— — Eduard Oltmann in Gießen, . eih- und LCeſebedingungen.. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 5 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ o den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 . „— d 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4. für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: „ 3„„==„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung auf 1 Monat: 1 Nr. f. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mi. Pf. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tags feſtgeſetzt und wird 4 . F. M. Nichter's Ueiſen zu Waſſer und zu Lande.. Erſter Band. —— 9 . F. M. Richter's Reiſen zu Waſſer und zu Lande. Für die reifere Jugend zur Belehrung und* zur Unterhaltung ſür Jedermann. —— Vierte verbeſſerte Auflage bearbeitet von 6 2 Friedrich Gerſtäcker. Mit acht Abbildungen in Tondruck. 8 Erſter Band. 41 Leipzig, Arnoldiſche Buchhandlung. 4 1857. Vorbericht. Schon in früher Jugend erwachte bei mir die Neigung, fremde Länder zu bereiſen, um die Merkwürdigkeiten und Eigenthümlichkeiten derſelben kennen zu lernen. Dieſe Neigung wuchs mit den Jahren bis zur Leidenſchaft, und nichts konnte mich abhalten, ſie zu befriedigen. Da ich jedoch die Koſten, die weite Reiſen erfordern, nicht aus eignen Mitteln beſtreiten konnte, ſo mußte ich darauf bedacht ſein, den Erwerb des nöthi⸗ gen Unterhalts damit zu verbinden. Daher kam es, daß ich ſie unter verſchiedenen Geſtalten machte, indem ich dabei die Stelle eines Führers junger Leute, oder eines Supercargo’'s, Sekretärs, Steuermanns u. m. a. bekleidete. Dies war auch die Urſache, daß ſie nicht immer nach einem feſten, vorher entworfenen Plane, ſondern wie die Gelegenheit ſich dazu darbot, unternommen wurden. Die erſte meiner Reiſen machte ich im Jahr 1804 mit dem däniſchen Schiffskapitän Fedderſen, deſſen Söhne meinem Unterricht und meiner Leitung anvertraut wurden. Sie ging von Kiel nach Kronſtadt, Liſſabon und Emden. Die zweite Reiſe, auf der ich dieſen Kapitän begleitete, führte uns von Emden nach Archangel, und von da nach Hamburg. Die dritte ſollte nach der däniſchen Inſel St. Thomas unternommen werden. Allein unſer Schiff wurde, als es in der Bai der Inſel Porto Santo vor Anker lag, durch einen Orkan völlig zerſtört, ſo daß wir nichts als das Leben retteten. Zu dieſem Unglück geſellte ſich noch der ungünſtige Um⸗ ſtand, daß wir keine Gelegenheit, unmittelbar nach Europa zurückzukehren, finden konnten, und uns daher genöthigt ſahen, auf einem amerikaniſchen Schiffe nach New⸗York zu gehen und von da unſere Ueberfahrt nach den däniſchen Staaten zu bewerkſtelligen. Sobald Herr Fedderſen ſich mit einem neuen Schiffe verſehen hatte, machte ich mit ihm eine Reiſe nach Bordeaux. Der Krieg, welcher während unſers Aufenthaltes in dieſer Stadt zwiſchen Dänemark und England entſtand, und die Schifffahrt der Dänen unterbrach, veranlaßte mich zur Trennung vom Kapitän Fedder⸗ ſen. Ich übernahm nun die Stelle des Supercargo's auf einem franzöſi⸗ ſchen Kauffahrer. Er ging nach Isle de France, kam glücklich in Frank⸗ reich wieder an, und begab ſich dann nach den Antillen, ward aber bei ſeiner Ankunft von einer engliſchen Flotte genommen. Ich hatte jedoch VI das Glück, mir die Gunſt des Admirals zu erwerben, der mich, obſchon er meine ſämmtlichen Gefährten als Kriegsgefangene nach Barbados ab⸗ führen ließ, auf ſeinem Schiffe behielt und zum Gehülfen ſeines Sekre⸗ tärs machte. Ich wohnte ſodann der Eroberung von Martinique, einem Gefecht mit franzöſiſchen Kriegſchiffen und einem Kreuzzug in den Ge⸗ wäſſern der Antillen bei. Kurz darauf erhielt ich in Martinique meine völlige Freiheit und ſchiffte mich, mit Empfehlungſchreiben vom Admiral verſehen, nach London ein. Die engliſche Brig, worauf ich mich befand, bekam bald nach der Abfahrt einen wichtigen Schaden, ſo daß man in Jamaika einlaufen mußte, um ſie auszubeſſern. Ich benutzte dieſe Zeit zu einer Wanderung in das Innere der Inſel, um mir einige Kenntniß davon zu verſchaffen, fand aber bei meiner Rückkunft, daß die Brig bereits abgeſegelt war, was mich nöthigte, die Reiſe auf einem ſchottiſchen Kauf⸗ fahrer fortzuſetzen, welcher nach Edinburgh ſegelte. Von da reiſte ich zu Lande nach London. Hier traf man eben Anſtalten zu der bekannten Expedition nach der Inſel Walcheren, und meine Empfehlungsſchreiben bewirkten, daß ich Sekretär bei einem Seeoffizier wurde, der an dieſer Expedition Theil nahm. Allein, ſeine Kränklichkeit hatte unſere baldige Rückkehr nach London und zugleich meine Verabſchiedung zur Folge. Bald nachher entſchloß ich mich, als dritter Steuermann auf einem eng⸗ liſchen Oſtindienfahrer die Reiſe nach China mitzumachen. Wir berühr⸗ ten auf dieſem Wege Braſilien, die Inſeln Madeira, Sumatra, Java und St. Helena, ſo wie das Vorgebirge der guten Hoffnung. Hierauf folgte ein ziemlich langer Aufenthalt in England, beſonders in London. Es zeigten ſich mir damals vortheilhafte Gelegenheiten, mich in England niederzulaſſen; doch die Luſt zu reiſen war noch zu mächtig, um ſie zu benutzen, und beſtimmte mich zu einer Reiſe nach dem Mittelmeere, wo ich ungefähr fünf Jahre, theils im Dienſte der Engländer, auf Transport⸗ ſchiffen und beim Kommiſſariat, theils als Privatmann verweilte. Dieſer Zeitraum umfaßt eine Menge kleiner Reiſen und einige kriegeriſche Unter⸗ nehmungen an den Küſten von Spanien und Italien; Reiſen nach der Berberei, nach Aegypten, den ioniſchen Inſeln, dem Archipelagus, dem ſchwarzen und adriatiſchen Meere; Wanderungen durch Sieilien, durch einen Theil von Aegypten, u. ſ. w. Im Jahr 1816—1817 kehrte ich, von Malta über Trieſt und Wien, nach meinem geliebten Vaterlande Sachſen zurück. Ddie Beobachtungen, welche ich auf dieſen vielfachen Reiſen über die Beſchaffenheit der Länder und Meere, über Natur⸗ und Kunſtprodukte, 2A VII über den Charakter, die Sitten und das häusliche Leben der Menſchen ꝛc. zu machen Gelegenheit hatte, ſind es nun, was ich dem Publikum in die⸗ ſem Werke mitzutheilen gedenke. Da es für ein gemiſchtes Publikum und beſonders für die reifere Jugend beſtimmt iſt, ſo ſoll es auch auf Unter⸗ haltung, durch Erzählung merkwürdiger Vorfälle und intereſſanter Be⸗ gebenheiten, zum Theil aus der Geſchichte des letzten Krieges, Rückſicht nehmen. Auch wird es auf den Charakter und die Lebensart der Seeleute, die einer beſondern Aufmerkſamkeit nicht unwerth ſind, Blicke werfen, indem dieſer Gegenſtand von den Reiſebeſchreibern nur wenig oder gar nicht berührt wird. Ich habe mich bemüht, die Sachen ſo darzuſtellen, wie ich ſie fand, ohne Schminke und poetiſche Täuſchung, ohne mich weder von Vorur⸗ theilen blenden, noch von Leidenſchaften irre führen zu laſſen. Da ich auf meiner erſten Reiſe mit einem ſchwächlichen Körper und mit den noch ungewohnten Beſchwerden des Seelebens zu kämpfen hatte, ſo war ſie nicht reich an Beobachtungen und diente mehr dazu, meine Ge⸗ ſundheit zu befeſtigen und mich zur Ertragung der Ungemächlichkeiten auf den folgenden Reiſen vorzubereiten. Ich übergehe ſie daher und mache mit der nach Archangel den Anfang. Ich ſchließe dieſen Vorbericht mit dem Wunſche, daß die Leſer in dem Werke ſo viel Stoff zur Belehrung und Unterhaltung finden mögen, daß ſie dasſelbe nicht ganz unbefriedigt aus den Händen legen. Dresdeu, am 3. September 1820. T. F. M. Nichter. * Vorwort zur zweiten Auflage. Die günſtige Aufnahme dieſes Werkes, die eine zweite Auflage des⸗ ſelben nöthig macht, bevor es vollendet iſt, erfordert die öffentliche Be⸗ zeigung meiner Dankbarkeit, und verpflichtet mich, es in einer vollkomm⸗ neren Geſtalt erſcheinen zu laſſen. Ich habe daher Alles von neuem durchgeſehen, und die Schreibart an vielen Stellen verbeſſert. Der In⸗ halt hat, ſeiner Natur gemäß, keine weſentliche Veränderung, ſondern nur hier und da, wo es nöthig ſchien, kleine Zuſätze erhalten. So wird man z. B. im erſten Bande eine Beſchreibung des Palaſtes in Archangel und ſeiner Einrichtung für die Bequemlichkeit des Handels finden, was VIII in der erſten Ausgabe blos durch„die Budenplätze“ angedeutet war. Ferner iſt der Citadelle und der proteſtantiſchen Kirchen daſelbſt gedacht worden u. ſ. w. Außerdem habe ich jeden Band mit einem vollſtändigen Verzeichniſſe ſeines Inhalts ausgeſtattet. —Da viele meiner Leſer eine Erklärung der bei der Schifffahrt ge⸗ bräuchlichen Kunſtwörter, die ich beibehielt(weil ſie ſich weder durch andere erſetzen, noch in der Kürze umſchreiben laſſen), gewünſcht haben, ſo bin ich entſchloſſen, dieſelbe als Anhang dem letzten Bande beizufügen, worauf ich hiermit verweiſe. Unter den öffentlichen Beurtheilungen meiner Reiſen, die mir zu Geſicht gekommen ſind, befindet ſich eine in der Leipziger Literatur⸗Zei⸗ tung dieſes Jahres, deren Verfaſſer bezweifelt, ob ſie auch wirklich ge⸗ macht worden ſind, wie er durch den Ausdruck„angebliche Reiſen“ und durch den Anfang des folgenden Satzes zu erkennen gibt:„Indeſſen wenn auch die Reiſen nur auf dem Zimmer gemacht wären, dem Zweck, den der Titel angibt, genügen ſie trefflich, wenigſtens iſt der Vortrag ſo leben⸗ dig und das Ganze ſo nach der Natur geſchildert, daß keiner ohne Beleh⸗ rung und Unterhaltung es aus der Hand legen wird.“ Ich ſah mich daher genöthigt, die Gründe ſeines Zweifels, worunter der ganz ſonder⸗ bare obenan ſteht,„weil er nicht bezeichnet finde, wer der Verfaſſer ſei,“ zu widerlegen und feierlich zu erklären, daß ich dieſe Reiſen wirklich und nicht blos auf dem Papiere gemacht habe, was ſchon jeder Leſer aus den ſpeziellen Angaben, genauen Beſchreibungen, und nach der Natur copirten Schilderungen erkennen wird, die auch der ſinnreichſte Kopf auf der Stu⸗ dierſtube nicht erfinden kann. Dresden, im Septbr. 1823. Der Verfaſſer. Vorwort zur dritten Auflage. Bei dem wiederholten Abdruck meiner Reiſebeſchreibung bin ich bemüht geweſen, die Schreibart zu verbeſſern, und dem Inhalt ſowohl durch Berichtigungen als auch durch Abkürzungen und Zuſätze, wo ſie zweckmäßig ſchienen, eine größere Vollkommenheit zu geben. Die Thei⸗ lung des ganzen in Abſchnitte, mit darüber geſetztem Inhalt, wird das Werk beſonders für Schulen, in welchen man die Jugend daraus vorleſen läßt, noch brauchbarer machen. Ich ſchmeichle mir daher mit der Hoff⸗ nung, daß es in dieſer neuen Geſtalt den Beifall, der ihm bisher zu Theil geworden iſt, in nicht geringerem Grad erhalten werde. Dresden, im Juli 1830. Der Verfaſſer. Inhaltsverzeichniß. Tagebuch meiner Seereiſe von Emden nach Archangel und von da nach Hamburg. Verunglückte Reiſe von Hamburg nach St. Thomas und Rückkehr über New⸗ York und Kopenhagen Reiſe von Hamburg nach Bordeaux und über Saint Louis nach Isle de France. Reiſe von Nantes nach den Antillen, nach Schottland, England und der Inſel Walcheren Reiſe von London nach China und Rückkehr nach England Seite 182 283 376 —————— J. Tagebuch meiner Seereiſe von Emden nach Archangel und von da nach Hamburg. 1. Beſtimmung des Schiffes, womit der Verf. reiſt. Abfahrt von Emden. Die Mannſchaft wird in Wachen eingetheilt— Beſchreibung der Gebräuche dabei. Verſchiedene Arten zu ſegeln in Bezug auf die Richtung des Windes. Nebenbeſchäftigungen der Seeleute— ihre Gewandtheit in mechaniſchen Arbeiten. Seemänniſche Lebensweiſe im Eſſen und Trinken. Ankunft an der norwegiſchen Küſte. Glücklicher Fiſchfang— Erlegung eines Haifiſches. Man trifft auf ein Schiff, deſſen Mannſchaft ermordet iſt. Das däniſche Kauffahrteiſchiff Fredensborg, befehligt vom Kapitän Fedderſen, welchen ich, laut des Vorberichts, als Führer ſeiner beiden Söhne auf mehren Reiſen begleitete, erhielt in Emden, im Frühjahr 1805, die Be⸗ ſtimmung, eine Ladung Korn von Archangel nach Hamburg zu bringen. Wir nahmen daher am 2. Juni d. J. Ballaſt und Lebensmittel ein, und ſegelten am 4. aus dem Hafen die Ems hinab. Eine Meile von der Mündung nöthigte uns die eingetretene Fluth zu ankern, und die Rückkehr der Ebbe zu erwarten. In unſerer Nähe lag das Wachſchiff, eine Schmack, welche mit einigen Kanonen und mit militäriſcher Bedeckung verſehen war. Dieſes Fahrzeug ward am heutigen Tage in volle Thätigkeit geſetzt, um der allzu großen Eilfertigkeit der ankommenden Schiffe zu wehren, ihre Päſſe zu unterſuchen, und ihnen das Einlaufen in den Hafen zu geſtatten oder zu verweigern. Viele, die aus entfernten Gegenden kamen, mußten auf der Stelle ankern und Quarantäne halten. Sie erregten mein ganzes Mitleid, da ich mich ſehr lebhaft erinnerte, wie unangenehm es iſt, nach einer weiten Seereiſe das Land vor Augen zu haben, und es doch nicht Richter's Reiſen. I.. 1 2 betreten zu dürfen; denn auch uns hatte bei der Ankunft dasſelbe Loos betrof⸗ fen. Die meiſten dieſer Schiffe waren holländiſche, jedoch unter oldenburgiſcher Flagge, welche, wegen ihrer Neutralität, in jenen kriegeriſchen Zeiten häufig gebraucht wurde, um ungehindert Schifffahrt und Handel zu treiben. Am 5. gelangten wir ſehr früh in die hohe See, und verloren, da ein weſtlicher Wind unſere Fahrt begünſtigte, in kurzem das Land aus dem Ge⸗ ſichte. Das Wetter war überaus angenehm, und erhob das Gemüth zur fröhlichſten Stimmung. Die gemeinen Seeleute verrichteten ihre Arbeit unter luſtigen Erzählungen ihrer beſtandenen Abenteuer, und der am Bord befindliche Paſſagier, welcher von der Regel, die Seekrankheit zu bekommen, eine Aus⸗ nahme machte, unterhielt die Uebrigen mit Geſang und Guitarrenſpiel. Abends um acht Uhr, als Alles auf dem Schiffe in die erforderliche Ordnung gebracht war, berief man, wie es am erſten Tage nach der Abfahrt gewöhnlich iſt, das ganze Schiffsvolk zuſammen, um es in zwei Haufen zu theilen, die man Wachen nennt. Es wird nämlich von den beiden Steuermän⸗ nern, als den befehlhabenden Offizieren derſelben, abwechſelnd ein Mann nach dem andern gewählt, indem die vom Oberſteuermann aufgerufenen ſich auf die Steuerbordſeite, und diejenigen, welche der Unterſteuermann aufruft, auf die Backbordſeite ſtellen; weßhalb jene die Steuerbord⸗ und dieſe die Backbord⸗ wache heißen. Da die Ordnung, in der die Leute aufgerufen werden, ihnen zum Maßſtab dient, um die Gunſt, in welcher ſie bei ihren Obern ſtehen, und den Rang, welchen ſie unter einander ſelbſt einnehmen, zu berechnen, ſo fühlen ſich die zuerſt aufgerufenen durch dieſe Auszeichnung natürlich geſchmeichelt. Erſt nach dem Anordnen der Wachen nimmt die eigentliche Seeordnung ihren Anfang. Die Glocke wird geläutet. Die eine Abtheilung zieht ſich in ihre Coyen zurück, die andere übernimmt die Sorge für das ganze ⸗Schiff und be⸗ ſetzt den Poſten am Ruder. Nach Verlauf der erſten halben Stunde wird ein Glockenſchlag gegeben, nach der zweiten zwei Glockenſchläge und jede halbe Stunde einer mehr, bis zu acht Schlägen, oder vier Stunden. Dann beginnt es wieder mit einem Schlag, wonach alſo zum Beiſpiel vier Schläge zwei, ſechs und zehn Uhr bedeuten. Da man in früheren Jahren die Zeit nach Sanduhren oder Gläſern abtheilte, ſo ſagt der Seemann noch jetzt, es hat ſo und ſoviel Glaſen geſchlagen. Nach Verlauf von zwei Stunden wird der Mann am Ruder abgelößt. Nach vier Stunden, wo die Wachtzeit zu Ende iſt, wird der andern Abtheilung durch acht Glockenſchläge und durch einen geſangartigen Aufruf, dem ein drei⸗ maliges kräftiges Pochen vorausgeht, das Zeichen zum Ablöſen gegeben. Nach wenig Minuten erſcheint ſie, und beſetzt alle Poſten. In dieſer Ordnung geht 3 es Tag und Nacht fort, und folglich hat der Seemann täglich zwölf Stunden, die er der Ruhe und Erholung widmen kann, wenn nicht ſtürmiſches Wetter oder andere Umſtände, welche die vereinigten Kräfte der ganzen Mannſchaft erfodern, eine Abweichung nöthig machen; doch hängt dabei auch von der Laune des Kapitäns Vieles ab. Zur Nachtzeit genießen die Wachhabenden, gelegentliche Beſchäftigungen mit den Segeln abgerechnet, einiger Muße. Sie pflegen auf dem vordern und mittlern Theile des Verdecks auf und ab zu gehen, aber immer bereit, die Befehle, die ſie erhalten, unverzüglich auszuführen. Der Steuermann hält ſich auf dem hintern Theile des Verdecks auf, wo man das Ganze am beßten überſehen kann, und dem Winde und den Wellen am wenig⸗ ſten ausgeſetzt iſt. Er richtet ſein Augenmerk hauptſächlich auf das Verfahren des ſteuernden Matroſen, auf die Veränderung des Windes und die Stellung der Segel. Seine Befehle ertheilt er dem wachhabenden Unteroffizier,(Boots⸗ mann, Zimmermann u. ſ. w.), welcher die Ausführung derſelben beſorgt. Am Tage werden die Leute auf der Wache ſtets in Thätigkeit erhalten. Der Kapi⸗ tän führt dann die Oberaufſicht; während der Nacht genießt er der Ruhe, und wird nur bei drohenden Gefahren, die ſeine Gegenwart nöthig machen, geweckt. Am 7. wurde der Wind ſüdweſtlich, und wehte mithin ſchräg von hinten über das Schiff. Dieſe Richtung des Windes(Backſtags⸗ oder raumer Wind) i*ſt in jeder Hinſicht die vortheilhafteſte, und geſtattet beſonders die meiſten Segel auszuſpannen. Es waren daher wenigſtens dreißig derſelben an dieſem Tage beigeſetzt. Das Schiff ſegelte auch ſo ſchnell, daß es von acht Uhr Mor⸗ gens bis neun Uhr Abends 29 Meilen zurücklegte, gewiß eine große Strecke für ein Kauffahrteiſchiff, obſchon Kriegſchiffe, wenn ſie ſich anſtrengen und günſtigen Wind haben, 3 Meilen und darüber in einer Stunde zurücklegen können. Bei einer ſo ſchnellen Fahrt wird das Schiff mit einem brauſenden Getöſe durch das Meer fortgeriſſen. Jeder Balken, jede Planke zittert, obſchon das Schiff gerade und faſt ohne Schwanken fortgeht, und keine nacheilende Welle Zeit gewinnt, es zu erreichen. Auf beiden Seiten wirft es hohe Schaum⸗ furchen auf, welche, ſo weit das Auge reicht, die durchlaufene Bahn bezeichnen, und in der Nacht einen Glanz verbreiten, daß man in einem Feuermeer zu ſchwimmen wähnt. Von den Maſten herab geſehen, erſcheint dann das Schiff wie ein Komet, der einen langen Schweif nach ſich zieht. Der Wind iſt, wenn auch noch ſo heftig, kuum bemerkbar, weil man faſt mit gleicher Schnelligkeit fortgetrieben wird. Dieſe Art zu ſegeln, macht mit der ihr entgegengeſetzten (bei dem Winde ſegeln), wo der Wind in ſchräger Richtung von vorn kommt, einen auffallenden Kontraſt, beſonders wenn man, wie z. B. beim Unſchiffen einer Landſpitze, von jener zu dieſer Art ſchnell übergeht. Der Wind fällt 1* 4 dann ſauſend in die Segel und an ihnen herab, und die Wellen ſchlagen mit Ungeſtüm an das Schiff und darüber hinweg; dieſes aber geräth in eine ſehr unruhige Bewegung, neigt ſich auf die Seite, und hat Mühe, durch Wind und Wellen zu dringen, wobei es von der geraden Linie ſeitwärts abgetrieben wird. Abends um neun Uhr drehte ſich der Wind gegen Süden, und wir hatten ihn alſo ganz im Rücken. Es wurden nun mehre Segel eingezogen, da ſie, von den andern des Windes beraubt, nicht weiter nützen konnten. Wir legten daher nur ſechs Meilen in vier Stunden zurück. Dagegen nahm das Schiff eine ſchwankende, wiegenartige Bewegung an, und da es bald auf die eine, bald auf die andere Seite von ſeiner Laufbahn abwich(gierte), ſo mußte die größte Aufmerkſamkeit beim Steuern angewendet werden, was jederzeit der Fall iſt, wenn man den Wind in gerader Richtung von hinten hat(vor dem Winde ſegelt). Am 8. wehte ein ſchwacher Südwind und das Wetter war ſo einladend, daß ſich die von der Wache kommenden Leute nicht entſchließen konnten, das Verdeck zu verlaſſen. Einige beſchäftigten ſich mit Leſen, Schreiben, andere mit Waſchen, Schneider⸗ und Schuſterarbeit u. ſ. w. Ja, einer unternahm es, ſeine ſchadhafte Taſchenuhr auszubeſſern, indem er dieſelbe durchaus reinigte und mit einer neuen Feder verſah. Er vollendete die ganze Arbeit in kurzer Zeit und mit vieler Kunſt, obgleich ſeine Hände nichts weniger als zart, und vom Theer und Seewaſſer ganz zerbeizt waren, und, was man ſehr bewundern mußte, ohne ein anderes Werkzeug, als ſein Taſchenmeſſer, dabei zu gebrauchen. Ueberhaupt zeigt der Seemann eine außerordentliche Gewandtheit in mechani⸗ ſchen Arbeiten. Neben ſeinem Handwerke, das gewiß nicht leicht zu erlernen iſt, verſteht er, faſt ſo gut als der gelernte Segelmacher und Reiſſchläger, Segel und Taue zu verfertigen. Ueberdieß pfuſcht er, wenn es die Noth erfor⸗ dert, in alle Handwerke, ohne je eine Anleitung dazu erhalten zu haben. Er unterzieht ſich ſogar weiblichen Arbeiten, und ob ſchon er ſein grobes Seezeug mit Bürſten wäſcht, ſo weiß er doch auch feine Wäſche zu behandeln, und ſogar mit dem Platteiſen umzugehen. Ich habe mehrmals geſehen, daß Matroſen die Oberhemden ihrer Offiziere ſo geſchickt wuſchen, platteten und die Buſenſtreifen in Falten legten, als es nur von weiblichen Händen geſchehen kann. Kurz, der gemeine Seemann iſt ein ſehr vernünftiger, zu vielen nützlichen Geſchäften brauchbarer Menſch, dem in mancher Hinſicht der Vorzug vor dem gewöhnlichen Handwerker gebührt, obgleich er am Lande plump und unbehülflich ſcheint. Am heutigen Tage bekamen unſere Leute zum erſten Mal ihre Schiffkoſt, weil man ſie nach der Abfahrt aus dem Hafen ſo lange als möglich mit friſchen Lebensmitteln zu beköſtigen pflegte, um ihre Geſundheit und zugleich den — Reiſevorrath zu ſchonen. Sie ſchienen indeß mit dieſer Veränderung nicht unzufrieden; denn ſo ſehr ſich auch der Seemann auf langen Reiſen nach den friſchen Erzeugniſſen des Landes ſehnt, ſo findet er ſie doch bald zu weichlich, und verlangt nach der herzhaften geſalzenen Schiffkoſt, an die er gewöhnt iſt. Die Verpflegung der Mannſchaft auf den Kauffahrteiſchiffen iſt im Allgemeinen ſehr verſchieden, da jede Nation ihre eigene, durch das Herkommen oder durch* Geſetze eingeführte Ordnung beobachtet, wovon jedoch die Eigenthümer und die Kapitäne der Schiffe, zum Vortheil oder Nachtheil ihrer Leute, öfters ſehr willkürlich abweichen. Auf den ſchwediſchen Schiffen reicht man Fiſchſpeiſen vier⸗ oder mehrmal in der Woche, dagegen auf den engliſchen täglich Fleiſch gegeben wird. Die Deutſchen, die Dänen und Holländer halten zwiſchen beiden die Mittelſtraße; die Franzoſen eſſen mehr Gemüſe als Fleiſch und Fiſche, u. ſ. w. Auf unſerem Schiffe war die Beköſtigung ungefähr folgende: Sonntags geſal⸗ zenes Rindfleiſch und ein Pudding mit Brühe von Butter, Mehl und Waſſer; Montags und Freitags Stockfiſch und Kartoffeln oder gelbe Erbſen; Diens⸗ tags und Donnerstags geſalzenes Rindfleiſch mit grauen Erbſen; Mittwochs und Sonnabends geſalzenes Schweinefleiſch und gelbe Erbſen oder weiße Boh⸗ nen. Das Frühſtück beſtand aus Grütze oder Mehlbrei. Zum Abendeſſen wurden die Ueberbleibſel vom Mittag unter mancherlei Geſtalten wieder auf⸗ getiſcht. Ein wohlſchmeckendes und bei unſern Matroſen ſehr beliebtes. Gericht wurde aus Stockfiſch und Kartoffeln bereitet, indem der erſtere, nach Abſonde⸗ rung der Gräten, mit den letztern zu einem Teige geſtampft, und dann mit Butter und Gewürz vermiſcht, in der Pfanne gebacken wurde. Ueberdem er⸗ hielt Jeder täglich 1 Pfund Zwieback und wöchentlich 1 Pfund Butter, ſo wie ½ Pfd. guten Käſe. Für Getränk— mit Ausnahme des Waſſers— wurde nicht geſorgt; nur beim Frühſtück und nach Vollendung einer anſtrengenden Arbeit gab man ein Glas Branntwein. Ueberhaupt beobachtete der Kapitän, wenn das Schiff auf der See war, große Vorſicht bei Vertheilung berauſchender Getränke, und ſah auf jeden Verſtoß gegen Nüchternheit als ein Hauptver⸗ brechen, ſo freigebig und nachſichtig er auch in dieſer Hinſicht am Lande zu ſein pflegte. Die Bedürfniſſe an Thee, Kaffee, Zucker und Taback, welche für den Seemann ganz unentbehrlich ſind, mußten aus eigenen Mitteln beſtritten werden. Während des Aufenthaltes in einem Hafen erhielt die Mannſchaft jeden Mittag friſches Fleiſch. In die Brühe that man Graupen oder Reiß und allerlei grüne Gemüſe, welche das Land und die Jahreszeit hervorbrachten, und zum Beſchluß gewöhnlich noch Mehlklöſe, ſo daß ſich Allees in einen dicken Brei verwandelte, deſſen Beſtandtheile kaum zu unterſcheiden waren. Zum Getränk wurde Bier, Wein oder was ſonſt die Landesſitte mit ſich brachte, nicht verweigert. Im Uebrigen entſprach die Einrichtung der auf dem Meere. Der Tiſch des Kapitäns, an welchem auch die Steuermänner und die Paſſa⸗ giere aßen, war keiner beſondern Ordnung unterworfen. Außer geſalzenem Fiſch und Fleiſch gab es immer eine Menge anderer Speiſen, wozu das Feder⸗ ℳ rieh die Schweine und Schafe, die auf dem Schiffe unterhalten wurden, ſo wie auch mancherlei geräucherte, eingemachte und andere leicht aufzubewahrende Sachen die Beſtandtheile lieferten. Des Morgens und des Abends wurde nur Thee oder Kaffee mit Zwieback und Butter gegeben. An Weinen und andern Getränken war nie Mangel. Während das Schiff am Lande lag, prangte der Tiſch mit den beßten Lebensmitteln, welche die Landesart aufzuweiſen hatte; und dieß findet auf den meiſten Schiffen Statt, indem die Kapitäne freigebiger als irgend Jemand bezahlen, und deßhalb von den Fleiſchern, Bäckern und Gemüſehändlern beſſer als die vornehmſten Familien des Ortes bedient werden. Am 10. Mittags befanden wir uns unter dem 58. Grad nördlicher Breite und dem 23. Gr. öſtlicher Länge. Späterhin zeigte ſich zum erſten Mal die norwegiſche Küſte, ein Reihe hoher, in dickem Nebel gehüllter Berge. Am 11. befiel uns auf der Höhe von Stavanger eine gänzliche Windſtille. Wir bemerkten, obſchon zur Zeit der Ebbe, eine Strömung, die uns nach dem Lande trieb. Man ließ deßhalb die Boote hinunter, und bugſirte das Schiff in der entgegengeſetzten Richtung. Die an Bord zurückgebliebenen Leute be⸗ ſchäftigten ſich unterdeß mit Angeln, denn die Oberfläche des Meeres wimmelte von Fiſchen. Sie hatten bereits mehre Tonnen Kabliau erbeutet, als ein Hundshai erſchien, der die Fiſche verſcheuchte. Er verſchluckte jedoch bald ein ausgeworfenes Stück Fleiſch mit dem daran befeſtigten großen Haken, und wurde, ſo ſehr er auch tobte, durch Harpunen vollends überwältigt. Ihn auf's Verdeck zu winden, koſtete viel Arbeit. Seine Länge belief ſich auf 18 Fuß, und ſein Gewicht über 2000 Pfund. Bei Oeffnung ſeines Magens fand man drei ganze Thunfiſche, die zuſammen 134 Pfund wogen. Wiewohl dieſer Fiſch im Norden häufig zur Nahrung dient, ſo ward er doch von unſern Leuten nicht dazu benutzt. Sie zeigten ſich indeſſen ſehr begierig, ihm einen platten, unter. der Bruſt befindlichen Knochen auszuſchneiden; denn das Seevolk ſchreibt dem⸗ ſelben gewiſſe Heilkräfte bei ſkorbutiſchen⸗und andern Krankheiten zu. Der Beſitz dieſes Talismans gab Anlaß zu einigen Streitigkeiten, wurde jedoch am Ende, auf Anrathen der Offtziere, friedlich durch das Loos entſchieden. Außer⸗ dem behielt man den Kopf, die Haut und die Leber zurück, warf aber alles Uebrige wieder über Bord. Der Kopf, deſſen ſechs Fuß weiter Rachen mit eben ſo viel Reihen ſcharfer, ſägeförmiger Zähne ein furchtbares Anſehen hatte, wurde nur der Seltenheit wegen aufbewahrt und ſkeletirt. Die Haut lieferte für die Matroſen vortreffliche waſſerdichte Stiefeln, und die Leber gab, an die Sonne gelegt, einen Ausfluß von mehr als anderthalb Tonnen Thran. Der Gewinn, den uns dieſes Thier verſchaffte, war daher nicht unbedeutend, und entſchädigte für die Arbeit, welche die Ueberwältigung desſelben gekoſtet hatte. Aber oft macht der Seemann Jagd auf Haifiſche ohne die Abſicht, Vortheil davon zu ziehen. Er verfolgt, fängt und tödtet ſie mit großer Mühe, und wirft ſie endlich, den kleinern Fiſchen zur Beute, in das Meer zurück, indem er ſich mit dem Gedanken begnügt, dasſelbe von einem Wütherich befreit zu haben. Ich ſah viele Schiffe, welche beſtändig mit einem ausgeworfenen Haihaken ſegelten. Bei Sonnenuntergang kehrte der Südweſtwind zurück. Man holte die Boote wieder ein, die Segel füllten ſich und die Mannſchaſt konnte jetzt in Ruhe ihre gefangenen und gut zubereiteten Fiſche genießen. Am Morgen des 16. erreichten wir die Höhe von Drontheim.— Als der wachhabende Steuermann nach Meſſung der Sonnenhöhe uns benachrich⸗ tigte, daß es zwölf Uhr ſei, und der Koch zur Schiffglocke eilte, um das Zei⸗ chen zum Mittageſſen zu geben, rief Jemand auf dem Fockmaſt, daß eine Klippe ſich vor uns befände. Da die Seekarten einer ſolchen nicht erwähnten, ſo kam man auf die Vermuthung, daß ſie kürzlich entſtanden wäre. Dieß erregte allgemeine Neugier, und ein Jeder beſtieg eiligſt den Maſt, um ſie zu befrie⸗ digen. Es zeigte ſich auch am Horizont ein ſchwarzer Punkt, der Anfangs eine Klippe zu ſein ſchien; als aber die Ferngläſer zu Hülfe genommen wurden, verwandelte ſich der Gegenſtand in ein treibendes Schiff ohne Maſten. Bald nachher konnte man dasſelbe mit bloßen Augen auf dem Verdeck ſehen, daher wir geraden Weges hinſteuerten. Um vier Uhr Nachmittags war es uns ſo nahe, daß wir es aus ſeiner Bauart für ein ſpaniſches erkannten. Ungefähr hundert Schritte davon braßten wir bei, riefen ihm durch das Sprachrohr zu und feuerten aus kleinem Gewehr, worauf jedoch keine Antwort erfolgte. Der Oberſteuermann wurde deßhalb mit einer Anzahl Matroſen zur näheren Be⸗ ſichtigung des Schiffes abgeſchickt. Nach Erſteigung des Verdecks ſtellte ſich die ſchaudervollſte Scene ihren Blicken dar— verweſende Körper, mörderiſche Werkzeuge, mit Blut gefärbtes Schiffgeräthe, und Alles wild durch einander. Außer einem faſt verhungerten Pudel trafen ſie kein lebendes Weſen an. Vergebens ſuchten ſie in der ausge⸗ plünderten Kajüte nach Papieren, oder was ſonſt über das Schiff und deſſen Schickſal Aufſchluß geben konnte. Endlich, als ſie im Begriffe ſtanden, an Bord zurückzukehren, vernahmen ſie eine dumpfe Stimme, die hinter der Kajüttreppe, durch den an den Schiffsraum gränzenden Verſchlag hervordrang. 8 Da die Luken und alle Zugänge des Raums verſchloſſen waren, ſo erbrachen ſie den Verſchlag, räumten einen Theil der Ladung weg, und fanden— einen halb nackten Menſchen, der, zwiſchen zwei Ballen liegend, in unbeſchreiblichem Elend ſchmachtete. Auf ſeinem Geſicht waren noch jugendliche Züge zu leſen, übrigens aber hatte ſein ganzer Körper das Anſehen einer Leiche. Es gebrach ihm an Kraft, ein Glied zu bewegen, auch war er nicht im Stande, ein Wort zu ſprechen. Sie brachten ihn, ſo wie den erwähnten Pudel, unverzüglich an Bord. 3 3 Nachdem man ſich vom erſten Schrecken erholt hatte, wurde das ſpaniſche Schiff auf's Schlepptau genommen, und mit ihm nach dem Lande geſteuert. Der ſchwache Wind und die hohe See verzögerten die Fahrt, und erſt ſpät am Morgen bekamen wir einige von den Inſeln, die Drontheims Fiord umgeben, zu Geſicht. Zwei Meilen von Hitteröe zogen wir die Nothflagge auf, und thaten einige Kanonenſchüſſe, um Beiſtand vom Lande zu erhalten. Sorgfältige Pflege, friſche Luft und ſanfter Schlaf fingen jetzt an, den wohlthätigſten Einfluß auf den Zuſtand des unglücklichen Spaniers zu äußern. 1 Sein Mund öffnete ſich zum Sprechen, und wir erhielten nach und nach Auf⸗ ſchluß über ſein und ſeiner Gefährten Schickſal: Sie waren vor zwei Monaten mit einer Ladung Tabak für Cadiz, von Havanna ausgelaufen. Einige dort angenommene Matroſen— wahrſcheinlich Freibeuter— verriethen bald nach der Abreiſe Geneigtheit zur Empörung und ſonſt gefährliche Abſichten. Sie wurden daher feſt genommen und an den Fockmaſt geſchloſſen. Während eines Sturmes, der das Schiff bis in die Gegend der Faröer Inſeln verſchlagen und endlich entmaſtet hatte, konnte man ihrer Hülfe nicht entbehren, und mußte ſie freilaſſen. Sie heuchelten Beſſerung und arbeiteten mit Thätigkeit zur Er⸗ haltung des Schiffes. In der darauf folgenden Nacht legte ſich der Sturm. Die ganze Mannſchaft war nun in voller Beſchäftigung, Nothmaſten zu errich⸗ ten. Aber unſern Spanier— den Unterſteuermann des Schiffes— der ſeit mehren Tagen kein Auge geſchloſſen hatte, veranlaßte der Kapitän, ſich ſchlafen zu legen. Er hatte ſich kaum in ſeine Hangmatte gelegt, als ein fürchterlicher Lärm ihn aufſchreckte. Er ſpringt auf's Verdeck und ſieht, daß die in Verhaft geweſenen Leute einen wüthenden Angriff auf die übrige Mannſchaft machen. Einer derſelben kommt mit gehobener Axt auf ihn zu. Völlig entkleidet und wehrlos ergreift er die Flucht, ſpringt durch die offen ſtehende Vorluke in den 4 Schiffsraum, und verbirgt ſich in den ſchmalen Lücken zwiſchen dem Verdeck und der Ladung. Noch lange hört er wilden Lärm und klägliches Geſchrei, bis * endlich nur noch einzelne Stimmen und Fußtritte vernehmlich ſind. Jetzt faßt b er Muth, ſich aus ſeinem Schlupfwinkel zu begeben, findet aber jeden Ausweg 9 verſperrt. Mit der Angſt eines Lebendigbegrabenen bietet er alle Kräfte auf, ſich irgendwo durchzuarbeiten, aber vergebens. Er ſchreit um Hülfe, aber Nie⸗ mand hört; und endlich wird es ihm klar, daß kein menſchliches Weſen ſich mehr um ihn befinde. Verzweifelnd ſinkt er zwiſchen den Ballen hin, aus wel⸗ cher Lage er ſich nie wieder bewegt, und nimmt, von Hunger und Durſt ge⸗ quält, ſeine Zuflucht zu dem, was die Ballen umher darbieten, Baſt und Tabak, und fängt das Seewaſſer auf, welches durch lecke Stellen im Verdeck herunter⸗ tropft. Auf dieſe Art ſich zu nähren, fährt er einige Tage fort, bis die Er⸗ ſchlaffung ſeiner Eingeweide den gänzlichen Verluſt an Appetit und Kräften nach ſich zieht. Er hatte ſchon geraume Zeit in ſinnloſer Betäubung zuge⸗ bracht; doch das Geräuſch unſerer Leute ermunterte ihn, den ſchwachen Ueber⸗ reſt ſeiner Kräfte aufzubieten, um einige Laute von ſich zu geben, welche mach⸗ ten, daß man zu ſeiner Rettung herbeieilte. Um zehn Uhr Morgens kam eine däniſche Kriegsbrig vom Lande, welcher das verunglückte Schiff, mit allem was man darauf vorgefunden hatte, ſo wie auch eine ſchriftliche Anzeige an den ſpaniſchen Konſul in Drontheim, ſofort übergeben wurde. Hierauf ſetzten wir die Reiſe mit den unangenehmen Ein⸗ drücken, welche der grauſenvolle Auftritt dieſes Tages in unſeren Seelen zurück⸗ ließ, weiter fort. 2. Zuſammentreffen mit vielen Archangelfahrern— es entſteht ein geſelliger Verkehr. Man iſt bemüht, das Anſehen der Schiffe zu verſchönern. Der Mahlſtrom. Feierliche Begrüßung des Johannistages. Unſer Schiff wird geſäubert— Verfahren dabei. Die Mannſchaft hält Gottesdienſt— Bemerkungen über den religiöſen Charakter der Seeleute im Allgemeinen. Gaſtmahl auf einem däniſchen Schiffe. Beſchreibung des letztern, beſonders ſeiner Küche. Die Schiffküchen überhaupt. Schilderung der Gäſte, beſonders einiger ſchwediſchen Kapitäne mit Hinſicht auf ihre Untergebenen. Beweis von Achtung gegen das weibliche Geſchlecht. Köſtliche Bewirthung der Geſellſchaft— ihre Luſtigkeit. Der Unfug eines Affen verurſacht allgemeine Störung. Erzählung anderweitiger Streiche desſelben. Die gegenſeitige Anhänglichkeit der Menſchen und Thiere iſt auf der See ſtärker als auf dem Lande. Am frühen Morgen des 19. Juni ſtießen, unter dem 65. Grad der Breite und dem 25. der Länge, wohl funfzig Archangelfahrer von verſchiedenen Na⸗ tionen zu uns. Einige derſelben trennten ſich bald wieder, aber der größere Theil blieb in unſerer Geſellſchaft. Bei einem ſokchen Zuſammentreffen der Schiffe nimmt das Seeleben eine freundliche Geſtalt an. Die melancholiſche Einſamkeit und das ermüdende Einerlei, welches auf einzelnen Seglern herrſcht, verſchwinden; man kann die gelegentlichen Bedürfniſſe leicht befriedigen, und darf bei jedem Unfall auf Hülfe rechnen. Man beſucht die benachbarten Schiffe, macht neue Bekannt⸗ 10 ſchaften, und es entſteht ein geſelliger, durch Wechſel gewürzter Umgang, wie auf dem Lande; kurz Menſchen, die ſich in ihrem Leben nie gekannt haben, kommen mit Wohlwollen und Gaſtfreundſchaft einander entgegen. Nationelle Abneigung und Feindſchaft ſind dann weniger ſichtbar; doch dauern die Be⸗ kanntſchaften, welche Seefahrer von verſchiedenen Nationen mit einander machen, gewöhnlich nicht länger, als bis zur Ankunft im nächſten Hafen. Nationalſtolz und Eigennutz finden dort neue Befriedigung; man ſucht ſeine Landsleute auf, und beſchränkt ſich auf ihren Umgang. Wir verlebten auf die angeführte Weiſe eine Reihe angenehmer Tage, die durch das anhaltend gute Wetter noch verſchönert wurden, und vergaßen faſt, daß wir zwiſchen Himmel und Waſſer ſchwebten. Mittlerweile bekamen die meiſten Schiffe nach und nach eine ſchönere Geſtalt, weil man ihr Tauwerk übertheerte, die alte Farbe von dem Holzwerk abkratzte und eine neue auftrug. Dieſe Arbeit wird auf gut eingerichteten Schiffen jährlich mehrmals wieder⸗ holt. Sie dient nicht nur zur Erhaltung der äußern Schönheit derſelben, ſon⸗ dern gibt auch dem Tau⸗ und Holzwerk größere Dauer, und vergütet in reich⸗ lichem Maße die aufgewandten Koſten an Theer und Farbe. In heißen Klimaten iſt die öftere Wiederholung dieſer Arbeit um ſo nöthiger. Deſſen ungeachtet wird ſie von den Spaniern, Italienern und andern ſüdlichen Völ⸗ kern oft ganz vernachläſſigt. Das Holzwerk ihrer Schiffe trägt häufig die Spuren der Verwitterung, und ihr Tauwerk hängt weiß und faſerig an den Maſten, wodurch es nicht allein an Haltbarkeit verliert, ſondern auch ihre Schifffahrt unzuverläſſig macht. Gewöhnlich ſuchen ſie dieſe Vernachläſſigung mit dem leeren Vorgeben, daß ſie Theer und Farbe dadurch erſparen, zu be⸗ ſchönigen; allein, der eigentliche Grund liegt in ihrem Hange zur Unthätigkeit und in der ganzen Verfaſſung ihres Seeweſens. Denn bei ihnen verdingt ſich das Schiffsvolk gewöhnlich auf die Reiſe, ſie mag längere oder kürzere Zeit dauern. Es erhält nur geringe Beköſtigung, iſt aber auch zu keiner Arbeit verbunden, die nicht unmittelbar zur Fortbringung des Schiffes erfordert wird. Dagegen bezahlen die nördlichen Nationen ihre Seeleute monatlich, und reichen ihnen nahrhafte Koſt, zuweilen im Ueberfluſſe; jedoch machen ſie es zum Grundſatze, dieſelben in ſteter Beſchäftigung zu erhalten, wobei die Regierung des Schiffes, die oftmals wenig Arbeit verlangt, als Nebenſache betrachtet wird. Nur auf dieſe Weiſe iſt es möglich, die Beſtandtheile der Schiffe, welche der Vergänglichkeit mehr als andere Dinge unterworfen ſind, in gutem Stande zu erhalten, und überdieß die rohen Matroſen gegen die Ausbrüche regelloſer Leidenſchaften und gegen andere unmoraliſche Handlungen zu verwahren, wozu ſie durch Unthätigkeit und Müßiggang ungleich mehr verleitet werden, als 11 gebildete Menſchen. Leider aber führt die Befolgung dieſer Maßregel häufig zu ſchädlichen Uebertreibungen. Man ermüdet und quält die armen Menſchen ohne Noth, und gibt ihnen manche ganz unniütze, ſelbſt dem Schiffe zum Nach⸗ theil gereichende Arbeiten. Am 21. unterzog man ſich auch auf unſerem Schiffe des Geſchäftes, das Tauwerk zu übertheeren und das Holzwerk neu anzuſtreichen. Die Maſten und Raaen erhielten eine weiße, das innere Holzwerk auf dem Verdeck eine hell⸗ grüne, und die Außenſeite des ganzen Rumpfes eine ſchwarze Farbe mit drei oder vier rothen Streifen. Die geräumige, ſehr bequem und geſchmackvoll eingerichtete Kajüte wurde hellblau, die Leiſten und die Decke derſelben aber weiß angeſtrichen. Der in der Mitte befindlichen großen Tafel, nebſt einer längs den Fenſtern angebrachten feſten Bank, ſo wie den Stühlen, ward eine blaßgelbe Farbe gegeben. Bei dieſer Wahl der Farben wurde die neueſte Mode befolgt, denn auch die Bekleidung der Schiffe iſt dem Wechſel derſelben unterworfen. Die zur Kajüte gehörigen Kammern, ſo wie die der Offtziere, erhielten einen gelben, aſchgrauen oder ſonſt einen Anſtrich, der nicht viel koſtete. Die Matroſenkammer und der Schiffsraum, ſo wie alle übrige Ge⸗ mächer im Innern, auf welche man keine Oelfarbe verwenden wollte, wurden mit Kalk übertüncht. Dieß iſt überhaupt ein vortreffliches Mittel, die auf den Schiffen beſindlichen, oft ſehr läſtigen Holzinſekten zu vertilgen, ſo wie die innere Luft zu erfriſchen.. Am 22. ſegelten wir bei dem Mahlſtrome vorüber. Die wirbelnden Be⸗ wegungen dieſes Gewäſſers ſind nicht immer ſo heftig, als die Beſchreibungen meiſtens ſchildern. Sie ſind es nur zur Zeit der Springfluthen, und werden dann oft von heftigen Wirbelwinden begleitet. In den Zwiſchenzeiten, und beſonders bei gutem Wetter, iſt das Gewäſſer nichts weniger als gefährlich, und wegen der großen Menge Fiſche, die es enthält, ſogar ein anlockender Ort für die Fiſcher der benachbarten Inſeln. Auch heute waren mehr als hundert Boote auf demſelben verſammelt; ſie drehten ſich zwar kreisförmig herum, ſchienen aber ihrem Geſchäft unbeſorgt obzuliegen. Ja, zwei norwegiſche Kauffahrer ſegelten durch den Mittelpunkt des Strudels, ohne daß ſich ihnen irgend ein Hinderniß in den Weg geſtellt hätte. Ueberhaupt zeigen die Nor⸗ weger, welche mit der Beſchaffenheit des Stromes genau bekannt ſind, ſehr wenig Furcht vor demſelben. Am 23., als dem Tage vor Johannis, wurden die oben beſchriebenen Arbeiten, die man auf unſerem Schiffe unternommen hatte, vollendet. Unſere Leute erhielten deßhalb bei guter Zeit die Erlaubniß, Feierabend zu machen. Nur die Ge ſchäftigkeit des Koches dauerte fort, bis er die Plinſen, womit die 12 Leute an heiligen Abenden gewöhnlich bewirthet wurden, fertig hatte. Ihrem frohen Mahle machte erſt die ſpäte Nacht ein Ende. Am 24. ward ich ſchon früh um drei Uhr von dem lebhaften Kanonen⸗ donner, womit man die Feſtlichkeit des heutigen Tages auf allen Schiffen ver⸗ kündigte, aus dem Schlafe geweckt und auf's Verdeck gelockt. Als der Pul⸗ verdampf verflogen war, erblickte ich die ganze Flotte in feſtlichem Glanze, mit Staatsflaggen und mit langen, bis auf das Meer herabhangenden Wimpeln auf den Maſtſpitzen. Ein herrlicher Anblick! Nicht weniger ſchön war das Wetter; kein Wölkchen trübte den Himmel, es wehten gelinde Lüftchen, und die Sonne ſchien bereits ſehr warm. Doch ein allgemeines Scheuern, welches auf dem Schiffe Statt fand, ließ mich dieſen köſtlichen, herzerhebenden Morgen nicht lange genießen, und ſcheuchte mich bald in meine Kammer zurück. Zwar wurde das ganze Schiff jeden Morgen mit Bürſten abgewaſchen, aber an Sonn⸗ und Feſttagen ſcheuerte man die Dielen mit weißen Sandſteinen. In der Kajüte bediente man ſich zu dieſer Arbeit kleiner Steine, auf dem Verdeck aber eines Quaderſteins, der mittels daran befeſtigter Taue hin und her gezo⸗ gen wurde. Um acht Uhr Morgens war das ganze Schiff wieder trocken und— ich ſage nicht zu viel— blendend weiß. Das ſämmtliche Schiffsvolk hatte ſeine alltäglichen, mit Theer beſchmutzten Kleider abgeworfen und feſttägliche blaue Jacken und Hoſen angezogen. Nur der Koch und ſein Gehülfe, der ſo genannte Kochsmaat, waren noch in ihrem beräucherten Küchengewand und beſchäftigt, ein geſchlachtetes Schwein in mancherlei Formen zum Nittageſſen zuzubereiten. Nach dem Frühſtück begab ſich die ganze Mannſchaft in feierlicher Stille auf das Hinterdeck, wo unter einem Sonnenzelte Gottesdienſt gehalten wurde, eine Handlung, die in unſern Tagen auf den Kauffahrern ziemlich abgekommen iſt. Noch vor funfzig Jahren unternahm kein Schiffskapitän eine etwas weite Reiſe ohne Begleitung eines Predigers; jetzt macht man Reiſen nach Oſtindien und den entlegenſten Weltgegenden, ohne an gottesdienſtliche Uebung nur zu denken. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, daß der zehnte Theil der europäiſchen Seeleute nicht einmal confirmirt iſt, und daß noch mehre, wenn ſie dieß auch ſind, ſeitdem nie eine Kirche betreten haben, es müßte denn aus Neugier oder ſonſt aus beſondern Urſachen geſchehen ſein. Ehedem wurde kein Lehrling, der nicht confirmirt war, auf ein Schiff genommen; jetzt iſt ein Alter von zehn Jahren dazu hinreichend. Die Kapitäne nehmen ſie in dieſem Alter am liebſten, weil ſie ſich dann mit leichter Mühe zu geſchickten Seeleuten erzie⸗ hen laſſen; und überdem ſind viele Aeltern froh, wenn ſie der Verpflegung ihrer Kinder ſo bald als möglich überhoben werden. Lehrlinge, welche die Fertigkeiten des gemeinen Matroſen erlangt haben, und Fähigkeit zu höheren Stellen zeigen, unterrichtet man wohl auch in der Steuermannskunſt, aber an Religion wird während der ganzen Zeit ſelten oder nie gedacht. Ja, manche Kapitäne ſind ſogar der Meinung, daß religiöſe Uebungen den Seemann weich⸗ lich und muthlos machen, und daß es beſſer ſei, ihn durch Strenge zur Erfül⸗ lung ſeiner Pflichten anzuhalten. Durch eine ſolche Behandlung ſieht mancher Lehrling ſich genöthigt, von einem Schiffe zu dem andern zu entlaufen, und reift zum Manne, ohne ſich richtige Grundſätze von ſeiner Beſtimmung ver⸗ ſchafft zu haben. Unſer Kapitän machte ſich es ſtets zur heiligen Pflicht, ſeine Leute zum Gottesdienſt anzuhalten. Wenn das Wetter es erlaubte, hielt er jeden Morgen und Abend eine kurze Betſtunde, und las an Sonntagen eine lange erbauliche Predigt vor. Dieß und beſonders die geſchickte Art, wie er den Text auf das Betragen ſeiner Leute anwendete, war ungleich wirkſamer, als die harte, mit Schelten und Fluchen begleitete Behandlung der Matroſen auf andern Schiffen. Er hatte ſtets geſittete, arbeitſame und dennoch uner⸗ ſchrockene Leute. Nach beendigtem Gottesdienſt wurde der Kapitän zum Mittageſſen auf ein anderes däniſches Schiff eingeladen, wohin er ſich, mit mir und ſeinen Söhnen, bei guter Zeit begab. Wir fanden uns von der übertriebenen Rein⸗ lichkeit und der Pracht dieſes Schiffes nicht wenig überraſcht. Außer acht metallenen, glänzend polirten Kanonen waren auch andere Gegenſtände, die anderswo von Eiſen ſind, von polirtem Metall. Das Hinterdeck war mit Tafeln von Eichen⸗ und Ebenholz nach Art eines Damenbretes belegt. Ueber demſelben hatte man ein ſchönes, blau und weiß geſtreiftes Sonnenzelt ausge⸗ ſpannt, und an den Seiten vortreffliche Citronen⸗ und Pomeranzenbäumchen aufgeſtellt. Die Wände der Kajüte beſtanden aus Mahagoniholz, das wie ein Spiegel glänzte; kurz, die ganze Einrichtung zeigte von gutem Geſchmack, von Eitelkeit und Reichthum. Mancher Leſer möchte hierbei wohl die Frage auf⸗ werfen, wozu ſolche Pracht auf einem Schiffe dient, das vielleicht morgen vom Sturme zerſtört, oder gar in den Wellen begraben wird? Allein der Seemann fürchtet dieß ſo wenig, als der Einwohner auf dem Feſtlande beim Ausſchmücken eines Hauſes auf den Gedanken kommt, daß es vielleicht morgen mit allem, was ſich darin befindet, ein Raub der Flammen werden kann.— Auch die Kambüſe(Küche), die auf den meiſten Kauffahrern zur näheren Betrachtung wenig einladet, konnte man nicht ohne Vergnügen ſehen. Sie enthielt nicht nur mancherlei Küchengeräth, womit die Schiffe ſich ſonſt nicht befaſſen, ſon⸗ dern dieſes war auch äußerſt ſauber und in der ſchönſten Ordnung aufgeſtellt. Der Koch, der Kochsmaat und die Kajütjungen, reinlich angekleidet und mit —— — ⸗O———— 14 weißen Vortüchern verſehen, erſchienen in größter Geſchäftigkeit. Die Kunſt, womit die Schiffköche in ihrem beſchränkten Raum die mannichfaltigſten Spei⸗ ſen zuzubereiten wiſſen, zeigte ſich in ihrer ganzen Größe. Neben, über und unter dem Feuer wurde geſotten, gebraten und gebacken, obgleich das Schiff in unaufhörlicher Bewegung war. Da die nähere Beſchreibung einer Schiffküche für manchen Leſer vielleicht intereſſant iſt, ſo will ich ſie hier beifügen. Auf den Kauffahrern befindet ſich die Küche gewöhnlich auf dem obern Deck in der Nähe des großen, zuweilen des Fockmaſtes; aber auf Krieg⸗- und ſehr großen Kauffahrteiſchiffen iſt ſie auf dem Vodertheile des zweiten Decks angebracht. Ehedem beſtand ſie aus einem Heerde von Backſteinen, mit einer hölzernen Bedeckung, um dem Feuer Schutz gegen Wind und Wetter zu geben. Auf jeder Seite befand ſich ein Schiebfen⸗ ſter, das nach Beſchaffenheit des Windes geöffnet und geſchloſſen werden konnte, und durch welches das Kochgeſchäft verrichtet wurde. Dieſe Einrich⸗ tung hatte das Unbequeme, daß bei ſtürmiſchem Wetter kein Keſſel über dem Feuer erhalten werden konnte, und daß der außen ſtehende Koch, weil er ſtets mit Feſthaltung der Kochgeſchirre beſchäftigt war, jeder anprallenden Welle ſeinen Rücken geduldig hinhalten mußte. Aber ſeit einiger Zeit hat man be⸗ quemer eingerichtete Küchen, gewöhnlich engliſche genannt, faſt allgemein einge⸗ führt. Es ſind ofenartige, auf Füßen ruhende Maſchinen von Eiſen. Ihre Breite beträgt höchſtens vier oder fünf Fuß, gewöhnlich aber weniger. Der vordere Theil gleicht vollkommen einem engliſchen, zur Steinkohlenfeuerung eingerichteten Kamin, und iſt zum Kochen für die Kajüte beſtimmt. Die dazu gehörigen Keſſel können leicht ſo geſetzt werden, daß ſie auch bei der heftigſten Bewegung des Schiffes feſt ſtehen. Der hintere Theil beſteht aus zwei oder drei großen, unbeweglichen Keſſeln, die zum Kochen der Speiſen für das Schiffsvolk dienen. Das Feuer unter dieſen Keſſeln wird von der Kaminſeite gemacht. Unter dem Feuerplatze befindet ſich eine Röhre, welche zum Braten, Backen und, da ſie ſtets heiß iſt, zu vielen andern Zwecken benutzt wird. Das Ganze umgibt eine bedeckte, rund umher zwei bis drei Fuß abſtehende hölzerne Einfaſſung, die mit Blech ausgeſchlagen und auf jeder Seite mit einer Thür zum Auf⸗ und Zuſchieben verſehen iſt. Die Dielen innerhalb und neben der⸗ ſelben ſind gewöhnlich mit Bleitafeln belegt. Bei dieſer wohlberechneten Ein⸗ richtung iſt das Geſchäft eines Kochs nichts weniger als beſchwerlich; er hat ſein ganzes Küchengeräth in der Nähe, iſt gegen Kälte und Näſſe geſchützt, und wird daher nicht ſelten von den draußen ſtehenden Matroſen beneidet. 8 Wir hatten auf dem Verdeck ſchon lange verweilt, ehe Jemand, die Matroſen ausgenommen, zu unſerer Bewillkommnung herbei kam. Endlich er⸗ 15 ſchien der Kapitän, ein junger Mann von ſo viel Feinheit im Umgange, als man bei Seeleuten ſelten antrifft, und hinter ihm ſeine Gattin, ein junges geiſtvolles Weib, die Schöpferin aller der uns umgebenden Herrlichkeiten und das Glück ihres zärtlichen Gatten, der den heutigen Tag zur Feier ihres neun⸗ zehnten Geburttages beſtimmt hatte. Sie war die Tochter eines reichen Pflan⸗ zers auf St. Thomas, hatte ihre letzte Erziehung in Kopenhagen erhalten, und war mit ihrem Gatten, dem Kapitän, der ſie wieder zurückbrachte, auf der Reiſe bekannt geworden. Man ſieht hieraus, daß auch die Schiffe Gelegenheit zu Heirathſtiftungen darbieten. Ja, im letzten Kriege waren die Seereiſen für heirathluſtige Britin⸗ nen oft das einzige Mittel, zum Ziel ihrer Wünſche zu gelangen. Sie reiſ'ten nach dem Mittelmeer, nach Nordamerika und andern Gegenden, wo ein Theil ihrer Landsleute verſammelt war, und— hatten faſt immer das Glück, als Weiber oder Bräute heimzukehren. Mit dem Glockenſchlage Zwölf ſtrömte die übrige eingeladene Geſellſchaft herbei, zehn oder eilf Kapitäne von verſchiedenen Nationen, die zum Theil ihre Familie und ihre Paſſagiere bei ſich hatten. Sie erſchienen mit einem Ge⸗ pränge, wie es die Feſtlichkeit des Tages, der Nationalſtolz oder auch die Eitel⸗ keit gebot. Man hatte die Sitze der Boote mit Flaggen, koſtbaren Decken oder mit Teppichen belegt, und die anſehnlichſten und geſchickteſten Matroſen zum Rudern ausgeſucht. Unter allen ankommenden Gäſten zeichneten ſich die Schwe⸗ den, ob ſie gleich am einfachſten gekleidet waren, am meiſten aus; denn ihre Ruderer brachten ſie mit denſelben Förmlichkeiten, die von den Matroſen der Kriegſchiffe beim Fahren der vornehmſten Perſonen beobachtet werden. Schon von weitem erregten ſie durch taktmäßige, langſam und feierlich auf einander folgende Ruderſchläge unſere Aufmerkſamkeit. Als ſie ſich dem Schiffe näher⸗ ten, machten ſie einen weiten Bogen, hoben dann, von ihren Sitzen aufſprin⸗ gend, die Ruder ſchnell in die Höhe(eine Ehrenbezeugung, welche dem Präſen⸗ tiren des Gewehrs beim Militär entſpricht), und hielten endlich in dieſer Stellung ehrerbietig und mit entblößtem Haupt vor der Treppe ſtill, bis ihr Kapitän und ſeine Begleiter das Verdeck erreicht hatten. Ueberhaupt beweiſen die ſchwediſchen Seeleute ihren Vorgeſetzten eine faſt ſklaviſche Ergebenheit, die freilich oft ſehr auffallend iſt, und andern Seeleuten Anlaß zu Spöttereien gibt. Ein Hauptgegenſtand ihres Spottes war früher der auf den ſchwediſchen Schiffen eingeführte Gebrauch, daß die Matroſen, ſo oft ſie friſche Fleiſchſuppe (stor suppa, d. i. große Suppe, von ihnen genannt) erhalten hatten, ſich in zwei Reihen vor dem Eingang der Kajüte aufſtellten, und dem Kapitän in den demüthigſten Ausdrücken ihre Dankbarkeit bezeigten. 16 Die Frauen wurden bei ihrer Ankunft auf einem beſondern für ſie einge⸗ richteten Seſſel, mittels eines an der großen Raa befindlichen Takels, aus dem Boote auf's Verdeck gezogen; das gewöhnliche Verfahren, um ihnen das ge⸗ fährliche und den Wohlſtand verletzende Beſteigen der ſteilen Schiffstreppe zu erſparen. Nachdem die Gäſte ſich verſammelt und einige Zeit in der Kajüte verweilt hatten, beſchloſſen ſie einſtimmig, auf dem Verdecke zu ſpeiſen; denn das Réaum. Thermometer ſtand in den Mittagſtunden auf 31 Gr., und die Hitze war in der Kajüte, wo ſie durch die vielen Menſchen noch vermehrt wurde, ſo unerträglich, daß man nach friſcher Luft ſchmachtete. Die in der Kajüte vor⸗ gerichtete Tafel wurde deßhalb wieder abgeräumt, und unter das Sonnenzelt gebracht, wo ſie nach wenig Minuten von neuem geordnet da ſtand. Das Tafelzeug war ſehr geſchmackvoll und theils von Silber. Schon lud die auf⸗ getragene Suppe zum Platznehmen ein, da zeigte ſich erſt die Schwierigkeit, wie man die Geſellſchaft mit Sitzen verſorgen ſollte; denn die feſten Polſter⸗ bänke der Kajüte fielen nun weg, und mit Stühlen ſind die Schiffe ſelten in großer Anzahl verſehen. Man ſuchte ſich jedoch mit Fäſſern, Waſſereimern und andern paſſenden Geräthſchaften zu behelfen, bis der Zimmermann in der Geſchwindigkeit eine Bank verfertigt hatte. Die Bewirthung war wirklich glänzend, und die Unterhaltung der Gäſte wurde bald ſo traulich, daß man glaubte, ſie wären ſchon lange mit einander bekannt, und dennoch hatte faſt keiner den andern zuvor geſehen. Ueberhaupt ſind die Seeleute gute Geſellſchafter; ihre Geſpräche ungezwungen, lebhaft und oft voll treffenden Witzes. Man lacht, ſcherzt und vertreibt ſich die Zeit auf die angenehmſte Weiſe. Manchen Stoff zum Lachen gaben heute die kleinen Neckereien, welche die Meereswogen, des ſchönen Wetters ungeachtet, verübten. Bald hoben ſie das Hinter⸗ bald das Vordertheil, bald die rechte bald die linke Seite des Schiffes in die Höhe, und dann rutſchte die ganze Geſellſchaft, ihr Geſchirr feſt haltend, mit dem Tiſche hin und her. Auf andern Schiffen würde man der Sache durch das Annageln des Tiſches bald abgeholfen haben, aber hier mußte dieß, weil der Fußboden koſtbar getäfelt war, unterbleiben. Da ſich in der Geſellſchaft einige Engländer befanden, welche mit fremden Sprachen nicht bekannt waren, ſo führte man während der Mahlzeit die Unter⸗ haltung in engliſcher Sprache, die ohnehin den Seeleuten der nördlichern Völker geläufig iſt. Aber nach Beendigung des Mahles, wo die Gäſte ſich in einzelne Gruppen theilten, wurde deutſch, engliſch, däniſch, ſchwediſch und holländiſch, alles durch einander geſprochen. Man trank Wein und aß Südfrüchte bis zur Thee⸗ zeit, und froher Scherz und launige Erzählungen belebten die ganze Geſellſchaft. 17 Nach genoſſenem Thee wurde die Unterhaltung wieder allgemein. Ein deutſcher Kapitän ließ ſeine Guitarre und ein ſchwediſcher ſeine Flöte holen. Kleine Konzerte wechſelten nun mit Geſellſchaftſpielen; denn das Kartenſpiel iſt glücklicher Weiſe von den Schiffen ganz verbannt. Dieſe Beluſtigungen würden wahrſcheinlich bis in die ſpäte Nacht fortge⸗ dauert haben, wenn nicht ein eben ſo ſeltſamer als unangenehmer Vorfall die Geſellſchaft bei guter Zeit zum Aufbruch veranlaßt hätte. Während wir uns noch Alle lachend und erzählend an Deck umhertrieben, nahm ein großer weib⸗ licher Affe, den man im Schiffe hielt, das vierteljährige Kind des Kapitäns aus dem Bette, und ſprang damit auf das äußerſte Ende des Bugſpriets. Die Mutter des Kindes, welche ihn zuerſt bemerkte, lief wie wahnſinnig hinter ihm her, ſtürzte aber vom Bugſpriet hinab in das Meer. Allerdings wurde ſie von den zahlreich verſammelten Booten augenblicklich gerettet und wieder an Bord gebracht, bald nachher fiel ſie aber vor Angſt in Ohnmacht, und erholte ſich erſt wieder, als der Vater das Kind unverſehrt an ihre Bruſt legte. Der Affe gab indeß einen ſehr auffallenden Beweis nicht nur von affen⸗ artiger Liſt, ſondern auch von Verſtand und Gefühlen, die an das Menſchliche gränzen. So oft Jemand ſich ihm näherte, machte er Miene, mit dem Kinde an den Stagen in die Höhe zu klettern, oder drohte es über Bord zu werfen; wich man aber wieder zurück, ſo liebkoſ'te er es, und ſuchte ſein Schreien zu beſänftigen. Man war daher genöthigt, vom Verfolgen abzuſtehen, und in einiger Entfernung dem Ausgang der Sache mit banger Furcht entgegenzuſehen; nur wurden die Boote vor den Bug hin beordert, dem Kinde, wenn es in's Waſſer fiele, ſchleunig Hülfe leiſten zu können. Das Thier nahm ſodann eine ſitzende Stellung an, legte das Kind, das es bisher in den Armen gehalten hatte, auf ſeinen Schooß, und überließ ſich nun aller der Zärtlichkeit, die das weibliche Geſchlecht für junge Weſen fühlt, und die ſich beſonders durch eine gewiſſe Liebe, mit ihnen zu tändeln, äußert. Es drückte das Kind an ſich, legte ſein Maul an deſſen Wangen, zupfte es an der Naſe, und zeigte ſich uner⸗ ſchöpflich an den Abwechſelungen ſeines Spiels, während das Kind lächelte und Wohlbehagen verrieth. Endlich ſtand es wieder auf, drückte das Kind noch einmal an ſich, legte daſſelbe vorſichtig in das Stagſegelnetz(wo man es ſogleich abholte), und kletterte mit unglaublicher Behendigkeit auf die äußerſte Spitze des Fockmaſtes. Ich bin überzeugt, es würde das Kind auf ſein Bett zurückgetragen haben, wenn es nicht gefürchtet hätte, auf dem Wege dahin er⸗ griffen und gemißhandelt zu werden. Dieſer Affe war übrigens ungewöhnlich muthwilliger Natur, und ſeine Ränke kamen dem Kapitän oft ſehr theuer zu ſtehen. Unter andern war er ein⸗ Richter's Reiſen, I. 2 18 mal über deſſen Geldkaſten gerathen, hatte ein Goldſtück nach dem andern weg⸗ genommen und zum Fenſter hinaus geworfen, um ſich am Flimmern des unter⸗ ſinkenden Metalls zu ergötzen. Beim Ueberzählen des Geldes hatte man gegen zwanzig Stück vermißt. Leichtfertige Streiche von geringerer Bedeutung ver⸗ übte er täglich. Der Koch mußte bei Zubereitung der Speiſen ſtets auf der Hut vor ſeinen Diebereien ſein, und die Matroſen durften nichts von ihren Geräthſchaften umher liegen laſſen, wenn ſie es nicht der Gefahr ausſetzen wollten, von dem neckiſchen Thier fortgeſchleppt, oder gar über Bord geworfen zu werden. Bei ſtürmiſchem Wetter löſ'te er bisweilen die Bänder der zuſam⸗ mengeſchnürten Segel, ſo daß dieſelben, ehe man ſich's verſah, auseinander flogen, und nur mit Mühe wieder aufgerollt und befeſtigt werden konnten. Trotzdem war die Nachſicht des Kapitäns gegen dieſes Thier ſo groß, daß er es nach wie vor im vollen Beſitze ſeiner Freiheit ließ. Ueberhaupt gehört eine ungewöhnliche Liebe zu Thieren unter die Eigenheiten aller Seeleute. Der roheſte Matroſe liebkoſ't und pflegt die Hunde, Katzen und alle Thiere ſeines Schiffs mit eben ſo großer Zärtlichkeit, als das ſanfteſte Mädchen ſeine Haus⸗ thiere. Aber auch die Anhänglichkeit der Thiere an den Menſchen beweiſßt ſich auf der See ungleich ſtärker, als auf dem Lande. Die Unwirthbarkeit des Ele⸗ mentes ſcheint Menſchen und Thiere feſter an einander zu ketten, wie jedes Thier bei'm Ueberſturz einer Welle ſich an den Menſchen ſchmiegt, als ob es Schutz von ihm erwarte! 3. Johannisfeuer. Milde des Klima's an den norwegiſchen Küſten. Das friſche Waſſer auf dem Schiffe verdirbt— Urſachen davon und Mittel dem Uebel abzuhelfen. In der Gegend des Nordcaps Sturm und heftige Regengüſſe— das Schiff wird zurückgetrieben. Mittel, wodurch die Seeleute den Mangel trockner Kleider erſetzen. Wie ſie das Regenwaſſer gebrauchen, und welchen Werth das friſche bei ihnen hat. Das Schiff läuft in eine Bai der Inſel Sennien ein. Lage der Bai. Spaziergang am Lande. Sonderbare Beſchaffenheit des Strandes. Die Wohnungen einiger norwegiſchen Fiſcher— einige Eigenſchaften derſelben. Lappländiſche Fiſcher— ihre Verſchiedenheit von den norwegiſchen— Be⸗ ſchreibung ihrer Hütten. Die Trunkenheit ein Fehler aller Lappländer. Unſere Aufnahme beim Kauf⸗ mann Schytte. Allgemeine Bemerkungen über die norwegiſchen Kaufleute in Lappland. Um Nitternacht bemerkte ich, daß auch in dieſen nördlichen Gegenden der Gebrauch, Johannisfeuer anzuzünden, beobachtet wird; denn längs der ganzen Reihe der Lofodener und Weſteraalener Inſeln ſtiegen dicke Rauchwolken von den Felſenſpitzen auf. Aber die Feuer ſelbſt, die in der finſtern Nacht der ſüd⸗ lichern Himmelsſtriche einen vortrefflichen Anblick gewährt haben würden, waren, da die Sonne in dieſer hohen Breite in einem hellrothen Feuer am Horizonte glänzte, größten Theils unſichtbar. 19 Mit dem Eintritt in den 70. Gr. nördl. Br., was am 27. Statt fand, wurde der Wind, der noch immer weſtlich war, ſehr heftig; er legte ſich aber, ſobald die Sonne gegen Weſten hinab ſank. Während ſie um Mitternacht am nördlichen Horizonte dahin glitt, genoß die ganze Natur dieſelbe Ruhe, wie in ſüdlichen Himmelsſtrichen, und wenn ſie im Oſten wieder emporſtieg, ſo kehrte, wie dort, neues Leben in die wieder erwachte Natur zurück. Die Milde des Klima's, die dieſe Gegend bis zum Nordeap hin genießt, iſt im Vergleich mit andern in gleicher Breite gelegenen Gegenden unbegreiflich. Die Sonne war mehre Tage ungetrübt auf ihrem ganzen Kreislaufe zu ſehen; die Wärme ſtieg des Mittags bis auf 26 oder 28 Gr. Réaum., und fiel in der Nacht nicht unter 10 herab. Der anhaltenden Wärme, glaube ich, war es hauptſächlich zuzuſchreiben, daß unſer friſches Waſſer ſchon jetzt in Fäulniß gerieth. Die üble Beſchaffen⸗ heit des Emdener Waſſers an ſich mochte wohl auch viel dazu beitragen; denn es läßt ſich nie lange gut erhalten, während das Waſſer der Elbe, der Themſe und mehrer anderen Flüſſe Jahre lang unverdorben bleibt, ja oft nach Verlauf dieſer Zeit an Klarheit und Wohlgeſchmack gewinnt. Wir ſuchten es jedoch zu verbeſſern, indem es durch den Filtrirſtein geläutert wurde. Dieß iſt ein keſſel⸗ förmiger, auf einem hölzernen Geſtell befeſtigter Sandſtein, durch den das ein⸗ geſchüttete verdorbene Waſſer, wo nicht vollkommen ſüß, doch klar wieder her⸗ aus tropft. Da dieſes Geſchäft aber ſehr langſam vor ſich geht, ſo reichte das dadurch gewonnene Waſſer kaum für die Bewohner der Kajüte hin. Die Ma⸗ troſen halfen ſich dadurch, daß ſie das Waſſer vor dem Genuſſe abkochten, und einen glühenden Feuerbrand hinein warfen, der es zwar nicht völlig wohl⸗ ſchmeckend, aber genießbar macht. Auf großen, zu weiten Reiſen beſtimmten Schiffen hat man zuweilen auch einen Deſtillirkeſſel, wodurch das verdorbenſte Waſſer und, im Nothfall, auch Seewaſſer zu einem geſunden, wohlſchmeckenden Getränk umgeſchaffen wird; doch iſt die dadurch erhaltene Menge zur Befriedigung einer ganzen Mannſchaft ſelten hinreichend. 3 Indeſſen bleibt das Waſſer, welches einmal übelriechend geworden iſt, nicht für immer verdorben, ſondern verändert ſeine Eigenſchaft mehrmals— dreimal, wie der Seemann behauptet— bevor es völlig unbrauchbar wird. Denn nachdem es eine Zeit lang im Zuſtande der Fäulniß gegohren hat, ſetzt es alle unreinen Theile, indem ſie ſich wie Schleim an den Fäſſern anlegen, ab, und erlangt ſeine vorige Güte wieder, bis von neuem Urſachen eintreten, die es verderben. Viele Seeleute ſehen als die Urſache der ſchnellen Verderbniß des Waſſers 2* 20 das darin befindliche Gewürm an, welches, wie ſie ſagen, in einem verſchloſſenen Faſſe, aus Mangel an friſcher Luft, ſtirbt und in Verweſung übergeht. Um das Waſſer daher mit der äußern Luft in Verbindung zu erhalten, und es zu⸗ gleich vor allzu ſtarken Auslaufen und vor den Mücken und audern Inſekten, die ihre Eier darin abſetzen, zu verwahren, pflegen ſie die Fäſſer gar nicht zu perſpünden, ſondern Stücke Blech, die mit ſehr kleinen Oeffnungen verſehen ſind, über die Spundlöcher zu ſchlagen. Durch Befolgung dieſer Maßregel bleibt das Waſſer in einem erträglichen Zuſtande. Ich habe jedoch häufig ge⸗ funden, daß dasjenige, welches in gut zugeſpündeten Fäſſern in den Ballaſt eingegraben wird, ſeine gute Beſchaffenheit— nachdem es die erſte Gährungs⸗ periode durchlaufen hat— am längſten behält. Auf engliſchen Transportſchif⸗ fen, wo man immer mit einem außerordentlichen Waſſervorrathe verſehen iſt, ſind mir Fälle vorgekommen, daß Waſſer, welches drei und mehr Jahre lang unter dem Ballaſt gelegen hatte, ſelbſt das friſch geſchöpfte an Güte übertraf. In neuerer Zeit hat man übrigens große eiſerne Reſervoire auf den Schiffen angebracht. In dieſen, die feſt verſchloſſen ſind, hält ſich das Waſſer ganz aus⸗ gezeichnet. 2 Einige Seeleute glauben die Güte ihres Waſſers dadurch zu erhalten, wenn ſie eine Zwiebel, einen Apfel und andere dergleichen Dinge in die Fäſſer hängen; eine Meinung, die ſich wohl mehr auf Aberglauben, als auf Wahrheit gründet. In vielen Seeſtädten, wo man in jeder Rückſicht bereit iſt, dem Seemann für ſein Geld gefällig zu ſein, werden allerhand Mittel unter dem Namen „Waſſerpräſervative“ verkauft. Allein, die meiſten ſind ganz unwirkſam, oder gar der Geſundheit höchſt nachtheilig, nichts als gewöhnliches Limonadenpulver, Cremortartari u. dgl., bisweilen aber auch mit Queckſilber, Spießglas und andern ſchädlichen Dingen vermiſcht. Am 30. früh um drei Uhr, zu welcher Zeit wir das Nordeap in einer Entfernung von 10 Meilen vor uns hatten, erhob ſich von Nordoſten ein ſtür⸗ miſches, mit heftigem Regen begleitetes Wetter. Da der Regen mit bewun⸗ dernswürdiger Kraft das Meer ebnete, ſo machten wir Anfangs durch Laviren noch immer beträchtliche Fortſchritte. Aber nach wenig Stunden wuchs der Wind dermaßen an, daß man die größern Segel einziehen und vor einigen kleinern beilegen mußte. Die ſämmtlichen Schiffe wurden bald zerſtreut, und das unſrige von allen übrigen getrennt und raſch zurückgetrieben. Am 1. Juli fielen unter fortwährendem Stürmen ſo heftige und anhal⸗ tende Regengüſſe, daß das Waſſer in Strömen von den Segeln über das Ver⸗ deck hinrauſchte. Unſere Leute hatten bald kein trocknes Kleidungſtück zum 34 21 Wechſeln übrig; doch erhielten ſie ſich friſch und munter, indem ſie ihre Kleider dann und wann in die See tauchten und, wohl ausgerungen, wieder anzogen. Das Seewaſſer theilt dem vom Regen erſtarrten Körper eine ſo wohlthuende Wärme mit, als trockne Kleider. Mit großer Emſigkeit wurde das Regenwaſſer aufgefangen und in Fäſſer gefüllt. Zwar kann dieſes, da es beim Herablaufen am Tauwerk einen theerigen Geſchmack bekommt, nicht füglich zum Trinken gebraucht werden; aber um ſo willkommner iſt es zum Waſchen, weil das Seewaſſer keine Seife annimmt, und man mit dem friſchen, wenn es auch in noch ſo großem Ueberfluſſe vor⸗ handen wäre, äußerſt ſparſam umgeht; ja, die Seeleute legen ihm häufig einen ſo hohen Werth bei, als dem Brode, und würden ſich's zur Sünde anrechnen, wenn ſie es zu einem andern Zweck, als zum Trinken und Kochen gebrauchen wollten. Am 3. waren wir durch den fortwährend ungünſtigen Wind bereits 20 Meilen weit zurückgeworfen worden, als ein norwegiſcher Fiſcher ſich von der nahen Inſel Skiböe zu unſerem Schiffe wagte, und es in einen bequemen Nothhafen zu lootſen verſprach. Er führte uns noch 7 bis 8 Meilen weiter zurück, in eine Bai an der Nordweſtküſte der Inſel Sennien, wo wir Nachmit⸗ tags um vier Uhr vor Anker gingen. Dieſe Bai war, obſchon der übrige Theil der Inſel einige bewohnte Flecken enthält, noch vor wenig Jahren völ⸗ lig öde und hatte keinen Namen. Jetzt führt ſie den Namen Schytte's Fiord, ſeitdem der Kaufmann Schytte aus dem ſüdlichen Norwegen ſich hier nie⸗ dergelaſſen und eine Menge lappländiſcher und norwegiſcher Fiſcher herbei⸗ gezogen hat. Zum Aufenthalt für Fiſcher und Zufluchtsort für Schiffe iſt dieſe Bai ganz vorzüglich geeignet, da ſie, frei von Sandbänken und Klippen, am offenen Meere liegt. Der Fiſcher bedarf nur wenig Zeit, um ſich mitten in der fiſch⸗ reichſten Gegend zu befinden, und oft, beſonders zur Laichzeit, kommen die Fiſche ſchaarenweiſe bis in die Nähe ſeiner Hütte; ein großer Vorzug vor vie⸗⸗ len andern Fiſcherplätzen an den lappländiſchen und norwegiſchen Küſten, wo man ſich durch vielfache Reihen von Klippen, die gewaltige Strömungen ver⸗ urſachen, Meilen weit durcharbeiten muß, um das offene Meer zu erreichen. Die Schiffe können, ohne beſondere Kenntniß der Gegend, ſtets ungehindert einlaufen, ſo daß auch wir keines Lootſen bedurft hätten. Dieſe Bai wird von zwei Reihen hoher und ſteiler Felſen gobilde die ſich anderthalb Meilen weit in die See erſtrecken. Sie gewähren Schutz gegen alle Winde, nur gegen nordyeſtliche nicht, für die ein breiter Eingang offen ſteht. Bei ſolchen Winden iſt daher der Andrang des Meeres gewaltig; die Fiſcher 22 müſſen ihre Boote an den Strand ziehen, und die Schiffe das hohe Meer ſuchen, um nicht zu ſcheitern. Wir fanden einige fremde Fiſcherfahrzeuge, welche, wie wir, eingelaufen waren, um ſich vor dem übeln Wetter zu bergen. Uebrigens hatte die ganze Landſchaft ein ſehr ödes Anſehen, und ſchien ein bloßer Aufenthalt der Möwen und Seeſchwalben zu ſein, die an den kahlen Felſen umherflatterten. Doch bald erhoben ſich im Hintergrunde der Bai dicke Rauchwolken, die das Daſein von Menſchen verkündigten, und uns in ſofern einen erfreulichen Anblick ge⸗ währten. Späterhin, als der Himmel etwas heiter geworden war, zeigten ſich in jener Gegend einige Erdhügel, die man für menſchliche Wohnungen erkannte, obſchon die Bewohner, weil es noch anhaltend regnete, unſichtbar blieben. Da das Wetter in der darauf folgenden Nacht ſich völlig aufklärte, der Wind aber, wenn auch minder heftig, noch immer von Nordoſten wehte, ſo er⸗ hielten unſere Matroſen ſehr frühzeitig Befehl, die Waſſerfäſſer zu leeren, und an einer aus den Felſen hervorſpringenden Quelle von neuem zu füllen. Ich ſelbſt machte mich ſchon früh mit meinen Zöglingen auf, das Land in Augenſchein zu nehmen. Wir ließen uns unfern vom Schiffe an den Strand ſetzen, und wanderten an den Felſen hin landeinwärts. Die äußerſten Felſen beſtehen ganz aus Glimmerſchiefer; die Höhlen und Spalten derſelben hallten von dem Geſchrei der Eidervögel wieder, welche ſich hier in großer Anzahl aufhalten, weil ſie nie beunruhigt werden. Tiefer im Lande ſind die Beſtandtheile der Felſen gemiſchter, und zeichnen ſich beſonders durch häufig hervorſchießende Lagen von blauſtreifigem Marmor aus. Der Strand längs der Bai iſt ein ſehr bemerkenswerther Gegenſtand. Er beſteht aus zerbrochenen, blendend weißen Muſchelſchalen, die das Meer an den abſchüſſigen Felſen aufgeſchichtet hat. Die obern Schichten ſind größten Theils zu Einer Maſſe verſteinert, und an einigen Stellen mit einem kalkarti⸗ gen Ueberzuge bedeckt. Die ganze Bai ſcheint nach und nach damit angefüllt; zu werden. Da das Meer gerade zu dieſer Zeit ſehr unruhig war, wodurch auch das Waſſer der Bai in ſtarke Bewegung gerieth, ſo konnte ich deutlich wahr⸗ nehmen, wie die Muſchelſtückchen von den Wellen herbeigeführt und ſtreifenweiſe abgeſetzt werden. Eine ſolche Vergrößerung der Küſten durch Mrſchelhänkt wird nicht nur um ganz Sennien, ſondern auch faſt überall in der Nachbarſchaft bemerkt, hauptſächlich im Tromſund und bei Tromſöe. Dieß ſpricht übrigens für die Behauptung, daß die See um Nordland und Finnmarken ſinkt oder daß dieſe Länder ſich erheben; denn die oberſten Schichten liegen gegen hundert Fuß über dem Waſſer, und können in keinem Falle von demſelben erreicht werden. 23 Wir ſtießen bald auf einige von den Hütten, die uns am Tage zuvor in der Ferne zu Geſicht gekommen waren. Die darin wohnenden norwegiſchen Fiſcher luden uns gutmüthig ein, bei ihnen auszuruhen. Dieſe Hütten, welche den Backöfen in unſern Dörfern ähnlich ſehen, bil⸗ den runde, von Lehm aufgeworfene Hügel, oben mit einer Oeffnung, den Rauch durchzulaſſen, und unten mit einem Eingang, deſſen Thür, ſo oft man ſie auf⸗ macht, von ſelbſt wieder zufällt. Aber trotz des wenig verſprechenden Aeußern iſt das Innere nicht ohne Bequemlichkeit, und durch hölzerne Verſchläge in drei oder mehre kleine Gemächer abgetheilt. Das vorderſte und größte, welches zur Küche und zur Wohnſtube dient, hat die Geſtalt eines Halbkreiſes und erhält durch die Rauchöffnung hinreichendes Licht. Der Thür gegenüber beſindet ſich ein gemauerter Heerd; an den mit Bretern bekleideten Wänden ſtehen Tiſche und Bänke, und auf den darüber angebrachten Simſen wird das Koch⸗ und Eßgeſchirr aufgeſtellt. Die übrigen, zu Schlaf⸗ und Vorrathskammern beſtimm⸗ ten Gemächer liegen hinter der Wohnſtube, und ſind außer den Thüren, die aus dieſer Stube dahin führen, mit keiner Oeffnung, um Licht und Luft einzulaſſen, verſehen, was während des langen Winters großen Vortheil gewährt. Die Familien fand ich überall zahlreich, in jeder Hütte ſechs bis acht Kinder. Die Volksmenge würde daher in kurzem ſehr zunehmen, wenn nicht das männliche Geſchlecht ſich ausſchließlich mit der Fiſcherei beſchäftigte. Denn ſelten ſtirbt ein ſolcher Fiſcher auf dem Lande, und die meiſten werden ein Raub der Wellen, ehe ſie ein reifes Alter erlangt haben. Ueberdem leiden die Bewohner dieſer nördlichen Gegenden häufig an ſcorbutiſchen Krankheiten. Das weibliche Geſchlecht, welches von dem männlichen mit großer Scho⸗ nung behandelt wird, hat größten Theils ein ſehr angenehmes Aeußeres— eine ungewöhnlich weiße Geſichtsfarbe, rothe Wangen, blaue Augen, hellbräun⸗ liche Haare und einen ſchönen ſchlanken Wuchs. Bei den Männern findet man zwar dieſelben äußern Kennzeichen, aber ſie werden, durch beſchwerliche Arbeit und durch den häufigen Genuß des Branntweins, in einem frühen Alter ent⸗ ſtellt; doch bleibt ihnen ein edler, unerſchrockener Blick und ein nerviger Kör⸗ per, deſſen Größe meiſtens die mittle übertrifft. Ihre Bruſt, die ſie im Sommer unbedeckt laſſen, iſt ſo ſtark mit Haaren bewachſen, daß man ein Bärenfell zu erblicken glaubt. Beide Geſchlechter tragen Kleider von braunem wollenen Zeuge. Die Kopfbedeckung der Weiber beſteht in einem bunten Tuche, das ſie auf eine be⸗ ſondere Art um die Haare winden. Die Stiefeln der Männer, die einen vor⸗ züglichen Theil ihres Vermögens ausmachen, und da ſie gut gehalten werden, 24 oft die ganze Lebenszeit dauern, reichen bis über die halben Schenkel, und ſind ſo weit, daß ſie im Winter ganz mit Moos ausgeſtopft werden können. Ihre Koſt beſteht einzig in Fiſchen und Brod, wozu ſie mit Mehl durch den Kaufmann Schytte verſorgt wurden. Zahme Hausthiere zu halten und Gemüſe zu erbauen ſind ſie nicht im Stande; denn obſchon das Innere der Inſel gute Viehweiden und fruchtbaren Boden beſitzt, liegen doch ſolche Ge⸗ genden zu weit von ihren Wohnungen an der Küſte, und letztere iſt durchaus felſig und unfruchtbar. Nachdem dieſe Norweger unſere Neugierde, ihre Wohnungen zu beſehen, auf die gefälligſte Weiſe befriedigt hatten, gab einer uns das Geleit nach dem Hauſe des Kaufmanns Schytte, dem ich einen Beſuch zu machen wünſchte. Auf dem Wege dahin, der längs der Bai immer tiefer in das Land führte, ſah ich die erſten Lappländer, Fiſcherfamilien, die in einer kauernden Stellung vor ihren Hütten ſaßen, und unter lebhaften Plaudern Netze fertigten. Das Anſehen der Lappländer iſt von dem der Norweger auffallend ver⸗ ſchieden. Es ſind kleine ſtämmige Leute mit breiten Schultern und hoher Bruſt, langen Armen, kurzen dünnen Beinen und kleinen Füßen; ſie haben eine braungelbe Farbe, ein plattes Geſicht mit ſtark hervorſtehenden Backen⸗ knochen, kleine ſchwarze Augen, einen großen Mund mit kleinen bleichen Lippen, abſtehende große Ohren und ſchwarze borſtenartige Haare. Sie beſitzen eine große Lebhaftigkeit, die ſich beſonders durch unerſchöpfliche, mit vielen Geber⸗ den begleitete Geſchwätzigkeit äußert. Uebrigens liegt in ihrem Blick und in ihren Mienen etwas Abſchreckendes. Unter dem weiblichen Geſchlecht ſah ich jedoch Geſichter, die nicht unangenehm waren, was auch die Mädchen zu wiſſen ſchienen, indem ſie ſich geziert und gefallſüchtig benahmen. Die Kleidung der lappländiſchen Fiſcher iſt dieſelbe, wie die der norwegi⸗ ſchen, nur daß die Weiber Mützen von buntem Sarſche tragen. Da jene Lappländer ſtets unter den Norwegern lebten und mit ihnen Verkehr hatten, ſo ſetzte ich voraus, daß ſie die norwegiſche Sprache und folg⸗ lich auch die däniſche Mundart verſtehen müßten; allein ſie belachten jede Frage, die wir an ſie richteten, ohne darauf zu antworten, als ob wir ſie in einer ganz fremden Sprache angeredet hätten. Ich erfuhr indeſſen nach der Zeit von Herrn Schytte, daß die Lappländer in ſeiner Nachbarſchaft recht gut norwegiſch ſprächen, wenn ſie nämlich zum Verkauf ihrer Fiſche oder in andern Angelegenheiten zu ihm kämen. In keinem andern Fall mögen ſie ſich aber dazu verſtehen; denn ſie haſſen die Norweger, von denen ſie gleichwohl gezwun⸗ gen ſind, ihre Bedürfniſſe zu kaufen. Ihre Hütten gleichen äußerlich den oben beſchriebenen, nur daß ſie nach — 25 einem kleinern Maßſtabe gebaut ſind. Das Innere derſelben in der Nähe zu betrachten, erhielt ich, weil die Bewohner ſo zurückhaltend gegen uns waren, keine Gelegenheit; aber ein einziger Blick durch die geöffneten Thüren zeigte mir ſo viel, als ich brauchte, um mir eine richtige Vorſtellung von ihrer innern Einrichtung zu machen. Sie beſtehen aus einem einzigen Gemach, und ſcheinen der Aufenthalt der Armuth und des Elends zu ſein. In der Mitte liegt ein Haufen Steine, welcher die Stelle des Heerdes vertritt, und worauf irdene Schüſſeln und Töpfe ſtehen. An der Wand hängt Fiſchergeräth, und auf dem Fußboden ſind Kleider und Felle, die zum Nachtlager dienen, ausgebreitet. Nachdem wir dieſe Lappländer verlaſſen hatten, gingen wir ſeitwärts in eine Felſenſchlucht, wo das Haus des Kaufmanns Schytte bald zum Vor⸗ ſchein kam.. Der erſte Gegenſtand, der unſere Aufmerkſamkeit auf ſich zog, waren fünf oder ſechs trunkene Lappländer, die vor dem Hauſe theils herumtaumelten, theils ſinnlos auf dem Boden lagen, ein Auftritt, der dort zu Lande an der Tagesordnung iſt. Sobald nämlich ein Lappländer vom Fiſchen zurückkommt, eilt er zum nächſten Kaufmann, um ſeinen Gewinn gegen Mehl und was er ſonſt für den Angenblick bedarf, hauptſächlich aber gegen Branntwein umzu⸗ ſetzen. Dieſer wird auf der Stelle getrunken; denn beim Kaufmann geweſen zu ſein, ohne taumelnd und brüllend zurück zu kommen, hält man für eine Schande. Auf ſolche Weiſe vertrinkt der Lappe den größten Theil ſeines Ver⸗ dienſtes, und muß im Winter, wo er keine Vorräthe und auch nicht immer Ge⸗ legenheit, etwas zu verdienen, hat, oftmals darben. Aber dieß macht ihn nicht unzufrieden, wenn er ſich nur zuweilen beim Kaufmann, auf Rechnung für den nächſten Sommer, tüchtig betrinken kann. Die Aufnahme, welche wir bei Herrn Schytte fanden, entſprach der nor⸗ wegiſchen Gaſtfreiheit, und dem beſondern Wohlbehagen, das der Gebildete, der unter rohen Menſchen lebt, im Umgange mit ſeines Gleichen empfindet. Das Haus, von horizontal liegenden Balken aufgeführt, war vortrefflich eingerichtet; überhaupt ſollen die norwegiſchen Kaufleute in Nordland und Finnmarken ſehr wohlhabend ſein. Sie bekommen die Ausfuhrwaaren, welche ſich meiſtens auf Erzeugniſſe der See beſchränken, auf dem möglich wohlfeilſten Wege, da die Fiſcher ſtets ihre Schuldner, und mithin ihrer Willkühr unter⸗ worfen ſind; und die Einfuhr beſteht nur in ſolchen Dingen, deren Abſatz gewiß iſt, hauptſächlich in Branntwein, womit ſie das Land gleichſam über⸗ ſchwemmen. Sie ſind im eigentlichſten Sinne die Herrſcher des Landes, und ſtehen, nach den Begriffen der Einwohner, auf dem Gipfel menſchlicher Größe. Freilich befinden ſich die meiſten in einer gewiſſen Abhängigkeit von Bergen, 26 dem Hauptſtapelplatze des nordländiſchen und finnmarkiſchen Handels. Doch haben viele ſich davon losgeriſſen; ſie beziehen ihre Einfuhrartikel aus den erſten Händen, und verſchicken ihre Fiſche nach entlegenen Handelsplätzen. Zur Klaſſe der letztern gehörte auch Herr Schytte; er beſaß eine große Jacht, die jährlich drei oder mehr Ladungen nach Spanien brachte. 4. Wanderung nach der Hütte einiger lappländiſchen Nomaden. Mangel an Gaſtfreiheit unter den Lappländern— ſie wird nur durch Branntwein geweckt. Norwegiſches Mährchen, die Trinkluſt dieſer Menſchen bezeichnend. Beſchaffenheit der Hütte— ſie iſt der Aufenthalt einer zahlreichen Familie. Lebensart und eigentliche Heimath derſelben. Angabe der verſchiedenen Klaſſen des lappländiſchen Volks. Häusliche Einrichtung der obigen Familie. Beſchreibung ihrer Tracht. Ihre Geſchwätzigkeit. Ihre Anſtalten, uns zu bewirthen. Religion. Aberglaube. Gefahrvolle Verhältniſſe der Lappländer. Ihre Jagdliebe. Ihr Ungemach während des Winters. Ihr Nationalſtolz und Haß gegen die Finn⸗ länder und Norweger— Urſachen davon. Wir waren im Hauſe des Kaufmann's Schytte kaum angelangt, als auch der Kapitän und unſer Paſſagier ſich dort einfanden. Nachdem man gemein⸗ ſchaftlich ein Frühſtück eingenommen, ließ ſich Herr Mandlin— ſo hieß der Paſſagier— mit dem Kaufmann in ein weitläufiges Geſpräch über verſchie⸗ dene Gegenſtände des Handels ein, und wir übrigen, mit dem Kapitän an der Spitze, beſchloſſen, die nicht weit entfernte Hütte einiger lappländiſchen Noma⸗ den zu beſehen. Bevor wir jedoch den Weg antraten, verſah uns Herr Schytte mit einem Wegweiſer und mit einer Flaſche Branntwein, ohne welchen wir, wie er ſagte, nicht ſonderlich willkommen ſein würden. Wir wanderten Anfangs durch Felſenſchluchten, wo außer nacktem Geſtein und dem Himmel über uns durchaus kein Gegenſtand ſich zeigte. Nachdem wir aber eine beträchtliche Anhöhe erſtiegen hatten, erblickten wir, obſchon im Hin⸗ tergrund ungeheuere, mit Schnee bedeckte Gebirge hervorragten, eine ausge⸗ breitete Erdfläche, wo ziemlich hohes Gras, mancherlei Blumen und andere Gewächſe, beſonders Wintergrün und Pechnelken, ſo wie auch wilde Johannis⸗ beerſträucher ſtanden. Die Ausſicht auf das Meer war entzückend. Wir be⸗ merkten dort einige zu unſerer Flotte gehörige Schiffe, die, mit Wind und Wellen kämpfend, umherkreuzten. Die Menge Mücken, womit überhaupt der Norden im Sommer geplagt iſt, war hier unglaublich groß; bei jedem Schritt erhoben ſie ſich vor und neben uns in Schwärmen wie Staubwolken, ſo daß die Luft dadurch verdunkelt wurde. Bald nachher kam uns die erwähnte Hütte zu Geſicht. Als wir ſie er⸗ reichten, trat ein hochbejahrter, aber noch lebhafter Greis heraus; der finſtere 27 Blick indeß, den er auf uns warf, verhieß keine günſtige Aufnahme; unſer freundlicher Gruß blieb unbeantwortet. Die Gaſtfreiheit iſt freilich keine von den Tugenden, die den Lappländer zieren. Der Zutritt zu ſeiner Wohnung wird dem Wanderer oft nur dann geſtattet, wenn dieſer auf die demüthigſte Weiſe ſich genähert, eine Menge Fragen genugthuend beantwortet, und ſich durch Erzählung der Neuigkeiten im Lande oder auf andere Weiſe angenehm gemacht hat. Eine günſtigere Auf⸗ nahme darf jedoch derjenige hoffen, welcher mit Branntwein verſehen iſt; denn durch dieſes Mittel kann man bei den Lappländern jeden Zweck erreichen, oder ſie, wie das norwegiſche Sprichwort ſagt, aus dem Paradieſe nach dem Nord⸗ cap locken. In Norwegen, wo dieſe Menſchen immer zum Gegenſtande der Be⸗ luſtigung und des Spottes dienen, hat man unzählige Mährchen erdichtet, um ihre Leidenſchaft für den Branntwein zu bezeichnen. Unter andern hörte ich mehrmals die folgende Geſchichte erzählen:„Ein ungewöhnlich ſcharfſichtiger „Lappländer entdeckt auf einem hohen, zwei Meilen entlegenen Berg eine Brannt⸗ „weinflaſche, die ein Reiſender zurückgelaſſen hat. Ungeachtet des ſchlechten „Wetters macht er ſich mit ſeinen beiden Söhnen ſogleich auf den Weg, um „den koſtbaren Gegenſtand zu holen. Während ſie mit unſaglicher Mühe den „Berg hinan klettern, werden der Vater und der ältere Sohn von einer Lavine „begraben. Glücklicher Weiſe entkommt der jüngere Sohn; er erſteigt den „Berg, hebt den Schatz, und kehrt mit ausgelaſſener Freude zu der übrigen „Familie zurück. Die Flaſche wird gemeinſchaftlich ausgeleert, und dann— „erzählt er mit Thränen das Unglück, welches ihren Vater und Bruder be⸗ „troffen hat.“ Es war daher nicht zu verwundern, daß jener mürriſche Greis, als er die große Branntweinflaſche, die wir bei uns hatten, erblickte, wie durch einen elektriſchen Schlag zum gefälligſten und gaſtfreieſten Mann umgeſchaffen wurde. Er begann norwegiſch zu ſprechen, und lud uns mit dem höchſten Grad lapp⸗ ländiſcher Höflichkeit, nämlich mit Küſſen auf unſere Kniee, ein, in ſeine Gamme oder Hütte zu treten.. Die Hütte beſtand aus einer kreisförmigen, ſechs Fuß hohen Erdwand, mit einem Dache von Segeltuch und Rennthierfellen, welche man auf querüber gelegten Stangen ausgebreitet hatte, ſo daß in der Mitte eine Oeffnung blieb, um die Stelle des Schornſteins und des Fenſters zu vertreten. Als Eingang diente eine drei Fuß hohe, mit Segeltuch behängte Oeffnung in der Wand. Die wandernden Lappländer bauen ſich häufig ſolche Wohnungen, theils um die gewöhnlichen Segeltuchzelte zu ſchonen, theils aber auch um größere Bequemlichkeit zu genießen. Dieß thun ſie jedoch nur im Sommer. Sie können 28 dann mit wenig Anſtrengung einen ſolchen Bau bewerkſtelligen, dagegen es ihnen im Winter unmöglich ſein würde, die harte, viele Fuß tief gefrorne Erde unter dem Schnee hervorzuarbeiten. Ueberdem wandern ſie im Sommer, wo die Rennthiere oft Wochen lang auf einer Stelle Nahrung finden, und auch ohne Gefahr Meilen weit von der Gamme herumſtreifen können, ungleich ſelte⸗ ner als im Winter, während deſſen man dieſe Thiere aus Mangel an Futter von einer Gegend nach der andern treiben, und ſich wegen der häufigen Un⸗ glücksfälle, welchen ſie ausgeſetzt ſind, immer in ihrer Nähe aufhalten muß. Wir hatten Mühe durch den ſchmalen Eingang in die Hütte zu kommen. Wie überraſchend war der Anblick, den uns ihr Inneres darbot. In der Mitte brannte ein großes Feuer, über welchem eiſerne Keſſel hingen. Rund an der Wand umher ſaßen, in gedrängter Reihe, Männer, Weiber und Kinder, ein ganzer Stamm, lauter Abkömmlinge des erwähnten Alten. Ihre eigentliche Heimath war Enontekis Paſtorat im ſchwediſchen Lappland. Dort lebten ſie den Winter über in einzelne Familien zertheilt; da ſie aber nicht ſo viel Renn⸗ thiere beſaßen, das ganze Jahr davon exiſtiren zu können, zogen ſie im Früh⸗ jahr gemeinſchaftlich an die Küſte, um den fehlenden Unterhalt durch die Er⸗ zeugniſſe des Meeres zu erſetzen. Sie gehörten folglich zur zweiten Klaſſe der Nation. Einige Lappländer beſitzen nämlich ſehr große Heerden Rennthiere, bis⸗ weilen drei⸗ und mehr tauſend Stück; ſie leben ausſchließlich von der Milch und dem Fleiſche derſelben, und befinden ſich überhaupt in ziemlichem Wohl⸗ ſtande. Andere nähren ſich ſowohl von der Rennthierzucht als der Fiſcherei. Die ärmern, welche keine Heerden haben, wohnen an den Küſten und ſind Fiſcher. Die letzte Klaſſe, die gar nichts beſitzt, dient bei den übrigen und ſelbſt bei den Fiſchern als Geſinde. Die beiden erſten Klaſſen nennt man ge⸗ wöhnlich„Berg⸗ oder Feldlappen,“ die Fiſcher„Seelappen.“ Die Anzahl der obigen Familie belief ſich wenigſtens auf ſechzehn bis achtzehn Perſonen. Außerdem waren noch zwei mit Bewachung der Heerden und zwei andere mit Herbeiſchaffung des nöthigen Brennholzes beſchäftigt, für welche, nach ihrer Zurückkunft, auch noch Platz werden mußte. Dazu kam noch eine Menge von Hunden, welche, da ſie dem Lappländer zum Bewachen der Heerden unentbehrlich ſind, gleiche Rechte mit ihm in ſeiner Wohnung genießen, und bei Tag und Nacht zu ſeinen Füßen liegen. So viele Menſchen und Thiere hätten unmöglich in einer Hütte von höch⸗ ſtens ſechzehn Fuß im Durchmeſſer zuſammen leben können, wäre ihnen nicht die natürliche Geneigtheit und eine beſondere häusliche Verfaſſung dabei zu Hülfe gekommen. Es ſchien nämlich keine größere Wonne für ſie zu geben, als ſich in einer brennenden, durch Feuer, Keſſeldampf und thieriſche Ausdünſtung erzeugten Hitze zu befinden; auch waren ſie ſo ſehr dagegen abgehärtet, daß ſich während unſerer Anweſenheit, wo der Réaum. Thermometer im Freien 20 Gr., und in der Hütte wohl 40 erreichen mochte, kein Schweißtropfen auf ihrer Stirn zeigte. Ihre häusliche Verfaſſung war ungefähr folgende. Jeder hatte ſeinen beſtimmten Platz, von dem er, außer beim Hinausgehen, nie weichen durfte. Nur eine Weibsperſon, an ihrem Kochtag, und ein Knabe, den die Reihe auf das Feuer Acht zu haben, traf, genoſſen die Freiheit, ſich in der Mitte aufzuhalten. Es fehlte daher nie an Raum zum Hin- und Hergehen und zu den Beſchäftigungen am Feuer. In der Nacht ſchliefen ſie in derſelben Ordnung, wie ſie am Tage ſaßen, mit dem Kopfe dicht an der Wand und die Füße gegen das Feuer gekehrt. Zu ihrem Lager dienten mit Moos gefüllte Säcke nebſt Fellen und großen wollenen Decken. Des Morgens wurden die Säcke mit allem Zubehör gegen die Wand aufgerollt, und dann zum Sitzen gebraucht.. Das Anſehen dieſer Feldlappen war friſcher und munterer, als das der oben beſchriebenen Seelappen, und ließ auf weniger Sorge und eine beſſere Lebensart ſchließen. Ihre Kleidung war die echt lappländiſche Volkstracht. Das Hauptſtück derſelben beſteht in einem langen, gewöhnlich von blauem oder grünem Sarſche verfertigten Oberkleide, deſſen Kragen und unterer Saum mit Schnüren oder Tuchſtreifen von gelber oder rother Farbe beſetzt iſt. Um den Leib und zwar über dem Oberkleide trägt man eine Schärpe. Dieſes Stück, der Stolz des Lappländers, wird aus buntem Sarſche oder Leder gemacht, und mit allerhand Figuren, z. B. Rennthiergeweihen, Sonnen, Monden, Ster⸗ nen u. ſ. w. geſchmückt, die man aus Metall, zuweilen aus Gold oder Silber zuſammenſetzt. An dieſe Schärpe hängt man ein Meſſer, eine Tabaksdoſe von Rennthierhorn und andere für den Lappländer unentbehrliche Dinge. Die Hoſen ſind lang und vertreten zugleich die Stelle der Strümpfe. Die Stie⸗ feln, welche länger oder kürzer getragen werden, haben die Näthe über dem Fuße, eine lange, aufwärts gekrümmte Spitze, und Sohlen von demſelben Leder wie die Schäfte, ohne Abſätze; ſie ſind gut gearbeitet und ſollen der Näſſe dauerhaft widerſtehen. Zur Kopfbedeckung dient eine Tuchmütze von dunkler Farbe. Die Kleidung der Weiber iſt dieſelbe wie bei den Männern, nur daß die erſtern etwas längere Oberkleider, auffällig geſtaltete Mützen, und den ganzen Anzug beſonders ausgeſchmückt tragen. Im Winter haben beide Geſchlechter unter der gewöhnlichen Kleidung, und zwar auf dem bloßen Leibe, noch eine andere von Schafpelz, die Wolle nach innen gekehrt. Auf der Reiſe gebraucht man ſtatt des Oberkleides einen Rennthierpelz, der mit einem ledernen Gurt um den Leib zuſammen geſchnürt, und deſſen ſackförmiger Kra⸗ gen über den Kopf gezogen wird. Die ganze Familie war bei unſerem Eintritt in die Hütte ämſig beſchäf⸗ tigt; die Männer verfertigten Bogen, Pfeile und Fiſchergeräth, und die Weiber flickten die Winterpelze, wobei ſie, ſtatt des Zwirnes, Darmſchnüre und Seh⸗ nen gebrauchten. Doch bald wurden alle Arbeiten bei Seite gelegt, und die Zungen, welche Anfangs vor Erſtaunen über unſere Erſcheinung wie gelähmt waren, um ſo thätiger in Bewegung geſetzt. Der Lärm nahm immer mehr zu, ſo daß endlich der Stammvater ſich genöthigt ſah, hervorzutreten und mit patriarchiſcher Würde Ruhe zu gebieten. Wir ſchenkten dann einem Jeden ein Glas Brannt⸗ wein ein, und überließen den Reſt desſelben der Willkühr unſers gefälligen Wirthes. Mittlerweile wurden Sitze von Moosſäcken für uns bereitet, und zwar im Hintergrunde, dem Platze des Alten. Dieſer Platz war im ganzen Kreiſe der beßte, weil man daſelbſt die Thür gerade vor ſich, und auch die eindringende Zugluft am wenigſten zu fürchten hatte. Er nahm ungefähr ein Fünftel des „Ganzen ein, und erhielt durch zwei kleine, quervor geſetzte Laden, die ihn von den Plätzen der Familie trennten, eine gewiſſe Auszeichnung. Die Laden, welche die Kleidungsſtücke und geheimen Habſeligkeiten des Vaters enthielten, machten nebſt den Moosſäcken den ganzen Hausrath aus; denn die übrigen Geräthſchaf⸗ ten wurden unter einem beſondern Zelte aufbewahrt. Nachdem wir mit Sitzen verſorgt waren, ſuchte man auch auf andere Weiſe unſern Aufenthalt bequem und angenehm zu machen. Vor allen Dingen reinigten Einige die Hütte von den Mücken, indem ſie die Dachöffnung ver⸗ ſtopften, die Hütte bis zum Erſticken mit Rauch anfüllten, und dann das Dach wieder öffneten, worauf der Rauch ſammt den Mücken ſchleunig hinauszog. Bald nachher wurden die beßten Vorräthe, welche die Haushaltung aufzuweiſen hatte, herbei gebracht, und freigebig auf den Laden vor uns aufgetiſcht; ein großes Meſſer und irdene Schüſſeln machten das ganze Tiſchgeſchirr aus. Das geräucherte Rennthierfleiſch war eine ſehr ſchmackhafte Speiſe, auch ließen ſich die Flundern— eine Art Plattfiſche— die man in Rennthierfett gebraten und dann in ſauern Molken aufbewahrt hatte, recht gut eſſen. Die gefrorne Rennthiermilch— ſie wird im Sommer tief in die Erde eingegraben, und nur bei außerordentlichen Gelegenheiten zum Vorſchein gebracht— konnte wirklich für einen Leckerbiſſen gelten. Bei dem allen fehlte uns ein weſentliches Stück, nämlich Brod. Statt deſſen reichten uns die Leute von einem dicken Brei, der in einem Keſſel über dem Feuer kochte. Dieſe Speiſe bereitet man aus Mehl und der innern Rinde von Fichten, und thut, wenn ſie fertig iſt, Rennthierfett dazu. Sie hat einen widrigen kienichten Geſchmack, wird jedoch von den min⸗ der wohlhabenden Lappländern häufig genoſſen; auch iſt ſie ihnen, weil ſie daran gewöhnt ſind, nicht ſchädlich, obſchon die Bewohner des nördlichen Ruß⸗ lands, die in den Jahren des Mißwachſes ebenfalls zu dieſem Nothmittel ihre Zuflucht nehmen, häufig dadurch erkranken. Unſer Wirth und ſeine älteſten Söhne ſetzten ſich in der kauernden Stel⸗ lung, die den Lappländern eigen iſt, uns gegenüber, und nahmen⸗Theil an dem Mahle. Wiewohl ſie den⸗Branntwein ſehr behaglich fanden, und auf unſere Geſundheit— eine Sitte, die auch bei den Lappländern üblich iſt— ein Glas nach dem andern leerten, ſo blieben ſie doch ziemlich in den Schranken der Nüchternheit, wurden aber aufgeräumt und geſchwätzig. Da ſie die norwegiſche Sprache gut verſtanden, ſo gaben ſie uns über jede Frage willig Auskunft, und erzählten ihre Familienangelegenheiten, ihre Abenteuer, Glücks⸗ und Un⸗ glücksfälle. Ob ſie ſchon den Namen getaufter Ehriſten führten, ſo ſchienen ſie doch mit den Grundſätzen derſelben völlig unbekannt. Die gröbſte Unwiſſenheit und der abgeſchmackteſte Aberglaube leuchteten aus allen ihren Aeußerungen hervor. Unter andern ſchreiben ſie jedem Tag im Jahre einen günſtigen oder ungünſti⸗ gen Einfluß auf irgend eine der menſchlichen Handlungen zu. Der heutige T Tag z. B. war ſehr ungünſtig zum Singen; daher konnte mein Wunſch, einen lapp⸗ ländiſchen Geſang zu hören, ſchlechterdings nicht erfüllt werden. Sehr unterhaltend war ihre Schilderung der Gefahren, welchen ſie und ihre Heerden bei Ueberfällen von Bären und Wölfen, beim Herabſtürzen ver⸗ heerender Lavinen, bei hochgefallenem Schnee u. ſ. w. ausgeſetzt ſind. Von der Jagd ſprachen ſie mit einer Art Begeiſterung. Ueberhaupt iſt ſie ein leidenſchaftliches Vergnügen aller Lappländer, obſchon ſie niemals ein Gewerbe daraus machen. Die Jagd auf Bäre und wilde Rennthiere ziehen ſie jeder andern vor; auf die erſtere begeben ſie ſich gewöhnlich ſehr zahlreich und mit beſondern Förmlichkeiten. Das Ungemach, welches die Lappländer im Winter zu ertragen haben, muß wirklich ſehr groß ſein, denn nicht genug, daß ſie die Rennthiere, die das ganze Jahr hindurch im Freien gehalten werden, Tag und Nacht der Reihe nach bewachen, wovon ſelbſt das weibliche Geſchlecht nicht ausgenommen iſt; ſo nöthigt ſie oft auch ihr Bedürfniß an Holz und andern Dingen, wovon ſie wegen ihres beſtändigen Umherſchweifens nie auf ſonderlichen Vorrath halten, beim ungeſtümſten Wetter auf die Arbeit hinauszugehen. Gleichwohl beſitzen ſie einen hohen Grad von Liebe zu ihrer Lebensart, ja ſogar von paterländiſchem Stolze. 32 Der Hausvater brach in bittere Klagen über die in Lappland immer mehr ſich ausbreitenden Finnländer und Norweger aus. Es war ihm unbe⸗ greiflich, wie Menſchen die Ruchloſigkeit ſo weit treiben könnten, die beßten Landſtriche, die doch vom Schöpfer zur Unterhaltung der Rennthiere beſtimmt wären, in Beſitz zu nehmen und nach Willkühr anzubauen. Wahr iſt es in⸗ deſſen— wie Herr Schytte verſicherte— daß im Innern von Lappland bereits viele Norweger, ſo wie auch Finnländer, dort Quäner genannt, ſich niederge⸗ laſſen hatten. Bei ihrem ſorgfältigen Anbau des Bodens mit ſolchen Ge⸗ wächſen, die in den kurzen Sommermonaten zur Reife kommen, fanden ſie den⸗ ſelben nicht undankbar. Aber die Lappländer, welche für Landeigenthum nicht die mindeſte Achtung haben, waren ihren Pflanzungen noch immer ſehr hinder⸗ lich, indem ſie zuweilen die Zäune der Aecker und Wieſen durchbrachen, ihre Heerden darüber hintrieben, und ſo in einem Augenblick die ganze Aernte und das Futter für die Rinder vernichteten; denn wenn auch die Rennthiere das Gras weder freſſen noch zertreten, hat doch das Rind eine ſo ſtarke Abneigung gegen jene Thiere, daß es auf dem Platze, den ihre Füße betreten haben, das ganze Jahr hindurch keinen Grashalm anrührt. Es ſtand jedoch zu hoffen, daß bei einiger Zunahme der Anſiedler die Nomadenwirthſchaft, wo nicht ver⸗ drängt, doch wenigſtens auf die zum Anbau unfähigen Gegenden beſchränkt werden dürfte. In den bewohnteſten Küſtengegenden wurde den herumziehenden Lappländern bereits aller Zutritt verweigert. Deſſen ungeachtet ſcheint die Zeit, wo dieſelben ſich zu feſten Wohnſitzen und zum Landbau entſchließen werden, noch weit entfernt. Schon ihr tief eingewurzelter Haß gegen die Völker, unter deren Joche ſie leben, beſonders gegen die Norweger, und die tiefe Verachtung, welche ſie von ihnen erdulden müſſen, beſtimmen ſie, eine Lebensart zu ver⸗ abſcheuen, die jene führen. Ueberdieß betrachtet man den Nomadenſtand als den Gipfel des menſchlichen Glücks, auf den Jeder, der durch Armuth da⸗ von zurückgehalten wird, ſich zu erheben ſtrebt. Selbſt diejenigen Fiſcher, welche durch ſteten Umgang mit den Pflanzern den Werth des Landbaues und der ruhigern, damit verbundenen Lebensart kennen gelernt haben, ſind von dieſer Vorliebe für das Hirtenleben nicht frei. Sobald ſie ein kleines Vermögen erworben haben, was ihnen durch Sparſamkeit und Glück bei ihrem Gewerbe bisweilen gelingt, ziehen ſie in die Gebirge und ergreifen den Hirtenſtab. Spaziergang nach der Rennthierweide. Schlitten und Schneeſchuhe. Fichtenrinde, ein Nahrungs⸗ mittel. Unterirdiſche Wärme. Die Rennthiere. Lappländiſche Schafe. Gewandtheit der Lapp⸗ länder. Vögel und andere Thiere auf der Inſel Sennien. Schyttes Haus. Stockfiſch. Beſuch der Lappländer. Gegen eilf Uhr Vormittags erhob ſich die ganze Familie, und zog mit ihren Hunden jauchzend hinaus, die Rennthiere zu melken, ein Geſchäft, das im Sommer und wenn die Thiere gutes Futter haben, zweimal täglich ver⸗ richtet wird. Wir folgten dem Zuge in Begleitung des Alten. Als wir um die Hütte gingen, kamen uns mancherlei Gegenſtände zu Ge⸗ ſicht, die unſere Neugierde rege machten. Unter andern befand ſich hier ein großes, aber ſehr niedriges Zelt; es enthielt die ſämmtlichen Geräthſchaften der Familie, wovon einige Schlitten und eine Menge Schneeſchuhe bemerkt zu werden verdienen. Die Schlitten haben das Anſehen eines keilförmigen Kahnes; ſie ſtehen auf einer einzigen in der Mitte befindlichen Kufe, und müſſen deßhalb von der darin ſitzenden Perſon durch ihre eigene Schwere im Gleichgewicht er⸗ halten werden, um nicht auf die Seite zu fallen. Auch fehlt es ihnen an einer Deichſel; ſie können folglich, wenn man bergab fährt, nicht angehalten werden. So unbequem ein ſolches Fuhrwerk an ſich iſt, ſo wiſſen doch die Lappländer es ſo geſchickt zu behandeln, daß ſie oft zwölf Meilen weit in einem Tage da⸗ mit fahren; ja manchmal legen ſie vierzehn bis ſechzehn zurück, doch koſtet bis⸗ weilen eine ſo angeſtrengte Fahrt dem vorgeſpannten Rennthiere das Leben. Die Schneeſchuhe ſind von Holz, vorn etwas krumm gebogen und in der Mitte, um ſie an den Fuß zu ſchnallen, mit Riemen verſehen. Jedes Paar beſteht aus zwei verſchiedenen. Der eine, der eine Länge von fünf bis ſechs Fuß und eine Breite von drei Zoll hat, dient den Körper darauf ruhen zu laſſen; den andern, welcher nur einen Fuß lang und einen Zoll breit iſt, gebraucht man, um ſich da⸗ mit fortzuſchieben. Auf ſolche Weiſe läuft der Lappländer mit großer Schnellig⸗ keit über den Schnee, und erjagt die wilden Rennthiere, weil ſie in den Schnee ſinken, mit leichter Mühe. Nahe bei dem Zelte waren, an ausgeſpannten Baſtleinen, lange Streifen von der innern Fichtenrinde zum Trocknen aufgehängt. Man ſchneidet nämlich dieſe Rinde, um ſie genießbar zu machen, in dünne Streifen, wäſſert die ſcharfen Feuchtigkeiten derſelben aus und trocknet ſie wieder. Nach einer halbſtündigen Wanderung tiefer in das Land erreichten wir ein an⸗ muthiges Thal, durch welches ein kleiner kryſtallener Bach ſich ſchlängelte. An den Seiten befanden ſich Fichten, Ellern, Haſelſtauden und üppiges Reunthiaons; Richter's Reiſen. I. 34 und in der Mitte ſtand Gras, welches ſo hoch und vortrefflich war, daß es ſchon unter dem Schnee gewachſen ſein mußte, weil dieſer erſt vor kurzem die ſchattenreiche Tiefe verlaſſen hatte. Unſer Wegyeiſer verſicherte auch, daß hier den ganzen Winter hindurch junges friſches Gras unter dem Schnee anzutreffen wäre. Die unterirdiſche Wärme in einigen Landſtrichen Finnmarkens iſt in der That auffallend. Am meiſten bemerkbar macht ſie ſich durch die heißen Quellen, die faſt überall, hauptſächlich aber in den Gegenden nach dem Nordcap hin, angetroffen werden. Auch in Sennien ſollen mehre dergleichen Quellen vor⸗ handen ſein; und ſelbſt in jenem Thale ward uns eine gezeigt, deren Wärme die der Luft bei weitem übertraf. Auf beiden Seiten war das Thal mit Felſen umgeben, an deren ſandigen Abhängen Rennthiermoos üppig wuchs. Hier tummelten ſich die Rennthiere und mitten darunter die melkluſtigen Lappländer, welche, von den klaffenden Hunden unterſtützt, dieſelben auf Einen Punkt zuſammen trieben. Es war an⸗ muthig zu ſehen, wie dieſe Thiere— gegen 300 an der Zahl— ſich bäumten, ihre Geweihe ſchüttelten, und ſich ſträubten, dem Menſchen ihren Milchvorrath zu überlaſſen, was ſie jedoch nach einiger Zeit geduldig thaten. Bewunderns⸗ werth iſt ihr leichter, ſchwebender Gang, wobei man kaum ihre Fußtritte, ſon⸗ dern nur ein immerwährendes Kniſtern ihrer Kniekehlen hört. Ich hätte zu wiſſen gewünſcht, was eigentlich die Urſache dieſes Kniſterns iſt? ob die große Spannkraft der Flechſen, oder der Bau der Gelenke, oder was ſonſt? Da ſich aber von außen und ohne Zergliederung dem Umſtande nicht auf die Spur kommen läßt, und da ihn auch die Lappländer, weil ſie zu ſehr daran gewöhnt ſind, nicht zum Gegenſtand ihrer Aufmerkſamkeit machen, ſo blieb hierin meine Wißbegierde völlig unbefriedigt. Während wir die Rennthiere beobachteten, wurden einige von einem Schwarm Rennthierbremſen angefallen; mit ängſtlichem Kreiſchen ergriffen ſie die Flucht, ſprangen hoch über einige Lappländer hinweg, und verſchwanden faſt in einem Augenblicke, doch kehrten ſie bald wieder zurück. Es liefen auch einige Schafe herum, aber muthloſe verkrüppelte Thiere, faſt ohne Wolle. Gleich den Rennthieren arbeiten ſie ſich im Winter mehre Fuß tief unter den Schnee, und wiſſen, wie jene, ihr Futter hervorzuſcharren, eine Eigenſchaft, die an das Sprichwort:„Noth bricht Eiſen“ erinnert. Die Lappen erſchienen hier ganz in ihrem Element. Sie liefen, ſprangen mit den Rennthieren um die Wette, und erfüllten die Gegend mit jauchzendem Zurufen. Nachdem ſie die Rennthiere zuſammengetrieben hatten, ſchloſſen einige mit Hülfe der Hunde, einen Kreis um dieſelben, und die übrigen verrichteten 35 das Melkgeſchäft, indem man jedes Rennthier, ſobald es gemolken war, aus dem Kreiſe wieder entließ. Das Geſträuch wimmelte von Haſelhühnern. Auch ließ ſich der Geſang von Waldmeiſen und die Stimme eines Kukuks hören. An den Abhängen der Felſen gab es Bergratten in großer Anzahl. Inſekten aller Art, beſonders ſehr ſchön gezeichnete Schmetterlinge, ſchwärmten in größerer Menge umher, als in manchem ſüdlichern Lande der Fall iſt. Ueberdieß halten ſich auf der Inſel Sennien Luchſe, Füchſe, Marder, Birkhühner, und beſonders Eulen in großer Menge auf; aber Bären, Wölfe und Adler, die auf dem nahen Feſtlande ſo zahlreich hauſen, findet man gar nicht. Am Fuße des Gebirges, welches das Thal gegen Süden begränzt, be⸗ merkten wir einige lappländiſche Zelte, die wir jedoch, der großen Entfernung wegen, in der Nähe zu beſehen unterließen. Das Gebirge, deſſen höchſte Gipfel ſich ungefähr 2000 Fuß über den Meeresſpiegel erheben, gab uns einen rich⸗ tigen Maßſtab, die Vegetationslinie über Sennien feſtzuſetzen. Den untern Theil bedeckten vortreffliche Fichtenwälder; weiter hinauf ſtanden Birken, die immer unanſehnlicher und einzelner wurden. In einer Höhe von 1200 Fuß war nur noch niedriges Geſträuch, wahrſcheinlich Zwergbirken, bemerkbar, wel⸗ ches unter einer Höhe von 1400 Fuß gänzlich verſchwand, indem das Uebrige der Gipfel mit ewigem Schnee bedeckt war. Nach der Zurückkunft vom Melkgeſchäft fand die Familie das Mittageſſen bereitet: gekochte Fiſche und Brei von Mehl und Fichtenrinde, welcher letztere, zum Theil, durch Vermiſchung mit Milch in Suppe verwandelt wurde. Die übrige Milch diente zum Getränk. Drei Perſonen hatten zuſammen eine Por⸗ tion. Die mittelſte nahm die Schüſſel auf den Schooß; und nun fielen alle drei heißhungrig und meiſtens mit den Fingern darüber her. Außer hölzernen Löffeln gab es keine Werkzeuge zum Eſſen. Die Schüſſeln, ebenfalls von Holz, waren wie Tröge geſtaltet, übrigens aber ſauber gearbeitet und rein gehalten. Der alte Vater, der zwar ſchon mit uns gegeſſen, aber noch guten Appetit hatte, ſpeiſte abgeſondert von den übrigen, nachdem er ſich das, was ihm das Beſte dünkte, beſonders die fetten Fiſchlebern, ausgeleſen und mit Branntwein ge⸗ würzt hatte. Wir ſelbſt nahmen an der Mahlzeit, der dringendſten Einladung ungeachtet, keinen Theil; denn auf der Rennthierweide war jedem von uns un⸗ gefähr ½¼ Kanne Rennthiermilch gereicht worden, ein Maß, wovon man, wegen der außerordentlichen Fettigkeit der Milch, vollkommen geſättigt wird, und wel⸗ ches ſo viel iſt, als ein Rennthier in einem Tage gibt. Den guten Appetit der Lappländer und ihre Tiſchgebräuche zu beobachten, gewährte uns indeſſen eine ſehr angenehme Unterhaltung. 3* 36 3. Nach Beendigung der Mahlzeit kamen zwei Männer mit dem Brennholze an, das man ſchon ſeit einiger Zeit erwartet hatte. Es beſtand in kleinen Fichten und Birkenſtämmen. Jeder Stamm war zwiſchen zwei Rennthieren mit dem dünnen Ende befeſtigt, ſo daß das dickere auf dem Erdboden ſchleifte. Es wurde ohne Verzug zum Kleinſpalten geſchnitten. Nie ſind mir geſchicktere Holzhacker vorgekommen, als dieſe Lappländer mit ihren elenden Werkzeugen. Nach einer Viertelſtunde war das ganze Holz, das gewiß mehr als eine Klafter betrug, in kleine Stücke geſpalten und zum Trocknen aufgeſchichtet. Freilich iſt aber das dortige Holz auch leicht, kraftlos und deßwegen weniger ſpröde; es brennt wie Stroh, ſelbſt wenn man es erſt einige Tage zuvor geſchlagen hat. Bald nachher brach ein großer Theil der Familie auf, um nach der Bai auf den Fiſchfang zu gehen. Wir traten daher in ihrer Geſellſchaft unſern Rück⸗ weg an, nachdem der Alte einen herzlichen und mit vielen Umſtänden verbun⸗ denen Abſchied von uns genommen hatte. Die Lappländer wählten einen Weg, der zwar kurz, aber im höchſten Grade halsbrechend war, da er in gerader Richtung die abſchüſſigſten Tiefen hinunter führte. Gewohnt mit der Gewandtheit einer Gemſe zu klettern, ſpran⸗ gen ſie von Felſen zu Felſen wie auf Treppen hinab. Wir ſahen ſie bereits in die am Strande ſtehenden Boote ſteigen, als wir noch auf dem halben Wege waren, unentſchloſſen, ob wir vor⸗ oder rückwärts gehen ſollten. Doch endlich erreichten wir, nach manchem Hinabrutſchen und Feſtklammern, wohlbehalten Herrn Schytte's Wohnung. Wir erholten uns bald von den überſtandenen Beſchwerden durch ein Mahl, das unſer freigebiger Wirth veranſtaltet hatte, und brachten den Reſt des Tages ſehr angenehm in ſeiner Geſellſchaft zu. Auch die wirthſchaftliche Einrichtung ſeines Hauſes gewährte uns eine ſehr angenehme Unterhaltung. In den Hintergebäuden befanden ſich viele Niederlagen für getrocknete und ge⸗ ſalzene Fiſche, ſowie auch ein Stall mit fünf oder ſechs Kühen, für welche das Futter oft ſehr weit herbeigeſchafft wurde. Der Hof war voll von zahmen Feder⸗ vieh, beſonders Gänſen, die man der Federn wegen in großer Menge hielt. Hinter den Gebäuden lag ein kleines künſtliches Gärtchen, wozu die Erde aus einem benachbarten Hafen gebracht worden war; es enthielt nichts als einige Blumen, etwas Sallat und Johannisbeerſträucher. Auf einem in der Nähe gelegenen Felſen ſah ich, wie man diejenige Art von Stockfiſchen bereitet, die man Klippfiſche nennt. Sie werden, nachdem ſie nur kurze Zeit im Salze gelegen haben, auf ſchwarzen, durch die Sonne er⸗ hitzten Steinen ausgebreitet, worauf ſie alle Feuchtigkeiten ſchnell ausſchwitzen, und die erforderliche Trockenheit zuweilen in zwei oder drei Tagen erhalten. 37 Die übrigen Arten Stockfiſch werden ſtärker geſalzen und, an Leinen aufge⸗ hängt, langſamer getrocknet. Erſt um Mitternacht, als wir nach norwegiſcher Sitte mehre Stunden um eine Bowle Punſch geſeſſen hatten, erinnerten wir uns, daß es Zeit ſei, Abſchied zu nehmen.— Der Rückweg nach unſerem Schiffe war äußerſt ange⸗ nehm. Der heftige Wind hatte ſich gelegt, die Luft war rein und die Sonne glitt röthlich glänzend am Horizonte hin. Nächtliche Ruhe weilte auf dem Waſſer und am Lande; nur das Bellen der Hunde hallte in den Gebirgen wieder, und die Mitternacht verkündende Schiffsglocke tönte uns entgegen. Am 5. Juli erhob ſich mit der wieder höher ſteigenden Sonne der Nord⸗ oſtwind von neuem; unſere Abfahrt wurde deßhalb noch verſchoben. Wir er⸗ hielten ſchon ſehr früh einen Beſuch von Herrn Schytte mit ſeiner Familie, und ſpäterhin von einer Geſellſchaft der oben beſchriebenen Feldlappen. Die Boote dieſer letztern hatten eine ganz beſondere Bauart, weil ſie eben ſo gut auf Landſeen und Flüſſen, als auf dem Meere gebraucht, und folglich von einer Gegend zur andern über das Land geſchafft wurden. Sie waren flach, vorn und hinten ſtumpf und ſo kurz, daß nur zwei Menſchen Platz darin hatten, aber auch ſo leicht, daß ſie von dieſen mit allem dazu gehörigen Fiſcher⸗ geräth auf den Schultern getragen werden konnten. Hierbei iſt jedoch zu be⸗ merken, daß die Seelappen, da ſie aus der Fiſcherei ein Gewerbe machen und auch auf der hohen See fiſchen, dieſelbe Art von Booten wie die norwegiſchen Fiſcher haben, welche in Bergen verfertigt und von da weit und breit ver⸗ ſendet werden. Auch die Art zu rudern, deren jene Feldlappen ſich bedienten, und welche überdies allen Lappländern eigen iſt, war ſehr auffallend, weil ſie bei keinem der nördlichen europäiſchen Völker angetroffen wird. Sie beſteht darin, daß die Ruderſchläge kurz ſind und ſchnell auf einander folgen, wobei das Waſſer kaum berührt zu werden ſcheint; dagegen die andere und beſſere Art ſich dadurch un⸗ terſcheidet, daß die Ruder tief in das Waſſer geſenkt und mit voller Kraft hin⸗ durch gezogen werden. Was man daher bei dieſer Art durch Stärke bewirkt, ſoll bei jener die Schnelligkeit erreichen, welches aber, beſonders auf unruhi⸗ gem Waſeer, nicht der Fall iſt. Die Kleider, welche die Lappländer heute anhatten, ſchienen ihr feſttäg⸗ licher Putz zu ſein. Die Oberkleider und Schärpen waren faſt über und über mit bunten Schnüren beſetzt, und die Stiefeln mit bunten Tuchſtreifen einge⸗ faßt; auch ſtarrten die Finger von großen meſſingenen Ringen. Unter allen am Bord befindlichen Gegenſtänden, wovon der größte Theil völlig neu für ſie ſein mußte, zog nichts ihre Aufmerkſamkeit ſo ſehr auf ſich, 38 X als der Strohſack eines Matroſen, der zum Auslüften aufs Verdeck gelegt war. Denn da ſie Stroh, wenn ſie welches bekommen konnten, zu Brei und zu Brod benutzten, ſo fanden ſie die Sitte, darauf zu ſchlafen, ſehr ſonderbar, und es ging ihnen wie mir, als ich zum erſten Mal in einer weſtindiſchen Pflanzung die nackten Neger, auf den rohen Zucker hingeſtreckt, ihre Ruhe halten ſah. Zum Singen ließen ſie ſich am heutigen Tage, weil er nach ihrer Mei⸗ nung nicht ungünſtig dazu war, ſehr leicht bewegen. Sie ſtimmten einen Ge⸗ ſang an, den ſie bei dieſer Gelegenheit aus dem Stegreife zu dichten ſchienen. Er beſtand nur in wenigen Worten, die Herr Schytte auf folgende Art über⸗ ſetzte:„Ihr Herrn, lebt wohl, ihr Herrn, lebt wohl! Euer Branntwein iſt gut, euer Branntwein iſt gut.“ Dieß wiederholten ſie, kleine Pauſen, um ſich von neuem durch Branntwein zu begeiſtern, abgerechnet, ohne Ermüdung wohl eine Stunde lang, und zwar in ſehr unharmoniſchen, kreiſchenden Tönen, obſchon die Melodie, nach Herrn Schytte's Verſicherung eine der beliebteſten bei ihrem Volke iſt.. Beim Weggehen ſchenkte man ihnen, zur Entſchädigung für die mitge⸗ brachte Rennthiermilch, ein Säckchen mit Schiffszwieback und ein anderes mit Hülſenfrüchten, worüber ſie eine unbeſchreibliche Freude bezeigten. 6. Das Nordeap. Wallfiſche. Die Stappernöer Felſen. Merkwürdige Erſcheinung auf dem Gipfel des einen. Die Meertaufe. Nordkyn. Wardoe. Ruſſen und Lappen. Das weiße Meer. Lodkis. Der Amerikaner. Die Dwina⸗Zollbeamten. Archangel. Am 6. Juli wurde der Wind Süd⸗Südoſt. Wir lichteten die Anker, und gingen in See, wo ſüdweſtliche Winde uns empfingen und ſchleunig dem Nord⸗ cap zuführten.— Ein großer Theil der zerſtreuten Zlofie erſchien nach und nach, und ſammelte ſich um uns her. Am Morgen des 8. erblickten wir das Nordcap. Wir umſchifften es Rach⸗ mittags mit einem heftigen Südweſtwind, in der Entfernung einer Meile. Die⸗ ſes ungeheuere Bollwerk, das ſeit Jahrtauſenden dem Toben des Nordmeeres Trotz geboten hat, gewährt einen unbeſchreiblich erhabenen Anblick. Es beſteht aus einer Reihe ſchwarzer, wie Spitzſäulen geſtalteter Felſen, welche ſich aus der See zu einer Höhe von wenigſtens 1200 Fuß erheben. Noch jetzt hatte die Sonne nicht auf den Schnee ihrer Spitzen gewirkt. Das Innere der Inſel Mageröe bietet Wn Mhen erhabneres, ich möchte ſagen, ein fürchterliches Schauſpiel dar. Hier liegen ungeheure Blöcke, von den ſonderbarſten Formen 39 und mit ewigem Schnee auf den Gipfeln, zu einer Höhe von 1800 bis 2000 Fuß auf einander gethürmt. In hieſiger Gegend zeigten ſich ganze Schwärme von Wallfiſchen. Ihr Aufſprudeln des Waſſers erfüllte die Luft mit Brauſen. Ungefähr zwei Meilen ſüdweſtlich vom Nordeap liegt eine Gruppe Felſen⸗ inſeln; die drei anſehnlichſten derſelben werden, weil ſie in einer Reihe, und zwar die größte zwiſchen den beiden andern, liegen, von den Seefahrern„die Mutter mit ihren zwei Töchtern“ genannt, ob ſie ſchon in der Landesſprache „die Stappernöer Inſeln“ heißen. Unſer Bootsmann, ein geborner Norweger, der die Capküſte öfters befahren und genaue Kenntniß davon erlangt hatte, verſicherte, daß ſich auf dem Gipfel einer der genannten Inſeln, außer vielen Muſchelſchalen, ein Wallfiſchgerippe befinde. Da dieſer Felſen unter allen benachbarten der einzige iſt, der dem menſch⸗ lichen Fuße Zugang verſtattet, ſo wird er oft von den Fiſchern, obſchon mit großer Mühe, erſtiegen, um die Züge der Fiſche zu beobachten, und ſie den fiſchenden Booten anzuzeigen. Die Erzählung von dem Vorhandenſein des Wallfiſchgerippes kann folglich nicht für die Erdichtung eines einzelnen Aben⸗ teurers gelten, ſondern gründet ſich auf das allgemeine Zeugniß der benach⸗ barten Küſtenbewohner. Auch der ſchwediſche Reiſende, Oberſt Skjöldebrand, wurde von den Einwohnern zu Maſöe davon unterrichtet. Dieſe Erſcheinung läßt ſich indeſſen eben ſo ſchwer enträthſeln, als ſie auf⸗ fallend iſt. Da der Gipfel des Felſens gegen 300 Fuß über dem Meere liegt, ſo kann das Gerippe unmöglich von den Wellen hinaufgeſchleudert worden ſein. Wollte man auch, weil das Meer in der dortigen Gegend fortwährend ſinkt, annehmen, daß es vielleicht in alten Zeiten, wo der Felſen wohl nur 50 Fuß über dem Meeresſpiegel hervorragte, geſchehen wäre, ſo müßte das Gerippe, da jenes Sinken nach den neueſten Beobachtungen nur ungefähr ½ Fuß in zehn Jahren beträgt, 5000 Jahre auf der gegenwärtigen Stelle gelegen haben.— Wahrſcheinlicher iſt es, daß jener Fels, vielleicht die ganze Gruppe, vor wenigen Jahrhunderten durch ein Erdbeben entſtand, wobei der Wallfiſch und die Muſcheln zugleich mit in die Höhe geworfen wurden. Daß die Geſchichte von ſolchen Naturbegebenheiten in Finnmarken uelnwahm. widerſpricht der Vermuthung nicht; denn da dieſe nördliche Küſte erſt in ſpätern Zeiten bevöl⸗ kert worden iſt, ſo können früher große Begebenheiten daſelbſt Statt gefunden haben, ohne zu Jemandes Kenntniß zu gelangen. Ueberdieß trägt die ganze Gegend um die Inſel Mageröe ein zu friſches Gepräge ulkaniſcher Ausbrüche, als daß es dem Auge des Beobachters entgehen könnte. Der Herr von Buch, der auf ſeiner geognoſtiſchen Reiſe durch Norwegen und Lappland mehre Felſen doch den alten Meergott Neptun ganz davon auszuſchließen. auf Mageröe beſtieg, entdeckte ſogar im Innern des Landes Stellen, die unver⸗ kennbar das Anſehen ausgebrannter Krater haben. Die heißen Quellen, die es an den Küſten des Eismeeres gibt, und die unterirdiſche Wärme, die in Kielwig, Maſöe und andern norwegiſchen Nieder⸗ laſſungen im tiefſten Winter wahrgenommen wird, beweiſen die vulkaniſche Ei⸗ genſchaft des Landſtriches ſehr deutlich. Eben dieſer unterirdiſchen Wärme, glaube ich, iſt es auch hauptſächlich zuzuſchreiben, daß jene Gegenden hier und da die vortrefflichſten Weideplätze beſitzen. Während wir beim Cap vorüberſegelten, war unſer Schiffsvolk beſchäf⸗ tigt, die ſogenannte Meertaufe zu ertheilen. Man glaubt gewöhnlich, daß dieß nur unter der Linie und dem Wende⸗ kreiſe des Krebſes geſchieht; allein der Weltgegenden, wo ſie Statt findet, gibt es ſehr viele, obgleich weniger berühmte. Dergleichen ſind das Cap Finisterre, Gibraltar, das Vorgebirge der guten Hoffnung, das Cap Horn u. m. a. Ihre Zahl wird noch immer vermehrt, und ſeitdem die Fahrt nach Archangel eröffnet wurde, hat man auch das Nordeap darunter aufgenommen. Nur iſt zu bemer⸗ ken, daß die Seeleute, wenn ſie an weite Reiſen gewöhnt ſind, aus gewiſſem „Stolze die näher gelegenen Gegenden nicht für giltig erkennen, und daß ſie, da die Taufe nur einmal auf jeder Reiſe vollzogen wird, immer die entferntere Ge⸗ gend und beſonders den Wendekreis des Krebſes, im Fall er auf ihrem Wege liegt, allen übrigen vorziehen. Daher z. B. Schiffe, die aus einem nördlichen Hafen nach Cadiz und von da wieder zurückgehen z heim Cap Finisterre, und andere, die ins Mittelmeer ſegeln, bei Gibraltar die Taufe zu verrichten pflegen.— Dieſe Taufe iſt nichts anderes, als eine Handlung, wodurch man dieje⸗ nigen, welche in den oben genannten Weltgegenden noch nicht geweſen ſind, zum Eintritt in dieſelben gleichſam einweiht; ſie entſpricht dem ſogenannten Hän⸗ ſeln bei den Handwerkern, und iſt unter der einen oder der andern Geſtalt bei allen ſeefahrenden Nationen üblich.— Rückſichtlich ihres Urſprungs gehört ſie gewiß unter die älteſten Gebräuche, welche die Zunft der Seefahrer aus der Vorwelt zu uns gebracht hat. In jenen Zeiten wurde ſie wahrſ ch mit ernſter Feierlichkeit vollzogen; denn noch heutigen Tages verrichten die Algierer, die Tuneſen u. ſ. w. eine ähnliche Hand⸗ lung mit Förmlichkeiten, die vom heidniſchen Götzendienſte der berühmten Völker 26 Atterthums entlehnt ſind, und zwar nur bei Gibraltar und dem Cap Finis⸗ Gegenden, welche damals die Grenzen der Schifffahrt bezeichneten. Die Se Chriſten verwandelten ihre Form in eine Art chriſtlicher Taufe, ohne je⸗ * In dieſer Geſtalt —.————— —— s — 41 kam ſie bis zum Mittelalter, wo, deſſen Geiſte gemäß, die roheſten Gebräuche, ſich einmiſchten; denn man warf z. B. die Einzuweihenden, an Tauen befeſtigt, in das Meer, und tauchte ſie faſt bis zum Erſäufen oder Erdroſſeln unter, oder man zog ſie wohl gar unter dem Schiffe durch. Dieſer Mißbrauch war in den letztern Jahrhunderten, beſonders auf den Oſt⸗ und Weſtindienfahrern, ſo tief eingewurzelt, daß er, ungeachtet aller Verbote der Regierungen, lange nicht ausgerottet werden konnte. Einzelne Spuren davon finden ſich noch bis gegen das Ende des ſiebzehnten Jahrhunderts. Gegenwärtig iſt die Meertaufe nichts als eine lächerliche Poſſe, die aber immer noch das Gepräge des Alterthums und der Rohheit an ſich trägt. Sie wird auf allen chriſtlichen Schiffen, kleine Veränderungen abgerechnet, ungefähr auf folgende Weiſe vollzogen.. Ein alter Matroſe übernimmt die Rolle des Neptun, oder, wie er auch von den Seeleuten bisweilen genannt wird, des Meermännchens. Mit einem eisgrauen Bart und allen mythologiſchen Attributen des Meergottes verſehen, ſtellt er ſich auf das Bugſpriet, und ruft in dumpfen Tönen durch das Sprach⸗ rohr dem Schiffe zu, indem er daſſelbe bewillkommt, ſich nach deſſen Verhält⸗ niſſen und am Ende nach dem jungen Schiffsvolke, welches er zum Eintritt in ſeine heiligen Staaten augenblicklich einzuweihen befiehlt, erkundigt. Ein an⸗ derer, der die Stelle des Kapitäns vertritt, manchmal der Kapitän ſelbſt, ant⸗ wortet. Das unerfahrene junge Schiffsvolk, dem man bis dahin ein tiefes Ge⸗ heimniß aus der Sache gemacht hat, ſitzt während der Zeit in einem finſtern Gemach eingeſchloſſen, und erwartet mit ängſtlicher Ungeduld den Ausgang dieſes ſonderbaren Auftritts. Einer nach dem Andern wird dann mit verbun⸗ denen Augen aufs Verdeck geführt. Die taufende Geſellſchaft, nämlich ein Prie⸗ ſter und einige lächerlich angeputzte Gehülfen, mit dem Neptun an der Spitze, nimmt ihn in Empfang und nöthigt ihn, ſich auf ein Bret, das auf den Rand eines mit Seewaſſer angefüllten Bootes oder großen Faſſes gelegt iſt, nieder⸗ zuſetzen. Die Komödie beginnt nun mit einem Vorſpiel, welches„über den Löffel barbiren“ heißt. Es beſteht darin, daß man dem Täufling den Bart übertheert, bei jeder Beantwortung der an ihn gerichteten Fragen den Theer⸗ pinſel in den Mund ſtreicht, und endlich den Theer mit einem Löffel wieder ab⸗ kratzt. Während man am emſigſten damit beſchäftigt ſcheint, wird plötzlich das Bret unter ihm weggezogen, er ſelbſt aber hinterwärts in das Waſſer geſtoßen. Nachdem er gehörig untergetaucht worden iſt, zieht man ihn heraus und nimmt ihm die Augenbinge ab. Da ein ſolcher Getaufter alsdann mit den Uebrigen in gleiche Rechte tritt, ſo entſchädigt er ſich gewöhnlich an ſeinen Nachz ern, ſo daß es dem letzten am ſchlimmſten ergeht. Wenn alle durch ſind, ſo⸗ vird die a Taufe allgemein; man begießt ſich mit Seewaſſer bis Niemand einen trockenen Faden am Körper hat. Dann wird es auch Zeit für jeden Andern, er ſei Offi⸗ zier oder Paſſagier, wenn er nicht dieſelbe Behandlung erdulden will, ſich durch ein Geſchenk an Geld oder Getränk, worauf die Sache hauptſächlich abgeſehen iſt, davon loszukaufen; denn außerdem bleibt Keiner verſchont. Selbſt der Ka⸗ pitän kann nicht dagegen ſchützen und würde ſich auch nicht anmaßen, einen durch das Alterthum geheiligten Gebrauch verdrängen zu wollen. Vielmehr iſt er genöthigt, für ſeine eigene Perſon und, ſollte ſein Schiff noch nicht in der Gegend geweſen ſein, auch für dieſes zu bezahlen. Doch ſieht er darauf, daß Alles friedlich und ohne Jemandes Verletzung abgethan wird. Noch iſt zu bemerken, daß die Förmlichkeiten, wenn die Taufe unter der Linie oder dem Wendekreiſe des Krebſes vor ſich geht, gewöhnlich ſchon am Tage zuvor ihren Anfang nehmen, weil ſich die Ankunft in dieſen Gegenden, wegen der regelmäßigen Paſſatwinde, ziemlich genau voraus beſtimmen läßt. Es erſcheint nämlich, während man des Mittags bei Tiſche ſitzt, ein Abgeſandter des Meergottes, in Geſtalt eines Poſtknechts. Er kündigt ſich vorn auf dem Schiffe durch einige Töne, die dem eines Poſthorns entſprechen, an, eilt dann mit einem Geräuſch, indem er mit Erbſen um ſich wirft, über das Verdeck nach der Kajüte hin, und händigt dem Kapitän ein Schreiben ſeines Herrn ein. Hierin entbietet der Meergott dem Kapitän ſeinen Gruß, bewilligt ihm den Eintritt in ſeine Staaten, bedeutet ihn aber, ſich den dortigen Geſetzen genau zu unterwerfen. Nach Leſung des Schreibens beſchenkt der Kapitän den Eil⸗ boten mit einigen Flaſchen Wein oder Branntwein, womit dieſer eiligſt ſeinen Rückweg antritt und vorn auf dem Verdeck verſchwindet, um— das erhaltene Getränk mit dem übrigen Schiffsvolke bei der Mahlzeit zu theilen. Gegen Abend(d. 8. Juli) ſegelten wir beim Nordkyn vorüber. Es iſt, gleich dem Nordeap, eine ſehr merkwürdige Naturerſcheinung, eine Felſenmaſſe, die, als Fortſetzung eines ungeheuern Gebirges, ſieben bis acht Meilen weit vom Feſtlande in das Meer herausragt, und ſich dann von einer Höhe, welche wenigſtens 800 Fuß beträgt, lothrecht in daſſelbe hinabſenkt. Vom Nordkyn führte uns ein heftiger Weſtwind nach Wardöe, wo wir am 10. vorüber kamen. Dieſe Gegend, deren Reichthum an Fiſchen die Ruſſen aus der weißen See in großer Menge herbeizieht, war Meilen weit mit ihren Fiſcherbooten be⸗ deckt. Sie betrieben ihr Geſchäft mit raſtloſer Thätigkeit, aber auch mit dem glücklichſten Erfolg. Die lappländiſchen Fiſcher, die ihre Netze dicht unter der Küſte aus⸗ warfen und wenig oder nichts fingen, beobachteten mit Erbitterung die glück⸗ 43 lichen Züge jener, und klagten laut, daß ſie die Fiſche verhinderten, zu ihnen zu kommen. Ueberhaupt waren die Eingriffe der Ruſſen in Finnmarkens Rechte, an deſſen Küſte zu fiſchen, ſchon längſt ein Gegenſtand allgemeiner Beſchwerde ge⸗ weſen; aber Niemand wagte es, denſelben Einhalt zu thnn. Selbſt die däniſche Feſtung Wardöhuus, vor deren Angeſicht der Unfug getrieben wurde, ſah ſtill⸗ ſchweigend zu, denn faſt allein durch jene Ausländer wird das Land mit Ge⸗ treide und Mehl verſorgt, welches ſie mitbringen und gegen Fiſche vertauſchen. Mit Sehnſucht erwartet man ſie jeden Frühling, und ihre Ankunft verbreitet lauten Jubel, der ſich aber bald wieder in Traurigkeit verwandelt, weil ſie, nach getroffenem Tauſchhandel, in See gehen, um ſelbſt zu fiſchen und ihre Fahrzeuge vollends zu füllen, während daß man in Wardöe darben muß. Daen Folgen dieſer, aber nur ſcheinbaren Ungerechtigkeit würde jedoch leicht abzuhelfen ſein. Trieben die Lappländer mit gleicher Thätigkeit ihr Ge⸗ ſchäft, verſähen ſie ſich mit eben ſo guten Geräthſchaften und Booten, und fiſch⸗ ten in Geſellſchaft ihrer Nebenbuhler, ſo würden ſie dann mit Mehl und mit Fiſchen ſo gut wie dieſe verſorgt ſein. Denn obſchon die Ruſſen durch ihr Um⸗ zingeln der Küſte die Thiere verhindern, dicht an das Land zu kommen, ſo ſchmälern ſie doch die eigentliche Maſſe derſelben, die ungeheuer iſt, im Ganzen nur unbedeutend. Aber zur Betriebſamkeit werden die Lappländer, ſo lange die Branntweinſucht ihren Geiſt gefeſſelt hält, ſich nie erheben. Einige lappländiſche Boote gaben bei unſerer Annäherung die Arbeit auf, und legten bei uns an, um Branntwein oder ſonſt etwas zur Befriedigung ihrer Bedürfniſſe zu erbetteln. Am 11. erreichten wir die Höhe von Kola und am 13. das Vorgebirge Swätoi. In der Gegend des letztern begegnete uns eine ruſſiſche Fregatte, die nach dem Mittelmeer ſegelte. Sie war erſt kürzlich vom Stapel gelaufen und von Lerchenholz ſo ſchön gebaut, als mir je ein Meiſterſtück engliſcher oder ameri⸗ kaniſcher Schiffsbaukunſt zu Geſicht gekommen iſt. Des widrigen Windes we⸗ gen hatte ſie von Archangel bis hierher drei Wochen zugebracht und viel Unge⸗ mach erlitten; eine ſehr unglückliche Vorbedeutung in den Augen der darauf befindlichen Mannſchaft, deren ſich ein allgemeiner Mißmuth bemeiſterte. Am 14. fuhren wir um das Vorgebirge Orlow. Den darauf folgenden Tag ging unſer Schiff, wegen der eingetretenen Windſtille, an der lappländi⸗ ſchen Küſte vor Anker. Dieſer Landſtrich iſt ſehr verſchieden von denjenigen, welche wir bisher er⸗ blickt hatten. Die ſtolze Felſenkette Norwegens, die nach dem Vorgebirge Swä⸗ 44 toi hin immer mehr in unanſehnliche Berge und Hügel ausartet, ſinkt nun zur bloßen Sandfläche herab, die einen höchſt traurigen Anblick darbietet. Auch im Klima merkte man eine große Veränderung. Der Luftkreis zeigte ſich weniger rein und die Sonne ſchien nicht ſo warm, als ſogar in der Gegend des Nordcaps. Um Mittag ließ ich mich von unſerem Paſſagier zu einem kurzen Spazier⸗ gang ans Land bereden, einem Spaziergang, der nur Seereiſenden durch das Gefühl, die Mutter Erde mit den Füßen zu betreten, Vergnügen gewähren konnte. Wir kamen zurück, von Mücken zerſtochen, mit Schuhen voll Sand, und hatten nichts geſehen als Sand. Gegen Abend erhoben ſich weſtliche Lüftchen, daher wir die Reiſe weiter fortſetzten. Während der Nacht ging die graue Farbe des Waſſers, die dem Nordmeer eigen iſt, auffallend ſchnell in diejenige über, welche dem weißen Meer ſeinen Namen gibt, und durch die thonigen und ſchlammigen Beſtandtheile des Bodens erzeugt wird. Dieſer Meerbuſen, das weiße Meer, der vor Zeiten wahrſcheinlich mit der Oſtſee in Verbindung ſtand, iſt außerordentlich ſeicht, und verdankt nur den großen Flüſſen, die er aufnimmt, daß er ſich in einem ſchiffbaren Zuſtande er⸗ hält. Aus eben dieſer Urſache iſt auch ſein Waſſer ſehr wenig geſalzen. Am 16. kamen uns mehre Lodki, eine Art ruſſiſcher Fah hrzeuge, entgegen, worin Jagdgeſellſchaften ſich befanden, die auf dem Wege nach Nowaja⸗Semlia begriffen waren. Dergleichen Geſellſchaften, deren ſich jährlich in den Häfen des weißen Meeres ſehr viele vereinigen, beſtehen aus ungewöhnlich abgehär⸗ teten Menſchen. Sie pflegen in Nowaja⸗Semlja, wo ſie ſich von mitgebrachtem Holze Hütten bauen, zu überwintern, und im folgenden Herbſte mit Häuten von Bären, Wölfen, Füchſen und wilden Rennthieren, ſowie mit Speck von Wallroſſen und Robben zurückzukehren. In der Nacht, als ſich unſer Schiff ungefähr noch funfzehn Meilen von der Mündung der Dwina befand, ſteuerten wir hinüber auf die andere Seite des weißen Meeres. Am 17. bei Sonnenaufgang lag die ruſſiſche Küſte vor uns, eine Land⸗ ſchaft, die auch andern Augen, als an lappländiſche Gegenden gewöhnten, an⸗ muthig ſcheinen würde— flaches Land, aber friſch grünende Felder, Wieſen und Waldungen, häufig untermengt mit ländlichen Häuſern und Fiſcherſitzen. Ueberall war Leben, überall Thätigkeit. Ungefähr zehn Meilen von der Mündung der Dwina begannen einige vor uns ſegelnde amerikaniſche Schiffe, ungeachtet der Wind ſehr anwuchs, ihren Ballaſt in die See zu werfen. Die Amerikaner ſind raſch in ihren Unterneh⸗ 45 mungen; ſie gewinnen daher oft mehr, als andere, die bedächtig verfahren, lei⸗ den aber auch oft beträchtlichern Schaden. Dieſe Bemerkung fand ich auch hier beſtätigt. Drei oder vier jener Schiffe, die ihren Ballaſt ausgeworfen hatten, erreichten, der dadurch bewirkten Leichtigkeit wegen, noch am ſelbigen Tage den Hafen von Archangel. Hier erſparten ſie nicht nur die beim Ballaſtauswerfen üblichen Gebühren, ſondern auch den damit verbundenen Zeitaufwand, und waren bei unſerer Ankunft bereits mit Laden beſchäftigt. Aber ein anderes mußte ſein Wagſtück theuer bezahlen. Eine Meile von der Dwina ward es, aus Mangel an gehörigem Schwergewicht, vom Wind auf die Seite geworfen, füllte ſich durch die offenſtehenden Luken augenblicklich mit Waſſer, und ſank, obgleich zwei ſchwediſche Schiffe ihm zu Hülfe eilten, nach wenig Minuten unter. Mehre Menſchen, worunter der Kapitän ſich befand, verloren ihr Leben. Nachmittags(den 17. Juli) erreichten wir die Mündung der Dwina, wo ein Lootſe angenommen, und auf deſſen Anrathen das Schiff bis zum Eintritt der Fluth beigelegt wurde. Gegen acht Uhr Abends liefen wir mit einem günſtigen Winde den Fluß hinauf. Wir erhielten bald einen ſtarken Zuſpruch von Zollbeamten, die, ob ſie gleich überall läſtig ſind, hier äußerſt unverſchämt waren. Sobald ſie das Ver⸗ deck betreten hatten, ſtiegen ſie ungebeten in die Kajüte, nahmen Beſitz von Tiſch und Stühlen, und behaupteten ihn ſo lange, bis Speiſe und Trank in ihrem Magen nicht mehr Platz finden wollte. Die äußern Dwinaufer ſind thonig und haben ein ſehr kahles Anſehen. Nach und nach aber wird der Boden ſandiger, und wir fanden ihn gut ange⸗ baut. Die Waldungen waren größten Theils ausgerottet, und nur hie und da ſtanden noch kleine Ueberreſte. Deſſen ungeachtet deutete Alles auf vorhandenen Holzüberfluß in der Nähe. So trieben z. B. ganze Baumſtämme auf dem Strome nach der See, wovon wir einige auffingen, ohne daß es uns Jemand verwehrte. Mit der einbrechenden Nacht ließen wir den Anker fallen, und lichteten ihn bei Sonnenaufgang, welcher gegen zwei Uhr erfolgte, wieder, um das Ziel unſerer Reiſe zu erreichen. Einige Meilen unter Archangel kam eine Menge kleiner Duuft geführt von Weibern und Mädchen, die uns Milch und Waldbeeren zum Verkauf brach⸗ ten. Der fröhliche Sinn, den ſie durch Scherz und Geſänge äußerten, die Ge⸗ wandtheit, mit der ſie auf dem Waſſer daher ſchwebten, und überhaupt das Abenteuerliche ihres Aufzugs erregten die Aufmerkſamkeit aller Ankommenden, und machten, daß ihre Waaren ſehr vortheilhaften Abſatz fanden. Eine Meile von Archangel, wo größere Schiffe, weil der Strom weiter 46 hinauf zu ſeicht wird, liegen bleiben müſſen, warfen wir Anker. Nowa⸗Dwinka, ein Flecken am rechten Ufer, von ungefähr 200 hölzernen Häuſern, die größten Theils den Archangeler Kaufleuten zu Niederlagen dienen, war uns zur Seite. Die Gemeinſchaft der Schiffe mit der Stadt— was in ähnlichen See⸗ plätzen eine Menge Matroſen zum immerwährenden Hin⸗ und Herrudern ver⸗ langt, und folglich der Arbeit auf den Schiffen entzieht,— wird hier auf eine ſehr bequeme und vortheilhafte Weiſe durch die Lootſen unterhalten. Die Ar⸗ changeler Lootſen haben nämlich das Eigene, daß ſie nicht, wie die in anderen Häfen, ihre Dienſte für beendigt anſehen, ſobald die Schiffe auf dem beſtimm⸗ ten Ankerplatze angekommen ſind, ſondern ihnen auch nachher, ſo lange ſie vor Anker liegen, als Fährmänner dienen. Da ihre Boote, wegen der flachen Bau⸗ art und großen Leichtigkeit, nur einige Zoll tief im Waſſer gehen, ſo ſind ſie für die dortigen ſehr ſeichten Landungsplätze, die den ſcharf gebauten Seebooten das Anlanden gar nicht verſtatten, ganz vortrefflich geeignet. Dabei tragen ſie ziemliche Laſten, und rudern ſo ſchnell, daß ſie vom Ankerplatze nach der Stadt nur eine Stunde brauchen. 1 7. Beſchreibung Archangels und ſeiner Bewohner. Feldbau. Viehzucht. Waldungen. Bären und andere wilde Thiere. Die Lebhaftigkeit, die in der Umgebung Archangels herrſcht, iſt für eine ſo nördliche Gegend gewiß außerordentlich. Der ganze Fluß vom Ankerplatze bis zur Stadt iſt gewöhnlich voll von Seeſchiffen, Barken, Fiſcherfahrzeugen, Paſſagier⸗ und andern kleinen Booten. Nähert man ſich der Stadt, ſo hört man ſchon von weitem das ſtarke Getöſe, welches die Arbeiten auf den Schiffs⸗ werften verurſachen. Vor der Stadt ſelbſt wimmelt der Strom von Flußfahr⸗ zeugen, und das Ufer von Gruppen geſchäftiger Menſchen. Auf den Feldern ſieht man zu jeder Zeit Arbeiter, ſo wie auf den Landſtraßen, beſonders auf der großen Heerſtraße nach Sibirien, Fußgänger und Fuhrwerk in Bewegung; und helle Stimmen und muntere Geſänge erfüllen die ganze Gegend. Bevor ich zur Beſchreibung der Stadt übergehe, wird es nicht unzweck⸗ mäßig ſein, einen flüchtigen Blick auf den Urſprung derſelben zu werfen. Die erſte Veranlaſſung zu ihrem Entſtehen muß man unſtreitig der Entdeckung des weißen Meeres zuſchreiben, welche die Engländer im Jahre 1553 machten. Denn ſeit der Zeit beſuchten ſie die Dwina, und eröffneten einen vortheilhaften Handel. Hierdurch wurde im Jahr 1584, wo Rußland alle ſeine Beſitzungen an der Oſtſee und folglich auch die Schifffahrt auf dieſem Gewäſſer verlortrn hatte, der Czar Iwan Waſtljewitſch II. bewogen, ein Caſtell an der Dwina zu erbauen, um den daſelbſt entſtehenden Verkehr zu ſchützen, und von da aus die Gemeinſchaft mit entlegenen Ländern zu unterhalten. Es ließen ſich nun bald engliſche Kaufleute in der Gegend nieder, die Eingebornen drängten ſich herzu, und ſo entſtand in kurzem eine kleine, von Handelsgeiſt beſeelte Stadt. An⸗ fangs genoſſen die Engländer ausſchließlich das Recht, dahin zu handeln; aber unter Feodors Regierung eröffnete man den Hafen allen Völkerſchaften. Es ſtrömten nun Schiffe aus vielen Ländern, und ſelbſt venetianiſche, herbei; die Geſchäfte bekamen bald einen bedeutenden Umfang, und ſchon im Jahr 1655 belief ſich die Ausfuhr auf 1,980,000 Thaler. Ueber das fernere Schickſal dieſer Handelsſtadt werde ich weiter unten Gelegenheit zu ſprechen haben. Erblickt man Archangel von der Seite des Fluſſes, an deſſen rechtem Ufer es ⁄¾ Stunden weit frei und offen ſich ausdehnt, ſo macht es, ungeachtet ſeiner ſchlechten Bauart und geringen Häuſerzahl, einen großen Eindruck auf das Auge; an der Landſeite liegt es hinter Gärten verſteckt, und zeigt nur einige Thurmſpitzen. Die Straßen laufen in zwei krummen, von QGuergaſſen durchkreuzten Hauptlinien längs dem Fluſſe hin. Sie ſind, ſtatt des Pflaſters, mit Balken belegt, ſonſt aber ziemlich breit; auch werden ſie, weil der darauf ſich anhäu⸗ fende Unrath verpachtet iſt, beſonders rein gehalten. Das Gewühl von Fuhr⸗ werk und Menſchen darin iſt nicht geringer als in den größten Handelsſtädten. An allen Ecken ſitzen Verkäufer von Früchten Backwerk und andern Eßwaaren; auch bietet man überall ein Getränk feil, welches aus Waſſer, Honig, Safran und andern Gewürzen bereitet, und von den Ruſſen mit großer Begierde ge⸗ trunken wird. Die nicht von Steinen errichteten Häuſer ſind von horizontal liegenden Balken aufgeführt, bisweilen mit Bretern bekleidet und übertüncht. Sie beſte⸗ hen größten Theils aus einem Stockwerk, und haben im Allgemeinen eine be⸗ queme und beſonders für den Winter berechnete Einrichtung. Doppelte Fenſter und doppelte Außenthüren findet man ſehr häufig, ſo wie auch eine beſondere Art Oefen, welche wegen ihrer Nützlichkeit eine nähere Beſchreibung verdienen. Sie ſind in einer viereckigen Form von Backſteinen, die man von außen mit bunten irdenen Platten belegt, faſt wie die Herrenhutiſchen aufgeſetzt, und rei⸗ chen vom Fußboden bis an die Decke. Gewöhnlich werden ſie von innen durch eine kleine, dicht am Fußboden befindliche Thür geheizt, wobei es hauptſächlich darauf ankommt, daß man das ſchnelle Verbrennen des angelegten Holzes ſo viel als möglich befördert, dann die Thür nebſt der Rauchöffnung geſchwind verſtopft und vor dem Eindringen der äußern Luft ſorgfältig verwahrt. Ein ſolcher Ofen wird erſt nach mehreren Stunden völlig durchwärmt, behält aber die einmal angenommene Wärme den ganzen Tag, ſo daß ſelbſt im ſtrengſten Winter nur Einmal täglich eingeheizt wird; oft geſchieht es nur alle zwei oder drei Tage. In jedem Gemach, ſelbſt in den Schlafkammern und Vorſälen, ja, hin und wieder ſogar auf den Gängen und Treppen, befinden ſich ſolche Oefen, welche, da ſie alle des Morgens geheizt werden, im ganzen Hauſe eine gleich⸗ förmige Wärme unterhalten. Man iſt daher weniger als bei uns beſorgt, die innern Thüren zuzuhalten; vielmehr pflegt man ſie offen zu laſſen, um unge⸗ hindert hin und her gehen zu können. Das Hausgeräth zeigt durchgängig von dem Wohlſtande, der in See⸗ ſtädten ſo bemerkbar iſt. In den Häuſern der Vornehmen und Reichen findet man koſtbare Tapeten, ſchöne Kommoden, Schränke, Tiſche u. ſ. w. von Maha⸗ goniholz und andere Lurusartikel; doch wird nicht ſelten eine geſchmackvolle Anordnung vermißt. Das vorzüglichſte öffentliche Gebäude iſt der weitläufige ſteinerne Palaſt. Er beſteht aus drei Haupttheilen, welche, durch Flügel mit einander verbunden zwei große viereckige Höfe in ſich faſſen. Das mittlere Gebäude iſt hauptſächlich der Sitz des Stadtraths, ſo wie auch anderer obrigkeitlicher Behörden; daher es viele prächtige Zimmer und Säle enthält. Auch befinden ſich einige Gewölbe darin, die zur Aufbewahrung des landesherrlichen Eigenthums benutzt, bis⸗ weilen jedoch an die Kaufmannſchaft vermiethet werden. Die beiden übrigen Theile ſind ausſchließlich für die Kaufleute, der eine für die einheimiſchen, der andere für die fremden, beſtimmt; denn bekanntlich iſt im ganzen ruſſiſchen Reiche die Einrichtung getroffen, daß alle Handelsartikel, die Eßwaaren aus⸗ genommen, nicht in den Wohnhäuſern der Bürger, ſondern in öffentlichen, dazu angewieſenen Oertern verkauft werden. Dem zu Folge ſind hier, beſonders in den beiden erwähnten Höfen, lauter Gewölbe, wo man die mannigfaltigſten Waaren, nach ihrer Gattung reihenweiſe ausgelegt, findet. Die oberen Stock⸗ werke enthalten gut eingerichtete Zimmer, wo den Sommer über nicht nur Mos⸗ kauer und andere fremde Kaufleute, ſondern ſelbſt viele Einheimiſche wohnen, welche erſt beim Eintritt des Winters und nach Abfertigung der letzten, für das Ausland befrachteten Schiffe ihre Häuſer in der Stadt beziehen. Demnach iſt der Palaſt der Mittelpunkt des Handels, was auch durch ſeine Lage, indem die Dwina in einer kleinen Entfernung vorüber fließt, ſehr begünſtigt wird. Ebenſo iſt dieſe Gegend des Fluſſes der allgemeine Sammelplatz für die aus dem Lande kommenden Fahrzeuge, ſo wie für die Barken, welche die Frachten der Seeſchiffe hin und her führen. Im Sommer erbaut man vor dem Palaſte, wegen der Seichtheit des Fluſſes, hölzerne Werfte, die ſtatt der Kaien, zum — 49 Ein⸗ und Ausladen der Güter dienen. Vor Einbruch des Winters werden ſie wieder abgebrochen. Die Kirchen ſind zwar von außen unanſehnlich und größten Theils höl⸗ zern, prangen aber im Innern mit guten Vergoldungen, mit Heiligenbildern und hiſtoriſchen Gemälden. Auch beſitzen ſie eine Menge ſeltener Reliquien. Mit Bänken oder Stühlen ſind ſie nicht verſehen, und die ganze Verſammlung pflegt während des Gottesdienſtes zu ſtehen. Die Glocken dieſer Kirchen, und beſonders der beim Kloſter, werden faſt Tag und Nacht geläutet. Die beiden Kirchen, welche der lutheriſchen und der reformirten Gemeinde gehören, ſtehen dicht an der Dwina, nicht weit von einander. An den Seiten derſelben befinden ſich die Wohnhäuſer der Geiſtlichen, und mitten innen liegen die Kirchhöfe, wo man die Todten auf europäiſche Art begräbt. Während des Sommers wird in dieſen Kirchen jeden Sonntag zweimal gepredigt; im Winter aber ſind ſie der Kälte wegen geſchloſſen, indem die Prediger den Gottesdienſt in ihren Häuſern, und zwar in gut geheizten Zimmern halten. Das Seemannshoſpital iſt ein ziemlich weitläufiges Gebäude. Außer den ruſſiſchen Seeleuten werden auch andere, ohne Rückſicht auf die Nation, gegen eine geringe Entſchädigung darin aufgenommen. Die Kranken genießen eine gute Verpflegung. Bei ihrem Eintritt erhalten ſie einen beſonderen Anzug, der in weißwollenen Unterkleidern und in einem Oberrock von demſelben Stoffe beſteht; auch gibt man ihnen wöchentlich zweimal reine Wäſche und einmal reines Bettzeug. Die wenigen übrigen öffentlichen Gebäude verdienen keiner beſonderen Erwähnung. Hier und da liegen zwiſchen den Häuſern Obſt⸗ und Küchengärten, die größtentheils auf deutſche Art bearbeitet werden. Zu den lebhafteſten Theilen der Stadt gehören einige freie Plätze, welche den Verkäufern der Eßwaaren, dem fremden Fuhrwerk, den ſich zu vermiethen⸗ den Arbeitern, ſowie den ans Land kommenden Seeleuten und den Spazier⸗ gängern aus allen Ständen zum Sammelplatze dienen. Die Einwohner beſtehen theils aus Ruſſen, theils aus deutſchen, engli⸗ ſchen und holländiſchen Familien, von den Eingebornen Gäſte genannt. Ihre Zahl wird aber im Sommer durch Kaufleute aus allen Provinzen des Reichs, ſowie durch die einwanderten ruſſiſchen, ſamojediſchen und lappländiſchen Tag⸗ arbeiter beträchtlich vermehrt. Während des Sommers, als ich mich in Archangel befand, waren drei Monate lang gegen 5— 6000 Fremde daſelbſt verſammelt, ohne die ab⸗ und zugehenden Schiff⸗ und Fuhrleute zu rechnen, deren Menge ſich wohl doppelt ſo hoch belaufen mochte. Richter's Reiſen. I. 4 50 Die in Archangel anſäſſigen Ausländer, welche gleichſam die Seele des⸗ ſelben ſind, beſtehen aus Kaufleuten, Künſtlern und Handwerkern. Sie leben nach ihren Landesſitten, und obgleich ſie hierin von einander ſehr abweichen, ſo gleichen ſie ſich doch in Hinſicht ihrer Anhänglichkeit am Vaterlande, ihrer ein⸗ gezogenen Lebensweiſe und raſtloſen Thätigkeit bei Betreibung der Geſchäfte. Alle wünſchen ſo bald als möglich reich zu werden, und dann mit vollen Beu⸗ teln in die Heimath zurückzukehren. Die Künſtler und Handwerker liefern vor⸗ treffliche Arbeiten, die im ganzen Reiche geſchätzt werden. Die Kaufleute machen bedeutende Geſchäfte, und haben den Handel mit dem Auslande in ihren Händen. Die ruſſiſchen Einwohner, die einzigen im ganzen Gouvernement, welche ſtädtiſche Gewerbe treiben, haben ſich bereits durch den beſtändigen Umgang mit Perſonen aus gebildeten Staaten über einen großen Theil ihres Volkes erhoben.. Die Kaufleute, die bis jetzt noch keine große Anzahl ausmachen, beſitzen zum Theil ein anſehnliches Vermögen. Aber ſo beträchtlich auch ihr Handel innerhalb des Landes iſt, ſo ſelten befaſſen ſie ſich doch mit Geſchäften in das Ausland, wovon man die Urſache nicht einem Mangel an Fähigkeit, ſondern einer allzu großen Vorſicht zuſchreibt. Die Handwerker eifern den Ausländern mit beſonderem Glücke nach, wo⸗ bei ſie einen eignen Geiſt entwickeln. Die Arbeiter in Metall und Holz haben es zu großer Vollkommenheit gebracht. In der Werkſtatt eines Tiſchlers ſah ich ſehr zierlichen Hausrath im engliſchen Geſchmack, und in der eines Kupfer⸗ ſchmieds z. B. einen künſtlichen Ofen in Geſtalt eines Bären, der getreu nach der Natur und ſehr ſauber gearbeitet war. Freilich fehlt es im Allgemeinen dem einheimiſchen Handwerksmanne noch ſehr an Aufmunterung. Denn obſchon unter den Einwohnern der europäiſche Luxus immer mehr überhand nimmt, ſo verſchaffen ſie ſich doch ihre zunehmenden Bedürfniſſe meiſtens von den Aus⸗ ländern und vernachläſſigen ihre Landsleute. Auch hängen die Bewohner der Umgegend noch ſo feſt an ihrer altruſſiſchen Sitte, daß ſie dadurch dem Hand⸗ werksmann alle Möglichkeit, Fortſchritte zu machen, abſchneiden. So gebraucht z. B. der ruſſiſche Landmann noch immer eine Art runder Schachtel, Tojas ge⸗ nannt, zu den mannichfaltigſten Zwecken. Sie dient ihm abwechſelnd bald zur Suppenſchüſſel, zur Rauchtabakdoſe, und dann wieder zum Milchaſch, zum Fruchtkorb u. ſ. w. Dieſes Geſchirr, welches aus Birkenrinde mit hölzernem Boden und Deckel beſteht, iſt außen mit darauf gepreßten Figuren verziert und gewiß recht künſtlich zuſammengeſetzt. Die Verfertiger würden jedes andere hölzerne Geſchirr zu liefern im Stande ſein; aber die ruſſiſchen Landleute ver⸗ b 51 7 8 * 5 langen ſchlechterdings eine Tojas, und will der Handwerker in Archangel ſeine Arbeit abſetzen, ſo darf ſie nicht im mindeſten von der gewöhnlichen Form ab⸗ weichen, noch viel weniger zu verſchiedenen Zwecken verſchiedene Formen haben. Das iſt auch der Fall mit allen andern Sachen. Künſtler gibt es, außer einigen Liebhabern der Muſik, wozu die Ruſſen große Fähigkeit zeigen, ſehr wenige, die auf dieſen Namen Anſpruch machen können.. Der Haupterwerbzweig Archangels beſteht im Zwiſchenhandel. Man ver⸗ ſorgt das nördliche Rußland, einen großen Theil Sibiriens und mehre ſüdliche Provinzen, wozu die Verſchiffung auf der Dwina und der benachbarten Wolga Vieles beiträgt, mit europäiſchen Waaren. Beſonders geſchieht dies auf den Meſſen zu Irbit in Sibirien und zu Makariew an der Wolga(welche letztere ſeit kurzem nach Niſchnei⸗Nowgorod verlegt worden iſt). Dagegen ſendet man nach faſt allen europäiſchen Ländern ſibiriſche Waaren, wovon es in Archangel große Niederlagen giebt, ſowie auch die gewöhnlichen Handelsartikel Nord⸗ und Südrußlands. Zu den letztern gehört hauptſächlich Getreide. Im Jahre mei⸗ nes dortigen Aufenthalts wurden für das Ausland 75 große Seeſchiffe damit befrachtet. Es wird indeſſen auch mit eigenen Erzeugniſſen ein ſtarker in⸗ und aus⸗ ländiſcher Handel getrieben. Sie beſtehen hauptſächlich in den mannichfaltigen Artikeln, welche die Waldungen, die Jagdexpeditionen nach Nowaja⸗Semlia, die Fiſcherei, und beſonders der Wallfiſch⸗ und Robbenfang an den Küſten von Spitzbergen liefern. Dieſer letztere Handelszweig befindet ſich in den Händen einer Geſellſchaft, die in St. Petersburg ihren Sitz und in Archangel ein Komptoir hat. Die Nawoga(eine kleine Art des dreifinnigen Stockfiſches) ver⸗ ſchickt man gefroren in großer Menge nach Petersburg. Die Anzahl der ſämmtlichen für das Ausland befrachteten Schiffe belief ſich im Jahr 1805, wenn man die vielen kleinen, nach Lappland und Norwegen abgegangenen Fahrzeuge abrechnet, auf 197. Der Geldwerth der Einfuhr wurde auf zwei, und der der Ausfuhr auf drei Millionen Rubel angeſchlagen. Man ſieht hieraus, daß der Handel dieſer Stadt vielumfaſſend und ſehr beträchtlich iſt. Er würde jedoch auf einer weit höhern Stufe ſtehen, hätten nicht die Veränderungen, die Peter der Große in der Geſtalt ſeines Reichs veran⸗ laßte, ihr ſchnelles Emporkommen verhindert. Um nämlich das neue von ihm erbaute Petersburg in Aufnahme zu bringen, verbot er allen Handel nach Ar⸗ changel; außer dem, welcher von den Einwohnern der benachbarten Provinzen dahin getrieben wurde. Die arme Stadt beklagte lange ihr verlornes Recht. Endlich ſtellte es Katharina im J. 1727 wieder her, verband aber manche Ein⸗ 4* 52 ſchränkung damit. Sie verringerte den Petersburger Zoll von 5 auf 3 vom Hundert; zu Archangel hingegen erhöhte ſie den Zoll von denjenigen Waaren, die vordem nur nach Petersburg gebracht werden durften, von 5 auf 7. Ueber⸗ dieß geſtattete ſie die Ausfuhr des Korns in fremde Länder nur unter der Be⸗ dingung, daß es aus keinen andern Theilen des Reichs, als aus den wiatkiſchen Provinzen, und den längs der Dwina, Suchona und Witzeda gelegenen Ort⸗ ſchaften bezogen würde.. Ein anderer ſehr anſehnlicher Erwerbzweig iſt der Schiffbau. Man erbaut Krieg⸗, Kauffahrtei⸗ und allerlei kleine Seeſchiffe, Flußfahrzeuge und Boote. Die Tau⸗ und Segeltuchmanufacturen beſchäftigen ebenfalls ſehr viele Menſchen. Andere Manufacturen von einiger Erheblichkeit gibt es hier noch ſo wenig, als im ganzen übrigen Gouvernement. Uebrigens ſteht unter den Bewohnern Archangels die ausdauernde Be⸗ triebſamkeit der Ruſſen auf einer hohen Stufe. Daher kommen auch ſelbſt die Aermſten bei dem häufigen Mißwachs der daſigen Gegend ſelten in Verlegen⸗ heit; ſie erwerben faſt immer ſo viel, daß ſie das theuere, aus den ſüdlichen Provinzen zugeführte Korn erkaufen können. Dieſe Thätigkeit erſtreckt ſich auch auf das weibliche Geſchlecht. Die vor⸗ nehmen Frauen verſorgen andere Städte mit ihrer Putzarbeit; die gemeinern ſpinnen Zwirn und weben Hausleinwand, Dinge, die auch außerhalb Rußland ſehr geſucht werden. Gänzlicher Müſſiggang und Bettelei ſind unerhört. Diejenigen aber, welche Alters oder Krankheit halber zum Erwerb ihres Unterhaltes unfähig ſind, erhalten von der Stadt die erforderliche, ihren Verhältniſſen ange⸗ meſſene Pflege. Mit Ausnahme der höhern Beamten und einiger Kaufleute, welche ſich nach europäiſcher Sitte kleiden, haben alle Archangeler noch die altruſſiſche Tracht; doch zeichnet ſich jeder Stand durch Reinlichkeit, theils auch durch Pracht in der Kleidung vor vielen Bewohnern Rußlands aus. Die Reichen tragen meiſtens Oberkleider von dem feinſten engliſchen Tuche und koſtbare tür⸗ kiſche Leibbinden. Auch bei den Aermern iſt dieß an feſtlichen Tagen der Fall, obſchon ihre gewöhnlichen Kleidungsſtücke gröber und von inländiſchen Stoffen perfertigt ſind. Engliſche runde Hüte trägt man eben ſo allgemein, als die ruſ⸗ ſiſchen halb aufgeſtutzten. Die Bärte, da ſie oft blond, röthlich oder vielfarbig und zu kurz abgeſchnitten ſind, gewähren in der Regel kein gutes Anſehen; doch ſind diejenigen, welche eine braune oder ſchwarze Farbe und eine beträchtliche Länge haben, oft eine Zierde für hagere blaſſe Geſichter. Die weibliche Klei⸗ dung iſt in Hinſicht der Formen ſowohl als der Beſtandtheile ſehr mannich⸗ —— faltig. Die Frauen der Kaufleute tragen gewöhnlich ſeidene oder baumwollene Kleider und eine ſehr hohe Mütze. An Feſttagen und wenn ſie ſich ſonſt putzen wollen, erſcheinen ſie in reichen Gold⸗ oder Silberſtoffen. Ihre Kopfbedeckung beſteht dann in einer runden Mütze mit einem geſtickten Schleier, der hinten bis auf die Erde herabhängt; und am Halſe, auf der Bruſt und an den Händen iſt Geſchmeide aller Art angebracht. Die gemeinen Weiber kleiden ſich ziemlich wie bei uns, nur daß ſie ein großes Tuch ſchneckenförmig um den Kopf binden. Auch gehen ſie oft ohne Kopfbedeckung, wo ſie dann die Haare, in Zöpfe ge⸗ flochten, über den Rücken herabhängen laſſen. Die Wäſche iſt, ſogar bei den gemeinſten Leuten, auffallend weiß; doch ſoll dieſe Eigenſchaft nicht ſowohl der ſorgfältigen Behandlung beim Waſchen und Bleichen, als dem dabei üblichen Auskochen in Kalklauge zuzuſchreiben ſein. Obſchon es unter den Gebildeten viel Leute von anerkannter Redlichkeit gibt, ſo hat doch das gemeine Volk einen großen Hang, Diebereien zu begehen, beſonders an Fremden. Auf den Schiffen mußten wir immer, wenn Ruſſen zur Arbeit an Bord erwartet wurden, alles bewegliche Geräth aus dem Wege ſchaffen, und, ſo lange ſie gegenwärtig waren, ſehr auf unſerer Hut ſein. Un⸗ ſerem Koch nahm man mehr als einmal das Fleiſch aus den Keſſeln, auch fielen beträchtliche Diebſtähle vor. Einem Schiffe wurde zur Nachtzeit ein ausgewor⸗ fener Anker nebſt einem Stück des daran befindlichen Kabeltaues, und einem andern das große Marsſegel von der Raa entwendet. Mit dieſem letztern ver⸗ wegenen Streiche war ein lächerlicher Umſtand verknüpft. Der Kapitän des Schiffes hörte in der Nacht ein Geräuſch auf dem Verdeck, ſprang hinauf und fand eine Anzahl Ruſſen mit einem zuſammengerollten Segel auf den Schul⸗ tern. Sie kamen ſogleich auf ihn zu und boten es ihm für einen ſehr billigen Preis zum Verkauf an. Da er dieſe Waare für geſtohlene hielt, ſo verwies er ſie damit augenblicklich aus dem Schiffe, überzeugte ſich aber am Morgen, daß er ſelbſt der— Beſtohlene war. Auch darf man in die Ehrlichkeit der kleinen Krämer kein beſonderes Ver⸗ trauen ſetzen. Ein Fremder, der ihnen abkauft, muß immer befürchten, entweder ſchlechte Waare zu bekommen, oder, wenn ſie gut iſt, den doppelten Werth der⸗ ſelben zu bezahlen. Ebenſo machen ſich die Beamten großer Unredlichkeit ſchuldig, indem ſie ihr Einkommen durch allerlei Kunſtgriffe zu vermehren ſuchen, was zu großen Vedrückungen und Unordnungen Anlaß gibt. Die Religion ſteht bei den Archangelern in ſehr hohem Anſehen, d. h. ſie befolgen die äußeren Gebräuche, welche die Kirche vorſchreibt, auf das Strengſte. Sie enthalten ſich z. B. während der Faſten, welche bei weitem den größten Theil des Jahres ausfüllen, der verbotenen Speiſen gewiſſenhaft. Keine Meſſe 54 wird verſäumt; während derſelben bekreuzigt man ſich und neigt ſich vor⸗ und rückwärts, ohne dabei die Augen vom Altar zu verwenden, obſchon beide Ge⸗ ſchlechter unter einander ſtehen. Den Crucifixen und Heiligenbildern an den Gaſſenecken und Landſtraßen bezeigt Jeder, ſo oft er bei denſelben vorübergeht, die tiefſte Ehrfurcht. Auch reinigt man ſich von allen Sünden durch eine offen⸗ herzige Beichte, wenigſtens einmal des Monats. Bei dieſer ſcheinbaren Fröm⸗ migkeit kann es aber nicht fehlen, daß die Leute ſehr unchriſtliche Handlungen begehen, ohne ſich ein Gewiſſen darüber zu machen. Der übermäßige Hang zu ſtarken Getränken, ſo wie zu Schmauſereien und andern Vergnügungen, iſt in Archangel weniger als in anderen ruſſiſchen Städten herrſchend, was hauptſächlich von dem guten Beiſpiele der dort an⸗ ſäſſigen Ausländer herzurühren ſcheint. Nur Leute niedrigen Standes über⸗ laſſen ſich bisweilen dem Trunke, jedoch zu einer Zeit, wo ihrer Arbeit kein Ab⸗ bruch dadurch geſchieht, in den Feierabendſtunden, und an Sonn⸗ und Feſt⸗ tagen, an welchen zwar das Arbeiten, aber nicht das Zechen der polizeilichen Ordnung zuwiderläuft. In der Hauswirthſchaft und bei Tiſche ahmen die Vornehmen durchgängig den Ausländern nach, daher hierin oft ſeltſame Miſchungen verſchiedener Lan⸗ desſitten zum Vorſchein kommen. Während der Faſten, wo jede Fleiſchkoſt un⸗ erlaubt iſt, ſind ſie freilich genöthigt, ihren Tiſch auf Grütze, Graupen und andere vaterländiſche Gerichte zu beſchränken; aber in den Zwiſchenzeiten ent⸗ ſchädigt man ſich durch die leckerſten Speiſen, welche die europäiſche Kochkunſt liefern kann. Als mich einmal ein ruſſiſcher Kaufmann, bei dem ich etwas zu verrichten hatte, zufällig zu Tiſche behielt, wurden, obſchon es ein Wochentag war, und man ſich wegen ſchlechter Bewirthung entſchuldigte, fünf Schüſſeln mit köſtlichen Fleiſch- und Fiſchſpeiſen nach einander aufgetragen. Den Beſchluß machte ein Gericht, das aus unreifem Korn und zwar nach Art einer Paſtete zubereitet wird; es iſt in der That ein Leckerbiſſen, wirkt aber, wenn man es oft genießt, ſehr nachtheilig auf die Geſundheit. Der Wein war nicht vorzüglich gut, deſto mehr der Liqueur.— Die gemeinen Leute führen ihre Wirthſchaft nach der bekannten altruſſiſchen Sitte; auch verpflegt man in den Häuſern der Reichen die gewöhnlich ſehr ſtarke Dienerſchaft, die immer aus Landleuten beſteht und den ganzen untern Theil des Hauſes bewohnt, auf dieſelbige Weiſe. Die Vergnügungen der Archangeler ſind an Sonn- und Feſttagen unge⸗ fähr folgende. Im Sommer begeben ſich die Begüterten, ſobald ſie dem Gottes⸗ dienſte beigewohnt haben, nach ihren Landhäuſern, welche meiſtens an der Straße nach Cholmogorsk und längs den Ufern der Dwina zerſtreut liegen. Man geht 55 auf die Jagd, oder ſtellt Waſſerfahrten auf der Dwina an; des Abends werden in Privat⸗ oder in großen Gaſthäuſern Zuſammenkünfte gehalten. Die niedern Stände ſind faſt den ganzen Tag in den Schenken verſammelt; auch treiben ſich Viele auf den freien Plätzen der Stadt herum, wo in den Nachmittagſtunden Verkäufer von Eßwaaren und Getränken ſich einfinden. Die jungen Leute ziehen ſchon frühzeitig nach den Tanzhäuſern. Sie lieben beſonders einen Koſakentanz, wobei etwas wilde, aber nicht übel klingende Geſänge die Muſik begleiten. Man veranſtaltet dieſe Tänze wohl auch auf dem Lande, in der Nähe von Bauerhäu⸗ ſern, und erquickt ſich zugleich mit Milch und anderer ländlichen Koſt. Zu den allgemeinen Vergnügungen gehören, im Sommer, beſonders Schaukeln und Carrouſels, ſowie die Schauſpiele, welche bisweilen von einer Geſellſchaft aus Petersburg ausgeführt werden. Im Winter ſind Schlittenfahrten und das Herabgleiten von künſtlichen Eisbergen die Hauptbeluſtigung. Die Vornehmen veranſtalten dann auch Bälle, Redouten u. ſ. w. Karten⸗ und andere Gewinn⸗ ſpiele können nicht zu den herrſchenden Vergnügungsarten gezählt werden; zwar ſah ich in den Gaſthäuſern oft ſehr hoch ſpielen, aber die Theilnehmer waren faſt immer Fremde, meiſtens Leute aus den ſüdlichen Provinzen des Reichs. Bevor ich meine Beſchreibung der Bewohner von Archangel endige, müſſen noch einige ihrer beſonderen Gewohnheiten erwähnt werden. Dahin gehört hauptſächlich der häufige Gebrauch der kalten und der Dampfbäder. Jeden Abend ſah ich ganze Schaaren nach der Dwina hinunter ziehen, um ſich ohne Unterſchied des Geſchlechtes im offenen Strome zu baden. Beide Geſchlechter tragen dann leinene Beinkleider, und das weibliche bedeckt die Bruſt mit einem Tuche. Die Dampfbäder ſind für ſie ein weſentliches Bedürfniß, und man ge⸗ braucht dieſelben wenigſtens einmal wöchentlich. In jedem Hauſe findet man daher eine beſonders dazu eingerichtete Stube. Sie iſt mit einem eiſernen Ofen und an den Wänden mit hohen Bänken, zu welchen Stufen führen, verſehen. Der Ofen wird bis zum Glühen geheizt; dann beſprengt man ihn unaufhörlich mit kaltem Waſſer, deſſen Dampf die ganze Stube erfüllt. Sobald die Hitze darin ungefähr 60 Grad Réaum. erreicht, ſetzen ſich die Badeluſtigen auf die Bänke, und reiben den Körper oder peitſchen ihn mit Ruthen, bis er davon, ſowie von dem Dampf und der Hitze, über und über roth und aufgeſchwollen iſt. Ehe die Kleider wieder angezogen werden, pflegt man im Hofe nackt umher⸗ zugehen, und im Winter ſich ſogar im Schnee zu wälzen. Sobald die Familie das Bad verlaſſen hat, begibt ſich die Dienerſchaft hinein. Ueberdies bedient man ſich auch der Dampfbäder als eines Heilmittels in vielen Krankheiten; und die Frauen erwarten darin ihre Entbindung, die durch dieſes Verfahren ſehr erleichtert werden ſoll. 56 Das Tabakrauchen iſt unter den Weibern niedrigen Standes faſt allge⸗ mein. Wenn es ihren Stuben auch nicht an Stühlen fehlt, ſo wählen ſie doch zum Sitzen am liebſten die Tiſche; eben ſo legen ſie ſich zur Erholung von der Arbeit gern auf die Dielen um den Ofen. Branntwein trinken ſie ſo gut als die Männer; und wenn ſich der Mann betrinkt, ſo folgt die Frau gewöhnlich ſeinem Beiſpiel. Dieſen hier angeführten Gewohnheiten hängen ſelbſt die Frauen aus den höhern Ständen, ſo geſchickt ſie auch übrigens die feineren europäiſchen Sitten nachzuahmen wiſſen, im Stillen nach; doch ſind ſie ſehr vorſichtig, dabei nicht von Fremden überraſcht zu werden. Was die Lebensmittel betrifft, ſo hat Archangel einen größern Reichthum, als man in einer ſo nördlichen Stadt erwarten ſollte. Wildpret, wildes Ge⸗ flügel und vortreffliche Fiſche ſind in großer Menge vorhanden. Man bekommt gute Milch und Butter, ſowie auch beſſeres Brod als in vielen andern euro⸗ päiſchen Ländern. Das dortige Rind⸗ und Kalbfleiſch iſt etwas trocken, aber ziemlich ſchmackhaft; doch wird ganz vorzügliches von Cholmogorsk und Schen⸗ kursk zugeführt. In dieſen Kreiſen zieht man nämlich ſehr großes und ſchönes Rindvieh von der holländiſchen Art, welches, ſeit ſeiner Einführung in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, die vaterländiſchen Eigenſchaften unverdorben erhalten hat. Die Kälber von dieſem Vieh nähret man, in warmen Ställen, mit Milch drei Vierteljahre lang und darüber, wo ſie dann zwiſchen 18 und 20 Pud wiegen, und ein ungemein weißes und zartes Fleiſch haben. Die un⸗ geheuern Bratenſtücke werden gewöhnlich nach Petersburg und andern großen Städten verſendet, wo ſie unter dem Namen„Archangelſche Kälberbraten“ in hohem Ruf und Preiſe ſtehen. Da Schweine, Schafe und Ziegen faſt nirgends auf dem Lande, ſondern nur von Metzgern in der Stadt gehalten werden, ſo iſt Fleiſch von ſolchen Thieren zwar zu haben, aber etwas koſtbar. Hühner, die man der Eier wegen überall in großer Anzahl hält, ſind ſo wohlfeil, daß das Dutzend gewöhnlich zu einem Rubel und bisweilen noch unter dieſem Preiſe verkauft wird. Mit der Zucht von anderem zahmen Geflügel befaßt ſich, wegen des großen Ueberfluſſes an wildem, faſt Niemand; es iſt nur in den Haus⸗ haltungen der Reichen als eine Seltenheit anzutreffen. Obſchon der Landmann an Küchengewächſen nichts als graue Erbſen, Waſſerrüben, Mohrrüben, weißen Kohl, Zwiebeln und etwas Kartoffeln erbaut, ſo findet man doch bei einem deutſchen Gärtner eine Menge ſeiner vaterländiſchen Gemüſe und mancherlei Obſt, was er alles in Miſtbeeten und Treibhäuſern zieht und ſich freilich auch theuer bezahlen läßt. Ueberdieß ſchaffen die ſüdlichern Provinzen des Reichs viel Obſt und trockenes Gemüſe herbei; und ich wurde ſchon im Anfange Sep⸗ tembers mit Weintrauben und Pfirſichen bewirthet. Das gewöhnlichſte Getränk 57 beſteht in einer Miſchung von Waſſer, Honig, Safran und andern Gewürzen; es wird, wie ſchon oben erwähnt, vom Morgen bis zum Abend auf den Stra⸗ ßen feil geboten, und von den gemeinen Leuten mit Begierde getrunken. Man verfertigt guten und ſchlechten Branntwein, und auch ein Bier, das zwar etwas dünn, übrigens aber von gutem Geſchmack iſt. Wein, fremde Biere und Li⸗ queurs werden in Menge eingeführt, und ſtehen in keinem ſehr hohen Preiſe. Kurz, es kann in Archangel Jeder, wenn er ſeine Bedürfniſſe einſchränkt, ſehr wohlfeil, und der Reiche faſt eben ſo gut als anderwärts leben. Die Gegend um Archangel iſt flach, und hat viel Niederungen, welche ſehr durch die Näſſe leiden. Der Boden enthält zum Theil gute Erdarten, im All⸗ gemeinen aber thonige und torfige Beſtandtheile, die oft mit einer Lage Sand bedeckt ſind. Er iſt gut und beſonders an den Ufern der Dwina vortrefflich an⸗ gebaut, trägt außer den eben angeführten Küchengewächſen, Winter⸗ und Som⸗ merroggen, Winterweizen, Gerſte, weißen und ſchwarzen Hafer, und zwar nach Verſchiedenheit der Umſtände drei⸗ bis achtfach, wofern nicht frühe Nachtfröſte und noch öfter anhaltende Näſſe einen gänzlichen Mißwachs veranlaſſen. Die Landleute leben größten Theils zerſtreut und ſelten in Dörfern ver⸗ einigt; ſie ſind fleißig und betriebſam, ſträuben ſich aber noch immer, euro⸗ päiſche Sitten anzunehmen. Ihre Häuſer, die von oben bis unten aus Holz beſtehen, nehmen einen beträchtlichen Raum ein, da ſich die ganze Wirthſchaft unter Einem Dache befindet. Ein von der Thür querdurch laufender Gang theilt das Haus in zwei Theile. Der eine enthält die Wohnſtube, die Vorraths⸗ kammern und ein Schwitzbad, der andere die Scheuern und Ställe. Die Wohnſtuben ſind meiſtens traurige Behältniſſe, vier ſchwarz geräucherte Wände mit einem kleinen Fenſterchen und einer ſchmalen Thür. Auf der einen Seite befindet ſich der Ofen, welcher zugleich die Stelle des Heerdes vertritt, auf der andern ein aus Pelzwerk beſtehendes Bett für den Herrn und die Frau des Hauſes; am Fenſter ſteht ein grob zugehauener Tiſch nebſt Bänken, und in den Winkeln erblickt man Kaſten, Kleider und Küchengeräthe. Das Ganze iſt mit Rauch und Uebelgeruch angefüllt, und mit Schmutz und Ungeziefer bedeckt. Die Ställe für das Vieh ſind zugleich die Schlafkammern der Kinder und des Geſindes. Der Viehſtand iſt, wegen des Futtermangels im Winter, faſt überall ſchwach, und erſtreckt ſich ſelten über vier bis ſechs Kühe und zwei Pferde. Doch habe ich, nahe bei der Stadt, auch Wirthſchaften mit ungefähr zehn Kühen und vier Pferden angetroffen. Die Rinder ſind klein, doch ſehr munter; die Pferde ebenſo, aber außerordentlich wild und ausdauernd. Den größten Reichthum des Landes machen unſtreitig die Wälder aus. 58 Die vorzüglichſten Holzarten beſtehen in Tannen, Fichten, Birken, Ellern und Lerchenbäumen; ungeachtet ihr Wuchs ſehr langſam von Statten geht, ſo errei⸗ chen ſie doch eine beträchtliche Höhe und Stärke. Das Holzfällen, Bretſchnei⸗ den und Harzſcharren, das Theer⸗, Pech⸗ und Terpentinſieden, das Ruß⸗ und Kohlenbrennen, die Jagd, das Beerenleſen u. ſ. w. beſchäftigen ſehr viele Men⸗ ſchen. Da viele derſelben in den Wäldern wohnen, ſo findet man eine Menge Hütten und kleiner Häuſer, und überhaupt viel Leben und Thätigkeit darin. Die Walder ſind indeſſen ſchon ziemlich gelichtet, weil man lange das Holz nur niedergeſchlagen, ſelten aber wieder angepflanzt hat, welchem nachtheiligen Ver⸗ fahren jedoch wiederholte kaiſerliche Ukaſen ſeit einiger Zeit geſteuert haben. Viele der entblößten Stellen ſind urbar gemacht; dieſe Rödefelder tragen in den erſten Jahren oft zwölf⸗ bis zwanzigfältig, ſinken aber nach und nach in ihrer Ergiebigkeit unter das mit Miſt gedüngte Land herab. Als ich eines Tages in dem Gehölze, das ungefähr drei Werſte nordöſtlich von Archangel liegt, ſpazieren ging, begegnete mir ein Zug Bauern, welche mit großem Jubel einen todten Bären aus dem Dickicht brachten, indem ſie ihn mittels einer Stange, woran er mit den Beinen befeſtigt war, auf den Schul⸗ tern trugen. Sie hatten ihn in einer ſogenannten Klotzfalle gefangen, derglei⸗ chen in den dortigen Wäldern ſehr häufig aufgeſtellt werden. Dieſe Art Falle beſteht darin, daß man vor einem Bienenloche, das ſich in dem Stamm eines Baums befindet, an den darüber ſtehenden Aeſten einen Klotz aufhängt, und unten um den Baum ein Pfahlwerk aufpflanzt. Wenn nun ein Bär das Bienen⸗ loch auswittert und den Baum beſteigt, ſo ſchlägt er, um die Schnauze in die Oeffnung zu ſtecken, den Klotz von ſich weg, welcher ſodann, weil er in ſeine vorige Lage zurückfällt, dem Bären einen Stoß verſetzt. Hierüber wird der⸗ ſelbe zornig und ſtößt mit verdoppelter Kraft ſeinen Gegner zurück, der jedoch die Stöße eben ſo heftig erwiedert, bis jener endlich betäubt vom Baume ſtürzt und ſich an den Pfählen ſpießt. Im Innern der Wälder ſoll es noch viel Bären und Wölfe geben; den⸗ noch mangelt es nicht an Hirſchen, Rehen und Haſen. Von wildem Geflügel, beſonders Schnepfen aller Art, wimmelt die ganze Gegend, wiewohl ſie auch vielen Raubvögeln zum Aufenthalte dient. Das Klima von Archangel iſt, ungeachtet der flachen und niedrigen Lage des Landes, weniger angenehm, als ſelbſt in den nördlichſten Küſtengegenden Finnmarkens; dennoch genießen die Menſchen eine vorzügliche Geſundheit und Hein hohes Alter, und ich ſelbſt habe viel Leute zwiſchen achtzig und neunzig Jahren geſehen, die ſich im Beſitz einer jugendlichen Stärke befanden. Die Sommer haben abwechſelnd ſehr heiße und ſehr regneriſche Tage, mit rauhen, 59 kalten Nächten, wo es bisweilen zu kurzem Froſte kommt. Der Frühling und Herbſt dauern wenige Tage; erſterer iſt oft angenehmer als der Sommer. Die Winter ſind anhaltend und ſchneereich. Die Kälte erreicht dann einen eben ſo hohen Grad, wie auf Nowaja⸗Semlja, und zuweilen über 40 Gr. Réaum. Welcher große und faſt unbegreifliche Abſtand von Finnmarkens Temperatur! b Dort fällt der Thermometer in gleicher Erhöhung über der Meeresfläche faſt nirgends unter 30 Gr., ſelbſt in Kielvig auf Mageröe nicht, ob es ſchon bei⸗ nahe 7 Gr. nördlicher liegt als Archangel. Man will jedoch in der Umgegend dieſer Stadt, ſeit den letzten funfzig Jahren, wo die Wälder um ein Drittheil vermindert und viele moraſtige Stellen in fruchtbare Aecker verwandelt wur⸗ den, einige Milderung des Klima's bemerkt haben. Der Sommer, wo ich mich in Archangel befand, war ungewöhnlich ſchön. Die erſten vierzehn Tage nach unſerer Ankunft fand große Hitze ohne Regen und kalte Nächte Statt, wobei aber die Mücken und andere läſtige Inſekten unglaublich überhand nahmen. Die Schiffe mußte man, wie in den heißen Erdſtrichen, mehrmal des Tags mit Waſſer begießen, um das Schmelzen des Peches zu verhüten; auf dem unſrigen wurden auch Sonnenzelte über dem ganzen Verdeck ausgeſpannt, und, um die Luft im Innern abzukühlen, Wind⸗ ſegel über allen Luken aufgezogen. Dieſes heißen und trocknen Wetters unge⸗ achtet, zeigte ſich der Himmel nie rein, ſondern immer mit Dünſten, wie Höhen⸗ rauch, angefüllt. Die erſte Hälfte des Auguſts war regenhaft, die letzte ziem⸗ lich angenehm, obſchon kalte Nächte ſich einſtellten. Der September hatte ſehr unbeſtändige Witterung; gegen das Ende desſelben fing es an in der Nacht zu frieren, wiewohl es am Tage noch warm genug blieb. Aber am 4. Oktober veränderte ſich das Wetter mit einem Male. Auf ſtarken Froſt folgte das hef⸗ tigſte Schneegeſtöber, ſo daß die ganze Gegend bald mit ihrem Wintergewande bekleidet war. Am 5. begann die Dwina ſtark mit Eis zu gehen. 8. Archangel im Winter. Unſere Ladung. Beſonderes Verfahren, die Schiffe von Ratten und Mäuſen zu befreien. Heftige Kälte. Die Seekrankheit. Mittel dagegen. Archangel erſchien mit dem Eintritt der rauhen Jahreszeit in einer ganz andern Geſtalt, Alle Leute aus andern Theilen des Reichs hatten ſich zu Ende Septembers entfernt, und die zum Auslaufen beſtimmten Schiffe noch früher, daher in der Stadt ſowohl als auf dem Strom große Stille herrſchte. Ein ni er Zuſtand pflegt in dieſer Jahreszeit fortzudauern, bis die Schlittenbahn 60 gut wird, und die Meſſen in Irbit und Makariew die Menſchen zu neuer Thätigkeit aufmuntern. Deſſen ungeachtet hatten wir noch nicht zu laden angefangen, weil die Herbeiſchaffung des Korns, das wir aus dem Innern des Landes bekommen ſollten, ſich verzögerte. Wir ſtanden daher in Gefahr, einzufrieren und zum Ueberwintern genöthigt zu werden; denn meiſtens bedeckt ſich die Dwina um die Mitte, ſpäteſtens gegen das Ende Oktobers, das weiße Meer in den letzten Tagen des Novembers und im December ſelbſt das Nordmeer an den ruſſiſchen Küſten mit Eis. Endlich am 6. Oktober kam die Ladung auf Frachtwagen beim Anker⸗ platze an. Unſer Schiffsraum lag ſchon ſeit langer Zeit zur Aufnahme derfel⸗ ben vorbereitet. Er war durch eine der Länge nach laufende Scheidewand in zwei Hälften getheilt worden, um das Korn, welches nach dortigem Gebrauche nicht in Säcken, ſondern los geladen wird, zu verhindern, daß es auf der See nicht umherrolle; und um es gegen den Zutritt der Näſſe zu ſchützen, hatte man ihm ein Bett bereitet, d. i. man hatte den Boden und die Seiten des Raums mit Reißig und darüber genagelten Baſtmatten gefüttert. Ich erwähne hier beiläufig, daß unſere Leute noch vor dieſen Anſtalten bemüht waren, das Schiff von den Ratten und Mäuſen, die ſich ſehr vermehrt hatten, zu befreien, was durch das ſo genannte Räuchern ſehr leicht und auf einmal bewirkt wird. Man zündet nämlich im Schiffsraum einen Haufen Schwefel, oder, was noch gewöhnlicher iſt, Holzkohlen an. Hierauf begibt ſich die ganze Mannſchaft mit allen Thieren, die man am Leben erhalten will, auf's Verdeck, und verſchließt ſorgfältig alle Luken und Oeffnungen des Schiffes. Erſt nach 24 Stunden wird es wieder geöffnet; und dann ſieht man alles Un⸗ geziefer, mit Ausnahme einiger Inſekten, z. B. der Spinnen, Wanzen, Schaben u. m. a., von dem vergiftenden Dampf getödtet umher liegen. Es muß aber Vorſicht gebraucht werden, daß man nach erfolgter Oeffnung des Schiffes nicht eher in dasſelbe hinabſteigt, bis die Dünſte gehörig verflogen ſind; denn ſchon Mancher hat auf dieſe Art ſein Leben verloren. Sonderbar iſt es, daß größere Thiere von den Dünſten mehr angegriffen werden, als kleinere; ſo findet man z. B. in Fällen, wo beim Räuchern ein Verſehen vorgegangen war, daß die Ratten erſtickt, die Mäuſe aber noch lebendig ſind, oder daß, wenn vielleicht eine Katze zurückgelaſſen wurde, dieſe getödtet, alles Ungeziefer jedoch am Leben iſt. 8 Das Einnehmen der Ladung ging ungemein ſchnell von Statten. Sie wurde von ruſſiſchen Laſtträgern über eine dazu errichtete Balkenbrücke unmit⸗ telbar auf das Schiff gebracht. Dieſe Menſchen ſchütteten ihre Säcke, wovon 61 jeder drei Tſchetweriki oder 120 Pfund ruſſiſch enthielt, mit der größten Schnelligkeit durch die Luken in den Schiffsraum aus, und eilten eben ſo ſchnell zurück, um ſie von neuem zu füllen. Auf dieſe Weiſe erhielten wir ſchon am erſten Tage 12000 Tſchetweriki. Bei der Leichtigkeit, welche das Getreide in Vergleichung mit vielen andern Laſten hat, konnte der Raum, ohne das Schiff zu überladen, bis unter das Verdeck vollgeſchüttet werden. Es wurden ſogar alle übrigen Behältniſſe, die Kajüte und die Kammer der Matroſen aus⸗ genommen, damit angefüllt. Um Platz zu gewinnen, mußten alle Geräthſchaf⸗ ten und Mundvorräthe, letztere ſämmtlich in wohlverwahrten Fäſſern, auf dem Verdeck niedergelegt werden; eine Maßregel, deren man ſich bei⸗ leichten Ladun⸗ gen oft bedient, die aber wenigſtens auf einer Reiſe, wie die unſrige, nie in Anwendung kommen ſollte. Am Abend des 9. Oktobers hatten wir bereits die volle Ladung. Das letzte Geſchäft beſtand im Einſchiffen einiger Paſſagiere, nämlich eines reichen holländiſchen Juden und fünf deutſcher Handwerker. Am 10. lichteten wir die Anker und gelangten noch am ſelbigen Tage, wiewohl nach vielen Kämpfen mit dem Treibeiſe, in die offene See. In unſerer Geſellſchaft ſegelten eine ruſſiſche Brig und eine ſchwediſche Galeaſſe, für dieſes Jahr die letzten, in's Ausland gehenden Handelſchiffe. Der Wind war ſehr heftig, aber günſtig, abwechſelnd von Oſt und Südoſt. Das Wetter wurde mit jedem Tag empfindlich kälter, und das Schneegeſtöber nahm kein Ende. Wir waren jedoch alle mit gutem Pelzwerk verſehen, und das Schiff mit Brennholz, um die Oefen Tag und Nacht warm zu erhalten. Unſere Paſſagiere litten heftig an der Seekrankheit, ob ſie ſchon früher mehre Seereiſen gemacht hatten; doch erholten ſie ſich nach einigen Tagen, ohne weiter Anfälle davon zu bekommen. Dieſe berüchtigte Krankheit läßt ſich gewiſſermaßen mit dem Uebelbefin⸗ den vergleichen, welches viele Perſonen, wenn ſie im Wagen fahren, befällt; nur ſind die Zufälle ungleich heftiger und von längerer Dauer, da man vom Schiffe nicht, wie vom Wagen, nach Belieben abſteigen und ſich erholen kann. Ueberdieß iſt die Seekrankheit nicht einzig auf Schwindel und Erbrechen be⸗ ſchränkt; ſie äußert ſich auch durch einen gewiſſen Abſcheu vor dem Meere, und vor allen Gegenſtänden, welche das Schiff darbietet. Ein bleiches Geſicht und matte, ſtarre Augen, wie bei einem Trunkenen, bezeichnen das Aeußere eines ſolchen Kranken, der wahres Mitleid erregt. Die Haupturſache liegt zwar in der ungewohnten Bewegung des Schiffes, wodurch der Magen und das ganze Nervenſyſtem leidet; es gibt aber auch eine Menge Nebenumſtände, die zur Vergrößerung des Uebels ungemein viel beitragen können. Schon die Beſchaf⸗ 62 fenheit des Schiffes hat darauf einen großen Einfluß. Ein leichtes und ſchnell ſegelndes wird von den Wellen weniger bewegt, und veranlaßt folglich weniger Kränklichkeit, als ein ſchwerfälliges, das nur langſam fortgeht. Da ferner die Schiffe auf der See niemals völlig dicht ſind, und eben ſo wenig ganz aus⸗ gepumpt werden können, ſo geht gewöhnlich, während ſie im Hafen liegen, das im Pumpenſood zurückgebliebene Waſſer in Fäulniß über; dieſes verbreitet, V ſobald ſie wieder auf die See und in Bewegung kommen, faulichte Dünſte, bis man nach einigen Tagen durch neuen Zuwachs an Waſſer in den Stand geſetzt wird, es auszupumpen. Zuweilen hat auch das Schiff eine übelriechende La⸗ dung, oft iſt es mit Menſchen und Thieren überhäuft, wodurch die erforderliche Reinlichkeit verhindert und das Athmen friſcher Luft erſchwert wird. Auch die Ausdünſtungen des Meeres, ſo wie eine ſchnelle Veränderung des Klima's, beſonders ungewohnte Hitze, welche bei einem günſtigen Winde ſchon nach den erſten 24 Stunden eintreten kann, geben der Seekrankheit Nahrung. Eben ſo hängt die Verſchlimmerung derſelben von der Beſchaffenheit des Körpers, der Gemüthsart und Seelenſtimmung ab. Auch wirkt eine unzweckmäßige Diät und ſchlechtes Trinkwaſſer ſehr nachtheilig ein. Aus allen dieſen Nebenumſtän⸗ den iſt denn die Verſchiedenheit des Einfluſſes, welchen die Krankheit auf den menſchlichen Körper hat, zu erklären. Einige Menſchen ſind nämlich ganz un⸗ empfänglich für dieſelbe; andere bleiben nach der erſten Reiſe für immer davon befreit; noch andere fühlen, ſo oft ſie in See gehen, oder bloß bei ſtürmiſchem Wetter, neue, jedoch unbedeutende Anwandelungen, und hiervon ſind ſelbſt alte Seeleute nicht ausgenommen, hauptſächlich wenn ſie anhaltend auf den Maſten arbeiten. Endlich werden Perſonen, beſonders ſehr nervenſchwache und kränkliche, bei der erſten Bewegung des Schiffes, bisweilen ſogar ſchon im Hafen, von dem Uebel befallen, das ſie erſt nach dem Ausſteigen an's Land wieder verläßt. Es iſt in der That ſeltſam anzuſehen, daß kleine Kinder immer am ſchleunigſten von der Seekrankheit geneſen; denn gewöhnlich, wenn die Er⸗ wachſenen noch davon geplagt ſind, ſpringen jene ſchön fröhlich wieder herum, und haben die Fertigkeit der Seeleute erlangt, den Bewegungen des Schiffes entgegen zu kommen und den Körper im Gleichgewichte zu erhalten. So ver⸗ ſchieden und hartnäckig indeſſen die Seekrankheit auch ſein mag, ſo ſind mir doch nie Beiſpiele vorgekommen, daß ſie tödtlich geweſen wäre; ich habe viel⸗ mehr auf Reiſen mit einer großen Menge von Menſchen, die der See völlig ungewohnt waren, oft bemerkt, daß am dritten Tage faſt alle hergeſtellt und bei ausnehmend ſtarkem Appetit waren, ja daß einige, die zuvor an andern Krankheiten gelitten hatten, durch den Aufruhr, welchen die Seekrankheit in ihrem Körper hervorbrachte, zu dauerhafter Geſundheit gelangten. Die Mit⸗ tel, welche gegen dieſe Krankheit empfohlen und angewendet werden, ſind ſehr verſchieden und oft eben ſo widerſprechend, als unzweckmäßig. Die Seeleute, pflegen ihre Lehrlinge auf eine ſonderbare Weiſe zu heilen. Man gibt ihnen Seewaſſer zu trinken, Speck und andere Ekel erregende Dinge zu eſſen, worauf das heftigſte Brechen erfolgt. Während der Zeit hält man ſie unaufhörlich zur Arbeit an, und geſtattet ihnen nicht, ſich vom Verdeck zu entfernen. Dieß iſt in der That eine ſchnelle und ſichere, aber etwas grauſame Heilart, die nur junge und ſtarke Leute auszuhalten im Stande ſind. Nach der Erfahrung, die ich an mir und Andern gemacht habe, laſſen ſich ungefähr folgende allgemeine Regeln aufſtellen, durch deren Befolgung der Seereiſende die Krankheit nicht nur bald überſteht, ſondern auch für den übrigen Aufenthalt auf der See ge⸗ ſchickt gemacht wird, den Gefahren Trotz zu bieten, und die Annehnlichkeiten, die auch Seereiſen gewähren, zu genießen. Die Hauptſache iſt, daß man ſich mit einem geſunden Körper, beſonders mit einem unverdorbenen Magen, zu Schiffe begibt, weßwegen man ſich ſchon einige Tage zuvor durch Vermeidung alles deſſen, was den Körper ſchwächt, und durch Enthaltung von allen fetten, ſüßlichen und überhaupt erſchlaffenden Speiſen vorbereiten ſollte. Aber ge⸗ wöhnlich findet bei Seereiſenden der umgekehrte Fall Statt; ſie ſchwelgen vor der Abfahrt, bringen einen geſchwächten Körper und verdorbenen Magen an Bord, und es bleibt ihnen nichts übrig, als unfähig für jeden Lebensgenuß das Bett zu hüten. Nächſtdem iſt erforderlich, daß man ſchon einige Tage vor der Abreiſe an Bord geht. Es wird dadurch Zeit gewonnen, ſich von der ge⸗ räuſchvollen Welt zu entwöhnen, ſo wie auch die örtliche Beſchaffenheit des Schiffes, die Eigenthümlichkeiten des Seelebens und den Charakter der Schiffs⸗ mannſchaft, mit welcher man oft viele Monate verleben muß, vorläufig kennen zu lernen. Zugleich hat man Muße, ſich ſo bequem als möglich, und auf einen ſolchen Fuß einzurichten, daß nur wenig Bedienung nöthig wird, denn nir⸗ gends iſt Ordnung, und die Einrichtung, alle Bedürfniſſe auch im Finſtern beim erſten Handgriffe finden zu können, wohlthätiger als auf einer Seereiſe, und nirgends überzeugt man ſich von der Wahrheit, daß Jeder ſelbſt ſein beßter Diener iſt, ſo lebhaft wie dort. Die Seeleute ſind nämlich mit ihrem Dienſte zu ſehr beſchäftigt, als daß ſie viel Zeit auf die Verpflegung eines Paſſagiers verwenden könnten, und iſt dieſer auch mit eigenen Dienſtleuten verſehen, auf die er ſich am Lande verlaſſen kann, ſo ſind ſie doch meiſtens auf einer Seereiſe, wenn ſie nicht ſchon dergleichen gemacht haben, völlig unbrauchbar. Ich hatte z. B. in den letzten Jahren meiner ſeemänniſchen Laufbahn einen Diener, der am Lande die beſten Eigenſchaften beſaß; ſo oft wir aber auf die See kamen, ar ich in den erſten Tagen, um ihn von ſeiner Unpäßlichkeit ſo bald wie mög⸗ lich zu befreien, genöthigt, den Stand mit ihm zu wechſeln und ihn zu bedie⸗ nen. Ueberdem treten auf Seereiſen oftmals Fälle ein, wo bei Jedem die Selbſtliebe zu ſehr in Anregung kommt, als daß die Verhältniſſe zwiſchen Herrn und Diener in der gewöhnlichen Form Beſtand haben könnten. Aus dem oben genannten, an ſich unbedeutend ſcheinenden Umſtande, dem frühen Einſchiffen, erwachſen daher große Vortheile, was jedoch viele Seereiſende nicht einſehen wollen. Da es ihnen ſchwer wird, die rauſchenden Vergnügun⸗ gen in den Seeſtädten mit dem einförmigen Schiffleben zu vertauſchen, ſo ver⸗ ſchieben ſie das Einſchiffen bis auf die letzte Minute vor der Abfahrt, wo ſie dann in der größten Verwirrung und mit Widerwillen ankommen. Haben ſie noch nie zuvor eine Seereiſe gemacht, ſo werden ſie bald von der Seekrankheit ergriffen, und unfähig ihr Verſäumniß in Betreff der wirthſchaftlichen Einrich⸗ tung nachzuholen, verleben ſie oft die ganze Reiſe in einem kläglichen Zuſtande. Wenn das Schiff unter Segel geht, ſollte man ſich ſo viel als möglich auf dem Verdeck aufhalten, weil der Seekrankheit nichts ſo ſehr widerſteht, als die friſche Luft, und ihr nichts mehr Nahrung gibt, als die aus dem Schiffs⸗ raum aufſteigenden faulen Waſſerdünſte. Die Gegend um den großen Maſt, wo die Bewegung des Schiffes am wenigſten empfunden wird, eignet ſich zum Aufenthalt für Seekranke am beßten. So oft der Magen zum Brechen geneigt iſt, darf man es nicht unterdrücken, ſondern muß der Natur freien Lauf laſſen, wenn auch in Gegenwart der ganzen Schiffsmannſchaft; denn der Seemann, dem theilnehmende Gefühle nicht fremd ſind, ſieht dieß lieber, als wenn die Paſſagiere, aus falſcher Schaam, ſich in ihrem Gemach erbrechen, und dadurch die ſchlechte Luft im Innern des Schiffes noch mehr verpeſten. In den Zwiſchen⸗ zeiten, wo man gewöhnlich Erleichterung verſpürt, iſt es rathſam, den Körper in Bewegung und Thätigkeit zu erhalten, beſonders den Matroſen gelegentlich eine Handreichung bei der Arbeit zu thun, ihnen z. B. am Tauwerk ziehen zu helfen, und dergleichen. Ueberdieß verdrängt man dadurch die Furcht vor den bevorſtehenden Gefahren, die Sehnſucht nach den zurückgelaſſenen Freunden und unzählige andere von den Umſtänden abhängende Gemüthsbewegungen; kurz, man vergißt ſich und ſeine Lage. Bücher zu leſen, ein ſo vortreffliches Mittel dem Seereiſenden Unterhaltung zu verſchaffen, muß während der Krank⸗ heit unterlaſſen werden, ſo wie auch jede andere geiſtige Beſchäftigung. Ob⸗ gleich das Tabakrauchen häufig als ein angenehmer Zeitvertreib auf der See empfohlen wird, ſo kann es doch, weil die Magenſäfte zu jeder Zeit dadurch leiden, unter ſolchen Umſtänden um ſo weniger dienlich ſein; ja, oft erregt der bloße Geruch des Tabaks, ſelbſt bei Perſonen, die daran gewöhnt ſind, Er⸗ brechen. Auf die Diät müſſen Seekranke ganz beſondere Aufmerkſamkeit rich⸗ 65 V ten. Manche glauben ſich durch ſtrenges Faſten die beßten Dienſte zu erweiſen, weil der Magen nichts von ſich geben könne, wenn er nichts erhalte; allein, da die Erfahrung lehrt, daß die krampfhafte Bewegung desſelben nur zunimmt, wenn er nichts zum Auswerfen vorfindet, ſo wird ſeine Schwächung dadurch beſchleunigt, und folglich das Uebel vermehrt. Es iſt daher viel zweckmäßiger, oft etwas zu eſſen, jedoch wenig auf einmal; auch muß es in ſalzigen, ſäuer⸗ V lichen oder bittern Dingen beſtehen. Die zweckmäßigſten Speiſen ſind mageres geſalzenes Fleiſch, Häringe, Sardellen, grüne und eingemachte ſäuerliche Früchte, beſonders Zitronen, Pomeranzen, ſauere Kirſchen, Preißelbeeren und dergl., aber alles ohne Brod, denn auch dieſes iſt zu weichlich und erregt Ekel. Am meiſten zu vermeiden hat man friſches Fleiſch, Eier, Butter, Käſe und alle fette und ſchleimige Speiſen. Zum Getränk dient ſtarker Thee und Kaffee ohne Milch und Zucker, ein gutes Magenbier, kaltes Waſſer mit Vitriolgeiſt, mit Zitronen⸗, Pomeranzen⸗ oder Himbeerſaft vermiſcht. Geiſtige Getränke, ſo wie ſüßliche Biere, dürfen durchaus nicht genoſſen werden, höchſtens ein Glas ſäuerlicher Wein. Aeltlichen und ſchwächlichen Perſonen, hauptſächlich ſolchen, die an künſtliche Stärkung ihres Körpers gewöhnt ſind,— aber nur dieſen würde ich als arzneiliche Beihülfe noch empfehlen, dann und wann ſublimirten Weingeiſt, Chinaeſſenz in Pomeranzenſaft, oder Hoffmann's Tropfen in gerin⸗ ger Menge zu nehmen, oder auch Kalmus zu kauen, ſo wie Vier⸗Räubereſſig, Kölniſches Waſſer und andere nervenſtärkende Dinge zu riechen. Jeder Rei⸗ ſende wird indeſſen wohl thun, wenn er ſich mit einigen, während der See⸗ krankheit dienlichen Lebensmitteln ſelbſt verſieht; denn die Schiffe mögen noch ſo viel Mundvorrath an Bord haben, ſo iſt dieſer doch gewöhnlich nur für Geſunde berechnet. Ich meine jedoch nicht, daß man überhaupt für eigene Koſt ſorgen müſſe. Denn dabei befinden ſich die Paſſagiere meiſtens übler, als bei verdingter Schiffskoſt, weil ſie bald des ſtürmiſchen Wetters bald anderer Um⸗ ſtände wegen vernachläſſigt, oder wohl gar vergeſſen werden; überdem iſt der Tiſch eines Kapitäns immer ſo beſchaffen, daß Jeder damit zufrieden ſein kann. Obſchon der Seekranke zum Schlafen und überhaupt zum Liegen viel Neigung hat, wobei er ſich erleichtert und Appetit zum Eſſen fühlt, ſo ſollte man ſich doch nicht eher niederlegen, als bis ungefähr nach 24 Stunden die heftigſten Anfälle der Krankheit überſtanden ſind, weil außerdem, ſo oft man wieder auf⸗ ſteht oder nur ſich aufrichtet, die Anfälle deſto heftiger zurück kehren. Der Reiſende würde daher, um ſich das Leben erträglich zu machen, beſtändig im Bette bleiben müſſen. Dieß möchte noch ſein, ſo lange die Reiſe glücklich von Statten geht; treten aber Unglücksfälle ein, z. B. das Schiff ſcheitert u. ſ. w., wo die Rettung des Lebens oft nur von dem Vermögen, den Körper zu ge⸗ Richter's Reiſen. I. 5 ————— 66 brauchen, abhängt, ſo iſt ein ſolcher Menſch um ſo mehr gefährdet, und nur mit Hülfe Anderer zu retten. Aber ſchon Mancher iſt zurückgelaſſen und den Wellen Preis gegeben worden, weil er vor Schwindel und Uebelkeit das Ver⸗ deck nicht erreichen konnte, und in der allgemeinen Verwirrung vergeſſen wurde. Läßt ſich indeß nach den erſten 24 Stunden keine Abnahme im Erbrechen ver⸗ ſpüren, ſo iſt es nothwendig, daß man, um ſeine Kräfte zu erhalten, ſich niederlegt, doch wo möglich auf dem Verdeck; daß. man einige ſtärkende Nah⸗ rungsmittel, z. B. Sagoſuppe und dergleichen genießt, und die gewöhnliche Verdauungszeit von vier oder fünf Stunden ſchlafend abwartet. Aber dann muß man wieder aufſtehen und das oben beſchriebene Heilverfahren fortſetzen. Am dritten Tage iſt der Kranke gewöhnlich, wenn nicht für immer, doch für die Dauer der Reiſe hergeſtellt. Er kann alsdann, ſo viel es die Umſtände erlauben, ſeine gewohnte Lebensart fortſetzen. Auch darf er es wagen, ſich in den Gemächern des Schiffes aufzuhalten, weil die Dünſte darin um dieſe Zeit gewöhnlich vermindert ſind, obſchon der Aufenthalt auf dem Verdeck ſtets vor⸗ zuziehen iſt. Um die wiedererlangte Geſundheit immer mehr zu befeſtigen, leiſtet der Gebrauch des Seewaſſers, welches den Körper gleichſam in das „Seeleben einweiht, die vortrefflichſten Dienſte. Man mag es trinken oder ſich darin baden, es zeigt dieſelben Kräfte, wie die mineraliſchen Waſſer; es führt gelinde ab, macht außerordentlichen Appetit, und ſtärkt den ganzen Körper. Beim Trinken nimmt man es einige Stunden vor dem Frühſtück, indem mit einem halben Bierglaſe voll angefangen, und ſo im ſteigenden Maße bis höch⸗ ſtens zu zwei Gläſern fortgefahren wird. Dann muß man einige Tage aus⸗ ſetzen, denn die Natur läßt ſich ſo ſehr daran gewöhnen, daß es endlich alle Wirkung verliert, ob ſchon es in ſeinem natürlichen Zuſtande nie zum gewöhn⸗ lichen Getränk dienen kann, weil der Durſt Statt ihn zu löſchen, dadurch ver⸗ mehrt wird. 9. Letzter Anblick der Sonne jenſeit des Nordeaps. Wettermerkmale. Gefährliche Windſtille. Ein Matroſe verunglückt. Man wirft die Kanonen über Bord. Der Sturm. Das Schiff wird in’s Eismeer verſchlagen. Der jüdiſche Paſſagier. Die Eisflarde. Seehundsjagd. Kälte. Hunger und Seuche. Am 15. Oktober wurde das Vorgebirge Swätoi umſchifft. Zum letzten Mal in dieſen Breiten zeigte ſich uns um Mittag am ſüdlichen Horizont die Sonne. Undurchdringlich trübes Wetter verdunkelte die folgenden Tage, ſo. daß wir das kurze Sonnenlicht nur wenig, und die Dämmerung faſt gar nicht bemerkten. Dennoch verbreitete die Schneedecke der lappländiſchen Küſte einen 67 hellen Schein, und der Schaum der Wellen erleuchtete alle Gegenſtände auf dem Waſſer. Eine auffallende Erſcheinung war es, daß, je mehr wir uns dem Nordeap näherten, die Kälte deſto gelinder wurde. Erſt am 19. um Mitternacht heiterte ſich der Himmel etwas auf, nachdem den ganzen Tag eine ungeheuere Menge Schnee gefallen war. Wir entdeckten, ſüdöſtlich von uns, das Nordcap in der Geſtalt einer Schneewolke. Der Ther⸗ mometer ſtand in der Nacht nur auf 4 Gr. Kälte nach Réaum., ob wir ſchon im weißen Meere, bei demſelbigen Wind, 10 Gr. gehabt hatten. Am Morgen des 20., als wir uns ungefähr achtzehn Meilen ſüdweſtlich vom Nordcap befanden, wurde der Wind, der bisher ziemlich heftig war, ſehr ſchwach, und ging endlich in eine gänzliche Stille über. Die Wolken ſtanden unbeweglich am Himmel, und die hohe See ward ungewöhnlich ruhig. Nord⸗ kaper und andere große Seethiere erſchienen in zahlloſen Schaaren, und ſchwärmten ſchnaubend und brauſend auf der Oberfläche hin. Unſere Seeleute verkündigten einen großen Sturm, und beſtimmten die Gegend, wo er ausbrechen werde. Ihre Prophezeihung gründete ſich auf die unruhige Bewegung der Fiſche, beſonders des Nordkapers, dem ſie, wie der Landmann dem Haushahn und ſo vielen andern Thieren, ein gewiſſes Vor⸗ gefühl von den Veränderungen in der Luft zuſchreiben. Wenn nämlich die Nordkaper, gleichſam ein Rad ſchlagend, auf der Oberfläche ſich fortwälzen, ſo ſoll dieß einen Sturm, und die Richtung, welche ſie bei dieſem Spiele nehmen, die Gegend ſeines Ausbruchs anzeigen; eine Behauptung, die in den meiſten Fällen zutrifft. Die Bewegungen der Wellen und der Flug der Seevögel, be⸗ ſonders des Sturmvogels und der Möwen, dienen den Seeleuten ebenfalls als Wetterkennzeichen. Mit ziemlicher Zuverläſſigkeit hörte ich ſie oft auch aus den Bewegungen und Geſtalten der Wolken das Wetter voraus beſtimmen. Wenn, ſagen ſie, ſtreifenartige oder faſerige Wolken in dem Luftkreiſe entſtehen, ſo deutet dieſes auf Windwechſel, und die ſpitzigen Enden derſelben zeigen die Gegend an, woher der Wind kommen wird; die mehr oder minder große Aus⸗ dehnung und Menge jener Wolkengeſtalten beſtimmen den Grad ſeiner Heftig⸗ keit und Dauer. Auf den Mondwechſel richten ſie bei den Vorausbeſtimmungen immer des Wetters ihr Hauptaugenmerk; wenigſtens findet man es durch die Er⸗ fahrung beſtätigt, daß um dieſe Zeit wichtige Veränderungen in der Luft ſich er⸗ eignen, und beſonders, daß die Winde heftiger, als in den Zpiſchenzeiten wehen. Uebrigens iſt bei ihnen, wie bei dem Landmann, der Auf⸗ und Unter⸗ gang der Sonne ein Gegenſtand ihrer täglichen Beobachtung. Unſer Kapitän ſchien den meiſten dieſer Witterungsregeln wenig Glauben beizumeſſen; da aber auf ſehr ſtilles Wetter gewöhnlich ſehr ſtürmiſches folgt, und da überhaupt 5* 68 eine Windſtille in der Nähe des Nordcaps, wo die Winde unabläſſig toben, eine außerordentliche Erſcheinung iſt, ſo war auch er der Meinung, daß man ſich auf einen heftigen Sturm gefaßt halten müſſe. Es wurden daher viele Segel eingezogen, die Bramſtängen und Bramraaen geſtrichen und alle auf dem Verdeck befindlichen Gegenſtände, beſonders die Waſſer⸗ und Proviant⸗ fäſſer, möglichſt dauerhaft befeſtigt. Um Mittag erhoben ſich am ſüdöſtlichen Horizont ſchwarze Wolken, die mit pfeilſchnellem Fluge den Himmel umzogen und den Einbruch der Nacht beſchleunigten. Das Meer gerieth in die größte Unruhe, und die Wellen thürmten ſich ſchäumend zu Bergen auf; dennoch zeigte ſich nicht die geringſte Spur von Wind. Unſer Schiff befand ſich in einer höchſt gefahrvollen Lage. Es wurde ſo fürchterlich umhergeſchleudert, daß alle Balken krachten, und die Maſten jeden Augenblick umzubrechen drohten. Um daher das Gewicht der Maſten und dadurch ihr Schwanken zu vermindern, ſtrich man die Marsſtängen und alle Ragen. Bei dieſem Geſchäft fiel ein Matroſe aus der Vormars auf einen Anker, wodurch er ganz zerſchmettert wurde. Späterhin warfen wir alle Kanonen, mit Ausnahme einer einzigen, ſo wie einen Theil der Ladung über Bord. Deſſen ungeachtet beſſerte ſich die Lage des Schiffes wenig; vielmehr nahm die Leckheit desſelben in ſolchem Maße zu, daß man das Waſſer im Raume bei der größten Anſtrengung nicht mehr auspumpen konnte. Endlich nach Mitternacht, wo man im Begriffe ſtand, die Maſten zu kappen, erhob ſich plötzlich ein Südoſtwind. Seine Wuth war gränzenlos, ob⸗ ſchon in dieſem Augenblicke wohlthätig für das Schiff. Von ihm geſtützt, lag es nun ruhiger und ließ ſich durch unausgeſetztes Pumpen waſſerfrei erhalten. An das Segeln war aber nicht zu denken. Die Maſten blieben daher ab⸗ getakelt. Gegen ein Uhr Nachmittags hörte man wiederholt Nothſchüſſe auf der ruſſiſchen Brig; aber wer konnte ihr zu Hülfe kommen?— Nach einer Stunde war nichts mehr von ihr zu hören und zu ſehen. Von der ſchwediſchen Galeaſſe, die ſich am vorhergehenden Tage weſtlicher als wir gehalten hatte, konnten wir nichts bemerken, und hielten ſie ebenfalls für verloren; aber ſo verſchieden iſt zuweilen der Wind in nahe bei einander gelegenen Gegenden, daß dieſes Schiff, wie wir in der Folge erfuhren, nur gemäßigte Nordweſtwinde gehabt, und, ungeachtet ſeiner mittelmäßigen Segelkraft, ſchon Mitte Novembers Liſſa⸗ bon erreicht hatte. . Während der Nacht tobte der Wind ſo ſchrecklich, daß man auf dem Ver⸗ decke kaum Athem holen, noch ſich aufrecht erhalten konnte; und das Meer ſchleuderte Wellen wie feurige Ströme, die alles, was ihnen vorkam, mit ſich 69 fortriſſen. In dieſer fürchterlichen Nacht war es, wo das Meer unſer Verdeck rein abräumte. Boote, Küche, Geräthſchaften, Schweine⸗ und Hühnerbehält⸗ niſſe, Waſſer- und Proviantfäſſer— Alles ging verloren. Die Mannſchaft ſtand, beim Ruder und bei den Pumpen, mit Tauen um den Leib an die Maſten befeſtigt, um nicht weggeſchwemmt zu werden. Drei Matroſen wurden, als ſie auf dem Vorderdeck einige losgebrochene Proviantfäſſer zu retten ſuch⸗ ten, zerquetſcht von den Wellen mit fortgenommen. Am 22. gegen Morgen lief der Wind plötzlich nach Nordweſten um, und wehte ziemlich gemäßigt, ſo wie auch der Himmel ſich aufhellte. Sobald das Meer etwas gefallen war, machte man Anſtalt, die Maſten in ſegelfertigen Stand zu ſetzen. Dieß koſtete viel Anſtrengung; denn das ganze Tauwerk und Alles, was ſich oben auf dem Schiffe befand, war mit einer dicken Schnee⸗ und Eisrinde überzogen, glatt und ſchlüpfrig. Aber Jeder legte muthig Hand an's Werk, ſo daß inekurzer Zeit die Maſten mit Marsſtängen, Raaen und Segeln verſehen daſtanden.— Da alle noch im Schiffe befindlichen Lebensmittel aus einem Fäßchen Schiffszwieback, einem Faß Waſſer und einigen in der Küche aufbewahrten Kleinigkeiten, ſo wie aus etwas Wein und Branntwein beſtanden, und folglich in wenig Tagen großer Mangel eintreten mußte; ſo ſteuerte der Kapitän in ſüdöſtlicher Richtung, irgendwo Finnmarken anzulaufen. Ungeachtet die Be⸗ wegung des Meeres uns noch immer entgegen war, ſegelten wir doch ſo ziem⸗ lich ſchnell, und durften hoffen, am folgenden Tage die Küſte zu erreichen. Wir waren indeſſen noch keine halbe Stunde geſegelt, als plötzlich das Ruder einen Schaden litt, der es zum Steuern untüchtig machte. Das Schiff drehte ſich augenblicklich um, der Wind fiel von vorn in die Segel, und die Maſten, die auf dieſer Seite am empfindlichſten ſind, brachen beim erſten hefti⸗ gen Windſtoß alle drei zugleich, und ſtürzten krachend über Bord. Fünf Matroſen, die darauf beſchäftigt waren, fielen mit ihnen herab. Zwei derſelben fand man zerſchmettert unter den Trümmern; die drei andern ſtürzten in die See, erreichten jedoch das Schiff unverſehrt wieder. Von den Leuten, die auf dem Verdecke ſtanden, wurde glücklicher Weiſe Niemand verletzt. Die gefallenen Maſten kappte man mit faſt allem Segel⸗ und Tauwerk ſchnell über Bord, weil ſie das Schiff zu zertrümmern oder unter Waſſer zu ziehen drohten. Bald nachher wendete ſich der Wind wieder nach Südoſt, und wehte ſo heftig, daß jeder Gedanke, den erlittenen Verluſt zu erſetzen, aufgegeben und die Entſcheidung unſeres Schickſals dem Zufall überlaſſen werden mußte. Wir trieben nun unaufhaltſam nach dem grönländiſchen Eismeere hin, und rückten ihm faſt jede Stunde um eine Meile näher. 70 Während der Nacht überſchritt der Sturm alle Gränzen. Dem Ueber⸗ handnehmen des Waſſers im Raume ließ ſich kaum Einhalt thun. Der Um⸗ ſtand, daß die Ladung ihr Bett unterwühlt und einen Weg in den Pumpen⸗ ſood gefunden hatte, vermehrte das Uebel noch mehr, indem die Pumpen faſt ſo viel Korn als Waſſer gaben, und ſich daher leicht verſtopften, ſo daß ſie oft gelichtet und gereinigt werden mußten. Dieſe Arbeit war höchſt ermüdend, und gegen Morgen konnte das ohnehin an Zahl und Kräften ſchon ſehr ge⸗ ſchwächte Schiffsvolk ſie nicht länger beſtreiten. Es wurde deßhalb, wie billig, Jedermann im Schiffe zur Hülfleiſtung aufgefordert. Der jüdiſche Paſſagier, welcher ſeit der Abfahrt von Archangel, obſchon friſch und geſund, kaum aus dem Bette gekommen war, weigerte ſich an der Arbeit Theil zu nehmen, wo⸗ rüber das Schiffsvolk ſehr in Zorn gerieth. Er erbot ſich allerdings, ſeine Hülfe mit Geld zu bezahlen, das Anerbieten konnte aber zu einer Zeit, wo nur Hände Werth hatten, kein Gehör bei den Leuten finden und erregte unter ihnen nur noch mehr Erbitterung. Vorurtheil und Aberglaube geſellten ſich dazu, und überredeten ſie, daß dieſer Jude von den göttlichen Strafgerichten verfolgt, an allem Unglück ſchuld ſei, und um der allgemeinen Erhaltung willen über Bord geworfen werden müſſe. Alle vernünftige Vorſtellungen des Kapi⸗ täns und der übrigen Offiziere waren vergebens; und da Strenge zu einer Zeit, wo der Gehorſam gegen die Vorgeſetzten ohnehin auf ſchwachen Füßen ſteht, noch weniger fruchten konnte, ſo würde der Jude gewiß eine ſehr un⸗ glimpfliche Behandlung erfahren haben, hätte nicht das Schickſal ſich in's Mittel geſchlagen und ein Uebel mit dem andern vertrieben. Es wurde nämlich der Laden eines Kajütefenſters von einer anſchlagenden Welle eingebrochen. Das Waſſer ſtürzte in gewaltigen Strömen über die ganze Kajüte, und über⸗ ſchwemmte vor allem das Bett des Juden, welches dem Fenſter ſehr nahe war. Sein Zuſtand und das Geſchrei, das er aus ängſtlicher Beſorgniß für ſein Leben erhob, ohne ſich jedoch aus der Stelle zu bewegen, erregte bei Einigen Mitleid und diente Andern zur Beluſtigung, ſöhnte aber Alle ſo weit mit ihm aus, daß man ihm nach Wiederherſtellung des Fenſters, ohne weiter Anſprüche auf ſeinen Beiſtand zu machen, eine trockene Lagerſtätte bereitete. Den 23. fand keine weſentliche Veränderung der Dinge Statt; das Wetter blieb ſo ſtürmiſch und das Schiff ſo leck wie zuvor. Am 24. Oktober ließ der Sturm etwas nach, und das unaufhörliche Schneegeſtöber ebnete das Meer mit bewundernswerther Kraft, wodurch die Leckheit des Schiffes, indem die aufgeriſſenen Fugen desſelben ſich wieder zu⸗ ſammenzogen, ſehr vermindert wurde. Aber der Muth unſerer Leute war nun tief geſunken, und laute Klagen wurden gehört. Kein Wunder, daß, wenn 71 man vier Tage lang bei empfindlicher Kälte, durchnäßt und mit halb befrie⸗ digtem Magen unaufhörlich und anſtrengend gearbeitet hat, am fünften endlich gänzliche Muthloſigkeit eintritt. Dennoch blieb dieſer günſtige Zeitpunkt nicht unbenutzt, das Schiff einigermaßen in brauchbaren Stand zu ſetzen, was um ſo nöthiger war, da wir uns dem 73. Grad der Breite näherten, und folglich in kurzem auf das Treibeis ſtoßen mußten. In weniger als einer Stunde er⸗ richtete man am zurückgebliebenen Stumpfe des Fockmaſtes eine alte Mars⸗ ſtänge, um ein Kreuzſegel daran aufzuziehen. Auch befeſtigte man am äußerſten Ende des Hinterdecks eine Bramſtänge, und verſah ſie mit einem kleinen Segel, welches, wenn es von einer Seite zu der andern gedreht wurde, dienen konnte, das Schiff zu ſteuern. Gegen zehn Uhr Vormittags vernahm man ein Getöſe, wie entfernten Kanonendonner. Ein beſonderer Glücksumſtand für uns war es, daß das heftige Schneegeſtöber, welches in die Ferne zu ſehen hinderte, um dieſe Zeit nachließ. Wir erblickten nun, obſchon es noch finſtere Nacht war, in geringer Entfernung eine Menge treibender, zum Theil hoher, mit Schnee bedeckter Eismaſſen, welche, da die Wellen mit dem größten Ungeſtüm gegen ſie wüthe⸗ ten, mit Feuer umgeben ſchienen; ein fürchterlicher, ſchaudervoller Anblick, und um ſo mehr für abgemattete Menſchen, die auf einem gebrechlichen Schiffe un⸗ widerſtehlich dahin getrieben wurden! In dieſem betäubenden Augenblick ver⸗ loren jedoch unſere Leute die Geiſtesgegenwart nicht. Kein Wehklagen, kein Seußzer ließ ſich unter ihnen hören; ein Jeder ſah in tiefer Stille und ruhiger Hingebung ſeinem Schickſal entgegen. Als die Dämmerung anbrach, und wir dem Eiſe nahe waren, wurde das Kreuzſegel aufgezogen, wodurch das Schiff in eine ſo ſchnelle Bewegung gerieth, als wenn man bei gemäßigtem Winde mit allen Segeln fährt; auch ſteuerte das kleine, auf dem Hinterdeck angebrachte Segel mit ziemlicher Genauigkeit. Wir gelangten durch eine Menge großer und kleiner Eismaſſen, ob ſie ſchon die fürchterlichſte Brandung verurſachten, auf eine unerwartet glückliche Weiſe. Weiter hin befand ſich das Meer, da ihm die außenliegenden Schollen gleich⸗ ſam zum Bollwerke dienten, in ſehr ruhigem Zuſtande, daher das lecke Schiff ſeine vorige Dichtheit wieder erlangte. Die Kälte war ſeit unſerer Ankunft in der Gegend, wo die Eismaſſen ſich befanden, von 10 bis auf 19 Gr. Réaum. geſtiegen. Wegen des Einbruchs der Nacht, welche noch vor zwei Uhr Statt hatte, konnte unſer Wunſch, das Schiff an einer Eisſcholle zu befeſtigen, für heute nicht befriedigt werden; wir mußten vielmehr die Segel einziehen, und uns auf die bisherige Weiſe, wiewohl in ruhigem Waſſer, weiter fort treiben laſſen. Während der Nacht genoſſen wir einige Ruhe, da die Schollen wegen ihrer ſchimmernden Schneedecke deutlich zu ſehen und nicht ſchwer zu vermeiden waren. Aber gegen Morgen hätte das wieder begonnene Schneegeſtöber, weil es alle Gegenſtände um uns verhüllte, faſt den gänzlichen Untergang des Schiffes veranlaßt. Dieſes trieb von Scholle zu Scholle, wobei es die heftig⸗ ſten Stöße bekam, und nur ſeiner ungemein feſten Bauart— es war früher 3 ein Grönlandfahrer geweſen,— verdankte, daß das Rippenwerk nicht ewraih Das Bugſpriet ging verloren. Am 25., während der Dämmerung, ſuchten wir das Schiff bei einer ganz frei liegenden Eisflarde, einer Maſſe von ungefähr 5 Fuß Höhe und ½ Meile im Umfange, zu befeſtigen, da ſie zwei weit hervorragende Spitzen hatte, die ein ſicheres Becken bildeten. Man machte mancherlei, jedoch vergeb⸗ liche Verſuche, kleine Anker darauf zu werfen. Endlich aber, als das Schiff der einen Spitze⸗ſehr nahe kam, entſchloſſen ſich einige Matroſen, in Erman⸗ gelung eines Bootes, ſchwimmend ein Tau darauf zu bringen, und an einem Eisblocke feſt zu machen. Dieſes Unternehmen war äußerſt ſchwierig und faſt mit dem gänzlichen Erſtarren der armen Menſchen verbunden. Zwar fühlten fie ſi ſich während des Schwimmens gewiſſermaßen erwärmt; denn da das Meer den Wirkungen der Jahreszeiten in einem geringern Grade als der Luftkreis unterworfen iſt, ſo verliert es die im Sommer erhaltene Wärme, ſo wie die im Winter angenommene Kälte weit langſamer als jener, und hat überhaupt hierin mehr Gleichförmigkeit. Sobald aber die Schwimmer das Eis erreichten und hinan klommen, wurden ſie, indem das von ihren Kleidern eingeſogene Waſſer gefror, mit einer Eisrinde überzogen. Deſſen ungeachtet gelang es ihnen, an dem mitgenommenen Tau ein zweites ſtärkeres auf das Eis zu ziehen, und auf eine haltbare Weiſe zu befeſtigen. Sie ſtürzten ſich dann in's Meer zurück, und erreichten, wiewohl halb leblos, das Schiff, wo man ſie mit Mühe wieder zu ſich brachte. Hierauf wurde das Schiff in's Becken gezogen, und mit ſarken Tauen vorn und hinten an Eisblöcken befeſtigt. Die Folgen davon waren höchſt er⸗ ſprießlich. Wir lagen ſo ruhig und ungeſtört, wie in einem Hafen; das ſchnelle Forttreiben war auf die ungleich langſamere Bewegung der Eisflarde be⸗ ſchränkt, und wir durften hoffen, nicht zu weit in das Eis verſchlagen zu wer⸗ den, um demſelben beim nächſten günſtigen Windwechſel entrinnen zu können. Bald nachdem das Schiff befeſtigt war, ließ ſich auf dem Eiſe ein widri⸗ ges Geſchrei hören, das dem Bellen heiſerer Hunde glich. Man erkannte es ſogleich für das Geſchrei von Seehunden. Die Lüſternheit nach Fleiſch wurde dadurch bei den meiſten unſerer Leute ſo aufgeregt, daß ſie, trotz aller Sehn⸗ 73 ſucht nach Ruhe, mit Stöcken bewaffnet auf das Eis zogen, um auf die See⸗ hunde Jagd zu machen. Es kam ihnen zuerſt ein einzelner zu Geſicht, welcher in einiger Entfernung von den übrigen gleichſam Schildwache ſtand. Als ſie ſich ihm näherten, richtete er ſeinen Kopf in die Höhe, ſprang auf und erhob ein fürchterliches Geheul. Hierauf brach die ganze Heerde aus ihren Schlupf⸗ winkeln hervor; und ſtürzte, bei unſern Leuten vorbei, wovon einige umgeriſſen und eine Strecke weit fortgeſchleudert wurden, nach dem Waſſer hin. Wie⸗ wohl dieſen Thieren keine ausgezeichnete Schnellfüßigkeit verliehen iſt, waren ſie doch viel zu flüchtig für unſere abgematteten Leute, und nur ein Junges, das langſamer hinter den übrigen herzog und bei dem erſten Stockſchlag auf die Naſe, den empfindlichſten Theil des Seehundes, zu Boden fiel, wurde er⸗ beutet. Kaum hatte man es auf das Verdeck gebracht, ſo erholte ſich's wieder, ſtand auf, und wehrte ſich mit den Füßen und Zähnen; aber ein kleiner Schlag auf die Naſe warf es wieder betäubt zu Boden. Es hatte jedoch ein ſo zähes Leben, daß es, nachdem ihm ſchon die Haut abgezogen, der ganze Speck, die Füße und mehre Stücke Fleiſch abgeſchnitten waren, ſich noch einmal ermannte, winſelte und um ſich biß. Seine Länge betrug vier Fuß, und ſein Gewicht un⸗ gefähr achtzig Pfund. Der Speck, welcher bei weitem den größten Theil des Ganzen ausmachte, wurde geſalzen, und diente in der Folge, unſern Roggen⸗ brei damit zu vermiſchen; der Geſchmack desſelben war ſehr mild und ſüßlich. Das Fleiſch wurde noch am ſelbigen Abende, ſo gut es geſchehen konnte, zugerich⸗ tet und völlig aufgezehrt; es war nicht unſchmackhaft und hatte viel Aehnliches mit dem Schweinefleiſch in ſolchen Gegenden, wo man die Schweine mit Fiſchen mäſtet. Dieſe Seehunde waren, außer einigen Sturmvögeln, die letzten lebenden Weſen, die uns während des ganzen übrigen Aufenthaltes im Eiſe zu Ge⸗ ſichte kamen.. Nachdem man am 26. durch einen langen, ſeit ſechs Tagen zum erſten Mal genoſſenen Schlaf ſich erquickt hatte, war das Augenmerk des Kapitäns hauptſächlich auf Maßregeln gegen die Kälte und gegen Hungersnoth gerichtet. Zur Vermehrung der Wärme und Erſparung des ſchon ſehr verminderten Brennholzes wurde der ſämmtlichen Mannſchaft die Kajüte zur Wohnung an⸗ gewieſen. Da die gewöhnlichen Kleidungſtücke nicht länger gegen die Kälte ſchützten, ſo gab der Kapitän zwei Ballen Bärenhäute und anderes Pelzwerk her, woraus der Segelmacher, von einigen Matroſen unterſtützt, vollkommene Anzüge nebſt Masken und Handſchuhen verfertigte. Wiewohl der Zwieback, das einzige Nahrungsmittel, welches uns bisher übrig geblieben war, mit die⸗ ſem Tage zu Ende ging, ſo war man doch gegen eigentliche Hungersnoth durch 74 das geladene Korn hinreichend geſchützt. Nur kam es darauf an, dasſelbe genießbar zu machen. In dieſer Hinſicht wußte man keinen andern Rath, als es auf dem Ofen zu dorren und in Kaffeemühlen zu einer Art Grütze zu zermahlen. Noch heute wurden mehre Säcke von dergleichen bereitet. Am ſchwierigſten fiel das Kochen, da es, wegen des Verluſtes der Küche und der dazu gehörigen Geräth⸗ ſchaften, im Ofen und mittels blecherner Trinkgeſchirre geſchehen mußte. Um auf jeden Fall gegen Mangel an Waſſer geſichert zu ſein, wurde, zum Beſchluß der Tagarbeit, der häufig gefallene Schnee auf dem Verdeck zuſammengeſchau⸗ felt, und ſorgfältig in der leeren Matroſenkammer aufbewahrt. Der 27. und 28. verfloſſen ungeſtört unter Fortſetzung der erwähnten Be⸗ ſchäftigungen. Das Wetter blieb ſtürmiſch und unverändert. Am 29. Oktober brach unter der Mannſchaft eine bösartige Krankheit aus. Niemand wußte, ob man ſie den häufigen Erkältungen und übermäßigen Beſchwerden, oder andern Urſachen, vielleicht dem Gebrauch von angeſtecktem Pelzwerk, zuſchreiben ſollte; auch war ſie uns allen und ſelbſt dem Kapitän, der ärztliche Kenntniſſe beſaß, völlig unbekannt. Fieberhafte Krämpfe mit häu⸗ figem Erbrechen, hauptſächlich aber ſchwarze, über den ganzen Körper ver⸗ breitete Flecken waren die äußern Kennzeichen derſelben. Sie war übrigens höchſt anſteckend und nahm ſchnell überhand.. Am 31. hatte die Kajüte bereits das Anſehen eines Krankenhauſes. Ich ſelbſt wurde von dem Uebel ergriffen; da ich ihm aber beim erſten Anfall durch ein Brechmittel vorzubeugen ſuchte, ſo verließ es mich nach einigen Tagen wieder. Nur Wenige blieben davon befreit und waren im Stande, ihre leiden⸗ den Gefährten zu pflegen. Unter ihnen befand ſich der Jude, der bei dieſer Ge⸗ legenheit eine ſehr edle Rolle ſpielte, und der Wohlthäter des Schiffes wurde. Er wendete nicht nur die größte Sorgfalt auf die Pflege der Kranken, ſondern gab ihnen auch, um ſie zu erquicken, nach und nach ſeinen ganzen Vorrath von Lebensmitteln, indem er ſelbſt mit Roggenbrei ſich begnügte. Zur großen Be⸗ ruhigung für mich blieben meine Zöglinge, weil ich ſie zugleich mit mir ein Brechmittel nehmen ließ, von der Krankheit verſchont; doch wurde ihr Vater, der Kapitän, obſchon er dieſelbe Vorſicht gebrauchte, ſehr heftig davon an⸗ gegriffen. Die Tage vom 2. bis 6. November zeigten ein trauriges Gemälde menſch⸗ lichen Elends. Zwar erholten ſich einige Kranke während dieſer Zeit; aber die meiſten, nämlich ſieben der beſten Seeleute und drei Paſſagiere wurden, weil ſie anfänglich jedes Arzneimittel verſchmähten, in ſchneller Folge ein Opfer des Todes. Der letzte Kampf einiger dieſer Sterbenden war mit fürchterlichen und herzerſchütternden Auftritten begleitet, da ſie zum Theil über die Trennung von — 75 ihren Freunden und Verwandten wehklagten, zum Theil in völlige Raſerei ver⸗ fielen. Traurig war die Art und Weiſe, wie man ſich ihrer entſeelten Körper entledigen mußte. Anſtatt ſie nach Seemannsgebrauch in Segeltuch zu nähen, und mit einer Kanonenkugel feierlich ins Meer zu ſenken, wurden ſie blos in ihre Bettdecken gehüllt und ohne weiteres auf das Eis geworfen, indem das Schiff rund umher eingefroren, und man auch vollauf beſchäftigt war, um die noch lebende Mannſchaft abzuwarten. Am 7. hörte die Sterblichkeit auf, ſo daß die Kranken zuſehends genaßen. Die Zahl der Ueberlebenden belief ſich noch auf vierzehn, und beſtand, außer mir, dem Kapitän und ſeinen beiden Söhnen, aus dem Oberſteuermann, dem Segelmacher, vier Matroſen, dem Kajütejungen und drei Paſſagieren. Der Meiſten dieſes unglücklichen Häufleins hatte ſich ein ſo hoher Grad von Muth⸗ loſigkeit und Verzweiflung bemächtigt, daß ſie ſich für unvermeidlich verloren hielten, und daher den Zuſtand des Schiffes völlig außer Acht ließen. Geſunde, Geneſende und Kranke ſaßen mit Gebetbüchern in der Hand um den Ofen, und bereiteten ſich auf ihr nahes Ende vor. Und in der That, was durften wir hoffen? Zwar wurde das Schiff von der Eisflarde, bei welcher es lag, einiger⸗ maßen beſchützt; aber es war eingefroren, und das Eis umher vermehrte ſich mit jeder Stunde, während der Wind noch immer von Südoſten her wüthete. Das Tageslicht verſchwand nun völlig, und in kurzem mußte das ganze Meer mit Eis bedeckt werden. Darin zu überwintern war unmöglich, weil man alles Brennholz verbraucht und ſchon angefangen hatte, die Zwiſchendeckplanken zu verbrennen; und geſetzt, der Winter wäre glücklich überſtanden worden, ſo hätten wir im Frühjahre von neuem mit Stürmen und Eis zu kämpfen gehabt. Deſſen ungeachtet gewann unſer Zuſtand ein günſtigeres Anſehen, als am 8. der Kapitän ziemlich geneſen vom Krankenlager ſich erhob. Dieſer vortreff⸗ liche Mann, der bei den Uebrigen das unbeſchränkteſte Vertrauen beſaß, flößte denſelben durch ſeine Gegenwart und ſein Beiſpiel, wobei er es nicht an Auf⸗ munterung fehlen ließ, neuen Muth und neue Thätigkeit ein, ſo daß ſie nun mit einer Art von Begeiſterung zu arbeiten begannen. Das erſte, was man vornahm, war, die unbedeckt liegenden Todten im Schnee zu begraben. Hierauf wurde eine Offizierkammer zu unſerer Aufnahme eingerichtet, theils weil die Kajüte dem Luftzuge zu ſehr ausgeſetzt und für die gegenwärtige Mannſchaft zu geräumig war, theils aber auch um unangenehme Erinnerungen ſo viel als möglich zu entfernen. Man verſah die Kammer mit einem Ofen, und ſchlug ſie an allen Seiten mit Bärenhäuten aus. Sie wurde noch am ſelbigen Abend be⸗ zogen und war ſo warm, daß wir bei nur einigem Vorrath an Brennholz hätten ganz bequem darin überwintern können. 76* 10. Günſtiger Wechſel des Wetters. Heftige Bewegung der Eismaſſen. Das Schiff entgeht auf eine wunderbare Weiſe der Gefahr, an einem Eisberge vernichtet zu werden. Die Nordſcheine. Es gelingt, das Schiff von dem daran feſtſitzenden Eiſe zu befreien. Mannichfaltige Geſtalt und Farbe der Eismaſſen. Hinderniſſe und Beſchwerden hindurch zu kommen— eine zuſammenſtür⸗ zende Flarde verſchüttet beinahe das Schiff. Froſt und Hunger. Beſſere Zeit. Die Häringe. Glückliches Erreichen der Norwegiſchen Küſte. Die Stadt Bergen und ihre Bewohner. Die por⸗ tugieſiſchen Schiffe. Heimfahrt. Bald nachdem wir die neue Wohnung bezogen, und die ſeit langer Zeit ausgeſetzte Betſtunde zum erſten Male wieder zu halten begonnen hatten, wur⸗ den wir plötzlich von einem gewaltigen Krachen des Eiſes und von erſchüttern⸗ den Stößen, die das Schiff erhielt, aufgeſchreckt. Wip fanden den Wind in ſtarker Abnahme, das Eis aber in heftiger Bewegung und in allen Richtungen ſich durchkreuzend. Große Maſſen ſtießen von Zeit zu Zeit im Vorbeitreiben auf unſer Schiff; doch verurſachten ſie ihm, da die herausſtehenden Spitzen unſerer Flarde den erſten ungeſtümen Andrang abwendeten, keinen erheblichen Schaden. 6. Wir waren anfänglich der Meinung, daß dieſe ungleiche Bewegung der Eismaſſen, da die plötzliche Abnahme des Windes auf einen Wechſel deſſelben ſchließen ließ, durch entgegengeſetzte Winde, welche ſich bereits in der Nähe er⸗ hoben hätten, veranlaßt würde. Dieß mochte wohl, da der Windwechſel in kurzer Zeit eintrat, zum Theil der Fall ſein; aber wir wurden bald überzeugt, daß ein gegen Süden gerichteter, in den untern Theilen des Meeres befindlicher Strom, welcher die ihn erreichenden Eismaſſen des ſchwachen Windes wegen in ſeine Gewalt bekam, die Hauptveranlaſſung war. Denn obſchon die dünnern Schollen, welche der Strom nicht berühren konnte, theils noch von dem Südoſt⸗, theils ſchon von dem darauf folgenden Nordweſtwinde in Bewegung geſetzt wurden, ſo trieben doch alle dickere Maſſen, und zwar die dickſten am ſchnellſten, in einer ſüdlichen Richtung fort.— Gegen eilf Uhr erblickten wir einen Eisberg von wenigſtens 100 Fuß Höhe, der ſich von Norden her mit Ungeſtüm durch die übrigen Maſſen drängte, und geraden Weges auf unſer Schiff zukam. Aber das Glück war uns am heu⸗ tigen Tage ſo günſtig, daß wir auf die überraſchendſte Weiſe, und ohne eigent⸗ lich zu wiſſen wie es geſchah, der drohenden Gefahr entgingen; denn als der Eisberg dem Schiffe ſich näherte, wurde dieſes durch eine unſichtbare Kraft von der Flarde, woran es feſtſaß, plötzlich abgeriſſen und ſchnell in öſtlicher Rich⸗ tung fortgetrieben, während der Eisberg auf die Flarde zerſtörend eindrang. Unſere von religiöſen Gefühlen beſeelten Leute ſahen dieſes Ereigniß für 77 X ein offenbares Wunder an, welches die Vorſehung zu ihrer Erhaltung verrichtet hätte; und der Kapitän hielt es fuͤr rathſam, ihnen dieſe Meinung, da ſie nur ihren Muth zu entflammen diente, nicht zu benehmen, obſchon er ſich das Er⸗ eigniß aus ganz natürlichen Urſachen erklärte. Er hielt nämlich dafür, was auch ſehr wahrſcheinlich iſt, daß der Eisberg unter dem Waſſer weit heraus⸗ laufende Spitzen hatte, welche das Schiff von der Flarde trennten und auf die Seite ſchoben. 3 Bald nach dieſem glücklichen Ereigniſſe begann ein heftiger Nordweſtwind zu wehen; das Eis nahm nun wieder eine gleichförmige Bewegung an, und unſer Schiff wurde nicht weiter beunruhigt. Um MNitternacht zertheilten ſich die düſteren Wolken des Himmels und Nordſcheine drangen hervor, die erſten, welche ſich auf dieſer Reiſe zeigten. Sie erſchienen Anfangs als unbewegliche Streifen, die eine dunkelgelbe Farbe hatten. Dann verwandelten ſie langſam ihre Geſtalt, wobei die Farbe vom Gelben durch alle Abſtufungen bis zum dunkelſten Rothbraun ſpielte. Endlich nahmen ſie eine zitternde Bewegung an, und wechſelten die Geſtalt mit außerordentlicher Schnelligkeit. Oft entſtanden welche auf Stellen, wo man vorher keine ſah, verloſchen plötzlich und ließen einen einfarbigen dunkeln Streif zurück, der nach einiger Zeit von neuem glänzend wurde, und dann wieder in einen dunkeln Schimmer überging. Da ich dieſes erhabene Schauſpiel zum erſten Mal in ſolcher Vollkommenheit ſah, ſo ſetzte es mich in dumpfes, von einem ſchauer⸗ lichen Gefühl begleitetes Staunen. Gegen zwei Uhr Morgens(am 10. November) drehte ſich der Wind nach Norden. Der Luftkreis erlangte nun bald eine ätheriſche Reinheit, und die Sterne erſchienen ungewöhnlich groß und glänzend. Das Nordlicht, das ſich in mannichfaltigen Farben auf dem Schnee, an den Eiswänden und im Waſſer ſpiegelte, verbreitete einen hellern Schein, als ſelbſt das hellſte Licht des Voll⸗ mondes; auch zeigten ſich häufig feurige Kugeln und Sternſchnuppen. Die Kälte ſtieg in wenig Stunden von 24 bis auf 36 Gr. Réaum. Dieſe Veränderung des Wetters erfüllte unſere Mannſchaft mit Hoffnung und wirkte auf dieſelbe ſo mächtig, daß ſich Kranke geſund und Geſunde ſehr geſtärkt fühlten. Man ſuchte nun, woran auch die Paſſagiere den thätigſten Antheil nahmen, das Schiff in ſegelfertigen Stand zu ſetzen. Das erſte Ge⸗ ſchäft des Kapitäns beſtand darin, daß er, was ſeit einiger Zeit ganz unter⸗ blieben war, durch Beobachtungen am Himmel den Standpunkt des Schiffes be⸗ rechnete; er gab ihn auf ungefähr 73 Gr. B. und 23 Gr. L. an. Wir Uebri⸗ gen waren beſchäftigt, den früher errichteten Nothmaſt beſſer zu befeſtigen, einen zweiten auf der Stelle des großen Maſtes aufzuſetzen, und vor dem Bug eine 78 Wulſt von altem Tauwerk anzubringen, die in der Folge vieles dazu beitrug, das Schiff unbeſchädigt durch die Eismaſſen zu bringen. Auch verfertigte man aus Stücken Balken, aus Planken und Tauwerk ein Ruder, welches, trotz ſeiner Unförmlichkeit, dem Zwecke vortrefflich entſprach und ſich dauerhaft bewies. Um acht Uhr Abends hatten wir dieſe Arbeiten vollendet, und das ganze Schiff ſo gut in Ordnung gebracht, als die Verhältniſſe geſtatteten. Es blieb uns nun übrig, die großen Eisſtücke, die an dem Schiffe noch feſthingen und es auf der rechten Seite gleichſam umklammerten, los zu arbeiten. Da wir weder mit Eisſägen noch mit andern ſolchen Werkzeugen, die der Nordenfahrer in dergleichen Fällen gebraucht, verſehen waren, ſo mußte das Eis, welches an manchen Stellen viele Fuß tief unter das Waſſer reichte, mit Aexten und Brech⸗ ſtangen abgelöſt werden. Deſſen ungeachtet ging die Arbeit, weil das Eis wegen der großen Kälte ſich leicht brechen ließ, ganz unerwartet ſchnell von Statten.. Um Mitternacht war das Schiff völlig frei; wir zogen ſogleich unſere beiden Segel auf und drangen durch eine Menge kleiner Eiswürfel gegen Süden vorwärts. Wir ſtießen nun von Zeit zu Zeit auf Eismaſſen von mannichfaltiger Farbe und Geſtalt, welche die geſchäftige Einbildung in Städte, in Feſtungen und Landſchaften umſchuf. Eine große Flarde, bei der wir dicht vorüber ſegelten, hatte eine ganz ſonderbare Geſtalt. Sie war durchlöchert und drohte jeden Augenblick den Einſturz; auch hatten ihre ſenkrechten Wände eine ganz ſchwarze Farbe, die von der blendend weißen Schneedecke der ſchrägern Theile auffallend abſtach. Das Ganze glich einer Ruine. Eine andere ſehr hohe Flarde ſah einem mit Pfählen beſteckten Berge ähnlich, indem ſie eine große Menge Treibholz enthielt, das überall hervorragte; auch ſchien ſie, nach der Farbe ihrer Wände zu ſchließen, mehr aus Erde als aus Eis zu beſtehen. Das Nordlicht erſchien uns mehrere Tage nach einander, doch nie wieder in ſolcher Vollkommenheit als am erſten. 5 Es ſtellte ſich indeß unſern Fortſchritten ſehr bald ein Heer von neuen Hinderniſſen und Beſchwerden entgegen. Manche Eismaſſe mußte umſegelt, mancher Hin⸗ und Herweg gemacht werden, um einen Ausweg aus dem Eiſe zu finden. In einigen Gegenden war die ganze Oberfläche des Meeres über⸗ froren und wir kamen, bei Verſuchen durchzubrechen, zum Feſtſitzen. Allein der Andrang der großen Maſſen ſchaffte uns immer wieder Luft, weil ſie das neu entſtandene Eis ſchichtenweiſe über einander warfen, und zu Maſſen, wie ſie ſelbſt, bildeten. Auch wurden oft ganze Flächen Eis, die unter dem Schutze großer Maſſen entſtanden waren, vom Winde zerſplittert und zerſtreut, bis ſie 7. 79 ſich wieder ſammelten und von neuem an einander froren. Ueberhaupt iſt es wahrſcheinlich, daß jener Theil des Eismeeres nie völlig mit Eis bedeckt wird; daher ſieht man auch mehr hohe über einander gethürmte, als weit ausgebreitete flache Maſſen. Oft nahm eine Gruppe Eisſchollen unſer Schiff in die Mitte und preßte es ſo gewaltig, daß wir jeden Augenblick mit demſelben zerquetſcht zu werden fürchteten. In dieſen Fällen erwies uns die einzige noch übrig gebliebene Ka⸗ none, die mit unglaublicher Kraft auf das Eis wirkte, ganz vorzügliche Dienſte. Doch mußten wir beim Gebrauche derſelben mit großer Vorſicht verfahren, da es ſich bei einer ſolchen Gelegenheit zutrug, daß eine Flarde, die wahrſcheinlich ſehr hohl und vom Waſſer untergraben war, durch einen übel gerichteten Schuß zuſammenſtürzte und uns beinahe verſchüttet hätte. Ein großes Stück Eis, das über das Schiff herüber hing, fiel auf dasſelbe herab und beſchädigte das Verdeck an mehreren Stellen. Ich erwähne beiläufig, daß dieſes Stück Eis, ungeachtet ſeiner großen Laſt, am Bord behalten und auf dem Verdeck befeſtigt wurde; denn obſchon jedes Eis ein gutes Trinkwaſſer giebt, ſo war doch dieſes ſo durchſichtig wie der hellſte Kriſtall, und von ſo lieblichem Geſchmack, daß wir es mit Vergnügen genoſſen. Die Kälte ſtieg oder fiel, nach Verhältniß der Heftigkeit des Windes, zwi⸗ ſchen 30 und 40 Gr. Réaum. Die meiſten Leute, obgleich doppelt und drei⸗ fach in Pelzwerk gehüllt, litten entſetzlich an den Händen und Füßen. Eben ſo heftig wurde der Hunger empfunden; denn Arbeit gab es ſo unabläſſig, und beſonders erforderte unſere Art das Schiff zu ſteuern ſo viel Kunſt und ſo viel Menſchen, daß ſelten Jemand zum Kochen entbehrt werden konnte, weßwegen man ſich mehre Tage mit rohem Korn und mit Schnee und Eis begnügen mußte. Der Mangel an Schlaf war nicht weniger drückend; die erſten drei Tage ſchloß Niemand ein Auge. Endlich am 17. November hatten wir die unausſprechliche Freude, das offene Meer vor uns zu ſehen. Wir befanden uns dann unter 72 Gr. 30 Min. Breite. Unſere Fahrt wurde indeß nach Südoſten verändert, um irgend einen Theil der norwegiſchen Küſte zu erreichen. Der Thermometer ſtieg faſt augen⸗ blicklich von 36 auf 30 Gr. und fortwährend höher, je mehr wir uns der nor⸗ wegiſchen Küſte näherten. Am 18. hatten wir nur 20 Gr. Kälte; und nun kamen wieder menſchliche Geſichter zum Vorſchein, denn bisher hatte Niemand ſich der freien Luft ohne Pelzmaske ausſetzen können. Auch zeigten ſich wieder Seevögel und Fiſche. Der Wind blieb beſtändig und die Luft rein; Nordlichter aber, die nicht zu allen Zeiten eine ſo häufige Erſcheinung im Norden ſind, als man gewöhnlich 80 glaubt, hatten ſich ſchon ſeit zwei Tagen nicht gezeigt. Man ordnete nun die gewöhnliche, aus der halben Mannſchaft beſtehende Seewache an, und genoß ab⸗ wechſelnd ſo viel als möglich der Ruhe. Am 20. Mittags, wo wir, nach der glücklichen Befreiung aus dem Eiſe, 75 Meilen zurückgelegt hatten, entdeckten wir die nordländiſchen Inſeln Weſter⸗ aalen. Doch ein neuer fliegender Sturm, der ſich Nachmittags von Nordoſten erhob, nöthigte uns die Segel einzuziehen, ſo daß wir in ſüdweſtlicher Richtung von ihm fortgeriſſen wurden. Er that uns indeſſen, da er das Meer nicht allzu heftig aufregte, keinen erheblichen Schaden, ſondern diente vielmehr, uns in einen mildern Himmelſtrich zu führen. Am 25. erblickten wir zum erſten Mal die Sonne wieder. Welche freudige Erſcheinung! aber ach, wie kurz ihre Dauer! Sie erhob ſich um Mittag einige Striche über den Horizont und verſchwand nach einigen Minuten aufs neue. Am 30. legte ſich der Wind. Wir befanden uns unter 65 Gr. Breite und ungefähr 14 Gr. Länge. Da wir von Norwegen weit entfernt und dage⸗ gen nahe bei den Faröer und Schetlands Inſeln waren, ſo ſteuerten wir auf die letzteren hin; da der Wind aber noch am ſelbigen Tage nach Südweſten um⸗ Llief und die Fahrt dahin, weil unſer mangelhaftes Segelwerk bei ſchiefem Winde nicht zu gebrauchen war, unmöglich machte, blieb uns nichts übrig, als den weitern Weg nach der norwegiſchen Küſte einzuſchlagen. Am 1. Dezember, wo wir bei gelindem Winde den 64. Gr. Breite durch⸗ ſegelten, ſtand der Thermometer nur einige Grad unter dem Gefrierpunkte. Die Luft dünkte uns ſo warm, daß wir alle Pelzkleidung bei Seite legten und die Ofenwärme unerträglich fanden. Einige gingen ſogar mit aufgeſtreiften Hemd⸗ ärmeln umher.— Wir ſegelten an dieſem Tage mehre Stunden lang durch einen Schwarm Häringe, der auf ſeiner Wanderung aus dem hohen Norden nach der Gegend der ſchetländiſchen Inſeln begriffen war. Er dehnte ſich der Breite nach über anderthalb Meilen aus; aber die Länge desſelben konnte man nicht überfehen. Der Glanz, der von dieſen Thieren zurückſtrahlte, veränderte die Geſtalt des Meeres und gab ihm das Anſehen, als wenn es mit den koſtbarſten Edelſteinen bedeckt wäre. Große Schaaren von Möwen und andern Seevögeln ſchwärmten über ihnen her, indem ſie bald untertauchten, bald mit ihrer Beute aufflogen und von neuem herabſtürzten. Das Geſchrei, womit ſie die Luft erfüllen, iſt be⸗ täubend, und dient gewöhnlich den Fiſchern, beim Aufſuchen der Häringzüge, zum Merkmal. Auch zeigten ſich hier und da Wallfiſche, welche dem Zug ent⸗ gegen ſchwammen. Sie pflegen ſich ſchon einige Zeit vor den Häringen einzu⸗ finden, weßhalb ſie von den Fiſchern als Herolde angeſehen und zur Zeit des 81 Häringfanges ängſtlich erwartet werden. Man beſteigt dann die höchſten Klippen und wacht Tag und Nacht, um zu ſehen, ob ſich noch kein Wallfiſch zeigt. Da die Häringe gewöhnlich erſt nach Weihnachten in die Gegend von Schetland kommen, ſo zog unſer Schiffsvolk aus dieſer frühen Erſcheinung derſelben den Schluß, daß der Winter ſehr hart ſein werde, was ſich jedoch nicht beſtätigte.— Am 7. gelangten wir endlich in die Nähe der ſo lang erſehnten norwegi⸗ ſchen Küſte, und zwar des Stiftes Bergen. Die wackern Lootſen hatten uns ſchon in weiter Ferne bemerkt; denn ſie beobachten unaufhörlich auf den hohen Felſen ihrer Küſte das Meer, und eilen den bedrängten Schiffen, welche ſie er⸗ blicken, oft mit Gefahr ihres eigenen Lebens zu Hülfe, ohne auf große Beloh⸗ nung Anſprüche zu machen. Es kamen uns daher einige wohl zwei Meilen weit in die hohe See entgegen. Es war zu verwundern, wie dieſe Menſchen, in kleinen Bergener Jollen und dicht zuſammen gedrängt, ſich dem Ungeſtüm der Wellen ausſetzen konnten. Ja, ängſtlich war es anzuſehen, wie die kleinen Boote bald auf die Wellen erhoben und dann durch das Waſſer fortgeriſſen, bald in die Hoblung der See verſenkt und Minuten lang ganz unſichtbar wurden, bis ſie von neuem zum Vorſchein kamen, um wieder zu verſchwinden. Dennoch ſaßen die Lootſen ſehr unerſchrocken darin, und langten frohen Muthes bei unſerem Schiffe an. Sie bargen es für die Nacht hinter den zahlreichen, die Küſte um⸗ gebenden Klippen, wo es gegen Wind und Wetter hinreichend geſchützt lag. Sobald man den Anker geworfen hatte, war die Freude, die ſich aller Herzen bemeiſterte, gränzenlos und äußerte ſich unter ſehr verſchiedenen Geſtalten. Einige waren ganz ausgelaſſen, Andere brachen in Thränen des Dankes für ihre Rettung aus, und noch Andere ſtanden wie im Traume. Der Kapitän fiel auf ſeine Kniee und dankte laut und inbrünſtig dem Himmel für unſere wunder⸗ bare Erhaltung. Dieſe religiöſe Aeußerung wirkte bald auf die Uebrigen, und endigte ſich in einem andächtigen Lobgeſang, deſſen Feierlichkeit durch die nächt⸗ liche Stille, durch das Einſtimmen der zahlreichen Lootſen und das von den Klippen wiederhallende Echo erhöht wurde. Aus den hier und da in den Klippen verſteckten Fiſcherwoͤhnungen wurden uns ſo viel Lebensmittel, als ihre geringen Vorräthe geſtatteten, freigebig zu unſerer Erquickung gebracht. Es waren Fiſche, Kartoffeln und ſehr ſchwarzes Brod. Nach dieſem Mahle, das uns köſtlicher dünkte als die Leckerbiſſen des Apicius, genoſſen wir einen langen ruhigen Schlaf, während die Lootſen für uns wachten.. Beim Aufſtehen fanden wir, daß die Lootſen unſer Schiff ſchon mehre Meilen weit nach der Stadt hinauf gebracht hatten. Das dahin führende, ſchmale 6 Richter's Reiſen. I. 82 und mit düſtern hohen Felſen umgebene Gewäſſer, wo tiefe Todtenſtille herrſchte und nur ein dumpfes Nachtönen unſerer Stimmen ſich vernehmen ließ, war für mich eine ſehr anziehende feierliche Scene.— In einiger Entfernung von der Stadt umfing uns eine milde ſüdöſtliche Luft, und ein warmer Regen fiel in feinen, nebelartigen Tropfen; eine Eigenheit des Bergener Klima's, welches ungewöhnlich mild, aber der Näſſe ſehr ausgeſetzt iſt. Gegen ein Uhr Nachmittags öffnete ſich unſern Blicken der ſchöne, geräu⸗ mige Hafen, der von großen und kleinen Schiffen wimmelte. Er iſt mit hohen Gebirgen umgeben, welche die Landſchaft ſehr maleriſch machen. Im Hinter⸗ grunde liegt die Stadt. Der einförmige weiße Anſtrich ihrer Häuſer, worunter viele von Stein und gut gebaut ſind, gibt ihr ein munteres und gefälliges Anſehen. Wir ſegelten dicht an die Stadt, wo man das Schiff, ohne zu ankern, augenblicklich nach einem Werft brachte. Das Gerücht von unſerem traurigen Schickſale war ſchon durch Fiſcherboote verbreitet worden, und nicht ſowohl Neugierde als Mitleid hatte die Einwohner an dem Kai verſammelt. Es wur⸗ den uns von allen Seiten freigebige Geſchenke und hülfreiche Anerbietungen gemacht. Der Kaufmann Gyllenborg räumte uns ſogleich ein Haus zur Woh⸗ nung ein, und traf die beßten Anſtalten zu unſerer Pflege. Wir alle erholten uns in kurzer Zeit, obſchon einige ſehr gefährliche Froſt⸗ ſchäden mitgebracht hatten. Ich ſelbſt erlangte in den erſten acht Tagen meine Kräfte wieder und verlebte unter den guten Bergenern manche fröhliche Stunde. Ich erinnere mich noch mit innigem Vergnügen an die niedlichen reinen Häuſer, und an die heimlichen warmen Stuben, welche mit weißem Sand und mit Büſchelchen von Buchsbaum beſtreut, und mit Gewinden von Immergrün an den Wänden und um die Vorhänge ausgeſchmückt waren. Ich ſehe noch, in Gedanken, die fröhlichen Bewohner mit ihren weißen und rothen Geſichtern um den großen runden Tiſch ſitzen. Der lebhafte Handel mit den Holländern hat Vieles von den Sitten der⸗ ſelben eingeführt, ohne jedoch die den Norwegern angebornen guten Eigen⸗ ſchaften des Charakters zu verdrängen. Leider aber werden dieſe von einem allzu großen Hang zu berauſchenden Getränken oft verdunkelt, einer Untugend, welche die Bergener mit ihren Landsleuten in reichlichem Maße theilen. In den Gaſt⸗ und Kaffeehäuſern findet man, zu jeder Stunde des Tages, mit heißem Punſch gefüllte Näpfe, welche für die Gäſte bereit ſtehen; und es erhellt hieraus, wie ſehr die Wirthe von dem ſchnellen Abſatze dieſes Getränks verſichert ſind. In den Schenken der niedern Volksklaſſen herrſcht ſogar der ſonderbare Gebrauch, daß die Gäſte, ſo wie ſie eintreten, jedem ſchon Anweſenden ein Glas Brannt⸗ wein reichen laſſen. Dieß hat die Folge, daß diejenigen, welche zuerſt kommen, ſich auf Unkoſten der Andern übermäßig betrinken können; daher an Sonn⸗ und Feſttagen eine Menge Leute, mit dem letzten Biſſen ihres Mittageſſens im Munde, nach dergleichen Oertern eilen, um daſelbſt die erſten zu ſein. Gleich⸗ wohl ſcheuen ſie ſich nicht, in eine volle Stube zu treten und Beweiſe von Frei⸗ gebigkeit abzulegen, wenn ſie auch die ganze Woche dafür darben müſſen. Die Verweigerung eines angebotenen Glaſes gilt für eine große Beleidigung, und gibt oftmals Anlaß zu den blutigſten Schlägereien. Kein Vertrag wird ge⸗ ſchloſſen, kein auch noch ſo unbedeutendes Geſchäft abgemacht, ohne die Brannt⸗ weinflaſche zur Seite zu haben. 4 Die dort anſäſſigen Deutſchen, die in Hinſicht der Sitten von denen zu Archangel ganz abweichen, bilden ein Völkchen, das Geſchäfte mit Lebensgenuß recht gut zu verbinden weiß. Die Landleute in der Umgegend treiben Ackerbau und Viehzucht mit vieler Sorgfalt. Da das Winter⸗Futter des Rindviehs wegen der großen Dürre im vorigen Sommer ſehr kärglich war, ſo wurde hier und da, wie es in Norwegen häufig der Fall iſt, Pferdemiſt darunter gemengt. Das Wetter war den ganzen Winter ſehr gelinde; es gab mehr Regen⸗ als Froſttage. Die größte Kälte überſtieg nicht 10 Gr. Réaum. Nordlichter zeigten ſich ſelten. Am 16. und 17. März ſtand ein fürchterliches Gewitter über Bergen. Der Blitz zündete ein Magazin vor der Stadt und einige Schiffe im Hafen an; doch wurde das Feuer bald wieder gelöſcht. Die heftigſten Regen⸗ güſſe wechſelten mit Hagel von außerordentlicher Größe, und von den Bergen „ſtürzte das Waſſer in Strömen herab, die Menſchen und Thiere, ſowie auch kleine Häuſer mit fortriſſen. Am 10. April begaben wir uns wieder an Bord unſeres Schiffes. Es hatte während der ganzen Zeit zur Ausbeſſerung auf dem Werft gelegen, und befand ſich nun wieder in gutem Stande. Unſere Ladung, die zum Trocknen und Auslüften in Magazinen aufgeſchüttet geweſen war, wurde in den nächſtfolgen⸗ den Tagen wieder eingenommen. Am grünen Donnerstage war im Hafen ein betäubender Lärm, den die Mannſchaften einiger portugieſiſcher Schiffe, bei Vollziehung der ſogenannten Judasmarter, die an dieſem Tage bei ihnen gebräuchlich iſt, veranlaßten. Schon früh am Morgen zogen ſie einen angeputzten Strohmann, der den Judas vor⸗ ſtellte und einem jüdiſchen Rabbi ähnlich ſah, mit einem Tau um den Hals unter dem Bugſpriet auf. Sie bewarfen ihn dann mit faulen Eiern und allerlei unſaubern Dingen, und verübten an ihm noch manche andere Mißhandlung. 6* 84 Er wurde z. B. unzählige Mal ins Waſſer getaucht, indem man das ihn feſt⸗ haltende Tau ſchnell losließ und dann wieder anzog, um ihn aufs neue hinab zu ſtürzen. Nachdem das Poſſenſpiel, fortwährend mit lautem Gelächter und Geſchrei begleitet, bis zum Abend gedauert hatte, ſchlug man dem Sünder den Kopf ab, und befeſtigte denſelben auf der Spitze des Fockmaſtes, wo er bis zum erſten Oſterfeiertage zu ſehen war. Am 23. April lagen wir mit vollzähliger Mannſchaft und ſegelfertig am Ausgange des Hafens, in Erwartung guten Windes, den wir am 25. bekamen. Man traf ſogleich Anſtalt zum Abſegeln. In dieſem Augenblick erhielten wir einen Beſuch von dem Kapitän eines Schiffes unter ſpaniſcher Flagge, welches am Tage zuvor eingelaufen war. Als dieſer ſchöne junge Mann erſchien, hätten wir in ihm wahrlich nicht dieſelbe Perſon vermuthet, die wir auf unſerer Reiſe am Bord des oben erwähnten ſpaniſchen Schiffes in ſo großem Elend ange⸗ troffen hatten, und doch war er es. Sein trauriges Schickſal hatte indeſſen ſeit der Zeit eine ſehr günſtige Wendung genommen. Während ſeines Aufenthaltes in Drontheim, wo er ſich bald erholte, war in Spanien das Teſtament des er⸗ mordeten Kapitäns eröffnet worden, in welchem auf den Fall, daß die zuerſt eiingeſetzten Erben nicht vorhanden wären, ſein Schiffsvolk zum Nacherben be⸗ ſtimmt war. Da nun jene ſich nicht fanden und der jetzige Kapitän, außer den entwichenen Mördern, der einzige von dem Schiffsvolk übrig gebliebene Mann war, ſo hatte das Recht ihm die ganze, ſehr anſehnliche Erbſchaft zuerkannt. Das Schiff und ein Theil der Ladung, des ermordeten Kapitäns Eigenthum, war ihm ſogleich vom Konſul in Drontheim übergeben worden. Er hatte beides verkauft, ſich ein neues Schiff dafür angeſchafft, und ſtand im Begriff, mit einer in Bergen einzunehmenden Fiſchladung nach Spanien zu gehen, und das übrige⸗ Vermögen in Empfang zu nehmen. Seine Dankbarkeit gegen uns und ſeine Theilnahme an unſerem Schickſale war ſo groß, daß wir eine nähere Bekannt⸗ ſchaft mit ihm wünſchten. Wir verſchoben daher die Abreiſe, und verlebten den heutigen Tag ſehr angenehm in der Geſellſchaft des merkwürdigen Mannes. Ich führe hier beiläufig an, daß dieſer Spanier— Antonio Suez war ſein Name— bald nachher durch noch andere Glücksfälle zu großem Reichthum gelangt iſt, worauf er dem Seeleben entſagt und an der edlen Anſtrengung, womit ſein Vaterland für Freiheit und Unabhängigkeit kämpfte, den thätigſten Antheil genommen hat. Es war faſt, als ob ihn die Vorſehung ganz beſon⸗ ders in Schutz genommen hätte, ihn zu Erreichung ihrer Abſichten zu ge⸗ brauchen. Am 26. April gingen wir mit öſtlichem Wind und bei vortrefflichem war⸗ men Wetter unter Segel. Die Küſte des Stiftes Bergen war bald unſern 85 Augen entſchwunden, und am 29. ganz Norwegen. Ohne alle weitere Begeben⸗ heiten, die einer Erwähnung verdienen, erreichten wir am 3. Mai Helgoland, kamen am 4. bei Curhaven und bei den engliſchen Blokadeſchiffen vorüber und langten am 6. in Hamburgs Hafen an, wo ich das Vergnügen hatte, den Ar⸗ men einer ängſtlich harrenden Mutter zwei hoffnungsvolle Söhne, wohlbehalten, und an Kenntniſſen und Erfahrungen bereichert, zu übergeben. II. Verunglückte Reiſe von Hamburg nach St. Chomas und Rückkehr über New⸗York und Kopenhagen. 1. 1 Aufenthalt in Hamburg. Neue Seereiſe mit Kapitän Fedderſen. Beſtimmung und Fracht ſeines Schiffes. Die Elbe. Wir erreichen die hohe See. Die Schiffsmannſchaft. Ankunft im Canal. — Viele Schiffe. Leuchtfeuer. Schmuggler. Der Nebel. Der däniſche Schiffskapitän Fedderſen, den die Leſer ſchon in der vorher⸗ gehenden Reiſe kennen gelernt haben, bezog mit mir und ſeinen beiden Söhnen, nach unſerer Ankunft in Hamburgs Hafen, eine Wohnung am Lande, wo bald nachher auch ſeine übrige Familie, die in Holſtein lebte, eintraf. Der Umgang mit dieſen guten, heitern und ganz der Freude des Wiederſehens hin⸗ gegebenen Menſchen, der lebhafte Handelsverkehr und das lärmende Gewühl in der Stadt, ihre Sehenswürdigkeiten, der Reiz ihrer Umgebungen, den die ſchöne Jahreszeit noch erhöhte— dieß alles war für mich ſo anziehend und beſchäftigte mich dergeſtalt, daß ich wenig Zeit hatte, an die traurige Rückreiſe von Archangel zu denken. Die Gleichgültigkeit, womit man in Seeſtädten von den Beſchwerden und Gefahren des Seelebens ſpricht, verſcheuchte nach und nach die Furcht, welche ſeit jener Reiſe bei mir zurück geblieben war. Das tägliche Abgehen unzähliger Schiffe mit wehenden Flaggen und ſchwellenden Segeln, ihre begrüßenden Kanonenſchüſſe, das tägliche Abſchiednehmen ab⸗ reiſender Bekannten und viele andere Umſtände weckten von neuem meine Luſt zu reiſen; und ſo ward ich ſtufenweiſe in die trunkene Begeiſterung verſetzt, welche den Seemann die ausgeſtandenen Gefahren leicht vergeſſen läßt, und ihn muthig neuen entgegen führt. 87 Es war ein Monat ſeit der Ankunft in Hamburg verfloſſen, als unſer Schiff in dem nahen Altona eine Fracht nach der weſtindiſchen Inſel St. Tho⸗ mas erhielt. Die Gegenwart des Kapitäns wurde nun an Bord nothwendig. Er ſchiffte ſich daher ein, und ich und ſeine Söhne folgten ihm, nachdem wir der übrigen Familie auf der Rückreiſe nach ihrer Heimath das Geleite bis Wandsbeck gegeben hatten. Mit Heiterkeit betrat ich das Schiff, nahm Beſitz von der mir angewieſenen Coye und traf meine wirthſchaftliche Einrichtung, während tauſend angenehme Träume von den tropiſchen Ländern und Meeren, die ich nun ſehen ſollte, meine Seele erfüllten. Das Einnehmen der Ladung betrieb man mit großem Eifer. Sie beſtand aus Häuſern, wie man zu ſagen pflegte, oder deutlicher zu reden, aus Balken, Dielen, Ziegeln, Fenſtern, Thüren, Schlöſſern, kurz aus allen nöthigen Stücken, um nach beigefügten Planen in kurzer Zeit Häuſer aufſetzen zu können. Solche Bauſtoffe wurden damals ſehr häufig nach St. Thomas verſendet. Sobald die Fracht eingenommen und das Schiff in ſegelfertigen Stand geſetzt war, begab ſich der Kapitän mit den ſämmtlichen Offizieren und Matro⸗ ſen ans Land, ſie beim Schaut(dem Beamten, unter deſſen Aufſicht die See⸗ leute ſtehen) einzeichnen zu laſſen; eine Handlung, wodurch die Mannſchaft, nach vorausgegangener Feſtſetzung aller Bedingniſſe, verpflichtet wird, dem Kapitän und ſeinem Schiffe bis zur Beendigung der Reiſe treu und redlich zu dienen. Nach Vollziehung dieſes Geſchäfts wurde den Leuten ihr Gehalt auf zwei Monate voraus bezahlt, und die Erlaubniß ertheilt, den ganzen Tag am Lande zu bleiben, um ſich mit den nöthigen Bedürfniſſen für die Reiſe zu verſehen, und ihre übrigen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Erſt ſpät am Abend fanden ſie ſich auf dem Schiffe wieder ein. Die meiſten hatten ziemliche Vor⸗ räthe von Tabak, Thee, Kaffee, Zucker und Branntwein gekauft; denn wenn ein Matroſe des Morgens und Abends eine Schale Kaffee oder Thee, in den Zwiſchenzeiten einen Schluck Branntwein und die Backen voll Tabak zum Kauen hat, ſo ſind alle ſeine Wünſche befriedigt, und er erträgt alles Unge⸗ mach ohne Murren. Es erſchienen aber auch manche, die gar nichts mitbrach⸗ ten, indem ſie nicht nur ihr ganzes Geld verſchwendet, ſondern auch noch den Hut, die Jacke oder die Weſte zur Bezahlung der ſo leichtſinnig gemachten Schulden im Stiche gelaſſen hatten. Der Bootsmann— welcher gewöhnlich die Rolle des Vormundes ſpielt,— bezeigte den größten Unwillen über dieſe letztern, und verſicherte, daß man Mühe haben würde, ihnen auf der Reiſe durchzuhelfen, da ſie von allen Bedürfniſſen entblößt wären.„Es iſt zwar“ ſetzte er hinzu„ganz billig, daß ein Seemann vor der Abreiſe noch einmal 88 durch die Stadt ſegelt, doch muß er ſich hüten, nicht an den Häuſern zu ſchei⸗ tern.“— Wie ſich indeß jene Menſchen, welche halb nackend zur See gingen, in der Folge benahmen, werde ich zu ſeiner Zeit erwähnen. Am folgenden Morgen ſollte die Abreiſe vor ſich gehen, daher man mit Tagesanbruch die Mannſchaft weckte, um den Anker zu lichten. Als ſie ſich verſammelt hatte, wurden fünf Matroſen vermißt, die den Tag vorher am Lande geblieben waren. Man ſchickte nun Boten über Boten nach ihnen aus, aber keiner kam zurück. So rückte der Mittag heran und der Kapitän ent⸗ ſchloß ſich, ſelbſt zu ſehen, was aus ſeinen Leuten geworden wäre. Er fand die ſämmtlichen Kundſchafter mit zwei von denen, welche ſie ſuchen ſollten, in einem Wirthshauſe, wo ſie zu einer gemeinſchaftlichen Abſchiedzeche Platz ge⸗ nommen und ſich bereits einen ziemlichen Rauſch angetrunken hatten; doch gelang es ihm, ſie in der Güte zur Rückkehr an Bord zu bewegen, und, was zu verwundern iſt, man hatte nie wieder Urſache, mit ihrer Aufführung unzu⸗ frieden zu ſein. Zur nämlichen Zeit ging auch die Anzeige ein, daß man zwei von unſern Leuten, wegen ungebührlicher Aufführung, in der vergangenen Nacht einge⸗ zogen hätte, und daß die dadurch aufgelaufenen Koſten erſtattet werden müßten, bevor ſie ihre Freiheit erhielten. Der Kapitän bezahlte das Strafgeld, und die Gefangenen wurden alsbald an Bord gebracht. Es fehlte nun immer noch ein Mann. Der ganze Nachmittag verſtrich unter Bemühungen, ihn auszukundſchaften. Als er gegen Abend noch nicht ge⸗ funden war, wurde jedes weitere Nachforſchen eingeſtellt. Man hielt ihn näm⸗ lich für einen jener Betrieger, dergleichen es in großen Seeſtädten viele giebt, und denen es nicht um die Reiſe, ſondern nur um das Handgeld zu thun iſt; ſie arbeiten nämlich einige Zeit auf einem Schiffe, nehmen das Geld und ver⸗ bergen ſich, bis das Schiff abſegelt, worauf ſie auf einem andern den Betrug wiederholen. Der Kapitän ſuchte ſeinen Verluſt zu verſchmerzen; man miethete einen Mann an der Stelle des Ausreißers, und dieſer würde bald in Ver⸗ geſſenheit gekommen ſein, wäre nicht der Verdacht eines ſehr beträchtlichen Diebſtahls, den wir erſt am ſelbigen Abend entdeckten, auf ihn gefallen. Man ergriff daher ſtrenge Maßregeln, um des verdächtigen Menſchen habhaft zu werden; er wurde auch, nebſt dem geſtohlnen Gute, einem nach St. Thomas beſtimmten Käſtchen mit verſchiedenen Koſtbarkeiten, in der folgenden Nacht aufgefunden und gerichtlich verhaftet. Die Wiedererlangung dieſes Frachtſtücks war jedoch mit mancherlei Weitläufigkeiten verknüpft, ſo daß unſere Abfahrt ſich mehre Tage deßhalb verzögerte.. Während der Zeit wurde meine Geduld auf eine harte Probe geſtellt; — 89 denn nichts iſt unangenehmer, als jede Stunde abſegeln zu wollen, und den⸗ noch nicht zum Zweck zu gelangen. Der Reiſende ſchwebt dann in einer beſtän⸗ digen Unruhe, die ihn zu jeder Beſchäftigung unfähig macht. Alle Minuten läuft er auf's Verdeck, um zu ſehen, ob es noch keinen Anſchein habe, daß die Abfahrt bald erfolgen werde. Er hat das Land im Geſicht, und wünſcht, es noch einmal zu betreten, aber die Furcht, das Schiff möchte abſegeln, hält ihn davon zurück; und ſo wendet er den Blick wie von einer verbotenen Frucht, die nicht genoſſen, ſondern nur geſehen werden darf, wieder ab, und kehrt miß⸗ muthig in ſeine Kammer zurück. Endlich eines Abends erhielten wir den ſehnlich erwarteten Gegenſtand. Am folgenden Morgen— 20. Jun. 1806— nahm man bei Sonnenaufgang die Boote ein, zog den Anker auf, und in wenig Augenblicken war das Schiff, von einem Lootſen geleitet, im vollen Segeln. Der heitere Morgen verkündigte einen ſchönen Tag. Schon bedeckten den Fluß die unzähligen Milch⸗ und Gemüſe⸗Ever, die täglich von Stade und an⸗ dern am Elbufer gelegenen Orten nach Hamburg gehen. Die Ufer wimmelten theils von thätigen Arbeitern, die ſich bereits zur Erneuerung ihres Tagewerks einfanden, theils von Nachtſchwärmern, die noch unter Jubel und Muſik herum⸗ zogen. Einzelne Seeſchiffe kreuzten uns entgegen, ſo wie auch viele uns be⸗ gleiteten. Der Wind und der Strom begünſtigten unſere Fahrt. Nach einer Stunde war von Hamburg's und Altona's Thürmen nichts mehr zu ſehen. Früh um zehn Uhr kamen wir bei Glückſtadt vorüber. Hier vernahm man ein lebhaftes Getön von Trommeln und Pfeifen, rothe Jacken und Gewehre glänzten im Sonnenſtrahl, und das Ganze zeigte an, daß dieſer Ort eine Pflanzſchule für Soldaten ſei. Die Fahrt nahm nun einen reißenden Zug. Die weißen, rothen und ſchwarzen Tonnen, die hier und da zur Bezeichnung gefährlicher Stellen auf dem Strome liegen, wurden ſchnell nach einander zurück gelaſſen. Der Fluß erweiterte ſich immer mehr, und die Ufer auf beiden Seiten ſchienen ſich im Horizonte zu ver⸗ lieren. Die größern Wogen und die hellere Farbe des Waſſers verkündigten die Nähe der Nordſee. Es war kurz vor Sonnenuntergang, als uns zwei Grönlandfahrer be⸗ gegneten, die mit voller Ladung zurückkamen. Die Wallfiſchbarden und See⸗ hundfelle, welche, nach der Gewohnheit ſolcher Schiffe, als Trophäen an den Maſtwänden aufgehängt waren, gaben ihnen ein eigenes Anſehen; höchſt widrig war der Geruch, der von ihnen ausſtrömte, und ich konnte nicht umhin, die Gegend zu bedauern, wo ſie ankern würden. 90 Abends um zehn Uhr ſegelten wir bei Cuxhaven vorbei. Hier lag das Geſchwader der engliſchen Blokadeſchiffe. Der Commodore, deſſen Schiff durch eine Laterne auf dem großen Maſte kenntlich war, verlangte unſere Päſſe zu ſehen. Herr Fedderſen begab ſich zu ihm, und kam mit der Erlaubniß, die Reiſe fortzuſetzen, bald zurück. Der Lootſe nahm nun Abſchied, worauf wir die Leeſegel beiſetzen. Die uns begleitenden Schiffe zertheilten ſich nach allen Himmelsgegenden, und in kurzem ſahen wir uns allein auf dem hohen, vom Horizonte begränzten Meere. Das Wetter blieb, bei gelindem Oſtwinde, fortdauernd ſchön; der Mond ging auf und theilte ſeinen Silberglanz den ſanft ſpielenden Wellen mit. Es verſtrichen nun einige Tage, während welcher die Fahrt in der größten Ruhe und Einförmigkeit fortging. Da ſich außerhalb des Schiffes keine Gegen⸗ ſtände zeigten, die zu Beobachtungen einluden, ſo fand ich um ſo mehr Veran⸗ laſſung, meine Aufmerkſamkeit auf die Schiffsmannſchaft zu richten. Sie ſtellte ein buntes Häuflein dar; nur die Hälfte beſtand aus Dänen, die übrigen waren Deutſche und Holländer. Man hörte daher zu jeder Zeit drei Sprachen reden. Die Offiziere gaben ihre Befehle in däniſcher, die Ant⸗ worten hingegen erfolgten oft in deutſcher oder holländiſcher. Doch machte dieß keine Verwirrung; denn Einer verſtand den Andern, und es geſchah bloß aus vaterländiſchem Stolze, daß nicht dieſe oder jene Sprache zur allgemeinen an⸗ genommen wurde. Obgleich die Verſchiedenheit der Völker bei den Seeleuten, weil ſie ein eigenes Völkchen bilden, weniger als bei den Einwohnern auf dem Lande ſicht⸗ bar iſt, ſo bemerkte ich doch beſonders an unſern Holländern manches Auszeich⸗ nende. Schwerfällig und langſam, gewöhnlich mit dem Tabakpfeifchen im Munde, ſtiegen ſie auf die Maſten, griffen die ihnen zugetheilte Arbeit bedächtig an, verrichteten ſie mit großer Genauigkeit, und ſchienen überhaupt dem Sprich⸗ worte in ihrer Sprache„langſam und ſicher“ in allen Fällen treu zu bleiben. Dagegen ſprangen die däniſchen Matroſen behend auf die Maſten, und ſuchten mit ihrer Arbeit ſchnell fertig zu werden, waren aber nicht ſelten genöthigt, ſie noch einmal zu machen, um begangene Fehler zu verbeſſern. Mit Verwunderung ſah ich, wie ſehr die holländiſchen Matroſen ſich be⸗ ſtrebten, das Schiff rein zu halten. Sie wurden nicht müde, des Morgens einige Stunden lang das Verdeck zu ſcheuern, um es ſo ſauber zu machen, daß man, wie ſie zu ſagen pflegten, Pfannenkuchen darauf eſſen könnte. Während der übrigen Tageszeit waren ſie immer mit dem Beſen in der Hand beſchäftigt, um nicht den geringſten Schmutz aufkommen zu laſſen, und ich hörte ſie manchmal ſagen:„daß die Engländer ein Schiff zwar in Glanz zu werfen 91 aber nicht in dieſem Zuſtande zu erhalten wüßten,“ was man auch oft be⸗ ſtätigt findet.— 3 Die Eigenheit der Seeleute, ihre Gedanken häufig durch Sprichwörter auszudrücken, und beſonders die Handlungen und Verhältniſſe der Menſchen durch Ausdrücke, die von der Schifffahrt entlehnt ſind, zu bezeichnen, fand bei dieſen Holländern in vorzüglich hohem Grade Statt. Z. B. der Ausdruck: den Hut abnehmen hieß„das Bramſegel ſtreichen;“ fortgehen hieß„das Boot ab⸗ ſchieben;“ ſchief ſein„eine Schlagſeite haben;“ nicht gut zu Fuße ſein„ſchlecht ſegeln;“ u. ſ. w. Am auffälligſten unter allen ihren Eigenheiten war der Aberglaube. Nach ihrer Meinung hatten die unbedeutendſten Kleinigkeiten Einfluß auf Wind und Wetter. Wer z. B. gegen den Wind pfiff, lachte oder ſang, der foderte ihn zum Stürmen auf; bei einer Windſtille pflegten ſie daher zu pfei⸗ fen, dann ſtille zu ſtehen und zu horchen, ob ſich noch kein Lüftchen rege. Ihre Erzählungen von verwünſchten Inſeln, und beſonders von einer verwünſchten Fregatte, die ſeit Jahrhunderten in den oſtindiſchen Gewäſſern ſpuke, nahmen kein Ende. Auch ſprachen ſie viel von einer Art Kobolde, Kalfatermännchen genannt, welche ſich die Schiffe zu ihrem Aufenthalte wählen, dieſelben in Schutz nehmen, zur Nachtzeit kalfatern, und das Schiffsvolk, wenn es in ſeinen Dienſtpflichten nachläſſig iſt, mit unſichtbaren Backenſtreichen oder auf andere Weiſe beſtrafen ſollen.. Nicht wenig Unterhaltung verſchaffte mir das Benehmen der oben er⸗ wähnten Matroſen, welche ſich von allem Nothwendigen entblößt und faſt nackend eingeſchifft hatten. Da ſich Herr Fedderſen nicht(wie ſonſt die Schiffs⸗ kapitäne des Gewinnes wegen thun) mit Kleidungſtücken und andern Bedürf⸗ niſſen zum Verkauf an die Mannſchaft verſehen hatte, ſo war ich vor der Ab⸗ fahrt vom Lande beſorgt geweſen, was dieſe Menſchen anfangen würden, um ihre Blöße zu bedecken und die übrigen Mängel zu ergänzen. Sobald wir aber in See kamen, verfertigten ſie ſich Mützen, Jacken, Hoſen, Schuhe— alles aus entwendetem, zu den Schiffsvorräthen gehörigem Segeltuche, was ihnen auch mit Schonung nachgeſehen wurde. An der Stelle des Kaffees be⸗ reiteten ſie ſich Getränke aus gebranntem Zwieback, gebrannten Bohnen oder Erbſen, und kaueten ſtatt des Tabaks, um doch etwas zwiſchen den Zähnen zu haben, Erbſen„Bohnen, ja zuweilen Stückchen Holz oder Tauwerk; kurz, ſie wußten ſich alle Bedürfniſſe auf irgend eine Weiſe zu verſchaffen; daher ihnen der Kapitän ſcherzweiſe den Namen„Genies“ beizulegen pflegte. Uebrigens waren ſie ſtets zufrieden und fröhlicher Laune, und unter Allen die beßten Arbeiter. 92 Am dritten Tage nach der Abreiſe kam uns die engliſche Küſte zu Geſicht. Jetzt wurde das Meer auf einmal lebendig. Es erſchienen Kauffahrer über Kauffahrer, Fiſcher⸗ und Lootſenfahrzeuge, ſo wie auch mancherlei Kriegſchiffe, die uns anhielten und ausfragten. Nachmittags gelangten wir in den britiſchen Kanal. Auf der Fahrt durch dieſes Gewäſſer hält man ſich gewöhnlich an der engliſchen Küſte hin, weil ſie weniger als die franzöſiſche mit Untiefen umgeben iſt. Wir ſchifften daher dicht bei Dover vorbei. Hier ſahen wir einige Packetboote mit großer Eilfertigkeit aus⸗ und andere einlaufen; der auf einer Anhöhe befindliche Telegraph war in beſtändiger Thätigkeit, und von den Batterien ertönten unaufhörlich Signal⸗ ſchüſſe. Während der Nacht, wo trübes Wetter eintrat, gaben die vielen längs der engliſchen Küſte angezündeten Leuchtfeuer ein herrliches Schauſpiel. Erſt zeigten ſie ſich wie Rauchwolken, dann brach ein helles Feuer durch, das nach einiger Zeit wieder zu verlöſchen ſchien, bis die Steinkohlen von den Wächtern wieder aufgeſchürt oder von den Windſtößen angefacht wurden, wo dann Flam⸗ men und Funken, wie aus den Kratern feuerſpeiender Berge, emporſtiegen.*) Ein um ſo unangenehmeres Schauſpiel hatten wir bei Tagesanbruch. Zwei engliſche Cutter machten Jagd auf ein Fahrzeug, das während der Nacht von Boulogne herüber an die engliſche Küſte gekommen war, um Schleichhan⸗ del zu treiben. Als die darauf befindlichen Leute ſich ohne Rettung verloren ſahen, ſprangen ſie, um den Händen des Henkers zu entrinnen, einer nach dem andern über Bord, und ſanken, weil ſie ſich vermuthlich mit Gewichten be⸗ ſchwert hatten, augenblicklich unter. Die Cutter nahmen hierauf das Fahrzeug in Beſchlag, und brachten es nach Haſtings. Unſere Matroſen machten bei dieſer Gelegenheit die Bemerkung, daß dieſe Schleichhändler wahrſcheinlich Güter geladen hätten, die ſich wegen ihrer Schwere nicht gut fortbewegen ließen; denn ſonſt pflegten ſie bei Erblickung eines Kriegſchiffs alle verbotene Waaren über Bord zu werfen, und auf ſolche Weiſe der geſetzlichen Strafe zu entgehen. Man träfe daher ſehr oft im Kanale dergleichen ausgeworfene Ladungen an, und Einer wollte in der Gegend von Portsmouth einige Fäſſer Franzbranntwein, und ein Anderer bei Dover eine Menge Fäßchen mit holländiſchem Genever aufgefiſcht haben. Am heutigen Tage verließ uns der öſtliche Wind, indem ein ſüdweſtlicher 3*) In neuerer Zeit hat man allerdings keine Steinkohlenfeuer mehr auf den Leuchtthürmen, ſondern vortrefflich eingerichtete Lampenſchirme mit Reflectoren, manche ſogar mit Drehſcheiben verſehen, ein wechſelndes Licht hervorzubringen. —,— 4 —. 93 an deſſen Stelle trat. Das Meer und die Atmoſphäre veränderten nun auf einmal ihre Geſtalt. Schäumende Wellen drangen aus dem Ocean in den Kanal, und thürmten ſich hier, wo ſie an den zwei Küſten gebrochen werden, hoch über einander. Schwarze Wolken umzogen den Himmel und beſchleunigten die nächtliche Finſterniß. Um Mitternacht ließ jedoch der Wind nach, das Meer ward ebener, und die Wolken löſ'ten ſich in einen dicken, undurchdringlichen Nebel auf. Dieſe Nebel, in welche die engliſchen Küſten nicht nur oft im Winter, ſondern zuweilen auch im Sommer gehüllt ſind, machen das Beſchiffen des Kanals, wo die Lebhaftigkeit ſo groß und das Fahrwaſſer ſo eng iſt, äußerſt gefährlich. Oft gerathen die Schiffe zuſammen, überſegeln oder zertrümmern einander, oder fügen ſich ſonſt beträchtlichen Schaden zu. Um daher die uns ſich nähernden Segler aufmerkſam zu machen und ſie entfernt zu halten, wurde unaufhörlich die Glocke geläutet und eine Trommel geſchlagen. Dieſer Vorſicht ungeachtet kam uns einer ſo nahe, daß ſich deſſen Bugſpriet in der Want un⸗ ſeres Kreuzmaſtes verwirrte. Man ſäumte jedoch nicht dieſelbe zu kappen, wo⸗ durch beide Schiffe von einander befreit wurden; außerdem wäre der Umſturz des Maſtes und vielleicht manche andere Zerſtörung unvermeidlich geweſen. Um die Want wieder in Stand zu ſetzen, mußte man die ganze Nacht arbeiten. Am folgenden Mittag erhob ſich plötzlich ein Nordweſtwind. Wie eine Rauchwolke verflog nun der Nebel, und das Blau des Himmels trat in ſchön⸗ ſter Reinheit hervor. Es war, als ob der Vorhang vor einer Bühne auf⸗ gezogen würde, und die Malerei im Hintergrunde eine reizende Landſchaft dar⸗ ſtellte. Die Inſel Whigt mit ihren anmuthigen Flecken und Dörfern, und die Rhede von Portsmouth, bedeckt mit einem dichten Maſtenwalde, erſchienen in einiger Entfernung auf unſerer rechten Seite. Rund um uns, in der Nähe und Ferne, zeigte ſich das bunteſte Gemiſch von Schiffen. Es waren engliſche Fiſcher⸗, Lootſen⸗ und Küſtenfahrzeuge, einzelne Kauffahrteiſchiffe verſchiedener Nationen, und ganze Flotten von kleinen engliſchen, ſowohl wie franzöſiſchen Raubſchiffen oder Kapern, von denen ſich beſonders einige der letzteren ſchon durch den Nebel begünſtigt unter die friedlichen Fahrzeuge gemiſcht, und mehre davon geentert und in's Schlepptau genommen hatte. Wie ſich der Nebel aber verzog und die Engliſchen Kriegsſchiffe das bemerkten, machten ſie raſch Jagd auf die Räuber. 1 Ein ſolcher Zuſammenfluß von Schiffen im Mittelpunkte des Kanals fin⸗ det bei nebeligem Wetter häufig Statt. Die Urſache davon iſt einleuchtend. Der Nebel reicht gewöhnlich nicht viel weiter, als vom Oſt⸗ bis zum Weſtende dieſes Gewäſſers. Die Schiffe, welche von beiden Enden einlaufen, kommen 94 deßhalb mit vollen Segeln an, ziehen ſie aber nach und nach ein, weil der Nebel, je weiter ſie eindringen, immer dicker wird, bis ſie endlich in der Mitte völlig ſtill halten. Während der Zeit kommen viele andere hinter her, und ſo ſtoßen dann alle diejenigen, welche bei hellem Wetter im ganzen Kanale zer⸗ ſtreut und zum Theil ſchon wieder hinaus ſein würden, dicht zuſammen. Die franzöſiſchen Kaper erſchienen daher in jenen kriegeriſchen Zeiten, ſo oft nebeli⸗ ges Wetter eintrat, ſehr zahlreich in der Gegend der Inſel Wight, indem ſie verſichert waren, feindliche Schiffe anzutreffen, die ſie unvermuthet überfallen und unbemerkt fortſchleppen konnten. Der Nordweſtwind hielt den ganzen Tag an, ward dann nördlicher und lief endlich wieder nach Oſten herum, wo er ſich feſtſetzte. Auf einen Wind⸗ wechſel, der ſolchergeſtalt vor ſich geht, folgt immer das ſchönſte Wetter; und dieß war auch damals der Fall, ſo daß wir, ohne ein Wölkchen zu erblicken, aus dem britiſchen Kanal kamen. : 2. Der Meerbuſen von Biscaya. Windſtille— Strömungen des Meeres— ihr Einfluß auf die Schiff⸗ fahrt— Stürme der Luft— Marokkaniſche Seeräuber— der Kampf. Die Galeere— wir ſteuern zur Ausbeſſerung des Schiffs nach Porto Santo. Auf dem ganzen Wege längs dem Meerbuſen von Biscaya ereignete ſich nichts, was einer Erwähnung verdiente. Die Segel blieben, des ausdauern⸗ den günſtigen Windes wegen, mehre Tage faſt unverrückt ſtehen. Man aß, trank und ſchwatzte, ſah den ruhig vorbei ſegelnden Schiffen und dem ſanften Spiel der Wellen zu, und überließ ſich der fröhlichſten Laune; denn Niemand iſt luſtiger als der Seemann, wenn er von Wind und Wetter begünſtigt wird. Am 4. Juli erreichten wir das Cap Finisterre; es lag früh um neun Uhr ungefähr drei Meilen oſtwärts von uns entfernt. Obſchon dieſe, wie jede andere Vorgebirgsgegend faſt unaufhörlich von heftigen Winden beſtrichen wird, ſo wehte hier doch nur ein ſchwaches Lüftchen, das bald in eine gänzliche Wind⸗ ſtille überging. Das Meer, welches ſchon ſeit einigen Tagen in geringer Be⸗ wegung war, wurde nun ſo eben, daß es der Fläche eines Spiegels glich. Ein ſolcher Zuſtand desſelben iſt eine ſehr ſeltene Erſcheinung, theils weil die Wel⸗ len die einmal angenommene Bewegung noch fortſetzen, nachdem der Wind „ſchon lange ſich gelegt hat, theils weil es, wenn auch in der einen Gegend des Oceans eine gänzliche Windſtille herrſcht, in der andern oft um ſo heftiger ſtürmt, und die dortige Unruhe des Waſſers in jene Gegend ſich fortpflanzt. 95 Geſetzt aber, das Meer ſcheint in gänzlicher Ruhe zu ſein, ſo bleibt es doch immer gewiſſen Bewegungen unterworfen, wohin nicht nur die Ebbe und Fluth und das allgemeine Abfließen von Oſten nach Weſten, ſondern beſonders auch die Ströme, Strömungen, Stromgänge gehören. Dieſe Ströme ſind Theile des Meeres, welche, wie in einem Bette zwi⸗ ſchen zwei Ufern, durch die übrige Maſſe fließen, ohne mit deren Bewegung etwas gemein zu haben. Es gibt eine große Menge derſelben. Ihre Beſchaffen⸗ heit iſt verſchieden, indem ſie beſtändig oder unbeſtändig ſind, ſchnell oder lang⸗ ſam, gerade aus, bogenförmig oder hin und her laufen, und ſich mehr oder weniger in die Länge und Breite ausdehnen. Sie entſtehen auf mancherlei Weiſe. Bei denen in der Nähe des Landes liegt die Urſache bisweilen in den Klippen, die unter der Oberfläche des Meeres verborgen liegen, weil Ebbe und Fluth daran gebrochen und in verſchiedenen Richtungen zurückgeworfen wird; die auf dem hohen Meere vorkommenden rühren meiſtens von den herr⸗ ſchenden Winden her. Doch läßt ſich in vielen Fällen gar keine Urſache von ihrer Entſtehung angeben. Man kann indeſſen leicht begreifen, wie groß ihr Einfluß auf die Seereiſen iſt, wie ſehr ſie den Lauf der Schiffe hemmen, beför⸗ dern, oder irre leiten und den Seemann in ſeinen Berechnungen täuſchen, da ſie zumal auf den Schiffen, weil ſie dieſelben unvermerkt mit ſich fortführen, ohne beſondere Unterſuchung ſelten wahrzunehmen ſind. Das Meer in Hinſicht ſeiner Strömung zu unterſuchen, iſt daher ein wichtiges Geſchäft für den See⸗ fahrer. Eine Windſtille bietet ihm die beßte Gelegenheit dazu dar; auch iſt es zu dieſer Zeit am nöthigſten, weil ein Schiff dann völlig in die Gewalt der Ströme übergeht, und von ihnen auf Sandbänke, Klippen oder Küſten getrie⸗ ben werden kann. Da es bei der Unterſuchung hauptſächlich darauf ankommt, einen feſten Standpunkt zu gewinnen, woraus man von dem Strome nicht mit fortgeriſſen wird, ſo laßt ſich das Geſchäft am beſten verrichten, wenn das Schiff vor An⸗ ker geht. Dieß iſt jedoch auf dem hohen Meere, wegen der allzu großen Tiefe desſelben, nur ſelten thunlich. Der Seemann hat daher ein anderes, obſchon nicht völlig ſo ſicheres Mittel erſonnen. Man ſetzt nämlich ein leichtes Boot aus, rudert damit vom Schiffe ab, und hält in einer kleinen Entfernung ſtill. Es wird dann am vordern oder hintern Theile des Bootes ein ſchwerer Kör⸗ per, gewöhnlich ein eiſerner Keſſel, der mit Kanonenkugln gefüllt iſt, zu einer Tiefe von zwanzig und mehr Klaftern in das Meer gehängt. Da ſich die Ströme ſelten bis zu dieſer Tiefe erſtrecken, ſo befindet ſich der Keſſel in ruhi⸗ gem Waſſer, und bewirkt durch den Widerſtand ſeiner Schwere, daß das Boot, welches ſich von einer geringen Kraft feſthalten läßt, vom Strome nicht mit 96 fortgenommen wird. Hat man nun auf dieſe Weiſe einen feſten Standpunkt erlangt, ſo iſt aus der Lage, die das Boot annimmt, aus der Richtung des vorbei fließenden Waſſers, ſo wie des forttreibenden Schiffes leicht zu ſehen, nach welcher Gegend und mit welcher Geſchwindigkeit das Meer fortſtrömt. Um dieſes aber noch genauer zu beſtimmen, nimmt der Seemann das ſo ge⸗ nannte Log zu Hülfe, ein Werkzeug, das er faſt ſtündlich gebraucht, den Lauf des Schiffes zu meſſen. Dieſes beſteht aus einer ſehr beweglichen Rolle mit einer darum gewundenen Leine, die man durch Knoten dergeſtalt abgetheilt hat, daß die Entfernung des einen von dem andern ſich zu einer geographiſchen Meile wie ½ oder ¼ Minute zu einer Stunde verhält. Am Ende der Leine befindet ſich ein Bretchen, das gewöhnlich wie ein Quadrant geſtaltet, und an der runden Kante mit Blei beſchwert iſt, ſo daß es nur wenig unter der Ober⸗ fläche des Waſſers in einer ſenkrechten Lage ſchwimmt. Um nun die Geſchwin⸗ digkeit des Schiffes oder die des Stromes zu finden, wirft man das Logbret in das Waſſer, worauf dasſelbe in gleichem Maße, als das Schiff oder der Strom fortgeht, die Leine von der Rolle abwickelt, und zwar ohne beträchtlich von der Stelle verrückt zu werden, weil es ſeine ganze Fläche gegen das Waſſer ſtützt. Sobald ſich die Leine bis zu einem gewiſſen daran beſindlichen Zeichen, das gewöhnlich aus einem Stückchen rothen Tuches beſteht, abgewunden hat, wird eine Sanduhr, die ½ oder ½ Minute anzeigt, umgedreht. In dem Augenblicke, wo dieſe Uhr abläuft, hält man die Leine an, zieht ſie wieder ein, und überzählt nun die ausgelaufenen Knoten, welche beſtimmen, wie viel Mei⸗ len das Schiff oder der Strom in einer Stunde zurücklegen. Es ſind übrigens ſowohl mit der Beſchaffenheit des Log⸗Inſtrumentes und der Sanduhren, als auch mit dem Gebrauche derſelben noch mancherlei Nebenumſtände verknüpft, die ich jedoch, ohne mich zu weit von meinem Zwecke zu entfernen, nicht berüh⸗ ren darf. Ich komme nun wieder zu unſerer Reiſe zurück. Als wir das Meer auf die beſchriebene Weiſe unterſuchten, ergab ſich, daß es nach der ſpaniſchen Küſte ſtrömte, und zwar mit einer Geſchwindigkeit, die in vier Stunden eine Meile betrug. Da die Zeit, wo der Regel nach die Ebbe eintreten ſollte, ſchon lange verfloſſen war, ſo lag am Tage, daß wir uns in einem von Weſten her fließenden Strome befanden. Ob dieſer Strom beſtändig Statt findet, iſt ſehr unwahrſcheinlich; denn auf den Charten und in den Be⸗ ſchreibungen von der Meeresgegend bis Finisterre, die man doch ſo genau kennt, wird nichts davon erwähnt. Wodurch er aber gerade damals entſtand, ließ ſich nicht errathen; ſo viel ſchien jedoch gewiß, daß nicht der Wind die Ur⸗ ſache war, weil jene Gegend, nach ihrer Ruhe zu ſchließen, ſeit mehren Tagen keine Weſtwinde gehabt hatte.. —— 97 Wir ſtanden indeß bei einiger Fortdauer der Windſtille in Gefahr, vom Strom an die Küſte getrieben zu werden. In ſolchen Fällen, und wenn das Meer nicht zu tief iſt, pflegt man zu ankern, und ſo die Rückkehr des Windes ruhig abzuwarten. Dieſe Maßregel läßt ſich jedoch in der Gegend von Spa⸗ nien nicht befolgen, weil das Gewäſſer bis dicht an die Küſte eine ſolche Tiefe hat, daß kein Anker den Grund erreicht. Dieß iſt überhaupt bei allen hohen Küſten der Fall; denn die Meerestiefe ſtimmt in der Nähe des Landes faſt immer mit deſſen Höhe überein. Es blieb uns daher kein anderes Mittel übrig, als zu verſuchen, das Schiff aus dem Strome zu bugſtren, was auch mit ſo gutem Erfolg geſchah, daß wir nach Verlauf einer halben Stunde das ſüdliche Ende desſelben er⸗ reichten. Es kündigte ſich durch ein Rauſchen und Schäumen des Waſſers an, das durch die einander begegnenden Theile des Stroms und der Ebbe ver⸗ anlaßt wurde. 4 Wir hatten ſeit unſerer Abfahrt von Hamburg noch keinen beträchtlichen Unterſchied in der Luftwärme bemerkt. Dort war ſie ſchon Anfangs Juni bis auf 20 Gr. Réaum., ſeitdem jedoch nie über 18 geſtiegen. Aber während der heutigen Windſtille empfanden wir die ganze Mackt der ſpaniſchen Sonne. Der Thermometer ſtand in den Mittagſtunden auf 24 Gr. im Schatten. Um ſo willkommener waren daher die kühlen nordöſtlichen Lüftchen, die am Abend ſich erhoben, und die herrlichſten würzhaften Gerüche vom Lande herüber führten. Wir ſetzten mit erhobenem Gemüth unſere Reiſe weiter fort, und verloren in kurzem die ſpaniſche Küſte aus den Augen. Da dieſer Wind die folgenden Tage anhielt, ſo gelangten wir mit großer Schnelligkeit in ſüd⸗ lichere Breiten. Gleichwohl war die Luftwärme gemäßigt, und nie über 20 Gr., wobei man jedoch erwägen muß, daß es auf einem Schiffe mit vollen Segeln, von welchen der aufgefangene Wind mit großer Heftigkeit und in verſchiedenen Richtungen herabkommt, ſtets kühler als außerhalb desſelben iſt. Am 12. Juli kamen wir bis unter den 36. Gr. nördl. Breite und dem 4. Gr. weſtl. Länge, wo uns zum zweiten Mal eine Windſtille befiel, die einige Tage dauerte. Die Hitze nahm während dieſer Zeit ſo gewaltig zu, daß man das Schiff alle Stunden mit Waſſer begießen mußte, um das Aufſpringen des Holzes und das Schmelzen des Peches zu verhüten. Unbeſchreiblich groß war die Anzahl der auf der Oberfläche des Meeres verſammelten Fiſche; die ver⸗ ſchiedenen Größen und Geſtalten, das muntere Spiel, die Feindſeligkeiten und Gefechte derſelben gewährten einen unterhaltenden Anblick. So ſah ich, um nur Ein Beiſpiel anzuführen, wie ein Delphin einen fliegenden Fiſch verfolgte, wie dieſer, um ſich zu retten, aufflog und jener ihm, während ſeines Fluges, auf Richter's Reiſen. I. 7 98 hundert Schritte nachſchwamm, ihn beim Herabfallen mit hoch aus dem Waſſer gehobenem Rachen auffing, und wie in dem nämlichen Augenblick ein dritter Fiſch den Delphin überraſchte und ſammt ſeiner Beute verſchlang. Wir hatten drei Tage lang vom Winde verlaſſen zugebracht, und ſahen nun ſeiner Rückkehr ſehnlich entgegen, als endlich die hinab ſinkende Sonne, nachdem ſie an den vorhergehenden Abenden unumwölkt und im goldgelben Glanze untergegangen war, durch ihre röthliche Farbe und die ſie umgebenden ſtreifigen Wolken, die erwachende Thätigkeit des Luftkreiſes verkündigte. Die Mannſchaft bezeigte darüber die innigſte Freudez ſie hielt ein vergnügtes Abend⸗ mahl und dann übernahm, wie gewöhnlich, die eine Hälfte derſelben die Wache, während die andere ſich zur Ruhe begab. Ich legte mich ebenfalls in meine Hangmatte, ward aber plötzlich von einer nie gefühlten Bangigkeit ergriffen; ich ſchrieb ſie der ungewohnten Erhitzung meines Blutes zu, und ging, um mich in der Nachtluft abzukühlen, wieder aufs Verdeck. Hier ſpazierte ich, nach Seemannsgebrauch, von dem hintern nach dem vordern Theile des Schiffes auf und ab, hing meinen Gedanken nach, oder ſchwatzte mit den wachhabenden Leuten. So kam die Mitternacht heran. Die Wache wurde abgelöſt. Als die neue Mannſchaft ſah, daß noch kein Lüftchen ſich regte, und es nicht die mindeſte Arbeit für ſie gab, ſetzte ſich Einer nach dem Andern hin und ſchlummerte ein. Mir aber kam kein Schlaf in die Augen, wie⸗ wohl ich mich durch den ſtarken Schweiß, den die Hitze des Tages mir ausge⸗ preßt hatte, ziemlich ermattet fühlte. Gegen zwei Uhr nach Mitternacht vernahm ich in der Ferne ein Geräuſch wie Ruderſchläge. Ich ergriff den Nachtgucker, ein Fernrohr, das zum Gebrauche bei Nacht beſonders eingerichtet iſt, und erblickte wirklich ein Fahrzeug, das mit aller Kraft auf uns zuruderte. Ich weckte nun den wachhabenden Steuermann, und da dieſer das Fahrzeug für ein nordafrikaniſches Raubſchiff erkannte, ſo wurde augenblicklich Lärm gemacht. Auf den Ruf„alle Mann hoch!“ war ſogleich die ganze Mannſchaft bei⸗ ſammen. Sie ſuchte alle Flinten, Piſtolen, Säbel, Piken und Aexte hervor, lud die Kanonen mit Glas, Nägeln und gehacktem Blei, und legte Pulver und Kugeln, ſowie auch Handgranaten auf dem Verdeck nieder. Mittlerweile waren die Barbaresken ſehr nahe gekommen. Man rief ihnen durch das Sprachrohr zu, um eine Erklärung über ihre Abſicht zu erhalten. Sie antworteten mit einem Kanonenſchuſſe, der jedoch das Ziel verfehlte. Wir konnten ihn nicht gleich erwiedern, weil das Fahrzeug von vorn kam, wo man keine Kanone darauf richten konnte. Endlich aber drehten die Wellen unſer Schiff, ſo daß es dem feindlichen die linke Seite zukehrte. Wir feuerten nun 3 99 die vier Kanonen dieſer Seite auf die Seeräuber ab, und richteten, wie es ſchien, eine große Verwüſtung unter ihnen an; denn ſie erhoben ein fürchterliches Ge⸗ ſchrei und Wehklagen. Deſſen ungeachtet ließen ſie ſich nicht abſchrecken uns näher zu kommen, und waren, ehe man die Kanonen zum zweiten Mal laden konnte, auf der Seite des Schiffes, an dem ſie das ihrige mittels großer Haken befeſtigten. Das Fahrzeug wimmelte von Menſchen, unter welchen aber große Ver⸗ wirrung herrſchte. Sie wurde bald noch größer, als unſere Leute das kleine Gewehr abfeuerten, und dann einen Hagel von Granaten nachfolgen ließen. Die Räuber waren indeß keine müßigen Zuſchauer. Sie unterhielten, um uns von der Schiffſeite zu verjagen, ein lebhaftes Feuer, das jedoch, da unſer Schiff hoch über dem ihrigen emporragte, und jeder Schuß über uns hinweg flog, ohne Wirkung war. Nach einiger Zeit begannen ſie, mit dem Säbel im Munde, zu entern oder am Schiffe heraufzuklettern. Obſchon dieſer Angriff durch den Umſtand, daß es uns an Enternetzen fehlte, ſehr begünſtigt wurde, ſo that dennoch unſere Mannſchaft, von Muth und Beſonnenheit geleitet, kräftigen Widerſtand. Kaum zeigte ſich über dem Schiffs⸗ bord ein Kopf oder eine Hand, ſo waren Stöße mit den Piken, oder die Hiebe der Säbel und Aexte darauf gerichtet.. Auf dieſe Weiſe mißlang es dem Feinde, das Verdeck zu erſteigen. Er ſtand daher nach einiger Zeit vom Entern ab, machte ſein Schiff von dem unſe⸗ rigen los und ruderte fort, während man abermal einen Regen von Flinten⸗ kugeln und Granaten auf ihn hinabſchickte. Er nahm dann ſeine Stellung etwa zweihundert Schritte weit vor unſerem Schiffe, und begann ſeine 24 pfündige Kanone darauf ſpielen zu laſſen. Es erhielt alle vier oder fünf Minuten einen Schuß, und obgleich die meiſten Kugeln fehl gingen, durchbohrten doch mehre den Bug, ſo daß das Waſſer in den Raum drang, und der Zimmermann über Bord ſteigen mußte, um in die gemachten Oeffnungen hölzerne Pfropfe zu ſchlagen. Da unſer Schiff, der Windſtille wegen, ſich nicht regieren ließ, ſo mußten wir dem Beginnen des Feindes unthätig zuſehen. Doch verdankten wir ſeiner Ungeſchicklichkeit im Feuern, daß er den Zweck, uns zur Uebergabe zu nöthigen, nicht erreichte. Endlich brach die Morgendämmerung an. Wir ſahen nun deutlich, wie ſehr die Barbaresken gelitten hatten. Ueberall zeigten ſich verbundene Köpfe, Arme und Beine; auch ſchien die Zahl der Waffenfähigen ſehr vermindert zu ſein, wiewohl ſie ſich immer noch auf achtzig Mann belaufen mochte. Jetzt konnte man auch die ganze Einrichtung des Raubſchiffes überſehen. Es war eine Art Galeere, die ungefähr hundert Fuß in der Länge und zwanzig 7* 2⁸ 100 in der Breite hatte. Die Höhe des Verdecks über dem Waſſerſpiegel betrug kaum vier Fuß. Auf jeder Seite zählte ich zwanzig Ruder und eben ſo viel Ruderbänke. Zwiſchen dieſen, das heißt mitten auf dem Verdeck, befand ſich ein Gang, welcher von dem vordern nach dem hintern Theil des Schiffes führte. Hinten ſtand eine Art Hütte, die Wohnung des Kapitäns; vorn war die er⸗ wähnte Kanone aufgepflanzt, und ich erwähne hier beiläufig, daß die afrikani⸗ ſchen Raubgaleeren ſelten mehr als eine Kanone haben, weil ihre Mannſchaften ſich auf das Entern verlaſſen. Ueber der Kanone befand ſich ein Back, welches in einen Schnabel ausging, der ſtatt des Bugſpriets diente. Das Takelwerk beſtand aus einem Haupt⸗ und einem Fockmaſt. Beide waren ſehr kurz und ohne Stängen; auch fehlte es ihnen an Wänden. Jeder führte ein einziges, aber ungeheures Segel, und zwar von der dreieckigen Art, die man lateiniſche nennt. An der Raaſpitze des Hauptmaſtes war die marockaniſche Flagge auf⸗ gezogen. Die Galeeren überhaupt ſind Fahrzeuge, welche den Kriegſchiffen des Alterthums am nächſten kommen, indem ihre Form ſich in mehr als zwei tau⸗ ſend Jahren wenig verändert hat. Man findet dergleichen faſt bei allen Völ⸗ kern am Mittelmeere, ſowie auch in Schweden, wo ſie unter dem Namen „Scheerenflotte“ bekannt ſind. Da die Galeeren nicht tief im Waſſer gehen, ſo dienen ſie beſonders zum Bewachen der Küſten; aber die größten Vortheile gewähren ſie bei einer Windſtille, weil ſie eben ſo ſchnell rudern als ſegeln. Dagegen können ſie in ungeſtümen Wetter die offene See nicht halten, und laſſen ſich deßhalb zu langen Reiſen nicht füglich gebrauchen. Deſſen ungeachtet wagen die afrikaniſchen Seeräuber, auf dem hohen Meere damit zu kreuzen; ja man hat zuweilen ſolche Raubgaleeren nordwärts vom Vorgebirge Finisterre angetroffen. Als die Sonne aufging, erhob ſich ein leiſes Lüftchen von Weſten. In gleichem Maße, womit die Windſtille den Feind begünſtigt hatte, kam nun der Wind uns zu Statten. Man ſetzte ſogleich die Segel bei, drehte das Schiff, und ſchoß Kugeln über Kugeln auf die Galeere ab. Sie zog dann, wahrſchein⸗ lich um zu entkommen, ebenfalls ihre Segel auf; aber in dieſem Augenblicke wurde die Raa ihres Hauptmaſtes von einem Schuſſe zerſplittert. Unſere Leute feuerten indeſſen unabläſſig fort, ſo daß die Räuber bis zur Verzweiflung ge⸗ bracht wurden. Ktztere hatten beim Herabſtürzen der Raa die marockaniſche Flagge, welche daran befeſtigt war, auf dem Hinterdeck aufgepflanzt; jetzt nah⸗ men ſie dieſelbe ab, und ſteckten zum Zeichen, daß ſie um Frieden bäten, eine weiße auf. So ſehr Herr Fedderſen geneigt war, dem Blutvergießen ein Ende zu —— 9 machen, ſo viel Mühe koſtete es ihm, ſeiner Mannſchaft gleiche Geſinnungen einzuflößen, da ſie vor Wuth ſich zu rächen brannte, und gern die Galeere in den Grund gebohrt hätte. Doch endlich gelang es, ſie zu beſänftigen. Das Feuern hörte auf. Die Galeere ruderte näher, und hielt dann in einiger Ent⸗ fernung ſtill.. Auf dem hintern Deck derſelben zeigte ſich der Kapitän mit dem Sprach⸗ rohr in der Hand, um mit uns zu ſprechen. Aber wie groß war unſer Erſtau⸗ nen, als er uns in deutſcher Sprache, und zwar in der Hamburger Mundart anredete. Dieſer Mann hatte eine weißere Geſichtsfarbe als die übrigen Räuber, und ein angenehmes Aeußere, das durch eine prächtige türkiſche Kleidung noch mehr erhoben wurde. Sein Anliegen war, daß wir ihm beiſtehen möchten, ſein bis zum Verſinken leck geſchoſſenes Fahrzeug auszubeſſern, indem er allen uns zugefügten Schaden zu erſetzen verſprach, und hinzufügte, daß er dieß um ſo eher thun könnte, da ihm ſein beſſeres Geſchick am Tage zuvor einige Kiſten mit ſpaniſchen Piaſtern zugeführt hätte. Herr Fedderſen, der hinter dieſer Sprache eine verborgene Liſt vermu⸗ thete, gab kurz zur Antwort, daß er ſich mit einem Räuber in keinen Vertrag einlaſſen könnte. Er befahl hierauf alle Segel auszuſpannen; und in kurzem war die Galeere weit hinter unſerem Rücken. Wir wünſchten uns nun Glück, den Klauen des Raubgeſindels entgangen zu ſein, wozu wir um ſo mehr Urſache hatten, da uns, außer einigen Leicht⸗ verwundeten, einigen Löchern in dem Schiffsbug und dem Verluſte an Pulver, Kugeln u. ſ. w., kein erheblicher Schaden betroffen hatte. Das Geſpräch kam dann auf den Kapitän der Galeere, und man muthmaßte, daß er ein geborner Hamburger ſei; ja, ein Matroſe verſicherte, während ſeiner Gefangenſchaft in Salee einen Hamburger Handelsdiener gekannt zu haben, der aus Liebe zu einer Marockanerinn die muhamedaniſche Religion annahm, und daß ihm jener Kapitän derſelbe ſchiene. Hiernächſt ging das Geſpräch auf dergleichen Ab⸗ trünnige im Allgemeinen über, auf die Schändlichkeit ihrer Denkart, die Ver⸗ achtung, welche ſie ſelbſt von den Muhamedanern dulden müſſen u. ſ. w. Endlich kam auch manche abergläubiſche Bemerkung zum Vorſchein. Es war nun ausgemacht, daß die am vorigen Abend röthlich untergegangene Sonne nicht nur auf die Rückkehr des Windes, ſondern auch auf das erfolgte Blutver⸗ gießen gedeutet habe. Ueberdem hatte Jeder ſeine eigenen Anzeigen von dem Gefechte gehabt, und konnte ſie nun mit allen Umſtänden auslegen. Ich ſelbſt wurde von dieſem Aberglauben etwas angeſteckt; denn wiewohl ich auf Vorbe⸗ deutungen und Ahnungen wenig hielt, ſo ſonderbar ſchien mir doch jene Bangig⸗ keit, die mich am Abend zuvor befallen und Veranlaſſung gegeben hatte, daß unſer Schiff nicht von den Räubern überrumpelt und ohne Schwertſtreich ge⸗ nommen wurde.. Die Galeere war, mit Ausbeſſerung ihrer Schäden beſchäftigt, auf der⸗ ſelben Stelle, wo wir ſie verlaſſen hatten, einige Zeit liegen geblieben; aber bald ſahen wir ſie mit vollen Segeln der marockaniſchen Küſte zueilen, was uns überzeugte, daß ihr Zuſtand nicht ſo gefährlich war, als ihn der Kapitän der⸗ ſelben geſchildert hatte. Ja, wir hörten nach einiger Zeit mehre Schüſſe fallen, und erblickten ſie im Gefecht mit einem Schiffe, auf welches ſie, wie es ſchien, Jagd gemacht hatte. Was der Ausgang davon war, blieb uns unbekannt, denn die Schnelligkeit der Fahrt entzog die Galeere bald unſern Blicken. Gegen Mittag wurde der Wind heftiger, und das Meer ging höher und höher. Obgleich dem ſchadhaften Zuſtande, in welchen der Kaper unſer Schiff verſetzt hatte, ſo gut als es auf der See möglich iſt, abgeholfen war, ſo begann es doch jetzt, wo die Wellen ſich unaufhörlich darüber ergoſſen, ſehr leck zu werden. Der Kapitän beſchloß daher, vor der weitern Fortſetzung der Reiſe eine genaue Ausbeſſerung desſelben vorzunehmen, und zu dem Ende in Porto Santo, dem Lande, das uns am nächſten lag, einzulaufen. 3. Aeußere Geſtalt der Inſel Porto Santo— geſchichtliche Bemerkungen über dieſelbe. Beſchreibung der Stadt und ihrer Einwohner. Das Tätowiren. Die Inſel Porto Santo zeigte ſich ſchon am andern Morgen. Da zur ſelbigen Zeit der Wind ſich etwas nördlicher drehte, ſo war es noch nicht Mit⸗ tag, als wir in ihre Nähe gelangten. Dieſe Inſel iſt klein, und ihr Umfang beläuft ſich höchſtens auf ſechs deutſche Meilen. So weit ſie vom Meere beſpült wird, beſteht ſie aus Felſen, deren Farben vom hellſten Roſenroth durch alle Abſtufungen bis zum dunkelſten Karmeſin ſpielen. Auf und hinter dieſen Felſen erheben ſich Hügel, welche in das Grün der üppigſten Gewächſe gehüllt und mit anmuthigen weißen Landhäuſern beſetzt ſind. Porto Santo wurde im Jahr 1412 von zwei portugieſiſchen Edelleuten entdeckt, welche der Infant von Portugal ausgeſchickt hatte, um die afrikaniſche Küſte jenſeit des Vorgebirges Bojador zu beſchiffen, was noch nie zuvor ge⸗ ſchehen war. Ein Sturm, der bald nach ihrer Abfahrt ſich erhob, verſchlug ſie weſtwärts auf das hohe Meer, ließ ſie aber zu einer Zeit, wo ihr kleines Schiff dem Untergange nahe war, dieſe Inſel entdecken und dort unerwartet eine Frei⸗ ſtatt finden, weßhalb ſie derſelben den Namen Porto Santo(heiliger Hafen) beilegten. Die Inſel war zur Zeit ihrer Entdeckung völlig unbewohnt, wurde jedoch, wegen der natürlichen Fruchtbarkeit des Bodens, bald nachher von den Portugieſen in Beſitz genommen und angebaut. Dieſe haben ſich auch immer ſeitdem darauf behauptet, wiewohl nicht ungeſtört; denn in den erſten Jahr⸗ hunderten nach der Beſitznahme hatten ſie fortwährend Anfälle von den afrika⸗ niſchen Seeräubern auszuhalten, welche die Niederlaſſungen plünderten und verheerten. Im Jahr 1617, wo die Räuber einen Hauptangriff auf die Inſel machten, geriethen beinahe ſieben hundert Einwohner in ihre Hände, und wur⸗ den als Sklaven fortgeführt. Ja, noch heutigen Tages ſind die weniger be⸗ wohnten Gegenden ſolchem Unfug ausgeſetzt. Wir fuhren um zwei Uhr Nachmittags in die Bai, welche am Südweſt⸗ ende von Porto Santo liegt. Sie iſt der einzige Ankerplatz, den die Inſel be⸗ ſitzt, und wo übrigens die Schiffe ſehr ſicher ſind, außer wenn ſüdweſtliche Winde wehen. Wir fanden hier mehre portugieſiſche Schiffe und auch einige engliſche Oſtindienfahrer. Ueberhaupt laufen die europäiſchen Schiffe, die nach Oſt⸗ oder Weſtindien ſegeln, ſowie die nach Afrika oder nach dem Mittelmeere beſtimmten amerikaniſchen ſehr häufig in Porto Santo ein, um ſich mit friſchen Lebensmitteln zu verſorgen, was den Einwohnern ſehr anſehnliche Vortheile bringt, und zu ihren vorzüglichſten Erwerbzweigen gehört. Unſer Schiff hatte kaum geankert, als es von kleinen Booten umringt wurde, worin ſich größten Theils Mönche befanden, die, mit Bettelſäcken auf dem Rücken, im Namen aller Heiligen ein Almoſen begehrten. Um ſie los zu werden, gab man ihnen eine ziemliche Menge Hülſenfrüchte und geſalzenes Fleiſch, zog ſich aber nur noch mehr Beläſtigungen dadurch zu, denn es lockte immer größere Schaaren ſolcher Müßiggänger herbei. Man kann leicht denken, welchen Einfluß dieſe privilegirte Bettelei der Geiſtlichkeit auf den Charakter der Volksmaſſe hat, und zwar in einer portugieſiſchen Beſitzung, wo Jeder ſein Auge mit der größten Ehrfurcht auf jenen Stand richtet, und alle Handlungen desſelben als nachahmenswerth betrachtet. In der That, die ſämmtlichen Ein⸗ wohner des Eilandes machen es zum Grundſatze, die Freigebigkeit der hierher kommenden Fremden in Anſpruch zu nehmen. Gegen Abend ging ich mit dem Kapitän ans Land. Sobald wir den Fuß aus dem Boote geſetzt hatten, umzingelten uns die vielen Bettler, welche, wenn ein fremdes Schiff ankommt, ſich am Strande verſammeln und die Lan⸗ denden in Empfang nehmen. Um ihrer Zudringlichkeit ein Ende zu machen, eilten wir in ein nahe gelegenes Weinhaus, und verſchafften uns Scheidemünze, 104 die wir unter ſie austheilten. Im Weinhauſe war die erſte Frage der Wirthin, woher wir kämen, und ob wir nicht etwas Hübſches zum Verſchenken mitge⸗ bracht hätten. Wir eilten von hier nach der kleinen Stadt, die im Hintergrunde der Bai liegt; ſie iſt die einzige auf der ganzen Inſel und führt daher denſelben Namen, wie dieſe. Als wir das Wachhaus am Eingange der Stadt erreichten, erſchien ein Soldat mit einem Klingelbeutel, den er im Namen ſeiner Cameraden uns vorhielt und nicht eher zurückzog, bis wir etwas hineingeworfen hatten. In allen Gegenden der Stadt fanden wir Geſellſchaften alter Weiber, die, nach ihrer Gewohnheit, vor den Häuſern ſaßen oder lagen, und beſchäftigt wa⸗ ren, einander das Ungeziefer abzuleſen. So wie wir bei ihnen vorbei gingen, ſprang eine nach der andern auf, um uns durch ein Ave Maria zur Mildthätig⸗ keit zu bewegen. Einige Bedürfniſſe führten mich in einen Kaufladen. Obgleich meine Be⸗ kanntſchaft, die ich mit dem Kaufmann machte, nicht über zehn Minuten ge⸗ dauert hatte, ſo trug er doch kein Bedenken, mich beim Weggehen ſeiner innig⸗ ſten Freundſchaft zu verſichern, und ſich meinen Stock, der ihm gefiel, zum An⸗ denken auszubitten. Kurz, die Betteleien grober und feiner Art, womit man in Porto Santo beläſtigt wird, nehmen kein Ende; und ich glaube, kein Ort in der Welt iſt geſchickter, den Reiſenden gefühllos und hartherzig zu machen, als dieſer. Die Stadt zählt kaum zweihundert Häuſer. Deſſen ungeachtet gibt es ſechs oder ſieben katholiſche Kirchen und Kapellen, ſowie auch mehre Klöſter. Die Häuſer ſind von feſtem Stein gebaut, weiß angeſtrichen, und meiſtens zwei Stockwerke hoch. Jedes iſt mit einem Altan verſehen. Sie haben wenig Fenſter und manche gar keins, indem ſie blos durch die Thür, welche auf die Gaſſe oder auf den Altan führt, ihr Licht erhalten. Die Dächer ſind platt und mit Ge⸗ ländern oder einer niedrigen Mauer umgeben. Sie werden zum Trocknen der Wäſche, der Früchte, Fiſche u. ſ. w., zum Theil auch als Gärten benutzt. Auf einigen ſah ich Zelte ausgeſpannt, unter welchen die Hausbewohner in warmen Nächten ſchliefen. Die Häuſer des gemeinen Volks haben im Innern eine be⸗ ſondere Einrichtung. Beim Eintreten von der Straße ſteht man in der Wohn⸗ ſtube, welche die ganze Breite und Länge des Hauſes einnimmt. Am Ende der⸗ ſelben befindet ſich auf der einen Seite der Feuerheerd, auf der andern die Treppe zu den obern Stockwerken. Jedes Stockwerk beſteht ebenfalls in einem einzigen Ge⸗ mach. Das erſte dient zum Schlafzimmer, ſowie zur Niederlage der beſten Kleider ind aller Sachen von Werth; das zweite enthält die übrigen Vorräthe. Dieſe Ein⸗ 105 richtung hat in einem Lande, wo man ſtets vor Dieben auf der Hut ſein muß, viel Gutes; denn Niemand kann in die obern Gemächer und wieder herunter gehen, ohne in der Wohnſtube geſehen zu werden. Die Häuſer der vornehmen Ein⸗ wohner kommen in der innern Bauart mehr mit den unſrigen überein. Im All⸗ gemeinen iſt noch zu bemerken, daß man überall, ſtatt der Dielen, ſteinerne Platten oder Flurziegel findet. Der mindern Gefahr bei Feuersbrünſten nicht zu gedenken, gewährt ein ſolcher Fußboden den Vortheil, daß er die Kühle des Hauſes, worauf die ganze Bauart vorzüglich berechnet iſt, ſehr vermehrt, und auch dem Ueberhandnehmen der Inſekten ſteuert. Ueberdieß kommt es den dor⸗ tigen Frauen noch ganz beſonders zu Statten, weil ſie dadurch des öftern Scheuerns überhoben ſind, das ſich mit ihrer Trägheit übel vertragen würde. Das Hausgeräthe der Vornehmen iſt im Ganzen geſchmackvoll und reich; da man aber zu wenig Sorgfalt anwendet, es gehörig rein und in Ordnung zu halten, ſo geht von ſeinem Eindruck auf das Auge viel verloren. Das Bett⸗ zeug beſteht in breiten, mit Schafwolle gefüllten Matratzen und in baumwol⸗ lenen Decken. Auffallend, ich möchte ſagen zurückſchreckend, iſt die große Unreinlichkeit auf den Gaſſen. An den Seiten der Häuſer ſind ſie zwar mit Quaderſteinen belegt und werden dann und wann gereinigt. Aber in der Mitte haben ſie kein Pflaſter, und hier wird das Kehricht und aller Abraum aus den Häuſern hin⸗ geworfen, auch jede unſaubere Arbeit verrichtet, ſo daß der häßlichſte Unflath entſteht, welcher zu großen Haufen anwachſen würde, wenn nicht die vielen Hunde und Schweine, die beſtändig herumlaufen und Nahrung ſuchen, ihn zum Theil verzehrten. Da man übrigens faſt in allen Häuſern Affen und Papageien hält, die auf den Geländern der Altane, mit dem Hintern gegen die Gaſſe gekehrt, zu ſitzen pflegen, ſo iſt der Vorübergehende ſtets in Gefahr, von dem Kothe dieſer Thiere beſudelt zu werden. Da die Kunſt zu ſchreiben ſich größtentheils auf die Kaufleute und die höhern Stände beſchränkt, ſo gibt es öffentliche Schreiber, welche vor den Häu⸗ ſern ſitzen, und immer Jemanden bei ſich haben, der durch Flüſtern in das Ohr ihre Feder beſchäftigt. Sie ſtehen in dem Rufe, die anvertrauten Geheimniſſe mit beichtväterlicher Gewiſſenhaftigkeit zu verwahren. Der Marktplatz, worauf einige Reihen Buden und Zelte ſtehen, ſpricht laut von der Fülle, womit die Natur ihre milden Gaben über den glücklichen Himmelsſtrich ausgeſchüttet hat, aber auch von der unverantwortlichen Gleichgültigkeit, welche der Menſch gegen dieſelben bezeigt, wenn ſie ihm mit geringer Mühe zu Theil werden. Hier liegen ganze Haufen der vortrefflichſten Früchte nachläſſig hinge⸗ worfen, wovon faſt eben ſo viel zertreten und verwüſtet, als verkauft und ge⸗ 106 noſſen wird. Auch ſieht man andere Lebensmittel, welche durch Vernachläſſi⸗ gung ganz verdorben ſind, ob ſie ſchon bei etwas mehr Sorgfalt recht leicht zu erhalten wären, als: verſchimmelte Käſe, verfaulte Stockfiſche, Schinken u. ſ. w. Der Lärm, der auf dieſem Marktplatze herrſcht, iſt für das Ohr eines Aus⸗ länders höchſt betäubend, denn ein paar Dutzend portugieſiſche Marktleute verur⸗ ſachen ein ungleich größeres Geräuſch, als Tauſende von Menſchen, die auf einem deutſchen Markte Verkehr mit einander treiben. Jeder Händler ſchreit ſeine Waare in den durchdringendſten Tönen und ohne Aufhören aus. Findet ſich ein Käufer, ſo nimmt der Wortwechſel, den die ſeltſamſten Geberden be⸗ gleiten, kein Ende; dabei erheben ſich die Stimmen, daß man jeden Augenblick erwartet, die Leute werden einander die Hälſe brechen, wenn auch der Handel nach ihrer Art noch ſo friedlich abgemacht wird. Am Tage nach unſerer Ankunft in Porto Santo beging man daſelbſt ein Feſt. Ich begleitete zu Mittage den Kapitän an Land, um in einem Gaſt⸗ hauſe zu eſſen. Es wurden uns drei oder vier Fleiſchgerichte vorgeſetzt, welche, ungeachtet der Verſchiedenheit ihrer Beſtandtheile nur Einen Geſchmack hatten, nämlich den von Knoblauch, einer Würze, die man dort zu Lande jeder Speiſe in reichlicher Menge beimiſcht. Alle Zugemüſe waren mit Baumöl zubereitet; auch wurde zum Nachtiſch dergleichen gereicht, um das Brot hinein zu tauchen. Nach dem Eſſen brachte man Kaffee in langen ſchmalen Gläſern. Nachmittags machten wir einen Spaziergang in den ſchattigen Theilen des Städtchens. Da heute die Wärme ſehr gemäßigt war, ſo ließen ſich die Einwohner zu einer frühern Zeit, als gewöhnlich, außerhalb ihrer kühlen Häuſer ſehen. Faſt jeder Altan war voll Menſchen. Viele derſelben ſpielten auf der Guitarre oder der Laute, und ihr Spiel würde mir eine angenehme Unterhal⸗ tung gewährt haben, wenn es nicht faſt immer mit kreiſchenden Stimmen be⸗ gleitet geweſen wäre. Einige Familien ergötzten ſich auf eine beſondere Art, in⸗ dem ſie einen angeputzten Strohmann auf die Vorübergehenden herabfallen lie⸗ ßen, und dann mit großem Gelächter wieder hinaufzogen. Dieſe Beluſtigungen wurden indeß durch die von der Geiſtlichkeit veran⸗ ſtalteten Aufzüge, wobei man die Glocken läutete und vor den Kirchen Böller abfeuerte, mehrmals unterbrochen. Sonderbar war es anzuſehen, mit welcher Leichtigkeit die Leute vom Luſtigen zum Ernſthaften und vom Ernſthaften zum Luſtigen übergingen. Sie ſchienen auf die Prozeſſion gar nicht zu achten, bis ſie dicht heran kam. Dann fiel Jeder mit andächtigen Geberden auf die Kniee; aber kaum war ſie vorüber, ſo ſprang man wieder auf, und ſetzte Spiel und Scherz ungeſtört fort. Es erſchien auch eine Anzahl Mönche, welche den Kopf des heiligen Jo⸗ hannes, in Wachs boſſirt und in einem Glaskäſtchen aufbewahrt, herumtrugen, um dadurch die Volksmenge zu milden Gaben aufzufordern. Gegen Abend kamen die jungen Leute vor den Häuſern zuſammen, um ſich mit dem beliebten Tanze, dem Fandango, zu ergötzen. Weder in Spanien noch in Portugal habe ich den Fandango beſſer, als von dieſen Inſulanern tanzen ſehen. Das männliche Geſchlecht zeigte alle die dazu erforderliche Ge⸗ lenkſamkeit, und in den Bewegungen des weiblichen herrſchte eine Anmuth, welche den angenehmſten Eindruck auf den Zuſchauer machte. Die Caſtagnetten oder Klappern, deren man ſich gewöhnlich bei dieſem Tanze bedient, um den Takt zu ſchlagen, waren nicht gebräuchlich; aber ihr Mangel wurde durch Schnippen mit den Fingern, Klatſchen mit der Zunge, und durch Sin⸗ gen erſetzt. Sobald die Sonne untergegangen war, kam Jedermann aus den Häu⸗ ſern, und das ganze Städtchen ſchien im Begriff, auswandern zu wollen. Späterhin, als der größte Theil ſich wieder in ſeine Behauſung zurückgezogen hatte, nahmen die Serenaben oder Ständchen, die Liebende einander bringen, ihren Anfang. Ich erblickte nun hier und da junge Männer, welche, in Mäntel gehüllt, vor dem Hauſe ihrer Geliebten ſtanden und rührende Lieder ſangen. Dieſe Serenaden dauerten bis in die ſpäte Nacht fort und es war bereits um drei Uhr Morgens, als der Schall davon, der bis zu unſerem Schiffe herüber drang, zum letzten Mal mich aus dem Schlafe weckte. Die folgenden Tage hielt ich mich meiſtens im Innern der Inſel auf, um die natürliche Beſchaffenheit und den Anbau derſelben kennen zu lernen; bevor ich jedoch Bericht darüber abſtatte, mögen mir noch einige Bemerkungen über die Einwohner im Allgemeinen vergönnt ſein. Ungeachtet die Inſel Porto Santo von Portugal aus bevölkert worden, und auch ihre Entfernung davon nicht beträchtlich iſt, ſo zeigt ſich doch zwiſchen den Bewohnern dieſer beiden Länder ein merklicher Unterſchied. Ob derſelbe bloß vom Klima herrührt, oder ob auch andere Urſachen dazu mitgewirkt haben, vermag ich nicht zu entſcheiden. Aber kurz, die Menſchen auf Porto Santo ſind weit größer und wohlgebildeter als in Portugal, und ihre Ge⸗ ſichtsfarbe iſt zwar noch bräunlicher, aber das Weiße in ihren Augen faſt ſo hell als bei den Italienern; dagegen der echte Portugieſe ſich vorzüglich da⸗ durch auszeichnet, daß das Weiße in ſeinen Augen unrein und gelblich ausſieht. Unter den Tugenden der Einwohner von Porto Santo ſcheint Mäßigkeit im Eſſen und Trinken obenan zu ſtehen. Wiewohl der Wein in großem Ueber⸗ fluſſe vorhanden und äußerſt wohlfeil iſt, wird er doch ſtets mit Waſſer ver⸗ miſcht getrunken. Ein Niederländer, der ſeit vielen Jahren auf dieſer Inſel 108 wohnte, verſicherte mich, daß er niemals einen Eingebornen im Rauſche ge⸗ ſehen habe. Trug und Liſt im Handel und Wandel, beſonders mit Ausländern, ſind Fehler, deren die Portugieſen gewöhnlich beſchuldigt werden, und ich habe während meines Aufenthaltes in Liſſabon Gelegenheit gehabt, mich von der Wahrheit einer ſolchen Anklage zu überzeugen. Aber den Bewohnern von Porto Santo kann man dieſe Fehler nicht im Allgemeinen Schuld geben; wenigſtens habe ich immer bemerkt, daß ſie dem Fremden nicht mehr als dem Eingebornen abverlangen. Jene Eiferſucht, wodurch in Portugal ſo manches Unheil entſteht, iſt in Porto Santo keiner von den herrſchenden Fehlern, und das weibliche Geſchlecht genießt eine ziemliche Freiheit. Hierin ſcheint auch die Urſache zu liegen, daß dort mehr eheliche Treue und überhaupt mehr Sittlichkeit als im Mutterlande herrſcht.* Weniger frei ſind dieſe Inſelbewohner von dem großen, ihren Volksver⸗ wandten eigenen Hang zur Selbſtrache. Hiervon ereignete ſich ſogar während meines kurzen Aufenthaltes unter ihnen ein trauriges Beiſpiel. Ein reicher Gutsbeſitzer wurde mit Weib und Kindern in ſeinem Hauſe ermordet, und es lag am Tage, daß die grauſame That nicht aus räuberiſchen Abſichten, ſondern aus Rachſucht begangen worden war; denn man hatte nicht das Mindeſte ent⸗ wendet, obſchon in der Nähe der Ermordeten ſehr koſtbare Sachen ſich befan⸗ den. Beiſpiele der Rachſucht von geringerer Art kommen täglich vor. Wer ſich nur einige Stunden in Porto Santo aufgehalten hat, wird geſehen haben, daß unter dem Pöbel Streitigkeiten entſtehen, und die Theilnehmer immer ſchnell bei der Hand ſind, ihre Taſchenmeſſer zu ziehen, einander zu verwunden. Ja, unter den gemeinen Leuten ſieht man wenige, die nicht Schnittnarben im Ge⸗ ſicht oder an den Armen aufzuweiſen hätten. Die Regierung hat ſich daher ſchon ſeit langer Zeit bewogen gefunden, den Gebrauch aller ſpitzigen Meſſer zu verbieten, und es werden öffentlich nur abgerundete verkauft. Gleichwohl weiß man ſich mit jenen und ſogar mit Dolchen zu verſehen, und ſie verſteckter Weiſe bei ſich zu tragen. Gold⸗ und Silbergeſchmeide machen den vorzüglichſten Putz beider Ge⸗ ſchlechter aus, und man pflegt ſich ſo reichlich damit zu verſorgen, daß gewöhn⸗ lich das Hauptvermögen einer Familie in goldenen Ohr⸗ und Fingerringen, Halsgehängen und Ketten, in Armbändern, Schnallen u. ſ. w. beſteht. Selbſt arme Männer tragen zwei große goldene Ringe in den Ohren, ein goldenes Kreuz auf der Bruſt, und wenigſtens einen Fingerring an jeder Hand; ja, ſopgar den Bettlern, die barfuß und in Lumpen gehüllt einherſchleichen, fehlt es 109 nicht an Ohrringen. Bei den Weibern zeigt ſich der Goldſchmuck, wie leicht zu vermuthen iſt, in noch weit größerer Menge; und bei der Ausſtattung einer Braut kommt er, nächſt dem Bettzeuge, vor allem Uebrigen in Betracht. Das erſte Geſchenk, welches ein neugebornes Kind erhält, ſind ein Paar Ohrringe. Sie werden ihm von den Großältern oder den älteſten Verwandten, wie man zu ſagen pflegt, in das Bad gegeben, und noch in demſelben von der Hebamme an ihm befeſtigt. Faſt unter allen Ständen herrſcht die ſonderbare Gewohnheit, die Haut der Arme, der Bruſt und anderer Körpertheile mit Figuren zu bezeichnen, oder zu tätowiren. Die Figuren beſtehen in Namen, Wahlſprüchen, in Sinnbildern, die auf eine Kunſt oder ein Handwerk Bezug haben, am häufigſten aber in Crueifixen und Heiligenbildern. Bei Männern aus den niedern Volksklaſſen ſah ich oft, daß ihre Bruſt mit ganzen hiſtoriſchen Gemälden aus der Bibel bedeckt war. Dieſe ſeltſame Verſchönerung wird auf mancherlei Art bewerk⸗ ſtelligt. Man entwirft z. B. den beabſichtigten Gegenſtand mit Kohle auf der Haut, ritzt die ſo bezeichnenden Stellen derſelben durch unzählige kleine Nadel⸗ ſtiche bis zum Bluten auf, und reibt ſie mit fein gemachtem Schießpulver ein. Es entſteht dann eine Eiterung, die aber bald wieder abheilt, worauf die Figur in einer bläulichen Farbe hervortritt und nie wieder vergeht. Dieſe Art des Tätowirens iſt unter dem gemeinen Volke die gewöhnlichſte. Sie wird als ein Dienſt betrachtet, den man einander aus Freundſchaft erweiſt; und ich habe ſelbſt einige Mal auf öffentlicher Straße geſehen, wie man dabei verfährt. Es gibt aber auch Leute, welche das Geſchäft handwerksmäßig treiben, und dadurch gewiſſe Vortheile erlangt haben. Sie bedienen ſich zum Durchſtechen der Haut einer ſpitzigen ſilbernen Feder, welche vorher in eine Beize oder Tinte getaucht wird, die man ſo einzurichten weiß, daß ſie verſchiedene Farben, ge⸗ wöhnlich Blau, Roth oder Schwarz, hervorbringt. Eine ſolche Malerei koſtet bisweilen einige Tage Arbeit, und hat zum wenigſten das Gute, daß ſie keine Eiterung nach ſich zieht. Beiläufig erwähne ich, daß das Tätowiren, welches die Spanier zuerſt von den amerikaniſchen Wilden erlernten und nach der alten Welt verpflanzten, auch unter dem gemeinen Volke in Spanien, Portugal und Italien nicht ungewöhnlich iſt; beſonders ſind die dortigen Seeleute für dieſe Verzierung ſehr eingenommen. Sie findet aber auch unter den übrigen euro⸗ päiſchen Seeleuten ihre Liebhaber; und ich habe viele deutſche, engliſche und andere Matroſen geſehen, an deren Armen und Brüſten allerlei Figuren, meiſtens Anker, eingebeizt waren. Eine andere auffällige Gewohnheit der Bewohner von Porto Santo iſt ihr häufiges Aderlaſſen. Ich kam eines Tages in eine Barbierſtube, wo zu dem 110 Ende eine Menge Menſchen verſammelt war. Einige derſelben ſahen Bekannte vorbei gehen, und begrüßten ſie. Dieſe kamen ſogleich herein, und ließen ſich zur Geſellſchaft, wie ſie ſagten, auch einige Unzen Blut abzapfen. Bei der Ge⸗ legenheit erfuhr ich von ihnen, daß man ſich in ihrem Lande wenigſtens ein⸗ mal in jedem Monat des Geſchäftes zu unterziehen pflege. Es hat das Aehnlichkeit mit Europa, wo in früheren Jahren, und ſelbſt jetzt noch in manchen Gegenden die Landleute beſonders öfteres Aderlaſſen für durchaus nothwendig halten. In neuerer Zeit iſt man aber doch ſehr davon zurückgekommen, und verſchiebt ſolchen Blutablaß nur für wirklich nothwen⸗ dige Momente. 4. Wanderungen in das Innere von Porto Santo. Garten und Feldfrüchte— Ackerbau— Art das Getreide zu dreſchen.— Klöſter. Wälder— der Drachenbaum. Thiere— der wilde Kanarien⸗ vogel. Klima. Das lecke Schiff. Der Orkan. Wellen mit Oel beſänftigen. Ich habe ſchon erwähnt, daß ich häufig Ausflüge in das Innere der In⸗ ſel machte. Ich ließ mich regelmäßig früh um fünf Uhr vom Schiffe nach der Stadt fahren, und ging dann, ohne zu verweilen, hindurch, die reizende Land⸗ ſchaft zu erreichen, welche ſich am Oſtende derſelben eröffnet. Um dieſe Zeit pflegte noch eine ziemliche Stille auf den Gaſſen zu herrſchen; nur die Hirten, welche mit ihren Ziegenheerden des Morgens nach der Stadt kommen, und die⸗ ſelbe mit friſcher Milch verſorgen, waren ſchon auf dem Platze. Doch hatten zuweilen auch die Briefſchreiber ihre Sitze ſchon aufgeſchlagen, denn ihre Hülfe wird in den frühen Morgenſtunden am häufigſten geſucht. Um dieſe Zeit ſchleicht nämlich manches ſchüchterne Mädchen herbei, das ſich ſcheuen würde, mitten am Tage hinzugehen, und die Geheimniſſe ſeines Herzens auszuſchütten; auch eilt dann manche abergläubiſche Frau hinzu, um einen wichtigen Traum oder eine auffallende Erſcheinung, welche ſie in der vorigen Nacht hatte, auf⸗ zeichnen zu laſſen, ehe ſie ihrem Gedächtniſſe entgehen. Sobald man das Ende der Stadt erreicht, zeigen ſich an allen Seiten die fruchtbarſten Weingärten. Sie ſind meiſtens das Eigenthum der Kaufleute in Madeira, ſo wie ich gleich hier bemerke, daß dieſe auch den auswärtigen Handel der Inſel großen Theils in ihren Händen haben. Der gewonnene Wein wird dem von Madeira gleich geſchätzt, und unter demſelben Namen nach Europa verführt; er macht das wichtigſte Produkt des Landes aus. Wenn man zwiſchen den Weingärten, die nur hin und wieder ein Landhaus unter⸗ bricht, eine Stunde weit oſtwärts fortgeht, wird der Anbau mannichfaltiger 111 und Getreide mancherlei Art, beſonders gewöhnlicher und türkiſcher Weizen, wechſelt mit andern Früchten aus den gemäßigten und heißen Himmelſtrichen ab. Hier ſieht man Aepfel, Birnen, Aprikoſen, Pfirſchen, dort Pomeranzen, Zitronen, Feigen, Oliven, an einem andern Orte Bananen, Datteln, Guaja⸗ ven, Kokusnüſſe, Zuckerrohr, Melonen und die köſtlichſten Gartengewächſe in ihrer größten Vollkommenheit prangen. Beſonders gedeiht der Blumenkohl ſo vortrefflich, daß eine einzige Staude hinreichend iſt, eine zahlreiche Familie zu ſättigen. Auch ſind alle Grünwaaren und Erdfrüchte ſo ſaftreich, daß man ſie trocken über das Feuer ſetzen, und in ihren eigenen Flüſſigkeiten dämpfen kann. Dieſe Fruchtbarkeit reicht von einem Ende der Inſel zum andern, und die mannichfaltigen Früchte bezaubern den Fremden durch ihren lieblichen Ge⸗ ruch und ihre einladende Schönheit. Es gibt indeſſen viele Landſtriche, die wegen ihrer gebirgigen und felſigen Beſchaffenheit den Anbau nicht begünſtigen. Eben ſo findet man häufig ſolche, die nach der Fruchtbarkeit des Bodens zu wenig tragen, und von der Nachläſ⸗ ſigkeit ihrer Beſitzer die ſprechendſten Beweiſe liefern; denn die Betriebſamkeit der Menſchen ſteht mit der natürlichen Fruchtbarkeit des Bodens in einem ſehr ungleichen Verhältniſſe. Am auffallendſten iſt ihre Nachläſſigkeit beim Einſam⸗ meln der Feldfrüchte. Wenn z. B. das Getreide geſchnitten und getrocknet iſt, ſo wird es obenhin zuſammengerecht, und auf einer im Felde gemachten Tenne über einander geſchichtet. Man treibt dann das Rindvieh darauf herum, damit es die Körner aus den Aehren trete, und ſo die Stelle der Dreſcher erſetze. Bei dieſem Verfahren kann es aber nicht fehlen, daß ein großer Theil des Ge⸗ treides im Strohe zurück bleibt und verloren geht. Letzteres wird auf dem Felde verbrannt und die Aſche ſtatt des Düngers gebraucht. Ueberhaupt ſteht der Ackerbau auf einer ſehr niedrigen Stufe. Das Eggen z. B. iſt dem Land⸗ mann noch völlig unbekannt. Er begnügt ſich, den Samen auf das umge⸗ pflügte Feld zu ſtreuen, und das Uebrige der Natur zu überlaſſen. Den Miſt benutzt man ſelten zur Düngung der Felder, ſondern pflegt denſelben, um ihn los zu werden, an das Meer oder an unfruchtbare Stellen zu ſchaffen; biswei⸗ len wird er verbrannt. Die Gärten und Weinpflanzungen ſind. offen und weder mit Mauern noch mit Zäunen eingefaßt, und man geſtattet den Armen, ſich unentgeltlich mit einigen Früchten zu ihrem nothdürftigen Lebensunterhalte zu verſorgen. So wohlthätig auch dieſe Einrichtung iſt, trägt ſie doch Vieles dazu bei, den Pöbel in ſeiner Trägheit und Sorgloſigkeit zu beſtärken.. Außer den vielen zerſtreuten Landhäuſern trifft man auch mehre Klöſter an. Sie liegen in den reizendſten Gegenden, wo ſie, umgeben von herrlichen 112 Pflanzungen, wie Luſtſchlöſſer erſcheinen und den Wohlſtand ihrer Bewohner verkündigen. Gleichwohl ſieht man auf den Straßen zu jeder Zeit Mönche, die auf einem Eſel oder zu Fuße das Land durchſtreichen, um milde Gaben zu ſammeln. Es iſt indeſſen nicht zu läugnen, daß dieſe meiſtens zu wohlthätigen Werken verwendet werden, und daß die Klöſter überhaupt Oerter ſind, wo die Armen Unterſtützung, die Kranken ſorgſame Pflege und die obdachloſen Wan⸗ derer eine gaſtfreie Ruheſtatt finden. In einigen, beſonders gebirgigen Theilen der Inſel gibt es kleine Wäl⸗ der; ſie enthalten Mahagoni⸗, Johannisbrod⸗, Lorbeer⸗, hauptſächlich aber Kaſtanien⸗, Wallnuß⸗ und Mandelbäume, ſo wie auch verſchiedene Arten Sträucher, die eßbare Beeren tragen. Der nützlichſte und merkwürdigſte Baum, der ſich hier findet, iſt der Drachenbaum. Dieſes Gewächs, das einen überaus ſchönen Anblick gewährt, hat die Geſtalt einer dünnen Pyra⸗ mide. Seine Zweige hängen lang herab und bilden, weil jede Spitze derſelben jährlich eine neue Gabel hervorbringt, ein dichtes Gewebe. Die Blüthen be⸗ ſtehen in kleinen weißen Sternchen, die bald abfallen, aber eben ſo ſchnell durch andere erſetzt werden, ſo daß die Blüthzeit lange dauert. Der Stamm wird in der Regel nicht über zwanzig Fuß hoch; doch erreicht er auf Porto Santo, deſſen Boden die Baumart ungemein begünſtigt, eine Höhe von fünf und zwanzig bis dreißig Fuß. Der Drachenbaum liefert ein Harz, das man Drachenblut nennt. Es hat eine ſchöne dunkelrothe Farbe; ſeine Beſtandtheile ſind ſehr fettig, weßhalb es am beßten in Weingeiſt, in Waſſer aber gar nicht aufzulöſen iſt. Chedem war das Drachenblut als ein zuſammenziehendes, ſtär⸗ kendes Arzneimittel berühmt; in unſern Tagen wird es am häufigſten zum Lackiren und Malen benutzt. Dieſes Harz dringt im Sommer durch die Kno⸗ ten des Baums von ſelbſt hervor. Man macht aber, um deſſen Ausfluß zu be⸗ fördern und an einen bequemen Ort zu leiten, am Fuße des Stammes Ein⸗ ſchnitte, durch die es im Frühling reichlich hervorquillt. Nach dem Einſammeln wird es durch Kochen gereinigt und verdickt, und dann in Tafeln gegoſſen. Es gehört zu den vorzüglichſten Erzeugniſſen der Inſel, und iſt, nächſt dem dort erbauten Weine, der wichtigſte Gegenſtand ihres auswärtigen Handels. Ich füge noch die Bemerkung hinzu, daß der Drachenbaum nicht mit dem Drachen⸗ blutbaum zu verwechſeln iſt, der auch eine Art von Drachenblut und nach Linné das wahre rothe Sandelholz liefert, welches das vom rothen Sandelbaum an Schönheit übertrifft. In den Wäldern findet man Haſen und viele wilde Schweine, ſo wie Kaninchen, welche letztere auch in den Häuſern häufig gehalten werden. Ferner gibt es mancherlei wildes Federvieh, beſonders Rebhühner und Holztauben. 113 Bienen ſind in großer Menge vorhanden, daher Wachs und Honig in geringem Preiſe ſtehen. Ueberall ſieht man kleine grüne Eidechſen, die an den Bäumen, den Mauern und Wänden der Häuſer herumklettern. Giftige Thiere ſollen gar nicht anzutreffen ſein. Unter den mannichfaltigen, das Eiland bewohnenden Singvögeln findet ſich auch der wilde Kanarienvogel. Er hat, mit Ausnahme des grünlichen Schwanzes und dergleichen Flügel, ein weißgelbes Gefieder. Sein Geſang iſt ungemein hell und rein, aber in der Zuſammenſetzung der Töne weit einfacher, als der unſeres zahmen, und kommt hierin dem Zwitſchern europäiſcher Sper⸗ linge ziemlich nahe. Der Kanarienvogel gehört auch zum Geſchlechte dieſer letztern, und iſt eigentlich der Sperling der kanariſchen Inſeln; ſeine in Europa ſo beliebte Kunſt hat er erſt hier in der Gefangenſchaft, wo er durch die ihm beigeſellten Hänflinge, Stieglitze, Nachtigallen und Lerchen unterrichtet wurde, nach und nach erlangt, ſo wie die Erfahrung lehrt, daß auch unſern Sperlin⸗ gen die Fähigkeit zu ſingen nicht mangelt und nur der Ausbildung bedarf. Es iſt mir z. B. in Frankreich einer vorgekommen, der, unter Hänflingen erzogen, die Lieder derſelben treulich nachahmte. Der wilde Kanarienvogel iſt in Porto Santo ſeit dem vorigen Jahrhunderte einheimiſch geworden; man ſtellt ihm aber ſo häufig nach, daß ſein Geſchlecht wahrſcheinlich in kurzem wieder per⸗ ſchwinden wird. Zu der Zeit, wo ich mich auf dieſer Inſel befand, lebte daſelbſt ein Fran⸗ zoſe, welcher die eingefangenen Kanarienvögel in großer Menge aufkaufte und abrichtete. Er gab einen merkwürdigen Beweis, wie zahm dieſe Thiere gemacht, und wie ſehr ihre Fähigkeiten ausgebildet werden können. Regelmäßig jeden Morgen um acht Uhr begannen ſeine Lehrſtunden. Er ergriff die Flöte, worauf alle ſeine Kanarienvögel, deren er immer mehre Dutzend in der Stube hatte, ſich um ihn verſammelten. Er ſpielte dann ein Stückchen nach dem andern, und die Vögel wetteiferten, die Töne nachzuahmen. Wenn dieſe Singübung einige Zeit gedauert hatte, nahm er auch mancherlei Kunſtſtücke vor. Unter andern lehrte er die Thierchen, irgend einen vorgeſagten Namen aus Buchſtaben zuſammenſetzen, die auf kleine Stückchen Holz gemalt waren. Auch konnten ſie tanzen, mit einem kleinen Säbel in der einen Kralle Schildwache ſtehen, ſich todt ſtellen, und mehr dergleichen. Dieſer Franzoſe beſaß drei oder vier ſolcher Vögel, welche ihm als Gehülfen beim Unterricht der übrigen dienten, und ſo viele Kunſtſtücke machten, daß die Zuſchauer über ihre Klugheit in Erſtaunen geriethen. Seine Kanarienſchule hatte ihm einen gewiſſen Ruf und ein kleines Vermögen erworben; und ſelten kam ein Schiff in den Hafen, das nicht einige ſeiner Zöglinge kaufte. Richter's Reiſen. I. 8 114 Die Kühe, Ziegen und Schweine, welche man auf Porto Santo zieht, ſind von beſſerer Art, als die in Portugal, wiewohl ſie von dort abſtammen. Die Schafe ſind fetter als in jenem Lande, haben aber weder ſo feine noch ſo gekräuſelte Wolle. Pferde werden ſehr wenig, um ſo mehr aber Eſel und Maulthiere gehal⸗ ten, weil man die erſtern nur zum Reiten, die letztern aber zum Fortſchaffen aller Laſten benutzt, weßhalb auch jede Art von Fuhrwerk kaum dem Namen nach bekannt iſt. Mit friſchem Waſſer iſt die Inſel nicht reichlich verſehen; es gibt zwar einige Quellen, die jedoch, wenn es lange nicht regnet, faſt gänzlich verſiegen. Man hat daher Ciſternen oder ausgemauerte Gruben angelegt, worin das Regenwaſſer geſammelt und aufbewahrt wird. Das Meer um Porto Santo hat einen Ueberfluß an Fiſ ſchen, ſo daß der Fiſchfang ſehr anſehnliche Vortheile gewährte In Hinſicht der herrſchenden Witterung gehört das Eiland zu den glück⸗ lichſten Gegenden der Erde. Im Winter iſt es weder der anhaltenden Näſſe, noch den fürchterlichen Ungewittern und Stürmen in dem Grade unterworfen, wie das feſte Land von Afrika unter gleicher Breite. Es regnet und ſtürmt zwar oft einige Tage in der Woche, aber währeud der übrigen iſt die Luft rein, warm und ruhig. Den Erdboden ſchmückt ein immerwährendes Grün, und mitten im Januar ſind die Bäume ſchon wieder mit neuen Blättern und die Gefilde mit neuen Blumen bedeckt, welche die Atmoſphäre mit köſtlichen Ge⸗ rüchen durchwürzen. Im Sommer wird nie die auffallend brennende Hitze em⸗ pfunden, welche man in der Berberei zu ertragen hat. Die Winde wehen hefti⸗ ger, und mildern den Einfluß der faſt ſenkrecht herabfallenden Sonnenſtrahlen. Der Thermometer ſteigt ſelten über 26 Grad Réaum., außer bei ſüdöſtlichen Winden, welche die Gluth der afrikaniſchen Sandwüſten herüberbringen; in⸗ deſſen ſind ſolche Luftſtröme immer nur von kurzer Dauer. Regen iſt im Som⸗ mer eine ſeltene Erſcheinung; aber jede Nacht fällt ein ſtarker Thau, der den dürſtenden Erdboden erquickt, und ich ſah oftmals noch früh um zehn Uhr auf den Blättern und Gräſern die ſilbernen Perlen des Thaues glänzen. Doch in der Natur iſt nichts vollkommen. Porto Santo wird bisweilen von fürchter⸗ lichen Stürmen heimgeſucht, die den Orkanen im indiſchen Meere gleichen. Dieſer Fall pflegt beſonders zu der Zeit einzutreten, wenn der heiße Südoſt⸗ wind geweht und den Dunſtkreis entzündet hat.— Ich beſchließe hiermit meine Bemerkungen über Porto Santo und komme auf unſere Reiſe zurück. Als wir in Porto Santo angelangt waren, wurde unſer Schiff gekielholt, d. i. auf die Seite gewunden, ſo daß der Kiel oder unterſte lange Grundbalken 115 desſelben aus dem Waſſer hervorragt. Auf dieſe Weiſe ließen ſich die Schäden, welche den lecken Zuſtand des Schiffes veranlaßten, leicht auffinden und aus⸗ beſſern. Zuletzt wurde es, wie die Seeleute ſagen, gebrannt. Dieß beſteht darin, daß man das Pech, womit der Schiffsboden überzogen iſt, durch ange⸗ zündete Schütten Stroh zum Schmelzen bringt und zum Theil abbrennt. Ein ſolches Verfahren bewirkt nicht nur, daß das Pech in's Holz eindringt, ſondern dient auch, den Boden zu reinigen, und ihm eine glatte Oberfläche zu geben; denn es iſt bekannt, daß von Zeit zu Zeit Schalthiere, Meergras und Schlamm ſich an demſelben anhängen, und ihn uneben und ſtruppig machen, was der Schnelligkeit im Segeln großen Abbruch thut. Nachdem ein Schiff gebrannt worden iſt, gibt man ihm einen neuen Ueberzug von Pech und Theer, und es wird dann nicht nur dichter, ſondern ſegelt auch beſſer als vorher. So gefähr⸗ lich es indeſſen ſcheint, wenn man Schiffe auf die beſchriebene Weiſe im Feuer ſtehen ſieht, ſo iſt mir doch kein Beiſpiel vorgekommen, daß dadurch eins in Brand gerathen wäre.*) Es war am 23. Juli, als man mit der Ausbeſſerung unſeres Schiffes völlig zu Stande kam. Den folgenden Morgen wurde ein Theil der Mann⸗ ſchaft an's Land geſchickt, um die ledigen Waſſerfäſſer aus einer für die Schiffe beſtimmten Ciſterne zu füllen. Zu gleicher Zeit begab ſich der Kapitän mit einer andern Anzahl Matroſen nach der Stadt, um für die Reiſe, welche am folgenden Tage wieder angetreten werden ſollte, einige friſche Lebensmittel ein⸗ zukaufen. Ich ſelbſt ging mit ſeinen Söhnen an Land, um noch einen Ausflug in das Innere der Inſel zu machen. Anfangs war das Wetter ſo angenehm, als man nur wünſchen kann. Aber gegen acht Uhr Morgens erhob ſich ein Südoſtwind, welcher augenblicklich eine ſchwüle Hitze verbreitete. Alle Arbeiter im Freien verließen ihre Beſchäfti⸗ gung und kehrten nach ihren Wohnungen zurück. Wir ſetzten noch eine Zeit lang unſere Wanderung fort, ſahen uns aber bald genöthigt, ebenfalls ein Obdach zu ſuchen, um daſelbſt die drückendſte Hitze abzuwarten. Wir kehrten bei einem Weinpflanzer ein, der uns in ſeinem kühlen Hauſe freundlich auf⸗ nahm, und mit Wein, Brod und den herrlichſten Früchten erquickte. Die Hitze nahm indeſſen mit der ſteigenden Sonne zu, und wurde gegen Mittag unerträg⸗ lich. Um ſie abzuhalten, verſchloß unſer Wirth alle Thüren und Fenſterladen; er zündete dann eine Lampe an, und fiel mit den Seinigen, die faſt alle Klei⸗ *) Die neuere Art des Kupferns der Fahrzeuge, nach der ſie, ſoweit ſie im Waſſer gehn, dicht mit Kupferplatten beſchlagen werden, iſt jetzt, ihres praktiſchen Nutzens wegen, ziemlich allgemein geworden. 8* , 116 der abgeworfen hatten, in einen tiefen Schlaf. Meine beiden Zöglinge wurden ebenfalls vom Schlaf überwältigt, und ich war mittlerweile beſchäftigt, durch einen Ritz im Fenſterladen die im Sonnenſchein ſtehenden Bäume zu betrach⸗ ten, deren Früchte zu dampfen und die Blätter zuſehends zu verdorren ſchienen. Um drei Uhr Nachmittags zeigten ſich einige Wanderer auf der Straße, und die Hitze ſchien etwas nachgelaſſen zu haben. Wir nahmen Abſchied von dem Pflanzer, und traten auf einem ſchattigen Fußſteige den Rückweg nach dem Städtchen an. Als wir ungefähr noch eine Viertelſtunde davon entfernt waren, ſtiegen plötzlich am weſtlichen Horizont ſchwarze Wolken auf, die ein großes Ungewitter verkündigten. Der Südoſtwind legte ſich, und es trat eine tiefe, feierliche Stille ein. Wir verdoppelten unſere Schritte und erreichten in kurzem das Städt⸗ chen. Hier herrſchte die größte Beſtürzung unter den Einwohnern. Alles ſah ſich mit ängſtlicher Miene nach dem herannahenden Gewitter um, man rief ſich zu und lief wild durch einander. Die Wolken umzogen jetzt die Sonne und einige Augenblicke ſpäter ſchwebten ſie über unſerem Haupte. Mit einem Male brach nun das Ungewitter aus, und ſchien der Inſel den Untergang zu drohen. Der ganze Luftkreis ſtand in Feuer, der Regen ſtürzte wie ein Wolkenbruch herab, und der Südweſtwind ſtürmte mit der äußerſten Wuth. Die Einwohner flüchteten ſich aus ihren Häuſern, weil man fürchtete, dieſe möchten vom Winde eingeſtürzt werden. Viele Menſchen wurden, beim erſten Schritt auf die Gaſſe, vom Winde umgeriſſen und genöthigt, liegen zu bleiben. Nur die Angſt, was aus unſerem Schiffe werden möchte, konnte uns Kraft verleihen, gegen den Sturm vorzudringen und das Ende der Stadt zu erreichen, von wo man eine Ausſicht auf den Meerbuſen hat. Das ſchrecklichſte Schauſpiel, das ich je geſehen habe, ſtellte ſich hier unſern Blicken dar. Das ganze Meer, welches ein blendend weißer Schaum bedeckte, ſchien ſich in den Meerbuſen drängen zu wollen. Wellen auf Wellen gethürmt ſtürzten herein, erſtiegen den hohen Strand, drohten die nahe ſtehenden Häuſer zu zerſtören, und miſchten ihr Brauſen in das Heulen des Windes und das Brüllen des Donners. Drei portugieſiſche Schiffe, die einzigen, welche damals außer dem unſrigen in der Bai lagen, wurden auf einmal von ihren Ankern losgeriſſen, an den Strand geworfen, und in einem Augenblicke zertrümmert. Das unſrige hielt ſich noch am längſten auf ſeinem Platze, ward aber endlich an ein hervor⸗ ragendes Felſenſtück getrieben, wo es zerbarſt und nach wenig Minuten unter⸗ ſank.— Bei dieſem Anblick vergingen mir alle Sinne; ich ſtand ſtarr und ſteif, und hielt mich mechaniſch an einem Geländer feſt, um nicht vom Winde umge⸗ 117 riſſen zu werden. Wie ſich die Gefühle meiner jungen Freunde, welche ſo eben ein anſehnliches Vermögen und vielleicht ihren geliebten Vater verloren hatten, in dieſem Augenblicke äußerten, weiß ich nicht; als ich mich aber wieder er⸗ mannte und nach ihnen umſah, fand ich ſie an eine Mauer gelehnt, wo ſie ſchluchzend ſich umarmten. Mein Blick fiel dann von ungefähr auf die Ciſterne, wo unſere Leute am Morgen Waſſer geſchöpft hatten; und als ich ſah, daß noch Fäſſer daſtanden, ſtieg in mir die Hoffnung auf, daß unſere Mannſchaft und wahrſcheinlich auch der Kapitän nicht am Bord des Schiffes geweſen wären. Von hier flog mein Blick noch einmal nach der Stelle hin, wo es ge⸗ ſunken war, und jetzt zeigte ſich in der Bai ein Boot, welches von Wind und Wellen nach uns zu getrieben wurde. Als es den Strand erreichte, ſchien das Meer umher ſtill zu ſtehen, und ſeine hellglänzende Schaumfarbe in die grün⸗ liche zu verwandeln, die es im ruhigen Zuſtande hat. Aber bald erhoben ſich die Wellen mit verdoppelter Kraft, und ſchleuderten, ohne ſich zu brechen, das Boot hoch auf den Strand. Es ſprang dann eine Menge Menſchen heraus, welche, um von den nacheilenden Wellen nicht eingeholt und zurückgeſchwemmt zu werden, in größter Eile die Anhöhe erſtiegen, auf welcher wir uns befanden. Es wird überflüſſig ſein, zu beſchreiben, wie ſchnell unſere Gefühle von der tiefſten Trauer in die lebhafteſte Freude übergingen, als wir in dieſen Leuten den Kapitän mit der ganzen übrigen Mannſchaft erblickten. Wild und ohne uns zu bemerken, ſah jener, als er die Anhöhe erklommen hatte, um ſich; aber ſein Geſicht erhielt die natürliche Heiterkeit wieder, ſobald er ſich von ſeinen Söhnen, die mit gränzenloſer Freude auf ihn zuſtürzten, umklammert fühlte. Als Herr Fedderſen die erſten Vorboten des aufſteigenden Ungewitters bemerkt hatte, war er mit allen ſeinen am Lande befindlichen Leuten eiligſt nach dem Schiffe zurückgekehrt, um dasſelbe vor der drohenden Gefahr zu ſchützen. Das einzige Mittel hierzu würde nun freilich das geweſen ſein, wenn er den noch wehenden Südoſtwind benutzt und augenblicklich das hohe Meer geſucht hätte. Doch wer konnte einen Orkan, wie dieſer war, vermuthen? Ueberdieß hatten ſich die portugieſiſchen Seeleute, welche mit dem Klima des Landes und der Beſchaffenheit des Meerbuſens beſſer als die unſrigen bekannt ſein mußten, damit begnügt, ihre Schiffe durch das Auswerfen mehrer Anker zu befeſtigen. Unſere Leute hatten nicht nur ein gleiches gethan, ſondern auch alle Stängen und Raaen geſtrichen, um dem Winde ſo wenig Berührpunkte als möglich zu laſſen. Deſſen ungeachtet war beim Ausbruche des Gewitters ein Ankertau nach dem andern zerriſſen und das Schiff unaufhaltſam nach dem Felſen ge⸗ trieben worden. Man hatte vor dem Scheitern desſelben kaum Zeit gehabt, ſich in das große Boot zu flüchten; an Rettung von Hab' und Gut war gar nicht 118 zu denken geweſen. Die Vorſicht unſers Kapitäns, im großen Boot ein Fäß⸗ chen Oel mitzunehmen, kam ihm dabei vortrefflich zu Statten, und außerdem würde die Landung ſchwerlich gelungen ſein. Als das Boot nämlich im Be⸗ griffe ſtand, von den am Strande ſich brechenden Wellen verſchlungen zu wer⸗ den, hatte man den Boden des Oelfaſſes eingeſtoßen und das Oel in's Meer geſchüttet, wodurch jene plötzliche Veränderung des Waſſers, die ich von mei⸗ nem Standorte aus bemerkte, entſtanden war. Der Leſer wird mir verzeihen, wenn ich hier den Gang der Geſchichte unterbreche, um einige Bemerkungen über dieſe wichtige Eigenſchaft des Oels einzuſchalten. Die Möglichkeit, das Meer durch Oel zu beſänftigen, iſt ſehr oft bezweifelt worden, und es würde allerdings thörig ſein, wenn man glauben wollte, durch dieſes Mittel eine völlig glatte Oberfläche des Meeres bewirken, oder ein Schiff, welches gegen eine ſteile Felſenküſte getrieben wird, vom Schei⸗ tern retten zu können. Obſchon das ausgegoſſene Oel eine Decke über dem Waſſer bildet, welche vermöge ihrer zähern Beſtandtheile den Wind abhält, in dasſelbe einzudringen und es auszuhöhlen, ſo iſt doch leicht zu begreifen, daß dieſe Decke ſehr bald zu dünn wird, um dem Drucke des Windes zu wider⸗ 'ſtehen, weil ſich das Oel mit der äußerſten Schnelligkeit weiter verbreitet. Eben ſo einleuchtend iſt es, daß die Zähigkeit des Oels nicht ſtark genug iſt, um die Erhebung des Waſſers an einer Stelle zu verhindern, während rund umher ſich hohe Wellen thürmen, deren jede auf das benachbarte Waſſer Einfluß hat und Urſache wird, daß es zu einer ähnlichen Welle ſich erhebt. Allein es iſt durch viele Thatſachen erwieſen, daß das Oel unter gewiſſen Einſchränkungen vor⸗ treffliche Dienſte leiſtet. Da es, auf das Waſſer gegoſſen, auf demſelben ſchwimmt, und ſich in horizontaler Richtung auszudehnen ſtrebt, ſo drückt es in den erſten Augenblicken das Meer gewaltig nieder, oder jagt ihm, wie die See⸗ leute ſagen, einen Schreck ein. Hauptſächlich aber bewirkt es, daß die Wellen, welche beim Erreichen des Strandes als Brandung brechen würden, ſich wie ein dicker zuſammenhängender Wulſt beträchtlich weit den Strand hinauf wäl⸗ zen. Dieſe Wirkungen des Oels ſind indeſſen von keiner langen Dauer, weil die von ihm gebildete Decke, wie ſchon oben erwähnt, bald ſehr dünn, leicht und zerreißbar wird. Daher gebraucht man das Oel mit Vortheil, wenn ein Schiff auf dem Punkte ſteht, an eine nicht zu ſteile Küſte geworfen zu werden; die Wellen treiben es alsdann, anſtatt darüber hin zu brechen und es an die Kante des Strandes zu ſetzen, ſo weit auf denſelben, daß die nachfolgenden es nur ſchwach berühren können. Dieß iſt natürlich auch der Fall, wenn das Schiff ſchon verloren und man genöthigt iſt, ſich im Boote an die Küſte zu ret⸗ ten. Unter den genannten Einſchränkungen iſt die vortreffliche Eigenſchaft des Oels, das Meer zu beſänftigen, ſchon den griechiſchen und römiſchen Schiffern bekannt geweſen, und wird noch heutigen Tages von den Seefahrern, beſonders den holländiſchen, zu dieſem Zwecke bisweilen benutzt. Uebrigens iſt ſie an den Küſten des Mittelmeeres eine ganz bekannte Sache, und dient dort täglich, den Fiſchern eine glatte und durchſichtige Oberfläche des Meeres zu verſchaffen. So erblickt man z. B. auf den Fahrzeugen, die in der Meerenge von Meſſina mit dem Fange großer Fiſche beſchäftigt ſind, jederzeit neben dem Harpunirer einen Mann, welcher, damit jener die nahenden Fiſche leicht erſpähen könne, dann und wann etwas Oel auf das Waſſer gießt. Bald nach der glücklichen Landung unſerer Mannſchaft verzog ſich das Ungewitter, und der Sturm legte ſich eben ſo ſchnell, als er entſtanden war. Der Nordweſtwind erhob ſich und reinigte den Dunſtkreis in wenig Minuten, ſo daß dieſer fürchterliche Tag mit einem herrlichen, heitern und kühlen Abend endigte. 5. Benehmen der Mannſchaft nach dem Schiffbruche. Herr Fedderſen wird von einem Freund veran⸗ laßt, ihn mit ſeinen Söhnen und dem Verf. auf der Fahrt nach New⸗York zu begleiten. Bemer⸗ kungen über amerikaniſche Schiffe. Die Newfoundlandbänke. Einfahrt in die New⸗York⸗Bai— New⸗York— Die Seeleute. Nichts hat ſo viel Einfluß auf die Gemüthſtimmung der Seeleute, als das Wetter, und ihre Laune ſteigt und fällt mit den Wettergläſern. Stürmt es, ſo fluchen ſie unaufhörlich und zeigen eine gewiſſe Wildheit in allen ihren Hand⸗ lungen; läßt der Sturm nach, dann mildert ſich auch ihr ungeſtümes Weſen, und tritt wieder ſchönes Wetter ein, ſo ſind ſie ganz Heiterkeit und mit aller Welt ausgeſöhnt, wenn ſie auch noch ſo viel Ungemach und Schaden erlitten haben. Dieſem Charakterzug der Seeleute muß man es zuſchreiben, daß die unſrigen ſchon eine halbe Stunde nach dem Verluſte des Schiffes und aller Habe ſehr vergnügt in einem Wirthshauſe ſaßen, wo ſie auf Koſten des Kapi⸗ täns mit Wein und Eſſen bewirthet wurden. Nach Beendigung der Mahlzeit ſchickten ſie ſich an, die im Meerbuſen herumtreibenden Trümmer des Schiffes aufzuſuchen und an Land zu ſchaffen, mit welcher Arbeit die ganze Nacht fort⸗ gefahren wurde. Ich und Fedderſen brachten die Nacht in einem Zimmer des Wirthshauſes ebenfalls wachend zu, indem wir unſern Gedanken theils im Stillen nachhingen, theils dieſelben einander mittheilten, und uns über die zu ergreifenden Maß⸗ regeln berathſchlagten. Wiewohl ich mich über erlittene Unglücksfälle immer leicht zu beruhigen weiß, ſo war mir doch der gegenwärtige zu empfindlich, und ich mußte alle meine Lebensweisheit aufbieten, um mich darüber hinweg zu 120 ſetzen; denn alles, was ich nun beſaß, beſtand in einem Nankinganzuge, einer Taſchenuhr, einem Fernrohr, einem Stock und einer Schreibtafel. Unter den verlornen Habſeligkeiten betrauerte ich nichts ſo ſehr, als eine Sammlung ſel⸗ tener Pflanzen und Inſekten, die ich mit Mühe und Koſtenaufwand anzulegen begonnen hatte. Der Kapitän zeigte weder den Leichtſinn, welcher den Seefahrern eigen iſt, noch ließ er, ungeachtet des anſehnlichen Verluſtes, der ihn als Eigenthümer des Schiffes betraf, ſich von Schmerz und Sorgen übertäuben; vielmehr ent⸗ warf er mit vieler Entſchloſſenheit einen Plan, um ſich und uns allen das er⸗ littene Unglück erträglich zu machen. Er ſuchte nämlich vor allen Dingen unſere nothwendigſten Bedürfniſſe zu befriedigen, und dann eine Gelegenheit zur Rückkehr nach Europa zu finden. Da er in Porto Santo, wegen gänz⸗ lichen Mangels an Landsleuten und Freunden, wenig Unterſtützung zu hoffen hatte, auch in dieſem Augenblicke kein einziges Schiff daſelbſt vorhanden war, reiſte er ſchon am andern Morgen auf einem Paſſagierboote nach Madeira ab. Dort war ein däniſcher Konſul angeſtellt, und überdieß der Verkehr mit Europa weit lebhafter als auf dem abgelegenen kleinen Eiland. Wiährend ſeiner Abyeſenheit ſetzte die Schiffsmannſchaft ihre Arbeiten, die im Meerbuſen zum Vorſchein kommenden Trümmer an Land zu ziehen, mit der größten Thätigkeit fort. Sie fand eines Tages das ganze Zimmerholz, welches unſer Schiff geladen hatte, ein Beweis, daß der Rumpf desſelben völlig zerborſten war. Auch die verlornen Anker wurden glücklich wieder aufgefiſcht, und überdem bekam man bei dieſer Gelegenheit einen, den vor alten Zeiten ein Kriegſchiff verloren hatte; er wog über drei tauſend Pfund. Ich machte mittlerweile, um mir die Grillen zu vertreiben, häufig Spa⸗ ziergänge auf das Land, wurde hier aber durch die Verheerungen, welche der Orkan angerichtet hatte, ſehr oft an mein und meiner Gefährten Unglückerinnert. Ich ſah mehre umgeworfene Häuſer und überall ausgeriſſene Bäume; die köſtlichen ſaftreichen Früchte, womit die Bäume vorher prangten, lagen auf dem Boden; nur die Weintrauben hatten ſich gehalten, weil ſie in dieſer Jahreszeit ſchon ſo reif ſind, daß die Reben, welche man nie an Pfählen befeſtigt, unter ihrer Laſt zur Erde ſinken. Die älteſten Leute im Lande wußten ſich keines ähnlichen Ungewitters zu entſinnen, und der ſehr wiſſenſchaftlich gebildete Abt eines Fran⸗ ziskanerkloſters verſicherte mir, daß der Sturm, in der dortigen Gegend, acht⸗ zehn Minuten lang 120 Fuß in einer Sekunde durchlaufen, und das Kloſter, obſchon ein äußerſt feſtes Gebäude, vom Grund aus erſchüttert habe. Der Kapitän kam ſchon am fünften Tage nach ſeiner Abreiſe von Madeira zurück. Die Nachrichten, welche er mitbrachte, waren wenig beruhigend. Jene 121 - Inſel hatte durch den Sturm faſt eben ſo ſehr, als Porto Santo, gelitten. Die vielen dort liegenden Schiffe waren ſo beſchädigt worden, daß kein einziges unter einigen Monaten in den Stand geſetzt werden konnte, die Reiſe nach Europa anzutreten. Doch hatte ihn der däniſche Konſul ſehr freundlich auf⸗ genommen und eingeladen, mit ſeiner Mannſchaft nach Madeira zu kommen, um daſelbſt die Abfahrt eines nach den däniſchen Staaten beſtimmten Schiffes abzuwarten. Dem zu Folge beſchloß Fedderſen, die geretteten Frachtgüter und die Bruchſtücke ſeines Schiffes zu verkaufen, womit er auch unverzüglich den Anfang machte. Doch ſein Schickſal, woran auch das meinige hing, erhielt eine andere Wendung. Noch am ſelbigen Tage lief ein amerikaniſcher großer Dreimaſter ein, der, aus dem Mittelmeere kommend, auf der Rückreiſe nach New⸗York be⸗ griffen war. Der Kapitän, welcher ihn befehligte, war ein geborner Däne und ein Jugendgefährte Fedderſen's. Gränzenlos war die Freude dieſer beiden Männer, als ſie ſich nach einer vieljährigen Trennung hier ganz unvermuthet wieder fanden. Die gegenſeitige Mittheilung ihrer Schickſale, die ſehr unge⸗ wöhnlich und dennoch einander ſehr ähnlich waren, erhöhte das Gefühl ihrer Freundſchaft, und kettete ſie noch feſter an einander. Brand, ſo hieß der ame⸗ rikaniſche Kapitän, that Fedderſen den Vorſchlag, mit ihm zu gehen, indem er meinte, daß man auf der Ueberfahrt nach den vereinigten Staaten zu jeder Jahreszeit nach Europa gehende Schiffe anträfe, und es alſo an Gelegenheit, nach einem däniſchen oder deutſchen Hafen zu kommen, mitten auf dem weſt⸗ lichen Ocean weniger fehlen würde, als unter den gegenwärtigen Umſtänden in Porto Santo oder Madeira. Dieſer Vorſchlag, der mehr die Frucht einer ſchwärmeriſchen Freundſchaft, als vernünftiger Ueberlegung war, ſchien mir ſehr abenteuerlich, wurde aber von Fedderſen mit Freuden angenommen. Kurz, er verkaufte, was er noch zu verkaufen hatte, und ſchiffte ſich mit mir und ſei⸗ nen beiden Söhnen am Bord des Amerikaners ſchon am folgenden Tage ein. Gern hätte er die ganze Mannſchaft, und beſonders die Offiziere, denen er ſehr gewogen war, mit ſich genommen; da dieß aber der beſchränkte Platz des ohne⸗ hin mit Paſſagieren überladenen Schiffes nicht erlaubte, ſo ſchickte er ſie, nach⸗ dem er jedem ein anſehnliches Geſchenk zur Befriedigung der unentbehrlichſten Bedürfniſſe gemacht hatte, an den däniſchen Konſul in Madeira ab. Sobald der Amerikaner den nach New⸗York zu führenden Wein einge⸗ nommen hatte, ſäumte er keinen Augenblick, die Anker zu lichten und in See zu gehen. Dieß geſchah am 31. Juli. Ich hatte ſchon lange gewünſcht, auf einem ſchnell ſegelnden Schiffe reiſen zu können. Jetzt wurde mein Wunſch erfüllt, denn das amerikaniſche ſchwamm wie ein Delphin durch das Waſſer. Es legte 122 in vier Stunden gewöhnlich fünf bis ſechs Meilen zurück, wenn der Wind auch faſt entgegen war, und zehn bis vierzehn, wenn er ſeitwärts oder von hinten wehte. Schnelligkeit im Segeln iſt überhaupt eine bezeichnende Eigenſchaft der amerikaniſchen Schiffe. Man nimmt beim Erbauen derſelben beſondere Rück⸗ ſicht darauf, und gibt ihnen daher, wie den Kriegſchiffen, eine ſchmale längliche Form und einen ſcharfen Boden. Aucch beſchlägt man dieſen, an der Außen⸗ ſeite, durchgängig mit Kupfer, welches nicht nur dem Eindringen der Seewür⸗ mer ſteuert, ſondern auch, weil es ſich weit glatter und reiner als ein Ueberzug von Pech und Theer oder andern Stoffen hält, das Segeln befördert. Dieß iſt indeſſen nicht der einzige Umſtand, wodurch ſich die amerikaniſchen Schiffe vor denen der übrigen Völker auszeichnen. Gefälligkeit der Form in allen Theilen, künſtliche Zuſammenſetzung und Anordnung des Takelwerks, ge⸗ ſchmackvolle Malerei, bequeme Einrichtung im Innern ſind Eigenſchaften, worin ſie alle andere und ſelbſt die engliſchen übertreffen. Ungeachtet dieſer Vorzüge gewähren ſie den Eigenthümern keine beſondern Vortheile. Zwar machen ſie vielleicht zwei Reiſen in derſelben Zeit, in welcher z. B. die holländiſchen Barken, Galeoten u. ſ. w. eine einzige⸗vollbringen; aber dieſe können auch in ihre breiten, kaſtenartigen Bäuche noch einmal ſo viel Gü⸗ ter packen, und verdienen alſo doppelt ſo viel Frachtgeld, als jene. Der Vor⸗ theil, welcher aus dem ſchnellen Segeln erwächſt, wird daher durch die geringere Fähigkeit, Laſten zu tragen, größten Theils wieder aufgehoben. Ueberdieß muß ein Schiff, welches mehr zum Schnellſegeln als zum Laſttragen gebaut iſt, immer auf der Reiſe ſein, wenn etwas damit gewonnen werden ſoll; dagegen die von der entgegengeſetzten Bauart einige Zeit ruhen, und dabei die Segel, das Tauwerk und alles andere Schiffsgeräthe ſchonen, ſo wie die koſtſpielige Unter⸗ haltung erſparen können. Hierzu kommt noch, daß die Beſoldung der Seeleute in den vereinigten Freiſtaaten doppelt ſo viel beträgt, als in andern Ländern. Das Schiff, worauf ich mich jetzt befand, und welches den Namen„Hud⸗ ſon“ führte, war bei Pittsburgh gebaut, einer Stadt, die gegen vierhundert amerikaniſche Meilen landeinwärts von New⸗York, und zwar am Weſtende der Alleghanysgebirge liegt. Es giebt dort, wo ſich die Flüſſe Monongahela und Alleghany vereinigen und den Ohio bilden, mehre Werften, welche vortreffliche große Seeſchiffe liefern. Da die Gegend einen Ueberfluß an Eichen, Nußbäu⸗ men, Fichten und andern vortrefflichen, zum Schiffbau geeigneten Holzarten hat, ſo baut man hier wohlfeiler und beſſer, als in den Häfen am atlantiſchen Meere, deren Kaufleute daher häufig ihre Schiffe in Pittsburgh aufſetzen laſſen. Wenn dieſe fertig ſind, ſo befrachtet man ſie mit den dortigen Landesprodukten, . 123 und führt ſie den Ohio nnd dann den Miſſiſſippi hinunter nach New⸗Orleans, wo die Waaren ausgeladen werden. Von hier ſchickt man ſie mit Produkten aus Nieder⸗Louiſiana ihren Eigenthümern in den Häfen am atlantiſchen Meere zu. Dergleichen Schiffe legen, ehe ſie von ihrem Bauwerft ab den atlantiſchen Ocean erreichen, einen Weg von 2080 engliſchen Meilen zurück. Pittsburgh war lange der einzige Ort im weſtlichen Gebiete der vereinigten Freiſtaaten, wo auf ſolche Weiſe Schiffe gebaut und verſendet wurden; aber in unſern Tagen, wo die Bevölkerung und der Verkehr in dieſem Gebiete mit Rieſenſchritten vor⸗ wärts gehen, wird der Schiffbau in vielen Gegenden an dem Ohio, Miſſiſſippi und den ſchiffbaren Nebenflüſſen, die alle mit vortrefflichen Holzungen umgeben ſind, lebhaft betrieben. Die Lage, worin ich mich auf dem Schiffe befand, hatte ihr Angenehmes und Unangenehmes. Da das Schiff eine Menge von Paſſagieren führte, ſo war der Platz bei Tage auf dem Verdeck, und bei Nacht in den Gemächern äußerſt beſchränkt, daher auch in den letztern eine faſt unerträgliche Hitze herrſchte. Die größte Unannehmlichkeit, die ich fühlte, rührte von dem Mangel an den nothwendigſten Bedürfniſſen her; denn ich hatte den Verluſt meiner Klei⸗ der und Wäſche, weil dieſe Dinge in Porto Santo ſehr ſchlecht und theuer waren, nur in geringem Maße erſetzt. Zum Glück aber kam ich in den Beſitz eines portugieſiſchen Mantels. Ohne ihn würde ich noch weit ſchlimmer daran geweſen ſein, denn er füllte manche Lücken in meinen Bedürfniſſen aus. Er bedeckte meine Blöße, wenn die Nakingkleider gewaſchen wurden, ſchützte mich gegen Wind und Regen, und vertrat in der Nacht die Stelle des Bettes. Die Verpflegung in Eſſen und Trinken konnte ich nicht beſſer wünſchen; denn der Kapitän, ohnehin an einen guten Tiſch gewöhnt, ſchonte die Vorräthe jetzt um ſo weniger, da er ſeinen Freund Fedderſen zum Tiſchgenoſſen hatte. An geſelliger Unterhaltung fehlte es eben ſo wenig. Es herrſchte unter den Paſſagieren, lauter jungen Künſtlern aus Livorno und Genua, nicht nur die größte Artigkeit, ſondern auch viel Lebhaftigkeit und gute Laune. Bald wurden Conzerte und Theaterſtücke aufgeführt, bald erzählte man luſtige Ge⸗ ſchichten oder vertrieb ſich die Zeit durch mancherlei Spiele. Auch gewährte mir der Umgang mit Herrn Brand eine ſehr angenehme Unterhaltung. Er war ein Mann von vortrefflicher Denkart, und ſchien nur einen Fehler zu beſitzen, nämlich den, daß er immer von ſich ſelbſt erzählte. Dadurch konnte jedoch Niemand ſich beleidigt finden; denn ſeine Lebensgeſchichte war ſo ungewöhnlich und ſo anziehend, daß ſie Jeder mit Vergnügen hörte. Ich würde nicht anſtehen, dieſelbe meinen Leſern mitzutheilen, wenn nicht der Zuſammenhang der vielen Begebenheiten meinem Gedächtniſſe entfallen wäre, 7 ſich ein heftig 124 Unter ſolchen Umſtänden verſtrich ein Tag nach dem andern, und wir rückten der amerikaniſchen Küſte mit ſchnellen Schritten näher, ohne daß un⸗ ſere Hoffnung, auf ein nach Europa gehendes Schiff zu ſtoßen, in Erfül⸗ lung ging. Am 13. Auguſt näherten wir uns den Sandbänken von New⸗Foundland. Der Himmel hüllte ſich, was in der dortigen Gegend faſt immer der Fall iſt, in düſtere, ſchwere Wolken, die ſich auf das Meer zu ſtützen ſchienen. Dieſen traurigen Anblick verſchlimmerte noch das melancholiſche Geſchrei der Möven, welche in großen Schaaren über den Wellen herumflatterten, um auf die Fiſche Jagd zu machen, womit die Gewäſſer um New⸗Foundland ſo reichlich ver⸗ ſehen ſind. Gegen Abend wurde das Senkblei geworfen. Es zeigte eine Waſſertiefe von 19 Klaftern und brachte, weil man es an ſeinem ſchwerſten Ende uit Licht⸗ talg beſchmiert hatte, Beſtandtheile des Meeres herauf, welche aus einem grün⸗ lichen, in Schlamm gehüllten Sande beſtanden. Da jede Gegend der New⸗ Foundländiſchen Bänke, ſowohl in Rückſicht der Tiefe des Waſſers, als auch der Beſtandtheile des Bodens, ihre beſondere Beſchaffenheit hat, ſo urtheilte man aus den Anzeigen des Senkbleies, daß wir uns am ſüdlichen Ende der großen Bank befänden, was auch mit den übrigen Berechnungen genau über⸗ einſtimmte. Auf dringendes Verlangen des Herrn Fedderſen wurde beſchloſſen, in dieſer Gegend eine Zeit lang zu verweilen, da es höchſt wahrſcheinlich war, daß man daſelbſt ein nach Europa fahrendes Schiff antreffen würde. Denn ſie iſt beſtändig der Sammelplatz europäiſcher Fiſcher, ſo wie ſie überdieß von den nach Europa zurückkehrenden Weſtindienfahrern berührt wird, weil dieſe aus dem Golf von Mexico längs der Küſte bis hierher kommen, um dann queer über den Ocean zu ſteuern. Wir kreuzten drei Tage; aber war es Mißgeſchick, das alle Schiffe von uns entfernt hielt, oder war es das trübe Wetter, welches uns verhinderte ſie zu entdecken, kurz, wir ſtießen blos auf zwei, die nach den Kanarſichen⸗Inſeln gingen. Endlich erklärte Brand ſeinem Freunde Fedderſen, daß er die Reiſe nicht länger verzögern könne, da ſie zumal ihrem Ende ſo nahe wäre, und daß derſelbe ſich's gefallen laſſen würde, ihn nach New⸗York zu begleiten, wo es an Gelegenheit, nach Hamburg oder Kopenhagen überzufahren nicht fehlen könnte. Fedderſen wußte dieſer billigen Vorſtellung nichts entgegenzuſetzen, und ſo gab er der Nothwendigkeit nach, den Weg nach New⸗York vollends mitzumachen. Das Sa iff trat hierauf ſeinen beſtimmten Lauf wieder an, und ließ, da ger Sidoſtwind erhob, New⸗Foundland in kurzem zurück. Schon 7 125 am andern Morgen umfing uns eine reinere Luft, die ſich, je weiter wir fuhren, immer mehr aushellte. Am 21. Auguſt erſchien Long⸗Island, oder die lange Inſel, hinter wel⸗ cher die Stadt New⸗York verborgen liegt; und mit der aufgehenden Sonne des nächſten Tages erblickten wir auch das feſte Land von New⸗Yerſey. Dieſer ganze Landſtrich, mit Ausnahme des Vorgebirges Neverſink, deſſen Höhe ſechs⸗ hundert Fuß über dem Meere beträgt, ſtellt eine ſehr einförmige, niedrige und ſandige Fläche dar. Er erhebt ſich nur allmählig nach den innern Gegenden zu, weßhalb man ihn in einer Entfernung von ſechs Seemeilen kaum entdecken kann. Eben ſo ſenkt ſich auch der Boden nach der See hin nur allmählig, und die Tiefe derſelben iſt in einer weiten Entfernung vom Lande noch ſehr be⸗ trächtlich. Nachmittags um zwei Uhr erreichten wir die äußere oder ſüdliche Bai von New⸗York, welche gewöhnlich als die Mündung des Hudſonfluſſes ange⸗ ſehen wird. Sie iſt im Süden von New⸗Yerſey, im Weſten von der Rariton⸗ Bai und im Norden von dem Staateneilande und der langen Inſel eingeſchloſ⸗ ſen. An der Seite von New⸗erſey befindet ſich ein von Stein gebauter Leuchtthurm, der hundert und ſechs Fuß hoch, und zehn Seemeilen weit zu ſehen iſt. Er ſteht auf einer kleinen Inſel, die vor Zeiten mit dem feſten Lande von New⸗York zuſammenhing, und wegen ihrer ſandigen Beſtandtheile den Namen„Sandy Hook d. i. ſandige Landſpitze“ führt. Bei dieſer Inſel muß man dicht vorbei fahren, um in die Bai zu gelangen. Denn obſchon dieſe dem Anſchein nach gegen Oſten ganz offen am Meere liegt, ſo hat ſie doch nur an der Seite von Sandy⸗Hook einen ſchiffbaren Eingang, weil von Long⸗Island nach Sandy⸗Hook hinüber eine Sandbank läuft, welche die Bai gegen das un⸗ geſtüme Eindringen des Meeres ſchützt. Es zieht ſich auch von der Staaten⸗ Inſel eine Bank nach New⸗Yerſey hinüber, ſo daß beide Bänke einen Kanal bilden, der nach der Meerenge zwiſchen dem Staaten⸗Eilande und der langen Inſel führt. Man hat beobachtet, daß es in der Bai keine von den ſchädlichen Würmern gibt, welche die Schiffe anfreſſen, ein Umſtand, der ihr große Vorzüge vor andern Gewäſſern ihres Erdtheils gibt. Die Geſtade derſel⸗ ben ſind anfänglich, wie die ganze äußere Küſte, meiſtens ſandig, aber die innern Gegenden des Landes verkündigen ſchon in der Ferne einen frucht⸗ baren Boden. War je ein Europäer beim erſten Anblick der neuen Welt begierig, die Gegenſtände derſelben in der Nähe zu betrachten, ſo war ich es in dem Augen⸗ blicke, wo das Schiff dem Eingang in die Bai ſich näherte. Ungeduldig ſah ich dem Zeitpunkt entgegen, der mich nach der berühmten Stadt Rew⸗York führen 126 würde, und das Schiff ſchien mir nicht ſchnell genug zu ſegeln, ob es ſchon mit Ungeſtüm durch die Wellen brauſte. Wir gelangten auch ſehr bald durch die ſüdliche Bai in die oben erwähnte Meerenge. Sie läuft von Süden nach Norden, und macht den Uebergang in die nördliche oder eigentliche New⸗York⸗Bai. Die Küſte des Staaten⸗Eilandes erhebt ſich hier zu mäßigen Bergen, welche damals allerdings noch mit hohen Tannen und vortrefflichen Pechkiefern bewaldet waren, jetzt aber den Anſegeln⸗ den ein wundervolles Panorama reizender Luſthäuſer und Gärten bieten. Sehr überraſchend iſt die plötzlich veränderte Geſtalt, worin Long-Island an dieſer Seite hervortritt. Vom Meere aus geſehen, ſcheint die Inſel nichts als eine Reihe wüſter Sandhügel zu ſein; aber längs der ganzen Küſte gegen das feſte Land hin, zeigt ſie die ſchönſte Abwechſelung von fruchtbaren Feldern, Wieſen, Gärten und Waldhügeln. Die Ufer in der Meerenge ſind ſteil und felſig, und haben einige kleine Buchten, worin ſich immer viele Boote befinden, vorzüglich Auſtern und Hummern zu fiſchen. Sobald man aus der Meerenge in die nördliche New⸗York⸗Bai kommt, öffnet ſich auf der weſtlichen Seite derſelben eine Ausſicht in die New⸗Ark⸗Bai, welche durch einen engen Kanal mit der erſten in Verbindung ſteht; aber bald ſieht man ſich von dem öſtlich hervorſpringenden New⸗Yerſey eingeſchloſſen, welches nordoſtwärts läuft und das rechte Ufer des Hudſon bildet. Dieſer Landſtrich iſt Anfangs niedrig und mit Sand bedeckt, erhebt ſich aber nach und nach und wird zu einem felſigen jetzt dicht beſiedelten Ufer. Letzteres iſt mit Auſterbänken umgeben, welchen ſich kleine Inſeln anſchließen, von denen einige die Fluth überſchwemmt. An der öſtlichen Seite der Bai zieht ſich Long⸗ Island, gegen Oſten zu etwas eingebogen, ebenfalls nordoſtwärts hin, und bildet dann das linke Ufer des Hudſonfluſſes. Dieſe Inſel gewinnt, je näher man der Stadt New⸗York kommt, immer mehr an Fruchtbarkeit und Anmuth, und enthält eine Menge hübſcher Städtchen und Landgüter. Die Küſte derſel⸗ ben hat viele Buchten für kleine Fahrzeuge, iſt aber, wie die von New⸗Yerſey, mit Bänken und Inſeln verbollwerkt, was den Spielraum der Schiffe be⸗ ſchränkt, die Ruhe des Waſſers hingegen ungemein befördert. Faſt im Mittel⸗ punkte des Fahrwaſſers liegt eine Inſel, welche Staten⸗Island heißt. Es be⸗ findet ſich hier eine Quarantäne⸗Anſtalt. Auch hat man daſelbſt eine Feſtung angelegt, welche die ganze Bai beſtreicht, aber von den Hügeln auf Long⸗ Island beſchoſſen werden kann. Sie war zur Zeit meines dortigen Aufenthalts die einzige Schutzwehr der Stadt New⸗York. Im Hintergrunde der Bai er⸗ ſcheint endlich das Eiland Manhattan, oder jetzt gewöhnlich die New⸗York⸗In⸗ ſel genannt, welche, ſchmal und lang geſtaltet, von Süden nach Norden den 127 Hudſon hinauf läuft, und denſelben in zwei Arme theilt. Der linke Arm heißt der Oſt und der rechte, wiewohl er den Namen Weſt führen ſollte, der Nord. An dem ſüdlichen Ende dieſer Inſel, deſſen Entfernung vom Meere acht See⸗ meilen beträgt, zeigt ſich die Stadt New⸗York in ihrer ganzen Größe. Sie liegt frei und offen, und hat die Form eines länglichen Dreiecks, an deſſen ſüdlicher Spitze die Flüſſe Oſt und Nord ſich mit einander vereinigen. Im Süden liegt ſie niedrig, erhebt ſich aber im Norden auf mehren Hügeln. Uebrigens hat ihr Aeußeres ganz das Anſehen einer großen, prächtigen, leb⸗ haften und reichen Handelſtadt, und entſpricht dem hohen Range, den ſie unter ihren nordamerikaniſchen Mitſchweſtern behauptet. Kirchen und Paläſte wech⸗ ſeln mit niedlichen Backſteinhäuſern. Längs der Waſſerſeite ziehen ſich Waa⸗ renlager, Schiffwerften, ſchöne Kaien, Docken und herausgebaute Schiff⸗ länden hin. Das bunte Gewühl von Menſchen und Fuhrwerk, das man auf den Kaien und in den angränzenden Straßen erblickt, verkündigt die große, faſt mit jedem Tag anwachſende Volksmenge, die jetzt mehr als 250,000 Seelen zählt. Der Hafen von New⸗York umfaßt den ganzen, zwiſchen der Stadt und dem Staten⸗Eilande befindlichen Raum. Dabei iſt er ziemlich frei von Klippen und Untiefen, und durch die davor liegenden Inſeln gegen Stürme völlig ge⸗ ſichert; auch hat er den Vorzug, daß er, wegen der reißenden Schnelligkeit des Oſtfluſſes, ſelbſt bei der ſtrengſten Winterkälte ſelten überfriert. Die Zahl der Seeſchiffe, die man hier auf einmal verſammelt findet, beläuft ſich gewöhnlich auf zwei bis vier hundert; unüberſehbar aber iſt der Schwarm der Küſtenfahrer und beſonders der Fahrzeuge, welche den Hudſon beſchiffen. Wir langten Abends um ſechs Uhr im Hafen an, und gingen nicht weit vom Südoſtende der Stadt vor Anker. Bald nach unſerer Ankunft im Hafen von New⸗York begaben ſich, wie es gewöhnlich zu geſchehen pflegt, die ſämmtlichen Paſſagiere nach dem Staten⸗ Eilande, um in der daſelbſt befindlichen Quarantäne⸗Anſtalt die Zeit des damals gerade dort herrſchenden gelben Fiebers abzuwarten. Herr Fedderſen zog unterdeſſen die Nachricht ein, daß ſich im Hafen eine nach Kopenhagen be⸗ ſtimmte däniſche Brig aufhielt. Sie hatte im vorigen Jahr die Reiſe nach Archangel mit uns gemacht, und der Kapitän derſelben war ein vertrauter Freund von Fedderſen. Letzterer ſäumte daher nicht ſich zu ihm zu begeben; er wirkte für ſich und ſeine Angehörigen die Ueberfahrt nach Kopenhagen aus, und kehrte ſpät am Abend mit dem Entſchluſſe zurück, ſich unverzüglich auf der Brig einzuſchiffen, wiewohl ſie erſt in drei Wochen abſegeln ſollte. Es ſtand allerdings zu fürchten, daß wir in einer ſolchen Nähe von der Stadt, als wir 128 uns gegenwärtig auf dem amerikaniſchen Schiffe befanden, dem gelben Fieber nicht entgehen würden, da es ankommende Europäer ſchnell befallen ſoll. Da⸗ gegen hatte ſich auf Staten-Eiland, wo das däniſche Schiff vor Anker lag, noch keine Spur vom Fieber gezeigt, und man ſchien daſelbſt außer aller Ge⸗ fahr zu ſein. Der Ausführung dieſes Entſchluſſes widerſetzte ſich jedoch der Kapitän Brand aus allen Kräften, weil er ſich von ſeinem Freunde nicht ſo plötzlich trennen wollte. Zwar hielt er eine baldige Entfernung von der Stadt eben⸗ falls für nothwendig, that uns aber den Vorſchlag, ihn zu ſeiner Familie, die auf einem Landgute in New⸗Yerſey wohnte, zu begleiten, und verſprach ſchon folgenden Tages die Reiſe mit uns anzutreten. Die von Fedderſen vorgebrach⸗ ten Gegengründe wußte er bald zu widerlegen, und ſo wurde ſein freundlicher Vorſchlag angenommen. Indeſſen wäre die Sache am nächſten Morgen beinahe wieder zurückge⸗ gangen, als wir erwogen, daß unſer Anzug nicht von der Art ſei, an Lande damit erſcheinen zu können, und daß wir uns daher in der Stadt mit Kleidern und Wäſche verſehen müßten, wogegen Fedderſen großen Widerwillen bezeigte. Deſſen ungeachtet wurde dieſer Entſchluß gefaßt, und wir beſtiegen das Boot. Herr Brand, der uns begleitete, ſteuerte dasſelbe den Oſtfluß hinauf, über welchen ein friſcher Oſtwind nach der Stadt wehte; denn man muß ſich einem angeſteckten Orte immer von der Seite nähern, von welcher der Wind ihn be⸗ ſtreicht, weil man auf der entgegengeſetzten die ungeſunden, vom Winde zuge⸗ führten Dünſte einathmen würde. Wir fuhren bis zum Nordoſtende der Stadt, welches, weil es auf ſteilen, von den Seewinden beherrſchten Hügeln liegt, den Ruf einer vorzüglichen Geſundheit hat. Wir eilten über den Kai in die gegenüber liegende breite Straße, welche ſteil aufwärts führt. Die Straße hat ein gutes Pflaſter und an beiden Seiten erhöhte Fußwege von Flurziegeln. Die Häuſer ſind mit Nummern bezeichnet, und an jedem zweiten oder dritten befindet ſich zur nächtlichen Erleuchtung eine Lampe. Man erbaut ſie durchgängig von Backſteinen, und zwar in dem neuern engliſchen Geſchmack. Denn obſchon viele Einwohner von den Holländern, welche die Stadt zuerſt anlegten und Neu⸗Amſterdam nannten, ſo wie von an⸗ dern Nationen abſtammen, ſo hat man doch ſeit langer Zeit die Sprache und mit ihr die Sitten der Engländer allgemein angenommen. Ueberdieß wird auch das ganze Aeußere der Häuſer, d. h. ihre Mauern, Thüren, Fenſter, auf engliſche Weiſe gehalten; ſie haben alle das Anſehen, als hätte man ſie am Tage zuvor angeſtrichen. Ich ſah nur ein einziges altes Gebäude, das an die erſten Erbauer von New⸗York erinnert; doch ſoll es in andern Theilen der 129 Stadt noch manche dergleichen holländiſche Ueberbleibſel geben. Die Dächer ſind größtentheils mit Ziegeln, einige aber mit Schiefer gedeckt. Obgleich meine Bekanntſchaft mit New⸗York ſich nur auf einen flüchtigen Durchmarſch durch eine einzige Straße beſchränkte, ſo ſah ich doch bei der Ge⸗ legenheit ſo viel, daß ich auf die gefällige Einrichtung im Innern der Häuſer einen Schluß machen konnte. Dieß waren zwei oder drei Fleiſchläden. Die Oerter, wo Fleiſch verkauft wird, pflegen in den meiſten Ländern, ſelbſt in denjenigen, wo man im Ganzen auf Reinlichkeit ſieht, ein nicht ſehr einladen⸗ des, oft ſogar Ekel erregendes Anſehen zu haben; aber die Fleiſchläden in New⸗York gewähren, wie die in den großen Städten von England, einen eben ſo gefälligen Anblick, als in Deutſchland die Conditoreien. In einem reinlichen, ſchön eingerichteten Zimmer, ſtehen große mit weißen Tüchern bedeckte Tafeln. Auf dieſe wird das Fleiſch in Schüſſeln von Steingut oder Zinn geſetzt. Es iſt in viereckige Stücke von jeder Größe, und zwar da, wo Knochen vorhanden ſind, mit einer feinen Säge zerſchnitten, iſt von allem Blute gereinigt, und hat überhaupt ein ſo ſauberes Anſehen, als wenn es aus Wachs gemacht wäre. Hinter den Tafeln ſteht eine zierlich angeputzte Dame— des Fleiſchers Frau, — welche ihre Waare mit dem beßten Anſtande verkauft, indem ſie dieſelbe beim Vorzeigen oder Wägen nie mit den Fingern berührt, ſondern ſich immer einer Gabel dazu bedient. Die Lebhaftigkeit auf der Straße verrieth nichts weniger, als die Schrecken des gelben Fiebers; dieſer Theil der Stadt war aber auch völlig davon ver⸗ ſchont geblieben. Alle Leute, die ich ſah, trugen feine Kleider, und Niemand zeigte durch ſein Aeußeres etwas von dem Elende, das man in den großen europäiſchen Städten ſo häufig gewahrt. Nothleidende Arme ſoll es übrigens in New⸗York, wie überhaupt in allen großen Städten, in großer Anzahl geben, und beſonders ſoll in den letzten Jahren das Elend in den Hafen⸗ ſtädten, wo eine Unmaſſe von Auswanderern zuſammenſtrömte und nicht einmal um die Koſt Arbeit bekommen konnte, oft ſeinen höchſten Grad er⸗ reicht haben. 1 Als wir das Ende der Straße erreichten, befanden wir uns auf einer Anhöhe, die einen Marktplatz bildet. Hier öffnet ſich eine herrliche Ausſicht auf die Inſeln der Bai und auf die Ufer jenſeit der Flüſſe Oſt und Nord, beſon⸗ ders auch auf das reizende Long⸗Island und den nördlichen gebirgigen Theil der New⸗York⸗Inſel. Der Kapitän Brand führte uns in das zunächſt ſtehende Haus, wo ſich ein Kleiderladen befand, der einen Vorrath von vielleicht mehr als tauſend fer⸗ tigen Kleidungſtücken enthielt. Jeder von uns ſuchte ſich ein Paar paſſende 9 Richter's Reiſen. I. 130 Anzüge aus und bekam ſie um denſelben Preis, wie in England, obſchon das Zeug dazu von dorther bezogen war. Hierauf begaben wir uns ſogleich auf den Weg nach dem Schiffe, was mich im Stillen etwas mißvergnügt machte; denn meine jugendliche Neugierde, die Merkwürdigkeiten und Schönheiten New⸗Yorks zu ſehen, war in dieſem Augen⸗ blick ſo rege, daß ich das gelbe Fieber ganz vergaß und getroſt die Stadt durch⸗ wandert hätte, wäre ich nicht zum Glück von dem Willen eines ältern, kaltblü⸗ tigern und weiſern Mannes, als ich war, abhängig geweſen. Wir waren beim Eintritt in den Kleiderladen einem heraus kommenden Schwarme Matroſen begegnet, die ſich Kleider und Hüte nach der neueſten Mode gekauft hatten, um, wie ſie ſagten, einige Tage die Herren zu ſpielen. Auf dem Kai begegneten wir ihnen wieder. Sie hatten ſich bereits in ihren neuen Staat geworfen, und beſtiegen ſo eben, mit lautem Jubel und zum Theil mit Rumflaſchen in der Hand, einige ſchöne Miethkutſchen, um ſpazieren zu fahren. Dieſe Maskerade— ſo möchte ich ihren Aufzug nennen, gewährte mir nicht wenig Vergnügen; denn nichts iſt drolliger, als ein Matroſe in der Klei⸗ dung feiner Herrn. Die vielen Sonderbarkeiten ſeines Betragens, welche, ſo lange man ihn in der Schiffertracht ſieht, nicht auffallen, treten alsdann in den grellſten Farben hervor, und kurz, er ſpielt eine Figur, die den Zweck zu haben ſcheint, die Stutzer lächerlich zu machen. Man denke ſich ihn, wenn er in einem ſolchen Anzuge auf der Straße wie ein muthwilliger Knabe herum rennt und ſpringt, ſeinen Bekannten mit einer Stentorſtimme zuſchreit, mit jedem Vor⸗ übergehenden ſcherzt, alle ſeine Worte mit Flüchen bekräftigt, oder, weil er ge⸗ wohnt iſt, Jedermann hülfreiche Hand zu leiſten, gelegentlich den Arbeitern ihre Laſten aufheben und fortſchaffen hilft; man denke ſich ihn, wie er aus einem Wirthshauſe in das andere taumelt, wo er ſich bis zum Uebermaße be⸗ trinkt, ſich oft blutig ſchlägt, die Kleider vom Leibe reißt, und unter Tiſchen und Stühlen oder wohl gar auf der Straße herumwälzt,— und män wird geſtehen, daß ein ſolches Betragen mit den Sitten der feinen Welt den lächer⸗ lichſten Abſtand bildet. Dergleichen Auftritte erregen jedoch in den amerikani⸗ ſchen Seeſtädten wenig Aufſehen; denn die dortigen Matroſen übertreffen in ihrem Hange zur Verſchwendung und Ausſchweifung ſelbſt die engliſchen, und es iſt nichts Seltenes, daß einer in drei oder vier Tagen einige hundert Dol⸗ lars(Piaſter) durchbringt. Reiſe durch New⸗Yerſey. Deſſen Boden, Sitten und Eigenthümlichkeiten. Der Kapitän Brand hatte, wegen dringender Geſchäfte, noch einige Zeit länger, als wir, in der Stadt verweilt. Gegen zehn Uhr Morgens kam er auf das Schiff zurück, übergab dasſelbe der Aufſicht eines Freundes, und lud uns hierauf ein, das Boot zu beſteigen, die beſchloſſene Reiſe anzutreten. Wir fuhren über den Nordfluß nach den Ufern der Grafſchaft Bergen in New⸗Yerſey, und landeten bei dem Städtchen Powles⸗Hook, das der Stadt New⸗York gegenüber liegt.. Bevor ich jedoch in der Beſchreibung meiner Reiſe fortfahre, will ich einige allgemeine Bemerkungen über New⸗Yerſey, und beſonders über die Grafſchaft Bergen voran ſchicken. Die Grafſchaft Bergen ſoll, wie verſchiedene Einwohner mich verſicherten, ihren Namen von einigen Norwegern, welche ſich unter den Erbauern der darin gelegenen Stadt gleiches Namens befanden, erhalten haben. Wahrſcheinlicher iſt es aber, daß ſie von den Holländern, zum Andenken ihrer vaterländiſchen Stadt, Bergen op Zoom, ſo genannt wurde. Die Gränzen der Grafſchaft hat man im Jahr 1709 feſtgeſetzt. Im Oſten ſcheidet ſie der Hudſonfluß von der New⸗Yorkinſel und der Grafſchaft Weſt⸗Cheſter, ſo wie ſüdlich die New⸗Ark⸗ Bai vom Staaten⸗Eilande. Im Weſten trennen ſie die Flüſſe Paſſaick und Pequannock von den Grafſchaften Eſſex und Morris, und die Graſfſchaft Orange macht die nördliche Grenze. Der Flächeninhalt beträgt ſechzehn geo⸗ graphiſche Quadratmeilen. Dieſer Landſtrich war zur Zeit, als er den Europäern bekannt wurde, der Wohnſitz mehrer indianiſcher Stämme, worunter die Manhikans oder Mo⸗ hegans, die Matowankans, Munſey's und andere genannt werden. Man weiß von ihnen nichts, als daß ſie weniger wild als die inländiſchen Indianer waren. Sie verkauften nach und nach ihre Ländereien an die Holländer, und zogen ſich tiefer in das Land. Die wenigen unter den Europäern zurückgeblie⸗ nen ſtarben in kurzem aus; die letzten von dieſen, welche in der Gegend von Schralenburg lebten und einen ziemlichen Grad ſittlicher Bildung angenommen hatten, ſtarben zu Ende des vorigen Jahrhunderts. Die erſten europäiſchen Koloniſten waren Holländer, welche den Landſtrich am Hudſon, wo nicht zuerſt entdeckten, doch wenigſtens aus Handelsabſichten beſchifften. Sie ließen ſich eine geraume Zeit, nachdem ſie die Stadt Neu⸗Amſterdam(New⸗York) ange⸗ legt hatten, auch auf New⸗Yerſey oder, wie ſie es nannten, Neu⸗Niederland 9*⁴ 132 nieder. Als aber der Staat New⸗Yerſey unter die Herrſchaft der Engländer kam, ſetzten ſich auch viele von dieſer Nation unter ihnen feſt. Späterhin ſiedelten ſich einzelne Deutſche in Bergen an; auch wendeten ſich einige Nachkommen von der ſchwediſchen Kolonie am Delaware, welche früher mit den Holländern um den Beſitz von New⸗Yerſey ſtritten, nach dieſer Graſfſchaft. Man ſieht hieraus, daß die Einwohner ſehr gemiſcht ſind; und es würde unmöglich ſein, dieſe zuſammengeſetzte Volksmaſſe in einem einzigen Gemälde zu ſchildern. Die Holländer, Engländer, Deutſchen, Schweden brachten ihre Sitten mit hierher, behielten viele bei, vertauſchten aber auch manche mit denen ihrer Nachbarn. In neuerer Zeit haben aber doch die Amerikaner, trotzdem daß ſich auch ſehr viele Deutſche hier niedergelaſſen, in Zahl die Ueberhand gewon⸗ nen, und der Ort iſt völlig amerikaniſirt worden. Die Grafſchaft Bergen hat in ihren ſüdlichſten Gegenden viel niedriges Marſchland, welches zum Theil von der Fluth überſchwemmt wird. Aber ſchon bei Powles⸗Hook erhebt ſich nach Norden hin der Boden, und wird zu einem Hochlande, welches eine angenehme Abwechſelung von Hügeln und Thälern dar⸗ bietet. Der Boden iſt zwar überall etwas ſteinig, und auf den Hügeln mit Kalkfelſen vermiſcht, dennoch aber ziemlich fruchtbar und zum Getreidebau ſehr geeignet. Das Hauptprodukt des Landes beſteht in Weizen, den es in großem Ueber⸗ fluſſe und von der beßten Beſchaffenheit hervorbringt. Er wird über New⸗ York häufig ausgeführt; Roggen und Mais werden ebenfalls in Menge ge⸗ baut. Letzterer, welcher die einzige einheimiſche Getreideart iſt, kommt in den un⸗ fruchtbarſten Gegenden, wo ſonſt kein Getreide wächſt, vortrefflich fort, und treibt daſelbſt einen Stängel von acht bis zehn Fuß Höhe. Sowohl der Roggen als der Mais geben ein ſehr gutes feines Brod, und machen, nebſt dem Weizen, die gewöhnliche Nahrung der Einwohner aus, obſchon die holländiſchen Kolo⸗ niſten am meiſten vom Roggen, die engliſchen hingegen vom Weizen Gebrauch machen. Der Mais wird, nächſt dem Hafer, auch zur Fütterung der Pferde verwendet, und die Stängel des erſtern ſind für dieſe Thiere ein angenehmeres Futter, als Gras und Heu. Hafer baut man ſeit einiger Zeit in den gebirgigen Gegenden häufig, doch ſelten in größerer Menge, als ſich in der Nähe abſetzen läßt, weil er einen zu geringen Werth hat, um ihn weit zu verführen. Die Gerſte gedeiht unter allen europäiſchen Getreidearten am beßten, und ſteht auch, weil ſie in den Brauereien zu New⸗York ſtarken Abſatz findet, verhältnißmäßig in einem höhern Preiſe als der Weizen. Buchweizen wird allenthalben erzeugt. Holländer und Amerikaner benutzen ihn zu mancherlei Backwerk; übrigens aber dient er hauptſächlich zum Futter für die Schweine und das Federvieh. Hülſen⸗ 133 früchte werden nicht ſo viel gebaut, um ſo mehr aber haben ſich die Einwohner bemüht, den Anbau von Flachs und Hanf empor zu bringen; und ſie ſind darin ſo glücklich geweſen, daß ſie nicht nur die Einfuhr dieſer Artikel entbehren, ſondern auch viel Samen davon ausführen können. Die Felder ſind, um das Vieh davon abzuhalten, mit Zäunen(Fenzen) umgeben. Dieſe beſtehen aus Pfählen, die ſich in einer gewiſſen Entfernung von einander befinden, und Löcher haben, durch welche Stangen geſteckt ſind. Ihre Höhe beträgt meiſtens acht Fuß. Man nimmt gewöhnlich Eichen⸗ oder Kaſtanienholz dazu, und ſie dauern bei einer ſorgfältigen Unterhaltung etwa dreißig Jahre. Bei jedem Landgute liegt ein Obſt⸗ und Küchengarten von großem Um⸗ fange. Hier ſieht man ganze Wäldchen von Aepfel⸗ und Pfirſichbäumen. Der Ueberfluß an Aepfeln— wovon man beſonders zwei Arten ſchätzt, den New⸗ Ark⸗Pippin und den grünen Jerſey,— wird zur Verfertigung von Cider ver⸗ wendet, weßhalb jede Wirthſchaft ihre eigene Preſſe beſitzt. Der hieſige Obſt⸗ wein, welcher in großer Menge gewonnen wird, hat den Ruf, der beßte in ganz Amerika zu ſein, obſchon er dem in Frankreich bereiteten an Güte nachſteht. Die Pfirſichbäume zieht man aus Kernen, ohne ſie zu pfropfen oder zu beſchneiden; ſie wachſen ſehr hochſtämmig und tragen ſchon im vierten Jahre. Es gibt ver⸗ ſchiedene Sorten von Pfirſichen, frühe und ſpäte, ovale und runde, mit weißem, rothem und gelbem Fleiſche, das vom Kern ſich löſen und nicht löſen läßt. Alle ſind indeſſen größer, als unſere Weinpfirſichen; auch haben ſie mehr Saft und einen noch lieblichern Geſchmack als dieſe. Obſchon die Pfirſichbäume in harten Wintern ſehr viel durch die Kälte leiden, ſo werden im Ganzen doch immer ſo viel Früchte davon gewonnen, daß man nicht nur viel Branntwein daraus ab⸗ zieht, ſondern auch die Schweine damit zu mäſten pflegt. Die Aepfel⸗ und Pfirſichbäume werden zuweilen um die Felder geſetzt, was den Reiſenden, da ihnen der Genuß von den Früchten derſelben frei ſteht, ſehr zu Statten kommt. Schöne Kirſchen, Birnen, Aprikoſen, Miſpeln, Wallnüſſe und Kaſtanien zieht man häufig; gute Pflaumen aber gehören zu den Seltenheiten. Seit einiger Zeit ſind hin und wieder auch Maulbeerbäume, und zwar mit gutem Erfolg, angepflanzt worden. An Küchengewächſen aller Art iſt die Grafſchaft Bergen ſo reich, als ir⸗ gend eine Gegend in Europa; und ob ſie ſchon meiſtens aus Holland und Eng⸗ land abſtammen, ſo erreichen ſie doch eine weit größere Vollkommenheit, als in dieſen Ländern. Ganz vorzüglich gedeihen alle Arten Melonen; Waſſermelonen erzeugt man auch auf den Feldern, wo ſie, wie in Italien, den dürſtenden Ar⸗ beitern zur Erquickung dienen. Kartoffeln, welche hier von der beßten Be⸗ 134 ſchaffenheit ſind, werden ſowohl in Gärten als auf Aeckern gebaut. Dieß iſt auch der Fall mit verſchiedenen Arten von Kürbiſſen, und unter andern auch mit Flaſchenkürbiſſen; letztere dienen jedoch nur zu Geſchirren. Erbſen erbaut man ſehr wenig, weil dieſer Frucht gewiſſe amerikaniſche Inſekten ſehr ſchäd⸗ lich ſind. Die Viehzucht wird, wie ich ſchon erwähnt habe, ſehr ſtark getrieben. Die aus Holland abſtammenden Einwohner ziehen ſehr ſchöne Rinder, indem ſie die Wieſen in den Thälern ſehr gut zu bewäſſern und einen üppigen Graswuchs hervorzubringen wiſſen. Ueberdem halten ſie ihr Vieh(wie auch die dort an⸗ ſäſſigen Deutſchen zu thun pflegen) den Winter über in Ställen, und warten es ſorgfältig ab. Dieß geſchieht jedoch, ohne dabei an die Vermehrung und Benutzung des Miſtes zu denken. Weniger Sorgfalt wenden die Amerikaner auf die Zucht ihres Rindviehes, und laſſen es, wo das irgend angeht, Winter wie Sommer unter freiem Himmel herumlaufen. Von Pferden hält man zwei Arten. Die eine, welche ſich in ganz Nordamerika findet, iſt klein, aber ſehr muthig und ausdauernd; man bedient ſich derſelben allgemein zum Fahren und, nebſt den Ochſen, zum Pflügen. Die andere Art, wovon man Reitpferde zieht, gehört zum Geſchlechte der großen engliſchen, deren vaterländiſche gute Eigen⸗ ſchaften dadurch erhalten werden, daß man von Zeit zu Zeit Hengſte zur Fort⸗ zucht aus England kommen läßt. Beide Arten Pferde machen einen wichtigen Gegenſtand der Ausfuhr aus. Die Schafzucht iſt ſehr beträchtlich, doch bedarf ſie noch mancher Verbeſſerung. Die Schweine gedeihen, wie im übrigen New⸗ Yerſey, vortrefflich, ob ſie ſchon, gleich den übrigen zahmen Thieren, oft im ſtrengſten Winter unter freiem Himmel gehalten werden. Die Schinken ver⸗ ſendet man häufig nach den Antillen und allen Theilen von Amerika, wo ſie, wie alle diejenigen, welche von New⸗Yerſey kommen, unter dem Namen„Bur⸗ lingtoner“ berühmt ſind. Ziegen werden faſt nirgends gehalten. Die Ader⸗ vieh⸗ und Bienenzucht iſt ſehr anſehnlich. Man pflegt zu ſagen, daß die Küſtenländer der vereinigten Stuaten ſchon faſt gänzlich von Holzung entblößt ſind. Allein dieſe Behauptung kann ent⸗ weder nur aus dem Munde eines Amerikaners kommen, welcher gewohnt iſt, zwiſchen Wäldern zu wohnen, oder ſie kann von Europäern nur in ſo fern auf⸗ geſtellt werden, als ſie das angebautere Küſtenland mit den fortlaufen den Wal⸗ dungen im Innern vergleichen. Der Europäer, deſſen Auge an große Flächen von Aeckern, Wieſen und Auen gewöhnt iſt, wird beim erſten Eintritt in die onordamerikaniſchen Freiſtaaten, ſelbſt die Küſtenländer, wo die Wälder am meiſten abgenommen haben, gewiß für ſehr holzreich halten. Denn noch immer wechſeln Städte, Dörfer, Meierhöfe und angebautes Land mit Waldungen von 7 beträchtlichem Umfange ab. Dies findet man auch in der Grafſchaft Bergen. Am Ufer des Hudſon ſteht noch ungemein viel Wald, und überhaupt ſind die Hölzer nur in der Nähe großer Städte ſo gelichtet, daß man wirklich für dieſe Stellen einmal einen ſpäteren Holzmangel befürchten könnte. Im Innern ſelbſt wird es noch ebenſo verwüſtet, wie vor hundert Jahren. Gegenwärtig iſt man in der Grafſchaft Bergen, ſowie in ganz New⸗Yerſey, ſorgfältig bemüht, die noch vorhandene Waldung zu erhalten. Ja, man hat ſchon ſeit langer Zeit an⸗ gefangen, in Gegenden, wo Mangel an Holz eingeriſſen war, dergleichen von neuem anzupflanzen. Bei aller dieſer Vorſicht behauptet ſich aber doch noch hin und wieder die ſchädliche Gewohnheit, das Unterholz(dünnes Reisholz) in den Wäldern abzubrennen, um dadurch dem Viehe Zugang zu ſeinem Futter zu verſchaffen. Die Holzarten ſind in New⸗Yerſey dieſelben, wie in den übrigen nord⸗ amerikaniſchen Staaten, und außerordentlich mannichfaltig. Weit entfernt, ein vollſtändiges Verzeichniß von den Waldbäumen dieſes Theils Amerikas liefern zu wollen, führe ich nur diejenigen Gattungen an, welche mir während meines kurzen Aufenthalts in derſelben vorgekommen ſind. Dahin gehören Eichen, Ulmen, Tannen, Fichten, Eſchen, Buchen, Eſpen, virginiſche Pappeln, Acacien, wilde Aepfel⸗, Pflaumen⸗, Kaſtanien⸗ und Wallnußbäume, Tulpen⸗, Saſſa⸗ fraß⸗, Storax⸗ und Sumachbäume; ferner ſah ich viele ſchöne Zedern und Zypreſſen, wovon die erſtern an den felſigen Ufern des Hudſon, und die letz⸗ tern in den ſüdlichern ſumpfigen Gegenden wachſen. Hierbei iſt zu bemerken, daß die Grafſchaft Bergen, ſowie das ganze nördliche New⸗Yerſey, ungleich mehr Laub⸗ als Nadelholz hervorbringt, obſchon im ſüdlichen ſandigen Theile dieſes Staats der umgekehrte Fall Statt finden ſoll. Auch muß ich hinzufügen, daß die angegebenen Baumgattungen wieder in viele beſondere Arten zerfallen, und daß allein die der Wallnußbäume den Naturforſcher eine geraume Zeit be⸗ ſchäftigen würden, ihre Unterſcheidungszeichen genau anzugeben. An Stauden und Sträuchern iſt vor Zeiten ebenfalls eine große Mannich⸗ faltigkeit vorhanden geweſen; aber die ſchädliche Gewohnheit, das Unterholz abzubrennen, hat ſie ſchon ziemlich vermindert. Doch wurden das nordameri⸗ kaniſche Lederholz, der Wachsſtrauch, die Himbeer⸗, Brombeer⸗ und Johannis⸗ beerſträucher, ſowie die wilden Weinreben verſchont. Sehr häufig findet man auch Heidel⸗, Moos⸗ und Erdbeeren. Von dem großen Reichthum an Pflanzen bemerke ich beſonders die Lungen⸗ und die Rennthierflechte, den wilden Hafer, Spargel, Kerbel, Fenchel und Anis, die wilde Münze, Meliſſe, Raute, Salbei und eine Art von Senf, ſowie die faſt über den ganzen Erdboden verbreitete Schafgarbe. Der Ginſeng, die ſyriſche 7. 136 Seidenpflanze und das pariſiſche Hexenkraut, welches eine ſchöne gelbe Farbe gibt, ſind ebenfalls ſehr gemein. Der virginiſche Ehrenpreis, deſſen man ſich in Amerika als eines abführenden Mittels bedient, wird oft gefunden. Unter den giftigen Pflanzen iſt mir der Schierling und die ſchwarzrothe oder giftige Angelike vorgekommen. Die Klapperſchlangenwurzel und die Collinſonia ſah ich ſehr häufig; letztere wird gegen mancherlei Krankheiten, beſonders aber gegen den Biß der Klapperſchlange mit gutem Erfolg angewandt. Ebenſo wer⸗ den verſchiedene Arten des Habichtkrautes, welche man gegen den Biß giftiger Schlangen empfiehlt, überall angetroffen. Es gibt auch noch viele andere Ge⸗ wächſe, wovon die Einwohner gegen den Biß giftiger Thiere Gebrauch zu machen, und auch ſonſt, in wirthſchaftlicher und arzneilicher Hinſicht, Nutzen zu ziehen wiſſen. Von wilden Blumen findet man faſt alle in Europa vorkommende Arten. Die Kamille, die Schneeroſe, Sternblume, Goldruthe und Sonnenblume ſind ſehr gemein. Kornblumen und Klapperroſen, die ſteten Gefährten der europäi⸗ ſchen Getreidearten, haben ſich auch ſchon ſehr vermehrt. An nützlichen Mineralien bringt die Grafſchaft Bergen Mühl⸗, Schleif⸗ und Kalkſteine, ſowie Schiefer und Steinkohlen hervor, welche letztere jedoch bis jetzt nur wenig benutzt worden ſind. Auch findet man verſchiedene Thon⸗ arten, woraus rothe und weiße Töpferwaare gemacht wird. Der vorzüglichſte Reichthum des Landes beſteht in Eiſen und Kupfer; beſonders iſt das erſtere in ſo großem Ueberfluſſe da, daß die Feldarbeiter oft große Klumpen Eiſenerz auf der Oberfläche gefunden haben. Die wilden vierfüßigen Thiere ſind außerordentlich vermindert worden, und zum Theil gänzlich verſchwunden. Hierher gehören die Biſons, die Elen⸗ thiere und die Biber. Erſtere werden ſogar nur noch in Arkanſas, in den ver⸗ einigten Staaten, angetroffen. Auch findet man äußerſt ſelten noch einen Pan⸗ ther, Bären oder Wolf; denn es ſind vom Staate große Belohnungen auf die Vertilgung dieſer Raubthiere geſetzt worden. Die wenigen, welche ſich noch ſehen laſſen, kommen aus den Gebirgen an der penſylvaniſchen Gränze, oder aus dem Norden. Die Schinken und Rücken der Bären, von denen es im Weſten noch ziemlich viele gibt, werden als ein Leckerbiſſen genoſſen. Die Hirſche (Dammhirſche) werden immer ſeltener; um ſo öfter ſah ich Kaninchen, Waſch⸗ bären, Wieſel, Marder, ſchwarze, graue und fliegende Eichhörnchen zeigen ſich häufig. Auch findet ſich das Stinkthier, das Beutelthier und eine Art Fiſch⸗ otter, welche man Mink nennt, doch ziemlich ſelten. Amerikaniſche Ratten und Mäuſe ſind in läſtiger Menge vorhanden; auch haben die europäiſchen ſich ſehr vermehrt. Nicht minder groß iſt die Menge der Maulwürfe und der Fledermäuſe 137 Das Heer der Vögel iſt unglaublich zahlreich. Man hat nicht nur die meiſten europäiſchen Arten, ſondern auch viele, die dem amerikaniſchen Boden ausſchließlich angehören. Mein Zweck erlaubt mir nur einige anzuführen. Von Raubvögeln gibt es den Urubu, viele Arten von Adlern, Falken, Eulen, unter welchen letztern ſich auch der große Schuhu und die virginiſche Ohreule be⸗ finden. Ferner ſieht man große Schwärme von Raben und Krähen. Unter den Waldvögeln finden ſich verſchiedene Arten von Droſſeln, Spechten, Dohlen und der amerikaniſche Kukuk, ſowie der kleine Kolibri. Von dem Hühnerge⸗ ſchlechte gibt es wilde Truthühner, penſylvaniſche Faſanen, virginiſche Reb⸗ hühner u. ſ. w. Sehr groß iſt die Menge der Waſſervögel, wovon ich hier bloß den Pelikan, den Schwan und die Ringelgans nenne. In der Nähe der Städte und dieſen dicht beſiedelten Diſtrikten ſind die größeren Vögel aber ganz ausgerottet, und ſelbſt den kleinen Singvögeln wird ſo nachgeſtellt, daß man nur noch wenige davon in der Nähe von New⸗York zu ſehen bekommt. Die New⸗Ark⸗Bai, die Flüſſe Hudſon, Paſſaick und Pequannock, ſowie die kleinen Nebenflüßchen und Bäche verſorgen die Grafſchaft reichlich mit Fluß⸗ und Seefiſchen. Unter jenen findet man Hechte, Barſchen, Aale, Forellen; unter dieſen, welche beſonders vom Hudſon zur Zeit der Fluth zugeführt werden, Kabliauen, Schellfiſche, Flundern, Störe, Hauſen und andere. Auſtern, Hum⸗ mern und gemeine Krebſe ſind ſehr häufig. Von Amphibien hat man Schildkröten verſchiedener Art, ſowie Fröſche, unter andern den Windbeutel und den Laubfroſch. Von Eidechſen gibt es die europäiſche und die blauſchwänzige. Auch fehlt es nicht an Klapper⸗, an Horn⸗ und andern Schlangen, ſo eifrig man ſie auch zu vertilgen ſucht. Die Inſekten ſind ſehr zahlreich. Fliegen, Käfer, Weſpen, Bienen und Schmetterlinge ſchwärmen in Menge. Die ſogenannte heſſiſche Fliege, welche, wie man fälſchlich behauptet, während der amerikaniſchen Revolution von den heſſiſchen Truppen mitgebracht worden iſt, richtet zuweilen in den Weizenfeldern große Verheerungen an. Ebenſo verwüſtet eine gewiſſe Gattung Fliegen die Erbſenfelder; man nennt ſie daher die Erbſenfliege. Auch zeigen ſich zuweilen Heuſchrecken, welche den Saaten großen Nachtheil bringen; dieß ſoll alle ſieben Jahre der Fall ſein. Ameiſen, nebſt ihrem Feinde, dem Ameiſenlöwen, findet man häufig. Moskiten, Flohmücken, Milben, Wanzen, Kakerlaken ſind eine wahre Plage des Landes. Die Luft iſt im Ganzen heiter, trocken und milde. Die Winter haben ge⸗ wöhnlich einen kurzen Beſtand, ſind aber nicht ſelten außerordentlich ſtreng, und die Kälte erreicht gar nicht ſelten 20 und 24 Grad. Die Sommer ſind lang und ziemlich heiß, der Herbſt aber, den man ſeiner gleichmäßigen milden Tem⸗ 138 peratur und des blauen Himmels wegen den Indianiſchen Sommer nennt, iſt jedenfalls die ſchönſte Jahreszeit in Amerika. Bald nach unſerer Ankunft in Powles⸗Hook ſtießen wir adf einen Roll⸗ wagen, welcher nach Orange⸗Town(im Staate New⸗York) abgehen ſollte. Da wir denſelben Weg zu machen hatten, ſo bedung der Kapitän Brand Plätze für uns, um bis nach Berry⸗Hill, einem kleinen Dorfe, welches ſechzehn amerika⸗ niſche Meilen von Powles⸗Hook entfernt iſt, mitzufahren. Das Fuhrlohn für die Perſon betrug einen Dollar. Der Wagen ging ab, als der Fuhrmann acht Paſſagiere beiſammen hatte, obſchon die Sitze für zwölf Perſonen eingerichtet waren. Er fuhr äußerſt ſchnell, denn er wurde von ſechs kleinen, ſehr muthigen Pferden gezogen. Auch kam der gute Weg ſehr zu Statten, denn die Straße nach Orange⸗Town befindet ſich, wie alle Straßen, die man in der Grafſchaft angelegt hat, in vortrefflichem Stande. Sie führt zwar bei Powles⸗Hook über einige moraſtige Stellen, iſt aber auch hier ſehr fahrbar, weil man von Zederſtämmen, einer der Näſſe außer⸗ ordentlich widerſtehenden Holzart, Grundlagen gemacht und über dieſelben Sand und kleine Steine geſchüttet hat. Ungeachtet der guten Beſchaffenheit des Weges und des Fuhrwerks wurde unſere Fahrt doch dadurch ſehr verzögert, daß die amerikaniſchen Reiſenden faſt bei jedem Wirthshauſe halten ließen, um einige Gläſer Grog zu trinken. Dieſes Getränk, welches in den vereinigten Staaten allgemein genoſſen wird, beſteht aus Waſſer und Rum, oder verſchiedenen Sorten Branntwein, z. B. Franz⸗, Wachholder⸗, Korn⸗, Pfirſchbranntwein u. ſ. w. Die Miſchung wird jedesmal dem Geſchmack des Liebhabers überlaſſen. Da in hieſiger Gegend auch ſehr gutes Bier und vortrefflicher Cider zu haben ſind, ſo hielten wir uns an dieſe Getränke. Sechs Meilen von Powles⸗Hook ſtiegen wir, um Mittag zu machen, in einem Gaſthofe ab, welcher das Schild„zum General Waſhington“ führte. Er war ſehr gut eingerichtet, und man bewirthete uns mit blau geſottenem Hecht, mit Schinken und Rinderbraten, wozu Senf und in Butter ſchwimmende Erd⸗ äpfel gegeben wurden. Zum Getränk reichte man Jedem ein Pint(Nößel) Rum nebſt Waſſer; doch konnte dieſes Getränk gegen andere, wovon ſich ein langes Verzeichniß auf einer an der Wand befeſtigten Tafel befand, nach Gefallen ver⸗ tauſcht werden. Es gab nicht nur eine ſehr große Mannichfaltigkeit an Brannt⸗ wein, ſondern auch mancherlei Sorten Cider, ſowie Porter und Doppelbier, und von Weinen war Sekt, Porto und Madeira zu haben. Abends um ſieben Uhr erreichten wir das Dörfchen Berry⸗Hill, welches damals nur aus wenigen Häuſern beſtand. Als der Wagen vor dem Gaſthauſe 139 hielt, ward er von einer Geſellſchaft Reiſender umringt, die auf ihn warteten. Zum Glück für ſie war unſere Reiſe damit beendigt; wir mietheten einen Bauer⸗ wagen, der uns auf einem Seitenwege nach dem Hauſe des Kapitäns Brand brachte, wo wir Abends nach acht Uhr eintrafen. Eine niedliche Wohnung, eine freundliche Hausfrau, artig erzogene Kinder und dienſtfertige Neger und Negerinnen vereinigten ſich hier zu unſerer Bewill⸗ kommnung. Es gibt Menſchen, mit welchen man bei der erſten Zuſammenkunft bekannt und vertraut wird; und dieß war der Fall mit der liebenswürdigen Familie des Kapitän Brand. Kaum hatten wir eine Stunde bei ihr zugebracht, ſo waren wir von allen ihren Verhältniſſen unterrichtet, hatten ihr ganzes Haus mit allen ſeinen Vorräthen geſehen, und wußten, welche Lebensweiſe wir da⸗ ſelbſt führen würden. Eine ſolche Offenheit des Charakters findet man jedoch in Amerika nicht immer, indem die Gemüther ſich mehr zu ſtillem Ernſt und zur Verſchloſſenheit neigen. Am andern Morgen weckte mich die aufgehende Sonne, die heiter in unſer Zimmer ſchien. Ich öffnete das Fenſter und überſah die Landſchaft, welche die einbrechende Nacht bei unſerer Ankunft verhüllt hatte. Oft fühlt ſich der Rei⸗ ſende von der Gegend eines fremden Landes vielleicht nur darum angezogen, weil ſie Aehnlichkeit mit einer andern in ſeinem fernen Vaterlande hat. So gings auch mir in dieſem Augenblick, wo ich im Oſten einen nahen mit Wald bewachſenen Berg, rund um das Wohnhaus von Zäunen eingeſchloſſene Gärten und Wirthſchaftsgebäude, und im weſtlichen Theile des weiten Thales ſandige, mit lebhaftem Grün untermiſchte Hügel erblickte. Ich glaubte mich in jene ein— ſame, aber romantiſche Gegend verſetzt, wo ich einen großen Theil meiner frü⸗ heren Jugendjahre verlebt, und wo ich an manchem ſchönen Sommermorgen die wieder erwachende Natur betrachtet hatte. Dieß rief tauſend angenehme Erinne⸗ rungen in meine Seele zurück, und ſtellte meinen Augen alles, was ſie ſahen, in doppelt ſchönen Farben und Geſtalten dar. Ich ſtand, halb angekleidet, noch ganz im Taumel ſüßer Täuſchung, als Brand erſchien, uns zum Frühſtück zu rufen. Es war Sonntag. Man hatte ſchon das ganze Haus aufgeputzt, und die ſämmtliche Familie erſchien in äußerſt reinlicher Kleidung. Sobald das Frühſtück eingenommen war, ſchickte ich mich zu einer Wan⸗ derung in die umliegende Gegend an, wurde jedoch wohlmeinend bedeutet, daß man in den vereinigten Staaten den Sabbath ſehr heilig halten müſſe. Es iſt nämlich an dieſem Tage nicht nur Arbeit, Handel, Spiel, Tanz und Muſik ver⸗ boten, ſondern man darf auch nicht reiſen, und muß ſich, wenn man nicht die Kirche beſucht, am beſten ruhig zu Hauſe halten. Fluchen, Schwören und alles 140 unſittliche Betragen wird mit ſchweren Strafen belegt. Dieſe alte, engliſche Verordnung war, wie alle übrigen engliſchen Geſetze, während der amerikani⸗ ſchen Revolution ſehr in Vergeſſenheit gekommen, trat aber bald nachher wieder in volle Kraft, und wird gegenwärtig noch weit ſtrenger als in England beobachtet. Der größte Theil des Tages verſtrich daher unter Eſſen und Trinken, und unter Erzählungen von ſeemänniſchen Abenteuern auf der einen und von häus⸗ lichen Vorfällen auf der andern Seite. Erſt ſpäterhin Nachmittags begaben wir uns ſämmtlich in die Gärten, welche an den herrlichſten Fruchtbäumen und Küchengewächſen großen Ueberfluß boten. Unter andern ſah ich hier eine ziem⸗ liche Anzahl Weinſtöcke, welche der Kapitän Brand vor einiger Zeit aus dem nördlichen Frankreich mitgebracht hatte. Sie ſchienen recht gut zu gedeihen, und hatten ſchon faſt reife Früchte. Gegen Abend wurden wir von Herrn Brand veranlaßt einen Beſuch bei einigen ſeiner nächſten Nachbarn mit ihm abzuſtatten. Auch die beiden folgen⸗ den Tage brachten wir mit dergleichen Beſuchen hin, ſo daß wir nach und nach ſieben bis acht verſchiedene Familien kennen lernten, die in einem Umkreiſe von ungefähr zwei deutſchen Meilen um Brands Beſitzung wohnten. Die meiſten dieſer Familien ſtammten von Briten ab, doch war auch eine von holländiſcher nnd eine andere von deutſcher Abkunft darunter. Sie ſtanden auf einer gleichen Stufe des Wohlſtandes; auch glichen ſie ſich völlig in ihren Sitten und Gebräuchen. Die deutſche war ſehr zahlreich, indem ſie nicht we⸗ niger als drei oder vier Töchter und ſechs Söhne zählte, wovon der jüngſte ein Alter von ſechzehn Jahren hatte. Dennoch befand ſie ſich in eben ſo glücklichen Umſtänden, als irgend eine der übrigen, ob ſie ſchon keine größeren Ländereien beſaß, und gewiß nicht ſchlechter lebte. Aber die ſämmtlichen Söhne und Töchter waren auch ſehr thätige und fleißige Arbeiter; ein Lob, welches über⸗ haupt die in Amerika anſäſſigen Deutſchen in reichlichem Maße ſich erworben haben. Dieſe Familie brachte daher ihre Wirthſchaft nicht nur in einen blühen⸗ den Zuſtand, ſondern brauchte auch weit weniger Dienſtleute, als ihre Nach⸗ barn; und dieß iſt in den vereinigten Staaten, wo das Geſinde die übertrie⸗ benſten Anſprüche auf Lohn und Verpflegung macht, ein Umſtand, der großen Vortheil gewährt. Ueberhaupt hat man bemerkt, daß in jenen nördlichen Län⸗ dern, ſeit die Zahl der Negerſklaven abgenommen hat, die ſtarken Pflanzerfa⸗ milien vor den ſchwächern ungemein viel voraus haben; und hierin ſcheint ein Hauptgrund zu liegen, warum die Bevölkerung ſo ſchnelle Fortſchritte macht. Ich fand unter jenen Familien, ſowie überhaupt unter den Bewohnern von New⸗Yerſey, Perſonen von ſehr ſchönem Anſehen. Das weibliche Ge⸗ 141 ſchlecht hat durchgehends einen ſchlanken Wuchs, lebhafte Augen und überhaupt eine ſehr einnehmende Geſichtsbildung, nur etwas bleiche Wangen. Dazu kommt noch ein ungezwungener Anſtand und eine gefällige Munterkeit. Die meiſten Männer ſind wohlgewachſen, nervig und von anſehnlicher Länge. Auf ihrem Geſicht iſt ein heller Verſtand und gutmüthiger Ernſt ausgedrückt. Ich hatte die natürliche Güte und die Gaſtfreiheit der Einwohner von New⸗Yerſey rühmen gehört, und meine Bekannten gaben mir in der That mannichfaltige Beweiſe, daß ſie dieſen Ruhm verdienen. Von der großen Neu⸗ gierde, die den amerikaniſchen Landleuten im Allgemeinen zugeſchrieben wird, habe ich nichts bemerkt, außer daß ſie eine gewiſſe Liebe zu politiſchen Neuig⸗ keiten hegen, eine Menge Zeitungen leſen und daher von den Ereigniſſen in allen Ländern der Welt zu ſprechen wiſſen. Auch wurde ich nichts von dem un⸗ ſtäten und unzufriedenen Sinn gewahr, der andern amerikaniſchen Pflanzern eigen iſt und macht, daß ſie unaufhörlich aus einer Gegend in die andere ziehen, um einen fruchtbarern Boden und angenehmern Landſtrich zu finden. Vielmehr zeigten jene Familien eine große Anhänglichkeit an das Landeigenthum, das ſie von ihren aus Europa eingewanderten Vorältern geerbt haben; auch hielten ſie das von ihnen bewohnte Land für das Beßte in und außerhalb Amerika. Mit dieſer Vaterlandsliebe iſt ein gewiſſer Nationalſtolz verbunden, welcher verurſacht, daß gegen Fremde, ſo gaſtfrei man ſie auch aufnimmt, eine gewiſſe Kälte und Zurückhaltung Statt findet. Die Sittlichkeit iſt noch ziemlich un⸗ verdorben. Von Diebſtählen weiß man beinahe gar nichts; daher auch ſo wenig gegenſeitiges Mißtrauen herrſcht, daß die Häuſer und Gehöfte faſt nie ver⸗ ſchloſſen werden. In der Kleidung, ſowie im Hausrath bemerkte ich einen ziemlichen Auf⸗ wand. Man kleidet ſich nach den in Neu⸗York herrſchenden Moden, ſo daß ich, da dieſe Stadt ihre Modewaaren von London bezieht, ganz dieſelbe Tracht wieder fand, die in den großen Städten Europa's an der Tagesordnung war. Die Frauen erſcheinen außer dem Hauſe ſtets gut gekleidet, und auch in dem⸗ ſelben ſieht man ſie immer in änſtändigen Anzügen. Die Amerikanerinnen neh⸗ men ſich auch freilich der Wirthſchaft ſehr wenig an. Die Lebensweiſe im Eſſen und Trinken hat— was in den meiſten nord⸗ amerikaniſchen Staaten der Fall iſt,— große Aehnlichkeit mit der engliſchen. Zum Frühſtück gibt es Thee, Chocolade oder Kaffee mit geröſteten Butter⸗ ſchnitten, weich geſottenen Eiern, Schinken, Bratenſchnittchen u. ſ. w. Gegen zehn Uhr genießt man, als Vorbereitung zum Mittageſſen Sardellen, Häringe, Pökelfleiſch, Liqueurs, Madeirawein und Doppelbier. Das Mittageſſen beſteht aus ſtarken Fleiſchbrühſuppen, aus Fiſch mit Senf und Eſſig oder zerlaſſener 142 Butter, aus gebratenem oder geröſtetem Fleiſche mit brauner Butter, wozu ge⸗ wöhnlich geröſtete, in Speck oder Butter ſchwimmende Kartoffeln oder Rüben gegeſſen werden, ſeltener grüne Gemüſe, die man in Waſſer kocht und dann trocken auf den Tiſch ſetzt, wo ſie Jeder auf ſeinem Teller mit künſtlichen Brü⸗ hen und mit Gewürze nach Belieben zurichtet. Auf dieſe Speiſen folgen fette Klöße, Puddings; oder Paſteten, und den Beſchluß machen Butter, Käſe, Obſt und Backwerk. Gleich nach dem Eſſen trinkt man Thee, welcher ſo ſtark iſt, daß er die Farbe des Bieres hat und ganz bitter ſchmeckt. Zum Abendeſſen werden bisweilen Auſtern und eingeſalzene Speiſen aufgetragen. Dabei trinkt man wieder Liqueur und Madeira, womit auch nach dem Eſſen und bis zum Schla⸗ fengehen fortgefahren wird, indem die Männer Cigarren dazu rauchen, wovon alle Amerikaner leidenſchaftliche Liebhaber ſind. Doch iſt mir kein Beiſpiel von unmäßigem Trinken vorgekommen, und überhaupt ſoll man in der Grafſchaft Bergen dieſem Fehler nicht ſo ergeben ſein, als in den übrigen, beſonders den marſchigen Gegenden von New⸗Yerſey, hauptſächlich aber in den mittlern und weſtlichen Staaten.. Dieſer eben beſchriebenen Lebensart wird gewöhnlich, beſonders von den Franzoſen, der Vorwurf gemacht, daß ſie die Haupturſache der in Amerika herrſchenden Fieber ſei; dagegen behauptet man daſelbſt, daß gerade diejenigen, welche unbeſorgt um die Folgen ihrer Lebensart eſſen und trinken, von jenen Krankheiten am wenigſten befallen werden. Ich laſſe es dahingeſtellt ſein, ob dieſe oder jene Behauptung der Wahrheit am nächſten komme. Indeſſen habe ich, während meines Aufenthaltes in den Antillen, öfters Gelegenheit zu be⸗ merken gehabt, daß die dort einheimiſchen Fieber(welche denen in den ver⸗ einigten Staaten ſehr ähnlich ſind,) faſt immer diejenigen europäiſchen See⸗ leute verſchonten, welche häufig Rum genoſſen, während andere, die aus Furcht zu erkranken eine ſtrenge Diät befolgten, davon ergriffen wurden. Nirgend ſah ich die dienende Volksklaſſe in glücklichern Verhältniſſen, als in New⸗Yerſey. Die Dienſtleute erhalten nach Verhältniß ihrer Fähigkeiten ſechs bis zwölf Dollars monatlich, und genießen eine Verpflegung, die der Lebensart ihrer Herrſchaft wenig nachſteht. Deſſen ungeachtet halten ſie ſelten bei ihren Herrn lange Zeit aus, ſondern ſuchen ſich ſobald als möglich unab⸗ hängig zu machen, und eine eigne Wirthſchaft anzufangen. Kaum haben ſie ein kleines Vermögen erworben, ſo kaufen ſie, gewöhnlich in den weſtlichen Staa⸗ ten, wo die noch unangebauten Ländereien in niedrigem Preiſe ſtehen, ein Stück Land, und entſagen auf dieſe Weiſe willig und gern der gemächlichen Lebens⸗ art, welche ſie in einer blühenden Gegend und bei einer guten Herrſchaft ge⸗ nießen, um mit unſaglichen Beſchwerden, aber als eigene Herrn, eine Wildniß 143 urbar zu machen. Dieß iſt nicht nur der Fall in New⸗Yerſey, ſondern auch in allen übrigen nordamerikaniſchen Freiſtaaten am atlantiſchen Meere; und hierin liegt eine der Haupturſachen, warum der Anbau des Gebietes am Ohio und Miſſiſſippi ſo ſchnell zugenommen hat. Von einem ſolchen Vorfalle, wo ein junger Landarbeiter ſeinen gütigen Herrn verließ, um in die weſtliche Wildniß zu ziehen, war ich während meines Aufenthalts in Bergen ein Augenzeuge. Der Kapitän Brand führte mich und meine Reiſegefährten eines Tages zu einem ſeiner Nachbarn. Bald nach unſerer Ankunft entſtand auf dem Hofe ein Lärm. Mit den Worten„Ah, Jack Brown!“ ſprang unſer Wirth von ſeinem Stuhle auf, und lief zur Thür hinaus. Wir folgten ihm und ſahen, wie das Geſinde des Hauſes mit lautem Jubel einen jungen Mann bewillkommte, deſſen Aufzug das treue Bild eines amerikaniſchen Wanderers darſtellte. Eine lange Büchſe trug er auf der einen Schulter, und an der andern eine Jagdtaſche, ſo wie eine zuſammengerollte wollene Decke. Um den Leib trug er einen breiten wollenen Gurt von rother Farbe, woran ein Tomahawk(Streitaxt der nordamerikaniſchen Wilden,) befeſtigt war. Dieſer Mann, der in dem Hauſe, wo die Sache vorging, von Kindheit an gedient hatte, war vor einem halben Jahre nach den Staaten am Ohio und Niſſiſſippi gereiſt, ſich dort einen Ort zu ſeiner künftigen Niederlaſſung zu ſuchen. Er hatte faſt tauſend amerikaniſche Meilen durchwandert, bevor er ſeinen Zweck er⸗ reichte, und kam nun eben zurück, um ſich mit wirthſchaftlichem Geräthe zu ver⸗ ſorgen, hauptſächlich aber ein Weib zu holen. Einige Tage darauf hielt er Hochzeit, und ſein voriger Herr, der ſie ausrichtete, lud unter andern Gäſten auch uns nebſt der Brandiſchen Familie dazu ein. Die Dienſtleute aus der Nachbarſchaft veranſtalteten bei dieſer Gelegenheit Wettrennen, Stangenklet⸗ tern und Hahnenkämpfe. Am Abend beluſtigten ſie ſich mit einem, dem„Jig“ genannten Tanze, welcher zwiſchen zwei Perſonen weiblichen und einer männ⸗ lichen Geſchlechts, oder umgekehrt getanzt wird; er gehört in Nordamerika, wie in England, ſeinem Vaterlande, zu den beliebteſten Tänzen des gemeinen Mannes. Der ſehr vergnügte Bräutigam äußerte unter andern, daß er ſich ein glückliches Leben verſpräche, wenn nur der Himmel ſeinen Eheſtand reichlich mit Kindern ſegnete, die ihn künftig bei ſeiner Arbeit unterſtützen könnten. Schon zwei Tage nach der Hochzeit begab ſich das junge Paar auf die Reiſe, um noch vor Einbruch des Winters an Ort und Stelle zu gelangen. Der Zug ging früh beim Brandiſchen⸗Hauſe vorbei. Er beſtand aus zwei kleinen mit Acker⸗ und Hausgeräthe beladenen Wagen, wovon den einen der Mann und den andern die Frau lenkte. Eine Anzahl junger Burſche und Mädchen gaben ihnen das Geleit. 144 7. Ausflug nach dem weſtlichen Theile der Grafſchaft— Eigenheiten der Gegend— Herrn Olafſons Landgut— die Hörner eines Biſons— der Kolibri— der Waſchbär— Roßmühlen— Platanen— der Ginſeng— Blockhäuſer. Nachdem wir ungefähr vier Tage beim Kapitän Brand zugebracht hatten, begab er ſich eines Morgens mit uns und ſeiner ganzen Familie nach dem Land⸗ gute ſeines Schwiegervaters, das acht Meilen weſtwärts entfernt war. Weib und Kinder fuhren voraus, und wir übrigen folgten gemächlich zu Fuße nach. Die Gegenden, welche wir durchſtrichen, wechſelten Anfangs mit frucht⸗ baren Feldern und herrlichen Wieſen ab; auf den letztern weideten große Heer⸗ den vortrefflichen Rindviehes, die einigen benachbarten Holländereien gehörten. Weiterhin hatten wir ſteile Berge zu erſteigen, die mit den daran gränzenden Thälern, ein wildes, aber angenehmes Holzland darſtellten. Mit Erſtaunen bemerkte ich die große Menge Krähen, welche die dortigen allerdings ſchon bedeutend gelichteten Wälder bewohnen. An manchen Stellen ſaßen faſt auf jedem Baum einige dieſer Vögel. Sie flogen, ſo wie wir uns näherten, mit lautem Geſchrei aus den Bäumen, und ſchwebten über den Gipfeln derſelben, bis wir vorbei waren. Die Krähen, welche man überall in den öſtlichen nordamerikaniſchen Staaten ſehr zahlreich findet, ſind daſelbſt eine wahre Landplage, denn ſie richten in den Maisfeldern die ſchrecklichſten Ver⸗ wüſtungen an. Sie hacken die Saat aus der Erde und picken die Kolben an, daß dieſe dem Eindringen des Regens und dem Verfaulen ausgeſetzt werden. Man ſieht ſich daher oft genöthigt, die Felder von neuem anzupflanzen. Die Krähen thun auch manchen Schaden in den Gehöften der Häuſer; denn ſie machen auf junge Hühner und Enten Jagd, und ſtehlen überhaupt alles, was ſie fortbringen können. Ungeachtet des großen Schadens, den ſie anrichten, ſchaffen ſie doch auch wieder viel Nutzen, indem ſie zu gleicher Zeit die Gärten und Felder von mancherlei ſchädlichen Würmern und Inſekten reinigen. Ein Gutsbeſitzer von New⸗Yerſey fand einſt, wie mir erzählt wurde, einen Theil eines friſch beſäeten Weizenfeldes ganz mit Krähen bedeckt; er verſcheuchte ſie, und ließ das Feld nachher ſorgfältig bewachen, bis die Saat aufgegangen war. In der Folge aber zeigte ſich's, daß die von den Krähen aufgehackten Stellen eine herrliche Aernte trugen, während das Getreide auf dem übrigen Felde von den Würmern verheert wurde. Vor einiger Zeit ſetzten die Regierungen von Penſylvanien und New⸗ Yerſey anſehnliche Belohnungen auf die Vertilgung der Krähen; und noch jetzt fährt man in den genannten Staaten mit der Verfolgung dieſer Vögel 145 lebhaft fort. Auch hat man vielerlei liſtige Mittel zu ihrer Verminderung er⸗ ſonnen; denn ſie ſind überaus ſchüchtern und ſchlau, ſo daß ſie den Jäger von andern Menſchen, die ihnen nicht nachſtellen, recht gut zu unterſcheiden wiſſen. So ſah ich ſie z. B. mit Papierdüten fangen, welche mit Vogelleim ausge⸗ ſchmiert waren, und worein man ein Stückchen rohes Fleiſch gelegt hatte. Wenn nämlich die Krähe den Kopf in die Düte ſteckt, um die Lockſpeiſe heraus zu holen, ſo hängt ſich das Papier an den Federn an, wodurch der Kopf des Vogels wie mit einer Mütze überzogen, und ihm das Vermögen zu ſehen be⸗ nommen wird. Erſchrocken fliegt er dann auf, aber beinahe ſenkrecht, um nir⸗ gends anzuſtoßen; wenn er des Fliegens müde iſt, läßt er ſich faſt auf derſelben Stelle nieder, von welcher er ſich erhoben hat. Kommt dann niemand herbei, ſich ſeiner zu bemächtigen, ſo ſteigt er nach einiger Zeit wieder in die Höhe, ſinkt wieder herab, und ſetzt dieß ſo lange fort, bis er endlich entkräftet nieder⸗ ſtürzt und todt liegen bleibt. In einigen Gegenden des Waldes zeigten ſich Purpurdroſſeln, welche, wie die Krähen, ſehr gefährliche Feinde der Maisfelder ſind; auch ſah ich Regen⸗ pfeifer, mehre Arten Spechte, und zum erſten Mal den Kolibri, von dem ich weiter unten mehr ſagen werde. Wir ſtießen auch öfters auf zahme Viehheerden, welchen der fruchtbare Boden vortreffliches Gras und viele ſchöne Kräuter zur Nahrung darbot. An Stellen, wo Eichen- und Buchenholz ſtand, liefen große Heerden Schweine um⸗ her, um die abgefallenen Eicheln und Bucheckern aufzuſuchen; viele von dieſen Thieren waren ſo verwildert, daß man ſich hüten mußte, nicht von ihnen ange⸗ fallen zu werden.. Es mochte ungefähr zehn Uhr ſein, als wir den Gipfel einer Anhöhe er⸗ reichten, wo ſich die Ausſicht über ein ausgebreitetes, ungemein fruchtbares Thal öffnete. Hier zeigte uns Herr Brand einen weitläufigen Meierhof, der die reizendſte Lage hatte; es war der Wohnſitz ſeines Schwiegervaters. Wir trafen daſelbſt noch vor Mittag ein, und fanden eine ſehr freundliche Aufnahme. Brands Schwiegervater, Herr Olafſon, ein bejahrter, aber noch lebhafter Mann, ſtammte von einer ſchwediſchen Familie ab, die ſich vor anderthalb hun⸗ dert Jahren am Fluſſe Delaware niedergelaſſen, und zu der oben erwähnten ſchwediſchen Kolonie gehört hatte. Er verſtand aber kein Schwediſch, ſondern war in allen Stücken ein Anglo⸗Amerikaner; denn ſchon ſein Großvater hatte die Sprache und Sitten der engliſchen Pflanzer angenommen. Gleichwohl be⸗ wies er eine warme Anhänglichkeit an allem, was an ſeine ſchwediſchen Stamm⸗ ältern erinnerte, und verwahrte jeden dergleichen Gegenſtände als ein Heilig⸗ thum. So ſah ich noch einiges Geräth, das ſeine Urgroßältern aus Schweden Richter's Reiſen. I. 10 146 nach der neuen Welt mitgebracht hatten; es beſtand aus einigen großen und ſchweren Hacken, Schaufeln und Aexten. Unter andern aufbewahrten Alter⸗ thümern wurden mir auch die Hörner eines Biſons gezeigt, welchen Olafſons Urgroßvater nach einem harten Kampf erlegt hatte. Dieſe Hörner wurden ſelbſt von den Einwohnern als eine Seltenheit betrachtet, nicht nur wegen ihrer außerordentlichen Größe, ſondern auch, weil die Biſons, wie ſchon oben er⸗ wähnt, die vereinigten Staaten gänzlich verlaſſen haben. Die Gärten des Herrn Olafſon befanden ſich in einem blühenden zu⸗ ſtande, und enthielten eine Menge Bäume und Gewächſe. Außerdem beſaß er Heinen kleinen Luſtgarten, worin die ſchönſten Sorten europäiſcher Blumen ge⸗ zogen wurden. Hier hatte ich auch Gelegenheit, den Kolibri häufig zu beobach⸗ ten. Dieſer kleine Vogel hat einen ſehr ſchlanken, leichten und gefälligen Kör⸗ perbau; ſein zartes Gefieder iſt mit den ſchönſten bunten Farben geſchmückt, und ſeine Augen glänzen mit dem Feuer eines Diamanten. Er fliegt leicht und außerordentlich ſchnell von Baum zu Baum, flattert aber hauptſächlich, wie der Schmetterling, mit dem er Vieles gemein hat, von Blume zu Blume, und ſteckt die Zunge, die einem Saugrüſſel gleicht, in den Blumenkelch, um den Honig einzuſchlürfen. Dabei ſetzt er ſich nicht, ſondern ſchwebt über der Blume, indem die Schläge ſeiner Fittige ſo ſchnell auf einander folgen, daß der ganze Körper unbeweglich ſcheint. Am häufigſten ſah ich das Thierchen über der vier⸗ fädigen Monaxda verweilen, welche Pflanze ihm überhaupt, da ſie auch häufig wild wächſt, ſeine vorzüglichſte Nahrung gewährt. Der Kolibri iſt von Natur nicht ſcheu, ſondern flattert dicht an die Menſchen, als wenn er ſie berühren wollte. Seine Dreiſtigkeit gründet ſich, wie es ſcheint, auf das Bewußtſein überlegener Schnelligkeit; denn kaum ſtreckt man, in der Meinung ihn fangen zu können, die Hand nach ihm aus, ſo fliegt er wie ein abgeſchoſſener Pfeil da⸗ von, und man kann ihm nicht einmal mit den Augen folgen. Sein Geſang iſt ſehr einfach, und beſteht aus einem bloßen Zwitſchern, welches dem der Sper⸗ linge ziemlich ähnlich iſt. Man hat immer bemerkt, daß die kleinſten Geſchöpfe die bösartigſten und zornigſten ſind, und dieſe Bemerkung gilt auch vom Kolibri. Wenn ſich zwei oder mehr dieſer Thierchen beim Suchen ihrer Nahrung begeg⸗ nen, ſo fliegen ſie mit einer ſolchen Wuth und mit einem ſolchen Geſchrei auf einander zu, als wollten ſie ſich in Stücke zerhacken. Dieſe zornige Gemüths⸗ art äußert ſich ſogar, wenn das Vögelchen eine Blume findet, welche ſchon aus⸗ geſogen oder dem Verwelken nahe iſt; denn es knickt dieſelbe um, oder reißt ſie vin unzählige Stückchen. Am meiſten geräth es in Zorn, wenn ſich ein Menſch ſeinem Neſte nähert; es flattert ihm dann mit der größten Verwegenheit in das Geſicht, ſchlägt mit den Flügeln danach, und hackt ihm nach den Augen. Ich 147 wünſchte während meines Aufenthaltes in New⸗Yerſey einen lebendigen Kolibri, ſo wie das Neſt eines ſolchen Vogels zu erhalten; aber ich konnte weder durch meine eigene, noch durch die Bemühung einiger Feldarbeiter, welchen ich deß⸗ halb Auftrag gab, meinen Wunſch erreichen. Denn das Thierchen läßt ſich ſchwer fangen, außer wenn es etwa während eines Kampfes in eine Stube fliegt, oder man es in den Gebüſchen, wo es niſtet, bei Nacht überraſcht. Die Neſter ſind ſo klein, und zwiſchen den Aeſten der Geſträuche ſo verborgen, daß man ſie ſelten entdecken kann; überdem ſind ſie von außen mit Moos überzogen, das ſich von dem an den Geſträuchen nicht unterſcheiden läßt. Ein anderes Thier, das während meines Aufenthaltes auf Olafſons Land⸗ gute meine Aufmerkſamkeit rege machte, war ein gezähmter Waſchbär, den man frei im Hauſe herum laufen ließ. Der Waſchbär beſitzt eine große Lebhaftig⸗ keit; er hüpft und ſpringt unaufhörlich, ohne einen eigentlichen Gang zu haben. In ſeinen Geberden hat er viel Aehnlichkeiten mit dem Affen, nur daß er viel geſetzter iſt, und zeigt auch eben ſo viel Neugier und Muthwillen als dieſer. Er befühlt mit ſeinen Pfoten, die er wie der Menſch die Hände gebraucht, jeden vorkommenden Gegenſtand, und ſchleppt alles, was er tragen kann, mit ſich fort, es zu verſtecken. Das Geſicht putzt oder wäſcht er ſich wie eine Katze. Sein Futter verzehrt er aufrecht ſitzend, indem er dasſelbe, gleich den Affen und Eichhörnchen, mit den Vorderpfoten zu dem Maule bringt. Dabei hat er die ſonderbare, ſeinem Geſchlechte eigene Gewohnheit, jeden Biſſen in das Waſſer zu tauchen und zwiſchen den Pfoten zu reiben, eine Gewohnheit, die von einem Mangel an hinreichendem Speichel herzurühren ſcheint; ſie hat zu dem Namen„Waſchbär“ die Veranlaſſung gegeben. Das Thier frißt alles, was man ihm reicht, ſowohl animaliſche als vegetabiliſche Koſt, am liebſten aber Mais und verſchiedene Arten Früchte. Es liebt auch ſüße Sachen, und berauſcht ſich gern in ſtarken Getränken. Sehr geſchickt iſt es Mäuſe zu fan⸗ gen, richtet aber auch, wenn es bei Nacht unter die Tauben und Hühner ge⸗ räth, eben ſo großen Schaden als der Marder an. Gegen jedes Geräuſch und Geſchrei iſt es ſehr empfindlich. Wenn die Kinder lärmen, die Hähne krähen, oder die Hunde bellen, ſo ſpringt es nach ihnen, um ſie zu beißen, und durch das Blöken der Kühe wird es in große Unruhe und Angſt geſetzt. Der Waſchbär findet ſich noch häufig in den vereinigten Staaten. Im wilden Zuſtande lebt er in hohlen Bäumen, wo er den Tag über zu ſchlafen pflegt. Während der Nacht ſucht er ſeine Nahrung. Die Vögel und Kaninchen, die er mit der Liſt eines Fuchſes zu beſchleichen weiß, ſind dann vor ſeinen Ueberfällen nicht ſicher. Er beſucht auch die Maisfelder, und klettert an den Stengeln in die Höhe, um ſie niederzureißen und der Frucht beizukommen. 10* 148 Zur Zeit der Ebbe begibt er ſich an das Geſtade des Meeres, Krebſe, Krabben und Hummern zu fangen, die er, ohne ſich von ihren Scheren faſſen zu laſſen, ſehr geſchickt aus dem Sande hervorzieht. Auch Auſtern ſind für ihn eine an⸗ genehme Nahrung; doch wird ihm zuweilen die Pfote von denſelben einge⸗ klemmt, und dann iſt er in Gefahr, bei wiederkehrender Fluth zu erſaufen. In Gegenden, wo man Zuckerrohr baut, gibt ihm dieſes Gewächs eine leckerhafte Speiſe. Man jagt den Waſchbär wie das Wild, mit den Hunden, oder fängt ihn in Fallen. Sein Fleiſch wird gegeſſen; den Pelz gebraucht man zu Mützen und allerhand Kleidungſtücken. In Deutſchland iſt er unter dem Namen Schuppenpelz bekannt. Mitten durch die Beſitzungen des Herrn Olafſon ſchlängelt ſich ein rau⸗ ſchender Bach, welcher, durch die im Frühjahr und Herbſte veranlaßten Ueber⸗ ſchwemmungen, zur Fruchtbarkeit der angrenzenden Felder ungemein viel bei⸗ trägt. An ſeinen Ufern ſtanden ehedem Platanen oder Sycamoren, die einen herrlichen ſchattigen Spaziergang gewährten. Olafſon hat ſie wegſchlagen laſſen, weil er mit vielen Amerikanern der Meinung iſt, daß das Wollige, wel⸗ ches ſich im Frühjahr an der untern Seite der Blätter anſetzt und im Sommer davon lostrennt, Veranlaſſung zu Lungenkrankheiten gebe. Sei nun dieſe Mei⸗ nung irrig oder gegründet, kurz Olafſon behauptete, daß er ſeit der Wegräu⸗ mung dieſer Bäume ſeine frühere Engbrüſtigkeit und andere Bruſtbeſchwerden verloren habe.. An dem Bache ſteht eine Mühle, die mehre Gänge treibt, und auch zum Schneiden der Breter und zu andern Zwecken eingerichtet iſt. Sie kann aber nicht immer benutzt werden, weil es ſehr oft am nöthigen Waſſer mangelt. Olafſon hatte daher zum Mahlen des Mehles auch eine Mühle auf ſeinem Hofe. Dieſe ſetzte man durch ein blindes Pferd in Bewegung, indem dasſelbe an das Ende eines Balken, der ein horizontal ſtehendes Rad umdreht, geſpannt und ſo in einem Kreiſe herumgetrieben wurde. Dergleichen Mühlen ſind in Amerika die gewöhnlichſten nnd, auf dem Lande, faſt in jeder Wirthſchaft zu finden. Sonderbar, daß man noch nirgends Windmühlen angelegt hat! Ungefähr eine Stunde von Olafſons Gute liegt ein hoher, zum Theil mit Waldung bedeckter Berg, an deſſen ſteilen Abhängen die unter dem Namen „Ginſeng“ bekannte Pflanze häufig wächſt; und ich ſah bisweilen Leute, welche mit dem Einſammeln derſelben beſchäftigt waren. Dieſe Pflanze hat einen dunkelrothen Stengel, und länglich runde Blät⸗ ter. Der aus zwei oder drei Körnern beſtehende Same ſieht glänzend roth aus, und gleicht an Form und Größe dem des Geisblattes. Die Wurzel, deren Dicke nie einen Zoll überſteigt, iſt von einer gelblich ſchimmernden Farbe, und 8 2 149 oft gabelförmig geſtaltet. An ihrem obern Ende erzeugt ſich bei jedem friſchen Triebe des Stengels ein Einſchnitt, ſo daß alle Jahre ein neuer entſteht, und hieraus erkennt man das Alter der Pflanze. Sie hat durchaus einen aromati⸗ ſchen Geruch und bittern Geſchmack, welche Eigenſchaften jedoch die Wurzel in einem höhern Grade, als die übrigen Theile beſitzt. Man findet das Gewächs in dem ganzen Landſtriche, der von Canada bis nach Georgien ſich erſtreckt. Es iſt ganz dasſelbe wie das der chineſiſchen Ta⸗ tarei, deſſen Wurzel die Chineſen ſo wundervolle Kräfte zuſchreiben, indem ſie es für ein Mittel halten, alle Krankheiten zu heilen, und ſogar das Leben zu verlängern. Nur der Kaiſer hat das Recht, es einzuſammeln, weßhalb er die Gegend, wo es gefunden wird, durch Soldaten bewachen läßt. Die Amerikaner benutzten den Umſtand ſehr früh, um mit dem Ginſeng einen vortheilhaften Handel nach China zu treiben. Sie führten ihn heimlich in Canton ein, und anfänglich ſtand er daſelbſt in gleichem Werth mit dem Golde. Da ſie aber mit der Kunſt, ihn auf chineſiſche Art zuzubereiten, nicht bekannt waren, ſank er bald zu einem ſehr geringen Preiſe, und der Handel damit hätte beinahe völlig aufgehört. Hierdurch wurden ſie auf das Verfahren der Chineſen auf⸗ merkſam. Anſtatt die Pflanze, wie bisher, zu allen Jahreszeiten aufzuſuchen, ſammelte man ſie nun bloß im Herbſte, weil ſie dann am ſchönſten ſteht. Auch auf das gehörige Trocknen derſelben wurde mehr Mühe gewendet, da ſie zuvor, wegen zurückgebliebener Feuchtigkeit, auf dem Wege nach China größten Theils verdarb. Ueberdem kam man hinter das Geheimniß der Chineſen, die Wurzel durchſichtig zu machen, was auf eine ſehr einfache Art geſchehen ſoll. Seitdem hat ſich der Handel mit dem Ginſeng wieder ſehr gehoben, und er wird von allen großen amerikaniſchen Handelſtädten getrieben. In Philadelphia und New⸗York erhandeln ihn die Kaufleute, wenn er zubereitet iſt, für fünf oder ſechs Piaſter das Pfund; man ſagt aber, daß ſie in Canton für eine Wurzel, je nachdem ſie mehr oder weniger ſchön ausfällt, vierzig bis achtzig Piaſter bekommen. Am zweiten Tage, den wir bei Olafſon verlebten, machte Brand einen Spaziergang mit uns nordwärts in die Gebirge, um einen ſeiner Bekannten zu beſuchen. Unſer Weg führte durch einige moraſtige Stellen, welche wegen des giftigen Ungeziefers, das hier ſich aufhält, ſehr verrufen ſind. Wir ſahen eine getödtete Klapperſchlange auf der Straße liegen; lebendige kamen uns aber nicht zu Geſicht. Um ſo mehr wurden wir von Moskiten, Flohmücken und Wald⸗ milben gepeinigt, ſo daß ihre Biſſe eine Art von Rothlauf nach ſich zogen, den wir aber, nach dem Beiſpiele des Kapitän Brand, durch Reiben mit dem häufig umherſtehenden canadiſchen Blutkraute vertrieben. Laub⸗, Windbeutel⸗ und andere Arten Fröſche zeigten ſich in großer Menge. 150 Um einige Erfriſchungen zu uns zu nehmen, gingen wir in eins der am Wege liegenden Blockhäuſer. Das Haus war für mich eine ganz neue Erſcheinung, und ich unterließ nicht, es genau zu betrachten. Es enthielt ein einziges Gemach, und beſtand aus Baumſtämmen von ungefähr zwanzig Fuß in der Länge und zehn Zoll in der Dicke. Dieſe Stämme hatte man über einander gelegt und an den Enden durch Einſchnitte verbunden, die größten Lücken dazwiſchen mit Moos verſtopft, die kleinern hingegen überall offen gelaſſen. Ebenſo war auch das Dach beſchaffen. Die Thüren, wovon die eine nach der Straße, und die andere nach der entgegen⸗ geſetzten Seite ging, liefen in Angeln von Holz, und hatten ſtatt der Schlöſſer nur hölzerne Klappen. Die Fenſteröffnungen, deren das Haus nur zwei hatte, wurden des Abends und, im Winter, auch bei Tage mit Läden zugeſetzt. Der Boden des Gemachs, welcher ſich einige Fuß über der Erde erhob, beſtand aus Bohlen. Der Kamin(denn Oefen findet man in Amerika nur bei deutſchen und holländiſchen Familien) war ebenfalls von Holz, und nur an der hintern Wand mit Thonerde überzogen, um das Anbrennen des Holzes zu verhindern; aber ſo ſehr auch die Leute ſich auf dieſe Weiſe der Feuersgefahr ausſetzten, ſo wenig ſchienen ſie doch ein ſolches Unglück zu fürchten. Der ganze Bau des Hauſes war von dem Beſitzer und ſeiner Familie in acht Tagen vollendet worden, und zwar ohne Nägel und alles Eiſenwerk; man kann aber leicht denken, daß eine ſo leicht gebaute Wohnung nichts weniger als geſchickt iſt, hinreichenden Schutz gegen Wind und Wetter zu gewähren. Das Hausgeräth glich völlig der Wohnung an Einfachheit. Es beſtand aus einigen Schränken, Tiſchen und Stühlen, nebſt drei Betten, groß genug, um die ſämmtliche, zehn Perſonen ſtarke Familie zu faſſen. Dem Wohnhauſe gegenüber ſtand die Werkſtatt, welche ebenfalls aus Baumſtämmen aufgeſetzt war. Dieſelbe Beſchaffenheit hatte auch das hinter der Wohnung befindliche Vorrathshaus. Ich erblickte hier Branntwein, Mais, Weizen, Baum⸗ und Erdfrüchte, gepökeltes und geräuchertes Fleiſch, und andere Lebensmittel in großer Menge. Ueberdieß beſaß die Familie eine zahlreiche Heerde, die im Walde gehalten wurde, ſo wie beträchtliche, zum Theil noch un⸗ bebaute Ländereien; auch hatte man einen großen Garten angelegt, der nach wenig Jahren vortreffliches Obſt hervorzubringen verſprach. Die hier gemachte Beſchreibung häuslicher Verhältniſſe paßt auch auf den Zuſtand der meiſten Einwohner im Innern des nordamerikaniſchen Freiſtaats. Sie wohnen größten Theils in Blockhäuſern, die aber gewöhnlich noch ſchlechter beſchaffen ſind, als das eben beſchriebene; denn nur wenige haben Fenſter, auch ſind ſie von Hausgeräth ſo entblößt, daß man genöthigt iſt, die Kleider und 151 Wäſche an Stangen aufzuhängen. Aber Jeder beſitzt liegende Gründe, mit Le⸗ bensmitteln angefüllte Vorrathskammern, und führt ein ſorgenfreies Leben, ohne die Ueppigkeit und das Geräuſch der Welt zu kennen. Auf dem ſchön gelegenen und wohl eingerichteten Landgute, wohin unſer Spaziergang gerichtet war, verweilten wir mehre Stunden, und wurden erſt ſpät zu Wagen nach Olafſons Wohnung zurückgebracht. Der Abend war heiter und angenehm, und in den Thälern ſchwärmten leuchtende Inſekten umher, was ein ſehr reizendes Schauſpiel gewährte. 8. Rückkehr nach der Brandiſchen Wohnung. Kühnheit der Krähen. Ein Indianer. Bemerkung über das unbeſtändige Wetter in Amerika. Jagdpartie— wir erbeuten ein Opoſſum. Fliegende Eichhörnchen. Vielfache Benutzung der Gewächſe in den Wäldern. Der Hudſon und ſeine Ufer. Nach einem viertägigen Aufenthalte bei Herrn Olafſon kehrten wir ſämmt⸗ lich nach dem Gute des Kapitän Brand zurück. Erſterer begleitete uns, um ſeinen Schwiegerſohn auf einige Tage zu beſuchen; die Geſellſchaft war daher zahlreich, ſo daß wir drei Wagen brauchten. Während dieſer Fahrt hatten wir ein unterhaltendes Schauſpiel. In der Gegend eines Waldes ſchwebte ein großer Raubvogel, den man an der rothen Farbe ſeines Kopfes für einen Urubu erkannte, lange Zeit über uns. Endlich ſchoß er pfeilſchnell in den Wald herab, und faſt augenblicklich ſchwang er ſich wieder auf, indem er etwas in den Klauen hielt, das uns ein Kaninchen ſchien. Zu gleicher Zeit brachen große Schwärme von Krähen, gleichſam als die Be⸗ ſchützer des Waldes, aus allen Gegenden desſelben hervor, und griffen den Raubvogel mit großer Kühnheit an, welcher, um ſich zu vertheidigen, ſeine Beute fallen ließ. Das Gefecht war ſehr hitzig, und die ausgerupften Federn fielen in großer Menger auf die Erde herab. Nachdem endlich der Urubu ge⸗ waltig zerzauſt worden war, ergriff er ſchnell die Flucht. Die Krähen zogen hinter ihm her, kehrten aber nach einiger Zeit mit triumphirendem Geſchrei nach dem Walde zurück. Ueberhaupt ſieht man in Amerika oft ſolche Beiſpiele von der Kühnheit der Krähen, und ſie gehören daſelbſt unter die ärgſten Feinde der Raubvögel. Die Unermüdlichkeit unſerer kleinen Pferde, welche faſt immer im Trabe gingen, beſchleunigte die Fahrt außerordentlich, ſo daß wir die Brandiſche Wohnung in kurzer Zeit erreichten. Bei der Ankunft auf dem Hofe fanden wir einen jungen Indianer, welcher ſehr niedlich gearbeitete Baſtwaaren zu ver⸗ kaufen hatte. Den Damen war dieſe Waare ſehr willkommen„ und ich ſelbſt 152 kaufte ein Körbchen, welches in der Folge, wegen des künſtlichen Flechtwerks, in Europa und ſogar unter den kunſtreichen Franzoſen manchen Bewun⸗ derer fand. 7 Der Indianer war ein wohlgewachſener und gut gekleideter Mann; er ſprach engliſch und unterſchied ſich von andern Amerikanern durch nichts, als durch eine röthliche Geſichtsfarbe, hauptſächlich aber durch einen ſehr ſtarren Blick, welcher ein eigenthümliches Kennzeichen aller indianiſchen Völkerſchaften iſt. Der Stamm, zu dem er gehörte, wohnt unter europäiſchen Familien in der Grafſchaft Burlington. Sie ſind von dem kriegeriſchen Volke, den Mohegans, entſproſſen, und heutigen Tages die einzigen Ueberreſte von den zahlreichen in⸗ dianiſchen Stämmen, welche dereinſt New⸗Yerſey bewohnten. Die wenigen jedoch, die noch von ihrem ganzen Stamm übrig geblieben, haben ſchon lange ihre wil⸗ den Sitten mit den europäiſchen vertauſcht, bekennen ſich zum Chriſtenthum, treiben Ackerbau und verfertigen hauptſächlich Baſtwaaren, die von den jungen Leuten zum Verkauf im Lande herumgetragen werden. Sie haben indeſſen das⸗ ſelbe Schickſal, das alle übrige Indianer, die unter den Europäern leben, trifft, nämlich daß ſie jährlich ſich vermindern, und nach einigen Jahren gänzlich aus⸗ ſterben werden. Zu Ende des vorigen Jahrhunderts machte ihre Anzahl noch über hundert Köpfe aus; gegenwärtig mag ſie ſich kaum noch auf dreißig belaufen. Das Wetter war während meines Aufenthalts in New⸗Yerſey im Ganzen ziemlich unbeſtändig, und beſonders hatte ich am erſten September Gelegenheit, die eigenſinnige, wunderliche Laune des amerikaniſchen Himmels kennen zu lernen. An dieſem Tage wehte des Morgens ein ſanftes nordöſtliches Lüftchen, und das Wetter war heiter und angenehm. Gegen Mittag wurde der Wind ſüdöſtlich, die Hitze nahm plötzlich überhand, und der Thermometer ſtand nach Réaum. auf 28 Grad. Nachmittags kam der Wind von Südweſten; augen⸗ blicklich umzog ſich der Himmel, und es fiel ein feiner, warmer Regen. Er ging in ſtarke Güſſe über, als der Wind ſich weiter nach Weſten drehte, und die Luft wurde bald ſo erkältet, daß wir in der Stube Mäntel umnehmen mußten. Bei Sonnenuntergang erhob ſich ein Nordweſtwind, welcher die Luft bald wieder reinigte, aber auch ſo rauh machte, daß man genöthigt war, ein Kaminfeuer anzuzünden. Er dauerte die ganze Nacht fort, und am andern Morgen war alles mit Reif bedeckt. Dennoch hatten wir um zehn Uhr Morgens, bei öſt⸗ lichem Winde, ſchon wieder zwölf, und um ein Uhr zwanzig Grad Wärme, was in der Grafſchaft Bergen während des Sommers gewöhnlich der Fall iſt. Dieſer ſchnelle Wechſel von Wärme und Kälte, Trockenheit und Näſſe hatte die Folge, daß faſt Jedermann in der Nachbarſchaft einige Tage mit Huſten, Schnupfen, böſen Hälſen und dergleichen Uebeln kämpfen mußte. 153 Während der übrigen Tage, die wir in New⸗Yerſey verlebten, war die Witterung beſtändiger. Herr Brand erhielt daher in den Nachmittagſtunden häufig Zuſpruch von ſeinen Nachbarn, oder er ſtattete mit uns Beſuche bei ihnen ab. Den Morgen pflegte er hinzubringen, wie es bei den wohlhabenden ameri⸗ kaniſchen Landwirthen Sitte iſt. Nachdem er kurze Beinkleider, Schuhe, Ka⸗ maſchen und einen ſogenannten Halbfrack angelegt, und einen Strohhut mit breiter Krämpe aufgeſetzt hatte, ergriff er die Jagdflinte und zog mit einigen Hunden zum Hofe hinaus, ſeine Aecker und Wälder zu durchſtreifen. Er war ein trefflicher Schütze und kam am Mittage ſelten zurück, ohne einen Haſen, ein Kaninchen oder einige Vögel geſchoſſen zu haben. Ich ermangelte nie, an dieſen Streifereien Theil zu nehmen, nicht weil ich ein Liebhaber der Jagd bin, ſon⸗ dern weil ich dadurch Gelegenheit erhielt, die Beſchaffenheit des Landes näher kennen zu lernen. Als wir eines Morgens den Wald durchſtrichen, verkündigten die voraus gelaufenen Hunde durch ihr Bellen, daß ſie ein wildes Thier ausgeſpürt hatten. Wir eilten hinzu und ſahen, wie ſie eins von der Größe einer kleinen Katze herum zerrten, welches Brand ſogleich für ein Opoſſum oder Beutelthier er⸗ kannte. Auf unſer Abwehren ließen ſie dasſelbe los. Es ſchien aber völlig todt, denn es hielt die Beine von ſich geſtreckt, hing den Kopf auf die Seite, und gab überhaupt weder durch Athemholen, noch durch eine Bewegung das „geringſte Zeichen des Lebens zu erkennen. Gleichwohl war es warm anzufühlen, auch konnte man nicht bemerken, daß ihm die Hunde einigen Schaden zugefügt hätten. Brand, welcher die dem Opoſſum eigene Kunſt ſich zu verſtellen, kannte, ſchoß es in das Genick, worauf ein ſtarker Blutfluß, aber nicht die geringſte Verzuckung erfolgte. Er ſteckte hierauf das Thier, in der Meinung, es wirklich getödtet zu haben, in ſeine Jagdtaſche. Da das Opoſſum in Amerika von eini⸗ gen Leuten gern gegeſſen wird, und überdieß in New⸗Yerſey nur noch ſelten ge⸗ funden wird, ſo wollte er das erlegte ſeinem Schwiegervater zum Mittageſſen zurichten laſſen, weßhalb wir ſogleich nach Hauſe eilten. Nach unſerer Ankunft trug er es in die Küche, und die ganze Familie kam herbei, die Seltenheit in Augenſchein zu nehmen. Es wurde nun auf allen Seiten beſehen und befühlt, und von Jedermann für todt gehalten. Es war ein Weibchen und ſchien, nach dem Umfange ſeines Beutels zu ſchließen, reife Junge darin zu haben. Um dieſen das Leben zu erhalten, wurde der Verſuch gemacht, den Beutel zu öffnen, was jedoch, weil er ſehr feſt verſchloſſen war, nicht ohne große Mühe geſchah. Man fand drei Junge, die ſchon ſo vollkommen waren, daß Brand hoffte, ſie ohne die Mutter aufzuziehen und, wie es in Amerika oft der Fall iſt, als Haus⸗ thiere zu halten. Man trug ſie hierauf in den Hof, um ſie daſelbſt zu ſonnen 154 und zu füttern. Mittlerweile wurde einem Neger befohlen, dem alten Opoſſum das Fell abzuſtreifen. Er ging in die Küche, um ſich der Arbeit zu unterziehen, ſah aber zu ſeinem großen Erſtaunen, daß es ſich aufgerichtet hatte. Als es ihn gewahr wurde, that es einen Satz und ſprang durch das offene Fenſter in den Hof. Der Neger erhob ein lautes Geſchrei, und indem ich mich umdrehte, um zu ſehen, was es gäbe, erblickte ich das Opoſſum, welches eben an einem hohen, vor dem Hauſe befindlichen Geländer hinan kletterte. An den Spitzen desſelben blieb es— wahrſcheinlich um auszuruhen oder ſich umzuſehen— mit ſeinem langen Wickelſchwanze einen Augenblick hängen, und ſprang dann in den äußern Theil des Hofes hinab. Obgleich die Beutelthiere, wegen der handähnlichen Form ihrer Pfoten, mehr zum Klettern auf den Bäumen, als zum ſchnellen Laufen auf der Erde geſchickt ſind, ſo lief doch dieſes mit ziemlicher Behendig⸗ keit über den Hof, und erreichte, ehe Jemand es einholen konnte, eine offen ſtehende Scheune, wo es im Strohe ſich verbarg und nicht wieder gefunden wurde. Am Abend bereiteten die Neger den jungen Beutelthieren eine warme Lagerſtätte in einem Schuppen; allein ſie waren am andern Morgen verſchwun⸗ den, und man vermuthete, daß die Mutter ſie wieder an ſich genommen hätte, ¹was um ſo wahrſcheinlicher war, da zu gleicher Zeit einige Hühner erwürgt ge⸗ funden wurden. Man ſieht hieraus, daß das Opoſſum die Kunſt, ſich todt zu ſtellen, in hohem Grade beſitzt; es hält dadurch andere fleiſchfreſſende Thiere, welche das Aas verabſcheuen, von ſich ab. In dieſem Zuſtande erträgt es die größten Miß⸗ handlungen und Qualen, ohne zu zucken oder ein Zeichen des Schmerzes von ſich zu geben. Man hat Beiſpiele, daß Beutelthiere, welchen faſt alle Knochen und ſogar der Hirnſchädel zerſchlagen waren, dennoch nach einiger Zeit ſich er⸗ holten und fortkrochen. Es iſt daher in Amerika ein Sprichwort:„das Opoſ⸗ ſum hat neun Katzenleben.“ Die Liebe dieſes Thieres zu ſeinen Jungen iſt grenzenlos. Es trägt ſie nicht nur, ſo lange ſie noch unvollkommen ſind, be⸗ ſtändig im Beutel, ſondern nimmt ſie auch, wenn ſie ſchon die Fähigkeit erlangt haben, ihre Nahrung ſelbſt zu ſuchen, bei jeder drohenden Gefahr in demſelben auf, und verſchließt ihn ſo feſt, daß er ohne gewaltſame Mittel nicht zu öffnen iſt. Oft läßt es ſich eher in Stücke zerreißen, als daß es ihn öffnete; und ſchon hat man deßhalb den grauſamen Verſuch gemacht, Beutelthiere auf glühende Kohlen zu legen, aber ſie haben ſich mit ihren Jungen lieber lebendig braten als dieſelben aus dem Beutel nehmen laſſen. Ein Gegenſtand, der auf jenen Streifzügen meine Aufmerkſamkeit oft be⸗ ſchäftigte, waren die ſogenannten fliegenden Eichhörner, die es hie und da gab. 155 Da ſie bei Tage in hohlen Bäumen ſchlafen, ſo pflegten wir an ſolche Bäume zu klopfen, und war eins drin, kam es gewiß raſch hervor. Auch die in den Wäldern beſchäftigten Arbeiter gewährten mir eine viel⸗ fache Unterhaltung. Bisweilen laſen ſie die Beeren des Wachsſtrauches, um eine Art Wachs daraus zu ſieden, welches, mit Talg vermiſcht, ſehr gute Lichter gibt. Ebenſo wurden die den Mispeln ſehr ähnlichen Früchte des Perſimon ge⸗ ſammelt, woraus Brand ein wohlſchmeckendes Bier brauen ließ, das den Sei⸗ nigen zum gewöhnlichen Getränk diente. Auch die Crabäpfel ſuchte man auf, um ſie mit Zucker einzumachen, oder Cider und Eſſig daraus zu bereiten. Außer der an den Bäumen ſich hinaufſchlängelnden Fuchsrebe, war auch eine andre Art wilder Weinreben, deren Trauben ziemlich wohlſchmeckend ſind, der Gegen⸗ ſtand des Einſammelns. Man hatte in manchen Gegenden von New⸗Yerſey mit gutem Erfolg verſucht, Wein daraus zu machen, und bemühte ſich daher, das Gewächs immer mehr zu veredeln. In der Brandiſchen Wirthſchaft wur⸗ den die Trauben gedörrt, und ſtatt der Corinthen zu Backwerk verwendet. An einigen Tagen ſah ich das im naſſen Boden häufig wachſende Sumpflederholz ſchneiden. Aus den zähen, dünnen Fäden dieſer Holzart kann man Seile ver⸗ fertigen, aaen Einwohner von New⸗Yerſey, bevor der Hanf daſelbſt in Aufnahme kam, ſteh allgemein bedienten. Auch macht man Körbe und aller⸗ hand Flechtwerk aus dieſem Holze. In Brands Wirthſchaft wurden Flur⸗ matten, Wagenkörbe, Säcke und viel anderes Geräth, ſowie auch die Bett⸗ matten der Dienerſchaft daraus verfertigt. Am nächſten Abend kam ein Brief von New⸗York an Herrn Fedderſen, worin der däniſche Schiffskapitän Winſtrup— derſelbe, welcher uns nach Ko⸗ penhagen überfahren wollte— berichtete, daß ſein Schiff ſegelfertig wäre, und wir Anſtalt machen müßten, uns einzuſchiffen. Dieſer Umſtand veranlaßte Herrn Brand, ſich gleichfalls an Bord ſeines Schiffes zu verfügen. Man war daher emſig mit Einpacken beſchäftigt. Am andern Morgen wurde frühzeitig aufgebrochen. Der Abſchied von der liebenswürdigen Brandiſchen Familie, ſowie vom alten ehrlichen Olafſon, ging mir ſehr nahe, und noch immer denke ich mit Rührung an dieſe guten Menſchen, die mich mit ſo vieler Güte überhäuften. Da Brand viele Schiffsvorräthe und andere Waaren mitzunehmen hatte, ſo wurde die Reiſe nicht zu Lande, ſondern auf dem Hudſon gemacht. Wir begaben uns nach der nächſten Fiſcherwohnung am Fluſſe, wo wir eine Barke zu unſerer Aufnahme bereit fanden, die uns mit unſern Sachen raſch an Bord nahm. Bald nach der Abfahrt begegneten uns viele, nach den Städten Hudſon und Albany beſtimmte Schiffe; denn dieſe Städte treiben nicht nur ſtarken 156 Verkehr mit New⸗York, ſondern auch auswärtigen Handel. In Hinſicht des letztern wird beſonders die Stadt Hudſon, ungeachtet ſie erſt ſeit dem Jahre 1784 entſtanden iſt, ſehr wichtig, und man behauptete ſchon damals, als ich mich in Amerika befand, daß ſie gegen zweihundert große Seeſchiffe unterhalte, die nach allen Theilen der Erde Reiſen unternehmen. Hierbei muß ich jedoch bemerken, daß die Schifffahrt auf dem obern Hudſonfluſſe nur den Einheimi⸗ ſchen geſtattet wird, und daß fremde Fahrzeuge nicht weiter als bis New⸗York gehen dürfen. Wir ſchifften Anfangs dicht an den Ufern von New⸗Yerſey hin. Es ſind meiſtens ſchroffe Felſenreihen; ihre mit Holzung bedeckten Gipfel ragen bis⸗ weilen ſechs hundert Fuß über die Waſeerfläche empor, was einen ſehr erhabenen Anblick gewährt. Dieſe Höhe vermindert ſich nur allmählich nach der Mün⸗ dung des Fluſſes hin, und beträgt noch in der Gegend der Stadt New⸗York ſechzig bis achzig Fuß. Die Steinart iſt ein Gemiſch von Granit und Kalk⸗ ſtein. Das jenſeitige Ufer der Grafſchaft Weſt⸗Cheſter erſcheint minder hoch und felſig. 1 1 Als wir uns der New⸗Yorkinſel näherten, ſtachen wir weiter in die Mitte des Stroms, wo man eine herrliche Ausſicht auf aeigeis An der nördlichen Spitze jenes Eilandes erblickten wir die zwei Brücken, die dasſelbe mit der Grafſchaft Weſt⸗Cheſter verbinden. Die eine, welche den Namen „Kingsbridge“(Königsbrücke) führt und durch die Kriege mit den Engländern merkwürdig iſt, beſteht aus Holz; die andere iſt ein ſteinernes Gebäude. Auf beiden Brücken zeigte ſich ein lebhaftes Gewühl von Menſchen und Fuhrwerk. Die New⸗Yorkinſel ſtellt im Norden eine Reihe ſteiler und hoher Felſen dar, die auf den Gipfeln mit Wald bewachſen ſind. Sie ſenken ſich aber, gegen Süden, immer mehr herab, ſo daß das Land bei der Hauptſtadt ziemlich flach iſt. Das Geſtein beſteht aus einer grauen eiſenhaltigen, hier und da mit Granit vermiſchten Maſſe. Gegen den Fluß hin öffnen ſich einige Felſenſchluchten, durch welche wir die reizendſten Landſchaften im Innern der Inſel erblickten; denn es gibt daſelbſt ſehr fruchtbare, mit vortrefflichem Erdreich bedeckte Thäler, zu deren Verbeſſerung der Fleiß der Einwohner ungemein viel beigetragen hat. Die Felder ſind durchgängig mit Steinmauern umgeben, daher die auf der Höhe gelegenen wie Weinberge mit gemauerten Abſätzen ausſehen.. In der Gegend von New⸗York fanden wir eine Menge mit dem Fiſch⸗ fang beſchäftigter Boote. Viele derſelben waren bloß mit Knaben und Mäd⸗ chen bemannt, die jedoch bei ihrer Verrichtung um ſo mehr zu bewundernde Ge⸗ ſchicklichkeit zeigten, als nicht wenig Erfahrung dazu gehört, auf einem reißen⸗ den Strom und bei friſchem Winde zu ſegeln und zu fiſchen. Ueberhaupt 157 hatte ich in Amerika oft Gelegenheit zu bemerken, daß dort die Kinder früh⸗ zeitig an Arbeit gewöhnt und in den Stand geſetzt werden, ihren Aeltern und dem Staate zu nützen. 4 9.. Die däniſche Brig.— Ein Nachkomme der Matowacken, Urbewohner der„langen Inſel. An⸗ kunft eines Einwandererſchiffes. Bemerkungen über die Lage ſolcher Ankömmlinge. Diebereien der Seeleute.— Geſellſchaft an Bord.— Ein übel berüchtigter Kapitän. Wir erreichten gegen elf Uhr Morgens die ſüdliche Spitze der Stadt New⸗York. Hier trennte ſich Kapitän Brand von uns, nach ſeinem im Oſt⸗ fluſſe liegenden Schiffe zu gehen, während wir Uebrigen ein anderes Boot be⸗ ſtiegen, zu der däniſchen Brig bei Staten⸗Island überzufahren. Der Kapitän Winſtrup empfing uns ſehr freundlich und wies uns zur Wohnung eine Coye an, die wir, wie das ganze Schiff, zwar klein, aber nicht ohne Bequemlichkeit fanden. Ein Umſtand, der uns ſehr erfreute, war, daß ſich ſämmtliche Mann⸗ ſchaft, ungeachtet das gelbe Fieber noch fortwährend in der Stadt wüthete, voll⸗ kommen wohl befand. Obſchon die Brig ſegelfertig lag, wurde doch, durch nicht vorhergeſehene Umſtände, ihre Abfahrt um einige Tage verzögert. Während dieſer Zeit ſuchte ich mich ſo viel als möglich für die Reiſe einzurichten und hauptſächlich mit warmen Seekleidern zu verſehen, wozu die vielen im Hafen herumfahrenden Handelsleute Gelegenheit darboten. Unter andern kaufte ich rothe wollene Hem⸗ den, dergleichen nicht nur von den amerikaniſchen, ſondern auch von vielen an⸗ deren Seeleuten häufig getragen werden. Sie leiſteten mir auf der Reiſe vor⸗ treffliche Dienſte, indem die feuchte nebelige Witterung, die wir hatten, weni Eindruck auf den Körper machte. Der Mann, von dem ich ſie kaufte und halb ich den Umſtand erwähne, gehörte zu den Indianern, die von den Mato⸗ wacken, den urſprünglichen Bewohnern der„langen Inſel“, abſtammen und dort noch gegenwärtig unter den Weißen leben. Sie haben Vieles von den europäiſchen Sitten und Gebräuchen angenommen, aber meiſtens nur das Ver⸗ werfliche. Die Thätigkeit und manche andere Tugend der Europäer blieb ihnen fremd. Ihre Felder bebauen ſie ſelten mit eigener Hand, ſondern treiben lieber ein leichteres, ihrer Trägheit zuſagendes Gewerbe. So beſaß z. B. der er⸗ wähnte Mann ſehr anſehnliche Ländereien, und gleichwohl beſchränkte ſich ſeine Beſchäftigung bloß darauf, daß er von einem Schiffe zum andern fuhr, um ſeinen Kram, der in Kleidern, Naſchwerk und Getränken beſtand, zum Verkauf auszubieten. Um ſo mehr ſind dieſe Indianer von der Leidenſchaft für geiſtiges 158 Getränk ergriffen; doch ſollen ſie bei ihren Gelagen die Vorſicht gebrauchen, daß ſie aus jeder Familie Jemanden wählen, dem die Pflicht auferlegt wird, nüchtern zu bleiben und über die Trinker zu wachen*). Auch jener, den ich zu beobachten Gelegenheit hatte, ſchien dem Trunke ſehr ergeben; ſo oft er ein Glas Rum verkaufte, unterließ er nie, für ſich eins zu füllen, und es auf die Geſundheit des Käufers zu leeren. Bei dieſer Neigung zum Rauſche, verbun⸗ den mit den ſchädlichen Folgen, welche die europäiſche Lebensart überhaupt für die urſprünglichen Amerikaner hat, kann es nicht fehlen, daß die Abkömmlinge der Matowacken an einer gänzlichen Erſchlaffung der körperlichen Kräfte leiden. Ihr vormals ſo zahlreicher und mächtiger Volksſtamm iſt ſchon bis auf einige Familien vermindert, und wird das den amerikaniſchen Indianern beſtimmte Schickſal, unter den Europäern auszuſterben, in kurzem theilen. Eines Morgens legte ſich ein von Irland kommendes Schiff dicht bei uns vor Anker. Es brachte eine große Anzahl einwandernder Europäer. Diejeni⸗ gen, welche die Fracht bezahlt hatten, ſchifften ſich ſogleich aus, um entweder die Zeit des gelben Fiebers an einem ſichern Orte abzuwarten, oder ihrer weitern Beſtimmung zu folgen. Es gab aber auch viele darunter, welche die Reiſekoſten nicht aufbringen konnten. Dieß war, wie bekannt, früher mit den nach Amerika kommenden Europäern häufig der Fall; ſie wurden dann im Schiffe gleichſam ats Gefangene gehalten, bis Jemand ſich fand, der ſie in Dienſt nahm und ihre Schuld bezahlte. Zu dem Ende pflegten die Schiffskapitäne die Ankunft dienſt⸗ ſuchender Leute öffentlich bekannt zu machen, und die Ankömmlinge mußten es ſich gefallen laſſen, vor Jedermann zur Schau ausgeſtellt zu werden. Jetzt laſſen ſich indeſſen Rheder und Kapitäne nicht mehr auf ſolche Kontrakte, bei denen ſie auch oft betrogen wurden, ein, und nehmen nur Paſſagiere an Bord, ie ihr Paſſagegeld voraus bezahlen. Ein ſolcher Handel fand aber auch auf di eſem Schiffe ſtatt. Es wurde daſelbſt am folgenden Tage ein ordentlicher Markt gehalten, indem von allen Seiten Herrſchaften hinzukamen, welche die armen, in Reihen aufgeſtellten Menſchen vom Kopfe bis zu den Füßen betrach⸗ teten, ihre Fähigkeiten, Zeugniſſe u. ſ. w. prüften, und mit ihnen Verträge ſchloſſen. Einige brachten ſogar Aerzte mit, um die zu miethenden Leute in Rückſicht ihrer Geſundheit unterſuchen zu laſſen. Wenn nun dergleichen ange⸗ nommene Dienſtleute mit ihren Herrſchaften an das Land kommen, wird der mündlich abgeſchloſſene Vertrag ſchriftlich aufgeſetzt, von Zeugen unterſchrieben, und von der Obrigkeit beſtätigt; denn ohne Beobachtung der vorgeſchriebenen *) Wer denkt hierbei nicht an den König—„aανςα— bei den Gaſtmählern der Griechen? 159 Form iſt er nicht gültig. Entflieht ein Diener ſeinem Herrn, ſo muß er, wenn man ihn erwiſcht, für die Zeit ſeiner Abweſenheit doppelt dienen. Obgleich das Geſinde in den vereinigten Staaten ſehr gut bezahlt wird, ſo müſſen doch ſolche arme in Dienſt tretende Ankömmlinge oft ſehr unvortheilhaft, bisweilen auf mehre Jahre ſich verdingen, um ihre Schuld für das vorgeſchoſſene Reiſegeld zu tilgen; doch dürfen Kinder nicht über ihr ein und zwanzigſtes Jahr in dieſer Hinſicht verpflichtet werden. Die Reiſekoſten waren früher ſehr beträchtlich, und die Schiffer gewannen nicht ſelten anſehnliche Summen, wenn ſie vermögenloſe Europäer überfuhren. Jetzt ſind aber durch die enorme Concurrenz die Preiſe ſehr herabgedrückt worden. Auf einem von Jamaika gekommenen Schiffe, das ebenfalls in unſerer Nähe lag, fand man beim Ausladen der Güter, daß die Matroſen während der Reiſe einige große Rumfäſſer ziemlich ausgeleert hatten. Der Kapitän des Schiffes zeigte dieß dem Kaufmann, welchem die Ladung gehörte, unverzüglich an. Dieſer kam auch zur Beſichtigung der Fäſſer ſogleich herbei, ließ aber die Sache, um der Mannſchaft keine Unannehmlichkeiten zu verurſachen, nicht weiter unterſuchen, und ſagte mit lächelnder Miene: er hoffe, der Rum werde von vorzüglicher Güte ſein und ſich vortheilhaft abſetzen laſſen, da er ſchon ſo vielen Beifall erhalten habe. Nach einiger Zeit kam der Kaufmann auf unſer Schiff, und ſprach mit Herrn Fedderſen, wobei er unter andern Folgendes äußerte: „Ich habe noch nie eine Ladung Rum unverſehrt erhalten, und war ſchon auf den jetzigen Fall gefaßt. Die Matroſen beſitzen nämlich ſo viel Kunſtgriffe, dieſer verführeriſchen Waare beizukommen, daß weder die Vorſicht und Wach⸗ ſamkeit ihrer Vorgeſetzten, noch die Furcht vor der Entdeckung und Beſtrafung vermögend iſt, ihre Diebereien zu verhindern. Ich bekam einſt,“ erzählte er, „köſtlichen Sekt in verſiegelten Gefäßen, wovon einige bei der Uebergabe faſt leer waren. Dennoch ſchienen ſie völlig unverſehrt, und es blieb für mich lange ein Räthſel, wie man den Wein herausgebracht hatte. Endlich entdeckten meine Leute Löcher unter den Reifen, indem man einige derſelben zurückgeſchlagen und dann wieder angetrieben hatte, die gemachten Oeffnungen zu verſtecken. Zu einer andern Zeit wurde mir von einem Schiffe Rum überbracht, wovon man einige halb mit Waſſer angefüllt, und andere nach dem Anzapfen offen ge⸗ laſſen hatte, ſo daß ein großer Theil der Ladung entwendet oder verdorben war. Als dasſelbe Schiff mit einer zweiten Rumladung anlangte, rühmte ſich der Kapitän, daß er dießmal die Waare im beſten Zuſtand abliefere, denn ſie wäre von ſeinen Offizieren geſtaut und während der ganzen Reiſe auf das ſorgfältigſte bewacht worden. Gleichwohl zeigte ſich beim Ausſchiffen ein beträchtlicher Ver⸗ luſt. Obſchon es den Matroſen an Gelegenheit, in den Schiffsraum zu kom⸗ 160 men, gefehlt hatte, waren ſie doch ſo liſtig geweſen, zur Nachtzeit Löcher durch das Verdeck in die darunter liegenden Fäſſer zu bohren, und ſie mittels dünner Röhren nach und nach auszuſaugen. Ein junger Kaufmann in Philadelphia“ — fuhr er in der Erzählung fort—„ſagte vor einiger Zeit zu einem Schiffs⸗ kapitän, daß es den Matroſen bei gehöriger Aufſicht der Offiziere nicht möglich ſei, Diebereien an der Ladung zu begehen. Der Kapitän dagegen behauptete, das Schiffsvolk würde den Rum aus dem Faſſe ſtehlen, wenn er ſich auch darauf ſetzte, und forderte ihn zu einer Wette auf. Sie wurde angenommen. Man brachte eine volle Tonne auf das Verdeck, und der Kaufmann nahm, wie ver⸗ abredet war, ſeinen Platz auf derſelben. Es ſchlichen ſich dann Matroſen in den Raum, bohrten ein Loch durch die Deckdielen in das Faß, und ließen den Rum in ein untergeſetztes Gefäß laufen. Während dieß geſchah, fing der Zim⸗ mermann an zu kalfatern, und machte, damit man das Geräuſch des Bohrens nicht hörte, ein betäubendes Getöſe. Der Koch ſetzte, wie es beim Kalfatern zu geſchehen pflegt, den Pechkeſſel auf das Feuer, welcher einen ſo heftigen Geruch verbreitete, daß man den des auslaufenden Rums nicht empfinden konnte. Zu gleicher Zeit begannen einige Matroſen ſich zu zanken und zu prügeln, um die Aufmerkſamkeit des Wächters abzulenken. Der gute Mann ſaß unterdeſſen ruhig auf ſeinem Faſſe, und beobachtete, ohne den Betrug zu ahnen, das Thun und Treiben der liſtigen Mannſchaft, nur immer darauf aufmerkſam, daß ihm Nie⸗ mand an Deck zu nahe kam. Endlich ſah er nach ſeiner Uhr, und rief dem Ka⸗ pitän frohlockend zu, daß ſeine Leute nun Anſtalt machen müßten den Rum zu ſtehlen, da die dazu beſtimmte Zeit bald abgelaufen ſei. Aber in dieſem Augen⸗ blick rollte die ausgeleerte Tonne, welcher man von unten einen Stoß gegeben hatte, fort, und der Ueberliſtete fiel der Länge nach auf das Verdeck. Der Zim⸗ mermann warf nun ſeinen Hammer auf die Seite, der Koch nahm den Pechkeſſel vom Feuer, die Zänker wurden Freunde, und die ganze Mannſchaft kam herbei, ſich über den Kaufmann luſtig zu machen, welcher noch außerdem genöthigt war, die verlorne, ziemlich anſehnliche Wette zu bezahlen.“ Die Seeleute ſind überhaupt weit von dem Gedanken entfernt einen Dieb⸗ ſtahl zu begehen, wenn ſie auf der Reiſe genießbare Dinge zum eignen Gebrauch entwenden. Ihrer Meinung nach kann ſich's der Kaufmann wohl gefallen laſſen, wenn ſie ſich auf ſeine Koſten etwas zu Gute thun, da ſie mit Wind und Wellen kämpfen müſſen, um ihm neue Reichthümer zuzuführen, während er zu Hauſe ruhig und im Ueberfluſſe lebt. Obſchon in vielen Häfen die Seeleute gehalten ſind, nach erfolgter Uebergabe der Ladung einen gerichtlichen Eid abzulegen, daß nichts davon veruntreuet worden iſt, ſo glauben ſie es doch mit gutem Ge⸗ wiſſen thun zu können, wenn ſie die entwendeten Waaren ſelbſt verbraucht und 161 nicht veräußert haben. Solche kleine Diebereien finden auch bei den Kaufleuten leicht Entſchuldigung; und ſelbſt die Obrigkeit rügt dieſelben, im Fall ſie klag⸗ bar werden, ſelten ſo ſtreng, als wenn Jemand auf dem feſten Lande dergleichen. begeht. Dagegen wird die Eutwendung von Gütern, die den Verkauf derſelben zum Zweck hatte, nach den Geſetzen des Landes beſtraft. Im Ganzen verab⸗ ſcheuen die Seeleute dergleichen Diebſtähle, beſonders aber iſt ein Geld⸗ oder Kleiderdieb ein Gegenſtand ihrer tiefſten Verachtung. Ich muß hier noch be⸗ merken, daß das Stehlen auf den Schiffen ſehr begünſtigt wird, weil den Ma⸗ troſen mancherlei Wege zur Ausrede offen ſtehen. Es läßt ſich nämlich oft ſchwer entſcheiden, ob z. B. die Fäſſer und Kiſten auf dem Schiffe, oder ſchon auf dem Lande beſtohlen, ob ſie durch diebiſche Hände oder durch die heftige Bewegung des Meeres zerſchlagen wurden u. ſ. w. Wir hatten den Kapitän Brand nach der Zurückkunft aus New⸗Yerſey faſt eine ganze Woche nicht geſehen. Endlich erſchien er, begleitet von einigen Bekannten, am Sonnabende, denn an dieſem Tage pflegt man in den vereinigten Staaten, weil der Sonntag einer feierlichen Stille gewidmet iſt, bei guter Zeit ſich von den Geſchäften frei zu machen, und geſellige Vergnügung zu ſuchen. Gewöhnlich werden dann Trinkgelage veranſtaltet, welche nicht ſelten die ganze Nacht fortdauern. Der Kapitän Winſtrup ließ es indeſſen an nichts fehlen, die Gäſte gut zu bewirthen, und letztere belohnten ſeine Freigebigkeit durch guten Appetit und die fröhlichſte Laune. Es war drei Uhr Morgens, als die Geſell⸗ ſchaft noch um den Punſchtiſch ſaß und Glas auf Glas hinunter ſchlürfte, in⸗ dem ſie dabei Geſundheiten ausbrachte, drollige Geſchichten erzählte und luſtige Lieder ſang. Um dieſe Zeit zog ich mich ſtillſchweigend in meine Kammer zurück. Hier vernahm ich das Geſpräch der auf dem Verdeck wartenden Bootleute des Ka⸗ pitän Brand. Es betraf unter andern einen von den gegenwärtigen Gäſten ihres Herrn; man ſchilderte ihn— er war Schiffskapitän— als den größten Böſewicht, den je das Salzwaſſer getragen hätte.„Er verkümmerte ſeinen Leuten,“ hieß es,„die Hälfte der vom Rheder beſtimmten Beköſtigung, und zwänge dieſelben, indem er ſich außerhalb Landes nie zu Geldvorſchüſſen ver⸗ ſtände, alle Bedürfniſſe von ihm zu kaufen und ſich hoch anrechnen zu laſſen; auch ſuchte er durch ſchlechte Behandlung es dahin zu bringen, daß ſie fortliefen, und ihren verdienten Lohn im Stiche ließen. Auf der Fahrt nach Oſtindien hätte er einen Matroſen durch üble Begegnung zur Verzweiflung gebracht, ſo daß er über Bord geſprungen und ertrunken wäre. Auf einer Reiſe im Süd⸗ meer ſollte er einen ſeiner Leute entſetzlich gemißhandelt und dann unter dem. Vorgeben, daß er entlaufen ſei, auf einer unbewohnten Inſel ausgeſetzt haben, Richter's Reiſen. I. 11 162 um nicht zur Rechenſchaft gezogen zu werden. Leuten, die ihm ſchaden könnten und die er aus dem Wege zu räumen wünſchte, wieſe er ſo gefährliche Arbeiten an, daß ſie verunglücken müßten. Auch pflegte er die geladenen Güter zu ver⸗ fälſchen, Unterſchleif zu treiben, und abſichtlich große Beſchädigungen des Schiffes zu veranlaſſen, um bei der Ausbeſſerung ſeinen Schnitt zu machen. Ebenſo ſuchte er in den europäiſchen Häfen durch allerhand Vorſpiegelungen die Leute zum Auswandern zu bereden, und ſie dann für die Ueberfahrt zu übertheuern, oder wohl gar während derſelben um das Ihrige zu bringen.“ Wenn es wahr iſt, daß man aus der Geſichtsbildung eines Menſchen auf ſeine Weiſe im Denken und Handeln ſchließen kann, ſo glaube ich, daß das häßliche Gemälde, welches die Matroſen von dieſem Schiffer entwarfen, nicht übertrieben war; denn in ſeiner Miene lag viel Abſchreckendes, ob er ſchon übrigens die Eigenſchaft eines guten Geſellſchafters beſaß. Es gibt indeß unter den Schiffskapitänen nicht wenige, auf welche die eben gemachte Schilderung paſſen würde. Beſonders laſſen ſie ſich nicht ſelten eine ſchlechte Behandlung ihrer Untergebenen zu Schulden kommen, und ich habe oft bemerkt, daß die Freundlichkeit, welche ſie, um Leute in ihren Dienſt zu bekommen, am Lande annehmen, in ein entgegengeſetztes Betragen übergeht, ſobald das Schiff den Hafen verläßt. Es iſt daher zu verwundern, daß ſie bei ihrer Zurückkunft nicht öfter zur Rechenſchaft gezogen werden. Allein der Leicht⸗ ſinn des gemeinen Seemanns kommt ihnen hierin ſehr zu Statten; denn einen gemißhandelten Matroſen zu beſänftigen und ſein erlittenes Unrecht vergeſſen zu machen, iſt es oft hinreichend, wenn ſie ihm auf der Rückreiſe— zu welcher Zeit ſie überhaupt gelinde Saiten aufzuziehen pflegen— einige ſchmeichelhafte Worte ſagen, und ein Paar Gläſer Rum zu trinken geben. Der Natroſe, deſſen Kopf bei der Annäherung an das Land von den dort ihn erwartenden Freuden ſchwindelt, wird dann leicht zur Verſöhnung geſtimmt, und fühlt er erſt das feſte Land unter den Füßen, ſo hat er keine Zeit, auf Rache zu ſinnen, ſondern eilt, das Andenken an das ausgeſtandene Ungemach durch Vergnügungen aus ſeiner Seele zu vertilgen.. Unſere Gäſte ſetzten ihre Luſtbarkeiten ungeſtört fort, bis der Anbruch des Sonntags, Ruhe gebietend, ſie auseinander gehen hieß. Da Brand gehört hatte, daß unſer Schiff den nächſten Dinstag abſegeln würde, ſo beſchloß er beim Abſchied, auch mit dem ſeinigen die von ihm zu unternehmende Reiſe zur ſelbigen Zeit anzutreten, um Fedderſens Geſellſchaft noch ſo viel als möglich zu genießen. Beide Schiffe gingen am beſtimmten Tage— am 15. September— ge⸗ meinſchaftlich unter Segel, und ließen den Hafen von New⸗York in kurzem hinter 163 ſich. Ein friſcher Weſtwind empfing uns auf dem hohen Meere und entzog bald das mir ſo merkwürdige Land unſern Blicken. So hoch die ſchäumenden Wogen auch ſtiegen, ſo konnten ſie doch den Kapitän Brand nicht abhalten, auf unſer Schiff zu kommen und bis ſpät am Abend bei uns zu bleiben. An den beiden folgenden Tagen wurde die Wiederholung ſeines Beſuchs vom zunehmenden Winde verhindert; doch unterließen wir nicht, uns in der Entfernung durch das Sprachrohr mit ihm zu unterhalten. Am vierten Tage nach der Abfahrt erreichten wir die Bänke von New⸗ Foundland, den Punkt, wo beide Schiffe ſich trennen und ihrer verſchiedenen Beſtimmung folgen mußten. Obſchon das Wetter, wie gewöhnlich in dieſer Gegend, trübe und unangenehm und der Wind ſehr heftig war, ſo beſtieg doch Brand die Schaluppe, und erreichte, der hohen Wellen ungeachtet, unſer Schiff, um uns das letzte herzliche Lebewohl zu ſagen. Der Abſchied zweier gleich edel geſinnter Männer, wie Brand und Fedderſen, welche ſchon im Frühling ihres Lebens die innigſte Freundſchaft geſchloſſen hatten, und nun im Herbſte deſſel⸗ ben wahrſcheinlich auf immer von einander ſchieden, konnte nicht anders als mit den bitterſten Gefühlen verbunden ſein. In der That, es war ein rührender Anblick, als ſie mit thränenden Augen einander umarmten und endlich mit Ge⸗ walt ſich losriſſen, während der trübe Himmel, die brauſenden Wellen und der heulende Wind ihre Trennung zu beklagen ſchienen; eine Scene, welche den tiefſten Eindruck in meiner Seele zurückgelaſſen hat.— Die beiden Schiffe entfernten ſich nach dieſem Abſchiede ſchnell von einander, indem das unſrige nach dem Norden von Europa und das andere nach den kanariſchen Inſeln ſteuerte. Aber die begrüßenden Kanonenſchüſſe des letztern tönten noch lange in unſern Ohren, und die Lebewohl zurufenden Flaggen an den Maſtſpitzen ragten am ſüdlichen Horizonte noch aus dem Meere hervor, als das Schiff ſchon in daſſelbe verſunken ſchien. . Wir hatten im Ganzen eine langweilige und unangenehme Fahrt. Der Himmel war ſtets in nebelige Dünſte gehüllt, und die weſtlichen Winde ſtürmten faſt unabläſſig. Unſere kleine Brig ſchwankte von der einen Seite zur andern, ſo daß man mit Bequemlichkeit weder ſtehen, ſitzen noch liegen konnte, und jede Sache, die man aus den Händen legte, hin und her geworfen wurde. Die Stim⸗ mung der Mannſchaft entſprach der Laune des Wetters; Zank, Murren und Fluchen traten an die Stelle geſelliger Unterhaltung. Fedderſen ſchien den hei⸗ teren Sinn, welcher ihm ſonſt nie fehlte, ganz zu verlieren, und, je mehr er ſich dem Vaterlande näherte, dem Gedanken an ſein erlittenes Unglück nachzuhängen. Bisweilen gelang es mir, ſeine Grillen zu vertreiben, aber der Kapitän Win⸗ ſtrup, der bei aller Theilnahme nicht die Gabe hatte, ein niedergeſchlagenes Ge⸗ 11* 164 müth aufzurichten, führte ſie immer bald wieder herbei, indem er das Geſpräch auf Porto Santo und unſern daſelbſt erlittenen Schiffbruch lenkte. Kein frem⸗ des Schiff oder ſonſt ein Gegenſtand bot dem Auge Abwechſelung und den Ge⸗ danken Zerſtreuung dar, und die See zeigte nichts als ſchäumende, von Nebel verdunkelte Wellen, obſchon an einigen Tagen nicht gewöhnliche Erſcheinungen, die ich weiter unten erwähnen will, darauf wahrgenommen wurden. Was hätte unter ſolchen Umſtänden eine willkommnere Beſchäftigung gewähren können, als das Leſen! Aber auch dieſes war einer großen Einſchränkung unterworfen; denn außer einigen Bibeln und nautiſchen Handbüchern fand ſich kein gedrucktes Blatt im Schiffe. Ich fühlte daher tief den Verluſt der hübſchen Bücher des Herrn Fedderſen und meiner eigenen. Dieſer Mangel an Unterhaltung veranlaßte mich, ſo oft ich mit meinen Zöglingen nicht beſchäftigt war, das Meer und deſſen Beſtandtheile aufmerk⸗ ſamer als bisher zu beobachten. Stundenlang ſtand ich bisweilen und ſah dem Gange der Wellen zu. Ich bemerkte, daß die Wellen des Oceans ganz ver⸗ ſchieden von denen der kleinern Meere ſind. Ich hatte z. B. an denen der Oſt⸗ ſee, des deutſchen Meeres und des britiſchen Kanals oft wahrgenommen, daß ſie keine beträchtliche Länge hatten, aber ſchnell, ungleich und in verſchiedenen Richtungen auf einander folgten. Sie ſtiegen bei gewöhnlichen Stürmen ſelten über ſechs Fuß hoch. Aber eben dieſe unbeträchtliche Höhe verurſachte, daß ihnen die Kraft fehlte, ein ſchwer beladenes Schiff zu heben und unter demſelben wegzugehen; vielmehr ließen ſie, wenn ihr unterer Theil dasſelbe berührte, den Gipfel bogenförmig überſtürzen, oder, wie man zu ſagen pflegt, ſie brachen ſich, wodurch das Schiff von den fürchterlichſten Stößen und Ueberſchwemmungen litt. Ganz anders verhielt es ſich mit den Wellen auf dem Ocean. Hier betrug ihre Länge gewöhnlich den achten, bei ſtärkerem Winde aber oft den vierten Theil einer Seemeile, und das Ende ihrer Breite konnte man nicht überſehen. Sie ſtiegen, nach Verhältniß der Länge, zu einer Höhe von ſechs bis zwölf Fuß. Dabei war ihr Lauf ſo regelmäßig, daß man bei gleichförmigem Winde immer auf der Uhr voraus beſtimmen konnte, wenn die nächſte Welle eintreffen würde. Bei ihrer Ankunft hob ſie, ohne heftige Stöße zu verurſachen, augen⸗ blicklich das Schiff empor, oder es ſchien vielmehr, als ſpränge dieſes hinauf. Es ereignete ſich jedoch einige Mal, beſonders bei ſchnell abnehmendem Winde, daß ziemliche Waſſerfluthen ſich über das Verdeck ergoſſen. Eines Tages, als eine kurze Windſtille eintrat, erblickte ich eine Welle, die ſich zu einer außeror⸗ dentlichen Höhe aufthürmte. Ein Schwarm von Möwen flog mit ängſtlichem „Geſchrei vor ihr her; und das Schiffsvolk rief erſchrocken einander zu, ſich feſt⸗ zuhalten. Mit einem furchtbaren Getöſe ſtürzte ſie in einer kleinen Entfernung 165 vom Schiffe zuſammen, und würde dasſelbe, hätte ſie es getroffen, ſehr beſchädigt haben. Ueberhaupt findet man auf allen Meeren, daß die Wellen nach dem Sturme eine Zeit lang höher gehen und ſich leichter brechen, als während des⸗ ſelben. Der Wind iſt zwar die Urſache ihres Entſtehens, ſetzt ihnen aber auch Grenzen, indem er ſie niederdrückt, wenn ſie eine gewiſſe Höhe erreicht haben. Ohne dieſe Gegenkraft würden ſie in der Länge der Zeit immer höher ſteigen und ſich zu ungeheuern Maſſen bilden. Läßt daher der Sturm plötzlich nach, ſo bewegen ſie ſich nach denſelben Naturgeſetzen, nach welchen der Perpendikel einer Uhr ſich ſchwingt, eine Zeit lang fort, erheben ſich aber, weil die Gegen⸗ kraft nicht mehr vorhanden iſt, höher als zuvor, und bilden hohe zugeſpitzte Wände, welche leicht zuſammenſtürzen. Auf dieſem Grunde beruht die Erfah⸗ rung, daß der Sturm bald nachläßt, wenn das Meer während deſſelben auf einmal höher ſteigt, und dagegen ſchnell zurückkehrt, wenn es plötzlich wieder fällt. Es iſt indeß leicht einzuſehen, worin die Urſache liegt, daß zwiſchen den Wellen des Oceans und der oben erwähnten Meere eine Verſchiedenheit ſtatt⸗ findet. Dieſe Meere ſind vom Lande eingeengt und haben, wie alle Gewäſſer von beſchränktem Umfang, keine beträchtliche Tiefe, ſondern werden vielmehr oft von Klippen, Sandbänken und Untiefen unterbrochen. Die darauf erzeugten Wellen können daher nicht die Höhe erreichen, wie auf dem großen Weltmeere, welches den Winden eine unermeßlich tiefe Waſſermaſſe darbietet, dieſelbe aus⸗ zuhöhlen und Berge aufzuwerfen; ebenſowenig können ſie ſich in die Länge ſo weit ausdehnen als dort, wo ſich ihr Spielraum viele hundert Meilen weit er⸗ ſtreckt. Auf den kleinern Meeren ſind die Winde ſehr unbeſtändig, denn oft ſtrömen ſie von zwei entgegengeſetzten Küſten zu gleicher Zeit herab, wodurch das Waſſer in verſchiedenen Richtungen fortbewegt wird; daher die Wellen oft einander begegnen und ſich durchkreuzen. Auf dem weiten Ocean hingegen ſind die Winde weniger der Veränderung ausgeſetzt, weil ſie große Strecken durch⸗ laufen können, ohne auf Länder zu ſtoßen und Widerſtand zu finden; weßhalb auch die Bewegung, die ſte dem Waſſer geben, gleichförmiger iſt. Das Leuchten des Meerwaſſers hatte ſchon oft meine Aufmerkſamkeit be⸗ ſchäftigt; auf der gegenwärtigen Reiſe zog es dieſelbe mehr als jemals auf ſich. In einigen Nächten ſchien der ganze Ozean im Feuer zu ſtehen, und noch heller war der Glanz, welcher die Bahn des ſegelnden Schiffes bezeichnete. So oft die Wellen dasſelbe überſchwemmten, was der Seemann„eine See übernehmen“ nennt, blieb auf dem Verdeck und an allen Gegenſtänden, die davon benetzt wurden, eine Maſſe glänzender Punkte zurück, die erſt nach längerer Zeit ihren Glanz verloren. Am Abende, nachdem wir die Bänke von New⸗Foundland verlaſſen hatten, zeigte ſich das Meer in einem ungewöhnlich funkelnden Glanze. Ich ließ mir einen Eimer Meerwaſſer ſchöpfen und bemerkte, daß er voll kleiner darin herum⸗ fahrender Fünkchen war. Um mich zu überzeugen ob dieſe Erſcheinung, wie man behauptete, leuchtenden Thieren zuzuſchreiben ſei, goß ich etwas Waſſer durch ein weißes Tuch, und hatte das Vergnügen, letzteres wie mit Sternchen überſäet zu ſehen. Als ich es an den Schein einer Kerze brachte, verwandelten ſich dieſe Flämmchen in ſchwarze Punkte, die aber doch noch einen ſchwachen Schimmer von ſich gaben. Bei näherer Unterſuchung und mit Hülfe des Ver⸗ größerungsglaſes erblickte ich eine Menge kleiner Thierchen, wovon einige den Krabben, die meiſten aber den Flöhen ähnlich ſahen. So wie das Tuch zu trocknen anfing, und die Thiere zu ſterben ſchienen, verminderte ſich nach und nach ihr Glanz und verlor ſich endlich völlig.— In einer Nacht, als wir uns unter dem 55. Gr. nördl. Br. und dem 344. weſtl. Länge befanden, wurde ich vom Kapitän Winſtrup geweckt, um ein ſel⸗ tenes Schauſpiel zu ſehen, welches das Meer darſtellte. Es ſchwammen auf deſſen Oberfläche leuchtende Klumpen, von zwei und mehr Fuß im Durchmeſſer. Sie hatten eine kugelrunde Geſtalt, die ſich aber in eine eiförmige und noch ge⸗ dehntere veränderte, je nachdem die Wellen ſie bewegten. Wenn ſie von den⸗ ſelben einander zugeführt wurden, vereinigten ſie ſich zu großen Maſſen, trennten ſich aber nur ſelten, was ich als einen Beweis ihrer Zähigkeit anſah. Es glückte mir, etwas von dieſer leuchtenden Materie zu ſchöpfen. Als ich den Eimer heraufzog, flammte er über und über. Das darin befindliche Waſſer hatte eine feurige Decke; ſo oft ich mit einem Stock oder mit der Hand im Eimer rührte, trennte ſich der leuchtende Stoff, und fuhr in tauſend kleinen Kügelchen umher, die aber immer wieder auf der Oberfläche ſich zu vereinigen ſtrebten. Als das Tageslicht anbrach, verlor ſich der Schein, und es zeigte ſich auf dem Meere nichts, was man als die Urſache des ungewöhnlichen Phänomens anſehen konnte; auch im geſchöpften Waſſer konnte ich Anfangs nichts bemerken, bis ich endlich gewahr wurde, daß ſich auf dem Boden des Eimers ein durchſichtiger Schleim angeſetzt hatte. Ich trug daher den Eimer in eine finſtere Kammer, wo der Glanz im Waſſer wieder zum Vorſchein kam, aber nicht, wie zuvor, auf der Oberfläche, ſondern auf dem Boden desſelben, und zwar weit ſchwächer als zu⸗ vor. Am folgenden Tage verdickte ſich der Schleim und zeigte ſich in Faſern, ohne jedoch länger zu glänzen. Solche Stoffe ſind eine von den vorzüglichſten Urſachen, welche das Leuchten „des Meeres veranlaſſen, und man findet immer, daß das Waſſer bei Nacht um ſo heller glänzt, je unreiner und ſchleimiger es am Tage erſcheint. Dieſe Ma⸗ terien rühren von den in Fäulniß übergegangenen Thieren und Pflanzen her, —— —— 8 167 .„ und ſind im eigentlichſten Sinne des Wortes als phosphoriſch anzuſehen. Sie zeigen ſich nur zu gewiſſen Zeiten auf der Meeresfläche, und es ſcheint, daß ihr Aufſteigen von der Richtung des Windes und dem Zuſtande der Atmoſphäre abhängt; beſonders iſt dazu der Nordwind ſehr günſtig. Es ſind mir ſolche phosphoriſche Subſtanzen auf meinen ſpätern Seereiſen nie wieder in dem Maße vorgekommen; doch haben mich viele Seeleute verſichert, daß ihr Erſcheinen auf gewiſſen Meeren, beſonders auf der Nordſee, nichts Ungewöhnliches ſei. Indeß habe ich bisweilen im Meerwaſſer unzählige kleine Feuerkügelchen gefun⸗ den, welche das Vergrößerungsglas als einen ſchleimigen Stoff darſtellte. Auch fand ich oft, daß dergleichen an allen Dingen, die lange im Meerwaſſer einge⸗ taucht waren, ſich anhing und ſie glänzend machte. So bemerkte ich z. B. daß die Ankertaue, ſo oft ſie aufgewunden wurden, mit einem Schleim überzogen waren, welcher zur Nachtzeit ein phosphoriſches Licht verbreitete, ja bisweilen ſah ich ſie bei Nacht eine große Strecke unter dem Waſſer leuchten, wenn das⸗ ſelbe ruhig war. Ebenſo hatten die Boden der Schaluppen, wenn dieſe im Finſtern auf das Verdeck gezogen wurden, denſelben Glanz, und waren dann immer ſchleimig anzufühlen. Auch das geſalzene Fleiſch, das man, bevor es ge⸗ kocht wird, zur Ausfriſchung während der Nacht in das Meer zu hängen, oder in einem mit Seewaſſer gefüllten Kübel zu halten pflegt, erſchien ganz flam⸗ mend, wenn es hervorgezogen wurde. Leuchtende Thiere, z. B. die Mollusken (Weichthiere), Pholaden, die ſechs und vierzigfüßigen Meeraſſeln u. ſ. w., ſowie auch phosphorirte animaliſche und vegetabiliſche Theile, werden gewöhnlich als die einzigen Urſachen des Meerleuchtens angegeben. Es kommen aber auch viele Phänomene vor, wo es ſcheint, daß die Elektrizität dabei im Spiele ſei. Dieß ſind beſonders diejenigen, welche durch das Reiben der Waſſertheile unter ſich, hauptſächlich aber mit fremden Körpern erzeugt werden. Wenn z. B. das Meerwaſſer im ruhigen Zuſtande noch ſo glanzlos und dunkel erſcheint, ſo zeigen ſich doch augenblicklich Funken, welche in allen Richtungen darin herum fahren, ſobald es gerührt oder auf irgend eine Weiſe bewegt wird. Ferner ſieht man die Wellen an ihren Enden, wo ſie das Waſſer zu Schaum ſchlagen, oft ſo ſtark glänzen, daß es ausſieht, als wären ſie mit einem feurigen Saum eingefaßt. Hierher gehören auch die Erſcheinungen, daß die Brandung außerordentlich weit leuchtet, die Ströme in der Tiefe des Meeres, wenn die Oberfläche ruhig iſt, Lavaſtrömen ähnlich ſehen, die Schiffe, wenn ſie ſegeln, eine flammende Waſſerfurche aufwerfen und hinter ſich laſſen, oder daß es, wenn man in einem Boote fährt, das Anſehen hat, als ſchaufelten die Ruderer feurige Funken. Eben ſo bezeichnen die Fiſche ihren Weg durch einen ſo lichten Strich, daß man ſie der Größe und Gattung nach erkennen kann; ein Umſtand, der manchen Beob⸗ 168 achter verleitet hat, ihnen ein phosphoriſches Leuchten beizulegen. Dieß iſt wohl bei einigen Gattungen der Fall, auch ſind ſie bisweilen mit fremden phospho⸗ riſchem Stoffe überzogen; allein in der Regel iſt es vielmehr die von ihnen durchſchnittene Bahn, welche man glänzen ſieht. Ich beobachtete die Fiſche ſehr oft in ſtillen Nächten, wo ſie, umſtrahlt von einem hellen Glanze, mit den ſchnell⸗ ſten Bewegungen um das Schiff zu ſpielen pflegten. Nicht ſelten ſah ich dann, daß ſie Sprünge aus dem Waſſer machten, wobei ſie aber ihren Glanz augen⸗ blicklich verloren und ganz ſchwarz erſchienen. Bisweilen warf ich auch einen Angelhaken aus. Eilte dann einer der Lockſpeiſe zu, ſo hatte es das Anſehen, als flöge ein Blitzſtrahl darauf los. Während er, um anzubeißen, dabei ver⸗ weilte, war der ihn umgebende Schein, wegen der geringen Bewegung, die er dann machte, ſehr matt und oft völlig verſchwunden. Verſchlang er den Haken nicht und ſchwamm davon, ſo ſchien es, als ob auf der Stelle, die er verließ, ein Blitz ſich entzündete, welcher in das Meer fortſchöſſe. Wenn er ſich aber fing und nun wieder zu befreien ſtrebte, ſo entſtand ein zitternder Schein, wel⸗ cher jedoch aufhörte, ſobald ich die Angel aus dem Waſſer zog. Der Fiſch er⸗ ſchien dann immer ohne Glanz, ja zuweilen völlig ſchwarz, wenn auch ſeine Farbe bei Tage heller war. Auf einer ſpätern Reiſe über den Ocean war ich Augenzeuge eines Phänomens, welches ohne Zweifel der Wirkung der Elektri⸗ zität zuzuſchreiben iſt. Am Abend nach einem heißen Tage erhob ſich ein leiſes nördliches Lüftchen, das den mit Dünſten angefüllten Luftkreis ſchnell reinigte. Es zeigten ſich dann am klaren Himmel kleine Blitze und andere feurige Me⸗ teore, von denen wir zu ſagen pflegen, daß ſich das Wetter abkühle. Zu gleicher Zeit aber ſtiegen Flammen aus der Tiefe des Meeres auf, welche ſich einige Fuß über die Oberfläche in die Luft erhoben und mit einem Kniſtern verſchwan⸗ den. Das Waſſer umher warf Schaum auf und gerieth in eine kochende Be⸗ wegung. Alle dieſe bisher erwähnten Arten des Meerleuchtens werden nur des Nachts wahrgenommen; allein die See erſcheint bisweilen auch am Tage in einem ungewöhnlichen Glanze. Wenn man einem Zuge von Fiſchen begegnet, ſo iſt das von ihnen zurückſtrahlende Licht manchmal ſo ſtark, daß man einen Strom geſchmolzenen Silbers zu erblicken wähnt. Der von den Wellen aufge⸗ worfene Schaum hat nicht ſelten eine blendend weiße Farbe; ja, bisweilen häuft er ſich in ſo großer Menge an, daß das Meer einer Schneefläche ähnlich ſieht. Die Urſache dieſer Erſcheinung liegt in den Kalk⸗ und Gipstheilen, welche dem Seewaſſer beigemiſcht ſind, und dasſelbe ſeificht und gäſchend machen. Sie äußern ſich in ihren Wirkungen ſtärker oder ſchwächer, je nachdem ſie durch die Revolutionen, welche von Zeit zu Zeit unter den Beſtandtheilen des See⸗ —— ——yy— yx 169 waſſers Statt haben, in einem größern oder geringern Maße nach der Ober⸗ fläche getrieben werden. Ich ſtellte auf gegenwärtiger Reiſe auch einige Mal Verſuche an, die Be⸗ ſtandtheile des Meerwaſſers zu erforſchen. Zu dem Ende wog ich eines Tages zwei Pfund davon ab, und ſetzte es in einem Fleiſchkeſſel auf das Feuer. Ich war dann bemüht, die aufſteigenden Dämpfe mit einem reinen Schwamm auf⸗ zufangen, und denſelben, ſo oft er ſich vollgeſogen hatte, auszudrücken, wodurch ich beinahe drei Viertelpfund völlig ſüßes und ſchmackhaftes Trinkwaſſer bekam. Meine Leſer ſehen hieraus, daß man das Meerwaſſer auch ohne Deſtillirkolben, bloß durch dieſes ganz einfache Mittel, genießbar machen kann; allein, es iſt nur im äußerſten Nothfall anzuwenden, weil es einem Menſchen täglich mehre Stunden koſtet, um ſo viel Trinkwaſſer zu gewinnen, als er zu ſeinem Unter⸗ halte bedarf, weßhalb es auch vielen Seeleuten gar nicht bekannt iſt. Nachdem die wäſſerigen Theile völlig verdunſtet waren, fand ich, daß an den Seiten des Keſſels Salz angeſchoſſen war, welches nach einer ſorgfältigen Sammlung den neunzehnten Theil von dem Gewichte des Waſſers ausmachte. Auf dem Boden blieb ein gallertartiger Niederſchlag zurück, welchen ich zwar nicht näher unterſuchte, der aber, wie die mühfamen Unterſuchungen vieler Naturforſcher gezeigt haben, Gips, Kalkerde, animaliſche und vegetabiliſche Sub⸗ ſtanzen enthält. In dieſem Bodenſatze liegen die Theile verborgen, welche dem Meerwaſſer ſeinen eigenthümlichen bittern Geſchmack geben. Einige Naturfor⸗ ſcher halten dieſe Bitterkeit für eine Wirkung des Erdharzes, welches dem Meere durch die Flüſſe mitgetheilt würde. Es gibt allerdings Ströme, welche mit erdharzigen Theilen geſchwängert ſind; ſo führen z. B. einige, welche ſich in die kaspiſche See ergießen, weiße und ſchwarze Naphtha bei ſich, und man hat mit gutem Erfolge verſucht, das Waſſer dieſer See durch eine Miſchung von ſüßem Waſſer mit einer gewiſſen Quantität Kochſalz und Naphtha nachzuahmen. Allein nur wenige Flüſſe haben eine ſolche Beſchaffenheit, und es iſt nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß ſie dem weiten Ocean die bittern Stoffe mittheilen können. Mit größerer Sicherheit verfahren daher diejenigen, welche die Bitterkeit des Meer⸗ waſſers den oben erwähnten Beimiſchungen zuſchreiben, und dieſelbe als eine Eigenſchaft anſehen, welche ihm vom Anfange der Schöpfung mitgetheilt wurde; denn wäre ſie ſpäter durch den Zufluß erdharziger Theile entſtanden, ſo müßte ſie immer mehr zunehmen, was jedoch die Erfahrung nicht beſtätigt. Bei meiner obigen Unterſuchung des Meerwaſſers war mir Anfangs der gefundene Salzgehalt auffallend, indem er den Ergebniſſen meiner frühern des⸗ halb angeſtellten Prüfung ſehr widerſprach. Ich hatte nämlich einmal in der Nordſee ⁄15, und zu einer andern Zeit im britiſchen Kanale 1/12 Salz erhalten, 170 und gleichwohl wußte ich, daß dieſes in der Mitte des Oceans weit reichlicher vorhanden iſt, als in den Gewäſſern um die Küſten, welchem durch die Ergie⸗ ßung der Flüſſe fortwährend ſüßes Waſſer zugeführt wird. Allein ich zog bald in Erwägung, daß das Waſſer der Oberfläche, deſſen ich mich zu der gegen⸗ wärtigen Unterſuchung bediente, wenig geſalzen ſein konnte, weil ſeit einigen Tagen ein heftiger Regen gefallen war, und ſolcher, vermöge ſeiner großen Leichtigkeit, eine Zeit lang auf dem Meerwaſſer eine Decke bildet, bevor er ſich mit demſelben vermiſcht. Dieß veranlaßte mich, ſogleich einen zweiten Verſuch anzuſtellen, wozu ich das Waſſer aus einer Tiefe von zwanzig Fuß ſchöpfte, in⸗ dem ich eine Flaſche mit Blei beſchwerte, mit einer Leine verſah, und an dem darauf geſteckten Stöpſel eine zweite Leine befeſtigte, ſo daß man denſelben, wenn die Flaſche die beſtimmte Tiefe erreicht hatte, herausziehen konnte, um das Waſſer hinein zu laſſen. Der Umſtand, daß das Schiff wegen eines er⸗ littenen Schadens einige Stunden beilegen mußte, begünſtigte das Schöpfen, welches bei einer ſchnellen Fahrt unmöglich geweſen wäre. Als nun das ſolcher⸗ geſtalt gewonnene Waſſer auf die oben beſchriebene Weiſe verdunſtet war, be⸗ kam ich 1/½10 Salz und folglich beinahe doppelt ſo viel, als bei dem erſten Ver⸗ ſuche. Ich bin aber deßhalb nicht der Meinung, daß die ſalzigen Theile, ver⸗ möge ihrer Schwere, mit der Tiefe des Meeres zunehmen und folglich nach und nach auf den Grund desſelben ſinken. Wäre dieß der Fall, ſo müßte der Meeres⸗ boden allenthalben mit ungeheuern Salzſchichten bedeckt ſein; gleichwohl findet man auf den tiefſten Stellen, die das Bleiloth erreicht, oft nichts als klaren Sand. Ich bin vielmehr überzeugt, daß es mit dem Salze des Meeres eine ganz andere Bewandniß habe, als mit demjenigen, welches man z. B. in einem Glaſe auflöſt. Dieſes ſetzt ſich freilich zu Boden und theilt ſich, ſo lange es nicht umgerührt wird, den untern Theilen des Waſſers in einem ſtärkern Maße, als den obern mit. Jenes hingegen iſt mit dem Waſſer auf das innigſte ver⸗ bunden, und wird überdieß durch Ebbe und Fluth, durch Ströme, Winde und Thiere bis zur größten Tiefe in Bewegung geſetzt und erhalten. Während ich mit dem letztern Verſuche beſchäftigt war, äußerte der Ka⸗ pitän Winſtrup, daß er glaube:„das Meer erhalte ſein Salz durch die Flüſſe.“ Dieſe Meinung gehört zu den verſchiedenen Hypotheſen, die man aufgeſtellt hat, um den Urſprung des Meerſalzes zu erklären, und die ſich auf die Vorausſetzung gründen, daß das Meer anfänglich ſüß geweſen ſei. Wären die Flüſſe wirklich die Urſache,— wogegen aber ſchon ihr unmerklicher Salzgehalt ſtreitet— ſo würde das Land in die Länge der Zeit gänzlich des Salzes beraubt und das Meer hingegen völlig damit geſättigt werden; ebenſo müßten die Küſtenge⸗ wäſſer mehr davon enthalten, als das hohe Meer, und noch andere Umſtände —— —— 171 eintreten, welche die Erfahrung nicht beſtätigt. Hätte das Meer ſeine Salzig⸗ keit nur nach und nach bekommen, ſo müßte man annehmen, daß die zahlloſen Bewohner dieſes Elementes, welche im friſchen Waſſer durchaus nicht dauern und gedeihen können, vom Anfange der Schöpfung nicht vorhanden waren, ſon⸗ dern auch erſt nach und nach entſtanden. Man kann daher wohl nicht zweifeln, daß dem Meere ſeine Salzigkeit weder durch die Flüſſe, noch, wie Andere be⸗ haupten, durch die auf ſeinem Boden befindlichen Salzquellen und Steinſalz⸗ ſchichten, ſondern urſprünglich gegeben wurde. Es erhielt dieſelbe vom Schöpfer, wie es ſcheint, nicht ſowohl um es vor der Fäulniß zu verwahren(denn auch das Seewaſſer iſt in gewiſſen Fällen, z. B. bei langen Windſtillen, derſelben fähig), ſondern hauptſächlich um es zu verdichten, und dadurch deſſen Ausdün⸗ ſtung zu mäßigen, weil außerdem die entſtehenden Wolken ſich zu ſehr anhäufen, ſich zu bald entladen und ſo die angränzenden Länder mit den heftigſten Regen⸗ güſſen überſchwemmen, die andern hingegen ganz ohne Bewäſſerung laſſen würden. Ein anderer wichtiger Zweck, weßhalb der Schöpfer dem Meere das Salz beimiſchte, ſcheint auch der zu ſein, daß es die öligen und fettigen Theile zerſetze, und in einer ſteten Auflöſung erhalte; denn ſonſt würden ſie auf der Oberfläche ſich ſammeln und alle Ausdünſtung verhindern. 10. Nördliche Gewäſſer von Schottland. Das Kattegat. Gefahr, an den ſchwediſchen Klippen zu ſcheitern. Helſingör. Der Sundzoll. Thätigkeit der Batterien auf der Feſtung Kronborg. An⸗ kunft in Kopenhagen. Quarantäne⸗Geſetze. Kurze Geſchichte der Stadt. Ihr gegenwärtiger Zu⸗ ſtand. Reiſe nach Lübeck und Hamburg. Obſchon unſere Fahrt über den Ocean nicht angenehm war, ſo ging ſie doch, wegen der anhaltenden Weſtwinde, die ſie begünſtigten, ſchnell von Statten. Da ſich in New⸗York vor unſerer Abreiſe das unbegründete Gerücht verbreitet hatte, daß zwiſchen England und Dänemark ein Krieg ausgebrochen ſei, hielt es Kapitän Winſtrup für das Rathſamſte, nicht durch den britiſchen Kanal, ſondern um Schottland zu ſegeln, weil man auf dem letztern Wege weniger, als auf dem erſtern, von den engliſchen Kreuzern zu fürchten hatte. Wir kamen daher am 30. September zwiſchen den Shetland⸗ und den or⸗ kadiſchen Inſeln an. Hier drehte ſich der Wind nach Norden, das Wetter klärte ſich auf, und wir erblickten im Abendroth das Eiland Fair. Am andern Mor⸗ gen, als die Sonne aufging, erſchienen einige Schiffe, welche, von Süden kom⸗ mend, nach der Inſel Mainland ſteuerten. Ein Schooner, der uns nahe kam, zog die däniſche Flagge auf. Winſtrup, der ſich freute, einen Landsmann zu 172 finden, ſäumte nicht, auch die ſeinige zu zeigen; aber in dieſem Augenblick nahm der vermeinte Landsmann die däniſche Flagge— deren er ſich nur, weil ſie noch neutral war, um uns auszuforſchen bedient hatte— ab, und ließ ſtatt ihrer die engliſche wehen. Dieſe Demaskirung verwandelte Winſtrups anfängliche Freude in ein paniſches Schrecken. In der Meinung, England führe Krieg mit Dänemark, ſchöpfte er Verdacht und hielt den Schooner, ob er gleich das An⸗ ſehen eines unſchuldigen Kauffahrers hatte, für einen auf uns Jagd machenden Kaper; ja, ſeine erhitzte Einbildungskraft ließ ihn das Verdeck desſelben voll Menſchen erblicken, welche Kanonen luden und Anſtalt zum Angriffe machten. Er ſetzte daher alle Segel bei, und ſteuerte hin und her, dem gefürchteten Feinde zu entgehen. Dieſes Benehmen erregte ebenfalls den Argwohn des Schooners; auch er fing an unruhige Bewegungen zu machen, und ſegelte endlich in der größten Eile davon. Alle die übrigen Schiffe folgten ſeinem Beiſpiele. Wäh⸗ rend unſeres Aufenthaltes in Kopenhagen erfuhren wir, daß ſie ſämmtlich in Schottland mit der Nachricht eingelaufen waren, zwiſchen den Orkaden und den Shetland⸗Inſeln einen franzöſiſchen Kaper angetroffen zu haben, welcher unter däniſcher Flagge kreuzte. Auf dieſe und ähnliche Weiſe geſchieht es oft, daß Schiffe einander ohne Noth Schrecken einjagen und Veranlaſſung zu falſchen Gerüchten geben. Kapitän Winſtrup war indeſſen ſo vorſichtig geworden, daß er ſeinen frü⸗ hern Plan, geraden Wegs nach dem Kattegat zu ſegeln, aufgab und, um unter den Schutz der norwegiſchen Küſte zu gelangen, oſtwärts ſteuerte. Wir er⸗ reichten dieſelbe am 5. Oktober und ſegelten dann, wie die Handelſchiffe krieg⸗ führender Nationen zu thun pflegen, dicht am Lande hin, immer bereit, in den nächſten Hafen zu ſchlüpfen, ſo oft ſich ein verdächtiges Segel zeigt. Erſt am folgenden Tage erfuhren wir von einigen Fiſchern, daß die däniſche Flagge noch neutral, und unſere Vorſicht unnöthig war. Ohne irgend einen Vorfall, der eine Bemerkung verdiente, erreichten wir am 10. das Kattegat. Hier empfing uns ein heftiger Oſtwind, welcher, ver⸗ bunden mit einem ſtarken Ausſtrömen des baltiſchen Meeres, unſern Fort⸗ ſchritten große Hinderniſſe in den Weg legte. Winſtrup beſchloß daher, als wir uns in der Gegend von Gothenburg befanden, einen Ankerplatz zu ſuchen, weßhalb er nach der ſchwediſchen Küſte ſteuerte. Während dieß geſchah, wurde das Wetter äußerſt trübe, die vor uns liegende Küſte entſchwand unſern Augen, und wir geriethen in ein Labyrinth von Untiefen und Klippen, aus welchen kein Ausweg zu finden war. Schon hatte das Schiff einige heftige Stöße erhalten und würde unvermeidlich geſcheitert ſein, wäre ihm nicht, gerade als die Nacht einbrach, ein ſchwediſcher Lootſe zu Hülfe gekommen. Er führte dasſelbe durch 173 unzählige Krümmungen aus der gefährlichen Gegend und ließ es in einem kleinen, von wüſten Felſen umgebenen Nothhafen ankern. Wir lagen hier in der größten Einſamkeit, jedoch in guter Ruhe bis zum 15., wo wir wieder unter Segel gingen, und von einem friſchen nordweſtlichen Winde dem Sunde zugeführt wurden. Helſingör lag am 17. uns zur Seite. Kapitän Winſtrup beſtieg ſogleich die Schaluppe, den üblichen Sundzoll zu entrichten. Ich begleitete ihn, weil ich hoffte, bei dieſer Gelegenheit die Stadt in Augenſchein nehmen zu können. Allein es wurde uns, da wir von dem mit Fieber befallenen New⸗York kamen, das an Land Gehen verweigert. Gegen Abend ſetzten wir die Reiſe weiter fort. Kaum hatten wir Helſingör im Rücken, ſo begannen die Batterien der Feſtung Kronborg zu feuern. Ihr Zorn war auf zwei engliſche Kauffahrer gerichtet, welche Luſt bezeigten, durch den Sund zu gehen, ohne den Zoll zu erlegen. Anfänglich ſchienen dieſe der auf ſie abgeſchoſſenen Kugeln wenig zu achten, indem ſie dicht an der ſchwedi⸗ ſchen Küſte hinſegelten, und ihnen überdieß die nächtliche Finſterniß, der Wind und der Strom zu Statten kamen; doch wurden ſie endlich gezwungen, nach der däniſchen Seite herüber zu ſteuern und beizulegen, und mußten wahrſchein⸗ lich, weil ſich die Feſtung jeden Schuß theuer bezahlen läßt, nicht wenig büßen. Am nächſten Morgen erblickten wir die anmuthige Inſel Amak, und er⸗ reichten gegen Mittag den ſchönen und geräumigen Hafen Kopenhagens. Bei der Einfahrt in denſelben empfing uns der nicht unerwartete Befehl, Quaran⸗ täne zu halten, weßhalb man, wie es unter ſolchen Umſtänden Sitte iſt, an der Spitze des großen Maſtes eine gelbe Flagge aufzog, um Jeden vor der Annä⸗ herung zu warnen, weil er ſich ſonſt ebenfalls der Quarantäne unterwerfen muß. Bald darauf wurde uns auch ein Wächter zugeſchickt. Er überbrachte zu unſerem nicht geringen Mißvergnügen die Nachricht: das Sanität⸗Collegium habe uns eine zweimonatliche Quarantäne zuerkannt; doch bewirkte ſpäterhin ſein Zeugniß von der guten Geſundheit unſerer Mannſchaft, ſowie die Fürbitte der Kaufleute, welchen an dem Empfange der Schiffsladung nicht wenig gelegen war, hauptſächlich aber die eingetretene kalte Jahreszeit, daß die obige Friſt auf drei Wochen herabgeſetzt wurde. Wir empfanden während der Zeit weniger Unannehmlichkeiten, als es ſonſt bei dieſer Art Gefangenſchaft der Fall zu ſein pflegt. Zwar hatte man uns anfänglich in einen Winkel des Hafens verbannt und eine ſtrenge Eingezogenheit eingeſchärft; nach wenig Tagen aber durften wir in der Mitte des Hafens vor Anker gehen. Man geſtattete ferner allen Leuten, die uns zu ſprechen wünſchten, ſich dem Schiffe zu nähern. Auch er⸗ hielten wir die Erlaubniß, den in Booten herumfahrenden Handelsleuten Auf⸗ 174 träge zu geben und Waaren abzukaufen; nur mußten die erhandelten Sachen, um jede körperliche Berührung zu vermeiden, in einem Korbe auf das Verdeck gezogen, das Geld dafür aber in einen Eimer Waſſer geworfen und ſo hinabge⸗ laſſen werden. Ja, endlich wurde uns erlaubt, unter Aufſicht des Wächters im Hafen herum zu fahren; doch mußte die Schaluppe mit einer gelben Flagge verſehen ſein. Die große, prächtige und volkreiche Stadt, ſowie der lebhafte, mit unzäh⸗ ligen Schiffen angefüllte Hafen, gewährte den angenehmſten Anblick. Ich glaube, wenig Städte machen einen ſo großen Eindruck auf das Auge, als Kopenhagen, wenn man ſich mitten im Hafen befindet. Man ſieht ſich hier von Feſtungen, Thürmen, Paläſten, ſchönen öffentlichen und Privatgebäuden, und vom Gewühl des Handels und Gewerbfleißes amphitheatraliſch umgeben. Zwei Haupttheile der Stadt, nämlich die Alt- und Neuſtadt, liegen gegen Abend, Morgen und Mitternacht; der dritte Haupttheil, Chriſtianshafen genannt, befindet ſich auf der gegen Mittag gelegenen Inſel Amak, die eine vortreffliche Schutzmauer des Hafens bildet, indem ſie an beiden Seiten desſelben nur durch einen ſchmalen und krummen Kanal von der Inſel Seeland geſchieden iſt. Da die Stadt im Ganzen eine ſehr niedrige Lage hat, ſo ragen überall im Hintergrunde die an⸗ muthigen Landhäuſer und Gärten hervor. Sehr romantiſch erſcheint auf einer Höhe das von allen Seiten mit prächtigen Anlagen umgebene Luſtſchloß Fried⸗ richsberg, der gewöhnliche Sommeraufenthalt der königlichen Familie. Während wir Quarantäne halten mußten, hatte ich Gelegenheit mich mit der Geſchichte Kopenhagens genau bekannt zu machen, indem ich unter den Bü⸗ chern, die uns von einem Freunde des Kapitän Fedderſen zur einſtweiligen Unterhaltung zugeſchickt wurden, einige däniſche Schriften fand, die eine aus⸗ führliche Beſchreibung von dem Urſprung und Fortgang dieſer Stadt enthielten. Es ergiebt ſich daraus, daß die Gegend, wo Kopenhagen gegenwärtig liegt, zu Anfange des elften Jahrhunderts völlig unbewohnt war, weil Seeräuber häufig den Hafen beſuchten, und das Land umher unſicher machten. Um dieſe Zeit aber wurde vom Biſchof von Röſkild, Abſolon Huide, welchem die Landſchaft als eine Domäne gehörte, zu ihrer Beſchützung ein Fort angelegt. Bald darauf ließen ſich einige Fiſcher in der Nähe desſelben nieder. Die wohlhabendſten darunter errichteten mit der Zeit Magazine und vergrößerten ihre Wohnungen, um die Fremden, welche zum Einkauf der Fiſche kamen, beherbergen und mit Lebensmitteln verſehen zu können. Dadurch bildete ſich in kurzem ein ziemlich lebhafter Verkehr mit dem In⸗ und Auslande, ſo daß man die neuentſtandene Ortſchaft„Kiöbmannehavn“(Hafen der Kaufleute oder Handelshafen) nannte, woraus ſpäterhin der Name„Kiöbenhavn“ entſtand, welchen die Stadt noch 175 gegenwärtig in der däniſchen Sprache führt. Dieſer aufkeimende Handel machte den erwähnten Biſchof auf die vortreffliche Beſchaffenheit des Hafens und auf die ſchöne Lage des neuen Ortes aufmerkſam, weßhalb er ſich alle Mühe gab, letztern in Aufnahme zu bringen. Er ertheilte den Einwohnern anſehnliche Pri⸗ vilegien, und erbaute im Jahr 1168 ein Schloß, welches den Namen„Ste⸗ gelsborg“— Burg des Rades oder Radeburg— erhielt, weil man zuvor auf dem Platze, wo es ſtand, die gefangenen Seeräuber zu rädern pflegte. Dieſes Gebäude, welches von Zeit zu Zeit erweitert wurde, diente in der Folge den Königen zur Reſidenz, und man hat es erſt im vorigen Jahrhundert abgebro⸗ chen, und ſchöner wieder aufgebaut. Der Biſchof Inus Grand erhob im Jahr 1204 Kopenhagen zu einer Stadt, und verſah dieſelbe 1254 mit mehreren Pri⸗ vilegien. Doch war ſie noch offen und uneingeſchloſſen, bis im Jahr 1292 König Erich Mändeved den erſten Grund zu ihrer Befeſtigung legen und ſie erweitern ließ. Vom König Erich von Pommern erhielt ſie im Jahr 1422 abermals neue und ſehr vortheilhafte Privilegien, blieb aber noch, wie vorher, bei dem biſchöflichen Stuhle zu Röſkild, der bisherigen Hauptſtadt, bis ſie vom König Chriſtoph dem Dritten gegen andere Ländereien ausgetauſcht, mit den Rechten und Freiheiten, welche die königlichen Städte genoſſen, beſchenkt, und zum Sitze des Königs erhoben wurde. Die Könige aus der gräflich oldenbur⸗ giſchen Familie machten ſich's zur Pflicht, ſie zu vergrößern und zu verſchönern, was ihr Aufblühen ſehr beförderte; denn die zum Hofe und zu den Landeskolle⸗ gien gehörigen Beamten, ſowie viele andere vornehme Familien, vermehrten die Zahl der Einwohner und Häuſer um mehr als die Hälfte. Kurz darauf(1478) ward die hohe Schule errichtet, die auch Leute und Geld aus dem ganzen Reiche herbeizog. Späterhin veranlaßte der in Deutſchland wüthende dreißigjährige Krieg viele Kaufleute, Künſtler und Handwerker, ſich nach Kopenhagen zu wenden und daſelbſt anſäſſig zu machen. Auch wurde die Bürgerſchaft mit einer anſehnlichen Kolonie geflüchteter Hugenotten vermehrt, deren Nachkommen noch jetzt eine beſondere Gemeine ausmachen. Auf dieſe Weiſe ſtieg Kopenhagen in ſechshundert Jahren— was ſich die meiſten großen Städte Europa's nicht rühmen können— zu einer ſolchen Höhe, daß es gegenwärtig, ungeachtet der vielen hier nicht aufzuzählenden Unglücksfälle, die es betrafen und ſein Empor⸗ kommen hemmten, als eine der größten, ſchönſten und volkreichſten Städte unſers Erdtheils anerkannt wird. Nachdem unſere Geſundheit die dreiwöchentliche Probe beſtanden hatte, fand ſich am Abend das ſehnlich erwartete ſogenannte Pratikboot mit einigen Aerzten ein; welche uns, nach den vorausgegangenen Förmlichkeiten, die Frei⸗ heit mit dem Lande zu verkehren, oder, wie man zu ſagen pflegt,„Pratik“ er⸗ 2 176 theilten. Die Förmlichkeiten beſtehen darin, daß, ſobald das Boot beim Schiffe erſcheint, alle darauf angekommene Perſonen ſich in eine Reihe ſtellen und be⸗ ſichtigen laſſen. Zeigt ſich in ihrem äußern Anſehen nichts, was eine Krankheit verräth, ſo ſteigt dann der Pratikmeiſter, d. h. der oberſte zur Aufſicht über die Quarantäneſchiffe beſtellte Arzt, auf das Verdeck und begrüßt die Ankömmlinge mit dem Worte:„Pratik,“ worauf die gelbe Flagge ſogleich herabgenom⸗ men wird. Ich verlor am andern Morgen keine Zeit, mich mit meinen Zöglingen an Land zu begeben. Wir durchſtrichen Anfangs alle Viertel der Stadt auf die Art, wie der Seemann zu thun pflegt, wenn er viele Wochen lang auf den engen Raum eines kleinen Schiffes beſchränkt war, das iſt, ziemlich flüchtig, und mehr um den Füßen freien Lauf zu laſſen, als aufmerkſame Beobachtungen anzu⸗ ſtellen. Ich fand, daß die Straßen der Altſtadt, wie in den meiſten alten Städten, krumm, enge und düſter ſind; doch kann überall eine Kutſche durch⸗ kommen. Um ſo breiter und regelmäßiger hat man die Straßen der Neuſtadt angelegt, am ſchönſten aber die von Chriſtianshafen. Die Häuſer haben faſt durchgängig drei Stock; die meiſten ſind von Stein, aber auch viele von Zie⸗ geln. Der größte Theil derſelben ruht auf Pfählen, weil die Stadt, wie oben erwähnt, eine ſehr niedrige Lage hat, und überdieß nicht nur vom Hafen, ſon⸗ dern auch an der Landſeite von einem friſchen See umgeben und mit Kanälen durchſchnitten iſt, was den Boden ſehr ſumpfig macht. Der Umfang der Stadt mag ſich auf anderthalb Meilen belaufen, wenn man vom Eingange des Hafens an, längs dem Walle über die fliegende Brücke beim blauen Thurm, und ſo rund herum nach dem Kaſtell geht. Nachdem wir auf dieſe Weiſe, manchen Kreuz⸗ und Querzug mit einge⸗ rechnet, um die Stadt gewandert, und mit einer oberflächlichen Kenntniß der⸗ ſelben verſehen waren, gingen wir in eine Taverne, wo wir zur Tiſchgeſellſchaft faſt lauter Deutſche fanden. Unter andern wurde ich mit einem geſchickten Maler, Herrn Schmidt aus Nürnberg, in kurzem vertraut; er erbot ſich, uns die Merkwürdigkeiten Kopenhagens zu zeigen, und machte gleich nach geendigter Mahlzeit den Anfang, ſein Verſprechen zu erfüllen. Vor allen Dingen beſuchten wir einige der vorzüglichſten Kirchen, wozu der heutige Tag— denn es war Sonntag— die ſchicklichſte Gelegenheit darbot. Von dieſen zum Theil prächtigen, oder wegen hohen Alters merkwürdigen Gebäuden erwähne ich bloß die Kirche der Dreieinigkeit, die man nach der Form ihres Thurms gewöhnlich„die runde“ nennt. Sie iſt vom König Chri⸗ ſtian dem Vierten mit großen Koſten aufgeführt worden. Das hohe Gewölbe ruht auf zwei Reihen achteckiger Pfeiler, welche ſehr ſchmal und daher der Helle 177 nicht hinderlich ſind. Den anſehnlichen Altar ſchmücken große korinthiſche Säulen. An den Seiten des Chores befinden ſich einige ſchöne marmorne Denk⸗ mäler zu Ehren vornehmer Männer. Die Kanzel beſteht aus norwegiſchem Marmor. Für das größte, dieſe Kirche vor andern auszeichnende Kunſtwerk hält man den Thurm, welcher eine ſeltſame Bauart hat. Er iſt rund, oben platt und mit einem eiſernen Gitter umgeben. Statt der Treppe führt ein gewölbter Schneckenweg hinauf, welcher auf der einen Seite an der herumgehenden Mauer, auf der andern an einer mitten im Thurme ſtehenden Grundſäule feſthängt. Da er ſehr geräumig iſt, ſo ſcheint es nicht unmöglich, daß einſt, wie die Sage geht, Chriſtian der Fünfte zu ſeinem Vergnügen in einer ſechsſpännigen Kutſche hinauf und wieder herunter fuhr. Dieſer Thurm iſt vornehmlich zu aſtronomi⸗ ſchen Beobachtungen beſtimmt, und hat daher eine zum Beſten der Studirenden angelegte Sternwarte, wo eine große Menge künſtlicher aſtronomiſcher und ma⸗ thematiſcher Inſtrumente aufbewahrt werden, die zum Theil vom berühmten Tycho de Brahe und von andern großen Aſtronomen herrühren. Zu den merk⸗ würdigſten Stücken dieſer Art gehört beſonders der große Himmelsglobus, deſſen Diameter ungefähr acht Fuß beträgt; der Ueberzug iſt von Meſſing, und die polirte Achſe, woran die kleinſten Abtheilungen überaus ſauber geſtochen ſind, ſoll allein viertauſend Reichsthaler gekoſtet haben. Man findet hier auch eine ſehr künſtliche Maſchine, welche die Bewegung der Planeten und übrigen Sterne darſtellt. Ueber dem Gewölbe der Kirche, wohin man vom Thurme ge⸗ langt, iſt die große und berühmte, der Univerſität gehörige Bibliothek. Von den Kirchen gingen wir in unſerer Beſichtigung zu dem königlichen Reſidenzſchloſſe Roſenburg über, und gegen Abend begaben wir uns in den da⸗ bei befindlichen Garten. Erſteres wurde, wie oben erwähnt, im Anfange des vorigen Jahrhunderts an der Stelle der uralten, von vielen Meiſtern unordentlich zuſammengeſetzten Stegelsborg erbaut; außer dem Thurm über dem Portale, hat man ihm vom alten Gebäude nichts gelaſſen. Es iſt einförmig aber regel⸗ mäßig, fünf Stockwerke hoch und mit Kupfer gedeckt. Durch einen verdeckten Gang, der auf Schwibbogen und Säulen ruht, ſteht mit dem Schloſſe die Kanzlei in Verbindung. Sie enthält gegen zweihundert Zimmer für verſchie⸗ dene Zweige der Staatsverwaltung. Alle Gemächer des unterſten Stocks, welche hauptſächlich zur Aufbewahrung der Papiere dienen, ſind gewölbt und feuerfeſt. Die ſchöne Hauptthür ziert ein in Stein gehauenes Bild, welches den König, der das Gebäude aufführte, mit Trophäen umgeben darſtellt. Der Schloßgarten wird allgemein bewundert; denn er enthält eine Menge geſchmackvoller Anlagen, die aus einem Gemiſch von Alleen und Gebüſchen, Grasplätzen und Blumenſtücken, Luſthäuſern, Einſiedeleien, Nuinen) Vogel⸗ Richter's Reiſen. I. 178 häuſern, Waſſerfällen, Springbrunnen und Statuen beſtehen. Unter den letz⸗ teren zieht beſonders das Roß, welches von einem Löwen überwältigt wird, die Aufmerkſamkeit aller Kunſtliebhaber auf ſich. Dieſer Garten dient gewöhnlich der vornehmern Klaſſe der Einwohner zum Spaziergange; doch ſteht er auch Andern, die ſich mit Anſtand betragen, offen. Da am heutigen Abend die Luft ſehr mild und das Wetter angenehm war, ſo fanden wir noch eine Menge luſtwandelnder Herren und Damen. Viele von ihnen ſprachen deutſch, und zwar mit einem ſolchen Wohllaut, einer ſolchen Reinheit des Ausdrucks, als man in Deutſchland ſelten hört; und ich muß auf⸗ richtig geſtehen, daß ich verlegen war, mit meiner ſonſt überall beliebten ober⸗ ſächſiſchen Mundart aufzutreten, als ich zufällig in ein Geſpräch gezogen wurde. Die Italiener pflegen zu ſagen: die toskaniſche Sprache laute am lieblichſten in einem römiſchen Munde; ebenſo glaube ich auch ſagen zu können, daß das Hochdeutſche am wohlklingendſten von den Dänen geſprochen wird. Ueberhaupt hat dieſe Nation eine große Vorliebe für unſere Sprache. Da ſie dieſelbe wegen der Aehnlichkeit mit der ihrigen leicht erlernt, ſo kann es bei grammatiſchem Unterricht, wo man nur mit der reinen Ausſprache und den wohlgewählten Aus⸗ drücken der klaſſiſchen Schriftſteller bekannt gemacht wird, nicht fehlen, daß ſie hierin den gebornen Deutſchen übertrifft, der ſie gewöhnlich mit den hergebrachten Unrichtigkeiten und Provinzialismen erlernt. Am nächſten Morgen begleitete ich den Kapitän Fedderſen auf die Börſe. Dieſes Gebäude hat einen weiten Umfang und ein prächtiges Anſehen; es wurde von Chriſtian dem Vierten, welcher die vielen dazu verwendeten Quaderſteine von Calmar bringen ließ, mit großen Koſten aufgeführt. Die Länge desſelben beträgt ungefähr hundert und ſiebenzig Schritte, und die Breite und Höhe ſteht damit im richtigen Verhältniſſe. Die Mauern ſind durchgängig mit Bildwerk geziert. Das Dach iſt mit Blei gedeckt und hat eine hohe, ſonderbar geformte Spitze, indem ſie vier große Drachen vorſtellt, welche auf dem Bauche ruhen, die Köpfe nach vier entgegen ſtehenden Seiten kehren und die in einander ver⸗ ſchlungenen Schwänze in die Höhe ſtrecken. Das Portal, auf welches der Bau⸗ meiſter vorzüglichen Fleiß verwendet hat, beſteht aus Marmor. Im Innern des Hauſes befinden ſich, neben dem großen Verſammlungsplatze der Kaufleute, viele Zimmer für die Notarien und Mäkler, ſowie zwei lange Säulengänge, worin Krämer, Buchhändler, Künſtler und Handwerker ihre Läden haben. An der Außenſeite ſind viele Niederlagen, wohin die Kaufleute ihre Waaren mit großer Bequemlichkeit bringen können, indem das Gebäude auf zwei Seiten vonn ſchiffbaren Kanälen umgeben iſt. Auf der Börſe nahm mich Herr Schmidt in Empfang, um ſein Geſchäft als Führer zu erneuern. Wir gingen zunächſt nach dem Nathhauſe. Dieſes fällt, nicht wegen vorzüglicher Bauart, wohl aber wegen ſeiner Größe, und weil es rund umher frei ſteht, ſehr in die Augen. Im Eingang erblickt man alte Gewehre, beſonders ungemein große Schlachtſchwerter, die an den Wänden befeſtigt ſind. Im großen Saale hängen die Bruſtbilder aller däniſchen Könige. An den Seiten und am Ende desſelben ſind die Gemächer, wo die Verſamm⸗ lungen Statt finden. Im oberſten Stock haben die Polizeikammern, das Han⸗ delscollegium und der Rath der zwei und dreißig Männer ihren Sitz. Am Thurme dieſes Hauſes hängt, im Bildniſſe, der Kopf und die Hand des Reichs⸗ hofmeiſters, Grafen Korfitz Uhlfeld, welcher, wie aus der däniſchen Geſchichte bekannt iſt, des Hochverraths beſchuldigt wurde. Von hier führte mich Herr Schmidt nach den weitläufigen, aber alten und unregelmäßigen Gebäuden der Univerſität. Sie enthalten, außer dem anatomiſchen Theater und einem kleinen Kunſt⸗ und Naturalienkabinet, wenig Sehenswerthes. Wir beſuchten ferner einige zur Univerſität gehörige Anſtalten, die eine den engliſchen Collegien ähnliche Verfaſſung haben; ſo wie wir auch nicht unterließen, die Werkſtätten geſchickter Künſtler und Handwerker in Augenſchein zu nehmen. Am nächſten Morgen that uns der Kapitän Winſtrup zu wiſſen, daß heute Mittag ein Schiff, welches noch Raum für Paſſagiere habe, nach Lübeck abſegeln werde. Dem Herrn Fedderſen, welcher ſeine Heimath je eher je lieber zu erreichen wünſchte, war dieſe Nachricht ſehr willkommen, und er eilte die Bedingungen für unſere Ueberfahrt feſtzuſetzen. Einen weniger an⸗ genehmen Eindruck machte die Nachricht auf mich, da ich gehofft hatte, noch manche Merkwürdigkeit Kopenhagens zu ſehen; denn es war früher beſchloſſen worden, mit dem Paketboote, welches man in einigen Tagen von Kiel erwar⸗ tete, nach dieſer Stadt abzugehen. Doch der Gedanke, daß die ſchnelle Ab⸗ reiſe meinem Gönner ſehr erwünſcht war, gab mir meine Heiterkeit wieder, und ſo ſchiffte ich mich eben ſo lrendig⸗ wie er ſelbſt, am Bord des Lübecker Galeoten ein. Die Fahrt über die Oſtſee war kurz und mit keinen beſondern Vorfällen begleitet. Wir erreichten am 14. November die Mündung der Trave, wo uns ein Lootſe mit der Neuigkeit, daß Lübeck von den Franzoſen beſetzt ſei, entgegen kam. Bei Travemünde, einem kleinen, unanſehnlichen Städtchen, ging unſer Schiff vor Anker, weil man hier, wegen der Seichtheit des Stroms, die Hälfte der Ladung herausnehmen und in Lichtern(großen flachen Booten) nach der Stadt ſchicken mußte, bevor es ſelbſt hinauf fahren konnte. Wir ſchifften uns daher aus, um den noch kurzen Weg nach Lübeck zu Lande zu machen. 12* 180 In Travemünde fanden wir die Straßen und Häuſer mit franzöſiſchem Militär angefüllt, welches beſchäftigt war, auf Koſten der geplünderten Ein⸗ wohner Lübeck's zu ſchwelgen. In einem Gaſthauſe, wo wir einkehrten, hatten einige Soldaten ihre Beute zum Verkauf ausgelegt, und man konnte hier die brauchbarſten Sachen für ein Spottgeld erhalten; ich kaufte eine ſchöne Jagd⸗ uhr für zwei Mark lübiſch. Wir mietheten in Geſellſchaft einiger andern Reiſenden einen Bauerwagen und fuhren nach der Stadt. Die einbrechende Nacht übereilte uns, noch ehe der halbe Weg zurückgelegt war. Bald nachher ſtießen wir auf einen Trupp nach Travemünde marſchirender Soldaten. Da das Wetter— denn es regnete auf den früher gefallenen Schnee,— ſehr unangenehm und auf der Straße faſt nicht fortzukommen war, ſo fand das Militär eine willkommene Hülfe an unſern Pferden, die es, aller Vorſtellungen ungeachtet, augenblicklich aus⸗ ſpannte, mit ſeinen Torniſtern bepackte, und vor ſich hin trieb. Der Bauer lief, bitterlich klagend, hinten nach. Unſere Reiſegefährten ſtiegen ab, um den Weg vollends zu Fuße zu machen, wir andern ſahen uns genöthigt, da wir unſer Gepäck nicht verlaſſen konnten und auch keinen Zufluchtsort in der Nähe hatten, mitten auf der Straße und im größten Regen ſitzen zu bleiben, und die Rückkehr des Bauers oder eine andere Gelegenheit zu unſerem Fortkommen abzuwarten. In dieſer unangenehmen Lage hatten wir zwei gute Stunden zugebracht, und ich entſchloß mich eben nach dem nächſten, eine Viertelmeile weit entfernten Gaſthofe zu gehen, um uns Hülfe zu verſchaffen, als unſer armer Fuhrmann mit ſeinen ermatteten Pferden zurückkam, und unter unauf⸗ hörlichen Klagen die Fahrt langſam fortſetzte. Es hatte ſchon zehn Uhr geſchlagen, ehe wir die Stadt erreichten. Der Wirth des Gaſthofes, wo wir abgeſtiegen, empfing uns mit der warmen Herz⸗ lichkeit, die man unter den ältern Bürgern von Hamburg und Lübeck noch häufig findet; er entſchuldigte ſich aber, daß er uns nicht nach Wunſch bedienen könne, indem ſein Haus bei der dreitägigen Plünderung der Stadt entſetzlich gelitten habe. Man hatte ihm nicht nur ſeine Baarſchaft und Koſtbarkeiten geraubt, ſondern auch alles Geräthe, das für Soldaten keinen Werth hat, muthwillig zertrümmert oder unbrauchbar gemacht. Die uns geöffneten Gaſt⸗ zimmer zeigten zerſchnittene Betten, zerſchlagene Spiegel, Schränke, Tiſche u. ſ. w. Alle dieſe Bruchſtücke lagen noch in wilder Unordnung durch einan⸗ der, da die weiblichen Perſonen der Familie, die ſich mehre Tage im Keller verborgen hatten, erſt heute wieder zum Vorſchein gekommen waren. Sie machten indeß bald Anſtalt, ein Zimmer ſo gut als möglich zu unſerer Be⸗ quemlichkeit einzurichten. 181 Während dieß geſchah, beſchrieb der Wirth die vielfachen Grauſamkeiten, welche von den Franzoſen an der Bürgerſchaft und an ihm ſelbſt waren verübt worden. Unter andern erzählte er, daß ſie ihn eines Tages beinahe ermordet hätten, als er ſich weigerte ihnen ſeine Taſchenuhr, die er aus gewiſſen Urſachen als ein Heiligthum betrachtete, zu überlaſſen. Da es ſich auswies, daß die von mir erkaufte Uhr keine andere als ſein verlornes Eigenthum war, ſo hielt ich es für meine Pflicht, ſie ihm auszulie⸗ fern, was ihm eine unbeſchreibliche Freude machte. Schon ſeit einigen Tagen hatte ich ein kleines Uebelſein empfunden; in der heutigen Nacht befiel mich ein förmliches Fieber. Ich war daher genöthigt, mich vom Kapitän Fedderſen, als er am andern Morgen mit ſeinen Söhnen in das Holſteiniſche reiſte, einſtweilen zu trennen und zurückzubleiben. Es folgten nun einige unangenehme Tage, während welcher ich genöthigt war, das Bett zu hüten; doch fehlte mir es nicht an ſorgſamer Pflege, und der Wirth ſowohl als die gutmüthigen, im Nebenzimmer einquartirten Soldaten bemühten ſich, mir die Zeit zu vertreiben, wodurch meine Beſſerung ſehr be⸗ ſchleunigt wurde. . Sobald ich geneſen war, entſchloß ich mich nach Hamburg zu reiſen, weil ich dort den Herrn Fedderſen in kurzem wieder zu ſehen hoffte, und überdem auch mehr Bekannte als in Lübeck hatte. Ich langte am 22. November in Hamburg an, wo für mich der Umſtand überraſchend war, daß ich, ungeachtet des großen von Porto Santo gemachten Umweges, früher eintraf, als die übrige Mannſchaft unſeres im dortigen Hafen geſcheiterten Schiffes. Sie kam, über Madeira und Liſſabon, erſt nach einigen Wochen zurück. III. Reiſe von Hamburg nach Bordeaur und über Saint Louis nach Isle de France. 1. 7 8 Der Verfaſſer begiebt ſich zu Land von Hamburg nach Tönningen— Damalige Werdälmmiſe jener beiden Städte— Nächtliches Abenteuer. Rettung des Schiffes vor Brand— Die Galeaſſe. Einrich⸗ tung an Bord— Abfahrt— Unannehmlichkeiten. Das Engliſche Geſchwader. Die Unvorſichtigkeit, daß ich— zu Ende Novembers 1806— nach kaum überſtandenem Fieber mich auf die Reiſe begeben hatte, zog mir in Ham⸗ burg einen Rückfall zu, woraus eine langwierige Krankheit wurde; und es rückte der Monat Mai heran, ehe ſich meine Kräfte wieder ſammelten, und der Arzt mich außer Gefahr erklärte. Um dieſe Zeit erhielt ich vom Schiffskapitän Fedderſen eine Einladung nach Tönningen, wohin er in der Abſicht, ein Schiff zu kaufen, abgegangen war. Seine beiden Söhne, meine Zöglinge, überbrachten mir die Botſchaft, und hatten Auftrag, mich zu begleiten. Wir traten daher an einem ſchönen Morgen die Wanderung an. Tönningen war ſchon ſeit einigen Jahren, wegen der Sperrung des Elb⸗ ſtroms, wodurch die Schifffahrt und der Handel Hamburgs immer mehr in Abnahme kam, ein ſehr beſuchter Seehafen, und überhaupt eine Zuflucht für die Bewohner jener ſinkenden Handelſtadt geworden. Viele ihrer Kaufleute wendeten ſich dahin, um von dort aus Geſchäfte zu machen; viele Seeleute ſuchten auf den dort einlaufenden Schiffen ihr Unterkommen, und eine Menge Menſchen aus den übrigen Ständen folgte ihnen, um an dem guten Verdienſte, welcher ſich den Tönningern darbot, Theil zu nehmen. In dieſem Frühjahr 183 erweiterten ſich die Handelsverhältniſſe zwiſchen den beiden Städten noch mehr, da Hamburg— das die Franzoſen im Herbſte des vorigen Jahres beſetzt hatten,— durch die Engländer von aller Gemeinſchaft mit dem Meere aus⸗ geſchloſſen war. An dem Tage, wo wir uns nach Tönningen auf den Weg machten, wurden Viele vom ſchönen Wetter veranlaßt, die beſchloſſene Wall⸗ fahrt dahin anzutreten, daher die Straße von Fuhrwerk und Reiſenden wim⸗ melte. Ich erinnerte mich dabei an die Bemerkung eines Dänen, welcher Tön⸗ ningen„das gelobte Land der Hamburger“ nannte. Es dauerte nicht lange, als wir unter den Wanderern einige Bekannte trafen, die ſich uns anſchloſſen. Zu ihnen geſellten ſich wieder andere, ſo daß die Geſellſchaft in kurzem einen Zug von ungefähr vierzig Perſonen bildete. Dieſe zahlreiche Begleitung war Anfangs nicht läſtig, ſondern diente, uns den Weg zu verkürzen; bald aber empfanden wir auch die Unannehnlichkeiten, welche mit großen Reiſegeſellſchaften verbunden ſind: Verſchiedenheit der Wünſche und Bedürfniſſe, und ſchlechte Bewirthung in den Gaſthäuſern. Wir hielten es daher nach dem erſten Nachtlager für rathſam, den großen Haufen voraus ziehen zu laſſen, und uns auf die erſte Geſellſchaft zu beſchrän⸗ ken. Deſſen ungeachtet bekamen wir einen neuen Begleiter an einem jungen, kenntnißvollen Manne, welcher Medicin ſtudirt und nun die Abſicht hatte, als Schiffarzt zu reiſen. Dieß gab unſerer Wanderſchaft eine andere Richtung. Wir hatten bisher, wie es auf Geſchäftreiſen zu geſchehen pflegt, nur das ſchnelle Fortkommen be⸗ rückſichtigt; jetzt wurde ein gemächlicher Schritt angenommen, mancher kleine Abſtecher gemacht und oft inne gehalten, um die ſich darbietenden Gegenſtände zu betrachten. Gern verweilte das Auge, als wir durch die fetten Marſchgegenden Schleß⸗ wigs zogen, auf den üppigen Feldern und den herrlich grünenden Auen mit ihren zahlreichen, trefflichen Heerden. Gern verweilte es bei den ſchönen, Wohl⸗ ſtand verkündenden Dorfſchaften und den Gruppen fröhlicher und wohlgenährter Landleute. Auch die Torfgruben, Ziegelhütten und holländiſchen Windmühlen zogen unſere Aufmerkſamkeit auf ſich. Dieſe gefälligen Anſichten, erhöht durch die Reize des Frühlings und die Lebhaftigkeit auf der Straße, verbunden mit der geiſtreichen Unterhaltung unſeres neuen Geſellſchafters und der innigen Anhänglichkeit, welche mir meine beiden jungen Freunde bezeigten, verſetzten mich in die heiterſte Stimmung. Der Genuß der Milch, welche in jenen Gegenden ſo nahrhaft und heilſam iſt, die mäßige Bewegung, worin mein Körper erhalten wurde, und beſonders die alles belebende Mailuft, hatte den erwünſchteſten Einfluß auf meine Geſundheit. So erreichte ich Tön⸗ 184 ningen nach fünf vergnügten Tagereiſen, mit erhobenem Gemüth und geſtärk⸗ tem Körper. In den Umgebungen des Städtchens erblickten wir eine Menge Zelte, worin viele von den eingewanderten Hamburgern, weil der kleine Ort ſie nicht faſſen konnte, wohnten und ihre Gewerbe trieben. Dieſe flüchtig gebauten Wohnungen, von welchen ich ſchon oft unter dem Namen der„fliegenden Vor⸗ ſtädte“ gehört hatte, ſtellten die verſchiedenſten Scenen dar, Scenen der Thätigkeit und des Gewerbfleißes, der Erholung und des Vergnügens, der Ueppigkeit und Verſchwendung. In einigen ſah man Waarenlager, Kaufleute und Mäkler mit Feder und Schreibtafel in der Hand, in andern Werkſtätte und geſchäftige Arbeiter, in noch andern Speiſe⸗- und Schenkwirthſchaften mit zahlreichen Gäſten, welche aßen und tranken, tanzten oder ſpielten, ſangen oder ſich ſtritten. Die nächtliche Beleuchtung machte das Ganze um ſo anſchaulicher. Bei unſerer Ankunft im Städtchen ſelbſt erfuhren wir, daß Herr Fedder⸗ ſen ein Schiff gekauft und ſich auf der Rhede damit vor Anker gelegt hatte. Es war zu ſpät, um noch dieſen Abend dahin abzugehen; wir beſchloſſen daher, die Nacht am Lande zuzubringen. Da alle Wirthshäuſer von Fremden wim⸗ melten, ſo ſahen wir uns lange vergebens nach einem Nachtlager um, bis wir endlich in einem der Zelte Aufnahme fanden. Der Beſitzer, ein Hamburger Garkoch, überließ uns den abgeſonderten Theil desſelben, nebſt den darin be⸗ findlichen Betten ſeiner Familie, die während der Nacht mit Kochen und mit Bedienen der häufig zuſprechenden Gäſte beſchäftigt war. Wir hatten uns kaum niedergelegt, als das Zelt von muthwilligen Leuten umgeriſſen wurde und, da es auf brennende Kerzen und glühende Kohlen fiel, faſt in Brand ge⸗ rathen wäre. Man kann leicht denken, daß uns dieſer Streich aus den Betten trieb und ſämmtliche Gäſte in große Verwirrung brachte. Es dauerte wohl zwei Stunden, ehe man wieder in Ordnung kam, und der übrige Theil der Nacht verging, ohne daß ich und meine Gefährten ein Auge ſchließen konnten. Mit Tagesanbruch eilten wir an das Ufer der Eider und mietheten ein Boot, um nach der Rhede zu fahren; der junge Reiſende, deſſen Geſellſchaft wir bisher genoſſen hatten, nahm dann Abſchied und folgte ſeinen eigenen Ge⸗ ſchäften. Die eingetretene Ebbe, die Leichtigkeit des Bootes und die noch un⸗ geſchwächte Kraft der Ruderer vereinigten ſich, die Fahrt den Fluß hinab un⸗ gemein zu beſchleunigen. Bald war das Städtchen unſern Blicken entſchwunden, und die weite Rhede mit ihren Schiffen lag vor uns ausgebreitet. Wir langten bei den Zwei Brüdern,— ſo hieß das nunmehrige Schiff des Kapitän Fedderſen— ſehr früh, und zwar zu einer Zeit an, wo wir es einer großen Gefahr entreiſen konnten. Der Koch hatte— wie es auf den 185 Kauffahrern, wenn ſie vor Anker liegen, üblich iſt,— die Morgenwache gehabt, und zugleich das Frühſtück bereitet. Auch war er beſchäftigt geweſen, Pech heiß zu machen; aber unglücklicher Weiſe hatte ein herbeikommendes Hökerboot ihn verleitet, ſeine Arbeit zu verlaſſen und ſich tüchtig zu betrinken. Wir fanden ihn, als wir auf das Verdeck traten, in einem ſinnloſen Zuſtande; und das un⸗ bewachte, in's Kochen gekommene Pech lief eben über und gerieth in Brand. Die ſämmtliche Mannſchaft lag, weil niemand ſie weckte, noch tief im Schlafe, und das Feuer würde ſchnell um ſich gegriffen haben, wären wir nicht ſo glück⸗ lich geweſen, es im Entſtehen zu dämpfen. Sonach mußten wir froh ſein, daß man in der vergangenen Nacht das Zelt über uns eingebrochen hatte; denn außerdem würden wir noch in guter Ruhe geſchlafen haben, während das verwahrloſte Schiff im Feuer aufgegan⸗ gen wäre. Beiläufig erwähne ich, daß der Kapitän— deſſen religiöſe Denkart meinen Leſern aus den vorigen Reiſen bekannt iſt,— dieſen Umſtand benutzte, ſeine Leute auf die beſondern Wege der Vorſehung aufmerkſam zu machen; er hielt zu dem Ende, als wir auf die offene See gekommen waren, in ſeinen ge⸗ wöhnlichen Betſtunden einige kräftige Vorträge. Der berauſchte Koch kam indeſſen dadurch, daß man einen Eimer Waſſer nach dem andern über ihn goß, bald wieder zur Beſinnung. Der begangene Fehltritt wurde ihm vom Kapitän zwar hart verwieſen, aber in Rückſicht ſeiner ſonſt guten Eigenſchaften bald verziehen. Eine minder glimpfliche Behandlung mußte er von den Matroſen erdulden, als ſie ihr gewöhnliches, aus ſteifer Grütze beſtehendes Frühſtück verbrannt und die Theekeſſel zerſchmolzen ſahen. Die erſten Tage meines Aufenthalts am Bord der Zwei Brüder verſtrichen unter Anſtalten, mich für die Reiſe einzurichten. Ich hatte dabei oft Gelegen⸗ heit, mich des verlornen ſchönen Schiffes, der Fredensborg, zu erinnern, indem ich mancherlei Bequemlichkeiten vermißte, die ich dort gehabt hatte. Das gegen⸗ wärtige war eine Galeaſſe, eine kleinere Art von Seeſchiffen, die in der Mitte mit einem Hauptmaſt, und hinten mit einem niedrigen Baſaanmaſt, der ge⸗ wöhnlich nur Ein Segel trägt, verſehen ſind. Dieſes Fahrzeug war nach einem ſehr verjüngten Maßſtabe gebaut, und der Platz daher äußerſt beſchränkt. Die Kajüte beſtand in einem einzigen engen Gemache, weil der ganze übrige Theil des Schiffes den„Raum“ ausmachte. In der Kajüte befanden ſich auf jeder Seite zwei Kojen, oder mit der Wand verbundene Bettſtätten, welche das Anſehen von Schränken hatten; ſie waren für den Kapitän, ſeine Söhne und für mich beſtimmt. Wir befeſtigten vor denſelben unſere Koffer, die nebſt einem Tiſche, einigen Stühlen und Schränkchen, das Gemach völlig ausfüllten. Da die für mich beſtimmte Koje das einzige Plätzchen war, welches ich 186 mein nennen konnte, ſo ſuchte ich derſelben eine vortheilhafte Einrichtung zu geben. Ich verſah ſie inwendig mit Simſen, um meine Geräthſchaften darauf zu legen. Auf dieſe Weiſe hatte ich nicht nur den Vortheil das Meinige leicht überſehen und nie verlegen zu können, ſondern ich durfte auch des Morgens beim Erwachen nur die Hand ausſtrecken, um eins meiner Bücher, das Raſier⸗ zeug, die Tabakpfeife und dergleichen zu erlangen; eine Bequemlichkeit, die mich auf der Reiſe oft verleitete, eine Stunde länger als ich gewohnt war im Bette zu bleiben, und manches Geſchäft darin zu verrichten. Eben ſo beſchränkt wie die Kajüte war auch das Verdeck. Auf dem hin⸗ tern Theile desſelben ſtand ein Roof, d. i. eine Art Hütte mit Kammern für den Steuermann und die übrige Mannſchaft, ſo wie auch zur Aufbewahrung der Schiffsvorräthe. Das Roof hatte ſo großen Umfang, daß es an drei Sei⸗ ten nur ſchmale Gänge ließ, worin zwei Menſchen einander kaum ausweichen konnten. Eine ſolche Einrichtung findet auf vielen Galeaſſen, auf den Kuffen, Schmacken und andern kleinen Seeſchiffen Statt, und dient, obſchon der Be⸗ quemlichkeit dadurch Abbruch geſchieht, den Raum bloß zur Ausfüllung mit Frachtgütern benutzen zu können. 4 Dieſe allgemeine Beſchränktheit des Platzes führte, ſo lange wir uns auf der Rhede befanden, um ſo mehr Unannehmlichkeit mit ſich, da wir dort häufig Beſuch erhielten. Beſonders kamen die Schiffer von den in der Nähe liegenden kleinen Fahrzeugen oft herbei, um Bekanntſchaft mit Herrn Fedderſen zu machen, den ſie gegenwärtig, weil er nur eine Galeaſſe befehligte, zu ihres Gleichen zählten. Wenn ſich dann drei oder vier ſolche, gewöhnlich ſehr beleibte Herrn in unſerer Kajüte niedergelaſſen und ausgebreitet hatten, ſo mußten wir übrigen auf alle Bequemlichkeit und ſelbſt auf einen Platz zum Sitzen Verzicht thun. Die üble Gewohnheit, beſtändig Tabak zu kauen oder zu rauchen, und dabei um ſich zu ſpucken, vermehrte das Unbehagliche ihres Beſuchs. Am un⸗ erträglichſten aber waren uns die Geſpräche derſelben; denn dieſe Leute machen in Hinſicht der Bildung und Weltkenntniß einen auffallenden Abſtich mit den Seefahrern, die weite Reiſen unternommen haben, indem ihre Ideen in einem ſehr engen Kreiſe ſchweben. Wind und Wetter, Frachten, Aſſekuranzen und Havereien, Löſchen und Laden, Schiffsbedürfniſſe, Lohn und Verpflegung der Matroſen— dieß ſind ungefähr die Gegenſtände, um welche der Faden des Geſprächs ſich windet. Gleichwohl hegen ſie eine hohe Meinung von ihrem Wiſſen und von ihrem Stande, und es gibt keinen eingebildetern Menſchen, Jals einen ſolchen Schiffer, wenn er, mit einem Schiffsjungen hinter ſich, am Lande einher ſchreitet, und von allen Seiten den Ehrentitel„Kapitän“ erhält. Ich verlor bisweilen die Geduld, wenn ich gezwungen war, das Geſchwätz dieſer 187 Menſchen einen halben Tag mit anzuhören; und noch unangenehmer mußte ihr Umgang für den einſichtsvollen Fedderſen ſein, weil er dadurch zugleich an ſein Schickſal erinnert wurde, das ihn zu dieſer niedrigen Klaſſe von Seefahrern herabſetzte. Zum Glück wurden wir einige Mal durch die Beſuche des jungen Mannes entſchädigt, welcher mir auf der Reiſe nach Tönningen Geſellſchaft geleiſtet, und nun auf einem däniſchen Oſtindienfahrer die Stelle des Arztes erhalten hatte. Jede Zuſammenkunft mit ihm war für mich ein wahres Feſt. Jungen Leuten, die Univerſitäten beſucht haben, und beſonders wenn ſie ſich in einer andern Sphäre des Lebens treffen, gewährt die Erinnerung an die glücklichen Studienjahre ein eigenes Wohlgefühl. Unſer Freund erzählte daher oft von Jena und Göttingen, ſo wie ich gern von Leipzig ſprach. Hauptſächlich aber unterhielten wir uns über Gegenſtände der Erdkunde und Naturgeſchichte, da wir beide eine Vorliebe für dieſe Wiſſenſchaften gefaßt hatten. Auch Fedderſen war darin zu Hauſe, und ſo bildeten wir einen geſelligen Kreis, dem es nie⸗ mals an Stoff zu angenehmer und lehrreicher Unterhaltung fehlte. Ich habe in meinem Leben wenig Menſchen gefunden, mit welchen ich ſo ſchnell und ſo innig vertraut wurde, als mit dieſem jungen Arzte. Gleichheit des Alters, der Neigungen und Wünſche zog uns gegenſeitig zu einander hin. Unm ſo ſchmerzhafter war es mir, als eines Tages das Schiff, worauf er ſich befand und welches eine Reiſe nach Calcutta machte, ſo unerwartet ſchnell ab⸗ ſegelte, daß ich ihm nicht einmal Lebewohl ſagen konnte. Wir haben uns jedoch auf ſpätern Reiſen mehrmals wieder getroffen und Gelegenheit gehabt einander Beweiſe von fortdauernder Freundſchaft zu geben. Als Walter— ſo hieß dieſer Freund— meinem Umgang entzogen war, fühlte ich mich ſelbſt im Getümmel unzähliger Schiffe einſam und verlaſſen; der Aufenthalt am Lande wurde mir zuwider, und ich ſehnte mich hinaus auf das hohe Meer, auf welchem mein Freund dahin ſchwebte. Die Erfüllung die⸗ ſes Wunſches verzögerte ſich indeſſen lange, weil es wegen des Ueberfluſſes an ſchönen Schiffen viel Mühe koſtete, dem unſrigen, das etwas alt und unanſehn⸗ lich war, Fracht zu verſchaffen. Endlich erhielt es die Beſtimmung, mit Ballaſt nach Bordeaux zu gehen, um dort eine Ladung Wein zu holen. Wir gingen am 1. Juli(1807) unter Segel. Bald darauf drehte ſich der Wind nach Südweſten, und behielt dieſe widrige Richtung, kleine Stillen abgerechnet, beinahe drei Wochen. Dabei war er oft ſehr heftig, ſo daß man nur wenige Segel ſetzen und, ungeachtet der großen Sorgfalt, die auf das Laviren gewendet wurde, nur langſam vordringen konnte. An manchen Tagen machten wir kaum einige Meilen, und trieben an andern faſt eben ſo viel wie⸗ der zurück; kein Wunder, daß wir in den erwähnten drei Wochen nicht weiter als bis auf die Höhe von Antwerpen kamen. Während der Zeit war unſer kleines Schiff ein Spiel der Wellen. Das immerwährende Schaukeln und Stoßen desſelben verurſachte mir zuweilen kleine Anfälle von Seekrankheit, wiewohl ich ſeit meiner erſten Seereiſe nichts davon empfunden hatte; doch mochte wohl mein langer Aufenthalt am Lande und eine von der ausgeſtandenen Krankheit zurückgebliebene Nervenſchwäche mit dazu beitragen. Ich erinnere mich noch oft der ſonderbaren Gruppen, die wir bildeten, wenn wir bei ſtürmiſchem Wetter unſere Mahlzeiten hielten. Da man am Tiſche nicht mit Bequemlichkeit ſitzen konnte, ſo traf der Steuermann, der unſer Tiſchgenoſſe und Ceremonienmeiſter war, die Einrichtung, auf den Dielen zu eſſen. Man legte das Tiſchtuch und zwar— um das Fortrutſchen des darauf geſetzten Geſchirres zu verhindern,— in Falten gebrochen auf die Dielen, und lagerte ſich um dasſelbe. Bei ſehr ſchlechtem Wetter wurde eine beſonders feſte Stellung angenommen, indem Zwei und Zwei ſich einander gegenüber ſetzten, ſo daß Jeder den Rücken an einen Koffer und die Füße an die des Andern ſtützte. Der Kajütwächter(Diener des Kapitäns) mußte ſich in die Mitte ſetzen, um die vollen Schüſſeln zu halten und nicht überlaufen zu laſſen. Es traf ſich aber einige Mal, daß dieſer etwas unbehülfliche Menſch durch die heftigen Stöße, die das Schiff bekam, ſammt den Schüſſeln umgeworfen wurde, und uns mit der heißen Suppe überſchüttete. Um dergleichen Unfällen in der Zu⸗ kunft vorzubeugen, verfertigte der Steuermann ein Geſtell, worauf die Schüſ⸗ ſeln, nach Art eines Seekompaſſes— der immer eine horizontale Lage behält, — ſchwebend ſtanden. Dieſe Maſchine befeſtigte man in unſerer Mitte. Die Leitung meiner Zöglinge vergönnte mir jetzt, wie überhaupt auf der ganzen Reiſe, mehr Muße als ehedem; denn die gegenwärtigen beſchränkten Vermögensumſtände ihres Vaters beſtimmten denſelben, ſeinen Erziehungsplan zu ändern. Anſtatt ſie, wie bisher, bloß wiſſenſchaftlich zu beſchäftigen, war er nun ernſtlich darauf bedacht, ſie zu tüchtigen Seeleuten zu bilden. Zu dem Ende übernahm er ſelbſt das Geſchäft, ſie in den höhern ſeemänniſchen Wiſſen⸗ ſchaften oder der ſo genannten Steuermannskunſt zu unterrichten; und der Steuermann erhielt den Auftrag, ſie in den mechaniſchen Fertigkeiten des ge⸗ meinen Seemannes zu üben. Sie wurden daher oft angehalten, gemeinſchaft⸗ lich mit den Matroſen zu arbeiten; auch war ihre Hülfe wegen der geringen Anzahl unſerer Schiffsmannſchaft bisweilen unentbehrlich. Doch ließ ich ſie deßhalb nicht ohne Aufſicht, ſondern ſtand ihnen auf dem Maſte, wie am Steuer⸗ ruder, und bei jeder Verrichtung zur Seite. Dieß war nicht nur eine Aufmun⸗ 189 terung für die jungen Leute, zumal wenn ſie ſahen, daß ich Manches leichter als ſie begriff und geſchickter nachahmen konnte; es diente auch, meine körper⸗ lichen Kräfte zu üben, und verſchaffte mir eine ziemliche Gewandtheit in ſee⸗ männiſchen Arbeiten, die mir in der Folge ſehr zu Statten kam. Beſonders zog ich vielen Nutzen aus dem Unterrichte des Kapitäns, dem ich regelmäßig beizuwohnen pflegte. Auf der Höhe von Antwerpen erhielten wir einen günſtigen Wind, der uns ſchleunig in den britiſchen Kanal brachte. Schon im deutſchen Meere hatten uns die engliſchen Kreuzer oft angehalten und genau unterſucht; im Kanal er⸗ eignete ſich dieß noch weit häufiger. Es wurde uns auch von einigen Fiſchern hinterbracht, daß ein Friedensbruch zwiſchen England und Dänemark ſehr nahe ſei, und daß man bereits viele däniſche Kauffahrer in Beſchlag genommen habe. Wir fürchteten daher, ein gleiches Schickſal zu erfahren. Da jedoch die Eng⸗ länder den Grundſatz befolgten, die Ballaſtſchiffe friedlich nach ihrer Beſtim⸗ mung gehen zu laſſen, damit ſie ihnen dann mit voller Ladung in die Hände gerathen möchten, ſchlüpften wir überall glücklich durch, und gelangten in die Bucht von Biscaja. Hier blieben wir ziemlich unangefochten von den engliſchen Fregatten, weil ſie zum Theil mit den Abſichten, die ihre Regierung auf Dänemark hatte, noch unbekannt waren. Allein wir ſtießen ſehr oft auf Kaper, welche zwar das Schiff zu nehmen ſich nicht für befugt hielten, dennoch aber, nach ihrer böſen Gewohnheit, mancherlei Plünderungen verübten. Der eine raubte uns einen Compaß, ein anderer ſehr ſchätzbare Seekarten. Nach der Zeit pflegten wir beim Anblick ſolcher Räuber alle Gegenſtände von einigem Werth ſorgfältig zu verbergen. Dieſe Vorſicht hätte eines Tages beinahe ſehr üble Folgen gehabt. Wir begegneten einem Kaper, der uns— was ſonſt nicht geſchah,— durch einen ſcharfen Kanonenſchuß zum Beilegen aufforderte; er ſchien zu denen von Guernſey zu gehören, die unter allen engliſchen Kaperſchiffen, wegen ihres ge⸗ waltſamen Verfahrens gegen Freund und Feind, am meiſten berüchtigt ſind. Wir hatten ſo eben alles Geräth aus dem Wege geräumt, als zehn oder zwölf Mann abgeſchickt wurden, unſer Schiff näher in Augenſchein zu nehmen. Sie ſprangen mit ſpähenden Blicken auf das Verdeck; und während der Offtzier unſere Päſſe unterſuchte, durchſtrichen die übrigen alle Gemächer, um Beute zu machen. Da ſie aber nichts fanden, was ihrer Habſucht genügte, ſo kamen ſie murrend und erbittert zurück, und einer hatte die Dreiſtigkeit, unſern Matroſen Thomas bei der Jacke zu faſſen, um ſie ihm auszuziehen. Thomas, ein junger ſtarker Mann, der ſich von Niemand ungeſtraft beleidigen ließ, verſetzte ſeinem Gegner eine ſo kräftige Ohrfeige, daß er von einer Seite zur andern taumelte. 190 Dieß war die Loſung zu einem allgemeinen Handgemenge. Die Räuber ſprangen wüthend auf unſere Leute zu, indem ſie— nach engliſcher Sitte ſich zu prü⸗ geln— Stöße in das Geſicht und in die Rippen unter dieſelben austheilten. Allein die ſenkrechten Hiebe der nervigern Dänen fielen ſo ſchwer auf ihre Köpfe, daß ſie, obſchon überlegen an Zahl, den Kürzern zogen, weßhalb einige nach ihren Piſtolen griffen und ſie abzufeuern drohten. Der Kampf würde ge⸗ wiß ſehr traurig abgelaufen ſein, wäre nicht eine engliſche Fregatte im Anzuge geweſen; denn die Kriegſchiffe erlauben ſich nie ſolche widerrechtliche Handlungen, und dulden auch nicht, daß ſie von Andern ihrer Nation begangen werden, weß⸗ wegen ſie ſtets ein wachſames Auge auf die Kaper haben. Nur dieſer Um⸗ ſtand konnte uns vor der äußerſten Gewaltthätigkeit ſchützen, indem er den Of⸗ fizier bewog, Ruhe zu gebieten, und ſich mit ſeinen Leuten zu entfernen. Doch warfen ſie beim Weggehen einige Scheite Brennholz und andere Kleinigkeiten, die umher lagen, über Bord, weil ſie ihre Wuth auf keine andere Art auslaſſen konnten. Obſchon wir an Hab' und Gut wenig verloren hatten, ſo waren doch unſere Körper ſchlimm weggekommen; es dauerte lange, bevor die blauen Augen und die Schmerzen in den Rippen wieder verſchwanden. Der gute Fedderſen verſorgte zwar die Verwundeten von Zeit zu Zeit mit Branntwein, um die ver⸗ letzten Theile damit zu waſchen; allein die wenigſten gebrauchten ihn zu dem beſtimmten Zweck, ſondern tranken ihn und überließen der guten Mutter Natur ihre Heilung. Am 12. Auguſt gegen Mittag vernahmen wir die dumpfen Töne eines entfernten Kanonendonners, und bemerkten an der franzöſiſchen Küſte viele Schiffe, die ein lebhaftes Feuern unterhielten. Wir glaubten anfänglich eine Seeſchlacht zu ſehen. Bald aber erkannten wir den Irrthum, indem wir uns erinnerten, daß heute der Geburtstag des Prinzen Regenten von England war; denn damals pflegten die engliſchen Kriegſchiffe ſich zahlreich vor den franzöſi⸗ ſchen Häfen zu verſammeln, wenn die Geburtstage des königlichen Hauſes ein⸗ fielen, um dieſelben durch Artillerieſalven und andere übliche Ehrenbezeigungen im Angeſicht des Feindes zu feiern. Gegen Abend entfernten ſich dieſe Schiffe wieder vom Lande, und ſteuerten dem hohen Meere zu. Sie waren noch, als ſie ſich uns näherten, in ihrem feſtlichen Glanze, und ich ſah nun zum erſten Mal ein Schauſpiel, das wegen ſeiner Neuheit einen doppelt ſtarken Eindruck auf mich machte. Was kann auch wohl einen herrlichern Anblick gewähren, als wenn große, kaſtellartige Schiffe mit ihren thurmhohen Maſten, mit ihren langen, in den Lüften wehenden Wimpeln und zahlloſen, buntfarbigen Flaggen, unter den Tönen einer kriegeriſchen Muſik, auf den Wellen daher ſchweben?— Die Sonne ging eben unter, als das Geſchwader bei uns vorüber ſegelte. Das 191 Admiralſchiff that dann einen Kanonenſchuß; zu gleicher Zeit ſchwiegen die Muſikchöre, die Flaggen wurden allenthalben herabgenommen, das Feſt war beendigt, und man trennte ſich, um nach den verſchiedenen Stationen zurück⸗ zukehren. In der Bucht von Biscaja wurden wir von den Winden ſehr beunruhigt, zumal da ſie beſtändig wechſelten, und oft an einem Tage den ganzen Compaß durchliefen. Daher kam es, daß wir nicht eher, als ſieben Wochen nach der Ab⸗ fahrt von Tönningen, den Ort unſerer Beſtimmung erreichten. Uebrigens trug ſich während dieſer Zeit nichts Merkwürdiges zu. Unſere Lebensweiſe hatte ihren gewöhnlichen ſeemänniſchen Gang, welcher dem Leſer ſchon aus meinen früheren Beſchreibungen bekannt iſt; auch konnten ſich wenig beſondere Vor⸗ fälle unter der ſchwachen Mannſchaft ereignen, indem ſie außer dem Kapitän, ſeinen Söhnen und mir, nur aus dem Steuermann, dem Zimmermann, dem Koch, zwei Matroſen und einem Jungen beſtand. Noch muß ich erwähnen, daß ich auf dieſer kleinen Fahrt, wegen der ſchlechten Beſchaffenheit des Schiffes, der öftern Beunruhigung von den Engländern und wegen der übeln Laune des Windes, mehr Unannehmlichkeiten als ſpäterhin auf ſehr weiten Reiſen erfuhr. 2. Mündung der Gironde. Der Leuchtthurm. Cordouan. Wir fahren den Strom hinauf. Schönheit der Landſchaft. Ebbe und Fluth. Bordeaux. Am 18. Auguſt erblickten wir den Leuchtthurm Cordouan, der ſich hoch über dem lachenden Grün der gasconiſchen Küſte erhebt. Er ſteht mitten vor der Mündung der Gironde, auf einem Felſen, welcher noch von einer Inſel übrig iſt, die das Meer verſchlungen hat. Der Bau desſelben wurde unter Heinrich dem Zweiten von dem berühmten Bauneiſter Ludwig de Foix unternommen, aber erſt während der Regierung Heinrichs des Vierten vollendet. Dieſes Ge⸗ bäude hat eine Höhe von 150 Pariſer Fuß, und iſt in Stockwerke und Abſätze mit Umgängen eingetheilt. Es beſteht aus einem ſchönen, feſten Stein, und ſtellt überhaupt ein erhabenes Werk der Baukunſt dar. Auf beiden Seiten des Cordouan ziehen ſich von Sandbänken eingeſchloſſene Kanäle hin, durch welche die Schiſſe beim Einlaufen in die Gironde ſteuern müſſen. Er war daher, ehe man am Fluſſe Feſtungen anlegte, mit ſchwerem Geſchütz und einer Garniſon verſehen. Gegenwärtig befinden ſich nur die Feuerwächter darauf. Dieſe werden in der Regel alle vierzehn Tage abgelöſt, müſſen aber oft, weil man nur bei 192 ſtillem Wetter an den Klippen landen kann, über die beſtimmte Zeit aushalten, weßhalb ſie ſich auf vier Wochen mit Lebensmitteln zu verſorgen pflegen. Wir waren dem Leuchtthurm ſchon ziemlich nahe, als ein Boot auf uns zueilte, deſſen rothes, beziffertes Segel die Ankunft eines Lootſen verkündigte. Der Wind wehte aus Weſten, und wir wurden ohne alle Schwierigkeit dicht beim Thurm vorbeigeführt, obſchon die Wellen fürchterlich gegen ihn wütheten, und ihren Schaum hoch an ihm hinauf ſchleuderten. Das Waſſer nahm nun allmählig die gelbliche Farbe an, welche der Gironde eigen iſt; und bald ſahen wir uns auf beiden Seiten vom Lande eingeſchloſſen. Mitten in der Mündung des Fluſſes befindet man ſich beinahe zwei Stunden weit von den Ufern; dennoch iſt ihre Fruchtbarkeit ſchon in dieſer Entfernung ſo unverkennbar, daß der ankommende Fremdling mit den froheſten Gefühlen und mit der Hoffnung auf die ſchönſten Genüſſe erfüllt wird. So wie wir weiter kamen, vermehrte ſich die Lebhaftigkeit. Es lag eine Menge großer und kleiner Schiffe vor Anker, andere ſegelten in allen Richtungen vorüber, und viele Kähne eilten vom Lande herbei, um Wein und die herrlichſten Früchte zu verkaufen. 5 In der Nähe des Wachſchiffes, das ſich in einiger Entfernung vom Aus⸗ fluſſe befindet, mußten wir ankern. Es ſchickte ſogleich einige Zoll⸗, Quaran⸗ täne⸗ und Polizeibeamten ab, die uns Anfangs einem ſtrengen Verhör unter⸗ warfen, nachher aber, als ſie alle Umſtände richtig befunden, ſowie auch— eine gute Bewirthung erhalten hatten, freundlicher wurden und endlich einen ſehr vergnügten Abſchied nahmen. Bald darauf ſetzten wir wieder die Segel, und erreichten am Abend das Städtchen Blaye, wo alle ankommenden Schiffe einen gewiſſen Zoll entrichten müſſen, welcher unter andern zur Unterhaltung des Cordouan verwendet wird. Nahe vor der Stadt liegt auf einer kleinen Inſel ein Fort, welches, in Verbin⸗ dung mit der am jenſeitigen Ufer gelegenen Feſtung Medoe, den Fluß beherrſcht. Die Schildwachen auf den Batterien des Forts, in deſſen Nähe wir ankerten, verurſachten während der Nacht durch ihr beſtändiges Zurufen ein ſo großes Geräuſch, daß ich kein Auge ſchließen konnte und froh war, als um zwei Uhr der Lootſe das Schiffsvolk weckte, um die Fahrt mit der rückkehrenden Fluth weiter fortzuſetzen. Oberhalb Blaye verengt ſich der Fluß allmählich, und man kann in der Mitte desſelben beide Ufer deutlich überſehen. Ich wurde daher ſehr angenehm überraſcht, als ich bei Tagesanbruch auf das Verdeck trat und an allen Seiten die reizendſten Landſchaften, von welchen aromatiſche Wohlgerüche herüber ſtrömten, erblickte. Hübſche Dörfer, anmuthige Felder, Wieſen und Gärten wechſeln mit herrlichen Weinanlagen und mit prächtigen, zwiſchen Alleen und Luſtwäldchen durchblickenden Schlöſſern und Landhäuſern ab. Die Schönheit dieſer Anſichten entfaltete ſich beim zunehmenden Tageslicht immer mehr; die Schnelligkeit unſerer Fahrt erhöhte den Reiz des Wechſels, und da es kurz vor unſerer Ankunft ſtark geregnet hatte, ſo erſchienen alle Gegenſtände in doppelt lebhaften Farben. In der Gegend, wo die Gironde durch die Vereinigung der Dordogne mit der Garonne ihren Namen erhält, mußten wir, wegen der eingetretenen Ebbe, wieder den Anker werfen. Die Ebbe fließt nämlich auf dieſen Gewäſſern mit ſolcher Macht herab, daß man ſelbſt mit einem günſtigen Winde, wenn er nicht heftig weht, gegen dieſelbe nicht ſegeln kann. Eben ſo gewaltig iſt auch der An⸗ drang der Fluth; und daher kommt es denn, daß beide unmittelbar auf einander folgen, und keine Zwiſchenzeit eintritt, während welcher, wie auf andern Flüſſen, das Waſſer ſtille ſteht.. Mit dem Verlauf der Ebbe gingen wir wieder unter Segel. Der zuneh⸗ mende Wind und die anwachſende Fluth trieben uns mit vereinigter Kraft die Garonne hinauf. Die Landſchaften, welche immer anziehender und lebendiger wurden, veränderten nun in jedem Augenblick ihre Geſtalt, bis endlich, am linken Ufer des Fluſſes, die Stadt Bordeaux zum Vorſchein kam und ſich vor uns ausbreitete. Es war noch hoch am Tage, als wir im Hafen von Bordeaux bei der ſchönen Vorſtadt Les Chartrons die Anker warfen. Der Anblick der prächtigen Gebäude, der maleriſchen Landſchaft am jenſeitigen Ufer und des bunten Ge⸗ wühls im Hafen und am Lande, das dumpfe Gemurmel vieler tauſend Stim⸗ men, das Rauſchen des Stroms, Tönen der Glocken und Krachen der Kanonen, die freudigen Glückwünſche und Händedrücke herzueilender Bekannten— dieß und unzählige andere Dinge wirkten mächtig auf meine Sinne, erfüllten das Herz mit Kraft und Leben und ließen mich ſchnell das ausgeſtandene Ungemach vergeſſen. In dem vortrefflichen, geräumigen Hafen befanden ſich viele hundert Schiffe. Eine bedeutende Zahl machten die däniſchen, amerikaniſchen und preußiſchen aus. Die letztern führten jedoch durchgängig die franzöſiſche Flagge; denn ſie waren im vorigen Jahr, beim Ausbruche des Krieges zwiſchen Frankreich und Preußen, in Beſchlag genommen worden. Die größern hatte man, weil ſie nicht gebraucht werden konnten, völlig abgetakelt; ſie trugen die Spuren der Ver⸗ witterung und gewährten überhaupt einen traurigen Anblick. Die kleinern hin⸗ gegen dienten zu Küſtenfahrern. Einheimiſche große Seeſchiffe ſah man, mit Ausnahme der halb zerfallenen, ſehr wenige; doch gab es einige neugebaute, Richter's Reiſen. I. 13 194 ſogenannte Avanturiers, d. i. Kauffahrer, die ſich in Kriegszeiten über die Meere wagen, weßhalb ſie zum Schnellſegeln beſonders gebaut und bisweilen, um ſich gegen eine nicht zu überwiegende Macht vertheidigen zu können, kriegsmäßig ausgerüſtet ſind. Deſto zahlreicher erſchienen die kleinen Küſtenfahrer; ihre Menge bedeckte den ganzen obern Theil des Hafens. Es waren auch mehre Kaper mit portugieſiſchen und engliſchen Priſen eingelaufen. Einer davon lag in unſerer Nähe. Er war beſtändig von kleinen Kähnen umringt, worin ſich Höker, Krämer, Muſikanten, Taſchen⸗ und Puppenſpieler und andere derglei⸗ chen Erwerb ſuchende Leute befanden; denn die Mannſchaften der Kaper ſind gewohnlich ſehr luſtig, und pflegen mit ihrem, oft ohne viel Mühe erlangten Gelde nach dem Sprichwort:„wie gewonnen, ſo zerronnen,“ umzugehen. Auf den däniſchen Schiffen herrſchte tiefe Stille, weil ſie weder Ladungen einnahmen, noch Anſtalten in See zu gehen, trafen, ſondern mit beſorgter Er⸗ wartung dem aufſteigenden Ungewitter entgegen ſahen, welches Dänemark und ſeiner Flagge drohte. Ein gleiches Verfahren fand auf unſerem Schiffe Statt; man ließ den Ballaſt ruhig liegen, aß und trank, und verrichtete bloß zur Ver⸗ treibung der üblen Laune und der Langweile dann und wann kleine Arbeiten. Es fehlte mir daher nicht an Zeit, Bordeaux und deſſen Einwohner kennen zu lernen. Die Stadt Bordeaux, welche damals gegen 8000 Häuſer und 100,000 Einwohner enthielt, beſteht aus der Altſtadt, der Vorſtadt Les Chartrons, und aus einigen kleinern Vorſtädten. Die beiden erſtern liegen am Ufer des Fluſſes, jene am obern, dieſe am untern Ende; ſie erſcheinen an dieſer Seite, weil der Fluß hier einen Bogen macht, welcher den Hafen bildet, in der Geſtalt eines Halbkreiſes. Die Altſtadt an ſich hat die Form eines unvollkommenen Dreiecks. Sie iſt mit einer ſehr alten und dicken, hier und da noch mit viereckigen Thürmen verſehenen Mauer umgeben. Diejenigen Häuſer, welche längs der Brüſtung hinlaufen, ſind auf die Mauer geſtützt. Sonderbarer Weiſe hatte man ſich, um die hier aufgeſtellten Schildwachen deſto beſſer überſehen und überraſchen zu können, das Recht vorbehalten, durch die Zimmer zu gehen, ſo oft es für gut befunden wurde. Die Zahl der Thore macht gerade ein Dutzend aus. Das Niederthor— Porte⸗Baſſe— iſt eins der vorzüglichſten Denkmäler, die das hohe Alter der Stadt beurkunden. Seine ungemein feſte Bauart verweiſt auf die Zeiten des Kaiſers Auguſtus, unter deſſen Regierung man für die Ewigkeit baute. Weder die Gothen, noch die Wenden, Saracenen und Normänner, welche nach einander 195 Bordeaux mit Feuer und Schwert verheerten, haben vermocht, dieſes ſchöne Werk zu zerſtören. Ueberhaupt hatten ſich mancherlei Ueberreſte der ſchönen, von den Römern aufgeführten Gebäude bis in die ſpätern Jahrhunderte erhalten, und würden, wenn noch vorhanden, ein Gegenſtand der Bewunderung unſers Zeitalters ſein. Allein was der zerſtörende Geiſt wilder Horden verſchont hatte, ging im Mittel⸗ alter durch den herrſchenden Mangel an Kunſtſinn und die Gleichgültigkeit gegen die Werke des Alterthums vollends unter. So ſtanden z. B. zur Zeit Ludwigs des Großen noch achtzehn ſchöne marmorne Säulen, welche mit noch ſechs an— deren die Kuppel eines zertrümmerten prächtigen Tempels getragen hatten. Sie waren noch unbeſchädigt und würden jetzt der Stadt zu einer beſonderen Zierde gereichen; da ſie aber der Erweiterung einer Citadelle, Chateau Trompette ge⸗ nannt, im Wege ſtanden, ſo ſchlug man ſie um, und verwendete die Bruch⸗ ſtücke zu anderen Zwecken.. Die Straßen der Stadt ſind enge und unregelmäßig, und nur eine ein⸗ zige, welche man„Chateau⸗(eigentlich Chapeau⸗) Rouge“ nennt, iſt etwas an⸗ ſehnlich. Die meiſten Häuſer haben zwei oder drei Stockwerke, und ſind von weißen gehauenen Steinen geſchmackvoll aufgeführt; doch haben auch viele das Anſehen, noch von gothiſchen Baumeiſtern herzurühren.— Unter den öffent⸗ lichen Plätzen iſt der vor dem Rathhauſe der vorzüglichſte. Die erzbiſchöfliche Kirche iſt ein Meiſterſtück der gothiſchen Baukunſt, und man hält ſie für eine der ſchönſten in ganz Frankreich. Die Michaeliskirche zeichnet ſich durch ihren ſehr hohen Glockenthurm aus; man kann von ihm alle Theile der Stadt und einen weiten Kreis ihrer Umgebungen überſehen. Der Begräbnißplatz bei der Kirche zu St. Severin enthält mancherlei ſonderbare Gegenſtände. Unter andern zeigt man daſelbſt ein ſteinernes, auf vier Pfeilern ruhendes Grabmal, von welchem, wie die Sage geht, auf zwei Seiten Waſſer⸗ tropfen herunter fallen, die ſich vermindern oder vermehren, je nachdem der Mond ab- oder zunimmt. Als mir das Grabmal gezeigt wurde, hätte ich gewünſcht, auf den Grund dieſer Erſcheinung zu kommen. Allein mein Führer, der ſich niemals darum bekümmert hatte, ſtutzte, zuckte die Achſeln und ging in dem leierhaften, den Ciceronen eigenen Tone zur Erklärung der nächſten Sehens⸗ würdigkeiten über. Auch meine Bekannten in Bordeaux konnten mir keine be⸗ friedigende Auskunft über die Sache geben. Die meiſten waren geneigt, ſie für übernatürlich zu erklären, welche Meinung die Geiſtlichkeit zu St. Severin ſehr zu begünſtigen ſcheint. Der erzbiſchöfliche Palaſt iſt ein ziemlich regelmäßiges und. anſehnliches Gebäude. Man ſpricht viel von dem darin befindlichen Audienzſaale, welcher 13* 196 eine ungemeine Größe und ſehr prächtige Einrichtung haben ſoll; ich verſäumte aber ihn zu ſehen. Das der hieſigen Univerſität eingeräumte und zu Hörſälen, ſowie zu Wohnungen für Profeſſoren und Studenten eingerichtete Jeſuitencolle⸗ gium gehört zu den ſchönſten öffentlichen Gebäuden der Stadt, und hat eine überaus anmuthige Lage.— Das Rathhaus, eine gothiſche große Maſſe, bietet nichts dar, was die Aufmerkſamkeit des Beobachters erregt.— Das vor der Stadt liegende Hoſpital nimmt ſich gut aus, und wird wegen ſeiner innern Ein⸗ richtung, beſonders wegen der muſterhaften Reinlichkeit und Sorgfalt, womit man die Kranken pflegt, allgemein gerühmt; es befinden ſich auch einige Fabriken darin. Das Theater wird, ſowohl in Hinſicht der äußern Bauart als der innern Einrichtung, für eins der prächtigſten in Frankreich gehalten. Ich hatte hier oft Gelegenheit, die ausgezeichnete Geſchicklichkeit der franzöſiſchen Schauſpieler, ſowie die ſchönen Decorationen und die künſtliche Vorrichtung, wodurch man ſie in Bewegung ſetzt, zu bewundern. Aber eben ſo oft bedauerte ich, daß die Vorſtellungen, um der Sinnlichkeit des Publikums zu ſchmeicheln, faſt nach jedem Act durch Ballets oder pantomimiſche Zwiſchenſpiele unterbrochen wur⸗ den, wiewohl dieſe, an ſich betrachtet, prächtig und vielleicht unübertreffbar waren.— Unter den öffentlichen Spaziergängen, die man in und nahe bei der Stadt findet, erwähne ich nur der Alleen de Tourni. Sie gewähren eine große Man⸗ nigfaltigkeit des Vergnügens und der Zerſtreuung, und werden daher oft mit den Boulevards in Paris verglichen. Als eine beſondere Merkwürdigkeit von Bordeaux muß ich noch des Springbrunnens,„Duge“ genannt, erwähnen. Er gibt eine ſolche Menge Waſſer von ſich, daß ein anſehnlicher Bach daraus entſteht, welcher nach den Vorſtädten fließt, und den daſelbſt wohnenden Lohgerbern bei Betreibung ihres Gewerbes große Dienſte leiſtet. Dieſen Brunnen beſang ſchon Magnus Auſo⸗ nius, ein Dichter und Redner des vierten Jahrhunderts. Die Vorſtadt Les Chartrons iſt nicht nur wegen ihrer Größe, ſondern auch wegen der Regelmäßigkeit des Ganzen und der Pracht ſeiner einzelnen Theile eine der ſchönſten in Europa. Das reiche Karthäuſer⸗Kloſter, welches in dieſem Stadttheile liegt und die Veranlaſſung zu ſeinem Namen war, hat einen beträchtlichen Umfang; es ernährte vor der Revolution einige hundert Mönche. Die dazu gehörige, ſehr prächtige Kirche wird mit vielem Aufwand in ihrer Schönheit erhalten. Den Hauptaltar, unter welchem viele Reliquien aufbe⸗ wahrt werden, ſchmückt ein Ueberzug von Spiegelglas und vortrefflichen Kry⸗ ſtallen; überhaupt aber iſt die ganze Kirche mit koſtbaren Denkmälern, mit guten Gemälden und andern Verzierungen reichlich verſehen. An der Seite des Fluſſes ſteht eine lange ununterbrochene Reihe ſehr prächtiger Gebäude, worin man eine herrliche Ausſicht nach dem Hafen und den romantiſchen Landſchaften am jenſeitigen Ufer genießt. Hier wohnen meiſtens angeſehene Kaufleute und die Konſuln der fremden Nationen; in den Erdge⸗ ſchoſſen befinden ſich Waarenlager, Läden der Krämer und Handwerker, und Wirthſchaften aller Art. Längs den Häuſern zieht ſich ein mit Balken beklei⸗ deter Kai hin; er beginnt in der Nähe der Altſtadt, denn dieſe hat nur ein ſchmales, niedriges Ufer, das die Fluth überſchwemmt und mit Schlamm be⸗ deckt. Auf dem Kai werden die Schiffsgüter aus⸗ und eingeladen, weßhalb man hier ein beſtändiges Gewühl von Kaufleuten und Mäklern, von Seeleuten und Arbeitern, Maulthieren, Pferden und Wagen ſieht. Auch die kleinen Krämer und die Verkäufer von Eßwaaren finden ſich dort häufig ein, und die Spazier⸗ gänger ſtrömen herbei, um die kühlere Luft des Hafens einzuathmen, und ſich an den mannichfaltigen Gegenſtänden, die er darbietet, zu ergötzen. Ebenſo iſt dieß der vorzüglichſte Sammelplatz der aus hundert Familien beſtehenden Juden⸗ ſchaft, welche nicht nur Kleinhandel treibt, ſondern auch große und beſonders Wechſelgeſchäfte macht. Ich erwähne hier beiläufig eines jüdiſchen Knaben, der auf dieſem Kai, wo ich ihn oft im Stillen beobachtete, ſich täglich aufzuhalten pflegte, und in einem Alter von neun Jahren alle Fertigkeiten des durchtriebenſten Gauners be⸗ ſaß. Er handelte mit leoniſchen Goldwaaren, aber nicht auf dem gewöhnlichen Wege, ſondern wußte ſie mit origineller Liſt an den Mann zu bringen. Die Mittel, deren er ſich dazu bediente, waren mancherlei und verfehlten ihren Zweck um ſo ſeltener, weil er nebſt einer nicht gemeinen Kunſt zu überreden und ſich zu verſtellen, ſchon eine ziemliche Kenntniß von den Schwachheiten der Men⸗ ſchen erlangt hatte, und ihre Einfalt, Eitelkeit, Habſucht u. ſ. w. trefflich zu benutzen verſtand. Dabei vermied er öffentlich alle Gemeinſchaft mit andern Juden, um unerkannt zu bleiben und ſich nicht verdächtig zu machen; auch ge⸗ brauchte er die Vorſicht, ſeine Schwänke nur an Fremden zu verüben. Ich will nur einen erzählen, den er eines Tages vor meinen Augen ausführte. Er ging vor einem Manne, den er auf das Korn gefaßt hatte, eine Zeit lang unbefangen her, und ließ dann unvermerkt ein Petſchaft fallen. Hierauf blieb er— wie dieß beim unverhofften Finden einer Koſtbarkeit zu geſchehen pflegt,— einen Augenblick erſtaunt und halb erſchrocken ſtehen, griff dann aber ſchnell nach dem vorgeblichen Fund, worauf er damit auf die Seite ging und ihn mit innigem Wohlgefallen betrachtete; er ſtellte ſich jedoch etwas ſchüchtern und als ob er 198 3 befürchtete, es möchte ihm Jemand den Beſitz der gefundenen Sache ſtreitig machen. Der Mann, der ihm folgte und den Fund, ohne ein ſolches Gaukel⸗ ſpiel zu ahnen, bemerkte, näherte ſich dem unerfahrenen Kinde und hatte die Niederträchtigkeit, ihm die Koſtbarkeit abzuſchwatzen. Er gab für das Petſchaft, deſſen Werth vielleicht keine ſechs Sous betrug, einige Franken, worauf der Knabe ſich ſchnell entfernte. So oft ich das durchdachte, planmäßige Verfahren dieſes kleinen Betrügers beobachtete und die Zartheit ſeines Alters damit ver⸗ glich, konnte ich nicht umhin, die früh entwickelten Fähigkeiten zu bewundern, aber auch zu gleicher Zeit zu bedauern, daß denſelben eine ſo üble Richtung ge— geben wurde, da ſie doch unter guter Leitung zu etwas Gutem führen konnte. Das Erzbisthum Bordeaux iſt ſehr alt. Einer Sage nach wurde der erſte Biſchof ſchon im erſten Jahrhunderte des Chriſtenthums eingeſetzt; er ſoll St. Gilbertus geheißen haben. Es erhellet indeſſen aus Urkunden, daß Bordeaux ſchon um das Jahr 300 ſeine Prälaten hatte, und daß der Biſchof Auriental, nebſt ſeinem Diaconus Fabian, dem Concilium beiwohnten, welches im Jahre 314 zu Arles(wider die Donatiſten) gehalten wurde. Die Zeit, wo man das Bisthum zum Erzbisthum erhob, läßt ſich nicht mit Gewißheit beſtimmen. Der Erzbiſchof führt den Titel eines Primas von Aagitanien, obſchon der Biſchof von Bourges ebenfalls Anſpruch auf dieſe Würde macht. Seine Einkünfte, welche vor der Revolution faſt nicht zu berechnen waren, erfuhren ſeitdem manche Einſchränkung, ſind aber deſſen ungeachtet noch ſehr beträchtlich. Die Univerſität wurde im Jahr 1441 geſtiftet. Der Papſt Eugenius der Vierte gab ihr verſchiedene Privilegien, die hernach vom König Ludwig dem Elften vermehrt wurden. Sie war damals, als ich mich in Bordeaux befand, nur ſchwach beſucht. Dieß darf man aber nicht als einen Verfall derſelben an⸗ ſehen; der Grund davon lag vielmehr in den damaligen Zeitumſtänden, indem das Conſecriptionsſyſtem und die vorherrſchende Neigung zum Soldatenſtande die Zahl der Studirenden ſehr beſchränkte.— Die Akademie der ſchönen Wiſſen⸗ ſchaften und Künſte iſt erſt zu Anfange des vorigen Jahrhunderts unter dem Schutze des Herzogs de la Force gegründet worden. Oeffentliche Gelehrten⸗ und Bürgerſchulen ſind in bedeutender Anzahl vorhanden. Letztere werden wegen ihrer zweckmäßigen Einrichtung ſehr gerühmt. Ich erhielt auch Gelegen⸗ heit, mich von den guten Fortſchritten der darin ſich bildenden Jugend zu über⸗ zeugen, indem ich unter ihren Arbeiten, die am Ende eines jeden halben Jahres öffentlich ausgeſtellt werden, eine Menge ſchöner Handſchriften, vortrefflicher Zeichnungen, Riſſe u. ſ. w. bemerkte. 199 3. Schilderung der Einwohner von Bordeaur, wie ihrer Sitten und Gebräuche. Die Hauptbeſchäftigung der Einwohner Bordeaux's war von jeher der Handel, wozu die günſtige Lage des Ortes, die ihm verliehenen Privilegien und die vierzehntägigen Meſſen, welche hier jährlich zweimal gehalten und von Kauf⸗ leuten aus allen Himmelſtrichen beſucht werden, hülfreich die Hand bieten. Der vorzüglichſte Gegenſtand des Handels iſt der Wein, da ihn die Umgegend der Stadt im Ueberfluſſe liefert, und die Kunſt, denſelben zu behandeln, vielleicht nirgends ſo weit als hier gediehen iſt. Indeſſen ſind die Weine, welche man verſendet, nicht immer das Gewächs von Bordeaux, ſondern werden häufig aus andern Theilen des Landes, ſelbſt auch aus Spanien bezogen. Man darf die⸗ ſelben aber nicht in die Stadt bringen, ſondern muß ſie in der Vorſtadt Les Chartrons niederlegen, und zwar nur zu einer gewiſſen Jahreszeit, damit die Weinpflanzer um Bordeaur nicht verhindert werden, ihre Erzeugniſſe abzu⸗ ſetzen. Es haben mich jedoch Viele verſichert, daß jetzt die Kaufleute ſelten dieſe Einrichtung befolgen, ſondern ſich ihre Waaren zu verſchaffen wiſſen, wo und wann ſie dieſelbe am beſten und wohlfeilſten erhalten. Nächſt dem Wein werden auch große Geſchäfte mit Eſſig und Branntwein gemacht, und die Verſendungen an Pflaumen und an Harz ſind zuweilen ſehr beträchtlich. In Friedenszeiten verführte man damals im Durchſchnitt jährlich an Wein 400,000 Tonnen, und 200,000 an Branntwein. Der Verkehr mit den afrikaniſchen und weſt⸗ indiſchen Colonien und mit den vereinigten Staaten iſt ſehr lebhaft. Kurz vor dem Ausbruche der Revolution unterhielt man gegen 400 Schiffe für den Handel nach dieſen Gegenden; auch war die Einrichtung getroffen, daß jährlich 24 Packetboote dahin gingen. Zu der Zeit, wo ich nach Bordeaux kam, befand ſich deſſen Handel zwar nicht in dem eben beſchriebenen Zuſtande; dennoch lag er nicht in dem Grade darnieder, wie es der Fall in vielen Seeſtädten anderer Länder war. In einem kleinen Staate, deſſen Theile durchgängig gleiche Produkte und Bedürfniſſe haben, muß der Handel plötzlich ſtille ſtehen, ſobald ihm durch den Krieg die Gemeinſchaft mit fremden Nationen abgeſchnitten wird. Ganz anders verhält es ſich mit einem weit ansgedehnten Lande, wie Frankreich iſt. Hier ſind die Produkte und Bedürfniſſe der verſchiedenen Provinzen mannichfaltig, und es findet beſtändig ein gegenſeitiges Austauſchen derſelben Statt. Ueberdem hatte ſich Frankreich damals von ſeinen bürgerlichen Unruhen erholt; der auswär⸗ tige Krieg war noch immer, mit Ausnahme der Küſtengegenden, von den Grenzen 200 abgehalten worden; und die Armeen, welche von Zeit zu Zeit ſiegreich zurück⸗ kehrten, brachten klingende Münze und andere Schätze mit, ſo daß ſich das Land im Ganzen eines gewiſſen Wohlſtandes erfreute. Dazu kam noch, daß die niedern Volksklaſſen ſich des Kaffees und der übrigen Colonial⸗Waaren, wegen ihrer erhöhten Preiſe, immer mehr entwöhnten, und ſich mit den Erzeug⸗ niſſen ihres Landes begnügen lernten, was einen ungeheuern Aufwand an Wein und Branntwein veranlaßte. Alle dieſe Umſtände vereinigten ſich, die Kaufleute in Bordeaux nicht völlig ſinken zu laſſen. Sie ſetzten einen großen Theil ihres Weins— der überhaupt im Norden von Frankreich eben ſo beliebt wie im Auslande iſt,— und eine Menge ihrer übrigen Handelsartikel im Lande ab; und ſo war der Hafen, wenn auch nicht von großen Seeſchiffen, doch von den kleinen, die Waaren längs den Küſten hin und her bringenden Fahrzeugen ſtark beſucht. Ein anderer Umſtand, welcher den Handel bisher aufrecht gehal⸗ ten hatte, war beſonders der, daß noch immer die eine oder die andere Nation die Freiheit genoß, Frankreichs Häfen zu beſchiffen. Ueberdieß lernte der Kauf⸗ mann, während der langen Dauer des Krieges, mancherlei Mittel und Wege kennen, ſich fremde Waaren zu verſchaffen. Man baute von Zeit zu Zeit ſchnell ſegelnde Schiffe, und ſchickte ſie, kriegsmäßig ausgerüſtet, nach den Colonien. Viele von dieſen Avanturiers, wie man ſie nannte, waren ſo glücklich, den Engländern zu entgehen, und mit reichen Ladungen zurück zu kommen. Selbſt während meines kurzen Aufenthalts in Bordeaux langten mehre derſelben an. Auch auf dem Wege des Schleichhandels erhielt man viel fremde Waaren; ja, es liefen bisweilen große engliſche Kauffahrer, unter amerikaniſcher Flagge, mit ſolchen Ladungen ein. Der Vorrath an fremden und ſelbſt an Colonial⸗Waa⸗ ren wurde daher nie völlig erſchöpft, weshalb ſie auch in keinem zu übertrie⸗ benen Preiſe ſtanden. Der Kaffee z. B. koſtete 2½ bis 3 Franken das Pfund, was nicht viel mehr beträgt, als man im obern Deutſchland noch lange nach Wiederherſtellung des Friedens dafür bezahlte.. Nächſt dem Handel beſchäftigten die Fabriken eine große Menge Menſchen. Die Spitzen⸗, Kattun⸗, Zeuch⸗, Tuch⸗ und Glasfabriken, die einige Jahre frü⸗ her ſehr danieder gelegen hatten, fingen jetzt an ſich wieder zu erheben. Sie lieferten vortreffliche Arbeiten; ich machte aber im Allgemeinen die Bemerkung, daß ſie zur Erſparung an Menſchenhänden keine beſonders vortheilhafte Ein⸗ richtung hatten.— Die Branntweinbrenner und Eſſigbrauer erhielten ſo viele Beſtellungen, daß ſie dieſelben nicht befriedigen konnten, was hauptſächlich durch die Lieferungen an die Truppen in Spanien veranlaßt wurde.— Die Zucker⸗ ſiedereien waren größten Theils ohne Beſchäftigung, da es ihnen an hinreichen⸗ dem Rohzucker mangelte, und man dieſen auch unrafftnirt zu verbrauchen begann. 201 Auf dem Schiffswerft herrſchte die größte Thätigkeit. Außer einer be⸗ trächtlichen Menge kleiner Fahrzeuge und Boote, die man erbaute, ſah ich zehn oder zwölf große Seeſchiffe auf dem Stapel. Es verſchaffte mir viel Vergnü⸗ gen, das Thun und Treiben der franzöſiſchen Zimmerleute zu beobachten, da fie mit einer ſehr ängſtlichen Genauigkeit arbeiteten, was den Franzoſen in an⸗ dern Fällen nicht immer eigen iſt. Jeder Nagel, den man einſchlagen wollte, wurde vorher geprüft, ob er dauerhaft war, und kein Balken, keine Planke verbraucht, ohne die darin vorhandenen Sprünge oder wurmſtichigen Stellen ſorgfältig unterſucht zu haben. Alle Theile paßten ſo genau und ſchloſſen ſo dicht an einander, wie die Arbeiten eines Tiſchlers; und dieſes war ſelbſt mit dem Rippenwerk der Fall, das doch anderwärts gewöhnlich nur ſehr grob ge⸗ zimmert wird. Dabei zeigte ſich die größte Gewandtheit, mit den Werkzeugen umzugehen, und man konnte dem härteſten Holze mittels der Axt eine ſo glatte Oberfläche geben, als Andere nur mit Hülfe des Hobels bewirken. Mit eben der Genauigkeit, womit der gemeine Arbeiter die einzelnen Theile zuſammen⸗ ſetzte, hatte auch der Baumeiſter vorher den Plan zum Ganzen entworfen, und ſich bemüht, Nutzbarkeit mit den gefälligſten Formen zu verbinden.— Ich habe mich in ſpätern Zeiten manchmal an dieſes Schiffswerft erinnert, wenn ich hörte, wie ſehr die engliſchen Seeoffiziere die franzöſiſchen Zimmerleute rühm⸗ ten, und dabei ſcherzweiſe zu äußern pflegten:„daß ſie ihre vorzüglichſten Werf⸗ ten in Frankreich hätten.“ Ohne Zweifel beſitzen die Franzoſen eine beſondere Geſchicklichkeit, Schiffe zu bauen; ja ſie würden, wenn ſie dieſelben auf gleiche Weiſe zu regieren verſtänden, den Engländern die Herrſchaft auf den Meeren ſtreitig machen. Da der Schiffbau in Bordeaux ſo lebhaft war, ſo fehlte es auch den Taumachern nicht an Beſchäftigung. Ich beſuchte verſchiedene ihrer Werkſtät⸗ ten, bemerkte aber, daß ſie keine ſonderliche Arbeit fertigten. Man nahm zu dem Tauwerk ſchlechten Hanf, drehte es ſchlecht und die einzelnen Fäden faſt noch einmal ſo grob, als in England oder Holland zu geſchehen pflegt. Auch vard es beim Sieden in Theer nicht mit der gehörigen Sorgfalt behandelt. Wenn man die Einwohner von Bordeaux in Hinſicht ihres Aeußern mit denen des nördlichen Frankreichs vergleicht, ſo zeigt ſich ein bedeutender Unter⸗ ſchied in der Geſichtsfarbe, welche bei den erſtern ſehr in das Bräunliche fällt und an die Verwandtſchaft des Klima's mit dem ſpaniſchen erinnert. In der Sprache weichen Bordeaurx's Einwohner vom reinen Franzöſiſchen ſehr ab, indem ſie ſich nicht nur vieler Provinzialismen bedienen, ſondern auch mancherlei Fehler in der Ausſprache machen. Dieſe beſtehen hauptſächlich im Verwechſeln des B mit dem V, in der Betonung des ſtummen E, ſo wie in der Vernachläſſigung, die harten und weichen Buchſtaben gehörig von einander zu unterſcheiden. Die Urſache davon iſt leicht zu erklären, wenn man bedenkt, daß die Gasconier großen Theils von germaniſchen Völkern abſtammen, und daß die Oberdeutſchen ſich dieſelben Unrichtigkeiten in der Ausſprache, beſonders des Franzöſiſchen, zu Schulden kommen laſſen. Deſſen ungeachtet findet man unter den höhern Ständen Viele, die ſich einer vorzüglichen Reinheit des Aus⸗ drucks befleißigen, vielleicht weil ſie der ſchlechte Volksdialect um ſo öfter daran erinnerte; wie dieſes auch der Fall z. B. in Niederſachſen iſt, wo man mitten unter dem Plattdeutſchen beſſeres Hochdeutſch hört, als in irgend einem der Länder, in welchen es allgemein geſprochen wird. Was die Gemüthsart betrifft, ſo unterſcheiden ſich die Einwohner von Bordeaux ſehr wenig von den übrigen Franzoſen. Sie ſind nicht weniger auf⸗ geweckt, flüchtig und leichtſinnig, und haben vielleicht einen noch höhern Grad von Heftigkeit. Das Feuer der Leidenſchaften entzündet ſich bei ihnen eben ſo plötzlich, als es erliſcht; daher man ſie leicht zum Zorn reizen, aber auch leicht wieder beſänftigen, ihre Freundſchaft bald gewinnen, und eben ſo bald wieder verlieren kann, und überhaupt ſpricht ſich das Naturgeſetz„was ſchnell entſteht, vergeht auch ſchnell,“ ſehr deutlich in ihrer Gemüthsart aus. Der Charakter der Gasconier im Allgemeinen iſt ſehr bekannt. Wer weiß es nicht, daß ſie immer von ſich ſelbſt reden, gern prahlen und übertrei⸗ ben, oder daß ſie ſich klüger als Andere dünken, überall das Wort führen, und bei jeder Gelegenheit widerſprechen?— Die Einwohner von Bordeaux haben einen vorzüglichen Antheil an dieſen Fehlern, vielleicht weil ſie durch die beſon⸗ dern, ihrer Stadt verliehenen Freiheiten und Vorrechte, ſo wie durch den blü⸗ henden Wohlſtand, deſſen ſich dieſelbe ſeit Jahrhunderten erfreut, um ſo mehr darin beſtärkt wurden. Der mehr als gasconiſche Ton ihres Umgangs iſt äußerſt auffallend. Dieſe Schwachheiten erwecken ihnen indeß im In- und Auslande viele Feinde und geben denſelben Gelegenheit, ihrem Charakter mancherlei andere Fehler anzudichten. So werden ſie z. B. einer allgemeinen Sittenloſigkeit be⸗ ſchuldigt. Allein nach dem zu ſchließen, was ich in andern Städten Frankreichs ſah, ſollten wenigſtens die Franzoſen ſich dieſes Vorwurfs begeben. Das weib⸗ liche Geſchlecht zeigt ſich öffentlich ſtets ehrbar und anſtändig, und eheliche Treue wird noch nicht, wie es der Fall in manchen Theilen des Reichs iſt, für altmodiſch und abgeſchmackt gehalten. Daß es in Bordeaux eine große Anzahl privilegirter Venustempel gibt, kann den Einwohnern im Ganzen nicht zum Tadel gereichen. Iſt es doch ein Uebel, das alle große Seeſtädte mit einander gemein haben, und das ſie um ſo eher dulden müſſen, da es als ein Ableiter 203 des Ungewitters dient, welches dort beſtändig über der Tugend ſchwebt. Da⸗ gegen kann man in ſolchen Seeplätzen, wo dergleichen Einrichtungen nicht Statt finden, einen ſichern Schluß auf die allgemeine Verdorbenheit der Sitten machen.— Auch gegen die Redlichkeit im Handel und Wandel ſind öfters hartnäckige Ankläger aufgetreten. Unter den Kaufleuten, beſonders den Weinhändlern, mag ſich zwar— wie es bei einer Menge von vielen Hunderten zu erwarten iſt,— mancher liſtige und ränkevolle Unternehmer befinden; allein ich bin überzeugt, daß die Mehrzahl aus rechtlichen Männern beſteht, indem ich ſelbſt viele kennen lernte und überdieß in andern Ländern immer fand, daß man gern Geſchäfte mit Bordeaux macht. Von der übrigen Bürgerſchaft wurde ich, ſo oft meine Verrichtungen und Bedürfniſſe mich mit ihr in Berührung brachten, ſehr offen und ehrlich behandelt; und wenn dieß in einer Seeſtadt dem Frem⸗ den widerfährt, ſo hat er gewiß Urſache, eine vortheilhafte Meinung von der herrſchenden Denk⸗ und Handelsweiſe zu faſſen. Menſchen, die ſtets im Ueberfluſſe lebten, und noch mehr diejenigen, welche plötzlich in einen ungewohnten Wohlſtand verſetzt wurden, überlaſſen ſich leicht der Eitelkeit, dem Stolz und Uebermuth; aber kein Charakter iſt dazu geſchick⸗ ter, als der franzöſiſche, und auch Bordeaux liefert davon auffallende Beweiſe. Auf der andern Seite wiſſen ſich aber auch die Unglücklichen, welche von der Höhe des Wohlſtandes ſchnell herabſinken, auf eine bewundernswürdige Weiſe in ihr Schickſal zu fügen, und das Leben ſelbſt in einer Lage, worin Andere verzweifeln würden, erträglich zu finden. Ich lernte unter andern zwei reiche Kaufleute kennen, die das ſonderbarſte Zuſammentreffen unglücklicher Umſtände zu Bettlern machte. Anſtatt ſich— wie es anderwärts in ſolchen Fällen zu geſchehen pflegt,— der Schwermuth zu überlaſſen, die Flucht zu ergreifen, oder ſonſt eine raſche Handlung zu begehen, ſuchten ſie ihre Ehre zu erhalten und ihr Fortkommen als Künſtler, der eine als Maler, der andere als Muſiker, zu finden; beide genoſſen einer heitern und ruhigen Gemüthſtimmung und ge⸗ dachten ihres Unglücks nicht weiter. 3 Der Hang zur Frömmelei iſt, wie faſt überall in Frankreich, ziemlich all⸗ gemein; und ich bemerkte zuweilen in den Kirchen, daß ſogar junge Stutzer, in deren Geſichtzügen ausſchweifender Lebenswandel ſich unverkennbar aus⸗ drückte, die Miene eines Heiligen anzunehmen ſuchten. Von jener bekannten franzöſiſchen Artigkeit, welche hauptſächlich in wohl⸗ klingenden, aber wenig bedeutenden Redensarten beſteht, zeigen ſich wenig Spu⸗ ren in Bordeaux. Um ſo öfter aber traf ich wahre Höflichkeit und Gefälligkeit an. Selbſt der Arbeiter in den Straßen beſitzt dieſe Eigenſchaften; er verläßt 204 bereitwillig ſein Geſchäft und verſäumt ſich die Zeit, um einen Fremden zurecht zu weiſen und ſeine Wünſche befriedigen zu helfen, oft ohne auf die geringſte Belohnung Anſpruch zu machen. Ja, ich denke zuweilen nicht ohne Rührung an einen ſolchen willfährigen Mann, welcher ungeachtet ſeiner dürftigen Um⸗ ſtände ſich beleidigt fühlte, als ich ihn für die vielfältige Bemühung, die er für mich gehabt hatte, entſchädigen wollte. Es ſind noch viele Beiſpiele dieſer Art meinem Gedächtniſſe gegenwärtig; ſie machen einen ſonderbaren Contraſt mit den mannichfachen Erinnerungen an die eigennützige Ungefälligkeit, welche man in den meiſten großen Seeſtädten erfährt, wo der Fremde die geringſte Dienſt⸗ erweiſung theuer erkaufen muß. Bekanntlich herrſcht in ganz Frankreich die Sitte, daß Jeder in einem ſtolzen, oft lächerlichen Ton ſeine Kenntniſſe und Verdienſte geltend zu machen, ſeine Arbeit oder Waare herauszuſtreichen ſucht. Aber nirgends iſt ſie auffälli⸗ ger als in Bordeaux. Wenn man die Verzeichniſſe der Waaren in den Kauf⸗ läden, der Speiſen und Getränke in den Gaſthäuſern u. ſ. w. lieſt, ſo erſtaunt man über die Menge hochtönender Namen; und da dieſe, um der Sache einen neuen Reiz zu geben, von Zeit zu Zeit mit noch ſchöner klingenden vertauſcht werden, ſo läßt es ſich ſchwer begreifen, wie ſelbſt ein Franzoſe ſich darein fin⸗ den kann. Nichts iſt daher luſtiger, als die öffentlichen Ankündigungen zu leſen, die überall an den Häuſern und au den Bäumen der Alleen und Luſt⸗ örter angeſchlagen ſind. Eines Tages kam mir ein Logiszettel zu Geſicht, worauf das zu vermiethende Zimmer„une chambre très-élégante, fournie à Vempereur u. ſ. w.“ genannt wurde. Ich konnte meine Neugier, das kaiſer⸗ lich eingerichtete Zimmer zu ſehen, nicht unterdrücken und ging hinauf. Doch wie ſtaunte ich, als man die Thür öffnete, und vier kahle weiße Wände, mit alten Tiſchen und Stühlen und einem Bette, meinen erwartungsvollen Blicken ſich entgegenſtellten! Das Bett war mit ledernen Kopfkiſſen verſehen, aber ge⸗ rade dieſes machte den wichtigen Gegenſtand aus, worauf ſich die ſtolze Be⸗ ſchreibung des Zimmers bezog; denn— ward ich bedeutet—„der Kaiſer pflege bei heißem Wetter ſich dergleichen Kiſſen zu bedienen.“— Aus dieſem Wenigen kann man leicht ſchließen, welcher Ton in den Ankündigungen ſolcher Leute herrſcht, die in allen Ländern geräuſchvoll und hochtrabend aufzutreten pflegen, ich meine die Kunſtreiter, Seiltänzer, Taſchenſpieler und Conſorten. Nachdem ſie jedes Stück ihrer zu zeigenden Kunſt als noch nie geſehen, als einzig und himmliſch dargeſtellt und mit den ſonderbarſten Namen belegt haben, nennen ſie ſich am Ende zum wenigſten Profeſſoren der Gymnaſtik, der Mechanik, der Chemie, der Naturlehre u. ſ. w. Sehr lobenswerth iſt die Betriebſamkeit des gemeinen Mannes und be⸗ — — 205 ſonders derjenigen Leute, welche ihr Brod durch kein beſtimmtes Gewerbe ver⸗ dienen können, wie z. B. abgedankte Soldaten, ſtumpf gewordene Seeleute oder krüppelhafte Perſonen. In andern Ländern ſieht man nicht ſelten, daß ſolche Menſchen, dem Müßiggang und dem daraus folgenden Mangel überlaſ⸗ ſen, ihren Mitbürgern durch Betteln oder auf andere Weiſe läſtig und wohl gar ſchädlich werden; aber hier ſucht jeder alle Mittel hervor, um ſich durch eine rechtliche Thätigkeit ſeinen Unterhalt zu verſchaffen. Oft werden daher von Einer Perſon die verſchiedenſten Handthierungen getrieben, was dem leichtfer⸗ tigen Ausländer Gelegenheit zum Spötteln gibt. So lieſt man z. B. auf den Aushängeſchildern und Aufſchriften:„N. N. putzt Gewehre, heilt kranke Hunde, zeichnet Muſter, ſtrickt Netze, zieht Raſiermeſſer ab, wäſcht Beinkleider, verfertigt Zahnſtocher, Lichtmanſchetten u. m. a.“ Die Zahl dieſer Tauſend⸗ künſtler iſt ſehr beträchtlich, und man geht ſelten bei einigen Häuſern vorbei, ohne auf eine ſolche Aufſchrift zu ſtoßen. Die Einwohner von Bordeaur ſind mehrmals aus Haß, aus Neid, oder weil man ſie zu einſeitig beurtheilte, als ungemein verſchwenderiſch geſchildert worden. Es herrſcht zwar in ihrer Kleidung und in ihren Häuſern eine Pracht, welche großen Reichthum verkündigt; man ſucht aber immer Dauerhaftigkeit und Nutzbarkeit mit dem Luxus zu verbinden, der deßhalb einen beſondern, von dem im übrigen Frankreich ganz verſchiedenen Gang nimmt. Wohlfeile, leicht vergängliche und überhaupt ſolche Modewaren, welche bloß für das Auge und den Vortheil der Fabriken berechnet ſind, finden hier wenig Abſatz. Um ſo häufiger ſieht man ſchöne feine Leinwand, ſchwere Seidenzeuche, feine dicht— gewebte Tuche, Juwelen, Gold- und Silbergeräth und andere Dinge von Werth. Ddieſe Liebe zu koſtbarem und dauerhaftem Putz hat die Folge, daß die Moden ungleich langſamer wechſeln, als in andern großen Städten. Ich ſah ſehr wohlhabende Männer, deren Anzug an die Zeiten ihrer Vorälten erinnerte. Die Frauen aus den niedern Ständen tragen an Feſttagen noch häufig alt⸗ modiſche, mit Gold und Silber geſtickte Hauben, ſo wie der gewöhnliche Kopf⸗ putz ein weißes oder buntes Tuch i*ſt, wovon zwei Zipfel auf der Stirn in eine Roſe geknüpft werden; und dieſe uralte franzöſiſche Tracht hat ſich hier er⸗ halten, während anderwärts viele hundert Hut⸗ und Haubenſchnitte einander ſchnell verdrängten. Auch hat die Mode noch nicht vermocht, die verſchiedenen Stände unkenntlich zu machen; denn noch kann man des Sonntags, wie an den Wochentagen, das Dienſtmädchen von der Bürgerfrau und dieſe von der Dame unterſcheiden. Der gemeine Handwerker zieht ein kurzes, leichtes Jäck⸗ chen, worin er ſich frei und ungehindert bewegen kann, jeder andern Kleidung 206 vor, unterläßt aber nicht, ſich mit goldnen Uhrketten, ſo wie mit dergleichen Ohr⸗ und Fingerringen zu ſchmücken. Seine Frau und Töchter halten ein ſei⸗ denes geſticktes Mieder und ein indiſches Tuch, welches die Bruſt, den Nacken und die bloßen Arme bedeckt, für eine hinlängliche Zugabe ihres Putzes, der vorzüglich in Geſchmeide aller Art beſteht. Ueberhaupt habe ich in Frankreich, ſo weit ich es kennen lernte, die Be⸗ merkung gemacht, daß man daſelbſt, obſchon im Vaterlande der Moden, denſel⸗ ben nicht ſo allgemein huldigt, als in andern Ländern. Nan ſieht zwar eine Menge Menſchen, welche ſich viel unnöthige Dinge zu Bedürfniſſen machen; aber ſie ſind reich, und Niemand kann ihnen verargen, daß ſie ihr Geld lieber zur Beſchäftigung und Aufmunterung der erwerbenden Volksklaſſen verwenden, als es todt und unbenutzt liegen zu laſſen. Doch ſelten fällt es— wie man anderwärts ſo häufig bemerkt,— dem Aermern nnd Geringern ein, in ſeinem Hauſe zu darben, damit er öffentlich eine glänzende Außenſeite zeigen, und hierin dem Reichen und Vornehmen gleichſam die Spitze bieten kann. Daß man in Bordeauy viel hölzerne Schuhe ſieht, und die Straßen be⸗ ſtändig von ihrem Klippklapp ertönen hört, darf deßwegen um ſo weniger be⸗ fremden, da ſie in ganz Frankreich gebräuchlich ſind. Beide Geſchlechter bedie⸗ nen ſich derſelben über der gewöhnlichen Fußbekleidung, ſo oft die Witterung naß oder kalt iſt; ja, die gemeinen Leute tragen ſie aus Erſparniß täglich, im Sommer wie im Winter, und vertauſchen ſie nur des Sonntags mit ledernen. Dieſes Anzugſtück iſt gewöhnlich ein Gegenſtand des Spottes für jeden Aus⸗ länder, der nach Frankreich kommt; allein, wer den Gebrauch desſelben verſucht hat, wird ihm Zweckmäßigkeit gewiß nicht abſprechen. Es iſt gewiß ange⸗ nehm, bei naſſem oder kaltem Wetter überall trocknen und warmen Fußes gehen zu können, und dieſe Bequemlichkeit gewährt keine Fußbekleidung in dem Maße, wie die hölzernen Schuhe. Da übrigens die dortigen von ſehr leichtem Holze verfertigt ſind, ſo fallen ſie weniger beſchwerlich, als es das Anſehen hat, und es kommt nur auf einige Gänge an, um ſich daran zu gewöhnen. Im Eſſen ſind die Einwohner von Bordeaux, wie alle ihre Landsleute, ſehr lecker. Einfache nahrhafte Speiſen lieben ſie nicht, ſondern verlangen im⸗ mer nach Kleinigkeiten, die den Gaumen kitzeln. Da dieſer Leckerhaftigkeit ihre Liebe zum Künſteln und ihr erfinderiſcher Geiſt zu Hülfe kommt, ſo genießen ſie ſelten etwas in der Form, welche von der Natur am wenigſten abweicht, ſondern es wird in Ragouts, Fricaſſees, Fricandeaus, Paſteten u. ſ. w. ver⸗ wandelt. Man verſucht die ſonderbarſten Miſchungen und verändert dadurch den eigenthümlichen Geſchmack eines jeden Beſtandtheils, weßhalb eine Speiſe ſelten zum zweiten Mal in derſelben Geſtalt auf der Tafel erſcheint. Dabei 207 hegen die Meiſten eine große Vorliebe für gewiſſe Leckerbiſſen, woran man in vielen Ländern nur mit Ekel denkt, als Fröſche, Schnecken und allerhand See⸗ gewürme; ein Gerichtchen Froſchkeulen wird oft theuer bezahlt, obſchon die ſumpfigen Gegenden in der Nachbarſchaft eine reiche Ausbeute an ſolcher Eß⸗ wadre geben. Einige machen ſogar eine beſondere Liebhaberei aus fetten Katzen, und ich ſelbſt habe verſchiedene dieſer Leckermäuler kennen gelernt; ja, eines Tages glaubte ich meinen Ohren kaum trauen zu dürfen, als man in einer Geſellſchaft behauptete, daß„das Fleiſch gemäſteter Ratten jedes andere an Wohlgeſchmack übertreffe.“— Leute, die des Mittags ihre Mahlzeit bei den Kuchen⸗ und Zuckerbäckern halten, gehören zu den täglichen Erſcheinungen. Trotz dieſes Hanges zu Näſchereien lebt man ſehr mäßig, und Nüchternheit iſt eine faſt allgemeine Tugend. Der gemeine Mann begnügt ſich oft die ganze Woche mit Muſcheln und. dergleichen Seeproducten, welche die Küſten in großer Menge und ſehr wohlfeil liefern; dennoch weiß er aus dieſen geringen Beſtandtheilen eine große Ver⸗ ſchiedenheit wohlſchmeckender Gerichte hervorzubringen. Sein Frühſtück und Abendeſſen beſteht lediglich in Brod und Knoblauch oder Zwiebeln, welche letztere dort zu Lande einen ſo lieblichen Geſchmack haben, daß man ſie wie Aepfel genießt. Das vorzüglichſte Nahrungsmittel, welches den niedern Volks⸗ klaſſen Kraft und Stärke verleiht, iſt der Wein; ſie trinken ihn vom frühen Morgen bis zum Abend, doch ſind ſie behutſam, nicht das gehörige Maß zu überſchreiten. Beim Frühſtücken haben dieſe Leute die ſonderbare Gewohnheit, daß ſie nicht, wie es faſt überall Sitte iſt, ſich in die Häuſer begeben, ſondern vielmehr aus denſelben herauskommen, um ihre Mahlzeit auf der offenen Straße zu halten, und mit dem Magen zugleich ihre Neugierde zu befriedigen. Dieſes Schauſpiel zeigt ſich jeden Morgen ungefähr um die achte Stunde. Einer nach dem andern tritt aus ſeinem Hauſe, indem er ein ungeheures Stück Brod un⸗ ter dem linken Arme trägt; denn da in Frankreich das Brod nur von Weizen und ungemein leicht und ſchwammig gebacken wird, ſo kann ein gemeiner Ar⸗ beiter ſehr viel davon verzehren. In der rechten Hand hält man ein kleines Meſſer, und in der linken etwas Knoblauch, womit jeder Biſſen gerieben wird. In dieſem Aufzuge ſchreitet dann Jeder gemächlich fort; und ſo ſieht man in kurzem ganze Reihen ſolcher wandelnder Frühſtücker auf dem Kai und in allen Straßen herumziehen, bis ſie ſich nach und nach wieder in die Häuſer verlieren, um einen Trunk Wein auf die Mahlzeit zu thun, und an ihre Arbeit zurückzu⸗ kehren. Einzelne dergleichen ſpazierende Eſſer zeigen ſich auch zu andern Zeiten des Tages. 208 Sinnlichkeit und Vergnügensſucht, Liebe zum Tändelnden, zum Sonder⸗ baren und die Begierde, immer etwas Neues zu ſehen, ſind in Bordeaux eben ſo groß, als in irgend einem Theile Frankreichs. Dieß gibt nicht nur vielen Einheimiſchen Gelegenheit und Aufmunterung, ſich auf unbedeutende Künſte zu legen, und oft ihr Brod auf eine Art zu verdienen, wobei man anderwärts ver⸗ hungern würde; es lockt auch ſolche Leute aus andern Gegenden, ſogar aus Spanien und Italien an. Vielfache Beweiſe davon liefern die Vergnügungs⸗ örter. Der hier ſich aufhaltenden gymnaſtiſchen, mechaniſchen und optiſchen Künſtler, ſo wie der Feuer⸗, Eiſen⸗, Glas⸗ und Giftfreſſer nicht zu gedenken, will ich nur Einige erwähnen, deren Kunſt oder Geſchicklichkeit das meiſte Auf⸗ ſehen im Publikum erregte und überhaupt den obigen Charakterzug um ſo an⸗ ſchaulicher macht. Ein junges Mädchen ſtrickte mit den Füßen und nähte mit den Händen zu gleicher Zeit; doch verrichtete ſie dieſe beiden Arbeiten, wie man leicht denken kann, zu unvollkommen, um einen weſentlichen Nutzen davon zie⸗ hen zu können.— Ein kleiner dicker Italiener, ein Bacchus, wie er ſich nannte, ließ ſeine Geſchicklichkeit im Zechen ſehen. Er konnte ein ziemlich großes Faß Wein, mit Waſſer vermiſcht, in Zeit von einer Stunde rein austrinken, ohne davon berauſcht zu werden oder übermäßig aufzuſchwellen. Das Geheimniß* dieſes nichts weniger als ſinnreichen Kunſtſtücks beſtand darin, daß der Gaukler vorher viel Oel zu ſich nahm, wodurch der Abgang des Getränks beſchleunigt wurde. Un ſich der Flüſſigkeiten auf der Stelle und unbemerkt entledigen zu können, war er mit einer beſondern Vorrichtung verſehen.— Ein alter Mann ließ gezähmte Mäuſe gleich den Bären tanzen und ſie allerhand lächerliche Dinge verrichten. Ein anderer hatte abgerichtete Spinnen, welche mit einander kämpften und Jagd auf Fliegen machten. Ein dritter zeigte eine Kutſche, die von Flöhen gezogen wurde, und ſein Gehülfe hielt zugleich anatomiſche Vor⸗ leſungen über den Körperbau dieſer Thiere, die er mikroſkopiſche Tieger nannte. Sogar das Häßlichſte alles Ungeziefers, wie Läuſe und Wanzen, diente als Mittel, die Neugierigen zu unterhalten, indem man ſolche Thiere durch Gläſer vergrößert ſehen ließ und Verſuche machte, dieſelben durch die geringſte Berüh⸗ rung mit einer von den chemiſchen Miſchungen, die zugleich verkauft wurden, ſchnell zu tödten.— Obſchon die Zahl aller dieſer Leute, deren Gewerbe die Zerſtreuung und Beluſtigung des Publikums bezweckt, ſehr bedeutend iſt, ſo gebricht es doch in den Abendſtunden keinem an Zuſchauern, wovon einer nach dem andern ein„C'est curieux!“ ausruft oder ſeinen Beifall auf andere „Weiſe zu erkennen gibt. Die große, jedem Franzoſen angeborne Leidenſchaft für das Tanzen und das Fechten, und ſeine beſondere Liebe zu jeder Art von Spielen zeigen ſich 209 auch in Bordeaux ſehr deutlich. An Feſttagen, wo faſt Jedermann ſein Haus verläßt, um Vergnügen und Zerſtreuung zu ſuchen, ſind die Tanzhäuſer in⸗ und außerhalb der Stadt mit Menſchen angefüllt. Nicht ſelten erſcheint dann die Dame in gemiſchter Reihe mit den Dienſtmädchen und Bäuerinnen; auch bemerkt man, daß die eine wie die andere mit Leichtigkeit und Anmuth tanzt. Fechtende zeigen ſich unaufhörlich, ſowohl in den Häuſern als auf den Straßen, und das Klirren der Rappiere nimmt kein Ende. Ja, ſelten ſtehen ein paar Leute aus den niedrigſten Klaſſen einige Minuten müßig beiſammen, ohne daß ſie mit ihren Stöcken, Schaufeln oder Hacken, oder in Ermangelung derſelben mit den Fäuſten, nach einander ſtoßen und auspariren. Nirgends fand ich eine ſo große Verſchiedenheit und Abwechſelung in geſellſchaftlichen Spielen, und ſelbſt die Gaſſenjungen ſind unerſchöpflich in den Mitteln, ſich die Zeit zu ver⸗ treiben. Reinlichkeit iſt eine Tugend, die von jedem Franzoſen in großen Ehren gehalten wird und die er beſtändig im Munde führt; auch in Bordeaux hört man oft und viel davon ſprechen. Es ſcheint aber, daß man hier einen weit eingeſchränktern Begriff, als z. B. in England oder Holland, damit verbindet, und mehr das Aeußere des Menſchen als andere Gegenſtände dabei berückſich⸗ tigt. Es iſt wahr, Jedermann geht in reinlichen Kleidern, und die Wäſche iſt ſelbſt beim gemeinſten Arbeiter ſtets ſauber, zumal da häufig bunte Hemden getragen werden. Kommt man dagegen in die Häuſer, ſo machen die Stuben, weil das Geräthe zierlich gearbeitet und durch geſchmackvolle Anordnung, ſo wie durch überflüſſigen Putz noch mehr herausgehoben iſt, zwar einen angeneh⸗ mern Eindruck auf das Auge, als ein koſtbar, jedoch einfach meublirtes engli⸗ ſches Zimmer; aber dieſer Eindruck verſchwindet, wenn man die Gegenſtände genauer unterſucht und gewahr wird, daß die ganze Schau nur für flüchtige Augen berechnet iſt. Betrachtet man z. B. die Fenſter und Schlöſſer an den Thüren, ſieht man unter die Kommoden und Schränke und in die Winkel des Gemachs, ſo zeigt ſich ein großer Unterſchied zwiſchen hier und England, wo jede Sache und jedes Winkelchen ſo gut wie die Mitte, mit einer Genauigkeit geſäubert wird, deren die unruhige Seele des Franzoſen nie fähig iſt. Einen beſonders auffallenden Abſtich macht ſein flüchtiges und oberflächliches Weſen mit der Genauigkeit des Engländers, wenn man z. B. die Stubenkamine bei⸗ der Nationen vergleicht. Die engliſche Reinlichkeit findet eine beſondere Ge⸗ nugthuung darin, den ſchmutzigen Theil des Zimmers, den Kamin, zum glän⸗ zendſten zu machen; und man ſäubert und polirt jeden Norgen nicht nur die metallnen Verzierungen desſelben, ſondern auch alles dazu gehörige Geräth, ſammt Schaufeln, Zangen und Schüreiſen, und ſelbſt den Roſt, welcher das Richter's Reiſen. I. 14 210 Feuer umſchließt. Der Franzoſe befaßt ſich wenig mit dem Reinigen dieſer Gegenſtände, welche ſo leicht ſich wieder verunreinigen; er betrachtet ſie als ein nothwendiges Uebel, dem nicht abzuhelfen iſt, und begnügt ſich, den ungefälligen Proſpect, den ſie geben, mit einem ſchönen Vorhange zu verdecken.— Ueber⸗ haupt machen die Vorhänge, Schirme und alle ſolche Geräthſchaften, welche zum Verhüllen anſtößiger Gegenſtände dienen, ſehr weſentliche Hülfmittel der franzöſiſchen Reinlichkeit aus, und man findet dergleichen überflüſſig in den Haushaltungen von Bordeaux... Die mit der wahren Reinlichkeit ſo innig verbundene Ordnung vermißt man nicht ſelten, wenn ſich's trifft, daß man einen Blick in die Fächer der Kom⸗ moden und Schränke, oder überhaupt in die verborgenen Gemächer und Be⸗ hältniſſe werfen kann. Ich ſah eines Tages mit Verwunderung, wie die Dame eines ſonſt ſehr eleganten Hauſes ein ſchönes Büreau öffnete, und in einem Chaos der kontraſtirendſten Dinge, unter ſchmutziger und reiner Wäſche, unter Schuhen und Haarlocken, Salben⸗ und Pomadenbüchſen herumwühlte, um— ſilberne Löffel zu ſuchen. In den meiſten Familien herrſcht die Gewohnheit, die ausgezogenen Kleidungſtücken nachläſſig über einander hinzuwerfen und liegen „zu laſſen, bis das gelegentliche Bedürfniß dieſelben wieder hervorzuſuchen nöthigt. Die Sopha's und Stühle in den Wohnzimmern ſind daher nicht ſelten mit Wäſche und Kleidern bedeckt, die jedoch durch darüber gebreite ſchöne Tücher oder Teppiche den Augen entzogen werden. Kurz, alle über Ordnung und Reinlichkeit gemachte Beobachtungen überzeugten mich, daß man nicht ſo⸗ wohl nach dieſen Tugenden, als nach dem Schein derſelben ſtrebt. Auf den Dörfern um Bordeaux lebt man ſogar höchſt ſchmutzig, indem dasſelbe Gemach den Menſchen und ihrem Federvieh, oft auch andern Haus⸗ thieren, zum gemeinſchaftlichen Aufenthalte dienen. Deſſen ungeachtet wird das Aeußere der Perſon nicht aus den Augen geſetzt; die Weiber ſind immer artig geputzt, und ſchwatzen auch viel von der Reinlichkeit. Eine bequeme und beſonders für Fremde ſehr wohlthätige Einrichtung, welche man zwar in vielen andern Stäodten und Ländern, aber nirgends ſo vollkommen, als in Bordeaux findet, iſt die, daß die Barbiere— völlig ge⸗ trennt von der Chirurgie— nicht nur das Geſchäft des Bartſcheerens verrich⸗ ten, ſondern auch die Haare verſchneiden und kräuſeln, die Kleider und Schuhe reinigen, und überhaupt die ganze Figur eines Menſchen in Ordnung bringen. Sie pflegen ihr Gewerbe in großen Buden zu treiben, die gewöhnlich von (‚außen grün angeſtrichen und im Innern geſchmackvoll eingerichtet ſind. Die meiſten und vorzüglichſten befinden ſich auf dem erwähnten Kai in der Vorſtadt Les Chartrons. Wenn man in eine ſolche Bude tritt, ſo ſieht man ſich von dienſtfertigen Leuten umringt. Der Meiſter nöthigt zum Sitzen, und ſchickt ſich an, das Geſchäft des Raſierens zu verrichten; ein Gehülfe nimmt die Kleider ab und reicht einen Mantel, während ein anderer die Stiefeln oder Schuhe gegen Pantoffeln vertauſcht. Sobald das Raſieren vorüber iſt, wird auch der übrige Theil des Kopfes in die gehörige Form gebracht; man kämmt, verſchnei⸗ det, ſalbt und kräuſelt die Haare, ſäubert die Ohren, putzt die Zähne und ver⸗ richtet alles, was ſonſt noch für nöthig erachtet wird. Hierauf verſchneidet man die Nägel und bringt Waſſer zum Waſchen. Während dieſer Zeit ſind die Klei⸗ der, die Stiefeln oder Schuhe gereinigt worden, und in wenig Augenblicken iſt der übrige Anputz gemacht. Zum Beſchluß unterwirft der Meiſter den Ge⸗ putzten noch einer allgemeinen Muſterung, betrachtet ihn von vorn und von hinten, und vom Kopfe bis zu den Füßen; er zupft oder wiſcht, ſtreicht oder reibt, kämmt oder bürſtet ihn noch hier und da, und macht ihm endlich eine tiefe Verbeugung. Dieſe ganze Bedienung erhält man für den geringen Preis von acht Sous; einzelne dergleichen Dienſte werden nach Verhältniſſen bezahlt, und wer ſich bloß raſieren läßt, gibt nicht mehr, als ein Zweiſousſtück. Es wäre zu wünſchen, daß man überall eine ſolche Einrichtung träfe; ſie würde dem Einheimiſchen, wie dem Fremden, manchen Zeitverluſt, Geld⸗ aufwand und Verdruß erſparen. Der Geſchäftsmann, welcher Verrichtungen in mehren Theilen der Stadt hat, brauchte nicht von Zeit zu Zeit auf großen Umwegen nach Hauſe zu eilen, um ſeinen Anzug von neuem in Ordnung zu bringen, ſondern könnte dieß auf der Stelle thun, wo er es für gut findet. Die Reiſenden, die ſchmutzig und beſtäubt in die Stadt kommen, würden dann — wie es in Bordeaux zu geſchehen pflegt,— vor allen Dingen ſich in eine Barbierbude verfügen, um ihr Aeußeres binnen einer kleinen Viertelſtunde in den Stand ſetzen zu laſſen, daß ſie vor Jedermann erſcheinen und ihren Ge⸗ ſchäften folgen können. 8 Was ich über den Charakter und die Eigenheiten der Franzoſen über⸗ haupt geſagt habe, iſt zwar ziemlich allgemein bekannt und dürfte vielleicht manchem meiner Leſer überflüſſig ſcheinen. Allein aus Rückſicht auf den uner⸗ fahrnern Theil derſelben, für welchen auch das Alte etwas Neues iſt, glaubte ich, dieſe Schilderungen nicht weglaſſen zu dürfen. 14* 212 Die gegen Dänemark gerichteten Feindſeligkeiten Englands werden in Bordeaux bekannt— Herr Fedderſen reiſt nach der Heimath zurück. Der Verfaſſer, der ſich von ihm getrennt hat, geht auf ein nach Isle de France beſtimmtes franzöſiſches Handelſchiff. Beſchreibung des Schiffes, Oiſeau ge⸗ nannt. Abreiſe von Bordeaux. Der franzöſiſche Caper. Die portugieſiſchen Meuterer. Ich komme nun zu meiner Reiſe zurück, und beginne mit der Bemerkung, daß die gegen Seeland gerichtete Kriegsrüſtung der Engländer Anfangs Septembers in Bordeaux bekannt wurde. Dieſe Nachricht erregte ein allge⸗ meines Aufſehen, und die Einwohner nahmen lebhaften Theil an dem Schickſal der Dänen, die ſie nun als ihre Waffenbrüder und Bundesgenoſſen betrach⸗ teten. Die Zeitungen ſchilderten in den lebhafteſten Ausdrücken den Muth die⸗ ſes braven Volks, und ſchmeichelten dem Leſer mit der Hoffnung, den Stolz der Engländer an den ſkandinaviſchen Küſten gedemüthigt zu ſehen. Die Er⸗ wartung der in Bordeaux befindlichen Dänen wurde nun auf das Höchſte ge⸗ ſpannt; die Gefahr, welche dem Vaterlande drohte, entflammte ihre Liebe zu demſelben und kettete ſie noch feſter an einander. Sie hielten auf ihren Schiffen häufig politiſche Zuſammenkünfte und unter andern war auch das unſrige ein ſolcher Sammelplatz geworden. Ich hatte bei dieſer Gelegenheit bisweilen die Zeitungen, die ich regelmäßig erhielt, vorgeleſen und denjenigen, welche das Franzöſiſche nicht verſtanden, in ihre Sprache überſetzt. Dieß erwarb mir bei ihnen einen gewiſſen politiſchen Ruf und gab Veranlaſſung, daß ſie beſtändig ſich um mich ſammelten, um Auskunft über die vaterländiſchen Angelegenheiten zu erhalten. Dieſe Verhältniſſe dauerten fort, bis durch den Fall Kopenhagens auch die Lage der hier befindlichen Dänen verändert wurde. Die meiſten Kapi⸗ täne erhielten nun von den Rhedern ihrer Schiffe den Auftrag, dieſelben, weil ſie wegen der verlornen Neutralität ihrer Flagge nicht wieder in See gehen konnten, abzutakeln, oder zu verkaufen, und die Mannſchaft zu entlaſſen. Viele dieſer Verabſchiedeten wollten zu Lande nach ihrer Heimath reiſen, und faſt täglich ſah man ſie in kleinen und großen Karavanen dahin aufbrechen; doch blieb auch ein großer Theil zurück, um in franzöſiſche Dienſte zu treten. Herr Fedderſen, der als Eigenthümer des von ihm befehligten Schiffes völlig unabhängig war, ging nicht ſo raſch zu Werke, weil er auf eine günſtige Wendung der Dinge rechnete. Der Gedanke, in völlige Unthätigkeit zu ſinken, und die vereitelte Hoffnung, ſeinen frühern Verluſt durch doppelte Anſtrengung zu erſetzen, lähmte ſeine ſonſtige Entſchloſſenheit und erſchwerte ihm die Tren⸗ nung von ſeinem Schiffe und von ſeinen Leuten. Endlich gegen das Ende des Oktobers entſchloß er ſich doch, ſein Schiff zu verkaufen und ſammt der Mann⸗ 213 ſchaft nach Dänemark zu gehen. Was mich betrifft, ſo gab er den ernſtlichen Wunſch zu erkennen, daß ich ihn auf ſein in Holſtein gelegenes Landgut beglei⸗ ten und dort mein bisheriges Geſchäft fortſetzen möchte. Allein, ich fand es für gut, dieſes gütige Anerbieten abzulehnen und mich von ihm zu trennen. Die Gründe, welche mich zu dieſem Entſchluſſe bewogen, will ich nur mit wenig Worten anführen. Wie dem Leſer zum Theil aus dem Vorhergehenden bekannt iſt, waren meine Verbindlichkeiten gegen Fedderſen ſo groß und die Verhältniſſe, worin ich mit ihm ſtand, überhaupt ſo glücklich, daß ich wohl wünſchen mußte, länger bei ihm bleiben und ihm nützen zu können. Allein mein Zweck war damals, zu reiſen, und dieſer Zweck, der mich dem braven Manne zugeführt hatte, konnte durch ihn nicht länger erreicht werden. Ueberdem konnte unſere Verbindung nur noch kurze Zeit fortdauern, da ſeine Söhne, meine bisherigen Zöglinge, allmählich zu Männern reiften. Dazu kam auch der Umſtand, daß ſich mir eine Gelegenheit darbot, als Supercargo eine Reiſe nach Oſtindien zu machen, was ich damals auf dem halben Continent vergebens geſucht haben würde, und daher zur Verwirklichung meiner Wünſche ergreifen mußte. Bordeaux unterhielt in jenen kriegeriſchen Zeiten, wie ſchon oben erwähnt, verſchiedene Kauffahrer, welche ſich, trotz der Wachſamkeit der Engländer, über den Ocean wagten und oft reich beladen den Hafen wieder erreichten. Das war beſonders der Fall während meines Aufenthalts in jener Stadt. Dieſer Um⸗ ſtand, ſo wie die Gelegenheit, durch die Abtakelung der däniſchen Schiffe treff⸗ liche Seeleute zu erhalten, gaben hier und vorzüglich in Nantes den Unterneh⸗ mungen der Kaufleute einen höhern Schwung, und man rüſtete in kurzem ſo viele Avanturiers aus, als noch nie geſchehen war. Unter den Unternehmern war auch ein junger Kaufmann aus Nantes, der ſich mit einigen andern in dieſer Stadt und in l'Orient verband, um ein neues, in Bordeaux erbautes Schiff zu kaufen und für Isle de France zu befrachten. Dabei hatte er die Ab⸗ ſicht, von dort aus, nach dem Beiſpiel einiger zurückgekehrter Schiffe, in andern Theilen des indiſchen Meeres Handel zu treiben; auch war er Willens, die Reiſe ſelbſt mitzumachen, um die Geſchäfte zu leiten und alſo eigentlich die Stelle des Supercargo zu verwalten. Aber es fehlte ihm an Kenntniß des Seeweſens, ſo wie der engliſchen Sprache, welche letztere ein weſentliches Er⸗ forderniß zum Handeln in jenen Gewäſſern iſt. Er bedurfte daher Jemanden der dieſe Mängel erſetzte. Auch ſollte die benöthigte Perſon im Stande ſein, ſeine ganzen Geſchäfte zu führen, oder, um die Wahrheit zu ſagen, ſeine Arbei⸗ ten zu verrichten, während er den Vortheil zog. Zur Ausfüllung dieſes Poſtens ward ich ihm als ein taugliches Subject vorgeſchlagen. Wir ſetzten in kurzem die 214 Bedingungen feſt; er beſtimmte mir einen monatlichen Gehalt von 200 Franken, und überließ mir den Titel als Supercargo. Die Beſoldung entſprach nun frei⸗ lich dem Charakter nicht, denn die franzöſiſchen Seeleute ſtanden ſich damals ſo gut, daß jeder erfahrene Matroſe monatlich hundert Franken bekam; allein, da nicht Geld und Gewinn mich auf die Meere lockte, ſo war ich mit dem Gehalt zufrieden. Bevor ich jedoch in meiner Erzählung weiter gehe, muß ich noch einmal zum guten Kapitän Fedderſen und deſſen Söhnen zurückkehren. Es war am 6. November, als ſie nebſt der ganzen übrigen Schiffsmannſchaft die Reiſe nach ihrer Heimath antraten; und ich gab ihnen einige Stunden weit von Bordeaux das Geleit. Es fehlt mir an Worten, den Schmerz, welchen mir der Abſchied koſtete, zu beſchreiben; aber der fühlende Leſer wird ſich leicht in meine Lage verſetzen können, wenn er bedenkt, daß ich mancherlei ungewöhnliche Schickſale mit dieſem vortrefflichen Manne erfahren und mehre Jahre mit ihm in der größten Vertraulichkeit gelebt hatte, und daß ich nun, von ſeiner Geſellſchaft losgeriſſen, einer mir ganz fremden Nation überlaſſen ward. Am niederſchla⸗ gendſten wirkte auf mich der Gedanke, daß ich nicht hoffen durfte, den Edlen je wieder zu ſehen, da ihn ſein Alter und noch mehr ſeine erlittenen Unglücksfälle dem Ziele des Lebens ſchnell zuzuführen ſchienen.— Meine Ahnung iſt leider auch eingetroffen. Es hat mir indeſſen eine beſondere Genugthuung gewährt, daß ich in der Folge Gelegenheit erhielt, einem ſeiner Söhne weſentliche Dienſte zu leiſten. Als wir uns getrennt hatten, ging ich betrübt und wie im Traume nach der Stadt zurück. Ich ſtieß bald auf einen Trupp Soldaten, der auf dem Marſche nach Spanien war. Er beſtand aus lauter jungen, achtzehn⸗ bis zwanzigjährigen Leuten, die ſich überdieß durch Schönheit und gute Abkunft verrathenden Anſtand auszeichneten. Dieſer militäriſche Zug erregte meine Aufmerkſamkeit, und gab meinen Ideen eine andere Richtung. Aber ſo wie für den Fröhlichen jede Sache eine Quelle der Freude wird, ſo bietet ſie dem Trau⸗ rigen Stoff dar, ſeinen Trübſinn zu nähren; in kurzem ſtieg der melancholiſche Gedanke in mir auf, daß vielleicht nur wenige der ſchönen Jünglinge in die Arme ihrer bekümmerten Aeltern zurückkehren dürften, und ich glaubte nichts als Schlachtopfer zu ſehen, die dem Tode zugeführt wurden. Dieß erinnerte mich nicht nur an die eben von mir geſchiedenen Freunde und die in meinem Vater⸗ lande zurückgelaſſenen Angehörigen, ſondern erregte auch überhaupt traurige Vorſtellungen in meiner Seele, die mich das menſchliche Leben von ſeiner unan⸗ Zenehmen Seite erblicken ließen. Auf dieſe Weiſe kam ich, zwar unter den Tönen einer kriegeriſchen Muſik und dem Jubel des herbeiſtrömenden Volks, aber den⸗ noch mit wehmüthigen Gefühlen wieder nach Bordeaux. 215 Ich hatte mit der Familie Fedderſen, nachdem das Schiff verkauft und übergeben war, einige Tage in einem Gaſthofe der Stadt zugebracht. Nach der Rückkunft dahin beſchloß ich den Antritt meines neuen Poſtens zu verſchieben und zu meiner Aufheiterung noch eine kurze Zeit am Lande zu bleiben; denn ich bin immer der Meinung geweſen, man müſſe jedes Geſchäft mit friſchem Muthe beginnen. In der Stimmung, worin mein Gemüth ſich damals befand, fühlte ich eine beſondere Beruhigung im Umgange mit ſolchen Leuten, die An⸗ ſprüche auf Landsmannſchaften machten, weßwegen ich am folgenden Morgen meinen bisherigen Wirth, einen ſehr rechtlichen Franzoſen, verließ, und zu einem Deutſchen zog, der ein Gaſthaus in der Vorſtadt Les Chartrons hielt; er war unter dem Namen„Friedrich von Preußen“ bekannt. Ich machte freilich dort die un⸗ angenehme Erfahrung, daß man im Auslande die Landsmannſchaft theuer bezahlt. Ueberhaupt bin ich ſpäterhin, während meines Aufenthalts in fremden Ländern, ſehr oft zur Annahme des Grundſatzes veranlaßt worden, gegen die daſelbſt anſäſſigen Deutſchen etwas mißtrauiſch zu ſein, und lieber mit den Ein⸗ gebornen als mit ihnen umzugehen. Jene mißbrauchen nämlich nicht ſelten das Zutrauen des unerfahrenen Landsmannes, und ſuchen von ſeiner Unkunde mit den herrſchenden Sitten und Gebräuchen, ſowie von ſeinen nationellen Schwä⸗ chen, die ſie am beßten kennen, Vortheil zu ziehen. Ueberdem darf man ihnen ſchon deßwegen kein blindes Zutrauen ſchenken, weil ſich von Leuten, die ihrem Vaterlande für immer entſagten, kein hoher Grad von Patriotismus erwarten läßt, und man immer glauben muß, das ſie dasſelbe aus Gleichgültigkeit, aus Abneigung oder Mißmuth verließen, oder wohl gar ihres ſchlechten Lebenswan⸗ dels und begangener Verbrechen wegen daraus vertrieben wurden. Es ſind aber nicht allein die Deutſchen, vor welchen man ſich zu hüten hat, ſondern über⸗ haupt alle Ausländer; und ich habe unzählige Reiſende von verſchiedenen Na⸗ tionen kennen gelernt, die ſich bewogen fanden, den Umgang und Verkehr mit ihren Landsleuten zu meiden. Doch machen die Engländer hierin eine merk⸗ würdige Ausnahme, indem ſie ſich immer zu Leuten ihres Volks halten und gern für jede Sache den doppelten Preis bezahlen, wenn ſie ihnen nur unter einem engliſchen Namen und von engliſchen Händen dargeboten wird. Am 11. November begab ich mich an Bord des franzöſiſchen Schiffes, welchem ich als Supercargo vorſtehen ſollte, und wurde am nächſten Morgen in dieſem Amte vom Commiſſär der Marine beſtätigt. Das Schiff hatte bereits einen großen Theil der Ladung eingenommen und konnte in kurzem unter Segel gehen. Meine Geſchäfte waren daher für den Augenblick ſehr unbedeutend, weß⸗ halb ich um ſo mehr Zeit und Gelegenheit hatte, mich über meine neuen Ver⸗ hältniſſe genauer zu unterrichten. 5 216 Es wird hier nicht am unrechten Orte ſein, eine kurze Beſchreibung von dem Schiffe und der darauf befindlichen Mannſchaft vorauszuſchicken. Jenes gehörte zu den ſchönſten, die ich je geſehen und betreten habe. Es war völlig neu, groß und im Stile der Fregatten gebaut, führte zwölf 18pfündige me⸗ tallene Kanonen, und ſegelte mit ſo ungemeiner Schnelligkeit, daß es den ihm gegebenen Namen„l'Oiſeau“ verdiente. Die Mannſchaft bildete in Allem eine Maſſe von 47 Köpfen. Das Haupt derſelben, der Kaufmann Dupois, war ein junger Mann, der mancherlei nützliche Kenntniſſe beſaß, und, ungeachtet ſeiner Flüchtigkeit, ſeiner Eitelkeit und heftigen Gemüthsart, viel gute Eigenſchaften in ſich vereinigte. Ich lernte mich ſehr bald in ſeine ſchwachen Seiten finden, und überzeugte mich, daß die Verträglichkeit zweier Menſchen nicht immer Gleich⸗ heit des Temperaments und der Neigungen vorausſetzt. Ob ich ſchon ſeiner Eitelkeit zu ſchmeicheln nicht verſtand, ſo wußte ich doch das auflodernde Feuer ſeines Zorns zu dämpfen, indem ich ihm Kälte und Mäßigung entgegenſtellte. Wenn er zuweilen vor Wuth, wohin man ihn leicht bringen konnte, ſich wie ein Wahnſinniger geberdete, bedurfte es kein anderes Mittel als Stillſchweigen und Gleichgültigkeit, um die entzündete, aber durch nichts genährte Flamme plötzlich erlöſchen und ſein Gemüth zu der entgegengeſetzten Stimmung übergehen zu ſehen. Dergleichen Auftritte pflegten dann immer damit zu endigen, daß wir beide über einander lachten, er über meine Kälte und ich über ſeine Hitze.— Der Kapitän, Herr Fibier, war ein ziemlich bejahrter Mann. Er hatte einen ſehr liebenswürdigen Charakter, und war überdieß der beſte Seemann, den ich unter den Franzoſen kennen lernte. Ueberhaupt muß ich hierbei be⸗ merken, daß man unter den ältern franzöſiſchen Seeleuten ſehr tüchtige Männer findet, ungeachtet die jüngern, und ſelbſt diejenigen, welche in den beßten Jahren des männlichen Alters ſtehen, ſelten etwas Vorzügliches leiſten. Der Grund davon liegt darin, daß bei jenen die Flüchtigkeit, die Heftigkeit der Leiden⸗ ſchaften und manche andere, den Charakter der Nation bezeichnende Eigenſchaften ſich vermindert haben, die mit der Schifffahrt nicht vereinbar ſind. Denn dieſe fordert die größte Genauigkeit, eine ausharrende Geduld und kalte Beſonnen⸗ heit; und ſo geſchieht es, daß oft der wohlunterrichtete Seemann, betäubt von dem allzu heftigen Eindruck, den die bevorſtehende Gefahr auf ihn macht, ſich nicht zu faſſen, und daher ſeine Kenntniſſe nicht anzuwenden weiß. Auch iſt es nicht ſelten der Fall, daß jener kühne, den franzöſiſchen Soldaten charakteriſi⸗ rende Muth auf dem Meere, wo er gegen die zu überlegene Kraft der Elemente mit Gewalt nichts ausrichten kann, in Verzagtheit und Verzweiflung übergeht. Deer Oberſteuermann des Schiffes zeichnete ſich durch ſein aufgewecktes, mit Gutmüthigkeit verbundenes Weſen aus, ſo wie freilich auch durch ſeine ge⸗ 217 ringe Fähigkeit zu ſeemänniſchen Verrichtungen, worin er einen auffallenden Kontraſt mit dem Unterſteuermann machte. Dieſer war ein Däne, etwas roh in ſeinen Sitten, aber von einem feſten, unerſchütterlichen Charakter. Seine Geiſtesgegenwart, die ihn nie verließ, wußte in den bedenklichſten Fällen augen⸗ blicklich Rath zu ſchaffen und aus vielen Mitteln das beßte zu wählen; man konnte ihn daher als die Seele der ganzen Mannſchaft betrachten.— Das übrige Perſonal beſtand, mit Ausnahme des einbeinigen, jedoch geſchickten Bootsmannes und ſechs tüchtiger däniſcher Matroſen, aus einem Haufen zu⸗ ſammengeraffter, zum Theil des Seeweſens ganz unkundiger Menſchen, die auf dem Lande, mit der Flinte auf der Schulter, eine ungleich beſſere Rolle geſpielt haben würden, als bei den Verrichtungen auf einem Schiffe. Dabei war, wie man auf franzöſiſchen Schiffen öfters findet, die Zahl der Unteroffiziere und Handwerker viel zu groß. Dem Bootsmann, dem Koch und dem Zimmermann hatte man jedem zwei Gehülfen beigeſellt, und außer dem Proviantmeiſter und Konſtabler, gab es auch zwei Segelmacher, einen Schmied, einen Tiſchler und einen Böttcher. Alle dieſe Leute wollten bloß befehlen, oder nahmen an der eigentlichen Schiffarbeit nur ſelten Theil, indem ſie ſich mit Nebenſachen be⸗ ſchäftigten. Da ſie auch auf Bedienung Anſprüche machten und dazu einige Jungen nöthig hatten, ſo kann man leicht denken, daß die Zahl derjenigen, auf welchen die eigentliche Arbeit ruhte, in einem ſchlechten Verhältniſſe mit der Menge der Commandirenden, der Gefreiten und der Zuſchauer ſtand. Wir ſegelten am 16. November von Bordeaux ab. Die Verwirrung und der Lärm, womit ein franzöſiſches Schiff unter Segel geht, überſteigt alle Vor⸗ ſtellung. Aus allzu großer Eilfertigkeit läßt man den verſchiedenen Verrich⸗ tungen nicht die gehörige Zeit. Die Anker lichten, die Boote aufziehen, die Segel ſetzen— alles ſoll zugleich geſchehen. Man läuft wie wahnſinnig von dem vordern nach dem hintern Deck und von dem hintern nach dem vordern; dabei erſchallen überall die Stimmen der Commandirenden; denn Diejenigen, welche den Befehl erhalten, commandiren wieder einander ſelbſt, indem Keiner zuerſt Hand an's Werk legen will. Auf dieſe Weiſe werden die Arbeiten bei der Abfahrt nur halb verrichtet, und es vergehen nachher viele Stunden, bis allen Mängeln abgeholfen und das Ganze in erträgliche Ordnung gebracht iſt. Der Anblick eines ſolchen Verfahrens war für mich befremdend, und eignete ſich wenig, eine vortheilhafte Idee von dem franzöſiſchen Seeweſen in mir zu er⸗ wecken. Ich kannte den ruhigen, ſichern Gang der Seefahrer der nördlichen Nationen; ich wußte, wie bei ihnen die verſchiedenen Geſchäfte, der Natur der, Sache gemäß, auf einander folgen und von vorn herein ſo verrichtet werden daß ſie keiner ſpätern Verbeſſerung bedürfen. Auch erinnerte ich mich, mit wel⸗ 218 cher Geräuſchloſigkeit alles gemacht wurde, indem jeder unaufgefordert ſeiner Pflicht gehorchte, ſo wie Leute zu thun pflegen, die gewohnt ſind, mehr zu ar⸗ beiten als zu ſprechen. Wir erreichten am folgenden Tage die Mündung des Fluſſes, und ankerten in der Nähe des Leuchtthurmes Cordouan, um von hier das Meer zu beobachten und eine günſtige Gelegenheit abzuwarten, wo man, unbemerkt von den überall kreuzenden Engländern, auslaufen konnte. Unſere Beſtimmung war zunächſt nach Nantes und l'Orient zu gehen, um von den daſelbſt befindlichen Theilha⸗ bern an Schiff und Ladung noch einige Güter zu übernehmen. Es wäre nun wohl der kürzeſte und vernünftigſte Weg geweſen, die Waaren durch Küſten⸗ fahrer nach Bordeaux bringen zu laſſen und die Reiſe nach Isle de France un⸗ mittelbar anzutreteu. Allein Herr Dupois hatte ſich vorgenommen, dieſe für größere Schiffe ſo gefährliche Küſtenfahrt ſelbſt zu machen, wahrſcheinlich bloß in der Abſicht, um in jenen Seehäfen ſich mit ſeinem ſchönen Oiſeau zeigen und dadurch ſeiner Eitelkeit ein Opfer bringen zu können. Am Abend erblickte ich zum erſten Mal das intereſſante Schauſpiel, wel⸗ ches das nächtliche Leuchtfeuer des Cordouan gewährt. Anfangs, als die Wächter die Steinkohlen auf der Spitze des Thurms angezündet hatten, wurde dieſelbe in eine dicke Rauchwolke gehüllt, die ſich über den ganzen Luftkreis zu ver⸗ breiten und den Einbruch der Nacht zu beſchleunigen ſchien. Nach einiger Zeit brach aus dem Mittelpunkt der ſchwarzen Dünſte ein hochflammendes Feuer hervor, das endlich die Geſtalt einer glühenden Kugel erhielt. Der Schein, den ſie verbreitete, ließ uns alle Gegenſtände umher, wie in einer hellen Mondnacht, erblicken, und war ſo glänzend, daß ich auf dem Verdeck leſen konnte. Am nächſten Morgen zeigte ſich auf dem Meere ein dicker, undurchdring⸗ licher Nebel. Man hielt dieſen Umſtand für eine günſtige Gelegenheit, in See zu gehen, und ſäumte daher nicht, die Anker zu lichten. Aber kaum war dieß geſchehen, ſo wurde plötzlich der Nebel vom Winde zerſtreut, und wir erblickten in geringer Entfernung einen franzöſiſchen Kaper mit mehreren Priſen unter vollen Segeln, und drei oder vier nacheilende engliſche Kriegſchiffe. Dieſer An⸗ blick bewog uns, die Anker wieder fallen zu laſſen, und in guter Ruhe hinter dem Leuchtthurme liegen zu bleiben.. Der Kaper und ſeine Priſen erreichten, obſchon von den Engländern bei⸗ nahe bis an den Cordouan verfolgt, glücklich die Mündung des Fluſſes, und gingen in unſerer Nähe vor Anker. Die engliſchen Schiffe zogen ſich dann wieder zurück, mit Ausnahme einer Fregatte, die nicht weit vom Thurme liegen blieb; ſie pflegte dieſe Stellung einzunehmen, ſo oft der Wind, wie gerade jetzt 219 der Fall war, vom Lande wehte. Wir durften daher die Befreiung von unſerm Argus nur bei der Rückkehr eines weſtlichen Windes hoffen. Da Herr Dupois den Kapitän des Kaperſchiffes kannte, ſo ſäumte er nicht, ihm ſeinen Glückwunſch abzuſtatten; und ich nahm an dieſem Beſuche Theil, denn ich wünſchte die Einrichtung ſolcher Schiffe kennen zu lernen. Die Eindrücke, welche ich dort empfing, waren im hohen Grade unangenehm. Die Kajute, das Verdeck und jeder Gegenſtand, der ſich mir darſtellte, trugen das Gepräge der äußerſten Unordnung. Der Anblick der aus achtzig Köpfen beſte⸗ henden Mannſchaft übertraf bei weitem die Vorſtellung, die ich mir von einer großen Räuberbande gemacht hatte. Ihre häßlichen Geſichtszüge ſowohl als ihre ſchändlichen Geſpräche zeugten von jener Verdorbenheit, welche die Folge einer zügelloſen Lebensweiſe iſt. Doch muß ich bemerken, daß dieſer wilde Haufe nur aus wenig eigentlichen Seeleuten, ſondern größten Theils aus allerlei liederlichem zuſammengelaufenem Geſindel beſtand. Ueberhaupt findet dies auf den Kapern faſt immer Statt. Obgleich man in Kriegszeiten ſolche Schiffe aus⸗ zurüſten erlaubt und ſie mit Freiheitbriefen verſieht, ſo hält doch jeder brave Seemann den Dienſt auf denſelben für nichts weniger als ehrenvoll, und be⸗ trachtet ihn als eine Zuflucht für diejenigen, welche durch Gewinnſucht, Untaug⸗ lichkeit zum Arbeiten, Hang zum Müßiggehen, oder durch begangene Verbrechen dazu getrieben werden.— Mein Abſcheu gegen das Geſindel ſtieg auf das Höchſte, als ich ſah, wie es die Gefangenen behandelte. Dieſe armen Menſchen waren aller ihrer Habe beraubt und einige ſogar mit Ketten belaſtet, im unterſten Theile des Raums in Verwahrung gehalten worden. Hier hatte man ſie, ohne ſelbſt die Verwun⸗ deten oder ſonſtigen Kranken zu berückſichtigen, auf feuchtem Ballaſt, bei gänz⸗ lichem Mangel an Licht, in einer mit faulen Dünſten angefüllten Luft und bei kärglich zugetheilten Lebensmitteln viele Tage und Nächte ſchmachten laſſen. Jetzt mußten ſie, bewacht mit. gezogenen Säbeln, auf dem Verdecke ſich in Reihen ſtellen, um aufgezeichnet und dann nach den Staatsgefängniſſen im Lande ab⸗ geführt zu werden. Ihre bleiche, kränkliche Geſichtsfarbe, ihre Niedergeſchlagen⸗ heit und überhaupt ihr ganzes Aeußere— denn es war ihnen faſt nichts als das Hemd und ein Paar Beinkleider gelaſſen worden,— mußten auch das ge— fühlloſeſte Herz zum Mitleid bewegen. Gleichwohl hatte man die Grauſamkeit, dieſe Unglücklichen mit Rippenſtößen hin und her zu treiben, ſie zum Gegen⸗ ſtand des Spottes zu machen und überhaupt auf eine Art zu behandeln, die mein Innerſtes empörte. Herr Dupois, den der klägliche Zuſtand der armen Menſchen ebenfalls beunruhigte, konnte ſich nicht überwinden, dem Kapitän einige Vorwürfe zu machen und ſich beſonders über den ſchändlichen Gebrauch der 220 Kaper zu beſchweren, daß ſie, nicht zufrieden mit den erbeuteten Schiffen und Ladungen, die darauf befindlichen Mannſchaften ſogar ihrer Kleider beraubten. Jener wußte zu ſeiner Entſchuldigung nichts vorzubringen, als daß man den Leuten alle mögliche Vortheile geſtatten müßte, weil außerdem Niemand ſich zu einer ſo gefährlichen Lebensart entſchließen würde. Unter den Gefangenen befanden ſich auch zwei Deutſche. Ihre unglück⸗ liche Lage war für mich doppelt rührend. Ich wünſchte ihnen zu dienen und ſuchte daher den Herrn Dupois zu bereden, ſie in Dienſt zu nehmen, was mir um ſo weniger Mühe koſtete, da ſie das Anſehen tüchtiger Seeleute hatten, deren unſer Schiff ſo ſehr bedurfte. Auch ließ der Kapitän ſich willig finden, ſie in Freiheit zu ſetzen; denn man pflegte, ſowohl in Frankreich als in England, die auf den feindlichen Schiffen befindlichen Deutſchen ſehr ſchonend zu behandeln. Allein die beiden Männer bezeigten keine Luſt, meinen Vorſchlag anzunehmen, weil ſie lieber mit ihren engliſchen Gefährten eine lange Gefangenſchaft ertra⸗ gen, als unter den Franzoſen, die ihnen äußerſt verhaßt geworden waren, in Freiheit leben wollten. Ebenſo lehnten ſie mein Anerbieten ab, ihnen mit Klei⸗ dern zu helfen, indem ſie verſicherten, man würde dieſelben gleich den übrigen rauben. So theilten ſie in allen Stücken das Schickſal ihrer Mitgefangenen. Gegen Abend verſammelten ſich viele Boote bei dem Kaper, um der Mann⸗ ſchaft Eßwaaren, Getränke, Spielleute und ſogar Gegenſtände zur Befriedigung ihrer ſinnlichen Lüſte zu bringen. Sie verſchwendete nun die gemachte Beute und überließ ſich den niedrigſten Ausſchweifungen. Ich entfernte mich mit Un⸗ willen und Abſcheu von dieſem Schauplatze des Laſters, und nie iſt mir wieder die Luſt angekommen, ein Kaperſchiff zu betreten. Am darauf folgenden Tage kam eine Menge Küſtenfahrer den Strom herab, und warf die Anker, um, wie wir, die Entfernung der engliſchen Fre⸗ gatte abzuwarten. Inzwiſchen ereignete ſich auf einem darunter befindlichen kleinen Schooner eine höchſt traurige Begebenheit. Es hatten ſich in der Nacht auf dieſes Schiff, als es einſam vor Anker lag, einige entlaufene portugieſiſche Kriegsgefangene geflüchtet und, ohne entdeckt zu werden, im Raume verborgen. In dem Augenblick, wo die ſchwache Schiffsmannſchaft, die drohende Gefahr nicht ahnend, an der Mündung des Fluſſes ankern wollte, brachen die Flücht⸗ linge aus ihrem Hinterhalte hervor, um ſich des Fahrzeugs zu bemächtigen. Wir ſahen aus der Ferne, wie ſie die Mannſchaft von einer Stelle des Verdecks zur andern verfolgten und endlich, in einen Winkel gedrängt, mit Meſſerſtichen zu Boden ſtreckten. Laut ertönte das Angſtgeſchrei der Verwundeten, wodurch alle in der Nähe befindlichen Schiffe aufmerkſam gemacht und bewogen wurden, ihre Boote dahin abzuſchicken. Gleichwohl waren die Verbrecher ſo glücklich, 221 ihrem Plane gemäß, mit dem Schooner nach der engliſchen Fregatte zu entkom⸗ men, wo ſie eine Freiſtatt zu finden und eine Belohnung für die ihr zugeführte Priſe zu bekommen hofften. Aber die britiſchen Krieger, die der verübte Meu⸗ chelmord mit Abſcheu erfüllte, lieferten die Thäter ungeſäumt an das franzö⸗ ſiſche Wachſchiff aus, und ließen dann auch den Küſtenfahrer, den ſie als eine ihre Nation entehrende Beute betrachteten, unverſehrt nachfolgen.— Die Fran⸗ zoſen, vor deren Augen dieſes vorging, ſchienen ſich über die verübte Mordthat nicht zu wundern, weil die Portugieſen den wüthenden Haß, welchen ſie damals gegen das franzöſiſche Volk hegten, ſchon öfters an demſelben ausgelaſſen hatten. Um ſo größer war der Eindruck, den die Großmuth der Engländer auf ſie machte, und viele bedauerten, daß die Umſtände ſie nöthigten, mit ihnen in Feindſchaft zu leben.. Nachdem wir fünf Tage vergebens auf den Eintritt des Weſtwindes, der uns von der Fregatte befreien ſollte, gehofft hatten, verlor Herr Dupois die. Geduld, und der Thermometer ſeiner Gemüthſtimmung verkündete ein nahes Ungewitter. Meine wohlgemeinte Vorſtellung:„daß die Küſtenfahrer oft Wochen lang auf einer Stelle liegen müßten,“ gab Gelegenheit, den Ausbruch desſelben zu beſchleunigen; und nun lernte ich zum erſten Mal ſeine ungeſtüme Heftigkeit kennen. Der ſchnöden Behandlung, welche ſich der aufbrauſende Zorn erlaubt, nicht gewohnt, ertrug ich ſie zwar mit Gelaſſenheit, faßte aber den Entſchluß, gleich nach unſerer Ankunft in Nantes meine Verbindung mit ihm abzubrechen, und meinen Poſten zu verlaſſen. Es dauerte jedoch nicht lange, ſo legte ſich ſeine aufwallende Hitze und ging in eine ungewöhnlich ruhige Stimmung über; er bereute die mir zugefügte Beleidigung und ſuchte durch zuvorkommende Ge⸗ fälligkeiten das Vorgefallene vergeſſen zu machen. Endlich lud er mich zu einer Spazierfahrt nach dem nahen Städtchen Royan ein, wo wir bei einer Flaſche des trefflichen Muskatweins, der dort wächſt, das Feſt der Verſöhnung feierten. Schon in Bordeaux. hatte die Geſchicklichkeit des weiblichen Geſchlechts, große Laſten auf dem Kopfe zu tragen, öfters meine Bewunderung erregt. In Royan, das mir übrigens keine Gelegenheit zu Beobachtungen darbot, war dieſes noch mehr der Fall, indem die dortigen Weiber mit Fäſſern, die faſt zwei Eimer Wein enthielten, flüchtig dahin liefen. Hierbei ſchien ihnen nicht bloß die vorzügliche Kraft und Gewandtheit ihres Körpers, ſondern beſonders auch der Vortheil, daß ſie einen genau auf den Kopf paſſenden Strohkranz gebrauch⸗ ten, worauf das Faß wagerecht und feſt lag, zu Statten zu kommen. 222 5. Unſer Schiff geht in See. Langſamer und oft geſtörter Fortgang dieſer Reiſe. Bemerkungen über die franzöſiſche Küſtenfahrt damaliger Zeit, und über die Lebensweiſe der franzöſiſchen See⸗ leute. Die Flotte wird von einem engliſchen Kreuzer überfallen, zerſprengt und zum Theil ge⸗ nommen. Der Oiſeau entgeht dieſem Schickſal und kommt, nach einigem Aufenthalt in Sables d'Olonne, glücklich in der Loire an. Langer Aufenthalt. Belle Isle. L Orient. Wir waren am Abend auf unſern Oiſeau kaum zurück gekommen, als das Schiffsvolk plötzlich ein großes Freudengeſchrei erhob; denn der gewünſchte Weſtwind trat ein und zwang die engliſche Fregatte ſich zu entfernen. Zwei Kanonenboote, welche die Küſtenfahrer, das eine die nordwärts, das andere die ſüdwärts gehenden, auf ihrer Reiſe begleiten und decken ſollten, gaben bei Tages⸗ anbruch durch Aufſteckung der Flaggen das Signal, Anſtalt zum Abſegeln zu treffen. Das nach dem Norden beſtimmte erſchien bald darauf mit vollen Se⸗ geln. Wir folgten ihm und gelangten, umgeben von einer Menge kleiner Schiffe, ohne weitern Aufenthalt in See. Niemand war Anfangs vergnügter, als Herr Dupois. Aber bald bemerkte ich, daß ſeine glühenden Wangen erblaßten, ſeine feurigen Augen matt und wäſſerig wurden, und ſein Körper zu taumeln begann, — alles Folgen der ihn befallenden Seekrankheit. Stillſchweigend zog er ſich daher in ſeine Kammer zurück und ließ ſich den ganzen Tag nicht wieder ſehen. Unſere Flotte ſegelte, die kleinen Buchten abgerechnet, dicht an der Küſte hin. Obſchon der Wind günſtig war, ſo machte ſie doch nur geringe Fortſchritte, weil die beſtändigen Störungen, welche bei dergleichen Convoien vorfallen, die Fahrt verzögerten. Bald konnte das eine oder das andere Schiff nicht nach⸗ kommen, was die übrigen beizulegen nöthigte, oder es verließ, durch einen fernen Kanonenſchuß erſchreckt, die Linie und machte Miene in den nächſten Hafen zu entfliehen. Das Kanonenboot ſegelte daher unaufhörlich hin und her, um den Zug in Ordnung zu erhalten. Doch bald ermüdete der Eifer des Comman⸗ danten, weßhalb er unſer Schiff, weil es unter allen das größte, ſchnellſte und am beſten ausgerüſtete war, zum Gehülfen wählte, ſo daß es, an die Spitze der übrigen geſtellt, denſelben zum Führer diente. Es war Nachmittags ungefähr um drei Uhr, als der Wind ungemein günſtig wurde, ſo daß wir, bei einer ununterbrochenen Fahrt, am folgenden Tage die Mündung der Loire erreichen konnten. Allein in dieſem Augenblick gab der Commandant das Zeichen, in die Rhede von Rochefort einzulaufen, ob⸗ ſchon ſich der Fortſetzung unſerer Reiſe kein Hinderniß entgegen ſtellte. Dieſes Verfahren war eine Folge der Gewohnheit, welche die franzöſiſchen Küſten⸗ fahrer während des Krieges angenommen hatten. Denn ſelten machten ſie eine mehrtägige Reiſe in einem fort, ſondern pflegten, aus Furcht vor den Englän⸗ 223 dern, jede Nacht am Lande zuzubringen, und ſich ſo von Hafen zu Hafen an den Ort ihrer Beſtimmung zu ſtehlen. Es läßt ſich hieraus auf den langſamen Gang einer ſolchen Schifffahrt leicht der Schluß ziehen. Wenn man nun noch erwägt, wie oft die Flotten von feindlichen Kreuzern, oder bloß von der Furcht⸗ ſamkeit, oder der Laune ihrer Anführer aufgehalten wurden, und wenn man ferner die widrigen Winde, die periodiſche Trockenheit der Häfen und andere, die Küſtenfahrt erſchwerende Lokal⸗Hinderniſſe in Anſchlag bringt, ſo iſt leicht zu begreifen, daß in jenen Zeiten eine Reiſe, z. B. von Bordeaux nach Nantes, nicht ſelten zwei, drei oder mehr Monate dauerte. Ja, ich erinnere mich, in Bordeaux einige Schiffe geſehen zu haben, welche auf ihrer Fahrt von L'Orient bis dahin ſechs Monate zugebracht hatten. Der Leſer wird ſich daher nicht wundern, daß unſere Schiffe unter einem triumphirenden Frohlocken der Mann⸗ ſchaften in die Mündung der Charente einliefen. Sie riefen ſich von allen Seiten zu und gaben ihre Freude über die heutige Reiſe zu erkennen, die, ſo unbedeu⸗ tend ſie auch war, für ein ſehr gutes Tagewerk gehalten wurde. Um vier Uhr lag die ganze Flotte, umgeben von Sandbänken und Klippen ſchon wieder vor Anker. Die Matroſen der Küſtenfahrer machten ungeſäumt Anſtalt, Muſcheln, Auſtern und andere dergleichen Seeprodukte zu fiſchen— ein Geſchäft, dem ſie ſich täglich zu unterziehen pflegten. Denn da dieſe Leute ſich ſelbſt beköſtigten, und ihr Verdienſt durch die lange Dauer der Reiſe ſehr geſchmälert wurde, ſo genoſſen ſie ſelten Fleiſch, ſondern lebten, Wein, Brod, Zwiebeln und Knoblauch abgerechnet, hauptſächlich von jenen Produkten. Der Umſtand, daß dieſelben an den franzöſiſchen Küſten im Ueberfluſſe zu finden ſind, kam ihnen dabei ſehr zu Statten. Durch das Beiſpiel der übrigen er⸗ muntert, bequemten ſich auch unſere Leute, auf den Fiſchfang auszufahren, und kamen nach einiger Zeit mit einer ſo reichen Ladung Auſtern und Nuſcheln zu⸗ rück, daß ſie, auf das Verdeck geſchüttet, einen kleinen Berg bildeten. Da die Mannſchaft den ganzen Tag gearbeitet und zum Theil ſich nicht wohl befunden hatte, ſo war an das Kochen und ſelbſt an das Eſſen nicht ge⸗ dacht worden. Aber nun machte der Magen an Alle die ungeſtümſten Forde⸗ rungen. Die franzöſiſchen Matroſen lagerten ſich daher augenblicklich um den Auſternberg und ſchmauſten nach Herzensluſt. Allein die däniſchen, an regel⸗, mäßige Mahlzeiten und an eine feſte, nahrhafte Koſt gewöhnt, waren nicht mit dieſen Näſchereien zufrieden, ſondern beſtürmten den Koch, das zum Mittag⸗ mahl beſtimmt geweſene Fleiſch zuzubereiten. In dieſem Augenblick trat auch Herr Dupois aus ſeiner Kammer und beſtellte, da er ſeine Unpäßlichkeit ver⸗ loren und dagegen einen ſtarken Appetit bekommen hatte, ein ſtattliches Abend⸗ eſſen, indem er zu dem Ende nach den nahe gelegenen Hütten ſchickte, um Fiſche 224 zu kaufen. Allein der Matroſe, dem man dieſen Auftrag gab, kam unverrich⸗ teter Sache zurück, brachte aber eine große, fette Katze mit, die er geſtohlen hatte, um ſich einen Braten davon zuzurichten; und nun erfuhr ich, daß auch Herr Dupois ein Liebhaber dieſer ſeltſamen Speiſe war. Er erblickte nämlich kaum das arme Thier, als er es in Beſchlag nahm, den Eigenthümer aber dafür ent⸗ ſchädigte. Die Katze wurde ſogleich gebraten und ſpäterhin mit den übrigen Speiſen aufgetragen. Vergnügt nahm Dupois Platz am Tiſche, gerieth aber nicht wenig in Harniſch, als ſeine Tiſchgenoſſen, die aus dem Kapitän, den Steuermännern und mir beſtanden, an ſeinem Lieblingsgerichte nicht Theil nehmen wollten; doch der gute Appetit dämpfte dießmal das auflodernde Feuer ſeines Zornes. Am nächſten Morgen ging die Flotte mit fortdauernd günſtigem Winde wieder unter Segel.— Auch heute bezeigten der Koch und ſeine Gehülfen, we⸗ gen des Uebelbefindens, das ihnen die Seereiſe verurſachte, nicht im mindeſten Luſt, zum Mittageſſen Anſtalt zu machen. Der Kapitän und die Steuermänner ſchwiegen dazu, vielleicht weil ſie Anſtand nahmen, eine ordentliche Mahlzeit ohne den Herrn Dupois zu halten, der ſich durch die am geſtrigen Abend ge⸗ nöſſene fette Speiſe einen neuen und ſtärkern Anfall von der Seekrankheit zu⸗ gezogen hatte. Das franzöſiſche Schiffsvolk kümmerte ſich wenig darum, weil es jeden müßigen Augenblick benutzte, den Auſternberg zu beſuchen, und über⸗ haupt die geſalzene Seemannskoſt nicht liebte. Als aber die däniſchen Matroſen gegen Mittag die Küche noch leer fanden, fingen ſie an, durch Murren ihre Un⸗ zufriedenheit zu erkennen zu geben, ſo daß man, um die Ruhe zu erhalten, den Koch zwingen mußte, ſein Küchengeräth in Bewegung zu ſetzen.— Bei dieſer Gelegenheit muß ich bemerken, daß auch ich große Mühe hatte, mich an die un⸗ regelmäßige Lebensart der franzöſiſchen Seeleute und an ihre Sitte zu ge⸗ wöhnen, keine ordentlichen Mahlzeiten zu halten, ſondern ſich mit ſchmalen, aber oft genommenen Naſchbiſſen zu begnügen. Um Mittag begegneten wir einer großen Menge von Breſt kommender Küſtenfahrer. Ob ſie ſchon drei Kriegsſchiffe, nämlich eine Brigantine und zwei Kanonenboote zur Bedeckung hatten, ſo waren ſie doch oft, beſonders in der „Gegend der Loire, von den Engländern beunruhigt worden. Dieſer Umſtand machte keinen erfreulichen Eindruck auf unſere Reiſegefährten und eignete ſich wenig, ihren ſchwachen Muth zu ſtärken. Wir ſteuerten daher Nachmittags bei guter Zeit in den Hafen von Rochelle, und der Reſt des Tages verſtrich unter bangen Geſprächen über die uns drohenden Gefahren. Bei Tagesanbruch zeigten ſich indeß die ſämmtlichen Mannſchaften unſerer Schiffe in voller Bewegung und beſchäftigt, ſich von neuem zur Reiſe vorzu⸗ ——— bereiten. Man war bald im Stande, die Anker zu lichten, und erwartete nur, die blaue, mit einem weißen Viereck verſehene Flagge am Bord des Kanonen⸗ bootes wehen zu ſehen. Allein der Befehlshaber ließ, ſtatt dieſes Zeichens in See zu gehen, die dreifarbige, ein längeres Verweilen andeutende Staatsflagge aufſtecken und zugleich mündlich bekannt machen, daß das Erſcheinen eines feind⸗ lichen Segels— wovon wir jedoch trotz unſerer guten Augen und Ferngläſer nichts gewahrten— die Abfahrt verhindere. Ich benutzte daher die Gelegen⸗ heit, die gut gebaute und ſtark befeſtigte Stadt Rochelle in Augenſchein zu nehmen.. Unſere Reiſegefährten hatten ſich die Unterbrechung der Fahrt ſehr gern ge⸗ fallen laſſen, ſo wie es zu gehen pflegt, wenn man an der Vollziehung eines zwar nothwendigen, jedoch unangenehmen Geſchäfts verhindert wird; da aber eine verabſäumte Gelegenheit, dasſelbe auf eine leichte Art abmachen zu können, um ſo ſchmerzhafter iſt, ſo wurde man auch ſehr verdrießlich, als am Abend viele Schiffe anlangten, welchen den ganzen Tag über kein engliſches aufgeſtoßen war. Es erhoben ſich nun von allen Seiten laute Klagen, die den Muth und Pflicht⸗ eifer unſeres Anführers in kein vortheilhaftes Licht ſtellten. Dieſer hielt ſich un⸗ befangen am Lande auf, faßte aber, als er die Unzufriedenheit der Mannſchaften vernahm, zur Rettung ſeiner Ehre den Entſchluß, ungeachtet der eingebrochenen Nacht ohne weitern Verzug in See zu gehen. Wir erblickten daher Abends um zehn Uhr auf den Maſten des Kanonenbootes drei Laternen neben einander, das nächtliche Signal zum Segeln. Es dauerte lange Zeit, ehe dieſem unver⸗ mutheten Befehl Folge geleiſtet werden konnte, indem man die Lootſen und zum Theil auch die Matroſen aus der Stadt holen mußte; denn die ſonſt üblichen Signalſchüſſe wurden vermieden, um nicht die feindlichen Kreuzer aufmerkſam zu machen. Erſt um zwölf Uhr ſegelte die Flotte aus dem Hafen ab, und zwar in ſolcher Verwirrung, daß vier oder fünf Schiffe durch ihr Zuſammenſtoßen beſchädigt, wieder umkehren mußten. Wir hatten während der Nacht eine glückliche Fahrt und ſahen, als der Morgen graute, das Städtchen Sables d'Olonne uns zur Seite liegen. Zu gleicher Zeit aber zeigte ſich ein kleiner Lugger, welcher durch ſeine Wendungen ſogleich den Engländer verrieth und unſere Franzoſen mit einem paniſchen Schrecken erfüllte. Man hätte hinreichend Zeit gehabt, nach Sables d'Olonne zu entkommen; allein die Ebbe war noch im Fließen und der Hafen lag völlig trocken. So blieb dem Kanonenboote, das mit dem engliſchen, obſchon ſchwächern Fahrzeuge ſich zu meſſen ſcheute, kein anderes Mittel zur Rettung übrig, als umzuwenden und die Flucht zu ergreifen. Die Flotte ging in großer Unord⸗ nung nach. Unſer Schiff machte dießmal eine Ausnahme von den übrigen, in⸗ Richter's Reiſen. I. 15 226 dem es, um eine nachtheilige Flucht zu vermeiden, nach dem Lande ſteuerte und ſich bei einer ſtarken Batterie auf den Strand ſetzte. Einige Küſtenfahrer folgten unſerem Beiſpiel, wählten aber zum Unglück eine Stelle, wo ſie vom Geſchütze des Hafens keinen Beiſtand erhalten konnten. Der feindliche Kreuzer ſchickte augenblicklich ſeine Schaluppen ab, um ſich ihrer zu bemächtigen; und ſo ſahen wir, wie die Engländer an der einen Seite der Schiffe hinauf kletterten, und die Franzoſen, um nicht gefangen zu werden, an der andern herab in ihre Boote ſprangen. Bald nachher erſchien einige Artillerie am Strande, welche auf die Küſtenfahrzeuge zu feuern begann, um den Feind daraus zu vertreiben oder ſie unbrauchbar zu machen. Aber der Lugger, der bisher in einiger Entfernung lavirte, kam nun ganz in die Nähe, und zwang das Militär durch ein lebhaftes Feuer, ſich ſchnell zurückzuziehen. Sobald die Fluth eintrat, ſchickte man zur Wiedereroberung der verlornen Schiffe einige ſtark bemannte Boote aus dem Hafen ab; zu gleicher Zeit nahm auch die Artillerie ihre verlaſſene Stellung wieder ein, um dieſelben zu decken. Allein die geſchickten Manövers der Eng⸗ länder vereitelten dieſe Abſicht; die Landtruppen mußten zum zweiten Male weichen, und die Boote entgingen nur mit Mühe der Gefangenſchaft. Mittler⸗ weile wuchs das Waſſer zu einer beträchtlichen Höhe, und die Priſenſchiffe, welche nicht tief gingen, wurden flott. Obſchon die Mannſchaften derſelben, vor ihrer Flucht, alles Tauwerk zerſchnitten und auch manches andere Geräth zer⸗ ſtört hatten, ſo war doch das Nothwendigſte von den Engländern ſchon wieder in Stand geſetzt. Sie zogen daher plötzlich die Segel auf und ſteuerten dem hohen Meere zu, während man am Lande müßige Zuſchauer abgeben mußte. Bald nachher ward auch unſer Schiff wieder flott und lief wohlbehalten in den Hafen ein, mußte aber, weil es keine Tiefe mehr fand, am Eingange ankern. Ueberhaupt verurſachte uns die Seichtheit des Hafens große Unan⸗ nehmlichkeit, indem das Schiff faſt immer auf dem Grunde lag, und wegen ſeines ſcharf gebauten Bodens gewaltig auf die Seite hing. Sehr willkommen war indeſſen der öftere Abfluß des Waſſers unſern franzöſiſchen Matroſen, da ſie auf dem trocknen Meeresgrunde mit leichter Müͤhe Krabben und andere Thiere fingen, woraus ſie ſich mancherlei Gerichte nach ihrem Geſchmack bereiteten. Les Sables d'Olonne iſt ein kleiner unanſehnlicher Ort, der, wie ſchon ſein Name zeigt, auf einem dürren, ſandigen Boden liegt. Die Einwohner, deren Zahl ungefähr 5000 beträgt, treiben einigen Handel; auch nähren ſich viele von der Fiſcherei, welche in dieſer Gegend ſehr einträglich iſt. Die hie⸗ ſigen Fiſcherfamilien machen eine thätige, herzhafte Menſchenart aus. Die Männer ſind ſehr vertraut mit dem Meere, und pflegen, im Winter wie im Sommer, —— —— 227 jede Nacht auf demſelben zuzubringen. Da ſie, um die Fiſche in ihre Netze zu locken, Fackeln oder Reißig anzünden, ſo erſcheint dann Sables d⸗Olonne mit beweglichen Feuern umgeben, was ein angenehmes Schauſpiel gewährt. Erſt wenn der Morgen graut, kehren die Fiſcher in den Hafen zurück, und eilen nach ihrer Wohnung, um einige Ruhe zu genießen. Die Weiber und Töchter begeben ſich hierauf an den Strand, um die Fahrzeuge von neuem in ſegelfertigen Stand zu ſetzen; und ich ſah, daß ſie bei der größten Kälte barfuß im Waſſer ſtanden, um z. B. die Netze zu waſchen und vom Eiſe zu reinigen. Dieß zeugt von einer Härte, die, verglichen mit der gewöhnlichen Zartheit und Weichlichkeit der Franzöſinnen, eine auffallende Erſcheinung iſt. Nachdem wir drei Tage vergeblich auf die Ankunft unſerer Flotte, oder eines andern Geleites, gehofft hatten, wurde beſchloſſen, die Reiſe nach Nantes ganz allein fortzuſetzen. Wir gingen mit Tagesanbruch in See. Das Glück war uns heute in jeder Hinſicht günſtig; bei Sonnenuntergang zeigte ſich die Mündung der Loire, und um zehn Uhr lagen wir daſelbſt vor Anker. Das hier befindliche Wachſchiff empfing uns mit beſondern Glückwünſchen; denn eine Reiſe von Bordeaux nach Nantes in ſechs Tagen zu vollenden, gehörte damals zu den ſeltenſten Erſcheinungen. In der dortigen Gegend hatte man ſchon empfindliche Kälte gehabt; das Land war mit Schnee bedeckt und auf dem Fluſſe trieben Eisſchollen herab. Dieſer Umſtand machte es nicht rathſam, mit dem Schiffe weiter ſtromauf⸗ wärts zu gehen, weil es leicht einfrieren und dadurch an der Fortſetzung der Reiſe gehindert werden konnte. Allein, Herr Dupois ließ ſich von dem eitlen Plane, dasſelbe ſeiner Vaterſtadt zu zeigen, nicht abbringen; und ſo fuhren wir am folgenden Tage, obſchon mit großer Schwierigkeit, nach Paimboeuf, einer kleinen, einige Meilen unterhalb Nantes liegenden Stadt, welche der gewöhnliche Ankerplatz für die größern Schiffe iſt.— Kaum waren die Anker bei Paimboeuf geworfen, ſo eilte Herr Dupois unſere Ankunft in Nantes bekannt zu machen, um ſein Schiff bewundert und dadurch ſeiner Eitelkeit geſchmeichelt zu ſehen. Er erreichte auch den Zweck vollkommen. Schon am nächſten Morgen erhielten wir, trotz des unange⸗ nehmen Wetters, zahlreiche Beſuche, welche nach ihrer Zurückkunft in der Stadt die pomphafteſten Schilderungen von dem Oiſeau verbreiteten. Dieſer wurde nun der allgemeine Gegenſtand des Geſprächs und der Schauplatz des Neugierigen und Müßigen. Man eilte, um ihn zu ſehen, zu Pferde und zu Wagen nach Paimboeuf, und Herr Dupois ließ es an nichts fehlen, dieſe Schauluſt zu unterſtützen, indem z. B. ſeine eigene Kutſche unabläſſig beſchäf⸗ tigt war, Leute von Nantes abzuholen, oder wieder zurück zu bringen. Drei 15* volle Wochen verfloſſen ohne eine andere Beſchäftigung, als die Beſuchenden zu bewillkommnen und ihre Neugier zu befriedigen; denn die unbedeutende, hier einzunehmende Ladung hatte man uns ſchon in den erſten Tagen zugeſandt. Während der Zeit begab ich mich eines Morgens nach Nantes, wo ich zwei Tage verweilte. Die rauhe, naßkalte Witterung verhinderte mich aber, die Stadt meinem Wunſche gemäß kennen zu lernen; ich weiß daher nichts weiter von ihr zu ſagen, als daß die ſchönen Gebäude, die wichtigen Manu⸗ facturen und Fabriken, der Reichthum der Einwohner und die Feinheit ihres Umgangs meiner Aufmerkſamkeit nicht ganz entgingen. 3 Bei meiner Zurückkunft hatte ich einen unangenehmen Auftritt. Es wohnte in Paimboeuf ein Deutſcher, der ſich's zum Gewerbe machte, gleichſam mit Matroſen zu handeln. Er pflegte ſie nämlich durch allerhand Vorſpie⸗ gelungen zu bereden, von ihren Schiffen zu entlaufen, und brachte ſie dann auf andere, wofür er, wegen des großen Mangels an Seeleuten, gut belohnt wurde. Dabei ſuchte er die verführten Flüchtlinge auf alle Weiſe zu berücken, was ihm um ſo mehr gelang, da ihr begangener Fehltritt ſie verhinderte, ſich öffentlich zu beklagen. Am heutigen Abend traf ich dieſen gefährlichen Menſchen auf unſerem Schiffe, und wurde zugleich von ſeiner Abſicht, die däniſchen Matroſen für ſich zu gewinnen, unterrichtet. Der Verluſt dieſer braven Leute wäre von ſehr nachtheiligen Folgen für unſere Reiſe geweſen. Ich hielt es daher— denn Herr Dupois war abweſend,— für meine Pflicht, den Um⸗ ſtand an den Commiſſär der Marine zu berichten, welcher den Gauner ſofort in Verhaft nehmen ließ und uns dadurch vor den ſchändlichen Umtrieben des⸗ ſelben ſicherte. Die bei der Sache betheiligten Matroſen waren Anfangs ſehr erbittert auf mich, weil ſie ſich einbildeten, eine vortheilhafte Gelegenheit zur Verbeſſerung ihrer Lage zu verlieren; aber bald wurden ſie um ſo dankbarer, weil ſie die Gefahr, der ich ſie entzogen hatte, einſehen lernten. Es koſtete dem Herrn Dupois große Ueberwindung, einen Ort wie Nantes, wo man ſeiner Eitelkeit ſo viele Blumen ſtreute, zu verlaſſen. Doch die dringenden Aufforderungen der Handelsgenoſſen, und vielleicht die geheime Hoffnung, ſeine glänzende Rolle von neuem in L'Orient zu ſpielen, bewogen ihn am 24. December plötzlich zu dem Entſchluſſe, die Reiſe weiter fortzu⸗ ſetzen. Der Schiffskapitän, welcher in die Feſtigkeit desſelben kein beſonderes Vertrauen ſetzte, ließ dann— um das Eiſen zu ſchmieden, weil es warm war,— unverzüglich die Anker lichten, obſchon der Tag zu Ende ging und die Mannſchaft ſich geſchmeichelt hatte, das Weihnachtfeſt in Paimboeuf zu feiern. Während das Schiff den Strom hinabglitt, war Herr Dupois beſchäf⸗ 229 tigt, mir einige Abſchiedsbriefe zu dictiren. Da ſie einen höchſt ſchwülſtigen und hochtrabenden Stil hatten, ſo konnte ich mich nicht enthalten, mehrmals in ein lautes Gelächter auszubrechen. Man kann leicht denken, wie übel dieß von ihm aufgenommen wurde; ich mußte es tief empfinden, daß ſich das Ehr⸗ gefühl eines eitlen Mannes nicht ungeſtraft beleidigen läßt. Doch der Zufall bot mir— was ich eben ausführlicher erwähnen werde,— ſehr bald eine Gelegenheit dar, die verlorne Gunſt in doppeltem Maße wieder zu erlangen. Es war um Mitternacht, als wir an der Mündung des Fluſſes ankerten. Zu unſerer großen Verwunderung lief die Flotte, von welcher wir uns auf der Reiſe von Bordeaur getrennt hatten, erſt in dieſem Augenblicke ein.— Bei Tagesanbruch erſchien das Meer von feindlichen Schiffen frei und der Wind ließ ſich günſtig zur Fahrt nach L'Orient an. Der Kapitän trug daher kein Bedenken, ungeſäumt und ohne Convoi, von dem wir uns überdieß, durch die Erfahrung belehrt, wenig Nutzen zu verſprechen hatten, in See zu gehen. Wir ſegelten gegen Mittag durch den Kanal zwiſchen Belle⸗Isle und Quiberon, wurden aber bald darauf von widrigen Winden gezwungen, in einen Nothhafen an der Nordoſt⸗Küſte jener Inſel einzulaufen. Dieſer Hafen i*ſt eben ſo ſeicht, als der von Sables d'Olonne, und verwandelt ſich, ſo oft die Ebbe geht, in eine trockne, ſandige Fläche. Doch wurde hier für mehr Bequemlichkeit geſorgt, als dort geſchah, indem man das Schiff in Zeiten mit Balken ſtützte, um es in einer aufrechten Stellung zu erhalten. Unſere Leute zerſtreuten ſich hierauf in die umliegenden Dörfer, und brachten den Reſt des Tages— es war der Chriſttag,— mit Kirchengehen und in ſinnlichen Ge⸗ nüſſen zu. Auch Herr Dupois begab ſich an das Land und, mit Ausnahme einiger wachhabenden Matroſen, blieb Niemand, als der Kapitän und ich, auf dem Schiffe zurück. Der Kapitän, welcher, im Vorbeigehen geſagt, früher den Amerikanern gedient und manche ihrer Sitten angenommen hatte, lud mich am Abend in ſeine Kajüte, um mit ihm, am wohlgeheizten Kamine, Punſch zu trinken und Cigarren zu rauchen. Nach einiger Zeit vernahmen wir die Stimme des Herrn Dupois, der, am Strande ſtehend, dem Schiffe zurief und mit dem Boote abgeholt zu werden verlangte. Wir ſchickten zu dem Ende einige Ma⸗ troſen ab. Als ſie zurückkamen, erhoben ſie plötzlich ein Geſchrei, das uns aus unſerer Behaglichkeit aufſchreckte und auf das Verdeck trieb. Herr Dupois war im Augenblick, wo er das Schiff beſteigen wollte, in das Waſſer gefallen; er ſank eben, als ich ihn erblickte, völlig unter. Die im Boote befindlichen Matroſen, des Schwimmens unkundige und überhaupt ungeſchickte Leute, konnten ihm nicht zu Hülfe kommen, ſondern begnügten ſich, fortwährend zu 230 ſchreien. Ich ſprang daher, ohne mich zu beſinnen, über Bord, und war ſo glücklich den Halbertrunkenen ſchnell zu finden und in die Höhe zu ziehen. Man legte ihn dann in ein gut gewärmtes Bett, wo er ſich bald wieder erholte, weil er nur wenig Waſſer verſchluckt und mehr durch die Kälte desſelben ge⸗ litten hatte. Mittlerweile bereitete ich einen guten, ſtarken Punſch, wovon ich ihm einige Gläſer warm zu trinken gab. Erſt jetzt— denn ich hatte noch die naſſen Kleider an,— dachte ich an mich ſelbſt, und ſuchte das kalte Bad auf 4 gleiche Weiſe meiner Geſundheit unſchädlich zu machen. Ich genoß während der Nacht eines tiefen und feſten Schlafs, und er⸗ wachte am Morgen geſtärkt und fröhlich. Zugleich ward ich durch den Anblick erfreut, daß auch Dupois ſich vollkommen wohl befand und, wider ſeine Ge⸗ wohnheit, ſchon anfgeſtanden und angekleidet war. Er überſtrömte mich mit den Aeußerungen gefühlvoller Dankbarkeit, einer Tugend, die er, ungeachtet der ihm ſonſt eigenen Fehler, in hohem Grade beſaß. Seit dieſer Zeit ver⸗ ſchwand nicht nur ſein gegen mich gefaßter Groll, ſondern es erfolgte über⸗ haupt eine große Veränderung in unſern gegenſeitigen Verhältniſſen, indem Herrſchaft und Unterwürfigkeit immer mehr die gefälligere Form der Freund⸗ ſchaft erhielten.. Der Wind wehte heute noch aus Norden und nöthigte uns, im Hafen zu bleiben. Ich entſchloß mich daher, einen Ausflug in die Inſel zu machen. Während des Vormittags durchſtrich ich eine Anzahl Dörfer, wo ich zum Theil ſehr elende Häuſer und die Wohnſtuben, ob es ſchon Feiertag war, in einem höchſt unſaubern Zuſtande fand. Die Einwohner zeigten ſich als echte Bretagner, die, um ihre Urſprache zu erhalten, durchaus kein Franzöſiſch reden noch verſtehen wollten. Ich wurde von ihnen für einen Engländer ge⸗ halten, ſchien aber deßwegen um ſo willkommner zu ſein. Sie waren den Franzoſen ſehr abgeneigt, und trieben mit den feindlichen Schiffen, die häufig bei Nacht an den Küſten landeten, heimlich Verkehr, was auch der ſtarke Um⸗ lauf engliſcher Münzen deutlich bewies. Ueberhaupt bemerkte ich faſt überall in Bretagne, daß man daſelbſt mit der damaligen Regierung, beſonders mit dem angenommenen Continentalſyſtem, unzufrieden war und im Stillen die Engländer begünſtigte.— Nachmittags begab ich mich nach Palais, dem Hauptorte des Eilandes. Dieſe hübſche, muntere Stadt zählt gegen 6000 Ein⸗ wohner und hat eine Citadelle, ſo wie einen Handelshafen, worin ſich eine Menge kleiner Schiffe befand. Auch hier galt ich überall für einen Engländer, und das Militär glaubte ſogar, einen Spion in mir zu entdecken. Man führte mich daher zum Commandanten der Citadelle, der mich, bis zur weitern Unter⸗ ſuchung, in der Hauptwache verwahren ließ. Meine Gefangenſchaft war jedoch von kurzer Dauer. Herr Dupois, dem ich den Vorfall ſogleich meldete, eilte herbei und bewies meine Unſchuld mit geringer Mühe. Der Commandant wünſchte dann die verurſachte Unannehmlichkeit wieder gut zu machen, weßhalb er uns beide zum Abendeſſen bat. Wir fanden einige wackere Offiziere mit ihren Frauen und Töchtern verſammelt, in deren Geſellſchaft der Reſt des Tages angenehm verſtrich und mein Abenteuer bald vergeſſen wurde. Als wir während der Nacht von Palais nach dem Schiffe wanderten, ſahen wir drei oder vier Männer, mit Säcken belaſtet, quer über das Feld ſchreiten. Ich erkannte ſie an ihrer Kleidung und auch an ihrem ſchiebenden Gange ſogleich für Engländer, welche, wie es ſchien, gelandet waren, um Lebensmittel zu kaufen. Dieſe Erſcheinung ſetzte Herrn Dupois, weil er fürchtete, geplündert oder wohl gar mit fortgeſchleppt zu werden, in großen Schrecken, weßhalb er ſich ſchleunigſt auf die Flucht begab. Einer der ge⸗ fürchteten Leute machte ſich den Spaß, die Angſt des Fliehenden zu vermehren, indem er ſeine Laſt abwarf und Miene machte, denſelben zu verfolgen. Als er aber ſah, daß ich ſtehen blieb und ihn erwartete, ergriff er den Sack und eilte zu ſeinen Gefährten, die ſich in gerader Linie nach der weſtlichen Küſte wen⸗ deten. Ich zweifle aber, daß ſie dieſe erreicht haben; denn bald nachher zeigten ſich einige Gensd'armes zu Pferde, welche dieſelbe Richtung nahmen, und ſpäterhin wurden, wahrſcheinlich auf ihre Veranlaſſung, in einigen Dörfern die Sturmglocken geläutet. Am dritten Feiertage drehte ſich der Wind nach Südweſten, und der Kapitän nahm keinen Anſtand abzuſegeln, obſchon früh am Morgen engliſche Schiffe nahe bei der Inſel und bei Quiberon erſchienen waren. Wir wurden zwar bald nach der Abfahrt von einigen derſelben verfolgt, entkamen ihnen aber durch die überlegene Schnelligkeit unſeres Oiſeau, und langten um Mitter⸗ nacht wohlbehalten in L'Orient an. Der dortige Hafen iſt ſehr geräumig, tief und ſicher, und hat eine vor⸗ treffliche Lage am offenen Meere,— Vorzüge, die ihn beſonders in jenen Zeiten äußerſt lebhaft machten. Außer den hier ladenden und löſchenden Schiffen liefen nämlich viele im Vorbeiſegeln ein, Schutz gegen ungünſtiges Wetter, oder feindliche Ueberfälle zu ſuchen, oder auch bloß um auszuruhen. Dieſer letzte Fall hatte kurz vor unſerer Ankunft Statt gehabt, indem viele Küſtenfahrer eingelaufen waren, um mit mehr Bequemlichkeit das Weihnachts⸗ feſt feiern zu können. Der Hafen von L'Orient iſt überdem eine Station für Kriegsſchiffe, und wir fanden, ohne der kleinern zu gedenken, ein Linienſchiff und drei Fregatten. Da ich wünſchte, mich von dem Zuſtande der franzöſiſchen Marine zu 232 unterrichten, ſo machte ich dieſe Schiffe zu einem vorzüglichen Gegenſtande meiner Beobachtung. Ich lernte viele von den Offizieren als tüchtige See⸗ leute kennen. Auch den jüngern gebrach es nicht an theoretiſchen Kenntniſſen, aber an Erfahrung fehlte es noch Vielen, und Leichtſinn und Flüchtigkeit waren noch zu herrſchend in ihrem Charakter, als daß ſie an der Abgeſchieden⸗ heit vom Lande Geſchmack finden und ſich ihrer Pflicht ganz hingeben konnten. Das gemeine Seevolk beſtand größten Theils aus neuangeworbenen Leuten, die man zwar häufig in den Manövres übte, aber nicht mit Strenge an den pünktlichen Gehorſam gewöhnte, welchen der Kriegsdienſt erfordert. Mit den Kanonen wurde täglich exercirt. Die Kanoniere, welche dieſes Geſchäft lei⸗ teten, pflegten die dabei zu befolgenden Regeln in Form einer auswendig gelernten Predigt vorzutragen. Ich bemerkte aber, daß die Leute dadurch ermüdeten, weßhalb ſie wenig Aufmerkſamkeit bewieſen und, wenn die Sache zur Anwendung kam, ſich unwiſſend benahmen. Ueberhaupt ſchien mir dieſe Lehrmethode weit unzweckmäßiger, als die auf engliſchen Kriegsſchiffen einge⸗ führte, wo die Behandlung des Geſchützes bloß praktiſch gezeigt wird, was, beſonders für den gemeinen Mann, weit faßlicher iſt. Auch Uebungen im Segeln fanden häufig Statt, wobei man ſich aber gewöhnlich begnügte, inner⸗ halb des Hafens hin und her zu fahren. Eines Tages jedoch, als ich mich am Bord des Commodore⸗Schiffes befand, wagte die Escadre einen kleinen Streifzug auf das hohe Meer; denn das Wetter war ſchön und— kein Eng⸗ länder im Geſicht. Man kreuzte zwei Stunden lang und kehrte dann, faſt allgemein von der Seekrankheit befallen, in den friedlichen Hafen zurück. Den beſten Erfolg unter allen Uebungen, die vorgenommen wurden, hatten die mit dem kleinen Gewehr, und man erkannte hier den Franzoſen in ſeinem wahren Elemente. Das Manöver, eine Batterie zu ſtürmen, ſah ich eines Morgens, als man am Lande exereirte, mit vorzüglicher Geſchicklichkeit aus⸗ führen. Aus dieſem Wenigen kann man leicht ſchließen, daß Schiffsmann⸗ ſchaften, wie die eben beſchriebenen, nicht geeignet ſind, engliſchen Seeleuten an die Seite geſtellt zu werden. Es iſt indeß nicht zu läugnen, daß Frankreich vortreffliche Seemänner hatte, bevor es dieſelben, während des Krieges, durch die häufigen Gefechte, durch die Wegnahme der Schiffe und noch mehr durch die vielen Auswanderungen, die zur Vermeidung des Marinedienſtes Statt fanden, nach und nach einbüßte. Der Grund, warum die Engländer faſt in jedem Gefecht, ſowohl zwiſchen ganzen Flotten als einzelnen Schiffen, ſiegten, iſt daher nicht in ihrer vorzüglichern Geſchicklichkeit, ſondern hauptſächlich in ihrem ruhigen, feſten, dem franzöſiſchen ganz entgegengeſetzten Charakter zu ſuchen, der ganz für den Seemann geſchaffen ſcheint. Ein anderer Grund 233 dieſer Ueberlegenheit der Engländer liegt in ihrer ſtrengen Mannszucht und in der bewundernswerthen Ordnung, die den Gang ihres Seeweſens leitet. Auf den franzöſiſchen Schiffen herrſcht hingegen eine größere Freiheit und daher auch ein größerer Mangel an der gehörigen Ordnung. Ich bemerkte z. B., daß man dieſelben zwar äußerlich in gutem Stande hielt, im Innern aber ziemlich vernachläſſigte; und ungeachtet die Verdecke, wie bei den Engländern, jeden Morgen geſcheuert und aufgeräumt wurden, ſo waren ſie doch ſchon eine Stunde nachher wieder in dem vorigen Zuſtande. Als ich eines Tages auf der Fregatte Gloire mich befand, gab der Kapitän den Befehl, einen gewiſſen Verſuch mit den Kanonen anzuſtellen. Es wurde dazu ein Apparat erfordert, den man in einem beſondern Behältniſſe der Pulverkammer verwahrte. Allein, der Oberkanonier hatte den Schlüſſel verlegt, weßhalb er das Verlangte nicht ſchaffen konnte. Dieſe Nachläſſigkeit würde auf den engliſchen Schiffen als ein grobes Verſehen geahndet worden ſein; hier hatte es weiter keine Folge, als daß das Experiment auf eine andere Zeit verſchoben wurde. Man kann leicht begreifen, von welchem Nachtheil ſolche Unachtſamkeit und ſolche Nachſicht gegen dieſelbe für ein Kriegsſchiff ſein kann; und es iſt ausgemacht, daß Verſehen dieſer Art oftmals den Ausgang eines Treffens entſchieden haben. Ueberdem findet ſich in der franzöſiſchen Marine manche fehlerhafte Einrich⸗ tung. So bemannt man z. B. die Schiffe faſt noch einmal ſo ſtark, als in England geſchieht. Dieß dient zu nichts, als die Menſchen müßig und träge und beim Arbeiten einander hinderlich zu machen, ſo wie im Gefecht die Zahl der Todten und Verwundeten und die allgemeine Verwirrung zu vermehren. Auf eine Beſchreibung von L'Orient und ſeinen Umgebungen, die als ſehr angenehm geſchildert werden, muß ich Verzicht thun; denn ob ich ſchon, da unſer Schiff nicht weit vom Lande lag, öfters die Stadt beſuchte, ſo traf ſich's doch immer, daß Regenwetter mich nöthigte, meinen Aufenthalt auf Wirthshäuſer zu beſchränken. Die unbedeutenden Bemerkungen, welche ich in dieſen Oertern ſammelte, will ich mit Stillſchweigen übergehen. Doch kann ich nicht umhin, des Umſtandes zu gedenken, der mir das Kaffeehaus„au bon gout“ merkwürdig machte. Eines Nachmittags fand ich hier einen jungen Mann, der zwar nur gemeiner Soldat, aber wegen ſeiner guten Abkunft und höhern Geiſtesbildung bei den vornehmſten Einwohnern der Stadt wohl⸗ gelitten war. Er hatte der Schlacht bei Jena beigewohnt und auch an den übrigen Begebenheiten jenes Feldzugs Theil genommen; und gegenwärtig waren ſeine in Deutſchland gemachten Erfahrungen der Gegenſtand, worüber er mit den Anweſenden ſprach. Sein Vortrag war blühend, und die Urtheile, die er fällte, trugen das Gepräge eines ſcharfen und unparteiiſchen Beobachters. 234 Als ihn der Gang der Erzählung nach meiner Vaterſtadt führte, brach er, von Enthuſiasmus ergriffen, in eine weitläufige Lobeserhebung aus; denn er hatte dort glückliche Tage verlebt, und die Natur wie die Menſchen in einem gün⸗ ſtigen Lichte erblickt. Man kann leicht denken, daß ich mit Vergnügen zuhörte, aber von dem Grade desſelben können ſich nur diejenigen meiner Leſer eine richtige Vorſtellung machen, die auf ihren Reiſen im Auslande ein patriotiſches Herz, gleich dem meinigen, mit ſich herumtrugen. 6. Wir treten die Reiſe nach Isle de France an. Vorfälle, die den Charakter unſerer Mannſchaft bezeichnen. Eine ſeltſame Flotte. Madeira. Teneriffa. Die engliſche Fregatte.— Gluͤckliche Flucht nach dem Senegal. Wir wurden mit den Geſchäften in L'Orient nach vierzehn Tagen fertig. So ſchwer dem Herrn Dupois die Trennung von der Loire gefallen war, ſo leicht ward es ihm, den Hafen dieſer Stadt zu verlaſſen; denn unſer Oiſeau erregte hier nicht die gehoffte Bewunderung, weil er, trotz ſeiner Schönheit, neben den prächtigen Kriegſchiffen ſehr verlor. Dem zu Folge traten wir am 11. Januar(1808) die Reiſe nach Isle de France ohne weitern Aufſchub an. Geführt von friſchem Winde, ſteuerte man in gerader Richtung weſtwärts, um aus der Nähe des Feſtlandes zu kommen, wo die Engländer am meiſten zu fürchten waren. Schon nach einigen Stunden verſchwand die Küſte aus un⸗ ſerem Geſicht, und bei Einbruch der Nacht lag L'Orient zehn Meilen weit im Rücken. Während der vorangegangenen Küſtenfahrt hatte die Schiffsmannſchaft keine heftigen Anfälle von der Seekrankheit gehabt, weil die Wellen, wegen der geringern Tiefe des Waſſers, nicht hoch gingen, und man überdieß von einer Zeit zur andern ſich im Hafen erholte. Aber jetzt, als die Fläche des Meeres zu Bergen anſchwoll, und das Schiff von den Wellen hin und her geworfen wurde, brach das Uebel gewaltſam unter der Mannſchaft aus. Den Kapitän, den Bootsmann, die Dänen und mich ſelbſt ausgenommen, blieb niemand unangefochten. Daher verſtrichen die erſten beiden Tage nach der Abfahrt ziemlich unangenehm; doch am dritten genaſen die Kranken und er⸗ langten für die ganze übrige Reiſe eine dauerhafte Geſundheit. Nur den Herrn Dupois verließ das Uebel nicht; vielmehr ſtand er bei den Mitteln, die er anwendete, in Gefahr, nie davon befreit zu werden. Er lag nämlich beſtändig im Bette, und machte häufig Gebrauch von Hoffmann's Tropfen, von China⸗ eſſenz und ähnlichen Arzneien, womit er ſich im Ueberfluſſe verſehen hatte. 235 Dabei befand er ſich, dem Anſcheine nach, vollkommen wohl; er konnte eſſen, trinken und ruhig ſchlafen. So oft er aber aufſtehen oder nur ſich aufrichten wollte, kehrten die krankhaften Zufälle zurück, die ihn wieder zum Liegen nöthigten; denn bei der Seekrankheit wirken alle bisher bekannte Gegenmittel bloß palliativ, und ſie läßt ſich nur durch ſich ſelbſt beſiegen. Auf meine Vorſtellung unterwarf er ſich endlich der einfachen Heilmethode, die ich im erſten Bändchen meiner Reiſen beſchrieben habe, und die hauptſächlich darin beſteht, immer in freier Luft und in Thätigkeit zu bleiben, übrigens aber der Natur freien Lauf zu laſſen. Schon nach 24 Stunden war Dupois herge⸗ ſtellt; er konnte in kurzem auf dem ſchaukelnden Schiffe mit Appetit ſpeiſen und ganz nach ſeiner Bequemlichkeit leben. Nachdem man drei Tage lang ununterbrochen weſtwärts geſegelt war, befand ſich das Schiff zwar noch unter dem Breitengrade von L'Orient, aber gegen 100 Meilen von dieſer Stadt entfernt. Erſt jetzt begannen wir die eigentliche Fahrt nach unſerer Beſtimmung anzutreten, und, wie alle Oſt⸗ und Weſtindienfahrer, nach der Inſel Madeira zu ſteuern. Wir rückten nun einige Tage ſchnell gegen Süden fort, und bemerkten eine große Veränderung in der Milde der Luft und in der Tageslänge. Hierauf folgte ein unange⸗ nehmer Zeitraum, während deſſen widrige und heftige Winde mit ſtarken Regengüſſen und gefährlichen Stillen abwechſelten. So lange man auf dem Meere gutes Wetter hat, läßt ſich der geſchickte Seemann vom ungeſchickten ſchwer unterſcheiden, indem jener ſeine Geſchicklich⸗ keiten wenig zeigen, dieſer hingegen ſeinen Mangel daran leicht verdecken kann. Schlechtes Wetter dagegen iſt der wahre Prüfſtein der Seeleute, und noch nie hatte ſich unter unſerer Mannſchaft ein ſo auffallender Unterſchied gezeigt, als es damals der Fall war. Die däniſchen Matroſen verrichteten im Sturm wie im Regen, und mitten unter den überſtürzenden Wellen gleichgültig und ſogar fröhlich ihre Arbeit. Eine ganz verſchiedene Rolle ſpielten die meiſten fran⸗ zöſiſchen. Dieſe benutzten jede Gelegenheit, ſich vor der ſchlechten Witterung zu verbergen, und krochen, wenn ſie verlangt wurden, zaghaft und mißmuthig aus den Winkeln hervor. Nicht ſelten, beſonders bei Nacht hatte man Mühe, ſie aufzufinden und wenn es nothwendige Arbeiten gab, zuſammen zu bringen. Dieſe Unart fiel dem beſſern Theile der Mannſchaft ſehr zur Laſt und bewog die Vorgeſetzten, vor allen den Bootsmann, ſtrenge Maßregeln dagegen zu ergreifen. Ich ſah öfters, wie er Leute, die ſich unter den Booten, in der Küche und andern Schlupfwinkeln verſteckt hielten, mit Stöcken, oder in Ermangelung derſelben, mit ſeinem abgenommenen hölzernen Beine hervor⸗ trieb und zum Gehorſam zwang. Ueberhaupt verging eine geraume Zeit, ehe der franzöſiſche Theil der Mannſchaft ſich auf ſeemänniſchen Fuß einrichtete und in eine erträgliche Ord⸗ nung kam. Der Koch z. B. verdarb täglich das Eſſen, indem er es weder vor dem Umfallen, noch vor dem hinein ſpritzenden Seewaſſer, oder der vom Winde aufgeblaſenen Aſche zu ſchützen wußte. Die Handwerker konnten nichts zu Stande bringen, weil ihnen die ungewohnte Bewegung des Schiffes hinderlich war. Den Matroſen fiel es ſchwer, auf den ſchwankenden Maſten zu ſtehen, und, ſtatt ſich anzuhalten, die Hände frei zu bewegen und Arbeiten zu ver⸗ richten. Doch erlangten ſie, vermöge der den Franzoſen eigenthümlichen Ge⸗ wandtheit, nach und nach eine außerordentliche Geſchicklichkeit im Klettern. Weniger bedeutend waren die Fortſchritte, die ſie im Arbeiten machten. An Genauigkeit, worauf bei der Schifffahrt ſo viel ankommt, waren ſie ſchwer zu gewöhnen, und man mußte ihnen, um ſicher zu gehen und nicht Gefahr zu laufen, immer einen Dänen an die Seite ſtellen. Der Unterſteuermann und der Bootsmann, die ich ſchon oben als tüchtige Männer geſchildert habe, zeigten indeſſen viel Eifer, ihre Untergebenen zu tüchtigen Seeleuten zu machen. Beſonders gab der letztere genau auf alles Acht, was ſie verrichteten, und unterließ ungeachtet ſeiner Gebrechlichkeit nicht, ihnen zuweilen bis auf die höchſten Maſtſpitzen zu folgen. Es gewährte einen ſeltſamen und rührenden Anblick, wenn dieſer bedauernswerthe Mann ſein hölzernes Bein ablegte und ſich am Tauwerk hinauf arbeitete, was jedoch dem Anſcheine nach ohne große Anſtrengung geſchah. Ich erwähne beiläufig, daß er oft gegen mich äußerte: „er habe keine Urſache, den Verluſt ſeines Beines zu bedauern, denn er ſei zuvor eben ſo leichtſinnig und flatterhaft, wie alle ſeine Landsleute geweſen.“ Die guten Eigenſchaften, wodurch die däniſchen Matroſen vor den übrigen ſich auszeichneten, erwarben ihnen ein gewiſſes Anſehen bei der ganzen Schiffs⸗ mannſchaft und die Wörter„Dänen“ und„geſchickte Leute“ wurden bald gleichbedeutende Ausdrücke. Es konnte daher nicht fehlen, daß ſie ein großes Uebergewicht über ihre Cameraden bekamen und bei jeder Gelegenheit die Rolle der Anführer, Lehrmeiſter oder Rathgeber ſpielten. Uebrigens bildeten ſie eine Geſellſchaft für ſich, die eine beſondere Kammer bewohnte, ihren eigenen Tiſch führte und auch andere Vorrechte genoß. So wie es viel Mühe koſtete, das franzöſiſche Schiffsvolk in der Arbeit zu üben, eben ſo ſchwer hielt es auch, ſie von Gewohnheiten abzubringen, die nur für den Landbewohner paſſen. Dahin gehörte z. B. der Gebrauch der hölzernen Schuhe. Der Leſer kann leicht denken, was für ein immerwährender Lärm dadurch verurſacht wurde; ja in der Nacht, wenn der wachhabende Theil auf dem Verdecke hin und her ging, vernahm man in den darunter befindlichen 237 Gemächern ein Getöſe, das dem einer Klappermühle glich. Dieſe Schuhe hatten aber auch ſehr weſentliche Nachtheile. Die Leute konnten nicht einmal ſicher ſtehen, noch weniger ſich mit Leichtigkeit bewegen, und mußten, wenn ſie auf die Maſten beordert wurden, anſtatt augenblicklich hinauf zu ſpringen, erſt die unbehülfliche Fußbekleidung ablegen, was die Ausführung des gege⸗ benen Befehls oft ſehr verzögerte. Ueberdieß gaben ſie nicht ſelten Veran⸗ laſſung, daß Zank und Streit entſtand, weil man ſie, wegen ihrer Gleichför⸗ migkeit, nicht von einander unterſcheiden konnte und deßhalb leicht verwechſelte. Dieſe läſtigen Artikel wurden endlich auf eine drollige Weiſe verbannt. Die franzöſiſchen Seeleute begaben ſich eines Tages, um die Ladung beſſer zu packen, in den Schiffsraum, und ließen beim Hinabſteigen ihre Schuhe, in Reihen geſtellt, oben ſtehen. Die däniſchen, welche auf dem Verdecke blieben, beſchloſſen, dieſelben über Bord zu werfen, zu gleicher Zeit aber die Eigen⸗ thümer durch einen Spaß für den Verluſt zu entſchädigen. Sie verſahen die Schuhe mit Maſten und Segeln, und ſetzten ſie dann, in Schiffchen verwan⸗ delt, auf das Waſſer. Der Wind wehte leiſe aus Südweſten, das Meer ging nicht hoch, und die gegen fünfzig Segel ſtarke Flotte rückte in guter Ordnung nordöſtlich fort. Man rief ſodann den Arbeitern im Raume zu:„es wären nach Frankreich ſegelnde Schiffe in Sicht.“ Die ganze Menge ſtürzte neu⸗ gierig auf das Verdeck und ſtaunte mit ſtarren Blicken die ſeltſame Flotte an, bis ſte endlich ihr verlornes Eigenthum erkannten. Die Dänen hatten ſich jedoch nicht geirrt; ein Spielwerk vermag viel über Franzoſen. Der erlittene Verluſt wurde leicht verſchmerzt, und hatte nichts als Scherz und Gelächter zur Folge. Herr Dupois, den der Vorfall höchlich ergötzte, theilte dabei einige Flaſchen Branntwein aus, um ſie, wie er ſagte,„auf das Wohl der in's Vaterland zurückkehrenden Landsleute zu leeren.“ 8 Ich kann indeſſen nicht verſchweigen, daß Herr Dupois, ſo luſtig er ſich auch über die hölzernen Schuhe machte, ſelbſt manche, für den Seereiſenden unſchickliche Gewohnheiten beibehielt, die ihn den allgemeinen Gelächter würden Preis gegeben haben, wenn ihn nicht ſeine Stellung dagegen geſchützt hätte. Wie lächerlich iſt es z. B. ſchon auf dem Lande, wenn man Leute, die nie ein Pferd beſteigen, geſpornt ſieht;— es läßt ſich daher leicht denken, was für eine Figur Herr Dupois an Bord ſpielte, da er einige Wochen nach der Ab⸗ fahrt noch beſtändig Sporen trug, und den Entſchluß, dieſelben abzulegen, nicht eher faßte, als bis ſie vom Seewaſſer mit Roſt überzogen und völlig verdorben waren. So wenig uns auch das Wetter eine Zeit lang begünſtigte, ſo überwand doch der kühn ſegelnde Oiſeau jedes Hinderniß, und kam nach vierzehn Tagen, 238 mit Wind und Wellen kämpfend, glücklich in die Nähe der Inſel Madeira. Dieſe Gegend ſchien die Grenze des europäiſchen Winters zu machen. Die grauen Wolken am Himmel verſchwanden, es umfing uns eine warme Sommer⸗ luft und die Vorboten des Wendekreiſes, Delphine, Tropikvögel und fliegende Fiſche begannen ſich zu zeigen. Wir erreichten die Inſel Madeira mit ihrer Gefährtin Porto Santo am 27. Januar. Der Anblick der letztern rief manche unangenehme Erinnerungen in mir zurück; doch zogen die Reize der erſtern, bei welcher wir dicht vorüber ſchifften, meine Blicke freundlich an und zerſtreuten die trüben Gedanken. Wunder⸗ voll ſchön ſind die Anſichten ihrer fruchtbaren, immer grünenden Hügel, welche mit den herrlichſten Gewächſen Europa's und Afrika's prangen. Ueberall er⸗ heben ſich prächtige Landhäuſer, die Reichthum und Ueberfluß verkünden; und die Städte Funchal und Do⸗Sob breiten ſich am Geſtade, wie auf Teppichen, romantiſch aus. Das Ganze wird vom Geſang unzähliger Vögel belebt und von einem Luftkreiſe umgeben, der mit den Wohlgerüchen eines üppigen Pflanzen⸗ reichs angefüllt iſt.— Bei welchem Reiſenden, der dieſes Paradies erblickt, entſteht nicht der Wunſch, zu landen und der dargebotenen Genüſſe theilhaftig zu werden? Auch in uns ſtieg er lebhaft auf, aber der Anblick der gefürchteten engliſchen Flagge, die überall an den Küſten hervorragte, drückte ihn mächtig danieder. Wir hatten in der Gegend von Madeira ſehr veränderlichen Wind, aber kaum war das Eiland im Rücken, ſo empfing uns ein friſcher Nordoſt, der Paſſatwind. Unſere Fahrt ging nun ſchnell von Statten, und am folgenden Morgen ſtieg Teneriffa, nebſt der ganzen kanariſchen Inſelgruppe, aus dem Meere vor uns auf. Bei Teneriffa ſegelten wir nahe vorbei. Dieſe Inſel ge⸗ währt einen unbeſchreiblich majeſtätiſchen Anblick. Sie bildet eine Maſſe von ungeheuern Bergen und Felſen, wovon viele ſenkrecht in die Höhe ſteigen und einige in das Meer zu ſtürzen ſcheinen. Am Fuße derſelben bemerkt man hier und da Höhlen, welche den Guanchen— Urbewohnern der Inſel, die von den ſpaniſchen Eroberern vertilgt wurden— zu Begräbnißplätzen dienten. Aus dem Mittelpunkte erhebt ſich der bekannte feuerſpeiende, über 11000 Fuß hohe Berg, Pico de Teyde oder Pico de Terraira genannt. Er iſt bei heiterem Wetter in einer Entfernung von 47 franzöſiſchen Meilen ſichtbar. Wir erblickten ihn in ſeiner völligen Größe, was ein ſeltener Fall und oft ſogar denjenigen nicht vergönnt iſt, die blos in der Abſicht, den berühmten Vulkan zu ſehen, nach Teneriffa kommen und dort Monate verweilen; denn gewöhnlich umhüllen den oberen Theil Nebel, Rauch und Wolken. Heute war der Luftkreis um ihn völlig rein, er ſelbſt er⸗ ſchien in der tiefſten Ruhe, ohne alle vulkaniſche Ausbrüche, und der mit Schnee 239 7. und Eis bedeckte Gipfel glänzte im Sonnenſtrahl, auch dann noch, als die Inſel ſchon in Finſterniß gehüllt war. Ungeachtet der felſigen Beſchaffenheit des Eilandes trifft man doch viele Thäler an, deren Boden fruchtbar und auch ziem⸗ lich gut angebaut iſt, obſchon die Erzeugniſſe denen von Madeira weder an Menge, noch an Güte beikommen. Uebrigens genießt Teneriffa in Hinſicht des Handels beträchtliche Vorzüge, die ihm durch ſeine günſtige Lage in der Mitte der übrigen Inſeln verliehen werden. Am Abend, nachdem wir die Kanariden verlaſſen hatten, zeigte ſich plötz⸗ lich hinter uns ein Segel, welches aus einem ihrer Häfen zu kommen ſchien. Es rückte ſchnell näher und wurde bald für eine engliſche Fregatte erkannt, die Beiſegel geſetzt und alle Anſtalten, auf uns Jagd zu machen, getroffen hatte. Meine Leſer können leicht denken, wie unangenehm dieſer Anblick auf unſere Franzoſen wirkte. Dazu kam der ungünſtige Umſtand, daß wir noch nie Bei⸗ oder Leeſegel geführt hatten, weßwegen ein großer Theil unſerer Leute nicht im mindeſten damit umzugehen wußte. Doch, Dank unſern Dänen! Sie trafen ſtillſchweigend die nöthigen Vorkehrungen, um die Zahl der Segel zu ver⸗ mehren, was die beherztern ihrer franzöſiſchen Gefährten zur Theilnahme an der Arbeit ermunterte. Aber die Fregatte näherte ſich wie im Fluge, und war in Stimmweite von uns, ehe man es vermuthete. Wir mußten beilegen. Der Unterſteuermann zog jedoch die amerikaniſche Flagge auf und beantwortete die Fragen der Engländer ſo geſchickt, daß ſie geneigt ſchienen, uns für Unter⸗ thanen der vereinigten Staaten zu halten. Dennoch aber ſetzten ſie eine Scha⸗ luppe aus, um unſere Papiere zu unterſuchen. Mittlerweile waren die Beiſegel bis zum Aufziehen fertig geworden, und während die Schaluppe heranruderte, drehte man das Schiff, füllte die Segel und brachte die Beiſegel an. Alle dieſe Handlungen folgten außerordentlich ſchnell auf einander, und ſelbſt die Muth⸗ loſeſten unter uns verrichteten, durch die Noth angefeuert, Wunder der Thätig⸗ keit. Unſer Oiſeau gerieth nun augenblicklich in die flüchtigſte Bewegung, und gewann einen mächtigen Vorſprung vor der feindlichen Fregatte, die auf unſere Flucht nicht vorbereitet ſchien und überdieß, ehe ſie nacheilen konnte, das Boot wieder einnehmen mußte. Sie ſchickte uns allerdings einige tüchtige, jedoch fehl⸗ gehende Kanonenſchüſſe nach, ſtellte aber, als ſie wieder unter Segel war, das Feuern gänzlich ein, weil ſie dadurch der Schnelligkeit ihrer Fahrt geſchadet haben würde. Dagegen unterhielten wir mit den hinterſten Achtzehnpfündern ein lebhaftes Feuer, was die Geſchwindigkeit unſeres Schiffes noch mehr be⸗ förderte. Dem Anſcheine nach fügten wir den Engländern nicht unbeträchtlichen Schaden zu; denn ſie waren öfters beſchäftigt, Veränderungen mit ihren Se⸗ geln vorzunehmen. Deſſen ungeachtet würde uns die Fregatte durch Entziehung 240 des Windes, weil er von hinten wehte, bald wieder erreicht haben, hätte nicht derſelbe zum Glück ſeine Richtung ſeitwärts verändert. Wir ſegelten nun einige Stunden, ohne vor unſern Verfolgern bedeutend voraus zu kommen, oder von ihnen eingeholt zu werden, bis man endlich auf neue Mittel ſann, die Flucht zu beſchleunigen. Es iſt unglaublich, wieviel Umſtände dazu beitragen können, den Lauf eines Schiffes zu fördern. Vermehrung der Segel allein iſt nicht immer hin⸗ reichend; im Gegentheil ſchadet oft die allzu große Mengederſelben. Die Haupt⸗ ſache beruht vielmehr auf der gehörigen Vertheilung der Ladung, und beſonders auf der Genauigkeit im Steuern. Es gibt aber auch eine Menge kleiner Neben⸗ umſtände, welche, ſo unbedeutend ſie ſcheinen, großen Einfluß haben und die Anfmerkſamkeit des Seemanns erheiſchen. So wird der Lauf eines Schiffes z. B. ſchon dann verſtärkt, wenn man einem andern in demſelben Fahrwaſſer, das es durchſchnitten hat, nachſegelt. Oft verliert es an ſeiner Schnelligkeit bloß dadurch, weil die Waſſerfäſſer auf einer Stelle leer und auf der andern noch voll ſind, weil eine Lücke in dem Brennholze oder den Mundvorräthen ent⸗ ſtanden iſt, oder irgend etwas eine kleine Unregelmäßigkeit in der Lage des Schiffes hervorgebracht hat. Ja, ich befand mich einmal auf einem Fahrzeuge, deſſen Segelkraft ſehr davon abhing, ob die Mannſchaft auf dem vordern, oder dem hintern Theile des Decks ſich aufhielt. Ueber alle dieſe kleinen Umſtände laſſen ſich jedoch keine beſonderen Regeln feſtſetzen; jedes Schiff hat hierin ſeine Eigenheiten,— Mucken, wie die Matroſen ſagen— die jedesmal geprüft wer⸗ den müſſen und dem Seefahrer ein weites Feld zu Beobachtungen öffnen. Wie wichtig übrigens dieſer Gegenſtand iſt, erhellt deutlich, wenn man erwägt, daß es auf die Dauer einer weiten Reiſe großen Einfluß hat, ob man in einer Stunde ½ oder ½¼ Meile mehr oder weniger zurücklegt. Doch um von meinem Zwecke nicht zu weit abzukommen, füge ich nur die Bemerkung hinzu, daß damals auf unſerem Schiffe kein Mittel, ſeine Schnel⸗ ligkeit zu vermehren, für beſſer befunden wurde, als die vorderſten Kanonen nach hinten zu bringen, ſowie das Tauwerk des Vormaſtes abzuſpannen und ihm dadurch ein freieres Schwingen zu geſtatten. Sobald dieß geſchehen war, warf man das Log, und fand ein Verhältniß, nach welchem unſere Fahrt inner⸗ halb vier Stunden funfzehn Meilen gewann, was zuvor, obſchon bei gleichem Winde, nur dreizehn betragen hatte. Wir ſegelten auf die beſchriebene Weiſe ununterbrochen die Nacht hindurch, und erblickten am Morgen die Fregatte ungefähr zwei Meilen weit im Rücken. Dieſer gewaltige Vorſprung verwandelte die Aengſtlichkeit unſerer Franzoſen in die ausgelaſſenſte Freude; ja, ihr Uebermuth ſtieg in kurzem ſo hoch, daß ſie, zum Zeichen des Spottes, die franzöſiſche Flagge mit der engliſchen darunter aufzogen, worüber die gleichmüthigern Dänen herzlich lachten. Der Feind blieb jedoch, ob er ſchon immer weiter zurückgelaſſen wurde, den ganzen Tag im Geſicht, weßhalb unſere Anſtrengung nicht erſchlaffen durfte; und erſt am dritten Tage war die Gefahr, ihm in die Hände zu fallen, völlig verſchwunden.— Man kann hieraus einen Schluß auf die vorzügliche Bauart unſeres Oiſeau und überhaupt der franzöſiſchen Schiffe machen; denn es iſt für Kauffahrer eine ſchwere Aufgabe, engliſchen Kriegſchiffen auf offenem Meere zu entrinnen. Während der Flucht— am 31. Januar— war der Vendekreis des Krebſes durchſegelt worden. In der Unruhe, worin wir uns befanden, hatte man die bekannte, dort gewöhnliche Meertaufe unterlaſſen, dennoch aber nichts weniger als vergeſſen oder aufgegeben. Kaum war der Engländer verſchwunden und einige Ruhe auf dem Schiffe zurückgekehrt, ſo trugen die ältern Matroſen darauf an, die verabſäumte, für ſie ſo wichtige Feierlichkeit nachholen zu dürfen. Allein, zu ihrem großen Verdruß zeigte ſich jetzt manche Beſchädigung der Maſten, Segel und Taue, welche die angeſtrengte Fahrt verurſacht hatte, daher man keine Zeit behielt, auf dergleichen Poſſen zu denken, ſondern dieſelben auf andere Gelegenheit verſchieben mußte. Unter andern machte man die unangenehme Entdeckung, daß der Haupt⸗ maſt am obern Theile geſprungen war. Dieſem Uebel half man zwar für den Augenblick durch einen Verband mit ſtarken Tauen ab, aber die Vorſicht gebot, ſo bald als möglich beſſere Maßregeln zu ergreifen, und den Maſt entweder gegen einen neuen zu vertauſchen, oder wenigſtens mit eiſernen Ringen zu be⸗ legen. Da beides nur in einem Hafen geſchehen konnte, ſo wurde zu dem Ende beſchloſſen, nach der franzöſiſchen Colonie im Senegal zu ſteuern. Wir befanden uns bereits auf der Höhe des weißen Vorgebirges, und bald wurden die Küſten der Sahara oder großen Wüſte ſichtbar. Während der Nacht, als der Oberſteuermann die Wache hatte, wären wir durch die Unvor⸗ ſichtigkeit dieſes Offiziers beinahe auf die bekannte Sandbank gerathen, auf welcher vor einigen Jahren die franzöſiſche Fregatte Meduſa ſtrandete. Doch ein guter Geiſt führte den Unterſteuermann zur rechten Zeit auf's Verdeck, um die Gefahr zu entdecken und von uns abzuwenden. So gelangten wir am 4. Februar in die Nähe der Länder am Senegal. Allein hier erwartete uns noch ein unangenehmes Ereigniß. Das Schiff gerieth in einen Strich von Waſſer⸗ wänden, einer Art Wellen, welche, gleich einer Mauer, viele Fuß hoch in die Höhe ſteigen, endlich zerreißen und in ſich zuſammen ſtürzen; ſie ſind in der dortigen Gegend eine ſehr gewöhnliche Erſcheinung, deren Urſache in dem un⸗ Richter's Reiſen. I. 16 242 gleichen Boden des Meeres liegt. Ihre Fluthen bedeckten uns innerhalb einer halben Stunde mehr als zwanzigmal. Deſſen ungeachtet langten wir ohne be⸗ trächtlichen Schaden vor der Mündung des Senegal an. Dieſer reißende Strom führt vielen Sand mit ſich, den das Meer gegen die Küſte zurück wirft. Es iſt daher am Ausfluſſe eine Bank entſtanden, die nur kleinern Seeſchiffen einzulaufen geſtattet. Dem zu Folge ankerten wir auf der Rhede, wo ſich außer einigen franzöſiſchen Kauffahrern, auch amerikaniſche befanden. 7. Der Verfaſſer fährt nach St. Louis, dem Sitze der franzöſiſchen Colonie. Die Einfahrt in die Mündung des Senegal. Anſichten der beiderſeitigen Ufer— die im Strome liegenden Inſeln. Ankunft und kurzer Aufenthalt auf St. Louis. Bewohner und Handel dieſer Colonie. Wir hatten auf der Rhede des Senegal kaum Anker geworfen, ſo er⸗ ſchienen einige mit Negern bemannte Fahrzeuge, die ſich zum Herbeiſchaffen von Lebensmitteln und zu andern Dienſten erboten. Man nahm eins derſelben in Sold, um dem Schiffe während der Zeit ſeines Hierſeins als Fährboot zu dienen, was um ſo nöthiger war, da die Befahrung des Fluſſes eine beſondere Bekanntſchaft mit demſelben verlangt. Der Kapitän ſchickte ſich augenblicklich an, hinauf nach der Inſel St. Louis, dem Hauptſitze der Colonie, zu gehen, um einen neuen Maſt für unſer Schiff zu beſorgen. Herr Dupois und ich beſchloſſen, ihm Geſellſchaft zu lei⸗ ſten, und ſo fuhren wir alle drei in dem gemietheten Boote der Mündung des Fluſſes zu. Obſchon die Mündung beinahe die Breite einer Meile hat, ſo iſt doch das Fahrwaſſer durch die Sandbank ſehr ſchmal, weßhalb hier der zuſammengepreßte Strom ſeinen Lauf ungemein verſtärkt, und bei ſtürmiſchem Wetter gefährliche, ſelbſt von den Eingeborenen gefürchtete Wellen bildet. Heute waren jedoch die Umſtände ſehr günſtig, und wir kamen mit ſtärkſter Fluth in einigen Augen⸗ blicken durch die ſandigen Stellen. Die Ausſicht, welche ſich bei der Ankunft im Senegal eröffnet, iſt über⸗ raſchend, indem ſie zu gleicher Zeit die gute wie die ſchlechte Beſchaffenheit des afrikaniſchen Bodens ſehen läßt. Zur rechten(am linken Ufer) erblickt man ein Land, das immergrünende Bäume, umgeben von üppigen Gräſereien trägt, das freiwillig verſchiedene Kornarten und ſonſt nützliche Gewächſe erzeugt, und daher Thiere und Menſchen in Menge ernährt. Links(am rechten Ufer) befindet ſich eine unfruchtbare Sandfläche, von welcher die Sonnenſtrahlen brennend 243 zurückprallen; ſie macht eine Fortſetzung der Sahara aus und führt den Namen „Spitze der Berberei.“ Die hier wohnenden Leute werden bloß von der Nähe des Meeres und dem Verkehre mit den Europäern angezogen, was beſonders der Fall mit den Bewohnern eines beträchtlichen, unweit St. Louis entſtandenen Dorfes iſt. Die Spitze der Berberei, von der Mündung des Senegal an gerechnet, bildet eine ſchmale Landenge, die ſich nur allmählich erweitert, indem der Fluß, 25 Meilen weiter oben, ſeine urſprüngliche Richtung von Oſten nach Weſten verläßt und dann, parallel mit der Küſte, ſüdwärts läuft. Die Breite dieſer Landenge beträgt an vielen Stellen kaum eine Viertelmeile, nirgends aber mehr als zwei Meilen. Sie liegt nicht hoch über der Meeresfläche, ſondern hier und da ſo niedrig, daß bei ſtürmiſchem Wetter die Wellen darüber hinbrechen und mit dem Fluſſe ſich vermiſchen; daher es zu verwundern iſt, wie ſie dem Unge⸗ ſtüm des Meeres Trotz bieten kann. 4 f Allem Anſcheine nach erhielt die Spitze der Berberei erſt in ſpätern Zeiten ihren Urſprung, indem ſie durch den herabgeführten Sand gebildet wurde. Sehr günſtig für dieſe Vermuthung iſt die alte, unter den Eingebornen fort⸗ gepflanzte Sage: daß der Senegal einſt ſeinen Ausfluß bei der Inſel Serin⸗ palé, demſelben Punkte, wo er gegenwärtig den ſüdlichen Lauf beginnt, ge⸗ nommen habe. Noch mehr Gewicht erhält ſie durch die neueſten Erfahrungen, nach welchen die Sandmaſſen an der Mündung ſich immer mehr ſammeln und mit dem rechten Ufer vereinigen, weßhalb dieſes in einigen Jahrhunderten eine beträchtliche Strecke vorrücken und das Bett des Fluſſes verlängern dürfte. Man kann die Landſpitze daher unter die merkwürdigen Erſcheinungen zählen, welche die beſtändige Umſtaltung unſerer Erde beweiſen. Eine Meile vom Ausfluſſe des Stroms beginnt eine Gruppe großer und kleiner Inſeln, wovon die vorzüglichſten Babaje und Safal heißen. Sie haben einen ungemein fruchtbaren Boden und erregen durch ihre natürliche Ergiebig⸗ keit, beſonders an Baumwolle, Indigo und Hirſe, die Bewunderung des an⸗ kommenden Fremden. Die erſtere kam im Jahr 1800 in den Beſitz der Com⸗ pagnie, welche ſie von den Eingebornen beſonders deßwegen erhandelte, um Platz für die überhand nehmende Volksmenge auf St. Louis zu gewinnen. Auf der ſüdlichen Spitze des Eilandes befindet ſich ein gut gebautes, mit einer Warte verſehenes Wachhaus, wo wir landen mußten, die Päſſe zu zeigen, und Rechenſchaft von unſerer Ankunft zu geben. Nicht weit von dieſem Gebäude liegen einige hübſche Landhäuſer und viele Negerhütten.— Die Inſel Safal war damals das Privat⸗Eigenthum eines franzöſiſchen Coloniſten, das eben⸗ falls erſt im jetzigen Jahrhunderte den Negern abgekauft wurde. Der Verſuch, 16* 244 außer den einheimiſchen Erzeugniſſen auch die der weſtindiſchen Colonien zu ge⸗ winnen, hat hier einen glücklichen Erfolg gehabt, und man ſieht ſchon blühende Pflanzungen von Zuckerrohr und Cacao. Oben an der Spitze des Archipels, ungefähr fünf Meilen von der Mün⸗ dung des Senegal, zeigt ſich das Eiland Sor(Saure), welches ſchon in weiter Ferne durch die hochſtämmigen Baobabs, Palmen⸗ und Gummibäume die Vor⸗ trefflichkeit ſeines Bodens verkündet. Es hat eine viereckige Geſtalt, und ſein Umfang beträgt wenigſtens fünf Meilen.— Ihm gegenüber, nach der Spitze der Berberei hin, liegt die Inſel St. Louis. Dieſe iſt von unbeträchtlicher Größe und macht, da ſie von Natur eine flache, niedrige Sandmaſſe iſt, einen auffallenden Contraſt mit ihren beglückten Nachbarinnen. Man wirft ſich daher beim erſten Anblick die Frage auf: was wohl für Gründe die Handelsgeſell⸗ ſchaft haben mochte, ſich an einem ſolchen Orte anzuſiedeln? Wie es ſcheint, ge⸗ ſchah es hauptſächlich darum, weil die Eingebornen die Beſitznahme dieſer Inſel am wenigſten ſtreitig machten, und man ſich hier vor ihren Ueberfällen am ſicherſten glaubte. Ueberdem war es der Compagnie nicht um fruchtbaren, der Cultur fähigen Boden, ſondern bloß um einen Marktplatz zu thun, gewiſſe Erzeugniſſe des Landes gegen europäiſche einzutauſchen. Nachdem ich und meine Geſellſchafter auf St. Louis gelandet waren, be⸗ gaben wir uns vor allem nach der dortigen Niederlage für Schiffgeräthe, um einen Maſt für unſer Schiff zu beſorgen. Obgleich keiner von der erforderlichen Beſchaffenheit vorräthig war, ſo gaben uns doch die Aufſeher das Verſprechen, unſer Bedürfniß in wenig Tagen zu befriedigen. Wir wendeten uns hierauf nach dem Mittelpunkte der Stadt, wo auf einem freien Platze einige Kaufleute und Compagnie⸗Beamte verſammelt waren. Unter den letztern fand Herr Du⸗ pois einen Bekannten, von dem er ſehr freundlich empfangen und eingeladen wurde einige Tage bei ihm zuzubringen. Der Kapitän und ich kehrten daher am Abend, als die Ebbe eintrat, allein nach dem Schiffe zurück, nachdem wir die Stadt flüchtig beſehen und einige Erfriſchungen eingekauft hatten. Am Morgen nach meiner Rückkunft von St. Louis war das Wetter vor⸗ züglich ſchön, was Herrn Dupois bewog, ziemlich früh mit ſeinem Freunde auf das Schiff zu kommen, ihm dasſelbe zu zeigen. Ich wurde mit dieſem biedern Manne, deſſen Name Ficher war, ſchnell bekannt und ſogar vertraut, wozu nicht nur die natürliche Offenherzigkeit der Franzoſen, ſondern hauptſächlich der Um⸗ ſtand die Veranlaſſung gab, daß er früher mein Vaterland bereiſt und es lieb gewonnnen hatte. Er machte daher auch mir das freundſchaftliche Anerbieten, bei ihm zu wohnen. Ich nahm es dankbar und freudig an. Sofuhren wir, Ficher, Dupois und ich, Nachmittags bei guter Zeit nach St. Louis ab, wo mir von 245 Seiten der Familie meines gaſtfreien Wirths dieſelbe liebreiche Aufnahme wider⸗ fuhr, die am Tage zuvor Herr Dupois bei ihr gefunden hatte. Da weder der Kapitän, noch die Steuerleute, wegen der gefährlichen Lage, worin ſich unſer Schiff auf der Rhede befand, in der Stadt verweilen konnten, ſo wurde mir der Auftrag ertheilt, auf das Verfahren der Zimmerleute, welche den Maſt für uns verfertigten, Achtung zu geben. Ich war daher während meines Aufenthalts auf der Inſel nicht völlig unabhängig, gewann aber doch ſo viel Zeit, mir einige Kenntniß von derſelben zu verſchaffen. Die Inſel St. Louis— zuweilen vorzugsweiſe Senegal genannt— dehnt ſich in einer länglichen Form von Norden nach Süden aus, ſo daß ſie den Strom in zwei Arme theilt, welche man durch die Namen Oſt⸗ und Weſtfluß unterſcheidet. Jener iſt 320, dieſer 210 Ruthen breit. Die Länge des Eilandes macht 1150 Ruthen aus; die Breite iſt ſehr unbeſtimmt und beträgt an man⸗ chen Stellen 90, an andern 190 und in der Gegend der Stadt 130 Ruthen. Den ganzen Umfang kann man auf eine Meile ſchätzen. Die Oberfläche der Inſel erhebt ſich nur einige Fuß über den Strom, weßhalb ſie zuweilen durch die Ueberſchwemmungen desſelben leidet; doch iſt ſie in der Mitte etwas höher, wodurch der Abfluß des Waſſers befördert wird. Der flache Boden beſteht, wie ich ſchon oben erwähnte, aus Sand, der ſich wenig zum Anbau eignet. Dennoch iſt er nicht völlig unfruchtbar. Man hat einige kleine Gärten angelegt, worin verſchiedene Gemüſe erträglich fortkommen; ja hin und wieder gelingt der Ver⸗ ſuch, Weinſtöcke, Zitronen⸗, Pomeranzen⸗, Kaſtanien⸗, Nuß⸗ und Feigenbäume zu ziehen. Zu den Bäumen, welche man am häufigſten auf St. Louis findet, gehören einige Arten des Mangle⸗(Geſcharr⸗) Baums, beſonders der ſchwarze. Die nördliche Spitze der Inſel iſt großen Theils damit bedeckt. Dieſes Gewächs ge⸗ deiht bloß an den Ufern des Meeres und der Flüſſe. Die einen Viertelzoll dicke Rinde zeichnet ſich durch eine ſchöne braune Farbe, ſowie durch Glätte und Biegſamkeit aus. Unter der äußern Rinde befindet ſich eine dünne, zarte, we⸗ niger braune Haut. Das Holz, welches eine dunkelbraune Farbe hat, iſt von großer Schwere und Härte, läßt ſich jedoch ungemein leicht biegen. Die Blätter gleichen denen des Lorbeers, nur mit dem Unterſchiede, daß ſie kleiner und dicker ſind. Der Stamm erreicht eine mittelmäßige Höhe, wird aber ſelten über einen Fuß dick. Die Aeſte, welche ſehr dicht beiſammen ſtehen, ſind gerade und ohne Knoten; ſie neigen ſich gern auf den Grund, wo ſie Wurzel faſſen und neue Bäume hervorbringen, die ſich auf gleiche Weiſe vermehren. Dieſe Bäume haben einen ſehr ſchnellen Wuchs, und werden, ſo oft man ſie abhaut, durch auf⸗ ſchießende Sprößlinge bald wieder erſetzt. Ihr Holz gibt ein loderndes und 246 kräftiges Feuer, und iſt überdieß ſehr tauglich zum Waſſerbau. Die Rinde dient zum Gerben des Leders.. Etwas weiter von der nördlichen Spitze, gegen Süden hin, liegt ein kleiner Wald von Baobabs, Gummi⸗ und andern Bäumen. Obſchon der Boden aus Sand beſteht, ſo wächſt doch ein kurzes, ſalziges Gras darin, das für Schafe und Ziegen ein angenehmes Futter iſt, ſo wie es ihr Fleiſch unge⸗ mein wohlſchmeckend macht, weßhalb hier von der Compagnie eine ziemliche Anzahl dieſer Thiere gehalten wird. Ich ſah daſelbſt europäiſche und ein⸗ heimiſche Schafe. Sie ſcheinen auf den erſten Anblick zwei ganz verſchiedene Thiergattungen zu ſein, weil die letztern, ſtatt der Wolle, lange ſeidenartige Haare und zum Theil große, ſonderbar geſtaltete Hörner haben. Der Landſtrich, welchen die Mangle⸗Bäume einnehmen, bildet einen be⸗ trächtlichen Moraſt, auch befindet ſich ein kleinerer in der Nähe des genannten Waldes. Hierher pflegt man die auf der Inſel befindlichen Schweine zu treiben, weil ſie naſſe Oerter lieben, und mancherlei ihnen zuträgliches Futter darin finden. Um ihnen zu folgen, bedienen ſich die Hirten einer Art Stelzen, da das Waſſer laugenhaft und beißend iſt. Dieſe Moräſte, von den Franzoſen Marigots genannt, ſind am Tage der Sammelplatz vieler Millionen Mücken, die in der Nacht hervorkommen und ſich über die ganze Inſel verbreiten, daher die Einwohner— wie es auch in einigen Gegenden von Südamerika Sitte iſt,— des Morgens einander nicht fragen:„Wie haben Sie geſchlafen?“ ſondern:„Wie haben die Mücken ſich aufgeführt?“— In ältern Zeiten hat es noch mehr ſolcher Marigots auf St. Louis gegeben; ſie ſind aber, wegen ihres höchſt verderblichen Einfluſſes auf die Geſundheit, nach und nach aus⸗ getrocknet worden. An ſüßem Waſſer herrſcht, wie auf allen benachbarten Inſeln, ein großer Mangel. Es gibt weder Quellen, noch Brunnen, und obſchon das Waſſer des Senegal an ſich gut und trinkbar iſt, ſo wird es doch durch die hochſtei⸗ genden Fluthen verdorben und ſalzig. Da der Strom den lockern und ſan⸗ digen Boden durchnäßt, ſo ſammeln ſich überall, wo man ein Loch von unge⸗ fähr zwei Fuß Tiefe gräbt, die eindringenden Flüſſigkeiten, die auf dem Wege durch die Sandmaſſe einen Theil ihres Salzes abgeſetzt haben. Das auf dieſe Weiſe gewonnene Waſſer ſeihet man durch kanariſche Filtrirſteine, füllt es dann in irdene Krüge, und bewahrt es in beſondern gewölbten Gemächern auf, die der Nordwind beſtreichen und abkühlen kann. Dieß iſt das beßte Trink⸗ waſſer auf St. Louis; und ob es ſchon keine vollkommene Süßigkeit hat, ſo ſind doch niemals Mittel angewendet worden, beſſeres zu erhalten. Sonder⸗ bar, daß die Compagnie in der langen Reihe von Jahren, ſeit welcher ihre 247 Niederlaſſung beſteht, nicht auf den Einfall kam, ausgemauerte Ciſternen an⸗ zulegen und Regenwaſſer darin zu ſammeln. Das Klima iſt für den Europäer äußerſt ungeſund. Der Thermometer fällt, obſchon unausgeſetzt Nord- und Nordoſt⸗Winde wehen, ſelten unter 30 Grad Réaum., daher der Körper durch die beſtändige Ausdünſtung abzehrt und erſchlafft. In der einen Hälfte des Jahres, vom December bis zum Mai, herrſcht die größte Trockenheit, während in der andern die heftigſten Regen⸗ güſſe erfolgen, und der Fluß, gleich dem Nil, die angrenzenden Länder über⸗ ſchwemmt. Dieſe beiden Extreme von Dürre und Näſſe haben die ſchädlichſten Wirkungen auf den Körper und erzeugen gefährliche Krankheiten, vorzüglich Ruhren, hitzige und faule Fieber, was beſonders in der Regenzeit, oder— wie man dort wegen des hohen Waſſerſtandes ſagt,— in der hohen Jahreszeit iſt. Die ſchlechte Beſchaffenheit des Waſſers vergrößert das Uebel, wozu noch der Umſtand kommt, daß man am Senegal nie Aerzte, ſondern immer nur Chirurgen hatte, welche die Natur der hier herrſchenden Seuchen und die Mittel, dieſelben abzuwenden und zu heilen, noch wenig erforſchten. Das Schloß— der Sitz des Gouverneurs,— die Kaſerne und das Hoſpital, welche zunächſt beim Fort liegen, machen die vorzüglichſten öffent⸗ lichen Gebäude der Inſel aus. Die Stadt zieht ſich am weſtlichen Ufer von Süden nach Norden hin. Sie hat viele gut gebaute Häuſer, aber auch viele von Stroh, Rohr oder von Zweigen zuſammengeſetzte Hütten. Die Straßen ſind breit und werden er⸗ träglich rein gehalten. In den meiſten hat man Bäume angepflanzt, wodurch die drückende Sonnenhitze gemildert wird. Der Hafen liegt an der Weſtſeite; er iſt geräumig, ſicher, und hält über⸗ flüſſig Waſſer für diejenigen Seeſchiffe, welche den Strom befahren können. Außer einigen europäiſchen, amerikaniſchen und einheimiſchen Kauffahrern, ſah ich hier viele Fahrzeuge der benachbarten Negerſtaaten, die zum Theil in aus⸗ gehöhlten Baumſtämmen beſtanden und durch ihr ſonderbares Takelwerk, ſo wie durch die auffallenden Geſtalten ihrer Flaggen, mein Augenmerk auf ſich zogen. Die Barken, womit die Compagnie ihre Handelsreiſen nach den obern Gegenden des Fluſſes unternimmt, waren größten Theils abweſend. Während meines dor⸗ tigen Aufenthalts kamen einige mit Tigerfellen und Elfenbein beladen zurück. Die Einwohner auf St. Louis beſtehen, außer den franzöſiſchen, aus Mulatten und Negern. Ihre Anzahl iſt, trotz der geringen Größe und ſchlech⸗ ten Beſchaffenheit der Inſel, ſehr bedeutend und beſtändig im Steigen, weil die Neger nicht nur durch den Verkehr mit den Franzoſen, ſondern auch durch eine beſondere Vorliebe für dieſelben herbeigezogen werden. Die meiſten derſelben bekennen ſich zum Muhamedismus; doch ſind viele zum Chriſtenthum übergetreten. Dieß würde, da die zeremoniellen Gebräuche der katholiſchen Kirche großen Eindruck auf die ſinnlichen Neger machen, weit häufiger der Fall ſein, wenn ſie nicht durch das Geſetz, auf Ein Weib ſich zu beſchränken, davon abgehalten würden, worin überhaupt die vorzüglichſte Ur⸗ ſache liegt, warum die chriſtliche Religion ſchwerer, als die muhamedaniſche, bei den feurigen Bewohnern der heißen afrikaniſchen und aſiatiſchen Länder Eingang findet. Der Hang zur Vielweiberei iſt bei den Negern auf St. Louis ſo ſtark, daß ſelbſt diejenigen, welche den Glauben Muhameds abgeſchworen haben, derſelben nicht entſagen. Es herrſcht hier indeß die größte Duldſam⸗ keit, und nirgends ſtehen beide Religionen in ſo ſchweſterlicher Eintracht neben einander. Die katholiſchen Feſttage werden auch von den Moslemins in Ehren gehalten; denn es ruhen dann alle Geſchäfte. Das vorzüglichſte Gewerbe der farbigen Einwohner beſteht im Handel mit den Lebensmitteln, die ſie vom Feſtlande beziehen. Einige beſchäftigen ſich damit, daß ſie die Güter der Compagnie auf dem Strome und längs den Küſten hin und her ſchaffen. Andere laſſen ſich zu Dolmetſchern und Unter⸗ händlern im Verkehr mit dem Feſtlande brauchen. Viele leben auch bloß davon, daß ſie ihre Sklaven, die man in großer Menge hält, auf den europäiſchen Schiffen zur Arbeit verdingen. Außer Fiſchern, Maurern, Zimmerleuten und V einigen Schmieden, giebt es wenig Handwerker. Künſte werden, mit Aus⸗ nahme der Muſik, gar nicht getrieben. Die Mulatten reden durchgehends franzöſiſch, ſelbſt im Umgange mit ihren Familien. Auch die meiſten Neger verſtehen und ſprechen es, ziehen jedoch, wenn ſie unter ſich ſind, ihre Mutterſprache vor. Die jaloffiſchen Mundarten hört man am häufigſten, nebenbei aber auch von dieſen ganz ab⸗. weichende Sprachen, was beſonders der Fall unter den Sklaven iſt, da ſie von ſehr verſchiedenen Völkern abſtammen.’3 Europäiſche Sitten finden unter den Negern große Verehrer, und viele der reichern Familien ſind hierin von den Franzoſen nicht zu unterſcheiden. Beſonders zeigt ſich in der Kleidung eine affenartige Liebe zur Nachahmung,. und obſchon die Aermern gewöhnlich nichts als baumwollene Beinkleider und Hemden tragen, ſo erſcheinen ſie doch an Feſttagen in vollkommenen europäiſchen Anzügen, was ſich zum Theil auch auf die Sklaven erſtreckt. Die wenigſten verſtehen indeß, ihre Kleidung gehörig zu wählen und zu ordnen. Es gilt ihnen gleich, ob der Rock zu weit oder zu enge, zu kurz oder zu lang iſt, oder ob er zu dem übrigen Anzuge paßtv; ſie ſind zufrieden, wenn ihn nur ein Euro⸗ päer verfertigt oder getragen hat. Dabei lieben ſie ſehr helle, ſchreiende 1 249 Farben, welche auf eine auffällige Weiſe vereinigt werden. Wenn man nun noch das lächerlich ſtolze und ſelbſtgefällige Betragen der geputzten Neger hinzu denkt, ſo iſt leicht zu begreifen, daß der Anblick derſelben in ihrem feſtlichen Aufzuge dem Europäer manche Unterhaltung gewährt, wodurch er für den Mangel an heimiſchen Beluſtigungen einigermaßen entſchädigt wird.— Eines Tages lief in den Hafen ein kleiner von Bordeaur kommender Schooner ein, deſſen Kapitän eine Menge veralteter Kleidungſtücke zum Verkauf mitbrachte. Die Neger eilten ſchaarenweiſe hinzu, und die Waare fand guten und ſchnellen Abſatz. Der folgende Tag war ein Sonntag, wo zur großen Beluſtigung der Franzoſen die ſonderbarſten Carricaturen zum Vorſchein kamen. Unter andern ſah ich Einen mit ſehr altmodiſchen ſammetnen Kleidern von rother Farbe; ſeine Fußbekleidung beſtand in gelben Pantoffeln, und den Kopf bedeckte eine phantaſtiſche Mütze, nach Art derjenigen, welche in Frankreich zur Zeit der Revolution getragen wurden. Ein Zweiter erſchien mit einem geſtickten, gelb⸗ ſeidenen Kleide, mit weiten leinenen Schifferhoſen und einer rothledernen Jockey⸗Mütze. Von der Eitelkeit der Männer läßt ſich leicht ein Schluß auf die der Weiber machen. Europäiſchen Putz ſchätzen ſie über Alles, und ſelbſt die Sklavin, welche nichts als ein Hemd und eine Schürze zur Bedeckung hat, ſucht ihre Figur durch Glasperlen und andern geringen Tand hervorſtechend zu machen. Uebrigens iſt ihr Geſchmack im Anzuge nicht viel beſſer, als der des männlichen Geſchlechts. Bei aller Liebe zum europäiſchen Putze ſind ſie doch wenig geneigt, denſelben ſelbſt verfertigen zu lernen; vielmehr verleben ſie ihre Tage in Trägheit und Unthätigkeit. Die Tugend der Weiber ſteht in keinem vorzüglichen Rufe, doch ſagt man, daß diejenigen, welche mit Euro⸗ päern verheirathet ſind, eine muſterhafte eheliche Treue beweiſen. Sie ſollen, ſo oft der Mann verreiſt, Trauer anlegen und, im Fall dieſer nicht wieder zurückkommt, erſt dann einen zweiten nehmen, wenn ſie die Gewißheit erlangen, daß der erſte nicht mehr am Leben iſt. Die Schwarzen zeichnen ſich durch Gutmüthigkeit, ſo wie durch Einfalt und andere damit verwandte Eigenſchaften, beſonders Leichtgläubigkeit und Aberglauben aus. Ihr Temperament iſt lebhaft und luſtig. Sie ſchwatzen gern, und ſtimmen häufig, ſelbſt bei der Arbeit, Geſänge an; das Tanzen lieben ſie mit der größten Leidenſchaftlichkeit.— In dieſer Verwandtſchaft des Temperaments mit dem der Franzoſen ſcheint der Hauptgrund zu liegen, warum die Neger ſich zu keiner europäiſchen Nation ſo hingezogen fühlen, als zu der franzöſiſchen. 4 Sowohl die Schwarzen als die Weißen auf St. Louis unterhalten eine 1 g· 250 große Menge Sklaven. Der Zuſtand dieſer Menſchenklaſſe iſt nichts weniger als hart und, in Rückſicht der Arbeit, viel erträglicher als der, worin die freien Dienſtleute in den meiſten europäiſchen Ländern ſich befinden. Man ſieht die Sklaven zuweilen ganze Tage lang müßig und ohne Aufſicht bei ein⸗ ander ſtehen; und es würde ihnen ein Leichtes ſein, zu entfliehen, wenn ſie Luſt und Urſache dazu hätten. Dieſe gelinde Behandlung hat die wohlthätige Wirkung, daß im Ganzen ihr moraliſcher Charakter mehr Unverdorbenheit beſitzt, als es bei den Sklaven auf den Inſeln und dem Feſtlande von Amerika der Fall iſt. Aber es entſteht daraus auch der Nachtheil, daß ſie ſich weniger an Thätigkeit gewöhnen und, da ſie den Mangel der Freiheit nicht ſo ſehr em⸗ pfinden, auch weniger bemüht find, ſich dieſelbe zu erkaufen, was ihnen doch, wenn ſie ihre Muße zu eigenem Erwerb anwendeten, nicht ſchwer fallen würde. Daher ſind ſie treuer und redlicher, aber auch weit unwiſſender, als in andern Colonien. Von den hübſchen Flecht⸗, Schnitz⸗ und andern Arbeiten, welche die Neger in letztern verfertigen, ſieht man wenig auf St. Louis.— Beiläufig bemerke ich, daß die gute Behandlung der Sklaven auf dieſer Inſel viele Beobachter verleitet hat, den Negerhandel in einem günſtigen Lichte zu er⸗ blicken und ihn zu vertheidigen. Sehr oft hörte ich in Frankreich die Bemer⸗ kung machen, es wäre für die Neger eine Wohlthat, daß man ſie mit Gewalt unter fremde Nationen verſetzte, wodurch ſie nach und nach einen gewiſſen Grad der Cultur erreichten, den ſie, ſich ſelbſt überlaſſen, in vielen Jahr⸗ hunderten nicht erlangen würden. Von dieſer Seite betrachtet, ſcheint der Skavenhandel etwas Gutes zu haben; allein, es wiegt das endloſe daraus erwachſende Unheil nicht auf, die blutigen Kriege unter den afrikaniſchen Völ⸗ kern, die Grauſamkeit der Herrſcher gegen ihre Unterthanen, das Ungemach, welches die fortgeſchleppten Menſchen in den amerikaniſchen Colonien und ſchon auf der Ueberfahrt dahin zu erdulden haben, und endlich die ungeheure Men⸗ ſchenverwüſtung. Ueberdieß bleibt es eine ſehr ſtreitige Frage, ob die Euro⸗ päer, wie manche ſich einbilden, dem rohen Naturmenſchen wahrhaft nützen, wenn ſie ihm ihre Cultur aufzwingen; zumal da der Anfang gewöhnlich darin beſteht, ihn mit ihren überflüſſigen Bedürfniſſen und ihren Laſtern bekannt zu machen. Liegt ihnen wirklich daran, den rohen Afrikaner zu verfeinern— was jedoch mit ihrem Vortheil gewöhnlich nicht vereinbar iſt,— ſo kann es nur auf eine friedliche Art und ſtufenweiſe geſchehen, ſo wie man z. B. mit den Colonien am Fluſſe Sierra⸗Leona rühmlich angefangen hat. Die Lebensart der Franzoſen auf St. Louis weicht von der im Mutter⸗ lande herrſchenden beträchtlich ab. Man pflegt allgemein bei Tagesanbruch aufzuſtehen, um die Kühle des Morgens zu genießen. Mit Sonnenaufgang —,— 251 beginnen die Geſchäfte und endigen ſich wieder um zehn Uhr. Jeder zieht ſich dann vor der überhand nehmenden Hitze in ſein Haus zurück, und niemand bleibt ohne dringende Noth im Freien; die Thüren und Fenſter werden ſorg⸗ fältig verſchloſſen, und die Zimmer mit Lampen erleuchtet. Man genießt ein Frühſtück und begibt ſich zur Ruhe. Diejenigen aber, welche auf ihre Geſund⸗ heit bedacht ſind, vermeiden in der Hitze des Tages zu ſchlafen und bleiben lieber in Thätigkeit, wobei ſie, um die Ausdünſtung zu mildern und die Kräfte zu er⸗ halten, Wein mit China trinken, was man bis jetzt als das beßte Mittel, ſich vor den dort herrſchenden Krankheiten zu ſchützen, befunden hat. Um Mittag tritt eine tiefe Stille auf den Straßen ein, die erſt gegen drei Uhr, wo die Hitze ſich mindert, unterbrochen wird. Um vier Uhr findet das Mittagsmahl Statt, worauf Spaziergänge gemacht oder die noch übrigen Tagesgeſchäfte nachgeholt werden. Nach Sonnenuntergang zieht ſich Jeder, dem ſeine Haut lieb iſt, aber⸗ mals in die Häuſer zurück; denn alsdann erſcheinen die Mücken und ihre erſten Angriffe ſind fürchterlich. Man öffnet die Fenſter, um die kühle Abendluft ein⸗ zulaſſen, ſetzt aber, wegen der eindringenden Inſekten, Rahmen davor, die mit Neſſeltuch oder einem dünnen, beſonders dazu verfertigten Gewebe bezogen ſind. Die Lebensweiſe im Eſſen und Trinken iſt einfacher als in Frankreich; dennoch ſind die Speiſen im Ganzen weit nahrhafter. Die vortrefflichen Fiſche des Senegal, das Wildpret und das wilde Geflügel vom Feſtlande gewähren eine ſehr geſunde Koſt, und hierin beſtehen die Hauptgegenſtände der Küche. Unter den Zugemüſen ſind Reiß, Mais, Hirſe, Bataten und Yamswurzeln die gewöhnlichſten. Sie pflegen, der Reihe nach, abwechſelnd auf der Tafel zu er⸗ ſcheinen, doch unter ſehr veränderten Geſtalten. So gibt es z. B. zwei Sorten Hirſemehl, wovon die feinere Sauglé, die gröbere Couscous genannt wird. Jene dient hauptſächlich zu Nudeln, die man in heißer Milch oder Fleiſchbrühe aufquellen, aber nicht ſieden läßt. Häufig geſchieht dieß auch in Waſſer, worin weiße Tamarinden(die Früchte des Affenbrodbaums) abgekocht worden ſind, wozu hernach Syrup oder Honig gemiſcht wird; und dieß ſoll die geſundeſte, ſelbſt für den Kranken angemeſſenſte Speiſe im Lande ſein. Couscous wird ge⸗ wöhnlich in kaltem Waſſer eingerührt und über gelindem Feuer zu einem dicken Brei gekocht, den man zuletzt mit Fleiſch⸗ oder Fiſchbrühe verdünnt und mit geſtoßenen Tamarindenblättern würzt. Zum Nachtiſch erſcheinen Ananas oder Datteln, Kokosnüſſe, Waſſermelonen, Feigen, Granaten, Pomeranzen. Während des Mahles beſteht das Getränk in Wein, welcher nicht nur aus Frankreich, ſondern im Frieden häufig auch von den kanariſchen Inſeln kommt. Da er aber ziemlich hoch im Preiſe ſteht, ſo begnügt man ſich in den Zwiſchenzeiten mit Palmenwein, dem gewöhnlichen Getränke der Neger. Es iſt kühlend, ſüß 252 und lieblich, jedoch von keiner langen Dauer. Man erhält es auf St. Louis ſelten unverdorben, indem es während der Ueberfahrt vom Feſtlande in Gäh⸗ rung geräth. Des Morgens wird Kaffee, oder, der Geſundheit wegen, ein Ab⸗ guß von gekochten Kräutern oder Früchten getrunken. Auch in Hinſicht der Kleidung weichen die hieſigen Franzoſen von den Sitten des Mutterlandes ab. Die Männer tragen ſelten Anzüge von Tuch, ſondern gewöhnlich von Zeug oder Nanking. Dünne bunte Muſſeline machen die Beſtandtheile der weiblichen Kleider aus; und breite Strohhüte dienen bei⸗ den Geſchlechtern zur Kopfbedeckung. Außer den Spazierfahrten auf dem Senegal und den Jagden auf dem feſten Lande, beſchränken ſich die Vergnügungen faſt einzig auf Zuſammenkünfte in Privathäuſern und in einigen Tabernen, die zum Theil von Franzoſen, zum Theil von Negern gehalten werden. Der Handel auf St. Louis iſt ſehr beträchtlich; er beſchäftigt ſich mit dem Eintauſchen der Landesprodukte gegen europäiſche. Die vorzüglichſten Ge⸗ genſtände desſelben ſind Gummi, Gold und Elfenbein, wozu früher noch die Sklaven kamen. Außerdem erhält man auch Häute, Wachs, Straußfedern, ſo wie Indigo, Baumwolle, Kaffee, Tabak und andere Artikel. 4 Das Gummi(arabiſche Gummi) liefern hauptſächlich die mauriſchen Volk⸗ ſtämme, welche nördlich vom Senegal wohnen. Sie ſammeln es im Monat März in den drei Wäldern Sahel, Lebiar und Alfatak, worauf ſie es in ledernen Säcken verwahren und auf Ochſen und Kameelen zum Verkauf an die Euro⸗ päer verführen. Der Ort, wo die Franzoſen mit ihnen handeln, iſt die Bucht der Wüſte, eine Gegend am Senegal, die 25 Meilen oberhalb St. Louis liegt. Ehedem beſaß die franzöſiſche Compagnie noch andere Marktplätze für dieſes Produkt; ſie ſind aber eingegangen, ſeitdem man die Factorei auf der Elfen⸗. beininſel(im obern Theile des Stroms) aufgegeben hat. Die Mauren pflegen im April und Mai die Bucht der Wüſte zu erreichen, nachdem die entfernteſten einen Weg von einigen hundert Meilen zurückgelegt haben. Sie verkaufen das Gummi nach Cantaren, d. i. nach einem hölzernem Maße, welches gegen 2000 Pfund enthält. Man gibt ihnen dafür Eiſen⸗, Stahl⸗, Kupfer⸗ und Zinn⸗ waaren, Leinwand, Kattun, Tuch und Flanell, ſowie Gewehre, Pulver und Blei, Branntwein, Korallen, Glaswaaren und allerlei Kleinigkeiten. Der Preis des Gummi richtet ſich hauptſächlich nach der Beſchaffenheit der Aernten, die, wie bei allen Früchten, verſchieden ſind, obſchon nie zwei ſchlechte Jahre auf einander folgen. Auch trägt die größere oder geringere Menge des Produkts auf dem Platze dazu bei, den Werth zu beſtimmen. Wenn man die Waaren, die dafür gegeben werden, im Durchſchnitte berechnet, ſo kommt das Pfund auf ——— 14 bis 18 Sous zu ſtehen. Die Franzoſen befanden ſich ehedem im alleinigen Beſitze des Gummihandels; allein ſeit dem Jahre 1783 nehmen die Engländer daran Theil, indem ihnen, zufolge eines Vertrags, zugeſtanden wurde, in Por⸗ tendik, einem kleinen, 40 Meilen nordwärts vom Senegal gelegenen Hafen, Gummi einzuhandeln. Diejenigen Mauren, welche um dieſen Küſtenort woh⸗ nen, bringen daher ihre Waare dorthin, oft auch die entferntern, weil die Eng⸗ länder mehr als die Franzoſen bezahlen. Ueberhaupt ſind die erſtern bemüht, den Handel ganz an ſich zu reißen, ein Plan, der ihnen aber bis jetzt noch nicht gelungen iſt. Ueberdem erhält die franzöſiſche Compagnie auch von den Negern etwas Gummi; denn die Bäume, welche es hervorbringen, werden auch in ganz Nigritien einzeln und gruppenweiſe gefunden. St. Louis ſendet daher noch jährlich 12 bis 15,000 franzöſiſche Zentner Gummi nach Frankreich. Der Sklavenhandel iſt von jeher ſtark getrieben worden. Während meines Aufenthalts in St. Louis gaben ihm beſonders die Feindſeligkeiten, welche da⸗ mals die Mauren gegen einige Negerſtaaten unterhielten, vorzügliche Lebhaftig⸗ keit; und ungeachtet die Franzoſen durch den Krieg mit den Engländern ver⸗ hindert wurden, die erkauften Sklaven auf eigenen Schiffen auszuführen, ſo geſchah es doch um ſo häufiger mit Hülfe der amerikaniſchen. Eins dieſer Schiffe bekam an einem Tage über zweihundert ſolcher Unglücklichen, und mithin ſeine völlige Ladung. Es bezahlte 600 Livres ſür jedes Stück von Indien, d. i. für jeden ausgewachſenen, geſunden und beſonders mit allen Zähnen verſehenen Neger.— Ich begab mich an Bord des Amerikaners, als man die armen Men⸗ ſchen einſchiffte. Den Weibern und Kindern wurde geſtattet, frei auf dem Ver⸗ deck umher zu gehen; die Männer ſchaffte man aber in den Raum, und ſchloß ſie mit den Füßen an gewiſſe Balken feſt, welche die Schiffmannſchaft in die Höhe ziehen kann, ſo oft ein Aufruhr entſteht.— Dieſer abſcheuliche Handel iſt am Senegal ſeit dem Jahr 1819 von der franzöſiſchen Regierung geſetzlich aufgehoben worden, dauert jedoch im Stillen noch immer fort, obſchon die eng⸗ liſchen Kriegſchiffe zu deſſen Verhütung häufig längs den Küſten kreuzen. Es läßt ſich auch vermuthen, daß er, wie jede tief eingewurzelte Gewohnheit, nur mit der Zeit, und erſt dann völlig aufhören wird, wann die Europäer ihre Co-⸗ lonien ohne Sklaven zu bebauen, und die afrikaniſchen Nationen ihre Einkünfte auf andere Art als durch Menſchenhandel zu vermehren lernen werden. Die übrigen Artikel, womit ſich der Handel am Senegal beſchäftigt, er⸗ hält man ausſchließlich von den Negern. Das Gold kommt größten Theils aus dem Lande Bambuk; es beſteht in Staub, Körnern und Blättchen, ſo wie es die Einwohner aus dem Erdreiche oder aus dem Sande der Flüſſe waſchen. 254 Die Waaren, welche die Neger für die ihrigen bekommen, gleichen denen, die im Verkehr mit den Mauren gebräuchlich ſind. 8. Der Verfaſſer und Herr Dupois begleiten den Herrn Ficher auf ſeiner Geſchäftsreiſe nach der Bucht der Wüſte.— Schwierigkeiten der Schifffahrt auf dem Senegal.— Reichthum an Fiſchen. Man landet, die Rückkehr der Fluth zu erwarten. Das Reich Hoval und die übrigen Jaloffi⸗ ſchen Staaten. Ich hatte mit Herrn Dupois bereits fünf Tage in St. Louis zugebracht, als die Zimmerleute mit dem neuen, für unſer Schiff beſtimmten Maſte fertig wurden, worauf ich denſelben, mit Hülfe eines Negerbootes, ungeſäumt nach der Rhede brachte und unſerer Mannſchaft überlieferte. Ich erfuhr dann vom Kapitän, daß man auch das Tauwerk ſchadhaft befunden habe, und zum Theil durch neues erſetzen müſſe; daher das Geſchäft, den Maſt aufzutakeln und über⸗ haupt das Schiff von neuem in ſegelfertigen Stand zu ſetzen, noch einen Zeit⸗ raum von fünf bis ſechs Tagen erfordere. Mit dieſer Nachricht kehrte ich zum Herrn Dupois in St. Louis zurück, und beſchloß den verlängerten Aufenthalt daſelbſt zu Ausflügen in die umliegenden Gegenden des Feſtlandes zu benutzen. Allein, um dieſelbe Zeit erhielt Herr Ficher, der uns bisher ſo gütig bewirthet hatte, von ſeinen Oberen den Befehl, eine Reiſe nach der Bucht der Wüſte zu machen; denn es war daſelbſt, weil die Gummtärnte ſich näherte, bereits ein mauriſcher Kaufmann eingetroffen, um mit der Compagnie zu unterhandeln. Dieſer Umſtand gab meinem Wanderplan eine andere Richtung, indem der Wunſch, Herrn Ficher zu begleiten, in mir rege wurde. Auch Herr Dupois be⸗ zeigte Luſt an der Reiſe Theil zu nehmen; denn ob er ſchon im Geräuſche einer Stadt ſich am wohlſten befand, gebrach es ihm doch nicht an Empfänglichkeit für die Reize der ſtillen Natur. Herr Ficher freute ſich ſehr darüber und eilte, die Genehmigung des Gouverneurs zu bewirken, was auch ohne viel Mühe geſchah. 8 Als in der folgenden Nacht die Fluth eintrat, begaben wir uns ſämmtlich nach dem Hafen, und beſtiegen die zur Reiſe beſtimmte Barke. Wir fanden in der kleinen Kajüte mehr Sauberkeit und mehr Beguenlichkeiten, als ich ver⸗ muthet hatte; die Mannſchaft beſtand aus ſechszehn bewaffneten Negern, die uns ſehr freundlich empfingen. Sobald wir uns eingeſchifft hatten, ging das Fahrzeug ab. Ich muß hier bemerken, daß die Schifffahrt auf dem Senegal mit man⸗ cherlei Schwierigkeiten verknüpft iſt. Es gibt viele Sandbänke, zu deren Ver⸗ meidung große Behutſamkeit und eine genaue Kenntniß der Gegend erfordert 255 wird. Das vorzüglichſte Hinderniß liegt jedoch in der unveränderlichen Rich⸗ tung des Windes, indem er beſtändig von Norden oder Nordoſten weht. Man kann daher leicht den Strom hinunter, aber aufwärts nur mit Hülfe der Fluth und der Ruder kommen. Zum Glück für die Schiffleute hat die Fluth einen ſehr reißenden Lauf, und ſteigt vierzig Meilen weit in das Land. Aber weiter oben müſſen die Schiffe beſtändig gegen Wind und Strom gezogen werden, was den Mannſchaften derſelben eine ſehr langwierige und anſtrengende Arbeit verurſacht, ſo daß auf weiten Reiſen Viele erkranken und ſterben. Wir hatten indeſſen ſehr verſtändige und dabei kräftige Leute. Mit jeder Stelle des Fluſſes bekannt, ruderten ſie muthig und ohne zu ermüden. Ueber⸗ dieß waren ſie luſtig und ſtimmten häufig Geſänge an, deren Rhythmus mit dem Takt der Ruderſchläge harmonirte. Auf einer Waſſerfahrt hängt die Stimmung des Reiſenden ſehr von der Beſchaffenheit der Schiffer ab. Verrathen dieſe Aengſtlichkeit, ſo wird auch der Reiſende ängſtlich, weßhalb die meiſten ihn umgebenden Gegenſtände ſeiner Auf⸗ merkſamkeit entgehen. Reiſt man aber mit beherzten Leuten, wie unſere Neger waren, dann fühlt ſich das Herz erhoben, und die Sinne ſind für jeden äußern Eindruck empfänglich. Wir empfanden daher doppelt das Erquickende der kühlen Nachtluft, und betrachteten mit Wonnegefühl den heitern Himmel, wo die Sterne in ungewöhnlicher Größe und im hellſten Glanz erſchienen. Gern hörten wir dem Brauſen des Meeres zu, welches an der ſchmalen, das rechte Ufer bilden⸗ den Landenge wüthete, und das Gebrüll der wilden Thiere in den jenſeitigen Wäldern tönte angenehm in unſern Ohren. Auch das Rauſchen des Stroms und des ihn durchſchneidenden Fahrzeuges, das Geräuſch der Ruder und der wilde, aber nicht unharmoniſche Geſang der Ruderer, ſowie das Aufſpringen der Fiſche gewährten uns nicht wenig Vergnügen. So blieben wir die ganze Nacht unter freiem Himmel, und kein Schlaf kam in unſere Augen. Als der Morgen graute, lag uns eine kleine, dicht mit Wald bewachſene Inſel zur Seite. An den Ufern derſelben bemerkten wir einige ganz nackende Neger, welche mit Harpunen Fiſche fingen, und in den wenigen Minuten, die wir ſie im Geſichte behielten, eine erſtaunliche Beute machten; denn der Senegal iſt ungemein fiſchreich, ob er ſchon viele Raubthiere, und unter andern auch Krokodille und Flußpferde enthält. Gegen acht Uhr Morgens begann die Ebbe zu gehen, daher man die Barke dicht an's linke Ufer ſteuerte, um daſelbſt die Rückkehr der Fluth zu erwarten. Wir begaben uns dann ſämmtlich an das Land. Bevor ich in der Erzählung meiner Reiſe fortfahre, mögen einige Bemer⸗ kungen über das Land, welches ich jetzt zum erſten Male betrat, voran gehen. 256 Dieſes Land iſt das Reich Hoval, in der Landesſprache Ualo, und gehört zu denjenigen Staaten, welche man unter dem gemeinſchaftlichen Namen Sene⸗ gambien begreift. Es liegt auf beiden Seiten des Senegal, ſo daß die franzö⸗ ſiſche Colonie davon eingeſchloſſen wird. Sein Gebiet beträgt von Norden nach Süden gegen 30, und vom Meere landeinwärts ungefähr 46 Meilen. Der Fürſt, welcher das Reich beherrſcht, nennt ſich Brak, ein Titel, der nichts Geringeres, als König aller Könige bedeutet. Seine Reſidenz heißt Ender(Endſchi⸗Haſché), eine Stadt in den fruchtbaren Ebenen, die an den See Panier Fuli gränzen. Der Hofſtaat dieſes Regenten umfaßt 500 Per⸗ ſonen, und man ſagt, daß allein die Zahl der Weiber auf 200 ſich belaufe. Der Brak übt eine unumſchränkte Gewalt über ſeine Unterthanen aus, indem er die⸗ ſelben ſammt ihren Grundſtücken als ſein Eigenthum betrachtet, ſie zur unent⸗ geltlichen Beſtellung ſeiner Felder zwingt, und nach Belieben als Sklaven ver⸗ kauft; überdieß läßt er auf Reiſen ſich und ſein Gefolge überall frei halten. Dieſer Vortheile ungeachtet ſind ſeine Einkünfte ſehr unbedeutend; die vorzüg⸗ lichſten beſtehen in den Abgaben, welche die fremden Kaufleute für die Freiheit des Handels entrichten müſſen, was jedoch im Durchſchnitt kaum 1000 Thaler jährlich beträgt. Da der Fürſt von der franzöſiſchen Colonie beſchützt wird, ſo ſteht er in großem Anſehen bei den benachbarten Völkern. Dennoch iſt er mit ihnen oft in Streit verwickelt. In Kriegszeiten muß jeder männliche Unterthan vom drei⸗ zehnten bis zum ſechzigſten Jahre die Waffen ergreifen. Die Gemeinde jedes Dorfes verſammelt ſich dann und zieht, mit einem Anführer an der Spitze, nach dem königlichen Lager. Die Waffen beſtehen in einem Säbel, in Bogen und Pfeilen, bei Einigen in Schild und Lanze; doch fängt man an, ſich auch der Feuergewehre zu bedienen. Die vorzüglichſte Stärke der Kriegsmacht beruht auf der Reiterei, welche im Stande iſt, auf galopirenden Pferden zu ſtehen, und dabei ihre Pfeile mit großer Sicherheit abzuſchießen. Die Art, Krieg zu führen, iſt die bei allen Negernationen gebräuchliche. So wenig der Regent in Friedenszeiten bedacht iſt feſte Plätze anzulegen, eben ſo wenig nimmt ſich die Armee Zeit, dieſelben zu erobern, im Fall ſie dergleichen findet. Vielmehr dringt ſie, um den Feind im freien Felde aufzuſuchen, eiligſt vor, wobei die am Wege gelegenen Flecken und Dörfer verheert und verbrannt werden. Eine einzige Schlacht entſcheidet. Wenn die große königliche Trommel verloren geht, ſo iſt dieß ein Zeichen der gänzlichen Niederlage. Der Beſiegte flieht und ſucht zu unterhandeln. Der Sieger verlangt bloß ruhige Rückkehr mit der gemachten Beute, die hauptſächlich in Sklaven beſteht; daher dem Gemetzel, das außer⸗ 257 dem furchtbar ſein würde, bald Einhalt geſchieht. Selten hat der Sieg Erwei⸗ terung des Gebiets zur Folge; höchſtens zwingt man den Ueberwundenen, ſich für einen Vaſallen zu erklären und Tribut zu entrichten, was jedoch, da die Verträge nie erfüllt werden, von neuem Streit erregt, der auf gleiche Weiſe ſich endigt. Die Truppen nehmen beim Ausrücken keine Lebensmittel mit; ſie er⸗ halten keinen Sold, und müſſen die Koſten ihrer Ausrüſtung ſelbſt beſtreiten. Die einzige Entſchädigung, die ſie erhalten, beſteht in dem Antheil an der Beute; die Anführer genießen dabei gleiche Rechte mit dem Könige. Uebrigens läßt ſich auf die Taktik und Tapferkeit der Armee leicht ein Schluß machen, wenn man erwägt, daß der Brak mehrmals von kaum zweihundert Mann Franzoſen beſiegt, und zu beliebigen Friedensbedingungen genöthigt worden iſt. Die Bewohner Hovals gehören zum jaloffiſchen Völkerſtamm, und ſind mit den übrigen Zweigen desſelben in Rückſicht der Sprache und jeder andern Eigenſchaft verwandt. Ihre Sprache iſt ſehr fließend, indem lange und kurze Wörter, ſo wie Vocale und Conſonanten in einem glücklichen Verhältniſſe ſtehen; aber ſie iſt weich und einförmig, weil ihr faſt alle Doppellaute und die härtern Conſonanten der Europäer gänzlich fehlen. Das Aeußere der Jaloffen iſt ſehr empfehlend, und erwirbt ihnen den Ruf, die ſchönſten Neger zu ſein. Sie haben zwar eine platte, eingedrückte Naſe, dennoch aber ſehr einnehmende Geſichtszüge, ſo wie einen wohlgeformten, kräftigen und fleiſchigen Körper von vorzüglicher, zuweilen rieſenhafter Größe. Den faſt allen Negern eigenen ſchlarfenden Gang, der von den einwärts gebogenen Knieen herrührt, findet man unter ihnen ſelten. Ihre Zähne gleichen dem weißeſten Elfenbein, und die Haut hat eine ſchöne ſchwarze Farbe, worin jedoch die ſüdlichern Jaloffen die Einwohner Hovals übertreffen. Die Weiber der letztern pflegen, um ihre Reize zu erhöhen, die Haut mit dem Ruße des Kampeſche⸗Holzes einzureiben, ſo daß ſie ſchwärzer und glänzender als die der Männer iſt. In Hinſicht der Geiſteskräfte zeichnen ſich die Jaloffen wenig aus, und ſtehen hierin weit hinter ihren Nachbarn, den witzigen Mauren. Sie haben einen großen Hang zur Unthätigkeit und ſorgloſen Gemächlichkeit; dabei ſind ſie ſehr leichtgläubig und dem gröbſten Aberglauben ergeben. Was die Eigenſchaften des Herzens betrifft, ſo beſitzen ſie viel Guthmüthigkeit und kennen weder Falſch⸗ heit noch Trug. Ihr Temperament iſt lebhaft und luſtig. Nichts hat für ſie mehr Reiz als Tanz, Geſang und Muſik. Das andere Geſchlecht lieben ſie lei⸗ denſchaftlich. Unmäßigkeit im Eſſen iſt ſelten ihr Fehler; doch berauſchen ſie ſich gern in geiſtigen Getränken, beſonders in Palmwein. Kriegeriſches Talent liegt wenig in ihrem Charakter; nichts als die Hoffnung Beute zu machen, und die Furcht, in Sklaverei zu gerathen, können im Gefecht ihren Muth erheben. 17 Richter's Reiſen. I. 258 Ergebenheit und Gehorſam gegen die Obern ſind ihnen in einem hohen Grade eigen. Ueberhaupt ſcheint dieſe Menſchenklaſſe zur Unterwürfigkeit geſchaffen zu ſein; ſie liefert daher unter allen afrikaniſchen Nationen die beßten und treu⸗ ſten Sklaven. Die Jaloffen bekennen ſich äußerlich, obſchon viele im Stillen Fetiſchan⸗ beter ſind, zum muhamedaniſchen Glauben. Es befinden ſich unter ihnen viele mauriſche Prieſter, welche ſie Serins, die Franzoſen aber Marabuts nennen. Dieſe Prieſter bilden eine Klaſſe, die man gewöhnlich für einen beſondern mau⸗ riſchen Volkſtamm hält. Die genaue Befolgung des muhamedaniſchen Geſetzes hat ihnen in ganz Afrika den Ruf der Heiligkeit erworben und dadurch einen Weg eröffnet, überall auf eine leichte Art ihre Habſucht befriedigen zu können. Da ihr Intereſſe fordert, das Volk in Unyiſſenheit zu erhalten, ſo hüten ſie ſich, dasſelbe mit dem wahren Sinn ihrer Religion und den moraliſchen, im Koran enthaltenen Geſetzen bekannt zu machen. Ihre Lehre ſchränkt ſich daher auf die äußern muhamedaniſchen Gebräuche ein. Mit dem Prieſteramte, das ihnen blos zum Gaukelſpiele dient, verbinden ſie die vorgebliche Kunſt zu zau⸗ bern, die ihnen, wie ſie ſagen, vom Propheten ausſchließlich verliehen iſt. Sie verfertigen z. B. lederne Futterale, Säckchen und Brieftaſchen, worein ſie kleine, mit arabiſchen Schriftzeichen beſchriebene Zettelchen legen. Dieſe Amulete ver⸗ kaufen ſie mit gaukleriſchen Geberden, begleitet von myſtiſchen Ausdrücken. Der Käufer bezahlt ſie in der Regel ſehr theuer; denn er wähnt dadurch in den Be⸗ ſitz eines Kleinodes zu kommen, das ihn gegen den Biß wilder Thiere, gegen die Anfechtung böſer Geiſter und gegen alle Unfälle ſchützt. Neben dieſem einträg⸗ lichen Gewerbe treiben die Marabuts auch Handel, den ſie faſt ganz an ſich ge⸗ riſſen haben. Außerdem vertreten ſie die Stelle der Aerzte, dienen in Rechts⸗ händeln als Rathgeber, und faſſen überhaupt die Summe alles menſchlichen Wiſſens in ſich. Die Gerechtigkeit wird in den jaloffiſchen Staaten ſehr ſchlecht verwaltet. Dieß findet beſonders im Reiche Hoval Statt, weil hier, wo die Despotie auf dem höchſten Gipfel ſteht, geſchriebene Geſetze gänzlich mangeln. Der Richter entſcheidet blos nach dem Herkommen, noch öfter nach Willkühr, weßhalb ſeine Ausſprüche jederzeit denjenigen begünſtigen, welcher ihm die größten Geſchenke bringt. So geſchieht es denn, daß die Unterthanen ihre Streitigkeiten häufig durch den Zweikampf entſcheiden laſſen, der, wie bekannt, in allen Ländern Afrika's gebräuchlich iſt. Die vorzüglichſten Gewerbzweige ſind die Jagd, die Fiſcherei, die Vieh⸗ zucht und der Ackerbau, welcher letztere jedoch ſehr nachläſſig betrieben wird. Man webt oder flicht vielmehr grobes baumwollenes Zeug, und gerbt einige Sorten geringen Leders. Die dortigen Schmiede verarbeiten Eiſen, Kupfer und Gold, wobei ſie nichts als einen Hammer und Amboß gebrauchen. Man fertigt auch verſchiedenes Flechtwerk, und dieſe Arbeit iſt es, wobei die Jaloffen ihre meiſte Geſchicklichkeit zeigen. Uebrigens befindet ſich die Cultur noch auf einer ſehr niedrigen Stufe, von welcher ſie ſich ſchwerlich erheben wird, ſo lange das Land unter dem Druck ſeiner tyranniſchen Oberherren und in den Feſſeln der Marabuts ſchmachtet. Die Jaloffen haben wenig Städte, ſondern wohnen meiſtens in Flecken und Dörfern, die ziemlich nahe bei einander liegen. Ihre Wohnungen ſind von Schilf und Reißholz zuſammengeſetzte und mit Stroh gedeckte Hütten. Der Hausrath iſt äußerſt einfach. Die auf Pfählen ruhenden Bettſtellen beſtehen aus unbearbeiteten Stangen, und die Betten aus Laub nebſt darüber gebrei⸗ teten Strohmatten. Zum Kochen gebraucht man kupferne Keſſel, ſo wie irdene Töpfe, die nicht gebrannt, ſondern nur an der Sonne getrocknet ſind. Das Eß⸗ und Trinkgeſchirr wird aus der Schale der Kokosnuß und des Flaſchenkürbiſſes verfertigt. Nur die Fürſten, Großen und Anführer tragen Kleider, wozu hauptſäch⸗ lich der Turban und der Mantel gehört. Die Männer des gemeinen Volks haben nur einen kleinen Schurz, und die Waffen, nebſt den Amuleten, welche ſie um den Hals hängen, machen ihren einzigen Zierrath aus. Das weibliche Geſchlecht trägt ebenfalls blos einen Schurz, doch ſchmückt es ſich mit Strauß⸗ federn, Glasperlen und Bändern. Gold, gute Korallen und andern Putz von Werth ſieht man ſelten. Im Reiche Hoval, beſonders in der Nähe der franzö⸗ ſiſchen Colonie, fängt man indeſſen an, das Bedürfniß der Kleidung zu fühlen; die Männer haben Beinkleider, ſo wie die Frauen Hemden und Röcke. Jeder junge Mann verheirathet ſich im funfzehnten Jahre. Die Ehen werden mit vielen Feierlichkeiten vollzogen. Da die Frauen weniger Gefahren unterworfen und folglich weit zahlreicher als die Männer ſind, ſo fehlt es dieſen nie an Gelegenheit, ſo viele Weiber zu bekommen, als ſie ernähren können. Das erſte Weib genießt große Vorrechte vor den übrigen, welche, wie Skla⸗ vinnen, abgeſondert von jener leben und ſie bedienen müſſen. Es herrſcht unter ihnen zwar keine Eiferſucht, ſo wie auch die Ehemänner ſelten von dieſer Leiden⸗ ſchaft geplagt werden, deſſen ungeachtet ſteht die Tugend der Weiber in keinem großen Rufe. Ein Beweis davon iſt die ſonderbare Einrichtung, daß nach dem Tode eines Mannes nicht die Kinder, ſondern die Geſchwiſter den Nachlaß er⸗ ben; denn dieſe werden als die nächſten Blutsverwandten des Verſtorbenen an⸗ geſehen, weil es, wie man behauptet, zweifelhaft iſt, ob jene wirklich von ihm abſtammen. 260 Für die Todten haben die Jaloffen große Achtung. Sie errichten über den Gräbern derſelben Denkmäler, welche von Stroh oder von Holzwerk, zu⸗ weilen von Knochen künſtlich zuſammengeſetzt und mit Bäumen umgeben ſind. Dieſe Begräbnißplätze betrachtet man als Heiligthümer, und hält ſtreng darauf, dapß kein Fremdling ſich denſelben nähert. Die natürliche Beſchaffenheit des Reiches Hoval iſt, wie ich ſchon oben erwähnt habe, ſehr verſchieden. Auf der linken Seite des Senegal hat das Land eine ungemeine Fruchtbarkeit, und beſitzt einen Reichthum an Waldungen, an Getreide und andern nützlichen Gewächſen; doch gibt es, weil das Land überall flach und niedrig iſt, viele Sümpfe, welche durch die jährlichen Ueber⸗ ſchwemmungen des Fluſſes entſtehen. Die Beſitzungen auf der rechten Seite, die bei weitem den kleinſten Theil ausmachen, haben ſandigen Boden, und mit⸗ hin im Ganzen die Natur einer Wüſte; man findet aber, beſonders in den oberen Bezirken, viele einzelne Strecken, wo gute Gräſereien, verſchiedene Baum⸗ und Kornarten wachſen. Die hier wohnenden Neger werden von den Trarſas, einem benachbarten mauriſchen Volkſtamme, ſehr gedrückt, indem ſich dieſe mit ihren Heerden oft auf den Weideplätzen lagern, und überdieß auf einen jährlichen Tribut Anſprüche machen; denn ſie geben vor, daß der Landſtrich in ältern Zeiten zu ihrem Gebiet gehört habe. Reiß, Mais und Hirſe machen die vorzüglichſten Produkte aus, welche den Einwohnern zur Nahrung dienen; überdieß erzeugt das Land eine Menge an⸗ derer nahrhafter Gewächſe, z. B. Maniok, Caſſia, Bataten, Namwurzeln, Kaffer⸗ korn, ſowie Ananas, Waſſermelonen, Piſangſtauden u. a. m. Unter den Baum⸗ früchten ſind Datteln, Kokosnüſſe, Granaten und Tamarinden die gemeinſten. Honig iſt in großem Ueberfluſſe vorhanden. Zu den Erzeugniſſen, die ſich für den Handel eignen, gehören hauptſächlich Baumwolle, Indigo, Pfeffer, Tabak,. welchen letztern man aber weder gehörig zu bauen noch zum Verkauf vorzurichten verſteht. Die Waldungen liefern verſchiedene vortreffliche Hölzer, unter andern Kampeſche⸗ und Mahagoniholz. Ueberhaupt haben ſie eine große Mannichfal⸗ tigkeit an Bäumen, worunter jedoch, mit Ausnahme des Affenbrodbaums und der Weinpalme, wenig fruchttragende ſind. An Edelſteinen und Metallen hat man, etwas Goldſand ausgenommen, bis jetzt noch wenig gefunden, vielleicht bloß deßhalb, weil die Nachforſchungen ſich immer auf die Oberfläche der Erde beſchränken.. 3 Außer den Hausthieren, die in Europa einheimiſch ſind, trifft man auch viel Kameele und gezähmte Büffel. Die Ochſen werden ſowohl zum Ziehen als zum Tragen der Laſten gebraucht. Die Pferde haben viel Aehnlichkeit mit den arabiſchen. Die Zahl der Hausthiere könnte noch ſehr zum Vortheil der Ein⸗ 261 wohner vermehrt werden, wenn man die Elephanten zähmte; allein man tödtet ſie nur um die Zähne zu bekommen, daher ſie ſchon faſt gänzlich verſchwinden. Das Reich der wilden Thiere begreift eine große Menge derjenigen Gattungen, welche der afrikaniſchen heißen Zone eigen ſind. Zu den merkwürdigſten gehört der Löwe, der Tiger, das Zebra, die Giraffe, der fliegende Strauß oder afri⸗ kaniſche Trappe. Das Geſchlecht der Affen i*ſt ungemein zahlreich. Die Schild⸗ kröten erreichen eine ungewöhnliche Größe. Unter allen Thieren, die ſich im Lande aufhalten, iſt keins von den Einwohnern ſo gefürchtet, als die Horn⸗ ſchlange, welche ſehr häufig gefunden wird. Ich komme nun auf meine Reiſe zurück. Wir landeten, wie ich ſchon er⸗ zählt habe, um acht Uhr Morgens am linken Ufer des Senegal. Im Schatten unter einem großen Baobab, der ſich dicht am Fluſſe befand, wurde das Früh⸗ ſtück eingenommen. Ich machte ſodann mit dem Herrn Dupois und Ficher einen Spaziergang in den nahen dicken Wald, aus dem uns ein luſtiger Geſang entgegen ſchallte. Nachdem wir einige Zeit im Dickicht herumgeirrt waren, fanden wir eine Anzahl Neger und Negerinnen, die ſingend und mit den ſonder⸗ barſten Geberden um einen hohlen Baum tanzten. Einer von der Geſellſchaft ſtand in der Mitte und gab, mit einem Stock an den Baum ſchlagend, den Takt an. Unſere Ankunft ſtörte die Beluſtigung nicht. Sie dauerte noch eine Weile fort, bis ein kleiner Knabe herbei eilte, auf deſſen Zuruf die Tänzer eiligſt ab⸗ brachen, nach ihren Hocken geſammelter Waldfrüchte griffen und damit fort⸗ wanderten. Wir folgten dem Zuge; er verlor ſich am Ende des Waldes in ein nahe gelegenes Dorf. Gleich in der erſten Wohnung, die uns aufſtieß, wollten wir einkehren, um unſern Durſt zu löſchen. Hier kam uns eine Menge Weiber und Kinder weinend entgegen. Die Urſache ihres Jamers blieb uns nicht lange verborgen; denn wir erblickten den Hausvater, einen bejahrten dickleibigen Mann, mit der fürchterlichſten Kolik behaftet. Man hatte zu deſſen Hülfe nach einem Marabut geſchickt. Dieſer erſchien auch bald nach unſerm Eintritt, und begann, nach einigen religiöſen Ceremonien, ſeine Heilkunſt in Ausübung zu bringen. Nach einer kurzen Unterſuchung des Kranken gab er ihm aus einem Fläſchchen, das er aus der über den Schultern hängenden Ledertaſche nahm, in reichlicher Fülle zu trinken. Hierauf zog er ein anderes Fläſchchen hervor, das mit Oel von Kokosnüſſen gefüllt ſchien. Mit dieſem Oele fing er an den Unterleib des Kranken kräftig einzureiben, oder, um beſtimmter zu ſprechen, gleichſam zu durchkneten, ſo daß derſelbe vor Schmerz laute Seufzer ausſtieß, wodurch das Wehklagen der Familie noch vermehrt wurde. Meinen Gefährten war dieß zu⸗ wider und ſie entfernten ſich ſchnell, und ohne ihren Durſt befriedigt zu haben. Mir blieb deßhalb keine Zeit, das Ende der ſonderbaren Heilart abzuwarten. Herr Ficher verſicherte mir indeſſen, daß die Marabuts die meiſten Krankheiten auf ähnliche Weiſe behandelten, und gewöhnlich mit glücklichem Erfolg; ja, daß ſie oft Europäer in Fällen, wo die Kunſt der ſranzöſiſchen Aerzte ſich fruchtlos bewies, wieder hergeſtellt haben. Da die nächſt gelegenen Hütten von ihren Bewohnern verlaſſen ſtanden, wendeten wir uns nach einer andern Seite des Dorfes, woher die Töne muſi⸗ kaliſcher Inſtrumente und die Stimmen jubelnder Menſchen kamen. Unter einem Boabab, deſſen ungeheurer Umfang mich in Erſtaunen ſetzte, fanden wir die ganze Gemeine verſammelt. Die jungen Leute tanzten in mehreren Reihen um den Baum. Ihre Muſik beſtand in einer Trommel und in Pfeifen, die nur einige traurige Töne hervorbrachten; deſſen ungeachtet wurden die Tänzer da⸗ durch in eine ſo wilde Bewegung geſetzt, daß ſie Wahnſinnigen ähnlich ſahen. In einiger Entfernung hatten ſich die ältern Leute auf dem Raſen gelagert. Mitten darunter ſaß das Oberhaupt der Gemeine, ein ehrwürdiger Greis, wel⸗ chen ein weißer Turban, ein rother Mantel und wenigſtens ein Dutzend Amulete vor den Uebrigen auszeichneten. Wir wurden von ihm mit vieler Freundlichkeit eingeladen bei ihm Platz und Theil an den vorhandenen Erfriſchungen zu neh⸗ men, was wir auch ohne Anſtand thaten. Man reichte uns freigebig Palmwein, der von beſonderer Güte und daher für unſern durſtigen Magen ein großes Labſal war. Es gab auch verſchiedene andere Getränke. Unter andern koſtete ich Cajou, ein Getränk, das von der ausgedrückten Frucht des Affenbrodbaums mit einem Zuſatze von Honig und Waſſer bereitet wird. Es iſt kühlend und hat einen lieblichen Geſchmack. Die Geſellſchaft war ſehr geſprächig, und da Einige etwas franzöſiſch verſtanden, ſo unterhielten wir uns lange mit ihnen. Ich bemerkte in allen ihren Aeußerungen eine beſondere Gutmüthigkeit, und konnte nicht umhin zu bedauern, daß keine größere Bildung des Geiſtes damit verbunden war. Wir blieben unter dieſen gaſtfreien Menſchen, bis gegen Mittag die Hitze drückend wurde. Beim Abſchied ließ Herr Ficher, zur Entſchädigung für das Genoſſene, einige Schnuren Glasperlen zurück, welche das Oberhaupt dankbar annahm und ſeinen Frauen unverzüglich um den Hals knüpfte. Auf dem Rückwege nach dem Senegal kamen wir bei einer Gruppe Wein⸗ palmen vorbei, auf welchen einige Negerknaben mit großer Geſchicklichkeit herum⸗ kletterten, um ſie anzuzapfen und den hervordringenden Saft einzuſchlürfen. Einige Affenbrodbäume erregten unſere ganze Bewunderung. Die Stämme derſelben hatten dreißig bis vierzig Fuß im Umfange, und es ſoll einige von fechzig und mehr Fuß geben. Sie waren faſt alle ſo hohl, daß ſie den Umſturz drohten; denn das Mark dieſer Bäume iſt ſehr weich und geht, weil es keine * 263 Näſſe verträgt, in Fäulniß über.— Unter den vielen Vögeln, die durch ihr prächtiges Gefieder unfers Augen ergötzten, befand ſich beſonders der Whida⸗ vogel. Bei der Ankunft am Ufer des Fluſſes erwartete uns das Mittageſſen, welches in unſerer Abweſenheit von der Mannſchaft der Barke bereitet worden war. Es beſtand meiſtens aus den Früchten der umherſtehenden Bäume, haupt⸗ ſächlich der Ronupalmen. Die Früchte dieſer letztern, die unſere Neger mit gro⸗ ßem Appetit und in Menge genoſſen, haben eine längliche Geſtalt und ungefähr die Größe einer mittelmäßigen Melone. Das gelbliche Fleiſch derſelben iſt, roh genoſſen, ſehr zähe, wird aber, wenn man ſie in heißer Aſche röſtet, mürbe und erhält einen quittenartigen Geſchmack. Der Geruch iſt ſehr ſtark, jedoch ange⸗ nehm.— Der Stamm der Ronupalme gleicht einer dicken hohen Säule, deren Spitze ein runder Blätterbüſchel krönt. Die Blätter haben eine Länge von fünf bis ſechs Fuß. Gegen drei Uhr Nachmittags ſetzten wir die Reiſe weiter fort. Während der heutigen Fahrt wurde meine Aufmerkſamkeit beſonders auf die vielen kleinen Negerboote geleitet, die wetteifernd den Strom hinab ſegelten, um Lebensmittel nach St. Louis zu führen. Ihre Segel beſtanden in Stroh⸗ und Baſtmatten. Um neun Uhr gingen unſere Schiffer bei einer kleinen Inſel, die 10 Meilen von der franzöſiſchen Colonie entfernt liegt, vor Anker. Da ich und meine Ge⸗ fährten die vorige Nacht wachend zugebracht und am Morgen einen weiten Spaziergang gemacht hatten, ſo war es kein Wunder, daß der Söhlaj ſich ſehr zeitig einſtellte. Am heutigen Tage fuhren wir bei großen holzreichen Inſeln vorbei. In dieſer Gegend verengt ſich plötzlich der Strom, und das Land erhält ein wildes, furchtbares Anſehen, indem das rechte Ufer eine bloße Sandwüſte, und das linke eine Kette undurchdringlicher Wälder bildet. Wir erblickten nun häufig wilde Thiere, beſonders Affen, die hier in großer Menge ſich aufhalten. „Als wir uns nach dem Sinken der Fluth wieder an das Land begeben hatten, ereignete ſich ein komiſcher Vorfall. Der Matroſe Louis, welcher ſich, wie ſich meine Leſer aus dem Obigen erinnern, durch ſeine Geſchicklichkeit, Katzen zu fangen, auszeichnete, war, als der Liebling des Herrn Dupois, zu ſeiner Bedienung auf der gegenwärtigen Reiſe mitgenommen worden. Die Jagdliebe dieſes Menſchen fand in den afrikaniſchen Wildniſſen volle Befriedigung. Er ſtreifte, ſo oft wir landeten, beſtändig mit der Flinte umher, und hatte bereits eine Menge kleiner Vögel, ſowie auch einen Falken geſchoſſen. Jetzt, als wir uns zum Frühſtück niederſetzten, hörten wir dicht hinter uns im Walde einen Schuß, und bald darauf ein fürchterliches Geſchrei. Er hatte unter einige Affen 264 gefeuert und ein Weibchen getödtet, worauf der ganze Haufe, ſtatt zu ehen, auf ihn losgeſprungen war, Rache zu nehmen. Man fand den armen Jäger im Geſichte zerkratzt und an den Armen und Beinen mit Bißwunden bedeckt. Die Affen waren ſo wüthend, daß ſie nicht eher wichen, als bis unſere Neger dicht an ſie kamen. Ein junges Thier, wahrſcheinlich das Junge der getödteten Mutter, zeigte ſich ſo erbittert, daß es auch jetzt den Jäger noch nicht fahren ließ, daher es lebendig gefangen und dem Herrn Dupois geſchenkt wurde, der dasſelbe auf die Barke in Verwahrung bringen ließ. Es geberdete ſich Anfangs ſehr unbändig, nahm aber bald mehr Zahmheit an, nachdem man es einige Mal in das Waſſer getaucht hatte, das beßte Mittel, Affen zu demüthigen.— Die⸗ jenigen, von welchen ich hier ſpreche, gehören zu der Gattung, die man Hunds⸗ kopf nennt; ſie ſind am Senegal ſo bösartig, daß ſelbſt die Weiber und Kinder der Neger ſich vor ihnen fürchten. Eine ſehr ſpaßhafte Unterhaltung gewährten uns dieſe Geſchöpfe, als wir am Mittag unſere Mahlzeit hielten. Durch den Geruch der Speiſen herbeige⸗ lockt, verſammelten ſie ſich in großen Schaaren auf den umherſtehenden Bäu⸗ men, obſchon es im Walde Ueberfluß an Nahrung gab; denn ſie ſind ungeſtein naſchhaft und begierig, alles, was der Menſch genießt, zu koſten. Es dauerte nicht lange, als einer nach dem andern herunter ſtieg und durch Wackeln mit dem Munde und durch andere Grimaſſen ſeinen Appetit ausdrückte. Man warf ihnen dann und wann einen Biſſen zu, um ſie darum kämpfen zu ſehen. Das⸗ jenige, was ihnen nicht behagte, ſchleuderten ſie auf den Geber zurück; und ſo widerfuhr unter andern dem Herrn Dupois die Ehre, den fauligen Theil einer Melone in das Geſicht zu erhalten. Nach und nach rückten ſie näher, und zeigten große Dreiſtigkeit. Den ziemlich großen Hund des Herrn Ficher, welcher der⸗ ſelben eine Zeit lang Grenzen ſetzte, packten ſie beim Schwanze, und zerrten. ihn, unter dem Austheilen derber Ohrfeigen, eine ziemliche Strecke fort, ſo daß er ſich verkroch und nicht wieder an ſie wagte. Wir ſahen uns daher am Ende genöthigt, die zudringlichen Gäſte durch das Abfeuern einer Flinte zu verſcheu⸗ chen; ſie flohen erſchrocken und mit einem kreiſchenden Geſchrei nach dem Walde. Ungefähr achtzehn Meilen oberhalb der franzöſiſchen Niederlaſſung erhält das Land wieder ein freundliches Anſehen. Am linken Ufer laſſen die Wälder hier und da weite Oeffnungen, durch welche ſchöne angebaute Landſchaften und große volkreiche Dörfer blicken. Auch auf der rechten Seite des Fluſſes werden die Sandwüſten zuweilen von fruchtbaren Stellen und menſchlichen Wohnſitzen unterbrochen. Als wir zwiſchen der Inſel Serinpalé und der Landſpitze, wo der Strom ſeine Richtung oſtwärts nimmt, hindurch fuhren, wurden wir durch 1 — 265 das am linken Ufer gelegene Dorf, ebenfalls Serinpalé genannt, ſehr angenehm überraſcht. Die geräumigen, Meierhöfen ähnlichen Wohnungen und die zahl⸗ reichen Viehheerden, ließen auf eine Betriebſamkeit ſchließen, wie man ſie ſelten bei den Negern findet. In dieſer günſtigen Meinung wurden wir noch mehr beſtärkt, als die Einwohner in ihren kleinen Kähnen geſchäftig herbei eilten, um uns Fleiſch von zahmen und wilden Thirren, Fiſche, Früchte und andere Lebens⸗ mittel in Menge zu verkaufen. 9. Ankunft in der Bucht der Wüſte. Beſchreibung der mauriſchen Volkſtämme, mit welchen die Franzoſen am Senegal Verkehr haben. Der Verfaſſer hat das Unglück, in die Gefangenſchaft der Mauren zu gerathen, wird jedoch wieder befreit. Reiſe nach Isle de France. Die Schiffs⸗ mannſchaft. Cap der guten Hoffnung. Inſel Bourbon. Am dritten Tage nach der Abfahrt von St. Louis erreichten wir den Ort unſerer Beſtimmung, die Bucht oder den Handelsplatz der Wüſte. Das Land iſt hier durchaus ſandig und unfruchtbar. Gleichwohl hat der Handel viele Neger hierher gezogen, die nahe beim Ufer ein ziemlich großes Dorf angelegt haben. Es führt den Namen Ghiaſuar. In einiger Entfernung davon erblickten wir ein ſonderbar geſtaltetes, mit einem Thürmchen verſehenes Zelt. Dieß war das Obdach des mauriſchen Kaufmannes, welcher die Veranlaſſung zur gegen⸗ wärtigen Reiſe gegeben hatte. Er kam mit ſeinem Gefolge bald zum Vor⸗ ſchein. Herr Ficher ging ihm, begleitet von einem Dolmetſcher und ſechs be⸗ waffneten Negern, entgegen; ich und Dupois folgten nach. Die Unterhand⸗ lungen nahmen unverzüglich ihren Anfang. 4— Die Mauren, mit welchen die Franzoſen am Senegal Verkehr haben, be⸗ wohnen die ſüdweſtlichen Gegenden der Sahara, deren ſandiger Boden hier und da Gras und viele Gummibäume hervorbringt. Sie theilen ſich in die drei Stämme: Trarſas, Oled(Uled⸗) el⸗Hadſchi und Brachnas. Erſtere ſind die Grenznachbarn des Reiches Hoval; das Gebiet der Oled⸗el⸗Hadſchi liegt am weiteſten nordwärts, und das der letztern im Oſten von beiden, ſo daß jeder Stamm im Beſitz eines der drei oben erwähnten Gummiwälder iſt. Dieſe Völker erkennen den Kaiſer von Marocco als ihren Oberherrn an; aber die große Ent⸗ fernung von ſeinem Reiche und die dazwiſchen liegenden Sandſtrecken ſichern ihre Freiheit und Unabhängigkeit. Sie leben daher unter eigenen Geſetzen und Oberhäuptern, welche den Titel König führen. Der König der Trarſas ſoll ein Nachkömmling Alichandoras, eines ihrer berühmteſten Helden der Vorzeit ſein. Die Mauren ſind in jeder Hinſicht von den Negern verſchieden. Da ſie 266 von den Arabern abſtammen, ſo gleichen ſie ihnen in der Sprache, der Religion und in vielen andern Stücken. Ihr Körper, ob er gleich mager und von mittler Größe iſt, beſitzt doch eine große Muskelkraft. Sie haben eine bräunliche Farbe, glattes ſchwarzes Haar, ein längliches Geſicht, feurige ſchwarze Augen und eine gebogene ſpitzige Naſe. Ihr Geiſt iſt lebhaft und thätig; es liegt ein hoher Grad von Freiheitgefühl und Herrſchſucht, und überhaupt etwas Großes in ihrem Character. Sie blicken mit Stolz, der ſchon aus ihrer gebietenden Miene ſpricht, auf alle andere Nationen, und betrachten beſonders die Neger als ver⸗ ächtliche Sklaven. Von kriegeriſchem Muthe beſeelt, ſind ſie immer zu Anfällen auf die benachbarten Länder bereit, welche nur die überlegene Volksmenge vor der gänzlichen Unterjochung ſchützt. Ueberdem bekriegen die verſchiedenen Stämme häufig einander ſelbſt, wozu gewöhnlich die Weideplätze und Gummi⸗ wälder Veranlaſſung geben. Das Temperament der Mauren zeichnet ſich durch Ernſt und durch unge⸗ meine Heftigkeit aus; das geringſte Verſehen, das ein Sklave bei Vollziehung ihrer Befehle begeht, kann ſie dergeſtalt aufbringen, daß ſie ihn auf der Stelle tödten. Der Zweikampf iſt unter ihnen eine ſehr häufige Erſcheinung. Sie be⸗ ſitzen einen durchdringenden Verſtand, der ſich nur durch die Gaukeleien ihrer Prieſter, der Marabuts, blenden läßt. Die meiſten verſtehen arabiſch zu leſen und zu ſchreiben, auch können ſie gut rechnen; Wiſſenſchaften, welche ſie ihren Kindern ſchon im zarten Alter beibringen. Weniger lobenswerth ſind die mo⸗ raliſchen Eigenſchaften, indem ſie ihre ausgezeichneten Fähigkeiten nur dazu an⸗ wenden, Freund und Feind zu überliſten und zu berauben. Die Gaſtfreiheit und andere Tugenden der Araber findet man ſelten unter ihnen. Doch ſind ſie in einzelnen Fällen auch edler Handlungen fähig. Merkwürdig iſt die große Liebe zu ihren Kindern, welche aber nicht ſelten die ſchädliche Folge hat, daß⸗ dieſelben zum Ungehorſam und zu Anmaßungen der väterlichen Gewalt verleitet werden. Beſonders findet dieſe übertriebene Zärtlichkeit bei den Müttern Statt, die ſich dem Willen der Kinder gänzlich unterwerfen; und hierin ſcheint der Keim jener ſtolzen, unbändigen, ſelbſt⸗ und herrſchſüchtigen Gemüthsart zu lie⸗ gen, die ihnen im hohen Grade eigen iſt. Die mauriſchen Völkerſchaften haben keine feſten Wohnſitze, ſondern führen ein nomadiſches Leben. Sie lagern ſich in Haufen und bleiben ſo lange an einer Stelle, als ihre Heerden in der umliegenden Gegend Nahrung finden. Ein ſolches Lager heißt bei ihnen Aduar. Ihr vorzüglichſtes Gewerbe iſt die Vieh⸗ zucht, worauf ſie eine muſterhafte Sorgfalt wenden; ſie führen nicht nur, wie die Araber, Geſchlechtsregiſter über die Pferde, ſondern auch über die Ochſen und Kameele. Ihr nächſtes Geſchäft beſteht, außer den kriegeriſchen Unterneh⸗ 1 267 mungen, hauptſächlich in der Jagd, beſonders auf reißende Thiere. Nebenbei verfertigen ſie Leder und verſchiedene Metallarbeiten, was jedoch häufig ihren Negerſklaven überlaſſen wird, weil ihnen Krieg und Jagd angenehmere Be⸗ ſchäftigungen ſind. Was die Kleidung betrifft, ſo iſt ſie eben ſo wenig Bedürf⸗ niß für ſie, als für die meiſten Bewohner der heißen Zone Afrika's. Nur die Anführer und Großen tragen blaue oder rothe Mäntel, was aber mehr um ſich auszuzeichnen, als den Körper zu bedecken, geſchieht. Der übrigen Menge ge⸗ nügt ein Schurz, oder eine Art türkiſcher Hoſen von baumwollenem Zeuge, wozu noch, wegen des brennenden Sandbodens, Sandalen kommen. In der Regenzeit bedient man ſich gewiſſer, von Ziegenfellen verfertigter Mäntel, welche gegen die Näſſe vortrefflich ſchützen; der Zuſchnitt derſelben gleicht dem einer Kapuzinerkutte. Im Eſſen und Trinken ſind die Mauren ungemein mäßig. Ihre Koſt beſchränkt ſich faſt einzig auf Milch, die zuweilen mit Gummi ver⸗ miſcht wird. Fleiſch genießen ſie äußerſt ſelten, und ſchlachten ihr zahmes Vieh nur in dem Falle, wenn es wegen Alter oder Krankheit umfallen will. Die Zahl ihrer übrigen Bedürfniſſe iſt ſehr gering. Mit Ausnahme der Gewehre, des Pulvers und Bleies, verbrauchen ſie wenig von den Waaren, die ihnen von den Europäern für das Gummi und die Sklaven gegeben werden. Dieß iſt auch der Fall mit den Arbeiten, die ſie ſelbſt verfertigen. Vielmehr vertreiben ſie alle dieſe Artikel im Innern des Landes, mittels der Marabuts, die ihre Han⸗ delsreiſen über einen großen Theil des afrikaniſchen Continents ausdehnen. Den Gewinn, der daraus erwächſt, verwendet man hauptſächlich auf die Ver⸗ mehrung der Heerden. Tabak, etwas Branntwein und Amulete ſind vielleicht die einzigen überflüſſigen Bedürfniſſe. Die Mauren, die ich hier kennen lernte, gehörten zu dem Stamme der Trarſas. Sie gingen faſt nackend, waren mit Dolchen, Säbeln und Doppel⸗ flinten bewaffnet, und hatten die Miene furchtbarer Räuber. Nur der Kauf⸗ mann, ein Marabut, trug einen braunen, zuſammen gegürteten Mantel, der ihm das Anſehen eines muhamedaniſchen Pilgers gab. Liſte und Ränke ſprachen aus allen ſeinen Blicken und Aeußerungen. Die Unterhandlung mit ihm, wäh⸗ rend welcher er häufig, Ziffern in den Sand zeichnend, rechnete, dauerte faſt drei Stunden. Sie führte aber, weil er auf ſeinen übermäßigen Forderungen hartnäckig beharrte, zu keinem Reſultat, daher ſie von Herrn Ficher als unnütz abgebrochen wurde. Die ſämmtlichen Mauren geriethen hierüber in heftigen Zorn, und überhäuften uns, als wir von ihnen ſchieden, mit den gröbſten Schmähungen. Sie ſchickten ſich hierauf unverzüglich an, das Zelt abzuneh⸗ men, um weiter zu ziehen. Auch Herr Ficher befahl, die Barke augenblicklich zur Rückkehr in Stand zu ſetzen. Er begab ſich hierauf mit mir und Dupois 268 nach dem Dorfe Gyiaſuar, um einige Erfriſchungen für die Reiſe einzukaufen. Die gutmüthigen Einwohner überließen uns von ihren Vorräthen, welche ſie auf der andern Seite des Fluſſes holen, alles, was wir wünſchten, worauf wir dem Ufer zueilten, um abzufahren. Während der Unterhandlung mit den Mauren hatte Herr Dupois die Un⸗ vorſichtigkeit begangen, ſeine ſchöne, mit einem Glockenſpiel verſehene Taſchen⸗ uhr hervorzuziehen und ſpielen zu laſſen. Ob Eitelkeit oder Langweile die Ur⸗ ſache dieſes Benehmens geweſen war, vill ich nicht entſcheiden; aber kurz, die Habſucht des räuberiſchen Geſindels war dadurch erregt worden, was ſehr un⸗ angenehme Folgen nach ſich zog. Als wir nämlich von Ghiaſuar— denn man hatte die mit Lebensmitteln belaſteten Neger vorausgeſchickt— ganz allein nach der Barke zurückgingen, erſchienen in einiger Entfernung die im Abzuge begrif⸗ fenen Mauren. Einer derſelben ſtieg von ſeinem Kameel ab und eilte zu uns herüber. Herr Ficher meinte, daß er vielleicht billigere Handelsvorſchläge über⸗ bringe, weßhalb wir ſtehen blieben und ihn erwarteten. Als aber der Schurke näher kam, ſprang er plötzlich auf Herrn Dupois los, warf ihm eine Hand voll Sand in die Augen und riß ihm die Uhr aus der Taſche, womit er landein⸗ wärts flüchtete. Ficher und ich, zum Unglück oder vielleicht zum Glück mit kei⸗ nem Schießgewehr verſehen, ſetzten ihm mit gezogenen Säbeln nach. Als der jüngſte und ſchnellfüßigſte von beiden, kam ich bald voraus. Ich verfolgte den Fliehenden, ohne mich umzuſehen, eine weite Strecke, und hatte ihn faſt einge⸗ holt, als er plötzlich mit einem höhniſchen Gelächter ſich umkehrte und ſtehen blieb. Erſt jetzt blickte ich um mich, aber leider zu ſpät! Ficher war weit im Rücken und der mauriſche Trupp im vollen Trabe dicht hinter mir. Zu weit⸗ von aller Hülfe entfernt, wurde ich in kurzem der Gefangene der Barbaren.— Sie zwangen mich, die Waffen abzugeben und ein Kameel zu beſteigen, worauf⸗ ſie in einer nördlichen Richtung ſchnell fortritten. Ich ſah dann, wie meine Gefährten nebſt den Einwohnern des Dorfes nacheilten, um mich zu befreien. Allein die Flüchtigkeit der Kameele war ſo groß, daß ich nach einer Stunde nichts als eine kahle Sandfläche hinter mir erblickte. Jetzt, wo ſich die Räuber in völliger Sicherheit glaubten, mußte ich alle meine Kleider ausziehen und, an ein Kameel gebunden, zu Fuße wandern. Beiläufig bemerke ich, daß die Klugheit, Folgſamkeit und Sanftmuth dieſer Thiere meine ganze Bewunderung erregt. Ein einziger Pfeifenton war genug, dieſelben zum Niederlegen oder Aufſtehen zu bringen, oder ihren Gang, der in der Regel ein weites Traben iſt, zu beſchleunigen oder zu hemmen. Ihre Augen waren beſtändig auf das vorderſte gerichtet, welches von dem Marabut, der den Zug anführte, geritten wurde; ſo wie dieſes ſich bewegte, ebenſo folgten auch 1 269 die Bewegungen der übrigen nach. Dasjenige, dem ich beigeſellt war, wendete große Vorſicht an, meine Füße nicht zu berühren. Oft drehte es ſeinen langen Hals nach mir um und leckte mich, als ob es ſein Mitleid bezeigen wollte. Meine Fußſohlen wurden bald vom glühenden Sande wund, ſo wie der ganze Körper in kurzem die Folgen der brennenden Sonnenhitze und die An⸗ ſtrengung, gleichen Schritt mit den Thierenezu halten, ſchmerzlich empfand. Man kann leicht denken, wie mir dabei zu Muthe war.— Da ich jedoch wußte, daß Furcht und Weichlichkeit bei rohen Völkern verächtlich machen und ſie nur zu einer ſchlimmern Behandlung ihres Feindes veranlaſſen, ſo ſuchte ich die Schmerzen meines Körpers und meiner Seele unter dem Schein heroiſchen Gleichmuths zu verbergen. Vielleicht nur dieſer erkünſtelten Herzhaftigkeit hatte ich es zu danken, daß mir, als man am Abend Kameelmilch genoß, ein guter Theil davon gereicht wurde, welches vortreffliche Getränk meine Kräfte wunder⸗ bar ſtärkte. G Die Mauren machten hierauf noch eine Meile Weges, und es war erſt in der zehnten Stunde, als ſie auf einer gut bewäſſerten, mit etwas Gras bewach⸗ ſenen Stelle, zur nächtlichen Raſt ſich lagerten. Nachdem die Thiere entlaſtet, mit Futter verſehen und an Pfählen befeſtigt waren, wurde das Zelt aufge⸗ ſchlagen, worin man auf ausgebreiteten Matten ſich zur Ruhe begab; doch blieb ein Mann, um Wache zu halten, munter. Mir wurde zwar ein Platz im Zelte, aber weder Unterlage noch Decke angewieſen. Nackend, wie ich war, ſank ich hin auf den bloßen Sand, und ein betäubender Schlaf machte mich ſchnell meine geiſtigen und körperlichen Leiden vergeſſen. 3 Nachdem die Stunden des erſten Schlafes vorüber waren, erwachte ich plötzlich, indem diejenigen Theile meines Körpers, welche den heißen Sand be⸗ rührten, vom Schweiße trieften, und die übrigen Kälte empfanden; denn die Wärme des Bodens in jenen Gegenden vermindert ſich während der Nacht nur wenig, obſchon die der Luft ſehr bedeutend und unverhältnißmäßig abnimmt. Ich brachte daher den Reſt der Nacht unruhig und ſchlaflos zu. Die kurze Ruhe hatte zwar meinen Körper erquickt, aber meine Seele wurde von den ſchreck⸗ lichſten Bildern der Zukunft geängſtigt. Bald fürchtete ich in der Wüſte vor Hunger, Durſt und Ermattung umzukommen, bald gemißhandelt oder gar als Sklave verkauft zu werden. Mein einziger Troſt war, daß die Räuber, wie es ſchien, ihren Weg nach Portendik nahmen, wo ich durch irgend einen Europäer befreit zu werden hoffte. Sobald der Morgen graute, brachen ſie wieder auf. Gegen ſieben Uhr wurde unter einigen Gummibäumen Halt gemacht. Hier unterzogen ſie ſich des Geſchäftes, die Kameele von Staub und Inſekten zu reinigen, worauf ſie die 270 größte Sorgfalt und die Zeit einer vollen Stunde verwendeten. Ich konnte nicht umhin, die vorzügliche Geſchäftigkeit dieſer Menſchen zu bewundern, ſo wie auch die gute Eigenſchaft, bei der Arbeit wenig zu ſprechen. Ueberhaupt be⸗ merkte ich, daß die Mauren mehr zum ſtillen Nachdenken als zur Geſprächigkeit geneigt, und hierin ganz das Gegentheil der Neger ſind. Auf dem Marſche z. B. verging oft eine Stunde, ohne daß nur ein Wort gewechſelt wurde, ob⸗ ſchon das Spiel der Augen und Mienen eine regſame Thätigkeit des Geiſtes verrieth. Nach beendigter Säuberung der Thiere verrichteten ſie einige religiöſe Gebräuche, was überhaupt zu verſchiedenen Tageszeiten, beſonders beim Auf⸗ und Untergang der Sonne, ſo wie vor jeder Mahlzeit geſchah. Auch wurde nicht unterlaſſen, das wenige an den Bäumen befindliche Gummi zu ſammeln; es dringt aus denſelben hervor, wie das Harz aus unſern Kirſch⸗ und Pflaumen⸗ bäumen. Nach allen dieſen Geſchäften folgte ein kurzes, aus Milch beſtehendes Frühſtück, worauf der Zug ungeſäumt weiter ging. Wir hatten bereits eine geraume Strecke zurückgelegt, als einer der Mauren plötzlich vom Kameele ſprang und in einiger Entfernung ein ziemlich tiefes Loch grub, worin ſich bald eine Menge vortrefflichen Waſſers ſammelte, das Men⸗ ſchen und Thiere erquickte. Die Entdeckung dieſer Quelle ſetzte mich in Erſtaunen, da ich die Mittel, die dazu geführt hatten, nicht begreifen konnte. Oben auf dem weißen Sandboden war nicht die mindeſte Spur von vorhandenen Flüſſig⸗ keiten wahrzunehmen. Auch genaue Bekanntſchaft mit der Gegend konnte nicht die Urſache ſein, weil die weite, kahle und ebene Fläche durchaus keine Merk⸗ male darbot. Eben ſo wenig ſchienen die Kameele, welche durch Inſtinkt oft leichter als die Menſchen Quellen finden, einige Anzeige gegeben zu haben; denn ſie ſtanden unbeweglich, bis man ſie zum Trinken führte, bäumten ſich aber vor Freuden in die Höhe, als ſie das Waſſer erblickten. Ich glaube daher, nur Be⸗. wohner der Wüſte, die im Auffinden der Quellen eine bewundernswerthe Ge⸗ ſchicklichkeit beſitzen, konnten die undeutlichen Merkmale einer hier befindlichen erkennen.. Uebrigens verſtrich der heutige Tag wie der geſtrige, nur daß ich von den Mauren gelinder behandelt, mit einem Paar Sandalen verſehen und nicht an die Kameele gebunden wurde, auch einige Wörter verſtehen lernte. Die Nacht aber, welche wir ungefähr acht Meilen nordwärts vom Senegal zubrachten, übertraf die vorige an Ungemach, Schlafloſigkeit und Sorgen. Doch das Ende meiner Leiden war nahe, und ich eile über dieſe unangenehmen Erinnerungen hinweg, um zu einer angenehmern zu kommen. 3 Nachdem man am Morgen von neuem den Weg angetreten hatte, erhob ſich im Oſten eine Staubwolke, die ſchnell näher rückte und ein dumpfes Ge⸗ 1 271 murmel menſchlicher Stimmen hören ließ. Es war eine ſtarke Negercaravane, die aus einigen fruchtbaren Gegenden des obern Landes kam, und nach der franzöſiſchen Niederlaſſung reiſte. Bei ihrer Ankunft machten die Mauren Halt und drängten ſich, mit mir in der Mitte, in einen Haufen zuſammen. Der An⸗ führer der Caravane, ein wohlhabender Freineger aus St. Louis, der mich als einen Europäer erkannt und mein Schickſal errathen hatte, ſprengte heran und unterhandelte, nach einigen liebevollen an mich gerichteten Fragen, über meine Freilaſſung. Der habſüchtige Marabut ließ ſich ſchwer dazu bewegen; doch wurde ſie endlich mit einem Bällchen ſchöner Felle erkauft. Ich erhielt ſodann meine Kleider zurück; aber die Uhr, die Veranlaſſung meines Unglücks, blieb unter dem Vorwande, ſie verloren zu haben, in den Händen der Räuber. Die freudigen Gefühle, welche mich beim Scheiden von dieſer wilden Horde beſeelten, werden die Leſer ſich leicht vorſtellen können. Der muntere Scherz und die luſtigen Geſänge der Neger, ſowie der Anblick der vielen bela⸗ denen Pferde, Kameele und Rinder erhöhten ſie noch mehr. Mein Befreier gab mir ein gutes Pferd, und die Reiſe ging, unter herzlichen Geſprächen zwiſchen uns beiden, ſchnell nach St. Louis fort. Ich wunderte mich Anfangs über die Einwilligung des mauriſchen Marabuts in meine Freilaſſung, und hielt ſie ſo⸗ gar für Großmuth. Allein ich erfuhr nun, daß der König der Trarſas, der im Rufe eines rechtlichen Mannes ſtand, zu Folge eines Vertrags mit der Colonie auf St. Louis, verbunden war, alle in das Land entführte Franzoſen oder ſon⸗ ſtige, unter ihrem Schutze ſtehende Europäer unentgeltlich auszuliefern. Wir erreichten gegen neun Uhr ein kleines Gebüſch, wo die Caravane ſich lagerte; denn ſie war gewohnt, nur die Nacht hindurch bis zur genannten Stunde zu reiſen. Der gutmüthige Anführer pflegte mich nun mit einer Theil⸗ nahme, welche an die Wohlthätigkeit des barmherzigen Samariters erinnerte; beſonders ließ er ſich es angelegen ſein, meine ſchmerzenden Füße durch Salben und Verbinden herzuſtellen. Dieſer brave Neger verdient eine nähere Beſchrei⸗ bung. Er hieß Francçois Oſée, und war ein Chriſt, aber mehr im Herzen als nach dem angenommenen Aeußern; denn die Klugheit gebot ihm, unter Muha⸗ medanern die Gebräuche derſelben mitzumachen. Seine Herzensgüte und raſt⸗ loſe Thätigkeit hatten ihm einen gewiſſen Ruf im Lande erworben, ſo daß er von den Mauren ſowohl als den Negern geſchätzt wurde, und überall mit der größten Sicherheit reiſte. Zugleich will ich hier erwähnen, daß der ehrliche Mann für meine Auslöſung, ſowie für ſeine Pflege und Mühe nicht mehr als 120 Franken verlangte, ob ich ſchon gern 300 gegeben hätte. In der Gegend, wo wir uns lagerten, fand ſich eine ungeheuere Schild⸗ kröte, die man nicht ohne Mühe tödtete. Sie wurde auf Kohlen geröſtet und 272 dann mit noch andern Speiſen genoſſen. Ungeachtet das Fleiſch der Schild⸗ kröten mir niemals behagt hat, ſo war es doch heute meinem hungrigen Magen ein willkommenes Gericht, Doch wandelte mich nach der Mahlzeit ein heftiger Ekel an, woran nicht ſowohl die genoſſenen Speiſen, als vielmehr der Umſtand Schuld war, daß die Neger ſich am ganzen Körper mit Fett einzureiben be⸗ gannen. Dieß war für mich zwar keine neue Erſcheinung, da nicht nur alle Neger, ſondern überhaupt alle ſüdliche Völker, zur Verminderung der zu ſtarken Ausdünſtung ſich zu ſalben pflegen, daher ſie faſt immer einen widrigen Geruch haben; allein man bediente ſich hier ſehr alten, auf der Reiſe verdorbenen Fettes, das einen unausſtehlichen Geſtank verbreitete. Um fünf Uhr Nachmittags wurde die Reiſe von neuem begonnen, und die ganze Nacht hindurch fortgeſetzt. Gegen Morgen kamen wir in eine angebaute fruchtbare Gegend, und erblickten um zehn Uhr die Ufer des Senegal, ſo wie ein kleines Dorf, das der Inſel Serinpalé gegenüber liegt. Hier ſchiffte man, während die gemietheten Treiber mit ihren Laſtthieren in ihre Heimath zurück⸗ kehrten, die Handelsartikel in Kähne ein, worauf ich und Oſée, nebſt ſeinem Gefolge, zu Waſſer nach St. Louis fuhren. Wir erreichten den Hafen nach einer glücklichen 24ſtündigen Fahrt. Meine unvermuthete Erſcheinung im Hauſe des Herrn Ficher erregte abwechſelnd Er⸗ ſtaunen und Freude. Ficher und Dupois empfingen mich mit der innigſten Theilnahme, die man einem für verloren gehaltenen Freunde nur bezeigen kann. Wie ich nun erfuhr, waren beide zwei Tage lang in der Bucht der Wüſte be⸗ müht geweſen, mich aufzuſuchen und aus den Händen der Mauren zu befreien. Nach ihrer Ankunft in St. Louis hatten ſie ſich ungeſäumt an den Gouverneur gewendet, und ihn erſucht, zu meiner baldigen Auslieferung Anſtalt zu treffen. Auch darf ich nicht verſchweigen, daß alle durch mein Unglück veranlaßte Koſten. vom Herrn Dupois bezahlt und mir nie in Rechnung gebracht wurden. Am nächſten Morgen kehrte ich mit Herrn Dupois, nach einem rührenden Abſchied von der gütigen, mir ewig unvergeßlichen Familie Ficher, an Bord des Oiſeau zurück. Wir fanden ihn ſegelfertig und in gutem Stande. Unter der Mannſchaft war während unſerer Abweſenheit eine kleine Veränderung vorge⸗ gangen. Zwei Matroſen und der Koch hatten die Flucht genommen, um, wie die Rede ging, ihr Glück im Lande zu machen, daher man die erledigten Stellen mit Eingebornen beſetzt hatte. Der neue Koch war der ſchönſte Neger, den ich je geſehen zu haben glaube. Er beſaß alle diejenigen körperlichen Eigenſchaften, welche dieſer Menſchenklaſſe zur Zierde gereichen, vorzüglich aber eine ſo blü⸗ hende Geſundheit, daß auf ſeinen Wangen ein helles Roth durch die glänzende, ſchwarze Haut ſchimmerte. 273 Bald nach unſerer Einſchiffung wurde die Reiſe nach Isle de France an⸗ getreten. Dieß fand am 20. Februar Statt.— Die Entfernung vom Senegal erfolgte in einem ſehr glücklichen Zeitpunkte; denn ſeit einigen Tagen hatte ein engliſches Geſchwader auf der Höhe gekreuzt. Es war heute zwar ver⸗ ſchwunden, iſt aber kurz darauf zum zweiten Male erſchienen, und hat die franzöſiſche Colonie drei Monate lang von aller Gemeinſchaft mit dem Meere abgeſchnitten. Wir fuhren am folgenden Tage längs dem grünen Vorgebirge, der Mün⸗ dung des Gambiaſtroms und den angrenzenden Landſchaften hin. Zwiſchen hier und dem Vorgebirge der guten Hoffnung kam uns kein Land zu Geſicht. Dieſe weite Strecke wurde äußerſt glücklich zurückgelegt. Die Oſtwinde wehten ſo gleichförmig, daß die Segel vierzehn Tage lang unverrückt ſtehen blieben. Von der Sonnenhitze empfanden wir wenig Ungemach, indem ſie ſelten 28 Grad Réaum. überſtieg. Ein einziger Tag, wo tiefe Windſtille herrſchte, zeichnete ſich durch unerträgliche Hitze aus. Am Abend zeigte das unbewegte Meer eine grünlich fettige Oberfläche, von welcher übelriechende Dünſte in die Höhe ſtiegen. Die Geſundheit der Mannſchaft blieb unverſehrt; nur einige liefen Gefahr, durch nächtliches Schlafen unter freiem Himmel, das in jenen Climaten wegen des kühlen Thaues ſehr ſchädlich i*ſt, ſich Krankheiten zuzuziehen; allein dieſer Unvorſichtigkeit wurde in Zeiten geſteuert. Ueberhaupt begegnete Niemanden von der Mannſchaft etwas Widriges, den Koch ausgenommen, der das Unglück hatte, ſich das Geſicht mit ſiedendem Waſſer zu verbrennen. Dieſer Unfall gab am Ende unſern leichtfertigen Franzoſen manchen Stoff zum Lachen, weil das Geſicht des armen Negers beim Abheilen eine weiße Farbe bekam, die nur all⸗ mählich wieder in die vorige überging. Nur die ohere Hautdecke der Neger iſt nämlich ſchwarz; daher ihre Fußſohlen, Handflächen, Fingerſpitzen und alle Theile, die dem Reiben ausgeſetzt ſind, weißlich ausſehen. Eben daher kommt es auch, daß die neugebornen Kinder Anfangs dieſelbe Farbe haben, welche erſt dann in die der Aeltern.ſich verwandelt, wenn die Haut durch Berührung mit der Luft ihre Vollkommenheit erlangt. Da es auf der Fahrt nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung wenig Arbeit gab, ſo mußte man auf Mittel denken, die Mannſchaft in Thätigkeit zu erhalten. Daher übte man die jungen Leute fleißig im richtigen Gebrauche der Kanonen. Dieß Geſchäft führte jedoch häufig zu Mißhelligkeiten, indem die alten Seemänner in dem Verfahren des Konſtablers, der die Anweiſung gab, manche Fehler entdeckten. Dieſer hatte wohl als Feuerwerker bei der Artillerie gedient, aber ſeine Kunſt noch nie auf dem Meere verſucht, und es iſt bekannt, daß das Geſchütz auf den Schiffen eine ganz andere Behandlung als auf dem Richter's Reiſen. I. 15 Lande verlangt, weil dort das Richten desſelben eine genaue Kenntniß von den Bewegungen der Wellen vorausſetzt, welche nur durch eine lange Erfahrung erworben wird. Man ſtellte auch häufig Uebungen im Schießen mit dem kleinen Gewehr an, zu welchem Ende Scheiben auf den Maſtſpitzen befeſtigt wurden. Dadurch bildete ſich nach und nach ein Corps von Scharfſchützen, deren Ge⸗ ſchicklichkeit im Fall der Noth gute Dienſte verſprach. An Zeitvertreib und Beluſtigungen war kein Mangel. Man tanzte, focht, voltigirte und unterhielt ſich mit Spielen mancherlei Art. In den Abendſtunden glich das Verdeck einer öffentlichen Promenade. Zuweilen wurden auch kleine Luſtſpiele aufgeführt, und zwar mit einer Kunſt, die ſich von Seeleuten nicht erwarten, und nur durch das vorzügliche theatraliſche Talent der Franzoſen er⸗ klären läßt. Ueberdieß machte uns der Affe, den wir am Senegal bekommen hatten, vielen Spaß. Er war voll ſchelmiſcher Ränke, dabei aber nicht bös⸗ artig, und erwarb ſich die Liebe der ganzen Mannſchaft. Merkwürdig iſt es, daß ſich dieſes Thier mit dem Mörder ſeiner Mutter und Urheber ſeiner Ge⸗ fangenſchaft, nämlich dem Matroſen Louis, nie verſöhnte. Es gerieth, ſo oft es ihn erblickte, in heftigen Zorn, beſonders aber dann, wenn er eine Flinte in die Hände nahm.— Der Tag, an welchem wir die Linie überſchritten, gewährte unter allen die meiſte Unterhaltung, weil die lächerlichen Feierlichkeiten der Meertaufe und einer Menge darauf folgender Vergnügungen an demſelben Statt fanden. Eine ſehr angenehme Beſchäftigung war für mich der Fiſchfang, welcher hauptſächlich in den Gegenden um das Vorgebirge der guten Hoffnung beträcht⸗ liche Ausbeute gab. Hier wimmelte das Meer von unzähligen kleinen Fiſchen, die der Europäer, welcher die Naturgeſchichte des Meeres nicht zu ſeinem Haupt⸗ ſtudium macht, kaum den Namen nach kennt. Ob man ſchon auf ſolchen Reiſen, wie die unſrige, durch die von den. Paſſatwinden veranlaßten Ströme, welche ihre Richtung nach den braſiliſchen Küſten nehmen, in der Berechnung der Längengrade oft ſehr getäuſcht wird, ſo hatte doch die Geſchicklichkeit des däniſchen Steuermannes allen Irrungen der⸗ geſtalt vorgebeugt, daß wir am 4. April faſt um dieſelbe Stunde, worauf ſein Tagebuch verwies, das Vorgebirge der guten Hoffnung zu Geſicht bekamen. Die engliſche Flagge, welche damals auf dieſer berühmten Landſpitze wehte, machte, daß wir uns derſelben nicht nähern durften; daher wir ſie in einer Ent⸗ fernung von zehn Meilen umſchifften, und nur wie eine am Horizont aufſtei⸗ gende Gewitterwolke erblickten. Deſſen ungeachtet begrüßten uns große Schaaren vom Lande kommender Vögel, die ſich auf den Maſtſpitzen niederließen und erſt am Abend dahin zurückflogen. Unter den vielen über den Wellen ſchwebenden Waſſervögeln befand ſich auch der König derſelben, der Albatros, von den 1 275 Franzoſen mouton du Cap genannt. Auf der Oberfläche des Meeres erſchienen, außer andern großen Thieren, auch Wallfiſche.. Von den heftigen Stürmen, welche den Seefahrer in der Gegend des Caps gewöhnlich erwarten, blieben wir verſchont. Zwanzig Meilen öſtlich vom Cap zeigte ſich eine merkwürdige Naturerſcheinung, die uns eben ſo ſehr in Erſtaunen als in Schrecken ſetzte. Es waren ſogenannte Waſſerhoſen. Des Morgens um neun Uhr, wo bei gelindem Winde der Himmel trübe war, vernahmen wir plötz⸗ lich ein ziſchendes Geräuſch und ſahen zugleich, wie das Meer auf fünf verſchie⸗ denen Stellen, etwa eine Viertelmeile von uns, in eine kochende Bewegung ge⸗ rieth. Es entſtanden an dieſen Stellen ſtarke Nebel, die ſich Anfangs wie der Qualm eines angezündeten Strohhaufens erhoben, bald aber, zu Säulen ver⸗ dickt, mit dem Geräuſch aufſteigender Raketen nach den Wolken empor wirbelten und mit denſelben verbanden. So wie dieſe vom Winde weiter getrieben wur⸗ den, bewegten ſich auch die Waſſerſäulen mit ihnen fort, und fuhren daher mit großer Schnelligkeit und brauſendem Getöſe bei unſerem Schiffe vorbei. Eine derſelben kam ihm bis auf zehn Schritte nahe; ſie ergriff eine ungeheure auf dem Waſſer ſchwimmende Schildkröte, und führte dieſelbe in die Lüfte. Ob⸗ gleich man bei ihrer Annäherung ſchnell die Segel niederließ, ſo glaube ich doch, daß unſer Schiff, im Fall ſie auf dasſelbe geſtoßen wären, eine beträchtliche Zer⸗ ſtörung erlitten hätte, weil dieſe ſich im Wirbel drehenden Waſſerkegel alles, was ihnen in den Weg kommt, mit ſich in die Höhe reißen und gewaltſam zer⸗ trümmern. Nach ungefähr zehn Minuten trennten ſich die Waſſerſäulen von der Oberfläche des Meeres, und zogen ſich oben in Wolken zuſammen, welche durch die ſtarke Anfüllung mit wäſſerigen Theilen eine ganz ſchwarze Farbe be⸗ kamen.— Um die Waſſerhoſen kurz zu beſchreiben, kann man ſagen: Es ſind hohle, in Bewegung geſetzte Gewölke, deren zugeſpitzter Untertheil auf dem Meere ruht, durch welchen ſie ſich mit Waſſer füllen, ſo wie eine Röhre thun würde, woraus die Luft gepumpt worden iſt. Ungeachtet die Gegenden jenſeit des Caps in der Jahreszeit, in welcher wir ſie beſchifften, heftigen Stürmen und Gewittern ausgeſetzt ſind, ſo ging dennoch unſere Fahrt durch den Canal von Mozambik bis Isle de France ohne Gefahr von Statten. Am 22. April wurde der Wendekreis des Steinbocks zum zweiten Mal durchſchnitten. In der folgenden Nacht erblickten wir nord⸗ oſtwärts ein helles Feuer, das wie eine Säule gen Himmel ſtieg. Man erkannte das Schauſpiel für den Ausbruch des berühmten Vulkans auf der Inſel Bour⸗ bon, die bei Tagesanbruch dicht vor uns lag. Dieſes Eiland, damals Buonaparte genannt, hat das Anſehen eines großen runden Berges, der am Fuße mit üppigen Gewächſen prangt, auf dem Gipfel aber wüſt und öde, und mit Rauch umhüllt iſt. 3 18* 276 10. Isle de France. Port Louis— Beſchreibung des Hafens. Bemerkungen über das Eiland in ge⸗ ſchichtlicher und naturgeſchichtlicher Hinſicht. Schilderung der Stadt Port Louis— deren Um⸗ gebungen— Einwohner— Handel. Der Malaie— Rückkehr nach der Loire. Oſtwärts von der Inſel Bourbon erſchien ein kleineres, ebenfalls durch hohe Berge ausgezeichnetes Eiland; dieß war die Inſel France. Wir erreichten dieſelbe am 24. April. Sie iſt mit einer Bank von Korallen umgeben, die nur an denjenigen Stellen Oeffnungen hat, wo ſich die Flüſſe in das Meer ergie⸗ ßen. Es koſtete daher Mühe, eine Einfahrt zu finden; doch die Ankunft eines Lootſen zog uns aus aller Verlegenheit, und bald lag unſer Oiſeau wohlbe⸗ halten in Port Louis vor Anker. Dieſer Hafen, damals Napoleon genannt, der am Eingang eine Tiefe von mehr als hundert Klaftern hat, kann über funfzig große Seeſchiffe faſſen, ge⸗ währt aber keinen vollkommnen Schutz gegen die oft fürchterlichen Stürme; er liegt an der nordweſtlichen Seite der Inſel. Im Süden derſelben befindet ſich noch ein anderer, den aber das von den Bergen herabgerollte Erdreich ſeicht und für größere Fahrzeuge unzugänglich gemacht hat. Isle de France wurde im Jahr 1500 von den Portugieſen entdeckt, welche ſie d'Acerno(Schwaneninſel) nannten, ohne jedoch eine Colonie darauf zu gründen. Die Holländer fanden dieſe Inſel im Jahr 1598, nahmen ſie in Beſitz und nannten ſie Mauritius(Moritz), nach ihrem Statthalter. Sie errichteten aber erſt 1640 eine Niederlaſſung, die ſie 1708 wieder aufgaben. Im Jahr 1715 wurde ſie von den Franzoſen beſetzt, und zu einer dauerhaften Colonie. gemacht. Bekanntlich iſt ſie zu Ende des Jahres 1810 den Engländern durch Capitulation übergeben, und beim Friedenſchluß 1814 völlig abgetreten wor⸗ den; ſeitdem führt ſie wieder den Namen Mauritius. Die Länge des Eilandes von Norden nach Süden beträgt ungefähr 14 franzöſiſche Meilen, die größte Breitz 10 und der Umkreis 45. Im ſüdlichen Theil erblickt man eine Reihe Berge, von welchen der höchſte 424 Klaftern über der Meeresfläche emporragt. Es befindet ſich ein mehr als 100 Klaftern tiefer See darauf, welchen man für einen ausgebrannten Krater hält. Der nordweſtliche Theil iſt viel flacher und ebener. Die Inſel wird von vielen kleinen Flüſſen und Bächen durchſchnitten, die ſich auf allen Seiten in das Meer er⸗ gießen; die meiſten trocknen jedoch in den Sommermonaten völlig aus. Auch gibt es beſonders in den gebirgigen Gegenden viele ſtehende Gewäſſer. 1 u —ÿy 277 Der Boden beſitzt große Fruchtbarkeit, obſchon er hierin von der Inſel Bourbon übertroffen wird. Zu jener Zeit, wo Isle de France von den Portu⸗ gieſen entdeckt wurde, war der Erdboden bis auf die höchſten Berggipfel mit Holz bewachſen. Dieſes brannten die Coloniſten Anfangs ab, wenn es ihnen darum zu thun war, einen Strich Landes urbar zu machen. Die urſprüng⸗ lichen Produkte haben ſich daher ſehr vermindert. Deſſen ungeachtet ſind noch beträchtliche Waldungen vorhanden, die vorzüglich Kampher⸗ und Ebenholz, ſowie verſchiedene Arten Palmbäume enthalten. Die Menge ſeltener Pflanzen bietet ein weites Feld zu Beobachtungen dar; es war mir aber nicht möglich, bei dieſem Gegenſtande zu verweilen, weil ich den Erdboden in dem Zuſtande fand, worein die ausdörrende Sommerhitze ihn verſetzt hatte.— Eins der merk⸗ würdigſten Gewächſe iſt der wilde ſtachlige Spargel, welcher nicht ſelten eine Höhe von zehn und mehr Fuß erreicht. 4 Ueberdieß findet man auf Isle de France faſt alle tropiſche Fruchtbäume wovon diejenigen, welche Kokosnüſſe, Datteln und Brodfrüchte hervorbringen, die gemeinſten ſind. Die europäiſchen, von den Coloniſten angepflanzten Obſt⸗ arten gedeihen wenig, am beßten die Pfirſchen und Kaſtanien. Den Roggen ausgenommen, werden alle europäiſchen Getreidearten erbaut; außerdem hat man auch viel Mais und andere afrikaniſche Kornarten. Europäiſche Hülſen⸗, Erd⸗ und Gartenfrüchte kommen nicht gut fort, deſto beſſer die tropiſchen. Die Erzeugniſſe, welche ſich zum Handel eignen, ſind mannichfaltig, z. B. Tabak, Kaffee, Indigo, Baumwolle, viel Zucker, die meiſten indiſchen Gewürze und mehre andere Artikel.— Es iſt Eiſen, etwas Kupfer und vielleicht noch man⸗ ches andere Metall vorhanden, welchem jedoch die Kunſt des Bergbaues noch nicht nachgeforſcht hat. Korallen und Conchylien findet man an den Küſten in Menge. 8 In den Wäldern finden ſich noch faſt alle Arken von Wildpret und wildem Geflügel, die wir in Europa haben, beſonders Haſen und wilde Schweine, Perlhühner und Rebhühner. Affen und Kaninchen halten ſich faſt überall, ſelbſt in der Nähe der menſchlichen Wohnungen auf; auch gibt es eine Rieſengattung von Schildkröten. Heuſchrecken, Ratten und Mäuſe, welche letztere ſich unge⸗ heuer vermehrt haben, ſind eine wahre Plage des Landes. Unter den Vögeln zeichnen ſich der Flamingo und einige ſchöne Arten Papageien aus. Die Teiche, Bäche und das Meer geben reiche Ausbeute an Fiſchen. Das zahme Vieh, ſo⸗ wohl europäiſches als afrikaniſches, gedeiht vortrefflich; nur die Pferde errei⸗ chen keine vorzügliche Größe, doch fehlt es ihnen nicht an Muth und Stärke. Das Klima iſt geſund, und hat viel Aehnlichkeit mit dem der kanariſchen Inſeln. Während der Sommermonate wird die Hitze durch die erfriſchenden 278 Seewinde ſehr gemildert. In der andern Jahreszeit fallen zwar heftige Regen⸗ güſſe, wechſeln aber oft mit ſchönem heitern Wetter ab; doch iſt Isle de France mehr, als irgend ein Land in der Nachbarſchaft, den fürchterlichſten Gewittern, Stürmen und Orkanen unterworfen. Ich ſah während meines Aufenthalts da⸗ ſelbſt einen ſolchen Sturm, welcher zwei Tage dauerte. Einige Schiffe im Hafen wurden auf den Strand geworfen, andere ſcheiterten an den Klippen, und die übrigen hatten Mühe, ſich mit Hülfe aller Anker feſt zu halten. Am Lande herrſchte die größte Verwirrung. Viele Häuſer wurden von ihrer Stelle ver⸗ rückt, einige umgeſtürzt, und die Landſtraßen mit ausgeriſſenen Bäumen ſo ver⸗ ſperrt, daß drei Tage nachher noch kein Wagen oder Laſtthier auf denſelben fortkommen konnte. Dieſes klimatiſche Uebel ſcheint in dem Maße ſich zu verſchlim⸗ mern, als die Cultur des Bodens Fortſchritte macht. Die erſten franzöſiſchen Coloniſten, welche Madagaskar verließen und ſich in Isle de France wegen des angenehmen und geſunden Klima's anſiedelten, empfanden Anfangs wenig Un⸗ gemach von den Stürmen, und wurden im Sommer häufig durch kühlen Regen erquickt. Als ſie aber anfingen, ganze Strecken Landes von ihrer waldigen Decke zu entblößen, gewannen die Luftſtröme einen freiern Spielraum, ſo wie der Erdboden einen großen Theil ſeiner Kraft, den Regen an ſich zu ziehen, verlor. Auch auf die Geſundheit der Menſchen hat dieſes Ausrotten der Wälder Einfluß gehabt. Jene erſten Bewohner kannten keine oder wenig Krankheiten; jetzt bleiben ſie nicht mehr davon befreit. Der Hauptort der Colonie iſt die kleine Stadt, die im Hintergrund des Hafens Louis liegt, und mit dieſem einen gemeinſchaftlichen Namen(Port Louis) führt. Die Straßen derſelben ſind gerade und breit, die Häuſer durch⸗ gängig von Holz und nur ein Stockwerk hoch, daher ſie von den Stürmen zwar umgeworfen, aber nicht veicht zertrümmert werden. Jedes Haus ſteht einzeln. b und iſt mit Stacketen umgeben. Dabei haben einzelne die ſonderbare Einrich⸗ tung, daß man ſie auf Walzen von einer Stelle zur andern ſchaffen kann. Dieſer Umſtand würde Gelegenheit geben, die Stadt beſtändig zu verändern, wenn nicht von der Natur ihre Grenze durch die benachbarten Berge, und auch von der Regierung die Geſtalt der Straßen durch Markſteine beſtimmt wäre; daher es den Beſitzern der Häuſer Mühe macht, dieſelben an einem andern Platze ein⸗ zuſchieben. Es gab damals nur ein einziges ſteinernes Gebäude. Dieß war die Börſe, welche ſich durch ihre Größe, aber nicht durch beſondere Bauart aus⸗ zeichnete. Zu den übrigen vorzüglichſten Gebäuden gehört das Arſenal für die Kriegſchiffe, und zwei oder drei gut eingerichtete Hospitäler, welche nicht ſowohl für die Coloniſten, als für die erkrankten Mannſchaften der europäiſchen Oſt⸗ indienfahrer eine wohlthätige Zuflucht ſind. In allen Theilen von Port Louis 1 —yj — — j— 279 gibt es kleine, vortreffliches Trinkwaſſer enthaltende Bäche, worüber Brücken führen. Ehedem floſſen in der Regenzeit mehre wilde Ströme durch die Stadt; man hat ihnen aber, weil ſie den Hafen durch die mit ſich führende Erde zu verſchütten drohten, andere Wege gebahnt. Die Berge, welche Port Louis umgeben, ſind mit Chinawurzeln(China⸗ wurz) bedeckt. Dieſe Gewächſe vertrocknen in der Hitze des Sommers derge⸗ ſtalt, daß ſie die Eigenſchaft des Zunders annehmen und durch den kleinſten Feuerfunken in Flammen geſetzt werden. Kurz vor meiner Ankunft auf der Inſel hatte ein ſolcher Brand Statt gehabt. Einige benachbarte Gehölze waren davon ergriffen, und nur mit Mühe vom gänzlichen Verbrennen gerettet worden. Die ganze Landſchaft hatte daher ein höchſt trauriges und abſchreckendes Anſehen. Im Hintergrunde dieſer öden Berge ragt ein Fels hervor, welcher gegen 500 Fuß über der Meeresfläche erhoben iſt. Auf dem Gipfel, der ſich nur mit Mühe beſteigen läßt, hat man eine treffliche Ausſicht nach der Stadt und dem Hafen, über das benachbarte Meer und, auf der andern Seite, über einige frucht⸗ bare Landſtriche. Der angenehmſte Gegenſtand, der ſich hier dem Auge darbietet, iſt ein angrenzendes, mit romantiſchen Partien verſehenes Thal. Dieſer Fels und dieſes Thal waren daher die Gegenden, wohin ich oft, des häufigen Regenwetters ungeachtet, meine Wanderungen anſtellte. Port Louis iſt, als der Sitz des Handels und der Regierung, ein ſehr lebhafter Ort. Die hier anſäſſigen Franzoſen haben mit denen des Mutter⸗ landes faſt nichts als die Sprache gemein. Durch das heiße Klima und den Verkehr mit den indiſchen Nationen iſt ihr Charakter ſehr ausgeartet. Sie kleiden ſich durchgängig in Zeug und Nanking und führen eine ganz morgen⸗ ländiſche Lebensweiſe. Gewinnſucht und Ueppigkeit haben die meiſten edeln Eigenſchaften verdrängt. Man ſtrebt nach Reichthum, um Bedürfniſſe zu be⸗ friedigen, die man ſich durch eigener Hände Arbeit zu verſchaffen ſcheut. Es iſt daher aller Sinn für Kunſt und Wiſſenſchaft erloſchen. Die Erziehung der Kinder bleibt den Sklaven, ſo wie alten Soldaten überlaſſen, welchen man, wenn ſie leſen und ſchreiben können, Lehrerſtellen anvertraut. Einige wenige laſſen ihre Söhne in Europa erziehen. Es ſteht indeß zu hoffen, daß die in allen Klimaten ſich mehr gleich bleibenden Engländer, welche die Colonie ſeit der Beſitznahme derſelben ſchon in mancher Hinſicht verbeſſerten, auch auf den Geiſt und die Veredelung dieſer ausgearteten Franzoſen einen wohlthätigen Einfluß haben werden. Es wohnen in Port Louis auch viele Indier, vorzüglich Malaien, ſo wie — 280 Freineger. Dieſe Leute nähren ſich hauptſächlich von dem Kleinhandel, der Schifffahrt, dem Fiſchfang und von Handarbeiten, und leben übrigens nach ihren verſchiedenen Landesſitten, deren nähere Beſchreibung mich hier zu weit führen würde. Ich kann jedoch nicht verſchweigen, daß ich, während meines dortigen Aufenthaltes, oft Gelegenheit hatte, den tückiſchen und trügeriſchen Charakter der Indier, beſonders der Malaien, ſo wie die große Sittenloſigkeit der zahlreichen Sklaven kennen zu lernen. Viele von denjenigen Franzoſen, welche die innern Theile der Inſel be⸗ wohnen, ſind faſt gänzlich in den Zuſtand der Natur zurückgekehrt und führen ein patriarchiſches Leben. Ackerbau und Viehzucht machen ihre einzige Be⸗ ſchäftigung aus. Sie gehen barfuß, kleiden ſich in blaue Leinwand und ſchränken ihre Genüſſe auf Reiß und Pataten, auf Kaffee und Flangourin ein. Letzteres iſt ein Getränk, das aus dem gegohrenen Safte des Zuckerrohrs bereitet wird. In Hinſicht des Handels iſt die Inſel France ein ſehr wichtiger Platz. In der Mitte von zwei Endpunkten der Erde, Europa und Indien, bietet ſie beiden eine Niederlage für ihre Waaren dar; daher ein ſtarker Tauſchhandel Statt findet. Ueberdem verſchickt man viel einheimiſche Produkte mit gro⸗ ßem Vortheil. Ich will die Waaren, welche hier den meiſten und beßten Ab⸗ ſatz finden, nicht anzeigen, weil ſeit der Beſitznahme der Colonie durch die Engländer große Veränderungen im Handel vorgegangen ſind. Während meines Dortſeins war er, trotz des beſtehenden Krieges, ſehr lebhaft. Im Hafen befand ſich eine Menge franzöſiſcher und anderer europäiſcher, ſo wie indiſcher neutraler Schiffe, und kein Tag verging, wo nicht wichtige Geſchäfte auf der Börſe gemacht wurden Ueberdieß gaben die franzöſiſchen Fregatten, und die vielen Kaperſchiffe, die man unterhielt, der Handelsthätigkeit einen großen Schwung. Denn ſie führten durch die gemachten Priſen ſehr reiche Schiffsladungen ein, und waren überhaupt den Engländern ſo gefährlich, daß dieſe die Inſel France als ein Raubneſt betrachteten. Wir hatten volle drei Wochen in dieſer Colonie verlebt, ehe wir mit dem Ausſchiffen unſerer Ladung, die hauptſächlich in Wein, in wollenen und ſei⸗ denen Zeugen beſtand, fertig wurden. Unter der Zeit war ich häufig, um die Waaren zu überliefern, in den Packhäuſern der Kaufleute beſchäftigt geweſen. Jetzt folgten acht ruhige, geſchäftloſe Tage, während welcher Herr Dupois An⸗ ſtalten zur beabſichtigten Reiſe nach den indiſchen Gewäſſern traf. Ich ſchöpfte nun freier Athem und benutzte dieſe Muße, um die oben mitgetheilten, die Inſel und ihre Einwohner betreffenden Nachrichten zu ſammeln. 1 A — 281 Nach Verlauf dieſer Zeit— am 23. Mai— kamen zwei Kaper mit einer engliſchen Priſe von 24 Kanonen an; ihnen folgte ein franzöſiſcher Avan⸗ turier, der an der Küſte Koromantel gute Geſchäfte gemacht hatte. Die Mann⸗ ſchaften aller dieſer Schiffe ſtimmten in der Ausſage überein, daß die engli⸗ ſchen Kreuzer ſich zahlreich im indiſchen Meere verſammelten und die Beſchif⸗ 1 fung desſelben ſehr unſicher machten. Drei oder vier indiſche Fahrzeuge, die den folgenden Tag einliefen, verbreiteten ſogar das Gerücht, daß die Eng⸗ länder ſeit kurzem einige franzöſiſche Corſaren und Kauffahrer weggenommen hätten. Die Unruhe der Franzoſen in der Stadt wurde hierdurch ſehr auf⸗ geregt, und ſie begannen dem Ende ihrer Herrſchaft auf Isle de France, die ſich jedoch noch einige Zeit erhielt, mit Schrecken entgegen zu ſehen. Das Zuſammentreffen dieſer Umſtände war es, was den Herrn Dupois plötzlich beſtimmte, ſeinen weit ausſehenden Reiſeplan aufzugeben und eilig in das Vaterland zurückzukehren. Er beſorgte daher ungeſäumt eine Ladung für unſer⸗ Schiff, die von neuem meine ganze Thätigkeit in Anſpruch nahm. So blieb denn der Hauptzweck meiner Reiſe, die Küſten Indiens kennen zu lernen, unerfüllt. 1 Den Tag unſerer Abfahrt von Isle de France bezeichnete ein für mich 8 unangenehmer Vorfall, welchen ich, ſeiner Sonderbarkeit wegen, umſtändlich erzählen will. Unſere Mannſchaft erhielt am Morgen die Erlaubniß, an Land zu gehen, um ſich die nothwendigen Bedürfniſſe für die Reiſe einzukaufen. Zu⸗ gleich wurde mir vom Herrn Dupois der Auftrag ertheilt, derſelben einen Theil ihres Gehalts auszuzahlen; denn die Verwaltung der Kaſſe gehörte mit zu meinen Geſchäften. Ich ſetzte mich dem zu Folge, wie es üblich iſt, auf dem Hinterdeck au einen Tiſch, mit dem Ausgabebuch und dem Gelde vor mir. Ein Röllchen Goldſtücke ſteckte ich in meine Rocktaſche. Als ich, während des Aus⸗ zahlens, desſelben bedurfte und danach griff, fand ich es nicht, wohl aber den Boden der Taſche zerſchnitten. Der Verdacht des Diebſtahls fiel auf einen Malaien, der zum Gefolge des angekommenen Lootſen gehörte. Er hatte ſchla⸗ fend hinter mir auf dem Deck gelegen und war eben aufgeſtanden. Allein es wurde nichts bei ihm gefunden. Der Thäter blieb unentdeckt, bis man endlich 8 am Abend, als die Anker gelichtet wurden, zur Stärkung der Kräfte Brannt⸗ wein austheilte. Den Malaien zwang das Getränk zum Huſten und— er ſprudelte einen Dukaten hervor. Kurz, der Schurke hatte das Geld den ganzen Tag im Munde gehalten, das er nun nicht länger verbergen konnte. Daß wir dieß nicht eher bemerkten, kam daher, weil man gewohnt war, die Malaien, welche beſtändig Betelblätter kauen, mit geſchwollenen Backen zu ſehen. Wir gelangten am Abend— es war der 20. Juni— in See, und ließen 282 Isle de France bald hinter uns.— Die Rückreiſe nach Frankreich zähle ich unter die glücklichſten Seereiſen, die ich gemacht habe. Unſer flüchtiges Schiff durchſchnitt, von den Winden begünſtigt, die Fluthen des Meeres, und legte einen Grad nach dem andern zurück. Ich will nicht ſagen, daß wir von Stür⸗ men vollig verſchont blieben, denn wird wohl, ohne von ihnen beunruhigt zu werden, eine Seereiſe gemacht?— aber es waren ſolche, die keine ſchädlichen Folgen hatten, und daher mit dem letzten heftigen Windſtoße vergeſſen wurden. Wir erblickten am 9. November 1808, nach einer Abweſenheit von beinahe zehn Monaten, die Küſten von Bretagne und ankerten um Mitternacht wohlbehalten an der Mündung der Loire. —y,— — IV. Reiſe von Uantes nach den Antillen, nach Scholtland, England und der Inſel Waſcheren. J. Der Verfaſſer begibt ſich von Nantes auf eine Reiſe nach der weſtindiſchen Inſel Guadeloupe. Das franzöſiſche Schiff wird von einer engliſchen Fregatte genommen. Man bringt uns als Kriegsgefangene auf dieſes Schiff. Die Inſel Martinique. Der Kaufmann Dupois ſchien nach der Zurückkunft von Isle de France ganz umgeſchaffen, und benahm ſich in ſeiner Vaterſtadt Nantes weit verſtän⸗ diger, als bei dem frühern Aufenthalte daſelbſt. Anſtatt, wie damals, mit ſeinem Schiffe zu prunken, und deſſen weitere Beſtimmung darüber faſt zu ver⸗ geſſen, betrieb er mit Eifer die ihm obliegenden Geſchäfte, und wünſchte, da er am Seeleben Geſchmack gefunden hatte, das Feſtland ſo bald als möglich wieder zu verlaſſen. Er faßte den Entſchluß, eine Reiſe nach der Inſel Guadeloupe zu machen, der auch ſogleich ausgeführt wurde. Was mich betrifft, ſo genoß ich fortwährend das Vertrauen und die Ge⸗ wogenheit des Herrn Dupois, daher er mir den Antrag machte, ihn unter den⸗ ſelben Bedingungen, wie vorher, auf ſeiner neuen Fahrt zu begleiten, was ich, da es meinem Wunſche völlig entſprach, mit Freuden annahm. Ich ging mit ihm den 23. November(1808) von Nantes nach Paim⸗ boeuf, wo der Oiſeau— dieß war bekanntlich der Name ſeines Schiffes,— zu unſerer Aufnahme und zum Abſegeln bereit lag. Am folgenden Morgen lichtete man die Anker, mußte ſie jedoch, wegen widrigen Windes, am Ausfluſſe der Loire wieder auswerfen. 284 Erſt am 10. Dezember gelangten wir auf das hohe Meer. Das Wetter war, ungeachtet der ſpäten Jahreszeit, ſo vortrefflich, daß unſere Fahrt einer Luſtreiſe glich, und Aller Herzen zu den froheſten Empfindungen geſtimmt wurden. Aber ſchon am Abend, als eben die Matroſen im traulichen Kreiſe beiſammen ſaßen, und ſich die am Lande beſtandenen Abenteuer erzählte, ent⸗ ſtand plötzlich ein gewaltiger Sturm, der die Maſten über Bord zu werfen drohte, und die größte Verwirrung unter der Mannſchaft verbreitete. Dieſes ſtürmiſche Wetter legte ſich zwar am Morgen, erhob ſich jedoch bald von neuem und hielt fortdauernd an, daher wir ganze vier Wochen im ſpaniſchen Meere herumtrieben, und die Rauheit des europäiſchen Winters nicht wenig empfanden. Das Uebel wurde durch die Unbehülflichkeit der Schiffleute, die aus lauter neugeworbenen Franzoſen beſtanden, noch vermehrt, da die vormalige wohl ge⸗ übte Mannſchaft, bis auf den Kapitän, uns verlaſſen hatte. Die Dänen waren in ihre Heimath zurück gereiſt, und die Uebrigen hatten nicht für gut befunden, ſo bald und ohne das erworbene Geld verthan zu haben, wieder vom Lande zu ſcheiden.. Nachdem der milde Himmelsſtrich von Madeira und die Gegend des Paſſat⸗ windes erreicht, auch die Matroſen beſſer abgerichtet waren, ging die Fahrt, wie es auf einer Reiſe nach Weſtindien gewöhnlich iſt, ſchnell und angenehm von Statten. Bei hellem, täglich wärmeren Wetter fuhren wir, faſt ohne ein Segel zu verrücken, auf den ſanft rauſchenden Wogen dahin, während Delphine und fliegende Fiſche um unſer Schiff ſpielten.. Es war am 2. Februar, als die erſten Merkmale von der Nähe der weſt⸗ indiſchen Inſeln ſich zeigten. Der Dunſtkreis im Weſten verdickte ſich, und es ſtrömten uns von dort aromatiſche Düfte entgegen; auch ſprangen aus dem Waſſer viel fliegende Fiſche, von der Art, die im karaibiſchen Meere, beſonders oſtwärts von Barbados lebt, und von den Seeleuten„fliegende Karaiben“ ge⸗ nannt wird. Bei Sonnenuntergang erblickten wir am weſtlichen Horizont die Antillen, wie eine Reihe ſchwarzer Pünktchen. Als der Morgen graute, er⸗ ſchienen ſie, mit Nebel umhüllt, in unbeträchtlicher Ferne. Wir erreichten bald die Inſel Marie galante, hinter welcher Guadeloupe, das Ziel unſerer Beſtim⸗ mung, mit ſeinen hohen Bergen hervorragte. Der Anblick des Landes erregte lauten Jubel unter der Schiffsmann⸗ ſchaft. Sie ſah die Reiſe, die nur noch einige Stunden dauern konnte, für ſo gut als beendigt an, und träumte ſich ſchon im Genuß der Ergötzlichkeiten, wozu die herrlichen Pflanzungen einzuladen ſchienen. Auch Herr Dupois nahm Theil an der voreilign Freude, und begann beſonders über das Glück zu frohlocken, daß uns ſeit der Abfahrt von Nantes kein engliſches Schiff aufgeſtoßen war. 1 — ———— —r 285 Aber oft iſt die Gefahr am nächſten, wenn man ſie am entfernteſten glaubt; und während Dupois noch von den feindlichen Kreuzern ſprach, erſchien plötzlich eine engliſche Fregatte. Sie hatte uns in der Nacht ausgeſpäht, ſich dann hinter einigen Klippen bei Marie galante verborgen, und eilte nun, als wir unbe⸗ fangen vorüber ſchifften, mit vollen Segeln auf uns zu. Die Beſtürzung der Franzoſen war zu groß, um in Zeiten auf ihre Flucht — denn nichts anderes konnte ſie retten— bedacht zu ſein; unthätig und wie an allen Gliedern gelähmt, ſtanden ſie da und ſtaunten, ihren Blicken kaum trauend, das furchtbare feindliche Schiff an. Endlich erholten ſie ſich von ihrem paniſchen Schrecken, und boten alle Kräfte auf, um mehr Segel beizuſetzen. Allein, als ob das Schickſal unſer Unglück beſchloſſen hätte, faſt alle Bemü⸗ hungen mißlangen, denn bald zerriß dieſes bald jenes Tau, und kurz, alle Um⸗ ſtände verbanden ſich, die Flucht unmöglich zu machen. Das uns verfolgende Schiff rückte ſchnell näher. Als es in Schußweite war, thaten unſere Leute einige Kanonenſchüſſe, in der Hoffnung, ihm das Takelwerk zu beſchädigen, und dadurch der Schnelligkeit ſeines Laufs Einhalt zu thun. Aber auch dieſer Ver⸗ ſuch mißglückte. Wir waren unterdeſſen der Infel Guadeloupe ſehr nahe ge⸗ kommen, und konnten den Hafen und die Stadt Baſſe⸗terre deutlich ſehen. Es lagen hier zwei franzöſiſche Fregatten vor Anker, und wir hofften Beiſtand von ihnen zu erhalten; doch— ſie blieben in ungeſtörter Ruhe. Es dauerte nicht mehr lange, ſo gewann der Feind unſerem Schiffe den Wind ab, und kam nun, wie im Fluge vollends heran. Er hatte bis dahin ſtillſchweigend ſich genähert; jetzt wurden aber einige Kanonen von ihm abgefeuert, um uns zur Unterwer⸗ fung zu zwingen. Es wäre thörig geweſen, noch kräftigere Salven abzuwarten, und der Uebermacht Trotz zu bieten; wir ſtrichen daher ſchleunig die Flagge, und riſſen die Segel nieder.— In der größten Verwirrung ließ man alles ſtehen und liegen, und jeder eilte ſeiner Kammer zu, um die Habſeligkeiten, die er beſaß, zuſammen zu packen, und ſich zur Gefangenſchaft vorzubereiten. Es verging keine Minute, ſo erſchienen auch ſchon Engländer am Bord unſeres Schiffes, um davon Beſitz zu nehmen. Als ihr Offizier, der Priſen⸗ meiſter, aufs Verdeck trat, ſchrie er uns mit donnernder Stimme zu, augen⸗ blicklich in das Boot zu ſteigen. Wer zum Abzug fertig war, ſprang hinab, und die Uebrigen mußten, mit Gewalt dazu getrieben, ſchnell nachfolgen. Nur der Oberſteuermann, der Koch und einige Matroſen wurden zurückbehalten, um Auskunft über die Verhältniſſe des Schiffes zu geben, und in der Behandlung desſelben Beiſtand zu leiſten. Man ſchaffte uns ohne Verzug an Bord der Fre⸗ gatte. Während der Ueberfahrt erfuhren wir von den Ruderern, daß ein ſtarkes britiſches Geſchwader in den Gewäſſern der Antillen verſammelt, und gegen⸗ 286 wärtig mit der Eroberung von Martinique beſchäftigt ſei, auch daß man uns zunächſt dahin abliefern werde, wo wir, da ſeit kurzem viele franzöſiſche Kauf⸗ fahrer ein gleiches Schickſal gehabt hätten, eine Menge Unglücksgefährten finden würden. 1 Bei unſerer Ankunft auf dem engliſchen Schiffe wurden wir von der Mann⸗ ſchaft auf eine unerwartet freundliche Weiſe empfangen; der Commandant be⸗ handelte uns ſogar mit vieler Artigkeit. Auf den erſten Blick ſcheint dieſes Be⸗ 4 tragen wenig Lob zu verdienen, wenn man bedenkt, daß die gemachte Priſe ein bedeutender Gewinn war, der es gewiſſermaßen zur Pflicht machte, unſer Schickſal auf alle Art zu erleichtern; vergleicht man damit aber die übermüthige Behand⸗ lung, welche die Gefangenen auf den Kriegſchiffen anderer Nationen, trotz der zugeführten Beute, häufig erfahren, ſo läßt ſich die von den Engländern uns bewieſene Großmuth gewiß nicht verkennen. Nachdem man unſere Schiffspapiere beſichtigt und unſere Namen aufge⸗ zeichnet hatte, erſcholl des Bootsmanns kleine Silberpfeife, ein Inſtrument, wo⸗ mit auf den Kriegſchiffen in vielen Fällen das Zeichen gegeben und dadurch der mündliche Befehl erſetzt wird. Jetzt verkündigte der Pfeifenton, daß es Zeit zum Frühſtücken ſei; und Matroſen und Soldaten liefen, bunt durch einander, mit ihren Schüſſeln und Keſſeln nach der Küche hin.— Der Commandant lud den Herrn Dupois, ſo wie auch den Kapitän und mich, in ſeine Kajüte ein, um mit ihm das Frühſtück einzunehmen. Unſere übrigen Leute wurden bei den Ma⸗ troſen bewirthet, und ließen ſich den ſchönen feinen Schiffszwieback mit Butter, ſo wie den Rum uud das aus Kakgobohnen bereitete Getränk recht wohl ſchmecken. Aus beſonderer Begünſtigung reichte man ihnen von allen Lebens⸗ mitteln volle Seemanns⸗Portionen, obſchon ſich nach der engliſchen Marinever⸗ faſſung die Kriegsgefangenen und überhaupt alle, die auf den Schiffen keine Anſtellung haben, ſondern nur transportirt werden, mit zwei Drittheilen be⸗ gnügen müſſen. Die Fregatte lag mit dem Oiſeau auf der Stelle, wo ſie ihn erobert hatte, eine Zeit lang bei, weil es Mühe koſtete, die auf demſelben entſtandene Ver⸗ wirrung zu dämpfen. Erſt als das Frühſtück eingenommen war, gab er das Zei⸗ chen, daß alles in Ordnung ſei, worauf beide Schiffe unter Segel gingen und nach der engliſchen Inſel Dominique ſteuerten. Sie erreichten gegen Mittag die Nordſeite des Eilandes, und ſchifften dann längs der Küſte ſüdwärts hin. Bis jetzt hatten unſere Franzoſen wenig Traurigkeit blicken laſſen. Die Ereigniſſe des Tages waren ſo ſchnell auf ein⸗ ander gefolgt, und nach ihrer Gefangennehmung hatte die glänzende Einrich⸗ tung des Kriegſchiffes ihre Aufmerkſamkeit ſo ſehr beſchäftigt, daß ſie zu keiner 4 —— — 287 Beſinnung über ihren Zuſtand gekommen waren. Aber der Anblick der ein⸗ ſamen vulkaniſchen Felſen auf Dominique ſchien ihnen Stoff zum Nachdenken über ihr künftiges Schickſal zu geben, denn ſie wurden auf einmal ganz nieder⸗ geſchlagen. Als der Hafen von Roſeau, der im Süden der Inſel liegt, zum Vorſchein kam, bemühten ſich die Engländer, dem Oiſeau eine ſchnellere Bewegung zu geben, um ihn ſobald als möglich in Sicherheit zu bringen. Es gelang ihnen die Segelkraft desſelben ſo zu vermehren, daß das Kriegſchiff, ungeachtet es auf gleiche Weiſe ſich anſtrengte, in kurzem zurückgelaſſen wurde, während die Mannſchaft dem Schnellſegler mit Wohlgefallen nachſah, und ihre Verwunde⸗ rung über die Möglichkeit, ihn eingeholt zu haben, laut äußerte. Dieſer Um⸗ ſtand, der unſere Leute ſehr beſchämte, und des tröſtenden Gedankens, ihr Un⸗ glück nicht verſchuldet zu haben, beraubte, ſchlug ihren Muth noch mehr nieder. Beſonders gab er Veranlaſſung, den Herrn Dupois ſehr übel zu ſtimmen. Dieſer hatte bisher den Verluſt ſeines Schiffes für unvermeidlich gehalten und daher geduldig ertragen, ward aber jetzt, da er ihn als eine Folge von der Un⸗ geſchicklichkeit ſeiner Landsleute betrachtete, von Schmerz überwältigt. Als die Fregatte auf der Rhede von Roſeau anlangte, befand ſich der Oiſeau bereits im ſichern Hafen. Auf ſeinen Maſten wehte die engliſche Flagge, und unter derſelben die franzöſiſche— ein Anblick, der in dem Herzen unſerer Leute von neuem Gefühle des Unmuths erregte. Die Fregatte ging nicht vor Anker, ſondern legte bloß bei, um die Gefangenen einer kleinen Kriegsbrig zu übergeben, die beſtimmt war, zu der obenerwähnten Flotte vor Martinique ab⸗ zugehen. Der auf dem Oiſeau zurückbehaltene Theil unſerer Mannſchaft wurde nun wieder mit uns vereinigt. Auch lieferte man alles noch vorgefundene Eigen⸗ thum der Mannſchaft aus, und behielt nur ſolche Dinge zurück, von denen es einleuchtete, daß ſie nicht Gegenſtände des eigenen Bedürfniſſes, ſondern des Handels waren. In dieſer Hinſicht traf auch mich ein bedeutender Verluſt; denn ich war in Nantes verleitet worden, für mein ganzes, auf der vorigen Reiſe verdientes Geld Waaren einzukaufen, die damals in Guadeloupe ſehr ge⸗ ſucht wurden und mithin einen vortheilhaften Abſatz verſprachen. Der Abſchied unſerer Leute von denen der Fregatte war freundſchaftlich, da dieſe ſich mit Edelmuth benommen hatten, und jene gegen Menſchen, die das Schickſal zu ihren Feinden machte, keinen Groll im Herzen hegten. So beſtie⸗ gen wir die von der Brig zu unſerer Aufnahme abgeſchickten Boote, und die Fre⸗ gatte eilte, ihren Standpunkt bei Marie galante wieder einzunehmen, wo ſie in der Folge noch manches franzöſiſche Schiff überfallen und genommen hat. Auch auf der Brig fanden wir eine freundliche Behandlung. Da es in 288 den untern Gemächern an Raum gebrach, ſo wies man uns die Schanze— das hintere Verdeck— zum Aufenthalt an, wo wir mit allem Nöthigen ver⸗ ſorgt, und übrigens in ungeſtörter Ruhe gelaſſen wurden. Die Sicherheit der ſehr ſchwachen Beſatzung forderte jedoch ein wachſames Auge auf uns zu haben; daher in unſerer Nähe zwei bewaffnete Seeſoldaten ihre Stellung nahmen, und nur Einen auf einmal, und zwar von einer Wache begleitet, von ſeinem Platze weggehen ließen, wenn irgend ein Bedürfniß ihn dazu nöthigte.— Es vergingen einige Stunden, ehe man unter Segel ging, wodurch ich Muße bekam, einen aufmerkſamen Blick auf Roſeau, ſo wie auf die ganze Inſel zu werfen. Die Stadt Roſeau gewährte keinen angenehmen Anblick, da viele Woh⸗ nungen bloße Hütten, und andere ſehr verfallen waren, ja ganze Straßen in Folge einer Feuersbrunſt in Ruinen lagen. Am vortheilhafteſten nahm derje⸗ nige Stadttheil ſich aus, wo das Schloß des Gouverneurs, neben einer kleinen Feſtung, auf einer Anhöhe liegt. Hier haben die Engländer geſchmackvolle Häuſer aufgeführt. Die Gegend umher bietet wenig freundliche Anſichten dar. An allen Seiten erblickt man hohe ſchwarze Felſen, die aber, trotz ihrer trau⸗ rigen Geſtalt, dazu dienen, durch den grellen Abſtand, den ſie mit dem Mauer⸗ werk machen, die Stadt etwas hervorzuheben, die außerdem noch unanſehnlicher erſcheinen würde. Ueberhaupt beſteht ganz Dominique aus unzähligen großen und kleinen Felſen, die wahrſcheinlich alle vulkaniſchen Urſprungs ſind. Es befinden ſich auch wirklich im Innern des Landes mehre feuerſpeiende Berge, die zwar ſeit langer Zeit nicht zum Ausbruche kamen, deſſen ungeachtet aber— wie die aufſteigenden Dämpfe, der geſchmolzene Schwefel, der hier und da aus den Felſen dringt, ſo wie die vielen heißen Quellen beweiſen— noch immer in der Tiefe brennen, und vielleicht eine fürchterliche Kataſtrophe vorbereiten. Un⸗ geachtet der felſigen Beſchaffenheit der Inſel, haben die Thäler, wo die vom Gebirge herabgeſchwemmten vulkaniſchen Auswürfe verwittern, einen frucht⸗ baren Boden, der in Verbindung mit dem warmen Klima die Mühe des Pflan⸗ zers belohnt. Außer Früchten und Gemüſen erbaute man im Durchſchnitt jähr⸗ lich über drei Millionen Pfund Kaffee, aber an Zucker, dem der Boden nicht günſtig iſt, etwas weniger. Doch hat das, ſeit die Sklaven auf den engliſchen Beſitzungen freigegeben wurden, ungemein abgenommen. An zahmen und wil⸗ den vierfüßigen Thieren, ſo wie an Federvieh, herrſcht großer Mangel; dagegen⸗ beſitzt das Meer umher großen Reichthum an Fiſchen. Die Mehrzahl der Ein⸗ wohner beſtand noch immer aus Franzoſen; daher ihre Sprache bis jetzt auch unter den Negern und Mulatten die herrſchende iſt. Im Innern des Landes halten ſich noch einige von den Urbewohnern, den rothen Karaiben, auf, die 289 man mit zu den letzten Ueberreſten dieſes Volksſtammes zählt. Sie ſollen in Geſtalt und Sitten mit den Wilden in Nordamerika völlig übereinkommen.— Die vorſtehenden Nachrichten über Dominique erhielt ich aus dem Munde glaub⸗ würdiger Eingebornen, die den Franzoſen auf der engliſchen Brig einen Beſuch abſtatteten.. Unſere Leute, welche die ganze Nacht auf dem Verdeck zubringen mußten, dachten an keinen Schlaf, und ſchienen im Genuß des ſchönen Wetters ihre Lage zu vergeſſen. Um die frohe Stimmung noch zu erhöhen, zapfte man ein Wein⸗ faß an, womit der Commandant der Fregatte, aus den Vorräthen des Oiſeau, uns ein Geſchenk gemacht hatte. Die vollen Becher wandelten im traulichen Kreiſe von Hand zu Hand, und ſobald die wachhabenden Engländer ihren Be⸗ fehlshaber im Bett wußten, ſchlichen auch ſie ſich herbei, um Theil an dem ver⸗ führeriſchen Gelage zu nehmen. Man gewährte auch ihrer Trinkluſt völlige Be⸗ friedigung, ſo daß ſie ſämmtlich einen tüchtigen Rauſch bekamen. Einer nach dem andern ſchlich ſich taumelnd auf die Seite und fiel in Morpheus' Arme. Selbſt der erſte Lieutenant machte hiervon keine Ausnahme. Ich ſtand nahe dabei, als er ſich quer über eine Kanone, die Beine an der einen, den Kopf auf der andern Seite hinabhängend, auf den Bauch legte und feſt einſchlief. Jetzt wäre für unſere Franzoſen ein günſtiger Zeitpunkt geweſen, ſich aus der Ge⸗ fangenſchaft— wie Andere in ähnlichen Fällen gethan haben— auf eine ſehr leichte Art zu befreien, denn ſelbſt die beiden Schildwachen und die ſteuernden Matroſen, die einzigen, welche noch auf den Beinen waren, hatten bereits von dem ſüßen Labetrunk ſo viel zu ſich genommen, daß es nur noch einiger Becher⸗ chen, die ſie gewiß nicht würden verſchmäht haben, bedurfte, um ſie vollends zu berauſchen. Man brauchte ſodann den Trunkenen nur Hände und Füße zu binden und, durch Vermachung der Kajütethür und der Deckluken, die im Bette befindlichen Nüchternen einzuſperren. Auf dieſe Weiſe zum Beſitz des Schiffes gelangt, konnte man nach Guadeloupe, wohin der Wind ſehr günſtig war, noch vor Tagesanbruch kommen. Allein, vielen Franzoſen erging es nicht beſſer als den Engländern, und den wenigen, die ihre völlige Beſinnung behielten, gebrach es entweder an Umſicht, oder an Muth und Entſchloſſenheit; kurz die Sache unterblieb. So brach die Dämmerung an. Der erſte Lieutenant erwachte mit Beſtürzung und Scham aus ſeinem Taumel, ermunterte die Uebrigen und ließ, da die Zeit der Wache ſchon längſt abgelaufen war, ſogleich zum Ablöſen rufen. Um jedoch das begangene grobe Dienſtverſehen, welches, wenn es dem Com⸗ mandanten zu Ohren kam, auf das ſtrengſte beſtraft worden wäre, zu verheim⸗ lichen, ſuchte er es dahin zu bringen, daß der Ueberreſt des gefährlichen Ge⸗ traͤnks der ablöſenden Mannſchaft überlaſſen wurde, um ihr dadurch Still⸗ Richter's Reiſen. I. 19 290 ſchweigen aufzulegen. Dieſe leerte nun in wenigen Minuten das Faß bis auf den Boden aus, worauf ſie bemüht war, die Spuren, welche das nächtliche Trink⸗ gelag überall auf den Dielen zurückgelaſſen hatte, durch Waſchen zu vertilgen. Mittlerweile kamen auch die berauſchten Franzoſen wieder zur Beſinnung, und ärgerten ſich weniger über den Verluſt ihres Weins, als darüber, daß ſie die ſchöne Gelegenheit, ſich frei zu machen, vernachläſſigt hatten, und noch obendrein die Spöttereien der Engländer über ihre Einfalt anhören mußten. Dem allen machte das Erſcheinen des Commandanten ein Ende, indem es plötzlich durch alle Theile des Schiffes die größte Stille und Ordnung ver⸗ breitete.— Um dieſe Zeit begann es heller Tag zu werden. Jedes Auge ward nun von dem Anblick der Inſel Martinique angezogen, die mit ihren üppigen bunt⸗ farbigen Fluren vor uns lag, und von dem Nachtthau erfriſcht, mit neuen Reizen geſchmückt ſchien. Martinique iſt unſtreitig eine der ſchönſten unter den antilliſchen Inſeln. Die Geſtade zeigen abwechſelnd ausgebreitete Pflanzungen von Kaffeebäumen, Zuckerrohr, Baumwolle⸗ und Indigo⸗Gewächſen, die mit anmuthigen Wohn⸗ ſitzen, herrlichen Obſtgärten und reichen Gemüſefeldern untermiſcht ſind. Im Hintergrunde ragen dicht bewaldete Berge, deren dunkles Grün dem Ganzen eine reizende Schattirung gibt, darüber hervor. Viele dieſer Berge haben eine bedeutende Höhe. Derjenige, welchen man den kahlen Berg(montagne pelée) nennt, zeichnet ſich vor allen übrigen aus. Er umfaßt den ganzen nördlichen Theil des Eilandes, indem er nur allmählich aufwärts ſteigt, bis ſich die kahle Felſenſpitze in den Wolken verliert. Da er demnach mit dem Aetna, dem Veſuv und andern großen Vulkanen viel Aehnlichkeit hat, ſo glaubt man, daß er vor Alters ebenfalls gebrannt habe. Dieſe Meinung wird auch durch Sagen aus der Vorzeit, ſo wie durch den Umſtand unterſtützt, daß auf dem Gipfel des⸗ ſelben ein tiefer See ſich befindet, der wahrſcheinlich ein eingeſtürzter Krater iſt welchen die Ergießungen der ihn beſtändig umſchwebenden Wolken gefüllt haben. Ueberdieß beweiſen die vielen warmen Quellen und die häufigen Erdbeben auf Martinique, daß dieſe Inſel noch immer ein unterirdiſches Feuer nährt, das früher oder ſpäter neue Ausbrüche befürchten läßt. Gegen Aufgang der Sonne fuhren wir bei St. Pierre vorüber. Dieſe Stadt liegt am offenen Geſtade, auf einem ſchmalen, ſteilen Hügel, wo ſie in einer einzigen Straße beinahe ¾ Stunden weit ſich hinzieht. Die hinterſte Reihe der Häuſer ſtößt an einen hohen jähen Felſen, während die vorderſte dicht am Rande des Meeres liegt, was eine größere Ausdehnung in die Breite durch⸗ aus verbietet. Dieſe Lage führt manches Unangenehme mit ſich. Der im Rücken 291 befindliche Felſen entzieht den Wind, und wirft dagegen die anprallenden Strahlen der Nachmittagſonne zurück, wodurch die drückendſte Hitze entſteht. Die Ge⸗ trenntheit der Einwohner und das ſchlechte Fortkommen auf der Straße, welche wegen ihrer Unebenheit kein Fuhrwerk geſtattet, vergrößern das Uebel noch mehr. Deſſen ungeachtet und obſchon Fort⸗Royal, die ſpäter angelegte Haupt⸗ ſtadt, in manchen Stücken, beſonders in Hinſicht des Hafens, ein beſſeres Lokal darbietet, ſo wird doch St. Pierre von vielen Kaufleuten als Wohnſitz vorge⸗ zogen, und behauptet daher an Betriebſamkeit und Wohlſtand das Ueberge⸗ wicht. Der Hauptgrund hiervon ſcheint darin zu liegen, weil Oerter, wie Fort⸗ Royal, wo ſtarke militäriſche Poſten ſich befinden, jederzeit gewiſſen Einſchrän⸗ kungen der bürgerlichen Freiheit unterworfen find, die den Handel nicht be⸗ günſtigen. Die Schiffe, welche St. Pierre beſuchen, müſſen in Ermangelung eines Hafens auf der Rhede, d. i. am offenen Geſtade, vor Anker liegen. Hier finden ſie zwar in der größten Hälfte des Jahres, weil der herrſchende Oſtwind vom Lande herkommt, hinreichenden Schutz, ſind aber zur Winterzeit, wo die weſtlichen Winde eintreten, dem Ungeſtüm des Meeres dermaßen bloßgeſtellt, daß ſie nicht ſelten ſtranden. Doch hat dieſe Rhede das Gute, daß man, wegen der beträchtlichen und gleichförmigen Waſſertiefe, ſtets ungehindert ein- und auslaufen, und daher, bei vorauszuſehendem ſchlechten Wetter, wenn keine Zeit verloren wird, einen Hafen oder das hohe Meer erreichen kann. Auf dem bei St. Pierre befindlichen Fort wehte noch die franzöſiſche Flagge, und überhaupt hatten die Engländer noch nichts gegen dasſelbe unter⸗ nommen. Aber es ſchien die größte Trauer am Lande zu herrſchen, und auf der Rhede war Alles ſtill und leer. Man hatte beim erſten Erſcheinen des briti⸗ ſchen Geſchwaders die vor Anker liegenden Schiffe, worunter eine Corvette ſich befand, in Brand geſteckt. Wir bemerkten noch Trümmer davon, die auf dem Meere dahin trieben. Bald nachdem wir St. Pierre im Rücken hatten, und nach Fort⸗Royal, in deſſen Nähe die engliſche Flotte lag, längs der Küſte hinſchifften, verließ uns plötzlich der günſtige Landwind, indem er vom Paſſat, der heute frühzeitig ſich erhob, verdrängt wurde. Um jedoch hierin auch von meinen jüngern Leſern ganz verſtanden zu werden, will ich Einiges über die Eigenheiten des Windes auf den antilliſchen Inſeln beifügen. Neun Monate lang weht der Wind in der Regel täglich aus Nordoſt, doch weicht er zuweilen öſtlich ab. Dieß iſt der Paſſat⸗ oder— wie man ihn auf den Antillen nennt, weil er über den Ocean kommt— der Seewind. Er er⸗ hebt ſich jeden Morgen ungefähr um die neunte Stunde. Je höher die Sonne ſteigt, und je heftiger ihre Strahlen wirken, deſto mehr nimmt ſeine Stärke zu, 19* 292 die wieder abnimmt, ſo wie die Sonne im Weſten hinabſinkt und an Wirkſam⸗ keit verliert. Nach ihrem Untergang legt er ſich über den Inſeln und in einiger Entfernung davon gänzlich. Es tritt dann eine kurze Stille ein, worauf der Landwind folgt, welcher von allen Seiten, von den Gebirgen herab, dem Meere zuſtrömt, ſo daß nicht ſelten Schiffe, welche zur Nachtzeit rund um ein Eiland ſegeln, den Wind beſtändig von der Seite haben. Die größere oder mindere Heftigkeit desſelben ſteht jederzeit mit der Hitze, der das Land am verfloſſenen Tage ausgeſetzt war, im Verhältniß. Es leuchtet ein, daß die hier genannten Winde die Wirkung der Sonne ſind. Sie dehnt durch die Macht ihrer Strahlen die Luft aus, treibt ſie, auf dem Kreislaufe von Oſten nach Weſten, gleichſam vor ſich her, und erzeugt ſo den Paſſatwind. Dieſer ſetzt zwar auch während der Nacht, über dem Ocean, die einmal angenommene Bewegung, obſchon ſchwächer, fort; wird aber in der Nähe der Inſeln aufgehalten, weil hier die Luft, mit den von dem erhitzten Erd⸗ boden aufſteigenden Dünſten gefüllt, nach dem kühleren a Meere ſich auszubreiten ſtrebt, wodurch der Landwind entſteht. Weniger klar ſind indeß die Urſachen, warum in den Monaten Julius, Auguſt und September— wo die Sonne, auf ihrer Rückkehr vom Wendekreiſe des Krebſes zum zweiten Mal durch den Zenith der Inſel geht— das Wetter von ſo ganz entgegengeſetzter Beſchaffenheit iſt, daß man dieſe Jahreszeit den Winter nennt, obſchon die Hitze den höchſten Grad erreicht. Kurz, es wechſeln dann, in unordentlicher Folge, die Süd⸗, Südweſt⸗, Weſt⸗ und Nordweſtwinde, welche, da ſie über das feſte Land von Amerika und zum Theil über moraſtige ungeſunde Gegenden kommen, die heftigſten Regengüſſe und Krankheit erzeu⸗ gende Dünſte herbei führen; auch finden häufig Stürme und Gewitter, ja bis⸗ weilen Orkane und Erdbeben Statt.— Ich komme nun zu unſerer Fahrt nach Fort⸗Royal zurück. Der Wind war heute ſehr öſtlich, daher das Schiff um die Landſpitzen oft laviren mußte, und nur langſam vorwärts kam. Obſchon das Laviren beſtändig mit Unruhe und Störung verknüpft, und überhaupt läſtig iſt, ſo hat es dennoch an einer Küſte das Gute, daß man die Landſchaften bald in der Nähe bald in der Ferne, und von mancherlei Seiten zu ſehen bekommt. Ich ließ dieſen Vortheil nicht unbenutzt, und ergötzte mich höchlich an dem wundervoll ſchönen Anblick, wel⸗ chen die Miſchung der bewaldeten Berge, der kahlen Felſen und fruchtbaren Thäler und Ebenen gewährt. Ein Felſen, der, nicht weit von der Ortſchaft Caumont, dicht am Meere liegt, iſt mir deßhalb beſonders merkwürdig geblie⸗ ben, weil er vermöge der glänzend weißen und etwas ausgehöhlten Vorderſeite, gleich einem Brennſpiegel, die Strahlen der Abendſonne zurückwirft. Es war 293 Nachmittags ungefähr um die vierte Stunde, als wir ihm uns näherten. Der Réaumur'ſche Thermometer ſtand im Schatten, wie den ganzen Nachmittag, auf 28 Grad. Er ſtieg aber augenblicklich auf 35, ſobald die von dem Felſen ab⸗ prallenden Strahlen uns erreichten, und fiel, ſo wie wir aus ihrem Bereiche kamen, eben ſo ſchnell nicht nur auf den vorigen Standpunkt, ſondern noch einige Grad tiefer. 2. Die Kriegsbrig erreicht die Bucht von Fort⸗Royal. Ein kriegeriſches Schauſpiel. Kurze Erzäh⸗ lung der Ereigniſſe, die ſeit der engliſchen Landung auf Martinique Statt gefunden haben, und der kriegeriſchen Begebenheiten, die ſich bis zur gänzlichen Unterwerfung des Eilandes zutragen. Es war Abend, bevor die ſogenannte Negerſpitze, ein ſchmales Stück Land, das am Eingange der Bucht Fort⸗Royal in's Meer hinausläuft, zum Vorſchein kam. Doch kaum war die Sonne untergegangen, als ein friſcher Landwind ſich erhob, der uns bald um die genannte Spitze in die Bucht führte. Jetzt zeigte ſich unſern Augen auf einmal das fürchterlich große Schau⸗ ſpiel des Krieges. Kanonen und Mörſer blitzten nahe und fern, erfüllten die Luft mit ihrem Donner und verdunkelten ſie durch die aufſteigenden Rauch⸗ wolken. Doch will ich hier, zur Verſtändlichkeit des Geſagten, den Verlauf der engliſchen Unternehmung gegen Martinique von vorn herein kürzlich erzählen. Die vereinigte britiſche Land⸗ und Seemacht ſegelte, unter dem Oberbe⸗ fehl des Generallieutenant Beckwith und des Contre⸗Admiral Sir Alexander Cochrane, gegen Ende Januar von Barbados ab. Sie erreichte Martinique am 30. desſelben Monats und die aus 10,000 Mann beſtehenden Truppen landeten unverzüglich in zwei Diviſionen, die ſtärkere, unter dem Generalmajor Sir George Prevoſt, in Roberts Bai, die ſchwächere, befehligt vom General⸗ major Maitland, bei St. Luce. Beide Diviſionen rückten gegen die Hauptſtadt vor. Die Einwohner des Landes leiſteten keinen großen Widerſtand, weil viele im Stillen die Engländer begünſtigten; denn nur unter ihrer Herrſchaft konnte die Colonie, bei den damaligen Zeitumſtänden, ihren geſunkenen Handel und Wohlſtand wieder aufrichten. Am 1. und 2. Februar fanden auf dem Morne Bruno und den Anhöhen von Surirery einige Hauptgefechte mit den franzö⸗ ſiſchen regulären Truppen Statt, worin die engliſche Uebermacht, jedoch nicht ohne hartnäckigen Widerſtand zu erfahren, auf allen Punkten ſiegte. Was die Kriegſchiffe betrifft, ſo nahmen ſie nach ihrer Ankunft, mit Hülfe eines Detaſche⸗ ments Landtruppen, die Batterie auf der Landſpitze Salomon in Beſitz, um da⸗ durch ſich und den Transportſchiffen einen ſichern Ankerplatz zu verſchaffen. Hiernächſt wurde das auf der Inſel Pigeon befindliche Fort, welches den Ein⸗ gang in die Bai Fort⸗Royal beſtreicht, durch leichte Truppen angegriffen. Da aber das Feuer des gelandeten Mörſers nicht hinreichte, ſo führte man noch neun ſchwere Schiffskanonen und eine Haubitze nach. Fünf dieſer Stücke wurden von den Seeleuten auf eine ſteile, die Feſtung beherrſchende Anhöhe geſchafft, was nur durch Winden geſchehen konnte, und daher die größte Anſtrengung koſtete. Am 3., dem Tage unſerer Ankunft, kam man damit zu Stande. Dieß war die Lage der Dinge, als wir in dem Kriegsgetümmel anlangten. In dieſem Augenblick begannen die eben erwähnten, auf Pigeon errichteten Bat⸗ terien ein mörderiſches Feuer, und die Kriegſchiffe, welche die Inſel umzingelt hatten, zeigten die größte Thätigkeit, indem ſie den Angriff auf das kräftigſte zu unterſtützen ſuchten. Die Brig, die uns überbrachte, legte nicht weit vom Neptun, dem Admiralſchiffe, bei. Sie erhielt von dort ſchleunig Verhaltungsbefehle, und unter andern auch den, uns Gefangene ungeſäumt dahin zu führen. Dem zu Folge befanden wir uns in wenig Minuten an der Seite des Neptun. Die koloſſale Geſtalt dieſes Schiffes, die dreifach über einander befind⸗ lichen Kanonenreihen, die blendende Laternenbeleuchtung, der Lärm der viel⸗ fältig beſchäftigten Menſchenmaſſe, verbunden mit dem auf den vielen andern umherliegenden Schiffen und dem Kampfe auf der Inſel Pigeon— dieß alles wirkte mächtig auf unſere Sinne, daher wir, in dumpfes Staunen verſunken, zauderten aus dem Boote zu ſteigen. Aber eine barſche durchdringende Stimme, die von oben herab Eile gebot, ſetzte die Muskeln unſerer Beine dergeſtalt in Bewegung, daß wir über Hals und Kopf durch die Thür, welche auf Linien⸗ ſchiffen im unterſten Kanonendeck angebracht iſt, hinaufſprangen. Wir erblickten hier ein Gewühl von Menſchen, die Kugeln und Patronen. aus den Magazinen ſchafften; denn man erwartete, während der Nacht in's Ge⸗ fecht zu kommen. Bei ſolchen Verhältniſſen konnten nun freilich mit Kriegsge⸗ fangenen keine Umſtände gemacht werden; und kaum hatte ein Seeoffizier uns flüchtig überzählt, als er befahl, uns zu den übrigen Gefangenen zu bringen, die man ſoeben— wie es auf Kriegſchiffen im Gefecht üblich iſt— in eine ge⸗ wiſſe Abtheilung des Raums eingeſperrt hatte. So wurden wir ſammt und ſonders, zwei Verdecke tiefer, an eine verſchloſſene Fallthür geführt, die, als man ſie öffnete, ein finſteres, gruftähnliches Behältniß zeigte, aus welchem die dumpfen Töne menſchlicher Stimmen heraufdrangen. In Ermangelung einer Treppe ließ ſich einer nach dem andern an den Händen hinab, und tappte, auf Ballaſt von Kugeln und alten Kanonen, nach den Menſchenſtimmen hin, worauf die Thür wieder verſchloſſen wurde. — 295 Unter den hier befindlichen Schickſalsgefährten— den Mannſchaften eines Schiffes von Marſeille und eines andern von St. Malo, die einen Tag früher als wir in Gefangenſchaft gerathen waren— erregte Anfangs unſere Ankunft großen Jubel. Es iſt ja für die meiſten Menſchen ein Troſt, im Unglück Ge⸗ fährten zu haben; überdieß fand hier der ſeltene Fall Statt, daß einige Freunde und Bekannte zuſammen trafen, die einander nicht am Geſicht, ſondern nur an der Stimme erkannten, und ſich umarmten und küßten. Dieſe Freude ging bald (auf die ganze unſichtbare Geſellſchaft über, und ſo verſtrich die erſte Stunde unter traulichen Geſprächen. Nach und nach aber verbreitete ſich die allgemeine Beſorgniß, daß wir hier, im tiefſten Raume, leicht ertrinken könnten, falls das Schiff im Gefecht einen Grundſchuß bekäme und Waſſer ſchöpfte. Dieß war nun wohl, mit kalter Vernunft erwogen, kaum denkbar. Wie bekannt, kann man in ſchiefen Richtungen nicht unter das Waſſer ſchießen, weil die Kugel, ſobald ſie dasſelbe berührt, ihre Bahn verläßt, und mit verdoppelter Kraft vor⸗ oder rückwärts in die Höhe ſpringt. Daher erhalten die Schiffe nur dann Grundſchüſſe, wenn ihr Boden durch die Hohlung der See entblößt, oder durch den Wind auf der einen Seite empor gehoben wird, was jedoch bei dem, im ruhigen Gewäſſer der Fort⸗Royal⸗Bai vor Anker liegenden Neptun unmöglich war. Geſetzt aber, der Raum wäre an einigen Stellen durchbohrt worden, ſo hätte das wenig auf ſich gehabt; denn es gehört viel dazu, ein engliſches Li⸗ nienſchiff zu verſenken, weil man die Löcher faſt eben ſo ſchnell, als ſie gemacht werden, wieder verſtopft. Und wäre das Schiff auch wirklich geſunken, ſo würde die Mannſchaft ihre Gefangenen gewiß nicht im Stiche gelaſſen haben. Dem ſei indeß wie ihm wolle, die Einbildung übertreibt jede Gefahr, zumal wenn man von dem, was vorgeht, nichts ſieht oder hört; ſie führt die ſchrecklichſten Bilder vor die Seele, und erzeugt die qualvollſte Angſt. Um ſo mehr mußte dieß bei reizbaren, feurigen Menſchen, wie die Franzoſen ſind, der Fall ſein, welche den Neptun im hitzigſten Kampfe glaubten, und jedes Getöſe, das ver⸗ nommen wurde, für die Wirkungen des Geſchützes hielten. Der unangenehme Umſtand, daß man ohne alles Licht, und von Hitze und Durſt gequält, auf Kugeln und Kanonen ſich aufhalten mußte, vergrößerte die Bangigkeit noch mehr, die bei Einigen zu einem ſolchen Grade anwuchs, daß ſie mit dem Zuſtand eines Lebendigbegrabenen ſich vergleichen läßt. Endlich Morgens um die ſechste Stunde öffnete ſich die Thür, und eine freundliche Stimme gab uns die Erlaubniß hinauf zu ſteigen. Die Inſel Pigeon hatte ſich noch vor Sonnenaufgang ergeben. Ueberhaupt waren unſere Beſorg⸗ niſſe ganz ungegründet geweſen. Das Schiff hatte weder einen Schuß gethan noch erhalten, und war jetzt ſchon wieder in der größten Ordnung und gereinigt. 296 Uns Neuangekommene, nämlich die Mannſchaft des Oiſeau, führte man zunächſt auf den hintern Theil des oberſten Verdecks, wo eines jeden Name, Geburtsort, Rang und ſonſtige Verhältniſſe umſtändlich aufgezeichnet wurden. Während dieß geſchah, war der Admiral auf dem Verdeck zugegen. Die einnehmende, den Menſchenfreund verkündende Miene dieſes Mannes, und die wohlwollenden Blicke, die er bisweilen auf uns warf, bürgten uns für eine milde Behandlung, die auch wirklich von der Art war, wie ſie gegen Kriegsgefangene ſelten Statt findet. Kaum war die Muſterung vorbei, als uns ein Seeoffizier nach dem unter⸗ ſten Kanonendeck führte, um hier jedem die nöthige, ſeinem Rang angemeſſene Bequemlichkeit zu verſchaffen, ſo wie es mit den beiden andern franzöſiſchen Mannſchaften ſchon am Tage zuvor geſchehen war. Dem Herrn Dupois, dem Kapitän, den Steuermännern und mir ward eine kleine Kammer angewieſen. Die übrigen Leute bekamen, gleich den Matroſen und Soldaten des Schiffes, einen Platz zwiſchen den Kanonen, wo ſie am Tage eſſen und trinken, und des Abends ihre Schlafmatten aufhängen konnten. Unſer Gepäck, das man, trotz der Unruhe, während der Nacht ſorgfältig verwahrt hatte, ward unverſehrt her⸗ zugebracht, auch unſer guter Appetit durch unverzügliche Zutheilung eines Früh⸗ ſtücks befriedigt. Ueberdieß erhielten wir die Freiheit, im ganzen Schiffe un⸗ gehindert umherzugehen, obſchon in dem Fall, daß es zum Fechten kam, die abermalige Verweiſung in den Raum nicht ausbleiben konnte. Im Laufe des heutigen Tages(4. Febr.) trugen ſich, in Bezug auf den Krieg, mancherlei wichtige Begebenheiten zu. Die Franzoſen, welche immer mehr in die Enge getrieben wurden, beſchloſſen ihre ganzen Streitkräfte auf Einen Punkt zu vereinigen. Zu dem Ende räumten ſie nicht nur das offene Feld, ſondern auch Fort⸗Royal, und warfen ſich in die Feſtung Bourbon, nach⸗ dem man zuvor die Außenwerke nach Caſe⸗Naviere hin zerſtört, und die im Hafen befindliche Fregatte Amphitrite von 40 Kanonen, nebſt allen Kauffah⸗ rern, verbrannt hatte, um ſie nicht dem Feinde Preis zu geben. Die mehr zum Schein verſammelten Milizen gingen aus einander. Dem zu Folge blieb den Engländern, zur völligen Unterwerfung des Eilandes, nur noch eine Belagerung der genannten Feſtung übrig. Die Armee eilte daher, auf den Anhöhen von Surirey— dem einzigen, das Fort Bourbon beherrſchenden Punkte— Batterien zu errichten. Die Seemacht wendete ſich nach der Seite von Fort⸗Royal, um mit der Landmacht näher in Verbindung zu kommen, und ihr thätig beizuſtehen. Die Mannſchaften ſowohl der Kriegs⸗ als Transportſchiffe waren Tag und Nacht beſchäftigt, den Belagerern Muni⸗ tion und Lebensmittel zuzuführen; und nur dem ausdauernden Muth britiſcher * Seeleute und ihrer Gewandtheit in mechanrfhen Arbeiten konnte es gelingen, ſchweres Geſchütz auf die ſteilſten Gipfel zu bringen, die für jedes Zugvieh un⸗ zugänglich waren. 8 Nach einigen Tagen begann während der Nacht das Kanoniren, welches in jeder darauf folgenden verſtärkt wurde, ſo wie die Batterien zu Stande kamen. Bei Tage ward es eingeſtellt, um den Truppen Erholung und Schutz gegen die häufig fallenden Regengüſſe zu gewähren. Nur bisweilen that man einzelne Schüſſe, um die Garniſon im Fort zu beunruhigen, die am Tage mit unermüdetem Eifer die Schäden auszubeſſern ſuchte, welche die Werke in der Nacht gelitten hatten. Während der Belagerung wurde der Hafen Trinité, der dritte Ort des Eilandes, da er außer der Operationslinie der Armee lag, von den Mann⸗ ſchaften der Linienſchiffe Acaſte und Penelope in Beſitz genommen. Auch ergab ſich das Fort St. Pierre, welches am 8. von fünf bis ſechs hundert Mann Landtruppen, unter dem Befehl des Oberſtlieutenant Barnes, aufgefor⸗ dert wurde. Um dieſe Zeit begannen die Einwohner des Landes, die nun dem baldigen Ende der franzöſiſchen Herrſchaft entgegen ſahen, vertrauter mit den Englän⸗ dern zu werden, und ſie mit Lebensmitteln und ſonſtigen Bedürfniſſen zu ver⸗ ſorgen. Beſonders war dieß mit den Mulatten und Freinegern der Fall, welche, ob ſie ſchon bis dahin den Franzoſen treue Anhänglichkeit bewieſen hatten, in ihren jetzigen dürftigen Umſtänden von der Freigebigkeit der Engländer ſich an⸗ gezogen fühlten. Sie trugen ihre Waaren nicht nur im Lager umher, ſondern kamen auch damit auf die Schiffe. Das Vorderdeck des Neptun ward täglich in einen Marktplatz verwandelt, wo man Federvieh, friſche Fiſche, Grünwaaren, und die herrlichſten Südfrüchte feil bot. Die Beſatzung des Fort Bourbon capitulirte endlich am 24. Februar, nach einer Vertheidigung, welche die volle Achtung der Sieger in Anſpruch nahm, daher dieſe auch ſehr ehrenvolle Bedingungen zugeſtanden. Die Artikel wurden am folgenden Tage, auf der einen Seite von dem Generallieutenant Beckwith und dem Admiral Cochrane, auf der andern vom General Villaret unterzeichnet, was man durch Kanonenſalven auf den Anhöhen von Surirey und auf den Schiffen, ſo wie durch Aufſteckung der Flaggen ſchleunig bekannt machte. Zufolge der Uebereinkunft traten die Engländer ſogleich in den völli⸗ gen Beſitz der Colonie; doch behielten die Franzoſen das Fort bis zu dem Tage, wo ſie nach Frankreich eingeſchifft werden ſollten. Der Menſchenverluſt, den die Sieger von Anfang bis zu Ende des Feld⸗ zuges erlitten hatten, belief ſich auf 123 Mann, worunter ein Stabsoffizier und 29 zwei Kapitäne ſich befanden. Die Anzahl der Verwundeten betrug gegen 400. Die Todtenzahl auf der Sette der Beſiegten wurde nicht genau bekannt; doch mußte ſie die der Engläͤnder weit uͤberſteigen, wenn man nach der Menge der Verwundeten, nach den vorgefundenen, noch unbegrabenen Leichen, und nach dem ſchwachen Häuflein ſchließen darf, das ſpäterhin nach Frankreich zurückkehrte. Es folgten nun einige unruhige Tage, während welcher ſowohl die Armee als die Marine, bei der Beſatzung und Einrichtung der Colonie, bei Wieder⸗ herſtellung der zerſtörten Werke, bei Vernichtung der traurigen Kriegsſpuren aller Art und den Anſtalten zur Ueberfahrt der franzöſiſchen Garniſon, volle Beſchäftigung fanden. Deſſen ungeachtet kehrte auf den Schiffen die alte Ordnung ſchnell zurück, ſo wie auch alle Theile derſelben eine ſchönere Geſtalt erhielten. Ausführliche Beſchreibung des Admiralſchiffs, eines Dreideckers, der den Namen„Neptun“ führt. Um meinen jüngern Leſern einen Begriff von großen Kriegſchiffen zu geben, ergreife ich hier die Gelegenheit, den Neptun und deſſen innere Einrich⸗ tung, womit in der Hauptſache alle engliſche Linienſchiffe übereinkommen, etwas näher zu beſchreiben. Hierbei will ich nur die vorzüglichſten Kunſtwörter auf⸗ nehmen, die übrigen aber durch allgemein verſtändliche Benennungen erſetzen. Der Neptun war ein Linienſchiff vom erſten Range, ein ſchön gebauter Dreidecker, welcher ungeachtet der anſehnlichen Größe, die ſolche ſchwimmende Feſtungen haben müſſen, nichts mit jenen unförmlichen Koloſſen gemein hat, dergleichen ehedem, beſonders in Spanien, erbaut, und z. B. in Cadix eine Reihe: von Jahren als nationelle Heiligthümer aufbewahrt wurden. Zuerſt werfen wir einen Blick auf die Maſten, weil ich in meiner Beſchreibung die alte ſee⸗ männiſche Regel:„bei jeder Verrichtung von oben nach unten, und von vorn nach hinten fortzuſchaffen,“ beobachten werde. Die Maſten beſtehen aus Tannenſtämmen. Da ſie aber eine Stärke und Höhe verlangen, die keine Tanne erreicht, ſo ſind ſie aus mehreren Stücken zu⸗ ſammen geſetzt, und durch eiſerne Ringe verbunden. Dadurch geht an der Dauerhaftigkeit nichts verloren, vielmehr erwächſt der Vortheil daraus, daß man entſtandene Schäden leicht verbeſſern kann. Der große Maſt hält in der Dicke 3 ½ und in der Länge 110 engliſche Fuß, und ſo nehmen die übrigen nach Verhältniß etwas ab. Die Marſen oder Maſtkörbe(d. i. die halbmondförmigen Galerien um I 1 299 die Spitzen der Maſten) haben einen Umſang, daß wohl zwanzig Menſchen darauf arbeiten können. Vor Zeiten pflegte man hier, und auch auf den noch höher befindlichen Ruhepunkten Kanonen aufzupflanzen; aber auf den Schiffen nach der neuern Bauart hat man ſie, weil ſchweres Geſchütz in ſolcher Höhe zu großes Schwanken verurſacht, in Drehbaſſen verwandelt. Was die Stängen — die auf den Maſten über einander angebrachten Aufſätze— betrifft, ſo führte der Neptun in der Regel drei auf jedem Maſt; ihre Zahl kann aber bis auf ſechs vermehrt werden. Die zweiten von unten, die Bramſtängen, bilden noch ſo bedeutende Stämme, daß ſie Maſten für Kanffahrteiſchiffe geben würden. Sie ſind ſämmtlich mit Abſätzen oder einer Art kleiner Marſen verſehen, die den Matroſen zu Ruheplätzen dienen. Ueberhaupt ſteht das Takelwerk der Kriegſchiffe in einem weit größern Verhältniſſe zu dem übrigen Ganzen, als das der Kauffahrer, weil bei dieſen hauptſächlich das Tragen großer Laſten, bei jenen das ſchnelle Segeln bezweckt wird. Die Maſten ſind höher, die Raaen und Segel breiter, die Zahl der letz⸗ teren iſt weit beträchtlicher, und daher auch die Menge der Taue, der Blöcke ꝛc. Außerdem verlangt das Takelwerk, wegen der Gefahr, der es im Gefecht aus⸗ geſetzt iſt, mancherlei beſondere Vorrichtungen. Z. B. die vorzüglichſten Taue umwickelt man der ganzen Länge nach mit andern, und verſieht ſie gleichſam mit einem Panzer. Ebenſo werden vor jeder Schlacht die Raaen— welche, wenn ſie, wie gewöhnlich, bloß an Seilen hingen, der Feind leicht herabſchießen könnte— mit ſtarken eiſernen Ketten befeſtigt. Dieß alles macht den Mechanismus ſehr weitläufig, zuſammengeſetzt und künſtlich, und erfordert nicht nur eine Menge Leute, die das ganze Maſchinen⸗ werk genau kennen, geſchickt zu behandeln und in gutem Stande zu erhalten wiſſen, ſondern daß auch eine beſtimmte Anzahl derſelben beſtändig auf den Maſten verweilt. Letztere ſind die ſogenannten Marsgaſten; ſie ſtehen unter beſondern Anführern, die man Kapitäne, z. B. des Fockmars, des großen Mars, nennt. Ihr Standpunkt iſt das Mars. Alle Theile des Takelwerks, die zwi⸗. ſchen hier und der höchſten Maſtſpitze liegen, gehören zu ihrer Beſorgung. Hauptſächlich müſſen ſie zu den Manövern, die vom Verdeck aus mit den Se⸗ geln vorgenommen werden, die nöthige Vorbereitung treffen, und während der Ausführung den vorkommenden Hinderniſſen abhelfen; auch liegt ihnen ob, bei ſolchen Arbeiten, wo ſie(wie beim Aufrollen der Segel) den Beiſtand der übri⸗ gen Mannſchaft bedürfen, den wichtigſten und ſchwerſten Theil zu verrichten. Da der Fockmaſt in jeder Rückſicht die meiſte Beſchäftigung darbietet, und für die ſtete Aufſicht der Offiziere zu entlegen iſt, ſo gibt man ihm die zuverläſſig⸗ ſten Marsgaſten, die daher den Vorrang vor den übrigen haben. Der Beſaan⸗ 300 — maſt wird von jungen Leuten bedient, die hier für die andern Maſten ſich bil⸗ den; auch dient er beſonders zu einer Schule für die Kadetten.— Die Unter⸗ maſten und Ragen nebſt Zubehör werden von den Mannſchaften des Verdecks beſorgt, worüber ich gelegentlich mehr ſagen will. Was den Schmuck der Maſtbäume betrifft, ſo beſteht er außer dem, daß man auf den oberſten Spitzen vergoldete Knöpfe befeſtigt, dem Holzwerk oft einen friſchen Anſtrich gibt, die Taue durch wiederholtes Uebertheeren bei einer glänzend ſchwarzen Farbe erhält, und die Marſen mit Einfaſſungen von künſt⸗ lich geflochtenen Seilen verſieht— hauptſächlich in den Flaggen. Den großen Maſt eines jeden Kriegsſchiffes ſchmückt ein langer, in den Lüften ſpielender Wimpel, der jedoch bei ſtürmiſchem Wetter mit einem kürzern vertauſcht wird. Ueberdieß führte unſer Neptun, zur Auszeichnung als Admiralſchiff, eine be⸗ ſondere Flagge, wozu die beſtändig auf⸗ und niedergehenden Signale kamen, die ein ſchönes Schauſpiel gewährten. Bei feierlichen Gelegenheiten prangen auf allen erhabenen Theilen die ſchönſten buntfarbigen Flaggen, auch ſtellt ſich die Mannſchaft in dicht gedrängten Reihen, um gleichſam Parade zu machen, an allen Ragen auf, womit zuweilen der Ruf des dreimaligen Hurrah ver⸗ bunden iſt. Wenn man nun die beſchriebenen ungeheuern Maſtbäume mit ihren Mar⸗ ſen, Stängen, Ragen und Segeln, mit dem dichten Gewebe von Tauen, den kühnen Marsgaſten, dem Prunk der Flaggen und der paradirenden Mannſchaft auf den Raaen ſich denkt; wenn man zu dieſer Vorſtellung noch die hinzufügt, daß die Manöver mit den Segeln äußerſt ſchnell, und, wie die Couliſſenver⸗ änderung einer Bühne, höchſt taktmäßig vor ſich gehen, ſo werden meine Leſer leicht begreifen, wie ſehr die Maſten eines großen Kriegsſchiffes den Beobachter in Erſtaunen ſetzen. Ich komme jetzt zu dem Körper des Schiffes ſelbſt. Er beſteht, mit Aus⸗ nahme der kiefernen Deckplanken, durchgängig aus eiſenfeſtem Eichenholze. Das unter freiem Himmel befindliche Verdeck ſtellt gleichſam das platte Dach des ganzen Gebäudes vor, und führt vorzugsweiſe den ſchlichten Namen„Verdeck.“ Dagegen vertreten die darunter liegenden die Stelle der Stockwerke, und haben zur Unterſcheidung beſondere Beinamen, z. B. das obere, mittlere, untere u. ſ. w. Das Vordertheil des Verdecks heißt das Back oder Vorderkaſtell. Man pflegte es ehedem zu überbauen; da dieß aber der freien Ausſicht nach vorn, beſonders beim Steuern, ſehr hinderlich war, ſo iſt nach der neuen Bauart das ganze Verdeck offen, und läuft eben bis nach der Kajüte hin, was auch auf unſerem Dreidecker der Fall iſt. Das Back nimmt ſeinen Anfang an den hin⸗ terſten Tauen des Vormaſtes. Wenn wir, von dieſem Standpunkt aus, unſern 301 Blick nach vorn richten, ſo ſtößt uns, außer dem Vormaſt, das Bugſpriet auf, das vom obern Kanonendeck ſich erhebt, und mit dem Back, durch eine mit Ge⸗ ländern verſehene Brücke, in Verbindung ſteht. Es iſt gleich den Maſten von ungeheurer Größe, aus mehren Stücken zuſammengeſetzt, und mit Vorrichtungen zu ſeiner Verlängerung, wie zur Vermehrung des Segelwerks verſehen, die den Kauffahrteiſchiffen fremd und unnütz ſind. Beiläufig bemerke ich, daß das Bug⸗ ſpriet eigentlich ein ſchräg liegender Maſt iſt, der, wie die Deichſel eines Wa⸗ gens, doch etwas aufſteigend, über die übrigen Theile hinausragt, und beſon⸗ ders dazu dient, mittels der darauf befindlichen Stagſegel oder Clüver das Schiff nach den Geſetzen des Hebels zu lenken und zu drehen, und das Ruder zu unterſtützen. Auf beiden Seiten des Back befinden ſich kurze zwölfpfündige Kanonen, ſo wie an der Außenſeite die Anker des Schiffes, die, zu Folge der verſchiedenen Beſtimmung, ein Gewicht von 6000 bis 9000 Pfund haben. Die Einfaſſung, vorn und an den Seiten des Decks, beſteht in einem vier Fuß hohen Bord aus dicken Balken. Auf dem Bord befindet ſich ein doppeltes Geländer,— wegen der Umziehung mit Seilen gewöhnlich Finknetze genannt,— zwiſchen welchem am Tage die Hangmatten, nachdem man ſie mit dem darin befindlichen Bett⸗ zeuge zierlich zuſammengeſchnürt hat, dicht hinter einander aufgeſtellt werden. Dieſe Einrichtung erſtreckt ſich überhaupt auf den ganzen Rand des Verdecks, ſo daß man rund umher fortlaufende Reihen Hangmatten erblickt. Sie gewährt nicht nur den Vortheil, daß das Bettzeug beſtändig ausgelüftet, und in den Räumen, die in der Nacht zu Schlafſälen dienen, am Tage der erforderliche Platz nicht beſchränkt wird, ſondern dient auch hauptſächlich dazu, dem Verdeck eine treffliche Bruſtwehr zu geben, weil die Betten, wie alle weiche nachgebende Gegenſtände, die anprallenden Kugeln unglaublich ſchwächen, und die des kleinen Gewehrs gar nicht durchdringen laſſen. Ueberdieß erhält dadurch das Ganze ein munteres, gefälliges Anſehen, da die Hangmatten ſtets äußerſt ſauber und weiß gehalten, überdem auch mit großer Genauigkeit geordnet werden.— Hinter dem Fockmaſt hängt die große Schiffsglocke an einer Art Gerüſt, das man gewöhnlich einen Galgen nennt. Nicht weit davon erhebt ſich in beträcht⸗ licher Höhe der Schornſtein, welcher den Rauch aus der Küche ableitet. Am hinterſten Ende des Back befindet ſich eine Luke mit einer Treppe, die nach dem darunter liegenden Deck führt. Die Matroſen, womit das Back bemannt iſt, beſtehen aus den geſchickteſten und erfahrenſten, die unter allen den erſten Rang einnehmen und gewiſſe Vor⸗ rechte genießen. Sie haben ihre ſogenannten Kapitäne oder Anführer. Die ihnen obliegenden Geſchäfte ſind hauptſächlich die, daß ſie die Anker, das Fock⸗ 302 ſegel und die zum Bugſpriet gehörigen Segel beſorgen, ſo wie das Schiff ſteuern wenn es auf dem Meere iſt. Auch werden ſie häufig den Segelmachern und Rebſchlägern zur Hülfe beigegeben. Ueberdieß halten auf dem Vorderdeck jeder⸗ zeit ein oder zwei bewaffnete Seeſoldaten Wache. Ebenſo iſt es der Stand⸗ punkt für den Bootsmann, der von hier aus die ihm zuſtehenden Befehle gibt, die unter der beſonderen Aufſicht ſeiner Gehülfen, der Unterbootsmänner, voll⸗ zogen werden. Denjenigen Theil des Verdecks, der den vordern mit dem hintern ver⸗ bindet, und auf Kauffahrern das Mitteldeck oder die Laſt heißt, nennt man auf großen Kriegſchiffen das Kuhl oder die Gänge. Dieſe führen kein Geſchütz. Daher iſt auch das Verdeck— nämlich das ſchlechthin ſo genannte, wovon ich jetzt ſpreche— nicht unter der Zahl derjenigen begriffen, die einem Kriegſchiffe den Namen„Eindecker, Zweidecker u. ſ. w.“ geben; denn man zählt nur ſolche, welche mit einer glatten Lage Kanonen beſetzt ſind, und ſagt z. B.„das Schiff hat Ein Deck und Back und Schanze.“ Die Urſache, warum man aufſden Gängen kein Geſchütz anbringt, liegt darin, weil hier die meiſten Arbeiten verrichtet werden, welche viel Raum verlangen. Denn auf dieſem Punkte fallen viele Manöver mit den Segeln vor, auch zieht man daſelbſt die Waſſer⸗ und Pro⸗ viantfäſſer, ſo wie alle Laſten, die an Bord kommen, herauf, um ſie durch die große Luke, die in der Mitte der beiden Gänge ſich befindet, zu ihrer weitern Beſtimmung hinab zu laſſen. Ueberdem ſtehen, wenn das Schiff unter Segel iſt, die ſchwerſten Boote über der großen Luke, die vielen Platz einnehmen. Dieſe Boote ſind das ſogenannte lange, die Barkaſſe und die Travalje⸗ ſchaluppe. Die beiden erſtern gebraucht man vornämlich zum Lichten der Anker, zum Herbeiſchaffen des ſüßen Waſſers, des Proviants und aller großen Laſten. Sie unterſcheiden ſich von einander dadurch, daß die Barkaſſe hinten und vorn ſpitziger iſt. Die Travaljeſchaluppe dient allerhand grobe Arbeiten damit zu verrichten, z. B. die Schiffſeiten zu waſchen, anzuſtreichen und dergleichen, ſo wie die Matroſen, wenn ſie außerhalb des Schiffes Verrichtungen haben, hin und her zu führen; auch wird ſie bisweilen zu denſelben Zwecken, wie die vo⸗ rigen benutzt. Alle drei Fahrzeuge ſind ungemein dauerhaft gebaut, und können einge⸗ richtet werden, eine Reiſe über das Meer zu machen. Jede derſelben hat ihre beſtimmte Mannſchaft, von der ſie in Ordnung gehalten und gerudert wird. Was die große Luke betrifft, ſo legt man im Hafen hölzerne Gatter dar⸗ über, wodurch der Gefahr hinabzuſtürzen vorgebeugt wird, ohne jedoch den darunter befindlichen Decken den Zugang des Lichts und der Luft von oben zu entziehen. Geht aber das Schiff unter Segel, ſo wird es zur Aufnahme der 1 303 ſchweren Boote dichter und feſter verwahrt; doch bleibt es zu jeder Zeit am hinterſten Theile offen, weil hier eine Treppe nach dem nächſten Deck hinabgeht. Ueberhaupt will ich gleich hier bemerken, daß jedes Deck dergleichen Luken hat, die in gerader Linie unter dem des oberſten angebracht, und wie dieſes mit Treppen verſehen, übrigens aber mit Gatterwerk zugedeckt ſind. Da jedoch die ſämmtlichen Luken häufig offen ſtehen müſſen, ſo iſt das unterſte mit einem beutelförmigen, ſehr elaſtiſchen Netze bezogen, um die etwa hinabſtürzenden Leute aufzufangen, was auch gewöhnlich ohne alle Beſchädigung derſelben geſchieht. Noch muß ich die Bemerkung hinzufügen, daß man vom Verdeck aus durch die Luken ſogenannte Wind⸗ oder Kühlſegel hinab leitet, um den tiefer liegen⸗ den Räumen friſche Luft zuzuführen, die ſie außerdem gänzlich entbehren wür⸗ den. Dieſe Luftleiter beſtehen aus langen ſchmalen Segeln, die oben an einer kleinen Raa befeſtigt ſind, aber acht bis zehn Fuß tiefer, durch das Zuſammen⸗ heften der beiden Seitenkanten, in die Form eines Schlauchs übergehen. Man zieht ſie über dem Verdecke ſo hoch und ſo gegen den Wind geſtellt auf, daß dieſer in dem obern ausgeſpannten Theile ſich ſackt, und in den ſchlauchförmigen hinab fährt. Er drängt ſich unten durch die Oeffnung mit einer Kraft heraus, die ſeine eigentliche überſteigt, weil durch die trichterartige Form des obern Segeltheils eine Preſſung der Luft entſteht. Die ſich ergießenden Luftſtröme ſteigen dann wieder nach oben, und verbreiten über das ganze Schiff eine an⸗ genehme Kühle. Auf den großen Kriegſchiffen beobachtet man jederzeit dieſe Luftreinigung, und fertigt beſondere Segel dazu, die nie zu andern Zwecken gebraucht werden. Auf Kauffahrern aber iſt dieß ſeltener der Fall, weil ſie auf der See gewöhnlich mit der Ladung angefüllt ſind, und auch, wegen ihrer nied⸗ rigen Lage, die Luken vor den Wellen verſchließen müſſen; daher werden dort, im Fall Windſegel zuläſſig oder nöthig ſind, die Lee- oder Beiſegel dazu umge⸗ ſchaffen, was bloß das Zuſammenheften der beiden Seitenkanten erfordert. Solche Leitungen des Windes wären vielleicht auch auf dem Feſtlande, wie es ſchon bei Bergwerken geſchieht, in den Häuſern anwendbar, um dumpfe Keller und Gewölbe zu erfriſchen, dem Rauchen der Schornſteine abzuhelfen, kleine Maſchinen in Bewegung zu ſetzen, und vielleicht unzählige andere Zwecke zu erreichen. Der Leiter könnte dann aus dauerhaftern und dichtern Stoffen, als Segeltuch oder Leinwand ſind, beſtehen. Man könnte den Schlauch in Röhren verwandeln, um den Wind, aller Krümmungen unbeſchadet, ſicher an die beſtimmte Stelle des Hauſes zu führen. Der zum Auffangen der Luft be⸗ ſtimmte Theil müßte von dem übrigen getrennt und ſo eingerichtet ſein, daß das untere Ende desſelben, in das obere der Röhre eingreifend, auf einer Spindel ruht, und daher nach dem Winde ſich drehen läßt, was überdieß, mit⸗ tels einer darüber angebrachten Wetterfahne, immer von ſelbſt erfolgen würde. Da auf den Gängen des Verdecks viel Arbeit verrichtet wird, wozu ein völlig freier Platz nöthig iſt, ſo ſind ſie mit keinem ſtehenden Bord, ſondern mit bewegbaren doppelten Schranken eingefaßt, in deren Zwiſchenraume Stän⸗ gen, Raaen, Maſten und Ruder für die Boote und mancherlei Geräthſchaften aufbewahrt werden. Dieſe Schranken haben an der In- und Außenſeite eine Bekleidung von Segeltuch, der man einen den angränzenden Schiffstheilen ent⸗ ſprechenden Anſtrich gibt, daher der Mangel des Bords kaum zu bemerken iſt. Oben darauf befindet ſich ein zweites Doppelgeländer, um Hangmatten dazwi⸗ ſchen zu ſtellen. 3 In der Gegend des großen Maſtes, da wo die Gänge an das Hinterdeck grenzen, laſſen die Schranken an der Steuerbord⸗ und an der Backbordſeite eine Oeffnung, durch welche man zu den Treppen kommt, die von außen nach dem Verdeck führen. Die Steuerbordtreppe iſt breit, bequem, in Abſätze eingetheilt und mit eiſernen Geländern umgeben. Sie iſt für die oberſten Offiziere, ſo wie für vornehme Beſuche beſtimmt, und wird bloß im Hafen aufgeſetzt; auf der See bedient man ſich an ihrer Stelle gelegentlich einer einfachern, dergleichen auch die Kauffahrteiſchiffe zu führen pflegen— der ſogenannten Fallreeps⸗ treppe. Die Treppe am Backbord beſteht blos in ſtarken breiten Leiſten, die an das Schiff genagelt ſind. An jeder Seite hängt ein zierlich geflochtenes Seil hinab, um das etwas ſchwierige Hinauf⸗ und Hinunterſteigen mit den Händen zu erleichtern. Dieſe Stiege wird indeſſen wenig gebraucht, indem die Meiſten durch die Stückpforten des untern Decks, oder durch die daſelbſt befindliche Thür in die Boote ſteigen. W— An jeder der beiden Treppenöffnungen ſteht eine Schildwache. Außer⸗ dem ſind die Gänge mit keiner beſondern Mannſchaft beſetzt, da die Leute, die gelegentlich darauf arbeiten, ihren Standpunkt in den tiefern Räu⸗ men haben. Hinter den erwähnten Eingängen von den Außentreppen nimmt das hin⸗ tere Deck, welches auch das Halbdeck oder die Schanze heißt, ſeinen Anfang. Dieſes ward ehedem auf den Linienſchiffen, gleich dem Back, ſehr erhaben ge⸗ baut, lag aber auf dem Neptun in gleicher Richtung mit den übrigen Theilen des Verdecks. Auf den Seiten iſt es mit einem ſechs Fuß hohen Balkenbord verſehen, den die Kugeln des kleinen Gewehrs nicht durchdringen; hierauf kom⸗ men noch Hangmatten zu ſtehen, ſo daß die ganze Höhe acht bis neun Fuß be⸗ trägt. Die aufgepflanzten Kanonen beſtehen in langen Zwölfpfündern. 1 —— K — ——— Die Schanze oder das Dnarterdeſk i*ſt der vorzüglichſte Sammelplatz der Offiziere, wo ſie faſt beſtändig, nach alter ſeemänniſcher Sitte, von vorn nach hinten auf⸗ und abgehen. Es iſt der vorzüglichſte Punkt im Schiffe, von dem die wichtigſten Befehle ausgehen, und wo faſt alle feierliche Handlungen voll⸗ zogen werden. Die Matroſen, welche hier ihren Poſten haben, halten ſich ge⸗ wöhnlich an den Seiten zwiſchen den Kanonen auf. Sie machen eine bedeu⸗ tende Anzahl, obſchon eine der niedrigſten Klaſſen aus. Die Theile des Takel⸗ werks, die der Beſorgung derſelben obliegen, ſind vornämlich das Unterſegel des großen Maſtes oder das große Segel, und das hinterſte, nämlich das am Beſaanmaſt befeſtigte Gabelſegel, das man ſchlechthin den Beſaan nennt. Uebri⸗ gens haben ſie wenig Verrichtungen; hauptſächlich kommt es bei ihnen darauf an, daß ſie, beſtändig den Augen der Offtziere bloß geſtellt, immer auf dem Platze und bereit ſind, die erhaltenen Befehle zu vollführen, ſo wie daß ſie ſich ſtill und geſittet betragen, und vor allem Reinlichkeit in der Kleidung beob⸗ achten, worin ſie auch vor dem ganzen Schiffsvolke ſich auszeichnen. Sie ſtehen, wie alle die genannten Mannſchaften, unter der beſondern Aufſicht von Kapi⸗ tänen. Die Quartiermeiſter ſtellen auf der Schanze dasjenige vor, was auf dem Back die Gehülfen des Bootsmannes ſind. Gehen ſie blos über die Scanze, ſo muß das ſtets auf der Leeſeite geſchehen. Hinten an der Backbordſeite befindet ſich eine Treppe, die nach unten führt. Hier beginnt das Gebiet der obern Kajüte. Ein quer über das Deck laufender Säulengang, an den die Vorwand derſelben ſtößt, macht die Grenze. Unter dem Gange ſteht das Kompaßhaus und das doppelte Rad, womit man ſteuert. Letzteres iſt eigentlich eine Winde, und beſteht aus einer auf zwei Stützen ru⸗ henden Welle, an jedem Ende rund umher mit Hebeln, welche, wie die Speichen eines Rades, durch einen Kreisbogen mit einander verbunden ſind, doch derge⸗ ſtalt, daß die Spitzen ungefähr eine Viertelelle hervorragen, um zu Handhaben beim Drehen zu dienen. Das Ganze iſt aus feſtem Holze ſauber gedrechſelt. Zwiſchen den beiden Rädern iſt um die Welle ein Seil geſchlungen, ſo daß, wenn jene gedreht wird, das eine Ende ſich auf⸗ und das andere ſich abwickelt, und folglich beide einander entgegengeſetzt wirken. Sie gehen durch kleine, in den Dielen befindliche Oeffnungen unter das Deck hinab, wo ſie, durch Blöcke geleitet, den Ruderbaum von einer Seite zur andern bewegen, ſo wie oben die Welle hin und her gedreht wird. Der Ruderbaum fährt nämlich nicht, wie es auf den meiſten Kauffahrern der Fall iſt, über dem Verdeck, ſondern zwiſchen der obern und untern Kajüte, in einem beſondern Gehäuſe, wo er der Mann⸗ ſchaft weniger hinderlich und vor Beſchädigung beſſer geſchützt iſt. Zum Steuern ſind, weil die Regierung des ungeheuern Ruders eine große Gewalt erfordert, Richter's⸗Reiſen. 1. 20 306 jederzeit drei oder vier Menſchen nöthig, ja, ſechs bis acht bei ſtürmiſchem Wetter. Eigentlich aber ſteuert, wie es in der Natur der Sache liegt, immer nur Einer, indem die Bewegungen, die er mit dem Rade macht, von den Uebri⸗ gen bloß handlangermäßig unterſtützt werden. Jener iſt ein Matroſe von dem Back, dieſe gehören zu denen der Schanze. Ein Quartiermeiſter führt ſtets die Aufſicht dabei. Die über der Kajüte befindliche Decke nennt man das Vierteldeck oder die Kampanje. Auf beiden Seiten der Schanze führt eine Treppe hinauf. Den vordern Theil, der über dem Säulengange liegt, faßt ein zierliches Geländer ein. Ueber demſelben ragen einige metallene Drehbaſſen hervor, die hauptſäch⸗ lich beſtimmt ſind, die vordern Theile des Verdecks zu beherrſchen, im Fall unter dem Schiffsvolk ein Aufruhr entſteht. Der Bord an den Seiten und hinten iſt fünf Fuß hoch, und wird, wie in den übrigen Schiffstheilen, oben mit Hang⸗ matten beſetzt. Ehedem hatten die Kriegſchiffe auch auf dieſem Deck Kanonen; der Neptun führte aber keine, weil man— wie ich ſchon bei den Maſten in Er⸗ wähnung brachte— heutiges Tages vermeidet, des vermehrten Schwankens wegen, ſchweres Geſchütz auf hohe Punkte des Schiffes zu bringen. Die Kampanje iſt hauptſächlich der Standpunkt des Signalmeiſters und ſeiner Leute. Der Signalmeiſter hat auf Kriegſchiffen, wo der Admiral einer zahlreichen Flotte ſich befindet, einen ſchwierigen Poſten. Er iſt ſtets beſchäftigt, der Flotte die Befehle des Admirals durch den Telegraph, der in aufgezogenen Flaggen beſteht, bekannt zu machen, und zugleich die von ihr gegebenen Zeichen zu beobachten, Bericht darüber zu erſtatten, und, dem erhaltenen Beſcheide ge⸗ mäß, zu beantworten. Hierbei muß er oft zum Signalbuche, das immer auf einem Tiſche vor ihm liegt, ſeine Zuflucht nehmen; denn es iſt nicht möglich, die vielfachen Bedeutungen der Flaggen im Kopfe zu haben, zumal da man ſie zur Verheimlichung vor dem Feinde häufig verändert. Dieß iſt beſonders der Fall, ſo oft die Flotte zu einer neuen Beſtimmung aus dem Hafen geht, ob⸗ ſchon einige minder wichtige Zeichen— z. B. um die Anker zu lichten, oder ſie zu werfen, um Waſſer und Proviant zu holen und dergl.— immer die ſelbi⸗ gen bleiben. Ueberdieß erhalten die ſämmtlichen Schiffe zur Unterſcheidung von einander beſondere Flaggen, die, ſo oft einzelne durch Signale zu irgend etwas aufgefordert werden, jedesmal über dieſen zu ſtehen kommen, damit man weiß, auf wen der Befehl ſich bezieht. Geht er der ganzen Flotte an, ſo fallen natürlich die Unterſcheidungszeichen weg. Die Gehülfen des Signalmeiſters müſſen die Flaggen beſtändig in gutem Stand erhalten, und, zierlich aufgerollt und nach Nummern in Kiſten gepackt, ſorgfältig verwahren, um die verlangten augenblicklich finden, und am Beſaanmaſt in die Höhe ziehen zu können. Die 3 Nachtſignale, welche man durch Laternen macht, verurſachen ihnen die meiſte Mühe, beſonders bei ſtürmiſchem Wetter, wo die Lichter leicht ausgelöſcht, oder die Laternen aus derjenigen Lage gebracht werden, die erforderlich iſt, um das beſtimmte Zeichen auszudrücken. Auf denjenigen Kriegſchiffen, die keinen Ad⸗ miral am Bord haben, iſt die Arbeit, folglich auch die Anzahl der Signal⸗ männer nicht ſo beträchtlich, weil ſie bloß das Admiralſchiff zu beobachten und die Befehle, die es ihrem Schiffe gibt, zu beantworten haben. Außer dieſen Leuten ſind auf der Kampanje einige zu der Schanze gehö⸗ rige Matroſen ſtationirt, faſt einzig um das Beſaanſegel zu regieren, von wel⸗ chem zu jeder Zeit, beſonders in der Schlacht und im Sturme, ungemein viel abhängt. Ueberdem iſt die Kampanje der Sammelplatz der Kadetten und, im Gefecht, häufig der Standpunkt des Admirals, ſo wie ſie den ſämmtlichen Offi⸗ zieren täglich zum Obſervatorium dient. An der Außenſeite, rund um den Hintertheil des Verdecks, haben die leichtern Schaluppen ihren Platz, wo ſie an hinausragenden Balken aufgezogen werden. Sie ſind von verſchiedener Größe, einige zu vier, andere zu ſechs bis zu zwölf Rudern. Jede hat ihre beſondere Beſtimmung; die eine fährt bloß den Admiral, eine andere den Kapitän, und die übrigen die verſchiedenen Offi⸗ ziere, ſo wie ihre Geſchäfte die Gelegenheit dazu geben. Alle haben aber das mit einander gemein, daß ſie in der größten Ordnung und Sauberkeit gehalten und von beſondern Leuten bedient werden, die in der Kunſt, ein Boot zu rudern und damit zu ſegeln, große Uebung haben müſſen. Man ſieht hieraus und überhaupt aus dem, was ich bisher über die ver⸗ ſchiedenen Stationen der Matroſen geſagt habe, daß auf Kriegſchiffen zu jedem Geſchäft ſtets dieſelben Leute gebraucht werden. Auf den Kauffahrern findet das Gegentheil Statt; hier müſſen die Matroſen bald dieſe, bald jene Arbeit verrichten und, der ſchwachen Anzahl wegen, mit vereinigten Kräften von der einen zur andern übergehen. Bald iſt das ganze Häuflein mit den Ankern, bald auf den Maſten, dann wieder im Raume, in den Booten u. ſ. w. beſchäftigt. Es iſt daher einleuchtend, daß die Matroſen auf den Kriegſchiffen zwar in den beſondern, ihnen angewieſenen Beſchäftigungen eine außerordentliche Geſchick⸗ lichkeit erlangen, aber in den übrigen Arbeiten, die nicht in ihrem Wirkungs⸗ kreiſe liegen, meiſtens unerfahren bleiben; ebenſo bringen es die Matroſen auf den Kauffahrteiſchiffen zwar nicht zu jenem Grade mechaniſcher Fertigkeit in den einzelnen Theilen des Seeweſens, lernen aber das Ganze beſſer in's Auge faſſen und mit ihrem Verſtand überblicken. Folglich wird man auch leicht be⸗ greifen, daß letztere für alle Fächer auf den Kriegſchiffen paſſen, ob ſie ſchon Anfangs in keinem die hier erforderliche Gewandtheit beſitzen, die ihnen aber 20* 308 die tägliche Uebung bald verſchafft. Dagegen kommen erſtere auf den Kauffah⸗ rern, wo jede Arbeit von ihnen verlangt wird, ſelten gut fort, indem ſie z. B. wegen ihrer frühern Beſchäftigung zwar meiſterhaft auf den Maſten klettern, aber am Steuerruder, in den Booten u. ſ. w. ſich ungeſchickt benehmen, und ſo umgekehrt. Ueberdem ſind ſie minder an anhaltende Thätigkeit gewöhnt, und zeigen immer große Neigung und Liſt, die Arbeiten von ſich abzuwälzen, und ihren Gefährten aufzubürden, was doch mit der Schwäche der Mannſchaften auf den Handelſchiffen ſich nicht verträgt. Selbſt diejenigen eignen ſich wenig für die Kauffahrer, welche von dieſen auf die Kriegſchiffe verſetzt wurden, weil ihnen hier manches Geſchäft aus der Uebung kam. Am meiſten aber iſt dieß bei ſolchen der Fall, die auf letztern erzogen ſind, ſelbſt wenn ſie alle Matroſen⸗ klaſſen nach und nach durchwanderten, und folglich eine Arbeit nach der andern erlernten; denn es kommt, um ein Gewerbe ganz inne zu haben, viel darauf an, ob man im erſten Jahre einen Theil desſelben, im zweiten einen andern, im dritten noch einen andern u. ſ. f. betrieben hat, wobei die früher erlangten Fer⸗ tigkeiten zum Theil wieder verloren gehen, oder ob man, während dieſer Zeit, Tag vor Tag von jedem Geſchäft etwas verrichtete, und ſo das Ganze immer in der Uebung behielt. Demnach findet zwiſchen einem Kriegſchiffe und einem Kauffahrer ein gleiches Verhältniß, wie zwiſchen den großen Fabriken und den kleinen Werkſtätten der Handwerker Statt. Um nun die Beſchreibung der äußern Theile unſeres Dreideckers zu been⸗ digen, will ich nur noch des Farbenanſtrichs erwähnen, den ſie zu der Zeit hatten, als ich mich auf dieſem Schiffe befand. Ich ſpreche hier nämlich von der Vergangenheit, weil die Art, die Gegenſtände auf den Schiffen anzuſtrei⸗ chen, einem ſteten, von Geſchmack und Mode abhängenden Wechſel unterworfen iſt.— Die Maſten, das Bugſpriet, die Raaen und Marſen waren weiß ange⸗. ſtrichen, ebenſo die Laffeten der ſämmtlichen Kanonen auf dem Verdeck, und die Säulen des Ganges vor der obern Kajüte. Die Stängen der Maſten bekamen nie einen Anſtrich, weil er durch das beſtändige Auf⸗ und Niedergehen der Ragaen leicht abgerieben wird; man beſchmierte ſie aber, um die Wirkung der Sonne zu mildern und das Aufziehen der Raaen zu erleichtern, häufig mit Fett, wodurch ſie das Anſehen bräunlich gebeizten Holzes erhielten. Der Bord um das ganze Verdeck zeichnete ſich an der Inſeite durch eine ſchöne, dem Auge ſehr wohlthuende grüne Farbe aus. Aeußerlich war er ſchwarz. Unter ihm hatte die Schiffſeite, vom Anfang der oberſten Batterie, einen weißen Anſtrich, was mit den aus den Pforten hervor ragenden ſchwarzen Kanonen, und mit ihren roth bemalten Mundſtücken einen grellen Abſtich machte. Unter den Batterien lief noch ein breiter ſchwarzer Streifen um das Schiff, an welchen der mit 8 309 Kupfer beſchlagene Boden desſelben ſtieß. Die unzähligen kleinen Gegenſtände, die ich nicht berühre, hatten denſelben Anſtrich, wie diejenigen der beſchriebenen Haupttheile, mit welchen ſie in gleicher Höhe ſich befanden, was dem Ganzen eine ſehr gefällige Einfachheit verlieh. Wenn man daher das Schiff in der Entfernung ſah, ſo ſtellten ſich dem Auge, die bunten Flaggen abgerechnet, nur fünf Farben dar. Ueber den Maſt⸗ ſpitzen ſchwebten goldene Punkte, nämlich die vergoldeten Knöpfe. Dann folgte das dunkle Gemiſch des Tauwerks, durch welches oben die bräunlichen Stängen mit ihren weißen Raaen und Abſätzen, und weiter unten die weißen Maſten mit ihren gleichfarbigen Ragen und Marſen ſchimmerten. Den obern Theil des Schiffes ſelbſt begränzte ein weißer ſchmaler Strich, den die Hangmatten bil⸗ deten. Unter ihm zog ſich ein etwas breiter ſchwarzer hin, der Bord(denn die grüne Inſeite desſelben war von außen unſichtbar). Hierauf folgte ein breiter weißer Streifen(die Batterie), welcher mit drei Reihen ſchwarzer und rother Tüpfchen(den Geſchützpforten und Kanonenmündungen) beſprenkelt, vorn in das weiße Bugſpriet nebſt Zubehör ſich endigte. Dann kam noch ein ſchwarzer nicht ſchmaler Strich, worauf endlich das dunkle Grün des Bodens folgte, das in dem Farbenſpiele des Meeres ſich verlor. Von dieſer Farbenordnung wich indeß der Spiegel, der hintere platte Theil des Schiffes, etwas ab, weil er, als die Fronte der Kajüten, durch be⸗ ſondere Verzierungen vor dem Uebrigen ſich auszeichnet, und ein für ſich beſte⸗ hendes Ganzes bildet. Denn er prangt mit mancherlei künſtlichem Schnitz⸗ und Leiſtenwerk um die Fenſter und den davor befindlichen Galerien, ſo wie mit dem großen königlichen Wappen und dem Namen des Schiffes. Deſſen unge⸗ achtet hatte man bei der Farbenwahl auf eine edle Einfachheit Rückſicht genom⸗ men. Der Grund war durchaus ſchwarz, das Uebrige weiß oder vergoldet. Ich gehe nun in meiner Beſchreibung des Neptun zu ſeinen innern Theilen über, und beginne mit der obern Kajüte. Dieſe wurde theils vom Admiral, theils vom Schiffkapitän bewohnt, iſt aber, wenn kein Admiral am Bord ſich befindet, ausſchließlich die Wohnung des letztern. Sie nimmt ihren Anfang etwas vor dem Beſaanmaſt, bei dem vorerwähnten Säulengange, von wo ſie in mehren Abtheilungen, bis zum hinterſten Schiffsende, dem Spiegel, fort⸗ läuft. Nicht weit hinter dem Steuerrade iſt der Eingang zum Vorſaal, den man mit einer Glasthür verſchließen kann, gewöhnlich aber offen läßt. Er wird von zwei Soldaten bewacht. In der Mitte dieſes Saals erblickt man ein Stück des Beſaanmaſtes, der hier durch die Decke nach unten zu geht. Er hat die Form einer Säule, die man des Abends mit Lampen behängt. Die Wände ſind zier⸗ lich bemalt. Auf beiden Seiten gehen Thüren in verſchiedene Gemächer, die 310 ſämmtlich, mit Ausnahme eines kleinern für den Sekretär des Admirals, und eines andern für deſſen Dienerſchaft, dem Kapitän und ſeinen Leuten gehörten; einige benutzte man zur Aufbewahrung der Speiſen und allerlei wirthſchaftlichen Geräthes. Eine derſelben iſt eigentlich, wie auf allen Linienſchiffen, zu einer Küche für den Kapitän beſtimmt; allein man bereitete, ſeitdem das Schiff in Weſtindien war, keine Speiſen darin, um nicht die drückende Hitze, die in den Gemächern empfunden wurde, durch das Küchenfeuer noch zu vermehren. Alle dieſe Kammern ſind ſehr ſchön, und ſo eingerichtet, daß ſie ſich von den Zim⸗ mern eines Hauſes durch nichts als die hölzernen, mit Oelfarbe bemalten Wände unterſcheiden. Im Hintergrunde des Vorſaals bemerkt man eine Glasthür, den Eingang zu dem geräumigen Zimmer, das vorzugsweiſe die große Kajüte heißt. Dieß iſt das vorzüglichſte im ganzen Schiffe. Es diente zum Speiſe⸗ und Audienz⸗ ſaale des Admirals, hauptſächlich auch zum Sammelplatze für die obern Offi⸗ ziere der Flotte, wenn ſie berufen wurden, Kriegsgericht zu halten, d. i. ein begangenes Verbrechen zu unterſuchen und das Urtheil darüber auszuſprechen, oder über irgend einen Gegenſtand des allgemeinen Wohls ſich zu berathen. Die Pracht, welche hier herrſchte, erregte Verwunderung. Die Reihe der Fenſter ſchmückten ſeidene Gardinen, und große geſchliffene Spiegel. Die Wände waren mit polirtem Mahagoniholz belegt, und oben und unten, wie an den Kanten der Thüren und Fenſter, mit vergoldeten Leiſten eingefaßt. Links am Eingange befand ſich ein metallener, geſchmackvoll und reichverzierter Kamin, und rund umher ſtanden koſtbare Meubles. Die Tiſche waren hin und wieder mit künſt⸗ lichen Uhren und mathematiſchen Inſtrumenten beſetzt. Die Decke hatte man zur Vermehrung der Helligkeit weiß angeſtrichen, und in der Mitte, um das Deckfenſter herum, mit vergoldetem Schnitzwerk in Geſtalt einer Sonne ver⸗ ziert; der Fußboden beſtand aus ſeltenen, in ſchönen Formen zuſammengeſetzten Hölzern. Kurz, man würde geglaubt haben, in ein fürſtliches Zimmer zu treten, wenn nicht der Anblick des Meeres, das durch die hellen Glasfenſter*) ſich zeigte, die Täuſchung verhindert hätte. Aber ungeachtet der prächtigen Ein⸗ richtung, trug dennoch das Ganze den Stempel edler Einfachheit. Die ſämmt⸗ *) Da Glasfenſter beim Abſchießen des Geſchützes zerſpringen, ſo hat man auf den Krieg⸗ ſchiffen gewöhnlich eine beſondere Art Fenſter. Sie beſtehen aus einem feinen Drahtgewebe, das mit ſehr elaſtiſchem und beinahe farbloſem Firniß überzogen iſt. Obſchon ſie nicht durch⸗ ſichtig ſind, ſo gewähren ſie doch eine hinlängliche Helligkeit. Auch auf dem Neptun gebrauchte man ſolche Fenſter, wenn er in See oder ſonſt der Gefahr in's Gefecht zu kommen ausgeſetzt war; befand er ſich aber im Hafen, und überhaupt in Sicherheit, ſo wurden ſie weggenommen und gläſerne dafür eingeſetzt. lichen Gegenſtände ſtellten ſich in eben ſo wenig und faſt in denſelben Farben dar, worin die Außenſeite, der Spiegel, erſchien, indem die ſchwärzliche Farbe der Wände und der Meubles bloß durch das Grün der Gardinen und Teppiche, durch das Weiß der Decke, ſo wie durch den Goldglanz der metallenen Geräthe und der Verzierungen hervor gehoben wurde. Der Glasthür am Eingang gegenüber befindet ſich eine zweite, die zu der außen angebrachten Galerie führt. Dieſe läuft, längs der ganzen Breite des Schiffes, vor den Fenſtern hin, und bietet einen trefflichen Ort dar, ungeſtört die freie Luft zu genießen und ſpa⸗ zieren zu gehen. An beinen Seiten des Saals befinden ſich Kammern, wovon die eine, zu meiner Zeit, dem Admiral zum Schlafgemach diente. Das Geſtell ſeines Bettes beſtand ganz aus Eiſen und hatte einen zierlichen Himmel, von welchem, zur Abwehrung der Fliegen und Mücken, Vorhänge von feinem grünen Flor herabhingen. Die andere Kammer war zum Arbeitszimmer des Admirals beſtimmt. Beide hatten eine dem Saal entſprechende Einrichtung, und konnten mit dem letztern vereinigt werden, indem die Seitenwände nach Belieben ſich aufſetzen und wegnehmen ließen. Von dieſen Gemächern führen Glasthüren nach den Seitengalerien, die mit der hinterſten und, durch Treppen, mit denen der untern Kajüte in Verbindung ſtehen. Die Beſchreibung der obern Kajüte beſchließe ich mit der Bemerkung, daß Ordnung und Reinlichkeit— welche nicht immer in prächtigen Zimmern zu ſinden ſind— hier im höchſten Grade herrſchen, Eigenſchaften, die überhaupt auf alle Theile des Schiffes ſich er⸗ ſtrecken, wie ich weiter unten zeigen werde. Jetzt führe ich meine Leſer auf die dritte Batterie oder das obere Kanonen⸗ deck hinab. Hier erblicken wir auf beiden Seiten achtzehnpfündige Artillerie⸗ Stücke, die von vorn bis hinten in ununterbrochener Reihe fortlaufen. Sie ſind faſt beſtändig ausgerückt, weil die Wellen des Meeres ſelten ſo hoch ſteigen, um in die Geſchützpforten(Schießſcharten) einzudringen. Die Klappen der letztern werden ſo aufgezogen, daß ſie ein Dach über den etwas hinausragenden Ka⸗ nonenläufen bilden, um dieſe vor dem Regen zu ſchützen, und die aufſteigende Flamme beim Abfeuern nicht an die Schiffſeite anſchlagen zu laſſen. Da die Pforten die Breite und Höhe eines mäßigen Fenſters haben, ſo gewähren ſie ein helles Licht, und einen geſunden freien Durchzug der Luft. Nach dieſem allgemeinen Ueberblick des Decks betrachten wir zunächſt den vordern Theil desſelben etwas näher. In dem Bug, d. i. dem bogenförmigen Vordertheil, erblicken wir links eine Thür; ſie führt zu dem ſogenannten Gal⸗ lion. Dieß iſt ein unter dem Bugſpriet hinaus gebautes zierliches Gerüſt, das Anfangs faſt die Breite des Schiffes hat, dann aber immer ſpitziger zuläuft, und in eine Figur ſich endigt. Dieſe entſpricht immer dem Namen, den das 312 Schiff führt, und ſtellte mithin auf dem Neptun den Gott des Meeres vor. Das Gallion iſt oben in gleicher Linie mit dem Deck gedielt, an den Seiten mit einer vier Fuß hohen hölzernen Einfaſſung verſehen, und daher wie ein Altan zu be⸗ trachten. Der Hauptzweck desſelben iſt, das Bugſpriet zu unterſtützen, ſo wie auch den ſtumpfen kahlen Obertheil des Bugs zu bedecken, und ſeine Geſtalt ſpitzig zu machen, was man für eine beſondere Zierde der Schiffe hält. Außer⸗ dem hat es, als ein vom Schiffe abſtehender und über dem Waſſer ſchwebender Theil, die ſehr ſchickliche Nebenbeſtimmung erhalten, daß alle unſaubere Ar⸗ beiten ausſchließlich darauf verrichtet werden. So z. B. ſchlachtet und reinigt man daſelbſt alles Federvieh und andere kleine Thiere, wäſcht und ſcheuert das Küchengeräth u. ſ. w. Auch befinden ſich in der Mitte zwei Reihen offener Ab⸗ tritte für die Matroſen und Soldaten, ſo wie an den Seiten einige verdeckte für gewiſſe Unteroffiziere. Sie ſind, wegen der großen Volksmenge und weil mancher der Arbeit dadurch auf einige Zeit zu entgehen ſucht, faſt zu jeder Zeit beſetzt. Alles das erregt von außen, da es durch die hohen Einfaſſungen ver⸗ ſteckt wird, keinen Uebelſtand; deſto auffallender iſt der Proſpekt, wenn man oben von dem Back, oder vom Bugſpriet hinab ſieht. Deſſen ungeachtet war ſelbſt dieſer an ſich unſaubere Ort auf dem Neptun in der Regel ſo rein, als oft auf den Schiffen mancher andern Nation kaum die Kajüten ſind, weil die aufgeſtellte Schildwache und ein Aufſeher, welcher der Kapitän des Gallion heißt, darauf zu ſehen hatten, daß jede Verunreinigung auf der Stelle wieder beſeitigt wurde. Das Amt des letztern führt immer einen gewiſſen Schimpf mit ſich, und gilt für eine Art von Strafe, ſo wie überhaupt der Titel„Gal⸗ lionkapitän“ in der Schifferſprache einen ſchmutzigen Menſchen bedeutet. Wir kommen nun wieder zu dem Deck ſelbſt. Auf dem vorderſten Theile desſelben ſpringt in der Mitte ein Verſchlag hervor. Er enthält einige Kammern, deren Fenſter nach dem Gallion zu gehen. Dieß iſt das Hoſpital für die kranken Matroſen und Soldaten, die unter der Aufſicht eines Arztes und mehrer Chi⸗ rurgen ſtehen, und von einigen dazu beſtimmten Leuten gewartet werden. Der Platz, der zwiſchen dem Hoſpital und der Vorluke ſich befindet, macht den Bezirk der Küche aus, daher die Dielen umher, wegen der Feuersgefahr, mit ſtarkem Eiſenblech bekleidet ſind. Unter den mannichfaltigen Gegenſtänden, die uns hier aufſtoßen, erregt die große eiſerne Kochmaſchine am meiſten unſere Aufmerkſamkeit. Sie hat in der Hauptſache dieſelbe Einrichtung, wie die ge⸗ wöhnlichen Schiffküchen, die ich Seite 13 f. f. im erſten Bändchen meiner Reiſen beſchrieb; nur iſt die Anzahl der dabei angebrachten kleinen Feuerheerde, ſo wie der Brat⸗ und Backöfen ungleich größer, und überhaupt erſcheinen alle Theile in einem ganz verſchiedenen Maßſtabe. Letzteres bezieht ſich beſonders auf die 313 beiden ungeheuern feſten Keſſel. Man wird ſich leicht einen Begriff von ihrem Umfang und ihrer Tiefe machen, wenn man bedenkt, daß für das ganze Schiffs⸗ volk, eine Menge von 700 bis 800 Menſchen— außer den bisweilen zu trans⸗ vortirenden Landtruppen, Kriegsgefangenen u. ſ. w.— darin gekocht wird. Auffallend iſt es, wenn man ſieht, wie des Abends, nach beendigtem Kochge⸗ ſchäft, zwei oder drei Männer in dieſe Keſſel ſteigen, um ſie zu ſcheuern. Da es zu langweilig und auch zu beſchwerlich ſein würde, die Menge Suppe oder Gemüſe mit Löffeln auszuſchöpfen, ſo ſind an der Außenſeite große weite Hähne angebracht, durch welche man die Speiſen herauslaufen läßt, und nach dem Maße vertheilt. Während der Zeit wird der Keſſel beſtändig umgerührt, damit das erſte, wie das letzte, gleichförmige Beſtandtheile enthält, und nicht der Eine das Dicke und der Andere das Dünne bekommt. Einer von dieſen Keſſeln ward auch dazu benutzt, ſüßes Waſſer aus dem des Meeres zu bereiten, was mit gro⸗ ßem Vortheil verbunden, und allen auf den Schiffen angewandten Mitteln, das Meerwaſſer zu deſtilliren, vorzuziehen iſt. Man kocht nämlich auf den engliſchen Kriegſchiffen für die Matroſen und Soldaten vier Tage in der Woche kein Fleiſch, ſondern bloß Gemüſe. Folglich wird während der Zeit einer von den Keſſeln nicht gebraucht; da aber das Feuer ſtets beide zugleich erhitzt, ſo füllen ihn die Köche, damit er nicht zerſpringt, mit Meerwaſſer an. Dieſes laſſen ſie gewöhnlich ungenutzt verdampfen, brauchen das zurückgebliebene zum Waſchen und Scheuern, oder ſchütten es weg. Auf dem Neptun aber ſtellten ſie auf den Keſſel einen hölzernen Deckel, der die Dämpfe auffing, und in eine daran be⸗ feſtigte kupferne Röhre leitete, welche mit der übrigen zum Deſtilliren gehörigen Vorrichtung verſehen war. Auf dieſe Weiſe gewann man viermal wöchentlich, innerhalb vier Stunden— das iſt ſo lange, als das Kochen jedesmal dauerte — ungefähr dreißig Gallonen ſüßes Waſſer; und zwar geſchah dieß ohne be⸗ ſondern Aufwand von Zeit, Mühe und Feuerung, welche letztere den Gebrauch des gewöhnlichen Deſtillirkolben auf den Schiſſen ſehr erſchwert und oft ganz unmöglich macht, weil ſie die dazu erforderliche Menge Holz oder Kohlen nicht führen können. Die obige Quantität des gewonnenen Waſſers iſt nun zwar zum Bedarf einer zahlreichen Mannſchaft nicht hinreichend, doch aber eine be⸗ deutende Zubuße. Ueberdieß beſitzt das friſch entſalzene Meerwaſſer, in Hin⸗ ſicht der Farbe, des Geſchmacks und Geruchs, gewöhnlich Vorzüge vor dem vom Lande erhaltenen Quellwaſſer, das einige Zeit im Faſſe geſtanden hat. Es wurde daher auf dem Neptun, ſelbſt während meines dortigen Aufenthalts, wo man ſtets einen Ueberfluß an ſüßem Waſſer hatte, keine Gelegenheit verſäumt, Meer⸗ waſſer zu deſtilliren, welches dann meiſtentheils die Offiziere zur Bereitung des Thee's und zur Vermiſchung mit geiſtigen Getränken vorzugsweiſe gebrauchten. 314 Auf beiden Seiten der Kochmaſchine ſteht zwiſchen den Kanonen eine Menge Tiſche, worauf die Speiſen zugerichtet werden. Höchſt anziehend iſt die unübertreffbare Reinlichkeit, womit man dabei zu Werke geht. Jedes Stück des hölzernen Geräthes ſieht ſo weiß aus wie Kreide; alle Keſſel und Pfannen glänzen, ehe ſie über das Feuer kommen, innen und außen wie neues Metall, und werden nach dem Herabnehmen ungeſäumt wieder in den vorigen ſaubern Zuſtand geſetzt, ob man ſie gleich den nächſten Tag wieder braucht. Dieſe Rein⸗ lichkeit erſtreckt ſich auch auf das Aeußere derjenigen, welche mit der Bereitung der Speiſen beſchäftigt ſind. Sie tragen einen Tag wie den andern die ſauberſte Wäſche und feine weiße Vortücher. Nur ihre Gehülfen, die Unterköche, ſind in ihrem Anzug etwas nachläſſiger, weil ſie bloß zu den gröbſten Arbeiten gebraucht werden, z. B. das Feuer zu ſchüren, Holz zu ſpalten, das Geräth zu ſcheuern ꝛc. Die Zahl der Köche iſt bedeutend. Außer dem Schiffkoch, d. i. demjenigen, wel⸗ ſcher das Eſſen für die Matroſen und Soldaten bereitet, gab es zu meiner Zeit einen für den Admiral, einen andern für den Kapitän, einen dritten für die Lieutenants, dann wieder andere für die Kadetten, für das Hoſpital, und für die verſchiedenen Klaſſen der Unteroffiziere. Faſt jeder von ihnen hatte einen oder mehre Gehülfen. Der Schiffkoch iſt der eigentliche Meiſter der Küche, und genießt den Vorrang vor allen dazu gehörigen Leuten. Dieß ſcheint etwas ſonderbar, da ſein Geſchäft bloß darin beſteht, Fleiſch und Gemüſe zu kochen, was doch ſonſt ſehr wenig Kunſt erfordert. Allein, da dieſe Speiſen in unge⸗ heurer Menge bereitet werden, ſo gehört große Uebung und Genauigkeit dazu, das rechte Maß in allen Dingen zu treffen, und z. B. zu berechnen, wie viel Waſſer, wie viel Zeit zum Kochen nöthig iſt, damit Alles zur beſtimmten Mi⸗ nute gehörig gar ſei. Auch muß das Gemüſe beim Vertheilen nicht nur aus⸗ reichen, ſondern es darf auch nichts davon übrig bleiben, weil es dem Schiff⸗ koch portionenweiſe übergeben wird. Daher iſt dieſer jederzeit ein erfahrner Seemann; er wird zum Dienſte des Königs verpflichtet, und hat den Rang eines Unteroffiziers. Dagegen ſind die übrigen Köche meiſtentheils kunſtmäßig gelernte Leute, die es bloß mit ihren Herren zu thun haben, von welchen ſie an⸗ genommen und unterhalten werden. Da den Platz um die Küche, wie ſchon erwähnt, eine Bekleidung von Eiſenblech vor Feuersgefahr ſchützt, ſo iſt dieß im ganzen Schiffe der einzige, wo die Matroſen und Soldaten die Freiheit haben, Tabak zu rauchen. Daher ſieht man hier zu jeder Zeit Leute, die zuſammen kommen, um ſich an ihrem Pfeifchen zu ergötzen, dabei Grog zu trinken, auch wohl gute Bißchen zu erha⸗ ſchen, was bisweilen geſchieht, wenn ſie bei den Köchen gut ſtehen. Kurz, die Küche vertritt die Stelle der Taverne.— Auf den Kauffahrern findet dieſe Ein⸗ 1 — ——— richtung in Hinſicht des Tabakrauchens nicht Statt. Dort iſt es auf dem Ver⸗ deck wie in den Kammern erlaubt; denn man ſetzt voraus, daß Jeder um ſeines eigenen Beßten willen die gehörige Vorſicht dabei anwenden werde. Indeſſen hat ſchon Mancher ſeine Hangmatte, und wohl auch das ganze Schiff dadurch in Brand geſteckt. Rechts von der Küche nach hinten zu iſt die Werkſtatt für den Schmied und ſeine Gehülfen. Sie beſteht aus einem eiſernen Feuerheerd, einem daran befeſtigten Blaſebalg, und einem Amboße nebſt Zubehör. Sie wird jeden Mor⸗ gen aufgeſetzt, und Abends wieder weggeſchafft. Links hinter der Küche ſah man zu meiner Zeit beſtändig einige Männer beſchäftigt, in einem großen, aus einer alten Kanone verfertigten Mörſer Kakao zu ſtampfen.„Es bekommen nämlich die Mannſchaften der engliſchen Krieg⸗ ſchiffe, in Weſtindien, zum Frühſtück eine Art Schokolate, welche ſie ſchlechthin Kakao nennen. Die einfache Zubereitung iſt folgende: Man nimmt rohe Kakao⸗ bohnen, dörret dieſelben wegen ihrer Fettigkeit im Backofen, und ſtößt ſie dann im Mörſer. Da ſie aber noch immer ölige Theile enthalten, ſo entſteht dadurch ein ſchwarzbrauner Teig. Dieſer wird in ſiedendem Waſſer aufgelöſt, dann mit Zucker vermiſcht, und ſo an die Leute vertheilt. Dieſes Kakaogetränk iſt, da zumal eine Oeldecke darauf ſchwimmt, zwar nicht ſo lieblich, aber weit kräftiger und geſünder als die gewöhnliche Schokolate, in welcher dem Kakao, zur Er⸗ höhung des Geſchmacks und wegen der Wohffeilheit, mancherlei fremdartige Stoffe beigemiſcht ſind. Zwiſchen der vordern und großen Luke des oberen Kanonendecks ſteht eine Reihe feſter Ställe und Käfige, worin man, für die Tafeln der Offtziere, ſtets eine Menge Federvieh, Schafe und Ziegen hält. Auch befanden ſich, zur Zeit meines Aufenthalts auf dem Neptun, mancherlei ſeltene Vögel und andere Thiere darin, die bloß zur Unterhaltung dienten. So gab es z. B. einige ſchöne Ka⸗ kadu's und auch einen Springhaſen. Die Wartung und Reinigung dieſer Thiere beſorgt ein ausſchließlich dazu beſtimmter Mann, daher ſie keinen Uebelgeruch verurſachen, und der Beobachter mit Wohlgefallen dabei verweilt. Dieß wäre jedoch ſchwerlich der Fall, wenn auch die vielen am Bord befindlichen Schweine hier gehalten würden; man hat ſie deßhalb, wie auf allen Kriegſchiffen, nach dem vorderſten Ende des Gallion, in beſondere Ställe verbannt. Beiläufig er⸗ wähne ich, daß die Offiziere zu ihrem Vergnügen mancherlei Singvögel und andere kleine Thiere in ihren Kammern unterhalten; doch ſind die Hunde, zu⸗ folge eines alten Marine⸗Geſetzes, gänzlich davon ausgeſchloſſen, weil ſie überall herumlaufen und Schmutz hinterlaſſen würden, und weil überdieß ihre Wach⸗ ſamkeit, ſo ſehr ſie den ſchwach bemannten Kauffahrern zu Statten kommt, durchaus entbehrlich iſt. Katzen darf nur der Proviantmeiſter und zwar, zur Vertilgung der Ratten und Mäuſe, in den Vorrathskammern halten; außer⸗ halb derſelben werden ſie nirgends geduldet. Die Plätze zwiſchen den Kanonen auf beiden Seiten der Menagerie dienen zu Ställen für die lebendigen Rinder, die gelegentlich an Bord kommen, was nicht ſelten geſchieht; und ich ſelbſt habe hier funfzehn Stück auf einmal bei⸗ ſammen geſehen. Da an den Seiten des Decks Rinnen zum Ablaufen der Flüſ⸗ ſigkeiten angebracht ſind, ſo läßt ſich der Miſt mit leichter Mühe wegſchwemmen. Man beobachtet jedoch hiexin keine ſo ängſtliche Genauigkeit, als in andern die Reinlichkeit betreffenden Stücken, weil der Geruch des Miſtes vom Rindvieh überhaupt weniger widerlich, als der von vielen andern Thieren, und dem See⸗ mann als Erinnerung an eine ländliche Eigenheit ſogar angenehm iſt. Die Rinder werden auf derſelben Stelle geſchlachtet, wo ſie geſtanden haben, weil der Raum auf dem Gallion zu beſchränkt für ein ſolches Geſchäft iſt.— Mit der Aufnahme von Pferden befaſſen ſich die Kriegſchiffe ſelten, weil dieſe Thiere viel Wartung verlangen; um Reiterei über das Meer zu ſchaffen, werden eigens dazu eingerichtete Transportſchiffe genommen. Hinter der großen Luke ſteht ein viereckiger Waſſerbehälter, welcher jeden Morgen aus den verſchloſſenen und bewachten Fäſſern im Raume gefüllt wird. Er iſt oben bedeckt, damit Niemand das Waſſer ſchöpfen und dadurch Unreinig⸗ keiten hinein bringen kann; unten aber befindet ſich ein Hahn, um es zu zapfen. Hiervon nimmt die ſämmtliche Mannſchaft, ſo viel ſie braucht, und nur dem Schiffkoch wird das zur Bereitung der Speiſen erforderliche in beſondern Fäſ⸗ ſern zugetheilt. Eigentlich iſt das ſüße Waſſer ausſchließlich zum Eſſen und Trinken beſtimmt, und darf nur dann, wenn man das verbrauchte täglich wieder erſetzen kann,— z. B. in einem Hafen, wo das Schiff ruhig und ohne beſon⸗ dere Beſchäftigung vor Anker liegt— zu andern Zwecken verwendet werden. Dieſen Fall ausgenommen, muß die Schildwache, welche beim Behälter ſteht, um die unnöthige Verſchwendung des Waſſers zu verhüten, darauf ſehen, daß Niemand mehr davon fortträgt, als eine Perſon auf einmal trinken kann, indem man ein Nößel als das Maß im Allgemeinen dazu angenommen hat. Wenn das Schiff auf dem Meere iſt, und der Vorrath des Waſſers abzunehmen be⸗ ginnt, dann wird oft die Einrichtung getroffen, daß Jeder das, was er gezapft hat, auf der Stelle austrinken muß. Nimmt der Mangel desſelben noch mehr überhand, ſo werden täglich Portionen davon vertheilt, die gewöhnlich für die Perſon zwei Nößel betragen. Deſſen ungeachtet wird auf den Kriegſchiffen viel⸗ leicht keine Verordnung ſo häufig übertreten, als gerade diejenige, welche den Verbrauch des ſüßen Waſſers betrifft. Die von der Mannſchaft verlangte Rein⸗ 317 lichkeit in Kleidung und Wäſche könnte aber ſonſt auch nur ſchwer erreicht wer⸗ den, weil das Meerwaſſer zum Waſchen, beſonders des weißen Zeuges, wenig geeignet iſt. Es löſt nämlich die Seife nicht auf, und nimmt deßhalb den Schmutz nicht aus der Wäſche. Die Leute verſuchen daher alle erſinnliche Mittel, um wenigſtens für die beßten Stücke ſüßes Waſſer zu bekommen. Die gewöhnlichſten ſind, daß ſie es im Einverſtändniß mit den Schildwachen auf einmal ſtehlen, oder auch, was noch öfter geſchieht, in kleinen Maßen fort⸗ ſchleppen und ſammeln. Obwohl die Offiziere von dieſen Streichen unterrichtet ſind, ſo haben ſie doch viel Nachſicht damit, weil die gänzliche Verhinderung der⸗ ſelben der allgemeinen Reinlichkeit nachtheilig ſein würde. Ich muß indeſſen hierbei bemerken, daß die Seeleute, durch die Noth belehrt, mit wenigem Waſſer eben ſo rein als das weibliche Geſchlecht auf dem Feſtlande mit vielem waſchen können, was zum Theil dadurch bewirkt wird, daß ſie große Sorgfalt auf das Ausſpülen wenden, wozu ihnen gewöhnlich das Seewaſſer genügt. Auch werden außer dem Regenwaſſer, das man ſorgfältig auffängt, noch andere Mittel ge⸗ braucht, um den Mangel des zum Waſchen nöthigen ſüßen Waſſers zu erſetzen, wie ich weiter unten erwähnen will. Von dem Waſſerbehälter bis nach der Kajüte hin iſt der Platz in der Mitte völlig frei. Auch an den Seiten zwiſchen den Kanonen bemerkt man nichts als einiges Tauwerk, das durch kleine Oeffnungen vom Verdeck herab⸗ läuft, weil diejenigen Theile der Manöver mit den Segeln, welche die meiſte Anſtrengung erfordern, auf dem obern Kanonendeck verrichtet werden. Die hier ſtationirte Mannſchaft macht daher unten aller die zahlreichſte aus. Sie iſt es auch, welche gelegentlich auf dem Kuhl gebraucht wird, um z. B. die großen Boote, die Waſſerfäſſer und andere an Bord kommende Laſten in die Höhe zu ziehen; ſo wie man ihre Hülfe bei jedem Manöver mit den Se⸗ geln, das die Kräfte der dazu beſtimmten, auf dem Verdeck befindlichen Mann⸗ ſchaften überſteigt, in Anſpruch nimmt, indem die Gehülfen des Bootsmannes bloß die Taue auf das obere Kanonendeck hinabreichen, und dadurch der Sache bald den Ausſchlag geben. Die Mannſchaft dieſes Decks bildet daher eine Art Reſerve. Außerdem liegen ihr vorzüglich die Geſchäfte ob, das Schiff auszu⸗ pumpen, die Anker zu lichten, das ſüße Waſſer und den Proviant zu holen, auch alle Laſten hin und her zu ſchaffen. Ueberhaupt dient ſie zu den gröbſten und zu ſolchen Arbeiten, die Jeder, der Arme und Beine, und den guten Willen ſie zu gebrauchen hat, ohne ſeemänniſche Kenntniß verrichten kann. Dieß iſt alles, was man von ihr verlangt; jedes Tau, woran ſie ihre Kräfte üben ſoll, wird ihr von den Anführern zugelangt, und überhaupt jede Arbeit handgreiflich gemacht. Dieſe den Tagarbeitern ähnlichen Leute machen demnach die niedrigſte 318 Klaſſe der Matroſen aus. Sie beſtehen großen Theils aus den ſogenannten Landmännern, d. i. Leuten von allerlei Gewerben, ſo wie ſie in England beim Preſſen(einer Art zu werben) aus dem gemeinen Volke für die Kriegſchiffe ge⸗ nommen werden. Ihnen ſchließen ſich jeden Tag auch diejenigen Seeſoldaten an, welche die Reihe nicht trifft militäriſche Wache zu thun. Ebenſo gehören die Schiffjungen dazu. Die Häupter des ganzen Haufens, der bisweilen in mehre Theile ſich trennt, beſtehen in einigen Gehülfen des Bootsmannes. Ehe wir von dem obern Kanonendeck ſcheiden, werfen wir noch einen flüch⸗ tigen Blick darauf, und bemerken, daß es oben und an den Seitenwänden über⸗ weißt iſt, was öfters wiederholt wird. Auch entgeht uns der blutrothe Anſtrich der Geſchützlaffeten nicht, eine Farbe, die man gewählt zu haben ſcheint, um das Schiffsvolk an den Anblick des im Gefecht fließenden Blutes zu gewöhnen, und denſelben weniger abſchreckend zu machen. Wir treten nun in die am Ende des Decks befindliche Kajüte, welche man die untere nennt. Am Eingange ſteht ein Seeſoldat. Dieſer iſt, wie die auf dem Verdeck, völlig bewaffnet, während die auf den Batterien und im Raum ausgeſtellten, bloß in den Unterkleidern und mit gezogenem Seitengewehr die Wache thun. Auf beiden Seiten des Vorſaals laufen Gemächer hin, die von den Schiffslieutenants, den Offizieren der Seeſoldaten und einigen Beamten zu Schlafkammern benutzt werden. Die Betten beſtehen in einer beſondern Art bequemer Hangmatten. Dieſe unterſcheiden ſich von denen der übrigen Mann⸗ ſchaft hauptſächlich dadurch, daß ſie, durch einen Rahmen ausgeſpannt, die Form einer mäßig breiten Bettſtelle erhalten, und dem Körper eine ausgeſtreckte Lage geſtatten. Dagegen die gewöhnlichen an den Enden ziemlich ſchmal zulaufen, und etwas bogenförmig hangen, ſo daß Kopf und Füße höher als der mittlere Körper darin liegen. Außer den Schlafkammern gibt es auch einige kleinere Gemächer, die zu Speiſegewölben beſtimmt ſind. Am Ende des Ganzen erblickt man den großen Saal, der den genannten Offizieren und Beamten zum gemein⸗ ſchaftlichen Speiſe⸗ und Geſellſchaftszimmer dient. Er iſt zwar nicht ſo prächtig, als jener der obern Kajüte, ſteht aber demſelben weder an geſchmackvoller Ein⸗ richtung, noch an Sauberkeit nach, und übertrifft ihn an Geräumigkeit, weil er, ohne mit Verſchlägen durchſchnitten zu ſein, die volle Breite des Schiffes hat, die überdieß hier etwas mehr als oben beträgt. Auch dieſer Saal würde die eintretenden Fremden den Aufenthalt auf dem Waſſer eine Zeit lang vergeſſen laſſen, wenn nicht auf jeder Seite eine Kanone, die an dem vorderſten Fenſter ſteht, augenblicklich an das Kriegſchiff erinnerte; denn das Geſchütz der Bat⸗ terien läuft ununterbrochen durch den Bezirk der Kajüte fort. Daher die vor⸗ dern Wände des Saals, wie auch die der Schlafkammern ſo eingerichtet ſind, — 319 daß man ſie vor jedem Gefecht abnehmen kann, damit der Befehlshaber der Batterie im Stande iſt, das ſämmtliche Geſchütz derſelben mit einem Blick zu überſehen. Dieſe Kanonen entſtellen indeß die Zimmer nicht, da ſie von Metall, wie Spiegel glänzend und mit zierlichen ſchwarz gebeizten Laffeten verſehen ſind. Sie werden nur im Gefecht, nachdem man ihre mit Fenſtern ausgeſetzten Pforten geöffnet hat, ausgerückt und nur im Fall der höchſten Noth gebraucht. Als ich den Saal zum erſten Mal ſah, waren die Wände grün bemalt, bekamen aber ſpäterhin eine ſchöne hellblaue Farbe. Auch wurde der Anfangs weiße An⸗ ſtrich des Leiſtenwerks in einen zitrongelben verwandelt. Die Decke blieb alle⸗ zeit weiß. Rechts am Eingang befindet ſich ein eiſerner Kamin, der eine metal⸗ lene Vorderſeite mit Verzierungen von weißem und gelbem Schmelzwerk hat. An den vordern Ecken ſind Schränke für Porzellan, Gläſer und anderes Tiſch⸗ geſchirr in die Wände eingeſetzt. In der Mitte ſteht eine lange Speiſetafel, die außer der Eßzeit mit grünen Teppichen bedeckt iſt, und rund umher kleinere Tiſche, moderne Sopha's und Stühle. Die lange Reihe Fenſter ſchmücken ſchöne Gardinen, die bisweilen aus rothem oder grünem Merino, gewöhnlich aber aus weißem baumwollenem Zeuge beſtehen, und nach Belieben und Umſtänden ge⸗ wechſelt werden. An den Pfeilern der hintern Fenſter hängen ſchmale Spiegel. In der Mitte dieſer Fenſter, ſo wie zwiſchen den beiden weit aus einander ſte⸗ henden auf jeder Seite, ſind Glasthüren angebracht, die auf Galerien führen. Auf den Seitengalerien befinden ſich verdeckte Abtritte für die ſämmtlichen, die obere und untere Kajüte bewohnenden Offiziere und Beamten. In See werden jedoch immer nur die auf der Leeſeite gebraucht, weil man außerdem die untern Theile des Schiffes verunreinigen würde. Wir ſteigen nun auf das mittlere Kanonendeck, das auch die zweite Bat⸗ terie heißt, hinab. Es führt zwei glatte Lagen 24 pfündigen Geſchützes, mit welchem es übrigens die nämliche Bewandtniß hat, wie mit dem des obern Ka⸗ nonendecks. Nur werden die Pforten desſelben, wenn man auf dem Meere iſt, wegen des Wellenſchlages bisweilen verſchloſſen. Auch ſind ſie nicht— wie etwa die Fenſter der Stockwerke eines Hauſes— in ſenkrechter Linie mit den darüber und darunter befindlichen Pforten, ſondern zwiſchen denſelben ange⸗ bracht; denn ſonſt würde das auffliegende Feuer der Kanonen die Leute bei der darüber ſtehenden treffen. Dieſes mittlere Deck macht nebſt dem untern die Wohnung der Schiffs⸗ mannſchaft aus. Eine auf dem vordern Theil erbaute Kammer, die mehre Ab⸗ theilungen enthält, wird vom Bootsmann nebſt ſeinem Schreiber, und von eini⸗ gen andern Unteroffizieren bewohnt. Die Räume zwiſchen dem Geſchütz dienen den Matroſen zu Wohnungen. Sie leben hier in beſondern Geſellſchaften zu⸗ 320 ſammen. Jede beſteht aus vier, ſechs, acht oder höchſtens zehn Perſonen, je nachdem die Volksmenge des Schiffes größer oder kleiner iſt. Fünf, ſieben oder neun findet man nie, weil die Mundvorräthe nicht danach eingerichtet ſind. Das Rindfleiſch z. B. wird beim Einſalzen entweder in Stücke von vier oder von acht Pfund geſchnitten. Da nun Jeder ein Pfund auf einmal bekommt, ſo fällt einer Geſellſchaft von vier Perſonen ein ganzes Stück, einer von ſechs andert⸗ halb u. ſ. w. zu. Man braucht daher die Stücke nur in Hälften zu theilen. Beſtänden aber Geſellſchaften von fünf oder ſieben Mann, ſo müßte die Ver⸗ theilung nach dem Gewicht geſchehen, wobei der Ausgeber nicht nur an Zeit, ſondern oft auch an den Vorräthen verlieren würde, weil das Fleiſch in den königlichen Magazinen, woher man dasſelbe bezieht, beim Einſalzen blos nach dem Augenmaße zerſchnitten und überdieß, je länger es im Pökel liegt, der Kraft und folglich des Gewichtes immer mehr beraubt wird. In jeder dieſer kleinen Haushaltungen erblickt man in der Mitte einen Klappentiſch, der an der Schiffſeite befeſtigt iſt. Links und rechts, nämlich dicht an beiden den Platz einſchließenden Kanonen, ſtehen die Kleiderkiſten, die zu⸗ gleich zu Sitzen dienen. Ueber dem Tiſche iſt ein Topfbret aufgemacht. Dieſes enthält das Eß⸗ und Trinkgeſchirr, das in Steingut und Blechwerk, aber nach engliſcher Sitte auch in vielem Zinn, als Tellern, Kannen u. ſ. w. beſteht. Hier herrſcht durchaus die äußerſte Ordnung und Sauberkeit. Z. B. die Schüſſeln — die außer den hölzernen Löffeln und blechernen Krügen das einzige Geſchirr ausmachen, welches das Schiff gibt— ſind zwar nur von Holz in Form eines Fäßchens verfertigt, werden aber täglich ſo weiß geſcheuert, und die eiſernen oder kupfernen Reifen daran ſo glänzend polirt, daß wohl Niemand ſich ſcheuen würde, daraus zu eſſen. Man hat auch die Einrichtung getroffen, daß jeden Tag einer von der Geſellſchaft, ſo wie die Reihe ihn trifft, das Wirthſchaftliche beſorgt; er führt dann den Titel„Koch“, und iſt in vielen Stücken vom Schiff⸗ dienſte befreit. Kurz, der Anblick dieſer Wirthſchaften überzeugt den Beob⸗ achter, daß man in jeder Lage des Lebens den Genuß desſelben erhöhen, und ſelbſt im Wirrwarr eines Kriegſchiffes gut geordneter häuslicher Verhältniſſe ſich erfreuen kann. Gewiß ein herzerhebender Gedanke, für Jeden, der Gefühl für Menſchenglück hat!— Bei den Matroſen auf den Kauffahrern findet man ſelten eine anſtändige Einrichtung. Hier nehmen ſie oft mit unſaubern hölzernen Schüſſeln, Tellern und Kannen fürlieb, und bedienen ſich ihrer Finger ſtatt der Gabeln, indem ſie allen Anſprüchen auf eine beſſere Lebensart bis zur An⸗ kunft auf dem feſten Lande entſagen. Dieſe Wirthſchaften leiden indeß, ſo oft es nöthig iſt, das Schiff in ſchlagfertigen Stand zu ſetzen, eine gänzliche Veränderung, weil man dann, um freien Platz für die Kanonen zu gewinnen, das ſämmtliche Geräth über Hals und Kopf in den Schiffsraum ſchafft, wobei manches zerbrochen oder ſonſt verdorben wird. Des Abends knüpft jede der einzelnen Geſellſchaften, innerhalb ihres Be⸗ zirks, die ihr zugehörigen Hangmatten auf. Dieſe werden am Morgen wieder abgebunden, und auf's Verdeck gebracht, ausgenommen bei regenhaftem Wetter, wo man ſie unten behält, aber dicht an die Decke feſtſchnürt, um ungehindert darunter weggehen zu können. Uebrigens bietet die mittlere Batterie wenig bemerkenswerthe Gegenſtände dar. Der Platz in der Mitte iſt völlig frei, und enthält bloß die Luken. Im Vorbeigehen erwähne ich noch, daß die Wände oft mit Kalk übertüncht werden, was überhaupt auf allen Kanonendecken und ſelbſt im Raume geſchieht. Ich führe nunmehr meine Leſer zu dem hintern Ende des Decks, welches. die Kammern für die Kadetten, die niedern Beamten und einige Unteroffiziere enthält. Dieſe Gemächer haben zwar mit Oelfarbe bemalte Wände, und eine anſtändige, aber bei weitem nicht die glänzende Einrichtung der Kajüten. Die Kanonen, die hier bis an das hinterſte Ende reichen, ſind von derſelben Be⸗ ſchaffenheit, wie die in den andern Theilen der Batterie, nur daß die Laffeten gewöhnlich keinen rothen, ſondern einen ſchwarzen Anſtrich haben. Die Pforten vertreten die Stelle der Fenſter; bei ſtürmiſchem Wetter müſſen ſie verſchloſſen werden, und man erhält dann das nöthige Licht durch angezündete Laternen. Wir gehen nun hinab nach dem untern Kanonendeck oder der erſten Bat⸗ terie, wo faſt dieſelben Gegenſtände, wie auf dem mittlern Deck, zum zweiten Mal unſern Blicken ſich darſtellen. Die ſämmtlichen Plätze zwiſchen dem Ge⸗ ſchütz dienen, wie dort, zu Wohnungen, die auf ähnliche Weiſe eingerichtet ſind, und in gleicher Ordnung und Reinlichkeit gehalten werden. Den größern Theil der Genoſſenſchaften machen die Seeſoldaten und Handwerker aus. Der Unter⸗ ſchied zwiſchen dieſem und jenem Deck iſt kürzlich folgender: Die Kanonen be⸗ ſtehen in 36pfündigen. Die Pforten ſind, mit Ausnahme einiger wenigen, auf der See faſt beſtändig verſchloſſen, und man öffnet ſie nur im Gefecht, oder bei ſehr ruhigem Wetter. In dem Vordertheil ſind Oeffnungen, durch welche die Ankertaue geſteckt werden. Hinter dem Hauptmaſt befindet ſich das Gangſpill, d. i. die Winde, mit der man die Anker lichtet. Sie ſteht aufrecht, indem ſie ſich um eine in den Deckbalken befeſtigte ſtarke eiſerne Spindel dreht. Das obere Ende, der Kopf, iſt rund herum mit Löchern verſehen, um die großen Hebebäume einzuſetzen, mittels welcher funfzig bis hundert Menſchen die Ma⸗ ſchine umdrehen können. Sie dient eigentlich nicht zum Lichten des Ankers ſelbſt, was auf Kriegſchiffen gewöhnlich mit Hülfe der Boote geſchieht, ſondern mehr Richter's Reiſen. I.. 21 322 zur Unterſtützung des Geſchäfts und zum Einziehen der ungeheuer ſtarken Taue. Auf den Kauffahrern hat man auch eine ſolche Winde, gebraucht ſie jedoch ſelten zum Lichten des Ankers, indem dazu eine auf zwei Stützen ruhende, das Brat⸗ ſpill genannt, vorn auf dem Verdeck angebracht iſt, die zwar kräftiger wirkt, aber viel Zeit erfordert. Letzteres würde ſich aber mit der außerordentlichen Ge⸗ ſchwindigkeit, womit die Kriegſchiffe jedes Manöver verrichten müſſen, nicht ver⸗ tragen. Wenn daher hier die Anker gelichtet werden, ſo ſieht man einen Trupp Menſchen, die, reihenweiſe an die eingeſetzten Hebebäume ſich ſtämmend, im Kreiſe damit herumlaufen, und zwar nach dem Takt eines ſchnellen Marſches, den während der Zeit die von Trommeln begleiteten Querpfeifen ſpielen. Auf dieſe Weiſe, und beſonders mit Hülfe der Boote, wird das ganze Geſchäft in wenig Minuten verrichtet. 1 Das Hintertheil des untern Kanonendecks führt im Spiegel zwei 48 pfün⸗ dige Stücke. Es iſt von den andern Theilen des Decks durch einen Verſchlag getrennt, und heißt die Konſtablerskammer. Der Konſtabler oder Kanonier beſitzt jedoch, zur eigenen Bequemlichkeit, nur eine kleine Abtheilung davon; das Uebrige dient, mit Einſchluß einer Wohnung für den Oberzimmermann, einer Menge Handwerker zu Werkſtätten. Hier ſieht man, beſonders wenn das, Schiff vor Anker liegt, die Tiſchler, Böttcher, Drechsler und Blechſchläger, wie auch die Schuhmacher, Schneider und andere in regſamer Thätigkeit. Haupt⸗ ſächlich aber iſt es die Werkſtatt der Waffenſchmiede, die unter der beſondern Aufſicht des Konſtablers ſtehen. Die Taumacher ſchlagen ihre Bahn zuweilen längs der ganzen Batterie auf. Die Segelmacher pflegen mit ihrer Arbeit auf dem mittelſten Kanonendeck zu ſitzen, auch arbeiten daſelbſt die Zimmerleute, wenn ſie Balken zu behauen, oder andere grobe Arbeit zu verfertigen haben außerdem aber, wie es in der Natur der Sache liegt, auf allen Stellen des Schiffes, wo ſie gelegentlich gebraucht werden. Unter dem eben beſchriebenen Kanonendeck nimmt der Schiffsraum ſeinen Anfang. Er beſteht aus drei Haupttheilen, die durch zwei über einander lie⸗ gende Decke oder, wie man ſie gewöhnlich nennt, Kuhbrücken geſchieden ſind. Auf der obern derſelben, und zwar in der Gegend des großen Maſtes, befindet ſich die Kammer, wo man das in's Schiff eingedrungene Waſſer auspumpt. Dieß würde zwar, wie es auf den Kauffahrern der Fall iſt, weit bequemer auf dem Verdeck geſchehen; allein, die große Tiefe eines Kriegſchiffes geſtattet es nicht, weil die Pumpen das Waſſer nur bis zu einer gewiſſen Höhe bringen. Dabei muß überdem noch die Einrichtung getroffen werden, daß zwei Pumpen neben einander ſtehen, wovon die eine das eingeſogene Waſſer in einen Behälter ausleert, und die andere es von da vollends in die Höhe führt. Beide haben daher einen gemeinſchaftlichen Schwängel, der in der Mitte wie ein Wagebalken an der Decke hängt. Auf beiden Seiten des Mittelpunktes ſind die Pumpen⸗ ſtöcke eingehakt, daher bei jeder Bewegung, die der Schwängel erhält, der eine derſelben hinabgeſtoßen, der andere heraufgezogen wird. Auf den meiſten Krieg⸗ ſchiffen beſtehen die Schwängel in geraden Balken, von deren Enden, weil man ſie mit der Hand nicht erreichen kann, Stricke zum Niederziehen herab hangen. Am Bord des Neptun hat man eiſerne, und zwar von einer gekrümmten Form, ſo daß die Arbeiter die an den Enden befeſtigten hölzernen Handhaben bequem erreichen können. Gewöhnlich arbeiten ſechzehn Mann bei jeder Pumpe, näm⸗ lich acht an jeder Handhabe. Durch dieſes Verfahren wird das Waſſer dicht an die untere Batterie gehoben, wo es in einen verdeckten Kanal, und von dieſem in's Meer ſich ergießt. Solcher Doppelpumpen gibt es, auf dem Neptun, an jeder Seite des großen Maſtes eine. Auch iſt in der Gegend des Beſaans eine kleinere, mit einem einfachern Mechanismus, angebracht. Sie wird jedoch nur im Nothfall, beſonders auch dann gebraucht, wenn man das Waſſer ganz rein auspumpen will. Dieß erfordert aber, daß das Hintertheil des Schiffes das Uebergewicht habe, was man z. B. durch die Verſetzung der vorderſten Kanonen nach hinten bewirkt. Auf vielen Kriegſchiffen befinden ſich Kettenpumpen, die mit denjenigen Maſchinen völlig übereinſtimmen, welche man unter demſelben Namen z. B. in Bergwerken hat. Ob ſie ſchon die obigen darin übertreffen, daß das Waſſer in größerer Menge gefördert wird, ſo ſtehen ſie ihnen doch in der Dauerhaftigkeit nach, und laſſen ſich überdieß, im Fall eines erhaltenen Schadens, nicht ſo leicht wieder herſtellen, daher ſie anfangen aus dem Ge⸗ brauch zu kommen. Die Pumpen der Kauffahrer unterſcheiden ſich in der Haupt⸗ ſache wenig von denen, die wir bei uns zu Lande in und vor den Häuſern ſehen; ſie leeren ihr Waſſer auf das Verdeck aus, wo es durch Löcher am Seitenbord, die Speygaten, wieder abläuft. Außer der großen Pumpenkammer befindet ſich auf der obern Kuhbrücke auch dasjenige Gemach, welches die Mannſchaft unter allen am meiſten anzieht — die Buttlerei oder der Ort, wo der Ausgeber die Lebensmittel vertheilt Jeden Morgen, wenn die allgemeine Austheilung des Brodes, Zuckers u. ſ. w. — denn Fleiſch, Gemüſe und alles, was die Zubereitung in der Küche ver⸗ langt, übergibt man dem Schiffskoch— vor ſich geht, wird das Gemach hell erleuchtet, damit Jeder von der Rechtlichkeit des Verfahrens ſich deutlich über⸗ zeugen, und nicht über Betrug klagen könne. Um dieſe Zeit öffnet ſich ein Schubfenſter. Durch dieſes erblickt man den Ausgeber an einem Schreibepulte ſitzend, um die Portionen, ſo wie ſie von ſeinen Gehülfen den Wartenden zuge⸗ langt werden, aufzuzeichnen. Das ganze Heer der ſogenannten Köche, welche 21* 324 das Wirthſchaftliche der verſchiedenen Tiſchgeſellſchaften beſorgen, ſtellt ſich dann vor dem Fenſter ein. Aber ſo ſehr auch mancher durch ſeine gierigen Blicke die ungeſtümen Forderungen des Magens verräth, ſo bleibt doch jeder ruhig auf dem Platze, den er zur Zeit ſeiner Ankunft eingenommen hat, und wartet ub, bis ihn die Reihe trifft, nach vorgezeigter Tiſchnummer befriedigt zu werden. Auf der andern Seite beſtreben ſich aber auch die Gehülfen des Ausgebers, die Geduld der Expectanten nicht zu ermüden, indem einer z. B. den ausgeſchütteten Zwieback mit einer Schaufel auf die Wagſchlage legt, ein anderer dieſe ſchnell in das zugelangte Gefäß ausſchüttet, während ein dritter, um ſie von neuem zu füllen, ſchon mit der vollen Schaufel dahinter ſteht. Auf dieſe Weiſe geht die Sache in der größten Ordnung, ohne Drängen und Stoßen ab, und iſt das Werk einer kleinen Viertelſtunde. Die merkwürdigſten Gemächer auf der untern Kuhbrücke ſind das Schlacht⸗ verband und die Pulverkammer. Erſteres iſt der Ort, wo während einer Schlacht die Verwundeten verbunden werden. Zu dem Ende ſind hier eine Menge chirur⸗ giſche Vorrichtungen, deren Anblick das Gemüth mit ſchmerzlichen Gefühlen er⸗ füllt.— Die Pulverkammer liegt im hinterſten Theile des Schiffes. Man hat alle erſinnliche Vorſicht angewandt, um ſie vor Feuer zu ſichern. Der Eingang dazu iſt oben in der Konſtablerskammer, von wo man auf einer Treppe hinab ſteigt. Dieſe umgibt, ſo weit ſie durch die obere Kuhbrücke geht, eine von außen mit Bleitafeln bedeckte Einfaſſung. Die Kammer ſelbſt hat ebenfalls einen Bleiüberzug von außen, ſo wie die Decke darüber einen von Kupfer. In der Mitte des Magazins ſteht ein ſchmaler viereckiger Verſchlag, der in Geſtalt eines Schornſteins bis in die Konſtablerskammer hinauf geht. Von hier wird eine Laterne, deren Glastafeln der Zerbrechlichkeit wegen mit Kupferdraht überſtrickt ſind, in die Vermachung ſo weit hinabgelaſſen, daß ſie zwiſchen den daran ange⸗ brachten Glasfenſtern hängt, und den Ort erleuchtet; denn mit Laternen in der Hand, von welcher Beſchaffenheit ſie auch ſein mögen, darf Niemand hinunter gehen. Obſchon dieſe Vermachung inwendig durchaus mit Blei gefüttert, jeder Fenſterrahmen von Kupfer, auch die Laterne mit Draht von dieſem Metall über⸗ zogen, und folglich eine Entzündung des Pulvers nicht denkbar iſt; ſo findet doch noch die vorſichtige Maßregel Statt, daß auf dem Boden des Verſchlags ein Behälter mit Waſſer ſteht, um dieſes Feuer löſchende Element in allen Fällen bei der Hand zu haben. Gleiche Vorſicht, womit man die Kammer ſelbſt gegen Unglücksfälle verwahrt hat, müſſen auch diejenigen beobachten, welche mit ihr in Berührung kommen, nämlich der Konſtabler und ſeine Gehülfen; und ſie ſind hierin den ſtrengſten Geſetzen unterworfen. Keiner darf anders als barfuß und nach Ablegung aller Stahl⸗ und Eiſenſachen, und jedes Kleidungsſtückes, 325 woran dergleichen ſich befindet, hinabſteigen. Zum Oeffnen und Verſchließen der Pulverfäſſer dürfen ſie nur Werkzeuge von Kupfer nehmen, daher ihre Hämmer, Aerte, Zangen, Meißel, Nägel u. ſ. w. aus dieſem Metall ver⸗ fertigt ſind. Außer den beſchriebenen, auf den Decken des Raums befindlichen Gemä⸗ chern, gibt es noch eine große Anzahl derſelben, die zur Aufbewahrung der ver⸗ ſchiedenen Schiffsbedürfniſſe, z. B. des Tauwerks, der Segel, des Proviants, der Steinkohlen und vieler anderer Dinge gebraucht werden. Einige dienen auch gewiſſen Unteroffizieren und niedern Beamten zu Wohnungen. Alle dieſe Gemächer ſind, um ſie mit einander in bequeme Verbindung zu ſetzen, nach der Länge und Breite mit Gängen durchſchnitten. Auch gegen die Seiten des Schiffes hat man dergleichen gelaſſen, damit die Zimmerleute zu den Lecken kommen können. Der mittelſte Gang wird immer mit Laternen erleuchtet, und iſt der Standpunkt für einige Schildwachen. Der unterſte Theil des Raums oder der eigentliche Raum macht ein großes Ganzes aus. Statt des Ballaſtes von Sand oder Steinen, füllen ihn Kugeln, Haubitzen und Mörſer, alte Kanonen und andere Eiſenſachen aus. Doch ſind auch einige Verſchläge darin, welche die Offtziere zu Kellern benutzen. 4. Die Mannſchaft des Neptun. Beſtimmung des Kapitäns, der Lieutenants, der Kadetten u. ſ. w Mannszucht. Gerichtsbarkeiten. Beſtrafung. Leben an Bord. Ich gehe nun zu der Mannſchaft und den ſie betreffenden Einrichtungen über. Die verſchiedene Beſtimmung der untern Klaſſen haben meine Leſer be⸗ reits kennen gelernt, daher ich in dieſer Hinſicht bloß die höheren, und zwar von oben herein, berühren werde. Hierbei kommt jedoch der Admiral in keinen Betracht, weil er es nur mit der ganzen Flotte, nicht mit dem einzelnen, ihn führenden Schiff zu thun hat, und man ihn folglich eben ſo wenig zu der Mann⸗ ſchaft desſelben zählen kann, als den Feldmarſchall einer Armee zu dem ihm begleitenden Regimente. Ein Admiral wählt ſich jederzeit ein Schiff zu ſeinem Aufenthalte, ohne damit in nähere Verbindung, als mit der übrigen Flotte zu treten; er verläßt es nach Verhältniß der Umſtände oder nach Willkühr wieder, und vertauſcht es mit einem andern. Der erſte Gegenſtand unſerer Aufmerkſamkeit iſt demnach der Kapitän. Vorläufig bemerke ich, daß dieſer Titel eigentlich nur den, mit beſonderen Pa⸗ tenten verſehenen Befehlshabern der Kriegsſchiffe zukommt. Diejenigen Lieute⸗ nants, welche Schiffe befehligen, ohne das Kapitänspatent erhalten zu haben, 326— führen den Titel„Commandant“. Die Befehlshaber der Kauffahrer ſind bloß zu der Benennung„Schiffer“ berechtigt, obſchon ihnen häufig jene ehrenvollere beigelegt wird. Den Kapitän eines Linienſchiffes kann man mit dem Comman⸗ danten einer Feſtung vergleichen. Seine vorzüglichſte Beſtimmung iſt, das Schiff im Gefecht zu befehligen. Ueberdieß liegt ihm ob, über alles, was die Fahrt, Rechtspflege, Polizei und die ganze Verfaſſung des Schiffes betrifft, die Oberaufſicht zu führen. Er muß daher ſowohl im Kriegs⸗ als im Seeweſen viel Erfahrung haben, und mit dieſen Eigenſchaften Weltkenntniß, Klugheit, Gegenwart des Geiſtes und Tapferkeit verbinden. Da ſein Wirkungskreis die Verwaltung des Ganzen umfaßt, ſo ſind ihm, außer einem rechtskundigen Se⸗ kretär, mehre Gehülfen beigegeben. Letztere beſtehen in den Lieutenants, die den nächſten Rang nach dem Ka⸗ pitän einnehmen, und in allen Fällen, wo dieſer abweſend iſt, ſeine Stelle ver⸗ treten. Für gewöhnlich kommandiren ſie nach der Reihe, ſo wie jeden die Wache trifft, die Manöver des Schiffes. Auch führen ſie die beſondere Aufſicht über alle Theile der Verwaltung, der eine über die Segel, der andere über das Tau⸗ werk, ein dritter über die Munition, ein vierter über den Proviant u. ſ. w. Im Gefecht befehligt jeder eine beſtimmte Anzahl Kanonen. Am Bord des Neptun waren ſechs ſolcher Offiziere angeſtellt. An die Lieutenants ſchließen ſich die Kadetten an, die eine Pflanzſchule für jene bilden. Es ſind gewöhnlich Leute aus angeſehenen Familien; doch haben die Söhne der Offiziere das erſte Recht zu ihren Stellen, das ſelbſt auf die der Unteroffiziere ſich erſtreckt, wofern ihre frühere Erziehung es geſtattet. Von den Kadetten verlangt man bei der Aufnahme, daß ſie ſchon mancherlei wiſſenſchaftliche Kenntniſſe ſich erworben haben. Gleichwohl müſſen ſie noch in den erſten Jugendjahren ſtehen, um frühzeitig mit dem Seeweſen bekannt zu werden. Man übt ſie aber nicht allein theoretiſch und praktiſch hierin, ſondern macht es ihnen auch zur Pflicht, dabei ihre übrigen Studien in den Wiſſen⸗ ſchaften und Künſten fortzuſetzen, daher die engliſchen Seeoffiziere in der Regel Männer von vieler Bildung ſind. Bei dieſer Gelegenheit erwähne ich zugleich, daß auf dem Neptun, zur Zeit meines dortigen Aufenthalts, ein Lehrer der Mathematik, Phyſik und Geographie, ein anderer für fremde Sprachen, beſon⸗ ders für die franzöſiſche und italieniſche, ferner Lehrer der Zeichnenkunſt, der Muſik, ſo wie Tanz⸗ und Fechtmeiſter ſich befanden, die, mit Ausnahme der beiden erſten, vom König beſtellten Oberlehrer, auch andere Poſten bekleideten. Sie ertheilten aber nicht bloß den Kadetten, ſondern auf Verlangen auch andern jungen Leuten Unterricht. Die Kadetten werden eigentlich ſo lange, bis ſie in die Stelle des Lieutenants einrücken, nur als Zöglinge betrachtet, doch über⸗ — trägt man den reifern auch vor der Zeit Geſchäfte. Dieß mag indeſſen der Fall ſein oder nicht, ſo genießen ſie doch, im Verhältniſſe zu der übrigen Mannſchaft, die vollen Rechte des Offiziers.. Mit ihnen ſchließt ſich das Corps der eigentlichen Offiziere, oder der ſoge⸗ nannte Etat major. Auf ſie folgt eine mittlere Klaſſe, die man weder Ober⸗ noch Unteroffiziere nennen kann, ob ſie ſchon gemeiniglich zu den letztern gezählt wird. Dieß ſind der Schiffer und ſeine Gehülfen. Sie haben in mancher Hin⸗ ſicht dieſelben Rechte, wie die Lieutenants, und gebieten wie dieſe über Schiff und Mannſchaft, ſtehen dabei aber dennoch unter ihrer Aufſicht. Der Schiffer iſt verpflichtet, auf Befehl des Kapitäns das Schiff auszurüſten, ſo wie aus dem Hafen über das Meer, und wieder in den Hafen zurück zu bringen. Ueber⸗ haupt führt er die Aufſicht über alles, was das Schiff als ſchwimmenden, nicht aber als zum Kriegführen beſtimmten Körpen betrifft, folglich ohne an der An⸗ ordnung der kriegeriſchen Manöver, die nur den Oberoffizieren vorbehalten iſt, Theil zu nehmen, obſchon die Munition ebenfalls in den Kreis ſeiner Beſor⸗ gung gehört. Kriegeriſche Kenntniſſe werden von ihm nicht verlangt. Kurz, ſeine Pflichten ſind dieſelben, die den Befehlshabern der Kauffahrer obliegen, daher er auch den Titel führt, der jenen eigentlich zukommt. Der Schiffer iſt ein erfahrner, praktiſcher Seemann, der ſich durch Verdienſte vom Schiffjungen zu ſeinem Poſten empor geſchwungen hat. Gewöhnlich wählt man dazu einen geſchickten Kauffahrtei⸗Kapitän oder Steuermann. Denn nur die Kauffahrer ſind die wahren Seeleute, die das, was zum Weſen der Schifffahrt gehört, am beßten inne haben, weil ſie den größten Theil ihres Lebens auf dem Meere, und nur kurze Zeit am Lande zubringen; dagegen der Kriegsmann zwar oft eine Reihe von Jahren unausgeſetzt auf der See verlebt, aber nach hergeſtelltem Frieden aus ſeiner Thätigkeit tritt, indem die Offiziere auf Wartegeld, oder in Ruheſtand geſetzt, und die Uebrigen aus dem Dienſt entlaſſen werden, ohne daß der Staat, mit Ausnahme der Verkrüppelten, weiter für ſie ſorgt. Da nun aber der Schiffer ſtets ein geübter Seemann iſt, ſo läßt ſich's leicht erklären, daß er die vielſeitige wiſſenſchaftliche Bildung, die man von den Oberoffizieren, beſonders in Hinſicht des Kriegsweſens verlangt, nicht beſitzen kann. Daher iſt er in der Regel der Beförderung zum Lieutenant und Kapitän nicht fähig, wozu nur die Kadetten berechtigt ſind. Ausnahmen hiervon finden nur Statt, wenn außerordentliche Fähigkeiten für ihn ſprechen. Mit den Steuermännern hat es in jeder Rückſicht dieſelbe Bewandtniß, wie mit dem Schiffer, nur daß ſie unter dem Befehl desſelben ſtehen, und von ihm in den Geſchäften geleitet werden. Um die Beſtimmung und gegenſeitigen Verhältniſſe der verſchiedenen 328 Offiziere noch anſchaulicher zu machen, will ich hier einige Beiſpiele von dem Ver⸗ halten geben, das ein jeder im Dienſte zu beobachten hat. Geſetzt, ein im Hafen befindliches Kriegſchiff wird von der Admiralität beordert in See zu gehen, um 3. B. zu einer Flotte zu ſtoßen, einzeln zu kreuzen, oder einen feindlichen Hafen zu ſperren; ſo gibt der Kapitän dem Schiffer den Auftrag, das Schiff auszu⸗ rüſten, damit es an dem angezeigten Tage auslaufen könne. Die Ausführung bleibt letzterem überlaſſen. Er beſorgt nun mit Hülfe der Steuermänner, und durch Anweiſung des Bootsmanns, des Konſtablers und der übrigen Unterof⸗ fiziere, daß die Maſten mit Zubehör in ſegelfertigen Stand geſetzt, und alle nö⸗ thigen Bedürfniſſe an Waſſer, Lebensmitteln, Munition u. ſ. w. angeſchafft werden. Sobald der Kapitän den Befehl zum Abſegeln gibt, läßt der Schiffer die Anker lichten, die Segel ſetzen und das Schiff aus dem Hafen ſteuern. Auf dem Meere beobachtet er nebſt ſeinen Gehülfen die Veränderung des Windes, um die Segel danach zu ſtellen, und beſtimmt die Richtung, in welcher man zu ſteuern hat, um das vorgeſteckte Ziel zu erreichen. Während der Zeit beſchäf⸗ tigen ſich der Kapitän und die Lieutenants hauptſächlich mit dem Plan ihrer Beſtimmung als Krieger, richten jedoch ſtets ihr Augenmerk auf alles, was innerhalb und außerhalb des Schiffes vorgeht. Sie unterſtützen den Schiffer in ſeinen Anordnungen, und machen ihn auf Fehlgriffe aufmerkſam. Beſonders vereinigen ſie ſich mit ihm und deſſen Gehülfen zu den Beobachtungen, die täg⸗ lich über den Stand der Sonne und anderer Geſtirne angeſtellt werden, um die Tageszeit, und die Länge und Breite, worin man ſich befindet, zu erfor⸗ ſchen. Das Reſultat aller dieſer Beobachtungen dient dem Schiffer und ſeinen Leuten zur Richtſchnur, die Fahrt danach zu beſtimmen. Wenn ſich der Fall ereignet, daß man ein feindliches Kriegſchiff zu Ge⸗ ſicht bekommt, und der Kapitän befiehlt, darauf Jagd zu machen, dann ſucht der Schiffer, indem er Segel über Segel aufſpannen läßt, es zu erreichen. Mittlerweile ſind die Lieutenants beſchäftigt, das Schiff in ſchlagfertigen Stand zu ſetzen, und erwarten den Befehl des Kapitäns, Feuer auf den Feind zu geben. Während des Gefechts bleiben der Schiffer und die Steuermänner auf ihren gewöhnlichen Poſten, um mit Hülfe einer Anzahl Matroſen die Lage und die Bewegung des Schiffes, ſo wie der Kapitän es verlangt, von Zeit zu Zeit ab⸗ zuändern, auch die dem Takelwerk beigebrachten Schäden, wo möglich, auf der Stelle zu erſetzen.— Dieſes wenige wird hinreichend ſein, um ſich einen rich⸗ tigen Begriff von der verſchiedenen Beſtimmung der Offiziere zu machen. Der erſte eigentliche Unteroffizier iſt der Bootsmann, dieſer hat die be⸗ ſondere Aufſicht über alles, was das Takelwerk betrifft. Er ordnet es an, ſorgt ſtets für deſſen Brauchbarkeit, und hält die dazu erforderlichen Vorräthe an 1 329 Segeln, Tauen, Blöcken, an Theer u. ſ. w. in ſeiner Verwahrung. Zu gewiſſen Zeiten muß er dem Schiffer Rechnung darüber ablegen, weßhalb ihm ein Schreiber beigegeben iſt. Zum Betakeln der Maſten, und überhaupt zu den ver⸗ ſchiedenen Vorrichtungen der Taue— um ſie in die gehörige Form zu bringen, 3 B. mit zierlich verſchlungenen Knoten oder mit künſtlichem Flechtwerk zu ver⸗ ſehen— führen die Kriegſchiffe mehrer Nationen einen beſondern, unter dem Bootsmann ſtehenden Unteroffizier, welcher der Schiemann genannt wird. Auf den engliſchen hat man ſein Geſchäft mit dem des Bootsmanns vereinigt; daher dieſem eine um ſo größere Menge Gehülfen untergeordnet ſind. Ueberdieß machen die Anker und dazu gehörigen Taue, ſo wie auch die Boote, abenfalls einen Theil ſeiner Beſorgung aus. Die zahlreichen Gehülfen des Bootsmanns braucht man nicht nur zur ſpeziellen Aufſicht bei den Arbeiten mit dem Takelwerk, ſondern überhaupt bei jeder Verrichtung der Schiffsmannſchaft; daher ſie bald oben oder unten, bald vorn oder hinten beſchäftigt ſind, und nicht ſelten mit den ſogenannten Treibern, welche über die Neger in den weſtindiſchen Pflanzungen die Aufſicht führen, verglichen werden. Auch ſind ſie beſtimmt, polizeiliche Aufſicht zu führen, und die Stelle der Gerichtsdiener, Zuchtmeiſter und, im Fall einer Execution, die der Henker zu vertreten. Hierbei will ich zugleich bemerken, daß außerdem ein beſonderer Aufſeher angeſtellt iſt, der über die Aufführung der Mannſchaft zu wachen hat; er verwaltet auch das Amt eines Kerkermeiſters und, während der Erecution, das des niedrigſten Henkers. Obſchon das Schiffsvolk ihn außer⸗ ordentlich fürchtet, ſo iſt doch mit ſeinem traurigen Amte nichts Verächtliches verbunden, ſondern er genießt den Rang eines Unteroffiziers. Auf den Bootsmann folgt der Konſtabler. Ihm und ſeinen Gehülfen liegt nicht allein, wie wir oben angeführt haben, die Pflicht ob, den Pulvervor⸗ rath mit der größten Sorgfalt zu verwahren, ſondern auch ſtets eine hinrei⸗ chende Menge gefüllter Patronen oder Pulverſäckchen, die aus Leinwand oder wollenem Zeuge beſtehen, ſo wie Kartätſchen, d. h. mit Pulver und Flinten⸗ kügeln, Nägeln, zerhacktem Eiſen oder Blei angefüllte blecherne Büchſen in Be⸗ reitſchaft zu halten. Dieß iſt auch der Fall mit den Kanonenpfropfen, welche ſie aus altem aufgedrehten, und in die Form eines Balles zuſammen gewickelten Tauwerk verfertigen. Ebenſo müſſen ſie die Kanonen nebſt Zubehör in gehöri⸗ gem Stand erhalten. Um jedoch dieſen letztern viel umfaſſenden Geſchäftstheil meinen Leſern begreiflich zu machen, will ich die Einrichtung und Behandlung der Kanonen, was ich bis hierher geſpart habe, etwas ausführlicher beſchreiben. Die Läufe derſelben unterſcheiden ſich von den auf dem Feſtlande gebräuchlichen hauptſächlich dadurch, daß ſie Schlöſſer haben, welche man nach Belieben an⸗ 330 und abſchrauben kann. Die Laffeten ſtehen auf vier kleinen walzenförmigen Rädern, und ſind, um zur höhern oder tiefern Richtung des Laufes ein Holz quer über legen zu können, treppenförmig ausgezackt. Auf beiden Seiten ſind⸗ ſie am Schiffsbord mit einem ſtarken Tau befeſtigt, indem die Enden mit eiſernen „Haken verſehen ſind, welche in die, an der Laffete und dem Bord befindlichen Ringe eingehängt werden. Dieſe Taue dienen, beim Abfeuern des Geſchützes das gewaltſame Zurückprallen desſelben zu verhindern, was ſich mit dem be⸗ ſchränkten Raum auf einem Schiffe und mit der Geſchwindigkeit, womit man im Gefecht das Geſchütz von neuem ladet und ausrückt, nicht vertragen würde. Da ſie aber, wenn ſie ſtraff angezogen wären, wegen der heftigen Gewalt des rückwärts fahrenden Stücks, zerſpringen müßten, ſo hängen ſie in einem Bogen herab, und zwar dergeſtalt, daß die Kanone ſo weit zurücklaufen kann, als nöthig iſt, um die Patrone und die Kugel in die Mündung zu bringen, die dann, nebſt dem darauf geſteckten Pfropfe, von einem vor der Pforte ſtehenden Matroſen eingeſtoßen werden. Um die Kanone auszurücken, hakt man auf jeder Seite in die genannten Ringe gewiſſe Takel an, woran die dazu beſtimmte Mannſchaft zieht, während ein oder zwei Mann mit Hebeln nachhelfen. Wenn das Schiff auf dem Meere iſt, ſind die Kanonen mit vielfach durch die Ringe gezogenen Tauen dicht an den Bord befeſtigt, ſo daß ſie nicht wanken und wei⸗ chen können. Diejenigen, welche dann eingerückt, und deren Pforten verſchloſſen werden, ſchnürt man überdieß, zu mehrer Befeſtigung, mit der Mündung des Rohres an den Ring, der ſich an der Klappe der Pforte befindet. Vor jedem Gefecht werden alle dieſe Taue, außer jenen ſtarken, die das Stück beim Zurück⸗ prallen aufhalten, abgeworfen. Dieß geſchieht auch jedesmal nach der Ankunft in einem Hafen, weil man dann alle Stückpforten öffnet, und die Kanonen, um ſie und die Plätze unter denſelben reinigen zu können, bewegbar machen muß. Die übrigen zur Bedienung des Geſchützes erforderlichen Werkzeuge beſtehen hauptſächlich in hölzernen Büchſen für die Patronen, in Ausputzern, Lade⸗ ſtöcken, Hebeln, Pulverhörnern, Kugelziehern und Pulverſchaufeln— beide letz⸗ tere, um einen Schuß, der nicht abgehen will oder ſoll, wieder aus dem Laufe zu nehmen. Hierzu kommen noch kleine Kübel, die man, während der Schlacht, mit Waſſer gefüllt neben die Kanone ſtellt, um dieſe von Zeit zu Zeit zu be⸗ netzen und dadurch abzukühlen. Alle die hier genannten und noch einige andere Artikel werden vor dem Treffen in beſtimmter Anzahl bei jedem Stücke nieder⸗ gelegt. Jedes Stück wird, ſo wie es gebraucht iſt— folglich nach einer Schlacht die ſämmtlichen— unterſucht, ob es Sprünge bekommen oder ſonſt Schaden gelitten hat. Hierauf putzt man es mit großer Sorgfalt aus, verſtopft, um keine Feuchtigkeit eindringen zu laſſen, die Mündung mit einem hölzernen 1 8. Stöpſel, ſo wie das Zündloch mit Werg, und bedeckt dasſelbe mit einem bleiernen Deckel, oder, wenn das Schloß angeſchraubt bleibt, mit einer darnach gefoxmten Kapſel. Nachdem ich nun die Beſchaffenheit und die Behandlung der Kanonen beſchrieben habe, bemerke ich nur noch, daß alle die dazu gehörigen Geräth⸗ ſchaften von dem Konſtabler und ſeinen Leuten aufbewahrt und in Ordnung ge⸗ halten, auch alle die angegebenen Arbeiten beim Geſchütz, mit Ausnahme der⸗ jenigen, welche während der Schlacht ſelbſt vorkommen, ausſchließlich von ihnen verrichtet werden; obſchon in meinen Angaben der nöthigen Kürze wegen, man⸗ ches Nebengeſchäft übergangen worden iſt. Auf den Konſtabler folgt im Range der Oberzimmermann. Was letztern betrifft, ſo iſt ſeine Beſtimmung zwar dieſelbe, wie die der Zimmerleute auf an⸗ deren Schiffen, nämlich das Holzwerk des ganzen Gebäudes in gutem Stande zu erhalten. Wenn aber meine Leſer die große Maſſe eines Kriegsſchiffes und die vielfachen, oft beträchtlichen Ausbeſſerungen, die es nach jedem Gefecht be⸗ darf, in Erwägung ziehen, ſo können ſie leicht den Schluß machen, daß hier das Geſchäft eines ſolchen Mannes ungleich bedeutender als auf den Kauffah⸗ rern iſt, daher ihm auch viele Gehülfen untergeordnet ſind. Ueberdem verlangt man von ihm einen höhern Grad von Geſchicklichkeit, als von den Zimmerleuten der Handelsſchiffe. Dieſe genügen vollkommen ihrer Pflicht, wenn ſie gut zu kalfatern, ſchadhafte Balken, Planken und Dielen auszunehmen, und neue dafür einzuſetzen, ferner Maſten, Ragen und Ruder, auch Bootsgeräthe und allerlei kleine Holzarbeiten zu fertigen verſtehen. Solche mechaniſche Fertigkeiten ſind für den Zimmermann eines Kriegsſchiffes nicht hinreichend. Er muß auch ein denkender, erfinderiſcher Kopf ſein, der mit dieſer Gabe gute mathematiſche Kenntniſſe verbindet. Man nehme z. B. an, es iſt in der Schlacht eine der un⸗ teren Ragen zerſplittert worden, dergleichen doch, wegen ihrer Größe, kein Schiff in Vorrath bei ſich führt. Gleichwohl kann man dieſelben, da ſie Haupt⸗ ſtücke des Takelwerks ſind, durchaus nicht entbehren, und der Oberzimmermann muß, trotz der anſcheinenden Unmöglichkeit, ſchleunig Rath ſchaffen, was freilich für die meiſten Genoſſen ſeines Handwerks keine leichte Aufgabe ſein würde. Er muß aus den vorräthigen kleinen Naaen, aus Stängen und mancherlei an⸗ dern Stücken Holz eine Raa zuſammen ſetzen, die der verlornen in der Länge, Dicke und der ganzen Form völlig entſpricht. Doch darf er dabei nichts ver⸗ kürzen, oder auf irgend eine Weiſe verunſtalten, damit man, wenn die Nothraa nicht mehr gebraucht wird, jedes Stück zu den beſtimmten Zwecken wieder an⸗ wenden kann. Zuerſt macht er, nach den ihm bekannten Maßen der verſchiedenen Beſtandtheile, den Plan der Zuſammenfügung auf dem Papier, und läßt ihn dann in der Sache ſelbſt ausführen, indem das Ganze in gewiſſen Entfernungen 332 mit Tauen umwunden oder auch, wenn das Schiff weit entfernt vom Lande iſt, der beſſern Dauer wegen mit eiſernen Bändern verſehen wird. Solche, im Noth⸗ fall, in wenig Stunden verfertigte Raaen haben ſchon oft eine Fahrt von vielen hundert Meilen, ſo wie Schlachten und Stürme ausgehalten.— Im Gefecht hält ſich der Oberzimmermann nebſt ſeinen Leuten im Schiffsraum auf, um die daſelbſt von den Kugeln gemachten Oeffnungen mit hölzernen Pfropfen, die zu⸗ vor mit Werg umwunden und in Theer getaucht werden, zu verſtopfen, wäh⸗ rend er von Zeit zu Zeit mittels eines in den Pumpenſood hinab gelaſſenen Maßſtabes, die Tiefe des eingedrungenen Waſſers unterſucht. Daß er übrigens alles Holzgeräthe und die andern zur Erhaltung des Schiffes gehörigen Bau⸗ ſtoffe, wie z. B. Eiſenwerk, Pech, Werg u. ſ. w., in ſeiner Verwahrung halten und, in gewiſſen Zeiten, Rechnung darüber ablegen muß, ſcheint kaum der Er⸗ wähnung zu bedürfen. Die übrigen auf dem Neptun befindlichen Handwerker, als der Schmied, Segelmacher, Reifſchläger und andere mehr, die ſchon oben genannt worden ſind, hatten keine beſondere Beſtimmung außer derjenigen, welche das Gewerbe eines jeden mit ſich bringt. Sie arbeiteten unter der Anleitung des Proviant⸗ meiſters, Bootsmanns, Konſtablers und des Oberzimmermanns, und ſtanden übrigens mit Niemand in Berührung. Es verſteht ſich aber von ſelbſt, daß die Handwerker der Kriegſchiffe während eines Treffens, wo die ganze Mannſchaft bei den Kanonen zum Fechten ſich vereinigt, hiervon nicht ausgeſchloſſen ſind, was nur bei denjenigen Statt findet, welche im Gefecht wichtige Nebenverrich⸗ tungen haben, wie z. B. die Leute bei den Segeln und am Steuerruder, die Signalmänner, Zimmerleute, Wundärzte, Krankenwärter und einige andere. In Hinſicht der Marineſoldaten will ich nur bemerken, daß ſie außer der Beſtimmung, die gute Ordnung im Schiffe aufrecht zu erhalten, und die Ma⸗ troſen in den groben Arbeiten zu unterſtützen, hauptſächlich die haben, in der Schlacht mit dem kleinen Gewehr auf den Feind zu feuern, was vom Verdeck aus geſchieht. Im Range ſtehen ſie jederzeit eine Stufe tiefer, als die eigent⸗ lichen Seeleute, ſo daß ein Lieutenant gleichen Rang mit den Seekadetten, und der Gemeine mit dem Schiffsjungen hat. Was die Beamten betrifft, ſo nimmt der Proviantmeiſter den erſten Platz unter ihnen ein. Seine erſte Beſtimmung iſt, das Schiff mit Lebensmitteln zu verſorgen und die Aufſicht darüber zu führen, daher der Ausgeber unmittelbar unter ſeinen Befehlen ſteht. Er führt aber auch die Hauptrechnung aller Aus⸗ gaben und die Kaſſe. Nebenbei hat man ihm das Geſchäft übertragen, das Schiffsvolk mit Wäſche, Kleidungsſtücken, Hangmatten, Bettgeräth und andern nothwendigen Bedürfniſſen zu verſehen, was jedoch aus dem Solde bezahlt und 1 333 oft hoch angerechnet wird. Dieß und die Geldvorſchüſſe, die er den Offizieren zu leiſten pflegt, machen ſeinen Poſten zu einem der einträglichſten im Schiffe, daher die Mannſchaft ihn als ihren Kaufmann und Mäkler betrachtet und, im Stillen, oft mit dem Beinamen„Schiffsjude“ bezeichnet. Die Geſchäfte der übrigen Beamten, des Arztes, der Wundärzte, des Predigers, der Lehrer, des Ausgebers u. ſ. w. bedürfen keiner Erklärung. Was die Mannſchaften der engliſchen Kriegſchiffe in Hinſicht der Dienſt⸗ pflichten, der eingeführten Ordnung und des Verhaltens der Untergebenen gegen ihre Obern betrifft, ſo ſind ſie hierin ſtrengern Geſetzen, als die Krieger aller andern Nationen unterworfen. Ein kleines Verſehen, ja manche Handlung, die in den Augen des freien Bürgers ganz unſchuldig iſt, wird als ein Verbrechen angeſehen und beſtraft; und überhaupt kann man ſagen, daß die Engländer, ob ſie ſchon im Allgemeinen große Rechte und Freiheiten genießen, in Kriegs⸗ dienſten nicht viel beſſer als Sklaven ſind. Die Gerichtsbarkeit auf einer Flotte zerfällt in das hohe und in die niedern Gerichte. Erſteres wird von dem Ad⸗ miral, den Unteradmiralen, wenn dergleichen bei der Flotte ſich befinden, und den Kapitänen der ſämmtlichen Schiffe gebildet. Sie halten ihre Sitzungen aauf dem Schiffe des Admirals, der ſie dazu beſonders zuſammen berufen läßt. Dieſes Gericht unterſucht die eigentlichen Verbrechen, und entſcheidet über Leben und Tod. Die niedern Behörden ſind die beſondern Gerichtsbarkeiten der ein⸗ zelnen Schiffe; ſie beſtehen aus dem Kapitän und den übrigen Offizieren. Dieſe verſammeln ſich, zur Ausübung ihres richterlichen Amtes in der Regel Einmal die Woche, außerdem aber, ſo oft es die Umſtände fordern. Sie dürfen nur geringere Vergehungen eigenmächtig beſtrafen, und müſſen dagegen wichtige, ob ihnen ſchon jederzeit die erſte Unterſuchung und ein Gutachten darüber zuſteht, zur Entſcheidung vor die höhere Behörde bringen. Mithin werden die Ver⸗ brecher auf einzelnen, von der Flotte abgeſonderten Kriegſchiffen ſo lange in Verhaft gehalten, bis die Umſtände es erlauben, ſie vor das hohe Gericht zu ſtellen. Indeſſen ſteht auch der niedern Gerichtsbarkeit in gewiſſen Fällen, z. B. bei Meutereien, das Recht zu, die höchſte Gewalt auszuüben. In der Regel haben die gerichtlichen Unterſuchungen einen ſchnellen Gang, und eben ſo ſchnell folgt das Urtheil und deſſen Vollziehung.— Die ſchimpflichſte Todesſtrafe iſt die mittels des Stranges. Das Ver⸗ fahren bei Vollziehung derſelben iſt ungefähr folgendes: Eine Viertelſtunde vorher thut man auf dem Admiralſchiffe einen Kanonenſchuß, und zieht eine be⸗ ſondere Flagge auf. Dieß iſt das Signal für die ſämmtlichen Schiffe der Flotte, die Mannſchaften auf die Raaen ſtellen zu laſſen, damit ſie die tragiſche Seene deutlich vor Augen haben und, was der Hauptzweck jeder Strafe iſt, einen leb⸗ S. 3— 34 haften Eindruck dadurch erhalten mögen. Nach einiger Zeit ſtimmt man auf demjenigen Schiffe, auf dem die Exekution vor ſich gehen ſoll, eine Trauermuſik, begleitet von den tiefen Tönen gedämpfter Trommeln, an. Der Verurtheilte wird nun, nach einer kurzen religiöſen Vorbereitung, bis auf das Hemd und die Hoſen entkleidet, und mit einer weißen Mütze auf dem Kopfe und die Hände auf den Rücken gebunden, auf das Verdeck geführt. Unter der großen Raa, welche die Stelle des Galgens vertritt, macht der Zug Halt. Ein zweiter Ka⸗ nonenſchuß gibt das Zeichen zur Hinrichtung und trennt gewöhnlich zu gleicher Zeit das, jenes verhängnißvolle Lauſtau zurückhaltende Seil, wodurch der De⸗ linquent raſch und gewaltſam unter die Raanocke hinaufgeriſſen und augen⸗ blicklich getödtet wird. Das Ganze beſchließt wieder eine Trauermuſik. Nach Sonnenuntergang wird der entſeelte Körper abgenommen und in's Meer ge⸗ ſenkt, was ohne alle Ceremonie geſchieht.— Die gewöhnlichſte Beſtrafung iſt die mit der Geißel oder Peitſche, weil man ſie nach Maßgabe der Streiche, für alle Vergehungen bis zur Todesſtrafe einrichten kann. Obſchon auf dieſer Strafe kein ſolcher Schimpf, wie auf der vorerwähnten ruht, ſo iſt ſie doch weit ſchrecklicher, und kann gewiß zu den martervollſten gezählt werden. Die Peitſche beſteht aus einem kurzen Stock mit fünf, ſieben oder neun daran befeſtigten Strängen, wovon jeder nach Verhältniß mit eben ſo vielen, in gewiſſen Ent⸗ fernungen geknüpften Knoten verſehen iſt. Man pflegt dergleichen Werkzeuge eine Katze mit fünf Schwänzen u. ſ. w. zu nennen. So oft eine Züchtigung da⸗ mit vorgenommen wird, muß die ganze Mannſchaft, um Augenzeuge davon zu ſein und ſich ein Beiſpiel daran zu nehmen, auf den vordern und mittlern Theil des Verdecks ſich verſammeln. Die Schanze iſt der Platz zur Vollſtreckung der Strafe. An der Steuerbordſeite ſtellen ſich die Seeſoldaten unter Gewehr auf, hinten quer vor der Kajüte ſtehen die ſämmtlichen Offiziere, und an die Back⸗ bordſeite wird der Schuldige geführt. Man ſchnürt ihn, nachdem der obere Theil ſeines Körpers entblößt worden iſt, mit ausgeſpreizten Armen und Beinen an ein zu den Luken gehöriges Gatter, das gegen den Bord gelehnt und daran befeſtigt worden iſt. Damit er den Schmerz verbeißen und das Schreien unter⸗ drücken könne, wird ihm eine bleierne Kugel in den Mund geſteckt. Die Hiebe werden langſam und in abgemeſſenen Zeiträumen gegeben, um ihre Wirkung im vollen Maße empfinden zu laſſen. Dabei muß der Geißelnde— ein Ge⸗ hülfe des Bootsmanns— darauf ſehen, daß die verſchiedenen Stränge der Peitſche in gehöriger Ordnung ſind und nicht über einander liegen, damit ſie den Rücken an vielen Stellen treffen. Die geringſte Zahl der Peitſchenhiebe iſt ein, ſelten aber mehr als drei oder vier Dutzend, weil eine größere Menge das Gefühl abſtumpfen, folglich den Zweck verfehlen, und überdieß für die Geſund⸗ — 8 335 heit des Gezüchtigten nachtheilige Folgen haben würde, obſchon die Wundärzte für ſeine Wiederherſtellung ſorgen müſſen. Zwei bis dreihundert bewirken oft den Tod, oder wenigſtens Verſtümmelung des Körpers. Es hat ſich indeſſen ſchon manchmal zugetragen, daß Leute, ihrer Geſundheit unbeſchadet, fünf und mehre Hundert ausgehalten haben. Bei Todesſtrafen nimmt jedesmal die ganze Flotte an der Vollziehung Theil, ſo daß der Verbrecher auf jedem Schiffe drei oder vier Dutzend Streiche bekommt. Wenn der Fall eintritt, daß ein Ver⸗ brecher die ihm zuerkannte, ſeinen Tod bezweckende Strafe, wegen der außeror⸗ dentlichen Dauerhaftigkeit ſeines Körpers, überſteht, ſo wird er dann in Frei⸗ beit geſetzt und gewöhnlich des Dienſtes entlaſſen.— Es kann gewiß keinen ſchaudervollern Anblick geben als den, welchen eine Execution mit der Peitſche darbietet. Die erſten Hiebe mit derſelben ſind jeder⸗ zeit die ſchmerzhafteſten; ſie zwingen den Gegeißelten zu lautem Geſchrei und verurſachen ihm heftige Zuckungen, wiewohl es bisweilen geſchieht, daß er ſeine Leiden mit ſtoiſcher Gelaſſenheit erträgt. Nach wenigen Streichen entſteht über dem ganzen Rücken eine mit Waſſer und Blut angefüllte Geſchwulſt, die in kurzem ſich öffnet, wodurch der Leidende Linderung der Schmerzen bekommt, und nachher in einen Zuſtand gänzlicher Gefühlloſigkeit verfällt. In der Folge löſt ſich das Fleiſch von den Knochen ab, welches nach und nach ſtückweiſe ab⸗ fällt, bis endlich die Verblutung dem Leben des Schlachtopfers ein Ende macht. Das Schrecklichſte bei ſolchen ſchweren Strafen iſt, daß man ſie theilweiſe und an verſchiedenen Tagen vollzieht, wodurch die halbgeheilten Wunden immer wieder aufgeriſſen und die Schmerzen vermehrt werden. Geringere Vergehen ahndet man auf mancherlei Weiſe, z. B. durch Zu⸗ ſammenſchließung der Hände und Füße, durch Degradation, Entziehung der Speiſen und des Getränkes, oder durch Uebertragen eines ſchimpflichen Amtes. Solche Fehler wie Trägheit, Unreinlichkeit u. ſ. w. werden von den Gehülfen des Bootsmannes auf der Stelle gerügt, daher dieſe Leute faſt beſtändig mit einem aus Taufäden geflochtenen Knüttel bewaffnet ſind, in deſſen Ermange⸗ lung aber das Ende irgend eines in der Nähe liegenden Taues ergreifen.— Um die Kadetten wegen Ungehorſam, Mangel an Fleiß u. ſ. w. zu züchtigen, bedient man ſich gewöhnlich beſchämender Mittel, weil bei ihnen, als zukünfti⸗ gen Befehlshabern, ein hoher Grad von Ehrgefühl vorausgeſetzt wird. Sie müſſen z. B. einige Tage mit dem gemeinen Volk arbeiten, oder werden unter einander ſelbſt herabgeſetzt, auch wohl auf dem großen Mars gleichſam an den Pranger geſtellt. Nach dem zu urtheilen, was ich hier über die ſtrenge Mannszucht auf den engliſchen Kriegſchiffen geſagt habe, dürfte ſie manchem meiner Leſer grauſam 336 und unmenſchlich ſcheinen; allein Jeder, der ſich auf ſolchen Schiffen befunden hat, wird mit mir darin übereinſtimmen, daß die erforderliche Ordnung und überhaupt der gute Zuſtand der Marine nur durch ſolche Maßregeln erhalten wird. Fallen doch, aller Strenge ungeachtet, häufig Verbrechen vorz ja, faſt auf jedem Schiffe ſieht man ſich wöchentlich einige Mal genöthigt, ſeine Zu⸗ flucht zur Geißel zu nehmen, wobei freilich von dem Kapitän und den übrigen Offizieren Vieles abhängt. Unter denjenigen Verbrechen, die am häufigſten begangen werden, ſteht der Diebſtahl oben an. Man entwendet zwar ſeltener Geld, Kleider und Gegen⸗ ſtände von Werth, als Speiſen und Getränke, aber auf Kriegſchiffen iſt das gleich ſtrafbar, weil hier Keiner mehr Lebensmittel bekommt, als er täglich be⸗ darf, und dieſelben, wenn ſie ihm geraubt werden, nicht leicht erſetzen kann, ohne ſich eines ähnlichen Vergehens ſchuldig zu machen. Die Trunkenheit gehört zu den ſehr alltäglichen Erſcheinungen. Es werden zwar alle Mittel angewendet, derſelben zu ſteuern, indem man nicht nur das dem gemeinen Engländer ſo unentbehrliche geiſtige Getränk vor dem Austheilen zur Hälfte mit Waſſer vermiſcht, ſondern auch jede dergleichen Zufuhr vom Lande verbietet. Deſſen ungeachtet wiſſen die Leute Mittel zu finden, dann und wann ihre Trinkluſt zu befriedigen; denn des Entwendens aus den Vorräthen u. ſ. w. nicht zu gedenken, gebrauchen ſie z. B. die Liſt, Rum und dergleichen, in Schweinsblaſen gefüllt und künſtlich unter den Kleidern verſteckt, auf das Schiff zu bringen. Man beweiſt indeſſen viel Nachſicht gegen Trunkene, wenn ſie ſich ruhig verhalten, oder durch Schlaf ihre Nüchternheit wieder zu erlangen ſuchen. Aber gewöhnlich iſt dieß nicht der Fall; denn ſo wie Berauſchung den Franzoſen ausgelaſſen luſtig macht, ſo verſetzt ſie den Engländer in eine höchſt mürriſche, zänkiſche Laune, die nicht ſelten an Tollheit gränzt. Prügeleien geben oft Veranlaſſung zu ſchwerer Strafe; denn der Fauſt⸗ kampf dient den Engländeru nicht nur als Mittel ſich eigenmächtig Recht zu verſchaffen, und ſich an andern zu rächen, ſondern iſt auch für ſie eine ſo leiden⸗ ſchaftliche Beluſtigung, als für die Franzoſen das Fechten, das auf ihren Krieg⸗ ſchiffen, weil es die Gewandtheit des Körpers ohne Nachtheil desſelben beför⸗ dert, gern geſtattet wird. Da aber das Boxen, der engliſche Fauſtkampf, ſelbſt als Zeitvertreib jederzeit ſchädliche Folgen hat, indem die Streiter nie ohne blaue Augen, blutige Naſen, eingeſchlagene Zähne und dergleichen wegkommen, ja bisweilen Blutſpeien, oder wohl gar zerbrochene Arme und Rippen, Brüche und andere Uebel davon tragen; ſo kann ein ſolches Spielwerk auf Krieg⸗ ſchiffen, für welche die vollkommene Geſundheit der Mannſchaften von großer Wichtigkeit iſt, durchaus nicht geduldet werden, obgleich es zu den nationellen 337 Gebräuchen der Engländer gehört. Wiewohl das Kartenſpiel, wegen der daraus entſtehenden Streitigkeiten, auf den engliſchen Kauffahrern und folg⸗ lich weit ſtrenger auf den Kriegſchiffen verboten iſt, ſo wird es doch auf letztern ſehr häufig hervorgeſucht, weil hier eine Menge Menſchen vom Feſtlande zu⸗ ſammen kommen, die dem gewohnten Spiele nicht entſagen können, und die eigentlichen Seeleute dazu verführen. Nicht ſelten geſchieht es, daß die genannten Vergehungen, wie Urſachen und Wirkungen auf einander folgen. Erſt ſtiehlt man ſtarkes Getränk, be⸗ kommt dann einen Rauſch, überläßt ſich dem Kartenſpiel und geräth bald in Streit, welcher in eine förmliche Prügelei übergeht, wodurch alles an den Tag kommt. In ſolchen Fällen erfolgt, wie man weiß, eine Strafe, deren Ueber⸗ ſtehung ein dauerhaftes Rückenfell verlangt. Ueberhaupt haben die Mannſchaften der Kriegſchiffe in Hinſicht der herr⸗ ſchenden Denk⸗ und Handelsweiſe wenig mit denen der Kauffahrer gemein. Da letztere den größten Theil ihres Lebens in ſchwachen Häuflein und abge⸗ ſchieden von der übrigen Menſchheit zubringen, folglich faſt in denſelben Ver⸗ hältniſſen, wie die auf dem Lande zerſtreut wohnenden Familien ſtehen, ſo ähneln ſie auch dieſen in ihrem Charakter, welchen natürliche Einfalt und Un⸗ beſcholtenheit, aber auch Unbehülflichkeit in der großen Welt bezeichnen. Da⸗ gegen lebt man auf einem Kriegſchiffe wie in einer Stadt, wo die Gemüther der zahlreichen Bewohner beſtändig durch Neid, Haß, Ueberliſtung und durch unzählige andere Leidenſchaften beunruhigt und gegen einander aufgeregt werden. Man erwäge ferner die ſtrenge Behandlung der Leute, womit jeder⸗ zeit ein nachtheiliger Einfluß auf das Gemüth verbunden iſt, und das kriege⸗ riſche Leben überhaupt, welches die feinern Gefühle abſtumpfen und verdrängen muß. Eben ſo trägt zur allgemeinen Verderbniß der Sitten der Umſtand Vieles bei, daß die Leute, wegen ihrer zu großen Menge, nicht ſo anhaltend wie auf den Kauffahrern beſchäftigt ſind, und mithin mehr Veranlaſſung zu muthwilligen Streichen haben. Dazu kommt noch, daß die Mannſchaften ge⸗ wöhnlich eine große Anzahl vom Grund aus verdorbener Menſchen enthalten. Greift man ſie doch auf wo man ſie bekommen kann, ohne nach ihrem frühern Lebenswandel zu fragen, wobei das Loos nur zu oft beſonders liederliche, der bürgerlichen Geſellſchaft ſchädliche Menſchen trifft. Auch erhalten die Krieg⸗ ſchiffe ſtets dadurch einen Zufluß von ungeſitteten Subjecten, daß die Kauf⸗ fahrer, weil ſie zu körperlicher Züchtigung nicht befugt ſind, oft dergleichen Leute zur Strafe dahin bringen, ſo wie auch Mancher nach einem begangenen ſchlechten Streiche, um ſich der Verantwortung und Schande zu entziehen, freiwillig Dienſte darauf nimmt. Ueberdieß werden häufig ungerathene 8 22 Richter's Reiſen. I. dergleichen Gebäck eine ſo zähe Feſtigkeit, daß es nur von dauerhaften Zäh⸗ nen verarbeitet, und von Vielen, ohne es vorher in Waſſer erweicht zu haben, nicht genoſſen werden kann. Unter allen Arten des Schiffszwiebacks behaup⸗ tet der engliſche in jeder Hinſicht den Vorzug. Man verfertigt ihn aus Weizenmehl, das man bekanntlich in England auch zum Brode nimmt. Der Teig wird durch Maſchinen, faſt auf die Art, wie in Deutſchland der zu den Brezeln beſtimmte, ſehr derb und trocken bereitet, und dann in dünne Kuchen von der Größe einer gewöhnlichen Untertaſſe geformt, die man, zur Beför⸗ derung des Austrocknens, an einigen Stellen durchlöchert und endlich lang⸗ ſam bäckt, daher ſie eine blaßgelbe Farbe behalten. Dieſes Backwerk beſitzt die guten Eigenſchaften, daß es ungemein leicht, mürbe und zerbrechlich iſt, und oft mehre Jahre unverdorben bleibt. Letzteres findet beſonders dann Statt, wenn man es in dichten Fäſſern verwahrt, an deren Stelle jedoch ge⸗ wöhnlich Säcke gebraucht werden, weil dieſe weniger Platz wegnehmen und ſich bequemer behandeln laſſen. Von ſolchem Zwieback bekommt die Perſon täglich ein Pfund und zwar des Morgens vor dem Frühſtück. Die übrigen zu dieſer Mahlzeit beſtimmten Lebensmittel beſtehen wöchentlich in einem hal⸗ ben Pfund Butter, oder einem Viertel Pfund Käſe; außerdem wird auch eine warme Speiſe aus Mehl von Hafer, Gerſte und andern Getreidearten ver⸗ theilt. Zum Mittageſſen wird an drei Tagen der Woche, den Umſtänden gemäß, friſches oder geſalzenes Fleiſch gegeben, nämlich zweimal Rind⸗ und einmal Schweinfleiſch. Von dieſem bekommt Jeder drei Viertel⸗, von jenem ein ganzes Pfund. Als Zugemüſe zum Schweinfleiſche dienen gewöhnlich⸗ Erbſen; diejenigen, welche die Schiffe in England bekommen, ſind in der Mühle gehülſt und geſpalten, daher ſie, und weil überhaupt dieſe Frucht dort vorzüglich gedeiht, ungemein ſchnell weich werden. Bisweilen kocht man die⸗ ſelben, trocken in Säcke gefüllt, zu einem dicken Brei, was die Engländer „Erbſenpudding“ nennen. Statt der Erbſen werden bisweilen Bohnen, oder auch andere Zugemüſe gegeben. Zum geſalzenen Rindfleiſche bereitet man vorzüglich Mehlpudding, welcher außer dem mit Waſſer gemiſchten Mehl einen Zuſatz von geſalzenem Rindsfett, und von großen oder kleinen Roſinen ent⸗ hält. Statt deſſen werden zum Rindfleiſch auch Kartoffeln gekocht. Mit dem friſchen Fleiſche iſt jederzeit eine nahrhafte Suppe verbunden, in die man Graupen oder Reiß und wo möglich grüne Gemüſe thut. An ſolchen Tagen, wo keine Fleiſchgerichte Statt finden— man nennt ſie banyan-days d. i. Faſttage,— beſteht das Mittagmahl in Suppe von Erbſen oder andern Hülſenfrüchten, oder in Mehlſpeiſen. Ich muß indeß bemerken, daß die hier angegebene Speiſeordnung nach einer langen Abweſenheit vom Vaterlande, . 22* Söhne von ihren Aeltern auf den Kriegſchiffen untergebracht; daher dieſe ge⸗ wiſſermaßen den Zuchthäuſern gleichen. Man kann nun leicht den Schluß machen, wie verſchieden der hier herrſchende Geiſt von dem der Mannſchaften auf den Kauffahrern ſein muß, wo Keiner ohne gute Zeugniſſe ſeiner Sittlich⸗ keit angenommen, und derjenige, welcher ſich einer ſchlechten Handlung ſchul⸗ dig macht, bald wieder entlaſſen wird. Eben ſo iſt es auch leicht zu begreifen, warum die Leute auf den Handelſchiffen die Gemeinſchaft mit den im Kriegs⸗ dienſte ſtehenden meiden, und überhaupt mit dem Namen„Orlogsmann“ ſtets den Begriff eines ränkevollen und bösartigen Menſchen verbinden. 5. Bezahlung und Beköſtigung der Mannſchaft. Die Kleidung der Ober⸗ und Unteroffiziere, der Ma⸗ troſen, Seeſoldaten und Beamten. Gewöhnliche Lebensordnung und Sonntage. Einige Vorfälle an Bord. Was die Bezahlung und Beköſtigung betrifft, ſo ſtehen die Mannſchaf⸗ ten der engliſchen Marine in weit ungünſtigern Verhältniſſen als die der Kauffahrer. Der monatliche Gehalt für die Matroſen der erſtern iſt, nach Beſchaffenheit ihrer Fähigkeiten, auf anderthalb bis dritthalb Pfund Sterling feſtgeſetzt; dagegen der für die letztern wenigſtens drei und, im Fall ein Man⸗ gel an dienſtſuchenden Leuten in den Häfen entſteht, bis auf fünf und mehr Pfund ſteigt; während des letzten franzöſiſch⸗engliſchen Krieges fiel er nie unter fünftehalb Pfund. Auch die Beſoldung der auf den Kriegſchiffen an⸗ geſtellten Offiziere, wenn man die oberſten ausnimmt, erreicht nicht die der Befehlshaber und Steuermänner auf den Handelſchiffen, und ihr Stand lohnt, gleich dem militäriſchen, mehr mit Ehre als Gewinn, wofern ſie nicht das Glück begünſtigt, anſehnliche Priſen zu machen und ſich dadurch zu ent⸗ ſchädigen. Die Lebensmittel werden ſtets nach beſtimmten Gaben vertheilt, ſo daß weder Feſttage, noch beſondere Feierlichkeiten, noch ſelbſt der größte Ueberfluß eine Aenderung hierin machen. Das Brot beſteht, wie auf allen Schiffen, in einer Art Zwieback. Es herrſcht aber, zufolge der verſchiedenen Gebräuche der Nationen, ein großer Unterſchied in dieſem Gebäck, der ſich nicht allein auf die Beſtandtheile, ſondern auch auf die Form und übrige Bereitung er⸗ ſtreckt. Der Schiffzwieback mancher Völker wird von grobem, oft nur halb geſchrotenem ſchwarzem Mehle verfertigt. Bisweilen hat er die Geſtalt kleiner runder Brode, weßhalb er beim Backen nicht völlig austrocknet, und daher bald Schimmel anſetzt und von Würmern verzehrt wird. Ueberdem erhält 340 wenn die dort eingenommenen Lebensmittel ausgehen, und im Auslande er⸗ ſetzt werden, eine große Veränderung leidet. Beſonders iſt dies der Fall mit den Gemüſearten, ſtatt deren z. B. in Oſtindien am häufigſten Reiß gegeben wird. Oft erſetzt man den Mangel an friſchem Fleiſche von Rindern und Schweinen durch das von Schafen. In Weſtindien vertritt der Kakao die Stelle der zum Frühſtück beſtimmten Mehlſpeiſe, ſo wie der Zucker die des Käſes und der Butter. Des Abends findet keine beſondere Mahlzeit Statt. Die Leute müſſen ſich dann mit den Ueberreſten des Mittageſſens und des Zwiebacks begnügen, daher ſie oft für ihr eigenes Geld ein Gericht bereiten. Die Mannſchaft des Neptun kaufte zu dem Ende häuſig Fiſche, Namwurzeln, Pataten und andere tropiſche Früchte, die in Martinique im Ueberfluß und wohlfeil waren. Das Getränk beſteht eigentlich in Rum, und zur Abwech⸗ ſelung in Porter. Von erſterem bekommt Jeder täglich ein Nößel, von letz⸗ terem zwei Nößel. Auch dieſe Artikel werden im Auslande mit andern ver⸗ tauſcht, je nachdem ſie zu bekommen ſind, als mit Wein, Arack, oder irgend einer Art Branntwein. Erſteren vertheilt man in demſelben Maße, wie den Porter, die übrigen wie den Rum. Die gemeinen Matroſen und Soldaten er⸗ halten ihr tägliches Getränk zu zwei verſchiedenen Malen, nämlich die eine Hälfte nach dem Mittageſſen, die andere gegen Abend, und zwar, wenn es Rum, Arack oder Branntwein iſt, mit Waſſer vermiſcht. Doch laſſen bis⸗ weilen die Offiziere, wenn ſie Mißtrauen in die Nüchternheit der Leute ſetzen, auch mit Wein und dem Porter eine ſolche Miſchung vornehmen. Nach dieſer allgemeinen Angabe der auf den engliſchen Kriegſchiffen üblichen Beköſtigung, muß ich noch beifügen, daß hierin der Staat keine beſondere Rückſicht auf die Offiziere nimmt, ſondern ſie mit den Gemeinen auf dieſelbe Stufe ſtellt. Nur die Admirale werden hiervon ausgenommen, indem ihnen ſtatt der Lebensmittel anſehnliche Tafelgelder ausgeſetzt ſind. Indeß genießen die Offtziere doch einige Vorzüge vor dem großen Haufen. Vorerſt wird für ſie jede Sache auf eine ganz andere, als die gewöhnliche Weiſe zubereitet, weil ſie immer gute Köche unterhalten. Ferner gibt man ihnen von Allem das Beßte, und das geiſtige Getränk rein und unvermiſcht; auch dürfen ſie die verſchiedenen Artikel nach Belieben beziehen, und diejeni⸗ gen, welche ſie nicht wollen, gegen ſolche vertauſchen, die in gleichem Werthe mit jenen ſtehen. In der Regel verwandeln ſie den größten Theil ihrer ge⸗ ſammten Rationen blos in Fleiſch, Getränk und Mehl, welches letztere beſon⸗ ders dazu verwendet wird, jeden Morgen friſches Brot für ſie zu backen. Die übrigen Mundbedürfniſſe müſſen ſie aus eigenen Mitteln beſtreiten, was kei⸗ nen geringen Aufwand verurſacht, da ſie gewöhnlich Leute von gutem Her⸗ 341 kommen und, als Engländer, überhaupt an gute Koſt gewöhnt ſind, auch außerdem, nach Art der Kriegsmänner, mehr der Gegenwart als der Zukunft leben. Hauptſächlich halten ſie ſtets auf Vorrath an Getränken, Federvieh und Schafen, ſo wie an unzähligen kleinen Dingen, welche die engliſche Lan⸗ desſitte für die Tafel verlangt, als Senf, Saucen, Eingemachtes u. ſ. w. Die Offiziere des Neptun hatten, während meines dortigen Aufenthalts, faſt täglich ihren Tiſch mit einer Menge Speiſen beſetzt, mit kräftigen Suppen, mit Fiſch, gekochtem und gebratenem Fleiſche, Paſteten oder anderem Backwerk und mit köſtlichen Früchten. Ja, ich erinnere mich, daß ſie eines Tages ihre ganze Portion friſchen Fleiſches, nebſt einigen Hühnern, blos zu einer Kraft⸗ ſuppe verwendeten. Dieſe Artikel wurden in einem beſondern Keſſel, der, um die Kräfte nicht verdunſten zu laſſen, mit einem Schraubendeckel verſehen war, über einem gelinden Feuer gegen acht Stunden gekocht, worauf man die daraus entſtandene dicke Brühe zur Zubereitung der Suppe abſeihte. Der zurück gebliebene Brei von Fleiſchfaſern und Knochen diente zu Futter für die Schweine. Was die Kleidung der Mannſchaften auf den Kriegſchiffen betrifft, ſo iſt im Allgemeinen zu bemerken, daß hierin, mit Ausnahme der Seeſoldaten, eine ſo ſtrenge Gleichförmigkeit, als beim Militär auf dem Feſtlande Statt findet. Nur die Röcke und die Jacken ſind gleichförmig, indem ſie durch⸗ gängig aus dunkelblauem Tuch und nach einem beſondern Schnitt verfertigt werden; das Uebrige hängt großen Theils von der Willkühr ab. Auf den ſtark vergoldeten Knöpfen iſt ein Anker, der auf zwei ſich kreuzenden Kanonenläufen ruht, erhaben dargeſtellt. Die Weſte und die langen Beinkleider ſind gewöhn⸗ lich von demſelben Stoffe, wie die Röcke; doch trägt man häuſig auch Unter⸗ kleider von weißem Kaſimir, und bei heißem Wetter von weißem baumwolle⸗ nen Zeuge, ſo wie von gelbem oder blauem Nanking. Den Kopf bedeckt in der Regel ein runder, mit der engliſchen ſchwarzen Kokarde gezierter Hut. Dreieckige kommen nur bei beſondern Gelegenheiten zum Vorſchein, obſchon die Seeofftziere vieler Nationen, beſonders die franzöſiſchen und ſpaniſchen, der Unbequemlichkeit ungeachtet, keine andern tragen. Um den Hals wird faſt immer ein ſchwarzſeidenes Tuch, bisweilen jedoch ein weißbaumwollenes gebunden. Die Fußbekleidung beſteht in Schuhen, die man nur bei naſſer Witterung mit Stiefeln vertauſcht. Die Ehrenzeichen ſind goldene Achſel⸗ bänder und das Seitengewehr. Von erſtern kommen nur den Admiralen und und den Kapitänen zweie zu; die Lieutenants haben nur eins, und zwar die obern auf der rechten, die untern auf der linken Achſel. Die Cadetten, welche ſowohl Jäckchen als Röcke tragen, zeichnen ſich in dieſer Hinſicht blos durch 342 gewiſſe goldene Schnüre am Kragen aus. Daſſelbe findet auch bei dem Schiffer und den Steuermännern Statt. Das Seitengewehr, welches bis herab auf die Steuermänner getragen wird, iſt eine Art Dolch, den man, mittels eines ſchwarzledernen Gehänges, um den Leib gürtet. Die Kauffahrer pfle⸗ gen demſelben den Spottnamen„Käſemeſſer,“ ſo wie den Achſelbändern den Namen„Swab“— deſſen Bedeutung weiter unten erklärt wird,— beizu⸗ legen. Ein Offizier in Galla erſcheint mit einem dreieckigen Hut, mit kurzen Beinkleidern von weißem Kaſimir und weißſeidenen Strümpfen. Der Admi⸗ ral kleidet ſich in dieſem Falle wie der General einer Landarmee. Der Ad⸗ miral Cochrane vermied in der Regel, ſich im Anzuge vor den übrigen Offi⸗ zieren auszuzeichnen. Doch muß ich bemerken, daß die engliſchen Seeoffiziere die größte Genauigkeit und Sauberkeit in der Kleidung, beſonders auch in Hinſicht der Wäſche beobachten. Letztere, die aus der feinſten Leinwand oder aus Batiſt beſteht, wird faſt jeden Tag gewechſelt. Auf dem Neptun pflegte man nicht nur früh nach dem Aufſtehen, ſondern auch von neuem Nachmit⸗ tags, eh es zur Tafel ging, die Toilette zu machen, wobei diejenigen, welchen das Haar ſchnell wuchs,— was überhaupt in heißen Klimaten der Fall iſt, — ſich auch den Bart zum zweiten Mal abnahmen. Bei dieſer ungemeinen Sauberkeit im Aeußern, verbunden mit einem kriegeriſchen, jedoch ungezwun⸗ genen Anſtande, dem häufig eine vortheilhafte Geſtalt zu Hülfe kommt, kann es nicht fehlen, daß die engliſchen Seeoffiziere, wie man oft bemerkt, die Auf⸗ merkſamkeit des weiblichen Geſchlechts ſehr auf ſich ziehen.— Die Unteroffi⸗ ziere, vom Bootsmann an, tragen zur Auszeichnung einen runden Hut mit der Kokarde, und gelbe Knöpfe, worauf ein einfacher Anker, mit verſchlunge⸗ nem Kabeltau, ausgedrückt iſt. Ueberdem führen ſie ein kleines ſilbernes Pfeifchen, das an einer ſeidenen Schnur um den Hals gehängt wird; es dient, weil deſſen Schall durchdringender als die menſchliche Stimme iſt, der Mann⸗ ſchaft das Zeichen zu mancherlei Verrichtungen zu geben. Mit ſolchen Com⸗ mandoinſtrumenten ſind auch die Gehülfen des Bootsmanns verſehen, die ſich außerdem aber von den gemeinen Matroſen wenig unterſcheiden. Letztere haben durchaus blaue Jacken, mit zwei Reihen ſehr dicht ſtehender kleiner Ankerknöpfe. In der übrigen Kleidung herrſcht wenig Gleichförmigkeit. Man trägt ſowohl runde Hüte von Filz, Stroh und Leder, als wollene, oder auch aus Segeltuch verfertigte Mützen. Die Hüte werden, zur Ahhaltung der Näſſe, häufig mit getheerter oder mit Oelfarbe beſtrichener Leinwand über⸗ zogen. In Betreff der Unterkleider herrſcht die größte Mannichfaltigkeit, in⸗ dem ſie bei Einigen aus blauem Tuch, bei Andern aus Leinwand, oder aus allerhand bunten Zeugen beſtehen. Dasſelbe i*ſt auch der Fall mit der Wäſche; 3 343 rothe, blaue oder weiße wollene Hemden find eben ſo gemein, als weiße oder blau geſtreifte von Flachs oder Baumwolle. Halstücher von ſchwarzer Seide werden am häufigſten getragen, jedoch auch bunte ſeidene und baum⸗ wollene. Hierbei muß ich bemerken, daß es Sitte iſt, die Tücher nicht dicht um den Hals zu binden, ſondern ſchmal zuſammen gelegt, von hinten nach vorn locker umzuthun, und auf der Bruſt in einen Knoten zu knüpfen, ſo daß die Zipfel lang herabhängen; daher ſie, gleich einer Halskette, blos zum Putze dienen. Die Fußbekleidung beſteht in der Regel in leichten Schuhen von Leder, bisweilen von Segeltuch; auch gehen Viele, aus Erſparniß, bei der Arbeit barfuß, was jedoch, beſonders beim Klettern auf den Maſten, große Abhärtung der Fußſohlen erfordert. Zu Stiefeln nimmt man, weil ſie die dem Seemann nothwendige Flüchtigkeit hindern, nur bei naſſer und kalter Witte⸗ rung ſeine Zuflucht. Wenn die Matroſen mit unſaubern Arbeiten, z. B. dem Theeren der Taue, dem Anſtreichen des Holzwerks, beſchäftigt ſind, ſo pflegen ſie, um die Kleider vor Beſchmutzung zu ſchützen, eine Art Hemd von Segel⸗ tuch oder grober Leinwand über das Ganze anzuziehen. An Feſttagen, bei feierlichen Gelegenheiten, oder wenn ſie zu ihrem Vergnügen auf dem Lande verweilen, ſind ſie faſt durchgängig ſehr gut gekleidet; ſchöne Biberhüte, feine blaue Jacken und Unterkleider, wie auch ſchwarze Halstücher und gute Ober⸗ hemden machen den gewöhnlichſten Anzug aus. Ueberhaupt kommt dann manche ſtattliche Figur zum Vorſchein, da zumal die ſeemänniſche Tracht einen wohlgeſtalteten Körper ſehr begünſtigt. Diejenigen Mannſchaften, welche die Schaluppen der Offiziere rudern, müſſen täglich in feſtlichem Putz erſcheinen, zu welchem Ende ſie von ihren Herren beſonders und gleichförmig gekleidet werden. Der Admiral Cochrane z. B. gab ſeinen Ruderern durchaus feine blaue Tuchkleider nebſt guten Filzhüten; der Kapitän des Neptun blaue Jacken, weiße Unterkleider und Strohhüte. So wenig indeß die Matroſen in der Art und Weiſe ihres Anzuges einem Zwang unterworfen ſind, ſo ſtreng wer⸗ den ſie doch in Hinſicht der Reinlichkeit desſelben gehalten. Hauptſächlich berückſichtigt man die Wäſche, welche wöchentlich zweimal gewechſelt werden muß, und es findet an ſolchen Tagen eine allgemeine ſpecielle Unterſuchung deßhalb Statt, die man Muſterung nennt. Hierbei iſt noch zu bemerken, daß der Gebrauch der ſo genannten Vorhemdchen, und aller ſolcher Artikel, die nicht die Reinlichkeit, ſondern blos den Schein derſelben bezwecken, als eine Art von Betrug angeſehen und geahndet wird. Die Kleidung der Beamten iſt dieſelbe, wie die derjenigen Seeleute, mit welchen ſie in gleichem Range ſtehen. Z. B. der Proviantmeiſter, der Arzt u. ſ. w. tragen Röcke wie der Schiffer, mit großen vergoldeten Anker⸗ 4 344 knöpfen, aber ohne Achſelbänder, runde Hüte mit Kokarden, und Seiten⸗ gewehre. Die engliſchen Marineſoldaten hatten zu der Zeit, von welcher hier die Rede iſt, gleich den Landtruppen, hellrothe, aber ſehr kurze Röcke; daher ſie in der engliſchen Schifferſprache ſchlecht weg„die rothen Jacken,“ ſo wie die eigentlichen Seeleute„die blauen“ genannt wurden, und man ſolche Redens⸗ arten, als:„es prügelt ſich eine blaue Jacke mit der rothen,“ häufig vernahm. Die Röcke waren ſchwarz aufgeſchlagen und mit Ankerknöpfen beſetzt. Ferner trugen die Seeſoldaten Weſten von weißem Piquée, lange Hoſen von Lein⸗ wand oder weißen baumwollenen Zeugen und, zur Abwechſelung, auch von blauem Tuche, ſo wie weiße Kamaſchen und runde Hüte mit ſchwarzen Ko⸗ karden. Dieſe Kleidung iſt jedoch ſpäterhin ſehr verändert worden, indem man z. B. die rothen Röcke mit blauen, und die runden Hüte mit militäriſchen Mützen vertauſcht hat. Uebrigens können meine Leſer aus dem, was ich über das Aeußere der Matroſen geſagt habe, leicht ſchließen, daß bei dem Marine⸗ militär die größte Sauberkeit herrſcht. Beſonders iſt dies auch der Fall in Betreff der Waffen. Die Läufe und Schlöſſer der Feuergewehre müſſen nicht nur an den äußern, ſondern auch an den verdeckten Theilen einen fleckenloſen Glanz haben, und werden daher jeden Morgen, ſo oft man auf die Wache zieht, zur nähern Beſichtigung abgeſchraubt. Dabei iſt noch zu bemerken, daß der engliſche Soldat große Vortheile beſitzt, den Stahl zu poliren. Zum Beſchluß meiner Beſchreibung des Neptun will ich noch die auf dem⸗ ſelben gewöhnliche Tagesordnung erwähnen, worin überhaupt, mit Ausnahme kleiner, durch Zeit und Umſtände veranlaßter Abweichungen, alle engliſche Kriegſchiffe übereinkommen.— Die Mannſchaft pflegt in drei Haufen abge⸗ theilt zu ſein, welche, mit ihren Lieutenants an der Spitze, alle vier Stunden einander in der Wache ablöſen. Es bekommt folglich Jeder hinreichende Muße ſich zu erholen und ſeine eigenen Geſchäfte zu beſorgen, ſo wie er abwechſelnd in der einen Nacht vier, in der andern acht Stunden Schlaf genießt. Von dieſer Ordnung weicht man nur dann ab, wenn Umſtände eintreten, wo die vereinigten Kräfte der geſammten Mannſchaft nöthig ſind, beſonders vor, in und nach einer Schlacht, bei einem Sturm ꝛc. Auch findet dieſes Statt, wenn die Schiffe im ſichern Hafen liegen. Alsdann arbeiten die Leute den ganzen Tag, ſchlafen dagegen ungeſtört in der Nacht; und nur die Marineſoldaten halten die nächtliche Wache, wobei ſie, wie das Militär einer Feſtung, die Stunden abrufen. Die Zeit wird in allen Fällen, eben ſo wie auf den Kauf⸗ fahrern— was ich Bd. I. S. 3 u. 4 beſchrieben habe,— alle halbe Stun⸗ den mittels der Glocke angezeigt. Des Morgens früh um vier Uhr thut man, wenn Jahreszeit und Klima keine Abweichung nöthig machen, den ſo genannten Morgenſchuß, was bei ganzen Flotten auf dem Schiffe des Admirals geſchieht. Zu gleicher Zeit rührt man die Trommel, und die Quartiermeiſter und Unterbootsmänner laſſen auf allen Decken, wo das Schiffsvolk ſchläft, ihre⸗Pfeifen kräftig er⸗ tönen. In größter Eil ſpringen nun die Leute aus ihren Hangmatten, und ſchnüren dieſelben, nachdem ſie ſich in ihre Kleider geworfen haben, nebſt dem Bettzeuge zuſammen. So bald der Ruf„hinauf alle Hangmatten!“ erſchallt,— und dies geſchieht ungefähr fünf Minuten nach dem Kanonen⸗ ſchuſſe,— läuft Jeder mit der geſchulterten Hangmatte nach dem Verdeck, um ſie hier, wie oben beſchrieben wurde, aufzuſtellen. Der Letzte wird, ob⸗ ſchon jederzeit Einen das Loos treffen muß, von den Unterbootsmännern mit einigen Hieben empfangen, was eine große Beſchleunigung des Geſchäftes zu Wege bringt. Nach Beendigung desſelben beginnt man das Tagwerk mit der Reinigung des Schiffes. Wiewohl ich über die Reinlichkeit, welche auf den engliſchen Kriegſchiffen herrſcht, ſchon viel geſprochen habe, ſo muß ich doch, da ſie eine ſo weſentliche Eigenſchaft derſelben und überhaupt nicht genug zu rühmen iſt, noch Einiges hinzufügen. Die tägliche Säuberung des Schiffes erſtreckt ſich nicht nur auf die Außenſeite, ſondern auch auf alle innere Gemächer und Decke. Erſtere wird, indem man ſich auf die aufgezogenen Klappen der Geſchützpforten ſtellt, mit Bürſten geſcheuert, und dann mit Waſſer abgeſpült. Im Hafen wird dieſes Geſchäft durch Leute unterſtützt, die ſich mit Schüppen, d. i. hohlen, zum Schleudern des Waſſers eingerichteten Schaufeln, in ein Boot begeben. Die Kajüten werden auf eine Art geſäubert, die der in den Häuſern gebräuch⸗ lichen ziemlich nahe kommt, obſchon hierbei ungleich mehr Genauigkeit und An⸗ wendung gewiſſer Kunſtgriffe Statt findet. Dies iſt auch der Fall mit den übrigen Wohnkammern. Solche Behältniſſe, die keine Näſſe vertragen, wie z. B. die Proviantkammern u. ſ. w., wiſcht man wenigſtens mit einem ange⸗ feuchteten ſo genannten Mop auf, einem Büſchel von wollenen Lappen oder Fäden, das an einem Stock befeſtigt iſt. Das Verdeck wird auf eine den Seemännern ganz eigene Weiſe gewaſchen. Da es von vorn und hinten etwas abſchüſſig nach der Mitte zuläuft— was man den Spring eines Schiffs nennt,— ſo theilen ſich die Wäſcher in zwei Theile, wovon der eine das Ge⸗ ſchäft vom Bug, der andere vom Heck aus beginnt. Dieſer hat einen Quartier⸗ meiſter, jener einen Gehülfen des Bootsmanns zum Anführer. Zuerſt errichten ſie Geſtelle, um das Waſſer bequem aus dem Meere zu ſchöpfen, was mittels getheerter, durch Reifen ausgeſpannter Leinwandſäcke geſchieht, weil hölzerne Eimer die Seite des Schiffs zu ſehr beſtoßen würden. Alsdann begießen ſie das Verdeck mit Waſſer, ſtreuen Sand darauf, und beginnen das Scheuern. Hierzu gebraucht man große viereckige Sandſteine, welche, nach Verhältniß ihrer Schwere von ungefähr ſechs bis zwölf Mann, an Stricken auf den Die⸗ len hin und her gezogen werden. Dieſes Verfahren dient nicht nur die Dielen ungemein zu reinigen und zu ebenen, ſondern ihnen auch, weil der feine Sand in die Fugen und Poren dringt, eine kreideweiße Farbe und große Feſtigkeit zu geben. Da ſolche Sandſteine nicht immer zu bekommen ſind, ſo werden in Ermangelung derſelben ſtarke hölzerne Kaſten oder aus grobem Tauwerk ver⸗ fertigte Matten, mit Eiſen beſchwert, zu gleichem Zweck angewendet. So wie der Stein oder die Scheuermaſchine vorwärts geht, folgt eine Anzahl Leute mit kleinen Steinen, um an den unberührt gelaſſenen Stellen, beſonders zwi⸗ ſchen den Kanonen, nachzuhelfen. Zu gleicher Zeit ſind Andere beſchäftigt, alle mit Oelfarbe angeſtrichenen Gegenſtände mit Bürſten abzuwaſchen. Der Anführer ſpült Alles, ſo wie es gebürſtet oder geſcheuert iſt, mit Waſſer ab, welches ihm von einigen in eine Reihe geſtellten Männern zugelangt wird. Um das Wegſchwemmen des Sandes zu unterſtützen, ſtehen Einige mit Beſen bei der Hand, ſo wie Andere, um die etwa zum Vorſchein kommenden Theer⸗, Fett⸗ und dergleichen Flecken mit Kratzeiſen wegzubringen. Auf dieſe Weiſe ſchreitet der ganze Zug vorwärts, bis endlich beide Theile in der Gegend des Hauptmaſtes zuſammen treffen, und den vor ſich her getriebenen Schmutz durch die am Bord befindlichen Löcher gemeinſchaftlich fortſchaffen. Hierauf fegt man das Waſſer rein von den Dielen ab, und trocknet es vollends mit beſon⸗ dern Wiſchen auf, welche die engliſchen Seeleute„Swabs“ nennen. Dieſe beſtehen in dicken und langen Quaſten, die man aus Stücken ſtarker Taue ver⸗ fertigt, indem das obere Ende mit einem Tauring als Handgriff verſehen, und das Uebrige in die einzelnen Fäden aufgetrieſelt wird. Sie haben dieſelbe Beſtimmung, wie die Wiſchlappen auf dem feſten Lande, nur daß man den zu trocknenden Gegenſtand nicht damit reibt, ſondern kräftig und zwar kreuzweiſe peitſcht. Da aber hierbei nicht ſelten die Faſen umher fliegen, ſo müſſen zum Beſchluß die Beſen noch einmal ihre Dienſte leiſten. Die Batterien werden eben ſo wie das Verdeck geſäubert, außer daß man, wegen der langen Kano⸗ nen, die den Raum ſehr beſchränken und zu viele Winkel verurſachen, ſtatt der Sandſteine große Stockbürſten gebraucht. Uebrigens geht das ganze Reini⸗ gungsgeſchäft ungemein ſchnell von Statten, und alle Theile des Schiffes ſind wenigſtens gegen acht Uhr völlig getrocknet. Dies war aber auf dem Neptun, weil ihm die Wärme des weſtindiſchen Klima's dabei zu Hülfe kam, gewöhn⸗ lich noch weit früher der Fall. Die Urſache, warum das Trocknen ungleich 1 ſchneller, als in den Zimmern der Häuſer vor ſich geht, liegt nicht blos in der deßhalb angewendeten Sorgfalt und in dem geſchwinden Verfahren beim Waſchen, welches der Näſſe keine Zeit zum Eindringen läßt, ſondern es tra⸗ gen auch mancherlei andere Umſtände dazu bei. Vorerſt haben die meiſten Ge⸗ mächer eines Schiffs mehr Luftzug als die der Häuſer. Ferner ſind dort die Fugen der Dielen mit Werg ausgeſtopft, und mit Pech oder Kitt überzogen, wodurch ein dicht verbundenes, für das Waſſer undurchdringliches Ganzes entſteht. Auch bekommt die Oberfläche, weil das tägliche Scheuern, wie ſchon erwähnt, die Poren mit Sand ausfüllt, die Eigenſchaft eines Steins, von welchem die Näſſe ſchnell wieder verdnnſtet. Ein oder zweimal die Woche wird die Reinigung der Batterien bis gegen 10 Uhr ausgeſetzt, weil an ſolchen Tagen der Schiffsmannſchafft geſtattet iſt, ihre Wäſche hier zu waſchen. Da dies aber mit Seewaſſer geſchehen muß, ſo waſchen die Leute blos das gröbere Zeug, indem ſie dasſelbe, auf die Dielen gebreitet, mit Kalk beſtreuen und bürſten. Die feinern Stücke reinigen ſie, wie ſchon oben geſagt wurde, verſtohlner Weiſe mit friſchem Waſſer, und verfahren dabei, ſo wie es gewöhnlich auf dem feſten Lande geſchieht. Statt deſſen verwenden ſie auch oft ihre Suppe von Erbſen oder Bohnen dazu, weil dieſe Früchte ſeifenartige Theile enthalten, und ſie ohnedies auf den Schiffen, wegen der allzu öftern Auftiſchung derſelben, nicht ſehr geachtet, ja, Manchem zum Ekel ſind. Eben ſo pflegt man ſeine Zuflucht zum Urin zu nehmen, da her eine ſehr ſcharfe Lauge gibt, welche nicht nur zur Reinigung des wollenen Zeuges, ſondern hauptſächlich auch dazu geſchickt iſt, Pech⸗ und Theerflecken, die den Wäſcherinnen auf dem feſten Lande, ſelbſt denen in den Seeſtädten, oft viel zu ſchaffen machen, ohne große Mühe wegzubringen. Zu dem Ende befinden ſich auf dem Gallion jederzeit einige zum allgemeinen Gebrauch be⸗ ſtimmte Kübel, worin Kleider auf ſolche Art in der Beize liegen. Dieſelben bleiben mehrere Tage darin, werden dann, auf den Dielen, blos mit den Füßen geſtampft und, zum Abſpülen und zur Vertreibung des Uebelgeruchs, einige Zeit in das Meer gehängt, worauf ſie, ohne alle weitere Behandlung, äußerſt rein hervorgehen. Sobald auf dem Neptun das Geſchäft, das ganze Schiff zu ſäubern, beendigt war, vertheilte der Ausgeber diejenigen der täglichen Lebensmittel, welche nicht durch die Hände des Kochs gehen, ſondern unmittelbar von der Mannſchaft bezogen werden, wie z. B. den Zwieback, den Zucker u. ſ. w. Während der Zeit begannen die wachhabenden Leute das ihnen angewieſene Tagwerk. Um acht Uhr gaben die Pfeifen das Zeichen zum Frühſtück; das ganze Schiffsvolk eilte nun ihren Wohnplätzen zwiſchen den Kanonen zu, und man brachte das Getränk aus Kakao herbei. Eine halbe Stunde nachher rief man zur Rückkehr an die Arbeit. Die ſo genannten Köche der verſchie⸗ denen Tiſchgeſellſchaften waren in der Regel hiervon ausgenommen, und gin⸗ gen an die Bereitung der beſondern Gerichte, z. B. des Puddings. Wenn dieſer fertig war, füllte man ihn in ſpitzige Säcke, die ſodann der Schiffkoch an den daran geknüpften Leinen in den Keſſel hing, ſo daß die ans Ende be⸗ feſtigten Tiſchmarken über den Rand hervorragten, daher Jeder ſein Eigen⸗ thum leicht erkennen, und nach Gefallen herausnehmen konnte. Ein Umſtand, welcher den Tiſchköchen viel zu ſchaffen machte, war die Bereitung des Salzes. Da man nämlich nur das in den ledigen Fleiſchfäſſern zurückgebliebene grobe Steinſalz, das überdem ein ſchmutziges, bräunliches Anſehen hat, bekommen konnte, ſo mußten ſie dasſelbe ſorgfältig ſäubern und waſchen, dann trocknen und endlich— wozu ſie ſich gläſerner Flaſchen bedienten,— fein reiben, bis es dem Puderzucker gleich kam. Um neun Uhr erſchienen die ſämmtlichen Offiziere, ſauber gekleidet, auf der Schanze. Zu gleicher Zeit zog hier die militäriſche Wache auf, um nach geſchehener Beſichtigung der Kleider und Waffen zu exerciren. Zum Beſchluß der Parade ſpielte das ſehr gut beſetzte, meiſtens aus Franzoſen und Deut⸗ ſchen beſtehende Hoboiſtencorps, das dann ſeinen Standpunkt hinter dem Ge⸗ länder auf der Kampanje hatte. Um 10 Uhr zog die Wache ab. Das ganze Offiziercorps nahm nun, unter dem fortgeſetzten Spiel der Hoboiſten ein Frühſtück ein. Dieſes beſtand — denn Thee, Kaffee oder Schokolate trank Jeder beim Ankleiden auf ſeinem Schlafzimmer,— hauptſächlich in Beefſteaks, kaltem Fleiſche, Schinken, Ein⸗ gemachtem, weichgeſottenen Eiern, ſo wie in Wein, Porter und Likören. Um 12 Uhr verſammelte ſich das Schiffsvolk, mit Inbegriff der Unter⸗ offiziere, zum Mittageſſen. Man erblickte nun die Tiſche zwar blos mit groben, gewöhnlich von Segeltuch verfertigten, aber dennoch reinlichen Tüchern bedeckt, und das Tiſchgeſchirr anſtändig darauf geordnet. Während in der Küche die Speiſen vertheilt wurden, pflegte ein Unterofftzier über die gute Ordnung dabei zu wachen, indem er die verſchiedenen Tiſchgenoſſenſchaften nach ihren Nummern bedienen ließ, und die ausgegebenen Portionen aufzeichnete. Beim Austheilen des Fleiſches verfuhr man, um den Schein der Parteilichkeit zu vermeiden, auf eine beſondere, der Verloſung ähnliche Weiſe. Es ſtand näm⸗ lich ein Gehülfe des Kochs mit dem Rücken gegen den Fleiſchkübel gekehrt, und berührte, ſo oft eine Nummer ausgerufen wurde, hinter ſich und ohne den Kopf zu drehen, irgend ein Stück mit der Gabel, welches der Koch ſofort dem⸗ Ausgerufenen überlieferte. Unzufriedene konnten daher blos über ihr Schick⸗ ſal ſich beklagen. Während der Zeit, wo die Mannſchaft aß, war der Ausgeber mit ſeinen Gehülfen beſchäftigt, das Getränk zu beſorgen. Es wurde zu dem Ende, auf dem mittlern Deck, ein großer Kübel niedergeſetzt und, zu gleichen Theilen, mit Rum und Waſſer gefüllt. Gegen halb ein Uhr kam man gewöhnlich damit zu Stande, worauf der einladende Ruf:„Grog ho!“ ertönte. Es war dann, als ob den Leuten ein elektriſcher Schlag durch alle Glieder führe, und die ſämmtlichen Tiſchköche rannten gleich Raſenden fort, um das Getränk zu holen. Hierbei muß ich bemerken, daß der Grog das größte Labſal, das höchſte irdiſche Gut der engliſchen Seeleute, beſonders der auf den Krieg⸗ ſchiffen iſt, und daß die des Neptun nicht wenig Mißmuth bezeigten, wenn bisweilen, zur Abwechſelung, ſtatt deſſen Madeirawein gegeben wurde, ob dieſer ſchon von vorzüglicher Güte und nie mit Waſſer vermiſcht war. Wäh⸗ rend der Mahlzeit ſelbſt herrſchte unter den Leuten eine auffallende Stille, die aber, ſo bald der Grog erſchien, in geräuſchvolles Plaudern überging. Die meiſten Engländer verfahren bei jeder Verrichtung, und eben ſo beim Eſſen, mit zu großem Ernſt und zu raſtloſer Aemſigkeit, viel dabei zu ſprechen; nur beim Trinken werden ſie geſprächig, daher ſie auch mit geſelliger Unterhaltung faſt immer den Genuß von Getränken verbinden, und überhaupt beides als unzertrennlich betrachten. Als einer andern nationellen Eigenheit muß ich der ſonderbaren Kampfluſt gedenken, die nach dem Eſſen und Trinken, mit dem Gefühl der erneuerten Kräfte in den Leuten erwachte. Unwillkührlich ballten ſie die Fäuſte zuſammen, und machten die Bewegung eines Kämpfenden. Bald ſah man ſolche Boxluſtige, die, trotz des ſcharfen Verbotes, zwei und zwei einander gegenüber und zwar in einer reitenden Stellung auf Kiſten ſitzend, ſich das Rippenfell nach Herzensluſt durcharbeiteten, aber ohne dabei Lärm zu erregen, oder Feinde zu werden. Dem Allen machte, um ein Uhr, der Ruf:„zurArbeit!“ ein Ende. Die Tiſchköche waren dann emſig beſchäftigt, das gebrauchte Eß⸗ und Trinkgeſchirr wieder in ſaubern Stand zu ſetzen. Auch eilten die Deckfeger mit ihren Beſen herbei, die Dielen zu kehren, was überhaupt nach jeder Mahlzeit und außer⸗ dem zu verſchiedenen Stunden des Tages geſchah, ſo daß dieſe Leute faſt nie fertig wurden. Sobald die Eßzeit des gemeinen Schiffsvolks vorüber war, begann man die Speiſen für die Offiziere zu bereiten, daher dann die Köche und übrigen Diener derſelben ſich in lebhafter Thätigkeit zeigten. 350 Um vier Uhr begaben ſich die Offiziere zur Tafel, wozu ein beſonderes Zeichen mit der Trompete gegeben wurde. Der Admiral und der Kapitän ſpeiſten in der Regel einzeln, bisweilen jedoch zuſammen. Im erſtern Fall pflegte jeder einen Lieutenant, wobei man eine gewiſſe Reihenfolge beobach⸗ tete, zur Geſellſchaft einzuladen. Die übrigen Lieutenants aßen gemeinſchaft⸗ lich mit dem Schiffer und den obern Beamten. Den Cadetten waren beim Eſſen die Steuerleute, ſo wie einige Beamte und, zur Aufſicht, auch ihre Ober⸗ lehrer beigeſellt. An allen dieſen Tafeln herrſchte, nicht nur in Hinſicht der Speiſen und Getränke, ſondern auch des Geräthes, großer Aufwand, der ſich bis auf die zahlreiche, wie die Kellner in großen Wirthshäuſern gekleidete Dienerſchaft erſtreckte. In dem Speiſeſaal der Lieutenants hatte jeder ſeinen eigenen Diener hinter ſich. Ueberdies kam hier noch dazu, daß die Hoboiſten während des Mahles im Vorſaal ſpielten, denn der Admiral pflegte die Tafel⸗ muſik, ob ſie ſchon eigentlich der obern Kajüte zugehört, der untern zu über⸗ laſſen, weil er die Stille liebte. Bei beſondern Gelegenheiten wurde das ſämmt⸗ liche Offiziercorps des Schiffs vom Admiral zur Tafel eingeladen, was biswei⸗ len, z. B. nach erfochtenen Siegen, auch mit den Kapitänen der ganzen Flotte der Fall iſt. Man kann aus der Prachtliebe der Engländer leicht ſchließen, daß bei ſolchen Gaſtereien alle Künſte zu ihrer Verherrlichung aufgeboten werden. In der Regel ſchloß ſich die Eßzeit der Offiziere um fünf Uhr; allein, mit Aus⸗ nahme der wachhabenden, blieben die meiſten nach engliſcher Weiſe bis ſpät am Abend bei Tiſche ſitzen. Ich muß hierbei meinen jüngern Leſern bemerk⸗ lich machen, daß es überhaupt unter den vornehmern Engländern Sitte, und gewiſſermaßen Erforderniß des guten Tones iſt, nach genoſſenem Frühſtück den Geſchäften ununterbrochen bis gegen vier oder fünf Uhr obzuliegen, die übrige Tageszeit aber den Körper zu pflegen. Man hält alsdann das Haupt⸗ mahl, und verweilt beim Nachtiſche, der vorzüglich in Wein und Likören beſteht, oft mehre Stunden, bis endlich, um dem ſchwer beladenen Magen zu Hülfe zu kommen, ſtarker Thee getrunken wird. Un dieſelbe Zeit, wo die Offiziere zur Tafel gingen, bekam die übrige Mannſchaft zum zweiten Mal ihr Getränk. Eine halbe Stunde nachher wurde ſie wieder zur Arbeit aufgefordert, die jedoch, weil die Offiziere ſich entfernt hatten, nicht ſehr betrieben wurde, ſo daß Viele, ſowohl Unteroffiziere als Gemeine, in der Küche oder auf dem Gallion Zuſammenkünfte hielten, oder ſich ſonſt mit Nebendingen beſchäftigten. Wenn die Speiſen für die Offiziere aus der Küche verabfolgt werden, begann man die Kochmaſchine ſammt allem Zubehör zu ſäubern. Der Schiffs⸗ koch war beſchäftigt, die Beſtandtheile der Gerichte, welche die Mannſchaft den 1 folgenden Tag bekommen ſollte, in Empfang zu nehmen und vorzubereiten, indem er z. B. das geſalzene Fleiſch in großen Kübeln einwäſſern ließ. Um ſechs Uhr wurde förmlich Feierabend gemacht. Jeder räumte ſeine Arbeit auf die Seite, worauf die Deckfeger noch einmal ihr gewöhnliches Ge⸗ ſchäft verrichteten. 3 Um ſieben Uhr gab man das Zeichen, die Schlafmatten vom Verdeck zu nehmen, und an ihren beſtimmten Plätzen aufzuknüpfen. Jede Tiſchgeſell⸗ ſchaft verweilte dann bei angezündeten Lichtern— wovon vöchentlich eine beſtimmte Menge vertheilt wurde,— innerhalb ihres Bezirks, bis endlich um acht Uhr der Abendſchuß, vom Zapfenſtreiche begleitet, das Zeichen gab, die Lichter auszulöſchen, und ſich zur Ruhe zu verfügen. 4 Die an Feſttagen beobachtete Lebensordnung wich nur in ſo fern von der gewöhnlichen ab, daß man, weil ſolche Tage bei den Engländern ſehr heilig gehalten werden, ohne dringende Noth keine Arbeit verrichtete, und des Morgens öffentlichen Gottesdienſt hielt. Das Halbdeck diente zur Kapelle. Um demſelben ein feierliches Anſehen zu geben, ſpannte man ſchöne bunt⸗ farbige Flaggen darüber aus, ſo wie auch die Seiten mit dergleichen bekleidet wurden. In der Mitte ſtellte man eine Kanzel auf, wo der Prediger, das Geſicht nach der Vorderſeite des Schiffes gekehrt, ſeinen Vortrag hielt. Hin⸗ ter ihm, nach der Kajüte zu, nahmen die Offiziere Platz, und vor ihm, in der Gegend des Hauptmaſtes, verſammelte ſich der große Haufe. Während der religiöſen Uebung ſelbſt herrſchte die tiefſte Stille, und jedes Gemüth ſchien von derjenigen Andacht durchdrungen, die ihre Quelle im erſten Nachdenken hat, was überhaupt den Gottesdienſt der Engländer ſo charakteriſtiſch bezeich⸗ net.— Nachmittags wurde, wenn das Schiff vor Anker lag, einem Theile der Mannſchaft, gewöhnlich einer ganzen Wache, geſtattet, ſich am Lande zu vergnügen. Dies geſchah jedoch unter Aufſicht einiger Unterofftziere, die nicht nur für das Betragen ihrer Untergebenen, ſondern auch dafür haften mußten, daß ſie zur beſtimmten Zeit zurückkehrten. Man pflegte ſich daher in kleine Geſellſchaften zu theilen, und ſo von einem Wirthshauſe zum andern zu ſtrei⸗ chen, bis endlich nach Sonnenuntergang Alle ſich wieder vereinigten und gemeinſchaftlich nach dem Schiffe zurück fuhren. Meine Leſer können aber leicht denken, daß ſolche Luſtwandler gewöhnlich betrunken und mit großem Geräuſch anlangten. In ſolchen Fällen gebrauchte man jedoch die größte Nachſicht, und es ſchien, als ob ein Spaziergang zur Berauſchung und zum Lärmen ein Vorrecht gebe; daher auch gewöhnlich dergleichen Ruheſtörer blos durch die lakoniſche Entſchuldigung„ich bin(oder war) vom Lande gekommen“ ſich zu rechtfertigen ſuchten. 352 Nach dieſer langen, und dennoch ſehr unvollſtändigen Beſchreibung des Neptun, komme ich auf das, was während meines Aufenthaltes auf demſelben, vorfiel, und auf mich ſelbſt zurück.— Man kann leicht denken, daß unter einer ſo zahlreichen Menge meiſtens junger, kräftiger, aber auch roher und zum Theil böſer Menſchen beſtändig Vorfälle aller Art ſich ereignen. Zu den traurigſten, deren ich mich erinnere, zähle ich hauptſächlich eine Hinrichtung mittels des Stranges, ob ſie ſchon, als das Werk eines Augenblicks, weniger Schreckliches hatte, als manche langſame Geißelſtrafe, wovon ich Zeuge war. Es iſt aber nicht das Trauerſpiel allein, was den unauslöſchlich tiefen Ein-⸗ druck in meiner Seele machte; auch der Umſtand, daß mehre Tage tiefe Schwermuth auf der ganzen Flotte herrſchte, trug Vieles dazu bei. Warum der Anblick des Hängens auf Zuſchauer, wie die engliſchen Seeleute, welche das weit grauſamere Geißeln kaltblütig mit anſehen, und überhaupt mit den Bildern des menſchlichen Elends und des Todes vertraut ſind, ſo große Wir⸗ kung macht, ſcheint vorzüglich in dem Schimpflichen jener Todesart, ſo wie in ihrer Seltenheit zu liegen, indem die Strafe des Stranges auf den Krieg⸗ ſchiffen nicht oft vorkommt, dagegen man nach einem kurzen Aufenthalte daſelbſt an den Anblick des Geißelns gewöhnt wird. Ueberdies beſitzen die Engländer die Eigenheit, daß ihr Gemüth nicht leicht Eindrücke von außen empfängt, die aber, wenn es ſich ihnen nicht öffnet, um ſo tiefer eindringen. Von komiſchen Auftritten will ich nur einige erwähnen, die in der erſten Zeit meiner Gefangenſchaft Statt fanden, und ſich daher, wegen ihrer Neuheit, meinem Gedächtniß am tiefſten einprägten.— Gleich an demſelben Morgen, als ich zum erſten Mal unter die Schiffsmannſchaft trat, erhielt ich einen ſtarken Beweis von der ſtrengen Subordination, der ſie unterworfen war. Ich verweilte auf der mittlern Batterie, um die Leute frühſtücken zu ſehen, als ein Matroſe, der einen andern im unſchuldigen Scherz herumzerrte, an einen vorübergehenden Cadetten ſtieß. Er trat ſogleich ehrerbietig zurück, und rückte ſeinen Hut— denn ihn abzunehmen iſt bei den Engländern nicht Sitte — von einer Seite zur andern, um ſich zu entſchuldigen. Allein der kleine Menſch gerieth in heftigen Zorn, ſprang auf eine Kanone, und gab dem wie ein Rieſe vor ihm ſtehenden Matroſen ein paar tüchtige Ohrfeigen, welche dieſer— ganz geduldig ertrug. Eines Abends, als die meiſten Offiziere noch bei der Tafel ſaßen, und der Admiral faſt ganz allein auf der Schanze hin und her ſpazierte, trieb der Wind ein Kartenblatt aus dem großen Mars herab, und verrieth dadurch, daß die Marsgaſten ein Spielchen machten. Cochrane mochte dies ohnehin ſchon lange bemerkt haben, hatte jedoch, weil er es unter ſeiner Würde hielt, 1 1 nach ſolchen Dingen zu ſpüren, und überhaupt ungern ſtrafte, dazu ſtillge⸗ ſchwiegen. Selbſt von dem herabkommenden Blatte vermied er Anfangs, indem er ſich ſchnell umkehrte, Notiz zu nehmen; aber ſonderbar, der Wind führte dasſelbe recht auf ihn zu, und drehte es mehrmal um ihn herum, ſo daß er end⸗ lich, trotz allen abſichtlichen Umkehrens und Wendens, nicht umhin konnte, es zu bemerken. Die armen Marsgaſten durften ſich indeſſen Glück wünſchen, daß der Admiral ſelbſt der Entdecker ihres Vergehens war. Wären der Kapitän oder die Lieutenants auf dem Platze geweſen, ſie würden die ſpielende Geſell⸗ ſchaft zu einer harten Strafe gezogen haben. Der Admiral begnügte ſich, die Sache auf der Stelle damit abzumachen, daß der Marskapitän ſeines Poſtens entſetzt wurde, ihn jedoch nach einigen Tagen wieder erhielt. Eines Morgens erſchien auf dem Halbdeck ein Matroſe, der ſich beim wachhabenden Lieutenant beſchwerte, daß man den Zwieback in lauter Brocken ausgegeben habe.— Die Ungereimtheit dieſer Beſchwerde fällt Jedem in die Augen, weil die Zerbrechlichkeit des engliſchen Zwiebacks durch das öftere Hin⸗ und Herſchaffen in den Säcken noch vermehrt wird, und der Ausgeber die⸗ ſelben ſtets nach dem Gewichte vertheilt, daher nichts darauf ankommt, ob man ihn in Stücken oder in der runden Form erhält, da zumal der ganz ge⸗ bliebene zäher und minder ausgebacken iſt. Außerdem beſteht auch die Ein⸗ richtung, daß er vor dem Austheilen, mittels weiter Siebe, die eine Haſelnuß durchfallen laſſen, von allen zu kleinen Brocken geſondert wird, welche man dann unter dem Namen„Brotſtaub“ an die Magazine gegen Abrechnung aus⸗ liefert, oder auch zur Fütterung der Thiere verwendet. Dazu kommt noch, daß alle Seeleute die Gewohnheit haben, den Zwieback, ehe ſie ihn eſſen, mit der hohlen Hand gefaßt, am Knie zu zerſchlagen, weil es, wenn man Stücke davon abbeißen wollte, die Zähne zu ſehr anſtrengen würde. Aber eben das Zerſchla⸗ gen iſt es, was den Genuß desſelben würzt, und Viele verzehren den zerbröckel⸗ ten mit einer Art von Ueberdruß, dagegen ſie ihn gern mit Verluſt gegen ſolchen vertauſchen, der ſich ganz erhalten hat. Die Mannſchaft des Neptun hatte ſchon lange dieſe ſonderbare Grille gehabt, wodurch oft Zänkereien entſtanden waren. Der Lieutenant ergriff daher jetzt die Gelegenheit, dem Uebel für die Zukunft zu ſteuern. Er befahl, einen völlig unverſehrten Zwieback herbei zu bringen, den der Unzufriedene vor ſeinen Augen verzehren mußte. Da dieſer aber auf die genannte Weiſe damit zu Werke ging, nämlich den Zwieback vor dem Eſſen am Knie zerſchlug, und folglich den Grund ſeiner Beſchwerde ſehr übel erwies, ſo war das Reſultat, daß man ihm ein Dutzend Peitſchen⸗ hiebe zuerkannte, die er auch auf der Stelle bekam. So oft die engliſchen Kriegſchiffe mit dem Lande in Verbindung kommen, Richter's Reiſen. I. 23 354 wird den Einwohnern jeder Tauſchhandel mit den Mannſchaften ſtreng unter⸗ ſagt, weil dieſe ſonſt, um Getränk zu erhalten, ſich von allen nöthigen Bedürf⸗ niſſen entblößen würden. Widrigenfalls beſtraft man den Käufer wie den Ver⸗ käufer, und zwar erſtern dadurch, daß er das Gekaufte unentgeltlich ausliefern, oder den Werth desſelben bezahlen muß, welcher Züchtigung, nach Befinden, auch noch andere beigefügt werden. Dennoch überſchreiten die Leute häufig dieſe Einrichtung, und treiben mit derſelben mancherlei Mißbräuche. Zum Beweis dient folgende Begebenheit. Einige Tage nach der Beſitznahme von Martinique hatte ein Matroſe vom Proviantmeiſter neue Kleider, auf Rechnung bekommen, nachher aber am Lande verkauft. Die Sache kam bald an den Tag. Der Verkäufer wurde mit zwei Dutzend Geißelhieben beſtraft, die er mit großer Gelaſſenheit ertrug, worauf man ihm ſein wieder ausgeliefertes Eigenthum zu⸗ ſtellte. Triumphirend zog er damit ab, gab aber durch ſeine Freude Gelegen⸗ heit zu der Entdeckung, daß er ſelbſt, den armen Mann am Lande zu betrügen, die Sache verrathen habe; daher eine Wiederholung der Strafe folgte. Nach dem zu ſchließen, was ich oben von der Kampfluſt und der etwas zänkiſchen Gemüthsart des engliſchen Seevolks geſagt habe, ſollte es ſcheinen, daß unter ſolchen Leuten der Schwächere beſtändig Mißhandlungen ausgeſetzt wäre. Allein es findet gerade das Gegentheil Statt; nirgends wird er mehr geſchont und geſchützt als dort, und man bindet immer nur mit ſolchen an, welchen ein gleiches Maß von Kräften verliehen iſt. Dieſer großmüthige Cha⸗ rakterzug, der überhaupt allen Klaſſen der Nation eigen iſt, äußert ſich auch bei den Prügeleien ſelbſt. Man nimmt nie zu andern Hülfmitteln als der Fauſt ſeine Zuflucht. Dabei müſſen die Theilnehmer immer in gleichen Verhältniſſen ſich befinden, nie greift z. B. Einer den Andern hinterliſtig, oder ein Stehender einen Sitzenden an, ſondern fordert ihn auf hervorzutreten und ſich zu rüſten. Die Oberkleider werden abgelegt, damit nicht dicke oder dünne einen Unterſchied in den Vortheilen hervorbringen können, daher auch die Aufforderung gewöhn⸗ lich in den Worten„zieh die Jacke aus!“ beſteht. Wenn einer von den Kämpfen⸗ den zu Boden fällt, ſo wartet der Gegner, bis er wieder auf die Beine kommt, und erklärt er ſich für überwunden, dann erfolgt auf der Stelle die Verſöh⸗ nung, welche, durch einen Handſchlag bekräftigt, allen Groll aus dem Herzen hinweg nimmt. Mit dieſem Prügelſyſtem war ich bei meiner Ankunft auf dem Neptun noch wenig bekannt, und wurde daher ſehr überraſcht, als ich nach eini⸗ gen Tagen folgenden Auftritt ſah. Es entzweite ſich ein im Dienſt ſtehender Schwede mit einem Engländer, welcher letztere bald zu Thätigkeiten überging. Da jener des Boxens unkundig war, ſo trug er kein Bedenken, ſeinen Gegner nach ſchwediſcher Sitte— die auch bei uns Deutſchen häufig im Gange iſt,— 3⁵⁵ um den Leib zu faſſen, nieder zu werfen, und nun auf denſelben los zu ſchlagen. Allein, die Zuſchauer verhinderten ihn an dieſem, nach ihren Begriffen wider⸗ rechtlichen Verfahren, verwieſen aber auch ihrem Landsmann die Schändlichkeit, einen im Fauſtkampf unerfahrnen Menſchen anzugreifen; und augenblicklich trat einer von ihnen auf, um die Sache des Ausländers auf engliſche oder, wie die Engländer es nennen, auf rechtliche Weiſe auszumachen. Nach einem lan⸗ gen Kampfe behielt endlich dieſer Sachwalter die Oberhand, worauf der Be⸗ ſiegte, trotz der davon getragenen blauen Augen, dem Schweden verſöhnend die Hand und— was für ihn gewiß eine große Aufopferung war,— obendrein ſein letztes Glas Grog zu trinken reichte. Zum Beſchluß meiner Anekdoten will ich nur die nachſtehende noch an⸗ führen. Ein Theil der Mannſchaft kehrte von einer Beſchäftigung am Lande zurück. Einer davon kam ſpäter als die Uebrigen, und wurde von einem Unter⸗ offizier darüber zur Rede geſetzt, worauf die Antwort nicht befriedigend lau⸗ tete. Da letzterer kein Strafinſtrument bei der Hand hatte, und doch von der alten Gewohnheit, jede kleine Vergehung auf der Stelle zu rügen, nicht abgehen wollte, gab er ihm einen Stoß mit der Fußſpitze an den Hintern. Als das geſchah, that es in dieſer Gegend einen ſtarken Knall, und zu gleicher Zeit ſtürzten Ströme von Rum unten durch die weiten Hoſen vor. Der arme Kerl war hierdurch doppelt geſtraft worden, denn er hatte an jenem verborgenen Platz eine mit Rum gefüllte Blaſe verſteckt gehalten, die nun durch den Stoß zerborſten war. 6. Der Verf. wird vom Admiral aus der Kriegsgefangenſchaft entlaſſen, und in Dienſt genommen. Die Stadt Fort⸗Royal und ihre Umgebung.— Einfluß der engliſchen Herrſchaft auf den Zuſtand von Martinique.— Die franzöſiſche Beſatzung dieſer Inſel wird nach Frankreich eingeſchifft. Ein Gaſt⸗ mahl an Bord. Kampf mit einem franzöſiſchen Escadre. Die Antillen. Was mich betrifft, ſo habe ich ſchon oben geſagt, daß die Kriegsgefangenen ſehr glimpflich behandelt wurden. Da übrigens ein Schiff, wie unſer Neptun, das bunteſte Gemiſch von Gegenſtänden darbot, da hier neben den vielen ernſten Auftritten auch mancherlei komiſche zum Vorſchein kamen, und man, obſchon b unter einem ſteten Gewühl von Menſchen, dennoch in der anziehendſten Sauber⸗ keit lebte, ſo kann ich auf meine Gefangenſchaft, im Ganzen, als eine nicht un⸗ angenehme Lebensperiode zurück blicken. Doch ſie nahte ſich ſehr bald ihrem Ende. Ich war dem Admiral, durch einige ſeinem Sekretär erwieſene Gefällig⸗ keiten, nicht zu meinem Nachtheil bekannt geworden. Dazu kam noch ein anderer * 23 356 Umſtand, den ich nicht unberührt laſſen darf, das ſonderbare Zuſammentreffen mit einem Freunde, deſſen ſchon im dritten Bändchen meiner Reiſen gedacht wurde,— dem Doctor Walter. Dieſer war auf der Rückfahrt von Calecutta ebenfalls den Engländern in die Hände gerathen, und nach der Inſel Barbados geführt worden. Er hatte dort durch einige glückliche Curen die er verrichtete, ſich die allgemeine Achtung, beſonders aber die Gunſt des Admirals Cochrane erworben, und von ihm die Stelle des Oberarztes auf einer Fregatte erhalten, die nun unter der Flotte vor Martinique ſich befand. Wir bemerkten einander einige Tage nach der Uebergabe des Eilandes. Ich ſage nichts von der freu⸗ digen und rührenden Ueberraſchung, ſo wie von den nähern Umſtänden unſerer erſten Zuſammenkunft, und erwähne blos, daß ſich Walter ohne Verzug an den Admiral wandte, meine Freilaſſung zu bewirken. Ich wurde auch wirklich am 28. Februar für frei erklärt, jedoch unter der Einſchränkung, daß ich, bis zu Ende der Expedition, dem erwähnten Sekretär Beiſtand leiſten, dann aber ent⸗ weder in Weſtindien Dienſt nehmen, oder nach England übergehen ſollte. Von dieſer Zeit an veränderte ſich meine ganze Lage. Völlig abgeſondert von den Franzoſen, ward ich nun der Tiſch⸗ und Wohngenoſſe einer Geſell⸗ ſchaft, die aus dem Schiffsprediger, den Wundärzten und einigen Andern beſtand. Uebrigens fand ich den ganzen Tag beim Sekretär des Admirals volle Beſchäftigung, weil ihm das Einſchiffen der franzöſiſchen Garniſon des Eilan⸗ des, zum Theil auch die Einrichtung desſelben viel Mühe machte. Meine Ar⸗ beit ſchränkte ſich Anfangs blos auf Abſchreiben ein, da aber bei der engliſchen Marine faſt alle ſchriftlichen Aufſchätze in beſtimmten, meiſt tabellariſchen For⸗ men ausgefertigt werden, und man folglich, bei einiger Uebung, den Gang der Geſchäfte bald kennen lernt; ſo erlangte ich in kurzem die Fähigkeit, meinen Wirkungskreis über die Sphäre des bloßen Abſchreibers auszudehnen. Häufig wurde ich auch in ſolchen Fällen gebraucht, wo die Verſtändigung mit den Fran⸗ zoſen einen Dolmetſcher verlangte, daher ich, ſo lange ſie Meiſter des Forts waren, dort oft Verrichtung hatte. Auch mein ganzes Aeußeres erhielt ſchnell eine andere Geſtalt; denn ich bemühte mich, die von den Franzoſen angenommenen Sitten und Gebräuche mit den engliſchen zu vertauſchen, weil ich immer für gut befunden und mir zum Grundſatz gemacht habe, überall das Auffällige zu vermeiden. Ueberhaupt ſcheint der Deutſche in dieſer Hinſicht unter allen Nationen den fügſamſten Charakter zu beſitzen; und dies iſt meines Erachtens ein Hauptgrund, warum er in jedem fremden Lande ſo gern aufgenommen, ſo leicht einheimiſch, aber auch oft der Charakterloſigkeit beſchuldigt wird. Hierbei erinnere ich mich, daß einſt ein vornehmer Engländer ſagte:„Die Deutſchen ließen ſich, wie Wachs, in 357 alle Formen bringen; in irgend einen Erdtheil verſetzt, glichen ſie nach wenig Jahren den Eingebornen.“ Als Gegenbeweis könnte man die deutſchen Colo⸗ nien z. B. in Nordamerika, in Rußland u. ſ. w. anführen; allein, dort iſt es die große Maſſe, welche das Vaterländiſche aufrecht erhält. Jene Umſchmelzung meiner Manieren gab indeſſen, ſo oft ich mit den vor⸗ maligen Gefährten in Berührung kam, zu manchen Spötteleien Veranlaſſung; überhaupt ſchien mein Uebergang zu den Engländern ihren Haß, und mein beſſeres Schickſal ihren Neid zu erregen. Welches Recht ſie dazu hatten, über⸗ laſſe ich der Beurtheilung meiner Leſer, und bemerke blos, daß ich es ihnen nie entgelten ließ, ſondern, wo ich nur konnte, für ihr Beßtes zu wirken ſuchte. Herr Dupois blieb jedoch bis zu unſerer Trennung mein Freund. Allein, er befand ſich auch in ganz andern Verhältniſſen als die übrigen Gefangenen, in⸗ dem es ihm nicht an Mitteln fehlte, ſeine Auslöſung zu bewerkſtelligen; und ich erwähne gleich hier, daß er mit der Garniſon von Martinique nach Frankreich zurückgekehrt iſt. Uebrigens befand ich mich während dieſer Periode, zwiſchen Gefangen⸗ ſchaft und völliger Freiheit, in einer unangenehmern Lage als zur Zeit der erſtern, weil ich, obſchon nicht förmlich im Dienſte des Schiffes, dennoch den ſtrengen Geſetzen desſelben unterworfen war. Doch gewährten mir die Verrich⸗ tungen am Lande, womit ich bisweilen beauftragt wurde, manche Aufheiterung, ſo wie ich auch einige Mal das Vergnügen genoß, in Doctor Walters Geſell⸗ ſchaft Luſtpartien dahin anzuſtellen. Die Bemerkungen, welche ich auf meinen kurzen Beſuchen in Fort⸗Royal und der Umgegend machte, will ich hier zuſammen gedrängt mittheilen.— Der Hafen von Fort⸗Royal iſt zwar nicht ſehr geräumig, aber unter den ſämmt⸗ lichen Ankerplätzen des Eilandes der ſicherſte, indem die Schiffe nirgend als hier Schutz vor jedem Winde finden. Die Stadt ſelbſt beſitzt viel hübſche moderne Gebäude, die von Stein aufgeführt und mit Ziegeln gedeckt ſind. Die meiſten hatte man an der Hinterſeite mit einem weitläufigen Gehöfe umgeben, welches die Wohnungen der Sklaven, die Pack⸗ und Vorrathshäuſer enthielt; ſie waren großen Theils aus Bretern und Schilfrohr aufgeſetzt. Man fand aber auch in der Fronte der Straßen, mitten unter den ſteinernen Häuſern, ſolche Hütten, die der ärmern Klaſſe der Freineger und Mulatten zur Behau⸗ ſung dienten; daher die Stadt zugleich Beiſpiele von europäiſcher und afrika⸗ niſcher Baukunſt, von Wohlſtand und Dürftigkeit, von großer Ausdehnung und Einſchränkung der menſchlichen Bedürfniſſe bot, und überhaupt ſehr bunt ausſah. Die Straßen ſind faſt durchgehends breit und regelmäßig angelegt, aber wie in den meiſten Colonien, wo die Mehrzahl der Einwohner aus Negern 358 beſteht, mit Fruchtſchalen, Fiſchgräten und andern Ueberbleibſeln von den Mahlzeiten, häufig auch mit dem Unrath jener Menſchenklaſſe angefüllt, wodurch, verbunden mit der ſtarken Ausdünſtung derſelben, ein auffallender, der Geſund⸗ heit nachtheiliger Uebelgeruch entſteht. Dies würde noch ſchlimmer ſein, wenn man nicht häufig durch den balſamiſchen Duft der feil gebotenen Früchte erquickt würde. Obſchon die Engländer nach der Beſitznahme des Eilandes ernſtlich bemüht waren, durch öffentliche Verordnungen und durch Unterhaltung beſtimm⸗ ter Straßenfeger, eine größere Reinlichkeit einzuführen, ſo ſchien es doch, als würden ſie hierin nur nach und nach ihren wohlthätigen Zweck erreichen. Die Stadt Fort⸗Royal liegt auf einem künſtlichen Grunde, den man bei Erbauung derſelben durch aufgeführte Dämme hervorgebracht hat, weil den Hafen eine ſumpfige Ebene umgab, die der Ueberſchwemmung des Meeres aus⸗ geſetzt war. Dieſer Moraſt iſt zum Theil auch noch vorhanden, und ſchließt die Stadt von der Landſeite ziemlich ein, ſo daß ſie faſt eine Inſel bildet. Er wird durch die im Hintergrunde ſich erhebenden Berge, von welchen der gefallene Regen in Strömen herabſtürzt, unterhalten. Man hat zwar, um dieſelben auf⸗ zufangen und nach dem Meere abzuleiten, Canäle angelegt; da dieſe aber nicht die gehörige Breite haben, und ſich daher oft verſtopfen und das Waſſer über⸗ treten laſſen, ſo geht das Austrocknen der Gegend ſehr langſam von Statten. Sie iſt ſtets mit ſchön grünendem Schilfe bedeckt, weßhalb ſie in der Entfer⸗ nung einen reizenden Anblick gewährt; in der Nähe verſchwindet aber dieſer Reiz, wenn man die hier aufſteigenden ſchädlichen Dünſte, die ungeheuere Menge umher ſchwärmender Inſekten, die vielen Fröſche, Eidechſen und großen Schlan⸗ gen wahrnimmt, welche letztere zu den Plagen der Inſel gehören. Da ich die Landplagen berührt habe, ſo will ich gleich hier erwähnen, daß es außer jener noch zwei weit läſtigere gibt, nämlich große Ratten und Ameiſen. Erſtere durch⸗ wühlen die Felder und zernagen die Wurzeln der Gewächſe. Letztere ſind nicht nur dieſen, ſondern auch den Thieren und ſelbſt den Menſchen gefährlich, und man hat Beiſpiele, daß ſie fetten Schweinen tiefe Löcher in den Leib gefreſſen, ja, daß ſie allein gelaſſene kleine Kinder, ſo wie unbegrabene Leichen in wenigen Stunden zernagt und völlig ſkelettirt haben. Ich ſelbſt erhielt, auf einem meiner kleinen Ausflüge, einen überzeugenden Beweis von der zerſtörenden Kraft dieſer Thiere. Mein Freund Walter und ich hatten, als wir vor die Stadt kamen, einigen entgegen kommenden Negerinnen eine ſchöne Melone ab⸗ gekauft. Es wurde beſchloſſen, uns nach der Rückkehr damit zu erquicken, und ſie, um uns nicht zu beläſtigen, hinter ein leicht erkennbares Geſträuch zu legen. Nach einer Stunde kamen wir zurück und fanden an ihrer Stelle einen Haufen Ameiſen, die eben um den letzten Ueberreſt ihrer Beute kämpften, welcher bald rothen Bataten, ſauern Pomeranzen, Syrup, und übrigens wie der Ouycou 359 in dem Gewimmel vollends verſchwand. Die genannten läſtigen Thiergattun⸗ gen, welche auf keiner der weſtindiſchen Inſeln ſo zahlreich, wie auf Martinique ſind, würden dem Menſchen den Aufenthalt daſelbſt ganz unmöglich machen, wenn nicht die Natur es ſo eingerichtet hätte, daß immer die eine die andere vertilgte. Die Schlangen ſtellen den Ratten nach, und werden, wenn ſie ſich voll gefreſſen und die Fähigkeit der Bewegung verloren haben, oft von den Ameiſen überwältigt. Dieſe finden wieder an den Ratten furchtbare Feinde ihrer Cier, welche bisweilen mehre Zoll hoch unter der Oberfläche des Erdbodens aufgeſchichtet liegen. Die jenſeit des Moraſtes befindlichen Berge, wohin von Fort⸗Royal breite Dämme führen, gewähren einen reizenden Anblick. Die obern Gegenden bedeckt wildes Gehölz, durch welches anmuthige Landhäuſer ſchimmern, die bemittelte Einwohner der Stadt, der geſündern Luft wegen, hier aufgeführt haben. Die Abhänge enthalten anſehnliche Pflanzungen, welche meiſtens Zucker⸗ rohr und Kaffeebäume, aber auch Baumwollenſtauden und Indigo, ſo wie viel Maniok, Bataten, Bananen und andere Früchte erzeugen. In einer der Gar⸗ tenanlagen ſah ich zwei Sorten Weinſtöcke, wovon die eine aus Madeira und die andere aus Frankreich ſtammte. Beide trugen beinahe dreimal im Jahre, und waren jetzt voll köſtlicher Trauben, obſchon der Eigenthümer mit letzterer Anfangs viel Mühe gehabt, und ſie nur dadurch, daß er aus den Kernen der unvollkommenen Beeren neue Stöcke zog, nach und nach mit dem Boden und dem Klima befreundet hatte. Faſt jede Beſitzung iſt mit den Stauden der indiſchen Feige umgeben, die wegen der Eigenſchaft, ſich ungemein zu vermehren, eine faſt undurchdringliche Umzäunung geben. Uebrigens bietet dieſe Land⸗ ſchaft, wie alle weſtindiſchen, dem Europäer vielfältigen Stoff zur Bewunderung dar, indem alle Gegenſtände, von den runden kegelförmigen Bergen— die man auf den Antillen„Mornes“ nennt,— bis zu dem fetten, ſchilfartigen Gras⸗ halm, eine ganz andere Geſtalt als in ſeinem Erdtheile haben. Die Einwohner von Fort⸗Royal weichen, wie es die Beſchaffenheit des Landes mit ſich bringt, in ihrer Lebensart beträchtlich von der franzöſiſchen ab. Beſonders iſt dies der Fall in Hinſicht der Speiſen und Getränke. Die mei⸗ ſten begnügen ſich mit Brod aus dem Mehle von Maniok, das man Kaſſave nennt. Die gewöhnlichſten Getränke ſind der Ouycou und der Maby, deren Bereitung von den indiſchen Urbewohnern, den Karaiben, erlernt wurde. Die des Ouycou beſteht darin, daß man Maniokwurzeln, Bananen, Bataten und Syrup in ein Gefäß mit Waſſer thut, einige Tage gähren läßt, und endlich die auf der Oberfläche entſtandene Schaumdecke abnimmt. Der Maby wird aus 360 gewonnen. Er gleicht an Geſchmack und Farbe dem Birnenmoſt, und hat ſehr betäubende Kräfte; dagegen jener dem Braunbier ähnlich ſteht, und zwar eben⸗ falls ſtark, aber weniger ſchädlich und im Gegentheil nahrhaft iſt. Außerdem gibt es noch andere Getränke, die man mehr des Wohlgeſchmacks wegen ge⸗ nießt, z. B. die Weine aus dem Safte des Acajou-Apfels, der Ananas und anderer Früchte. Selbſt die reichern franzöſiſchen Einwohner hatten, ſeit einiger Zeit, zu den genannten Lebensmitteln ihre Zuflucht nehmen müſſen, weil die Zufuhr vom Nutterlande ſehr beſchränkt geweſen war. Ueberhaupt befand ſich die Kaufmannſchaft in ſehr ungünſtigen Verhältniſſen, und trug deutlich das Gepräge des geſunkenen Wohlſtandes. Ueberall ſah man feine und koſtbare, jedoch abgenutzte Kleider, Meubles u. ſ. w. Am wenigſten ſchienen die Sklaven bei den Bedrängniſſen der Colonie gelitten zu haben, und ich muß zur Ehre ihrer Gebieter anführen, daß ich jene Menſchen, obſchon großen Theils nackt oder in Lumpen gehüllt, nirgends ſo wohlbeleibt, ſorgenlos und fröhlich, als auf Martinique gefunden habe. Sie verſammelten ſich jeden Abend in zahl⸗ reichen Gruppen vor den Häuſern, und verweilten unter Singen, Tanzen und Scherzen bis ſpät in die Nacht. Ihr Geſang, der ſehr eintönig, durch lange Pauſen unterbrochen und mit Seußzern untermiſcht iſt, verſetzt in eine melan⸗ choliſche Stimmung. Um ſo lebhafter zeigen ſich die Tänzer; ihre Bewegungen ſind unbeſchreiblich ſchnell und mannichfach, und drücken abwechſelnd alle Leiden⸗ ſchaften aus, obſchon die Muſik dazu uur in dem einfachen Ton einiger Schel⸗ len, eines Triangels, auch wohl blos darin beſteht, daß man mit Stöcken an einen Keſſel, ein altes Faß, oder an die Thür des Hauſes ſchlägt. Die Herrſchaft der Engländer verbreitete bald einen neuen Geiſt und neue Thätigkeit über die Colonie. In kurzem langten von den benachbarten britiſchen Inſeln, den nordamerikaniſchen Freiſtaaten und ſelbſt von England Handelſchiffe an, die das Land mit den nothwendigen Bedürfniſſen verſorgten, und die aufgehäufte Menge der einheimiſchen Erzeugniſſe ausführten. Die erſten Vortheile des wieder hergeſtellten Verkehrs floſſen der Stadt Fort⸗Royal zu, weil alle ankommende Schiffe ſich dorthin wendeten, ſo lange die britiſche Kriegsmacht daſelbſt verſammelt war; ſpäterhin aber behauptete St. Pierre ſein altes Recht, der Stapelplatz des Eilandes zu ſein. In der Mitte des März kam man mit den Anſtalten, die franzöſiſche Be⸗ ſatzung in ihr Vaterland zu führen, in Ordnung. Am Tage des Einſchiffens zog das Militär aus der Feſtung Bourbon— die es zufolge der Capitulation bis jetzt in Beſitz behalten hatte,— mit allen ihm bewilligten Kriegsehren ab, nämlich mit klingendem Spiel, fliegenden Fahnen und brennender Lunte, ſo wie mit Feldſtücken und Artilleriſten an der Spitze. Auf dem Glacis ſtreckte es die Waffen; die Offiziere behielten das Seitengewehr. Der große Haufe wurde dann auf Transportſchiffe, und der General Villaret nebſt ſeinem Ge⸗ folge, nachdem ihm die Engländer ein glänzendes Abſchiedsmahl gegeben hatten, auf ein Linienſchiff gebracht. Die ganze Maſſe der Eingeſchifften belief ſich kaum auf 4000 Köpfe, worunter 300 Seeleute, die Beamten aller Art, und die ſämmtlichen Weiber, Kinder und Diener mit begriffen waren. Eben ſo befanden ſich— denn es ward allen unzufriedenen Einwohnern ein freier Ab⸗ zug geſtattet.— Pflanzer und Kaufleute dabei. Einige hundert Kranke und Verwundete blieben, unter der Aufſicht franzöſiſcher Aerzte, bis zur Geneſung zurück. Auch bekamen mehre Offiziere und Beamte, welche Eigenthum im Lande beſaßen, die Erlaubniß, zur Beſorgung ihrer Angelegenheiten drei bis ſechs Mo⸗ nate länger zu verweilen. Nach dem Einſchiffen erhob das franzöſiſche Militär allerlei Klagen, weil ihm die engliſche Beköſtigung nicht behagte, auch viele Offiziere die Transportſchiffe nicht bequem genug fanden, und daher auf die zur Bedeckung beigegebenen Krigſchiffe verſetzt zu werden wünſchten. Da jedoch die Artikel der Capitulation alles genau beſtimmt hatten, ſo ging der Transport, ohne daß die getroffene Einrichtung im mindeſten abgeändert wurde, ab, und iſt mit Ausgang Aprils glücklich in Morlaix eingetroffen. Meine Leſer können leicht denken, wie den auf dem Neptun befindlichen Gefangenen zu Muthe war, als ſie die Garniſon von Martinique abſegeln und dem fernen Vaterlande zueilen ſahen. Ihre Sehnſucht nach Freiheit wurde nun doppelt groß, und um dieſelbe zu erhalten, nahmen ſie ihre Zuflucht zu mancherlei Mitteln. Einige beſtürmten den Admiral mit Bittſchriften, andere ſuchten ſich Gönner und Fürſprecher am Lande zu erwerben. Da aber wenige dadurch zu ihrem Zweck gelangten— denn man wartete blos auf eine Gelegen⸗ heit, die Gefangenen nach Barbados zu bringen,— ſo verſuchten viele zur Nachtzeit durch Schwimmen nach dem Lande zu entfliehen, wovon aber die meiſten, da die Entfernung dahin eine Viertelſtunde betrug, entdeckt, eingeholt und beſſer verwahrt wurden. Nach der Abfahrt der franzöſiſchen Beſatzung von Martinique ſuchten die Einwohner und ihre neuen Gebieter ſich einander immer mehr zu nähern, indem man Zuſammenkünfte, Gaſtmähler und mancherlei Feierlichkeiten anſtellte. Auch unſer Neptun war einmal der Schauplatz eines ſolchen Feſtes, das der Admiral einigen Familien aus der Stadt, ſo wie den Offizieren des Schiffes gab. Nach geendigter Tafel wurde ein glänzender Ball, und zwar auf der Schanze gegeben. Es war keine Mühe geſpart worden, dieſen Platz zu ver⸗ ſchönern, und ſeine kriegeriſche Geſtalt in eine freundlichere umzuſchaffen. Man hatte ihn an allen Seiten mit koſtbaren Flaggen behängt, die Kanonen mit ſüß 36²2 —— duftenden grünen Sträuchern umgeben, und eine prächtige Beleuchtung ange⸗ bracht; der untere Theil des großen Maſtes war, mit den herrlichſten Blumen umwunden, in eine Freudenſäule verwandelt. 5 Anfangs Mai, wo die Verwaltung der Colonie bereits auf einem feſten Fuße ſtand, und der großen Kriegsmacht nicht länger bedurfte, war die Flotte im Begriff aus einander und nach verſchiedenen Beſtimmungen abzugehen; die Gefangenen erwarteten jeden Tag nach Barbados geſchafft zu werden, und ich ſah meiner Entlaſſung ſehnlich entgegen. Da ging eines Nachmittags die Nachricht ein, daß in den Gewäſſern bei Guadeloupe ein feindliches Geſchwader angekommen ſei. Es war nach Baſſe⸗Terre, der Hauptſtadt jener Inſel be⸗ ſtimmt, hatte aber, weil große Schiffe nur während der Springfluthen dort einlaufen können, einſtweilen ſeine Zuflucht in den Hafen der Inſelgruppe genommen, die man„les Saintes“ oder„die Heiligen⸗Inſeln“ nennt. Dieſe Inſeln, zwiſchen welchen der Hafen ſich befindet, ſind kahle Felſen, die aus dem Meere zwiſchen Guadeloupe und Dominique aufſteigen. Die Franzoſen hatten ſie während des Krieges befeſtigt und mit einer Garniſon beſetzt. Kaum war die Neuigkeit zur Kenntniß des Admirals gelangt, als ein Kanonenſchuß und eine aufgezogene Flagge der Flotte das Zeichen gaben, ſich ſegelfertig zu machen, um den Feind in ſeinem Schlupfwinkel zu überraſchen. Es iſt unglaublich, mit welcher Schnelligkeit das engliſche Seevolk ſolche Be⸗ fehle auszuführen pflegt. Die Schiffe gleichen dann einem Ameiſenhaufen, wo Alles durcheinander wühlt, und dennoch herrſcht dabei die größte Ordnung. Kurz, nach Sonnenuntergang befand ſich die ganze Flotte unter vollen Segeln. Sie beſtand noch— denn es war ein großer Theil, z. B. durch den Transport nach Frankreich, davon getrennt worden,— aus acht Linienſchiffen, nebſt eini⸗ gen Fregatten, Brigs und Kuttern. Wir kamen während der Nacht bei Mar⸗ tinique und Dominique vorbei, und erreichten, als der Morgen graute, die Felſengruppe les Saintes, aus welcher die Maſten des franzöſiſchen Geſchwa⸗ ders, das aus drei Linienſchiffen und zwei Fregatten beſtand, hervorragten. Bevor ich jedoch in meiner Erzählung fortfahre, muß ich das Weſentliche in Hinſicht der Lage, worin die feindlichen Schiffe ſich befanden, voraus ſchicken. Der Hafen les Saintes war zwar durch die auf den Felſen errichteten Batte⸗ rien in guten Vertheidigungſtand geſetzt; allein der völlig unfruchtbaren und oden Gegend gebricht es an friſchem Waſſer, und dieſes unentbehrliche Bedürf⸗ niß mußte der Garniſon von Guadeloupe aus zugeführt werden. Letztere konnte daher bei einer Blocade keinen langen Widerſtand leiſten, wofern nicht die Schiffe, welche ſie beſchützte, mit großen Waſſervorräthen verſehen waren. Wie die Sache ſich jetzt verhielt, werden wir in kurzem ſehen. 363 Was die Engländer betrifft, ſo hatten ſie von dieſen Verhältniſſen noch keine Kundſchaft eingezogen. Um aber bei Ueberwältigung der feindlichen Schiffe ſicher und ſchnell zu verfahren, ging ihr Plan dahin, mit der Flotte geraden Weges in den Hafen und auf die feindlichen Schiffe einzudringen, und zugleich die Batterien mit Landtruppen zu ſtürmen. Um letztere herbei zu holen, waren bereits, von Martinique aus, Transportſchiffe nach den benachbarten britiſchen Inſeln abgegangen. Für jetzt begnügte ſich der Admiral, die Ausgänge des Hafens, deren es zwei gibt, zu bewachen, nachdem er eine Brig zur Recognos⸗ cirung des Feindes hinein geſchickt hatte, die auch, trotz des fürchterlichen Feuers, das ſie dort empfing, glücklich wieder heraus kam und Bericht er⸗ ſtattete. So kreuzten die engliſchen Schiffe unabläſſig unter den Küſten umher. Bald nahte ſich dieſes bald jenes den Batterien, oder man machte verſtellte Ma⸗ növer, als ob die ganze Flotte im Begriff ſei, in den Hafen zu ſegeln. Dies geſchah blos, um den Feind zu ängſtigen und ihm ſeine Munition verſchießen zu laſſen, womit er auch ziemlich verſchwenderiſch war, indem er häufig Bom⸗ ben warf. Die erſte von allen war ſo gut eingerichtet, daß ſie auf das Linien⸗ ſchiff„der Royal York“ gefallen ſein, und es gewiß in Brand geſteckt haben würde, wäre ſie nicht gerade über den Maſten zerſprungen, wobei nicht einmal Jemand verwundet wurde. Es iſt mir aber nicht erinnerlich, daß nachher ein einziger Schuß ſeine Beſtimmung erreicht hätte, auch überhaupt ſchwierig, ein ſegelndes Schiff mit Bomben zu treffen, weil es durch eine geringe Verſtärkung oder Verminderung des Windes in ungleiche Bewegung geſetzt wird, und daher: in dem Augenblick, wo die Kugel niederfällt, nicht auf dem berechneten Stand⸗ punkte ſich befindet. Ueberdem verfolgten die Engländer mit Argusaugen dieſe Feuerkugeln auf ihrem langen bogenförmigen Zuge, und wußten denſelben durch eine geſchickte Wendung mit dem Schiffe auszuweichen. Sie ſelbſt thaten, um das Pulver nicht unnöthiger Weiſe zu verſchießen, keinen einzigen Schuß. Nachdem wir auf ſolche Weiſe ungefähr acht Tage gekreuzt hatten, ward eines Abends der erwartete Militärtransport in der Ferne wahrgenommen. Zu gleicher Zeit erfuhr man durch einen an der Küſte überraſchten Fiſcher, daß die franzöſiſchen Schiffe bereits Mangel an Waſſer litten, und daher, um in einen andern Hafen zu entkommen, Anſtalt zum Auslaufen machten. Der Admiral ſchickte dann zur Recognoscirung derſelben eine Brig ab, die auch bald durch Zeichen die erhaltene Nachricht beſtätigte. Kaum war es Nacht geworden, als der Feind unter vollen Segeln aus ſeinem Schlupfwinkel hervorkam. Ich habe erwähnt, daß dieſer zwei Ausgänge hat. Der eine öffnet ſich gegen Norden, der andere gegen Weſten. Erſtern wählten die beiden Fregatten, um ſich nach 5 364 dem gegenüber liegenden Hafen Baſſe⸗Terre— wo für ſie das Waſſer zum Landen tief genug war,— zu flüchten, was ihnen auch gelungen iſt. Durch letztern ſegelten die drei Linienſchiffe, die, auf gutes Glück, ihren Lauf ſüdweſt⸗ wärts richteten. Sogleich gab der Admiral den Befehl, ſich zum Treffen vorzubereiten, den man der Flotte durch Aufziehung der großen Schlachtlaterne bekannt machte. Auf allen Schiffen wirbelten nun die Lärmtrommeln. Auf unſerem Neptun ſchloß man vor allen Dingen die Gefangenen in den Raum ein. Die bereits vom Verdeck abgenommenen Hangmatten wurden wieder hinauf gebracht und, auf die oben beſchriebene Weiſe, als Bruſtwehr aufgeſtellt, zum Theil auch an den Wandtauen befeſtigt, um ihnen zum Schutze zu dienen. Einige räumten das wirthſchaftliche Geräth in den Raum, während Andere die Ragen mit Ket⸗ ten um die Maſten befeſtigten, auch eine Anzahl Segel, Taue und ſonſtige zum Takelwerk gehörige Dinge auf dem Verdeck niederlegten, um ſie, im Fall der⸗ gleichen zur Erſetzung erlittener Schäden gebraucht würden, bei der Hand zu haben. Der Zimmermann und ſeine Gehülfen ſchafften hölzerne Pfropfen, Hämmer und anderes Werkzeug in den Raum, ſo wie der Konſtabler mit ſeinen Leuten das Geſchütz beſichtigte, und Patronen, Kugeln und überhaupt das ganze zu den Kanonen gehörige Geräth herbeibrachte. Die Lieutenants ver⸗ theilten ſich auf den Batterien, und ermunterten die Mannſchaft zur Thätigkeit. So war Alles nach einer kleinen Viertelſtunde in gehöriger Ordnung. Nitittlerweile waren wir den franzöſiſchen Schiffen ziemlich nahe gekom⸗ men, und der Befehl„zu den Waffen!“ rief Jeden an ſeinen Poſten. Die Seeleute eilten nun zu den Kanonen, luden dieſelben, und rückten ſie aus. Die Soldaten zogen auf dem Back, der Schanze und Kampanje auf, bereit, den Feind mit Granaten und dem Feuer des kleinen Gewehrs zu empfangen. Es trat dann eine tiefe, bedeutungvolle Stille ein, und jedes Ohr horchte auf das fürchterliche Commandowort„Feuer!“ Ich hatte beim ganzen Hergang dieſer Dinge den müßigen Zuſchauer ge⸗ macht; denn ich war noch zu unerfahren, um zu wiſſen, daß es auch für mich Arbeit gab. Jetzt ſtand ich eben, das große Schauſpiel der fliehenden und ver⸗ folgenden Schiffe bewundernd, auf der Kampanje, als der Sekretär mich auf⸗ ſuchen und zu ſich rufen ließ. Ich fand ihn emſig beſchäftigt, die Schriften zu ordnen und in einige, mit Eiſen beſchlagene Kiſten zu packen, um ſie im Raume zu verwahren, daher ich, ohne ſeine Aufforderung zur Hülfleiſtung abzuwarten, das Geſchäft beſchleunigen half. Wir waren gerade fertig und die Kiſten fort⸗ geſchafft, als die tiefe Stille von dem Geräuſch eines Manövers mit den Se⸗ geln unterbrochen wurde; denn der Neptun hatte ein feindliches Schiff erreicht, 1 365 und man zog eben, wie es im Gefecht geſchieht, die untern Segel ein, um blos die weit lenkſamern oberen zu gebrauchen. In dem Augenblick ertönten einige fürchterliche Kanonenſchüſſe, und zu gleicher Zeit fuhr eine Kugel vorn durch des Sekretärs Kammer, und hinten wieder hinaus, worauf ſie die Gemächer des Admirals ebenfalls durchbohrte. Der Sekretär, den die Kugel beinahe ge⸗ troffen hätte, warf blos einen Blick nach den Stellen, woher ſie gekommen, und wohin ſie gegangen war, und blieb übrigens kaltblütig auf dem Stuhle ſitzen, auf welchen er ſich nach der Arbeit geworfen hatte. Ich beſaß noch nicht einen ſolchen Grad der Geiſtesruhe, ſondern ſprang nach der erſten Beſtürzung hin⸗ aus auf's Verdeck, um zu erfahren, was vorginge. Ich ſah in einiger Entfernung vom Neptun ein franzöſiſches Schiff. Dieſes hatte, als jener ihm von hinten nahe kam, aus ſeinem Hintertheil ſchwere Kugeln abgefeuert. Weil aber gerade der Wind abzunehmen begann, — was jederzeit den leichtern Schiffen zu Statten kommt,— ſo gewann es einen Vorſprung, ohne daß man ihm einen einzigen Schuß beibringen konnte. Von den vielen Unglücklichen, die, in einer Reihe auf dem Back ſtehend, von einer Kugel getroffen worden waren, ſah ich nichts, als die Spuren des von den Dielen bereits abgewaſchenen Blutes. Aber eine weite Oeffnung im Bord des Bugs zeugte von der Größe und Gewalt des tödtlichen Geſchoſſes. Der Wind wurde nun immer ſchwächer, unſer Schiff blieb, als das ſchwerfälligſte, immer mehr zurück, und endlich konnte man Freund und Feind nur mit Ferngläſern noch unterſcheiden. Die Mannſchaft durfte daher, jedoch in Kleidern und auf den Dielen, abwechſelnd ihre Ruhe halten. Auch ließ man die Gefangenen wieder aus dem Raume. 3 Bei Sonnenaufgang erblickten wir am weſtlichen Horizont unſer Geſchwa⸗ der, im Verfolgen des feindlichen begriffen, das weit voraus war. Der Grund dieſer überlegenen Geſchwindigkeit der franzöſtſchen Schiffe lag hauptſächlich darin, daß es ganz neue waren, welche, wegen ihres reinen Bodens, jederzeit beſſer als ältere ſegeln. Ueberdem kennen die Leſer ſchon aus dem dritten Bändchen meiner Reiſen die vortreffliche Bauart der franzöſiſchen Fahrzeuge, und wiſſen, daß dieſe den engliſchen nichts nachgeben, wenn man ſie geſchickt zu behandeln verſteht, was gegenwärtig der Fall war. Gegen neun Uhr Morgens verſtärkte ſich die Kraft des Windes von neuem. Unſer Neptun, der die Maſten mit Segeln bis zum Brechen beſpannte, gerieth jetzt in eine Bewegung, gleich dem Flug eines Vogels. Gegen Mittag hatte er die andern Schiffe eingeholt. Nachmittags wehten nur gelinde Lüftchen. Die meiſten engliſchen Linien⸗ ſchiffe blieben ſehr zurück; dagegen die franzöſiſchen ſich immer mehr nach Weſten 368 entfernten. Doch am Abend wurde das hinterſte nach und nach von einer Cor⸗ vette, einer Brig⸗und einer Fregatte eingeholt. Dieſe unterhielten die ganze Nacht ein lebhaftes Kanonenfeuer, während jenes wenig Widerſtand that, ſon⸗ dern nur auf ſeine Flucht bedacht war. Gegen Morgen, wo die beiden andern Flüchtlinge gänzlich verſchwunden waren,— ſie ſind nach den nordamerikaniſchen Freiſtaaten entkommen,— ver⸗ lor das bedrängte Schiff alle Kraft, indem es nicht nur an den Maſten, Se⸗ geln und Tauen ſehr gelitten, ſondern auch viele Menſchen verloren hatte. Es wurde daher, als wir uns zwiſchen St. Domingo und Jamaika befanden, von einem Linienſchiffe, dem Pompey, erreicht und zum Streichen der Flagge ge⸗ zwungen.— Man ſieht hieraus, daß die Kriegsflotten, wenn ſie Jagd auf ein⸗ ander machen, nach denſelben Grundſätzen verfahren, wie die Truppen auf dem Feſtlande bei Verfolgung des Feindes. Die leichten Schiffe beunruhigen, wie die leichte Reiterei, die Fliehenden und halten ſie auf, bis endlich die ſchweren Schiffe, die man mit dem Hauptcorps vergleichen kann, Zeit gewinnen, herbei zu kommen und der Sache den Ausſchlag zu geben. Die ganze Flotte legte, mit dem beſiegten Schiffe in der Mitte, bei. Der Pompey nahm ſogleich von demſelben Beſitz. Die Gefangenen wurden großen Theils auf den Neptun gebracht, wo man ſie, als brave Krieger, mit Achtung behandelte und, da ſie ſehr entkräftet waren, augenblicklich mit Wein erquickte. Gegen Mittag ſegelte man mit der Priſe, um ſie wieder in Stand zu ſetzen, ſo wie mit den Verwundeten nach Jamaika ab. Der Pompey, und die übrigen im Gefecht geweſenen Schiffe, die alle einiger Ausbeſſerung bedurften, gaben das Geleit. Hierauf wurde der Reſt der Flotte nach verſchiedenen Plätzen ab⸗ geſandt, und der Neptun kehrte, blos von ſeinem Kutter begleitet, nach Marti⸗ nique zurück. Ein Admiralſchiff hat nämlich ſtets ein ſolches Fahrzeug bei ſich, das ihm dieſelben Dienſte, wie der Adjutant dem General leiſtet; es überbringt in der Schlacht, wo der Pulverdampf die Signale nicht erkennen läßt, die Be⸗ fehle nach den verſchiedenen Schiffen. Obſchon die Fahrt nach Martinique gegen den herrſchenden Oſtwind ging, ſo wurde ſie doch dadurch etwas beſchleunigt, daß wir nicht geraden Weges über das Meer, ſondern längs der bogenförmigen Antillengruppe ſteuerten, wo während der Nacht die Landwinde uns begünſtigten. Der Anblick dieſer Inſeln machte mir große Freude. In der Entfernung erſcheinen ſie zwar in einer düſtern melancholiſchen Geſtalt, zeigen ſich aber, wenn man in die Nähe kommt, als reich bewaltete Berge, anmuthige Pflanzungen, und reizende Wohnörter. Freilich ragen auch häufig kahle ſchwarze Felſen hervor. Sie ſind es, die den Naturforſcher vermuthen laſſen, daß die Antillen nicht immer Inſeln, ſondern 367 eine Bergkette waren, welche durch die zerſtörende Kraft der Vulkane von dem Feſtlande abgeriſſen wurde.— Bei der ſchwediſchen kleinen Inſel St. Barthe⸗ lemi lagen wir einen ganzen Tag vor Anker. Der Admiral ſtattete dem Gou⸗ verneur einen Beſuch ab, der ihn erwiederte. Auch erhielten wir einen Ueber⸗ fluß an vegetabiliſchen Lebensmitteln, ſo wie einige lebendige Rinder. Zur Ergänzung meiner Beſchreibung des Neptun füge ich noch hinzu, daß dieſes Schiff nie hin und her ſchwankte, was mir, an das beſtändige Schau⸗ keln der Kauffahrer gewöhnt, ſehr auffallend war. Dennoch hat mich die Mannſchaft oft verſichert, daß ſolche koloſſale Schiffe, wenn ſie bei ſtürmiſchem Wetter in's Schwanken gerathen oder, wie die Seeleute ſagen,„ſchlechtes Wetter ſpielen,“ in einer weit ſchrecklichern Lage als kleine Fahrzeuge ſich be⸗ finden. Auf dem Neptun waren einmal faſt alle Kanonen losgebrochen, und von einem Bord zum andern geworfen worden, was nicht nur die Bewegung des Schiffes noch vermehrte, ſondern auch die Seiten desſelben zu zerſchmettern drohte. Die Leute hatten endlich dem Uebel dadurch abgeholfen, daß ſie die aufgeknüpften Schlafmatten abſchnitten, und damit das Geſchütz im Hin⸗ und Herrollen hemmten. 7. Der Neptun langt wieder in Martinique an. Man ſchafft die darauf befindlichen Kriegsgefangenen nach Barbados. Der Verfaſſer begiebt ſich, um nach England zu reiſen, auf einen Kauffahrer. Ei⸗. nige Bemerkungen über deſſen Mannſchaft. Abfahrt des Schiffes— ein Vorfall der es zwingt in den Hafen von Morant, einem Flecken auf Jamaika, einzulaufen. Kurze Schilderung von Jamaika— Der Verfaſſer verfehlt ſein Schiff— geht mit einem anderen nach Schottland— Paſſatwinde. An⸗ kunft in Europa. Gegen das Ende Mai erreichten wir Martinique und gingen auf der Rhede von St. Pierre vor Anker. Gleich nach der Ankunft unterwarf man die ſämmtlichen, nun auf 400 angewachſenen Kriegsgefangenen einer beſondern Muſterung, um ſie alsdann nach Barbados abzuſchicken. Bei dieſer Gelegen⸗ heit gaben ſich die Offiziere viel Mühe, Rekruten für den Marinedienſt zu wer⸗ ben, die auch nicht vergeblich war. Ich bemerke hier, daß überhanpt zu jener Zeit auf den engliſchen, wie auf den franzöſiſchen Kriegſchiffen, viele Leute von der entgegengeſetzten, ja von jeder Nation ſich befanden und, wegen des Man⸗ gels an Seemännern, ſehr willkommen waren. Was mich betrifft, ſo fühlte ich weder Luſt noch Beruf zum engliſchen Kriegsdienſte, und hielt den eingetretenen Zeitpunkt für ſchicklich, den Admiral an ſein Verſprechen wegen meiner Entlaſſung zu erinnern. Sie erfolgte auch am 10. Junius, und zwar auf eine Art, die mich meinen Obern ſehr verpflich⸗ tete, und deren nähere Berührung ich nicht unterlaſſen darf. Der Admiral be⸗ lohnte mich mit einem nicht unbedeutenden Geſchenk für die geleiſteten Dienſte, ſo wie er mir einen Antheil an den, während meiner Dienſtzeit, gemachten Priſen zuſchreiben ließ, der mir auch, obſchon nach Jahren, in England bezahlt wurde. Der Sekretär verſah mich mit einigen, vom Admiral unterzeichneten Empfehlungſchreiben an Perſonen in London, die mir in der Folge manchen Nutzen geſchafft haben. Ueberdem war mir auf einem engliſchen Kauffahrtei⸗ ſchiffe, das ſich in St. Pierre befand, freie Ueberfahrt nach London ausge⸗ wirkt worden. Ungeachtet dieſer freundlichen Behandlung muß ich offen bekennen, daß mir das Herz leichter und der Athem freier wurde, als ich aus dem Kriegſchiffe auf das Verdeck des Kauffahrers trat, wo ſich mir in der Mannſchaft das Bild einer zwangloſen, einfachen und friedlichen Familie darſtellte. Es war Mittag, und die geſammte Schiffsmannſchaft befand ſich, unter dem Sonnenzelte, auf dem hintern Deck beim Eſſen. Der Kapitän und ſein Steuermann ſaßen bei dem Beſaanmaſt, an einem kleinen, reichlich mit Speiſe und Trank beſetzten Tiſche. Zwei Knaben, die Kajütewächter, hatten ihren Platz auf den Dielen und zwar neben dem Kapitän genommen, der ihnen tüchtige Portionen auf den Schoß hinabreichte. Einige Schritte nach vorn lagerte ſich das Schiffsvolk, gleichfalls auf den Dielen, um die zugedeckte, etwas erhöhte Hinterluke herum, die ihm zum Tiſche diente. Es ſtanden zwei große hölzerne Schüſſeln, die eine mit Fleiſch, die andere mit Pudding gefüllt, und ein Korb mit Zwieback darauf. Jeder griff nach zwei ganzen Zwiebacken, wovon er einen ſtatt des Tellers, den andern, auf den Knien zerbrochen, zum Eſſen vor ſich hinlegte. Dann nahm der Bootsmann die Fleiſchſchüſſel auf den Schoß und ſchnitt ſich ab, was ihm beliebte. Auf gleiche Weiſe verfuhr er mit dem Pudding; und ſo wanderten die Schüſſeln im Kreiſe herum, und Alle, in der linken Hand einen Zwieback mit Fleiſch und Pudding darauf, und in der rechten ihr Taſchenmeſſer, ließen ſich's wohlſchmecken. Zum Nachtiſch reichte man eine Kanne mit Rum und Waſſer herum, zu welchem Getränk die Zwiebacke gegeſſen wurden, welche zuvor die Stelle der Teller vertreten hatten. Auch darf ich eines kleinen Affen, der Katzen, Hunde und Hühner nicht vergeſſen, die von dem Einen zu dem Andern liefen, geliebkoſt und gefüttert wurden. Selbſt die Schweine kamen bisweilen, durch den Geruch der Speiſen angelockt, aus ihrer Hütte auf dem Back herbei, welchen jedoch die Hunde den Zutritt verweigerten, Nur der Koch machte, weil er wahrſcheinlich ſchon früher geſättigt war, eine Ausnahme von dieſer allgemeinen Befriedigung des Magens. Ueber und über beruſt, ſtand 369 er in der Küche und ſteckte, ſein Pfeifchen rauchend, den Kopf durch die Thür, um ſich an dem guten Appetit ſeiner Gäſte zu ergötzen.— Gegen Abend trat das Schiff die Reiſe nach England an, und ſteuerte, wie alle zurückkehrende Weſtindienfahrer, nach dem mexikaniſchen Meerbuſen hin. Das Glück war uns nicht günſtig; denn ſchon am nächſten Morgen ge⸗ riethen wir in große Gefahr. Man hatte in die Proviantkammer, weil es an einem ſchicklichern Behältniß dazu fehlte, etliche Fäßchen Schießpulver gelegt, ein Artikel, womit die engliſchen Kauffahrer in Kriegszeiten, zumal wenn ſie ohne Geleit ſegeln, ſich reichlich zu verſorgen pflegen. Ein unbeſonnener Junge ſteigt, um Lebensmittel zu holen, mit einem brennenden Talglicht hinab, klebt dasſelbe auf einem Pulverfaſſe feſt und läuft endlich, ohne weiter an das Licht zu denken, wieder fort. Zufällig ward es noch zur rechten Zeit entdeckt; ſonſt wären wir unausbleiblich ein Opfer dieſer Unbeſonnenheit geworden. So wie wir am Morgen Gefahr liefen durch Feuer umzukommen, ſo drohte am Abend das entgegen geſetzte Element unſerm Leben ein Ende zu machen. Das bisher ganz dichte Schiff ward, obſchon bei gelindem Wind und vortrefflichem Wetter, mit einem Male ſo leck, daß die Mannſchaft dem Ein⸗ dringen des Waſſers kaum Einhalt thun konnte. Man hat nach der Zeit gefun⸗ den, daß die mit dem geladenen Zucker an Bord gekommenen Ratten, da ſie den Vorräthen an friſchem Waſſer nicht beikommen konnten, ein Loch durch den Schiffsboden gefreſſen hatten, um zu dem rauſchenden Meerwaſſer zu gelangen. Dergleichen Unfälle ereignen ſich oft, daher man auf vielen Schiffen die Vor⸗ ſicht gebraucht, täglich ein Gefäß mit Waſſer für dieſe Thiere hinzuſtellen, wenn die Ladung ſie zu vertilgen hindert. Am dritten Tage verſchlimmerte ſich der lecke Zuſtand des Schiffes der⸗ geſtalt, daß es zu ſinken drohte. Wir thaten deshalb am Abend, wo die öſt⸗ liche Spitze von Jamaika nicht fern war, einige Nothſchüſſe, worauf uns ein Lootſe glücklich in den Hafen von Morant führte, obſchon die eingetretene Dunkelheit es ſchwierig machte, durch die Korallenbänke zu kommen, womit Jamaika umgeben iſt. Da der Kapitän zur Unterſuchung und Ausbeſſerung des Schiffes, was die Fracht auszuladen erforderte, wenigſtens vierzehn Tage nöthig zu haben glaubte, ſo entſchloß ich mich, eine Reiſe in das Innere des Landes zu unter⸗ nehmen. Ich begab mich am nächſten Morgen nach dem Flecken Morant. Auf der Fahrt dahin überraſchte mich die Klarheit und Durchſichtigkeit des Meerwaſſers, die ſo groß war, daß ich in einer Tiefe von 20— 30 Klaftern nicht nur den felſigen Boden, ſondern auch die darauf befindlichen Gewächſe und Thiere, Riiſchter's Reiſen. I. 24 370 beſonders große Schildkröten, deutlich erkennen konnte. Auch ſetzte mich die große Menge Haifiſche in Erſtaunen, die unſer Boot bis an den Strand ver⸗ folgten. In dem Flecken Morant, der nur einige Reihen Häuſer und Hütten zählt, verweilte ich nicht, ſondern wanderte nach Kingston. Die Landſtraßen in Ja⸗ maika gleichen, was man ſonſt nirgend in Weſtindien findet, den europäiſchen Chauſſéen. Ich wich jedoch, wie das auf Landreiſen meine Gewohnheit iſt, häufig auf Seitenwege ab, wenn irgend ein Gegenſtand meine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Bald befand ich mich zwiſchen Gruppen von Kohlpalmen, Cedern, Kokos⸗ und Piſangbäumen, dann wieder bei Pflanzungen von Zuckerrohr, Kaffeebäumen und einer Menge anderer trefflicher Gewächſe. Bald zeigten ſich Kakao⸗ und Zuckermühlen, oder Wohngebäude reicher Koloniſten, ſo wie Hut⸗ ten dürftiger Neger, während an allen Seiten die reizendſten Ausſichten in die Ferne ſich eröffneten, und im nördlichen Hintergrunde die ſo genannten blauen und die Ligany⸗Gebirge majeſtätiſch emporſtiegen. Ueberall ſchwärmten Schaa⸗ ren ſchön geftederter Vögel umher, balſamiſche Düfte ergoſſen ſich über die ganze Gegend; und am Abend erſchienen die Sterne in einem dem Europäer auffallenden Glanze. Doch— ich muß abbrechen; denn auch die treueſte Schilderung der von Fruchtbarkeit ſtrotzenden Landſchaften, die ich durchwan⸗ derte, würde nicht vermögend ſein, einen deutlichen Begriff von der Schönheit und dem Reichthum der Natur unter dem weſtindiſchen Himmel zu geben, welche die Sinne auf die mannichfachſte und angenehmſte Weiſe beſchäftigen. Auch das rege Leben auf der Straße gewährte mir viel Unterhaltung. Bald kamen mir Kutſchen oder Reiter, bald wandernde Neger und Negerinnen entgegen, letztere gewöhnlich mit Kindern, die ſie in Säcken auf dem Rücken trugen, ſo daß blos der Kopf heraus ragte. Bei dieſer Gelegenheit bemerke ich von den Schwarzen auf Jamaika, daß ſie gut und reinlich gekleidet, aber nicht ſo heiter wie die auf Martinique ſind, auch daß ſie, wie die Weißen behaupten, eine tückiſche und bösartige Gemüthsart haben, wovon der Grund in der har⸗ ten Behandlung ihrer Gebieter zu liegen ſchien. Gegen die zahlreichen Ein⸗ wohner von ſchottiſcher Abkunft hegten ſie große Abneigung, und betrachteten ſie als grauſame Wüthriche— Seit der Zeit iſt aber allerdings auf den engli⸗ ſchen Beſitzungen die Selaverei abgeſchafft, und die Neger ſind frei geworden. Obſchon es wenig öffentliche Wirthshäuſer gibt, vermißt man ſie doch in einem Lande nicht, wo die größte Gaſtfreiheit herrſcht, und jedes Haus dem Fremden, beſonders dem Europäer, offen ſteht. Ueberall, wohin ich mich wen⸗ dete, war ich willkommen bei Tiſche und erhielt Nachtquartier. Jeder Haus⸗ vater, dem ich zu Geſichte kam, lud mich freundlich ein, bei ihm einzuſprechen, 371 um wenigſtens ein Glas Rum— den man mit Waſſer, Zucker und dem Saft einer Art kleiner Limonien zu vermiſchen pflegt,— in ſeiner Geſellſchaft zu trinken. Dabei pflegte man die guten Eigenſchaften dieſes Getränks herauszu⸗ ſtreichen, und es als ein ſicheres Schutzmittel gegen die herrſchenden Krank⸗ heiten, z. B. das gelbe Fieber u. a. m. zu empfehlen, weil es nicht nur die Hitze des Körpers niederſchlage, ſondern denſelben auch in kühlen Nächten und bei naſſer Witterung in gleichförmiger Ausdünſtung erhalte; und ich habe mich auch zum Theil von der Wahrheit dieſer Behauptung überzeugt. Trotz aller Gaſtfreiheit laſſen jedoch die Eingebornen dem Europäer einen gewiſſen Stolz merken, und führen im Geſpräche mit ihnen beſtändig das Sprichwort im Munde,„daß in Jamaika Gold auf den Bäumen wachſe.“ Freilich hat die Produetion dieſer Inſeln ſeit der Freigabe der Neger, und damit auch der frü⸗ here Reichthum der Pflanzer, wenigſtens die frühere Leichtigkeit des Gewinnes, nachgelaſſen. Da ich ſonach an mehren Orten aufgehalten wurde, ſo kam ich erſt am vierten Tage meiner Wanderung in Kingston an.— Man hält dieſe Stadt für die reichſte und lebhafteſte in Weſtindien, ob ſie ſchon von einigen andern an Schönheit übertroffen wird. Die Straßen ſind zwar regelmäßig angelegt, aber auf den Bau und die Verzierung der Häuſer iſt nicht die Sorgfalt gewen⸗ det, wie z. B. in St. Pierre und Fort⸗Royal. Der Grund davon liegt darin, daß die engliſchen Kaufleute ſich nicht ſo einheimiſch, als die franzöſiſchen machen, und ihr Aufenthalt immer nur darauf berechnet iſt, Vermögen zu er⸗ werben, um dann im Vaterlande bequem leben zu können. Der an einer An⸗ höhe etwas aufſteigende nördliche Theil der Stadt iſt der anſehnlichſte. Der am Hafen gelegene ſüdliche hat das Eigene, daß die Gebäude vorn auf Säulen ruhen, was ſehr angenehme kühle Spaziergänge gewährt. Der ſichere und ge⸗ räumige Hafen iſt ſtets voll Schiffe, und überdies der Standpunkt einer Escadre.— Die Lebensmittel ſtehen in hohem Preiſe, und ſelbſt die vorzüg⸗ lichſten Landesproducte, z. B. Zucker, Kaffee, Rum u. ſ. w. ſind, im Kleinen gekauft, theurer als in England. Nach einem Aufenthalte von zwei Tagen, während welcher ich die Hitze, die durch das Zurückprallen der Sonnenſtrahlen von den Häuſern ſehr ver⸗ mehrt wird, weit heftiger als in andern Theilen des Landes empfand, beſchloß ich eine Wanderung nach den Ligany⸗Gebirgen. Der Weg dahin führt von der Nordſeite der Stadt über eine unbebaute Gegend, dergleichen man dort Savanna nennt. Dieſe Landſtrecke nährt zahlreiche Heerden Schafe und Rin⸗ der, welche die benachbarten Pflanzer hier in Hürden halten. Jenſeit derſelben erhebt ſich die Fläche, die nach und nach in jene hohen Berge übergeht. Die 24* 372 untern Gegenden derſelben prangen mit den herrlichſten Pflanzungen. Hier erblickte ich auf einigen Feldern eine ungeheure Menge Heuſchrecken, welche die reiche Aernte vernichteten; dieſe Thiere ſind, ſo wie auch die Ratten, eine große Beſchwerde des Landes. Auf den höher liegenden Gebirgstheilen findet ſich eine große Mannichfaltigkeit an Bäumen, die, je höher man kommt und je käl⸗ ter die Luft wird, an Größe und Vollkommenheit abnehmen. Ich beſtieg den einen Gipfel des Gebirges, und hatte hier eine treffliche Ausſicht über die benachbarten Landſchaften, nach den blauen Bergen und überhaupt der ganzen Gebirgskette, welche das Eiland von Oſten nach Weſten durchſchneidet und, gleich einer Scheidewand, den ſüdlichen Theil von dem nördlichen trennt; beide werden nur durch zwei Wege mit einander in Verbindung geſetzt. Die blauen Berge, deren Höhe, wie die Einwohner des Landes behaupten, nicht viel über 7000 engliſche Fuß beträgt, ſchienen hier ganz ſchwarz; denn die Luft um die⸗ ſelben war völlig rein, und nur die Nebel, womit ſie faſt immer umgeben ſind, verurſachen, daß man ſie von weitem in jener Farbe erblickt, welche die Veran⸗ laſſung zu ihrem Namen gegeben hat. Beim Hinabſteigen vom Gebirge nahm ich meine Richtung nach Morant. Es begegnete mir auf dieſer Wanderung ein Unfall, der ſehr nachtheilig hätte werden können. Ich wich nämlich, meiner Gewohnheit nach, von den gewöhn⸗ lichen Wegen ab, und verlor mich in ein enges Thal, das zwar nicht angebaut, aber dennoch von der Natur nicht vernachläſſigt war. Die maleriſchen Anſich⸗ ten der Felſenwände und der Baumgruppen, ſowie die angenehme Kühle, ver⸗ leiteten mich, zu lange Zeit darin zu verweilen. Nach Sonnenuntergang zeig⸗ ten ſich auf der einen Seite, über einem mit Schilf bedeckten ſtehenden Waſſer, tanzende Flämmchen, welches Schauſpiel meinen Aufenthalt noch verlängerte. Nach einiger Zeit empfand ich, daß in meinem ganzen Körper eine große Ver⸗ änderung vorging. Es befiel mich eine Mattigkeit in den Beinen, ein Fröſteln und Schneiden im Unterleibe, der Athem wurde beengt und der Kopf ſchwer und eingenommen. Bald kamen mir auch allerhand ſonderbare, geſpenſterartige Geſtalten vor die Augen. Ich behielt indeß ſo viel Beſinnung, mich zu über⸗ zeugen, daß dies alles in der zu ſchnellen, den Umlauf des Blutes hemmenden Abkühlung, und hauptſächlich auch in den eingeſogenen ſchädlichen Dünſten ſeinen Grund habe. Ich bot daher alle meine Kräfte auf, die ſteile Anhöhe zu erklimmen. In der Mitte machte ich vor Müdigkeit einen kurzen Stillſtand, öffnete meine Reiſeflaſche, that einen tüchtigen Schluck Rum, und ſprang dann vollends hinauf. Hier bekam ich einen heftigen Schweiß und eine Uebelkeit, die mit ſtarkem Erbrechen ſich endigte, worauf mir wieder völlig wohl wurde. Der Himmel hatte ſich ganz mit Gewölk umzogen, und es war ſtockfinſter 1 geworden. Das tiefere Land konnte ich auch an dem Abend nicht mehr erreichen, ſondern mußte in der Hütte eines armen Negers, die mir ein ſchwacher Lampen⸗ ſchein anzeigte, übernachten. Ihre durchſichtigen Schilfrohrwände und das aus Palmblättern beſtehende Dach ſchützten mich während der Nacht, die ich auf einer Baſtmatte zubrachte, wenig vor dem eingetretenen regenhaften und ſtür⸗ miſchen Wetter. Dennoch befand ich mich am Morgen im beſten Wohlſein, und erblickte freudig das helle Blau des heitern Himmels und das friſche Grün der erquickten Pflanzen. Mein gutmüthiger Wirth führte mich in ein benachbartes reizendes Thal, zu einem dort anſäſſigen Deutſchen, welcher ſein Glück in Weſtindien gemacht, d. h., durch Verheirathung mit einer wohlhabenden Negerin ein anſehnliches Vermögen erworben hatte. Weſtindiſche Gaſtfreiheit und das nicht ganz er⸗ loſchene Gefühl für Landsmannſchaft bewogen ihn, mich mit Güte zu überhäu⸗ fen. Er wünſchte, mich für immer in der Nähe zu behalten, und mir ein gleiches Loos zu bereiten, weßhalb er ſich erbot, die Stelle eines Brautwerbers zu übernehmen. So gern ich ſeine wohlmeinende Geſinnung durch Annahme dieſes Anerbietens belohnt hätte, ſo war dies doch meinen Anſichten, Neigungen und meinem entworfenen Lebensplan entgegen. Seine zunehmende Zudringlich⸗ keit veranlaßte mich daher, früher, als vielleicht außerdem geſchehen wäre, nach Morant abzureiſen. Nach einer Abweſenheit von zwölf Tagen langte ich in Morant an. Ich fand, daß mein Schiff ſich bereits vor drei Tagen wieder in See begeben hatte; denn die Ausbeſſerung deſſelben war unerwartet ſchnell von Statten gegangen. Dieſer Umſtand ſetzte mich Anfangs in große Verlegenheit, weil ich die freie Ueberfahrt einbüßte, und überdies meine Habſeligkeiten für verloren hielt. Allein, letztere waren einem ſichern Mann übergeben worden, der mir Alles richtig überlieferte. Da ſich weiter kein nach England beſtimmtes Schiff im Hafen befand, ſo entſchloß ich mich, mit einem ſchottiſchen nach Leith, und von dort nach London zu gehen. Fracht und Beköſtigung bedung ich für zehn Pfund Sterling, deren Bezahlung jedoch, weil ich an den Arbeiten Theil nahm, mir nach der Zeit erlaſſen wurde. Der Schottländer verließ am nächſten Tage den Hafen, und vereinigte ſich in Negril⸗Head, einer Bai an der Weſtſpitze des Eilandes, mit dem Con⸗ voi, welcher bereit war, die nach dem Norden abgehenden Schiffe zu geleiten. Die Fahrt wurde am folgenden Morgen begonnen. Wir ſchifften um die Inſel Cuba in den Golf von Mexiko, wo wir von unſern bisherigen Führern, dem öſtlichen Paſſatwind und der ihn begleitenden Meeresſtrömung, verlaſſen, bald aber von den ihnen entgegen geſetzten empfangen wurden. Für meine jüngern Leſer bemerke ich, daß ſich der Paſſat an den Küſten des mexikaniſchen Meerbuſens bricht, dann ſeine Richtung nach Nordoſten nimmt, und ſich oft bis nach Europa erſtreckt. Dieſelbe Bewandtniß hat es mit der beſtändigen, durch jenen Wind erregten Bewegung des Meeres von Oſten nach Weſten. Das im Golf angehäufte Waſſer drängt ſich zwiſchen Florida und den Bahama⸗Inſeln wieder heraus, und bildet einen reißenden Strom, der längs den nordamerikaniſchen Küſten bis nach den Bänken von Newfoundland fortläuft, wo er ſich ausbreitet und nach und nach ſeine Kraft verliert. Der Zweck alſo, warum jedes von Weſtindien nordwärts gehende Schiff zuerſt in den Golf von Mexiko ſegelt, iſt, jenen Wind und Strom aufzuſuchen, um von ihnen nach den newfoundländiſchen Bänken, und ſodann quer über den Ocean geleitet zu werden.. Auf dieſe Weiſe geſchah es, daß wir, nach einer Fahrt von drei Wochen, die irländiſche Küſte zu Geſicht bekamen. Es trat dann eine achttägige Stille ein, während welcher das Land deutlich vor uns lag, ohne daß wir es erreichen konnten. Endlich erhoben ſich ſehr heftigte, aber widrige Winde, daher wir erſt um die Mitte des Auguſt in Leith eintrafen. Kaum waren die Anker ge⸗ worfen, als uns die Neuigkeit von dem Abgange der engliſchen Expedition nach der Inſel Walcheren, wovon man ſich große Dinge verſprach, überbracht wurde. Ein Wink des Schiffkapitäns, daß bei ſolchen Gelegenheiten viele Leute ge⸗ braucht würden, und daß ich, wofern meine Abreiſe nach London ſich nicht ver⸗ zögerte, gewiß eine gute Anſtellung bekommen würde, brachte mich zu dem Entſchluß, mich ohne Verzug auf den Weg zu machen. Da das Londoner Packetboot erſt in einigen Tagen abſegelte, und eine Waſſerreiſe jederſeit von Wind und Wetter abhängig iſt, ſo fand ich für gut, der größern Koſten unge⸗ achtet mit der Landkutſche zu reiſen, die noch am ſelbigen Tage von Edinburgh abging. Meine Sachen gab ich auf dem Packetboote ab. Ich ſelbſt eilte, durch die anmuthige und lebhafte Stadt Leith, nach dem angrenzenden, auf einer An⸗ höhe gelegenen Edinburgh.— Mein kurzer Aufenthalt in dieſer ehemaligen Reſidenz ſchottiſcher Könige ließ mich, in Hinſicht der Stadt ſelbſt, blos be⸗ merken, daß ſie eine Menge prächtiger Gebäude, und überhaupt im Stile der Bauart Vorzüge vor den meiſten engliſchen Städten beſitzt. Was die Ein⸗ wohner betrifft, ſo entging mir die Feinheit in ihren Manieren nicht, die man ſelten unter den Engländern findet. Auch waren mir die Damen auffallend, welche ſich in großer Zahl nach dem Strande begaben, um ſich, ungeachtet des ſehr rauhen Wetters, im Meere zu baden. Sie ließen ſich in beſondern, dazu eingerichteten Wagen eine Strecke in das Waſſer fahren, und ſprangen, nach⸗ dem der Kutſcher die Pferde abgeſpannt und ſich entfernt hatte, herzhaft hinein. .. 375 Nachmittags um vier Uhr ſaß ich, in Geſellſchaft von zehn andern Reiſen⸗ den, auf der ſchönen Landkutſche, die, von acht Pferden gezogen, auf der Straße dahin rollte. Ich übergehe die Beſchreibung einer ſolchen Flugreiſe, wo man Tag und Nacht durch Fluren, Städte, Dörfer und über Gebirge mit gleicher Schnelligkeit gleichſam fortgeriſſen wird, wo man nur mit den Wirthshäuſern in kurze Berührung, und überhaupt nicht zur ruhigen Beſinnung kommt. Da ich künftig einen längern Aufenthalt in England zu beſchreiben habe, — ſo ſage ich nichts von dem mächtigen Eindruck, den der Anblick der Größe, Pracht und Herrlichkeit Londons auf mich machte. Ich erwähne blos, daß ich daſelbſt, kraft der mitgebrachten Empfehlungſchreiben, ſchon nach einigen Tagen von einem Herrn Duncan, der in Vließingen militäriſcher Proviantverwalter werden ſollte, zum Gehülfen angenommen wurde. Wir reiſten zu Anfang Septembers von Chattam nach Vließingen ab. Der unglückliche Zuſtand, worin die engliſchen Truppen und die Einwohner von Walcheren ſich befanden, iſt gewiß den meiſten meiner Leſer nicht unbekannt geblieben. Das Militär wurde haufenweiſe von einer ſchrecklichen Seuche hin⸗ gerafft, die theils durch das ungeſunde Klima der Inſel, theils durch den Ge⸗ nuß des unreif abgenommenen Obſtes ſich erzeugte. Die Einwohner kämpften zwar noch mit dem Unglück, das ſie durch die Beſchießung und Zerſtörung ihrer Stadt betroffen hatte. Dennoch ſah man ſie hier und da— mit langen Schlafpelzen und weißen Mützen, mit thönernen Tabakpfeifen im Munde, eine Taſſe Kaffe oder ein Glas Genever vor ſich auf dem Tiſche,— gemächlich bei einander ſitzen, und zum Lobe der Engländer ſprechen, weil ſie durch dieſe. einigen Vortheil im Handel erhalten hatten. Nur bedauerten ſie, daß der eng⸗ liſche Befehlshaber, Lord Chatam, durch ſein Zögern— das ihm bei den Fran⸗ zoſen den Spottnamen„J' attends“ zuzog,— die günſtige Gelegenheit ver⸗ ſäumt habe, ſich in den Beſitz von ganz Holland zu ſetzen. Da die Geſundheit des Herrn Duncan ſehr ſchwächlich, und Büießingen nicht der Ort ſie zu befeſtigen war, ſo ſah er ſich in kurzem genöthigt, ſeine Stelle aufzugeben, um nach England zurückzukehren. Wir verließen daher jenen traurigen Schauplatz— der von den Engländern, nach einem großen Menſchenverluſte, vor Ausgang des Jahres völlig geräumt wurde,— ſchon gegen Anfang Octobers, und kamen nach einer kurzen Fahrt glücklich auf der Themſe an. * V. Reiſe von London nach China und Rückkehr nach England. I. Umſtände, welche den Verf. veranlaſſen, eine Reiſe nach China zu machen. Der Wexford— beſondere Eigenheiten der indiſchen Seeleute. Abfahrt von den Dünen. Portsmouth— Abfahrt. Madeira— Teneriffa. Die Linie. Warum die Oſtindienfahrer zuvörderſt nach Braſilien ſteuern. Rio de Janeiro. Die Ausrüſtung der Schiffe, welche der engliſch⸗oſtindiſchen Compagnie gehören, iſt in Hinſicht der Bemannung ſtets mit Schwierigkeiten verknüpft, da ſolche Schiffe, wegen ihrer Größe und Beſtimmung, ſehr ſtarke Mannſchaften nöthig haben. Ueberdem dienen die Seeleute nur ungern darauf, weil man dort außer dem Ungemach, das eine Reiſe nach Indien mit ſich führt, eine ziemlich ſtrenge Behandlung ertragen muß; daher auch die Werbung ihrer Matroſen nicht ſelten durch Mittel, die dem ehemaligen Seelenverkauf in Aſterdam und Ham⸗ burg ähnlich ſind, betrieben wird. Im Laufe des Krieges vermehrten ſich jene Schwierigkeiten noch dadurch, daß es überhaupt an Seeleuten mangelte, und daß ihre Beſoldung auf den Schiffen der einzelnen Kaufleute ungewöhnlich ſtieg, während ſie auf denen der oſtindiſchen Handelsgeſellſchft bei der im Frie⸗ den beſtimmten Summe ſtehen blieb. Bei ſo bewandten Umſtänden geſchah es, daß ich nach meiner Ankunft in London, im October 1809,— um welche Jahreszeit die Ausrüſtung der Oſtindienfahrer beginnt,— vielfältig aufgefordert wurde, mich auf einem der⸗ ſelben anſtellen zu laſſen. Da ich ſchon lange den Wunſch genährt hatte, China zu ſehen, ſo begab ich mich auf den Werford, ein nach Canton beſtimmtes Schiff, wo man mir das Amt eines dritten Steuermanns anvertraute. 377 Was mein Steuermanns⸗Amt betrifft, ſo war ich ihm nun freilich in Hinſicht der dazu erforderlichen mechaniſchen Fertigkeiten, welche nur die Frucht einer frühzeitigen und langen Uebung ſein können, nicht völlig gemachſen. Doch gelang es mir, meinen Obern keinen Anſtoß durch dieſen Mangel zu geben, in⸗ dem ich gleich Anfangs kein Geheimniß daraus machte, ſtets guten Willen zur Arbeit und Empfänglichkeit für Belehrung zeigte, und es überhaupt den Eng⸗ ländern eigen iſt, den beſcheidenen Schwächern zu ſchonen. Ueberdem fällt es Leuten von einiger wiſſenſchaftlichen Bildung nicht ſchwer, ſich in jeder Lage des Lebens nützlich und geltend zu machen; kurz, ich ſtand vom Anfang bis zum Ende der Reiſe im beßten Vernehmen mit der ganzen Schiffsmannſchaft, was ſonſt bei den Steuermännern ſelten der Fall iſt, da ſie als Perſonen, die zwiſchen Kapitän und Volk in der Mitte ſtehen, leicht dem einen oder dem andern Theil zu nahe treten.— Unſer Schiff, der Wexford, glich in ſeiner Bauart einer Fregatte. Auf dem untern Deck befanden ſich zweiundzwanzig achtzehnpfündige Kanonen, und ein Dutzend zwölfpfündige auf dem Back und der Schanze. Die obere Kajüte wurde vom Kapitän, die untere von den übrigen Offizieren bewohnt; beide waren bequem, beſonders auch zur Aufnahme von Reiſenden eingerichtet. Das untere Deck, welches wir das Kanonendeck oder die Batterie nannten, diente dem großen Volkshaufen zur Wohnung; auch enthielt es die Küche und mancher⸗ lei Vorrathskammern. Der weite Schiffsraum war faſt ausſchließlich für die Frachtgüter beſtimmt.— Die Mannſchaft zählte in Allem achtzig Köpfe. Sie war ein buntes Ge⸗ miſch von verſchiedenen Nationen, indem nur ein Drittel aus Engländern, die Mehrheit aber aus andern Europäern, aus Negern und hauptſächlich Indiern beſtand. Letztere findet man gewöhnlich in ſtarker Anzahl auf den engliſchen Oſtindienfahrern, weil dieſelben auf der Reiſe bisweilen einen großen Theil der europäiſchen Mannſchaft verlieren, und daher in Indien Eingeborne werben, welche die Compagnie von Zeit zu Zeit zurückſenden muß. Dieſe indiſchen Seeleute, die man insgemein Laskaren nennt, erlangen, da ſie von Natur viel Verſtand und einen gewandten Körper haben, ſchnell einige Fertigkeit in der europäiſchen Schifferkunſt. Deſſen ungeachtet verändern ſie ſelten die vater⸗ ländiſchen Sitten. Ihre Kleidung, die in einem hemdartigen Gewand von ſchwarz gefärbtem baumwollenem Zeuge, und in dergleichen Hoſen beſteht, legen ſie ſelten ab, ſondern ziehen ſie, wenn das nordiſche Klima die europäiſche wollene nöthig macht, vorzugsweiſe darüber an. Das ſchwarze Haar tragen ſie in einen Zopf geflochten, der vom Wirbel herabhängt. Reis bleibt unter 3 allem, was die europäiſche Küche bereitet, ihre Lieblingſpeiſe, ſo wie das Kauen der Betelblätter und Arekanüſſe nie ſeinen Reiz bei ihnen verliert. Gegen das Ende des Decembers verließ der Wexford die Dünen, um ſich auf der Rhede von Spithead, dem vorzüglichſten Sammelplatze der engliſchen Flotten, mit den übrigen Oſtindienfahrern zu vereinigen. Auf der Höhe von Beachy⸗Head(Cap Beachy) erblickten wir zwei uns entgegen kommende Schiffe, die in der Ferne das Anſehen franzöſiſcher Kaper hatten. Da der Wind zum Fliehen nicht günſtig, auch kein Hafen zur Aufnahme großer Schiffe in der Nähe war, ſo verſäumten wir keine Zeit, uns zum Kampfe zu rüſten. Schon ſtanden unſere Leute mit brennender Lunte bei den ſcharf geladenen Kanonen, als man die ſich nähernden gefürchteten Segel für engliſche Kauffahrer erkannte, deren zahlreiche Geſchützpforten blos Malerei, und die hervorragenden Kano⸗ nenrohre Holzwerk waren. Hierbei iſt zu bemerken, daß in Kriegszeiten die Handelſchiffe ſich häufig durch ſolches Blendwerk ein furchtbares Anſehen geben, um dadurch feindliche Ueberfälle abzuhalten, ſo wie die Kaper⸗ und kleinen Kriegſchiffe, zur leichtern Ueberraſchung ihrer Beute, die Geſtalt eines unſchul⸗ digen Kauffahrers anzunehmen ſuchen. Von Schiffen, die man auf ſolche Weiſe unkenntlich macht, pflegen die Seeleute zu ſagen, daß ſie„maskirte“ oder„Masken“ ſind. 1 Bei unſerer Ankunft in Spithead ankerten wir nicht weit von einem großen Transportſchiffe, welches die Beſtimmung hatte, mehre hundert des Lan⸗ des verwieſene Frauen nach Botany⸗Bai oder vielmehr Sydnei, der damaligen engliſchen Strafcolonie, zu ſchaffen, daher man es ſchlechthin„das Frauenſchiff“ nannte. Die Regierung hatte nämlich die Maßregel ergriffen, nur noch weib⸗ liche Verbrecher nach jener Colonie zu ſchicken, weil ſie bereits ſo ſtark bevöl⸗ kert war, daß man, bei fortgeſetzter Vermehrung der männlichen Einwohner, einen baldigen Abfall vom Mutterlande fürchten mußte. Das genannte Frauen⸗ ſchiff hatte ſchon auf der Themſe, wo die Verbannten eingeſchifft wurden, durch die große Luſtigkeit ſeines Perſonals allgemeine Aufmerkſamkeit erregt. Noch mehr war dies in Spithead der Fall, indem beſtändig Boote mit Naſchwerk um dasſelbe ſchwärmten, ſingende und jubelnde Stimmen darauf ertönten, und es überhaupt der Schauplatz eines Freudenfeſtes ſchien. Dergleichen Verbann⸗ ten geht der Abſchied vom Vaterlande, wo nur Schande und Einſperren in den Gefängniſſen ihr Loos ſind, wenig zu Herzen; vielmehr ſehen ſie der Abreiſe nach ihrem Beſtimmungsorte mit Vergnügen entgegen, weil ſie dort, meiſtens unter lauter ihnen ähnlichen Menſchen, gleichſam wieder zu Ehren gebracht, auf eine höhere Stufe der Freiheit geſtellt, und ſchon auf der Fahrt dahin faſt wie jeder audere Reiſende behandelt werden. Ueberdem beſtehen gewöhnlich die 379 Mannſchaften der zu ſolchen Transporten beſtimmten Fahrzeuge, wiewohl man ſie eigentlich zum Dienſte zwingt, großen Theils aus luſtigen Leuten, welche, von den Weibern angezogen, ſich freiwillig dazu begeben. Dem obigen Schiffe ſtrömten, als es in London ausgerüſtet wurde, von allen Seiten Menſchen zu, obſchon damals ein Mangel an Seeleuten herrſchte.. Da während unſeres Aufenthalts in Spithead täglich eine Schaluppe, um friſche Lebensmittel zu holen, nach Portsmouth abgeſchickt wurde, ſo benutzte ich einige Mal die Gelegenheit, dieſen Ort in Augenſchein zu nehmen. Unter den Merkwürdigkeiten, die ich hier beobachten konnte, erwähne ich blos den Ha⸗ fen, der ſich eben ſo ſehr durch ſeine natürliche Schönheit, als durch die künſt⸗ lich angelegten Kaien und Docken, die weitläufigen Vorrathshäuſer und Werften für die königliche Marine, und durch eine große Lebhaftigkeit auszeichnet, wozu die ſtets bei Spithead verſammelten Schiffe Vieles beitragen. Sehr ſehens⸗ werthe Gegenſtände jener Zeit, die gewiß kein Fremder unbeſucht ließ, waren diejenigen Blockſchiffe*), worauf man franzöſiſche Kriegsgefangene in Verwah⸗ rung hielt; denn der Geiſt der Betriebſamkeit, der den Franzoſen ſelbſt im Ge⸗ fängniſſe nicht verläßt, zeigte ſich hier in einem glänzenden Lichte. Dieſe Ge⸗ fangenen würden— wie es auch früher geſchehen war,— manchen engliſchen Fabrikwaaren großen Abbruch gethan haben, wenn nicht die Regierung ihre Thätigkeit auf die Verfertigung von Kleinigkeiten beſchränkt hätte, mit welchen man, weil die darauf verwendete Mühe wenig belohnt wird, in England ſelten ſich befaßt. Ihre Arbeiten begriffen eine große Mannichfaltigkeit von Gegen⸗ ſtänden aus Stroh, Baſt, Pappe, Glas, Knochen und andern geringfügigen Beſtandtheilen. Sie wurden von den Engländern, ſo ſehr auch dieſe das Dauer⸗ hafte und Koſtbare lieben, wegen der künſtlichen und geſchmackvollen Zuſam⸗ menſetzung allgemein geſchätzt und als Seltenheiten betrachtet. Zu den geſuch⸗ teſten gehörte z. B. eine Art Putzkäſtchen von Pappe, die mit ſchön gefärbtem buntem Stroh, und zwar in tauſendfachen gefälligen Formen, belegt waren. Da die Arbeiten ſich übrigens durch große Wohlfeilheit empfahlen, ſo fehlte es ihnen um ſo weniger an gutem Abſatze. An zwei Tagen der Woche durfte man dieſelben auf den Schiffen zum Verkauf auslegen, wo ſie dann von den Ein⸗ wohnern der Stadt und Umgegend in Menge gekauft, und zum Theil im Lande verbreitet wurden. Auch die engliſchen Seeleute pflegten ſolche Waaren einzu⸗ *) Blockſchiffe ſind die zum Seedienſt unbrauchbar gewordenen, abgetakelten Kriegſchiffe, dergleichen es in Portsmouth ſehr viele gibt; ſie dienen zu Niederlagen für verſchiedene Be⸗ dürfniſſe der Marine, und während des franzöſiſch⸗engliſchen Krieges wurden einige zu Ge⸗ fängniſſen benutzt. 380 handeln, und in's Ausland zu führen, was ihnen bisweilen einen bedeutenden Gewinn verſchaffte; und ich erinnere mich, daß ein Matroſe, der einige von den erwähnten Putzkäſtchen nach Palermo brachte, daſelbſt für jedes derſelben fünf bis ſechs ſpaniſche Thaler erhielt, wiewohl es ihm nur ſo viel engliſche Schil⸗ linge gekoſtet hatte. Das vorzüglichſte Stück, welches mir unter den Arbeiten der franzöſiſchen Kriegsgefangenen zu Geſichte kam, war ein im Kleinen nach⸗ gebildetes Linienſchiff. Es zeichnete ſich nicht nur durch die feine Zuſammen⸗ ſetzung, die große Vollſtändigkeit und das richtige Verhältniß aller ſeiner Theile, ſondern auch dadurch aus, daß die zahlreiche Mannſchaft und ihre ver⸗ ſchiedenen Beſchäftigungen ſehr natürlich dargeſtellt waren. Die Seiten, die Verdecke und innern Wände des Schiffes beſtanden aus polirtem Glaſe, daher ſich das Ganze leicht überſehen ließ; alles Uebrige, mit Ausnahme des Tau⸗ werks, hatte man aus Knochen gedrechſelt. Der Verfertiger dieſes Kunſtwerks hat dasſelbe ſpäterhin dem Könige von England überſendet, wofür er mit einer anſehnlichen Summe Geldes, nebſt der Freiheit, nach Frankreich zurückzukehren, belohnt wurde. Am 3. Januar ging der Werford, mit der erſten Abtheilung der nach Oſtindien beſtimmten Schiffe und unter dem Geleit einer Fregatte, von Spi⸗ thead ab. Der Wind war weſtlich und das Wetter— wie es in dieſer Jah⸗ reszeit dem britiſchen Kanal eigen iſt,— trübe und nebelig. Deſſen ungeach⸗ tet langten wir in guter Ordnung am dritten Tage auf der Höhe von Breſt an. In dieſer Gegend erhob ſich ein friſcher Wind von Nordweſten, der den Himmel erheiterte, dann nach Norden ſich drehte und uns mit großer Gewalt aus den europäiſchen Gewäſſern trieb. Acht Tage nach der Abfahrt von Eng⸗ land ſtieg die Inſel Madeira, wie ein großer, in den Wolken ſich verlierender Berg, aus dem Meere vor uns auf. Die Flotte lief in die Rhede von Funchal, der Hauptſtadt des Eilandes, ein, um ſich mit Wein zu verſorgen, was überhaupt— weil dieſes Getränk eine wohlthätige Stärkung für den Europäer in den heißen Erdſtrichen iſt,— von den Oſtindienfahrern nie unterlaſſen wird. Unſer Werford verſah ſich mit mehren Sorten Wein. Außer den geringern, welche die engliſch⸗oſtindiſche Compagnie ihren Schiffen gibt, und von den Lieferanten zu dem feſtgeſetzten Preiſe von 16 Pfund Sterling die Tonne bekommt, kauften Viele von unſerer Mannſchaft auch beſſere für ihr eigenes Geld. Ich ſelbſt verband mich mit Einigen zum Ankauf einer halben Tonne des ſogenannten Dry⸗(trockenen) Madeira, die 20 Pfund Sterling koſtete. Da die Kaufleute in Madeira die Einrichtung getroffen haben, den an⸗ kommenden Schiffen alle Bedürfniſſe, ſelbſt das Holz und friſche Waſſer, in * 381 eigenen Booten zuzuführen, und überhaupt ſie ſchnell zu bedienen, ſo erhielt ich keine Gelegenheit das Land zu betreten. Meine Leſer dürfen deshalb auch keine Beſchreibung dieſer ohnehin ſo oft geſchilderten Inſel hier erwarten. Ich er⸗ wähne nur beiläufig, daß ſich mir in der Bai von Funchal, neben den mannich⸗ fachen Reizen der Landſchaft, auch derſelbe traurige Anblick darbot, den ich ſchon früher in Liſſabon und andern portugieſiſchen Seehäfen gehabt hatte, nämlich eine Menge mit Lumpen bedeckten Geſindels, das, den ganzen Tag am Strande verſammelt, der anlandenden Fremden harret, um von ihnen etwas zu erbetteln, oder auf andere Art Vortheil zu ziehen. Am 15. Januar ſegelte unſere Flotte, mit allen Bedürfniſſen verſehen, von Funchal wieder ab. Der Wind war Anfangs nordyeſtlich; aber bald ent⸗ ſtand eine gänzliche Windſtille, und nach einiger Zeit ſtellte ſich ein friſcher nordöſtlicher Luftſtrom ein, der Paſſat. Madeira, Porto Santo, ſo wie die Deſierats, entſchwanden nun ſchnell nach einander unſern Blicken, und am 17. lagen die Kanariden uns zur Seite. Der herrliche Anblick des Pico auf Teneriffa ward uns nicht zu Theil; denn das Wetter war den ganzen Tag trübe, und das Eiland bis auf ſeine niedrigſten Bergſpitzen mit Wolken und Nebeln umhüllt. Als wir nach Son⸗ nenuntergang bei Santa Cruz vorüberſegelten, kam ein kleines Fahrzeug vom Lande, um uns Wein zum Verkauf anzubieten. Die Flotte legte bei, und faſt jedes Schiff verſah ſich mit einigen Tonnen Wein, da er weit ſtärker als der von Madeira befunden wurde, und überdem kaum halb ſo viel koſtete. Während die Weinverkäufer mit ihrem Schiffe an der Seite des unſrigen ſich befanden, er⸗ blickten wir unter ihnen einen Mann, deſſen rieſenhafte Geſtalt um ſo mehr Bewunderung erregte, weil die übrigen von kleinem Wuchſe waren und wie Zwerge neben jenem ſtanden. Noch mehr zog der koloſſale Mann unſre Auf⸗ merkſamkeit auf ſich, als er uns zu wiſſen that, daß er ein Abkömmling der⸗ Guanchen— Urbewohner der kanariſchen Inſeln,— ſei. Allein, einer von ſeinen Gefährten, der ihm nicht wohlzuwollen ſchien, entdeckte uns, daß er aus der ſpaniſchen Landſchaft Catalonien abſtamme, und die Rolle des Guanchen nur in Gegenwart von Frenden ſpiele, um ihrer Neugierde und Leichtgläubig⸗ keik ein Geſchenk abzulocken, was ihm bisweilen gelinge. Außer den in Felſen eingehauenen Grabmälern der Guanchen hat ſich nicht die geringſte Spur von dieſem Volke weder auf Teneriffa, noch auf einer der benachbarten Inſeln er⸗ halten. Bekanntlich wurden ſie durch die Inquiſition völlig ausgerottet. Um Mitternacht wo die Flotte den Weinkauf beendigt hatte, ging ſie wie⸗ der unter Segel, und ſteuerte nach den Inſeln des grünen Vorgebirges. Wir 382— erblickten dieſelben am 23. Januar und ſchifften bei ihnen vorüber, ohne ſie zu berühren. 4 Wir hatten in der Gegend jener Inſeln noch eine ziemlich gemäßigte Luft⸗ wärme; erſt nach dem Eintritt in den 14. Grad nördlicher Breite fanden wir es nöthig, unſere Zuflucht zu den Maßregeln zu nehmen, welche auf Reiſen in den ſüdlichen Himmelsſtrichen üblich ſind, um das Schiff und die Mannſchaft vor den nachtheiligen Wirkungen der Sonnenhitze zu bewahren. Man begoß z. B. das Schiff täglich zu mehren Malen mit Waſſer, ſpannte über dem Ver⸗ deck Schirme von Segeltuch aus, und überſtrich das Holzwerk oft mit Oel⸗ farben, zum Theil mit Fett, ſo wie die Taue mit Theer. Die untern Gemächer wurden, zur Vertreibung der übeln Dünſte, häufig mit Eſſig überwaſchen und ausgeräuchert, auch durch Windleiter mit friſcher Luft verſehen. Die Mann⸗ ſchaft erhielt man zwar ſtets in Thätigkeit, trug aber Sorge, ſie dabei ſo viel als möglich den wohlthätigen Schatten genießen zu laſſen, und wenigſtens nicht in den Mittagſtunden den Sonnenſtrahlen auszuſetzen. Daß auf die Reinhal⸗ tung des Körpers, beſonders in Hinſicht der Wäſche— eines ſo weſentlichen Erfoderniſſes zur Erhaltung der Geſundheit,— ſcharfes Augenmerk gerichtet wurde, glaube ich, von engliſchen Seefahrern ſprechend, kaum erwähnen zu dürfen. Ueberdem ließ der Pflichteifer und die Umſicht unſeres Arztes, um Krankheiten zu verhüten, noch andere Maßregeln eintreten, die ſonſt auf Schif⸗ fen unbeachtet bleiben. So mußten alle Speiſen und Getränke, mit Einſchluß des Waſſers, ehe man ſie austheilte, ihm zur Prüfung vorgezeigt werden. Er drang ferner darauf, daß während der Nacht die wachhabenden Leute ſich warm ankleideten, die von der Wache befreiten aber nicht, wie die Seeleute in heißen Erdſtrichen zu thun pflegen, auf dem offenen Verdeck, ſondern in ihren Ge⸗ mächern ſchliefen, obſchon die Hitze darin bisweilen drückend war; denn in ſüd⸗ lichen Klimaten iſt dem Körper nichts zuträglicher, als ihn in einer gleichför⸗ migen Ausdünſtung zu erhalten, dagegen Erkältung desſelben und Stockung ſeiner Säfte— was die dortige, nach Verhältniß der⸗Tageswärme ſehr kühle und von ſtarkem Thau begleitete Nachtluft leicht bewirkt,— Ruhren und Fie⸗ ber, oder die Auszehrung nach ſich ziehen. Eine der ungewöhnlichſten Einrich⸗ tungen, welche unſer Arzt traf, war die, daß die Leute des Morgens und Abends ſich in Seewaſſer baden, oder wenigſtens am ganzen Leibe damit abwaſchen mußten, indem die zum Waſchen des Verdecks vorhandenen großen Kübel die Stelle der Badewannen vertraten. Ich kenne kein Mittel, das auf Neiſen im Süden zur Erhaltung der Geſundheit kräftiger beiträgt, als ein ſolches Ver⸗ fahren. Schon im erſten Bändchen meiner Reiſen habe ich von der heilſamen Eigenſchaft des Seewaſſers überhaupt geſprochen; hier muß ich hinzufügen, 383 daß es, zum Baden gebraucht, im Süden noch in einer beſondern Hinſicht ſehr wohlthätig wirkt. Der Körper, der durch die beſtändige Ausdünſtung ſeine Säfte verliert, ſtrebt unaufhörlich, dieſelben zu erſetzen, daher man einen kaum zu befriedigenden Durſt empfindet. Dieſen durch wiederholtes Trinken zu löſchen, iſt eben ſo nachtheilig, als ihn unbefriedigt zu laſſen; denn es hat eine Erſchlaffung der Eingeweide zur Folge, wodurch die Verdanung gehindert und mithin die Abnahme der Lebenskraft beſchleunigt wird. Badet man ſich aber, ſo ſaugt der ausgetrocknete Körper das Waſſer begierig ein, und erhält auf dieſem Wege die verlorenen Säfte wieder, ohne daß man nöthig hat, den Ma⸗ gen mit Flüſſigkeiten zu überfüllen und dadurch die Eingeweide zu ſchwächen. Kurz, ich fand, daß mir an ſolchen Tagen, wo ich mich badete, die Hälfte des Getränks genügte, das ich außerdem zu mir nehmen mußte; ja, man hat Bei⸗ ſpiele, daß Seefahrer, welchen es mehre Wochen an Trinkwaſſer mangelte, blos durch Hülfe des Bades ſich am Leben erhielten. Da ich hier die Geſundheitspflege berührt habe, die in den heißen Klimaten unter unſern Leuten im Allgemeinen Statt fand, ſo will ich bei dieſer Gelegen⸗ heit die dort von mir geführte Lebensweiſe noch beſonders beſchreiben, weil ich hoffen darf, daß dieſelbe, ungeachtet der verſchiedenen Leibesbeſchaffenheit der Menſchen, den Meiſten, die ſüdliche Länder beſuchen, zuſagen dürfte, indem ſie meinem nicht ſehr dauerhaften Körper die Beſchwerden der Reiſe glücklich über⸗ ſtehen half.— In Betreff der Kleidung befolgte ich gewiſſermaßen das hollän⸗ diſche Sprichwort:„Was wider die Kälte hilft, dient auch gegen die Hitze“, worin gewiß viel Wahres liegt. Ich trug auf dem bloßen Leibe Beinkleider und ein Hemd von feinem Flanell, und darüber einen Anzug von Nanking. Die Bedeckung des Kopfes beſtand in einem leichten Strohhut mit breiter Krämpe. Solchergeſtalt empfand ich die Macht der Hitze weit weniger, als die meiſten meiner Gefährten, die am Tage nur mit dünnen, baumwollenen oder leinenen Hemden und Hoſen bekleidet waren, und gern auch dieſe leichte Hülle abgeworfen hätten; denn es iſt einleuchtend, daß die Sonnenſtrahlen eine dünnere Kleidung leichter durchdringen, als eine dickere. Da ferner die mei⸗ nige nicht zu ſchwer, in allen Theilen weit und im Winde flatternd war, ſo gewährte mir dies eine immerwährende Kühlung, die jedoch nie zur Erkältung wurde. Ueberdem haben flanellene Unterkleider— ihrer bekannten Heilſam⸗ keit bei rheumatiſchen Zufällen nicht zu gedenken,— auch das Gute, daß man pvom Schwitzen faſt nichts gewahr wird, und eben ſo wenig das Unbehagliche fühlt, welches die vom Schweiß durchnäßte leinene oder baumwollene Wäſche verurſacht, beſonders wenn man in die Zugluft kommt, was auf Schiffen nicht zu vermeiden iſt. Solche Unterkleider müſſen jedoch oft gewechſelt werden, weil 384 ſie außerdem bald von dem fettigen Schweiße überzogen ſind, welcher die Aus⸗ dünſtung des Körpers verhindert, und daher oft ſehr verderblich auf denſelben wirkt. Zu dem Ende legte ich dreimal täglich reine an, indem die ausgezoge⸗ nen unverzüglich in Seewaſſer abgeſpült und zum Trocknen aufgehängt wur⸗ den, ſo daß ſie nach einer Stunde von neuem zu gebrauchen waren. Beiläufig erwähne ich, daß die Oberkleider von gefirnißtem Seidenzeuge, deren man ſich in ſüdlichen Ländern zur Regenzeit, um die Näſſe abzuhalten, mit Vortheil be⸗ dient, nicht minder gegen die Hitze ein kräftiges Schutzmittel ſind, weil ſie ver⸗ möge ihrer Dichtheit das Eindringen der Sonnenſtrahlen gänzlich verhindern, auch an ſich die Eigenſchaft zu kühlen, und überdem eine ungemeine Leichtigkeit beſitzen. Da ſie aber große Schonung erfordern, ſo taugen ſie auf den Schiffen nur für ſolche Leute, die keinen Theil an der Handarbeit nehmen.— Meine Weiſe im Eſſen und Trinken ſtützte ſich hauptſächlich auf den Grundſatz: Wenig und gut. Des Morgens um vier Uhr nahm ich eine Schale Kaffee und einige Biſſen Zwieback zu mir. Gegen zehn Uhr trank ich, zur Stärkung des Magens, ein Glas auf China geſetzten Wein, und aß nachher etwas kalte Küche, oder ein Paar weich geſottene Eier, wenn welche vorhanden waren. Beim Mittagmahl — das gewöhnlich erſt um vier Uhr gehalten wurde,— begnügte ich mich, da es nie an Federvieh mangelte, mit einem Teller voll kräftiger Suppe und dem Viertel einer Henne, indem ich das geſalzene Fleiſch, ſo wie auch den Pudding, die Paſteten und andere bei den Engländern gebräuchliche Speiſen, die ſchwer zu verdauen ſind, ſelten berührte. Auch an der engliſchen Sitte, die Mahlzeit mit Likören zu beſchließen, nahm ich keinen Theil, ſondern ließ es bei einigen Gläſern Wein, die ich während derſelben trank, bewenden. Zum Abendeſſen genoß ich eine Taſſe nicht allzu ſtarken Thee und ein wenig Zwieback, was ich auch während der Nacht, wenn ich die Wache hatte, bisweilen that. Bei dieſer Lebensordnung fehlte mir es nie an Luſt zum Eſſen, die man doch im Süden ſo leicht verliert und, obſchon zu großem Nachtheil, oft künſtlich erzwingt. Um den im Laufe des Tages oft wiederkehrenden Durſt zu befriedigen, diente mir ein Schluck Wein, oder etwas warme Limonade. Waſſer zu trinken vermied ich in jenen heißen Gegenden, weil es auf dem Schiffe meiſtens übelriechend, lau⸗ warm und folglich erſchlaffend war. Selbſt am Lande und friſch aus der Quelle geſchöpft, wollte mir das Waſſer nicht bekommen, weil es, wenn man nicht ein Eingeborner und daran gewöhnt iſt, den Körper erkältet, oder in zu ſtarken Schweiß verſetzt; dagegen geiſtige und warme Getränke die Erhitzung desſelben am beßten dämpfen.— Die Mittel, welche noch beſonders von mir angewendet wurden, um Krankheiten vorzubeugen, waren ebenſo einfach als in ihrer Zahl beſchränkt. Aus dem ſchon oben angeführten Grunde gebrauchte ich 1 täglich das Seebad, ſo wie ich zur Verhütung der Mundfäule,— wovon man auf weiten Seereiſen ſo leicht ergriffen wird,— neben der Gewohnheit, mit etwas Taback vermiſchte Salbeiblätter zu kauen, den Mund häufig mit Wein⸗ eſſig und Waſſer auszuſpülen pflegte. Da übrigens der Seemann, wegen Mangel an hinreichender Bewegung, hauptſächlich in ſüdlichen Klimaten, wo der Körper ungemein erſchlafft, mehr als andere Menſchen der Verſchleimung ausgeſetzt, und dieſe unbezweifelt die Urſache der meiſten ihn befallenden Uebel iſt, ſo trank ich, an einigen Tagen der Woche, früh nüchtern ein halbes Glas Meerwaſſer, deſſen auflöſende, abführende und zugleich ſtärkende Kräfte ſchon anderwärts von mir gerühmt worden ſind. Daß ich mich zu dem Ende der künſtlichen und koſtbaren, auf unſerem Schiffe vorhandenen Arzneien nicht be⸗ diente, hatte ſeinen Grund darin, weil ich der Meinung war, daß der Menſch immer zu denjenigen Mitteln ſeine Zuflucht nehmen ſollte, die ihm zunächſt lie⸗ gen, und daß er dieſelben überall in der Nähe findet, wenn er ſie aufſuchen will, indem die Natur gewiß jeden Theil des Erdballs mit dem verſorgt hat, was den ihn bewohnenden Geſchöpfen angemeſſen und heilſam iſt. Ich komme nun zu unſerer Reiſe zurück.— Wir überſchritten ſchon am 2. Februar die Linie. Von dem in dieſer Meeresgegend hergebrachten ſeemänni⸗ ſchen Gebrauch der ſo genannten Meertaufe,— der im erſten Abſchnitt meiner Reiſen umſtändlich beſchrieben iſt,— bemerke ich blos, daß er mit allen Förm⸗ lichkeiten beobachtet wurde, und Gelegenheit gab, der Mannſchaft einen ſehr vergnügten Tag zu machen, da zumal die Paſſagiere viel Rum und Wein dabei vertheilen. Von den langen, höchſt gefährlichen Windſtillen, die unter der Linie ſo gewöhnlich ſind, blieben wir befreit. Die öſtlichen Luftſtröme führten uns, obſchon am Ende mit ſehr geſchwächter Kraft, ungefähr bis zum 2. Grad ſüd⸗ licher Breite, worauf ſie allmälig in einen friſchen Südoſtwind übergingen. Wie bekannt, ſegeln in neuern Zeiten die nach Indien gehenden Schiffe, nachdem ſie das Gebiet des ſüdöſtlichen Paſſatwindes erreicht haben, nicht gerade nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung, weil dieſer Wind ihnen von dort an völlig entgegen weht, und große Schwierigkeiten verurſacht. Sie laſſen ſich von ihm nach Braſilien führen, wohin er günſtig iſt, und gehen dann längs den Küſten bis über den Wendekreis des Steinbocks hinaus, in die Gegend der veränderlichen Winde. Hier empfängt ſie gewöhnlich ein nordweſtlicher Luft⸗ ſtrom, der ſie in kurzem quer über den Ocean und um Afrika bringt, ſo daß eine Reiſe nach Indien und wieder zurück in zehn bis zwölf Monaten vollendet wird, obſchon ehedem, als man ſich an den Küſten von Afrika mühſam hinzu⸗ Richter's Reiſen. I. 25. 386 arbeiten pflegte, ein Zeitraum von drei Jahren dazu nöthig war. Aus dieſem Grunde ſchlugen auch wir die eben beſchriebene Laufbahn ein. Auf dem ganzen, wiewohl ſehr beträchtlichen Wege von der Linie bis nach Braſilien ereignete ſich nichts Merkwürdiges; und den Leſer mit dem Thun und Treiben der Schiffsmannſchaft zu unterhalten, würde ihn nur ermüden, da er bereits aus meinen frühern Beſchreibungen die gewöhnliche Beſchäftigung der Seeleute kennt, und auch weiß, wie ſie ihre Erholungſtunden anwenden, indem ſie z. B. Tropikvögel, fliegende Fiſche, Delphine u. ſ. w. fangen, oder das Meer von einem Hai befreien. Uebrigens kann man leicht denken, daß unter einem Haufen Menſchen, die in Anſehung der Geſtalt, Sprache, Sitten und Denkart ſo ſehr von einander abwichen, mancherlei Neckereien und Streitig⸗ keiten vorfielen, die jedoch, da die gute Ordnung im Ganzen dadurch nicht ge⸗ ſtört wurde, keine ſchädlichen Folgen hatten. Am 20. Februar bei Sonnenuntergang erblickten wir Braſilien, das aber, da es als ein Hochland in weiter Ferne ſichtbar iſt, erſt nach zwei Tagen erreicht wurde. Bei weiterer Annäherung zeigte ſich's, daß wir den Hafen von Rio⸗ Janeiro, der den Oſtindienfahrern gewöhnlich zum Ruhepunkte dient, ſchon einige Meilen hinter uns hatten— ein Irrthum, welcher den nicht immer rich⸗ tig zu berechnenden Meeresſtrömen zuzuſchreiben war. Wir mußten daher wieder zurückfahren, und kamen erſt am Morgen des 23.— alſo ſieben Wochen nach der Abreiſe von England— vor jenem Hafen an. Da man in dama⸗ liger Zeit, den dortigen Geſetzen gemäß, nicht eher in denſelben einlaufen durfte, als bis die Ankunft des Schiffes und der Zweck ſeiner Reiſe der Regierung gemeldet war, ſo kreuzten wir bei dem hohen Felſen, auf deſſen Gipfel die Feſtung Santa Cruz den Eingang beherrſcht, einige Zeit lang umher, bis ein Offizier der uns führenden Fregatte die nöthigen Anzeigen gemacht und die Erlaubniß zur Einfahrt ausgewirkt hatte. Das erhabene und prächtige Schauſpiel, welches bei der Einfahrt in den Hafen ſich darbietet, wo man die fünf Meilen umfaſſende Waſſermaſſe, mit den üppig grünenden Inſeln und den unzähligen, rege Lebhaftigkeit verbreitenden Fahrzeugen, ſo wie die anmuthigen Ufer des Feſtlandes, worauf Flüſſe und Bäche, Waldungen, Aecker, Wieſen und Gärten, mit Dörfern, Landhäuſern, Schlöſſern, Klöſtern und Schanzen maleriſch abwechſeln, und endlich, im Hinter⸗ grunde, die das Ganze umſchließenden, wildgeſtalteten hohen Berge erblickt,— dies Alles machte einen großen und angenehmen Eindruck auf mich und meine Gefährten. In der fröhlichſten Stimmung ankerten wir am Abend bei der Inſel Ilheo dos Cobras(Schlangeninſel), wo man außer vielen Schanzen, die, in Verbindung mit der am weſtlichen Ufer hervorragenden Citadelle, die Straße 1 387 nach Rio⸗Janeiro beſtreichen, Vorrathshäuſer für die Schiffe errichtet hat, weil der Ankergrund in der Nähe dieſes Eilandes der beßte im ganzen Hafen iſt. Die berühmte Hauptſtadt Braſiliens, Rio⸗Janeiro(eigentlich San Seba⸗ ſtiano genannt), ſah ich nur aus der Ferne, in der Geſtalt einer großen, meiſtens hinter Bäumen und Hügeln verſteckten Häuſermaſſe. Daß ich ſie nicht näher in Augenſchein nahm, lag nicht allein in ihrer beträchtlichen Entfernung von unſerer Ankerſtätte, ſondern auch darin, weil mein Amt mich zur beſtändigen Aufſicht bei den Arbeiten unſerer ſtreng gehaltenen Mannſchaft verpflichtste, und⸗ überhaupt die engliſchen Seeleute, ſo lange ſie ſich, wenn auch blos zu ihrer Erholung, in einem Hafen aufhalten, jederzeit volle Beſchäftigung haben, und oft weniger als auf dem Meere ſelbſt zur Ruhe kommen. Während der ganzen Zeit unſeres Aufenthalts in Braſilien traf mich die Reihe, 24 Stunden am Lande zubringen zu dürfen, an einem einzigen Sonntage, und dieſen glaubte ich zum Berichtigten einer Rechnung, die mir viel Sorgen machte, benutzen zu müſſen. An den Wochentagen war man bis gegen Sonnenuntergang beſchäftigt, alle Theile des Schiffes von neuem in gehörigen Stand zu ſetzen, und für die noch übrige Reiſe mit Waſſer und Lebensmitteln zu verſehen. Wenn ich nun vom frühen Morgen an mich theils am Bord, theils in den Magazinen auf Ilheo dos Cobras herumgetrieben hatte, war ich am Abend müde und daher wenig aufgelegt zu weiten Ausflügen, auf welchen ohnehin die Nacht mich übereilt haben würde. Ueberdem fand ich, als ein Freund der Natur, das Ländliche unter dem braſiliſchen Himmel viel zu anziehend, um mich nach einer Stadt zu ſehnen, ſo prächtig auch Rio⸗Janeiro mir geſchildert wurde. Deſto mehr benutzte ich jede Gelegenheit, die benachbarten kleinen Inſeln und die nächſt liegenden Ufer des Feſtlandes zu beſuchen. Bald begab ich mich in Wälder und Gebüſche, wo die erquickende Kühle, der Anblick der ſeltenen Bäume und Pflanzen, die balſamiſchen Gerüche, welche ſie verbreiteten, ſo wie die Stimmen unzähliger Vögel und tauſend andere Dinge die angenehmſten Gefühle erregten. Bald betrat ich die mit Gras und Blumen reich bedeckten Wieſen; oder ich durchſtrich die Felder und Pflanzungen, auf welchen neben europäiſchen Gewächſen die tropiſchen in buntem Gemiſch und großer Vollkom⸗ menheit prangten. Oft kehrte ich in den Wohnungen der Pflanzer ein, die mich freundlich empfingen und freigebig mit Milch oder köſtlichen Früchten be⸗ wirtheten. Kurz, die in Braſilien von mir angeſtellten kleinen Wanderungen waren Stunden, die ich zu den genußreichſten meines Lebens zähle; da ſie aber, aus Mangel an Zeit, nur zur Erholung gemacht wurden, ſo geſtatteten ſie nicht, den einzelnen, jeden Augenblick wechſelnden Gegenſtänden eine beſondere Auf⸗ merkſamkeit zu widmen. Sie ließen jedoch in meiner Seele, der ſie noch jetzt 25* 388 wie ein angenehmes Traumbild vorſchweben, die Ueberzeugung zurück, daß die Gegend um Rio⸗Janeiro zu den ſchönſten der Erde gehört, und daß dort die Menſchen weit gutmüthiger ſind, als im Mutterlande Portugal. 2. Man ſegelt von Rio⸗Janeiro wieder ab, und ſteuert längs der Küſte von Patagonien hin. Zuſam⸗ mentreffen mit einem Schiffe, deſſen Mannſchaft an dieſer Küſte ein trauriges Schickſal betroffen hat. Sturm und Windſtille.— Verſuche, die Tiefe des Meeres zu erforſchen, ſo wie auch das Wetter voraus zu beſtimmen— Vorſchlag zu einem Mittel, den Lauf der Schiffe auf eine leichtere Art als die bisherige zu meſſen. Es war am 14. März, als die Flotte, in guten Stand geſetzt und mit den trefflichſten Lebensmitteln verſehen, aus dem Hafen von Rio⸗Janeiro wieder abſegelte. Längs den Küſten ſüdwärts ſteuernd, durchſchnitt ſie am nächſten Tage den Wendekreis des Steinbocks. In dieſer Gegend begegnete uns ein aus der Südſee kommendes engliſches Schiff. Die Mannſchaft desſelben hatte bei einer Landung in Patagonien das Unglück gehabt, den dortigen Wilden in die Hände zu fallen und großen Theils umgebracht zu werden. Die noch lebenden Leute verdankten ihre Rettung einem patagoniſchen Mädchen, welches mit ihnen auf das Schiff entflohen war,— ein Fall, der wegen der großen Zuneigung, welche die wilden Amerikanerinnen zu den Europäern haben, nicht ſelten iſt und an die bekannte, von Gellert beſungene Geſchichte des Engländers Inkle und ſeiner Befreierin Yariko erinnert. Doch iſt die Schöne, von der ich rede, nicht ſo übel wie dieſe belohnt, ſondern wohlbehalten nach London gebracht worden, wo der von ihr erkorene Seemann ſie geehelicht hat. Ich ſah ſie daſelbſt im Jahr 1811, um welche Zeit ihr fähiger Geiſt ſchon einen ziemlichen Grad von Bildung angenommen hatte. Obgleich von rothgelber Farbe, hatte doch ihre hohe ſchlanke Geſtalt viel Anmuth, welche durch die feurigen ſchwarzen Augen und die freundliche Miene ihres Geſichts noch erhöht wurde. Am vierten Tage nach der Abfahrt von Braſilien legte ſich der Südoſt⸗ paſſat, worauf ein nordweſtlicher Wind ſich erhob, der unſerem Schiffe die Rich⸗ tung nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung gab. Er verſtärkte ſich immer mehr und ward nach einigen Tagen zum fliegenden Sturm, ſo daß man, unver⸗ mögend die Segel zu führen, ſich ſeiner Willkühr überlaſſen mußte. Wenn auf dem weiten, von Untiefen freien Weltmeer Stürme entſtehen, den Matroſen aber Zeit bleibt die Segel einzuziehen und überhaupt gegen Un⸗ fälle, die eintreten können, ſich in Bereitſchaft zu ſetzen, ſo iſt ein dauerhaft 389 gebautes Schiff in keiner großen Gefahr, indem es dann von den ungeheuern Wogen zwar abwechſelnd in die Lüfte gehoben und in den Abgrund geſenkt, jedoch gleichförmig mit ihnen fortbewegt wird, ohne von den folgenden über⸗ ſchüttet zu werden. Dies war auch bei dem jetzt entſtandenen Sturm der Fall, und wir ſahen dem Toben desſelben mit Gleichgültigkeit zu. Da aber in der ganzen Natur auf jede Anſtrengung eine Erſchlaffung folgt, ſo treten nach Stürmen gewöhnlich Windſtillen ein, wo das aufgeregte Meer die wildeſten und unregelmäßigſten Bewegungen macht; und dieſes iſt der Zeitpunkt, welchen der Seefahrer am meiſten zu fürchten hat. Auch wir wurden, nachdem der Sturm vier Tage gewüthet hatte, von einer ſolchen Stille heimgeſucht, die unſer obſchon großes Schiff in eine tanzende Bewegung und in nicht geringe Gefahr ſetzte. Gegen das fürchterliche Schwanken desſelben konnten wir nichts weiter thun, als die Kanonen in den Schiffsraum ſchaffen, und uns mit Aexten an die Maſten ſtellen, um ſie im Nothfall zu kappen.— Auf dieſe Windſtille, welche zwei Tage dauerte, folgten noch einige gefähr⸗ liche Naturbegebenheiten, z. B. Waſſerhoſen, Wirbelwinde, die uns viel Unruhe machten. Endlich am 27. März traten günſtigeres Wetter und gemäßigte Südweſtwinde ein, die geraume Zeit anhielten. Während jener übeln Wetterperiode, welche den Eintritt des Winters auf der ſüdlichen Halbkugel bezeichnete, waren die uns begleitenden Schiffe, weil ſie in verſchiedenen Richtungen und mit ungleicher Schnelligkeit fortgetrieben wurden, aus unſerem Geſicht verſchwunden. Nur das nach Botany ⸗Bai beſtimmte fand ſich noch in unſerer Nähe, in deſſen Geſellſchaft wir die Reiſe weiter fortſetzten. Uebrigens wurde das überſtandene Ungemach, da es von keinen ſehr nachtheiligen Folgen begleitet war, bald von uns vergeſſen; und dies wäre noch eher geſchehen, wenn nicht die von den Meeresfluthen gebleichte Farbe unſeres Schiffes, da ſie ein abermaliges Anſtreichen und Theeren desſel⸗ ben nöthig machte, daran erinnert hätte. Auf einer Fahrt quer über den Ocean, wo das Auge viele Wochen kein Land erblickt, kommt man leicht auf die Frage: wie tief wohl dieſe ungeheure Waſſermaſſe ſein möge. Auch mir und einigen meiner Gefährten drängte ſie ſich oftmals auf, und brachte den Entſchluß in uns hervor, eine Meſſung des Meeres zu veranſtalten. Solche Verſuche ſind bekanntlich mit großen Schwie⸗ rigkeiten verknüpft und bis jetzt, ſo oft ſie auch in ältern und neuern Zeiten unternommen wurden, fruchtlos geweſen. Obſchon nämlich das Meer gewiß nicht unergründlich und ſeine größte Tiefe, aller Wahrſcheinlichkeit nach, nicht beträchtlicher, als die größte Höhe der über dem Meeresſpiegel ſich erhebenden Berge iſt, ſo fehlt es doch an zuverläſſigen Mitteln, dieſelbe zu erforſchen. Das Senkblei, welches den Boden der minder tiefen Gewäſſer mit großer Genauig⸗ keit anzeigt, läßt ſich auf dem Ocean— außer andern Gründen, die ich hier nicht anwenden kann,— hauptſächlich deßwegen nicht anwenden, weil es auf ſeinem Wege durch die verſchiedenen Waſſerſchichten auf Strömungen trifft, die es, ſammt der daran befindlichen Schnur, in krummen Linien mit ſich fortreißen. Da übrigens das Schnurwert eine faſt gleiche Schwere mit dem Seewaſſer hat, ſo muß dasſelbe, wenn es zu einer großen Länge ausgeworfen wird, das ſchwerſte Senkblei aufhalten und es hindern, den Grund zu erreichen. Daher denn die vielen Berichte der Seefahrer, daß das Meer nicht zu ergründen ſei. Die Na⸗ turforſcher haben ſchon lange auf die Verfertigung beſſerer, keiner Leine be⸗ nöthigter Werkzeuge geſonnen, die jedoch in der Anwendung noch immer fehler⸗ haft und unzulänglich befunden wurden. Dem zu Folge ging unſere Bemühung dahin, zwar nicht neue zu erfinden, wohl aber die bereits vorhandenen zu prüfen und, wo möglich, zu verbeſſern. Dasjenige, worauf wir vorzüglich unſere Hoffnung bauten, war das vom Engländer Hook angegebene. Der Theorie nach beſteht es in zwei Körpern, wovon der eine ſchwerer, der andere leichter als das Waſſer iſt. Beide werden dergeſtalt zuſammengefügt, daß der erſtere, ſo bald er beim Niederſinken den Grund berührt, den letztern fahren läßt, der ſofort nach der Oberfläche aufſteigt. Der Zeitraum zwiſchen dem Augenblick, wo das Inſtrument in das Waſſer ſinkt, und demjenigen, wenn der leichtere Theil wieder zum Vorſchein kommt, beſtimmt die Tiefe. Dieſe Grundſätze brachten wir auf folgende Weiſe in Anwendung. Den ſchweren Körper bildete eine ſechspfündige Kanonenkugel, den leichten eine mit Luft ge⸗ füllte, überſtrickte und gefirnißte Schweinsblaſe. Daß wir uns ſtatt dieſer nicht, wie Hook, einer hölzernen Kugel bedienten, geſchah deßhalb, weil ſie weniger leicht auf dem Waſſer ſchwimmt, und daher, nach ihrem Wiedererſchei⸗ nen auf der Oberfläche, nicht ſo gut in der Ferne wahrzunehmen iſt. Das von ihm angewandte Bleigewicht mußte aus dem Grunde durch ein minder zweckmäßiges eiſernes erſetzt werden, weil jenes Metall uns mangelte. Als Mittel zur Verbindung und Trennung der beiden Theile gebrauchten wir eine Zange, die, mit Springfedern verſehen, ſich zu öffnen ſtrebt. Sie war an die Kugel mit Schnüren befeſtigt. Brachte man ſie nun, ſammt dem daran hän⸗ genden Kugelgewicht, in eine ſchwebende Lage, ſo wurde ſie von dieſem feſt zu⸗ gezogen und hielt ſich, wenn man den an der Blaſe angebrachten Zapfen in ihr Gebiß ſteckte, daran feſt, ließ ihn jedoch los, ſo bald das Gewicht auf einem feſten Körper zu ruhen kam, oder von Jemand feſtgehalten wurde, weil in beiden Fällen deſſen Schwerkraft aufhört, auf die Zange zu wirken. Wenn man daher das ſolchergeſtalt zuſammen gefügte Werkzeug in das Meer ſenkt, ſo ſtrebt die 1 Blaſe ſich oben zu erhalten, wird jedoch von der Kugel hinabgeriſſen, bis der Meeresboden oder ein anderer Gegenſtand dem Fallen der letztern Einhalt thut. Vor der Anwendung des Werkzeuges war es erforderlich, deſſen Ge⸗ ſchwindigkeit im Fallen und Steigen oder, mit andern Worten, die Zeit zu wiſſen, die es fallend und ſteigend zum Durchſchneiden eines gewiſſen Raums bedurfte. Dem zu Folge ließen wir die Kugel mit der daran befindlichen Zange und Blaſe eine beſtimmte Zeit in das Waſſer hinab ſinken, nach deren Verlauf ſie mittels einer daran befeſtigten, nach Klaftern bezeichneten Leine angehalten wurde, worauf die Blaſe von ſelbſt wieder in die Höhe ſtieg. Aus vielen ſolchen, in mehr und minder großer Tiefe gemachten Verſuchen ergab es ſich, daß das ſinkende Werkzeug zwei Klaftern in einer Sekunde durchſchnitt, dagegen der leichtere Theil nur halb ſo viel Zeit zum Aufſteigen brauchte. Nach dieſen Ver⸗ hältniſſen alſo mußte bei einer Meſſung die Tiefe berechnet werden; und geſetzt, die Blaſe wäre, nach dem Verſchwinden unter die Meeresfläche bis zur Wieder⸗ erſcheinung auf derſelben, ſechzig Sekunden abweſend geweſen, ſo hätte ſie vier⸗ zig davon auf dem Wege hinab, und zwanzig wieder herauf zugebracht, folglich jedesmal achtzig Klaftern zurückgelegt. Bei dergleichen Proben überzeugten wir uns auch von der Wahrheit des Grundſatzes: daß im Waſſer ſinkende Körper nicht, wie die in der Luft fallenden, ihre Geſchwindigkeit vermehren, ſondern in gleichen Zeiten gleiche Räume durchlaufen. Nachdem wir uns nun mit Werkzeugen von der beſchriebenen Art in ziemlicher Menge verſehen und mancherlei Erfahrungen in Hinſicht ihres Gebrauchs geſammelt hatten, ſtellten wir endlich am 10. April, ungefähr hundert Meilen vom Vorgebirge der guten Hoffnung, die erſte Meſſung an, d. i. wir ließen unſere Tiefenmeſſer, und zwar ohne Leine, in das Meer hinab; aber leider ſahen wir der Rückkehr der Blaſen vergebens entgegen. Dies verurſachte uns vieles Kopfzerbrechen. Die Ver⸗ ſuche wurden indeß an jedem günſtigen ſtillen Tage wiederholt, jedoch nicht mit beſſerem Glück, bis endlich ein bei der Inſel Sumatra gemachter uns allen Muth benahm. Wir ſenkten hier auf einer nicht tiefen, zuvor mit dem Bleiloth unterſuchten Stelle einen der noch vorhandenen Meſſer in den Grund. Mit Erſtaunen ſahen wir den leichten Körper viel ſpäter, als nach der Berechnung geſchehen ſollte, und in einer weiten Entfernung von dem Orte, wo er verſenkt worden war, zum Vorſchein kommen— beides die Folge einer in der Tiefe befindlichen Strömung, die das Inſtrument in einer ſchiefen Linie fortgeführt hatte. Hierdurch ward es uns deutlich, daß die zu unſern Meſſungen auf dem hohen Meere gebrauchten Inſtrumente, wenn ſie auf ihrem Wege in ſolche Ströme gerathen waren, eine zu große Strecke ſeitwärts getrieben werden mußten, als daß die Blaſen nach ihrem Wiederemporkommen von uns bemerkt * werden konnten; ſo wie es uns auch einleuchtete, daß die Strömungen des Meeres allein hinreichen, eine Erforſchung ſeiner Tiefe zu vereiteln. Nächſtdem aber er⸗ blickten wir bei kälterem Nachdenken eine Menge anderer, im warmen Eifer für die Sache überſehener Umſtände, welche ſolchen Meſſungen, beſonders mit dem von uns dazu gebrauchten Werkzeuge, hinderlich ſind. Wie leicht z. B. ſtößt es im Fallen auf einen ſchwimmenden Gegenſtand, einen Fiſch, ein Stück faules Holz und dergleichen, wo es dann, ohne den Meeresgrund zu erreichen, wieder in die Höhe kommt und folglich den Meſſenden zu falſchen Schlüſſen verleitet; oder es trifft auf einen ſchlammigen Boden, in welchen der ſchwere Theil den leichten hinab zieht, ſo daß dieſer ſich nicht erheben kann, ſondern vergraben liegen bleibt. Da ferner die Beſtandtheile des Meeres nicht überall in gleichen Verhältniſſen ſtehen, und überdem, wie die der Luft, beſtändig in einer Art von Gährung, folglich bald auf dieſer, bald auf jener Stelle verdichtet oder ausgedehnt ſind: ſo läßt ſich die Geſchwindigkeit der im Meerwaſſer fallenden und ſteigenden Körper, weil die mehr oder minder große Dichtheit desſelben viel Einfluß darauf hat, nicht mit völliger Zuverläſſigkeit beſtimmen. Ich habe daher ſeit jener Zeit den Gedanken, die Tiefe des Oceans zu erforſchen, aufgegeben und geglaubt, daß dies ſpätern Zeiten aufbehalten iſt, wo man nicht auf der Ober⸗ fläche mit trüglichen Inſtrumenten dabei zu Werke geht, ſondern, vielleicht durch Vervollkommnung der Taucherglocke, oder des Taucherſchiffes, in den Stand geſetzt wird, die Eingeweide des Meeres zu durchwühlen. Den Dunſtkreis zu beobachten und daraus Schlüſſe auf die künftige Be⸗ ſchaffenheit des Wetters zu ziehen, iſt eine Beſchäftigung, wozu der Seemann durch den Anblick des weiten, unbeſchränkten Horizontes, und überhaupt durch ſeine ganze Lage immerwährend aufgefordert wird. Auch auf unſerer Reiſe, beſonders auf der Ueberfahrt von Braſilien nach den indiſchen Gewäſſern, wur⸗ den in dieſer Hinſicht unabläſſig Beobachtungen angeſtellt. Sie zeigten ſich meiſtens richtig, ſo lange die Vorausbeſtimmung ſich auf den nächſten Tag beſchränkte; allein Einige gingen hierin auch auf weitere Zeit hinaus, und machten dann immer die unangenehme Erfahrung, ſich geirrt zu haben. Zum Beßten meiner jüngern Leſer ſei es mir vergönnt, hierbei eine kleine Bemerkung zu machen. Die Veränderung des Wetters liegt in der phyſiſchen Beſchaffenheit der Atmoſphäre. Die Sonnenwärme und die anziehende Kraft des Mondes haben darauf den hauptſächlichſten Einfluß. Aber auch die Aus⸗ dünſtung, die Electricität, die Entbindung verſchiedener Gasarten und andere, zum Theil vielleicht noch gar nicht bekannte Naturkräfte tragen dazu bei. Da nun die Witterung auf einem ununterbrochenen Zuſammenhange von Urſachen und Wirkungen beruht, der uns nicht immer klar iſt, ſo läßt ſie ſich ſelten und 1 393 auf längere Zeit gar nicht voraus beſtimmen; und wer weiß, ob es je dem menſchlichen Verſtande gelingen wird, jenen Zuſammenhang einzuſehen und ſichere Regeln für die Meteorologie daraus abzuleiten. Nur aus den einzelnen Zuſtänden der Atmoſphäre, z. B. aus der Feuchtigkeit und Trockenheit, der Schwere und Leichtigkeit der Luft, aus der Richtung des Windes, dem Laufe der Wolken, oder den beſondern Dunſtgeſtalten, welche bekanntlich beim Auf⸗ und Untergang der Sonne am deutlichſten wahrzunehmen ſind, kann man die Witterung mit einiger Sicherheit auf einen oder mehre Tage vorher verkün⸗ digen. Wenn daher Regen durch die blaue Färbung der aufgehenden Sonne, durch die ſtumpfen Hörner des Neumondes, die ſcheinbare Vergrößerung der Sterne, den Hof um Sonne und Mond, das ſo genannte Waſſerziehen der Sonne, das Ausbleiben des Thaues u. ſ. w. angezeigt wird; ſo liegt die Urſache davon in der beſondern Beſchaffenheit des Dunſtkreiſes. Dies iſt eben⸗ falls der Grund, warum feinnervige Menſchen und ſolche, die an gewiſſen Gliedmaßen leiden, ſo wie auch viele Thiere, die Veränderung des Wetters mehr oder weniger vorher empfinden und letztere dieſelbe durch verſchiedene Aeußerungen andeuten.— Noch iſt zu erwägen, daß der Seemann bei ſeinen meteorologiſchen Beobachtungen um ſo mehr Schwierigkeiten findet, weil er meiſtens mit großer Schnelligkeit aus einer Gegend in die andere kommt, und die von ihm wahrgenommenen Wetterzeichen oft nur auf diejenige, worin er ſich zur Zeit der Beobachtung befand, Bezug haben, da bekanntlich in zwei einander ganz nahe gelegenen ſehr verſchiedenes Wetter herrſchen kann. Ein Gegenſtand, der mein Nachdenken vorzüglich beſchäftigte, war der Verſuch ein Mittel aufzufinden, wodurch der Seemann in den Stand geſetzt würde mit geringerer Mühe und größerer Zuverläſſigkeit als durch das ſo ge⸗ nannte Log— welches im II. Abſchnitt, Seite 96. f. beſchrieben iſt,— die Schnelligkeit ſeiner Fahrt oder den Weg, den er zurücklegt, zu beſtimmen. Nach einiger Zeit kam ich auf den Gedanken, wobei ich, wie bei einem glücklichen Funde, ſtehen blieb. Im Fall, dachte ich, eine offene Röhre am Hinterſteven des Schiffes nach dem Kiel hinab und dann, vorwärts gebogen, längs dieſem einige Fuß fortläuft, ſo wird, wenn ſie mit dem ſegelnden Schiffe das Waſſer durchſchneidet, letzteres gewaltſam in dieſelbe, und darin in die Höhe getrieben. Der größere oder geringere Grad des Steigens zeigt die mehr oder minder beträchtliche Geſchwindigkeit der Fahrt an. Wiewohl nun dieſe Idee, ſpäter⸗ hin durch andere Gegenſtände verdrängt, nie ausgebildet und in Anwendung gebracht wurde, ſo bin ich dennoch überzeugt, daß ſie die Grundlage eines ein⸗ fachen, ſichern und bequemen Werkzeuges zur Erreichung des beabſichtigten Zweckes geben kann. Das Nähere der Einrichtung und des Gebrauchs werden 394 die allgemeinen Grundſätze der Hydraulik, ſo wie die einzelnen praktiſchen Ver⸗ ſuche beſtimmen. Indeſſen iſt es einleuchtend, daß eine blos glatte Röhre, bei ſehr ſchnellen Bewegungen des Schiffes, das Waſſer zu hoch treiben würde, um den Seemann mit Sicherheit Reſultate daraus ziehen zu laſſen; noch mehr müßte dies der Fall ſein, wenn die untere Oeffnung ſich von innen nach außen erweiterte. Allein, eine von der entgegengeſetzten Form würde den Andrang des Waſſers ſchon ſehr mäßigen; überdem könnte er durch Schneckengänge, oder Winkelzüge in der Röhre ſelbſt, in beliebigen Schranken gehalten werden. Die Höhe des Steigens würde ein in die Röhre geſtellter, unten mit einem Kork verſehener und oben mit Graden bezeichneter Draht, von der Länge, daß er beim niedrigſten Waſſerſtande noch etwas hervorragt, jederzeit von ſelbſt anzeigen. Ja, die Rückſicht auf Bequemlichkeit kann ſogar noch weiter gehen, wenn man z. B. den auf⸗ und niederſteigenden Draht, mittels kleiner Zähne, ein Rädchen treiben läßt, welches den Weiſer an einem Zifferblatt in Bewegung ſetzt, ſo daß dieſes, gegen die Vorderſeite des Schiffes gekehrt, auf allen Thei⸗ len des Verdecks wahrzunehmen iſt; doch würde das Werkzeug durch dergleichen Künſteleien an Einfachheit verlieren und um ſo öfter einer Ausbeſſerung be⸗ dürfen. Wenn gleich die völlige Einrichtung des Inſtrumentes noch mancherlei Erfahrungen vorausſetzt, die außer dem Kreiſe meiner gegenwärtigen Verhält⸗ niſſe liegen, ſo glaube ich doch, daß es einer ſolchen Vervollkommnung fähig iſt, um zu jeder Zeit und mit geringer Mühe die beſtimmteſten Anzeigen dadurch zu erhalten. Dies würde nicht nur den Seemann des ihm oft läſtigen Loggeſchäftes überheben, ſondern auch für die Schifffahrt überhaupt von weſentlichem Nutzen ſein, weil man das Log, wegen der damit verbundenen Umſtändlichkeit, in der Regel nur alle zwei Stunden wirft, obſchon in den Zwiſchenzeiten das Schiff bald ſchneller, bald langſamer geht, und weil man dasſelbe, wegen der Gefahr es zu verlieren, bei ſtürmiſchem Wetter oft gar nicht gebraucht, ſondern ſich begnügt, die Fahrt nach dem Augenmaße zu ſchätzen. Um den wichtigſten Einwürfen, die man meinem Vorſchlag machen könnte, zu begegnen, füge ich noch folgende Be⸗ merkungen hinzu. Den Lauf des Schiffes kann das Werkzeug wenig hindern, weil es einen geringen Umfang, höchſtens zwei Zoll im Durchmeſſer zu haben braucht, was nicht mehr beträgt, als wenn am Schiffsboden die losgegangene Ecke einer Kupferplatte herunter hängt, der Kopf eines großen Nagels ſich heraus giebt, oder durch die ſich daran feſtſetzenden Unreinigkeiten eine Unebenheit ent⸗ ſteht, welche Fälle häufig Statt finden, ohne die Segelkraft des Fahrzeuges merk⸗ lich zu ſchwächen. Wenn ferner die Röhre aus Kupfer beſtände, ſo würde ſie, bei einer mäßigen Dicke, wenigſtens zehn Jahre dauern; da nun in dieſem Zeit⸗ raum der Schiffsboden mehrmals eine Ausbeſſerung bedarf, ſo könnte ſie bei 1 ſolchen Gelegenheiten ebenfalls in Ordnung gebracht, und folglich, ohne beſon⸗ dere Störung zu veranlaſſen, in gutem Stand erhalten werden. In nördlichen Himmelſtrichen, möchte es ſcheinen, wird oft der Umſtand eintreten, daß das Waſſer in dem Werkzeuge gefriert; allein nur dann iſt dies möglich, wenn das Waſſer über die Oberfläche des Meeres ſich erhebt, weil letzteres zu jeder Zeit eine mäßige Wärme behält und blos da, wo es die Luft berührt, oder in der Nähe des Landes, erſtarrt. Auf Reiſen im hohen Norden, wo man fort⸗ während die Eismaſſen durchbrechen muß, wird dennoch das Inſtrument wenig Schaden leiden, weil der vordere Theil des Schiffes jederzeit dem hintern eine freie Bahn verſchafft, und überhaupt das Eis, da es ſpeeifiſch leichter als das Waſſer iſt, ſich vom Fahrzeuge nicht unter dasſelbe, ſondern blos auf die Seite drängen läßt. Eine Zerſtörung würde dem Werkzeuge drohen, wenn das Schiff auf den Grund geriethe; aber dann kämen auch alle übrige Theile desſelben in gleich große Gefahr. 3. Das Vorgebirge der guten Hoffnung. Inſel Sumatra, und Landung beim Fort Marlborough am Fluſſe Bencoolen. Bemerkungen über den äußern Anblick jener Inſel. Ihre Bewohner im Allge⸗ meinen. Zuſtand der dortigen engliſchen Beſitzungen. Das Fort Marlborough. Die Stadt Ven⸗ coolen— ihre Beherrſcher— die Bauart und Einrichtung der Häuſer— ihre Bewohner. Ich komme nun zu unſerer Reiſe zurück. Es war am 12. April, als wir das Vorgebirge der guten Hoffnung zu Geſicht bekamen. Schon zweimal in meinem Leben(auf der Neiſe nach Isle de France,) hatte ich dieſes berühmte Vorgebirge aus der Ferne geſehen, ohne daß mein Wunſch darauf zu landen befriedigt wurde. Dasſelbe war auch jetzt der Fall. Da unſere Mannſchaft in guter Geſundheit und das Schiff nicht ſchadhaft war, auch kein Mangel an Lebensmitteln herrſchte, und beſonders das in Braſilien eingenommene Waſſer noch ſeine trefflichen Eigenſchaften beſaß; ſo ſchien es um ſo zweckwidriger, eine Landung zu unternehmen, weil die neuern, in ihrer Kunſt ſehr fortgeſchrittenen Seefahrer von der Gewohnheit abgekommen ſind, jenes Cap als einen nie zu verfehlenden Ruhepunkt zu betrachten, und überhaupt ohne dringende Noth am Lande zu verweilen. Demnach ſetzten wir die Reiſe ungeſtört weiter fort. Man ſchiffte zu dem 38. Grad ſüdlicher Breite oſtwärts hin, bis wir, am 24. April, den 32. Grad öſtlicher Länge erreichten. Von hier wurde die Fahrt gegen Nordoſten, nämlich nach der Straße von Sunda, gerichtet; daher das nach Botany⸗Bai beſtimmte Schiff, welches ſeinen Lauf in gerader Linie verfolgte, von uns ſchied. 396 Als wir dem Wendekreiſe des Steinbocks näher kamen, verließen uns die bisher treuen Gefährten, die weſtlichen Luftſtröme, indem der Südoſt⸗Monſoon an ihre Stelle trat, d. i. derjenige Paſſatwind, welcher die zwiſchen dem genann⸗ ten Wendekreiſe und der Linie gelegenen Gegenden des indiſchen Meeres, in den Monaten März bis September, der dortigen Winterzeit, beherrſcht. Da dieſer Monſoon zu Folge der Richtung, in der wir ſteuerten, uns von der Seite beſtrich, welche Art zu ſegeln(mit halbem Winde, wie man ſagt,) be⸗ kanntlich eine der vortheilhafteſten iſt, ſo kamen wir ſchon am 1. Mai bei den Kokosinſeln vorüber, und erblickten folgenden Tages die Inſeln Java und Sumatra, welche durch die Sundaſtraße geſchieden ſind. Wir nahmen dann unſern Weg nach dem Fluſſe Bencoolen an der Süd⸗ weſtküſte von Sumatra, um dem dortigen Haupt⸗Comtoir der engliſch⸗oſtindi⸗ ſchen Handelsgeſellſchaft(welche ſeitdem ihre Beſitzungen auf dieſer Inſel an die Niederländer gegen andere vertauſcht hat,) Aufträge zu überbringen, und uns, bei dieſer Gelegenheit, mit den nöthigen Bedürfniſſen für die noch übrige Reiſe zu verſorgen. Das Schiff ankerte am 4. Mai in der Mündung des Fluſ⸗ ſes, beim Fort Marlborough, dem damaligen Sitze jenes Handelshauſes. Unſere Geſchäfte während des dortigen Aufenthalts waren ſo vielfach, daß ich keine Zeit erhielt, die Eigenthümlichkeiten des Landes genau kennen zu ler⸗ nen; doch will ich das wenige, was meiner Aufmerkſamkeit nicht entging, kürz⸗ lich berühren.— Wenn man die Inſel Sumatra im Ganzen betrachtet, ſo ſtellt ſie ein aus unzähligen Hügeln und Thälern beſtehendes Land dar, das allmählich nach der Mitte ſich erhebt, und hier, von Norden nach Süden, mit hohen Bergen durchſchnitten iſt, deren Gipfel wie ein blauer Saum am Hori⸗ zont erſcheinen. Die Landſchaften, ſo weit man ſie vom Meere überſehen kann, ſind zwar mit den, den Südländern eigenen, üppigen Pflanzen bedeckt, aber auch der bloßen Natur überlaſſen, ohne daß die Kunſt ihr beigeſtanden hat; denn die Küſtenbewohner ſchränken ihre Thätigkeit meiſtens auf Schifffahrt und Handel ein, indem der Landbau nur in den innern Gegenden, und überhaupt— weil der Menſch unter einem ſo ſüdlichen Himmelſtriche zu ſchwe⸗ rer Arbeit wenig geneigt und durch die Freigebigkeit des Erdbodens verwöhnt iſt— nicht ämſig betrieben wird. Ungeachtet der beträchtlichen Bevölkerung bemerkt man wenig Flecken und Dörfer, weil ſie nicht, wie in Europa, mit Fel⸗ dern, ſondern mit Gebüſch umgeben ſind. Ausgebreitete dichte Wälder, welche die herrlichſten fruchttragenden und ſonſt nützliche Bäume enthalten, wilde Ströme, Waſſerfälle, Seen, mit Schilf und Rohr bedeckte Moräſte— dies ſind die gewöhnlichſten Gegenſtände, die am Geſtade dem Beſchauer ſich dar⸗ 1 bieten. Wenn man nun die hier fürchterlich wüthende Brandung ſich zu jener romantiſchen Wildheit der Landſchaften denkt, und ferner erwägt, wie ſehr ſich die Menſchen, die Thiere und alle Dinge von denen unſeres Erdtheils unter⸗ ſcheiden; ſo iſt leicht zu begreifen, daß Sumatra einen mächtigen Eindruck auf mich und meine europäiſchen Gefährten machte. Ganz anders verhielt es ſich mit den in Fort⸗Marlborough lebenden Engländern. Ein langer Aufenthalt auf der Inſel hatte ſie gleichgültig gegen die Reize derſelben gemacht, der Man⸗ gel gewohnter Bedürfniſſe war ihnen fühlbar geworden und erinnerte ſie be⸗ ſtändig an die Vorzüge ihres Vaterlandes, ſo daß ſie, ungeachtet ihrer großen Vorliebe für wilde Gegenden, wie die engliſchen Gärten beweiſen, ein ſehnliches Verlangen nach dem Anblick künſtlich angebauter Fluren trugen. Sumatra wird von verſchiedenen Völkern bewohnt, welche ſiebzehn große und kleine Staaten bilden. Die vorzüglichſten derſelben ſind Menangcabow und Acheen; jener liegt in der Mitte, dieſer am nördlichen Ende des Eilandes. Sie waren meiſtens von den Engländern und Niederländern abhängig. Was die Herrſchaft der erſtern betrifft, ſo beſaßen ſie den größten Theil der ſüdweſtlichen Küſte, von Indrapoera bis zur Sundaſtraße, aus welchem ſie die Niederländer vertrieben hatten, die daher in ihrer Macht auf der Inſel ſehr geſunken waren; außerdem befanden ſich auch an der Nordweſtküſte engliſche Handelshäuſer, wie z. B. in Natal und Tappanooly. Sie hatten zwar die in Beſitz genommenen Ländereien den eingebornen Fürſten gelaſſen, dieſe aber, entweder durch gütliche Verträge, oder durch Zwang, zu Zinſen und beſonders zur jährlichen Lieferung einer gewiſſen Menge Pfeffer verbindlich gemacht. Von dieſem Gewürze, wel⸗ ches der vorzüglichſte Gegenſtand ihres dortigen Handels war, pflegten ſie alle Jahre drei Schiffsladungen nach Europa zu ſenden; überdem kauften ſie auch Gold, Benzoe und manches andere Erzeugniß des Landes ein. Der Verkauf an die Einheimiſchen umfaßte eine Menge Bedürfniſſe, wohin hauptſächlich Salz, Waaren von Stahl, Eiſen und Kupfer gehörten. Deſſen ungeachtet floß aus dem Handel kein hinreichender Gewinn, um die Beſoldung der im Dienſte ſtehenden, auf 4000 ſich belaufenden Leute zu decken. Der Hauptort der engliſchen Niederlaſſung war das Fort Marlborough; es liegt auf der äußerſten Spitze am linken Ufer des Bencoolen. Die Be⸗ ſatzung beſtand in 500 Mann regelmäßiger Truppen, wozu noch einige Krieg⸗ ſchiffe mit ungefähr 300 Seeleuten kamen. Dieſer gut befeſtigte Ort war der Sitz des Gouverneurs und, wie ich ſchon erwähnte, des Haupt⸗Comtoirs. Die ſechs Vorſteher desſelben führten den Titel„Conſul;“ ſie nahmen auch an der politiſchen Verwaltung Theil, und vertraten daher beim Gouverneur die Stelle der Räthe. Einige von ihnen wohnten gewöhnlich, als Reſidenten, in den 398 untergeordeten Handelsplätzen, in Moco⸗Moco, Ippoo, Natal, Tappanooly oder andern. 1 Die Rhede beim genannten Fort(die Mündung des Fluſſes Bencoolen) iſt offen, geräumig und von einem tiefen Meer umgeben, daher die Schiffe jeder⸗ zeit ungehindert aus⸗ und einlaufen können; allein, aus eben dem Grunde ſind die hier vor Anker liegenden gegen den Andrang der Wogen, welcher über⸗ haupt an den Küſten von Sumatra heftig iſt, wenig geſchützt, und kommen bei ſtürmiſchem Wetter leicht in Gefahr zu ſtranden. Gleichwohl war dieſe Rhede mit Fahrzeugen aus vielen öſtlichen Ländern bedeckt, was mir einen ſeltenen und unterhaltenden Anblick gewährte. Man ſah hier Perſer und Araber, Ja⸗ vaner, Malaien, Malabaren und viele andere Menſchenarten, wovon einige eine faſt europäiſche, andere eine ſchwärzliche, braune, oder gelbe Geſichtsfarbe hatten, und die überdem in ihrer Kleidung, wie in ihren Sitten und Gebräuchen, eine große Verſchiedenheit zeigten. Auch die Schiffe ſelbſt wichen in Anſehung der Bauart, des Segel⸗ und Tauwerks, der Flaggen, ſo wie der Art ſie zu behan⸗ deln, von den unſrigen außerordentlich ab, und zogen daher meine Aufmerkſam⸗ keit in hohem Grade auf ſich. Um nur ein Beiſpiel der Art anzuführen, erwähne ich hier eines Fahrzeuges, welches im Ganzen einer Galeere glich, den⸗ noch aber in vielen Stücken ſehr verſchieden davon war. Es hatte vorn die⸗ ſelbe Geſtalt, wie hinten, und folglich zwei Steuerruder, ſo daß es vor⸗ und rückwärts ſegeln konnte. Es führte fünf kurze, bloßen Baumſtämmen ähnliche Maſten, die dicht hinter einander ſtanden. Ein jeder derſelben wurde nur von zwei Baſtſeilen an den Seiten geſtützt, trug aber an der Spitze eine Menge bunter Bänder, ſonderbare Wetterfahnen und Flaggen, welche letztere über⸗ haupt an allen Theilen des Schiffes prangten. Die dreieckig geformten Segel beſtanden aus einem Gewebe von Binſen und baumwollenem Garn. Nicht weit oberhalb Marlborough liegt die Stadt Bencoolen, zu beiden Seiten des Fluſſes gleiches Namens. Sie iſt die anſehnlichſte an der ſüdweſt⸗ lichen Küſte der Inſel, daher man auch die ganze, urſprünglich aus mehren Staaten beſtehende engliſche Beſitzung nach ihr benannt hat. Zwei Fürſten, welche den Titel„Pangeran“ führen, beherrſchen dieſe Stadt, der eine den am rechten, der andere den am linken Ufer gelegenen Theil. Beide leben zwar dem Anſcheine nach in Einigkeit, hegen aber im Stillen ſtets eine gewiſſe Eiferſucht gegen einander, was auch auf die Unterthanen ſich erſtreckt, ſo daß nur das Anſehen der Engländer den Ausbruch offenbarer Feindlichkeiten verhinderte. Indeß behauptete der Pangeran des ſüdlichen Stadttheils, wegen der nähern Lage beim Fort Marlborough, jederzeit das Uebergewicht. Obſchon Bencoolen nach den Begriffen, welche der Europäer von ſtädti⸗ ſcher Bauart hat, nur wie ein großes Dorf erſcheint, ſo zeichnen ſich doch die Häuſer vortheilhaft vor den elenden Hütten aus, die man in vielen indiſchen Wohnplätzen findet; überdem ſind ſie dem Klima und dem eingeſchränkten Be⸗ dürfniſſe des dortigen Menſchen angemeſſen. Steinerne Gebäude gewähren zwar in heißen Ländern hauptſächlich den Vortheil, daß die äußere Hitze weni⸗ ger darin empfunden wird; allein in Sumatra, das den heftigſten Erdbeben ausgeſetzt iſt, würden ſie gefährlich ſein, was auch die dortigen europäiſchen Coloniſten manchmal erfahren haben, da ſie von der Gewohnheit, ihre Wohn⸗ häuſer von Backſteinen aufzuführen, lange Zeit nicht ablaſſen wollten. Aus dem Grunde ſind die Erzeugniſſe des Pflanzenreichs weit beſſere Bauſtoffe, als Steine, Ziegel und überhanpt erdige Beſtandtheile; und die Einwohner von Bencoolen wiſſen den Reichthum ihrer Wälder mannichfaltig zu dieſem Zweck zu benutzen. Die ſämmtlichen Häuſer ruhen auf ungefähr acht Fuß bohen Pfählen, ſo daß man bequem darunter hinweg, und folglich ſtets im Schatten gehen kann, eine Bauart, die man auf der ganzen Inſel und vor⸗ züglich deßwegen eingeführt hat, weil ſie gegen die Ueberfälle wilder Thiere und, da die meiſten Wohnörter, zur leichtern Fortſchaffung der Waaren, an Flüſſen und Seen liegen, gegen Ueberſchwemmungen ſchützt. Die Pfähle ſind ſauber bearbeitet, und am Kopfe faſt wie Säulen geſchmückt, daher es dem Europäer um ſo ſonderbarer ſcheint, daß ſie kein Fußgeſtell, ſondern vielmehr oben eine größere Dicke als unten haben, was doch den gemeinſten Regeln der Baukunſt zuwider läuft. Dies ließe ſich jedoch entſchuldigen, wenn man das Pfahlwerk nicht als auf dem Erdboden ruhende Säulen, ſondern— was es doch eigentlich iſt,— als eingetriebene verzierte Keile betrachtete. Um in's Haus zu ſteigen, bedient man ſich weder feſtſtehender Treppen, noch Leitern, ſondern eines ſtarken Bambusrohres, in welches Kerben eingeſchnitten, bis⸗ weilen auch Pflöcke eingeſchlagen ſind. Es wird, ſo oft Jemand ausgegangen oder angekommen iſt, wieder in die Höhe gezogen; daher man von unwill⸗ kommenen Beſuchen nichts zu fürchten hat. Da die Europäer ſich mit einer ſolchen Stiege nicht gut zu behelfen wiſſen, ſo pflegen diejenigen Einwohner, welche mit ihnen Verkehr haben, hauptſächlich die Gaſtwirthe, beſondere Leitern für ſie zu halten. Was die Hänſer ſelbſt betrifft, ſo haben ſie nur einen Stock, der aber mehre Kammern enthält. Das Gerippe beſteht aus Zimmerwerk. Die Seiten ſind faſt durchgängig mit Bambusrohr beklei⸗ det, indem man dieſes ſpaltet, auseinander biegt und, mit Steinen beſchwert, in der Sonne trocknet, worauf es, zu langen ſchmalen Bretern geformt, quer an die aufrecht ſtehenden Balken mit Nägeln befeſtigt wird. Es ſind mir indeß auch Gebäude vorgekommen, deren äußere Wände mit großen viereckigen 400 Platten aus der Rinde gewiſſer Bäume bedeckt waren. Die innern Scheide⸗ wände pflegt man aus dünnen Bambusſtäben zu verfertigen, die mit buntge⸗ färbten durchflochten, oder mit zierlichen Matten behängt werden. Den Fuß⸗ boden bilden ſtarke Stücke Bambus, auf welche man Matten breitet. Auf das Dach, welches die Form eines abſchüſſigen deutſchen hat, verwenden die Bauleute ihre vorzüglichſte Sorgfalt, weil der oft lang anhaltende Winter⸗ regen das hauptſächlichſte klimatiſche Uebel iſt. Als Stoff zur Bedeckung die⸗ nen gewöhnlich Palmenblätter, die, nachdem ſie gleichförmig zugeſchnitten ſind, auf den vom Bambus verfertigten Sparren, wie die Ziegel auf unſern Dächern, über einander befeſtigt und, zur größern Verdichtung, mit erwärm⸗ tem Harz überſtrichen werden. Eine andere, aber koſtbarere Bedachung iſt die, daß man aus ſchwachem Bambusrohr dünne ſtrohartige Stäbe ſchneidet und dann, wie das Stroh auf unſern Bauerhäuſern, feſtbindet. Auf gleiche Weiſe werden bisweilen die den Stamm der Ronupalme umgebenden Faſern ver⸗ wendet, welche wegen ihrer faſt unverwüſtlichen Dauerhaftigkeit nie einer Er⸗ neuerung bedürfen. Feuerplätze und Nauchabzüge fehlen den Häuſern, daher man das Kochen der Speiſen und jedes andere des Feuers benöthigte Geſchäft auf freier Straße verrichtet. Die Wohnungen der Pangerans, ſo wie über⸗ haupt der Vornehmen und Reichen, zeichnen ſich wenig vor den übrigen aus, nur daß ſie in einem größern Maßſtabe gebaut und in der Mitte des Stadt⸗ theils gelegen ſind. Die zu religiöſen, gerichtlichen und ſonſt öffentlichen Handlungen beſtimmten Gebäude beſtehen blos in einem Dache, das auf Säulen ruht, und haben daher Aehnlichkeit mit den Schuppen, dergleichen in vielen deutſchen Dörfern zum Sammelplatz der Gemeinde dienen. Uebrigens ſtehen die Wohnhäuſer dicht beiſammen. Die Straßen haben eine beträcht⸗ liche Breite, und die vorzüglichſten laufen nicht, wie in den meiſten Städten, die an einem Fluſſe liegen, mit dieſem in gleicher Richtung, ſondern gegen denſelben, damit alle Einwohner mit leichter Mühe dahin kommen können, weil ſie meiſtens ihre Verrichtungen an den Ufern haben und daſelbſt alle Bedürfniſſe verkauft werden. Hier findet man alle Waaren und Lebensmittel, welche letztere hauptſächlich in Reis, Früchten und Fiſchen beſtehen, im Freien oder unter aufgeſpannten Matten ausgelegt. Gärten und überhaupt künſt⸗ lichen Anbau von Gewächſen bemerkte ich nirgends; das einzige, was einiger⸗ maßen hiermit in Berührnug ſteht, iſt, daß man in einigen Straßen hohe Palmen geſetzt, ſo wie die ganze Stadt, wahrſcheinlich um wilde Thiere davon abzuhalten, mit Hecken der ſtachligen indiſchen Feige dicht umgeben hat. Dieſelbe Einfachheit, welche die Häuſer bezeichnet, findet großen Theils auch in Hinſicht des Geräthes Statt. Die Hauptſtücke ſind die Betten. Sie 401 beſtehen in Polſtern, die auf keinem Geſtell, ſondern auf dem Fußboden liegen, ſo wie in Kiſſen und Decken. An letzteren iſt gewöhnlich eine Pracht ver⸗ ſchwendet, die mit dem Uebrigen einen auffallenden Abſtich macht; denn ſie werden aus ſchönem Zitz, oder guten ſeidenen Zeugen gefertigt, nicht ſelten auch durchaus geſtickt, und bisweilen an den Kanten mit Figuren von Gold⸗ draht, kleinen ſilbernen Glocken oder minder koſtbaren glänzenden Dingen beſetzt. Schränke und dergleichen Geräthſchaften ſind nicht gebräuchlich, in⸗ dem jedes Haus eine beſondere Kammer enthält, worin man die Kleider an den Wänden aufhängt und andere Sachen auf den Fußboden niederſetzt. Eben ſo wenig gehören Tiſche und Stühle zu den Bedürfniſſen, da die Ein⸗ wohner von ganz Sumatra die Gewohnheit haben, auf den Ferſen zu ſitzen. Das Geſchirr zum Kochen, zum Eſſen und Trinken beſchränkt ſich auf einige eiſerne Keſſel, irdene Töpfe, Schüſſeln, Krüge, Becher, und beſondere Gefäße von chineſiſchem Porzellan, um Betel, Arekanüſſe, oder Opium darin auf⸗ zuſetzen. Die Einwohner von Bencoolen, ſo wie überhaupt des ganzen dazu gehörigen Landſtriches, ſind nicht urſprünglich Eingeborne von Sumatra, ſondern ſtammen von Malacca ab. Ob ſie nun ſchon, als Malaien, in Sprache und Sitten beträchtlich von den ächten Sumatranern abweichen, ſo konnte ich doch in Hinſicht der körperlichen Beſchaffenheit keinen Unterſchied wahrnehmen. Der einzige, welcher mir bemerklich war, iſt der, daß die Unter⸗ thanen des Staates Acheen eine dunklere Farbe haben, weil ſie in frühern Zeiten mit afrikaniſchen Colonieen vermiſcht worden ſind. Deſſen ungeachtet weiß jede dieſer ſumatraniſchen Völkerſchaften die andere blos am Geſicht genau zu unterſcheiden, ſo wie z. B. die europäiſchen Völker eine große körper⸗ liche Verſchiedenheit unter ſich finden, obſchon in den Augen der Indier alle einander gleichen; denn jeder Himmelſtrich erzeugt eine beſondere Menſchenart, deren Eigenheiten dem Fremden zu auffällig ſind, um ihn die einzelnen Ab⸗ ſtufungen erkennen zu laſſen. Die Einwohner von Bencoolen ſind unter der mittleren Größe, von ſchwachem Knochenbau, dabei aber wohlgeſtaltet und kräftig. Sonderbar, daß ſie als Menſchen, die der Linie ſo nahe wohnen, eine hellere Geſichtsfarbe, als andere, ſelbſt die der gemäßigten Zone ſich nähernden Indier haben; ja, ſie übertreffen hierin die untern Volksklaſſen der Portugieſen und Spanier, ſo wie die nördlichen Aſiaten, und ſogar die Be⸗ wohner des europäiſchen hohen Nordens, die Läppländer. Ihre Geſichtsfarbe i*ſt ein Gelb, welches nicht den mindeſten Zuſatz von Roth hat, und bei den⸗ jenigen, die ſich der Sonne nicht ausſetzen, dergeſtallt in's Blaſſe fällt, daß man es mit der Farbe eines Erdapfels vergleichen kann. Das Geſicht iſt Richter's Reiſen. I. 26 — 4⁰ rund, das Auge braun oder ſchwarz, die Naſe platt und die Scheitel etwas zugeſpitzt; die beiden letzten Eigenſchaften ſind jedoch nicht natürlich, ſondern werden, weil man ſie für Schönheiten hält, den Kindern nach der Geburt gegeben, wo bekanntlich die Zartheit der Knochen eine willkürliche Geſtaltung derſelben erlaubt. Das ſchlichte Haupthaar zeichnet ſich durch beſondere Schwärze und Stärke aus; die Männer pflegen es kurz abzuſchneiden, dage⸗ gen die Weiber es lang tragen, und deſſen Wachsthum durch tägliches An⸗ feuchten mit Oel zu befördern ſuchen, ſo daß es bisweilen die doppelte Länge der ganzen Perſon erreicht. Der Bart fehlt den Männern gänzlich, weil ſie ihn, durch Einreibung mit ungelöſchtem Kalk, frühzeitig auszurotten ſuchen. Die Geſichtszüge dieſes Volkes ſind, ungeachtet es ſüß zu lächeln verſteht, nicht einnehmend; ja, unſern Engländern ſchienen die Frauen ſogar häßlich. Was die Kleidung betrifft, ſo beſteht ſie bei beiden Geſchlechtern aus grobem oder feinem, einfachem oder geblümtem baumwollenem oder ſeidenem Stoffe, je nachdem der Stand, das Vermögen oder die Eitelkeit es beſtimmen. Der blauen, gelben und rothen Farbe gibt man den Vorzug vor allen übri⸗ gen. Die Männer tragen eine Weſte mit ſtehendem Kragen, die bis an den Hals zugeknöpft wird, und ein weites Obergewand, das einige Aehnlichkeit mit unſern Schlafröcken, aber enge, vom Handgelenk bis zum Ellbogen mit vielen Knöpfen verſehene Aermel hat. Statt dieſes Gewandes bedienen ſich die jungen Leute eines andern, das einem kurzen, bis auf die Hüften reichen⸗ den Hemd ähnlich ſieht. Die Hoſen gehen bis zur Mitte des Schenkels, und laſſen die übrigen Theile des Beins unbekleidet. Obſchon Einige Sandalen an den Füßen tragen, ſo gehen doch die Meiſten ſtets barfuß, daher ſie, wie alle Völker, die an Bekleidung der Füße nicht gewöhnt ſind, die Zehen faſt ſo gut als die Finger gebrauchen können, was ihnen beſonders bei Verfertigung des Flechtwerks ſehr zu Statten kommt. Den Kopf ziert ein Turban oder, um richtiger zu ſprechen, ein weißes oder buntes Tuch, welches um den Kopf gewunden wird, ſo daß die Scheitel unbedeckt bleibt; doch ſetzen Viele bei heißem Wetter, und beſonders wenn ſie ſich der Sonne blos ſtellen müſſen, einen Strohhut mit breiter Krämpe auf. Um den Leib befeſtigt man, ent⸗ weder unter oder über dem Oberkleide, einen ſeidenen Gürtel. Er dient hauptſächlich, die Seitengewehre, dergleichen alle Männer ſtets bei ſich führen, dazwiſchen zu ſtecken, oder daran zu hängen. Dieſe Waffen ſind ſehr verſchie⸗ den, indem ſie, den Verhältniſſen und dem Geſchmack des Beſitzers gemäß, die Form eines Säbels, eines Jagdmeſſers, oder eines Dolches, und bald ein Heft von Gold, bald von Silber, am häufigſten aber von Elfenbein haben; jedoch kommen ſie alle darin überein, daß das Heft immer etwas Unnatür⸗ 403 liches, gewöhnlich einen menſchlichen Körper mit einem Vogelkopfe vorſtellt, und die Scheide nur aus Holz verfertigt, obgleich auf mancherlei Art verziert iſt. Der Gürtel hat auch noch die Beſtimmung, das Schnupftuch dazwiſchen zu ſtecken, auch einen Beutel daran zu hängen, welcher Opium zum Rauchen, Betel und Areka zum Kauen enthält, Bedürfniſſe, die dem Bewohner von Sumatra unentbehrlich ſcheinen. Uebrigens gehört zu einem vollſtändigen Anzuge noch ein Mantel, den man, wenn er nicht angezogen wird, der Länge nach zuſammen faltet und von vorn nach hinten über die Schulter wirft, oder um den Leib windet und dann den Gürtel darüber befeſtigt. Den vorzüg⸗ lichſten Schmuck der Männer machen die Knöpfe aus, indem ſie nicht ſelten von Gold, oder mit Golddraht künſtlich überſponnen ſind. Die Weiber tra⸗ gen ein die Bruſt und den ganzen Leib bedeckendes Mieder und darüber einen Rock, welcher oben bis unter die Arme, unten aber bis auf die Füße geht, und mit einer Binde um die Hüften befeſtigt wird. Dieſe beſteht aus geſticktem Seidenzeuge und iſt vorn mit einem breiten goldenen oder ſilbernen Schloſſe verſehen, deſſen Mitte gemeinlich ein Edelſtein, oder eine erhaben gearbeitete Figur ſchmückt. Um den Nacken nehmen die Frauen ein Tuch von dünnem Gewebe, deſſen Enden ausgezackt, geſtickt oder mit Franzen beſetzt ſind; es dient bisweilen auch als Schleier. Das Schnupftuch tragen ſie in der Hand oder, wie die Männer, zwiſchen der Leibbinde. Mit der Fußbekleidung hat es dieſelbe Bewandtniß wie bei den Männern. Der Kopfputz iſt künſtlich, aber der Willkühr und dem Geſchmack eines Jeden zu ſehr überlaſſen, um ihn ge⸗ nau beſchreiben zu können. Man weiß die langen Haare ſehr geſchickt und mannichfaltig um den Kopf zu winden, ſo wie mit Blumen und Bändern, mit goldenen Nadeln und Kämmen von Schildkröte zu putzen. Zum Schmuck des weiblichen Geſchlechtes gehören beſonders die goldenen Ohrgehänge, welche oft ſo ſtark und mit Edelſteinen ſo beſchwert ſind, daß dadurch die Ohrläpp⸗ chen mehre Zoll herabgedehnt werden. Goldene Ringe oder mit Golddraht geſtickte Binden um die Unterarme und Schienbeine dienen zur Bezeichnung des jungfräulichen Standes. Unerwachſenen Mädchen pflegt man Münzen, an eine Schnur gereiht, um den Hals zu hängen. Kinder unter fünf Jahren werden gar nicht, oder nur mit einem leichten Obergewand bekleidet, das vorn offen iſt; daher man ihnen, im erſtern Fall, zur Bedeckung der Schamtheile, einen baumwollenen Schurz, bisweilen ein ſilbernes Schild um den Leib be⸗ feſtigt. Die Mutter trägt ihr Kins nicht, wie in Europa, auf den Armen, ſondern— was weit vorzüglicher ſcheint,— an der linken Seite in einem Gurt, der die Oberſchenkel und Hüften desſelben umſchließt und an einem Bande über die rechte Schulter der Mutter hängt. Solchergeſtalt kann das 4 26* Kleine ungehindert Hände und Füße bewegen, und die Mutter, welche nur den Oberleib desſelben mit dem linken Arme gemächlich aufrecht hält, hat den rechten völlig frei und es wird ihr überhaupt das Tragen weniger beſchwer⸗ lich. Beide Geſchlechter haben die Gewohnheit, ſich täglich am ganzen Körper mit balſamiſchen Oelen einzureiben, um der allzu ſtarken Ausdünſtung und dem dadurch entſtehenden Uebelgeruch vorzubeugen. Eine ſonderbare Ver⸗ ſchönerung beſteht darin, daß ſie die Nägel am Mittelfinger und an der klei⸗ nen Zehe lang wachſen laſſen. Eben ſo ſeltſam iſt es, daß ſie die von Natur ſehr weißen Zähne durch Feilen ihrer Glaſur berauben, und mittels einer aus Cocosſchalen gefertigten Beize ſchwarz färben. Ueberdem pflegen die Reichen das Zahnfleiſch mit Einfaſſungen von Goldblech zu verzieren, welche man nach Belieben einſetzen und heraus nehmen kann. Nach einem kurzen Aufenthalt in Bencoolen wird man gewahr, daß die Einwohner viel Verſtandeskräfte beſitzen; gleichwohl ſtehen ſie in den Wiſſen⸗ ſchaften und Künſten auf einer niedrigen Stufe, was um ſo auffallender iſt, da ſie beinahe ſeit zwei hundert Jahren unter den Europäern leben. Das vorzüglichſte Hinderniß, welches ſich ihrer geiſtigen Ausbildung entgegen ſtellt, ſcheint, wie in den meiſten ſüdlichen Ländern, am Klima zu liegen, weil es durch ſeine Freigebigkeit den Menſchen träge und zu Neuerungen abgeneigt macht, ſo daß er, um unthätig zu ſein, gern auf die höhern Bequemlichkeiten des Lebens, welche der Fleiß gewährt, Verzicht leiſtet. Dazu kommt noch ein ſtolzer Eigendünkel, der ihren Fortſchritten in Künſten und Wiſſenſchaften binderlich iſt. Auch haben ſie wenig Gelegenheit ſich die Aufklärung der Europäer zum Muſter zu nehmen, weil die dortigen ſich wenig um die Einge⸗ bornen bekümmern, ſondern ſie blos als Werkzeuge zur Erreichung ihrer eigennützigen Abſichten betrachten. Ueberdem beſteht der größere Theil der⸗ ſelben aus ungebildeten Soldaten und Seeleuten, Menſchen, die bekanntlich wegen ihrer Neigung zur Trunkenheit und zu andern Ausſchweifungen wenig geeignet ſind, ſich Achtung zu erwerben und zur Annahme ihrer ſittlichen und geiſtigen Eigenſchaften aufzumuntern. Ein anderer Umſtand, welcher dem 1 Eingang der europäiſchen Geiſtesbildung im Wege ſteht, iſt der beſtändige Wechſel der Moden, weil man hieraus den Schluß zieht, daß alle unſere Er⸗ findungen und Künſte wenig innern Werth haben und daher keine Nachah⸗ mung verdienen. Die Einwohner von Bencoolen beſchäftigten ſich, wie ich ſchon oben erwähnte, faſt durchgängig mit Handel und Schifffahrt, zu welchen Gewerben ſie von Natur viel Fähigkeit beſitzen. Die Handwerke werden großen Theils von Chineſen getrieben, welche die Engländer dahin gezogen haben. Man 405 findet indeſſen auch unter den Eingebornen geſchickte Goldſchmiede, Töpfer, Hornarbeiter; erſtere übertreffen im Ziehen des Golddrahtes ſelbſt die euro⸗ päiſchen. Auf künſtliches Geflecht, auf Holzarbeiten, beſonders Schnitzwerk, verſtehen ſich faſt Alle, machen jedoch ſelten von dieſen Fertigkeiten weitern Gebrauch, als ihr eigenes Bedürfniß zu befriedigen. Ueberhaupt verrathen ſie bei jedem mechaniſchen Geſchäft, das ſie unternehmen, eine vorzügliche natürliche Geſchicklichkeit, die oft den Europäer in Erſtaunen ſetzt. Die mei⸗ ſten Weiber können baumwollene und ſeidene Zeuge weben, ſo wie künſtliche Stickereien, Matten und Teppiche verfertigen. Das Temperament der Bencoolen iſt zwar lebhaſt, ſcheint jedoch mehr zum Ernſt, als zur Luſtigkeit geſtimmt, obſchon Jung und Alt Muſik und Ge⸗ ſänge liebt, und ſich bei jeder Arbeit durch Trällern die Zeit zu verkürzen ſucht. Allen Ständen iſt eine übertriebene Höflichkeit und die Kunſt eigen, jedes Wort mit einem beifälligen Lächen zu begleiten, was mir mehrmals Veranlaſſung gab, argliſtige Abſichten dahinter zu vermuthen, und überhaupt den dort lebenden Engländern, wenn ſie den Charakter der Einwohner als heuchleriſch und ränkevoll ſchilderten, Glauben beizumeſſen. Der gewöhnliche Gruß beſteht darin, daß man, nach oft wiederholtem Verneigen, die Hand des Andern ergreift und nach der Stirn führt. Leute, die in vertraulichen Ver⸗ hältniſſen mit einander ſtehen, pflegen ſich gegenſeitig die Hände, das Geſicht oder den Nacken zu küſſen, worauf ein Austauſch der ſtets in Bereitſchaft ge⸗ haltenen Genüſſe, des Opiums, des Betels u. ſ. w., folgt. Die Sprache, welche in Hinſicht des Wohlklanges viel Aehnlichkeit mit dem Italieniſchen hat, ſoll von der reinen malaiiſchen, d. i. der in Malacca herrſchenden, hauptſächlich darin abweichen, daß ſie das am Ende der Wörter häufig vorkommende A in ein O verwandelt. Im Schreiben bedieſtt man ſich der arabiſchen Zeichen. 1 Im Eſſen und Trinken ſind die Meiſten ſehr mäßig. Das gewöhnliche Getränk beſteht in Waſſer; doch lieben Viele den Palmenwein, den ich über⸗ haupt in Bencoolen vortrefflicher als irgendwo gefunden habe. Arack und mancherlei ſtarke Getränke aus dem Saft verſchiedener Früchte werden mehr für die Fremden bereitet. Was die Speiſen betrifft, ſo genießt man das Fleiſch der Büffel, Rinder, Schafe und Ziegen, jedoch ſelten, weil dieſe Thiere, da Bencoolen und die Umgegend weder Ackerbau noch Viehzucht treiben, aus dem Binnenlande herbeigeſchafft werden, und daher koſtbar ſind. Die in vielen Theilen des Landes übliche Sitte, Pferdefleiſch zu eſſen, findet hier nicht Statt. Deſto häufiger genießen die Einwohner, außer Fluß⸗ und See⸗ fiſchen, wilde Eber, Stachelſchweine, Hirſche, Haſen, Kaninchen und mancherlei 406 wildes Geflügel, was alles die nahen Wälder im Ueberfluſſe liefern. Die vor⸗ züglichſte Koſt beſteht in Reis, indem er bei jeder Mahlzeit, ſelbſt bei Schmäu⸗ ſen, das Hauptgericht ausmacht. Ueberdem bieten die Wälder zu allen Jahres⸗ zeiten eine Menge vortrefflicher Früchte dar, ſo daß man zur Bereitung warmer Speiſen nicht genöthigt iſt. Dieſe Früchte umfaſſen nicht nur faſt alles, was der Europäer unter dem Namen„Südfrüchte“ verſteht, ſondern auch andere ihm völlig fremde, die der Inſel eigenthümlich angehören. Da das Kochgeſchäft auf freier Straße verrichtet wird, ſo hatte ich mehr⸗ mals Gelegenheit, das dabei übliche Verfahren zu beobachten. Gewöhnlich baut ſich die Köchin eine Art Kamin aus Ziegeln oder Steinen, welche ſie in zwei Reihen über einander legt. Zwiſchen denſelben macht ſie das Feuer an, und oben quer darüber ſetzt ſie die Keſſel oder Töpfe. Dreifüße und Roſte gebrauchen nur die Reichen. Um Gebratenes oder Gebackenes zu bereiten, macht man eine kleine Höhle von Steinen, überſchüttet ſie dicht mit Erde, und zündet dann ein ſtark hitzendes Feuer darin an, worauf die Aſche herausgekehrt, das Gericht hinein geſchoben, und die Oeffnung wohl verſtopft wird. Das Gericht bleibt ſo lange unberührt, bis es die Köchin nach Verlauf einer gewiſſen Zeit, welche ſie genau berechnet hat, fertig wieder herausnimmt. Sie ſchneidet ſtets das vorher von den Knochen befreite Fleiſch in kleine Stücke, und richtet über⸗ haupt jede Speiſe dergeſtalt zu, daß ſie bei Tiſche keiner Zerlegung bedarf. Auf die Bereitung des Reiſes wird vorzügliche Sorgfalt gewendet. Wenn er fertig iſt, muß er eine milchweiße Farbe haben; die einzelnen Körner müſſen unzerkocht, völlig trocken und dennoch gehörig weich ſein. Die Kunſt dies zu bewirken, ſcheint auf dem richtigen Maße des dazu genommenen Waſſers, und auf der gleichförmigen Unterhaltung eines gelinden Feuers zu beruhen. Uebri⸗ gens werden die meiſten Speiſen auf einerlei Art bereitet, nämlich mit gewiſſen Gewürzen, worunter Cayenne⸗Pfeſſer, Cardamom, Turnerik und Knoblauch die hauptſächlichſten ſind. Beim Eſſen ſelbſt pflegt Jeder den ihm zukommenden Theil noch beſonders mit dieſer oder jener Gattung beliebig zu vermiſchen. Ueberhaupt hängt das Gepränge bei der Tafel vorzüglich von der Mannich⸗ faltigkeit und Menge des Gewürzes ab. Was die Tiſchgebräuche betrifft, ſo will ich die Mahlzeit, die in meiner Gegenwart ein Gaſtwirth und ſeine Familie hielt, umſtändlich beſchreiben. Man legte mitten in die Stube ein bunt gemaltes Bret, welches die Form eines Kaffeebretes hatte, und ſetzte die vor dem Hauſe angerichteten Speiſen, nämlich eine große Schüſſel Reis und und eine kleinere, mit Fleiſch gefüllt, darauf. Das Geſchirr beſtand aus Töpferzeug. Die ganze Hausgenoſſenſchaft kam nun berbei, wuſch ſich unter ſeltſamen religiöſen Geberden, und nahm dann, einen 1 407 Kreis bildend, Platz um die aufgetragenen Gerichte. Die Kinder, ſammt eini⸗ gen Dienſtleuten, ließen ſich auf die Ferſen nieder. Vater und Mutter nahmen aber eine noch ſonderbarere Stellung an, indem ſie auf der linken Hälfte des Hintern ruhten und, die Beine nach der rechten Seite eingezogen, ſich auf den linken Arm ſtützten. Sie ſchöpften dann, mittels hölzerner Spatel, etwas von den Gerichten in beſondere Näpfchen für ſich heraus, und würzten es nach ihrem Geſchmack. Dem jüngſten Kinde reichten ſie ſeinen Theil in einer kleinen Cocos⸗ ſchale Die Uebrigen mußten gemeinſchaftlich aus den Schüſſeln eſſen, und ſich mit der Würze begnügen, die den Speiſen bei der Zubereitung beigemiſcht war. Außer jenen zum Vorlegen beſtimmten Spateln gab es keine beſondern Werk⸗ zeuge zum Eſſen. Jeder ergriff mit den Fingern das Fleiſch, und eben ſo den Reis, welchen man mit dem Daumen ſehr geſchickt in den Mund zu werfen wußte. So oft man einen Biſſen zu ſich genommen hatte, wurden die Finger in den kleinen Waſſergefäßen, die zu dieſem Zweck umherſtanden, abgeſpült. Man aß übrigens äußerſt ſchnell, und ohne dabei viel Worte zu wechſeln. Ein Trunk Waſſer beſchloß das Mahl; und dann machte ſich Einer nach dem Andern auf die Seite, um zu ſchlafen. Nur der Hausvater hielt Stand, indem er ſich am Opiumrauchen ergötzte. Hierbei muß ich bemerken, daß man das zu kleinen Kugeln geformte Opium aus dünnen Schilfröhren raucht; der Dampf wird entweder verſchluckt, durch die Naſe herausgeſtoßen, oder ſo lange im Munde behalten, bis er ſogar durch die Augen und Ohren hervordringt. Von den Arten ſich zu vergnügen ſind mir blos Ballſpiele, ſo wie auch ein Hahnengefecht vorgekommen. Die letztere grauſame Beluſtigung fand auf einem freien, mit Schranken umgebenen Platze Statt, hinter welchen eine große Menge neugieriger Zuſchauer ſtand. Die Kämpfer waren mit eiſernen Sporen bewaffnet, die einer Säbelklinge glichen. Sie fochten lange und hartnäckig, aber keiner trug den Sieg davon, indem ſie alle, mit Wunden bedeckt, faſt zu gleicher Zeit niederſtürzten. Dies hatte wenigſtens das Gute, daß die Beſitzer der Thiere ohne die Streitigkeiten von einander ſchieden, die ſonſt das Nachſpiel ſolcher Gefechte ſind, weil man dieſe immer mit bedeutenden Wetten verbindet. Von den übrigen Sitten der Einwohner in Bencoolen kann ich nichts anführen, weil ich, wegen meines kurzen Aufenthaltes unter ihnen, nur das⸗ jenige bemerkte, was dem Fremden am meiſten in die Augen fällt.— Die herr⸗ ſchende Religion iſt die muhamedaniſche; ich habe aber, außer einigen zum Gottesdienſte beſtimmten Gebäuden oder Moſcheen, ſo wie der Gewohnheit der Einwohner, ſich täglich zu gewiſſen Zeiten zu waſchen, und der großen Ehrer⸗ bietung, welche ſie den Begräbnißplätzen erweiſen, nichts wahrgenommen, was den entfernteſten Bezug darauf hat. 408 Ein Wechſel der Mannſchaft. Chineſiſche Junken und malaiiſche Fahrzeuge. Straße von Banca. Küſte von Cochinchina. Ihre Bewohner— deren Geſtalt und Kleidung— ihre Kähne. Meerbuſen von Canton. Macao— Der Fluß Tucho. Forts und Uferanſichten. Der Fiſchfang der Chineſen. Ich komme nun zu unſerem Werford zurück. Nach der Ankunft in Ben⸗ coolen ſchifften ſich die unter der Mannſchaft befindlichen Indier aus, um nach ihrer Heimath zurückzukehren. Es hielt jedoch nicht ſchwer, ſie durch andere zu erſetzen, weil die indiſchen Seeleute gern auf engliſchen Schiffen dienen. Da die meiſten eben ſo wenig Kenntniß von der europäiſchen Schifffahrt, als von der engliſchen Sprache hatten, ſo konnte man ſie Anfangs wenig bei der Arbeit gebrauchen. Sie begriffen jedoch beides erſtaunlich ſchnell, obſchon ihre Aus⸗ ſprache des Engliſchen, weil die kräftigen, aber rauhen Töne desſelben ihrem Organ ſchwer fielen, lange Zeit ein unverſtändliches Lallen war. Unter den Neugeworbenen befand ſich auch ein ſo genannter Kakerlak oder weißer Neger. Seine Hautfarbe war ein ſchmutziges Weiß, ohne alle Beimiſchung von Roth, weßhalb wir Europäer ihn ſcherzweiſe den todten Mann nannten. Die europäiſche Mannſchaft des Schiffes, welche Bencoolen bei vollkom⸗ mener Geſundheit erreicht hatte, begann nach einem kurzen Aufenthalte daſelbſt großen Theils zu kränkeln, obſchon der dortige Gouverneur es an nichts fehlen ließ, was zur Erhaltung derſelben beitragen konnte, indem er uns z. B. täglich mit köſtlichen Früchten, friſchem Büffel⸗ oder Rindfleiſch, oder wildem Geflügel reichlich verſorgte. Die Urſache des Uebelbefindens ſchrieb man nicht den auf der Reiſe ausgeſtandenen Beſchwerden, ſondern einzig dem Klima des Landes zu, weil dieſes, als Inſel und wegen ſeiner hohen Berge und dichten Wal⸗ dungen, zwar keiner übermäßigen Hitze, deſto mehr aber den ſchädlichen Dün⸗ ſten ausgeſetzt iſt, welche nach Sonnenuntergang aus den vielen Sümpfen auf⸗ ſteigen, und gewöhnlich erſt gegen zehn Uhr Morgens verſchwinden, ſo daß man ſich, ohne warme Kleidung, in der feuchtkühlen Nachtluft ſehr ſchauerlich fühlt. Wir ſuchten daher unſere Geſchäfte ſo viel als möglich abzukürzen, und ſetzten am 14. Mai die Reiſe weiter fort. Wir ſchifften, längs den Küſten, ſüdwärts nach der Straße von Sunda hin, die wir auch, obſchon der Seewind entgegen war, durch Hülfe der ſtarken Landwinde am 19. erreichten. Hierbei iſt zu bemerken, daß es, in Hinſicht des Windes, mit den Inſeln im indiſchen Meere dieſelbe Bewandtniß, wie mit den weſtindiſchen hat, worüber ich ſchon früher, Seite 291. f., geſprochen habe. Die Monſoons umwehen, wie dort der Oſtpaſſat, am Tage die Inſeln derge⸗ 1 409 ſtalt, daß ſie die Küſten überall von der Seeſeite beſtreichen, ſich jedoch in ihrer Nähe beim Einbruche der Nacht legen, während welcher die Luft vom Lande nach dem Meere ſtrömt. Unſere Fahrt durch die genannte Straße hatte viel Angenehmes. Die Luftwärme war gemäßigt, das Gewäſſer ruhig und in Hinſicht der Lebhaftig⸗ keit mit dem britiſchen Kanal zu vergleichen, indem uns hier, außer mehren europäiſchen und amerikaniſchen Schiffen, unzählige indiſche begegneten. Ueber⸗ dem gewähren die überall zerſtreut liegenden Inſeln, wovon einige blos ſteile kahle Felſen, andere niedrig und mit Geſträuchen, oder hohen Bäumen bewach⸗ ſen ſind, einen unterhaltenden Anblick. Hierzu kommen noch die reizenden An⸗ ſichten von Java und Sumatra, abſchon die Küſten, auf dieſer Seite, nicht ſelten in Dünſte gehüllt ſind. Nach dem Eintritt in die Sundaſee, der am 20. Statt fand, begegneten uns zwei von Batavia kommende chineſiſche Seeſchiffe oder, wie die Europäer ſie nennen, Junken, welche, wegen ihrer ſeltſamen Bauart und weil ich noch keine geſehen hatte, ein auffallendes Schauſpiel für mich waren. Solche Schiffe haben eine Größe von hundert bis zweihundert Laſten. Der Boden derſelben iſt flach. Sowohl das Vorder⸗ als das Hintertheil ruht auf ausge⸗ ſchweiften Balken, und ragt, über dem Waſſer ſchwebend, weit hervor. Hinten über dem Steuer befindet ſich eine Art Kajüte. Die Maſten ſind aus dem Ganzen; jeder wird nur von zwei aus Roting, ſpaniſchem Rohr, gefertigten Tauen gehalten, die man auf der Windſeite befeſtigt. Das Bugſpriet ſteht nicht, wie es der Sache gemäß iſt, gerade vorn heraus, ſondern etwas nach der rechten Seite hin. Uebrigens iſt alles Holzwerk ſehr grob gearbeitet. Den innern Theilen pflegt man einen rothen Anſtrich zu geben, den äußern einen ſchwarzen oder weißen, und an den Bug ſind jederzeit zwei Augen gemalt. Was die Segel betrifft, ſo führen der Fock⸗ und große Maſt zwei viereckige, wovon die untern eine größere Höhe als Breite, die obern aber ein entgegen geſetztes Verhältniß haben. Der hinterſte Maſt hat nur ein einziges Segel: es ſieht dem Beſaan auf den europäiſchen Schiffen ähnlich. An dem Stage, das vom Fockmaſt nach dem Bugſpriet herab geht, läuft ein dreieckiges, welches den Stagſegeln der Europäer nahe kommt. Am Bugſpriet befindet ſich eine Blinde. Die beiden Unterſegel(des Fock⸗ und großen Maſtes) beſtehen aus ſchmalen Matten, die man der Breite nach und, um ihnen eine größere Feſtig⸗ keit zu geben, dergeſtalt zuſammen heftet, daß zwiſchen zweien ein Bambusrohr eingeſetzt iſt. Es leuchtet ein, wie unbehülflich und ſchwer ſolche Segel ſind, daher man auch, um ſie aufzuziehen, bei jedem Maſt einige Winden anbringen muß, obſchon die chineſiſchen Fahrzeuge ſehr ſtarke Mannſchaften haben. Das 410 übrige Segelwerk iſt von grobem baumwollenem Zeuge verfertigt. Viele Jun⸗ ken haben keine Anker von Eiſen, ſondern von ſchwerem harten Holze. Auch iſt ſelten eine mit Compaſſen verſehen, indem man meiſtens, längs den Küſten ſteuernd, ſich nach den Spitzen des Landes, oder, wenn dieſes aus dem Geſichte verſchwindet, nach dem Stand der Sonne und der Sterne richtet. Eben ſo gebricht es an Seecharten und noch mehr an ſchriftlichen Wegweiſern, weßhalb die Schiffer ſich die nöthige Kenntniß von der Lage der Länder, den Tiefen des Meeres und von allem, was auf ihr Gewerbe Bezug hat, durch eigene Erfah⸗ rung erwerben müſſen. Wenn ich nun der Beſchreibung dieſer Junken noch hinzufüge, daß ſie die vorzüglichſten chineſiſchen Schiffe, und ſogar die zum Krieg beſtimmten, welche übrigens nur zehn bis zwölf Vierpfünder führen, von derſelben Beſchaffenheit ſind; ſo können meine Leſer leicht den Schluß ziehen, daß die Chineſen, ob ſie ſchon in mancherlei Künſten ſich vortheilhaft auszeich⸗ nen, dennoch in der Schifffahrt auf einer niedrigen Stufe, ſelbſt hinter vielen aſiatiſchen Völkern ſich befinden, und überhaupt nicht die Fähigkeit beſitzen, weite Seereiſen zu unternehmen. Die vielen malaiiſchen Fahrzeuge, welche wir von Zeit zu Zeit erblickten, zeichneten ſich durch eine weit beſſere Bauart und beſonders durch außerordent⸗ liche Schnelligkeit aus. Ueberhaupt ſind die Malaien geſchickte und kühne See⸗ leute, die bedeutende Reiſen unternehmen, was ſchon der Umſtand beweiſt, daß ihre Sprache ſich weit in die Südſee verbreitet hat. Sie treiben aber auch viel Seeräuberei. Diejenigen, welche die Oſtküſte von Sumatra bewohnen, ſind in dieſer Hinſicht am meiſten berüchtigt; ſie ſollen den Chineſen ſehr ge⸗ fährlich ſein, ja, ſchon manchmal, da ihre Galeeren eben ſo ſchnell rudern als ſegeln, bei einer Windſtille die größten europäiſchen Kauffahrer überfallen und genommen haben. Ein ſolches Raubſchiff ſtieß uns an der Südweſtſeite von Banca auf; allein die Flüchtigkeit desſelben und die Nebel an der ſumatrani⸗ ſchen Küſte, wohin es ſeinen Lauf nahm, entzogen es bald unſern Blicken. Am 23. erreichte der Wexford die Straße zwiſchen den Inſeln Banca und Borneo, durch die er mit großer Schnelligkeit kam, weil der Südoſtmonſoon gerade hindurch und ſehr heftig wehte. Aber am 25., wo wir der Linie nahe waren, verſtummte plötzlich der Wind. Windſtillen ſind zwar bei der Annäherung an die Linie keine ſeltenen Erſcheinungen, ſondern gewöhnlich Vorboten des in der entgegen geſetzten Zone herrſchenden Windes; allein wir wurden bald ge⸗ wahr, daß die gegenwärtige von ganz anderer Bedeutung ſei, und entweder ein Gewitter oder einen Orkan verkündige, die beide den indiſchen Gewäſſern ſo eigen find. Es entſtand, obſchon gegen Abend, eine Hitze, dergleichen wir auf der ganzen Reiſe noch nicht empfunden hatten, und am nordöſtlichen 1 5 .41 Horizont ſtieg ein ſchwarzes, ſich ſchnell verbreitendes Gewölk auf, während das Meer in eine wilde Bewegung gerieth. Die Mannſchaft traf eiligſt alle Vor⸗ kehrungen, welche die Vorſicht in ſolchen Fällen gebietet, zumal da wir uns auf allen Seiten dem Lande ſo nahe befanden. Es verging indeß keine Viertelſtunde nach dem erſten Erſcheinen der düſtern Wolke, als dieſe über uns ſtand, und das Ungewitter mit allen ſeinen Schreckniſſen ausbrach. Die erſten Windſtöße waren ſo gewaltig, daß ſie unſer Schiff, ungeachtet man alle Segel eingezogen und die Stängen geſtrichen hatte, völlig auf die Seite warfen; die Wellen ſtürzten darüber hin, und es ſchien, als ob unſer Untergang beſchloſſen ſei. Aber nach einigen Sekunden erfolgte ein von fürchterlichem Donner begleiteter Blitz, und dann ein Regenguß faſt ohne allen Wind; und nachdem das ganze Gewitter ungefähr zehn Minuten gedauert hatte, trat in der Luft wieder eine völlige Stille und eine große Heiterkeit ein, ſo wie auch das Meer ſich be⸗ ruhigte. In der folgenden Nacht war der Himmel hell geſtirnt, obſchon die Wind⸗ ſtille bis gegen Morgen dauerte. Un dieſe Zeit erhob ſich der Südoſtmonſoon noch einmal, und führte uns in kurzem durch die Linie. Gegen Abend drehte er ſich plötzlich nach Südweſten, und verwandelte ſich alſo in denjenigen Wind, welcher den nördlichen Theil des indiſchen Meeres in den Monaten April bis September beherrſcht, d. i. in den Südweſtmonſoon. Mit dieſem höchſt günſtigen Luftſtrom durchſchnitten wir ſchnell das chine⸗ ſiſche Meer, und näherten uns dem Ort unſerer Beſtimmung. Während der ganzen Fahrt ereignete ſich wenig Merkwürdiges. Auf einer der kleinen Inſeln, die an der Nordweſtſeite von Borneo liegen, bemerkten wir eine große Ver⸗ heerung, die ein Orkan in den Gehölzen angerichtet hatte. Nach der Ausſage einiger malaiiſchen Schiffe fand derſelbe am 22. und zwar längs der ganzen Weſtküſte von Borneo Statt. Sonderbar, daß wir, obſchon an dieſem Tage ſehr nahe bei der Inſel, nichts davon empfunden hatten, dagegen war dort das fürchterliche Gewitter, das uns am 25. traf, eben ſo wenig wahrgenommen worden.— Als wir an der langen Reihe von Klippen und Inſeln, welche vor den Küſten von Cochinchina ſich hinzieht, vorüberſchifften, kamen an einem ſtillen Morgen einige Einwohner in kleinen Fahrzeugen herbei, um uns Früchte zu verkaufen. Sie verlangten keine Bezahlung in Geld, ſondern überließen uns für ungefähr zwei Metzen groben Salzes(das man aus den ledigen Fleiſch⸗ fäſſern geſammelt, und nachher gewaſchen und getrocknet hatte) den größten Theil ihrer Ladung, ſo daß die ganze Mannſchaft ſich daran erquickte. Jene Leute glichen in Anſehung des Körperbaues den Chineſen. Die Kleidung der⸗ ſelben beſtand blos in blauen, baumwollenen Hoſen, und in Strohhüten. Ihre 412 Kähne waren aus Bambusrohr, wie Korbwerk geflochten, und an der innern und äußern Seite mit einem Kitte überzogen, der ihnen eine große Feſtigkeit und Dichtheit gab. Dieſer Kitt wird, wie unſere Malaien verſicherten, von Muſchelkalk und einem gewiſſen Harze bereitet, welches flüſſig aus den Bäumen quillt, nachher aber ſich verdickt und im Waſſer unauflösbar iſt. Am 8. Juni, bei Sonnenaufgang, verkündigten uns die Matroſen auf dem Vormaſt die Nähe von China, was die Mannſchaft in große Freude ver⸗ ſetzte, und meine Erwartung von den Dingen, die da kommen ſollten, auf das Höchſte ſpannte. Gegen Mittag konnte man das Land zu beiden Seiten des Meerbuſens von Canton deutlich erkennen. Es nimmt ſich in der Ferne nicht gut aus, da es niedrig, an der Küſte ſandig und dieſe meiſtens hinter Klippen und unbebauten Inſeln verſteckt iſt, wovon einige, weil ſie von ſeeräuberiſchem Geſindel bewohnt werden, bei den Europäern„Ladronen“ heißen, und nicht mit den ſpaniſchen Ladronen oder Marianeninſeln zu verwechſeln ſind. Als es dunkel wurde, befanden wir uns nicht weit von der Halbinſel Macao, am Ein⸗ gange in den genannten Meerbuſen. Wir legten dann bei, um uns nicht den Gefahren auszuſetzen, welche den Seefahrer zur Nachtzeit an den Küſten be⸗ drohen. Es iſt bekannt, daß in früheren Zeiten und ehe die Engländer den Frem⸗ den etwas mehr Freiheit erzwangen, die Europäer in China von dem Augen⸗ blick an, wo ſie es erreichten, bis zu demjenigen, wo ſie es wieder verließen, wie Gefangene behandelt wurden, und faſt bei jedem Schritt auf Hinderniſſe ſtießen, welche ihnen die läſtige Umſtändlichkeit und das übertriebene Mißtrauen der Einwohner in den Weg legten. Dieſe Unannehmlichkeiten fingen gewöhnlich an, ſobald ihre Schiffe auf der Rhede von Macao, wo ſie zu erſt landen müſſen, die Anker fallen ließen. Bei uns fanden ſie noch früher Statt. Wir hatten kaum beigelegt, als drei bewaffnete Junken aus dem Meerbuſen kamen, die uns ſtreng ausfragten, worauf die eine zurückſegelte, um unſere Ankunft zu melden, und uns den Paß zur Einfahrt, ſo wie auch einen Lootſen zu beſorgen. Die beiden andern blieben uns die ganze Nacht zur Seite, um, gleich Spionen, jede unſerer Bewegungen zu beobachten. Es war in der That lächerlich anzuſehen, daß unſer Wexford, der auf offenem Meere ein ganzes Geſchwader von Junken nicht geachtet hätte, jetzt von zwei ſolchen elenden Fahrzeugen ſich gleichſam in Beſchlag nehmen ließ. Die beiden Kriegſchiffe führten uns mit Tagesanbruch nach der Rhede von Macao. Sobald wir hier geankert hatten, eilte ein Mandarin in einer mit vie⸗ len Rudern verſehenen Gondel herbei, der uns abermals mit Fragen behelligte, und ſodann mit zwei kleinen Wachbooten umgeben ließ. Dieſer Mandarin, wie „ — 413 ich ihn nannte, war eigentlich der Hafenmeiſter; allein die Europäer pflegen allen chineſiſchen Staatsbeamten, ungeachtet es ineder Landesſprache für jeden eine beſtimmte Benennung gibt, ohne Unterſchied jenen Titel beizulegen, was ſie von den Portugieſen, der erſten europäiſchen Nation, die China beſuchte, angenommen haben. Den chineſiſchen Booten, welche den Schiffen friſches Fleiſch, Fiſche oder Früchte brachten, durften wir zwar abkaufen, mußten jedoch alles mit baarem Gelde bezahlen. Spaniſche Thaler und engliſche Guineen wurden von den Handelsleuten gern genommen. Beim Wechſeln erhielt man lauter Kupferſtücke zurück, welche in der Mitte ein viereckiges Loch haben, um ſie anreihen zu kön⸗ nen. Sie ſind die einzige in China gebräuchliche Münze, und werden von den Engländer„Caſh(Käſch)“ genannt, was eigentlich jedes Geld bedeutet. Die übrigen Europäer haben dieſes Wort unter verſchiedenen Abänderungen in ihre Sprache aufgenommen; die Deutſchen pflegen„Kas“ oder„Kaſche“ zu ſagen.. Den Portugieſen, welche aus Macao kamen, um Neuigkeiten von uns zu erfahren, wurde die Annäherung von den Wächtern unterſagt, daher wir blos einige Worte durch das Sprachrohr mit einander wechſelten. Man ſieht hieraus, daß dieſe Nation, ungeachtet der ihr ertheilten Vorrechte, gänzlich von dem Willen der Eingebornen abhing.— Die Rhede, welche den Namen„El Taypa“ führt, wird von vier Felſen gebildet, die einen ſo ſichern Ankerplatz gewähren, daß man ſelbſt vor Orkanen geſchützt iſt. Es lagen hier, außer einigen portugieſiſchen Schiffen, worunter auch ein Kriegſchiff war, viele große chineſiſche Junken vor Anker, und Boote durchkreuzten ſich in allen Richtungen. Von der Stadt bekamen mir wenig zu Geſicht, weil ſie auf der Stelle, wo unſer Wexrford ſich befand, von einem jener Felſen verdeckt iſt. Doch ſahen wir ſehr deutlich einen Theil der ſo genannten ſchwimmenden Stadt, d. i. derjenigen Fahrzeuge, welche von Chineſen wie Häuſer bewohnt werden. Da man dergleichen, und zwar in weit größerer Menge, auch bei Canton findet, ſo will ich das Merkwürdigſte davon weiter unten mittheilen, wo ich überhaupt alle die mir vorgekommenen chineſiſchen Hafen⸗ und Flußfahrzeuge, welche der Europäer insgeſammt„Schampanen“ nennt, nach einander beſchreiben werde. Am vierten Tage unſeres Aufenthalts in Macao kam ein Lootſe, begleitet von einem Abgeordneten der engliſchen Factorei, aus Canton bei uns an. Sie brachten uns den Paß zur Einfahrt mit. Da gerade die Fluth eingetreten, und der Wind ſüdlich war, ſo drang man in den Lootſen, das Schiff ungeſäumt aufwärts ſegeln zu laſſen. Er bequemte ſich dazu, nachdem er ein angezündetes 214 Schiffchen von Goldpapier in das Waſſer geworfen, und vor dem Bilde ſeines Schutzgottes Räucherkerzem niedergeſetzt hatte, ein religiöſer Gebrauch, ohne welchen kein Chineſe ein Geſchäft von einiger Bedeutung unternimmt. Wir ſteuerten, ohne weitere Hinderniſſe zu erfahren, zwiſchen dem linken Ufer des Meerbuſens und den in der Mitte gel egenen Inſeln hin. ⸗Von dem Lande konnte man wenig ſehen, weil es von der Fluth überſchwemmt war. Während der Nacht lagen wir bei einer kleinen Inſel vor Anker. Am folgenden Morgen führte ein heftiger Südwind, obſchon die Ebbe eingetreten war, unſer Schiff in kurzem nach dem Fluſſe Tuho oder Taa(von den Portugieſen Tigris genannt), an welchem, ungefähr acht deutſche Meilen oberhalb der Mündung, die Stadt Canton liegt. Die Mündung iſt ſchmal, da der Fluß von zwei Bergen eingeengt wird, die ſich über das angrenzende Land beträchtlich erheben. An dem zur Rechten ſteht, von Bäumen umgeben, ein niedriges Fort auf einer Inſel. Hier kam ein Mandarin mit mehren Soldaten auf das Schiff, um dasſelbe nach ſeiner Beſtimmung zu geleiten. Ein zweites und drittes Fort befinden ſich, nicht weit von dem erſten, auf waldigen Anhöhen an der entgegen geſetzten Seite des Stroms. Wir begrüßten jedes beim Vor⸗ überfahren mit ſieben Kanonenſchüſſen, welche, nach chineſiſcher Sitte, mit dreien erwiedert wurden. Sobald man die Feſtungen im Rücken hat, erweitert ſich der nun fort⸗ während mit Inſeln bedeckte Strom; die Ufer werden flach und geſtatten eine freie Ausſicht über die angrenzenden Landſchaften. Es ſtellte ſich nun unſern Blicken ein Schauſpiel dar, das meine ganze Aufmerkſamkeit erregte. Denn es gibt wohl nirgend, als in China, eine ſolche Mannichfaltigkeit von Gegen⸗ ſtänden, die der Europäer von denen ſeines Vaterlandes abweichend, und auch dann noch neu findet, wenn er früher viele Gegenden der Erde durchreiſt hat. Zwar tragen alle nicht europäiſche Länder ein von unſerem Erdtheil verſchie⸗ denes Gepräge, das ihnen vom Menſchen bis zum Wurm, vom Baum bis zum Grashalm herab aufgedrückt iſt; allein, ſie ſind entweder von ungebildeten Völkern bewohnt und der Natur überlaſſen, oder haben durch den Einfluß europäiſchen Kunſtfleißes ein unſerem Erdtheil ähnliches Anſehen erhalten. In China hingegen ſcheint nicht nur die Natur nach beſondern Geſetzen zu Werke gegangen zu ſein, ſondern auch die weit vorgeſchrittene Kunſt hat einen ganz eigenthümlichen Weg eingeſchlagen. An den Ufern des Fluſſes findet ſich eine ununterbrochene Reihe von Reis⸗ feldern, welche zur ſteten Bewäſſerung mit unzähligen Gräben und Kanälen durchſchnitten ſind. Die niedrigern überſchwemmt die Fluth, daher man ſie mit Cypreſſen eingefaßt hat, deren weit um ſich greifende Wurzeln das Fort⸗ — 415 ſchwemmen des Erdreichs verhindern. Hier und da ſahen wir die Landleute in kleinen Nachen auf den Kanälen fahren, und auf den Aeckern bis an die Kniee im Schlamm waden, um ſich der vom Strome zurückgelaſſenen Fiſche oder Krabben zu bemächtigen. Damit ihnen hierin die herumfliegenden wilden Enten nicht zuvorkommen möchten, erhoben ſie von Zeit zu Zeit ein lautes Geſchrei, oder ſchlugen an ein ſo genanntes Gungung, ein lärmendes, unſern Becken ähnliches metallenes Inſtrument, das von den Chineſen bei unzähligen Gelegen⸗ heiten gebraucht wird.— Tiefer im Lande wechſeln Hügel und Thäler, volk⸗ reiche Flecken und Dörfer, einzelne Wohnungen und Opferhütten mit Wäldern ab, die aus mannichfaltigen Gewächſen, vorzüglich aber aus Kampher⸗, Bam⸗ bus⸗, Talg⸗ und Maulbeerbäumen beſtehen. Häufig ſieht man auch Mühl⸗ werke; ſie ſind meiſtens, auf eine ſehr einfache Art, aus Bambusrohr zuſammen⸗ geſetzt. Ungefähr zwei Meilen von der Mündung prangt, auf einer Anhöhe, ein großer Triumphbogen, dergleichen die Chineſen zum Andenken an wichtige Begebenheiten errichten. Auf den Landſtraßen erblickten wir bald Reiſende, zu Fuß oder auf Eſeln, und meiſtens mit großen Sonnenſchirmen, bald Palan⸗ kine, worin ſich vornehme Herrn von zwei, vier oder acht Männern tragen ließen; auch kam ein zweirädriger, von einem ausgeſpannten Segel getriebener Karren, den der Führer mittels einer nach hinten gekehrten Deichſel lenkte, zum Vorſchein. Die hohen Thürme, bei welchen man auf der Fahrt nach Canton vorbeikommt, zeigen ſich ſchon in weiter Ferne; ſie ſind achteckig und beſtehen aus neun Abſätzen, auf deren oberſtem ein Drache, oder ſonſt ein Geſchöpf der Einbildung ſteht. Solche Thürme ſollen im ganzen Lande zahlreich vorhanden ſein, und zur Abmeſſung der Wege, ſo wie zur ſchnellen Verbreitung wichtiger Nachrichten dienen; die hierzu gebrauchten Zeichen werden nur von den Man⸗ darinen verſtanden. Wiewohl nun aber alle dieſe Anſichten, verbunden mit der ungemeinen Lebhaftigkeit auf dem Strome, den Fremdling ergötzen, ſo wird doch ſeine Freude durch die Erinnerung an die Nichtigkeit deſſen, was er wahr⸗ nimmt, ſehr herabgeſtimmt, weil ſich ihm allenthalben eine ungeheure Anzahl von Gräbern darſtellt, welche, da ſie unverletzlich ſind, ſich ſo angehäuft haben, daß ſie bedeutende Landſtrecken einnehmen. Sie liegen an nackten, traurig ge⸗ ſtalteten Erdhügeln, welche die Sonne ganz weiß gebrannt und faſt verſteinert hat; auf einigen ſtehen jedoch einzelne Tannen, Fichten, Weymouth⸗Kiefern, oder andere harzige Bäume, ſo wie auch aus den Ritzen und Spalten Gewächſe hervorragen, dergleichen man bei uns an den Felſen und den Mauern alter Gebäude findet. Bei dem erſten der erwähnten Thürme, wo grobes Geſchütz aufgepflanzt iſt, mußten wir ankern; denn es läuft dort quer über den Fluß eine Sandbank, 416 von den Seeleuten„Bar“ oder„Barre“ genannt, über welche die größern Schiffe nur mit Hülfe der Fluth, zur Zeit ihres höchſten Standes, fahren kön⸗ nen. Den ganzen Abend und auch die Nacht hindurch, die wir auf dieſem Platze zubrachten, gewährten uns die Fiſcher eine angenehme Unterhaltung, indem ſie ſich hier in großer Anzahl verſammeln, um die von der Fluth herbei⸗ geführten Fiſche, welche ſelten über die Barre hinausgehen, aufzufangen. Die Arten des Fiſchfangs ſind mancherlei. Da ſich vor den Ufern Scheren, d. i. von ihnen getrennte Sandbänke befinden, ſo umgiebt man dieſelben, wenn ſie während der Ebbe trocken ſind, mit Pfählen, welche mit Netzen von ſchwarz gefärbtem ſtarken Garn umzogen werden, doch ſo, daß eine geräumige Oeffnung bleibt. In die Mitte wird altes Fleiſch, oder ſonſt ein anlockender Köder ge⸗ than. Wenn nun die Fiſche mit der Fluth herbeikommen, ſo ſchwimmen ſie, von der Lockſpeiſe angezogen, ſchaarenweiſe in den eingeſchloſſenen Raum, den aber der Fiſcher, indem er nach einiger Zeit an den Pfählen des Eingangs ein mit Blei beſchwertes Netz hinab läßt, völlig verſchließt. Nach dem Ablaufe des Waſſers nimmt er mit leichter Mühe ſeine Beute heraus, die nicht ſelten ſo reich iſt, daß ſie mehrere Boote füllt. Eben ſo werden gewiſſe Körbe aus Bam⸗ busſtäben dergeſtalt vor dem Strande hingelegt, daß die daran hinſtreichenden Fiſche gleichſam in eine Bucht gerathen, welche man vor Anfang der Ebbe mit ähnlichen Körben verſtopft. Dieſe beiden Arten der Fiſcherei gewähren unter allen die meiſten Vortheile. Allein, die dazu erforderlichen Plätze müſſen er⸗ kauft werden, und ſind mit ſchweren Abgaben belaſtet. Daher die ärmern Fi⸗ ſcher mitten im Strom ihr Geſchäft betreiben, wobei ſie auf verſchiedene Weiſe verfahren. Einige gebrauchen große, an zwei Bambusſtäben befeſtigte Hamen, dergleichen ſich auch die chineſiſchen Seeleute auf dem Meere bedienen; andere kreuzen mit zwei Booten umher, zwiſchen welchen ein Netz befeſtigt iſt. Aale und einige andere Fiſche fangen ſie mit Grundangeln, an welche Würmer oder kleine Krabben geſteckt ſind. Während der Nacht zündet man in den Kähnen ein flammendes Feuer an, weil einige Gattungen Fiſche die Eigenheit haben, darnach zu ſpringen, und daher ſich von ſelbſt ihren Feinden überliefern. 5. Inſel Wampo. Wir werden unter die Aufſicht einiger chineſiſchen Beamten geſtellt— Function der⸗ ſelben. Zwei Chineſen als Geſchäftbeſorger der engliſchen Schiffe, der Fiador und Comprador ge⸗ nannt. Man erbaut uns auf der Inſel Wampo eine Niederlage.— Zahlreiche Beſuche von cineſi⸗ ſchen Schneidern und Schuhmachern.— Ein vornehmer Zollbeamter, der Opeu, kommt auf unſer Schiff, um es auszumeſſen.— Wir löſchen unſere Ladung. Umſtände dabei. Die europäiſchen See⸗ leute in China. Am Morgen des nächſten Tages kamen wir über die Barre, und langten bei der Inſel Wampo, drei Meilen von Canton, an, in welcher Gegend die nach dieſer Stadt beſtimmten europäiſchen und überhaupt alle größere Schiffe, weil ſie wegen der Seichtheit des Fluſſes nicht weiter ſegeln können, während der ganzen Zeit ihres Aufenthalts vor Anker liegen. Der heutige Tag war der 16. Juni; unſere ganze Reiſe hatte alſo vier Monate und vierzehn Tage ge⸗ dauert, die man allgemein für ſehr ſchnell und glücklich hielt. Wir fanden bei Wampo, außer vielen chineſiſchen und einigen japaniſchen Junken— welche letztere den erſtern völlig gleichen,— Fahrzeuge aus allen Theilen Indiens, einige Schiffe der nordamerikaniſchen Freiſtaaten, ſo wie mehre engliſche aus Madras, Calcutta, Bombay. Aus Europa waren noch keine da. Die mit uns von England abgegangenen Chinafahrer trafen, weil ſie am Vorgebirge der guten Hoffnung verweilt hatten, erſt drei Wochen nach unſerer Ankunft ein. Noch einen Monat ſpäter kamen die von der zweiten eng⸗ liſch⸗oſtindiſchen Flotte an, worunter ſich auch zwei ſchwediſche befanden. Den Beſchluß der Ankömmlinge aus entfernten Welttheilen machten einige Ameri⸗ kaner, die erſt im September anlangten. Daß keine von den übrigen europäi⸗ ſchen Nationen, die in Friedenszeiten mit China handeln, den Franzoſen, Nie⸗ derländern und Dänen, ſich ſehen ließen, ſcheint kaum einer Erwähnung zu bedürfen. Sobald die Anker geworfen waren, wurden wir von dem uns begleitenden Mandarin zwei andern übergeben, die ſich mit ihren ſtark bemannten Fahrzeugen dicht an unſer Schiff legten. Der, welcher ſich uns zur Rechten befand, war ein Zollbeamter, und mußte während der ganzen Zeit unſeres Hierſeins bei uns bleiben; der zur Linken gehörte zum Militär, und wurde jeden Monat abgelöſt. Dieſe Leute haben hauptſächlich die Beſtimmung, jeden Gegenſtand zu unterſuchen, welcher aus⸗ und eingeſchifft wird. Sie müſſen ferner die⸗ jenigen, welche von dem Schiffe nach der Stadt oder einem andern Orte gehen, mit Päſſen verſehen, ſo wie allen zwiſchen der Schiffsmannſchaft und den Ein⸗ Richter's Reiſen. I. 27 v gebornen entſtehenden Uneinigkeiten ſteuern. Beiläufig bemerke ich, daß man nicht nur dieſe Wache, ſondern überhaupt die geringſte, den Mandarinen verur⸗ ſachte Bemühung theuer bezahlen muß. Bald nach unſerer Ankunft erhielten wir einen Beſuch von zwei im Dienſte der Engländer ſtehenden Chineſen, dergleichen alle europäiſche Facto⸗ reien unterhalten, dem Fiador und dem Comprador, wie man ſie, den Portu⸗ gieſen nachahmend, allgemein zu nennen pflegt. Der erſtere, wozu gewöhnlich ein reicher Kaufmann gewählt wird, hilft den Ankauf der einheimiſchen Waaren und den Abſatz der eingeführten beſorgen. Der letztere liefert die Lebensmittel und alle übrigen Bedürfniſſe für das fremde Schiff. Beide vertreten die Stelle der Dollmetſcher, und ſind überhaupt die Mittelsperſonen bei jeder Berührung mit den Eingebornen; auch muß der Fiador für alles Unrecht haften, welches dieſen zugefügt wird. Der Comprador brachte uns friſches Fleiſch, Brod, grüne Zugemüſe und Früchte, was er nachher jeden Morgen that. Zunächſt war es auch ſein Geſchäft, uns ein Bankshall bauen zu laſſen, wozu er unge⸗ ſäumt Anſtalt machte. Es findet nämlich in Canton die Einrichtung Statt, daß die europäiſchen Schiffe, um Raum zum Löſchen und Laden zu gewinnen, alles Geräth in eine Niederlage am Lande ſchaffen, wo ſie überdem ihre Schweine und Hühner halten, vor der Abreiſe Rinder ſchlachten, das Fleiſch zeinſalzen, und andere unſaubere Arbeiten verrichten. Dies iſt es nun, was die Engländer Bankshall nennen, und die übrigen in China verkehrenden Euro⸗ päer in„Bängſal, Bancaſal“ oder auf andere Weiſe verändert haben. Da ein ſolches Haus für eine kurze Dauer beſtimmt iſt, ſo wird es blos von Bambus⸗ ſtäben und Matten, in Geſtalt eines Schuppen, aufgebaut. An beiden Enden desſelben befinden ſich Kammern, worin ein Steuermann und einige Matroſen Wache halten. Um während der Nacht zu beweiſen, daß ſie munter ſind, rufen ſie einander die gewöhnliche Loſung der Seeleute„Alles wohl“ fleißig zu, und zeigen auch durch Schläge auf ein Gungung die Stunden an, ſo wie es mittels der Glocke auf den Schiffen geſchieht. Ertappt man Diebe, ſo werden ſie den Mandarinen ausgeliefert; ehedem durfte man auf jeden Chineſen, der ſich in der Nacht näherte, Feuer geben, welche Erlaubniß aber ſchon ſeit langer Zeit aufgehoben iſt. So oft die Mannſchaft am Bord, um Jemanden zu beehren, z. B. einen vornehmen Beſuchenden, oder ein ankommendes Schiff, die Flagge aufzieht, ſo thun die Leute im Bankshall dasſelbe, zu welchem Ende ein Flag⸗ genſtock auf dem Dache ſteht. Die Niederlagen der Engländer, auch der Schwe⸗ hen und Dänen, befinden ſich auf Wampo, wo ein Stück Land durch einen Kanal, der es von der Inſel trennt, dazu abgeſteckt iſt. Die andern Nationen haben die ihrigen auf Inſeln in der Nachbarſchaft, z. B. die Franzoſen auf 1 419 einer oberhalb Wampo, welche daher den Namen„Frankreich“ führt. Dieſe Niederlagen verurſachen bedeutende Koſten, indem nicht nur die Regierung ſich den Platz zum Gebäude theuer bezahlen läßt, ſondern auch der Comprador die Aufführung desſelben hoch in Rechnung bringt, obſchon er es nach der Abfahrt des Schiffes einreißen läßt, und die Bauſtoffe ſich wieder zueignet. Es iſt gewöhnlich, daß die Europäer, wenn ſie nach China kommen, ihre Kleider wechſeln. Dies geſchieht hauptſächlich deßwegen, weil ſie in ihren weißen baumwollenen, dergleichen man meiſtens auf der Reiſe trägt, wahre Schreckbilder für die Einwohner ſind, indem bei dieſen die weiße Farbe Trauer, die ſchwarze dagegen Freude bedeutet; auch ſtehen die ſeidenen Zeuge, die über⸗ dem wegen ihrer kühlenden Eigenſchaft für das heiße Klima ſich eignen, in einem niedrigen Preiſe. Es kamen daher, ſobald unſere Ankunft in Canton ruchbar wurde, eine Menge Schneider herab, bei welchen unſere Mannſchaft große Be⸗ ſtellungen machte, zumal da ſie das Zeug zu den Kleidern liefern, und ſich mit der Bezahlung bis gegen die Abfahrt des Schiffes gedulden, wo ſie die Rech⸗ nung bei der Factorei einreichen. Solchergeſtalt erſchien Jeder von uns nach einigen Tagen in ſchwarzſeidenen Unterkleidern, oder wenigſtens dergleichen Weſten. Die der Offtziere beſtanden aus einer Art Atlas, die der Matroſen aus einem gröbern Stoffe, der ſo wohlfeil iſt, daß z. B. ein Paar Hoſen nicht völlig einen Piaſter koſtet. Viele ſchafften ſich auch ſolche Anzüge an, welche von den chineſiſchen Seeleuten im Regenwetter getragen werden; ſie ſind aus Binſen verfertigt und ſo dicht, daß das Waſſer wie von den Federn der Vögel davon abläuft. Es ergab ſich indeſſen bald, daß Einige fortwährend blos deß⸗ wegen neue Kleidungſtücke beſtellten, um, aus Mangel an Geld, die Verkäufer von Branntwein und Näſchereien damit zu bezahlen. Sie kamen z. B., wenn ſie mit dem Boote irgend wohin geſchickt wurden, in weißen Hoſen zurück, ob ſie ſchon in ſchwarzen fortgegangen waren, woraus man ſchloß, daß ſie letztere über die erſtern angezogen und dann vom Leibe verkauft hatten. Man mußte gegen dieſes Verfahren ſtrenge Maßregeln ergreifen; denn ſonſt wären nicht nur die Rechnungen der Schneider ſo hoch aufgelaufen, daß ſie den Gehalt der Leute überſtiegen hätten, ſondern dieſe würden auch ihrer Neigung zum Trunk freien Lauf gelaſſen und dadurch die gefährlichſten Auftritte mit den Einwohnern ver⸗ anlaßt haben, des daraus entſtehenden Nachtheils für den Schiffdienſt und für ihre eigene Geſundheit nicht zu gedenken. Auch die Schuhmacher fanden ſich in großer Anzahl bei uns ein. Die Schuhe, welche ſie zum Verkauf bringen, ſind durchaus von Schweinsleder, und unhaltbar, weil man ſie mit baumwollenen Fäden näht, daher die Näthe aufſpringen und die Sohlen und Abſätze losgehen, ſo bald ſie naß werden. 27* 420 Sie fanden daher, wiewohl das Paar nur einen halben Piaſter koſtete, geringen Abſatz, zumal da die Offtziere einen hinlänglichen Vorrath von engliſchen beſaßen, die europäiſchen Matroſen ſich weit dauerhaftere von Segeltuch mach⸗ ten, und die indiſchen gar keine gebrauchten. Deſſen ungeachtet würde Mancher dieſe Waare nicht verſchmäht haben, wenn ſie, wie die Kleider, ſich zum Ver⸗ trödeln geeignet hätte; allein, in dieſer Hinſicht war nichts damit zu gewinnen, weil ſie blos für die Europäer berechnet iſt, indem die Chineſen kein Schuh⸗ werk von der Art tragen. Vier Tage nach unſerer Ankunft kam der engliſche Fiador mit der Nach⸗ richt an Bord, daß am nächſten Morgen der Opeu(Obereinnehmer der Pro⸗ vinz) kommen werde, um unſer Schiff zu meſſen, eine Handlung, die jederzeit Statt finden muß, ehe man irgend eine Waare aus⸗ oder einſchiffen darf, und die mit großem Gepränge vollzogen wird. Schon in Macao war der Anfang gemacht worden, den Wexford in jeder Hinſicht aufzuputzen; jetzt eilte man die Arbeit zu vollenden, um ſich bei dieſer Gelegenheit den Chineſen in einer Ge⸗ ſtalt zu zeigen, wie der Stolz und die Prunkliebe der Engländer es verlan⸗ gen. Wir waren ſogar die ganze Nacht in Thätigkeit, beſonders die Köche, welche, unterſtützt von zwei chineſiſchen, ein köſtliches Mahl bereiten muß⸗ ten. Mit Tagesanbruch wurden auf allen Maſten die ſchönſten buntfar⸗ bigen Flaggen aufgeſteckt, es wurde die große, mit eiſernen Geländern ver⸗ ſehene Treppe ausgehängt, das ganze Verdeck mit blau und weiß geſtreiften Sonnenſchirmen überſpannt, und noch manche andere Verſchönerung ange⸗ bracht, um Alles in die Augen fallend zu machen. Hierauf eilte die ſämmt⸗ liche Mannſchaft, ſich ſelbſt in Glanz zu werfen. Sie erſchien in neuen ſchwarz⸗ ſeidenen Unterkleidern, und in Jacken von dunkelblauem Tuch, oder dergleichen Röcken. Aller Augen waren nun nach dem obern Ende des Fluſſes gerichtet, woher der vornehme Beſuch kommen ſollte. Endlich gegen zehn Uhr erſchien eine Galeere, umgeben von ſechs bis ſieben kleinern. Erſtere verkündigte durch ihre vielen aufgepflanzten Fahnen und Spieße, wie auch Abbildungen von Drachen, daß ſie den Opeu am Bord habe; auf letztern gewahrte man eine Menge von Dienern und von Muſikanten, welche auf dem ganzen Wege ſpielten oder, um richtiger zu ſprechen, einen wilden Lärm mit betäubenden Inſtrumen⸗ ten machten. Nachdem der Zug ſich uns genährt hatte, begrüßten wir ihn mit Kanonenſchüſſen, und der Oberſteuermann wurde in einer glänzenden Scha⸗ luppe abgeſchickt, um ihn zu empfangen. Als die große Galeere an die Seite des Schiffes kam, und der Opeu, von drei privilegirten Großhändlern und dem engliſchen Fiador begleitet, an Bord ſtieg, ſtellten ſich ſeine Henker— wie man ſte nennt— in zwei Reihen auf, und ſchrieen: hü! ſo daß die ganze Gegend davon wiederhallte. Was die Leute mit dieſem Ausruf, womit ſie faſt zu jeder⸗ zeit auf die Erſcheinung der Mandarinen aufmerkſam machen, eigentlich meinen, weiß ich nicht; aber nach dem furchtbaren Tone desſelben zu ſchließen, wollen ſie die Macht ihres Herrn und die Folgen, welche der Ungehorſam und die Vernachläſſigung der ſchuldigen Ehrerbietung gegen ihn nach ſich ziehen, dadurch andeuten. Es fand zwiſchen dem Opeu und dem Schiffskapitän eine lange Bewillkommung und gegenſeitige Höflichkeitbezeigung Statt, während welcher auf dem Geſichte des letztern deutlich zu leſen war, wie viel Ueberwindung es dem zwangloſen Engländer koſtet, ſich in die chineſiſchen Förmlichkeiten zu fügen, zumal da jedes Wort vom Fiador überſetzt und hierbei manches miß⸗ verſtanden wurde, was zu weitläufigen Erklärungen Anlaß gab. Die eigent⸗ liche Handlung ſelbſt, die Meſſung des Schiffes, war ein Geſchäft von wenig Augenblicken. Man maß es, mittels einer durch goldene Knoten abgetheilten ſchwarzſeidenen Schnur, vom Bugſpriet bis zum Hauptmaſte, und dann in der Breite. Nach den gefundenen Ergebniſſen wird der Zoll beſtimmt, der für unſer Schiff gegen fünf tauſend Piaſter betrug. Man führte nachher den Opeu in den großen Saal der obern Kajüte, wo, auf einer langen Tafel, wenigſtens funfzig warme und kalte Speiſen ſtanden, deren Anzahl nach chineſiſcher Sitte nichts weniger als übertrieben iſt. Sein Gefolge ließ ſich nicht lange zum Zulangen nöthigen. Er ſelbſt begnügte ſich mit etwas Zuckerwerk und einem Glaſe Madeirawein, das er ſehr bedächtig trank. Zugleich zeigte man ihm die zum Verkauf mitgebrachten Seltenheiten, welche an den Seiten des Saales ausgelegt waren. Einige Diamanten, ein Fernrohr und ein koſtbares Uhr⸗ werk gefielen ihm ungemein, daher ſeine Begleiter, die Großhändler, dieſe Gegenſtände kauften und ihm als Geſchenk überreichten, wie es bei ſolchen Gelegenheiten Sitte iſt, wo ſie oft zu einer Ausgabe von vielen tauſend Pia⸗ ſtern genöthigt ſind, ob ſie ſchon diesmal mit drei tauſend vier hundert weg⸗ kamen. Hierauf beſchenkte der Opeu, dem Herkommen gemäß, unſern Kapitän mit zwei Rindern, einige Säcken Mehl, einem Dutzend Enten und eben ſo viel Flaſchen Samſu(Reisbranntwein) und fuhr endlich nach einem Abſchied, der eben ſo umſtändlich als die Begrüßung bei der Ankunft war, wieder ab, während ihm zu Ehren unſer Geſchütz noch einmal abgefeuert wurde, und ſeine Muſikanten ihr unharmoniſches Spiel von neuem ertönen ließen. Einige Tage nach der Meſſung des Schiffes begannen wir unſere Waa⸗ ren auszuladen, die hauptſächlich in wollenen Tüchern, Gewehren, Glas, Zinn und Blei, in Tabak und ungefähr hundert Fäſſern Wein beſtanden. Das Geſchäft war aber mit ſo vielen Umſtänden verknüpft, daß es, wiewohl man in manchem europäiſchen Hafen kaum acht Tage dazu gebraucht hätte, erſt nach 422 ſechs vollen Wochen beendigt werden konnte. Man verfährt dabei auf folgende Art: Der Fiador verfertigt eine Ueberſetzung der in Europa gemachten Waarenliſte, und überreicht ſie dem Opeu, welcher ſofort einigen, unter ihm ſtehenden Mandarinen die Anweiſung gibt, die Aufſicht beim Löſchen zu führen. Dieſe kommen dann mit ihren Schreibern jeden Morgen an Bord, aber erſt um acht oder neun Uhr, und entfernen ſich wieder Nachmittags in der fünften Stunde. Sobald ſie erſcheinen, wird die große Luke geöffnet, durch welche die Waaren herauf gezogen werden. Stück vor Stück, ſei es Kiſte, Ballen oder Faß, wird auf das Verdeck niedergeſetzt, wo man deſſen Inhalt beſichtigt, und nach Beſchaffenheit mißt, wiegt oder zählt. Jedes Ergebniß der Unter⸗ ſuchung wird in chineſiſcher und engliſcher Sprache ausgerufen, und von den Schreibern, die an Tiſchen um die Luke herum ſitzen, ſo wie von einigen Offi⸗ zieren des Schiffes aufgezeichnet. Iſt dies geſchehen und die Kiſte, oder was es ſonſt iſt, wieder zugemacht, ſo drückt ein Mandarin dem Stempel oder, wie die Chineſen ſagen, das„Tjap“ darauf. Erſt jetzt darf man es in die Frachtboote hinablaſſen, welche die Güter nach Canton ſchaffen. Wenn ein ſolches Boot, welches gewöhnlich zwölf bis ſechzehn Tonnen faßt, ſeine volle Ladung hat, worüber jedoch bisweilen einige Tage vergehen, alsdann begibt ſich ein Steuermann oder ein Cadet des Schiffes hinein, um es auf ſeiner Fahrt zu begleiten und Acht zu haben, daß die chineſiſchen Fahrmänner nichts entwenden, was deſſen ungeachtet oft geſchieht. Bei der Abfahrt bekommt er eine geſtempelte Karte(ebenfalls Tjap genannt). Dieſe muß er bei jedem Zollhauſe, deren es zwiſchen dem Ankerplatze und Canton vier gibt, vorzeigen und ſich es gefallen laſſen, daß man die Stempel der ſämmtlichen Güter beſieht, oder wohl gar, wenn der dortige Mandarin neugierig oder bei übler Laune iſt, die Ballen u. ſ. w. noch einmal öffnet und unterſucht. Sonach bedarf das Boot oft einige Tage, um nach der Factorei zu kommen, wo beim Ausladen ebenfalls Mandarinen zugegen ſind. Faſt noch mehr Umſtändlichkeit findet beim Einſchiffen der einheimiſchen Waaren Statt, Um jedoch meine Leſer nicht mit einer langweiligen Beſchrei⸗ bung der dabei gewöhnlichen Förmlichkeiten zu ermüden, will ich blos erwäh⸗ nen, daß wir mit der Rückfracht, die außer vielen andern Gegenſtänden, in Thee, Porzellan, roher Seite und ſeidenen Zeugen beſtand, von der Mitte Auguſts bis gegen das Ende Oktobers beſchäftigt waren. Uebrigens wird der Leſer auch die Schwierigkeit, in China verbotene Waaren ein⸗ oder auszu⸗ führen, leicht begreifen, wenn ich noch hinzufüge, daß Niemand, zu irgend einer Zeit, bei dem Schiffe ankommen oder davon abgehen kann, ohne bei den hier befindlichen Wachbooten und bei jedem Zollhauſe, wo man vorbei kommt, „ unterſucht zu werden. Die chineſiſchen Beamten ſind zwar nichts weniger, als unbeſtechlich; da man aber mit ſo vielen zu thun hat, ſo iſt es unmöglich, die Habſucht aller zu befriedigen, und was fünf oder ſechs durchſchlüpfen laſſen, wird doch vom ſiebenten angehalten. Nur der Schiffskapitän iſt einer etwas minder ſtrengen Aufſicht unterworfen. Seine Schaluppe hat die Freiheit, die Flagge zu führen, welche ſie bei den Zollhäuſern nur wehen laſſen darf, um nicht aufgehalten zu werden, bis ſie das letzte, nämlich das in Canton erreicht, wo ſie anlegen muß. Wenn daher der dortige Mandarin und die beim Schiffe Wachenden gewonnen ſind, ſo läßt ſich, trotz aller Vorſicht der Chineſen, den⸗ noch auf dieſem Wege einiger Unterſchleif machen; und ſo geſchieht es, daß z. B. die Amerikaner Ginſeng, die Engländer Opium und andere verbotene Waaren, bisweilen in großer Menge, heimlich an's Land ſchaffen. Die Verpflegung unſerer Schiffsmannſchaft war während des Aufent⸗ halts im Tuho von der Art, wie ſie der Seemann in einem fruchtbaren ſüd⸗ lichen Lande, und zu einer Zeit, wo er bedeutende Schätze für ſeine Rheder erwirbt, erwarten darf. Jeden Mittag bekamen die Matroſen friſches Rind⸗, Schaf⸗oder Schweinfleiſch, oftmals gebraten, und abwechſelnd Reis, Erbſen, Bohnen oder Kohl, Pudding, Pataten, Yams oder andere geſunde Zuſpeiſen; einige Mal erhielten ſie auch Fiſche. An Feſttagen gab man ihnen Obſt zum Nachtiſche. Statt des Zwiebacks wurde täglich friſches, mit etwas Reis ver⸗ miſchtes Weizenbrod gegeben. Zum Getränk reichte man des Mittags und Abends Punſch, beſtehend aus gekochtem Waſſer, Arack, Zucker nnd einer Art Limonen, welche in China die dort nicht wachſenden Zitronen erſetzen. Der große Theekeſſel ſtand, zum beliebigen Einſchenken bereit, vom Morgen bis zum Abend am Feuer. Zu Zeiten, wo geiſtiges Getränk dem Körper heilſam iſt, z. B. bei Regenwetter oder bei anſtrengender Arbeit, wurde auch der reine Arack, oder der Samſu nicht geſpart. Hieraus wird man einen Schluß auf die Lebensweiſe der Schiffsoffiziere machen können, da ihr Tiſch, wie bekannt, faſt immer und ſelbſt auf der See gut beſetzt iſt. Ungeachtet dieſes Ueber⸗ fluſſes an Lebensmitteln fehlte uns dennoch ein wichtiges Bedürfniß, nämlich gutes Trinkwaſſer. Die aus dem Lande herab kommenden kleinen Flüſſe und und Bäche ſind, wegen des lehmigen Bodens, dick und ſchlammig, und nicht viel beſſer iſt das Waſſer des Tuho. Gleichwohl wird letzteres allgemein, ſo⸗ wohl in Canton als in der Umgegend und auf den Schiffen gebraucht; man pflegt es zwei Meilen oberhalb der Stadt zu ſchöpfen, weil die Fluth bis dorthin ſteigt. Die Einwohner ſuchen es durch Abkochen und Durchſeihen zu verbeſſern, wodurch es jedoch keine völlige Klarheit erhält. Uns erwieſen in dieſer Hinſicht die Filtrirſteine Anfangs gute Dienſte, wurden aber bald un⸗ brauchbar, weil der im Waſſer enthaltene Lehmſtoff die Poren derſelben ver⸗ ſtopfte. 1 Von den Vergnügungen, welche der Seemann am Lande zu genießen pflegt, werden ihm in China nur wenige zu Theil, da ihm die Einwohner keine große Freiheit geſtatten. Ueberdem verlangt der Vortheil der engliſchen Compagnie, ihre Leute von den Chineſen entfernt zu halten, weil es ſich ſchon mehrmals zugetragen hat, daß ſie mit dieſen, aus Muthwillen, in der Trun⸗ kenheit, oder um die Ehre ihrer Nation zu retten, in gefährliche Streitigkeiten geriethen, welche faſt den gänzlichen Verluſt des Handels nach ſich zogen, und nur durch Erlegung großer Geldſummen ausgeglichen wurden. Auf unſerem Schiffe war blos den Offizieren erlaubt, ſich bisweilen zu ihrem Vergnügen nach Canton zu begeben, wo ſie dann Koſt und Wohnung in der Factorei fanden, und übrigens frei umher gehen konnten. Die Matroſen erhielten nie Erlaubniß zu ſolchen Ausflügen; und diejenigen, welche den Kapitän täglich nach der Stadt begleiteten, durften ſich, während der ganzen Zeit ſeines Aufenthalts daſelbſt, nicht einen Schritt weit von den Grenzen der Factorei entfernen. Die übrigen ſahen die Stadt nur im Vorbeigehen, wenn ſie, um Waſſer zu ſchöpfen, oder in andern Verrichtungen, den Strom hinauf fuhren, was immer in Begleitung eines Offiziers geſchah, der ſeine Mannſchaft ſo bald als möglich wieder an Bord zu bringen ſuchte. Diejenigen, welche man zu ſolchen Verrichtungen nicht gebrauchte, bekamen Canton nicht einmal in der Ferne zu ſehen.. Der einzige Ort, wo die Einwohner den europäiſchen Seeleuten einige Freiheit laſſen, iſt die oben erwähnte Inſel Frankreich. Sie gehen daher häufig dahin, um ſich zu beluſtigen, d. i. in den Wirthshäuſern zu zechen und Lärm zu machen. Auch unſern Leuten erlaubte man Anfangs jeden Feſttag, daß ein Theil derſelben einige Stunden dort zubringen durfte. Allein man⸗ cherlei unangenehme Auftritte, die von Zeit zu Zeit vorfielen, bewogen den Kapitän, ihnen auch dieſe Beluſtigung zu verſagen. Um ſie aber dafür zu entſchädigen, traf er die Einrichtung, daß ihnen an gewiſſen Tagen ihr Punſch in doppeltem Maße, und zwar auf dem freien Platze vor dem Bankshall, gereicht wurde, wodurch man ſie auch vollkommen zu frieden ſtellte, da ohne⸗ dem der Aufenthalt unter einem Volke, wie die Chineſen, welches die Weiber eingeſperrt hält, wenig Anziehendes für ſie hatte. Von dieſer Zeit an wurde das Bankshall ausſchließlich ihr Luſtort. Sie veranſtalteten hier, außer den Gelagen, auch Wettrennen und andere engliſche Spiele. Ueberdem ließ man häufig die ſich einfindenden chineſiſchen Schauſpieler und Gaukler ihre Kunſt⸗ ſtücke machen; denn ſie beſaßen eine große Fertigkeit, das Auge des Zuſchauers 1 425 durch Geſchwindigkeit zu täuſchen, ihr Geſicht ſeltſam zu verzerren, oder dem Körper die lächerlichſten Stellungen zu geben.— So geſchah es denn, daß die Mannſchaft des Wexford von den Unannehmlichkeiten und den Demüthi⸗ gungen frei blieb, welche die Engländer in China ſo oft erfahren. Noch muß ich erwähnen, daß die europäiſchen Seeleute, während ihres Aufenthalts in China, eine Menge ſonderbarer Gebräuche beobachten, obſchon bei vielen die Urſache ihrer Entſtehung nicht mehr bekannt, und die Form durch die Länge der Zeit in's Lächerliche übergegangen iſt. Ich will hier nur einige davon anführen. Derjenige, dem z. B. ein Einwohner aus Wohlwollen die Wange ſtreichelt, wird unehrlich, und bleibt es, bis er ein Schwein geküßt hat.— Wenn man bei einer gewiſſen Stelle am Ufer des Fluſſes, die nicht weit von Canton und durch einen hohen Baum bezeichnet iſt, vorüber kommt, ſo werden die Hüte abgenommen, und diejenigen, welche es unterlaſſen, mit Waſſer beſpritzt.— Wenn die Matroſen bei dem Thurm zwiſchem Canton und Wampo vorbei fahren, und mit ihrem Boot an die Stelle des Fluſſes kommen, wo man durch zwei gewiſſe, einander gegenüber ſtehende Fenſter ſehen kann, ſo ſind ſie berechtigt, einen Schluck von dem auf die Reiſe mitgenom⸗ menen Branntwein zu thun; außerdem muß das Getränk bis zur Ankunft an dem Orte, wohin ihre Beſtimmung geht, unberührt bleiben.— So oft auf dem Schiffe ein Schwein ſtirbt, wird es, mit einem Steine beſchwert, feierlich in das Waſſer geſenkt. Dieſe Gewohnheit, ſagt man, gründet ſich auf den Umſtand, daß ehedem die Chineſen den Schweinen der Europäer Pfeffer bei⸗ brachten, und dadurch ein großes Sterben unter ihnen bewirkten, um ſich die⸗ ſelben, wenn ſie in den Fluß geworfen und nach einigen Tagen wieder auf die Oberfläche gekommen waren, zuzueignen. 6. Fahrt von Wampo nach Canton. Die erſten Gegenſtände, welche ſich dem Reiſenden bei der Ankunft in Canton darſtellen— das Hauptzollhaus.— Die Factoreien oder Niederlagen der Europäer.— Die Stadt Canton. Nachdem ich die Verhältniſſe, worin die europäiſchen Seeleute mit Can⸗ ton ſtehen, beſchrieben habe, will ich dasjenige mittheilen, was in Hinſicht dieſer Stadt und ihrer Einwohner zu meiner Kenntniß kam. Ich muß jedoch beiläufig bemerken, daß meine Beobachtungen nicht ſo zahlreich waren, als ich ſie zu machen gewünſcht hätte und man von einem fünfmonatlichen Aufenthalt wohl erwarten ſollte. Denn ich fand nicht nur, wegen des zurückſtoßenden ——— — —— 426 Betragens der Chineſen gegen Fremde, mancherlei Schwierigkeiten, ſondern war auch durch meinen Dienſt oft Wochen lang an das Schiff oder das Banks⸗ hall gebunden, obgleich mir das Geſchäft, die nach der Stadt gehenden oder von daher kommenden Frachtboote zu begleiten, oft aufgetragen, auch die Er⸗ laubniß mehrmals ertheilt wurde, einige Tage zu meinem Vergnügen am Lande zuzubringen. Das Land, welches man auf der Fahrt von Wampo nach Canton ſieht, enthält an den Ufern des Fluſſes, die meiſtens niedrig ſind, viele Reisfelder; weiter hinein wechſeln waldige Hügel mit fruchtbaren und mannichfach bebau⸗ ten Thälern ab. Dieſe reizenden Gegenden werden aber oft von großen Be⸗ gräbnißplätzen unterbrochen, welche nach der Stadt hin immer mehr zunehmen. Die merkwürdigſten einzelnen Gegenſtände, die der Reiſende in der Nähe zu Geſicht bekommt, ſind der von den Europäern ſo genannte Branntweinthurm, der übrigens dieſelbe Beſchaffenheit, wie die oben beſchriebenen, hat, ferner einige auf den Inſeln errichtete Schanzen, ein großer Steinbruch, der unzäh⸗ lige Arbeiter beſchäftigt, und die erwähnten Zollhäuſer. Letztere ſtehen auf Pfählen dicht am Fluſſe, ſo daß die Vorderſeite in's Waſſer hinein ragt, die noch außerdem mit einer Brücke verſehen iſt, damit die Fahrzeuge auch zur Zeit des niedrigſten Waſſerſtandes daſelbſt anlegen können. An dieſen Häu⸗ ſern hängen große Tafeln, worauf die Verordnungen in Betreff des Zolles, mit großen chineſiſchen Schriftzeichen geſchrieben ſind, ſo wie auch nahe dabei eine in die Augen fallende Flagge aufgerichtet iſt, daher Niemand ſich mit Unwiſſenheit entſchuldigen kann. Bei einer kleinen Inſel, zwei Stunden vor Canton, ſah ich mehrmals einige vornehme Chineſen ſich mit dem Fiſchfang beluſtigen, wobei ſie den Cormoran oder Waſſerraben gebrauchten. Sie warfen denſelben, ſo oft Fiſche erſchienen, an einer Schnur gehalten auf das Waſſer, worauf er mit großer Schnelligkeit einen nach dem andern im Schnabel herausbrachte. In der Nähe habe ich dieſen Vogel nicht geſehen. Er iſt bekanntlich von der Größe eines Huhns, erreicht aber auch die einer kleinen Gans. Nach der Erzählung der Chineſen läßt er ſich dergeſtalt abrichten, daß er ſogar, wenn man eine beſondere Gattung von Fiſchen haben will, auf ein gegebenes Zeichen dieſelbe aus der Menge herausſucht. Damit er ſeine Beute nicht verſchlinge, legt man ihm, während des Fiſchfanges, einen dicht anſchließenden eiſernen Ring um den Hals, woran die Schnur befeſtigt wird. Ein Waſſerrabe koſtet wenigſtens hundert Piaſter, und verpflichtet überdem den Beſitzer zu einer bedeutenden jährlichen Abgabe. Eine halbe Stunde von Canton nimmt auf dem Strome, der ſchon von — 427 ſeiner Mündung an ungemein lebhaft iſt, die Menge der Fahrzeuge dermaßen zu, daß man oft Mühe hat, hindurch zu kommen. Denn hier befinden ſich nicht nur unzählige Junken, ſondern es beginnen auch die ſechzigtauſend, an beiden Ufern reihenweiſe liegenden Schampanen, die weit über Canton hin⸗ ausreichen, und, da ſie großen Theils den Beſitzern ſammt ihren Familien zum beſtändigen Aufenthalte dienen, eine volkreiche ſchwimmende Stadt bilden. Dieſe Schampanen, wie der Europäer die chineſiſchen Flußſchiffe nennt, gleichen ſich alle darin, daß ſie flach, ohne Kiel und faſt wie Tröge geſtaltet, meiſtens auch bedeckt ſind, weichen aber, weil ſie verſchiedene Beſtimmungen haben, in der übrigen Einrichtung und in der Größe von einander ab. Die vorzüglichſten ſind eine Art Galeeren mit ungefähr zwanzig Rudern und fünf und zwanzig bewaffneten Leuten. Sie werden vom Staat unterhalten, um die Ruhe des Hafens und überhaupt das Beſte des Landes wahrzunehmen, nächſtdem auch bei feierlichen Gelegenheiten die vornehmen Mandarinen zu fahren; daher man ſie mit vielen aufgepflanzten Fahnen und Spießen, mit Abbildungen von Drachen und andern landesüblichen Ehrenzeichen ſchmückt. Vorn und hinten haben ſie Hütten, können aber auch mit Matten, die auf Stützen und Bügeln von Bambus ruhen, völlig bedeckt werden. Das Ganze pflegt man weiß, die einzelnen Verzierungen aber ſchwarz anzuſtreichen, einige auch zu vergolden.— Die nächſte Stelle unter den Schampanen nehmen die großen Gondeln ein, worauf die Mandarinen gewöhnlich ihre Fahrten anſtellen. Sie ſind etwas kleiner als die Galeeren, jedoch auf ähnliche Weiſe, dem Stand ihrer Herren gemäß, ausgezeichnet und ſtark bemannt. Ihr Anſtrich iſt mei⸗ ſtens roth. Im Vordertheil halten ſich diejenigen auf, welche ſich führen laſſen, dagegen die Ruderer ihren Platz hinten haben, was der europäiſchen Sitte ganz zuwider läuft. Die Mannſchaften dieſer Fahrzeuge müſſen ſich beſtändig am Bord aufhalten, und zum Fortrudern bereit ſein, ſobald es ver⸗ langt wird.— Die Fährboote, welche Jeden, der ſie miethet, aus einer Gegend des Fluſſes in die andere bringen, haben ganz das Anſehen eines Hauſes, indem ſie blos an den Enden offen, übrigens aber mit ſechs Fuß hohen Bretwänden eingefaßt, und mit einem Dache von Stroh, Matten oder Bretern verſehen ſind. An den Wänden zu beiden Seiten befinden ſich kleine Fenſteröffnungen, die man mit Schiebern nach Belieben verſchließen kann; an der vorderſten und hinterſten iſt eine Thür angebracht. Einen Anſtrich er⸗ halten die Fährboote nicht, was auch bei den folgenden Schampanen der Fall iſt. Dasjenige, worin ich einmal von Wampo nach Canton fuhr, hatte zwei Abtheilungen. Die vorderſte war für die Reiſenden beſtimmt, und enthielt blos einen Tiſch und einige Stühle. Die hinterſte diente der Familie des 428 Fährmanns zur Wohnung. Ihr Geräth beſtand in ein paar Tiſchen und Stühlen, einem beweglichen irdenen Kamin, einigen Töpfen und Schüſſeln, in etwas Bettzeug, was man Abends auf den Dielen ausbreitete, und endlich in einer kleinen Kapelle, d. i. einem mit Goldpapier ausgeklebten Schranke für das Bildniß des Schutzgottes, vor dem man häufig räucherte, auch Branntwein und andere Lebensmittel niederſetzte. Hierbei muß ich bemerken, daß die Beſitzer ſolcher Boote, ſelbſt wenn ſie das ganze Jahr lang mit Weib und Kind darin wohnen und wohlhabend ſind, ſich nie mit vielem Geräth befaſſen, weil ſie ſonſt weitläufigen Unterſuchungen bei den Zollhäuſern aus⸗ geſetzt, und dadurch in ihrer Fahrt lange aufgehalten würden. Aus dem Grunde thut auch der Reiſende wohl daran, wenn er ſich in ein ärmliches, ganz leeres Fahrzeug begibt; wenigſtens hat er darauf zu ſehen, daß kein fremdes Gepäck eingeſchifft wird. Uebrigens reiſt man mit den chineſiſchen Fährbooten ſehr bequem und, wenn ſie mit der Fluth den Strom hinauf und mit der Ebbe hinab gehen, ſchneller als die Art, wie ſie gerudert werden, er⸗ warten läßt; denn die Fahrmänner gebrauchen keine langen Ruder, ſondern es ſtehen blos zwei derſelben am hintern Ende der Schampane mit kurzen gekrümmten Schaufeln, welche ſie, wie der Fiſch ſeinen Schwanz, hin und her bewegen, was jedoch das Fortkommen ziemlich fördert und überdem in einem engen Fahrwaſſer ſehr vortheilhaft iſt. Beiläufig erwähne ich noch, daß ein einzelner, in einem chineſiſchen Boote befindlicher Europäer klug handelt, ſich verſteckt zu halten, wenn er durch die Schampanen bei Canton fährt, weil ſonſt die darauf befindlichen Leute, um ihren Spott mit ihm zu treiben, ſein Durch⸗ kommen muthwillig erſchweren. Ganz anders jedoch verhält es ſich mit den euro⸗ päiſchen Schaluppen; vor ihnen weicht Alles aus, weil unſere Matroſen, ob ſie ſchon in China nicht viel zu ſagen haben, dennoch mit den Einwohnern keine Umſtände machen.— Die Barken, welche den Seeſchiffen die Frachtgüter zu⸗ führen oder von ihnen abholen, ſind meiſtens vorn mit einer Hütte für die da⸗ rauf wohnenden Leute verſehen, können aber auch, wenn dieſe nicht mit Löſchen oder Laden beſchäftig ſind, durchaus bedeckt werden.— Viele Fahrzeuge haben die Beſtimmung, Enten darauf zu ziehen. Sie enthalten daher, außer einer kleinen Wohnung für die Menſchen, nur Ställe für jene Thiere, die ſich bisweilen auf tauſend Stück belaufen. Sie haben eine bewegliche Brücke, die man auf den Strom laſſen kann, damit die Enten, um ſich auf demſelben von Fiſchen zu nähren, bequem hinab und wieder an Bord kommen können.— Andere Fahrzeuge gebraucht man, um ſowohl den in der Stadt, als auf den Schampanen geſammelten Dünger aufzunehmen und nach den Feldern zu ſchaffen. Ungeachtet ſie durch ihren Anblick und Geruch den größten Ekel 1 429 erregen, dienen ſie doch dem Schiffer und den Seinigen unausgeſetzt zum Aufenthalt.— Die Fahrzeuge der Fiſcher ſind lang und ſchmal, und unter allen die kleinſten. Oft haben ſie nur eine ſchlechte Strohhütte, ob ſich ſchon die Leute mit ihren Weibern und Kindern fortwährend darauf befinden.— Außer den hier beſchriebenen Schampanen gibt es hier noch viele andere, welche verſchieden von jenen eingerichtet, zum Theil auch nichts anders als Flöſſe ſind, worauf man Hütten gebaut hat. Die Beſitzer derſelben handeln mit Eßwaaren, oder ſind Schmiede, Zimmerleute oder andere Arbeiter. Was übrigens die Bewohner dieſer Waſſerſtadt betrifft, die hier geboren werden, ſich verheirathen, leben und ſterben, ſo bemerkt man unter ihnen, wie überall, einen Unterſchied in den zeitlichen Glücksgütern. Einige geben durch ihr anſtändiges Aeußeres, durch den Ueberfluß an Schweinen, Hühnern und andern Hausthieren, die ſie unterhalten, oder durch die Blumen und Bäume, welche, in Töpfen oder Kübeln, um ihre Wohnung ſtehen, einen gewiſſen Wohlſtand zu erkennen. Es gibt aber auch viele, welche das größte Elend verrathen, indem ſie in Lumpen gehüllt, oder faſt nackt auf ihrer wüſten, halb zerfallenen Schampane ſtehen, und die todten Thiere und alles, was Andere in das Waſſer geworfen haben, zu ihrem Unterhalte aufzuftiſchen ſuchen. Daß ſie, wie die europäiſchen Seeleute behaupten, häufig das Verbrechen begehen, ihre Kinder zu erſäufen, iſt wohl eine ungegründete Beſchuldigung. Zwar iſt ein ertrunkenes Kind, das auf dem Tuho dahin treibt, keine ſeltene Erſchei⸗ nung, allein unter Familien, die beſtändig auf dem Waſſer leben, ſind wohl ſolche Fälle unvermeidlich. Ueberdem ſieht man auf den Schampanen ſelten ein kleines Kind, dem die Aeltern nicht einen ausgehöhlten Kürbis um den Hals gebunden hätten, um zu verhindern, daß es bei einem Fall in's Waſſer unterſinkt; die Knaben lehrt man frühzeitig ſchwimmen, daher ſie ſich ſchon in einem Alter von vier bis fünf Jahren, mit den Enten um die Wette, auf dem Fluſſe tummeln. 3 Den Anfang der Vorſtädte von Canton bildet eine Reihe kleiner Wirths⸗ häuſer, die auf Pfählen im Waſſer ſtehen. Etwas weiter hinauf befinden ſich auf Inſeln zwei Feſtungen, wovon die eine, wie man ſagt, von den Nieder⸗ ländern angelegt wurde. Bald nachdem man bei ihnen vorüber iſt, kommt das letzte Zollhaus zum Vorſchein, welches, als das vorzüglichſte unter allen, ſich durch beſondere Inſchriften und Flaggen auszeichnet, und wo jedes ankom⸗ mende und abgehende Fahrzeug ohne Unterſchied anlegen muß, daher auf dieſer Stelle des Tuho die größte Lebhaftigkeit herrſcht. Nicht weit davon beginnt eine unabſehbare Reihe von Häuſern, die zu Niederlagen für die Kauf⸗ mannsgüter dienen. Sie ſind dicht am Fluſſe, meiſtens auf Pfählen, von Holz —j—ÿõ— 430 und ungebrannten Ziegeln erbaut. Man nennt ſie insgemein Factoreien. Die chriſtlichen Nationen haben die ihrigen nahe bei dem erwähnten Zollhauſe, auf einem ſchönen Steindamm aufgeführt. Für eine große Summe Geldes wurde ihnen erlaubt, der vordern, d. i. gegen den Fluß gekehrten Seite des Gebäudes eine europäiſche Geſtalt zu geben; das Innere dagegen mußten ſie auf chineſiſche Art einrichten. Damit eine von der andern zu unterſcheiden iſt, pflegt jede vor ihrem Bezirk die Flagge aufzupflanzen, deren man damals, als ich mich in Canton befand, nur drei ſah, nämlich die engliſche, ſchwediſche und amerikaniſche, weil die Factoreien der von England bekriegten Europäer geſchloſſen waren. Die engliſche Factorei beſteht in einem viereckigen, ein großes Gehöfte einſchließenden Gebäude, das ſich, in der Länge, vom Fluſſe nach der Stadt ausdehnt. Es iſt von Backſteinen aufgeführt, einen Stock hoch, und das ab⸗ ſchüſſige Dach mit Ziegeln gedeckt. An der Seite des Waſſers befindet ſich ein großes Thor, und gegenüber ein zweites, das nach der Gaſſe hinter den Factoreien und nach der Stadt führt; jenes pflegt man das Waſſer⸗, dieſes das Stadtthor zu nennen. Beide werden von engliſchen Soldaten mit gezo⸗ genem Säbel bewacht, welche Jedem, der im Hauſe nichts zu ſuchen hat, den Zutritt verweigern. Im Erdgeſchoſſe des Gebäudes ſind am vordern Ein⸗ gange Schreibſtuben für die Factoreibeamten und ein Wachhaus für das Mi⸗ litär, deren Fenſter ſämmtlich nach dem Fluſſe gehen. Der übrige Theil ent⸗ hält, außer einer großen Küche, Niederlagen für die Waaren. Dieſe letztern Gemächer ſind ohne Fenſter, und erhalten ihr Licht durch die Thüren, welche auf den Hof gehen. Den Fußboden hat man mit großen, flachen Steinen belegt, was übrigens auch im ganzen Gehöfte der Fall iſt. Zu den obern Zimmern führen drei oder vier ſteinerne Treppen. Die vorderſten Zimmer beſtehen in großen Sälen, worin die Factoreibeamten gemeinſchaftlich ſpeiſen, Beſuche annehmen und Gäſte bewirthen. Die übrigen dienen zu Wohn⸗ und Schlafſtuben für die Beamten, ihre Diener, Arbeiter und Soldaten, ſo wie auch für diejenigen, welche von den Schiffen kommen. Die nach dem Fluſſe gerichteten Fenſter der Säle ſind länglich viereckig, breit, hoch und mit ſchö⸗ nen Glasſcheiben verſehen; die der Wohnſtuben, welche auf den Hof gehen, ſind ebenfalls hoch, aber ſchmal, oben bogenförmig und, ſtatt des Glaſes, aus kleinen viereckigen Tafeln von Perlmutter zuſammengeſetzt, die nur ein ſchwaches Licht durchſchimmern laſſen, daher man ſie am Tage gewöhnlich öffnet. Da das Dach, worin ſich ebenfalls Fenſter von der letztern Art, jedoch von viereckiger Form befinden, unmittelbar über den Zimmern ſteht, ſo haben ſie eine außerordentliche Höhe. Die Wände hat man mit Tapeten von chine⸗ 22 ſiſchem Papier bekleidet. Der Fußboden iſt gedielt. In jedem Gemach hängen ein oder mehre Lampen an ſeidenen Schnuren von den Dachbalken herab. Ueberdem brennt man auch gewiſſe, an der Außenſeite roth gefärbte Lichter. Da die Beamten der Factorei gewöhnlich vom Januar bis Juni, der Jahreszeit, wo keine europäiſchen Schiffe in Canton ſind, ſich in Macao auf⸗ halten, und folglich ihr Hausgeräth oft hin und her geſchafft wird, ſo iſt dieſes zwar der Prachtliebe der Engländer angemeſſen, aber auf die nothwendigſten Stücke beſchränkt. Einige koſtbare Spiegel, Sopha's und Stühle, Speiſe⸗ tafeln und Schenktiſche, einige Schränke mit Gläſern und Porzellan beſetzt, ſind faſt alles, was in den gemeinſchaftlichen Sälen ſich befindet. Eine ein⸗ zelne Wohnung, die in einem oder mehren Gemächern beſteht, enthält eine eiſerne Bettſtelle, mit baumwollenen Vorhängen, um die Mücken abzuhalten, ferner einen Spiegel, einen Tiſch nebſt Stühlen, und Waſchgeſchirr. Hierzu kommt noch— denn alles obige Geräth wird von der Handelsgeſellſchaft unterhalten,— das Eigenthum des Bewohners, das meiſtens blos in Reiſe⸗ koffern, Betten und verſchiedenen Kleinigkeiten beſteht. Eine größere Einrich⸗ tung findet nur bei den obern Beamten und beſonders dann Statt, wenn ſie, wie es bisweilen der Fall iſt, Weib und Kinder bei ſich haben. Was den Aufenthalt in der Factorei, wie in allen chineſiſchen Häuſern unangenehm macht, iſt, daß die Gemächer, obſchon auf die Reinlichkeit derſelben viel Sorg⸗ falt gewendet wird, von allerlei Thieren wimmeln, wovon die Mücken und Wanzen die läſtigſten ſind. Letztere würden noch mehr überhand nehmen, wenn nicht da, wo ſie hauſen, auch zugleich ihre Feinde, die Kakerlaken, ſich einfänden. Allein auch dieſe Thiere ziehen andere herbei, von welchen ſie ver⸗ folgt werden. Dahin gehört eine Art kleiner Eidechſen, die mit großer Schnelligkeit an den glatten Tapeten herumklettern; ſie ſind zwar für den Menſchen ganz unſchädlich, Eincgen aber Ekel, wenn man an ihren Anblick nicht gewöhnt iſt. Die Beamten beginnen ihre Geſchäfte des Morgens um neun Uhr, und ſetzen ſie bis vier Uhr Nachmittags fort. Während der Zeit hält ſich der Fia⸗ dor bei ihnen auf, um, wie ſchon oben erwähnt wurde, beim Abſetzen der ausländiſchen Waaren, oder dem Einkaufen der einheimiſchen, und auch in andern Angelegenheiten mit Rath und That beizuſtehen. Eben ſo findet ſich der Comprador täglich ein, um die nothwendigſten Bedürfniſſe ſowohl für die Factorei, als für die engliſchen Schiffe herbeizuſchaffen, die er letztern von hier aus durch ſeine Leute zu überſchicken pflegt. Sehr läſtige und ſtörende Beſucher ſind die Mandarinen, indem außer denjenigen, welche von Amts wegen während der Geſchäfte zugegen ſein müſſen, viele blos die Neugierde 7 — -———— 432 herzu treibt. Um vier Uhr entfernen ſich der Fiador und Comprador, ſo wie die Mandarinen und Kaufleute. Die Factoreibeamten gehen alsdann zu Tiſche, und wenden die noch übrige Tageszeit zu ihrer Erholung an. An Vergnügungen in der Stadt iſt zwar nicht zu denken; deſto öfter hält man Zuſammenkünfte mit den übrigen chriſtlichen Nationen, welche ſich wegen der Ungeſelligkeit der Einwohner an einander ſchließen, und es iſt kein ſeltener Fall, daß Engländer und Franzoſen, ungeachtet der ſonſt ſo ſtarken gegen⸗ ſeitigen Abneigung, dennoch in China die beßten Freunde werden. Was die Diener und Arbeiter in der Factorei betrifft, die meiſtens Chineſen oder por⸗ tugieſiſche Meſtizen aus Macao ſind, ſo erhalten ſie eine gute Bezahlung und, nach der Landesſitte, täglich vier Mahlzeiten, nämlich einmal Fleiſch und Ge⸗ müſe, und dreimal gekochten Reis, der bekanntlich in China die Stelle des Brotes vertritt. Die Arbeit nimmt ihren Anfang mit Tagesanbruch, und ſchließt ſich mit Sonnenuntergang, wofern nicht die Nothwendigkeit, z. B. ein Frachtboot zu löſchen oder zu laden, ſie verlängert. Von den mancherlei, die allgemeine Ordnung bezweckenden Einrichtungen und Gebräuchen, erwähne ich blos, daß man Abends alle Gemächer, Gänge und Treppen des Gebäudes mit Lampen, ſo wie die ganze Nacht den Hof mit Hornlaternen erleuchtet, und durch Schläge an ein Gungung zu jeder Tageszeit die Stunden verkündigt, auch das Zeichen zum Eſſen und zu jeder gemeinſchaftlichen Verrichtung gibt. Die Stadt Canton(Quangtong, in der Landesſprache Quangtſcheu⸗fu) iſt die Hauptſtadt der Landſchaft gleiches Namens, und der wichtigſte chineſi⸗ ſche Handelsplatz, indem die reichſten Kaufleute aus dem ganzen Reiche ſich daſelbſt niedergelaſſen haben, weil die Europäer die einheimiſchen Waaren großen Theils mit Gold und Silber bezahlen, während die übrigen mit China handelnden Nationen blos einen Tauſchhandel treiben. In Hinſicht der Größe gehört Canton zu den Städten des zweiten Ranges in China. Sie beſtebt aus der eigentlichen und der Vor⸗Stadt, die man auch„alte und neue“, oder „tatariſche und Schifferſtadt“ nennt. Die tatariſche, welche zwei deutſche Meilen im Umfange hat, iſt mit einer hohen und dicken Mauer von ungehaue⸗ nen Steinen umgeben, die man oben mit indiſchen Feigen und andern Sträuchern, an vielen Stellen auch mit Wachhäuſern und Kanonen beſetzt hat, von welchen letztern jeden Abend um acht Uhr einige abgefeurt werden. Dieſe befeſtigte Stadt iſt der Sitz desjenigen Staatsbeamten, der über die ganze Landſchaft gebietet; er führt in der Landesſprache den Titel„Tſang⸗tok“, welchen die Europäer gewöhnlich durch„Vicekönig“ überſetzen. Ihm zur Seite ſtehen zwei andere vornehme Beamte, der Fujenn und der Opeu(auch Hoppo genannt), die ſeinen Rath ausmachen, und ohne deren Einwilligung er nichts von Wichtigkeit unternehmen kann. Nächſt den genannten Ober⸗ häuptern wohnen auch alle übrige Mandarinen in der tatariſchen Stadt, ſo wie ſie auch der Wohnort der reichen Kaufleute und überhaupt aller angeſehe⸗ nen Perſonen iſt. Weie weitläufig die Vorſtädte ſind, können meine Leſer ſchon daraus ab⸗ nehmen, daß ſie drei Viertel der Stadt umgeben, welche, wie ich erwähnte, zwei Meilen im Umkreiſe hat. Sie ſind nicht befeſtigt, aber durch Mauern von einander getrennt, deren Thore jeden Abend um neun oder zehn Uhr geſchloſſen werden, ſo wie man alsdann auch die Gaſſen durch Schlagbäume ſperrt. Nur vornehmen Leuten, oder wenigſtens ſolchen, die genau bekannt ſind, werden die Eingänge während der Nacht geöffnet, daher dann die tiefſte Ruhe in Canton herrſcht. Die Gaſſen, deren jede von Leuten einerlei Gewerbes bewohnt wird, ſind ſehr lang, aber ſchmal, laufen krumm und im Zickzack, welches letztere daher kommt, weil Alle, die ein Haus bauen, dasſelbe zwei oder drei Fuß weiter, als das ihres Nachbars herausrücken, um— mehr Glück als dieſer zu haben. Das Pflaſter beſteht aus länglichen Sandſteinen, die hier und da durchlöchert ſind, damit das Waſſer, in Ermangelung anderer Anſtalten, ab⸗ laufen und in den Erdboden eindringen kann. Ungeachtet auf den Gaſſen Schweine, Hühner und Hunde umherlaufen, ſo ſind ſie dennoch ſehr rein, weil beſtändig arme Menſchen auf und nieder gehen, welche den Unrath in kleinen Körben ſammeln und zu benutzen ſuchen. Fuhrwerke ſieht man nirgends. Alles, was die Leute von einem Orte zum andern ſchaffen, packen ſie in zwei Körbe, und tragen dieſe, mittels einer Bambusſtange, an deren jedes Ende man einen hängt, auf der Schulter. Sie ſind hierin ſo geübt, daß ihnen eine Laſt von hundert bis hundert und funfzig Pfund nicht ſchwer fällt. Große Laſten, z. B. Fäſſer, Fiſchzober und dergleichen, werden von Zweien mittels einer Stange, noch größere von Vieren mittels zwei kreuzweiſe gelegter Stangen getragen, ſo daß ſie im Mittelpunkte, und zwar nur einige Zoll über dem Pflaſter hängen. Ein Pferd iſt eine ſeltene Erſcheinung, weil nur die Mandarinen dann und wann eins beſteigen. Um ſo häufiger ſind die Palan⸗ kine, eine Art Sänften oder Tragſeſſel, welche mit vier Füßen, mit einem Ge⸗ länder, einer Decke und Vorhängen, und inwendig mit Kiſſen verſehen ſind, die man nach Belieben ordnen kann, um ſich darauf zu ſetzen oder zu legen. Innerhalb der Stadt werden ſie gewöhnlich nur von zwei, aber außerhalb derſelben und auf Reiſen von vier, bisweilen auch von acht Männern, die ein⸗ ander ablöſen, auf den Schultern getragen. Man kann dergleichen in vielen Theilen der Stadt zur Miethe bekommen. Die Enge der Gaſſen und das Richter's Reiſen. I. 28 Gewühl der Menſchen nöthigen diejenigen, welche etwas zu tragen haben, fortwährend die ihnen in den Weg Kommenden auf ſich aufmerkſam zu machen, was durch den Ausruf„a⸗hu! a⸗hu!“ oder durch den höflichern„ho⸗a! ho⸗a!“ geſchieht. Die Sitte, daß die herumziehenden Verkäufer ihre Waaren aus⸗ rufen, und die Bartſcherer und andere dienſtfertige Leute durch irgend ein lärmendes Inſtrument ihre Gegenwart verkündigen, vermehrt noch das Geräuſch. Die Häuſer liegen in Gruppen von vier bis fünf beiſammen, umgeben von großen Gehöften, welche nicht nur Gärten, ſondern bisweilen auch Teiche in ſich faſſen. Die Vorderſeite der Gebäude, welche durchgängig ſchmal, aber nach dem Innern zu lang ausgedehnt ſind, iſt meiſtens von Holz, und ſtets ohne Fenſter; daher man auf der Straße wie zwiſchen zwei öden Mauern geht. Es gibt nur zwei oder drei Gaſſen, deren Häuſer ſich der europäiſchen Bauart einigermaßen nähern. Die⸗ vorzüglichſte führt den Namen„Por⸗ zellangaſſe.“ Dieſe iſt lang, gerade und breit. Die Häuſer an beiden Sei⸗ ten ſind dicht neben einander gebaut. Sie beſtehen blos in einem Erdge⸗ ſchoſſe, das eine ſchmale Vorderſeite, aber eine außerordentliche Tiefe hat. Jedes enthält eine Reihe nach innen laufender Gewölber, wo die reichen Kaufleute ihre Waaren auslegen, die aber nicht hier wohnen, ſondern jeden Abend zu ihrer Familie in die tatariſche Stadt zurückkehren. Vor dem äußern Gewölbe ruht, auf braunen Stützen, ein Wetterdach, ſo daß man, längs der ganzen Gaſſe, gegen die Sonne und den Regen geſchützt geht. Ueber der Thür hängt ein ſchwarzes Schild, worauf der Name des Kaufmanns mit großen chineſiſchen Schriftzeichen, gewöhnlich von gelber Farbe, geſchrieben ſteht. Zu beiden Seiten ſind die Waarenliſten angeſchlagen. Die Thür ſelbſt wird ganz geöffnet, was auch mit denen der innern Gemächer, die ſich alle in einer Linie befinden, der Fall iſt, daher ſich von außen das Ganze überſehen läßt. Im vorderſten Gemache ſtellt man, außer Puppen und anderem Spiel⸗ zeug, ſchlechtes Porzellan auf, welches nur von den Chineſen gekauft wird. In den folgenden finden ſich die feinern, von den Europäern geſuchten Por⸗ zellanarten, ſo daß, je weiter man nach hinten kommt, die Schönheit und Koſtbarkeit der Waaren zunimmt. Einige Kaufleute, die man jedoch zu den minder reichen zählt, befaſſen ſich auch mit andern Gegenſtänden des Handels, z. B. mit ſeidenen und baumwollenen Zeugen, mit Thee, Tuſche, buntem Papier, mit Doſen von Perlmutter, von Schildkröte oder Schneckenſchalen, mit allerlei Geſchirr von Packfong, einem geſchmeidigen weißen Metall, das aus Kupfer, Zink, Eiſen und Nickel zuſammen geſetzt iſt. Auf dieſe Weiſe wird der Beſchauer oftmals durch zehn bis funfzehn verſchiedene Gemächer 435 geführt, die beſonders an feſtlichen Tagen, wo ſie ſämmtlich mit Blumen und andern Topfgewächſen geſchmückt, und Abends glänzend erleuchtet ſind, einen prächtigen Anblick gewähren.. Die Häuſer ſind von Ziegeln, oft von ungebrannten gebaut, die Vor⸗ derſeite ausgenommen, welche, wie ich ſchon erwähnte, größten Theils nur von Holz und ohne Fenſter iſt. Wenige haben mehr als ein Stockwerk, die meiſten aber beſtehen blos in einem Erdgeſchoß. Die langen, ſchmalen Fenſter ſind von Perlmutter, bei den ärmern Leuten von andern Muſchelſchalen, und das, mit viereckigen Fenſtern verſehene, abſchüſſige Dach ruht unmittelbar über den Gemächern, daher ihre Höhe bedeutend iſt. Die nach dem Hofe gehenden Stubenthüren ſtehen meiſtens offen, jedoch pflegt man die Oeffnung, damit die Leute außerhalb nicht in das Innere des Zimmers ſehen können, mit einem Vorhang zu verdecken, welchen oben, in der Mitte und unten ein hölzerner, bisweilen metallener Stab der Breite nach ausgeſpannt hält. Oft findet man in der Stube eine Art Chor, worauf die Leute ihre Arbeiten verrichten, und von wo ſie, beim Eintritt eines Fremden herabkommen, um mit ihm zu ſprechen. Solche abgeſonderte Werkſtätten ſind bei den Goldſchmieden und andern Ar⸗ beitern, die ſich nicht gern überraſchen laſſen, ſehr gewöhnlich. Das Hausgeräth begreift ſelten mehr als einige Seſſel, Armſtühle und Tiſche, wozu im Winter noch ein porzellanenes Kohlbecken kommt, um die Füße zu erwärmen. Die größte Zierde iſt eine, an der Wand ſtehende, kleine Kapelle mit dem Hausgötzen, vor welchem man Gebete und andere religiöſe Handlungen verrichtet, auch Samſu, Reis und Obſt niederſetzt, wahrſcheinlich blos in der Abſicht, um ſie von ihm ſegnen zu laſſen, weil man dieſelben nach einiger Zeit wieder wegnimmt und verzehrt. Die Wände ſind immer, wo nicht mit bunten zierlichen, doch mit Tapeten von weißem chineſiſchen Papier bekleidet. Zum vorzüglichſten Schmuck gehört altes Porzellan, weil dieſes in China, wo man überhaupt für das Alterthümliche hohe Achtung hat, wie bei uns der Wein, mit jedem Jahr im Preiſe ſteigt. Eine Schale, wäre es auch nur eine Scherbe, worauf der Stempel ein Alter von tauſend Jahren anzeigt, hat einen unſchätzbaren Werth. Mit ſolchen Koſtbarkeiten pflegt man an feſtlichen Tagen die Tiſche zu beſetzen. Blumen und Topfgewächſe finden ſich überflüſſig in allen Häuſern, da die Gärtnerei das Steckenpferd der Chineſen iſt. Hierbei miſcht ſich jedoch abermals ihre Anhänglichkeit an das Alterthum, ſo wie auch ihre Liebe zum Unnatürlichen, in das Spiel, daher ſie häufig allerlei Zwerg⸗ gewächſe, z. B, Tannen, ziehen und dermaßen entſtellen, daß der Stamm, ob⸗ ſchon nur eine Viertelelle hoch, dennoch einem bemoosten hundertjährigen gleicht. Die Erde und den Topf, worin das Bäumchen ſteht, pflegt man mit 28* — 436 halb verwitterten Steinen zu bedecken, ſo daß ſie das Anſehen eines uralten Felſen haben. Goldfiſche in Gläſern, auf das Fenſterbret oder den Tiſch ge⸗ ſtellt, ſind ebenfalls eine beliebte Verzierung. 14 Was ich hier von der häuslichen Einrichtung der Chineſen geſagt habe, kann jedoch nicht auf's Allgemeine bezogen werden. Es gilt, da die vorneh⸗ mern Einwohner in der für den Europäer verſchloſſenen Stadt leben, nur von den Wohnungen der niedern Volksklaſſen, und zwar von denen des männ⸗ lichen Geſchlechts, weil das weibliche in dem entlegenſten Theile des Gebäudes, bisweilen in einem ganz abgeſonderten lebt, wo nicht allein Fremde, ſondern ſogar die nächſten Verwandten keinen Zutritt erhalten. Sehr wahrſcheinlich iſt es, daß die höhern Stände in der Stadt mit mehr Geräthſchaften zur Bequemlichkeit, als die Leute in den Vorſtädten, verſehen ſind, da zumal aus Europa bisweilen Hausrath eingeführt wird, und überdem die einheimiſchen Tiſchler recht artige Schränke und Kommoden, zum Theil nach europäiſchen Muſtern, verfertigen. Eben ſo wahrſcheinlich iſt es, daß die Weiber in China, wie anderwärts, mehr als die Männer Putz und Ueberfluß lieben, daher man von den oben beſchriebenen Gemächern, wo die Männer nur am Tage zur Be⸗ treibung der Geſchäfte ſich aufhalten, eben ſo wenig auf ihre eigentlichen Wohnungen, nämlich die der Familien ſchließen kann, als ein Chineſe, der blos die Schreibſtuben, Werkſtätten und andere männliche Aufenthaltsörter der Europäer kennen lernt, ſich einen richtigen Begriff von der häuslichen Verfaſſung derſelben zu machen im Stande iſt. Die Gehöfte um die Häuſer pflegt man, wie die Gaſſen, mit großen Sandſteinen zu belegen. Ob ſie ſchon weitläufig, und dem Anſcheine nach nicht auf Erſparung des Raums berechnet ſind, ſo findet man doch jedes Plätzchen zu etwas beſtimmt und, wo möglich, zur Erzeugung von Küchen⸗ gewächſen und fruchttragenden oder ſonſt nützlichen Bäumen benutzt. Am Ein⸗ gange pflegen, außer verdeckten Abtritten, einige große Urinkübel für die auf der Straße vorüber gehenden Leute zu ſtehen. Dies geſchieht nicht um die Gaſſen rein zu halten, ſondern weil der Hausbeſitzer, welcher den ſich häufen⸗ den Unrath von Zeit zu Zeit verkauft, Vortheil davon zieht, und weil über⸗ haupt auch die Chineſen es für eine Sünde halten, den Urin oder was ſonſt zur Düngung der Felder dienen kann, auf der Straße verloren gehen zu laſſen. Viele Höfe ſind mit Röhrwaſſer verſehen, das ſich in einen ſteinernen Trog oder in ein gemauertes Becken ergießt. Hierin pflegen die Hausbeſitzer, wenn ſie keinen Teich haben, Fiſche zu halten, welche, weil es nie an friſchem Waſſer fehlt, faſt ſo gut wie im Fluſſe gedeihen und ſich vermehren. Die 1 437 Hausthiere, welche man gewöhnlich unterhält, haben ihre Ställe, Steigen und Käfiche auf einem Platze beiſammen. Unten befinden ſich die Schweine, die Kaninchen, Enten und Gänſe, über ihnen die Hühner, Faſanen und Tau⸗ ben, Wachteln und andere Vögel. Hierbei iſt zu bemerken, daß man bisweilen die Schweine, wie bei uns die Katzen und Hunde, in den Häuſern herum⸗ laufen läßt, da die chineſiſchen, wider die ſonſtige Art und Weiſe ihres Ge⸗ ſchlechts, die Reinlichkeit lieben, was jedoch in der Geſellſchaft mit europäi⸗ ſchen, die mit weniger Sorgfalt behandelt werden, ſich bald ändert. Dies dient zu einem deutlichen Beweiſe, daß auch bei den Thieren viele Eigenſchaf⸗ ten nicht angeboren, ſondern eine Folge der Gewohnheit ſind. Oft befinden ſich die Küchen, welche meiſtens von Männern beſorgt werden, in einem be⸗ ſondern kleinen Hauſe mitten auf dem Hofe, um Feuersgefahr zu verhüten. Sie ſind eben ſo wenig, als die Wohnhäuſer, mit Schornſteinen verſehen, weil man faſt immer Kohlen brennt. Indeſſen ſah ich eines Tages, daß die Küche eines Tiſchlers, wo Holzſpähne zur Feuerung angewendet wurden, nicht nur eine Eſſe, ſondern dieſe auch eine nützliche Vorrichtung hatte, das Rau⸗ chen zu verhindern. Es umſchloß nämlich den rund geformten Obertheil eine blecherne Kappe, welche an der einen Seite offen war. Sie ruhte auf einer Spindel, und ließ ſich daher leicht herum drehen. Da ſich nun eine Wetter⸗ fahne darüber befand, ſo brachte ſie der Wind jederzeit in eine ſolche Lage, daß ihre Oeffnung abwärts von ihm ſtand und der Rauch frei heraus ſteigen konnte. 3 Die Luſtgärten, welche ſehr weitläufig ſind, und es wegen ihrer Einrich⸗ tung noch mehr zu ſein ſcheinen, enthalten hauptſächlich ſchmale Gänge, die an beiden Seiten mit wild verwachſenen Hecken, mit Wänden von Bambus⸗ ſtäben und einem buſchigen Immergrün, oder mit Mauern eingefaßt ſind, an welchen Weinſtöcke, Bohnen und andere kletternde Gewächſe ſtehen, die man an quer über gelegten Stangen, von der einen zu der andern Mauer zieht, ſo daß ſie ein Dach bilden. Hier und da befindet ſich eine Ruhebank in einer Wandvertiefung, die mit Blumen in Töpfen ausgeſchmückt iſt. Ein ſolcher Gang führt den Wanderer in verſchiedenen Richtungen herum, bis dieſer plötzlich z. B. an einen Teich mit Brücken, oder an einen Thurm, eine Felſen⸗ grotte, einen waldigen Berg, oder an einen Platz kommt, den man mit bun⸗ ten Steinen in Drachen⸗ oder Blumengeſtalt belegt hat. Es beginnt dann ein neues Gewirre von Gängen, die ſich wieder in ein Luſtſtück endigen, das ein neues Labyrinth eröffnet, u. ſ. f. Uebrigens verlangt der herrſchende Geſchmack, daß die Ausſicht überall beſchränkt, kein Theil regelmäßig abge⸗ meſſen, oder dem andern ähnlich ſei; daher z. B. vier Luſthäuſer um einen 438 Teich nicht etwa ein übereinſtimmendes Viereck bilden, ſondern in ungleichen Entfernungen von einander ſtehen, während das eine niedrig, rund, mit Stroh gedeckt, das andere dagegen hoch, eckig mit Ziegeln belegt, und das dritte wieder anders geſtaltet iſt 2c. Die Pagoden oder Tempel, deren es in den Vorſtädten von Canton eine große Anzahl gibt, ſind mit weitläufigen Vorhöfen verſehen, welche auch die Wohnungen der Prieſter oder Bonzen umſchließen. Die Thore der Vorhöfe pflegt man roth anzuſtreichen, und mit Figuren von eingeſchlagenen gelben Zwecken zu verzieren. An jedem derſelben ſtehen, unter kleinen Wetterdächern, zwei Götzenbilder von rieſenmäßiger Größe, die von Holz oder von Pappe ver⸗ fertigt und bemalt ſind. Das Tempelgebäude ſelbſt hat entweder eine runde, oder eine vier⸗ oder ſechseckige Geſtalt, und eine bedeutende Höhe, aber keinen Thurm. Das Dach, worauf Drachen ausgeſtreckt liegen, wird meiſtens von Säulen unterſtützt, die jedoch von Holz und unförmlich ſind. Selten gibt man den Pagoden Fenſter, ſondern erleuchtet ſie, um die Feierlichkeit des Gottesdienſtes zu erhöhen, mit Lampen und Kerzen. Den Eingang bildet ein großes, eiſernes Gitterthor. Im Hintergrunde ſteht ein Altar, worauf ſich der Abgott, welchem der Tempel geweiht iſt, gewöhnlich in der Geſtalt eines ſitzenden dickbäuchigen Rieſen befindet. An der Wand neben und über ihm ſind vergoldete Zierrathen angebracht. Der Altar iſt mit rothem Tuche be⸗ deckt, und mit Kerzen beſetzt, während an der Vorderſeite eine Trommel und eine Glocke ohne Klöppel hängen. Rund umher ſind Tiſche geſtellt, worauf die Opfer dargebracht werden. Von den übrigen gottesdienſtlichen Gebräuchen, ſo wie von der Religion der Chineſen überhaupt, will ich weiter unten Eini⸗ ges mittheilen. Zu den Merkwürdigkeiten der Vorſtädte von Canton gehört noch der lange gemauerte Kanal, welcher in einem Bogen hin durch geht, und ſie ſo⸗ wohl mit dem Fluſſe, als unter ſich ſelbſt in eine bequeme Verbindung ſetzt. Während der Nacht wird er, wie die Gaſſen, in gewiſſen Entfernungen ge⸗ ſperrt. Da die angrenzenden Häuſer dicht an ihm ſtehen, und die ſteinernen Brücken rechts und links mit Krambuden beſetzt ſind, ſo geſchieht es oft, daß er von Fremden gar nicht bemerkt wird. Die Marktplätze haben wegen ihrer winkeligen Geſtalt wenig Auszeich⸗ nendes, ſind aber für den Europäer deßhalb merkwürdig, weil er daſelbſt, wo jederzeit ein lebhafter Verkehr herrſcht, die beßte Gelegenheit findet, nicht nur die Menſchen, ſondern beſonders auch die Erzeugniſſe des Landes, mit wel⸗ chem letztern er faſt gar nicht in Berührung kommt, kennen zu lernen. Da ich nur ein einziges Mal einen kleinen Ausflug außerhalb der Stadt, und dabei — 439 wenig Beobachtungen machen konnte, ſo will ich das Vorzüglichſte, was mir von Früchten und andern Lebensmitteln zu Geſichte kam, anführen. Der Reis, in ganzen Körnern, geſchroten oder zu Mehl gemahlen, gehört zu den hauptſächlichſten Gegenſtänden, weil die Chineſen ihn ſtatt des Brodes ge⸗ nießen, und in großer Menge erbauen. Auch an Weizen, Gerſte und indi⸗ ſchem Korn herrſcht kein Mangel, ob man ſchon erſtern nur zu Backwerk, und letztere blos zu Futter für das Vieh benutzt. Von Erd⸗ und Baunfrüchten, die unter den Lebensmitteln der Einwohner die nächſte Stelle nach dem Reis einnehmen, findet eine große Mannichfaltigkeit Statt. Außer den in Europa gewöhnlichen Wurzeln, Kräutern und Hülſenfrüchten, gibt es auch viele, der⸗ gleichen in tropiſchen Ländern, oder blos in China wachſen. Hierher gehö⸗ ren die Namwurzeln, der Ingwer, den man roh oder eingemacht ißt, ferner die jungen Sproſſen am Fuße des Bambusſtammes, welche, in Eſſig mit Salz, Lauch und Pfeffer gelegt, unter dem Namen„Achia“ oder„Achiar“ auch bei uns bekannt ſind. Guao iſt eine Gattung weißer Wurzeln, von der Dicke der Möhren, aber länger, gegliedert wie Bambusſtöcke und inwendig mit Röhren durchzogen; ihr Geſchmack hat für den enropäiſchen Gaumen nichts Angeneh⸗ mes. Eine andere, die man Ootao nennt, wird von den Einwohnern gerö⸗ ſtet genoſſen, von den Europäern aber, wegen ihrer ungemeinen Herbe, nur Ragouts und Saucen gebraucht. Die chineſiſche Kartoffel iſt eine ganz beſon⸗ dere Art, von länglicher Form, hat äußerlich eine bräunliche Farbe, und ſteht keiner andern an Wohlgeſchmack nach. Gurken und mancherlei Kürbiſſe, ſüße und Waſſer⸗Melonen ſind ſehr gemein, ſo wie auch verſchiedene Arten Schwämme. An Baunfrüchten erzeugt die Umgegend von Canton, außer einer Menge in Europa ganz unbekannter Beeren, hauptſächlich zwei Arten vortrefflicher Apfelſinen, die eine von rothem, die andere von gelbem Fleiſche; ferner Pompelmuſen, Tamarinden, Piſangs, Mangos, Guajaven, Weintrau⸗ ben, und einige Arten ſäuerlicher Früchte, welche den Zitronen ähnlich, aber dennoch davon verſchieden ſind. Hierzu kommt noch Zuckerrohr, das auch wie Obſt gegeſſen wird. Aepfel, beſonders ſchöne Renetten, ſo wie Birnen, Pflau⸗ men und Kirſchen, Nüſſe, Mandeln und Kaſtanien wurden ebenfalls auf den Märkten verkauft; man hatte ſie aber aus den nördlichen Landſchaften herzu gebracht. Was die Lebensmittel aus dem Thierreiche betrifft, ſo wird man bei dem erſten Beſuche der Marktplätze gewahr, daß die Chineſen das Schwein⸗ fleiſch jeder andern Gattung vorziehen. Es iſt ſehr ſchmackhaft, und die ge⸗ räucherten Schinken finden in dieſer Hinſicht kaum ihres Gleichen; ſie wiegen ſelten mehr als acht bis zehn Pfund. Man muß ſich indeſſen vorſehen, kein Fleiſch von ſolchen Schweinen zu kaufen, die von den Strandbewohnern mit 440 Fiſchen gemäſtet werden, weil es dadurch einen ekelhaft thranigen Geſchmack be⸗ kommt, was ſich ſchon durch den Geruch verräth. Nächſtdem verkauft man Hunde, Ziegen, Schafe und Kaninchen. Rind⸗ und Büffelfleiſch wird nicht ſehr geſucht, daher es auch ſelten zum Vorſchein kommt. Noch eher findet dies mit dem Fleiſche der Eſel und Pferde Statt, deſſen Gebrauch die Tataren einge⸗ führt haben. Außer Haſen iſt mir kein Wildpret vorgekommen. Milch und Käſe genießen die Einwohner von Canton nie, daher auch dieſe Nahrungmittel auf den Märkten nicht angetroffen werden. Ich ſah hier zwar eine Maſſe, die dem Anſehen und der Schärfe des Geſchmacks nach dem Käſe gleicht; allein, ſie wird von einer Art weißer Bohnen bereitet, welche man, wie bei uns das Sauerkraut, durch Einſalzen in Gährung bringt, nachher zu einem Brei ſtampft, und dieſen, in große Kuchen geformt, trocknet. Eine der vorzüglichſten Markt⸗ waaren ſind die Fiſche, woran man einen großen Ueberfluß hat. Sie werden theils lebendig, theils getrocknet, geräuchert, oder eingeſalzen, im Ganzen und in Stücke geſchnitten verkauft. Eben ſo ſah ich viele Auſtern, Muſcheln, Schnecken, Krebſe und Fröſche. Letztere gehören zu den größten Leckerbiſſen der Einwohner: ſie werden, zwei und zwei mit den Hinterfüßen an einander gebunden, lebendig in Körben nach der Stadt gebracht. Federvieh iſt, nächſt dem Schweinefleiſch und den Fiſchen, jederzeit zu bekommen; wenigſtens fehlt es nie an Enten, Gänſen und Hühnern, und daher auch nicht an Eiern. Die Gänſe ſind unſern wilden ähnlich, dagegen die wilden unſern zahmen gleichen. Von Hühnern gibt es mancherlei Arten. Die mit Kronen auf dem Kopfe ſind die theuerſten, weßhalb die Verkäufer denen von der gemeinen Art die Kopf⸗ federn zu kräuſeln pflegen, ein Betrug, der ſich erſt nach einigen Tagen offen⸗ bart. Die calecutiſchen hat man nicht einheimiſch gemacht, wiewohl von den indiſchen Schiffen viele eingeführt werden. Außer den genannten rohen Eß⸗ waaren verkauft man für die ärmern Volksklaſſen auch zubereitete Speiſen, be⸗ ſonders gekochten Reis und kleine Stücke gebratenen Speck, erwärmten Samſu und heißen Thee. Die Theeblätter, welche entweder gang grün, oder zubereitet, d. i. geröſtet und gerollt, auf den Marktplätzen feil geboten werden, kommen von der Inſel Honam, die Canton gegenüber liegt. Dieſer Theeart bedienen ſich blos die Einwohner, indem ſie den Europäern nicht behagt, ob ſchon ſie ihnen als ein Mittel zur Stärkung einer ſchwachen Bruſt bekannt iſt. Die übrigen finden ſich, als nicht in der Gegend erzeugte Gewächſe, blos in den Gewölben der Kaufleute, was auch mit dem Arack, der von Goa und Batavia kommt, ſo wie mit den von Indien gelieferten Vogelneſtern und andern chine⸗ ſiſchen Leckerbiſſen der Fall iſt. Dieſelbe Bewandtniß hat es mit allen Erzeug⸗ niſſen, die nicht zu den eigentlichen Lebensbedürfniſſen gehören, z. B. mit Farbe⸗ 5 — 441 hölzern, mit Kampher, Tuſche, Harz, Firniß u. m. a. Dagegen verkauft man diejenigen, welche zwar entbehrlich, aber für den Chineſen ein Bedürfniß ſind, nämlich Tabak zum Rauchen, Betel und Areka zum Kauen, nicht nur auf den Märkten, ſondern auch an allen Gaſſenecken. Der Tabak gleicht dem türkiſchen. 7. Beſchreibung der Einwohner von Canton— ihre körperliche Beſchaffenheit— Tracht— Sprache. Die Sprache und Schrift der Chineſen überhaupt, ihre Art zu ſchreiben und Bücher zu drucken, ihr Papier u. ſ. w. Staatsverfaſſung und Religion. Ich gehe nun in meiner Beſchreibung zu den Einwohnern über. Was ihre körperliche Beſchaffenheit betrifft, ſo gleichen ſie in der Geſichtsfarbe den ſüdlichen Europäern, diejenigen ausgenommen, welche täglich den Sonnenſtrah⸗ len ausgeſetzt, und daher braun gefärbt ſind. Ihr Geſicht iſt breit und flach, doch ſtehen die Knochen über dem Auge etwas hervor, ſo daß ſie mit dem Kinn ein Dreieck bilden. Sie haben eine breite, ſtumpfe Naſe, kleine Augenbraunen, große abſtehende Ohren, und ſchlichte, ſchwarze Haare. Ihr Körper iſt wohl⸗ geſtaltet und von mittler Größe. Die Männer ſcheren das Haupthaar ab, ausgenommen das auf der Schei⸗ tel, welches, in einen Zopf geflochten, hinten herabhängt; dies heißt das Pene⸗ ſeh. Bejahrte, und überhaupt alle, die wenig Haare haben, durchflechten das Peneſeh mit Band, um es anſehnlicher zu machen, und ſich von den Verbrechern zu unterſcheiden, welchen es zur Beſchimpfung abgeſchnitten wird. Nur Haus⸗ väter dürfen einen Schnurrbart tragen, worauf ſie einen großen Werth ſetzen. Die Nägel an den kleinen Fingern pflegt man lang wachſen zu laſſen, und ſie ſehr rein und durchſichtig zu halten, auch während der Nacht mit Kapſeln von Bambus zu verwahren; dieſen Staat können jedoch nur ſolche Perſonen machen, die keine Handarbeit verrichten. Uebrigens gilt Beleibtheit für eine Schönheit, und gibt, als Zeichen des Wohlſtandes, einen Anſpruch auf Hochachtung, ſo wie Magerkeit das Gegentheil bewirkt. Was die Kleidung der Männer betrifft, ſo trägt man auf dem bloßen Leibe eine Aermelweſte von weißem Zeuge, und dergleichen weite Beinkleider, die über den Hüften und unter den Knien zugeſchnürt ſind. Ueber die Weſte werden zwei unſern Schlafröcken ähnliche Gewänder angezogen, die weder Fal⸗ ten noch Unterfutter, Aufſchläge oder Taſchen haben. Das untere ſieht weiß, das obere veilchenblau, dunkelblau oder ſchwarz aus. Erſteres iſt etwas länger, als das letztere, und geht beinahe bis auf die Füße. Es hat weite Aermel, die 442 ſich bis über die Hände herab ziehen laſſen. Die des andern ſind zwar auch weit, reichen aber nur bis zum Handgelenk. Dieſe Röcke werden von kleinen vergoldeten Knöpfen, mittelſt ſchlingenweiſe feſt genähter Schnüre, vorn zu⸗ ſammen gehalten, ſo daß ſie die Bruſt doppelt bedecken. Hierzu kommt, wenn man einen Beſuch erhält oder abſtattet, noch ein dritter, der eine andere Farbe als die vorigen, aber dieſelbe Form hat. Der Hals wird bloß gelaſſen. Ob die hier genannten Kleidungsſtücke aus Taffet, Atlas oder baumwollenem Stoffe beſtehen, hängt von dem Stand und Vermögen des Eigenthümers ab. Die Strümpfe ſind jederzeit von ſtarkem buntfarbigen Atlas, wie Stiefeln gemacht, und ihre Ränder und Zwickel mit bunter Seide, bei den Vornehmen mit Gold und Silber geſtickt. Die Schuhe, welche bisweilen mit den Strümpfen zu⸗ ſammenhängen, ſind von Schweinsleder verfertigt, und haben Sohlen von ge⸗ ölter dicker Pappe, ohne Abſätze; das Oberleder iſt ausgenäht. Auf dem Kopfe trägt man kegelförmige, oder auch den ſo genannten Käppchen ähnliche Mützen von ſchwarzſeidenem Zeuge, mit einem Gebräme von gleichfarbigem Sammet; auf ihrer Spitze, d. i. da, wo die Näthe zuſammen laufen, befindet ſich ein Knopf, um welchen man Büſchel von rother ungeſponnener Seide be⸗ feſtigt, die bis an den Rand frei herab hängen. Zu einem vollſtändigen Anzuge gehört noch ein ſeidener Gürtel, ein Beutel für das Geld, ein anderer für den. Tabak und das übrige Geräth zum Rauchen, was alles an Schnüren um den Leib befeſtigt iſt. Stöcke ſind nicht gebräuchlich, deſto mehr aber Sonnenſchirme, welche von Bambusholz und ſchwarzem Wachspapier gemacht ſind. Im Winter legen die Chineſen wohl ein Dutzend der beſchriebenen Röcke an, und zwar ſo, daß unten und an den Aermeln einer vor dem andern hervorragt. Viele neh⸗ men in dieſer Jahreszeit auch einen mit Pelz gefütterten, ſeidenen Mantel, oder einen von ſchwarzem Tuche um. Den Hals umwickeln ſie alsdann mit einem ſeidenen Shawl, oder einem Streifen Pelzwerk, der oft einen großen Werth hat. Daß die hier beſchriebene Kleidung nur von den höhern und mittlern Ständen getragen wird, bedarf kaum einer Erwähnung. Die niedern Volks⸗ klaſſen begnügen ſich mit einem kurzen, ſchwarzfarbigen Rock, und mit weißen Schifferhoſen, beides von baumwollenem Zeuge. Sie gehen barfuß und oft ohne Kopfbedeckung. Diejenigen, welche ſich viel in der Sonne aufhalten, z. B. Landleute, oder Fiſcher, gebrauchen niedergekrämpte Hüte von Bambusſtäben, auch von Reisſtroh. Tagelöhner, Träger und Knechte— die man insgemein Kuli's nennt,— ſo wie die armen Leute auf den Schampanen, haben oft keine andere Bekleidung, als die Hoſen. Im Regenwetter tragen ſie Anzüge von Binſen, und ſuchen im Winter ſich vor der Kälte zu ſchützen, ſo gut ſie können. Uebrigens darf Niemand ſich über ſeinen Stand kleiden, indem Jedem beſondere 1 443 äußere Kennzeichen vorgeſchrieben ſind. Die Mandarinen von den oberſten Klaſſen tragen die Zeichen ihrer Würde, z. B. einen glänzenden, mit Gold oder Silber geſtickten Tiger oder Phönix, auf der Bruſt und dem Rücken. Andere haben zwei Eichhornſchwänze hinten an der Mütze, andere zwei Pfauenfedern. Ueberdem erkennt man die Stände nicht nur an der Zahl der Perlen, und den ſonſtigen Zierrathen auf dem Gürtel, ſondern hauptſächlich auch an dem Knopf auf der Mütze, indem er bald von Gold, bald von Perlen, Korallen, oder bun⸗ ten Edelſteinen verfertigt iſt. Von der Kleidung der Frauen, ſo wie von allem übrigen, was dieſelben betrifft, weiß ich als Augenzeuge wenig zu ſagen, weil ſie von den vornehmſten bis zu denen der Handwerker ſich nie ſehen laſſen. Ich bemerkte blos in den Werkſtätten der Schneider, daß die für die Damen beſtimmten Anzüge denſelben Zuſchnitt, wie die männlichen hatten. Bei den Goldſchmieden kam mir bis⸗ weilen weiblicher Kopfputz zu Geſicht. Er beſtand meiſtens in Netzen von Silberdraht, die mit mancherlei Figuren von Gold, Edelſteinen und Perlen geſchmückt, bisweilen auch mit einem Futter von rothem Sammet verſehen waren. Uebrigens iſt es bekannt, daß die Weiber ſich nur durch den Kopfputz von den Männern unterſcheiden, indem ſie das ſchöne lange Haar in einen zier⸗ lichen Knoten oder Kranz auf dem Wirbel zuſammen winden, und gewöhnlich mit goldenen Nadeln, mit Federn, Bandſchleifen oder künſtlichen Blumen be⸗ ſtecken, welche letztere, wie die in allen Kaufläden befindliche Menge derſelben zeigt, ſtarken Abgang finden. Da die Chineſinnen von der weißen Schminke ſtarken Gebrauch machen, ſo wird ihr Geſicht vor der Zeit mit Runzeln bedeckt. Bekanntlich haben ſie unnatürlich kleine Füße, und daher einen unſichern, wackelnden Gang, bi een nicht einmal die Fähigkeit zu gehen, weil ihre Füße von Kindheit 3 fe größten Qual, in enge Schuhe von Eiſen oder Kupfer gepreßt werden, die man ihnen nicht eher wieder abnimmt, als bis der Körper ſeinen völligen Wuchs erreicht hat. Dieſe Verſtümmelung der Füße iſt der Stolz des weiblichen Geſchlechts, indem es dadurch zu erkennen gibt, daß es müßig und im Wohlſtande lebt, ſo wie ſie in den Augen der Männer für die größte Zierde gilt, ohne welche kein Weib Anſprüche auf Schönheit und Achtung machen kann. Dieſe Verdorbenheit des Geſchmacks geht ſo weit, daß die Eng⸗ länderinnen, welche dann und wann mit ihren Männern nach Canton kommen, von den Einwohnern ſchon oft mit den Pfauen verglichen worden ſind, welche zwar eine ſchöne Geſtalt, aber— ſchlechte Füße haben. Diejenigen Mädchen, welchen die Armuth ihrer Aeltern jene Verſchönerung nicht geſtattet hat, bekommen nur Männer aus den niedern Ständen; und ſolche Weiber ſind die einzigen, welche man auf den Gaſſen in Canton ſieht, obſchon — 444 auch nur ſelten, weil viele ſich ihrer großen, d. h. natürlich gebauten Füße ſchämen. Die Weiber auf den Schampanen ſind über dieſes Vorurtheil hinaus, und beinahe zu wenig beſorgt, ihre Geſtalt zu verbergen. Oft haben ſie keine andere Bekleidung, als ein Paar zerriſſene Schifferhoſen, wozu höchſtens noch ein altes, die Bruſt bedeckendes Tuch kommt. Deſſen ungeachtet unter⸗ laſſen ſie nie, das Haar auf dem Kopfe in einen artigen Knoten zu knüpfen und mit ſilbernen Nadeln, mit natürlichen oder papiernen Blumen, mit Hahnfedern und andern wohlfeilen Gegenſtänden dieſer Art zu ſchmücken. Bisweilen tragen ſie Strohhüte, welche mit Blumen oder mit Band geziert ſind. Eine Frau in ſolchem Anputz, die, mit der Tabakspfeife im Munde und mit einem auf dem Rücken feſtgebundenen Kinde, am Ruder ſteht, iſt keine ſeltene Erſcheinung. Da Canton der Sammelplatz von Kaufleuten aus allen Theilen des Reichs i*ſt, ſo wird daſelbſt das Chineſiſche in vielen Mundarten geſprochen; überdem reden die dortigen Tataren, ob ſie ſchon in jeder andern Hinſicht den urſprüng⸗ lichen Einwohnern gleichen, eine ganz beſondere Sprache. Ich ſchränke hier meine Bemerkungen blos auf die chineſiſche im Ganzen ein. Dieſe Sprache hat mit keiner andern etwas gemein, und gehört zu den einfachſten und am we⸗ nigſten ausgebildeten. Sie beſteht blos aus einſylbigen Wörtern, die einen Stimm⸗ und einen einzigen vorangeſetzten Mitlaut haben. Obſchon den Mit⸗ lauten das B, D, R, X und 3 fehlen, ſo gibt es doch andern Theils einige uns ganz fremde, deren Klang wir nur durch Zuſammenſetzung mehrer einigermaßen nachbilden können; daher es kommt, daß in chineſiſchen Wörtern, mit unſern Schriftzeichen geſchrieben, oft zwei bis drei hinter einander erſcheinen. Den Chineſen ſind zwei hinter einander unausſprechbar, und wo ſie dergleichen in ausländiſchen Wörtern finden, fügen ſie jedem einen immlaut bei. Solche einfache Wurzellaute haben ſie gegen vierhundert. vervielfältigen ſie durch eine Menge verſchiedener Betonungen, wodurch ſie verſchiedene Bedeu⸗ tungen erhalten; daher z. B. das Wort„Tſehu,“ je nachdem die Stimme er⸗ höht oder vertieft, kurz abgebrochen, etwas länger, oder geſangartig ausgedehnt wird, bald einen Hausvater, bald ein Schwein, eine Küche, einen Pfeiler und mehr andere Dinge bedeutet. Durch dieſe vielfache Betonung und durch die Aſpiration erhält die Sprache, nach der höchſten Berechnung, in Allem gegen achttauſend Wörter, welche, mit Hülfe der verſchiedenen Zuſammenſetzung und Stellung, hinreichen müſſen, die ſämmtlichen Begriffe von ſinnlichen und über⸗ ſinnlichen Gegenſtänden auszudrücken. Da die Wurzeln einſilbig ſind, ſo gibt es keinen Unterſchied der Redetheile, auch fällt alle eigentliche Biegung weg; daher der Ausdruck unbeſtimmt und dunkel iſt. Die mannichfaltigen Bedeu⸗ tungen der Wörter und die feinen Unterſchiede in der Ausſprache aufzufaſſen, 1 — koſtet ſelbſt den Eingebornen viel Zeit und Mühe; die meiſten ſind kaum mit dem dritten Theile derſelben bekannt, und diejenigen, welche ſie zur Hälfte inne haben, machen Anſprüche auf Gelehrſamkeit. Die Europäer können nur durch einen vieljährigen Aufenthalt im Lande einige, wiewohl ſehr unvollkommene Kenntniß der chineſiſchen Sprache erwerben, weil viele Töne unerreichbar für ihr Ohr und unausſprechbar für ihre Zunge ſind. Aus dem Grunde ſehen diejenigen Einwohner von Canton, welche mit ihnen Verkehr haben, ſich ge⸗ nöthigt, die Sprachen derſelben zu erlernen, wobei ſie auch eine große Geleh⸗ rigkeit zeigen. Nicht nur die im Dienſte der Europäer ſtehenden Knechte und Arbeiter, ſondern auch Kaufleute und Handwerker ſprechen engliſch und portu⸗ gieſiſch, viele auch franzöſiſch und holländiſch, und einige ſogar ſchwediſch und däniſch. Deſſen ungeachtet gehört einige Zeit dazu, ſie verſtehen zu lernen, weil ſie die europäiſchen Wörter mit fremdartigen Vocalen und Accenten, und eine Sprache mit der andern, beſonders der portugieſiſchen, vermiſchen; überdem haben ſie das Vorurtheil, daß der Europäer ſeiner eigenen Mutterſprache nicht mächtig iſt, wenn er die von ihnen gebildete Mundart unverſtändlich findet. Indeß beſitzen ſie eine vorzügliche Kunſt, in Fällen, wo ihre Rede nicht be⸗ griffen wird, ſich durch Geberden auszudrücken. Eben ſo viel Sonderbares, als die Sprache, hat auch die Schrift der Chineſen. Sie iſt weder eigentliche Hieroglyphen⸗, noch Silben⸗, noch Buch⸗ ſtabenſchrift, ſondern ſtellt die Begriffe, und zwar jedes Merkmal deſelben durch ein eigenes Zeichen dar, ohne mit dem Ausdruck in der Sprache verbunden zu ſein. Man kann daher, wenn auch unbekannt mit der letztern, dennoch ein chi⸗ neſiſches Buch verſtehen, wie dies z. B. mit den Einwohnern von Tunkin, Cochin⸗China und Japan der Fall iſt, welche, weil ſie die Schriftzeichen der Chineſen kennen, dlce derſelben leſen, ungeachtet ſie nicht ihre Sprache reden. Der chineſiſchen Schrift liegen ſechs theils gerade, theils krumme Linien zum Grunde, welche zunächſt die zweihundert und vierzehn Schlüſſel oder Ur⸗ zeichen bilden, womit alle übrige Zeichen, deren Zahl ſich auf achtzigtauſend beläuft, zuſammengeſetzt ſind. Dieſe alle dem Gedächtniß einzuprägen, reicht kein Menſchenleben hin; indeſſen ſind ſchon acht bis zehntauſend hinreichend, ein gewöhnliches Buch zu verſtehen... Die Chineſen ſchreiben von der Rechten zur Linken, von oben nach unten, und fangen ihre Bücher da an, wo die unſrigen aufhören. Ihr Papier wird von der innern Rinde des Bambusbaums und verſchiedener anderer Bäume, jedoch nur aus der zweiten, ſehr weichen und weißen Schale verfertigt. Es hat ein ungemein großes Format— man macht Bogen von ſechs bis zwölf und mehr Fuß— und, außer der weißen Farbe, keine Aehnlichkeit mit dem euro⸗ 446 päiſchen. Da es ungemein dünn, und auf der einen Seite glatt wie ein Spiegel, auf der andern aber rauh iſt, ſo beſchreiben ſie nur die erſtere. Hierzu bedienen ſie ſich eines Pinſels von Kaninchenhaaren und der ſchwarzen Tuſche, welche ſie mit Waſſer auf einer marmornen, glatt polirten Tafel, die einen niedrigen Rand und nicht völlig die Größe einer Theeſchale hat, anmachen. Rothe Tuſche wendet man nur zu Aufſchriften und Titeln der Bücher an. Es gibt in Canton aber auch ein ſtärkeres Papier, das ſich zum Schreiben mit Feder und Tinte vortrefflich eignet, und daher von den Europäern gebraucht wird; es führt den Namen„Macaopapier“ Das Druckpapier iſt ſo dünn, wie eine Eihaut; weil es durchſchlägt, bedruckt man es nur auf einer Seite. Dies geſchieht nicht mit beweglichen Schriftzeichen, ſondern auf die Art, wie wir den Kattun drucken, nämlich mit ausgeſchnitzten Holztafeln. Das Format der Bücher kömmt unſerem Regaloctav am nächſten. m Von dem Reichthum, welchen China an Büchern beſitzt, ward ich in den Vorſtädten von Canton wenig gewahr; diejenigen, welche mir zu Geſicht kamen, waren in dünnes, weißes Papier geheftet. Deſto häufiger ſind Kalender; man verkauft ſie auf allen Marktplätzen und Gaſſen. Ausländiſche Schriften ſind nirgends anzutreffen, mit Ausnahme der engliſchen Zeitung, zu deren Druck die dortigen Engländer eine beſondere Preſſe unterhalten. Bevor ich in meiner Beſchreibung weiter gehe, ſcheint es mir nöthig, einige Bemerkungen über die Staatsverfaſſung China's voraus zu ſchicken, weil ſich nur hieraus die Sonderbarkeiten und die Widerſprüche erklären laſſen, auf welche man bei Erwägung alles deſſen ſtößt, was den Geiſt und Charakter, ſo wie die Sitten, Gebräuche und mechaniſchen Fertigkeiten der Einwohner betrifft. Obſchon die alte Geſchichte der Chineſen äußerſt fabelhaft iſt, ſo geht doch ſo viel daraus hervor, daß ſie in den früheſten Zeiten mehre kleine, von eigenen Königen beherrſchte Völker bildeten, die eine eigenthümliche Verfaſſung und einen für das damalige Zeitalter hohen Grad des Kunſtfleißes beſaßen, bis ſie in den noch jetzt beſtehenden großen Staatskörper vereinigt wurden. Die Be⸗ herrſcher dieſes Reichs gaben zwar viel gute moraliſche Geſetze, ſuchten aber die Gewalt über ihre Unterthanen auf eine Art zu befeſtigen, die alle Kunſtgriffe des Despotismus für erlaubt hielt; es wurden nicht nur den Handlungen, ſon⸗ dern auch den Gedanken Feſſeln angelegt. Um die Schätze des Volks an ſich zu ziehen, und es beſtändig in Furcht zu erhalten, überſchwemmte man das Land mit Beamten oder Mandarinen, welchen ſogar die Gewalt verliehen wurde, alle Verbrecher, wenn ſie nicht des Todes ſchuldig ſind, auf der Stelle beſtrafen zu laſſen, ohne ſie erſt in Verhaft zu nehmen. Einem vornehmen Mandarin gingen auf der Straße wohl hundert Henker voran, welche mit Peitſchen, Bam⸗ 447 busröhren und Ketten verſehen, durch ein wildes Geſchrei die Ankunft deſſelben verkündigten. Unterließ nun Jemand, ſich auf die Seite zu ſtellen und die größte Ehrfurcht zu bezeigen, ſo ſetzte er ſich der ſchwerſten Beſtrafung aus. Ungeachtet dieſer Macht befinden ſich die Staatsbeamten in keiner viel beſſern Lage, als das von ihnen geplagte Volk, weil jeder von den andern bewacht wird. Läßt ſich einer das geringſte Dienſtverſehen zu Schulden kommen, ſo iſt er nicht ſicher, von dem Kaiſer ſeines Amtes entſetzt, oder mit der Todesſtrafe belegt zu werden. Daher laſſen auch die vornehmſten, um ihre Unterwürfigkeit an den Tag zu legen, ſtets die Werkzeuge ihrer Hinrichtung, nämlich Ketten und Hirſchfänger, in Koffern vor ſich hertragen. Mit den Ketten feſſeln ſie ſich ſelbſt, wenn der Kaiſer es befiehlt. Dieſen mächtigen Fürſten verehrt die Nation wie ein überirdiſches Weſen. Das gemeine Volk darf ihn nicht einmal ſehen. Ueberall, wohin er kommt— wobei ihm jederzeit 2000 Henker oder Lictoren vorangehen,— müſſen die Leute ſich in die Häuſer verſchließen, und wer ſich unglücklicher Weiſe auf der Straße befindet, kann dem Verderben nur dadurch entgehen, daß er ſich mit dem Geſicht auf die Erde wirft. Aus dem Grunde hat auch kein chineſiſches Haus Fenſter an der Vorderſeite. Wenn dem Kaiſer die Hofbeamten ſich nähern, ſo berühren ſie den Fußboden neunmal mit dem Kopfe, und erwarten ſeine Befehle auf den Knien. Selbſt diejenigen, welche ihn täglich umgeben, ſind nicht frei von dieſer Bezeigung übertriebener Ehr⸗ furcht. Die Miniſter dürfen ihm nur dann Rath ertheilen, wenn er ihn ver⸗ langt, nie aber, bei Verluſt des Lebens, Vorſtellungen gegen ſeine Befehle machen. Auf dieſe Weiſe erſtreckt ſich die Sklaverei von dem niedrigſten Unter⸗ than bis auf die Prinzen. Neben dieſem groben Despotismus wendeten China's Beherrſcher auch feine Kunſtgriffe an, ihre Macht zu ſichern. Sie ertheilten jedem Hausvater eine unumſchränkte Gewalt über ſeine Kinder, und ſelbſt über diejenigen Söhne, welche zu einem höhern Stande, als er ſelbſt einnimmt, ge⸗ langt ſind, ſo daß ſie das Leben verlieren, wenn jener ſie verklagt und bei der Anklage beharrt. Daher prägt man auch den Kindern von Jugeud auf den Grundſatz ein, nie weiſer, als der Vater iſt, werden zu wollen. Durch dieſe und andere Mittel wurde der Zweck, die Menſchen an ſklaviſchen Gehorſam zu gewöhnen, jede Einrichtung bei der beſtehenden Form zu erhalten, und dem Geiſte der Neuerung zu ſteuern, welcher überhaupt dem Aſiaten nicht eigen iſt, vollkommen erreicht. Aus demſelben Grunde erließ man, außer den eigentlichen Geſetzen, auch eine Menge Verordnungen, welche die Ceremonieen bei jeder Handlung im bürgerlichen und häuslichen Leben, z. B. bei Beſuchen, Heirathen, Begräbniſſen u. ſ. w. ausführlich beſtimmen. Sie erhielten in der Folge geſetz⸗ liche Kraft; und es wurde ein beſonderes Tribunal niedergeſetzt, um über deren 448 Befolgung zu wachen. Die Regenten ließen es jedoch bei dieſen Beſchränkungen des freien Willens nicht bewenden. Sie führten die Religion des Fo aus Indien ein, weil ſie geſchickter, als die des Confucius iſt, die Sinne des Menſchen zu beſchäftigen, und ihn vom Nachdenken über das Ueberſinnliche abzuhalten. Ferner verboten ſie alle Reiſen außerhalb des Landes, und erklärten diejenigen für unehrlich, welche dergleichen unternahmen, ſo wie ſie auch Schriften ver⸗ breiteten, worin China als das vollkommenſte und glücklichſte aller Länder, die übrigen aber als unglücklich und verachtenswerth geſchildert werden. Kurz, ſie ſetzten ihre Unterthanen außer aller Verbindung und Bekanntſchaft mit der übrigen Welt, wodurch dem Einfluß fremder Nationen, ſo wie auch dem Aus⸗ wandern vorgebeugt wurde. Die Schifffahrt nach gewiſſen nahe gelegenen Ländern und die Handelsverbindung damit geſtattete man erſt in ſpätern Zeiten. In neuerer Zeit iſt der Auswanderung aber kein Hinderniß mehr in den Weg gelegt, wenigſtens haben die Einwohner des himmliſchen Reiches dieſes zu Tauſenden verlaſſen, um nach dem Indiſchen Archipel, Californien und Auſtra⸗ lien auszuwandern. Der vorzüglichſte Kunſtgriff, welchen die chineſiſche Re⸗ gierung zur Erhaltung der eingeführten Verfaſſung und Gebräuche anwendete, war, daß ſie die Sprache und die Schrift unabänderlich feſtſetzte. Hätte man der Ausbildung derſelben freien Lauf gelaſſen, ſo würden die Wiſſenſchaften nicht auf der niedrigen Stufe der Entwickelung ſtehen geblieben, ſondern von den Gelehrten, trotz aller Bedrückungen, erweitert worden ſein, ſtatt daß ſich dieſe jetzt bis in ihr vierzigſtes oder funfzigſtes Jahr mit der Erlernung der ſo ſchwierigen Schrift und Sprache beſchäftigen müſſen, um gegen das Ende ihres Lebens die uralten Klaſſiker entziffern zu können, die außer der Reichsgeſchichte, den Geſetz⸗ und Ceremonieen⸗Büchern, einigen moraliſch⸗religiöſen, poetiſchen, und mehren guten, den Ackerbau und die Kräuterkunde betreffenden Schriften, lächerliche Fabeln von fremden Ländern und abgeſchmackte Begriffe von den Erſcheinungen in der Natur enthalten. Die Regierung wollte nie Erweiterung der Wiſſenſchaften, da die Staatsverfaſſung mit der Aufklärung des Volks nicht beſtehen kann. Deſto mehr nahm ſie den Ackerbau, die Verfertigung des Porzellans, der Seidenwaaren, und überhaupt mechaniſche Fertigkeiten, die den Reichthum des Landes und die Staatseinkünfte unmittelbar vermehren, in ihren Schutz. So geſchah es denn, daß, obſchon der Thron des chineſiſchen Reiches mehrmal, beſonders in neuern Zeiten, erſchüttert wurde, dennoch die Verfaſſung desſelben ſeit Jahrtauſenden ſich unverändert erhielt, weil die Herrſcher nie Urſache hatten, damit unzufrieden zu ſein. Eben ſo geſchah es, daß die Sitten und Gebräuche, wie die Wiſſenſchaften und Künſte, auf derſelben Säfe ſtehen blieben, während das mechaniſche Talent allein ausgebildet wurde. 8 449 Man ſieht hieraus, daß es nicht, wie einige Schriftſteller behaupten, die natürliche Beſchaffenheit des Chineſen iſt, welche ihn zu geiſtiger Bildung un⸗ fähig macht. Nur zu oft beweiſt er im Handel, daß er uns an Scharfſinn übertrifft, und dieſen auch in andern Fällen anwenden würde, wenn nicht die Geſetze und uralten Gewohnheiten ſeiner Selbſtthätigkeit Feſſeln anlegten. Ueberdem zeigt ſchon ſeine Geſichtsbildung, daß er mit guten Verſtandeskräften begabt iſt; wenigſtens verrathen nur wenige, ſelbſt aus den geringern Volks⸗ klaſſen, jene Rohheit und Geiſtesarmuth, die man bei andern Nationen ſo häufig findet. Bekanntlich gibt es in China drei Hauptreligionen, nämlich die des Kong⸗fu⸗tſe(Confucius), zu welcher der edlere Theil der Nation ſich bekennt, ferner die des Lao⸗kiun, und die des Fo, welche die meiſten Bekenner zählt. Die Hofreligion beſteht ſeit 1644 in der lamaiſchen. Außerdem finden ſich mancherlei heidniſche Sekten, ſo wie Juden, Mahomedaner und auch Chriſten im Lande. Ich theile hier nur einige Bemerkungen über die Religion des Fo mit, weil ſie in Canton die herrſchende iſt. Sie wurde vom Kaiſer Ming XV. auf Veranlaſſung eines vorgeblichen Traums, daß der wahre Heilige in den weſtlichen Ländern zu ſuchen ſei, 65 Jahre vor Chriſti Geburt aus Indien ein⸗ geführt und entſtand aus der bramaniſchen, oder, was wahrſcheinlicher iſt, aus der Lehre des Buddha; denn nach Marriſon haben die Chineſen den Buddha der Indier, weil ſie das B nicht ausſprechen können, in Fuhdha oder Fohdha verwandelt, woraus man in der Folge Fo machte. Allein, nach der Behaup⸗ tung ſeiner chineſiſchen Anhänger war er der Sohn eines Königs von Kaſchmir, Infang⸗wang genannt; er ſelbſt hieß Sche⸗kia oder Scha⸗ka, und lebte unge⸗ fähr 1000 Jahre vor unſerer Zeitrechnung. Um ſeinen göttlichen Urſprung und ſeine Beſtimmung als Erlöſer des Menſchengeſchlechts darzuthun, gibt man in Hinſicht ſeiner Geburt, ſeines Lebens und Todes die wundervollſten Um⸗ ſtände an. Unter andern wird behauptet, daß er in dem Augenblick, als er auf die Welt kam, aufrecht auf den Füßen ſtand, dann ſieben Schritte vorwärts that, und, die eine Hand gen Himmel, die andere auf die Erde gerichtet, deutlich ausrief:„Außer mir iſt Niemand, weder im Himmel noch auf Erden, der An⸗ betung würdig.“ Nach ſeinem Tode erwies man ihm, unter dem Namen Fo, göttliche Ehre. Die von ihm verbreitete Lehre zerfällt in die öffentliche und die geheime. In letztere, welche eine Art Atheismus iſt, ſind nur die Oberhäupter der Religion eingeweiht. Die öffentliche enthält die moraliſchen, dem Chriſten⸗ thum ſich nähernden Grundſätze. Sie unterſcheidet das Gute von dem Böſen; wer Gutes im Leben gethan hat, wird nach dem Tode belohnt, im Gegentheile beſtraft. Für die guten und böſen Seelen, ſagt ſie, ſeien gewiſſe Plätze nach 29 Richter's Reiſen. I. o,·. E—ò² ihren Verdienſten beſtimmt. Der Gott Fo ſei geboren die Menſchen zu erretten, und die Irrenden auf den Weg zur Seligkeit zu führen; er habe ihre Sünden abgebüßt, und ihnen eine ſelige Wiedergeburt in der andern Welt erworben. Die vorzüglichſten Gebote ſind: kein lebendes Geſchöpf zu tödten, kein fremdes Gut an ſich zu bringen, Stolz, Unreinlichkeit und Unkeuſchheit zu meiden, ſo wie nicht zu lügen und keinen Wein zu trinken. Uebrigens empfiehlt dieſe Re⸗ ligion, Werke der Barmherzigkeit auszuüben, Tempel zu bauen, und freigebig gegen die Prieſter zu ſein. Sie lehrt eine Secelenwanderung, und daß böſe Menſchen nach ihrem Tode in die unreinſten und ſchlechteſten Thiere fahren werden. Auch der Glaube an eine Vorherbeſtimmung ſteht mit ihr in Verbin⸗ dung, daher z. B. beim Ausbruch einer Feuersbrunſt keine Anſtalten zum Lö⸗ ſchen getroffen werden, ſo daß die Vorſtädte von Canton ſchon mehrmals würden ganz abgebrannt ſein, wenn nicht die Europäer das Unglück verhütet hätten. Ueber die Gottheit nachzudenken iſt nicht erlaubt, weshalb die Begriffe davon ſehr ſonderbar ſind. Man verehrt ſie unter dem Bilde des Fo, und ſchafft ſich auch Untergötter aus den verſtorbenen frommen Kaiſern, aus Männern, die ſich um das Reich, oder blos um einige Familien verdient gemacht haben. Eben ſo werden die Sonne, der Mond und die übrigen Himmelskörper zu den göttlichen Weſen gezählt. Auch glauben die Chineſen, daß es gute Geiſter, ſo wie Ge⸗ ſpenſter und einen Teufel gebe, daher das geringſte Geräuſch in ihren Häuſern ſie in Schrecken ſetzt. An den Teufel richten ſie oft fromme Gebete, damit er ihnen kein Uebel zufüge. Der Gottesdienſt beſteht hauptſächlich darin, daß Jeder mehrmals des Tages vor ſeinem Hausgötzen betet, mit Sandelholz räu⸗ chert, Goldpapier verbrennt, und Speiſen und Getränke niederſetzt. Dieſe religiöſen Gebräuche verrichten die Leute beſonders auch dann, wenn ſie irgend etwas von einiger Wichtigkeit unternehmen, damit die Gottheit ihnen beiſtehen möge. Nur an gewiſſen Feſttagen gehen ſie in die Pagoden, um ihre Opfer darzubringen; dem täglichen Gottesdienſte der Prieſter wohnen ſie blos als Zuſchauer bei, indem ſie außen vor dem Gitterthor der Pagode niederknieen. Die zahlreichen Prieſter oder Bonzen führen ein klöſterliches Leben; ſie entſagen der Ehe, und eſſen weder Fleiſch noch Eier. Sie kleiden ſich in graue, bis auf die Füße reichende, mit ſehr weiten Aermeln verſehene Röcke. Um den Hals tragen ſie eine große Perlenſchnur. Der Kopf iſt ganz geſchoren. Ihre gottes⸗ dienſtlichen Handlungen beſtehen hauptſächlich darin, daß ſie, paarweiſe hinter einander, um den Altar ziehen, wobei ſie bisweilen ſtille ſtehen, und, die Hände zuſammen gefaltet oder gen Himmel gehoben, ihre Gebete herſagen, bisweilen auf das Geſicht niederfallen, und zwar jederzeit dreimal hinter einander. Nachher räuchern ſie mit Sandelholz, und bringen ihre Opfer dar. Zu gleicher Zeit 1 „1 — 451 wird getrommelt, an Glocken und an ein Gungung geſchlagen, auch werden andere chineſiſche Inſtrumente geſpielt. Dieſe Art Meſſe dauert gegen zwei Stunden, und während derſelben beweiſen die Bonzen eine ſo tiefe Andacht, daß ſie nie ein Auge auf irgend einen Menſchen richten. Bisweilen gehen ſie auch in der Stadt umher und opfern in den Häuſern. Außerdem beſchäftigen ſie ſich mit Wahrſagen und dem Heilen der Kranken. Ihr Einkommen beruht auf den milden Gaben der Gemeine, welche ſie von Zeit zu Zeit, einſammeln. Hierbei iſt von ihren Obern die Einrichtung getroffen worden, daß die Sam⸗ melnden ein Regiſter bei ſich führen, worein ein jeder Geber dasjenige, was er dem Kloſter ſchenkt, aufzeichnet und unterſchreibt, ein Kunſtgriff, welcher nicht nur die Ehrlichkeit des Sammlers verbürgt, ſondern auch die Eigenliebe des Gebers zur Freigebigkeit nöthigt. Von den Speiſen und Getränken, welche das Volk in den Pagoden opfert, wird ihnen nichts zu Theil, weil es dieſelben nach beendigtem Gottesdienſt wieder nach Hauſe trägt. Uebrigens beſchuldigt man die Bonzen, daß ſie unter dem Schein der Selbſtverläugnung und Be⸗ ſcheidenheit, Stolz und Habſucht verbergen. Die in China gebräuchlichen Feſte übergehe ich, da ich blos dem bekannten Laternenfeſt beiwohnte, welches jährlich, zur Abwendung der Feuersbrünſte, drei Abende hinter einander dergeſtalt ge⸗ feiert wird, daß man die Häuſer innerlich und äußerlich mit unzähligen bunten Laternen und erleuchteten Figuren behängt, während aus denſelben die Töne muſikaliſcher Inſtrumente erſchallen, und die Prieſter, in rothe Röcke gekleidet, aus dem einen in das andere gehen, um zu opfern. 8. Fortſchritte der Chineſen in den Wiſſenſchaften und Künſten. Erwähnung einiger vorzüglich wich⸗ tigen Gewerbzweige, und Bemerkungen über den Ackerbau— ſorgfältige Bereitung des Düngers. Charakter der Chineſen. Unarten, die ſich der Pöbel gegen die Fremden erlaubt. In Hinſicht der geiſtigen Bildung ſtehen die Einwohner von Canton unter allen ihren Landsleuten auf der höchſten Stufe, indem die Europäer ſchon manches Licht über die falſchen Meinungen derjenigen verbreitet haben, mit. welchen ſie in Berührung kommen. Dieſe Aufklärung kann jedoch, weil man ſie vor der Regierung geheim halten muß, auf die Wiſſenſchaften und Künſte im Allgemeinen wenig oder gar nicht einwirken. Der große Haufe glaubt noch immer, daß die Erde eine viereckige Fläche, und China in der Mitte gelegen, und mit Ländern umgeben ſei, welche von den ſonderbarſten Geſchöpfen bewohnt werden; daß auf dem Boden des Oceans ein Ungeheuer ſich befinde, welches durch ſein ſechsſtündiges Ein⸗ und Ausathmen die Ebbe und Fluth bewirke u. ſ. w. 29* 452 So abgeſchmackt, wie die geographiſchen Begriffe, ſind auch die von den Him⸗ melskörpern. Schon drei Tage vor dem Eintritt einer Sonnenfinſterniß werden die Einwohner durch öffentliche Bekanntmachungen ermahnt, ihre Götzen anzu⸗ rufen und ihnen Opfer darzubringen, damit die Sonne von dem ſie bekämpfen⸗ den Ungeheuer nicht verſchlungen werde. Es iſt wahrſcheinlich, daß dies alles blos geſchieht um das gemeine Volk in ſeiner Unwiſſenheit zu erhalten, und daß die Gelehrten beſſer unterrichtet ſind; deſſen ungeachtet hat noch kein chineſiſcher Sternkundige die Fähigkeit bewieſen, eine Sonnen⸗ oder Mondfinſterniß ge⸗ hörig zu berechnen. Dies iſt auch der Umſtand, welcher den chriſtlichen Miſſio⸗ narien den Aufenthalt in Peking ſichert; denn man kann ſie zur Verfertigung eines richtigen Kalenders nicht entbehren. Ihnen liegt das Geſchäft ob, den aſtronomiſchen Theil desſelben auszuarbeiten. Die einheimiſchen Gelehrten liefern blos die aſtrologiſchen Zuſätze. Von ſolchen Sterndeutungen wimmeln die Kalender; bei jedem Tage ſind die Handlungen bemerkt, welche ſich an dem⸗ ſelben glücklich unternehmen laſſen, z. B. das Bauen, das Heirathen, die Hei⸗ lung verſchiedener Krankheiten u. ſ. w. Die Jahre zählt man in China nach der Regierung des Kaiſers, daher mit jedem eine neue Zeitrechnung beginnt. Das Jahr enthält zwölf Monate. Dieſe beſtehen theils aus dreißig, theils aus neun und zwanzig Tagen; die fehlenden eilf werden allemal im dritten Jahre eingeſchaltet, ſo daß dieſes dreizehn Monate hat. Im Rechnen bedienen ſich die Chineſen, ſtatt der Zahlen, eines mecha⸗ niſchen Werkzeuges, das bei ihnen„Sjän⸗phun“ heißt. Es beſteht in einer hölzernen Tafel, welche, der Länge nach, in zwei Hälften durch eine Leiſte ge⸗ theilt iſt, die man mit mehr oder weniger, bisweilen 25 Querſtiften beſteckt, woran Rollen laufen. Letztere bedeuten auf der einen Seite 1, 10, 100 u. ſ. w., auf der andern fünfmal ſo viel, als die gegenüber befindlichen. Beim Rechnen werden die Rollen hin und her geſchoben. Dieſes Verfahren iſt beim Zuſam⸗ menzählen und Abziehen vortheilhaft, erſchwert aber jede andere Art zu rechnen. Zu Bruchrechnungen iſt es durchaus nicht geſchickt, daher auch die Chineſen ſich nie damit befaſſen. Verſtänden ſie mit Zahlen zu rechnen, ſo würden ſie das Geſchäft mit großer Leichtigkeit verrichten, weil ihr Maß, Gewicht und Geld nach Zehnteln abgetheilt ſind. Das Ellenmaß(Kubi) iſt ungefähr 15 Zoll lang, und enthält 10 Pann, ſo wie das Pann eine gleiche Anzahl Kandarin. Die Elle wird im Handel blos zu Holz und gewebten Zeugen angewandt; bei⸗ allen übrigen Gegenſtänden geht es nach dem Gewicht, daher man auch kein Gefäßmaß gebraucht. Ein Pekul beträgt ungefähr 150 Pfund, und ein Katti den hundertſten Theil davon. Dies macht das ſchwere Gewicht aus. Das leichtere beſteht in dem Tel, welches der ſechzehnte Theil eines Katti iſt; es hält 2 10 Mes, ein Mes 10 Kandarin, und ein Kandarin eben ſo viel Kas. Mit dieſen Gewichten wird alles Gold und Silber gewogen, und es dient zugleich zu Rech⸗ nungsmünzen, weil in China, wie ſchon oben erwähnt wurde, nur Ein Kas ſchwere, gleichnamige Kupfermünzen geprägt werden. Unter den ausländiſchen Geldarten haben nur die Piaſter einen beſtimmten Werth, welcher 7 Mes und 4 Kandarin beträgt. Man ſchlägt den chineſiſchen Stempel darauf, um ſie von den falſchen zu unterſcheiden, die bisweilen in Umlauf kommen. In Ermangelung der Scheidemünze wird das Silber in Stücke geſchnitten, daher die Käufer und Verkäufer, nebſt der Wage, auch eine ſtarke Schere bei ſich führen. In der Geometrie ſind die Chineſen, wie in allen damit verwandten Wiſſenſchaften, ſchlecht bewandert. Ihre Baukunſt hat wenig mit geometriſchen Verhältniſſen zu thun. Die Thüren der Gebäude z. B. ſind für das Ganze viel zu groß, die Fenſter zu ſchmal und zu lang. Die Säulen haben oben dieſelbe Dicke wie unten, und überhaupt eine zu große Stärke; auch ſtehen ſie zu dicht neben einander, ſo daß oft eine, die man mit vielen Centnern belaſten könnte, kaum funfzig Pfund zu tragen hat. Die Feſtungen werden ganz zweckwidrig angelegt, indem ſie meiſtens einen Kreis bilden. Deſſen ungeachtet kann ich den chineſiſchen Wohnhäuſern Bequemlichkeit, und die Eigenſchaft nicht abſprechen, daß ihre Zierrathen, z. B. die großen Inſchriften und Malereien an dem Mauer⸗ werk, die Drachengeſtalten auf den Dächern, oder die blaue Glaſur der Dach⸗ ziegel, einen angenehmen Eindruck auf das Auge machen. Uebrigens weiß man die Steine ſehr dauerhaft mit einander zu verbinden, daher viele der im Lande befindlichen Brücken und Thürme faſt ein gleiches Alter mit den ägyptiſchen Pyramiden haben. In der Kriegskunſt ſind die Chineſen ſehr weit zurück. Die Kanonen ihrer Feſtungen haben keine Laffetten, ſondern liegen auf der Erde, und ihren Flinten fehlt das Schloß, daher ſie mit der Lunte abgebrannt werden. Die Geſchicklichkeit der Offiziere beſchränkt ſich blos auf gewiſſe körperliche Fertig⸗ keiten; zu den Aufgaben bei ihrer Prüfung gehört unter andern, daß ſie mit eiſernen, 20— 30 Pfund ſchweren Schuhen durch den Koth laufen können. Die Heilkunſt, welche bei allen gebildeten Völkern ein vorzüglicher Gegen⸗ ſtand des Forſchens iſt, wird in China blos als Nebengeſchäft, meiſtens von den Prieſtern, nach einem mechaniſchen Herkommen ausgeübt. Um eine gründ⸗ liche Kenntniß des innern Körperbaues bekümmern ſich die Aerzte eben ſo wenig, als um die tiefer liegenden Urſachen der Krankheiten. Ihrer Kunſt genügt es, an dem Schlagen der Pulsadern, das ſie oft ſtundenlang unterſuchen, zu er⸗ kennen, ob das Uebel in dem Magen, in der Lunge, oder den Gedärmen u. ſ. w. ſeinen Sitz hat. Leicht erkennbare Krankheiten heilen ſie oft ſehr glücklich, weil 454 die Nation durch ihre Liebe zur Gärtnerei eine ziemliche Kenntniß von den Ge⸗ wächſen, und von den Wirkungen, welche ſie auf den menſchlichen Körper äußern, erworben hat. Noch mehr Nutzen würde aus dieſen Erfahrungen hervorgehen, wenn man ihnen allein folgte. Aber nur zu oft miſcht ſich der Aberglaube und die Habſucht der Regierung ein, welche letztere z. B. den Ginſeng— wovon ich im II. Abſchnitt meiner Reiſen ausführlich geſprochen habe,— noch immer als ein allgemeines Heilmittel empfiehlt, weil ſie durch den Verkauf desſelben, wozu nur ſie berechtigt iſt, anſehnliche Summen gewinnt. Das gemeine Volk macht faſt in allen Krankheiten von dieſem Mittel Gebrauch, daher man auch ſelten in eine Apotheke kommt, ohne es verkaufen zu ſehen. Da die Aerzte immer nur einfache Arzneien verordnen, ſo ſind den Apothekern chemiſche Miſchungen un⸗ bekannt. Sie verfertigen nicht einmal Pulver, Pillen, Aufgüſſe und dergleichen. Ihr ganzes Geſchäft beſteht darin, daß ſie die geſammelten Kräuter und Wur⸗ zeln gehörig trocknen, reinigen, zerſchneiden und in Gefäßen von Porzellan aufbewahren. Die Apotheken, deren es in Canton eine große Anzahl gibt, er⸗ kennt man an den Hirſchgeweihen, die vor ihren Thüren und innerhalb derſelben aufgehängt ſind. Die Schifffahrt der Chineſen iſt bereits oben beſchrieben worden; hier füge ich nur noch hinzu, daß ſie nach dem, was ich von den geographiſchen, aſtronomiſchen und mathematiſchen Kenntniſſen der Nation geſagt habe, ſich auf keiner hohen Stufe befinden kann. Was die eigentliche Bildhauerkunſt betrifft, ſo iſt ſie in China kaum dem Namen nach bekannt. Die Abbildungen der Götzen beſtehen, wie ſchon im Vorhergehenden geſagt wurde, aus Holz, oder aus Pappe. Ueberdem verfährt man bei der Verfertigung derſelben auf die ſonderbarſte Weiſe. Denn der Kopf, der Leib, die Beine u. ſ. w. werden alle einzeln und von verſchiedenen Arbeitern gemacht, und durch Pfähle, die man durch den Leib ſteckt, mit einander verbun⸗ den; das Ganze bekommt dann einen Anſtrich mit Farben und Firniß. Bei einer ſolchen Zuſammenſetzung kann es nicht fehlen, daß die lächerlichſten Miß⸗ geſtalten zum Vorſchein kommen, weil die einzelnen Theile ſelten mit einander übereinſtimmen. Eine größere Geſchicklichkeit beſitzen die Gypsbildner, beſon⸗ ders in Darſtellung der Menſchen und Thiere im Kleinen. Es laſſen ſich daher viele Europäer, die nach Canton kommen, von ihnen abbilden; und ich habe mehre dergleichen Figuren geſehen, welche in Hinſicht der Geſichtszüge, ſo wie der ganzen Geſtalt und Bekleidung des Körpers eine ſprechende Aehnlichkeit mit den Urbildern hatten. 4 In der Malerei legen die Chineſen den größten Werth auf lebhafte, in die Augen fallende Farben, welche ſie auftragen, ohne auf Licht und Schatten, 1 — ‿ — 4 ‿ 455 und auf die Hervorhebung des Vordergrundes Rückſicht zu nehmen. Dabei⸗ bezeichnen ſie die Umriſſe eines jeden Gegenſtandes durch ſtarke Striche, was vielleicht daher kommt, weil ſie allen Dingen beſtimmte Grenzen geben. Zur richtigen Darſtellung einer Landſchaft ſind ſie ganz unfähig, da ſie keinen Be⸗ griff von der Perſpective haben; entfernte Gegenſtände werden in die Höhe der Wolken geſtellt. Die Portraitmaler gehen äußerſt mechaniſch zu Werke. Mei⸗ ſtens entwerfen ſie Umriſſe zu Bruſtbildern in Vorrath, welche dann, wenn ſich Jemand malen läßt, blos ausgefüllt werden; bisweilen ſind auch zwei oder drei mit Einem Bilde beſchäftigt, weil derjenige, welcher den Kopf fertigt, ſich mit der Kleidung oder dem Grunde nicht befaßt. Deſſen ungeachtet gelingt es ihnen oft, ziemlich treue Darſtellungen von ihren Landsleuten zu machen, weil dieſe in Hinſicht der Geſichtsbildung faſt durchgängig denſelben Zuſchnitt haben. Wenn aber das Geſicht von den nationellen Zügen, womit ſie vertraut ſind, abweicht, ſo läßt ſie ihre Kunſt im Stiche; wenigſtens haben ſie noch nie einen Europäer ganz getroffen. Die beſten chineſiſchen Gemälde beſtehen in Abbildungen von Häuſern, Blumen, Schmetterlingen und andern Gegenſtänden, die keiner vor⸗ züglichen Schattirung bedürfen. Uebrigens malt man auf Papier, auf Holz, Glas, Porzellan, Horn und Elfenbein. Die Muſik und der Geſang der Chineſen ſind wild und eintönig. Zu den beliebteſten Inſtrumenten gehören das Gungung, das Tambourin, die Trom⸗ meln und Pauken, die Querpfeifen, metallene Schalmeien und Trompeten, ſo wie die Zitter, das Brummeiſen, der Triangel und ein Inſtrument, das, gleich dem des Hirtengottes Pan, aus mehren kleinen Pfeifen beſteht. An der euro⸗ päiſchen Tonkunſt finden ſie keinen Geſchmack; unſern Geſang, beſonders den der Portugieſen, pflegen ſie mit dem Heulen des Hundes, und unſer Violinen⸗ ſpiel mit dem Geſchrei der Katzen zu vergleichen. Es war eine lange Zeit erforderlich, ehe die chineſiſchen Mechaniker das Getriebe einer Uhr begreifen lernten. Jetzt gibt es in Canton, ſo wie in andern großen Städten des Reichs, ziemlich geſchickte Uhrmacher. Gleichwohl werden auf den Thürmen der Städte die Stunden noch immer, der alten Sitte gemäß, durch Sand⸗ oder Waſſeruhren angezeigt.— Die Goldſchmiede ſind als gute Arbeiter bekannt, aber auch als Leute, die mit ihrer Geſchicklichkeit jede Art des Betrugs verbinden. Ihre Prüfſteine haben eine eiförmige Geſtalt.— In Perlmutter und andern Muſchelſchalen, in Elfenbein, Knochen und Horn ar⸗ beiten die Chineſen ſo vortrefflich, daß ihnen der Europäer nichts von der Art an die Seite ſtellen kann. Die erhabenen Figuren auf den perlmutternen Doſen ſind äußerſt fein; man ſollte glauben, ſie wären mit Hülfe des Vergrößerungs⸗ glaſes verfertigt, was jedoch nicht der Fall iſt. Das Horn weiß man durch auflöſende Dämpfe dergeſtalt zu erweichen, daß es wie Wachs ſich trennen und zuſammenfügen, und mithin in jede beliebige Form bringen läßt. In kaltes Waſſer gelegt, erhält es wieder die vorige Härte.— Die Tiſchler ſind nicht nur im Stande, alles europäiſche Hausgeräth, was ihnen zu Geſicht kommt, nach⸗ zuahmen, ſondern liefern auch mancherlei hübſche Sachen von eigener Erfindung. Gleichwohl gebrauchen ſie weit weniger Werkzeuge, als die unſrigen. In Er⸗ mangelung der Hobelbank und der Schraubeſtöcke ſetzen ſie ſich, um ein Bret zu behobeln, auf die Erde, drücken dasſelbe gegen den Bauch, und halten es mit den Füßen feſt. Ihre Beile ſind an der linken Seite etwas ausgehöhlt; ſie vertreten zugleich die Stelle des Hammers. Ihre Säge kommt mit der unſrigen überein, außer daß dem Geſtell, welches ganz von Holz iſt, der Span⸗ ner fehlt. Um die Nägel auszuziehen, bedienen ſie ſich eines eiſernen Stabes, welcher einen meißelartig geſchärften Fuß hat; auch wird an den Stab ein weiter Ring geſteckt. Wenn man nun den Nagel zwiſchen dem Fuß und dem Ringe faßt, ſo geſchieht das Herausziehen ohne viel Mühe. Zu Schränken, Bureaux, Bretſpielen und dergleichen, nehmen die Tiſchler Eben⸗, Roſen⸗ und anderes koſtbares Holz. Theekiſten machen ſie aus einer Art weichen Holzes, das von ſeinem Gebrauch den Namen„Tiamock“(Theebaum) erhalten hat. Zu den Särgen, die man jederzeit in großem Vorrathe fertigt, kommt ein beſon⸗ deres bräunliches Holz; ſie werden vorn und hinten von gleicher Weite, und ſo dicht gemacht, daß kein Geruch durchdringen kann.— Die Lackirer hält man für die beſten in der Welt. Dieſen Ruf verdanken ſie jedoch nicht allein ihrer Geſchicklichkeit, ſondern hauptſächlich der natürlich guten Eigenſchaft der chine⸗ ſiſchen Firniſſe. Außer der beſtellten Arbeit haben ſie allerlei Waaren von Holz und Blech, z. B. Schränke, Tiſche, Stühle, Theebreter, Doſen zu Thee und Zucker, Leuchter und mehr dergleichen, jederzeit in Menge vorräthig.— Die Steinhauer liefern Waſſertröge, Grab⸗ und Mühlſteine. Von letztern gibt es zwei Arten; die eine gleicht der unſrigen, die andere einem Mörſer.— Die Müller in Canton, welche meiſtens nur aus Reis, ſelten aus Weizen, Mehl und Grütze bereiten, enthülſen die Körner auf einer Handmühle, und ſtampfen ſie dann in dem eben genannten Mörſer. Den Stößel ziehen ſie mit einem in der Höhe befeſtigten Hebebaum auf, und laſſen ihn dann plötzlich herabfallen. Das Geſtoßene laſſen ſie nach und nach durch verſchiedene Siebe laufen, ſo daß man groben und feinen Grütze und auch Mehl erhält.— Die Branntweinbrenner verfertigen nur eine Art Reisbranntwein, den man Samſu nennt. Er hat einen für den Europäer widrigen, und ſo ſtarken Geruch, daß die Wirthshäuſer ſich ſchon von weitem dadurch ankündigen, und mithin keines Schildes bedürfen. Man darf ihn daher nicht für ein dem Arack ähnliches Getränk halten, wozu es 1 ohnehin den Chineſen an den erforderlichen Kokosnüſſen fehlt.— Die Schmiede liefern keine ſehr dauerhafte Arbeit, weil ſie dieſelben mehr mit Hülfe der Hitze, als des Hammers verfertigen.— Deſto geſchickter ſind die Arbeiter in Kupfer, Zinn und mehren zuſammengeſetzten Metallen, z. B. dem Packfong. Von ihren künſtlichen Erzeugniſſen, die ſehr mannichfaltig ſind, erwähne ich blos eine Art meſſingener Windbüchſen, welche die europäiſchen übertreffen.— Die Seiden⸗ und Baumwollwebereien werden meiſtens von den Frauen betrieben, daher ſie ſich immer in den hinterſten, geheimen Theilen der Gebäude, und folglich außer dem Geſichtskreiſe des Europäers befinden. Ich bekam indeß eines Tages eine Seidenfabrik zu ſehen. Da aber die Weberinnen abweſend und ihre Stühle nicht im Gange waren, ſo blieb mir das Verfahren bei der Arbeit unbekannt. Der Bau der Stühle war äußerſt künſtlich, und ſchien auf ſehr verſchiedene Arbeiten berechnet. Uebrigens ſind die Seidenwaaren der Chineſen zu bekannt, als daß die Geſchicklichkeit der Verfertiger meines Rühmens bedürfte.— Die chineſiſchen Färber liefern nichts Vorzügliches. Ihre Farben ſtehen, mit Aus⸗ nahme der ſchwarzen und violetten, welche bei der Nation die beliebteſten ſind, ſowohl in Hinſicht der Dauer, als der Schönheit weit hinter den indiſchen.— Die Hutmacher verfertigen feinere und gröbere Hüte aus Bambus oder aus Reisſtroh. Mannshüte flechten ſie Anfangs wie Matten, und klopfen ſie nachher in der Mitte, ſo daß eine Art Trichter entſteht. Der Kopf zu Weiberhüten, welcher hoch iſt, wird über einer hölzernen Form gemacht.— Die in Canton errichtete Glasfabrik bedarf noch mancher Verbeſſerung; die dortigen Spiegel kann man unſern ſchlechteſten nicht an die Seite ſtellen.— Der Schuhmacher und Schneider habe ich ſchon oben gedacht; hier erwähne ich nur noch, daß er⸗ ſtere bei der Arbeit auf runden Seſſeln, und letztere mit untergeſchlagenen Beinen auf erhöhten Stellen zu ſitzen pflegen, ſo wie ihre Handwerksgenoſſen in Europa zu thun gewohnt waren und zum Theil noch thun.— Die Barbiere beſitzen viel Geſchicklichkeit. Sie haben ſehr kleine, krumm gebogene Meſſer. Wenn ſie einem gemeinen Mann den Kopf ſcheren, ſo nehmen ſie dieſen zwiſchen die Beine.— Es gibt auch beſondere Leute, welche die Naſe, die Ohren und Nägel reinigen, und letztere mit einem Werkzeuge, das dem Hobel gleicht, be⸗ ſchneiden. Zugleich verrichten ſie an denjenigen, die es verlangen, das Geſchäft, den ganzen Körper durch Reiben, Peitſchen u. ſ. w. zu erhitzen, wozu die Chi⸗ neſen, um Stockungen des Blutes zu verhüten, ſehr oft ihre Zuflucht nehmen. Dergleichen Leute ſind an einer Kette zu erkennen, welche mit verſchiedenen, zur Ausübung ihrer Kunſt gehörigen Werkzeugen über die Schultern hängt.— Ueber die Verfertigung des Porzellans, des Firniſſes, Camphers und Alauns, des Puderzuckers, der Tuſche und vieler anderer Dinge, welche die Einwohner von 458 Canton zum Gegenſtand ihres Gewerbfleißes machen, kann ich keine Bemerkungen mittheilen, weil ich nie Gelegenheit fand, mich davon zu unterrichten. Uebrigens wird dasjenige, was ich von den chineſiſchen Handwerkern geſagt habe, hin⸗ reichend beweiſen, daß ſie zwar im Ganzen den unſrigen an Fertigkeit nachſtehen, in vielen Stücken aber auch gleich kommen, und in einigen ſogar überlegen ſind. Was den Ackerbau betrifft, ſo konnte ich keine genaue Kenntniß davon erlangen, weil Spaziergänge außerhalb der Vorſtädte von Canton für den Eu⸗ ropäer mit Schwierigkeiten verknüpft ſind. Ich machte nur einen einzigen, und ſah dabei nichts, als daß auf den Reisfeldern die Landleute, tief im Schlamme wadend, bemüht waren, die nach der Ernte zurück gebliebenen Stoppeln unter die Erde zu bringen, wobei einige einen mit Ochſen, oder mit Büffeln beſpann⸗ ten Pflug, andere Hacken gebrauchten. Man lernt indeſſen die Sorgfalt, welche in China auf die Bearbeitung der Felder verwendet wird, ſchon in der Stadt kennen, weil nicht nur die oben erwähnten armen Leute den Unrath auf den ſich mit der Bereitung des Düngers kunſtmäßig beſchäftigen. Letztere kaufen dasjenige, was erſtere zuſammengetragen, auf. Dahin gehören nicht nur der Koth und Urin von Menſchen und Thieren, der Abfall von Früchten, verfaultes Holz und alle Arten Aſche, ſondern auch Knochen, altes Pelzwerk, alte Schuhe, Lumpen, todte Thiere, abgeſchnittene Nägel, Bart⸗ und Kopfhaare u. m. a. Alle dieſe Dinge werden, nachdem man die im Urin nicht auflösbaren zu Aſche verbrannt hat, in ausgemauerte, mit Dächern überdeckte Behälter geſchüttet. Man pflegt ſie fleißig umzurühren und zu ſtampfen, bis endlich das Ganze auf⸗ gelöſt und einem dünnen Brei ähnlich iſt, was gewöhnlich den Zeitraum eines Jahres erfordert. Solcher Dünger wird in dichten Fäſſern an die Landleute verſendet, und theuer bezahlt. Es gibt aber auch wohlfeilern, den man zwar auf dieſelbe Weiſe behandelt, aber nicht ſo lange in den Gruben hält, daher er, wie der in Deutſchland gebräuchliche, erſt auf den Feldern die Fäulniß vollendet. Es iſt übrigens bekannt, daß die Chineſen zum Beſten des Ackerbaues unge⸗ heure Arbeiten unternehmen und ausführen. Oft tragen ſie ganze Berge ab, um den Boden zu verflächen, Sümpfe auszufüllen, oder fruchtbares Erdreich zu gewinnen. Ihre Anſtalten, das Land durch Kanäle zu bewäſſern, verdienen die größte Bewunderung. Da jedoch ihr unermüdlicher Fleiß von keinem Eifer, die Kenntniſſe durch Anſtellung neuer Verſuche zu erweitern, geleitet wird, ſon⸗ dern ſich blos auf die Ausübung längſt erworbener Fertigkeiten beſchränkt, ſo ſind ihnen noch viele Kunſtmittel fremd, dergleichen der europäiſche Landmann zur Vermehrung und Veredlung ſeiner Erzeugniſſe anwendet. So viſſen ſie z. B. nichts von dem Verſetzen, Beſchneiden und Pfropfen der Bäume. Straßen und in den Häuſern unermüdet ſammeln, ſondern auch wohlhabende 44 8 42— Der Charakter der Chineſen iſt im Ganzen nicht lobenswerth. Ihre vorzüg⸗ lichſten Tugenden beſtehen in der Liebe zur Thätigkeit, und in dem unbedingten Gehorſam gegen die Aeltern und Vorgeſetzten. Auch iſt ihnen Genügſamkeit im Eſſen und Trinken und eine bewundernswerthe Geduld in Ertragung von Be⸗ ſchwerden eigen. Nie ſieht man unter ihnen einen Berauſchten. Ein armer Mann, welcher den ganzen Tag die ſchwerſten Arbeiten verrichtet, äußert nie Unzufrieden⸗ heit mit ſeinem Schickſal, wenn er ſich nur am Abend mit einem Topf voll Reis und einer Schale Thee erquicken kann. Gern duldet er alle Bedrückungen, wenn er ſo viel erübrigt, um ſich bei Lebzeiten einen Sarg und eine Grabſtätte erkaufen zu können. An dieſe guten Eigenſchaften reihen ſich aber auch alle die fehlerhaf⸗ ten, die von einem abergläubiſchen und ſklaviſch behandelten Volke zu erwarten ſind. Der Charakter des Chineſen iſt, wie ſeine Haͤuſer, verſteckt, und voll Winkelzüge wie die Gaſſen ſeiner Städte. Er ſucht ſein Eigenthum zu verber⸗ gen, aus Furcht von den Mandarinen darum gebracht zu werden, und ſinnt be⸗ ſtändig auf Mittel, um dasjenige, was man ihm mit Gewalt raubt, liſtiger Weiſe wieder zu erlangen. Es iſt unglaublich, wie die Menſchen in China, von den vornehmſten bis auf den niedrigſten, einander drücken und quälen. Als Beiſpiel erwähne ich nur Folgendes: Die Leute in den Fahrzeugen, welche die europäiſchen Schiffe bewachen, haben von dem Waſchen und Ausbeſſern der Kleider und Wäſche, und von andern Dienſten, die ſie der Schiffsmannſchaft erweiſen, einen beträchtlichen Gewinn. Allein, ſie müſſen mehr als die Hälfte davon ihrem Mandarin abgeben, der ſich jederzeit damit entſchuldigt, daß ſein Vorgeſetzter dasſelbe von ihm verlangt. Solchergeſtalt konnte es nicht fehlen, daß Geiz und Habſucht, Liſt, Betrüglichkeit und Mißtrauen in der Denk⸗ und Handelsweiſe der Nation tiefe Wurzeln faßten. Daher ſchreibt ſich auch ihre große Neigung zum Handel. Der gemeine Mann, welcher den ganzen Tag arbeitet, läuft am Abend durch die Gaſſen, um noch etwas zu verhandeln und Gewinn daraus zu ziehen. Die Furcht, worin die Chineſen durch die Strenge der Beamten beſtändig erhalten werden, mußte nothwendig die größte Feigher⸗ zigkeit bei ihnen erzeugen. Muth haben ſie nur bei Betrügereien und beim Diebſtahl. Wenn chineſiſche Schiffe auf der See von Stürmen überfallen wer⸗ den, ſo gerathen die Mannſchaften außer ſich vor Angſt, und erwarten unthätig und auf den Knieen liegend ihr Schickſal. Die Soldaten— welche, ſo viel ich geſehen habe, bl los durch hohe Mützen ſich von den andern Ständen unterſchei⸗ den,— können kaum auf dieſen Namen Anſpruch machen. Sie dienen blos zur Erhaltung der innern Ruhe. Gegen einen äußern Feind ſind ſie faſt gar nicht zu gebrauchen, was die glücklichen Einfälle der Tataren und die Kriege mit den Indiern ſattſam bewieſen haben.— So wurden z. B. im vorigen 460 Jahrhunderte 100,000 Mann von 25,000 Birmanen in die Flucht geſchlagen und auf derſelben vernichtet. Uebrigens läßt ſich die Feigheit des chineſiſchen Volks ſchon aus dem Umſtande erkennen, daß die Soldaten mit keiner andern Waffe, als mit Peitſchen Schildwache ſtehen. Man kann behaupten, daß ein Heer von 50,000 entſchloſſenen Europäern hinreichend iſt, ganz China mit ſeinen 150 Millionen Einwohnern zu unterjochen; und dieſes würde ſchon längſt von ſeinen Nachbarn zerſtückelt worden ſein, wenn es nicht, außer ſeiner 300 Meilen langen Mauer, an allen Seiten entweder vom Meere, von Sand⸗ wüſten, oder unzugänglichen Gebirgen begrenzt und geſchützt wäre. Auch ihre jetzige Revolution beweiſt gerade nicht das Gegentheil, da ſie nur gegeneinan⸗ der kämpfen. 3 Da es den Chineſen an Muth gebricht, ſo ſuchen ſie auf eine heim⸗ tückiſche Art Rache zu nehmen. Verſöhnlichkeit iſt ihnen eben ſo fremd, als Mitleid und Großmuth. Wohlthaten erweiſen ſie nie ohne Eigennutz, ſo wie ſie für empfangene nie wahre Dankbarkeit empfinden. Eine ihrer unglücklichſten Leidenſchaften iſt die grenzenloſe Eiferſucht, welche ſchon manchem unſchuldigen Weibe das Leben gekoſtet, und eine Reihe von Verbrechen nach ſich gezogen hat. Sie gründet ſich nicht nur auf das Mißtrauen, welches ſie in jeder Hinſicht gegen Andere hegen, ſondern hauptſächlich auch auf ihre wollüſtige Gemüthsart, die überdem nicht ſelten die unnatürlichſten Laſter erzeugt. Bei dem allen benehmen ſich die Chineſen im Umgange mit Andern ſehr anſtändig, und zeigen Witz und gute Laune, aber auch kleinliche Neugierde, Eigenſinn und Hochmuth gegen Geringere. Den Geſetzen des Landes gemäß, ſind ſie voll umſtändlicher Höflichkeit. Die Art der Begrüßung iſt mannichfach, und richtet ſich nach der Verſchiedenheit der Stände. Die gewöhnlichſte beſteht darin, daß man die Hände geballt und über einander auf die Brnſt legt, dann mit einer Verneigung des Kopfes ſenkt, und endlich, ſie wieder aufhebend, lang⸗ ſam und feierlich„Sin! Sin!“ ſpricht. Um Vornehmen die gebührende Ach⸗ tung zu erweiſen, fallen die Geringern auf die Kniee. Zwei Freunde, die nach einer langen Trennung wieder zuſammen kommen, umarmen einander, und knieen gemeinſchaftlich nieder, was ſie bisweilen neunmal wiederholen, bevor es zu Worten kommt. Niemand würde, ohne vollſtändig angekleidet zu ſein, ſeinen Wirth und Gaſt wohl eine Viertelſtunde um die Ehre des Vorangehens, obſchon letzter jederzeit nachgeben muß. Nach dem Eintritt nimmt dieſer nicht eher auf einem Stuhle Platz, oder rührt die dargebotenen Erfriſchungen an, bis eine dreimalige Aufforderung an ihn ergangen iſt. Auch müſſen eine Menge vorge⸗ ſchriebener, nichts ſagender Redensarten gewechſelt werden, ehe das Geſpräͤch 8 beßten Freund im Hauſe empfangen. An der Thür des Zimmers ſtreiten ſich — 46 auf einen willkührlichen Gegenſtand, oder auf den Zweck des Beſuchs, wenn er auch von der größten Wichtigkeit wäre, übergehen darf. Noch mehr Förmlich⸗ keiten erfordern Gaſtereien, wovon ich weiter unten ſprechen werde. Den Fremden behandeln die Chineſen mit ſcheinbarem Wohlwollen, das ſogar in Gaſtfreiheit übergeht, wenn ſie einigen Gewinn von ihm zu ziehen hoffen; daher er gewöhnlich von den Kaufleuten, ehe der Handel beginnt, mit Thee oder Wein, mit Gebackenem oder Eingemachtem bewirthet wird. Deſſen ungeachtet laſſen ſie bei jeder Gelegenheit den Eigendünkel und die Selbſt⸗ genügſamkeit ihrer Nation blicken. Sie ſind z. B. bereitwillig, Auskunft in Hinſicht ihres Landes zu geben, weil ſie gern von den eingebildeten Vorzügen desſelben ſprechen; aber ſelten äußert einer das geringſte Verlangen, von der⸗ Heimath des Ausländers etwas zu hören. Aus dem Grunde dürfen auch die Einwohner im Innern des Landes nicht einmal wiſſen, daß die von Canton kommenden Waaren europäiſche ſind, denn ſonſt würde man dieſelben aus Ver⸗ achtung gegen alles Ausländiſche nie kaufen. Sie gehen daher unter dem Namen„Cantoner“, und man glaubt, daß ſie inländiſche Erzeugniſſe ſind. Von dem Pöbel in Canton muß der Europäer ſich viel Unarten gefallen laſſen, beſonders in den von den Factoreien entfernten Stadttheilen, wo ſeine Erſcheinung großes Aufſehen erregt. Nicht ſelten wird er dort von den Gaſſen⸗ jungen mit einem Regen kleiner Steine bewillkommt. Um auf einer Wanderung durch die Stadt dergleichen Unannehmlichkeiten zu entgehen, iſt es das Rath⸗ ſamſte, beim erſten Wachhauſe, das am Wege liegt, einen Soldaten mitzuneh⸗ men, der ſich gewöhnlich mit einem kleinen Geſchenk für ſeine Bemühung begnügt. Mit Hülfe eines ſolchen Begleiters und ſeiner gefürchteten Waffe, der Peitſche, kommt man unbeläſtigt durch die größte Volksmenge, und genießt überdem des Vortheils, kein Mißtrauen zu erregen, und faſt überall freien Zu⸗ tritt zu erhalten, was außerdem nicht Statt finden würde. Außerhalb der Stadt darf der Europäer keinen Spaziergang machen, ohne am äußerſten Thore von einem Soldaten in Empfang genommen und wieder zurück gebracht zu werden. 9. Lebensweiſe der Chineſen.— Speiſen und Getränke, ſo wie die Tiſchgebräuche— die beſondern Ge⸗ bräuche bei Gaſtmahlen, nebſt der ausführlichen Beſchreibung eines ſolchen. Schauſpiele. Karten⸗ und andere Spiele. Beſtrafung der Verbrechen. Begräbniſſe. Klima. Rückreiſe nach England. Ich gehe nun zur Lebensweiſe der Chineſen über, und mache den Anfang mit ihren ehelichen Verhältniſſen. Es iſt ſchon erwähnt worden, daß die Väter 462 eine unbeſchränkte Gewalt über ihre Kinder ausüben. Dies findet beſonders auch bei der Verheirathung derſelben Statt. Man wirbt um eine Gattin für den Sohn, ſchließt den Heirathvertrag wie einen Handel ab, und ſetzt den Tag zur Hochzeit feſt. Die Neigung der jungen Leute kommt hierbei nicht in Be⸗ tracht; nue der Eigennutz entſcheidet, da zumal die Töchter nicht ausgeſtattet, ſondern für eine gewiſſe Geldſumme verkauft werden. Nicht ſelten verabredet man die Ehen der Kinder, wenn ſie noch klein ſind, ſie mögen dann gebrechlich oder geſund, ſchön oder häßlich ſein. Bis zu dem Tage der Hochzeit bekommt der Bräutigam die Braut nicht zu ſehen. Er empfängt dieſelbe an der Haus⸗ thür, und übergibt ſie ſeiner Mutter, worauf er die eingeladenen männlichen Gäſte in einem beſondern Zimmer bewirthet. Bei ſolchen Gelegenheiten iſt das ganze Haus in⸗ und auswendig mit Blumenkränzen und Fahnen geſchmückt, und tönt von dem lärmenden Spiel der Muſikanten wieder. Auch auf den Schampanen feiert man die Hochzeiten auf ähnliche Weiſe. 3 Die Vielweiberei findet in der Regel bei den Chineſen nicht Statt. Nur den Vornehmen iſt ſie erlaubt; doch dürfen diejenigen, welche im vierzigſten Jahre noch keine Kinder haben, neben der rechtmäßigen erſten Frau, eine zweite oder dritte nehmen, um den Stamm nicht erlöſchen zu laſſen. In jedem Fall genießt die erſte beſondere Rechte vor den übrigen. Die Söhne werden, un ſich mit ihrer Mutterſprache, den Schriftzeichen, Sitten u. ſ. w. bekannt zu machen, frühzeitig in die Schulen geſchickt, deren Anzahl in Canton bedeutend iſt. Auch hält man ſie in einem frühern Alter, als es bei den Europäern geſchieht, zu nützlichen Beſchäftigungen an. Daher werden viele Künſte, deren Ausübung keine vorzügliche Körperkraft erfordert, großen Theils von Knaben betrieben. So beſtehen z. B. die Gehülfen eines Malers, oder eines Arbeiters in Perlmutter meiſtens in Kindern unter zwölf Jahren. Die Mädchen erhalten den Unterricht im Spinnen und Weben, ſo wie in andern weiblichen Verrichtungen von den Müttern, welche ſie zugleich mit den Pflichten ihres Geſchlechts bekannt machen, z. B. die Schwiegerältern zu ehren, dem Manne gehorſam zu ſein u. ſ. w. Aus der Art und Weiſe, wie die Chineſen ſich verheirathen, kamn man leicht ſchließen, daß zwiſchen Eheleuten keine wahre Zärtlichkeit und Achtung Statt findet. Der Mann betrachtet und behandelt ſeine Frau wie eine Skla⸗ vin, da ſie zumal durch die Geſetze ſelbſt gegen die größten Mißhandlungen nicht geſchützt iſt. Zu dieſer Geringſchätzung geſellt ſich noch eine heftige Eifer⸗ ſucht. Die meiſten Männer leben, um ihre Frau keinem Fremden ſehen zu laſſen, vom Morgen bis zu der Abendſtunde, wo das Haus geſchloſſen wird, getrennt von ihren Familien, indem ſie in beſondern Gemächern arbeiten, eſſen und 4 4 4 463 trinken, und ihr Gebet verrichten; daher es denn kommt, daß ſie von den Ihri⸗ gen nie wahrhaft geliebt, ſondern mehr gefürchtet werden. So ſelten in China das häusliche Glück iſt, eben ſo wenig wird auch das Leben auf andere Weiſe gewürzt. Von öffentlichen Vergnügungen weiß man faſt nichts; denn in einem Lande, wo die Zierden der Geſellſchaft, die Frauen, fehlen, haben ſie keinen Reiz. Aber auch Zuſammenkünfte in den Häuſern ſind etwas Seltenes, weil nicht nur Eiferſucht, ſondern auch Geiz und die Umſtänd⸗ lichkeit, welche mit Beſuchen verknüpft iſt, alle Geſelligkeit verbannen. Gaſte⸗ reien kommen nur bei Hochzeiten, bei der Geburt eines Sohnes und andern wichtigen Ereigniſſen vor. Obgleich Naturerzeugniſſe aller Art und im Ueberfluſſe nach Canton ge⸗ bracht werden, ſo führen doch die Einwohner eine einfache Lebensweiſe im Eſſen und Trinken. Bei jeder Mahlzeit macht dicker, in Waſſer gekochter Reis das Hauptgericht aus. Des Mittags kommt noch eine kleine Schüſſel Fleiſch oder Fiſch, ſo wie eine mit Gemüſe hinzu, welches blos in Waſſer gekocht, und trocken aufgetragen wird. Da man das Fleiſch faſt immer röſtet, ſo ſind in der Regel Suppen oder Brühen nicht gewöhnlich. Bei den übrigen Mahlzeiten begnügt man ſich mit Reis und kleinen Stücken Speck oder mit Früchten. Eben ſo einfach, wie die Speiſen, iſt auch das Tiſchgeräth. Tiſchtücher und Servietten ſind nicht gebräuchlich; die Stelle der letztern vertreten die Schnupf⸗ tücher. Salz und Gewürze werden nicht auf den Tiſch geſetzt. Da alle Fleiſch⸗ und Fiſchgerichte ſchon in der Küche klein geſchnitten, und Suppen oder Brü⸗ hen nicht genoſſen werden, ſo bedarf man weder Meſſer und Gabeln, noch Löf⸗ fel. Auch die Teller wiſſen die Chineſen zu entbehren. Sie thun mit einer hölzernen Kelle den Reis aus der Schüſſel in eine Theeſchale, führen dieſe mit der Linken nach dem Munde, und bringen mittels zweier Griffel von Elfenbein oder Horn, die man zwiſchen den Fingern der rechten Hand hält, den Reis an den Ort ſeiner Beſtimmung. Auf dieſelbe Weiſe verfahren ſie mit dem grünen Gemüſe, das zu gleicher Zeit mit dem Reis gegeſſen wird. Die Stückchen Fleiſch oder Fiſch, wovon man dann und wann einen Biſſen nimmt, werden mit den Griffeln, wie mit einer Zange gefaßt. Das gewöhnliche Getränk iſt, ſowohl bei Tiſche als zu den übrigen Tageszeiten, Thee ohne Milch und Zucker. Man gebraucht hierzu kupferne Keſſel, welche, um ſie warm zu halten, in höl⸗ zernen Fäßchen ſtehen. Kaffee und Chocolate ſind ganz unbekannt. Waſſer trinken die Einwohner von Canton nie, weil deſſen ſchlechte Beſchaffenheit nur durch das Kochen, und durch die Vermiſchung mit Thee verbeſſert wird. Nach der Mahlzeit trinken ſie gewöhnlich eine Schale gewärmten Samſu, bisweilen auch ſo genannten Mandarinenwein, ein widerlich herbes Getränk, das man — 464 aus wilden Trauben bereitet. Die von den Europäern eingeführten Weine kommen nur bei den Vornehmen, den reichen Kaufleuten, und bei feierlichen Gaſtmahlen auf den Tiſch. Große Speiſetiſche findet man in China nicht; denn Jeder ſitzt, wenn auch Mehre zuſammen eſſen, an einem beſondern Tiſchchen. Die armen Leute auf den Schampanen, welchen es in der Regel an Tiſchen und Stühlen fehlt, haben die Gewohnheit, beim Eſſen zu kauern. Sie ſchließen um ihre Töpfe, die auf das Verdeck niedergeſetzt werden, einen Kreis, und verzeh⸗ ren auf die beſchriebene Art eine Schale voll Reis nach der andern. Die Zu⸗ ſpeiſe beſchränkt ſich meiſtens auf Stückchen Speck, auf kleine Fiſche, Waſſer⸗ gewürme, oder rohe Früchte. Uebrigens fehlt es den Chineſen faſt nie an gutem Appetit, weil die Verdauung der Speiſen durch das viele Theetrinken ſehr be⸗ fördert wird; daher ſie auch täglich vier ſtarke Mahlzeiten halten. So einfach die gewöhnlichen Mahklzeiten der Chineſen ſind, ſo ſehr lieben ſie Prunk und Verſchwendung bei Gaſtereien. Da ich hierüber aus eigener Er⸗ fahrung nicht ſprechen kann, ſo theile ich die Beſchreibung mit, die unſer Schiffs⸗ kapitän von einem Gaſtmahl machte, wozu er, nebſt noch zwei andern Eng⸗ ländern, eines Tages vom engliſchen Comprador gezogen wurde. Die Wände des Speiſeſaales waren mit ſchönen, bunten Tapeten bekleidet, und mit Gemäl⸗ den und Kränzen von künſtlichen Blumen geziert. Zu beiden Seiten ſtand eine Reihe kleiner Tiſche, und hinter jedem ein Armſtuhl, mit der Lehne gegen die Wand gekehrt. Die Tiſche waren an der Vorderſeite mit prächtig geſtickten Vorhängen verſehen. Zvpiſchen dieſelben hatte man Töpfe mit wohlriechenden Gewächſen, und auf das Erdreich niedliche Figuren von Porzellan geſtellt. Einige der letztern, in deren Nähe unſer Kapitän zu ſitzen kam, hatten Aehnlich⸗ keit mit den Bildern, die wir von Adam und Eva nach dem Sündenfall zu machen pflegen. In den vier Ecken des Saales befanden ſich Tiſche mit ein⸗ ladenden, zierlich aufgethürmten Speiſen, die aber, als bloße Schaugerichte, nicht angerührt wurden. Der Saalthür gegenüber befand ſich der Eßtiſch des Wirthes, auf einem hohen Fußtritt und umgeben mit Schenktiſchen, worauf Wein und Trinkgeſchirr ſtanden. Der Platz in der Mitte des Zimmers war völlig frei. Um das Ganze noch mehr zu erheben und feierlicher zu machen, hatte man, obſchon am hellen Tage, die Fenſter zugemacht und glänzende Lam⸗ pen angezündet, die an ſeidenen Schnüren vom Sparrwerk des Daches herab hingen. Jeder ankommende Gaſt wurde von der lärmenden Muſik der Gun⸗ gungs, Trommeln, Trompeten u. ſ. w. bewillkommt. Bei ſeinem Eintritt nahm ihn der Wirth in Empfang. Die gegenſeitige Bezeigung von Höflichkeiten war ſo umſtändlich, daß ſie wohl eine Stunde dauerte, obſchon die ganze Geſellſchaft nur aus ſieben Chineſen und drei Engländern beſtand. Endlich führte der — 465 Hauswirth Jeden auf ſeinen Platz. Ein Greis— denn in China gebührt dem Alter jederzeit der Vorrang,— erhielt den oberſten, d. i. den nächſten an der linken Seite des Wirthes. Nachdem Alle ſich geſetzt hatten, trat der Wirth vor ſeinen Tiſch, und goß mit ernſter Miene und feierlichem Anſtand etwas Wein auf die Dielen, worauf er der ganzen Geſellſchaft eine tiefe Verbeugung machte. Gleich nachher gab der Sohn des Hauſes einen Credenzteller mit Theeſchalen voll Wein herum, wobei er ſich vor jedem Gaſt auf das linke Knie niederließ. Die Chineſen nahmen ihre Schalen mit beiden Händen, hielten ſie erſt hoch empor, hierauf unter den Tiſch, und tranken ſie ſodann aus. Zu gleicher Zeit überreichten die Diener Jedem zwei elfenbeinerne, mit Silber ausgelegte Grif⸗ fel, worauf auch die Speiſen in Schalen nach einander aufgetragen wurden. Man ſchätzte ihre Anzahl auf zwanzig. Die erſte und jede fünfte waren Sup⸗ pen verſchiedener Art. Die darin befindlichen Schnecken, die Stückchen Fiſch, Krebs, Fleiſch u. ſ. w. nahm man mit den Griffeln heraus, um ſie zuerſt zu eſſen, worauf die Brühe aus der Schale getrunken wurde. Die übrigen Ge⸗ richte beſtanden meiſtens aus gebratenem, in ſo kleine Biſſen zerſchnittenem Fleiſche, daß man oft die Gattung desſelben nicht unterſcheiden konnte; daher unſere Engländer nur wenig davon genoſſen, aus Furcht, man möchte ihnen, neben dem Fleiſche von Schweinen, Hammeln, Enten, Gänſen und Hühnern, welches ſie leicht erkannten, auch das von Pferden und Eſeln, von Hunden, Katzen oder Ratten vorſetzen, welche Fleiſcharten in China für Leckerbiſſen gelten. Ein Gericht, daß ihnen den Appetit gänzlich benahm, waren gebratene, mit einem Teig gefüllte Fröſche, die man, wider die ſonſtige Gewohnheit, ganz gelaſſen hatte. Beim Zerlegen eines ſolchen Froſches verfuhren die einheimi⸗ ſchen Gäſte dergeſtalt, daß ſie ihn an den Beinen faßten, in vier Stücke zer⸗ riſſen, und dann jedes einzeln in den Mund ſteckten. Die Knochen ſpuckte man in eine beſondere Schale. Den Beſchluß des Mahles machte Reis, ſo wie auch Thee, Arack und Wein, welcher letztere überhaupt fünfmal gereicht wurde. Die ganze Mahlzeit dauerte gegen vier Stunden. Während derſelben ſtanden der Wirth und ſein Sohn häufig vom Tiſche auf, um bei den Gäſten herum zu gehen, und ſie zum Eſſen und Trinken zu nöthigen, die ſich jedes Mal weiger⸗ ten, endlich aber tapfer zulangten. Auch wurden die Gäſte die ganze Zeit über nicht nur mit Muſik, ſondern auch von Taſchenſpielern unterhalten, die in der Mitte des Saales ihre Kunſtſtücke machten. Ein wüthender Lärm mit den Gungungs, Trommeln ꝛc. gab der Geſellſchaft das Zeichen aufzuſtehen. Der Gaſtgeber wurde mit ſchmeichelhaften Dankſagungen überhäuft, welcher— dem Herkommen gemäß,— ganz beſchämt zur Thür hinaus und in den Garten eilte, wodurch er zugleich die Gäſte ſtillſchweigend aufforderte, ihm dorthin zu Richter's Reiſen. I. 3 3⁰ * folgen. Nach der Zurückkunft aus dem Garten fanden ſie in einem, von dem vorigen verſchiedenen Saale den Nachtiſch. aufgetragen, der in Früchten, in Zuckerwerk und Eingemachtem, ſo wie in ſtarkem Thee beſtand. An der einen Seite war der Saal ganz offen, und mit einem Austritt verſehen, auf welchem die Geſellſchaft den Abend zubrachte, um ſich an den Schauſpielen zu ergötzen, die beim Schein der Laternen auf dem Hofe aufgeführt wurden. Die theatra⸗ liſchen Vorſtellungen der Chineſen habe ich ſelbſt geſehen, und werde ſogleich mehr davon ſagen. Vorher aber füge ich noch ein paar Worte über Gaſtmahle hinzu. Schon drei Tage zuvor beginnt mittels überſchickter Zettel die Einla⸗ dung, welche den nächſten Tag, und noch eine Stunde vor dem Gaſtmahle wie⸗ derholt wird. Eben ſo läßt ſich der Wirth an den drei darauf folgenden Mor⸗ gen nach dem Wohlbefinden der Gäſte erkundigen, was dieſe jedesmal nicht nur erwiedern, ſondern auch mit einer weitläufigen Dankſagung verbinden. Für Schauſpiele ſind die Chineſen ſehr eingenommen; ohne ſie wird kein Gaſtmahl gegeben, und kein Familienfeſt gefeiert. An allgemeinen Feſttagen veranſtaltet man ſogar Schauſpiele auf öffentliche Koſten, denen Jeder unent⸗ geldlich beiwohnen darf. Die Bühnen beſtehen aus drei oder vier von einer Mauer zur andern, bisweilen quer über die Gaſſe geführten Balken, die mit Bretern belegt ſind, ſo daß man ungehindert unter dem Gerüſte weg gehen kann. Die Stücke, welche aufgeführt werden, ſind kurze, Lachen erregende Auf⸗ tritte aus der Geſchichte, oder dem täglichen Leben. Für den Europäer haben ſie nur in ſo fern einigen Reiz, weil ſie ihn einen Blick in die häuslichen Ver⸗ hältniſſe der Chineſen werfen laſſen, die er außerdem nie kennen lernt. So ſah ich z. B. die Darſtellung eines gebieteriſchen Eheherrn, welcher ſeine Gattin Anfangs mit einem Bambusſtock züchtigte, nachher aber durch ihr Schluchzen und Wehklagen ſo gerührt ward, daß er auf den Knieen um Verzeihuug bat. Ein anderer wurde von ſeinem ſtolzen und herrſchſüchtigen Weibe ſogar mit Ohrfeigen zu den niedrigſten Dienſten gezwungen. Man ſieht hieraus, daß auch die Weiber in China, trotz der tyranniſchen Gemüthsart ihrer Männer, viel über dieſelben vermögen, ja bisweilen die Herrſchaft über ſie gewinnen. Die Schauſpieler, welche meiſtens Knaben ſind, berechnen ihre Kunſt hauptſächlich auf das Gelächter der Zuſchauer, daher ſie ſich in narrenhafte Anzüge kleiden, und dieſelben nie wechſeln, ſo verſchieden auch die Auftritte ſind. Ein Talent zu komiſchen Darſtellungen kann man ihnen jedoch nicht abſprechen. Jede ihrer Handlungen geſchieht nach dem Takte der Muſik, ſie mögen ſprechen, ſingen, tanzen, fechten oder ſterben. Da es übrigens an Couliſſen und theatraliſchen Decorationen gänzlich fehlt, ſo muß die Einbildung des Zuſchauers dabei das Beßte thun, und einen Stuhl bald für einen Berg, bald für ein Haus oder einen . * * ——47‿ 467 Thurm anſehen. Das Muſikchor befindet ſich ebenfalls auf der Bühne; es iſt, außer den oft genannten Inſtrumenten, auch mit Klapperhölzern verſehen, um den Takt anzugeben. Die Chineſen lieben bei Zuſammenkünften das Kartenſpiel; doch iſt es durch die Geſetze ſehr eingeſchränkt. Die Karten, welche, im Verhältniß zu der Länge, nur die halbe Breite der europäiſchen haben, ſind aus Papier, Holz oder Horn gemacht. Eben ſo dienen Würfel bisweilen zur Unterhaltung. Dieſe werden überdem faſt täglich ebrnncht⸗ wenn man die Götzen um Rath fragt, was zu thun oder zu laſſen ſei. Die Chineſen ſpielen auch Dame, und ein Bretſpiel, welches nur zwei Steine, aber eben ſo viel Ueberlegung, wie das Schach erfordert. Die Kinder beluſtigen ſich mit fliegenden Drachen, mit Vögeln und Schmetterlingen von Papier, ſo wie mit Bällen und auf andere Weiſe. Man übt ſich von früher Jugend ah, VPoße Laſten aufzuheben, ſo daß Erwachſene oft 150 Pfund mit ausgeſtrecktem Arm empor halten können. Die Jünglinge ſuchen ſich Gewandtheit beim Schlagen zu erwerben, indem ſie ſechs und mehr ſchwere, mit Sand gefüllte Säcke aufhängen, und dann, in der Mitte ſtehend, dieſelben in Bewegung ſetzen, und ihren Stößen auszuweichen ſuchen. Auch üben ſie ſich, die Muskeln zu ſpannen, um die Hiebe, welche ihnen bei ernſthaften Prügeleien vom Gegner beigebracht werden, weniger zu empfinden. Solche Leibesübungen ſetzen die Chineſen oft bis in's ſpäte Alter fort, ob ſie ſchon in Fällen, die eine Gelegenheit zu ihrer Anwendung darbieten, wenig Vortheil daraus ziehen. Verbrechen werden in China ſelten den Gerichtshöfen zur Unterſuchung vorgelegt, ſondern meiſtens von dem erſten Mandarin, welchem ſie zu Ohren kommen, auf der Stelle beſtraft; auch läßt ſich faſt jedes mit Geld abbüßen. Die gewöhnliche Strafe beſteht in Schlägen mit einer Geißel von geſpaltenem Bambusrohr, daher man einen Schlag mit der Elle, weil dieſes Maß aus demſelben Holze verfertigt wird, für ſchimpflich hält. Diebe führt man überdem mit einem Brete, welches oben den Hals und unten die Hände umſchließt, mehre Tage in der Stadt umher, und ſchneidet ihnen zur fortdauernden Beſchimpfung den Haarzopf ab. Geſchändete Jungfrauen müſſen ſich gefallen laſſen, auf öffentlichem Markte zum niedrigſten Sklavendienſt verkauft zu werden. Gegen Aufrührer wird mit der größten Grauſamkeit verfahren; man läßt ſie z. B. von Pferden zerreißen. Den Todten erweiſt man in China vorzügliche Ehre, und begräbt ſie mit vielem Geldaufwand und Gepränge. Bei einem gewöhnlichen Leichenzuge gehen zuerſt zwei Männer mit Fahnen voraus; dann folgt ein Chor Muſtkanten. Hinter dieſen wird das Götzenbild des Verſtorbenen, welches zu der Feierlichkeit 30* “ 468 friſch vergoldet worden iſt, auf einem prächtigen Palankin getragen, worauf der Sarg kommt, den man auf Bambusſtangen trägt. Den Zug ſchließt ein Heer von Leidtragenden, die großen Theils gemiethet werden. Die Verwandten ſind ganz weiß gekleidet, und die Uebrigen haben den Kopf mit weißen Tüchern ver⸗ hüllt. Wenn der Todte in das Grab geſenkt iſt, ſetzen die Angehörigen zu ſeinem Unterhalte Reis, Thee und andere Lebensmittel auf den Sarg, ſo wie ſie auch einige Geldſtücke darauf legen. Nach der Zeit kommen ſie oft, bis⸗ weilen jeden Morgen, zu dem Grabe, um Opfer darzubringen. In Canton hält man auch auf dem Strom Leichenbegängniſſe, indem der Todte, von den Trauernden begleitet, unter Muſik in sinem Boote hin und her gefahren wird, welches bis an die Spitze des Maſtes mit bunten Laternen erleuchtet iſt. Dies geſchieht viele Abende hinter einander, und nicht ſelten mehre Jahre nach dem Begräbniſſe des Todten. Wenn. gfhid auf Reiſen im Lande ſtirbt, ſo laſſen die Angehörigen ſeinen Leichnaͤm, wenn auch einige hundert Meilen weit, an ſeinen Wohnort bringen. Während der ſo genannten tiefen Trauer, welche ſie⸗ ben Wochen dauert, müſſen dieſelben täglich für den Verſtorbenen beten, opfern und ſtets mit Gedanken an ihn beſchäftigt ſein. Innerhalb der Stadt Jeman⸗ den zu beerdigen, iſt nicht erlaubt. Die Gräber werden, wie ich ſchon oben erwähnte, an den Seiten der Berge gemacht. Sie haben das Anſehen eines Eiskellers; an der Stelle der Thür befindet ſich eine aufgerichtete Steinplatte, in welche die Denkſchrift eingehauen iſt. Ungeachtet Canton im Ganzen ein geſundes Klima hat, ſo ſind dennoch die Einwohner mancherlei Krankheiten unterworfen. Viele werden blind gebo⸗ ren, oder verlieren nach der Geburt ihr Geſicht; und dies ſind die einzigen in Canton geduldeten Bettler, welchen man als Gabe einen Löffel voll Reis zu reichen pflegt. Die Meiſten leiden an Kurzſichtigkeit, ſo wie auch Viele trie⸗ fende Augen oder geſchwollene Augenlider haben. Die Urſache dieſer Uebel wird von den europäiſchen Seeleuten dem häufigen Genuſſe des Reiſes zuge⸗ ſchrieben, was jedoch die Chineſen beſtreiten. Eine Menge Menſchen leidet an Geſchwüren, die ſo bösartig ſind, daß das Fleiſch ſtückweiſe vom Leibe fällt. Man ſieht bisweilen ſolche Leidende, weil ſie keine Kleidung vertragen können, blos in Matten gehüllt. Fieber, Lungenſucht und Auszehrung, ſo wie auch mancherlei durch Ausſchweifungen verurſachte Uebel, kommen häufig vor. Was die Witterung in Canton betrifft, ſo bewirken beſonders die in der Nähe wehenden Monſoons, daß man dort zwei Jahreszeiten, nämlich die naſſe und trockene hat. Wenn die Sonne im September von der Linie gegen Süden geht, wird die Luft nach und nach kühler. Im October und November iſt ſie mit dickem, oft in Staubregen herabfallendem Nebel angefüllt, klärt ſich aber 469 auf, ſobald der Nordoſtmonſoon feſten Fuß gefaßt hat. Nach der Zeit findet heiteres und trockenes Wetter Statt, bis die Sonne, im März, auf ihrer Bahn nach Norden durch die Linie geht. Nach dieſer Zeit fallen häufig ſtarke, mit Gewittern und Stürmen begleitete Regengüſſe, die bis in den Juni anhalten, ſo daß man oft vierzehn regneriſche Tage nach einander zählt. Im Juli und Auguſt iſt das Wetter mehr zur Trockenheit geneigt, im September aber ſehr veränderlich. Uebrigens ſind die Sommer nicht ſo heiß und die Winter ungleich kälter, als in den weſtlichern, unter gleicher Breite gelegenen Ländern, was hauptſächlich die hohen chineſiſchen Gebirge zu bewirken ſcheinen. Ich kehre jetzt zu unſerem Werford zurück. Er ſegelte, von zwei andern engliſchen Schiffen begleitet, am 13. November(1810) von Canton ab. Am 8. December erreichten wir die Rhede von Batavia, und gingen von da, mit der nach England beſtimmten Flotte, am 18. wieder in See. Die Fahrt nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung war, wegen der vielen Gewitter, Stürme, Waſſerhoſen u. ſ. w., die wir auszuhalten hatten, mit vielem Ungemach ver⸗ knüpft, daher die Schiffe ziemlich beſchädigt und die Mannſchaften großen Theils erkrankt am 27. Februar im Hafen der Kapſtadt anlangten. Obſchon mein lange genährter Wunſch, dieſes berühmte Vorgebirge in der Nähe zu ſehen, jetzt erfüllt wurde, ſo konnte ich doch, weil meine Amtsgehülfen meiſtens krank waren, keine Zeit gewinnen, es genau kennen zu lernen. Was ich in der Kap⸗ ſtadt flüchtig bemerkte, iſt ſchon oft von andern Reiſenden ausführlich beſchrie⸗ ben worden. Die geſunde Luft, der ſtärkende Wein und die übrigen trefflichen Lebensmittel bewirkten, daß unſere Kranken gegen das Ende März völlig ge⸗ neſen waren, daher man am 2. April wieder unter Segel ging. Vier Wochen ſpäter erreichten wir die Inſel St. Helena, und ankerten in der St. Jamesbai, um friſches Waſſer einzunehmen. Wir verließen die Inſel am 7. Mai, und ſetz⸗ ten die Reiſe ohne erhebliche Widerwärtigkeiten bis an den Ort unſerer Be⸗ ſtimmung fort. Am 2. Juli 1811 lief unſer Wexford, nach einer Abweſenheit von achtzehn Monaten, glücklich in die Themſe ein. Leipzig, Druck von Gieſecke& Deyrient. —“— duau fiffffffffſfff ffffffſft ſſffffffffff ffffffffffſnſnſin 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 2 — 8 7 “ —