericht(Court of Chancery), welches der Kanzler mit zwölf Beiſitzern, ſämmtlich Doctoren der Rechte, hält, und an welches ſich jeder wenden kann, den die Ausſprüche der übrigen Gerichtshöfe nicht befriedigen. Dieſes Gericht iſt das einzige, welches fortdauernd in voller Wirkſamkeit beſteht, und ohne Geſchworene richtet, auch das einzige, welches die ſonſt überall buchſtäblich befolgten Geſetze nach der Billigkeit mäßigen darf. Das höchſte Gericht von allen iſt das Oberhaus, an welches die letzten Appellationen gelangen. Vor ihm allein können Lords pein⸗ lich gerichtet, und Klagen gegen die Verwaltung der Miniſter und anderer hoher Staatsbeamten angebracht werden. Außer den hier genannten Gerichten gibt es noch beſondere für einzelne Angelegenheiten, z. B. für Schiffſachen das Oberadmiralitätsgericht, für genealogiſche und heraldiſche Streitigkeiten das 53 Obermarſchallsgericht u. ſ. w. Die engliſchen Geſetze, beſonders die peinlichen, ſind ſehr ſtreng, und oftmals grauſam; wer etwas Geld, eine Uhr oder der⸗ gleichen ſtiehlt, verwirkt das Leben. Eine gute Seite hat die engliſche Rechts⸗ pflege, daß faſt vor allen Gerichten die Angeklagten durch die Stimmenmehrheit von zwölf ihrer in der Grafſchaft angeſeſſenen Mitbürger, nämlich den Ge⸗ ſchwornen(Jury), welche ſie genehmigt haben, gerichtet und folglich nicht leicht einer Parteilichkeit Preis gegeben werden, indem der Richter den Rechtsfall nur unterſucht und jenen zur Entſcheidung auseinander ſetzt, wobei aber freilich auf die Art des Vortrags und der Einkleidung Vieles ankommt. Ein anderer Vortheil beſteht in der buchſtäblichen Anwenduug des Geſetzes, was jede Ver⸗ drehung desſelben, jede Willkühr und Bedrückung verhütet. Daher hört man in England ſelten Klagen über die Fällung ungerechter Urtheile, ſo wie denn auch in keinem andern Lande das Anſehen des Geſetzes ſo feſt begründet iſt, und der Gehorſam gegen dasſelben ſo willig und unwiderſprochen geleiſtet wird. Es ſetzt jeden Ausländer in Erſtaunen zu ſehen, wie viel ein einziger bejahrter und kraftloſer Conſtable, wenn er ſeinen Stab mit dem Bildniſſe des Königs empor hält, über den wildeſten Pöbelhaufen vermag, und wie leicht er ihn, und gleichſam wie durch Zauberkraft zur Unterwerfung bringt, einen Pöbelhaufen, der jeder andern Gewalt den kühnſten Widerſtand leiſten würde. Aus der Un⸗ zuläſſigkeit, den Sinn der Geſetze willkührlich zu erklären, entſteht aber der Nachtheil, daß ſie nicht für alle Rechtsfälle ausreichen, daß ein Verbrechen bis⸗ weilen mit einem oder mehr Umſtänden verbunden iſt, worauf keins derſelben paßt, und mithin der Thäter, obſchon überführt, der verdienten Strafe entgeht. Zudem hat das beſtändige Vorkommen neuer Rechtsfälle dergeſtalt die Zahl der Geſetze vermehrt, daß dieſe, geſammelt, mehr als hundert Folianten füllen würden, daher ſie nicht zu überſehen, und viele ganz im Widerſpruche mit ein⸗ ander ſind. Jedoch haben in neuern Zeiten mehre berühmte Rechtsgelehrte den Anfang gemacht, die ungeheuere Geſetzmaſſe zu ordnen, zu vereinfachen und zu ergänzen. Vielleicht würde ſchon längſt eine ſolche Verbeſſerung Statt gefun⸗ den haben, wenn man nicht jede gewaltſame Neuerung ſcheute, und vieles Un⸗ nütze der Vernichtung der Zeit überließe, wie denn auch ſchon mancher, durch uralte Geſetze geheiligte Mißbrauch, ohne durch ein Gegengeſetz aufgehoben zu ſein, nach und nach von ſelbſt erloſchen iſt. Ein Hanptgebrechen der engliſchen Staatsverfaſſung liegt in der Unbeſtimmtheit der Grenzen, die zur Feſtſetzung der Rechte des Königs und des Parlements, ſo wie der Freiheiten des Volks, gezogen ſind. Daher der beſtändige Parteienkampf, daher die Tories, welche dem König das Wort reden, die alten und die neuen Whigs, welche beide die Rechte des Volks, obſchon nach verſchiedenen Grundſätzen, vertheidigen. Be⸗ 54 denkt man nun noch, daß in England jeder Bürger an den Angelegenheiten des Staats lebhaft Theil nimmt, ſo iſt es zu verwundern, daß nicht öfter bürger⸗ liche Kriege entſtanden ſind. Allein, ſolchen gewaltſamen Ausbrüchen ſtellen ſich mächtige Kräfte entgegen, die Vaterlandsliebe und der Gemeingeiſt, die Oeffent⸗ lichkeit der Verhandlungen, und— was vielleicht mehr als alles wirkt,— die große Freiheit zu ſprechen und zu ſchreiben. Alle Parteien ſtreben, obſchon auf verſchiedenen Wegen, nach einem gemeinſchaftlichen Ziele, nämlich das Wohl zu befördern, und folglich jeden Keim zu gefährlichen Zwiſten zu unterdrücken. Da ferner nicht der Rang, oder die Anſtellung im Staate dieſelben beſtimmt, ſondern die Miniſter, wie die Parlementsglieder, zugleich aus Vertheidigern des Königs und des Volks beſtehen, wiewohl man dieſe gewöhnlich unter dem Namen„Miniſterial⸗ und Oppoſttion⸗ d. i. den Miniſtern widerſtrebende Par⸗ tei“ unterſcheidet, ſo erhalten ſich die ſtreitenden Kräfte im erforderlichen Gleichgewicht. Wenn es nun aber— wonach die Könige aus der braunſchwei⸗ giſchen Linie ſtets geſtrebt haben— der Regierung gelingt, ihre einflußreichſten Widerſacher aus dem Parlement ins Miniſterium zu ziehen, den Geſinnungen derſelben die entgegengeſetzte Richtung und ſich mithin das Uebergewicht zu geben, alsdann findet ſie dennoch, in wichtigen Fällen, einen mächtigen Gegner an der Stimme des Volks, oder, wie man auch ſagt, der öffentlichen Mei⸗ nung. Wie oft hat dieſe die Beſchlüſſe des Königs und des Parlements entkräftet, wie oft über die Kunſtgriffe und Ränke der Miniſter geſiegt, wenn ſie ſich in den öffentlichen Blättern und mittels der Bittſchriften aus allen Theilen des Landes dagegen vernehmen ließ! Wenigſtens haben die Könige des genannten Hauſes nie gewagt, die Macht der öffentlichen Meinung unbe⸗ achtet zu laſſen, eingedenk des traurigen Schickſals, das die Stuarte ſich dadurch zuzogen. Uebrigens kann man wohl nicht in Abrede ſtellen, daß— nach den Grundſätzen der alten Whigs— jener immerwährende Parteien⸗ kampf dazu dient, den Geiſt des Volkes rege zu erhalten, und ſeine Kraft zu üben, die er außerdem, wie der ungebrauchte Magnet, verliert.— Ich ſchließe mit der Bemerkung, daß die Staatsverfaſſung Englands vielleicht mehr als irgend eine andere geeignet iſt, der alles zerſtörenden Zeit Widerſtand zu leiſten, ſo lange der Geiſt der Nation derſelbe bleibt. 2 1 Der Verf. entſchließt ſich zu einer Reiſe nach dem Mittelmeere. Er begibt ſich auf ein dahin be⸗ ſtimmtes Transportſchiff, Melpomene genannt. Kurze Beſchreibung der engliſchen Transport⸗ ſchiffe. Truppen auf der Melpomene eingeſchifft. Abfahrt von Spithead. Schreckliche Seekrankheit. Die Kindtaufe. Da die ungemeine Thätigkeit, womit England, zur Zeit meines dortigen Aufenthalts, den Krieg zu Waſſer und zu Lande führte, und zugleich die Ge⸗ ſchäfte des Handels und der Gewerbſamkeit betrieb, eine ungeheure Anzahl Menſchen erforderte, ſo ſtanden dort Jedem, der Beſchäftigung ſuchte, mancherlei Wege dazu offen. Auch mir wurden in Hinſicht meiner künftigen Beſtimmung verſchiedene Vorſchläge gethan. Ich ſollte mich z. B. um ein Amt in der kö⸗ niglichen Marine, um die Stelle eines Rechnungsführers in einer Gewerkan⸗ ſtalt, oder bei Gutsbeſitzern, bewerben. Nach einigem Zaudern, was ich er⸗ greifen ſollte, ſiegte der Entſchluß, auf gutes Glück eine Reiſe nach dem Mit⸗ telmeere zu machen, wohin damals die kriegeriſchen, wie die kaufmänniſchen Un⸗ ternehmungen Englands vorzüglich gerichtet waren, und wohin faſt täglich Kriegs⸗, Transport⸗ und Kauffahrteiſchiffe von dort abgingen. Da es, wie ich wußte, den britiſchen Offizieren, Beamten und Geſchäftsmännern, die ſich auf den Inſeln und an den Küſten jenes Gewäſſers befanden, großen Theils an Gehülfen mangelte, die mit Erfahrung im Seeweſen einige Kenntniß fremder Sprachen verbanden, ſo durfte ich mir ſchmeicheln, bei dem einen oder dem an⸗ dern eine günſtige Aufnahme zu finden. Uebrigens verſprach ich mir von dem milden Klima des Mittelmeeres einen wohlthätigen Einfluß auf meine Geſund⸗ heit, deren Wiederherſtellung das engliſche nicht bewirken konnte; und da ich mehre Theile der Welt, im Norden und im Süden beſucht hatte, ſo wünſchte ich auch die reizendſte Gegend unſers gemäßigten Himmelsſtriches kennen zu lernen. Meine Gönner in London verſahen mich mit Empfehlungen an einige an⸗ geſehene Engländer in Malta, Sicilien u. ſ. w., ſo wie ſie auch bemüht waren, mir bei der Behörde, welche die Aufſicht über die Transportſchiffe führt, eine freie Ueberfahrt auf. einem ſolchen Schiffe auszuwirken. Zu Folge der erhal⸗ tenen Weiſung begab ich mich gegen das Ende Octobers an Bord der Melpo⸗ mene, die bei Deptford— nicht weit von London,— auf der Themſe vor Anker lag. Da ich künftig von den engliſchen Transportſchiffen oft und viel ſprechen werde, ſo will ich hier das Weſentliche derſelben kürzlich beſchreiben. Dieſe Schiffe haben die Beſtimmung, die königlichen Truppen und Beamten, ſo wie 6 56 alle ihre Bedürfniſſe ſammt den Kriegsvorräthen, hin und her zu ſchaffen. Es gibt davon zwei Gattungen. Die königlichen, d. i. ſolche, die der Regierung eigenthümlich gehören, ſind fortdauernd im Dienſt. Sie ſehen meiſtens den Fregatten ähnlich, nur daß ſie, nicht zum Angriffe des Feindes beſtimmt, ob⸗ ſchon im Stande, ſich kräftig gegen ihn zu vertheidigen, mit weniger Kanonen beſetzt und ſchwächer bemannt ſind. Uebrigens haben ſie das Recht zu allen den äußern Auszeichnungen, woran man die königliche Marine erkennt, z. B. lange Wimpel zu führen, was den Kauffahrern nicht geſtattet iſt. Die Geſetze, unter welchen die Mannſchaften ſtehen, ihr Sold und ihre Verpflegung ſind faſt die⸗ ſelben, wie auf den Kriegsſchiffen. Die andere Gattung von Transportſchiffen — und dieſe will ich hier hauptſächlich beſchreiben,— beſteht aus Kauffahrern, welche die Regierung im Kriege zu gewiſſen Unternehmungen gewöhnlich auf drei, oder auf ſechs Monate miethet; doch wurden während des letzten fran⸗ zöſiſch⸗engliſchen Krieges viele ſolcher Schiffe, deren Geſammtanzahl zu man⸗ chen Zeiten über tauſend betrug, mehre Jahre lang unausgeſetzt im Dienſte be⸗ halten. Da es wegen ihrer großen Menge oft nicht möglich war, ſie von einander zu unterſcheiden, ſo pflegte man ihren Namen noch Nummern beizufügen, welche letztere mit großen, in weiter Ferne ſichtbaren Ziffern an die Außenſeiten der Schiffe gemalt wurden. Die Bezahlung dieſer Schiffe wird durch ihre Größe, d. h. die nach Tonnen(Laſten) berechnete Tragfähigkeit, beſtimmt, wobei aber der mehr oder minder große Bedarf derſelben, und das Steigen und Sinken des Handels auch viel Einfluß hat. Nicht alle Kauffahrer eignen ſich zu Trans⸗ vortſchiffen. Sie dürfen kein hohes Alter haben, und müſſen ſtark und dauer⸗ haft gebaut, auch mit Kupfer beſchlagen ſein; übrigens kommt es nicht darauf an, ob ſie Drei⸗ oder Zweimaſter ſind. Sie müſſen nach Verhältniß ihrer Größe mit ſechs, acht, zehn oder mehr Kanonen von einem vorgeſchriebenen Ka⸗ liber beſetzt ſein. Auch wird erfordert, daß die Segel, das Tauwerk und jedes andere Geräth nicht nur ſtets in brauchbarem Stande, ſondern auch, wie die Lebensmittel, in gewiſſem Vorrathe vorhanden ſind. Die Mannſchaft muß aus geſunden und geſchickten Leuten beſtehen, die wenigſtens zur Hälfte geborne Engländer ſind; ihre Anzahl, die ſich nach der Größe des Fahrzeuges richtet, iſt gewöhnlich um ein Drittel ſtärker, als auf den Kauffahrern, meiſtens zwiſchen funfzehn und vierzig Köpfen. Uebrigens werden die Leute wie die Kauffahrtei⸗ männer behandelt, und vom Eigenthümer des Schiffes bezahlt und verpflegt. Jedoch ſind ſie in allem, was den Dienſt betrifft, zu ſtrengem Gehorſam gegen ihre Vorgeſetzten verpflichtet. Eine beſondere Behörde(Transport Board), ein Zweig der Admiralität, die in London ihren Sitz hat, führt die Aufſicht darüber im Allgemeinen. Die ſpeciellen Aufſeher, welche man Agenten nennt, werden aus den Kapitänen und Lieutenants der Marine gewählt. Sie geleiten die Schiffe an den Ort ihrer Beſtimmung, und ſind für dieſelben, was der Ad⸗ miral für eine Kriegsflotte iſt. Ihr Hauptgeſchäft beſteht darin, daß ſie das Verfahren beim Ein⸗ und Ausſchiffen der Truppen und der Kriegsvorräthe leiten und anordnen. Dabei geben ſie Acht, daß die Schiffe ſelbſt in gutem Stande gehalten, gehörig mit Geräth, ſo wie mit friſchem Waſſer und mit Le⸗ bensmitteln verſorgt, auch vollzählig bemannt werden, weshalb ſie wiederholt genaue Unterſuchungen— Muſterungen genannt— anſtellen. In Hinſicht der verſchiedenen Beſtimmung, welche die Transportſchiffe haben, zerfallen ſie in Truppen⸗, Roß⸗ und Pack⸗ oder Laſtſchiffe, welche letztere ſich wieder in Ar⸗ tillerie⸗, Munitions⸗ und Proviantſchiffe theilen. Unter Truppenſchiffen verſteht man diejenigen, welche nicht nur Soldaten nebſt ihren Weibern und Kindern, ſondern auch andere bei der Armee, oder überhaupt in königlichen Dienſten an⸗ geſtellte Leute überfahren. Zu ihnen wählt man gewöhnlich die ſchönſten, ge⸗ räumigſten, und beſonders ſolche Fahrzeuge, die ein hohes Zwiſchendeck haben, ſo daß der längſte Grenadier aufrecht darin ſtehen kann. Dieſer große Platz oder, ſo zu ſagen, große Saal iſt auf beiden Seiten mit einer Reihe feſter Bett⸗ ſtellen, jede für ſechs Mann, verſehen. In der Mitte bleibt ein freier Gang, vor den Betten mit Klapptiſchen, wo die Leute bei Tage ſich aufhalten. Ein ſolches Fahrzeig nimmt gewöhnlich drei, vier oder mehr hundert Menſchen auf, die dann, nebſt ihrem Gepäck und dem zu ihrem Unterhalt beſtimmten Mund⸗ vorrathe, die Ladung ausmachen. Roßſchiffe müſſen einen hohen und breiten Raum haben, der auf beiden Seiten zu Ställen eingerichtet, dreißig bis funfzig und mehr Pferde faſſen kann. Die dazu gehörigen Reiter haben ihre Herberge im Zwiſchendeck, das überdem einige Kammern zu enthalten pflegt, um Hafer, Gerſte, Heu, Stroh u. ſ. w. aufzubewahren. Ein ſolches Schiff muß, außer dem gewöhnlichen Geräth, mancherlei Geſchirre für die Pferde, unter andern breite Gurte am Bord haben, welche dieſen Thieren beim Ein⸗ und Ausſchiffen umgelegt werden, um ſie bequem herauf ziehen und hinunter laſſen zu können. Uebrigens gebraucht man die Roßſchiffe gelegentlich auch zum Fortſchaffen der Rinder und anderen Schlachtviehes. Die Laſtſchiffe erfordern hauptſächlich einen ſtarken und feſten Bau, beſonders diejenigen, welche das grobe Geſchütz einnehmen; auch müſſen dieſe mit beſonderen Werkzeugen, um große Laſten zu heben, verſehen ſein. Auf den zum Fortſchaffen des Pulvers beſtimmten, wird am meiſten auf die Vorkehrungen, um Entzündung zu verhüten, z. B. Wetter⸗ ableiter auf den Maſten, Rückſicht genommen. Die Proviantſchiffe weichen in ihrer Einrichtung am wenigſten von den Kauffahrern ab, nur daß ſie, wie alle andere Transportſchiffe, eine größere Kajüte mit feſten Bettſtellen längs den Wänden haben, um gelegentlich ſechs, acht und mehr königliche Beamte und Offiziere aufnehmen zu können. In ſolchen Fällen räumt der Schiffskapitän die Kajüte, und nimmt ſeinen Aufenthalt in einer anſtoßenden Nebenkammer, gewöhnlich„kleine“ oder„Kapitäns⸗Kajüte“ genannt. Die Melpomene war ein Truppenſchiff. Ich fand bei meiner Ankunft die Kajüte voll Reiſende, drei Offiziere mit ihren Gattinnen, und eine zahlreiche weibliche Dienerſchaft. Gegen Mittag wurde der zur Ueberfahrt beſtimmte große Haufe eingeſchifft, welcher mit Sack und Pack von allen Seiten herbei⸗ ſtrömte, ſo daß in kurzem das ganze geräumige Zwiſchendeck, wie ein Markt⸗ platz, mit Menſchen und Geräthſchaften angefüllt war. Dieſe Leute beſtanden aus zwei Kompagnien Fußvolk, zum Theil mit Weib und Kind, ſo wie aus ungefähr funfzig einzelnen Soldatenweibern, die mit ihren Kindern den voraus⸗ gegangenen Männern nachreiſten. Der Nachmittag ſtellte ein Schauſpiel ge⸗ ſchäftiger Verwirrung dar. Man ſah, neben ſchreienden Kindern, hülfloſe oder zankſüchtige Weiber, welchen die Unterbringung und Anordnung ihrer Habſelig⸗ keiten viel zu ſchaffen machte, ſo wie ſorgſame Gatten und Väter, die ſich be⸗ mühten, den Ihrigen die möglichſte Bequemlichkeit auf der Reiſe zu verſchaffen. Es zeigte ſich, neben den Traurigen, welchen der Abſchied vom Vaterlande ſehr zu Herzen ging, mancher ausgelaſſene Luſtige, und auch mancher taumelnde Betrunkene; denn geiſtige Getränke dienen dem gemeinen Engländer ſowohl ſeinen Schmerz zu lindern, als ſeine Freude zu erhöhen. Am Abend, als die Eingeſchifften in Ordnung und meiſtens zur Ruhe waren, kam der Schiffskapitän, den ſchriftlichen Befehl zur Abreiſe in der Hand, und begleitet von einem Lootſen, auf dem Schiffe an. Es wurden nun unge— ſäumt die Anker gelichtet, und die Segel geſetzt; und begünſtigt von der Ebbe und dem friſchen Nordweſtwinde, ſo wie vom hellen Scheine des Mondes, eilte die Melpomene, Deptford und London ſchnell aus dem Geſicht verlierend, bei Greenwich, Woolwich und Gravesend vorüber, wie im Fluge die Themſe hinab und den Dünen zu. Am folgenden Morgen erreichte ſie Deal, von wo ſie, ohne zu ankern, in Geſellſchaft eines Kutters und einiger Kauffahrer, durch den Kanal nach Spithead ſegelte, um dort das Geleit nach ihrer Beſtimmung zu erwarten. Sie langte daſelbſt am Abende desſelben Tages glücklich an.— Am 1. November(1811) trat die Melpomene mit ungefähr zwanzig Transportſchiffen und funfzig Kauffahrern, unter der Bedeckung einer Fregatte ihre Reiſe von Spithead nach dem Mittelmeere an. Einige Tage waren Wind und Wetter ſo günſtig, daß man nicht die mindeſte Bewegung des Schiffes empfand; daher die ſämmtlichen Reiſenden ſich einer guten Geſundheit, und be⸗ ſonders einer ſtarken Eßluſt erfreuten. Vom Morgen bis zum Abend ſtanden 59 die Soldaten und ihre Weiber um den Feuerheerd, den man auf dem Vorder⸗ deck für ſie aufgeſetzt hatte⸗ indem ſie beſchäftigt waren, Thee zu machen, Schnittchen Brod zu röſten, Fleiſch zu pregeln, oder andere kleine Näſchereien zu bereiten. Als wir aber die Höhe von Corunna(ſpr. Corunja) erreichten, erhob ſich ein Sturm, das Meer gerieth in große Unruhe und unſer Schiff in ein heftiges Schwanken. Die Seekrankheit nahm nun überhand, ſo daß ſie, außer mir und der Schiffsmannſchaft, ſehr Wenige verſchonte. Um dieſes Uebel in ſeiner ſchrecklichſten Geſtalt kennen zu lernen, muß man es auf Truppen⸗ ſchiffen beobachtet haben; denn hier, wo die Reiſenden in einer dicken, mit übeln Dünſten angefüllten Luft ſo eng zuſammengedrängt, und überhaupt zu zahlreich ſind, um von den beſchäftigten Seeleuten einige Pflege zu erhalten, findet es vorzügliche Nahrung. Einige hundert Menſchen mit leichenblaſſem Geſicht, mit blauen Ringen um ihre matten, ſtarren Augen, Menſchen, die einen Ekel und Abſcheu vor allem, was ſie erblickten, eine unaufhörliche Neigung zum Er⸗ brechen, und nicht die Fähigkeit hatten, ſich aufrecht zu erhalten, die bei jedem Schwanken des Schiffes einen Seufzer oder ein Angſtgeſchrei ausſtießen, von der einen Seite nach der andern geſchleudert, ja, mit ihren Spucknäpfen oder mit anderem unſaubern Geſchirr umgeworfen wurden, Menſchen endlich, die alle Achtung gegen ſich ſelbſt, und alle Lebensluſt verloren— dies war das Mitleid erregende Schauſpiel, das am Bord der Melpomene, in der Kajüte wie im Zwi⸗ ſchendeck ſich darſtellte. Die Bewohner des letztern genoſſen den Vortheil, daß ſie doch einige geſunde, an Seereiſen gewöhnte Männer unter ſich hatten, die den Bedürfniſſen der übrigen, ſo viel als möglich zu Hülfe kamen; dagegen die Kajütenbewohner— die Männer, wie die Frauen und ihre Dienſtmädchen— durchaus erkrankt, mithin ſich ſelbſt überlaſſen und völlig hülflos waren. So oft ich daher dieſen meinen Reiſegefährten zu nahe kam, fand ich volle Beſchäf⸗ tigung, ihren Bitten um meinen Beiſtand Genüge zu leiſten, und gern würde ich meine Dienſtfertigkeit bis zum Krankenwärter ausgedehnt haben, wenn nicht oftmals der Wohlſtand, beſonders in Rückſicht des weiblichen Geſchlechts, auch wohl ein Ekel, der mich anwandelte, und die Nothwendigkeit, auf meine eigene Geſundheit bedacht zu ſein, mich zur Entfernung und auf dem Verdeck die freie Luft zu ſuchen, aufgefordert hätten. Wenigſtens konnte ich mich nicht überwin⸗ den, in der Kajüte zu eſſen und zu trinken; auch war mir der dortige Aufent⸗ halt während der Nacht beſonders unangenehm, weil bald das Angſtgeſchrei, bald der Fall einer Perſon, oder das Geräuſch ihres heftigen Erbrechens, oder ein ſtarker Uebelgeruch mich aus dem Schlafe weckte. Daher das vom Steuer⸗ mann des Schiffs mir gemachte Anerbieten, die Bequemlichkeiten ſeiner kleinen Kammer und beſonders ſein Bett mit ihm zu theilen, und die faſt täglichen V Einladungen des Kapitäns, an ſeinem reichbeſetzten Tiſche Platz zu nehmen, mit Freuden von mir angenommen wurden. Wiewohl ich nun auf dieſe Weiſe von meinen frühern Gefährten abgeſondert war, ſo fuhr ich doch fort, nach meinen Kräften ihre mißliche Lage zu erleichtern, was mir ihre innige Freund⸗ ſchaft gewann, die in der Folge manchen Nutzen für mich hatte. Das ſtürmiſche Wetter hielt faſt ununterbrochen eine Woche lang an; deſſen ungeachtet begannen die meiſten Kranken am dritten oder vierten Tage ſich allmälig zu erholen, und ſchon am frühen Morgen des fünften erhoben ſich faſt die ſämmtlichen Bewohner des Zwiſchendecks von ihren Lagern, völlig geneſen und von einem übermäßigen Hunger geplagt. Der Steward(ſpr. Stuh⸗ärd) des Schiffs(Ausgeber des Mundvorraths), der mehre Tage, weil Niemand zu eſſen verlangte, vergebens die Luke der Proviantkammer geöffnet, und die Leute zur Abholung der Lebensmittel eingeladen hatte, wurde nun von der hungrigen Menge mit Ungeſtüm aus dem Bette geholt, um die heutigen wie die rückſtändigen Rationen zu vertheilen. Seine Brodwage, ſeine Gallonen und Pinten zur Abmeſſung der Erbſen, des Rums u. ſ. w. waren bald im Gange; und in kurzem ſah man aus der Soldatenküche, die einige Tage wie verödet geweſen war, einen gewaltigen Dampf empor ſteigen. Auch unter den zärt⸗ lichern Familien in der Kajüte kehrte Geſundheit und Regſamkeit, obſchon etwas ſpäter als bei jenen, am genannten Tage zurück, und zwar mit eben ſo unge⸗ ſtümen Anforderungen des Magens, was zu Mißhelligkeiten würde geführt ha⸗ ben, wenn nicht Herr Dowſy— der Schiffskapitän— wider die Gewohnheit ſeiner Amtsgenoſſen, Nachgiebigkeit bewieſen hätte. Es iſt nämlich auf den Transportſchiffen eingeführt, daß jeder militäriſche Offizier und überhaupt jeder Kajütenpaſſagier ſeine Speiſen in der für die Schiffsmannſchaft beſtimmten Küche, die ſich gewöhnlich dicht vor oder hinter dem Hauptmaſte befindet, vom Schiffskoch bereiten läßt. Dies darf jedoch erſt dann geſchehen, wenn das Eſſen des Kapitäns und der Matroſen fertig iſt, weil nur ſie auf dem Schiffe in Thäͤtigkeit, und die Uebrigen geſchäftsloſe Zuſchauer ſind, daher auch letztere, — wie ſchon anderwärts erwähnt wurde,— während einer Seereiſe auf zwei Drittel der Lebensmittel, die der Staat ſeinen Dienern bewilligt, beſchränkt werden. Nun verlangten die Offiziere, daß ihnen am heutigen Tage, wegen der langen Faſten, der Vorzug eingeräumt würde, und, wie geſagt, Herr Dowſy gab der Billigkeit nach. Ich muß hierbei bemerken, daß unſere Reiſenden ihre Geneſung von der Seekrankheit, die auf der ganzen übrigen Fahrt nicht wieder überhand nahm, hauptſächlich der großen Aufmerkſamkeit verdankten, welche der Schiffskapitän auf die Reinigung der Luft in den Gemächern richtete, indem er, ſo oft die Hef⸗ 61 tigkeit des Windes nur einiger Maßen es erlaubte, Windſegel(Luftleiter) darin anbringen, und außerdem zu mehren Malen des Tages mit Eſſig ſprengen und räuchern ließ. Nicht auf allen Transportſchiffen wird ſo viel Sorgfalt ange⸗ wandt, und es iſt daher oftmals der Fall, daß die darauf befindlichen Paſſagiere einige Wochen, oder Monate, ja, von der erſten bis zur letzten Stunde ihres dortigen Aufenthaltes ſeekrank ſind. Denn obſchon jenes Uebelbefinden, in der Regel, nur einige Tage dauert, ſo erfordert dies doch den Genuß einer reinen Luft, die in Fahrzeugen der genannten Art, zumal bei ungünſtiger Witterung, ohne beſondere Vorkehrungen nicht zu bewirken iſt. Mit der Geſundheit und dem ſich mächtig regenden Triebe, ſie durch Eſſen und Trinken zu ſtärken, kehrte unter unſern Reiſenden zugleich Luſt zur Arbeit, und beſonders auch das Beſtreben zurück, die bisher ſehr vernachläſſigte Rein⸗ lichkeit wieder herzuſtellen; und man ſchritt daher zu einer allgemeinen Umge⸗ ſtaltung. Vor allen Dingen nahmen die Männer die lange nicht geſchorenen Bärte ab, und die Weiber und Mädchen wuſchen die ſchmutzige Wäſche und Kleidung, welche die Knaben trockneten, ſo daß die Taue der Maſten von oben bis unten mit flatternden Hemden„Beinkleidern und Röcken, mit Schürzen, Hauben, Tüchern u. ſ. w. behängt waren. Endlich kam auch, mit Hülfe der Seeleute, die höchſt nöthige Säuberung der Wohnungen an die Reihe, was von nun an jeden Morgen wiederholt wurde. Ueberhaupt zeichnete ſich die Reiſege⸗ ſellſchaft, nachdem ſie die häßliche Krankheit überſtanden hatte, durch beſondere Liebe zur Ordnung und Reinlichkeit aus, ein Umſtand, der nicht wenig beitrug, die Reiſe angenehm zu machen. Ein für uns merkwürdiger Tag war der 11. November, ein Sonntag. An demſelben erſchienen, zum erſten Male nach der wieder hergeſtellten Ord⸗ nung, Schiff und Menſchen in durchaus verjüngter Geſtalt, viele von den Wei⸗ bern ſogar in überflüſſigem Putze. Auch änderte ſich das üble Wetter; der Wind nahm ab, die düſtern Wolken am Himmel verſchwanden, und die Sonne ſchien, obſchon im ſpäten Herbſte, mit einer Wärme, die man in England mitten in den Hundstagen nicht empfunden hatte. Dazu kam, daß wir das Vorgebirge Finisterre glücklich umſchifften, und da nun der Wind das Schiff ſeitwärts von den Küſten beſtrich, ſo glitt es, im würzigen Dufte des fruchtbaren Lan⸗ des, auf der ruhigen Meeresfläche ſanft nach dem Geſtade Portugals hin; was alles, wie man leicht denken kann, auf Menſchen, die noch vor zwei Tagen in einer ſo mißlichen Lage ſich befanden, einen außerordentlichen Eindruck machte. Endlich bezeichnete dieſen merkwürdigen Tag eine Feierlichkeit, die auf Schiffen nicht zu den alltäglichen Erſcheinungen gehört. Mitten in dem Sturme 62 nämlich, der unſern Reiſenden ſo viel Angſt und Beſchwerden verurſachte, war eine⸗Soldatenfrau entbunden worden. Da nun heute ein Feſttag, und das Wetter ausgezeichnet ſchön war, ſo beſchloß man, dem neugebornen Kinde die chriſtliche Taufe und zwar unter freiem Himmel zu ertheilen. Dem zu Folge mußten die Matroſen, gegen drei Uhr Nachmittags, an der Spitze des Kreuz⸗ maſtes eine ſchöne, die Feſtlichkeit verkündende große Flagge aufſtecken, das hintere Deck mit einem hübſchen Sonnenzelte überſpannen, und an beiden Sei⸗ ten mit bunten Flaggen behängen, und andere Vorkehrungen treffen. Bald nachher beſtieg Herr Dowſy das Verdeck, um die feierliche Handlung zu voll⸗ ziehen; denn ſo wie der Kapitän eines Schiffes im Nothfall die Stelle des Arztes, des Richters und ſogar des Königs vertritt, eben ſo hat er auch das Recht, das prieſterliche Amt, mit Ausnahme der Einſegnung und Scheidung ehelicher Verbindungen, zu verwalten. Kurz, Herr Dowſſy erſchien, ſchwarz gekleidet und mit ernſter Miene, begab ſich unter das Zelt neben den errichteten Taufſtein— ein aufrecht geſtelltes, mit weißen Tüchern bedecktes Faß, worauf ein Waſſerbecken ſtand,— und ertheilte den Befehl, die Taufpathen mit dem Kinde herbei zu rufen, den auch der den Kirchdiener vertretende Bootsmann mit ſeiner tiefen Baßſtimme ſo kräftig vollzog, daß es gleich dem Donner im Gebirge in allen Gemächern wiederhallte. Der Täufling auf den Armen ſeiner Mutter und begleitet von ſeinem Vater, die Pathen, beſtehend aus zwei Ser⸗ geanten und der Tochter eines dritten, alle erſchienen ſogleich im feierlichen Zuge, und ſtellten ſich an den Taufſtein. Ihnen folgten die Matroſen, die Sol⸗ daten mit ihren Weibern und Kindern u. ſ. w., und ſtellten ſich reihenweiſe in einen dichten Halbkreis um die Pathen. Im Hintergrunde ſtanden die Offi⸗ ziere und ihre Familien, nebſt der Dienerſchaft. Jetzt trat die tiefſte Stille ein, und Herr Dowſſy eröffnete die Feierlichkeit mit einer ſo angemeſſenen und ſogar zierlichen Rede, als man von einem Seemann kaum erwarten durfte, und was nur die gute Erziehung, die er in der frühern Jugend genoſſen hatte, und der allen Engländern eigenthümliche Hang, religiöſe Schriften fleißig zu leſen, erklärlich machte. Hierauf erfolgte die Taufhandlung mit den gewöhnlichen kirchlichen Gebräuchen. Wenn hier mancher meiner Leſer auf den Gedanken kommt, daß die ganze Handlung eine bloße Poſſe war, und nach ihrer Been⸗ digung ein heimliches Lachen ſichtbar wurde, ſo irrt man ſich ſehr. Die ganze Verſammlung war von einer ſo innigen Andacht durchdrungen, als wohl ſelten bei ähnlichen Feierlichkeiten in deutſchen Kirchen angetroffen wird; denn wenn auch der gemeine Engländer noch ſo unmoraliſch iſt, ſo fühlt er ſich dennoch bei jeder Handlung, die mit der Religion in Verbindung ſteht, tief ergriffen. Daher, und weil ohnedies die engliſche Sitte an Feſttagen Ruhe gebietet, bezeichnete 7 — — 1 ¹—*— den übrigen ſchönen Nachmittag eine Stille, welche nur durch die nothwendige Arbeit der Matroſen unterbrochen wurde. Es herrſcht unter den Seeleuten, beſonders den engliſchen, der alte Glaube, daß es den Schiffen Glück bringt, wenn Kinder darauf zur Welt kommen, daher die Schiffskapitäne in ſolchen Fällen ein kleines Freudenfeſt zu veranſtalten pflegen; und obſchon der unſrige nichts weniger als von jener abergläubiſchen Meinung eingenommen war, ſo wollte er doch keinen Verſtoß gegen die alte Sitte begehen, um ſo weniger, da ihn ſeine Herzensgüte aufforderte, den unter ſeinem Befehl und Schutze ſtehenden Leuten ein Vergnügen zu machen. Um jedoch den Sonntag nicht zu entweihen, wurde das Feſt verſchoben. Am fol⸗ genden Tage bot das eingetretene windſtille Wetter, und der Umſtand, daß einige Boote von der nahen portugieſiſchen Küſte kamen, um Wein und Früchte an unſere Flotte zu verkaufen, die ſchönſte Gelegenheit dazu dar. Herr Dowſy ließ daher ein Fäßchen Wein, ein paar Körbe mit Pomeranzen und Feigen, ſo wie Mehl, Korinthen und Butter, um Plinſen, oder was man ſonſt wollte, zu backen, unter die Matroſen, Soldaten, Weiber u. ſ. w. vertheilen. Von dieſem Beiſpiel der Freigebigkeit ermuntert, ſchoſſen auch die Ofſiziere Geld zuſammen, und beſchenkten gleichfalls die Leute mit Wein und Früchten. So bekam jede Perſon im Schiffe einen Antheil, der wegen der großen Menſchenmenge zwar nicht übermäßig, aber doch hinreichend war, um derſelben von den Ergötzlich⸗ keiten des ſchönen Himmelsſtrichs, wohin wir gingen, einen Vorgeſchmack und zugleich eine fröhliche Stimmung zu geben. Am Abend ertönte auf dem Vor⸗ derdeck das Spiel der Pfeifer, und Alt und Jung beluſtigte ſich mit Tanzen. Während dieſer allgemeinen Fröhligkeit ereignete ſich ein Vorfall, der, obſchon an ſich ganz unbedeutend, dennoch folgenreich und ſogar mit dem Un⸗ glück derjenigen, die er betraf, verbunden war; ſo wie oft die geringfügigſten Umſtände das Schickſal der Menſchen entſcheiden. An dem Thun und Treiben der luſtigen Mengeſich ergötzend, ſaß auf dem Vorderdeck die Familie, welche das heutige Feſt verurſacht hatte, die Wöchnerin und ihr Mann, der das neu⸗ geborne Söhnchen liebkoſend in den Armen hielt. Trotz der Ruhe, die auf dem Meere herrſchte, geſchah es, daß dicht an der Seite des Schiffes eine kleine Welle ſich erhob, deren Spritzregen gerade den armen Säugling traf, ſo daß er völlig durchnäßt wurde. Beſorgt ging die Mutter, um ihn zu trocknen und ins Bett zu legen. Da das Meerwaſſer eine ziemliche Wärme hatte, ſo war die Benetzung dem Kinde nicht ſchädlich, das am Morgen und noch einige Tage nachher in völligem Wohlſein ſich befand. Allein, der Vorfall erregte Aufſehen unter den Leuten, beſonders unter einigen abergläubiſchen Weibern, die in jeder zufälligen Begebenheit eine Vorbedeutung fanden. Sie begannen einander zu 64 fragen, was wohl dieſe Meertaufe des Kindes zu bedeuten habe? ob dasſelbe zu einem Seemann, zu Glück oder Unglück u. dgl. beſtimmt ſei? Da trat der Bootsmann zu der berathſchlagenden Gruppe, und ſagte:„Ihr Weiber, zer⸗ brecht euch nicht die Köpfe, ich will euch aus der Ungewißheit helfen. Seht, der alte Herr“— er meinte den fabelhaften Beſchützer der Seeleute, den Nep⸗ tun,—„will anzeigen, daß das Knäblein nicht dem Reiche der Soldaten, ſon⸗ dern dem ſeinigen angehöre; er hat ihm deshalb ſeinen Segen ertheilt.“ So unſchuldig der Scherz nun an und für ſich war, nahm ihn doch der Vater des Kindes gewaltig übel und zwiſchen den Eheleuten entſtand ein ſolcher Zank, daß die noch ſchwache Frau in ein verzehrendes Fieber fiel, und in kurzem ein Raub des Todes wurde. Der Säugling ſtarb faſt zu gleicher Zeit. An jenem freudenvollen Abende, wo ich das Tanzen und den Scherz der Leute beobachtete, war es, als ob mir dieſes Unglück ahnte; immer ſtand der Gedanke an die wechſelnden Schickſale der Menſchen, und an die Nichtigkeit aller Dinge vor meiner Seele. Mit dieſem Gedanken legte ich mich bei guter Zeit nieder und ſchlief darüber ein. 8. Kurzer Aufenthalt im Hafen von Oporto.— Erzählung eines Matroſenſtreichs.— Fortſetzung der Reiſe.— Gibraltar.— Bemerkungen über einige Eigenheiten des Mittelmeeres und über die dor⸗ tige Schifffahrt.— Mallorca und Menorca.— Port Mahon.— Beſchaffenheit dieſer Inſel und ihres Hauptortes, der Stadt Mahon.— Sicilien.— Palermo. Am Morgen nach dem eben beſchriebenen Freudenfeſte begann ein friſcher Weſtwind zu wehen, der unſere Schiffe mit großer Schnelligkeit längs den Küſten Portugals dahin trieb. Da aber viele Schiffe, bei dem erlittenen Sturm, einen Verluſt an Segeln und Tauwerk gehabt hatten, den man ſo bald wie möglich erſetzen mußte, ſo gab der Commodore, als wir am Mittag in die Nähe von Oporto kamen, das Signal, in den dortigen Hafen einzulaufen. Dieſem Befehl wurde von den Schiffsmannſchaften um ſo williger Folge gelei⸗ ſtet, weil für die Engländer jener Stapelort des von ihnen ſo hoch geſchätzten Portweins beſonders anziehend iſt. Man warf daher ſchon nach einer Stunde in der Mündung des Douro, an deſſen rechtem Ufer Oporto liegt, die Anker. Herr Dowſy begab ſich ungeſäumt nach der Stadt. Da die ſämmtlichen Soldatenoffiziere mit ihren Frauen ihn begleiteten, und mithin die Schaluppe zu voll von Menſchen war, um noch mehr aufnehmen zu können, ſo mußte ich mich begnügen, die vor uns ausgebreitete reizende Landſchaft, die gut gebaute Stadt, die ſchönen Weinpflanzungen, die anmuthigen Gärten mit Pomeranzen⸗ und Citronen⸗, Feigen⸗, Mandelbaͤumen u. ſ. w., was alles, obſchon im No⸗ vember, freudig grünte, in der Ferne zu betrachten. Daher das Bild dieſer reizenden Landſchaft, ohne die ungünſtigen Schatten, die bisweilen ſchöne Ge⸗ genden bei einer nähern Anſicht verdunkeln, meiner Seele tief eingeprägt blieb.— Zur Verwunderung Aller, die am Bord geblieben waren, kam am Abend der Schiffskapitän mit ſeiner Geſellſchaft in einem portugieſiſchen Boote zurück, das zugleich eine Menge Wein und andere Lebensmittel, die man eingekauft hatte, überbrachte. Uebel gelaunt ſtieg Herr Dowſy auf das Verdeck, und er⸗ zählte, daß ſeine Ruderer— wie es wohl bisweilen ſich ereignet,— mit der Schaluppe entflohen wären. Allein, in kurzem erklärte ſich ihr Verſchwinden auf andere Weiſe, indem ſie, von Soldaten bewacht, auf einem Zollboote, mit der Schaluppe am Schlepptau, herbeigeſchafft wurden. Bekanntlich iſt in Por⸗ tugal und Spanien auf einige engliſche Waaren, beſonders Tuch und Hüte, ein ſtarker Zoll gelegt; daher dergleichen heimlich einzuführen, bedeutende Vortheile gewährt. Nun waren unſere Leute auf den Einfall gerathen, mit neuen Jacken und Hoſen von blauem Tuch bekleidet, und mit neuen feinen Hüten auf dem Kopfe, in die Stadt zu gehen, und dort ihre Anzüge gegen einheimiſche baum⸗ wollene Kleider und Hüte von Stroh zu vertauſchen, um ſich dadurch einen Ueberſchuß an Geld zu verſchaffen. Fünf von ihnen, einer nach dem andern, langten glücklich, ohne daß ihre Verkleidung aufgefallen wäre, wieder auf dem Landungsplatze an. Aber der letzte, welcher ſich betrunken hatte, erregte die Aufmerkſamkeit der beim Schlagbaum befindlichen Zollbeamten„ſo daß ſie ihn erkannten, und dadurch Alles an den Tag kam. Er wurde deshalb, ſo wie auch ſeine Gefährten, in Verhaft, und die Schaluppe in Beſchlag genommen. Jetzt ſchickte man die Gefangenen, aus Rückſicht auf das gute Vernehmen, worin die Engländer und Portugieſen mit einander ſtanden, auf das Schiff zurück, unter dem Beding, daß die Strafgelder erlegt, und die übrigen Koſten erſtattet wür⸗ den. Der Kapitän ſah ſich genöthigt, die Forderung zu befriedigen, was jedoch, wie billig, auf Rechnung der Schuldigen geſchah, wodurch der Sold auf einen ganzen Monat für ſie verloren ging. Am nächſten Tage begab ſich unſere Flotte, nachdem ſie ihren Bedürfniſſen abgeholfen hatte, wieder unter Segel. Ein anhaltender Weſtwind begünſtigte ihre Fahrt, ſo daß ſie in ſchneller Folge bei Liſſabon, dem Vorgebirge S. Vin⸗ cente und Cadiz vorüber kam. Am 17. Nov. in der Nacht gelangten wir in die Straße von Gibraltar. Ein Nebel, der am Morgen entſtand, hätte beinahe verurſacht, daß wir bei Gibraltar, wo man anlegen mußte, vorbei gefahren wären, ohne es zu wiſſen. Richter's Reiſen. II. 5 66 Nach einiger Zeit aber erheiterte ſich die Luft, und mit einem Mal erblickten wir dicht vor uns die ſtolze unbezwingliche Felſenfeſte, mit der freundlichen, kleinen Stadt an ihrem Fuße, und den zahlreichen Schiffen auf ihrer Rhede. In wenig Augenblicken warfen wir die Anker. Nach einigen Stunden unſeres Aufenthaltes, während deſſen der Commo⸗ dore uns keinen Beſuch am Lande geſtattet hatte, ſetzten wir die Reiſe weiter fort. Die Flotte bekam hier einen bedeutenden Zuwachs an Schiffen, was ſchon in Oporto der Fall geweſen war, dagegen aber auch viele, nach Liſſabon, Cadiz u. ſ. w. beſtimmte uns verlaſſen hatten, als wir bei jenen Häfen vorüber ſchifften. Ueberhaupt fand auf der ganzen Reiſe nach Sicilien, wie es bei der Lebhaftigkeit der engliſchen Schifffahrt und der damaligen Unſicherheit vor feindlichen Angriffen nicht fehlen konnte, ein beſtändiger Wechſel unter unſerer Flotte Statt, indem bald dieſes, bald jenes Fahrzeug, ſeiner Beſtimmung nahe, uns verließ, oder aus einem fernen Hafen ausgelaufen, ſich unter den Schutz des uns leitenden Kriegsſchiffes begab. Geführt vom weſtlichen, noch immer friſchen Winde, gelangten wir ſchnell in das Innere des Mittelmeeres. Gibraltar, ſo wie das ihm gegenüber liegende Ceuta, entzog ſich bald unſern Blicken, und ſelbſt die ganze Küſte links und rechts, nämlich die von Spanien und die von Marocco,— die beide Anfangs ſo eng vereinigt ſind, bald aber ſich von einander entfernen, und dem Gewäſſer einen weiten Spielraum laſſen,— war nur mit Hülfe des Fernrohrs noch zu erkennen. Dem bloßen Auge erſchien, wie auf dem Ocean, eine unbegrenzte Waſſermaſſe, und nur beim Untergang der Sonne ſtellten ſich die Spitzen afri⸗ kaniſcher Hügel am Saume des weſtlichen Himmels dar, ſo wie an dem des öſtlichen bei Sonnenaufgang am nächſten Morgen die ſpaniſchen Gebirge noch ſichtbar hervorragten. Deſſen ungeachtet entgingen keinem der Reiſenden die beſondern Eigenſchaften, wodurch das mittelländiſche Meer von dem atlantiſchen ſich unterſcheidet. Sie bemerkten die mindere Salzigkeit und die trübere bläu⸗ lichgraue Farbe des Waſſers, was beides die vielen Ströme verurſachen, welche von allen Seiten des Landes ſich in dasſelbe ergießen, daher auch die Ebbe, oder das Ausſtrömen dieſes Gewäſſers nach dem Weltmeere, ſtärker iſt, als das Ein⸗ dringen des letztern, oder die Fluth. Die Wellen ſind, weil ihnen das Feſtland umher, die Inſeln, Klippen und Untiefen vielfachen Widerſtand leiſten, kleiner und ſanfter, ob ſie ſchon bei Stürmen, beſonders von Oſten oder Weſten, in welcher Richtung das Gewäſſer ſeine größte Ausdehnung hat, ſich kühn erheben. Auch der Himmel über dem Mittelmeere hat eine eigenthümliche Geſtalt; das Blau iſt nicht ſo hell, als in den nördlichern Himmelsſtrichen, und das Gewölk, beſonders an den Rändern, von ungemein weißer Farbe. Obſchon zu einer 67 Jahreszeit, die dem größten Theil unſerer gemäßigten Zone rauhes und naß⸗ kaltes Wetter bringt, hatten wir dennoch auf der ganzen Fahrt nur einige Tage Regen, während an den übrigen die Sonne ſo ſchön und warm, wie im nörd⸗ lichen Deutſchland zur Zeit des Sommers ſchien. Was am meiſten uns er⸗ freute, war die ungemeine Milde, welche in jenen Gegenden dem weſtlichen Winde eigen iſt, wo er, obſchon bisweilen vom Nord⸗, Oſt⸗ oder Südwind unterbrochen, zwei Dritttheile des Jahres weht. Weder zu feucht noch zu trocken, weder zu kühl noch zu heiß, ſtärkt ſein lieblicher Hauch den Körper und erheitert das Gemüth. Erſt damals lernte ich das Entzücken ganz begreifen, womit die griechiſchen und lateiniſchen Schriftſteller von den ſanften Zephyrn ſprechen, was ich früher für dichteriſche Uebertreibung gehalten hatte. Wohl kein Erdtheil erfreut ſich einer ſo heilſamen Luft, wie das Mittelmeer und die angrenzenden Länder. Zwar ſind die Lüfte, welche innerhalb der Wendekreiſe fortwährend aus dem Oſten ſtrömen, angenehm, aber dennoch ſcharf, ſo oft ſie durch Regen oder Gewitter einen Theil ihrer Wärme verlieren. Das treffliche Klima bewirkte ſchnell die Wiederherſtellung meiner Geſund⸗ heit, ſo daß ich mich wie verjüngt fühlte. Nicht minder waren meine Reiſege⸗ fährten von neuer Lebenskraft durchdrungen, die auch ihre Geiſteskräfte in regere Thätigkeit ſetzte; beſonders zeigte ſich bei einigen die Phantaſie ſehr rege. Den Blick nach dem Meere gerichtet rief L... eines Tages aus:„Warum bewegt ſich der Menſch, um von einer Weltgegend zur andern zu gelangen, auf dem Waſſer hin? Gibt es nicht Mittel, dieſen Zweck ſchneller zu erreichen? Warum ahmt man nicht die Vögel nach? Zwar hat die Erfindung des Luftballs einen Anfang dazu gemacht. Allein, dieſe Maſchine, welche blos die Leichtigkeit be⸗ fiederter Geſchöpfe, aber nicht ihre Kraft ſich fortzubewegen beſitzt, iſt noch ein roher Verſuch, und nichts anderes, als was das erſte Schiff war, ein bloßes Floß, ohne Ruder und Segel, das dem Strom überlaſſen dahin trieb. Wird es aber dem menſchlichen Verſtande wohl je gelingen, den Lnftball, bis jetzt ein bloßes Spielwerk, dergeſtalt zu vervollkommnen, daß derſelbe den Flug des Vogels ſo gut, wie das Schiff das Schwimmen des Fiſches nachahmt? Gewiß, der Menſch wird, wenn auch nach einer langen Reihe von Jahren, aus einem Lande nach dem andern durch die Lüfte ziehen. Aber was für eine ungeheuere Veränderung dürfte die Kunſt zu fliegen, unter den Erdbewohnern hervor⸗ bringen!“ Oftmals theilte unſer Freund der Aeronautik auch ſeine Gedanken über die Verbeſſerung dieſer Kunſt mit, wobei er äußerte, daß ein Luftſchiff, um den Vogel nachzuahmen, nicht mit brennbarer Luft gefüllt, ſondern ſo ein⸗ gerichtet werden müſſe, daß man die Luft heraus pumpen kann.„Denn,“ be⸗ hauptete er,„die Federkiele der Vögel ſind nicht, wie die Meiſten glauben, mit 5* Luft gefüllte, ſondern luftleere Cylinder, und ein Gebund Gänſeſpulen wiegt, nachdem man jede derſelben aufgeſchlitzt, und Luft hinein gelaſſen hat, ſchwerer als zuvor.“ Eine ſolche Maſchine müßte auch nicht wie ein Ball, ſondern ſo geſtaltet werden, daß ſie ſich eignet, die Lüfte zu durchſchneiden. Dieſelben mit einem Getriebe zu verbinden, das ſie in Bewegung ſetzt, ſchien ihm eine der minder ſchwierigen Aufgaben zu ſein. Doch von ſolchen Luftſchlöſſern ließ er nach der Ankunft in Sieilien kein Wort mehr verlauten, ſondern war froh, in dem ſchönen Lande wandeln zu können.. Eine ſehr angenehme Unterhaltung gewährten die vielen Schiffe, die uns faſt ſtündlich begegneten, ſo daß wir von der Langweile, welche den Reiſenden auf dem Ocean gewöhnlich befällt, nichts empfanden; denn in wenig Gewäſſern herrſcht ſo große Lebhaftigkeit, als in dem auf allen Seiten mit Handel trei⸗ benden Häfen umgebenen Mittelmeere. Außer den kreuzenden Kriegsſchiffen der Engländer und den ſtarken Flotten ihrer Kauffahrer, die von Sicilien, Malta, Aegypten, aus dem Archipel, oder dem ſchwarzen Meere u. ſ. w. kamen, um nach Spanien, England oder andern Weltgegenden zu gehen, ſah man hier und da einzelne amerikaniſche und ſchwediſche Fahrzeuge, und allenthalben Schwärme von einheimiſchen, die in jeder Richtung ſteuerten. Unter den letztern erregten die kleinen italieniſchen beſonders deswegen meine Aufmerkſamkeit, veeiil ihre Bauart faſt noch ganz vom grauen Alterthum herrührt, ſo daß ſie die beſte Anleitung ſind, die Beſchreibungen ganz zu verſtehen, welche die Lateiner von ihren Schiffen und deren Theilen, z. B. der Puppis und Prora, geben. Die griechiſchen Fahrzeuge erregten meine ganze Bewunderung, nicht wegen ihrer Bauart, die keineswegs vorzüglich iſt, ſondern weil ſie deſſen ungeachtet von ihren Seeleuten, die man unſtreitig zu den kühnſten von ganz Europa rech⸗ nen muß, mit großer Geſchicklichkeit geleitet wurden. Mein Wunſch, algieriſche Raubſchiffe zu ſehen, blieb diesmal unerfüllt, denn ſie waren zu jener Zeit eine ſeltene Erſcheinung auf dem Meere, da die engliſchen Kriegsſchiffe in großer Anzahl dasſelbe bewachten. Die Seefahrer der verſchiedenen Nationen am Mittelmeere, und die beſondern Arten ihrer Schiffe will ich, ſo wie die Gelegen⸗ heit, ſie näher kennen zu lernen, ſich mir darbot, in der Folge beſchreiben. An einem ſchönen Morgen erblickten wir die anmuthigen ſpaniſchen In⸗ ſeln Mallorca und Menorca uns zur Seite. Der Commodore unſerer Flotte gab das Zeichen, in den Hafen der letztern, Mahon genannt, einzulaufen, der wegen ſeiner Sicherheit und Geräumigkeit, und da er von dem gewöhnlichen Fahrwaſſer nicht weit entfernt liegt, ein bequemer Ruhepunkt für die vorüber ſegelnden Schiffe iſt. Die Inſel ſtellt eine ziemlich fruchtbare, von kleinen Hügeln durchſchnittene 69 Ebene dar, die man großen Theils gut angebaut hat. Was ich hier vor allem Andern merkwürdig fand, war die Gewohnheit der Einwohner, Schweine als Zugvieh zu benutzen. Dieſe Thiere ziehen den Pflug und den Wagen, bisweilen in Geſellſchaft mit anderem Vieh. So ſah ich ein Pferd und eine Kuh, einen Eſel und ein Schwein zuſammen geſpannt; und ſonderbar, letzteres zog unter allen am beſten. Die kleine Stadt Mahon, mit ungefähr 2100 Einwohnern, enthält viele hübſche Häuſer, die mitunter italieniſche platte Dächer, meiſtens aber, nach ſpaniſcher Art, Ziegeldächer haben. Mahon wird von einem ſtarken Fort, San Carlos genannt, vertheidigt, auch hatte es zur damaligen Zeit eine bedeutende Niederlage für die Kriegsbedürfniſſe der Engländer. Die Einwohner ſind ein herzhafter, munterer Menſchenſchlag, der übrigens, in Hinſicht der Sitten, von ſeinen Volksverwandten auf dem nahen Feſtlande wenig abweicht. Die Mehrzahl beſchäftigt ſich mit dem Fiſchen der Auſtern, an welchen das Meer in der Nähe der Küſten ergiebig iſt, und womit ein nicht unbeträchtlicher Handel getrieben wird. Nach einem faſt zweitägigen Aufenthalte liefen wir von Menorca wieder aus. Der eingetretene Oſtwind machte, daß uns erſt acht Tage nachher Sardi⸗ nien zu Geſichte kam. Von hier aber gab uns der freundliche Weſtwind von neuem das Geleit, ſo daß wir unſere Beſtimmung, Sieilien, ſchnell entgegen gingen. Am 28. November zeigte ſich bei Sonnenaufgang die höchſte Spitze dieſer Inſel, der Feuerberg Aetna, von den Einheimiſchen„Monte Gibello“ genannt. So wie wir näher kamen, vergrößerte ſich ſeine Geſtalt, bis nach und nach die übrigen Gebirge des Landes ſich aus dem Meere erhoben, die ihn, da er an der Oſtküſte liegt, unſern Blicken entzogen. Am Morgen des 29. Novembers lag die Inſel Sicilien mit allen ihren Reizen vor uns ausgebreitet. Wer könnte den herrlichen Anblick, den ſie ge⸗ währt, beſchreiben, die hohen waldigen, oder mit Kräutern geſchmückten, auf dem Gipfel in kahle Felſen übergehenden Berge, die fruchtbaren Thäler mit ihren üppigen Gewächſen, die hübſchen Städte, Flecken und Dörfer, und die wüſten ganz der Natur überlaſſenen Landſtrecken, welche blos deshalb da zu ſein ſcheinen, um die Anmuth der angebauten Gegenden zu erheben, kurz, jenen Wechſel gefälliger Anſichten, der das Auge des Beobachters nie ermüden läßt! Denken nun meine Leſer die ungemeine Milde der Luft, die das Land umgibt, und den ihr eigenen würzigen Pflanzenduft hinzu, ſo werden ſie ſich nicht wun⸗ dern, daß mich ein nie gefühltes Entzücken ergriff, als wir die Bai von Pa⸗ lermo hinauf ſegelten. Noch vor Mittag warfen wir die Anker, und zwar mitten in der Bai, einem trefflichen Standpunkte, um die ſchöne Gegend, ein weites, halbkreisför⸗ 70 mig von hohen Bergen begrenztes Thal, zu überblicken. Rechts befindet ſich der Molo oder Hafendamm, an deſſen äußerſtem Ende ein Leuchtthurm ſteht. Die im Hafen befindlichen großen Schiffe, und die ihn umgebenden Packhäuſer ver⸗ decken die Ausſicht nach den dahinter gelegenen Ländereien. Links aber ſtellt das offene Land unabſehbare Reihen von prächtigen Landhäuſern, anmuthige Gärten, Felder und Auen, ſo wie einige Landſtraßen dar, worauf zahlloſe Menſchen zu Fuß, oder in Kutſchen, zu Pferde, auf Maulthieren oder auf Eſeln, im bunten Gemiſch ſich dahin bewegen. Den Hintergrund bildet der Hafen für die kleinen Fahrzeuge, welcher, als der Eingang zur Stadt, von Geſchützwällen vertheidigt wird. Von Palermo ſelbſt iſt außer der hohen Mauer, die es umſchließt, und den vielen hervorragenden Thurmſpitzen wenig wahrzu⸗ nehmen. Bald nach unſerer Ankunft erſchien der dortige engliſche Agent, um den ſämmtlichen Transportſchiffen in Rückſicht ihrer Beſtimmung das Nähere zu eröffnen. Während einige nach Malta, nach den joniſchen Inſeln u. ſ. w. ab⸗ geſchickt wurden, erhielten die Melpomene und ungefähr noch zehn andere die Weiſung, ſich zuvörderſt, um die an Bord habenden Truppen auszuſchiffen, nach Melazzo, und dann nach Meſſina zu begeben, ein Umſtand, der mir ſehr willkommen war, da ich zu Folge meiner Empfehlungen denſelben Weg ein⸗ ſchlagen mußte; denn ſonſt wäre ich genöthigt geweſen, eine andere Gelegenheit zur Ueberfahrt zu ſuchen. Die Abreiſe wurde auf den nächſten Morgen feſt⸗ geſetzt. Den heutigen Nachmittag benutzte ich, um Palermo, der Hauptſtadt des Eilandes und damals Reſidenz des Königs beider Sicilien, einen Beſuch ab⸗ zuſtatten, der mir jedoch, wegen der allzu kurzen Zeit, und weil ich mit einigen, zu ruhiger Beobachtung nicht aufgelegten jungen Leuten in Geſellſchaft war, nur eine ſehr oberflächliche Kenntniß verſchaffte. Wir fuhren in einem einheimiſchen Boote nach dem Hafen, wo uns nicht ohne Schwierigkeiten von den Quarantäne⸗Beamten geſtattet wurde, das Land zu betreten. An einem der Stadtthore angelangt, ſetzte uns etwas im erſten Augenblick in ſtummes Erſtaunen, eine breite, unabſehbar lange Straße, mit vier bis ſechs Stockwerke hohen Häuſern, wovon jedes ſchöne eiſerne, bisweilen längs der ganzen Breite hinlaufende Altane, ungemein hohe und breite Fenſter mit grünen Gittern, ein plattes Dach, und überhaupt eine ſo großartige Bau⸗ art hatte, daß z. B. eine Schlafkammer die Stelle eines deutſchen Speiſeſaals vertreten konnte. Jeden Altan ſchmückten Töpfe mit wohlriechenden Gewächſen, und auf den Dächern breiteten Citronen⸗, Pomeranzen⸗, Feigen⸗ und andere Bäume ihre üppigen Zweige aus. Die Straße war voll Menſchen, ſo wie man deren auch auf den Altanen und Dächern erblickte; denn die Sieilier lie⸗ ben die freie Luft, die ihnen das milde Klima faſt während des ganzen Jahres geſtattet. Vor jedem Hauſe ſah man Stühle mit Tiſchen, an welchen Schnei⸗ der, Schuhmacher u. ſ. w. ihre Arbeit verrichteten, und vor vielen, beſonders den Kaffeehäuſern und den Kramläden, ſaßen müßige Geſellſchaften, großen Theils Offiziere, Mönche, Mäkler, Sachwalter, im traulichen Kreiſe beiſammen. Bedenkt man nun, daß die meiſten dieſer Leute in lebhaftem Geſpräche begriffen waren, und viele ſangen, oder auf der Guitarre, Mandoline, oder Laute ſpiel⸗ ten, daß die auf der Straße herumziehenden Waarenverkäufer ihren feilbieten⸗ den Ausruf unabläſſig mit einmiſchten, und daß überhaupt die Bewohner Siciliens mit hellen, durchdringenden Stimmen und einem geläufigen Mund⸗ werk begabt ſind; denkt man ſich ferner noch das unaufhörliche Läuten der Glocken in den Klöſtern, dann und wann auch den Hufſchlag einiger Pferde oder Maulthiere, und das Geraſſel einer Kutſche hinzu, ſo iſt leicht zu begreifen, daß dies zuſammen ein Getöſe verurſachte, welches unſere Ohren betäubte, und ſchon in weiter Ferne, wie das Summen eines Bienenſchwarms, hörbar gewe⸗ ſen war. In dem Aeußern der Einwohner— denn von ihren übrigen Eigenſchaf⸗ ten kann hier noch nicht die Rede ſein,— bemerkte ich manches, was meine Aufmerkſamkeit erregte. Sie ſind von Mittelgröße und einem etwas ſchwachen Knochenbau, wiewohl der Körper Kraft und Gewandtheit, und ein gefälliges Ebenmaß hat. Die Geſichtsfarbe iſt im Ganzen genommen bräunlich, wobei jedoch viele Abſtufungen Statt finden. Die höhern und mittlern Stände haben eine hellere Farbe, als die gemeinen Leute, welche zum Theil ſo ſehr von der Sonne verbrannt ſind, daß ſie den Mulatten in Weſtindien gleichen. Die Frauen ſehen im Ganzen weißer als die Männer aus, ſo daß viele hierin dem weiblichen Geſchlecht in Frankreich, im ſüdlichen Deutſchland, oder nördlichen Italien gleich kommen. Gebogene Naſen, ſo häufig unter den Bewohnern von Ober⸗ und Mittel⸗Italien, findet man ſelten. Die Geſichtszüge verrathen heftige Leidenſchaften, Schlauheit, und aufgeräumtes Weſen; man kann indeß behaupten, daß es unter den Männern eben ſo viel häßliche, als unter den Frauen ſchöne Geſichter gibt. Uebrigens beſitzen Palermo's Einwohner eine große Lebhaftigkeit, welche ſich, außer der ſchon erwähnten Geſchwätzigkeit, durch ein beſtändiges Geberdenſpiel und die drolligſten Grimaſſen äußert. Was die Kleidung betrifft, ſo hatte die der Vornehmen den neueſten eng⸗ liſchen Zuſchnitt, nur daß das weibliche Geſchlecht weder Hauben noch Hüte, ſondern einen weißen oder ſchwarzen Schleier als Kopfbedeckung trug. Die 72 Männer aus den niedern Volksklaſſen waren meiſtens mit kurzen Jacken und weiten Beinkleidern von blauem, zum Theil weiß und blau geſtreiften leinenem oder baumwollenem Zeuge bekleidet; viele hatten auch blos ein Hemd und Bein⸗ kleider, und weder Strümpfe noch Schuhe an. Zu den Eigenthümlichkeiten ihres Anzugs gehörte auch die ſonderbare, dem Klima wenig angemeſſene Ge⸗ wohnheit, weiße Zipfelmützen zu tragen, was den Engländern beſonders des⸗ wegen auffallend war, weil ſie in ihrer Heimath nur Miſſethäter, die dem Gal⸗ gen zugeführt werden, mit dieſer Art Kopfbedeckung auf der Straße ſehen. Die Weiber des gemeinen Volks gingen im bloßen Kopfe, hatten die Haare gefloch⸗ ten und mit Kämmen aufgeſteckt, ſo wie es in den deutſchen Städten gebräulich iſt. Ihr Anzug beſtand in Jäckchen und Röcken von demſelben Stoffe, wie der des männlichen, doch war er nicht ſelten ſo leicht und dünn, daß man ihn in nördlichen Ländern für unanſtändig halten würde. Die meiſten, welche uns auf der Gaſſe begegneten, trugen ein großes baumwollenes, in ein Dreieck zu⸗ ſammen gelegtes Tuch über den Kopf, ſo daß der hinterſte Zipfel weit über den Rücken herab hing, während die beiden andern vorn zuſammen genommen wurden, ſo wie es z. B. in Böhmen Sitte iſt. Auch waren viele in Mäntel von dunkelbrau⸗ nem Tuche gehüllt, die Kapuze über den Kopf geworfen, ſo daß nichts als die ſchwarzen Augen hervorguckten. Bei beiden Geſchlechtern zeichnete ſich die Wäſche durch eine glänzende Weiße aus. Eine andere ſtark in die Augen fallende Eigenheit im Aeußern der Leute war ihr Goldſchmuck. Die Männer trugen durchaus einen großen goldenen Ring im rechten Ohre, viele auch an allen Fingern Ringe von Gold, und die Vornehmen noch überdies prächtige Buſennadeln, Uhrketten und Petſchafte von demſelben Metall. An dem weiblichen Geſchlechte bemerkten wir, außer den goldenen Ohrgehängen, Fingerringen und Buſennadeln, auch dergleichen Halsketten und an Schnüren auf den Buſen herab hängende Schau⸗ münzen. Dieſe hervorſtechende Liebe zu gediegenem Putze ließ mich den Schluß ziehen, daß die Sicilier— wovon ich auch in der Folge mich deutlich über⸗ zeugte,— noch frei ſind von jeder Sucht nach Flitterſtaat, die in den meiſten europäiſchen Ländern überhand nimmt. Viele gut gekleidete Männer, die uns entgegen kamen, hielten ihre Regenſchirme zum Schutz gegen die Sonne über ſich ausgeſpannt. Auffälliger als dies war uns eine gewiſſe Gattung junger Herren— von den Einwohnern ſpottweiſe„Don Nineri“ genannt, worunter ſie ſich einen luftigen Stutzer denken,— welche, den Hut auf das linke Ohr gerückt, ihren rothſeidenen Regenſchirm auf der Schulter, mit gezwungenen Schritten durch die Straßen ſchlenderten, während ihr verliebter, mit einem poſſenhaften Mienen⸗ und Geberdenſpiel begleiteter Blick nach der weiblichen Welt auf den Altanen gerichtet war. 3 Die Sprache der Einwohner fand ich damals ſehr unverſtändlich, wiewohl ſie mein Italieniſch gut verſtanden; denn die Mundart der Sieilier iſt zwar mit denen des übrigen Italiens verwandt, hat aber, noch mehr als die neapoli⸗ taniſche, manche ganz verunſtaltete Wörter, ſo wie auch viel fremde Ausdrücke, aus dem Arabiſchen, Spaniſchen, Griechiſchen u. ſ. w., und wird überdem mit einem ſingenden, bisweilen widrig gedehnten Tone geſprochen, worin jedoch die verſchiedenen Landſchaften von einander abweichen. Auch vermißte ich, zwar nicht die den Bewohnern von Ober⸗ und Mittel⸗Italien eigene Helligkeit und Stärke, oft aber den lieblichen Metallklang der Stimme, ſo wie das feine muſikaliſche Gehör derſelben. Eine Seitenſtraße führte uns auf einen Platz, wo hübſche Miethkutſchen ſtanden, wovon wir eine beſtiegen, um uns deſto ſchneller einen Ueberblick von Palermo zu verſchaffen. Wir kamen nun in kurzer Zeit durch eine Menge Straßen und freie Plätze, wo wir dieſelbe Pracht der Gebäude, dieſelbe Leb⸗ haftigkeit der Einwohner, wie bei unſerem erſten Eintritt in die Stadt, wieder fanden. Ueberdem ſtellten ſich prächtige Kirchen und weitläufige Klöſter, an⸗ muthige Gärten und Alleen, ſchöne Springbrunnen, ſo wie herrlich geſchmückte, reiche Gewölber, unter welchen die der Goldſchmiede ſich vorzüglich auszeich⸗ neten, und andere bemerkenswerthe Gegenſtände in großer Anzahl unſern Blicken dar. In den Nebengaſſen ſahen wir zwar kleinere, aber dennoch maſſive und hübſch gebaute Wohnungen. In einigen dieſer Gaſſen waren viele Weber⸗ ſtühle aufgeſtellt, worauf leinene, baumwollene oder ſeidene Zeuge, Spitzen u. ſ. w. verfertigt wurden. Hin und wieder kamen uns auch Geſellſchaften jun⸗ ger Leute zu Geſicht, welche vor den Häuſern tanzten, und zwar nach dem Schalle des mit Klapperhölzern begleiteten Tambourin, der gewöhnlichen Tanz⸗ muſik des gemeinen Volks in Sicilien. Auf einem freien Platze wurden Sol⸗ daten, ein blau gekleidetes Regiment und die königliche Garde in rother Uni⸗ form, in den Waffen geübt, deren Leiſtungen aber die Anforderungen meiner beiden Geſellſchafter, die Kriegsmänner waren, wenig befriedigten. Das von fern ſich zeigende Schloß des Königs, ein altes, düſteres, mit Mauern umgebe⸗ nes Gebäude, welches mit den glänzenden Bürgerhäuſern einen ſeltſamen Abſtich macht, erregte in uns kein Verlangen, es in der Nähe zu betrachten. Ungeachtet der Schnelligkeit unſeres Fuhrwerks, dauerte es drei volle Viertel⸗ ſtunden, bevor wir das dem Hafen entgegen geſetzte Ende der Stadt erreichten; denn Palermo— eine Stadt von 180,000 Einwohnern— dehnt ſich in die⸗ ſer Richtung über das ganze weite Thal aus, während ihre Breite nicht beträcht⸗ lich iſt, daher ſie auch, von der Seeſeite, ihre Größe wenig ahnen läßt. Auf dem Rückwege fuhren wir an der Außenſeite der Stadt hin, weil die Straßen — 74— derſelben in der vierten Stunde des Nachmittags, um welche Zeit es jetzt war, ſich mit feierlichen Aufzügen der Mönche füllten, die jedem Fußgänger nieder⸗ zuknieen, und jedem Wagen ſtille zu halten geboten. In einiger Entfernung vom Hafen lenkten wir wieder in die Stadt ein. Der große, mit den trefflichſten Früchten und Lebensmitteln aller Art bedeckte Markt, über welchen wir kamen, erinnerte uns, über der ſchönen Augenweide, die der heutige Tag uns gewährte, die Erquickung des Magens nicht zu vergeſſen. Wir ſtiegen daher vor einem nahe gelegenen Kaffeehauſe ab, wo unſern Wünſchen ſchnell und auf das Beſte abgeholfen wurde. Zugleich gab man uns hier Gelegenheit, zum erſten Male die Bemerkung zu machen, daß die Sicilier viel Höflichkeit beſitzen, beſonders wenn einiger Gewinn davon zu hoffen iſt. Geſtärkt an Leib und Seele begaben wir uns auf den Weg, um die Flora oder, wie die Engländer ſie zu nennen pflegten, der Königin Garten in Augen⸗ ſchein zu nehmen. Jetzt wurden die prächtigen Häuſer und ihre lebhaften Ein⸗ wohner etwas in den Hintergrund geſtellt, da ich Manches bemerkte, was mir bisher entgangen war, unter andern den vielen Schmutz in den Straßen— eine Eigenheit aller ſiciliſchen Städte—, der jedoch, weil er meiſtens in auf⸗ gehäuften Pomeranzen⸗ nnd andern Fruchtſchalen beſtand, nicht widrig war. Wir begegneten auf dieſem Spaziergang einer Geſellſchaft von Meſſina kom⸗ mender Reiſenden, in einer vierſitzigen Sänfte, welche von acht mit Glocken und Schellen behangenen Maulthieren getragen wurde; die Treiber gingen neben her, und ein bewaffneter Landreiter gab das Geleit. Bald darauf kam der König in einer altmodiſchen Chaiſe, und ohne alles Gefolge, langſam daher gefahren. Schwerlich würden wir ihn erkannt haben, wenn nicht das Volk, mit entblößtem Haupte, ſich um ihn geſammelt und„Viva Ferdinando, viva!e gerufen hätte. Der König richtete ſich in die Höhe und dankte. Er war ein langer, kräftig gebauter Mann, mit einem länglichen, blühenden Geſicht, mit gebogener Naſe, blauen Augen, etwas groben, aber Gutmüthigkeit verkünden⸗ den Zügen. Er ſoll anſtrengende körperliche Uebungen ungemein geliebt, und beſonders an den Arbeiten der Fiſcher, ſo wie auch denen der Schmiede und anderer Metallarbeiter Vergnügen gefunden haben. Sehr gerühmt wurde ſeine Wohlthätigkeit, und beſonders ſeine Anhänglichkeit am Volke, indem er nicht ſelten, verkleidet und auf andere Art unkenntlich gemacht, ſich in den Wein⸗ und Kaffeehäuſern unter dasſelbe miſchte. Minder günſtig war ihm der Ruf in Hinſicht ſeiner geiſtigen Eigenſchaften, und ſeiner Fähigkeit, Staatsſachen zu leiten, was er ausſchließlich den Miniſtern überließ. Auch kam ſein Hang zu Ausſchweifungen oft zur Sprache; man erzählte bald von dem einen, bald von dem andern Mädchen oder Weibe, das er verführt und dann in einem Kloſter 55 verſorgt hatte. Dieſer unmoraliſchen Lebensweiſe ſchrieb man auch den Umſtand zu, daß er an den Händen mit einem unheilbaren Ausſchlage behaftet war, der ihn nöthigte, beſtändig Handſchuhe zu tragen. Was die Flora betrifft, ſo will ich die Beſchreibung derſelben auf eine andere Zeit verſparen, und hier nur bemerken, daß dieſer Garten, obſchon er in einem nördlichern Himmelſtriche die größte Bewunderung erregen würde, dennoch die Erwartung nicht befriedigte, wozu die Milde des Klima's und die üppige Fruchtbarkeit des Landes uns zu berechtigen ſchien. Vergebens ſuchten wir z. B. Palmen und andere Gewächſe der wärmern Erde, dergleichen uns in mehren Kloſtergärten zu Geſicht gekommen waren. Sobald die Abenddämmerung einbrach, kehrten wir, um einige Vorberei⸗ tungen zur Fortſetzung unſerer Reiſe zu treffen, nach dem Hafen und an Bord der Melpomene zurück. 9. Abfahrt nach Melazzo.— Aetna.— Bemerkungen, die geographiſche Lage eines Kuſtentheils und die damaligen politiſchen Verhältniſſe Siciliens betreffend. Beſchreibung der Stadt Melazzo.— Fahrt nach Meſſina. 3 Die Melpomene ging, mit den ihr beigeſellten Transportſchiffen, am frühen Morgen nach Melazzo unter Segel. Dieſe Fahrt hatte nicht die An⸗ nehmlichkeiten, welche wir gehofft hatten. Der rauhe Nordoſt und das von ihm beunruhigte Meer, ſo wie die heftigen, mit Blitz und Donner begleiteten Regen⸗ ſchauer, gaben uns einen hinreichenden Beweis, daß Sicilien nicht frei von un⸗ angenehmer Witterung iſt. Während der Nacht vernahmen wir das furchtbare Getöſe des Aetna, und ſahen ihn zu mehren Malen, hinter den Bergen der Küſte, Feuer auswerfen. Solche Ausbrüche finden faſt jeden Monat Statt, und ſind meiſtens mit Sturm und Gewittern verbunden. Sie ſetzen die Ein⸗ wohner nicht in Schrecken, da der ausgeworfene brennende Stoff gewöhnlich nur die öden höhern Theile des Feuerberges trifft, während die am Fuße gele⸗ genen, ja, bisweilen weit davon entfernte Landſtriche mit einer befruchtenden Aſche überſchüttet werden; jedoch geſchieht es manchmal, daß dieſelbe in der Nähe von Catania beim Niederfallen noch verſengt, und die unter freiem Him⸗ mel befindlichen Menſchen und Viehheerden tödtet. Aengſtlich iſt es den Sici⸗ liern, wenn die Ausbrüche des Aetna lange Zeit unterbleiben, weil dies ein Erdbeben befürchten läßt.— Unter heftigen Regengüſſen langten wir, nach einer faſt dreitägigen Fahrt, im Hafen von Melazzo an. 76 Bevor ich jedoch im Erzählen fortfahre, will ich für meine jüngern Leſer über die geographiſche Lage desjenigen Theiles von Sieilien, womit ich in der Folge mich viel beſchäftigen werde, ſo wie, über die damaligen, damit in Bezug ſtehenden politiſchen Verhältniſſe des Landes, einige allgemeine Bemer⸗ kungen vorausſchicken. Melazzo liegt an der nördlichen Küſte, ungefähr ſechs deutſche Meilen vom Eingang in die Meerenge von Meſſina, welche die Oſt⸗ küſte des Eilandes von Calabrien ſcheidet. Den Eingang in die Meerenge bildet eine Landſpitze, welche ſich ſo weit nach der jenſeitigen Küſte hinüber ſtreckt, daß das Meer dazwiſchen kaum eine halbe Stunde breit iſt. Auf der genannten Spitze ſteht ein Leuchtthurm, den man, nach dem Pharus bei Alexan⸗ drien in Argypten,„Faro“ genannt hat, eine Benennung, die ſpäterhin auf die Meerenge übergegangen iſt, ſo daß ſie gewöhnlich„Faro di Meſſina“ heißt. Uebrigens führt der beim Leuchtthurm gelegene Flecken, ſo wie die ganze Land⸗ ſpitze denſelben Namen. Eine Meile ſüdlich davon liegt die Stadt Meſſina, wo die Breite des Meeres ſchon bedeutend zunimmt, ſo daß ſie ungefähr zwei Drittel einer Meile beträgt. An der calabriſchen Küſte befinden ſich in dieſer Gegend die Städte Seiglio“*) und Reggio, erſtere der Faroſpitze, letztere Meſ⸗ ſina gegenüber. 4 Seit mehren Jahren hatten die Franzoſen, wie ganz Ober⸗ und Mittel⸗ Italien, ſo auch Neapel in Beſitz genommen, und in letzterem regierte ſeit 1808 Napoleons Schwager, der König Joachim. Er bedrohte Sieilien, wohin der rechtmäßige König Ferdinand IV. geflüchtet war, und würde dieſe Inſel gewiß erobert haben, wäre ſie nicht von den Engländern in Schutz genowmen und mit Nachdruck vertheidigt worden. Dieſe fremden Vertheidiger hatten das Land mit einer Armee von 25 bis 30,000 Mann beſetzt, die in den wichtigſten Plätzen, beſonders in Melazzo, längs dem Faro und in Meſſina ſtanden. Ueberdem unterhielten ſie eine Flotte von mehr als hundert mit Siciliern be⸗ mannten Kanonenbooten, die von Offtzieren ihrer Marine befehligt waren, ſo wie auch einige ihrer Linienſchiffe, Fregatten, Brigs u. ſ. w. fortwährend die Küſte bewachten. Mit großen Koſten hatten ſie die feſten Plätze in beſſern Stand geſetzt, einige kleine Häfen zur Aufnahme der Kanonenboote längs dem Faro angelegt, und mancherlei andere Anſtalten zur Vertheidigung des Landes getroffen. Daher konnte das in Calabrien verſammelte franzöſiſche Heer den Plan, in Sieilien zu landen, nicht ausführen; die Verſuche, die es Anfangs ) Seiglio liegt am Abhange des in's Meer hervorragenden ſteilen Felſen, der im Alter⸗ thum unter dem Namen„Scylla“ ſo berüchtigt war. Auf dem Gipfel dieſes Felſen befindet ſich ein Caſtell. 77 4 machte, von Seiglio nach der gegenüber liegenden Landſpitze überzuſetzen, wur⸗ den ſo kräftig abgewieſen, daß nach der Zeit keine Wiederholung erfolgte. Ge⸗ trennt durch das Meer, ſtanden beide Armeen Jahre lang einander im Geſicht, ohne daß weder die eine noch die andere entſcheidenden Vortheil erlangte. Die Ueberlegenheit der engliſchen Seemacht fürchtend, begnügten ſich die Franzoſen auf die durch den Faro ſegelnden Schiffe des Feindes zu feuern, da ſie nicht verhindern konnten, daß dieſer von den Batterien auf der Faroſpitze faſt täglich Bomben nach Seiglio warf, und mit ſeinen Kanonenbooten die Küſten beun⸗ ruhigte, die Städte Reggio, Seiglio u. ſ. w. beſchoß, ihre Fahrzeuge nicht nur in der Meerenge, ſondern ſelbſt in den Häfen nahm, verbrannte oder ver⸗ ſenkte, mehre Batterien zerſtörte, die Landhäuſer plünderte, ſo wie die auf den Landſtraßen dahin ziehenden beladenen Maulthiere überfiel und fortführte. Zu der Zeit, als ich in dieſe Gegenden kam, war ein Theil des engliſchen Heeres, um die Armee des Lord Wellington zu verſtärken, nach Spanien abgegangen, ſo wie auch das franzöſiſche, wegen des Krieges, den Napoleon im Norden beabſichtigte, ſich vermindert hatte. Ueberhaupt begann der Kriegseifer beider Theile allmälig nachzulaſſen. Sie waren mit einander überein gekommen, daß die calabriſchen Städte, ſo wie die durch den Faro ſegelnden engliſchen und ſiciliſchen Schiffe, mit Ausnahme der Kriegsſchiffe, nicht mehr beſchoſſen wer⸗ den ſollten. Deſſen ungeachtet dauerte die Thätigkeit der ſiciliſch⸗engliſchen Kanonenboote, um an den Küſten des Feindes Beute zu machen, und die Ge⸗ wäſſer von ſeinen Kaperſchiffen rein zu halten, ununterbrochen fort. Noch häu⸗ fig wurden Kundſchafter von den Engländern nach Calabrien, und von den Franzoſen nach Sicilien abgeſchickt, um den Stand der Dinge zu erforſchen. Auch entdeckte man bisweilen unter den Einwohnern der Inſel Uebelgeſinnte, die ein geheimes Einverſtändniß mit den Franzoſen unterhielten; denn obſchon der größere Theil des ſiciliſchen Volks unter dem Schutze der Engländer, durch welche der Handel und die Gewerbe ſich bedeutend hoben, in ungewöhnlichem Wohlſtand und ſehr zufrieden lebte, ſo litten doch die höhern Stände durch die mannigfache Beſchränkung ihrer Freiheiten, und überhaupt die gewerbloſen Ein⸗ wohner, weil die Unterhaltung der fremden Truppen und Seeleute den Preis der Lebensmittel und faſt aller Bedürfniſſe ſteigerte, ſo daß Viele, ohne die mit der Regierung unzufriedenen Menſchen zu rechnen, eine Veränderung der Dinge wünſchten und zu befördern ſuchten. Man nannte dergleichen Leute„Jacobi⸗ ner“, und der Pöbel war unaufhßörlich beſchäftigt, ſie ausfindig zu machen. Es fanden daher Verhaftungen und Verhöre, Hinrichtungen und andere Strafen häufig Statt. Obſchon am Tage nach unſerer Ankunft in Melazzo der Regen nicht völlig nachgelaſſen hatte, wurden dennoch die Truppen ſammt ihrem Gepäck ausge⸗ ſchifft. Mittlerweile ergriff ich die Gelegenheit, die Stadt und das engliſche Lager zu beſehen. Die Stadt liegt auf einer ſchmalen Erdzunge, welche von Süden nach Norden ¾ Stunde weit in das Meer ſich erſtreckt, und Anfangs eine Ebene, aber nach der Spitze hin, die man„das Cap Melazzo“ nennt, Berge bildet. Sie breitet ſich in der Ebene aus; doch ſteigt ein Theil den Berg hinan. Das Straßenpflaſter beſteht aus ſehr feſten und großen, zwei, drei und mehr Ellen breiten Steinen, eine Eigenheit aller ſieiliſchen und überhaupt ita⸗ liſchen Städte. Die Häuſer ſind durchaus von Stein und dauerhaft gebaut. Die meiſten haben platte Dächer, Altane von Stein, Holz oder Eiſen, aber nur Ein Stockwerk. Viele beſtehen, wie es in den kleinern Städten und den Dörfern des Landes Sitte iſt, blos in einem Erdgeſchoß, und zwar in einem einzigen Gemache, das ſeinen Bewohnern zugleich als Wohn⸗ und Arbeitsſtube, als Schlafkammer, Küche und Keller, oft auch ihren Hühnern, Enten, Gänſen und Tauben, ihren Kaninchen, Igeln, Meerſchweinen und andern Hausthieren zum Aufenthalte dient. Solche Wohnungen haben ein etwas abſchüſſiges, mit Hohlziegeln gedecktes Dach. Nicht ſelten fehlt es ihnen an Schornſteinen, ſo wie an Fenſtern, daher die Thüren am Tage faſt immer offen ſtehen. Es gibt indeß eine bedeutende Menge hoher und geräumiger, großartig angelegter Ge⸗ bäude. Auch ſchmücken hübſche Kirchen und reiche Klöſter die Stadt. Was derſelben zur beſondern Zierde gereicht, ſind die vielen hübſchen Gärten an den Häuſern, deren üppige Gewächſe die Luft mit Wohlgerüchen durchwürzen. Die Einwohner von Melazzo, ungefähr 5800 an der Zahl, beſchäftigten ſich haupt⸗ fächlich mit dem Thunfiſchfang; zur Zeit meiner Ankunft hatten ſich, weil die Stadt das Hauptquartier des engliſchen Heeres, und der Aufenthalt vieler vor⸗ nehmer Sicilier war, mehre reiche Kaufleute hier niedergelaſſen. Ueberdem war der Handelsgeiſt ziemlich allgemein erwacht; in den meiſten Häuſern verkaufte man einige Gegenſtände, als Wein, Liqueur, Früchte oder andere Lebensmittel, oder auch Kleidungſtücke u. ſ. w. Auf den Straßen trugen unaufhörlich Men⸗ ſchen ihre Waaren zum Verkauf herum, ſo wie andere mit neuen Vorräthen aus dem Innern des Landes anlangten. Ungeachtet des vorhandenen Ueberfluſſes an Lebensmitteln, machte ich die Bemerkung, daß ſie an keinem Orte Sieiliens ſo theuer, als in Melazzo waren, wovon der Grund nicht allein in der ſchwel⸗ geriſchen Lebensweiſe und dem übermäßigen Bedarf der Engländer, ſondern auch in der allzugroßen, oft unbeſonnenen Freigebigkeit derſelben lag. Als ſie erſt aus der Heimath gekommen, und noch reichlich mit Geld verſehen waren, hatte mancher z. B. ein Ei und dergleichen mit einem Schilling bezahlt, obſchon in der Regel drei bis vier Dutzend kaum ſo viel koſteten. 4 9 Nicht weit von der Stadt, auf einem Berge nach der Landſpitze hin, befindet ſich ein ſtarkes Caſtell, welches damals von engliſchen Truppen beſetzt und in gutem Vertheidigungsſtande war. Dieſe Feſtung hält man für die wichtigſte der ganzen Inſel. Sie iſt ſo weitläufig und ſtets mit ſo viel Mund⸗ vorrath verſehen, daß die ſämmtlichen Einwohner von Melazzo und ſeiner Umgegend ſich im Nothfall dahin flüchten können. In ältern Zeiten lag die Stadt innerhalb ihrer Werke; ſie wurde aber von den Saracenen zerſtört, ſo daß außer der Hauptkirche, welche man ſeitdem prächtig wieder aufgebaut hat, nur noch Steinhaufen und einige Ruinen davon übrig ſind. Außer andern merkwürdigen Einrichtungen ſoll das Caſtell auch die haben, daß es durch einen unterirdiſchen Gang mit Barcelona in Verbindung ſteht, einem hübſchen, landeinwärts gelegenen Flecken, deſſen Umgegend ſich einer unge⸗ meinen Fruchtbarkeit erfreut; daher das Proviantweſen der engliſchen Armee hier ſeinen vorzüglichſten Sitz hatte. Am äußerſten Ende der Erdzunge befindet ſich ein Leuchtthurm, wo zu jener Zeit eine ſtarke Wache engliſcher Soldaten, beſonders Jäger, ſtand. Dieſe Stelle bietet eine herrliche Ausſicht über das Meer, nach der nahen, ſtets brennenden Inſel Volcano und den andern, weiter entfernten lipariſchen Inſeln dar, unter welchen Stromboli, ebenfalls ein fortwährend brennender Vulkan, hoch emporragt. Bei heiterem Wetter kann man auch einen großen Theil der calabriſchen Küſte, und faſt die ganze Nordküſte Siciliens überſehen. — Nicht weit vom Leuchtthurm befindet ſich eine kleine, im Felſen ausge⸗ hauene Kapelle, S. Antonio genannt, worin man zum Beſten der Fiſcher bis⸗ weilen Gottesdienſt hält, daher vom Meere Stufen hinaufführen. Dicht dabei iſt die Felſenwohnung eines Einſiedlers, berühmt bei ſeinen Landsleuten durch ein Freudenfeſt, das er jährlich an einem beſtimmten Tage den Einwohnern von Melazzo gibt, und wobei er die aus allen Ständen gemiſchten Gäſte, welche ſich meiſtens auf einige Tauſend belaufen, von den milden Gaben be⸗ wirthet, die er das ganze Jahr hindurch im Lande geſammelt hat.— Die Berge zwiſchen dem Caſtell und der Landſpitze ſind mit Weinſtöcken bepflanzt, die einen trefflichen Muskatwein liefern. Das Land im Süden von Melazzo ſtellt eine weite, fruchtbare Ebene dar, im Hintergrunde von einer Reihe hoher Berge begrenzt, die von Oſten nach Weſten das Land durchziehen, und erſt in einiger Entfernung vom Faro ſich verflächen. Dieſe Berge ſind mit Wäldern bedeckt, welche Eichen⸗, Nuß⸗ und Kaſtanienbäume und andere harte Hölzer enthalten, daher ſie— denn die gewöhnliche Feuerung der Siecilier beſteht in Holzkohlen,— viele Kohlenbrenner beſchäftigen, was ſich durch den Rauch verkündigt, der beſtändig aus ihnen emporſteigt. Das engliſche Lager war, nicht weit hinter Melazzo, auf einer ſandigen Stelle beim Kloſter S. Papino errichtet. Es beſtand in niedrigen, aus Bal⸗ kenwerk und Ziegeln zuſammengeſetzten Häuſern*). Die der vorderſten Reihe, wovon jedes eine Compagnie Soldaten faßte, ſtanden nach der Breite ziemlich dicht an einander. Sie hatten keine Fenſter, aber vorn und hinten ein großes Thor, ſo daß man, je nachdem der Wind und das Wetter es erlaubten, bald das eine bald das andere, oder beide zugleich öffnen konnte, um Licht und friſche Luft einzulaſſen. Die dahinter befindlichen, von den Offizieren bewohnten Häu⸗ ſer ſtanden auch in Reihen, aber weitläufiger, und zeichneten ſich durch eine beſſere Bauart, z. B. durch Fenſter mit grünen Gittern, aus. Die Truppen ſtellten, obſchon gleichförmig gekleidet, eine ziemlich bunte Menſchenmaſſe dar, denn ſie beſtanden außer den engliſchen, ſchottiſchen und iriſchen, aus Hannoveranern, die deutſche Legion genannt, aus Schweizern, Neapolitanern und Calabriern, aus Griechen u. ſ. w. Ich fand ſie in großer Lebhaftigkeit; ſie waren eben, von ſiciliſchen Waarenverkäufern umgeben, mit dem Abendeſſen oder mit deſſen Zubereitung beſchäftigt. Meine Aufmerkſamkeit erregten beſonders einige neapolitaniſche Offtziere, welche, da es regnete, mit Schirmen über ſich ausge⸗ ſpannt daher ritten— eine Sitte, die ich beim Militär anderer Nationen nie bemerkt habe. Nach einem zweitägigen Aufenthalt in Melazzo trat unſere Melpomene, begleitet von einigen andern Transportſchiffen, beim ſchönſten Wetter die Reiſe nach Meſſina an. In kurzem lag die Faroſpitze mit ihrem Leuchtthurm, ſo wie die hohen Gebirge Calabriens mit Seiglio an der Küſte, deutlich vor uns. Bald ſahen wir auch eine Menge ſieiliſcher Ruderboote am Eingang der Meerenge ſich verſammeln, um uns, nöthigen Falls, bei der Durchfahrt Bei⸗ ſtand zu leiſten. Sonderbar überraſchend für uns war es, daß mehre Fahr⸗ zeuge mit ſüdlichem Winde aus dem Faro kamen, während wir vom weſtlichen dahin geführt wurden, noch mehr aber, daß in dem Augenblick, als wir den Eingang erreichten, der plötzlich nach Norden ſich drehende Wind unſere Schiffe mit vieler Kraft hinein trieb; denn die Winde richten ſich in der Meer⸗ enge ſtets nach der Strömung des Meeres, ſo daß zur Zeit der Ebbe— die gerade jetzt eingetreten war,— ein nördlicher, und während der Fluth ein ſüdlicher ſich erhebt, wenn auch in den übrigen Theilen Sieiliens ganz ver⸗ ſchiedene wehen**). *) Dieſe Häuſer hatte man gebaut nicht nur wegen des langen Aufenthaltes der engliſchen Truppen, ſondern weil auch die früher aufgeſchlagenen Zelte in einem ſchrecklichen Gewitter vom Sturme zerſtört, und viele Soldaten vom Hagel erſchlagen worden waren. **) Ebbe nennt man im Faro die von Norden nach Süden, und Fluth die von Süden 81 Bei der Einfahrt in den Faro kamen wir der calabriſchen Küſte ſo nahe, daß man die franzöſiſchen Wachen auf den Batterien das Heraus(aux armes) rufen hörte, und ihre Gewehre im Sonnenſchein glänzen ſah. Von der hier befindlichen Rema, ſo wie weiterhin von der Charylla, den ſonſt unter den Namen„Seylla und Charybdis“ bekannten Meeresſtrudeln, ward ich diesmal wenig gewahr; ſie ſind in unſern Tagen den Schiffern nur in einem Sturme gefährlich, und bei weitem nicht mehr ſo fürchterlich, als ſie es zur Zeit Vir⸗ gils, Ovids u. ſ. w. waren, welche ſich wetteifernd bemüht haben, das Auf⸗ fallende dieſer Naturerſcheinung zu ſchildern, wovon der Grund hauptſächlich in dem ſchlechten Zuſtande der damaligen Schifffghrt lag. Der reißende Strom und der heftige Wind führten uns wie im Fluge dicht an der ſieiliſchen Küſte, bei den lebhaften Flecken und Dörfern, den anmuthigen Gärten, Feldern und Wieſen, bei den zahlreichen Gruppen der mannigfach beſchäftigten Einwoh⸗ ner, wie den wachenden Schaaren engliſcher Krieger, nach dem hohen Berge hin, an deſſen Fuße das freundliche Meſſina uns entgegen lächelte. Es war kaum eine halbe Stunde verfloſſen, als wir die ſchöne, von Spaziergängern, von Kutſchen, Pferden, Maulthieren und Eſeln wimmelnde Allee erreichten, die eine Viertelmeile vor der Stadt beginnt, und ſich längs dem Geſtade dahin zieht. Bald kamen wir bei den im Waſſer ſtehenden Badehäuſern, und bei den hölzernen Baracken vor der Stadt vorbei, welche die Einwohner aufbauten, um zur Zeit eines Erdbebens eine ſichere Zuflucht zu haben. Nach wenig Augenblicken lief unſere Melpomene in den ſchönen großen Hafen ein, und warf im innerſten Ende desſelben, dicht an einem Stadttheile, den man„Terra nuova“ nennt, die Anker. Ich kann nicht beſchreiben, was für Eindrücke der erſte Anblick von Meſſina auf mich machte. Palermo erfüllte mich zwar mit freudigen Gefühlen, aber ungleich mehr war dies in Meſſina der Fall, obſchon jene Stadt unbe⸗ ſtreitbare Vorzüge vor dieſer beſitzt, und ungeachtet die den ſiciliſchen Land⸗ ſchaften eigenen Reize mir nicht ſo neu, wie damals, waren. Die günſtige Lage iſt es, was Meſſina vor vielen hundert großen Städten einen ausgezeich⸗ neten Vorrang gibt. Der Grund, worauf dasſelbe liegt, erhebt ſich auf allen Seiten, ſo daß die Häuſer, Thürme und Gärten hinter einander erſcheinen, ohne den Geſichtskreis zu beſchränken; daher es auch, obſchon nicht halb ſo groß als Palermo, dieſe Stadt an Größe zu übertreffen ſcheint. Die Haupt⸗ ſtraßen laufen in gerader Richtung von der Höhe nach dem Hafen herab, wo nach Norden gerichtete Meeresſtrömung. Beide wechſeln alle ſechs Stunden; doch veranlaſſen anhaltende Stürme bisweilen eine Abweichung von dieſer Regelmäßigkeit. Richter's Reiſen. II. 6 — 82 man mehre derſelben, nebſt einigen dazwiſchen liegenden Marktplätzen, auf einmal überſehen kann. Die Gegenſtände, welche unter der weit ausgedehnten Häuſermaſſe am meiſten in's Auge fallen, ſind die vielen ſchönen, theils mit Kuppeln, theils mit Thürmen verſehenen Kirchen, die weitläufigen Klöſter, einige prächtige Hoſpitäler, eine Menge Paläſte, und das Kaſtell, das am obern Ende auf einem etwas abgeſonderten Hügel liegt. Auf allen Seiten hinter der Stadt nimmt man Landhäuſer, Gärten oder Gebüſche wahr, bis endlich in einer gewiſſen Höhe des Berges die Gegenſtände undeutlich werden, und in ein mannigfach ſchattirtes Grün übergehen. Ein höchſt intereſſantes Schauſpiel bietet der Hafen mit ſeinen Umgebungen dar. Er wird von einer Erdzunge gebildet, die das Meer halbkreisförmig vor der Stadt umſchließt, ſo daß, nach dem Faro hin, ein ſchmaler Eingang offen iſt. Auf dieſer Erd⸗ zunge befindet ſich eine Citadelle, die einen Leuchtthurm enthält, und an deren innerer Seite das Lazzeretto liegt, ein weitläufiges Gebäude, wo die aus ungeſunden Gegenden angekommenen Schiffsmannſchaften und Reiſenden Quarantäne halten müſſen. Es herrſchte bei meiner Ankunft eine ungemeine Lebhaftigkeit im Hafen. Außer vierzig engliſchen Transport⸗, einigen kleinen Kriegsſchiffen und fünf und zwanzig Kanonenbooten, befanden ſich hier viele engliſche und ſiciliſche Kauffahrer, ſo wie auch einige griechiſche, türkiſche, ruſ⸗ ſiſche, ſchwediſche, amerikaniſche; und zahlloſe heimiſche Boote fuhren, um Leute überzuſetzen, oder Lebensmittel und andere Waaren zu verkaufen, in allen Richtungen hin und her. Die an den Hafen grenzenden, mit der Vorderſeite nach ihm gekehrten Häuſer laufen in einer weit ausgedehnten Reihe fort. Sie haben nicht mehr als ein Geſchoß, und nur einige ſeit kurzem erbaute ſind drei oder vier Stock⸗ werke hoch; denn in dem letzten großen Erdbeben(1783) wurden ſie faſt gänz⸗ lich zerſtört, daher man beim Wiederaufbau derſelben nicht gewagt hat, ihnen eine größere Höhe zu geben. An dem nördlichen Ende der Häuſerreihe liegen noch einige Gebäude in Trümmern, ſo wie auch das ſüdliche durch ſeinen Namen„Terra nuova“, d. i. neues Land, weil es aus dem Meere ſich erhoben hat, fortwährend an jene ſchreckliche Naturbegebenheit erinnert. Zwiſchen den Häuſern und dem Waſſer zieht ſich eine breite, jedoch nicht gepflaſterte Straße hin, welche man die„Marina“, d. h. Strand der Seeufer, zu nennen pflegt. Hier befindet ſich ein hölzernes, grün angeſtrichenes Wachhaus für die Beam⸗ ten der Sanität, ſo wie in einiger Entfernung eins für die Zollbeamten. Auch hat man die Straße mit mehrern Brunnen verſehen, und mit ſchönen Bildſäulen geziert, unter welchen die des Neptun die meiſte Aufmerkſamkeit erregt. Faſt jedes Haus an der Marina enthält einen Kramladen, oder iſt ein Kaffee⸗, Weinhaus oder ſonſtiger Luſtort. Dies und der ſtarke mit den Schif⸗ fen getriebene Verkehr, verbunden mit der großen Munterkeit der Sieilier, gibt dieſem Stadttheil eine Lebhaftigkeit, die ſich mit Nichts vergleichen läßt. Im Ganzen ſah ich hier dasſelbe Schauſpiel, wie in den Straßen von Pa⸗ lermo, nur daß die Auftritte vielfacher und auffallender waren, und ſchneller wechſelten. Außer dem vielen Seevolk, das ein buntes Gemiſch von verſchie⸗ denen Nationen, von Engländern und Siciliern, Griechen, Türken u. ſ. w. darſtellte, kam bald eine Geſellſchaft ſich berathſchlagender Kaufleute und Mäkler, bald ein Trupp engliſcher Soldaten, ein feierlicher Aufzug der Mönche, oder ein Haufe Pöbel vorbei, ſo wie auch Kutſchen und Leute zu Pferd, auf Maulthieren oder Eſeln, und mit Säcken, Fäſſern oder Körben beladene Thiere in ſchneller Folge vorüberzogen. Es ſchlenderten viele gemeine Weiber, um⸗ geben von ſpielenden, meiſtens blos mit einem Hemd bekleideten Kindern, auf der Straße umher, indem ſie einen mit Flachs umwundenen Stock in der linken Hand hielten, und mit der rechten ihn abſpannen. Hier und da, beſon⸗ ders um die Bildſäule des Neptun, ſaßen an kleinen Tiſchen Leute, die für Andere Briefe ſchrieben. Vor allen Häuſern ſah man Geſellſchaften theils bei der Arbeit theils müßig ſitzen; Viele tanzten nach dem Takte der Muſik, die man mit dem Tambourin machte. Auf den Altanen zeigten ſich Frauen, be⸗ ſchäftigt, auf irdenen Kohlfeuern Eſſen zu kochen, Betten zu lüften, Wäſche an herausgeſteckten Stangen zu trocknen, oder die Guitarre zu ſpielen. Häu⸗ fig kamen Bettler zum Vorſchein, die auf Sackpfeifen Klagelieder vor den Häuſern anſtimmten, ſo wie milde Gaben einſammelnde Mönche, worunter derjenige beſonders meine Aufmerkſamkeit erregte, welcher einen aus Wachs geformten Kopf des Johannes in der Hand hielt, und fortwährend durch den Ausruf„San Giovanni!“ ſeine Gegenwart zu erkennen gab. Was meine Verwunderung erregte, war die Abhärtung, Gewandtheit und Arbeitſamkeit einiger aus Calabrien geflüchteten Bauerweiber, welche die Ladung für einen Kauffahrer, Säcke von 150 Pfund an Gewicht, aus der weit entfernten Nieder⸗ lage, und zwar auf dem Kopfe herbei trugen. Doch wer könnte alle die Gegen⸗ ſtände, die an der Marina das Auge feſſelten, beſchreiben! Da überdem die Sinne des Beobachters auf vielfach andere Weiſe beſchäftigt wurden, durch die ſtets thätigen Telegraphen auf dem Caſtell und in der Citadelle, durch die in der Meerenge ſegelnden Schiffe, und die anmuthige calabriſche Küſte, durch die dann und wann fallenden Begrüßung⸗ oder Signalſchüſſe, das öftere Läuten der Glocken auf den Kirchen und Klöſtern, bisweilen mit dem Abfeuern kleiner Böller verbunden, ſo wie durch den vom Lande herüber ſtrömenden Wohlgeruch und den Genuß ſeiner üppigen Erzeugniſſe— ſo brachte ich den heutigen Tag 6* 84 in einer Art von angenehmer Betäubung zu. Am Morgen des folgenden Tages ſäumte ich nicht, mich den Herren vorzuſtellen, an die man mich von England aus empfohlen hatte. Glücklicher Weiſe fand ich gleich beim erſten eine günſtige Aufnahme. Dies war der Marine⸗Kapitän Withers. Da ſein Privatſekretär (clerk) vor einiger Zeit erkrankt und nach der Heimath, Catania, zurückgekehrt war, ſo wurde deſſen Stelle nun mir übertragen. Der Kapitän Withers führte den Oberbefehl über die ſämmtlichen engle ſchen Transportſchiffe, die im Mittelmeere ſich befanden. Sein Geſchäftskreis war mithin ſehr ausgebreitet; alle Unternehmungen, die zu Waſſer geſchahen, und ſelbſt die kleinen Streifzüge, die nach Calabrien gemacht wurden, pflegte er zu leiten. Ich übernahm daher meinen Poſten mit geſpannter Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten. II. Beſchreibung der Stadt Meſſina und Schilderung ihrer Einwohner. 1. Verhältniſſe des Verf. während ſeines erſten Aufenthaltes in Meſſina. Beſchreibung eines Streif⸗ zugs, den die Engländer von dort nach dem benachbarten Calabrien unternehmen, nebſt Bemer⸗ kungen über die engliſche Seemacht in der Meerenge und über den damaligen Zuſtand jenes calabriſchen Landſtrichs. Während der erſten Tage, die ich in Meſſina verlebte, ereigneten ſich keine merkwürdigen Vorfälle. Auch nahm ich mir nicht die Zeit, auf dasjenige, was um mich vorging, ſonderliche Aufmerkſamkeit zu richten; denn mein neues Amt gab mir volle Beſchäftigung. Wiewohl es mich zu nichts weiter verpflichtete, als ein Tagebuch zu halten, und dann und wann einen Bericht, eine Verordnung, oder eine Rechnung auszufertigen, ſo erforderten doch dieſe Arbeiten, weil ſie in einer beſondern vorgeſchriebenen Form abgefaßt werden mußten, eine gewiſſe Fertigkeit, die ich mir ſo bald als möglich zu erwerben wünſchte. Daher be⸗ ſchränkten ſich alle meine Ausflüge und Zerſtreuungen auf die kleinen Gänge, die ich täglich einige Mal vom Schiffe des Kapitän Withers, wo mein gewöhn⸗ licher Aufenthalt war, nach ſeiner nahen Wohnung an der Marina und wieder zurück machte. Die Chriſtwoche kam heran, und nun erſt konnte ich mich mit der Stadt und ihrer Umgegend genauer bekannt machen. Um dieſe Zeit geſchah es auch, daß die Engländer einen Streifzug nach Calabrien unternahmen, den erſten, wovon ich Augenzeuge war. Bevor ich jedoch vom Hergang der Sache Bericht erſtatte, wird es nöthig ſein, über die engliſche Seemacht in der Meerenge, ſo wie über die Oertlichkeit des angrenzenden Calabriens und die damaligen Ver⸗ hältniſſe der Einwohner dieſes Landes, einige Bemerkungen voraus zu ſchicken. * 86 Die Engländer hatten nach ihrer Ankunft in Sicilien, um die Küſten längs dem Faro gegen den drohenden Feind im nahen Calabrien zu vertheidigen, eine Menge kleiner Fahrzeuge gebaut, weil ſie dieſelben in jenem engen Gewäſſer mit mehr Vortheil gebrauchen konnten, als ihre großen Kriegsſchiffe, welche das Land am offenen Meere beſchützten. Dieſe Fahrzeuge, gewöhnlich„die Flotille“ genannt, waren zu der Zeit, wo ich nach Sicilien kam, nicht mehr ſo zahlreich als in frühern Jahren, weil man, dem entmuthigten Feind überlegen, es für unnöthig hielt, die verlorenen und unbrauchbar gewordenen zu erſetzen; deſſen ungeachtet beſtanden ſie noch, außer einer Menge Barken und Schaluppen, aus ſechzig Kanonenbooten, funfzehn Bombenſchiffen, drei Schoonern und einer Bri⸗ gantine. Ihr vorzüglichſter Standort war ein kleiner, aber gut und mit be⸗ deutendem Aufwand angelegter Hafen bei der Faroſpitze, von wo ſie wechſel⸗ weiſe die verſchiedenen Wachpoſten längs der Meerenge, ſo wie in Spadafora, Melazzo und andern Orten, beſetzten. In Meſſina, wo die oberſten Befehls⸗ haber der Flotille, der Brigadier Hall und der Oberſt Robinſon wohnten, be⸗ fanden ſich fortwährend die Brigantine und die Schooner, ſo wie gegen zwanzig Kanonenboote und fünf Bombenſchiffe. Die ſämmtlichen Fahrzeuge waren von ¹voorzüglich guter Beſchaffenheit, da es bei dem Bau und der Ausrüſtung derſel⸗ ben weder an Materialien, noch an geſchickten Arbeitern gefehlt hatte. Außer engliſchen Zimmerleuten, Schmieden, Tau⸗ und Segelmachern, hatte man viele aus Venedig und Genua angeſtellt, obſchon zum großen Verdruß der einheimi⸗ ſchen, welche nur als Gehülfen gebraucht worden waren. Die Kanonenboote machten, nicht nur wegen ihrer Menge, ſondern auch wegen ihrer ſehr zweck⸗ mäßigen Einrichtung, den wichtigſten Theil der kleinen Seemacht aus. Da ſie lang und ſchmal, vorn und hinten zugeſpitzt, und mit einem ziemlich flachen Boden gebaut waren, ſo durchſchnitten ſie das Waſſer ungemein ſchnell, und mit ſolcher Leichtigkeit, daß man über die ſeichteſten Stellen der Meerenge, und dicht an das Land fahren konnte. Zugleich mit Rudern und mit Segeln verſehen, ließen ſie ſich zu jeder Zeit, bei günſtigem und ungünſtigem Winde, ſogar bei einer Windſtille, nach dem Orte ihrer Beſtimmung bringen, mit einer Schnellig⸗ keit, die nur von den Dampfbooten übertroffen worden iſt. Ueberdem waren f ſie, obgleich nicht völlig verdeckt, im Stande, bei ſtürmiſchem Wetter dem Un⸗) geſtüm der Wellen zu widerſtehen, und die hohe See zu halten. Sie hatten nur vorn und hinten ein feſtes Verdeck, auf dem hintern befand ſich eine kleine Kajüte für den Hauptmann, und auf dem vordern war eine Kanone aufge⸗ 1 pflanzt. Die darunter befindlichen Räume dienten zu Behältniſſen der Mu⸗ nition, der Lebensmittel und übrigen Bedürfniſſe. Der Raum in der Mitte 1 war, wenn der Gebrauch der Ruder es verlangte, offen; doch konnte man ihn 87 auf dem hohen Meere, um das Eindringen der Wellen zu verhüten, mit dazu beſtimmten Bretern dicht bedecken. Dies geſchah auch ſtets im Hafen, und es wurde dann eine Plane über dem Verdeck ausgeſpannt, um der Mannſchaft, da es an einem beſondern Gemach für ſie fehlte, mehr Bequemlichkeit zu verſchaffen. Dieſe Fahrzeuge führten einen Maſt in der Mitte und manchmal einen kleinern im Hintertheil, die beide ſich nach Belieben abnehmen und wieder aufſetzen ließen. An jedem Maſte befand ſich in der Regel ein einziges Segel; doch konnte man im Nothfall den Hauptmaſt, wenn er durch eine Stange verlängert wurde, mit mehren beſpannen. Die Segel beſtanden in ſo genannten lateini⸗ ſchen, d. i. von den Römern abſtammenden, welche dreieckig geſtaltet, und, da ſie wenig Tauwerk und überhaupt wenig Vorrichtung erfordern, ungemein leicht zu handhaben ſind; man findet ſie häufig auf den kleinern Schiffen faſt aller Völker am mittelländiſchen Meere. Außer dieſen Segeln waren, wie auf an⸗ dern Schiffen, auch einige Stagſegel angebracht. Die Zahl der Ruder belief ſich auf acht bis zehn. Bei der großen Brauchbarkeit der Kanonenboote konnte es nicht fehlen, daß ſie fortwährend beſchäftigt wurden, bald um Wache zu hal⸗ ten, bald um Jagd auf die Schiffe des Feindes zu machen, ſeine Batterien und Städte zu beſchießen, Mannſchaften an ſeiner Küſte zu landen, oder die durch den Faro ſegelnden Transport⸗ und Kauffahrteiſchiffe zu unterſtützen, z. B. zu bugſiren u. ſ. w., oder ſie auch von einem Hafen des Eilandes zum andern zu geleiten. Die Bombenſchiffe unterſchieden ſich von jenen vorzüglich dadurch, daß ſie, ſtatt der Kanone, einen Mörſer führten, und überhaupt größer und ſchwerer, völlig verdeckt, auch mehr zum Gebrauch ihrer breiten, viereckigen Segel, als ihrer etwas unbehülflichen Ruder geeignet waren, deren ſie nur in dringenden Fällen ſich bedienten. Die Hauptbeſtimmung derſelben war, bei den Angriffen auf die calabriſchen Städte Bomben und Raketen zu werfen; außerdem wurden ſie zur Bewachung der Küſten, zur Bedeckung der Kauffahrer, und zu andern Zwecken gebraucht. Die Barken und Schaluppen mit vier bis acht Rudern dienten, die Leute, Lebensmittel und andere Bedürfniſſe der Flo⸗ tille hin und her zu ſchaffen, ſo wie den durch die Meerenge gehenden engliſchen und ſieiliſchen Schiffen, im Fall der Gefahr, Hülfe zu leiſten, ſie ins Schlepp⸗ tau zu nehmen und dergleichen. Die Brigantine und die Schooner, welche ſich vor andern Schiffen ihrer Art durch nichts Eigenthümliches auszeichneten, ge⸗ brauchte man nur bei wichtigen Vorfällen, beſonders auch um nach Palermo, nach Malta und andern Niederlaſſungen der Engländer Depeſchen zu über⸗ bringen; übrigens war die erſtere gleichſam das Admiralſchiff.. Was die Mannſchaften der Flotille betrifft, ſo waren nur die oberſten Befehlshaber, welche das Ganze leiteten, und die Offiziere der Brigantine und 88 der Schooner geborene Briten; die Uebrigen, ſelbſt die Hauptleute der kleinern Fahrzeuge, hatte man im Lande, und zwar ohne Gewalt zu brauchen, geworben, daher ſie eine bunte Volksmaſſe bildeten, die hauptſächlich aus Calabriern, Neapolitanern und Siciliern, aber auch aus Unterthanen anderer italieniſcher Staaten, ferner aus Portugieſen, Spaniern, Griechen u. ſ. w. beſtand. Die Offiziere trugen die Uniform der britiſchen Marine; die Matroſen hatten, außer der britiſchen Cocarde, nichts Gleichförmiges in der Kleidung, welche völlig der Willkühr eines Jeden überlaſſen war. Dieſe Leute bekamen dieſelbe Beſoldung und Beköſtigung, wie es auf den Kriegsſchiffen der Engländer eingeführt iſt. Auch ſtanden ſie, in Hinſicht des Dienſtes, der Ordnung und Reinlichkeit, und des ſittlichen Verhaltens, unter gleich ſtrengen Geſetzen, wie die Mannſchaften jener Schiffe; und in der That, es herrſchte unter ihnen eine ſo gute Manns⸗ zucht, daß ſelten Beſtrafung nöthig ward, was um ſo mehr Bewunderung er⸗ regt, da viele derſelben ehedem Banditen, Räuber, oder ſonſt der bürgerlichen Ordnung entfremdete Menſchen geweſen waren, welche die Furcht, von den Fran⸗ zoſen ergriffen zu werden, vom Feſtlande vertrieben hatte. Die Unternehmungen, wozu ſie gebraucht wurden, führten ſie immer mit willigem Gehorſam, mit Klugheit und ſelbſt mit Tapferkeit aus; und obſchon die letztere Eigenſchaft bei Manchen blos das Werk der Rachſucht, oder der Hoffnung auf Beute war, ſo half ſie dennoch dem Heldenmuthe der britiſchen Anführer, auch an den cala⸗ briſchen Küſten, Lorbeern erringen. Ich glaube ſogar behaupten zu dürfen, daß die genannten Mannſchaften in dem Wirkungskreiſe, worin ſie ſich befanden, beſſere Dienſte leiſteten, als engliſche Seeleute würden gethan haben, weil ſie, großen Theils Eingeborene oder Nachbarn Calabriens, mit deſſen Eigenthüm⸗ lichkeiten in einer genauern Bekanntſchaft ſtanden, und— was ihnen beſonders einen Vorzug gab,— der Trunkenheit nicht ergeben waren, einem Laſter, das jene, bei der fortwährenden Berührung mit dem Lande, ohne Zweifel ergriffen und, ungeachtet ihrer Ueberlegenheit an Erfahrung im Seeweſen, an Muth und Ausdauer bei Beſchwerden und Gefahren, minder brauchbar gemacht hätte. Ganz vorzüglich eigneten ſich die Leute der Flotille zu Einfällen in das feind⸗ liche Gebiet, nicht um einen entſcheidenden Schlag gegen dasſelbe auszuführen, ſondern um es auszukundſchaften, zu plündern und auf alle Weiſe zu beunru⸗ higen; und überhaupt kann man ſie mit den ſtreifenden Vorpoſten großer Heere vergleichen, da der Kern der engliſchen Macht, die Armee und die großen Kriegs⸗ ſchiffe, zum Haupttreffen bereit, ſich im Rücken hielt. . Die beiden beträchtlichſten, an der Meerenge gelegenen Städte Calabriens, Reggio und Seiglio, welche, wie die ganze Küſte, mit hohem Gebirg umgeben find, ſtehen durch zwei Wege mit einander in Verbindung, wovon der eine längs 89 dem Geſtade hin, der andere über die Berge führt. Der erſte iſt, als der. ge⸗ radeſte und ebenſte, bei weitem vorzuziehen; aber damals machten ihn die kleinen Kriegsſchiffe der Engländer zu unſicher, um betreten zu werden, indem fortwäh⸗ rend einige, trotz der Batterien an der Küſte, in der Nähe derſelben hin und her fuhren, bereit zu landen, ſo oft eine Gelegenheit etwas zu erbeuten ſich zeigte. Doch gewährte auch der Gebirgsweg keine völlige Sicherheit vor dem Feinde, weil dieſer, geführt von den landeskundigen Eingeborenen, die bei ihm im Dienſte ſtanden, ſeine Streifereien ſelbſt in das Innere des Landes ausdehnte. Monte Leone, eine nicht unbedeutende Stadt, die an einem hohen Berge gleiches Namens, zwiſchen Reggio und Seiglio, über eine deutſche Meile landeinwärts liegt, hatte ſchon manche Plünderung erlitten, ja ſogar das befeſtigte Reggio, zu Zeiten, wo keine ſtarke Beſatzung ſich darin befand. So war es ſchon ſeit Jahren dahin gekommen, daß die Einwohner der genannten Oerter nur auf dem von der Küſte fernen Gebirgswege, in großen, von Militär begleiteten Geſell⸗ ſchaften, bei Nacht und wie verſtohlen hin und her reiſten. Indeß entgingen auch ſolche Karawanen nicht immer der Beunruhigung des Feindes, wenn er von ihrem Aufbruch unterrichtet war, wie der Vorfall beweiſt, den ich nun er⸗ zählen will. Eines Tages erfuhren die Engländer, daß in der Nacht viele Kaufmanns⸗ güter, ſo wie auch Lebensmittel für das franzöſiſche*) Heer von Reggio nach Sciglio geſchafft werden ſollten. Bald nachher bemerkte man in Meſſina's Hafen eine rege Thätigkeit, wie ſie ſich gewöhnlich zeigte, wenn ein wichtiger Streifzug im Werke war. Während der Oberſt Robinſon die Kanonenboote muſterte, und mit Pulver, Kugeln und anderem Kriegsbedarf aus den Maga⸗ zinen verſehen ließ, eilte der Kapitän Withers von einem Transportſchiffe zum andern, um Verhaltungsbefehle zu ertheilen. Nach Sonnenuntergang begaben ſich gegen funfzehn Kanonenboote, viele große Barken, bemannt mit den Leuten der Transportſchiffe, und einige andere mit Matroſen und Seeſoldaten von den größern Kriegsſchiffen, aus dem Innern der Hafens nach dem Eingange des⸗ ſelben, wo ſie, zuſammengedrängt, eine ſolche Stellung nahmen, daß ſie auf das gegebene Zeichen ſogleich auslaufen konnten. Die ganze Mannſchaft beſtand ungefähr aus vierhundert Köpfen. Sie war, mit Ausnahme der völlig ge⸗ rüſteten Soldaten, durchaus mit Säbel und Pike, zum Theil auch mit einem Piſtol bewaffnet. *) Die in Calabrien befindlichen Truppen, obſchon meiſtens Eingeborene, im Dienſte ih⸗ res damaligen Königs Ioachim, nannte man noch immer Franzoſen, von der Zeit her, wo dieſe das Land beſetzt, und deſſen politiſche Trennung von Sieilien bewirkt hatten. 7 8 Dies war nun das Geſchwader, das man beſtimmt hatte in Calabrien zu landen, und ſich des erwähnten Waarentransportes zu bemächtigen. Abends in der neunten Stunde erfolgte das Zeichen zur Abfahrt. Zuerſt liefen die Ka⸗ nonenboote, und dann die Barken aus, erſtere vom Oberſt Robinſon, letztere vom Kapitän Withers befehligt, die beide in ihren eigenen, mit acht oder zehn Mann beſetzten Schaluppen fuhren. Kein einziges der genannten Fahrzeuge bediente ſich, des günſtigen Windes ungeachtet, ſeiner Segel, weil dieſe ſelbſt bei Nacht in weiter Ferne wahrzunehmen ſind; zes wurden blos die Ruder ge⸗ braucht, die man überdies, in dem Bewegpunkte, mit Werg und Segeltuch um⸗ wickelt und mit Fett beſtrichen hatte, um das Klappen und Knarren zu verhü⸗ ten, das ſonſt bei jedem Schlage derſelben erfolgt. Auf ſolche Weiſe, und be⸗ günſtigt durch die dicke Finſterniß jener Nacht, erreichten ſie die feindliche Küſte, ohne dort bemerkt zu werden, und legten bei einer hervorragenden Klippe an, nicht weit von dem Fiſcherflecken Bagnara, der ſich ungefähr in der Mitte zwi⸗ ſchen Reggio und Seiglio befindet. Unter dem Befehl des Oberſten Robinſon ſtiegen ungeſäumt über zwei hundert Mann an Land, während der Kapitän Withers mit den Leuten von den⸗ Transportſchiffen und mit einigen andern zu⸗ rück blieb, um die Fahrzeuge zu bewachen, und zum Einſchiffen der Beute, die man zu machen hoffte, das Nöthige vorzubereiten. Die erſte Unternehmung der Gelandeten war, die nahen, am Ufer befind⸗ lichen Wachpoſten zu überfallen, und mit ihren Seeſoldaten zu beſetzen. Hierauf rückten ſie ungehindert nach Bagnara, und dann auf dem Wege vor, der hinauf nach Monte Leone führt, und ſich mit dem Gebirgswege von Reggio und Seiglio vereinigt, auf dem die Reiſenden daher kommen ſollten. Dort angelangt, nah⸗ men ſie ihre Stellung in einer ziemlich engen Schlucht, wo ſie, hinter Gebüſchen verſteckt und das tiefſte Stillſchweigen beobachtend, dem Erſcheinen des erwar⸗ teten Zuges entgegen ſahen. Nach einiger Zeit vernahm man Menſchenſtimmen, vermiſcht mit dem Schall von Hufſchlag und Schellengeläute, und bald zeigte ſich, von Laternen beleuchtet, der ganze, von der Anhöhe herabkommende Reiſe⸗ zug— lange Reihen ſchwer beladener Maulthiere, Reiter und Fußgänger, und Soldaten an der Spitze. Jetzt kamen die Reiſenden in die Schlucht und zogen, keinen Ueberfall fürchtend, darin fort. Plötzlich brach das engliſche Kriegs⸗ volk, in zwei Abtheilungen, vor und hinter ihnen aus ſeinem Verſteck hervor. Die Steilheit der Berge zu beiden Seiten benahm ihnen die Möglichkeit zu entfliehen, und da die ſie ſchützenden Soldaten nur aus etwa zwan⸗ zig Mann beſtanden, ſo vermochten ſie auch keinen Widerſtand zu leiſten. Geduldig ergaben ſie ſich in den Willen des Feindes, der ſofort ihre Geldbeutel*) *) Die italieniſchen Handelsleute pflegen, wenn ſie auf der Reiſe ſind, ihr Geld 21 und vorzüglich die belaſteten Maulthiere in Beſchlag nahm. Gefangene machte man nicht, ſondern bewilligte Jedem frei abzuziehen; nur die Treiber der Maul⸗ thiere wurden genöthigt, dieſelben nach dem Geſtade hinab zu führen, wo ſie, ſammt ihrem Vieh, nach geſchehener Ablieferung der Laſten, ebenfalls in Frei⸗ heit geſetzt werden ſollten. Während dieſes vorging, ereignete ſich der ſonderbare Fall, daß einer von den Reiſenden, ein armer bejahrter Handelsmann, in dem Burſchen, der ſich ſeines Gepäckes bemächtigte, den eigenen Sohn erkannte, welchen beſondere Umſtände veranlaßt hatten, das Vaterland zu verlaſſen und zu deſſen Feinden überzugehen. Der Ausruf des Vaters:„Mein Sohn, mein einziger Sohn! du willſt mir das Mittel meines ſpärlichen Unterhaltes rauben?“ erſchreckte den jungen Mann, der nicht wußte, was er that, ſo heftig, daß er, wie vom Blitze getroffen, bewußtlos niederſank. Von ſeiner Betäubung zurückgekommen, fiel er dem Greiſe ſchluchzend um den Hals, und es erfolgte zwiſchen beiden ein rührender Auftritt, den Anfangs Freude des Wiederſehens, bald aber eine trübe Stimmung bezeichnete, da er auf der einen Seite mit dem bittern Gefühl, von dem eigenen Kinde als Feind behandelt zu werden, und auf der andern mit dem Kampfe zwiſchen kindlicher Liebe und der traurigen Dienſtpflicht, ſelbſt die Aeltern nicht zu ſchonen, verbunden war. Der junge Mann vermochte nicht ſich von dem Greiſe zu trennen, bis endlich ſeine Gefährten, die keinen Sinn für gefühlvolle Aeußerungen der Art hatten, oder haben durften, ihn und das Eigenthum des Vaters gewaltſam mit ſich fortriſſen. Aber der Anführer, wel⸗ cher Zeuge des Auftrittes und davon tief erſchüttert war, befahl, den Alten mit dem Seinigen in Ruhe zu laſſen, worauf dieſer, da er in der Heimath keine Angehörigen und nichts zu verlieren hatte, um die Erlaubniß bat, ſeinem wie⸗ dergefundenen Sohne nach Sicilien folgen zu dürfen, was ihm auch geſtattet wurde.— Beiläufig muß ich bemerken, daß auf den Streifzügen, welche die Engländer nach Calabrien unternahmen, die in ihrem Dienſte befindlichen Ein⸗ gebornen nicht ſelten auf Verwandte trafen, und wider ihnn Willen genöthigt wurden, dieſelben zu plündern. Indeſſen ſäumte die engliſche Mannſchaft nicht, mit ihrer Beute ſo bald als möglich von den Bergen hinab, nach dem Geſtade zu kommen. Nach einiger Zeit hörte ſie Flintenſchüſſe in mehren Gegenden nach dem Meere zu, was be⸗ fürchten ließ, daß es trotz ihrer Vorſicht dennoch einigen in Freiheit geſetzten Gefangenen geglückt ſei, ihr einen Vorſprung abzugewinnen und Lärm in der in langen, um den Leib befeſtigten ledernen Beuteln oder, wie man ſagt, Katzen zu tragen. 92 Gegend zu machen; und wirklich, als ſie nicht mehr weit von den Küſten ent⸗ fernt war, hörte ſie nah und fern Kanonen abfeuern, und ſah Raketen und Leuchtkugeln aufſteigen, lauter Maßregeln, um die Einwohner zu den Waffen zu rufen. Deſſen ungeachtet fand ſie das Ufer bei Bagnara noch in tiefer Ruhe, und ihre Fahrzeuge mit der übrigen Mannſchaft in guter Ordnung. Eilig— wurden nun den Maulthieren ihre Laſten, die in Ballen und Säcken, in Kör⸗ ben und Fäſſern beſtanden, abgenomſnen und an Bord gebracht; bald waren auch die ausgeſtellten Wachpoſten eingezogen und alle Leute eingeſchifft. Mittler⸗ weile kam der Lärm, welcher ſich an der Küſte erhoben hatte, näher, und in kurzem ſprengten ſtarke Abtheilungen Reiterei heran, um die Engländer aufzu⸗ ſuchen und anzugreifen. So ſchwer es ſich beſtimmen läßt, was dieſe Truppen würden ausgerichtet haben, wenn ihre Ankunft einige Minuten früher Statt gefunden hätte, ſo gewiß iſt es, daß ein Blutbad unvermeidlich geweſen wäre, da die engliſchen Kanonenboote, zu beiden Seiten des übrigen Geſchwaders, in einer Reihe am Ufer lagen, jeden Augenblick bereit, ein fürchterliches Kartät⸗ ſchenfeuer zu eröffnen. Allein, die Engländer hatten ſchon ihre Segel geſetzt, und es blieb jenen nichts übrig, als dem Beiſpiel der aus der Gefangenſchaft entlaſſenen Maulthiertreibern zu folgen, welche neben ihren entlaſteten Thieren ſtanden und geduldig zuſahen, wie die feindlichen Fahrzeuge, über die der auf⸗ gehende Mond ſeinen Glanz ergoß, mit ihrer Beute nach der jenſeitigen Küſte eilten.. 4. So langte das Geſchwader, ohne den geringſten Verluſt oder nur einen Verwundeten gehabt zu haben, frohlockend am frühen Morgen in Meſſina an. Nachdem die Mannſchaften die gemachte Beute gemuſtert und unter einander vertheilt hatten, begaben ſie ſich nach der Marina, um dasjenige, was ſie ſelbſt nicht gebrauchen konnten oder wollten, öffentlich zum Verkauf auszubieten. Da ſah man, in großer oder kleiner Menge, Mehl und Maccheroni, Reis und Hülſenfrüchte, Schinken und Käſe, grüne und getrocknete Früchte, Oel, Wein, ſo wie auch Schnittwaaren und allerlei andere Gegenſtände bunt durch einander ausgelegt. Die Einwohner der Stadt und Umgegend ſtrömten von allen Sei⸗ ten dem neuen Markte zu, und die Waaren fanden, da ſie meiſtens von guter Beſchaffenheit und die Verkäufer äußerſt billig in ihren Forderungen waren, einen reißenden Abſatz. Vorzüglich wurden die Schinken, weil ſie an Güte wie an Größe die ſiciliſchen weit übertrafen, ſehr geſucht, ſo wie auch gewiſſe in Sicilien nicht wachſende Zwiebeln, die von ungewöhnlicher Größe und von mildem, ſüßlichem Geſchmack ſind, und die man roh ißt, oder vorher mit gehack⸗ tem Fleiſche, mit Gewürzen und andern Zuthaten füllt und dann in der Pfanne dünſten läßt. Auch war ſtarke Nachfrage nach den vorhandenen Vorräthen an 2* —ᷣ—ᷣᷣ—L ͦͦͦͦÿ’x-nõ 93 Roſen⸗ und Bergamottenöl, Bedürfniſſe, welche den Sieiliern als Arznei, aber auch in anderer Hinſicht unentbehrlich ſind, und ihnen dennoch, weil ſie der⸗ gleichen nicht ſelbſt verfertigen, und damals vom Feſtlande nicht beziehen konnten, faſt gänzlich ausgegangen waren.— Jener Greis, der aus Calabrien mit angekommen und durch den dortigen Vorfall mit ſeinem Sohne merkwürdig geworden war, erweckte in Meſſina, beſonders unter den Engländern, viel Theilnahme, ſo daß ihm von allen Seiten Unterſtützung zufloß, wodurch er, mit Hülfe ſeiner Sparſamkeit und Thätigkeit, in kurzem ein wohlhabender Mann, und in den Stand geſetzt wurde, das Glück des Sohnes zu begründen, indem er ihm nach einiger Zeit zum Beſitz eines bedeutenden Handelſchiffes verhalf. Beſchreibung der Stadt Meſſina und ihrer Vorſtädte. Meſſina, eine der älteſten Städte Sieiliens, wurde vor beinahe drei tau⸗ ſend Jahren von Freibeutern aus Cumä, einer Seeſtadt in Campanien, gegrün⸗ det, und nachher mit Leuten aus Euböa noch mehr bevölkert. Es führte An⸗ fangs, wahrſcheinlich wegen den ſichelartigen Geſtalt ſeines Hafens, den Namen „Zancle“, der— wie das„Zanklon“ der Griechen— in der Sprache der Sieuler, welche damals die vorzüglichſten Einwohner im öſtlichen Theile der Inſel waren, eine Sichel bedeutete. Ungefähr fünf hundert Jahre vor der chriſtlichen Zeitrechnung eroberten die Meſſenier, ein Volk im Peloponnes, dieſe Stadt, und nannten ſie, nach der Hauptſtadt ihres Vaterlandes,„Meſſene“, eine Benennung, die ſpäter in Meſſana und endlich in die heutige übergegangen iſt. Sicilien war in jenen Zeiten von verſchiedenen Völkerſchaften bewohnt, von Sicanern und Siculern, von Griechen, Carthagern, Phöniciern, Römern und andern, die eine Menge kleiner Staaten bildeten, und fortwährend einander bekriegten. Die Meſſenier machten, in Vergleich mit den mächtigen Bewohnern von Tauromenium, Syrakus, Agrigentum u. a., eine der unbedeutendern Völ⸗ kerſchaften aus; dennoch hatten ſie ſich zwei Jahrhunderte behauptet, als ſie von den Mammertinern, einem Volke in Campanien, hinterliſtig überfallen und faſt gänzlich ausgerottet wurden. Dies gab die erſte Veranlaſſung zu den puni⸗ ſchen Kriegen, und Meſſina, bis dahin ein unabhängiger Staat, ward eine Provinz der Römer, welche ſpäterhin die ganze Inſel unterjochten und mit ihrem Reiche vereinigten. Nach dem Verfalle der römiſchen Macht kam Sieilien, und mithin auch Meſſina, nach und nach in den Beſitz der Saracenen, der Nor⸗ männer und mehrer deutſchen Völker, der Franzoſen und der Spanier. Unter der Herrſchaft der letztern war Meſſina eine geraume Zeit die Reſidenz der Vicekönige, und wurde in der Folge zum Freihafen erklärt, wodurch der Han⸗ del desſelben, den es wegen ſeiner günſtigen Lage ſeit den älteſten Zeiten mit gutem Erfolg getrieben hatte, einen neuen Aufſchwung erhielt, ſo daß es der erſte Handelsplatz auf der Inſel, ſo wie einer der vorzüglichſten in ganz Ita⸗ lien und überhaupt im Mittelmeer wurde. Außer den vielfachen politiſchen Veränderungen, haben auch mancherlei phyſiſche Uebel die Stadt betroffen; denn ſie iſt mehrmals von der Peſt, von Erdbeben, Feuersbrünſten und verheerenden Ueberſchwemmungen heimgeſucht worden. Dieſen Unglücksfällen, verbunden mit dem öftern Wechſel der Re⸗ gierung, wodurch wiederholt ſtarke Auswanderungen veranlaßt wurden, muß man es zuſchreiben, daß die Anzahl der Einwohner, in frühern Zeiten bis auf 200,000 angewachſen, ſich ſo bedeutend vermindert hat, daß ſie zur Zeit meines dortigen Aufenthalts nur 60,000 betrug.*). Die Stadt Meſſina liegt theils am Abhang eines hohen Berges und auf vielen hervorſpringenden Hügeln, theils am Fuße derſelben in der Ebene; der unterſte Theil ſchließt halbkreisförmig den Hafen ein. Ihr äußerer Umkreis hat, wie es die große Ungleichheit des Bodens kaum anders geſtattet, nichts Regelmäßiges, und ſtellt ein verworrenes Vieleck dar. Es konnte daher niemals gelingen, dieſe Stadt auf der Landſeite vortheilhaft zu befeſtigen, ſo ſehr man auch ehedem ſich darum bemüht hat. Sie iſt mit einer uralten Mauer umgeben, welche nur die Hafenſeite offen läßt. Auch umgeben ſie viele andere Werke, die aus verſchiedenen Zeitaltern und von mehren Nationen herrühren, ausgezackte ſarazeniſche Thürme, ſo wie Baſtionen, Redouten u. ſ. w., denen man es anſieht, ob ſie von den Normännern, von den Franzoſen, oder den Spaniern angelegt wurden. Sie liegen planlos und zerſtreut, ſo daß ſie in unſern Tagen keiner bedeutenden Macht Widerſtand leiſten können. Es wird daher jetzt für die Er⸗ haltung derſelben wenig gethan; ſchon tragen mehre deutlich die Spuren der vertilgenden Zeit, und an einigen Stellen hat die Mauer, von Erdbeben und Ueberſchwemmungen zerſtört, gänzlich zu verſchwinden angefangen. Die Thore ſind, ſeitdem Meſſina ein Freihafen iſt, beſtändig offen und unbewacht, und von den meiſten trifft man nichts mehr an, als die Oeffnung in der Mauer. Ob⸗ ſchon viele Straßen der Stadt, wegen ihrer unregelmäßigen Anlegung und der Unebenheit des Bodens, höckerig, eng und winkelig ſind, ſo gehen doch ſechs bis ſieben gleichförmig ſchräge, breit und gerade von oben herab, und durch⸗ *) Jetzt ſoll die Einwohnerzahl bis auf 84,000 geſtiegen ſein. 95 ſchneiden die querüber und mit dem Hafen gleich laufenden in rechten Winkeln. An dieſen Stellen bilden ſie viereckige Plätze, die man an jeder Ecke mit einem Springbrunnen verſehen hat. Ueberhaupt beſitzt die Stadt einen großen Reich⸗ thum an Brunnen, wiewohl viele derſelben, trotz ihrer Inſchriften, welche das Waſſer als eine unſchätzbare Wohlthat preiſen, in der warmen und trockenen Jahreszeit verſiegen. Im unterſten Stadttheile befinden ſich die ſchönſten Straßen; ſie laufen, in gleicher Richtung mit dem Hafen, ziemlich eben hin, und zeichnen ſich durch eine beträchtliche Breite, durch prächtige Häuſer und geräumige freie Plätze aus. Vor dem letzten großen Erdbeben(1783) ſtellte die Marina oder der Hafendamm die ſchönſte Straße dar, indem ſie mit einer langen Reihe gleichförmiger Prachtgebäude beſetzt war. Allein, nach jenem traurigen Ereigniſſe hat man, wie ich ſchon im vorigen Abſchnitte erwähnte, die zertrümmerten Häuſer in einem kleinern Maßſtabe und nur ein Stockwerk hoch aufgebaut. Deſſen ungeachtet erhält dieſer Platz noch jetzt bisweilen den Namen „Palazzata,“ den er früher führte, und hat, wegen ſeiner Lebhaftigkeit, die der Verkehr mit dem Hafen erzeugt, wegen ſeiner trefflichen Ausſicht nach allen Seiten, und beſonders wegen der reinen und kühlen Luft, die das Meer ihm zuführt, noch nicht aufgehört, der Liebling der Einwohner zu ſein, ſo daß die gewöhnliche Vergnügung der Vornehmen darin beſteht, in den Abendſtunden dort ſpazieren zu gehen oder zu fahren. Der Hafendamm hält in der Breite gegen 30 Ruthen, und die Länge mag über 600 betragen. Er beſteht aus Erde mit Kies beſtreut; nur am äußerſten Rande hat man ihn, zum Schutze gegen das Waſſer, mit Mauerwerk eingefaßt. Die übrigen Straßen haben, nach italiſcher Sitte, ein Pflaſter von ungemein großen Steinen, welche, blos an der Oberfläche behauen, regelloſe Vielecke bilden; es gibt aber auch einige freie Plätze, die man durchaus mit viereckigen Steinplatten belegt hat. Wäh⸗ rend der Nacht ſind die Straßen mit Laternen gut beleuchtet. Mindere Sorg⸗ falt wird auf die Reinlichkeit der Straßen gewendet, und blos am Abend vor dem Pfingſttage iſt jeder Beſitzer eines Hauſes verbunden, den Platz vor dem⸗ ſelben kehren zu laſſen, den man alsdann zugleich mit Blumen zu beſtreuen pflegt. Während der übrigen Jahreszeiten verdankt man ihre Reinigung blos den gelegentlichen Ueberſchwemmungen und den oft ſich einfindenden Gärtnern, welche den Unrath der Maulthiere und Pferde, und die Haufen Pomeranzen⸗ und Zitronenſchalen zuſammen kehren, und in Körben, auf Eſel gepackt, fort⸗ ſchaffen. In vielen Querſtraßen ſtehen bewegliche eiſerne Brücken, eine Vor⸗ kehrung, die Meſſina ſehr bedarf. Denn es kommt aus dem Gebirg im Weſten ein wilder Strom, oder wie man in Sicilien ſagt, eine Fiumara, die in zwei Armen um Meſſina nach dem Meere hinabfließt. Da ſie von angeſammeltem Regenwaſſer entſteht, ſo erfolgt ſie nur im Winter bei naſſer Witterung. Sie tritt, weil ihr Bett keine große Tiefe hat, leicht aus, und bildet Nebenſtröme, die ihren Weg bald durch dieſen, bald durch jenen Theil der Stadt nehmen. Die erwähnten Brücken werden alsdann dahin geſchafft, wo es Noth thut, den Fußgängern einen Weg über das Waſſer zu bahnen, und die verſchiedenen Stadttheile mit einander in Verbindung zu erhalten. An Stellen, wo es an einer Brücke fehlt, pflegen ſtarke Männer ſich einzufinden, welche, für eine Kupfermünze, die Leute auf den Schultern über das Waſſer tragen. Solche Ströme ſind im Winter eine ſehr gewöhnliche Erſcheinung, die ohne bedeuten⸗ den Nachtheil vorübergeht. Ich habe indeſſen einmal erlebt, daß das Waſſer durch eine ziemlich breite Straße, zwei Ellen hoch und mit einer unbeſchreib⸗ lichen Wuth herab ſtürzte, und ausgeriſſene Bäume, zertrümmerte Häuſer und Geräthe, ſo wie ertrunkene Menſchen und Thiere, mit ſich führte, was jedoch alles nichts gegen die ſchrecklichen Ueberſchwemmungen iſt, die Meſſina bis⸗ weilen treffen, dergleichen die letzte im Jahr 1823 Statt fand, die eine nicht unbedeutende Vorſtadt faſt ganz zerſtört und auch einen Theil der Stadt be⸗ ſchädigt hat. Dem Uebel würde, obſchon mit einigen Koſten, abzuhelfen ſein, wenn man dem Bette der Fiumara eine größere Tiefe und Feſtigkeit gäbe, oder dasſelbe, hinter einem gewiſſen Hügel herum, in eine Schlucht leitete, die nörd⸗ lich von der Stadt und in einer bedeutenden Entfernung ſich befindet; aber ungeachtet dies letztere Unternehmen keinen großen Aufwand erfordert, wird es doch ſchwerlich zur Ausführung kommen, da die Geiſtlichkeit dawider iſt, weil einige ihrer Ländereien dadurch leiden müßten. Was die Häuſer in Meſſina betrifft, ſo findet man viele einzelne geſchmack⸗ volle und prächtige Gebäude, und hier und da ganze Reihen. Im Allgemeinen aber iſt die Bauart nicht ſo ſchön und großartig, als in Palermo oder in Ca⸗ tania. Denn die beiden letztern Städte ſind der vorzüglichſte Sitz des ſiciliſchen Adels, deſſen Prunkliebe auch auf die übrigen Einwohner viel Einfluß hat. Dagegen beſteht in der erſtern, als der vornehmſten Handelsſtadt des Eilandes, der größte Theil der Einwohner aus Kaufleuten, welche mehr für Nutzen und Bequemlichkeit, als für den äußern Glanz bauen; und wiewohl unter ihnen viele reiche Adelige leben, ſo übt doch der herrſchende Handelsgeiſt zu viel Macht über dieſe aus, als daß ſie nicht ihr Vermögen lieber zu Gewinn bringenden Unternehmungen, z. B. der Unterhaltung von Schiffen u. ſ. w., als zu Auf⸗ führung von Paläſten verwenden ſollten. Was man am meiſten an dem Aeu⸗ ßern der Häuſer tadelt, iſt, daß die Fenſter und die dazwiſchen befindlichen Schäfte kein gefälliges Verhältniß zum Ganzen, erſtere eine zu geringe Höhe und letztere eine zu große Breite haben, was jedoch Vieles beiträgt, die Zim⸗ 97 mer kühl zu erhalten. Ueberhaupt iſt die ganze Bauart hauptſächlich auf Schutz gegen die Hitze berechnet. Man führt die Mauern durchgängig aus gehauenen großen Steinen auf, und gibt ihnen eine bedeutende, faſt plumpe Stärke. Alle Fenſter werden mit hölzernen Gittern(Jalouſien) oder mit Läden verſehen, und häufig haben die Zimmer gar keine Fenſter, ſondern blos eine Glasthür, die auf den Altan geht; denn faſt jedes Haus iſt, durch alle Geſchoſſe, mit Al⸗ tanen verſehen, die bisweilen längs der ganzen Breite desſelben hinlaufen. Den Fußboden der Gemächer belegt man, ſtatt der Dielen, mit Ziegeln, oder mit Platten von Stein und bisweilen von Marmor. In den Wohnungen der Vor⸗ nehmen werden auch die Wände mit Marmor bekleidet. Oefen oder Kamine finden ſich nirgend. Unter den öffentlichen Gebäuden zeichnet ſich vorzüglich das ſehr weitläu⸗ fige Hoſpital aus, welches Regelmäßigkeit und Schönheit mit großer Dauer⸗ haftigkeit verbindet. Sechs Stockwerke hoch, breitet es ſich über einen weiten Flächenraum aus, und ſchließt mit ſeinen Flügeln eine Menge Gehöfte und auch einige Gärten ein. Die Zimmer haben eine bedeutende Höhe, und viele einen ſo großen Umfang, daß ſie Kirchen gleichen. Dieſes Hoſpital, über wel⸗ ches der Erzbiſchof die Aufſicht führt, beſitzt ein ſehr großes Vermögen, deſſen Ertrag, wie man ſagt, ſich täglich auf drei Pfund Gold beläuft. Es nimmt alle Kranke, Einheimiſche und Fremde, und weß Standes ſie ſeien, ohne alle Umſtände und unentgeltlich auf. Die Verpflegung der Kranken, ſowohl in Betreff der ärztlichen Hülfe, als der Beköſtigung und Verſorgung mit Betten, Kleidern, Wäſche und ſonſtigen Bedürfniſſen, iſt muſterhaft. Ja, die Stiftung geht in ihrer Mildthätigkeit ſo weit, daß ſie den Geneſenen vor ihrer Entlaſſung eine geraume Zeit geſtattet, auf ihr ferneres Fortkommen bedacht zu ſein, und in vielen Fällen ſelbſt dafür ſorgt, ſo wie ſie auch dem Dürftigen bei ſeinem Abſchied einen Zehrpſennig reicht, der ſeinen Unterhalt auf mehre Tage ſichert. Mit dem Hoſpital ſind auch noch andere wohlthätige Anſtalten verbunden. Es gewährt zugleich hülfloſen Greiſen, Gebrechlichen und Wahnſinnigen, ſo wie obdachloſen Armen, eine Freiſtätte; es iſt die Pflegerin der älternloſen und hauptſächlich der weggeſetzten Kinder. Dieſe letztern empfängt, erzieht und ver⸗ ſorgt es auf eine merkwürdige Weiſe, und ich werde weiter unten ausführlicher darüber ſprechen. Kurz, Meſſina's Hoſpital iſt eine Anſtalt, die in Hinſicht ihrer Gebäude den ſchönſten Städten von Europa zur Zierde gereichen, und in Hinſicht ihrer ungemeinen, alle Zweige des menſchlichen Elends umfaſſenden Wohlthätigkeit, den verfeinertſten Völkern Ehre machen würde. Das biſchöfliche Seminarium, oder die Anſtalt, Geiſtliche zu bilden, ge⸗ hört ebenfalls zu den großen und ſchönen öffentlichen Gebäuden, welchen man Richter's Reiſen. II. 7 98 noch das Stadthaus und das Leihhaus füglich beizählen kann. Letzteres iſt, weil ſich jederzeit bedeutende Schätze darin befinden, ungemein feſt gebaut. Es hat einen Glockenthurm, und überhaupt das Anſehen einer Kirche. Es wird, um Pfänder aufzunehmen oder auszuliefern, nur am erſten Tage jedes Monats geöffnet, was ſich dann durch das Läuten ſeiner Glocken kund gibt, die einen ſo beſondern Ton haben, daß man ſie von denen der vielen Kirchen und Klöſter leicht unterſcheiden kann. Da ſich in dieſem Hauſe ſehr prächtige Säle befinden, ſo dient es den obrigkeitlichen Behörden der Stadt, bei feierlichen Gelegenhei⸗ ten ihre Verſammlungen darin zu halten. Die Anzahl der Kirchen iſt im Verhältniß zur Größe der Stadt und der Menge ſeiner Einwohner ſehr beträchtlich. Man zählt allein elf Pfarrkirchen und faſt dreimal ſo viel Kloſterkirchen und kleine Kapellen. Dieſe Gebäude ſind durchgängig prachtvoll, d. h. mit Verſchwendung koſtbarer Stoffe, und mit vielem Fleiße aufgeführt. Allein, großen Theils fehlt es ihnen an Regelmäßig⸗ keit und Uebereinſtimmung des Ganzen, und an gefälligen Formen der einzel⸗ nen Theile; nur einige kleinere, die ihr Daſein der neuern Zeit verdanken, dürfen ſich wahrer Schönheit rühmen. Die meiſten ſind das Werk des Mittel⸗ alters, wo Kunſt und Geſchmack tief geſunken waren, obſchon die Religion in hoher Verehrung ſtand, ſo daß man bei Erbauung der Gotteshäuſer keinen Aufwand ſcheute. Dazu kommt, daß viele, weil das Land ſeine Herren und einen großen Theil ſeiner Bewohner oft gewechſelt hat, von einer Nation be⸗ gonnen und von der andern beendigt, und faſt alle von mehren Nationen aus⸗ gebeſſert und nach dem eigenthümlichen Geſchmack einer jeden verſchönert wur⸗ den. So findet man ſchön gewölbte Kuppeln, ſpitzige Thürme, Fenſter und Eingänge mit Spitzbögen, oder unförmliche Satteldächer, gothiſche Gewölbe und Pfeiler, und griechiſche oder römiſche Säulen zuſammen geſtellt. Kurz, Meſſina's Kirchen ſind, wie ſeine Feſtungswerke, ein buntes Gemiſch, gleichſam eine Chronik, worin der Beobachter die politiſchen Schickſale, welche dieſe Stadt ſeit einer Reihe von Jahrhunderten erfahren hat, deutlich leſen kann. Meſſina hat vier Vorſtädte, nämlich Zaera im Süden, San Filippo im Weſten, Santo Dio(gemeiniglich Sardéo genannt) und Porta Reale im Nor⸗ den. Dieſe Stadttheile haben eine gefährliche Lage, da ſie ſich längs den Ar⸗ men der oben erwähnten Fiumara hinziehen. Hauptſächlich iſt es der Fall mit Zacra, wo der Strom, wegen der großen Abſchüſſigkeit des Bodens, und weil er von Hügeln und Häuſern ſehr beengt wird, eine ungemeine Kraft und Schnel⸗ ligkeit beſitzt; und dies iſt derjenige Theil von Meſſina, welchen die zerſtörende Ueberſchwemmung im Jahr 1823 vorzüglich betroffen hat. Santo Dio und Porta Reale ſind weniger gefährdet, da ſie in der Ebene liegen und dem ſie b —— begrenzenden Strom einen weiten Spielraum geſtatten. Die Vorſtädte haben meiſtens enge und krumme, Berg auf Berg ab laufende, ungepflaſterte Gaſſen. Die Häuſer ſtehen zum Theil einzeln, und unterbrochen von Gärten, Gras⸗ plätzen oder verfallenen Gebäuden. Ihre Bauart trägt das Gepräge der Ar⸗ muth und Niedrigkeit, ſo daß viele einem Schuppen, oder einem Stalle gleichen, obſchon hier und da manche hübſche Wohnung eingeſchaltet iſt. In mehren Gegenden ſtehen lange Reihen hölzerner Hütten, welche die Einwohner der Stadt gebaut haben, um zur Zeit eines Erdbebens ein ſicheres Obdach zu fin⸗ den. Die Einwohner der Vorſtädte beſtehen aus Seidenwebern, deren Anzahl ſich auf 5— 6000 beläuft, aus Gärtnern, Laſtträgern, Feld⸗ und andern Hand⸗ arbeitern. Das zunächſt am Meere gelegene Porta Reale iſt faſt ausſchließlich von Fiſchern bewohnt. Santo Dio zeichnet ſich indeß vor ſeinen Mitſchweſtern vortheilhaft aus. Man hat dort viele regelmäßige Straßen angelegt und mit prächtigen Gebäuden beſetzt, die von reichen Kaufleuten bewohnt werden. Denn es iſt der vorzüglichſte Stapelplatz für den inländiſchen Handel, und an beiden Seiten des dortigen Stroms, neben welchem die Straße nach Palermo einige Stunden weit fortgeht, befinden ſich viele Gaſthäuſer für ankommende Maul⸗ thiertreiber und ſonſtige Reiſende, ſo wie Niederlagen für Kaufmannsgüter, wodurch Leben und Thätigkeit, und ein gewiſſer Wohlſtand über den Ort ver⸗ breitet wird. Außer den hier genannten Vorſtädten Meſſina's gibt es eine Menge kleiner, ziemlich entfernter Flecken, die auch noch dazu gerechnet werden. Dahin gehört z. B. eine Häuſergruppe, faſt eine Viertelmeile nordwärts von Porta Reale; man nennt ſie San Francesco di Paola, von einem Franeiscaner⸗ Kloſter, das daſelbſt, und zwar auf der Stelle erbaut iſt, wo— dem Vorgeben nach,— der heilige Franeiscus in einer Fiſcherwohnung Aufnahme fand, nachdem er auf ſeinem Mantel über die Meerenge geſchwommen war. Noch etwas weiter nach der Faroſpitze liegt ein anderer Flecken, mit einem griechi⸗ ſchen Kloſter, San Salvatore de' Greci genannt; dicht dahinter kommt eine große Fiumara herab, welche auf dieſer Seite die Grenze von Meſſina macht. Meſſina iſt mit vielen Gärten umgeben, worin vortreffliche Gemüſe aller Art und mancherlei Baumfrüchte, vorzüglich Kirſchen und Bergamotten, Nüſſe, Kaſtanien und Mandeln, Feigen und Oliven erbaut werden; Pomeranzen und Zitronen, Maulbeeren, Johannisbrod und viele andere Früchte wachſen wild. Mit der Blumenzucht befaßt man ſich, wie überhaupt in ganz Sieilien, wenig, da allenthalben aus dem üppigen Schooße der Natur ſchöne Blumen und Kräu⸗ ter freiwillig hervor ſproſſen, die in Deutſchland eine künſtliche Pflege fordern; nur hier und da werden Roſen, Nelken und einige Arten Jasmin gezogen. Kunſtgärten ſucht man vergebens, und überhaupt hat der Geſchmack, welcher 7* im Gartenbau herrſcht, wenig Empfehlendes. Die am beſten angelegten und unterhaltenen Gärten ſind die der Klöſter. Zu einer beſondern Zierde gereichen ihnen die hohen, darin befindlichen Palmen, die man urſprünglich wegen ihrer Zweige aufgepflanzt hat, deren die Sieilier, zur Feier des Palmenfeſtes und bei vielen andern Gelegenheiten, in großer Menge bedürfen. Oeffentliche Gärten fehlen gänzlich, und wer vermißt ſie an einem Orte, deſſen ganze Umgegend ein Wonnegefilde iſt? Auch gibt es keine beſondern Luſt⸗ örter außerhalb der Stadt, da die Einwohner, wie ich in der Folge zeigen werde, ſich auf eine eigene Weiſe im Freien ergötzen. Nur hin und wieder finden ſich kleine Schenken, wo man Wein, Brod, Käſe und dergleichen bekommen kann. Meſſina's Hafen gehört zu den ſchönſten in der Welt. Bei einer völligen Sicherheit vor Stürmen, und bei einer Tiefe, die ſelbſt den ſchwerſten Kriegs⸗ ſchiffen dicht am Lande zu ankern geſtattet, hat er einen ſolchen Umfang, daß er gegen tauſend große Schiffe aufnehmen kann. Seine Geſtalt iſt länglich rund. Im Weſten und im Süden umſchließt ihn das Ufer vor der Stadt; an den übrigen Seiten eine ſchmale, meiſtens aus Klippen und Sandbänken beſtehende Erdzunge, die von Terra Nuova, dem ſüdlichen Ende der Stadt, nordwärts läuft, und ihre Spitze bogenförmig nach Porta Reale hinſtreckt, wo ſie eine Oeffnung läßt, welche den Eingang des Hafens bildet. Auf demjenigen Theil der Erdzunge, welcher an das Ufer ſtößt, liegt eine Citadelle. Dieſe Feſtung iſt ein ſtarkes Werk mit fünf regelmäßigen Baſtionen und einigen Außenwerken. In der Nitte derſelben befindet ſich ein ſchöner, viereckiger Waffenplatz, umgeben mit gut gebauten Wohnungen für Soldaten und Offiziere. Auch enthält ſie ein Staatsgefängniß und— wie man ſagt,— ein heimliches Gericht. Nicht weit davon, auf einer in das Meer ſich erſtrecken⸗ den Felſenbank, ſteht ein Leuchtthurm, mit Batterien umgeben, welche durch einen bedeckten Gang mit der Citadelle verbunden ſind. Das Licht des Thur⸗ mes läßt ſich in weiter Ferne erkennen, iſt aber dennoch bisweilen zu ſchwach, um von den Feuern unterſchieden zu werden, die man auf den im Faro befind⸗ lichen Fiſcherbooten, zur Anlockung gewiſſer Fiſche, anzündet. Nördlich von der Citadelle ſind freie Plätze, die zu Zimmerwerften dienen, wo ſtets neue Schiffe auf dem Stapel liegen, und wo die Engländer ihre Werkſtätten und Niederlagen zur Erbauung und Ausrüſtung der Flottille hatten. Auf dem nordöſtlichen Theil der Erdzunge befindet ſich das Lazzeretto, eine Anſtalt, wo Reiſende, die aus der Türkei, oder aus andern, der Peſt unter⸗ worfenen, oder überhaupt ungeſunden Orten kommen, die Prüfung ihrer Ge⸗ ſundheit beſtehen müſſen, bevor ihnen ein freier Verkehr mit dem Lande geſtattet wird. Auch pflegt man die Waaren aus jenen Gegenden, vor ihrer Ablieferung an die Kaufleute, daſelbſt niederzulegen, und ſie dann durch Lüften, Räuchern u. ſ. w. unſchädlich zu machen. Es halten ſich nämlich diejenigen Schiffe, wel⸗ chen eine lange Quarantäne, d. i. eine Geſundheitsprobe von vierzig Tagen, oft auch von mehren Monaten, auferlegt wird, ſelten bis nach Ablauf derſelben im Hafen auf, was ihnen allzu viel Zeitverluſt verurſachen würde; ſie liefern die Waaren, ſammt den Reiſenden, welche ſie an Bord haben, an jene Anſtalt aus, nehmen eine neue Ladung ein, und gehen wieder in See, ohne während ihres Aufenthaltes mit Jemand, außer den Beamten der Quarantäne, in Berührung gekommen zu ſein. Da die ſämmtlichen zum Lazzeretto gehörigen Leute, nebſt denen, die ihrer Aufſicht anvertraut ſind, abgeſchieden von allen andern Menſchen leben, ſo iſt dieſe Anſtalt mit einem Gefängniſſe zu vergleichen, dem ſie auch von außen, obſchon ihr Inneres ſchöne Gebäude mit geräumigen Höfen und Gärten enthält, ſehr ähnlich ſieht, da das Ganze mit hohen und ſtarken, nur an der Hafenſeite mit einem Thor verſehenen Mauern umgeben iſt. Das Land, worauf ſie liegt, bildet eine Inſel, indem ſie im Weſten vom Hafen und im Oſten vom Meere begrenzt, an der Süd⸗ und Nordſeite aber durch Canäle von der Erdzunge geſchieden iſt. Doch ſind die Canäle während des Krieges zum Theil ausgefüllt worden, weil man mit kleinen Fahrzeugen von dem Meere nach dem Hafen hindurch fahren, und mithin der Feind, bei Ver⸗ ſuchen zu landen, leicht Vortheil davon ziehen konnte. Nicht weit vom Lazze⸗ retto befindet ſich die berüchtigte Charybdis, jetzt Calofaro oder Charilla ge⸗ nannt, eine Stelle in der Meerenge, wo der Strom, weil er an den Felſen auf dem Boden vielfach gebrochen wird, eine wirbelnde Bewegung macht. Dieſer Wirbel läßt ſich bei ſtillem Wetter kaum bemerken, vermehrt aber ſeine Kraft mit der Zunahme des Windes, und ſchlägt im Sturm ſehr hohe Wellen, die zu kochen ſcheinen und ein Getöſe wie entfernter Kanonendonner verurſachen. Wie⸗ wohl ihn die Seefahrer in unſern Tagen, wo ihre Kunſt ſich ſehr vervollkomm⸗ net hat, nicht dermaßen fürchten, wie in frühern Zeiten, ſo bleibt er doch eine gefährliche Stelle, auf der ein Schiff, das bei ſtürmiſchem Wetter in ihre Nähe geräth, leicht von den Klippen zertrümmert und in den Grund geriſſen wird, und die daher ſtets zu vermeiden iſt, beſonders wenn man von Süden durch den Meerbuſen kommt, weil der Strom auf dieſem Wege einen reißenden Zug dahin nimmt. Auf der Spitze der Erdzunge liegt ein ſtarkes Fort,„Salvatore“ genannt, welches, in Verbindung mit einer Baſtion bei Porta Reale, den Eingang des Hafens beſchützt. Sie bildet ein Viereck, das mit vielen runden Thürmen, und mit einer großen Anzahl Kanonen, auf hohen und niedrigen Batterien, beſetzt iſt. 102 Das eben genannte Fort, die Citadelle, das alte Kaſtell(Castellaccio) und das Fort Gonzaga, welche zwei letztern auf Hügeln am obern Ende der Stadt liegen, waren von den ſämmtlichen Werken Meſſina's die einzigen, welche den Forderungen der heutigen Kriegskunſt entſprachen, und daher die einzigen, wo die Engländer während ihres Aufenthaltes in der Stadt eine Beſatzung hielten. Gegenſtände, die für den Gelehrten beſonders merkwürdig ſind, hat Meſ⸗ ſina wenig aufzuweiſen. Denn die kleinen, hier und da in den Klöſtern zer⸗ ſtreuten Sammlungen von Büchern, ſo wie von Erzeugniſſen der Natur und Kunſt, enthalten nicht viel Wichtiges; und von Denkmälern der griechiſchen und römiſchen Baukunſt, woran viele Städte Siciliens einen Reichthum be⸗ ſitzen, iſt nichts vorhanden, als die oben erwähnten Säulen in der Hauptkirche, welche aus dem prächtigen, ehedem auf der Faroſpitze befindlichen Neptunus⸗ tempel genommen ſind, und noch einige ähnliche, zur Verſchönerung anderer Kirchen verwendete Bruchſtücke. Die vorzüglichſte Merkwürdigkeit Meſſina's beſteht in ſeiner anmuthigen Lage, in welcher Hinſicht keine Stadt in Sieilien und vielleicht in der Welt, Neapel ausgenommen, damit zu vergleichen iſt. Faſt in allen Stadttheilen genießt man, aus den Fenſtern und von den Altanen und Dächern der Häuſer, eine Ausſicht, die den Fremden in ein freudiges Erſtaunen ſetzt; aber einen der ſchönſten Standpunkte, die zauberiſche Landſchaft in ihrem ganzen Umkreiſe zu betrachten, bietet das alte Kaſtell dar. Was für ein erhabenes und prächtiges Schauſpiel gewährt es, die hohen Bergufer Sieiliens mit ihren kühnen ausge⸗ zackten Spitzen, gegenüber die ſanftern, mit dem friſcheſten Grün bekleideten Höhen Calabriens, zwiſchen beiden den dunkelblauen Strom des Meeres, und über dem Ganzen den reinen ſüdlichen Himmel, welcher den tauſendfachen, ringsum ausgegoſſenen bunten Farben einen unbeſchreiblichen Glanz verleiht, zu überblicken! Die nähern Umgebungen der Stadt enthalten die ſeltſamſten Kontraſte. Kahle, zerriſſene Felſen, mit Sand und Steinen bedeckte Steppen wechſeln mit lachenden Fluren, Hügeln und Thälern ab, wo die ſchönſten und wohlriechendſten Blumen und Kräuter, Wälder von Zitronen⸗, Pomeranzen⸗ und Johannisbrodbäumen, wo der Weinſtock und faſt alle Gattungen europäi⸗ ſcher Gewächſe üppig emporwachſen, während an andern Stellen die indiſche Feige, die Aloeſtaude und die Palme ſo kräftig gedeihen, daß man ſich unter einen tropiſchen Himmelsſtrich verſetzt glaubt. Kurz, die Natur zeigt ſich allent⸗ halben, wohin man den Blick wendet, ſo unerſchöpflich an Kraft, und entwickelt ſo viel Reichthum und Schönheit, daß es ſcheint, ſie habe ſich hier in ihren Gaben erſchöpfen wollen. Beiläufig bemerke ich, daß die Gegend um Meſſina viele kalte und warme, beſonders eiſenhaltige Quellen beſitzt. Die Einwohner von Meſſina— ihre körperliche Beſchaffenheit— ihre Kleidung— Sprache. Ungeachtet die Sicilier urſprünglich ein Gemiſch der verſchiedenſten Völker ſind, haben ſie dennoch im Laufe der Zeit ein ziemlich gleichförmiges Aeußeres angenommen, das mit dem Stempel des ſüdlichen Himmels bezeichnet iſt. Sie haben eine bräunliche Geſichtsfarbe, ſehr ſchwarzes Haar, ſchwarze, etwas tief liegende, feuchte und brennende Augen, und ſtark ausgedrückte, bis⸗ weilen verzerrte Züge; ihr Körper iſt von mittler Größe, wohlgeſtaltet und gewandt. Es finden jedoch mancherlei Ausnahmen und Abſtufungen hierin Statt, welche theils der verſchiedenen Beſchaffenheit der Wohnörter, ihrer Lage auf Bergen oder in Thälern, tief im Lande oder an der Küſte, in einer geſun⸗ den oder ungeſunden Gegend, ſo wie der Verſchiedenheit des Standes und der Lebensart, zuzuſchreiben ſind, theils aber auch auf die vorherrſchenden Eigen⸗ thümlichkeiten eines beſondern Volksſtammes hindeuten. So erblickt man z. B. in Syrakus und noch mehr in Catania einen Menſchenſchlag, welcher durch die weiße und rothe Farbe, die edeln Züge und das ſchöne Profil des Geſichts, ſo wie durch den gefälligen, ſchlanken Körperwuchs, ſeine Abſtammung von den Griechen deutlich beurkundet; ja, es erſcheinen in jenen Gegenden ſogar Leute mit blauen Augen und hellfarbigem Haar, was jedoch nicht griechiſch, und auch keine ſiciliſche Schönheit iſt. Dagegen haben die meiſten Menſchen in Palermo, Trapani und der Umgegend, ſo wie überhaupt im Süden und Weſten des Eilandes, ein ziemlich mohrenhaftes Anſehen und es ſcheint, daß viel ſaraceni⸗ ſches Blut in ihren Adern fließt. Auf die Bevölkerung von Meſſina haben die Normänner und dann die Spanier, welche ſich, während ihrer langen Herrſchaft über Sieilien, zahlreich in dieſer Stadt niederließen, großen Einfluß gehabt; denn es gibt dort eine Menge wahrhaft franzöſiſcher Geſichter und viele von echt ſpaniſchem Zuſchnitt. Uebrigens ſind die Einwohner von Meſſina weder ſo hellfarbig als die von Catania, noch ſo gebräunt als die von Palermo. Unter den Frauen, die, wie in allen Theilen der Inſel, in Rückſicht der Körper⸗ bildung den Vorzug vor den Männern behaupten, trifft man häufig ausgezeich⸗ net ſchöne Geſtalten an; und wenn es auch vielen an wirklicher Schönheit fehlt, ſo beſitzen ſie doch in hohem Grad jene anmuthige Lebhaftigkeit in den Mienen und jene reizende Beweglichkeit in den Geberden, welche dem weiblichen Geſchlecht in ſüdlichen Ländern eigen ſind, und die Mängel desſelben leicht ver⸗ geſſen laſſen. So wie in Sieilien, wegen der treibenden Wärme des Klima's, das 104 Wachsthum aller Pflanzen ungemein beſchleunigt wird, ſo gedeiht auch der menſchliche Körper frühzeitig zu einer Reiſe, und durchläuft in ſchneller Folge die verſchiedenen Perioden des Lebens. Beſonders iſt dies beim weiblichen Geſchlechte der Fall. Eine Frau von vierzehn Jahren und eine dreißigjährige Großmutter ſind keine Seltenheiten. Aber eben deswegen hat die Schönheit eine ungewöhnlich kurze Dauer; ſie neigt ſich oftmals ſchon im zwanzigſten Jahre zum Verwelken. Deſſen ungeachtet geſchieht es nicht ſelten, daß Frauen in ſpätern Jahren ſich zu verjüngen ſcheinen; und überhaupt erreichen die Men⸗ ſchen in Meſſina und deſſen Umgebungen ein ziemlich hohes Alter, eine Folge der überaus geſundeu Luft, welche fortwährend von den die Meerenge beſtrei⸗ chenden Winden gereinigt und erfriſcht wird. Die Kleidung der Einwohner zeigt von Wohlſtand und gutem Geſchmack, was auch von den niedern Volksklaſſen gilt, unter welchen man Leute mit unreinlichen oder zerriſſenen Kleidern, oder von grellen, unpaſſend gewählten Farben, ſelten erblickt, wiewohl dieſes in andern Theilen des Landes häufig der Fall iſt. Die höhern und mittlern Stände kleiden ſich, wie es der Modewechſel im übrigen Europa mit ſich bringt, einige Abweichungen ausgenommen, die in der Beſchaffenheit des Klima's und in der Anhänglichkeit an einige uralte Ge⸗ wohnheiten ihren Grund haben. So wird z. B. Wäſche von buumwollenem Zeuge getragen. Man legt einen hohen Werth auf Gold und überhaupt auf reichen Schmuck. Das männliche Geſchlecht trägt einen großen goldnen Ring im linken Ohre, goldne Ringe an den Fingern, dergleichen Buſennadeln, und ſchwere Uhrketten. Das weibliche ſchmückt ſich mit goldenen Ohr⸗ und Finger⸗ ringen, Haar⸗ und Buſennadeln, mit Ketten von Gold, oder Perlenſchnuren um den Hals oder um den Kopf, ſo wie mit goldenen, zum Theil mit Edel⸗ ſteinen beſetzten Kreuzen, Schaumünzen, Medaillons, Uhren u. ſ. w., wobei es jedoch eine geſchmackloſe Ueberladung zu vermeiden ſucht; daher aber auch leicht vergänglicher Putz, mit Ausnahme der Bänder und künſtlichen Blumen, wenig Eingang findet. Die Männer tragen beſtändig Schuhe, und Strümpfe von weißer Baumwolle, häufig auch von gelblicher oder fleiſchfarbener Seide. Während der warmen Jahreszeit kleiden ſich die meiſten, wie es in vielen ſüd⸗ lichen Ländern geſchieht, in gelben oder blauen Nanking; Strohhüte aber, die ſonſt gewöhnlich mit dieſer Tracht verbunden ſind, tragen ſie niemals, ſondern immer Hüte von ſchwarzem Filz, bisweilen Mützen von grünem Leder. Zum Schutze gegen die Sonne bedienen ſie ſich eines Regenſchirms. Bei kühlem Wetter nehmen ſie einen langen und ſehr weiten Mantel, von braunem oder blauem Tuche, und zwar nach italiſcher Sitte um, indem der Zipfel des rechten Vordertheils, um den Nacken geſchlungen, auf der linken Schulter zu liegen 105 kommt. Oeffentliche Beamte erſcheinen bei feierlichen Gelegenheiten in alt⸗ ſpaniſcher Tracht. Die Frauen machen, außer zu Mänteln, nie von wollenen Stoffen Gebrauch, ſondern ſind zu allen Jahreszeiten in Baumwolle oder Seide gekleidet. Während des Sommers iſt beſonders ihr häuslicher Anzug außerordentlich leicht, und beſteht oftmals blos in einem feinen Hemd, das um den Hals mit einem Streifen, und an der untern Kante mit Falbeln beſetzt, auch mit Zügen um den Leib verſehen iſt, und mithin das Anſehen eines Klei⸗ des hat, wozu noch eine Schürze und ein Halstuch kommt. Man ſieht bei ihnen weder Hauben noch Hüte. Zu Hauſe gehen ſie im bloßen Kopfe, das ſchöne, lange Haar zierlich geflochten und aufgeſteckt; doch pflegen bejahrte oder kränk⸗ liche ein Tuch von Muſſelin, dreieckig zuſammengelegt, um den Kopf zu tragen, ſo daß der eine Zipfel über den Nacken herab hängt, und die beiden andern unter dem Kinn zuſammen gebunden ſind. Im Theater, bei Gaſtereien und andern Feſten, ſchmücken ſie das Haar in vielfach abwechſelnden Formen, bald mit goldenen Nadeln und Ketten, oder mit Perlen und Edelſteinen. Im Freien werfen ſie einen ſchwarzen oder auch weißen Schleier über, ſo daß die Zipfel, zwei vorn und zwei hinten, gleich weit herab gehen; doch ſchlagen ſie den vor⸗ dern Theil bisweilen auf, und befeſtigen ihn mit Nadeln an den Haaren, wo er dann, zu beiden Seiten des entblößten Geſichts, rollenförmig oder gefaltet herab hängt. Zur Beſchützung ihres Geſichts vor den Sonnenſtrahlen dienen kleine Schirme, oder auch Fächer, die daher beim Ausgehen nie vergeſſen wer⸗ den. Die letztern nimmt man beſonders in die Kirche und in das Theater, wo der Menſchendunſt die Hitze vermehrt, zur Abkühlung des Geſichts mit; ſie ſind zum Theil ſehr prächtig und oft zehn, zwanzig und mehr Thaler werth. Die Fußbekleidung beſteht in weißen baumwollenen oder ſeidenen Strümpfen, und in Schuhen von Nanking, oder von ſeidenen, oftmals mit Gold und Silber durchwirkten Stoffen, ſelten von Leder. Bei kühler oder naſſer Wit⸗ terung hüllt man ſich in einen Mantel von gelblichem, graulichem, blauem oder ſchwarzem Kaſimir, oder von feinem, meiſtens braunfarbigem Tuch, woran ſich eine Kapuze befindet, die über den Kopf gezogen wird. Die Kinder der höhern und mittlern Stände werden, ſo wie es bei allen Volksklaſſen in Italien Sitte iſt, ein Vierteljahr lang nach ihrer Geburt, mit einer weißen Zwillich⸗ binde, die gewöhnlich eine reiche Beſetzung mit Streifen hat, feſt umwickelt. Die nachherige Bekleidung iſt einfach, aber geſchmackvoll, und beſonders auf die freie Ausbildung des Körpers berechnet.— Die niedern Volksklaſſen kleiden ſich ſehr verſchieden, je nachdem ſie ein mehr oder minder grobes, ſchweres und geachtetes Gewerbe treiben. Faſt jede hat ihre beſtimmte Tracht, wovon ſelten Jemand abweicht. Die Fiſcher z. B. tragen Jacken und lange Hoſen von gro⸗ —— 106 ber, blau und weiß geſtreifter Leinwand, an Feſttagen von dunkelgrünem oder blauem Sammt. Die alltägliche Kleidung ihrer Weiber iſt eine Jacke und ein weiter, mit vielen Falten verſehener Rock, ebenfalls von jener groben Leinwand verfertigt; der feſtliche Putz beſteht in Jacken und Röcken von ſchwarzer oder blauer Seide, nebſt Schürzen von durchnähtem Muſſelin. Die Zimmerleute, die Maurer, Tagelöhner, Laſtträger und ihre Familien haben ähnliche Anzüge, jedoch mit kleinen Unterſchieden, welche dem Eingebornen genau bekannt ſind. Herrſchaftliche Diener erkennt man an den Aufſchlägen und Treſſen auf ihren Röcken, aber auch ſchon an ihren kurzen Beinkleidern mit Knieſchnallen. Dienſt⸗ mädchen dürfen ſich zum Tragen langer Kleider, oder was dem gleich kommt, nie verſteigen. Die Beſchreibung der Einzelheiten im Anzuge würde mich jedoch zu weit führen, daher ich nur noch im Allgemeinen etwas mittheile. Beide Ge⸗ ſchlechter der untern Volksklaſſen tragen Wäſche von grober Leinwand, der⸗ gleichen faſt in jeder Familie von dem weiblichen Theile derſelben verfertigt wird; man vertauſcht ſie aber an Feſttagen mit einer feinen baumwollenen. Die Kleidung der Männer beſchräukt ſich auf Jacken und lange Hoſen, von blauer oder weiß und blau geſtreifter Leinwand, von gelbem oder blauem Nan⸗ king, blauem Tuch oder grünem oder blauem Sammtv; lange Röcke ſind nicht gebräuchlich. Viele gehen bei der Arbeit barfuß, außerdem in Schuhen und weißen baumwollenen Strümpfen. Das Halstuch, welches von Baumwolle oder von Seide und meiſtens buntfarbig iſt, wird einfach und locker umgeſchlun⸗ gen, und vorn in einen Knoten geknüpft. Die meiſten Männer ſchneiden das Haar kurz ab; doch binden es auch manche mit ſchwarzem Bande in einen kur⸗ zen Zopf zuſammen. Zur Kopfbedeckung haben ſie Hüte von Filz und von Stroh, auch lederne Mützen, hauptſächlich aber weiße oder bunte baumwollene Mützen, mit einem langen, ſackförmigen Zipfel, der hinten oder auf der Seite herab hängt. Bei rauhem oder naſſem Wetter werfen ſie einen braunen oder blauen Tuchmantel um; diejenigen aber, welche ſich viel im Freien aufhalten, z. B. Fiſcher, Laſtträger, Maulthiertreiber u. ſ. w., ziehen Oberröcke an, die aus Ziegenhaar und Schafwolle verfertigt, außerordentlich dick und ſchwer, an der innern Seite zottig, und mit einer ſpitzigen, wie ein Zuckerhut geſtalteten Kapuze verſehen ſind, und daher den Körper ſehr warm und im Regen trocken halten. Dieſe Röcke haben eine ſchwarzbraune Farbe; ihre Größe iſt, wie ihre Güte, ſehr verſchieden, indem einige einen Mantel und andere einer Jacke gleichen, daher der Preis derſelben von drei bis zu dreißig Thalern ſteigt. Sie kommen ſchon verfertigt aus der Levante, weßhalb ſie„levantiſche Röcke“ heißen. Man verſendet ſie von dort nach allen Ländern längs dem Mittelmeere, wo ſie, beſonders von den Seeleuten, häufig getragen werden. Sicilien führt —jꝑ——— —-— 107 ſehr viele ein; doch werden dergleichen auch von den dort lebenden griechiſchen Schneidern verfertigt, welche das Zeug dazu aus der Levante beziehen. Die Weiber der niedern Stände tragen durchgehends Rock und Jacke von blauer oder blau und weiß geſtreifter Leinwand, oder von buntem Kattun, und Schnür⸗ leiber von ſchwarzem Sammt, blauem Taffet, oder von Nanking, und dazu weiße oder bunte baumwollene Halstücher. Ihre Fußbekleidung beſteht in Pan⸗ toffeln, gewöhnlich aber gehen ſie barfuß. Das lange Haar wird in einen Zopf geflochten, und mit einem Kamm, oder mittels eines ſilbernen Bügels auf eine Art, die ſich nicht gut beſchreiben läßt, aufgeſteckt, und bisweilen mit Schleifen von rothem oder ſchwarzem ſeidenen Bande geſchmückt. Zu Hauſe bleibt der Kopf unbedeckt; auf der Straße umhüllt ihn ein großes baumwolle⸗ nes, in ein Dreieck zuſammen gelegtes Tuch, dergeſtalt, daß der eine Zipfel frei über den Rücken herunter hängt, und die beiden andern, welche an beiden Sei⸗ ten des Geſichts und üder die Schultern herab gehen, auf der Bruſt über ein⸗ ander geſchlagen und mit den Armen feſtgehalten werden. An deſſen Stelle tritt bei ſchlechtem Wetter das ſo genannte Mäntelchen, ein Stück weißen wolle⸗ nen Zeuges von dreieckiger Form, das mit buntem Band eingefaßt iſt. An Feſttagen, wie überhaupt bei feierlichen Gelegenheiten, putzen ſich dieſe Weiber mit Jacken und Röcken von ſchwarzen oder bunten ſeidenen Stoffen, mit Schür⸗ zen, Hals⸗ und Kopftüchern von durchnähtem Muſſelin, ſo wie mit weißen baumwollenen Strümpfen, und mit Schuhen von Leder, Nanking oder Sammt. In der Kirche und auf Spaziergängen haben ſie auch Fächer, jedoch von der wohlfeilern Art. Der größere oder geringere Wohlſtand läßt ſich bei den untern Volksklaſſen nur aus dem Gold und Silber abnehmen, das ſie an ſich tragen, und das, da es gewöhnlich ihr ganzes Vermögen ausmacht, bisweilen ſehr anſehnlich iſt. Männer, die wenig beſitzen, haben dennoch einen goldenen Ohrring, dergleichen Fingerringe und ſilberne Schuhſchnallen, nicht ſelten auch große ſilberne Heftel, ſtatt der Knöpfe, an ihren Weſten. Uebrigens macht man unter dem gemeinen Volk in Meſſina, wie in ganz Sieilien und in andern ſüd⸗ lichen Ländern, häufig die Bemerkung, daß das weibliche Geſchlecht im hohen Alter faſt alle Sorgfalt für ſein Aeußeres verliert; beſonders ſieht man in den Vorſtädten eine Menge ſchmutziger und häßlicher alter Weiber mit grauem, wild ins Geſicht hängendem Haar, deren Anblick nicht nur bei Fremden, ſondern auch bei Einheimiſchen, welche letztere vor ihnen wie vor Geſpenſtern fliehen, Abſcheu erregt. Die Kinder der gemeinen Leute werden meiſtens, bis zum ſechſten oder ſiebenten Jahre, blos mit einem Hemd bekleidet; nur an Feſttagen, oder wenn ſie Reiſen oder weite Gänge mit machen, zieht man ihnen ordent⸗ liche Kleider, wie die der Aeltern, an. 7 108 Die Sprache der Einwohner von Meſſina iſt angenehmer und wegen des ſtarken Handels, den dieſe Stadt mit Ober⸗Italien treibt, den dortigen Mund⸗ arten näher verwandt, als die in Palermo herrſchende, welche Vieles mit der neapolitaniſchen gemein hat. Die Stimmen ſind hell und wohlklingend. Man ſpricht außerordentlich geſchwind und lebhaſt, und macht dabei viele Geberden, die oft an das Poſſenhafte grenzen, aber die Gedanken faſt ſo deutlich bezeich⸗ nen, als es die Sprache vermag; auch verſtehen die Meiſten die Augenſprache ſo gut, daß ſie ſich mittels derſelben unterhalten können, ohne einen Laut von ſich zu geben und eine Miene zu verziehen. 4. Gemuthsart der Bewohner Sieiliens lüberhaupt.— Mehre Eigenthümlichkeiten der Haushaltungen. Im Umgange ſind Meſſina's Einwohner, wie alle ihre Landsleute, heiter und aufgeweckt. Mit einem freundlichen und gefälligen Weſen verbinden ſie eine etwas umſtändliche Höflichkeit, die ſich gern in Wiederholungen nichts bedeuten⸗ der Redensarten äußert, ſo wie eine große Geſelligkeit und Geſprächigkeit, eine kindiſche Neugier, und eine ziemliche Dreiſtigkeit, welche macht, daß ſie in wenig Augenblicken mit Andern bekannt und vertraut werden. Dieſer Dreiſtigkeit, die bisweilen in Unverſchämtheit übergeht, muß man es zuſchreiben, daß ſie öffentlich von Dingen ſprechen, die man anderwärts nur ſeinen Vertrauten mit⸗ theilen würde, daß ſie häufig Ausdrücke gebrauchen, die den Fremden eine Schamröthe in's Geſicht treiben, oder daß ſie bei offenen Thüren und Fenſtern, ja, die gemeinen Leute auf freier Straße, eſſen und trinken, beten, arbeiten, tanzen und ſpielen, kurz, faſt jedes Geſchäft mit der größten Oeffentlichkeit ver⸗ richten. In Gefahren zeigen ſie viel Muth, aber dieſer iſt mehr die flüchtige Wir⸗ kung aufgeregter Leidenſchaften, als die Folge des feſten Vertrauens auf ihre Kräfte. Ihre Reizbarkeit iſt groß, und eine Kleinigkeit vermag ſie in Erſtau⸗ nen, Freude, Traurigkeit, Furcht oder Zorn zu ſetzen, daher auch Flüchtigkeit und Wankelmuth ihren Charakter ſtark bezeichnen. Die Heftigkeit der Leiden⸗ ſchaften reißt ſie leicht zu den ſchwerſten Verbrechen hin; gekränkte Liebe, be⸗ leidigter Ehrgeiz oder Stolz nehmen oftmals blutige Rache. Schon in dem ſtrengen Verbote, mit Dolchen bewaffnet zu ſein, was jedoch häufig, und bis⸗ weilen ſogar von Frauen übertreten wird, ſo wie in dem Verbote, Federmeſſer in der Taſche zu tragen, oder bei Tiſche und überhaupt ſpitzige Meſſer zu ge⸗ brauchen, die daher durchgängig abgerundet ſind, ſpricht ſich die rachſüchtige 109 Gemüthsart deutlich aus. Doch ſind Mordthaten meiſtens das Werk augen⸗ blicklicher Aufbrauſung, und Beiſpiele, daß Jemand bei kaltem Blute und mit Vorbedacht dergleichen begeht, gehören zu den Seltenheiten. Indeſſen iſt Meſſina, wie alle Städte Italiens, nicht frei von Böſewich⸗ tern, die Raub und Mord zu ihrem Gewerbe machen. Dies war beſonders zur Zeit meines dortigen Aufenthalts der Fall, wo viel liederliches Geſindel aus dem übrigen Italien, beſonders aus den Abruzzo's, ſich nach Sieilien geflüchtet hatte, ſo daß man zur Nachtzeit auf der Straße, ungeachtet der ſtarken mili⸗ täriſchen und polizeilichen Wachen, immer in Gefahr ſchwebte, angefallen zu werden. Dazu kommt noch das Uebel, daß die Einwohner, wenn ſie Lärm auf der Straße hören, ſich feſt in ihre Häuſer verſchließen; denn es hat ſich oftmals zugetragen, daß Leute, welche die Polizei bei einem Ermordeten ſtehend, oder auch nur in den benachbarten Häuſern munter fand, in eine langwierige, bis⸗ weilen Jahre lang dauernde Unterſuchung kamen, um den entflohenen Mörder anzuzeigen, den ſie vielleicht nicht einmal geſehen hatten, oder daß ſie wohl gar dafür gehalten, und zur Srafe gezogen wurden. Ein anderer Umſtand, der Mordthaten ſehr begünſtigt, iſt, daß der Thäter, wenn er auf der Flucht eine gewiſſe, der heil. Maria della manica gewidmete Kirche erreicht und ſich in ihren Schutz begibt, ohne die beſondere Bewilligung des Erzbiſchofs, von keiner obrigkeitlichen Macht ergriffen werden kann; ſelbſt auf den Stufen vor der Thür iſt er unantaſtbar. Von den Stufen des hohen Altars darf ein ſolcher Flüchtling nur von dem Erzbiſchof in eigener Perſon herab geholt werden, wozu es ſelten kommt, weil ein Fall der Art große Weitläufigkeiten verurſacht; und oft ſucht ihn die Geiſtlichkeit, aus unzeitiger Menſchenliebe, oder um ihr Anſehen zu vergrößern, aus dem Lande und in Sicherheit zu bringen, unter dem Vorgeben, daß die heilige Jungfrau ſich in's Mittel geſchlagen habe. Faſt alle Sieilier haben einen ſtarken Hang zur Eitelkeit und Prahlerei, welcher in Palermo ſo weit geht, daß man z. B. alle nicht gemeine Leute mit dem Titel„Excellenz,“ und die gemeinſten mit der Benennung„Don“ beehrt, daß jeder Vornehme einen Diener, in reich beſetzten Kleidern und einen Stock mit großem ſilbernem Knopf in der Hand haltend, an der Thür ſeines Hauſes Wache ſtehen läßt, oder daß Mancher im Stillen darbt, um Wagen und Pferde halten und ſich öffentlich damit zeigen zu können. Auch die Einwohner von Meſſina ſind, obſchon im Ganzen gediegener als ihre palermitaniſchen Neben⸗ buhler, nicht ganz frei von ähnlichen Thorheiten, wie die ſchon erwähnte über⸗ triebene Liebe zu Goldſchmuck und mancher andere Zug beweiſt. So legen ſie z. B. ebenfalls Jedem den Ehrentitel„Don“ bei, nennen jedes nicht unanſehn⸗ liche Haus einen Palaſt, geben den öffentlichen Gebäuden, Brunnen u. ſ. w. 110 hochtrabende Inſchriften, und bringen auf den Briefen weitſchweifige Titulatu⸗ ren an, was ſogar die Kaufleute nicht unterlaſſen. Dahin gehört auch der unanſtändige Gebrauch, bei Tiſche mit den Löffeln und Tellern, mit den Glä⸗ ſern und Flaſchen ſo viel Geräuſch als möglich zu machen, um den Vorüber⸗ gehenden zu zeigen, daß man im Ueberfluſſe lebt. In Hinſicht der Thätigkeit und Erwerbſamkeit zeichnen ſich Meſſina's Einwohner ſehr vortheilhaft vor den meiſten übrigen Siciliern aus, was die dem Handel ſo günſtige Lage der Stadt, und die ſtete Aufmunterung, die er allen Ständen gibt, hauptſächlich zu bewirken ſcheint. Hiervon machen jedoch viele vornehme und wohlhabende Frauen, ſo wie viele der zahlreichen Geiſtlichen und Mönche, die ihre Tage in gänzlicher Unthätigkeit hinbringen, eine Aus⸗ nahme. Auch bemerkt man ſelbſt bei den Geſchäftigen eine gewiſſe Gemächlich⸗ keit, welche verräth, daß nur der rege Wunſch, Vermögen zu erwerben, die natürliche Neigung zum Nichtsthum überwindet. Die Krämer z. B. beſitzen eine unermüdliche Beredtſamkeit, dem Käufer ihre Waaren anzupreiſen, aber ngern unterziehen ſie ſich der Mühe, ihm viele derſelben zur Auswahl vorzu⸗ zeigen. Indeſſen iſt kein Zweifel, daß die Thätigkeit ungleich größer ſein würde, wenn nicht die Leute durch die zahlreichen Feiertage ſo oft aus dem Gleiſe der⸗ ſelben kämen. Denn obſchon an ſolchen Tagen die Kramläden geöffnet, und mancherlei Handelsgeſchäfte abgeſchloſſen werden, ſo darf doch Niemand die geringſte Handarbeit verrichten, ohne den Verdacht des Unglaubens und der Gottesvergeſſenheit auf ſich zu ziehen, ſo daß man, um z. B. nur einen Strumpf auszubeſſern, ſich genöthigt ſieht, die Thüren und Fenſter zu verſchließen, und Licht anzuzünden, damit es nicht bemerkt wird. Die größere Arbeitſamkeit der Einwohner von Meſſina hat die wohlthä⸗ tige Folge, daß unter ihnen kein ſo ſtarker Hang zu Ueppigkeit und rauſchenden Luſtbarkeiten herrſcht, als in Palermo und andern Städten Siciliens. Den⸗ noch fehlt es den Meiſten an Liebe zu ſtiller Häuslichkeit, die ſonſt dem Arbeit⸗ ſamen ſo eigen iſt. Arbeit ohne Wechſel mit kleinen Zerſtreuungen behagt ihnen nicht, und wenn auch noch ſo ämſig beſchäftigt, wünſchen ſie doch dabei unter Menſchen zu ſein, und etwas Neues zu hören und zu ſehen. Die Kauf⸗ leute und Mäkler, die Advokaten, Notarien u. ſ. w. pflegen ſich faſt den ganzen Tag vor den Kaffeehäuſern aufzuhalten, und ihre Geſchäfte dort abzumachen, indem ſie nur zum Eſſen, oder zur Ruhe ſich nach Hauſe begeben. Alle Hand⸗ werker, welche durch ihr Gewerbe an die Wohnung gebunden ſind, ſuchen der⸗ ſelben dennoch zu entkommen, indem ſie ihre Werkſtatt auf freier Straße auf⸗ ſchlagen, wobei nie unterlaſſen wird, leere Stühle umher zu ſtellen, damit einige der Vorübergehenden ſich niederſetzen und ihnen Geſellſchaft leiſten mögen, —,— 111 was auch faſt immer der Fall iſt, da es wenigſtens an müßigen Mönchen nie ge⸗ bricht. Die Frauen beſchäftigen ſich gern mit Spinnen, weil ſie dabei herum ſchlendern können, da ihr Rocken blos in einem Stöckchen beſteht, das in der linken Hand gehalten wird. Bei der Bereitung des Eſſens ſtehen ſie ungern am Feuerherd der verſteckten Küche, ſondern gebrauchen lieber ein Kohlenbecken, worauf ſie einen Topf oder eine Pfanne ſtellen, und damit bald auf den Altan, bald vor die Thür des Hauſes, oder wohl gar zu einem Nachbar wandern. Kurz, man liebt die Arbeit mit Zerſtreuung außer dem Hauſe zu verbinden, und findet an nichts ein größeres Mißbehagen, als wenn dies von ungünſtiger Witterung verhindert wird. Ein bedeutender Vortheil, der Meſſina's Einwohnern aus ihrer Thätig⸗ keit und Erwerbſamkeit erwächſt, beſteht darin, daß unter ihnen nicht ſo viel Armuth und Elend, und überhaupt kein ſo greller Abſtich in den Verhältniſſen der verſchiedenen Volksklaſſen, als in andern ſiciliſchen Städten herrſcht. Man erblickt zwar dann und wann in Lumpen gehüllte Bettler, allein dies ſind mei⸗ ſtens Leute aus andern Gegenden des Landes, welche von der Wohlhabenheit der Stadt angezogen werden. Dennoch leuchtet die den Siciliern angeborne Neigung zum Betteln hier und da hervor, z. B. aus dem Umſtande, daß Kin⸗ der, wenn ſie auf der Straße einen Bekannten erblicken, wie wahnſinnig auf ihn zulaufen, ſeine Hände küſſen, und dann eine kleine Belohnung für die be⸗ wieſene Aufmerkſamkeit von ihm erwarten. Die guten Eigenſchaften, welche Meſſina's Einwohner im Ganzen beſitzen, werden bei vielen durch auffallende Flecken verdunkelt. So iſt z. B. ihre Er⸗ werbſamkeit nicht ſelten mit Geiz, Habſucht und Betrüglichkeit verbunden. Dies findet hauptſächlich bei den kleinen Krämern, bei den Gaſtwirthen und allen denjenigen Statt, welche mit den Fremden Verkehr haben. Es erſtreckt ſich aber auch auf andere Stände, ſogar auf richterliche Beamte, die ſich oft Be⸗ ſtechlichkeit zu Schulden kommen laſſen; des Verfahrens der Geiſtlichkeit, z. B. Amulette zu verkaufen, welche von Krankheiten, vor Schiffbruch u. ſ. w. ſchützen ſollen, und vieler anderer gewinnſüchtigen Kunſtgriffe nicht zu gedenken. Daß übrigens dieſe Unredlichkeit, wie überall, wo ſie angetroffen wird, Mißtrauen, Haß, Neid u. ſ. w. erzeugt, darf kaum angeführt werden. Bei dem allen glaube ich behaupten zu können, daß Offenheit und Redlichkeit in Sicilien auf einer höhern Stufe ſtehen, als in vielen andern ſüdlichen Ländern, wo die Menſchen vermöge ihrer großen Verſchmitztheit, und um ihren Mangel an Thätigkeit zu erſetzen, ſo geneigt ſind, ſich allerlei widerrechtliche Mittel zu erlauben. Obgleich Meſſina's Einwohner in den ältern Zeiten durch große Gaſtfrei⸗ nooch haben dieſe Naturtöchter in der Regel den Vorzug, daß ſie beſſer, als jene 112 heit ſich ausgezeichnet haben, ſo iſt doch bei ihren jetzigen Nachkommen von dieſer Tugend faſt nichts als der bloße Schein zu ſehen. Zwar pflegen ſie Jeden, der ſie beim Eſſen und Trinken trifft, zur Theilnahme einzuladen, aber dies geſchieht meiſtens nur aus einer zur Gewohnheit gewordenen Höflichkeit, mit der es nicht ernſtlich gemeint iſt, und unter der Vorausſetzung, daß der Eingeladene es auch nicht anders verſtehen wird. Da die Geiſtlichkeit eine große Gewalt über das Volk ausübt, indem Jeder ſeinen Seelſorger als den vertrauteſten Freund betrachtet, dem er die geheimſten Wünſche offenbart, und von dem er in allen Angelegenheiten Rath und Beiſtand verlangt, ſo ſcheint es nöthig, daß ich den Bemerkungen, welche über die Meſſiner im Allgemeinen gemacht worden ſind, noch in's Beſondere über den Charakter jener einflußreichen Volksklaſſe Einiges beifüge. Man findet unter den Geiſtlichen, hauptſächlich den Weltgeiſtlichen, viele vortreffliche Männer, welche, obſchon beſchränkt in ihren Anſichten von der Welt, durch ihren unbeſcholtenen Lebenswandel und durch das eifrige Beſtreben, ihre Mit⸗ chriſten zur Tugend zu ermuntern, viel Gutes bewirken. Allein ein großer Theil derſelben verbirgt unter dem Schein der Frömmigkeit allerlei Laſter, und trägt zur allgemeinen Verderbniß der Sitten nicht wenig bei. Die Erziehung der Jugend wird in Meſſina ſehr vernachläſſigt. Außer dem biſchöflichen Seminar gibt es keine öffentliche Anſtalt, Gelehrte zu bilden. Der Schulunterricht iſt einzelnen, meiſtens unwiſſenden Mönchen überlaſſen, welche, neben der Religion, dem Leſen und Schreiben, Lateiniſch und Griechiſch, auch wohl Logik, Rhetorik, und Metaphyſik lehren, ſelten aber mit der neuern Geſchichte, Naturwiſſenſchaft, Völker⸗ und Länderkunde, oder mit Mathematik, neuern Sprachen und andern dem Gebildeten unentbehrlichen Wiſſenſchaften ſich befaſſen. Die Kinder aus den niedern Volksklaſſen erhalten faſt gar keinen Unterricht, außer in der Religion, wobei man jedoch die äußern kirchlichen Ge⸗ bräuche mehr als die Tugend⸗ und Sittenlehre berückſichtigt. Die meiſten Mädchen höhern und mittlern Standes werden, vom fünften oder ſechſten Jahre bis zu ihrer Verheirathung, in den Nonnenklöſtern erzogen, wo ſie leſen und ſchreiben und mancherlei weibliche Arbeiten, aber wenig von dem lernen, was ihr künftiger Beruf als Gattin und Mutter von ihnen fordert. Bei denen, die ihre Erziehung im elterlichen Hauſe erhalten, wird für die wiſſenſchaftliche Bildung meiſtens gar nichts gethan, aus dem verderblichen Vorurtheil, daß die Fähigkeit zu leſen und zu ſchreiben der weiblichen Tugend Gefahr bringe. Den⸗ für das Wirthſchaftliche geeignet, und frei von den Untugenden ſind, die nur zu häufig in den Klöſtern eingeſogen werden. ¹ 4 ——— 113 Noch muß ich Einiges erwähnen was mir in dieſem Lande beſonders als neu und fremd, in den Haushaltungen ſelber aufgefallen iſt. Eine ſehr wichtige Rolle ſpielen bei einer großen Menge von Hausgeräth zwei dort in großer Maſſe wachſende Pflanzen, die Giumarra und die Ferra⸗ zuola. Die Giumarra hat ſehr zähe elaſtiſche Fäden, aus denen die Sieilier nicht allein ihre Stuhlſitze und Lehnen flechten, ſondern auch ihre Stricke, Lei⸗ nen und Bindfäden und ſogar Beſen daraus machen. Faſt eben ſo wichtig iſt die rohrartige Pflanze,„Ferrazuola“ die in großer Menge an den Seeufern des Eilandes im Sande wächſt. Sie iſt ungefähr zwei Ellen hoch und einen oder zwei Zoll ſtark, hat eine dünne grünliche Schale, und enthält ein ſchwammiges Mark, mit einem milchartigen und ſo ätzenden Safte, daß die damit beſpritzte Hand eines Menſchen wie von Weſpen geſtochen ſchwillt, was beim Einſammeln der Pflanze häufig geſchieht. Wenn dieſe trocken iſt, beſitzt das Mark die Eigenſchaft des Feuerſchwamms. Um Feuer zu erhal⸗ ten, nimmt man einen ſolchen Stängel zwiſchen die Kniee, und ſchlägt über dem Ende desſelben Funken, die es ſofort entzünden; die Entzündung pflanzt ſich ſchnell fort, und verzehrt in kurzem den ganzen Stängel, wenn man nicht eilt, die entzündete Stelle abzureiben oder abzuſchneiden. Die Ferrazuola dient auch, wie bei uns die Ruthe, Kinder zu beſtrafen, da ſie immer in Menge vor⸗ räthig iſt, und wegen ihrer Leichtigkeit und Zerbrechlichkeit keine nachtheilige Verletzung fürchten läßt. Ferner wird dieſes Rohr zu Feuerfächern benutzt, in⸗ dem man aus der Schale desſelben Stäbe ſchneidet, welche mit Zwirn an ein⸗ ander gereiht, und an einen hölzernen Stiel befeſtigt werden; es gibt aber auch eine Art Fächer, die von den Fäden der Giumarra geflochten, mit einem langen Stock verſehen, und wie eine Fahne geſtaltet ſind. Die wichtigſte Rolle ſpielt die ſo häufig gebrauchte Ferrazuola als Kerbholz, ein Gegenſtand, der in Sici⸗ lien, wo die Kunſt zu leſen und zu ſchreiben nicht allgemein verbreitet, und faſt nur auf die höhern. und mittlern Stände beſchränkt iſt, zu den unentbehrlichen Bedürfniſſen gehört. Die Kerbhölzer vertreten bei dem größern Theil der Ein⸗ wohner die Stelle des Kalenders, des Tage⸗ und Rechnungbuchs, der Schuld⸗ und Empfangſcheine u. ſ. w.; man findet daher in vielen Häuſern eine Menge ſolcher Hölzer, mit Einſchnitten bedeckt, deren Bedeutung die Beſitzer genau kennen. Auch der Gebildete kann, wenn er mit Leuten aus den niedrigen Volksklaſſen zu thun hat, ſolche Werkzeuge nicht entbehren. Der Krämer z. B., bei dem ein Handwerksmann auf Rechnung ſeine Bedürfniſſe nimmt, ſieht ſich genöthigt, ein Stück Ferrazuola der Länge nach durchzuſchneiden, dann beide Hälften wieder an einander zu paſſen, die Menge der verabfolgten Pfunde, Lothe, Ellen u. ſ. w., oder ihren Geldwerth, durch Querſchnitte zu bemerken, Richter's Reiſen. II. 8 114 und endlich die eine Hälfte dem Kunden zu übergeben. Dieſer bringt, ſo oft er auf's neue Waaren holt, ſein Kerbholz mit, das der Krämer ſofort mit der von ihm zurückbehaltenen Hälfte vergleicht, und hierauf mit dem Betrag der neuen Forderung bezeichnet. Kommt endlich der Kunde, um ſeine Schuld zu bezahlen, dann müſſen beide Hölzer genau mit einander übereinſtimmen, d. i. alle Ein⸗ ſchnitte müſen genau an einander paſſen. Eben ſo ſind die Kerbhölzer jedem unentbehrlich, der Arbeiter beſchäftigt und ſie nicht auf der Stelle bezahlt; er muß, um ſie von ſeiner Rechtlichkeit zu überzeugen, die Tage oder Stunden, welche ſie beſchäftigt ſind, oder die von ihnen gefertigten Arbeiten, oder ihren verdienten Lohn auf die genannte Weiſe anmerken. Hrotz der Einfachheit ſolcher Aufzeichnungen iſt dennoch manche kleine Wiſſenſchaft dabei erforderlich; ſo be⸗ deuten z. B. zwei ſich durchkreuzende Schnitte eine Zehn, drei ein Hundert, u. m. d. Ich habe ſogar Einſchnitte geſehen, die ſo zuſammen geſetzt und hie⸗ roglyphiſch waren, daß die Erlernung derſelben faſt eben ſo viel Mühe verur⸗ ſachte, als die des Leſens und Schreibens. Uebrigens gelten jene Gegenſtände in vielen Fällen, auch vor Gericht, als entſcheidende Beweiſe. Zum Holen des Brunnenwaſſers haben die Meſſiner, wie alle ihre Lands⸗ leute, einen irdenen Krug mit dickem Bauch und zwei Henkeln, oder auch einen kupfernen von derſelben Form, den ſie, mit der einen Hand haltend, auf der linken Schulter tragen. Das Waſſer nach römiſcher, auf dem ganzen italiſchen Feſtlande eingeführten Sitte in kupfernen Keſſeln auf dem Kopfe zu tragen, iſt in Sicilien nicht gebräuchlich. In vielen Höfen, beſonders in denen der hoch gebauten Häuſer, befindet ſich ein Brunnen, aus dem das Waſſer mit großer Bequemlichkeit in die Küchen aller Stockwerke hinauf gezogen wird. Es iſt nämlich zu dieſem Zweck an dem Vorſprung des Daches ein Seil mit einem Schöpfeimer befeſtigt, das vor den Küchenfenſtern in den Brunnen hinab hängt. Obgleich man in Meſſina, wegen der Milde des Klima's, Ofen⸗ und Ka⸗ minfeuer entbehren kann, ſo treten doch im Winter einzelne Tage ein, die ver⸗ hältnißmäßig rauh und kalt ſind, und eine künſtliche Wärme wünſchenswerth machen. An ſolchen Tagen pflegen die Vornehmen ein kupfernes Gefäß, das gewöhnlich die Höhe von zwei Ellen und die Geſtalt einer Urne hat, mit klim⸗ mender Aſche gefüllt ins Zimmer zu ſtellen, woran man ſich erwärmt. Leute mittlern Standes gebrauchen ein kupfernes Becken, daß ſie mit Kohlen füllen und, nach dem Abdampfen derſelben, mitten in die Stube oder unter den Tiſch ſetzen, um ihre Füße zu wärmen. Das gemeine Volk bedient ſich eines Feuer⸗ beckens von Töpferzeug. Statt deſſen haben Viele, in einem Winkel der Stube, eine kleine Vertiefung im Fußboden, worin ſie Kohlen oder Holz anzünden, und ſich dann, mit den Füßen gegen das Feuer gekehrt, umher lagern. Dies iſt 8⁸ 115 beſonders in den Abendſtunden bei den Fiſchern, Laſtträgern und allen ſolchen Leuten der Fall, die den Tag über ſich jeder unfreundlichen Witterung ausſetzen müſſen. Ueberhaupt aber ſind die Meſſiner keine großen Freunde von künſt⸗ licher Stubenwärme. Erſt wenn die Vermehrung der Kleider und die Ver⸗ hüllung in Mäntel zur Erwärmung nicht hinreicht, entſchließen ſie ſich, ihre Zuflucht dazu zu nehmen. Deſſen ungeachtet laſſen ſie die Fenſter und Thüren offen, denn es iſt ihnen weniger unangenehm zu frieren, als von der freien Luft geſchieden zu ſein. 5. Die Lebensweiſe der Meſſiner.— Strenge polizeiliche Aufſicht über den Verkauf der Lebensmittel.— Bemerkungen über die Gewinnung und Beſchaffenheit des Käſes, des Oels, Weins und anderer Lebensmittel. Die Lebensmittel beſtehen, wie bei jedem Sicilier, vorzüglich in Brod, Oel, Speck und Käſe, in Früchten und Wein. Wer an dieſen Dingen keinen Mangel leidet, iſt zufrieden; und ſogar Leute, die an einen gut beſetzten Tiſch gewöhnt ſind, können ſich im Nothfall mit einer Mahlzeit davon begnügen. Fleiſch von vierfüßigen Thieren und Geflügel betrachtet man als ſehr entbehr⸗ liche Dinge; dies gilt auch von Eiern und Fiſchen, obſchon beides in großer Menge genoſſen wird. Der Verkauf der erwähnten Hauptbedürfniſſe iſt einer ſtrengen Aufſicht der Polizei*) unterworfen, wenn dieſe auch in andern Stücken noch ſo nach⸗ ſichtig, ſaumſelig und kraftlos zu Werke geht. Ein Bäcker, der dem Brode an dem beſtimmten Gewicht etwas abbricht, oder der das Mehl verfälſcht, oder verdorbenes nimmt, ohne deshalb eine Anzeige zu machen, und zu Folge der erhaltenen Weiſung die Preiſe herabzuſetzen, muß jeden Augenblick gewärtig ſein, daß ſeine ganze Waare auf die Straße geworfen und dem Volke Preis gegeben, er ſelbſt aber mit einer ſchweren Geldſtrafe, und überdem mit einem beſondern Schimpf belegt wird.— Aehnliche Strafen erhalten auch die Flei⸗ *) Das Polizeiweſen wird in Meſſina, wie in allen ſiciliſchen Städten, von keiner beſon⸗ dern Behörde, ſondern vom Stadtrathe(senato) verwaltet. Der Stadtrath beſteht aus einem Oberrichter(capitano di giusticia), aus vier Richtern(giudici) und eben ſo viel Beiſitzern oder Senatoren(senatori), mit ihren Sekretären, Notarien und Schreibern, ſo wie aus den Taxatoren(stimatori), den Güterbeſchauern(pagonazzi) und Gerichtsdienern oder Häſchern (sbirri). Die Richter wechſeln in der Verwaltung ihres Amtes jeden Monat, die Senatoren aber alle Wochen ab. 8* — 116 ſcher, die Verkäufer von Wein, von Oel, Speck und Käſe, wenn ſie ſich Betrü⸗ gereien zu Schulden kommen laſſen. Die hier genannten Lebensmittel, ſowie auch alle Gattungen Fleiſch, werden von dem Adel und der Geiſtlichkeit, die bekanntlich nebſt dem Könige die einzigen Grundeigenthümer in Sieilien ſind, geliefert. Hierbei findet jedoch kein Zwang Statt. Ein Mann z. B., welcher das Geſchäft, Wein zu ſchenken, übernehmen will, muß zuförderſt bei dem die polizeiliche Aufſicht führenden Senator, nicht etwa um Erlaubniß dazu anſuchen— denn es herrſcht eine unbeſchränkte Gewerbfreiheit— ſondern ſich blos deshalb melden. Sodann ſchließt er mit dieſem oder jenem Edelmann oder Kloſter einen Vertrag, ihm Wein zu liefern, wobei gewöhnlich beide Theile ſich auf ein Jahr lang gegen⸗ ſeitig verpflichten. Der Lieferant ſendet hierauf an den Senator eine verſie⸗ gelte Flaſche von jeder Sorte des bedungenen Weins, welcher zum Maßſtabe dient, die künftigen Lieferungen damit zu vergleichen, und den Preis zu beſtim⸗ men, den der Abnehmer zu bezahlen, und beim Verkauf zu fordern hat. Im Fall jener einen ſchlechtern Wein als die Probe ſchickt, muß er den Preis her⸗ abſetzen, wozu mithin auch der Weinſchenk angewieſen wird; in gewiſſen Fällen darf dieſer die Lieferung zurück ſenden, den geſchloſſenen Vertrag als ungiltig betrachten, und ſich an einen andern Gutsbeſitzer wenden.— Auf ähnliche Weiſe beziehen auch die Verkäufer der übrigen genannten Lebensmittel ihren Bedarf. Jedes den Weinſchenken gelieferte Faß iſt verſiegelt; es muß im Beiſein eines Güterbeſchauers geöffnet werden, welcher eine Probe von dem Wein er⸗ hält, um ſie mit der beim Senator niedergelegten Urprobe zu vergleichen. Derſelbe kehrt nachher jeden Morgen zurück, und prüft den Inhalt des ange⸗ zapften Faſſes, daher eine Verfälſchung desſelben nicht leicht vorfallen kann, zumal da die offene Stube, aus Mangel an einem Keller, zugleich die Nieder⸗ lage für die Weinfäſſer iſt, und jeder Gaſt oder Käufer dabei ſteht, wenn man das Verlangte für ihn zapft. Die Bäcker müſſen nicht nur von dem Korn, das ihnen die Gutsbeſitzer liefern, ſondern auch von dem Mehle, ſo wie es aus der Mühle kommt, Proben bei der Obrigkeit einreichen; man unterſucht die Güte und das Gewicht ihres Gebäcks mehrmal des Tages, und zwar zu unbeſtimmten Stunden. Die Verkäufer von Oel, Speck und Käſe, welche drei Gegenſtände man ſtets beiſammen findet, ſind ebenfalls zur Einreichung von Proben ver⸗ pflichtet, und erhalten täglich Beſuche von den Güterbeſchauern. Alle Baum⸗ früchte und Erdgewächſe, ſowohl grüne als getrocknete, welche die Gutsbeſitzer auf den Markt ſchicken, oder die Gärtner und die Höker in ihren Häuſern, oder auf den Straßen feil bieten, müſſen vor dem Verkauf, in Hinſicht ihrer Reife, 8 117 Güte und Unſchädlichkeit, geprüft und geſchätzt werden. Dies iſt mit einer ziemlichen Umſtändlichkeit verbunden. Vor allen Dingen ruft der Verkäufer einen Güterbeſchauer herbei. Hierauf legt er in deſſen Gegenwart etwas von der Frucht, und zugleich ſo viel Geld, als er für das Pfund, Maß, Stück u. ſ. w. zu bekommen wünſcht, auf einen Teller oder in ein Körbchen, womit er ſich zum Senator begibt. Findet dort das Ueberbrachte Beifall, ſo wird es auf einer be⸗ ſondern, dazu beſtimmten Tafel einen Tag, oder, nach Beſchaffenheit desſelben, mehre Tage aufbewahrt; nachher fällt die Waare dem Senator, und das Geld der Stadtkaſſe zu. Soll der Verkäufer von dem gewünſchten Preiſe etwas nachlaſſen, dann erhält er, ſo viel als dieſes beträgt, von dem Gelde zurück; bisweilen muß er, wenn die Forderung allzu billig iſt, etwas hinzulegen. Iſt aber ſeine Waare ſchlecht, oder der Geſundheit nachtheilig, ſo gibt man ihm die Weiſung, ſie für das Vieh zu verbrauchen, oder ſie auch zu vernichten, z. B. in's Meer zu werfen, und dergleichen. In allen Fällen aber empfängt er einen Zettel, dem zu Folge der Güterbeſchauer, welcher mittlerweile die Früchte be⸗ wacht hat, den Verkauf derſelben beginnen, oder ſie wieder fortſchaffen, oder wegwerfen läßt. Außer dieſen Weitläufigkeiten, welche man den Fruchthändlern verurſacht, bevor ihnen der Verkauf ihrer Waare geſtattet wird, müſſen ſie ſich auch von den Käufern Vieles gefallen laſſen, wozu man anderwärts ſich ſchwer⸗ lich verſtehen würde. Wer z. B. eine Melone kaufen will, ſchneidet hinein, um einen Blick auf die Kerne zu werfen. Haben dieſe nicht die gehörige ſchwarze Farbe, welche die Reife der Frucht verbürgt, ſo nimmt er eine andere, wieder⸗ holt die Probe, und ſetzt dies fort, bis er befriedigt iſt. Jede nicht reif befun⸗ dene Melone wird für das Vieh auf die Seite gelegt. Obſchon Fleiſch für kein nothwendiges Bedürfniß, ſondern mehr für einen Gegenſtand der Ueppigkeit gilt, ſo iſt dennoch der Verkauf desſelben einer ſtrengen Aufſicht unterworfen. Zwar ſind die Preiſe ſeſtgeſetzt, aber dieſen muß auch die Waare entſprechen. Schlachtvieh von ſchlechter Beſchaffenheit läßt man nicht in die Stadt, doch dürfen in den Vorſtädten, zum Beſten der armen Leute, Büffel und magere Kühe geſchlachtet und zu ſehr herabgeſetzten Preiſen verkauft werden, was dann der Metzger, da es nicht oft geſchieht, von gedungenen Leuten in allen Straßen öffentlich ausrufen läßt. Auch iſt den Metzgern genau vorgeſchrieben, wie ſie das Fleiſch zerlegen und vertheilen ſollen; und alles, was am erſten Tage keinen Abſatz findet, dürfen ſie am zweiten nicht wieder zum Verkauf auslegen, daher ſie es einſalzen und zum Theil räuchern. Was die Fiſche betrifft, ſo ſieht man nicht allein darauf, daß ſie friſch ſind, ſondern beſtimmt auch den Preis der⸗ ſelben, der ſich nach der vorhandenen Menge und nach der Jahreszeit richtet. Alle übrige Lebensmittel ſind der Willkühr des Verkäufers überlaſſen; nur die 118 eigene Vorſicht kann den Kaufenden vor Betrug ſchützen, und wenn er in dieſem Fall ſeine Zuflucht zu gerichtlichen Klagen nimmt, ſo fällt es ihm ſchwer, ſich Genugthuung zu verſchaffen. Daher findet man auch unter den Branntwein⸗ brennern, Kaffeeſchenken, Conditoren u. ſ. w. einen ungleich größern Wohlſtand, als bei den Bäckern, Metzgern und allen, die ſich mit dem Verkauf der erſten Lebensbedürfniſſe befaſſen; ihre Gewerbe, die in den meiſten Ländern zu den 5 einträglichſten gehören, bringen in Sieilien den geringſten Vortheil. Das Brod wird in Meſſina, wie in ganz Sieilien, aus Spelzmehl gebacken. Den Spelz mahlt man theils in Waſſermühlen, theils auch, beſonders wenn dieſe kein Waſſer haben, in Roßmühlen; Windmühlen ſind nicht vorhanden. Das Mehl iſt, wenn es aus der Mühle kommt, mit der Kleie vermiſcht; es zu reinigen und zu verfeinern, gehört zu den Geſchäften der Bäcker, die deshalb mit gröbern und feinern Sieben verſehen ſind. Auch pflegen alle diejenigen, welche im Hauſe backen, ihr Mehl ſelbſt zu ſichten. Das von den Bäckern ver⸗ kaufte Brod iſt nicht ſo außerordentlich fein und weiß, als das in Palermo, hat aber doch eine vorzügliche Güte, und zeichnet ſich vortheilhaft vor dem in den innern Theilen des Landes aus, wo das Getreide nur halb gemahlen, ¹die Kleie nicht von dem Mehle geſchieden, ſondern alles zuſammen verbacken wird. Den Teig bereitet man auf dieſelbe Weiſe, wie in vielen Gegenden 8 Deutſchlands den Brezelteig, d. i. man arbeitet ihn mit einem Hebebaum, den mehre Menſchen auf⸗ und niederziehen, durch einander. Durch dieſes Verfahren erhält das Brod eine große Dichtheit und Kräftigkeit, ſo daß es, gleich dem Roggenbrode, ſich einige Wochen aufbewahren läßt, ohne zu vertrocknen, eine Eigenſchaft, die das Weizenbrod in andern Ländern ſelten beſitzt. Ungeachtet ſeiner guten Beſchaffenheit behagt es ſelten dem Gaumen des Ausländers; denn es ſchmeckt, da es zu wenig geſalzen wird, etwas ſüßlich, und überdem wie dumpfig, weil man den Sauerteig, der wegen des Mangels an Kellern leicht vertrocknen würde, mit Oel befeuchtet, und zwar oft mit ſchlechtem, deſſen Ge⸗ ſchmack ſich dem ganzen Teige mittheilt. Dies iſt aber den Eingebornen nicht auffällig, da ſie an den Geſchmack des Oels zu ſehr gewöhnt ſind. Es gibt drei Arten Brod, nämlich ſchwarzes, weißes und feines. Das ſo genannte ſchwarze, welches jedoch die braungelbe Farbe jedes groben Weizenbrodes hat,„ wird nur von den gemeinſten Leuten genoſſen. Das feine nennt man auch fran⸗ zöſiſches, wiewohl es ſich von dem, das man in Frankreich bäckt, ſehr unter⸗ ſcheidet. Es iſt eben ſo dicht und kräftig, als die übrigen Arten, und auf die⸗ ſelbe Weiſe bereitet. Deſſen ungeachtet hat es eine ziemliche Leichtigkeit, und die Eigenſchaft, ſich leicht zu bröckeln und im Munde gleichſam zu zergehen. Dieſem Brode gibt man die Geſtalt eines länglichen Vierecks, in der Mitte mit 119 einem Einſchnitt, ſo daß es in zwei Hälften ſich brechen läßt. Die beiden andern Arten erhalten immer die Form eines großen Ringes, und werden, um ſie vor dem Schimmel zu bewahren, aufgehängt, wozu ein mit Haken beſchlagenes Holz dient, das man mit einer Schnur an die Stubendecke hinauf ziehen, und wieder herab laſſen kann. Mit anderem Gebäck, als den genannten Brodarten, befaſſen ſich die Bäcker nicht; denn die Sicilier ſind keine großen Freunde von künſt⸗ lichem, am wenigſten fettigem Backwerk, und das feine Brod vertritt bei ihnen die Stelle der Semmeln, des Zwiebacks, der Kuchen u. ſ. w. Näſcher müſſen ihre Zuflucht zu den Conditoreien und Garküchen nehmen, von welchen ich wei⸗ ter unten ſprechen will. Da man in Sicilien die Kuhmilch weder zu Butter, noch zu ſonſt etwas als zu Käſe benutzt, ſo iſt hierin die ganze Kraft der Milch enthalten. Der gewöhnlichſte, welcher von Leuten jedes Standes täglich zum Brode gegeſſen wird, iſt der„majechino.“ Man gibt ihm eine runde Form und die Größe von fünf bis zehn Pfund. Wenn er friſch iſt, ſchmeckt er lieblich. Späterhin wird er, wie alle trocknere Käſearten, um ihn weich zu erhalten, mit Oel be⸗ ſtrichen, und nimmt dadurch den Geſchmack desſelben an. Den„formaggio bianco“, die trockenſte Art, gebrauchen die Wohlhabenden blos dazu, um ihn gerieben unter die Speiſen zu miſchen; von ärmern Leuten wird er auch zum Brode gegeſſen, bisweilen in Scheibchen geſchnitten und gebraten. Der cacio cavallo“, der Liebling aller Sieilier, iſt außerordentlich fettig, ſo daß er die Farbe der Butter hat; er beſteht, wie der Blätterkuchen, aus lauter dünnen, ſich leicht von einander ablöſenden Blättchen. Da er, wegen ſeiner großen Zart⸗ heit, nicht liegen darf, ohne ſich ganz platt zu drücken, ſo gibt man ihm, um ihn aufhängen zu können, die Geſtalt einer dickbäuchigen Flaſche mit kurzem Halſe. Außer den hier genannten Käſearten hat man noch andere z. B. den „formaggio moscio,“„formaggio di presciutto“, welcher letztere wie Schinken geräuchert, und eben ſo geſtaltet iſt. Einige Gutsbeſitzer um Meſſina machen auch Parmeſankäſe, der jedoch von den Einheimiſchen wenig geachtet, und nur von Fremden, beſonders denen aus Ober⸗ und Mittel⸗Italien, geſucht wird. Es gibt in Meſſina mehre Sorten Oel, die man ſämmtlich aus Oliven bereitet. Dieſe Früchte werden im November eingeſammelt, dann in ausge⸗ mauerten Gruben verwahrt, bis ſie die zum Auspreſſen erforderliche Eigenſchaft angenommen haben, was gewöhnlich zu Anfang des Januars erfolgt; bis⸗ weilen fällt aber das Verſehen vor, ſie zu lange liegen und in Fäulniß gerathen zu laſſen, wodurch das Oel einen dumpfigen Geſchmack erhält. Die Preſſe beſteht in einer hölzernen Schraube mit langem Drehbaum, und in zwei eiſer⸗ nen Platten, zwiſchen welchen die Oliven zu liegen kommen, und wovon die 120 unterſte, zur Ableitung des Oels, mit verzinnten Rinnen verſehen iſt. Die Oliven befinden ſich in ſackartigen Körben, die aus den Fäden der Giumarra verfertigt, und ſo nachgiebig ſind, daß ſie jede Ausdehnung zu laſſen, ohne zu berſten. Hiervon legt man, über und neben einander, ſo viele, als die Platten faſſen. Auf die oberſte Platte ſtellen ſich drei oder vier Arbeiter, um den Druck der Preſſe, die von Pferden gedreht wird, zu vermehren. Das ausge⸗ preßte Oel läuft in einen Keſſel mit kochendem Waſſer, um die Unreinigkeiten darin abzuſetzen, welche ſich auf dem Boden ſammeln. Es wird alsdann, mittels eingetauchter Schwämme, heraus genommen, und in die dazu beſtimm⸗ ten Fäſſer und Krüge gefüllt. Dasjenige, welches bei dem erſten gelinden Druck der Preſſe hervor quillt, iſt vorzüglich fein und von weißlicher Farbe. Wenn dieſes Oel, das man„die Blume“ nennt, mehrmals in kochendem Waſſer gereinigt wird, was jedoch nicht immer geſchieht, ſo nimmt es eine völlige Farbloſigkeit und Durchſichtigkeit an, und verliert faſt gänzlich den Geruch und Geſchmack, die dem Baumöl eigen ſind. Die zweite Preſſung lie⸗ fert ein Oel, das zwar einen grünlich gelben Schimmer, dennoch aber einen angenehmen Geſchmack und guten Geruch hat. Das von der dritten Preſſung ſieht grünlich aus, richt ſtark, und ſchmeckt, beſonders wenn es in der Wärme ſteht, oder alt wird, ſcharf und ranzig. Endlich gibt die vierte Preſſung einen öligen Stoff von dunkelgrüner Farbe, widrigem Geruch und beißendem Ge⸗ ſchmack. Der Bodenſatz im Waſſerkeſſel erſcheint wie Sand, und hat eine ſchwarze Farbe. Das Oel der erſten Art, oder die ſo genannte Blume, iſt ſelten zu bekommen, weil es die Gutsbeſitzer gewöhnlich zum eigenen Gebrauch behalten, oder es auch in das Ausland verſenden, wo man ihnen einen beſſern Preis, als in der Heimath, dafür bezahlt. Das der zweiten Art iſt dasjenige, welches allen Volksklaſſen zum gewöhnlichen Speiſeöl dient; das der dritten Art gebraucht man zum Brennen, doch wird es, beſonders wenn es friſch iſt, von Vielen auch zum Eſſen benutzt. Es giebt indeſſen in Meſſina Leute, die ſich mit der Verfeinerung des Oels beſchäftigen, und ſelbſt aus ganz ſchlechtem ein der Blume ähnliches hervor bringen, indem ſie es wiederholt in Waſſer kochen, und durch Sand, oder durch Filtrirſteine laufen laſſen. Allein, ihre Erzeugniſſe finden, außer bei den Fremden, wenig Abſatz, weil ſie als Luxus⸗ artikel betrachtet, und von der Obrigkeit mit keinem beſtimmten Preiſe belegt werden, und weil überdem die Einheimiſchen in⸗ Hinſicht des Oeles nicht ſehr ekel ſind. Das beim Auspreſſen der Oliven zuletzt gewonnene Oel, ſo wie auch den Bodenſatz im Waſeerkeſſel, gebraucht man zur Bereitung der Seife. Der Speck in Meſſina iſt ſehr weiß, derb und wohlſchmeckend. Doch hat man auch einen gelblichen, von etwas thranigem Geſchmack, der aber in — — einem niedrigen Preiſe ſteht. Er kommt aus einigen benachbarten Küſten⸗ gegenden, wo die Schweine ſich häufig von den Fiſchen und dem Gewürme nähren, welche das Meer auswirft. Es gibt in Siecilien eine Menge vortrefflicher Weine, welche theils nach der dazu genommenen Traubenart, theils nach der Landſchaft, wo ſie wachſen, benannt werden. Die Meſſiner, ſowohl die höhern als die niedern Volks⸗ klaſſen, trinken gewöhnlich einen einjährigen rothen,„nucera“ genannt, wel⸗ chen ſie nicht nur aus den nächſten Umgebungen ihrer Stadt, beſonders den herrlichen Weinpflanzungen bei der Faroſpitze, ſondern auch aus der Gegend um Melazzo beziehen. Dieſes Getränk hat eine ſehr dunkelrothe, faſt ſchwärz⸗ liche Farbe, iſt kräftig, gewürzhaft, und weder herbe noch zu ſüß. Außerdem findet man in Meſſina alle übrige Sorten des ſiciliſchen Weins, die jedoch von den Einwohnern nur dann und wann, zur Abwechſelung oder als Leckerei, getrunken werden. Dem rothen und weißen Muskateller, dem weißen, ſüß⸗ lichen, aber ſehr gewürzhaften Marſalawein, und dem ſo genannten„griechi⸗ ſchen“ geben ſie den Vorzug vor allen übrigen Sorten. Auch iſt der Zibeben⸗ wein(zibibbo,) d. i. der durch Auskochung der Zibeben gewonnene und dann gegohrene Saſt, und noch ein anderes Getränk,„marbacia“ genannt, das auf gleiche Weiſe aus gemeinen Roſinen bereitet wird, bei ihnen ſehr beliebt. Beide Getränke zeichnen ſich zwar nicht durch Stärke, aber durch eine gewürz⸗ hafte Süßigkeit aus. Alte Weine ſetzt man nur bei Gaſtereien und bei beſon⸗ dern feierlichen Gelegenheiten auf die Tafel. Sie ſind daher in den Wein⸗ häuſern nicht zu finden, ſondern werden, meiſtens auf Flaſchen gefüllt und, da ſie für Gegenſtände der Ueppigkeit und für eine Handelswaare gelten, zu un⸗ beſtimmten Preiſen, in den Niederlagen der Gutsbeſitzer und von den Kauf⸗ leuten verkauft. Bei letztern iſt auch ausländiſcher Wein, beſonders Alicante, Malaga, Oporto und Madeira, zu bekommen. Moſt wird wegen ſeiner allzu großen Süßigkeit nicht getrunken, und wer es thut, läuft Gefahr, ſich den Magen zu verderben, oder ſich ein noch ſchlimmeres Uebel, z. B. die Krätze, die Ruhr und dergleichen, zuzuziehen. 6. Menge und Beſchaffenheit der Früchte— Getreide— Hülſenfrüchte— Erd⸗ und Wurzelgewächſe— die indiſche Feige— Baumfrüchte— Beeren— Zuckerrohr— Süßholz. An Früchten beſitzt Meſſina einen außerordentlichen Reichthum, indem die Inſel nicht nur die meiſten europäiſchen, ſondern auch viele tropiſche hervor 7. 122 bringt, deren Vortrefflichkeit von dem geſegneten Klima des Landes zeugt. Die Kornarten beſtehen in Spelz, Gerſte, Hafer und Reis, ſo wie in Mais oder türkiſchem Weizen; Roggen, Hirſe u. ſ. w. erbaut man nicht, führt jedoch von letzterem bisweilen aus der Berberei etwas ein. Das Spelzmehl wird, außer zum Brode, hauptſächlich zu Nudeln verwendet, von welchen es gegen dreißig Sorten gibt, z. B. Band⸗ und Fadennudeln, oder wie Sterne, Kreuze, Ger⸗ ſtenkörner u. ſ. w. geſtaltete; die den Pfeifenſtielen ähnlichen führen den bekann⸗ ten Namen„Maccheroni(Macaroni),“ welche jedoch, in Hinſicht der Dicke, wiederum in viele Sorten zerfallen, deren jede ihren beſondern Namen hat. Aus dem Mehle des türkiſchen Weizens bereitet man, wie in ganz Italien, den beliebten ſtarken Brei,„Polenta“ genannt; auch pflegen die Armen, da es ſehr wohlfeil iſt, Brod davon zu backen. Uebrigens dient dieſer Weizen zu Futter für das Federvieh, beſonders für die Truthühner. Hafer und Gerſte werden weder als Grütze, noch als Graupen, oder in irgend einer andern Geſtalt von den Menſchen genoſſen; doch kcht man bisweilen für die Kranken einen Ger⸗ ſtentrank. Von Bohnen, Erbſen, Linſen und andern Hülſenfrüchten habe ich nie eine größere Mannigfaltigkeit geſehen, als dort. Unter den Erd⸗ und Wurzelge⸗ wächſen zeichnet ſich am meiſten der Sellerie aus, der zart wie ein milder Apfel iſt, ſo daß er gewöhnlich roh gegeſſen wird. Der Spargel, welcher in jedem Boden, und ſelbſt auf Felſen und altem Gemäuer wild wächſt, wird nicht ſo groß, wie der in Deutſchland erbaute, iſt aber ungleich zarter, daher man ihn ungekocht zu Salat gebraucht. Kartoffeln ſind in Sicilien erſt während des Krieges von den Engländern eingeführt worden. Es koſtete Mühe, die Ein⸗ wohner zur Erbauung derſelben zu vermögen, da ſie kein Bedürfniß fühlten, die ohnehin zahlreichen Gewächſe ihres Landes zu vermehren. Indeſſen haben ſie, beſonders die Meſſiner, nach und nach dieſe Frucht liebgewonnen. Von Kürbiſſen ſind mehre Arten vorhanden, unter andern der ſo genannte„lange,“ welcher die Geſtalt einer Wurſt, oft zwei Ellen in der Länge, und ein feines ſaftiges Fleiſch mit einer dünnen ſammtartigen Schale hat, daher er leicht zer⸗ bricht; man pflegt ihn, in Stücke geſchnitten und mit gehacktem Fleiſche gefüllt, zu dämpfen. Die Melonen ſind köſtlich, aber für den öftern Genuß zu ſüß, weshalb ſie nicht ſonderlich geachtet werden. In deſto größerer Gunſt ſtehen die minder ſüßen, überaus ſaftreichen und angenehm erfriſchenden Waſſermelo⸗ nen, wovon man mehre Arten hat, runde und längliche, mit weißem, gelbem oder rothem Fleiſche. Ein vorzüglicher Liebling der Meſſiner, und überhaupt aller Sicilier, iſt die indiſche Feige. In der Jahreszeit, wo dieſe Frucht reift, und ſo lange ſie ſich hält, d. i. vom Ende des Juli bis in den December und — 123 ſpäterhin, macht ſie bei vielen Familien einen beträchtlichen Theil ihres Lebens⸗ unterhaltes aus. Sie hat ungefähr die Geſtalt und Größe eines Gänſeeies, und beſteht in einer ſehr weichen, ſaftvollen, angenehm ſüßen und kühlenden Fleiſchmaſſe, mit kleinen Kernen, welche, wie die der Feigen, beim Eſſen kaum zu bemerken ſind. Das Fleiſch ſieht, da es von dieſer Frucht zwei Arten gibt, entweder gelb oder roth aus. Seine dicke, aber leicht abzulöſende Schale iſt mit feinen Stacheln beſetzt, welche, wenn man die Frucht mit der bloßen Hand angreift, in die Haut eindringen und eine gefährliche Eiterung verurſachen. Die indiſchen Feigen, wovon viele Arme ſich ſelbſt Vorräthe eintragen, werden auf allen Straßen Meſſina's in außerordentlicher Menge verkauft. Damit der Käufer ſich nicht die Hände daran zerſticht, pflegen die mit Handſchuhen be⸗ waffneten Verkäufer die ausgeſuchten abzuſchälen, wobei ſie eine große Geſchick⸗ lichkeit zeigen, indem ſie die Schale mit einem Meſſer zur Hälfte aufſchlitzen, und durch einen beſondern Druck derſelben den fleiſchigen Theil davon ablöſen, ſo daß er, unverletzt und ohne mit der Hand berührt zu werden, auf einen Tel⸗ ler gleitet. Dies geſchieht zugleich mit einer bewundernswerthen Schnelligkeit, und in wenig Augenblicken iſt ein Teller voll geſchält. Die indiſchen Feigen ſind die Frucht einer Cactus⸗Art(cactus opuntia L.), das zu den ſonderbar⸗ ſten Naturerſcheinungen gehört. Es beſteht blos aus Blättern, wovon das eine den Stamm bildet; aus dieſem wächſt ein anderes, oder auch zwei, aufrecht hervor, die wiederum eins oder zwei erzeugen, und ſo fort. Das Ganze erreicht die Höhe von zwölf bis vierzehn Fuß. Die fingerdicken, oft über einen Fuß langen, eiförmigen Blätter ſind fleiſchig und von dunkelgrüner Farbe, obſchon die ältern ſich nach und nach mit einer braunen Rinde überziehen und holzig werden. Ihre Oberfläche iſt in gewiſſen Entfernungen mit Knoten beſetzt, aus welchen drei oder vier Stacheln hervor ſtehen. Jedes Blatt trägt am obern Rande zehn bis funfzehn Früchte, welche ſich das ganze Jahr lang aufbewahren laſſen, wenn ſie, wie es oft geſchieht, mit dem Blatte oder einem Theile desſel⸗ ben in kühlen Gemächern aufgehängt werden. Um das Gewächs fortzupflanzen, darf man nur ein Blatt in die Erde ſtecken, das ſofort Wurzeln ſchlägt, und ſchnell in die Höhe und Breite wächſt. Die Siecilier pflegen die Felder und bisweilen die Gärten damit einzuzäunen, und ſie dadurch wie mit Schutz⸗ mauern zu verſehen, die für Menſchen und Thiere undurchdringlich ſind. Bei⸗ läufig bemerke ich, daß zu Umzäunungen auch die Aloe häufig angepflanzt wird. Dieſes wegen ſeiner ſchönen Blumen ſehr geſchätzte Gewächs ſchießt zu einer Höhe von funfzehn bis zwanzig Fuß empor, und ſtirbt nach ſechs Jahren ab. Aus den Faſern des eingegangenen Stammes wird ein Faden, den man „Zambarone“ nennt, gewonnen und zu Blonden, ſo wie auch zu Cocarden und 124 Quaſten für das Militär, verarbeitet; zuvor bedarf er aber eine vielfache Zu⸗ richtung, z. B. vierzehntägiges Einweichen, wiederholtes Klopfen u. m. a. Die mannigfaltigen Kohlarten, welche man in der Gegend von Meſſina erbaut, haben eine ungewöhnliche Größe, beſonders der Blumenkohl, wovon oftmals ein einziger Kopf hinreicht, mehre Menſchen zu ſättigen. Dabei beſitzen ſie eine ſo große Saftigkeit, daß man ſie, ohne Waſſer und Brühe hinzu zu thun, in ihrem eigenen Safte dämpfen kann. Unter den vielen, zum Würzen der Speiſen dienlichen Gewächſen ſind einige Arten vortrefflicher Zwiebeln, Knoblauch, Saffran, ſpaniſcher Pfeffer und Paradiesäpfel die gemeinſten, welche letztere von allen Sieiliern ſehr geſchätzt, und daher in großer Menge erbaut werden. Uebrigens umfaſſen die Küchengewächſe nicht nur alle in andern euro⸗ päiſchen Ländern gewöhnliche, ſondern auch viele dem Süden eigenthümliche, und überdem manches, was in den nördlichern Himmelsſtrichen Unkraut, in Sicilien aber genießbar und ſogar wohlſchmeckend iſt, wohin z. B. die Neſſel und die Diſtel gehören. Der Reichthum Siciliens an Baumfrüchten iſt groß, obſchon einige den mittlern Theilen von Europa eigene fehlen. Aepfel z. B. erreichen keine ſolche Vollkommenheit, wie im nördlichen Frankreich, in Deutſchland, England u. ſ. w. Man erbaut um Meſſina nur drei oder vier Arten, welche ſämmtlich, zwar ein ſüßes, aber mehliges und grobes Fleiſch haben; jedoch werden aus der Gegend am Aetna, der einzigen im ganzen Lande, die das Wachsthum dieſes Obſtes begünſtigt, eine wohlſchmeckende zum Verkauf herbei geſchafft. Eben ſo ver⸗ hält es ſich mit den Birnen, die weiße Butterbirn und die Bergamotte ausgo⸗ nommen, welche vorzüglich gut gerathen. Gemeine Pflaumen fehlen faſt gänz⸗ lich; blos in den Umgebungen von Syrakus hat man, an einigen ſchatten⸗ reichen, von hohen Felſen umgebenen Oertern, ſolche Pflaumenbäume ange⸗ pflanzt, die ziemlich gute Früchte, aber nicht mehr liefern, als die dortigen Klöſter, welchen ſie gehören, ſelbſt verbrauchen. Um ſo beſſer gedeihen diejeni⸗ gen Pflaumenarten, welche wir gewöhnlich Marunken nennen, wovon es grüne, gelbe, rothe u. ſ. w., ungefähr von der Größe der Eier, in großem Ueberfluſſe gibt. Die verſchiedenen Sorten von Pfirſchen und Aprikoſen erreichen die größte Vollkommenheit. Die Kirſchen— man zählt acht bis zehn Arten— ſind köſtlich, beſonders die ſpaniſchen ſauern, und eine gewiſſe Art ſüßer,„St. Angelo“ genannt, welche faſt die doppelte Größe deutſcher Herzkirſchen hat. Die am reichlichſten vorhandene Frucht beſteht in ſauern und ſüßen Zitronen, in Limonien, bittern und ſüßen Pomeranzen, von welchen letztern es zwei Ar⸗ ten gibt, die eine mit gelbem, die andere mit rothem Fleiſche. Die nächſte Stelle, in Hinſicht der Menge und Güte, nehmen die Feigen ein. Man findet 7. um Meſſina ſechs verſchiedene Arten, von der Größe einer Fauſt bis herab zu der einer wälſchen Nuß, von ſchwarzer, brauner, weißlicher Farbe u. ſ. w. Andere Theile Siciliens bringen noch mehr verſchiedene Arten hervor, in allem dreizehn. Sie ſind ſämmtlich von vorzüglicher Güte, was jedoch mit den ge⸗ trockneten, wegen der Nachläſſigkeit, womit man ſie wäßrend des Trocknens be⸗ handelt, ſelten der Fall iſt. Dann folgen die Kaſtanien, die ſüßen und bittern Mandeln, wälſchen Nüſſe, Haſelnüſſe und Piſtazien, ferner die Granatäpfel, die Quitten, mehre Arten Mispeln, Johannisbrod und noch andere Früchte, die ich übergehe. Die Quitten können, wegen ihres herben Geſchmacks, zwar nicht roh gegeſſen werden, geben aber, in ſüßem Wein gekocht, ein herrliches Gericht. Das Johannisbrod, die Frucht eines großen Baums, mit krumm gebogenen, 4 auf den Erdboden ſich herabſenkenden Aeſten, gleicht an Geſtalt einer großen 4 Schote, und hat, wenn es völlig reif iſt, zwar ein mehliges, mit, vielen Kernen vermiſchtes Fleiſch, aber von einem angenehm und gewürzhaft ſüßen Geſchmack, der ſich nach dem Johannisbrode, das man in Deutſchland verkauft, nicht beur⸗ theilen läßt, weil die beſte Kraft desſelben, durch das erforderliche Dörren und Abbacken, ſo wie auch auf der Reiſe, verloren gegangen iſt. Der Johannis⸗ brodbaum wächſt wild, und trägt eine ſolche Menge von Früchten, daß man „ häufig die Schweine damit füttert. Da die Dattelpalme nur in einzelnen Gärten gezogen wird, ſo iſt zwar kein großer Ueberfluß an Datteln, aber dennoch ſo viel vorhanden, daß Jeder ſeinen Appetit ſtillen kann. Ueberdem geſchieht es oft, daß ſie, ſo wie auch Ananas, Tamarinden, Piſang, und andere dergleichen Früchte, aus dem nahen — Afrika auf Meſſina's Marktplätze gebracht werden. Sicilien beſitzt neunzehn Sorten vortrefflicher Weintrauben, mit runden und länglich runden Beeren, von blauer, rother, grüner oder gelber Farbe, und meiſtens von der Größe einer wälſchen Nuß oder auch einer Pflaume, ſo daß manche Traube piele Pfund wiegt. Von einigen, minder ſaftvollen Sorten macht man keinen Wein, ſondern blos Roſinen, oder genießt ſie blos als Obſt. Sie ſind, obſchon nicht alle um Meſſina erzeugt werden, doch ſünnliß in großer Menge dort zu bekommen. An Beeren beſitzt Sicilien, wegen Mangels an Waldung, und weil die Einwohner bei ihrem Ueberfluß an großen Früchten zu wenig dafür eingenom⸗ men ſind, um ſie anzupflanzen, keinen großen Reichthum. In Meſſina iſt mir nichts davon vorgekommen, als weiße und ſchwarze Maulbeeren, in Gärten gezogene Erdbeeren, Brombeeren, mit deren Geſträuch man bisweilen die Fel⸗ der umzäunt, und Korinthen. Die letztern ſind jedoch das Erzeugniß der lipa⸗ riſchen Inſeln, wo ſie, getrocknet, einen bedeutenden Handelszweig bilden. Sie wurden, blos den Engländern zu Gefallen, welche ſie ſehr liebgewonnen hatten, friſch und getrocknet eingeführt. Die friſchen haben viel Aehnlichkeit mit den Johannisbeeren, ob ſie ſchon an Wohlgeſchmack und Größe dieſelben über⸗ treffen.. Zuckerrohr, deſſen Gewinnung und Benutzung einen vorzüglichen Er⸗ werbzweig der Sicilier ausmachte, bevor die großen Pflanzungen in Weſt⸗ indien, Braſilien u. ſ. w. empor kamen, wird jetzt nur noch bei Avola, einer kleinen Seeſtadt ſüdwärts von Syrakus, erbaut und zu einer geringen Art Rum benutzt. Von dieſem Zuckerrohr, das jedoch, in Vergleich mit dem bra⸗ ſiliſchen, zwerghaft iſt, bringt man bisweilen etwas nach Meſſina, wo es, auf den Tafeln der Reichen und bei Gaſtereien, die Seltenheiten des Nachtiſches vermehren hilft. Lakritzenſaft findet man nicht nur, wie in Deutſchland, als eine harte Maſſe, ſondern auch flüſſig, in der Geſtalt eines Syrups, wonach die Kinder ſehr begierig ſind, und welchen ihnen die Aeltern oft mit Brod zu eſſen geben, weil er, wie die Sieilier glauben, außer ſeiner bekannten Eigen⸗ ſchaft den Schleim aufzulöſen, auch eine beſondere Kraft die Würmer abzutrei⸗ ben beſitzt. Dieſen Saft liefern die Wurzeln einer Staude(glycyrrhiza glabra), die in den Ebenen bei Melazzo und Catania in großer Menge wächſt. Man ſchneidet nämlich die Wurzeln, die unter dem Namen„Süßholz“ bekannt ſind, in kleine Stücke, zerſtampft ſie dann, und kocht den dadurch erhaltenen Brei, mit Waſſer vermiſcht, in einem Keſſel. Hierauf wird er durchgeſeiht, und dies gibt den flüſſigen Lakritzenſaft. Um den feſten zu bereiten, wird er noch einmal in den Keſſel geſchüttet, bis zu einer großen Zähigkeit eingekocht, hernach in Formen gethan, und, wenn er kalt und hart geworden iſt, in Lor⸗ beerblätter eingepackt. Dies letztere geſchieht, nicht nur um den ekelhaft ſüßen Geruch des Saftes durch Beimiſchung des würzigen Lorbeergeruchs zu mildern, ſondern auch aus der Gewohnheit, Lorbeerblätter faſt an alle Speiſen zu thun, die Blähungen verurſachen, was mit dem Lakritzenſaft, da er den Magen leicht verdirbt, oftmals der Fall iſt. An Honig hat Meſſina einen großen Ueberfluß. Er entſpricht den Erwartungen, wozu man in einem Lande berechtigt iſt, das den Bienen an allen Orten den herrlichſten Stoff zur Bereitung desſelben dar⸗ bietet. Die Meſſiner wiſſen ihn auf mannigfaltige Weiſe und zu einer Menge von Speiſen zu benutzen. „ Schlachtvieh.— Wildpret.— Geflügel.— Fiſche, Schalthiere n. m. a.— Branntwein.— E Schnee und Eis, ein Hauptbedürfniß aller Sieilier.— Die Eisbuden.— Lebensweiſe, der Tageszeit.— Spiele. ſſig.— Beſtimmung Die Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine, ſowie auch die Büffel, ſind in Sieilien zwar nicht von ſchlechter, aber auch von keiner ſo guten Beſchaffen⸗ heit, als man erwarten ſollte. Hiervon liegt die Schuld hauptſächlich in der geringen Sorgfalt, welche man auf die Pflege derſelben wendet. Selten wird für dieſe Thiere Futter eingeſammelt, noch ſeltener künſtliches erbaut. Sie müſſen ſich meiſtens mit dem begnügen, was ihnen die Weideplätze darbieten, daher ſie, obſchon der geſegnete Boden die ſchönſten Grasarten und Kräuter freiwillig hervor bringt, während des heißen Sommers und beſonders in den trockneren Laudſtrichen bisweilen Mangel leiden. Ueberdem werden ſie, im Sommer und im Winter, bei Tage und bei Nacht, ſtets im Freien gehalten, und ſind mithin der heftigſten Sonnenhitze, wie den ſtärkſten Regengüſſen aus⸗ geſetzt. Keinem Landwirth fällt es ein, Ställe für ſeine Heerden zu bauen; höchſtens errichtet er auf der Trift einen mit Stroh gedeckten Schoppen, wohin ſie bei ungünſtigem Wetter ihre Zuflucht nehmen. Das Rindvieh, meiſtens von brauner Farbe, iſt mittelmäßig groß, mit hohen Hörnern verſehen und ſehr muthig, aber mager. Dem Fleiſche desſelben, das kurze, zarte Faſern hat, fehlt es nicht an Saftigkeit und Wohlgeſchmack, obſchon es dem Rindfleiſche in Eng⸗ land, Holland, der Schweiz und manchem andern europäiſchen Lande weit nach⸗ ſteht. Die Schafe, worunter ſich hin und wieder die arabiſche Art mit breiten Fettſchwänzen findet, ſind ziemlich unanſehnliche Thiere mit grober, langer und zottiger Wolle; doch geben die Schöpſe gutes Fleiſch. Die Ziegen behaup⸗ ten verhältnißmäßig den Vorzug vor dem andern zahmen Vieh; ſie ſind groß, kräftig, und oft ſogar fett, ſo daß ihr Fleiſch dem der Schöpſe faſt gleich kommt, daher es die Fleiſcher bisweilen dafür ausgeben. Ihre köſtliche Milch wird von den Meſſinern ſehr geſchätzt, und beſonders von den Frauen und Kindern häufig getrunken. Es ziehen daher jeden Morgen und Abend viele Hirten durch die Stadt, um die Milch ihrer Ziegen zum Verkauf auszubieten, welche ſie ſtets vor den Augen des Käufers melken. Da man dieſe Milch, um ſie verdaulicher zu machen, mit etwas Aniswaſſer zu vermiſchen pflegt, ſo führen ſie zugleich ſolches Waſſer bei ſich, in einem dazu eingerichteten Ochſenhorn, das an einer Schnur über die Schulter hängt. Die Schweine ſind klein, ungeachtet die im nahen Calabrien eine außerordentliche Größe erreichen; das Fleiſch iſt mäßig fett, aber derb, kraftvoll und ſchmackhaft, ausgenommen von denjenigen, welche, wie ſchon erwähnt, ſich von Fiſchen nähren. Die Büffel, wenn auch kraftvoll und muthig, haben keine ſo anſehnliche Größe, als in einigen andern Theilen von Italien; ihr lang⸗ und grobfaſeriges Fleiſch iſt, wenigſtens für einen an gutes Rindfleiſch gewöhnten Ausländer, eine ſehr unſchmackhafte Speiſe. Was das Wildpret betrifft, ſo ſind mir in Meſſina nur Haſen vorgekom⸗ men, wonach jedoch die Einwohner kein großes Verlangen tragen. Deſto mehr ſchätzen ſie die Kaninchen, dergleichen faſt jede Familie unterhält. Wildes Ge⸗ flügel findet man zu gewiſſen Jahreszeiten in großer Menge, hauptſächlich Wachteln, die dann eine ſehr allgemeine Speiſe ſind. Das zahme Federvieh beſteht hauptſächlich in Hühnern und Truthühnern, wofür alle Sicilier eine große Vorliebe haben. Dieſe Thiere ſind von vorzüg⸗ lich guter Beſchaffenheit, und von den erſtern gibt es viele verſchiedene Arten, unter welchen eine aus der Berberei abſtammende, mit einem ſchönen Feder⸗ buſch auf dem Kopfe, ſich vorzüglich auszeichnet. Die geſchlachteten Hühner verkauft man, nach Verlangen, in Viertel geſchnitten, wo dann der Kopf, die Flügel und Füße nebſt den Eingeweiden eine fünfte, etwas wohlfeilere. Portion ausmachen, was, beſonders für die Armen und Kranken, eine ſehr wohlthätige Einrichtung iſt. Die Hühnereier ſind nicht nur an gewiſſen Faſttagen, ſondern auch zu jeder andern Zeit eine Lieblingsſpeiſe der Meſſiner, daher der eigene, obſchon große Vorrath davon bisweilen nicht zureicht, und durch Zufuhr aus der Berberei erſetzt wird. An Taubeu iſt kein Mangel, und ſie werden in großer Menge gegeſſen. Gegen das Fleiſch der Gänſe und Enten haben die meiſten Einwohner einen Widerwillen; man hält ſie, wie in Deutſchland die Pfauen und Schwäne, blos zum Staat in großen Haushaltungen. Doch wurde die Zucht derſelben während des Krieges anſehnlich vermehrt, weil ſie ſich ſehr vortheilhaft an die Engländer abſetzen ließen. Die Menge ſchmackhafter Fiſche und Schalthiere, welche das Meer an den Küſten Siciliens darbietet, iſt in Meſſina außerordentlich groß. Ich will nur dasjenige davon anführen, was die Einwohner am meiſten ſchätzen. Dahin ge⸗ hören der Thunfiſch, Schwertfiſch, Bonetfiſch und Stint, ferner der Aal, die Lamprete**), Makrele und Sardelle, ſo wie der friſche und der getrocknete Kab⸗ liau oder Stockfiſch. Sonderbar aber, daß man auch an geviſſen ſchlechtern, theils ekelhaften Fiſchen, z. B. mehren Arten des ſchleimigen Tintenfiſches, großes Behagen findet, während die den Ausländern ſehr willkommenen Schild⸗ kröten, Hummern, Krabben und übrigen Schalthiere, mit Ausnahme der *) Die bei den Alten beliebte„muraena.“ Auſtern, in geringer Achtung ſtehen. Die Häringe werden friſch und auch ge⸗ räuchert, aber nie eingeſalzen gegeſſen. Alle größere Fiſche, hauptſächlich den Thunfiſch und Schwertfiſch, verkauft man in Stücke, bis zu einem Viertelpfund herab, zerſchnitten. Einige Gattungen ſind das ganze Jahr hindurch friſch zu bekommen, andere blos zu gewiſſen Jahreszeiten, ſo wie ſie ihren Zug an den Küſten vorüber nehmen. Ein beſonderer Leckerbiſſen der Meſſiner ſind die Landſchnecken. Man pflegt ſie durch Beſtreuen mit Salz und nachheriges Abwaſchen von ihrem Schleime zu reinigen, und dann entweder ohne weitere Zuthat zu röſten, oder auch in Eſſig und Oel mit Pfeffer, Zwiebeln und Peterſilie zu dämpfen. Auch werden Froſchkeulen von Vielen ſehr geſchätzt, und, beſonders für Kranke zu Kraftbrühen benutzt. Den Branntwein machen die Sicilier aus Weinhefen, oder aus verdor⸗ benem Wein, daher er dem Franzbranntwein gleicht. In dieſer Geſtalt wird er zwar von den Ausländern, beſonders den Seeleuten, aber faſt nie von den Eingebornen getrunken, da ſie überhaupt keinen großen Hang zu dieſer Art von geiſtigem Getränk haben; ſondern man zieht ihn auf Zitronen⸗ oder Po⸗ meranzenſchalen, auf Nelken, Zimmt, Muskate, auf Kaffee oder Kakao, und auf mancherlei andern Sachen ab, wo er dann den Namen„rosolio“ erhält. Es gibt in Meſſina eine Menge Roſoliofabriken, deren Erzeugniſſe größten Theils in das Ausland gehen, da ſie, ungeachtet ihrer Wohlfeilheit und Güte, wenig Abnehmer in der Heimath finden. Es iſt überhaupt eine auffallende Thatſache, daß die Bewohner ſüdlicher Länder im Genuß ſtarker Getränke außerordentlich mäßig ſind. Ein Hauptbedürfniß der Meſſiner, ſo wie aller Einwohner Siciliens, iſt Schnee und Eis, da es außer demſelben, wegen der großen Wärme des Klima's, kein Mittel gibt, die Lebensmittel zu erfriſchen, und vor dem Verderben zu bewahren, oder einen Trunk friſchen Waſſers zu erhalten, welches, wenn auch aus tiefen Brunnen geſchöpft, ſtets laulich iſt. Schnee und Eis findet ſich in Sicilien blos auf dem Aetna, und zwar auf ſeinen höchſten Theilen. Man ſchafft es herab nach Catania und anderen, in der Nähe des Berges befindlichen Niederlagen, von wo es, zu Waſſer und zu Lande, in die übrigen Theile der Inſel verſendet wird. Das Recht, es zu ſammeln und damit zu handeln, ſteht ausſchließlich dem Biſchof von Catania zu, dem jährlich große Summen da⸗ durch zufließen. In Meſſina wird eine ungeheure Menge Eis verbraucht, nicht allein in den Conditoreien, zur Bereitung des Gefrorenen und der kühlenden Getränke, ſondern allch faſt in allen Häuſern bemittelter Leute, indem man das Fleiſch, das Oel u. ſ. w., um es vor der Fäulniß oder Gährung zu Richter's Reiſen. II. 9 ſchützen, darin aufbewahrt, und jede Flaſche Wein oder Waſſer, die auf den Tiſch kommt, in ein damit angefülltes Becken ſtellt. Ueberdem wird, zum all⸗ gemeinen Getränk, durch Eis erfriſchtes Waſſer in allen Straßen der Stadt verkauft, nicht nur von Leuten, die es in Fäſſern oder Krügen herumtragen und ausrufen, ſondern auch in beſondern, zum Eisverkauf beſtimmten Buden. In letztern findet man zugleich die ausgeſuchteſten Früchte, die pyramidenförmig in zierlicher Ordnung aufgehäuft, anch mit wohlriechenden Blumen, ſo wie mit großen Gläſern voll Waſſer, worin ſich Goldfiſche befinden, aufgeputzt ſind, ſo daß der Anblick einer ſolchen Bude eben ſo ergötzend, als die darin verbreitete Kühle erquickend iſt. In der wärmeren Jahreszeit legen ſich die meiſten Einwohner nach dem Mittageſſen ein paar Stunden zu Bette, und viele Vornehme gehen von die⸗ ſer Gewohnheit das ganze Jahr lang nicht ab. Erſt nach drei Uhr werden die Straßen wieder lebendig, und die Geſchäfte und Handthierungen nehmen von neuem ihren Anfang. Dies iſt auch die Zeit, wo die Damen, welche ge⸗ wöhnlich den ganzen Morgen nachläſſig gekleidet ſind, ihren Putz anlegen. In der fünften bis ſechsten Stunde nimmt die Volksmenge immer mehr auf den Straßen zu; man macht Spaziergänge, geht in Geſellſchaft, und diejeni⸗ gen, welche Wagen und Pferde haben, fahren aus. Gewöhnlich nehmen die Wagen ihren Weg nach der Marina, wo ſie von dem einen nach dem andern Ende hin und her fahren, und bisweilen gruppenweiſe ſtille halten, indem die darin befindlichen Herren und Damen mit einander ſprechen, und ſich Ge⸗ frorenes oder andere Erfriſchungen aus den benachbarten Kaffeehäuſern bringen laſſen. Ungefähr um ſechs Uhr, wenn die Glocken das Ave Maria läuten, eilen die Leute in großer Menge zur Benediction in die Kirchen. Wer zu weit von einer Kirche entfernt iſt, um ſie zu rechter Zeit zu erreichen, ver⸗ richtet ſein Gebet auf freier Straße, jeder Mann mit entblößtem Haupte, jede Frau mit verhülltem Geſicht, und Alle knieend. Wenige Minuten nachher füllen ſich die Straßen von neuem, bis endlich nach acht Uhr die Luſtwandeln⸗ den ſich in die Häuſer zurückziehen, zum Theil auch nach dem Opernhauſe be⸗ geben. Um neun Uhr halten die meiſten Einwohner ihre Abendmahlzeit wobei ſie einen ungleich ſtärkern Appetit als bei dem Mittageſſen zeigen. Nach zehn Uhr werden die Häuſer, mit Ausnahme der Gaſthäuſer und Garküchen, welche faſt die ganze Nacht geöffnet bleiben, verſchloſſen, obſchon die Bewoh⸗ ner, um ſich an der kühlen Luft zu erquicken, noch lange auf den Altanen und platten Dächern verweilen. Auf den Straßen ſieht man um dieſe Zeit nur einzelne Leute, beſonders Ständchen bringende Guitarrenſpieler, und Streif⸗ wachen. In völlige Ruhe verſinkt die Stadt erſt nach Mitternacht, wenn die Leute aus der Oper, welche meiſtens ſo lange dauert, zurückgekommen ſind. Dies iſt die in Meſſina herrſchende Tagesordnung. Man kann aber leicht erachten, daß der Wechſel der Jahreszeiten und des Wetters, die Feſttage, und die Verſchiedenheit in den Verhältniſſen der Einwohner, in Hinſicht ihres Standes, ihrer körperlichen Beſchaffenheit u. ſ. w., ſowohl im Ganzen als im Einzelnen manche kleine Abweichung verurſachen. Sehr auffällig und unbequem für jeden Ausländer, der Meſſina und überhaupt Sieilien betritt, iſt die dortige Weiſe, die Tageszeit zu beſtimmen, welche, trotz der verbeſſerten Einrichtung im übrigen Europa, noch ganz der fehlerhaften römiſchen entſpricht. Der bürgerliche Tag beginnt mit Sonnen⸗ untergang, wonach man die Uhren zu ſtellen pflegt. Da nun aber die Sonne, zu Folge der verſchiedenen Jahreszeiten, bald früher, bald ſpäter untergeht, ſo tritt der Mittag zu verſchiedenen Stunden an den Uhren ein, und muß daher von Zeit zu Zeit aus dem Kakender erſehen und darnch berichtigt wer⸗ den. Dabei zählt man die Stunden in ununterbrochener Folge von Eins bis Vierundzwanzig. Viele derſelben benennt man nicht nach ihrer Zahl, ſondern nach den gottesdienſtlichen Gebräuchen, die um dieſe Tageszeit Statt finden. Auf die Frage z. B., wie viel Uhr es iſt, erfolgt die Antwort:„Paternostro,“ oder:„Salve Regina, Vespero, Ave Maria“ und mehr dergleichen. Die Glocken der Kirchen ſchlagen, ohne die Viertel der Stunden anzuzeigen, von Eins bis Sechs, ſo daß ſie ſich viermal des Tages wiederholen. Ein beſonderes Lieblingsſpiel des gemeinen Volkes iſt das altrömiſche „micare digitis“. Es wird auf zweierlei Art geſpielt. Die einfachſte, welche die Sieilier„tocco“ nennen, beſteht darin, daß zwei Leute, zu gleicher Zeit, abwechſelnd die Hände zuſammen ballen und die Finger in beliebiger Anzahl ausſtrecken. Eben ſo ſchnell, als die Finger ausgeſtreckt werden, müſſen ſie die vereinigte Anzahl derſelben errathen. Demjenigen, welcher ſie trifft, wird ein Strich zu Gute geſchrieben; zehn bis zwanzig, oder mehr ſolche Striche machen eine Partie aus. Da ſolche Spieler, um Mißverſtändniß und Streit zu ver⸗ meiden, die Zahlen mit der vollen Kraft ihrer Stimme ausrufen, ſo pflegen ſie großen Lärm zu verurſachen, ſo daß ein Fremder, der ſie zum erſten Mal hört, einen heftigen Zank zu vernehmen glaubt. In den gemeinen Weinſchenken ſieht man häufig Leute, reitlings auf den Bänken ſitzend, um ihre Zeche Tocco ſpielen. Die andere Art dieſes Spieles, welche man„mora“ oder auch„pa- violetta“ nennt, unterſcheidet ſich von der vorigen blos dadurch, daß die zu errathenden Zahlen einem beſondern, dabei angeſtimmten Geſang einverleibt werden, und mithin das widrige Geſchrei wegfällt. Mora dient bisweilen ſehr anſtändigen Leuten zur Beluſtigung, während Tocco dem Pöbel überlaſſen bleibt. 132 Ueber die nationellen Tänze der Sicilier habe ich ſchon an andern Orten geſprochen, und füge daher nur noch Einiges hinzu. Sie ſind ſämmtlich Contre⸗ tänze, und ſtellen einen lebhaften Wechſel gefälliger, zum Theil aber auch ſehr unanſtändiger Bewegungen und Geberden dar. Man pflegt ſie ſelten mit einer vollſtimmigen Muſik, ſondern mit der Laute, oder der Guitarre, oder blos mit dem Tambourin, in allen Fällen aber zugleich mit Klapperhölzern, oder noch gewöhnlicher mit einem eigenthümlichen Schnippen mit den Fingern und Klat⸗ ſchen mit der Zunge, bisweilen auch mit Geſang zu begleiten. Der beliebteſte Tanz, die„tarantella“, hat Vieles mit dem Fantango der Spanier gemein. Die„barubba“ oder„jana tuba“, welche nur bei den öffentlichen Maskeraden⸗ gebräuchlich iſt, hat das Eigenthümliche, daß die Tänzer„tubiani“ genannt, am ganzen Körper mit Ruß und Oel geſchwärzt, und nur mit kurzen türkiſchen Hoſen, oder einem Schurze begleitet, gewöhnlich zwei Paar neben einander, nach dem Schall einer Trommel und Poſaune und mit Grimaſſen, gleich denen der africaniſchen Wilden, durch die Straßen tanzen. Da ſolchen Tänzern die Erlernung ihres pofſirlichen Geberdenſpiels einige Mühe koſtet, ſo haben ſie das Glück, von dem einen oder dem andern Zuſchauer beſchenkt zu werden, da⸗ her eine Geldbüchſe über ihre Schulter hängt. Uebrigens kann man leicht denken, daß nur der niedrigſte Pöbel ſich zu ſolchen Beluſtigungen hergibt. Ein anderer, bei den öffentlichen Maskeraden vorkommender Tanz iſt der „ballo alla scherma“(Fechtertanz), welcher darin beſteht, daß vier Paar, unter mannigfaltigem Wechſel ihrer Stellungen, mit hölzernen Schwertern fechtend und zugleich ſingend tanzen Es nehmen nur Männer an dieſem Tanze Theil, und er hat, mehr als irgend ein ſicilianiſcher Volkstanz, das Gepräge des Ernſtes und der Sittſamkeit. Uebrigens finden auf den Bällen, welche die höhern Volksklaſſen zur Zeit des Carnevals veranſtalten, auch Walzer, Qua⸗ drillen, Menuets und andere, im übrigen Europa gewöhnliche Tänze Statt. 8. Pflege der Kranken. Beerdigung der Todten— die ſonderbare Anſtalt der Kapuziner, um Todte aufzubewahren. Die Begräbnißplätze der Griechen, Proteſtanten, Muhamedaner u. ſ. w. Maß⸗ regeln bei anſteckenden Krankheiten. Wie man die Verwandten betrauert. Wenn Jemand von einer gefährlichen Krankheit befallen wird, ſo zeigen es die Verwandten ſeinem Beichtvater an, welcher ungeſäumt, bei Nacht wie bei Tage herbei eilt, um ſeine Beichte zu hören, und nicht nur für ſein Seelen⸗ heil, ſondern auch für die Anordnung ſeiner irdiſchen Angelegenheiten zu ſor⸗ gen. Mittlerweile macht ein in der Kirche befindlicher Geiſtlicher Anſtalt, ihm Ieln] 49 92 I] 910 das heilige Abendmahl zu reichen. Man läutet zu dem Ende die Glocken. Sodann begibt ſich der Geiſtliche, mit dem Meßgewande bekleidet, und die Monſtranz auf den Armen tragend, auf den Weg, während der Kirchdiener, welcher einen Baldachin über ihm empor hält, ein Chorknabe, der fortwährend mit einem Glöckchen klingelt, und vier oder ſechs Männer, die Stocklaternen mit brennenden Wachslichtern in der Hand halten, ihn begleiten. Alle Leute, ſowohl in als vor den Häuſern, verlaſſen, wenn der Zug ſich nähert, ihre Ar⸗ beit, knieen nieder und beten, und man vernimmt, außer dem Klang der kleinen Glocke, keinen Laut; eine Feierlichkeit, die auf das Herz jedes Augenzeugen, weß Glaubens er ſei, tiefen Eindruck macht. Wenn der Geiſtliche in das Haus des Kranken tritt, ſagt er vor dem zu einem Altar eingerichteten Tiſche einige Gebete, und reicht ſodann dem Kranken das Abendmahl, während ſeine Be⸗ gleiter in beſtimmter Ordnung um das Bett ſtehen. Bisweilen ſchließt ſich dem geiſtlichen Zug, auf ſeinem Wege durch die Straßen, eine Menge frommer Leute an, die ſich ebenfalls in die Stube drängen, oder, wenn es an Platz fehlt, vor der Thür ſtehen bleiben. Im Fall der Kranke arm iſt, wird den Seinigen das nöthige Geräth, um einen Altar herzuſtellen, z. B. ein Altar⸗ tuch, ein Crueifix, ein paar Leuchter mit Wachskerzen u. ſ. w., von der Kirche geliehen und zugeſchickt. Wenn ſpäterhin der Kranke ſich verſchlimmert und der Tod ihm naht, ſo geſchieht abermals eine Meldung an die Kirche, worauf ein Geiſtlicher, mit derſelben Feierlichkeit, wie zur Reichung des Abendmahls, her⸗ bei kommt, um dem Sterbenden die letzte Oelung zu ertheilen. Der Geiſtliche iſt alsdann verpflichtet, bis zum gänzlichen Hinſcheiden desſelben bei ihm zu bleiben, und für ihn zu beten. Hat der Sterbende einen langen und ſchweren Todeskampf, ſo wird ihm ein Crueifix auf die Kniee gelegt. Dauert dieſer Kampf über vier und zwanzig Stunden, ſo fordert das Glockengeläut der Kirche die Einwohner der Stadt auf, ihre Gebete gen Himmel zu ſchicken, um die Seele des Leidenden zu erlöſen; an der Menge der auf einander folgenden Glockenſchlägen erkennt man, weß Alters und Geſchlechts er iſt.— Beiläufig muß ich bemerken, daß die Geiſtlichen für alle dieſe Bemühungen keine Ent⸗ ſchädigung erhalten. Dabei müſſen ſie dem Rufe zu einem Kranken ohne Auf⸗ ſchub Folge leiſten, und widrigen Falls gewärtig ſein, mit Gerichtsdienern oder mit Soldaten abgeholt zu werden. Es befindet ſich daher in jeder Kirche Tag und Nacht ein Geiſtlicher, der zum Dienſt der Gemeine bereit iſt. Wenn der Todesfall ſich ereignet, ſo wird der entſeelte Körper, jedoch blos im Geſicht, an den Händen und Füßen, abgewaſchen, und in einen voll⸗ ſtändigen Anzug, den er bei Lebzeiten trug, gekleidet; bisweilen läßt man, zum Zeichen, daß der Todte einen vorzüglich frommen Lebenswandel geführt hat, die Füße bloß, indem die beiden großen Zehen mit einem ſchwarzen Bande zu⸗ ſammen gebunden werden. Nachher legt man die Leiche auf ein reinliches Bett, und ſteckt umher brennende Kerzen auf. Dies alles verrichten keine beſondern Leichenwäſcherinnen, ſondern die entfernten Verwandten des Verſtorbenen, die es für ihre Pflicht halten, ihm die letzten Dienſte zu erweiſen; unter den Vor⸗ nehmen herrſcht die Sitte, daß ſie bei Todesfällen ihrer nächſten Angehörigen ſich aus dem Hauſe begeben, und das ganze Begräbniß den entfernten Ver⸗ wandten überlaſſen. Sobald die Leiche auf dem Paradebette liegt, kommen Verwandte, Freunde und Bekannte herbei, und nehmen rund umher Platz, wo⸗ bei eine gewiſſe Ordnung beobachtet wird, ſo daß die nächſten Verwandten ſich beim Kopf der Leiche, und die übrigen nach den Füßen zu befinden. Es er⸗ folgt dann, abwechſelnd mit Erwähnung merkwürdiger Begebenheiten aus dem Leben des Entſeelten und mit Lobpreiſungen ſeiner guten Eigenſchaften, ein allgemeines Jammergeſchrei, verbunden mit allen andern Zeichen des Schmerzes, dem die Frauen ſich dergeſtalt überlaſſen, daß ſie oft ihre Haare zerzauſen und ihr Geſicht zerkratzen. Dies hat ſeinen Grund nicht allein in der großen Reiz⸗ barkeit der Sieilier, ſondern auch in der altrömiſchen Sitte, die Todten wett⸗ eifernd zu beweinen. . Da todte Körper in einem ſo warmen Lande, wie Sieilien, ſchnell in Fäulniß übergehen, ſo dürfen ſie höchſtens zwölf Stunden im Hauſe behalten werden; in gewiſſen Fällen, beſonders bei Leuten, die an anſteckenden Krank⸗ heiten geſtorben ſind, findet das Begräbniß noch früher Statt, je nachdem es die Aerzte für gut befinden, die jedesmal der Geiſtlichkeit und dem Stadtrath eine Anzeige deshalb machen. Mit der beſtimmten Stunde kommen die Geiſt⸗ lichen der Kirche, wohin der Verſtorbene gehört, um ihn abzuholen und zur Ruhe zu beſtatten. Nachdem ſie den Segen über ihn geſprochen und ihn mit geweihtem Waſſer beſprengt haben, wird er vom Bette genommen; und dies iſt der Zeitpunkt, wo das Wehklagen der Trauernden den höchſten Grad er⸗ reicht. Adelige, oder ſonſt angeſehene und reiche Leute, pflegt man in einen Sarg zu legen, der mit ſchwarzem ſeidenen Stoff überzogen, und von einem Ende zum andern kreuzweiſe mit weißem Bande beſetzt iſt. Sie werden jedoch, zur Erhöhung des Leichengepränges, unbedeckt fortgetragen; den Sargdeckel trägt man nach. Der Sarg ruht auf einer Bahre, worüber ein Tuch von ſchwarzem Sammt gebreitet iſt. Die zwölf oder ſechzehn, oft wechſelnden Trä⸗ ger ſind meiſtens Freunde des Verſtorbenen, oder auch andere Leute, die ſich aus dem Tragen der Leiche eine Ehre machen. An der Spitze des Leichenzuges befinden ſich ſechs, acht oder mehr Geiſtliche, hinter ihnen folgt der Sarg, und dann kommen, paarweiſe geordnet, die nahen und entfernten Verwandten, nebſt den übrigen Begleitern vornehmen und geringen Standes, deren Zahl ſich bis⸗ weilen auf einige hundert beläuft. Jeder hält eine brennende Wachskerze in der Hand. Sobald der Zug ſich in Bewegung ſetzt, ſtimmen die Geiſtlichen einen lateiniſchen Geſang an, den die Uebrigen abſatzweiſe wiederholen, während die Glocken mehrer Kirchen, ja, bisweilen die ſämmtlichen geläutet werden. In allen Straßen, durch welche der Zug geht, tritt eine tiefe Stille ein, die Männer entblößen das Haupt, die Frauen verhüllen das Geſicht, die Schildwachen prä⸗ ſentiren das Gewehr, kurz, Jedermann beweiſt durch ein äußeres Zeichen ſeine Ehrfurcht. Wenn der Sarg— denn in Sieilien begräbt man alle Leute in den Kirchen,— die Kirchſtufen erreicht, wird ſtille gehalten, und der Geſang verſtummt; der vornehmſte Geiſttliche ſtellt ſich an den Eingang und ſegnet den Todten. Man bringt ihn hierauf in die Kirche, auf ein in der Mitte derfelben errichtetes Trauergerüſt. Dieſes ſtellt ein längliches, ungefähr ſechszehn bis b zwanzig Fuß hohes, mit Stufen umgebenes Viereck dar; das Ganze iſt ſchwarz bekleidet, und jede Stufe mit brennenden Kerzen, auf ſilbernen Leuchtern, be⸗ ſetzt. Sodann werden dem Todten, von ſechs bis zwölf Uhr des Morgens, von den Geiſtlichen vor dem Altar und den Sängern auf dem Chore Meſſen geſungen, wobei alle Thüren der Kirche geöffnet ſind. Man ſetzt ihn hierauf, nachdem der Sarg verſchloſſen worden iſt, in einem unterirdiſchen Gewölbe bei.— Der ärmere Mittelſtand und die niedrigen Volksklaſſen erhalten eben⸗ falls ein ſehr anſtändiges Begräbniß, obſchon Manches von den eben beſchrie⸗ benen Gebräuchen dabei wegfällt. Die Leiche wird in einem kaſtenartigen, auf einer Bahre ruhenden, ſchwarzen Sarge, bemahlt mit Todtenköpfen und ſich kreuzenden Knochen, in die Kirche getragen. Es gehen ihr ein oder zwei Geiſt⸗ liche voran; die nachfolgenden Verwandten und übrigen, oft zahlreichen Be⸗ gleiter haben nur ſelten Kerzen. Während des Zuges wird geſungen, und es ertönt das Glockengeläut mehrer Kirchen, wenigſtens derjenigen, die zur Auf⸗ nahme des Todten beſtimmt iſt; und überall, wo dieſer vorüber kommt, erzeigt man ihm, wenn er auch gering und arm war, dieſelbe Ehre, wie dem Vor⸗ nehmen und dem Reichen. In der Kirche angelangt, wird er, nach erhaltenem prieſterlichen Segen, vor einer der Grüfte, dergleichen ſich unter der ganzen Kirche befinden, niedergeſetzt. Es wird dann eine Meſſe geleſen. Hierauf nimmt man die Leiche aus dem Sarge, und ſenkt ſie in die geöffnete Gruft, was gewöhnlich von einem Herz erſchütternden Jammer der Nachgelaſſenen be⸗ gleitet iſt, der oft an Wahnſinn grenzt. Während meines Aufenthals in Meſ⸗ ſina ereignete ſich der traurige Fall, daß ein armes Weib, als ihr verſtorbener Mann in die Todtengruft hinabgelaſſen wurde, ſich ihm nachſtürzte und— das Genick brach. In dieſen Grüften werden die Leichen, um Raum zu ge⸗ winnen, auf niedrige ſteinerne Bänke längs den Mauern dicht neben einander geſetzt; man reinigt dieſelben alle Vierteljahre, ſammelt die abgefallenen Gebeine und verwahrt ſie in beſondern Gemächern. Es befinden ſich vor den Kirchen Grüfte, beſtimmt für Leute, die der Aufnahme unter frommen Chriſten nicht würdig ſind, wohin man auch diejenigen zählt, welche plötzlich auf der Straße und mithin ohne die gewöhnliche Vorbereitung zum Tode ſterben, beſonders wenn an ihrem Körper kein äußeres Zeichen ihrer Frömmigkeit, 3. B. ein Kreuz, Roſenkranz u. ſ. w., gefunden wird. Die Kirche der Kapuziner enthält, wie alle ihres Ordens in Sieilien, eine ſehr ſonderbare Anſtalt zur Aufbewahrung der Todten, in welcher, außer den Bewohnern des Kloſters, auch andere männliche Perſonen Aufnahme finden. Wenn nämlich Jemand auf ſeinem Krankenlager wünſcht, bei den Kapuzinern begraben zu werden, ſo kommen, auf geſchehene Meldung, einige dieſer Mönche herbei, nehmen den Kranken in ihre geiſtliche Brüderſchaft auf, und warten ihn, zugleich für das Heil ſeiner Seele ſorgend, bis zum Tode ab. Hierauf bringen ſie den entſeelten Körper, mit einer Kapuzinerkutte be⸗ kleidet, feierlich in das Kloſter. Nachdem er dort in einer beſondern Gruft, durch Mittel, die mir nicht völlig bekannt ſind, der Fäulniß entzogen, getrock⸗ net und faſt einer ägyptiſchen Mumie gleich gemacht iſt, wird er in der Todten⸗ halle, die ſich unter der Kirche befindet, aufbewahrt. Um zu dieſem Raume zu gelangen, tritt man in eine Kapelle, deren Wände mit Bildern behängt ſind, die den Tod in vielfachen Geſtalten darſtellen, ſowohl Sterbende, die mit Engeln und himmliſchem Glanz, als ſolche, die mit Teufeln und hölliſchem Feuer umgeben ſind; zwiſchen den Bildern befinden ſich Sinnſchriften auf fromme und auf böſe Menſchen. Solchergeſtalt ſteigt der Beſchauer, auf ein ernſtes Schauſpiel vorbereitet, die Stufen hinab. Beim Eintritt in die Halle erblickt er im fernen Hintergrund einen Altar, in der Mitte einige eiſerne Särge, und an den Wänden rechts und links zwei über einander hinlaufende Reihen Niſchen, und in jeder einen Todten. Der ſtets mit Lichtern beſetzte Altar beſteht aus weißem Marmor, mit erhobenem Bildwerk an der Vorder⸗ ſeite, das ein Gemiſch von menſchlichen Schädeln und Knochen ſo täuſchend darſtellt, daß es eine Zuſammenſetzung aus natürlichen Gegenſtänden der Art zu ſein ſcheint. Die eiſernen Särge enthalten die Gebeine vornehmer, zum Theil fürſtlicher Perſonen aus der ältern und neuern Zeit. Die Todten in den Niſchen, deren Zahl ſich ungefähr auf zwei hundert beläuft, ſind mit dem Gewand eines Kapuziners bekleidet, und an Haken aufrecht befeſtigt. Dieſe zuſammen geſchrumpften Geſtalten, nicht ſelten mit grimaſſenhaft verzerrten Geſichtern, mit lang ausgeſtreckten, krallenartigen Händen und Füßen, mit — —— wild herab hängendem Haupthaar und langem Bart, theils friſch, theils der völligen Verweſung nahe, indem einige den Kopf, andere ein Bein u. ſ. w. verloren haben, oder jeden Augenblick herab zu ſtürzen drohen— dieſe Ge⸗ ſtalten bieten einen Anblick dar, der zwar ſelten die Einheimiſchen, aber jeden Fremden mit Entſetzen erfüllt. Ueber den Niſchen laufen Simſe hin, wor⸗ auf man die zerfallenen Gebeine niederlegt, und ſo lange liegen läßt, bis die Luft und die Würmer ſie zerſtören. Die Todten werden von den Mön⸗ chen oft geſäubert, daher ſie, obſchon fürchterlich, doch rein und weiß aus⸗ ſehen. Da ſich übrigens viele Fenſter, die blos mit Gitterwerk verſehen und Tag und Nacht geöffnet ſind, über den Niſchen befinden, ſo wird in der Halle kein Uebelgeruch empfunden. Fremde können dieſes Behältniß zu jeder Zeit in Augenſchein nehmen; den Einheimiſchen ſteht es nur am erſten Montage jedes Monats offen, und dann kommt eine Familie nach der andern herbei, um ihre verweſenden Angehörigen zu beſuchen und Meſſen für ſie leſen zu laſſen, wobei man Lichter vor ihnen anzuzünden pflegt. Am Feſte Aller „Seelen iſt die Halle vom frühen Morgen bis um Mitternacht geöffnet; man lieſt an dieſem Tage. fortwährend Meſſen für die ſämmtlichen Tod⸗ ten, und alle Niſchen und Särge ſind mit davor aufgeſteckten Lichtern erleuchtet. Obſchon die Begräbniſſe der Meſſiner mit einiger Umſtändlichkeit ver⸗ bunden ſind, ſo verurſachen ſie doch, in Vergleich mit denen in andern euro⸗ päiſchen, beſonders proteſtantiſchen Ländern, keine großen Koſten. Für das Läuten z. B. bezahlt man an jede Kirche vorſchriftmäßig nur vier Groſchen, und eine Ruheſtätte in den gewöhnlichen Grüften, wobei zugleich das Leſen der Meſſe, das Leihen des Sarges nebſt der Bahre u. m. a. mit begriffen iſt, koſtet nicht mehr als anderthalb Thaler. Für jede Meſſe, die außer der ge⸗ wöhnlichen geleſen wird, entrichtet man höchſtens acht Groſchen. Ueberdem finden die Armen— denn die Willfährigkeit, dem Bedrängten beizuſtehen, i*ſt in Meſſina groß,— leicht Mittel, den erforderlichen Aufwand zu beſtreiten. Wenn z. B. ein armer Handwerksmann, Fiſcher u. ſ. w. ſtirbt, deſſen Beer⸗ digung die nachgelaſſene Familie nicht bezahlen kann, ſo ſchießen die Nach⸗ barn, wenn ſie einigermaßen wohlhabend ſind, freiwillig das erforderliche Geld zuſammen; außerdem wirft ſich ein Handwerksgenoſſe, gewöhnlich der Oberälteſte auf, begleitet von einem Geiſtlichen und mit einer aus der Kirche geliehenen Geldbüchſe, in der Stadt umher zu gehen und milde Beiträge zu ſammeln. Bei ſolchen Sammlungen wird darauf Rückſicht genommen, daß den Angehörigen des Verſtorbenen, nach Abzug der Begräbnißkoſten, etwas übrig bleibt, das ſie gleichſam als einen Nachlaß betrachten können.— Trauermahle ſind nicht gebräuchlich, und es wird den Begleitern des Leichen⸗ zuges nicht die mindeſte Erfriſchung gereicht. Die in Meſſina anſäſſigen Griechen haben, gleich den katholiſchen Ein⸗ wohnern, Todtengrüfte in ihrer Kirche. Die Proteſtanten, Muhamedaner u. ſ. w. begräbt man auf beſtimmten Plätzen außerhalb der Stadt. Während des Krieges beſaßen die Engländer einen geräumigen Begräbnißplatz auf der Erdzunge, nicht weit von der Citadelle, wo Alle, die in ihrem Dienſte ſtar⸗ ben, ohne Rückſicht auf die Religion beerdigt wurden. Die Gewohnheit der Sicilier, die Todten in den Kirchen zu begraben, hat die nothwendige Folge, daß die Luft in dieſen Gebäuden ſehr ungeſund iſt, was noch mehr der Fall ſein würde, wenn man nicht täglich die Thüren öffnete, und während der Meſſen ſtark räucherte. Deſſen ungeachtet dürfte noch geraume Zeit vorgehen, bevor eine Abänderung hierin getroffen wird, da der große Haufe feſt an dem Vorurtheile hängt, daß die Abgeſchiedenen der ewigen Seligkeit eher theilhaftig werden, wenn ihre Gebeine im Schooß der Kirche ruhen. Nur die Einwohner von Palermo haben angefangen, Be⸗ gräbnißplätze im Freien anzulegen. 3 Eine im Allgemeinen ſehr wohlthätige, obſchon für den Einzelnen oft ſehr drückende Einrichtung iſt, daß man, wenn Jemand an der Auszehrung oder ſonſt einer anſteckenden Krankheit ſtirbt, alle ſeine Wäſche, Kleider und Betten öffentlich verbrennt. Dieſe Maßregel erſtreckt ſich bisweilen auch auf das übrige Hausgeräth, ſo wie auf die ſämmtlichen Anzugſtücke der Familie, ſo daß ſie genöthigt iſt, ſich neu zu kleiden und einzurichten; im Fall ihr die Mittel dazu fehlen, liefert der Magiſtrat die nothwendigſten Bedürfniſſe, und außerdem werden noch öffentliche Beiträge deshalb geſammelt. Nachdem das Haus vom Geräthe befreit iſt, wird es durchaus gereinigt und ausgeweißt, worauf ein Geiſtlicher die Stubenwände mit Weihwaſſer beſprengt. Bis⸗ weilen nimmt man die ganze Kalkbekleidung von den Wänden ab und trägt eine neue auf; ja, in gewiſſen Fällen werden die Wände völlig eingeriſſen, jedoch auf Koſten der Gemeine wieder hergeſtellt. Die Gebräuche, Verwandte zu betrauern, ſind ſehr umſtändlich. Um Eltern und Geſchwiſter, um Gatten und erwachſene Kinder trauert man ein ganzes Jahr, während welcher Zeit keine wichtige Veränderung vorgenommen, z. B. eine Heirath geſchloſſen, eine Reiſe u. ſ. w. gemacht wird. Die Trauer⸗ zeit iſt in mehre Abſchnitte getheilt. Die erſten ſechs Wochen bleibt die Familie, ihrem Schmerz überlaſſen und unter Verrichtung religiöſer Gebräuche, in ihrem Hauſe, das ſie nur verläßt, um in die Kirche zu gehen, oder dringende 139 Geſchäfte zu verrichten. Nachher fängt ſie an, allmälig in die Welt zurück⸗ zukehren, thut jedoch bis nach Ablauf des Jahres auf das Beſuchen des Thea⸗ ters, auf Kartenſpiel, Muſik, Tanz und alles Verzicht, was für Vergnügung gehalten wird. Leute, die ihren täglichen Lebensunterhalt mit Handarbeit verdienen, können zwar nur an Feſttagen die Gebräuche der Trauer ſtreng beobachten, machen ſich's jedoch, ſo lange ſie dauert, ebenfalls zur Pflicht, jedem Vergnügen zu entſagen. Die Trauerkleidung zerfällt in mehre Ab⸗ ſtufungen. Die tiefe fordert, daß an dem Körper keine andere Farbe, als Schwarz, und folglich keine weiße Wäſche zu ſehen iſt; daher die Männer ein ſchwarzes Halstuch, und die Weſte bis an den Hals zugeknöpft tragen, ſo wie die Frauen den Kopf ſammt dem ganzen obern Körper mit einer großen Kapuze bedecken. Die Haarkämme, Ringe, Schnallen, Uhrketten u. ſ. w. ſind mit Fäden oder mit Band von ſchwarzer Seide umwickelt. In der näch⸗ ſten Trauerperiode kommt die weiße Wäſche wieder zum Vorſchein, und in den folgenden wird die ſchwarze Farbe ſtufenweiſe von bunten verdrängt, doch be⸗ halten die Frauen eine ſchwarze Schürze, ein ſchwarzes Halstuch, oder der⸗ gleichen Band auf dem Kopfe, ſo wie die Männer ein breites ſchwarzes Band um den Hut— denn Flor um Hut und Arm iſt nicht gebräuchlich,— bis zum Ende derſelben bei. 9. Einige beſondere Sitten und abergläubiſche Gebräuche.— Kurze Ueberſicht der Münzen, Maße und Gewichte.— Einige Eigenthümlichkeiten Siciliens. Man pflegt in Meſſina alle Leute bei ihrem Taufnamen, mit dem beige⸗ fügten Titel„Don“ oder„Donna“, zu nennen, z. B. Don Giuſeppe, Donna Maria; daher es der Don Giuſeppe u. ſ. w. ſo viele gibt, daß es oft Mühe macht zu errathen, welcher gemeint iſt. Der Zuname und Charakter einer Per⸗ ſon wird nur dann angegeben, wenn es auf eine genaue Bezeichnung derſelben ankommt, ſo wie auch in ſchriftlichen Aufſätzen. Den Titel„Signore“ oder „Signora“ geben die Meſſiner eigentlich nur vornehmen Perſonen, oft aber auch jedem, dem ſie ihre beſondere Hochachtung bezeigen wollen; die Dienſt⸗ leute legen ihn ihrer Herrſchaft, wenn ſie auch nicht vornehm ſind, jederzeit bei. Den Leuten niedrigen Standes werden, wenn man ihre Namen nicht weiß, die Benennungen„Compare“ und„Comare“(Gevatter und Gevatterin) beige⸗ legt. Uebrigens iſt der Ehrentitel„Excellenza“(Excellenz) keinesweges ſol⸗ chen Mißbräuchen, wie in Palermo Statt findet, unterworfen.— Das Wort 140 „Critiano“(Chriſt), häufig mit dem Beiworte„povero“(armer), heißt oft ſo viel als ein Menſch; daher ſolche Redensarten, wie z. B.„Es hat ein armer Chriſt(Jemand) ſeinen Geldbeutel verloren.“—„Die armen Chriſten(die Menſchen) müſſen viel dulden“, jeden Augenblick vorkommen. Wenn Jemand aus dem gemeinen Volke wünſcht, daß ihm ſeine Nachbarn mit irgend einem Bedürfniß aushelfen möchten, ſo ſtellt er ſich, anſtatt in der Stille deßhalb anzufragen, mitten auf die Straße hin, und ruft mit ſo lauter Stimme, daß es in weiter Ferne hörbar iſt.— Alle Stände beſitzen eine große Dreiſtigkeit und Zudringlichkeit, Beſuche abzuſtatten. Selbſt dem Fremden, wenn er auch keine Bekanntſchaft hat, fehlt es nie an Beſuchen, und oft ſchützt ihn ſeine Wohnung vor dem Andrang der Menge ſo wenig, als die offene Straße. Wenn in einem Hauſe etwas Ungewöhnliches vorgeht, ſo gleicht es in kurzer Zeit einem öffentlichen Orte, wo das Volk nach Belieben ein⸗ und ausſtrömt. Dagegen findet auch Jeder, wenn er zu irgend einem Geſchäft fremde Hülfe bedarf, eine Menge ſich freiwillig anbietender Hände; denn, wie ich ſchon mehrmals erwähnt habe, die Bereitwilligkeit zu helfen iſt muſterhaft. Wer einen weder durch vernünftige Gründe, noch durch Betheuerungen von der Wahrheit deſſen, was er ſagt, überzeugen kann, nimmt etwas Brod vom Tiſche und küßt es feierlich; und dann finden ſeine Worte unbedingt Glauben, da die Handlung das Brod zum Zeugen zu nehmen, für eben ſo wichtig gehalten wird, als die Ablegung eines Eides.— Eine Pomeranze, Pfirſche oder ſonſt eine kleine Frucht in der Mitte durchzuſchneiden, und, während man die eine Hälfte ißt, Jemanden die andere zum Eſſen darzureichen, gilt für ein Zeichen der innigſten Freundſchaft.— Es werden vielleicht nirgend in der Welt ſo viel fromme Gelübde, als in Sicilien und beſonders in Meſſina gethan. Faſt bei jeder Bitte, die an einen Heiligen gerichtet wird, verpflichtet man ſich zu irgend einer Entbehrung, Beſchwerde oder wohlthätigen Hand⸗ lung. Dieſe Gelübde ſind oftmals von ſehr ſonderbarer Art. Bald gelobt z. B. eine Frau, auf den Knieen um den Altar einer Kirche zu rutſchen, bald auf der Straße knieend Almoſen für die Armen zu ſammeln, oder, wenn ſie vornehm iſt, barfuß in die Kirche zu gehen. Da übrigens dergleichen Hand⸗ lungen häufig auch von den Geiſtlichen, bei Hörung der Beichte, als Buß⸗ übungen für begangene Sünden aufgelegt werden, ſo ſind ſie ſo alltägliche Erſcheinungen, daß ſie bei den Eingebornen nicht das mindeſte Aufſehen er⸗ regen.— Unter den arzneilichen Hausmitteln, wozu faſt Jeder bei kleinen Unpäßlichkeiten ſeine Zuflucht nimmt, ſteht der geſtählte Wein oben an. Dieſen Wein erhält man, indem ein Krug voll zu einem Schmied getragen 141 wird, welcher, gegen eine kleine Entſchädigung, ein Stück glühendes Eiſen darin abkühlt.— So oft Jemand Melonen ißt, werden die Schalen unter die Betten geworfen, und man findet ſie am nächſten Morgen mit Flöhen be⸗ deckt, die an dem Safte dieſer Frucht, wonach ſie ſehr begierig ſind, ſich zu Tode gefreſſen haben; das gewöhnlichſte Mittel der Sieilier, ſich von jenen Peinigern zu befreien. Daß der Aberglaube in Sieilien tief eingewurzelt, und unter allen Volksklaſſen verbreitet iſt, wurde ſchon oben bemerkt; hier will ich dieſer Be⸗ merkung noch einige Belege beifügen.— Man glaubt an Hexen, Zauberer und Geſpenſter, ſo wie an die Kraft der Amulette, d. i. gewiſſer Mittel, ſich vor jedem Unfalle zu ſchützen, womit ſogar die Hausthiere verſehen werden; man glaubt an die Kunſt zu wahrſagen, vergrabene Schätze auszuſpähen u. ſ. w., und ſchreibt oftmals die alltäglichſten Erſcheinungen einer übernatür⸗ lichen Urſache zu. Am Neujahrsabend pflegen die Leute Salz und Aſche ſo⸗ wohl vor den Häuſern ihrer Freunde, als ihrer Feinde zu ſtreuen, um dadurch von den erſtern alles Unglück abzuwenden, und die letztern an der Ausführung ihrer böſen Abſichten zu verhindern. Ueberhaupt gilt das Salz für ein wunderbares Schutzmittel gegen alles Böſe, beſonders gegen Hexerei. Wenn eine alte Frau vor dem Hauſe vorüber geht, die man im Verdachte hat, etwas beſchrieen zu haben, ſo wird ihr etwas Salz nachgeworfen. Viele tragen dasſelbe, in ein Läppchen genäht, als Amulett an einer Schnur um den Hals hängend und im Buſen verborgen. Auch dem Knoblauch, und beſonders den Palm⸗ und Olivenblättern, die am Palmſonntage in der Kirche eingeſegnet worden ſind, legt man eine vorzügliche Kraft bei, den Menſchen vor Uebeln zu bewahren. Es flegt daher in den Häuſern, beſonders der niedrigen Volks⸗ klaſſen, an der innern Seite der Stubenthür ein kleines Säͤckchen zu hängen, in welchem etwas Salz, ein paar Streifen eines Palmblattes und ein paar Olivenblätter, nebſt etwas Knoblauch, eingenäht ſind. Die Weinſchenken und Gaſtwirthe haben die Gewohnheit, über dem Eingange des Hauſes zwei dicke Rollen zuſammen gedrehter Palm⸗ und Olivenblätter kreuzweiſe zu befeſtigen, um ſich eines zahlreichen Zuſpruchs zu verſichern, und Streit mit den Gäſten, oder die Betriegereien derſelben u. ſ. w. zu verhüten. So oft man dieſe Blätter, was nach jedem Palmſonntage geſchieht, erneuert, werden die alten mit vieler Vorſicht, daß nichts davon verloren geht, herab genommen, und in's Feuer geworfen; und wenn ſie dann ein Kniſtern verurſachen, ſo hält man dies für die Wirkung des von ihnen eingeſogenen und gleichſam ge⸗ bundenen Böſen, das nun völlig vernichtet wird.— Leute mit ſchielenden Augen hält man für ſehr böſe Menſchen, welchen die Natur den Stempel der 8 Schlechtheit aufgedrückt hat; man flieht ihren Blick, und wendet alle Arten Amulette an, um der ſchädlichen Wirkung desſelben zu entgehen. Wenn ein Wahnſinniger, oder, wie die Meſſiner ſich oftmals ausdrücken, ein Beſeſſener, durch die Kunſt der Aerzte nicht wieder herzuſtellen iſt, ſo pflegt man ihn den Mönchen des Kloſters Salvatore de' Greci zur Heilung zu übergeben, die zu dem Ende eine Menge religiöſer Handlungen mit ihm vornehmen, ihn unter andern, obſchon an den Händen und Füßen gebunden, und von ſtarken Männern gehalten, vor dem Altare niederknieen laſſen, und lange Gebete für feine Wiederherſtellung leſen, während von Zeit zu Zeit ge⸗ weihtes, eiskaltes Waſſer in ziemlicher Menge über ihn geſchüttet wird. Wenn ſolche Heilverſuche, wie es bisweilen geſchieht, einen glücklichen Erfolg haben, ſo iſt dies blos den Ueberſchüttungen mit kaltem Waſſer, und beſonders dem plötzlichen Schreck, welchen ſie verurſachen, was bekanntlich oft ſehr heil⸗ ſam auf ſolche Leidende wirkt, zuzuſchreiben.— Sonderbar, daß die Siecilier den Deutſchen, welchen ſie in Hinſicht ihrer Fortſchritte in den Künſten und Wiſſenſchaften alle Gerechtigkeit' wiederfahren laſſen, zugleich auch eine große Geſchicklichkeit im Wahrſagen zutrauen. Wenn ein Deutſcher auch nur einige Tage unter ihnen verweilt, ſo kann er doch ſelten den Bitten, einige Nummern für das Lotto anzugeben, entgehen; und läßt er ſie unerfüllt, ſo glaubt man dennoch, daß glückliche Nummern in ſeiner Rede verborgen liegen, und ſetzt ſte mit Hülfe eines gewiſſen Buchs, das faſt jedem Worte die Bedeutung einer Zahl gibt, aus den einzelnen Wörtern derſelben zuſammen. Dieſes ſonder⸗ bare Vertrauen hat die Folge, daß die vielen deutſchen Tablettkrämer, welche, gleich den italieniſchen in Deutſchland, in Sieilien herum ziehen, gewöhnlich das Wahrſagen zu ihrem Nebengeſchäft machen, wobei ſie übrigens, wie alle ihre Handwerksgenoſſen, die Vorſicht gebrauchen, ſehr räthſelhafte Ausſprüche zu thun, die eine beliebige Deutung zulaſſen.. Wenn Jemand Oel verſchüttet, ſo zeigt ihm dieſes ein bevorſtehendes Unglück an, dem man jedoch vorbeugen kann, wenn etwas Salz auf das Oel geſtreut wird.— Leute, die ſich mit Jemanden veruneinigt haben, gebrauchen immer die Vorſicht, einen Hund, eine Katze oder ein anderes Thier voran zu ſchicken, wenn ſie aus dem Hauſe treten, weil ſie fürchten, daß ihr Widerſacher ein gewiſſes Waſſer vor die Thür gegoſſen habe, welches nach ihrer Meinung die Eigenſchaft beſitzt, jedes lebende Geſchöpf, das zuerſt darüber geht, zu lähmen oder zu tödten.— Muthwillig Salz zu verſchütten, das Brod auf die Oberrinde zu legen, oder während eines Zankes Brod zu ſchneiden oder nur es anzurühren, gilt für eine große Verſündigung an den Gaben Gottes; daher zänkiſche Menſchen wenigſtens beim Eſſen nachgiebig und verträglich ſind.— Wenn ein Hund auf der Straße heult, was für eine Vorbedeutung von dem nahen Tode eines Menſchen gilt, ſo unterläßt Niemand, der es hört, dreimal über's Kreuz auszuſpucken, mit den Worten:„Dio me libera!“(Gott helfe mir!) um das Unglück von ſich abzuwenden.— Wer einen Hund oder einen wilden Stier auf ſich zukommen ſieht, legt die beiden Zeigefinger kreuzweiſe zuſammen, und ruft:„Santo Vito me libera!“ und da dieſer Ausruf mit voller Kraft der Stimme geſchieht, ſo glückt es oftmals, daß ſolche Thiere da⸗ durch erſchreckt werden, und vorbei laufen, ohne Schaden zu thun.— Den Leuten beim Nießen Geſundheit zu wünſchen, iſt nicht nur, wie anderwärts, eine hergebrachte Sitte, ſondern auch eine Pflicht, die jeder gute Chriſt er⸗ füllen muß; übrigens ſchreibt man dem Nießen mancherlei Bedeutungen zu, die ich übergehe.— Wenn Jemand ein Zucken im rechten Auge empfindet, ſo zeigt dies ein glückliches Ereigniß an. Glück oder Unglück wird auch aus dem Geſang oder dem Geſchrei der Vögel und der Richtung ihres Fluges, ſo wie aus der Richtung, welche ein auf die Hand geſetztes Inſekt im Fortfliegen oder Fortlaufen nimmt, vorher geſagt. Das Jücken der linken Hand ver⸗ kündigt eine Geldeinnahme, während das der rechten das Gegentheil be⸗ deutet.— Die Ueberbleibſel eines vom Blitze getroffenen Gegenſtandes werden als Schutzmittel gegen ähnliche Unglücksfälle betrachtet.— Jemanden ein Meſſer zu ſchenken, hat, wie man glaubt, die Folge, daß die Freundſchaft zwiſchen dem Geber und Empfänger dadurch getrennt wird.— Da die Korallen die Eigenſchaft beſitzen ſollen, daß ſich ihre hochrothe Farbe am Körper eines Ungeſunden in eine blaſſe verwandelt, ſo trägt man häufig ſolchen Schmuck als Mittel, das körperliche Wohlbefinden daran zu erkennen, und Kindern wird ſtets dergleichen angehängt. Daher pflegen auch diejenigen, bei welchen die Geſundheit zur Bedingung gemacht wird, gewöhnlich Glasko⸗ rallen an ſich zu tragen, wenn ſie krank ſind, um die Leute zu täuſchen.— Fallende Sternſchnuppen hält man für die Seelen der auf die Welt kommenden Kinder, und für alle gute Chriſten, wenn ſie eine Erſcheinung der Art wahr⸗ nehmen, iſt es Pflicht auszurufen:„Dio ci dona un buon distino!“(Gott gebe eine gute Beſtimmung!)— Ich breche hier ab, um nicht zu weitläufig zu werden, denn es herrſchen in Sicilien ſo viele abergläubiſche Gebräuche, daß die Aufzählung derſelben ein ſtarkes Buch ausmachen würde. Hier folgt noch eine kurze Ueberſicht der Münzen, Maße und Gewichte. Die Münzen ſind: Onza, eine Goldmünze von dem feſtgeſetzten Werthe von 3 Thalern 8 Groſchen oder 5 Gulden, wonach man gewöhnlich alle größere Summen berechnet; ferner Tallero, eine Silbermünze,= 1 Thlr. 8 Gr. oder 2 Fl.; Scudo= 1 Thlr. 2 Gr. 8 Pf. oder 1 Fl. 40 Kr.; Tarl,= 144 2 Gr. 8 Pf. oder 10 Kr.; Grano, eine Kupfermünze,= 1 ⁄ Pf. oder 1½ Kr.; Picciolo, der vierte Theil des Grano. Der Tarl, die gewöhnlichſte Münze, um Kleinigkeiten zu berechnen, iſt in der Onza 30 mal, in dem Tallero 12 mal, und in dem Scudo 10 mal enthalten, ſo wie er ſelbſt in 20 Grani zer⸗ fällt. Außer dieſen Münzſorten gibt es verſchiedene kleine Silber⸗ und Kupfermünzen, von mehr oder weniger Grani an Werth. Dabei iſt zu be⸗ merken, daß in der Benennung der Münzen einige Willkühr Statt findet. Was Einige z. B. Scudo, Dieci Grani, Due Grani u. ſ. w. nennen, wird von Andern, nach neapolitaniſcher Weiſe, Ducato, Carlino, Bajocco ge⸗ nannt. Neben dem ſieiliſchen Gelde iſt in Meſſina eine Menge fremdes in Umlauf, beſonders ſpaniſche Thaler, engliſche Guineen, Thaler und Schillinge, ſo wie öſtreichiſche Zwanzigkreuzerſtücke; mehrmals ſind mir auch ſächſiſche Species zu Geſicht gekommen. Das Längenmaß beginnt mit Punto(Punkt); 12 Punti geben eine Linea(Linie); 12 Linee eine Oncia(Zoll); 12 Oncie einen Palmo (Spanne); 2 Palmi einen Passetto(tkleinen Schritt); 2 Passetti eine Mezza Canna(ungefähr 2 Ellen); 2 Mezze Canne eine Canna(ungefähr 4 Ellen); 4 Canne eine Catena; 4 Catene eine Corda; 45 Corde ein Miglio(Meile). Schnittwaaren werden nach Canne und Mezze Canne, ſo wie auch nach Palmi gemeſſen, die man auch in halbe, Viertel und Achtel theilt. Der ge⸗ wöhnliche Maßſtab enthält eine Mezza Canna. Die übrigen Längenmaße werden blos von Tiſchlern, Zimmerleuten, Seeleuten u. ſ. w. angewandt. Daß Maß, Ländereien zu meſſen, habe ich nicht genau kennen gelernt, daher ich es übergehe. Die Maße zu Getreide und andern trocknen Sachen ſind folgende: Das größte, die Salma, enthält 4 Bisacci; der Bisaccio 4 Tumoli(Scheffel); der Tumolo 4 Mondelli(Metzen); der Mondello 4 Carozzi(Mäßchen); der Carozzo zerfällt in Viertel und Achtel. Das Maß zu flüſſigen Dingen: Der Botte enthält 4 Salme; die Salma S Barili; der Barile 2 Quatare; die Quatara 20 Qartucci(Kannen); der Quartuccio 2 Caraffe(Nöſel oder halbe Kannen); die Caraffa 2 Bichieri(Viertelkannen); der Bichiere 2 Mezzi Quarti(halbe Viertel). Das größte Gewicht beſteht in dem Cantaro(Centner), welcher 100 Rotoli enthält. Der Rotolo zerfällt in 30 Oncias(Unzen), und die Oncia in halbe, Viertel, Achtel, Sechzehntel und, zum Wägen des Goldes, in noch kleinere Theile. Die neapolitaniſche Libra(Pfund), ein Gewicht zu 12 Unzen, wird nur zum Wägen der Seide angewandt. Uebrigens muß ich be⸗ merken, daß in Sicilien viele Dinge, die man anderwärts nach dem Maße oder nach der Zahl verkauft, z. B. Brennholz, Baum⸗ und Erdfrüchte, ge⸗ wogen werden. 3 Am Weihnachtsabend ſah ich in den Straßen von Meſſina viele bedeckte, mit Blumen geſchmückte Körbe tragen. Sie enthielten, wie ich hörte, Geſchenke, welche die Bräute an dieſem Tage von ihrem Bräutigam erhalten, und welche ſie am Oſtertage mit einem Backwerk, das mit Figuren von demſelben Teig, mit bunten Eiern und vielen bunten Fahnen geziert iſt, zu erwiedern pflegen. Den Kindern werden, außer einigen Kleidungsſtücken, mit Haſelnüſſen beſteckte Brodkuchen und Kuchen mit Mandeln und Honig, ſo wie Kaſtanien, wälſche Nüſſe, Pomeranzen, Limonien, Zitronen u. ſ. w., beſchert. Spielzeng bekom⸗ men ſie ſelten, höchſtens eine Kleinigkeit, z. B. die Mädchen eine Puppe. Un⸗ ter Gatten, Verwandten und Freunden ſind Weihnachtsgeſchenke nicht gebräuch⸗ lich. Das größte Vergnügen der Erwachſenen an dieſem Tage beſteht in einem üppigen Abendeſſen von mancherlei Fiſchgerichten, und in dem Beſuchen der Chriſtmetten, indem man die ganze Nacht von einer Kirche zur andern zieht. Um zwölf Uhr macht die Hauptkirche den Anfang mit der Mette, wo ſie bis zwei Uhr des Morgens dauert, und dann folgen die übrigen Kirchen in be⸗ ſtimmter Ordnung nach, ſo daß die letzte erſt nach Tagesanbruch die Feierlich⸗ keiten beſchließt. Ich begab mich, als um elf Uhr die Glocken ertönten, in die Hauptkirche. Sie war mit mehren tauſend Lichtern erleuchtet, und mit Blu⸗ mengewinden geſchmückt. Vor dem Hochaltare ſtand der Biſchof, mit einem prächtigen Gewand bekleidet, und umgeben von vielen Geiſtlichen, ebenfalls in reicher Kleidung. Nicht weit davon, auf der linken Seite, befanden ſich in alt⸗ ſpaniſcher Tracht die ſämmtlichen Mitglieder des Magiſtrats, nach ihrem Range geordnet, auf den Stufen eines mit rothem Sammt bezogenen Gerüſtes. Alle Bänke und Gänge waren gedrängt voll Menſchen, in deren Augen fromme Be⸗ geiſterung glänzte. Mit dem Schlage zwölf begann der Geſang, begleitet von dem Spiel der Orgel und vieler anderer miſikaliſcher Juſtrumente. Um ein Uhr näherte ſich der Biſchof dem auf dem Altare errichteten Thronhimmel, nahm, nachdem er die Vorhänge desſelben weggezogen hatte, das dahinter be⸗ findliche, reich gekleidete und mit einer prächtigen Krone von Diamanten ge⸗ ſchmückte Chriſtuskind, und hielt es, gegen die Verſammlung gekehrt, empor. 3u gleicher Zeit verwandelte ſich die bisher ernſte Muſik in eine höchſt freudige, mit ſchmetternden Trompeten und lärmenden Pauken, Becken u. ſ. w. begleitet, während außen vor der Kirche einige hundert Böller abgefeuert wurden. Solche Freudenſchießen, die faſt bei jedem Feſte Statt finden, machen einen ſo großen Lärm, daß man den Donner des großen und kleinen Geſchützes einer Schlacht zu vernehmen glaubt, obgleich ein einziger Feuerwerker die Böller abbrennt. Richter's Reiſen. II. 10. Man ſtellt dieſe nämlich in eine Reihe neben einander, gewöhnlich zehn kleine, dann ein paar größere, dann wieder zehn kleine und ſo fort, und die größten an das Ende. So wie der an der Spitze befindliche angezündet wird, theilt ſich das Feuer regelmäßig, aber ſo ſchnell den übrigen mit, daß innerhalb einer halben Minute mehr als zweihundert Schüſſe erfolgen. Nachdem die Feierlich⸗ keit in der Hauptkirche beendigt war, ſtrömte die jubelnde Volksmenge bald nach andern Kirchen, bald in die Wirthshäuſer, um mit der Ausübung reli⸗ giöſer Gebräuche ſinnliche Genüſſe zu verbinden. Das Läuten der Glocken und Feuern mit Böllern dauerte die ganze Nacht hindurch fort. Am erſten Feiertage herrſchte in allen Straßen der Stadt, obſchon faſt jeder Kaufladen geöffnet war, den ganzen Morgen eine tiefe Stille, nicht wegen der Feſtlichkeit des Tages— denn von feierlicher Stille an Feſttagen weiß man in Sieilien nichts,— ſondern weil die meiſten Leute, wegen ihrer nächt⸗ lichen Wanderung, erſt gegen Mittag das Bett verließen. Nachmittags aber ward es lebendig, und allenthalben ſammelten ſich luſtige Gruppen, um zu tanzen, zu ſpielen u. ſ. w., ſo wie auch Viele, da das Wetter vortrefflich und ziemlich warm war, Spaziergänge in das Freie machten. Während der übrigen beiden Feiertage beſuchte das Volk am frühen Morgen zahlreich die Meſſen, und überließ ſich dann jeder Art von ſinnlichen Genüſſen und Zerſtreuungen. Der Neujahrsabend wurde, wider die Gewohnheit in andern Ländern, ſehr ſtill und von jeder Familie für ſich zugebracht, zufolge des Glaubens, daß man auf dieſe Weiſe das mit dem neuen Jahr eintretende Glück am ſicher⸗ ſten feſſelt. Am Neujahrstage zogen die Diener des Magiſtrats, vom frühen Morgen an, durch die Stadt, hielten vor jedem Hauſe ſtill, ſtießen in ihre Trompeten und riefen: Buon capo d'anno!(Glück zum neuen Jahr!) Dies waren auch die Worte, womit Jeder den Andern an dieſem Tage begrüßte; beſondere Wünſche wurden nicht abgeſtattet. Den Nachmittag brachte ich bei einer Fa⸗ milie zu, wo ich Gelegenheit hatte, zu bemerken, daß man am Neujahrstage die Kinder, mit einer zierlichen Geldtaſche behängt, bei ihren Verwandten, Pathen u. ſ. w. herum zu ſchicken pflegt, um von ihnen Geſchenke einzuſammeln.— Unter ſolchen Zerſtreuungen trat ich das Jahr 1812 an. III. Bemerkungen über Sicilien, Reiſe von Meſſina nach Aegypten Rückkehr nach jener Stadt. 1. Weiterer Aufenthalt in Meſſina.— Das Wetter.— Schilderung einiger feierlichen Kirchenzüge, ſo wie auch der öffentlichen Maskeraden.— Noch eine Wetterbemerkung, mit Hinſicht auf die Gewohn⸗ heiten und die körperliche Beſchaffenheit der Meſſiner.— Die Feier des Faſtenabends und Beſchließung des Carnevals,— ſeine Nachwehen.— Das heimliche Gericht.— Feſt des heiligen Joſeph. Das Jahr 1812 begann in Meſſina mit ſehr veränderlichem Wetter, und zwar bei einer Wärme von zehn bis funfzehn Grad Réaumur. Die Luft war fortwährend mit Dünſten angefüllt, häufig erhoben ſich Stürme, und es fanden ſchwere, mit ſtarkem Regen, bisweilen mit Hagel begleitete Gewitter Statt. Eines Morgens fiel Hagel von ſolcher Größe, daß viele Ziegeldächer davon zertrümmert, viele Bäume ihrer Aeſte beraubt, und einige Ziegenheerden getöd⸗ tet wurden. Die Fiumaren um die Stadt ſchwollen ungewöhnlich an, traten aus und überſchwemmten viele Straßen. Auch entſtand in einer Nacht, wo bei einem heftigen Seirocco(Südoſtwind) die Luft ſchwühl und beängſtigend war, ein ſtarkes unterirdiſches Getöſe, der gewöhnliche Vorbote eines nahen Erd⸗ bebens. Die Leute flohen daher aus ihren Häuſern, theils auf die freien Plätze theils in die hölzernen Hütten außerhalb der Stadt. Es erfolgte jedoch am Morgen nur eine unbedeutende Erſchütterung, worauf die Flüchtlinge beruhigt in ihre Wohnungen zurückkehrten. Ich muß hier bemerken, daß ſolche Natur⸗ begebenheiten die Einwohner Siciliens, weil ſie faſt alle Jahre mehr oder weni⸗ ger davon heimgeſucht werden, in kein ſo großes Schrecken ſetzen, als man er⸗ 10* 148 warten ſollte. Uebrigens hegt die unwiſſende Volksmenge, zumal im Innern des Landes, in Betreff der Erdbeben und alles deſſen, was damit in Verbin⸗ dung ſteht, ſehr abgeſchmackte Meinungen. Man bildet ſich ein, daß unter dem Aetna böſe Geiſter hauſen, welche die Ausbrüche desſelben und die Erſchütte⸗ rungen der Inſel verurſachen, eine Vorſtellung, die ein Ueberbleibſel der griechiſchen und römiſchen Mythe von dem Vulkan und den Cyklopen zu ſein ſcheint. Wenn auch die meiſten Einwohner, beſonders in den großen Städten, von den Urſachen jener Begebenheiten beſſer unterrichtet ſind, ſo glauben ſie doch faſt allgemein, daß vor einem Erdbeben Geiſter zur Warnung der Men⸗ ſchen erſcheinen, was ſo weit geht, daß ſogar die Prediger auf den Kanzeln davon ſprechen. In Meſſina ſoll dann ein Geſpenſt auf einem Schimmel ohne Kopf ſich zeigen. Die Meerenge befand ſich, während jener ſtürmiſchen Witterung, in wil⸗ dem Aufruhr; die hohen Wellen verurſachten ein dem Donner ähnliches Ge⸗ töſe, und waren mit Schaum bedeckt, der wie Schnee glänzte, was durch die Düſterheit des Himmels und der umher liegenden Landſchaften noch vermehrt wurde. Viele Schiffe geriethen bei ihrer Durchfahrt auf den Strand, auf Klippen, oder in den verrufenen Strudel, die Charybdis; und obſchon in ſol⸗ chen Fällen die im Hafen befindlichen engliſchen und ſiciliſchen Seeleute ſchnell Hülfe zu leiſten ſuchten, ſo war dies doch nicht immer möglich, und es geſchah eines Tages, daß im Angeſicht der Stadt zwei griechiſche Fahrzeuge mit Mann und Maus untergingen. So oft der Sturm aus Nordoſten wehte, fand ſelbſt in dem ſichern Hafen, da er an dieſer Seite offen iſt, ein heftiger Andrang der Wellen Statt, und dann mußten die ſämmtlichen Schiffe ihre Stellung längs der Marina verlaſſen, und hinter dem Fort Salvatore Schutz ſuchen. Täglich liefen aus den übrigen Theilen des Landes Nachrichten von Schiffbrüchen und andern, durch das ſtürmiſche Wetter veranlaßten Unglücksfällen ein, ſo wie auch von beſondern Lufterſcheinungen. Dahin gehörte z. B., daß eine bei den lipariſchen Inſeln entſtandene Waſſerhoſe ihren Zug nach der Küſte von Me⸗ lazzo genommen und dort eine Menge kleiner Fahrzeuge zerſtört hatte. Sie würde, wie die Rede ging, noch mehr Unheil geſtiftet haben, wäre ſie nicht von einem Fiſcher mit dem Meſſer zerſchnitten worden. Es herrſcht nämlich unter den Seeleuten faſt aller Nationen die Meinung, daß man eine Waſſer⸗ hoſe durch Berührung mit der Spitze eines Degens oder Meſſers augenblicklich für Nebenſache, und ſchreiben dagegen der kreuzförmigen Bewegung, welche ſie damit machen, und hauptſächlich der beſondern, dabei ausgeſprochenen Be⸗ ſchwörung die meiſte Kraft zu. Dieſes Beſchwören betrachtet man als eine 149 geheime Kunſt, worin nur die vertrauteſten Freunde und nächſten Verwandten einander unterrichten. Die Griechen ſollen ſchon in frühen Zeiten damit be⸗ kannt geweſen ſein, und ihre heutigen Nachkommen eine vorzügliche Geſchicklich⸗ keit darin beſitzen. Uebrigens ſind die Waſſerhoſen, zumal bei unbeſtändigem, trübem Wetter, nichts Seltenes in der Gegend der lipariſchen Inſeln, von wo ſie häuftg nach den calabriſchen und ſiciliſchen Küſten fortrücken und die dortigen Einwohner in Schrecken ſetzen. In Sicilien nennt man ſie„coda di ratto“ (Rattenſchwanz), da ſie eine lange und dünne Säule bilden, die ſich aus einer ſchwarzen Wolke nach dem Meere ſenkt. In der Mitte des Januars änderte ſich das Wetter, die Luft wurde rei⸗ ner und ruhiger, und manche Tage waren, bei wildem weſtlichem Winde, bei hellem Sonnenſchein und 12 bis 16 Grad Schattenwärme, ſo angenehm, wie ein ſchöner Maitag im nördlichen Deutſchland. Dieſer Wechſel des Wetters brachte auch eine große Veränderung unter den Menſchen hervor. Die Schiff⸗ fahrt, der Handel und viele Gewerbe, die unterbrochen worden waren, gerie⸗ then in lebhafte Thätigkeit, die trübe Gemüthsſtimmung, welcher ſich aller Stände bemeiſtert hatte, ging in fromme Dankbarkeit gegen den Himmel, und bei Vielen in ausgelaſſene Freude über. Jeden Morgen ſtrömte das Volk, zum Theil in feierlichem Aufzuge, nach den Kirchen, um gethane Gelübde zu er⸗ füllen, und des Nachmittags ergötzte ſich Alt und Jung an den öffentlichen Maskeraden, die erſt in dieſen Tagen ihren Anfang nahmen, wiewohl dies ge⸗ wöhnlich ſchon am 7. Januar geſchieht. Was die feierlichen Züge nach den Kirchen betrifft, ſo zeichneten ſich be⸗ ſonders zwei oder drei, von Seeleuten veranſtaltete, aus. Der eine, wel⸗ chen ich vom Anfang bis zum Ende beobachtete, beſtand aus den geretteten Mannſchaften zweier, bei der Faroſpitze verunglückter Schiffe. Dieſe Leute gingen in dem, bei Proceſſionen ſehr gewöhnlichen Anzuge,„Barbalacchio“ genannt, d. i. barfuß und in Kutten, mit einer Kapuze, welche wie ein Sack über den Kopf gezogen wird, ſo daß nur die Augen durch zwei Löcher hervorgucken, ein Anzug, der die tiefſte Demüthigung bezeichnet. Der Eine hielt ein großes, auf Holz gemaltes Bild empor, das die Zerſtörung der beiden Schiffe und die Rettung der darauf befindlichen Menſchen darſtellte. Andere trugen verſchiedene, bei dem Schiffbruch merkwürdig gewordene Gegenſtände, unter welchen ein langer, mit künſtlichen Blumen und bunten Bändern ge⸗ ſchmückter Haarzopf das meiſte Aufſehen erregte. Die Uebrigen hielten große Wachskerzen in der Hand. So zogen die Wallfahrter, Paar und Paar, lang⸗ ſamen Schrittes und unter dem lauten Herſagen einiger Gebete, von der Ma⸗ rina durch die Stadt, nach einer der heil. Maria geweihten Kirche, wohin die 150 Seeleute gewöhnlich ihre Wallfahrten richten. Dort angelangt, legten ſie die Kerzen, das Bild und alle die übrigen mitgebrachten Geſchenke auf den Altar, vor dem ſie dann niederknieten, während ein Prieſter die Meſſe für ſie las. Man hing ſodann an einer Wand das Bild, den Haarzopf u. ſ. w. auf. Mit dieſem letzten Gegenſtand hatte es folgende Bewandtniß. Ein Matroſe, der ſich beim Stranden ſeines Schiffes auf einem Maſte befand, verlor, wegen der hef⸗ tigen Erſchütterung desſelben, das Gleichgewicht und war im Begriff herab zu ſtürzen. Da ruft er in der Angſt:„Maria, rette mich!“ und in dem Augen⸗ blick verwirrt ſich ſein langes Haar im Tauwerk, ſo daß er daran hängen bleibt und Zeit gewinnt, ſich feſt zu halten, worauf er unverſehrt herab kommt. Als er ſpäterhin das Land erreichte, ſchnitt er ſeine Haare ab, um ſie der heiligen Mutter zu widmen, da ſie ihr zum Werkzeuge ſeiner Rettung gedient hatten. Beiläufig erwähne ich, daß die Wände der genannten Kirche, von oben bis unten, mit Bildern und mancherlei andern Gegenſtänden bedeckt ſind, welche die wohlthätigen Wunderwerke jener Schutzheiligen beurkunden und preiſen ſollen. Man erblickt viele hundert Bilder von geretteten Schiffbrüchigen, und noch mehr von geneſenen Kranken und überhaupt ſolchen Perſonen, die einer drohenden Gefahr entriſſen wurden. Beſonders zahlreich iſt die Menge der aus Wachs geformten Arme, Beine und anderer Körpertheile, mit böſen Geſchwüren, mit Schuß⸗, Hieb⸗ und Stichwunden u. ſ. w. Die öffentlichen Maskeraden nahmen jeden Nachmittag um 3 Uhr ihren Anfang, und dauerten bis zum Einbruch der Nacht fort. Die Masken, deren Menge ſich täglich auf mehre Tauſende belief, waren theils zu Pferd oder zu Wagen, theils zu Fuße. Sie zogen dicht hinter einander durch beſtimmte Straßen, in einem Kreiſe herum, der ungefähr eine Viertelmeile im Umfang hat. Die Mannigfaltigkeit derſelben war unbeſchreiblich, und niemals habe ich unter den Siciliern die Gabe zu erfinden in ſo hohem Grade, als bei ſolchen Gelegenheiten, wahrgenommen. Man ſah nicht nur Masken, welche die Trach⸗ ten und Gebräuche fremder Völker, einzelne Perſonen oder ganze Geſchichten aus der ältern oder neuern Zeit darſtellten, ſondern auch ſehr ſonderbare, der⸗ gleichen mir nirgend vorgekommen ſind. Ich erinnere mich z. B. noch deutlich an ein großes, ſich ſelbſt fortrollendes Faß, an ein Seeungeheuer, das auf der Straße gleichſam dahin ſchwamm, an eine rieſenmäßige, zehn oder zwölf Fuß hohe Geſtalt, welche die Stelzen, worauf ſie ging, ſo geſchickt zu verdecken und zu gebrauchen wußte, daß man faſt nichts davon bemerkte, außer wenn ſie ſich den Spaß machte, über andere Masken hinweg zu ſchreiten. Sehr lebhaft ſchwebt mir auch noch das lächerliche Bild einer Kutſche vor. Sie wurde von zwei buntſcheckig bemalten Maulthieren gezogen, der Kutſcher ſtellte einen Ziegenbock, ſo wie der hinten ſtehende Diener einen Hirſch mit ungeheuern Geweihen vor, und in der Kutſche ſelbſt befanden ſich zwei aufrecht befeſtigte Schweine in Damenkleidern und mit großen Federhüten, lauter Anſpielungen auf örtliche Vorfälle, die ich übergehe. Zu dieſer Mannigfaltigkeit und Sonderbarkeit der Masken geſellte ſich auch ein hoher Grad von Verſchwendung, denn es war z. B. nichts Seltenes, daß vornehme Herren oder Damen, an Einem Tage, für zehn oder mehr Scudi Zuckerwerk unter die Zuſchauer warfen. Das Getüm⸗ mel der letztern bei dieſen Luſtbarkeiten war außerordentlich, und die Behaup⸗ tung, daß ſich jedesmal die Hälfte der Einwohner auf dem Platze befand, gewiß nicht übertrieben. Man kann ſich daher leicht eine Vorſtellung von dem Lärme machen, den der allgemeine Jubel und das Gelächter über die Poſſierlichkeiten und Neckereien der Masken, verbunden mit geräuſchvoller Muſik, verurſachten. Wenn am Abend die öffentlichen Maskeraden zu Ende waren, fanden unter den höhern Ständen Maskenbälle Statt, während die Uebrigen ſich in ihren Häu⸗ ſern mit Verlarvungen beluſtigten, ſo daß man ſogar kleine Kinder, ja, was noch toller war, Hunde, Katzen und andere Hausthiere mit Larven verſah. Kurz, es zeigte ſich unter den Meſſinern eine übermäßige, oft an Wuth grenzende Luſt zum Maskiren; und da Maskirte nach den Geſetzen von Niemand ange⸗ taſtet werden, und dagegen auf ihrer Seite ſich viele Freiheiten erlauben dür⸗ fen, ſo wurde mancherlei Unfug getrieben. In den letzten Tagen des Januars trat abermals ſehr ſtürmiſches Wetter ein. Am 1. Februar nahm man einen heftigen Erdſtoß wahr, und es wurden viele Gebäude dadurch beſchädigt. Am folgenden Tage kam die Nachricht, daß ein ſtarker Ausbruch des Aetna Statt gefunden habe, wobei ein kleiner Flecken ganz mit Lava bedeckt und auch die Stadt Catania ſehr gefährdet worden ſei, was in der Folge ſich beſtätigte. Am 2. Februar, wo ein heftiger Wind aus Nordoſten wehte, fiel das Thermometer auf 4 Grad R. über dem Gefrierpunkte, welches die größte Kälte während meines Aufenthaltes an den Küſten Siciliens war. An dieſem Tage wurden die Gipfel der hohen Berge Calabriens mit Schnee bedeckt, der auch vor der Mitte des März nicht wieder verſchwand, obgleich die Luftwärme in Meſſina, ſo wie überall an den benachbarten Küſten, ſchon am 4. Februar von neuem auf 15 Grad ſtieg, und den ganzen Winter nicht wieder unter 12 herabſank. Die Landſchaften gewährten in dieſer Jahreszeit einen höchſt an⸗ muthigen Anblick, da alle Gewächſe, durch den öftern Regen getränkt, mit dem friſcheſten Grün prangten, und beſonders die Gräſer und Kräuter, welche im Sommer großen Theils vertrocknen, in üppiger Fülle ſtanden. Vorzüglich ſchön nahm ſich Calabrien aus, das in ſeinen niedrigen Gegenden den ſüd⸗ 152 lichen Frühling, und auf ſeinen Berghöhen den nordiſchen Winter darſtellte. An jenen für Meſſina kalten Tagen, von 12 bis 15 Grad Wärme, hatte ich oftmals Gelegenheit, die Bemerkung zu machen, daß die Kälte auf die nordiſchen Fremdlinge, ſowohl die Engländer als die Deutſchen u. ſ. w., viel empfind⸗ licher als auf die Einheimiſchen wirkte. Auf den engliſchen Schiffen wurden tüchtige Kaminfeuer unterhalten, die am Lande wohnenden Engländer ſuchten ſich ebenfalls Kamine einzurichten, ſo wie die dort befindlichen Deutſchen zu Windöfen ihre Zuflucht nahmen. Deſſen ungeachtet ſah man die Meſſiner, obſchon in Mäntel gehüllt und dann und wann an glühenden Kohlen oder glimmender Aſche ſich erwärmend, vor den Häuſern, auf den Altanen, oder bei offenen Thüren und Fenſtern in den Stuben ſitzen, ja, viele Handwerks⸗ leute, Fiſcher, Tagelöhner u. ſ. w., blos mit dünnen Hoſen und einer Weſte bekleidet, ihre Arbeit verrichten. Ueberhaupt nimmt man in ſüdlichen Ländern häufig wahr, daß Leute aus dem Norden, bei kühler Witterung, froſtiger als die Eingebornen ſind. Hiervon ſcheint der Grund in mancherlei Urſachen zu liegen, hauptſächlich in dem ſchnellern Blutumlaufe bei den Bewohnern der wärmern Himmelſtriche, und in dem Umſtande, daß die Menſchen, je nörd⸗ licher ſie wohnen, ſich deſto mehr vor der Kälte ſchützen und mithin an künſt⸗ liche Wärme gewöhnen. 3 Die öffentlichen Maskeraden hatten, wenn kein Regenwetter es ver⸗ hinderte, ununterbrochen ihren Fortgang bis zum Faſtnachttage, an welchem ſie ſich auf die glänzendſte Weiſe ſchloſſen, ſowohl wegen der Mannigfaltigkeit als der Menge der Masken, welche gewiß die Hälfte der Einwohner umfaßte. Am Abende dieſes Tages hielten die Leute ſehr üppige Mahlzeiten, und thaten ſich vor dem Eintritt der Faſtenzeit beſonders in Fleiſchſpeiſen noch etwas zu Gute, ſo daß die ſonſt den Siciliern eigene Mäßigkeit nicht ſelten überſchritten wurde. Selbſt die Armen ſuchten ſich ein leckeres Mahl zu ver⸗ ſchaffen; ſie gingen von einem Hauſe zum andern, und bettelten mit den Worten:„Un povero mascherato!“(ein armer Maskirter!) gekochtes Eſſen, hier Nudeln oder Gemüſe, dort Fleiſch, Fiſch u. ſ. w., bis der große Topf, welchen ſie bei ſich hatten, mit den verſchiedenſten, durch einander gemengten Speiſen angefüllt war. Zu den ſchwelgeriſchen Eſſen geſellte ſich eine ausge⸗ laſſene Luſtigkeit, indem man abwechſelnd bald bei Tiſche ſaß, bald verlarpt auf der Straße und in den Häuſern herum lief, um die Leute mit poſſierlichen Schwänken zu unterhalten, oder ſte zu necken. Ein vorzüglicher Gegenſtand des allgemeinen Scherzes waren die vielen, auf den Straßen zur Schau aus⸗ geſtellten Puppen, in der Geſtalt eines ungeheuer fetten und dickbäuchigen Schlemmers, welcher das Carneval als Perſon vorſtellte. Ein ſolcher Car⸗ 153 neval— denn ſo nannte man die Puppen,— war fortwährend von Masken umringt, die ihren Spaß mit ihm trieben, z. B. von Aerzten, welche ſeinen Puls unterſuchten, ihm zur Ader ließen, oder Umſchläge machten, oder von Geiſtlichen, die ihn zu ſeinem nahen Tode vorbereiteten, u. m. d. Gegen Mitternacht erſcholl das Geſchrei:„Der arme Carneval iſt todt.“ Man hielt ihm eine Leichenrede, und trug ihn dann, in feierlichem Aufzuge und mit fürchterlichem Wehklagen, zu ſeiner Ruheſtätte, ein Poſſenſpiel, das mit den lächerlichſten Auftritten begleitet, und ganz geeignet war, den mit Speiſen überladenen Magen wohlthätig zu erſchüttern und die Verdauung zu be⸗ fördern. Als die Glocken die Mitternachtſtunde verkündigten, mit welcher die Faſten ihren Anfang nahmen, ſchloß ſich das Feſt. Man entfernte alle Speiſen und Getränke; die Masken wurden abgenommen und— als Werkzeuge des Teufels verbrannt. In den erſten Tagen nach dem Carneval litten Meſſina's Einwohner großen Theils an den Nachwehen, welche dieſes Feſt zurück gelaſſen hatte, be⸗ ſonders an Geldmangel und Verdorbenheit des Magens, was ſie ſehr geſchickt machte, den Forderungen der Faſtenzeit ſtreng Folge zu leiſten, nämlich ihre Koſt zu beſchränken und überhaupt eine eingezogene Lebensweiſe zu führen. Aber nach und nach erwachte die Luſt zu Zerſtreuungen, ſo wie auch der Appetit nach Fleiſchſpeiſen ſich wieder regte. In Betreff der letztern wurde nun von Vielen eiſt Erlaubnißſchein(bolla) bei der Geiſtlichkeit gelöſt; und die Fleiſcher, die Verkäufer des Federviehes, der Eier u. ſ. w. kamen in größere Thätigkeit, denn bisher hatten ſie nur von den Fremden Zuſpruch erhalten. Seltſam war es anzuſehen, wenn die Leute ſich ihnen näherten, um Fleiſch zu kaufen. Scheuen Blickes, und als wären ſie bange für den Ruf ihrer Frömmig⸗ keit, zeigten ſie ihre Bolla vor, ohne welche in den Faſten kein Fleiſcher einem Eingebornen etwas verkaufen darf. Auf jedem dieſer Zettel ſtand genau angegeben, wie viel und welche Gattung Fleiſch, und an welchen Tagen es zu verabfolgen ſei. In den Faſten zogen, wie ich ſchon anderwärts erwähnt habe, vom Morgen bis zum Abend Hirten in der Stadt umher, die traurige Melodien auf dem Dudelſack hören ließen. Auch ſah man in jedem Kirchſpiel täglich die ſo genannte fromme Schaar ihren Umgang halten, um die Leute aufzu⸗ fordern, ihre Kinder in die öffentlichen Religionſtunden zu ſchicken. Eine ſolche Schaar beſtand aus ſechs Mitgliedern der Gemeine, welche zu dreien neben einander gingen. Die vorderſten Drei hatten eine Dornenkrone auf dem Kopfe, und ein Baſtſeil um den Hals und die Hände; der Mittelſte derſelben trug ein Crueifix, der ihm zur Linken war mit einer Klingel verſehen, die 154 fortwährend tönte, und der Dritte rief dann und wann mit kräftiger Stimme aus:„la lustrina cristiana!““ Da während der Faſtenzeit weder Muſik, noch Geſang, oder irgend ein Spiel Statt finden durfte, auch nur zwei⸗ oder dreimal„opera santa,“ d. i. eine Oper, welche die Geſchichte heiliger Perſonen darſtellt, gegeben wurde, ſo beſchränkten ſich die Zerſtreuungen auf Zuſammenkünfte, wo man blos münd⸗ liche Unterhaltung flog. Ein recht trauriger Fall kam in jener Zeit in Meſ⸗ ſina vor. Man machte nänlich die Entdeckung, daß eine ſonſt ſehr geachtete, würdige Dame mittels verabredeter Zeichen, Nachrichten von Calabrien erhielt, und hinüber ſandte, indem ſie bald blaue, bald rothe, oder andere buntfarbige Sachen an dem Altan ihres Hauſes, das vor der Stadt am Ufer lag und an dem jenſeitigen deutlich zu ſehen war, wie zum Lüften aufhing. Sie kam ſofort in Verhaft; und obſchon ſich bei der Unterſuchung ergab, daß ihr Ver⸗ kehr mit dem feindlichen Lande nur auf ihre dortigen Verwandten beſchränkt geblieben, und die gegenſeitigen Mittheilungen nur ihre eigenen Angelegen⸗ heiten, beſonders ihre Güter in Calabrien betrafen, ſo wurde ſie doch, zu Folge der ſtrengen Verordnung, die den Bewohnern Sieiliens jede Gemein⸗ ſchaft mit Calabrien verbot, zum Tode verurtheilt. Ihr einziger Sohn, ein geſchickter, allgemein geſchätzter Ingenieur, ſuchte zur Rettung ſeiner Mutter die Sache ſo zu lenken, daß alle Schuld auf ihn fiel. Es entſtand nun zwiſchen beiden ein edler Wettſtreit, wer ſterben ſollte, bis endlich der Sohn den Sieg errang; er litt, obſchon Jedermann von ſeiner Unſchuld überzeugt war, den Tod durch die Hand des Henkers. Dies hatte die Folge, daß die Mutter, welcher das unſchuldige Opfer ſtets vor Augen ſchwebte, von ihrem Schmerze langſam verzehrt wurde. Als ich dieſe Unglückliche ſah, war ſie fortwährend, ohne auf die Anweſenden zu achten, in Gedanken vertieft, und ſtreckte dann und wann die Arme aus, als wollte ſie Jemand umfaſſen.— Solcher Per⸗ ſonen, die durch den Krieg unglücklich geworden waren, gab es damals in Meſſina ſehr viele. So ward ich auch mit der Wittwe und den Kindern eines Edelmannes bekannt, den man, wegen zgeheimen Einverſtändniſſes mit der neuen Regierung von Neapel, auf die Seite geſchafft hatte. Auf welche Weiſe dies geſchah, vermag ich nicht mit Gewißheit anzugeben; ich will aber die Ge⸗ ſchichte erzählen, wie ſie unter den Einwohnern von Meſſina im Umlaufe war. Der General Stuart, ſagte man, lud den Baron zu einem Gaſtmahl in die Citadelle. Er wurde nach dem Eſſen, unter dem Vorwande, ihm die dortigen Gebäude zu zeigen, in ein Zimmer geführt, wo er plötzlich durch eine Fall⸗ thür, die ſich unter ihm aufthat, in eine tiefe, mit Glas gefüllte und von der See beſpülte Gruft hinab ſtürzte, eine Handlung, welche an die ehemaligen 155 Fehm⸗ oder heimlichen Gerichte in Deutſchland erinnert. Man belegte ihn mit dieſer Todesſtrafe, um die Ehre ſeiner ſehr angeſehenen, dem Könige Ferdinand IV. treu ergebenen Familie nicht öffentlich zu brandmarken. Da während der Faſten die ganze Nacht hindurch eine ungewöhnliche Ruhe in Meſſina herrſcht, was dem ſchlechten Geſindel einen freien Spielraum auf den Straßen geſtattet, ſo iſt dies die Jahreszeit, wo die meiſten Dieb⸗ ſtähle und Räubereien, oft mit Mord verbunden, begangen werden. Auch die diesjährigen Faſten verfloſſen nicht ohne ſolche Vorfälle. Unter andern fand man eines Morgens, in einer engen Gaſſe, zwei engliſche Seeleute mit Dolch⸗ ſtichen ermordet, ohne daß die Thäter je entdeckt worden ſind. Am 19. März wurde das Feſt des heiligen Joſeph in vielen Häuſern mit einer beſondern, herkömmlichen Förmlichkeit gefeiert. Man bewirthet nämlich einen Greis, ein Mädchen von ungefähr ſieben Jahren, und kleinere Kinder, die ſämmtlich aus den ärmſten Volksklaſſen gewählt werden. Der Greis ſtellt den heiligen Joſeph vor; er hat, um die Ehrwürdigkeit ſeines Anſehens zu bezeichnen, einen langen Bart, den er gewöhnlich ſchon vier Wochen zuvor wachſen läßt. Unter dem ſiebenjährigen Mädchen denkt man ſich die heilige Maria, und die kleinern Kinder ſind Sinnbilder der Unſchuld; ſie gehen ſämmtlich in weißen Muſeelin gekleidet, und erſteres trägt außerdem ein großes, himmelblaues Tuch, auf ſiciliſche Weiſe über den Kopf geſchlagen. So wie nun Joſoph und Maria, umgeben von den Sinnbildern der Unſchuld, in das Haus treten, werden ſie von den Bewohnern desſelben mit großer Ehrfurcht empfangen; der Maria küßt Jeder die Hand, und dem Joſeph zieht man die Schuhe und Strümpfe aus, und wäſcht ihm, nach morgenländiſcher Weiſe, die Füße. Sodann ſetzen ſich die Gäſte an den zierlich gedeckten Tiſch, während ihnen die Hausbewohner eine Menge Gerichte nach einander auf⸗ tragen, und es ſich zur Pflicht machen, hinter ihre Stühle zu treten und ſie ſorgſam zu bedienen; eine Handlnng, wobei man ſich an die Dürftigkeit des Joſeph und der Maria erinnert, und ſich gleichſam in die Lage verſetzt, ſie zu beherbergen und mit Speiſe und Trank zu erquicken. Wiewohl nun dieſe Handlung geeignet iſt, ernſte Gedanken in dem Zuſchauer zu erwecken, ſo wird ſie doch durch die ſieiliſche Bettelhaftigkeit, welche ſich dabei einmiſcht, lächerlich. Denn es drängen ſich die Angehörigen der Gäſte begierig herzu, um dasjenige, was dieſe von den ihnen zu Theil gewordenen Speiſen nicht aufeſſen, in Töpfe zu ſchütten; und bald winkt die eine, bald. die andere Mutter ihrem Kinde, das Eſſen aufzugeben und den Teller zum Abräumen herzureichen. In den Nachmittagsſtunden wurde von den Zimmerleuten und den Tiſch⸗ lern, zu Ehren des heil. Joſeph, den ſie als ihren beſondern Beſchützer be⸗ 156 trachten, ein feierlicher Aufzug gehalten. An der Spitze deſſelben befand ſich eine Schaar Kapuziner, mit langen grauen Bärten; dann kamen acht oder zehn Männer, welche die Bildſäule des Heiligen trugen, worauf die Uebrigen als Barbalacchio's gekleidet und ein brennendes Wachslicht in der Hand haltend, paarweiſe folgten. Uebrigens feierten die Leute dieſen Tag durch fleißiges Beſuchen der Meſſe, und beſchenkten einander mit Blumen, die man „bastoni di San Giuseppe“(Joſephsſtäbe) nennt. Dieſe Blumen, eine Art weißer Nareiſſe mit langem ſtarken Stängel, wachſen im ſandigen Boden wild, und beginnen in der Mitte des März zu blühen. 2. Beſchreibung einiger Spaziergänge in Meſſina's Umgebungen— die Ueberreſte ſaraceniſcher Luſt⸗ ſchlöſſer— Kleidung der Landleute— ſeltſame Verkrüppelung einer Frauensperſon, und angebliche Urſache davon— Bemerkungen, die meſſiner Geiſtlichkeit und dann einen ſieiliſchen Offizier be⸗ treffend— Reiſe nach Santa Lucia— der Strom-Uebergang. Mit dem erſten Oſtertage, dem 29. März, war ſchönes Frühlingswetter eingetreten. Am ganzen Himmel erſchien kein Wölkchen, die Luft war mild und ſo warm, daß die Thermometer, in den Mittagsſtunden, 20 Gr. R. im Schatten zeigten. Dies veranlaßte mich, wie viele tauſend Andere, in dieſen Tagen Spaziergänge in die Umgebungen der Stadt zu machen. Der herr⸗ liche Genuß, welchen ihr Anblick mir gewährte, läßt ſich nicht mit Worten be⸗ ſchreiben; denn die Pracht einer ſiciliſchen Landſchaft in ihrem Frühlingsge⸗ wande, einer Landſchaft, wo die ſchönſten Kräuter und Blumen, ſelbſt zwiſchen dem Geſtein, ſich hervor drängen, wo, neben zahlloſen, dem Süden eigenen Gewächſen, die Neſſel, der Wegerich, die Schafgarbe und manches andere, in unſerem Norden unbedeutende Gewächs in der üppigſten Geſtalt erſcheint, und dann die romantiſche Abwechſelung von Bergen und Thälern, von Felſen und Schluchten, von Auen, Feldern, Gärten und Wäldchen, verbunden mit der maleriſchen Ausſicht nach der Meerenge und den ſie begrenzenden Küſten, — wer kann dies alles ſehen, ohne von Bewunderung hingeriſſen zu werden! In den Nachmittagsſtunden des zweiten Feiertags ging ich, von meinem Freund Onofrio begleitet, eine Stunde weit weſtwärts in das Land. Unter den Merkwürdigkeiten, welche mir⸗unterwegs zu Geſichte kamen, befanden ſich die Ueberreſte von drei oder vier ſaraceniſchen Luſtſchlöſſern. Sie lagen ſämmtlich auf dem Gipfel eines Hügels, in einer wilden, aber dichteriſch ſchönen Gegend. Von dem einen ſtanden noch einige Gemächer des Erdge⸗ ſchoſſes, die einer Hirtenfamilie zur Wohnung dienten; das Uebrige beſtand nur in Steinhaufen, aus welchen die Grundmauern hervorragten. Dieſe Gebäude waren, wie die Sage geht, in frühern Zeiten mit reizenden Palmen⸗ wäldchen umgeben, welche aber, als die Saracenen ſich vor den Normännern aus Sieilien zurückziehen mußten, von den letztern vernichtet worden ſind, ſo wie manches Andere, was das Gepräge jener afrikaniſchen Herrſcher trug. Jetzt ſtand nur ein dickes Gewirre von indiſchen Feigengewächſen umher, und aus den Klüften der Mauern war viel wilder Spargel gewachſen. Ein vor⸗ zügliches Vergnügen gewährten uns die lieblichen Geſänge der vielen Vögel, ſo wie das Spiel der Hirten auf kleinen Flöten, oder auf dem Dudelſack, das von Berg zu Berg mannigfach wiederhallte. Auch trugen die vielen luſtwan⸗ delnden Stadtbewohner, die hier und da im Grünen Platz genommen hatten, und mit Eſſen und Trinken, mit Tanz oder geſelligem Spiel beſchäftigt waren, nicht wenig zu unſerer Unterhaltung bei. Gegen Abend verweilten wir eine Zeitlang bei einigen fröhlichen Hirten, Gärtnern u. ſ. w., die ſich vor einem Hauſe zuſammen gefunden hatten. Der Eine gab eben der Verſammlung einen Geſang zum Beſten, und zwar mit dem Anſtand, welcher den ſieiliſchen Landleuten beim Singen eigen iſt— die Mütze auf das linke Ohr gerückt, den linken Arm in die Seite geſtämmt, und die rechte Hand an den Mund gehalten, letzteres um den Schall der Stimme zu verſtärken, da man auf ihre Kraft einen größern Werth als auf den Wohlklang derſelben legt. Die Kleidung dieſer Leute war ganz dieſelbe, wie ſie bei allen Hirten und Land⸗ leuten in Sieilien gebräuchlich iſt. Die erſtern tragen eine Weſte ohne Aermel, einen breiten ledernen Gurt mit Taſchen, und weite Hoſen von weißer Leinwand. Ihr langes Haar iſt im Genick in einen Knoten geknüpft, und den Kopf bedeckt eine weiße baumwollene Zipfelmütze, oder ein Netz von ſchmalem ſeidenem Bande, welches das aufgeknüpfte Haar umſchließt, ſo daß dieſes wie in einem Sack hängt. Die Füße bekleiden ſie mit ungegerbtem Leder, die rauche Seite nach außen gekehrt. Sie ſchlagen nämlich zuerſt, ſtatt des Schuhes, ein Stück um den Fuß, dann ein anderes kamaſchenförmig um das Bein, faſt bis zur Mitte des Schenkels über die Hoſen hinauf, und das Ganze wird mit Riemen zuſammen geſchnürt. Dieſe Fußbekleidung läßt ſich nachher wie ein Stiefel aus⸗ und anziehen. Am dritten Feiertage ging ich längs dem Geſtade nach dem Faro hin, einer der reizendſten Gegenden, die es um Meſſina gibt, ſpazieren. Vor und hinter mir befanden ſich zahlreiche Geſellſchaften. Ein großer Theil verlor ſich nach und nach auf die benachbarten Hügel; aber die Mehrzahl nahm ihre Richtung nach einer Schenke, die ungefähr eine Stunde von der Stadt, nahe bei dem niedlichen Flecken Grotta liegt. Auch mich führte der Zufall nach dieſem Hauſe. Ich fand dort, außer zahlloſen Gäſten, die ſich mit Wein, ge⸗ bratenen Fiſchen u. ſ. w. bewirthen ließen, einen Gegenſtand, der mich ſehr überraſchte. Dies war die Tochter des Schenkwirths, eine ſonderbare Miß⸗ geſtalt, die auf einem Bette lag, das, zierlich geſchmückt und gleichſam zur Schau, mitten in der Stube ſtand. Dieſe Mißgeſtalt, gemeiniglich„la Fa- tata“(die Bezauberte) genannt, hatte einen zwerghaft kleinen Körper, unge⸗ fähr von der Größe eines zweijährigen Kindes, obſchon die Knochen, beſonders in der Gegend der Gelenke, verhältnißmäßig zu ſtark waren. Dagegen ſchien ihr Kopf, welcher in der Länge ein Dritttheil des ganzen Körpers ausmachte, und vielleicht dreimal ſo ſchwer als dieſer war, einem Rieſen anzugehören. Deſſen ungeachtet genoß das arme Geſchöpf, das bereits acht und zwanzig Jahre zählte, eine gute Geſundheit, wenn man nach der weißen und rothen Geſichtsfarbe, den funkelnden ſchwarzen Augen, den wie Elfenbein glänzenden Zähnen, ſo wie nach der Heiterkeit der Miene, der guten Laune und der Geneigt⸗ heit zu ſcherzen, zu eſſen und Wein zu trinken u. ſ. w. ſchließen darf. In den Geſichtszügen lag etwas Angenehmes, und überhaupt hatte die ganze Geſtalt nichts Widriges, außer daß der Kopf ſich fortwährend hin und her bewegte. Mit der körperlichen Mißgeſtaltung der ſo genannten Bezauberten hatte auch die geiſtige Ausbildung ſehr gelitten, wovon nicht nur ihr unzuſammenhängen⸗ des, oft ſinnloſes Geſchwätz, ſondern auch die kindiſche, in ihrem Geſicht ſich ausſprechende Einfalt, ſo wie ihre lallende Sprache, die deutlichſten Beweiſe gaben. Gleichwohl hielt ſie der ungebildete Volkshaufe für ein Wunder von Weisheit, und ſchrieb ihren unverſtändlichen Reden, die er wie Orakelſprüche betrachtete, einen tief liegenden Sinn zu. Es wurde daher häufig, in dieſer oder jener Angelegenheit, beſonders bei Beſetzung der Lottonummern, ihr Rath eingeholt. So ſeltſam, wie die Verkrüppelung dieſer Perſon, war auch die Geſchichte, welche man von ihr erzählte. Sie war, hieß es, bis zu einem Alter von ſechs oder acht Monaten völlig wohlgeſtaltet. Um dieſe Zeit aber wurde ſie, als Vater und Mutter ſich nicht zu Hauſe befanden, von einer Fee aus der Wiege genommen und entführt. Zwar fand man das Kind am folgenden Tage, auf den Weintreſtern in einem Preßbottich; allein, es murde eine große Veränderung an ihm bemerkt, kurz, ſein ganzes Wachsthum ging ſofort in den Kopf über. Die Fee ſoll dies bewirkt haben, um dadurch das Glück der Aeltern, welchen ſie wohlwollte, zu begründen. Gewiß iſt es, daß dieſe, welche früher in Dürftigkeit lebten, ihren jetzigen Wohlſtand der Mißgeſtalt ihrer Tochter verdankten; denn täglich kamen Leute aus Meſſina, und an Feſttagen viele hundert, welche dieſelbe beſuchten, ſie beſchenkten, und 159 für Eſſen und Trinken etwas aufgehen ließen, ſo daß ihre Wohnung ein mo⸗ diſcher Sammelplatz für Spaziergänger geworden war. In den nächſten Tagen nach Oſtern wurde meine Aufmerkſamkeit häufig auf die Geiſtlichkeit gezogen, die in der Stadt und dem Hafen herum gingen, um allen Häuſern und heimiſchen Schiffen den Segen zu ertheilen. Jeder hatte zwei Knaben bei ſich, die ein ſilbernes Gefäß mit Weihwaſſer und einen Korb trugen. Bei ſeinem Eintritt in ein Haus beſprengte er die Wände und den Fußboden mit Weihwaſſer, wobei er die Worte:„Ich ſegne dich im Namen ꝛc.“ ausſprach, was er nachher in allen Gemächern wiederholte. Beim Einſegnen der Schiffe ward nicht nur auf das Innere, ſondern auch auf die Maſten, das Ruder und die übrigen äußeren Theile Rückſicht genommen. Dieſe Bemühung der Geiſtlichen belohnte man mit einem Geſchenk an Geld, oder an Eiern; eine der ärmſten Familien gab wenigſtens zwei Eier. 1 In dieſen Tagen geſchah es auch, daß mich die Betriebſamkeit eines ſieiliſchen Offiziers überraſchte. Ich ging eines Morgens durch die Straßen um einen Schuhmacher zu erfragen, als ein Offizier ſich erbot, mir einen zu⸗ zuweiſen. Er führte mich in ein nahe gelegenes Haus. Wir traten in eine hübſche Stube, wo er mich Platz nehmen hieß, und ſich dann entfernte. Bald darauf erſchien ein kleiner Knabe, der mich ihm zu folgen batz er brachte mich, über einen langen Gang, nach einem verſteckten Gemach im Hintergebäude. Ich fand hier die Werkſtatt eines Schuhmachers, der bereit war, mir das Maß zu Schuhen zu nehmen. Aber man denke ſich mein Erſtaunen, als ich in ihm denſelben Mann erkannte, der mich in das Haus geführt, und nun ſeine nette Uniform mit einem Schurzfell vertauſcht hatte. Ich erfuhr dann, daß er Hauptmann bei einem damals aufgelöſten neapolitaniſchen Regimente geweſen war, deſſen Offiziere auf halbem Solde ſtanden. Da dieſer nicht hinreichte, ihn und ſeine ſtarke Familie zu ernähren, ſo hatte die Noth, ver⸗ bunden mit Luſt zur Arbeit und mit natürlichem Geſchick, ihn permocht, die Handthierung eines Schuhmachers zu ergreifen, die er jedoch, um ſeinen Stand in den Augen der Welt nicht zu entehren, nur verſtöhlen trieb, daher er auch ſeine Kundſchaft blos auf Ausländer, die ihm gelegentlich in den Weg kamen, ausdehnte. Weil ich die von ihm gefertigte Arbeit gut und dauerhaft fand, ſuchte ich in der Folge ſeiner löblichen Thätigkeit einige Aufmunterung zu geben, indem ich unter den Engländern und Deutſchen, die ich kannte, ihm eine Menge Kunden verſchaffte; und kurz, der Hauptmann Varneſi— ſo hieß er,— blieb unſer ehrlicher Schuhmacher, bis er im Jahr 1815, wo der König Ferdinand IV. wieder zum Beſitz von Neapel gelangte, zu einem neu errich⸗ teten Regimente berufen ward, und den Leiſten mit dem Degen vertauſchte. 160 Am 6. April erhielt ich vom Kapitän Withers den Auftrag, in Santa Lucia, einem kleinen, fünf deutſche Meilen weſtwärts von Meſſina gelegenen Flecken, wo die Engländer Magazine hatten, einige Geſchäfte zu beſorgen. Da am folgenden Tage zwei Beamte vom engliſchen Commiſſariat dahin reiſten, ſo ſchloß ich mich ihnen an. Die Reiſe wurde, wie es in Sieilien ge⸗ wöhnlich iſt, auf Maulthieren gemacht. In einem öden Landſtriche erregte der Pflug eines Ackermanns meine Aufmerkſamkeit, weil er den Zeiten anzugehören ſchien, wo der Feldbau noch in ſeiner Kindheit war. Er beſtand in einem bloßen Baumſtamm, an deſſen dickem Ende ein zugeſpitzter Aſt hervorſtand, welcher die Stelle der Pflugſchar vertrat. An der entgegengeſetzten Seite befand ſich ein zweiter, der zum Lenken diente. Zwei Büffel, mit den Hörnern an das dünne Ende befeſtigt, zogen den Stamm. Dieſes rohe Werkzeug that indeſſen, da die Erde locker und die Stärke der Büffel außerordentlich war, dieſelben Dienſte, als ein Pflug der verbeſſerten Art geleiſtet haben würde. Man kann hieraus den Schluß ziehen, daß in Sicilien die Landwirthſchaft noch auf einer niedrigen Stufe ſtand. In einigen Gegenden, zumal wo der Boden etwas ſteinig war, kannte man gar keinen Pflug, ſondern gebrauchte ſtatt deſſen breite Hacken. Die Stelle der Egge vertrat ein Gebund Dornenſträucher, das von Ochſen gezogen wurde. Die Felder werden nie gedüngt, daher der Miſt von Rin⸗ dern, Schafen und Ziegen, die man Tag und Nacht auf den Weideplätzen hält, ſo wie der Unrath von Menſchen, der durch Kanäle nach den Fiumaren, und ſo nach dem Meere fortgeführt wird, ganz unbeachtet bleibt; doch henutzt man in den Gärten den Dünger der Saumthiere, beſonders der Pferde. Bei dieſem Mangel an Düngung kann es nicht fehlen, daß die Felder, ungeachtet des trefflichen Bodens und Klima's, oft brach liegen müſſen, ja, nach und nach ganz ausgeſogen werden, wie einige Landſtriche beweiſen, welche zu den Zeiten der Römer wegen ihres Ueberfluſſes an Getreide berühmt waren, jetzt aber zur Erbauung desſelben ganz unfähig und verödet ſind. Ungefähr drei Meilen weſtlich von Meſſina kamen wir in eine Felſen⸗ ſchlucht, auf beiden Seiten mit ſchroffen Wänden, worin ſich gegen funfzig, augenſcheinlich von Menſchenhänden gemachte Höhlen befanden. Sie waren ziemlich gleichförmig und hielten ungefähr vier Ellen in der Länge und drei in der Breite. Man findet in Sicilien, beſonders im öſtlichen Theile, ſehr viel ſolche Höhlen, bisweilen einige hundert beiſammen. Ueber den Ur⸗ ſprung und die Beſtimmung derſelben iſt keine zuverläſſige Nachricht vorhan⸗ den, und die Gelehrten weichen deshalb in ihren Meinungen von einander ab. Die meiſten halten ſie für Wohnungen der Urbewohner Sieiliens, der Sicaner, daher man ſie gewöhnlich Troglodytenſtädte nennt. Andere glauben, daß es Begräbniſſe einer ſpäteren Völkerſchaft ſind. Im erſtern Falle wirft ſich indeſſen die Frage auf, ob wohl Menſchen von ſo geringer Bildung, daß ſie in Höhlen wohnten, im Beſitze von Werkzeugen ſein konnten, die geſchickt waren, ein ſo hartes Geſtein zu bearbeiten, als jene Felſen ſind. Dem ſei nun, wie ihm wolle, ſo bleibt es doch gewiß, daß dieſe Gegenſtände ein ſehr hohes Alter haben, da ſie ſchon zu den Zeiten der Griechen und Römer für eine alterthümliche Merkwürdigkeit galten. In einer dieſer Höhlen fanden wir einen Ziegenhirten, der hier wie ein Einſiedler lebte. Da die Wärme in dieſen Tagen ſchon auf 20 Grad R. geſtiegen war, und wir auf dem ganzen Wege kein Haus angetroffen, auch bis zu unſerer Beſtimmung keins zu hoffen hatten, ſo nahmen wir in der kühlen, obſchon engen Behauſung des Hirten Platz, erquickten uns mit der Milch ſeiner Ziegen, und packten unſere Lebens⸗ mittel aus, womit Jeder, der in's Innere von Sieilien reiſt, ſich verſehen muß, weil man, da die meiſten Oerter auf Gipfeln hoher Berge liegen, oft den ganzen Tag weder mit einem Wirthshauſe, noch mit irgend einer menſch⸗ lichen Wohnung in Berührung kommt. Nach einer fröhlichen Mahlzeit zogen wir weiter, und kamen Nachmittags bei guter Zeit nach Santa Lucia. Da uns aber hier eben nichts Merkwürdiges aufſtieß, übergehe ich die weitere Beſchreibung dieſer Fahrt und will nur noch das Ueberſetzen über einen kleinen Fluß erwähnen, das damals einen merkwürdigen Eindruck auf mich machte. Bei Spadafora, einer kleinen, drei Stunden von Melazzo am Seeufer gelegenen Stadt, befindet ſich eine breite Fiumara,„il muto“(der Stumme) genannt, über welche der Uebergang ſehr gefährlich iſt, weil ihr Bett viele Stellen mit Triebſand enthält, worin man leicht verſinkt, und der, wenn auch die Oberfläche ganz trocken ſcheint, tiefe Waſſerhöhlen verbirgt. Wenn der Fluß angeſchwollen iſt, ſind dieſe Stellen, weil ſie dann gleichſam zu kochen ſcheinen, am leichteſten zu erkennen und zu vermeiden. Als wir dort anlang⸗ ten, ſahen wir eben einen Mann, der es zu ſeinem Geſchäft machte, den Leuten hindurch zu helfen, eine hübſche Jungfrau, die einen Korb mit Früchten auf dem Kopfe trug, auf ſeinen Schultern herüberbringen, was einen um ſo ſelt⸗ ſamern Anblick gewährte, da er von einer rieſenhaften Größe, faſt ohne alle Bekleidung, und mit einem pfahlartigen Stocke verſehen war, um ſich darauf zu ſtützen. Nachdem dieſer Mann, oder, wie meine Reiſegefährten ihn nann⸗ ten, Cyelope, ſeine Bürde glücklich gelandet hatte, übernahm er es, auch uns über den Strom zu geleiten, indem er voran ging und wir in einer Reihe hinter einander folgten; aber ungeachtet das Waſſer ruhig, und, wie es ſchien, 11 Richter's Reiſen. II. 162 kaum eine halbe Elle hoch ging, geſchah es doch auf einer gewiſſen Stelle, daß unſere zu Fuße hindurchwadenden Treiber bis über die Hüften und mein Maulthier bis an die Bruſt in's Waſſer ſanken. 3 Der Verf. geht auf einem engliſchen Transportſchiffe nach Syrakus.— Verſchiedenheit der ſieiliſchen und der calabriſchen Küſte.— Anblick des Aetna.— Ankunft in Syrakus. Am 12. April ward ich beauftragt, auf einem der engliſchen Transport⸗ ſchiffe, die nach Malta beſtimmt waren, nach Siragoſſa(Syrakus) zu reiſen. Dieſe Schiffe gingen, von zwei Kanonenbooten begleitet, gegen Mittag unter Segel. Die Fahrt war ſehr angenehm. Es wehte ein friſcher und günſtiger Wind, der, in Verbindung mit dem Strom, uns ſchnell durch die Meerenge führte. Die Landſchaften zu beiden Seiten erſchienen, da die Luft bereits eine Wärme von 22 Grad R. hatte, und es dem Erdboden nicht an Feuchtigkeit fehlte, in fruchtbarer Fülle. Beſonders entzückte mich der Anblick von Siciliens Küſten, wo ſchroffe, zerklüftete und kühn über einander gethürmte Felſen mit Hügeln, Thälern und Ebenen in ſchneller Folge abwechſeln. Auch Calabrien nimmt ſich ſehr reizend aus, aber es enthält keine ſo auffallenden Kontraſte, indem es bis zu den Spitzen ſeiner Berge mit einem anmuthigen Grün bekleidet iſt, das bei näherer Betrachtung Wälder, Auen und Pflanzungen unterſchei⸗ den läßt. Nachdem unſere Schiffe durch die Meerenge gekommen waren, ſegelten ſie dicht an der ſiciliſchen Küſte hin, die dem Bewohner fortwährend neue, über⸗ raſchende Anſichten darbietet. Gegen Abend erreichten wir den ſchroff abge⸗ ſchnittenen, in's Meer herausragenden Felſen, auf welchem einige Ueberreſte des alten Tauromenium, ſo wie die, an deſſen Stelle getretene, kleine Stadt Taormina, und beſonders ein ſehr romantiſch gelegenes Kloſter, ſich zeigen. Kurze Zeit darauf erſcholl von den Maſten des Schiffes der Ruf:„Old Nick with his pipe“(Der alte Klaus— d. i. der Teufel— mit ſeiner Pfeiſe), eine Benennung, welche die engliſchen Seeleute dem Aetna ſcherzweiſe beilegen; und in dem Augenblicke trat dieſer Berg, den bis jetzt andere Berge verdeckt hatten, mit ſeiner ſchneeweißen Spitze und der ſtets daraus emporſteigenden Rauchſäule, in ſeiner ganzen, erhabenen Geſtalt hervor, deren Grenzen die untergehende Sonne ſcharf bezeichnete. Nach Sonnenuntergang verſtummte der Wind, welcher am heutigen Tage von Oſten her geweht hatte, aber bald 163 ſtellten ſich kühlende Lüftchen ein, die vom Lande kamen; denn die Küſten Siciliens werden, während der warmen Jahreszeit, die nun in voller Kraft eingetreten war, bei Tage von See⸗ und bei Nacht von Landwinden beſtrichen, ſo wie es mit den Inſeln unter der heißen Zone der Fall iſt. Obſchon der Landwind nur ein ſchwaches Säuſeln war, ſo wurde dennoch der Fortgang unſerer Schiffe, weil das Meer ſich in völliger Ruhe befand, dadurch ſehr beför⸗ dert. Sie langten noch vor Tagesanbruch vor der Bai von Siragoſſa an, von wo ſie, nachdem ein Fiſcherboot mich zur Ueberfahrt nach dem Lande auf⸗ genommen hatte, ihre Reiſe fortſetzten. Mit Sonnenaufgang ſtieg ich in Siragoſſa an das Land. Die Einwoh⸗ ner waren ſchon in voller Bewegung, und ſie kamen in großer Menge herbei, um mich in Augenſchein zu nehmen. Es war indeſſen nicht blos Neugierde, wovon man mir Beweiſe gab, ſondern auch ein hoher Grad von Gutmüthigkeit, indem Jeder wetteiferte, mir gefällig zu ſein, ſo daß ich über alles, was ich zu erfahren wünſchte, ſchnell und ausführlich Beſcheid erhielt. Gegen neun Uhr Morgens hatte ich den Zweck meiner Sendung, die an den engliſchen Commandanten der dortigen Feſtung gerichtet war, bereits er⸗ reicht. Da das Transportſchiff, worauf ich nach Meſſina zurückkehren ſollte, noch nicht eingetroffen war, ſo ſchien es mir nöthig, mich nach einer anderen Gelegenheit umzuthun. Es fand ſich auch ein Fahrzeug, mit dem ich in einigen Stunden hätte abfahren können; allein, um einen ſo berühmten Ort, wie Syra⸗ kus, nicht ganz ungeſehen zu verlaſſen, beſprach ich einen Platz auf einer Spe⸗ ronara, die ihre Abreiſe auf den nächſten Morgen feſtgeſetzt hatte. Unter den vielen Leuten, die ſich erboten, mir die Merkwürdigkeiten des Ortes und ſeiner Umgegend zu zeigen, wählte ich den Wirth der Locanda, wo ich abgetreten war, einen Mann, der, bei einer ziemlichen Uneigennützigkeit, viel gute Laune und eine große Unverdroſſenheit zu erkennen gab. Vor allem nahm ich die Stadt in Augenſchein. Dieſe Stadt, der traurige Ueberreſt, in welchen das ſonſt ſo mächtige Syrakus zuſammengeſchrumpft iſt, zählte damals 4300 Häuſer und 13800 Einwohner. Sie liegt in einem Meerbuſen zwiſchen den Vorgebirgen Panagia und Morro di Porco, auf einer kleinen Halbinſel, die ehedem den Namen„Ortygia“ führte. Es umſchließen dieſelbe zwei Häfen, ein innerer und ein äußerer. Erſter iſt, obſchon er früher von vortrefflicher Beſchaffenheit und zur Aufnahme der größten Fahrzeuge fähig war, ganz ver⸗ ſandet, zum Theil auch mit Schilf und Rohr bewachſen, ſo daß kaum eine Felucke oder eine Brigantine die gehörige Tiefe darin findet, und an vielen Stellen ſelbſt flache Kähne Mühe haben, hindurch zu kommen. Der äußere Hafen, den man auch„die Bai“ nennt, verdient noch heute, ungeachtet ſeines 11 164 etwas nachgiebigen Bodens und ſeiner den Oſtwinden ausgeſetzten Lage, zu den ſchönſten Ankerplätzen Europa's gezählt zu werden; ſein Umfang beträgt eine deutſche Meile. Die Stadt iſt mit Mauern umgeben und ſtark befeſtigt. Da jedoch die Werke aus verſchiedenen Zeitaltern berrühren, ſo ſind ſie kein übereinſtimmendes Ganzes, und zum Theil dem Verfallen nahe. An der Seite nach dem Meere hin liegt, um den Hafen zu vertheidigen, eine Citadelle, die von beträchtlicher Stärke und in gutem Stande iſt, obſchon einige, in ihrem Innern befindliche Gebäude durch die Entzündung eines Pulvermagazins im vorigen Jahrhunderte völlig zerſtört worden ſind. Die Stadt hat enge und ſchmutzige Straßen. Den Häuſern fehlt es nicht an Nettigkeit, und ſie würden noch mehr gefallen, wenn der Beobachter nicht wüßte, daß dereinſt die präch⸗ tigſten Kunſtwerke griechiſcher Baukunſt an ihrer Stelle ſtanden. Noch erblickt man den ſchönen Tempel der Minerva, welcher, obſchon vor 2500 Jahren erbaut, der verheerenden Zeit noch kräftig widerſteht. Er hat jedoch, ſeitdem er zur Hauptkirche eingerichtet und der heiligen Lucia, der Beſchützerin des Ortes, geweiht wurde, mancherlei nachtheilige Veränderungen erlitten. Die erhabenen doriſchen Säulen ſind an zwei Seiten mit in die Mauern gezogen und ſonach von vierzig auf vierundzwanzig vermindert worden. Auf der Seite des Haupteinganges hat man ein modernes, mit Zierrathen überladenes Frontiſpice angebracht, das von der edlen Einfachheit des Gebäudes und dem Stempel ſeines hohen Alters ſehr ſeltſam abſticht. Das Innere dieſer Kirche ſchmücken einige gute Bilder; auch beſitzt ſie viele Reliquien, unter andern einen Jeſuskopf, den— wie die Geiſtlichkeit vorgibt— St. Lucas gemalt hat. Von dem Tempel der Diana ſind noch zwei Säulen vorhanden, und zwar in einem Privathauſe verbaut, wo ſie durch alle Stockwerke bis zum platten Dache hinauf gehen; man hat ſie mit hölzernen, zu Speiſeſchränken eingerichteten Verſchlägen eingefaßt, ſo daß ſie, wenn die Thüren der Ver⸗ ſchläge geöffnet werden, zu ſehen ſind. In vielen Häuſern finden ſich aus dem Alterthum herrührende, unterirdiſche Bäder. Es wurde mir ein vor nicht ſehr langer Zeit wieder aufgefundenes gezeigt, das bisher ein Oelhändler zur Niederlage benutzt, aber gerade jetzt geräumt hatte. Ich fand ein geräumiges, hohes Gewölbe, deſſen Fußboden mit alten Bretern belegt war. Als man dieſelben aufhob, zeigte ſich ein marmornes Täfelwerk, das in der Mitte ein weites Becken zum Baden, mit einem Kanale, um das Waſſer abzulaſſen, ent⸗ hielt; von den Anſtalten, das Waſſer herzu zu leiten, war nur noch eine Oeff⸗ nung in der einen Mauer zu erblicken. Das merkwürdigſte dieſer Bäder, welches unter der Kirche San Filippo ſich befindet, und zu welchem eine Wendeltreppe mit fünf und funfzig Stufen führt, konnte ich nicht zu ſehen 165 bekommen. Die berühmte Quelle Arethuſa iſt noch immer vorhanden, obſchon in ſehr veränderter Geſtalt. Wiederholte Erdbeben haben ihrem Gange eine andere Richtung gegeben, und ihn, wie es ſcheint, mit dem Meere in Verbin⸗ dung gebracht; denn ihr früher vortreffliches Waſſer hat einen etwas ſalzigen Geſchmack angenommen, und ſtatt, wie ehedem, mitten auf der Inſel zu ent⸗ ſpringen und einen bedeutenden Strom zu bilden, kommt ſie mit ſchwacher Kraft nicht weit vom Ufer des Meeres hervor; ich fand ſie von einer Menge Wäſcherinnen umgeben. Ungefähr vierzig Schritte von dieſer Stelle bricht auf dem Boden des Hafens ein ſtarker Quell, und zwar mit ſolcher Macht hervor, daß die Oberfläche des darüber befindlichen Meerwaſſers gleichſam kocht, was beſonders an windſtillen Tagen deutlich wahrgenommen wird. Dies iſt der Alpheus, der, wie die Arethuſa, aus den fabelhaften Dichtungen der Vorzeit bekannt genug iſt; man nennt ihn jetzt„L'Occhio della Zilica.“ Die merkwürdigſten Anſtalten der Stadt beſtehen in dem Muſeum und der öffentlichen Bibliothek. Das Muſeum iſt zwar nur im Entſtehen, doch beſitzt es einige ſchöne Bildſäulen, worunter eine Venus und ein Aesculap, welche man erſt vor wenig Jahren entdeckt und ausgegraben hat, an der Spitze ſtehen; ſie werden allgemein für vortreffliche Meiſterwerke gehalten. Uebrigens ſind in dieſer Sammlung Sarkophagen, Vaſen, Lampen, Münzen und andere Gegenſtände der griechiſchen und römiſchen Kunſt anzutreffen. Die Bibliothek, welche ſich in den Zimmern über dem Muſeum befindet, enthält außer den gedruckten Büchern viele Handſchriften, beſonders theologiſche aus den Zeiten der früheren Chriſten, ſo wie auch eine ſchöne Abſchrift des Koran. Den Vor⸗ ſaal der Bibliothek ziert eine Tafel, die aus allen verſchiedenen Arten von Achat, Marmor und anderen ſchätzbaren Steinen, welche Sicilien hervorbringt, künſtlich zuſammengeſetzt, und gleichſam eine Muſterkarte von dieſen Gegenſtän⸗ den iſt. Neben den hier genannten öffentlichen Sammlungen gibt es auch mehre von Privatleuten angelegte. Die vorzüglichſten ſind die der Herren Landolina und Capodieei, Männer, die durch ihren regen Sinn für Kunſt und Wiſſenſchaft, und durch ihr Beſtreben, ihn auch unter ihren Landsleuten zu erwecken, ſich berühmt gemacht haben. Die Beſichtigung dieſer Privatſamm⸗ lungen iſt mir entgangen, weil ſie eine beſondere Einführung bei den Beſitzern erfordert, wozu es mir ſowohl an Zeit als an Gelegenheit fehlte. Den aus der Vorzeit berühmten Fluß„Anapus,“ ſo wie den in ihn ſich ergießenden Bach„Cyane“ konnte ich ebenfalls aus Mangel an Zeit nicht in Augenſchein nehmen. Ich ſah nur von weitem die im Hintergrunde des Hafens befindliche Mündung des Anapus. Doch erhielt ich Gelegenheit, die Erzeug⸗ niſſe der Cyane, nämlich herrliche Fiſche und auch die aus Aegypten an ihre Ufer verpflanzte Papyrusſtaude, kennen zu lernen. Dieſes binſenartige Ge⸗ wächs beſteht in einem kurzen Stamm, aus welchem dreieckige, zehn bis funf⸗ zehn Fuß lange Stängel hervorſtehen, die an der Spitze einen Büſchel ſehr zarter, in drei Abſtufungen ſich vermehrender Fäden tragen; daher das Gewächs von den Einheimiſchen gemeiniglich„perrucca“ genannt wird. Es iſt in ſo großem Ueberfluſſe vorhanden, daß es den Syrakuſern als gewöhnliches Mittel, etwas zu binden, dient. Die Verarbeitung dieſer Staude zu Papier hat man neuerdings wieder hervorgeſucht, welche darin beſteht, daß die Stängel in dünne Streifen geſchnitten und dieſe dann kreuzweiſe über einander gelegt und gepreßt werden. Es ſind mir im Muſeum Proben ſowohl von dieſem neuen, als dem in älteren Zeiten verfertigten Papier gezeigt worden; doch muß ich bekennen, daß es, wegen ſeiner Rauhheit und Sprödigkeit, unſerem Lum⸗ penpapier weit nachſteht, und ſich mehr für den Pinſel als die Feder eignet. Die Landſchaft um Syrakus enthält einen gut bewäſſerten, märgeligen Boden, der ſich einer großen Fruchtbarkeit erfreut; beſonders iſt der Landſtrich im Süden des Hafens, das ehemalige Vorgebirge Plemmyrium, ſehr ergiebig an Weizen, Hanf und Tabak, an Gemüſen, Oel⸗- und Fruchtbäumen, ſo wie an trefflichen Weinſtöcken, vorzüglich dem vor Alters von Tarent eingeführten Muskateller, der zugleich Blüthen, halb reife und reife Früchte trägt und jähr⸗ lich drei Leſen gibt, wovon die erſte zu Anfange des Juli Statt findet. Deſſen ungeachtet verlieren dieſe reizenden Anſichten viel von ihrem Eindruck auf den Beobachter, wenn er bedenkt, daß einſt der Meerbuſen rundum von großen Werken beſchützt, mit zahlloſen Schiffen bedeckt, und der eine Hafen mit Kaien und Bildſäulen von koſtbarem Marmor— was ihm den Namen„Marmor⸗ Hafen“ gab— eingefaßt war, von welchem allen nicht die geringſte Spur mehr übrig iſt. Längs dem ganzen Geſtade herrſcht eine tiefe Stille und melancholiſche Oede. Selten ſieht man ein kleines Fahrzeug abgehen, um etwas Salz, Oel, Wein oder Fiſch auszuführen, die einzigen Gegenſtände, über welche der Handel des heutigen Syrakus ſich verbreitet. Große Schiffe laufen nur ein, um Schutz vor den Stürmen zu ſuchen, oder ſich mit Lebens⸗ mitteln zu verſehen. Richtet man nun aber den Blick in das Innere des Lan⸗ des und ſieht, ſo weit das Auge reicht, die Spuren der Zerſtörung, nämlich die Trümmer der ehemaligen ungeheuren Stadt, wovon die heutige nur einen kleinen Theil ausmachte, dann tritt die Erinnerung an den ſchrecklichen Wechſel des Schickſals lebhaft vor die Seele und erfüllt das Herz mit einem weh⸗ müthigen Gefühl. Was die Einwohner von Syrakus betrifft, ſo ſind ſie, nächſt den Cata⸗ niern, die ſchönſten Leute in Sicilien, und kündigen ſich durch ihr Aeußeres als echte Abkömmlinge der Griechen an. Beſonders iſt dies bei den Frauen der Fall, die faſt durchgängig eine hohe, ſchlanke Geſtalt, ein ſchönes Profil, edle Züge und eine Geſichtsfarbe wie Lilien und Roſen haben. Schade, daß ſie ſich durch eine geſchmackloſe Tracht ſehr entſtellen. Sie tragen nämlich eine mit vielen Falten verſehene Kapuze von ſchwarzem, ſeidenem Zeuge, die den Kopf, den Nacken, die Schultern und die Arme verhüllt; auf dem Rücken macht dieſe Kapuze einen ſolchen Bauſch, daß es das Anſehen hat, als ſei ein Buckel darunter verborgen. Uebrigens habe ich in den Sitten der Syrakuſer keine auffallenden Abweichungen von dem bemerkt, was in dieſer Hinſicht über die Meſſiner geſagt worden iſt. 4. Ein Spazierritt nach den Ruinen des alten Syrakus.— Die Latomien.— Die Waſſerleitungen.— Die Theater.— Rückkehr nach Meſſina.— Eine Speronara.— Landung bei Scaletta. Nach gehaltenem Mittagsmahl begab ich mich, geleitet von meinem Wirth, auf den Weg, um die Ruinen des ehemaligen Syrakus zu beſichtigen; des ſchnellern Fortkommens wegen beſtiegen wir Maulthiere. Wir kamen bald auf eine Anhöhe, wo man den ganzen, mit der großen Ruinenmaſſe bedeckten Land⸗ ſtrich, da er ſich landeinwärts erhebt, überſehen konnte. Deutlich erblickte ich die Lage der vier, mit beſondern Mauern umgebenen Städte, aus welchen, in Verbindung mit der Inſel Ortyggia, Syrakus beſtand, nämlich Acradina längs dem Meere nordwärts von Ortygia, weiter landeinwärts Tyche und Neapolis, und zuletzt Epipolä. Das Ganze hat einen Umfang von ſechs deutſchen Meilen, und bildet ein Dreieck, deſſen Spitze nach Weſten gekehrt iſt. Nach dieſem all⸗ gemeinen Ueberblick durchzogen wir die Fläche, um die merkwürdigſten einzelnen Gegenſtände in der Nähe zu betrachten. Ich ſah nun die Ueberreſte bald von ſtarken, aus viereckigen Steinblöcken zuſammengeſetzten Mauern, Thoren und Feſtungen, bald von Gebäuden, Tempeln, Bädern, oder einzelnen Säulen, ſo wie Spuren von ganzen Straßen, zerſtreut unter einem chaotiſchen Gemiſch von wüſten Steinhaufen. Hier zeigte ſich die in den Fels gehauene, an den Seiten mit zahlloſen Grabhöhlen verſehene Straße, welche die Städte Tyche und Nea⸗ polis mit einander verband; dort ſtellten ſich zwei ungeheure Felſenkeſſel von wilder und ſchauerlicher Geſtalt dar, bei deren Anblick man ſich kaum überreden kann, daß ſie das Werk der Menſchen ſind. Dieſe Keſſel, die„Latomien“ ge⸗ nannt, waren Anfangs Steinbrüche, die den Stoff zur Erbauung der Stadt 168 lieferten, wurden aber ſpäterhin, wegen ihrer großen Sicherheit, zu Gefäng⸗ niſſen und endlich, wie einige Alterthumsforſcher vermuthen, zu Begräbniſſen benutzt. In einem derſelben befinden ſich viele, in den Fels gehauene, große Gewölbe, unter andern das mit den Namen:„Ohr des Dionyſius“ bezeichnete. In dem andern erblickt man ein ſehr romantiſch gelegenes Kapuzinerkloſter, umgeben mit Wäldchen von Fruchtbäumen, welche, da ſie von den überhangenden Felſen vor jedem Winde und vor der Sonne geſchützt, auch von den vielen herabrieſelnden Wäſſern reichlich getränkt werden, ſehr üppig gedeihen. Dieſe Baumpflanzung— die auch den gemeinen Pflaumenbaum enthält, der mir in ganz Sieilien nicht weiter vorgekommen iſt,— führt den Namen:„la selva“ (der Wald). Meine ganze Bewunderung erregten die ungeheuern Waſſerlei⸗ tungen, welche, in den Fels gehauen, ſich theils über theils unter der Erde in⸗ alle Theile der Stadt verbreiten, ſo wie auch das Theater und das nicht weit davon entfernte, römiſche Amphitheater. Dieſe Theater ſind, letzteres jedoch nur zum Theil, in den Fels gehauen; ſie haben ſich mit ihren Sitzreihen, Gale⸗ rien, Corridoren, Inſchriften u. ſ w. ſo gut erhalten, daß auch eine nicht ſehr lebhafte Einbildungskraft das Fehlende leicht ergänzt. Auf eine umſtändliche Beſchreibung der Ueberreſte von Syrakus, unter welchen man viele Tage lang herum wandern und fortwährend neue Beobach⸗ tungen machen kann, muß ich Verzicht leiſten, da meine Beſichtigung nur wie im Fluge geſchah, und Vieles überging, z. B. die höchſt merkwürdigen Begräb⸗ nißplätze oder Katakomben, welche ein weit ausgedehntes Labyrinth von unter⸗ irdiſchen Gängen und Grüften bilden. Ich bemerke nur noch, daß dieſe Ge⸗ genſtände in vorzüglichem Grade geeignet ſind, in dem Beobachter eine hohe Meinung von der Kraft, Geiſtesgröße und Kunſt der Alten zu erwecken, zu⸗ gleich aber ſeine Seele in eine melancholiſche Stimmung zu verſetzen, da er allenthalben, wie auf einem Todtenacker, an die Vergänglichkeit der irdiſchen Dinge errinnert wird. Obſchon die Natur thätig wirkt, die Spuren der Zer⸗ ſtörung zu verwiſchen und einen neuen Boden zu ſchaffen, indem ſie die ver⸗ witternden Steinhaufen mit Gras und Kräutern, mit Pomeranzen⸗, Granat⸗, Feigen⸗ oder Mandelbäumen u. ſ. w. bedeckt, und ſogar aus den noch ſtehenden Mauern ſtarke Bäume hervortreibt, und obſchon die Menſchen hier und da be⸗ reits Gärten und Felder angelegt haben; ſo iſt doch die Ruinenmaſſe noch zu ungeheuer und zu auffallend, um nicht dem Ganzen das Anſehen einer unwirth⸗ baren Einöde zu geben. Die ſchönſten Felſenpartien und romantiſchen An⸗ ſichten, die auf einer andern Stelle entzücken würden, verfehlen hier ihre „Wirkung, und ſogar die melodiſchen Geſänge der Nachtigall, die in dieſer Einſamkeit, wo Niemand ihre Ruhe ſtört, auf den Feigen⸗ und Mandelbäumen 7 —— 469o gern verweilt, tönen wie Klagelieder, und dienen nur, das Unheimliche der Ge⸗ gend zu vermehren und das Gemüth des Reiſenden noch mehr zur Traurigkeit zu ſtimmen. Dazu kommt noch, daß ihn die geringe Achtung, welche die heu⸗ tigen Syrakuſer ſelbſt den ſchönſten und am beſten erhaltenen Denkmälern ihrer Vorfahren beweiſen, nicht ſelten ärgert. So hat man z. B. an der einen Seite des Theaters eine Mühle mit einer Waſſerleitung angelegt, die zwar einen, das Romantiſche des Platzes ſehr vermehrenden Fall bildet, aber die Sitzreihen, über welche das Waſſer herab ſtürzt, ſchon ſehr ausgewaſchen, und bereits einige Inſchriften derſelben ganz vertilgt hat. Im Innern des römiſchen Amphithea⸗ ters, der Arena, wird Flachs gebaut, und längs den Corridoren ſind Bäume gepflanzt, was nicht nur das Anſehen des Gebäudes entſtellt, ſondern auch deſſen Verfall beſchleunigt. In einer von den ſchönen Hallen der Latomien, nicht weit vom Ohr des Dionyſius, befindet ſich eine Salpeterſiederei, wodurch die Inſchriften, welche früher an dem Gewölbe zu leſen waren, ganz verwiſcht worden ſind. Dieſen und ähnlichen Entweihungen des ehrwürdigen Alter⸗ thums haben die in Syrakus lebenden Kunſtfreunde, Landolina, Capodieci und einige Andere, trotz der thätigſten Bemühung, nicht Einhalt thun können. Es war ſpät am Abend, als ich von den Ruinen nach meiner Locanda in Syrakus zurückkam.— Am nächſten Morgen ward ich frühzeitig abgerufen, um mich, zur Abfahrt nach Meſſina, an Bord der Speronara zu begeben, worauf ich mir einen Platz bedungen hatte. Speronaren ſind kleine, länglich gebaute Küſtenfahrer, mit ziemlich flachem Boden, beweglichem Verdeck, und, wie faſt alle Fahrzeuge der Sicilier, vorn und hinten mit einem, über dem Waſſer befindlichen Vorſprung, der„Prora und Puppis“ der alten Römer. Sie können ſowohl mittels der Ruder, als der dreieckigen Segel ihrer beiden Maſten, wovon der größere vorn und der kleinere hinten ſteht, fortbewegt werden. Der hintere Theil des Verdecks iſt, zur Aufnahme von Reiſenden, rechts und links mit Sitzen, und mit einer bogenförmigen, hölzernen Bedachung verſehen. Die Mannſchaft beſteht— denn die Sieilier pflegen ihre Fahrzeuge ſehr ſtark zu bemannen,— aus dem Schiffer, der gewöhnlich das Steuer führt, wenigſtens acht Männer, die einander im Rudern ablöſen, und einem Jungen zur gemeinſchaftlichen Bedienung. Bei meiner Ankunft auf der Speronara fand ich, außer den Schiffleuten, eine zahlreiche Geſellſchaft, vier oder fünf Sicilier mit Weib und Kind, und auch einen engliſchen Seeoffizier, welcher in Syrakus krank gelegen hatte, und nun geneſen zu ſeinem, nach Meſſina abgegangenen Schiffe zurückkehrte. Unſere Abfahrt fand in kurzem Statt. Da der Wind aus Südweſten, und mithin ſehr günſtig wehte, ſo wurden alle Segel geſetzt, und das Fahrzeug lief mit 170 reißender Schnelligkeit längs der Küſte hin. Ich hätte jedoch Anfangs dieſer großen Eile gern Einhalt gethan, um eine Naturmerkwürdigkeit am ſteilen Felſenufer von Acradina genauer beobachten zu können. Es befindet ſich dort nämlich eine Gruppe von Höhlen, die, in gleicher Höhe mit dem Meeresſpiegel, tief in die Felſen gehen. Je nachdem die Wogen ſich erheben oder ſenken, ſtürzt das Meerwaſſer mit einem ſeltſam brauſenden Getöſe hinein und heraus. Sie ſollen mit den Katakomben des alten Syrakus zuſammen hängen, und zum Theil ſich weit in's Land erſtrecken, daher mehre Gelehrte Siciliens gemuth⸗ maßt haben, daß es Kanäle ſind, durch welche das Meer, bei heftigen Stürmen aus Südoſten, zu dem Aetna dringt, und ſeine gewaltſamen Ausbrüche ver⸗ anlaßt. Wir kamen in großer Schnelle bei Agoſta, Catania und andern Städten vorüber, die mit ihren Umgebungen, da ich auf der Hinreiſe zur Nachtzeit vorbei geſegelt war, nicht nur den Reiz der Neuheit für mich hatten, ſondern auch wiederholte Beweiſe von dem unendlichen Reichthum gaben, welchen Sicilien an ſchönen Gegenden beſitzt. Dazu kommt noch, daß an dieſem ganzen Theil der öſtlichen Küſte der Aetna nah und fern und in verſchiedener Geſtalt ſich darſtellt. Außerdem gewährte mir auch die Unterhaltung mit dem Engländer, ſo wie der Scherz, Geſang und das Guitarrenſpiel, womit ſich die übrigen Reiſegefährten beluſtigten, angenehmen Zeitvertreib. So war der Tag verſtrichen, und der Abend brach ein, bevor ich es ahnte. Unſer Fahrzeug befand ſich dann bei einem kleinen Flecken, wo man, da die ſieiliſchen Küſtenfahrer ſelten während der Nacht in See bleiben, ankerte. Die ſämmt⸗ lichen Reiſenden begaben ſich hierauf an Land, um dort zu übernachten. Wir fanden ein Unterkommen in der Wohnung eines Fiſchers, wo guter Wein, herrlicher Fiſch, und ſtatt des mangelnden Brodes Maccheroni zu bekommen waren. Unſer Nachtlager beſtand in einer Streu von getrocknetem Schilf. Mit Sonnenaufgang ſetzten wir die Fahrt ſo vergnügt, wie am vorigen Tage, weiter fort. Sie war den ganzen Morgen von nordweſtlichem Winde begünſtigt, aber gegen Mittag, als die Stadt Taormina ſchon weit im Rücken und die Meerenge von Meſſina vor uns lag, erhob ſich ein nordöſtlicher, der uns zu laviren nöthigte. Seine Stärke nahm bald dermaßen zu, daß die Speronara von den Wellen oft überſchüttet ward, und trotz der geſchehenen Verminderung ihrer Segel ſich ſtark auf die Seite legte. Dies alles ertrugen unſere Reiſenden mit großer Gelaſſenheit; denn außer dem Engländer und mir war ja jeder mit einem Heiligenbilde verſehen, unter welchem die Ver⸗ beißung, den Beſitzer vor Schiffbruch und allem Unglück zu bewahren, gedruckt ſtand. Als aber das Fahrzeug einen ſo heftigen Wellenſtoß bekam, daß es ——— —— faſt umſchlug, erhob ſich, beſonders unter den Frauen und Kindern, ein fürch⸗ terliches Geſchrei. Da kein Hafen in der Nähe war, welcher bei öſtlichem Winde einen ſichern Aufenthalt gewährt, und auch unſer Schiffer nicht gern etwas von dem gemachten Wege verlieren wollte, ſo ließ er die Segel ſammt den Maſten ſtreichen, und zu den Rudern greifen, um das Fahrzeug, wenn auch nicht vorwärts zu bringen, doch bis zu dem gehofften, baldigen Wind⸗ wechſel auf der Stelle zu erhalten, wo es ſich befand. Indeſſen wuchs der Sturm immer mehr, und trieb uns fortwährend nach der Küſte. Endlich lenkte man um, in der Abſicht, nach dem Hafen von Taormina zu ſteuern, aber zu ſpät, um einer dem Nordoſtwinde völlig offenen Bucht zu entrinnen, in die wir ſchon gerathen waren. Aller Anſtrengung ungeachtet konnten die Ruderer den Ausweg nicht gewinnen; die wüthenden Wellen drängten das Fahrzeug unaufhaltſam in den Hintergrund, wo die fürchterlichſten Felſen⸗ ſchlünde, von heftiger Brandung umgeben, uns entgegen gähnten. Die ſieci⸗ liſchen Reiſenden brachen nun, indem ſie, mit ihren Amuletten, Roſenkränzen u. ſ. w. in der Hand, auf den Knieen lagen, in ein verzweiflungsvolles Jammer⸗ geſchrei aus. Auch die Schiffleute gaben in kurzem alle Hoffnung ſich zu retten auf, und einer nach dem andern warf das Ruder weg, und ſtreckte weh⸗ klagend die Hände gen Himmel, oder zog die Werkzeuge frommer Andacht aus dem Buſen; eine Verwirrung, in welcher Angſt und Verzweiflung ſich mit den gräßlichſten Farben zeigte. Meine Bemühung, die Leute zu ermuthigen, war vergebens, und es bedurfte nur noch wenige Minuten, um die Speronara an die Felſen geſchleudert zu ſehen, welche, wegen ihrer Schroffheit, ſelbſt dem geübteſten Schwimmer Verderben drohten. Doch— es war im Rathe des Schickſals anders beſchloſſen. Der engliſche Seemann hatte bisher mit der größten Seelenruhe, die nur Selbſtverläugnung und innige Vertraulichkeit mit Gefahren verleihen kann, dem Gang der Dinge zugeſehen. Jetzt verlor er plötzlich die Geduld, ſprang unter die betende, vor Angſt ſchon halb ent⸗ ſeelte Schiffsmannſchaft, und gebot ihr mit donnernder Stimme, und indem er kräftige Backenſtreiche und Rippenſtöße unter ſie austheilte, die Ruder zu ergreifen; und ſonderbar— ſie gehorchte ihm, wie einem überirdiſchen Weſen. Er ergriff nun ſelbſt ein Ruder, auch ich legte Hand an's Werk, und was bei den Schiffsleuten Anfangs blos Furcht vor dem Engländer geweſen war, ging bald in einen Muth über, der jeden Seemann ehren würde. Wir machten daher in unſerem Verſuche, der gefährlichen Bucht zu entkommen, in kurzem bedeutende Fortſchritte. Als aber die Leute von neuem die Kräfte zu ver⸗ lieren ſchienen, forderte ich die übrigen männlichen Reiſenden auf, uns Bei⸗ ſtand zu leiſten, was ſie auch, da ſie ziemlich zur Beſinnung zurückgekommen 172 waren, willig thaten. So erreichten wir denn, obſchon einige Ruder durch die allzu große Anſtrengung der Arbeiter zerbrochen worden waren, nach einiger Zeit die offene See, worauf man dem Hafen von Taormina zuſteuerte. Da aber um dieſe Zeit der Wind nach Oſten ſich drehte, auch ſeine Heftigkeit und zugleich die Unruhe des Meeres nachzulaſſen anſing, ſo wurde, nachdem die Maſten aufgerichtet und die Segel geſetzt waren, die Fahrt nach dem Faro auf's neue begonnen. Bald kehrte nun die gehörige Ordnung auf der Spe⸗ ronara zurück, die Gemüther ſöhnten ſich mit ihrem Schickſal aus, und obſchon der Engländer die Leute auf eine etwas gar zu derbe Weiſe behandelt hatte, konnten ſie doch, wie alle die Uebrigen, nicht umhin, ihn als. ihren Retter an⸗ zuerkennen, und ihm die größte Achtung und Dankbarkeit zu bezeigen. Nach einiger Zeit regte ſich auch ein ſtarker Appetit. Die Schiffleute hielten eine tüchtige Mahlzeit von Brod, Sardellen, Zwiebeln, u. ſ. w., wobei der Wein⸗ krug tapfer herumging, und die Reiſenden brachten ebenfalls ihre Eßwaaren hervor, und thaten ſich nach dem überſtandenen Schreck etwas zu Gute. Wir erreichten am Abend bei dem ſchönſten Wetter und in heiterer Stimmung die kleine Stadt Scaletta, wo das Fahrzeug anlegte, um die Nach über dort zu bleiben. Da ich und der engliſche Officier je eher je lieber nach Meſſina zu kommen wünſchten, und jene Stadt nur eine Meile davon entfernt iſt, ſo beſchloſſen wir, den kurzen Weg zu Lande zu machen, daher wir Maul⸗ thiere mietheten, die uns, ohne weitere Abenteuer, nach unſerem Beſtimmungs⸗ orte brachten. 5. Es tritt ein Wechſel in den Verhältniſſen des Verf. ein.— Sommerwetter in Sicilien.— Der Fiſch⸗ fang im Faro.— Der Schwertfiſch.—— Bemerkungen über die Fiſcherei an den ſiciliſchen Küſten über⸗ haupt.— Der Thunfiſchfang und die dazu errichteten Anſtalten.— Einkleidung einer Monne.— Ein Lupinaro. Nachdem ich wieder einige Tage in Meſſina zugebracht hatte, bekam der Kapitän Withers von ſeinen Obern den Befehl, ſich nach Spanien zu begeben. Da ich Sicilien in mehr als einer Hinſicht liebgewonnen, und großes Ver⸗ langen hatte, meinen Aufenthalt in dieſem Lande zu verlängern, ſo ſah ich mich veranlaßt, von meinem bisherigen Gönner Abſchied zu nehmen, und eine andere, meinen Wünſchen entſprechende Anſtellung zu ſuchen. Dieſe fand ich beim Oberſten Robinſon, der, wie den Leſern ſchon aus dem vorigen Abſchnitt meiner Reiſen bekannt iſt, zweiter Befehlshaber der engliſch⸗ſiciliſchen Flotille war, und dem man die Verwaltung derſelben, d. i. den Bau und die Aus⸗ * —— 418 rüſtung der Schiffe, das Annehmen und Entlaſſen der Mannſchaften, ihre Beſoldung, Beköſtigung u. ſ. w. anvertraut, und dazu mehrere Gehülfen be⸗ willigt hatte, welche zuſammen eine Kanzlei bildeten. Der mir übertragene Geſchäftszweig betraf die Ausrüſtung der Schiffe. Ich lebte nun in ſehr angenehmen Verhältniſſen. Bei einem guten Gehalte war ich täglich nur von neun Uhr Morgens bis vier Uhr Nachmittags beſchäftigt und übrigens völlig unabhängig. Die Geſchäftsſtube befand ſich im Wohnhauſe des Oberſten, das vor der Stadt, nach der Faroſpitze hin, ſehr romantiſch am Seeufer lag, und eine herrliche Ausſicht über die Meerenge nach den calabriſchen Küſten hatte. Meine Wohnung war nicht weit davon in einem Hauſe, aus deſſen Fenſtern man in die umher liegenden, anmuthigen Gärten ſah; auf dem Dache des Hauſes, das ich, beſonders in den Morgen⸗ ſtunden, oft beſtieg, lag die ganze Stadt mit ihren ſchönen Umgebungen um mich her ausgebreitet. Was die Reize meiner Wohnung ſehr vermehrte, war die Frenndlichkeit und Geſelligkeit meiner Nachbarn, deren Häuſer und Gärten mir ſtets offen ſtanden, und die mich oftmals aufforderten, an ihren häuslichen Freuden oder an den öffentlichen Beluſtigungen Theil zu nehmen. Da übrigens meine Amtsgenoſſen meiſtens Eingeborne und gutmüthige Menſchen waren, ſo erhielt ich durch ſie Gelegenheit, mit mehreren Einwohnern Meſſina's in nähere Bekanntſchaft zu kommen. Daß ich dabei nicht unterließ, oft Ausflüge in die Umgebungen der Stadt zu machen, glaube ich kaum erwähnen zu dürfen, doch übergehe ich, um nicht allzu weitläufig zu werden, die Beſchreibung derſelben, und bemerke nur, daß ich jedesmal begeiſtert von den Naturſchön⸗ heiten Sieiliens zurückkehrte. Der Monat Mai trat mit der völligen Sommerwärme ein, die in Siei⸗ lien 24 bis 26 Grad R. beträgt. Dieſe Wärme dauerte bis zum October gleichmäßig fort; denn nur bei öſtlichen und ſüdlichen Winden erreicht das Thermometer eine Höhe von 30 bis 36, ja bisweilen von 40 Grad. Solche Luftſtröme ſind jedoch im Sommer von kurzer Dauer. Faſt alle Tage wehen Weſt⸗ oder Nordwinde, die des Morgens gegen neun Uhr ſich erheben, dann mit der Sonne, ſo wie ſie ſteigt und ſinkt, an Stärke zu⸗ und abnehmen, bis ſie, wie ſchon oben erwähut wurde, nach Sonnenuntergang in eine völlige Stille übergehen, die während der Nacht durch kühle, von den Bergen herab ſtrömende Lüftchen unterbrochen wird. Dieſe Weſt⸗ und Nordwinde ſind mild und trocken, wobei der Himmel tief blau erſcheint, an welchem nur ein leichtes, weißes Gewölk dann und wann vorüberzieht. Regen iſt blos von den heißen, die Luft mit Dünſten anfüllenden Oſt⸗ und Südwinden zu erwarten. Aber ungeachtet es oft lange nicht regnet, gedeihen doch die Pflanzen kräftig, 174 weil ſie in jeder Nacht von einem ſtarken, befruchtenden Thau benetzt werden, und noch um zehn Uhr des Morgens wie mit Perlen beſäet ſind. Uebrigens kann ich verſichern, daß in Sieilien die Hitze verhältnißmäßig nicht ſo viel Beſchwerde verurſacht, als in Deutſchland, was theils in den beſ⸗ ſern Einrichtungen, ſich davor zu ſchützen, theils in der Reinheit und Leichtig⸗ keit der Luft, in der Gleichförmigkeit der Temperatur, die dem Körper eine ſehr leichte Bekleidung geſtattet, und ihn den Schweiß minder unangenehm empfin⸗ den läßt, ſo wie auch in dem häufigen Genuſſe des Weins liegt, deſſen Feuer der atmoſphäriſchen Wärme kräftig widerſteht. In den letzten Tagen des Mai begannen im Faro mehre Gattungen großer Fiſche ſich zu zeigen, die im Frühjahr aus dem Ocean in das Mittelmeer, be⸗ ſonders an die Küſte von Sicilien kommen, um den Sommer über dort zu bleiben, oder blos vorüber, nach den tiefer liegenden inländiſchen Gewäſſern zu ziehen. Die Fiſcher geriethen nun in große Thätigkeit, und gaben ein unter⸗ haltendes Schauſpiel, woran ich mich oft ergötzte, da man es im Hauſe des Oberſten Robinſon nahe vor Augen hatte. Der vorzüglichſte Gegenſtand, wo⸗ rauf Jagd gemacht wurde, war der Schwertfiſch. Dieſer Fiſch hat eine Länge von zehn bis vierzehn Fuß, ohne das Schwert, welches drei Fuß lang und drei oder vier Zoll breit iſt; ſein Gewicht beträgt hundert bis dreihundert Pfund. Ungeachtet ſeiner Größe beſitzt das milchweiße Fleiſch viel Zartheit und einen guten Geſchmack, worin es dem Kalbfleiſche ſehr nahe kommt. In Scheiben ge⸗ ſchnitten und auf dem Roſte gebraten, gibt es eine angenehme Speiſe, die von den Sieiliern ſehr geſchätzt wird. Zum Fangen des Schwertfiſches bedient man ſich kleiner, bedeckter Seeſchiffe, die längs der Küſte, in gewiſſen Entfernungen von einander, vor Anker gelegt werden. Sie ſind mit einem hohen Maſte ver⸗ ſehen, auf deſſen Spitze beſtändig Jemand Wache hält, um die ſich nahenden Fiſche zu erſpähen. Sobald einer zu Geſichte kommt, wird das Boot zum An⸗ griff abgeſchickt. Ein ſolches Boot, das man„luntra“ nennt, hat eine beſon⸗ dere, auf große Schnelligkeit berechnete Bauart. Es iſt gewöhnlich mit ſieben Leuten bemannt; der eine ſteht vorn, mit einer Harpune in der Hand, vier andere rudern, ein anderer ſteuert, und der ſiebente befindet ſich auf dem Maſte, um den Lauf des verfolgten Gegenſtandes zu beobachten, und ihn dem Steuer⸗ mann durch den Zuruf„rechts“ oder„links“ anzuzeigen. Gewöhnlich gehen die Boote von mehren Schiffen gemeinſchaftlich zu Werke, und dennoch erfordert es oft ein langes Herumfahren, bevor der Fiſch erreicht wird. Sobald dies ge⸗ ſchehen iſt, durchbohrt man ihn mit der Harpune. Er geht ſofort mit großer Schnelligkeit auf den Boden des Meeres, und die lange, an die Harpune ge⸗ bundene Leine läuft in wenig Augenblicken bis zum Ende ab, das an dem 175 Boote befeſtigt iſt. Dieſes wird alsdann, oftmals eine große Strecke, von dem verwundeten Flüchtling mit fortgezogen, und da es bisweilen in Gefahr kommt, unter das Waſſer geriſſen zu werden, ſo ſteht Jemand mit einem Beil bei der Leine, um ſie nöthigenfalls zu kappen. Wenn endlich die Kraft des Gefangenen erſtirbt, wird er mit der Leine herauf gezogen, und an Bord des Schiffes ge⸗ bracht. Außer dem Schwertfiſch macht man in der Meerenge gelegentlich auch Jagd auf andere große Fiſche. Eines Tages ſah ich z. B. einen Hai, von der Gattung, die Linné„sdualus maximus“ nennt, überwältigen. Dieſes Unge⸗ heuer, das viel zu ſchaffen machte, hielt neunzehn Fuß in der Länge, und acht⸗ zehn Centner an Gewicht. Ueberhaupt gehört die Fiſcherei zu den vorzüglichſten Erwerbzweigen der Sieilier. Dies iſt beſonders mit dem Thunfiſchfang der Fall. In einigen Thei⸗ len der Küſte befinden ſich große Anſtalten, wo er im Großen betrieben wird. Solche Anſtalten, die man„tonaré“ nennt, ſind meiſtens das Eigenthum ade⸗ liger Familien, und wie Rittergüter zu betrachten. Sie beſtehen aus mehren großen Gebäuden mit vielen Wohnungen, Niederlagen und Gehöften, die alle mit einer Ringmauer umſchloſſen ſind. Außer einer Menge Fiſcher werden dort beſondere Leute, um den Fiſch zu ſalzen und zum Verſenden in Fäſſer zu packen, ſo wie auch Böttcher, Seiler, Zimmerleute und überhaupt alle Handwerker, deren man bedarf, unterhalten, ſo daß die ganze Menſchenmaſſe ſich auf drei bis ſechs hundert Köpfe beläuft. Das Fangen des Fiſches geſchieht auf fol⸗ gende Weiſe. Es wird, da die Fiſche ſehr tief im Waſſer ſchwimmen, eine Viertelmeile vom Ufer, auf den Grund des Meeres ein großes Netz geſenkt, das funfzehn hundert Fuß lang, drei hundert breit, und, nach Verhältniß der Waſſertiefe, vierzig bis hundert Fuß hoch iſt. Den untern, hier und da mit Bleiklumpen beſchwerten Theil halten Anker feſt, während den obern große Stücke Kork empor heben, ſo daß das Ganze ſtraff ausgebreitet wird. Es be⸗ ſteht aus vier Räumen oder, wie man ſagt, Kammern, die durch trichterförmige, inwendig mit Klappen verſehene Oeffnungen verbunden ſind, daher der Fiſch leicht hinein, aber nicht wieder heraus kommen kann. Die Oeffnungen gehen nach Weſten, weil die Fiſche ihren Zug nach Oſten nehmen. Wenn dieſe in den erſten Raum gerathen, ſo ſchlüpfen ſie leicht durch die folgenden bis in den letzten, welchen man die Todtenkammer nennt, und welcher, weil hier die Thiere vergebens einen Ausweg ſuchen und deshalb ſehr unruhig ſind, zur größern Sicherheit von ſtärkern Seilen, als die übrigen verfertigt iſt. Es bleibt beſtän⸗ dig ein Boot mit Leuten bei dem Netze, die es bewachen und einander ablöſen. Der Wachende pflegt, auf dem Bauche liegend, ſeinen Blick unverwandt hinab in's Meer zu richten; im Fall die Unruhe desſelben ihn in die Tiefe zu ſehen 176 hindert, gießt er dann und wann etwas Oel aus, um es zu beruhigen. Wenn nun das Netz ſich voll gefüllt hat, was bisweilen alle drei bis vier Stunden geſchieht, oft aber auch zwei bis drei Tage Zeit erfordert, ſo wird eine Kanone abgefeuert, um die in der Tonnara befindlichen Mannſchaften davon zu benach⸗ richtigen. Sie umringen ſofort das Netz mit großen, flachen, beſonders dazu gebauten Fahrzeugen, die von kleinern unterſtützt werden, und winden es in die Höhe, worauf ſie die Gefangenen mit der Harpune tödten. Bisweilen geſchieht es, daß zu den Thunfiſchen ihr Feind, der Schwertfiſch, ſich geſellt; man zieht dann das Netz, ohne deſſen Füllung abzuwarten, augenblicklich her⸗ auf, weil jener unbändige Gaſt, mit ſeinem ſcharfen Schwert, eine ſchreckliche Zerſtörung anrichtet. Uebrigens werden die Thunfiſche hauptſächlich in den Monaten Mai, Juni und Juli gefangen, wenn ſie bei Sicilien vorüber, nach dem ſchwarzen Meere ziehen; auf ihrer Rückkehr im October und November ſtellt man ihnen auch nach, aber mit minder glücklichem Erfolg, weil ſie ſich dann meiſtens an der afrikaniſchen Küſte hin halten. Die ſiciliſchen Fiſcher beſitzen viel Muth und eine außerordentliche Thä⸗ tigkeit. Doch wenden ſie mitunter ſehr ungeſchickte Maßregeln an, und treiben mit den Erzeugniſſen des Meeres eine ziemlich unkluge Wirthſchaft. So iſt es z. B. gewöhnlich, bei friſchem Winde mit zwei Fahrzeugen, die in einiger Ent⸗ fernung neben einander ſegeln, ein ungeheures Netz zu ſchleppen, das alles, was ihm in den Weg kommt, und neben den ausgewachſenen Fiſchen auch die Millionen junger Brut mit aufrafft, welche man ſelten wieder in Freiheit ſetzt, ein Verfahren, das die Fiſchmaſſe des Mittelmeeres nach und nach ganz auf⸗ reiben würde, wenn nicht der Ocean aus ſeinen unerſchöpflichen Vorräthen die Lücken jährlich wieder ausfüllte. Im Monat Juni wurden die Fiſcher in der Meerenge und deſſen Umge⸗ bung, durch calabriſche Kaperſchiffe, oft beunruhigt und in ihrer Beſchäftigung unterbrochen. Der Oberſt Robinſon ſah ſich daher mehrmals genöthigt, mit den Kanonenbooten auszulaufen und jene Ruheſtörer zu verſcheuchen. Da dies aber nicht fruchtete, ſo fanden am 13., 14. und 15. mehre Unternehmungen Statt, um ſie ernſtlich zu züchtigen, die auch ihren Zweck nicht verfehlten.— Man drang in einige calabriſche Häfen, beſonders in die von Reggio und Sciglio, und nahm, verſenkte oder verbrannte gegen zwanzig Fahrzeuge.— Hierauf kehrte die Thätigkeit der Fiſcher zurück, und wurde den ganzen Som⸗ mer nicht wieder geſtört. Am 18. Juni führte mich ein Bekannter in die Kirche des großen und reichen Nonnenkloſters, Santa Barbara genannt, um der Einweihung einer Novize, die dort vor ſich gehen ſollte, beizuwohnen. Wir fanden die Kirche S921AoN J0ulo Junloug 177 prächtig geſchmückt und voll von Menſchen, die mit geſpannter Erwartung der feierlichen Handlung entgegenſahen. Endlich, gegen Mittag, ertönten die Glocken der Kirche. Da erſchien, am offenen Fenſter eines Betſtübchens neben dem Hochaltare, die zu weihende Novize, eine ſchöne Jungfrau, welche wie eine Braut, mit prangenden Kleidern und reich mit Gold und Juwelen ge⸗ ſchmückt war. Ihr gegenüber verſammelten ſich ihre zahlreichen Verwandten, die man, wie es bei ſolchen Gelegenheiten üblich iſt, in dem Kloſter mit einem Frühſtück bewirthet hatte. Die feierliche Handlung begann mit einer Meſſe, die von dem Erzbiſchof und mehren Geiſtlichen vor dem Altar, und von den Nonnen auf der mit Gitterwerk umſchloſſenen Emporkirche geſungen ward. Nach deren Beendigung empfing die Jungfran, aus der Hand des Erzbiſchofs, das heilige Abendmahl. Hierauf näherten ſich ihr die Aebtiſſin und einige bejahrte Nonnen, und nahmen ihr öffentlich den bräutlichen Schmuck ab. Sie wurde dann auf die Seite geführt, nach wenig Minuten aber in veränderter Geſtalt, mit einem ſchwarzen Gewand, einem weißen Halstuch und einer der⸗ gleichen Schürze, ſo wie mit einem weißen Kopfſchleier bekleidet, wieder zum Vorſchein gebracht, indem eine rauſchende Muſik und der Ruf des Volkes: „Eh viva benedetta!“ ſie empfing, womit die Feierlichkeit ſich endigte. Einige Tage nachher ſah ich in dem nämlichen Kloſter eine Novize, die ihr Probejahr beſtanden hatte, zur Nonne einkleiden. Sie trat, in einem klöſterlichen Anzuge, jedoch mit loſem, herabwallendem Haar, in die feſtlich geſchmückte und mit Zuſchauern angefüllte Kirche. Ihr zur Seite ging die Aebtiſſin, und hinter ihr kamen die ſämmtlichen Nonnen des Kloſters, worauf ihre Verwandten folgten. Mit zitternden Schritten näherte ſie ſich dem Hochaltar. Hier, wo der Erzbiſchof und andere Geiſtliche ſie erwarteten, kniete ſte nieder, während die Nonnen einen Kreis um ſie ſchloſſen, und ihre Verwandten in einiger Entfernung ſtehen blieben. Nachdem nun der Biſchof in einer Rede die große Wichtigkeit ihres Entſchluſſes auseinander geſetzt, und ſie dennoch demſelben treu zu bleiben erklärt hatte, ward ihr, als einer Braut Chriſti, eine Myrtenkrone aufgeſetzt, und ein Palmenzweig in die Rechte ge⸗ geben, worauf ſie das heilige Gelübde ablegte. Nach dieſer Handlung erhob ſie ſich von den Stufen des Altars, und beſtieg das mitten in der Kirche er⸗ richtete Trauergerüſt, auf welchem ſie ſich unter einem ausgebreiteten ſchwar⸗ zen Tuche verbarg, während die Nonnen, unter dem Läuten der Glocken, ein Sterbelied ſangen; ein Act, welcher bedeutet, daß die Eingeweihte der Welt abgeſtorben iſt. Nach Beendigung des Geſangs kam ſie wieder herab nach dem Altare, wo man ihr das Haar auf der Scheitel abſchnitt, eine weiße Binde um das Kinn und die Wangen, und eine zweite um die Stirn band, Richter's Reiſen. II. 12 einen ſchwarzen Schleier über den Kopf warf, und um den Leib einen Gürtel befeſtigte, an welchem ein Roſenkranz und ein Crueifix, ſo wie auch ein Ge⸗ bund Schlüſſel zu ihrer Zelle u. ſ. w. herabhing. Hierauf begab ſie ſich, geführt von ihren Schweſtern, in die Kloſterwohnung zurück, und ihre Ange⸗ hörigen folgten, um ihr Glückwünſche abzuſtatten, und die Arbeiten, welche ſie während ihres Aufenthalltes im Kloſter verfertigt hatte, zum Andenken zu erhalten. Die verſammelte Volksmenge ging in tiefer Stille aus einander; denn jedes Herz war gerührt und manche Thräne vergoſſen worden. Die Nonnen ſind in Sicilien keinen ſo ſtrengen Regeln als in andern Ländern unterworfen. Außer der Erholung und Vergnügung in den ſchönen Gärten, die ihre Klöſter beſitzen, iſt ihnen geſtattet, vergitterte Altane nach den Straßen anzulegen; ſie dürfen Landſitze bewohnen, und, wenn ſie in die Jahre kommen, ſogar eine Privatwohnung in der Stadt beziehen. Da übrigens die Nonnenklöſter meiſtens mit guten Einkünften verſehen, und die Werkſtätte vieler weiblicher Arbeiten, auch der Sitz der Muſik und anderer angenehmen Künſte ſind, ſo führen ihre Bewohnerinnen zwar ein einförmiges, aber dennoch bequemes und nicht reizloſes Leben. Obſchon die meiſten Non⸗ nen von ihren Aeltern, aus Bigotterie oder Geiz, zu ihrem Stande gezwungen, und oft ſchon bei ihrer Geburt dazu beſtimmt worden ſind, ſo ertragen ſie doch ihr Loos mit vieler Hingebung und Geduld, weil ſie, ſchon vom fünften Jahre⸗ an im Kloſter erzogen, dasſelbe als ihre Heimath betrachten, und ſich von der Welt, die ihnen fremd iſt, wenig angezogen fühlen. Eines Abends, als ich ziemlich ſpät nach meiner Wohnung ging, ſtieß mir eine ſonderbare Erſcheinung auf. Ich vernahm ein Geſchrei, das dem Heulen eines Wolfes glich, und als es näher kam, bemerkte ich, daß es von einem Menſchen verurſacht wurde, der auf den Händen und Füßen lief. Ein Herr, der ſich hinter mir befand, rief mir zu:„He! Sehen Sie den Lupinaro dort?“ Ich erfuhr nun von ihm und nachher auch von andern Leuten, daß dieſer Menſch mit einer, in Sieilien dann und wann vorkommenden, Krank⸗ heit behaftet ſei, die man„male di lupo“(Wolfskrankheit) nennt. Dieſes Uebel, bei welchem hauptſächlich das Rückgrat angegriffen iſt, hat das Eigene, daß der Leidende ſich nicht aufrichten kann, ſondern die Stellung eines vier⸗ füßigen Thieres annimmt, ein heulendes Geſchrei ausſtößt, und, aller Beſin⸗ nung beraubt, die ihm zu nahe kommenden Leute kratzt und beißt. Dabei hat er Neigung, das Freie zu ſuchen, und ſich in Pfützen zu wälzen. Das Uebel iſt meiſtens chroniſch, und erbt oftmals vom Vater auf den Sohn, äußert ſich aber nur in den heißen Sommermonaten, und zwar zur Zeit des Vollmondes, in der Nacht. Es ſoll zu heilen ſein, wenn man den Kranken, 179 während eines Anfalls, in der Gegend des Rückgrats mit einem Meſſer, Degen oder anderen ſcharfen Werkzeuge verwundet, ſo daß etwas Blut fließt. Indeß entſchließen ſich die Angehörigen eines ſolchen Kranken ſelten, ihm dieſen Dienſt zu erweiſen, weil ſie ſich vor ihm ſcheuen, oder befürchten, daß die Verwundung mißlingen und eine gefährliche Stelle treffen möchte; ge⸗ wöhnlich thut man nichts, als des Abends Waſſer vor dem Hauſe zu gießen und die Thür desſelben in der Nacht offen zu laſſen, damit er ſeiner Neigung, ſich auf der Straße in Pfützen zu wälzen, ungehindert folgen kann. 6. Die Peſt in Meſſina's Hafen.— Ein unangenehmer Vorfall.— Veranſtaltung von Proceſſionen, Regen zu erflehen.— Das Auguſtfeſt.— Der Aufruhr in Meſſina,— Das griechiſche Regiment. Am 10. Juli brach in Meſſina's Hafen, auf einem griechiſchen Schiffe, das aus der Levante gekommen war und die Quarantäne hielt, die Peſt aus. Schon am Abend ſtarben zwei von den darauf befindlichen Menſchen; ihnen folgten in der Nacht drei andere, und am Morgen befand ſich die ganze Mannſchaft krank, ſo wie auch der ihnen beigegebene Quarantänewächter. Beſtürzung und Angſt ergriff nun die Leute auf allen Schiffen und in der Stadt, und die Obrigkeit ſah ſich genöthigt, zur äußerſten Maßregel zu ſchrei⸗ ten, um dem weitern Verbreiten der ſchrecklichen Seuche vorzubeugen. Man kappte die Anker des verpeſteten Schiffes, und bugſirte dasſelbe in die Meer⸗ enge, wo es von den Kanonen der Feſtung Salvatore in den Grund gebohrt wurde. Schauderhaft war es anzuſehen, als das Schiff unterſank, und die noch lebende Mannſchaft, obſchon durch Krankheit dem Tode nahe, dennoch dem Ertrinken zu entrinnen ſtrebte; Einige klommen an den Maſten hinauf, bis dieſe mit ihnen in den Fluthen verſchwanden, und Einige ſchwammen auf der Oberfläche des Waſſers, bis man ihre Qual mit Flintenſchüſſen endigte. — So grauſam auch dieſe Maßregel war, ſo wurde ſie doch durch die Folge gerechtfertigt, denn Meſſina, wo die Peſt ſchon mehrmals viele tauſend Men⸗ ſchen hinweggerafft hat, blieb diesmal davon verſchont. Der erwähnte traurige Vorfall machte, daß die Quarantäne⸗Beamten in den nächſten Tagen eine außerordentliche Wachſamkeit und faſt übertriebene Strenge zeigten. Dies zog mir eine kleine Unannehmlichkeit zu. Ich fuhr eines Tages, in amtlichen Verrichtungen, durch den Hafen nach dem engliſchen Zimmerwerft. Unglücklicherweiſe kam mein Boot in Berührung mit dem eines türkiſchen Schiffes, das die Quarantäne halten mußte, und ſogleich eil⸗ ten einige Wächter herbei, die mich und meine Leute in Beſchlag nahmen. 5 12* 180 Wir wurden in das Quarantänehaus gebracht und verurtheilt, vierzehn Tage lang darin zu bleiben. Da ich jedoch im Dienſte der Engländer, und der Oberſt Robinſon mein mächtiger Fürſprecher war, ſo hatte die Gefangen⸗ ſchaft nach acht Tagen ein Ende. In der letzten Hälfte des Juli fahen Meſſina's Einwohner täglich der Veranſtaltung von Proceſſtonen entgegen, um von dem Himmel Regen zu er⸗ flehen, den das Land ſeit vielen Wochen entbehrte. Allein, da der Luftkreis fortwährend rein war, und der Barometer beſtändiges Wetter zeigte, ſo fand die Geiſtlichkeit, im Gefühl ihrer Ohnmacht, den Lauf der Natur zu ändern, für gut, die Erfüllung dieſes Wunſches in die Länge zu ziehen. Endlich am 31., wo in der Nacht kein Thau gefallen war, ſtieg der Barometer, das Blau des Himmels umzog ſich wie mit Flor, und die Höhen der calabriſchen Berge ſchienen zu rauchen, ſo wie tauſend andere Umſtände den nahen Wechſel des Wetters verkündigten. Da ertönten die Glocken aller Kirchen, um das Volk zu feierlichen Umgängen aufzufordern; jede Gemeine zog, mit ihren Prieſtern an der Spitze, unter Abſingung kläglicher Lieder, durch die Straßen ihres Bezirks. Dies mochte drei Stunden gedauert haben, als ein Gewitter ſich zuſammenzog und der Regen in Strömen herabſtürzte, worauf die Volks⸗ menge nach Hauſe ging, und die Wunder werke der heiligen Maria pries. In der Mitte des Auguſt, einer Jahreszeit, wo die Früchte geärntet, und die Ackerleute, die Winzer und Gärtner zur Ruhe gekommen waren, ward in Meſſina, wie es alle Jahre geſchieht, ein großes, drei Tage dauerndes Volksfeſt gefeiert. Zu dieſem Feſte, mit welchem eine Meſſe verbunden iſt, ſtrömen nicht nur die Einwohner der vierzig, zur Stadt gehörigen Ortſchaf⸗ ten, ſondern auch Leute aus allen Theilen der Inſel, und Jung und Alt, jedes Standes und Geſchlechts, ſchwelgt vom Morgen bis ſpät am Abend im Ge⸗ nuß der ſich darbietenden Freuden. Auf allen Straßen befinden ſich Buden, wo Handelsleute, unter andern viele Goldſchmiede, ihre Waaren feil bieten, Bereiter, Puppen⸗ und Taſchenſpieler ihre Künſte zeigen, und Früchte, Ge⸗ frorenes und Näſchereien aller Art verkauft werden. Einige freie Plätze wimmeln ganz von ſchmauſendem Landvolk, das ſich daſelbſt Backöfen aus Erde und Steinen aufgeſetzt hat, um die mitgebrachten Ziegen und Schafe zu braten. Auf dem Platze,„Fontana di San Giovanni“ genannt, iſt auf Koſten der Kirchen und Klöſter eine große Galeere gebaut, zum Andenken an die wunderbare Begebenheit, daß während eines ſolchen Feſtes, wo die vielen Fremden einen Mangel an Lebensmitteln verurſachten, unvermuthet einige Schiffe mit Getreide kamen und, ſobald dieſes ausgeladen war, verſchwanden. Auf dieſer Galeere ſieht man nicht nur alle, den türkiſchen Schiffen eigen⸗ 181 thümliche Einrichtungen, in Betreff der Maſten, Segel, Kammern u. ſ. w., ſondern auch eine zahlreiche, auf mannigfache Weiſe beſchäftigte Mannſchaft. Uebrigens iſt das Fahrzeug ſehr prächtig verziert, und wird des Abends glänzend erleuchtet. Auf dem Verdeck desſelben befinden ſich einige Muſik⸗ chöre, die fortwährend ſpielen; und des Mittags und Abends werden der Adel, die hohe Geiſtlichkeit, die Senatoren und überhaupt die vornehmſten Einwohner der Stadt darauf bewirthet. Obſchon man die zum Bau ge⸗ hörigen Stoffe von einem Jahre zu dem andern aufbewahrt, ſo verurſacht er doch, da er zehn bis zwölf Wochen lang eine Menge Arbeiter beſchäftigt, und oft eine Erneuerung der Malereien, Vergoldungen und übrigen Zierrathen erfordert, einen großen Aufwand; er ſoll, mit Inbegriff der Koſten für die Erleuchtung, die Gaſtmähler u. ſ. w., gewöhnlich auf 14,000 Thaler ſich be⸗ laufen. Ein anderer Gegenſtand der öffentlichen Beluſtigung iſt die Dar⸗ ſtellung eines Rieſen und einer Rieſin, Mata und Griffone genaunt, worunter man Zanclus und Rhea, die angeblichen Gründer der Stadt, ſich denkt. Dieſe beiden zu Pferde ſitzenden Geſtalten haben eine ſo übermäßige Größe, daß die Köpfe bis an das zweite Stockwerk der Häuſer reichen; ſie ſind, wie die Pferde, aus Pappe verfertigt. Der Anzug derſelben wird jährlich ver⸗ ändert, und dient den Einwohnern zum Muſter ihrer Tracht. Man fährt ſie auf Schleifen feierlich durch die Stadt, wobei mancher lächerliche Auftritt Statt findet, da die Landleute dieſe Geſtalten als Heilige betrachten, und, indem ſie Leitern anlegen und hinaufſteigen, oder einander auf die Schul⸗ tern, oder auf andere Gegenſtände klettern, die Füße derſelben küſſen und ſich dadurch glücklich fühlen. Die beiden Rieſen werden das ganze Jahr hindurch in einem beſondern Gebäude, das mit einem ungeheuren Thor ver⸗ ſehen iſt, aufbewahrt, und nur während des Auguſtfeſtes zum Vorſchein ge⸗ bracht. Außer ihnen wird auch ein ungeheures Kameel, und zwar von Leuten in ſaraceniſcher Kleidung, zur Schau herumgeführt. Es iſt nämlich in die Haut eines Kameels ein Pferd eingenäht, indem die Zwiſchenräume mit Stroh ausgefüllt ſind; auch befindet ſich ein Menſch darin, der den Kopf des Thieres in Bewegung ſetzt, ſo daß es z. B. das vorgehaltene Futter zu freſſen ſcheint, u. m. d. Die ganze Poſſe hat den Zweck, die vormalige Herr⸗ ſchaft und Vertreibung der Saracenen in's Gedächtniß zu rufen. Der letzte und vorzüglichſte Tag des Feſtes, der 15. Auguſt, auf welchen zugleich das Feſt der Himmelfahrt Mariä fällt, wird zu Ehren dieſer Heiligen, als Meſſina's Beſchützerin, mit beſonderen Feierlichkeiten begangen. Man errichtet an dem Tage, welcher bei den Meſſinern für den freudenvollſten im ganzen Jahre gilt, ein prächtiges Schaugerüſt,„die Bara“ oder„Baretta“ genannt, welches die Hauptſache des ganzen Feſtes iſt, daher dieſes auch mit demſelben Namen bezeichnet wird. Der untere Theil der Baretta beſteht in einem Poſtament, worauf das Grabmal der heiligen Jungfrau dargeſtellt iſt. Sie ruht, in ſchwarzen und weißen Kleidern und umgeben mit einem Heiligen⸗ ſchein, auf einer Bahre. Die zwölf Apoſtel, wozu Knaben von zwölf bis funf⸗ zehn Jahren, aus vornehmen Familien, gewählt werden, knieen an ihrer Seite und ſingen, unterſtützt von Prieſtern, die ſich im Hintergrunde der Gruft befin⸗ den, Todtengeſänge. Ueber der Gruft erblickt man einen Wolkenhimmel, mit der Sonne auf der einen und dem Vollmond auf der andern Seite, und dar⸗ über die Weltkugel mit vergoldeten Sternen; ſie dreht ſich, ſo wie auch die Sonne und der Mond, fortwährend herum Ueber der Weltkugel befindet ſich ein Gewölk, auf welchem Gott der Vater ſteht. Dies iſt ein dreizehn⸗ bis vierzehnjähriger Knabe mit einem weiten Gewande von Gold⸗ und Silberſtoff und einem Strahlenkranze um das Haupt; auch hat er einen ſchneeweißen, langen Bart, und überhaupt das Anſehen eines hochbejahrten Greiſes. Er hält, mit der ausgeſtreckten Rechten, die in den Himmel erhobene Maria empor. Die Maria, ein ſchönes Mädchen von ſieben Jahren, trägt lange Beinkleider von weißer Seide, die über den Knöcheln mit roſenfarbigem Bande zugebunden find; ihr übriger Anzug beſteht in einem ſchwarzen Kleide, einem weißen, wie einen Mantel umgenommenen Schleier, und in Schuhen von weißem Atlas. Das lange, fliegende Haar iſt mit weißen Sternen geſchmückt, und ein Ring von goldenen Sternen umgiebt das Haupt. Sie ſingt einen Geſang und erhebt von Zeit zu Zeit die rechte Hand, um die Stadt zu ſegnen. Alle Theile des Gerüſtes, bis hinauf zu den Wolken des Ewigen, ſind mit Engeln umgeben, die in der Luft zu ſchweben ſcheinen, und an den Spitzen der Sonnenſtrahlen befinden ſich Cherubim. Dieſe himmliſchen Heerſchaaren beſtehen aus Kindern armer Leute, meiſtens drei⸗ is fünfjährigen hübſchen Jungen mit dicken Backen und mit Lockenköpfchen, die mit weißen Hoſen und Jacken begleitet, mit roſen⸗ farbigen oder bunten Bändern geziert, und mit Fittigen, ſo wie auch mit einem Palmzweig in der Hand verſehen ſind. Obſchon ihre Stellung gefährlich ſcheint, ſo iſt ſie doch ſicher und bequem, ſo daß ſie mit fröhlicher Miene herab⸗ ſchauen, ihren Bekannten zunicken, und das ihnen mitgegebene Zuckerwerk luſtig verzehren, auch wohl gar in Schlaf fallen, was zuſammen einen ſeltſamen An⸗ blick gewährt. Das künſtliche Gerüſt beſteht aus Eiſenwerk, das die ſämmt⸗ lichen darauf befindlichen Kinder auf eine unmerkbare Weiſe feſthält. Es hat eine große Höhe, ſo daß die Spitze, nämlich der Standpunkt der Maria, 42 Fuß über der Erde ſich befindet. Uebrigens iſt es ſehr prächtig und auffallend ver⸗ ziert, worüber ſich hier keine Beſchreibung im Einzelnen geben läßt. Dieſe Baretta wird, von zwei Uhr Nachmittags an, auf einer Schleife von acht bis zwölf Pferden, in den Hauptſtraßen herum gezogen, während die ſämmtlichen Geiſtlichen und Senatoren in ihren prachtvollſten Kleidern, ſo wie auch mehre Muſikchöre, den Zug begleiten, die Glocken aller Kirchen ertönen, Kanonen und Böller krachen, und die Volksmenge theils betend auf den Knieen liegt, theils außer ſich vor Freuden, ein wildes Geſchrei erhebt; eine Scene, die den ſeltſamſten Eindruck auf den Fremden macht. Um fünf Uhr, wo der Aufzug zu Ende iſt, hält man vor der Cathedralkirche ſtill. Die Maria wird nun vom Gerüſt herab genommen, in die Kirche getragen und auf den Hochaltar geſetzt, worauf der Erzbiſchof dem verſammelten Volke den Segen ertheilt. Sodann macht die Maria den Anfang, ſich in einem Tragſeſſel von einem Hauſe zu dem andern tragen zu laſſen, um den Bewohnern das Lied, welches ſie auf der Baretta geſungen hat, zu wiederholen, und dann die Geſchenke derſelben zu empfangen. Es dauert gewöhnlich drei Monate, bevor ſie dieſen Umgang been⸗ digt. Die eine Hälfte des geſammelten Geldes bleibt, zur künftigen Ausſtattung, in den Händen ihrer Aeltern; die andere kommt dem Kloſter zu Gute, worin ſie ſofort und bis zu ihrer Verheirathung erzogen wird. Wenn ſie aber, wie es oft geſchieht, den Schleier ergreift, ſo bleibt jenes Geld das Eigenthum der Aeltern. Da das Geſchäft, die Maria des Auguſtfeſtes darzuſtellen, ſehr ehren⸗ voll und zugleich belohnend iſt, und da die Töchter aller Bürger ein gleiches Recht dazu haben, ſo pflegt jährlich die Anzahl derer, die ſich dazu erbieten, ſehr groß zu ſein; um Parteilichkeit zu verhüten, läßt man die Wahl durch das Loos entſcheiden.— Am Abende des 15. Auguſt wird die ganze Stadt erleuch⸗ tet, faſt von jedem Dache läßt man Raketen aufſteigen, und auf gewiſſen Stra⸗ ßen und freien Plätzen werden große Feuerwerke abgebrannt. Eine beſondere Art dieſer Feuerwerke beſteht darin, daß man feurige, wie Tauben geſtaltete Maſſen durch die Straßen fliegen läßt, nämlich an Draht, der längs denſelben ausgeſpannt iſt.— Beiläufig muß ich bemerken, daß alle Städte Siciliens die Feſte ihrer Schutzheiligen, z. B. Palermo das Feſt der heil. Roſalia, Catania das der heil. Agatha, Syrakus das der heil. Lucia u. ſ. w., mit ähnlichen Feierlichkeiten begehen. Am 13. September entſtand an der Marina, zwiſchen einem ſiciliſchen und einigen griechiſchen Soldaten, welche letztere ſich im Solde der Engländer befanden, ein Streit, der in Thätlichkeiten überging. Beide Theile bekamen bald Anhänger. Das herbeiſtrömende Volk half ſeinem Landsmanne, und den Griechen eilten von den nahen Wachpoſten gegen ſechzig ihrer Cameraden, ſo wie auch anderes, im engliſchen Dienſte befindliches Militär, beſonders ein Haufe Calabrier, zu Hülfe. Der Kampf ward immer hitziger; die Soldaten 7. gebrauchten ihre Waffen, und das Volk vertheidigte ſich mit Meſſern, Knüppeln und Steinen. Die Volksmenge wuchs in Kurzem auf Tauſende an, und die Sache ſchien ſich zu einer allgemeinen Empörung gegen die Engländer zu ge⸗ ſtalten. In dieſer mißlichen Lage zeigten die Befehlshaber der engliſchen Truppen die größte Mäßigung, indem ſie ihre Untergebenen auf alle Weiſe verhinderten, ſich in den Streit zu miſchen. Beſonders thätig bewies ſich der Oberſt des griechiſchen Regimentes. Sobald der Aufruhr ausbrach, begab er ſich in die Kaſerne ſeiner Leute, und als dieſe, von wüthendem Zorn gegen die Einwohner entbrannt, im Begriff ſtanden, in die Stadt zu ſtürzen, ließ er ſich, wider die Gewohnheit engliſcher Befehlshaber, ſo weit herab, daß er vor ihnen auf die Kniee ſiel, und ſie in den beweglichſten Ausdrücken beſchwor, ſich ruhig zu verhalten. Dies und die große Achtung, welche ſeine Untergebenen für ihn hatten, beſänftigte ſie und machte, daß nicht ein Mann die Kaſerne verließ.— Aber ungeachtet dieſer Verſuche, den Aufruhr auf dem Wege der Güte zu ſtillen, wurden dennoch auch die nöthigen Maßregeln nicht verabſäumt, um ihn mit Nachdruck zu erſticken, wenn er allzu gefährlich werden ſollte. Die Cavalerie und Infanterie war in ihren Kaſernen aufgeſtellt und bereit, auf das erſte Zei⸗ chen auszurücken; die Artilleriſten der Citadelle ſtanden auf den Batterien, nach der Stadt hin, mit brennender Lunte bei dem geladenen Geſchütz, und die Kanonenboote mußten ihre Stellung längs der Marina nehmen, ſo daß ſie die dahin führenden Straßen beherrſchten. Dieſe furchtbaren Maßregeln bewirkten, daß der Lärm, nachdem er von zwei bis vier Uhr Nachmittags gedauert und ſich über einen großen Theil der Stadt verbreitet hatte, nachließ; das Volk verlor ſich in die Häuſer, ſo wie auch die Griechen und ihre Gefährten von dem Kampfplatze verſchwanden. Man erfuhr nun, daß vierzehn Eingeborne und fünf Griechen umgekommen waren; die Zahl der Verwundeten belief ſich auf einige Hunderte. Die Engländer ließen auf ihre Koſten die getödteten Bürger begraben und die verwundeten heilen; auch ſorgten ſie für die Nachgelaſſenen derer, die ohne ihr Verſchulden das Leben im Getümmel eingebüßt hatten.— Da ſie überdies den Vorfall, ohne Jemand zur Rechenſchaft darüber zu ziehen, als ungeſchehen betrachteten, ſo legte ſich in Kurzem die gegenſeitige Erbitte⸗ rung der Parteien, und das gute Vernehmen, worin die engliſchen Truppen mit Meſſina's Einwohnern bisher geſtanden hatten, und deſſen Bruch die nach⸗ theiligſten Folgen hätte haben können, wurde völlig wieder hergeſtellt. Ja, ſchon am nächſten Tage miſchten ſich die griechiſchen Soldaten friedlich unter die Einwohner, und beide Theile ſuchten jede Erinnerung an das Geſchehene zu vermeiden. Es hat ſich auch nachher, bis zum Abzug der fremden Truppen aus Sicilien, nie wieder etwas Aehnliches in Meſſina zugetragen. Uebrigens beweiſt der erzählte Vorfall, wie leicht die Sieilier in Harniſch zu bringen, aber auch zu begütigen ſind. Von den vielen ſonderbaren Vorfällen bei jenem Aufruhr will ich nur einen erwähnen. Ein Prieſter ging, begleitet von ſeinem Diener, über einen freien Platz, wo eben ein Gefecht Statt gefunden hatte. Sie ſtießen auf einen griechiſchen Unteroffizier, der in ſeinem Blute lag und anſcheinend todt war. Der Diener, noch von Rachſucht entflammt, hob einen großen Stein auf, um ihn dem Griechen auf den Kopf zu werfen, was aber ſein Herr verhinderte. Kaum waren ſie zehn Schritte weiter gekommen, als der vermeinte Todte auf⸗ ſprang, und mit großer Schnelligkeit nach der Kaſerne ſeines Regimentes lief, die er auch glücklich erreichte. Man fand, daß er gegen vierzehn, zum Theil ſehr gefährliche Stichwunden in den Unterleib erhalten hatte. Deſſen ungeach⸗ tet gelang es einem Wundarzte des Regimentes, einem Deutſchen, ihn inner⸗ halb vier Wochen herzuſtellen, ſo daß er nach wie vor ſeinen Dienſt verrichten konnte. Hierbei entſteht die Frage, ob man die Kraft des Verwundeten, oder die Kunſt des Arztes mehr bewundern ſoll? Dem ſei, wie ihm wolle, das Publikum ſchrieb Alles auf Rechnung des letzteren, der dadurch in ganz Sici⸗ lien einen großen Ruhm erlangte, weshalb man ihn bald darauf als Hofarzt nach Palermo berief. Da das erwähnte griechiſche Regiment in mancher Hinſicht merkwürdig war, ſo wird es meinen Leſern nicht unwillkommen ſein, wenn ich einige Be⸗ merkungen darüber mittheile. Dieſes Regiment, das die Engländer auf der Inſel Zante errichtet hatten, beſtand nicht nur aus dortigen Eingebornen, ſondern auch aus Leuten von andern griechiſchen Inſeln, ſo wie aus Moreoten, Albaniern u. ſ. w. Es waren kräftige, ſchön gewachſene Männer, mit breiten Schultern und hoher Bruſt, mit ſchwarzem Haar, funkelnden ſchwarzen Augen und einer blühenden, obſchon etwas bräunlichen Geſichtsfarbe. In ihrer Miene ſprach ſich große Kühnheit und Verſchlagenheit aus. In den Be⸗ wegungen des Körpers herrſchte eine Gewandtheit, wie man ſie vielleicht nur bei den franzöſiſchen Soldaten findet. Die Kleidung der Gemeinen beſtand in folgenden Stücken: Eine kleine, blos die Scheitel bedeckende runde Mütze von rothem Tuch, mit ſchwarzer Quaſte; eine bis zu den Hüften herab gehende, rund abgeſchnittene Jacke von rothem Tuch, mit gelben Aufſchlägen, ohne Kragen; weiße, baumwollene Beinkleider und darüber, nach Art der Berg⸗ ſchotten, ein bis an die Kniee reichender Schurz mit vielen Falten, ebenfalls von weißer Baumwolle; eine Leibbinde von demſelben Stoff, die das untere Ende der Jacke und das obere des Schurzes bedeckte; Kamaſchen von rothem Tuch, an den Seiten mit meſſingenen Hefteln, und vorn mit ſchmalen, einander durchkreuzenden Streifen von gelbem Tuch; und kurze Schnürſtiefeln von ſchwarzem Leder. Hierzu kam bei kaltem oder regneriſchem Wetter ein Ober⸗ rock von grauem Tuch. Den Hals trugen ſie blos. Das Haar war vorn kurz abgeſchoren; hinten hing es bis in die Gegend des Nackens herab. Sie hatten keine Backenbärte, aber einen Schnurrbart, deſſen lange Enden ſich in eine Locke krümmten. Ihre Waffen beſchränkten ſich auf eine Flinte und ein Bajonett, das gewöhnlich, an der Stelle des Seitengewehrs, in einer Scheide ſtak. Die Unterſcheidungszeichen der Offiziere waren ein lederner, mit Meſſtng verzierter Helm, ein meſſingener Bruſtſchild, ein Säbel in ſtählerner Scheide, und ſilberne Schnüre längs den Näthen der Jacke; die Epaulettes fehlten. Daß übrigens alle Theile der Kleidung von feinern Stoffen als bei den Ge⸗ meinen verfertigt waren, bedarf kaum einer Erwähnung. Der Stab des Re⸗ gimentes beſtand aus lauter Engländern, ſo wie ſich auch viele unter den übrigen Offizieren befanden. Die Offtziere griechiſcher Nation waren meiſtens Leute von geringer Bildung, die ſich vom Gemeinen an empor geſchwungen hatten. Bei jeder Compagnie befand ſich ein Trommelſchläger; die Muſik des Regimentes war eine Art Janitſcharenmuſik. Dieſe Truppen zeigten bei ihren Waffenübungen eine große Fertigkeit, und hatten ſich bereits in einigen Feld⸗ zügen vortheilhaft ausgezeichnet. Beſonders rühmte man das Benehmen der gemeinen Soldaten auf den Vorpoſten, bei Angriffen mit dem Bajonett, bei Erſtürmung feſter Plätze, und überhaupt bei Unternehmungen, wo es auf die Klugheit und perſönliche Tapferkeit des Einzelnen ankommt. Dagegen hatten ſie oft eine große Widerſpenſtigkeit gegen ihre Befehlshaber, und eine Geneigt⸗ heit bewieſen, nach eigener Willkühr zu handeln, z. B. den Feind anzugreifen, oder ſich zurückzuziehen. 7. Der Verf. übernimmt die Stelle des Flaggenkapitäns und Supercargo's auf einem ſiciliſchen Schiffe, das nach Aegypten beſtimmt iſt.— Einige allgemeine Bemerkungen über Sicilien. Zu der Zeit, wo die Engländer Sicilien beſetzt hielten, führten viele Schiffe dieſes Landes die engliſche Flagge, um vor den Algierern ſicher zu ſein; denn ob ſie ſchon meiſtens unter Bedeckung eines engliſchen Kriegsſchiffes reiſten, ſo geſchah es doch oft, daß ſie bei ſtürmiſchem Wetter davon getrennt und eine Beute jener Seeräuber wurden. Zur Führung dieſer Flagge war, außer den damit verbundenen Unkoſten, erforderlich, daß die Schiffe zur Hälfte mit Engländern, oder wenigſtens mit Leuten, welche dieſer Nation 187 gedient und ſich gleichſam das Bürgerrecht bei ihr erworben hatten, bemannt waren. Beſonders mußten ſie einen ſogenannten Flaggenkapitän am Bord haben, d. i. eine Perſon, die in Fällen, wo es der Flagge gilt, die Stelle des Kapitäns vertritt. Im Monat October ward in Meſſina eine ſolche Perſon für ein Schiff geſucht, das beſtimmt war, eine Reiſe nach Aegypten zu machen. Da ich trotz der großen Vorliebe, die ich für Sieilien gefaßt hatte, Aegypten zu ſehen wünſchte, und mein bisheriger Gönner, der Oberſt Robinſon, der Befriedigung meines Wunſches kein Hinderniß in den Weg legte, auch jenes ſiciliſche Schiff, aus Gründen, die ſpäterhin meinen Leſern einleuchten werden, für mich anziehend war, ſo bewarb ich mich um die Stelle des Flaggenkapi⸗ täns, welchen man ſuchte. Ich bekam dieſelbe, und zugleich wurde mir das Amt eines Supercargo's übertragen. Am 17. October fand meine Verpflich⸗ tung beim engliſchen Konſul Statt.— Ich trenne mich nun auf einige Zeit von Sicilien. Um jedoch meine Bemerkungen über dieſes Land nicht allzu ſehr von einander zu reißen, will ich hier noch Einiges im Allgemeinen darüber mittheilen, und künftig, wenn ich wieder darauf zurückkomme, nur einzelne Umſtände und Vorfälle erwähnen. Die Inſel Sicilien hat— wie man z. B. auf dem Aetna deutlich ſieht,— die Geſtalt eines Dreiecks, mit zwei ſpitzen Winkeln und einem ſtumpfen. Die beiden erſten dieſer Winkel bildet im Nordoſten die Faroſpitze und im Süden das Cap Paſſaro, den letzten der im Weſten, vom Cap Granitola bis zum Cap Santo Vito hinlaufende Landſtrich. Die Küſten ſind größten Theils hoch und ſteil, ein Bollwerk, das nicht nur dem Andrange des Meeres mächtig widerſteht, ſondern auch feindlichen Angriffen vielfache Hinderniſſe entgegen⸗ ſtellt. Das Innere des Landes iſt eine Maſſe von Bergen und Schluchten, ſo wie von Thälern, deren einige ſich zu geräumigen Ebenen ausbreiten. Die vorzüglichſten Berge ſind, außer dem Aetna, die in einer Reihe fortlaufenden peloriſchen oder neptuniſchen, welche die nördlichen und nordöſtlichen Küſten bilden, und wovon viele Zweige in verſchiedenen Richtungen ausgehen; ſie verflächen ſich ſtufenweiſe gegen Südweſten hin. Dieſe Berge, die ein Urge⸗ birge ſind, deckt mehr oder weniger eine Schicht Kalk, der mit Schwefelkies, Talkſtein und Schiſtus, ſo wie mit Ueberreſten von Seekörpern und mit Mi⸗ neralien vermiſcht iſt. Viele derſelben erheben ſich 2000, einige 3000 und der höchſte 3690 Fuß über die Meeresfläche; die Höhe des Aetna beträgt, nach einer von den Engländern unternommenen Meſſung, 10,874 Fuß. Uebrigens haben die ſiciliſchen Berge das Eigene, daß ſie, wie die aſiatiſchen, auf ihren Gipfeln kahl ſind. Sicilien hat keine großen und überhaupt wenig eigentliche Flüſſe; die 188 vorzüglichſten ſind die Glarretta(ehedem Simäthus), der Salſo, der Belici, der Platani und die Alcantara. Deſto größer iſt die Menge der Fiumaren oder wilden Ströme, welche, ſo oft es regnet, ſich im Gebirge ſammeln und herab nach dem Meere zu ſtürzen. Auch gibt es viele ſumpfige Gegenden, meiſtens tiefe Gründe, aus welchen das von den Bergen herab fließende Regenwaſſer keinen Ausweg findet. Faſt alle großen Städte Siciliens liegen an der Küſte. Nächſt Palermo, Catania und Meſſina werden vorzüglich Trapani, Marſala, Girgenti und Syrakus, außerdem aber noch neun oder zehn andere dazu gerechnet. Einem alten Herkommen gemäß gibt man ihnen, in Bezug auf ihre Eigenſchaften, beſondere Beinamen; Palermo z. B. heißt„la Felice“(die Glückliche), Ca⸗ tania„LIllustre“(die Berühmte), Meſſina„la Nobile“(die Edle), Syra⸗ kus„la Fedele“(die Getreue), Marſala„l'Antica“(die Alte), Girgenti „la Magnifica“(die Prächtige), u. ſ. w. Im Innern des Landes befinden ſich, außer Caſtro Giovanni und Caltagirone, keine großen Städte, aber eine bedeutende Anzahl von ungefähr 2000 bis 8000 Einwohnern. Sie liegen meiſtens auf dem Gipfel eines Berges oder Hügels, ſo wie auch viele Küſten⸗ ſtädte eine hohe Lage haben. Dörfer gibt es verhältnißmäßig wenige. Die meiſten findet man am Aetna; in den übrigen Gegenden wohnen faſt alle Bauern in der Stadt. Nur zu den großen Städten führen, ein paar Stunden weit, fahrbare Straßen. Die übrigen Wege ſind ganz ungebahnt, oft nichts anderes, als das Bett eines wilden Stroms, und können mithin, wenn dieſer angeſchwollen iſt, nicht betreten werden. An Brücken über die Gewäſſer fehlt es gänzlich. Der Reiſende hat daher mit mancherlei Beſchwerden zu kämpfen, wozu noch der Umſtand kommt, daß ihn der Weg, um nicht fortwährend berg⸗ auf und bergab zu ſteigen, meiſtens durch Thäler und Schluchten, oder am Abhang der Berge hin führt, und er deshalb, weil die meiſten Ortſchaften in der Höhe liegen, ſelten mit Wohnungen in Berührung kommt. Dieſe Be⸗ ſchwerden mildert indeß die Menge, Wohffeilheit und große Brauchbarkeit der Maulthiere. Weite Reiſen pflegt man, zur Sicherheit vor Räubern, unter dem Geleite eines oder mehrerer„Campieri“(Landreiter), die gut bewaffnet ſind, zu machen. Obſchon in Sicilien, während der Monate Januar und Februar, im Verhältniß zur Wärme der übrigen Jahreszeiten, einige Kälte herrſcht, ſo wird ſie doch niemals ſo heftig, um die Landſchaften ihrer grünen Decke, oder die Citronen⸗ und Pomeranzenbäume ihrer goldenen Früchte zu berauben. Die unangenehmſte Witterung findet beim Südoſtwind oder Sciroeco Statt, weelcher ſtets eine drückende, mit Dünſten angefüllte Luft, und im Sommer oft . 489 —— eine Hitze von 36 bis 40 Grad R. herbeiführt, daher auch ſehr nachtheilig auf die Geſundheit der Menſchen wirkt, und vollſaftige Perſonen in Gefahr ſetzt, einen Blutſturz zu bekommen oder vom Schlag getroffen zu werden. Auch äußert dieſer Wind einen großen Einfluß auf andere Dinge, indem z. B., wenn er weht, kein Wein ſich abklären und kein Fleiſch, ohne zu verderben, ſich einſalzen läßt, ſo wie auch die Oelfarbe, womit man während der Zeit etwas anſtreicht, nie gehörig trocknet, u. m. d. Indeſſen iſt der Scirocco im Sommer ſelten, und dauert nie länger, als höchſtens drei Tage. Im Herbſt, wo gewöhnlich veränderliches Wetter, begleitet mit häufigen Regen⸗ güſſen, eintritt, ſind ſchwächliche Körper mancherlei Krankheiten unterworfen, beſonders Entzündungen der Lunge, der Leber, des Halſes u. ſ. w. Die ge⸗ fährlichſte, dem ſiciliſchen Klima eigenthümliche Krankheit iſt die ſogenannte „mal aria“(böſe Luft). Sie beſteht darin, daß die Leute plötzlich eine Abmattung aller Glieder, den heftigſten Kopfſchmerz und einen ſieberhaften Wechſel von Froſt und Hitze empfinden, worauf der ganze Körper eine bleiche Farbe annimmt, und ſich ſchnell abmagert, bis endlich eine Waſſerſucht die Leiden des Kranken endigt, oder ihn fur die übrige Lebenszeit ſeiner Geſund⸗ heit beraubt. Vor dieſer, dem gelben Fieber ähnlichen Seuche iſt der kräf⸗ tigſte Menſch ſo wenig, als der ſchwächliche geſchützt; beſonders werden Fremde leicht davon ergriffen. Doch herrſcht ſie nur zu einer gewiſſen Jahreszeit, vom Juni bis zur Mitte des Septembers, wenn die erſten Regengüſſe gefallen ſind. Auch beſchränkt ſie ſich auf gewiſſe Gegenden, nämlich die ſumpfigen, ſo wie die Ufer einiger Flüſſe und Fiumaren. Uebrigens ſind ſolche Gegenden den Einwohnern genau bekannt; auch geben ſie ſich, beſonders des Morgens und Abends, durch den ſie umſchwebenden Nebel kund, der einen beſondern Geruch mit ſich führt. Dieſe üble Luft entſteht durch das Uebermaß von Feuchtigkeit und Wärme, welches die Pflanzen in Fäulniß und Gährung verſetzt. Sieilien enthält einen großen Schatz von Mineralien. Schwefel und Erd⸗ pech ſtehen oben an, denn es gibt unermeßliche Lager davon. Dieſe beiden verſchiedenartigen Stoffe— der eine die Urſache, der andere die Wirkung des vulkaniſchen Feuers— liegen oft in großer Nähe bei einander. In einigen Gegenden findet ſich Gold, Silber, Blei, in andern Kupfer, Eiſen, Queckſilber, Spießglas; hier trifft man verſchiedene Arten Marmor, Achat, Chalcedon, oder Jaspis an, dort Laſurſtein, Alabaſter, Asbeſt, Seifenſtein, oder Bims⸗ ſtein. Auch wird viel Steinſalz, Salmiak und Alaun, ſo wie Schmergel, Gyps, Zinnober, Steinkohlen und manches andere nützliche Mineral gefunden. Einige Quellen führen auf ihrer Oberfläche Steinöl mit ſich. An der Mün⸗ „ 190 dung des Fluſſes Giarretta wirft das Meer Amber aus, und an den weſtlichen Küſten, beſonders bei Trapani, erzeugt es Korallen, deren Aufſuchung viele Menſchen beſchäftigt, und im Ganzen reichlich lohnt. Heiße und kalte minera⸗ liſche Waſſer ſind über die ganze Inſel verbreitet; die ſchwefelhaltigen bei Celafu, Termini und Segeſta, die vitrioliſchen bei Palermo und Corleone, ſo wie die eiſenhaltigen bei Meſſina, Noto und Mazzara, gehören in Hinſicht ihrer Heilkraft zu den berühmteſten. Der Erdboden, welcher meiſtens eine beträchtliche Tiefe hat, iſt ſehr ver⸗ ſchieden, theils lehmig, theils thonig, alaunig, oder kalkig u. ſ. w. Er erzeugt, mit Hülfe des trefflichen Klima's, einen ſo großen Ueberfluß an Pflanzen, för⸗ dert ihr Wachsthum ſo ſchnell, und bringt ſie zu einer ſolchen Vollkommenheit, daß man Sieilien zu den fruchtbarſten Gegenden der Erde rechnen kann. Zu dieſer Fruchtbarkeit tragen die Dünſte des unterirdiſchen Feuers und ſelbſt die Ausbrüche deſſelben Vieles bei. Die vom Aetna ausgeworfene Aſche verbreitet ſich nicht nur über die Umgegend dieſes Berges, ſondern auch über entfernte Theile des Landes. Eben ſo findet man in vielen Gegenden Lava und Schlacken, ſo wie andere Maſſen, die augenſcheinlich vulkaniſchen Ur⸗ ſprungs ſind. Ungeachtet Sicilien keine ausgedehnten Wälder beſitzt, ſo ſteht doch an den Abhängen vieler Berge mehr oder weniger dichtes Gehölz. Die vorzüg⸗ lichſten dieſer Gehölze ſind die an den Bergen Aetna, Gibel⸗Manna und Ca⸗ ronia. Sie enthalten faſt alle Arten europäiſcher Bäume, hauptſächlich aber Ulmen, Eichen, Eſchen, Fichten, Nuß⸗ und Kaſtanienbäume. An den Abhän⸗ gen ſteiler und felſiger Berge wächſt eine Menge Stauden und Sträucher, z. B. der Erdbeerbaum, der Myrtenbaum, die Herbſtroſe, der ſpaniſche Ginſter, die Stechpalme, verſchiedene Arten Haide u. m. a. Man pflegt dieſe Gewächſe alle drei Jahre, wo ſie zu ſtarkem Reisholz aufgeſchoſſen ſind, abzuſchneiden, wodurch den Landſchaften eine große Zierde genommen wird. In den Gehölzen hielten ſich wilde Schweine, Stachelſchweine, Fuͤchſe, Haſen und viele Kaninchen, ſo wie auch Wölfe, auf. Unbeſchreiblich iſt die Menge und Verſchiedenheit der Vögel, die das Land bewohnen; und die vielen Nachtigallen, Lerchen und anderen Singvögel verſetzen den Reiſenden in Entzücken.. In den Thälern und Ebenen ſieht man zahlreiche Heerden ſchöner Rinder, Schafe und Ziegen, die Tag und Nacht, und zu allen Jahreszeiten im Freien bleiben. Die Pferde ſtammen aus der Berberei; doch haben ſie vieles von den guten Eigenſchaften ihres Stammes verloren. Von deſto beſſerer Beſchaffen⸗ heit ſind die Eſel und die Maulthiere, auf deren Zucht viel Mühe gewendet —OB———ę—————— 191 wird, da ſie in einem ſo gebirgigen Lande, wie Sicilien, großen Vortheil ge⸗ währen. Die Maulthiere gehen einen ſtarken Schritt und außerordentlich ſicher, ſelbſt auf den gefährlichſten Wegen, z. B. an den ſchmalen Rändern tiefer Ab⸗ gründe, wo der Fuß des Menſchen kaum fortkommen kann. Um ſie anzutreiben, pflegt man, ſtatt der Peitſche oder der Sporen, einen Stachel anzuwenden, und zwar am Halſe, als dem empfindlichſten Theil ihres Körpers. Zur Be⸗ ſtellung des Feldes unterhalten die Sicilier Büffel, und noch einen andern Schlag vorzüglich ſtarker Ochſen. Sieilien iſt, mit Ausnahme der minder fruchtbaren Landſtriche, durchaus angebaut; man vermißt jedoch im Allgemeinen die Fortſchritte, welche die nördlichen Europäer im Ackerbau gemacht haben. Der gewöhnliche Gang, die Felder zu beſtellen, iſt, daß man zuerſt Weizen ſäet, gewöhnlich Spelz, oder eine andere Art,„Majorca“ genannt(triticum stativum L.), die ein äußerſt weißes, zu feinem Backwerk geeignetes Mehl gibt; die nächſte Saat— denn einerlei Frucht wird nie zweimal nach einander erbaut— beſteht in Hanf, Mais oder Linſen, worauf Gerſte, Bohnen und andere Gemüſe nach und nach folgen, bis endlich, aus Mangel an Düngung, eine Brache Statt findet. In einigen Gegenden müſſen die Felder ſogar nach jeder Aernte brach liegen, um ſich zu erholen. Die Aernte beginnt im Juni und dauert bis zur Mitte des Auguſt. Der Ertrag des Weizens iſt im Durchſchnitt zehn⸗ bis ſechzehn⸗, in vorzüglich fruchtbaren Jahren achtundzwanzigfach. Den Gemüſen iſt oftmals die Sonnenwurz ſehr ſchädlich, ein Unkraut, das durch ſeine ſchmarotzeriſche Anhänglichkeit das Wachsthum derſelben unterdrückt. Die ſieiliſche Landwirthſchaft richtet ihr vorzüglichſtes Augenwerk auf den Weinbau, und er befindet ſich in einem Zuſtande, der nicht nur dem Pflanzer, ſondern auch dem Staate großen Gewinn bringt. Die Weinſtöcke werden ge⸗ meiniglich vier Fuß weit von einander geſetzt, aber in fruchtbaren Ebenen noch weiter, um ſtatt der Hacke den Pflug zur Bearbeitung des Bodens anwenden zu können. Der Boden wird dreimal des Jahres umgearbeitet, im Januar, nachdem man die Weinſtöcke, deren Frucht verſprechende Knospen ſich um dieſe Zeit bereits erkennen laſſen, abgeſchnitten hat; ferner im April, wo die Zweige ſchon hinlänglich gewachſen ſind, um ſehen zu können, wo Stützung nöthig iſt, und endlich im Juni oder Juli, wenn die Blätter, um die Trauben der Son⸗ nenhitze auszuſetzen, aufgebunden, aber nicht weggenommen werden, weil der Stock dadurch genöthigt wäre, zur Unzeit neue hervor zu treiben, und ſeine Säfte daran zu verſchwenden. Einige Weinbauer lockern den Erdboden auch im Frühjahr einmal auf, um Gemüſe zwiſchen den Weinſtöcken zu ziehen. Die Weinſtöcke tragen erſt im dritten Jahre nach ihrer Pflanzung. Die Trauben 7. beginnen im Juli zu reifen, und die Leſe findet im September Statt. Beim Anlegen einer Weinpflanzung pflegt man allerlei Fruchtbäume, beſonders Fei⸗ gen⸗ und Granatenbäume, unter die Weinſtöcke zu miſchen. Oft werden lauter Olivenbäume darunter geſetzt, ungefähr einer zu funfzig; manchmal erhalten ſie aber eine weit dichtere Stellung, da ſie erſt nach zehn Jahren tragen, wo die beſte Zeit der Weinſtöcke vorüber iſt, und ſo folgt dann auf den Ertrag von Wein, ohne Zeitverluſt, der von Oel. Die Olivenbäume gedeihen am beſten im kalkigen Boden, doch kommen ſie auch in jedem andern, den ſteinigen ausgenommen, fort. In ſolchen Pflan⸗ zungen, wo ſie die Hauptſache des Anbaues ſind, ſetzt man ſie dicht an einander, jedoch dergeſtalt, daß die Aeſte den gehörigen Raum zur freien Ausbreitung haben, der ſo viel als die Höhe des Baumes beträgt. Die ungepfropften Bäume tragen ſehr wohlſchmeckende, aber kleine Früchte, die ſich beſſer zum Einmachen, als zur Bereitung des Oels eignen. Zu dieſem letztern Zwecke werden die Bäume gepfropft, wo ſie dann eine größere, minder fleiſchige und mehr mit öligem Stoff gefüllte Frucht liefern. Der Olivenbaum beginnt erſt im zehnten Jahre und bis zum zwanzigſten ſparſam zu tragen; aber dann nimmt ſeine Ergiebigkeit ſchnell zu, und dauert hundert und funfzig, ja, oft dreihundert Jahre. Citronen⸗ und Pomeranzenbäume findet man allenthalben in Ueberfluß; in manchen Thälern bilden ſie große und dichte Gruppen, die man Wälder nennen möchte. Sie verleihen dem Lande einen außerordentlichen Reiz, ſowohl in Hinſicht ihres würzigen Geruchs, als ihres höchſt angenehmen Anblicks, da ſie ſtets ein üppiges Laub, und zugleich Blüthen, halb reife und reife Früchte tragen, die den Beſchauer nicht nur zum gegenwärtigen Genuß einladen, ſon⸗ dern auch mit der Hoffnung des zukünftigen erfüllen. Ein großer Theil der erbauten Citronen wird gepreßt, und der dadurch gewonnene Saft iſt ein an⸗ ſehnlicher Gegenſtand des Handels. Man verfertigt auch Pomeranzenſaft, welcher ein köſtliches Getränk gibt, das man„oranciata“ nennt; da es ihm aber an Dauer fehlt, ſo läßt er ſich nicht ausführen, ſondern dient blos zum augenblicklichen Gebrauch. Die Mandelbäume ſind in Sieilien ſehr gemein, und es wachſen hin und wieder, bei geringer Pflege, ganze Wäldchen davon auf. Dieſe Bäume gewäh⸗ ren im April mit ihren ſchönfarbigen Blüthen einen herrlichen Anblick, und gereichen der Pflanzenwelt zur größten Zierde. Ihre trefflichen Früchte, welche theils zu Oel benutzt werden, machen einen wichtigen Handelszweig aus. Ein Mißbrauch, den die Sicilier mit den Früchten treiben, beſteht darin, daß ſie dieſelben in großer Menge zu einer Zeit genießen, wo die äußere Schale noch ein zartes, grünes Fleiſch, und ſtatt des Kernes ein milchartiger Saft darin enthalten iſt, eine Speiſe, die einen ſüßlich gewürzhaften, den Gaumen in hohem Grade kitzelnden Geſchmack, aber nachtheilige Folgen für die Geſundheit hat, und überdem die Fruchtmaſſe außerordentlich ſchmälert. Ein anderes ſehr gemeines Gewächs iſt der Feigenbaum. Er gedeiht am beſten in einem leichten, aber auch in jedem andern Boden, und man findet ihn ſogar an kahlen Felſen und auf den Mauern alter Gebäude. Es gibt viele Arten dieſes Baums. Sie tragen ſämmtlich eine erſtaunliche Menge Früchte, und einige ſind ſchon damit bedeckt, ehe das Laub gewachſen iſt, das übrigens die Blätter aller Fruchtbänme an Größe übertrifft. Die ſietliſchen Feigen haben eine vortreffliche Beſchaffenheit; mit den getrockneten wird ein ſtarker Handel getrieben. Faſt in jedem Garten ſind einige Nuß⸗ und Kaſtanienbäume angepflanzt, ſo wie auch viele unter anderem Gehölz von ſelbſt wachſen. Dies iſt auch der Fall mit dem Piſtazienbaume, deſſen liebliche und gewürzhafte Früchte in gro⸗ ßer Menge eingemacht und zu Gefrorenem benutzt werden. Der Johannisbrodbaum iſt über die ganze Inſel verbreitet, und viele Menſchen ſind beſchäftigt, die Früchte deſſelben zu ſammeln und dann zu trock⸗ nen, oder Spiritus, oder Syrup davon zu gewinnen, lauter Gegenſtände, womit ein ſtarker Handel getrieben wird. In vielen Gegenden wächſt der Wunderbaum oder die Chriſtpalme ſehr üppig, und trägt zahlloſe Büſchel Früchte, woraus man durch Preſſen ein Oel erhält, das in den Apotheken unter dem Namen„Ricinus⸗ oder Caſtoröl“ verkauft wird. Da jedoch die Sicilier mit dem Preſſen derſelben nicht gehörig umzugehen wiſſen, ſo ziehen ſie keinen ſo großen Vortheil davon, als geſchehen könnte. Man verfertigt ſolches Oel blos dann und wann für den eigenen Gebrauch. In den weſtlichen Theilen der Inſel, beſonders in der Ebene von Mazzara, iſt die Baumwollenſtaude ein vorzüglicher Gegenſtand des Landbaues. Sie wird im April in einen gut bearbeiteten Boden geſäet. Nach einiger Zeit nimmt man ihr, um ſie am Aufſchießen zu hindern, die Kuppe ab; ihre Höhe beträgt, nach vollendetem Wachsthum, höchſtens zwei Fuß. Dieſe kleine Staude trägt im Juli und Auguſt gelbe Blüthen. Die Früchte, welche den Umfang einer großen Wallnuß haben, werden im September und October reif, worauf die Kapſeln an vier Seiten berſten, und die Baumwolle wie Daunen hervor quillt. Man ſammelt nun dieſe Nüſſe, und bringt ſie an einen ſichern, der Luft und Sonne ausgeſetzten Ort, wo ſie liegen bleiben, bis die Baumwolle die völlige Trockenheit erlangt, und ſich zu fauſtgroßen Bällen entwickelt. Sie wird ſo⸗ dann von den Kapſeln abgelöſt, nachher durch Klopfen von den darin enthal⸗ Richter's Reiſen. II. 13 194 tenen Samenkörnern gereinigt, und endlich gehechelt, worauf ſie zum Verar⸗ beiten geſchickt iſt. Gegen Weihnachten erzeugen die Stauden einen Nachwuchs an Früchten, die jedoch eine ſchlechte, nur zu groben Zeugen taugliche Baum⸗ wolle liefern, daher man thöriger Weiſe oftmals das Rindvieh damit füttert, wodurch die Milch und das Fleiſch desſelben einen ſchlechten Geſchmack bekommt. In einigen Theilen Siciliens wird viel Saffran erbaut. Dieſes Gewächs verlangt einen ſandigen Boden, der gut bearbeitet iſt. Man kann es, außer im November und December, das ganze Jahr hindurch ſäen. Die jungen Pflanzen werden in geringer Entfernung von einander geſteckt, und fleißig vom Unkraute gereinigt. Nach acht oder neun Monaten geben ſie die erſte Aernte; bei einer guten Pflege dauern ſie über drei Jahre. In andern Theilen des Landes, beſonders ſolchen, die leichten Sandboden haben, iſt die Erbauung des Sumach eine vortheilhafte Beſchäftigung. Man pflegt die Stauden reihenweiſe, zwei Fuß weit von einander zu ſetzen; das Erdreich dazwiſchen wird oft gejätet und jährlich einigemal mit der Hacke auf⸗ gelockert. Im März beginnen ſie auszuſchlagen, und im Auguſt werden die Schößlinge abgeſchnitten, getrocknet und auf einer Tenne gedroſchen, um die Blätter abzuſondern, die man ſodann zerbröckelt und ſiebt. Von einer Art Eſche(fraxinas ornus L.) wird in vielen Gegenden, be⸗ ſonders an der Nordküſte, wo ſie am beſten gedeiht, Nanna gewonnen. Man macht nämlich im Juli oder Auguſt einen Einſchnitt in die Rinde des Baumes, worauf ein blaßgelber, ſchäumender und klebriger Saft hervor fließt, der ſich auf einem untergelegten Blatt der indiſchen Feige ſammelt, wo ihm die Sonnen⸗ wärme in kurzem die Flüſſigkeiten entzieht, und ihn zu der bekannten feſten Maſſe verdichtet. Nach Verſchiedenheit des Alters der Bäume, der mehr oder weniger günſtigen Beſchaffenheit oder Lage ihres Bodens u. ſ. w., gewinnt man mehre Arten Manna, die in ihrer Farbe, Schwere und arzneilichen Kraft von einander abweichen, und daher auch einen höhern oder geringern Werth haben. Das Holz des Baumes, in Waſſer abgekocht, gibt einen abführenden Trank, der von den Sieiliern ſehr geſchätzt, und vorzüglich bei der Waſſerſucht ge⸗ braucht wird, da er in hohem Grade die Eigenſchaft beſitzt, die feinern Gefäße des Körpers zu eröffnen. Ein Gewächs, das den Siciliern großen Vortheil gewährt, iſt das Soda⸗ kraut. Sie pflanzen es in großer Menge, und zwar an den Ufern des Meeres, da es einen ſalzigen Boden verlangt; doch koſtet die Gewinnung desſelben viel Arbeit und Mühe. Nachdem man den Boden drei⸗ oder viermal gut umge⸗ arbeitet hat, wird im Februar oder März der Same geſäet. Nach dem Auf⸗ — gehen der Pflanzen muß, bis ſie zur völligen Reife gedeihen, die größte Sorg⸗ falt angewendet werden, daß kein Unkraut ihr Wachsthum ſtört, oder ſie ganz unterdrückt. Da ferner das Sodakraut den Verheerungen eines gewiſſen In⸗ ſektes, das ſich beſonders im Regenwetter darauf erzeugt, ausgeſetzt iſt, ſo müſſen die Pflanzer es auch hiervon oft zu reinigen ſuchen. Man ſchneidet es im Oktober ab. Es wird ſodann auf eiſerne Roſte über Gruben gelegt, und, nachdem es einen gewiſſen Grad der Trockenheit erlangt hat, angebrannt, worauf die laugenhafte Aſche, wie geſchmolzenes Glas, in die Gruben fließt, und ſich zu einer bläulichſchwarzen, löcherigen, ſchweren und klingenden Maſſe, nämlich der Soda, verhärtet. Die ſieiliſche Soda wird ſehr geſchätzt, obgleich ſie der ſpaniſchen, die man gewöhnlich Barille nennt, ſelten an Güte gleich kommt, wovon der Grund blos in der mindern Geſchicklichkeit liegt, den Grad der Trockenheit in Acht zu nehmen, welchen die Pflanzen beim Verbrennen haben müſſen.. Ich übergehe vieles Andere, was die Inſel Sicilien hervorbringt, und füge nur noch eine kurze Angabe von denjenigen Erzeugniſſen bei, welche die vorzüglichſten Gegenſtände der Ausfuhr ausmachen. Dieſe ſind: Schwefel, Salpeter, Salmiak, Salz, Alaun, Marmor, Alabaſter, Bimsſtein, Zinnober, gute Erde(nach Malta), Korallen, Wein, Roſinen, Branntwein, Eſſig, Wein⸗ ſtein, Weizen, Mais, Maccheroni, Reis, Hülſenfrüchte, Canarienſaat, Citronen, Citronenſaft, trockne Feigen, Nüſſe, Kaſtanien, Mandeln, Kapern, Oliven, Olivenöl, Johannisbrod, Syrup davon, Saffran, Lakritzenſaft, Manna, aro⸗ matiſche und arzneiliche Kräuter, Eſſenzen, Soda, Sumach, Krapp, Orſeille, Tabak, Flachs, Leinſamen, Leinöl, Hanf, Baumwolle, Lumpen, Seife aus Oliven, ſo wie auch aus Mandeln, Kork, Bau⸗ und anderes Holz, Ochſen, Häute und Felle, Wolle, Wachs, Honig, Seide, mancherlei getrocknete und ge⸗ ſalzene Fiſche, und endlich Schnee und Eis(vom Aetna). Man ſieht hieraus, daß Sieilien einen erſtaunlichen Reichthum an Erzeug⸗ niſſen und Erwerbsquellen hat. Gleichwohl iſt der Wohlſtand der Einwohner verhältnißmäßig beſchränkt, und ein großer Theil derſelben befindet ſich ſogar in drückender Dürftigkeit. Die Schuld davon liegt nicht allein in der fehler⸗ haften Staatsverfaſſung, welche den Beſitz der Ländereien zwiſchen dem König, dem Adel und der Geiſtlichkeit theilt, ſo wie in der Menge von müßigen, dem Lande ſchädlichen Mönchen, ſondern auch in der nachläſſigen Verwaltung des Staates, in dem Mangel an geiſtiger Bildung, an Kunſt⸗ und Gewerkanſtalten, und überhaupt an Aufmunterung zu nützlichen Unternehmungen, ſo wie auch in der ſchnell fortſchreitenden Cultur anderer Länder. Sieilien iſt in politiſcher Hinſicht von ſeiner vormaligen Höhe tief herab 13* geſunken; Bevölkerung, Kunſt und Wiſſenſchaft, Gewerbfleiß und Handel haben außerordentlich abgenommen. Dennoch wird die natürliche Schönheit, und der klaſſiſche Boden dieſer Inſel den Reiſenden ſtets anziehen und mit Bewunderung erfüllen; ſie wird, wegen ihrer zahlloſen Hülfquellen, günſtigen Lage, trefflichen Häfen und ſtarken militäriſchen Poſten, und da ſie unter allen Inſeln des Mit⸗ telmeeres die größte und, ungeachtet ihres geſunkenen Wohlſtandes, noch immer die blühendſte iſt, nie aufhören der Gegenſtand politiſchen Zwiſtes und der Schauplatz kriegführender Mächte zu ſein. 8. Beſchreibung des ſieiliſchen Kauffahrers St. Angelo, eines Polakers, auf welchen der Verf. ſich be⸗ geben hat, nebſt Bemerkungen über das Eigenthümliche der Polaker.— Abfahrt von Meſſina.— Die Inſel Malta.— Alexandrien.— Die Trümmer der alten und der neuen Stadt.— Die Pharus⸗Inſel. Ich komme nun zu meiner Reiſe.— Der erwähnte ſiciliſche Kauffahrer, welchen ich, als Flaggenkapitän und Supercargo, nach Aegypten zu begleiten mich verpflichtet hatte, führte den Namen„St. Angelo.“ Er war ein ſo ge⸗ nannter Polaker, eine Art Seeſchiffe, deren ſich die Sicilier und überhaupt die am Mittelmeere wohnenden Völker häufig bedienen. Es gibt zwei⸗ und drei⸗ maſtige, zu welchen letztern der St. Angelo gehörte. Die Eigenthümlichkeit der Polaker beſteht hauptſächlich darin, daß man die Maſten aus einem einzigen Stück verfertigt, und mit keinem Maſtkorbe verſieht, weshalb auch das ganze Takelwerk eine beſondere Einrichtung erhält. Dieſe Schiffe haben in der Regel die gute Eigenſchaft, bei ſchwachen Winden ſehr ſchnell, und beim Laviren außerordentlich dicht am Winde zu ſegeln. Dagegen ſind ſie bei ſtürmiſchem Wetter, beſonders wenn die See hoch geht, viel Gefahren unterworfen, da ihre Maſten ſich nicht verkürzen laſſen, und aus Mangel an Nachgiebigkeit, auch weil das Tauwerk ſie nicht hinlänglich unterſtützt, leicht brechen. Sie eignen ſich daher wenig zur Beſchiffung des Oceans, ob ſie ſchon auf einem Gewäſſer, wie das Mittelmeer, gute Dienſte leiſten. Das ſtehende Tauwerk des St. Angelo beſtand aus Seilen von Hanf, das laufende meiſt aus Baſtſeilen. Seine Segel waren aus ſtarkem baum⸗ wollenem Zeuge verfertigt. Er führte zwei ſechspfündige Kanonen, die im Hintertheile des Verdecks ſtanden. An Tauwerk, Segeln und anderem Geräthe beſaß er wenig Vorrath, da man im mittelländiſchen Meere, wo ſelten eine Reiſſe von langer Dauer, und allenthalben Land in der Nähe iſt, faſt immer Gelegenheit findet, das Fehlende zu ergänzen, und da überdem die Seeleute Sieiliens, gleich den dortigen Landbewohnern, ihre Bedürfniſſe ſehr zu be⸗ ſchränken wiſſen. Der äußere Schiffboden hatte einen Ueberzug von Theer, Schwefel, Kalk und geſtoßenem Glaſe, den man faſt jedes Jahr erneuerte, ein Mittel, das die Sicilier häufig zur Abhaltung der Würmer anwenden. Dieſer Ueberzug wurde oft gereinigt und mit Unſchlitt beſchmiert, um dadurch die Schnelligkeit des Schiffes zu vermehren. Uebrigens war der St. Angelo länglich, ſchmal und ſcharf, und überhaupt ſchön gebaut. Gleichwohl ſah er, als ich mein Amt darauf übernahm, nicht ſonderlich aus, indem an vielen Stellen das Holz durch die abgenutzte Farbendecke ſchimmerte, und an dem Tauwerk weiße Zotteln herum hingen; denn in der Regel wenden die Sieilier wenig auf das Aeußere ihrer Fahrzeuge. Ich trug daher vor allen Dingen Sorge, dieſem Mangel an Nettigkeit abzuhelfen, da er mit der engliſchen Flagge ganz unverträglich iſt. Nachdem das Tauwerk getheert und in gute Ordnung gebracht worden war, ließ ich, nach der damaligen Mode der engliſchen Kauf⸗ fahrer, den Maſten einen weißen, und dem Rumpfe einen ſchwarzen, am obern Theile mit einem weißen Streif verſehenen Anſtrich geben, wodurch das An⸗ ſehen des Schiffes dergeſtalt verbeſſert wurde, daß es für eins der ſchönſten in Meſſina's Hafen galt. Für die Bequemlichkeit der Schiffmannſchaft war nicht, wie auf den Schiffen der nördlichen Europäer, geſorgt. Die Kajüte beſtand in einem düſtern Gemach, das ſtatt der Fenſter blos ein paar kleine Oeffnungen mit Klappen hatte. Längs den Wänden derſelben befanden ſich feſte Bettſtellen, ſo wie Schränke, die zur Aufbewahrung der Lebensmittel dienten. Sie hatte einen Anſtrich von ſchlechter grüner Farbe, und gar keine Verzierungen, einige Heili⸗ genbilder und Crueifixe abgerechnet, die an den Bettſtellen befeſtigt waren. Den Fußboden bedeckten ſtets Ballen, Fäſſer u. ſ. w., über welche man von einer Stelle zu der andern hinweg klettern mußte. Da ſie übrigens nie ordentlich gereinigt wurde, ſo konnte es nicht fehlen, daß mancherlei Ungeziefer, beſonders Wanzen und Flöͤhe, ſich in großer Menge darin erzeugten.— Die Kammer der Matroſen, welche ſich im vorderſten Theile des Schiffes befand, hatte kaum die Höhe von vier Fuß. Sie enthielt längs den Wänden ſieben oder acht große Kiſten, ſo daß in der Mitte ein ſchmaler Raum blieb. Jede dieſer Kiſten war im gemeinſchaftlichen Beſitz zweier Leute, die man„compagni“ nannte. Sie diente ihnen zur Niederlage für ihre Kleider und Handelswaaren, und oben darauf pflegten ſie zu ſchlafen. Das Bettzeug beſtand in einem Schaffell, einer Matratze, und einem levantiſchen Oberrock ſtatt der Decke. Beim Auf⸗ ſtehen ward es, um die Näſſe abzuhalten, in das Schaffell gerollt, und an der Wand befeſtigt.— Die Küche, welche ihren Platz in der Gegend des Fock⸗ maſtes hatte, war ein hölzerner, mit Eiſenblech gefütterter und mit Bimsſtein 198 ausgefüllter Herd, und darüber eine Decke, ebenfalls von Holz und inwendig mit Blech überzogen. Zur Feuerung gebrauchte man Holz. Wenn ſich das Schiff im Hafen befand, wurde in irdenen Töpfen, auf der See aber in eiſernen, an Ketten hangenden Keſſeln gekocht. Das Geſchixr und die Art zu eſſen war ſehr einfach. Die Matroſen ſetzten ihre irdenen Schüſſeln auf das oft ſehr ſchmutzige Verdeck, und lagerten ſich dann, mit ihren irdenen Tellern, hölzernen Löffeln und Gabeln, und ihren Taſchenmeſſern, umher. Nur bei Regenwetter hielten ſie die Mahlzeiten in ihrer Kammer. Auch der Kapitän aß mit mir und dem Steuermann ſelten in der Kajüte, an einem gehörig gedeckten Tiſche. Gewöhnlich ließ er die Speiſen nebſt Zubehör, das in einem Korbe mit Tellern, Meſſern und Gabeln, mit Brod und Salz, Weinflaſchen und Gläſern beſtand, auf den hintern Theil des Ver⸗ decks bringen. Jeder von uns nahm ſodann, was ihm beliebte, und ſetzte ſich ohne Umſtände auf einen Kaſten, auf eine Hühnerſteige, oder wo es ihm ſonſt am bequemſten dünkte. Die ganze Mannſchaft belief ſich auf ſiebzehn Perſonen. Der Kapitän, der Steuermann, der Koch, vier Matroſen und zwei Schiffjungen waren Sici⸗ lier; der Bootsmann, der Zimmermann und drei Matroſen aber Engländer, und für ſolche galten, wie ich, auch zwei Schweden. Die Leute wurden von dem Schiffe beköſtigt und monatweiſe bezahlt, da die Ausländer ſich in dieſer Hinſicht der ſiciliſchen Sitte nicht unterwerfen wollten. Es iſt nämlich auf den Schiffen der Sicilier gebräuchlich, daß man der Mannſchaft einen Theil des Frachtgeldes als Beſoldung ausſetzt, daher ihr Verdienſt, wenn die Reiſen glücklich und ſchnell von Statten gehen, ſehr anſehnlich, im Ganzen aber ſchwankend und vom Zufall abhängig iſt. Aus Rückſicht auf dieſen Umſtand wird ihnen geſtattet, ſo viel Waaren, als ihre Kammer faßt, auf eigene Rech⸗ nung einzuſchiffen und damit zu handeln. Dagegen müſſen ſie ſich ſelbſt bekö⸗ ſtigen. Bisweilen errichten ſie zu dem Ende eine gemeinſchaftliche Kaſſe; ge⸗ wöhnlich aber werden ihnen die Lebensmittel vom Kapitän geliefert, der den Betrag derſelben von ihrem Antheil am Frachtgelde abzieht. Iſt nun die Fracht gering, oder die Reiſe, wegen ungünſtigen Wetters, wegen nöthiger Ausbeſſe⸗ rungen des Schiffes u. ſ. w., langwierig, dann reicht oftmals der Frachtantheil nicht hin, die Schuld für ihre Verpflegung zu tilgen, ſo daß ſie genöthigt ſind, das Fehlende aus eigenen Mitteln zu erſetzen, oder auf künftigen Reiſen abzu⸗ arbeiten. Die Koſt auf unſerem St. Angelo war, wie es die Sitte der ſiciliſchen Seefahrer mit ſich bringt. Das Schiffsvolk bekam zum Frühſtück Zwieback mit Sardellen oder anderem geſalzenen Fiſch, oder mit Käſe, Zwiebeln, Knoblauch, 199 Salat, oder friſchen Früchten. Faſt dieſelbe Einrichtung fand auch in Betreff der Abendeſſens Statt, außer wenn Fiſche gefangen wurden, die man gewöhn⸗ lich des Abends verzehrte. Das Mittagseſſen beſtand hauptſächlich in Gemüſen, z. B. Maccheroni, oder Reis, Linſen, Erbſen, Bohnen u. ſ. w., meiſtens mit Oel, bisweilen mit Speck oder geriebenem Käſe zubereitet. Sonntags und Mittwochs wurde Fleiſch, im Hafen friſches, auf der See geſalzenes, und Frei⸗ tags getrockneter Fiſch gegeben. Zum Getränk reichte man Wein, mit Waſſer vermiſcht, bei jeder Mahlzeit eine Kanne auf die Perſon. Anfangs konnten die Leute, ſo wie es auf den Schiffen der an Mäßigkeit gewöhnten Sicilier ge⸗ bräuchlich iſt, ſo viel Wein trinken, als ſie wollten, indem ein Faß, mit einem Hahn verſehen, auf dem Verdeck lag. Allein der große Mißbrauch, welchen die Ausländer von dieſer Vergünſtigung machten, führte die Nothwendigkeit herbei, das Maaß zu beſtimmen.. Der Tiſch des Kapitäns war von dem des Schiffsvolkes wenig unterſchie⸗ den, nur daß bisweilen ein Huhn, etwas Schinken, oder einige Eier hinzu ka⸗ men. Kaffee oder Thee wurde nie getrunken; Wein und Waſſer machte vom Morgen bis zum Abend das Getränk aus. Was den Charakter und die Eigenheiten der Mannſchaft betrifft, ſo will ich meine Bemerkungen auf die Sicilier beſchränken, da ſie die Hauptmaſſe bil⸗ deten, und ihre ausländiſchen Gefährten ſich in die Sitcen und Gebräuche der⸗ ſelben ſchicken mußten, ſo daß das Ganze, trotz der engliſchen Flagge des Schiffes, den ſieiliſchen Stempel trug. Dieſe Seeleute waren ſehr gutmüthige Menſchen, die mit ſtrenger Ausübung der religiöſen Gebräuche eine ziemliche Sittlichkeit verbanden. Bei einer ſtets fröhlichen Laune beſaßen ſie viel Ge⸗ fälliges im Umgange. Beſchäftigt oder unbeſchäftigt ſangen oder ſchwatzten ſie, und trieben unſchuldigen Scherz. Von dem hochfahrenden und gebieteriſchen Ton der Vorgeſetzten, und der ſklaviſchen Unterwürfigkeit oder trotzigen Wider⸗ ſpenſtigkeit der Untergebenen, woraus oftmals die unangenehmſten Verhältniſſe auf den Schiffen der nördlichen Europäer entſtehen, ließ ſich hier keine Spur bemerken. Jeder lebte mit dem Andern auf einem vertraulichen Fuße, ohne daß der erforderliche Dienſtgehorſam und überhaupt die gute Ordnung darunter gelitten hätte. Man verlangte nie unnöthige Arbeit von den Leuten; dagegen bedurften ſie keiner großen Aufforderung, wenn es etwas Nothwendiges zu thun gab. Bei dem Aufwinden der Anker, dem Setzen und Einziehen der Segel, dem Laden und Löſchen des Schiffes, dem Rudern im Boote u. ſ. w., zeigten ſie große Thätigkeit, und in Gefahren ſtandhaften Muth. In müßigen Stunden unterhielten ſie ſich gern mit dem Tocco, ſo wie mit Kartenſpielen, die jedoch immer ſolche waren, welche mehr einen Zeitvertreib, als Gewinn bezweckten. 200 Das meiſte Vergnügen fanden ſie bei der„bella donna“, einem Spiel, das mit dem, in einigen Gegenden Deutſchlands gewöhnlichen,„der ſchwarze Peter““ genannt, viel Aehnlichkeit hat. Sie beſaßen gute Anlagen, welchen es aber an aller Ausbildung fehlte. Nur der Kapitän und der Steuermann konnten leſen und ſchreiben. Hierin beſtand aber auch ihre ganze Schulwiſſenſchaft; die Schiffs⸗ kunſt hatten ſie blos handwerksmäßig erlernt. Dabei hegten ſie Abneigung, ſich mit Büchern oder mit der Feder zu beſchäftigen, und nur ihre Amtspflicht konnte ſie dazu bewegen. Man darf ſich daher nicht wundern, daß aller in Sicilien herrſchende Aberglaube, ſo wie der, welcher den Seeleuten anderer Nationen eigen iſt, bei dieſen Menſchen vereinigt war. Obſchon ihre Gebräuche in vielen Stücken mit denen der übrigen europäiſchen Seefahrer übereinſtimmten, ſo hatten ſie doch auch viel eigenthümliche, wovon ich nur Einiges anführen will. So oft der Schiffsjunge des Abends Licht in die Kajüte brachte, trat er hinein mit den Worten:„Buona sera, Signor capitano e tutta la compagnia!“ und dieſes that er, ſelbſt wenn ſich Niemand darin befand. Auch mußte er bei jeder andern Gelegenheit, wo er mit dem Kapitän in Berührung kam, z. B. beim Auftragen des Eſſens, bei Ueberreichung eines verlangten Gegenſtandes u. ſ. w., dem Herkommen gemäß, beſondere Glückwünſche und Redensarten mechaniſch herſagen.— Wenn man Jemanden begrüßen wollte, er mochte vornehmen oder geringen Standes ſein, ſo geſchah dies mittels einer Handbewegung; blos vor einem Heiligenbilde, vor Proceſſionen, in der Kirche, und beim Läuten der Glocken wurde der Kopf entblößt.— Der Geſang, welchen die Matroſen bei Arbeiten, die eine gleichzeitige Anſtrengung mehrerer Menſchenhände erfordern, zur Haltung des Taktes anzuſtimmen pflegen, beſtand bei jenen ſieiliſchen darin, daß einer nach dem andern, ſo wie ihn die Reihe traf, ſeinen Schutzheiligen zu Hülfe rief. So hörte man z. B.„Maria Santissima oll! San Giuseppe oh! Santa Nunciata oh! Maria immaculata oh! Santo Rocco oh! San Francesco di Paolo oh!“ u. m. dgl.; das oh gibt nämlich den Takt und das Zeichen, wenn die gemeinſchaftliche Kraftanſtrengung erfolgen ſoll. Die gewöhnliche Kleidung des Schiffsvolkes waren Jacken und Hoſen von blauem, baumwollenem Zeuge, levantiſche Schuhe oder Babuſchen, meiſtens von kirſchbrauner Farbe, und weiße, baumwollene Zipfelmützen, oder Stroh⸗ hüte. Zum Schutz gegen die Kälte und Näſſe zog man die levantiſchen Röcke an, welche, wie ſchon erwähnt, als Bettdecke dienten. Der feſtliche Putz be⸗ ſtand hauptſächlich in Jacken und Hoſen von dunkelgrünem Sammt, in Schuhen mit ſilbernen Schnallen und in Hüten von feinem Filz. Der Kapitän und der Steuermann trugen auf der See faſt eben ſolche Anzüge wie die Uebrigen, aber am Lande gingen ſie in ſehr anſtändigen Kleidern. Am 23. October ſegelte unſer St. Angelo, in Geſellſchaft mit einigen andern ſiciliſchen Kauffahrern, von Meſſina ab, und zwar zunächſt nach der Inſel Malta, um ſich mit den Schiffen zu vereinigen, welche von dort nach Aegypten abgehen ſollten. Der Wind war dieſer Fahrt nicht günſtig, daher wir erſt am vierten oder fünften Tage bei dem ſüdlichen Ende Siciliens, dem Vorgebirge Paſſaro, anlangten. Nach unſerer Ankunft im Kanal von Malta vernahmen wir in der Nacht ein Kanonenfeuer, das mehrere Stunden dauerte und immer näher kam. Bei Anbruch der Morgendämmerung ſchwieg es mit einem Male, und in einiger Entfernung erſchienen zwei Schiffe mit geſtrichenen Segeln. Man erfuhr nun, daß es engliſche Transportſchiffe waren, die in der Nacht einander für Feinde gehalten, ſich geſchlagen, und erſt früh ihren Irrthum bemerkt hatten. Beide waren übel zugerichtet, auch viele der darauf befindlichen Leute verwundet, und einige getödtet, ſo daß ſie ihre Reiſe, das eine nach Minorca, das andere nach Zante, nicht fortſetzen konnten. Sie nahmen deshalb, nachdem ihr zerſtörtes Takelwerk mit dem Beiſtand unſerer Mannſchaften einigermaßen in Ordnung gebracht war, ihren Weg gemein⸗ ſchaftlich mit uns nach Malta, um dort den erlittenen Schaden wieder gut zu machen. Bald nachher trat ein günſtiger Windwechſel ein, daher wir noch am ſelbigen Tage den Hafen dieſer Inſel erreichten. Da ich mehrmals auf die Inſel Malta zurückkommen werde, ſo will ich mir dasjenige, was ich darüber zu ſagen habe, auf eine andere Gelegenheit vorbehalten. Jetzt bemerke ich nur, daß wir daſelbſt die nach Aegypten be⸗ ſtimmten Schiffe, ungefähr fünf und zwanzig, theils engliſche, theils malteſiſche und ſiciliſche Kauffahrer, und eine engliſche Fregatte zur Bedeckung, ſegelfertig fanden. Die letztere gab am 31. October das Zeichen zur Abreiſe, die auch in kurzer Zeit erfolgte. Nachdem wir einige Stunden in See waren, begegneten uns einige engliſche Kriegsſchiffe mit einem franzöſiſchen von 50 Kanonen, das ſie im ioniſchen Meere genommen hatten, und nun nach Malta führten. Es war von ſo vielen Schüſſen durchbohrt, daß es jeden Augenblick zu ſinken drohte. Uebrigens trugen ſich auf der ganzen Reiſe keine merkwürdigen Vorfälle zu. Da der Wind fortwährend aus Nordweſten blies, ſo rückte die Flotte ſchnell und in guter Ordnung fort; und bald verkündigten die vielen, in allen Richtungen ſich durchkreuzenden griechiſchen und türkiſchen Fahrzeuge, daß wir uns unter dem Himmelsſtriche befanden, welchen man die Levante nennt. Am 7. November, bei Sonnenaufgang, zeigte ſich am ſüdöſtlichen Hori⸗ zonte der Ort unſerer Beſtimmung, Alexandrien in Aegypten. Zuerſt ſtiegen die Thürme der Stadt und die umherſtehenden Palmbäume aus dem Meere auf; das Land kam erſt ſpäterhin zum Vorſchein, weil es flach und niedrig, und nur zwei deutſche Meilen weit erkennbar iſt. Ungefähr um acht Uhr Morgens erreichten wir die Pharusinſel, von wo einige kleine Boote mit Lootſen herbei eilten, welche ſich auf den Schiffen unſerer Flotte vertheilten. Mit dem Beiſtand derſelben kamen wir bald in den Hafen, wo wir viele Schiffe fanden, und zwar von keinen Beamten der Quarantäne— denn ſolche Anſtalten ſind den türkiſchen Häfen fremd,— wohl aber von habſüchtigen Zöllnern und Janitſcharen empfangen wurden. Ungeachtet ich ſchon viele fremde Länder geſehen hatte, ſo muß ich doch bekennen, daß Alexandrien einen großen Eindruck auf mich machte, da Aegypten, in geſchichtlicher und geographiſcher Hinſicht, jedem Europäer ſchon aus der Kindheit merkwürdig, und deshalb auf einer Reiſe dahin ſeine Erwartung auf's Höchſte geſpannt iſt. Ueberdem iſt jene Stadt ein ſehr auffallender, obſchon nicht mehr ſo anziehender Schauplatz, als in jenen Zeiten, wo ſie, die mächtige Nebenbuhlerin von Memphis und Theben, einen Umfang von zwei deutſchen Meilen und 300,000 Einwohner hatte, wo ſie voll prächtiger Ge⸗ bäude, der Sitz der Wiſſenſchaften und Künſte, und der Stapelplatz des indiſchen Handels war. Alexandrien liegt, nach der neuern Geographie, in der niederägyptiſchen Provinz Bahri, vier Meilen von der weſtlichen Mündung des Nils, auf einer Erdzunge, die im Oſten mit dem Feſtlande zuſammenhängt, im Norden aber von dem Meere, und im Süden und Weſten von dem See Mariut umgeben iſt. Dieſer Landſtrich hat, gleich der Wüſte, an die Aegypten im Weſten grenzt, einen röthlichen Sandboden, der nichts als einige Palmen und, da er viel ſalzige Stoffe enthält, Sodakraut hervorbringt; der fruchtbare ägyptiſche Boden beginnt erſt in der Nähe des weſtlichen Nilarms. Ungefähr 3000 Fuß vor der Stadt befindet ſich die Inſel Pharus(auch Farillion genannt), welche durch einen ſteinernen Damm mit der Erdzunge verbunden, und ſonach in eine Halbinſel verwandelt worden iſt. Sie bildet, mit dem Damm und der Erdzunge, zwei Häfen, einen im Oſten und den andern im Weſten; jenen uennt man„den neuen“, dieſen„den alten“(ehedem„Eunoſtrus“, d. i. glück⸗ liche Rückkunft). Hierbei iſt zu bemerken, daß die drei übrigen Häfen, welche Alexandrien in frühern Zeiten außer den hier genannten beſaß, einge⸗ gangen ſind. Das heutige Alexandrien, oder Skanderun, das damals höchſtens 15,000 Einwohner enthielt, zieht ſich längs den Ufern der beiden Häfen hin. Es macht nur einen kleinen Theil der alten Stadt aus, welche, in Geſtalt eines Halbkreiſes, im Hintergrunde liegt. Sie ſtellt die Ueberreſte der doppelten ——. Ringmauer mit Thürmen, die Trümmer von eingeſtürzten Tempeln, Wohnge⸗ bäuden, Bädern und Ciſternen dar, zum Theil mit noch ſtehenden Mauern, Säulen u. ſ. w., abwechſelnd mit Gräbern aus der ältern und neuern Zeit, welche, da ſie mit Leichenſteinen beſetzt, mit Mauerwerk, hin und wieder auch mit Palmbäumen umgeben, und Heiligthümer ſind, die nie verletzt werden, ſich ſchon dergeſtalt vermehrt haben, daß ſie ein Dritttheil des Ganzen be⸗ decken. Kurz, dieſer Schauplatz, wo Alles den Stempel der Zerſtörung und Vergänglichkeit trägt, und außer Eulen und Sperbern kein lebendes Weſen ſich zeigt, iſt mehr als irgend ein Ort geeignet, in dem Beſchauer traurige Gefühle zu erwecken. Zugleich aber reißt ihn die Erhabenheit der Trümmer zur Bewunderung und Ehrfurcht hin, wobei er die Kraftloſigkeit des jetzigen Zeitalters beklagen muß. Wem ſind nicht der Obelisk der Cleopatra, aus einem mehr als 60 Fuß hohen Granitbock, die aus drei großen Granitmaſſen zuſammengeſetzte, 88 Fuß 6 Zoll hohe Dioeletian⸗ oder, wie man ſie zu nen⸗ nen pflegt, Pompejusſäule, ferner der Säulengang in der Nähe des nach Roſette führenden Thores, das Amphitheater, die Katakomben, und andere merkwürdige Ueberbleibſel des ehemaligen Alexandrien— wem find ſie nicht aus Schriften und Abbildungen bekannt? Doch muß ich hierbei bemerken, daß dieſe Alterthümer in der Wirklichkeit nicht völlig das ſind, wie ſie gewöhn⸗ lich beſchrieben und abgebildet werden. Das Geſtein iſt allenthalben mit Natrum und Salpeter überzogen, wovon es zernagt und entſtellt wird, Mängel, die der Beſchreiber oder der Maler, aus Liebe zur Kunſt, leicht über⸗ ſieht, und die ſeine Einbildungskraft gern beſchönigt und ergänzt. Die heutige Stadt iſt mit einer, an einigen Stellen 20, an andern 40 Fuß hohen Mauer eingefaßt. Die Straßen haben kein Pflaſter; ſie ſind eng, und zum Theil ganz düſter, weil man oben von einem Hauſe zu dem andern Leinwand ausſpannt, um die Sonnenſtrahlen abzuhalten*). Zu feinem Staub zermalmter Sand, und Haufen von allerlei Unreinigkeiten; Hunde, die, wie in Conſtantinopel, wild und herrenlos herumlaufen; beladene Kameele, und Eſel, welche, mit Zaum und Sattel verſehen, ihren Reiter ſchnell und bisweilen im Gallop dahintragen; ſchwarzbraune Männer in arabiſcher *) Alexandrien hat in neuerer Zeit aber wieder viel durch die Indiſche Ueberlandpoſtfahrt gewonnen und beſonders iſt hier das„Frankiſche⸗Quartier“ was neuere Brücken aufzuweiſen hat. Bayard Taylor, der liebenswürdige Amerikaniſche Reiſende ſagt darüber:„Die vor⸗ züglichſten Hotels und Conſulate ſtehen an dieſem Platz. Die Bauart iſt italieniſch, hier und dort mit einem ſarazeniſchen Anſtrich in den Fenſtern und Thüren, beſonders bei den neuen Gebäuden. Ein kleiner Obelisk von Alabaſter, ein Geſchenk Mohamed Alis ſteht in der Mitte auf einem Piedeſtal, das einen Springbrunnen bilden ſollte, aber kein Waſſer hat. 204 Tracht, ſtattlich geputzte Türken und dann und wann eine vermummte Frau, die nichts als die Augen und die Fußſpitzen ſehen läßt— dies ſind die ge⸗ wöhnlichen Gegenſtände, welche man auf den Straßen von Alexandrien an⸗ trifft. Die meiſten Häuſer ſind von Stein. Sie haben blos Ein Stockwerk, mit einem flachen Dache, das in Steinplatten oder einem Eſtrich von Lehm beſteht. Ihre Fenſter gehen nach dem Hofe, und außen ſieht man nur die kahle Rückſeite und einen ſchmalen, niedrigen Eingang, ſo daß ſie eher Ge⸗ fängniſſen als Wohnungen gleichen. Doch befinden ſich die Werkſtätten der Schuhmacher, Schneider und anderer Handwerker, ſo wie die Läden der Krämer, meiſtens auf der Seite nach der Straße. Die Einrichtung des Innern ſcheint mehr berechnet, die Bewohner zu verbergen, als ihnen Be⸗ quemlichkeit zu verſchaffen; die Gemächer ſind eng und winkelig, die Thüren niedrig und ſchmal, und die Fenſter beſtehen, ſtatt der Rahmen und des Glaſes, blos aus einem hölzernen, unbeweglichen Gitter. An einigen Häuſern liegen Gärten, worin ſchöne Südfrüchte wachſen, da man, in frühern Zeiten, den Boden derſelben mit Schlamm aus dem Nil verbeſſert hat. Die Woh⸗ nungen der europäiſchen Konſuln ſind nach ihrer Landesſitte gebaut, jedoch mit Vormauern verſehen, eine Maßregel, die in einem Lande, wo man ſtets Gewaltthätigkeiten, die Peſt u. ſ. w. zu fürchten hat, ſehr nöthig iſt. Die Moſcheen find viereckige Gebäude mit gewölbten Kuppeln, und mit hohen, runden und ſehr dünnen Thürmen oder Minarets, die oben ein Geländer haben. Auf dieſen Thürmen fordern die Mueſſinn(eine Art Kirchenſänger) das Volk zum Gebet auf, durch Abſingung eines Liedes, das man„Eſann“ nennt; denn die Muhamedaner machen keinen Gebranch von Glocken. Jede Moſchee hat einen Vorhof, mit Waſſerbehältern zu den Abwaſchungen, die bekanntlich einen Theil des muhamedaniſchen Gottesdienſtes ausmachen. Die Eingänge ſind mit Ketten verhängt, ſo daß die Leute ſich bücken müſſen, um hindurchzukommen. Der Marktplatz iſt mit Lebensmitteln ſchlecht verſehen. Man ſieht faſt nichts als kleine, runde und flache Brode, Datteln, Reis, Hirſe, Zwiebeln und eingeſalzene Fiſche, bisweilen auch einige Hühner und Eier. Grüne Früchte und Gemüſe, womit dann und wann einige Fahrzeuge von Roſette kommen, werden am Strande feil gehalten. Auch verkauft man hier friſche Fiſche. Die Schlächter muß man in ihren Häuſern aufſuchen; Rind⸗ fleiſch iſt bei ihnen ſelten, und Kalbfleiſch nie zu bekommen, ſondern faſt im⸗ mer nur Fleiſch von Ziegen, und manchmal von Schafen, die bekanntlich in Aegypten Fettſchwänze haben. Da Alexandrien und die ganze Umgegend keinen Brunnen oder Quell beſitzt, ſo wird das Waſſer des Nils, ungefähr zwei Meilen oberhalb Roſette, durch einen Kanal in die Stadt geleitet. Da dies aber nur zur Zeit der jährlichen Ueberſchwemmung geſchehen kann, ſo füllt man die gewölbten Ciſternen unter der alten Stadt damit an, welcher Vorrath das ganze Jahr hindurch ausreichen muß. Dieſe Ciſternen ſind ver⸗ pachtet; und die Pächter laſſen das Waſſer, in ledernen Schläuchen, auf Ka⸗ meelen zum Verkauf herumtragen.— Der Kanal von Ramanieh, welcher Alexandrien mit Cairo verbindet, wurde unter der damaligen Regierung wie⸗ der hergeſtellt, und im Jahr 1820 zuerſt befahren. Der öſtliche oder neue Hafen hat eine ſchlechte Beſchaffenheit; der innere Theil iſt völlig verſandet. Die größern Schiffe müſſen daher am Eingange liegen bleiben, wo ſie den Nord- und Oſtwinden ausgeſetzt und ſtets in Ge⸗ fahr ſind, auf den Strand zu gerathen und zu ſcheitern. Nur dieſer Hafen ſtand ſonſt den chriſtlichen Nationen offen; in den weſtlichen oder alten durften nur muſelmänniſche Fahrzeuge einlaufen, ein Verbot, das jetzt aufgehoben iſt. Den letztern Hafen ſchützt das Land beſſer als den erſtern, beſonders die hervorragende Spitze, welche man„das Vorgebirge der Feigen“ nennt. Auch fehlt es ihm nicht an Tiefe, obſchon die Schiffe einige Jahrhunderte hindurch den Ballaſt in das Waſſer geworfen haben, welchem Unfug erſt in den neueſten Zeiten geſteuert worden iſt. Auf der Pharusinſel befindet ſich, an der Stelle des vormaligen Leucht⸗ thurms, ein Kaſtell mit mehren hohen Thürmen. Außerdem hat die Stadt auch zwei Citadellen zu ihrer Vertheidigung. Die militäriſche Beſatzung beſtand da⸗ mals, als ich mich dortbefand, aus 500 türkiſchen Janitſcharen und 200 Albaniern. Die Janitſcharen gingen in gewöhnlichen türkiſchen Kleidern, bunt und ohne Gleichförmigkeit. Mit ihren Waffen, die in einer langen und ſchweren Flinte, einem kurzen Säbel, einem Meſſer und einer Piſtole beſtanden, erſchie⸗ nen ſie ſelten, ſondern faſt immer nur mit einem Stab in der rechten, und einer langen Pfeife in der linken Hand. Waffenübungen fanden bei ihnen nicht Statt; ſie verſahen das Amt der Polizei⸗ und Gerichtsdiener. Die Al⸗ banier, welchen man vorzüglich die Bewachung der feſten Plätze anvertraut hatte, waren lauter große, kraftvolle und gewandte Leute. Sie trugen ſehr weite Beinkleider, eine rund zugeſchnittene Jacke, und darüber eine Weſte ohne Aermel, die mit ſilbernen Schnüren verziert, und ſtatt der Knöpfe mit kleinen Ketten und Kugeln von Silber verſehen war, ferner ein metallenes Schild auf der Bruſt, einen Gürtel um den Leib, auf dem vorn kahl geſchorenen Kopfe eine kleine, bis auf die Augenbrauen vorgerückte Mütze von rothem Tuch, und kurze, mit Riemen zuſammengeſchnürte Stiefeln. Dazu kam noch ein weiter, mit buntfarbigen Streifen beſetzter Mantel, der viel dazu beitrug, ihren Anzug ſehr auszeichnend zu machen. Ihre Waffen glichen denen der Janitſcharen. 9. Die Einwohner von Alerandrien.— ihre Abſtammung von verſchiedenen Völkerſchaften.— Ver⸗ gleichung der Araber mit den Kopten.— die herrſchende Sprache— die geiſtige Bildung der Einwohner und ihr Gewerbfleiß— ihr Wohlſtand— ihre häusliche Einrichtung— ihr vorzüg⸗ lichſten Lebensbedürfniſſe— ihre Gemüthsart und einige ihrer Sitten und Gewohnheiten.— Der Hafen. Die Einwohner Alerandriens beſtehen, wie das in ganz Aegypten der Fall iſt, aus verſchiedenen Völkerſchaften, aus Türken, Arabern und Kopten, aus Juden, Griechen und Armeniern, ſo wie aus Europäern oder, wie man in der Türkei ſagt, Franken. Obſchon die Türken im Beſitze der bürgerlichen und militäriſchen Gewalt, und überhaupt die wohlhabendſten und angeſehenſten Einwohner ſind, ſo machen ſie doch, in Hinſicht der Menge, einen geringen Theil der Bevölkerung aus. Auch die Anzahl der Kopten, der Nachkommen von den urſprünglichen Aegyptern, iſt nicht bedeutend. Die eigentliche Volks⸗ maſſe bilden die Araber. Sie ſind ein Menſchenſchlag von ſtarkem, nervigem und gewandtem, jedoch etwas magerem Körper, mittler Größe. Die meiſten haben ein länglich rundes Geſicht, eine breite und hohe Stirn, und ſchwarze, glänzende und ziemlich tief liegende Augen. Ihre Naſe, die nicht gebogen iſt, bezeichnet ein gefälliges Ebenmaß, und den wohlgeformten Mund zieren ſchöne Zähne; in den Geſichtszügen liegt zwar etwas Rohes und Wildes, aber nichts Widriges. Ihre Hautfarbe iſt braun. Dagegen haben die Kopten eine dun⸗ kelgelbe, wie geräucherte Haut, ein plattes, dickes, um die Backenknochen ſehr fleiſchiges Geſicht, mit hervorſtehenden Augen, breit gedrückter Naſe, aufge⸗ worfenen Lippen, kurz, das Anſehen eines Mulatten, ein Anſehen, wodurch man erinnert wird, daß ihre Vorältern aus Aethiopien abſtammten, nach und nach aber ſich mit Perſern, Griechen und Römern vermiſchten. Nur die rei⸗ cheren Araber kleiden ſich auf türkiſche Art. Die Kleidung der großen Menge beſteht blos in einem, bis auf die Ferſen herab gehenden, Hemd von grober blauer Leinwand, einem ledernen Gürtel, einer Mütze von Tuch, nm die ein Shawl von rother Wolle gewickelt iſt, und bisweilen einem ſchwarzen Mantel von grobem, durchſichtigem Zeuge; nur wenige tragen Beinkleider.— Die Be⸗ ſchreibung der übrigen Völkerſchaften übergehe ich. Die arabiſche Sprache iſt die herrſchende, und viele der im Lande gebor⸗ nen Griechen, Armenier u. ſ. w. verſtehen gar keine andere. Doch ſind die meiſten Handelsleute und Alle, die mit den Fremden Verkehr haben, mit dem Italieniſchen bekannt, Einige auch mit dem Engliſchen und Franzöſiſchen. 207 Obſchon die Eingebornen gute Fähigkeiten verrathen, ſo ſtehen ſie doch, wegen Mangel an allem Unterricht, auf einer niedrigen Bildungsſtufe. Die meiſte Aufklärung findet man unter den Kopten, daher viele derſelben als Schreiber bei den Türken angeſtellt ſind. Außer Kopfrechnen wird im Allge⸗ meinen keine Wiſſenſchaft getrieben. Auch die bildenden Künſte ſind, mit Aus⸗ nahme des Geſanges, ganz vernachläſſigt; man weiß nichts von Muſikern und, da die muhamedaniſche Religion jede bildliche Darſtellung verbietet, von Ma⸗ lern, Bildhauern, Kupferſtechern und Allen, die mit denſelben in Verbindung ſtehen. Der Kunſtfleiß verbreitet ſich blos über einige mechaniſche Künſte und Handwerke, die meiſtens von Kopten, Griechen und Armeniern getrieben wer⸗ den. Es giebt unter ihnen Maurer, Zimmerleute, Schmiede, Schloſſer, Bäcker, Barbiere, Tiſchler, welche letztere jedoch einen ſehr beſchränkten Ge⸗ ſchäftskreis haben, zufolge der Einrichtung, die in den Häuſern herrſcht, wovon ich weiter unten ſprechen werde. Man verfertigt ferner etwas Juwelierarbeit, Kleider, Pantoffeln und Babuſchen, Segel, Tauwerk aus Palmfaſern, haupt⸗ ſächlich aber Lampen und Flaſchen von weißem oder grünem Glaſe. Es iſt indeſſen Alles, was die Künſtler und Handwerker in Alexandrien liefern, grob und unförmlich. Die Einwohner arabiſcher Abkunft beſchäftigen ſich blos mit den niedrigſten Handthierungen; ſie ſind Fiſcher, Kameeltreiber, Laſtträger, Handlanger u. ſ. w. Der Handel Alerandriens iſt beträchtlich, beſonders der Durchgangshan⸗ del, da die meiſten Waaren, welche zur See aus dem Lande gehen, oder dahin kommen, zur weitern Verſendung hier niedergelegt werden. Aus Konſtantinopel führt man vorzüglich Tabak, Gewehre, Pelzwerk und Kleidungsſtücke ein, und aus den europäiſchen Häfen Tücher, baumwollene und ſeidene Zeuge, goldene Spitzen, Papier, Eiſen, Blei, Cochenille, allerlei Stahl⸗ und kurze Waaren, ſo wie Gold⸗ und Silbermünzen. Die Ausfuhr beſteht in Getreide, Reis, Hanf, Baumwolle, Natrum, Salmiak, Wachs, Häuten, Kaffee, Gewürzen, orientaliſchen Stoffen, Mumien u. m. a., hauptſächlich aber in Saflor und Sennesblättern. Ueberdem nimmt die große Geſellſchaft von Pilgern aus Marocco, Algier, Tunis ꝛc., welche jährlich nach Mecca geht, und, außer einer Menge Pantoffeln, auch Gummi, Goldſand, Elfenbein und Straußfedern mit ſich führt, ihren Zug durch Alexandrien, was zur Belebung des Handels dieſer Stadt viel beiträgt. Die wichtigſten Geſchäfte werden von beſonderen Agenten auf Rechnung des Paſcha gemacht, da nur er, als unumſchränkter Herr des Landes, mit deſſen Erzeugniſſen und ſelbſt mit den dahin kommenden oſtindiſchen handelt, und die Preiſe derſelben feſtſetzt. Es wird blos eine beſtimmte An⸗ zahl von Kaufleuten geduldet, welche hauptſächlich aus Franken beſtehen. Der Geſchäftskreis der handelnden Griechen, Armenier und Juden iſt großen Theils auf Mäkelei und Kleinhandel berechnet. Da den Gewerbfleiß der Alexandrier ihre Unwiſſenheit ſowohl als die Habſucht der Regierung hemmte, da ſie ferner mit ſchweren Abgaben belaſtet, und durch die Unfruchtbarkeit des Bodens gezwungen waren, ihre Lebensmittel mehre Meilen weit herbei zu ſchaffen, ſo kann man leicht erachten, daß kein all⸗ gemeiner Wohlſtand unter ihnen aufkommen konnte. Es gibt nur Arme und Reiche, welche letztere aus den öffentlichen Beamten und den wenigen Kaufleuten beſtehen. Die gemeine Volksmaſſe befindet ſich in großem Elend, das ſich auf allen Geſichtern deutlich ausſpricht. Die meiſten Wohnungen des Volks haben ein ödes Anſehen. An dem obern Theil der beräucherten Wände iſt ein Bret mit etwas Töpferzeug, etwas hölzernem und eiſernem Geräth, und auf dem Fußboden eine Baſtmatte, wor⸗ auf einige Schaffelle und wollene Bettdecken zuſammengerollt liegen, die des Abends auf dem Dache des Hauſes, wo man gewöhnlich ſchläft, ausgebreitet werden. Aber auch in den Wohnungen der reichen Türken ſieht es, nach den Begriffen des Europäers, ärmlich aus. Da gibt es weder Stühle, Tiſche, Bettſtellen, noch Schränke, Kommoden, Tapeten, Spiegel u. ſ. w.; die Wände ſind blos geweißt und mit Sinnſprüchen aus dem Koran verziert, und der ganze Hausrath beſteht in Matten, Fußteppichen, Kiſſen, Matratzen, großen kupfernen und hölzernen Platten, die ſtatt des Tiſches dienen, in einigen Pfan⸗ nen, einem Mörſer, einer Handmühle, etwas Porzellan, und einigen Schüſſeln und Tellern von verzinntem Kupfer. Wen erinnert dies nicht an die Abkunft der Türken von nomadiſchen Völkerſchaften, die jeden Augenblick zur Verän⸗ derung ihres Aufenthaltes bereit, und daher unbekannt mit Bequemlichkeiten ſind, welche nur ein feſter Wohnſitz geſtattet? Die Lebensmittel des gemeinen Volks ſind gewöhnlich Brod mit rohen Zwiebeln, oder mit Datteln, Käſe, ſaurer Milch, oder Honig, und Waſſer. Nur einige Mal in der Woche genießt es ein Gericht Reis, Hirſe, oder Hül⸗ ſenfrüchte. Fleiſch, Fiſch, grüne Früchte und Kaffee machen ſeine Mahlzeit an hohen Feſttagen aus. Zuckerwerk, Scherbet und andere leckerhafte Speiſen und Getränke kennt er nur dem Namen nach. Da Aegypten Mangel an Holz und überhaupt an Brennſtoff leidet, ſo kocht man über einem Feuer von Büffel⸗ und Kuhmiſt, welcher, in Kuchen geformt und getrocknet, von Roſette herzu geſchafft wird. Das größte Labſal der Leute iſt der Tabak; ſie rauchen faſt den ganzen Tag aus Pfeifen mit langen, bis auf den Erdboden reichenden Röhren und kleinen Köpfen von rothem Thon. Da ihre Frauen abgeſchieden von der Welt und in den Kreis der Familie gebannt ſind, ſo wiſſen ſie nichts von Tanz, Muſik und allen den Luſtbarkeiten, welche das Leben des Europäers erheitern. Sie kennen kein anderes Vergnügen, als mit der Pfeife im Munde müßig zu ſitzen, und bei Zuſammenkünften einander etwas vorzufingen, oder Mährchen zu erzählen von der Art, wie„die Tauſend und Eine Nacht.“ Das Volk beſitzt von Natur einen heitern Sinn und viel Gutmüthigkeit, Eigenſchaften, die unter dem Druck, worunter es lebt, nur zu oft verloren gehen. Sein Eifer in Ausübung der Religion iſt ſo groß, als in irgend einem muhamedaniſchen Lande. Wenn auf den Minarets die Stimmen der Mueſſinn ertönen, wird jedes Geſchäft bei Seite geſetzt, jeder Handel abgebrochen, und Jung und Alt geht zum Gebet in die Moſcheen. Dies geſchieht täglich fünf⸗ mal, und am Freitage, dem Tage der Schöpfung des Menſchen, welcher dem öffentlichen Gottesdienſte gewidmet iſt, wird noch außerdem ein beſonderes Gebet verrichtet. Im Monat Ramadan, der muhamedaniſchen Faſtenzeit, ent⸗ halten ſich die Leute, vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne, aller Spei⸗ ſen und Getränke ſo ſtreng, daß viele vor Hunger und Durſt auf den Straßen in Ohnmacht fallen. Eine Eigenſchaft, die alle Einwohner Alexandriens, etwa einige aufge⸗ klärte Franken ausgenommen, mit einander gemein haben, iſt der Aberglaube; und da er ſich allenthalben ähnlich ſieht, ſo fand ich in dieſer Hinſicht Manches, dergleichen mir ſchon anderwärts, beſonders in Sicilien, vorgekommen war. Dahin gehört z. B. der Glaube an die ſchädliche Einwirkung des böſen Blicks und des Beſchreiens oder neidiſchen Lobes. Gegen Unfälle dieſer Art glaubt man ſich durch Befeſtigung von Knoblauch, oder durch Anſchreibung der hei⸗ ligen Worte„Maſck⸗Allah!“ über dem Eingange des Hauſes zu verwahren. Ein Reiter behängt die Bruſt ſeines Pferdes mit einer Schnur blauer Knöpf⸗ chen, um wohlbehalten durch den neidiſchen Pöbel zu kommen. Den Kindern werden kleine Stückchen rothes Zeug, oder Schnuren von Korallen oder grünem Glaſe über das Geſicht herab gehängt, damit die Farbe und Bewegung derſelben den erſten Blick des Neiders auf ſich ziehen, weil nur dieſer, wie man behauptet, ſchädlich iſt.. Die Franken in Alexandrien ſtehen einzig unter der Aufſicht und Ge⸗ richtsbarkeit ihrer Konſuln, welche mit der Macht bekleidet ſind, leichte Ver⸗ gehungen zu beſtrafen und Verbrecher zu dem Ende in die Heimath zu ſchicken. Die Franken entrichten keine öffentlichen Abgaben, ſondern blos Beiträge zur Unterhaltung der Anſtalt, welche man für kranke Seeleute geſtiftet hat. Den obigen allgemeinen Bemerkungen über Alexandrien und ſeine Ein⸗ wohner füge ich noch einige beſondere hinzu, ſo wie die Erzählung der wich⸗ Richter's Reiſen. II. 14 210 tigſten Vorfälle, welche ſich während meines dortigen Aufenthaltes ereigneten.— Sobald man die Anker geworfen hatte, begab ich mich an's Land, um vor allen Dingen dem engliſchen Konſul unſere Ankunft zu melden. Auf dieſem Wege, der mich eine weite Strecke längs dem Seeufer hinführte, zogen die muſelmänniſchen Fahrzeuge, welche dicht am Lande lagen, ſo wie die türkiſchen Seeleute mit ihren weiten Hoſen und großem Turban, oder, weil ihnen dieſe Kopfbedeckung läſtig wird, mit entblößtem kahlem Kopfe, meine Aufmerkſam⸗ keit auf ſich. Ueberall zeigten ſie das ernſte und geſetzte Weſen ihrer Nation, ſie mochten auf den Maſten herum klettern, mit untergeſchlagenen Beinen auf dem Verdeck ſitzen und ihre Mahlzeit halten, oder mit der langen Tabakspfeife, an einen Maſt gelehnt und in Gedanken vertieft, ſtarr vor ſich hinblicken, oder langſam und feierlich hin und her ſpazieren. Die Fahrzeuge beſtanden, außer vielen Polakern, in Schebecken, Galeeren, Felucken, Barken, Pinken, Saiken, Dſchermen u. ſ. w. Wiewohl mir die meiſten Arten dieſer Fahrzeuge, da ſie bei allen Völkern am Mittelmeere gewöhnlich ſind, ſchon in Sieilien vorgekom⸗ men waren, ſo hatte ich doch nur flüchtige Blicke darauf geworfen; aber jetzt, wo zu ihrer eigenthümlichen, den nördlichen Europäer überraſchenden Bauart noch die muſelmänniſchen Flaggen und Mannſchaften kamen, luden ſie mich zu einer genauen Betrachtung ein. Die Schebecken ſind lang, ſchmal und ſehr ſcharf gebaute Schiffe, mit drei niedrigen Maſten, wovon der vorderſte weit vorwärts hängt, und mit un⸗ geheuern dreieckigen Segeln, die man aber bei ſtarkem Winde, wo ſie ſich ſchwer regieren laſſen, mit viereckigen vertauſcht. Bei einer Windſtille können Ruder auf dem Verdeck angebracht werden. Dieſe Schiffe haben vorn, an der Stelle des Bugſpriets, eine Art Schnabel, und ihr Hintertheil verlängert ſich in einen weit hinaus laufenden Vorſprung, der bogenförmig überdeckt iſt, und als Kajüte dient. Es gibt ſowohl zum Handel als zum Krieg ausgerüſtete Sche⸗ becken. Die letzteren führen bisweilen 40 und mehr Kanonen; diejenigen, welche ich in Alexandrien ſah, waren nur mit 20 bis 24 Kanonen beſetzt.— Die Felucken haben zwei niedrige, vorwärts geneigte Maſten und dreieckige Segel; auch führen ſie Ruder und ſind deshalb an der Seite mit Luken ver⸗ ſehen. Ihr Vorder⸗ und Hintertheil iſt wie bei den Schebecken beſchaffen. Ihre Kajüte, die ſich hinten auf dem Verdeck befindet, beſteht blos in einem Zelte, das auf vier oder fünf hölzernen Bogen ruht. Dieſe Fahrzeuge haben die Eigenheit, daß der Baum des Steuerruders, um der Kajüte deſto mehr Raum zu verſchaffen, nach hinten gekehrt, und daher der Standort für den Steuernden am äußerſten Ende des Vorſprungs iſt. Die Felucken werden ſowohl zu kaufmänniſchen, als zu kriegeriſchen Unternehmungen gebraucht. Die zum Krieg beſtimmten ſind nach Verhältniß ihrer Größe ſehr ſtark gebaut. Sie führen 2 Kanonen auf dem Vorderdeck, und 30 bis 36 Drehbaſſen auf dem Bord um das Schiff. Die Ruder belaufen ſich auf 12 an jeder Seite. Uebrigens haben die Felucken viel Aehnlichkeit mit den Galeeren, welche ich, weil ſie ſchon im zweiten Abſchnitt des erſten Bandes meiner Reiſen beſchrieben ſind, hier übergehe. Dabei iſt noch zu bemerken, daß die Felucken und Galeeren, ſo wie auch die Schebecken, Ueberreſte von der Schiffbauart der alten Griechen und Römer ſind, welche man ſpäter vervollkommnet hat. Kriegsſchiffe der neueren Art, z. B. Fregatten, Brigs u. ſ. w., waren in Alexandrien zu der Zeit, wo ich mich dort befand, nicht anzutreffen.— Die Barken, welche man zum Krieg und zur Handlung ausrüſtet, ſind breit gebaut, und zwar vorn am meiſten. Ihre Maſten ſtellen ein ſonderbares Gemiſch dar; der hinterſte gleicht dem Kreüzmaſt eines gewöhnlichen Schiffes, der Hauptmaſt dem eines Polakers, und der Fockmaſt dem einer Schebecke. Die Stelle des Bugſpriets vertritt ein Schnabel.— Die Pinken haben, in Hinſicht der Maſten und Segel, die⸗ ſelbe Beſchaffenheit, wie die Schebecken. Da ſie aber blos zum Handel ge⸗ braucht werden, ſo iſt der Boden weit flacher; auch führen ſie keine Ruder.— Die Saiken ſind eine, nur in der Levante einheimiſche Art Kauffahrer, mit einem Bugſpriet, Hauptmaſt und kleinen Beſaanmaſt; an dem Hauptmaſte befinden ſich zwei viereckige Raa⸗ und mehre Stagſegel.— Die Dſchermen, welche in Aegypten die gewöhnlichſten Fahrzeuge zur Beſchiffung der Küſten und des Nils ſind, führen nur einen Maſt, mit einem großen dreieckigen Segel, das braun und blau wie Zwillich geſtreift iſt. Uebrigens hatten die ſämmt⸗ lichen muſelmänniſchen Fahrzeuge, welche mir in Alexandrien zu Geſicht kamen, das mit einander gemein, daß ſie baumwollene Segel und viel Tauwerk von Palmenbaſt führten, ferner daß ſie an der Außenſeite blos mit geſchwärztem Theer angeſtrichen, und auf dem Verdeck ſehr unrein waren. Im Hauſe des Konſuls, das ſich, durch die aufgeſteckte Flagge und durch ſchöne Glasfenſter, von den anderen nahen Gebäuden ſehr auszeichnete, fand ich Alles auf europäiſchem Fuß; nur die am Eingang ſtehenden Janitſcharen — denn die fremden Konſuln haben eine Ehrenwache,— erinnerten mich, daß ich in Aegypten war. Nach Bekanntmachung des Zwecks meiner Reiſe bekam ich einen ſchriftlichen Verhaltungsbefehl, der mir beſonders die Pflicht auflegte, über die gute Aufführung der Schiffsmannſchaft zu wachen, und jeden Morgen dem Konſulate Bericht darüber zu erſtatten. Dieſe Maßregel war eine Folge der Händel, in welche vor Kurzem die Europäer mit den Muſelmännern ge⸗ rathen waren, weil ein engliſcher Seemann, im Vorbeigehen vor einem Kaffee⸗ hauſe, die Ungezogenheit begangen hatte, die Pantoffeln eines Türken mit den 14* 212 Füßen in den Koth zu ſchleudern, was man für eine große Beleidigung hielt. Hierbei iſt zu bemerken, daß die Türken, wenn ſie ſich ſetzen, ihre Pantoffeln vor ſich hinſtellen, und wenn ſie in ein reinliches Zimmer treten, außerhalb des⸗ ſelben ſtehen laſſen. Mein nächſter Gang war zu dem türkiſchen Kaufmann, welcher die Ladung des St. Angelo übernehmen ſollte. Da ſeine Wohnung in einem entfernten Theile der Stadt lag, ſo erbot ſich ein Janitſchar des Konſuls, mich dahin zu begleiten. Wir kamen durch einige Straßen, wo ich mancherlei ſah und ver⸗ nahm, das ſich meinem Gedächtniſſe tief eingeprägt hat, da diejenigen Eindrücke, welche man an fremden Orten zuerſt empfängt, gewöhnlich ſtärker als die ſpä⸗ teren ſind. Lebhaft erinnere ich mich noch z. B. der geöffneten Stube eines griechiſchen Barbiers, wo ein Muſelmann mit eingeſeiftem Kopfe, zwiſchen den Beinen des raſirenden Künſtlers, auf der Fußmatte ſaß, während ein anderer den ſchon kahl geſchorenen Kopf wuſch, und mehre, noch mit dem Turban be⸗ deckt und Tabak rauchend, umher ſtanden und dem Augenblick, wo ſie die Reihe treffen würde, entgegen ſahen. Eben ſo lebhaft ſchwebt noch vor meiner Seele der Auftritt, wie ein hübſches Kind lächelnd zu mir kam, ſo daß ich nicht unter⸗ laſſen konnte, es zu liebkoſen, und wie dann der ängſtlich herbei eilende Vater daſſelbe fortriß und ihm in's Geſicht ſpuckte— ein Verfahren, das für das wirkſamſte Mittel gegen das Beſchreien gilt, welches, wie man in Aegypten ſich einbildet, beſonders den Europäern eigen iſt. Noch ſeh' ich im Geiſte den jungen Mann, der im Hofe eines Hauſes, wo ein Feſt gefeiert wurde, der Ge⸗ ſellſchaft etwas vorſang, ich ſehe das lebhafte Spiel ſeiner Augen und Mienen, und höre die melodiſchen, aber traurigen und mit tiefen Seufzern vermiſchten Töne, die aus ſeiner Kehle hervordrangen. Hierbei muß ich die Bemerkung machen, daß die meiſten arabiſchen Volkslieder den Zuſtand eines ſchmachten⸗ den, von Leidenſchaft verzehrten Liebhabers ausdrücken, und überhaupt auf Rührung berechnet ſind. Die Stimme der Araber iſt hell und wohltönend, und hat einen ſo großen Umfang, eine ſolche Biegſamkeit, Stärke und Aus⸗ dauer, als man bei den Europäern, ſelbſt den Italienern, nicht findet. Dazu kommt noch, daß ihre Sprache, wegen der großen Mannigfaltigkeit von Lauten und der glücklichen Miſchung von Vokalen und Konſonanten, den Geſang ſehr begünſtigt, ob ſie ſchon einige rauh klingende Kehllaute hat. Mein Begleiter, der etwas engliſch ſprach, erzählte mir unterwegs viel von dem Kaufmann, zu dem ich gehen wollte, von ſeinen ausgebreiteten Ge⸗ ſchäften, ſeinem großen Reichthum, und daß er ein Handelsagent des Paſcha und zugleich mit einer militäriſchen Stelle bekleidet ſei. Ich erſtaunte daher, als er bei einer alten ſchwarzen Mauer mit einem niedrigen Pförtchen, vor ²¹3 welchem große Schmutzhaufen lagen, ſtehen blieb und ſagte:„Hier wohnt Ali Kior.“ Aber eben ſo ſehr ward ich überraſcht, als wir aus dem langen, düſtern Gange, der zu einem Kerker zu führen ſchien, in den geräumigen Hof traten, wo auf allen vier Seiten mit Säulen verſehene Gebäude, und in der Mitte einige Sykomoren oder wilde Feigenbäume, deren lebhaes Grün dem Auge wohlthat, ſich darſtellten. Unter einem der Säulengänge lag ein reich gekleideter Türke auf einem Kiſſen, den Kopf auf den linken Arm geſtützt, und mit dem rechten die lange Tabakspfeife von ſich haltend.„Dies iſt Ali,“ ſagte der Janitſchar und ging voraus, um mich anzumelden. Er berührte, bevor er ſprach, mit der rechten Hand den Mund und nachher die Stirn— die Art, wie man angeſehene Perſonen in der Türkei begrüßt. Aber weder dieſe morgenländiſche noch meine europäiſche Begrüßung ſchien den geringſten Eindruck auf Ali Kior zu machen, denn der Stolz des Türken erlaubt nicht, Leute geringern Standes, oder irgend einen Europäer zu bewillkommnen; er blieb ungeſtört, ohne ſeine Lage im mindeſten zu verändern, oder nur eine Miene zu verziehen. Doch erhob er ſich von ſeiner Ruheſtatt, als ich ihm die aus Sicilien mitgebrachten Briefe überreichte, die er ſtehend las. Mittlerweile hatte ich Gelegenheit, Betrachtungen über das Aeußere dieſes ſtolzen Muſel⸗ mannes anzuſtellen. Er ſchien in einem Alter von fünfzig Jahren zu ſtehen. In allen Theilen ſeines länglich runden Geſichts lag ein gefälliges Ebenmaß, und die glühenden ſchwarzen Augen, die friſche, bräunliche Farbe, die ernſte Miene und der lange, ſeidenartige und wie durch Kunſt gekräuſelte ſchwarze Bart, ſo wie der große Knebelbart, gaben ihm ein männlich ſchönes Anſehen. Sein Körper hatte eine anſehnliche Größe, und die ſtarken Muskeln des nack⸗ ten Halſes ließen auf deſſen Kraft ſchließen; das war wenigſtens das Einzige, wonach ich es beurtheilen konnte,, denn der übrige Theil des Körpers war von der weiten Kleidung verhüllt. In jeder Bewegung herrſchte jener feierliche, mit Ernſt, Bedächtigkeit und Würde verbundene Anſtand, welcher den Türken eigen iſt. Die Kleidung beſtand in folgenden Stücken: ein Unterkleid von prächtigem ſeidenem Stoffe, mit weiten Aermeln, welche bis über die Finger⸗ ſpitzen herab gingen; ein mit ſkoſtbarem Pelzwerk gefüttertes Oberkleid von blauem Tuche, deſſen Aermel nur bis zu den Ellbogen reichten; übermäßig weite, bis zu den Ferſen herab gehende Beinkleider von ſilbergrauem, dickem, aber ſehr feinem, langhaarigem wollenem Zeuge; ein ſchöner Shawl von bunter Wolle, der über das Unterkleid und den Obertheil der Beinkleider, um den Leib gewunden war; Pantoffeln von gelbem Leder; dergleichen Socken, die blos den Fuß bedeckten; ein Turban, der aus einer cylinderförmigen Mütze von gelber Seide, und einer künſtlich darum gelegten, ſtarken Rolle von Muſ⸗ 214 ſelin beſtand, die über der Stirn ein Edelſtein ſchmückte. Dabei iſt zu bemer⸗ ken, daß die Türken unter dem erwähnten Unterkleide noch ein anderes von indiſchem Kattun, oder von leichtem wollenem Zeuge, ſo wie ein Hemd von Leinwand oder feinem Kattun tragen. Alle ihre Kleider haben die Geſtalt eines weiten Schlafrocks, ohne Kragen; dieſer fehlt auch den Hemden, ſo daß der Hals völlig bloß iſt. Die Unterkleider legt man vorn auf der Bruſt über einander, und ſteckt den untern, bis auf die Füße herabgehenden Theil derſelben in die Beinkleider. Das Oberkleid wird los und offen gelaſſen. Wenn es nicht mit Pelz gefüttert iſt, hat es gar kein Futter. Die Türken in Alexandrien halten viel und, wie es ſcheint, noch mehr als die Einwohner irgend eines tür⸗ kiſchen Landes, auf den Gebrauch des Pelzwerks, nicht nur aus Liebe zu dieſem Gegenſtande des morgenländiſchen Luxus, ſondern weil ſie auch den Schweiß als ein nothwendiges Erforderniß zur Erhaltung der Geſundheit anſehen, und nichts ſo ſehr als eine Unterbrechung oder Unterdrückung desſelben fürchten, obſchon die arabiſchen Einwohner ſich bei der dünnen Bekleidung mit einem bloßen Hemd eben ſo wohl befinden. Doch ich kehre wieder zu Ali Kior zurück. Nach Leſung der Briefe er⸗ heiterte ſich ſeine Miene, und nachdem der Janitſchar, mit derſelben Ehrenbe⸗ zeigung, wie bei der Ankunſt, ſich entfernt hatte, ergriff er meine Hand und be⸗ wies, daß ihm die Sitten der Europäer nicht fremd und einige Sprachen der⸗ ſelben ſogar geläufig waren; denn er hatte, wie ich ſpäterhin erfuhr, ſich lange in Italien, Frankreich und auch in Wien aufgehalten. Er ließ mir Kaffee und eine Pfeife mit Tabak, ſo wie auch einen Feldſtuhl*) bringen. Nachdem nun das Nöthige in Betreff der überbrachten Schiffsladung beſprochen war, erfuhr ich erſt, daß ſie das Eigenthum des Paſcha, und dies auch der Fall mit den Gütern ſei, womit das Schiff rückwärts befrachtet werden ſollte. Hierauf ging das Geſpräch auf andere Gegenſtände über. Beſonders erkundigte ſich der Muſelmann nach einigen Perſonen in Meſſina mit einer Wärme, welche mich über die Güte ſeines Herzens, da ſie ſich auch auf Chriſten erſtreckte, in keinem Zweifel ließ. Als die Sonne ſich neigte, und der Geſang der Mueſſinn die Gläubigen zum Abendgebet rief, brach er, nach einer kurzen Entſchuldigung, das Geſpräch plötzlichf ab und entließ mich, um ſeine religiöſe Pflicht zu er⸗ füllen. 3 Als ich durch die Menge der frommen Muſelmänner, welche mir auf ihrem Wege nach den Moſcheen, zu Fuß oder auf Eſeln, in den Straßen begegneten, *) Man iſt in Alexandrien meiſtens nur mit ſolchen Stühlen für die Europäer verſehen, weil ſie ſich beſſer als die gewöhnlichen auf die Seite ſchaffen und verbergen laſſen. und wieder an den Strand gekommen war, beſuchte ich das Kaffeehaus eines Griechen. Ich fand hier viele Europäer, und unter ihnen den Kapitän des St. Angelo; ſpäterhin miſchten ſich auch einige Türken in die Geſellſchaft. Das Haus hatte dieſelbe Einrichtung, wie es in den meiſten Ländern des ſüdlichen Europa Sitte iſt. Die nach der Straße gekehrte Thür ſtand offen, und über derſelben war ein Sonnenzelt ausgeſpannt. Das geräumige Gemach hatte einen grünlichen Anſtrich. Längs den Wänden links und rechts befanden ſich kleine Tiſche und gepolſterte Bänke, ſo wie auch mit Rohr bezogene Stühle. Auf jedem Tiſche ſtanden drei oder vier große Kaffeeſchalen, eine Schale mit geſtoßenem Zucker, ſo wie ein Teller mit Cigarren, und zwar, um den Staub und die Fliegen abzuhalten, alles unter einem großen Deckel von Meſſingblech. Im Hintergrunde des Gemachs lief quer über eine Verkauftafel, beſetzt mit friſchen und eingemachten Früchten, mit Zuckerwerk und andern Leckereien, worunter man jedoch das Gefrorene, mit dem die Kaffeehäuſer Siciliens ange⸗ füllt ſind, vermißte. An der Wand hinter der Tafel waren Geſtelle befeſtigt, worauf Flaſchen mit Wein, mit gebrannten Waſſern, beſonders von Datteln, wilden Feigen, oder Roſinen, ſo wie auch mit Ingredienzen zu Scherbet ge⸗ halten wurden, welchen man in Alexandrien gewöhnlich von Zitronenſaft, oder dem Safte ſaurer Kirſchen, mit Zucker und Roſenwaſſer vermiſcht, bereitet. Auch gab es Rühreier und gebratene Fiſche, faſt die einzigen warmen Speiſen, welche in den Gaſthäuſern der levantiſchen Seehäfen zu bekommen ſind. Von all dem Guten, das ſich meinem Gaumen und Magen darbot, wählte ich Cy⸗ perwein, deſſen Vortrefflichkeit ſeinen alten Ruhm vollkommen rechtfertigte. 10. Eine Wanderung, um die Ruinen der alten Stadt zu beſehen.— Herrſchende Augenkrankheiten in Aegypten.— Die Ladung des St. Angelo wird ausgeſchifft— die Verhältniſſe, worin der Verf. ſich während der Zeit befindet.— Eine Almee zeigt ihre Künſte.— Bemerkungen über das Tan⸗ zen im Morgenlande.— Das Klima von Aegypten. Am folgenden Morgen erſchien Ali Kior ſehr früh am Bord des St. Angelo, um ſich einige Proben von der Ladung zeigen zu laſſen, wobei er ſich auf eine ſo gütige Weiſe benahm, als den Chriſten im Umgange mit Muſel⸗ männern, wenigſtens öffentlich, ſelten wiederfährt. Sobald er ſich entfernt hatte, begab ich mich an's Land, um dem Konſul meinen Tagesbericht abzu⸗ ſtatten. Kaum war ich einige Schritte am Ufer hingegangen, als ein vor⸗ nehmer Türke aus einer Seitenſtraße auf mich zu kam, und eine Bewegung mit 216 der Hand machte, die ich für einen drohenden Befehl hielt, mich ſchleunig zu entfernen; denn ich wußte noch nicht, daß die Weiſe der Morgenländer, um Je⸗ manden ein Zeichen zur Annäherung zu geben, ganz das Gegentheil von der unſrigen iſt. Ziemlich beſtürzt und in Zweifel, was ich davon denken ſollte, verdoppelte ich meine Schritte, worauf jener in höchſt aufgebrachtem Ton mir einige türkiſche Worte nachrief, welche mich, weil ich ſie nicht verſtand, noch mehr in Bewegung ſetzten, bis endlich ein Araber den Ruf:„Warten Sie doch ein wenig!“ in italieniſcher Sprache wiederholte. Von dieſem Dolmetſcher er⸗ fuhr ich nun, daß der Gefürchtete nichts weiter von mir verlangte, als ihm ein gewiſſes engliſches Schiff, wohin er gehen wollte, zu bezeichnen, was ich unver⸗ züglich that. Da aber kein Fährboot, um ihn dahin zu bringen, ſich in der Nähe befand, ſo bat ich ihn, von der Schaluppe unſeres Schiffes, die noch nicht vom Ufer wieder abgeſetzt hatte, Gebrauch zu machen, eine Gefälligkeit, die ihn vollkommen mit mir ausſöhnte, und bewirkte, daß er ſpäterhin, wenn wir ein⸗ ander begegneten, mich freundlich grüßte, obſchon ein Muſelmann ſich ſelten ſo weit zu einem Chriſten herabläßt. Uebrigens beſtätigt dieſer kleine Vorfall auf's neue, daß der Reiſende unter Nationen, deren Sprache und Sitten ihm fremd ſind, leicht Anſtoß gibt und nimmt. Nach Beendigung meiner Geſchäfte beim Konſul entſchloß ich mich, die alte Stadt in Augenſchein zu nehmen. Man warnte mich, dieſen Spaziergang allein zu machen, weil ſich bisweilen Raubgeſindel in den Ruinen verborgen halte, und erſt vor Kurzem ein Fremder dort angefallen worden ſei. Ich erbat mir daher vom Konſul ein ſicheres Geleit, und erhielt denſelben Janitſcharen, der am Tage zuvor mein Wegyeiſer geweſen war. Dieſer Mann, der ſich ſehr willig zeigte, ſtand in kurzem, mit Meſſer und Piſtolen im Gürtel, einer langen Pfeife in der Hand, und einem gefüllten Tabakbeutel an einer Schnur um den Hals, vor mir da. Indeſſen that er, als wir aus dem Hauſe traten, den Vor⸗ ſchlag, ein paar Eſel zu miethen, indem er die Wanderung als ſehr beſchwerlich darſtellte. Die Türken haben nämlich eine große Abneigung vor dem Gehen; die vornehmern in Alexandrien begeben ſich ſelten zu Fuß auf die Straße, nicht einmal von einem Hauſe zu dem andern, ſondern beſteigen ein Pferd, am häufigſten aber einen Eſel, da man ſich mit der größten Bequemlichkeit darauf ſetzen, und ungehindert durch die niedrigen Eingänge der Häuſer damit kommen kann. Man findet daher an allen Straßenecken geſattelte Eſel, die für einen geringen Preis zu vermiethen ſind. Beiläufig muß ich bemerken, daß die Türken ihre Abneigung, zu Fuße zu gehen, mit der Unreinlichkeit der Straßen zu entſchuldigen pflegen; allein, dieſes Uebel iſt vielleicht blos eine Folge jener Abneigung, die ihren Grund in der für den Fußgänger unpaſſenden Tracht, hauptſächlich aber in dem großen Hange zu Unthätigkeit und Gemächlichkeit, der daraus entſtehenden Verweichlichung, und der zur Mode gewordenen Ge⸗ wohnheit hat. 3 Nachdem der obige Wunſch meines Begleiters erfüllt war, ward ich von ihm erinnert, daß wir einige Lebensmittel auf die Wanderung mitnehmen müßten, weil mehre Stunden darüber vergehen würden. Er beſorgte für das Geld, welches ich dazu gab, etwas Brod und Datteln, ſo wie eine große Flaſche Scherbet, was wir in die ledernen, an den Sätteln unſerer Eſel befeſtigten Taſchen ſteckten. Nach unſerer Ankunft vor der Stadt ritten wir Anfangs an den Ueber⸗ reſten der Mauern und Thürme hin, die das alte Alexandrien einſchließen, in⸗ dem ich dann und wann auf hohe Steinhaufen ſtieg, um die Ruinenmaſſen ſo weit als möglich zu überblicken. Erſt nachdem ein großer Theil desſelben um⸗ ritten war, drangen wir in das Innere ein, um die einzelnen Merkwürdigkeiten in Augenſchein zu nehmen. Da ſchon oben Bemerkungen darüber mitgetheilt worden ſind, will ich nur einige Nebendinge, die mir aufſtießen, noch berühren. Dahin gehören z. B. die vielen ſalzigen Stoffe, welche hin und wieder dicke Rinden um das Geſtein bildeten, oder in einzelnen Kryſtallen von mannigfal⸗ tiger Geſtalt angeſchoſſen waren, was zu mancherlei Betrachtungen über die Beſchaffenheit des Bodens und der Luft Anlaß gibt.— Wenn auch die vielen Gräber, welche ſich hier befinden, eine melancholiſche Stimmung in mir er⸗ weckten, ſo gewährten mir doch die vielfachen Formen der Leichenſteine, ihrer Grabſchriften und Verzierungen, eine nicht unangenehme Unterhaltung. Be⸗ ſonders war dieſes mit den in Stein gehauenen Turbanen der Fall, womit die Leichenſteine der Männer, zur Unterſcheidung von denen der Frauen, geſchmückt ſind; denn ſie ſtellen den Wechſel der Mode dar, welcher im Laufe mehrer Jahr⸗ hunderte hierin Statt gefunden hat.— Mitten unter einer Menge Schutt⸗ haufen bemerkte ich ein noch wohlerhaltenes Gewölbe. Die Neugierde trieb mich hinein. Vom Sonnenſchein geblendet, konnte ich Anfangs in dem düſtern Gemache nichts erkennen; ſo wie aber meine Augen heller ſahen, blinkte mir auf dem Fußboden im Hintergrunde etwas Weißes entgegen. Ich ging darauf zu und fand— ein Menſchengerippe, das noch ziemlich friſch ſchien; eine Ent⸗ deckung, die mich an einem ſo unheimlichen Orte, wie die Ruinen von Alexan⸗ drien, ſehr unangenehm überraſchte, und meinen Begleiter in ein tiefes Still⸗ ſchweigen und Nachdenken verſetzte. Was mir auf meiner Wanderung ſehr läſtig fiel, war die übermäßige, durch den ſandigen Boden und das weiße Geſtein vermehrte Sonnenhitze, die um Mittag wenigſtens 20 Gr. R. im Schatten betrug, obſchon heute der 8. 218 November war; denn das ägyptiſche Klima, worüber ich weiter unten mehr ſagen will, verlängert den Sommer bis in die Mitte dieſes Monats. Ich kehrte daher Nachmittags bei guter Zeit in die kühlere Stadt zurück. Bei meinem Eintritt empfing mich ein Gegenſtand, der wenig geeignet war, die düſtere Stimmung zu vertreiben, welche ſich meines Gemüths unter den Ruinen bemächtigt hatte. Dies war ein Mann mit verbundenem Geſicht, der, von einem Knaben geführt, mich um eine Gabe bat. Um ſeine Bitte zu rechtfer⸗ tigen und Mitleid zu erregen, nahm er zugleich den Verband ab, wo ſtatt der Augen eine gräßliche Vereiterung ſichtbar wurde, die ſich über die halbe Stirn und nach unten bis an die Backenknochen verbreitete.— Nach der Zeit habe ich gefunden, daß auch die Einwohner von Alexandrien den im Lande herrſchen⸗ den Augenkrankheiten ſehr ausgeſetzt ſind. Man ſieht eine Menge Menſchen mit rothen, erhitzten Augen, viele mit eiternden, und die Zahl der Blinden iſt nicht gering. Dieſes Uebel wird mancherlei Urſachen zugeſchrieben. Nach Einigen liegt es in den ſchlechten Lebensmitteln, welche den Magen verſäuern und die Säfte des Körpers verderben, nach Andern in der dicken und ſchweren Bedeckung des Kopfes, welche denſelben fortwährend zum ſchwitzen reizt, und ein Uebermaß von Säften dahin zieht, oder in der Gewohnheit, auf den Dächern zu ſchlafen, weil die kühle, mit ſtarkem Thau verbundene Nachtluft den Kreis⸗ läuf des Blutes ſtört. Einige geben dem vielen thieriſchen Unrath die Schuld, der ſich auf den Straßen ſammelt, und, von der Hitze verdorrt, nach und nach zerſtäubt, ſo wie Andere die Urſache in dem vielen Sandſtaube, den der Wind von dem Erdboden empor treibt, oder in den ſalzigen Theilen ſuchen, welche die Sonnenhitze aus dem damit geſchwängerten Erdboden in den Luftkreis auf⸗ zuſteigen nöthigt. Am wahrſcheinlichſten iſt es, daß alle dieſe Umſtände ver⸗ einigt auf die Erzeugung des Uebels wirken, daß aber die mit Salztheilen, mit Staub von Sand und thieriſchem Unrath angefüllte Luft das Meiſte dazu bei⸗ trägt. Oft werden ſelbſt Europäer bei der zweckmäßigſten Diät, und der größten Vorſicht, ſich weder am Tage übermäßig zu erhitzen, noch in der Nacht der kühlen Luft auszuſetzen, von Augenkrankheiten befallen, obſchon nicht mit der Heftigkeit, wie es bei den Eingebornen geſchieht. Am 9. November begann man die Ladung des St. Angelo, welche meiſtens in engliſchen Waaren, beſonders blauem Tuche, Stahlwaaren und Papier, aber auch in ſiciliſchen, z. B. baumwollenen Zeugen, Silberwerk u. m. a. beſtand, an Land zu ſchaffen. Ueber dieſer Arbeit verging eine volle Woche; und da jede Kiſte, jeder Ballen u. ſ. w. bei der Uebernahme von den Leuten des Ali Kior geöffnet, unterſucht und zur Verſendung nach Cairo von neuem gepackt und geſtempelt wurde, wobei meine Gegenwart nothwendig war, ſo verlebte ich dieſe ganze Zeit, vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne, innerhalb der Mauern eines großen Packhofs, wo ich zwar des Umgangs mit den Einwohnern im Allgemeinen beraubt war, aber doch Gelegenheit hatte, einzelne Volksklaſſen zu beobachten, und beſonders die Schlauheit der koptiſchen Schreiber, ſo wie die vorzügliche Geduld, Gewandtheit und geräuſchloſe Thätigkeit der arabiſchen Laſtträger, kennen zu lernen. Nur des Vormittags verließ ich auf kurze Zeit meinen Standort, um den gewöhnlichen Gang zum Konſul zu thun. Des Abends pflegte ich ein paar Stunden in dem ſchon erwähnten Kaffeehauſe zuzu⸗ bringen, wo immer viel Fremde und Einheimiſche anzutreffen waren. Bisweilen fand ſich dort ein junger Grieche ein, der die Geſellſchaft mit chineſiſchen Schattenſpielen unterhielt, welche in Aegypten den Mangel theatraliſcher Vor⸗ ſtellungen erſetzen. Auch eine Almee— d. i. öffentliche Tänzerin,— ließ eines Abends ihre Künſte ſehen. Der Tanz beſtand darin, daß ſie mit ausge⸗ breiteten Armen, ſingend und mit Klappern, die ſie in den Händen hielt, den Tackt dazu ſchlagend, heftige und leidenſchaftliche Bewegungen und Geberden machte. Dieſer Tanz iſt, den heiligen Tanz der Derwiſche ausgenommen, der einzige, den man in Aegypten und überhaupt im Morgenlande kennt; er iſt der⸗ ſelbe, welcher von Carthago nach Rom verpflanzt, einigen Volkstänzen der Italiener das Daſein gab, und von den Arabern in Spanien eingeführt, ſich dort, unter dem Namen„Fandango,“ in der urſprünglichen Form erhalten hat. Uebrigens ruht bei den Morgenländern ein Schimpf auf dem Tanzen. Die Männer können ſich ohne Verluſt ihrer Ehre nie damit befaſſen; nur den Frauen wird es geſtattet. Am 13. November erhob ſich ein ſtürmiſcher, mit Gewittern begleiteter Oſtwind, wodurch die Schiffe ſehr beunruhigt wurden, ſo daß man auf dem unſrigen das Ausladen der Frachtgüter einſtellen, und auf das Schlimmſte ge⸗ faßt ſein mußte. Es fanden jedoch keine großen Unglücksfälle Statt, und am folgenden Tage ließ die Heftigkeit des Windes nach, worauf die Geſchäfte von neuem ihren Gang nahmen. Von dieſer Zeit an war die große Hitze, welche wir bisher empfunden hatten, mit einem Male gebrochen, und minderte ſich mit jedem Tage, ſo wie auch die Reinheit des Himmels verſchwand. Bei dieſer Gelegenheit will ich einige Bemerkungen über das Klima Aegyptens mittheilen. In dieſem Lande, das, wegen ſeiner niedrigen Lage und der Nachbarſchaft großer Sandwüſten, weit heißer als viele andere Länder unter gleicher Breite iſt, gibt es nur zwei Jahreszeiten, eine heiße und eine kühle, oder Sommer und Winter. Schon gegen das Ende Februars wird die Sonnenhitze für den Europäer drückend, und ſteigt bald zu einer ſolchen Höhe, daß ſie in den kühlſten Zimmern 24 Gr. R. beträgt; erſt im November fängt 7 220 ſie an ſich wieder zu mäßigen. Während dieſer ganzen Zeit ſcheint am Tage der Himmel zu glühen, und in der Nacht glänzen die Sterne mit ungewöhn⸗ lichem Feuer, eine Folge der überaus reinen und dünnen Luft. Vergebens hofft man auf Regen, und die Trockenheit iſt ſo groß, daß Fleiſch, welches der Sonne ausgeſetzt wird, nicht in Fäulniß übergeht, ſondern faſt die Härte des Holzes erhält, ein Umſtand, auf dem die ägytiſche Kunſt, todte Körper in Mumien zu verwandeln, hauptſächlich beruhte. Obſchon im April, Mai und Juni viel Regenwolken, die ſich auf dem Meere gebildet haben, ihre Richtung nach Aegypten nehmen, ſo eilen ſie doch, weil dieſes flache und kahle Land keine anziehende Kraft auf ſie äußert, darüber hin, nach dem gebirgigen Abyſſinien, wo ſie ſich entladen, und dadurch die Anſchwellung des Nils verurſachen. Dennoch ver⸗ leihen die ſtarken Nachtthaue, verbunden mit den Feuchtigkeiten, die der Erd⸗ boden beim Austreten des Nils einſaugt, den Pflanzen ein erſtaunlich ſchnelles und kräftiges Wachsthum. In den Monaten December, Januar und Februar iſt der Stand des Thermometers gewöhnlich 12 bis 15, nie aber tiefer als 8 Gr. über dem Gefrierpunkte, daher Schnee und Eis ganz unbekannte Er⸗ ſcheinungen ſind. In dieſen Monaten iſt der Himmel mit Dünſten angefüllt, und es finden häufig dicke Nebel, Regen und mit Hagel verbundene Gewitter Statt. Was die Winde betrifft, ſo herrſcht eine gewiſſe, durch die Jahres⸗ zeiten bedingte Regelmäßigkeit. Vom Juni bis zu Ende des Septembers wehen nördliche Winde, am Tage ſtärker als in der Nacht, während welcher oft eine gänzliche Windſtille eintritt. Dann kommt der öſtliche an die Reihe, der je⸗ doch häufig von dem nördlichen oder weſtlichen abgelöſt wird. In den Mo⸗ naten December, Januar und Februar, wo das Wetter ſehr veränderlich und ſtürmiſch iſt, kommt der Wind aus allen Himmelsſtrichen, obſchon am häufigſten aus Weſten. Der Südwind verbreitet ſeine Herrſchaft vorzüglich über die Jahreszeit vom Ende des Februar bis in den April, nachher theilt er ſie mit den übrigen Winden, und im Monat Mai mit dem Nordwinde. Dieſer⸗Süd⸗ wind, welcher in Aegypten Chamſin, d. i. Wind der funfzig Tage heißt— weil er am häufigſten in den funfzig Tagen um die Nachtgleiche des Frühlings weht—, hat viel Aehnliches mit dem Secirocco in Sicilien, nur daß ihn, da er nicht über das Meer, ſondern unmittelbar aus der Wüſte kommt, ein weit höherer Grad von Hitze, und zugleich eine große Trockenheit bezeichnet. Wenn er zu wehen beginnt, ſo umzieht den Luftkreis ein grauer Dunſt, durch welchen die Sonne getrübt und mit einem blauen Hof umgeben blickt; dieſer Dunſt be⸗ ſteht nicht aus wäſſerigen Theilen, ſondern aus ſo fein aufgelöſtem Staube, daß er, ohne auf den Boden zu fallen, in der Luft ſchwebt und wie dieſe Alles durchdringt. Der Chamſin nimmt ſtets einen reißenden, mit heftigen Stößen 221 begleiteten Zug. Die Hitze wächſt mit der Zeit ſeiner Dauer, die jedoch nie⸗ mals mehr als drei Tage beträgt. Er äußert gleich verderbliche Wirkungen auf die Pflanzen, wie auf die Menſchen und Thiere. Während er die Haut des menſchlichen Körpers zuſammenzieht, die Poren verſtopft und die Muskeln und Blutgefäße erſchlafft, bewirkt er, daß die Säfte gleichſam in den Zuſtand des Siedens, und aus Mangel an Ausdünſtung und freier Bewegung in eine faule Gährung gerathen, wodurch Blutſturz, Schlagfluß, Lungenkrampf oder andere tödtliche Zufälle entſtehen. Wenn dieſer Wind ſich erhebt, fliehen alle Ein⸗ wohner, um ſeiner ſchädlichen Wirkung zu entgehen, in ihre Häuſer, die ſie ver⸗ ſchloſſen halten. Noch muß ich bemerken, daß der Chamſin im Winter zwar die ihm eigene Trockenheit, aber nicht die Hitze behält, ſondern dieſelbe Kühle, wie die übrigen Winde, annimmt, weil alsdann die Gebirge von Abyſſinien, die er auf ſeinem Zuge berührt, mit Schnee und Eis bedeckt ſind. Er zeigte indeſſen, während meines Aufenthaltes in Alexandrien, noch am 22. November, wo die Eingebornen und ſelbſt viele Europäer ihn gar nicht mehr achteten, einen ſo ſchädlichen Einfluß auf meinen Körper, daß ich eine heftige Fieberhitze mit Kopfweh empfand. Zum Glück hielt er nur ungefähr 18 Stunden an, und ſobald er ſich gelegt hatte, brach ich in einen heftigen Schweiß aus, wo⸗ durch das Uebel ſchnell geheilt wurde. 11. Eine Luſtfahrt nach Roſette— die merkwürdigſten Gegenſtände, die ihm an der Küſte und längs den Ufern des Nils aufſtoßen.— Ankunft in Roſette.— Beſchaffenheit der Stadt.— Rückkehr nach Alexandrien.— Der albaniſche Fleiſcher.— Beſchreibung eines Gaſtmahls bei unſerem Kaufmann.— Furcht in Alexandrien vor einem Ausbruche der Peſt.— Bemerkungen in Betreff dieſer Krankheit.— Wir beſchleunigen, um der Gefahr der Anſteckung zu entgehen, die Abreiſe.— Marſala, Trapani. Das brennende Schiff.’ Am 17. November, wo die Ladung des St. Angelo abgeliefert und die Rückfracht noch nicht zum Einſchiffen bereit war, entſchloß ich mich, einige Eng⸗ länder auf einer Luſtfahrt nach Roſette zu begleiten, um hauptſächlich den be⸗ rühmten Nil zu ſehen. Ungefähr um 9 Uhr des Morgens erhielt die Geſell⸗ ſchaft vom Konſul die nöthigen Päſſe, worauf ſie mit einem kleinen Fahrzeuge, das ſie gemiethet hatte, ungeſäumt abging. Wir ſegelten, oſtwärts, ziemlich dicht am Lande hin. Der gemäßigte Nordwind war unſerem Fortkommen günſtig, und bisweilen ſuchten es die thätigen arabiſchen Schiffer noch durch Rudern zu befördern, daher die Landſpitze von Abukir ſchon um Mittag uns 7 222 zur Seite lag. Das Land, welches bisher eine kahle Sandfläche dargeſtellt hatte, gewann nun allmälich ein beſſeres Anſehen, indem aus ſeinem Innern eine Menge Palmbäume, wie in Reihen gepflanzt, hervorragten und ein frucht⸗ bares Erdreich verkündigten. Gegen drei Uhr Nachmittags zeigte ſich auf dem Meere ein weißer, halbkreisförmig vor dem Lande ausgebreiteter Streifen. Dies war der Schaum, den der Kampf des herausſtrömenden Nilwaſſers mit dem Waſſer des Meeres veranlaßt, ein Schauſpiel, das ſich auch vor den Mündungen anderer großen Flüſſe darbietet. Bei unſerer Annäherung fanden wir einen heftigen Wellenſchlag, der unſerem kleinen Fahrzeuge gefährlich zu werden drohte. Da es aber, der Richtung des Stroms gemäß, nun ſüdwärts ſteuerte und dadurch den Wind von hinten bekam, ſo fuhr es in einigen Augen⸗ blicken glücklich hindurch. Wir befanden uns dann mit einem Mal in ruhigem Waſſer, das Anfangs violett gefärbt war, aber bald eine röthliche Farbe an⸗ nahm, die mit der grünlichen des Meerwaſſers, jenſeit des weißen Schaum⸗ ſtreifens, einen auffallenden Abſtich machte, und die in dem vielen rothen Sande, den der Nilſtrom mit ſich führt, ihren Grund hat. Nach einiger Zeit ſahen wir zu beiden Seiten niedriges Land, das Anfangs bloß in Sandbänken be⸗ ſtand, bald aber in einen ſchwarzen fruchtbaren Boden überging. Wir erblickten üppig grünende Felder, Gruppen von Palmbäumen, einige Dörfer, die auf künſtlichen, verdämmten Sandhügeln lagen, und im Hintergrunde die Minarets von Roſette. Die Landleute, die Kameele, Rinder und Schafe an den Ufern, ſo wie auf dem Strome die Waſſervögel, und die vielen ſegelnden oder vor Anker liegenden Fiſcher⸗ und Handelsfahrzeuge, gaben der Landſchaft viel Le⸗ bendigkeit. Das Ganze gewährte einen eben ſo erfreulichen als überraſchenden Anblick, zumal nach der Ankunft aus einer Gegend, wie die von Alexandrien. Da der Wind gegen Abend ſchwach wurde, ſo kam unſer Fahrzeug erſt in der Dunkelheit vor der Stadt an. Wir begaben uns zunächſt in ein am Ufer gelegenes Kaffeehaus, wo wir eine Geſellſchaft Muſelmänner fanden; ſie ſaßen mit untergeſchlagenen Beinen auf niedrigen Kiſſen, rauchten Taback und tran⸗ ken Scherbet, der auf kupfernen Platten ſtand, welche auf der Fußmatte nieder⸗ geſetzt waren. Nach einem kurzen Aufenthalt in dieſem Hauſe ging ich mit meiner Geſellſchaft zum engliſchen Konſul, bei dem wir eine ſehr gütige Auf⸗ nahme und freigebige Bewirthung fanden. Als der Tag anbrach, beſtieg ich das platte Dach des Hauſes, wo ſich mir eine ſchöne Ausſicht über den Nil und einen großen Theil des herrlichen Delta eröffnete. Ich genoß dieſen ſchönen Anblick nicht lange, denn meine Geſell⸗ ſchafter riefen mich ab, die Stadt in Augenſchein zu nehmen; ein Schreiber des Konſuls, ein Kopte, erbot ſich uns herum zu führen. Ich fand Roſette, auch abgeſehen von ſeiner reizenden Lage, weit ange⸗ nehmer als Alexandrien, indem die Straßen reinlicher, breiter und heller ſind, und die Häuſer nicht ſo düſter ausſehen, obſchon viele derſelben blos aus Sparrwerk und Lehm beſtehen, eine Bauart, die in Aegypten, wo der Regen eine Seltenheit iſt, nicht unzweckmäßig ſcheint. Der Markt war reichlich mit ſchönen Früchten verſehen, beſonders mit einer Menge Waſſermelonen und Flaſchenkürbiſſe. Wie die Stadt, ſo auch ihre Einwohner, welche mir wohl⸗ habender, ſorgenfreier und heiterer, als die in Alexandrien vorkamen. In den Umgebungen der Stadt ſah ich, außer großen Pflanzungen von Palmbäumen, mehre Gärten, die mit trefflichen Fruchtbäumen prangten; deſſen ungeachtet vermochten ſie nicht, mir eine vortheilhafte Meinung von der Gartenkunſt der Aegypter einzuflößen, da es allenthalben an Ordnung und Geſchmack fehlte. Ein Umſtand, der unſere Wanderung unangenehm machte, war das allzu große Aufſehen, welches wir bei den Einwohnern erregten, ſo daß uns auf allen Tritten ein Schwarm von Kindern nachlief; denn Europäer, die ſich durch ihre eng anſchließenden Kleider, durch ihre Hüte und überhaupt durch ihre Sitten ſo weit von den Morgenländern entfernen, ſind in Roſette keine ſehr gewöhnliche Erſcheinung, da zumal die dortigen Konſuln, um ſich mehr Anſehen zu verſchaffen, ihr Aeußeres dem morgenländiſchen zu nähern ſuchen, indem ſie z. B. koſtbare türkiſche Pelze tragen, u. m. d. Wir beendigten daher unſere Wanderung um 2 Uhr Nachmittags, und kehrten in das Haus des Kon⸗ ſuls zurück, obgleich wir erſt um 4 Uhr zum Mittageſſen dort erwartet wurden. Die Abenddämmerung brach ſchon an, als wir von unſerem gaſtfreien Wirth Abſchied nahmen, und an den Bord des Fahrzeuges eilten, das zur Rückreiſe nach Alexandrien bereit lag. Ein Rind, ein paar Schafe und einige andere Lebensmittel für den St. Angelo, welche zuſammen der Konſul auf meine Veranlaſſung beſorgt hatte, waren ſchon vorausgegangen und in Verwah⸗ rung gebracht. Unſere Schiffleute ſäumten keinen Augenblick, die Segel aufzuſpannen, und da der Wind ſich nach Oſten gedreht, und mithin eine für unſere Fahrt ſehr günſtige Richtung angenommen hatte, ſo kamen wir mit ſolcher Schnellig⸗ keit den Strom hinab, daß die hohen Palmen am Ufer bei uns vorüber zu tanzen ſchienen. Ungefähr Abends um 8 Uhr erreichte das Fahrzeug die Mün⸗ dung, und durchſchnitt ohne Unfall die unruhige, ſchäumende Waſſerſtelle; und weil der Wind während der Nacht friſch und gleichförmig fortwehte, ſo traf es ſchon gegen 2 Uhr des Morgens in Alexandrien ein. Bei meiner Ankunft auf dem St. Angelo erregten die Lebensmittel, welche ich mitgebracht hatte, großen Jubel unter der Schiffsmannſchaft, obſchon die 224 Wildheit des Rindes ihr viel zu ſchaffen machte. Um es zu ſchlachten, rief man mit Tagesanbruch einen albaniſchen Fleiſcher herbei, der gewöhnlich bei ſolchen Gelegenheiten auf den europäiſchen Schiffen gebraucht wurde, und der, wie es überhaupt mit den albaniſchen Fleiſchern im ganzen Morgenlande der Fall iſt, im Ruf einer großen Geſchicklichkeit ſtand. Seine Weiſe zu ſchlachten war et⸗ was ſonderbar, aber gewiß nicht unzweckmäßig. Nachdem er das Rind mit den Hörnern an den Maſt geſchnürt hatte, ſchlang er um die Vorder⸗ und Hinter⸗ beine desſelben einen Strick, hakte ein Takel daran, und zog, von unſern Leu⸗ ten unterſtützt, das Thier in die Höhe, ſo daß es ſtraff ausgeſtreckt und unbe⸗ weglich da hing. Ein kleiner Stich in die Pulsader am Halſe machte dann ſeiner Qual ſchnell ein Ende. Das Säubern, Zertheilen und Einſalzen des Fleiſches ging mit großer Schnelligkeit von Statten. Das in einem Gefäß auf⸗ gefangene Blut wurde, nach Anleitung des Albaniers, mit Pfeffer und Salz, klein gehackten Zwiebeln und etwas Mehl von türkiſchem Weizen vermiſcht, nachher durch anhaltendes Umrühren in Gährung gebracht, und endlich löffel⸗ weiſe in einen Keſſel mit kochendem Waſſer gethan, woraus eine Art wollichter Klöſe entſtand, die unſere Schiffsmannſchaft mit großem Wohlbehagen verzehrte. 4 Am 21. November war die für den St. Angelo beſtimmte Rückfracht zum Einſchiffen bereit, womit man ſofort den Anfang machte. Die Fracht beſtand hauptſächlich in Kaffee von Mochha(Moka), außerdem auch in Häuten und Wolle. Ich verlebte nun abermals eine Reihe von Tagen in einer Niederlage, unter Ballen und Fäſſern, unter Laſtträgern, Kameelen und Treibern. Doch befreite mich der 26. November, an welchem unſer Schiff die letzten Waaren erhielt, aus dieſer mißbehaglichen Stellung. Am 28. war unſere Mannſchaft beſchäftigt, das Schiff mit friſchem Waſſer auf die Reiſe zu verſehen, und es überhaupt in ſegelfertigen Stand zu ſetzen. Das Waſſer wurde, auf Kameelen, in großen ledernen Schläuchen an den Strand gebracht, und dort auf eine bequeme Weiſe in die Fäſſer gefüllt. Am folgenden Morgen erhielt der Schiffskapitän und ich von Ali Kior eine Einladung, bei ihm zu eſſen. Wir erſchienen und wurden faſt mit euro⸗ päiſcher Artigkeit empfangen. Um ſo weiter entfernte ſich von unſeren Sitten die Bewirthung. In einem Zimmer, das außer den Sinnſprüchen an der Wand, dem prächtigen Teppich auf dem Fußboden, und den umher gelegten ſchönen Kiſſen, nichts aufzuweiſen hatte, nahmen wir auf den in die Mitte ge⸗ ſtellten Feldſtühlen Platz, während der Wirth, mit untergeſchlagenen Beinen „und den Rücken an einige Kiſſen gelehnt, ſich auf den Fußteppich ſetzte. Nach einiger Zeit brachten zwei Sklaven den Tiſch, eine kupferne, mit niedrigen Füßen und zwei Handhaben verſehene Platte, worauf eine verdeckte Schüſſel, 225 ein Teller mit Brod, einige kleine Schalen mit Salz und Gewürzen, und Teller mit Meſſern und Gabeln ſich befanden; die Schüſſel, die Teller und die Scha⸗ len waren von chineſiſchem Porzellan, und die Meſſer und Gabeln hatten ſil⸗ berne Griffe. Das Ganze wurde vor dem Herrn des Hauſes niedergeſetzt, und bald nachher noch eine zweite Platte, mit einigen Flaſchen Scherbet und einigen Gläſern. Der Hausherr öffnete dann die bedeckte Schüſſel, legte ſich vor und begann zu eſſen, ohne auf uns zu achten; doch bat er uns nach einer Weile, ſeinem Beiſpiel zu folgen, mit der Bemerkung, daß es bei den Türken nicht Sitte ſei, die Gäſte zu bedienen, oder ſie zu nöthigen. Dasſelbe geſchah ſpäter⸗ hin auch beim Trinken. Das Gericht beſtand in Hammelfleiſch und Reis mit vielem Gewürze, was man zuſammen gedämpft hatte; es ſah wie eine Paſtete aus, und war ſehr ſchmackhaft. Das Brod war, ſowohl in Hinſicht der Weiße, Feinheit und Leichtigkeit, als des Geſchmacks, vorzüglich gut. Hierbei iſt aber zu bemerken, daß ſich unter den Dienern des Hauſes ein Franzoſe befand, der das Geſchäft des Bäckers und des Kochs verrichtete. Ein Umſtand, der mich und meinen Gefährten in einige Verlegenheit ſetzte, und uns den Genuß des Mahles ſchmälerte, war das ſchlechte Verhältniß unſerer Stühle zu den niedri⸗ gen Tiſchen, das uns nöthigte, gebückt nach Allem zu langen, was wir bedurf⸗ ten, und den Teller auf dem Schoße zu halten. Sobald unſer Wirth ſeinen Appetit geſtillt hatte, wurden die Tiſche hinweg genommen, und an ihrer Stelle ein anderer mit Zuckerwerk und großen Schalen voll Kaffee, ſo wie auch Tabak und Pfeifen gebracht, was den Beſchluß der zwar anſtändigen, aber doch mit türkiſcher Genügſamkeit bezeichneten Bewirthung machte. Während des Eſſens zeigte ſich Ali nicht ſehr aufgelegt zum Sprechen, ſondern that blos einzelne Fragen, und hörte ruhig meinem Gefährten zu, der, wie alle Sieilier, ſeine Erzählungen ſehr zu verlängern und auszumalen wußte. Aber bei dem Kaffee und der Pfeife ward er geſprächiger, und ſogar zutraulich, ohne jedoch die Grenzen des Ernſtes zu überſchreiten. Er gab uns mancherlei Aufträge an Perſonen in Sieilien, und endlich viele Briefe, beſonders an die Empfänger der Schiffsladung. Hierauf nahmen wir Abſchied, wobei er ſo viel Herzlichkeit bewies, als Chriſten von einem Muſelmann erwarten durften. Am 30. November, wo die ſämmtlichen nach Malta und Sicilien beſtimm⸗ ten Schiffe beladen waren, gab die engliſche Fregatte denſelben das Zeichen, ſich zur Abfahrt anzuſchicken. Es erhob ſich indeſſen ein ſtürmiſcher Weſtwind, begleitet von trübem, nebeligem Wetter, wodurch die Ausführung unſeres Vor⸗ habens verzögert wurde. Am 2. December liefen einige Schiffe von Konſtantinopel ein, und es wurden noch andere von dort erwartet. Furcht und Bangigkeit verbreitete ſich Richter's Reiſen. II. 15 * 226 nun über die Stadt und den Hafen; denn ſo oft im Winter Schiffe von Kon⸗ ſtantinopel oder Smyrna in Alexandrien ankommen, iſt man vor der Peſt nicht ſicher. Dieſes ſchreckliche Uebel erzeugt ſich, wie man behauptet, nie in Aegypten, ſondern wird allemal aus jenen Gegenden nach Alexandrien, und von hier nach Roſette, Cairo und den übrigen Theilen des Landes, durch die eingeführten Waa⸗ ren, beſonders das Pelzwerk und die Kleider gebracht, welche großen Theils der aufgekaufte Nachlaß an der Peſt verſtorbener Menſchen ſind. Im Sommer hat man von ſolchen Anſteckungen nichts zu fürchten, weil dann die außeror⸗ dentlich heiße, dünne und trockene Luft dem Uebel nicht günſtig iſt; nur in der kühlen, dicken und feuchten Luft der Wintermonate vermag es feſten Fuß zu faſſen, obſchon es um dieſe Jahreszeit in Konſtantinopel, Smyrna u. ſ. w., durch die Kälte, welche dort ungleich größer als in Aegypten iſt, unterdrückt wird, und nur im Sommer gedeiht. Die Peſt ſoll im Durchſchnitt alle vier oder fünf Jahre in Alexandrien ausbrechen, und bisweilen große Verheerungen anrichten. Die dortigen europäiſchen Konſuln und Kaufleute ſuchen ihr da⸗ durch zu entgehen, daß ſie ſich in ihre Häuſer verſchließen und alle Gemein⸗ ſchaft mit den Einwohnern abbrechen. Nur in der Entfernung, und wenn der „Wind nicht nach dem Hauſe weht, wagt man mit Jemand zu ſprechen. Die Lebensmittel werden vor die Thür geſetzt, worauf ein Wächter dieſelben mit Zangen anfaßt, und in ein bereit ſtehendes Faß mit Waſſer wirft, nachher aber an der Luft wieder trocknet. Die gefürchteten Schiffe begannen am Tage nach ihrer Ankunft die La⸗ dung an das Land zu ſchaffen, und am Ufer zum Auslüften hinzuſtellen, wo⸗ durch die Beſorgniſſe ſehr vermehrt wurden. Der engliſche Konſul machte nun dem Kapitän der Fregatte die dringendſte Vorſtellung, die ihm anvertrauten Schiffe ſo bald als möglich in See zu bringen, und der Gefahr zu entreißen. Es erfolgte daher, obſchon heute ein förmlicher Sturm aus Weſten wehte, abermals das Zeichen zur Abfahrt, und bald darauf wurden die Anker gelich⸗ tet. Wir kamen glücklich aus dem Hafen, und ſteuerten hinaus in das tobende Meer, während Alexandrien, in Dünſte gehüllt, bald hinter uns verſchwand. Wir hatten drei Tage mit der größten Anſtrengung, aber ohne vorwärts zu kommen, lavirt, als der Wind nach Oſten herumlief, wo er einige Tage ſtehen blieb, daher wir eine gute Strecke Weges zurücklegten. Nach der Zeit erhob ſich aber von Neuem der uns ungünſtige Weſt, mit einer Heftigkeit, daß unſere Schiffe fortwährend rückwärts getrieben wurden. Am 12. December, bei Tagesanbruch, bemerkten wir nicht weit hinter uns die Inſel Candia, und fürchteten an die Küſte zu gerathen; aber bald nachher legte ſich der weſtliche Wind, und es trat an deſſen Stelle ein nordöſtlicher. Jetzt trennten ſich mehre 227 Schiffe von der Flotte, um ihre zerbrochenen Maſten und andere Theile, die Schaden gelitten hatten, in Candia auszubeſſern. Jener Nordoſtwind hielt in⸗ deſſen nicht lange an, und es entſtand eine Windſtille, in der die tobenden Wellen ein ſo gefährliches Spiel mit dem St. Angelo trieben, daß er ein Boot und beinahe auch die Maſten verlor. Doch, es würde meine Leſer ermüden, wenn ich ſie mit Anführung der Stürme, Gewitter und Windſtillen, welchen wir jeden Tag unſerer Reiſe ausgeſetzt waren, unterhalten wollte. Kurz, wir langten erſt am Morgen des 26. Decembers bei der Inſel Malta an. Da der St. Angelo die Beſtimmung hatte, zunächſt nach Palermo zu gehen, und das Wetter am heutigen Tage ſehr günſtig dazu war, ſo lief er nicht in den Hafen jener Inſel ein, ſondern ſetzte, obſchon von keinem Kriegs⸗ ſchiffe begleitet, und blos in Geſellſchaft einiger Kauffahrer, die Reiſe ungeſtört fort. Aus dieſem Grunde ſuchten wir, was außerdem nicht nöthig geweſen wäre, die ſieiliſche Küſte ſo bald als möglich zu gewinnen. Sie zeigte ſich um Mittag, und gegen Abend waren wir dem Landſtriche, welchen die Flüſſe Belici und Madiuni einſchließen, ganz nahe. Mit Hülfe des Fernrohrs erblickte ich einige Ruinen der dortigen, von Hannibal zerſtörten Stadt Selinus, beſon⸗ ders die Ueberbleibſel der drei, dicht am Seeufer gelegenen, ungeheuren Tem⸗ pel, die zu den großartigſten Kunſtwerken gezählt werden, welche die Griechen in Sieilien aufgeführt haben; der eine war dem Neptun, der andre dem Caſtor und Pollux, und der dritte einer Gottheit gewidmet, die ſich nicht mehr be⸗ ſtimmen läßt. Uebrigens ſtellt dieſer Landſtrich eine unangebaute Fläche dar, die mit Zwergpalmen, wilden Olivenbäumen, Myrten und allerlei Geſträuch bewachſen, und der Aufenthalt vieler Füchſe, Haſen u. ſ. w. iſt. Nur in der Gegend, wo der jetzt verſandete Hafen des ehemaligen Selinus ſich be⸗ findet, ſieht man einige Wohnungen für Fiſcher, um den Sardellenfang zu betreiben. Nachdem uns bei. Sonnenuntergang die nicht weit entfernte Landſpitze Granitola zu Geſicht gekommen war, wurde wiederum tiefer in See geſtochen, um jene niedrige, wie eine Sandbank herauslaufende, und mit gefährlichen Un⸗ tiefen umgebene Landſpitze, die mit keinem Leuchtthurm verſehen und deshalb in der Nacht ſchwer zu bemerken iſt, in der nöthigen Entfernung zu umſchiffen. Dies war, nach unſerer Berechnung, gegen Mitternacht geſchehen, daher wir unſern Lauf mehr nordwärts richteten. Bald darauf vernahmen wir, von Südoſten her, einige Kanonenſchüſſe, was uns die Annäherung eines Kaper⸗ ſchiffes befürchten ließ, weshalb alle Mittel zur Beſchleunigung der Fahrt an⸗ gewendet wurden, da zumal der Wind ziemlich ſchwach ging. Man erfuhr jedoch am folgenden Tage, daß es ein auf die Untiefen von Granitola gerathener 15* 228 Kauffahrer geweſen war, der, um Beiſtand vom Lande zu erhalten, Nothſchüſſe gethan hatte.— Mit Tagesanbruch befand ſich der St. Angelo dicht vor Marſala, dem ehemaligen Lilybäum, das bekanntlich die Hauptſtadt der karthagiſchen Nieder⸗ laſſung in Sicilien war. Die Stadt Marſala, welche jetzt 21,000 Einwohner zählt, liegt auf einer niedrigen Landſpitze, Capo Boeo genanntv; ſie hat die Geſtalt eines Vierecks und iſt mit einer alten Mauer umgeben, welcher man, in neueren Zeiten, Baſtionen an den vier Ecken beigefügt hat. Obſchon der Hafen bei den Völkern des Alterthums in großem Rufe ſtand, und von den Saracenen dermaßen geſchätzt wurde, daß ſie ihm den Namen„Marſa Allah,“ d. i. Hafen Gottes, beilegten, ſo iſt er doch für die größeren Schiffe nach heu⸗ tiger Bauart unzugänglich, welche deshalb, eine Viertelmeile ſüdweſtlich von der Stadt, in der offenen See ankern müſſen. Marſala treibt ſtarken Handel mit Früchten, Soda und vortrefflichem Wein; doch hatte dieſen letzteren Han⸗ delszweig ein dort lebender Engländer, Namens Woodhouſe, faſt ganz an ſich geriſſen. Das Land um die Stadt, das gegen Nordoſten ſich ſanft erhebt, ge⸗ währt einen ſehr anmuthigen Anblick, beſonders auf der Nordſeite, wo es dem Auge eine weit ausgedehnte Reihe ſchöner Gäxten und Weinpflanzungen darbietet. Während wir bei Marſala vorüber ſchifften, drehte ſich der Wind nach Südweſten, und blies mit verdoppelter Kraft. Wir kamen daher in Kurzem an den drei langen Inſeln Cerniſi, Favilla und Borrone vorüber, die nord⸗ wärts von jener Stadt, ſich vor der Küſte hinziehen, und wo man, außer eini⸗ gen Thürmen zum Schutze vor den Raubſchiffen der Berbern, nichts als kahle Felſen erblickt. Zwiſchen ihnen und der Küſte liegt, in einer Bucht, die fruchtbare Inſel San Pantaleo, worauf die berühmte, der Sage nach von Herkules erbaute Stadt Motyla ſich befand, an deren Stelle, obſchon noch einige Trümmer davon übrig ſind, ein kleines Fiſcherdorf von ungefähr 120 Einwohnern getreten iſt. 5 Es war gegen neun Uhr Morgens, als wir zwiſchen dem Feſtlande und den beiden Inſeln, Le Formiche genannt, nach der Landſpitze von Trapani hin ſegelten. Auf der größten dieſer felſigen Inſeln liegen, außer einem Fiſcher⸗ flecken, die Gebäude einer großen Tonnara; auch erhebt ſich ein ſtarker, mit Baſtionen umgebener Thurm. Gegenüber am Ufer Siciliens befinden ſich, in gewiſſen Entfernungen, vier große Thürme, und dazwiſchen ſind ſehr ausge⸗ dehnte Anſtalten zur Gewinnung des Seeſalzes. Tiefer im Lande, auf einer mit Getreidefeldern, Oel⸗ und Weinpflanzungen bedeckten Anhöhe, liegt die hübſche kleine Stadt Paceco, und im Hintergrunde nach Nordoſten hin erheben ſich hohe Gebirge, der Anfang der Gebirgskette, welche die Nordküſte von Sicilien bildet. Was die Salzwerke betrifft, ſo beſtehen ſie in zahlloſen, ein⸗ ander durchkreuzenden Dämmen, die viereckige Plätze einſchließen, in welche das Seewaſſer, und zwar ſtufenweiſe aus dem einen in den andern geleitet wird, je nachdem es, durch die Luft und die Sonnenhitze der wäſſerigen Theile beraubt, an Verdichtung zunimmt. In den binterſten dieſer Plätze, wo das zur ſchweren Salzſohle gewordene Waſſer vollends verdunſtet, ſchießt das Salz in Kryſtallen an. Das gewonnene Salz bleibt bis zur Ausfuhr im Freien, und wird blos durch die Kegelform, in der es aufgeſchichtet iſt, und durch die große, im Sommer angenommene Härte vor der auflöſenden Kraft des Regens geſchützt. Während dieſe Gegenſtände meine Aufmerkſamkeit beſchäftigten, ver⸗ wirklichte ſich, was in der vergangenen Nacht blos Einbildung geweſen war, die Erſcheinung eines— vermuthlich franzöſiſchen— Kaperſchiffes. Es kam hinter den Inſeln Le Formiche, wo es uns aufgelauert hatte, hervor, ſegelte mit großer Schnelligkeit heran, und that Schuß auf Schuß. Da aber der Wind unſere Flucht ſehr beförderte, und auch bald ein engliſches Kriegs⸗ ſchiff Jagd auf den Kaper machte, ſo kamen wir glücklich vor dem Hafen von Trapani an, wo wir ankerten, um uns ein ſicheres Geleit nach Palermo zu verſchaffen. Trapani, das Drepanum der Alten, liegt auf der Spitze einer niedrigen Landzunge, in einer maleriſch ſchönen Gegend, am Fuße des 2184 Fuß hohen Berges San Giuliano, in der Vorzeit den Namen Eryr führend, auf welchem die Grundlagen des Tempels der Venus Erycina, und einige Ueberbleibſel der von Dädalus aufgeführten Gebäude, die man für das älteſte Nauerwerk in Sicilien hält, noch zu ſehen ſind. Dieſe Stadt iſt gut befeſtigt und gilt für einen der ſtärkſten militäriſchen Poſten auf der Inſel. Sie beſitzt einen bequemen und ſichern, dem Handel ſehr günſtigen Hafen. Die auf 25,000 ſich belaufenden Einwohner, welche, der mannigfachen Schickſale der Stadt zufolge, von den verſchiedenſten Völkerſchaften, z. B. den Sicanern, Phöniziern, Kathagern, Griechen, Römern u. ſ. w., abſtammen, ſind ein kräftiger und be⸗ triebſamer Menſchenſchlag, dem Sicilien ſeine vorzüglichſten Gelehrten, Künſtler, Handwerker und Seeleute verdankt. 3 Da den wachſamen Quarantäne⸗Beamten daran gelegen war, Ankömm⸗ linge aus einem ſo verdächtigen Orte, wie Alexandrien, nicht unnöthiger Weiſe zu beherbergen, ſo erhielten wir ſchon nach einem halbſtündigen Aufent⸗ halt das erbetene Geleit; es beſtand in zwei ſtark bemannten Kanonenbooten. Als der St. Angelo die Anker lichtete, ereignete ſich ein unangenehmer Vor⸗ fall. Es kam ein Höker in einem kleinen Boote herbei, um uns Früchte zu verkaufen. Da er aber die von den Sanität⸗Beamten verordnete Vorſicht aus der Acht ließ, ſo nahmen die Quarantäne⸗Wächter ſein Fahrzeug in Be⸗ ſchlag, während er ſelbſt genöthigt wurde, ſich an Bord unſeres Schiffes zu begeben, und ſo lange darauf zu bleiben, bis es in Meſſina Pratik er⸗ halten hätte. Die Fahrt von Trapani nach Palermo war ſehr glücklich, ob ſie ſchon keine ſonderliche Unterhaltung gewährte, da die nordweſtlichen Küſten eine fortlaufende Reihe ſteiler und kahler Felſen ſind, und wir, wegen ihrer weit hervor ſpringenden Vorgebirge und tief in's Land gehenden Buchten, oft in weiter Ferne dahin ſegelten. Als wir das Vorgebirge Santo Vito erreichten, drehte ſich der Wind plötzlich nach Nordweſten und begünſtigte unſere Fahrt bis zum Ende, daher der St. Angelo Abends um neun Uhr im Hafen von Palermo die Anker warf. Bezeichnet mit der gelben, Jedermann vor Annäherung warnenden Flagge, lag der St. Angelo, wie alle ſeine von Alexandrien angekommene Gefährten, in einem Winkel des Hafens, wo man die übrigen Schiffe nur in der Ferne und beinahe nichts von der Stadt ſah, bis zum 2. Januar. An dieſem Tage, als die nach Palermo beſtimmte Ladung an die Anſtalt der Quarantäne abgeliefert war, begaben wir uns in die Bai, um zu der Flotte zu ſtoßen, die dort zur Reiſe nach Meſſina ſich verſammelte. Ungefähr Abends um acht Uhr gab der Commodore das Zeichen zur Abfahrt. Da entſteht, nicht weit vor unſerem Schiffe, plötzlich ein Lärm, es zeigen ſich helle Flammen, und man erkennt, daß ein engliſches Transport⸗ ſchiff in Brand gerathen iſt. Das Feuer, welches ſchnell überhand nahm, ſtieg an den Maſten in die Höhe, und das mit Theer getränkte Tauwerk brannte wie Schwefel und ſprühte Funken, die der Wind weit umher trieb. Von allen Seiten eilten die Mannſchaften der Schiffe hinzu, um das Feuer zu löſchen; da aber das Meerwaſſer ein zu dieſem Behuf ſehr untaugliches Mittel iſt, ſo war jede Bemühung vergebens, obſchon der Rumpf des Schiffes zu retten geweſen wäre, wenn man ihn, wie es in ähnlichen Fällen oft ge⸗ ſchieht, gleich beim Ausbruche des Feuers an den Seiten durchbohrt und ſo unter das Waſſer geſenkt hätte. Um das Unglück nicht weiter zu verbreiten, warf man aus den Fenſtern der Kajüte den vorhandenen großen Vorrath an Pulver über Bord; ſodann ließ man die Schiffspapiere und andere Gegen⸗ ſtände von Werth in die Boote hinab, und als die Flammen über alle Theile des Schiffes ſich verbreiteten, ſprangen die noch darauf befindlichen Menſchen in das Meer, wo ſie von den verſammelten Booten aufgenommen wurden, ſo daß nur einer das Leben dabei verlor. Das brennende Schiff ſtellte nun einen ungeheuern Feuerklumpen dar, auf welchen die verbrannten Maſten herab ſtürzten, und aus welchem dann und wann blaßgefärbte feurige Säulen, die Wirkung der entzündeten Rum⸗ und Arrackfäſſer, hoch emporſtiegen; ein Schauſpiel, das die tauſendfache Abſpiegelung auf dem vom Winde bewegten Waſſer noch großartiger machte. Als endlich das Ankertau des Schiffes brach, trieb dieſes nach dem hohen Meere, wo es in Kurzem, bis zum Waſſer⸗ ſpiegel abgebrannt, von den Wellen verſchlungen wurde. Doch kam eine Menge einzelner, noch unverſehrter Gegenſtände, z. B. Fleiſch⸗, Wein⸗ und Waſſerfäſſer, wieder zum Vorſchein, und die Mannſchaften vieler Schiffe waren die ganze Nacht beſchäftigt, dieſelben aufzufiſchen und zu bergen. Dieſer Vorfall hatte in mir höchſt unangenehme Gefühle ſchon aus dem Grunde erregt, weil ich und meine Gefährten ganz unthätige Zuſchauer dabei abgeben mußten, zu Folge der uns auferlegten Quarantäne, die jede Ent⸗ fernung von dem Schiffe, ſelbſt um einem Menſchen das Leben zu retten, zum Verbrechen gemacht haben würde. Als am folgenden Morgen die Ruhe zurückgekehrt war, ging die Flotte, der wir uns angeſchloſſen hatten, unter Segel. Sie erreichte nach einer glück⸗ lichen Fahrt von 24 Stunden, d. i. am 4. Januar 1813, den Hafen von Meſſina, wo der St. Angelo ſeine Stellung in der Nähe des Lazzeretto nehmen, und die in Palermo begonnene Geſundheitsprobe noch 30 Tage lang fortſetzen mußte, was mir häufig Anlaß gab, mit ſehnlichem Verlangen hinüber nach der Stadt zu blicken, und ihr liebliches Bild meiner Seele tief ein⸗ zuprägen. 3 IV. Reiſe von Meſſina nach Alicante, Jviza, Bona, Carragona, Malta, und Odeſſa, und Rückkehr nach Sicilien. 1. Der Verf. begleitet das ſiciliſche Kauffahrteiſchiff St. Angelo auf einer zweiten Reiſe, die zunächſt nach Alicante gerichtet iſt.— Abfahrt von Meſſina.— Die Inſeln Mallorca und Iviza.— Das Vorgebirge St. Martin.— Bemerkungen über den Krieg in Spanien, und über das in Alicante gelandete engliſche Heer. Im März 1813 machte man mir in Meſſina den Antrag, das ſtieiliſche Kauffahrteiſchiff St. Angelo auf einer zweiten Reiſe, und zwar unter denſelben Bedingungen, wie auf der erſten, zu begleiten. Sie hatte zunächſt den Zweck, allerlei Schiffgeräthe und Lebensmittel nach Alicante in Spanien zu bringen, und dort aus freier Hand zu verkaufen; denn da ein großer Theil der engliſchen Transportſchiffe, welche ſich in jenem Hafen befanden, Mangel an ſolchen Be⸗ dürfniſſen litt, ſo durfte man hoffen, einen großen Gewinn dabei zu machen. Am 21. März ging der St. Angelo, in Geſellſchaft mit einigen engliſchen Transportſchiffen und unter dem Geleit einer Corvette, nach dem Orte ſeiner Beſtimmung ab. Nach einer langweiligen Fahrt von dreizehn Tagen, die übrigens kein merkwürdiger Vorfall bezeichnete, liefen wir, des widrigen Windes wegen, in die Bai von Palma ein, der Hauptſtadt des ſchönen und fruchtbaren Eilandes Mallorca, deſſen Anblick einen höchſt angenehmen Eindruck auf mich machte. Da jedoch bald nach unſerer Ankunft ein günſtiger Windwechſel ein⸗ trat, ſo begaben wir uns ſchnell, ohne das Land betreten zu haben, wieder unter Segel. Den Tag darauf erreichten wir die, mit hohem Gebirg und dichter — — ²³ Waldung bedeckte Inſel Iviza, die auf der Weſtſeite umſchifft wurde. Am fol⸗ genden Morgen zeigte ſich die Landſchaft Valencia. Beim Vorgebirge S. Martin ließ der Commodore das Geſchwader beilegen, um über die neueſten Vorfälle in der Halbinſel, und beſonders in der daſigen Gegend, Erkundigung einzuziehen. Die Vaterlandsliebe der Spanier war damals auf einen ſo hohen Grad geſtiegen, daß ſelbſt die niedrigſten Volksklaſſen von den kriegeriſchen Ereig⸗ niſſen, ſogar in den entfernteſten Theilen des Landes, genaue Kenntniß hatten. Wir erhielten daher von einigen, am Geſtade beſchäftigten Fiſchern die ausführ⸗ lichſten Nachrichten. Dieſen zu Folge war Lord Wellington im Begriff, die Winterquartiere in Portugal zu verlaſſen und den diesjährigen Feldzug in Spanien zu eröffnen; jenen Feldzug hein welchem die Hauptarmee der Franzoſen hinter die Pyrenäen zurückgeſchlagen wurde. Das kleinere engliſche Heer, das ſich im vorigen Jahre, von Sicilien aus, nach Spanien begeben und in Alicante feſtgeſetzt, bisher aber nichts Bedeutendes unternommen hatte, war, durch ſpaniſche Truppen bis auf 16,000 Mann verſtärkt, unter dem Befehl des General⸗Lieutenants Sir John Murray, in der Mitte des März nach Caſtalla vorgerückt, um in Verbindung mit dem ſpaniſchen General Elio, der ein kleines Heer von 12,000 Mann in Murcia errichtet hatte, den Marſchall Suchet zu bekämpfen, deſſen 40,000 Mann ſtarke Armee in der Landſchaft Valencia vertheilt ſtand. Dieſer rückte nun mit einem anſehnlichen Corps ent⸗ gegen, und man erwartete ſtündlich eine Schlacht. Die das engliſche Heer. ſtets begleitenden Kriegsſchiffe, ſo wie die vielen Transportſchiffe, auf die unſer Augenmerk hauptſächlich gerichtet war, lagen noch in Alicante bereit, den Be⸗ wegungen der Landmacht, im Fall ſie glückliche Fortſchritte machte, zur See zu folgen. Nach Einholung dieſer Nachrichten ſetzten unſere Schiffe die Fahrt nach Alicante fort.— Bevor ich jedoch in der Erzählung meiner Reiſe weiter gehe, will ich über jene kleine Landmacht der Engländer einige Bemerkungen beifügen. Sie beſtand, als ſie von Sieilien abging, aus 8000 Mann, wovon etwa 3000 wirklich engliſche, die übrigen aber hannöverſche, braunſchweigiſche, calabriſche, ſiciliſche und andere in engliſchem Sold befindliche Truppen waren. Obſchon dieſes Heer, gewöhnlich das Heer von Alicante genannt, in der Folge mit Spaniern verſtärkt, auch von abgeſonderten ſpaniſchen Heerhaufen in ſeinen Unternehmungen unterſtützt, und ſtets von Kriegs⸗ und Transportſchiffen be⸗ gleitet wurde, mittels welcher es ſeine Bewegungen längs den Küſten außer⸗ ordentlich beſchleunigen, und bald dieſe bald jene Gegend bedrohen konnte; ſo war es doch niemals im Stande, gegen den Feind, nänlich gegen die vom Marſchall Suchet befehligte, 40,000 Mann ſtarke Armee etwas Entſcheidendes auszuführen. Deſſen ungeachtet leiſtete es ſehr wichtige Dienſte, weil es dem Marſchall Suchet hinreichende Beſchäftigung gab, und ihn verhinderte, den öſtlichen Theil des Landes zu verlaſſen und ſich mit der großen Armee zu vereinigen. 2. Ankunft in Alicante— unſere Geſchäfte daſelbſt.— Beſchreibung der Stadt.— Die Verarbeitung des Esparto.— Der Handel.— Die gewöhnlichen Vergnügungen. Am Abend des 4. Aprils kamen wir in der Bai von Alicante an, wo die größte Lebhaftigkeit herrſchte. Nach außen zu lagen acht oder neun engliſche Kriegsſchiffe, weiter hinein gegen achtzig Transportſchiffe, und nahe vor der Stadt dichte Reihen in⸗ und ausländiſcher Kauffahrer, während zahlloſe Barken, Boote und Gondeln ſich in jeder Richtung hin und her bewegten. In der Nähe des großen Transportſchiffes, auf welchem, wie deſſen Flagge ver⸗ kündigte, der meinen Leſern ſchon bekannte Kapitän Withers ſich befand, warf der St. Angelo die Anker. Da der Kapitän Withers noch die alten wohlwollenden Geſinnungen gegen mich hegte, und ihm überdies, als oberſtem Aufſeher oder, wie man ſagt, Agenten der Transportſchiffe, daran gelegen war, dieſelben ſobald als möglich mit den nöthigen Bedürfniſſen verſorgt zu ſehen, ſo fand ich an ihm einen eifrigen Be⸗ förderer des Handelsunternehmens, das mich und meine Gefährten hierher ge⸗ führt hatte. Schon am nächſten Morgen wehte auf dem Hauptmaſte ſeines Schiffes die Flagge, welche die Kapitäne der Transportſchiffe zu ihm rief, um ſie mit der Ankunft des St. Angelo und der von ihm dargebotenen Gelegen⸗ heit zur Ergänzung ihrer Vorräthe bekannt zu machen. Dies hatte die Folge, daß unſer St. Angelo ſich ſchnell in einen Marktplatz verwandelte, dem von allen Seiten Käufer zuſtrömten; und wir ſetzten ſogleich mehr als den vierten Theil nnſerer Waaren ab, z. B. einige Anker und Ankertaue, viel kleines Tauwerk, viel Segeltuch und fertige Segel, ſo wie Fäſſer mit Pech, Theer, Firniß, oder mit geſalzenem Fleiſche, trocknen Gemüſen u. ſ. w. Gleich leb⸗ haft waren die Geſchäfte auch am folgenden Tage, dann aber fingen ſie an abzunehmen, ſo daß wir ein paar Wochen lang in gänzlicher Unthätigkeit gelaſſen wurden. In dieſen Tagen fand ich oft Gelegenheit, Alicante und ſeine Nachbar⸗ ſchaft kennen zu lernen. Die Stadt liegt am ſüdöſtlichen Ende des König⸗ reichs Valencia, im Hintergrunde einer Bai, welche die beiden Vorgebirge La Huerta und Santa Pola bilden. Sie wird durch ſtarke Werke vertheidigt, die ein feſtes Schloß beherrſcht, welches 1000 Fuß über der Meeresfläche, auf der Spitze eines Berges liegt. Ein Theil der Stadt lehnt ſich an dieſen Berg, und iſt daher ſteil, aber die Haupttheile breiten ſich in der Ebene aus. Die Straßen ſind etwas eng, einige krumm und die meiſten ſogar nicht gepflaſtert; dennoch gewähren ſie einen ſehr freundlichen Anblick, nicht nur wegen des hellen Anſtrichs der Häuſer, der Menge ſchöner Kaufläden, Gaſt⸗ und Kaffeehäuſer, ſondern auch wegen der vorzüglichen Reinlichkeit, wozu der Umſtand Vieles beiträgt, daß die Landleute täglich den ſich anſammelnden Koth zur Düngung der Felder abholen. Auch herrſcht auf den Straßen eine ſolche Lebhaftigkeit, daß der Fremde leicht alles Uebrige vergißt. Außer Wagen und Karren, Pferden und Maulthieren ſieht man fortwährend ein Gewühl von Kaufleuten, Mäklern und Schiffskapitänen, von Obſt⸗, Fiſch⸗, Eiswaſſer⸗ und andern, ihre Waare mit lauter Stimme feilbietenden Verkäufern, ſo wie viele, vor ihren Häuſern arbeitende Handwerker, wozu noch die große Munterkeit der Menſchen kommt, welche faſt beſtändig zu ſingen oder zu ſcherzen pflegen. Die Häuſer find aus einem feſten Stein, und überhaupt dauerhaft gebaut. Sie haben, wie im ſüdlichen Italien, platte Dächer, ſchöne Altane, die bisweilen von dem einen Ende des Hauſes zu dem andern reichen, u. ſ. w. Nur einige der ältern Gebäude, beſonders einige Kirchen und Klöſter, ſind im gothiſchen Geſchmack aufgeführt, z. B. mit ſpitzen Ziegeldächern, mit Thüren und Fenſtern, die oben Spitzbögen bilden. Die Zahl der Einwohner von Alicante belief ſich auf 18,000. Sie ſind von mittler Größe, kräftig, wohlgeſtaltet und gewandt. Ihre Geſichtsfarbe iſt, in Vergleichung mit dem Himmelsſtriche, worunter ſie wohnen, ſehr weiß; ihr Haar iſt dunkelbraun, ſeltener ſchwarz, ihr Auge ſchwarz; und das weib⸗ liche Geſchlecht vereinigt die Schönheiten der nördlichen Frauen mit den Reizen der ſüdlichen— ich meine das Ausdrucksvolle in der Geſichtsbildung, ſo wie das Lebhafte und Einnehmende im Betragen. 1 Alle Volksklaſſen ſprechen gewöhnlich das Spaniſche mit der in Valencia herrſchenden Mundart, welche zwar von der caſtiliſchen verſchieden, aber wohl⸗ klingend iſt. Doch wird das Caſtiliſche von Jedermann, ſelbſt den Bauern in der Nachbarſchaft, verſtanden. Auch kommt man bei den Kaufleuten mit dem Italieniſchen, Franzöſiſchen und Engliſchen fort. Die höhern und mittlern Stände kleiden ſich wie ihres Gleichen im übrigen geſitteten Europa. Doch bleiben ſie einigen, zum Theil vom Klima bedingten, vaterländiſchen Gewohnheiten treu. So tragen die Männer z. B. weite Mäntel von ſeidenen Stoffen, oder von dunkelbraunem Tuch, die Frauen bedecken den Kopf blos mit einem Schleier; man zieht Gold und Edelſteine jeder andern Art des Putzes vor, u. m. a. Die niedrigen Volksklaſſen tragen Jacken und lange Beinkleider von weißen oder bunt geſtreiften Linnen, oder baumwollenem Zeuge, an ſeſtlichen Tagen von ſchwarzem oder blauem Sammet, oder Seiden⸗ zeuge, und um den Leib eine Schärpe. Die Tracht der Weiber beſteht in einem kurzen Rock und einem Corſet von denſelben leinenen oder baumwollenen Stoffen, wie die der männlichen Kleidung, wozu noch ein Leibchen von rother oder grüner Seide, ein buntes Halstuch und eine Schürze kommt. Ihre feſt⸗ lichen Anzüge ſind meiſtens aus ſchwarzem, blauem, oder bunt geſtreiftem Seiden⸗ zeuge verfertigt. Ihr Haar iſt immer zierlich aufgeſteckt, und bisweilen mit einem Netze von ſeidenen Bändern oder Schnüren umgeben; die Bruſt ſchmückt ein ſchöner Blumenſtrauß. Im Freien nehmen ſie ein großes Tuch über den Kopf, oder ſetzen einen Strohhut mit breiter Krämpe auf. Die Fußbekleidung beſteht bei beiden Geſchlechtern in leichten, aus Esparto geflochtenen Babuſchen, mit dicken, getheerten Sohlen aus dem nämlichen Stoffe. Die Babuſchen der Weiber ſind zu ihrer Befeſtigung mit bunten Bändern verſehen, welche, bis zur Wade hinauf, kreuzweiſe um das Bein gewunden, und bisweilen mit beſondern Schleifen beſteckt oder auf andere Weiſe verziert werden. Uebrigens muß ich noch bemerken, daß in dem Aeußern aller Stände die größte Sorgfalt und Reinlichkeit herrſcht. Dieſelben Eigenſchaften werden auch in dem Häuslichen überall wahrge⸗ nommen; und obſchon das milde Klima den Einwohnern neun Monate lang geſtattet, faſt jeden Tag auf dem Altan, dem Dache, oder auf der Straße zu⸗ zubringen, ſo ſind doch die Wohnungen gut eingerichtet, und mit mancherlei Bequemlichkeiten verſehen, die man in andern ſüdlichen Ländern entbehrt. Die Eingänge und Treppen ſind geräumig und hell, die Zimmer zweckmäßig ver⸗ theilt, die Wände mit Tafeln von Farence bekleidet, und die Fußböden mit ge⸗ ſchliffenen Ziegeln belegt, welche zwar nicht gewaſchen, aber oft mit Oel abge⸗ rieben werden. Hier und da findet man den Fußboden mit künſtlich gewebten, bunten Matten bedeckt. Das Hausgeräth iſt ſauber und geſchmackvoll; dabei hat es eine große Leichtigkeit, indem die Schränke, Kommoden, Tiſche u. ſ. w. meiſtens aus Maulbeerbaum, viele Sachen aus Oleander, oder aus Korkholz verfertigt, die Stühle ſtatt des Polſters mit einem Flechtwerk von Esparto, und die Bettſtellen mit Gurten von demſelben Stoffe verſehen ſind, welche ſo viel Elaſticität haben, daß ein einziges, mit Wolle gefülltes Bett hinreicht, eine ſanfte Ruheſtatt zu gewähren. Was die Verzierung der Wohnungen betrifft, ſo muß ich, außer den hübſchen Crucifixen und Heiligenbildern, den Spiegeln, 237 dem Porzellan u. ſ. w., einer beſondern erwähnen, die eben ſo einfach als reizend iſt, nämlich daß man jeden Altan, jeden Gang, ſo wie auch das Dach des Hauſes, mit Blumenſtöcken und allerlei Gewächſen beſetzt, welche die herrlichſten Wohlgerüche verbreiten. In Hinſicht des Charakters weichen die Einwohner von Alicante, wie alle Valencier, von den übrigen Spaniern beträchtlich ab. Obſchon eben ſo bigot, wiſſen ſie doch die Religion ſehr gut mit der Lebenskunſt zu verbinden, und beſitzen überhaupt viel natürlichen Verſtand, deſſen Ausbildung durch ihren ſtarken Verkehr mit fremden Nationen ſehr befördert wird. Ihren Geiſt durch⸗ glüht ein lebhaftes Feuer; ſie ſind raſch im Handeln, heftig in ihren Leiden⸗ ſchaften, und geneigt, Beleidigungen grauſam zu rächen, daher der Dolch keine ſeltene Waffe unter den Mänteln der Männer iſt. Doch neigt ſich ihre Ge⸗ müthsart im Ganzen mehr zur Gutherzigkeit und Milde. Dabei ſind ſie ge⸗ ſellig und lebensluſtig, aber auch ſinnlichen Genüſſen faſt im Uebermaß ergeben. Ihre fröhliche Laune zeigt ſich gleich ſtark beim Eſſen und Trinken, bei der Arbeit, und bei den religiöſen Aufzügen, die das Anſehen eines Freuden⸗ feſtes haben. Eine Eigenſchaft, wodurch die Einwohner von Alicante ſich ſehr vortheil⸗ haft auszeichnen, iſt ihre rege Thätigkeit, und der ausdauernde Fleiß, womit ſie ſich ihrem Berufe widmen. Daher findet man unter ihnen mehrere gründliche Gelehrte, gute Maler, Muſiker und andere Künſtler, ſo wie eine Menge Hand⸗ werker, die in ihren Arbeiten mit den engliſchen, deutſchen und franzöſiſchen wetteifern. Uebrigens gibt es große Gewerbanſtalten, z. B. Seiden⸗, Baum⸗ woll⸗ und Leinwebereien, Barilla⸗, Seifen und andere Fabriken. Ein beſon⸗ derer Gegenſtand des Gewerbfleißes iſt die Verarbeitung des Esparto, einer Art Pfriemengras, das auf den ungebauten Bergen im ſüdlichen Spanien und auch um Alicante wächſt. Außer dem ſchon oben erwähnten Flechtwerk macht man noch andere, wohl gegen funßzig verſchiedene Sachen daraus. Solches Flechtwerk iſt bei den gemeinen Leuten, ſowohl männlichen als weiblichen Ge⸗ ſchlechts, das gewöhnliche Mittel, die müßigen Stunden auszufüllen. So ſieht man z. B. die Obſt⸗ und Gemüſehändlerin, den auf Arbeit lauernden Laſtträger, den Fiſcher, der beim Netze wacht, mit Flechten beſchäftigt. Auch giebt es an⸗ ſehnliche Fabriken, wo aus Esparto allerlei Waaren, beſonders aber Seilwerk und Ankertaue verfertigt werden. Dieſe Ankertaue, dergleichen auf allen ſpa⸗ niſchen Schiffen und ſelbſt denen der königlichen Marine gebräuchlich ſind, empfehlen ſich durch mehrere gute Eigenſchaften, und verdienen in mancher Hinſicht den hänfenen vorgezogen zu werden. Denn da ihre Verfertigung weniger Arbeit, auch weder Theer noch andere Zuthaten verlangt, und über⸗ haupt der Esparto, als ein wildes Gewächs, nicht ſo theuer wie der mühſam zu gewinnende Hanf iſt, ſo ſtehen ſie in einem viel wohlfeileren Preiſe. Ferner ſind ſie ungleich leichter und gefügiger, ſo daß ſie die Schiffe weit weniger be⸗ ſchweren und ſich mit geringer Mühe behandeln laſſen. Ueberdem kann man ihnen auch eine größere Dauerhaftigkeit, wenigſtens inſofern zuſchreiben, weil ſie durch den Meeresboden ſeltener Schaden leiden, da ſie wegen ihrer Leichtig⸗ keit im Waſſer ſchwimmen. Dagegen haben die Esparto⸗Taue den wichtigen Fehler, daß ſie, eben wegen ihrer Leichtigkeit und ihres Strebens, ſich nach der Oberfläche des Waſſers zu erheben, das Gewicht und die Haltbarkeit des Ankers ſchwächen, während die Hanftaue durch ihre Schwere das Gegentheil bewirken. Hierin liegt denn auch hauptſächlich der Grund, warum dieſe letztern bei den meiſten ſeefahrenden Nationen den Vorzug behaupten*). Das Hauptgewerbe der Alicanter beſteht im Handel, der einen großen Umfang hat. Außer den eigenen Erzeugniſſe verſenden ſie das Meiſte, was aus andern Gegenden von Valencia, und faſt Alles, was aus Murcia und Caſtilien in's Ausland geht, ſo wie ſie auch dieſe Provinzen mit ihrem Be⸗ darf an fremden Waaren verſorgen. Beſonders iſt Alicante der Stapelplatz des Handels zwiſchen Spanien und Italien. Die Ausfuhrartikel ſind Salz, Mandeln, Oliven, Oel, Datteln, Wolle, hauptſächlich aber Wein und Wein⸗ geiſt. In Betreff des Weins muß ich bemerken, daß ein großer Theil des⸗ ſelben, obſchon er durchaus unter dem Namen„Alicante“ verſchickt wird, nicht das Gewächs dieſer Gegend, ſondern aus andern, oft ſehr entfernten bezogen iſt. Die Gegenſtände der Einfuhr ſind vorzüglich Leinwand, Flachs, Tuch und allerlei Zeuge. Die Menge der ein⸗ und auslaufenden Schiffe betrug im Durchſchnitt, jährlich mehr als 1000. Obſchon die kriegeriſche Zeit, in welche mein Aufenthalt in Alicante fiel, auf dem ganzen europäiſchen Feſtlande den Handel lähmte, ſo war er doch in jenem Hafen nichts weniger als ge⸗ ſunken, ſondern hatte, unter dem Schutze der Engländer, ſich ſtatt der ver⸗ ſperrten Wege manchen neuen eröffnet. Vermißte man auch die italieniſchen, franzöſtſchen und amerikaniſchen Kauffahrer, ſo fehlte es nicht an engliſchen, ſiciliſchen, malteſiſchen und ſardiniſchen, an raguſiſchen, griechiſchen und tür⸗ kiſchen, ſo wie tuneſiſchen, algieriſchen und marokkaniſchen, ſo daß man immer 50— 60 im Hafen ſah. Uebrigens trug der lebhafte Schleichhandel, welcher *) In neuerer Zeit bedient man ſich ſtatt der früheren, überall gebräuchlichen Ankertaue, faſt nur der Ketten, weil dieſe weit weniger Raum einnehmen— etwas das auf den Schif⸗ fen weit mehr in Betracht kommt als das Gewicht,— und durch ihre eigene Schwere den Anker viel mehr unterſtützen, als es die leichteren und voluminöſeren Taue thaten. Auch iſt natürlich ihre Dauer weit länger. damals nach den von den Franzoſen beſetzten Provinzen getrieben wurde, Vieles bei, die Kaufleute aufrecht zu erhalten. Dieſelbe Regſamkeit, welche den Einwohnern von Alicante in ihren Geſchäften und überhaupt bei der Arbeit eigen iſt, bezeichnet auch ihre Ver⸗ gnügungen. Dieſe ſind faſt alle auf Uebung und Anſtrengung der körper⸗ lichen Kräfte berechnet. Man ſpielt Ballon, ſetzt über Gräben, läuft um die Wette, ſchleudert Steine oder wirft mit Spießen nach einem fernen Ziele, oder klettert auf Stangen, die mit Fett beſchmiert ſind, und mehr dergleichen. Solche Spiele werden nicht nur bei Familien⸗ und öffentlichen Volksfeſten, ſondern faſt jeden Abend, ſelbſt nach der ſchwerſten Arbeit, und von den be⸗ jahrten, wie von den jungen Leuten vorgenommen. Das Tanzen, wofür die Alicanter ebenfalls ſehr eingenommen ſind, gehört zu den minder anſtrengen⸗ den Luſtbarkeiten. Von Spielen, die dem Theilnehmer ſtill zu ſitzen erlauben, iſt mir nur eine Art Mora— wovon ich ſchon bei Beſchreibung der in Sici⸗ lien herrſchenden Vergnügungen geſprochen habe,— und das Kartenſpiel vorgekommen, letzteres jedoch ſelten. Indeſſen findet man viel Geſchmack am Puppenſpiel, ſo wie an den Künſten der Seiltänzer, Bereiter, Taſchenſpieler u. ſ. w., daher es nie an ſolchen Leuten fehlt. Daß übrigens die jungen Männer, wie im übrigen Spanien, ſich ein beſonderes Vergnügen daraus machen, in der Nacht vor dem Hauſe der Geliebten zu ſingen und auf der Guitarre, oder der Mandoline zu ſpielen, ſcheint kaum der Erwähnung zu bedürfen. Die Gegend um Alicante— die dort herrſchenden Krankheiten.— Bemerkungen über die ſpani⸗ ſchen Guerilla's, welche durch die Stadt ziehen, ſo wie über einige daſelbſt eingebrachte Räuber.— 8 Eine Bauernhochzeit. Die Gegend um Alicante iſt ſehr gebirgig, aber mit tiefen, fruchtbaren Thälern durchſchnitten. Seine nächſte Umgebung bildet ein höchſt reizendes, mit maleriſchen Gebirgen umſchloſſenes und nur gegen die Stadt und das Meer geöffnetes Thal, deſſen Umfang ungefähr fünf Stunden beträgt. Es iſt vortrefflich angebaut, ſo daß nicht das geringſte Stückchen Land unbenutzt bleibt, und ſelbſt an den ſteilen Abhängen der Berge, bis zu einer beträcht⸗ lichen Höhe, Pflanzungen angelegt ſind. Getreide und mannigfaltiges Ge⸗ müſe wechſelt mit Weinſtöcken, Zitronen⸗, Limonien⸗ und Pomeranzen⸗, Fei⸗ gen⸗, Oliven⸗, Mandel⸗, Nuß⸗, Kirſchen⸗, Pflaumen⸗, Aepfel⸗, Granaten⸗, —240 Johannisbrod⸗ und Maulbeerbäumen, oder mit Dattelpalmen u. m. a. auf das Angenehmſte ab. Jedes Feld, jede Pflanzung umfaſſen Zäune von Aloeſtauden, und nach allen Richtungen durchkreuzen ſich Gräben, um das von den Bergen herabkommende Waſſer aufzufangen, und über die Landſchaft zu leiten. Außer fünf bis ſechs prächtigen Luſtſchlöſſern, liegen zahlloſe Landhäuſer umher zerſtreut, und die thätigen und betriebſamen Einwohner, deren Anzahl ſich auf 10,000 beläuft, ſind unermüdlich auf ihren Feldern und in ihren Pflanzungen beſchäftigt, wodurch das Ganze verſchönert und belebt wird. Dieſer Fleiß der Menſchen erhält aber auch von der Natur die größte Aufmunterung, indem die Landſchaft einen trefflichen Boden, wegen der um⸗ gebenden Gebirge eine der Bewäſſerung ſehr günſtige, ſo wie auch vor rauhen Winden geſchützte Lage, und ein Klima beſitzt, welches ein ewiger Frühling genannt werden kann; denn im Sommer ſteigt die Wärme, durch friſche See⸗ winde gemildert, gewöhnlich nicht über 20 Grad R., und fällt im Winter ſelten unter 10 herab. Nebel ſind, wegen der beſtändigen Reinheit des Him⸗ mels, völlig unbekannt, ſchwere Gewitter und anhaltende Regen eine Selten⸗ heit; dagegen werden faſt alle Nächte die Fluren durch Thau erfriſcht. Die Fruchtbarkeit iſt daher außerordentlich. In unaufhörlichem Wechſel bringen die Felder Weizen, Hafer, Gerſte, Hülſenfrüchte, Kohl, Salat, Gurken, Me⸗ lonen u. ſ. w. hervor. Sie geben jährlich zwei bis drei verſchiedene Aernten, die deſſen ungeachtet dreißig⸗, vierzig⸗ oder funfzigfältig, ja, bisweilen noch reichlicher ausfallen. In gleichem Maße tragen auch die Fruchtbäume, und beſonders die Weinſtöcke, von welchen alle Jahre über 4000 Pipen Wein ge⸗ wonnen werden. Daß übrigens die um Alicante erbauten Weine von vor⸗ trefflicher Beſchaffenheit ſind, und man den ſchwärzlichen,„vin tinto“ ge⸗ nannt, welcher beinahe ſo dick wie Syrup und gewürzhaft ſüß iſt, am meiſten ſchätzt, wird wohl Wenigen meiner Leſer unbekannt ſein. Die Weinſtöcke kom⸗ men aus den Rheingegenden, von wo ſie auf Veranlaſſung des Kaiſers Karl V. hierher gebracht wurden. 5 Bei allen den Vorzügen, welche die Bewohner des entzückenden Thales von Alicante genießen, ſind ſie jedoch einem ſehr verderblichen Uebel unter⸗ worfen, nämlich den bösartigen Fiebern, die faſt alle Jahre zur Herbſtzeit herrſchen. Man ſchreibt ihr Entſtehen den faulen Dünſten zu, die ein Sumpf, nahe beim Seeufer am ſüdlichen Ende des Thales, während des Sommers verbreitet. Doch mag auch der allzuhäufige Genuß roher Früchte, ſo wie die Gewohnheit, in warmen Nächten auf dem Altan, oder dem Dache des Hauſes zu ſchlafen, dazu beitragen. Während meines Aufenthaltes in Alicante hatte ich das Vergnügen, drei - zogen. Es waren Haufen von 80— 100 Mann, meiſtens Bauern in bunt⸗ ſcheckiger Tracht, mit weißen, ſchwarzen, blauen oder grünen Jacken, mit Hüten von Stroh, oder von Filz, mit ledernen Schuhen, Babuſchen von Es⸗ parto, oder Sandalen von ungegerbtem Leder, manche auch ohne alle Fußbe⸗ kleidung. Obſchon das ſpaniſche Feldzeichen am Hut, einen Säbel an der Seite und eine Flinte auf der Schulter, hatten ſie nichts Soldatiſches in ihrem Aeußern, keine Regelmäßigkeit im Schritt, im Haltmachen, Schwenken u. ſ. w., und noch weniger im Gebrauch der Waffen. Aber die Muskelkraft und Gewandtheit ihres Körpers, das von der Sonne verbrannte und auf Abhärtung deutende Geſicht, das wilde, Kühnheit und Grauſamkeit ver⸗ rathende Feuer in den Augen kündigte ſie als gefährliche Krieger an, und— wem iſt es nicht bekannt, was für Schaden die ſpaniſchen Guerilla's den franzöſiſchen Heeren zugefügt haben? Zwei von dieſen ungeregelten Kriegs⸗ haufen hatten Edelleute an der Spitze, wovon der eine in völlig militäriſcher Uniform, der andere bürgerlich gekleidet war. Den dritten Haufen befehligte ein Geiſtlicher in ſeiner Amtstracht, die Bruſt mit einem Crucifix und mit Heiligenbildern behängt, aber den Leib umgürtet mit dem Schwert der Rache. Den Nachtrab bildeten Weiber und Kinder, und einige mit etwas Gepäck be⸗ ladene Maulthiere. Faſt noch ſonderbarer als dies Alles, nahm ſich ein Trupp von ungefähr 20 Mann Reiterei aus, dem ich einmal auf der Straße nach Denia begegnete; denn faſt jeder Reiter hatte ſeine Frau bei ſich, die hinter ihm, quer über auf dem Pferde ſaß. Eines Tages war ich in Geſellſchaft bei einem engliſchen Offizier, wel⸗ cher an einem der Stadtausgänge den Wachdienſt hatte. Da brachte ein Trupp Soldaten auf der Straße von Caſtalla vier oder fünf, an Händen und Füßen gefeſſelte Männer, um ſie in Alicante der Wache zu überliefern. Sie gehörten zu einer Bande caſtiliſcher Räuber, die eine geraume Zeit in der Nachbarſchaft umher geſchwärmt und viele Schandthaten verübt hatten, jetzt aber, bei einem Verſuche, ſich engliſcher Packwagen zu bemächtigen, umgekom⸗ men oder in Gefangenſchaft gerathen waren. Nach ihrer Ankunft in der Wachſtube wurde genau unterſucht, was ſie bei ſich hatten. Man fand in ihren Kleidungsſtücken, zum Theil darin eingenäht, viel Geld, goldene Ringe und andere Koſtbarkeiten, ferner kleine Dolche und ſogar Gift. Sie trugen aber auch Cruecifixe, Roſenkränze, Marienbilder u. ſ. w. in dem Buſen. Dieſe heiligen Gegenſtände wurden ihnen nicht genommen. Der eine riß jedoch mit fürchterlicher Wuth die ſeinigen ab, warf ſie auf die Erde, und ſtieß die ſchmählichſten Verwünſchungen gegen ſie aus, weil ſie ihm ihren Schutz ver⸗ Richter's Reiſen. II. 16 kleine Guerilla's zu ſehen, welche an verſchiedenen Tagen durch die Stadt 242 ſagt hatten.— Welch ſeltſames Gemiſch von Frömmelei und ſittlicher Ver⸗ dorbenheit! Doch wen befremdet das in einem Lande, wie Spanien, wo der große Haufe die Religion nur in Beobachtung äußerer Gebräuche ſetzt, ohne Rückſicht auf Beſſerung und Veredlung des Herzens, wo man Gott die alten Sünden abbittet, um neue begehen zu können, und ſogar zum Gelingen der ſchlechteſten Handlungen den Beiſtand der Heiligen erfleht. Am zweiten Oſtertage ward ich früh des Morgens von einigen Eng⸗ ländern abgerufen, um einen Ausflug in die reizenden Fluren um Alicante zu machen. In dieſer Jahreszeit wirkte die Sonne ſchon mit voller Kraft, und die ganze Natur prangte in ihrem ſchönſten Gewande. Es war um Nittag, als wir in der Ferne fröhliche Menſchenſtimmen vernahmen, abwechſelnd mit dem Schall von Clarinetten, Hörnern und Trompeten. Wir folgten dieſen einladenden Tönen, und erblickten nach einiger Zeit ein Bauernhaus, wo eine Hochzeit gefeiert wurde. Das Haus war friſch angeſtrichen und mit Gewin⸗ den von Blumen und Früchten verziert; auf dem Dache wehten an allen vier Ecken bunte Fahnen; im Mittelpunkt ragte, umgeben von den wohlriechend⸗ ſten Gewächſen, ein roth und weiß geſtreiftes Zelt wie ein Baldachin empor. Den Platz vor dem Hauſe, ſo wie auch die dahin führenden Wege, hatte man mit Blumen beſtreut. Nicht weit vom Eingange waren zwei hohe Pyramiden von grünen Zweigen errichtet, und dazwiſchen ſtand eine lange, weiß überdeckte Tafel, auf welcher die Hochzeitsgeſchenke, z. B. ſeidene Tücher, Kattun, man⸗ cherlei Hausrath, zur Schau ausgebreitet lagen. Rechts und links ſah man angezapfte Weinfäſſer, Tiſche mit Krügen, und einem Ueberfluß an Brod, Früchten, Schinken, Käſe und andern Lebensmitteln. So ſchön, wie das Gebäude mit ſeiner Umgebung, nahmen ſich auch Braut und Bräutigam und die zahlreichen Hochzeitsgäſte aus. Alles war mit flatternden bunten Bän⸗ dern, mit Roſen und andern Blumen geſchmückt. Alles athmete Luſt und Freude, und zeigte eine Beweglichkeit, die dem Landmann im Norden fremd iſt. Man ſpielte Ballon, lief oder ſprang um die Wette, warf mit Spießen oder mit Schleudern nach einem Ziele; und an dieſen anſtrengenden Luſtbar⸗ keiten nahmen Jung und Alt, und die Frauen wie die Männer Theil. Dabei wurde auch der Magen nicht vergeſſen, und man ſprach den Schenk⸗ und Speiſetiſchen öfters zu; aber Jeder aß und trank wie auf einer eiligen Reiſe, um wieder zum Spiele zu kommen; denn lange beim gemeinſchaftlichen Schmauſe zu ſitzen, iſt mit dem unruhigen Blute jener Leute unverträglich. Erſt gegen Abend, wo einige Seiltänzer, einige Glas⸗, Eiſen⸗ und Schlangen⸗ freſſer ihre Künſte zeigten, brach die Geſellſchaft die Luſtbarkeiten ab, und nahm ſich Zeit, neue Kräfte zu ſammeln. Nachdem aber die Nacht einge⸗ 243 brochen, und der Platz vor dem Hauſe mit Lampen von buntem Papier er⸗ leuchtet war, riefen die Hörner und Trompeten zum Tanze. Jung und Alt bewegte ſich nun mit luſtigen Sprüngen und Geberden durch einander, bald paar⸗ bald gruppenweiſe, von den Tönen einiger Clarinetten und kleiner Flö⸗ ten, oder, nach Verſchiedenheit der Tänze, blos vom Tambourin oder von Klapperhülzern begleitet; der beliebte Fandango behauptete lange den Vorzug. Den weiteren Hergang des Feſtes konnten ich und meine Geſellſchafter nicht abwarten, weil uns die nahende Mitternachtsſtunde nach der Stadt zurückrief. Man weiß indeſſen, daß nach Mitternacht gewöhnlich ein Scheingefecht Statt findet, in welchem der Bräutigam, unterſtützt von den jungen Burſchen, mit den Mädchen um den Beſitz ſeiner Braut kämpft, die er endlich erbeutet und, während das Jubelgeſchrei der Geſellſchaft und ſchmetternde Trompeten ertö⸗ nen, entführt. 4. Der fernere Fortgang unſerer Geſchäfte, und die darauf Einfluß habenden Muſterungen der engli⸗ ſchen Transportſchiffe. Ich komme nun zu den Angelegenheiten des St. Angelo zurück. Oſtern war vorbei, und noch immer lagen viele Waaren am Bord unſeres Schiffes unverkauft, ſo daß ich fürchtete, ſie wieder nach Sicilien mitnehmen, oder an die Kaufleute in der Stadt verſchleudern zu müſſen. Aber plötzlich gewann die Sache eine günſtige Wendung. Am 22. und 23. April wurden die ſämmt⸗ lichen Transportſchiffe von dem Kapitän Withers und den ihm untergeordneten Agenten gemuſtert. Es fanden ſich hier und da noch bedeutende Lücken in ihren Vorräthen, und dies hatte die Folge, daß wir nun unſere Waaren ſchnell und ſehr vortheilhaft an den Mann brachten, und nicht einmal alle Nachfragen befriedigen konnten. Am Abend des 24. war Alles bis auf das letzte Stück abgeſetzt, ein Umſtand, den man beſonders auch deswegen als ein Glück an⸗ ſehen mußte, weil in den nächſten Tagen Kauffahrer von Sieilien, von Malta und ſelbſt von England in Alicante ankamen, welche dieſen Platz mit Schiffs⸗ bedürfniſſen überfüllten. Da ich über die Muſterungen der engliſchen Transportſchiffe, welche jetzt ſo viel Einfluß auf unſere Geſchäfte hatten, noch nie etwas geſagt habe, ſo will ich bei dieſer Gelegenheit das Hauptſächlichſte davon anführen. Wenn eine Muſterung vor ſich gehen ſoll, was man den Schiffen, der nöthigen Vorberei⸗ tung wegen, gewöhnlich ſchon am Tage zuvor ankündigt, ſo müſſen alle Segel, 16* 244 alles Tauwerk und Schiffsgeräth, ferner die Waffen nebſt Munition, ſo wie auch die Lebensmittel, auf's Verdeck geſchafft und dergeſtalt niedergelegt wer⸗ den, daß ſie leicht zu überſehen ſind. Sobald nun der Agent am Bord erſcheint, beginnt die Beſichtigung mit der Mannſchaft, nicht nur in Betreff ihrer Voll⸗ zähligkeit, ſondern auch ihrer Tüchtigkeit. Hierauf kommt die Reihe an die Segel, dann an das Tauwerk, die Compaſſe u. ſ. w., nach den Nummern eines gedruckten Verzeichniſſes, welches die erforderlichen Artikel und ſelbſt Kleinig⸗ keiten enthält, z. B. ſo und ſo viel Segelnadeln, Theerquaſten, Malerpinſel, Kehrbeſen. Uebrigens wird bei der Beſichtigung, wie allenthalben im See⸗ dienſt der Engländer, mit großer Strenge verfahren. Die Schiffskapitäne ſuchen indeß allerlei Kunſtgriffe hervor, ihr zu entgehen. Sie entſchuldigen die Lücken in ihrem Vorrathe damit, daß ſie erlittenen Verluſt, oder Mangel an Gelegenheit ihn zu erſetzen, vorgeben; oder ſie borgen, der eine von dem andern, die fehlenden Geräthe, ja, bisweilen ſogar Matroſen. Auch verſucht man, dem Agenten durch Bewirthung mit köſtlichem Wein und Liqueur den Verſtand zu verwirren, und erreicht oftmals den gewünſchten Zweck. Seltner gelingt es— denn die Officiere der engliſchen Marine ſind meiſtens Männer von großer Rechtlichkeit,— durch Geſchenke Nachſicht zu bewirken. Dieſer Unterſchleif hat ſeinen Grund hauptſächlich darin, daß die Transportſchiffe, wie ich ſchon an⸗ derwärts bemerkt habe, das Eigenthum der Kaufleute und nur auf einige Zeit an die Regierung vermiethet ſind, und daß das Intereſſe der beiden Theile verſchieden iſt. Die Regierung verlangt, keine Koſten zu ſcheuen, um die Schiffe gehörig im Stande zu erhalten, während die Kaufleute, welche der Eigennutz oft mehr als der Patriotismus leitet, die möglichſte Erſparniß dabei zu machen wünſchen. Die Kapitäne befinden ſich daher, wenn ich ſo ſagen darf, zwiſchen zwei Feuern. Da ſie aber von den Schiffseigenthümern angeſtellt und beſoldet werden, ſo darf man ſich nicht wundern, wenn ſie den Vortheil derſelben mehr als den des königlichen Dienſtes berückſichtigen. Dazu kommt nun noch, daß viele allzu ſehr auf ihren eigenen Gewinn bedacht ſind, und daher nicht nur die Regierung, ſondern auch den Kaufmann hintergehen. Wie viel Pech, Theer und hundert andere Dinge, die weder verbraucht noch angeſchafft wurden, ſtehen nicht bisweilen auf den Rechnungen, welche man dem Kaufmann in der fernen Heimath zuſchickt. Wie oft werden nicht im Auslande die geſchickteſten Matroſen aus dem Dienſt entlaſſen, und ihre Stellen mit unnützen Leuten, wenn ſie nur mit geringerem Lohn zufrieden ſind, beſetzt, um den dadurch ge⸗ wonnenen Geldüberſchuß in die Taſche zu ſtecken. Doch— die Menge der Schleifwege, die einem unredlichen Schiffskapitän offen ſtehen, iſt zu groß, als daß ſie alle ſich aufzählen ließen. 5 Der St. Angelo macht eine Reiſe nach der Inſel Iviza, um Holz zu holen.— Ankunft.— Die Bucht S. Dominico.— Fiſcher, Mönche und Einwohner des Eilandes. An demſelben Tage, wo der Reſt unſerer Ladung verkauft wurde, äußerte der Kapitän Withers den Wunſch, daß der St. Angelo eine Fahrt nach der Inſel Iviza machen möchte. Es ſollte dort Brennholz, ſo wie Holz zu Pfählen, u. ſ. w. geholt werden, woran es der Armee, da die Gegend um Alicante arm an Waldung iſt, ſehr fehlte; und weil damals keine, zu dieſem Geſchäft paſſen⸗ den Transportſchiffe ſich im Hafen befanden, ſo ſuchte man andere Schiffe zu bekommen. Die Bedingungen waren vortheilhaft. Ich trug daher kein Beden⸗ ken, den Vorſchlag anzunehmen. Am 26. gingen die nach Iviza beſtimmten Schiffe unter Segel. Sie be⸗ ſtanden, außer dem St. Angelo, aus zwei ſpaniſchen Schebecken, und einem engliſchen Schooner. Wir erblickten das Eiland am Morgen des 28., und und erreichten gegen Mittag den Ort unſerer Beſtimmung. Dies war eine kleine, an der Weſtküſte befindliche Bucht, S. Dominico genannt, deren Um⸗ gebung eine maleriſch wilde Gegend darſtellt— hohe, durch tiefe Schluchten getrennte Berge, die am Fuße mit mannigfaltigem Laubholz, und auf den Gipfeln mit Fichten bewachſen ſind, röthliche Felſen, die im Hintergrunde her⸗ vorragen, und am Strande vier oder fünf zerſtreute, von Fiſchern bewohnte Häuſer. Sobald man die Anker geworfen hatte, begab ſich ein engliſcher Kriegs⸗ kommiſſär, welcher auf dem Schooner mit angekommen war, zu den Beſitzern der Landſchaft, den Mönchen eines benachbarten Dominicanerkloſters, um wegen des benöthigten Holzes zu unterhandeln. Da es, wie man ſchon im Voraus wußte, keinen Vorrath an gefälltem Holze gab, ſo kaufte er eine Anzahl ſtehen⸗ der Fichten.. Mit Anbruch des folgenden Tages gingen die ſämmtlichen Schiffsmann⸗ ſchaften, mit Sägen und Aexten verſehen, an's Land, und begannen ſich in den Beſitz der gekauften Bäume zu ſetzen. Dabei theilten ſie ſich in verſchiedene Haufen, wovon jeder ſeine beſtimmte Arbeit hatte. Einige fällten die Stämme, Andere ſchafften dieſelben den Berg herab, und die Meiſten waren am Strande beſchäſtigt, ſie in Stücke zu ſägen und zu ſpalten, und die fertigen Scheite, Pfähle, Stangen u. ſ. w. aufzuſetzen. Die Arbeit ging raſch, und ganz anders als bei gewöhnlichen Holzhauern von Statten. Denn es war für die Matroſen 246 ein wahres Freudenfeſt, auf dem Lande ſich tummeln und ihre Kräfte üben zu können, wozu noch der Umſtand kam, daß ihnen, da ſie aus Engländern, Spa⸗ niern und Sieiliern beſtanden, der Nationalſtolz gebot, von ihrer Stärke, Ge⸗ wandtheit und Geſchicklichkeit Proben abzulegen und darin mit einander zu wetteifern. Auch wußte der Kriegskommiſſär die fröhliche Stimmung ſehr gut zu unterhalten, indem er mehrmal des Tages, beſonders aber beim Mit⸗ tagseſſen, das man unter ſchattigen Bäumen einnahm, Wein oder Rum ver⸗ theilen ließ, Genüſſe, die Niemand in ſo hohem Grade als der Seemann zu ſchätzen weiß. Ob mich ſchon öfters die Reihe traf, über dieſen oder jenen Theil der Arbeiter die Aufſicht zu führen, ſo war dies doch nicht ohne Annehmlichkeiten. In den Wäldern ergötzte mich der üppige Wuchs der Bäume, der würzige Duft ſchöner Blumen und Kräuter, und der tauſendſtimmige Geſang der Vögel, während am Strande die ſchnelle Vermehrung des geſchlagenen Holzes, und beſonders die Wirthſchaften der Schiffsköche, welche ihr ganzes Geſchirr an's Land gebracht, kleine Feuerheerde gebaut und verſchiedene Einrichtungen zu ihrer Bequemlichkeit getroffen hatten, mir mancherlei Stoff zur Unterhaltung gaben.— 2 Oft wurde meine Aufmerkſamkeit von den Fiſchern in der Bucht erregt, die emſig beſchäftigt waren, Schollen„Lampreten und Sardellen, oder Aale, Hummern und Auſtern zu fangen, weil dies alles guten Abſatz bei unſeren Leuten fand. Bisweilen machte ich Spaziergänge nach ihren Wohnungen, wo ich Gelegenheit hatte, mich von Neuem zu überzeugen, wie wenig der genüg⸗ ſame Menſch, zumal unter einem ſüdlichen Himmelsſtriche, zu ſeinem Unter⸗ halte bedarf. Die Häuſer haben, da die Thüren immer offen ſtehen, keine Fen⸗ ſter, ſo wie auch weder Küche noch Schornſtein, denn man kocht im Freien. Sie bilden eine einzige Stube, die nichts als einen Tiſch und eine Bank, ein Bett, eine Lade, etwas Töpferzeug und einige an die Wand geklebte Heiligenbilder enthält. Eben ſo einfach, wie das Haus und deſſen Geräth, iſt auch die Koſt der Leute, welche Tag für Tag mit grobem Weizenbrod und Fiſchen, oder Zwie⸗ beln, oder wilden Früchten, und mit Waſſer zum Trinken fürlieb nehmen.— Ihre Kleidung beſteht blos in einem baumwollenen Hemd, und bei den Män⸗ nern in dergleichen kurzen, kaum bis über die halben Schenkel herab gehenden Beinkleidern, ſo wie bei den Weibern in einem kurzen Röckchen von demſelben Stoffe. Ein ordentlicher Anzug wird nur an Feſttagen, um in die Kloſterkirche zu gehen, angelegt. Der Erwerb dieſer Fiſcher iſt ſehr gering; denn wenn auch die Bucht einen Reichthum an Fiſchen beſitzt, ſo fehlt es an Abſatz derſelben, welcher ſich auf einzelne Häuſer im Innern des Landes, und auf das Kloſter beſchränkt. Da dieſes übrigens Herr der ganzen Gegend, ausſchließlich zur Fiſcherei in der Bucht berechtigt, und auch Eigenthümer der Fiſcherwohnungen iſt, ſo muß ihm alle Wochen ein gewiſſes Quantum Fiſche, als ein Zins, un⸗ entgeldlich geliefert werden. Was mir aber in dieſer einſamen Gegend das Merkwürdigſte ſchien, und beſonders Eindruck auf mich machte, waren der Prior und ein Mönch des Kloſters, zwei unzertrennliche Freunde, die dann und wann kamen, um dem Thun und Treiben unſerer Leute zuzuſehen. Es waren Männer, hoch in Jah⸗ ren, mit eisgrauem Haar, mit Geſichtern, in welchen ſanfte Hingebung und tiefe Seelenruhe ſich ſpiegelten, voll edler Würde in ihrem ganzen Benehmen, kurz, Männer, die auch ohne das heilige Gewand eines Ordensgeiſtlichen, Ehr⸗ furcht erweckt haben würden. Dabei zeigten ſie ſo viel Menſchenfreundlichkeit, ſo viel Bekanntſchaft mit der Welt und mit den Wiſſenſchaften, wie man bei ſpaniſchen Mönchen wohl ſelten antreffen möchte, und am allerwenigſten in einem Winkel der kleinen Inſel Iviza erwartet. Auch ließen ſie von jener reli⸗ giöſen Unduldſamkeit, die den Spaniern und beſonders ihren Geiſtlichen eigen iſt, nicht das Mindeſte blicken. Sie waren daher ſehr beliebt bei den Englän⸗ dern, und die Offiziere des engliſchen Schooners benutzten jede Gelegenheit, ſich mit ihnen zu unterhalten. Eines Abends gab man ihnen das Geleit nach dem Kloſter. Auch ich ſchloß mich der Geſellſchaft an. Wir kamen Anfangs durch enge, waldige Schluchten, aber nach einer halbſtündigen Wanderung er⸗ öffnete ſich ein ziemlich geräumiges Thal, umgeben mit Felſen, auf welchen das Kloſter ſich wie eine Burg darſtellte. Das Thal lag, ungeachtet der Frucht⸗ barkeit des Bodens, größten Theils ungebaut, da es auf der Inſel, deren Be⸗ wohner ſich meiſtens mit der Schifffahrt, der Fiſcherei und der Bereitung des Seeſalzes beſchäftigen, an Feldarbeitern ſehr fehlt; die Verwaltung der ganzen weitläufigen Güter war zwei Knechten und einigen, zu Frohndienſt verpflich⸗ teten Häuslern überlaſſen. In dem Kloſter, wo man uns freundlich herum⸗ führte und nachher auch bewirthete, fanden wir zwar eine einladende Reinlich⸗ keit, aber nichts weniger als den Wohlſtand, den die großen Beſitzungen der Stiftung, verglichen mit der geringen Anzahl der unterhaltenen Mönche, die nicht über funfzehn betrug, hoffen ließen. Angenehm überraſchte uns jedoch eine hübſche Sammlung von mancherlei Naturſeltenheiten, ſo wie von Büchern, ſowohl ſpaniſchen, als auch italieniſchen, franzöſiſchen, engliſchen und einigen deutſchen, unter letzteren die Meſſiade von Klopſtock, in's Franzöſiſche überſetzt. Bei dieſer Gelegenheit erfuhren wir auch, daß der Prior und ſein Freund von vornehmen Familien in Valencia ſtammten, daß beide in ihrer Jugend, ſowohl auf ſpaniſchen als ausländiſchen Hochſchulen, zu Gelehrten gebildet, nach der Zeit aber durch Schickſale zur Ergreifung des Kloſterlebens beſtimmt worden waren. Die Ankunft unſerer Schiffe in der Bucht St. Dominico wurde bald auf der ganzen Inſel bekannt, und es kamen nach einigen Tagen von den benach⸗ barten Küſten, wie aus dem Innern des Landes, und ſogar von der drei Mei⸗ len weit entfernten Hauptſtadt, viele Leute, die mancherlei Früchte und andere, der Gegend fehlende Lebensmittel zum Verkauf brachten, ſo daß ein förmlicher Marktplatz entſtand. Dies diente nicht nur, unſern Aufenthalt angenehmer zu machen, ſondern gab mir auch Gelegenheit, einige Kenntniß von Iviza's Ein⸗ wohnern zu erlangen. Sie ſind ein Menſchenſchlag von mittler Größe, braun⸗ gelber Farbe, und hager, doch nervig und gewandt, Eigenſchaften, die auf eine ſtarke Vermiſchung mit den vormaligen Beherrſchern der Inſel, den Mauren, ſchließen laſſen. Zu derſelben Bemerkung führt auch ihre Sprache, welche zwar mit dem Valenciſchen verwandt, aber voll arabiſcher Wörter, und den übrigen Spaniern faſt unverſtändlich iſt. Ihre Sitten ſind rauh; ihre Ge⸗ müthsart bezeichnet Offenheit, Muth, aber auch Unbiegſamkeit und Geneigtheit zu Zorn und Rache. 7 6. Abfahrt von Iviza und Rückkunft nach Alicante.— Kriegeriſche Ereigniſſe.— Der St. Angelo geht nach Bona.— Beſchreibung der Ueberfahrt.— Die Schiffe der Algierer. Am 7. Mai wurden unſere Leute mit dem Fällen des Holzes fertig, und machten am nächſten Morgen den Anfang, es einzuſchiffen. Dies geſchah mit vieler Thätigkeit, ſo daß die Schiffe am Abend des 10. geladen waren, worauf man unverzüglich zurück nach Alicante unter Segel ging. Wir hatten eine ſehr glückliche Fahrt, und langten am 12. daſelbſt an. Anm 13. erhielten wir Befehl, unſere Ladung an ein paar große Trans⸗ portſchiffe auszuliefern, womit auch ſogleich begonnen wurde. Mittlerweile war ich bemüht, dem St. Angelo eine Fracht nach Sicilien, oder nach Malta zu verſchaffen, und fand in kurzem einen Kaufmann, der eine beträchtliche Menge Wein nach Malta zu ſenden hatte. Aber ehe der Vertrag zu Stande kam, ward ich auf's Neue vom Kapitän Withers aufgefordert, auf Rechnung des engliſchen Heeres eine Reiſe zu unternehmen; und da ſolche Geſchäfte un⸗ gleich beſſer als kaufmänniſche lohnten, ſo hielt ich es für Pflicht, meinem Rheder dieſen Vortheil nicht entgehen zu laſſen. Bevor ich jedoch über den Zweck und die Ausführung des Unternehmens Bericht erſtatte, muß ich die bisher übergangenen, kriegeriſchen Ereigniſſe in Erwähnung bringen, weil ſie damit genau zuſammenhängen. Am 9. April rückte der Marſchall Suchet mit einer überlegenen Macht gegen die vereinigten Heere der Generale Murray und Elio an. Er ſchickte in der Nacht vom 10. ein ſtarkes Corps ab, um den linken Flügel zu überfallen, der aus den Truppen des Generals Elio beſtand, die ihre Stellung in Yecla und Villena genommen hatten. Sie verſuchten, ſich aus dieſer ebenen Gegend auf eine mehr gebirgige zurückzuziehen; allein, während dieſes Rückzuges wurde der größte Theil von dem verfolgenden Feinde niedergehauen, oder gefangen. Am 12. griff der Marſchall das Heer des Generals Murray an, und verdrängte nach einem zweiſtündigen Gefecht die Vorpoſten, welche den Engweg bei Biar vertheidigten, worauf Murray ſich aus Caſtalla nach den umliegenden Höhen zurückzog. Der Feind richtete dann ſeinen Angriff auf den linken Flügel. Vier tauſend Mann erſtiegen muthig den holberigen und mit Steinen bedeckten Berg. Als ſie aber hinauf und beinahe dicht an das 27. engliſche Regiment gekommen waren, ging ihnen dasſelbe, mit gefälltem Bajonet, kühn entgegen und warf ſie in einem Augenblicke den Berg hinab. Durch dieſes Beiſpiel aufgemuntert, griffen nun auch die Spanier an, und der Feind erlitt auf allen Seiten eine große Niederlage. Er zog ſich nach S. Felipe zurück. Bald nach dieſem glück⸗ lichen Ereigniſſe wurden 2000 Mann engliſche Truppen nach Sicilien zurück⸗ berufen, um dort den Lord Bentink in ſeinem Vorhaben, die Regierung zur Annahme einer Conſtitution zu vermögen, mit Nachdruck zu unterſtützen. Sie wurden am 15. eingeſchifft, und gingen am folgenden Tage nach ihrer Be⸗ ſtimmung ab. In dieſer Schwächung der engliſchen Armee lag hauptſächlich der Grund, warum ſie die über den Feind errungenen Vortheile nicht ver⸗ folgte, ſondern bis zur Mitte des Mai unthätig blieb. Um dieſe Zeit erhielt Sir John Murray vom Lord Wellington den Befehl, in Catalonien zu landen und ſich einer am Meere gelegenen Feſtung zu bemächtigen, um dadurch die Franzoſen zum Rückzug aus Valencia zu nöthigen. Es entſtand nun im Hafen von Alicante die größte Thätigkeit, um An⸗ ſtalten zur bevorſtehenden Expedition zu treffen. Gegen fünf und dreißig Transportſchiffe machten ſich zur Aufnahme der Truppen geſchickt, während faſt eben ſo viel beſchäftigt waren, Geſchütz, Munition und Lebensmittel einzu⸗ ſchiffen. Einige mußten zur Vermehrung dieſer letztern Bedürfniſſe eilig nach Mallorca und Menorca abgehen, wo große Vorräthe davon aufgehäuft lagen. Auch ſollte von Bona— im Staate Algier,— Schlachtvieh herbeigeſchafft wer⸗ den. Da man aber wenig Transportſchiffe hierzu entbehren konnte, ſo wurden einige Kauffahrer gemiethet; und unter dieſen befand ſich auch unſer St. Angelo. 250 Die nach Bona beſtimmten Schiffe beſtanden in zwei Transport⸗ und, mit Einſchluß des St. Angelo, in drei Kauffahrteiſchiffen, nebſt einer Kriegs⸗ brig zur Bedeckung. Sie gingen am 16. Mai in See. Eine Fahrt im Mittel⸗ meere während des Sommers iſt immer mit vieler Annehmlichkeit verbunden, und der Reiſende hat ſich meiſtens über nichts, als die allzu große Ruhe des Luftkreiſes zu beklagen; denn wenn auch der Wind, am Tage von dem Meere, in der Nacht vom Lande her, die Küſten friſch beſtreicht, ſo nimmt er doch, je weiter man auf die hohe See kommt, immer mehr ab und geht oft in ſchwaches Säuſeln, oder in gänzliche Windſtille über. Dasſelbe fand auch diesmal Statt. Es war eine Wonne, am Tage die große ruhige Waſſermaſſe, mit kleinen, ſanft ſpielenden Wellen und zahlloſen, umher ſchwärmenden Fiſchen, und zur Nachtzeit den ungetrübten, mit Millionen hell flammender Sterne ge⸗ ſchmückten Himmel zu betrachten. Aber das Schiff von oben bis unten mit Segeln beſpannt, und es dennoch, wegen der Schwäche des Windes, nur lang⸗ ſam dahin gleiten, und bisweilen ſogar ſtill ſtehen zu ſehen, ſtellte nicht ſelten unſere Geduld auf die Probe, und machte, daß die Matroſen öfters in Ver⸗ ſuchung kamen, zu pfeifen und zu fluchen, um dadurch, nach ihrer abergläubiſchen Meinung, den Aeolus gleichſam herauszufordern. Kurz, da der Wind, zwar immer günſtig, aber meiſtens ſchwach war, ſo verging eine volle Woche, bevor uns die beiden Vorgebirge Roſa und Ras⸗ei⸗Hamrah, welche die Bucht von Bona bilden, zu Geſicht kamen. Um die nämliche Zeit erblickten wir im Weſten algieriſche Kreuzer— zwei Felucken und eine Schebecke. Mittels der vielen in Gang gebrachten Ruder, näherten ſie ſich wie im Fluge unſerem langſam dahin ſegelnden Ge⸗ ſchwader, und fuhren, um es genau in Augenſchein zu nehmen, mehrmals um dasſelbe herum, worauf ſie nach der Küſte ſteuerten und dort bald verſchwanden. Dies gab mir einen kleinen Beweis, wie viel die Ruderſchiffe der Algierer bei ſtillem Wetter vermögen, und wie ſehr ſie dann andern Schiffen überlegen ſind. Daß ſie übrigens auch mit außerordentlicher Schnelligkeit ſegeln, und ſich ſelbſt von europäiſchen Kriegsſchiffen ſchwer einholen laſſen, iſt bekannt. 7. Die Rhede von Bona.— Kurze Beſchreibung der Stadt.— Ihre Einwohner.— Mauren, Juden ꝛc.— Europäer.— Bemerkungen über einige von den Kabylen, die im benachbarten Gebirge wohnen.— Die Gegend um Bona.— Wir ſchiffen Rinder, Schafe und Hühner ein.— Beſchaffenheit und Preis dieſer Thiere. In einiger Entfernung von der Küſte bekamen wir endlich einen friſchen Wind, der uns nun ſchleunig in die Bucht und auf die Rhede von Bona führte. 251 Kaum waren die Anker geworfen, als vom Lande her ein Boot mit Janit⸗ ſcharen kam, welche ſich bei der Kriegsbrig nach dem Zweck unſerer Ankunft er⸗ kundigten. Bald darauf begab ſich der mit uns angekommene Kriegskommiſſär, der Kapitän der Brig und der Agent der Transportſchiffe, vom engliſchen Konſul des Ortes begleitet, zum dortigen Aga oder Befehlshaber, um nicht nur um Er⸗ laubniß zu dem beabſichtigten Ankauf von Rindern, Schafen u. ſ. w. bei ihm nachzuſuchen, ſondern ihn auch zur Beſorgung desſelben zu vermögen; denn da die Regierung nicht immer die Ausfuhr des Viehes und Getreides geſtattet, ſo hoffte man auf dieſem Wege den Zweck am ſicherſten zu erreichen. Die Unter⸗ handlung mit dem Aga fiel günſtig aus; doch verlangte er einige Tage Zeit zu der verſprochenen Lieferung. Mittlerweile ſuchten die Engländer ſich ihren Aufenthalt ſo angenehm als möglich zu machen, indem ſie Zuſammenkünfte auf den Schiffen hielten, oder Spaziergänge in die Stadt und deren Umgegend machten, woran ich immer Theil nahm. Der Hafen von Bona wird durch ein kleines Fort beſchützt. Er hat eine geringe Tiefe, daher die größern Schiffe außerhalb desſelben auf der Rhede liegen müſſen, die übrigens einen guten Ankerplatz darbietet. Die Stadt iſt auf der Landſeite mit einer hohen und dicken Mauer um⸗ geben, hauptſächlich zum Schutze gegen die, auf den benachbarten Bergen herumſchweifenden Kabylen und Araber. Die Straßen ſind ungepflaſtert, ſchmutzig, krumm und meiſtens ſo eng, daß man Mühe hat, bei einem Kameel oder Pferde, und noch mehr bei einem Janitſcharen vorbei zu kommen, da dieſe Leute, aus rohem Uebermuth, Niemanden und am allerwenigſten einem Chriſten, weß Standes er ſei, einen Zoll breit ausweichen. Der Marktplatz iſt klein, aber alle Tage mit den herrlichſten Früchten und mit allerlei Lebensmitteln an⸗ gefüllt, die von der Fruchtbarkeit des Landes zeugen. Die Häuſer, welchen man durchgängig einen weißen Anſtrich gibt, ſind von Stein, oder von Ziegeln, nur Ein Stockwerk hoch und oben flach gebaut; ſie ſchließen, die Rückſeite nach der Straße gekehrt, einen viereckigen Hof ein, in den die kleinen, ſtatt der Rahmen und Glasſcheiben blos mit hölzernen Gittern oder mit Läden ver⸗ ſehenen Fenſter gehen. Einige Häuſer haben Säulengänge an den Seiten des Hofes, und hier und da findet man in der Mitte einen Brunnen, ſo wie auch ſchattige Bäume. Es gibt in Bona, außer mehren kleinen Moſcheen, zwei größere mit hohen Minarets, welche den Ort ſehr zieren. Die übrigen öffentlichen Gebäude be⸗ ſchränken ſich auf die Wohnung des Aga, welche zugleich das Gerichtshaus iſt, auf die Kaſernen des Militärs, und einige, theils für das männliche, theils für das weibliche Geſchlecht beſtimmte Bäder. Dieſe Bäder, wohin ſich die Ein⸗ wohner mehrmal des Tages begeben, ſtellen einfache Säle dar, die in der Mitte ein ſteinernes Waſſerbecken, mit hinabführenden Stufen, und an den Seiten ſteinerne Bänke enthalten. Die wenigen Wirthshäuſer ſind theils auf euro⸗ päiſchen, theils auf morgenländiſchen Fuß eingerichtet; man bekommt darin Scherbet, Wein, Thee und Kaffee, Brod, Käſe, Fiſch, Kuskus— d. i. Brei von geſchrotenem Weizen, und Eierſpeiſen. ie werden meiſtens von Juden, oder von Chriſtenſklaven auf Rechnung ihrer Herren gehalten. Die militäriſche Beſatzung der Stadt beſteht in 300 Türken, deren Ober⸗ haupt der Aga iſt. Was die Kleidung, die Bewaffnung und den Dienſt der⸗ ſelben betrifft, ſo gilt das Nämliche, was ich im vorigen Abſchnitt über die Janitſcharen in Alexandrien geſagt habe. Die Einwohner— ſie ſollen ſich auf 7000 belaufen,— ſind Mauren, Türken, Araber, Neger und Juden, die ſämmtlich arabiſch und türkiſch ſprechen, obſchon das erſtere die herrſchende Sprache iſt. Die Mauren machen die Hauptklaſſe aus. Sie ſind ein großer, wohlgeſtalteter Menſchenſchlag, mit ſtarken Knochen und Muskeln, ſchönen Augen und Zähnen. Die meiſten haben faſt eine ſo weiße Geſichtsfarbe, wie die ſüdlichen Europäer. In ihren Mienen ſpricht ſich der muntere, kühne Geiſt, aber auch die Liſt und Tücke, die Treu⸗ loſigkeit, Raubgier und Grauſamkeit aus, welche die mauriſchen Völker be⸗ zeichnen. Ihre Tracht hat viel Aehnliches mit der türkiſchen. Sie ſcheeren die Kopfhaare ab, und laſſen dagegen den Bart und Schnurrbart wachſen. Die Bedeckung des Kopfes beſteht in einer kleinen Mütze von rothem Tuch, um die man ein langes Stück Muſſelin oder andern baumwollenen Zeuges windet, ſo daß es die Geſtalt eines Turbans erhält. Der Hals wird bloß gelaſſen. Die Bekleidung des übrigen Körpers iſt ein Hemd ohne Kragen, eine wollene Jacke, die auf der Bruſt übereinander geſchlagen wird, darüber eine Weſte von Tuch oder Seidenzeug, die man ebenfalls übereinander ſchlägt und auf der linken Seite zuheftelt; ferner baumwollene, oder auch wollene bis unter die Knie herab und über den untern Theil der Weſte heraufgehende, türkiſche Hoſen, und, um das Ganze feſt zu halten, ein wollener, oder ſeidener Shawl um den Leib. An feſtlichen Tagen wird außerdem noch ein Kaftan, meiſtens von blauem Tuche, angelegt. Die Beine bleiben ſtets unbekleidet. Die Fußbekleidung be⸗ ſteht in Pantoffeln, oder Babuſchen von gelb oder grün gefärbtem Schafleder. Zu dieſem Anzuge kommt noch der Haik, ein Stück weißen wollenen Zeuges, das ſieben Ellen in der Länge und drei in der Breite hat. Die Leute werfen es, ſo oft ſie ausgehen, zuſammengelegt über die linke Schulter, um ſich ge⸗ legentlich, zum Schutze vor kühler Luft, vor dem Regen, oder blos vor dem Winde, darein zu hüllen; und ſelbſt der Aermſte beſitzt ein ſolches Kleidungs⸗ ſtück, da es ihm zugleich als Bettdecke dient. Bei rauher oder naſſer Witterung wird über das Ganze ein Burnuß umgenommen, d. i. ein langer und weiter, mit einer Kapuze verſehener Mantel, ebenfalls von weißer Wolle. Bei der Arbeit und zu Hauſe gehen ſie oft nur mit Hemd und Hoſen bekleidet, und mit dem rothen Mützchen auf dem Kopfe. Die Frauen ſieht man, da die Männer jedes Geſchäft außer dem Hauſe, ſogar den Einkauf der Lebensmittel ſelbſt be⸗ ſorgen, ſelten auf den Straßen, und wenn es geſchieht, nie anders, als mit Schleiern und Haiks oder großen Umſchlagetüchern dergeſtalt vermummt, daß ſie wie Geſpenſter erſcheinen, und ſelbſt von ihren eigenen Männern nicht er⸗ kannt werden. In den Hänſern ſind ſie völlig unſichtbar, da ſie den hinterſten Theil derſelben bewohnen, wo nur vertraute Freunde Zutritt erhalten, und da die Männer ihre Geſchäfte mit Fremden meiſtens auf dem Hofe, oder vor der Hausthür abmachen. Man weiß indeſſen, daß die mauriſchen Frauen ſehr wohlgeſtaltet, oft aber allzu beleibt ſind, was ſie, weil es für Schönheit gilt, durch den Genuß vieler mehliger Speiſen zu bewirken ſuchen. Ihre Kleidung kommt mit der männlichen ziemlich überein. Obſchon die mauriſchen Einwohner viel Verſtandeskräfte, und meiſtens auch vom Leſen, Rechnen, Schreiben ꝛc. einige Kenntniß haben, ſo gibt es doch unter ihnen keine Künſtler. Sie treiben blos Handwerke, oder beſchäf⸗ tigen ſich mit dem Ackerbau, der Fiſcherei, oder der Seefahrt. Die Hand⸗ werksleute liefern hauptſächlich Pantoffeln, Babuſchen, Burnuſſe, Teppiche, Pferdegeſchirr und Töpferzeug. Uebrigens beſitzen dieſe Mauren jene Mäßig⸗ keit im Eſſen und Trinken, jene Einfachheit im Hausweſen, jene Abgeneigt⸗ heit, ein genußreiches Leben durch angeſtrengte Thätigkeit zu erkaufen, jenen ſchwärmeriſchen Sinn für religiöſe Gebräuche, und jenen Aberglauben, wodurch die Morgenländer und alle davon abſtammende Völkerſchaften ſich auszeichnen. Nur in den Vergnügungen machen ſie eine Ausnahme. Zwar lieben ſie weder Muſik noch Tanz, aber deſto mehr die Glücksſpiele, beſonders das Würfeln, obſchon die muhammedaniſchen Sittengeſetze dieſelben verbieten. Für das Tabakrauchen ſind ſie nicht ſehr eingenommen; viele rauchen gar nicht, ſondern kauen ein Kraut,„Haſchiſch“) genannt, welches, wie das Opium, eine be⸗ rauſchende Kraft beſitzt. *) Der Haſchiſch wird aus dem Indiſchen Hanf Cannabis indica bereitet. Die Indiſche Hanfpflanze, obgleich im Aeußeren der unſeren ähnlich, hat aber andere chemiſche Eigenſchaf⸗ ten. Aus ſeinen Blättern ſchwitzt ein Harz aus, welches man ſammelt. Auch auf andere Ar⸗ ten, durch Preſſen, durch Auskochen der Blätter und Blüthen ꝛc., wird er gewonnen und theils wie das Opium geraucht, oder auch in Confitüren gegeſſen. Er hat ähnliche Wir⸗ kungen wie Opium. Bibra's Narkotiſche Genußmittel. 254 Die Menge der Juden iſt in Bona ſehr beträchtlich. Sie genießen freie Ausübung ihrer Religion, haben eine Synagoge, und einen eigenen Richter, der die Streitigkeiten unter ihnen ſchlichtet. Deſſen ungeachtet ſind ſie durch ſchwere Abgaben gedrückt, in den bürgerlichen Rechten ſehr beſchränkt, und allgemein verachtet, daher ſie auch zur Auszeichnung eine Mütze, ein Ge⸗ wand und Babuſchen von ſchwarzer Farbe tragen müſſen. Einige wohl⸗ habende treiben Handel, der faſt ausſchließlich in ihren Händen iſt. Gewöhnlich werden von ihnen alle Jahre 15— 20 Fahrzeuge mit Weizen, Oel, Wachs Leder und Wolle nach Gibraltar und den ſpaniſchen Inſeln verſandt; auch verſorgen ſie den Ort und die Umgegend mit dem nöthigen Bedarf an fremden Waaren, beſonders mit Tuch, Leinwand und baumwollenen Zeugen. Viele treiben ein Handwerk, andere beſchäftigen ſich mit Gold- und Silberarbeit, oder ſind Mäkler, Dolmetſcher u. ſ. w. Aber die meiſten ſchmachten im tiefſten Elend; ſie gehen in Lumpen gehüllt, und ſind, um ihr Leben zu friſten, ge⸗ nöthigt, als Handlanger oder als Laſtträger zu arbeiten, die Schiffe laden zu helfen und überhaupt die niedrigſten Arbeiten zu verrichten. Dieſe Armuth, verbunden mit den Bedrückungen und der Verachtung, welche ſie dulden, hat die Folge, daß ſie in ihrer Sittlichkeit tief geſunken und zu jeder ſchlechten Handlung fähig ſind. In einer Nacht ſchlichen ſich in einem kleinen Boote einige Männer an den St. Angelo, ſchnitten die neben ihm liegende ſchöne Schaluppe ab, und fuhren damit eilig nach dem Lande. Die Diebe wurden aber zu rechter Zeit entdeckt, man ſetzte ihnen nach, und fand, daß es— Juden waren. Die in Bona lebenden Europäer beſchränken ſich auf den engliſchen, franzöſiſchen und ſpaniſchen Konſul, nebſt ihren Untergebenen. Ihre Ge⸗ ſchäfte ſind, da der Handel mit dem Auslande nicht ſehr lebhaft iſt, von ge⸗ ringer Bedeutung. Die des ſpaniſchen Konſuls erhalten einigen Umfang dadurch, daß jährlich viele Schiffe, nicht nur von Spanien, ſondern auch von Sardinien, Sicilien u. ſ. w., zur Korallenfiſcherei nach den Küſten von Bona kommen, und während ihres dortigen Aufenthaltes unter ſeinem Schutze ſtehen. Er übernimmt und berechnet die Abgaben, welche ſie der Regierung entrichten müſſen, beſorgt ihnen die erforderlichen Päſſe, ſo wie die Lebensmittel und andere Bedürfniſſe. Auch ſorgt er für die Pflege ihrer Kranken, zu welchem Ende ein kleines Hoſpital errichtet iſt.— Bei einem Beſuch in dieſer Anſtalt ward ich ſehr angenehm überraſcht, als ich fand, daß der darüber geſetzte Arzt aus Prag gebürtig, und mithin mein Landsmann war, denn ſo können Sachſen und Böhmen in der— Berberei einander wohl nennen. Er hatte in ſeiner Jugend als Wundarzt bei der öſterreichiſchen Armee gedient, war aber ſpäter —— vom Schickſal hier⸗ und dorthin, und endlich nach Mallorca geſchleudert worden, wo ſein Glückſtern aufging und ihn nach Bona führte, um hier die Heilkunſt auszuüben. Während unſeres Geſprächs erſchien plötzlich ein Ja⸗ nitſchar, der ihn zu einem vornehmen Türken nicht abrief, ſondern gleichſam forttrieb, ſo daß ich mich ſattſam überzeugte, wie wenig Umſtände man in der Berberei mit einem Chriſten macht. Wie unnöthig aber eine ſo ungeſtüme Eile und überhaupt das Verlangen nach dieſem Heilkünſtler war, davon bin ich ſpäterhin, und zwar in ganz andern Himmelsgegenden, mehrmals über⸗ zeugt worden. Noch muß ich einer beſondern Menſchenart erwähnen, welche mir eines Tages in Bona zu Geſichte kam. Dies waren einige von den Kabylen, die im benachbarten Gebirge wohnen. Sie ſahen ſchwarzbraun, mager, aber außerordentlich nervig, abgehärtet und wild aus. Sie hatten weder mit den Mauren und Arabern, noch mit den Negern Aehnlichkeit in der Geſichtsbil⸗ dung, welche vorzüglich durch eine niedrige Stirn, durch breite Backenknochen, ein ſpitzes Kinn, tief liegende Augen, und ſtarke, hervorſtehende und zuſammen⸗ gewachſene Augenbrauen ſich auszeichnete. Der Bart hing über die Bruſt herab, und der lange Knebelbart endigte ſich in Flechten. Die Kopfhaare waren, bis auf einen Büſchel in der Mitte, abgeſchoren. Die Kleidung be⸗ ſtand in Hemd, Hoſen und Gürtel, in einem Saik und einem langen, turban⸗ förmig um den Kopf gewundenen Tuche, aber alles ſchmutzig und zerlumpt. Dieſe Leute wurden mir dadurch noch merkwürdiger, daß gleich nach ihrer Ankunft in der Stadt ein Auftritt entſtand, welcher den türkiſchen Despotis⸗ mus bezeichnete. Sie brachten nämlich Ochſenhäute und Felle von wilden Thieren zum Verkauf; aber bald kamen einige Juden und Janitſcharen herbei, die im Namen des Aga den beſten Theil der Waare, beſonders die ſchönen Fuchsbälge, als eine Abgabe in Beſchlag nahmen, ſo ſehr auch die Verkäufer über dieſes Verfahren wehklagten und ſich demſelben widerſetzten. Die Gegend um Bona bildet eine, mit kleinen Hügeln durchſchnittene Ebene, die ungefähr acht Meilen im Umfange hat. Sie enthält die frucht⸗ barſten Getreide⸗ und Gemüſefelder, ſchöne Grasplätze, worauf Rinder, Schafe, Ziegen, Kameele, Pferde und Eſel weideten, ſo wie Gärten, welche Zitronen und Pomeranzen, Datteln, Feigen, Mandeln, Oliven, Maulbeeren und andere Früchte in ſolchem Ueberfluſſe hervorbringen, daß man ſie nicht verbrauchen kann, und daher einen großen Theil nicht einmal einſammelt. Die Zahl der Dörfer und einzelnen Landhäuſer iſt nicht bedeutend. In mehreren Gegenden ſtehen einſam kleine Moſcheen, deren Prieſter, Marabuts genannt, das Leben der Einſiedler führen; ſie gelten bei den Einwohnern für Muſter der Frömmigkeit und Weisheit, daher ihr Rath in Krankheiten und andern wichtigen Fällen oft eingeholt wird. Eine Stunde ſüdweſtlich von der Stadt erblickt man eine Strecke Landes, bedeckt mit Schutt von einge⸗ ſtürzten Gebäuden, zum Theil mit noch ſtehenden Mauern und Gewölben, mit Bruchſtücken von Säulen u. ſ. w.— die Ueberreſte des alten Hippo regius, der Reſidenz der numidiſchen Könige. Die Wege durch die Landſchaft ſind ſchmal und bloße Fußſteige, da Fuhrwerk nicht gebräuchlich iſt, und alle Waaren auf Laſtvieh, meiſtens auf Kameelen, fortgeſchafft werden. Die Hitze, die in Bona während unſeres dortigen Aufenthaltes herrſchte, betrug 24 Grad R., obſchon den Tag über erfriſchende Nordwinde wehten. Schon waren einige, im Winter ergiebige Quellen verſiegt, und das Land trug hier und da Spuren der großen Dürre. Am frühen Morgen des 26. Mai ließ der Aga den engliſchen Kriegs⸗ kommiſſär wiſſen, daß das verlangte Schlachtvieh zur Ablieferung bereit ſtehe; und es dauerte nicht lange, als große Heerden Rinder und Schafe längs dem Strande daher getrieben wurden. Der Kriegskommiſſär begab ſich ſo⸗ gleich zur Uebernahme derſelben an's Land, und bald folgten der Agent und die Boote der Schiffe, um ſie an Bord zu bringen. Die Schaafe— es war die Art mit Fettſchwänzen und langhaariger, wenig gekräuſelter, feiner Wolle,— verurſachten bei dieſem Geſchäft wenig Mühe, und befanden ſich, obſchon gegen 1000 an der Zahl, in kurzem an Ort und Stelle. Deſto mehr Arbeit koſtete die Einſchiffung der 260 Rinder, obſchon die mauriſchen Hirten ſehr thätig dabei halfen. Es waren röthliche, meiſtens kleine und magere, aber außerordentlich unbändige Thiere. Man mußte ſie, Stück für Stück, mit gebundenen Beinen in's Boot ſchleppen, und bisweilen geſchah es, daß während der Ueberfahrt nach den Schiffen eins oder das andere ſich von den Feſſeln befreite, ins Waſſer ſprang und wieder nach dem Lande ſchwamm, wo man dann eine förmliche Jagd anſtellen mußte, um es wieder zu erlangen. Nicht weniger machten ſie zu ſchaffen, wenn ſie auf die Schiffe gezogen wurden, und die Matroſen bekamen, beſonders wenn ſie ihnen den dazu erforderlichen Gurt umlegten, manchen Stoß oder Schlag.. Wegen dieſes Aufenthaltes kam man erſt um Mitternacht mit dem Ein⸗ ſchiffen des ganzen Viehes zu Stande. Der dem St. Angelo übergebene Theil belief ſich auf 50 Rinder und ungefähr 180 Schafe; die letztern wurden im Zwiſchendeck, und die erſtern im Raume untergebracht. Dieſer war ſchon auf der Herreiſe mit beſondern Vorrichtungen, z. B. mit einem Fußboden über dem Ballaſte, mit Krippen und eiſernen Ringen längs den Seiten, ver⸗ ſehen worden, was alles die engliſchen Vorrathshäuſer in Alicante geliefert —— 257 hatten. Zur beſondern Abwartung der Thiere bekamen wir, wie die übrigen Schiffe, einen mauriſchen Hirten an Bord. Des Morgens darauf wurde noch eine Menge Hühner auf die Schiffe ge⸗ bracht, und ſo viel Stroh, Heu und anderes Futter, als ſie faſſen konnten. Bald nachher fuhr der Kriegskommiſſär mit kleinen Fäſſern voll ſpaniſcher Thaler nach der Stadt, um die ihm zugefertigte Rechnung zu berichtigen. Man bezahlte— denn die Lebensmittel ſind in der Berberei außerordentlich wohlfeil,— im Durchſchnitt 7 ſpaniſche Thaler für ein Rind, 1 ½ für ein Schaf und 1 für zwei Dutzend Hühner, wovon jedoch, wie man ſagte, mehr als die Hälfte dem Aga und der Regierung zu Gute ging. 8. Rückreiſe nach Alicante— unſer Schiff gleicht einer Meierei— es kommt in Gefahr, Feuer zu fangen.— Segeln nach Taragona. Am 28. Mai begaben ſich unſere Schiffe mit Tagesanbruch unter Segel nach Alicante. Wir hatten diesmal keinen ſo günſtigen Wind, als auf der Herreiſe, aber einen ſtärkern und beſtändigern, ſo daß die Fahrt etwas ſchneller von Statten ging. Uebrigens hatte dieſe Fahrt viel Eigen⸗ thümliches; denn man glaubte ſich in einer Meierei zu befinden. Das Blö⸗ ken der Rinder und Schafe, wie das Gakern der Hühner, tönte fortwäh⸗ rend durch einander, und der Geruch der Thiere durchdrang das ganze Schiff. Einen Theil der Matroſen ſah man fortwährend ländliche Arbeiten verrichten, z. B. Miſt aus dem Raume ſchaffen, Heu und Stroh, oder Waſſer hinablaſſen, u. ſ. w. Dazu kam noch der Anblick des mauriſchen Hirten, welcher, wie die ſiciliſchen, ein mit Aniswaſſer gefülltes Horn an einer Schnur über die Schulter trug. Da unter dem Rindvieh einige melkbare Kühe waren, ſo wurde viel Milch genoſſen, auch beſchenkten uns die Hüh⸗ ner täglich mit einer Menge friſcher Eier. Die ſchon oft gemachte Bemer⸗ kung, daß Thiere auf der See leicht zu zähmen ſind, ward auch hier be⸗ ſtätigt. Die Rinder verloren ihre Wildheit ſo ſehr, daß ſich ihnen Jeder ohne Gefahr nähern konnte, und die Hühner wurden ſo zahm, daß man ihnen geſtatten durfte, auf dem Verdeck herum zu laufen. Der Anblick der letztern machte mir viel Vergnügen, da ſie ein ſchönes, mannigfach gezeichnetes Gefieder, und meiſtens Kronen auf dem Kopfe hatten. Ein ziemlich läſtiger Umſtand war die übermäßige Hitze, welche die thieriſche Ausdünſtung, trotz der Windſegel, die in allen Theilen des Schiffes angebracht wurden, in der Richter's Reiſen. II. 17 258 Kajüte verbreitete. Doch ſchien dieſer Dunſt ſehr wohlthätig auf meine Ge⸗ ſundheit zu wirken; denn jeden Morgen verließ ich, obſchon vom Schweiße triefend, mit ungewöhnlicher Heiterkeit das Bett. Eines Abends ereignete ſich ein Vorfall, der uns in großen Schrecken ſetzte. Es drang plötzlich aus dem Vordertheil des Zwiſchendecks, wo die Kammer für das Viehfutter ſich befand, ein heftiger Rauch und brandiger Ge⸗ 4 ruch hervor. Wir ſprangen hinab, und fanden zwar kein Feuer, aber deutliche Spuren eines vorhanden geweſenen, ſowohl an einigen Heubündeln, als an dem über dieſen Vorrath geſetzten Matroſen, der dabei ſtand. Wie dieſer er⸗ zählte, war ihm, beim Suchen eines Futterſacks, das brennende Licht aus der Laterne unter das Heu gefallen, welches im Augenblick ſich entzündete. Der Mann hatte jedoch ſo viel Beſonnenheit gehabt, ſich ſchnell auf das Feuer zu werfen und es zu erſticken, wobei ſeine Kleidung ſtark verſengt, er ſelbſt jedoch nicht beſchädigt worden war. Indeſſen gebot uns die Vorſicht, den ganzen Heuvorrath ſogleich auf das Verdeck zu ſchaffen, und genau zu unterſuchen, ob ſich irgendwo Feuer verhalten hatte. Aber wiewohl man nichts entdeckte, ſo ſchwebten wir doch die ganze Nacht in großer Beſorgniß; denn Feuersgefahr iſt doppelt ſchrecklich auf einem Schiffe. Am 2. Juni erblickten wir bei Sonnenaufgang die ſpaniſche Küſte, und nach einigen Stunden auch Alicante. Aber der Maſtenwald im Hafen war dünn geworden. In einiger Entfernung kam uns ein engliſcher Offizier mit der Nachricht, daß die Armee ſchon vor zwei Tagen nach Tarragona abgegangen ſei, und zugleich mit dem Befehl entgegen, ihr unverzüglich dahin zu folgen.. Bevor dies jedoch geſchehen konnte, mußten unſere Vorräthe an Viehfutter, da ſie blos auf die Reiſe nach Alicante berechnet, und ſchon ſehr vermindert waren, ergänzt werden, daher wir vor der Stadt ankerten, um vom dortigen Kommiſ⸗ ſariat Zufuhr zu erwarten. Dieſe kam auch ſchleunig an; und man ſetzte Nach⸗ mittags um vier Uhr zur Abfahrt nach Tarragona die Segel. Der günſtige Südoſtwind brachte uns noch am ſelbigen Tage um das Vorgebirge S. Martin, und am folgenden fuhren wir längs den reizenden Fluren von Valencia hin. Nachmittags, als dieſe Stadt ſchon hinter uns lag, entſtand eine Windſtille, während welcher ein Meerſtrom unſere Schiffe ſo ge⸗ 2 waltſam nach dem Lande trieb, daß ſie bald nur eine Viertelmeile davon ent⸗ fernt, und daher genöthigt waren, die Anker zu werfen, um nicht zu ſtranden. Die vor uns liegende Landſchaft mit ihren grünen Gefilden und anmuthigen Landhäuſern ſchien der Sitz der Freude und des Friedens zu ſein. Aber bald zeigte ſich's, daß auch ſie von den Unruhen und Schreckniſſen des Krieges nicht verſchont war. Man vernahm plötzlich ein lebhaftes Musketenfeuer, daß ſich immer mehr der Küſte näherte. Einige Eingeborne, die uns Früchte und Fiſche zum Verkauf brachten, berichteten, daß eine, aus dem Gebirg in Weſten herab gekommene Guerilla ſo eben einen franzöſiſchen Poſten überfallen habe. Gegen Sonnenuntergang ließ das Feuern nach, und plötzlich ſprangen aus einem Ge⸗ büſch am Strande 12 bis 14 Franzoſen hervor, die unſern Schiffen die Hände entgegen ſtreckten, auch mit weißen, an die Flinten befeſtigten Tüchern Zeichen gaben, daß ſie Rettung verlangten. Unſer Commodore verſtand dieſelben ſo⸗ gleich, und ſchickte ein Boot mit ungefähr 20 Mann zu ihrer Aufnahme ab. Sobald dieſe gelandet hatten, gaben jene die Waffen ab, ſprangen in das Boot, und es dauerte nicht lange, als ſie ſich am Vord der Kriegsbrig befanden, zwar als Gefangene, aber geſchützt vor der Wuth ihren er Sieger, von welchen ſie keine Begnadigung zu hoffen hatten. Sie wurden ſpäter nach Malta geſandt, wohin alle im Mittelmeer gemachte Kriegsgefangene gebracht wurden.— Es iſt be⸗ kannt, daß jener ſpaniſch⸗franzöſiſche Krieg mit unbeſchreiblicher Erbitterung und Grauſamkeit geführt wurde. Die ſpaniſchen Soldaten ſchenkten dem be⸗ ſiegten Feinde faſt nie das Leben; jeder Spanier machte ſich ein Verdienſt daraus, den Feind durch irgend ein Mittel, das ihm zu Gebote ſtand, aus dem Wege zu räumen, und viele Franzoſen wurden nur durch die größere Mäßigung und Menſchlichkeit der Engländer dem Tode entriſſen. 6. Ankunft.— Flotte und Armee der Engländer in großer Thätigkeit, um Anſtalten zur Belagerung der Stadt zu treffen.— Der St. Angelo wird genöthigt, mit ſeiner Ladung an der Küſte liegen zu bleiben.— Einiges über die Lage von Tarragona, über die Umgegend und deren Bewohner.— Be⸗ ſchreibung der Belagerung, und Angabe der Urſachen ihres Mißlingens.— Die Truppen ſchiffen ſich wieder ein, und die Flotte kehrt mit ihnen nach Alicante zurück. Bald nach Sonnenuntergang erhob ſich ein ſtarker Landwind, daher unſere Schiffe die Anker lichteten. Sie ſetzten hierauf die Reiſe ſchnell und ungeſtört bis zur Ankunft bei T Tarragona fort, die am Morgen des 5. Juni erfolgte. 4 Die Flotte war bereits am 3. angelangt, worauf die Landung der Armee ſogleich Statt gefunden hatte. Die Kriegsſchiffe, welche aus mehren Fregatten, Brigs und Kanonenbooten beſtanden, bildeten eine Linie vor der Stadt; die zahlreichen Transportſchiffe lagen, nach ihrer verſchiedenen Beſtimmung in Gruppen geordnet, in einiger Entfernung ſüdlich davon Auf den Schiffen und am Lande herrſchte eine unbeſchreibliche Thätigkeit; denn außerdem, daß die Engländer bei allen ihren Unternehmungen mit raſtloſer Anſtrengung zu 17* 260 Werke gehen, war bei der gegenwärtigen Belagerung, wegen der überlegenen Macht des im Rücken befindlichen Feindes, die größte Eile nöthig, wozu noch kam, daß man den Belagerern jedes Bedürfniß von den Schiffen zuführen mußte.. Unter dieſen Umſtänden war an kein Ausladen des St. Angelo, und noch weniger an deſſen Dienſtentlaſſung zu denken; dies konnte nur nach Eroberung des Platzes geſchehen. Er erhielt, gleich den übrigen mit ihm angekommenen Schiffen, den Befehl, liegen zu bleiben, für die am Bord befindlichen Thiere die möglichſte Sorfalt zu tragen, und dieſelben, ſo wie es verlangt würde, nach und nach an die Truppen abzuliefern. Da indeſſen dieſe Thiere ſich zu dicht bei einander befanden, weil man bei ihrer Einſchiffung nur auf⸗ die kurze Fahrt nach Alicante gerechnet hatte, ſo wurde, um ihnen mehr Raum und da⸗ durch einen gefündern Aufenthalt zu verſchaffen, ein Theil davon auf andere Schiffe gebracht, ſo daß ungefähr 30 Rinder und 100 Schafe zurückblieben. Uebrigens mußte der St. Angelo, ſo gut wie die regelmäßigen Transport⸗ ſchiffe, täglich eine Anzahl Matroſen ſtellen, um die Bedürfniſſe der Armee nach dem Lande ſchaffen, oder daſelbſt die Angriffswerke errichten zu helfen. 1 Tarragona liegt 780 Fuß über der Meeresfläche auf einer Anhöhe, die mit einem hohen Gebirg halbkreisförmig eingeſchloſſen iſt. Zufolge dieſes Bollwerks kann man von der Landſeite nur auf zwei Wegen nach Tarragona gelangen, nämlich auf der großen Straße, die längs der Küſte hindurch führt, und auf einer, aus dem Innern des Landes über die Gebirgskette ſich dahin ziehenden, die aber, wegen ihrer Unebenheit, dem Fuhrwerk große Hinderniſſe entgegenſtellt. Die Küſtenſtraße wird auf der Seite nach Valencia von einer kleinen Feſtung beherrſcht, welche zwei Meilen von der Stadt, nicht weit vom Meere, auf einem kahlen, 400 Fuß hohen Felſen liegt, den man„Col de Balaguer“ nennt. Die Gegend um Tarragona hat ein rauhes Anſehen. Die Berge ſind größtentheils felſig, und auch viele Stellen in der Tiefe haben ſteinigen Boden, daher der Anbau nicht bedeutend iſt, und die Bauernhäuſer ſparſam zerſtreut liegen. Die wenigen Einwohner ſind kräftige, abgehärtete, doch rohe Menſchen. Sie hegten gegen die Franzoſen einen unauslöſchlichen Haß, gegen die Eng⸗ länder aber, als ihre Verbündeten, eine große Anhänglichkeit, welche noch da⸗ durch ſehr vermehrt wurde, daß man ihnen die feil gebotenen Erzeugniſſe theuer abkaufte, und ihre Hülfleiſtungen gut belohnte. Während die Hauptmaſſe des Heeres Anſtalten traf, die Werke der Stadt anzugreifen, war eine Abtheilung unter dem Oberſten Prevoſt mit Vorkehrun⸗ gen beſchäftigt, das Fort Balaguer zu beſchießen. Dieſes letzte Unternehmen 261 war mit großen Schwierigkeiten verknüpft. Denn obſchon das Fort kaum ¾ Meilen vom Seeufer entfernt iſt, ſo ſtand doch den Belagernden nur auf einem, 1 ½ Meile langen Umwege, der über den Rücken der Berge führt, die Verbindung mit der Flotte offen. Von hier aus mußten das Geſchütz und alle Bedürfniſſe, ja ſelbſt das Waſſer, auf jenem Wege hingeſchafft werden, und zwar von Menſchenhänden, weil die Steilheit der Berge den Gebrauch des Zugviehes nicht erlaubte. Auch mußte man, wegen der felſigen Beſchaffenheit des Bodens, die zur Errichtung der Angriffswerke nöthige Erde aus der Tiefe holen. Dies alles waren Arbeiten, welche nur durch die große Gewandtheit und unermüdliche Thätigkeit der Seeleute ausgeführt werden konnten. Dadurch kamen auch in der Nacht nach unſerer Ankunft, nämlich vom 5., drei mit Mör⸗ ſern beſetzte Batterieen zu Stande, die mit Tagesanbruch ein ſo wohlgerichtetes Feuer auf das Fort unterhielten, daß dieſes nach einigen Stunden ſich ergab. Minder glücklich fiel die Belagerung der Stadt aus. Nicht gehörig un⸗ terrichtet von der Stärke dieſer Feſtung, und beſonders von dem Umſtande, daß die Franzoſen viel Außenwerke unbrauchbar gemacht und theils völlig geſchleift hatten, und daß die zurückgelaſſene Beſatzung kaum hinreichte, die innern Werke zu vertheidigen, brachte man unnöthiger Weiſe zwei oder drei Tage mit dem Beſchießen eines Außenwerkes hin, und glaubte, erſt am 12. einen Sturm da⸗ rauf wagen zu dürfen. Unterdeſſen rückte der Marſchall Suchet in Eilmärſchen zum Entſatz heran. Ungeachtet des gewaltigen Vorſprungs, den ihm das eng⸗ liſche Heer, durch die überlegene Schnelligkeit der Schiffe, abgewonnen hatte, traf er doch ſchon am 9. in Tortoſa ein, und obgleich er von hier, weil der ge⸗ rade Weg durch den Fall von Balaguer verſperrt war, den oben erwähnten Ge⸗ birgsweg einſchlagen, und mithin faſt bis nach Mequinenza hinauf gehen mußte, kam doch ſeine Infanterie ſchon am 11. ſo weit, daß ſie nur noch einen Tagemarſch bis Tarragona zu machen hatte. Dasſelbe war auch der Fall mit einem andern franzöſiſchen Corps, das aus dem obern Catalonien herbei eilte. Als am 12. der General Murray Nachricht davon bekam, hob er plötzlich die Belagerung auf, und ließ in den Laufgräben 19 Stück ſchweres Geſchütz und andere Kriegsvorräthe zurück, weil er ſonſt, wegen ihrer Fortſchaffung, bis zum Abend hätte ſtehen bleiben und ein Gefecht wagen müſſen. Man hat ihn in der Folge deshalb in London vor ein Kriegsgericht geſtellt, deſſen Entſchei⸗ dung aber nicht zu ſeinem Nachtheil ausgefallen iſt. Das Fußvolk ward auf der Stelle eingeſchifft. Die Reiterei und das Feldgeſchütz nahmen ihren Weg nach dem Col de Balaguer, in welcher Gegend die Einſchiffung leichter geſche⸗ hen konnte. Aber kaum waren ſie dort angelangt, als auf der Straße von Tortoſa her die franzöſiſche Cavalerie erſchien, und die Vorpoſten angriff. Um daher die Einſchiffung der Cavalerie und Artillerie zu decken, ließ der General einen Theil der Infanterie, und endlich— das ganze Heer wieder landen. So ſtanden noch die Sachen, als am 17. der Lord William Bentink, welcher ſeine Abſicht, der Inſel Sicilien eine Conſtitution zu geben, glücklich erreicht hatte, von dort ankam, um den Oberbefehl zu übernehmen. Er ſprengte ſogleich das Fort Balaguer, und ergriff ſo kluge Maßregeln zur Einſchiffung der Truppen, daß ſie am ſelbigen Tage und in der beſten Ordnung bewerkſtel⸗ ligt wurde. Hierauf gingen die Schiffe ſchnell unter Segel, um nach Alicante zurückzukehren. Bei der Abfahrt der Schiffe waren am Meerufer viele Landleute verſam⸗ melt, die ihnen mit traurigen Mienen nachſahen, indem ſie den Wunſch und die Hoffnung genährt hatten, unter den Schutz der Engländer zu kommen. Mehre junge Männer faßten noch in dieſem Augenblicke den Entſchluß, in engliſche Dienſte zu treten; ſie wurden einem ſpaniſchen Regimente einverleibt. Wie man nach der Zeit erfuhr, befanden ſich unter ihnen einige Räuber, welche das franzöſiſche Heer, auf ſeinem Zug über das Gebirge, aus ihren Schlupfwinkeln ,aufgeſchreckt und zur Flucht genöthigt hatte. Am 22. erreichte die Flotte den Hafen von Alicante. Man ſchiffte die Truppen augenblicklich aus. Sie wurden von den Einwohnern der Stadt, zum Theil auch von ihren zurückgelaſſenen Weibern und Kindern, mit großem Ju⸗ bel am Seeufer empfangen. Aber die Freude des Wiederſehens war von kurzer Dauer, denn ſie mußten ohne Verzug über Caſtalla und S. Felipe vorrücken, um ſich, während der Abweſenheit des Marſchalls Suchet, in dem ſtarken Po⸗ ſten am ucar feſtzuſetzen und mit den ſpaniſthon Tiudden unter ridem Herzog del Parque zu vereinigen.— 10..* Der St. Angelo aus dem Dienſte der Engländer entlaſſen, erhält Fracht nach Malta.— Wir gehen in Geſellſchaft mehrer Schiffe nach Malta unter Segel.— Durch ungünſtige Witterung von ſeinen 9 9 9 Reiſegefährten getrennt macht ein Kaperſchiff auf ihn Jagd. Der St. Angelo hatte in der Bai von Alicante kaum die Anker gewor⸗ fen, als er Befehl erhielt, das noch übrige am Bord befindliche Vieh— un⸗ gefähr 20 Rinder und 60 Schafe, abzuliefern; und ſomit ward er des Dien⸗ ſtes entlaſſen. Da die früher beſprochene, nach Malta beſtimmte Weinfracht noch auf ihn wartete, ſo begann er dieſelbe zu übernehmen, ſobald der Raum dazu vorbereitet, d. i. vom Grund aus gereinigt war. Am 28. Juni war der St. Ahngelo mit dem ie Einſchtſſen ſeiner Ladung — zu Stande, um ſich einigen nach Malta gehenden Transportſchiffen anſchließen zu können. Bald nachdem wir auf dem hohen Meere angelangt waren, be⸗ gegnete uns ein engliſches Kriegsſchiff, das die Nachricht überbrachte, es ſei⸗ in Malta die Peſt ausgebrochen— eine Nachricht, die ſehr niederſchlagend auf uns wirkte, aber dennoch unſern Commodore nicht hinderte, die Reiſe fortzuſetzen. Dieſe Reiſe ging Anfangs, vom Nordweſtwinde begünſtigt, ſehr glücklich von Statten, ſo daß wir ſchon am 1. Juli bei den baleariſchen Inſeln vorbei fuhren, und am 3. die Küſte von Sardinien erblickten; aber alsdann erhoben ſich Oſtwinde, welche die Fahrt um ſo mehr erſchwerten, da ihre Heftigkeit bisweilen eine ſtarke Verminderung der Segel nothwendig machte. In der Nacht vom 5., wo wir zwiſchen den Küſten von Tunis und Sardinien lavir⸗ ten, litt unſer St. Angelo einigen Schaden am großen Marsſegel, und mußte, um ihn auszubeſſern, beilegen. Mittlerweile ſegelten die übrigen Schiffe, weil ſie unſer Zurückbleiben nicht bemerkten, ungeſtört weiter, und verſchwan⸗ den in der Finſterniß. Da indeſſen der Aufenthalt von kurzer Dauer, und unſer Schiff unter allen der beſte Segler war, ſo hofften wir, ſie bald wieder einzuholen. Allein, als der Tag anbrach, konnten wir zu unſerem Erſtaunen am ganzen Horizonte keine Spur von ihnen entdecken; denn der Commodore hatte— wie es in der Folge ſich ergab— des widrigen Windes wegen für gut befunden, in den Hafen von Cagliari einzulaufen. Weit entfernt, dies zu ahnen, weil ſich die engliſchen Seeleute ſonſt nicht ſo leicht von ihrer Bahn abbringen laſſen, geriethen wir auf die Vermuthung, ein günſtiger Luftſtrom hätte ihr Fortkommen beſchleunigt, worin uns der Umſtand noch beſtärkte, daß der Wind, nach Aufgang der Sonne, eine nördliche Richtung nahm. Wir ſetzten daher alle Segel bei, um ihnen mit der möglichſten Schnelligkeit nachzueilen. Als Sardinien einige Meilen weit im Rücken lag, gewahrten wir einen von Norden auf uns zu ſegelnden Schooner, der ſich durch ſeine Bauart und außerordentliche Schnelligkeit als ein Raubſchiff ankündigte. Zu unſerem Glücke kamen aber auch einige Schiffe von Oſten her, die wir ſchon von wei⸗ tem für engliſche erkannten; zwei Transportſchiffe und eine Kriegsbrig, welche kriegsgefangene Franzoſen von Malta brachten, um ſie in Tunis an den Kon⸗ ſul dieſer Nation auszuliefern. Man kann leicht denken, daß wir uns mit Freuden unter den Schutz derſelben begaben, da zumal der Ort ihrer Beſtim⸗ mung nicht fern war, und ſie in Kurzem nach Malta zurückkehren wollten. Von dem traurigen Schickſale dieſer Inſel war ihnen nichts bekannt, da ſie ſchon vor ſechs Wochen von dort abgegangen und, wegen anhaltender Wind⸗ 264 ſtillen, widriger Winde und Strömungen, ſo lange unterwegs geweſen waren, ohne mit anderen Schiffen zuſammen zu treffen, oder irgendwo das Land zu berühren.— Sobald der St. Angelo umgelenkt und die Fahrt nach Tunis eingeſchlagen hatte, nahm der Schooner, welcher nun vom weiteren Verfolgen abſtehen mußte, ſeinen Weg nach derſelben Gegend, aber mit ſo großer Eile, daß er nach einer Stunde wohl eine Meile voraus war, worauf ihn die ein⸗ brechende Nacht unſern Blicken entzog. * 11. Ankunft auf der Rhede von Tunis.— Franzöſiſche Kaper.— Gegenſeitiges Benehmen der Mann⸗ ſchaften derſelben und der auf den engliſchen Schiffen.— Eine Spazierfahrt nach der Stadt.— Bemerkungen, das dahin führende Gewäſſer, die Stadt, ihre Einwohner und ihre Umgebung betreffend. Schilderung eines dortigen Wirthshauſes und der daſelbſt ſich einfindenden Gäſte. Rückkehr an Bord des Schiffes. Unſer kleines Geſchwader langte nach Mitternacht in der Bai von Tunis, und am nächſten Morgen auf dem Ankerplatze dieſer Stadt, der Rhede von Goletta, an. Das erſte, was uns hier zu Ohren kam, war die oberflächliche Beſtätigung deſſen, was wir von dem übeln Geſundheitszuſtande der Ein⸗ wohner in Malta ſchon wußten; etwas Näheres hatte man noch nicht in Er⸗ fahrung gebracht. Uebrigens fanden wir auf dem Ankerplatze, außer einigen einheimiſchen Schiffen, mehre türkiſche, griechiſche, raguſiſche und andere.— Was uns aber hauptſächlich auffiel, war jener Schooner, der bereits vor Anker lag, und, weil er in einem neutralen Hafen weder feindlich handeln noch behandelt werden durfte, ſich unverholen als ein franzöſiſches Kaperſchiff zeigte, mit aufgezogenem Wimpel und Flagge, ausgerückten Kanonen, einer großen Menge von Leuten auf dem Verdeck, auf den Maſten u. ſ. w. Bald nach unſerer Ankunft liefen noch zwei andere franzöſiſche Kaper ein; denn Tunis war in jenen Zeiten ein vorzüglicher Schlupfwinkel für ſolche Schiffe. Hierbei muß ich bemerken, daß ihre und die engliſchen Mannſchaften, ſo feindſelig ſie außerhalb des Hafens einander würden begegnet haben, ſich hier friedlich betrugen, ja, ſogar gegenſeitig auf den Schiffen beſuchten, um dieſe in Augenſchein zu nehmen. Am 9. früh übergab man die Kriegsgefangenen, im Beiſein des eng⸗ liſchen Konſuls, dem franzöſtſchen, welcher eine Anzahl derſelben ſogleich auf ein, nach Marſeille zurückkehrendes Kaperſchiff, und die übrigen einſtweilen nach der Stadt brachte. Es fuhren nun auch einige Offtziere der Kriegsbrig und die Kapitäne der Transportſchiffe dahin. Mir kam ebenfalls die Luſt dazu an, und ich machte mich ungeſäumt auf den Weg; der Steuermann lei⸗ ſtete mir Geſellſchaft, da der Kapitän die Gefälligkeit hatte, auf dem Schiffe zu bleiben und die Aufſicht darüber zu führen. Tunis liegt drei deutſche Meilen vom Ankerplatze der Schiffe, an der Weſtſeite eines ſalzigen Sees, der mit dem Meere durch einen Kanal zuſam⸗ menhängt, welcher den Namen„Goletta“ führt. Den Eingang desſelben vertheidigt ein Fort, das zugleich die Schiffe beſchützt, da ſie unter deſſen Ka⸗ nonen vor Anker liegen. Längs den Ufern des Kanals hat man, zur Be⸗ quemlichkeit der hin und her fahrenden Schiffsleute und Reiſenden, einige kleine Wirthshäuſer angelegt. Das eine, wo wir einſprachen, wurde von einem römiſchen Sklaven gehalten; er war mit ſeiner Lage nicht unzufrieden, was ſchon der Umſtand bewies, daß er keinen Verſuch machte, ſich in Freiheit zu ſetzen, da es ihm doch ein Leichtes geweſen wäre, auf einem europäiſchen Schiffe zu entkommen. Der See hat ſechs Meilen im Umfange, und enthält eine Inſel, worauf ſich ein Lazareth befindet. Er iſt der Aufenthalt vieler Flamingo's, welche, wegen ihres ſchönen rothgefiederten, ſchlanken Kör⸗ pers, wegen ihres ſchnellen Fluges, und ihrer Geſchicklichkeit im Untertauchen, um Würmer aus der CTiefe zu holen, dem Reiſenden mancherlei Unter⸗ haltung gewähren. Uebrigens aber iſt das Anſehen dieſes Sees ziemlich traurig, da die Ufer meiſtens eine kahle, kreidige Maſſe darſtellen. Ob⸗ ſchon er im Alterthum tief genug war, die größten Schiffe nach damaliger Bauart zu tragen, ſo können doch jetzt, weil aller Unrath aus der Stadt hinein⸗ fließt, nur noch Boote und flache Barken, und zwar nur auf gewiſſen Stellen fahren, die mit eingerammten Pfählen bezeichnet ſind. Da dieſe Wegweiſer bei unſerer Durchfahrt hier und da eingegangen waren, ſo gerieth das Boot mehrmals auf Untiefen, und die Ruderer mußten heraus ſteigen, um es wieder flott zu machen und in's Fahrwaſſer zurück zu bringen. Zu dieſer Unan⸗ nehmlichkeit kam noch' die drückende Hitze, die, obſchon der Himmel ſeit dem frühen Morgen umwölkt war, gewiß 30 Gr. R. betrug. Nach einer Fahrt von vier Stunden langten wir vor der Stadt an, die ungefähr 1000 Schritte vom Ufer ihren Anfang nimmt. Als wir an's Land ſtiegen, erbot ſich einer von den umher ſtehenden Leuten, das Boot zu be⸗ wachen, daher wir alle unſere Matroſen mit nach der Stadt nahmen. Es befanden ſich am Ufer, außer einer Menge von Fiſcherbooten, viele Barken zum Hin⸗ und Herſchaffen der Schiffsfrachten, wovon einige ſo eben mit Stückgütern beladen wurden, die man auf Kameelen herbei brachte. Die Geduld und Gelehrigkeit dieſer Thiere, ſo wie die Rohheit ihrer Treiber, welche mit einem Hemd und kurzen türkiſchen Hoſen bekleidet, auch mit einem 266 über die Schulter geworfenen Saik verſehen waren, und ein rothes Mützchen auf dem geſchorenen Kapfe trugen, erregte unſere⸗ Aufmerkſamkeit, und veran⸗ laßte uns zu einigem Aufenthalte. Unterdeß kamen einige von den, am Morgen ausgeſchifften, franzöſiſchen Offizieren bei uns an. Aus Sehnſucht nach dem feſten Lande hatten ſie ſich beim Fort Goletta von ihren, zu Waſſer nach Tunis fahrenden Gefährten getrennt, und auf Miethpferden hierher be⸗ geben, wozu, wegen des großen Bogens, den der See beſchreibt, fünf Stun⸗ den erforderlich geweſen waren. Sie ließen jetzt die Pferde zurück, und machten in unſerer Geſellſchaft den noch übrigen kurzen Weg zu Fuße. Wer das Vergnügen, nach einer langweiligen Seereiſe das feſte Land zu betreten, nie empfunden hat, wer die Gefühle eines in Freiheit geſetzten Gefangenen, oder überhaupt das reizbare und empfängliche Gemüth des Franzoſen nicht kennt— der wird ſich unmöglich den hohen Grad von Freude vorſtellen kön⸗ nen, die in den Augen, Mienen und Worten dieſer jungen Männer ſich aus— ſprach. Verſöhnt mit der ganzen Welt, fanden ſie die unbedeutendſten Dinge, welche ihren Blicken begegneten, anziehend und bewundernswerth. Fröhlich⸗ keit theilt ſich leicht Andern mit, daher ich mich der Stadt in der heiterſten Stimmung. näherte, die nur etwas getrübt wurde, als es zu regnen begann. Ungeachtet die Berberei im Sommer an großer Trockenheit leidet, ſo wird doch die Stadt Tunis bisweilen vom Regen erfriſcht, ja, im Winter oft drei⸗ ßig bis vierzig Tage nach einander davon überſchwemmt, wozu die Ausdün⸗ ſtungen des Sees und einiger Sümpfe viel beitragen mögen.. Tunis liegt auf einem ſich ſanft erhebenden, kreidigen Hügel, und er⸗ ſcheint als eine Reihe weißer Mauern, mit mehr als funfzig größeren und kleineren runden Thürmen, den Minarets der Moſcheen. Die umgebende Landſchaft enthält ſchöne Getreidefelder, die im Süden von Hügeln mit Pal⸗ men-, Oliven⸗, Zitronen⸗ und anderen Bäumen, und im Oſten von einer Reihe wild zerriſſener Berge begrenzt werden. Den Blick nach Norden und Weſten gerichtet, hat man eine ſchöne Ausſicht über den See, nach dem Meer⸗ buſen, und nach den Ruinen des alten Carthago. Beim Eintritt in die Stadt empfing uns ein Haufe Bettler, theils Mau⸗ ren, theils Neger, die in ſ ſchmutzige Lumpen gehüllt, oder faſt ganz nackt waren. Da die Einwohner ſolche Menſchen wie Heilige betrachten, und auf Mildthä⸗ tigkeit gegen dieſelben hohen Werth legen, ſo unterließen wir nicht, einige Gaben unter ſie auszutheilen. Bald nachher fing der Regen an heftig zu werden, und wir mußten eilen, um unter Dach und Fach zu kommen; der Steuermann des St. Angelo, welcher ſchon mehrmals in Tunis geweſen und ſehr bekannt darin war, ging voran, um den Weg zu zeigen. Wir kamen — durch fünf oder ſechs enge, krumme Gaſſen, wo wir, weil die Häuſer nur ein Stockwerk hoch, mit flachen Dächern und mit Vorhöfen verſehen ſind, nichts als weiße, kahle, mit kleinen Thüren durchbrochene Mauern erblickten. Die wenigen Leute, welche uns begegneten, waren in einen weißen Burnuß ge⸗ „hüllt, ſo daß nur die Augen unter der Kapuze hervor ſtierten. Den Staub auf den Straßen verwandelte der Regen, weil ſie kein Pflaſter haben, ſchnell in einen Teig, den man kaum durchwaden konnte. Von dem allen machte jedoch die eine Straße, die auf unſerem Wege lag, eine Ausnahme. Sie war breiter als die übrigen, ganz mit Bretern überdeckt, daher etwas düſter, aber trocken. Zu beiden Seiten befanden ſich viele Schuhmacher, die vor ihren Läden im Freien arbeiteten. Ich kaufte bei dieſer Gelegenheit mehre Paar Babuſchen, welche, trotz ihrer außerordentlichen Wohlfeilheit, ſo gut gearbeitet waren, daß ſie mir einige Jahre lang zur gewöhnlichen Fußbeklei⸗ dung auf den Schiffen gedient haben. 1 In der Straße, wo die meiſten, in Tunis befindlichen Europäer woh⸗ nen, nahmen die franzöſiſchen Offiziere von uns Abſchied, um ſich zu ihrem Konſul zu begeben. Die Wohnung desſelben iſt auf euröpäiſche Art gebaut, außer daß ſie, nach tuneſiſcher Sitte, einen geräumigen, mit einem Pflaſter und an den Seiten mit ſteinernen Bänken verſehenen Vorhof hat, welcher, da man einen bedeutenden Handel mit Frankreich treibt, den Kaufleuten, Mäklern und Schiffskapitänen zur Börſe dient. Das Haus des engliſchen Konſuls, welches nicht weit davon und ganz frei liegt, läßt ſich auf den erſten Blick durch ſeine Bauart und Nettigkeit von den andern unterſcheiden. Uebrigens erkennt man die Häuſer der verſchiedenen Konſuln an den Flaggen, die auf den Dächern wehen. Nach unſerer Trennung von jenen Franzoſen kehrten wir, um den Regen abzuwarten, in einem nahe gelegenen Gaſthauſe ein, wo zwei oder drei ita⸗ lieniſche Sklaven die Wirthſchaft führten. Es war gut und ungleich beſſer eingerichtet, als man in der Berberei erwarten durfte. In dem reinlichen, gepflaſterten Hofe ſtanden ſchöne Pomeranzenbäume, umgeben mit ſteinernen Ruhebänken. Das Gebäude ſelbſt enthielt drei oder vier, mit einander ver⸗ bundene Gemächer, die mit franzöſiſchen Tapeten bekleidet, mit hübſchen Tiſchen, gepolſterten Bänken und Stühlen, und mit Fußmatten verſehen waren; dieſe Matten, welche von den Einwohnern eines benachbarten Dorfes, Abkömmlingen der aus Spanien vertriebenen Mauren, verfertigt werden, hatten viel Aehnlichkeit mit dem ſpaniſchen Flechtwerk aus Esparto. Den Eingang zu den ſämmtlichen Gemächern bildete die Küche, welche zugleich als Niederlage für die Vorräthe diente. Zunächſt an der Thür befand ſich der 268 Herd, worauf ein Kohlenfeuer brannte, und im Hintergrunde ſah man Koch⸗, Eß⸗ und Trinkgeſchirr, Weinfäſſer, Schinken, Käſe u. ſ. w. Man konnte franzöſiſche und griechiſche Weine, und die meiſten bei den Europäern ge⸗ wöhnlichen warmen Getränke bekommen, ſo wie auch gutes Weizenbrod, mehre Fleiſch⸗ und Gemüſeſpeiſen, und einige beſondere tuneſiſche Gerichte, z. B.. Rühreier, vermiſcht mit viel Knoblauch, Zwiebeln und Gewürze, ferner ein Gebäck, deſſen Bereitung folgende iſt: Man kocht aus grobem Weizenmehl und Waſſer einen dicken Brei, der nach dem Erkalten in Stücke geſchnitten, dann in Oel geſotten, und endlich, nach Belieben des Gaſtes, mit Saft von Zitronen oder von Pomeranzen begoſſen wird. Wir waren in dieſem Wirthshauſe den ganzen Nachmittag die einzigen Gäſte, was mir den dortigen Aufenthalt langweilig, und daher die Vereite⸗ lung des Wunſches, mich in Tunis und ſeiner Umgebung umzuſehen, noch empfindlicher machte, dennoch aber das Gute hatte, daß die Wirthsleute äußerſt gefällig gegen uns waren. Da ich einige friſche Lebensmittel an Bord des St. Angelo mitzunehmen wünſchte, und man dergleichen auf den öffentlichen Marktplätzen nur am frühen Morgen verkauft, ſo gaben ſie ſich Mühe, in den benachbarten Häuſern etwas aufzufinden. Sie brachten auch in Kurzem ein ſchönes Stück Rindfleiſch, einige Hühner und einen Korb voll Eier. Dieſe Lebensmittel waren erſtaunlich wohlfeil; denn die drei oder vier Schock Eier, ſammt dem hübſchen Korbe, koſteten nicht ganz ein Dritttheil eines ſpaniſchen Thalers. Gegen 5 Uhr Abends ſtanden wir, trotz des noch anhaltenden Regens, im Begriff, uns auf den Rückweg nach der Rhede zu begeben, weil wir wuß⸗ ten, daß die engliſchen Schiffe mit Tagesanbruch in See gehen würden. Da entſtand auf dem Hofe plbötzlich ein Geräuſch, das die Engländer machten, welche kurz vor uns nach der Stadt abgegangen waren. Sie hatten beim Konſul geſpeiſt, und kamen nun hierher, um ſich, bei dem unangenehmen Wetter, zur Rückfahrt durch einen tüchtigen Punſch zu ſtärken. Auf ihre Bitte verlängerten wir unſern Aufenthalt, um gemeinſchaftlich mit ihnen zu⸗ rückzukehren. Dieſe Engländer hatten, wie wir, ihre Matroſen bei ſich; auch brachten ſie einen mauriſchen Lootſen, zwei junge Freineger, die in engliſche Seedienſte treten wollten, und einen Affen mit, welcher dem einen Kapitän vom Konſul geſchenkt worden war. Die Geſellſchaft wurde bald ſehr luſtig. Hierzu trugen die beiden Neger durch ihre kindliche Unbefangenheit und fröhliche Laune Vieles bei, beſonders aber durch die Bereitwilligkeit, ihre Kunſt im Tanzen zu zeigen, die ich nicht beſchreiben will, da ſchon an andern Orten 269 von den Tänzen dieſes Menſchenſchlags die Rede geweſen iſt. Auch machte der Affe durch ſeine poſſierlichen Streiche manchen Spaß; denn wenn auch ſolche Thiere auf der afrikaniſchen Küſte und überhaupt in den Ländern am Mittelmeere nicht ſelten ſind, ſo bleiben ſie doch für den nördlichen Europäer, der dahin kommt, ein merkwürdiger Gegenſtand. Nach und nach kamen auch einige benachbarte Einwohner, meiſtens auf Eſeln und in Burnuſſe gehüllt, herbei. Es waren Franzoſen, wohlhabende Türken und Mauren. Dieſe Mauren hatten, wie alle, welche mir in Tunis vorgekommen ſind, eine bräunlichere Geſichtsfarbe, als die in Bona, aber in ihren Geſichtszügen lag mehr Gutmüthigkeit und ihr Betragen verrieth einen höhern Grad von Bildung, was man dem öfteren Umgange mit Europäern zuſchreiben muß. Es befand ſich unter ihnen der Eigenthümer des Hauſes, ein Mann von angenehmen Aeußern, der ziemlich unterrichtet ſchien, und fertig italieniſch und franzöſiſch ſprach. Er war gegen Jedermann artig, und ſelbſt gegen die Wirthsleute, ſeine Sklaven. Wie dieſe mir ſchon erzählt hatten, wurde ihnen ein beträchtlicher Theil von ihrem Verdienſte gelaſſen, ſo daß man ſie wie Pächter betrachten konnte. Ueberhaupt leben in der Ber⸗ berei viele Chriſten⸗Sklaven in ſehr erträglichen Verhältniſſen, ſo daß ſie ihre Befreiung und Rückkehr in das Vaterland nicht einmal wünſchen. Beweiſe davon gab beſonders die, im Jahre 1816 durch die Engländer bewirkte, Aus⸗ lieferung der chriſtlichen Sklaven in Algier; denn manchem dieſer Leute war der Wechſel ihres Schickſals ganz unwillkommen, ja, ein Römer gerieth des⸗ halb in Verzweiflung, ſo daß er ſich auf der Ueberfahrt nach Italien in's Meer ſtürzte. Ziemlich ſpät am Abend miſchte ſich unter die Geſellſchaft ein Jude, nicht ſowohl in der Abſicht, etwas zu genießen und ſich Unterhaltung zu ver⸗ ſchaffen, als von den fremden Europäern, die er gewittert hatte, einigen Ge⸗ winn zu ziehen. Seine Zudringlichkeit, uns unechten Schmuck aufzuſchwatzen, fiel eben ſo läſtig, als ſein unreinliches Benehmen beim Eſſen und Trinken, und der Geruch des Knoblauchs, den er in großer Menge zu ſeinem Brode verzehrte. Er ſchien übrigens ein reicher Mann zu ſein; denn er trug einen ſchönen, mit ſchwarzem Seidenzeuge überzogenen Pelz und darüber einen Mantel von dunkelblauem Tuche. Ueberhaupt ſollen ſich die Juden in Tunis, deren Anzahl gegen 30,000 beträgt, in ungleich größerem Wohlſtande, als die in den algieriſchen Städten befinden, da ſie nicht ſo gedrückt und mehr geachtet ſind. Der größte Theil des Handels befindet ſich in ihren Händen, und es iſt ihnen in einem beſondern Stadttheil ein eigner Marktplatz mit Verkaufshallen angewieſen. Auch beſchäftigen ſich viele mit Künſten und 270 Handwerken, oder laſſen ſich als Dolmetſcher, Geſchäftsführer und Schreiber gebrauchen, oder halten Gaſthäuſer u. ſ. w. Der gute Punſch und die Trinkluſt, ſo wie auch die Hoffnung auf beſſe⸗ res Wetter, veranlaßte unſere Engländer, den Aufbruch von einer Stunde zu der andern zu verzögern. So kam denn neun Uhr heran; aber nun mach⸗ ten ſie ſich ſchnell auf den Weg, weil um dieſe Zeit die äußeren Stadtthore geſchloſſen werden. Man kann leicht denken, daß mich dieſe Wanderung durch die mit dickem Schmutze bedeckten und in Finſterniß gehüllten Straßen eben nicht erfreute. Dabei verſtimmte mich auch der Gedanke, daß ich die Stadt Tunis, welche zwar keine vorzüglichen Merkwürdigkeiten enthält, aber dennoch unter ihren afrikaniſchen Schweſtern eine bedeutende Rolle ſpielt, ſo gut als nicht geſehen verlaſſen mußte; denn fünf oder ſechs der äußerſten Straßen und höchſtens hundert Menſchen können bei einem Orte, der ungefähr zwei Stunden im Umfange und 140,000 Einwohner hat, nicht in Betracht kom⸗ men. Als wir bei unſeren Booten am Seeufer angelangt waren, fiel etwas vor, das mir zu einer andern Zeit das Zwergfell erſchüttert haben würde, jetzt aber nur meine Verdrießlichkeit noch vermehrte. Ein Maͤtroſe glitt auf dem ſchlüpfrigen Boden aus, und fiel mit dem H— in unſern Eierkorb, den er glücklich bis hierher gebracht und ſo eben niedergeſetzt hatte. Der Wind war zur Fahrt nach der Rhede günſtig, daher wir kein Be⸗ denken trugen, von unſeren Segeln Gebrauch zu machen; und da die Scha⸗ luppe der Kriegsbrig, von dem mauriſchen Lootſen geſteuert, voran fuhr, um den übrigen den Weg zu zeigen, ſo kamen wir ohne Hinderniß durch die Un⸗ tiefen des Sees. Um elf Uhr ließ der Regen nach, die Wolken zertheilten ſich, und bald erſchien der ganze Himmel in ſeiner ſüdlichen Pracht. Zugleich aber wurde die Luft, nach Verhältniß der Tageshitze, ſehr kühl, was nebſt den naſſen Kleidern empfindlich auf den Körper wirkte, ſo daß ich die Erfah⸗ rung machte, man könne auch in Afrika mitten im Sommer vor Kälte zittern. Um Mitternacht kamen wir an.— 12. Der St. Angelo geht in Geſellſchaft der engliſchen Schiffe unter Segel, um die Reiſe nach Malta fortzuſetzen.— Lampeduſa Einiges über die Beſchaffenheit und das Schickſal dieſer Inſel.— An⸗ kunft bei der Inſel Malta.— Der St. Angelo erhält die Weiſung, ſeine Fracht in der ſieiliſchen Stadt Auguſta auszuſchiffen.— Bemerkungen über Auguſta und ſeine Einwohner.— Der St. Angelo erhält die Beſtimmung eine Ladung Getreide von Odeſſa zu holen.— Segelt nach Syrakus.— Sein Aufenthalt daſelbſt. Am Morgen nach meiner Rückkunft von der Stadt gab unſer Commo⸗ dore das Zeichen, die Anker zu lichten; und wenig Minuten nachher ſteuerten 271 wir hinaus nach dem hohen Meere. Es war ein ſchöner, heiterer Morgen; der Glanz der hell ſtrahlenden Sonne verſchönerte die erfriſchten Landſchaften der Bucht. Lange verweilte mein Blick auf dem fernen weißen Punkte, wo einſt das mächtige Carthago lag, welches den Römern die Weltherrſchaft ſtrei⸗ tig machen wollte, jetzt ein elender Steinhaufen, der an die Größe des Alter⸗ thums, aber auch an die Vergänglichkeit alles Irdiſchen erinnert, und weh⸗ müthige Gefühle in der Seele zurückläßt. Nachmittags kamen wir bei guter Zeit am öſtlichen Vorgebirge vorüber. Von hier führte uns ein nördlicher Wind, vom ſchönſten Wetter begleitet, ſchnell nach der ſieiliſchen Inſel Lampeduſa hin. Da der Kapitän des Kxiegs⸗ ſchiffes ein Geſchäft auf dieſer Inſel zu beſorgen hatte, ſo gingen wir bei der⸗ ſelben vor Anker. 1 Lampeduſa, das Lopaduſa der Alten, iſt ein längliches Eiland von bei⸗ nahe drei deutſchen Meilen im Umfange. Es erhebt ſich gegen 400 Fuß über den Meeresſpiegel, hat eine ebene Oberfläche, aber ſchroffe, felſige Küſten, außer an der ſüdweſtlichen Seite, wo es allmälich niedriges Land wird. Dieſes iſt ſägeförmigaus gezackt, und bildet viele kleine Buchten, deren größte man den Hafen nennt. Auf der Südſeite läuft einige Meilen weit in das Meer eine Sandbank, die bei nördlichem Winde einen guten Ankerplatz dar⸗ bietet; und hier war es, wo unſere Schiffe ankerten. Man findet auf Lampeduſa Spuren, daß es in den älteſten Zeiten be⸗ völkert war, ſowohl in den Fels gehauene Wohnungen oder Höhlen, als auch Ueberreſte von Gebäuden aus einem mehr verfeinerten Zeitalter. Seit vielen Jahrhunderten i*ſt es aber nicht ordentlich bewohnt worden, weil in den be⸗ nachbarten Ländern die Sage ſich verbreitet hatte, daß dort Geſpenſter und Ungeheuer hauſten. Es diente nur dann und wann einem Einſiedler zum Aufenthalt, und wurde von Seeräubern, ſo wie von verpeſteten Schiffen, die nirgend Aufnahme fanden, beſucht. Auch kamen bisweilen Malteſer und Tripolitaner dahin, um das darauf wachſende Holz zu fällen und abzuholen. Im Jahre 1811 erregte dieſes Eiland die Aufmerkſamkeit eines Engländers, Namens Fernandez, weil er es für geeignet hielt, daſelbſt eine Fiſcherei anzu⸗ legen, Schlachtvieh, Obſt und Gemüſe für Malta zu ziehen, und einen Han⸗ del mit der Berberei zu eröffnen; daher er die Familie Tommaſi in Sicilien, die es ſeit mehr als hundert Jahren, obſchon ohne Vortheil davon zu haben, beſaß, zu deſſen Abtretung vermochte. Die von ihm errichtete Kolonie ſchien zu der Zeit, als unſere Schiffe ſich in ihrer Nähe befanden, ziemlich empor zu kommen. Man hatte bereits den öſtlichen Theil der Inſel urbar gemacht, und durch Aufführung einer ſtarken Mauer von dem weſtlichen geſchieden, der 272 noch voll Gehölz und wilder Ziegen war, welche dem neuen Anbau ſehr ſcha⸗ deten. Späterhin haben ſich aber die weit ausſehenden Pläne des Herrn Fernandez, aus Gründen, wovon ich nicht genau unterrichtet bin, gänzlich zerſchlagen. Zwei Jahre nach erfolgtem Frieden beſtanden die Koloniſten nur noch in der Familie dieſes Engländers und etwa zwölf malteſiſchen Bauern; ſie lebten faſt in gänzlicher Abgeſchiedenheit von der Welt, ausge⸗ ſetzt den Ueberfällen der Seeräuber und, was noch ſchlimmer iſt, den Beſuchen verpeſteter Schiffe. Ob ſie jetzt an Menge zugenommen und ihre Lage ver⸗ beſſert, oder vielleicht die Inſel wieder verlaſſen haben, iſt mir nicht bekannt. — Zufällig erfuhr ich bei Lampeduſa, daß zu Anfange der dortigen Nieder⸗ laſſung jener Arzt, den ich in Bona kennen lernte, daſelbſt angeſtellt, aber bald wieder entlaſſen worden war, weil ſeine Kunſt die Zunahme der Bevöl⸗ kerung nicht ſehr begünſtigt hatte. Nach einem Aufenthalte von einigen Stunden kehrte der Kapitän des Kriegsſchiffes zurück; und obſchon er keine beruhigenden Nachrichten über den Zuſtand auf der Inſel Malta erhalten hatte, gab er doch ſchleunig Befehl, die Anker zu lichten, um dahin unter Segel zu gehen.— Wir bekamen ſie am 15. Juli zu Geſicht. Auffallend war die Oede, welche in der ſonſt ſo belebten Umgegend dieſer Inſel herrſchte. Als wir gegen Abend uns dem Hafen von Valetta näherten, erblickten wir auf den Mauern der Stadt gelbe Flaggen, ein Zeichen, welches den Schiffen Vorſicht bei der Annäherung empfahl. In einiger Entfernung vom Eingange des Hafens rief man uns, wie gewöhnlich, von der Citadelle durch ein Sprachrohr zu, um zu erfahren, aus welcher Gegend wir kämen. Sodann wurden wir aber bedeutet, vom Einlaufen ab⸗ zuſtehen, daher wir beilegten. Zu gleicher Zeit eilte ein Boot mit einigen Quarantäne⸗Beamten herbei, welche uns berichteten, daß die Peſtſeuche in der Stadt den höchſten Grad erreicht habe; auch vernahmen wir die traurige Geſchichte ihrer Entſtehung und Verbreitung. Im Monat Mai hatte ſich nämlich zur Nachtzeit ein in Valetta wohnhafter Schuhflicker, Namens Borgi, auf ein aus der Levante gekommenes, Quarantäne haltendes Schiff geſchlichen, um einige Häute zu ſtehlen, womit dieſes beladen war. Unglücklicher Weiſe ward er eines Ballens habhaft und entkam damit in ſeine Wohnung. Nach dem Eröffnen desſelben zeigte ſich die Wirkung des darin enthaltenen Peſt⸗ giftes; der Dieb erkrankte ſogleich, und ſtarb ſchon nach einigen Stunden. Ihm folgten bald ſein Weib und ſeine Kinder. Auch die Nachbarn wurden ſchnell von der Seuche angeſteckt, die nach und nach in mehrere Stadttheile ſich verbreitete. Da die Meinungen der Aerzte über die wahre Beſchaffen⸗ heit der Krankheit getheilt waren, ſo unterließ man in Zeiten die nöthigen Maßregeln zu ihrer Unterdrückung zu ergreifen. Endlich im Juni machte die Regierung bekannt, daß die Peſt ausgebrochen ſei. Ein großer Theil der noch geſunden Einwohner flüchtete nun aus der Stadt, und nahm ſeinen Aufenthalt in den Dörfern, oder blieb auf freiem Felde. Die übrigen ſchloſſen ſich in ihre Wohnungen ein. Die angeſteckten Häuſer wurden mit gelben Flaggen bezeichnet und verrammt, auch mehrere Straßen, ja, einige ganze Stadttheile geſperrt. Deſſen ungeachtet wüthete die Krankheit, welcher nur die im November eintretende Regenzeit Einhalt thun konnte, unaufhaltſam fort, wozu ſich noch die Hungersnoth geſellte. Vom 1. bis zum 14. Juli waren über zweihundert Perſonen geſtorben, und am 15., dem Tage unſerer Ankunft bei Malta, belief ſich die Zahl der Kranken auf 4000, wovon man die Hälfte ſchon als Opfer des Todes betrachtete. Indeß befanden ſich die Engländer, ſowohl Truppen als Beamte, Kaufleute u. ſ. w., noch im völligen Wohlſein, weil man ſie ſämmtlich in die Citadelle aufgenommen hatte, wohin die Peſt auch nicht gedrungen iſt. Man kann ſich leicht vorſtellen, daß unter ſolchen Umſtänden ein völliger Stillſtand der Geſchäfte eingetreten war. Nachdem daher die Quarantäͤne⸗ Beamten in die Citadelle Bericht über uns erſtattet hatten, wurden die Kriegs⸗ brig und die Transportſchiffe von ihren Obern befehligt, ſich ſofort nach Zante zu begeben, ſo wie der St. Angelo von dem engliſchen Kaufmann, an welchen er gewieſen war, den ſchriftlichen Beſcheid erhielt, nach Auguſta in Sieilien zu gehen, und einem dortigen Handelshauſe, mit dem jener in Ver⸗ bindung ſtand, die Ladung zu übergeben. Auch brachte man Briefe von unſerem Rheder in Meſſina, die ſchon lange auf uns gewartet hatten, und deren Inhalt ich weiter unten mittheilen will. Man empfing dieſe Papiere, ſo wie es in ſolchen Fällen gewöhnlich iſt, in ein Rauchfaß gelegt, welches in das Quarantäne⸗Boot hinabgelaſſen wurde; die Eröffnung derſelben fand nicht eher Statt, als bis ſie von der Kohlengluth gebräunt und faſt halb ver⸗ brannt waren. Mit wehmüthigem Herzen wendeten wir uns weg von der unglücklichen Inſel, und ſteuerten über den Kanal, nach dem ſiciliſchen Vorgebirge Paſſaro, das am Abend des 16. umſchifft wurde. Die Nacht hindurch ſahen wir, ſo weit das Auge reichte, eine Menge Wachfeuer längs der Küſte; denn man hatte, aus Furcht vor der Peſt im nahen Malta, ganz Sicilien dicht mit Wächtern umſtellt, um das Anlanden fremder Fahrzeuge, ſo wie das Aus⸗ laufen der einheimiſchen, zu verhindern, beſonders weil man fürchtete, es möchten Malteſer, von der Hungersnoth getrieben, ſich herüber flüchten. Am 18. gewann unſer Schiff die Höhe von Auguſta. Es mochte noch eine Richter's Reiſen. II. 18 274 Viertelmeile davon entfernt ſein, als ſchon eine Schaluppe mit Quarantäne⸗ Beamten herbei ruderte, um den Zweck ſeiner Ankunft, und woher es käme, zu erfragen. Die Namen Tunis und Malta machten Anfangs einen ſo widrigen Eindruck auf dieſe Beamten, daß ſie zurückſchauderten und ſich augenblicklich eine Strecke zurückzogen. Als ſie jedoch erfuhren, daß wir bei Malta nicht angelegt hatten, daß Tunis, ſo häufig es auch von der Peſt heimgeſucht wird, doch zur Zeit unſeres dortigen Aufenthaltes davon befreit geweſen war, und wir ſelbſt, wie ihre eigenen Augen ſie überzeugten, die erwünſchteſte Geſund⸗ heit genoſſen; ſo entfernten ſie ſich mit dem Beſcheid, auf der Stelle, wo wir uns befanden, beizulegen und zu erwarten, ob die obrigkeitlichen Behörden unſere Annäherung geſtatten würden. Nach Abſtattung ihres Berichts fehlte wenig, wir wären mit Kanonenſchüſſen auf das hohe Meer zurückgetrieben worden; doch bewirkte endlich die Verwendung und das Anſehen der Kauf⸗ leute, die unſere Fracht empfangen ſollten, ſo viel, daß man uns den Eintritt in die Gegend der Stadt nicht gänzlich verbot. Es wurde dem St. Angelo, außerhalb des Hafens, ein einſamer Ort angewieſen, wo er, unter fortwäh⸗ render Aufſicht einiger Quarantäne⸗Diener, vor Anker liegen und den gela⸗ denen Wein ausſchiffen durfte. Aber obſchon dieſe Waare nicht im Mindeſten 1 eine Anſteckung befürchten ließ, ſo mußten wir doch zur völligen Sicherheit die Mäßregel beobachten, die Fäſſer in's Waſſer hinabzulaſſen, um ſie abzuwaſchen, worauf ſie von den Arbeitern der Kaufleute aufgefangen, und, zwanzig oder mehr an einander gereiht, nach dem Lande gezogen wurden. Auguſta liegt auf einer Erdzunge, die einen geräumigen und ſichern Hafen bildet. Es wird von ſtarken und gut unterhaltenen Werken vertheidigt, worunter ein großes viereckiges Kaſtell, mit bombenfeſten Kaſernen und Ma⸗ gazinen, das vorzüglichſte iſt. Dieſe ziemlich große Stadt, mit ungefähr⸗ 8000 E,, enthält zwar in einem kleinlichen Styl gebaute Häuſer, aber breite und gerade Straßen; denn ſie wurde zu Ende des funfzehnten Jahrhunderts durch ein Erdbeben völlig zerſtört, und iſt ſeit der Zeit nach einem regelmä⸗ ßigen Plane von neuem aufgebaut worden. Die Einwohner beſchäftigen ſich vorzüglich mit der Gewinnung und Ausfuhr von Seeſalz, Oel, Honig und Wein. Die wenigen, welche mir zu Geſicht kamen, hatten ein düſteres, un⸗ freundliches Anſehen, welches gegen das ihrer Nachbarn, der Bewohner von Siragoſſa und Catania, ſehr abſtach. Bei ihnen ſcheint ſich der Satz, daß das Aeußere der Abdruck des Innern ſei, zu beſtätigen; denn ſie haben von ihrer wilden und grauſamen Gemüthsart oft Beweiſe gegeben, wovon ich nur zwei aus der neuern Zeit anführen will. Im Jahr 1800 wurden über drei hundert zum Dienſt unfähige, franzöſiſche Soldaten und Offiziere, die auf ihrer Rückkehr aus Aegypten ſich bei Auguſta an's Land begeben, und außer⸗ halb der Stadtmauern Zelte aufgeſchlagen hatten, von ihnen meuchleriſch überfallen und umgebracht.— Sogar noch vor wenig Jahren geſchah es, daß ſie die Mannſchaften einiger griechiſchen Schiffe, als dieſe bei der Stadt Waſſer ſchöpften, auf das ſchrecklichſte verſtümmel ten, ihnen 5. B. die Hände, Naſen, Ohren u. ſ. w. abſchnitten. Wir beſchleunigten die Geſchäfte mit Auguſta ſo viel als möglich, weil unſer Rheder, zu Folge der oben erwähnten Briefe, den St. Angelo zu einer neuen Reiſe beſtimmt hatte. Es war nänlich in den Magazinen der Eng⸗ länder, ſo wie überhaupt auf den von ihnen beſetzten Inſeln im Mittelmeere, ein ziemlicher Getreidemangel, wegen der großen Lieferungen, die fortwährend zur Unterhaltung der Truppen in Spanien und Sicilien, der Flotte vor Toulon u. ſ. w. gemacht werden mußten. Zwar erhielt man einige Zufuhr aus den Häfen der afrikaniſchen Küſte, ſo wie auch aus Griechenland; da ſie aber von den dortigen Regierungen bald erlaubt, bald verboten wurde, ſo ließ ſich mit keiner Gewißheit darauf rechnen. Dazu kam noch, daß die Sen⸗ dungen aus England ſparſamer als ſonſt eintrafen, weil der Krieg mit den amerikaniſchen Freiſtaaten eine wichtige Quelle verſtopft, und den Aufwand noch vergrößert hatte. Um daher dieſem Mangel auf einem ſichern Wege abzuhelfen, war es im Werke, eine Anzahl Schiffe nach dem zwar entlegenen, aber reichen Getreidemarkte des ſchwarzen Meeres, dem ruſſiſchen Hafen Odeſſa, abzuſchicken. Anfangs hatte man Malta, ſpäterhin aber, wegen des unglück⸗ lichen Ereigniſſes auf dieſer Inſel, Siragoſſa in Sieilien zum Orte der Ab⸗ fahrt beſtimmt. An dieſer Reiſe ſollte nun auch der St. Angelo Theil nehmen, um auf Rechnung ſeines Rheders eine Ladung Weizen zu holen. Als daher am 26. unſere Fracht abgeliefert und Ballaſt eingenommen war, gingen wir nach der Bai von Siragoſſa unter Segel, und liefen am folgenden Abend in dieſelbe ein. Wir fanden ſchon viele, zur Reiſe nach Odeſſa beſtimmte Schiffe verſammelt; doch wurden noch andere, zum Theil von Spanien, erwartet, daher man die Abfahrt auf den 6. Auguſt feſtgeſetzt hatte. Den größten Theil dieſer Zeit brachten wir in langweiliger Ein⸗ förmigkeit zu; denn die in Auguſta begonnene Quarantäne dauerte auch hier noch fort. Da jedoch der uns beigegebene Wächter wiederholt unſer völliges Wohlſein bezeugte, und da überdies der drei Tage anhaltende Seirocco, welchen man immer für eine ſichere Probe der Geſundheit hält, keinen nachtheiligen Einfluß auf die unſrige äußerte, ſo ertheilte man uns die Pratik, worauf wir eilten, den für die Reiſe nöthigen Vorrath an Waſſer und andern Lebens⸗ mitteln anzuſchaffen. 18* Abfahrt nach Odeſſa.— Ankunft bei der Inſel Cerigo, wo wir einlaufen— ein griechiſches Fahrzeug iſt dem Scheitern nahe, wird jedoch gerettet.— Bemerkung über das Benehmen ſeiner Mannſchaft, und über einige Tänze der Griechen.— Kurze Beſchreibung der Inſel Cerigo— die Hauptſtadt— ihre Einwohner— die hauptſächlichſten Lebensmittel derſelben.— Boden und Klima der Inſel— ihre Erzeugniſſe— ihre Bevölkerung— beſondere Merkwürdigkeiten.— Unſere Flotte ſetzt die Reiſe weiter fort. Am feſtgeſetzten Tage ging die Flotte— ſie beſtand ungefähr aus neun oder zehn Transportſchiffen, eben ſo viel Kauffahrern und einer Corvette,— in See. Nach einer achttägigen Fahrt, die bald von günſtigem bald un⸗ günſtigem Wetter begleitet war, langten wir bei Cerigo, bekanntlich einer der ſieben, unter Englands Schutze ſtehenden, griechiſchen Inſeln an, wohin unſere Schiffe durch den heftigen, von Nordoſten her ſich erhebenden Sturm ihre Zuflucht zu nehmen genöthigt wurden. Wir begaben uns in die kleine Bucht vor der Stadt, da der eigentliche Hafen, St. Nicola genannt, bei jenem Winde nicht ſo ſicher, und auch ſchwer zu erreichen war.. Bald nach unſerer Ankunft gerieth ein griechiſches Fahrzeug, das aus dem Archipelagus kam, beim Einlaufen in die Bucht auf eine unter dem Waſſer verborgene Klippe. Es befand ſich in der größten Gefahr zu ſchei⸗ tern, indem die Brandung mit Ungeſtüm darüber hin ſtürzte; doch gelang es ihm nach einiger Zeit, ſich wieder flott zu machen und die Bucht zu gewinnen. Die Mannſchaft hatte kaum den Anker geworfen und die Segel befeſtigt, als ſie, unbekümmert um die Beſchädigung des Schiffes, und nur dem Gefühl der Freude über ihre glückliche Rettung folgend, zu tanzen begann. Die Tänze beſtanden in willkührlichen, jedoch nicht ungeſchickten Stellungen, Sprüngen und Wendungen, mit Geberden, die verſchiedene Leidenſchaften ausdrückten. Bisweilen tanzten zwei und zwei zuſammen, indem ſie einander die Hände gaben, oder die Zipfel eines Schnupftuches faßten. Mit dieſen Tüchern 7 machten ſie mannigfaltige Bewegungen, und diejenigen, welche ſte fortwährend in der Hand hielten, ſtellten die Damen vor. Dabei ſang man recitativartige Lieder, ſo daß die Worte des Vorſängers vom Chor wiederholt wurden. Den Takt gab das eintönige Spiel auf einer kleinen, mit drei meſſingenen Saiten bezogenen Zither. Die Bucht von Cerigo, auch„Porto Delfino“ genannt, hat, wie die ganze Inſel, ein ſteiles felſiges Ufer. Die Stadt, welche die Ausländer gewöhnlich „Cerigo“, die Eingebornen aber„Kapſali“ nennen, liegt auf einem Hügel. Sie iſt klein, beſteht nur aus fünf oder ſechs engen, ungepflaſterten Gaſſen, und die Häuſer ſind zwar nach italiſcher Art und von einem ſchwärzlichen Marmor, aber ärmlich gebaut. Man findet hier drei oder vier griechiſche Kirchen, ſo wie auch eine römiſch⸗katholiſche und einige Klöſter. Das von den Engländern beſetzte Fort hat eine ſehr vortheilhafte Lage, auf einem Felſen, den auf der einen Seite das Meer, und auf der andern ein tiefes Thal begrenzt. Die Einwohner, welche ſich auf 1400 belaufen, beſchäftigen ſich haupt⸗ ſächlich mit dem Ackerbau, der Fiſcherei, und der Ausfuhr einiger Erzeugniſſe, z. B. des Getreides nach Zante und Cefalonia, des Flachſes und der Oliven nach den nahe gelegenen Küſten von Maina. Sie ſind ein bräunlicher, kräftiger und ſchlank gewachſener Menſchenſchlag, von regelmäßigem Gliederbau und angenehmer Geſichtsbildung, mit ſchönem Profil, feurigen ſchwarzen Augen und feinem ſchwarzen Haar. Die Wohlhabenden kleiden ſich nach engliſcher Sitte; die übrigen haben im Ganzen dieſelbe Tracht, wie die Griechen in den türkiſchen Ländern, obſchon ſelbſt bei dieſen einige Verſchiedenheit darin Statt findet. Auffallend aber unterſcheiden ſie ſich dadurch, daß ſie auch Kleidungs⸗ ſtücke von grüner Farbe, der Leibfarbe der Türken, die jenen verboten iſt, tragen. Die Männer ſcheren die Barthaare ab, und laſſen nur ein kleines Schnurrbärtchen wachſen. Das Kopfhaar tragen ſie vorn kurz abgeſchnitten, hinten bis über den Nacken herab hängend. Den Kopf bedeckt ein kleines rothes Tuchkäppchen, mit einer Quaſte von ſchwarzer Seide. Die Kleidung beſteht in einem flächſenen oder baumwollenen Hemd, in kurzen türkiſchen Beinkleidern von verſchiedenen, dunkelfarbigen Stoffen, einer ſammetnen oder ſeidenen Weſte, die auf der linken Seite, von der Armhöhle bis herunter zugeheftelt wird, ferner in einer baumwollenen oder ſeidenen Leibbinde, und einer kurzen, rund geſchnittenen Tuchjacke, deren Aermel, an der innern Seite, vom Ellbogen an aufgeſchlitzt und mit Hefteln verſehen ſind, ſo daß man ſie nach Belieben zu⸗ macht, oder öffnet und aufſtreift. Allen dieſen Kleidungsſtücken fehlt der Kragen, daher der Hals gewöhnlich bloß iſt. Auch die Beine bleiben meiſtens unbe⸗ kleidet; an den Füßen trägt man Babuſchen von gelbem oder grünem, ſeltener von dunkelfarbigem Schafleder. An Feſttagen kommen Strümpfe von weißer Baumwolle hinzu, ſo wie auch ein ſchwarzes, mit rother oder blauer Kante ver⸗ ſehenes, ſeidenes Tuch, das locker um den Hals gewunden und vorn in einen Knoten, mit kleinen, hervorſtehenden Zipfeln, geknüpft wird. Einige legen dann, ſtatt der Jacke, einen Kaftan von Tuch oder Seidenzeug an, der bisweilen mit Pelz gefüttert, oder wenigſtens damit verbrämt iſt. Solche Kaftane, ſo wie auch die Jacken, ſind häufig längs den Nähten mit ſeidenen Schnüren oder Borten, die mannigfaltige Figuren bilden, beſetzt. Bei vollſtändigem Putze dürfen goldene Ringe an den Fingern, wenigſtens einer am kleinen Finger der rechten Hand, und eine Uhr mit einer altmodiſchen, langen Kette von Tomback 278 nicht fehlen. Die Uhr wird zwiſchen die Leibbinde geſteckt, wo auch der Pl atz für das Schnupftuch und für den Roſenkranz iſt, welchen man, nach türkiſcher Sitte, in müßigen Stunden fortwährend in den Händen hält, um damit zu ſpielen. Zum Schutze vor rauhem und regnigem Wetter nimmt man ſo ge⸗ nannte levantiſche Röcke oder Mäntel um, die ich ſchon bei einer andern Ge⸗ legenheit beſchrieben habe. Die Frauen tragen das Haar bis auf die Hüften herab los, oder in Zöpfe geflochten. Den Kopf umwinden ſie mit einem baum⸗ wollenen oder ſeidenen Tuche. Den Buſen bedeckt ein dünnes florartiges Tuch. Ein ſeidenes oder ſammetnes Jäckchen, ein kurzer Rock mit vielen Falten, ein Leibgürtel, Babuſchen und weiße Strümpfe, und, wenn ſie ausgehen, ein weites, faltiges Gewand, das bisweilen mit Pelz gefüttert iſt, machen den übrigen An⸗ zug aus. An feſtlichen Tagen beſtecken ſie den Kopf mit Blumen und bunten Bändern, ſchmücken ſich mit goldenen Ringen, Nadeln u. ſ. w., auch mit Hals⸗ ſchnüren von Perlen oder Korallen, und legen ein ſeidenes Gewand mit ge⸗ ſtickten Aermeln an, welche ſehr weit ſind und bis zu den Knieen herabreichen. Die Lebensmittel dieſer Inſelbewohner beſtehen hauptſächlich in Weizen⸗ brod, in Fiſchen, Federvieh, Kaninchen und Haſen, ferner in Oliven, kleinen Zwiebeln und in Caviar. Fleiſch von Ziegen und Schafen gehört zu den Leckerbiſſen. Dahin rechnet man auch Wachteln, welche, nachdem ſie gebraten, in Weineſſig mit getrockneten Korinthen eingelegt ſind. Wein wird in ziem⸗ licher Menge getrunken.— In Hinſicht der übrigen Gebräuche, ſo wie auch des ſittlichen Charakters, verweiſe ich meine Leſer auf die Bemerkungen, welche weiter unten über die Griechen im Allgemeinen mitgetheilt werden. Die Inſel Cerigo, ehedem Cythera oder auch Porphyris, hat ungefähr acht Meilen in der Länge und fünf in der größten Breite. Ihr ſteiles Geſtade bildet viele, jedoch enge und unſichere Buchten. Sie iſt mit großen und kleinen, zum Theil ſehr ſchönen Marmor enthaltenden Felſen bedeckt, aber auch mit vielen Thälern und Schluchten durchſchnitten, welche, in Verbindung mit dem milden Klima, den Anbau begünſtigen, obſchon die heftigen Windſtöße, welche die Inſel häufig treffen, die Baumzucht ſehr erſchweren. Man erbaut hauptſächlich Weizen und Gerſte, Oliven, Flachs, Baumwolle, Korinthen und Wein. Von letzterem gibt es mehre Arten, unter andern einen trefflichen Muskateller, den man, um ſeine allzu große Süßigkeit zu mildern, und ihn ſtärker und dauerhafter zu machen, mit Weingeiſt zu vermiſchen pflegt. Obſt wird wenig gezogen; auch ſind Gartengewächſe, mit Ausnahme der Zwiebeln, in geringer Menge vorhanden. Deſto größer iſt der Reichthum an wild wachſen⸗ den, zum Theil arzneilichen Kräutern, ſo wie an niedrigem Geſträuch. Haſen und Kaninchen, Ziegen und einige Schafe, zahme und auch wilde Eſel machen die vierfüßigen Thiere aus; nur von den Engländern wird einiges Rindvieh gehalten. Die Bienenzucht treibt man ſtark und mit vielem Vortheil. Außer der Stadt enthält die Inſel gegen dreißig, theils von Fiſchern theils von Bauern bewohnte Flecken und Dörfer, ſo daß die ganze Bevölkerung noch nicht 9000 Menſchen beträgt. 3 Cerigo beſitzt mancherlei Merkwürdigkeiten. Dahin gehören z. B. die ſchon im Alterthum berühmten, an den Küſten ſich findenden Purpurſchnecken und Korallen. Nicht weit von der Stadt liegt ein Hügel, der faſt ganz aus verſteinerten Knochen beſteht; er führt den Namen„Turcovani“. Zwei Meilen nordwärts davon, am Fuße des Berges Santa Sophia, iſt eine Höhle mit den ſeltenſten Tropfſteinfiguren. Auch ſind noch aus dem Alterthum einige Ueber⸗ reſte menſchlicher Kunſt vorhanden. Man zeigt z. B. auf dem Gipfel eines Berges, an einer mit Schutt bedeckten Stelle, marmorne Säulen— die Trümmer eines, der Göttin Venus geweihten Tempels; und weiter unten die Trümmer eines weitläufigen, wie man ſagt, von dem ſpartaniſchen König Mene⸗ laus aufgeführten Gebäudes, die in mehren, theils eingeſtürzten theils noch ſtehenden Mauern von erſtaunlich großen, mit keinem Kalk verbundenen Werk⸗ ſtücken beſtehen. Oſtwärts von hier führt eine Schlucht nach dem Hafen, wo man, außer einigen gut gehaltenen unterirdiſchen Bädern, viel altes Mauer⸗ werk,— die Ruinen der Stadt Cythera, von den heutigen Bewohnern der Inſel„die alte Stadt“ genannt, antrifft. Obſchon der Sturm, welcher unſere Schiffe in die Bucht von Cerigo ge⸗ trieben hatte, ſich bald nach ihrer Ankunft legte, und das ſchönſte Wetter ein⸗ trat, wurde dennoch von unſerem Commodore die Abfahrt mehre Tage verzögert. Hierdurch dreiſt gemacht, ließ ich mich noch am vierten Tage von einigen, zur Garniſon gehörigen Engländern, in deren Geſellſchaft ich ſchon ein paar Wanderungen in die Inſel angeſtellt hatte, zu einer neuen verleiten. Wir waren eben mit der Beſichtigung der Ruinen von Cythera beſchäftigt, da er⸗ blickte ich, in der Gegend der ſüdöſtlichen Landſpitze, die ganze Flotte unter Segel. Ein Glück, daß ſie bei uns vorüber ſchiffen mußte, und daß in dem einſamen Hafen einige Fiſcher landeten, die ſich bewegen ließen, mich an Bord zu bringen. Zwar verlangten die liſtigen Schelme, meine peinliche Verlegen⸗ heit benutzend, fünf ſpaniſche Piaſter, ſo viel als ſie vielleicht in vierzehn Tagen bei angeſtrengter Arbeit nicht verdienen konnten; doch kam ich nach Verlauf einer Stunde glücklich auf dem St. Angelo an. 14. Wir erreichen das Vorgebirge Malea.— Etwas über die Winde im Archipelagus.— Es begeg⸗ nen uns mainotiſche Raubſchiffe— ihre Bauart— ihre Mannſchaft— Bemerkungen, die Mai⸗ noten überhaupt und ihr Gebiet betreffend. Vom ſchönſten Wetter begünſtigt, ſchifften wir nach dem griechiſchen Archi⸗ pelagus oder Inſelmeere, und erreichten bald die ſüdöſtliche Spitze des Pelo⸗ ponnes, das Vorgebirge Malea, welches an der Grenze des genannten Meeres liegt; es beſteht aus einer Reihe ſteiler Felſen, der Fortſetzung des hohen, in der Ferne ſichtbaren Berges Taygetus. Bei dieſem Vorgebirge wurde plötzlich der günſtige Weſtwind, der uns bisher geführt hatte, von einem ſtürmiſchen Nordoſtwinde verdrängt, was uns jedoch nicht befremdete, da man in der dortigen Gegend faſt immer von ſtarken Windſtößen empfangen wird. Ueber⸗ haupt iſt der Wind im Archipelagus meiſtens heftig, und zugleich ſehr verſchie⸗ den, weil ihn die vielen Inſeln und Gebirge des umgebenden Feſtlandes auf⸗ halten, zuſammen preſſen und in mannigfaltigen Richtungen brechen, ſo daß er hier aus Oſten, dort aus Süden, oder Weſten u. ſ. w. weht, oder daß in der einen Gegend eine Windſtille herrſcht, während durch die angrenzende ein rei⸗ ßender Luftſtrom zieht. Beiſpiele davon werde ich weiter unten anzuführen Gelegenheit haben. Aus dieſer Unzuverläſſigkeit des Windes, verbunden mit der Gefahr, welche die vielen Inſeln, Klippen und hervorragenden Spitzen des Feſtlandes drohen, kann man leicht ſchließen, daß die Schifffahrt im Archipe⸗ lagus ſehr ſchwierig ſein müſſe. Hierin liegt es auch hauptſächlich, was die griechiſchen Seeleute ſo vorzüglich gewandt und kühn macht. Jener Sturm beim Vorgebirge Malea war von keiner Dauer, ſondern machte dem frühern gemäßigten Weſtwinde bald wieder Platz, worauf wir die Fahrt nach der Straße Kilota, d. i. der Meerenge zwiſchen den beiden Inſeln Eunripo(Negroponte) und Andros, in gerader Richtung fortſetzten.— Kurze Zeit nachher begegneten uns zwei mainotiſche Naubſchiffe, von der Art, die man„Trattas“ nennt. Da ſie mitten durch unſere Flotte und dicht beim St. Angelo vorüberfuhren, auch einige Zeit auf der Seite der engliſchen Corvette verweilten, ſo hatte ich Gelegenheit, ſie ziemlich genau zu betrachten. Es waren lange, ſchmale, vorn und hinten ſpitzige Boote, welche zwölf Ruder und drei niedrige Maſten mit großen lateiniſchen Segeln führten. Das Vorder⸗ und das Hintertheil hatten ein Verdeck, und bildeten kleine Behältniſſe, wahrſchein⸗ lich für Waffen, Munition, Lebensmittel u. ſ. w. Auf jedem Fahrzeuge be⸗ fanden ſich ungefähr 20 Mann, ein großer, ſehr wohlgeſtalteter Menſchenſchlag, mit breiten Schultern, ſtarken Knochen und Muskeln, mit Geſichtern von 281 blühender Farbe und einer angenehmen griechiſchen Bildung; die feurigen Augen verkündigten wilde Kühnheit. Der Anzug dieſer Leute war ein Ge⸗ miſch von türkiſcher und griechiſcher Tracht. Sie trugen blos ein Schnurr⸗ bärtchen, und das Kopfhaar hing bei Einigen unter dem Turban hervor, welcher in einer Mütze von grünem Tuch und einem darum gewundenen weißen Shawl beſtand. Die übrigen Kleidungsſtücke waren eine Aermelweſte von blauem Tuch, dergleichen kurze, unter den Knieen zuſammengezogene, türkiſche Beinkleider und dicht anſchließende, über den Knöcheln mit Meſſingblech ver⸗ ſehene Kamaſchen; ferner Babuſchen von gelbem Leder, und um den Leib ein rother Shawl, zwiſchen welchem ein Dolch und zwei Piſtolen ſtaken. Die Kleidung des Anführers zeichnete ſich beſonders durch Stickereien an dem Turban, der Weſte und den Kamaſchen, ſo wie durch einen kurzen Kaftan von dunkelgrüner Seide aus, der längs den Säumen und Nähten, ſo wie auf den weit aufgeſchlitzten Aermeln, ebenfalls geſtickt war. Zur Belehrung meiner jüngern Leſer will ich hier Etwas über die Mai⸗ noten(richtiger Manioten) ſagen. Sie haben in dem Peloponnes oder der Halbinſel Morea einen Theil des ehemaligen Lakoniens oder ſpartaniſchen Ge⸗ biets, jetzt nach der Hauptſtadt Maina(richtiger Mania) genannt, im Beſitz, mit Ausnahme des Vorgebirges Matapan, das von einer ganz verſchiedenen, ſehr bösartigen Völkerſchaft, bekannt unter dem Namen Kakovunioten oder Räuber des Gebirgs, bewohnt wird. Man kann ſie auf den erſten Anblick von den Kakovunioten unterſcheiden, indem ihre Schönheit mit der Häßlichkeit der letztern, dem unförmlich unterſetzten Körper mit dünnen Beinen und kurzem Halſe, dem von der Sonne verbrannten, tückiſchen und mit Raub⸗ und Mord⸗ ſucht geſtempelten Geſicht, ſehr abſticht. Nach Einigen ſtammen die Mainoten von Griechen aus verſchiedenen Theilen des Peloponnes ab, welche, als die Türken ſich des Landes bemächtigten, in das Gebirge Taygetus flohen, um ſich der Herrſchaft derſelben ⸗zu entziehen. Nach Andern, und wie von ihnen ſelbſt behauptet wird, ſind ſie echte Nachkommen der alten Spartaner. Dem ſei, wie ihm wolle, ſo haben ſie doch jederzeit ſpartaniſchen Muth und Freiheitsſinn ge⸗ zeigt, und jeden Verſuch, den die Türken zu ihrer Unterjochung machten, mit Nachdruck abgewieſen, wozu aber auch die Beſchaffenheit ihres Landes viel bei⸗ getragen hat, indem es auf allen Seiten, wegen der ſchroffen Abhänge des Taygetus, der es durchzieht, und wegen der Schwierigkeit, deſſen verſteckte, nur den Eingebornen bekannte Zugänge und Schlupfwinkel aufzufinden, faſt unan⸗ greifbar iſt. Zwar haben ſie in Fällen, wo Mangel an Bedürfniſſen einen Tauſchhandel mit den benachbarten Ländern nöthig machte, der hohen Pforte Tribut bezahlt, dieſes Joch aber ſogleich wieder abgeworfen, wenn andere 282 Quellen der Zufuhr ſich eröffneten. Sie ſind ſtets die unverſöhnlichſten Feinde der Türken geweſen, und ihr Haß gegen dieſes Volk iſt auch auf deſſen griechiſche Unterthanen übergegangen, welche, wegen ihrer Unterwürfigkeit, mit verachten⸗ dem Stolze von ihnen behandelt werden. Sie hielten bisher die Grenzen ihres Gebiets, an der Landſeite, fortwährend mit 1000 geübten Kriegern beſetzt, welche häufig Ausfälle in die benachbarten Landſchaften machten, um ſie zu plündern und zu verwüſten, und die in ihre Hände fallenden Türken umzu⸗ bringen. In den vielen Buchten ihrer ſteilen Küſte, die für größere Schiffe nicht zugänglich ſind, befand ſich eine Menge jener kleinen, ſchon beſchriebenen Fahrzeuge, welche die Häfen von Morea und Livadien, ſo wie die umherliegen⸗ den Inſeln, beunruhigten, und jedes griechiſche oder türkiſche Schiff, das ihnen nicht widerſtehen konnte, als eine rechtmäßige Beute betrachteten. An dieſes räuberiſche Handwerk gewöhnt, haben ſie ſich oft auch gelüſten laſſen, die Schiffe anderer Nationen zu berauben oder gar in Beſchlag zu nehmen, wodurch ſie als Seeräuber ſo berüchtigt geworden ſind. Aber die Unverträglichkeit, worin die Mainoten mit ihren Nachbarn leben, ihren übermüthigen Stolz, ihre Räuberei und die Grauſamkeit, welche ſie dabei ausüben, abgerechnet, kann man nicht lumhin, ihren kriegeriſchen Muth, ihren hohen Sinn für Freiheit und Unab⸗ hängigkeit, ihre warme Vaterlandsliebe, ihre Mäßigkeit und Nüchternheit, und manche andere, ihnen eigene Tugend zu bewundern. Ueberhaupt haben ſich unter ihnen die Tugenden der alten Griechen am reinſten erhalten. Sie beſitzen große Thätigkeit und Betriebſamkeit, daher ſie, unterſtützt von dem milden Klima, welches dem italiſchen gleicht, ihrem kleinen, mit felſigem Gebirg bedeckten und mit wenig fruchtbaren Thälern durchſchnittenen Lande ſo viel Getreide und andere Lebensmittel abgewinnen, daß ſie, trotz der verhältnißmäßig ſtarken Be⸗ völkerung, keiner beträchtlichen Zufuhr bedürfen, und in Fällen, wo ihnen dieſe auf allen Seiten abgeſchnitten iſt, ſich mit ihren eigenen Erzeugniſſen begnügen können. Ja, ſie führen jährlich eine bedeutende Menge Oliven und Olivenöl, ſo wie auch Wachs, Seide und andere Handelsartikel aus. Sie haben viel das Neugriechiſche und einige auch die Werke in altgriechiſcher Sprache leſen können. Der Aberglaube findet ſich bei ihnen in jeder Geſtalt. Sie bekennen ſich zur griechiſchen Kirche, und halten ſtreng auf die Ausübung der von ihr vorgeſchriebenen äußern Gebräuche. Was ihre häuslichen Verhältniſſe betrifft, ſo will ich nur erwähnen, daß die Frauen, wider die Sitte der übrigen Griechen „und überhaupt der Morgenländer, eine völlige Freiheit und faſt gleiche Rechte mit den Männern genießen. Daher nehmen ſie auch eifrig Theil an den Arbeiten und Beſchwerden derſelben, ja ſie folgen ihnen oftmals in den Kampf. 283 Das mainotiſche Volk zerfällt in vier Hauptklaſſen, in Soldaten, Land⸗ bauer, Hirten und Seeleute; doch iſt Jeder zur Vertheidigung des Vaterlan⸗ des bereit, daher auch ſtets bewaffnet. Die Knaben fangen ſchon im achten Jahre an, ſich im Gebrauch des Schießgewehrs und des Säbels zu üben, und dieſe Waffenübungen, wovon auch das weibliche Geſchlecht nicht ausgeſchloſſen iſt, dauern bis in's ſpäte Alter fort. Die eigentlichen Soldaten beſtehen in der, die Landesgrenze bewachenden, 1000 Mann ſtarken Schaar. Es ſind lauter Freiwillige, welche bis zu ihrem Tode dienen, der meiſtens, weil ſie faſt beſtändig, wo nicht mit dem Feinde, doch mit Beſchwerden und Entbehrungen kämpfen, ſie frühzeitig ereilt. Gleichwohl fehlt es nie an jungen Leuten, die ſich hinzu drängen, um die erledigten Stellen wieder auszufüllen; denn man kennt keine größere Ehre, als für das Vaterland zu fechten und zu ſterben. Die äußern Unterſcheidungszeichen dieſer Krieger beſtehen hauptſächlich in einem Helm von ſtarkem Leder, der vorn mit einem Schilde von Meſſingblech verziert iſt. Die Waffen ſind eine gezogene Flinte, ein Säbel, ein Dolch und zwei Piſtolen.— Die Mainoten haben eine republikaniſche, mit etwas Ariſto⸗ kratiſchem oder vielmehr Patriarchiſchem vermiſchte Staatsverfaſſung. Ihr Land, welches einige kleine Städte und gegen 350 Flecken, Dörfer und Weiler enthält, iſt in vierzehn Bezirke getheilt. Jeder von dieſen Bezirken, den ein beſonderer Stamm bewohnt, wählt aus ſeiner Mitte ein Oberhaupt, Kapita⸗ nos genannt, der im Kriege den Befehl führt und in Friedenszeiten das rich⸗ terliche Amt verwaltet, wobei ihn kein geſchriebenes Geſetz, ſondern blos das Herkommen, oder ſein eigenes Gutachten leitet. Die Gewalt desſelben erſtreckt ſich aber nur ſo weit und ſeine Herrſchaft dauert nur ſo lange, als die Ge⸗ meine es für gut befindet; ſobald ſein Benehmen Unzufriedenheit erweckt, ſetzt man ihn ohne Umſtände wieder ab. Er pflegt ein mit Thürmen verſehenes und mit Mauern eingeſchloſſenes Gebäude zu bewohnen, welches im Frieden das Gerichtshaus und im Kriege die Feſtung der Gemeine iſt, indem ein ſolches Gebäude in einem Lande, wo kein ſchweres Geſchütz ſich fortbringen und an⸗ wenden läßt, beträchtlichen Widerſtand leiſtet. Die Einkünfte eines Kapita⸗ nos beſchränken ſich auf eine freiwillige Abgabe, die er jährlich erhält, um frei von Nahrungsſorgen über das allgemeine Beſte wachen und mit den Seinigen anſtändig leben zu können. Uebrigens ſind, außer der Achtung und Ehre, die man ihm bezeigt, keine beſondern Vorrechte, z. B. Landbeſitz, mit ſeiner Würde verbunden. Sein Eigenthum iſt ſelten größer, und oftmals geringer als das ſeiner Untergebenen. Dem angeſehenſten dieſer Häuptlinge gibt man den Titel „Bei von Maina,“ den die hohe Pforte, wenn auch ungebeten, vor der Re⸗ volution jederzeit durch einen Firman beſtätigt hat, um ſich, im Gefühl ihrer Schwäche, wenigſtens den Schein von Macht zu geben. Ihm liegt das Ge⸗ ſchäft ob, im Namen des ganzen Volks mit den fremden Nationen, beſonders den Türken, zu unterhandeln und Verträge abzuſchließen. Uebrigens aber umfaßt ſein Wirkungskreis blos den ihm untergebenen Bezirk; denn jeder Stamm iſt unabhängig von dem andern. Die verſchiedenen Stämme gerathen zwar oft in Streit; aber obſchon blutige Fehden dadurch veranlaßt werden, ſo dient es doch, den kriegeriſchen Geiſt aufrecht zu erhalten, und wenn ein äußerer Feind das Land bedroht, kehrt plötzlich die Eintracht zurück, und alle Streit⸗ kräfte ſind bereit, ſich gemeinſchaftlich gegen ihn zu kehren.— Dies iſt ungefähr der Zuſtand, worin die Mainoten, die bekanntlich in dem Freiheitskampfe der Griechen eine nicht unwichtige Rolle geſpielt haben, ſich bisher befanden. Daß ſie auch in neuerer Zeit, wo die griechiſche Pira⸗ terei einen friſchen Aufſchwung nahm, nicht unthätig waren, läßt ſich denken; doch haben engliſche und franzöſiſche Kriegsſchiffe dem vor der Hand wenn auch noch nicht ein Ende gemacht, doch das Handwerr jedenfalls ſehr gefährdet und viele Raubſchiffe vernichtet. 1 15. Etwas über das äußere Anſehen der Inſeln im Archipelagus.— Man ankert in einer Bucht der Inſel Zea.— Bemerkungen über dieſe Inſel und über einige ihrer Bewohner.— Die Flotte geht wieder unter Segel— ſie kommt bei der reizenden Inſel Andros an, und verweilt einige Zeit im Hafen von Arna.— Beſchreibung der Stadt und Umgegend— die Einwohner und ihr lebhafter Handel. Am Morgen nach unſerer Abfahrt von Cerigo kamen wir bei der kleinen Inſel Falkonera vorüber. Man erblickte nun, in ſchneller Folge, nah und fern einen großen Theil der Cyeladen, eine Reihe von Inſeln, die längs der europäiſchen Seite des griechiſchen Meeres ſich hinzieht. Die meiſten derſel⸗ ben hatten, nicht nur wegen ihres hohen felſigen Geſtades und der Oede, welche dieſes umgibt, ſondern weil auch manche zu einer andern Jahreszeit grünende Gegend von der Sonnenhitze verbrannt war, ein rauhes und un⸗ freundliches Anſehen. Deſſen ungeachtet wurden meine Blicke unwiderſtehlich von ihnen angezogen, indem ſie in meiner Seele die mannigfaltigſten Erin⸗ nerungen an entflohene Jahrhunderte hervorriefen, und mich wie in einen an⸗ genehmen Traum verſetzten. Am 19. Auguſt fuhren wir längs der Inſel Zea(Ceos) mit der Hoff⸗ nung dahin, in Kurzem die Straße Kilota zu erreichen, als mit einem Male der Wind ſich änderte und uns entgegen kam. Da er überdem ſehr heftig war, und, in Verbindung mit dem Strome des Meeres, unſere Flotte unauf⸗ haltſam zurücktrieb, ſo begab ſich dieſe unter den Schutz jenes Eilandes, und ging, an der Südweſtſeite, in einer geräumigen Bucht vor Anker. Es herrſchte hier faſt eine gänzliche Windſtille, obſchon auf dem hohen Meere, wie die dort ſich aufthürmenden, mit Schaum bedeckten Wogen zeigten, das ſtürmiſche Wetter den ganzen Tag anhielt. Unter allen griechiſchen Inſeln, die ich geſehen hatte, war Zea die erſte, welche man reizend nennen kann. Zwar ſind die Küſten felſig, aber nicht ſo hoch, um die Hügel und Thäler zu verdecken, welche, ſelbſt in der heißen Jah⸗ reszeit, das Auge durch ihr lebhaftes Grün ergötzen. In der Mitte ragen einige kahle Bergſpitzen hervor, wodurch jedoch die Reize des Ganzen ſehr ge⸗ hoben werden. Die nächſte Umgebung unſeres Ankerplatzes bildeten Hügel mit Weinſtöcken, Oliven⸗ und andern Fruchtbäumen, durch welche hier und da kleine Häuſer blickten. Da am nächſten Morgen, obſchon das Meer beruhigt war, unſer Com⸗ modore keine Anſtalt zur Fortſetzung der Reiſe machte, ſo ging ich, wie Viele von den übrigen Schiffen, an das Land. Nicht weit vom Ufer traf ich einige mir bekannte Engländer an. Sie ſaßen bei einem kleinen Hauſe, unter dem Schatten eines Cypreſſenbaums, und ließen ſich's bei dem trefflichen Muskat⸗ wein, den mit Oel und Citronenſaft gebratenen Fiſchen, den köſtlichen Trau⸗ ben, Feigen, Birnen u. ſ. w., womit ſie bewirthet wurden, wohl ſein. Unge⸗ achtet ich die Abſicht hatte, meinen Spaziergang weiter auszudehnen, ſo be⸗ durfte ich doch, da die Hitze heftig war, keiner großen Aufmunterung, um an ihrem Feſte Theil zu nehmen. Während die herrlichen Genüſſe meinen Magen erquickten, gewährte mir der Anblick unſerer griechiſchen Wirthsleute mancherlei Unterhaltung. Es war ein hoch bejahrter, doch munterer Greis mit zwei erwachſenen Söhnen und eben ſo viel Töchtern, lauter ſchön geſtal⸗ tete, wenn ſchon bräunliche Leute, die Männer kräftig und gewandt, die Mäd⸗ chen ſchlank und zart, und ſo ſanft und angenehm im Betragen, als man, ſelbſt unter dem gebildetſten Volke, von Bäuerinnen nicht erwarten ſollte. Die Kleidung war zwar ländlich, aber rein und nicht ohne Putz. Die Männer trugen ein Mützchen von rothem Tuch, eine enge, mit großen ſilbernen Hefteln verſehene Aermelweſte von bläulichem baumwollenem Zeuge, kurze türkiſche Hoſen von demſelben Zeuge, eine roth baumwollene Leibbinde und Schuhe von ungegerbtem Leder. Die Mädchen hatten ein ſeidenes Tuch, wie eine Binde um den Kopf gewunden und dazwiſchen Blumen geſteckt. Ihr ſchwarzes, an den Enden gelocktes Haar hing los, bis zu den Hüften herab. Den Hals ſchmückte eine Korallenſchnur. Der übrige Anzug beſtand in einer, auf der Bruſt ausgeſchnittenen Aermelweſte von ſtarkem, blau und weiß geſtreiftem Seidenzeuge, ferner in einem muſſelinenen Buſentuche, in langen türkiſchen Beinkleidern von dunkelfarbigem baumwollenem Stoffe, einer bunten halbſei⸗ denen Leibbinde, und Pantoffeln von gelbem Leder. Dieſe Leute waren au⸗ ßerordentlich geſchäftig, um uns auf das Beſte zu bedienen, z. B. die ſchönſten Früchte von den Bäumen zu pflücken und die Körbchen immer von neuem da⸗ mit anzufüllen, oder den Wein aus dem großen ſteinernen Kruge in die Scha⸗ len zu gießen und uns zuzutrinken. Ueberhaupt bewieſen ſie viel Herzensgüte und Sinn für Gaſtfreiheit. Beim Abſchied dankte der Alte für die ihm er⸗ wieſene Ehre, uns bewirthen zu können, und nahm nur die Hälfte des Geldes an, das man ihm zur Bezahlung unſerer Zeche reichte; doch bat er einen von der Geſellſchaft um ſeine kleine werthloſe Tabaksdoſe, die er zum Andenken aufzubewahren verſprach. Nachdem wir uns entfernt und eine Wanderung in's Innere des Landes angetreten hatten, bemerkten wir eine Anzahl vornehmer Griechen, ungefähr drei Männer und fünf Frauen, auf Eſeln reitend. In einiger Entfernung ſtiegen ſie ab, und kamen wie in feierlichem Aufzuge auf uns zu, die geputz⸗ teſten an der Spitze. Sie waren ſämmtlich ſehr reich gekleidet, z. B. in ſei⸗ dene, mit Gold geſtickte und mit koſtbarem Pelz gefütterte Kaftane; ſehr prächtig nahm ſich der weibliche Kopfputz aus, ein von Golddraht gewebtes Stirnband, das mit Perlen und Edelſteinen, ſo wie mit Bandſchleifen ge⸗ ſchmückt war, deren lange Enden, neben dem loſen Haar, tief herab flatterten. Die Männer, wie die Frauen, beſaßen viel natürliche Schönheit, eine einneh⸗ mende Geſichtsbildung und einen üppigen ſchlanken Wuchs, welcher ſich trotz der weiten faltigen Kleider deutlich wahrnehmen ließ. Als die Perſonen ſich näherten, grüßten ſie uns mit freundlichen Worten, begleitet mit zierlichen Bewegungen der Hand. Sie redeten uns in gebrochen italieniſcher Sprache an, und wir erfuhren, daß ſie von der zwei Meilen entfernten Stadt kamen, um die engliſchen Schiffe zu ſehen. Wir kehrten daher um, und gaben ihnen das Geleit nach der Bai, wo der Kapitän der engliſchen Corvette die Artig⸗ keit hatte, ſie zu einem Beſuch auf ſeinem Schiffe einladen zu laſſen. Da am Morgen des 21. der Wind aus Nordweſten wehte, ſo ging die Flotte unverzüglich in See. Sie hatte jedoch die Südſpitze von Zea kaum umſchifft, als der Nordoſtwind, ihr vormaliger Gegner, von neuem ſich erhob und Stand zu halten drohte, obſchon eine Meile ſüdlicher mehre Schiffe, wie die Stellung ihrer Segel zeigte, von einem ganz entgegen geſetzten Luftſtrom geführt wurden. Wir ſteuerten daher öſtlich, um unter dem Schutze der Inſeln Tine und Andros nach der Straße Kilota hinauf zu kommen. An der Küſte —.— von Tine war der Wind ſo ſchwach, daß man alle Segel führen konnte. So⸗ bald wir jedoch bei der ſchmalen Meerenge anlangten, die jene Inſel von ihrer Schweſter Andros trennt, brachen orkanähnliche Windſtöße aus derſelben her⸗ vor; denn die Küſten der beiden Inſeln ziehen ſich auf der Oſtſeite in einer ſolchen Richtung hin, daß der davon aufgefangene Wind durch die Meerenge, wie durch einen Trichter, gepreßt wird. Obſchon unſere Schiffe ziemlich vor⸗ bereitet auf dieſes Ereigniß waren, ſo litten doch einige Schaden an ihrem Segelwerk, ja, es fehlte nicht viel, der St. Anglo hätte die Maſten verloren. Wir gewannen indeſſen ſehr ſchnell die Küſte von Andros„wo dieſelben ge⸗ mäßigten Lüftchen wie unter Tine wehten. Andros, die angenehmſte von allen griechiſchen Inſeln, die ich in der Nähe geſehen habe, iſt gebirgig, aber auch voll fruchtbarer, gut bewäſſerter und fleißig angebauter Thäler. Viele derſelben öffnen ſich nach dem Meere, und bieten, nebſt den dazwiſchen liegenden kahlen Felſen, oder den mit Gehölz oder mit Kräutern bedeckten Bergen, dem Beſchauer ſehr maleriſche Anſichten dar. Daß uns dieſe Landſchaften vorzüglich reizend erſchienen, verdankten wir den dann und wann fallenden Strichregen, welcher den verſchiedenen Ge⸗ genſtänden friſche Farben verliehen. Am Abend des 23. befanden wir uns bei der kleinen Hafenſtadt Andros, und am folgenden Morgen bei Arna, der Hauptſtadt des Eilandes, die am Eingang in die Straße Kilota liegt. Da der Wind noch ungünſtig zur Fahrt durch dieſes Gewäſſer war, ſo gingen wir, um einen Wechſel desſelben abzu⸗ warten, in den Hafen von Arna. Dieſer Hafen, worin wir viel griechiſche Fahrzeuge fanden, iſt nicht ge⸗ räumig, doch ſicher und bequem. Die Stadt liegt umgeben von Getreide⸗ und Gemüſefeldern, von Wein⸗ und Oelpflanzungen, und von Gärten, die allerlei Südfrüchte, ſchöne Aepfel, Birnen, Kirſchen u. ſ. w. hervor bringen; im Hin⸗ tergrund erheben ſich Berge, welche mit Fichten, Pinien, Eichen und anderem Holze, ſo wie auch mit ſchönen Kräutern bewachſen, und der Aufenthalt fröh⸗ licher Hirten und Heerden ſind. Arna hat keinen großen Umfang, enthält aber einige anſehnliche Kirchen und Klöſter, und mehre hübſche Häuſer von italieniſcher Bauart. Die übrigen Häuſer ſind im griechiſchen Geſchmack ge⸗ baut, worüber ich weiter unten ſprechen will. Die um den Marktplatz haben Säulengänge mit Gewölben, worin allerlei Handelswaaren, ſo wie auch Eß⸗ waaren, beſonders Fleiſch, Brod, Wein, Oel und Caviar, feil gehalten wer⸗ den; trocknen Caviar, welcher eine pechſchwarze Farbe und die Geſtalt großer runder Käſe hat, ſieht man in großer Menge aufgeſchichtet. Die Straßen ſind 288 eng und ohne Pflaſter, obſchon verhältnißmäßig rein, und mit hübſchen Brun⸗ nen geziert. 3 Die Stadt Arna war damals, als ich mich dort befand, der Sitz eines türkiſchen Aga und eines Cadi, ſo wie auch eines griechiſchen und eines katho⸗ liſchen Biſchofs. Die 7000 Einwohner beſtanden hauptſächlich aus Griechen, aber auch aus Arnauten und einigen Türken. Sie trieben beträchtlichen Han⸗ del, ſowohl mit den heimiſchen Erzeugniſſen, z. B. Wein, Gerſte, Oel, Seide, als auch mit Waaren aus Macedonien, wohin hauptſächlich Tabak, Saffian, ſeidene, wollene und baumwollene Zeuge gehören. Arna wurde daher von vie⸗ len Schiffen und Kaufleuten aus Livadien, Morea, den eykladiſchen und ſelbſt den joniſchen Inſeln beſucht. Man ſah eine Menge Leute, obſchon ſämmtlich Griechen, in ſehr verſchiedener Tracht, theils mit runden Hüten, mit Turbanen, oder den gewöhnlichen rothen Mützen, mit Schuhen oder Stiefeln von ſchwar⸗ zem Leder, oder mit Babuſchen, Pantoffeln, oder Stiefeln von gelbem Leder, mit türkiſchen Kaftanen oder mit engliſchen Röcken u. ſ. w. Auch die Tracht der Einheimiſchen war, wegen des ſtarken Verkehrs mit Fremden, ziemlich un⸗ beſtimmt; denn ich ſah z. B. Frauen mit Schleiern, andere mit Hauben von Seidenzeug oder mit geſtickten Binden oder Tüchern um die Stirn. Die griechiſchen Einwohner von Arna befanden ſich, obſchon unter der Herrſchaft der Türken, in glücklichen Verhältniſſen, wie man aus verſchiedenen äußern Umſtänden ſchließen konnte. Sie waren ſämmtlich gut und viele ſogar prächtig gekleidet; ich ſah Frauen, meiſtens viele zuſammen, in großem Staate durch die Straßen ziehen, um der Meſſe beizuwohnen, oder um ſich ſehen zu laſſen. Auch fand man in den Häuſern mancherlei Bequemlichkeiten, die ſonſt in Griechenland nicht gewöhnlich ſind. Auf den Geſichtern, wie im ganzen Thun und Treiben der Menſchen, ſprach ſich eine heitere und ſorgenfreie Ge⸗ müthsſtimmung aus, die bei einigen, beſonders den Frauen, in Leichtfertigkeit überging. Die niedrigen Volksklaſſen ſangen faſt beſtändig bei der Arbeit, und des Abends bildeten ſich auf den Gaſſen zahlreiche Gruppen, um nach dem Schall einer Handtrommel, oder den Tönen einer dreibeſaiteten Zitter, die beliebte Romeika zu tanzen. In den Wein⸗ und Kaffeehäuſern fehlte es nie an fröhlichen Gäſten, und der Marktplatz war den ganzen Tag nicht nur mit geſchäftigen, ſondern auch mit ſolchen Leuten angefüllt, die blos Zerſtreuung und Vergnügen ſuchten. Deſſen ungeachtet gab ſich bisweilen der Druck der türkiſchen Herrſchaft ſehr auffallend zu erkennen. So oft ein vornehmer Türke ſich nur auf der Straße ſehen ließ, ergriff Jeden ein paniſcher Schrecken; die Frauen flohen in die Häuſer, und die Männer ſenkten ſchüchtern und demüthig das Haupt. Wir ſegeln von Arna wieder ab.— Unſere Fahrt durch die Straße Xilota.— Erreichung der Küſte von Kleinaſien.— Man geht bei der Inſel Tenedos zu Anker.— Etwas über die trefflichen Erzeug⸗ niſſe dieſer Inſel, über ihre Bewohner und den dortigen Thunfiſchfang.— Wir gehen von neuem in See.— Ankunft im Hellespont.— Anſicht der beiden Küſten— die Dardanellen— eine Bemerkung über die doppelte Strömung des Waſſers im Hellespont, ſowie auch in andern Meerengen.— Die Flotte kommt vor Konſtantinopel an und wirft die Anker. In der Nacht vom 26. Auguſt wurde der Wind weſtlich, daher unſer Commodore noch vor Tagesanbruch Befehl gab, die Anker zu lichten. Bei Sonnenaufgang befanden wir uns ſchon mitten auf der Straße von Kilota. Es war ein ſchöner, heiterer Morgen, und die Küſten von Andros und Euripo ſtellten, als ſie, nach und nach vom Sonnenlicht erhellt, ſich aus dem nächt⸗ lichen Dunkel entfalteten, ein herrliches Schauſpiel dar, das der fröhliche, von den Bergen herab tönende Geſang der Hirten noch verſchönerte. Nach einer zweiſtündigen Fahrt gelangten wir in das offene Meer, und kamen ohne Störung am Abende desſelben Tages bei Pſara, und am folgen⸗ den bei Mitylene(Lesbos) vorüber. Bald darauf erſchien die Küſte von Kleinaſien, die unſere Schiffe auch ſchnell erreichten, und an der ſie nahe dahin ſegelten. Am Morgen des 29. waren ſie zwiſchen der Ebene von Troja und der Inſel Tenedos. Gegen Mittag hatten ſie dieſe Inſel ein paar Meilen weit hinter ſich, und eilten der ſchon deutlich ſichtbaren Mündung des Hellesponts oder der Dardanellenſtraße zu, als auf einmal der Wind ſich drehte und abermals, im Nordoſten ſich feſtſetzend, unſere Reiſe ſtörte. Um nicht laviren zu müſſen, was ohnehin in der Dardanellenſtraße, wegen der Enge, der Sandbänke und der Strömung dieſes Gewäſſers, ſehr ſchwierig und faſt ganz unnütz iſt, ging die Flotte nach Tenedos zurück, um dort in Ruhe einen günſtigen Windwechſel abzuwarten. Da der gewöhnliche Anker⸗ platz, der ſich vor der Stadt, an der Nordoſtküſte befindet, bei nordöſtlichem Winde keinen hinreichenden Schutz gewährt, ſo warf man die Anker an der entgegengeſetzten, nämlich der ſüdweſtlichen Seite des Eilandes. Obſchon das äußere Anſehen der Landſchaft, welche vor uns lag, eine geringe Fruchtbarkeit und eine ſchwache Bevölkerung zu verkünden ſchien, ſo hatten wir doch bald Gelegenheit, uns vom Gegentheil zu überzeugen. Es kam hinter den nackten Klippen und kahlen Hügeln am Strand eine Menge Menſchen hervor, die einen Ueberfluß herrlicher Lebensmittel zum Verkauf brachten, Schafe, Federvieh, Eier und Fiſche, allerlei Obſt und Gemüſe, be⸗ ſonders aber weißen und rothen Muskatwein; der letztere war von trefflicher Richter's Reiſen. II. 19 290 Beſchaffenheit und rechtfertigte den Ruhm, welchen die Inſel Tenedos in Hin⸗ ſicht dieſes Erzeugniſſes ſo lange behauptet hat. Das Vergnügen, mich am Lande umzuſehen, wurde mir nicht zu Theil, da unſer Commodore, entſchloſſen, beim erſten günſtigen Winde wieder unter Segel zu gehen, Niemanden Erlaubniß dazu gab. Dennoch fehlte es mir nicht an Unterhaltung, indem die vielen Verkäufer, welche in kleinen Kähnen um unſere Schiffe ſchwärmten, manchen intereſſanten Auftritt darſtellten. Es waren ſchön geſtaltete griechiſche Männer, mit freundlichen, doch große Schlau⸗ heit verrathenden Geſichtern, die gewichſte Schnurrbärtchen, ziemlich langes Haar und rothe Mützen, übrigens aber Kleider wie die Türken niedrigen Standes trugen. Nicht minder wurde meine Aufmerkſamkeit von den vielen griechiſchen, türkiſchen, ruſſiſchen und anderen Schiffen beſchäftigt, die im Hellespont auf guten Wind nach dem ägäiſchen Meere gewartet hatten, und nun, vom Nordoſtwinde geführt, wie im Fluge bei uns vorüber eilten. Auch einige zum Thunfiſchfang beſtimmte Fahrzeuge, die nicht weit vom St. Angelo am Strande lagen, gewährten mir einige Unterhaltung, indem ſie kalfatert, und ihre Netze und übrigen Geräthe in brauchbaren Stand geſetzt wurden; denn die Zeit rückte heran, wo die Thunfiſche anfangen, aus dem ſchwarzen Meere nach dem Ocean zurückzukehren. Ich machte dabei die Bemerkung, daß die Griechen beim Fangen dieſer Fiſche auf die, von mir ſchon beſchrie⸗ bene, bei den Siciliern übliche Weiſe verfahren, obſchon ſie es nicht ſo im Großen treiben. Nach einem zweitägigen Aufenthalte bei Tenedos wurde der Wind wieder weſtlich, worauf wir ohne Verzug die Anker lichteten. Wir kamen nach einigen Stunden an den Eingang in die Dardanellenſtraße. Zur ſicheren Leitung durch dieſe Meerenge nahmen die Corvette und auch andere von unſeren Schif⸗ fen, beim Vorgebirge Jeniſchehr, griechiſche Lootſen. Da der Wind ſehr hef⸗ tig durch die Meerenge wehte, ſo fuhren wir mit großer Schnelligkeit hindurch. Dieſe Schnelligkeit der Fahrt, verbunden mit der Heiterkeit des Himmels, trug Vieles dazu bei, die Anſichten auf beiden Seiten überraſchender und reizender zu machen, ich meine die europäiſche und die aſiatiſche Küſte, mit ihren kahlen oder waldigen Bergen, mit ihren Schluchten, Thälern, Auen und herab kom⸗ menden Flüſſen, ihren feſten Schlöſſern, ihren Städten„Flecken u. ſ. w. Die vier, zur Vertheidigung der Dardanellenſtraße erbauten feſten Schlöſſer,„die Dardanellen“ genannt, wovon bekanntlich zwei am Eingange in dieſes Ge⸗ wäſſer, und zwei einige Meilen weiter hinauf, einander gegenüber, nämlich eins in Europa und das andere in Aſien liegen, beſtehen aus mehr oder weniger Thürmen, welche durch Mauern und Wälle verbunden, und mit Bruſtwehren, Gräben u. ſ. w. verſehen ſind. Das vorzüglichſte iſt das am Eingang auf der aſiatiſchen Seite. Es bildet ein Viereck, indem auf jeder Ecke ein runder Thurm ſteht. Faſt im Mittelpunkte ragt ein größexrer, vielſeitiger hervor, von deſſen plattem, mit Geſchütz beſetztem Dache das ganze Werk beſtrichen wird. Als wir bei einem der beiden innern(alten) Schlöſſer, Kilidbahr ge⸗ nannt, anlangten, ſchickte ein türkiſches Kriegsſchiff, das ſich dort vor Anker befand, einige Offiziere zu einer Unterredung mit unſerem Commodore ab, wo⸗ durch die Flotte genöthigt wurde, eine Zeit lang beizulegen.— Mittlerweile bekam ich Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß das Waſſer im Hellespont eine doppelte Strömung, nämlich auf der Oberfläche nach Süden, und in der Tiefe nach Norden hat. Denn obſchon die ſämmtlichen Transport⸗ und Kauffahrtei⸗ ſchiffe ziemlich ſchnell in der Richtung nach dem Archipelagus forttrieben, blieb doch die Corvette faſt unverrückt auf ihrem Platze, weil ſie, als ein völlig ge⸗ rüſtetes und ſchweres Schiff, tief im Waſſer ging, daher von dem unteren, nach dem Meere von Marmora gerichteten Strome berührt und aufgehalten wurde, während jene leichten, blos mit Ballaſt beladenen Schiffe ganz in der Gewalt des oberen waren. Auf ähnliche Weiſe nahm ich ſpäter auch im Ka⸗ nale von Konſtantinopel eine doppelte Strömung des Waſſers wahr, indem der obere Theil desſelben nach dem Meere von Marmora, der untere nach dem ſchwarzen Meere floß. Ueberhaupt findet man in allen Meerengen, Straßen und Kanälen, die zwei Meere mit einander verbinden, daß das obere Waſſer eine Strömung hat, unter welcher eine andere den entgegengeſetzten Weg geht. Die Urſache liegt in dem Umſtande, daß die Waſſerhöhe und der Salzgehalt zwei verſchiedener Meere nie gleich ſind, wodurch bei beiden, zu Folge hydroſta⸗ tiſcher Geſetze, ein Streben entſteht, ſich mit einander in's Gleichgewicht zu ſetzen. So nimmt z. B. das ſchwarze Meer, in Verbindung mit dem aſowſchen, mehr große Flüſſe als das Meer von Marmora auf, daher das erſte ſeinen Ueberfluß fortwährend in das letzte abſetzt. Da nun aber das Waſſer dieſes letzten Meeres, wegen ſeiner geringeren Vermiſchung mit friſchem, und wegen ſeiner näheren Verbindung mit dem Mittelmeere, eine größere Salzigkeit und folglich auch ein größeres Gewicht beſitzt, ſo preßt es auf das ſüßere und leich⸗ tere des ſchwarzen Meeres, und ſtrebt es nach oben zu drängen und ſich des Bodens zu bemeiſtern, ſo wie dies z. B. mit jeder wäſſerigen, unter Oel ge⸗ goſſenen Flüſſigkeit der Fall iſt. Hierdurch wird das Ausſtrömen des ſchwar⸗ zen Meeres noch mehr befördert, und da das von Marmora durch dieſen Zufluß beſchwert und gepreßt wird, ſo nimmt auch ſein Druck auf jenes zu. Solcher Geſtalt findet zwiſchen beiden eine unaufhörliche Wechſelwirkung Statt, ohne welche das ſchwarze Meer vielleicht aufhören würde, ein ſalziges Gewäſſer zu 19* ſein. Eben ſo verhält es ſich mit dem Meere von Marmora, welches das em⸗ pfangene ſchwach geſalzene und leichte Waſſer durch die Dardanellenſtraße in das Mittelmeer ausleert, und vermöge eines tief gehenden Stromes ſchweres Salzwaſſer von dort her empfängt. Im Kanale von Konſtantinopel ſchöpfte ich Waſſer(auf die Weiſe, wie ſchon anderwärts von mir beſchrieben wurde) in einer Tiefe von 24 Fuß, und fand, daß es das auf der Oberfläche faſt um 1 die Hälfte an Salzigkeit übertraf. 6 Ungefähr 12 Stunden nach unſerer Ankunft im Hellespont langten wir bei Gallipoli an, welche Gegend gemeiniglich als die Grenze des Meeres von Marmora betrachtet wird. Da uns der Wind fortwährend günſtig blieb, wurde auch dieſes Gewäſſer ſchnell durchſchifft, ſo daß ſchon am Morgen des V 1. Septembers die Inſel Marmora, und zwei Tage darauf die Mündung des b thraziſchen Bosporus, umgrenzt von Konſtantinopel u. ſ. w., vor uns lag. Un⸗ ſere Flotte ging im Hafen dieſer Stadt vor Anker. 4 17. Der Hafen von Konſtantinopel.— Wir ſegeln durch den Bosporus.— Beſchaffenheit dieſes Ge⸗ wäſſers und der Küſten, die es begrenzen.— Erreichung des ſchwarzen Meeres— Farbe deſſelben.— Odeſſa.— Die lange Quarantäne. Ich kann nicht beſchreiben, welchen Eindruck der Hafen von Stambul oder Konſtantinopel auf mich machte; ich ſtand wie bezaubert beim Anblick des herrlichen, rund umher ſich darſtellenden Schauſpiels. Wer könnte ſich auch ſatt ſehen an jener großen, ſieben Hügel bedeckenden, auf drei Seiten vom Meere umfloſſenen Hauptſtadt, mit ihren Mauern, Thürmen und Wällen, und dem maleriſch ſchönen Gemiſch von Minarets mit vergoldeten Kuppeln und Monden, von Paläſten, Cypreſſen u. ſ. w., die aus der ungeheuern Häuſer⸗ maſſe ſich erheben. Wer könnte ſich beſonders an dem äußerſten, in's Meer hervorragenden Stadttheile ſatt ſehen, einer weit ausgedehnten Reihe von Paläſten, Luſthainen und Gärten, welche die Wohnung des Sultans bezeichnet, und zwar kein planmäßig geordnetes Ganzes, aber eben deswegen in der Ent⸗ fernung unbeſchreiblich reizend iſt. Gleich ſtark wird das Auge gefeſſelt von dem ſeitwärts ſich hinziehenden Pera, dem gegenüber befindlichen Skutari, und den ſchönen, die Vortrefflichkeit des Bodens und des Klima's verkündenden Landſchaften, die man nah und fern und in jeder Richtung erblickt. Der Hafen ſelbſt iſt für jeden Fremden höchſt anziehend, dieſe weite, ruhige, vom heitern Himmel blaugefärbte Waſſerfläche, bedeckt mit zahlloſen Schiffen, Kähnen und Gondeln, und mit Menſchen in bunter türkiſcher Tracht, die dem weſtlichen Europäer ſo prachtvoll erſcheint. Kurz, die Außenſeite von Stambul, die von allen Schönheiten der Natur umgeben iſt, erregte in meiner Seele die größte Bewunderung, welche auch, weil ich keine Gelegenheit erhielt, das unſcheinbare und ſchmutzige Innere kennen zu lernen, durch nichts geſchwächt wurde; daher ich immer ſeitdem dieſe Stadt als eine der herrlichſten Zierden der Erde be⸗ trachtet habe. Obſchon in Stambul die Peſt ſeit mehren Monaten gewüthet, und noch nicht nachgelaſſen hatte, konnte man doch im Hafen nicht das Mindeſte davon merken. Es war keine Anſtalt getroffen, um der Verbreitung des Uebels vor⸗ zubeugen; zwiſchen allen Stadttheilen herrſchte ein freier Verkehr, und das Gewimmel der hin und her gehenden Menſchen war außerordentlich lebhaft— eine Sorgloſigkeit, die nur der Fanatismus des Muſelmanns, beſonders ſein Glaube an die göttliche Vorherbeſtimmung, begreiflich macht. Indeſſen kommt der Fremde dadurch leicht in Verſuchung, die Gefahr geringer zu achten, als ſie iſt, und daher die nöthige Vorſicht aus den Augen zu ſetzen; wenigſtens wandelte mich und viele meiner Reiſegefährten die Luſt an, Stambul einen Beſuch abzuſtatten. Allein, der ſtrenge Befehl, den der Commodore an die Flotte erließ, jede Gemeinſchaft mit dem Lande und mit den von dort kommen⸗ den Perſonen zu vermeiden, vereitelte die Ausführung unſeres Vorhabens, und bewirkte, daß wir zur Beſinnung kamen. Nachdem der Commodore, in den Nachmittagsſtunden, die mitgebrachten Depeſchen an den engliſchen Geſandten abgegeben hatte, ging die Flotte unver⸗ züglich wieder unter Segel. Beim Abgange kamen wir dicht an einigen türki⸗ ſchen Kriegsſchiffen vorbei, zwei Fregatten und einer Brig, die meine ganze Aufmerkſamkeit erregten. Es waren lauter neue, wahrſcheinlich von franzö⸗ ſiſchen Meiſtern gebaute Schiffe, die ſich, in Hinſicht der ſchönen Form und zweckmäßigen Einrichtung, mit jedem europäiſchen meſſen konnten. Nur in ihrer Verzierung fand etwas Eigenthümliches Statt. So hatte z. B. die Außenſeite durchaus einen einfachen ſchwarzen Anſtrich, ſelbſt der Spiegel, welchem überdem das Schnitzwerk fehlte, dergleichen die Europäer an dieſem Schiffstheil anzubringen pflegen; auch ſchmückte das Galliion, ſtatt der menſch⸗ lichen oder thieriſchen Figur, die man dort auf europäiſchen Schiffen erblickt, ein vergoldeter Halbmond. Die Mannſchaft beſtand größten Theils aus Griechen, mit Ausnahme der oberen Offiziere, welche ſämmtlich Türken waren, was man an ihren langen Bärten, grünfarbigen Kleidungsſtücken u. ſ. w. er⸗ kannte. Sie zeigte viel Geſchicklichkeit bei den Manövern mit den Segeln. Die Fahrt durch den Bosporus oder Kanal von Konſtantinopel wurde 294 durch die Veränderlichkeit des Windes, verbunden mit dem Strom, der Be⸗ ſchränktheit und den Krümmungen des Gewäſſers, deren man ſieben zählt, ſehr verzögert; und obſchon die ganze Länge des Kanals nicht mehr als drei deutſche Meilen beträgt, ſo kam doch der Abend des folgenden Tages heran, bevor wir das Ende erreichten. Deſſen ungeachtet überraſchte mich der Anblick des ſchwarzen Meeres noch viel zu früh; denn unter allen Meerengen, die ich durch⸗ ſchifft habe, fand ich keine ſo angenehm als den Bosporus, deſſen hohe Geſtade, geſchmückt mit mannigfaltigem Gehölz, mit großen Dörfern, mit Landhäuſern, Schlöſſern u. ſ. w., einen Reichthum an ſchönen Anſichten darbieten. Die Ge⸗ fahr, womit die Schifffahrt im Bosporus bedroht iſt, wird durch die große Menge ſeiner trefflichen Ankerplätze ſehr vermindert. Das Erſte, was mir am Morgen nach unſerer Ankunft im ſchwarzen Meere in die Augen fiel, war die Farbe dieſes Gewäſſers, welche dem Namen entſpricht, den man ihm beigelegt hat. Dies iſt jedoch ſo zu verſtehen, daß das Waſſer nur ſo lange, als es im Meere ſich befindet, ſchwärzlich erſcheint; denn wenn etwas davon geſchöpft und z. B. in einem Glafe betrachtet wird, ſo zeigt es, wie jedes andere Meerwaſſer, eine vollkommene Durchſichtigkeit, Klarheit und Farbloſigkeit. Ob übrigens dieſer ſchwärzliche Schimmer von der Farbe des Bodens, oder wovon er ſonſt herrührt, darüber ſind die Natur⸗ forſcher noch ſo wenig im Reinen, als über die Frage, was dem Ocean eine grüne Farbe gibt. In den erſten zwei Tagen ward unſere Fahrt im ſchwarzen Meere von ziemlich günſtigem Winde geleitet, ſo daß wir am 7. September auf der Höhe von Burgas anlangten. Nachher aber wehten unausgeſetzt nördliche Winde, die unſerem Fortkommen große Hinderniſſe entgegen ſtellten. Wir mußten faſt zwei Wochen beſtändig laviren, und da uns während dieſer Zeit, außer einigen ruſſiſchen und türkiſchen Schiffen, nichts als Himmel und Waſſer zu Geſichte kam, ſo brachten wir dieſelbe mit der tödtlichſten Langenweile hin, um ſo mehr, weil unſere Augen durch das viele Schöne, das ſie in dem Archipelagus, dem Hellespont und Bosporus geſehen hatten, ſehr verwöhnt waren. Erſt am 20. September erblickten wir, ſeit unſerem Abſchied von dem Bosporus, zum erſten Male Land, die kleine Schlangeninſel. Am nächſten Morgen war unſer Commodore im Begriff, in eine der nicht weit entfernten Donaumündungen einzulaufen, um dort einen Wechſel des Windes zu erwarten. Aber da räumte dieſer plötzlich dem Südoſtwinde das Feld, der uns nun mit großer Schnellig⸗ keit weiter beförderte, ſo daß wir am Abend des 21. bei der Mündung des Dnuieſters vorbei, und am darauf folgenden Morgen nach unſerm Beſtimmungs⸗ orte, Odeſſa, kamen. 295 Da die aus dem Mittelmeere nach Odeſſa gehenden Schiffe eine Berüh⸗ rung mit dem türkiſchen Gebiete ſelten vermeiden können, und daher vor der Anſteckung der Peſt nie ſicher ſind, ſo müſſen ſie ohne Ausnahme bei ihrer An⸗ kunft in jenem Hafen ſich einer vierzehntägigen Contumaz unterwerfen. Man empfing daher auch uns mit dieſer Weiſung, und zwar ohne vorher die ander⸗ wärts gewöhnlichen Fragen zu thun, woher wir kämen, wo und mit wem wir unterwegs Verkehr gehabt, ob wir Kranke an Bord hätten, und dergleichen. Nirgends iſt mir die Quarantäne läſtiger als in Odeſſa geworden, da man ſie in einer beſonderen, von der Stadt entlegenen und mit öden Ufern eingeſchloſ⸗ ſenen Abtheilung des Hafens hält, und da die Mannſchaften der verſchiedenen Schiffe, ſelbſt derjenigen, welche zu gleicher Zeit und aus derſelben Gegend angekommen ſind, keine Gemeinſchaft mit einander haben dürfen. Indeſſen wurde die ganze Flotte ſchon am 6. October freigeſprochen, theils aus Rück⸗ ſicht auf die lange Zeit ihres Abgangs von Konſtantinopel, theils weil ſich die ihr beigegebenen Wächter von der guten Geſundheit der Mannſchaften über⸗ zeugt hatten, beſonders aber wegen des eingetretenen Wetters, das zwar am Tage noch ziemlich warm, aber regneriſch, und in der Nacht ſchon empfindlich kalt, ja, ſogar mit Reif und leichtem Froſte begleitet war, was die Furcht vor der Peſt ſehr verminderte. 18. Beſchreibung der Stadt Odeſſa— deren Lage, Umgebungen und Bevölkerung— ihre Straßen, Häu⸗ ſer, Kirchen und öffentlichen Gebäude.— Der Hafen— ſein guter Zuſtand und die Anſtalten, um ihn darin zu erhalten.— Angabe der dort ein⸗ und auslaufenden Schiffe.— Die Lebensmittel.— Handel und Gewerbe.— Charakteriſtik der Einwohner. Nach erhaltener Pratik eilte der St. Angelo ſeinen Ballaſt auszuſchiffen, und dann auf dem Ankexplatze vor der Stadt, nahe bei einer großen Nieder⸗ lage, die ihm angewieſene Stelle einzunehmen; und da die Kaufleute, die Brüder Landri aus Genua, welche ihn befrachten ſollten, viel Getreide zur Ausfuhr bereit hatten, ſo ward auch, ſobald er dazu eingerichtet war, mit dem Laden desſelben begonnen. Er hatte dieſes Geſchäft ſchon am 14. Oktober beendigt, wo die meiſten mit ihm angekommenen Schiffe noch nicht einmal damit angefangen hatten. Da er gleichwohl zur Rückreiſe auf ſie warten mußte, ſo gab mir dies Gelegenheit, mich inzwiſchen mit Odeſſa etwas bekannt zu machen. Odeſſa befindet ſich in einer Bucht des Gouvernements Cherſon, dicht am Meere. Der umliegende Landſtrich hat, obſchon die Ufer hoch ſind, einen flachen Boden. Er iſt in der Nähe der Stadt ziemlich fruchtbar, mit Obſt⸗ und Gemüſegärten, und mit Feldern bedeckt, auf welchen hauptſächlich Roggen, Weizen und Mais, Tabak, Senf, Safran, Hanf und Flachs erbaut wird. Die entferntern Umgebungen enthalten viele kahle Steppen, daher die Dörfer ſparſam zerſtreut liegen; auch gibt es viel ſumpfige Niederungen, welche der Geſundheit nachtheilig ſind. Was die Stadt ſelbſt betrifft, ſcheint es vielleicht überflüſſig, ſie nach ihrer damaligen Geſtalt zu beſchreiben, eine Stadt, die im Jahre 1795 noch ein Dorf von ungefähr einem Dutzend elender tatariſcher Hütten war, und 1826 ſchon mehr als 2000 ſteinerne Gebäude und 32,995 Einwohner ent⸗ hielt, die, als der Hauptſtapelplatz des ſüdlichen Rußlands und als ein vor⸗ züglicher Günſtling der Regierung, mit jedem Jahre an Umfang und Bevöl⸗ kerung, an wohlthätigen Anſtalten, Betriebſamkeit und Wohlſtand zunimmt, ſo daß das heutige Odeſſa dem von 1813 kaum mehr ähnlich ſieht. Da es jedoch intereſſant iſt, den Zuſtand dieſer Stadt, ſo wie ihn die neueſten Nach⸗ richten ſchildern, mit dem in frühern Zeiten zu vergleichen, was ihr erſtaunlich ſchnelles Emporkommen beweiſt, ſo will ich nur die hauptſächlichſten Bemer⸗ kungen, die ich während meines dortigen Aufenthaltes darüber machte, mit⸗ theilen.— Odeſſa's Bevölkerung, mit Einſchluß der Ausländer oder, wie man ſie zu nennen pflegt, Gäſte, belief ſich auf 16,000. Die Straßen waren breit, aber nicht durchgängig gerade, weil man bei Anlegung dieſes zum Handel be⸗ ſtimmten Ortes nicht ſowohl deſſen Schönheit, als den Nutzen und die Be⸗ quemlichkeit ſeiner Kaufleute berückſichtigt, und z. B. einige Reihen Magazine längs den Krümmungen des Hafens angebracht hatte; auch waren viele Straßen noch nicht gepflaſtert, und in der Nacht ohne Beleuchtung. Die Stadt hatte an allen Seiten offene, nur mit Schlagbäumen verſehene Ein⸗ gänge, und konnte, außer an der Hafenſeite, allenthalben ohne Schwierigkeit erweitert werden. Man zählte gegen 1100 ſteinerne, zum Theil im italieni⸗ ſchen Geſchmack aufgeführte Gebäude, und ungefähr 60 Balkenhäuſer, ſämmtlich noch aus der Zeit, wo die Stadt ihren erſten Urſprung nahm; doch trug man ſo eben 10 bis 11 derſelben ab, um ſteinerne dafür aufzubauen. Es gab an 30 Waarenhäuſer, 230 große, mit Balken ausgefütterte Erdgruben, beſonders um Getreide darin aufzubewahren, und über 100, zu verſchiedenen Zwecken beſtimmte Keller, mit Ausgängen auf die Straßen. Die öffentlichen Gebäude beſtanden, außer 4 ruſſiſch⸗griechiſchen Kirchen, vorzüglich in dem großen, im Viereck gebauten, an den Seiten mit Gewölben verſehenen, und in der Mitte mit mehreren hundert Buden beſetzten Kaufhofe, wo man alle Kräͤmer der Stadt beiſammen fand; ferner in der Börſe, den weitläufigen, aus 16 Ge⸗ 297 bäuden beſtehenden Kaſernen, dem Gymnaſium, dem Frälleinſtift und den drei zum Dampf⸗ und Waſſerbad eingerichteten Häuſern. Die meiſten der hier genannten Anſtalten, beſonders aber das Gymnaſium und das Fränleinſtift, verdanken ihr Daſein der wohlthätigen Fürſorge des Herzogs v. Richelieu, der eine geraume Zeit Gouverneur der Stadt war. Odeſſa's Hafen iſt durch Dämme in drei Theile getheilt. Er beſitzt die trefflichſten Eigenſchaften, und man hatte zu deren Erhaltung und Vervoll⸗ kommnung ſehr zweckmäßige Einrichtungen getroffen. So durften die Schiffe z. B. nicht, wie es in vielen, ſonſt gut eingerichteten Häfen geſchieht, den Ballaſt auf ihrem Ankerplatze in Lichter auswerfen, wobei immer etwas in's Waſſer fällt, was dasſelbe nach und nach ſeicht macht; ſie mußten, auf einer beſondern Stelle, ſich dicht an den Strand legen, und den Ballaſt mit mög⸗ licher Sorgfalt dahin ſchaffen. Ferner war, unter der Aufſicht des Hafen⸗ meiſters, fortwährend eine Anzahl Leute beſchäftigt, den Boden zu reinigen, zu vertiefen und zu ebenen. Man bediente ſich dazu eines flachen Fahrzeuges, worauf eine mit Räderwerk verſehene Winde angebracht war, welche mittels einer Kette, die großen und ſchweren Schaufelhoſen, Zangen und übrigen Werkzeuge, um Schlamm aufzuraffen, Steine u. ſ. w. zu faſſen und herauf zu ſchaffen, in Bewegung ſetzte. Der Hafen wurde von zwei kleinen Feſtungen vertheidigt. Nicht weit von der größern lag das Quarantänehaus; und auf allen Seiten befanden ſich Schiffswerften, wo ich, außer vielen kleinen Fahr⸗ zeugen und Booten, 10 oder 12 große Schiffe bauen ſah. Die Menge der im Hafen verſammelten in⸗ und ausländiſchen Schiffe betrug 200; im Laufe des Jahres waren bereits über 500 abgegangen. Odeſſa bot ſchon damals dem Fremden einen ſehr angenehmen Aufent⸗ halt dar, und er konnte dort wie in der Heimath leben. Denn außer den ruſſiſchen Einwohnern fand man bereits eine Menge Kaufleute, Künſtler und Handwerker aus allen Gegenden Deutſchlands, aus Frankreich, England und der Schweiz, ſo wie auch Italiener, Spanier, Schweden, Dänen, Armenier, Türken und beſonders viel Griechen und Juden. Faſt alle Nationen, wovon jede dieſelben Rechte und Freiheiten genoß, hatten ihre beſondern Wirths⸗ häuſer und andere Oerter, wo ſie zuſammen kamen. Es gab in Odeſſa einen Ueberfluß an Lebensmitteln, die theils das Erzeugniß der Umgegend, theils aus der Ferne, zu Waſſer und zu Lande be⸗ zogen waren, gutes Roggen⸗ und Weizenbrod, treffliches Rind⸗ und Kalb⸗ fleiſch, Fleiſch von Schweinen, Ziegen und Schafen(mit Fettſchwänzen), Wildpret, wildes und zahmes Geflügel, herrliche Fiſche, allerlei grüne und trockne Gemüſe, köſtliches Obſt, ſchöne Trauben, Südfrüchte u. ſ. w. Uebrigens 298 war faſt Alles zu bekommen, was man nur wünſchen und irgend eine große Handelsſtadt gewähren kann. Einen ſehr erfreulichen Eindruck machte auf mich die rege Gewerbthätig⸗ keit, welche mir überall, wohin ich blickte, in die Augen fiel. Sie äußerte ſich vorzüglich im Handel, der einen großen Umfang hatte, da Odeſſa ſchon der Hauptſtapelplatz des ſüdlichen Rußlands, nämlich der Landſchaften Po⸗ dolien, Volhynien und Ukräne geworden war. Man verſchiffte Talg, Leder, Seife, Flachs und Hanf, Leinwand und Segeltuch, Pech, Harz, Theer, Wachs u. ſ. w., hauptſächlich aber Getreide. Auch ward eine Menge ausländiſcher Waaren, z. B. Zucker, Kaffee, Tuch, Stahlwaaren, Färbeſtoffe nach jenen Landſchaften verſendet. Nächſt dem Handel trieb man viel andere Gewerbe mit großer Lebhaftigkeit; dabin gehörte beſonders die Verfertigung des Pu⸗ ders, der Pomade und Seife, das Branntweinbrennen und Bierbrauen, das Schmieden, Tau⸗ und Segelmachen, und der Schiffsbau. Uebrigens war für Anſtalten zur Belebung des Gewerbfleißes, wie zur geiſtigen und ſittlichen Bildung, ſo gut als in irgend einem Theile des ruſſiſchen Reichs geſorgt; denn außer dem erwähnten Gymnaſtum und dem Fräuleinſtift fand ich mehrere öffentliche Volksſchulen, ſo wie auch einige von Privatleuten angelegte Handels⸗ und Schifffahrtsſchulen. Bei der regen Betriebſamkeit der Einwohner und der vielfachen Auf⸗ munterung, die ihnen dazu gegeben ward, konnte es nicht fehlen, daß ſich alle Volksklaſſen verhältnißmäßig in großem Wohlſtande befanden. Dies bewies nicht nur ihre lebensluſtige Gemüthsſtimmung, welche die gewöhnliche Heiter⸗ keit der Ruſſen noch weit übertraf, ihre gute Kleidung, häusliche Einrichtung und ganze Lebensweiſe, ſondern auch der Umſtand, daß ſelbſt die erſten Be⸗ dürfniſſe, trotz des vorhandenen Ueberfluſſes, ziemlich hoch im Preiſe ſtanden, und mithin das Geld einen geringen Werth behauptete. Das Beiſpiel der vielen weſtlichen Europäer, die in Odeſſa wohnten, hatte bereits großen Einfluß auf die äußere Sittlichkeit der ruſſiſchen Ein⸗ wohner gehabt, ſo daß man viele, beſonders aus den höhern und mittlern Ständen, von den Deutſchen, Franzoſen u. ſ. w. nicht unterſcheiden konnte. Deſſen ungeachtet war, da ſie zwei Dritttheile der Bevölkerung ausmachten, fortwährend im Verkehr mit dem Innern des Reiches ſtanden, und durch neue Anſiedler von dorther vermehrt wurden, das vaterländiſche Gepräge ihrer Sitten nicht ganz verwiſcht. Ich machte ſogar die Bemerkung, daß die meiſten Ausländer, ob ſie ſchon im Ganzen nach ihrer eigenen Weiſe lebten, Manches von den Ruſſen angenommen hatten. Sie aßen z. B. eben ſo gern, wie dieſe, mit Zwiebeln und Knoblauch gewürzte Speiſen, Sauerkraut, ſauer gemachte 1 rothe Rüben mit Grütze, Brei von gehacktem Fleiſch und Roggenmehl oder Hirſe, u. m. a.; ſie tranken eben ſo gern Liqueur, geiſtige Biere aus Honig oder Birkenſaft und Malz, waren eben ſo leidenſchaftlich für das Schwitzbad, für das Tanzen, das Schach⸗ und Kartenſpiel eingenommen; ja, ich ſah zwei Engländer einander recht herzlich mit Küſſen bewillkommnen, ſo ſehr man auch in ihrer Heimath dieſe Sitte unter Männern verlacht. Unter den Leuten niedrigen Standes, die übrigens gut und ſogar fein gekleidet gingen, bemerkte ich noch häufig die altruſſiſche Tracht— den langen Bart, den Kaftan, die Leibbinde, den ſehr hohen runden Hut u. ſ. w. Zu den öffentlichen Vergnügungen gehörten im Allgemeinen Zuſammen⸗ künfte in den Gaſthäuſern der Stadt, Spaziergänge, Fahren und Reitennach den benachbarten Dörfern und Landhäuſern, ſo wie Luſtfahrten auf dem Waſſer. Indeſſen unterhielten ſich Viele auch auf echt ruſſiſche Weiſe; ſie be⸗ ſtiegen z. B. ein Carrouſel, oder eine Schaukel, oder ſtellten Uebungen im Fauſtkampf, im Ringen u. ſ. w. an. Im Winter machten die Schlittenfahrt, das Schlittſchuhlaufen und das Herabgleiten von künſtlichen Eisbergen, ſo wie dann und wann ein Ball, die gewöhnlichſten öffentlichen Vergnügungen aus. Theater— deren es jetzt zwei gibt, ein ruſſiſches und ein italieniſches,— hatte man noch nicht; doch wurde von einigen Italienern täglich ein Puppen⸗ ſpiel aufgeführt, das Ruſſen und Ausländer ſtark beſuchten, da die Spieler viel Geſchicklichkeit beſaßen, ihren Puppen gleichſam Leben zu verleihen, und ſie die Handlungen der Menſchen, beſonders drollige, täuſchend nachahmen zu laſſen. Die häuslichen Vergnügungen der' niedrigen Volksklaſſen beſtanden hauptſächlich in Geſang, Muſik und Tanz, in Schach⸗ und Kartenſpiel, in Schmauſen und ziemlich unmäßigem Genuſſe des Branntweins, der bei keiner geſelligen Zuſammenkunft fehlen durfte. Männer und Frauen, Kinder und Greiſe ſangen bei der Arbeit, wie in den Erholungsſtunden vaterländiſche Lieder oder die ihnen eben einfallenden Gedanken, bisweilen nach Melodien aus dem Stegreife. Ich bemerkte indeſſen, daß die Leute viel wohlklingendere Stimmen, als die Bewohner des nördlichen Rußlands hatten, und die Me⸗ lodien, wenn es auch dieſelben waren, beſſer vorzutragen und auf angenehme Weiſe abzuändern wußten, was man theils dem mildern Klima, theils dem beſſern, beſonders durch die Italiener verfeinerten Geſchmack zuſchreiben muß. Die muſtkaliſchen Inſtrumente beſtanden in Zithern, Lauten, Harfen mit Metrallſaiten, dreiſaitigen Geigen, Pfeifen mit zwei Röhren, in Brummeiſen und dem Dudelſack; und faſt Jeder konnte auf dem einen oder dem andern dieſer Inſtrumente, mit mehr oder weniger Fertigkeit, einige Stückchen ſpielen. 300 Der gewöhnliche Tanz war der bekannte ruſſiſche, der nur von zwei Perſonen, einer männlichen und einer weiblichen, getanzt wird, und der in den mannig⸗ faltigſten Bewegungen, woran der ganze Körper Theil nimmt, Zärtlichkeit und Sehnſucht ausdrückt. Außerdem waren mehrere polniſche und koſakiſche Tänze beliebt, auch hatte der ſpaniſche Fandango Eingang gefunden, da er ohnehin in ziemlich naher Verwandtſchaft mit jenem Nationaltanze ſteht. Die Tänze wurden bald mit Muſik, bald mit Geſang, bisweilen mit beiden zugleich begleitet. Im Winter beluſtigten ſich die jungen Leute häufig auch mit Pfänderſpielen und mit allerhand Poſſen, z. B. Verkleidungen, um Menſchen und Thiere nachzuahmen. 1 Was den moraliſchen Charakter der ruſſiſchen Einwohner betrifft, ſo konnte ich in meiner Meinung darüber nicht auf's Reine kommen, da er unter dem Einfluſſe ſo vieler, im Denken und Handeln verſchiedener Völkerſchaften ſtand, und ſich daher bei Einigen mehr zur Friedlichkeit, Offenheit und Red⸗ lichkeit, bei Andern zur Streitſucht, Liſt, Betrüglichkeit u. ſ. w. neigte. Nur einige Charakterzüge ſchienen mir allgemein; dies war beſonders Höflichkeit, und eine große Duldſamkeit in Religionsſachen— eine Folge des ſtarken Verkehrs mit fremden Völkern, und des Schutzes, den die Regierung allen Religionen angedeihen läßt.— Duldſamkeit iſt nicht ſelten mit Gleichgiltigkeit gegen die Religion ver⸗ bunden. Es überraſchte mich daher, als ich in Odeſſa wahrnahm, daß die dort befindlichen Ruſſen, bei aller Nachſicht gegen Katholiken und Proteſtanten, Muhammedaner und Juden, dennoch mit warmem Eifer für den Glauben ihres Volkes, d. i. den der griechiſchen Kirche, beſeelt waren. Sie hielten die zahlreichen Faſttage mit ſtrenger Gewiſſenhaftigkeit, beſuchten fleißig die Meſſen, und verrichteten mehrmals des Tages ihr Gebet zu Hauſe vor dem Bilde des Schutzheiligen. Dieſes Bild befand ſich in der Wohnſtube, in einem an der Wand befeſtigten Schränkchen; vor demſelben war eine Lampe. und auf den Seiten mancherlei Zierrath, z. B. bunt bemalte Oſtereier, vor⸗ züglich aber die zahlreichen Geſchenke, welche die Familie dem Heiligen geweiht hatte, aufgehängt. In den Häuſern einiger Vornehmen erblickte ich das Bild des Schutzheiligen über einem kleinen, mit Wachskerzen beſetzten Altar, in einer Niſche, die ſeidene Vorhänge verdeckten. Auch wurden alle die aber⸗ gläubiſchen Gebraͤuche, welche die Griechen ihrer Religion beigemiſcht haben, wenigſtens von den niedrigen Volksklaſſen genau beobachtet. Dahin gehörte der Gebrauch, zum Schutze vor Gefahren Kreuze, Heiligenbilder, Reliquien und dergleichen Dinge bei ſich zu tragen. Es verdient jedoch erwähnt zu werden, daß, wenn man dieſen religiöſen Aberglauben abrechnet, ſchon ein — 301 wichtiger Schritt zur allgemeinen Aufklärung gethan, und von den vielen irrigen Meinungen, welche das gemeine Volk in andern Theilen Rußlands beherrſchen, wenig zu bemerken war. 19. Die Rückreiſe.— Etwas über das Wetter und die Winde im ſchwarzen Meere.— Konſtantinopel. — Die Vorſtadt Pera.— Wir ſegeln von Konſtantinopel wieder ab.— Das griechiſche Meer.— Man geht in einem Hafen von Mitylene zu Anker.— Einiges über die Erzeugniſſe dieſer Inſel.— Fortſetzung der Reiſe durch den Archipelagus.— Die Flotte hält ſich kurze Zeit in Cerigo auf, und ſegelt ſodann mit günſtigem Winde weiter. Am 3. November begab ſich unſere Flotte auf die Rückreiſe. Wir hatten kaltes, oft mit Schneegeſtöber begleitetes Wetter. Der Thermometer ſtand ſo⸗ gar in den Mittagsſtunden unter dem Gefrierpunkte; und ſchon vor einiger Zeit hatte ſich in Odeſſa's Hafen, am Rande des Ufers, etwas Eis gebildet. Es iſt daher nicht zu verwundern, wenn er im Winter bisweilen ganz zufriert, und das ſchwarze Meer meilenweit von den Küſten, ja, wie es ſchon mehrmal geſchehen iſt, über und über ſich mit Eis bedeckt. Da hierbei manchem meiner Leſer ein Zweifel aufſtoßen dürfte, ſo ſcheint es mir nicht überflüſſig, zu deſſen Beſeitigung einige erläuternde Bemerkungen einzuſchalten.— Winter und Sommer treten in den Gegenden am ſchwarzen Meere, wie überhaupt im öſtlichen Europa, ungleich ſchneller ein, als in den weſtlichen Ländern und Gewäſſern. Zugleich iſt dort die Wirkung der beiden Jahreszeiten, Kälte und Wärme, verhältnißmäßig heftiger. Dies hat ſeinen Grund hauptſächlich in dem Umſtande, daß jene öſtlichen Gegenden vom Ocean entfernt, und daher dem Einfluſſe desſelben in geringerem Maße unterworfen ſind. Denn da die Wirkungen der Jahreszeiten den Ocean, wegen der größern Dichtheit ſeiner Beſtandtheile, nicht ſo leicht als die Luft durchdringen, ſo wird, durch ſeine Ausdünſtung, in den angrenzenden Abendländern die Kälte des Winters und die Wärme des Sommers gemildert; daher denn auch in dieſen Ländern die Weſtwinde in den Wintermonaten wärmer, aber in den Sommer⸗ monaten kühler als die Oſtwinde ſind. Die Winterkälte wird im ſchwarzen Meere ferner auch dadurch ſehr vermehrt, weil es auf allen Seiten mit hohem, größten Theils gebirgigem Lande umgeben iſt. Da übrigens dieſes inländiſche Gewäſſer keine große Tiefe hat, ſo nimmt es die Temperatur der Luft leichter als andere Meere an, und da es, als der Behälter vieler großen Flüſſe, eine geringere Salzigkeit beſitzt, ſo iſt es auch weniger geſchickt, der Erſtarrung Widerſtand zu leiſten. Da, wo das Waſſer völlig ſtill ſteht, beſonders am „ 302 Rande des Ufers in den Häfen, wird es durch eine Kälte von 8 Grad R. zum Erſtarren gebracht, obſchon bei dem des Oceans in der Regel 12— 13 Grad dazu erforderlich ſind. Mitten im Hafen, je nachdem dieſer mehr oder weniger tief, geräumig und ruhig iſt, gefriert die Oberfläche bei 10— 12 Grad, und auf dem hohen Meere bisweilen bei 14— 16, was noch öfter der Fall ſein würde, wenn nicht der heftige Wellenſchlag, den die tobenden Winde faſt un⸗ ausgeſetzt unterhalten, es verhinderte. Die Winde machten uns auf der Fahrt durch das ſchwarze Meer viel zu ſchaffen; denn ſie wehen auf dieſem Gewäſſer, beim Einbruche des Winters, mit unbeſchreiblicher Wuth, was dadurch noch verſchlimmert wird, daß ſie an dem umher gelegenen hohen Lande ſich brechen, und häufig Wirbel erregen. Da ſie jedoch im Ganzen eine uns günſtige Richtung hatten, ſo kamen wir ſchon am 9. in der Meerenge von Konſtantinopel an. Beim Eintritt in dieſes Gewäſſer empfing uns eine milde, von der bis⸗ herigen ganz verſchiedene Luft, die aber dick und nebelig war, ſo daß ſie das Land zu beiden Seiten verdüſterte und großen Theils unſern Blicken entzog. Dies verurſachte jedoch keine ſonderliche Störung in dem Fortkommen unſerer Schiffe; ſie erreichten am Abend desſelben Tages den Hafen von Konſtantinopel, und warfen daſelbſt die Anker. Am nächſten Morgen erheiterte ſich der Himmel, und vergönnte uns noch⸗ mals, die Schönheiten Konſtantinopels und der umgebenden Landſchaft zu überſchauen, welche letztere mich faſt noch mehr als das erſte Mal entzückte, in⸗ dem das lebhafte Grün der durch häufigen Regen erfriſchten Auen, das Gelb und Roth des welken Laubes auf den Bäumen, das tjefe Schwarzbraun der kahlen, ihrer Früchte beraubten Felder, und das blendende Weiß des Schnees auf den Berggipfeln, welche den fernen Horizont im Oſten und Weſten be⸗ grenzen, ein reizendes Farbenſpiel gab. 3 Da unter den Einwohnern Konſtantinopels die Peſtkrankheit ſchon lange nachgelaſſen hatte, und kein Fremder den Verkehr mit ihnen ſcheute, ſo begaben ſich Viele von unſern Schiffen an das Land, und zwar nach der Vorſtadt Pera, weil dieſelbe uns am nächſten lag, und man aus Furcht, daß der Commodore die Abfahrt beſchleunigen möchte, ſich nicht weit entfernen durfte. Unter dieſen Spaziergängern war ich nicht der letzte. Ich landete an derjenigen Seite von Pera, wo ſich die Wohnungen der meiſten europäiſchen Geſandten und Konſuln befinden. Dies ſind faſt durch⸗ gängig große und prächtige, theils frei ſtehende, theils mit Mauern eingeſchloſſene Gebäude. Sie bilden eine lange, aber hier und da von armſeligen Häuſern unterbrochene Reihe, die ſich längs den Ufern hinzieht. Man genießt in ihnen eine herrliche Ausſicht über den Hafen, nach verſchiedenen Theilen Konſtanti⸗ nopels, nach Skutari und den reizenden Landſchaften Anatoliens. Zwiſchen den Häuſern und dem Ufer läuft eine ſchlecht gepflaſterte Straße hin, die jedoch ziemlich rein gehalten wird. Es war in dieſer Hafenſtraße ein außerordent⸗ licher Zuſammenfluß von Menſchen, die meine Aufmerkſamkeit um ſo mehr in Anſpruch nahmen, da ſie ein buntes Gemiſch der verſchiedenſten Nationen dar⸗ ſtellten, Türken, Juden, Griechen, Armenier und Unterthanen aus allen euro⸗ päiſchen Staaten. Das Gedränge wurde bald durch den Umſtand noch ver⸗ mehrt, daß einige der europäiſchen Geſandten, welche ſich während des Sommers in dem Dorfe Bujukdere aufzuhalten pflegen, ſo eben von dort zurückkehrten. Hierbei erhielt ich Gelegenheit, mir einen Begriff von dem großen Aufwande zu machen, wozu die Geſandten in Konſtantinopel, wegen der Prachtliebe des dortigen Hofes, genöthigt ſind. So kam z. B. der portugieſiſche mit wahrhaft königlichem Prunk an. Es war ein langer, prächtiger Reiterzug; die Diener⸗ ſchaft, welche außer den Reitknechten und Lakaien, aus Jägern, Huſaren u. ſ. w. beſtand, umfaßte wenigſtens dreißig Perſonen, und die Kleidung derſelben ſtrotzte von Gold und Silber. Nachdem ich in dieſer Hafenſtraße ziemlich weit fortgegangen war, ſtand ich im Begriff, in eine Quergaſſe einzulenken, um das Innere der Sadt zu beſichtigen. Allein, der traurige Anblick der Gaſſe, die eng und krumm, mit Schmutzhaufen bedeckt, und mit hölzernen Hütten beſetzt war, veranlaßte mich zu zögern, und— als ſollte der gute Eindruck, den Pera bis hierher auf mich gemacht hatte, nicht verloren gehen, der Zufall führte in dem Augenblick einige Bekannte herbei, welche mich von meinem Vorhaben abbrachten und in ein nahe gelegenes Kaffebhaus mitnahmen. Dieſes Haus, das ganz im italieniſchen Geſchmack und prächtig eingerichtet war, wimmelte von Europäern, beſonders Engländern, Deutſchen und Italienern, die meiſtens Seeleute, theils aber auch Kaufleute, Künſtler, Handwerker, oder zu den Geſandtſchaften gehörige Perſonen, 3. B. Sekretäre, Dolmetſcher, Aerzte u. ſ. w. waren. Die anziehende Unter⸗ haltung, welche mir die zahlreiche Geſellſchaft gewährte, und beſonders das Ge⸗ ſpräch über die folgenreiche Schlacht bei Leipzig, wovon die Nachricht ſeit kurzem eingetroffen war, hielt mich gefeſſelt, bis nach einigen Stunden der Commodore unſerer Flotte, durch einen Kanonenſchuß und das Aufziehen einer blauen und weißen Flagge, das Zeichen zur Abreiſe gab, worauf ich mich los⸗ zureißen eilte. Ein griechiſcher Fährmann brachte mich ſchnell an Bord des St. Angelo. Bald nach meiner Rückkunft an Bord erſchienen türkiſche Kommiſſäre, von Juden und einem chriſtlichen Dolmetſcher begleitet. Ihr Beſuch hatte den 304. Zweck, uns dahin zu vermögen, daß wir unſere Getreideladung an die Regierung verkaufen möchten. Da die hohe Pforte unſern Schiffen, noch ehe ſie von Sieilien abgegangen waren, eine freie Fahrt durch den Kanal von Konſtanti⸗ nopel zugeſichert hatte, ſo trugen wir kein Bedenken, dieſe Zumuthung auf das Beſtimmteſte zurückzuweiſen. Deſſen ungeachtet wurden wir hartnäckig be⸗ ſtürmt, bis der St. Angelo unter vollen Segeln war. Auch den übrigen, bei der Flotte befindlichen Kauffahrern machte man dergleichen Anträge; ſie fanden jedoch nirgends Gehör, um ſo weniger, da es der Commodore nicht einmal ge⸗ ſtattet haben würde, weil er von ſeinen Obern in Malta und Sieilien, ſo wie auch neuerlich vom Geſandten in Konſtantinopel, ſtrengen Befehl hatte, die ſeiner Leitung anvertrauten Getreideſchiffe unter keinem Vorwande aufhalten zu laſſen. Wir hatten auf dem ganzen Wege durch das Meer von Marmora ſüdöſt⸗ lichen Wind, welcher nach unſerer Ankunft im Hellespont zu einem nördlichen und mithin noch günſtigern wurde, daher wir ſchon am 13. November das griechiſche Inſelmeer erreichten. Am 14. waren wir eben bei Mitylene vorüber, als nach einer kurzen Windſtille ein heftiger, mit Gewittern begleiteter Sturm aus Südweſten entſtand, was unſern Commodore veranlaßte, nach jener Inſel zurückzuſegeln, und in den, an der Nordweſtküſte befindlichen Hafen, Pedro Gigro genannt, einzulaufen. Die kleine Stadt dieſes Hafens nimmt ſich armſelig aus, ſo wie auch die umliegende Gegend, die im Hintergrunde mit hohem, waldigem Gebirge begrenzt iſt, ein ziemlich rauhes und unfruchtbares Anſehen hat. Gleichwohl gaben uns die Einwohner, welche halb aus Türken, halb aus Griechen beſtanden, einen deutlichen Beweis, daß es ihnen an Lebensmitteln nicht fehlte; denn ſie brachten guten Wein, Schafe und Ziegen, Hühner und Eier, Wildpret, mancherlei Früchte, beſonders vortreffliche Feigen, ſo wie Fiſche, Caviar u. ſ. w. in Menge zum Verkauf. Doch litten ſie Mangel an dem erſten Bedürfniſſe des Lebens, an Getreide, was nicht nur der hohe Preis ihres Brodes, das überdem aus grobem, ſtark mit Kleie vermiſchtem Mehl beſtand, ſondern auch der Umſtand ſehr bemerkbar machte, daß ſie großes Verlangen zeigten, ſtatt des Geldes Weizen für ihre Waaren zu bekommen. Man erbaut nämlich auf der ganzen, 35 Meilen im Umfang haltenden Inſel, weil ſie faſt durchaus gebirgig iſt, wenig Getreide. Sie beſitzt aber einen Reichthum an trefflichem Holze, an Marmor und vulkaniſchen Erzeugniſſen; ich ſah mancherlei ſolcher Gegenſtände, beſonders ſchönes, für den Schiffbau geeignetes Fichten⸗ und Eichenholz, zur Ausfuhr einſchiffen. Am 15. November legte ſich der Sturm und ging in einen gemäßigten Nordweſtwind über; daher wir die Anker lichteten und uns von Neuem in See begaben. Der Wind behielt aber die angenommene Richtung nicht lange, ſondern wechſelte bisweilen wohl zehnmal in einer Stunde. Zufolge dieſer un⸗ beſtändigen Witterung und der Hinderniſſe, welche die vielen zerſtreut liegenden Inſeln in den Weg legten, durchſchifften wir, ohne daß uns jedoch ein Unfall begegnete, im vielfachen Zickzack den Archipelagus, und kamen nach und nach bei Pſara, Scio(Chios), Mycone, Naxos, Paros, Syra, Sifanto, Serfo und endlich bei Antimilo vorüber; bei mehren dieſer Inſeln gingen wir auf kurze Zeit vor Anker. Von Antimilo führte uns ein heftiger Luftſtrom ſchnell nach Cerigo, wo wir am Morgen des 20. ankamen und abermals die Anker warfen. Da ſich aber das Wetter ſehr günſtig zur Fortſetzung unſerer Reiſe geſtaltete, ſo ſegelten wir noch am Abende desſelben Tages, und ſobald die Corvette einige Briefe nach Malta, England u. ſ. w. übernommen hatte, wieder ab. Am folgenden Morgen war Cerigo und ganz Griechenland, deſſen hohe Berge in weiter Ent⸗ fernung zu ſehen ſind, unſern Blicken entſchwunden. 20. Schilderung der heutigen Griechen. Obſchon mein Reiſebericht ſpäterhin noch mehrmals mit Griechenland in Berührung kommt, ſcheint es mir doch nicht am unrechten Orte zu ſein, wenn ich hier, am Ende der Reiſe durch den Archipelagus, einige Bemerkungen über die Griechen im Allgemeinen beifürge, und zwar das Ergebniß von allen dem, was ich damals ſowohl als zu andern Zeiten an ihnen wahrzunehmen Gele⸗ genheit hatte.— Wenn auch die Griechen, nach den, von ihren Vorfahren noch vorhandenen Statuen und Bildniſſen auf Edelſteinen Münzen u. ſ. w. zu ſchließen, nicht mehr ſo ſchön als in frühern Zeiten ſind, oder wenn ſie, was noch wahrſcheinlicher iſt, nie ſo große Schönheit beſaßen, als man ge⸗ wöhnlich glaubt, weil jene Kunſtwerke nicht Nachbildungen einzelner lebender Perſonen, ſondern Zuſammenſtellungen einzelner, von vielen Perſonen ent⸗ lehnter Reize waren; ſo ſind ſie dennoch ein Menſchenſchlag, der wenigen Na⸗ tionen an Wohlgeſtalt nachſteht. Sie haben meiſtens einen ſehr mäßig ge⸗ nährten, gewandten, nervigen Körper von anſehnlicher Größe, mit breiten Schultern, hoher Bruſt, dünnem Unterleib, kleinen Füßen und langem Halſe. Ihr länglich rundes Geſicht bezeichnen feurige Augen, mit langen Wimpern und. ſtarken Brauen, ein kleiner, mit ſchönen Zähnen beſetzter Mund, eine fein geformte, mit der Stirn faſt. in gerader Linie herabgehende Naſe, und Züge Richter's Reiſen. II. 20 voll Leben und Ausdruck. Ihre Geſichtsfarbe grenzt an das Braune, worin aber viele Abſtufungen Statt finden, nicht blos zwiſchen den Bewohnern der ſüdlichen und der nördlichen Landſtriche, ſondern auch zwiſchen denen der Thäler und der Berge; ja, einige ſehen beinahe ſo weiß wie die nördlichen Deutſchen aus, dagegen andere den ſüdlichen Italienern an Bräune gleich kommen. Das Haar und die Augen ſind bei den Meiſten ſchwarz; doch findet man, beſonders unter den Gebirgsbewohnern, viele mit hellfarbigem Haar und blauen Augen. Im Gang und in jeder Bewegung ihres Körpers herrſcht eine große Lebhaftigkeit, die aber, ſelbſt bei Leuten aus den niedrigſten Volks⸗ klaſſen, mit einem edeln und gefälligen Anſtande verbunden iſt. Im Sprechen pflegen ſie, wie die Italiener, viele Bewegungen mit den Händen, Augen u. ſ. w. zu machen. Die Männer haben die Gewohnheit, den Schnurrbart häufig zu ſtreichen, oder zu zupfen, was bald Nachdenken und Verlegenheit, bald Freude und Wohlbehagen, oder Mißvergnügen und Zorn zu erkennen gibt.— Warum einige Reiſende das Aeußere der Griechen für abſchreckend erklärt haben, ſcheint hauptſächlich von der großen Kühnheit und Verſchmitzt⸗ heit, die ſich darin ausſpricht, herzurühren. Geiſt, welcher ihre Vorfahren beſeelte, noch nicht perlaſſen hat, iſt durch die Ereigniſſe der neueſten Zeit erwieſen; wenigſtens darf man ſie der Feigheit und des Mangels an Freiheitsſinn gewiß nicht beſchuldigen. Sie beſitzen noch, wie ehedem, vorzügliche Verſtandeskräfte und ein lebhaftes, feines Ge⸗ fühl, obſchon ſie bisher durch Erzeugniſſe der Wiſſenſchaft und Kunſt wenig Beweiſe davon gaben, weil ihre Bildung unter dem türkiſchen Joch, das jedes Emporſtreben des Geiſtes erſtickt, ſich zu erheben nicht vermochte. Ich erhielt oftmals Gelegenheit, mich zu überzeugen, wie viel ſie bei gehöriger Leitung zu leiſten im Stande ſind. So lernte ich z. B. in Livorno und ſpäter auch in Trieſt junge Griechen kennen, die in den dortigen Lehranſtalten erſtaunliche Fortſchritte machten. Zch fand ferner, daß einige der ausgezeichnetſten Toͤn⸗ künſtler in Palermo, zu der Zeit, als das Hoflager des Königs von Neapel ſich daſelbſt befand, Griechen waren, die ihre Erziehung in Italien erhalten hatten. Auch ſah ich mehre Leute dieſer Nation im Dienſte der Engländer die geringen Kenntniſſe, welche ſie dahin brachten, auffallend ſchnell erweitern, ſo daß man ihnen wichtige Aemter anvertraute; der Menge trefflicher griechi⸗ ſcher Seeleute, die ich auf den engliſchen Schiffen antraf, nicht zu gedenken. Uebrigens kann auch der Umſtand, daß die Griechen ein beſonderes Vergnügen darin ſinden, Räthſel und Charaden zu löſen, aus dem Stegreif Verſe zu machen, oder Geſpräche mit einander zu halten, die aus lauter ſinnreichen Daß die Griechen der kühne, unternehmende und zu allem Großen fähige Sprichwörtern zuſammengeſetzt ſind, als Beweis für die Kraft und Thätigkeit ihres Geiſtes angeführt werden. Wiſſenſchaften und Künſte ſind, wie ſchon geſagt, bisher wenig getrieben worden. Zwar findet man Schulen; allein dieſe laſſen noch Vieles zu wün⸗ ſchen übrig. Auch erhalten nur die Knaben den Schulunterricht; die Mäd⸗ chen ſind gänzlich davon ausgeſchloſſen. Daß die Unwiſſenheit des weiblichen Geſchlechtes ſehr nachtheilig auf die Erziehung des männlichen wirkt, kann nicht fehlen.— Da die Griechen ſeit Jahrhunderten der Willkühr ihrer Ge⸗ bieter Preis gegeben waren, ſo gibt es unter ihnen keine Rechtsgelehrten. In wenig Oertern findet ſich ein Arzt, wenn man nicht einen Quackſalber oder Arzneikrämer ſo nennen will. Die Theologie, getrennt von jeder andern Wiſſenſchaft, iſt zum Handwerk herabgeſunken. Die Weltgeiſtlichen, Papas genannt, ſind faſt durchgängig gemeine Leute, von welchen man nichts als die Fähigkeit verlangt, leſen und ſchreiben, die kirchlichen Gebräuche verrichten, einige Gebete und die bei Kindtaufen, Trauungen, Beerdigungen u. ſ. w. ge⸗ wöhnlichen, in gelehrter altgriechiſcher Sprache abgefaßten Formeln mechaniſch herſagen zu können; Beichte zu hören, iſt ihnen nicht geſtattet. Zu höhern Stellen werden ſie ſelten befördert, und die meiſten beſchäftigen ſich, neben den prieſterlichen Verrichtungen, mit dem Ackerbau, der Schafzucht oder irgend einem andern Gewerbe. Wenig beſſer ſteht es um die wiſſenſchaftliche Bildung der Ordensgeiſtlichen, nämlich des Patriarchen, der Metropoliten, Erzbiſchöfe, Biſchöfe u. ſ. w. Alle dieſe Geiſtliche beginnen ihre Laufbahn im Hauſe eines Biſchofs, wo ſie Dienerſtellen bekleiden, die Küche, den Tiſch, Keller, Garten, Pferdeſtall und überhaupt das Wirthſchaftliche beſorgen; beiläufig werden ſie im Leſen, Schreiben und Singen geübt. Nach dieſer Vorbereitung kommen ſie als Kalojer in ein Kloſter, und haben ſie nach drei oder vier Jahren einige Kenntniß des Altgriechiſchen, der heiligen Schrift und des Kirchengebrauchs, ſo wie einige Fertigkeit im Singen erlangt, und beſitzen ſie Vermögen, um anſehnliche Geſchenke zu machen, dann wird es ihnen nicht ſchwer, zum Dia⸗ konat und ſtufenweiſe zu den höhern Würden zu gelangen. Aus dem, was ich hier geſagt habe, läßt ſich leicht der Schluß ziehen, daß Philoſophen, Sprach⸗, Geſchichts⸗ oder Naturforſcher, Aſtronomen, Geo⸗ graphen, Mathematiker u. ſ. w. eine Seltenheit ſind. Gleichwohl wäre es irrig, an dem gänzlichen Daſein ſolcher Männer zu zweifeln. Denn es gibt Einzelne, die, meiſtens im Auslande gebildet, Geſchmack an den Wiſſenſchaften finden, nicht nur die alten Klaſſiker ihres Vaterlandes, ſondern auch die neuern ausländiſchen mit Eifer leſen, und letztere zum Theil in's Neugriechiſche überſetzen. Es ſind bereits Ueberſetzungen vieler italieniſcher, franzöſiſcher, .. 20* 308 deutſcher und engliſcher, ſowohl wiſſenſchaftlicher Werke, als Schauſpiele, Ro⸗ mane u. ſ. w., ſo wie auch einige nicht unwichtige, urſprünglich in neugrie⸗ chiſcher Sprache abgefaßte Schriften vorhanden. Unter allen Künſten lieben die Griechen keine ſo ſehr als die Dichtkunſt, da ſie ihrer tief fühlenden und mit einer reichen Einbildungskraft begabten Seele ſo nahe verwandt iſt; und obſchon ſie bisher, aus Mangel an andern Kenntniſſen, keine meiſterhaften Werke der Art hervorgebracht haben, ſo beſitzen ſie doch einen Schatz von Volksliedern, welche, bei aller Rauhheit des Ausdrucks, erhabene Gedanken, Ergießungen heißer Gefühle und witzige Einfälle enthalten. Auch die Rede⸗ kunſt iſt unter den Griechen nicht ganz verloren gegangen, ob ſie gleich ſeit. Jahrhunderten keine Gelegenheit hatten, dieſelbe vor Gerichtshöfen oder in Staatsverſammlungen zu üben. Ihre Geiſtlichen, beſonders die Papas, haben oftmals gezeigt, daß in ihren, wenn auch kunſtloſen Reden eine unwiderſteh⸗ liche Kraft lag, das bedrückte Volk zu tröſten und es gegen die Grauſamkeit ihrer Oberherren mit Geduld zu waffnen. 1 5 Die großartige Baukunſt der alten Griechen iſt ſeit langer Zeit in ein kleinliches Gemiſch des Gothiſchen und des Morgenländiſchen ausgeartet. Von dex Bildhauerei und andern Künſten, die im Alterthum den höchſteu Gipfel der Vollkommenheit erreicht hatten, läßt ſich kaum eine Spur mehr entdecken. Die Malerkunſt wird zwar hier und da ausgeübt; aber die Jeſusköpfe, Ma⸗ rien⸗ und Heiligenbilder— denn Gemälde anderer Art ſind mir nicht zu Ge⸗ ſicht gekommen,— erinnerten mich an die Leiſtungen der chineſiſchen Maler, welche bekanntlich jeden Gegenſtand mit ſtark gezeichneten Umriſſen, mit grellen bunten Farben und ohne Schattirung darſtellen. Die Muſik ſcheint unter den Griechen in keinem Zeitalter einen vorzüglichen Grad der Ausbildung erreicht zu haben, und hat es auch im gegenwärtigen nicht, trotz des feinen Gefühls und der großen Reizbarkeit dieſes Volks, welches durch das eintönigſte Spiel. auf Zithern mit drei Saiten, auf kleinen Flöten oder rauh klingenden Geigen, ja, durch die Töne der Handtrommel, des Brummeiſens, oder der Sackpfeife in Entzückung geräth. Eben ſo kunſtlos wie die Muſik ſind auch die Geſänge, obſchon der natürliche Wohlklang der Stimme dabei zu Statten kommt. Die Tanzkunſt, welche bei allen Zuſammenkünften die Seele der Unter⸗ haltung iſt, hat man, in Vergleich mit den übrigen Künſten, ſehr ausgebildet. Es gibt eine Menge Tänze, die theils kriegeriſche, theils idylliſche oder andere Seenen darſtellen. Die beliebteſten ſind der candiotiſche, wallachiſche, pyrrhiſche und der ſchon oben erwähnte römiſche, gewöhnlich„Romeika“ genannte. Schau⸗ ſpiele ſucht man bei den Griechen vergebens; doch haben ſie Puppenſpieler, welche durch ihre Geſchicklichkeit vorzügliche Anlage zu Darſtellungen beweiſen. 309 1 Das griechiſche Volk beſteht, außer den Geiſtlichen, hauptſächlich aus fünf gewerbtreibenden Klaſſen, nämlich Landbauern, Hirten, Handwerkern, Kaufleuten und Seefahrern. Obſchon die Nachkommen der berühmten alten Familien ſtolz auf ihre Abkunft ſind, ſo gibt es doch keinen Adel, da die tür⸗ kiſche Regierung, welche jeden Griechen ohne Unterſchied als ihren Sklaven betrachtet, nie einen ſolchen anerkannt und nur der höhern Geiſtlichkeit, um ſie zu Werkzeugen der Bedrückung zu gebrauchen, einen Rang, Titel und Vor⸗ rechte vertiehen hat. Die Uebrigen können ſich blos durch Reichthum einiges Anſehen verſchaffen. Die Landleute leben, wiewohl es ihnen an Thätigkeit nicht fehlt und das treffliche Klima dieſelbe reichlich belohnt, in großer Dürftigkeit, weil ſie mei⸗ ſtens blos Pächter, oder gedungene Arbeiter ſind. Aber auch diejenigen, welche, wie es beſonders auf den Inſeln der Fall iſt, Ländereien beſitzen, be⸗ finden ſich in keinem viel beſſern Wohlſtande. Die Urſache liegt nicht nur in dem Verbot, Getreide und andere Lebensmiktel auszuführen, und dem daher rührenden Grundſatze, nicht mehr zu erbauen, als das eigene Bedürfniß er⸗ fordert, ſondern auch in der Unvollkommenheit des Landbaues, welcher, wegen der geringen Aufmunterung, die er genießt, und wegen der großen Anhäng⸗ lichkeit am Herkömmlichen, ſeit vielen Jahrhunderten keine Verbeſſerung er⸗ fahren hat. Die Felder werden nicht gedüngt; auch findet ſelten ein zweck⸗ mäßiger Wechſel der Saaten Statt. Das Getreide läßt man, ſtatt es zu dreſchen, von Ochſen und Büffeln austreten. Das Ackergeräth iſt noch ganz unförmlich; denn z. B. der Pflug, welcher von Büffeln, Ochſen oder Eſeln, ſelten von Pferden gezogen wird, beſtand, wenigſtens damals noch, in einem Baumſtamme mit zwei, in entgegengeſetzter Richtung hervorſtehenden Aeſten, wovon der eine, zugeſpitzt und mit Eiſen beſchlagen, als Pflugſchar, und der andere als Handhabe zum Lenken diente. Faſt alle Laſten werden auf Eſeln oder auf Maulthieren fortgeſchafft, und Fuhrwerke ſind wenig im Gebrauch, ausgenommen kleine Karren mit Rädern, die aus dem Ganzen und wie Mühl⸗ ſteine geſtaltet ſind. Die Hirten, theils Dienſtlente, theils ihre eigenen Herren, halten ſich mit ihren Heerden nur im Winter in beſtimmten Wohnſitzen auf. Im Som⸗ mer ziehen ſie auf den Bergen und in den unangebauten Landſtrichen berum. Ihre Bedürfniſſe ſind dann höchſt einfach; ein ſchattiger Baum oder eine Fel⸗ ſenhöhle dient ihnen zum Obdach, ein levantiſcher Mantel vertritt die Stelle des Bettes, einiges Töpferzeug, ſo wie lederne Schläuche zur Aufbewahrung der gewonnenen Butter, machen die Hauptſtücke des Geräthes aus, und die gewöhn⸗ liche Nahrung beſteht in Milch, i in wild wachſenden Kräutern und Früchten. Unter den Handwerkern findet man ſehr geſchickte Leute, die noch mehr leiſten würden, wenn ſie nicht mit vielen in andern Ländern ganz gewöhnlichen Werkzeugen unbekannt wären; auch trägt die herrſchende Vorliebe für alte Formen viel dazu bei, ihre Fortſchritte zu hemmen. Am neiſten zeichnen ſich die Sattler, die Schönfärber und Kürſchner, ſo wie auch die Schiffbauer, durch Geſchicklichkeit aus. 3 1 Der Handel iſt bei den Griechen dasjenige Gewerbe, welches ſie am ſtärkſten treiben, da es von der Regierung noch am meiſten begünſtigt wird, und eine Gelegenheit darbietet, durch Liſt wieder zu gewinnen, was die hab⸗ ſüchtigen Gebieter mit Gewalt entreißen. Die Menge der Kaufleute iſt außer⸗ ordentlich groß; in vielen Orten treibt Jeder, was auch ſein eigentliches Ge⸗ werbe ſei, Handel. Die Seeleute ſind durchgängig, vom Kapitän bis zum Schiffsjungen, zugleich Handelsleute. Die Geſchicklichkeit der griechiſchen Seeleute iſt bekannt; ſie hat ſich in den neueſten Zeiten, wo ihre kleinen Schiffe der türkiſchen und ägyptiſchen Flotte viel zu ſchaffen machten, deutlich erwieſen. An körperlicher Gewandt⸗ heit und mechaniſchen Fertigkeiten, an Kühnheit und muthiger Ausdauer in Gefahren ſtehen ſie den Seefahrern keiner europäiſchen Nation nach, ja, ſie würden in jeder Hinſicht allen übrigen den Vorzug ſtreitig machen, wenn ihre Schiffe eine zweckmäßigere Einrichtung und ihre Anführer mehr wiſſenſchaft⸗ liche Bildung hätten. Die Bewohner der Inſeln Hydra und Spezia hält man für die beſten Seeleute der Griechen. 3 3 Die griechiſchen Frauen beſchäftigen ſich, neben dem Kochen, Backen, Waſchen u. ſ. w., mit Spinnen, Nähen, Stricken, ſo wie auch mit der Verfer⸗ tigung von Stickereien, worin viele eine vorzügliche Geſchicklichkeit beſitzen. Welcher Eifer die Griechen für ihren Glauben beſeelt, erhellt ſchon aus dem Umſtande, daß ſie den Anlockungen der zeitlichen Vortheile, welche der Uebertritt zum Muhamedanismus verleiht, nämlich zu gleichen Rechten mit den Türken, und zu Aemtern und Ehrenſtellen zu gelangen, ſtets kräftig wider⸗ ſtanden, und ohne Scheu, ja, mit Stolz ſich Chriſten genannt haben, obſchon Schimpf und Erniedrigung auf dieſem Namen ruht. Es iſt ausgemacht, daß das gemeine Volk weniger durch die Hoffnung, perſönliche Freiheit zu erringen, als das Chriſtenthum über den Islam triumphiren zu ſehen, zur Empörung gegen die Türken gereizt wurde. Es nährt einen Haß nicht blos gegen die Bekenner des Islam, ſondern überhaupt gegen alle nicht griechiſche Glaubens⸗ genoſſen, beſonders die Katholiken, die es in noch höherem Grade als die Mu⸗ hamedaner verabſcheut. Wenn der Grieche von„den Chriſten“ ſpricht, ſo meint er die griechiſchen, indem er alle übrigen„Ketzer“ oder„Heiden“ — 311 nennt. Dieſer Glaubenseifer verdient um ſo mehr Bewunderung, da die Verhältniſſe, worin die höhere Geiſtlichkeit mit dem Volke ſteht, ſich wenig eignen, dasſelbe für die Kirche zu gewinnen und ſeine Anhänglichkeit an ihr zu befeſtigen. Denn die hohe Pforte hat ſolche Maßregeln getroffen, daß die Griechen in ihrem Patriarchen, ihren Metropoliten u. ſ. w. keine Vertheidiger, ſondern, wie ſchon erwähnt, Werkzeuge der Unterdrückung erblicken. Da näm⸗ lich der Patriarch von der Regierung ernannt und beſtätigt wird, was einen Aufwand großer Geldſummen erheiſcht, und er außerdem eine jährliche Ab⸗ gabe von mehr als 60,000 türkiſchen Piaſtern zu entrichten hat, ſo iſt er, um ſich ſchadlos zu halten, in die Nothwendigkeit verſetzt, die biſchöflichen Aemter an die Meiſtbietenden zu verpachten. Die Biſchöfe müſſen daher, zumal da aauch ihnen für die Erlaubniß, ihr Amt auszuüben, große Abgaben von der Regierung auferlegt werden, ebenfalls ungerechte Mittel zur Entſchädigung anwenden, ſelbſt wenn es ihnen um eine treue Berufserfüllung zu thun iſt. Sie durchziehen mit ihren Gehülfen mehrmals des Jahres die Kirchſprengel, um Beiſteuern von der untergeordneten Geiſtlichkeit einzutreiben, daher wie⸗ derum dieſe ſich in Bewegung ſetzt, um unter dem Vorwande, die heilige Weihe zu ertheilen, von dem Volke Geld zu erpreſſen. Bei ſolchen Brandſchatzungen wird mit der größten Strenge verfahren. Man übergeht kein Haus, ſelbſt nicht die elendeſte Hütte, und zeigt ſich irgendwo Widerſetzlichkeit, ſo ſind die türkiſchen Gerichtsdiener, welche den geiſtlichen Erpreſſer begleiten, bereit, durch Stockſchläge guten Willen zu machen. Wo kein Geld zu bekommen iſt, vwird der Hausrath in Beſchlag genommen. Ueberdem treiben die Geiſtlichen den ſchändlichſten Wucher mit der Vergebung der Sünden, der Eheſcheidung, dem Verkauf der Reliquien, dem Beſchwören der Geiſter u. ſ. w. Man kann ſich vorſtellen, daß Geiſtliche, die ihre Würde durch ſolche Bedrückung enteh⸗ ren, keine große Achtung bei dem Volke genießen; ſie ſind ihm verhaßt, und dieſer Haß wäre vielleicht längſt auf die Religion übergegangen, wenn ſie nicht zwei kräftige Stützen an den Volksſchulen und den Papas hätte. So erbärm⸗ lich die Schulen auch ſind, legen ſie doch den Grund zu unerſchütterlicher An⸗ hänglichkeit am Chriſtenthum, was ſchon daraus hervorgeht, daß ſich das, vom Schulunterricht ausgeſchloſſene, weibliche Geſchlecht weit leichter als das männliche zur Abtrünnigkeit verleiten läßt, wovon man viel Beiſpiele hat, und noch mehr haben würde, wenn nicht jenes Geſchlecht einer ſtrengen Hauszucht unterworfen wäre. Auch die Papas, welchen das Volk ſein ganzes Zutrauen ſchenkt, weil es dieſelben in den nämlichen Verhältniſſen, wie ſich ſelbſt erblickt, tragen durch ihre kunſtloſen Ermahnungen zur Geduld und durch ihre Ver⸗ tröſtungen auf eine beſſere Zukunft, Vieles bei, den Glauben aufrecht zu er⸗ halten, einen Glauben, dem die Griechen es verdanken, daß ſie hier noch ein beſonderes Volk und nicht mit den Türken verſchmolzen ſind. 3 Die griechiſche Religion ſtimmt im Ganzen mit der katholiſchen überein, von der ſie blos in einigen Stücken abweicht. Dahin gehört z. B., daß man den Täufling völlig unter das Waſſer taucht, das Abendmahl unter beiden Geſtalten und zwar mit geſäuertem Brode reicht, ferner daß man eine vierte Ehe für ein Verbrechen hält, das Fegfeuer verwirft, nur gemalte Heiligenbil⸗ der geſtattet, u. ſ. w. Die Oberherrſchaft des Papſtes wird nicht anerkannt. Der Gottesdienſt beſteht größten Theils in der Ausübung aͤußerer Gebräuche. Man zählt im Jahre 182 ſtrenge Faſt⸗ und 115 Feſttage. Außer den vier Faſtenzeiten, welche dem Oſter⸗, dem Apoſtel⸗, Himmelfahrts⸗ und Weihnachts⸗ feſte vorangehen, gibt es noch viele andere Tage, an welchen gefaſtet wird:. beſonders iſt dies der Fall an jeder Mittwoche, weil an dieſem Tage die Be⸗ ſtechung des Judas, um Jeſum zu verrathen, Statt fand, und an jedem Frei⸗ tage, zum Andenken an das Leiden Jeſu. Im Ganzen haben die Griechen jährlich nur 130 von Faſten und andern vorgeſchriebenen Enthaltungen freie Tage. Die Geiſtlichkeit theilt ſich in die höhere und niedere, ſo wie in Kloſter⸗ und Weltgeiſtliche. Die höchſte geiſtliche Perſon iſt der Patriarch in Kon⸗ ſtantinopel; außer ihm gibt es im türkiſchen Reiche noch drei andere, nämlich in Alexandrien, Antiochien und Jeruſalem, die aber wenig Einfluß haben. Hierauf folgen die Metropoliten, die Erzbiſchöfe und Biſchöfe. Zu den niedern Geiſtlichen zählt man die Protojerei(Erzprieſter), Jerei(Prieſter) und Dia⸗ konen. Die Kloſtergeiſtlichkeit bilden die Archimandriten(Aufſeher über mehrere Klöſter), die Igumenen(Aebte) und die Kalojers(Mönche). Die Zahl der Mönchsklöſter, deren berühmteſte ſich auf dem Berge Athos befinden, iſt anſehnlich; die Nonnenklöſter— ihre Vorſteherinnen heißen„Igumenjas,“ — ſind nicht zahlreich. Die Papas oder Weltgeiſtlichen dürfen, jedoch nur Einmal, ſich verheirathen; aber die übrigen Prieſter, welche ſämmtlich aus den Klöſtern hervorgehen, ſind zum eheloſen Stande verflichtet. Die äußere Auszeichnung der geiſtlichen Perſonen beſteht hauptſächlich darin, daß ſie einen langen Bart, eine ſchwarze hohe Mütze, und ein ſchwarzes Gewand mit langen und weiten Aermeln tragen. Was den ſittlichen Charakter des griechiſchen Volks betrifft, ſo kann ich nicht viel Rühmliches darüber berichten. Schon im Alterthum gab dieſes Volk, trotz ſeiner großen Tugenden, vielfache Beweiſe von Wankelmuth, Eiferſucht, Liſt und Treuloſigkeit. Während der eiſernen Knechtſchaft, die es ſeit Jahr⸗ hunderten erduldet hat, mußten dieſe Eigenſchaften genährt und erhöht, und die edeln dadurch unterdrückt werden. In der That, man ſtößt unter den heu⸗ tigen Griechen allenthalben auf Verſtellung, Falſchheit und Betrüglichkeit, auf Habſucht, Mißtrauen, Neid, Unverträglichkeit und andere moraliſche Uebel, die daraus entſpringen. Ein offener, treuherziger Mann iſt unter ihnen, wie ihr eigenes Sprichwort ſagt, ſo ſelten als eine weiße Krähe; ja, die Sittlichkeit iſt ſoo tief geſunken, daß Niemand für einen ſolchen Mann gelten mag, da ihn die herrſchende Denkart in die Klaſſe der Dummköpfe ſetzt. Gewinnſucht iſt die Haupttriebfeder ihrer Handlungen, welcher oftmals die edelſten Tugenden, wie Freundſchaft, Ehre, Vaterlandsliebe, aufgeopfert werden. Daher die vielen Uneinigkeiten, welche machten, daß r Verſuch, das türkiſche Joch abzuwerfen, beinahe gänzlich mißlungen wäre; denn den meiſten von denen, die ſich dabei an der Spitze des Volks befanden, war es weniger um deſſen Freiheit und Unab⸗ hängigkeit, als um eine Gelegenheit 3 thun, die Stelle der bisherigen Be⸗ drücker einzunehmen. Viele Tugenden der alten Griechen ſind nur noch unter den Armen, be⸗ ſonders den Landleuten und Hirten, anzutreffen. Nur in ihnen regt ſich noch Sinn für Gaſtfreundſchaft, für Mildthätigkeit, Achtung gegen das Alter, Dank⸗ barkeit gegen Wohlthäter u, ſ. w. Die Reichen öffnen dem Fremden ihr Haus blos dann, wenn ſie anſehnliche Geſchenke von ihm hoffen dürfen; ſie vertheilen milde Gaben, wenn es von dem Volke bemerkt wird; nur Reichthum und Macht vermag ihnen Achtung gegen Andere einzuflößen; empfangene Wohlthaten wer⸗ den von ihnen ſchnell vergeſſen. Die Griechen ſind zu Stolz, Eitelkeit, Prahlſucht und Uebertreibungen, ſo wie zu Anmaßung und Uebermuth geneigt; und wiewohl ihnen bisher ihre Lage gebot, der Habſucht und dem Neide der Türken durch Demuth und Be⸗ ſcheidenheit zu begegnen, ſo konnten ſie doch jene Leidenſchaften nicht unter⸗ drücken. Dies ſpricht ſich durch ihre Ueppigkeit ihrer Kleidung und durch ihr ganzes Benehmen aus. So tragen die Reichen, und an Feſttagen auch minder bemittelte Leute, z. B. prächtige Oberkleider, die mit Stickereien von Gold und Silber geſchmückt, und bisweilen mit koſtbarem Pelzwerk verbrämt, oder ge⸗ füttert ſind; ſie tragen faſt an allen Fingern blitzende Ringe, welche ſie, durch mannigfaltige Wendungen der Hand, ſo auffallend als möglich zu machen ſuchen. Eine vornehme Frau erſcheint öffentlich nie anders als mit großem Gepränge. Ihr ganzer Anzug, vom Kopfputze bis zu den Schuhen mit ver⸗ goldeten Abſätzen, blendet das Auge. Dabei iſt ſie von einem zahlreichen Ge⸗ folge ähnlich geputzter Freundinnen und weiblicher Dienſtleute umgeben, welche letztere zum Theil von andern Familien geborgt ſind. Ein ſolcher Zug geht langſam und feierlich durch die Straße, obſchon oftmals das bloße Erſcheinen eines Türken hinreicht, ihn zur ſchleunigſten Flucht zu bringen. Wenn ein Bi⸗ lichen begleitet, die ihn bedienen, ihm z. B. beim Auf⸗ und Abſteigen die Bü⸗ gel halten u. ſ. w. 29. Ein ſehr gewöhnlicher Zug im Charakter der Griechen iſt ihr Leichtſinn, der ſie verleitet, von einer Leidenſchaft, von einer Anſicht oder Entſchließung ſchnell zu der andern überzugehen. Daher gibt es unter ihnen Viele, die bei. aller Habſucht das Gewonnene nicht zu Rathe halten, oder überhaupt nie mehr zu erwerben ſuchen, als ſie von einem Tage zu dem andern brauchen. Eben daher wird es ihnen auch nicht ſchwer, ſich über Unannehmlichkeiten hinweg zu ſetzen, eine Eigenſchaft, ohne welche ſie das Joch der türkiſchen Herrſchaft nicht ſo lange würden ertragen haben. Dieſer Leichtſinn der Griechen, verbunden mit der großen Lebhaftigkeit ihres Geiſtes, macht es begreiflich, daß ſie, trotz der ihnen auferlegten Drang⸗ ſale, viel Sinn für Geſelligkeit, Scherz und Luſtbarkeiten haben, der doch ſonſt nur unter glücklichen Lebensverhältniſſen gedeiht. Sie lieben Geſang und Mu⸗ ſik, und ergreifen jede Gelegenheit, ſich durch Tanz und Spiel zu ergötzen, wo⸗ bei die fröhliche Stimmung leicht in Ausgelaſſenheit übergeht. Ddie Griechen beſitzen viel Höflichkeit nnd Geſchmeidigkeit im Umgange Doch darf man auf ihre Glückwünſche, Betheurungen, Schmeicheleien und Lob⸗ ſprüche keinen größern Werth legen, als auf ihre Geſchenke, Gefälligkeiten und Anerbietungen, die faſt immer darauf berechnet ſind, den Empfänger zu Erwie⸗ derungen im vergrößerten Maßſtabe aufzufordern. 1 So wenig anziehend, als das bürgerliche Leben, ſind auch die häuslichen Verhältniſſe des griechiſchen Volks, da die Männer, aus Mißtrauen, Eiferſucht und Eigennutz, eine gebieteriſche Strenge über die Ihrigen ausüben, wodurch die innige Eintracht zerſtört wird, die ein ſo weſentliches Erforderniß zum Glück der Familien iſt. Die Weiber und Mädchen hält man meiſtens ſo einge⸗ zogen wie Nonnen. Sie dürfen ſich nie ohne Schleier vor dem Geſicht und ohne Begleitung öffentlich zeigen; ja, vielen wird die Gemeinſchaft mit der Welt, ſogar das Beſuchen der Kirche, durchaus nicht geſtattet. Lächerlich iſt es anzu⸗ ſehen, wenn eine griechiſche Familie ſpazieren geht. Mutter und Töchter gehen voran, mit gemeſſenem Schritt, ohne ſich umzuſehen, und die Hände kreuzweiſe vor die Bruſt gelegt, um den herabhangenden Schleier feſt zu halten. Ihnen folgt der Familienvater, einzeln oder von den Söhnen begleitet, in einer klei⸗ nen Entfernung nach. Die Blicke ſeiner Argusaugen fliegen nach allen Seiten, und in ſeinen Mienen lieſt man das von neugierigen Beſchauern erregte Miß⸗ trauen, aber nicht ſelten ein ſelbſtgefälliges Wohlbehagen, welches zu erkennen gibt, daß ſeine Eitelkeit und der Wunſch, mit den Reizen und dem Putze der ſchof zu Pferde iſt, ſo wird er von mehren, zu Fuße nebenher gehenden Geiſt⸗ —— 25. Seinigen zu glänzen, die Hauptrolle beim Spaziergange ſpielt. Kommt der Familie ein Bekannter entgegen, ſo muß er, ſelbſt wenn es der nächſte Ver⸗ wandte iſt, den Mann begrüßen, bevor er der Frau und den Töchtern ſeine Hochachtung bezeigt.— Die Frauen haben keinen Theil an der Verwaltung des Vermögens; ſie bekommen nie Geld in die Hände, und müſſen ſogar das⸗ jenige, was ſie ſelbſt verdienen, dem Eheherrn überlaſſen, welcher den Einkauf aller Lebensbedürfniſſe beſorgt. Dazu kommt noch, daß ſie in jeder Hinſicht hart, und oft mit Schlägen behandelt werden. Es iſt daher nicht zu verwun⸗ dern, daß den Griechinnen manche Tugenden fehlen, die einer guten Gattin zu⸗ kommen. Zwar haben ſie, in der Regel, einen ungleich beſſern Charakter als die Männer; es gebührt ihnen der Preis der Sittſamkeit, ſo wie auch die Sorgfalt, welche ſie auf die phyſiſche Erziehung der Kinder wenden. Aber Sparſamkeit und Wirthſchaftlichkeit iſt den meiſten fremd; denn da ſie nicht nach Gefallen in ihrem Hausweſen ſchalten, und es mithin nicht als ihr Eigen⸗ thum betrachten können, ſo theilen ſie die Denkart der Dienſtleute, welche der Nutzen und Schaden ihrer Herrſchaft nicht kümmert. Wenigſtens machen ſie ſich kein Gewiſſen daraus, heimlich gut zu eſſen und zu trinken, was beſonders in ſolchen Häuſern der Fall iſt, wo der Hausherr, um beſſer als die Familie zu leben, ſeinen beſondern Tiſch führt. Dabei beſitzen ſie keine große Thätig⸗ keit; oft bringen ſie ganze Tage mit Singen, Märchenerzählen und Tändeln hin, und wenn ſie ſpinnen, nähen u. ſ. w., ſo geſchieht es ſeltener aus wahrem Fleiß, als aus Zwang oder Langerweile. 5 Es findet indeſſen unter den ärmern Volksklaſſen, beſonders den Land⸗ leuten, ein beſſeres Verhältniß zwiſchen dem männlichen und weiblichen Ge⸗ ſchlechte Statt. Dort, wo der Mann, zu Betreibung ſeines Gewerbes und überhaupt zu Gewinnung ſeines Unterhalts, den Beiſtand des Weibes und der Töchter nicht entbehren kann, zeigt er ſich zur Beſchränkung ihrer Freiheit weniger geneigt, wodurch auf beiden Seiten mehr Aufrichtigkeit und Zutrauen entſteht. Doch iſt auch unter dieſen Leuten das Uebergewicht der Männer ſehr bemerkbar. Nicht ſelten z. B. ſitzt ein Landmann gemächlich auf einem Ochſen, und das arme Weib geht, mit dem Ackergeräthe belaſtet, neben her. Oftmals tanzen und ſpielen die Männer, während die Weiber und Mädchen arbeiten müſſen. 4 Die Griechen üben eine unbeſchränkte Gewalt über ihre Kinder aus. Oft verheirathet man die Töchter ohne alle Rückſicht auf ihre Neigung, die dem Eigennutze des Vaters nachſtehen muß. Viele werden ſchon als Kinder ver⸗ ſprochen, und bekommen, ſie mögen im Kloſter oder im väterlichen Hauſe er⸗ zogen ſein, ihren Bräutigam kurz vor der Trauung zum erſten Male zu ſehen. Selbſt nach der Verheirathung ſind ſie in vielen Stücken vom Willen des Va⸗ ters abhängig, und kehren nach dem Tode des Gatten gänzlich unter die väter⸗ liche Gewalt zurück. Obſchon die Söhne im Genuß einer größern Freiheit aufwachſen, ſo hängt es doch einzig von der Willkühr des Vaters ab, welches Gewerbe ſie ergreifen; auch wählt er, ohne deren Zuſtimmung zu berückſichti⸗ gen, ihre künftige Gattin, und behauptet Zeit ſeines Lebens großen Einfluß auf ihre Handlungen, ſelbſt nachdem ſie ſchon lange ihre Volljährigkeit erreicht haben.. Die griechiſchen Städte haben krumme, enge und unreinliche Gaſſen. Das Aeußere der Kirchen iſt nicht anſehnlich. Sie ſind mit keinem Glockenthurm verſehen, ſondern es hängt ein Glöckchen unter einem Schwibbogen, oder an einem frei ſtehenden Gerüſt, oft auch an einem Cypreſſenbaum. Die Häuſer gleichen den Klöſtern, da die Fenſter, die nie mit Rahmen und Glasſcheiben verſehen ſind, ein bogenförmig hervorragendes Gitterwerk von breiten eiſernen Stäben umgibt, welche, kreuzweiſe über einander gefügt, kleine viereckige Oeff⸗ nungen laſſen, ſo daß man, wie durch Jalouſien, unbemerkt heraus ſehen kann. Es herrſcht daher, ſelbſt mitten am Tage, ein unheimliches Dunkel in den Ge⸗ mächern; um diefe zu erhellen, müſſen die Thüren geöffnet werden. Die Häu⸗ ſer der Reichen haben Vorhöfe, deren Eingang ſtets verſchloſſen iſt. Sie be⸗ ſtehen meiſtens aus zwei Geſchoſſen. Das obere enthält die Wohnzimmer, welche ein, nach außen offener, durch das vorſpringende Dach geſchützter Geländer⸗ gang mit einander verbindet. Dasjenige Zimmer, welches der Straße am näch⸗ ſten liegt, wird vom Hausherrn bewohnt, das entfernteſte von der Familie. Im Untergeſchoß befinden ſich Vorrathskammern, Ställe u. ſ. w. Die Häuſer der ärmern Leute bilden meiſtens nur ein einziges Gemach, worin Alt und Jung, oft mehre Familien beiſammen wohnen, und alle Geſchäfte verrichten. Die Landleute leben, in Gemeinſchaft mit ihrem Federvieh, oft auch mit ihren Eſeln, Rindern u. ſ. w., meiſtens in elenden Hütten. Uebrigens herrſcht in den Wohnungen der Griechen wenig Reinlichkeit, und wenn man auch den Wänden alle Jahre, gewöhnlich zu Oſtern, einen weißen Anſtrich gibt, ſo wird doch der gepflaſterte, oder mit Steinplatten oder Ziegeln belegte Fußboden nie ge⸗ waſchen, welchem Uebelſtande die Reichen durch Bedeckung mit Matten abzu⸗ helfen ſuchen. Das Hausgeräth iſt ärmlich. Schränke, Kommoden, Kanapee's, Spiegel u. dgl. finden ſich nur bei den Vornehmen. Gemeine Leute beſitzen oftmals kaum einen Tiſch oder einen Stuhl; ihr Hausrath beſteht hauptſächlich in einer Lade zur Aufbewahrung der beſten Kleidungsſtücke, in einigen Keſſeln, Töpfen, Schüſſeln, Tellern, Schalen und Krügen. Dieſe Aermlichkeit im Hausweſen — 317 hat ihren Grund beſonders darin, daß man den größten Theil des Vermögens auf den Anzug verwendet, was nicht allein durch die vielen Feſttage, ſondern auch durch die große Eitelkeit der Leute veranlaßt wird, indem ſelbſt der Arme nicht gern darauf verzichtet, ſich an feſtlichen Tagen mit geſtickten Kleidern, mit goldenen Ringen und andern Koſtbarkeiten zu ſchmücken. Die ärmern Leute haben ſelten Bettſtellen, ſchon aus dem Grund, weil ſie in der warmen Jahreszeit ihr Nachtlager auf der Galerie des Hauſes, im Hofe, oder ſonſt wo im Freien aufſchlagen. Die Landleute pflegen zu dem Ende ein beſonderes Gerüſt zu errichten, oder Hangmatten an den Aeſten eines Baumes zu befeſtigen. Die Reichen ſchlafen gewöhnlich in einer, am Hauſe angebrach⸗ ten Laube, die mit Weinſtöcken umzogen iſt. Das Bettzeug beſteht in Matten, mit Wolle gefüllten Matratzen und Kiſſen, und in Tüchern und Decken. Der Arme begnügt ſich, ſtatt des Bettes, oft mit ſeinem Regenmantel. * So wie die Griechen im Hausweſen auf Reinlichkeit wenig hal ten, eben ſo iſt dieſes auch mit ihrer Wäſche der Fall'; ſelbſt viele wohlhabende beſitzen nur zwei bis drei Hemden, welche ſie alle vierzehn Tage wechſeln. Deſto mehr ſind ſie für das Baden eingenommen. Im Sommer pflegt man ſich alle Tage zu baden, am Ufer des Meeres, in Flüſſen oder im Hauſe. In den größern Städten gibt es öffentliche, theils für Männer theils für Frauen beſtimmte Badehäuſer, und überdem haben die Reichen beſondere Badeſtuben in ihrer Be⸗ hauſung. Die vornehmen Frauen bringen, gleich denen der Türken, jeden Morgen einige Stunden im Bade zu, um ſich zu reinigen, ſich weiß und roth zu ſchminken, die Augenbrauen ſchwarz zu färben u. ſ. w. Die öffentlichen Bä⸗ der dienen zugleich als Oerter, wo man zuſammen kommt, um ſich Mährchen und Neuigkeiten zu erzählen. Alle Volksklaſſen halten täglich zwei ordentliche Mahlzeiten, das Mittag⸗ und das Abendeſſen; letzteres macht im Sommer das Hauptmahl aus. Auch nimmt man ein ziemlich ſtarkes Frühſtück, und in den Nachmittagsſtunden von Zeit zu Zeit etwas zu ſich. Ueberhaupt haben die Griechen, im Vergleich mit andern ſüdlichen Völkern, einen ſtarken Appetit, der leicht zur Unmfßigkeit 3 wird. Essiſt nichts Seltenes, daß Jemand auf eine Mahlzeit ein paar Pfund Hammel⸗, Lamm⸗ oder Ziegenfleiſch oder einige Pfund Fiſche verzehrt und dabei einen tüchtigen Krug Wein austrinkt. Bei Gaſtereien, ſelbſt wenn die Anzahl der Perſonen nicht bedeutend iſt, werden große Schüſſeln mit geſotte⸗ nen Fiſchen, Ragonts von Haſen, am Spieß gebratene Lämmer, oder junge Schweine, eine Menge Paſteten und andere Speiſen nach der Reihe aufgetra⸗ gen. Dieſe außerordentliche Eßluſt iſt nicht allein der reinen und geſunden Luft und der kräftigen Leibesbeſchaffenheit der Menſchen zuzuſchreiben, ſondern auch 4 dem häufigen Genuſſe des Weins, des rothen Pfeffers, des Knoblauchs und der Zwiebeln, des Salats, des Caviars, der Sardellen, und überhaupt der ſchar⸗ fen und gewürzhaften Speiſen, welche erhitzen, zehren und austrocknen; daher es auch kommt, daß die Griechen, bei allem Vieleſſen, ſelten ſehr beleibt wer⸗ den. Ueberdem trägt auch die große Menge Faſttage Vieles bei, den Hang zum Schwelgen zu vermehren, da während derſelben der Körper abhungert und ein heftiges Verlangen nach kräftiger Nahrung erregt wird. An ſolchen Tagen iſt die Koſt ſehr beſchränkt. Nicht nur Fleiſch von vierfüßigen Thieren und von Geflügel, Eier, Milch, Butter und Käſe, ſondern überhaupt alle Thiere, die rothes Blut haben, daher auch faſt alle Arten Fiſche, gehören zu den verbotenen Speiſen; der Genuß des Oels iſt nur an Feſttagen erlaubt. Die gewöhnlich⸗ ſten Faſtenſpeiſen ſind Brod und Knoblauch, Zwiebeln oder Obſt, trockne und grüne Gemüſe, beſonders wild wachſende Kräuter, z. B. junge Diſteln, Neſſeln, Wegwart, welche mit Salz und Eſſig roh, oder mit Pfeffer und Zwiebeln in vielem Waſſer gekocht, und dann mit gebrocktem Brode vermiſcht gegeſſen wer⸗ den. Geröſtete, oder mit Knoblauch gekochte Schnecken gehören zu den Lecker⸗ biſſen. Bei den Küſtenbewohnern kommen mancherlei Erzeugniſſe. des Meeres dazu, z. B. Auſtern, Muſcheln, Krebſe, Seeigel, Polypen, Tintenfiſche; letztere werden oft theuer bezahlt, obſchon ihr ſchleimiges Fleiſch kein einladendes An⸗ ſehen, und der ſchwarze Saft, den ſie enthalten, einen widrigen Geruch hat. Fröſche und Schildkröten, welche man zu den unreinen Thieren zählt, werden nicht gegeſſen. Uebrigens glauben die Griechen, ſich durch den Genuß einer Paſtete von Malvenblättern das beſondere Wohlgefallen Gottes zu erwerben. Kalbfleiſch wird nie, und Fleiſch von Rindern nur bisweilen, aber erſt nachdem dieſe Thiere zum Pflügen untüchtig geworden ſind, gegeſſen. Geflügel ißt man ſelten, und niemals Enten und Gänſe. Die Butter hat nicht die gute Eigenſchaft, welche man in einem, an trefflichen Kräutern ſo reichen Lande er⸗ warten ſollte, was an der ſchlechten Zubereitung liegt, wobei die gehörige Ab⸗ ſonderung des Rahms vernachläſſigt wird. Der Käſe iſt, da man ihm die fet⸗ ten Theile entzieht, trocken, und überdem auch zu ſtark geſalzen. Unter den Mehlſpeiſen gehören die Maccheroni, welche man, wie in Italien, mit geriebe⸗ nem Käſe beſtreut, zu den beliebteſten. Milchſpeiſen, wozu jederzeit Schafmilch⸗ genommen wird, genießen die Griechen ſehr häufig. Ihr Gebackenes iſt, mit Ausnahme des Zuckerwerks, ſchwer und unverdaulich, weil dem Teige viel Oel und Honig beigemiſcht wird, ſo daß er nicht gehörig aufgehen kann. Auch das Brod hat meiſtens den Fehler, nicht gut ausgebacken zu ſein. Früchte einzu⸗ machen, oder ſie zu kochen, iſt nicht ſehr gebräuchlich. Deſto häufiger genießt man ſie roh, beſonders Melonen und Waſſermelonen, die zu gewiſſen Jahres⸗ zeiten die vorzüglichſte Nahrung ausmachen. Auch Kürbiſſe werden roh, bis⸗ weilen ſogar ſtatt des Brodes, oder in Milch gebrockt, gegeſſen. Bei Tiſche herrſcht der Gebrauch, daß das Brod nicht geſchnitten, ſondern gebrochen, und Gäſten auf einer runden Meſſingplatte gereicht wird. Bevor man zu eſſen beginnt, verrichtet Jeder ein ſtilles Gebet, und küßt dann das Brod, was auch nach Beendigung der Mahlzeit geſchieht. Während des Eſſens hütet man ſich, Zänkereien anzufangen, zu ſchwören, zu fluchen und ſonſt un⸗ gebührliche Reden zu führen, um nicht die Gaben Gottes zu entweihen. Um Geſundheiten zu trinken, ſteht man, das Glas empor haltend, auf, ſtimmt dann einen Geſang an, und trinkt, nach voran gegangenem Anſtoßen, mit verſchlun⸗ genen Armen. Zu Gaſtmählern, wenn ſie nicht auf Mitglieder der Familie be⸗ ſchränkt ſind, finden ſich faſt immer nur Männer ein; doch pflegen die Frau und die jüngern Töchter dabei zu erſcheinen, um die Gäſte, Ehren halber, zu bedienen, welches Geſchäſt ſie aber nur eine kurze Zeit verrichten, und dann den Dienſtleuten überlaſſen, um ſich wieder zu entfernen. Bei Bewirthung eines Gaſtes, er mag gebeten oder ungebeten ſein, ziemt es dem Hausvater, Theil an dem Mahle zu nehmen, wenn er auch ſchon gegeſſen hat. Die Griechen lieben ſehr leidenſchaftlich das Tabakrauchen, und es iſt, nebſt dem Wein, ihr größtes Labſal in der Faſtenzeit. Der Arme raucht aus kleinen Köpfen von rothem Thon, in die man ein Schilfrohr ſteckt. Die Pfeifen. der Wohlhabenden beſtehen meiſtens aus meerſchaumenen, porzellanenen oder andern guten Köpfen und langen Röhren von Kirſchholz, mit Mundſtücken, die aus Bernſtein verfertigt und manchmal mit Edelſteinen geſchmückt ſind. Wenn der Grieche ſein Pfeifchen recht genießen will, ſo verhält er den Rauch einige Zeit im Munde, und ſtößt ihn alsdann durch die Naſe heraus; bisweilen ver⸗ ſchluckt er ihn. Viele ſchnupfen auch Tabak, und Einige kauen Maſtix. So feſt als die Griechen am chriſtlichen Glauben halten, ſo ſehr werden ſie auch vom Aberglauben beherrſcht. Ihr dichteriſcher Geiſt ſchwebt unauf⸗ hörlich in einer überſinnlichen Welt, und ihr ganzes Leben, von der Geburt bis zum Tode, trägt das Gepräge fabelhafter, zum Theil aus der heidniſchen Göt⸗ terlehre entlehnter Vorſtellungen, wobei oft blos die Namen der Dinge verän⸗ dert ſind.— Sobald ein Kind das Licht der Welt erblickt, legt man ihm Back⸗ werk, Geld und ein Schwert oder, wenn es ein Mädchen iſt, eine Spindel in das Bett, um dadurch zu bewirken, daß es wohlhabend, glücklich und ſtark, oder arbeitſam werde. Am fünften Tage nach der Geburt wird das Haus feſtlich geſchmückt; denn man erwartet den Beſuch gewiſſer Geiſter, Miren genannt, um die Wöchnerin in Schutz zu nehmen und ihr das Milchfieber zu vertreiben, ſo wie das Kind in's Leben einzuführen. Erſt nach dieſen heidniſchen Gebräu⸗ chen greift die Religion in das Daſein des Kindes ein, und die Taufe desſelben findet Statt, wobei es gewöhnlich den Namen des Heiligen im Kalender be⸗ kommt. Am neunten Tage erhalten Mutter und Kind die prieſterliche Weihe. Die Jungfrauen pflegen Mehl, Kuchen oder andere Sachen in einen hoh⸗ len Baum, oder in eine Felſenhöhle, als Opfer niederzulegen, damit ihnen die Miren den Mann geben, welchen ſie erkoren haben, ſo ſelten auch dieſe Wünſche befriedigt werden. Wenn eine Heirath im Werke iſt, dann werden ſowohl von dem Bräutigam als der Braut eine Menge Gebräuche verrichtet, um das Glück ihres künftigen Eheſtandes zu erforſchen. Vor der Verlobung gerathen die Familien der beiden Theile in die größte Bewegung; Botſchaften gehen hin und her, und ein Beſuch folgt auf den gndern. Zur Hochzeit macht man außer⸗ ordentliche Anſtalten, da dieſe Feierlichkeit zu den wichtigſten im Leben der Griechen gehört. Am Tage der Hochzeit begibt ſich der Bräutigam am frühen Morgen nach dem bräutlichen Hauſe; es⸗ begleiten ihn Leute, die auf Zithern, Pfeifen u. ſ. w. ſpielen, und Tänzer, deren Vormann eine Fahne trägt. Bald nachher finden ſich auch die Hochzeitsgäſte, mit Muſik und mit Geſchenken ein. Wenn alle beiſammen, und die Geſchenke, ſo wie der ganze Hausrath der Braut beſehen ſind, geht der Zug nach der Kirche, die Tänzer und Spielleute voran, dann das Brautpaar, deſſen Verwandte und die übrigen Gäſte. Alle ſind auf das Prächtigſte und mit Blumen geſchmückt. Die Braut, welche meiſtens die ganze Nacht wachend und in vollem Putze zugebracht hat, iſt auffallend ge⸗ ſchminkt; um ihren Kopf windet ſich ein Myrtenkranz, und an ihrem herabwal⸗ lenden Haar ſind Sterne von Flittergold befeſtigt. Ein weiß gekleidetes, mit Blumengewinden geſchmücktes Kind trägt einen Spiegel vor ihr her. Der Bräutigam iſt ebenfalls mit Myrten bekränzt. Angelangt in der Kirche, wird das Brautpaar vom Papas empfangen und an den Altar geführt. Nach⸗ dem er der Braut die hochzeitliche Binde um die Stirn gebunden, und ſie durch andere Förmlichkeiten zur ehelichen Treue verpflichtet hat, ertheilt er dem Paare, während es geräuchert und mit Weihwaſſer beſprengt wird, den Segen. In einigen Gegenden weichen die Gebräuche bei der Trauung von der hier beſchriebenen etwas ab. Der Braut z. B. ſind die Hände mit Guir⸗ landen gebunden, die der Geiſtliche vor dem Altar abnimmt; oder er⸗ ſetzt dem Brautpaare, bevor die Trauhandlung beginnt, Kronen von Goldpapier auf, und führt es, während ein Heiligenbild voran getragen wird, feierlich in der Kirche herum, u. m. a. 3 Wenn Jemand erkrankt, ſo werden zur Wiederherſtellung der verlornen Geſundheit, da man alle körperlichen Leiden dem Einfluſſe böſer Geiſter oder Menſchen zuſchreibt, zuerſt Zaubermittel angewendet. Verſagen dieſe ihre Wirkſamkeit, dann nimmt man ſeine Zuflucht zu der himmliſchen Heilkraft des Papas, der ſofort fromme Gebete für den Kranken verrichtet, ihn mit Weih⸗ waſſer beſprengt, räuchert u. ſ. w. Die Hülfe des Arztes wird meiſtens zu ſpät in Anſpruch genommen. Sobald der Zuſtand des Kranken keine Hoff⸗ nung zu geneſen übrig läßt, übernimmt ein Mönch oder höherer Geiſtlicher ſeine Seele durch Beichten, durch den Genuß des heil. Abendmahls u. ſ. w. zum Eintritt in das ewige Leben vorzubereiten. Nach erfolgtem Tode wird die Leiche von den Verwandten abgewaſchen, reinlich gekleidet und in einen Sarg gelegt, der bis zur Begräbnißſtunde in der Mitte des Zimmers geöffnet ſtehen bleibt. Zu den Füßen werden einige Schüſſeln mit Eſſen hingeſetzt. Den Lei⸗ chen der Vornehmen bindet man ein Band, worauf ihr Name und ihr Alter mit goldenen Buchſtaben geſtickt ſind, um die Stirn, und gibt ihnen in die rechte Hand ein zuſammengerolltes, vom Prieſter mit einem heiligen Spruche beſchriebenes Papier, das gleichſam als Geleitsbrief in den Himmel dienen ſoll., Um den Sarg brennen Lampen oder Wachskerzen, auch iſt das Zimmer bis⸗ weilen ſchwarz behängt. Sobald dieſe Schauanſtalten beendigt ſind, nehmen die Trauerceremonien ihren Anfang. Die Verwandten und Freunde, ſo wie auch die Dienerſchaft, nähern ſich nach der Reihe dem Todten, halten ihm Lob⸗ reden, bitten ihn wegen angethaner Beleidigungen um Verzeihung, küſſen ihn, und brechen endlich, wie in den Tagen der Vorzeit, in ein fürchterliches Jam⸗ mergeſchrei aus, während ſie die Hände ringen, ſich das Haar ausraufen, das Geſicht zerkratzen, die Kleider zerreißen und ſich überhaupt wie wahnſinnig ge⸗ berden. Hinterläßt der Verſtorbene Niemand ihn zu betrauern, ſo werden oft⸗ mals arme Leute dazu gedungen. Das Begräbniß findet 12, höchſtens 24 Stunden nach dem Tode Statt. Der Sarg wird, mit einem ſchwarzen Tuche überdeckt, meiſtens von Freunden getragen, und von Geiſtlichen begleitet, die ein Kreuz und brennende Kerzen in der Hand halten, und Sterbelieder ſingen; ein Zug Verwandter und Freunde folgt paarweiſe nach. In der Kirche oder auf dem Begräbnißplatze öffnet man den Sarg noch einmal, und wiederholt auf die beſchriebene Weiſe das Abſchiednehmen von dem Todten. Sodann er⸗ theilen ihm die Prieſter den Segen, worauf er in die Gruft oder in das Grab geſenkt wird. Bisweilen ſchließt ſich die Feierlichkeit mit einem Trauermahl. Selbſtmörder, ſo wie auch Verunglückte und Alle, die ohne prieſterliche Vor⸗ bereitung geſtorben ſind, bringt man ohne Umſtände in ein beſonderes Todten⸗ haus, wo ſie bis zum Donnerstage vor Pfingſten liegen bleiben. An dieſem Tage werden ſie, im Beiſein der ganzen Gemeine und der Prieſter, welche See⸗ lenmeſſen leſen, zur Erde beſtattet. Zu Anfange jeden Jahres feiern die Grie⸗ chen ein allgemeines Todtenfeſt, indem ſie auf die Grabſtätten ihrer Angehörigen Richter's Reiſen. II. 21 einige rohe, oder zubereitete Lebensmittel niederſetzen, die den Geiſtlichen zu Gute kommen, welche Meſſen dafür leſen. Die Trauer um die nächſten Ver⸗ wandten dauert ein Jahr, einen Monat und einen Tag, und verlangt im erſten halben Jahre nicht blos eine durchaus ſchwarze Kleidung, und daß man ſich den Bart wachſen läßt, ſondern auch Entbehrungen aller Art und gänzliche Zurückgezogenheit. Wenn Jemand mit Andern in Feindſchaft gelebt, und ſich vor ſeinem Tode mit ihnen nicht verſöhnt hat, ſo laſſen ſie gewöhnlich Meſſen für ihn leſen, um ſeinen Geiſt zu beruhigen und zu verhindern, daß er ſie nicht quäle. Häufig werden bei den Griechen freundſchaftliche Bündniſſe mit beſondern Feierlichkeiten geſchloſſen. Es begeben ſich nämlich diejenigen, welche einander zur Freundſchaft verpflichten wollen, in die Kirche. Hier lieſt ihnen der Papas vor dem Altar ein Gebet und dann einen Eid vor, während jeder das Buch mit der rechten Hand berührt und dieſelbe bei gewiſſen Worten empor hält. Iſt dies geſchehen, ſo empfangen ſie den prieſterlichen Segen, worauf einer den andern umarmt und küßt. Sodann gehen ſie nach Hauſe, wo die Feierlichkeit noch dadurch bekräftigt wird, daß jeder ſich eine kleine Wunde in den Arm macht, und das heraus quellende Blut in ein Glas träufeln läßt, das man, unter Abſingung eines wild tönenden Liedes, gemeinſchaftlich austrinkt. Hier⸗ auf folgt ein ſchwelgeriſches Mahl, und Tanz und Spiel, mit ausgelaſſener Luſtigkeit begleitet. In Meſſina ſah ich einmal zwölf Offiziere des damals dort befindlichen griechiſchen Regiments, und zu einer andern Zeit drei grie⸗ chiſche Kaufleute auf die beſchriebene Weiſe ein Bündniß ſchließen, oder, wie man ſagt, Brüderſchaft machen. Uebrigens bewähren ſich ſolche Bündniſſe meiſtens dauerhaft, weil ein Bruch derſelben die ſchrecklichſte Rache nach ſich zieht. Ich füge hier noch einige, meiſtens abergläubiſche Gebräuche und Mei⸗ nungen der Griechen bei.— Jedes Ding in der Welt ſteht unter dem beſon⸗ dern Einfluſſe eines Heiligen. So beſchützt der heilige Georg die Aernte, der heilige Demetrius beherrſcht die Winde u. ſ. w. Doch kann nur Gottes Hand die Peſt abwenden, obſchon Viele auf den Schutz der Reliquien und der Zau⸗ bermittel ihr Vertrauen ſetzen, und dadurch ein Opfer jener Seuche werden. Alle Seuchen und andere Uebel, z. B. der Blitz, der Hagel, die Erdbeben, Ueberſchwemmungen, Feuersbrünſte, ſind das Werk des Teufels und der böſen Geiſter, deren Namen Niemand zu nennen wagt, ohne ſich zu bekreuzen. Es giebt Luft-, Waſſer- und Erdgeiſter. Aus den Höhlen der Berge kommen bisweilen Geſchöpfe hervor, die einer Unterwelt angehören; man vernimmt in der Nacht ihr Geſchrei mitten unter dem der Schakals und der Wölfe.— Die 323 Seelen der Verſtorbenen ſtatten dann und wann Beſuche unter den Lebenden ab, indem ſie die Geſtalt einer Biene, eines Schmetterlings oder Johannis⸗ würmchens annehmen. Im Frühling werden die Seelen der ungetauft geſtor⸗ benen Kinder vom Südwind daher getragen, und ſein Säuſeln verſchmilzt mit ihren zarten Stimmen.— Wie unter den Geiſtern, hat der Teufel auch unter den Menſchen ſeine Verbündeten, welche Unheil in der Welt zu verbreiten ſuchen; dies ſind die Hexen und die Zauberer. Aber auch Andere vermögen durch ſcheele Blicke, durch neidiſches Lob u. ſ. w. die Geſundheit, die Schön⸗ heit, den Reichthum oder überhaupt das Glück ihrer Nebenmenſchen zu vernich⸗ ten.— Die kräftigſten Schutzmittel gegen alle Uebel ſind die Reliquien. Man ſetzt jedoch nicht, wie anderwärts, ein unbedingtes Vertrauen in ihre Echtheit und Wirkſamkeit, ſondern unterwirft ſie zuvor einer Prüfung. Sie werden nämlich in Waſſer gelegt, womit man Brodteig einmacht, ohne ein Gährungs⸗ mittel hinzu zu thun; geht deſſen ungeachtet der Teig auf, ſo ſind ſie bewährt. Gewöhnlich wird dieſe Probe zur Bedingung beim Ankaufe gemacht. Dabei i*ſt jedoch zu bemerken, daß der Grieche Reliquien nicht kauft, ſondern, wie er ſich ausdrückt, eintauſcht, wenn dies ſchon mit baarem Gelde geſchieht. Die nächſte Stelle unter den Mitteln, Böſes abzuwenden, nehmen die Heiligenbil⸗ der, die Kreuze u. ſ. w. ein. Ferner beſitzt vorzüglich der Knoblauch die Eigen⸗ ſchaften eines Talismans; man trägt kleine Stückchen, in Leinwand genäht, an einer Schnur um den Hals, und befeſtigt ein ganzes Gebund über dem Ein⸗ gange des Hauſes. Auch Räucherwerk vermag alle Uebel zu vertreiben; es hält ſogar den Blitz und den Hagel ab. Gewiſſe Quellen haben die Eigen⸗ ſchaft, Kranke zu heilen, wenn dieſe an beſtimmten Feſttagen davon trinken oder ſich darin baden. Nägel von Särgen, in die Hausthür geſchlagen, ver⸗ hindern den Eingang der Geſpenſter.— Ungerade Zahlen hält man für un⸗ glücklich, die Drei ausgenommen, welche, weil die Gottheit aus drei Perſonen beſteht, vorzüglich heilbringend iſt. Einige ungerade Zahlen ſpricht Niemand aus, ohne ein„Gott ſei bei uns!“ oder eine ähnliche Redensart beizufügen, oder ein Kreuz zu machen und um Verzeihung zu bitten. Dahin gehört beſon⸗ ders die Fünf, die auch anderwärts verrufene Sieben und die Dreizehn, wegen des verrätheriſchen Jüngers, als der dreizehnten Perſon, die bei der Feier des Oſterfeſtes mit Jeſu bei Tiſche ſaß. Vor dieſen Zahlen hütet man ſich nicht nur im Sprechen, ſondern auch bei jeder Gelegenheit. Wer z. B. ſieben Feigen gegeſſen hat, ißt gewiß auch noch die achte, oder wenn nur ſieben in Allem vor⸗ handen ſind, ſo begnügt er ſich mit ſechſen. Man reiſt nie in Geſellſchaften zu fünf Perſonen, baut nie Häuſer mit fünf in einer Reihe hinlaufenden Zimmern und mehr dergleichen.— Der beherzteſte Mann erſchrickt und hält es für die 21* 324 Vorbedeutung eines Unglücks, wenn eine Eule ſchreit, ein Hund heult, oder ein Haſe quer über den Weg läuft. In ſolchen Fällen muß man ſogleich aus⸗ ſpucken und das Wort„Knoblauch“ ausſprechen.— Sonnen⸗ und Mondfin⸗ ſterniſſe, ſo wie alle Lufterſcheinungen, zeigen wichtige, meiſtens unglückliche Begebenheicen an. Als z. B. die Erſcheinung des Kometen im Jahre 1811 einen türkiſchen Derwiſch veranlaßte, den Sturz eines großen Eroberers zu verkünden, war jeder Grieche von der Unfehlbarkeit dieſer Weiſſagung über⸗ zeugt; und als bald nachher Napoleons Glück zu wanken begann, erkannte man hierin die Beſtätigung deſſen, was der Derwiſch vorher geſagt hatte, und das Lob ſeiner Weisheit erſcholl von dem einen Ende Griechenlands zu dem an⸗ dern. Auch die Flüſſe, Bäche, Teiche und das Meer verkünden durch die Be⸗ wegung und das Rauſchen des Waſſers, durch die darin ſich abſpiegelnden Gegenſtände, durch das Aufſpringen der Fiſche u. ſ. w., zukünftige Dinge.— Träume ſind Eingebungen himmliſcher Weſen, um die Menſchen zu warnen, zu lenken und zu leiten; man achtet ſelbſt auf den unbedeutendſten, und weiß ihn, mögen die Fälle kommen wie ſie wollen, ſo auszulegen, daß er in Erfüllung geht.— Wenn das Oſterfeſt naht, wird jede Wohnung, oder wenigſtens der Feuerherd geweißt, und der ganze Hausrath gereinigt. Man zerbricht das alte Töpferzeug und nimmt neues in Gebrauch; eiſerne und kupferne Geſchirre werden verzinnt. In der Oſternacht, ſobald die Kirchen die Auferſtehung Chriſti verkünden, ſchöpft man Waſſer aus dem Meere, aus Flüſſen oder Bächen, um den ganzen Körper damit zu waſchen, und im Laufe der folgenden Tage halten die Prieſter ihren Umgang, um jedem Hauſe, durch Beſprengung mit Oſterwaſſer, die heilige Weihe zu ertheilen. Dieſe Gebräuche, welche ur⸗ ſprünglich den guten Zweck hatten, die Menſchen an das große Werk ihres Erlöſers zu erinnern, und ſie zur Führung eines neuen„fleckenloſen Lebens zu ermuntern, ſind zum Spielwert des Aberglaubens herabgeſunkenz d denn man glaubt, daß die bloße Ausübung derſelben, wenn auch mit keiner ſittlichen Beſſerung begleitet, den Wohlgefallen und den Segen des Himmels erwirbt. Indeſſen haben ſie doch das Gute, daß jährlich eine allgemeine Reinigung des Hausweſens dadurch bewirkt wird.— Der ganze Hausſtand iſt gewiſſen Vor⸗ ſchriften des Aberglaubens nnterworfen. So muß ſich z. B. der Feuerherd ſtets der Thür gegenüber, und der Eßtiſch an derjenigen Wand befinden, wo das Bild des Schutzheiligen angebracht iſt, ſo wie man auch niemals mit den Füßen gegen die Thür gekehrt ſchlafen darf, u. m. a.; widrigen Falls würde man ſich die nachtheiligſten Folgen zuziehen.— Unter den Schimpfwörtern hört das Wort„Haſe“ zu den verhaßteſten, da dieſes Thier das Sinnbild der Feigheit iſt, welcher Eigenſchaft ſich kein Grieche beſchuldigen läßt. Ich verlaſſe hier die Griechen, und bemerke nur noch, daß ſchon im Jahre 1813 ihr Entſchluß, das türkiſche Joch abzuwerfen, ziemlich zur Reife gediehen und die Stimme der Empörung ſehr laut unter ihnen war. Dabei ſchmeichel⸗ ten ſie ſich mit der Hoffnung, daß ſie bald wieder ein beſonderes Reich, 1 unter dem Zepter eines— Konſtantin, bilden würden. Je weiter unſere Flotte, nach ihrer Abfahrt von der Inſel Cerigo, weſt⸗ wärts kam, deſto mehr nahm die Wärme der Luft wieder zu, und verkündigte die Nähe Siciliens, deſſen Klima faſt tropiſch zu nennen iſt. In den Nach⸗ mittagsſtunden des 26. Novembers, wo der Südoſtwind wehte, ſtand der (Réaumur'ſche) Thermometer 20 Grad über Null. Auf dieſe Hitze folgten in. der Nacht die heftigſten, mit Sturm begleiteten Gewitter, während der ganze Himmel in dicke Finſterniß gehüllt war, ſo daß wir beizulegen uns genöthigt ſahen. Um Mitternacht zeigte ſich am weſtlichen Horizont eine Feuerſäule, die bald verſchwand, bald von Neuem emporſtieg— ein Ausbruch des Aetna, deſſen Gipfel wir ſchon bei Sonnenuntergang, ungefähr in einer Entfernung von 20 Seemeilen, entdeckt hatten. Gegen Morgen erhob ſich ein ſtarker Nord⸗ weſtwind, der die Luft ſchnell reinigte, worauf eine allgemeine Beruhigung der Elemente, und ein ſchöner, heiterer Tag folgte. Die Sonne war ſo eben aufgegangen, als wir einer engliſchen Fregatte begegneten, die von Malta kam. Da ſie unſerem Commodore berichtete, daß auf Malta die Geſundheit allgemein wieder hergeſtellt ſei, ſo trug er kein Be⸗ denken, die nach dieſer Inſel beſtimmten Schiffe geraden Weges dahin zu füh⸗ ren. Der St. Angelo und einige andere Schiffe ſetzten, ihrer Beſtimmung ge⸗ mäß, die Fahrt nach Sieilien fort. Der Wind war günſtig, und es vergingen wenige Stunden, als die ganze Oſtküſte vor uns ausgebreitet da lag. Am Abend erreichten wir die Bai von Siragoſſa, und gingen daſelbſt vor Anker. Am folgenden Morgen gab uns ein Kanonenboot das Geleite nach Meſſina, wo wir am 29. November glücklich anlangten. Bei der Einfahrt in den Hafen wurden wir nicht nur von unſeren Schiffs⸗ rhedern, von Freunden und Bekannten frohlockend empfangen und mit Glück⸗ wünſchen überhäuft, auch die ſämmtlichen Einwohner geriethen in eine freudige Bewegung, und von den Ufern, wo eine große Menge Volks zuſammen gelau⸗ fen war, tönte uns der Ruf: vival! viva! vielſtimmig entgegen; denn wir brachten ja einen Ueberfluß an Getreide, welcher ein Fallen des hohen Preiſes, den dieſes Bedürfniß ſeit geraumer Zeit behauptet hatte, hoffen ließ. Dies konnte jedoch nicht verhindern, daß man uns zur Haltung der Quarantäne, welcher jedes, aus der Levante kommende Schiff unterworfen iſt, verpflichtete. Wir mußten, abgeſchieden von allen Menſchen, auf dem verrufenen Ankerplatze beim Lazzeretto vierzig ganzer Tage zubringen, obſchon mittlerweile unſere La⸗ dung, als eine Waare, von der kein Nachtheil für die Geſundheit zu fürchten war, ausgeſchifft werden durfte. Aber ſo läſtig als die lange Quarantäne mir wurde, ſo groß war auch mein Wonnegefühl, als ich nach erhaltener Pratik die Stadt betrat, wo das Carneval ſeinen Anfang genommen hatte, und Alles in Luſt und Freude ſchwamm. V. Reiſe von Meſſina nach Livorno, genua, Savona, Catania, Neapel, Palermo und den ioniſchen Inſeln, und über Malta und Trieſt nach Sachſen. 1. Der Verfaſſer begibt ſich in Meſſina von neuem in engliſche Dienſte, und macht eine Geſchäftsreiſe nach Livorno, Genua und Savona.— Erzählung eines unangenehmen Vorfalls.— Rückkehr nach Sicilen. Da das ſiciliſche Kauffahrteiſchiff St. Angelo, nach ſeiner Zurückkunft von Odeſſa, im November 1813, großer Ausbeſſerungen bedurfte, und daher lange Zeit in Unthätigkeit blieb, ſo legte ich die mir darauf anvertraute Stelle nieder, nachdem meine Verbindlichkeiten erfüllt waren. Ich bewarb mich dann Lum eine Anſtellung beim engliſchen Kommiſſariat, die mir auch am 16. Januar (1814) zu Theil wurde. Es vergingen nun einige Monate, während welcher ich die Annehmlichkeiten, die Meſſina und ſeine reizenden Umgebungen darbieten, ungeſtört genießen konnte. Uebrigens trug ſich in der Stadt nichts Merkwür⸗ diges zu, die Bewegungen abgerechnet, die unter den engliſchen Truppen Statt fanden. Man rüſtete nämlich, als Napoleons Herrſchaft ſich zum Ende neigte, Expeditionen aus, um Livorno, Genua und andere Häfen Italiens in Beſchlag zu nehmen. In der Mitte des Juni machte der General⸗Kommiſſär, Herr Jones, eine Reiſe nach Livorno und Genua, um die Verpflegung der dortigen Truppen nachzuſehen und zu ordnen. Ich befand mich bei dem Ausſchuſſe von Unter⸗ gebenen, die ihn dahin begleiten mußten. Wir fuhren auf einem Transport⸗ ſchiffe,„Emerald“ genannt. 328 Nachdem das Schiff am 18. bei der Inſel Elba vorbei gekommen war, verbreitete ſich plötzlich ein ſo dicker Nebel über das Meer, daß man nicht wagen durfte, weiter zu ſegeln— eine Erſcheinung, die in den Sommermonaten auf dem Mittelmeere auffallend, dennoch aber bei ſüdweſtlichem Winde, der ſich da⸗ mals erhoben hatte, in jener Gegend nicht ſelten iſt. Erſt am Morgen des folgenden Tages, nachdem ein Windwechſel eingetreten war, erheiterte ſich der Himmel. Wir erblickten alsdann, nicht weit von uns, die Küſte des Feſtlandes mit mehren hohen Thürmen, die urſprünglich zur Vertheidigung gegen die See⸗ räuber erbaut wurden, jetzt aber nur zu Wegweiſern für die Schiffe dienen. Bald nachher kam uns auch Livorno zu Geſicht, in deſſen Hafen wir Nach⸗ mittags die Anker warfen.. Vor dem Eingange des Hafens ſteht auf einem, aus der See hervorragenden Felſen ein Leuchtthurm, auf dem man einen großen Theil des tyrrheniſchen Meeres, ſo wie auch die Inſeln Corſica und Sardinien überſieht; die Wächter geben der Stadt, am Tage durch Flaggen, in der Nacht durch Laternen und bisweilen durch Kanonenſchüſſe, jedesmal ein Zeichen, wenn Schiffe ſich nähern. Der Hafen iſt durch ſteinerne Dämme in den innern und äußern getheilt. Der erſte,„Darſena“ genannt, kann wegen ſeiner geringen Tiefe keine Fahrzeuge der größern Art aufnehmen, und war ehedem blos für die landesherrlichen Galeeren beſtimmt. Auch der letztere enthält viel ſeichte Stellen, und auf den tiefſten nicht mehr als 36 Fuß Waſſer, daher ſchwere Schiffe bei ſtürmiſchem Wetter leicht in Gefahr kommen zu ſtranden. Dabei iſt der Boden der Ver⸗ ſandung ſehr ausgeſetzt, was jedoch durch öfteres Reinigen verhütet wird. In⸗ deſſen fehlt es dieſem äußern Hafen, der die Geſtalt eines Vierecks hat, nicht an Geräumigkeit; er kann gegen 400 große Schiffe faſſen. Da Livorno der Mittelpunkt des Handels zwiſchen dem weſtlichen Europa und der Levante, und daher mit der Peſtſeuche ſtark bedroht iſt, überdem auch im Jahre 1804 vom gelben Fieber heimgeſucht und dadurch mehrer Tauſende ſeiner Einwohner be⸗ raubt wurde, ſo hat man ganz beſondere Einrichtungen zur Sicherung der all⸗ gemeinen Geſundheit getroffen. Außer dem Quarantänehauſe gibt es ſechs oder acht am Seeufer errichtete Lazzeretti, wo theils die mit einer anſteckenden Krankheit behafteten Perſonen gepflegt, theils die aus der Levante oder andern verdächtigen Gegenden angekommenen Reiſenden der Geſundheitsprobe unter⸗ worfen, und alle von dort eingeführte Waaren gelüftet, geräuchert oder auf andere Weiſe unſchädlich gemacht werden. Dieſe Anſtalten beſchützt eine kleine Feſtung, welche den Namen„Moletto“ führt. Livorno hat faſt durchaus breite und gerade, mit ſchönen Brunnen ge⸗ zierte und in der Nacht hell erleuchtete Straßen, auf deren Reinlichkeit viel 329 Sorgfalt gewendet wird. Durch den weſtlichen Stadttheil ziehen ſich Kanäle, welche mit dem Hafen in Verbindung ſtehen und den Handelsverkehr außer⸗ ordentlich erleichtern; ſie ſind von gemauerten, zum Theil mit Marmor belegten Kaien eingeſchloſſen, und mit einer Menge Brücken verſehen. Den Marktplatz hält man, ſowohl wegen ſeines Umfangs als ſeines Reichthums an vortrefflichen Waaren, für den ſchönſten in Italien. Die großartig gebauten Häuſer, welche man in gutem Stande hält und öfters anſtreicht, haben meiſtens vier, zum Theil aber auch fünf oder ſechs Stockwerke. Die Domkirche, das Schloß, die armeniſche Kirche, die türkiſche Moſchee, das Zeughaus, das Quarantänehaus und viele andere Gebäude kann man wahrhaft prachtvoll nennen. Die vielen Kaufläden, ſo wie die Gaſt⸗ und Kaffeehäuſer, haben ein glänzendes Anſehen und verleihen dem Ganzen große Reize. Da in Livorno allen Nationen freier Handel und freie Ausübung der Religion geſtattet iſt, ſo ſind die Einwohner, deren Anzahl 50,000 beträgt, ſehr gemiſcht. Man findet, außer den Eingebornen, Menſchen aus verſchiedenen andern Theilen Italiens, ja faſt aus allen Ländern, beſonders Engländern, Franzoſen, Griechen und Juden. Die letztern, welche vor nicht langer Zeit durch ihre Glaubensgenoſſen in Algier ſehr vermehrt worden ſind, bilden eine Gemeine von mehr als 10,000 Köpfen. Sie bewohnen einen beſondern Stadt⸗ theil,„il ghetto“(die Judenſtadt) genannt, wo faſt jedes Haus ſechs Stock⸗ werke hoch, und manches ſo groß und ſo voll Menſchen iſt, daß ein mäßiges Dorf damit bevölkert werden könnte. Sie haben ihre eigenen Richter, die alle Streitigkeiten unter ihnen ſchlichten, und in Fällen, wo Juden und Chriſten in Streit mit einander verwickelt ſind, an den Unterſuchungen des Stadtgerichts Theil nehmen, und zu deſſen Urtheil ihre Stimme geben. Ihr Gottesdienſt iſt prächtiger, als in irgend einem europäiſchen Lande, und die im Orte aufge⸗ häuften Reichthümer befinden ſich meiſtens in ihren Händen. Auf die Erziehung der Jugend wenden ſie große Sorgfalt, und unterhalten zu dem Ende gut ein⸗ gerichtete Schulen, daher ſie auch an geiſtiger, wie an ſittlicher Bildung den chriſtlichen Einwohnern nicht nachſtehen. Dieſe glücklichen Verhältniſſe haben oft Veranlaſſung gegeben, Livorno„das Paradies der Juden“ zu nennen.— Die Einwohner von Livorno zeichnen ſich im Allgemeinen durch Feinheit und Gefälligkeit der Sitten aus, und wenn auch häufig der kaufmänniſche Geiſt hervorblickt, ſo wird doch jeder Fremde, der zu ihnen kommt, von ihrem Um⸗ gang angezogen. Am 26. Juni hatte der General⸗Kommiſſär ſein Geſchäft in Livorno be⸗ endigt, und begab ſich mit ſeinen Gehülfen auf die Reiſe nach Genua. Wir kamen am 29. in dem Meerbuſen, und Tags darauf im Hafen dieſer Stadt an. Genua liegt, am Abhang eines hohen Berges, amphitheatraliſch um den Hafen. Es enthält viel ſchöne Kirchen und Klöſter, und eine Menge herrlicher Paläſte. Auch ſind die Häuſer überhaupt prächtig gebaut, und in vielen Straßen kann man faſt jedes einen Palaſt nennen; die meiſten haben fünf, und viele ſechs oder mehr Stockwerke. Dies alles würde einen noch größern Ein⸗ druck, als es gewöhnlich der Fall iſt, auf den Beſchauer machen, wenn die Straßen nicht meiſtens ſteil, krumm und eng, und wegen der großen Höhe der Gebäude düſter wären. Genua iſt mit einer doppelten Mauer und mit anderen Werken befeſtigt, beſonders am Seeufer, wo auf einem, aus dem Waſſer empor ragen⸗ den Felſen, ſtarke Baſtionen ſich befinden. Der tiefe und geräumige Hafen, an deſſen Mündung ein ſchöner Leuchtthurm ſteht, gewährt einen ſichern Schutzort. Sein abgeſonderter innerſter Theil iſt für die Schiffe der Regierung beſtimmt. Die einzelnen Merkwürdigkeiten von Livorno und von Genua, den Charakter und das häusliche Leben der Einwohner, die mannigfaltigen Zweige ihres Gewerbfleißes und ausgebreiteten Handels, ihre Bildungsanſtalten u. ſ. w. lernte ich blos oberflächlich kennen, nicht aus Mangel an Zeit, ſondern weil ſich damals mein Gemüth in einer gewiſſen Unruhe befand, die mich zu auf⸗ merkſamen Beobachtungen unfähig machte. Aus eben dem Grunde gingen auch die Erzählungen von der Einnahme Genua's, beſonders der großen Kühnheit, welche das griechiſche Regiment dabei an den Tag gelegt hatte, ſo wie von dem Hergang der Dinge, als Napoleon von Livorno nach der Inſel Elba geſchafft worden war, Erzählungen, die ich ſo oft vernahm, aber immer mit halbem Ohr anhörte, für mich verloren. Nur ein unangenehmer Vorfall, der mir in Genua begegnete, hat einen ſtarken und bleibenden Eindruck in meiner Seele zurück⸗ gelaſſen. Ich kam nämlich eines Abends etwas ſpät von einer entlegenen Kaſerne, und hatte einen langen Weg durch die Stadt nach dem Hafen zu machen. In einer engen und ſchwach erleuchteten Gaſſe vernahm ich pbötzlich ein ſonderbares Pfeifen, und ſah zwei Männer, den einen von vorn, den andern von hinten auf mich zueilen. Ich ahnte Gefahr und griff nach meinen Taſchen⸗ piſtolen, aber— ſie waren einzuſtecken vergeſſen worden. Als der vorderſte Kerl ſich näherte, warf er mir eine Handvoll Sand in's Geſicht, ohne jedoch die Augen zu treffen. Ein glücklicher Seitenſprung, den ich dann machte, half mir bei ihm vorbei, und die Angſt, welche mich ergriff, verlieh meinen Füßen eine Schnelligkeit, daß meine Verfolger bald zurück blieben. Aber am Ende der Gaſſe geſellte ſich noch ein dritter Kerl dazu, der mich aufzuhalten ſuchte; doch, ein heftiger Fauſtſtoß in's Geſicht warf ihn auf die Seite. Ich ſetzte nun, obſchon nicht weiter verfolgt, meine Flucht durch mehre Straßen fort, bis ich endlich, ganz erſchöpft und todtenbleich, im Wachhauſe des Hafenthores an⸗ 331 langte. Daß meine Furcht nicht grundlos geweſen war, erwies ſich am folgen⸗ den Morgen; denn es wurden in dem Stadttheile, wo man mich angefallen hatte, zwei Perſonen ermordet auf der Straße gefunden. Hierbei muß ich be⸗ merken, daß in Genua, während der Herrſchaft der Engländer, die polizeiliche Ordnung ſich ſehr verſchlimmerte, und viel ſchlechtes Geſindel, das die Fran⸗ zoſen im Zaume gehalten hatten, freies Spiel bekam, da dem engliſchen Militär, bei aller ſeiner Tapferkeit, die Wachſamkeit, Schlauheit und Beweglichkeit des franzöſiſchen abgeht.. In der Mitte des Juli ging der General⸗Kommiſſär mit ſeinem Gefolge wieder in See. Wir machten nun einen kurzen Beſuch in der kleinen Hafen⸗ ſtadt Savona, und begaben uns dann auf die Rückreiſe nach Meſſina, wo unſer Schiff in den letzten Tagen des genannten Monats anlangte. 2. » Der Verfaſſer verheirathet ſich in Meſſina.— Kurze Beſchreibung einer Reiſe nach Malta und Cefa⸗ lonia.— Beſchreibung des griechiſchen Schiffes, auf dem er reiſt, und Schilderung der Mannſchaft und ihrer Lebensweiſe.— Ankunft in Argoſtoli, der Hauptſtadt Cefaloniens und Beſchreibung derſelben. 3 Bald nach unſerer Ankunft in Meſſina fand eine wichtige Veränderung in meinen Verhältniſſen Statt. Es hatte ſich, ſchon zu Anfange meines erſten Aufenthaltes in Meſſina, zwiſchen mir und einer jungen Sicilierin eine Be⸗ kanntſchaft angeſponnen, die bald in ſtarke Zuneigung und in den Wunſch, ehelich mit einander verbunden zu werden, überging. Allein, die Verwandten des Mädchens ſtellten, theils aus triftigen Gründen, theils aus bloßem Vor⸗ urtheil, unſerm Vorhaben zahlloſe Schwierigkeiten entgegen, ſo daß wir eine Menge harter Prüfungen aushalten mußten, die ich, da ſie nicht zur Beſchreibung meiner Reiſe gehören, zu erzählen unterlaſſen habe. Aber endlich ſiegte die Liebe durch Ausharrung über die Hinderniſſe, womit ſie zu kämpfen hatte; kurz, am 29. Auguſt 1814 früh um 10 Uhr ſtand ich und meine junge Braut, die Tochter des Herrn Riroffe, Kaufmannes und Eigenthümers des meinen Leſern bekannten St. Angelo, vor dem Altar der engliſchen Kapelle, um den Schwur ewiger Treue feierlich zu wiederholen. Nach meiner Verheirathung bezog ich das Haus meines Schwiegervaters, wo ich einige Zeit ungeſtört im Genuß des Glücks lebte, das ein hübſches junges Weib voll Herzensgüte und Zartgefühl, und mit einem heitern und lebhaften, wenn auch nicht wiſſenſchaftlich gebildeten Geiſte gewähren kann. Aber ſchon zu Anfang Oktobers erhielt ich von meinen Obern den Befehl, einige Geſchäfte in Malta zu beſorgen. Ich ging am 7. auf einem Transportſchiffe dahin ab. Die Fahrt war kurz und angenehm. Gleichwohl gewährte ſie mir nicht ſo viel Vergnügen, als ich in frühern Tagen daraus geſchöpft haben würde; ich empfand es in hohem Grade, daß man nur bei völliger Unbefangenheit und Ruhe des Gemüths zu Reiſen recht geeignet, und dagegen wenig geſchickt dazu iſt, wenn Sehnſucht nach zurückgelaſſenen theuern Angehörigen, und vielfache daraus entſtehende Beſorgniſſe die Seele beunruhigen. Nach meiner Ankunft in Malta ſuchte ich den mir ertheilten Aufträgen ſo ſchnell als möglich Genüge zu leiſten, und begab mich dann, ohne die Rückkehr des Transportſchiffes abzu⸗ warten, auf einem ſiciliſchen Trabakel wieder nach meiner Heimath,— denn dies war ja Meſſina nun geworden. Ich kam dort ſchon am 24. an. Im Januar 1815 nahm ich meine Entlaſſung aus dem engliſchen Dienſte, um in eine Geſchäftsverbindung mit meinem Schwiegervater zu treten. Bald nachher nöthigte mich dieſes neue Verhältniß, eine Reiſe nach den ioniſchen Inſeln zu machen. Da meine Frau keine Luſt hatte, abermals von mir ge⸗ trennt zu werden, ſo faßte ſie den Entſchluß, mich zu begleiten, wozu ſie ohne⸗ hin durch das Beiſpiel der vielen Engländerinnen, die ihren Männern auf Reiſen zu Waſſer und zu Lande folgten, ermuntert wurde. Wir ſchifften uns am 9. Februar nach Cefalonia, auf einer dahin gehörigen Brig ein, die den Namen „S. Nicola“ führte. Sie lichtete kurz darauf die Anker. Kaum eine Stunde nach unſerem Abgang erhob ſich ein ſtürmiſches Wetter. Deſſen ungeachtet kamen wir am Abend wohlbehalten aus dem Faro, und am folgenden Morgen um Calabriens ſüdlichſte Spitze, das Vorgebirge Spartivento. Als wir dieſes Vorgebirge einige Meilen weit hinter uns hatten, legte ſich der ungeſtüme Wind, und das Meer wurde nach und nach ruhiger; daher auch die Anfälle der Seekrankheit, welchen mein Weib bisher ausgeſetzt war, nachließen. Wir hatten nun auf der ganzen Fahrt quer über das ioniſche Meer zwar nicht beſtändig günſtigen Wind, aber heiteres Wetter, das uns die cefaloniſchen Seeleute noch angenehmer machten. Es waren lauter wohlge⸗ ſtaltete Leute, welche, bei großer Geſchicklichkeit in ihrem Gewerbe, viel Höflich⸗ keit, Gefälligkeit und beſonders eine ſehr fröhliche Laune hatten. Sie ſangen und ſcherzten faſt unausgeſetzt, und wenn es keine Arbeit mit den Segeln gab, verfehlten ſie ſelten, nach den Tönen einer Zither zu tanzen oder um die Wette zu ſpringen, zu klettern oder eine andere Leibesübung vorzunehmen. Dabei fand unter ihnen eine große Eintracht, und nicht jener grelle Abſtand zwiſchen Vorgeſetzten und Untergebenen Statt. Wenn der Kapitän zu den Matroſen ſprach, ſo geſchah dies mehr im Tone des Freundes und Rathgebers, als des Befehlshabers, obſchon ſie ihm willig gehorchten. Sie nannten ihn, da er be⸗ jahrt war,„Vater“, oder, wenn ſie unter ſich von ihm redeten,„den Alten“. Er war immer der Erſte, welcher zu Tanz und Spiel aufforderte, dem er, ſeiner Jugend ſich erinnernd, mit großem Vergnügen zuzuſehen pflegte. Die äußere Auszeichnung zwiſchen ihm und den Uebrigen beſtand faſt blos darin, daß er allein in der kleinen Kajüte wohnte, und einen beſondern Tiſch führte. Beiläufig muß ich bemerken, daß man auf den meiſten Fahrzeugen der Griechen ziemlich dieſelben traulichen, hier beſchriebenen Verhältniſſe antrifft, die von denen auf den weſteuropäiſchen Schiffen, wo die Kapitäne faſt immer ſtolze und ſtrenge Gebieter, und ihre Untergebenen wenig beſſer als Sklaven ſind, ſo außerordentlich abſtechen. Dies hat ſeinen Grund nicht nur in dem Umſtande, daß die Mannſchaft eines griechiſchen Schiffes meiſtens ein Verein von Verwandten, und jeder derſelben Theilhaber an Schiff und Ladung iſt, ſondern auch darin, daß die Anführer den Uebrigen wenig überlegen an Kennt⸗ niſſen ſind.— Was auf unſerem S. Nicola einiges Mißbehagen bei mir erregte, war die große Unreinlichkeit, die in den Gemächern und beſonders in der Kajüte, dem gewöhnlichen Aufenthalte der Reiſenden, herrſchte. Dabei fehlte der letztern faſt alle Bequemlichkeit. Sie war ein düſteres Gemach, das blos durch ein kleines Fenſter an der Decke, und des Abends durch ein Lämpchen vor dem Bilde des Schutzheiligen erleuchtet wurde. Es befand ſich weder Tiſch noch Stuhl darin; ein großer Theil war mit Frachtgütern angefüllt, und um zu meiner Schlafkammer und meinen Sachen zu gelangen, mußte ich über große Ballen hinweg ſteigen. Dieſen Unannehmlichkeiten wurde jedoch dadurch etwas abge⸗ holfen, daß das Verdeck, welches die Wellen zu Anfange der Reiſe gut abge⸗ waſchen hatten, rein war, und das Wetter ſelbſt meiner Frau geſtattete, den ganzen Tag daſelbſt zuzubringen. Auch die Lebensweiſe im Eſſen— denn ich hatte mich beim Kapitän in die Koſt verdungen,— gab mir oftmals Anlaß zu heimlicher Unzufriedenheit, indem die geringen Speiſen, worauf die Griechen in den ſtrengen Oſterfaſten beſchränkt ſind, meinem Magen wenig behagten, da er zumal an den guten Tiſch der Engländer noch zu ſehr gewöhnt war. Zum Mittagsmahl hatten wir Maccheroni, oder Hülſenfrüchte, die in Waſſer gekocht und, ohne alle andere Zuthat, mit Salz und rothem Pfeffer gewürzt waren. An einigen Tagen wurde gar kein warmes Gericht zubereitet, und man begnügte ſich mit Schiffzwieback und Pomeranzen, oder getrockneten Feigen, rothen Artiſchocken, Fenchelſtängeln, oder Zwiebeln, worin gewöhnlich auch das Frühſtück und das Abendeſſen be⸗ ſtand. Der Wein, welcher in großer Menge vorhanden und von guter Be⸗ ſchaffenheit war, mußte bei jeder Mahlzeit das Fehlende erſetzen. Wir pflegten auf dem Verdeck zu eſſen, um die töpfernen Schüſſeln und Teller gelagert, die auf dem Fußboden ſtanden. Am Abend des 15. Februars bemerkte man, durch das Fernglas, die hohen Berge der Inſel Cefalonia. Sie mochte jedoch über 16 Seemeilen entfernt ſein; und da der Wind gerade von dorther zu wehen begann, ſo ſtieg ich in mein Schlafgemach mit der Beſorgniß hinab, daß wir in mehren Tagen ſie nicht erreichen würden. Aber wie angenehm ward ich bei Tagesanbruch über⸗ raſcht! Ich erwachte von dem fröhlichen Lärm, den die Schiffsmannſchaft über mir machte. Das heftige Rauſchen des Waſſers, das ich längs der Schiff⸗ ſeite vernahm, und die Art, wie das Schiff ſich bewegte, zeigten mir eine reißend ſchnelle Fahrt an; und als ich auf das Verdeck trat, ſtellte ſich meinen Blicken die Inſel Cefalonia dar, welche, wie hergezaubert, dicht vor unſerem S. Nicola lag; denn dieſer war die ganze Nacht von dem ſtarken Weſtwinde, der noch jetzt blies, geführt worden. Schon ſtand der Kapitän, zum Landen bereit, in vollem Staate da, mit einem reich geſtickten, grünen Kaftan bekleidet, ein neues rothes Mützchen auf dem Kopfe, faſt alle Finger mit Ringen beſteckt, und eine prächtig geſchmückte lange Tabakpfeife in der Rechten. Auch die übrigen Schiffleute waren beſchäftigt ſich zu putzen, z. B. den Bart zu ſcheren, den Schnurrbart und die Augenbrauen zu ſchwärzen, u. ſ. w. Um acht Uhr des Morgens erreichten wir den Meerbuſen von Cefalonia. Bei der kleinen, am Eingange liegenden Felſeninſel,„Guardiani“ genannt, auf welcher ein Mönchskloſter und eine, der heil. Maria gewidmete Kapelle ſich be⸗ findet, wurde beigelegt und ein Boot ausgeſetzt, um an den Prior des Kloſters einen Brief abzugeben, den man aus Sieilien mitgebracht hatte. Obſchon die hoch gehende See ſich furchtbar an den Felſen brach, fanden doch die dahin ab⸗ geſchickten Matroſen, an der innern Seite, Zugang, und kehrten in kurzem zurück. Das Schiff ſegelte ſodann den Meerbuſen hinauf. Wir ſahen uns nun, links und rechts, mit hohen Bergen umgeben, die meiſtens nackte Kalkſtein⸗ maſſen, an einigen niedern Stellen jedoch mit Erde bedeckt und mit Kräutern bewachſen ſind; die letztern prangten mit dem üppigſten Frühlingsgrün. Bald blinkte uns am rechten Ufer die Stadt Argoſtoli, unſer Beſtimmungsort, ent⸗ gegen, und um Mittag warf man in deſſen Hafen den Anker. Kaum waren wir in Argoſtoli's Hafen angelangt, als die Quarantänebe⸗ amten allen Leuten auf dem Schiffe Pratik ertheilten, worauf ich und meine Frau dem Kapitän und der übrigen Mannſchaft, die uns ſo freundlich be⸗ handelt hatten, Lebewohl ſagten, und uns nach der Stadt begaben. Wir fanden beim Kaufmann Katakoni, an welchen man uns von Sieilien 335 aus empfohlen hatte, die erwünſchteſte Aufnahme, und alle Theile der Familie beſtrebten ſich, unſern Aufenthalt in jeder Hinſicht angenehm zu machen. Die geſchmackvolle und ganz europäiſche Einrichtnng des Hauſes trug Vieles dazu bei. Die Zimmer waren nicht nur mit hübſchen Tiſchen, Stühlen und Sopha's, mit Schränken und Kommoden, ſondern auch mit Tapeten, Fußteppichen, Spie⸗ geln, Kronleuchtern, Uhren, Oelgemälden, Kupferſtichen u. ſ. w. verſehen. Mit dieſer Nettigkeit des Hauſes ſtand das Betragen ſeiner Bewohner, das durchaus anſtändig und zuvorkommend höflich war, ſo wie die geiſtige Bildung derſelben im Einklange. Durch die letztere Eigenſchaft zeichneten ſich nicht blos der Hausvater, der viel gereiſt war, und ſein kürzlich aus England zurückge⸗ kommener Sohn, ſondern auch ſein Weib und ſeine Töchter aus, welche, außer dem Neugriechiſchen, italieniſch und etwas engliſch ſprachen, und ſich über mancherlei Gegenſtände ſehr verſtändig mit uns unterhielten. Es wunderte mich daher nicht, als ich in dem einen Zimmer eine anſehnliche Samm⸗ lung zierlich gebundener Bücher, meiſtens italieniſcher und franzöſiſcher, aber auch einiger engliſchen und in's Italieniſche überſetzten deutſchen Klaſ⸗ ſiker antraf. Dieſelbe Gaſtfreiheit, dieſelbe Nettigkeit, Höflichkeit und Bildung fand ich auch bei einigen andern Kaufleuten und bei einigen adeligen Familien, mit welchen ich zu thun hatte. Ueberhaupt ſind mir die vornehmen und wohl⸗ habenden Einwohner von Argoſtoli als die anziehendſten unter allen Griechen vorgekommen, und ich glaube ſie den Gebildeten jedes andern europäiſchen Landes an die Seite ſtellen zu dürfen. Dies iſt auch ſehr erklärlich, da die meiſten ihre Söhne im Auslande, beſonders in Italien und Frankreich, erziehen⸗ laſſen, welche nach ihrer Zurückkunft die Lehrmeiſter der übrigen Familie werden, und Kunſt und Viſeenſchaft unter derſelben verbreiten. Ganz anders verhält es ſich mit dem großen Volkshaufen von Cefalonia. Dieſer zeigt zwar gute Verſtandeskräfte, und auch viel Wißbegierde, ſo daß der gemeinſte Mann den Umgang mit Fremden ſucht, um ſich von den Eigen⸗ thümlichkeiten anderer Länder zu unterrichten. Aber es fehlt ihm ſehr an geiſtiger Ausbildung; denn noch im Jahre 1815 befand ſich auf der ganzen Inſel keine einzige öffentliche Schulanſtalt. Doch ſtand zu hoffen, daß die Engländer dieſem Mangel abhelfen würden, da ſie ſchon Manches zum Beſten des Landes unternommen hatten, z. B. die Verbeſſerung der Häfen und Feſtungen, die Anlegung von Landſtraßen und Brücken, das Austrocknen von Sümpfen und vor allen die Einführung einer ſtrengen Polizei. Die Tracht der niedrigen Volksklaſſen hat zwar einige Aehnlichkeit mit der in Morea gebräuchlichen, kommt aber im Ganzen der italieniſchen nahe. 6 336 Im Innern des Landes tragen ſowohl die Frauen als die Männer Dolche im Gürtel, eine Gewohnheit, die man nicht blos der rachgierigen Gemüthsart, ſondern auch dem Umſtande zuſchreiben muß, daß ehedem die Inſel, beſonders in der Gegend der höchſten Gebirge, von Räubern ſehr beunruhigt wurde. Die herrſchende Sprache iſt die griechiſche; doch ſpricht in den Seehäfen Jeder⸗ mann auch italieniſch. Der größte Theil bekennt ſich zur griechiſchen Kirche; die Zahl der Katholiken, die meiſtens von Italien abſtammen, iſt unbe⸗ trächtlich. Die Einwohner Cefaloniens, deren Zaht 64,000 beträgt, theilen ſich, wie die der übrigen ioniſchen Inſeln, in Adel, Bürger und Bauern. Der erſtere genießt großes Vorrechte, und iſt faſt auſchließl ich im Beſitze der Län⸗ dereien. Landwirthſchaft und Schifffahrt ſind die vorzüglichſten Gewerbe.) Die Manufacturen beſchränken ſich auf Baumwoll⸗ und Seidenweberei, einige Gerbereien und Töpfereien; auch verfertigt man Teppiche von Ziegenhaaren. Die Jagd iſt unbedeutend, da ſie nur Sumpf⸗ und Zugvögel darbietet. Der Fiſchfang, welcher ohnehin an den dortigen Küſten wenig belohnt, wird faſt ganz vernachläſſigt. In einigen Gegenden brennt man Branntwein, und hier und da wird Seeſalz gewonnen. Mehrere tauſend Bauern ziehen jährlich hinüber nach Morea, um dort bei der Aernte zu helfen, wofür ſie ſich ge⸗ wöhnlich mit Getreide bezahlen laſſen. Viele Cefalonier, ſowohl vornehmen als geringen Standes, gehen in auswärtige Kriegsdienſte, beſonders in ruſſiſche. 1 Cefalonia, die größte der ioniſchen Inſeln, nimmt einen Flächenraum von 16 Quadratmeilen ein. Dieſe Inſel durchzieht ein hohes, in allen Rich⸗ tungen ſeine Zweige ausbreitendes Kalkſteingebirge, das man aus frühern Zeiten her, wo es mit vieler Waldung bewachſen war,„Monte Nero“(ſchwarzes Gebirge) nennt. Die höchſte Gegend desſelben liegt 4000 Fuß über der Meeresfläche. Die Küſten ſind hoch, ſteil und felſig; an der weſtlichen befinden ſich zwei große Höhlen, wovon die eine wegen ihrer glänzenden, buntfarbigen Decke, und die andere wegen der Tropfſteinfiguren, die ſite enthält, bewundert wird. Die Vorgebirge Viscardo und Capra ſind die vorzüglichſten. Die Berge Cefaloniens ſind oben felſig und kahl, und nur nach unten zu mit Erde bedeckt, ja, viele durchaus kahle Felsmaſſen. Ein großer Theil des Landes iſt daher zum Anbau ganz unfähig. Man baut kaum zur Hälfte hinreichendes Getreide, ſo wie auch wenig Hülſenfrüchte und Gemüſe; doch werden Obſt und Südfrüchte, beſonders aber eine Art vortrefflicher Winter⸗ melonen,„Bachieri“ genannt, in ziemlicher Menge gezogen. Der Wein reicht kaum für den Bedarf der Inſel hin; er iſt auch, mit Ausnahme des Muska⸗ 337 tellers, der bei Argoſtoli wächſt, von keiner vorzüglichen Güte. Den meiſten Fleiß wendet der Landmann auf die Gewinnung der Korinthen und des Oels, welche, nebſt guter Baumwolle und etwas Flachs und Seide, die vorzüglichſten Erzeugniſſe ausmachen, womit die Ausgaben für die fehlenden Bedürfniſſe gedeckt werden müſſen. Die ehemaligen Wälder ſind gänzlich verſchwunden, indem man unter der venetianiſchen Regierung übel damit gewirthſchaftet hat; nur hier und da findet ſich noch eine Eiche, oder ein Johannisbrodbaum. Großen Reichthum beſitzt die Inſel an Kräutern, beſonders an arzneilichen, deren einige gegen die Gicht und das Podagra von der trefflichſten Wirkung ſein ſollen. Deſto ärmer iſt ſie an Weideplätzen. Daher findet man wenig Rinder und Pferde; auch gibt es nicht viel Schafe. Die meiſten Landleute halten blos einen Eſel und einige Ziegen, deren Milch zu geſalzenem Käſe verbraucht wird. Mit der Zucht des Federviehes befaſſen ſie ſich wenig. Häufiger iſt die Bienenzucht. Zufolge der Mangelhaftigkeit des Ackerbaues und Viehſtandes muß Cefalonia einen großen Theil ſeines Bedarfs an Ge⸗ treide, Hülſenfrüchten und Schlachtvieh aus Morea und andern Gegenden beziehen. Die übrige Einfuhr beſteht hauptſächlich in geſalzenen Fiſchen, in Zucker, Gewürzen, Papier, Bauholz, Tuch, Leinwand, Sammet, Färbeſtoffen, Stahl⸗ und Eiſenwaaren. Cefalonia hat keinen einzigen Fluß, aber viele Quellen, die zum Theil kleine Bäche bilden. Das Klima iſt mild, jedoch veränderlich und ſchleunigen Uebergängen von großer Hitze zu großer Kühle unterworfen, woher es denn hauptſächlich rühren mag, daß die Einwohner häufig an Gicht und Podagra leiden. Die Bäume tragen reife Früchte zweimal im Jahre, im April und November. Einen eigentlichen Winter kennt man nicht; zum Schneien kommt es nur auf dem höchſten Gebirge. Während des Sommers, wo der Himmel faſt beſtändig heiter iſt, fällt ſelten Regen, aber im Spätjahr ergießt er ſich, von ſchweren Gewittern begleitet, um ſo heftiger, ſo daß gewaltige Ströme von den Bergen herab ſtürzen und die Erddecke derſelben mit ſich fortreißen. Das Hauptübel des Eilandes ſind die Erdbeben, indem nicht nur alle Jahre dergleichen Statt fanden, ſondern auch in manchen kein Monat vergeht, ohne daß mehr oder minder heftige Stöße verſpürt werden. Ein anderes Uebel iſt der Scirocco, welcher im Sommer bisweilen eine unerträgliche Hitze verbreitet, und die Gewächſe in wenig Stunden gleichſam verſengt. Von giftigen oder ſonſt ſchädlichen Thieren iſt man ziemlich frei; doch fallen die kleinen grünen Eidechſen, die ſich zahlreich in den Häuſern aufhalten, ungeachtet ihrer völligen Unſchädlichkeit, ſehr läſtig. Die Wege im Innern der Inſel ſind rauh und ungebahnt, und man kann nur zu Fuße oder auf einem Eſel Richter's Reiſen. II. 2² 338 fortkommen, daher der Verkehr zwiſchen den verſchiedenen Ortſchaften mit viel Beſchwerden verbunden iſt. Es gibt auf Cefalonia 3 Städte, nämlich Ar⸗ goſtoli, Lixruri und Axo(Feſtung), und gegen 200 Flecken, Dörfer und Weiler. Argoſtoli iſt die Hauptſtadt, und daher der Sitz der Regierung, eines griechiſchen Biſchofs und vieler adeligen Familien. Sie breitet ſich am Fuße fruchtbarer Hügel aus, worauf Wein, Korinthen, Oliven, Obſt und Süd⸗ früchte gebaut werden; auch erzeugt man hier, in einigen Gärten, mancherlei Gemüſe. Auf dem einen Hügel liegt ein Dorf mit einigen Windmühlen, das einen ſehr maleriſchen Anblick gewährt. Im Hintergrunde ragt hohes Ge⸗ birge hervor. Auch auf der andern, d. i. der weſtlichen Seite des Meer⸗ buſens erheben ſich hohe Berge; unten am Geſtade liegt Lixuri, die zweite Stadt der Inſel. Der Hafen von Argoſtoli iſt tief, ſicher und geräumig. Uebrigens aber hat dieſe Stadt keine ſehr vortheilhafte Lage, weil nahe dabei Sümpfe ſich befinden, deren Ausdünſtungen die Luft ungeſund machen. Obſchon die Häuſer im Innern bequem und zum T Theil prächtig einge⸗ richtet ſind, ſo erſcheint doch ihr Aeußeres nicht vortheilhaft. Sie haben meiſtens zwei Stockwerke. Das untere dient zu Niederlagen, Vorraths⸗ kammern und ſtatt des Kellers, und ſieht, wegen der kl leinen, ſtark vergitterten Fenſter, einem Gefängniß ähnlich; nur das obere Stockwerk wird bewohnt, und oft befindet ſich hier der Eingang des Hauſes, indem von außen eine Treppe hinauf führt,— eine Bauart, die ihren Grund in den häufigſten Erdbeben hat. Die Wohnung des engliſchen Reſidenten und das am Hafen gelegene, ein regelmäßiges Viereck bildende und auf jeder Seite mit einem Thurm verſehene Lazareth, das mehrere Zimmer für Fremde und große Waa⸗ renlager enthält, machen die vorzüglichſten Gebäude aus. Die Kirchen ſind unanſehnlich, und nur die des katholiſchen Franziskaner⸗Kloſters ziert ein Glockenthurm; die Glocken der übrigen üngen an Cypreſſenbäumen auf dem Kirchhofe. Argoſtoli hat krumme, enge und ſchlecht gepflaſterte Gaſſen, zum Theil mit vielen Ueberreſten von Häuſern, die zu verſchiedenen Zeiten durch Erdbeben zerſtört wurden. Doch beſitzt es einen großen Marktplatz,„S. Marco“ ge⸗ nannt, welchen die Venetianer angelegt haben. Auch verdankt es den Eng⸗ ländern mancherlei nützliche Einrichtungen, z. B. daß die Häuſer numerirt ſind, daß die Gaſſen rein gehalten, und die vorzüglichſten des Abends mit Lampen erleuchtet werden. Zu der ſchönen ſteinernen Brücke, welche über die benach⸗ barten Sümpfe führt, hatten ſie damals, als ich in Argoſtoli war, erſt den Grund zu legen begonnen. Nahe beim Lazareth entſpringt eine ſehr ergiebige Quelle, welche nicht 339 nur die Schiffe, ſondern auch die ganze Stadt mit Waſſer verſorgt. Einige dazu verpflichtete Leute führen es in Tonnen, die auf Maulthiere geladen werden, gegen eine geringe Belohnung zu. Dieſes Waſſer riecht zu manchen Zeiten ſtark nach Schwefel, eine Eigenſchaft, die faſt alle Quellen des Eilandes haben, und die auf die vulkaniſche Beſchaffenheit desſelben hindeutet. Um das Waſſer vom Schwefelgeruch zu befreien, pflegt man glühende Holzkohlen hineinzuwerfen. Ein Gegenſtand, welcher die Aufmerkſamkeit des Fremden vorzüglich auf ſich zieht, ſind die Zimmerwerften. In dieſen weitläufigen Werkſtätten werden nicht nur alle Schiffe, welche die Stadt ſelbſt bedarf, ſondern auch viele für auswärtige Häfen gebaut. Ich ſah mehrere Polaker, Felucken und andere im Mittelmeer gebräuchliche Fahrzeuge, ſo wie auch einige Brigs und Schoner nach dem neueſten engliſchen Geſchmack, auf dem Stapel. Es herrſcht unter den Einwohnern von Argoſtoli große Gewerbthätigkeit. Die Hauptgewerbe ſind Handel und Schifffahrt, welche letztere von keiner ioniſchen Stadt ſo lebhaft getrieben wird. Man unterhält über 80 Seeſchiffe und viele Barken und andere Küſtenfahrzeuge. Während meines dortigen Aufenthaltes waren, außer einigen fremden, gegen 10 größere Schiffe im Hafen. Einige wurden mit Landeserzeugniſſen, beſonders mit Korinthen und Oel, aber auch mit Honig, Wachs und Käſe zur Ausfuhr befrachtet. Andere brachten ausländiſche Waaren, wovon man viele wieder in's Ausland, nach Morea und andern Theilen Griechenlands verſendete. Argoſtoli's Schifffahrt erſtreckt ſich aber nicht blos auf die Betreibung des eigenen Handels, ſondern auch auf den Dienſt auswärtiger Häfen, und viele ſeiner Schiffe werden fortwährend von Kaufleuten in Livorno, Genua u. ſ. w. beſchäftigt; denn die cefaloniſchen See⸗ leute haben den Ruf, nicht nur unter allen ioniſchen die beſten, ſondern über⸗ haupt vorzüglich geſchickt zu ſein. Nächſt dem Handel und der Schifffahrt ernährt auch der bereits erwähnte Schiffsbau, ſo wie die Krämerei, das Weben und Färben baumwollener und ſeidener Zeuge, die Gerberei, die Töpferei und das Verfertigen härener Teppiche, eine ziemliche Anzahl Menſchen. Außerdem werden auch viele andere Handwerke getrieben. Die gewöhnliche Beſchäftigung des weiblichen Geſchlechtes iſt, Baumwolle zu ſpinnen, worin es eine vorzügliche Geſchicklichkeit beſitzt..„ Bei der Betriebſamkeit, die Argoſtoli's Einwohner belebt, kann es nicht fehlen, daß viel Wohlſtand unter ihnen verbreitet iſt. Dies ſpricht ſich auch in der anſtändigen Kleidung und ganzen Lebensweiſe aller Volksklaſſen aus. Der Verf. fährt auf einer Barke nach Paxo.— Einiges über die Beſchaffenheit dieſer Inſel und ihres Fleckens Porto Gai.— Der Verf. ſchifft ſich nach Santa Maura ein— ſeine Ankunft und Aufnahme in der Stadt Amaxichi.— Beſchreibung derſelben. Am 23. Februar kam ich mit meinen Geſchäften in Argoſtoli zu Ende, und wünſchte nun nach Zante überzufahren. Da aber die dahin beſtimmten Schiffe von dem widrigen Südoſtwinde zurückgehalten wurden, ſo faßte ich, um keine Zeit zu verlieren, den Entſchluß, zunächſt nach Paxo zu reiſen, wo ich ebenfalls Etwas zu verrichten hatte, und wohin jener Wind ſehr günſtig war, daher es auch an Gelegenheit zur Ueberfahrt nicht mangelte. Ich beſtieg mit meiner Frau eine Barke, die, in Geſellſchaft mit einigen andern, am Abend unter Segel ging. Das Fahrzeug hatte zwei kleine Maſten, aber verhältnißmäßig ungeheuer große Segel, und konnte auch von acht Mann gerudert werden. Der niedrige, blos für Frachtgüter beſtimmte Raum enthielt kein beſonderes Wohngemach, ſondern der hintere, ſchmale Theil des Verdecks, über welchem eine Matte von Ziegenhaaren bogenförmig ausgeſpannt war, vertrat die Stelle der Kajüte. Dies war unſer Aufenthalt, wo wir, nebſt den übrigen Paſſagieren, meiſtens Einwohnern von Corfu, ſo beengt wie auf einem Poſtwagen ſaßen. Vom Sitze aufzuſtehen und ſich einige Schritte zu bewegen, war nicht möglich; denn es ſtand auf dem Verdeck ſo vieles Geräth, daß kaum den Schiffsleuten zu ihren Verrichtungen der nöthige Platz übrig blieb. Unter ſolchen Umſtänden würde die Reiſe ſehr läſtig geweſen ſein, wenn ſie lange Zeit gedauert hätte. Allein, da der Wind in einer ſehr günſtigen Richtung und ſchräg vom Feſtlande herüber wehte, mithin auch das Meer ſich in großer Ruhe befand, ſo ſegelte das ohnehin ſehr flüchtige Fahrzeug außerordentlich ſchnell, und rückte mit jeder Stunde ſeinem Beſtimmungsorte faſt um drei Seemeilen näher. Dabei war der Himmel die ganze Nacht hell geſtirnt, und die Luft, nach Verhältniß der Jahres⸗ zeit, ungewöhnlich warm. Die Schiffsleute vergaßen, vor Freuden über das ſchöne Wetter und die ſchnelle Fahrt, ſich nach ihrer Gewohnheit abwechſelnd zum Schlafen niederzulegen, und blieben ſämmtlich munter; ſie verweilten auf dem Vorderdeck, und ſangen fröhliche griechiſche Lieder, die ſich auf der weiten und ruhigen Waſſerfläche gut ausnahmen. Auch uns Paſſagieren kam kein Schlaf in die Augen. Man hörte dem Geſange zu, ſchwatzte, trieb kurzweiligen Scherz, und langte dann und wann in ſeinen Kober mit Wein und Eßwaaren, um ſich zu ſtärken. Als der Tag anbrach, waren wir ſchon dicht bei Antipaxo. Dieſes kleine 341 Inſelchen, obgleich eine Felſenmaſſe, iſt auf der Oberfläche eben und nicht ganz unfruchtbar. Die Einwohner des nahen Paxo halten daſelbſt Schafe, Ziegen und Schweine, und haben auch einige Pflanzungen, die Oliven, Wein, Man⸗ deln, Feigen und andere Früchte hervorbringen, darauf angelegt. Bewohnt iſt es aber nur von einigen Hirten und Wächtern, indem die Pflanzer blos dann und wann zur Arbeit herüber kommen. Wie unſere Schiffsleute erzählten, hatte ſich auf Antipaxo im Sommer 1813 ein trauriger Vorfall ereignet. Der Kapitän eines engliſchen Schiffes, das ſein Weg vorüber führte, ging mit einigen Matroſen an das Land, um Früchte zu kaufen. Da er die Gegend gut ange⸗ baut, aber ohne Menſchen fand, ſo trug er kein Bedenken, ſich ſelbſt zu ver⸗ ſorgen, und ließ durch ſeine Matroſen einige Körbe voll Weintrauben abſchneiden, worauf er jedoch etwas Geld, das mehr als hinreichend war, den Eigenthümer zu entſchädigen, in ein Schnupftuch wickelte und an einen Weinſtock band. Sie wurden indeß, auf dem Rückwege nach dem Ufer, von einem Wächter überraſcht, welcher, ohne ein Wort zu ſagen, ſein Gewehr anlegte, Feuer gab, und den Kapitän erſchoß. Die Folge dieſer raſchen That war, daß die ioniſche Re⸗ gierung den Wächter zu zwanzigjährigem Gefängniß, und den Eigenthümer der Pflanzung, weil er jenem die äußerſte Strenge befohlen und daher einige Schuld an deſſen Verbrechen hatte, zu einer ſchweren Geldbuße verurtheilte, wodurch er an den Bettelſtab kam. Das Geld erhielt die nachgelaſſene Familie des Getödteten. Nachdem unſer Fahrzeug die Südoſtſpitze des Eilandes umſchifft hatte, erblickten wir die eirunde, mit felſigem Gebirg bedeckte, aber dennoch hier und da recht anmuthig grünende Inſel Paxo, und gegenüber, an der Küſte des alten Evirus, die befeſtigte Stadt Parga auf ihrem hohen Felſen. Es dauerte auch nicht lange, ſo erreichten wir Paxo, und ſteuerten in deſſen Hafen,„Porto Gai“ genannt. Obſchon ich nach Porto Gai mehr Empfehlungen als nach Cefalonia mit⸗ brachte, ſo vermißte ich doch die gute Aufnahme und überhaupt die Gaſtfreund⸗ ſchaft, welche mir dort wiederfahren war. Uebrigens fand ich an den Ein⸗ wohnern, die man auf 1700 ſchätzt, ein von warmer Vaterlandsliebe beſeeltes, munteres, thätiges Völkchen, das keine Anſtrengung ſcheut, um die Mängel ſeiner armen Inſel zu erſetzen, der es an Getreide, an Salz, Mineralien, Holz, ja, ſelbſt an einem Brunnen und an allen Nothwendigkeiten des Lebens fehlt. Man treibt, im Großen und im Kleinen, Handel mit den mühſam gewonnenen Landeserzeugniſſen, die hauptſächlich in trefflichem Oel und in Mandeln, ſo wie auch in Mühlſteinen beſtehen. Auch beſchäftigt ſich eine Menge Menſchen mit dem Fiſchfang an den Küſten, beſonders mit dem Fang der Thunfiſche und 342 Sardellen, der ſehr einträglich iſt. Die Sitten ſind ein Gemiſch von griechi⸗ ſchen und italieniſchen. Die Sprache iſt die griechiſche; doch ſprechen Viele auch italieniſch, und zum Theil engliſch. Das weibliche Geſchlecht lebt ziemlich eingezogen. Der Flecken Gai oder Porto Gai, auch nach ſeiner Kirche„S. Nicola“ genannt, iſt der Sitz der Regierung und die einzige Ortſchaft auf Paxo, deſſen übrige Einwohner, etwa 5200, in einzelnen Gehöften zerſtreut leben. Er zieht ſich in einigen Häuſerreihen um den Hafen, welcher, geſchützt durch eine Inſel, die mitten im Eingange liegt, ſehr ſicher, aber ſeicht und nur an gewiſſen Stellen zur Aufnahme großer Schiffe geeignet iſt. Die vordere Häuſerreihe, oder die Hafenſtraße, enthält Magazine, Kramläden, Kaffeehäuſer und die Kirche, deren Thurm eine Leuchte trägt, um den Schiffen in der Nacht zum Wegweiſer zu dienen. Die Häuſer haben ein freundliches Anſehen, da ſie durchgängig weiß angeſtrichen und zum Theil mit Ziegeln gedeckt ſind; faſt bei jedem befindet ſich eine Ciſterne. Die umliegende Landſchaft ſtellt felſiges Gebirge dar, am Fuße bedeckt mit Wein⸗ und Oelpflanzungen, und mit Gärten voll Mandel⸗, Gra⸗ nat⸗ und andern Fruchtbäumen. ¹Ich verweilte nur zwei Tage in Porto Gai, und ſchiffte mich dann auf einer Barke nach Santa Maura ein, um von da nach Zante zu kommen. Nach einer glücklichen Fahrt von ungefähr 12 Stunden, auf der nichts Merkwürdiges vorfiel, kamen wir an die Nordſpitze von Santa Maura, ſteuerten dann in den ſchmalen, dieſe Inſel von Albanien ſcheidenden Kanal, und befanden uns bald am Ufer vor der Stadt Amaxichi, wo wir landeten. Nach meiner Ankunft in der Stadt wurde ich auf das Angenehmſte über⸗ raſcht. Ich fand einige Engländer, den Proviantverwalter Ferguſon und ſeine Familie, mit welchen ich in Geſellſchaft von London nach Palermo gereiſt, ſeit der Zeit aber nicht wieder zuſammen getroffen war. Sie erinnerten ſich noch lebhaft an mancherlei kleine Gefälligkeiten, die ich ihnen damals erzeigt hatte, und ſuchten mir nun ihre Dankbarkeit dadurch zu beweiſen, daß ſie mich und meine Frau in ihrer Wohnung aufnahmen und mit Güte überhäuften. Meinem frühern Plane gemäß wollte ich die Fahrt nach Zante mit dem erſten dahin abgehenden Küſtenfahrer fortſetzen. Allein, Herr Ferguſon that mir den Vorſchlag, mit einem Transportſchiffe zu reiſen, das in kurzem von Corfu kommen, und, ohne ſich lange aufzuhalten, nach Zante und dann nach Sieilien ſegeln werde; zugleich erbot er ſich, beim engliſchen Reſidenten die Erlaubniß zu meiner Einſchiffung auszuwirken. Nichts konnte mir zu meinem Fortkommen erwünſchter ſein als dieſe Gelegenheit, und ich beſchloß, ſie ab⸗ zuwarten. 343 Mittlerweile gab mein gefälliger Wirth ſich alle Mühe, mir Unterhaltung zu verſchaffen, und führte mich fleißig in der Stadt und ihrer Umgebung herum, die ich daher ziemlich genau kennen lernte.— Von der Stadt, dem Hauptorte des Eilandes, muß ich vor Allem bemerken, daß ſie mehrere Namen führt; ſie wird von den Eingebornen Amarxichi, von Andern aber auch Amakuki, Aya Maura, und von den Engländern, die allen ioniſchen Hauptſtädten die Namen ihrer Inſeln beilegen, Santa Maura genannt. Sie iſt der Sitz der Regierung und eines griechiſchen Biſchofs. Gleichwohl hat ſie eine unbedeutende Größe, und kein ſehr einladendes Anſehen. Die Gaſſen ſind eng und ohne Pflaſter; doch ſehen die Engländer darauf, daß ſie bisweilen mit Kies beſchüttet, und frei von Schmutz gehalten werden. Nur die Hauptſtraße iſt breit und ge⸗ pflaſtert; ſie läuft von Nordoſten nach Südweſten durch die Stadt, und führt zu dem Platze, dem die Venetianer den Namen„S. Marco“ beigelegt haben, und auf dem das Haus des erſten Regierungsbeamten, eine katholiſche und eine griechiſche Kirche, und im Mittelpunkt eine antike, aus den Ruinen von Niko⸗ polis*) genommene Säule ſteht. Man findet blos einige, zwei Stockwerke hohe, von Stein oder Ziegeln geſchmackvoll aufgeführte Häuſer, die meiſtens den Engländern ihr Daſein verdanken. Die übrigen ſind, wegen der häufigen Erdbeben, von Holz und nur Ein Stockwerk hoch, dabei auch ohne alle Rück⸗ ſicht auf Regelmäßigkeit und Schönheit gebaut. So ſieht man z. B. manches, deſſen Fenſter eine ganz verſchiedene Größe haben, und wovon das eine zwei, das andere drei oder mehr Ellen weit von den übrigen abſteht. Die Fenſter ſind bloße Oeffnungen, die mit Läden oder hölzernem Gitterwerk verſchloſſen werden können; ein mit Rahmen und Glasſcheiben verſehenes gehört zu den Seltenheiten. Die Thüren ſind ſchmal und ſo niedrig, daß ein Mann von mittelmäßiger Größe ſich bücken muß, um hindurch zu gehen. Einige Häuſer umgibt rund herum eine Galerie, welche man, zum Schutz vor der Sonne, mit Tüchern überſpannt. Die an der Hauptſtraße haben durchgängig Arcaden. Es gibt funfzehn Kirchen und Kapellen, ſo wie auch ein Kloſter; aber alle dieſe Gebäude zeichnen ſich durch nichts Merkwürdiges aus, ja einige ſind höchſt un⸗ anſehnlich. Ein Vorzug, den die Stadt vor mancher andern ihrer ioniſchen Schweſtern genießt, beſieht darin, daß ſie zu allen Jahreszeiten von einer Quelle, welche man„Megalivriſi“ nennt, mit vortrefflichem Waſſer reichlich verſorgt wird. So wenig Angenehmes auch die Stadt ſelbſt hat, ſo freundlich iſt doch ihre Lage. Nördlich davon erblickt man die Feſtung Santa Maura und das *) Eine Stadt in Epirus. 344 Meer, öſtlich die Küſte von Albanien und den ſchmalen, ſie von der Inſel tren⸗ nenden Kanal; an den übrigen Seiten ſtellt ſich eine fruchtbare, von Bergen und Hügeln begrenzte Ebene dar. Die Feſtung liegt auf einer, ſich von der Inſel bis nach Albanien 3¾ Mei⸗ len weit erſtreckenden Sandbank. Sie iſt vom Meer umfloſſen, und daher ſchwer zugänglich, übrigens aber ein unregelmäßiges Werk, das neun Thürme, zwei Thore, einige Kaſernen, Magazine und andere militäriſche Gebäude enthält, und nur für eine ſchwache Beſatzung Raum hat. Sie ſteht durch eine ſteinerne Waſſerleitung, die jedoch, durch Erdbeben zerſtört, jetzt nur als Fußſteig dient, mit der Stadt in Verbindung. Dieſe vom Sultan Bajazed angelegte Leitung führt über die Sandbank, und ruht auf 366 Schwibbogen, die ſo dicht bei einander ſtehen, daß nicht einmal eine Barke hindurch kommen kann, weshalb jedes in den Kanal ein⸗ oder aus demſelben auslaufende Fahrzeug die Feſtung umgehen muß. Das Waſſer über der Sandbank— man nennt es auch„die Lagunen“— iſt drei bis vier, höchſtens ſechs Fuß tief. Faſt noch ſeichter iſt der Kanal, ſo daß es, da die Breite nur zwei hundert Ellen beträgt, an manchen Stellen nicht ſchwer hält, nach Albanien hindurch zu waten. Daher können große Schiffe nicht nach Amaxichi kommen, ſondern ſie begeben ſich gewöhnlich in den Hafen Drapano, vor dem ſüdlichen Eingange des Kanals; ihre Waaren wer⸗ den auf flachen Fahrzeugen hin und her geſchafft. Doch befindet ſich an der Weſtküſte des Eilandes, nicht weit von der Stadt und Feſtung, eine Stelle, wo Seeſchiffe bei ruhigem Wetter, oder wenn der Wind vom Lande weht, ankern können; dies thun indeſſen nur ſolche, deren Aufenthalt von kurzer Dauer iſt, beſonders diejenigen engliſchen, welche Briefe, Truppen u. ſ. w. überbringen. Der Kanal beſitzt einen Reichthum an Fiſchen, hauptſächlich an Aalen, die man in großer Menge fängt und den benachbarten Inſeln zuführt. Unge⸗ fähr eine Viertelſtunde ſüdlich von der Stadt wird aus ſeinem Waſſer, indem man es in die am Ufer gemachten Vertiefungen leitet, und in der Sonnenhitze abdampfen läßt, ein ſtarkes, großkörniges Salz gewonnen, das Haupterzeugniß der Inſel. Die Ufer Albaniens, jenſeits des Kanals, ſind kahle Sandhügel, die zwar an ſich einen traurigen Anblick gewähren, dennoch aber Vieles beitragen, die Reize der Ebene von Amarichi durch ihren Kontraſt mit derſelben hervor zu heben. Dieſe Ebene, welche ſich von Norden nach Süden 1 ½, und von Oſten nach Weſten Meile weit ausdehnt, hat einen ſandigen, jedoch gut bewäſſerten und ungemein fruchtbaren Boden. Sie iſt trefflich angebaut. Getreide aller Art, die herrlichſten Gemüſe, Flachs und Baumwolle wechſeln mit Weinſtöcken, Oliven⸗ und allerlei Fruchtbäumen, beſonders mit Zitronen⸗, Pomeranzen⸗ und Mandelbäumen, auf das Angenehmſte ab. Gegen Weſten, da wo das Land gebirgig wird, ſteht etwas Gebüſch, welches die Stadt mit dem nöthigen Brennholze verſieht. Die Viehzucht iſt nicht bedeutend. Man hält nur Ziegen, Schafe, einiges Federvieh und Bienen, ſo wie Eſel und Maul⸗ thiere zum Laſttragen und zur Beſtellung der Felder. Die Einwohner von Amarxichi, ungefähr 5500, ſind ſehr wohlgeſtaltet, was beſonders vom weiblichen Geſchlechte gilt, das in Hinſicht der Schönheit unter allen Jonierinnen den Vorzug behauptet. Sie kleiden ſich wie die Mo⸗ reoten, und lieben, wie dieſe, Stickereien und morgenländiſchen Putz. Auch ihre übrigen Sitten und Gebräuche, ſo wie ihre Sprache und Aufklärung, tragen das echt griechiſche Gepräge. Doch machen ſie darin eine Ausnahme, daß dem weiblichen Geſchlechte viel Freiheit geſtattet iſt. Sie ſind in der Regel ſanft und friedlich, gerathen aber, wenn ſie gereizt werden, in heftigen Zorn, welcher leicht in blinde Wuth übergeht. Ihre Hauptgewerbe beſtehen in der Bereitung des Seeſalzes, in der Landwirthſchaft, Fiſcherei, Gerberei, Baum⸗ wollweberei, und in Handel und Schifffahrt. Man verſendet Salz, Oel, etwas Wein, Fiſche und Südfrüchte; eingeführt werden Getreide, Rinder und anderes Schlachtvieh, Zucker, Kaffee, Gewürze, Tuch und Seidenzeuge, Stahl⸗, Eiſen⸗, Meſſing⸗ und andere Fabrikwaaren. Viele der ärmeren Einwohner begeben ſich zur Aerntezeit nach Albanien, um dort arbeiten zu helfen, wofür ſie ſich mit Getreide bezahlen laſſen.— Die Inſel Santa Maura, das Leucadia der Alten, hat eine Größe von 5 ½ Quadratmeilen und enthält, die Stadt mit inbegriffen, 33 Ortſchaften, die von 22,000 Menſchen bewohnt werden. Sie iſt, mit Ausnahme der Ebene von Amarichi und eines, im Weſten gelegenen fruchtbaren Thales, eine fort⸗ laufende Reihe nackter Kalkſteingebirge, deren höchſte Spitze,„S. Elias“ ge⸗ . nannt, 3000 Fuß über dem Meere liegt. Die Küſten, an welchen drei kleine Häfen ſich befinden, ſind, außer an der Nordoſtſeite, ſteil und felſig. Längs der Südküſte zieht nach dem Meerbuſen von Patras ein heftiger Strom, wel⸗ cher bei ſtürmiſchem Wetter die Schifffahrt ſehr gefährdet. Das vorzüglichſte Vorgebirge iſt das im Süden gelegene„Ducato,“ wo einſt unglücklich liebende Perſonen, unter andern Sappho, aus Verzweiflung in das Meer ſprangen und ſpäterhin die Verbrecher herab geſtürzt wurden, und wo der berühmte Tempel des Apollo ſtand, von dem noch einige Bruchſtücke vorhanden ſind. Das Meer um die Küſten beſitzt einen Reichthum an Fiſchen, an Auſtern, Krebſen, Muſcheln u. ſ. w. Obgleich die Inſel keinen Fluß hat, ſo fehlt es derſelben doch nicht an gutem Waſſer. Im Herbſt und Winter iſt die Luft mild, aber im Frühjahr und Sommer übermäßig heiß. In dem flachen Land⸗ ſtriche von Amaxichi, und beſonders in dieſer Stadt, iſt ſie ungeſund, weil aus den angrenzenden ſeichten und zum Theil ſumpfigen Gewäſſern ſchädliche Dünſte empor ſteigen, wozu noch kommt, daß durch den Oſtwind auch aus dem Meerbuſen von Arta ſolche Dünſte herüber geführt werden. Es entſtehen daher häufig Fieber. Das Hauptübel des Eilandes ſind die Erdbeben⸗ welchen es eben ſo häufig, wie Cefalonien, ausgeſetzt iſt. Ich ſchließe meine Beſchreibung von Santa Maura mit der Bemerkung, daß unter den dortigen Einwohnern eine große Abneigung gegen die Englän⸗ der herrſchte. Auch auf den übrigen ioniſchen Inſeln fand ich eine ähnliche Stimmung, aber ſie war weniger bemerkbar, vielleicht deswegen, weil die Ce⸗ falonier, Zantioten u. ſ. w. vorſichtiger, ſchlauer und in der Kunſt ſich zu ver⸗ ſtellen, beſſer geübt ſind. So viel war indeſſen gewiß, daß der Funke der Em⸗ pörung allenthalben unter der Aſche glimmte, und nur einer günſtigen Gelegen⸗ heit bedurfte, um in Flammen auszubrechen. Sollte der griechiſche, auf dem Feſtlande ſich bildende Staat eine vortheilhafte Geſtalt erhalten, ſo ſteht zu erwarten, daß auch die ioniſchen Inſelbewohner Alles aufbieten werden, ſich deniſelben anzuſchließen, und dann dürften die Engländer Mühe haben, ſich zu behaupten. Dies iſt, auch abgeſehen von der nationalen Verwandtſchaft, worin die Jonier mit den Griechen des Feſtlandes ſtehen, ſchon deswegen kein Wunder, weil die engliſchen, dem ioniſchen Freiſtaate vorgeſetzten, militäriſchen Befehlshaber— der Lord Obercommiſſär in Corfu und ſeine Stellvertreter auf den übrigen Inſeln, die Reſidenten— eine ziemlich unumſchränkte, ver⸗ faſſungswidrige und das Anſehen der vom einheimiſchen Adel verwalteten Civil⸗ regierung vernichtende Gewalt ausüben, ohne daß die Einwohner die Vor⸗ theile britiſcher Unterthanen genießen. Das Uebel wird durch die große Ent⸗ fernung von England noch vermehrt, indem es den Einwohnern gewöhnlich viel Schwierigkeiten verurſacht, ihre Klagen vor das Londoner Miniſterium zu bringen, dem daher Manches verborgen bleibt. 1 4. Der Verf. geht auf einem engliſchen Transportſchiffe nach Zante ab. Man läuft wegen widrigen Windes in den Hafen der Inſel Theaki ein.— Bemerkungen über dieſen Hafen und die kleine Stadt Vathi, ſo wie über die Inſel im Allgemeinen.— Fortſetzung der Fahrt nach Zante— wir ſtranden an der r Küſte von Morea.— Das Schiff wird wieder flott und erreicht den Hafen von Patras— flüchtige Beſehung dieſer Stadt.— Ankunft in Zante. Am 3. März langte das erwartete Transportſchiff, ein großer Drei⸗ maſter, der den Namen„York“ führte, bei Amaxichi an. Ich erhielt, wie mir 347 verſprochen war, die Genehmigung des Reſidenten, mich darauf einzuſchiffen, was auch ohne Verzug geſchah. Ich fand dort mehre Reiſende, einen eng⸗ liſchen Offizier nebſt ſeiner Frau und zwei zantiotiſche Familien; dieſe Geſell⸗ ſchaft beſchränkte zwar den Platz in der Kajüte, war aber übrigens recht an⸗ genehm. Das Schiff ging am folgenden Tage mit Sonnenaufgang unter Segel. Wir hatten einen ſchwachen, jedoch günſtigen Wind, der uns in einigen Stun⸗ den nach dem Kanal führte, welchen das ſüdliche Vorgebirge von Santa Maura und die nördlichen von Cefalonia und Theaki, nämlich Ducato, Viscardo und S. Giovanni, bilden. Hier kam unſer Schiff in einen heftigen Strom, der dasſelbe mit reißender Schnelligkeit zwiſchen den ſchroffen Felsmaſſen hindurch trieb, worauf es längs der Küſte von Theaki dahin ſteuerte. Gegen Mittag, wo wir uns nahe bei der Südſpitze des Eilandes befanden, drehte ſich der Wind nach Südoſten, ſo daß man zu laviren genöthigt war. Da er in den Nachmittagsſtunden immer ſtärker und ungünſtiger wurde, ſo trug der Schiffs⸗ kapitän Bedenken, in einem an allen Seiten vom Lande begrenzten Gewäſſer, wovon er überdem keine genaue Kenntniß hatte, während der Nacht zu laviren, weshalb er ſich entſchloß, bei Zeiten umzulenken, und in den nahe gelegenen Hafen der Inſel Theaki zu ſteuern. Wir erreichten gegen vier Uhr den Ein⸗ gang, und es dauerte nicht lange, ſo gingen wir nahe bei der kleinen Stadt Vathi vor Anker. Der Eingang des Hafens zeigt, wie die ganze Außenſeite des Eilandes, nichts als nackte, ſteile und zum Theil überhängende Felsmaſſen. Aber weiter hinein nehmen die Ufer einen ſanftern Charakter an, und im Hintergrunde liegt Vathi, am Fuße eines Berges und von Gärten umgeben, ſehr romantiſch da. Mitten im Hafen erhebt ſich eine Felſeninſel, S. Salvatore genannt, worauf ein Mönchskloſter mit einer Kirche ſteht. Sein Waſſer iſt tief; auch gewährt er Schutz vor jedem Winde, da er eine Krümmung macht, ſo daß man auf dem Ankerplatze keine Oeffnung, ſondern rund umher hohe Berge ſieht. Welchen Eindruck der Anblick dieſer Landſchaft und überhanpt der gan⸗ zen Inſel auf mich machte, ein Anblick, der Erinnerungen an ſo merkwürdige Perſonen des Alterthums, wie Odyſſeus und Penelope, Telemach und Mentor, Homer u. ſ. w., vor die Seele führt, kann ich nicht beſchreiben. Kaum hatte der York den Anker geworfen, als die ganze Reiſegeſellſchaft ſich zur Erholung an das Land fahren ließ. Wir ſtrichen einige Zeit in dem hübſchen Städtchen herum, und begaben uns dann in ein Haus, um den da⸗ ſigen Wein zu koſten, der für den beſten auf den ioniſchen Inſeln gilt, und der uns allen trefflich ſchmeckte. Die alterthümlichen Merkwürdigkeiten, z. B. die 8* 1 1 4 f 5 — —= — —— Ueberreſte vom Schloſſe des Odyſſeus, die nahe bei der Stadt am Abhange des Berges liegen, die nicht weit davon entfernten Katakomben, die Trümmer eines römiſchen Gebäudes, das alte Schwert, welches man im Kloſter zeigt, und für das des Odyſſeus ausgibt,— dies alles zu beſehen wurde unterlaſſen, weil die Nacht uns übereilte und auch nur Wenige von der Geſellſchaft einigen Sinn für ſolche Dinge hatten. Das Städtchen Vathi, der Hauptort des Eilandes und Sitz ſeiner Re⸗ gierung, enthält gegen 400 Häuſer, die eine hübſche Bauart und faſt durch⸗ gängig zwei Stockwerke haben. Die Einwohner— man ſchätzt ihre Anzahl auf 1800— ſtimmen in der Sprache, den Sitten und Gebräuchen mit ihren nächſten Nachbarn, den Cefaloniern, überein; ſie ſind aber nicht ſo geiſtvoll als dieſe, obſchon von ſanfterem Gemüth. Handel und Schifffahrt wird, in Verhältniß zur Größe des Ortes, ſehr ſtark von ihnen getrieben. Korinthen machen den vorzüglichſten Gegenſtand der Ausfuhr, ſo wie Holz und Schlacht⸗ vieh den der Einfuhr aus. Die Inſel Theaki, auch Kleincefalonia, und von den Engländern nach ihrem alten Namen„Ithaka“ genannt, beſteht faſt aus lauter Kalkſteingebir⸗ gen, deren höchſte Gipfel im Süden der Berg Stephano und im Norden der Berg Neritos ſind. Nur einige Stellen in der Gegend um Vathi und fünf oder ſechs Thäler im Innern ſind mit fruchtbarer Erde bedeckt. Deſſen un⸗ geachtet erbaut man ſo viel Getreide und Gemüſe, um nicht nur das eigene Bedürfniß damit befriedigen, ſondern auch etwas davon an Cefalonia und Zante überlaſſen zu können. Das Haupterzeugniß ſind Korinthen, 4000 bis 5000 Centner jährlich. Sodann wird trefflicher Wein, gutes Olivenöl, etwas Baumwolle und Flachs, auch eine ziemliche Menge Zitronen, Pomeranzen, Fei⸗ gen und Granaten, aber wenig von anderen Baumfrüchten gezogen. An Holz iſt die Inſel arm, daher auch an Wild. Dasſelbe iſt der Fall mit den zahmen vierfüßigen Thieren; es werden nur Eſel und kaum 500 Stück Ziegen und Schafe gehalten. Hühner gibt es viel, beſonders vortreffliche Truthühner; auch gewährt der Fiſchfang gute Ausbeute. Quellen ſind reichlich vorhanden. Das Klima iſt beſtändiger und der menſchlichen Geſundheit zuträglicher als das von Cefalonia. Erdbeben finden nicht ſo häufig wie dort, und auch in ge⸗ ringerem Grade Statt. Die Bevölkerung beläuft ſich kaum auf 6000 Men⸗ ſchen, die in einer Stadt und ſieben Dörfern und Weilern, zum Theil auch zerſtreut in einzelnen Häuſern leben. Wiährend der Nacht nahm der Wind eine nördliche Richtung an, daher unſer Schiff mit Tagesanbruch wieder in See ging. Gegen zehn Uhr Mor⸗ gens hatten wir bereits die ſüdöſtliche Spitze von Cefalonia, das Vorgebirge — Capra, umſchifft, und konnten die Inſel Zante, die höchſtens nur noch acht Seemeilen entfernt war, der ganzen Länge nach überſehen. Jetzt begann aber der gute Wind uns nach und nach zu verlaſſen, und in Kurzem entſtand eine völlige Stille, während der Himmel ſich mit ſtreifigem Gewölk überzog, was immer der Vorbote eines nahen Sturmwetters iſt. Das Meer gerieth in große Unruhe, und aus dem Kanal zwiſchen Zante und Cefalonia ſtürzten ungeheure Wellen hervor, welche, in Verbindung mit dem Strom, unſer Schiff nach dem Feſtlande hintrieben. Mit dem Eintritt der Mittagsſtunde erhob ſich plötzlich der Wind, aber ein unſerer Fahrt ganz ungünſtiger Weſtſüdweſt. Man ver⸗ ſuchte jedoch durch Laviren die Inſel Zante zu gewinnen. Allein, der Wind wurde bald ſo ungeſtüm, daß uns, um nicht an die Küſte von Morea geworfen zu werden, kein anderes Mittel übrig blieb, als in den Meerbuſen von Patras zu ſteuern. Obſchon unſer York nur noch mit drei verkürzten Segeln beſpannt war, ſo kam er dennoch, woraus man auf die Gewalt des Sturmes ſchließen kann, wie im Fluge an den Eingang des Meerbuſens und um das moreotiſche Vorgebirge Papas, worauf er vor dem jenſeitigen, an der Küſte von Livadien gelegenen Miſſolunghi ſchnell anlangte. Da aber dieſer Hafen, zumal bei einem weſtlichen Sturm, zur Aufnahme großer Schiffe nicht geeignet iſt, ſo gingen wir weiter hinauf nach Patras. Gegen 5 Uhr Nachmittags, als wir uns etwa eine Viertelmeile von dem genannten Orte befanden, lief der Wind mit einem Male nach Nordoſten um, fiel von vorn in die Segel, und in demſelben Augenblick war die Stänge des Vormaſtes zerbrochen, ſo daß ſie mit allem, was ſich daran befand, herab ſtürzte. Man kann leicht denken, welche Verwirrung dadurch auf dem Schiffe entſtand. Dieſes trieb nun unaufhaltſam an die nahe Küſte von Morea, wo es unter den heftigſten Stößen zum Feſtſitzen kam. Schreck und Beſtürzung waren allgemein, ſowohl unter der Schiffsmannſchaft als den Paſſagieren, be⸗ ſonders den Frauen und Kindern, deren Angſtgeſchrei den Unfall noch empfind⸗ licher machte. Doch bald ermannte ſich die wackere Schiffsmannſchaft, und da man auf das Schlimmſte, die Zertrümmerung des Schiffes, gefaßt ſein mußte, ſo machte ſie Anſtalt, vor allem die ihr anvertrauten Reiſenden ans Land zu bringen, was der Umſtand, daß das Ufer kaum hundert Schritt weit entfernt, und durch eine hervorſpringende Landſpitze etwas geſchützt war, erleichterte. Das große Boot wurde ſogleich ausgeſetzt, und kaum hatte man es mit Matro⸗ ſen bemannt und mit dem nöthigen Landungsgeräth verſehen, als Männer und Frauen mit ihren Kindern, ohne an die Rettung einiger Habſeligkeiten zu den⸗ ken, wie wahnſinnig hinab ſprangen, wobei zu verwundern war, daß Niemand Schaden nahm, da die tobenden Wellen das Fahrzeug hin und her warfen. 350 Die Landung ging indeß glücklich von Statten, und das Boot kam bald wieder an Bord, wohin es, weil man gegen den ſtarken Wind und Wellenſchlag nicht rudern konnte, mit einem daran befeſtigten Seile zurückgezogen wurde. Es ſtiegen nun die noch übrigen Reiſenden ein, zwei Zantioten und ich mit meiner Frau. Ich nahm von meinen Sachen das Beſte mit, was ſich am leichteſten fortbringen ließ, ein kleines Käſtchen mit wichtigen Papieren und ungefähr zwei hundert Thalern Geld. Die Fahrt ging ſchnell vorwärts; aber es ereignete ſich ein Vorfall, der uns das Leben hätte koſten können. Ungefähr zwanzig Schritte vom Ufer gerieth das Fahrzeug in einen Wirbel zurückpral⸗ lender Wellen, ſo daß es umſchlug, und alles, was ſich darin befand, in's Waſſer fiel. Als ich mit dem Kopfe wieder in die Höhe und zur Beſinnung kam, war der erſte Gedanke meine arme Frau. Aengſtlich ſuchten ſie meine Augen, und ich hatte die Freude, zu ſehen, wie ſie ſich durch Schwimmen an's Land zu retten ſuchte, und ein Einwohner ihr zu Hülfe herbei eilte. In Kur⸗ zem befanden wir uns wohlbehalten am Ufer; auch retteten ſich die übrigen Leute, obſchon der eine Zantiote, wegen der Schwere ſeiner mit Geld ange⸗ füllten Taſchen, dem Ertrinken nahe war. „Erſt nachdem wir einige Zeit von der vorausgegangenen Geſellſchaft be⸗ glückwünſcht und zugleich bemitleidet worden waren, dachte ich an mein im Meere verſunkenes Käſtchen. Ich hoffte jedoch, es nach dem Eintritt beſſeren Wetters wieder zu erlangen, und ſo behielt das freudige Gefühl, welches den Menſchen nach überſtandenen Lebensgefahren eigen iſt, bei mir die Oberhand. Die meiſten unſerer ſchiffbrüchigen Gefährten ſtanden, umgeben von eini⸗ gen herzu gekommenen Einwohnern des Landes, beſtürzt am Ufer, ohne zu wiſſen, was ſie beginnen ſollten, indem ſie nach dem Schiffe hin blickten, das den tobenden Wellen noch kräftig widerſtand. Ich hielt es jedoch für nöthig, im nahen Patras um ſchleunige Hülfe nachzuſuchen, und war eben im Begriff, von einigen Andern begleitet, dahin zu gehen, als ſchon ſechs oder mehr, vom dortigen engliſchen Konſul abgeſchickte Fahrzeuge erſchienen, um das Schiff zu retten. Bald darauf langte der Konſul ſelbſt— er war ein Cefalonier— zu Lande bei uns an, um ſich von der Lage der Dinge genauer zu unterrichten. Er ſuchte die Geſellſchaft zu tröſten, und lud ſie ein, ihm nach Patras zu folgen, da ſie zur Rettung des Schiffes nichts beitragen konnte, und da überdem die Nacht einbrach. Sie machte ſich, von neuen Hoffnungen belebt, ſogleich auf den Weg. Nach unſerer Ankunft in der Stadt wurden wir in ein hübſches Haus gewieſen, wo man uns gut bewirthete, und zum Nachtlager mit Matten und Decken verſah. Vor dem Niederlegen hatten wir noch die Freude, wahrzuneh⸗ 351 men, daß der Sturm nachzulaſſen und gutes Wetter einzutreten begann, und konnten uns daher dem Schlafe ruhig überlaſſen. Kaum war der Tag angebrochen, als der Wirth des Hauſes uns zu wiſſen that, daß unſer Schiff gerettet ſei und bereits im Hafen vor Anker liege. Bald beſtätigte auch der Schiffskapitän, welcher mit heiterer Miene in die Stube trat, dieſe frohe Nachricht. Wie wir nun erfuhren, war der York wäh⸗ rend der Nacht, nachdem die Heftigkeit des Windes und die Unruhe des Mee⸗ res nachgelaſſen hatte, durch angeſtrengtes Winden, Bugſiren und mit Hülfe der ſtarken Fluth wieder flott gemacht und ſofort in den Hafen gebracht wor⸗ den. Er hatte keinen bedeutenden Schaden und nicht einmal einen Leck bekom⸗ men, und man war ſchon beſchäftigt, ſtatt der zerbrochenen Stenge eine andere aufzuſetzen. Weil überdies der Wind die Fahrt nach Zante begünſtigte, wollte der Kapitän noch dieſen Nachmittag wieder unter Segel gehen. Ich verlor ſonach keine Zeit, mein verlornes Käſtchen im Meerbuſen auf⸗ zuſuchen. Aber ob ich ſchon die Stelle, wo das Boot umgeſchlagen war, ge⸗ nau kannte, und ungeachtet der geringen Tiefe, großen Ruhe und Klarheit des Waſſers, die jedes Steinchen auf dem Boden erkennen ließen, gelang es mir doch nicht, es zu entdecken; und wahrſcheinlich hatte die Unvorſichtigkeit, daß ich nach unſerer Rettung in Gegenwart der am Strande verſammelten Ein⸗ wohner von meinem Verluſte ſprach, dieſelben veranlaßt, mir zuvor zu kom⸗ men. Das Mißlingen meines Verſuchs machte mich Anfangs ſehr verdrießlich; ich ſuchte jedoch den Verluſt zu verſchmerzen, und war nur froh, daß eine be⸗ deutende, in Cefalonia erhaltene Geldſumme, die ich von dort nach Siecilien geſchickt hatte, nicht mit verloren war. Nach meiner Zurückkunft in die Stadt machte ich mit meinen Reiſege⸗ fährten einen flüchtigen Spaziergang durch vier oder fünf Straßen. Wir kauften bei dieſer Gelegenheit einige Lebensmittel. Der Markt war reichlich damit verſehen, und ihre Wohkfeilheit ſetzte mich in Erſtaunen; denn man be⸗ zahlte z. B. ein Schaf mit ungefähr 10 Ngr. und zwei Dutzend Eier mit 1 Ngr. nach ſächſiſchem Gelde. Uebrigens ſah ich nicht viel Merkwürdiges, das einer Aufzeichnung bedürfte. Die Straßen, durch die wir kamen, waren ſchmutzig, und mit unanſehnlichen Häuſern beſetzt; doch bemerkte ich einige hübſche griechiſche Kirchen. Die Sitten der Einwohner hatten ein ganz mor⸗ genländiſches Gepräge; auch zeigte ſich allenthalben der türkiſche Despotis⸗ mus.— Patras liegt auf einem Hügel, iſt mit Mauern umgeben, und amphi⸗ theatraliſch um die Citadelle gebaut, welche den Hafen und die Stadt beſtreicht. Es enthielt 12 griechiſche Kirchen, 1 türkiſche Moſchee, 2 Hoſpitäler, und 1400 Häuſer mit 6000 Einwohnern. Die umliegende Gegend hat viel Angenehmes. 352 Der Hafen iſt geräumig und ſicher. Er war zur Zeit meines dortigen Aufent⸗ haltes ziemlich lebhaft, indem ſich etwa drei oder vier Polaker und ein Dutzend kleinere Schiffe darin befanden, die mit Landeserzeugniſſen befrachtet wurden. Gegen Mittag verſammelte ſich unſere Reiſegeſellſchaft im Gaſthauſe, nahm ein kleines Mahl ein, und ging ſodann an Bord des York. Er war zu unſerer Verwunderung ſchon wieder in ſo guten Stand geſetzt, daß ſich faſt nirgends eine Spur von den erlittenen Beſchädigungen bemerken ließ;z man hatte ſogar das Verdeck recht ſauber gewaſchen. Meinen Koffer, meine Betten u. ſ. w. fand ich in derſelben Ordnung, wie ich ſie verlaſſen hatte. Um 2 Uhr Nachmittags wurde der Anker gelichtet. Sobald das Schiff aus dem Hafen und im vollen Segeln war, begab ſich der größere Theil der Mannſchaft, die dreißig Stunden nach einander anſtrengend gearbeitet hatte, zur Ruhe. Dies konnte nun um ſo eher geſchehen, als das Wetter ſich ſehr vortheilhaft anließ. Kein Wölkchen trübte den Himmel, und es wehte ein ſo ſanfter und beſtändiger Nordwind, daß bis zur Ankunft beim Vorgebirge Papas keine Hand an die Segel gelegt werden durfte. Ueberhaupt muß ich hierbei bemerken, daß das Wetter, während meines noch übrigen Aufenthaltes in ⸗Griechenland, fortdauernd ſchön blieb, und der Sturm, welchen wir ausge⸗ halten hatten, ſchien der letzte Kampf zwiſchen dem Sommer und Winter die⸗ ſes Erdſtriches geweſen zu ſein. Faſt jeden Tag erblickte man einen heitern, tiefblauen Himmel, und nur bisweilen zeigte ſich ein weiß gefärbtes, leicht dahin ſchwebendes Gewölk. Es fanden gemäßigte Weſt⸗ und Nordwinde Statt, deren Kühlung ſehr angenehm war, da die Sonne ſchon mächtig wirkte, ſo daß die Wärme in den Mittagsſtunden 18 bis 20 Grad nach dem Réaumur⸗ ſchen Thermometer betrug. Unſer York kam kurz vor Sonnenuntergang um das Vorgebirge Papas. Während der Nacht, wo ein kaum fühlbares Lüftchen ihn führte, glitt er, unter dem hell geſtirnten Himmelsgewölbe, ſanft über die ruhige Meeresfläche dahin. Nichts ſtörte unſern Schlaf, bis wir mit Tagesanbruch durch das Raſſeln des fallenden Ankers geweckt wurden; denn wir befanden uns im Hafen von Zante. 5. Beſchreibung der Stadt Zante und der angrenzenden Landſchaft.— Bemerkungen über das Klima der Inſel und Erwähnung einiger Merkwürdigkeiten derſelben.— Ihre Erzeugniſſe.— Schilderung der Einwohner.— Ein Spaziergang auf den Monte Scopo. Im Hafen von Zante begann die Reiſegeſellſchaft ſich nach und nach zu trennen. Ich und meine Frau begaben uns ebenfalls an das Land. Da wir — 353 aber auf dem York nach Sieilien zurückkehren wollten, auch vom engliſchen Reſidenten die Erlaubniß dazu erhielten, ſo ließen wir unſer Gepäck zurück, und trafen die Einrichtung, den Tag auf dem Lande und die Nacht auf dem Schiffe zuzubringen; eine Einrichtung, die viel Angenehmes für uns hatte, weil wir dadurch in den Stand geſetzt wurden, ohne Zwang zu leben und Nie⸗ manden zu beläſtigen. Ich hatte Anfangs befürchtet, daß die Beſorgung meiner Geſchäfte mit vielen Schwierigkeiten verknüpft ſein würde, weil die Papiere, worauf ſie ſich gründeten, verloren gegangen waren. Allein ſie hatten den beſten Fortgang; denn der Kaufmann, mit dem ich zu thun hatte, Herr Monte aus Venedig, benahm ſich als ein ſehr rechtlich denkender Mann. Die Sache war nach acht Tagen ſo weit gediehen, daß mir nichts zu wünſchen übrig blieb. Die Stadt Zante, wo die Regierung des Eilandes, ein griechiſcher Pro⸗ topapas und ein katholiſcher Biſchof ihren Sitz haben, iſt die größte unter ihren ioniſchen Schweſtern, und enthält über 19,000 Einwohner. Sie liegt auf der Oſtküſte der Inſel, am Abhange von Hügeln, auf deren höchſtem Gipfel ſich ein Fort erhebt, welches die Stadt und den Hafen beherrſcht. Im Süden ragt ein hoher Berg, der Monte Scopo, hervor. Zante macht einen ſehr angenehmen und, wenn man an die Bauart in ſüdlichen Ländern gewöhnt iſt, überraſchenden Eindruck auf das Auge; denn die ſpitzigen Ziegeldächer der Häuſer, der bunte Anſtrich derſelben, die Form ihrer Fenſter, ihre Reinlichkeit, kurz, Alles hat das Anſehen, daß man eine nordiſche Stadt zu erblicken glaubt. Auch haben die meiſten Straßen, wie im Norden, ein Pflaſter von kleinen Steinen, da dieſes doch im Süden gewöhnlich aus größern Maſſen beſteht. Die Häuſer ſind ein oder zwei Stockwerke hoch, im Innern bequem eingerich⸗ tet, übrigens aber in einem kleinlichen Styl gebaut, was ſelbſt mit den öffent⸗ lichen und denen der Fall iſt, welche man Paläſte nennt, z. B. dem Palaſte des katholiſchen Biſchofs, dem Stadtarchiv, Arſenal, Zollhauſe u. ſ. w. In der langen, die ganze Stadt durchlaufenden Hauptſtraße, calle larga genannt, ſtehen die ſchönſten Gebäude; ſie ruhen an der Vorderſeite auf gewölbten Hallen, und enthalten viele Kaufläden und Waarenlager. Die katholiſche Kathedral⸗ kirche und zwei griechiſche Kirchen, welche die Namen Phaneromenia und S. Dionigio führen, hält man für die vorzüglichſten Gebäude, welche die ioniſchen Inſeln von der Art aufzuweiſen haben. Der Hauptplatz S. Marco iſt unan⸗ ſehnlich. Er bildet ein Dreieck, das Häuſer mit niedrigen Vorhallen einſchließen. Unter dieſen Hallen findet man die Läden einiger Kaufleute und Goldſchmiede, ſo wie auch das beſte Kaffeehaus. Nicht weit davon ſteht die Hauptwache. Vor derſelben ſind Weinſtöcke gepflanzt, die man zum Schutz gegen die Sonne Richter's Reiſen. II. 23 8 ſo gezogen hat, daß ſie ein Dach bilden, was überhaupt bei vielen Häuſern der Fall iſt. Der Markt zum Verkauf der Lebensmittel, piazza dell' erbe ge⸗ nannt, beſteht in einer engen Gaſſe, wo Brod, Fleiſch, Gemüſe, Früchte, Mac⸗ cheroni, Stockfiſch, Caviar, Käſe u. ſ. w. in bunter Reihe feil gehalten werden. Der Anblick dieſer Gaſſe und der Geruch darin hat wenig Einladendes. Gleich⸗ wohl befindet ſich hier das Kaffeehaus, wo der Adel zuſammenkommt— caffè de' nobili. An zwei Seiten der Stadt laufen eine Strecke weit nach der See hin Alleen, welche die gewöhnlichen Spaziergänge der Einwohner ausmachen. Die Quelle Krionero liefert gutes Trinkwaſſer. Der Hafen iſt geräumig; er war damals, als ich mich dort befand, den Nord⸗ und Oſtwinden ſehr ausge⸗ ſetzt, hat aber ſeitdem, zum Schutz gegen dieſe Winde, einen Steindamm er⸗ halten, auf deſſen Ende ein Leuchtthurm ſteht. Unter den Gegenſtänden am Ufer des Hafens ziehen beſonders die Quarantäne⸗ und Lazarethgebäude, ſo wie zwei Klöſter, welche zugleich Hoſpitäler ſind, die Aufmerkſamkeit des Be⸗ obachters auf ſich. Ein auffallender Gegenſtand in der Umgebung von Zante iſt die Feſtung. Der Felſen, worauf ſie liegt, beſteht aus einer kreidigen Maſſe. Es führt ein ſchmaler, ſteiler Pfad hinauf, und man kommt nach und nach über drei Zug⸗ brücken. Auf der Höhe genießt man die herrlichſte Ausſicht über das Eiland und das Meer, ſo wie nach den Küſten von Cefalonia und Morea. Die ge⸗ ſunde Luft, die auf dieſer Höhe herrſcht, und die Sicherheit, welche ſie bei innern Unruhen gewährt, hat einige reiche Familien bewogen, daſelbſt zu wohnen. Die Feſtung iſt mit Geſchütz, Munition und Lebensmitteln gut verſehen; auch beſitzt ſie einen tiefen, ſehr alten Brunnen, der vortreffliches Waſſer enthält. Sie war, zur Zeit meines Aufenthaltes in Zante, mit 300 Mann engliſcher Artilleriſten und Schützen beſetzt. Den militäriſchen Dienſt in der Stadt verſah eine Abtheilung des griechiſch⸗engliſchen Regiments, das früher in Meſſina geſtanden, ſeit Kurzem aber ſich nach den ioniſchen Inſeln bege⸗ ben hatte. Die Umgegend von Zante hat viel Reizendes. Die Hügel, an welchen es liegt, ſind mit Gärten und Pflanzungen bedeckt, welche Weintrauben, Korin⸗ then, Gemüſe und die mannigfaltigſten Baumfrüchte erzeugen. Dazu kommt noch, daß viele anmuthige Landhäuſer und mehre hübſche Dörfer umher liegen, auch von einer Gegend zur andern gut gebahnte Straßen und Wege führen. Viele derſelben ſind, was einen höchſt angenehmen Eindruck macht, mit den wohlriechendſten Gewächſen eingefaßt. Da ſieht man Oleander, Lorbeeren, Myrten, Geißblatt, Jasmin, umgeben von Spieke, Salbei, oder von Thymian, Rosmarin, Meliſſe, Majoran, Anis, Pfeffermünze, zwiſchen welchen Levkoien, 355 Nelken, roth geſtreifte und weiße Lilien, Hyaeinthen, Narziſſen, Päonien und andere ſchöne Blumen ſtehen. Hinter den Hügeln der Stadt kommt man in die trefflich bebaute Ebene, welche Zante's Reichthum enthält, und welche die Italiener veranlaßt, das Ei⸗ land il fior di Levante zu nennen. Dieſer Landſtrich, welcher faſt 4 geogra⸗ phiſche Meilen lang und 2 ½ breit iſt, ſtellt eine fortlaufende, nur ſelten von Aeckern oder kleinen Weideplätzen unterbrochene, Korinthen⸗ und Oelpflanzung dar. Er hat einen ſandigen und mit viel Schwefeltheilen vermiſchten Boden, was jedoch den Anbau der Weinſtöcke, welche die Korinthen liefern, ſehr be⸗ günſtigt. Obſchon es ihm an einem Fluſſe fehlt, wird er doch von einigen Quellen und während des Winters auch von einem Bergſtrom, den man Fiu⸗ mara nennt, hinreichend bewäſſert. Die Zahl der darin liegenden Dörfer und einzelnen Wohnungen iſt groß. Dieſe Ebene abgerechnet, beſteht die Inſel Zante, deren größte Ausdehnung von Süden nach Norden 5 ½ und von Oſten nach Weſten 4 ¾ geographiſche Meilen beträgt, aus lauter Bergen. Sie machen mit dem Monte Scopo, der unter allen die größte Höhe hat, am Südoſtende den Anfang, und laufen nach Süden, Weſten und bis zur Nordſpitze herum. Mit Ausnahme des grünenden Seopo und ſeines Vordergrundes, der Hügel bei der Stadt, ſind ſie felſig und kahl, dennoch aber hier und da den Abhängen zum Anbau nicht ganz unfähig, daher mehre, obſchon von armen Leuten bewohnte Dörfer darauf zerſtreut liegen. Zante's Küſten bilden die vier Vorgebirge: Capo delle Grotte im Nordweſten, E. Skinari im Norden, C. di Scopo im Südoſten und C. Cera im Süden. Sie enthalten drei Häfen, nämlich den bei der Stadt, ſüdlich davon den bei Chieri, und den Hafen Skinari am Vorgebirge gleiches Namens, der nur von kleinen Fahrzeugen beſucht werden kann. Das Klima iſt noch milder als auf Cefalonia, und in den meiſten Ge⸗ genden ſehr geſund. Dagegen leidet die Inſel, wie ſchon ihre zerriſſenen Felſen und ihre ganze Geſtalt zeigen, außerordentlich durch die Erdbeben. Alle großen Ausbrüche des Aetna und Veſuv, ſo wie die Erdbeben in Calabrien und in Liſſabon, ſind gleichzeitig hier empfunden worden. Ueberdem finden faſt jeden Monat, oft zwei⸗ bis dreimal, Erſchütterungen Statt. Sie erſtrecken ſich ſelten weiter, nicht einmal bis nach Cefalonia, woraus man den Schluß ziehen möchte, daß die Erde unter Zante nicht nur mit den vulkaniſchen Werkſtätten anderer Gegenden in Verbindung ſteht, ſondern auch ihre eigene beſitzt. Eine andere Unannehmlichkeit, welcher man in manchen Theilen der Inſel ausgeſetzt iſt, ſind die vielen Mücken und Stechfliegen, der großen Menge grüner Eidechſen nicht zu gedenken, die in allen Häuſern herum laufen. 23* 8 Merkwürdige Naturerſcheinungen ſind die überaus ſtark riechende Schwe⸗ felquelle im Weſten des Eilandes, und die beiden, ſchon im Alterthum bekannten, nicht weit vom Ufer des ſüdlichen Hafens gelegenen Pechquellen. Die letztern bilden kleine Teiche, auf deren Oberfläche das Erdpech ſchwimmt. Es werden jährlich ungefähr hundert Fäſſer davon geſammelt, und zum Schiffbau verwendet. Zante iſt arm an Getreide und an Vieh. Ienes reicht nur zwei bis drei Monate hin, und der Viehſtand beſchränkt ſich auf Ziegen, einige Schafe und auf Eſel und Maulthiere; nur in der Stadt werden Pferde gehalten. Das fehlende Getreide, ſo wie Rinder, Schöpſe, Schweine und Federvieh, bezieht man von Morea. Das Meer um die Inſel iſt nicht reich an Fiſchen, daher die Engländer eingeſalzene zuführen. Wälder ſind nicht vorhanden, obſchon die vielen Myrten⸗, Lorbeer⸗, Olivenbäume u. ſ. w. den nöthigen Stoff zur Feuerung liefern. Wildpret gibt es eben ſo wenig als Land⸗ und Waſſervögel. Dagegen hat die Inſel Ueberfluß an mancherlei einträglichen Erzeugniſſen. Das vorzüglichſte machen die Korinthen aus, wovon man jährlich 80— 90,000 Centner ärntet. Sodann werden 32,000 Fäßchen Oel und ziemlich viel Baum⸗ wolle gewonnen. Dieſe drei Erzeugniſſe ſind die Hauptgegenſtände der Aus⸗ führ, welche die Ausgabe für die fehlenden Bedürfniſſe decken. Außerdem bringt Zante ſo viel Wein hervor, um den Bedarf der Einwohner und der an⸗ kommenden Schiffe zu befriedigen. Man hat verſchiedene Sorten, die ſämmt⸗ lich eine vorzügliche Stärke beſitzen. Auch aus Korinthentrauben werden einige Arten Wein bereitet, zwei von ſehr angenehmen, ſäuerlich ſüßem Geſchmack, und ein ſäuerlich bitterer, der den Einwohnern als eine beſondere Magenſtärkung dient. Die Verfertigung derſelben geſchieht, nachdem die Trauben ſchon ge⸗ trocknet ſind, indem man ſie mit Waſſer begoſſen zerſtampft. Es werden mancherlei Gemüſe, beſonders Bohnen, Erbſen, Gurken und Melonen gezogen, ſo wie auch viel Baumfrüchte, unter welchen die Feigen, Pomeranzen, Zitronen, Limonien, Granatäpfel, Mandeln und Piſtazien die häuſigſten ſind. Hier und da ſinden ſich Johannisbrodbäume, indiſche Feigengewächſe, Aloéſtauden. In einigen Gegenden an der Küſte gewinnt man Seeſalz, jedoch nicht in hinrei⸗ chender Menge. An der Süd⸗ und Weſtküſte halten ſich Robben auf, wovon jährlich eine ziemliche Menge gefangen werden. Die Inſel Zante wird nach allen Richtungen von guten Straßen durch⸗ ſchnitten, welche den Verkehr zwiſchen den verſchiedenen Ortſchaften ſehr er⸗ leichtern, obſchon man von keinem Fuhrwerk, ſondern blos von Saumthieren Gebrauch macht. Sie enthält, außer der Stadt, 46 meiſtens anſehnliche Dörfer. Die Einwohner, welche ſich in Adel, Bürger und Bauern theilen, ſchätzt man auf 48,000. Die Mehrzahl derſelben bekennt ſich zur griechiſchen Kirche; Katholiken findet man faſt nur in der Stadt, wo auch 2000 Juden wohnen. Die herrſchende Sprache iſt die griechiſche; doch ſpricht ein großer Theil der ſtädtiſchen Einwohner zugleich italieniſch, und mancher auch engliſch, franzöſiſch, türkiſch. Die vorzüglichſten Gewerbe der Zantioten beſtehen in Landbau, Schiff⸗ fahrt und Handel. Die beiden letztern werden faſt ausſchließlich von den Stadtbewohnern getrieben. Sie unterhalten gegen 60 Seeſchiffe, die das ioniſche, adriatiſche und ägäiſche Meer befahren, bisweilen auch bis nach Kon⸗ ſtantinopel, Alexandrien, Marſeille, Barcelona und andern entlegenen Orten gehen. Uebrigens finden ſich in der Stadt faſt alle gewöhnlichen Handwerker, deren Arbeiten jedoch das allgemeine Bedürfniß nicht befriedigen, daher die Manufactur⸗ und Fabrikwaaren der Engländer ſo wenig, als der Kaffee, der Zucker und andere Artikel, welche ſie einführen, zu entbehren ſind. Man ver⸗ fertigt hauptſächlich ſeidene und baumwollene Zeuge, Leinwand, Leder, Haar⸗ teppiche, grüne Seife, Branntwein und mancherlei Gold⸗ und Silberarbeit. Eine große Baumwollenſpinnerei liefert ein außerordentlich feines Garn, welches, zum Einſchlag der Seidenzeuge, in der Türkei ſehr geſucht wird. Das Baumwollſpinnen iſt auch die gewöhnliche Beſchäftigung der Frauen. Viele Landleute gehen, wie von den andern ioniſchen Inſeln, im Sommer nach Morea, um den Einwohnern bei der Aernte zu helfen und Getreide dafür zu er⸗ halten. Die im Süden und Weſten des Eilandes begeben ſich im Frühjahr häufig an die Küſte, auf den Robbenfang. Das Verfahren dabei hat manches Eigenthümliche. Die Robben halten ſich nämlich in Höhlen am ſchroffen Felſenufer auf. Um ihnen beizukommen, läßt ſich der Jäger an einem Seil hinab. Er macht den Angriff mit einer Piſtole, in deren Gebrauch er ſehr ge⸗ übt ſein muß, um das Thier, wonach er zielt, auf die Naſe oder wenigſtens auf den Kopf zu treffen, denn ſonſt bleibt es unverwundet und ſtürzt ſich in das Meer. Bisweilen wird von einer ganzen Heerde, weil ſie auf den erſten Schuß die Flucht ergreift, nicht ein einziges Stück erbeutet. Gelingt es dem Jaͤger, einen Robben zu erlegen, ſo zieht er auf der Stelle das Fell ab und ſchneidet den Speck aus, womit er am Felſen wieder in die Höhe klettert. Das Fell pſtegt man zu Schuhwerk, und den Speck zum Brennen in den Lampen zu benutzen. Die Einwohner von Zante haben unter allen Joniern die meiſten Geiſtes⸗ fähigkeiten und auch die meiſte Betriebſamkeit. Nur Schade, daß mit dieſen Vorzügen die Gemüthsart nicht immer im Einklange ſteht. Ob man ſchon unter den Gebildeten viele gute und edel denkende Menſchen findet, ſo iſt doch der große Haufe ſehr verdorben. Hinterliſt, Habſucht, Eiferſucht, Geneigtheit zu Zorn und blutiger Rache ſind ziemlich herrſchende Charakterzüge. Während der venetianiſchen Regierung, wo faſt jedes Verbrechen ſich mit Geld abbüßen ließ, hatte die ſittliche Verwilderung ſo ſehr überhand genommen, daß ein Dieb⸗ ſtahl, ein Raub oder Mord zu den täglichen Vorfällen, ja, daß es unter den Reichen zum guten Ton gehörte, einen ſo genannten Bravo, d. i. Meuchelmörder, zu unterhalten. Doch hat die von den Engländern eingeführte ſtrenge Polizei und Rechtspflege ſchon viel Gutes gewirkt, ſo daß die öffentliche Sicherheit ſelten geſtört wird. Unter den vornehmen und wohlhabenden Einwohnern fand ich ſehr gut unterrichtete und wiſſenſchaftlich gebildete Männer, da viele derſelben in Italien, Frankreich oder Deutſchland ihre Erziehung genoſſen, oder dieſe Länder in ſpätern Jahren bereiſt und ſich mancherlei Kenntniſſe dadurch erworben hatten. Da übrigens Zante in der neuern Zeit eine Gelehrtenſchule, und auch eine Buchdruckerei erhalten hat, aus der unter andern eine griechiſche Zeitung her⸗ vorgeht, ſo nimmt der Geſchmack für Wiſſenſchaft und Kunſt, beſonders für Mathematik, Geſchichte, Geographie, Naturkunde, Muſik und Malerei, immer mehr zu. Deſto auffälliger iſt es wahrzunehmen, auf welcher niedrigen Stufe von Aufklärung das weibliche Geſchlecht ſteht. Selbſt viele vornehme Frauen können nicht einmal leſen, und wiſſen über nichts zu ſprechen, was den engen Kreis ihres Wirkens überſchreitet. Die meiſten ſind im Kloſter erzogen, wo man ſie, neben den gottesdienſtlichen Uebungen, blos zu weiblicher angehalten hat.— Das gemeine Volk iſt, trotz ſeiner Verſchmitztheit, äußerſt unwiſſend und dem Aberglauben ergeben; denn außer den Geiſtlichen, welche die Knaben in der Ausübung der religiöſen Gebräuche, aber ſelten im Leſen u. ſ. w. unter⸗ richten, gab es noch keine öffentlichen Volkslehrer. Die Mädchen wuchſen ohne allen Schulunterricht auf. Im Umgange ſind die Zantioten launig und angenehm, und betragen ſich, beſonders gegen Fremde, mit zuvorkommender Höflichkeit; ſelbſt das Be⸗ nehmen des gemeinen Volks hat etwas Gefälliges. Uebrigens ſind ihre Sitten nit türkiſchen und italieniſchen, in welche nun auch viel Engliſches einfließt, vermiſcht. Sie ſprechen ſo lebhaft, und machen dabei ſo viel bezeichnende Ge⸗ berden, wie die Italiener. Im Eſſen und Trinken, in den Spielen und Ver⸗ gnügungen, ſo wie in allen auf die Religion ſich beziehenden Gebräuchen, kommen ſie mit den moreotiſchen Griechen überein. Ihre Wohnungen haben meiſtens eine italieniſche Einrichtung; aber dies abgerechnet, herrſcht in den häuslichen Verhältniſſen viel Morgenländiſches. Dahin gehört z. B., daß die Männer eine faſt unbeſchränkte Herrſchaft über Weib und Kinder ausüben, den Einkauf der Bedürfniſſe und überhaupt alle Geſchäfte außerhalb des Hauſes 359 beſorgen, abgeſondert von der Familie eſſen und trinken, oder daß die Frauen eine Stube mit ſtark vergitterten Fenſtern bewohnen, nie ohne Schleier aus⸗ gehen u. ſ. w. Die Vornehmen und Wohlhabenden kleiden ſich im Ganzen nach der engliſchen Mode. Doch behalten beide Geſchlechter die griechiſche Ge⸗ wohnheit bei, ſich mit vielem Gold zu ſchmücken, und das weibliche trägt faſt immer Kleider von weißen baumwollenen, oder ſchwarzen ſeidenen Zeugen, ſo wie auch der Schleier die Stelle jeder andern Kopfbedeckung bei ihm vertritt. Die niedrigen Volksklaſſen haben eine beſondere Tracht. Die Männer tragen lange, mit vielen Falten verſehene Beinkleider, Leibbinden, ſehr kurze Jäckchen, Filzhüte oder Mützen von Schafleder, und Schuhe mit langen, aufwärts ge⸗ bogenen Spitzen, manchmal auch Sandalen. Mitunter kommt ein türkiſcher Kaftan zum Vorſchein, und die Landleute pflegen, bei kühler Witterung, ein Tuch turbanförmig um den Kopf zu winden. Die Kleidungsſtücke des weibli⸗ chen Geſchlechtes ſind: ein langleibiges, dicht anſchließendes Corſet, ein Buſen⸗ tuch, ein langer, ſehr faltiger Rock, eine kurze Schürze, ein Tuch, das auf eine eigene, ſchwer zu beſchreibende Weiſe um den Kopf gebunden wird, ferner Ba⸗ buſchen und ſtets reinliche weiße Strümpfe. Die Stoffe zur Bekleidung des gemeinen Volks beſtehen hauptſächlich in grünem oder blauem Sammet, in blauem Tuch, ſchwarzen ſeidenen oder groben, bunt gefärbten baumwollenen Zeugen. Die Wäſche wird gewöhnlich aus einem baumwollenen, mit ſeidenen Streifen durchwirkten Zeuge verfertigt. Die meiſten Zantioten haben eine etwas bräunliche Farbe; doch findet man unter denjenigen, welche ſich der Sonne nicht ausſetzen, beſonders unter den Frauen, ſchöne weiße und rothwangige Geſichter. Das Haar iſt öfter ſchwarz als braun. Wuchs und Geſichtsbildung bezeugen die griechiſche Abkunft. Es herrſchte, während unſeres Aufenthaltes in Zante, bis zum zweiten Oſtertag große Ruhe, weil ſchon zwei Wochen vor der Charwoche alle Zuſam⸗ menkünfte, Spaziergänge und ſogar faſt alle Geſchäfte eingeſtellt wurden. Jedermann lebte eingezogen, und wer auf der Straße ſich zeigte, ging mit frommer Miene und feierlichen Schritten einher. Aber mit jenem Tage wechſelte die ganze Scene, und Luſt und Freude traten in jeder Geſtalt hervor. Man aß und trank, tanzte, ſang und ſpielte, in den Häuſern und im Freien. Be⸗ ſonders zog eine Menge Menſchen mit großem Jubel nach dem Monte Scopo. Wir wurden von einer engliſchen Familie veranlaßt, ebenfalls einen Spaziergang nach dem Monte Scopo zu machen, dem ſchönſten Punkte der Inſel und einem vorzüglichen Luſtorte der ſtädtiſchen Einwohner. Der Weg dahin führt durch einen reich angebauten Landſtrich, und der Berg ſelbſt, an deſſen Abhang große Weinpflanzungen und Haine von Oliven⸗, Zitronen⸗ und andern Fruchtbäumen mit anſehnlichen Dörfern, oder hervorſpringenden kahlen Felsmaſſen wechſeln, bietet ſehr maleriſche Anſichten dar. In einem Dorfe, wo vor den Häuſern ganze Schafe oder Ziegen am Spieße gebraten wurden, hielten wir Mittag, und wurden von einem Bauer ſehr gut und reichlich be⸗ wirthet. Gegen 4 Uhr Nachmittags erreichten wir das Ziel unſerer Wanderung, den Gipfel des Berges. Hier erblickte man ein anſehnliches, doch nur von wenig Mönchen bewohntes Kloſter, Madonna di Scopo genannt, das dem Orden des heil. Baſilius gehört. Es liegt auf der Stelle, wo einſt der Tempel der Artemis Opitides ſtand, in einer vor dem Winde geſchützten Tiefe. Auf der einen Seite iſt ein Wäldchen, und nicht weit davon erhebt ſich ein kahler Felſen, die höchſte Spitze des Berges. Der ganze Platz und beſonders das Wäldchen wimmelten von den Menſchen, die uns am Morgen vorangegangen waren. Sie hatten im Kloſter der Meſſe beigewohnt, und überließen ſich jetzt ſinnlichen Ge⸗ nüſſen. Einige tanzten, Andere ſangen, ſpielten Karte u. ſ. w.; auch ſah man hier und da Feuer, wo gekocht und gebraten wurde. Als wir dem Thun und Treiben der fröhlichen Menge einige Zeit zugeſehen, und das Kloſter in Augen⸗ ſchein genommen hatten, ſtiegen wir, von einem freundlichen Mönch geleitet, auf die Spitze des Felſen. Die Ausſicht iſt hier entzückend. Man überſieht, außer Zante und dem ioniſchen Meere, die Inſeln Cefalonia und Ithaka, und die Küſten des griechiſchen Feſtlandes; ja, das Auge reicht tief in das Innere von Morea, ſo daß der Taygetus und die fernſten Gebirge zu erkennen ſind. Deſſen ungeachtet hat der Monte Scopo keine ſehr bedeutende Höhe. Ver⸗ glichen mit den cefaloniſchen, 4000 Fuß hohen Bergen, die ſtolz über ihm emporragen, mag er nicht viel höher als 2000 Fuß ſein; auch rechnet man die Entfernung ſeines Gipfels von der Stadt nur ſechs italieniſche Meilen. Nach⸗ dem die in's Meer hinab ſinkende Sonne, das am Horizont aufſteigende Abend⸗ roth, und der über Land und Meer dadurch verbreitete, tauſendfache Farben⸗ wechſel uns ergötzt hatten, kehrten wir beim Eintritt der nächtlichen Dunkelheit nach der Stadt zurück. 3 z 6. Rückreiſe nach Meſſina und Ankunft daſelbſt.— Erzählung eines ſonderbaren Auftritts. Der Verf. reiſt zu Lande nach Catania.— Bemerkungen über die vorzüglichſten am Wege gelegenen Gegen⸗ ſtände, beſonders über das Städtchen Taormina und das Theater des alten Tauromenium. Catania. Am 1. April begab ſich unſer Transportſchiff, von Neuem mit Paſſagieren angefüllt, auf die Reiſe nach Meſſina. Der Wind hatte meiſtens eine ſüdweſt⸗ liche, und daher hinreichend günſtige Richtung, und da das Wetter ſchön, die 361 Reiſegeſellſchaft heiter geſtimmt, und auch eine Anzahl italieniſcher Muſiker darunter war, die dann und wann kleine Concerte gaben, ſo kam uns der Aetna, und bald darauf das Vorgebirge Spartivento ganz unverhofft zu Geſicht. Am 5. Nachmittags ſteuerte das Schiff in die Meerenge von Meſſina, und die Sonne war noch nicht untergegangen, als es im Hafen dieſer Stadt glücklich anlangte Da bei unſerer Abfahrt von Zante weder dort noch in den benachbarten Ländern eine anſteckende Krankheit geherrſcht, und man überhaupt in der da⸗ maligen Jahreszeit keine zu befürchten hatte, auch Jedermann auf dem Schiffe ſich vollkommen wohl befand, ſo erhielten wir ſchon am Abende desſelben Tages Pratik, worauf ich und meine Frau an das Land gingen. Voll Verlangen, die Unſrigen wieder zu ſehen, eilten wir nach dem väterlichen Hauſe. Es war finſtere Nacht geworden, als wir es erreichten. Wir treten hinein, öffnen die Thür des geräumigen Wohngemachs, ſehen im Hintergrunde die Mutter, die Geſchwiſter und einige Muhmen meiner Frau, ſämmtlich in ſchwarzen Kleidern, traurig daſitzen. Als ſie uns erblicken, fährt Alles mit einem ängſtlichen Schrei in die Höhe und läuft zur entgegengeſetzten Thür hinaus. Wir ſtanden einen Augenblick wie vom Himmel gefallen. Da trat der Vater, ebenfalls in Trauerkleidern, herein. Auch er ſtutzte und ſchien umkehren zu wollen; aber auf unſer Anreden hielt er Stand, und nun erfuhren wir den Grund dieſes feltſamen und räthſelhaften Auftrittes. Es war nänlich ſeit einigen Tagen wiederholt die Nachricht eingegangen, daß ein engliſches Transportſchiff, worauf wir uns befunden hätten, mit Mann und Maus untergegangen ſei— die durch Weiterverbreitung entſtellte Geſchichte von jener Strandung unſeres Schiffes bei Patras. Da wir auch nach der Abfahrt von Cefalonia, aus Mangel an Gelegenheit, nicht geſchrieben hatten, ſo war die Familie um ſo geneigter ge⸗ weſen, dem Gerüchte Glauben beizumeſſen. Sie hatte, von unſerem Tode über⸗ zeugt, am heutigen Tage Trauer angelegt, und Meſſen für uns leſen laſſen. Kein Wunder daher— man verſetze ſich in die Lage des reizbaren, von Aber⸗ glauben eingenommenen Sieiliers,— kein Wunder, wenn ſie unſere Erſchei⸗ nung für die unſerer abgeſchiedenen Seelen gehalten hatte. Doch nun änderte ſich plötzlich die Scene, und Trauer, Schreck und Furcht verwandelten ſich in ein Freudenfeſt, dem erſt die ſpäte Nacht ein Ende machte. In den erſten Tagen des Juni unternahm ich mit meiner Frau, um mich einigen ihrer Verwandten vorzuſtellen, eine Reiſe nach Catania. Wir machten ſie zu Lande, und zwar auf Maulthieren, neben welchen der Treiber zu Fuße ging. Da der Leſer die Eigenthümlichkeiten Siciliens, z. B. den ſchnellen Wechſel von Bergen, Schluchten, Thälern und Ebenen, von üppig fruchtbaren und von wüſten Landſtrichen, aus den frühern Abſchnitten meiner Reiſen kennt, ſo will ich nur bemerken, daß der Weg von Meſſina nach Catania durch die reizendſten Gefilde, aber auch über lange, mit Lava bedeckte Strecken führt. Dabei behält man die meiſte Zeit das Meer mit Calabriens Küſten im Geſicht, und der Aetna, welcher ſchon auf der Höhe von Scaletta, und nach und nach von drei Seiten, der Nord⸗, Oſt⸗ und Südſeite ſichtbar wird, zieht fortwährend den ſtaunenden Blick des Reiſenden auf ſich. Er machte jedoch diesmal nicht den großen Eindruck auf mich, als es oftmals auf dem Meere in weiter Ent⸗ fernung geſchehen war; denn er ſcheint, wie andere Berge, ſich zu verkleinern, je mehr man ſich ihm nähert. Ein vorzüglich merkwürdiger Gegenſtand, den ich unterwegs zu ſehen bekam, war das von den Römern erbaute Theater des alten Tauromenium, das ſchönſte und am beſten erhaltene alterthümliche Kunſtwerk, welches Sieilien aufzuweiſen hat. Es iſt theils von Mauer⸗, theils von Backſteinen aufgeführt. Die zahlreichen, über einander befindlichen Sitzreihen ſind in drei Ordnungen getheilt. Hinter der oberſten laufen Niſchen hin, deren Zweck man nicht mehr kennt. Der Umfang des Gebäudes iſt ſo groß, daß es 40,000 Menſchen faſſen konnte, und dennoch läßt ſich das leiſeſte Wörtchen, das auf der Bühne ge⸗ ſprochen wird, allenthalben deutlich vernehmen. So ſchön wie das Gebäude, i*ſt auch ſeine Lage auf einem hohen, ſenkrecht abgeſchnittenen, in das Meer hinaus laufenden Felſenvorſprunge des Taurus, wo ſich eine Ausſicht eröffnet, die mit nichts Aehnlichem verglichen werden kann. Man überſieht, außer dem Meere, den Faro von Meſſina und die angrenzenden Küſten Calabriens, ſo wie die ganze Oſtküſte von Sieilien; den Blick nach unten in die Bai gerichtet, ſtellen ſich ſeltſam ausgezackte, meiſtens mit fürchterlicher Brandung umgebene Felſen dar, und auf der Landſeite gewähren die romantiſchen Höhen des Tau⸗ rus mit der Stadt Taormina, ihrer Feſtung und einigen umher liegenden alter⸗ thümlichen Ruinen, und endlich der Aetna, der im Hintergrunde ſein rauchendes Haupt über dem Ganzen erhebt, den herrlichſten Anblick. Taormina befindet ſich auf einer höhern Stelle, als das alte Tauromenium gelegen hat. In Hinſicht ſeiner Umgebung ſteht es keiner ſiciliſchen Stadt an Reizen nach, iſt aber ſchlecht gebaut, obſchon es an anſehnlichen Klöſtern nicht fehlt. Die Straßen ſind großen Theils ohne Pflaſter, und durchgängig ſehr unrein. Den Brunnen in der Hauptſtraße ziert ein aus Marmor gehauenes Bruſtbild, das Bruchſtück eines antiken Centauren; man hat es mit einem aus Kupfer verfertigten Strahlenkranze verſehen, und ſo zum Bildniß des heiligen Pancratius, des Schutzheiligen der Stadt, umgeſchaffen. Die Einwohner, welche ſich auf 3500 belaufen, leben meiſtens in Dürftigkeit; ihr Charakter ſteht in keinem guten Rufe. Taormina iſt mit Mauern umgeben, und wird von 363 einem höher gelegenen Kaſtell beherrſcht. Dieſe Werke ſind von den Sarazenen angelegt worden.. Die übrigen Orte, durch welche wir reiſten, ſind unbedeutend, daher ich ſie nicht erwähne. Am dritten Tage unſerer Wanderung kamen wir in die Ebene von Cata⸗ nia, jenen berühmten Landſtrich, wo allenthalben Spuren von der zerſtörenden und zugleich ſchaffenden Kraft des Aetna ſich zeigen, ein vulkaniſcher ſchwarzer Boden, große Lavablöcke, die beſonders an der Straße in großer Menge auf⸗ geſchichtet liegen, und Häuſer und Gartenmauern von Lava, dabei aber der ſüdliche Pflanzenwuchs in ſeiner größten Ueppigkeit, die herrlichſten Weinſtöcke und Fruchtbäume, ſo wie Getreide⸗ und Gemiſefelder, die ununterbrochen die reichſten Aernten geben. Außer dem Anblick dieſes wie von Feen bezauberten Landſtrichs gewährte mir auch der Geſang der vielen Nachtigallen, die ſich hier aufhalten, und meiſtens auf Feigenbäumen niſten, die angenehmſte Unterhal⸗ tung.— Gegen Abend erreichten wir Catania. Unſere dortigen Verwandten, der Kaufmann Piraino und ſeine Familie, empfingen uns mit vieler Herzlichkeit. Die Stadt Catania, in frühern Zeiten Catana genannt, iſt eine der älteſten Städte Siciliens. Die Einwohner ſchreiben den Urſprung derſelben ſogar dem Deukalion und der Pyrrha zuz; aber abgeſehen von fabelhaften Sagen, iſt es doch gewiß, daß ſie von den Sikanern gegründet, in der Folge von den Tyriern, dann den Sikulern, und ungefähr 750 Jahre vor der chriſtlichen Zeit⸗ rechnung von einem Heerhaufen aus Chalcis, unter der Anführung des Evar⸗ chus, erobert wurde. Sie gelangte ſeit der Zeit zu Reichthum und Macht; und obſchon ihre Mauern faſt ganz verſchwunden ſind, ſo kann man doch aus den Ueberreſten des Theaters und Amphitheaters, des Hippodromus, des Odeum, der Naumachia und des Gymnaſium, ſo wie der Tempel, Waſſerleitungen und Bäder den Schluß ziehen, daß ihr Umfang ſehr bedeutend war. Sie iſt, wie alle griechiſchen Pflanzſtädte Siciliens, von mancherlei Kriegsunruhen und po⸗ litiſchen Umwälzungen betroffen worden, wozu noch kommt, daß vulkaniſche Ausbrüche und Erdbeben ſie mehrmals gänzlich zerſtört haben. Deſſen ungeachtet iſt das heutige Catania der Bevölkerung nach die dritte unter den ſiciliſchen Städten, und in Hinſicht der Schönheit übertrifft es alle die übrigen. Dies hat ſeinen Grund nicht nur in der außerordentlichen Frucht⸗ barkeit der Umgegend, und in der Geiſteskraft und Betriebſamkeit der Ein⸗ wohner, ſondern auch in dem Umſtande, daß, nachdem die Stadt durch das Erdbeben 1693 verwüſtet worden war, der Wiederaufbau derſelben von einem kenntnißreichen und geſchmackvollen Manne, dem Duca di Camaſtro, geleitet wurde, der nach einem durchaus regelmäßigen Plane dabei verfuhr, und zur 364 Beſeitigung aller Hinderniſſe die wenigen noch ſtehenden Gebäude, mit Aus⸗ nahme der alterthümlichen, einreißen ließ. Die Straßen ſind ſchnurgerade, und durchſchneiden ſich in rechten Winkeln. Sie haben eine große Breite, und wechſeln oft mit freien Plätzen ab, was in einem, den gewaltſamſten Natur⸗ erſcheinungen ſo ſehr ausgeſetzten Orte großen Vortheil gewährt. Nur das tadelt man gewöhnlich an den Straßen, daß ſie von Norden nach Süden laufen, und daher den Strahlen der Mittagsſonne offen ſind, wodurch große Hitze entſteht; allein, ſie erhielten dieſe Richtung, um den vom Aetna kommenden Lavaſtrömen einen freien Ausweg nach dem Meere zu verſchaffen. Die freundlichen und großartig gebauten Häuſer haben meiſtens drei oder vier, mit Altanen verſehene Stockwerke, und platte Dächer. Sie beſtehen hauptſächlich aus Lava, ſind aber mit einem, von Malta und Syrakus bezogenen Kalkſtein bekleidet, und mit Marmor und Gypswerk verziert. Die Häuſer am Marktplatze, der ein Achteck bildet, haben ſchöne, von Marmorſäulen getragene Vorhallen. Die Menge der Kirchen und Klöſter, ſo wie der Paläſte, wohin beſonders der Palaſt der Senatoren und das Leihhaus(Monte di Pietà) ge⸗ hören, iſt groß, und viele derſelben enthalten mancherlei Merkwürdigkeiten.— In einigen Vorſtädten ſind die Thore, Häuſer, Gartenmauern, das Straßen⸗ pflaſter und faſt alle Gegenſtände von lauter Lava. Eins der vorzüglichſten Gebäude, die Catania beſitzt, iſt die Kathedral⸗ kirche, welche man der heiligen Agata, als der Schutzheiligen des Ortes, ge⸗ widmet hat. Sie liegt auf der Seite eines geräumigen Platzes, in deſſen Mitte ein Brunnen ſich befindet, über welchem ein aus Lava verfertigter Elephant ſteht, der einen mit Hieroglyphen verſehenen Obelisk aus ägyptiſchem Granit trägt. Dieſe Kirche iſt von einfacher, jedoch edler und erhabener Bauart; die Vorderſeite ſchmücken ſchöne Granitſäulen, die aus dem alten Theater genommen ſind. Das Innere enthält mancherlei hübſche Gemälde, unter andern eins von ungefähr ſechs Fuß in's Gevierte, welches den Ausbruch des Aetna von 1669 mit furchtbar⸗ſchöner Lebhaftigkeit darſtellt. Der Thurm hat die ſchönſten Glocken in Sicilien. Unterhalb der Kirche befinden ſich antike Bäder, die aber, weil eine ſehr ungeſunde Luft darin herrſcht, von Wenigen in Augenſchein ge⸗ nommen werden. Zwei andere ſchöne Gebäude ſind das Kloſter und die Kirche der reichen Benedictiner, S. Nicold genannt. Erſteres hat man zwar nicht ganz vollenden können, weil der Grund fehlerhaft gelegt und ſeitdem von Erdbeben beſchädigt worden iſt; dennoch ſetzt es durch ſeine außerordentliche Weitläufigkeit und prachtvolle Einrichtung, z. B. Treppen vom feinſten geſchliffenen Marmor, der⸗ gleichen man, außer in Rom, vielleicht nirgends antrifft, den Beſchauer in 365 Erſtaunen. Es beſitzt Sammlungen vieler ſchätzbaren Bücher, griechiſcher und lateiniſcher Handſchriften, ſo wie naturgeſchichtlicher Gegenſtände und verſchie⸗ dener Kunſtſachen aus der ältern und neuern Zeit. Hinter dem Wohngebäude liegt ein großer, mit vieler Mühe und mit bedeutenden Koſten auf einem wüſten Lavafeld angelegter Garten, der eine Menge kleiner Springbrunnen, und Gänge mit einem Täfelwerk von verglaſten Ziegeln, von Lava und weißen Steinen enthält. Man hat darin die ſchönſte Ausſicht nach dem Meere und über die trefflich angebaute Ebene nach dem Aetna. Die Kirche übertrifft alle ſiciliſchen an Schönheit und Pracht. Ihre Orgel, welche zu Ende des vorigen Jahr⸗ hunderts von Donato del Piano, einem calabriſchen Ordensbruder, gebaut wurde, iſt ein berühmtes Meiſterwerk, ſowohl in Hinſicht der Stärke und Rein⸗ heit als des Umfangs der Töne. Es ſind mancherlei Spielwerke damit ver⸗ bunden, unter welchen vorzüglich das Echo Bewunderung erregt; man bringt dieſelben nur bei beſondern feierlichen Gelegenheiten in Anwendung. Die Ein⸗ künfte der Kloſterſtiftung betragen jährlich 80,000 Seudi. Die Mönche ſind lauter reiche Leute aus den erſten adeligen Familien des Landes, die einen fröh⸗ lichen und lebensluſtigen Sinn mit einem ziemlichen Grad viſſenſchaftlicher Bildung verbinden. In der Kirche St. Agata delle Sante Carceri ziert den Altar ein, das Märtyrthum der heiligen Agata darſtellendes Gemälde, mit der Unterſchrift: Bernardinus Niger Grecus fecit, ao. 1388. Es iſt gut gehalten, und ver⸗ dient, auch abgeſehen von ſeinem künſtleriſchen Werth und ſeinem hohen Alter, beſonders deswegen geſchätzt zu werden, weil es zugleich eine Abbildung des Amphitheaters enthält, das ſeitdem ein Lavaſtrom verſchüttet hat. Es gibt ſowohl in als außerhalb der Stadt viel Ueberreſte von alter⸗ thümlichen, griechiſchen und römiſchen Gebäuden. Sie ſind aber meiſtens von Erdbeben zerſtört, mit Lava bedeckt, oder durch neues Bauwerk ſo entſtellt, daß die alte Form und Einrichtung ſich ſchwer erkennen läßt. Das Theater und Amphitheater, die ein Lavaſtrom überzogen hat, ſind von dem bekannten Prinzen Biscari, dem Großvater des jetzt lebenden, theilweiſe wieder ausge⸗ graben worden; ein Unternehmen, das um ſo ſchwieriger war, weil dieſe Ge⸗ bäude ebenfalls aus Lava beſtehen. Auch von der alten Stadtmauer und von der Naumachia, einem großen teichartigen Becken, das man mit Waſſer anfüllen konnte, um Seegefechte darauf vorzuſtellen, iſt noch ein kleiner Theil zu ſehen. Das Odeum hat man zu Privatwohnungen eingerichtet. Von vielen Alter⸗ thümern weiß man nur noch, daß ſie auf dieſer oder jener Stelle unter der Lava begraben liegen. Catania iſt der Sitz einer Univerſität, die Alfonſo von Aragonien im Jahr 1445 ſtiftete. Ihre Einkünfte betragen jährlich 12— 14,000 Scudi. Sie beſitzt eine vortreffliche Bücherſammlung, ſo wie auch ein Antiken⸗ und ein Naturalienkabinet, wo Jeder Belehrung und Unterhaltung ſchöpfen kann. Die Zahl der Studirenden beläuft ſich gewöhnlich auf fünf hundert. Außer den angezeigten Bücher⸗, Natur⸗ und Kunſtſammlungen finden ſich in Catania noch mehr ſolche Anſtalten. Die wichtigſte derſelben iſt das Antikenkabinet, welches der erwähnte, ſowohl um Wiſſenſchaft und Kunſt, als um das Wohl ſeiner Landsleute hoch verdiente Prinz Biscari angelegt hat. Es enthält griechiſche und römiſche Statuen und Büſten, beſonders einen außerordentlich ſchön gearbeiteten Jupiterstorſo, eine Ceres, Venus u. a., ferner Wegſäulen, Aſchenkrüge, Vaſen, Lampen, Münzen, Gemmen, Hand⸗ ſchriften u. ſ. w., auch viele kleine Figuren von Bronce, unter welchen ein Atlas, ein Mars, Herkules und Merkur am meiſten geſchätzt werden. Nur Schade, daß der Kunſtſinn des alten Biscari nicht auch auf deſſen Abkömm⸗ linge mit der ſchönen Sammlung übergegangen iſt; denn dieſe hat von ihrer urſprünglichen Reichhaltigkeit und Ordnung ſchon viel verloren.— In dem wohlgeordneten Naturalienkabinet des Ritters Gioéni findet man meiſtens Naturerzeugniſſe Siciliens, vorzüglich mineraliſche und vulkaniſche, z. B. alle Erd⸗ und Steinarten, alle Arten Lava, von der Dichtheit und Schwere des Marmors bis zur Schwammigkeit und Leichtigkeit des Bimsſteins, ferner mehrere Arten Bernſtein, mitunter Stücke von außerordentlicher Größe und ſehr ſchönen Farben. Auch ſieht man einen Reichthum an Muſcheln, und Manches, was der Beſtimmung des Kabinets nicht entſpricht, z. B. alte Waffen, Vaſen u. ſ. w. Zu den Mängeln, die man in Catania bemerkt, gehört beſonders, daß es keinen großen Fluß, keinen guten Hafen, und faſt gar keine Anſtalten zur Vertheidigung der Stadt hat. Es fließt blos der Bach Gurrida vorbei, der die Einwohner oft ſpärlich mit Waſſer verſorgt, bisweilen jedoch ſo ſehr an⸗ ſchwillt, daß er austritt und ſeuchenartige Krankheiten dadurch verurſacht. Dieſes Gewäſſer, das am Abhange des Aetna entſteht, läuft Anfangs nach Norden, und bildet beim Flecken Randazzo einen See, von wo es aber eine ſüdliche Richtung nimmt, und endlich, nach langen Irrgängen um den Berg, unter der Lava bei Catania hervor kommt. Der Hafen iſt nicht viel beſſer als eine bloße Rhede; denn hinter dem kleinen Molo oder Hafendamm können ſich nur Küſtenfahrer vor dem Wogenſturz von Calabrien und dem ioniſchen Meere her verbergen. Ehedem war der Ankerplatz für die Seeſchiffe noch offener. Allein, der Aetna hat bei dem Ausbruch im Jahre 1669 an der Südſeite einen in das Meer hervorſpringenden Lavadamm aufgeworfen; 367 und— wer weiß, ob er nicht über lang oder kurz auch auf der andern Seite ein ſolches Bollwerk aufführen wird. Außerdem müſſen die Catanier auf einen guten Hafen wohl verzichten; wenigſtens ſind bisher alle Verſuche, dem Molo eine größere und dauerhafte Ausdehnung zu geben, mißglückt, da die Gewalt des Meeres in der dortigen Gegend die menſchlichen Kräfte zuſehr überſteigt. Catania's Umgegend iſt, wie ſchon oben erwähnt wurde, ungemein frucht⸗ bar und gut angebaut, ſo daß ſie die goldene Aue Siciliens genannt werden kann. Man findet daher, was ſonſt nirgends auf der Inſel der Fall iſt, viel ſchöne und große Dörfer. Doch liegt das Lavafeld von 1669, das ungefähr drittehalb deutſche Meilen oberhalb der Stadt beginnt, und ſich im Süden derſelben nach dem Meere herabzieht, größten Theils noch wüſt und öde. Nur in der Nähe der Stadt iſt es an einigen Stellen urbar gemacht, was aber große Anſtrengung gekoſtet hat. Dahin gehört z. B. der oben erwähnte Garten beim Benedictiner⸗Kloſter. Auch ſind von jenem unternehmenden Prinzen Biscari, eine halbe Stunde weit von Catania, ausgebreitete Gärten mit Häuſern, Teichen u. ſ. w. dort angelegt worden, die man das Labyrinth nennt. Dieſe Unternehmung hatte urſprünglich den Zweck, den ärmern Volksklaſſen während der Theuerung, die damals herrſchte, Gelegenheit zum Erwerb zu geben; ſie wurde aber nach der Zeit noch acht Jahre lang fortge⸗ ſetzt. Doch kam der Plan zur Anpflanzung, welcher, wie man aus der Anlage des Ganzen ſieht, ſehr großartig war, nicht⸗ zur völligen Ausfüh⸗ rung, weil der Prinz darüber ſtarb und ſeine Nachkommen nichts weiter daran gethan haben. Aber Alles, was fertig geworden iſt, prangt mit den ſchönſten Weinſtöcken, Feigen⸗ und Pomeranzenbäumen und Blumen aller Art. 3 In Betreff jenes Feldes muß ich noch bemerken, daß ſchon viele Farren⸗ kräuter ſich darauf angeſiedelt haben, welche die Lava nach und nach durch⸗ höhlen, dadurch der Verwitterung näher bringen, und ſo für die Erzeugung edlerer Gewächſe vorbereiten. Nach hundert Jahren kann es vielleicht dahin kommen, daß die obere Decke, wie auf den übrigen Lavafeldern, zerfällt, und, wenn ſie angebaut und dadurch mit vegetabiliſchen Stoffen vermiſcht wird, in jenen trefflichen vulkaniſchen Boden übergeht, der jeden andern an Fruchtbar⸗ keit übertrifft. Die obere Decke iſt leicht und ſchwammig, und gleichſam als der Schaum zu betrachten, den die Lava, als ſie glühend war, empor getrieben hat; dagegen ſind die untern Schichten, weil ſie die ſchwerſten, zu Boden ge⸗ ſunkenen Theile enthalten, ſo feſt wie Granit, und zu ihrer Umgeſtaltung dürften vielleicht Jahrtauſende gehören. Beſteigung des Aetna.— Ankunft in Nicoloſi, von wo ein Ausflug nach dem nahen ausgebrannten Krater, dem Kloſter San Nicold d'arena u. ſ. w. gemacht wird.— Fortſetzung der Reiſe, um den Gipfel des Berges zu erreichen— die Waldregion— die wüſte Region— das ſo genannte engliſche Haus.— Beſchreibung des Kraters und der ihn umgebenden Gegenſtände— der Philoſophenthurm — Rückkehr nach Catania. Nachdem wir fünf oder ſechs Tage in Catania verweilt hatten, bildete ſich unter den dortigen Engländern eine zahlreiche Geſellſchaft, um den Aetna zu beſteigen; wir traten, von einigen unſerer Verwandten begleitet, derſelben bei. Die Reiſe wurde auf Maulthieren gegen Mittag begonnen. Der Weg geht Anfangs nur allmälich bergan, und führt über fruchtbare Lavafelder, durch die blühendſten Pflanzungen und durch wohlhabende Flecken und Dörfer. Doch hat man, wegen der hohen Mauern, welche die Gärten auf beiden Seiten ein⸗ ſchließen, eine beſchränkte Ausſicht. Da übrigens die Straße mit Lavablöcken und tiefem Sande angefüllt, auch ſo ſchmal iſt, daß ſelten zwei Maulthiere neben einander fortkommen können, und da überdem die unſrigen, wegen der drückenden Hitze, bald ermüdeten, ſo hatte dieſer erſte Theil der Reiſe, durch die bebaute Region, wenig Angenehmes, und die Geſellſchaft war froh, als ſie am Abend das letzte Dorf, Nicoloſi genannt, das drittehalb deutſche Meilen von der Stadt liegt, erreichte. Wir ſtiegen beim Intendanten und Arzte des Ortes, Herrn Gemmellaro, ab. Dieſer freundliche und gefällige Mann hält ſtets ein geräumiges Zimmer für durchreiſende Fremde bereit. Da er überdem viel Kenntniſſe beſitzt, und mehr als irgend Jemand die Eigenſchaften des Aetna erforſcht hat, ſo iſt ſeine Bekanntſchaft für Jeden, der dieſen Berg bereiſt, von großer Wichtigkeit. Wir waren Willens, dieſe Reiſe gegen 10 Uhr Abends weiter fortzuſetzen. Allein, unſer kundiger Wirth machte uns gleich nach der Ankunft darauf gefaßt, daß wir einen Raſttag halten müßten, weil, nach ſeiner Beobachtung, der Wind in Kurzem ſich nach Norden drehen, und dieſe Richtung, bei welcher dem Reiſenden die Beſteigung des Berges unmöglich iſt, da ihm der erſtickende Dampf des⸗ ſelben entgegen kommt, den ganzen nächſten Tag behalten werde. Wie geſagt, ſo geſchehen. Der gefürchtete Wind erhob ſich bald nach Sonnenuntergang, und hielt 24 Stunden an. Wir benutzten unſern Aufenthalt in Nicoloſi zu einer Fußwanderung in die Nachbarſchaft. Zuerſt wurde der tiefe, ausgebrannte Krater, der vor 300 Jahren Feuer auswarf, in Augenſchein genommen. Hierauf beſuchte man das Kloſter, welches den Namen„San Nicold d'arena“ oder„di bosco“ führt, 369 weil es in einer ſandigen Ebene; nicht weit von der waldigen Region liegt. Es beſitzt rund umher weitläufige, mit Weinſtöcken und Fruchtbäumen bepflanzte Ländereien, und iſt eigentlich nichts als eine Meierei der reichen Benedictiner in Catania, welche blos einen Laienbruder, zur Aufſicht über das Wirthſchaft⸗ liche, daſelbſt unterhalten, daher es in Nicoloſi und andern benachbarten Orten gewöhnlich l'Eremo(die Einſiedelei) genannt wird. Auch hier findet der Fremde die freundlichſte Aufnahme, obſchon nicht die Belehrung, wie im Hauſe des Herrn Gemmellaro. Ein anderer Gegenſtand, der uns anzog, waren die beiden, nahe beim Kloſter befindlichen Berge, wegen ihrer röthlichen Farbe Monti rossi genannt. Sie ſind ein Erzeugniß des letzten großen Ausbruches im Jahre 1669. Man braucht, um zu ihrem Gipfel zu gelangen, faſt eine halbe Stunde, wird aber ſodann durch die entzückendſte Ausſicht über die ganze ſchöne Ebene von Catania reichlich belohnt. Obſchon Nicoloſi auf keiner beträchtlichen Höhe liegt, ſo iſt doch die Luft⸗ wärme, verglichen mit der großen Hitze in Catania, ſchon ſehr gemäßigt. Dies beweiſt ſich auch durch das Anſehen der dortigen Einwohner, die großen Theils bräunliches Haar und blaue Augen haben. Ihr Benehmen zeigt von der Frei⸗ müthigkeit, die allen Gebirgsbewohnern eigen iſt. Mit Sonnenuntergang nahm der Wind eine zum Beſteigen des Aetna günſtige Richtung, daher die Geſellſchaft um 9 Uhr des Abends ſich wieder auf den Weg machte. Zwei ältliche Damen ſetzten ſich, zur größern Bequemlichkeit, in eine Lettiga oder von Maulthieren getragene Sänfte, die von dem gefälligen Herrn Gemmellaro aus einem benachbarten Flecken herbei geſchafft worden war. Wir hatten das ſchönſte Wetter, begleitet vom hellen Schein des Vollmondes. Man beſteigt gewöhnlich den Aetna um die Zeit, wenn der Mond voll iſt, weil es außerdem ſchwer hält, bei Nacht in den höhern Gegenden fortzukommen. Die Nacht wählt man dazu, um auf dem Gipfel des Berges, außer den dortigen Gegenſtänden, zugleich den Aufgang der Sonne zu ſehen, eins der ſchönſten und erhabenſten Schauſpiele, das ſich denken läßt. Doch begeben ſich auch Viele bei Tage hinauf, und übernachten in Gemmellaro's Hauſe, von dem ich weiter unten mehr ſagen werde. Bald nach der Abreiſe von Nicoloſi kamen wir an die äußerſte Grenzs der angebauten Region. Der Weg führt nun, in krummen Linien, über tiefen ſchwarzen Sand und über Lavatrümmer. Gegen halb elf Uhr erreichten wir die Waldregion, wo man jetzt zwar kein dichtes Gehölz, aber fortwährend an⸗ ſehnliche, einzeln oder gruppenweiſe beiſammen ſtehende Bäume antrifft. Um zwei Uhr Morgens befanden wir uns bei der ſogenannten Ziegenhöhle und dem nahe gelegenen Häuschen, das vor geraumer Zeit der Prinz Paternd erbauen Richter's Reiſen. II. 24 370 ließ, und wo ehedem die Reiſenden einzukehren pflegten. Hier iſt der Ueber⸗ gang von der waldigen zur wüſten Region, deren Anblick uns mit Grauſen er⸗ füllte, daß durch das fortwährende, zwar ſchon in der Tiefe vernommene, aber immer lauter werdende, dem Donner ähnliche Getöſe des Berges noch vermehrt wurde. Hier ſtehen nur noch Farrenkräuter und Moosbüſchel umher. Etwas weiter hinauf gibt es keine Pflanzengewächſe mehr, und man kommt eine Vier⸗ telſtunde lang über tiefe Lavaaſche. Sodann nimmt die Schneelinie den An⸗ fang, wo Alles, mit Schnee und Eis bedeckt, aus welchem ſchwarze Lavablöcke hervorragen, in ewiger Erſtarrung liegt. Der Berg beginnt nun ſteil zu werden, und es koſtete unſern Maulthieren viel Anſtrengung, ſich nach Gem⸗ mellaro's Hauſe, das eine Stunde vom Krater entfernt iſt, hinanf zu arbeiten. Wir langten dort halb vier Uhr ziemlich erkältet an. Dieſes Haus, ein willkommenes Obdach für den Reiſenden, enthält mehre hübſche Zimmer, einen Stall für Saumthiere, und mancherlei Vorräthe, z. B. Brennholz, Koch⸗, Eß⸗ und Trinkgeſchirr, Arzneien nebſt einer Anweiſung zu ihrem Gebrauch u. m. a. Es wurde im Jahre 1804 auf Veranlaſſung der Offiziere des in Sicilien befindlichen engliſchen Heeres, die den Aetna häufig beſuchten, erbaut; ſie brachten unter ſich eine Summe Geldes dazu auf, und glaubten deshalb ein Recht zu haben, das Gebäude als ihr Eigenthum zu be⸗ trachten, und„das engliſche Haus“ zu nennen, ein Name, womit es ihre Lands⸗ leute belegen. Da aber Herr Gemmellaro den Bau, wozu man die Materia⸗ lien aus der Tiefe hinauf ſchaffen mußte, mit vieler Mühe leitete, die größte Uneigennützigkeit dabei bewies, ſogar einen beträchtlichen Theil der Koſten aus eigenen Mitteln beſtritt, und nach der Zeit ſich des Geſchäftes unterzog, das Gebäude in gutem Stande zu erhalten, den Schnee, womit es bisweilen bedeckt wird, hinweg zu räumen, und auch den Schlüſſel zu demſelben zu verwahren, ſo führt es unter den Anwohnern des Aetna, und zwar mit Recht, den Namen „casa di Gemmellaro“. Einige von der Geſellſchaft hatten eine Stunde vor der Abreiſe von Ni⸗ eoloſi ihre Diener hinauf geſchickt, um Vorbereitungen zu unſerer Aufnahme zu treffen, daher wir eine warme Stube, und auch ſchon dampfenden Thee, geiſtige Getränke und mancherlei Eßwaaren auf dem Tiſche fanden. Erwärmt und geſtärkt begaben wir uns nach einiger Zeit wieder in das Freie, um den Anbruch des Tages und den Aufgang der Sonne zu erwarten. Es dauerte nicht lange, ſo zeigte ſich am öſtlichen Horizont ein roſenfarbiger Schimmer, der immer glänzender wurde und ſich nach und nach über den ganzen Himmelskreis, und über Land und Meer verbreitete, die aus der entweichenden Dunkelheit hervortraten. Endlich erſchien die Sonne, zerſtreute die Nebel am Fuße des Berges und erhellte die umliegenden Landſchaften, die nun mit den ſchönſten und mannigfaltigſten Farben prangten. Keine Feder iſt im Stande, das große, reizende Panorama der Natur zu beſchreiben, welches vor unſern Augen das Tageslicht entfaltete. Nachdem die Reiſegeſellſchaft ſich an dieſem ſchönen Schauſpiele ergötzt hatte, machte ſie Anſtalt, den Krater in Augenſchein zu nehmen. Unterdeſſen blieb der weibliche Theil, mit Ausnahme meiner Frau und zwei junger Eng⸗ länderinnen, zurück, und begnügte ſich mit der herrlichen Ausſicht, die nun nach allen Seiten eröffnet war. Wir mußten eine Zeit lang durch tiefen Schnee waden und über Eis⸗ und Lavablöcke klettern, bevor der oberſte große Aufſatz oder, wenn ich ſo ſagen darf, die Feuereſſe des Aetna erreicht wurde, ein gegen 1100 Fuß hoher Kegel, der aus lauter Schlacken und Aſche beſteht, und an vielen Stellen ganz heiß und voll Spalten iſt, aus welchen Rauch und Schwefeldampf hervordringt. Der Weg hinauf fiel uns ſehr beſchwerlich; denn er iſt ſteil, und bisweilen brachen die Füße durch die mürbe Decke. Aber wie groß war unſer Erſtaunen, als wir auf dem Gipfel anlangten, und den fürchterlichen Krater erblickten, aus welchem ungeheure Rauchſäulen empor ſtiegen, und ein betäubendes Getöſe, bald wie Donner, bald wie Kanonen⸗ ſchüſſe, heraufſchallte.— Der Krater, welcher, wegen der beſtändigen Anhäufung von Aſche, ſeine Geſtalt oft verändert und den Rand immer mehr erhöht, war damals mit vier Spitzen oder, wie man zu ſagen pflegt, Hörnern umgeben, wo⸗ von die beiden größten, welche die älteſten ſind, das Bicorno oder Doppelhorn genannt werden. Er bildet einen länglichrunden, trichterförmigen Keſſel, deſſen Umfang oben am Rande ungefähr eine Stunde betragen mag. Der Boden iſt eben und, obſchon er aus Aſche beſteht, ziemlich hart. Hier und da bedeckt ihn eine Kruſte von Salzen und mancherlei buntfarbigen Maſſen, beſonders roth⸗ gelbem Schwefel. In der. Mitte des Keſſels, vor dem Schlunde, liegen zwei aus Schlacken und Aſche zuſammengeſetzte Hügel, jeder mit einer weiten Oeff⸗ nung auf dem Gipfel und mit Spalten umher, welche von Zeit zu Zeit dicke Rauchwolken mit einem ziſchenden und praſſelnden Geräuſch auswerfen. Dieſe Hügel verurſachen, daß man in den Schlund nicht hinabſehen kann. Dicht an ihn zu kommen, würde vielleicht nicht unmöglich, aber ein ſehr gewagter Ver⸗ ſuch ſein. Denn der ganze Keſſel iſt mit einem ſtarken, überall aus dem Bo⸗ den hervordringenden Schwefeldampf angefüllt; auch herrſchte darin eine große Hitze. Beides nimmt, je tiefer man hinab kommt, in einem unerträglichen Grade zu; und treibt unglücklicher Weiſe die Luft den Dampf und die Gluth des Schlundes auf den Beſchauer zu, ſo iſt an ſeine Rettung nicht zu denken. 24* 372 Das Schickſal des Plinius und Anderer iſt bekannt; aber auch in neuern Zeiten fanden Mehrere bei ſolchen Verſuchen ihren Tod, was ſelbſt während meines Aufenthaltes in Sicilien mit zwei Engländern der Fall war. Nachdem wir den Krater einige Zeit betrachtet hatten, richteten wir unſere Blicke auch nach den entfernten Gegenſtänden, und es ſchien, als ob alle Herr⸗ lichkeiten der Welt zu unſern Füßen ausgebreitet lägen. Wir überſahen einen großen Theil des Meeres, den ganzen Halbſtiefel von Calabrien, die Inſel Malta, die lipariſchen Inſeln und den rauchenden Stromboliz wir ſahen unter uns das dreizackig geſtaltete Sicilien mit ſeinen Bergen, Thälern, Flüſſen und Städten; und dies alles ſtellte ſich, wie durch vergrößernde Gläſer, mit der be⸗ wundernswürdigſten Deutlichkeit dar— eine Erſcheinung, die der überaus reinen Luft und der Brechung des glänzenden Lichtes zuzuſchreiben iſt. Während wir im Anſchauen dieſer Gegenſtände vertieft waren, erbebte mit einem Male der ganze Kegel, ſo daß es ſchien, als ob er zuſammenſtürzen würde; zugleich ließ ſich ein praſſelndes, den ſtärkſten Donner übertreffendes Getöſe hören, und aus dem Schlunde des Kraters ſtiegen ſchwere, ſchwarz und gelb gefärbte Rauchmaſſen auf, die ſich über den Rand hinab wälzten, während weißlich gefärbte leichtere, voll elektriſchen Stoffes, der in häufigen Blitzen ſich entledigte, in das Blau des Himmels empor wirbelten. Man kann leicht denken, daß uns während dieſes Vorgangs, der das ohnehin erregte Gefühl menſchlicher Ohnmacht auf das Höchſte ſteigerte, nicht wohl zu Muthe war. Allein, nach einer halben Minute war der Berg wieder ruhiger, und die Unerſchrockenheit, unſeres Führers und ſeine Verſicherung:„ſolcher Teufelsſpuk ſei hier oben etwas Gewöhnliches“, machte, daß ſich unſere ängſtlichen Beſorgniſſe legten. Wir gingen ſodann, um keine Anſicht außer Acht zu laſſen, auf dem Rande des Kraters nach dem nördlichen der beiden Hörner. Unterwegs ſtießen wir auf eine Stelle, die ſo heiß war, daß Jemand von der Geſellſchaft, der einen Augenblick darauf ſtehen blieb, ſich die Schuhe verbrannte. Das Horn iſt ſo hoch und von ſolchem Umfange, daß es in der Ebene für einen bedeuten⸗ den Berg gelten würde. Es beſteht aus lauter Aſche, hat aber eine verhärtete, zum Theil mit Salz und Schwefel belegte Decke. Wir ſtiegen hinauf bis zu einer beträchtlichen Höhe, wo wir aber durch die zunehmende Steilheit und den heftiger werdenden Wind, der uns hinab zu ſchleudern drohte, zum Haltmachen genöthigt wurden. Wir lagerten uns auf dem warmen Boden, und betrachteten auf's Neue ſowohl den Krater als die übrigen unter uns ausgebreiteten, groß⸗ artigen und wie durch Zauberkraft hervorgebrachten Gegenſtände, deren Anblick alle Sinne und Gefühle des Beobachters aufregt und begeiſtert, und ihn gleich⸗ ſam in eine andere Welt verſetzt. 373 Nachdem wir im Ganzen zwei Stunden auf dem Gipfel des Aetna ver⸗ weilt hatten, wurden einige von unſern Geſellſchaftern, wegen der allzu dünnen Luft und des eingeſogenen Schwefeldampfes, von einer Unpäßlichkeit befallen, daher man den Rückweg anzutreten begann. Das Herabſteigen vom Kegel er⸗ fordert große Behutſamkeit; doch kamen wir glücklich zu ſeinem Fuße, und zum Philoſophenthurm. So nennt man die geringen Ueberreſte eines alten, aus Backſteinen gebauten Hauſes, wo, der Sage nach, der ſieiliſche Naturforſcher Empedokles ſeinen Aufenthalt genommen hatte, um die Erſcheinungen des Aetna in der Nähe zu beobachten. Mit mehr Wahrſcheinlichkeit wird es von Einigen für einen Raſtort des römiſchen Kaiſers Hadrian, und von Andern für eine ſarazeniſche Warte gehalten. Dem ſei indeſſen wie ihm wolle, ſo zeigen doch ſeine Beſtandtheile von einem ſehr hohen Alter. Vom Philoſophenthurm hat man noch eine gute Viertelſtunde zu der ſeit⸗ wärts und etwas tiefer gelegenen Caſa di Gemmellaro. Auf dem Wege dahin ſtellte ſich uns ein intereſſantes Schauſpiel dar. Es entſtanden auf dem Meere, das von der ſchon hoch ſtehenden Sonne glänzend erleuchtet war, kleine Nebel, welche ſich immer mehr erweiterten und verdichteten, und, zu Wolken gebildet, ſich nach der Inſel her bewegten. Sie zogen dann zu unſern Füßen ſchnell darüber hin, ſo daß die Landſchaften bald wie mit einem Schleier bedeckt, bald ganz verfinſtert, oder blos beſchattet waren, und plötzlich im Sonnenglanze wieder hervortraten, wodurch ein außerordentlich ſchöner Farbenwechſel hervor⸗ gebracht wurde. Einige leichtere Gewölke erhoben ſich bis zum Gipfel des Berges, wo aber ein Sturmwind ſie ergriff und ſeitwärts hinab ſchleuderte. Nachdem wir Gemmellaro's Haus erreicht, und uns mit der dort zurück⸗ gelaſſenen Geſellſchaft wieder vereinigt hatten, fand eine förmliche Reinigung Statt; denn unſere Geſichter waren wie geräuchert, die Kleider mit Aſche be⸗ deckt, die metallenen Knöpfe, die Uhren u. ſ. w. ſchwarz angelaufen, und jede Sache roch nach Schwefel.. In kurzem ſtanden Alle wieder geſäubert, und die Offiziere in glänzenden Uniformen da, welche ſie vor dem Beſteigen des Gipfels abgelegt und mit Hausröcken vertauſcht hatten. Wir nahmen ſodann gemein⸗ ſchaftlich ein Frühſtück ein, mit Ausnahme der beiden Erkrankten, die ſich heftig brechen mußten, was zu ihrer baldigen Geneſung beitrug. Um elf Uhr Morgens begaben wir uns auf die Rückreiſe. Dieſe Reiſe war, da ſie bergab ging, leichter und ſchneller, und auch in jeder Hinſicht angenehmer, als die den Berg herauf. Die wüſte Region mit ihren Schnee⸗ und Eis-⸗, Lava⸗ und Aſchefeldern, wo kein Grashalm aufſprießt, kein lebendes Geſchöpf ſich regt, und Alles ein Bild der Zerſtörung und des Todes iſt, kam uns nicht mehr ſo traurig vor, als in der vergangenen Nacht, 374 und diente nur die in der Tiefe ausgebreiteten blühenden Landſchaften in unſern Augen zu verſchönern; und obſchon der Donner aus dem Krater dann und wann hörbar war, ſo machte er doch jetzt nur einen ſchwachen Eindruck. In der Waldregion und tiefer hinab ergötzte uns Manches, was wir in der Nacht entbehrt hatten. Wir ſahen zahlloſe ſchöne Kräuter und Blumen, deren würziger Duft den durch Schwefeldampf angegriffenen Geruchsnerven außer⸗ ordentlich wohlthat; wir hörten das romantiſche Schalmeienſpiel der Hirten, in welches die lieblichen Sänger der Natur einſtimmten. Was uns beſonders eine ſehr angenehme Unterhaltung gewährte, war der Anblick der ſeltſam und mannigfach geſtalteten Lavahaufen, welche die geſchäftige Phantaſie in Kirchen, Schlöſſer und ähnliche Bilder umſchuf. Um halb fünf Uhr Nachmittag kamen wir in der heiterſten Stimmung nach Nicoloſi, und kehrten wieder beim Herrn Gemmellaro ein. Nach einem kurzen Mittagsmahl empfahl ſich die Geſellſchaft dem freund⸗ lichen Wirth, und zog in die Ebene von Catania hinab, wo die mild warme Abendluft uns eben ſo angenehm, als die Mittagshitze bei der Abreiſe läſtig war. Wir langten um elf Uhr Abends in der Stadt an. 7 fiMte 8. Allgemeine Bemerkungen über den Aetna. Der Aetna wird in Sicilien, zufolge einer ſonderbaren Verdrehung ſeines ſarazeniſchen Namens: Gib⸗el⸗Uttamat, d. i. Berg des Feuers, ge⸗ wöhnlich Monte Gibello oder Mongibello, oft auch ſchlechthin il Monte(der Berg) genannt. Er iſt einer der ungeheuerſten und bewundernswürdigſten Vulkane, der den Beobachter mit Schrecken und Erſtaunen, aber auch mit den freudigſten Gefühlen erfüllt, indem er neben Scenen großer Verwüſtung zu⸗ gleich maleriſch ſchöne Gefilde darſtellt, die mit dem Segen des Himmels gleichſam überſchüttet, daher auch, trotz der ſtets drohenden Gefahr, durch Ausbrüche verwüſtet zu werden, mit Städten und Dörfern ſtark bebaut, und von beinahe 200,000 betriebſamen Menſchen bewohnt ſind. Da mehrere ſeiner älteſten Lavaſchichten mit Muſcheln und andern Seeprodukteu bedeckt, und zum Theil damit vermiſcht ſind, ſo haben einige Naturforſcher behauptet, daß er von dem unterirdiſchen Feuer aus dem Mkere erhoben, und durch fort⸗ währende Ausbrüche nach und nach vergrößert worden ſei, während andere jene Erſcheinung aus einem Sinken des Meeres erklären wollen. Welche Meinung auch die richtige ſein möge, ſo iſt doch ſo viel gewiß, daß ſeit dritte⸗ 6 halb tauſend Jahren kein beträchtliches Zurücktreten des Meeres Statt ge⸗ unden hat, und daß die Höhe des Berges ſeit Menſchengedenken außerordentlich war, da ſchon die älteſten Schriftſteller von dem ewigen Schnee ſeines Gipfels ſprechen. Die Höhe beträgt nach einer trigonometriſchen Meſſung, wozu im Jahr 1814 einige engliſche Seeoffiziere beauftragt wurden, 10,874 Fuß über dem Meeresſpiegel. Der Umfang des Fußes, begrenzt durch das Meer und die Flüſſe Giaretta und Alcantara, beläuft ſich auf 20 deutſche Meilen. Zu Folge dieſer weiten Ausbreitung erhebt ſich der Berg nur allmälich, ſo daß man mit ziemlicher Bequemlichkeit hinauf kommen kann, daher auch deſſen Geſtalt, außer in weiter Ferne, z. B. auf dem ioniſchen Meere, oder in Calabrien, beim erſten Anblick nicht ſehr majeſtätiſch erſcheint; ſeine große Höhe wird beim Beſteigen desſelben erſt auf dem halben Wege, wo bereits ganz Sicilien zu überſehen, und dennoch der Gipfel, dem Anſcheine nach, ſo weit wie Anfangs entſernt iſt, bemerkbar. Die Abdachung bleibt ſich jedoch nicht auf allen Seiten gleich, weshalb auch die verſchiedenen hinauf führenden Wege länger oder kürzer ſind; von Catania bis zum Gipfel ſind es beinahe ſechs, von Linguagroſſa vier, und von Randazzo kaum drei deutſche Meilen. Der Aetna iſt von Natur in drei, ſich durch Anſehen, Klima und Er⸗ zeugniſſe von einander unterſcheidende Regionen getheilt; man nennt ſie die angebaute(Regione piemontese), die waldige(Regione selvosa), und die wüſte oder Schneeregion(Regione discoperta). Die erſte begreift die untern Gegenden des Berges, und hat, weil dieſer an der einen Seite ſteiler, oder tiefer herab mehr mit Holz bewachſen iſt, als an der andern, eine ſehr ver⸗ ſchiedene Breite; oberhalb Catania breitet ſie ſich über fünf Stunden weit aus, im Norden dagegen kaum eine einzige. Sie iſt gut angebaut, und ent⸗ hält die ſchon erwähnte Menge von Ortſchaften und Einwohnern. Der Boden beſteht aus aufgelöſter Lava und zermalmten Schlacken; er iſt leicht zu bear⸗ beiten, und erzeugt einen Ueberfluß an Getreide, Gemüſen, Oel, Wein, Früchten und aromatiſchen Kräutern. Aber ungeachtet man dieſe Gegenden in Hinſicht ihrer Fruchtbarkeit ein Paradies nennen kann, ſo werden ſie doch oft von dürrem Lavaland unterbrochen, und haben, auch abgeſehen von ihrer gefahrvollen Lage, mancherlei Unannehmlichkeiten, wohin beſonders der häufige Waſſermangel, und hier und da der viele umher fliegende feine Lavaſtaub ge⸗ hört, welcher den Einwohnern leicht die gefährlichſten Augenübel zuzieht, und ihre Haut, ſo wie auch ihre Häuſer nebſt Allem, was ſich darin beſindet, ſchwärzt und verunreinigt. An die angebaute Region ſchließt ſich die wa dige welche einen andert⸗ halb Meile breiten Gürtel um den Berg bildet. Sie iſt reich an trefflichen Kräutern, und ernährt zahlreiche Viehheerden. Die Gehölze ſind, weil hier und da die Lavaſtröme ſie verheert, oder die Einwohner übel damit gewirth⸗ ſchaftet haben, von ungleicher Beſchaffenheit, und mit kahlen Stellen durch⸗ ſchnitten. Die Nachbarſchaft von Maletto iſt dicht mit Eichen, Fichten und Pappeln bewachſen; oberhalb Nicoloſi und Milo ſtehen etwas zwergartige Eichen, ſo wie Tannen, Buchen, Korkbäume, Hagedorn⸗ und Brombeer⸗ ſträucher, und in den Bezirken von Mascali und Piraino gibt es Gruppen von Kork⸗ und üppig gewachſenen Kaſtanienbäumen. Die Gegend bei Bronte beſitzt einen Reichthum an herrlichen Fichten, und diejenige, welche den Namen Garpinetto führt, iſt berühmt durch den uralten Kaſtanienbaum, Castagno dei cento cavalli genannt, weil in ſeinem Schatten hundert Pferde Raum haben. Er beſteht aus fünf größern und zwei kleinern, nach unten mit einander verwachſenen Stämmen; der größte derſelben hat acht und dreißig, und das Ganze, dicht an der Erde, hundert und drei und ſechzig Fuß im Umfange. Dieſer ungeheure Baum trägt noch Laub und Früchte, obſchon der Kern faul und ausgehöhlt, ja, ſogar ein öffentlicher Weg hindurch geleitet iſt. Nicht weit davon ſtehen andere Kaſtanienbäume von vorzüglicher Größe, ein Beweis, daß der dortige, mit Salpeter ſtark vermiſchte Boden das Wachs⸗ thum ſolcher Bäume ſehr begünſtigt. Die wüſte Region, d. i. der Gipfel des Berges, enthält nichts als Lava, Schlacken und Aſche, ſo wie Schnee und Eis. Der Schnee kommt in den heißen Sommermonaten etwas zum Schmelzen, wird jedoch ſchon zu Anfange des Herbſtes, wenn in den übrigen Theilen des Landes die erſten Regengüſſe. fallen, reichlich erſetzt, wobei die anwohnenden Landleute genau Acht geben, ob die Weſt⸗ oder die Oſtſeite ſich zuerſt bedeckt, weil ſie im erſten Falle trocknes, im letzten naſſes Wetter erwarten. Das Schneewaſſer ſammelt ſich meiſtens an der Nordſeite des Berges an, wo es in kleinen Betten herabfließt, welche weiter unten, und beſonders durch das hinzu kommende Regenwaſſer, nach und nach zu tiefen Schluchten gebildet worden ſind. In der Gegend von Mascali haben einige dieſer Aushöhlungen eine außerordentliche Tiefe, ſo daß ſie das Werk einer gewaltſamen, vulkaniſchen Zerreißung zu ſein ſcheinen; und faſt nur ihnen allein verdankt man das Wenige, was vom innern Bau des Aetna bekannt iſt. Die Kennzeichen, welche den Ausbrüchen des Aetna vorangehen, beſtehen darin, daß der Krater ungewöhnlich dicke, ſchwarze Rauchwolken und vul⸗ kaniſche Blitze von ſich gibt, und in der ganzen Umgegend, ſelbſt bis nach Meſſina hin, ein mehr oder minder heftiges, mit dumpfen unterirdiſchem Ge⸗ töſe begleitetes Erdbeben verſpürt wird. Dieſe Unruhe nimmt zu, bis die 377 im Innern des Berges angehäuften geſchmolzenen Maſſen durch den Krater, oder, wenn nicht Kraft genug, um ſie ſo hoch zu heben, vorhanden iſt, durch diejenigen Stellen auf der Seite hervorbrechen, welche den wenigſten Wider⸗ ſtand leiſten. Ein ſolcher Durchbruch eröffnet ſich mit einem fürchterlichen Krachen, wobei Flammen und glühende Steine zu einer unglaublichen Höhe empor getrieben, und heiße Schlacken und Aſche weit und breit umher zerſtreut werden. Der neue Schlund wirft ſodann ſchnell einen Berg um ſich auf, von fünf hundert bis tauſend und mehr Fuß in der Höhe. Solche Neben⸗ krater findet man auf allen Seiten des Aetna in großer Menge; viele der⸗ ſelben ſind ſchon vor Jahrhunderten erloſchen, und jetzt mit den üppigſten Pflanzen bewachſen. Bald nach Eröffnung des Ausbruchs erſcheint die Lava, und ſtürzt Anfangs, im Zuſtande der Flüſſigkeit, mit reißender Schnelle herab, die jedoch abnimmt, je weiter jene von der Quelle ihres Urſprungs in die Ebene kommt, und je mehr ſie ſich abkühlt und verhärtet. Es entſteht dann an den Seiten eine harte Kruſte, die Oberfläche bedeckt ſich mit ſchaumartigen Schlacken, und das Ganze nimmt eine wellenförmige oder vielmehr wälzende „Bewegung an. So wie die Maſſe fortſchreitet, fallen die Schlacken mit einem kniſternden Geräuſch herunter, thürmen ſich vor ihr auf und verzögern dadurch ihr Vorrücken, bis dieſes endlich kaum noch drei hundert Schritte in der Stunde beträgt, und nach wenig Tagen iſt es kaum noch bemerkbar. Ein Lavaſtrom in dieſem Zuſtande, d. h. eine ſich bewegende Maſſe ſchwarzer Schlacken, hat kein fürchterliches Anſehen mehr, obgleich er noch Alles, was in ſeinem Wege liegt, verſengt und verwüſtet; auch hat man ſchon von manchen, die zur Wiederentzündung geneigte Stoffe enthielten, die Erfahrung gemacht, daß ſie nach einigen Monaten durch einen Regenguß von Neuem in Hitze ge⸗ riethen und zu rauchen begannen. Noch iſt zu bemerken, daß die Ausbrüche gewöhnlich mit Stürmen und Gewittern, und mit einem Aufruhr der ganzen Natur begleitet ſind; doch haben auch mehrere beim heiterſten und ruhigſten Wetter, und ohne alle vorherige Anzeichen, Statt gefunden. Noch weit ſchrecklicher und gefürchteter, obſchon ungleich ſeltener als Lavaſtröme, ſind die Ströme ſiedend heißen Waſſers. Sie verheeren Alles, was ihnen in den Weg kommt, und auf die Menſchen wirkt ſchon ihr Dampf zerſtörend. Ob ſie das Waſſer geſchmolzenen Schnees, das ſich in unter⸗ irdiſchen Behältern angeſammelt hat, oder vielleicht Meerwaſſer ſind, iſt noch nicht ermittelt, weil ſie ſelten und plötzlich erſcheinen, und für Unterſuchungen zu ſchnell vorübergehen. Im Jahr 1755, an einem Tage, wo der Aetna in großer Unruhe und die Luft mit dickem Rauch angefüllt war, brach ein ſolcher Strom, mit hoch auflodernden Flammen begleitet, aus einer Höhle unterhalb 378 des Kraters hervor. Die ungeheuere Fluth ſtürzte mit der reißendſten Schnelligkeit von der ſteilen Höhe herab, und überſtrömte eine blühende Land⸗ ſchaft, wo ſie Alles verwüſtete und mit einem dicken Sandbett überzog. Es hat Mühe gekoſtet, dieſe Landſchaft wieder urbar zu machen, und ihre Frucht⸗ barkeit ſchreitet noch jetzt nur langſam vorwärts. Die Lava iſt, wie ſchon oben bemerkt wurde, von ſehr verſchiedener Be⸗ ſchaffenheit, bald ſchwerer und feſter, bald leichter und zerbrechlicher, was durch ihre Dichtheit oder Schwammigkeit, durch ihre Beſtandtheile und den Grad der Hitze, den dieſelben ausgehalten haben, beſtimmt wird. Daher iſt die eine Art mehr als die andere geſchickt, ſich durch den Einfluß der Luft, des Regens und durch menſchliche Bearbeitung in einen fruchtbaren Erdboden umwandeln zu laſſen. Einige Lavafelder liegen Jahrhunderte lang wüſt und öde, während auf andern nach wenig Jahren Gewächſe aller Art gedeihen; ja, bisweilen ſind neu entſtandene Aſchehaufen durch einen einzigen Regenguß in eine Erdart ver⸗ wandelt worden, die man von einem Thonlager nicht unterſcheiden konnte. Daher darf man aber auch die Fruchtbarkeit eines Lavafeldes nicht als Maßſtab zur Beſtimmung ſeines Alters annehmen, wie es gleichwohl oft geſchieht. Uebrigens iſt es wahrſcheinlich, daß die Lava⸗ und die Erdſchichten fortwährend ihre Geſtalt mit einander wechſeln, und daß z. B. Lava, die in Erde verwan⸗ delt, nach und nach aber mit neuen Lavalagern bedeckt worden iſt, im Laufe der Jahrtauſende und der immer weiter um ſich greifenden Aushöhlung des Vulkans wieder als Lava zum Vorſchein kommt. Man hat indeſſen Urſache zu glauben, daß die Kraft und Thätigkeit des Aetna im Abnehmen iſt. Denn ſeit langer Zeit hat er nicht mehr ſo ungeheuere Maſſen von Lava, Baſalt, Bimsſtein und Verglaſungen, wie ehedem, ausge⸗ worfen. Viele ſeiner jetzigen Auswürfe ſcheinen gar keine Veränderung durch das Feuer erlitten zu haben, und es werden die ſchönſten Chryſolithe, Zeolithe und andere Kryſtalliſationen hier und da in den Lavamaſſen angetroffen; daher einige auf die Vermuthung gekommen ſind, daß ſie, nachdem die Lava ſchon ausgeworfen war, ſich darin erzeugten. Außer den ſchon erwähnten Mineralien liefert der Aetna Kupfer, Zinnober, Queckſilber, Alaun, Salpeter, Vitriol, Spiegelerz, Amiant u. m. a. Auch findet ſich hier im Ueberfluß eine ſchöne Erde, die an Weichheit, Leichtigkeit und weißer Farbe der chineſiſchen,„Kaolin“ genannt, nahe kommt. Vermuthlich wurde ſie im Alterthum zu irdenem Geſchirr benutzt; denn man hat auf der Stelle, wo ſie ſich befindet, drei Töpferwerkſtätten von beſonderer Einrichtung entdeckt. Pozzolanerde, ein zum Waſſerbau ſo trefflich geeignetes Bindemittel, iſt in jeder beliebigen Menge zu haben; die röthliche, welche verkalktes Eiſen 379 enthält, zieht man den übrigen Arten vor. In vielen Theilen des Gebirgs gibt es heiße ſchwefel⸗ oder eiſenhaltige Quellen; die in der Nachbarſchaft von Paternd werden am meiſten geſchätzt. Die waldige Region gewährt gute Ausbeute an Theer, Honig und ſpa⸗ niſchen Fliegen. Obſchon dieſe Inſekten, wie man ſagt, wandernde und nicht in Sicilien ausgebrütet ſind, ſo werden doch im Mai und Juni große Schwärme derſelben eingeſammelt. Man ſchüttelt nämlich die Thiere am frühen Morgen, wo ſie vor Kälte noch erſtarrt ſind, von den Bäumen auf die unten ausgebrei⸗ teten Tücher; hierin werden ſie bis zu ihrem Abſterben eingewickelt gehalten, und dann zur Ausfuhr an der Sonne getrocknet. In den Gehölzen halten ſich wilde Ziegen, wilde Schweine, Stachelſchweine und manche andere Arten von Wild auf. Die hohen Klippen werden von Ha⸗ bichten, Geiern und Adlern bewohnt. In den tiefern Gegenden halten die Einwohner viele Rinder, Schafe, Ziegen, Eſel und Mauleſel, Hühner, Tauben und andere zahme Thiere, die alle vorzüglich gut gedeihen. Der Schnee des Aetna iſt nicht nur in ganz Sieilien ein unentbehrliches Bedürfniß, ſondern auch ein wichtiger Gegenſtand des Handels mit Malta und dem Feſtlande von Italien. Die Einſammlung und Verſendung desſelben, wozu auf mehren Seiten des Berges beſondere Einrichtungen getroffen ſind, ſetzt viele Menſchen in Thätigkeit. Einige formen auf dem Gipfel den Schnee in große, ungefähr hundert Pfund ſchwere Bälle, welche ſie nach etwas tiefer gelegenen Gegenden herabrollen. Hier iſt ein anderer Theil der Arbeiter beſchäftigt, die Bälle in beſondern Gruben aufzubewahren, ſie mit Stroh zu umwickeln und in Packtuch einzunähen. Auf ſolche Weiſe vor dem Einfluß der Wärme geſchützt, werden ſie auf Maulthieren nach allen Theilen der Inſel, und zur Ausfuhr nach den Häfen geſchafft. Der Biſchof von Catania hat allein das Recht, den Schnee einſammeln zu laſſen. Der Handel mit dieſem Gegenſtande, wovon das Pfund, nach Verhältniß der Jahreszeit, 6 Pfennige bis 1 Groſchen 6 Pfennige koſtet, bringt ihm jährlich einen reinen Gewinn von 5— 6000 Thalern. 9. Kurze Beſchreibung einer Reiſe, die der Verf. nach Neapel macht.— Rückkunft nach Meſſina.— Fahrt nach Palermo und einige Worte darüber. Nach Beendigung der Aetnareiſe verweilten ich und meine Frau noch einen Tag in Catania, und gingen dann zur See, auf einer Speronara, nach Meſſina zurück. Wir hatten eine ſchnelle Fahrt, und kamen ungefähr nach achtzehn Stunden wieder in den Kreis unſerer Angehörigen. 380 Nach dem unglücklichen Ende, das die Herrſchaft Joachims von Neapel genommen hatte, war im Monat Mai der rechtmäßige König, Ferdinand IV., welcher ſich bisher in Siecilien aufgehalten hatte, wieder zum Beſitze ſeines Reichs gelangt, und nach deſſen Hauptſtadt zurückgekehrt. Seit der Zeit hatte ſich zwiſchen den beiden, ſo lange getrennt geweſenen und nun wieder vereinigten Ländern, Neapel und Sieilien, ein lebhafter Verkehr eröffnet. Beſonders machten die Kaufleute von Meſſina wichtige Geſchäfte mit der Hauptſtadt Neapels, wo ihnen, wegen der beſondern, dem König bewieſenen Treue, große Begünſtigungen eingeräumt worden waren. Auch mein Schwie⸗ gervater hatte ſchon mehrmals Waaren dahin geſandt, als ich Anfangs Juli plötzlich von ihm beauftragt wurde, eine ſolche Sendung zu begleiten. Die kleine Felucke, worauf ich mich befand, langte nach einer Fahrt von drei Tagen in Neapel an. Der Anblick dieſer prächtigen Stadt mit ihren herrlichen Umgebungen machte auf mich den größten Eindruck, ſo wie er jeden Fremden begeiſtert. Leider hatte ich aber während meines kurzen Aufent⸗ haltes beſtändig Geſchäfte, und zur Beobachtung der Gegenſtände, die nicht im Kreiſe derſelben lagen, keine Zeit. Ohne den Veſuv beſtiegen, oder ſonſt eine Merkwürdigkeit außerhalb der Stadt und ſelbſt ohne von dieſer etwas Anderes als die Niederlagen und Schreibſtuben einiger Kaufleute, zwei oder drei Kaffeehäuſer, und die Außenſeite der Gebäude und das Volksgetümmel in einigen Straßen geſehen zu haben, verließ ich am vierten Tage nach meiner Ankunſt Neapel wieder. Eine glückliche Fahrt von ſechs und dreißig Stunden verſetzte mich nach Meſſina zurück. In den erſten Tagen des Auguſt erhielt ich von meinem Schwiegervater den Auftrag, eine Geſchäftsreiſe nach Palermo und von da nach Corfu zu machen. Ich ſchiffte mich, von Neuem in Begleitung meiner Frau, am Morgen des 4. Auguſt auf einer nach Palermo beſtimmten Speronara ein, und er⸗ reichte den Ort unſerer Beſtimmung ohne weiter Bemerkenswerthes. Da 8 Palermo im Allgemeinen ſchon anderwärts von mir beſchrieben worden iſt, ſo will ich hier blos noch einige Bemerkungen über einzelne wichtige Gegen⸗ ſtände, die ich zu ſehen Gelegenheit hatte, hinzu fügen.— Das königliche Schloß, welches von den Vicekönigen Siciliens bewohnt wird, iſt ein weit⸗ läufiges, theils in ſarazeniſchem, theils normänniſchem Geſchmack aufgeführtes Gebäude. Es enthält einige gute Gemälde, ſo wie auch eine hübſche Rüſt⸗ kammer. In der letztern wird unter andern ein Schwert als das des Grafen Roger gezeigt. Es iſt, in Hinſicht ſeiner ungeheuern Größe und Schwere, der barbariſchen Zeit jenes Grafen ganz angemeſſen, obſchon die Arbeit des filbernen Gefäßes viel zu künſtlich für dieſelbe ſcheint, daher Einige geneigt 381 ſind zu glauben, daß dieſe Waffe, wenn ſie auch von Roger geführt wurde, doch aus einem weit entferntern Zeitalter herrührt. Auf der einen Seite des Schloßgebäudes befindet ſich, in beträchtlicher Höhe, eine Inſchrift in griechi⸗ ſcher, lateiniſcher und arabiſcher Sprache, welche beſagt, daß hier, im Jahre 1142, auf Befehl des Grafen Roger ein Zeitmeſſer— ohne Zweifel einer der erſten ſeit ihrer Erfindung— angebracht wurde. Ueber dieſer Stelle, auf der Kuppe des Gebäudes, erhebt ſich die Sternwarte. Sie wurde im Jahr 1748 errichtet, als das Zuſammentreffen von fünf Planeten in Einem Zeichen des Thierkreiſes, eine Erſcheinung, die noch niemals beobachtet worden war, die Aufmerkſamkeit der Sternkundigen auf ſich zog. Seit der Zeit hat ſie viele Verbeſſerungen erhalten, und würde, wenn nicht die benachbarten Berge den Geſichtskreis etwas beſchränkten, eine der vorzüglichſten Anſtalten dieſer Art ſein. Hier war es, wo der berühmte Aſtronom Piazzi die Ceres ent⸗ deckte, und dadurch, ſo wie durch ſeine genaue Eintheilung der Sterne, An⸗ dern den Weg zur Entdeckung der Pallas, Juno und Veſta bahnte. Den beſuchteſten Spaziergang bei der Stadt bildet die Straße, welche ſich, vor dem Thore porta felice, längs dem Meere hinzieht; ſie führt den Namen la marina. Sie iſt mit einer Reihe prächtiger Paläſte beſetzt, deren Vorderſeite nach der See zu geht; in der Mitte befindet ſich ein breiter Fahr⸗ weg, und gegen das Meer hin ein eben ſo breiter Weg für Fußgänger, der in einem Damm von unverwüſtlichen Quaderſteinen beſteht. Hier verſammeln ſich in den Sommerabenden, um die kühle Seeluft zu genießen, die Einwohner jedes Standes, Alters und Geſchlechts, zu Wagen, zu Pferd' oder zu Fuße. Auf allen Seiten ertönt dann Muſik und Geſang, Scherz und Gelächter; auch bietet man allenthalben Zuckerwerk, Früchte, Eiswaſſer und andere Erfriſchun⸗ gen zum Verkauf aus. Bevor die Stunde der Verſammlung naht, wird auf öffent⸗ liche Koſten das übelriechende, am Dainm ſich anſammelnde Seegras weg⸗ geſchafft, ſo wie auch der Fahrweg mit Waſſer beſprengt, um den Staub zu löſchen.— 4 Von Palermo führt eine ſchöne, ſchnurgerade Landſtraße, die lange Zeit der einzige gebahnte Weg Sieiliens war, durch die Ebene nach Monreale und von da nach Trapani. Zu beiden Seiten derſelben erblickt man nah und fern die reizendſten Landſchaften mit vielen Gebäuden und andern Gegenſtänden, welche den Reiſenden zu einer nähern Betrachtung einladen. Dahin gehört z. B. das ſarazeniſche Schloß Cuba, das jetzt, unter dem Namen castello reale, zu einer Cavalerie⸗Kaſerne dient. Nur die äußern Mauern ſind vom alten Gebäude übrig; das Innere hat man neu ausgebaut. Ueber dem Haupt⸗ thore iſt ein ſonderbares Bild angebracht, welches eine Menge Perſonen ſo 382 * künſtlich zuſammengeſtellt und ſchattirt zeigt, daß der Beſchauer dieſelben nicht zählen kann, weil ihre Anzahl, ſo wie jener ſeinen Standpunkt um einen Zoll verändert, ab⸗ oder zunimmt. Ein ſehr merkwürdiges, von den Sarazenen herrührendes Schloß, das nicht weit vom vorigen liegt, iſt die Ziſa, ein aus gehauenen Steinen aufgeführtes Gebäude, mit Schwibbogen, ſpitzen Fenſtern und plattem Dache. Seine Zimmer zeichnen ſich durch ſchöne Muſivarbeit, künſtliches Bildwerk und ſinnreiche Inſchriften aus, und alle Theile desſelben haben ſich ſo gut erhalten, daß es noch jetzt vom Prinzen Sandoval bewohnt wird. Die Ausſicht auf dem Dache iſt ſo entzückend, daß man dem Schluſſe der dort angebrachten Inſchrift:„Europa iſt die Zierde der Welt, Italien die von Europa, Sieilien die von Italien, und die Umgebung dieſes Schloſſes der Stolz Siciliens“ faſt beiſtimmen möchte. Nahe bei der Ziſa iſt ein Kapuzinerkloſter, welches, wie das in Meſſina und alle dergleichen Klöſter Siciliens, ein großes unterirdiſches Gewölbe be⸗ ſitzt, wo Leichen, gedörrt und in Mumien verwandelt, zu Jedermanns Anſicht in Niſchen aufgeſtellt ſind. Zwiſchen der Ziſa und dem Monte⸗ Pellegrino liegt das, mit Gärten und Wäldchen umgebene, königliche Luſtſchloß la Favorita. Es iſt im chineſiſchen Geſchmack gebaut. Die Zimmer ſind verſchieden, theils auf franzöſiſche, theils auf engliſche, türkiſche oder andere Weiſe eingerichtet. Auch gibt es zwei von ganz beſonderer Einrichtung. In einem derſelben, dem Familien⸗Speiſeſaal, befindet ſich ein Tiſch mit runden Oeffnungen, durch welche, da ſie mit der darunter befindlichen Küche in Verbindung ſtehen, alle verlangte Speiſen, Ge⸗ tränke u. ſ. w. von ſelbſt herauf kommen, wodurch das Beiſein der Dienerſchaft vermieden wird. Das andere Zimmer hat die Eigenſchaft, in der größten Sommerhitze einen kühlen Aufenthalt zu gewähren, und ſtellt ein verfallenes Gewölbe mit naſſen und zerriſſenen Wänden dar, aus welchen Epheu und Im⸗ mergrün hervorwachſen. Monreale liegt auf einem Berge, am ſüdlichen Ende des Thales von Pa⸗ lermo. Die Straße den Berg hinauf iſt mit vieler Kunſt gebaut, und obſchon die Gegend nach und nach ein rauhes Anſehen bekommt, ſo wird doch die Auf⸗ merkſamkeit des Reiſenden durch mancherlei an der Straße gepflanzte Bäume, Sträucher und Blumen, durch künſtliche Grotten und hervorſprudelnde Quellen, die hier und da kleine Waſſerfälle bilden, bis zu den Thoren jener Stadt auf das Angenehmſte beſchiſtat Monreale iſt nicht ſchön, enthält aber viele merk⸗ würdige Gebäude. Die Hauptkirche iſt, obſchon unregelmäßig gebaut, im In⸗ nern faſt über und über mit Mu ſivarbeit bedeckt. Das angrenzende reiche Benedietinerkloſter enthält Kreuzgänge, welche, ſowohl wegen ihrer Geräumig⸗ — keit als geſchmackvollen Bauart, für das ſchönſte, von den Baumeiſtern des Grafen Roger hervorgebrachte Werk gehalten werden. In einem andern Theile von Palermo's Umgegend iſt ein großer Begräb⸗ nißplatz, campo santo genannt, der vom Marquis Caracciolo, zur Abſchaffung der ſchädlichen Gewohnheit, die Todten unter den Kirchen zu begraben, ange⸗ legt wurde. Er iſt mit Mauern umgeben und reihenweiſe mit Cypreſſenbäumen beſetzt, zwiſchen welchen die Grüfte ſich befinden. Jeden Morgen wird eine derſelben geöffnet, und die ganze Menge der Todten, die den Tag über an⸗ kommen, ohne Sarg und ohne Rückſicht auf Stand, Alter und Geſchlecht, hinab gelaſſen. Am Abende ſchüttet man, um die Verweſung zu beſchleunigen, unge⸗ löſchten Kalk darauf, und verſchließt die Gruft mit Steinplatten, die nicht eher wieder geöffnet wird, als bis ungefähr nach Verlauf eines Jahres die Reihe ſie trifft, von neuem Leichen aufzunehmen. Zu dieſem Begräbnißplatze gehört eine Kirche, die man ehedem Santo Spirito nannte. Von hier wurde im Jahr 1282 M. Angelo's Tochter von einem franzöſiſchen Soldaten entführt, was die Verſchwörung der Sicilier, welche ohnehin durch die tyranniſche Herrſchaft Karls von⸗Anjou erbittert waren, zum Ausbruch brachte und das Blutbad, gewöhnlich die ſiciliſche Vesper genannt, veranlaßte, das mit der gänzlichen Ver⸗ tilgung der im Lande befindlichen Franzoſen endigte. 40. Der Verf. ſchifft ſich nach der Inſel Corfu ein.— Erzählung einer traurigen Geſchichte.— Ankunft in Corfu.— Beſchreibung des Hafens und der Stadt.— Die Inſel Corfu. Am 14. Auguſt begaben wir uns an Bord des nach Corfu beſtimmten Transportſchiffes Helena. Es fanden ſich bald noch mehr Paſſagiere darauf ein; unter andern ein junger Mann aus einer wohlhabenden Familie in Palermo, den ein beſonderes Schickſal betroffen hatte. Als er nämlich mit ſeiner Braut, um getraut zu werden, in der Kirche vor dem Altare ſteht, ſinkt ſie, vom Schlage gerührt, todt zu ſeinen Füßen nieder. Innigſt betrübt über ihren Verluſt, bringt er eine Woche lang einſam in ſeiner Wohnung zu, und macht unterdeſſen ein kleines, ſeinen Schmerz ausdrückendes Lied, wozu er auch eine paſſende Melodie erfindet. Nach einiger Zeit begibt er ſich um Mitternacht nach dem Campo Santo, und ſingt, auf der Guitarre dazu ſpielend, jenes Lied auf dem Grabe, worin der Gegenſtand ſeiner Liebe ruht— eine Handlung, die in Deutſchland gewiß Jedermann für unſchuldig halten würde. Allein, die ſici⸗ liſche Geiſtlichkeit erklärte ſie für Gottesläſterung, und ließ den Unglücklichen 2 384 verhaften. Er blieb, unter Dieben und Mördern und mit Ketten belaſtet, mehre Monate in peinlicher Unterſuchung, bis endlich der König, kurz vor ſeiner Abreiſe nach Neapel, ihn durch einen Machtſpruch befreite, und noch überdies beſchenkte. Deſſen ungeachtet hielt er ſich vor einer weitern Verfolgung nicht ſicher, und hatte daher den Entſchluß gefaßt, nach Corfu zu gehen, wo einige ſeiner Verwandten lebten. Uebrigens war ſein rührendes Lied in ganz Sieilien ein beliebtes Volkslied geworden, das ich nicht blos in Palermo, ſondern auch in Meſſina und Catania auf allen Gaſſen hatte ſingen hören. Die Helena ging am Tage nach unſerer Einſchiffung unter Segel. Sie kam, von allen Umſtänden begünſtigt, nach ſechs und dreißig Stunden zum Vorgebirge Paſſaro, und dann mit gleicher Schnelligkeit durch die Fluthen des ioniſchen Meeres. Ohne daß ſich auf der Fahrt etwas Sonderbares ereignete, langte ſie den 19. Auguſt im Hafen ihrer Beſtimmung an. Wir gingen am nächſten Morgen in die Stadt, und nahmen, da in der ſiciliſchen Familie, an welche man uns empfohlen hatte, die häusliche Ruhe durch einen wichtigen Vorfall geſtört worden war, unſern Aufenthalt in einem Gaſthauſe. Der Hafen von Corfu gewährt einen intereſſanten Anblick. Grüne Berge ziehen ſich im Halbkreiſe herum, und bilden den geräumigen Buſen. Im Süden desſelben liegt, auf einer hervorſpringenden Erdzunge, die Stadt mit ihren zahlreichen Werken, ihren Schiffswerften u. ſ. w. Der Hintergrund zeigt kahle, über einander geſchobene Gebirge. Auf der entgegengeſetzten Seite, d. i. nach der Meerenge von Corfu hin, erblickt man die etwa 1800 Schritt von der Stadt entfernte Inſel Vido mit ihren Baſtionen, ihrer Meierei und Oliven⸗ pflanzung, nicht weit davon die kleine, von Quarantäneſchiffen umgebene La⸗ zarethinſel, und den ſteilen Felſen Condiloniſſi, deſſen Gipfel die Ueberreſte einer alten griechiſchen Feſtung trägt. Jenſeit der blauen Waſſeerfläche ſtellt ſich, in der Entfernung einer Meile, die klippenreiche und gebirgige Küſte von Albanien, mit der Stadt Butrinto dar. Der Raum zwiſchen den genannten Inſeln und der Erdzunge bildet den Hafen; er iſt geräumig und bequem, und das Waſſeer hat eine Tiefe von vierzig bis achtzig Fuß. Den äußerſten Vorſprung der Erdzunge, auf welcher Corfu liegt, bedeckt die Citadelle, ein Werk von vielen, mit Gräben umgebenen Baſtionen, in deſſen Mitte zwei Forts auf einzelnen Felſen ſich erheben. Außer den Kaſernen, Ma⸗ gazinen und weitläufigen, aus der Zeit der Venetianer herrührenden Gefäng⸗ niſſen, enthält dieſe Feſtung einige Paläſte, unter andern den des Gouverneurs, der damals, als ich in Corfu war, von dem britiſchen Lord⸗Oberkommiſſär be⸗ wohnt wurde; vor demſelben ſteht die marmorne Bildſäule des Grafen von Schulenburg, welcher im Jahre 1716 die Stadt gegen die Türken vertheidigte. Die Citadelle hat auf der Landſeite, nach der Esplanade hin, ein Thor, das ſie mit der Stadt verbindet. Am Seeufer ſind Schiffswerften; auch befindet ſich hier der kleine, mit einem Molo umgebene Hafen Mandrachio, wo ehedem zwanzig Galeeren gehalten wurden. Die vielen übrigen Werke zur Verthei⸗ digung der Stadt, z. B. das Fort neuf, das Fort Tenedos, Abramo, S. Salvatore und andere, übergehe ich, und bemerke nur, daß Corfu, melches ſtets für den Schlüſſel zum adriatiſchen Meere galt, ſeit der Uebergabe an die Engländer noch ſtärker als vorher geworden iſt, weil ſie nicht nur die Werke ſehr verbeſſert und ſtark mit Artillerie und Truppen aller Art beſetzt haben, ſondern auch im Hafen ein Linienſchiff und mehre Fregatten unterhalten. Die Stadt liegt zwiſchen der Citadelle und den nach dem Innern des Landes ſich ausdehnenden Vorſtädten. Sie hat vier Thore, wovon eins nach der Landſeite, und die übrigen nach dem Meere führen. Nur die Hauptſtraßen ſind gepflaſtert. In den ungepflaſterten Nebengaſſen herrſcht bei regnigem Wetter außerordentlicher Schmutz; doch haben die Engländer Verfügungen getroffen, ſie außerdem reinlich zu halten. Die drei von der Judenſchaft be⸗ wohnten Straßen ſind mit Thoren verſehen, die in der Nacht geſchloſſen werden. Die Häuſer haben zwei Stockwerke, meiſtens platte Steindächer, und Vorhallen. Sie ſind feſt gebaut; aber es fehlt ihnen an Höfen, ſo wie auch keins einen Garten beſitzt. Die vielen, ſo genannten Paläſte zeichnen ſich blos durch ihre Größe vor den übrigen Häuſern aus. Die drei Vorſtädte, Santo Rocco, Caſtrati und Manduchio, haben meiſtens kleine, ſchlecht gebaute Häuſer. Viele derſelben kann man blos Hütten nennen; ja, manche ſehen, da ſie aus einem einzigen, mit keinen Fenſtern verſehenen Ge⸗ mach beſtehen, einem Stall ähnlich. Es gibt in Corfu keinen einzigen Brunnen, und man muß das Waſſer auf Maulthieren von den benachbarten Quellen und Bächen holen. Biele Ein⸗ wohner begnügen ſich daher mit Ciſternenwaſſer. An Lebensmitteln, beſonders an Weizenbrod, Rind⸗ und Schöpſenfleiſch, Federvieh, Käſe, Fiſchen und Ca⸗ viar, grünen und trocknen Gemüſen, mancherlei Früchten, und an Wein und Roſoli fand ich Ueberfluß. Doch ſtand Alles in hohem Preiſe, obſchon die Engländer Maßregeln getroffen hatten, daß Niemand übertheuert werden konnte; denn es waren nicht nur in den Verkaufshallen der Bäcker, Fleiſcher und Fiſch⸗ händler, ſo wie in den Weinhäuſern, polizeiliche Verordnungen in Betreff des Waarenpreiſes angeſchlagen, ſondern auch jeder Gemüſe⸗, Frucht⸗ und Feder⸗ viehhändler u. ſ. w. mußte, an ſeinem Korb oder auf ſeinem Tiſche, einen von Richter's Reiſen. II. 25 386 der Polizei ausgefertigten Verkaufszettel aufgeſteckt haben. Uebrigens war in Corfu faſt Alles, was man wünſchte, zu bekommen. Corfu iſt nicht blos die Hauptſtadt der Inſel, ſondern auch des ioniſchen Staates, daher der Sitz des britiſchen Lord⸗Oberkommiſſärs, der geſetzgeben⸗ den Verſammlung, des Senats und oberſten Gerichtshofes. Uebrigens hat dieſe Stadt ihre eigene Regierung, ihr Civil⸗, Criminal⸗ und Handelsgericht, nebſt einigen untergeordneten Behörden. Sie iſt ferner der Sitz eines katho⸗ liſchen Erzbiſchofs, eines griechiſchen Protopapas und eines zahlreichen Adels. Auch beſitzt ſie ein Lyceum, und hat neuerlich eine Univerſität erhalten. Die Einwohner, deren Anzahl im Jahre 1815 ſich auf 16,000 belief, bekennen ſich größten Theils zur griechiſchen Kirche; nur etwa drittehalb tauſend, meiſtens Italiener, oder ſolche, die davon abſtammen, ſind Katholiken. Doch gibt es über viertauſend Juden. Die herrſchende Sprache der höhern und mittlern Stände iſt die italieniſche, und blos das gemeine Volk ſpricht neu⸗ griechiſch. Die Sitten und Gebräuche ſtimmen durchgehends mit denen in Italien überein, was ſich auch dadurch offenbart, daß in den Caſino's Herren und Damen zuſammen kommen, und ſich bei einer Taſſe Kaffee oder einem Glaſe Gefrorenen, bis in die ſpäte Nacht mit einander unterhalten. Die Auf⸗ klärung ſteht im Allgemeinen auf einer niedrigen Stufe. Obſchon für die Bildung der Söhne wohlhabender Familien geſorgt iſt, ſo gibt es doch für die ärmern Volksklaſſen keine Schulen, außer denjenigen, welche die Papas halten, die für Gelehrte gelten, wenn ſie leſen und ſchreiben können. Das weibliche Geſchlecht erhält keinen Schulunterricht; die Töchter der Bemittelten werden in Nonnenklöſtern erzogen, wo man ſie blos im Stricken, Nähen, Filetmachen, Sticken und dergleichen Arbeiten unterrichtet. Die gewerbtreibenden Volksklaſſen beſtehen hauptſächlich aus Kaufleuten, Krämern, Schiffsleuten, Fiſchern und Laſtträgern. Handwerker finden ſich wenige, und manche fehlen gänzlich. Am zahlreichſten ſind die Gerber und Töpfer, mit welchen letztern faſt die ganze Vorſtadt Caſtrati angefüllt iſt. Auch wird viel Roſoli und Anisbranntwein bereitet. Der Handel befindet ſich größten Theils in den Händen der Engländer. Die Ausfuhr beſteht in Oel, Salz, Li⸗ queurs und Häuten; die Einfuhr in Getreide, Rindern, Schöpſen und Feder⸗ vieh aus Albanien, ferner in Tuch, Leinwand, baumwollenen und ſeidenen Zeugen, und andern Kleidungsſtücken, in Metallwaaren, Zucker, Kaffee, Ge⸗ würzen und Lurusartikeln, was meiſtens aus England kommt. Auch iſt der Zwiſchenhandel ziemlich lebhaft, da Albanien und einige der ioniſchen Inſeln mancherlei ausländiſche Waaren über Corfu beziehen. Die Schifffahrt erſtreckt ſich faſt einzig auf dieſe Länder, und man unterhielt zur Zeit meines dortigen 387 Aufenthaltes nur zwei Polaker und eine Felucke, aber gegen achtzig Barken und andere Küſtenfahrer. Der Handel mit entlegenen Gegenden wird durch fremde Schiffe betrieben. Die in Corfu befindlichen Engländer leben nach ihrer Landesſitte, und von den Eingebornen ziemlich abgeſondert. Die Jagd iſt ihre liebſte Be⸗ luſtigung. Wiewohl ihnen die Stadt manches Gute verdankt, werden ſie doch, wegen ihres Stolzes und ihrer Sonderbarkeiten, von den Einwohnern im Stillen gehaßt, die dagegen theils den Franzoſen, theils den Ruſſen ſehr ge⸗ wogen ſind. Die Umgegend der Stadt enthält einige romantiſche, gut angebaute und mit vielen Landhäuſern beſetzte Thäler. Ein kleines, etwa drei Viertelſtunden entferntes Dorf iſt der vorzüglichſte Luſtort der Einwohner, wohin ſie ſich an Feſttagen, zu Fuße, zu Pferd' oder zu Wagen, in großer Menge begeben. Die Inſel Corfu trennt von Albanien ein Kanal, deſſen Breite nirgends mehr als eine geographiſche Meile, und Butrinto gegenüber nur den vierten Theil einer ſolchen beträgt, obgleich er allenthalben genug Tiefe hat, um die größten Schiffe zu tragen. Die Ausdehnung der Inſel geht von Südweſten nach Nordoſten, und ihr Flächenraum beträgt ungefähr elf geographiſche Quadratmeilen. Die Oberfläche iſt gebirgig. Die Küſten beſtehen meiſtens aus Felſen und bilden viele Buchten, worunter der Buſen von Corfu die an⸗ ſehnlichſte iſt. Die Berge haben keine große Höhe, indem der bedeutendſte, der San Salvatore, ſich kaum 1500 Fuß über den Meeresſpiegel erhebt; ſie ſind aber größtentheils ſteinig und kahl, und ſo dicht zuſammen gedrängt, daß nur ſchmale Thäler dazwiſchen liegen. Der Boden in den Thälern beſteht aus Thon, Kalk, oder Lehm, den eine fruchtbare Pflanzenerde bedeckt. Die Bewäſſerung iſt reichlicher als auf den übrigen ioniſchen Inſeln. Es finden ſich viele Quellen und mehre große Bäche, die im Frühjahr und Herbſte Flüſſen gleichen, und, wie der Meſſongi und Potamo, welcher letztere nicht weit von der Stadt vorbei fließt, im Sommer nicht austrocknen. Auch gibt es mine⸗ raliſche Quellen und einen See, Coriſſia genannt. Das Klima iſt mild, aber veränderlich und, wegen der hohen Gebirge des nahen Feſtlandes, ſchnellen Wechſeln von Hitze und Kälte unterworfen, daher es auch den Anbau der Korinthentraube, die doch ungefähr acht geographiſche Meilen ſüdlicher ſo herrlich gedeiht, nicht begünſtigt. Von Erdbeben iſt Corfu nicht frei; doch ſind ſie weder ſo häufig noch ſo ſtark, als auf Zante oder Cefalonia. Das Haupterzeugniß beſteht in Olivenbäumen. Sie wachſen außer⸗ ordentlich hoch und buſchig, und man ſchätzt ihre Anzahl auf drei Millionen. Da jedoch die Früchte derſelben herbe, und die Einwohner in der Kunſt, ſie 25* 388 auszupreſſen und dazu vorzubereiten, nicht hinreichend vorgeſchritten ſind, ſo wird kein vorzügliches Oel, und auch nicht in ſolcher Menge, als zu erwarten wäre, gewonnen. Man führt jährlich gegen 60,000 Centner davon aus, deren Werth einen großen Theil der Ausgaben für die fehlenden Bedürfniſſe deckt. Ein anderer Ausfuhrartikel von einiger Wichtigkeit iſt das Seeſalz. Es gibt an den Küſten drei große Lagunen, aus welchen, da ſie reich an Salz ſind, ehedem eine ungeheure Menge davon abgeſchlämmt wurde; jetzt verfertigt man höchſtens 200,000 Centner, weil deſſen ſtarker Abſatz nach Venedig auf⸗ gehört hat. Die übrigen Erzeugniſſe des Eilandes reichen für den Bedarf der Einwohner nicht hin. Getreide hat es nur auf vier oder fünf Monate, und muß das fehlende durch Zufuhr aus Albanien erſetzen. Das erbaute be⸗ ſteht in türkiſchem Weizen, in Roggen und Hirſe, welcher letztere ſowohl zu Brod als zu Brei verwendet wird. Gemüſe, wovon die meiſten Arten, vor⸗ züglich aber Spargel, Artiſchocken und Zwiebeln, vortrefflich gedeihen, werden faſt nur in der Nähe der Hauptſtadt gezogen. Der Wein iſt unſchmackhaft, dick und ungeſund; auch reicht er nur fünf Monate, obſchon die wohlhabenden Einwohner auf den Genuß desſelben gänzlich verzichten, und ſich mit Weinen aus andern Gegenden Griechenlands, oder mit italieniſchen, ſpaniſchen, dal⸗ matiſchen u. ſ. w. verſorgen. Ungeachtet alle Arten Fruchtbäume, hauptſäch⸗ lich Pomeranzen⸗, Zitronen⸗, Limonien⸗, Granaten⸗, Nuß⸗, Kaſtanien⸗, Jo⸗ bannisbrod⸗ und Feigenbäume, gut fortkommen, ſind doch nur ſo viele ange⸗ pflanzt, daß die Früchte ſpärlich hinreichen, um das Bedürfniß der Einwohner, beſonders zur Verfertigung der Liqueurs„zu befriedigen. Es gibt Lorbeer⸗ und Myrtenbäume, Wachholderſträucher, Aloöſtauden und viel aromatiſche Pflanzen, wovon jedoch kein Nutzen gezogen wird. Der Anbau von Handels⸗ gewächſen beſchränkt ſich auf etwas Flachs und Baumwolle. Einige Gegen⸗ den beſitzen kleine Gehölze, welche Platanen, Tannen, Fichten, Ahorn⸗ und Eichenbäume enthalten; die Früchte der letztern ſammelt man zum Verbrauch in den eigenen Gerbereien, ſo wie zur Ausfuhr nach Italien. Dieſe Gehölze ſind jedoch zu unbedeutend, um das erforderliche Bau⸗ und Brennholz zu liefern, das daher großen Theils aus der Fremde bezogen wird. Die Jagd beſchränkt ſich auf Haſen, Kaninchen und Vögel. Da die Inſel arm an Weide⸗ plätzen iſt, ſo halten die Einwohner, außer in der Hauptſtadt, wo man auch Pferde hat, blos Eſel zur Fortſchaffung der Laſten, und Schweine und Ziegen, welche letztere den nöthigen Käſe liefern. Das Schlachtvieh muß vom Feſt⸗ lande geholt werden. Hier und da treibt man Bienenzucht, jedoch ſehr nach⸗ läfſig, obgleich der Honig und das Wachs von vorzüglicher Güte ſind; und ungeachtet des guten Gedeihens weißer Maulbeerbäume denkt Niemand an 8 — 389 den Seidenbau. Thon und Mühlſteine ſind die einzigen Mineralien, welche man benutzt, obſchon auch Gyps, Schwefel u. a. gefunden werden. Das Meer um die Küſten beſitzt einen Reichthum an Fiſchen, wovon jedoch kein ſonder⸗ licher Vortheil gezogen wird, und oft iſt man genöthigt, den Engländern Stockfiſch abzukaufen. Der Kunſtfleiß der Corfioten erſtreckt ſich auf eine geringe Anzahl von Gegenſtänden. Die wenigen Handwerker in der Hauptſtadt und die Baum⸗ wollweber in Milichia, einem Flecken im Süden des Eilandes, abgerechnet, iſt Jedermann mit der Landwirthſchaft, oder der Gewinnung des Oels, der Bereitung des Salzes, der Schifffahrt, Fiſcherei, oder Krämerei beſchäftigt. Der Handel befindet ſich, wie ſchon erwähnt, in den Händen der Engländer. Die Ausfuhr ſoll im Durchſchnitt jährlich 550,000 Thaler, die Einfuhr da⸗ gegen 625,000 Thaler betragen, ſo daß 75,000 mehr ausgegeben als einge⸗ nommen werden. Dieſe Summe zu erſchwingen, würde unmöglich ſein, wenn nicht durch Schifffahrt und Zwiſchenhandel, durch die vielen Landleute, die alle Sommer nach dem Feſtlande auf die Arbeit gehen, durch die fremden Konſuln, die Deputirten der übrigen ioniſchen Inſeln, und die britiſchen Truppen und Seeleute viel baares Geld in das Land flöſſe. Die Bevölkerung der Inſel Corfu betrug im Jahre 1815 gegen 73,000 Menſchen, welche, außer der Hauptſtadt, 11 Flecken und 118 Dörfer und Weiler bewohnten. Eine bedeutende Anzahl in der Hauptſtadt und einige Einzelne in andern Landestheilen ausgenommen, beſtehen ſie aus Griechen, die an der Religion, der Sprache, den Sitten und Gebräuchen ihres Volks feſt halten. Auch ſind die Landleute meiſtens von den Untugenden frei ge⸗ blieben, welche die Stadtbewohner von den Venetianern und andern fremden Völkern angenommen haben. Sie befinden ſich aber in tiefer Unwiſſenheit, und ſtehen in dieſer Hinſicht unter allen Joniern auf der niedrigſten Stufe. Von Alterthümern finden ſich auf Corfu wenig Ueberreſte, und die Spuren der ehemaligen prächtigen Städte ſind faſt gänzlich verwiſcht. In der Stadt ſieht man nur noch ein einziges antikes Gebäude, eine kleine, achteckige griechiſche Kirche mit Säulen von blauem und weißem Marmor; ſie ſcheint jedoch kein Werk aus jenem frühern Zeitalter, wo die Kunſt der Griechen blühte, ſondern ein ſpäteres römiſches zu ſein. Ungefähr fünf Viertelſtunden weſtlich von der Stadt, nahe bei der dortigen Salzlagune, zeigt man einige geringe Ueberbleibſel von Waſſerleitungen, die zu den Gärten des Alkinoos gehört haben ſollen. 11. Rückreiſe nach Sicilien, auf welcher ein für den Verf. ſehr ſchmerzlicher Vorfall ſich ereignet.— Ankunft in Meſſina.— Erwähnung einiger Begebenheiten.— Ein Familienunglück bringt den Verf. zu dem Entſchluſſe, in's Vaterland zurückzukehren— er begibt ſich vorerſt nach Malta. Am 11. Auguſt fuhren wir, auf dem engliſchen Transportſchiffe London, von Corfu wieder ab, um nach Sieilien zurückzukehren. Dieſe Fahrt gehörte nicht zu den glücklichen; jeden Tag wehte ein widriger Wind, oder es herrſchte eine gänzliche Stille, ſo daß das Schiff in der erſten Woche kaum zwanzig Meilen weit vorrückte. Dazu geſellte ſich noch ein beſonderes Mißgeſchick. Meine Frau bekam im Geſicht einen kleinen Ausſchlag, der jedoch ſchon wieder abzuheilen anfing, als ein auf dem Schiffe befindlicher Wundarzt ſich erbot, die Heilung zu beſchleunigen. Statt deſſen bewirkte das angewandte Mittel eine Entzündung, die einen hohen Grad erreicht hatte, als wir am 15. Sep⸗ tember in Meſſina's Hafen anlangten. Da das Schiff drei Wochen lang Quarantäne halten mußte, ſo blieb uns nichts übrig, als in das Lazzeretto zu gehen, und die Hülfe der dortigen Aerzte in Anſpruch zu nehmen. Dieſe erklärten, daß die Krankheit den Charakter des Krebſes angenommen habe, und die Leidende ward einer Operation unterworfen, die zwar aus dem Grunde heilend, aber mit einiger Entſtellung des Geſichts verbunden war. Faſt um dieſelbe Zeit erregte eine Mordthat in der Stadt großes Auf⸗ ſehen. Es wurde nämlich ein mir bekannter, junger und noch unverheiratheter Kaufmann Namens Salvo, in ſeinem eigenen Hauſe durch Piſtolenſchüſſe ge⸗ tödtet. Dennoch hatte, wie es in Meſſina bei ſolchen Fällen gewöhnlich iſt, Niemand in der Nachbarſchaft ſich um das Schießen bekümmert, und wollte auch nichts davon gehört haben. Daher geſchah es, daß man eine Menge unſchuldiger Leute in's Verhör zog, und zum Theil verhaftete. Erſt nach einem Monat wurden die Mörder, in einer Gegend am Aetna, entdeckt und ergriffen. Es waren zwei aus Malta gebürtige Vettern des Kaufmanns, welche die ſchändliche That an ihm verübt hatten, um ſich ſeiner Kaſſe zu bemächtigen. Zu Anfange Novembers erfolgten in Meſſina andere lebhafte Auftritte, indem die Engländer, welche ſich ſchon während des Sommers aus mehren Theilen Siciliens entfernt hatten, nun auch dieſe Stadt räumten mit Aus⸗ nahme der Citadelle, worin eine ſchwache Beſatzung noch längere Zeit zurück⸗ blieb. Es ging nach und nach eine große Anzahl Transportſchiffe mit Trup⸗ pen und Kriegsvorräthen ab. Auch kehrten viele, ſowohl engliſche als andere fremde Kaufleute, Künſtler und Handwerker, die bisher im Orte gelebt hatten, 391 in ihre Heimath zurück. Mittlerweile waren die Einwohner faſt einzig mit Abſchiednehmen von den Fortreiſenden, oder mit dem Ankauf ihres Hausge⸗ räthes beſchäftigt. Sobald die Unruhe ſich etwas gelegt hatte, ließ die Geiſtlichkeit ſich ſehr angelegen ſein, unter den Einwohnern den alten religiöſen Glauben, der durch den langen Verkehr mit Ausländern etwas erſchüttert worden war, wieder herzuſtellen. Es wurden Proceſſionen und Feſte veranſtaltet, Wunder verkündigt, Ablaß ertheilt und andere Mittel angewandt, um die Gedanken des Volks auf die Kirche zu lenken, und ſeine Anhänglichkeit an derſelben auf's neue zu befeſtigen. Schon im Juli hatten einige dahin führende Vor⸗ bereitungen Statt gefunden. So wurde z. B. in der Hauptkirche, zur öffent⸗ lichen Schau und Erbauung, ein Chriſtuskopf aufgeſtellt, der, wie man vor⸗ gab, unter der Erde gefunden worden, und eine uralte, treue Abbildung des Originals ſei. Er ſah jedoch ganz neu, und wie von Wachs verfertigt aus; das Geſicht war mit Blut bedeckt, das von den durch die Dornenkrone ver⸗ letzten Stellen herab zu träufeln ſchien. Wer beim Anblick dieſer Reliquie Thränen vergoß, und eine in Kupfer geſtochene Nachbildung derſelben kaufte, erhielt Ablaß auf vierzig Tage. Ein ſolcher Kupferſtich befindet ſich noch in meinen Händen. 3 Gegen das Ende Novembers hörte man fortwährend von Räubereien, welche die Algierer, die ſeit der ſtarken Verminderung der engliſchen Kriegs⸗ ſchiffe wieder freies Spiel auf dem Mittelmeere bekommen hatten, an allen chriſtlichen Nationen verübten. Bald lief auch an meinen Schwiegervater die Nachricht ein, daß zwei von ihm nach Cagliari befrachtete Fahrzeuge genommen waren— ein Verluſt, der die größte Zerrüttung in ſeinen Geſchäften und Verhältniſſen zur Folge hatte. Dies und der Umſtand, daß meine Sehnſucht nach dem Vaterlande durch die vielen in ihre Heimath zurückkehrenden Ausländer mehr als jemals rege geworden war, machte, daß ich nun Anſtalt traf, die Reiſe nach Sachſen an⸗ zutreten.——. Ich entſchloß mich, meinen Weg über Trieſt zu nehmen. Da es aber an Gelegenheit dahin überzufahren fehlte, ſo ſah ich mich genöthigt, zunächſt nach Malta zu gehen, das einen ſtarken Verkehr mit jenem Hafen hatte. Am 12. December beſtieg ich mit meiner Frau, nach einem Abſchiede von Vater, Geſchwiſtern und Verwandten, der, wie man leicht denken kann, mit den ſchmerzlichſten Gefühlen verbunden war, ein engliſches Kauffahrteiſchiff, das kurz darauf nach der genannten Inſel abſegelte. 12. Der Verf. iſt genöthigt, ſich eine geraume Zeit auf der Inſel Malta aufzuhalten.— Beſchreibung der Hauptſtadt Valetta und der Inſel Malta überhaupt. Wir langten am 15. December im Hafen von Valetta, der Hauptſtadt Malta's, an. Leider waren dort, für dieſes Jahr, die letzten nach Trieſt be⸗ ſtimmten Schiffe den Tag zuvor abgegangen, und wir mußten es uns gefallen laſſen, den Winter in Malta zuzubringen. Wir bezogen daher eine Wohnung in der Vorſtadt Floriana. Valetta(la Valette) liegt im ſüdöſtlichen Theile des Eilandes, auf einem in das Meer hervorſpringenden Felſen, der die beiden Häfen dieſer Stadt von einander ſcheidet; hinter derſelben, ungefähr in einer Entfernung von 600 Fuß, befindet ſich die Vorſtadt Vilhena, welche man nach ihren Feſtungs⸗ werken gewöhnlich Floriana nennt. Um den größern Hafen, der Hauptſtadt gegenüber, liegen noch vier andere Städte, welche die Namen Vittorioſa, Senglea, Burmola und Cottonera führen. Sie bilden mit Valetta eine ein⸗ zige Stadt und eine der wichtigſten Feſtungen der Erde, deren ſtarke, meiſtens in Felſen gehauene Werke ſich gegenſeitig vertheidigen, und zwar ohne daß das eine von dem andern abhängig iſt, ſo daß mithin bei einer Belagerung jedes einzeln erobert werden muß. Dieſe zahlreichen Werke ſind von außer⸗ ordentlichem Umfang, und nach dem Urtheil, das ich oft von engliſchen Offi⸗ zieren fällen hörte, würde eine Armee von 50— 60,000 Mann dazu gehören, um alle Theile derſelben, zu gleicher Zeit, mit der gehörigen Mannſchaft zu beſetzen. Wenn man ſich im großen Hafen befindet, ſtellt die Stadt ein prächtiges Panorama dar, und auch ihr Inneres, obſchon es nicht durchaus regelmäßig iſt, entſpricht dem guten Eindruck, den das Aeußere auf den Be⸗ ſchauer macht.. — Valetta's Straßen ſind breit, mit Lava gepflaſtert und ſehr reinlich; die Hauptſtraßen werden mehrmal des Tages von beſondern Leuten gekehrt. Die nächtliche Beleuchtung iſt muſterhaft. Die hübſchen maſſiven Häuſer, etwa 1500 an der Zahl, haben platte Dächer, Altane u. ſ. w. Die Paläſte, deren es auch außerhalb der Hauptſtadt, beſonders längs den Kaien des großen Hafens, eine Menge gibt, ſind in einem edeln einfachen Styl gebaut, was auch mit den zahlreichen Kirchen und Klöſtern und den übrigen öffentlichen Gebäuden der Fall iſt. Die Hauptkirche, San Giovanni genannt, iſt ein antikes gothiſches Ge⸗ bäude, das einen Reichthum an koſtbarem Marmor, an Edelſteinen, Gold und Silber, ſo wie viele Grabmäler, Abbildungen und Waffen der Malteſerritter enthält. Unter den übrigen öffentlichen Gebäuden zeichnen ſich der Palaſt des Großmeiſters, jetzt die Wohnung des britiſchen Gouverneurs, ferner das Rathhaus, das Zeughaus, das große Hoſpital, das Gebäude der Univerſität, die Börſe, das Opernhaus und das Theater am meiſten aus. Sowohl in als außerhalb der Stadt findet man hübſche Gärten. Das Trinkwaſſer erhält Valetta aus einer Quelle im Innern des Landes, durch eine künſtliche Leitung, die vom Großmeiſter Vignancour angelegt wurde; die übrigen Stadttheile haben meiſtens blos Ciſternenwaſſer.— Die wichtigſte Feſtung iſt das Kaſtell San Elmo, oder, wie die Eng⸗ länder ſie nennen, die Citadelle, auf der in's Meer hinaus laufenden Spitze des Felſen, worauf ſich Valetta befindet. Dieſe Feſtung, welche die Stadt und die Eingänge der beiden Häfen vertheidigt, beſteht aus vier Baſtionen, die zum Theil mit vierfachen Batterien verſehen ſind. Sie enthält weitläufige Kaſernen, bombenfeſte Magazine u. ſ. w., ſo wie auch einen Leuchtthurm. Die übrigen vorzüglichſten Werke des ganzen Städtevereins ſind die Kaſtelle Tigne, Manuel und Sant' Angelo, das Fort Riccazoli und die ſtarke Baſtion San Salvatore. Der große Hafen breitet ſich in mehren Zweigen aus, wovon jeder ſeinen eigenen Namen und ſeine beſondere Beſtimmung hat. Er trennt nicht nur Valetta von den übrigen Städten, ſondern zum Theil auch dieſe von einander. Um daher, ohne große Umwege, von der einen zu der andern zu gelangen, laſſen ſich die Einwohner auf Kähnen fahren, dergleichen überall in großer Anzahl bereit liegen. Der kleinere oder Quarantäne⸗Hafen beſteht ebenfalls aus verſchiedenen Theilen; in dem einen erhebt ſich eine felſige, mit der Stadt durch eine Brücke verbundene Inſel, worauf das Lazzeretto und die genannte Feſtung Manuel liegt. Uebrigens ſind Valetta's Häfen ſicher, tief genug für die größten Linienſchiffe, und ſo geräumig, daß ſie mehr als tauſend große Handelsſchiffe aufnehmen können. Zugleich ſind ſie mit ſchönen Kaien, Docken, Schiffswerften, Magazinen, Hoſpitälern und einem großen Quarantänehauſe für die Levantefahrer verſehen. Daher iſt auch Malta der Sammelplatz der im Mittelmeere befindlichen engliſchen Kriegsſchiffe. Valetta iſt der Sitz des britiſchen Gouverneurs, eines Admiralität⸗ und eines Handelsgerichts, eines Sanitätcollegii, Proviantamtes und mehrer obrig⸗ keitlichen Stadt⸗ und Landesbehörden. Es hat eine Univerſität nebſt einer dazu gehörigen Bibliothek, eine öffentliche Bibliothek von 90,000 Bänden, eine Sternwarte, eine Antikenſammlung und einen botaniſchen Garten. Der Gewerbfleiß dieſer Stadt beſteht, da ſie ein Marktplatz der Berberei und Levante iſt, hauptſächlich im Handel. Auch treibt ſie beträchtliche Schiff⸗ fahrt, die nicht blos über das Mittelmeer und die angrenzenden Gewäſſer, ſon⸗ dern auch bis nach Amerika, Weſt⸗ und Oſtindien ſich ausdehnt. Uebrigens findet man die gewöhnlichen Handwerker, und Viele, die ſich mit der Baum⸗ wollweberei, mit der Verfertigung von Uhren, oder feiner Gold⸗ und Silber⸗ arbeit beſchäftigen. Fabriken ſind nicht vorhanden. Die Bevölkerung von Valetta nebſt den dazu gehörigen Städten beläuft ſich auf 50,000 Seelen. Faſt die Hälfte derſelben beſteht in Ausländern, meiſtens Italienern, Engländern, Griechen, Türken, Aegyptiern und Barba⸗ resken. Alle dieſe Leute leben nach ihrer vaterländiſchen Weiſe; doch ſind im Ganzen die Sitten der Italiener vorherrſchend. Die Eingebornen, ein Gemiſch von Ureinwohnern, Puniern und Ara⸗ bern, ſind ein kräftiges und wohlgeſtaltetes Volk, mit einer ausdrucksvollen und regelmäßigen Geſichtsbildung. Ihre Gemüthsart bezeichnen Feſtigkeit und Ernſt, aber auch etwas Finſteres und Verſtecktes, obwohl man ihnen weder Treuloſigkeit und Betrüglichkeit zuſchreiben, noch Mitleid, Behülf⸗ lichkeit und andere Tugenden abſprechen kann. Beſonders ſind ſie mit einer warmen Vaterlandsliebe beſeelt; daher ihre kleine Felſeninſel in vielen malte⸗ ſiſchen Volksliedern„il fior del mondo“(die Blume der Welt) genannt wird. Auch leben ſie ſehr nüchtern und mäßig,, und beſitzen eine außerordentliche Thätigkeit, Gewandtheit und Betriebſamkeit. Von dieſer letztern Eigenſchaft erhält der Fremde hinreichend Gelegenheit ſich zu überzeugen, und ſie fällt ihm oftmals läſtig. Von jedem Handwerker, Krämer oder Fruchthändler, wo er vorüber kommt, wird er gefragt, was ihm gefällig iſt. Kauft er etwas, ſo drängt ſich augenblicklich eine Schaar kleiner Jungen mit Handkörben herzu, die das Gekaufte, ſelbſt wenn es die unbedeutendſte Kleinigkeit iſt, zu tragen ſich erbieten. Kommt er an einen Kai im Hafen, ſo beſtürmen ihn die Kahn⸗ leute, ſich fahren zu laſſen, und kurz, allenthalben ſtößt man auf arbeitsluſtige und Erwerb ſuchende Menſchen. Meine größte Bewunderung erregten oft die unermüdlichen Laſtträger, wenn ſie, mit anderthalb bis zwei Centnern auf der Schulter, vom Schweiße triefend, flüchtig dahin trabten, oder wenn vier ſolche Männer, mittels zwei kreuzweiſe über einander gelegter Stangen, große Fäſſer oder Ballen von zehn und mehr Centnern trugen.— Die Frauen ſind ſehr regſam in der Beſorgung des Hausweſens; nebenbei ſpinnen die meiſten Baum⸗ wolle und weben Zeuge daraus, wo nicht zum Verkauf, doch um ſich und den Ihrigen die nöthigen Kleidungsſtücke zu verſchaffen. Die Malteſer beſitzen viel Verſtandeskräfte; gleichwohl ſind ſie in ihrer geiſtigen Bildung noch weit zurück. Die Univerſität, wie man ſie nennt, iſt 395 eigentlich nichts als eine Gelehrtenſchule, wo einige höhere Wiſſenſchaften ziem⸗ lich mangelhaft vorgetragen werden; ſie hat eine unzweckmäßige Einrichtung, und wird auch wenig beſucht. Alle Unterrichtsanſtalten werden von den Geiſt⸗ lichen geleitet, und wie es um die Gelehrſamkeit dieſer Männer ſteht, oder wie wenig ihnen an der Aufklärung des Volkes gelegen iſt, dürfte folgendes Bei⸗ ſpiel zur Genüge beweiſen. In einer zahlreichen Geſellſchaft hörte ich einen ſolchen Geiſtlichen zu einer angeſehenen Dame ſagen:„Aber, Signora, wie können ſie ſich eine ſolche Verſündigung an der heiligen Dreieinigkeit zu Schul⸗ den kommen laſſen, Strümpfe von dreidrähtigem Garn zu ſtricken?“ Hierauf folgte eine lange Strafpredigt über ihre Unbedachtſamkeit.— Die Malteſer ſind ſehr bigot, worin ſie die Sieilier noch weit übertreffen. In jeder Familie ſpielt der Beichtvater eine wichtige Rolle; er iſt der tägliche Geſellſchafter und Rathgeber, und ſeine Urtheile gelten in allen Fällen für Orakel. Die höhern und mittlern Stände ſprechen meiſtens italieniſch. Die Män⸗ ner kleiden ſich nach der engliſchen Mode, dagegen die Frauen, die an ihrer alten Nationaltracht hängen, öffentlich in Kleidern von ſchwarzer Seite, und mit einer Kopfbedeckung erſcheinen, die ich weiter unten beſchreiben will. Im Uebrigen entſpricht die Lebensweiſe der italieniſchen. Die niedrigen Volksklaſſen ſprechen die in den übrigen Theilen des Eilan⸗ des herrſchende Sprache, ein verdorbenes, mit griechiſchen, italieniſchen und andern Wörtern vermiſchtes Arabiſch. Die Männer tragen ihr ſtarkes ſchwar⸗ zes Haar faſt bis auf die Schultern herabhängend, über der Stirn jedoch kurz abgeſchnitten. Ihre Kleidung beſteht in blau und weiß geſtreiften baumwolle⸗ nen Hemden, in Jacken, Weſten, langen Beinkleidern und Leibbinden von ſtar⸗ kem blauem oder blau und weiß geſtreiftem baumwollenen Zeuge. An den Weſten befinden ſich große und ſchwere, mit Schellen geformte, ſilberne Knöpfe, die man nach Belieben anmachen und abnehmen kann. Den Kopf bedeckt eine blau und weiß geſtreifte Zipfelmütze, die geſtrickt oder gewirkt iſt. Die Matroſen haben, wie alle Seeleute des Mittelmeeres, rothe wol⸗ lene Leibbinden und rothe oder braune wollene Mützen. Das weibliche Ge⸗ ſchlecht pflegt das Kopfhaar in zwei Zöpfe zu flechten, und mit einer großen ſilbernen Nadel auf eine beſondere Art aufzuſtecken. Es trägt Röcke, Schürzen, Mieder, Corſets u. ſ. w. von demſelben Stoffe, wovon die männlichen Klei⸗ dungsſtücke verfertigt ſind. An feſtlichen Tagen zieht man Hemden von weißem Kattun an. Die Männer tragen Beinkleider und Jacken von ſchwarzem oder ſtahlgrünem Sammet, die Frauen Corſets und Röcke von ſchwarzer Seide, und die den Malteſerinnen eigenthümliche Kopfbedeckung. Es wird nämlich ein Stück ſchwarzes Seidenzeug, welches einer faltigen Schürze gleicht, derge⸗ 396 ſtalt um den Kopf genommen und auf der Bruſt feſt gehalten, daß blos das Geſicht wie bei einer Kapuze ſichtbar iſt. Uebrigens ſchmücken ſich beide Geſchlech⸗ ter gern mit Sachen von Gold, das bei den niedrigen Volksklaſſen eine Haupt⸗ zierde ausmacht. Die Männer haben goldene Uhrketten, Finger⸗ und auch Ohr⸗ ringe, und an den Weſten Knöpfe von feinem Golddraht, dergleichen überhaupt in Malta bei Perſonen von allen Ständen und Nationen gewöhnlich ſind. Die übrigen Sitten und Gebräuche ſind mit denen im nahen Sieilien ſehr verwandt; doch findet man im Hausweſen ungleich mehr Ordnung und Reinlich⸗ keit. Was oftmals mein Mißfallen erregte, war die in den Backhäuſern herr⸗ ſchende Gewohnheit, den Teig mit den Füßen zu kneten, die auch den Engländern Veranlaſſung gab, einige ſieiliſche Bäckerfnach Malta kommen zu laſſen, welche, wie ich ſchon anderwärts erwähnt habe, mit der Arbeit ſehr reinlich umgehen. Von der Peſt, die im Jahr 1813 Malta verheert hatte, war bei meinem dortigen Aufenthalte, wovon hier die Rede iſt, jede Spur verſchwunden, außer daß man hier und da Leute mit auffallenden, von Peſtbeulen zurückgelaſſenen Verunſtaltungen der Haut ſah. Die Volksmenge war wieder ſo zahlreich als vorrher; denn bald nach dem Aufhören der Seuche hatten ſich viele Einwohner der benachbarten Inſeln Gozo und Comino, und ſeit der Wiederherſtellung des allgemeinen Friedens auch viele Ausländer dahin gewendet. In Valetta herrſchte ein außerordentlich lebhafter Verkehr unter Menſchen aus faſt allen Ländern. Dies und die ſchönen, im engliſchen Geſchmack einge⸗ richteten Kaufläden, die des Abends glänzend erleuchtet waren, ſo wie der mit vortrefflichen Lebensmitteln angefüllte Marktplatz, und die zierlich aufgeputzten Kaffeehäuſer, beſonders einige türkiſche, die noch überdies vor der Thür mit Matten belegt waren, worauf Gruppen von Muſelmännern in ihrer pracht⸗ vollen orientaliſchen Tracht und mit ihren eigenthümlichen Gewohnheiten ſich darſtellten,— dies alles gewährte mir eine ſehr angenehme Unterhaltung. Dazu kamen während der Carnevalszeit noch die öffentlichen Maskeraden, die denen in Meſſina zwar an Menge, aber nicht an der fröhlichen Laune und dem verſchwenderiſchen Aufwande der Theilnehmer nachſtanden. Zu den beſondern Gegenſtänden, die mir in Malta beim erſten Anblick ſehr auffielen, gehörten die vielen Geiſtlichen mit ſchwarzen Talaren und großen, auf zwei Seiten aufgekrämpten, weißen Filzhüten, ſo wie die alten Herren in der Tracht des vorigen Jahrhunderts, mit dreieckigen Hüten, gekräuſeltem Haar und Haarbeuteln oder Zöpfen, mit engen, bis auf die Ferſen herabgehenden Fracks, kurzen Beinkleidern, ſeidenen Strümpfen, großen Schuhſchnallen u. ſ. w. — die Ueberreſte der malteſer Ritterſchaft. Eben ſo ſonderbar fand ich die Kutſchen; man denke ſich zweiſitzige, meiſtens mit Glasſcheiben verſehene, aber plumpe Kaſten auf zwei Rädern, die von einem ſeltſam geputzten und mit Schellen behangenen Maulthiere gezogen werden, und die, obgleich die Kutſcher nebenher laufen, dennoch ſo ſchnell fahren, daß man in der Stunde mehr als drei italieniſche Meilen damit zurücklegt. 3 Die Inſel Malta, etwas über ſechs Quadratmeilen groß, iſt ein bloßer Fels. An der Südſeite ſind die Küſten unerſteiglich ſchroff, im Norden aber zugänglicher, daher man hier eine Menge Thürme und Schanzen gebaut hat, um feindliche Landungen abzuhalten, und Alles, was in der Gegend vorfällt, durch Signale ſchnell der Hauptſtadt kund zu machen. An dieſer Seite befinden ſich viel tiefe Einſchnitte und Buchten, und zehn befeſtigte Häfen. Die Oberfläche der Inſel beſteht meiſtens aus verwitterten Kalkſteinfelſen, die viel merkwür⸗ dige Höhlen, z. B. die Höhle Begemna und die Grotte Gharbukir, enthalten. Die Felſen ſind theils völlig nackt, theils mit Erde, jedoch ſelten mehr als einen Fuß hoch bedeckt. Berge gibt es nicht, aber viel kleine Hügel und ſeltſam geſtaltete Klippen. Malta iſt arm an Waldung, und nur der ſüdweſtliche Theil hat einige kleine Gehölze. Auch an Waſſer leidet es Mangel; denn obſchon mehre Quellen vorhanden ſind, iſt doch nur die nach der Hauptſtadt geleitete trinkbar, indem die übrigen zu viel Unreinigkeiten enthalten und blos zur Be⸗ wäſſerung des Erdreichs dienen. Man bewahrt daher das Regenwaſſer in aus⸗ gemauerten Gruben oder Ciſternen. Deſto mehr Vorzüge hat das Klima. Die milde Luft behält gewöhnlich den ganzen Winter hindurch eine Wärme von 8— 10 oder mehr Grad Réaumur, die im Sommer, wegen der anhaltenden friſchen Winde, nicht über 28. Grad ſteigt, außer beim Sciroeco, der jedoch in dieſer Jahreszeit ſelten weht. Malta iſt trefflich angebaut; man hat jeden Zoll dazu tauglichen Landes benutzt, und ſogar kahle Felſen mit Erde aus Sicilien bedeckt. Die Felder ſind, um die Früchte vor den Winden zu ſchützen, und den Erdboden, der mei⸗ ſtens ſtaubig iſt, nicht wegwehen zu laſſen, mit Mauern umzogen. Sie liegen niemals brach, ſondern werden durch einen zweckmäßigen Saatenwechſel beſtän⸗ dig in Ergiebigkeit erhalten. Die Aernten fallen gewöhnlich reich aus, denn die Aecker tragen meiſtens ſechszehn⸗ bis zwanzig⸗, auf manchen Stellen vier⸗ zig⸗ und ſogar ſechzigfältige Früchte. Deſſen ungeachtet kann man ſo viel Ge⸗ treide, als die ſtarke Bevölkerung bedarf, nicht erbauen. Das Haupterzeugniß iſt Baumwolle, wovon es drei Arten gibt, die einheimiſche, die aus Siam und die aus den Antillen. Die übrigen Erzeugniſſe ſind Wurzelgewächſe und Ge⸗ müſe, beſonders herrlicher Blumenkohl, Kümmel, Fenchel, Anis, Zuckerrohr, Aloë, Soda und einige Farbekräuter, ferner Wein, Waſſer⸗ und füße Melonen, vortreffliche Pomeranzen, ſo wie Zitronen, Limonien, Datteln, Feigen, Grana⸗ — 398 ten, Aprikoſen und andere Früchte. Auch gibt es ſchöne Blumen von überaus aromatiſchem Geruch; Malta's Roſen waren bekanntlich ſchon im Alterthum berühmt. Wegen des Mangels an Weideplätzen wird kein Rindvieh gezogen. Doch hat man viel Ziegen und Schafe, die außerordentlich gedeihen und ſehr wohl⸗ ſchmeckendes Fleiſch geben. Außerdem hält man Hühner, und zum Laſttragen Eſel. Die ſtark betriebene Bienenzucht gewährt einen trefflichen Honig, der dem von Hybla gleich geſchätzt wird.. Das Mineralreich liefert Alabaſter und Bauſteine, ſo wie auch Por⸗ zellanerde, die jedoch niemand benutzt; bei der Stadt Vittorioſa iſt Queckſilber entdeckt worden. In einigen Küſtengegenden wird Seeſalz gewonnen. Das Meer um die Inſel gibt gute Ausbeute an Fiſchen und Korallen. Die Ausfuhr beſteht hauptſächlich in roher Baumwolle, baumwollenem Garn und dergleichen Zeugen, wovon das Meiſte nach England geht. Außer⸗ dem verſendet man Soda, Färbekräuter, Pomeranzen, ſogar nach Italien, fer⸗ ner Limonien, eingemachte Aprikoſen, bekannt unter dem Namen Alexandriner, ſchöne Granatäpfel, Honig, verſchiedene Sämereien, Melonen, Kümmel, Anis, Bauſteine, und feine Gold⸗ und Silberarbeiten. Weit beträchtlicher iſt aber die Einfuhr, beſonders an Getreide, Schlachtvieh, Holz, Oel, Wein, Brannt⸗ wein, Tuch und mancherlei Fabrik⸗ und Gewürzwaaren. Doch erhält der Ge⸗ winn, den die anlegenden fremden Schiffe, der Zwiſchenhandel und die eng⸗ liſchen Truppen verſchaffen, das Gleichgewicht. Außer der Hauptſtadt und den dazu gehörigen Orten gibt es auf Malta noch drei Städte, ſechs Flecken, drei und dreißig Dörfer und mehre kleine Fe⸗ ſtungen. Im Mittelpunkte der Inſel liegt auf einem Hügel die alte Haupt⸗ ſtadt, ſonſt Malta, jetzt Citta Vecchta genannt, daher man Valetta häufig mit dem Namen Citta Nuova bezeichnet. Die Bevölkerung der Inſel wird auf 90,000 Seelen geſchätzt, und iſt mithin, nach Verhältniß des Flächenraums, ſtärker als in irgend einem europäiſchen Lande. 13. Der Verf. wird von einer Unpäßlichkeit befallen, die mit einem ſonderbaren Ereigniſſe verbunden iſt. — Er ſchifft ſich nach Trieſt ein.— Beſchreibung des Schiffes und der Widerwärtigkeiten, womit er während der Fahrt zu kämpfen hat.— Erreichung des Hafens von Trieſt.— Der Verf. hält ſich einige Zeit in dieſer Stadt auf, und ſetzt ſodann die Reiſe nach ſeinem Vaterlande Sachſen fort, wo er glücklich ankommt. Im Monat Februar(1816) begegnete mir etwas Sonderbares. Ich hatte mich, in meiner Wohnung, des Abends niedergelegt, konnte jedoch wider —— 399 meine ſonſtige Gewohnheit nicht einſchlafen. Da öffnete ſich— ſo ſchien es mir,— die eine Thür der geräumigen Stube, und zu meinem Erſtaunen trat eine Menge Menſchen herein, die feierlich bei meinem Bette vorüber und zur entgegengeſetzten Thür hinaus zogen. Es waren Malteſer, Griechen, Türken und Leute von andern Nationen, ſo verſchieden in ihrer Kleidung und ganzen Geſtalt, als ich mir zu einer andern Zeit nicht würde haben denken kön⸗ nen. Zugleich ſtrömte von ihnen ein heller Glanz aus, der das ganze Ge⸗ mach ſtark erleuchtete. Dies alles ſah ich mit der größten Deutlichkeit, denn ich befand mich im wachenden Zuſtande und bei völliger Beſinnung. Die Erſchei⸗ nung mochte wohl eine halbe Stunde gedauert haben, und einige tauſend Ge⸗ ſtalten mochten vorüber gegangen ſein, als eine ſchöne, weiß gekleidete weibliche Perſon aus dem Haufen hervortrat, mit freundlicher Miene ſich meinem Bette näherte, und mich ſanft über die Wangen ſtrich. Ich glaubte eine Hand zu fühlen, und es überlief mich ein eiskalter Schauer. Die Geſtalt trat hierauf einige Schritte zurück, bückte ſich und zeigte, mich ernſthaft anſchauend, wieder⸗ holt auf den mit Steinplatten bedeckten Fußboden des Gemachs. Ich weckte meine Frau und fragte, ob ſie nichts ſähe? Sie ſah nichts. Ich zog ſodann die Bettdecke über den Kopf, ſchloß die Augen und fiel in einen von Träumen beunruhigten Schlaf. Als ich am Morgen aufſtand, befand ich mich dem Anſcheine nach voll⸗ kommen wohl. Unſere Nachbarn erfuhren ſehr bald, was mir in der Nacht be⸗ gegnet war, und viele kamen, um ſich den Vorfall ausführlich erzählen zu laſſen. Nach ihrer Meinung war es eine Geiſtererſcheinung geweſen, was ſie um ſo weniger befremdete, weil das von mir bewohnte Haus, wie ſie ſagten, während der Peſt völlig ausgeſtorben ſei, und man nachher die Ciſterne desſelben voll Todte gefunden habe.— Mittlerweile kam der Mittag heran; ich ſetzte mich zu Tiſche, war aber kaum aufgeſtanden, als mich eine Ohnmacht überfiel, ſo daß ich beſinnungslos zu Boden ſank. Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich im Bette; vor mir ſtand mein armes, in Thränen zerfließendes Weib, umgeben von einer Menge mitleidiger und tröſtender Perſonen, und bald trat auch ein Arzt in die Stube. Er erklärte meinen Zuſtand für die Folge einer Nerven⸗ ſchwäche; und dies gab zugleich Aufſchluß über jene Erſcheinung in der ver⸗ gangenen Nacht— es war die Geburt einer kranken Phantaſie geweſen. In⸗ deſſen ſchlug das vom Arzte verordnete Mittel, nämlich warme Umſchläge von rothem, mit Zimmt, Nelken, Rosmarin und Pomeranzenblättern abgekochten Wein, die um die Füße gelegt wurden, ſo trefflich an, daß ich nach zwei Tagen das Bett wieder verlaſſen konnte; und da um dieſe Zeit die Winterregen nach⸗ ließen und das ſchönſte Frühlingswetter eintrat, ſo war meine Geſundheit nach 400 acht Tagen völlig hergeſtellt. Uebrigens kann ich die Theilnahme und Behilf⸗ lichkeit, welche mir die Malteſer während meiner Krankheit bewieſen, nicht ge⸗ nug rühmen. Zu Anfange des April erhielt ich durch den öſtreichiſchen Conſul, Herrn Seiler, der mir ſchon mancherlei Gefälligkeiten erwieſen hatte, eine Gelegenheit zur Ueberfahrt nach Trieſt, und zwar auf einem nach Fiume gehörigen Schiffe. Den 5. begaben wir uns an Bord desſelben. Wir fanden dort noch andere Reiſende, einen Kaufmann aus Trieſt und zwei junge, von Rom, wo ſie ihre Studien vollendet hatten, zurückkehrende Geiſtliche; und bald darauf erſchien zu meinem großen Erſtaunen auch jener böhmiſche Arzt nebſt ſeiner Frau, einer Spanierin, mit welchen ich in Bona bekannt geworden war. Die Abfahrt des Schiffes wurde jedoch durch einen Rechtsſtreit, in welchen man den Kapitän verwickelt hatte, ſehr verzögert, ſo daß ſie erſt am 17. April erfolgte. Dieſe Reiſe gehörte zu den unangenehmſten, die ich gemacht habe, und es war, als ob die Vorſehung beabſichtigte, mir das Seeleben, das mich bisher ſo ſehr angezogen hatte, zu verleiden und den Abſchied, den ich nun bald von dem⸗ ſelben nehmen ſollte, dadurch zu erleichtern. Schon die Beſchaffenheit des Schiffes erregte meinen Widerwillen. Es war eine kleine, ſchmutzige, über⸗ mäßig mit Waaren voll gepackte Brig. Auf dem vordern Theile des Verdecks befanden ſich Waſſerfäſſer und viel anderes Geräth, und auf dem hintern Anker⸗ taue, die gleichſam ein Bollwerk um den Eingang der Kajüte bildeten. In der kleinen Kajüte war der ganze Fußboden mit Ballen Saflor bedeckt, welche machten, daß man nicht aufrecht ſtehen konnte, und welche überdem einen wid⸗ rigen und ungeſunden Geruch verbreiteten; dennoch mußten wir in der Nacht darauf ſchlafen, und bei regnigem Wetter den ganzen Tag darauf zubringen. Aus Mangel an Platz konnten wir nichts als unſere Betten und einige Klei⸗ nigkeiten bei uns haben; die Koffer u. ſ. w. waren, vor der Abfahrt von Malta, mit der Ladung im Raume verſchloſſen worden, aus dem ſie erſt nach der An⸗ kunft in Trieſt wieder zum Vorſchein kamen. Nicht beſſer ſtand es um den Tiſch, den wir führten. Das Schiff war nicht ſonderlich mit Lebensmitteln verſehen; auch vermochte die kleine Küche nicht ſo viel warmes Eſſen zu liefern, um die verhältnißmäßig ſtarke Anzahl von Schiffsleuten und Reiſenden zu be⸗ friedigen. Daher mußte Schiffszwieback mit Zwiebeln, mit Sardellen oder Käſe das Beſte bei den Mahlzeiten thun; hierin beſtand auch an mehren Tagen, wo gar nicht gekocht wurde, die ganze Beköſtigung. Zum Getränk hatten wir ſauer gewordenen Wein und übelriechendes Waſſer; an Kaffee oder Thee war nicht zu denken. Unſer Mißvergnügen vermehrte noch die Mannſchaft, ein Ge⸗ miſch von Italiern und Dalmatiern, die fortwährend in Zank und Streit mit Be 401 einander lebten. Zu allen dieſen Unannehmlichkeiten kam endlich, daß unaus⸗ geſetzt widrige Winde wehten, die nach unſerer Ankunft im zadriatiſähen Meere in Stürme übergingen. Nachdem wir bei der Inſel Liſſa vorbei waren, entſtand in der Nacht ein ſo heftiges Sturmwetter, daß man das Schiff nicht zu regieren vermochte, welches daher unaufhaltſam nach der Küſte von Dalmatien trieb. Gegen zwei Uhr Morgens gerieth es in die Nähe einer felſigen Inſel, und das Scheitern an derſelben ſchien unvermeidlich. Schon ſtand die Schiffsmannſchaft, welche bisher unermüdet gearbeitet hatte, von jedem fernern Verſuche zur Rettung ab; man verließ ſogar das Ruder, und Alle fielen auf die Knie, um ſich durch Beten auf den nahen Tod vorzubereiten. Doch der Himmel hatte es anders beſchloſſen; denn plötzlich räumte der Wind, wodurch die Mannſchaft mit neuer Hoffnung und Thätigkeit belebt, und das Schiff von dem Gefahr drohenden Felſen wieder abgebracht wurde. Während der folgenden Tage hatten wir etwas beſſeres Wetter. Wir leg⸗ ten daher nach und nach bei mehren dalmatiſchen Inſeln an, um unſern ſehr verminderten Vorrath von Lebensmitteln zu ergänzen. Man konnte jedoch, außer Ziegen oder Fiſchen, faſt nichts bekommen. Uebrigens ereigneten ſich in dieſen Tagen mancherlei ſonderbare Vorfälle, wovon ich nur einen anführen will. In einer Nacht erblickten wir dicht vor dem Schiffe Land. In Folge der Richtung, in welche geſteuert worden war, hielt es der Kapitän für die Küſte von Trieſt, obgleich dieſelbe nach der Berechnung des Weges, den wir ſeit der Abfahrt von der Inſel Groſſa zurückgelegt hatten, noch weit entfernt ſein mußte. Man legte daher bei, um den Anbruch des Ta⸗ ges zu erwarten. Aber wie groß war unſere Täuſchung! Das Schiff befand ſich bei der Inſel Cherſo, und war, obſchon nordweſtlich ſteuernd, ganz nach Oſten gerathen. Die Urſache, welche bald entdeckt wurde, lag darin, daß ſich bei dem Compaß ein großer eiſerner Nagel befand, welcher der Magnetnadel eine falſche Richtung gegeben hatte. Wie er dahin gekommen war, ließ ſich nicht ermitteln. Am 13. Mai langten wir endlich im Hafen von Trieſt an. In dieſer freundlichen und blühenden Stadt vergaß ich bald alles Ungemach, das mit der Reiſe dahin verbunden geweſen war. Verſchiedene Umſtände, hauptſächlich die Geburt eines Sohnes, nöthigten mich, unſern Aufenthalt in Trieſt zu verlängern. Wir gingen erſt im Auguſt des folgenden Jahres von da wieder ab. Als wir auf den Gipfel des hohen Berges, an welchen ſich die Stadt Richter's Reiſen. II. 26 402 lehnt, gekommen waren, konnte ich, trotz meiner großen Sehnſucht nach der Heimath, nicht umhin, mich noch eine Zeit lang an dem Anblicke des Meeres zu ergötzen, und mit thränenden Augen davon Abſchied zu nehmen. Hierauf reiſten wir ſchnell, ohne daß uns etwas Beſonderes begegnete, über Wien und Prag durch die öſtreichiſchen Staaten, und erreichten am 10. September die Grenze meines geliebten Vaterlandes Sachſen. ———— 8 1 7. 4 ———— — 4 Erklärung der in dieſer Reiſebeſchreibung vorkommenden nautiſchen Runſtausdrücke. Abtakeln. Ein Schiff abtakeln heißt, alles Tauwerk von den Maſten desſelben ab⸗ nehmen. Dies geſchieht, um das Tauwerk nicht unnöthiger Weiſe dem Wetter aus⸗ zuſetzen, wenn man lange Zeit im Hafen bleibt. Anker, ein ſchweres eiſernes Werkzeug, das man aus den Schiffen auf den Grund des Meeres wirft, um ſie feſt zu halten. Es beſteht aus einem Schaft, der an dem einen Ende zwei rückwärts gebogene, einander gegenüber ſtehende Haken oder Arme hat, damit einer derſelben den Grund faſſe. Am andern Ende befindet ſich ein Querholz, der Stock genannt, um den Haken die gehörige Richtung zu geben, und ein Ring, um das Ankertau daran zu befeſtigen. Ankertau, das ſtarke Tau, welches am Anker befeſtigt wird. Es beſteht aus drei zuſammen gedrehten dünnern Tauen, Kardeele genannt; jedes Kardeel iſt wieder aus drei Strängen oder, wie man ſagt, Tochten verfertigt, wovon jeder mehr oder weniger dünne Fäden, welche Kabelgarn heißen, enthält. Die Anzahl dieſer Fäden beſtimmt die Stärke des Taues. Auftakeln ein Schiff, die Maſten desſelben mit dem gehörigen Tauwerk verſehen. Back oder Bak. Hierunter verſtand man ehedem das erhöhte, mit Geſchütz verſehene Vordertheil des Verdecks auf Kriegsſchiffen und Oſtindienfahrern, wohin man ſich zur letzten Vertheidigung flüchtete, wenn das Schiff ſchon vom Feind erſtiegen war; daher hieß es auch das Vorderkaſtell, ſo wie das erhöhte und befeſtigte Hintertheil, oder die Schanze, das Hinterkaſtell genannt wurde. Jetzt, wo dieſe Bauart abge⸗ kommen iſt, heißt das Vordertheil des Verdecks, es mag erhöht oder flach, mit Ka⸗ nonen verſehen ſein, oder nicht, auf Schiffen jeder Art die Back. Backbord, die linke Seite des Schiffs, wenn man auf demſelben das Geſicht nach vorn richtet; die rechte Seite nennt man Steuerbord. Backſtagen. So nennt man diejenigen Taue, welche dem Bugſpriet und dem Klüver⸗ baum an der Seite Feſtigkeit geben, indem ſie von den Spitzen derſelben vorn in das Schiff gehen, wo ſie ſtraff angeſpannt werden. 26* 404 Backſtagswind, ein Wind, der ungefähr dieſelbe Richtung hat, in welcher die Back⸗ ſtagen nach den Spitzen des Bugſpriets und des Klüverbaums zulaufen, nämlich ſchräg von hinten. Wenn der Wind z. B. aus Südoſten oder aus Südweſten weht, und das Schiff ſegelt nach Norden, ſo hat es Backſtagswind. Barkaſſe, das ſchwerſte und am ſtärkſten gebaute Boot, welches Krieg⸗ und andere große Schiffe mit ſich führen. Es dient hauptſächlich die Anker auszuwerfen und ſie wieder zu lichten, ſo wie auch Waſſer zu holen und andere Laſten hin und her zu ſchaffen. 1 Barke heißt in der Nord⸗ und Oſtſee ein großer dreimaſtiger Kauffahrer, welcher, um mehr Waaren einnehmen zu können, nicht ſo ſcharf als eine Fregatte gebaut iſt. Im Mittelmeere nennt man eine andere Art Seeſchiffe, dergleichen zum Krieg und zum Handel gebraucht werden, ebenfalls Barken. Auch gibt man dieſen Namen mancherlei Arten kleiner Küſtenfahrer. Beſaan oder Beſahn, das unterſte Segel des Beſaanmaſtes, welches einem Gaffel⸗ ſegel gleicht(ſiehe Gaffelſegel). Beſaanmaſt, der hinterſte Maſt eines Schiffes(ſiehe Maſt). Blinde, das unterſte Segel des Bugſpriets. Es iſt an einer Raa befeſtigt, welche man die blinde Raa nennt. Block, das bekannte Werkzeug, welches man zu Lande Kloben nennt; es iſt auf den Schiffen von außerordentlichem Nutzen, und wird dort vielfältig angewandt. Bootsmann, der erſte Unteroffizier auf Schiffen; er führt über das Tauwerk, die Segel und alles Geräth, ſo wie auch bei allen mechaniſchen Arbeiten, die ſpecielle Aufſicht. Bord heißt eigentlich der Rand, der das Verdeck eines Schiffes einfaßt. Im weitern Sinne bedeutet dieſes Wort ſo viel als das Schiff ſelbſt, daher die Redensarten: am Bord ſein, an Bord fahren, über Bord fallen, werfen u. ſ. w. Bramraa, das an der Bramſtänge befeſtigte Querholz, welches das Bramſegel trägt (ſiehe Bramſtenge). 4 Bramſegel, von unten das dritte Segel eines Maſtes. Bramſtenge, der zweite Aufſatz des Maſtes, oder der dritte Theil desſelben, von unten an gerechnet(ſiehe Maſt). Brandung, das Brechen der Wellen an den Küſten, oder auch in der See, wo Un⸗ tiefen ſind, oder Klippen unter der Oberfläche des Waſſers verborgen liegen. Da, wo eine Brandung Statt findet, iſt die See fortwährend mit Schaum bedeckt; auch vernimmt man ein Grauſen erregendes Gebrüll der Wellen, das ſich von dem ge⸗ wöhnlichen Geräuſch des Meeres leicht unterſcheiden läßt. Braſſen, die Raaen von der einen nach der andern Seite bewegen, und dieſelben, je nachdem die Richtung des Windes oder andere Umſtände es erfordern, in eine mehr oder minder ſchiefe Lage bringen. Dies geſchieht mittels der an den Ragenden be⸗ feſtigten Taue, die ebenfalls B raſſen genannt werden. Brig oder Brigantine, ein Schiff, das außer dem Bugſpriet einen Haupt⸗ und einen Fockmaſt mit Stengen und Bramſtengen führt. Der Fockmaſt ſteht ſenkrecht, der Hauptmaſt hängt hinten etwas über. Die Segel dieſer Maſten ſind Raaſegel, das Brigſegel ausgenommen, welches dem Beſaan eines dreimaſtigen Schiffes ähn⸗ f — 405 lich, jedoch viel größer iſt. Es gibt zum Krieg und zum Handel ausgerüſtete Brigs; erſtere ſind gewöhnlich mit zehn bis zwanzig Kanonen beſetzt. Brigſegel, unterſcheidet ſich, wie der Beſaan, von den Gaffelſegeln blos dadurch, daß es unten an einem beſondern Baum ausgeſpannt wird. Bug, das abgerundete Vordertheil eines Schiffes.. Bugſiren, ein Schiff bei gänzlichem Mangel an Wind, oder wegen anderer Urſachen, durch ein Boot, in welchem gerudert wird, fortziehen. Man befeſtigt zu dem Ende vorn an das Bugſpriet, und hinten an das Boot ein Tau, welches das Bugſirtau heißt. Bugſpriet, der Maſt, welcher über dem Vordertheile des Schiffes, mehr oder weni⸗ ger geneigt, wie ein Schnabel hervorragt(ſiehe Maſt). Commodore, der Befehlshaber eines Geſchwaders; auch ein Kriegsſchiff, das Kauf⸗ fahrer begleitet, um ſie zu ſchützen. Compaß, ein Inſtrument mit Magnetnadel und Windroſe, um auf dem Meere die Weltgegenden finden und den Lauf des Schiffes darnach einrichten zu können. Es gibt mehre Arten Compaſſe. Diejenigen, nach welchen man gewöhnlich ſteuert, be⸗ ſtehen in einer meſſingenen Büchſe, worin die mit einer Magnetnadel verſehene Windroſe, d. h. eine Scheibe, welche einen Stern mit 32 Strahlen darſtellt, auf einem Stifte ſchwebt. Die Magnetnadel iſt, an der untern Seite der Scheibe, unter dem Strahl, der den Nordpunkt anzeigt, befeſtigt. Die Büchſe iſt oben mit einem Glaſe verſchloſſen. Sie hängt mit dem ſie umgebenden, in 360 Theile getheilten meſſingenen Ring, an Stiften, in einem viereckigen hölzernen Käſtchen, ſo daß die Windroſe, ſelbſt bei der heftigſten Bewegung des Schiffes, eine horizontale Lage behält. Gewöhnlich ſtehen zwei ſolche Compaſſe vor dem Steuerruder, in einem Häuschen, das in der Nacht mit einer Lampe erleuchtet, und daher auf deutſchen Schiffen das Nachthaus genannt wird. Convoi, eigentlich die Bedeckung oder das Schutzgeleit, welches Kauffahrer in Kriegs⸗ zeiten von bewaffneten Schiffen erhalten; dann aber auch das Geleit gebende Schiff, und oft der ganze Verein von Kauffahrern, die unter Bedeckung eines Kriegsſchiffes ſegeln. Gutdetten ein ſchnell ſegelndes, zum Krieg ausgerüſtetes Schiff, das nicht über 20 Kanonen führt. Corvetten ſind beſonders bei den Franzoſen ſehr gebräuchlich. Cutter, ein außerordentlich ſcharf gebautes und ſchnell ſegelndes Fahrzeug mit einem Maſt. Die zum Krieg ausgerüſteten Cutter, dergleichen England zur Bewachung der Küſten in großer Anzahl unterhält, führen 6 bis 8 Kanonen und ungefähr 30 Mann Beſatzung. 4 3 Deck, ſo viel als Verdeck. Demaskiren, ſiehe Maskiren. Docke, ein mit Mauerwerk verſchloſſener Raum in einem Hafen, welcher durch Schleu⸗ ſen mit Waſſer angefüllt und wieder trocken gelegt werden kann; er dient hauptſäch⸗ lich, Schiffe darin auszubeſſern und zu kalfatern. Auch bedeutet Docke den innern Theil eines Hafens, wohin Schiffe in Sicherheit gebracht werden. 1 Drehbaſſe, ein leichtes, 1 bis 3 Pfund ſchießendes Geſchütz, welches auf einer Spindel ruht, ſo daß es nach allen Seiten ſchnell gedreht und gerichtet werden kann. Dreidecker, ein Kriegsſchiff, das drei über einander befindliche, mit ſchwerem Ge⸗ 406 ſchütz beſetzte Verdecke, und außerdem noch Back und Schanze hat. Die Dreidecker führen meiſtens über 100 Kanonen. Doch werden jetzt, wegen ihrer Schwere und Unbehülflichkeit, wenige gebaut. Dreimaſter, Schiff mit drei Maſten. Dſcherm, ſiehe Band 2, Seite 211. Eisflarde, ſiehe Flarde. Enterbeil, ein breites Beil, um die Enternetze eines feindlichen Schiffes durchzu⸗ hauen, und ſich dadurch Eingang in dasſelbe zu verſchaffen. Enterhaken, Haken, die auf ein feindliches Schiff geworfen werden, um es an ſich ziehen, feſt halten und beſteigen zu können. Entern, ein feindliches Schiff anhaken, um es zu erſteigen, und ſich Meiſter davon zu machen. Auch bedeutet dieſes Wort im weitern Sinne: ein feindliches Schiff, ohne es anzuhaken, mittels ausgeſetzter Boote erſteigen. In neuern Zeiten wird ein Gefecht zwiſchen Kriegsſchiffen ſelten auf ſolche Weiſe, ſondern meiſtens durch das ſchwere Geſchütz entſchieden. Doch ſuchen die Kaper, wegen ihrer Ueberlegen⸗ heit an Mannſchaft, die Kauffahrer ſogleich zu entern, um ſie mit der Ladung un⸗ verſehrt in ihren Beſitz zu bekommen.— Enternetz, ein Netz von ziemlich ſtarken Seilen, womit das Verdeck eines Schiffes, bis zu einer gewiſſen Höhe, umzogen wird, um das Entern des Feindes zu ver⸗ hindern. Ever oder Ewer, ein offenes, vorn und hinten ſpitziges, mit einem Maſt und einem länglich viereckigen Segel verſehenes Fahrzeug, daß auf der niedern Elbe und längs der nahe gelegenen Küſten gebraucht wird, um Kaufmannswaaren, Lebensmittel und andere Bedürfniſſe hin und her zu ſchaffen. Faden oder Fahm, d. i. Seeklafter, ein Längenmaß von 6 Fuß. Felucke, ſiehe Band 2 Seite 210. Flagge, eine länglich viereckige Fahne von leichtem wollenen Zeuge, welches Flaggen⸗ tuch genannt wird. Sie zeigt durch die Verſchiedenheit ihrer Farbe nicht allein die Nation, der das Schiff gehört, ſondern auf Kriegsſchiffen auch die Würde des com⸗ mandirenden Offiziers an; überdem dient ſie zu Signalen. Flarde, eine Eismaſſe, die mehre Fuß über dem Waſſer emporragt und wenigſtens eine Viertelmeile im Umfange hat. Kleinere Maſſen nennt man Eisſchollen, ſo wie die größern Eisfelder, Eisberge. Fockmars, der Maſtkorb des Fockmaſtes(ſiehe Mars.) Fockmaſt, der vorderſte Maſt eines Schiffes(ſiehe Maſt). Fregatte, ein dreimaſtiges, ſcharf gebautes und zum Schnellſegeln eingerichtetes 4 Kriegsſchiff, das eine Lage Kanonen, und Back und Schanze, d. i. ein, mit ſchwerem Geſchütz beſetztes Vorder⸗ und Hinterdeck hat. Die Menge der Kanonen beläuft ſich nie über 50 Stück. Fregatten von 50 bis 32 Kanonen werden ſchwere genannt. Dreimaſtige Kauffahrer heißen Fregatten, wenn ſie wie dieſe gebaut und aufgetakelt, auch mit einem Gallion und einer Galerie verſehen ſind. 6 Gaffel oder Gabel, eine Art Baum, woran der oberſte Theil eines Gaffelſegels feſt 6 gebunden wird. Das eine Ende dieſes Baumes hat einen gabelförmigen Ausſchnitt, oder zwei Arme, die den Maſt umfaſſen. Die Gaffel vertritt die Stelle einer Raa. Gaffelſegel, hat die Geſtalt eines ungleichſeitigen Vierecks. Die untere Kante iſt 407 horizontal; die vordere wird durch die Richtung des Maſtes beſtimmt, an dem ſie mit Ringen von Holz oder Seilwerk, die ſich auf und nieder ſchieben laſſen, befeſtigt iſt. Die obere Kante läuft vom Maſte ſchräg in die Höhe, und iſt, ſtatt der Raa, an eine Gaffel gebunden. Die etwas ausgebogte hintere ragt unten etwas weiter als oben hervor. Galeaſſe, ein bei den Dänen, Schweden, Holländern und Hamburgern gebräuch⸗ liches Fahrzeug, welches einen Hauptmaſt mit einem Gaffel⸗, einem Top⸗ und einem Bramſegel, ſo wie mit mehren Stagſegeln, und auch einen kleinen Beſaanmaſt führt. Es hat dieſelbe Geſtalt, wie eine einmaſtige Galeote, von der es ſich nur dadurch unterſcheidet, daß es mit einem platten Spiegel verſehen, jene hingegen hinten ab⸗ gerundet iſt. Galeere, ſiehe Band 1 Seite 100. Galeote oder Galliote, ein bei den Dänen und Schweden gebräuchliches Fahrzeug. Es hat einen Hauptmaſt mit Gaffel⸗, Top⸗ und Bramſegel, auch mehren Stagſegeln, und einen Beſaanmaſt. Sein Hintertheil iſt abgerundet, wodurch es ſich von den Galeaſſen unterſcheidet. Es gibt auch dreimaſtige Galeoten, welche wie die zwei⸗ maſtigen geſtaltet, und von dieſen nur dadurch verſchieden ſind, daß ſie einen Fock⸗ maſt haben. Galerie, ein drei bis vier Fuß hervorſpringender Geländergang oder Altan, der hinten am Schiffe, vor den Fenſtern der Kajüte, zur Zierde und Bequemlichkeit an⸗ gebracht iſt. Nur große Schiffe ſind mit einer Galerie verſehen; Dreidecker haben gewöhnlich zwei über einander. Außerdem befinden ſich auf beiden Seiten des Schiffes Galerien, die theils offen, theils zugebaut und mit Fenſtern verſehen ſind; dieſe Plätze dienen gewöhnlich zu Abtritten für die Offtziere. Gallion(das oftmals mit Gallione, einer beſondern Art ſpaniſcher Schiffe, verwech⸗ ſelt wird,) iſt ein am Bug angebrachter Vorſprung, welcher, da die Spitze desſelben mit einer Figur, z. B. dem Bildniß eines Löwen, eines Adlers u. ſ. w. verſehen iſt, zur Zierde des Schiffes, hauptſächlich aber zur Unterſtützung des Bugſpriets, ſo wie auch zu Abtritten für das Schiffsvolk dient. Nur Kriegsſchiffe und große Kauf⸗ fahrer haben ein Gallion. Geſchützpforten, ſiehe Stückpforten. Giekſegel, unterſcheidet ſich vom Gaffelſegel blos dadurch, daß die untere Kante desſelben an einem beſondern Baum, Giekbaum genannt, ausgeſpannt wird. Großer Maſt oder Hauptmaſt, ſiehe Maſt. Harpune, ein drei Fuß langes, ſpitziges und mit Widerhaken verſehenes Gnni wel⸗ ches auf große Fiſche, um ſie zu tödten, geworfen wird. Am hintern Ende, das ein rundes Loch hat, wird eine Leine befeſtigt. Hauptmaſt oder großer Maſt, ſiehe Maſt. Heck, das ganze platte Hintertheil eines Schiffs. Helling, eine Vorrichtung in Schiffswerften, um Schiffe darauf zu bauen oder aus⸗ zubeſſern. Sie beſteht in einem langen, auf ſtarkem Pfahlwerk ruhenden und etwas über der Erde erhabenen Holze, das gegen die Waſſerſeite ein wenig abhängig iſt. Es muß ſo lang ſein, daß die Kiele der zu bauenden Schiffe nach ihrer ganzen Länge darauf liegen können; auch muß es noch ſo weit in's Waſſer reichen, daß die Schiffe völlig darauf ablaufen können. Zu dem Ende, ſo wie auch zum Aufwinden ſchad⸗ 408 hafter Schiffe, iſt der obere Theil wie eine Rinne etwas ausgehöhlt.(Siehe Stapel.) Hinterdeck, der hinterſte Theil des Verdecks bis zum Beſaanmaſt. Hinterſteven, ſiehe Steven. Junke, ſiehe Band 1 Seite 409. Kabeltau, ſiehe Ankertau. Kai, ein gemauerter Damm um einen Hafen, der den Zweck hat, das Waſſer vom Lande abzuhalten, und die Waaren daſelbſt aus⸗ und einladen zu können. Er iſt hier und da mit Treppen verſehen, damit man bei jeder Höhe des Waſſers bequem in die Fahrzeuge ſteigen kann. Auch ſind in dem Mauerwerk eiſerne Ringe ange⸗ bracht, um Fahrzeuge daran zu befeſtigen. Kajüte, die Wohnung eines Schiffkapitäns, welche ſich im hinterſten Theile des Schiffs befindet und gewöhnlich mehre, zu verſchiedenen Zwecken beſtimmte Ge⸗ mächer enthält. Das Hauptgemach, vorzugsweiſe die Kajüte genannt, hat hinten Fenſter. Die Kajüten ſind zum Theil ſo bequem und geſchmackvoll eingerichtet, daß man ſich in einem Hauſe zu befinden glaubt. Kalfatern, die Fugen eines Schiffs mit Werg verſtopfen, und nachher mit ſiedend heißem Pech überziehen. Das Werg wird mit dem Kalfateiſen, einer Art Meiſel, worauf man mit dem hölzernen Kalfathammer ſchlägt, in die Fugen getrieben. Kampanje, ſiehe Band 1 Seite 306. Kappen,(die Maſten, oder ein Tau) abhauen. Kiel, der ſtarke, im Mittelpunkt des Schiffbodens hinlaufende Balken, der die Grund⸗ lage des ganzen Gebäudes bildet. Kielholen, ein Schiff dergeſtalt auf die Seite winden, daß der Boden aus dem Waſſer kommt, damit man denſelben reinigen, ausbeſſern und kalfatern kann. Klüverbaum, die Stange, womit das Bugſpriet verlängert wird. Kochsmath oder Kochsmaat, auf Krieg⸗ und andern großen Schiffen ein Gehülfe des Kochs; auf gewöhnlichen Kauffahrern ein Küchenjunge. Kojen, feſte Bettſtellen, dergleichen an den Seiten der Kajüte für die Ofſiziere und Reiſenden, bisweilen auch an den Seiten der Matroſenkammer angebracht ſind. Kombüſe, oder die Küche des Schiffes, gewöhnlich eine bewegliche Maſchine, die entweder ganz von Eiſen, oder auch aus Holz, Steinen, Kalk und Eiſenwerk zu⸗ ſammen geſetzt iſt. Kommodore, ſiehe Commodore. Kompaß, ſiehe Compaß. Kreuzen, ſich eine Zeit lang in einer Gegend des Meeres aufhalten, um feindliche Schiffe zu beobachten und dieſelben aufzufangen, oder andere Schiffe zu erwarten. Bisweilen heißt es ſo viel als laviren. Kreuzſegel, dasjenige Segel, welches ſich an der Kreuzſtenge, das iſt der Stenge des Beſaanmaſtes, befindet. Es hat dieſelbe Geſtalt wie das Vormarsſegel, nur daß es viel kleiner iſt. 4 Krieg sbrig, eine zum Krieg ausgerüſtete Brig(ſiehe Brig). Kuff, ein bei den Dänen, Schweden und Holländern ſehr gebräuchliches, vorn und hinten rundes Fahrzeug, mit einem Haupt⸗ und einem Beſaanmaſt, wovon jeder ein * 1 409 Spritſegel und ein Topſegel führt. Vorn hat es mehre Stagſegel. An den Seiten eines Kuffs befinden ſich gewöhnlich Schwerter.(Siehe Schwert.) Kuhl, auf den ältern Kriegsſchiffen und Oſtindienfahrern derjenige unbedeckte Theil, welcher ſich zwiſchen dem Back und der Schanze befindet. 3 Lateiniſche Segel bilden ein Dreieck, wovon die eine Spitze oben und eine andere unten an dem Maſte, und die dritte an dem Bord befeſtigt wird. Laviren. Da man nicht gerade gegen den Wind ſegeln kann, ſo muß ſolches im Zick⸗ zack geſchehen, indem, bald auf der einen, bald auf der andern Seite ſo nahe beim Wind als möglich geſegelt wird; und ſich auf dieſe Weiſe gegen den Wind fortar⸗ beiten, nennt man laviren. Leck, eine Ritze des Schiffes, durch welche das Waſſer eindringt. Leeſegel, ſind Beiſegel, die an den Seiten der Raaſegel zur Vergrößerung derſelben aufgezogen werden; dies kann jedoch nur bei günſtigem und gemäßigtem Winde ge⸗ ſchehen. Leeſeite, die Seite unter dem Winde, d. i. diejenige, welche dem Winde nicht aus⸗ geſetzt iſt. Log, das gewöhnliche Inſtrument, den Lauf des Schiffes zu meſſen.(Siehe Band 1 Seite 96.) Logleine, die zu obigem Meßinſtrument gebrauchte Leine. Lootſen, ſind die an den Eingängen der Flüſſe und Häfen angeſtellten Seeleute, um denjenigen Schiffen, welche das Fahrwaſſer nicht kennen, Beiſtand zu leiſten. Sie werden von der Landesregierung in Pflicht genommen, nachdem man zuvor ihre Kenntniß von der Lage der Küſten, von den Untiefen, Sandbänken, Klippen u. ſ. w. genau geprüft hat. Sobald ſich ein Lootſe auf dem Schiffe befindet, übernimmt er die ganze Regierung desſelben, und der Kapitän ſorgt blos dafür, daß das Schiffs⸗ volk ſeine Vorſchriften befolgt; dagegen iſt er auch verantwortlich, wenn das Schiff durch ſein Verſehen Schaden leidet. Seine Bezahlung, welche das Lootſengeld ge⸗ nannt wird, richtet ſich gewöhnlich nach der Waſſertracht des Schiffes, ſo wie auch nach der Beſchaffenheit des Wetters. In großen Seehäfen, wo ein Lootſenverein errichtet iſt, müſſen die Schiffe, wenn ſie auch ohne Lootſen aus⸗ und einlaufen, das Lootſengeld bezahlen. Luke, eine Oeffnung, welche von einem Verdeck des Schiffes zum andern, oder in den Raum führt.. Luvſeite, die Windſeite, oder diejenige Seite, welche dem Winde ausgeſetzt iſt. Mars, der Maſtkorb, ein hölzernes Gerüſt an der Spitze des Maſtes, das hauptſäch⸗ lich zur Haltung der Stengewände, aber auch dazu dient, daß die Seeleute bei ge⸗ wiſſen Arbeiten bequem darauf ſtehen können. Marsraan die Segelſtange des Marsſegels. Marsſegel, das zweite Segel eines Maſtes, von unten gerechnet. Maskiren. Man ſagt von einem Schiffe, daß es maskirt ſei, wenn es, um den Feind zu täuſchen, z. B. eine falſche Flagge führt, das Geſchütz und die Mannſchaft ver⸗ birgt, u. m. dgl. Zeigt ſich nun ein ſolches Schiff in ſeiner wahren Geſtalt, ſo ſagt man, daß es ſich demaskire.— Maſt. Die Maſten eines Schiffes ſind große Tannen⸗ oder Fichtenſtämme. Da ſie 2 aber eine erſtaunliche Höhe haben müſſen, ſo würden die höchſten Bäume nicht hin⸗ 410 reichend ſein, ſie aus dem ganzen zu verfertigen. Ueberdem wäre dies, wenn auch möglich, aus mehren Gründen nicht rathſam. Man ſetzt ſie daher aus drei oder vier Theilen zuſammen, wovon die zwei oder drei oberſten beweglich ſind. Im Allgemei⸗ nen nennt man dieſe zuſammen geſetzten Theile den Maſt; eigentlich wird aber nur der unterſte unbewegliche ſo genannt, und die beweglichen, womit er verlängert wird, heißen Stengen. Die Nothwendigkeit, ein Schiff uitt vielen Segeln zu ver⸗ ſehen,— denn es müßte außerdem ungeheuer große Segel haben, die man nicht würde regieren können,— hat auch eine Vermehrung der Maſten verurſacht. Das vollkommenſte Maſtwerk haben die Schiffe mit drei Maſten. Der mittelſte derſelben, welcher der ſtärkſte und höchſte iſt, wird der Haupt⸗ oder noch gewöhnlicher der große Maſt genannt, ſo wie die erſte Verlängerung: die große Stenge, die zweite: die große Bramſtenge, und die dritte: die große Boven⸗(d. i. Ober⸗) Bramſtenge. Der vorderſte Maſt heißt der Fockmaſt, ſeine erſte Verlängerung: die Vorſtenge, die zweite: die Vor⸗Bramſtenge, und die dritte: die Vor⸗Bovenbramſtenge. Den hin⸗ terſten Maſt, welcher der kleinſte iſt, nennt man den Beſaan⸗, bisweilen auch Kreuz⸗ maſt, ſo wie deſſen erſte Verlängerung: die Kreuzſtenge, die zweite: die Kreuzbram⸗ ſtenge, und die dritte: die Kreuz⸗Bovenbramſtenge. Auf dem Vordertheil des Schiffs befindet ſich noch, unter einem Winkel von 33 bis 35 Grad mit dem Hori⸗ zont geneigt, ein heraus ragender Maſt; er heißt das Bugſpriet, und ſeine Verlän⸗ gerung der Klüverbaum. Bisweilen fügt man noch eine zweite Verlängerung bei, welcher der Buiten⸗(d. i. äußerſte) Klüverbaum genannt wird. Die Namen der Maſten bleiben auch bei allen ſolchen Schiffen, die nur zwei führen, dieſelbigen; be⸗ findet ſich nämlich einer davon vor dem Hauptmaſte, ſo heißt er der Fockmaſt, ſteht er aber hinter demſelben, ſo nennt man ihn den Beſaanmaſt. Ein Bugſpriet haben alle Schiffe, mit Ausnahme einiger kleinen Flußfahrzeuge, die nur ein einziges Se⸗ gel führen.. 2 Mers, ſiehe Mars. 3 Orlogſchiff, Kriegsſchiff. Orlogsmann, Kriegsmann. Pinke, ſiehe Band 2 Seite 211. Polaker oder Polacker, ſiehe Band 2 Seite 196. Pratik. Nan ſagt: ein Schiff erhält Pratik, wenn deſſen Mannſchaft von den Qua⸗ rantäne⸗Beamten für geſund erklärt, und ihr ein freier Verkehr mit den Einwohnern des Landes geſtattet wird. Pumpe, die Maſchine, um das in den Schiffsraum eingedrungene Waſſer hinaus zu ſchaffen. Es gibt mehre Arten, unter welchen die Saugpumpe die gewöhnlichſte iſt. Auf manchen Kriegsſchiffen hat man Kettenpumpen. Pumpenſood, der niedrigſte Ort im Schiffe beim Hauptmaſt, wo die Pumpen ſtehen, und wo, wegen der Krümmung des Schiffes, alles im Raum befindliche Waſſer ſich anſammelt. 1 RNaae, eine horizontal hängende Segelſtange. Räumen, ſagt man vom Winde, wenn er günſtiger wird. Reede oder Rhede, ein nahe bei der offenen See oder in einiger Entfernung von einem Hafen gelegener Ankerplatz, der zum Theil von umliegenden Lande einge⸗ ſchloſſen iſt. Schiffe gehen daſelbſt vor Anker, um günſtigen Wind zur Abfahrt, oder 1 5 1. 3 411 zum Einlaufen in den Hafen zu erwarten, oder um Lebensmittel zu einer weitern Reiſe einzunehmen, Verhaltungsbefehle und Nachrichten vom Lande einzuziehen, auf einen Lootſen zu warten, u. ſ. w. Eine gute Rhede muß gegen die herrſchenden Winde und die hohe See geſchützt ſein, und einen guten Ankergrund in gehöriger Entfernung vom Strande haben. Reeder oder Rheder, der Eigenthümer eines Kauffahrers⸗ Reepſchläger, ſiehe Reifſchläger. 1 Reifſchläger, derjenige Handwerksmann, welcher die Taue nebſt dem Garn, woraus ſie beſtehen, aus Hanf verfertigt. Roof heißt eine Art Hütte, die man auf dem Verdeck der Schmacken, Galeaſſen, Ga⸗ leoten und Kuffen ſindet. Ruder, ſiehe Steuer. Saik, ſiehe Band 2 Seite 211. Schanze, ſiehe Back.— Schebecke, ſiehe Band 2 Seite 210. Schiemann, ein auf däniſchen, ſchwediſchen und holländiſchen Kriegsſchiffen ange⸗ ſtellter Unteroffizier, der nach dem Bootsmann folgt, und ſich hauptſächlich mit der Ausbeſſerung des Takelwerks und der Segel beſchäftigt. Schifflände, Landungsplatz, Schiffsbord, ſiehe Bord. Schiffswerft, ein nahe beim Waſſer gelegener, zum Schiffsbau eingerichteter Platz, gewöhnlich mit mehren Hellingen oder auch Stapeln, wo man neue Schiffe baut und ſchadhaft gewordene ausbeſſert.(Siehe H elling und Stapel,) 3 Schlagſeite. Ein Schiff hat eine Schlagſeite, wenn es, ohne den Druck eines Sei⸗ tenwindes, ſtets auf der einen Seite liegt. Dies geſchieht, wenn die Ladung übel gepackt, oder durch ſtürmiſches Wetter in Unordnung gerathen iſt; auch kann die ſchlechte Bauart des Schiffs daran Schuld ſein. Schlepptau, ein Tau, womit ein beſchädigtes oder langſam ſegelndes Schiff durch ein anderes fortgezogen wird. Das ziehende Schiff befeſtigt das Tau gewöhnlich an den Hauptmaſt, und das gezogene vorn um die Ankerwinde. Schmack, ein bei den Hollaͤndern, Dänen und Schweden ſehr gebräuchliches, zwei⸗ maſtiges Fahrzeug zum Handel. Es iſt unten platt, und vorn und hinten ſehr breit gebaut. Sein Takelwerk hat viel Aehnlichkeit mit dem der Kuffen und Galeoten. Es hat, außer mehren Stagſegeln, am Hauptmaſt ein Gaffel⸗ und darüber ein Top⸗ ſegel, bisweilen auch noch ein Bramſegel. Der kleine Beſaanmaſt führt nur ein Beſaanſegel. Die Schmacken ſind mit Schwertern verſehen.(Siehe Schwert.) Schoner oder Schooner, ein langes, ſchmales zweimaſtiges Fahrzeug. Der Fock⸗ maſt desſelben führt ein Gaffelſegel und der Hauptmaſt ein Giekſegel, die beide eine beträchtliche Länge haben. Darüber befinden ſich Topſegel, und außerdem ſind vorn mehre Stagſegel angebracht. Fahrzeuge dieſer Art werden von den Engländern, Amerikanern und in Weſtindien ſehr häufig zum Handel gebraucht. Schwert, ein Werkzeug, das Schiffe mit flachem Boden gebrauchen, um durch Sei⸗ tenwinde nicht allzu weit abgetrieben zu werden. Es hat faſt die Geſtalt einer Schuhſobhle, iſt aus ſtarken, mit Eiſen verbundenen Planken zuſammen geſetzt, zwei⸗ mal ſo lang als das Schiff hoch iſt, und beinahe halb ſo breit als lang. An jeder 8 412 Seite des Fahrzeugs hängt ein ſolches Schwert, und das auf der Leeſeite ſenkt man in das Waſſer, wodurch das Abtreiben nach der Seite verhindert, und dennoch die Bewegung vorwärtsnicht ſehr geſchwächt wird. Schwertau, ſiehe Ankertau. Speronara, ein im Mittelmeere gebräuchliches, offenes Küſtenfahrzeug, das mit acht bis zehn Rudern und mit einem Maſt verſehen iſt, der ein ſogenanntes lateini⸗ ſches Segel und vorn ein Stagſegel hat. Spiegel, das platte Hintertheil eines Schiffes. Daher kann man von ſolchen Schif⸗ fen, die hinten rund gebaut ſind, nicht ſagen, daß ſie einen Spiegel haben. Sprietſegel, ein viereckiges Segel, das mittels einer Stange, das Spriet genannt, querüber von unten nach oben ausgeſpannt wird. Man befeſtigt das eine Ende dieſer Stange unten an den Maſt, und das andere oben an die äußere Spitze des Segels. Stag, ein dickes Tau, wodurch die Maſten und Stengen vorn feſtgehalten werden, dagegen ſie an beiden Seiten und hinten durch die Wandtaue ihre Befeſtigung er⸗ halten. d Stagſegel, ein dreieckiges Segel, welches, mittels kleiner Tauringe oder hölzerner Reifen, an einem Stag aufgezogen wird. Stagſegelnetz, ein über dem Bugſpriet ausgeſpanntes Netz, um das Vorſtenge⸗ Stagſegel, wenn es nicht aufgezogen iſt, darauf zu legen und daſelbſt zu befeſtigen. Stänge oder Stenge, ſiehe Maſt. Stapel, der gegen das Waſſer hin abhängige Platz eines Werfts, wo das Schiff während des Baues auf Blöcken ruht, die man Stapelblöcke nennt. In dieſem Sinne ſagt man: Ein Schiff befindet ſich auf dem Stapel. Es läuft vom Stapel, heißt: es wird von ſeiner Bauſtelle ins Waſſer hinab gelaſſen. Nicht alle Schiffe werden auf Stapeln, ſondern viele auf Hellingen erbaut.(Siehe Helling.) Stauen,(die Frachtgüter) packen. Steuer, ſo viel als Ruder, das Werkzeug, womit ein Schiff regiert wird. Es iſt aus mehren Stücken Holz zuſammengeſetzt. Das Hauptſtück beſteht aus einem Balken, der Pfoſten genannt, welcher mittels Haken am Hinterſteven des Schiffes hängt. Am untern Theile des Pfoſten iſt nach hinten zu ein anderes, wie ein Keil geſtalte⸗ tes und mit der Spitze nach oben gekehrtes Stück befeſtigt, woran ſich noch ein drit⸗ tes von ähnlicher Geſtalt anſchließt. Da dieſe beiden letzten Stücke beſtimmt ſind, das Steuer zu verbreitern und dadurch den Widerſtand, den es dem Waſſer leiſtet, zu vermehren, ſo haben ſie nicht die ganze Länge des Pfoſten, ſondern ragen nur etwas über die Oberfläche des Waſſers hervor. In dem obern Theile oder dem Kopfe des Pfoſten befindet ſich ein viereckiges Loch, worin die Ruderpinne, d. i. ein ſtarker Hebel von Eichenholz, ſteckt, die in das Schiff herein ragt, um das Ruder, ſo wie es nöthig iſt, damit hin und her zu drehen. Dies geſchieht, da das Ruder eine außerordentliche Gewalt hat, mittels einer Tallje oder eines Rades. Steuerbord, die rechte Seite des Schiffs, wenn man darin von hinten nach vorn ſieht, im Gegenſatze des Backbords, welches die linke bezeichnet. Steuermann, ein Offizier, der ſowohl theoretiſche als praktiſche Kenntniſſe von der Schifffahrt haben muß. Auf Kauffahrern iſt er der Nächſte nach dem Kapitän, und vertritt, wenn dieſer abweſend iſt, die Stelle desſelben. Auf Kriegsſchiffen hat er einen niedrigern Rang. — Steven, die beiden ſtarken, mehr oder weniger ſenkrechten Pfoſten, die an dem Vorder⸗ und dem Hintertheil eines Schiffes hervorſtehen. Sie hängen unmittelbar mit dem Kiel zuſammen, und bilden mit ihm die Hauptſtücke des Ganzen. Man nennt ſie den Vorder⸗ und den Hinterſteven. Steward ſſprich Stuörd). So nennt man auf den engliſchen Schiffen den Aufſeher über die Lebensmittel; auch gibt man dieſen Namen dem Aufwärter des Kapitäns. Stückpforten, die viereckigen Oeffnungen oder Schießſcharten an den Seiten eines Kriegsſchiffes. Sie können mit Klappen verſchloſſen werden. Supercargo heißt auf Kauffahrern derjenige, welcher den Verkauf oder die Ver⸗ tauſchung der geladenen Waaren an fremden Orten beſorgt, mithin auch auf der Reiſe über alles, was die Ladung betrifft, die Oberaufſicht führt. Takel, ein Werkzeug, das aus zwei oder mehren Blöcken mit einem hindurch gezo⸗ Fenen Tau beſtept, um Laſten aufzuwinden. Takeln ſiehe auftakeln. 8 Takelwerk, alles Tauwerk, das zur⸗ Haltung der Mäſten und zur Regierung der Segel dient, mit Inbegriff der dazu gehörigen Blöcke u. ſ. w.; oft werden auch die Segel dazu gerechnet. Tallje, ein kleines Takel. Tau, jedes Seil, das auf Schiffen gebraucht wird. Tauwerk. Hierunter verſteht man alle die perſchiedenen, auf einem Schiffe gebrauch⸗ ten Seile. Das an den Maͤſten befind Tauwerk theilt man in ſtehendes und laufendes. Zum erſtern gehören beſongks die Stagen und Wände, zum letztern die⸗ jenigen Seile, womit die Segel re werden. Topſegel nennt man auf kleinen Faͤhrzeugen, die keine Stengen und folglich auch keine Mars haben, z. B. auf Schmacken, Kuffen, Galeoten, Cuttern u. ſ. w., dieje⸗ nigen Segel, welche auf großen Schiffen Marsſegel heißen. Trabakel, ein im Mittelmeere gebräuchliches Fahrzeug, das ſehr kurz, aber hoch, dickbäuchig und ſtark gebaut, daher auch zum Tragen großer Laſten geſchickt iſt. Tratta, ein kleines in Griechenland gebräuchliches Fahrzeug, das ſowohl zum Ru⸗ dern als zum Segeln eingerichtet iſt. Travalljeſchaluppe, eins der kleinern Boote, die Kriegsſchiffe bei ſich führen; es dient Mannſchaften und geringe Laſten hin und her zu ſchaffen. Ueberſegeln, im Segeln auf ein anderes Schiff ſtoßen. Dies kann durch nebeliges Wetter, durch große Finſterniß während der Nacht, oder durch Fehler im Steuern, durch eine ungeſchickte Regierung der Segel oder eine plötzliche Beſchädigung der⸗ ſelben veranlaßt werden. Vorderdeck, der vordere Theil des Verdecks. Vorderſteven, ſiehe Steven. Vormars, ſo viel als Fockmars. Wand oder Want, die Reihe von Tauen, womit jeder Maſt und jede Stenge an den Seiten und hinten befeſtigt iſt, während dieſelben vorn durch die Stagen feſtgehal⸗ ten werden. Alle Wände ſind querüber mit Leinen bezogen und dadurch zu Strick⸗ leitern gemacht, damit man bequem auf die Maſten und Stengen ſteigen kann. Werft, ſiehe Schiffswerft. Wimpel, eine Art ſchmaler und ſehr langer Flagge, die unten zwei Drittel ihrer Länge geſpalten iſt und ſich in zwei Spitzen endigt. Sie wird auf dem Hauptmaſte befeſtigt. Nur Kriegsſchiffe dürfen Wimdel führen. Wurfanker, ein kleiner Anker, der dazu dient, das Schiff in einem Hafen oder in einem Fluſſe fortzubringen, ohne die Segel anzuwenden. Er wird nämlich in einem Boote, hinlänglich weit vom Schiffe, ausgeworfen, und dann windet man das Tau, woran er befeſtigt iſt, auf dem Schiffe ein, ſo daß er demſelben zu einem feſten Punkte dient, um es fortzuziehen.. 4 Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. ——— — —— ubuzauunuuuuuuaurxaurunruruuirxunuuu ſſfffſffſſſffſffſffffſfffſſt 8 9 10 11 12 14 15 16 17 18 19 ————=—