LLTTTTr Cnrhnacar arhrrhrhranarararrrararrrrmrrrn Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. „„„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: ———— auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 1 fl. 8 Kr. 1 fl. 12 Kr. 3 1„— 5 2 8 2„ 50„,„, 45„ 1 6ö= 6⸗ nananannnee hn LaTarTTa annunhnhdhnhnnharnhreharhnararrr rrrrrr —— 4——— T. F. M. Nichters Reiſen zu Waſſer und zu Lande, in den Jahren 1805— 1817. —— Fuͤr 4 die reifere Jugend zur Belehrung, und 4. zur Unterhaltung fuͤr Jedermann. 8 Viertes Baͤndchen. Dritte verbeſſerte und wohlfeile Taſchenausgabe. Dresden und Leipzig,— in der Arnoldiſchen Buchhandlung. 1831. Reiſe 5 von Nantes nach den Antillen, und dann nach Schottland, England und der Inſel Walcheren, mit beſonderer Hinſicht auf den Charakter und die — Lebensart der Seeleute; — von T. F. R. Richter. Dritte verbeſſerte und wohlfeile Taſchenausgabe. Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. 1831. Inhal. 1. Der Verfaſſer begibt ſich von Nantes auf eine Reiſe nach der weſtindiſchen Inſel Guadeloupe. Das franzoͤſiſche Schiff, worauf er ſich befindet, kommt nach einigem Unge⸗ mach gluͤcklich in den Gewaͤſſern der kleinen Antillen an, wird aber bei Marie galante von einer engliſchen Fregatte genommen. Man bringt uns als Kriegsgefangene auf die⸗ ſes Schiff— unſere gute Behandlung daſelbſt. S. 1—7. 2. Die Fregatte ſegelt mit uns nach Roſeau, der Hauptſtadt der Inſel Dominique, wo wir ein anderes Kriegſchiff, eine Brig, beſteigen muͤſſen, um zu der bei Martinique verſam⸗ melten engliſchen Flotte geſchafft zu werden. Einige Be⸗ merkungen uͤber die Stadt Roſeau und das Innere der In⸗ ſel. Unſere Fahrt nach Martiniaue— es ereignet ſich ein ſonderbarer Vorfall unter der engliſchen Schiffsmannſchaft — Anblick der ſchoͤnen Inſel Martinique— Lage und Be⸗ ſchaffenheit der Stadt St. Pierre— ihr Hafen. Bemerkung uͤber die Eigenheiten des Windes auf den Antillen. S. 8— 21. 3. Die Kriegsbrig erreicht die Bucht von Fort⸗Royal, der Hauptſtadt auf Martinique, wo wir die engliſche Flotte und ein kriegeriſches Schauſpiel erblicken. Kurze Erzaͤh⸗ lung der Ereigniſſe, die ſeit der engliſchen Landung auf Martinique Statt gefunden haben, und wie die Sachen bei 8 VI unſerer Ankunft ſtehen. Man bringt uns an Bord des Ad⸗ miralſchiffes, deſſen Mannſchaft im Begriff iſt, ſich zu ei⸗ nem Gefecht vorzubereiten,— daher wir keine ſehr guͤn⸗ ſtige Aufnahme finden. Die Gefahr, in's Gefecht zu kom⸗ men, geht voruͤber, worauf unſere Lage ſehr verbeſſert wird. Erzaͤhlung der kriegeriſchen Begebenheiten, die ſich bis zur gaͤnzlichen Unterwerfung des Eilandes zutragen. S. 22— 32. 4. Beſchreibung des Admiralſchiffs, eines Dreideckers, der den Namen„Neptun“ fuͤhrt. Seine Maſten und die Leute, welche die darauf vorkommende Arbeit verrich⸗ ten. Das Back mit den dort befindlichen Kanonen, An⸗ kern u. ſ. w.— Deſſen Bemannung. Das Kuhl und ſeine Beſtimmung— die großen Boote— die Luken und Trep⸗ pen, welche nach unten fuͤhren— die Windſegel— die Treppen an der Außenſeiee S. 33— 45. 5. Beſchreibung der Schanze mit ihrer Bemannung— das doppelte Rad, womit man ſteuert— Bemerkungen, das Steuern betreffend. Die Kampanje und die darauf befind⸗ liche Mannſchaft— Geſchaͤft des Signalmeiſters und ſei⸗ ner Leute— die Schaluppen. Verſchiedene Beſtimmung der Matroſen auf einem Kriegſchiffe, die in dieſer Hinſicht mit denen auf den Kauffahrern verglichen werden. Farben⸗ anſtrich der aͤußern Theile des Schiffes.... S. 46— 55. 6. Das Innere des Neptun. Die vom Admiral und Schiffs⸗ kapitaͤn bewohnte obere Kajuͤte, mit ihren Kammern, Galerien u. ſ. w. Das obere Kanonendeck— das Gallion— das Hoſpital— Beſchreibung der Kuͤche, nebſt Bemerkungen uͤber das Verfahren, ſuͤßes Waſſer aus dem des Meeres zu machen— die Schmiede— Zubereitung des Kakao. S. 56— 68. VII 7. Fortgeſetzte Beſchreibung des obern Kanonendecks— die Staͤlle fuͤr Federvieh, Schafe und Ziegen— Bemerkung in Betreff anderer Hausthiere— der Behaͤlter fuͤr das, zum taͤglichen Verbrauch beſtimmte, ſuͤße Waſſer— ſtrenge Verordnung, den Verbrauch desſelben betreffend, die den⸗ noch haͤufig uͤbertreten wird— die Mannſchaft auf dem obern Kanonendeck— die Kajuͤte dieſes Decks, welche die obern Offiziere und Beamten bewohnen. S. 69— 77. 8. Das mittlere Kanonendeck— es dient den Matroſen zu Wohnungen— wirthſchaftliche Einrichtung derſelben— das Hintertheil des Decks, welches Kammern fuͤr die Kadetten, die niedern Beamten und einige Unteroffiziere enthaͤlt. Das untere Kanonendeck, wo meiſtens Seeſoldaten und Handwer⸗ ker wohnen— die Winde zum Lichten der Anker und das dabei uͤbliche Verfahren— das Hintertheil des Decks, welches Kam⸗ mern fuͤr den Konſtabler und den Oberzimmermann, ſo wie auch Werkſtaͤtten fuͤr einige Handwerker enthaͤlt. S. 78— 84. 9. Der Schiffsraum. Deſſen oberes Deck oder obere Kuh⸗ bruͤcke— die Schiffpumpen und ihre Einrichtung— die Butt⸗ lerei oder Proviantkammer, und das Verfahren bei Austhei⸗ lung der Lebensmittel. Die untere Kuhbruͤcke— das Schlacht⸗ verband— die Pulverkammer und die beſondern Einrich⸗ tungen, um ſie vor Feuer zu ſichern. Der unterſte Theil des Naums............ S. 35— 90. 10. Die Mannſchaft des Neptun. Beſtimmung des Kapitaͤns, der Lieutenants, der Kadetten, des Schiffers, der Steuermaͤn⸗ VIII ner, des Bootsmanns, Konſtablers, Zimmermanns, der Ma⸗ rineſoldaten ſo wie auch des Proviantmeiſters. S. 97— 106. 11. Mannszucht. Gerichtsbarkeiten. Beſtrafung der Verbre⸗ chen und Vergehungen— die am haͤufigſten vorkommenden. Herrſchende Denk⸗ und Handelsweiſe.. S. 107— 118. 12. Bezahlung und Bekoͤſtigung der Mannſchaft. Die Klei⸗ dung der Ober⸗ und Unteroffiziere, der Matroſen, See⸗ ſoldaten und Beamten..... S. 119— 131. 13. Gewöͤhnliche Lebensordnung. Der oöͤffentliche Gottes⸗ dienſt an Feſttagen. Die dem Schiffsvolk an ſolchen Tagen geſtattete Erholung und Vergnuͤgung... S. 132— 146. 14. Erzaͤhlung einiger Vorfaͤlle, die ſich auf dem Neptun waͤhrend der Anweſenheit des Verfaſſers daſelbſt ereig⸗ nen........... S. 147= 154. 15. Der Verf. wird vom Admirar aus der Kriegsgefangen⸗ ſchaft entlaſſen, und auf einige Zeit in Dienſt genommen, wodurch er Gelegenheit erhaͤlt, die Stadt Fort⸗Royal und ihre Umgebung kennen zu lernen.— Einfluß der engliſchen Herrſchaft auf den Zuſtand von Martinique.— Die franzoͤſiſche Beſatzung dieſer Inſel wird nach Frank⸗ reich eingeſchifft, was bei den auf dem Neptun befindli⸗ chen Kriegsgefangenen die Sehnſucht nach Freiheit ſehr rege macht.— Kurze Erwaͤhnung eines auf dem Neptun veranſtalteten Gaſtmahls... S. 155— 168. 16. Die engliſche Flotte ſegelt ploͤtzlich nach der Inſelgruppe les Saintes, um eine dort eingelaufene franzoͤſiſche Es⸗ cadre anzugreifen. Sie kommt mit derſelben in's Ge⸗ fecht, und verfolgt ſie auf ihrer Flucht bis in den Canal zwiſchen St. Domingo und Jamaika, wo ein Linienſchiff erobert wird. Hierauf trennt ſich die Flotte und geht nach verſchiedenen Beſtimmungen. Der Neptun kehrt allein nach Martinique zuruͤck— wir bekommen auf dieſer Fahrt eine Menge der antilliſchen Inſeln zu ſehen— Be⸗ merkung uͤber den aͤußern Anblick derſelben. S. 169— 180. 17. Der Neptun langt wieder in Martinique an. Man ſchafft nun die darauf befindlichen Kriegsgefangenen nach Bar⸗ bados. Der Verfaſſer wird voͤllig in Freiheit geſetzt, und begiebt ſich, um nach England zu reiſen, auf einen Kauf⸗ fahrer. Einige Bemerkungen uͤber deſſen Mannſchaft, die einer friedlichen Familie gleicht. Abfahrt des Schiffes— ein Vorfall, der es in Gefahr ſetzt, in die Luft geſprengt zu werden— bald darauf wird es ſo leck, daß man genoͤ⸗ thigt iſt, zu deſſen Ausbeſſerung in den Hafen von Morant, einem Flecken auf Jamaika, einzulaufen. S. 181— 185. 18. Der Verfaſſer entſchließt ſich zu einem Ausflug in das Innere des Landes— der Flecken Morant— Schoͤnheit der Landſchaften— gute Beſchaffenheit der Straßen und ihre Lebhaftigkeit— einige Bemerkungen uͤber die Schwar⸗ zen auf Jamaika— Gaſtfreiheit der Einwohner dieſer Inſel— ihr vaterlaͤndiſcher Stolz— Ankunft und Aufent⸗ halt in Kingston— kurze Beſchreibung dieſer Stadt. Von hier unternimmt der Verfaſſer eine Wanderung nach den Ligany⸗Gebirgen— wo er die Bekanntſchaft eines anſaͤſſigen Deutſchen macht... S. 186— 193. 19. Der Verf. kommt nach Morant zuruͤck, findet aber, daß ſein Schiff ſchon abgeſegelt iſt— er begibt ſich daher auf ein anderes Handelſchiff, das nach Leith in Schottland abgeht. Eine Bemerkung uͤber den weſtlichen Paſſatwind und den ihn begleitenden Meeresſtrom. Ankunft in Leith. Kurzer Aufenthalt in der nahe gelegenen Hauptſtadt Edin⸗ burgh. Von hier reiſ't der Verf. zu Lande nach London, und begibt ſich dann nach der von den Englaͤndern genom⸗ menen Inſel Walcheren, von wo er aber in kurzem nach London zuruckkehrt..... S. 194— 198. Q S5 A5 „„=S== 1. Der Verfaſſer begibt ſich von Nantes auf eine Reiſe nach der weſtindiſchen Inſel Guadeloupe. Das franzoͤſiſche Schiff, worauf er ſich befindet, kommt nach einigem Unge⸗ mach gluͤcklich in den Gewaͤſſern der kleinen Antillen an, wird aber bei Marie galante von einer engliſchen Fregatte genommen. Man bringt uns als Kriegsgefangene auf die⸗ ſes Schiff— unſere gute Behandlung daſelbſt. — Der Kaufmann Dupois ſchien nach der Zuruͤckkunft von Isle de France ganz umgeſchaffen, und benahm ſich in ſeiner Vaterſtadt Nantes weit verſtaͤndiger, als bei dem fruͤhern Aufenthalte daſelbſt. Anſtatt, wie damals, mit ſeinem Schiffe zu prunken, und deſſen weitere Beſtimmung daruͤber faſt zu vergeſſen, betrieb er mit Eifer die ihm obliegenden Geſchaͤfte, und wuͤnſchte, da er am Seeleben Geſchmack gefunden hatte, das Feſt⸗ land ſo bald als moͤglich wieder zu verlaſſen. Er faßte den Entſchluß, eine Reiſe nach der Inſel Guadeloupe zu machen, der auch ſogleich ausgefuͤhrt wurde. Was mich betrifft, ſo genoß ich fortwaͤhrend das Bertrauen und die Gewogenheit des Herrn Dupois, aher er mir den Antrag that, ihn unter denſelben Bedingungen, wie vorher, auf ſeiner neuen Fahrt zu . 1 begleiten, was ich, da es meinem Wunſche voͤllig ent⸗ ſprach, mit Freuden annahm. Ich ging mit ihm den 23. November(1808) von bekanntlich der Name ſeines Schiffes,— zu unſerer Aufnahme und zum Abſegeln bereit lag. Am folgen⸗ den Morgen lichtete man die Anker, mußte ſie jedoch, wegen widrigen Windes, am Ausfluſſe der Loire wieder auswerfen. Erſt am 10. December gelangten wir auf das hohe Meer. Das Wetter war, ungeachtet der ſpaͤten Jahreszeit, ſo vortrefflich, daß unſere Fahrt einer Luſt⸗ reiſe glich, und Aller Herzen zu den froheſten Empfin⸗ dungen geſtimmt wurden. Aber ſchon am Abend, als eben die Matroſen im traulichen Kreiſe beiſammen ſa⸗ ßen, und ſich die am Lande beſtandenen Abenteuer erzaͤhl⸗ ten, entſtand ploͤtzlich ein gewaltiger Sturm, der die Maſten umzuſtuͤrzen drohte, und die groͤßte Verwirrung unter der Mannſchaft verbreitete. Dieſes ſtuͤrmiſche Wetter legte ſich zwar am Morgen, erhob ſich jedoch bald von neuem, und hielt fortdauernd an, daher wir ganzer vier Wochen im ſpaniſchen Meere herumtrieben, und die Rauhheit des europaͤiſchen Winters nicht wenig empfanden. Das Uebel wurde durch die Unbehuͤlflich⸗ keit der Schiffleute, die aus lauter neugeworbenen Fran⸗ zoſen beſtanden, noch vermehrt, da die vormalige wohl geuͤbte Mannſchaft, bis auf den Kapitaͤn, uns verlaſſen hatte. Die Daͤnen waren in ihre Heimath zuruͤck ge⸗ Nantes nach Paimboeuf, wo der Oiſeau— dieß war . 3 reiſ't, und die Uebrigen hatten nicht fuͤr gut befunden, ſo bald und ohne das erworbene Geld verthan zu ha⸗ ben, vom Lande zu ſcheiden. Nachdem der milde Himmelsſtrich von Madeira und die Gegend des Paſſatwindes erreicht, auch die Matroſen beſſer abgerichtet waren, ging die Fahrt, wie es auf einer Reiſe nach Weſtindien gewoͤhnlich iſt, ſchnell und angenehm von Statten. Bei hellem, taͤglich waͤr⸗ meren Wetter fuhren wir, faſt ohne ein Segel zu ver⸗ ruͤcken, auf den ſanft rauſchenden Wogen dahin, waͤh⸗ rend Delphine und fliegende Fiſche um unſer Schiff ſpielten. Es war am 2. Februar, als die erſten Merkmale von der Naͤhe der weſtindiſchen Inſeln ſich zeigten. Der Dunſtkreis im Weſten verdickte ſich, und es ſtroͤm⸗ ten uns von dort aromatiſche Duͤfte entgegen; auch ſprangen aus dem Waſſer viel fliegende Fiſche, von der Art, die im karaibiſchen Meere, beſonders oſtwaͤrts von Barbados lebt, und von den Seeleuten„fliegende Karaiben“ genannt wird. Bei Sonnenuntergang er⸗ blickten wir am weſtlichen Horizont die Antillen, wie eine Reihe ſchwarzer Puͤnktchen. Als der Morgen graute, erſchienen ſie, mit Nebel umhuͤllt, in unbe⸗ traͤchtlicher Ferne. Wir erreichten bald die Inſel Marie galante, hinter welcher Guadeloupe, das Ziel unſerer Beſtimmung, mit ſeinen hohen Bergen hervorragte, Der Anblick des Landes erregte lauten Jubel unter der Schiffsmannſchaft. Sie ſah die Reiſe, die nur noch 1* 4 einige Stunden dauern konnte, fuͤr ſo gut als been⸗ digt an, und traͤumte ſich ſchon im Genuß der Ergoͤtz⸗ lichkeiten, wozu die herrlichen Pflanzungen einzuladen ſchienen. Auch Herr Dupois nahm Theil an der vor⸗ eiligen Freude, und begann beſonders uͤber das Gluͤck zu frohlocken, daß uns ſeit der Abfahrt von Nantes kein engliſches Schiff aufgeſtoßen war. Aber oft iſt die Gefahr am naͤchſten, wenn man ſie am entfernteſten glaubt; und waͤhrend Dupois noch von den feindlichen Kreuzern ſprach, erſchien ploͤtzlich eine engliſche Fregatte. Sie hatte uns in der Nacht ausgeſpaͤht, ſich dann hinter einigen Klippen bei Marie galante verborgen, und eilte nun, als wir unbefangen voruͤber ſchifften, mit vollen Segeln auf uns zu. Die Beſtuͤrzung der Franzoſen war zu groß, um in Zeiten auf ihre Flucht— denn nichts anderes konnte ſie retten,— bedacht zu ſein; unthaͤtig und wie an allen Gliedern gelaͤhmt, ſtanden ſie da und ſtaunten, ihren Blicken kaum trauend, das furchtbare feindliche Schiff an. Endlich erholten ſie ſich von ihrem paniſchen Schrecken, und boten alle Kraͤfte auf, um mehr Segel beizuſetzen. Allein, als ob das Schickſal unſer Ungluͤck beſchloſſen haͤtte, faſt alle Bemuͤhungen mißlangen, denn bald zerriß dieſes bald jenes Tau, und kurz, alle Umſtaͤnde verbanden ſich, die Flucht unmoͤglich zu ma⸗ chen. Das uns verfolgende Schiff ruͤckte ſchnell naͤher. Als es in Schußweite war, thaten unſere Leute einige Kanonenſchuͤſſe, in der Hoffnung, ihm das Takelwerk 2 5 zu beſchaͤdigen, und dadurch der Schnelligkeit ſeines Laufs Einhalt zu thun. Aber auch dieſer Verſuch mißgluͤckte. Wir waren unterdeſſen der Inſel Guade⸗ loupe ſehr nahe gekommen, und konnten den Hafen und die Stadt Baſſe⸗terre deutlich ſehen. Es lagen hier zwei franzoͤſiſche Fregatten vor Anker, und wir hofften Beiſtand von ihnen zu erhalten; doch— ſie blieben in ungeſtoͤrter Ruhe. Es dauerte nicht mehr lange, ſo gewann der Feind unſerem Schiffe den Wind ab, und kam nun, wie im Fluge, vollends heran. Er hatte bis dahin ſtillſchweigend ſich genaͤhert; jetzt wur⸗ den aber einige Kanonen von ihm abgefeuert, um uns zur Unterwerfung zu zwingen. Es waͤröe thoͤrig gewe⸗ ſen, noch kraͤftigere Salven abzuwarten, und der Ue⸗ bermacht Trotz zu bieten; wir ſtrichen daher ſchleunig die Flagge, und riſſen die Segel nieder.— In der groͤßten Verwirrung ließ man alles ſtehen und liegen, und jeder eilte ſeiner Kammer zu, um die Habſelig⸗ keiten, die er beſaß, zuſammen zu packen, und ſich zur Gefangenſchaft vorzubereiten, Es verging keine Minute, ſo erſchienen auch ſchon Englaͤnder am Bord unſeres Schiffes, um davon Be⸗ ſitz zu nehmen. Als ihr Offizier, der Priſenmeiſter, aufs Verdeck trat, ſchrie er uns mit donnernder Stimme zu, augenblicklich in das Boot zu ſteigen. Wer zum Abzug fertig war, ſprang hinab, und die Uebrigen mußten, mit Gewalt dazu getrieben, ſchnell nachfolgen. Nur der Ober⸗Steuermann, der Koch und einige Ma⸗ 6 troſen wurden zuruͤckbehalten, um Auskunft uͤber die Verhaͤltniſſe des Schiffes zu geben, und in der Be⸗ handlung desſelben Beiſtand zu leiſten. Man ſchaffte uns ohne Verzug an Bord der Fregatte. Waͤhrend der Ueberfahrt erfuhren wir von den Ruderern, daß ein ſtarkes britiſches Geſchwader in den Gewaͤſſern der Antillen verſammelt, und gegenwaͤrtig mit der Erobe⸗ rung von Martinique beſchaͤftigt ſei, auch daß man uns zunaͤchſt dahin abliefern werde, wo wir, da ſeit kurzem viele franzoͤſiſche Kauffahrer ein gleiches Schickſal gehabt haͤtten, eine Menge Ungluͤcksgefaͤhrten finden wuͤrden. Bei unſerer Ankunft auf dem engliſchen Schiffe wurden wir von der Mannſchaft auf eine unerwartet freundliche Weiſe empfangen; der Commandant behan⸗ delte uns ſogar mit vieler Artigkeit. Auf den erſten Blick ſcheint dieſes Betragen wenig Lob zu verdienen, wenn man bedenkt, daß die gemachte Priſe ein bedeu⸗ tender Gewinn war, der es gewiſſermaßen zur Pflicht machte, unſer Schickſal auf alle Art zu erleichtern; vergleicht man damit aber die uͤbermuͤthige Behand⸗ lung, welche die Gefangenen auf den Kriegſchiffen an⸗ derer Nationen, trotz der zugefuͤhrten Beute, haͤufig er⸗ fahren, ſo laͤßt ſich die von den Englaͤndern uns bewie⸗ ſene Großmuth gewiß nicht verkennen. Nachdem man unſere Schiffspapiere beſichtigt und unſere Namen aufgezeichnet hatte, erſcholl des Boots⸗ manns kleine Silberpfeife, ein Inſtrument, womit auf 7 den Kriegſchiffen, in vielen Faͤllen, das Zeichen gegeben und dadurch der muͤndliche Befehl erſetzt wird. Jetzt verkuͤndigte der Pfeifenton, daß es Zeit zum Fruͤhſtuͤk⸗ ken ſei; und Matroſen und Soldaten liefen, bunt durch einander, mit ihren Schuͤſſeln und Keſſeln nach der Kuͤche hin.— Der Commandant lud den Herrn Du⸗ pois, ſo wie auch den Kapitaͤn und mich, in ſeine Kajuͤte ein, um mit ihm das Fruͤhſtuͤck einzunehmen. Es ſchien ganz auf die Staͤrkung unſerer geſchwaͤchten Leibes⸗ und Seelenkraͤfte berechnet zu ſein. Thee und Schokolate mit geroͤſteten Butterſchnitten machten den Anfang, worauf Eier und mancherlei Fleiſchſpeiſen, begleitet von Sekt, Madeira und Portwein, in reichli⸗ cher Menge folgten. Unſere uͤbrigen Leute wurden bei den Matroſen bewirthet, und ließen ſich den ſchoͤnen feinen Schiffszwieback mit Butter, ſo wie den Rum und das aus Kakaobohnen bereitete Getraͤnk recht wohl ſchmecken. Aus beſonderer Beguͤnſtigung reichte man ihnen von allen Lebensmitteln volle Seemanns⸗Portio⸗ nen, obſchon nach der engliſchen Marineverfaſſung die Kriegsgefangenen und uͤberhaupt alle, die auf den Schiffen keine Anſtellung haben, ſondern nur transpor⸗ tirt werden, mit zwei Drittheilen ſich begnuͤgen muͤſſen. 2. Die Fregatte ſegelt mit uns nach Roſeau, der Hauptſtadt der Inſel Dominique, wo wir ein anderes Kriegſchiff, eine Brig, beſteigen muͤſſen, um zu der bei Martinique verſam⸗ melten engliſchen Flotte geſchafft zu werden. Einige Be⸗ merkungen uͤber die Stadt Roſeau und das Innere der In⸗ ſel. Unſere Fahrt nach Martiniaue— es ereignet ſich ein ſonderbarer Vorfall unter der engliſchen Schiffsmannſchaft — Anblick der ſchoͤnen Inſel Martinique— Lage und Be⸗ ſchaffenheit der Stadt St. Pierre— ihr Hafen. Be⸗ merkung uͤber die Eigenheiten des Windes auf den Antillen. Die Fregatte lag mit dem Oiſeau auf der Stelle, wo ſie ihn erobert hatte, eine Zeit lang bei, weil es Muͤhe koſtete, die auf demſelben entſtandene Verwirrung zu daͤmpfen. Erſt als das Fruͤhſtuͤck eingenommen war, gab er das Zeichen, daß alles in Ordnung ſei, worauf beide Schiffe unter Segel gingen und nach der engli⸗ ſchen Inſel Dominique ſteuerten. Sie erreichten gegen Mittag die Nordſeite des Ei⸗ landes, und ſchifften dann laͤngs der Kuͤſte ſuͤdwaͤrts hin. Bis jetzt hatten unſere Franzoſen wenig Traurig⸗ keit blicken laſſen. Die Ereigniſſe des Tages waren ſo ſchnell auf einander gefolgt, und nach ihrer Gefangen⸗ nehmung hatte die glaͤnzende Einrichtung des Krieg⸗ ſchiffes ihre Aufmerkſamkeit ſo ſehr beſchaͤftiget, daß ſie zu keiner Beſinnung uͤber ihren Zuſtand gekommen waren. Aber der Anblick der einſamen vulkaniſchen Felſen auf Dominique ſchien ihnen Stoff zum Nach⸗ denken uͤber ihr kuͤnftiges Schickſal zu geben, denn ſie wurden auf einmal ganz niedergeſchlagen. Als der Hafen von Roſeau, der im Suͤden der Inſel liegt, zum Vorſchein kam, bemuͤhten ſich die Englaͤnder, dem Oiſeau eine ſchnellere Bewegung zu geben, um ihn ſobald als moͤglich in Sicherheit zu brin⸗ gen. Es gelang ihnen die Segelkraft desſelben ſo ſehr zu vermehren, daß das Kriegſchiff, ungeachtet es auf gleiche Weiſe ſich anſtrengte, in kurzem zuruͤckgelaſſen wurde, waͤhrend die Mannſchaft dem Schnellſegler mit Wohl⸗ gefallen nachſah, und ihre Verwunderung uͤber die Moͤglichkeit, ihn eingeholt zu haben, laut aͤußerte. Die⸗ ſer Umſtand, der unſere Leute ſehr beſchaͤmte, und des troͤſtenden Gedankens, ihr Ungluͤck nicht verſchuldet zu haben, beraubte, ſchlug ihren Muth noch mehr nieder. Beſonders gab er Veranlaſſung, den Herrn Dupois ſehr uͤbel zu ſtimmen. Dieſer hatte bisher den Ver⸗ luſt ſeines Schiffes fuͤr unvermeidlich gehalten und daher geduldig ertragen, ward aber jetzt, da er ihn als eine Folge von der uUungeſchicklichkeit ſeiner Landsleute be⸗ trachtete, von Schmerz uͤberwaͤltigt. Als die Fregatte auf der Reede von Roſeau an⸗ langte, befand ſich der Oiſeau bereits im ſichern Hafen. 10 Auf ſeinen Maſten wehte die engliſche Flagge, und unter derſelben die franzoͤſiſche— ein Anblick, der in den Herzen unſerer Leute von neuem Gefuͤhle des Un⸗ muths erregte. Die Fregatte ging nicht vor Anker, ſondern legte bloß bei, um die Gefangenen einer klei⸗ nen Kriegsbrig zu uͤbergeben, die beſtimmt war, zu der obenerwaͤhnten Flotte vor Martinique abzugehen. Der auf dem Oiſeau zuruͤckbehaltene Theil unſerer Mannſchaft wurde nun wieder mit uns vereinigt. Auch lieferte man alles noch vorgefundene Eigenthum der Mannſchaft aus, und behielt nur ſolche Dinge zuruͤck, von denen es einleuchtete, daß ſie nicht Gegenſtaͤnde des eigenen Beduͤrfniſſes, ſondern des Handels waren. In dieſer Hinſicht traf auch mich ein bedeutender Ver⸗ luſt; denn ich war in Nantes verleitet worden, fuͤr mein ganzes, auf der vorigen Reiſe verdientes Geld Waaren einzukaufen, die damals in Guadeloupe ſehr geſucht wurden und mithin einen vortheilhaften Abſatz ver⸗ ſprachen. Der Abſchied unſerer Leute von denen der Fre⸗ gatte war freundſchaftlich, da dieſe ſich mit Edelmuth benommen hatten, und jene gegen Menſchen, die das Schickſal zu ihren Feinden machte, keinen Groll im Herzen hegten. So beſtiegen wir die von der Brig zu unſerer Aufnahme abgeſchickten Boote, und die Fre⸗ gatte eilte, ihren Standpunkt bei Marie galante wie⸗ der einzunehmen, wo ſie in der Folge noch manches franzoͤſiſche Schiff uͤberfallen und genommen hat. 11 Auch auf der Brig fanden wir eine freundliche Behandlung. Da es in den untern Gemaͤchern an Raum gebrach, ſo wies man uns die Schanze— das hintere Verdeck,— zum Aufenthalt an, wo wir mit allem Noͤthigen verſorgt, und uͤbrigens in ungeſtoͤrter Ruhe gelaſſen wurden. Die Sicherheit der ſehr ſchwachen Beſatzung erfo⸗ derte jedoch ein wachſames Auge auf uns zu haben; daher in unſerer Naͤhe zwei bewaffnete Seeſoldaten ihre Stellung nahmen, und nur Einen auf einmal, und zwar von einer Wache begleitet, von ſeinem Platze weggehen ließen, wenn irgend ein Beduͤrfniß ihn dazu noͤthigte.— Es vergingen einige Stunden, ehe man unter Segel ging, wodurch ich Muße bekam, einen auf⸗ merkſamen Blick auf Roſeau, ſo wie auf die ganze Inſel zu werfen. Die Stadt Roſeau gewaͤhrt keinen angenehmen Anblick, da viele Wohnungen bloße Huͤtten, und andere ſehr verfallen ſind, ja ganze Straßen in Ruinen lie⸗ gen, eine Folge der haͤufigen Auswandexrungen der Ein⸗ wohner, ſo wie einer im Jahr 1781 Statt gehabten Feuersbrunſt, welche die beßten Gebaͤude zerſtoͤrte. Am vortheilhafteſten nimmt derjenige Stadttheil ſich aus, wo das Schloß des Gouverneurs, neben einer kleinen Feſtung, auf einer Anhoͤhe liegt. Hier haben einige Englaͤnder geſchmackvolle Haͤuſer aufgefuͤhrt. Die Ge⸗ gend umher bietet wenig freundliche Anſichten dar. An allen Seiten erblickt man hohe ſchwarze Felſen, die aber, trotz ihrer traurigen Geſtalt, dazu dienen, durch den grellen Abſtand, den ſie mit dem Mauerwerk ma⸗ chen, die Stadt etwas hervorzuheben, die außerdem noch unanſehnlicher erſcheinen wuͤrde. Ueberhaupt be⸗ ſteht ganz Dominique aus unzaͤhlichen großen und klei⸗ nen Felſen, die wahrſcheinlich alle vulkaniſchen Ur⸗ ſprungs ſind. Es beſinden ſich auch wirklich im Innern des Landes mehre feuerſpeiende Berge, die zwar ſeit langer Zeit nicht zum Ausbruche kamen, deſſen unge⸗ achtet aber,— wie die aufſteigenden Daͤmpfe, der ge⸗ ſchmolzene Schwefel, der hier und da aus den Felſen dringt, ſo wie die vielen heißen Quellen beweiſen,— noch immer in der Tiefe brennen, und vielleicht eine fuͤrch⸗ terliche Kataſtrophe vorbereilen. Ungeachtet der felſi⸗ gen Beſchaffenheit der Inſel, haben die Thaͤler, wo die vom Gebirge herabgeſchwemmten vulkaniſchen Auswuͤrfe verwittern, einen fruchtbaren Boden, der in Verbin⸗ dung mit dem warmen Klima die Muͤhe des Pflan⸗ zers belohnt. Außer Fruͤchten und Gemuͤſen erbaut man im Durchſchnitt jaͤhrlich uͤber drei Millionen Pfund Kaffee, aber an Zucker, dem der Boden nicht guͤnſtig iſt, etwas weniger. An zahmen und wilden vierfuͤßi⸗ gen Thieren, ſo wie an Federvieh, herrſcht großer Mangel; dagegen beſitzt das Meer umher großen Reich⸗ thum an Fiſchen. Die Volksmenge des Eilandes hat, ſeitdem es in den Beſitz der Englaͤnder gekommen iſt, ſich ſehr vermindert, weil viele franzoͤſiſche Koloniſten es verlaſſen, und engliſche noch nicht ſo zahlreich ſich 13 darauf angeſiedelt haben, um jene zu erſetzen, wovon der Hauptgrund, obſchon Roſeau den Namen eines Freihafens fuͤhrt, in den mannichfachen Beſchraͤnkun⸗ gen des Handels liegt. Die Mehrzahl der Einwohner beſteht noch immer aus Franzoſen; daher ihre Sprache bis jetzt auch unter den Negern und Mulatten die herr⸗ ſchende iſt. Im Innern des Landes halten ſich noch einige von den Urbewohnern, den rothen Karaiben, auf, die man mit zu den letzten Ueberreſten dieſes Volksſtammes zaͤhlt. Sie ſollen in Geſtalt und Sit⸗ ten mit den Wilden in Nordamerika voͤllig uͤberein⸗ kommen.— Die vorſtehenden Nachrichten uͤber Domi⸗ nique erhielt ich aus dem Munde glaubwuͤrdiger Ein⸗ gebornen, die den Franzoſen auf der engliſchen Brig einen Beſuch abſtatteten. Unſere Leute, welche die ganze Nacht auf dem Verdecke zubringen mußten, dachten an keinen Schlaf, und ſchienen im Genuß des ſchoͤnen Wetters ihre Lage zu vergeſſen. Um die frohe Stimmung noch zu erhoͤ⸗ hen, zapfte man ein Weinfaß an, womit der Comman⸗ dant der Fregatte, aus den Vorraͤthen des Oiſeau, uns ein Geſchenk gemacht hatte. Die vollen Becher wan⸗ delten im traulichen Kreiſe von Hand zu Hand, und ſobald die wachhabenden Englaͤnder ihren Befehlhaber im Bette wußten, ſchlichen auch ſie ſich herbei, um Theil an dem verfuͤhreriſchen Gelage zu nehmen. Man gewaͤhrte auch ihrer Trinkluſt voͤllige Befriedigung, ſo daß ſie ſaͤmmtlich einen tuͤchtigen Rauſch bekamen. 14 Einer nach dem andern ſchlich ſich taumelnd auf die Seite, und fiel dem Morpheus in die Arme. Selbſt der erſte Lieutenant machte hiervon keine Ausnahme. Ich ſtand nahe dabei, als er ſich quer uͤber eine Kanone, die Beine an der einen, den Kopf auf der andern Seite hinabhaͤngend, auf den Bauch legte und feſt ein⸗ ſchlief. Jetzt waͤre fuͤr unſere Franzoſen ein guͤnſtiger Zeitpunkt geweſen, ſich aus der Gefangenſchaft— wie Andere in aͤhnlichen Faͤllen gethan haben,— auf eine ſehr leichte Art zu befreien. Denn die beiden Schildwachen und die ſteuernden Matroſen, die einzigen, welche noch auf den Beinen waren, hatten bereits von dem ſuͤßen Labetrunk ſo viel zu ſich genommen, daß es nur noch einiger Becherchen, die ſie gewiß nicht wuͤrden ver⸗ ſchmaͤht haben, bedurfte, um ſie vollends zu berauſchen. Man brauchte ſodann den Trunkenen nur Haͤnde und Fuͤße zu binden und, durch Vermachung der Kajuͤte⸗ thuͤr und der Deckluken, die im Bette befindlichen Nuͤchternen einzuſperren. Auf dieſe Weiſe zum Beſitz des Schiffes gelangt, konnte man nach Guadeloupe, wohin der Wind ſehr guͤnſtig war, noch vor Tages⸗ anbruch kommen. Allein, vielen Franzoſen erging es nicht beſſer als den Englaͤndern, und den wenigen, die ihre voͤllige Beſinnung behielten, gebrach es entweder an Umſicht, oder an Muth und Entſchloſſenheit; kurz die Sache unterblieb. So brach die Daͤmmerung an. Der erſte Lieutenant erwachte mit Beſtuͤrzung und Scham aus ſeinem Taumel, ermunterte die Uebrigen 1———— 22 21 8&&᷑R= d* 12&☛= 15 und ließ, da die Zeit der Wache ſchon laͤngſt abgelau⸗ fen war, ſogleich zum Abloͤſen rufen. Um jedoch das begangene grobe Dienſtverſehen, welches, wenn es dem Commandanten zu Ohren kam, auf das ſtrengſte be⸗ ſtraft worden waͤre, zu verheimlichen, ſuchte er es dahin zu bringen, daß der Ueberreſt des gefaͤhrlichen Getraͤnks der abloͤſenden Mannſchaft uͤberlaſſen wurde, um ihr dadurch Stillſchweigen aufzulegen. Dieſe leerte nun in wenigen Minuten das Faß bis auf den Boden aus, worauf ſie bemuͤht war, die Spuren, welche das naͤchtliche Trinkgelag uͤberall auf den Dielen zuruͤckge⸗ laſſen hatte, durch Waſchen zu vertilgen. Mittlerweile kamen auch die berauſchten Franzoſen wieder zur Be⸗ ſinnung, und aͤrgerten ſich weniger uͤber den Verluſt ihres Weins, als daruͤber, daß ſie die ſchoͤne Gelegen⸗ heit, ſich frei zu machen, vernachlaͤſſigt hatten, und noch obendrein die Spoͤttereien der Englaͤnder uͤber ihre Einfalt anhoͤren mußten. Dem allen machte das Erſcheinen des Comman⸗ danten ein Ende, indem es ploͤtzlich durch alle Theile des Schiffes die groͤßte Stille und Ordnung verbreitete.— Um dieſe Zeit begann es heller Tag zu werden. Jedes Auge ward nun gefeſſelt von dem Anblick der Inſel Martinique, mit ihren uͤppigen buntfarbigen Fluren, welche— wie dieß den fruchtbaren Tropenlaͤn⸗ dern eigen iſt,— der Nachtthau erfriſcht und dadurch mit neuen Reizen geſchmuͤckt hatte. Martinique iſt unſtreitig eine der ſchoͤnſten unter 16 den antilliſchen Inſeln. Die Geſtade zeigen abwech⸗ ſelnd ausgebreitete Pflanzungen von Kaffeebaͤumen, Zuckerrohr, Baumwolle⸗ und Indigo⸗Gewaͤchſen, die mit anmuthigen Wohnſitzen, herrlichen Obſtgaͤrten und reichen Gemuͤſefeldern untermiſcht ſind. Im Hinter⸗ grunde ragen dicht bewaldete Berge, deren dunkles Gruͤn dem Ganzen eine reizende Schattirung gibt, daruͤber hervor. Viele dieſer Berge haben eine bedeu⸗ tende Hoͤhe. Derjenige, welchen man den kahlen Berg (montagne pelée) nennt, zeichnet ſich vor allen uͤbrigen aus. Er umfaßt den ganzen noͤrdlichen Theil des Eilandes, indem er nur allmaͤhlich aufwaͤrts ſteigt, bis die kahle Felſenſpitze in den Wolken ſich verliert. Da er demnach mit dem Aetna, dem Veſuv und andern großen Vulkanen viel Aehnlichkeit hat, ſo glaubt man, daß er vor Alters ebenfalls gebrannt habe. Dieſe Meinung wird auch durch Sagen aus der Vorzeit, ſo wie durch den Umſtand unterſtuͤtzt, daß auf dem Gipfel deſſelben ein tiefer See ſich befindet, der wahrſcheinlich ein eingeſtuͤrzter Krater iſt, welchen die Ergießungen der ihn beſtaͤndig umſchwebenden Wolken gefuͤllt haben. Ueberdieß beweiſen die vielen warmen Quellen und die haͤuſigen Erdbeben auf Martinique, daß dieſe Inſel noch immer ein unterirdiſches Feuer naͤhrt, das fruͤher oder ſpaͤter neue Ausbruͤche befuͤrchten laͤßt. Gegen Aufgang der Sonne fuhren wir bei St. Pierre voruͤber. Dieſe Stadt liegt am offenen Geſtade, auf einem ſchmalen, ſteilen Huͤgel, wo ſie in einer ein⸗ 17 zigen Straße beinahe Stunden weit ſich hinzieht. Die hinterſte Reihe der Haͤuſer ſtoͤßt an einen hohen jaͤhen Felſen, waͤhrend die vorderſte dicht am Rande des Meeres liegt, was eine groͤßere Ausdehnung in die Breite durchaus verbietet. Dieſe Lage fuͤhrt man⸗ ches Unangenehme mit ſich. Der im Ruͤcken befind⸗ liche Felſen entzieht den Wind, und wirft dagegen die anprallenden Strahlen der Nachmittagſonne zuruͤck, wodurch die druͤckendſte Hitze entſteht. Die Getrennt⸗ heit der Einwohner und das ſchlechte Fortkommen auf der Straße, welche wegen ihrer Unebenheit kein Fuhr⸗ werk geſtattet, vergroͤßern das Uebel noch mehr. Deſſen ungeachtet und obſchon Fort⸗Royal, die ſpaͤter ange⸗ legte Hauptſtadt, in manchen Stuͤcken, beſonders in Hinſicht des Hafens, ein beſſeres Lokal darbietet, ſo wird doch St. Pierre von vielen Kaufleuten als Wohn⸗ ſitz vorgezogen, und behauptet daher an Betriebſamkeit und Wohlſtand das Uebergewicht. Der Hauptgrund hiervon ſcheint darin zu liegen, weil Oerter, wie Fort⸗ Royal, wo ſtarke militaͤriſche Poſten ſich befinden, je⸗ derzeit gewiſſen Einſchraͤnkungen der buͤrgerlichen Frei⸗ heit unterworfen ſind, die den Handel nicht beguͤn⸗ ſtigen. Die Schiffe, welche St. Pierre beſuchen, muͤſſen in Ermangelung eines Hafens auf der Reede, d. i. am offenen Geſtade, vor Anker liegen. Hier finden ſie zwar in der groͤßten Haͤlfte des Jahres, weil der herr⸗ 2 ſchende Oſtwind vom Lande herkommt, hinreichenden WV. 2 18 Schutz, ſind aber zur Winterzeit, wo die weſtlichen Winde eintreten, dem Ungeſtuͤm des Meeres dermaßen bloßgeſtellt, daß ſie nicht ſelten ſtranden. Doch hat dieſe Reede das Gute, daß man, wegen der betraͤcht⸗ lichen und gleichfoͤrmigen Waſſeertiefe, ſtets ungehindert ein⸗ und auslaufen, und daher, bei vorauszuſehendem ſchlechten Wetter, wenn keine Zeit verloren wird, einen Hafen oder das hohe Meer erreichen kann. Auf dem bei St. Pierre befindlichen Fort wehte noch die franzoͤſiſche Flagge, und uͤberhaupt hatten die Englaͤnder noch nichts gegen dasſelbe unternommen. Aber es ſchien die groͤßte Trauer am Lande zu herr⸗ ſchen, und auf der Reede war Alles ſtill und leer; denn man hatte, beim erſten Erſcheinen des britiſchen Geſchwaders, die vor Anker liegenden Schiffe, worunter eine Corvette ſich befand, in Brand geſteckt. Wir be⸗ merkten noch Truͤmmer davon, die auf dem Meere dahin trieben. Bald nachdem wir St. Pierre im Ruͤcken hatten, und nach Fort⸗Royal, in deſſen Naͤhe die engliſche Flotte lag, laͤngs der Kuͤſte hinſchifften, verließ uns ploͤtzlich der guͤnſtige Landwind, indem er vom Paſſat, der heute fruͤhzeitig ſich erhob, verdraͤngt wurde. Um jedoch hierin auch von meinen juͤngern Leſern ganz ver⸗ ſtanden zu werden, will ich Einiges uͤber die Eigen⸗ heiten des Windes auf den antilliſchen Inſeln beifuͤgen. Neun Monate lang weht der Wind in der Regel taͤglich aus Nordoſt, doch weicht er zuweilen oͤſtlich ab⸗ 19 Dieß iſt der Paſſat⸗ oder— wie man ihn auf den Antillen nennt, weil er uͤber den Ocean kommt,— der Seewind. Er erhebt ſich jeden Morgen ungefaͤhr um die neunte Stunde. Je hoͤher die Sonne ſteigt, und je heftiger ihre Strahlen wirken, deſto mehr nimmt ſeine Staͤrke zu, die wieder abnimmt, ſo wie die Sonne im Weſten hinabſinkt und an Wirkſamkeit verliert. Nach ihrem Untergang legt er ſich uͤber den Inſeln und in einiger Entfernung davon gaͤnzlich. Es tritt dann eine kurze Stille ein, worauf der Landwind folgt, welcher an allen Seiten, von den Gebirgen herab, dem Meere zuſtroͤmt, ſo daß nicht ſelten Schiffe, welche zur Nachtzeit rund um ein Eiland ſegeln, den Wind beſtaͤndig von der Seite haben. Die groͤßere oder mindere Heftigkeit desſelben ſteht jederzeit mit der Hitze, der das Land am verfloſſenen Tage ausgeſetzt war, im Verhaͤltniß. Es leuchtet ein, daß die hier genannten Winde die Wirkung der Sonne ſind. Sie dehnt durch die Macht ihrer Strahlen die Luft aus, treibt ſie, auf dem Kreislaufe von Oſten nach Weſten, gleichſam vor ſich her, und erzeugt ſo den Paſſatwind. Dieſer ſetzt zwar auch waͤhrend der Nacht, uͤber dem Ocean, die einmal angenommene Bewegung, obſchon ſchwaͤcher fort; wird aber in der Naͤhe der Inſeln aufgehalten, weil hier die Luft, mit den von dem erhitzten Erdboden aufſteigenden Duͤnſten gefuͤllt, nach dem kuͤhleren Meere ſich auszubreiten ſtrebt, wodurch der Landwind entſteht. 2* 20 Weniger klar ſind indeß die Urſachen, warum in den Monaten Julius, Auguſt und September— wo die Sonne, auf ihrer Ruͤckkehr vom Wendekreiſe des Krebſes, zum zweiten Mal durch den Zenith der Inſel geht,— das Wetter von ſo ganz entgegengeſetzter Beſchaffenheit iſt, daß man dieſe Jahreszeit den Win⸗ ter nennt, obſchon die Hitze den hoͤchſten Grad erreicht. Kurz, es wechſeln dann, in unordentlicher Folge, die Suͤd⸗, Suͤdweſt⸗, Weſt⸗ und Nordweſtwinde, welche, da ſie uͤber das feſte Land von Amerika und zum Theil uͤber moraſtige ungeſunde Gegenden kommen, die hef⸗ tigſten Regenguͤſſe und Krankheit erzeugende Duͤnſte herbei fuͤhren; auch finden haͤufig Stuͤrme und Gewit⸗ ter, ja bisweilen Orkane und Erdbeben Statt. Ich komme nun zu unſerer Fahrt nach Fort⸗Royal zuruͤck. Der Wind war heute ſehr oͤſtlich, daher das Schiff um die Landſpitzen oft laviren mußte, und nur langſam vorwaͤrts kam. Obſchon das Laviren beſtaͤn⸗ dig mit Unruhe und Stoͤrung verknuͤpft, und uͤberhaupt laͤſtig iſt, ſo hat es dennoch an einer Kuͤſte das Gute, daß man die Landſchaften bald in der Naͤhe bald in der Ferne, und von mancherlei Seiten zu ſehen be⸗ kommt. Ich ließ dieſen Vortheil nicht unbenutzt, und ergoͤtzte mich hoͤchlich an dem wundervoll ſchoͤnen An⸗ blick, welchen die Miſchung der bewaldeten Berge, der kahlen Felſen und fruchtbaren Thaͤler und Ebenen ge⸗ waͤhrt. Ein Felſen, der, nicht weit von der Ortſchaft Caumont, dicht am Meere liegt, iſt mir deßhalb beſon⸗ 21 ders merkwuͤrdig geblieben, weil er vermoͤge der glaͤn⸗ zend weißen und etwas ausgehoͤhlten Vorderſeite, gleich einem Brennſpiegel, die Strahlen der Abendſonne zu⸗ ruͤckwirft. Es war Nachmittags ungefaͤhr um die vierte Stunde, als wir ihm uns naͤherten. Der Réau⸗ mur'ſche Thermometer ſtand im Schatten, wie den ganzen Nachmittag, auf 28 Grad. Er ſtieg aber au⸗ genblicklich auf 35, ſobald die von dem Felſen abpral⸗ lenden Strahlen uns erreichten, und ſiel, ſo wie wir aus ihrem Bereiche kamen, eben ſo ſchnell nicht nur auf den vorigen Standpunkt, ſondern noch einige Grad tiefer. 3. Die Kriegsbrig erreicht die Bucht von Fort⸗Royal, der Hauptſtadt auf Martinique, wo wir die engliſche Flotte und ein kriegeriſches Schauſpiel erblicken. Kurze Erzaͤh⸗ lung der Ereigniſſe, die ſeit der engliſchen Landung auf Martinique Statt gefunden haben, und wie die Sachen bei unſerer Ankunft ſtehen. Man bringt uns an Bord des Ad⸗ miralſchiffes, deſſen Mannſchaft im Begriff iſt, ſich zu ei⸗ nem Gefecht vorzubereiten,— daher wir keine ſehr guͤn⸗ ſtige Aufnahme finden. Die Gefahr, in's Gefecht zu kom⸗ men, geht voruͤber, worauf unſere Lage ſehr verbeſſert wird. Erzaͤhlung der kriegeriſchen Begebenheiten, die ſich bis zur gaͤnzlichen Unterwerfung des Eilandes zutragen. Es war Abend, bevor die ſo genannte Negerſpitze, ein ſchmales Stuͤck Land, das am Eingange der Bucht Fort⸗Royal in's Meer hinauslaͤuft, zum Vorſchein kam. Doch kaum war die Sonne untergegangen, als ein friſcher Landwind ſich erhob, der uns bald um die ge⸗ nannte Spitze in die Bucht fuͤhrte. Jetzt zeigte ſich unſern Augen auf einmal das fuͤrchterlich große Schauſpiel des Krieges. Kanonen und Moͤrſer blitzten nahe und fern, erfuͤllten die Luft mit ihrem Donner und verdunkelten ſie durch die auf⸗ ſteigenden Rauchwolken. Doch will ich hier, zur Ver⸗ 23 ſtaͤndlichkeit des Geſagten, den Verlauf der engliſchen Unternehmung gegen Martinique von vorn herein kuͤrz⸗ lich erzaͤhlen. Die vereinigte britiſche Land⸗ und Seemacht ſegelte, unter dem Oberbefehl des Generallieutenant Beckwith und des Contre⸗Admiral Sir Alexander Cochrane, ge⸗ gen das Ende Januars von Barbados ab. Sie er⸗ reichte Martinique am 30. desſelben Monats und die aus 10,000 Mann beſtehenden Truppen landeten un⸗ verzuͤglich in zwei Diviſionen, die ſtaͤrkere, unter dem Generalmajor Sir George Prevoſt, in Roberts Bai, die ſchwaͤchere, befehligt vom Generalmajor Maitland, bei St. Luce. Beide Diviſionen ruͤckten gegen die Hauptſtadt vor. Die Einwohner des Landes leiſteten keinen großen Widerſtand, weil viele im Stillen die Englaͤnder beguͤnſtigten; denn nur unter ihrer Herr⸗ ſchaft konnte die Colonie, bei den damaligen Zeitum⸗ ſtaͤnden, ihren geſunkenen Handel und Wohlſtand wie⸗ der aufrichten. Am 1. und 2. Februar fanden, auf dem Morne Bruno und den Anhoͤhen von Surirery, einige Hauptgefechte mit den franzoͤſiſchen regulaͤren Truppen Statt, worin die engliſche Uebermacht, jedoch nicht ohne hartnaͤckigen Widerſtand zu erfahren, auf allen Punkten ſiegte. Was die Kriegſchiffe betrifft, ſo nahmen ſie nach ihrer Ankunft, mit Huͤlfe eines Deta⸗ ſchements Landtruppen, die Batterie auf der Landſpitze Salomon in Beſitz, um dadurch ſich und den Trans⸗ portſchiffen einen ſichern Ankerplatz zu verſchaffen, Hier⸗ 24 naͤchſt wurde das auf der Inſel Pigeon beſindliche Fort, welches den Eingang in die Bai Fort⸗Royal beſtreicht, durch leichte Truppen angegriffen. Da aber das Feuer des gelandeten Moͤrſers nicht hinreichte, ſo fuͤhrte man noch neun ſchwere Schiffskanonen und eine Haubitze nach. Fuͤnf dieſer Stuͤcke wurden von den Seeleuten auf eine ſteile, die Feſtung beherrſchende An⸗ hoͤhe geſchafft, was nur durch Winden geſchehen konnte, und daher die groͤßte Anſtrengung koſtete. Am 3., dem Tage unſerer Ankunft, kam man damit zu Stande. Dieß war die Lage der Dinge, als wir in dem Kriegsgetuͤmmel anlangten. In dieſem Augenblick be⸗ gannen die eben erwaͤhnten, auf Pigeon errichteten Bat⸗ terien ein moͤrderiſches Feuer, und die Kriegſchiffe, welche dieſe Inſel umzingelt hatten, zeigten die groͤßte Thaͤtigkeit, indem ſie den Angriff auf das kraͤftigſte zu unterſtuͤtzen ſuchten. Die Brig, die uns uͤberbrachte, legte nicht weit vom Neptun, dem Admiralſchiffe, bei. Sie erhielt von dort ſchleunig Verhaltungbefehle, und unter andern auch den, uns Gefangene ungeſaͤumt dahin zu fuͤhren⸗ Dem zu Folge befanden wir uns in wenig Minuten an der Seite des Neptun. Die koloſſale Geſtalt dieſes Schiffes, die dreifach uͤbereinander befindlichen Kano⸗ nenreihen, die blendende Laternenbeleuchtung, der Laͤrm der vielfaͤltig beſchaͤftigten Menſchenmaſſe, verbunden mit dem auf den vielen andern umherliegenden Schif⸗ 25 fen und dem Kampfe auf der Inſel Pigeon— dieß alles wirkte maͤchtig auf unſere Sinne, daher wir, in dumpfes Staunen verſunken, zauderten aus dem Boote zu ſteigen. Aber eine barſche durchdringende Stimme, die von oben herab Eile gebot, ſetzte die Muskeln un⸗ ſerer Beine dergeſtalt in Bewegung, daß wir uͤber Hals und Kopf durch die Thuͤr, welche auf Linien⸗ ſchiffen im unterſten Kanonendeck angebracht iſt, hin⸗ aufſprangen. Wir erblickten hier ein Gewuͤhl von Menſchen, die Kugeln und Patronen aus den Magazinen ſchaff⸗ ten; denn man erwartete, waͤhrend der Nacht in's Ge⸗ fecht zu kommen. Bei ſolchen Verhaͤltniſſen konnten nun freilich mit Kriegsgefangenen keine Umſtaͤnde ge⸗ macht werden; und kaum hatte ein Seeoffizier uns fluͤchtig uͤberzaͤhlt, als er befahl, uns zu den uͤbrigen Gefangenen zu bringen, die man ſo eben— wie es auf Kriegſchiffen im Gefecht uͤblich iſt,— in eine ge⸗ wiſſe Abtheilung des Raums eingeſperrt hatte. So wurden wir ſammt und ſonders, zwei Verdecke tiefer, an eine verſchloſſene Fallthuͤr gefuͤhrt, die, als man ſie oͤffnete, ein finſteres, gruftaͤhnliches Behaͤltniß zeigte, aus welchem die dumpfen Toͤne menſchlicher Stimmen heraufdrangen. In Ermangelung einer Treppe, ließ ſich einer nach dem andern an den Haͤnden hinab, und tappte, auf Ballaſt von Kugeln und alten Kanonen, nach den Menſchenſtimmen hin, worauf die Thuͤr wie⸗ der verſchloſſen wurde. 3 unter den hier beſindlichen Schickſalsgefaͤhrten— den Mannſchaften eines Schiffes von Marſeille und eines andern von St. Malo, die einen Tag fruͤher als wir in Gefangenſchaft gerathen waren,— erregte An⸗ fangs unſere Ankunſt großen Jubel. Denn es iſt fuͤr die meiſten Menſchen ein Troſt, im Ungluͤck Gefaͤhrten zu haben; uͤberdieß fand hier der ſeltene Fall Statt, daß einige Freunde und Bekannte zuſammen trafen, die einander nicht am Geſicht, ſondern nur an der Stimme erkannten, und ſich umarmten und kuͤßten. Dieſe Freude ging bald auf die ganze unſichtbare Ge⸗ ſellſchaft uͤber, und ſo verſtrich die erſte Stunde unter traulichen Geſpraͤchen. Nach und nach aber verbrei⸗ tete ſich die allgemeine Beſorgniß, daß wir hier, im tiefſten Raume, leicht ertrinken koͤnnten, falls das Schiff im Gefecht einen Grundſchuß bekaͤme und Waſſer ſchoͤpfte. Dieß war nun wohl, mit kalter Vernunft erwogen, kaum denkbar. Denn, wie bekannt, kann man in ſchiefen Richtungen nicht unter das Waſſer ſchießen, weil die Kugel, ſobald ſie dasſelbe beruͤhrt, ihre Bahn verlaͤßt, und mit verdoppelter Kraft vor⸗ oder ruͤckwaͤrts in die Hoͤhe ſpringt. Daher erhalten die Schiffe nur dann Grundſchuͤſſe, wenn ihr Boden durch die Hohlung der See entbloͤßt, oder durch den Wind auf der einen Seite empor gehoben wird, was jedoch bei dem, im ruhigen Gewaͤſſer der Fort⸗Royal⸗ Bai vor Anker liegenden Neptun unmoͤglich war. Ge⸗ ſetzt aber, der Raum waͤre an einigen Stellen durch⸗ 8 — RK C R F8 SR SS= t=S 27 bohrt worden, ſo haͤtte das wenig auf ſich gehabt; denn es gehoͤrt viel dazu, ein engliſches Linienſchiff zu verſenken, weil man die Loͤcher faſt eben ſo ſchnell, als ſie gemacht werden, wieder verſtopft. Und waͤre das Schiff auch wirklich geſunken, ſo wuͤrde die Mannſchaft ihre Gefangenen gewiß nicht im Stiche gelaſſen haben. Dem ſei indeß wie ihm wolle, die Einbildung uͤber⸗ treibt jede Gefahr, zumal wenn man von dem, was vorgeht, nichts ſieht oder hoͤrt; ſie fuͤhrt die ſchrecklich⸗ ſten Bilder vor die Seele, und erzeugt die qualvollſte Angſt. Um ſo mehr mußte dieß bei reizbaren, feuri⸗ gen Menſchen, wie die Franzoſen ſind, der Fall ſein, welche den Neptun im hitzigſten Kampfe glaubten, und jedes Getoͤſe, das vernommen wurde, fuͤr die Wirkun⸗ gen des Geſchuͤtzes hielten. Der unangenehme Umſtand, daß man ohne alles Licht, und von Hitze und Durſt gequaͤlt, auf Kugeln und Kanonen ſich aufhalten mußte, vergroͤßerte die Bangigkeit noch mehr, die bei Einigen zu einem ſolchen Grad anwuchs, daß ſie mit dem Zu⸗ ſtand eines Lebendigbegrabenen ſich vergleichen laͤßt. Endlich Morgens um die ſechste Stunde oͤffnete ſich die Thuͤr, und eine freundliche Stimme gab uns die Erlaubniß hinauf zu ſteigen; denn die Inſel Pi⸗ geon hatte noch vor Sonnenaufgang ſich ergeben. Ueber⸗ haupt waren unſere Beſorgniſſe ganz ungegruͤndet ge⸗ weſen. Das Schiff hatte weder einen Schuß gethan, noch erhalten, und war jetzt ſchon wieder in der groͤß⸗ ten Ordnung und gereinigt. 28 uns Neuangekommene, naͤmlich die Mannſchaft des Oiſeau, fuͤhrte man zunaͤchſt auf den hintern Theil des oberſten Verdecks, wo eines jeden Name, Geburt⸗ ort, Rang und ſonſtige Verhaͤltniſſe umſtaͤndlich auf⸗ gezeichnet wurden. Waͤhrend dieß geſchah, war der Admiral auf dem Verdeck zugegen. Die einnehmende, den Menſchen⸗ freund verkuͤndende Miene dieſes Mannes, und die wohl⸗ wollenden Blicke, die er bisweilen auf uns warf, buͤrg⸗ E ten uns fuͤr eine milde Behandlung, die auch wirklich von der Art war, wie ſie gegen Kriegsgefangene ſel⸗ſ ten Statt ſindet. Kaum war die Muſterung vorbei, als ein See⸗ offizier uns nach dem unterſten Kanonendeck fuͤhrte um hier jedem die noͤthige, ſeinem Rang angemeſſene Bequemlichkeit zu verſchaffen, ſo wie es mit den bei den andern franzoͤſiſchen Mannſchaften ſchon am Tagt zuvor geſchehen war. Dem Herrn Dupois, dem Ka⸗ pitaͤn, den Steuermaͤnnern und mir ward eine kleine Kammer angewieſen. Die uͤbrigen Leute bekamen, gleich den Matroſen und Soldaten des Schiffes, einen Platz zwiſchen den Kanonen, wo ſie am Tage eſſen und trinken, und des Abends ihre Schlafmatten auß⸗ haͤngen konnten. Unſer Gepaͤck, das man, trotz der unruhe, waͤhrend der Nacht ſorgfaͤltig verwahrt hatten ward unverſehrt herzugebracht, auch unſer guter Appe⸗ tit durch unverzuͤgliche Zutheilung eines Fruͤhſtuͤcks be⸗ friedigt, Ueberdieß erhielten wir die Freiheit, im gan 29 zen Schiffe ungehindert umherzugehen, obſchon in dem all, daß es zum Fechten kam, die abermalige Ver⸗ weiſung in den Raum nicht ausbleiben konnte. Im Laufe des heutigen Tages(4. Febr.) trugen ſich, in Bezug auf den Krieg, mancherlei wichtige Be⸗ gebenheiten zu. Die Franzoſen, welche immer mehr in die Enge getrieben wurden, beſchloſſen ihre ganzen Streitkraͤfte auf Einen Punkt zu vereinigen. Zu dem Ende raͤumten ſie nicht nur das offene Feld, ſondern auch Fort⸗Royal, und warfen ſich in die Feſtung Bour⸗ „ bon, nachdem man zuvor die Außenwerke nach Caſe⸗ Napviere hin zerſtoͤrt, und die im Hafen befindliche Fregatte Amphitrite von 40 Kanonen, nebſt allen Kauffahrern, verbrannt hatte, um ſie nicht dem Feinde Preis zu geben. Die mehr zum Schein verſammelten Milizen gingen aus einander. Dem zu Folge blieb den Englaͤndern, zur voͤlli⸗ gen Unterwerfung des Eilandes, nur noch eine Bela⸗ gerung der genannten Feſtung uͤbrig. Die Armee eilte daher, auf den Anhoͤhen von Surirey— dem einzi⸗ gen, das Fort Bourbon beherrſchenden Punkte,— Batterien zu errichten. Die Seemacht wendete ſich nach der Seite von Fort⸗Royal, um mit der Land⸗ macht naͤher in Verbindung zu kommen, und ihr thaͤ⸗ tig beizuſtehen. Die Mannſchaften ſowohl der Kriegs⸗ als Transportſchiffe waren Tag und Nacht beſchaͤftigt, den Belagerern Munition und Lebensmittel zuzufuͤh⸗ ren; und nur dem ausdauernden Muth britiſcher See⸗ 30 leute und ihrer Gewandtheit in mechaniſchen Arbeiten konnte es gelingen, ſchweres Geſchuͤtz auf die ſteilſten Gipfel zu bringen, die fuͤr jedes Zugvieh unzugaͤng⸗ lich waren.. Nach einigen Tagen begann waͤhrend der Nacht das Kanoniren, welches in jeder darauf folgenden ver⸗ ſtaͤrkt wurde, ſo wie die Batterien zu Stande kamen. Bei Tage ward es eingeſtellt, um den Truppen Erho⸗ lung und Schutz gegen die haͤufig fallenden Regenguͤſſe zu gewaͤhren. Nur bisweilen that man einzelne Schuͤſſe, um die Garniſon im Fort zu beunruhigen, die am Tage mit unermuͤdetem Eifer die Schaͤden auszubeſſern ſuchte, welche die Werke in der Nacht gelitten hatten. Waͤhrend der Belagerung wurde der Hafen Tri⸗ nité, der dritte Ort des Eilandes, da er außer der Operationlinie der Armee lag, von den Mannſchaften der Linienſchiffe Acaſte und Penelope in Beſitz genom⸗ men. Auch ergab ſich das Fort St. Pierre, welches am 8. von fuͤnf bis ſechs hundert Mann Landtrup⸗ pen, unter dem Befehl des Oberſtlieutenant Barnes, aufgefodert wurde. Um dieſe Zeit begannen die Einwohner des Lan⸗ des, die nun dem baldigen Ende der franzoͤſiſchen Herr⸗ ſchaft entgegen ſahen, vertrauter mit den Englaͤndern zu werden, und ſie mit Lebensmitteln und ſonſtigen Beduͤrfniſſen zu verſorgen. Beſonders war dieß mit den Mulatten und Freinegern der Fall, welche, ob ſie ſchon immer treue Anhaͤnglichkeit an die Franzoſen be⸗ 31 wieſen hatten, in ihren jetzigen duͤrftigen Umſtaͤnden von der Freigebigkeit der Englaͤnder ſich angezogen fuͤhlten. Sie trugen ihre Waaren nicht nur im Lager umher, ſondern kamen auch damit auf die Schiffe. Das Vorderdeck des Neptun ward taͤglich in einen Markt⸗ platz verwandelt, wo man Federvieh, friſche Fiſche, „Gruͤnwaaren und die herrlichſten Suͤdfruͤchte feil bot. Die Beſatzung des Fort Bourbon capitulirte end⸗ lich am 24. Februar, nach einer Vertheidigung, welche die volle Achtung der Sieger in Anſpruch nahm, daher dieſe auch ſehr ehrenvolle Bedingungen zugeſtanden. Die Artikel wurden am folgenden Tage, auf der einen Seite von dem Generallieutenant Beckwith und dem Admiral Cochrane, auf der andern vom General Vil⸗ laret unterzeichnet, was man durch Kanonenſalven auf den Anhoͤhen von Surirey und auf den Schiffen, ſo wie durch Aufſteckung der Flaggen, ſchleunig bekannt machte. Zufolge der Uebereinkunft traten die Englaͤnder ſogleich in den voͤlligen Beſitz der Colonie; doch behielten die Franzoſen das Fort bis zu dem Tage, wo ſie nach Frankreich eingeſchifft werden ſollten. Der Menſchenverluſt, den die Sieger von Anfang bis zu Ende des Feldzuges erlitten hatten, belief ſich auf 123 Mann, worunter ein Stabsoffizier und zwei Kapitaͤne ſich beſanden. Die Anzahl der Verwundeten betrug gegen 400. Die Todtenzahl auf der Seite der Beſiegten wurde nicht genau bekannt; doch mußte ſie die der Englaͤnder weit uͤberſteigen, wenn man nach der Menge der Verwundeten, nach den vorgefundenen, noch unbegrabenen Le Haͤuflein ſchließen darf, das ſpaͤterhin n zuruͤckkehrte. 3 Es folgten nun einige unruhige Tage, waͤhrend welcher ſowohl die Armee als die Marine, bei der Be⸗ ſatzung und Einrichtung der Colonie, bei Wiederher⸗ ſtellung der zerſtoͤrten Werke, bei Vernichtung der trau⸗ rigen Kriegsſpuren aller Art und den Anſtalten zur Ueberfahrt der franzoͤſiſchen Garniſon, volle Beſchaͤfti⸗ gung fanden. Deſſen ungeachtet kehrte auf den Schif⸗ fen die alte Ordnung ſchnell zuruͤck, ſo wie auch alle Theile derſelben eine ſchoͤnere Geſtalt erhielten. ichen, und nach dem ſchwachen ach Frankreich —,, 33 4. Beſchreibung des Admiralſchiffs, eines Dreideckers, der den Namen„Neptun“ fuͤhrt. Seine Maſten und die Leute, welche die darauf vorkommende Arbeit verrich⸗ ten. Das Back mit den dort befindlichen Kanonen, An⸗ kern u. ſ. w.— Deſſen Bemannung. Das Kuhl und ſeine Beſtimmung— die großen Boote— die Luken und Trep⸗ pen, welche nach unten fuͤhren— die Windſegel— die Treppen an der Außenſeite. Um meinen juͤngern Leſern einen Begriff von großen Kriegſchiffen zu geben, ergreife ich hier die Gelegen⸗ heit, den Neptun und deſſen innere Einrichtung, wo⸗ mit in der Hauptſache alle engliſche Linienſchiffe uͤber⸗ einkommen, etwas naͤher zu beſchreiben. Hierbei will ich nur die vorzuͤglichſten Kunſtwoͤrter aufnehmen, die uͤbrigen aber durch allgemein verſtaͤndliche Benennun⸗ gen erſetzen. Der Neptun iſt— denn meines Wiſſens befindet er ſich noch jetzt in dienſtfaͤhigem Stande,— ein Linien⸗ ſchiff vom erſten Range, ein ſchoͤn gebauter Dreidecker, welcher ungeachtet der anſehnlichen Groͤße, die ſolche ſchwimmende Feſtungen haben muͤſſen, nichts mit je⸗ nen unfoͤrmlichen Koloſſen gemein hat, dergleichen ehe⸗ dem, beſonders in Spanien erbaut, und z. B. in Cadix IV. 3 34 eine Reihe von Jahren als nationelle Heiligthuͤmer aufbewahrt wurden. Zuerſt werfen wir einen Blick auf die Maſten, weil ich in meiner Beſchreibung die alte ſeemaͤnniſche Regel:„bei jeder Verrichtung von oben nach unten, und von vorn nach hinten fortzu⸗ ſchreiten,“ beobachten werde. Die Maſten beſtehen aus Tannenſtaͤmmen. Da aber der große und der Fockmaſt eine Staͤrke und Hoͤhe verlangen, die keine Tanne erreicht, ſo ſind ſie aus mehren Stuͤcken zuſammen geſetzt, und durch eiſerne Ringe verbunden. Dadurch geht an der Dauerhaftig⸗ keit nichts verloren, vielmehr erwaͤchſt der Vortheil daraus, daß man entſtandene Schaͤden leicht verbeſſern kann. Der Beſaanmaſt iſt wegen der geringern Groͤße aus dem Ganzen. Der große Maſt haͤlt in der Dicke 3 und in der Laͤnge 110 engliſche Fuß, und ſo neh⸗ men die uͤbrigen nach Verhaͤltniß etwas ab. Die Marſen oder Maſtkoͤrbe(d. i. die halbmond⸗ foͤrmigen Galerien um die Spitzen der Maſten,) haben einen Umfang, daß wohl zwanzig Menſchen darauf arbeiten koͤnnen. Vor Zeiten pflegte man hier, und auch auf den noch hoͤher befindlichen Ruhepunkten, Kanonen aufzupflanzen; aber auf den Schiffen nach der neuern Bauart hat man ſie, weil ſchweres Geſchuͤtz in ſolcher Hoͤhe zu großes Schwanken verurſacht, in Drehbaſſen verwandelt. Was die Staͤngen— die auf den Maſten uͤber einander angebrachten Aufſaͤtze,— betrifft, ſo fuͤhrte der Neptun in der Regel drei auf 35 jedem Maſt; ihre Zahl kann aber bis auf ſechs ver⸗ mehrt werden. Die zweiten von unten, die Bramſtaͤn⸗ gen, bilden noch ſo bedeutende Staͤmme, daß ſie Maſten fuͤr Kauffahrteiſchiffe geben wuͤrden. Sie ſind ſaͤmmt⸗ lich mit Abſaͤtzen oder einer Art kleiner Marſen verſe⸗ hen, die den Matroſen zu Ruheplaͤtzen dienen. Ueberhaupt ſteht das Takelwerk der Kriegſchiffe in einem weit groͤßern Verhaͤltniſſe zu dem uͤbrigen Gau⸗ zen, als das der Kauffahrer, weil bei dieſen hauptſaͤch⸗ lich das Tragen großer Laſten, bei jenen das ſchnelle Segeln bezweckt wird. Die Maſten ſind hoͤher, die Raaen und Segel breiter, die Zahl der letztern iſt weit betraͤchtlicher, und daher auch die Menge der Taue, der Bloͤcke u. ſ. w. Außerdem verlangt das Takelwerk, wegen der Gefahr, der es im Gefecht ausgeſetzt iſt, mancherlei beſondere Vorrichtungen. Z. B. die vorzuͤg⸗ lichſten Taue umwickelt man der ganzen Laͤnge nach mit andern, und ⸗verſieht ſie gleichſam mit einem Panzer. Eben ſo werden vor jeder Schlacht die Raaen— welche, wenn ſie, wie gewoͤhnlich, bloß an Seilen hingen, der Feind leicht herabſchießen koͤnnte,— mit ſtarken eiſer⸗ nen Ketten befeſtigt. Dieß alles macht den Mechanismus ſehr weitlaͤu⸗ ſig, zuſammengeſetzt und kuͤnſtlich, und erfodert nicht nur eine Menge Leute, die das ganze Maſchinenwerk genau kennen, geſchickt zu behandeln und in gutem Stande zu erhalten wiſſen, ſondern daß auch eine be⸗ ſtimmte Anzahl derſelben beſtaͤndig auf den Maſten 3* 36 verweilt. Letztere ſind die ſogenannten Marsklimmer; ſie ſtehen unter beſondern Anfuͤhrern, die man Kapi⸗ taͤne, z. B. des Fockmars, des großen Mars, nennt. Ihr Standpunkt iſt das Mars. Alle Theile des Ta⸗ kelwerks, die zwiſchen hier und der hoͤchſten Maſtſpitze liegen, gehoͤren zu ihrer Beſorgung. Hauptſaͤchlich muͤſſen ſie zu den Manoͤvern, die vom Verdeck aus mit den Segeln vorgenommen werden, die noͤthige Vorbe⸗ reitung treffen, und waͤhrend der Ausfuͤhrung den vor⸗ kommenden Hinderniſſen abhelfen; auch liegt ihnen ob, bei ſolchen Arbeiten, wo ſie(wie beim Aufrollen der Segel,) den Beiſtand der uͤbrigen Mannſchaft beduͤr⸗ fen, den wichtigſten und ſchwerſten Theil zu verrichten. Da der Fockmaſt in jeder Ruͤckſicht die meiſte Beſchaͤf⸗ tigung darbietet, und fuͤr die ſtete Aufſicht der Offtziere zu entlegen iſt, ſo gibt man ihm die zuverlaͤſſigſten Marsklimmer, die daher den Vorrang vor den uͤbrigen haben. Der Beſaanmaſt wird von jungen Leuten be⸗ dient, die hier fuͤr die andern Maſten ſich bilden; auch dient er beſonders zu einer Schule fuͤr die Kadetten.— Die Untermaſten und Ragen, nebſt Zubehoͤr, werden von den Mannſchaften des Verdecks beſorgt, woruͤber ich gelegentlich mehr ſagen will. Was den Schmuck der Maſtbaͤume betrifft, ſo be⸗ ſteht er außer dem, daß man auf den oberſten Spitzen vergoldete Knoͤpfe befeſtigt, dem Holzwerk oft einen friſchen Anſtrich gibt, die Taue durch wiederholtes Ue⸗ bertheeren bei einer glaͤnzend ſchwarzen Farbe erhaͤlt, 37 und die Marſen mit Einfaſſungen von kuͤnſtlich gefloch⸗ tenen Seilen verſieht,— hauptſaͤchlich in den Flaggen. Den großen Maſt eines jeden Kriegſchiffes ſchmuͤckt ein langer, in den Luͤften ſpielender Wimpel, der jedoch bei ſtuͤrmiſchem Wetter mit einem kuͤrzern vertauſcht wird. Ueberdieß fuͤhrte unſer Neptun, zur Auszeich⸗ nung als Admiralſchiff, eine beſondere Flagge, wozu die beſtaͤndig auf- und niedergehenden Signale kamen, die ein ſchoͤnes Schauſpiel gewaͤhrten. Bei feierlichen Gelegenheiten prangen auf allen erhabenen Theilen die ſchoͤnſten buntfarbigen Flaggen, auch ſtellt ſich die Mannſchaft in dicht gedraͤngten Reihen, um gleichſam Parade zu machen, an allen Raaen auf, womit zu⸗ weilen der Ruf des dreimaligen Hurrah verbunden iſt. Wenn man nun die beſchriebenen ungeheueren Maſtbaͤume mit ihren Marſen, Staͤngen, Ragen und Segeln, mit dem dichten Gewebe von Tauen, den kuͤhnen Marsklimmern, dem Prunk der Flaggen und der paradirenden Mannſchaft auf den Raaen ſich denkt; wenn man zu dieſer Vorſtellung noch die hinzufuͤgt, daß die Manoͤver mit den Segeln aͤußerſt ſchnell, und, wie die Couliſſenveraͤnderung einer Buͤhne, hoͤchſt takt⸗ maͤßig vor ſich gehen, ſo werden meine Leſer leicht be⸗ greifen, wie ſehr die Maſten eines großen Kriegſchiffes den Beobachter in Erſtaunen ſetzen. Ich komme jetzt zu dem Koͤrper des Schiffes ſelbſt. Er beſteht, mit Ausnahme der kiefernen Deck⸗ planken, durchgaͤngig aus eiſenfeſtem Eichenholze. Das 38 unter freiem Himmel befindliche Verdeck ſtellt gleich⸗ ſam das platte Dach des ganzen Gebaͤudes vor, und fuͤhrt vorzugsweiſe den ſchlichten Namen„Verdeck.“ Dagegen vertreten die darunter liegenden die Stelle der Stockwerke, und haben zur unterſcheidung beſon⸗ dere Beinamen, z. B. das obere, mittlere, untere u. ſ. w. Das Vordertheil des Verdecks heißt das Back oder Vorderkaſtell. Man pflegte es ehedem zu uͤberbauen; da dieß aber der freien Ausſicht nach vorn, beſonders beim Steuern, ſehr hinderlich war, ſo iſt nach der neuen Bauart das ganze Verdeck offen, und laͤuft eben bis nach der Kajuͤte hin, was auch auf unſerem Drei⸗ decker der Fall iſt. Das Back nimmt ſeinen Anfang an den hinterſten Tauen des Vormaſtes. Wenn wir, von dieſem Standpunkt aus, unſern Blick nach vorn richten, ſo ſtoͤßt uns, außer dem Vormaſt, das Bug⸗ ſpriet auf, das vom obern Kanonendeck ſich erhebt, und mit dem Back, durch eine mit Gelaͤndern, verſehene Bruͤcke, in Verbindung ſteht. Es iſt gleich den Maſten von ungeheurer Groͤße, aus mehren Stuͤcken zuſam⸗ mengeſetzt, und mit Vorrichtungen zu ſeiner Verlaͤn⸗ gerung, wie zur Vermehrung des Segelwerks verſe⸗ hen, die den Kauffahrteiſchiffen fremd und unnuͤtz ſind. Beilaͤufig bemerke ich, daß das Bugſpriet eigentlich ein ſchraͤg liegender Maſt iſt, der, wie die Deichſel eines Wagens, doch etwas aufſteigend, uͤber die uͤbrigen Theile hinausragt, und beſonders dazu dient, mittels der darauf befindlichen Stagſegel das Schiff nach den 39 Geſetzen des Hebels zu lenken und zu drehen, und das Ruder zu unterſtuͤtzen. Auf beiden Seiten des Back beſinden ſich kurze zwoͤlfpfuͤndige Kanonen, ſo wie an der Außenſeite die Anker des Schiffes, die, zu Folge der verſchiedenen Beſtimmung, ein Gewicht von 6000 bis 9000 Pfund haben. Die Einfaſſung, vorn und an den Seiten des Decks, beſteht in einem vier Fuß hohen Bord aus dicken Balken. Auf dem Bord befindet ſich ein dop⸗ peltes Gelaͤnder,— wegen der Umziehung mit Seilen gewoͤhnlich Finknetze genannt,— zwiſchen welchem am Tage die Hangmatten, nachdem man ſie mit dem darin befindlichen Bettzeuge zierlich zuſammengeſchnuͤrt hat, dicht hinter einander aufgeſtellt werden. Dieſe Ein⸗ richtung erſtreckt ſich uͤberhaupt auf den ganzen Rand des Verdecks, ſo daß man rund umher fortlaufende Reihen Hangmatten erblickt. Sie gewaͤhrt nicht nur den Vortheil, daß das Bettzeug beſtaͤndig ausgeluͤftet, und in den Raͤumen, die in der Nacht zu Schlafſaͤlen dienen, am Tage der erfoderliche Platz nicht beſchraͤnkt wird, ſondern dient auch hauptſaͤchlich dazu, dem Ver⸗ deck eine treffliche Bruſtwehr zu geben, weil die Bet⸗ ten, wie alle weiche nachgebende Gegenſtaͤnde, die an⸗ prallenden Kugeln unglaublich ſchwaͤchen, und die des kleinen Gewehrs gar nicht durchdringen laſſen. Ueber⸗ dieß erhaͤlt dadurch das Ganze ein munteres gefaͤlliges Anſehen, da die Hangmatten ſtets aͤußerſt ſauber und weiß gehalten, uͤberdem auch mit großer Genauigkeit 40 geordnet werden.— Hinter dem Fockmaſt haͤngt die große Schiffglocke an einer Art Geruͤſt, das man ge⸗ woͤhnlich einen Galgen nennt. Nicht weit davon er⸗ hebt ſich in betraͤchtlicher Hoͤhe der Schornſtein, wel⸗ cher den Rauch aus der Kuͤche ableitet. Am hinterſten Ende des Back befindet ſich eine Luke mit einer Treppe, die nach dem darunter liegenden Deck fuͤhrt. Die Matroſen, womit das Back bemannt iſt, be⸗ ſtehen aus den geſchickteſten und erfahrenſten, die unter allen den erſten Rang einnehmen und gewiſſe Vor⸗ rechte genießen. Sie haben ihre ſo genannten Kapi⸗ taͤne oder Anfuͤhrer. Die ihnen obliegenden Geſchaͤfte ſind hauptſaͤchlich die, daß ſie die Anker, das Fockſegel und die zum Bugſpriet gehoͤrigen Segel beſorgen, ſo wie das Schiff ſteuern, wenn es auf dem Meere iſt. Auch werden ſie haͤufig den Segelmachern und Reb⸗ ſchlaͤgern zur Huͤlfe beigegeben. Ueberdieß halten auf dem Vorderdeck jederzeit ein oder zwei bewaffnete See⸗ ſoldaten Wache. Eben ſo iſt es der Standpunkt fuͤr den Bootsmann, der von hier aus die ihm zuſtehenden Befehle gibt, die unter der beſondern Aufſicht ſeiner Gehuͤlfen, der Unterbootsmaͤnner, vollzogen werden. Denjenigen Theil des Verdecks, der den vordern mit dem hintern verbindet, und auf Kauffahrern das Mitteldeck oder die Laſt heißt, nennt man auf großen Kriegſchiffen das Kuhl oder die Gaͤnge. Dieſe fuͤhren kein Geſchuͤtz. Daher iſt auch das Verdeck— naͤmlich das ſchlechthin ſo genannte, wovon ich jetzt ſpreche,— 41 nicht unter der Zahl derjenigen begriffen, die einem Kriegſchiffe den Namen„Eindecker, Zweidecker, u. ſ. w.“ geben; denn man zaͤhlt nur ſolche, welche mit einer glatten Lage Kanonen beſetzt ſind, und ſagt z. B.„das Schiff hat Ein Deck und Back und Schanze.“ Die Urſache, warum man auf den Gaͤngen kein Geſchuͤtz anbringt, liegt darin, weil hier die meiſten Arbeiten verrichtet werden, welche viel Raum verlangen. Denn auf dieſem Punkte fallen viele Manoͤver mit den Se⸗ geln vor, auch zieht man daſelbſt die Waſſer⸗ und Proviantfaͤſſer, ſo wie alle Laſten, die an Bord kom⸗ men, herauf, um ſie durch die große Luke, die in der Mitte der beiden Gaͤnge ſich befindet, zu ihrer weitern Beſtimmung hinab zu laſſen. Ueberdem ſtehen, wenn das Schiff unter Segel iſt, die ſchwerſten Boote uͤber der großen Luke, die vielen Platz einnehmen. Dieſe Boote ſind das ſo genannte lange, die Bar⸗ kaſſe und die Travaljeſchaluppe. Die beiden erſtern gebraucht man vornaͤmlich zum Lichten der Anker, zum Herbeiſchaffen des ſuͤßen Waſſers, des Proviants und aller großen Laſten. Sie unterſcheiden ſich von einander dadurch, daß die Barkaſſe hinten und vorn ſpitziger iſt. Die Travaljeſchaluppe dient allerhand grobe Arbeiten damit zu verrichten, z. B. die Schiff⸗ ſeiten zu waſchen, anzuſtreichen und dergleichen, ſo wie die Matroſen, wenn ſie außerhalb des Schiffes Verrich⸗ tungen haben, hin und her zu fuͤhren; auch wird ſie bis⸗ weilen zu denſelben Zwecken, wie die vorigen benutzt. 4² Alle drei Fahrzeuge ſind ungemein dauerhaft ge⸗ baut, und koͤnnen eingerichtet werden, eine Reiſe uͤber das Meer zu machen. Jede derſelben hat ihre be⸗ ſtimmte Mannſchaft, von der ſie in Ordnung gehalten und gerudert wird. Was die große Luke betrifft, ſo legt man, im Hafen, hoͤlzerne Gatter daruͤber, wodurch der Gefahr hinabzuſtuͤrzen vorgebeugt wird, ohne jedoch den dar⸗ unter befindlichen Decken den Zugang des Lichtes und der Luft von oben zu entziehen. Geht aber das Schiff unter Segel, ſo wird es zur Aufnahme der ſchweren Boote dichter und feſter verwahrt; doch bleibt es zu jeder Zeit am hinterſten Theile offen, weil hier eine Treppe nach dem naͤchſten Deck hinabgeht. Ueberhaupt will ich gleich hier bemerken, daß jedes Deck dergleichen Luken hat, die in gerader Linie unter dem des oberſten angebracht, und wie dieſes mit Trep⸗ pen verſehen, uͤbrigens aber mit Gatterwerk zugedeckt ſind. Da jedoch die ſaͤmmtlichen Luken haͤufig offen ſtehen muͤſſen, ſo iſt das unterſte mit einem beutelfoͤr⸗ migen, ſehr elaſtiſchen Netze bezogen, um die etwa hinabſtuͤrzenden Leute aufzufangen, was auch gewoͤhn⸗ lich ohne alle Beſchaͤdigung derſelben geſchieht. Noch muß ich die Bemerkung hinzufuͤgen, daß man, vom Verdeck aus, durch die Luken ſo genannte Wind⸗ oder Kuͤhlſegel hinab leitet, um den tiefer lie⸗ genden Raͤumen friſche Luft zuzufuͤhren, die ſie außer⸗ dem gaͤnzlich entbehren wuͤrden. Dieſe Luftleiter beſte⸗ 43 hen aus langen ſchmalen Segeln, die oben an einer kleinen Raa befeſtigt ſind, aber acht bis zehn Fuß tiefer, durch das Zuſammenheften der beiden Seiten⸗ kanten, in die Form eines Schlauchs uͤbergehen. Man zieht ſie uͤber dem Verdecke ſo hoch und ſo gegen den Wind geſtellt auf, daß dieſer in dem obern ausgeſpann⸗ ten Theile ſich ſackt, und in den ſchlauchfoͤrmigen hinab faͤhrt. Er draͤngt ſich unten durch die Oeffnung mit einer Kraft heraus, die ſeine eigentliche uͤberſteigt, weil durch die trichterartige Form des obern Segel⸗ theils eine Preſſung der Luft entſteht. Die ſich ergie⸗ ßenden Luftſtroͤme ſteigen dann wieder nach oben, und verbreiten uͤber das ganze Schiff eine angenehme Kuͤhle. Auf den großen Kriegſchiffen beobachtet man jederzeit dieſe Luftreinigung, und fertigt beſondere Segel dazu, die nie zu andern Zwecken gebraucht werden. Auf Kauf⸗ fahrern aber iſt dieß ſeltener der Fall, weil ſie auf der See gewoͤhnlich mit der Ladung angefuͤllt ſind, und auch, wegen ihrer niedrigen Lage, die Luken vor den Wellen verſchließen muͤſſen; daher werden dort, im Fall Windſegel zulaͤſſig oder noͤthig ſind, die Lee⸗ oder Beiſegel dazu umgeſchaffen, was bloß das Zuſammen⸗ heften der beiden Seitenkanten erfodert. Solche Leitungen des Windes waͤren vielleicht auch auf dem Feſtlande, wie es ſchon bei Bergwerken ge⸗ ſchieht, in den Haͤuſern anwendbar, um dumpfe Kel⸗ ler und Gewoͤlbe zu erfriſchen, dem Rauchen der Schornſteine abzuhelfen, kleine Maſchinen in Bewegung zu ſetzen, und vielleicht unzaͤhlige andere Zwecke zu er⸗ reichen. Der Leiter koͤnnte dann aus dauerhaftern und dichtern Stoffen, als Segeltuch oder Leinewand ſind, beſtehen. Man koͤnnte den Schlauch in Roͤhren ver⸗ wandeln, um den Wind, aller Kruͤmmungen unbeſcha⸗ det, ſicher an die beſtimmte Stelle des Hauſes zu fuͤh⸗ ren. Der zum Auffangen der Luft beſtimmte Theil muͤßte von dem uͤbrigen getrennt und ſo eingerichtet ſein, daß das untere Ende desſelben, in das obere der Roͤhre eingreifend, auf einer Spindel ruht, und daher nach dem Winde ſich drehen laͤßt, was uͤberdieß, mit⸗ tels einer daruͤber angebrachten Wetterfahne, immer von ſelbſt erfolgen wuͤrde. Da auf den Gaͤngen des Verdecks viel Arbeit ver⸗ richtet wird, wozu ein voͤllig freier Platz noͤthig iſt, ſo ſind ſie mit keinem ſtehenden Bord, ſondern mit be⸗ wegbaren doppelten Schranken eingefaßt, in deren Zwi⸗ ſchenraume Staͤngen, Raaen, Maſten und Ruder fuͤr die Boote und mancherlei Geraͤthſchaften aufbewahrt werden. Dieſe Schranken haben an der In⸗ und Außen⸗ ſeite eine Bekleidung von Segeltuch, der man einen den angraͤnzenden Schiffstheilen entſprechenden Anſtrich gibt, daher der Mangel des Bords kaum zu bemerken iſt⸗ Oben darauf befindet ſich ein zweites Doppelgelaͤnder, um Hangmatten dazwiſchen zu ſtellen. In der Gegend des großen Maſtes, da wo die Gaͤnge an das Hinterdeck graͤnzen, laſſen die Schran⸗ ken an der Steuerbord⸗ und an der Backbordſeite eine —,——— Z8&8X æ 7 45 Oeffnung, durch welche man zu den Treppen kommt, die von außen nach dem Verdeck fuͤhren. Die Steuer⸗ bordtreppe iſt breit, bequem, in Abſaͤtze eingetheilt und mit eiſernen Gelaͤndern umgeben. Sie iſt fuͤr die ober⸗ ſten Offiziere, ſo wie fuͤr vornehme Beſuche beſtimmt, und wird bloß im Hafen aufgeſetzt; auf der See be⸗ dient man ſich an ihrer Stelle gelegentlich einer ein⸗ fachern, dergleichen auch die Kauffahrteiſchiffe zu fuͤhren pflegen. 3 Die Treppe am Backbord beſteht bloß in ſtarken breiten Leiſten, die an das Schiff genagelt ſind. An jeder Seite haͤngt ein zierlich geflochtenes Seil hinab, um das etwas ſchwierige Hinauf⸗ und Hinunterſteigen mit den Haͤnden zu erleichtern. Dieſe Stiege wird indeſſen wenig gebraucht, indem die Meiſten durch die Stuͤckpforten des untern Decks, oder durch die daſelbſt befindliche Thuͤr in die Boote ſteigen. An jeder der beiden Treppenoͤffnungen ſteht eine Schildwache. Außerdem ſind die Gaͤnge mit keiner beſondern Mannſchaft beſetzt, da die Leute, die gele⸗ gentlich darauf arbeiten, ihren Standpunkt in den tiefern Raͤumen haben. 5. Beſchreibung der Schanze mit ihrer Bemannung— das doppelte Rad, womit man ſteuert— Bemerkungen, das Steuern betreffend. Die Kampanje und die darauf befind⸗ liche Mannſchaft— Geſchaͤft des Signalmeiſters und ſei⸗ ner Leute— die Schaluppen. Verſchiedene Beſtimmung der Matroſen auf einem Kriegſchiffe, die in dieſer Hinſicht mit denen auf den Kauffahrern verglichen werden. Farben⸗ anſtrich der aͤußern Theile des Schiffes. — Hinter den erwaͤhnten Eingaͤngen von den Außentrep⸗ pen nimmt das hintere Deck, welches auch das Halbdeck oder die Schanze heißt, ſeinen Anfang. Dieſes ward ehedem auf den Linienſchiffen, gleich dem Back, ſehr erhaben gebaut, liegt aber auf dem Neptun in gleicher Richtung mit den uͤbrigen Theilen des Verdecks. Auf den Seiten iſt es mit einem ſechs Fuß hohen Balken⸗ bord verſehen, den die Kugeln des kleinen Gewehrs nicht durchdringen; hierauf kommen noch Hangmatten zu ſtehen, ſo daß die ganze Hoͤhe acht bis neun Fuß betraͤgt. Die aufgepflanzten Kanonen beſtehen in lan⸗ gen Zwoͤlfpfuͤndern. Die Schanze iſt der vorzuͤglichſte Sammelplatz der Offiziere, wo ſie faſt beſtaͤndig, nach alter ſeemaͤnni⸗ ſcher Sitte, von vorn nach hinten auf⸗ und abgehen⸗ 47 Es iſt der vorzuͤglichſte Punkt im Schiffe, von dem die wichtigſten Befehle ausgehen, und wo faſt alle feierliche Handlungen vollzogen werden. Die Matro⸗ ſen, welche hier ihren Poſten haben, halten ſich ge⸗ woͤhnlich an den Seiten zwiſchen den Kanonen auf. Sie machen eine bedeutende Anzahl, obſchon eine der niedrigſten Klaſſen aus. Die Theile des Takelwerks, die der Beſorgung derſelben obliegen, ſind vornaͤmlich das Unterſegel des großen Maſtes oder das große Se⸗ gel, und das hinterſte, naͤmlich das am Beſaanmaſt befeſtigte Gabelſegel, das man ſchlechthin den Beſaan nennt. Uebrigens haben ſie wenig Verrichtungen; haupt⸗ ſaͤchlich kommt es bei ihnen darauf an, daß ſie, beſtaͤn⸗ dig den Augen der Offiziere bloß geſtellt, immer auf dem Platze und bereit ſind, die erhaltenen Befehle zu vollfuͤhren, ſo wie daß ſie ſich ſtill und geſittet betra⸗ gen, und vor allem Reinlichkeit in der Kleidung be⸗ obachten, worin ſie auch vor dem ganzen Schiffsvolke ſich auszeichnen. Sie ſtehen, wie alle die genannten Mannſchaften, unter der beſondern Aufſicht von Kapi⸗ taͤnen. Die Quartiermeiſter ſtellen auf der Schanze dasjenige vor, was auf dem Back die Gehuͤlfen des Bootsmannes find. Hinten an der Backbordſeite befindet ſich eine Treppe, die nach unten fuͤhrt. Hier beginnt das Ge⸗ biet der obern Kajuͤte. Ein quer uͤber das Deck lau⸗ fender Saͤulengang, an den die Vorwand derſelben ſtoͤßt, macht die Graͤnze. Unter dem Gange ſteht das 48 Kompaßhaus und das doppelte Rad, womit man ſteu⸗ ert. Letzteres iſt eigentlich eine Winde, und beſteht aus einer auf zwei Stuͤtzen ruhenden Welle, an jedem Ende rund umher mit Hebeln, welche, wie die Spei⸗ chen eines Rades, durch einen Kreisbogen mit einan⸗ der verbunden ſind, doch dergeſtalt, daß die Spitzen ungefaͤhr eine Viertelelle hervorragen, um zu Handha⸗ ben beim Drehen zu dienen. Das Ganze iſt aus feſtem Holze ſauber gedrechſelt. Zwiſchen den beiden Raͤdern iſt um die Welle ein Seil geſchlungen, ſo daß, wenn jene gedreht wird, das eine Ende ſich auf⸗ und das andere ſich abwickelt, und folglich beide einander ent⸗ gegengeſetzt wirken. Sie gehen durch kleine, in den Dielen befindliche Oeffnungen unter das Deck hinab, wo ſie, durch Bloͤcke geleitet, den Ruderbaum von ei⸗ ner Seite zur andern bewegen, ſo wie oben die Well⸗ hin und her gedreht wird. Der Ruderbaum faͤhlt naͤmlich nicht, wie es auf den meiſten Kauffahrern der Fall iſt, uͤber dem Verdeck, ſondern zwiſchen der obern und untern Kajuͤte, in einem beſondern Gehaͤuſe, wo er der Mannſchaft weniger hinderlich und vor Beſchaͤ⸗ digung beſſer geſchuͤtzt iſt. Zum Steuern ſind, weil die Regierung des ungeheuern Ruders eine große Ge⸗ walt erfodert, jederzeit drei oder vier Menſchen noͤthig, ja, ſechs bis acht bei ſtuͤrmiſchem Wetter. Eigentlich aber ſteuert, wie es in der Natur der Sache liegt, immer nur Einer, indem die Bewegungen, die er mit dem Rade macht, von den Uebrigen bloß handlanger⸗ 49 maͤßig unterſtuͤtzt werden. Jener iſt ein Matroſe von dem Back, dieſe gehoͤren zu denen der Schanze, Ein Quartiermeiſter fuͤhrt ſtets die Aufſicht dabei. Die uͤber der Kajuͤte beſindliche Decke nennt man das Vierteldeck oder die Kampanje. Auf beiden Sei⸗ ten der Schanze fuͤhrt eine Treppe hinauf. Den vor⸗ dern Theil, der uͤber dem Saͤulengange liegt, faßt ein zierliches Gelaͤnder ein. Ueber demſelben ragen einige metallene Drehbaſſen hervor, die hauptſaͤchlich beſtimmt ſind, die vordern Theile des Verdecks zu beherrſchen, im Fall unter dem Schiffsvolk ein Aufruhr entſteht. Der Bord an den Seiten und hinten iſt fuͤnf Fuß hoch, und wird, wie in den uͤbrigen Schiffstheilen, oben mit Hangmatten beſetzt. Ehedem hatten die Krieg⸗ ſchiffe auch auf dieſem Deck Kanonen; der Neptun fuͤhrt aber keine, weil man— wie ich ſchon bei den Maſten in Erwaͤhnung brachte,— heutiges Tages vermeidet, ſchweres Geſchuͤtz auf hohe Punkte des Schiffes zu bringen, um letzteres nicht in zu großes Schwanken zu verſetzen. Die Kampanje iſt hauptſaͤchlich der Standpunkt des Signalmeiſters und ſeiner Leute. Der Signalmei⸗ ſter hat auf Kriegſchiffen, wo der Admiral einer zahl⸗ reichen Flotte ſich beſindet, einen ſchwierigen Poſten. Er iſt ſtets beſchaͤftigt, der Flotte die Befehle des Ad⸗ mirals durch den Telegraph, der in aufgezogenen Flag⸗ gen beſteht, bekannt zu machen, und zugleich die von ihr gegebenen Zeichen zu beobachten, Bericht daruͤber zu erſtatten, und, dem erhaltenen Beſcheide gemaͤß, zu beantworten. Hierbei muß er oft zum Signalbuche, das immer auf einem Tiſche vor ihm liegt, ſeine Zu⸗ flucht nehmen; denn es iſt nicht moͤglich, die vielfachen Bedeutungen der Flaggen im Kopfe zu haben, zumal da man ſie zur Verheimlichung vor dem Feinde häuſig veraͤndert. Dieß iſt beſonders der Fall, ſo oft die Flotte zu einer neuen Beſtimmung aus dem Hafen geht, obſchon einige minder wichtige Zeichen— z. B. um die Anker zu lichten, oder ſie zu werfen, um Waſ⸗ ſer und Proviant zu holen und dergl.,— immer die ſelbigen bleiben. Ueberdieß erhalten die ſaͤmmtlichen Schiffe zur Unterſcheidung von einander beſondere Flag⸗ gen, die, ſo oft einzelne durch Signale zu irgend et⸗ was aufgefodert werden, jedesmal uͤber dieſen zu ſtehen kommen, damit man weiß, auf wen der Befehl ſich bezieht. Geht er der ganzen Flotte an, ſo fallen natuͤr⸗ lich die Unterſcheidungzeichen weg. Die Gehuͤlfen des Signalmeiſters muͤſſen die Flaggen beſtaͤndig in gutem Stand erhalten, und, zierlich aufgerollt und nach Num⸗ mern in Kiſten gepackt, ſorgfaͤltig verwahren, um die verlangten augenblicklich finden, und am Beſaanmaſt in die Hoͤhe ziehen zu koͤnnen. Die Nachtſignale, welche man durch Laternen macht, verurſachen ihnen die meiſte Muͤhe, beſonders bei ſtuͤrmiſchem Wetter, wo die Lich⸗ ter leicht ausgeloͤſcht, oder die Laternen aus derjenigen Lage gebracht werden, die erfoderlich iſt, um das be⸗ ſtimmte Zeichen auszudruͤcken. Auf denjenigen Krieg⸗ 51 ſchiffken, die keinen Admiral am Bord haben, iſt die Arbeit, folglich auch die Anzahl der Signalmaͤnner nicht ſo betraͤchtlich, weil ſie bloß das Admiralſchiff zu beobachten und die Befehle, die es ihrem Schiffe gibt, zu beantworten haben. Außer dieſen Leuten ſind auf der Kampanje ei⸗ nige zu der Schanze gehoͤrige Matroſen ſtationirt, faſt einzig um das Beſaanſegel zu regieren, von welchem zu jeder Zeit, beſonders in der Schlacht und im Sturme, ungemein viel abhaͤngt. Ueberdem iſt die Kampanje der Sammelplatz der Kadetten und, im Gefecht, haͤu⸗ ſig der Standpunkt des Admirals, ſo wie ſie den ſaͤmmt⸗ lichen Offizieren taͤglich zum Obſervatorium dient. An der Außenſeite rund um den Hintertheil des Verdecks, haben die leichtern Schaluppen ihren Platz, wo ſie an hinausragenden Balken aufgezogen werden. Sie ſind von verſchiedener Groͤße, einige zu vier, an⸗ dere zu ſechs bis zu zwoͤlf Rudern. Jede hat ihre beſondere Beſtimmung; die eine faͤhrt bloß den Admi⸗ ral, eine andere den Kapitaͤn, und die uͤbrigen die ver⸗ ſchiedenen Offiziere, ſo wie ihre Geſchaͤfte die Gelegen⸗ heit dazu geben. Alle haben aber das mit einander gemein, daß ſie in der groͤßten Ordnung und Sauber⸗ keit gehalten und von beſondern Leuten bedient werden, die in der Kunſt, ein Boot zu rudern und damit zu ſegeln, große Uebung haben muͤſſen. Man ſieht hieraus und uͤberhaupt aus dem, was ich bisher uͤber die verſchiedenen Stationen der Ma⸗ 4* troſen geſagt habe, daß auf Kriegſchiffen zu jedem Ge⸗ ſchaͤft ſtets dieſelben Leute gebraucht werden. Auf den Kauffahrern ſindet das Gegentheil Statt; hier muͤſſen die Matroſen bald dieſe, bald jene Arbeit verrichten und, der ſchwachen Anzahl wegen, mit vereinigten Kraͤften von der einen zur andern uͤbergehen. Bald iſt das ganze Haͤuflein mit den Ankern, bald auf den Maſten, dann wieder im Raume, in den Booten u. ſ. w. beſchaͤftigt. Es iſt daher einleuchtend, daß die Matro⸗ ſen auf den Kriegſchiffen zwar in den beſondern, ihnen angewieſenen Beſchaͤftigungen eine außerordentliche Ge⸗ ſchicklichkeit erlangen, aber in den uͤbrigen Arbeiten, die nicht in ihrem Wirkungkreiſe liegen, meiſtens uner⸗ fahren bleiben; eben ſo bringen es die Matroſen auf den Kauffahrteiſchiffen zwar nicht zu jenem Grade mechaniſcher Fertigkeit in den einzelnen Theilen des Seeweſens, lernen aber das Ganze beſſer in's Auge faſſen und mit ihrem Verſtand uͤberblicken. Folglich wird man auch leicht begreifen, daß letztere fuͤr alle Faͤcher auf den Kriegſchiffen paſſen, ob ſie ſchon An⸗ fangs in keinem die hier erfoderliche Gewandtheit be⸗ ſitzen, die ihnen aber die taͤgliche Uebung bald ver⸗ ſchafft. Dagegen kommen erſtere auf den Kauffahrern, wo jede Arbeit von ihnen verlangt wird, ſelten gut fort, indem ſie z. B., wegen ihrer fruͤhern Beſchaͤfti⸗ gung, zwar meiſterhaft auf den Maſten klettern, aber am Steuerruder, in den Booten u. ſ. w. ſich unge⸗ ſchickt benehmen, und ſo umgekehrt. Ueberdem ſind ſie 53 minder an anhaltende Thaͤtigkeit gewoͤhnt, und zeigen immer große Neigung und Liſt, die Arbeiten von ſich abzuwaͤlzen, und ihren Gefaͤhrten aufzubuͤrden, was doch mit der Schwaͤche der Mannſchaften auf den Han⸗ delſchiffen ſich nicht vertraͤgt. Selbſt diejenigen eignen ſich wenig fuͤr die Kauffahrer, welche von dieſen auf die Kriegſchiffe verſetzt wurden, weil ihnen hier man⸗ ches Geſchaͤft aus der Uebung kam. Am meiſten aber iſt dieß bei ſolchen der Fall, die auf letztern erzogen ſind, ſelbſt wenn ſie alle Matroſenklaſſen nach und nach durchwanderten, und folglich eine Arbeit nach der an⸗ dern erlernten; denn es kommt, um ein Gewerbe ganz inne zu haben, viel darauf an, ob man im erſten Jahre einen Theil desſelben, im zweiten einen andern, im dritten noch einen andern u. ſ. f. betrieben hat, wobei die fruͤher erlangten Fertigkeiten zum Theil wieder ver⸗ loren gehen, oder ob man, waͤhrend dieſer Zeit, Tag vor Tag von jedem Geſchaͤft etwas verrichtete, und ſo das Ganze immer in der Uebung behielt. Demnach ſindet zwiſchen einem Kriegſchiffe und einem Kauffahrer ein gleiches Verhaͤltniß, wie zwiſchen den großen Fabri⸗ ken und den kleinen Werkſtaͤtten der Handwerker Statt. Um nun die Beſchreibung der aͤußern Theile un⸗ ſeres Dreideckers zu beendigen, will ich nur noch des Farbenanſtrichs erwaͤhnen, den ſie zu der Zeit hatten, als ich mich auf dieſem Schiffe befand. Ich ſpreche hier naͤmlich von der Vergangenheit, weil die Art, die Gegenſtaͤnde auf den Schiffen anzuſtreichen, einem ſteten, 54 von Geſchmack und Mode abhaͤngenden Wechſel unter⸗ worfen iſt.— Die Maſten, das Bugſpriet, die Ragen und Marſen waren weiß angeſtrichen, eben ſo die Laf⸗ feten der ſaͤmmtlichen Kanonen auf dem Verdeck, und die Saͤulen des Ganges vor der obern Kajuͤte. Die Staͤngen der Maſten bekamen nie einen Anſtrich, weil er durch das beſtaͤndige Auf- und Niedergehen der Ragen leicht abgerieben wird; man beſchmierte ſie aber, um die Wirkung der Sonne zu mildern und das Aufziehen der Raaen zu erleichtern, haͤufig mit Fett, wodurch ſie das Anſehen braͤunlich gebeizten Holzes erhielten. Der Bord um das ganze Verdeck zeichnete ſich an der Inſeite durch eine ſchoͤne, dem Auge ſehr wohlthuende gruͤne Farbe aus. Aeußerlich war er ſchwarz. Unter ihm hatte die Schiffſeite, vom Anfang der oberſten Batterie, einen weißen Anſtrich, was mit den aus den Pforten hervor ragenden ſchwarzen Kanonen, und mit ihren roth be⸗ malten Mundſtuͤcken einen grellen Abſtich machte. Unter den Batterien lief noch ein breiter ſchwarzer Streifen um das Schiff, an welchen der mit Kupfer beſchlagene Boden desſelben ſtieß. Die unzaͤhligen kleinen Gegen⸗ ſtaͤnde, die ich nicht beruͤhre, hatten denſelben Anſtrich, wie diejenigen der beſchriebenen Haupttheile, mit wel⸗ chen ſie in gleicher Hoͤhe ſich befanden, was dem Gan⸗ zen eine ſehr gefaͤllige Einfachheit verlieh. — Wenn man daher das Schiff in der Entfernung ſah, ſo ſtellten ſich dem Auge, die bunten Flaggen abgerech⸗ net, nur fuͤnf Farben dar. Ueber den Maſtſpitzen 55 ſchwebten goldene Punkte, naͤmlich die vergoldeten Knoͤpfe. Dann folgte das dunkle Gemiſch des Tau⸗ werks, durch welches oben die braͤunlichen Staͤngen mit ihren weißen Raaen und Abſaͤtzen, und weiter unten die weißen Maſten mit ihren gleichfarbigen Raaen und Mar⸗ ſen ſchimmerten. Den obern Theil des Schiffes ſelbſt be⸗ graͤnzte ein weißer ſchmaler Strich, den die Hangmatten bildeten. Unter ihm zog ſich ein etwas breiter ſchwarzer hin, der Bord(denn die gruͤne Inſeite desſelben war von außen unſichtbar). Hierauf folgte ein breiter weißer Streifen(die Batterie), welcher mit drei Reihen ſchwar⸗ zer und rother Tuͤpfchen(den Geſchuͤtzpforten und Ka⸗ nonenmuͤndungen,) beſprenkelt, vorn in das weiße Bug⸗ ſpriet nebſt Zubehoͤr ſich endigte. Dann kam noch ein ſchwarzer nicht ſchmaler Strich, worauf endlich das dunkle Gruͤn des Bodens folgte, das in dem Farben⸗ ſpiele des Meeres ſich verlor. Von dieſer Farbenordnung wich indeß der Spiegel, der hintere platte Theil des Schiffes, etwas ab, weil er, als die Fronte der Kajuͤten, durch beſondere Verzierun⸗ gen vor dem Uebrigen ſich auszeichnet, und ein fuͤr ſich beſtehendes Ganzes bildet. Denn er prangt mit mancher⸗ lei kuͤnſtlichem Schnitz⸗ und Leiſtenwerk um die Fenſter und an den davor befindlichen Galerien, ſo wie mit dem großen koͤniglichen Wappen und dem Namen des Schiffes⸗ Deſſen ungeachtet hatte man bei der Farbenwahl auf eine edle Einfachheit Ruͤckſicht genommen. Der Grund war durchaus ſchwarz, das Uebrige weiß oder vergoldet. 6. Das Innere des Neptun. Die vom Admiral und Schiffs⸗ kapitaͤn bewohnte obere Kajuͤte, mit ihren Kammern, Galerien u. ſ. w. Das obere Kanonendeck— das Gallion — das Hoſpital— Beſchreibung der Kuͤche, nebſt Bemer⸗ kungen uͤber das Verfahren, ſuͤßes Waſſer aus dem des Meeres zu machen— die Schmiede— Zubereitung des Kakao. Ich gehe nun in meiner Beſchreibung des Neptun zu ſeinen innern Theilen uͤber, und beginne mit der obern Kajuͤte. Dieſe wurde theils vom Admiral, theils vom Schiffkapitaͤn bewohnt, iſt aber, wenn kein Ad⸗ miral am Bord ſich befindet, ausſchließlich die Woh⸗ nung des letztern. Sie nimmt ihren Anfang etwas vor dem Beſaanmaſt, bei dem vorerwaͤhnten Saͤulen⸗ gange, von wo ſie in mehren Abtheilungen, bis zum hinterſten Schiffsende, dem Spiegel, fortlaͤuft. Nicht weit hinter dem Steuerrade iſt der Eingang zum Vor⸗ ſaal, den man mit einer Glasthuͤr verſchließen kann, gewoͤhnlich aber offen laͤßt. Er wird von zwei Sol⸗ daten bewacht. In der Mitte dieſes Saals erblickt man ein Stuͤck des Beſaanmaſtes, der hier durch die Decke nach unten zu geht. Er hat die Form einer Saͤule, die man des Abends mit Lampen behaͤngt. 57 Die Waͤnde ſind zierlich bemalt. Auf beiden Seiten gehen Thuͤren in verſchiedene Gemaͤcher, die ſaͤmmtlich, mit Ausnahme eines kleinern fuͤr den Sekretaͤr des Admirals, und eines andern fuͤr deſſen Dienerſchaft, dem Kapitaͤn und ſeinen Leuten gehoͤrten; einige be⸗ nutzte man zur Aufbewahrung der Speiſen und aller⸗ lei wirthſchaftlichen Geraͤthes. Eine derſelben iſt ei⸗ gentlich, wie auf allen Linienſchiffen, zu einer Kuͤche fuͤr den Kapitaͤn beſtimmt; allein man bereitete, ſeit⸗ dem das Schiff in Weſtindien war, keine Speiſen darin, um enicht die druͤckende Hitze, die in den Gemaͤchern empfunden wurde, durch das Kuͤchenfeuer noch zu ver⸗ mehren. Alle dieſe Kammern ſind ſehr ſchoͤn, und ſo eingerichtet, daß ſie ſich von den Zimmern eines Hau⸗ ſes durch nichts, als die hoͤlzernen, mit Oelfarbe be⸗ malten Waͤnde unterſcheiden. Im Hintergrunde des Vorſaals bemerkt man eine Glasthuͤr, den Eingang zu dem geraͤumigen Zimmer, das vorzugweiſe die große Kajuͤte heißt. Dieß iſt das vorzuͤglichſte im ganzen Schiffe. Es diente zum Speiſe⸗ und Audienzſaal des Admirals, hauptſaͤchlich auch zum Sammelplatze fuͤr die obern Offiziere der Flotte, wenn ſie berufen wurden, um Kriegsgericht zu halten, d. i. ein begangenes Verbrechen zu unterſuchen und das Ur⸗ theil daruͤber auszuſprechen, oder uͤber irgend einen Gegenſtand des allgemeinen Wohls ſich zu berathen. Die Pracht, welche hier herrſchte, erregte Verwunde⸗ rung. Die Reihe der Fenſter ſchmuͤckten ſeidene Gar⸗ 58 dinen, und große geſchliffene Spiegel. Die Waͤnde waren mit polirtem Mahagoniholz belegt, und oben und unten, wie an den Kanten der Thuͤren und Fen⸗ ſter, mit vergoldeten Leiſten eingefaßt. Links am Ein⸗ gange befand ſich ein metallener, geſchmackvoll und reichverzierter Kamin, und rund umher ſtanden koſt⸗ bare Meubles. Die Tiſche waren hin und wieder mit kuͤnſtlichen Uhren und mathematiſchen Inſtrumenten be⸗ ſetzt. Die Decke hatte man zur Vermehrung der Hel⸗ ligkeit weiß angeſtrichen, und in der Mitte, um das Deckfenſter herum, mit vergoldetem Schnitzwerk in Ge⸗ ſtalt einer Sonne verziert; der Fußboden beſtand aus ſeltenen, in ſchoͤnen Formen zuſammengeſetzten Hoͤlzern. Kurz, man wuͤrde geglaubt haben, in ein fuͤrſtliches Zimmer zu treten, wenn nicht der Anblick des Meeres, das durch die hellen Glasfenſter*) ſich zeigte, die Taͤu⸗ ſchung verhindert haͤtte. Aber ungeachtet der praͤchti⸗ gen Einrichtung, trug dennoch das Ganze den Staͤm⸗ *) Da Glasfenſter beim Abſchießen des Geſchuͤtzes zer⸗ ſpringen, ſo hat man auf den Kriegſchiffen gewoͤhnlich eine beſondere Art Fenſter. Sie beſtehen aus einem feinen Drahtgewebe, das mit ſehr elaſtiſchem und bei⸗ nahe farbloſen Firniß uͤberzogen iſt. Obſchon ſie nicht durchſichtig ſind, ſo gewaͤhren ſie doch eine hinlaͤngliche Helligkeit. Auch auf dem Neptun gebrauchte man ſolche Fenſter, wenn er in See oder ſonſt der Gefahr in’s Gefecht zu kommen ausgeſetzt war; befand er ſich aber im Hafen, und uͤberhaupt in Sicherheit, ſo wur⸗ den ſie weggenommen und glaͤſerne dafuͤr eingeſetzt. 59 pel einer edlen Einfachheit. Die ſaͤmmtlichen Gegen⸗ ſtaͤnde ſtellten ſich in eben ſo wenig und faſt in den⸗ ſelben Farben dar, worin die Außenſeite, der Spiegel, erſchien, indem die ſchwaͤrzliche Farbe der Waͤnde und der Meubles bloß durch das Gruͤn der Gardinen und Teppiche, durch das Weiß der Decke, ſo wie durch den Goldglanz der metallenen Geraͤthe und der Verzierun⸗ gen hervor gehoben wurde. Der Glasthuͤr am Ein⸗ gange gegenuͤber befindet ſich eine zweite, die zu der außen angebrachten Galerie fuͤhrt. Dieſe laͤuft, laͤngs der ganzen Breite des Schiffes, vor den Fenſtern hin, und bietet einen trefflichen Ort dar, ungeſtoͤrt die freie Luft zu genießen und ſpazieren zu gehen. An beiden Seiten des Saals befinden ſich Kammern, wo⸗ von die eine, zu meiner Zeit, dem Admiral zum Schlaf⸗ gemach diente. Das Geſtell ſeines Bettes beſtand ganz aus Eiſen und hatte einen zierlichen Himmel, von welchem, zur Abwehrung der Fliegen und Muͤcken, Vorhaͤnge von feinem gruͤnen Flor herabhingen. Die andere Kammer war zum Arbeitzimmer des Admirals beſtimmt. Beide hatten eine dem Saal entſprechende Einrichtung, und konnten mit dem letzteren vereinigt werden, indem die Seitenwaͤnde nach Belieben ſich auf⸗ ſetzen und wegnehmen ließen. Von dieſen Gemaͤchern fuͤhren Glasthuͤren nach den Seitengalerien, die mit der hinterſten und, durch Treppen, mit denen der un⸗ tern Kajuͤte in Verbindung ſtehen. Die Beſchreibung der obern Kajuͤte beſchließe ich mit der Bemerkung, — daß Ordnung und Reinlichkeit— welche nicht immer in praͤchtigen Zimmern zu finden ſind,— hier im hoͤch⸗ ſten Grade herrſchen, Eigenſchaften, die uͤberhaupt auf alle Theile des Schiffes ſich erſtrecken, wie ich weiter unten zeigen werde. Jetzt fuͤhre ich meine Leſer auf die dritte Batterie oder das obere Kanonendeck hinab. Hier erblicken wir auf beiden Seiten achtzehnpfuͤndige Artillerie⸗Stuͤcke, die von vorn bis hinten in ununterbrochener Reihe fortlaufen. Sie ſind faſt beſtaͤndig ausgeruͤckt, weil die Wellen des Meeres ſelten ſo hoch ſteigen, um in die Geſchuͤtzpforten(Schießſcharten) einzudringen. Die Klappen der letztern werden ſo aufgezogen, daß ſie ein Dach uͤber den etwas hinausragenden Kanonenlaͤufen bilden, um dieſe vor dem Regen zu ſchuͤtzen, und die aufſteigende Flamme beim Abfeuern nicht an die Schiff⸗ ſeite anſchlagen zu laſſen. Da die Pforten die Breite und Hoͤhe eines maͤßigen Fenſters haben, ſo gewaͤhren ſie ein helles Licht, und einen geſunden freien Durch⸗ zug der Luft. Nach dieſem allgemeinen Ueberblick des Decks, be⸗ trachten wir zunaͤchſt den vordern Theil desſelben etwas naͤher. In dem Bug, d. i. dem bogenfoͤrmigen Vor⸗ dertheil, erblicken wir links eine Thuͤr; ſie fuͤhrt zu dem ſo genannten Gallion. Dieß iſt ein unter dem Bugſpriet hinaus gebautes zierliches Geruͤſt, das An⸗ fangs faſt die Breite des Schiffes hat, dann aber immer ſpitziger zulaͤuft, und in eine Figur ſich endigk⸗ ͤͤͤöͤͤͤͤͤͤͤ 61 Dieſe entſpricht immer dem Namen, den das Schiff fuͤhrt, und ſtellt mithin auf dem Neptun den Gott des Meeres vor. Das Gallion iſt oben in gleicher Linie mit dem Deck gedielt, an den Seiten mit einer vier Fuß hohen hoͤlzernen Einfaſſung verſehen, und daher wie ein Altan zu betrachten. Der Hauptzweck desſel⸗ ben iſt, das Bugſpriet zu unterſtuͤtzen, ſo wie auch den ſtumpfen kahlen Obertheil des Bugs zu bedecken, und ſeine Geſtalt ſpitzig zu machen, was man fuͤr eine be⸗ ſondere Zierde der Schiffe haͤlt. Außerdem hat es, als ein vom Schiffe abſtehender und uͤber dem Waſſer ſchwebender Theil, die ſehr ſchickliche Nebenbeſtimmung erhalten, daß alle unſaubere Arbeiten ausſchließlich dar⸗ auf verrichtet werden. So z. B. ſchlachtet und rei⸗ nigt man daſelbſt alles Federvieh und andere kleine Thiere, waͤſcht und ſcheuert das Kuͤchengeraͤth u. ſ. w. Auch befinden ſich in der Mitte zwei Reihen offener Abtritte fuͤr die Matroſen und Soldaten, ſo wie an den Seiten einige verdeckte fuͤr gewiſſe Unteroffiziere. Sie ſind, wegen der großen Volksmenge und weil mancher der Arbeit dadurch auf einige Zeit zu entgehen ſucht, faſt zu jeder Zeit beſetzt. Alles das erregt von außen, da es durch die hohen Einfaſſungen verſteckt wird, keinen Uebelſtand; deſto auffallender iſt der Pro⸗ ſpekt, wenn man oben von dem Back, oder vom Bug⸗ ſpriet hinab ſieht. Deſſen ungeachtet war ſelbſt dieſer an ſich unſaubere Ort auf dem Neptun in der Regel ſo rein, als oft auf den Schiffen mancher andern Nation kaum die Kajuͤten ſind, weil die aufgeſtellte Schildwache und ein Aufſeher, welcher der Kapitaͤn des Gallion heißt, darauf zu ſehen hatten, daß jede Verunreinigung auf der Stelle wieder beſeitigt wurde. Das Amt des letztern fuͤhrt immer einen gewiſſen Schimpf mit ſich, und gilt fuͤr eine Art von Strafe, ſo wie uͤberhaupt der Titel„Gallionkapitaͤn“ in der Schifferſprache einen ſchmutzigen Menſchen bedeutet. Wir kommen nun wieder zu dem Deck ſelbſt. Auf dem vorderſten Theile desſelben ſpringt in der Mitte ein Verſchlag hervor. Er enthaͤlt einige Kammern, deren Fenſter nach dem Gallion zu gehen. Dieß iſt das Hoſpital fuͤr die kranken Matroſen und Soldaten, die unter der Aufſicht eines Arztes und mehrer Chirur⸗ gen ſtehen, und von einigen dazu beſtimmten Leuten gewartet werden. — Der Platz, der zwiſchen dem Hoſpital und der Vorluke ſich befindet, macht den Bezirk der Kuͤche aus, daher die Dielen umher, wegen der Feuersgefahr, mit ſtarkem Eiſenblech bekleidet ſind. Unter den mannich⸗ faltigen Gegenſtaͤnden, die uns hier aufſtoßen, erregt die große eiſerne Kochmaſchine am meiſten unſere Auf⸗ merkſamkeit. Sie hat in der Hauptſache dieſelbe Ein⸗ richtung, wie die gewoͤhnlichen Schiffkuͤchen, die ich Seite 27 f. f. im erſten Baͤndchen meiner Reiſen be⸗ ſchrieb; nur iſt die Anzahl der dabei angebrachten klei⸗ nern Feuerherde, ſo wie der Brat⸗ und Backoͤfen, ungleich groͤßer, und uͤberhaupt erſcheinen alle Theile in einem — — 63 ganz verſchiedenen Maßſtabe. Letzteres bezieht ſich be⸗ ſonders auf die beiden ungeheuern feſten Keſſel. Man wird ſich leicht einen Begriff von ihrem Umfang und ihrer Tiefe machen, wenn man bedenkt, daß fuͤr das ganze Schiffsvolk, eine Menge von 700 bis 800 Menſchen,— außer den bisweilen zu transportirenden Landtruppen, Kriegsgefangenen u. ſ. w.— darin ge⸗ kocht wird. Auffallend iſt es, wenn man ſieht, wie des Abends, nach beendigtem Kochgeſchaͤft, zwei oder drei Maͤnner in dieſe Keſſel ſteigen, um ſie zu ſcheuern. Da es zu langweilig und auch zu beſchwerlich ſein wuͤrde, die Menge Suppe oder Gemuͤſe mit Loͤffeln auszuſchoͤpfen, ſo ſind an der Außenſeite große weite Haͤhne angebracht, durch welche man die Speiſen her⸗ auslaufen laͤßt, und nach dem Maße vertheilt. Waͤh⸗ rend der Zeit wird der Keſſel beſtaͤndig umgeruͤhrt, damit das erſte, wie das letzte, gleichfoͤrmige Beſtand⸗ theile enthaͤlt, und nicht der Eine das Dicke und der Andere das Duͤnne bekommt. Einer von dieſen Keſ⸗ ſeln ward auch dazu benutzt, ſuͤßes Waſſer aus dem des Meeres zu bereiten, was mit großem Vortheil verbunden, und allen auf den Schiffen angewandten Mitteln, das Meerwaſſer zu deſtilliren, vorzuziehen iſt. Man kocht naͤmlich auf den engliſchen Kriegſchiffen, fuͤr die Matroſen und Soldaten, vier Tage in der Woche kein Fleiſch, ſondern bloß Gemuͤſe. Folglich wird waͤhrend der Zeit einer von den Keſſeln nicht ge⸗ braucht; da aber das Feuer ſtets beide zugleich erhitzt, dann nmeiſtentheils die Ofſiziere, zur Bereitung des ſo fuͤllen ihn die Koͤche, damit er nicht zerſpringt, mit Meerwaſſer an. Dieſes laſſen ſie gewoͤhnlich ungenutzt verdampfen, brauchen das zuruͤckgebliebene zum Waſchen und Scheuern, oder ſchuͤtten es weg. Auf dem Nep⸗ tun aber ſtellten ſie auf den Keſſel einen hoͤlzernen Deckel, der die Daͤmpfe auffing, und in eine daran befeſtigte kupferne Roͤhre leitete, welche mit der uͤbrigen zum Deſtilliren gehoͤrigen Vorrichtung verſehen war. Auf dieſe Weiſe gewann man viermal woͤchentlich, inner⸗ halb vier Stunden,— das iſt ſo lange, als das Kochen jedesmal dauerte,— ungefaͤhr dreißig Gallonen ſuͤßes Waſſer; und zwar geſchah dieß ohne beſondern Auf⸗ wand von Zeit, Muͤhe und Feuerung, welche letztere den Gebrauch des gewoͤhnlichen Deſtillirkolben auf den Schiffen ſehr erſchwert und oft ganz unmoͤglich macht, weil ſie die dazu erfoderliche Menge Holz oder Kohlen nicht fuͤhren koͤnnen. Die obige Quantitaͤt des ge⸗ wonnenen Waſſers iſt nun zwar zum Bedarf einer zahlreichen Mannſchaft nicht hinreichend, doch aber eine bedeutende Zubuße. Ueberdieß beſitzt das friſch entſal⸗ zene Meerwaſſer, in Hinſicht der Farbe, des Geſchmacks und Geruchs, gewoͤhnlich Vorzuͤge vor dem vom Lande erhaltenen Quellwaſſer, das einige Zeit im Faſſe ge⸗ ſtanden hat. Es wurde daher auf dem Neptun, ſelbſt waͤhrend meines dortigen Aufenthalts, wo man ſtets einen Ueberfluß an ſuͤßem Waſſer hatte, keine Gele⸗ genheit verſaͤumt, Meerwaſſer zu deſtilliren, welches 65 Thee's und zur Vermiſchung mit geiſtigen Getraͤnken, vorzugsweiſe gebrauchten. Auf beiden Seiten der Kochmaſchine ſteht zwiſchen den Kanonen eine Menge Tiſche, worauf die Speiſen zugerichtet werden. Hoͤchſt anziehend iſt die unuͤbertreff⸗ bare Reinlichkeit, womit man dabei zu Werke geht. Jedes Stuͤck des hoͤlzernen Geraͤthes ſieht ſo weiß aus wie Kreide; alle Keſſel und Pfannen glaͤnzen, ehe ſie uͤber das Feuer kommen, innen und außen wie neues Metall, und werden nach dem Herabnehmen ungeſaͤumt wieder in den vorigen ſaubern Zuſtand geſetzt, ob man ſie gleich den naͤchſten Tag wieder braucht. Dieſe Reinlichkeit erſtreckt ſich auch auf das Aeußere derjenigen, welche mit der Bereitung der Speiſen beſchaͤftigt ſind. Sie tragen einen Tag wie den andern die ſauberſte Waͤſche, und feine weiße Vortuͤcher. Nur ihre Gehuͤlfen, die Unterkoͤche, ſind in ihrem Anzug etwas nachlaͤſſiger, weil ſie bloß zu den groͤbſten Arbeiten gebraucht wer⸗ den, z. B. das Feuer zu ſchuͤren, Holz zu ſpalten, das Geraͤth zu ſcheuern, u. ſ. w. Die Zahl der Koͤche iſt bedeutend. Außer dem Schiffkoch, d. i. demjenigen, welcher das Eſſen fuͤr die Matroſen und Soldaten be⸗ reitet, gab es zu meiner Zeit einen fuͤr den Admiral, einen andern fuͤr den Kapitaͤn, einen dritten fuͤr die Lieutenants, dann wieder andere fuͤr die Kadetten, fuͤr das Hoſpital, und fuͤr die verſchiedenen Klaſſen der Unteroffiziere. Faſt jeder von ihnen hatte einen oder IV. 5 66 mehre Gehuͤlfen. Der Schiffkoch iſt der eigentliche Meiſter der Kuͤche, und genießt den Vorrang vor allen dazu gehoͤrigen Leuten. Dieß ſcheint etwas ſonderbar, da ſein Geſchaͤft bloß darin beſteht, Fleiſch und Gemuͤſe zu kochen, was doch ſonſt ſehr wenig Kunſt erfodert. Allein, da dieſe Speiſen in ungeheurer Menge bereitet werden, ſo gehoͤrt große Uebung und Genauigkeit dazu, das rechte Maß in allen Dingen zu treffen, und z. B. zu berechnen, wie viel Waſſer, wie viel Zeit zum Kochen noͤthig iſt, damit Alles zur beſtimmten Minute gehoͤrig gar ſei. Auch muß das Gemuͤſe beim Vertheilen nicht nur ausreichen, ſondern es darf auch nichts davon uͤbrig bleiben, weil es dem Schiffkoch portionenweiſe uͤbergeben wird. Daher iſt dieſer jederzeit ein erfahr⸗ ner Seemann; er wird zum Dienſte des Koͤnigs ver⸗ pflichtet, und hat den Rang eines Unteroffiziers⸗ Da⸗ gegen ſind die uͤbrigen Koͤche meiſtentheils kunſtmaͤßig gelernte Leute, die es bloß mit ihren Herren zu thun haben, von welchen ſie angenommen und unterhalten werden. Da den Platz um die Kuͤche, wie ſchon erwaͤhnt, eine Bekleidung von Eiſenblech vor Feuersgefahr ſchuͤtzt, ſo iſt dieß im ganzen Schiffe der einzige, wo die Matro⸗ ſen und Soldaten die Freiheit haben, Tabak zu rau⸗ chen. Daher ſieht man hier zu jeder Zeit Leute, die zuſammen kommen, um ſich an ihrem Pfeifchen zu ergoͤtzen, dabei Grog zu trinken, auch wohl gute Biß⸗ * — 67 chen zu erhaſchen, was bisweilen geſchieht, wenn ſie bei den Koͤchen gut ſtehen. Kurz, die Kuͤche vertritt die Stelle der Taverne.— Auf den Kauffahrern ſin⸗ det dieſe Einrichtung in Hinſicht des Tabakrauchens nicht Statt. Dort iſt es auf dem Verdeck wie in den Kammern erlaubt; denn man ſetzt voraus, daß Jeder um ſeines eigenen Beßten willen die gehoͤrige Vorſicht dabei anwenden werde. Indeſſen hat ſchon Mancher ſeine Hangmatte, und wohl auch das ganze Schiff dadurch in Brand geſteckt. Rechts von der Kuͤche nach hinten zu iſt die Werk⸗ ſtatt fuͤr den Schmied und ſeine Gehuͤlfen. Sie be⸗ ſteht aus einem eiſernen Feuerherd, einem daran be⸗ feſtigten Blaſebalg, und einem Amboße nebſt Zubehoͤr. Sie wird jeden Morgen aufgeſetzt, und Abends wieder weggeſchafft. Links hinter der Kuͤche ſah man zu meiner Zeit beſtaͤndig einige Maͤnner beſchaͤftigt, in einem großen, aus einer alten Kanone verfertigten Moͤrſer Kakao zu ſtampfen. Es bekommen naͤmlich die Mannſchaften der engliſchen Kriegſchiffe, in Weſtindien, zum Fruͤh⸗ ſtuͤck eine Art Schokolate, welche ſie ſchlechthin Kakao nennen. Die einfache Zubereitung iſt folgende: Man nimmt rohe Kakngobohnen, doͤrret dieſelben wegen ihrer Fettigkeit im Backofen, und ſtoͤßt ſie dann im Moͤrſer. Da ſie aber noch immer oͤlige Theile enthalten, ſo entſteht dadurch ein ſchwarzbrauner Teig. Dieſer wird 5* 68 in ſiedendem Waſſer aufgeloͤſt, dann mit Zucker ver⸗ miſcht, und ſo an die Leute vertheilt. Dieſes Kakao⸗ getraͤnk iſt, da zumal eine Oeldecke darauf ſchwimmt, zwar nicht ſo lieblich, aber weit kraͤftiger und geſuͤnder als die gewoͤhnliche Schokolate, in welcher dem Kakao, „ 3ur Erhoͤhung des Geſchmacks und wegen der Wohlfeil⸗ heit, mancherlei fremdartige Stoffe beigemiſcht ſind. 69 7. Fortgeſetzte Beſchreibung des obern Kanonendecks— die Staͤlle fuͤr Federvieh, Schafe und Ziegen— Bemerkung in Betreff anderer Hausthiere— der Behaͤlter fuͤr das, zum taͤglichen Verbrauch beſtimmte, ſuͤße Waſſer— Strenge Verordnung, den Verbrauch desſelben betreffend, die den⸗ noch haͤufig uͤbertreten wird— die Mannſchaft auf dem obern Kanonendeck— die Kajuͤte dieſes Decks, welche die obern Offiziere und Beamten bewohnen. Zwiſchen der vordern und großen Luke des obern Kanonendecks ſteht eine Reihe feſter Staͤlle und Kaͤ⸗ ſige, worin man, fuͤr die Tafeln der Offiziere, ſtets eine Menge Federvieh, Schafe und Ziegen haͤlt. Auch befanden ſich, zur Zeit meines Aufenthalts auf dem Neptun, mancherlei ſeltene Voͤgel und andere Thiere darin, die bloß zur Unterhaltung dienten. So gab es z. B. einige ſchoͤne Kakadus und auch einen Springhaſen. Die Wartung und Reinigung dieſer Thiere beſorgt ein ausſchließlich dazu beſtimmter Mann, daher ſie keinen Uebelgeruch verurſachen, und der Be⸗ obachter mit Wohlgefallen dabei verweilt. Dieß waͤre jedoch ſchwerlich der Fall, wenn auch die vielen am Bord beſindlichen Schweine hier gehalten wuͤrden; man hat ſie deßhalb, wie auf allen Kriegſchiffen, nach dem vorderſten Ende des Gallion, in beſondere Staͤlle ver⸗ bannt.— Betllaͤufig erwaͤhne ich, daß die Offiziere zu ihrem Vergnuͤgen mancherlei Singvoͤgel und andere kleine Thiere in ihren Kammern unterhalten; doch ſind die Hunde, zufolge eines alten Marine⸗Geſetzes, gänzlich davon ausgeſchloſſen, weil ſie uͤberall herum⸗ laufen und Schmutz hinterlaſſen wuͤrden, und weil uͤberdieß ihre Wachſamkeit, ſo ſehr ſie den ſchwach be⸗ mannten Kauffahrern zu Statten kommt, durchaus entbehrlich iſt. Katzen darf nur der Proviantmeiſter und zwar, zur Vertilgung der Ratten und Maͤuſe, in den Vorrathskammern halten; außerhalb derſelben werden ſie nirgends geduldet. Die Plaͤtze zwiſchen den Kanonen auf beiden Sei⸗ ten der Menagerie dienen zu Staͤllen fuͤr die lebendi⸗ gen Rinder, die gelegentlich an Bord kommen, was nicht ſelten geſchieht; und ich ſelbſt habe hier funfzehn Stuͤck auf einmal beiſammen geſehen. Da an den Seiten des Decks Rinnen zum Ablaufen der Fluͤſſig⸗ keiten angebracht ſind, ſo laͤßt ſich der Miſt mit leichter Muͤhe wegſchwemmen. Man beobachtet jedoch hierin keine ſo aͤngſtliche Genauigkeit, als in andern die Reinlichkeit betreffenden Stuͤcken, weil der Geruch des Miſtes vom Rindvieh uͤberhaupt weniger wider⸗ lich, als der von vielen andern Thieren, und dem See⸗ mann als Erinnerung an eine laͤndliche Eigenheit ſo⸗ gar angenehm iſt. Die Rinder werden auf derſelben Stelle geſchlachtet, wo ſie geſtanden haben, weil der 4 ——— ——— 71 Raum auf dem Gallion zu beſchraͤnkt fuͤr ein ſolches Geſchaͤft iſt.— Mit der Aufnahme von Pferden befaſ⸗ ſen ſich die Kriegſchiffe ſelten, weil dieſe Thiere viel Wartung verlangen; um Reiterei uͤber das Meer zu ſchaffen, werden eigens dazu eingerichtete Transport⸗ ſchiffe genommen. Hinter der großen Luke ſteht ein viereckiger Waſ⸗ ſerbehaͤlter, welcher jeden Morgen aus den verſchloſ⸗ ſenen und bewachten Faͤſſern im Raume gefuͤllt wird. Er iſt oben bedeckt, damit Niemand das Waſſer ſchoͤ⸗ pfen und dadurch Unreinigkeiten hinein bringen kann; unten aber befindet ſich ein Hahn, um es zu zapfen. Hiervon nimmt die ſaͤmmtliche Mannſchaft, ſo viel ſie braucht, und nur dem Schiffkoch wird das zur Bereitung der Speiſen erfoderliche in beſondern Faͤſſern zugetheilt. Eigentlich iſt das ſuͤße Waſſer ausſchließlich zum Eſſen und Trinken beſtimmt, und darf nur dann, wenn man das verbrauchte taͤglich wieder erſetzen kann,— z. B. in einem Hafen, wo das Schiff ruhig und ohne be⸗ ſondere Beſchaͤftigung vor Anker liegt,— zu andern Zwecken verwendet werden. Dieſen Fall ausgenom⸗ men, muß die Schildwache, welche beim Behaͤlter ſteht, um die unnoͤthige Verſchwendung des Waſſers zu ver⸗ huͤten, darauf ſehen, daß Niemand mehr davon fort⸗ traͤgt, als eine Perſon auf Einmal trinken kann, in⸗ dem man ein Noͤßel als das Maß im Allgemeinen dazu angenommen hat. Wenn das Schiff auf dem Meere iſt, und der Vorrath des Waſſers abzunehmen beginnt, dann wird oft die Einrichtung getroffen, daß Jeder das, was er gezapft hat, auf der Stelle austrinken muß. Nimmt der Mangel desſelben noch mehr uͤber⸗ hand, ſo werden taͤglich Portionen davon vertheilt, die gewoͤhnlich fuͤr die Perſon zwei Noͤßel betragen. Deſſen ungeachtet wird auf den Kriegſchiffen vielleicht keine Verordnung ſo haͤufig uͤbertreten, als gerade diejenige, welche den Verbrauch des ſuͤßen Waſſers betrifft. Denn außerdem kann die von der Mannſchaft verlangte Rein⸗ lichkeit in Kleidung und Waͤſche unmoͤglich erreicht wer⸗ den, weil das Meerwaſſer zum Waſchen, beſonders des weißen Zeuges, wenig geeignet iſt, indem es die Seife ſchwer aufloͤſt, und mithin den Schmutz nicht gehoͤrig aus der Waͤſche nimmt, uͤberhaupt auch dieſelbe grau macht. Die Leute verſuchen daher alle erſinnliche Mit⸗ tel, um wenigſtens fuͤr die beßten Stuͤcke ſuͤßes Waſ⸗ ſer zu bekommen. Die gewoͤhnlichſten ſind, daß ſie es im Einverſtaͤndniß mit den Schildwachen auf einmal ſtehlen, oder auch, was noch oͤfter geſchieht, in kleinen Maßen fortſchleppen und ſammeln. Obwohl die Offi⸗ ziere von dieſen Streichen unterrichtet ſind, ſo haben ſie doch viel Nachſicht damit, weil die gaͤnzliche Ver⸗ hinderung derſelben der allgemeinen Reinlichkeit nach⸗ theilig ſein wuͤrde. Ich muß indeſſen hierbei bemerken, daß die Seeleute, durch die Noth belehrt, mit weni⸗ gem Waſſer eben ſo rein als das weibliche Geſchlecht auf dem Feſtlande mit vielem waſchen koͤnnen, was zum Theil dadurch bewirkt wird, daß ſie große Sorg⸗ „ — 73 falt auf das Ausſpuͤlen wenden, wozu ihnen gewoͤhn⸗ lich das Seewaſſer genuͤgt, welches uͤberdieß den bun⸗ ten Sachen eine dauerhafte Farbe gibt. Auch werden außer dem Regenwaſſer, das man ſorgfaͤltig auffaͤngt, noch andere Mittel gebraucht, um den Mangel des zum Waſchen noͤthigen ſuͤßen Waſſers zu erſetzen, wie ich weiter unten erwaͤhnen will. Von dem Waſſerbehaͤlter bis nach der Kajuͤte hin iſt der Platz in der Mitte voͤllig frei. Auch an den Seiten zwiſchen den Kanonen bemerkt man nichts als einiges Tauwerk, das durch kleine Oeffnungen vom Verdeck herablaͤuft, weil diejenigen Theile der Manoͤver mit den Segeln, welche die meiſte Anſtrengung erfo⸗ dern, auf dem obern Kanonendeck verrichtet werden. Die hier ſtationirte Mannſchaft macht daher unter allen die zahlreichſte aus. Sie iſt es auch, welche ge⸗ legentlich auf dem Kuhl gebraucht wird, um z. B. die großen Boote, die Waſſerfaͤſſer und andere an Bord kommende Laſten in die Hoͤhe zu ziehen; ſo wie man ihre Huͤlfe bei jedem Manoͤver mit den Segeln, das die Kraͤfte der dazu beſtimmten, auf dem Verdeck be⸗ ſindlichen Mannſchaften uͤberſteigt, in Anſpruch nimmt, indem die Gehuͤlfen des Bootsmanns bloß die Taue auf das obere Kanonendeck hinabreichen und dadurch der Sache bald den Ausſchlag geben. Die Mannſchaft dieſes Decks bildet daher eine Art Reſerve. Außerdem liegen ihr vorzuͤglich die Geſchaͤfte ob, das Schiff aus⸗ zupumpen, die Anker zu lichten, das ſuͤße Waſſer und 74 den Proviant zu holen, auch alle Laſten hin und her zu ſchaffen. Ueberhaupt dient ſie zu den groͤbſten und zu ſolchen Arbeiten, die Jeder, der geſunde Arme und Beine, und den guten Willen ſie zu gebrauchen hat, ohne ſeemaͤnniſche Kenntniſſe verrichten kann. Dieß iſt alles, was man von ihr verlangt; jedes Tau, woran ſie ihre Kraͤfte uͤben ſoll, wird ihr von den Anfuͤhrern zugelangt, und uͤberhaupt jede Arbeit handgreiflich ge⸗ macht. Dieſe den Tagarbeitern aͤhnlichen Leute machen demnach die niedrigſte Klaſſe der Matroſen aus. Sie be⸗ ſtehen großen Theils aus den ſo genannten Landmaͤn⸗ nern, d. i. Leuten von allerlei Gewerben, ſo wie ſie in England beim Preſſen(einer Art zu werben) aus dem gemeinen Volke fuͤr die Kriegſchiffe genommen werden. Ihnen ſchließen ſich jeden Tag auch diejeni⸗ gen Seeſoldaten an, welche die Reihe nicht trifft, mili⸗ taͤriſche Wache zu thun. Eben ſo gehoͤren die Schiff⸗ jungen dazu. Die Haͤupter des ganzen Haufens, der bisweilen in mehre Theile ſich trennt, beſtehen in ei⸗ nigen Gehuͤlfen des Bootsmanns. Ehe wir von dem obern Kanonendeck ſcheiden, wer⸗ fen wir noch einen fluͤchtigen Blick darauf, und bemer⸗ ken, daß es oben und an den Seitenwaͤnden uͤberweißt iſt, was oͤfters wiederholt wird. Auch entgeht uns der blutrothe Anſtrich der Geſchuͤtzlaffeten nicht, eine Farbe, die man gewaͤhlt zu haben ſcheint, um das Schiffsvolk an den Anblick des im Gefecht fließenden Blutes zu gewoͤh⸗ nen, und denſelben weniger abſchreckend zu machen. 75 Wir treten nun in die am Ende des Decks be⸗ findliche Kajuͤte, welche man die untere nennt. Am Eingange ſteht ein Seeſoldat. Dieſer iſt, wie die auf dem Verdeck, voͤllig bewaffnet, waͤhrend die auf den Batterien und im Raum ausgeſtellten, bloß in den Un⸗ terkleidern und mit gezogenem Seitengewehr die Wache thun. Auf beiden Seiten des Vorſaals laufen Gemaͤ⸗ cher hin, die von den Schiffslieutenants, den Offizieren der Seeſoldaten und einigen Beamten zu Schlafkam⸗ mern benutzt werden. Die Betten beſtehen in einer beſondern Art bequemer Hangmatten. Dieſe unterſchei⸗ den ſich von denen der uͤbrigen Mannſchaft hauptſaͤch⸗ lich dadurch, daß ſie, durch einen Rahmen ausgeſpannt, die Form einer maͤßig breiten Bettſtelle erhalten, und dem Koͤrper eine ausgeſtreckte Lage geſtatten. Dage⸗ gen die gewoͤhnlichen an den Enden ziemlich ſchmal zu⸗ laufen, und etwas bogenfoͤrmig hangen, ſo daß Kopf und Fuͤße hoͤher als der mittlere Koͤrper darin liegen. Außer den Schlafkammern gibt es auch einige kleinere Gemaͤcher, die zu Speiſegewoͤlben beſtimmt ſind. Am Ende des Ganzen erblickt man den großen Saal, der den genannten Offizieren und Beamten zum gemein⸗ ſchaftlichen Speiſe⸗ und Geſellſchaftzimmer dient. Er iſt zwar nicht ſo praͤchtig, als jener der obern Kajuͤte, ſteht aber demſelben weder an geſchmackvoller Einrichtung, noch an Sauberkeit nach, und uͤbertrifft ihn an Ge⸗ raͤumigkeit, weil er, ohne mit Verſchlaͤgen durchſchnit⸗ ten zu ſein, die volle Breite des Schiffes hat, die uͤber⸗ dieß hier etwas mehr als oben betraͤgt. Auch dieſer Saal wuͤrde die eintretenden Fremden den Aufenthalt auf dem Waſſer eine Zeit lang vergeſſen laſſen, wenn nicht auf jeder Seite eine Kanone, die an dem vorder⸗ ſten Fenſter ſteht, augenblicklich an das Kriegſchiff er⸗ innerte; denn das Geſchuͤtz der Batterien laͤuft unun⸗ terbrochen durch den Bezirk der Kajuͤte fort. Daher die vordern Waͤnde des Saals, wie auch die der Schlaf⸗ kammern ſo eingerichtet ſind, daß man ſie vor jedem Gefecht abnehmen kann, damit der Befehlhaber der Bat⸗ terie im Stande iſt, das ſaͤmmtliche Geſchuͤtz derſelben mit einem Blick zu uͤberſehen. Dieſe Kanonen entſtel⸗ len indeß die Zimmer nicht, da ſie von Metall, wie Spiegel glaͤnzend und mit zierlichen ſchwarz gebeizten Laffeten verſehen ſind. Sie werden nur im Gefecht, nach dem man ihre mit Fenſtern ausgeſetzten Pforten geoͤffnet hat, ausgeruͤckt und nur im Fall der hoͤchſten Noth gebraucht. Als ich den Saal zum erſten Mal ſah, waren die Waͤnde gruͤn bemalt, bekamen aber ſpaͤterhin eine ſchoͤne hellblaue Farbe. Auch wurde der Anfangs weiße Anſtrich des Leiſtenwerks in einen zitron⸗ gelben verwandelt. Die Decke blieb allezeit weiß. Rechts am Eingang befindet ſich ein eiſerner Kamin, der eine metallene Vorderſeite mit Verzierungen von weißem und gelben Schmelzwerk hat. An den vordern Ecken ſind Schraͤnke fuͤr Porzellan, Glaͤſer und anderes Tiſch⸗ geſchirr in die Waͤnde eingeſetzt. In der Mitte ſteht eine lange Speiſetafel, die außer der Eßzeit mit gruͤ —&—4 2—* 8———₰— N NK= K SSU N 77 nen Teppichen bedeckt iſt, und rund umher kleinere Tiſche, moderne Sophas und Stuͤhle. Die lange Reihe Fenſter ſchmuͤcken ſchoͤne Gardinen, die bisweilen aus rothem oder gruͤnen Merino, gewoͤhnlich aber aus wei⸗ ßem baumwollenen Zeuge beſtehen, und nach Belieben und Umſtaͤnden gewechſelt werden. An den Pfeilern der hintern Fenſter haͤngen ſchmale Spiegel. In der Mitte dieſer Fenſter, ſo wie zwiſchen den beiden weit aus einander ſtehenden auf jeder Seite, ſind Glasthuͤ⸗ ren angebracht, die auf Galerien fuͤhren. Auf den Sei⸗ tengalerien beſinden ſich verdeckte Abtritte fuͤr die ſaͤmmt⸗ lichen, die obere und untere Kajuͤte bewohnenden Offi⸗ ziere und Beamten. Auf der See werden jedoch immer nur die auf der Leeſeite gebraucht, weil man außerdem die untern Theile des Schiffes verunreinigen wuͤrde. 8. Das mittlere Kanonendeck— es dient den Matroſen zu Wohnungen— wirthſchaftliche Einrichtung derſelben— das Hintertheil des Decks, welches Kammern fuͤr die Ka⸗ detten, die niedern Beamten und einige Unteroffiziere ent⸗ haͤlt. Das untere Kanonendeck, wo meiſtens Seeſoldaten und Handwerker wohnen— die Winde zum Lichten der Anker und das dabei uͤbliche Verfahren— das Hintertheil des Decks, welches Kammern fuͤr den Konſtabler und den Oberzimmermann, ſo wie auch Werkſtaͤtten fuͤr einige Handwerker enthaͤlt. Wir ſteigen nun auf das mittlere Kanonendeck, das auch die zweite Batterie heißt, hinab. Es fuͤhrt zwei glatte Lagen 24pfuͤndigen Geſchuͤtzes, mit welchem es uͤbrigens die naͤmliche Bewandtniß hat, wie mit dem des obern Kanonendecks. Nur werden die Pforten des⸗ ſelben, wenn man auf dem Meere iſt, wegen des Wel⸗ lenſchlages bisweilen verſchloſſen. Auch ſind ſie nicht— wie etwa die Fenſter der Stockwerke eines Hauſes,— in ſenkrechter Linie mit den daruͤber und darunter be⸗ ſindlichen Pforten, ſondern zwiſchen denſelben ange⸗ bracht; denn ſonſt wuͤrde das auffliegende Feuer der Kanonen die Leute bei der daruͤber ſtehenden treffen. Dieſes mittlere Deck macht nebſt dem untern die Wohnung der Schiffsmannſchaft aus. Eine auf dem vordern Theil erbaute Kammer, die mehre Abtheilungen enthaͤlt, wird vom Bootsmann nebſt ſeinem Schreiber, und von einigen andern unteroffizieren bewohnt. Die Raͤume zwiſchen dem Geſchuͤtz dienen den Matroſen zu Wohnungen. Sie leben hier in beſondern Geſellſchaf⸗ ten zuſammen. Jede beſteht aus vier, ſechs, acht oder hoͤchſtens zehn Perſonen, je nachdem die Volksmenge des Schiffes groͤßer oder kleiner iſt. Fuͤnf, ſieben oder neun findet man nie, weil die Mundvorraͤthe nicht da⸗ nach eingerichtet ſind. Denn z. B. das Rindfleiſch wird, beim Einſalzen, entweder in Stuͤcke von vier oder von acht Pfund geſchnitten. Da nun Jeder ein Pfund auf einmal bekommt, ſo faͤllt einer Geſellſchaft von vier Perſonen ein ganzes Stuͤck, einer von ſechs anderthalb u. ſ. w. zu. Man braucht daher die Stuͤcke nur in Haͤlften zu theilen. Beſtaͤnden aber Geſellſchaf⸗ ten von fuͤnf oder ſieben Mann, ſo muͤßte die Ver⸗ theilung nach dem Gewicht geſchehen, wobei der Aus⸗ geber nicht nur an Zeit, ſondern oft auch an den Vor⸗ raͤthen verlieren wuͤrde, weil das Fleiſch in den koͤnig⸗ lichen Magazinen, woher man dasſelbe bezieht, beim Einſalzen bloß nach dem Augenmaße zerſchnitten und uͤberdieß, je laͤnger es im Poͤkel liegt, der Kraft und folglich des Gewichtes immer mehr beraubt wird. In jeder dieſer kleinen Haushaltungen erblickt man in der Mitte einen Klappentiſch, der an der Schiffſeite befeſtigt iſt. Links und rechts, naͤmlich dicht an beiden den Platz einſchließenden Kanonen, ſtehen die Kleider⸗ 80 kiſten, die zugleich zu Sitzen dienen. Ueber dem Tiſche iſt ein Topfbret aufgemacht. Dieſes enthaͤlt das Eß⸗ und Trinkgeſchirr, das in Steingut und Blechwerk, aber nach engliſcher Sitte auch in vielem Zinn, als Tellern, Kannen u. ſ. w. beſteht. Hier herrſcht durch⸗ aus die aͤußerſte Ordnung und Sauberkeit. 3. B. die Schuͤſſeln— die außer den hoͤlzernen Loͤffeln und ble⸗ chernen Kruͤgen das einzige Geſchirr ausmachen, wel⸗ ches das Schiff gibt,— ſind zwar nur von Holz in Form eines Faͤßchens verfertigt, werden aber taͤglich ſo weiß geſcheuert, und die eiſernen oder kupfernen Reifen daran ſo glaͤnzend polirt, daß wohl Niemand ſich ſcheuen wuͤrde, daraus zu eſſen. Man hat auch die Einrichtung getroffen, daß jeden Tag einer von der Geſellſchaft, ſo wie die Reihe ihn trifft, das Wirth⸗ ſchaftliche beſorgt; er fuͤhrt dann den Titel„Koch“, und iſt in vielen Stuͤcken vom Schiffdienſte befreit. Kurz, der Anblick dieſer Wirthſchaften uͤberzeugt den Beobachter, daß man in jeder Lage des Lebens den Genuß desſelben erhoͤhen, und ſelbſt im Wirrwarr eines Kriegſchiffes gut geordneter haͤuslicher Verhaͤlt⸗ niſſe ſich erfreuen kann. Gewiß ein herzerhebender Ge⸗ danke, fuͤr Jeden, der Gefuͤhl fuͤr Menſchengluͤck hat!— Bei den Matroſen auf den Kauffahrern ſindet man ſelten eine anſtaͤndige Einrichtung. Hier nehmen ſie oft mit unſaubern hoͤlzernen Schuͤſſeln, Tellern und Kannen fuͤrlieb, und bedienen ſich ihrer Finger Statt der Gabeln, indem ſie allen Anſpruͤchen auf eine beſſere e⸗ 81 Lebensart bis zur Ankunft auf dem feſten Lande ent⸗ ſagen. Dieſe Wirthſchaften leiden indeß, ſo oft es noͤthig iſt, das Schiff in ſchlagfertigen Stand zu ſetzen, eine gaͤnzliche Veraͤnderung, weil man dann, um freien Platz fuͤr die Kanonen zu gewinnen, das ſaͤmmtliche Geraͤth uͤber Hals und Kopf in den Schiffsraum ſchafft, wobei manches zerbrochen oder ſonſt verdorben wird. Des Abends knuͤpft jede der einzelnen Geſellſchaf⸗ ten, innerhalb ihres Bezirks, die ihr zugehoͤrigen Hang⸗ matten auf. Dieſe werden am Morgen wieder abge⸗ bunden, und auf's Verdeck gebracht, ausgenommen bei regenhaftem Wetter, wo man ſie unten behaͤlt, aber dicht an die Decke feſtſchnuͤrt, um ungehindert darunter weggehen zu koͤnnen. Uebrigens bietet die mittlere Batterie wenig be⸗ merkenswerthe Gegenſtaͤnde dar. Der Platz in der Mitte iſt voͤllig frei, und enthaͤlt bloß die Luken. Im Vorbeigehen erwaͤhne ich noch, daß die Waͤnde oft mit Kalk uͤbertuͤncht werden, was uͤberhaupt auf allen Kanonendecken und ſelbſt im Raume geſchieht. Ich fuͤhre nunmehr meine Leſer zu dem hintern Ende des Decks, welches die Kammern fuͤr die Kadetten, die nie⸗ dern Beamten und einige Unteroffiziere enthaͤlt. Dieſe Ge⸗ maͤcher haben zwar mit Oelfarbe bemalte Waͤnde, und eine anſtaͤndige, aber bei weitem nicht die glaͤnzende Einrichtung der Kajuͤten. Die Kanonen, die hier bis an das hinterſte Ende reichen, ſind von derſelben Be⸗ IV. 5 6 82 ſchaffenheit, wie die in den andern Theilen der Batterie, nur daß die Laffeten gewoͤhnlich keinen rothen, ſondern einen ſchwarzen Anſtrich haben. Die Pforten vertreten die Stelle der Fenſter; bei ſtuͤrmiſchem Wetter muͤſſen ſie verſchloſſen werden, und man erhaͤlt dann das noͤ⸗ thige Licht durch angezuͤndete Laternen. Wir gehen nun hinab nach dem untern Kanonen⸗ deck oder der erſten Batterie, wo faſt dieſelben Gegen⸗ ſtande, wie auf dem mittlern Deck, zum zweiten Mal unſern Blicken ſich darſtellen. Die ſaͤmmtlichen Plaͤtze zwiſchen dem Geſchuͤtze dienen, wie dort, zu Wohnun⸗ gen, die auf aͤhnliche Weiſe eingerichtet ſind, und in gleicher Ordnung und Reinlichkeit gehalten werden. Den groͤßern Theil der Genoſſenſchaften machen die Seeſol⸗ daten und Handwerker aus. Der unterſchied zwiſchen dieſem und jenem Deck iſt kuͤrzlich folgender: Die Ka⸗ nonen beſtehen in 36pfuͤndigen. Die Pforten ſind, mit Ausnahme einiger wenigen, auf der See faſt beſtaͤndig verſchloſſen, und man oͤffnet ſie nur im Gefecht, oder bei ſehr ruhigem Wetter. In dem Vordertheil ſind Oeffnungen, durch welche die Ankertaue geſteckt werden. Hinter dem Hauptmaſt befindet ſich das Gangſpill, d.i. die Winde, mit der man die Anker lichtet. Sie ſteht aufrecht, indem ſie um eine, in den Deckbalken be⸗ feſtigte, ſtarke eiſerne Spindel ſich dreht. Das obere Ende, der Kopf, iſt rund umher mit Loͤchern verſehen, um die großen Hebebaͤume einzuſetzen, mittels welcher funfzig bis hundert Menſchen die Maſchine umdrehen — —,—— 83 können. Sie dient eigentlich nicht zum Lichten des Ankers ſelbſt, was auf Kriegſchiffen gewoͤhnlich mit Huͤlfe der Boote geſchieht, ſondern mehr zur Unter⸗ ſtuͤtzung des Geſchaͤfts und zum Einziehen der unge⸗ heuer ſtarken Taue. Auf den Kauffahrern hat man auch eine ſolche Winde, gebraucht ſie jedoch ſelten zum Lichten des Ankers, indem dazu eine auf zwei Stuͤtzen ruhende, das Bratſpill genannt, vorn auf dem Verdeck angebracht iſt, die zwar kraͤftiger wirkt, aber viel Zeit erfodert. Letzteres wuͤrde ſich aber mit der außeror⸗ dentlichen Geſchwindigkeit, womit die Kriegſchiffe jedes Manoͤver verrichten muͤſſen, nicht vertragen. Wenn daher hier die Anker gelichtet werden, ſo ſieht man einen Trupp Menſchen, die, reihenweiſe an die einge⸗ ſetzten Hebebaͤume ſich ſtaͤmmend, im Kreiſe damit herumlaufen, und zwar nach dem Takt eines ſchnellen Marſches, den waͤhrend der Zeit die von Trommeln begleiteten Querpfeifen ſpielen. Auf dieſe Weiſe, und beſonders mit Huͤlfe der Boote, wird das ganze Ge⸗ ſchaͤft in wenig Minuten verrichtet. Das Hintertheil des untern Kanonendecks fuͤhrt, im Spiegel, zwei 48pfuͤndige Stuͤcke. Es iſt von den andern Theilen des Decks durch einen Verſchlag ge⸗ trennt, und heißt die Konſtablerskammer. Der Kon⸗ ſtabler oder Kanonier beſitzt jedoch, zur eignen Be⸗ quemlichkeit, nur eine kleine Abtheilung davon; das Uebrige dient, mit Einſchluß einer Wohnung fuͤr den Oberzimmermann, einer Menge Handwerker zu Werk⸗ 6* ſtaͤtten. Hier ſieht man, beſonders wenn das Schiff vor Anker liegt, die Tiſchler, Boͤttcher, Drechsler und Blechſchlaͤger, wie auch die Schuhmacher, Schneider und andere in regſamer Thaͤtigkeit. Hauptſaͤchlich aber iſt es die Werkſtatt der Waffenſchmiede, die unter der beſondern Aufſicht des Konſtablers ſtehen. Die Tau⸗ macher ſchlagen ihre Bahn zuweilen laͤngs der ganzen Batterie auf. Die Segelmacher pflegen mit ihrer Ar⸗ beit auf dem mittelſten Kanonendeck zu ſitzen, auch ar⸗ beiten daſelbſt die Zimmerleute, wenn ſie Balken zu behauen, oder andere grobe Arbeit zu verfertigen ha⸗ ben, außerdem aber, wie es in der Natur der Sache liegt, auf allen Stellen des Schiffes, wo ſie gelegent⸗ lich gebraucht werden. + K K RK S—t 9. Der Schiffsraum. Deſſen oberes Deck oder obere Kuh⸗ bruͤcke— die Schiffpumpen und ihre Einrichtung— die Buttlerei oder Proviantkammer, und das Verfahren bei Austheilung der Lebensmittel. Die untere Kuhbruͤcke— das Schlachtverband— die Pulverkammer und die beſon⸗ dern Einrichtungen, um ſie vor Feuer zu ſichern. Der unterſte Theil des Raums. Unter dem eben beſchriebenen Kanonendeck nimmt der Schiffsraum ſeinen Anfang. Er beſteht aus drei Haupt⸗ theilen, die durch zwei uͤber einander liegende Decke oder, wie man ſie gewoͤhnlich nennt, Kuhbruͤcken ge⸗ ſchieden ſind. Auf der obern derſelben, und zwar in der Gegend des großen Maſtes, befindet ſich die Kam⸗ mer, wo man das in's Schiff eingedrungene Waſſer auspumpt. Dieß wuͤrde zwar, wie es auf den Kauf⸗ fahrern der Fall iſt, weit bequemer auf dem Verdeck geſchehen; allein, die große Tiefe eines Kriegſchiffes geſtattet es deßwegen nicht, weil die Pumpen das Waſ⸗ ſer nur bis zu einer gewiſſen Hoͤhe bringen. Dabei muß uͤberdem noch die Einrichtung getroffen werden, daß zwei Pumpen neben einander ſtehen, wovon die eine das eingeſogene Waſſer in einen Behaͤlter ausleert, und die andere von da es vollends in die Hoͤhe fuͤhrt. 86 Beide haben daher einen gemeinſchaftlichen Schwaͤngel, der in der Mitte wie ein Wagebalken an der Decke haͤngt. Auf beiden Seiten des Mittelpunktes ſind die Pumpenſtoͤcke eingehakt, daher bei jeder Bewegung, die der Schwaͤngel erhaͤlt, der eine derſelben hinabgeſtoßen, der andere herauf gezogen wird. Auf den meiſten Kriegſchiffen beſtehen die Schwaͤngel in geraden Bal⸗ ken, von deren Enden, weil man ſie mit der Hand nicht erreichen kann, Stricke zum Niederziehen herab hangen. Am Bord des Neptun hat man eiſerne, und zwar von einer gekruͤmmten Form, ſo daß die Arbei⸗ ter die an den Enden befeſtigten hoͤlzernen Handhaben bequem erreichen koͤnnen. Gewoͤhnlich arbeiten ſechzehn Mann bei jeder Pumpe, naͤmlich acht an jeder Hand⸗ habe. Durch dieſes Verfahren wird das Waſſer dicht an die untere Batterie gehoben, wo es in einen ver⸗ deckten Kanal, und von dieſem in's Meer ſich ergießt. Solcher Doppelpumpen gibt es, auf dem Neptun, an jeder Seite des großen Maſtes eine. Auch iſt in der Gegend des Beſaans eine kleinere, mit einem einfachern Mechanismus, angebracht. Sie wird jedoch nur im Nothfall, beſonders auch dann gebraucht, wenn man das Waſſer ganz rein auspumpen will. Dieß erfodert aber, daß das Hintertheil des Schiffes das Ueberge⸗ wicht habe, was man z. B. durch die Verſetzung der vorderſten Kanonen nach hinten bewirkt. Auf vielen Kriegſchiffen befinden ſich Kettenpumpen, die mit den⸗ jenigen Maſchinen voͤllig uͤbereinſtmmen, welche man —— 9———— K— RA 138 888* —8 4 * 87 unter demſelben Namen z. B. in Bergwerken hat. Ob ſie ſchon die obigen darin uͤbertreffen, daß das Waſſer in groͤßerer Menge gefoͤdert wird, ſo ſtehen ſie ihnen doch in der Dauerhaftigkeit nach, und laſſen ſich uͤber⸗ dieß, im Fall eines erhaltenen Schadens, nicht ſo leicht wieder herſtellen, daher ſie anfangen aus dem Gebrauch zu kommen. Die Pumpen der Kauffahrer unterſchei⸗ den ſich in der Hauptſache wenig von denen, die wir bei uns zu Lande in und vor den Haͤuſern ſehen; ſie leeren ihr Waſſer auf das Verdeck aus, wo es durch Loͤcher am Seitenbord wieder ablaͤuft. Außer der großen Pumpenkammer, befindet ſich auf der obern Kuhbruͤcke auch dasjenige Gemach, wel⸗ ches die Mannſchaft unter allen am meiſten anzieht— die Buttlerei oder der Ort, wo der Ausgeber die Lebens⸗ mittel vertheilt. Jeden Morgen, wenn die allgemeine Austheilung des Brodes, Zuckers u. ſ. w.— denn Fleiſch, Gemuͤſe und alles, was die Zubereitung in der Kuͤche verlangt, uͤbergibt man dem Schiffskoch,— vor ſich geht, wird das Gemach hell erleuchtet, damit Jeder von der Rechtlichkeit des Verfahrens ſich deutlich uͤber⸗ zeugen, und nicht uͤber Betrug klagen koͤnne. Um dieſe Zeit oͤffnet ſich ein Schubfenſter. Durch dieſes erblickt man den Ausgeber an einem Schreibepulte ſitzend, um die Portionen, ſo wie ſie von ſeinen Gehuͤlfen den Wartenden zugelangt werden, aufzuzeichnen. Das ganze Heer der ſo genannten Koͤche, welche das Wirthſchaft⸗ liche der verſchiedenen Tiſchgeſellſchaften beſorgen, ſtellt 88 ſich dann vor dem Fenſter ein. Aber ſo ſehr auch man⸗ cher durch ſeine gierigen Blicke die ungeſtuͤmen Fode⸗ rungen des Magens verraͤth, ſo bleibt doch jeder ruhig auf dem Platze, den er zur Zeit ſeiner Ankunft einge⸗ nommen hat, und wartet ab, bis ihn die Reihe trifft, nach vorgezeigter Tiſchnummer befriedigt zu werden. Auf der andern Seite beſtreben ſich aber auch die Gehuͤl⸗ fen des Ausgebers, die Geduld der Expectanten nicht zu ermuͤden, indem einer z. B. den ausgeſchuͤtteten Zwie⸗ back mit einer Schaufel auf die Wagſchale legt, ein an⸗ derer dieſe ſchnell in das zugelangte Gefaͤß ausſchuͤttet, waͤhrend ein dritter, um ſie von neuem zu fuͤllen, ſchon mit der vollen Schaufel dahinter ſteht. Auf dieſe Weiſe geht die Sache in der groͤßten Ordnung, ohne Draͤngen und Stoßen ab, und iſt das Werk einer kleinen Vier⸗ telſtunde. Die merkwuͤrdigſten Gemaͤcher auf der untern Kuh⸗ bruͤcke ſind das Schlachtverband und die Pulverkammer. Erſteres iſt der Ort, wo waͤhrend einer Schlacht die Verwundeten verbunden werden. Zu dem Ende ſind hier eine Menge chirurgiſche Vorrichtungen, deren An⸗ blick das Gemuͤth mit ſchmerzlichen Gefuͤhlen erfuͤllt Die Pulverkammer liegt im hinterſten Theile des Schif⸗ fes. Man hat alle erſinnliche Vorſicht angewandt, um ſie vor Feuer zu ſichern. Der Eingang dazu iſt oben in der Konſtablerskammer, von wo man auf einer Treppe hinab ſteigt. Dieſe umgibt, ſo weit ſie durch die obere Kuhbruͤcke geht, eine von außen mit Bleitafeln —-— N N NRK △ 3 N — 8 8 S2MU [..[(—————— 89 bedeckte Einfaſſung. Die Kammer ſelbſt hat ebenfalls einen Bleiuͤberzug von außen, ſo wie die Decke daruͤber einen von Kupfer. In der Mitte des Magazins ſteht ein ſchmaler viereckiger Verſchlag, der in Geſtalt eines Schornſteins bis in die Konſtablerskammer hinauf geht. Von hier wird eine Laterne, deren Glastafeln der Zer⸗ brechlichkeit wegen mit Kupferdraht uͤberſtrickt ſind, in die Vermachung ſo weit hinabgelaſſen, daß ſie zwiſchen den daran angebrachten Glasfenſtern haͤngt, und den Ort erleuchtet; denn mit Laternen in der Hand, von welcher Beſchaffenheit ſie auch ſein moͤgen, darf Niemand hinunter gehen. Obſchon dieſe Vermachung inwendig durchaus mit Blei gefuͤttert, jeder Fenſterrahmen von Kupfer, auch die Laterne mit Draht von dieſem Metall uͤberzogen, und folglich eine Entzuͤndung des Pulvers nicht denkbar iſt; ſo findet doch noch die vorſichtige Maß⸗ regel Statt, daß auf dem Boden des Verſchlags ein Behaͤlter mit Waſſer ſteht, um dieſes Feuer loͤſchende Element in allen Faͤllen bei der Hand zu haben. Gleiche Vorſicht, womit man die Kammer ſelbſt gegen Ungluͤcks⸗ faͤlle verwahrt hat, muͤſſen auch diejenigen beobachten, welche mit ihr in Beruͤhrung kommen, naͤmlich der Kon⸗ ſtabler und ſeine Gehuͤlfen; und ſie ſind hierin den ſtrengſten Geſetzen unterworfen. Keiner darf anders als barfuß und nach Ablegung aller Stahl⸗ und Eiſenſachen, und jedes Kleidungſtuͤckes, woran dergleichen ſich beſin⸗ det, hinabſteigen. Zum Oeffnen und Verſchließen der Pulverfaͤſſer, duͤrfen ſie nur Werkzeuge von Kupfer neh⸗ 90 men, daher ihre Haͤmmer, Aexte, Zangen, Meißel, Naͤ⸗ gel u. ſ. w. aus dieſem Metall verfertigt ſind. Außer den beſchriebenen, auf den Decken des Raums befindlichen Gemaͤchern, gibt es noch eine große An⸗ zahl derſelben, die zur Aufbewahrung der verſchiedenen Schiffsbeduͤrfniſſe, z. B. des Tauwerks, der Segel, des Proviants, der Steinkohlen und vieler anderer Dinge gebraucht werden. Einige dienen auch gewiſſen Unter⸗ offizieren und niedern Beamten zu Wohnungen. Alle dieſe Gemaͤcher ſind, um ſie mit einander in bequeme Verbindung zu ſetzen, nach der Laͤnge und Breite mit Gaͤngen durchſchnitten. Auch gegen die Seiten des Schif⸗ fes hat man dergleichen gelaſſen, damit die Zimmerleute zu den Lecken kommen koͤnnen. Der mittelſte Gang wird immer mit Laternen erleuchtet, und iſt der Stand⸗ punkt fuͤr einige Schildwachen. Der unterſte Theil des Raums oder der eigentliche Raum macht ein großes Ganzes aus. Statt des Bal⸗ laſtes von Sand oder Steinen, fuͤllen ihn Kugeln, Hau⸗ bitzen und Moͤrſer, alte Kanonen und andere Eiſenſachen aus, Doch ſind auch einige Verſchlaͤge darin, welche die Offiziere zu Kellern benutzen. A& u O⁸ KℛK u n NRAERK&⏑ x&*⁸ — RN dad8 9¹ 10. Die Mannſchaft des Neptun. Beſtimmung des Kapitaͤns, der Lieutenants, der Kadetten, des Schiffers, der Steuer⸗ maͤnner, des Bootsmanns, Konſtablers, Zimmermanns, der Marineſoldaten ſo wie auch des Proviantmeiſters⸗ Ich gehe nun zu der Mannſchaft und den ſie betref⸗ fenden Einrichtungen uͤber. Die verſchiedene Beſtim⸗ mung der untern Klaſſen haben meine Leſer bereits kennen gelernt, daher ich in dieſer Hinſicht bloß die hoͤ⸗ heren, und zwar von oben herein, beruͤhren werde. Hierbei kommt jedoch der Admiral in keinen Betracht, weil er es nur mit der ganzen Flotte, nicht mit dem einzelnen, ihn fuͤhrenden Schiffe zu thun hat, und man ihn folglich eben ſo wenig zu der Mannſchaft desſelben zaͤhlen kann, als den Feldmarſchall einer Armee zu dem ihn begleitenden Regimente. Ein Admiral waͤhlt ſich jederzeit ein Schiff zu ſeinem Aufenthalt, ohne damit in naͤhere Verbindung, als mit der uͤbrigen Flotte zu treten; er verlaͤßt es nach Verhaͤltniß der Umſtaͤnde oder nach Willkuͤhr wieder, und vertauſcht es mit einem andern. Der erſte Gegenſtand unſerer Aufmerkſamkeit iſt demnach der Kapitaͤn. Vorlaͤufig bemerke ich, daß 92 dieſer Titel eigentlich nur den, mit beſondern Patenten verſehenen Befehlhabern der Kriegſchiffe zukommt. Die⸗ jenigen Lieutenants, welche Schiffe befehligen, ohne das Kapitaͤnspatent erhalten zu haben, fuͤhren den Titel„Commandant“. Die Befehlhaber der Kauffah⸗ rer ſind bloß zu der Benennung„Schiffer“ berechtigt, obſchon ihnen haͤufig jene ehrenvollere beigelegt wird. Den Kapitaͤn eines Linienſchiffes kann man mit dem Commandanten einer Feſtung vergleichen. Seine vor⸗ zuͤglichſte Beſtimmung iſt, das Schiff im Gefecht zu befehligen. Ueberdieß liegt ihm ob, uͤber alles, was die Fahrt, Rechtspflege, Polizei und die ganze Verfaſ⸗ ſung des Schiffes betrifft, die Oberaufſicht zu fuͤhren. Er muß daher ſo wohl im Kriegs⸗ als im Seeweſen viel Erfahrung haben, und mit dieſen Eigenſchaften Weltkenntniß, Klugheit, Gegenwart des Geiſtes und Tapferkeit verbinden. Da ſein Wirkungkreis die Ver⸗ waltung des Ganzen umfaßt, ſo ſind ihm, außer einem rechtskundigen Sekretaͤr, mehre Gehuͤlfen beigegeben. Letztere beſtehen in den Lieutenants, die den naͤch⸗ ſten Rang nach dem Kapitaͤn einnehmen, und in allen Faͤllen, wo dieſer abweſend iſt, ſeine Stelle vertreten. Fuͤr gewoͤhnlich commandiren ſie nach der Reihe, ſo wie jeden die Wache trifft, die Manoͤver des Schiffes. Auch fuͤhren ſie die beſondere Aufſicht uͤber alle Theile der Verwaltung, der eine uͤber die Segel, der andere uͤber das Tauwerk, ein dritter uͤber die Munition, ein vierter uͤber den Proviant u. ſ. w. Im Gefecht befeh⸗ 93 ligt jeder eine beſtimmte Anzahl Kanonen. Am Bord des Neptun waren ſechs ſolcher Offiziere angeſtellt. An die Lieutenants ſchließen ſich die Kadetten an, die eine Pflanzſchule fuͤr jene bilden. Es ſind gewoͤhn⸗ lich Leute aus angeſehenen Familien; doch haben die Soͤhne der Offiziere das erſte Recht zu ihren Stellen, das ſelbſt auf die der unteroffiziere ſich erſtreckt, wo⸗ fern ihre fruͤhere Erziehung es geſtattet. Denn von den Kadetten verlangt man bei der Aufnahme, daß ſie ſchon mancherlei wiſſenſchaftliche Kenntniſſe ſich erwor⸗ ben haben. Gleichwohl muͤſſen ſie noch in den erſten Jugendjahren ſtehen, um fruͤhzeitig mit dem Seeweſen bekannt zu werden. Man uͤbt ſie aber nicht allein theoretiſch und praktiſch hierin, ſondern macht es ihnen auch zur Pflicht, dabei ihre uͤbrigen Studien in den Wiſſenſchaften und Kuͤnſten fortzuſetzen, daher die eng⸗ liſchen Seeoffiziere in der Regel Maͤnner von vieler Bildung ſind. Bei dieſer Gelegenheit erwaͤhne ich zugleich, daß auf dem Neptun, zur Zeit meines dorti⸗ gen Aufenthalts, ein Lehrer der Mathematik, Phyſik und Geographie, ein anderer fuͤr fremde Sprachen, beſonders fuͤr die franzoͤſiſche und italieniſche, ferner Lehrer der Zeichnenkunſt, der Muſik, ſo wie Tanz⸗ und Fechtmeiſter ſich befanden, die, mit Ausnahme der beiden erſtern, vom Koͤnig beſtellten Oberlehrer, auch andere Poſten bekleideten. Sie ertheilten aber nicht bloß den Kadetten, ſondern auf Verlangen auch andern jungen Leuten unterricht. Die Kadetten werden eigent⸗ lich ſo lange, bis ſie in die Stelle der Lieutenants ein⸗ ruͤcken, nur als Zoͤglinge betrachtet, doch uͤbertraͤgt man den reifern auch vor der Zeit Geſchaͤfte. Dieß mag indeſſen der Fall ſein oder nicht, ſo genießen ſie doch, im Verhaͤltniſſe zu der uͤbrigen Mannſchaft, die vollen Rechte des Offiziers. Mit ihnen ſchließt ſich das Corps der eigentlichen Offiziere, oder der ſo genannte Etat major. Auf ſie folgt eine mittlere Klaſſe, die man weder Ober⸗ noch unteroffiziere nennen kann, ob ſie ſchon gemeiniglich zu den letztern gezaͤhlt wird. Dieß ſind der Schiffer und ſeine Gehuͤlfen. Sie haben in mancher Hinſicht die⸗ ſelben Rechte, wie die Lieutenants, und gebieten wie dieſe uͤber Schiff und Mannſchaft, ſtehen dabei aber dennoch unter ihrer Aufſicht. Der Schiffer iſt ver⸗ pflichtet, auf Befehl des Kapitaͤns das Schiff auszu⸗ ruͤſten, ſo wie aus dem Hafen uͤber das Meer, und wieder in den Hafen zuruͤck zu bringen. Ueberhaupt fuͤhrt er die Aufſicht uͤber alles, was das Schiff als ſchwimmenden, nicht aber als zum Kriegfuͤhren be⸗ ſtimmten Koͤrper betrifft, folglich ohne an der Anord⸗ nung der kriegeriſchen Manoͤver, die nur den Oberoffi⸗ zieren vorbehalten iſt, Theil zu nehmen, obſchon die Munition ebenfalls in den Kreis ſeiner Beſorgung ge⸗ hoͤrt. Kriegeriſche Kenntniſſe werden von ihm nicht verlangt. Kurz, ſeine Pflichten ſind dieſelben, die den Befehlhabern der Kauffahrer obliegen, daher er auch den Titel fuͤhrt, der jenen eigentlich zukommt. Der 95 Schiffer iſt ein erfahrner, praktiſcher Seemann, der ſich durch Verdienſte vom Schiffjungen zu ſeinem Poſten empor geſchwungen hat. Gewoͤhnlich waͤhlt man dazu einen geſchickten Kauffahrtei⸗Kapitaͤn oder Steuermann. Denn nur die Kauffahrer ſind die wahren Seeleute, die das, was zum Weſen der Schifffahrt gehoͤrt, am beßten inne haben, weil ſie den groͤßten Theil ihres Lebens auf dem Meere, und nur kurze Zeit am Lande zubringen; dagegen der Kriegsmann zwar oft eine Reihe von Jahren unausgeſetzt auf der See verlebt, aber nach hergeſtelltem Frieden aus ſeiner Thaͤtigkeit tritt, indem die Offiziere auf Wartegeld, oder in Ruhe⸗ ſtand geſetzt, und die Uebrigen aus dem Dienſt ent⸗ laſſen werden, ohne daß der Staat, mit Ausnahme der Verkruͤppelten, weiter fuͤr ſie ſorgt. Da nun aber der Schiffer ſtets ein geuͤbter Seemann iſt, ſo laͤßt ſich's leicht erklaͤren, daß er die vielſeitige wiſſenſchaft⸗ liche Bildung, die man von den Oberoffizieren, beſon⸗ ders in Hinſicht des Kriegsweſens verlangt, nicht be⸗ ſitzen kann. Daher iſt er in der Regel der Befoͤrderung zum Lieutenant und Kapitaͤn nicht faͤhig, wozu nur die Kadetten berechtigt ſind. Ausnahmen hiervon finden nur Statt, wenn außerordentliche Faͤhigkeiten fuͤr ihn ſprechen. Mit den Steuermaͤnnern hat es in jeder Ruͤckſicht dieſelbe Bewandtniß, wie mit dem Schiffer, nur daß ſie unter dem Befehl desſelben ſtehen, und von ihm in den Geſchaͤften geleitet werden. Um die Beſtimmung und gegenſeitigen Verhaͤlt⸗ niſſe der verſchiedenen Offiziere noch anſchaulicher zu machen, will ich hier einige Beiſpiele von dem Ver⸗ halten geben, das ein jeder im Dienſte zu beobachten hat. Geſetzt, ein im Hafen befindliches Kriegſchiff wird von der Admiralitaͤt beordert in See zu gehen, um z. B. zu einer Flotte zu ſtoßen, einzeln zu kreuzen, oder einen feindlichen Hafen zu ſperren; ſo gibt der Kapitaͤn dem Schiffer den Auftrag, das Schiff auszu⸗ ruͤſten, damit es an dem angezeigten Tage auslaufen koͤnne. Die Ausfuͤhrung bleibt letzterem uͤberlaſſen. Er beſorgt nun mit Huͤlfe der Steuermaͤnner, und durch Anweiſung des Bootsmanns, des Konſtablers und der uͤbrigen Unteroffiziere, daß die Maſten mit Zubehoͤr in ſegelfertigen Stand geſetzt, und alle noͤthi⸗ gen Beduͤrfniſſe an Waſſer, Lebensmitteln, Munition u. ſ. w. angeſchafft werden. Sobald der Kapitaͤn den Befehl zum Abſegeln gibt, laͤßt der Schiffer die Anker lichten, die Segel ſetzen und das Schiff aus dem Ha⸗ fen ſteuern. Auf dem Meere beobachtet er nebſt ſei⸗ nen Gehuͤlfen die Veraͤnderung des Windes, um die Segel danach zu ſtellen, und beſtimmt die Richtung, in welcher man zu ſteuern hat, um das vorgeſteckte Ziel zu erreichen. Waͤhrend der Zeit beſchaͤftigen ſich der Kapitaͤn und die Lieutenants hauptſaͤchlich mit dem Plan ihrer Beſtimmung als Krieger, richten jedoch ſtets ihr Augenmerk auf alles, was innerhalb und außerhalb des Schiffes vorgeht. Sie unterſtuͤtzen de 97 Schiffer in ſeinen Anordnungen, und machen ihn auf Fehlgriffe aufmerkſam. Beſonders vereinigen ſie ſich mit ihm und deſſen Gehuͤlfen zu den Beobachtungen, die taͤglich uͤber den Stand der Sonne und anderer Geſtirne angeſtellt werden, um die Tageszeit, und die Laͤnge und Breite, worin man ſich beſindet, zu erfor⸗ ſchen. Das Reſultat aller dieſer Beobachtungen dient dem Schiffer und ſeinen Leuten zur Richtſchnur, die Fahrt danach zu beſtimmen. Wenn ſich der Fall ereignet, daß man ein feind⸗ liches Kriegſchiff zu Geſicht bekommt, und der Kapi⸗ taͤn beſiehlt, darauf Jagd zu machen, dann ſucht der Schiffer, indem er Segel uͤber Segel aufſpannen laͤßt, es zu erreichen. Mittlerweile ſind die Lieutenants be⸗ ſchaͤftigt, das Schiff in ſchlagfertigen Stand zu ſetzen, und erwarten den Befehl des Kapitaͤns, Feuer auf den Feind zu geben. Waͤhrend des Gefechts bleiben der Schiffer und die Steuermaͤnner auf ihren gewoͤhnlichen Poſten, um mit Huͤlfe einer Anzahl Matroſen die Lage und die Bewegung des Schiffes, ſo wie der Kapitaͤn es verlangt, von Zeit zu Zeit abzuaͤndern, auch die dem Takelwerk beigebrachten Schaͤden, wo moͤglich, auf der Stelle zu erſetzen.— Dieſes wenige wird hinreichend ſein, um ſich einen richtigen Begriff von der verſchie⸗ denen Beſtimmung der Offiziere zu machen. Der erſte eigentliche Unteroffizier iſt der Boots⸗ mann, dieſer hat die beſondere Aufſicht uͤber alles, was das Takelwerk betrifft. Er ordnet es an, ſorgt ſtets IV. 7 fuͤr deſſen Brauchbarkeit, und haͤlt die dazu erfoderli⸗ u. ſ. w. in ſeiner Verwahrung. Zu gewiſſen Zeiten muß er dem Schiffer Rechnung daruͤber ablegen, weß⸗ halb ihm ein Schreiber beigegeben iſt. Zum Betakeln der Maſten, und uͤberhaupt zu den verſchiedenen Vor⸗ richtungen der Taue— um ſie in die gehoͤrige Form zu bringen, z. B. mit zierlich verſchlungenen Knoten oder mit kuͤnſtlichem Flechtwerk zu verſehen,— fuͤh⸗ ren die Kriegſchiffe mehrer Nationen einen beſondern, unter dem Bootsmann ſtehenden unteroffizier, welcher der Schiemann genannt wird. Auf den engliſchen hat man ſein Geſchaͤft mit dem des Bootsmanns vereinigt; daher dieſem eine um ſo groͤßere Menge Gehuͤlfen unter⸗ geordnet ſind. Ueberdieß machen die Anker und dazu ge⸗ hoͤrigen Taue, ſo wie auch die Boote, ebenfalls einen Theil ſeiner Beſorgung aus. Die zahlreichen Gehuͤlfen des Bootsmanns braucht man nicht nur zur ſpeziellen Aufſicht bei den Arbeiten mit dem Takelwerk, ſondern uͤberhaupt bei jeder Ver⸗ richtung der Schiffsmannſchaft; daher ſie bald oben oder unten, bald vorn oder hinten beſchaͤftigt ſind, und nicht ſelten mit den ſo genannten Treibern, welche uͤber die Neger in den weſtindiſchen Pflanzungen die Aufſicht fuͤhren, verglichen werden. Auch ſind ſie be⸗ ſtimmt, polizeiliche Aufſicht zu fuͤhren, und die Stelle der Gerichtsdiener, Zuchtmeiſter und, im Fall einer Execution, die der Henker zu vertreten. Hierbei will chen Vorraͤthe an Segeln, Tauen, Bloͤcken, an Theer 99 ich zugleich bemerken, daß außerdem ein beſonderer Auf⸗ ſeher angeſtellt iſt, der uͤber die Auffuͤhrung der Mann⸗ ſchaft zu wachen hat; er verwaltet auch das Amt eines Kerkermeiſters und, waͤhrend der Execution, das des niedrigſten Henkers. Obſchon das Schiffsvolk ihn außer⸗ ordentlich fuͤrchtet, ſo iſt doch mit ſeinem traurigen Amte nichts Veraͤchtliches verbunden, ſondern er ge⸗ nießt den Rang eines Unteroffiziers. Auf den Bootsmann folgt der Konſtabker. Ihm und ſeinen Gehuͤlfen liegt nicht allein, wie wir oben angefuͤhrt haben, die Pflicht ob, den Pulvervorrath mit der groͤßten Sorgfalt zu verwahren, ſondern auch ſtets eine hinreichende Menge gefuͤllter Patronen oder Pulverſaͤckchen, die aus Leinwand oder wollenem Zeuge beſtehen, ſo wie Kartaͤtſchen, d. h. mit Pulver und Flintenkugeln, Naͤgeln, zerhacktem Eiſen oder Blei an⸗ gefuͤllte blecherne Buͤchſen, in Bereitſchaft zu halten. Dieß iſt auch der Fall mit den Kanonenpfropfen, welche ſie aus altem aufgedrehten, und in die Form eines Balles zuſammen gewickelten Tauwerk verfertigen. Eben ſo muͤſſen ſie die Kanonen nebſt Zubehoͤr in gehoͤrigem Stand erhalten. Um jedoch dieſen letztern viel umfaſ⸗ ſenden Geſchaͤftstheil meinen Leſern begreiflich zu ma⸗ chen, will ich die Einrichtung und Behandlung der Kanonen, was ich bis hierher geſpart habe, etwas aus⸗ fuͤhrlicher beſchreiben. Die Laͤufe derſelben unterſchei⸗ den ſich von den auf dem Feſtlande gebraͤuchlichen haupt⸗ ſaͤchlich dadurch, daß ſie Schloͤſſer haben, welche man . 7* nach Belieben an⸗ und abſchrauben kann. Die Laffe⸗ ten ſtehen auf vier kleinen walzenfoͤrmigen Raͤdern, und ſind, um zur hoͤhern oder tiefern Richtung des Laufes ein Holz quer uͤber legen zu koͤnnen, treppen⸗ foͤrmig ausgezackt. Auf beiden Seiten ſind ſie am Schiffsbord mit einem ſtarken Tau befeſtigt, indem die Enden mit eiſernen Haken verſehen ſind, welche in die, an der Laffete und dem Bord befindlichen Ringe eingehaͤngt werden. Dieſe Taue dienen, beim Abfeu⸗ ern des Geſchuͤtzes das gewaltſame Zuruͤckprallen des⸗ ſelben zu verhindern, was ſich mit dem beſchraͤnkten Raum auf einem Schiffe und mit der Geſchwindigkeit, womit man im Gefecht das Geſchuͤtz von neuem ladet und ausruͤckt, nicht vertragen wuͤrde. Da ſie aber, wenn ſie ſtraff angezogen waͤren, wegen der heftigen Gewalt des ruͤckwaͤrts fahrenden Stuͤcks, zerſpringen muͤßten, ſo haͤngen ſie in einem Bogen herab, und zwar dergeſtalt, daß die Kanone ſo weit zuruͤcklaufen kann, als noͤthig iſt, um die Patrone und die Kugel in die Muͤndung zu bringen, die dann, nebſt dem dar⸗ auf geſteckten Pfropfe, von einem vor der Pforte ſte⸗ henden Matroſen eingeſtoßen werden. Um die Kanone auszuruͤcken, hakt man auf jeder Seite in die genann⸗ ten Ringe gewiſſe Takel ein, woran die dazu beſtimmte 3 Mannſchaft zieht, waͤhrend ein oder zwei Mann mit Hebeln nachhelfen. Wenn das Schiff auf dem Meere iſt, ſind die Kanonen mit vielfach durch die Ringe ge⸗ zogenen Tauen dicht an den Bord befeſtigt, ſo daß ſie ige eu⸗ es⸗ ten eit, det der, gen gen und rfen ugel dar⸗ ſte⸗ none anu⸗ amte mit deere 2 ge⸗ b ſs 101 nicht wanken und weichen koͤnnen. Diejenigen, welche dann eingeruͤckt, und deren Pforten verſchloſſen werden, ſchnuͤrt man uͤberdieß, zu mehrer Befeſtigung, mit der Muͤndung des Rohres an den Ring, der ſich an der Klappe der Pforte befindet. Vor jedem Gefecht wer⸗ den alle dieſe Taue, außer jenen ſtarken, die das Stuͤck beim Zuruͤckprallen aufhalten, abgemacht. Dieß ge⸗ ſchieht auch jedesmal nach der Ankunft in einem Hafen, weil man dann alle Stuͤckpforten oͤffnet, und die Ka⸗ nonen, um ſie und die Plaͤtze unter denſelben reinigen zu koͤnnen, bewegbar machen muß. Die uͤbrigen zur Bedienung des Geſchuͤtzes erfoderlichen Werkzeuge be⸗ ſtehen hauptſaͤchlich in hoͤlzernen Buͤchſen fuͤr die Pa⸗ tronen, in Ausputzern, Ladeſtoͤcken, Hebeln, Pulverhoͤv⸗ nern, Kugelziehern und Pulverſchaufeln,— beide letz⸗ tere, um einen Schuß, der nicht abgehen will oder ſoll, wieder aus dem Laufe zu nehmen. Hierzu kommen noch kleine Kuͤbel, die man, waͤhrend der Schlacht, mit Waſſer gefuͤllt neben die Kanone ſtellt, um dieſe von Zeit zu Zeit zu benetzen und dadurch abzukuͤhlen. Alle die hier genannten und noch einige andere Arti⸗ kel werden, vor dem Treffen, in beſtimmter Anzahl bei jedem Stuͤcke niedergelegt. Jedes Stuͤck wird, ſo wie es gebraucht iſt— folglich nach einer Schlacht die ſaͤmmtlichen,— unterſucht, ob es Spruͤnge bekommen oder ſonſt Schaden gelitten hat. Hierauf putzt man es mit großer Sorgfalt aus, verſtopft, um keine Feuch⸗ tigkeit eindringen zu laſſen, die Muͤndung mit einem hoͤtzernen Stoͤpſel, ſo wie das Zuͤndloch mit Werg, und bedeckt dasſelbe mit einem bleiernen Deckel, oder, wenn das Schloß angeſchraubt bleibt, mit einer danach ge⸗ formten Kapſel. Nachdem ich nun die Beſchaffenheit und die Behandlung der Kanonen beſchrieben habe, be⸗ merke ich nur noch, daß alle die dazu gehoͤrigen Ge⸗ raͤthſchaften von dem Konſtabler und ſeinen Leuten aufbewahrt und in Ordnung gehalten, auch alle die angegebenen Arbeiten beim Geſchuͤtz, mit Ausnahme derjenigen, welche waͤhrend der Schlacht ſelbſt vorkom⸗ men, ausſchließlich von ihnen verrichtet werden; ob⸗ ſchon in meinen Angaben, der noͤthigen Kuͤrze wegen, manches Nebengeſchaͤft uͤbergangen worden iſt. Auf den Konſtabler folgt im Range der Ober⸗ zimmermann. Was letztern betrifft, ſo iſt ſeine Be⸗ ſtimmung zwar dieſelbe, wie die der Zimmerleute auf andern Schiffen, naͤmlich das Holzwerk des ganzen Ge⸗ baͤudes in gutem Stande zu erhalten. Wenn aber meine Leſer die große Maſſe eines Kriegſchiffes und die vielfachen, oft betraͤchtlichen Ausbeſſerungen, die es nach jedem Gefecht bedarf, in Erwaͤgung ziehen, ſo koͤnnen ſie leicht den Schluß machen, daß hier das Ge⸗ ſchaͤft eines ſolchen Mannes ungleich bedeutender als auf den Kauffahrern iſt, daher ihm auch viele Gehuͤl⸗ fen untergeordnet ſind. Ueberdem verlangt man von ihm einen hoͤhern Grad von Geſchicklichkeit, als von den Zimmerleuten der Handelsſchiffe. Dieſe genuͤgen vollkommen ihrer Pflicht, wenn ſie gut zu kalfatern, 103 ſchadhafte Balken, Planken und Dielen auszunehmen, und neue dafuͤr einzuſetzen, ferner Maſten, Raaen und Ruder, auch Bootsgeraͤthe und allerlei kleine Holzar⸗ beiten zu fertigen verſtehen. Solche mechaniſche Fer⸗ tigkeiten ſind fuͤr den Zimmermann eines Kriegſchiffes nicht hinreichend. Er muß auch ein denkender, erſin⸗ deriſcher Kopf ſein, der mit dieſer Gabe gute mathe⸗ matiſche Kenntniſſe verbindet. Man nehme z. B. an, es iſt in der Schlacht eine der untern Raaen zerſplit⸗ tert worden, dergleichen doch, wegen ihrer Groͤße, kein Schiff in Vorrath bei ſich fuͤhrt. Gleichwohl kann man dieſelben, da ſie Hauptſtuͤcke des Takelwerks ſind, durch⸗ aus nicht entbehren, und der Oberzimmermann muß, trotz der anſcheinenden Unmoͤglichkeit, ſchleunig Rath ſchaffen, was freilich fuͤr die meiſten Genoſſen ſeines Handwerks keine leichte Aufgabe ſein wuͤrde. Er muß aus den vorraͤthigen kleinen Raaen, aus Staͤngen und mancherlei andern Stuͤcken Holz eine Raa zuſammen ſetzen, die der verlornen in der Laͤnge, Dicke und der ganzen Form voͤllig entſpricht. Doch darf er dabei nichts verkuͤrzen, oder auf irgend eine Weiſe verunſtal⸗ ten, damit man, wenn die Nothraa nicht mehr ge⸗ braucht wird, jedes Stuͤck zu den beſtimmten Zwecken wieder anwenden kann. Zuerſt macht er, nach den ihm bekannten Maßen der verſchiedenen Beſtandtheile, den Plan der Zuſammenfuͤgung auf dem Papier, und laͤßt ihn dann in der Sache ſelbſt ausfuͤhren, indem das Ganze, in gewiſſen Entfernungen, mit Tauen um⸗ 104 wunden oder auch, wenn das Schiff weit entfernt vom Lande iſt, der beſſern Dauer wegen mit eiſernen Baͤn⸗ dern verſehen wird. Solche im Nothfall, in wenig Stunden verfertigte Raaen haben ſchon oft eine Fahrt von vielen hundert Meilen, ſo wie Schlachten und Stuͤrme ausgehalten.— Im Gefecht haͤlt ſich der Oberzimmermann, nebſt ſeinen Leuten, im Schiffs⸗ raum auf, um die daſelbſt von den Kugeln gemachten Oeffnungen mit hoͤlzernen Pfropfen, die zuvor mit Werg umwunden und in Theer getaucht werden, zu verſtopfen, waͤhrend er von Zeit zu Zeit, mittels eines in den Pumpenſood hinab gelaſſenen Maßſtabes, die Tiefe des eingedrungenen Waſſers unterſucht. Daß er uͤbrigens alles Holzgeraͤthe und die andern zur Erhal⸗ tung des Schiffes gehoͤrigen Bauſtoffe, wie z. B. Ei⸗ ſenwerk, Pech, Werg u. ſ. w., in ſeiner Verwahrung halten und, in gewiſſen Zeiten, Rechnung daruͤber ab⸗ legen muß, ſcheint kaum der Erwaͤhnung zu beduͤrfen. Die uͤbrigen auf dem Neptun befindlichen Hand⸗ werker, als der Schmied, Segelmacher, Reifſchlaͤger und mehr andere, die ſchon oben genannt worden ſind, hatten keine beſondere Beſtimmung außer derjenigen, welche das Gewerbe eines jeden mit ſich bringt. Sie arbeiteten unter der Anleitung des Proviantmeiſters, Bootsmanns, Konſtablers und des Oberzimmermanns, und ſtanden uͤbrigens mit Niemand in Beruͤhrung. Es verſteht ſich aber von ſelbſt, daß die Handwerker der Kriegſchiffe waͤhrend eines Treffens, wo die ganze 105 Mannſchaft bei den Kanonen zum Fechten ſich verei⸗ nigt, hiervon nicht ausgeſchloſſen ſind, was nur bei denjenigen Statt findet, welche im Gefecht wichtige Nebenverrichtungen haben, wie z. B. die Leute bei den Segeln und am Steuerruder, die Signalmaͤnner, Zim⸗ merleute, Wundaͤrzte, Krankenwaͤrter und einige andere. In Hinſicht der Marineſoldaten will ich nur be⸗ merken, daß ſie außer der Beſtimmung, die gute Ord⸗ nung im Schiffe aufrecht zu erhalten, und die Matro⸗ ſen in den groben Arbeiten zu unterſtuͤtzen, hauptſaͤch⸗ lich die haben, in der Schlacht mit dem kleinen Ge⸗ wehr auf den Feind zu feuern, was vom Verdeck aus geſchieht. Im Range ſtehen ſie jederzeit eine Stufe tiefer, als die eigentlichen Seeleute, ſo daß ein Lieu⸗ tenant gleichen Rang mit den Seecadetten, und der Gemeine mit dem Schiffsjungen hat. Was die Beamten betrifft, ſo nimmt der Provi⸗ antmeiſter den erſten Platz unter ihnen ein. Seine erſte Beſtimmung iſt, das Schiff mit Lebensmitteln zu verſorgen und die Aufſicht daruͤber zu fuͤhren, daher der Ausgeber unmittelbar unter ſeinen Befehlen ſteht. Er fuͤhrt aber auch die Hauptrechnung aller Ausgaben und die Kaſſe. Nebenbei hat man ihm das Geſchaͤft uͤbertragen, das Schiffsvolk mit Waͤſche, Kleidung⸗ ſtuͤcken, Hangmatten, Bettgeraͤth und andern nothwen⸗ digen Beduͤrfniſſen zu verſehen, was jedoch aus dem Solde bezahlt und oft hoch angerechnet wird. Dieß und die Geldvorſchuͤſſe, die er den Offtzieren zu leiſten 106 pflegk, machen ſeinen Poſten zu einem der eintraͤglich⸗ ſten im Schiffe, daher die Mannſchaft ihn als ihren Kaufmann und Maͤkler betrachtet und, im Stillen, oft mit dem Beinamen„Schiffsjude“ bezeichnet. Die Geſchaͤfte der uͤbrigen Beamten, des Arztes, der Wundaͤrzte, des Predigers, der Lehrer, des Ausge⸗ bers u. ſ. w. beduͤrfen keiner Erklaͤrung. 5ft 107 11. Mannszucht. Gerichtsbarkeiten. Beſtrafung der Verbre⸗ chen und Vergehungen— die am haͤufigſten vorkommenden. Herrſchende Denk⸗ und Handelsweiſe. Was die Mannſchaften der engliſchen Kriegſchiffe in Hinſicht der Dienſtpflichten, der eingefuͤhrten Ordnung und des Verhaltens der Untergebenen gegen ihre Obern betrifft, ſo ſind ſie hierin ſtrengern Geſetzen, als die Krieger aller andern Nationen unterworfen. Ein klei⸗ nes Verſehen, ja manche Handlung, die in den Augen des freien Buͤrgers ganz unſchuldig iſt, wird als ein Verbrechen angeſehen und beſtraft; und uͤberhaupt kann man ſagen, daß die Englaͤnder, ob ſie ſchon im Allge⸗ meinen große Rechte und Freiheiten genießen, in Kriegs⸗ dienſten nicht viel beſſer als Sclaven ſind. Die Ge⸗ richtsbarkeit auf einer Flotte zerfaͤllt in das hohe und in die niedern Gerichte. Erſteres wird von dem Ad⸗ miral, den Unteradmiralen, wenn dergleichen bei der Flotte ſich befinden, und den Kapitaͤnen der ſaͤmmtlichen Schiffe gebildet. Sie halten ihre Sitzungen auf dem Schiffe des Admirals, der ſie dazu beſonders zuſam⸗ men berufen laͤßt. Dieſes Gericht unterſucht die eigent⸗ lichen Verbrechen, und entſcheidet uͤber Leben und Tod. 108 Die niedern Behoͤrden ſind die beſondern Gerichtsbar⸗ keiten der einzelnen Schiffe; ſie beſtehen aus dem Ka⸗ pitaͤn und den uͤbrigen Offizieren. Dieſe verſammeln ſich, zur Ausuͤbung ihres richterlichen Amtes, in der Regel Einmal die Woche, außerdem aber, ſo oft es die Umſtaͤnde fodern. Sie duͤrfen nur geringere Vergehungen eigenmaͤchtig beſtrafen, und muͤſſen dage⸗ gen wichtige, ob ihnen ſchon jederzeit die erſte Unter⸗ ſuchung und ein Gutachten daruͤber zuſteht, zur Ent⸗ ſcheidung vor die hoͤhere Behoͤrde bringen. Mithin werden die Verbrecher auf einzelnen, von der Flotte abgeſonderten Kriegſchiffen ſo lange in Verhaft gehal⸗ ten, bis die Umſtaͤnde es erlauben, ſie vor das hohe Gericht zu ſtellen. Indeſſen ſteht auch der niedern Gerichtsbarkeit in gewiſſen Faͤllen, z. B. bei Meute⸗ reien, das Recht zu, die hoͤchſte Gewalt auszuuͤben. In der Regel haben die gerichtlichen Unterſuchun⸗ gen einen ſchnellen Gang, und eben ſo ſchnell folgt das Urtheil und deſſen Vollziehung.— Die ſchimpflichſte Todesſtrafe iſt die mittels des Stranges. Das Verfahren bei Vollziehung derſelben iſt ungefaͤhr folgendes: Eine Viertelſtunde vorher thut man auf dem Admiralſchiffe einen Kanonenſchuß, und zieht eine beſondere Flagge auf. Dieß iſt das Signal fuͤr die ſaͤmmtlichen Schiffe der Flotte, die Mannſchaften auf die Raaen ſtellen zu laſſen, damit ſie die tragiſche Scene deutlich vor Augen haben und, was der Haupt⸗ zweck jeder Strafe iſt, einen lebhaften Eindruck dadurch N NX K E —2 N 109 erhalten moͤgen. Nach einiger Zeit ſtimmt man auf demjenigen, wo die Execution vor ſich gehen ſoll, eine Trauermuſik, begleitet von den tiefen Toͤnen gedaͤmpfter Trommeln, an. Der Verurtheilte wird nun, nach ei⸗ ner kurzen religioͤſen Vorbereitung, bis auf das Hemd und die Hoſen entkleidet, und mit einer weißen Muͤtze auf dem Kopfe und die Haͤnde auf den Ruͤcken gebun⸗ den, auf das Verdeck gefuͤhrt. Unter der großen Raa, welche die Stelle des Galgens vertritt, macht der Zug Halt. Ein zweiter Kanonenſchuß gibt das Zeichen zur Hinrichtung, die man mit der aͤußerſten Schnelligkeit vollzieht; und damit der Gehaͤngte den Todeskampf bald uͤberſteht, tritt ihm augenblicklich Einer auf die Schultern, und ein Anderer zieht an dem um ſeine Fuͤße befeſtigten Seil, wodurch das Zuſchnuͤren des Hals⸗ ſtranges verſtaͤrkt wird. Das Ganze beſchließt wieder eine Trauermuſik. Nach Sonnenuntergang wird der entſeelte Koͤrper abgenommen und in's Meer geſenkt, was ohne alle Ceremonie geſchieht.— Die gewoͤhn⸗ lichſte Beſtrafung iſt die mit der Geißel oder Peitſche, weil man ſie nach Maßgabe der Streiche, fuͤr alle Ver⸗ gehungen bis zur Todesſtrafe einrichten kann. Obſchon auf dieſer Strafe kein ſolcher Schimpf, wie auf der vorerwaͤhnten ruht, ſo iſt ſie doch weit ſchrecklicher, und kann gewiß zu den martervollſten gezuͤhlt werden. Die Peitſche beſteht aus einem kurzen Stock mit fuͤnf, ſie⸗ ben oder neun daran befeſtigten Straͤngen, wovon jeder nach Verhaͤltniß mit eben ſo vielen, in gewiſſen Entfer⸗ 110 nangen geknuͤpften Knoten verſehen iſt. Man pflegt dergleichen Werkzeuge eine Katze mit fuͤnf Schwaͤnzen u. ſ. w. zu nennen. So oft eine Zuͤchtigung damit vorgenommen wird, muß die ganze Mannſchaft, um Augenzeuge davon zu ſein und ſich ein Beiſpiel daran zu nehmen, auf den vordern und mittlern Theilen des Verdecks ſich verſammeln. Die Schanze iſt der Platz zur Vollſtreckung der Strafe. An der Steuerbordſeite ſtellen ſich die Seeſoldaten unter Gewehr auf, hinten quer vor der Kajuͤte ſtehen die ſaͤmmtlichen Offiziere, und an die Backbordſeite wird der Schuldige gefuͤhrt. Man ſchnuͤrt ihn, nachdem der obere Theil ſeines Koͤr⸗ pers entbloͤßt worden iſt, mit ausgeſpreizten Armen und Beinen an ein zu den Luken gehoͤriges Gatter, das gegen den Bord gelehnt und daran befeſtigt wor⸗ den iſt. Damit er den Schmerz verbeißen und das Schreien unterdruͤcken koͤnne, wird ihm eine bleierne Kugel in den Mund geſteckt. Die Hiebe werden lang⸗ ſam und in abgemeſſenen Zeitraͤumen gegeben, um ihre Wirkung im vollen Maße empfinden zu laſſen. Dabei muß der Geißelnde— ein Gehuͤlfe des Bootsmanns, — darauf ſehen, daß die verſchiedenen Straͤnge der Peitſche in gehoͤriger Ordnung ſind und nicht uͤber ein⸗ ander liegen, damit ſie den Ruͤcken an vielen Stellen treffen. Die geringſte Zahl der Peitſchenhiebe iſt ein, ſelten aber mehr als drei oder vier Dutzend, weil eine groͤßere Menge das Gefuͤhl abſtumpfen, folglich den Zweck verfehlen, und uͤberdieß fuͤr die Geſundheit des 111 Gezuͤchtigten nachtheilige Folgen haben wuͤrde, obſchon die Wundaͤrzte fuͤr ſeine Wiederherſtellung ſorgen muͤſ⸗ ſen. Zwei bis drei Hundert bewirken oft den Tod, oder wenigſtens Verſtuͤmmelung des Koͤrpers. Es hat ſich indeſſen ſchon manchmal zugetragen, daß Leute, ihrer Geſundheit unbeſchadet, fuͤnf und mehre Hundert aus⸗ gehalten haben. Bei Todesſtrafen nimmt jedesmal die ganze Flotte an der Vollziehung Theil, ſo daß der Verbrecher auf jedem Schiffe drei oder vier Dutzend Streiche bekommt. Erfolgt aber der Tod allzu fruͤh, ſo wird die Beſtrafung an dem entſeelten Koͤrper bis zum beſtimmten Ziele noch fortgeſetzt, indem man ihn auf dem Gatter, woran er feſt gebunden iſt, auf die noch uͤbrigen Schiffe bringt, was auch Statt findet, wenn der Verbrecher anfaͤngt die Kraͤfte zu verlieren. Man kann leicht denken, daß dieſes Verfahren zum Grunde hat, der ganzen Flotte ein warnendes Beiſpiel zu geben. Wenn der Fall eintritt, daß ein Verbrecher die ihm zuerkannte, ſeinen Tod bezweckende Strafe, wegen der außerordentlichen Dauerhaftigkeit ſeines Koͤr⸗ pers, uͤberſteht, ſo wird er dann in Freiheit geſetzt und gewoͤhnlich des Dienſtes entlaſſen.— Es kann gewiß keinen ſchaudervollern Anblick ge⸗ ben als den, welchen eine Execution mit der Peitſche darbietet. Die erſten Hiebe mit derſelben ſind jeder⸗ zeit die ſchmerzhafteſten; ſie zwingen den Gegeißelten zu lautem Geſchrei und verurſachen ihm heftige Zuck⸗ ungen, wiewohl es bisweilen geſchieht, daß er ſeine 112 Leiden mit ſtoiſcher Gelaſſenheit ertraͤgt. Nach wenigen Streichen entſteht uͤber dem ganzen Ruͤcken eine mit Waſſer und Blut angefuͤllte Geſchwulſt, die in kurzem ſich oͤffnet, wodurch der Leidende Linderung der Schmer⸗ zen bekommt, und nachher in einen Zuſtand gaͤnzlicher Gefuͤhlloſigkeit verfaͤllt. In der Folge loͤſ't ſich das Fleiſch von den Knochen ab, welches nach und nach ſtuͤckweiſe abfaͤllt, bis endlich die Verblutung dem Leben des Schlachtopfers ein Ende macht. Das Schrecklichſte bei ſolchen ſchweren Strafen iſt, daß man ſie theilweiſe und an verſchiedenen Tagen vollzieht, wodurch die halb⸗ geheilten Wunden immer wieder aufgeriſſen und die Schmerzen vermehrt werden. Geringere Vergehen ahndet man auf mancherlei Weiſe, z. B. durch Zuſammenſchließung der Haͤnde und Fuͤße, durch Degradation, Entziehung der Speiſen und des Getraͤnkes, oder durch Uebertragen eines ſchimpfli- chen Amtes. Solche Fehler wie Traͤgheit, unreinlich⸗ keit u. ſ. w. werden von den Gehuͤlfen des Boots⸗ manns auf der Stelle geruͤgt, daher dieſe Leute faſt beſtaͤndig mit einem, aus Taufaͤden geflochtenen Knuͤt⸗ tel bewaffnet ſind, in deſſen Ermangelung aber das Ende irgend eines in der Naͤhe liegenden Taues er⸗ greifen.— Um die Kadetten wegen Ungehorſam, Man⸗ gel an Fleiß u. ſ. w. zu zuͤchtigen, bedient man ſich gewoͤhnlich beſchaͤmender Mittel, weil bei ihnen, als zukuͤnftigen Befehlhabern, ein hoher Grad von Ehr⸗ gefuͤhl vorausgeſetzt wird. Sie muͤſſen z. B. einige en V it 113 Tage mit dem gemeinen Volk arbeiten, oder werden unter einander ſelbſt herabgeſetzt, auch wohl auf dem großen Mars gleichſam an den Pranger geſtellt. Nach dem zu urtheilen, was ich hier uͤber die ſtrenge Mannszucht auf den engliſchen Kriegſchiffen ge⸗ ſagt habe, duͤrfte ſie manchem meiner Leſer grauſam und unmenſchlich ſcheinen; allein Jeder, der ſich auf ſolchen Schiffen befunden hat, wird mit mir darin uͤbereinſtimmen, daß die erfoderliche Ordnung und uͤber⸗ haupt der gute Zuſtand der Marine nur durch ſolche Maßregeln erhalten wird. Fallen doch, aller Strenge ungeachtet, haͤufig Verbrechen vor; ja, faſt auf jedem Schiffe ſieht man ſich woͤchentlich einige Mal genoͤthigt, ſeine Zuflucht zur Geißel zu nehmen, wobei freilich von dem Kapitaͤn und den uͤbrigen Offizieren Vieles abhaͤngt. uUnter denjenigen Verbrechen, die am haͤufigſten begangen werden, ſteht der Diebſtahl oben an. Man entwendet zwar ſeltener Geld, Kleider und Gegenſtaͤnde von Werth, als Speiſen und Getraͤnke, was aber auf Kriegſchiffen gleich ſtrafbar iſt, weil hier Keiner mehr Lebensmittel bekommt, als er taͤglich bedarf, und die⸗ ſelben, wenn ſie ihm geraubt werden, nicht leicht er⸗ ſetzen kann, ohne ſich eines aͤhnlichen Vergehens ſchul⸗ dig zu machen. Die Trunkenheit gehoͤrt zu den ſehr alltaͤglichen Erſcheinungen. Es werden zwar alle Mittel angewen⸗ det, derſelben zu ſteuern, indem man nicht nur das dem gemeinen Englaͤnder ſo unentbehrliche geiſtige Ge⸗ IV. 8 114 traͤnk, vor dem Austheilen, zur Haͤlfte mit Waſſer ver⸗ miſcht, ſondern auch jede dergleichen Zufuhr vom Lande verbietet. Deſſen ungeachtet wiſſen die Leute Mittel zu finden, dann und wann ihre Trinkluſt zu befriedi⸗ gen; denn des Entwendens aus den Vorraͤthen u. ſ. w. nicht zu gedenken, gebrauchen ſie z. B. die Liſt, Rum und dergleichen, in Schweinsblaſen gefuͤllt und kuͤnſt lich unter den Kleidern verſteckt, auf das Schiff zu bringen. Man beweiſ't indeſſen viel Nachſicht gegen Trunkene, wenn ſie ſich ruhig verhalten, oder durch Schlaf ihre Nuͤchternheit wieder zu erlangen ſuchen. Aber gewoͤhnlich iſt dieß nicht der Fall; denn ſo wie Berauſchung den Franzoſen ausgelaſſen luſtig macht, ſo verſetzt ſie den Englaͤnder in eine hoͤchſt muͤrriſche, zaͤnkiſche Laune, die nicht ſelten an Tollheit graͤnzt. Pruͤgeleien geben oft Veranlaſſung zu ſchwerer Strafe; denn der Fauſtkampf dient den Englaͤndern nicht nur als Mittel ſich eigenmaͤchtig Recht zu ver⸗ ſchaffen, und ſich an Andern zu raͤchen, ſondern iſt auch fuͤr ſie eine ſo leidenſchaftliche Beluſtigung, als fuͤr die Franzoſen das Fechten, das auf ihren Kriegſchiffen, weil es die Gewandtheit des Koͤrpers ohne Nachtheil desſelben befoͤrdert, gern geſtattet wird. Da aber das Boxen, der engliſche Fauſtkampf, ſelbſt als Zeitvertreib jederzeit ſchaͤdliche Folgen hat, indem die Streiter nie ohne blaue Augen, blutige Naſen, eingeſchlagene Zaͤhne und dergleichen wegkommen, ja bisweilen Blutſpeien, oder wohl gar zerbrochene Arme und Rippen, Bruͤche — 115 und andere Uebel davon tragen; ſo kann ein ſolches Spielwerk auf Kriegſchiffen, fuͤr welche die vollkom⸗ mene Geſundheit der Mannſchaften von großer Wich⸗ tigkeit iſt, durchaus nicht geduldet werden, obgleich es zu den nationellen Gebraͤuchen der Englaͤnder gehoͤrt. Wiewohl das Kartenſpiel, wegen der daraus entſtehen⸗ den Streitigkeiten, auf den engliſchen Kauffahrern und folglich weit ſtrenger auf den Kriegſchiffen verboten iſt, ſo wird es doch auf letztern ſehr haͤufig hervorge⸗ ſucht, weil hier eine Menge Menſchen vom Feſtlande zuſammen kommen, die dem gewohnten Spiele nicht entſagen koͤnnen, und die eigentlichen Seeleute dazu verfuͤhren. Nicht ſelten geſchieht es, daß die genannten Ver⸗ gehungen, wie Urſachen und Wirkungen auf einander folgen. Erſt ſtiehlt man ſtarkes Getraͤnk, bekommt dann einen Rauſch, uͤberlaͤßt ſich dem Kartenſpiel und geraͤth bald in Streit, welcher in eine foͤrmliche Pruͤ⸗ gelei uͤbergeht, wodurch alles an den Tag kommt. In ſolchen Faͤllen erfolgt, wie man weiß, eine Strafe, deren Ueberſtehung ein dauerhaftes Ruͤckenfell verlangt, Ich uͤbergehe mit Stillſchweigen eine Menge an⸗ derer gewoͤhnlicher Fehltritte, ſo wie auch mancherlei ſtrafbare Laſter, deren Erwaͤhnung das Zartgefuͤhl des Leſers beleidigen wuͤrde. Bei dieſer Gelegenheit muß ich bemerken, daß nur den obern Offtzieren geſtattet wird, ihre Weiber mit in See zu nehmen. Aber ſo lange das Schiff in einem engliſchen Hafen liegt, kann 8* 116 Jeder ſeine Gefaͤhrtiin am Bord haben. Das Geſetz ſchraͤnkt zwar dieſe Freiheit auf rechtmaͤßige Eheweiber ein; allein man hatz ſich ſeit langer Zeit von der buch⸗ ſtaͤblichen Befolgung desſelben ſo weit entfernt, daß man, wenn nur die angekommenen weiblichen Perſo⸗ nen ſogleich und zwar als Gattinnen gemeldet werden, ſich voͤllig begnuͤgt, und um das Uebrige nicht bekuͤm⸗ mert. Es verſteht ſich aber, daß die Maͤnner in jedem Falle fuͤr das Betragen derſelben haften muͤſſen. Wenn daher Kriegſchiffe einen vaterlaͤndiſchen Hafen erreichen, ſo werden ſie augenblicklich von Weibern umringt, die großen Theils aus oͤffentlichen beſtehen, welche ein Un⸗ terkommen ſuchen. Es findet dann kein unterſchied zwiſchen den ehelichen und eheloſen Statt, und die letztern fuͤhren ebenfalls die Namen ihrer Pſeudo⸗Maͤn⸗ ner. Nur genießen jene den Vorzug, daß ſie vom Schiffe mit Lebensmitteln verſorgt, dagegen die uͤbri⸗ gen durchaus von den Maͤnnern unterhalten werden. Auch empfangen die rechtmaͤßigen Gattinnen, waͤhrend der Abweſenheit der Gatten, aus den Marine⸗Magazi⸗ nen beſtimmte Rationen, naͤmlich zwei Drittel der maͤnn⸗ lichen fuͤr ihre eigene Perſon, und eins fuͤr jedes Kind unter funfzehn Jahren. Eben ſo kommt ihnen dann wenigſtens die Haͤlfte von dem Solde des Mannes zu, wofern dieſer nicht mehr bewilligt. Doch wiſſen gewoͤhn⸗ lich auch die bloßen Geſellſchafterinnen ihren ſo genann⸗ ten Maͤnnern eine Verſchreibung auf monatlichen Ge⸗ halt abzuliſten, was ihnen, da ſie auf vielen Schiffen —᷑—;:—’BKB—ůↄLn 117 dergleichen haben, ein ſehr bequemes Auskommen ver⸗ ſchafft, bisweilen auch denen, die ihre Gunſt in hohem Grade beſitzen, zum Vortheil gereicht. Ueberhaupt haben die Mannſchaften der Krieg⸗ ſchiffe in Hinſicht der herrſchenden Denk⸗ und Handels⸗ weiſe wenig mit denen der Kauffahrer gemein. Da letztere den groͤßten Theil ihres Lebens in ſchwachen Haͤuflein und abgeſchieden von der uͤbrigen Menſchheit zubringen, folglich faſt in denſelben Verhaͤltniſſen, wie die auf dem Lande zerſtreut wohnenden Familien ſtehen, ſo aͤhneln ſie auch dieſen in ihrem Charakter, welchen natuͤrliche Einfalt und Unbeſcholtenheit, aber auch Un⸗ behuͤlflichkeit in der großen Welt bezeichnen. Dage⸗ gen lebt man auf einem Kriegſchiffe wie in einer Stadt, wo die Gemuͤther der zahlreichen Bewohner beſtaͤndig durch Neid, Haß, Ueberliſtung und durch unzaͤhlige an⸗ dere Leidenſchaften beunruhigt und gegen einander auf⸗ geregt werden. Man erwaͤge ferner die ſtrenge Be⸗ handlung der Leute, womit jederzeit ein nachtheiliger Einfluß auf das Gemuͤth verbunden iſt, und das krie⸗ geriſche Leben uͤberhaupt, welches die feinern Gefuͤhle abſtumpfen und verdraͤngen muß. Eben ſo traͤgt zur allgemeinen Verderbniß der Sitten der Umſtand Vieles bei, daß die Leute, wegen ihrer zu großen Menge, nicht ſo anhaltend wie auf den Kauffahrern beſchaͤftigt ſind, und mithin mehr Veranlaſſung zu muthwilligen Strei⸗ chen haben. Dazu kommt noch, daß die Mannſchaf⸗ ten gewoͤhnlich eine große Anzahl vom Grund aus ver⸗ 118 dorbener Menſchen enthalten. Denn man pflegt ſie aufzugreifen, ohne nach ihrem fruͤhern Lebenswandel zu fragen, wobei das Loos beſonders liederliche, der buͤrgerlichen Geſellſchaft ſchaͤdliche Menſchen trifft. Auch erhalten die Kriegſchiffe ſtets dadurch einen Zufluß von ungeſitteten Subjecten, daß die Kauffahrer, weil ſte zu koͤrperlicher Zuͤchtigung nicht befugt ſind, oft dergleichen Leute zur Strafe dahin bringen, ſo wie auch Mancher nach einem begangenen ſchlechten Streiche, um ſich der Verantwortung und Schande zu entziehen, freiwillig Dienſte darauf nimmt. Ueberdieß werden haͤufig un⸗ gerathene Soͤhne von ihren Aeltern auf den Krieg⸗ ſchiffen untergebracht; daher dieſe gewiſſermaßen den Zuchthaͤuſern gleichen. Man kann nun leicht den Schluß machen, wie verſchieden der hier herrſchende Geiſt von dem der Mannſchaften auf den Kauffahrern ſein muß, wo Keiner ohne gute Zeugniſſe ſeiner Sittlichkeit an⸗ genommen, und derjenige, welcher ſich einer ſchlechten Handlung ſchuldig macht, bald wieder entlaſſen wird. Eben ſo iſt es auch leicht zu begreifen, warum die Leute auf den Handelſchiffen die Gemeinſchaft mit den im Kriegsdienſte ſtehenden meiden, und uͤberhaupt mit dem Namen„Orlogsmann“ ſtets den Begriff eines raͤnkevollen und boͤsartigen Menſchen verbinden. 119 12. Bezahlung und Bekoͤſtigung der Mannſchaft. Die Klei⸗ dung der Ober⸗ und Unteroffiziere, der Matroſen, See⸗ ſoldaten und Beamten. Was die Bezahlung und Bekoͤſtigung betrifft, ſo ſtehen die Mannſchaften der engliſchen Marine in weit un⸗ guͤnſtigern Verhaͤltniſſen als die der Kauffahrer. Der monatliche Gehalt fuͤr die Matroſen der erſtern iſt, nach Beſchaffenheit ihrer Faͤhigkeiten, auf anderthalb bis dritthalb Pfund Sterling feſtgeſetzt; dagegen der fuͤr die letztern wenigſtens drei und, im Fall ein Man⸗ gel an dienſtſuchenden Leuten in den Haͤfen entſteht, bis auf fuͤnf und mehr Pfund ſteigt; waͤhrend des letzten franzoͤſiſch⸗engliſchen Krieges fiel er nie unter fuͤnftehalb Pfund. Auch die Beſoldung der auf den Kriegſchiffen angeſtellten Offiziere, wenn man die ober⸗ ſten ausnimmt, erreicht nicht die der Befehlhaber und Steuermaͤnner auf den Handelſchiffen, und ihr Stand lohnt gleich dem militaͤriſchen, mehr mit Ehre als Ge⸗ winn, wofern ſie nicht das Gluͤck beguͤnſtigt, anſehn⸗ liche Priſen zu machen und ſich dadurch zu entſchaͤdigen. Die Lebensmittel werden ſtets nach beſtimmten Gaben vertheilt, ſo daß weder Feſttage, noch beſon⸗ — 120 dere Feierlichkeiten, und ſelbſt der groͤßte Ueberfluß keine Aenderung hierin machen. Das Brod beſteht, wie auf allen Schiffen, in einer Art Zwieback. Es herrſcht aber, zufolge der verſchiedenen Gebraͤuche der Nationen, ein großer Unterſchied in dieſem Gebaͤck, der ſich nicht allein auf die Beſtandtheile, ſondern auch auf die Form und uͤbrige Bereitung erſtreckt. Der Schiffzwieback mancher Voͤlker wird von grobem, oft nur halb geſchrotenen ſchwarzen Mehle verfertigt. Bis⸗ weilen hat er die Geſtalt kleiner runder Brode, weß⸗ halb er beim Backen nicht voͤllig austrocknet, und da⸗ her bald Schimmel anſetzt und von Wuͤrmern verzehrt wird. Ueberdem erhaͤlt dergleichen Gebaͤck eine ſo zaͤhe Feſtigkeit, daß es nur von dauerhaften Zaͤhnen verar⸗ beitet, und von Vielen, ohne es vorher in Waſſer er⸗ weicht zu haben, nicht genoſſen werden kann. Unter allen Arten des Schiffzwiebacks behauptet der engliſche in jeder Hinſicht den Vorzug. Man verfertigt ihn aus Weizenmehl, das man bekanntlich in England auch zum Brode nimmt. Der Teig wird durch Maſchinen, faſt auf die Art, wie in Deutſchland der zu den Bre⸗ zeln beſtimmte, ſehr derb und trocken bereitet, und dann in duͤnne Kuchen von der Groͤße einer gewoͤhnli⸗ chen Untertaſſe geformt, die man, zur Befoͤrderung des Austrocknens, an einigen Stellen durchloͤchert, und endlich langſam baͤckt, daher ſie eine blaßgelbe Farbe behalten. Dieſes Backwerk beſitzt die guten Eigenſchaften, daß es ungemein leicht, muͤrbe und zer⸗ & d ₰ „»„———.—. 2— 1——. 121 brechlich iſt, und oft mehre Jahre unverdorben bleibt. Letzteres findet beſonders dann Statt, wenn man es in dichten Faͤſſern verwahrt, an deren Stelle jedoch ge⸗ woͤhnlich Saͤcke gebraucht werden, weil dieſe weniger Platz wegnehmen und ſich bequemer behandeln laſſen. Von ſolchem Zwieback bekommt die Perſon taͤglich ein Pfund und zwar des Morgens vor dem Fruͤhſtuͤck. Die uͤbrigen zu dieſer Mahlzeit beſtimmten Lebensmit⸗ tel beſtehen woͤchentlich in einem halben Pfund But⸗ ter, oder einem Viertel Pfund Kaͤſe; außerdem wird auch eine warme Speiſe aus Mehl von Hafer, Gerſte oder andern Getreidearten vertheilt. Zum Mittageſſen wird an drei Tagen der Woche, den Umſtaͤnden gemaͤß, friſches oder geſalzenes Fleiſch gegeben, naͤmlich zwei⸗ mal Rind⸗ und einmal Schweinfleiſch. Von dieſem bekommt Jeder drei Viertel-, von jenem ein ganzes Pfund. Als Zugemuͤſe zum Schweinfleiſche dienen ge⸗ woͤhnlich Erbſen; diejenigen, welche die Schiffe in England bekommen, ſind in der Muͤhle gehuͤlſt und geſpalten, daher ſie, und weil uͤberhaupt dieſe Frucht dort vorzuͤglich gedeiht, ungemein ſchnell weich werden. Bisweilen kocht man dieſelben, trocken in Saͤcke ge⸗ fuͤllt, zu einem dicken Brei, was die Englaͤnder„Erb⸗ ſenpudding“ nennen. Statt der Erbſen werden bis⸗ weilen Bohnen, oder auch andere Zugemuͤſe gegeben. Zum geſalzenen Rindfleiſche bereitet man vorzuͤglich Mehlpudding, welcher außer dem mit Waſſer gemiſch⸗ ten Mehl einen Zuſatz von geſalzenem Rindsfett, und 122 von großen oder kleinen Roſinen enthaͤlt. Statt deſ⸗ ſen werden zum Rindfleiſch auch Kartoffeln gekocht. Mit dem friſchen Fleiſche iſt jederzeit eine nahrhafte Suppe verbunden, in die man Graupen oder Reiß und wo moͤglich gruͤne Gemuͤſe thut. An ſolchen Ta⸗ gen, wo keine Fleiſchgerichte Statt finden— man nennt ſie banyan-days d. i. Faſttage,— beſteht das Mittagmahl in Suppe von Erbſen oder andern Huͤl⸗ ſenfruͤchten, oder in Mehlſpeiſen. Ich muß indeß be⸗ merken, daß die hier angegebene Speiſeordnung nach einer langen Abweſenheit vom Vaterlande, wenn die dort eingenommenen Lebensmittel ausgehen, und im Auslande erſetzt werden, eine große Veraͤnderung leidet. Beſonders iſt dieß der Fall mit den Gemuͤſearten, Statt deren z. B. in Oſtindien am haͤufigſten Reiß gegeben wird. Oft erſetzt man den Mangel an friſchem Fleiſche von Rindern und Schweinen durch das von Schafen. In Weſtindien vertritt der Kakao die Stelle der zum Fruͤhſtuͤck beſtimmten Mehlſpeiſe, ſo wie der Zucker die des Kaͤſes und der Butter. Des Abends findet keine beſondere Mahlzeit Statt. Die Leute muͤſſen ſich dann mit den Ueberreſten des Mittageſſens und des Zwiebacks begnuͤgen, daher ſie oft fuͤr ihr eigenes Geld ein Gericht bereiten. Die Mannſchaft des Nep⸗ tun kaufte zu dem Ende haͤufig Fiſche, Yamwurzeln, Pataten und andere tropiſche Fruͤchte, die in Martini⸗ que im Ueberfluß und wohlfeil waren. Das Getraͤnk beſteht eigentlich in Rum, und zur Abwechſelung in —+ —-———————y—— 123 Porter. Von erſterem bekommt Jeder taͤglich ein Noͤ⸗ ßel, von letzterem zwei Noͤßel. Auch dieſe Artikel wer⸗ den im Auslande mit andern vertauſcht, je nachdem ſie zu bekommen ſind, als mit Wein, Arack, oder ir⸗ gend einer Art Branntwein. Erſteren vertheilt man in demſelben Maße, wie den Porter, die uͤbrigen wie den Rum. Die gemeinen Matroſen und Soldaten er⸗ halten ihr taͤgliches Getraͤnk zu zwei verſchiedenen Ma⸗ len, naͤmlich die eine Haͤlfte nach dem Mittageſſen, die andere gegen Abend, und zwar, wenn es Rum, Arack oder Branntwein iſt, mit Waſſer vermiſcht. Doch laſ⸗ ſen bisweilen die Offiziere, wenn ſie Mißtrauen in die Nuͤchternheit der Leute ſetzen, auch mit dem Wein und dem Porter eine ſolche Miſchung vornehmen. Nach dieſer allgemeinen Angabe der auf den eng⸗ liſchen Kriegſchiffen uͤblichen Bekoͤſtigung, muß ich noch beifuͤgen, daß hierin der Staat keine beſondere Nuͤck⸗ ſicht auf die Offiziere nimmt, ſondern ſie mit den Ge⸗ meinen auf dieſelbe Stufe ſtellt. Nur die Admirale werden hiervon ausgenommen, indem ihnen Statt der Lebensmittel anſehnliche Tafelgelder ausgeſetzt ſind. Indeß genießen die Offiziere doch einige Vorzuͤge vor dem großen Haufen. Vorerſt wird fuͤr ſie jede Sache auf eine ganz andere, als die gewoͤhnliche Weiſe zube⸗ reitet, weil ſie immer gute Koͤche unterhalten. Ferner gibt man ihnen von Allem das Beßte, und das gei⸗ ſtige Getraͤnk rein und unvermiſcht; auch duͤrfen ſie die verſchiedenen Artikel nach Belieben beziehen, und 124 diejenigen, welche ſie nicht wollen, gegen ſolche vertau⸗ ſchen, die in gleichem Werthe mit jenen ſtehen. In der Regel verwandeln ſie den groͤßten Theil ihrer ge⸗ ſammten Rationen bloß in Fleiſch, Getraͤnk und Mehl, welches letztere beſonders dazu verwendet wird, jeden Morgen friſches Brod fuͤr ſie zu backen. Die uͤbrigen Mundbeduͤrfniſſe muͤſſen ſie aus eigenen Mitteln be⸗ ſtreiten, was keinen geringen Aufwand verurſacht, da ſie gewoͤhnlich Leute von gutem Herkommen und, als Englaͤnder, uͤberhaupt an gute Koſt gewoͤhnt find, auch außerdem, nach Art der Kriegsmaͤnner, mehr der Ge⸗ genwart als der Zukunft leben. Hauptſaͤchlich halten ſie ſtets auf Vorrath an Getraͤnken, Federvieh und Schafen, ſo wie an unzaͤhligen kleinen Dingen, welche die engliſche Landesſitte fuͤr die Tafel verlangt, als Senf, Saucen, Eingemachtes u. ſ. w. Die Offtziere des Neptun hatten, waͤhrend meines dortigen Aufenk⸗ halts, faſt taͤglich ihren Tiſch mit einer Menge Spei⸗ ſen beſetzt, mit kraͤftigen Suppen, mit Fiſch, gekochtem und gebratenen Fleiſche, Paſteten oder anderem Back⸗ werk und mit koͤſtlichen Fruͤchten. Ja, ich erinnere mich, daß ſie eines Tages ihre ganze Portion friſchen Fleiſches, nebſt einigen Huͤhnern, bloß zu einer Kraft⸗ ſuppe verwendeten. Dieſe Artikel wurden in einem beſondern Keſſel, der, um die Kraͤfte nicht verdunſten zu laſſen, mit einem Schraubendeckel verſehen war, uͤber einem gelinden Feuer gegen acht Stunden gekocht, worauf man die daraus entſtandene dicke Bruͤhe zur —90& e „————.—,——,—I— 125 Zubereitung der Suppe abſeihte. Der zuruͤck geblie⸗ bene Brei von Fleiſchfaſern und Knochen diente zu Futter fuͤr die Schweine. Was die Kleidung der Mannſchaften auf den Krieg⸗ ſchiffen betrifft, ſo iſt im Allgemeinen zu bemerken, daß hierin, mit Ausnahme der Seeſoldaten, keine ſo ſtrenge Gleichfoͤrmigkeit, als beim Militaͤr auf dem Feſtlande Statt findet. Nur die Roͤcke und die Jacken ſind gleichfoͤrmig, indem ſie durchgaͤngig aus dunkel⸗ blauem Tuch und nach einem beſondern Schnitt ver⸗ fertigt werden; das Uebrige haͤngt großen Theils von der Willkuͤhr ab. Die Roͤcke der Offiziere ſind mit weißem Kaſimir gefuͤttert, ſo daß man ihn auf militaͤ⸗ riſche Art aufſchlagen kann, was jedoch nur an dem Kragen, den Klappen⸗ und Aermelſpitzen zu geſchehen pflegt. Auf den ſtark vergoldeten Knoͤpfen iſt ein Anker, der auf zwei ſich kreuzenden Kanonenlaͤufen ruht, erhaben dargeſtellt. Die Weſte und die langen Beinkleider ſind gewoͤhnlich von demſelben Stoffe, wie die Roͤcke; doch traͤgt man haͤufig auch unterkleider von weißem Kaſimir, und bei heißem Wetter von wei⸗ ßem baumwollenen Zeuge, ſo wie von gelbem oder blauen Nanking. Den Kopf bedeckt in der Regel ein runder, mit der engliſchen ſchwarzen Kokarde gezierter Hut. Oreieckige kommen nur bei beſondern Gelegenheiten zum Vorſchein, obſchon die Seeoffiziere vieler Nationen, beſonders die franzoͤſiſchen und ſpaniſchen, der Unbe⸗ quemlichkeit ungeachtet, keine andern tragen. Um den 126 Hals wird faſt immer ein ſchwarzſeidenes Tuch, bis⸗ weilen jedoch ein weißbaumwollenes gebunden. Die Fußbekleidung beſteht in Schuhen, die man nur bei naſſer Witterung mit Stiefeln vertauſcht. Die Ehren⸗ zeichen ſind goldene Achſelbaͤnder und das Seitengewehr. Von erſtern kommen nur den Admiralen und den Ka⸗ pitaͤnen zweie zu; die Lieutenants haben nur eins, und zwar die obern auf der rechten, die untern auf der linken Achſel. Die Cadetten, welche ſowohl Jaͤck⸗ chen als Roͤcke tragen, zeichnen ſich in dieſer Hinſicht bloß durch gewiſſe goldene Schnuͤre am Kragen aus. Dasſelbe findet auch bei dem Schiffer und den Steuer⸗ maͤnnern Statt. Das Seitengewehr, welches bis herab auf die Steuermaͤnner getragen wird, iſt eine Art Dolch, den man, mittels eines ſchwarzledernen Gehaͤnges, um den Leib guͤrtet. Die Kauffahrer pfle⸗ gen demſelben den Spottnamen„Kaͤſemeſſer,“ ſo wie den Achſelbaͤndern den Namen„Swab“— deſſen Be⸗ deutung weiter unten erklaͤrt wird,— beizulegen. Ein Offizier in Galla erſcheint mit einem dreieckigen Hut, mit kurzen Beinkleidern von weißem Kaſimir und weiß⸗ ſeidenen Struͤmpfen. Der Admiral kleidet ſich in die⸗ ſem Falle wie der General einer Landarmee. Der Admiral Cochrane vermied in der Regel, ſich im An⸗ zuge vor den uͤbrigen Offizieren auszuzeichnen. Doch muß ich bemerken, daß die engliſchen Seeoffiziere die groͤßte Genauigkeit und Sauberkeit in der Kleidung, beſonders auch in Hinſicht der Waͤſche beobachten. —,ͤ——— e. e dͤ—- d ..—.ʒꝗů 8.— 127 Letztere, die aus der feinſten Leinwand oder aus Batiſt beſteht, wird faſt jeden Tag gewechſelt. Auf dem Neptun pflegte man nicht nur fruͤh nach dem Aufſtehen, ſondern auch von neuem Nachmittags, eh es zur Tafel ging, die Toilette zu machen, wobei diejenigen, welchen das Haar ſchnell wuchs,— was uͤberhaupt in heißen Klimaten der Fall iſt,— ſich auch den Bart zum zweiten Mal abnahmen. Bei dieſer ungemeinen Sau⸗ berkeit im Aeußern, verbunden mit einem kriegeriſchen, jedoch ungezwungenen Anſtande, dem haͤufig eine vor⸗ theilhafte Geſtalt zu Huͤlfe kommt, kann es nicht feh⸗ len, daß die engliſchen Seeoffiziere, wie man oft be⸗ merkt, die Aufmerkſamkeit des weiblichen Geſchlechts ſehr auf ſich ziehen.— Die Unteroffiziere, vom Boots⸗ mann an, tragen gewoͤhnlich einen ſo genannten Halb⸗ frack, d. i. ein Kleid, deſſen Schoͤße bloß bis zur Mitte des Schenkels reichen; doch vertauſchen ſie dieſes an Feſttagen, und bei beſondern feierlichen Gelegenheiten, mit einem laͤngern. Uebrigens tragen ſie zur Aus⸗ zeichnung einen runden Hut mit der Kokarde, und gelbe Knoͤpfe, worauf ein einfacher Anker, mit ver⸗ ſchlungenem Kabeltau, ausgedruͤckt iſt. Ueberdem fuͤh⸗ ren ſie ein kleines ſilbernes Pfeifchen, das an einer ſeidenen Schnur um den Hals gehaͤngt wird; es dient, weil deſſen Schall durchdringender als die menſchliche Stimme iſt, der Mannſchaft das Zeichen zu mancher⸗ lei Verrichtungen zu geben. Mit ſolchen Commando⸗ inſtrumenten ſind auch die Gehuͤlfen des Bootsmanns verſehen, die ſich außerdem aber von den gemeinen Matroſen wenig unterſcheiden. Letztere haben durch⸗ aus blaue Jacken, mit zwei Reihen ſehr dicht ſtehender kleiner Ankerknoͤpfe. In der uͤbrigen Kleidung herrſcht wenig Gleichfoͤrmigkeit. Man traͤgt ſowohl runde Huͤte von Filz, Stroh und Leder, als wollene, oder auch aus Segeltuch verfertigte Muͤtzen. Die Huͤte werden, zur Abhaltung der Naͤſſe, haͤufig mit getheerter oder mit Oelfarbe beſtrichener Leinwand uͤberzogen. In Betreff der Unterkleider herrſcht die groͤßte Mannichfaltigkeit, indem ſie bei Einigen aus blauem Tuch, bei Andern aus Leinwand, oder aus allerhand bunten Zeugen be⸗ ſtehen. Dasſelbe iſt auch der Fall mit der Waͤſche; rothe, blaue oder weiße wollene Hemden ſind eben ſo gemein, als weiße oder blau geſtreifte von Flachs oder Baumwolle. Halstuͤcher von ſchwarzer Seide werden am haͤufigſten getragen, jedoch auch bunte ſeidene und baumwollene. Hierbei muß ich bemerken, daß es Sitte iſt, die Tuͤcher nicht dicht um den Hals zu binden, ſondern ſchmal zuſammen gelegt, von hinten nach vorn locker umzuthun, und auf der Bruſt in einen Knoten zu knuͤpfen, ſo daß die Zipfel lang herabhaͤngen; da⸗ her ſie, gleich einer Halskette, bloß zum Putze dienen. Die Fußbekleitung beſteht in der Regel in leichten Schuhen von Leder, bisweilen von Segeltuch; auch gehen Viele, aus Erſparniß, bei der Arbeit barfuß, was jedoch, beſonders beim Klettern auf den Maſten, große Abhaͤrtung der Fußſohlen erfodert. Zu Stiefeln ———,„—— ͤ — dASOESXG SS SSgn, 129 nimmt man, weil ſie die dem Seemann nothwendige Fluͤchtigkeit hindern, nur bei naſſer und kalter Witter⸗ ung ſeine Zuflucht. Wenn die Matroſen mit unſau⸗ bern Arbeiten, z. B. dem Theeren der Taue, dem Anſtreichen des Holzwerks, beſchaͤftigt ſind, ſo pflegen ſie, um die Kleider vor Beſchmutzung zu ſchuͤtzen, eine Art Hemd von Segeltuch oder grober Leinwand uͤber das Ganze anzuziehen. An Feſttagen, bei feierlichen Gelegenheiten, oder wenn ſie zu ihrem Vergnuͤgen auf dem Lande verweilen, ſind ſie faſt durchgaͤngig ſehr gut gekleidet; ſchoͤne Biberhuͤte, feine blaue Jacken und Unterkleider, wie auch ſchwarze Halstuͤcher und gute Oberhemden machen den gewoͤhnlichſten Anzug aus. Ueberhaupt kommt dann manche ſtattliche Figur zum Vorſchein, da zumal die ſeemaͤnniſche Tracht einen wohlgeſtalteten Koͤrper ſehr beguͤnſtigt. Diejenigen Mannſchaften, welche die Schaluppen der Offtziere ru⸗ dern, muͤſſen taͤglich in feſtlichem Putz erſcheinen, zu welchem Ende ſie von ihren Herren beſonders und gleichfoͤrmig gekleidet werden. Der Admiral Cochrane z. B. gab ſeinen Ruderern durchaus feine blaue Tuch⸗ kleider nebſt guten Filzhuͤten; der Kapitaͤn des Neptun blaue Jacken, weiße Unterkleider und Strohhuͤte. So wenig indeß die Matroſen in der Art und Weiſe ihres Anzuges einem Zwang unterworfen ſind, ſo ſtreng wer⸗ den ſie doch in Hinſicht der Reinlichkeit desſelben ge⸗ halten. Hauptſaͤchlich beruͤckſichtigt man die Vaͤſche, welche woͤchentlich zweimal gewechſelt werden muß, IV. 9 130 und es findet an ſolchen Tagen eine allgemeine ſpe⸗ cielle Unterſuchung deßhalb Statt, die man Muſterung nennt. Hierbei iſt noch zu bemerken, daß der Gebrauch der ſo genannten Vorhemdchen, und aller ſolcher Arti⸗ kel, die nicht die Reinlichkeit, ſondern bloß den Schein derſelben bezwecken, als eine Art von Betrug angeſe⸗ hen und geahndet wird. Die Kleidung der Beamten iſt dieſelbe, wie bei denjenigen Seeleuten, mit welchen ſie in gleichem Range ſtehen. Z. B. der Proviantmeiſter, der Arzt u. ſ. w. tragen Roͤcke wie der Schiffer, mit großen vergoldeten Ankerknoͤpfen, aber ohne Achſelbaͤnder, runde Huͤte mit Kokarden, und Seitengewehre. Die engliſchen Marineſoldaten hatten zu der Zeit, von welcher hier die Rede iſt, gleich den Landtruppen, hellrothe, aber ſehr kurze Roͤcke; daher ſie in der eng⸗ liſchen Schifferſprache ſchlecht weg„die rothen Jacken,“ ſo wie die eigentlichen Seeleute„die blauen“ genannt wurden, und man ſolche Redensarten, als:„es pruͤ⸗ gelt ſich eine blaue Jacke mit einer rothen,“ haͤufig vernahm. Die Roͤcke waren ſchwarz aufgeſchlagen und mit Ankerknoͤpfen beſetzt. Ferner trugen die Seeſolda⸗ ten Weſten von weißem Piquée, lange Hoſen von Lein⸗ wand oder weißen baumwollenen Zeugen und, zur Ab: wechſelung, auch von blauem Tuche, ſo wie weiße Kamaſchen und runde Huͤte mit ſchwarzen Kokarden. Dieſe Kleidung iſt jedoch ſpaͤterhin ſehr veraͤndert wor⸗ den, indem man z. B. die rothen Roͤcke mit blauen, 131 und die runden Huͤte mit militaͤriſchen Muͤtzen ver⸗ tauſcht hat. Uebrigens koͤnnen meine Leſer aus dem, was ich uͤber das Aeußere der Matroſen geſagt habe, leicht ſchließen, daß bei dem Marinemilitaͤr die groͤßte Sauberkeit herrſcht. Beſonders iſt dieß auch der Fall in Betreff der Waffen. Die Laͤufe und Schloͤſſer der Feuergewehre muͤſſen nicht nur an den aͤußern, ſondern auch an den verdeckten Theilen einen fleckenloſen Glanz haben, und werden daher jeden Morgen, ſo oft man auf die Wache zieht, zur naͤhern Beſichtigung abge⸗ ſchraubt. Dabei iſt noch zu bemerken, daß der eng⸗ liſche Soldat große Vortheile beſitzt, den Stahl zu poliren. 9* — —— 13. Gewöhnliche Lebensordnung. Der oͤffentliche Gottesdienſt an Feſttagen. Die dem Schiffsvolk an ſolchen Tagen ge⸗ ſtattete Erholung und Vergnuͤgung. Zum Beſchluß meiner Beſchreibung des Neptun will ich noch die auf demſelben gewoͤhnliche Tagesordnung erwaͤhnen, worin uͤberhaupt, mit Ausnahme kleiner, durch Zeit und Umſtaͤnde veranlaßter Abweichungen, alle engliſche Kriegſchiffe uͤbereinkommen.— Die Mann⸗ ſchaft pflegt in drei Haufen abgetheilt zu ſein, welche, mit ihren Lieutenants an der Spitze, alle vier Stun⸗ den einander in der Wache abloͤſen. Es bekommt folglich Jeder hinreichende Muße ſich zu erholen und ſeine eigenen Geſchaͤfte zu beſorgen, ſo wie er abwech⸗ ſelnd in der einen Nacht vier, in der andern acht Stun⸗ den Schlaf genießt. Von dieſer Ordnung weicht man nur dann ab, wenn Unſtaͤnde eintreten, wo die verei⸗ nigten Kraͤfte der geſammten Mannſchaft noͤthig ſind, beſonders vor, in und nach einer Schlacht, bei einem Sturm ꝛc. Auch findet dieſes Statt, wenn die Schiffe im ſichern Hafen liegen. Alsdann arbeiten die Leute 3 den ganzen Tag, ſchlafen dagegen ungeſtoͤrt in der Nacht; und nur die Marineſoldaten halten die naͤcht⸗ 2ͤ ͤ—ʒ˙—ℳ —— 8B 133 liche Wache, wobei ſie, wie das Militaͤr einer Feſtung, die Stunden abrufen. Die Zeit wird, in allen Faͤllen, eben ſo wie auf den Kauffahrern— was ich Bd. I. S. 3 u. 4 beſchrieben habe,— alle halbe Stunden mittels der Glocke angezeigt. Des Morgens fruͤh um vier Uhr thut man, wenn Jahreszeit und Klima keine Abweichung noͤthig machen, den ſo genannten Morgenſchuß, was bei ganzen Flot⸗ ten auf dem Schiffe des Admirals geſchieht. Zu glei⸗ cher Zeit ruͤhrt man die Trommel, und die Quartier⸗ meiſter und Unterbootsmaͤnner laſſen auf allen Decken, wo das Schiffsvolk ſchlaͤft, ihre Pfeifen kraͤftig ertoͤ⸗ nen. In groͤßter Eil ſpringen nun die Leute aus ihren Hangmatten, und ſchnuͤren dieſelben, nachdem ſie ſich in ihre Kleider geworfen haben, nebſt dem Bettzeuge zuſammen. So bald der Ruf„hinauf alle Hang⸗ matten!“ erſchallt,— und dieß geſchieht ungefaͤhr fuͤnf Minuten nach dem Kanonenſchuſſe,— laͤuft Jeder mit der geſchulterten Hangmatte nach dem Verdeck, um ſie hier, wie oben beſchrieben wurde, aufzuſtellen. Der Letzte wird, obſchon jederzeit Einen das Loos treffen muß, von den Unterbootsmaͤnnern mit einigen Hieben empfangen, was eine große Beſchleunigung des Ge⸗ ſchaͤftes zu Wege bringt. Nach Beendigung desſelben beginnt man das Tagwerk mit der Reinigung des Schiffes. Wiewohl ich uͤber die Reinlichkeit, welche auf den engliſchen Kriegſchiffen herrſcht, ſchon viel geſprochen 134 habe, ſo muß ich doch, da ſie eine ſo weſentliche Eigen⸗ ſchaft derſelben und uͤberhaupt nicht genug zu ruͤhmen iſt, noch Einiges hinzufuͤgen. Die taͤgliche Saͤuberung des Schiffes erſtreckt ſich nicht nur auf die Außenſeite, ſondern auch auf alle innere Gemaͤcher und Decke. Erſtere wird, indem man ſich auf die aufgezogenen Klappen der Geſchuͤtzpforten ſtellt, mit Buͤrſten ge⸗ ſcheuert, und dann mit Waſſer abgeſpuͤlt. Im Hafen wird dieſes Geſchaͤft durch Leute unterſtuͤtzt, die ſich mit Schuͤppen, d. i. hohlen, zum Schleudern des Waſſers eingerichteten Schaufeln, in ein Boot begeben. Die Kajuͤten werden auf eine Art geſaͤubert, die der in den Haͤuſern gebraͤuchlichen ziemlich nahe kommt, obſchon hierbei ungleich mehr Genauigkeit und Anwendung ge⸗ wiſſer Kunſtgriffe Statt findet. Dieß iſt auch der Fall mit den uͤbrigen Wohnkammern. Solche Behaͤlt⸗ niſſe, die keine Naͤſſe vertragen, wie z. B. die Pro⸗ viantkammern u. ſ. w., wiſcht man wenigſtens mit einem angefeuchteten ſo genannten Mop auf, einem Buͤſchel von wollenen Lappen oder Faͤden, das an einem Stock befeſtigt iſt. Das Verdeck wird auf eine den Seemaͤnnern ganz eigene Weiſe gewaſchen. Da es von vorn und hinten etwas abſchuͤſſig nach der Mitte zulaͤuft— was man den Spring eines Schiffs nennt,— ſo theilen ſich die Waͤſcher in zwei Theile, wovon der eine das Geſchaͤft vom Bug, der andere vom Heck aus beginnt. Dieſer hat einen Quartier⸗ meiſter, jener einen Gehuͤlfen des Bootsmanns zum 135 Anfuͤhrer. Zuerſt errichten ſte Geſtelle, um das Waſſer bequem aus dem Meere zu ſchoͤpfen, was mittels ge⸗ theerter, durch Reifen ausgeſpannter Leinwandſaͤcke geſchieht, weil hoͤlzerne Eimer die Seite des Schiffs zu ſehr beſtoßen wuͤrden. Alsdann begießen ſie das Verdeck mit Waſſer, ſtreuen Sand darauf, und begin⸗ nen das Scheuern. Hierzu gebraucht man große vier⸗ eckige Sandſteine, welche, nach Verhaͤltniß ihrer Schwere von ungefaͤhr ſechs bis zwoͤlf Mann, an Stricken auf den Dielen hin und her gezogen werden. Dieſes Ver⸗ fahren dient nicht nur die Dielen ungemein zu reini⸗ gen und zu ebenen, ſondern ihnen auch, weil der feine Sand in die Fugen und Poren dringt, eine kreideweiße Farbe und große Feſtigkeit zu geben. Da ſolche Sand⸗ ſteine nicht immer zu bekommen ſind, ſo werden in Ermangelung derſelben ſtarke hoͤlzerne Kaſten oder aus grobem Tauwerk verfertigte Matten, mit Eiſen be⸗ ſchwert, zu gleichem Zweck angewendet. So wie der Stein oder die Scheuermaſchine vorwaͤrts geht, folgt eine Anzahl Leute mit kleinen Steinen, um an den unberuͤhrt gelaſſenen Stellen, beſonders zwiſchen den Kanonen, nachzuhelfen. Zu gleicher Zeit ſind Andere beſchaͤftigt, alle mit Oelfarbe angeſtrichenen Gegenſtaͤnde mit Buͤrſten abzuwaſchen. Der Anfuͤhrer ſpuͤlt Alles, ſo wie es gebuͤrſtet oder geſcheuert iſt, mit Waſſer ab, welches ihm von einigen in eine Reihe geſtellten Maͤn⸗ nern zugelangt wird. Um das Wegſchwemmen des Sandes zu unterſtuͤtzen, ſtehen Einige mit Beſen bei der Hand, ſo wie Andere, um die etwa zum Vorſchein K. kommenden Theer⸗, Fett⸗ und dergleichen Flecken mit fr Kratzeiſen wegzubringen. Auf dieſe Weiſe ſchreitet der u ganze Zug vorwaͤrts, bis endlich beide Theile in der ſie Gegend des Hauptmaſtes zuſammen treffen, und den S vor ſich her getriebenen Schmutz durch die am Bord V befindlichen Loͤcher gemeinſchaftlich fortſchaffen. Hierauf lͤ fegt man das Waſſer rein von den Dielen ab, und ſt trocknet es vollends mit beſondern Wiſchen auf, welche ei die engliſchen Seeleute„Swabs“ nennen. Dieſe be⸗ ſit ſtehen in dicken und langen Quaſten, die man aus ut Stuͤcken ſtarker Taue verfertigt, indem das obere Ende v mit einem Tauring als Handgriff verſehen, und dss er Uebrige in die einzelnen Faͤden aufgetriefelt wird. Sie li haben dieſelbe Beſtimmung, wie die Wiſchlappen auf S dem feſten Lande, nur daß man den zu trocknenden ch Gegenſtand nicht damit reibt, ſondern kraͤftig und zwar kreuzweiſe peitſcht. Da aber hierbei nicht ſelten die d Faſen umher fliegen, ſo muͤſſen zum Beſchluß die ſo Beſen noch einmal ihre Dienſte leiſten. Die Batterien V werden eben ſo wie das Verdeck geſaͤubert, außer daß 90 man, wegen der langen Kanonen, die den Raum ſehr 3 beſchraͤnken und zu viele Winkel verurſachen, Statt der K. Sandſteine große Stockbuͤrſten gebraucht. Uebrigens ni geht das ganze Reinigunggeſchaͤft ungemein ſchnell von V Statten, und alle Theile des Schiffes ſind wenigſtens w gegen acht Uhr voͤllig getrocknet. Dieß war aber auf S dem Neptun, weil ihm die Waͤrme des weſtindiſchen C 137 Klima's dabei zu Huͤlfe kam, gewoͤhnlich noch weit fruͤher der Fall. Die Uurſache, warum das Trocknen ungleich ſchneller, als in den Zimmern der Haͤuſer vor ſich geht, liegt nicht bloß in der deßhalb angewendeten Sorgfalt und in dem geſchwinden Verfahren beim Waſchen, welches der Naͤſſe keine Zeit zum Eindringen laͤßt, ſondern es tragen auch mancherlei andere um⸗ ſtaͤnde dazu bei. Vorerſt haben die meiſten Gemaͤcher eines Schiffs mehr Luftzug als die der Haͤuſer. Ferner ſind dort die Fugen der Dielen mit Werg ausgeſtopft, und mit Pech oder Kitt uͤberzogen, wodurch ein dicht verbundenes, fuͤr das Waſſer undurchdringliches Ganzes entſteht. Auch bekommt die Oberflaͤche, weil das taͤg⸗ liche Scheuern, wie ſchon erwaͤhnt, die Poren mit Sand ausfuͤllt, die Eigenſchaft eines Steins, von wel⸗ chem die Naͤſſe ſchnell wieder verdunſtet. Ein oder zweimal die Woche wird die Reinigung der Batterien bis gegen 10 Uhr ausgeſetzt, weil an ſolchen Tagen der Schiffsmannſchaft geſtattet iſt, ihre Waͤſche hier zu waſchen. Da dieß aber mit Seewaſſer geſchehen muß, ſo waſchen die Leute bloß das groͤbere Zeug, indem ſie dasſelbe, auf die Dielen gebreitet, mit Kalk beſtreuen und buͤrſten. Die feinern Stuͤcke rei⸗ nigen ſie, wie ſchon oben geſagt wurde, verſtohlner Weiſe mit friſchem Waſſer, und verfahren dabei, ſo wie es gewoͤhnlich auf dem feſten Lande geſchieht. Statt deſſen verwenden ſie auch oft ihre Suppe von Erbſen oder Bohnen dazu, weil dieſe Fruͤchte ſeifen⸗ 138 artige Theile enthalten, und ſie ohnedieß auf den Schif⸗ fen, wegen der allzu oͤftern Auftiſchung derſelben, nicht ſehr geachtet, ja, Manchem zum Ekel ſind. Eben ſo pflegt man ſeine Zuflucht zum Urin zu nehmen, da er eine ſehr ſcharfe Lauge gibt, welche nicht nur zur Rei⸗ nigung des wollenen Zeuges, ſondern hauptſaͤchlich auch dazu geſchickt iſt, Pech⸗ und Theerflecken, die den Waͤ⸗ ſcherinnen auf dem feſten Lande, ſelbſt denen in den Seeſtaͤdten, oft viel zu ſchaffen machen, ohne große Muͤhe wegzubringen. Zu dem Ende befinden ſich auf dem Gallion jederzeit einige zum allgemeinen Gebrauch beſtimmte Kuͤbel, worin Kleider auf ſolche Art in der Beize liegen. Dieſelben bleiben mehre Tage darin, werden dann, auf den Dielen, bloß mit den Fuͤßen geſtampft und, zum Abſpuͤlen und zur Vertreibung des Uebelgeruchs, einige Zeit in das Meer gehaͤngt, worauf ſie, ohne alle weitere Behandlung, aͤußerſt rein hervor⸗ gehen. Sobald auf dem Neptun das Geſchaͤft, das ganze Schiff zu ſaͤubern, beendigt war, vertheilte der Ausge⸗ ber diejenigen der taͤglichen Lebensmittel, welche nicht durch die Haͤnde des Kochs gehen, ſondern unmittelbar von der Mannſchaft bezogen werden, wie z. B. den Zwieback, den Zucker u. ſ. w. Waͤhrend der Zeit be⸗ gannen die wachhabenden Leute das ihnen angewieſene Tagwerk. Um acht Uhr gaben die Pfeifen das Zeichen zum Fruͤhſtuͤck; das ganze Schiffsvolk eilte nun ihren Wohnplaͤtzen zwiſchen den Kanonen zu, und man 5 139 brachte das Getraͤnk aus Kakao herbei. Eine halbe Stunde nachher rief man zur Ruͤckkehr an die Arbeit. Die ſo genannten Koͤche der verſchiedenen Tiſchgeſell⸗ ſchaften waren in der Regel hiervon ausgenommen, und gingen an die Bereitung der beſondern Gerichte, z. B. des Puddings. Wenn dieſer fertig war, fuͤllte man ihn in ſpitzige Saͤcke, die ſodann der Schiffkoch an den daran geknuͤpften Leinen in den Keſſel hing, ſo daß die ans Ende befeſtigten Tiſchmarken uͤber den Rand hervorragten, daher Jeder ſein Eigenthum leicht erkennen, und nach Gefallen herausnehmen konnte. Ein Umſtand, welcher den Tiſchkoͤchen viel zu ſchaffen machte, war die Bereitung des Salzes. Da man naͤmlich nur das in den ledigen Fleiſchfaͤſſern zuruͤck⸗ gebliebene grobe Steinſalz, das uͤberdem ein ſchmutzi⸗ ges braͤunliches Anſehen hat, bekommen konnte, ſo mußten ſie dasſelbe ſorgfaͤltig ſaͤubern und waſchen, dann trocknen und endlich— wozu ſie ſich glaͤſerner Flaſchen bedienten,— fein reiben, bis es dem Puder⸗ zucker gleich kam. Um neun Uhr erſchienen die ſaͤmmtlichen Offiziere, ſauber gekleidet, auf der Schanze. Zu gleicher Zeit zog hier die militaͤriſche Wache auf, um nach geſchehener Beſichtigung der Kleider und Waffen zu exerciren. Zum Beſchluß der Parade ſpielte das ſehr gut beſetzte, meiſtens aus Franzoſen und Deutſchen beſtehende Ho⸗ boiſtencorps, das dann ſeinen Standpunkt hinter dem Gelaͤnder auf der Kampanje hatte. uUm 10 Uhr zog die Wache ab. Das ganze Offi⸗ ziercorps nahm nun, unter dem fortgeſetzten Spiel der Hoboiſten ein Fruͤhſtuͤck ein. Dieſes beſtand— denn Thee, Kaffee oder Schokolate trank Jeder beim An⸗ kleiden auf ſeinem Schlafzimmer,— haupkſaͤchlich in Beefſteaks, kaltem Fleiſche, Schinken, Eingemachtem, weichgeſottenen Eiern, ſo wie in Wein, Porter und Likoͤren. Um 12 Uhr verſammelte ſich das Schiffsvolk, mit Inbegriff der Unteroffiziere, zum Mittageſſen. Man erblickte nun die Tiſche zwar bloß mit groben, gewoͤhn⸗ lich von Segeltuch verfertigten, aber dennoch reinlichen Tuͤchern bedeckt, und das Tiſchgeſchirr anſtaͤndig darauf geordnet. Waͤhrend in der Kuͤche die Speiſen vertheilt wurden, pflegte ein Unteroffizier uͤber die gute Ord⸗ nung dabei zu wachen, indem er die verſchiedenen Tiſch⸗ genoſſenſchaften nach ihren Nummern bedienen ließ, und die ausgegebenen Portionen aufzeichnete. Beim Austheilen des Fleiſches verfuhr man, um den Schein der Parteilichkeit zu vermeiden, auf eine beſondere, der Verloſung aͤhnliche Weiſe. Es ſtand naͤmlich ein Ge⸗ huͤlfe des Kochs mit dem Ruͤcken gegen den Fleiſch⸗ kuͤbel gekehrt, und beruͤhrte, ſo oft eine Nummer ausgerufen wurde, hinter ſich und ohne den Kopf zu drehen, irgend ein Stuͤck mit der Gabel, welches der Koch ſofort dem Ausgerufenen uͤberlieferte. Unzufrie⸗ dene konnten daher bloß uͤber ihr Schickſal ſich be⸗ klagen. 141 Waͤhrend der Zeit, wo die Mannſchaft aß, war der Ausgeber mit ſeinen Gehuͤlfen beſchaͤftigt, das Ge⸗ traͤnk zu beſorgen. Es wurde zu dem Ende, auf dem mittlern Deck, ein großer Kuͤbel niedergeſetzt und, zu gleichen Theilen, mit Rum und Waſſer gefuͤllt. Gegen halb ein uhr kam man gewoͤhnlich damit zu Stande, worauf der einladende Ruf:„Grog ho!“ ertoͤnte. Es war dann, als ob den Leuten ein elektriſcher Schlag durch alle Glieder fuͤhre, und die ſaͤmmtlichen Tiſch⸗ koͤche rannten gleich Raſenden fort, um das Getraͤnk zu holen. Hierbei muß ich bemerken, daß der Grog das groͤßte Labſal, das hoͤchſte irdiſche Gut der eng⸗ liſchen Seeleute, beſonders der auf den Kriegſchiffen iſt, und daß die des Neptun nicht wenig Mißmuth bezeigten, wenn bisweilen, zur Abwechſelung, Statt deſſen Madeirawein gegeben wurde, ob dieſer ſchon von vorzuͤglicher Guͤte und nie mit Waſſer vermiſcht war. Waͤhrend der Mahlzeit ſelbſt herrſchte unter den Leuten eine auffallende Stille, die aber, ſo bald der Grog erſchien, in geraͤuſchvolles Plaudern uͤberging. Denn die meiſten Englaͤnder verfahren bei jeder Ver⸗ richtung, und eben ſo beim Eſſen, mit zu großem Ernſt und zu raſtloſer Aemſigkeit, um dabei viel zu ſprechen; nur beim Trinken werden ſie geſpraͤchig, da⸗ her ſie auch mit geſelliger Unterhaltung faſt immer den Genuß von Getraͤnken verbinden, und uͤberhaupt beides als unzertrennlich betrachten. Als einer andern nationellen Eigenheit muß ich der ſonderbaren Kampf⸗ ———— luſt gedenken, die nach dem Eſſen und Trinken, mit dem Gefuͤhl der erneuerten Kraͤfte in den Leuten er⸗ wachte. Unwillkuͤhrlich ballten ſie die Faͤuſte zuſam⸗ men, und machten die Bewegung eines Kaͤmpfenden. Bald ſah man ſolche Borluſtige, die, trotz des ſchar⸗ fen Verbotes, zwei und zwei einander gegenuͤber und zwar in einer reitenden Stellung auf Kiſten ſitzend, ſich das Rippenfell nach Herzensluſt durcharbeiteten, aber ohne dabei Laͤrm zu erregen, oder Feinde zu werden. Dem Allen machte, um ein Uhr, der Ruf:„zur Arbeit!“ ein Ende. Die Tiſchkoͤche waren dann aͤmſig beſchaͤftigt, das gebrauchte Eß⸗ und Trinkgeſchirr wie⸗ der in ſaubern Stand zu ſetzen. Auch eilten die Deck⸗ feger mit ihren Beſen herbei, um die Dielen zu keh⸗ ren, was uͤberhaupt nach jeder Mahlzeit und außerdem zu verſchiedenen Stunden des Tages geſchah, ſo daß dieſe Leute faſt nie fertig wurden. So bald die Eßzeit des gemeinen Schiffvolks vor⸗ uͤber war, begann man die Speiſen fuͤr die Offiziere zu bereiten, daher dann die Koͤche und uͤbrigen Diener derſelben ſich in lebhafter Thaͤtigkeit zeigten. Um vier Uhr begaben ſich die Offiziere zur Tafel, wozu ein beſonderes Zeichen mit der Trompete gegeben wurde. Der Admiral und der Kapitaͤn ſpeiſ'ten in der Regel einzeln, bisweilen jedoch zuſammen. Im erſtern Fall pflegte jeder einen Lieutenant, wobei man eine gewiſſe Reihenfolge beobachtete, zur Geſellſchaft 143 einzuladen. Die uͤbrigen Lieutenants aßen gemein⸗ ſchaftlich mit dem Schiffer und den obern Beamten. Den Kadetten waren beim Eſſen die Steuerleute, ſo wie einige Beamte und, zur Aufſicht, auch ihre Ober⸗ lehrer beigeſellt. An allen dieſen Tafeln herrſchte, nicht nur in Hinſicht der Speiſen und Getraͤnke, ſondern auch des Geraͤthes, großer Aufwand, der ſich bis auf die zahlreiche, wie die Kellner in großen Wirthshaͤuſern gekleidete Dienerſchaft erſtreckte. In dem Speiſeſaal der Lieutenants hatte jeder ſeinen eigenen Diener hin⸗ ter ſich. Ueberdieß kam hier noch dazu, daß die Ho⸗ boiſten waͤhrend des Mahles im Vorſaal ſpielten, denn der Admiral pflegte die Tafelmuſik, ob ſie ſchon eigent⸗ lich der obern Kajuͤte zugehoͤrt, der untern zu uͤberlaſ⸗ ſen, weil er die Stille liebte. Bei beſondern Gelegen⸗ heiten wurde das ſaͤmmtliche Offiziercorps des Schiffs vom Admiral zur Tafel eingeladen, was bisweilen, z. B. nach erfochtenen Siegen, auch mit den Kapitaͤ⸗ nen der ganzen Flotte der Fall iſt. Man kann aus der Prachtliebe der Englaͤnder leicht ſchließen, daß bei ſolchen Gaſtereien alle Kuͤnſte zu ihrer Verherrlichung aufgeboten werden. In der Regel ſchloß ſich die Eß⸗ zeit der Offiziere um fuͤnf Uhr; allein, mit Ausnahme der wachhabenden, blieben die meiſten nach engliſcher Weiſe bis ſpaͤt am Abend bei Tiſche ſitzen. Ich muß hierbei meinen juͤngern Leſern bemerklich machen, daß es uͤberhaupt unter den vornehmern Englaͤndern Sitte, und gewiſſermaßen Erfoderniß des guten Tones iſt, nach genoſſenem Fruͤhſtuͤck den Geſchaͤften ununterbro⸗ chen bis gegen vier oder fuͤnf Uhr obzuliegen, die uͤbrige Tageszeit aber den Koͤrper zu pflegen. Man haͤlt alsdann das Hauptmahl, und verweilt beim Nachtiſche, der vorzuͤglich in Wein und Likoͤren beſteht, oft mehre Stunden, bis endlich, um dem ſchwer beladenen Magen zu Huͤlfe zu kommen, ſtarker Thee getrunken wird. Um dieſelbe Zeit, wo die Offiziere zur Tafel gin⸗ gen, bekam die uͤbrige Mannſchaft zum zweiten Mal ihr Getraͤnk. Eine halbe Stunde nachher wurde ſie wieder zur Arbeit aufgefodert, die jedoch, weil die Offi⸗ ziere ſich entfernt hatten, nicht ſehr betrieben wurde, ſo daß Viele, ſowohl Unteroffiziere als Gemeine, in der Kuͤche oder auf dem Gallion Zuſammenkuͤnfte hiel⸗ ten, oder ſich ſonſt mit Nebendingen beſchaͤftigten. Wenn die Speiſen fuͤr die Offiziere aus der Kuͤche verabfolgt werden, begann man die Kochmaſchine ſammt allem Zubehoͤr zu ſaͤubern. Der Schiffskoch war be⸗ ſchaͤftigt, die Beſtandtheile der Gerichte, welche die Mannſchaft den folgenden Tag bekommen ſollte, in Empfang zu nehmen und vorzubereiten, indem er z. B. das geſalzene Fleiſch in großen Kuͤbeln einwaͤſſern ließ. Um ſechs Uhr wurde foͤrmlich Feierabend gemacht. Jeder raͤumte ſeine Arbeit auf die Seite, worauf die Deckfeger noch einmal ihr gewoͤhnliches Geſchaͤft ver⸗ richteten. Um ſieben Uhr gab man das Zeichen, die Schlafmat⸗ ten vom Verdeck zu nehmen, und an ihren beſtimm⸗ 145 ten Plaͤtzen aufzuknuͤpfen. Jede Tiſchgeſellſchaft ver⸗ weilte dann bei angezuͤndeten Lichtern— wovon woͤ⸗ chentlich eine beſtimmte Menge vertheilt wurde,— in⸗ nerhalb ihres Bezirks, bis endlich um acht Uhr der Abend⸗ ſchuß, vom Zapfenſtreiche begleitet, das Zeichen gab, die Lichter auszuloͤſchen, und ſich zur Ruhe zu verfuͤgen. Die an Feſttagen beobachtete Lebensordnung wich nur in ſo fern von der gewoͤhnlichen ab, daß man, weil ſolche Tage bei den Englaͤndern ſehr heilig ge⸗ halten werden, ohne dringende Noth keine Arbeit ver⸗ richtete, und des Morgens oͤffentlichen Gottesdienſt hielt. Das Halbdeck diente zur Kapelle. Um demſelben ein feier⸗ liches Anſehen zu geben, ſpannte man ſchoͤne buntfarbige Flaggen daruͤber aus, ſo wie auch die Seiten mit der⸗ gleichen bekleidet wurden. In der Mitte ſtellte man eine Kanzel auf, wo der Prediger, das Geſicht nach der Vorderſeite des Schiffes gekehrt, ſeinen Vortrag hielt. Hinter ihm, nach der Kajuͤte zu, nahmen die Ofſiziere Platz, und vor ihm, in der Gegend des Haupt⸗ maſtes, verſammelte ſich der große Haufe. Waͤhrend der religioͤſen Uebung ſelbſt herrſchte die tiefſte Stille, und jedes Gemuͤth ſchien von derjenigen Andacht durch⸗ drungen, die ihre Quelle im ernſten Nachdenken hat, was uͤberhaupt den Gottesdienſt der Englaͤnder ſo charakteriſtiſch bezeichnet.— Nachmittags wurde, wenn das Schiff vor Anker lag, einem Theile der Mann⸗ ſchaft, gewoͤhnlich einer ganzen Wache, geſtattet, ſich IV. 10 am Lande zu vergnuͤgen. Dieß geſchah jedoch unter Aufſicht einiger Unteroffiziere, die nicht nur fuͤr das Betragen ihrer Untergebenen, ſondern auch dafuͤr haf⸗ ten mußten, daß ſie zur beſtimmten Zeit zuruͤckkehrten. Man pflegte ſich daher in kleine Geſellſchaften zu thei⸗ len, und ſo von einem Wirthshauſe zum andern zu ſtreichen, bis endlich nach Sonnenuntergang Alle ſich wieder vereinigten und gemeinſchaftlich nach dem Schiffe zuruͤck fuhren. Meine Leſer koͤnnen aber leicht denken, daß ſolche Luſtwandler gewoͤhnlich betrunken und mit großem Geraͤuſch anlangten. In ſolchen Faͤllen ge⸗ brauchte man jedoch die groͤßte Nachſicht, und es ſchien, als ob ein Spaziergang zur Berauſchung und zum Laͤrmen ein Vorrecht gebe; daher auch gewoͤhnlich der⸗ gleichen Ruheſtoͤrer bloß durch die lakoniſche Entſchul⸗ digung„ich bin(oder war) vom Lande gekommen“ ſich zu rechtfertigen ſuchten. 147 14. Erzaͤhlung einiger Vorfaͤlle, die ſich auf dem Neptun waͤh⸗ rend der Anweſenheit des Verfaſſers daſelbſt ereignen. Nach dieſer langen, und dennoch ſehr unvollſtaͤndigen Beſchreibung des Neptun, komme ich auf das, was waͤhrend meines Aufenthaltes auf demſelben vorfiel, und auf mich ſelbſt zuruͤck.— Man kann leicht denken, daß unter einer ſo zahlreichen Menge meiſtens junger, kraͤftiger, aber auch roher und zum Theil boͤſer Men⸗ ſchen beſtaͤndig Vorfaͤlle aller Art ſich ereignen. Zu den traurigſten, deren ich mich erinnere, zaͤhle ich haupt⸗ ſaͤchlich eine Hinrichtung mittels des Stranges, ob ſie ſchon, als das Werk eines Augenblicks, weniger Schreck⸗ liches hatte, als manche langſame Geißelſtrafe, wovon ich Zeuge war. Es iſt aber nicht das Trauerſpiel allein, was den unausloͤſchlich tiefen Eindruck in mei⸗ ner Seele machte; auch der Umſtand, daß mehre Tage ein tiefer Schwermuth auf der ganzen Flotte herrſchte, trug Vieles dazu bei. Warum der Anblick des Haͤn⸗ gens auf Zuſchauer, wie die engliſchen Seeleute, welche das weit grauſamere Geißeln kaltbluͤtig mit anſehen, und uͤberhaupt mit den Bildern des menſchlichen Elends und des Todes vertraut ſind, ſo große Wirkung macht, 10* ſcheint vorzuͤglich in dem Schimpflichen jener Todes⸗ art, ſo wie in ihrer Seltenheit zu liegen, indem die Strafe des Stranges auf den Kriegſchiffen nicht oft vorkommt, dagegen man nach einem kurzen Aufent⸗ halte daſelbſt an den Anblick des Geißelns gewoͤhnt wird. Ueberdieß beſitzen die Englaͤnder die Eigenheit, daß ihr Gemuͤth nicht leicht Eindruͤcke von außen em⸗ pfaͤngt, die aber, wenn es ſich ihnen oͤffnet, um ſo tie⸗ fer eindringen, Von komiſchen Auftritten will ich nur einige er⸗ waͤhnen, die in der erſten Zeit meiner Gefangenſchaft Statt fanden, und ſich daher, wegen ihrer Neuheit, meinem Gedaͤchtniß am tiefſten einpraͤgten.— Gleich an demſelben Morgen, als ich zum erſten Mal unter die Schiffsmannſchaft trat, erhielt ich einen ſtarken Beweis von der ſtrengen Subordination, der ſie unter⸗ worfen war. Ich verweilte auf der mittlern Batterie, um die Leute fruͤhſtuͤcken zu ſehen, als ein Matroſe, der einen andern im unſchuldigen Scherz herumzerrte, an einen voruͤbergehenden Kadetten ſtieß. Er trat ſo⸗ gleich ehrerbietig zuruͤck, und ruͤckte ſeinen Hut— denn ihn abzunehmen iſt bei den Englaͤndern nicht Sitte— von einer Seite zur andern, um ſich zu entſchuldigen. Allein der kleine Menſch gerieth in heftigen Zorn, ſprang auf eine Kanone, und gab dem wie ein Rieſe vor ihm ſtehenden Matroſen ein paar tuͤchtige Ohrfei⸗ gen, welche dieſer— ganz geduldig ertrug. Eines Abends, als die meiſten Offiziere noch bei der 149 Tafel ſaßen, und der Admiral faſt ganz allein auf der Schanze hin und her ſpazierte, trieb der Wind ein Kartenblatt aus dem großen Mars herab, und verrieth dadurch, daß die Marsklimmer ein Spielchen machten. Cochrane mochte dieß ohnehin ſchon lange bemerkt ha⸗ ben, hatte jedoch, weil er es unter ſeiner Wuͤrde hielt, nach ſolchen Dingen zu ſpuͤren, und uͤberhaupt ungern ſtrafte, dazu ſtillgeſchwiegen. Selbſt von dem herab⸗ kommenden Blatte vermied er Anfangs, indem er ſich ſchnell umkehrte, Notiz zu nehmen; aber ſonderbar, der Wind fuͤhrte dasſelbe recht auf ihn zu, und drehte es mehrmal um ihn herum, ſo daß er endlich, trotz allen abſichtlichen Umkehrens und Wendens, nicht um⸗ hin konnte, es zu bemerken. Die armen Marsklim⸗ mer durften ſich indeſſen Gluͤck wuͤnſchen, daß der Ad⸗ miral ſelbſt der Entdecker ihres Vergehens war. Waͤ⸗ ren der Kapitaͤn oder die Lieutenants auf dem Platze geweſen, ſie wuͤrden die ſpielende Geſellſchaft zu einer harten Strafe gezogen haben. Der Admiral begnuͤgte ſich, die Sache auf der Stelle damit abzumachen, daß der Marskapitaͤn ſeines Poſtens entſetzt wurde, den er jedoch nach einigen Tagen wieder erhielt. Eines Morgens erſchien auf dem Halbdeck ein Matroſe, der beim wachhabenden Lieutenant ſich be⸗ ſchwerte, daß man den Zwieback in lauter Brocken ausgegeben habe.— Die Ungereimtheit dieſer Beſchwerde faͤllt Jedem in die Augen, weil die Zerbrechlichkeit des engliſchen Zwiebacks durch das oͤftere Hin⸗ und Her⸗ naͤmlich den Zwieback vor dem Eſſen am Knie zerſchlug, ſchaffen in den Saͤcken noch vermehrt wird, und der Ausgeber dieſelben ſtets nach dem Gewiichte vertheilt, daher nichts darauf ankommt, ob man ihn in Stuͤcken oder in der runden Form erhaͤlt, da zumal der ganz gebliebene zaͤher und minder ausgebacken iſt. Außer⸗ dem beſteht auch die Einrichtung, daß er vor dem Aus⸗ theilen, mittels weiter Siebe, die eine Haſelnuß durch⸗ fallen laſſen, von allen zu kleinen Brocken geſondert wird, welche man dann unter dem Namen„Brodſtaub“ an die Magazine gegen Abrechnung ausliefert, oder auch zur Fuͤtterung der Thiere verwendet. Dazu kommt noch, daß alle Seeleute die Gewohnheit haben, den Zwieback, ehe ſie ihn eſſen, mit der hohlen Hand ge⸗ faßt, am Knie zu zerſchlagen, weil es, wenn man Stuͤcke davon abbeißen wollte, die Zaͤhne zu ſehr an⸗ ſtrengen wuͤrde. Aber eben das Zerſchlagen iſt es, was den Genuß desſelben wuͤrzt, und Viele verzehren den zerbroͤckelten mit einer Art von Ueberdruß, dage⸗ gen ſie ihn gern mit Verluſt gegen ſolchen vertauſchen, der ſich ganz erhalten hat. Die Mannſchaft des Nep⸗ tun hatte ſchon lange dieſe ſonderbare Grille gehabt, wodurch oft Zaͤnkereien entſtanden waren. Der Lieute⸗ nant ergriff daher jetzt die Gelegenheit, dem Uebel fuͤr die Zukunft zu ſteuern. Er befahl, einen voͤllig un⸗ verſehrten Zwieback herbei zu bringen, den der Unzu⸗ friedene vor ſeinen Augen verzehren mußte. Da dieſer aber auf die genannte Weiſe damit zu Werke ging, 151 und folglich den Grund ſeiner Beſchwerde ſehr uͤbel erwies, ſo war das Reſultat, daß man ihm ein Dutzend Peitſchenhiebe zuerkannte, die er auch auf der Stelle bekam. So oft die engliſchen Kriegſchiffe mit dem Lande in Verbindung kommen, wird den Einwohnern jeder Tauſchhandel mit den Mannſchaften ſtreng unterſagt, weil dieſe ſonſt, um Getraͤnk zu erhalten, ſich von allen noͤthigen Beduͤrfniſſen entbloͤßen wuͤrden. Widrigen⸗ falls beſtraft man den Kaͤufer wie den Verkaͤufer, und zwar erſtern dadurch, daß er das Gekaufte unentgelt⸗ lich ausliefern, oder den Werth desſelben bezahlen muß, welcher Zuͤchtigung, nach Befinden, auch noch andere beigefuͤgt werden. Dennoch uͤberſchreiten die Leute haͤufig dieſe Einrichtung, und treiben mit der⸗ ſelben mancherlei Mißbraͤuche. Zum Beweiß dient fol⸗ gende Begebenheit. Einige Tage nach der Beſitznahme von Martinique hatte ein Matroſe neue Kleider, auf Rechnung, vom Proviantmeiſter bekommen, nachher aber am Lande verkauft. Die Sache kam bald an den Tag. Der Verkaͤufer wurde mit zwei Dutzend Gei⸗ ßelhieben beſtraft, die er mit großer Gelaſſenheit er⸗ trug, worauf man ihm ſein wieder ausgeliefertes Ei⸗ genthum zuſtellte. Triumphirend zog er damit ab, gab aber durch ſeine Freude Gelegenheit zu der Ent⸗ deckung, daß er ſelbſt, um den armen Mann am Lande zu betriegen, die Sache verrathen habe; daher eine Wiederholung der Strafe folgte. 152 Nach dem zu ſchließen, was ich oben von der Kampfluſt und der etwas zaͤnkiſchen Gemuͤthsart des engliſchen Seevolks geſagt habe, ſollte es ſcheinen, daß unter ſolchen Leuten der Schwaͤchere beſtaͤndig Miß⸗ handlungen ausgeſetzt waͤre. Allein es ſindet gerade das Gegentheil Statt; nirgends wird er mehr geſchont und geſchuͤtzt, als dort, und man bindet immer nur mit ſolchen an, welchen ein gleiches Maß von Kraͤften verliehen iſt. Dieſer großmuͤthige Charakterzug, der uͤberhaupt allen Klaſſen der Nation eigen iſt, aͤußert ſich auch bei den Pruͤgeleien ſelbſt. Man nimmt nie zu andern Huͤlfmitteln als der Fauſt ſeine Zuflucht. Dabei muͤſſen die Theilnehmer immer in gleichen Ver⸗ haͤltniſſen ſich befinden, z. B. nie greift Einer den An⸗ dern hinterliſtig, oder ein Stehender einen Sitzenden an, ſondern fodert ihn auf hervorzutreten und ſich zu ruͤſten. Die Oberkleider werden abgelegt, damit nicht dicke oder duͤnne einen Unterſchied in den Vortheilen hervorbringen koͤnnen, daher auch die Auffoderung ge⸗ woͤhnlich in den Worten„zieh die Jacke aus!“ be⸗ ſteht. Wenn einer von den Käͤmpfenden zu Boden faͤllt, ſo wartet der Gegner, bis er wieder auf die Beine kommt, und erklaͤrt er ſich fuͤr uͤberwunden, dann erfolgt auf der Stelle die Verſoͤhnung, welche, durch einen Handſchlag bekraͤftigt, allen Groll aus dem Herzen hinweg nimmt. Mit dieſem Pruͤgelſyſtem war ich bei meiner Ankunft auf dem Neptun noch wenig bekannt, und wurde daher ſehr uͤberraſcht, als 153 ich nach einigen Tagen folgenden Auftritt ſah. Es entzweite ſich ein im Dienſt ſtehender Schwede mit einem Englaͤnder, welcher letztere bald zu Thaͤtigkeiten uͤberging. Da jener des Boxens unkundig war, ſo trug er kein Bedenken, ſeinen Gegner nach ſchwediſcher Sitte— die auch bei uns Deutſchen haͤufig im Gange iſt,— um den Leib zu faſſen, nieder zu werfen, und nun auf denſelben los zu ſchlagen. Allein, die Zu⸗ ſchauer verhinderten ihn an dieſem, nach ihren Be⸗ griffen widerrechtlichen Verfahren, verwieſen aber auch ihrem Landsmann die Schaͤndlichkeit, einen im Fauſt⸗ kampf unerfahrnen Menſchen anzugreifen; und augen⸗ blicklich trat einer von ihnen auf, um die Sache des Auslaͤnders auf engliſche oder, wie die Englaͤnder es nennen, auf rechtliche Weiſe auszumachen. Nach einem langen Kampfe behielt endlich dieſer Sachwalter die Oberhand, worauf der Beſiegte, trotz der davon getra⸗ genen blauen Augen, dem Schweden verſoͤhnend die Hand und— was fuͤr ihn gewiß eine große Aufopfer⸗ ung war,— obendrein ſein letztes Glas Grog zu trin⸗ ken reichte. Zum Beſchluß meiner Anekdoten will ich nur die nachſtehende noch anfuͤhren. Ein Theil der Mannſchaft kehrte von einer Beſchaͤftigung am Lande zuruͤck. Einer davon kam ſpaͤter als die Uebrigen, und wurde von einem Unteroffizier daruͤber zur Rede geſetzt, wor⸗ auf die Antwort nicht befriedigend lautete. Da letzter kein Strafinſtrument bei der Hand hatte, und doch 154— von der alten Gewohnheit, jede kleine Vergehung auf der Stelle zu ruͤgen, nicht abgehen wollte, gab er ihm einen Stoß mit der Fußſpitze an den Hintern. Als das geſchah, that es in dieſer Gegend einen ſtarken Knall, und zu gleicher Zeit ſtuͤrzten Stroͤme von Rum unten durch die weiten Hoſen hervor,— denn hierin hatte der arme Kerl eine mit jenem Getraͤnk ange⸗ fuͤllte Blaſe verborgen, die nun durch den Stoß zer⸗ borſten war. 155 15. Der Verf. wird vom Admiral aus der Kriegsgefangen⸗ ſchaft entlaſſen, und auf einige Zeit in Dienſt genommen, wodurch er Gelegenheit erhaͤlt, die Stadt Fort⸗Royal und ihre Umgebung kennen zu lernen.— Einfluß der engliſchen Herrſchaft auf den Zuſtand von Martinique.— Die franzoͤſiſche Beſatzung dieſer Inſel wird nach Frank⸗ reich eingeſchifft, was bei den auf dem Neptun befindli⸗ chen Kriegsgefangenen die Sehnſucht nach Freiheit ſehr rege macht.— Kurze Erwaͤhnung eines auf dem Nep⸗ tun veranſtalteten Gaſtmahls. Was mich betrifft, ſo habe ich ſchon oben geſagt, daß die Kriegsgefangenen ſehr glimpflich behandelt wurden. Da uͤbrigens ein Schiff, wie unſer Neptun, das bunteſte Gemiſch von Gegenſtaͤnden darbot, da hier neben den vielen ernſten Auftritten auch mancherlei komiſche zum Vorſchein kamen, und man, obſchon un⸗ ter einem ſteten Gewuͤhl von Menſchen, dennoch in der anziehendſten Sauberkeit lebte; ſo kann ich auf meine Gefangenſchaft, im Ganzen, als eine nicht unange⸗ nehme Lebensperiode zuruͤck blicken. Doch ſie nahte ſich ſehr bald ihrem Ende. Ich war dem Admiral, durch einige ſeinem Sekretaͤr erwieſene Gefaͤlligkeiten, nicht zu meinem Nachtheil bekannt geworden. Dazu kam 156 noch ein anderer Umſtand, den ich nicht unberuͤhrt laſ⸗ ſen darf, das ſonderbare Zuſammentreffen mit einem Freunde, deſſen ſchon im dritten Baͤndchen meiner Rei⸗ ſen gedacht wurde,— dem Doctor Walter. Dieſer war auf der Ruͤckfahrt von Calcutta ebenfalls den Englaͤndern in die Haͤnde gerathen, und nach der In⸗ ſel Barbados gefuͤhrt worden. Er hatte dort durch einige gluͤckliche Curen, die er verrichtete, ſich die all⸗ gemeine Achtung, beſonders aber die Gunſt des Admi⸗ ral Cochrane erworben, und von ihm die Stelle des Oberarztes auf einer Fregatte erhalten, die nun unter der Flotte vor Martinique ſich befand. Wir bemerk⸗ ten einander einige Tage nach der Uebergabe des Ei⸗ landes. Ich ſage nichts von der freudigen und ruͤh⸗ renden Ueberraſchung, ſo wie von den naͤhern Umſtaͤn⸗ den unſerer erſten Zuſammenkunft, und erwaͤhne bloß, daß Walter ohne Verzug an den Admiral ſich wendete, um meine Freilaſſung zu bewirken. Kurz, ich wurde am 28. Februar fuͤr frei erklaͤrt, jedoch unter der Ein⸗ ſchraͤnkung, daß ich, bis zu Ende der Expedition, dem erwaͤhnten Sekretaͤr Beiſtand leiſten, dann aber ent⸗ weder in Weſtindien Dienſt nehmen, oder auch nach England uͤbergehen ſollte. Von dieſer Zeit an veraͤnderte ſich meine ganze Lage⸗ Voͤllig abgeſondert von den Franzoſen, ward ich nun der Tiſch⸗ und Wohngenoſſe einer Geſellſchaft, die aus dem Schiffsprediger, den Wundaͤrzten und ei⸗ nigen Andern beſtand. Uebrigens fand ich den ganzen ͤ e ſ—, 8 822 —9—8— —₰ —=h—.— 89———— 157 Tag beim Sekretaͤr des Admirals volle Beſchaͤftigung, weil ihm das Einſchiffen der franzoͤſiſchen Garniſon des Eilandes, zum Theil auch die Einrichtung desſel⸗ ben viel Muͤhe machte. Meine Arbeit ſchraͤnkte ſich Anfangs bloß auf Abſchreiben ein. Allein, da bei der engliſchen Marine faſt alle ſchriftliche Aufſaͤtze in be⸗ ſtimmten, meiſt tabellariſchen Formen ausgefertigt wer⸗ den, und man folglich, bei einiger Uebung, den Gang der Geſchaͤfte bald kennen lernt; ſo erlangte ich in kur⸗ zem die Faͤhigkeit, meinen Wirkungkreis uͤber die Sphaͤre des bloßen Abſchreibers auszudehnen. Haͤuſig wurde ich auch in ſolchen Faͤllen gebraucht, wo die Verſtaͤndigung mit den Franzoſen einen Dolmetſcher verlangte, daher ich, ſo lange ſie Meiſter des Forts waren, dort oft Verrichtung hatte. Auch mein ganzes Aeußeres erhielt ſchnell eine an⸗ dere Geſtalt; denn ich bemuͤhte mich, die von den Franzoſen angenommenen Sitten und Gebraͤuche mit den engliſchen zu vertauſchen, weil ich immer fuͤr gut befunden und mir zum Grundſatz gemacht habe, uͤberall das Auffaͤllige zu vermeiden. Ueberhaupt ſcheint der Deutſche in dieſer Hinſicht unter allen Nationen den fuͤgſamſten Charakter zu beſitzen; und dieß iſt meines Erachtens ein Hauptgrund, warum er in jedem frem⸗ den Lande ſo gern aufgenommen, ſo leicht einheimiſch, aber auch oft der Charakterloſigkeit beſchuldigt wird. Hierbei erinnere ich mich, daß einſt ein vornehmer Eng⸗ laͤnder ſagte:„Die Deutſchen ließen ſich, wie Wachs, in alle Formen bringen; in irgend einen Erdtheil ver⸗ ſetzt, glichen ſie nach wenig Jahren den Eingebornen.“ Als Gegenbeweiß koͤnnte man die deutſchen Colonien z. B. in Nordamerika, in Rußland u. ſ. w. anfuͤh⸗ ren; allein, dort iſt es die große Maſſe, welche das Vaterlaͤndiſche aufrecht erhaͤlt. Jene Umſchmelzung meiner Manieren gab indeſ⸗ ſen, ſo oft ich mit den vormaligen Gefaͤhrten in Be⸗ ruͤhrung kam, zu manchen Spoͤtteleien Veranlaſſung; uͤberhaupt ſchien mein Uebergang zu den Englaͤndern ihren Haß, und mein beſſeres Schickſal ihren Neid zu erregen. Welches Recht ſie dazu hatten, uͤberlaſſe ich der Beurtheilung meiner Leſer, und bemerke bloß, daß ich es ihnen nie entgelten ließ, ſondern, wo ich nur konnte, fuͤr ihr Beßtes zu wirken ſuchte. Herr Du⸗ pois blieb jedoch bis zu unſerer Trennung mein Freund. Allein, er befand ſich auch in ganz andern Verhaͤltniſ⸗ ſen als die uͤbrigen Gefangenen, indem es ihm nicht an Mitteln fehlte, ſeine Ausloͤſung zu bewerkſtelligen; und ich erwaͤhne gleich hier, daß er mit der Garniſon von Martinique nach Frankreich zuruͤckgekehrt iſt. Uebrigens befand ich mich waͤhrend dieſer Periode, zwiſchen Gefangenſchaft und voͤlliger Freiheit, in einer unangenehmern Lage als zur Zeit der erſtern, weil ich, obſchon nicht foͤrmlich im Dienſte des Schiffes, den⸗ noch den ſtrengen Geſetzen desſelben unterworfen war. Doch gewaͤhrten mir die Verrichtungen am Lande, womit ich bisweilen beauftragt wurde, manche Aufhei⸗ 2 — —-Wrj=S„ ———9———+ , — 159 terung, ſo wie ich auch einige Mal das Vergnuͤgen genoß, in Doctor Walter's Geſellſchaft Luſtpartien da⸗ hin anzuſtellen. Die Bemerkungen, welche ich auf meinen kurzen Beſuchen in Fort⸗Royal und der Umgegend machte, will ich hier zuſammen gedraͤngt mittheilen.— Der Hafen von Fort⸗Royal iſt zwar nicht ſehr geraͤumig, aber un⸗ ter den ſaͤmmtlichen Ankerplaͤtzen des Eilandes der ſicherſte, indem die Schiffe nirgend, als hier, Schutz vor jedem Winde finden. Die Stadt ſelbſt beſitzt viel huͤbſche moderne Gebaͤude, die von Stein aufgefuͤhrt und mit Ziegeln gedeckt ſind. Die meiſten hat man an der Hinterſeite mit einem weitlaͤufigen Gehoͤfe umgeben, welches die Wohnungen der Sklaven, die Pack⸗ und Vorrathshaͤuſer enthaͤlt; ſie werden großen Theils aus Bretern und Schilfrohr aufgeſetzt. Man findet aber auch in der Fronte der Straßen, mitten unter den ſteinernen Haͤuſern, ſolche Huͤtten, die der aͤrmern Klaſſe der Freineger und Mulatten zur Behauſung dienen; daher die Stadt zugleich Beiſpiele von euro⸗ päͤiſcher und afrikaniſcher Baukunſt, von Wohlſtand und Duͤrftigkeit, von großer Ausdehnung und Ein⸗ ſchraͤnkung der menſchlichen Beduͤrfniſſe gibt, und uͤber⸗ haupt eine ſehr bunte Figur macht. Die Straßen ſind faſt durchgehends breit und regelmaͤßig angelegt, aber wie in den meiſten Colonien, wo die Mehrzahl der Einwohner aus Negern beſteht, mit Fruchtſchalen, Fiſchgraͤten und andern Ueberbleibſeln von den Mahl⸗ 160 zeiten, haͤufig auch mit dem Unrath jener Menſchen⸗ klaſſe angefuͤllt, wodurch, verbunden mit der ſtarken Ausduͤnſtung derſelben, ein auffallender, der Geſund⸗ heit nachtheiliger Uebelgeruch entſteht. Dieß wuͤrde noch ſchlimmer ſein, wenn man nicht haͤufig durch den balſamiſchen Duft der feil gebotenen Fruͤchte erquickt wuͤrde. Obſchon die Englaͤnder nach der Beſitznahme des Eilandes ernſtlich bemuͤht waren, durch oͤffentliche Verordnungen und durch unterhaltung beſtimmter Straßenfeger, eine groͤßere Reinlichkeit einzufuͤhren, ſo ſchien es doch, als wuͤrden ſie hierin nur nach und nach ihren wohlthaͤtigen Zweck erreichen. Die Stadt Fort⸗Royt liegt auf einem kuͤnſtlichen Grunde, den man bei Eroauung derſelben durch auf⸗ gefuͤhrte Daͤmme hervocget acht hat, weil den Hafen eine ſumpfige Ebene umgab, die der Ueberſchwemmung des Meeres ausgeſetzt war. Dieſer Moraſt iſt zum Theil auch noch vorhanden, und ſchließt die Stadt von der Landſeite ziemlich ein, ſo daß ſie faſt eine Inſel bildet. Er wird durch die im Hintergrunde ſich erhe⸗ benden Berge, von welchen der gefallene Regen in Stroͤmen herabſtuͤrzt, unterhalten. Man hat zwar, um dieſelben aufzufangen und nach dem Meere abzu⸗ leiten, Canaͤle angelegt; da dieſe aber nicht die gehoͤ⸗ rige Breite haben, und daher ſich oft verſtopfen und das Waſſer uͤbertreten laſſen, ſo geht das Austrocknen der Gegend ſehr langſam von Statten. Sie iſt ſtets mit ſchoͤn gruͤnendem Schilfe bedeckt, weßhalb ſie in — hO———„ u 0+⏑ 8 U 8n ——— O NK ðN— iNRK=8£⏑½8NU* 161 der Entfernung einen reizenden Anblick gewaͤhrt; in der Naͤhe verſchwindet aber dieſer Reiz, wenn man die hier aufſteigenden ſchaͤdlichen Duͤnſte, die unge⸗ heuere Menge umher ſchwaͤrmender Inſekten, die vie⸗ len Froͤſche, Eidechſen und großen Schlangen wahr⸗ nimmt, welche letztere zu den Plagen der Inſel gehoͤ⸗ ren. Da ich die Landplagen beruͤhrt habe, ſo will ich gleich hier erwaͤhnen, daß es außer jener noch zwei weit laͤſtigere gibt, naͤmlich große Ratten und Amei⸗ ſen. Erſtere durchwuͤhlen die Felder und zernagen die Wurzeln der Gewaͤchſe. Letztere ſind nicht nur dieſen, ſondern auch den Thieren und ſelbſt den Menſchen ge⸗ faͤhrlich, und man hat Beiſpiele, daß ſie fetten Schwei⸗ nen tiefe Loͤcher in den Leib eſſen, ja, daß ſie allein gelaſſene kleine Kinder, ſo— unbegrabene Leichen in wenigen Stunden zernagt und voͤllig ſkelettirt haben. Ich ſelbſt erhielt, auf einem meiner kleinen Ausfluͤge, einen uͤberzeugenden Beweiß von der zerſtoͤrenden Kraft dieſer Thiere. Mein Freund Walter und ich hatten, als wir vor die Stadt kamen, einigen entgegen kom⸗ menden Negerinnen eine ſchoͤne Melone abgekauft. Es wurde beſchloſſen, uns nach der Ruͤckkehr damit zu er⸗ quicken, und ſie, um uns nicht zu belaͤſtigen, hinter ein leicht erkennbares Geſtraͤuch zu legen. Nach einer Stunde kamen wir zuruͤck und fanden an ihrer Stelle einen Haufen Ameiſen, die eben um den letzten Ueber⸗ reſt ihrer Beute kaͤmpften, welcher bald in dem Ge⸗ IV. 11 162 wimmel vollends verſchwand. Die genannten ſtigen Thiergattungen, welche auf keiner der weſtindiſchen Inſeln ſo zahlreich, wie auf Martinique ſind, wuͤrden dem Menſchen den Aufenthalt daſelbſt ganz unmoͤglich machen, wenn nicht die Natur es ſo eingerichtet haͤtte, daß immer die eine die andere vertilgte. Die Schlan⸗ gen ſtellen den Ratten nach, und werden, wenn ſie ſich voll gefreſſen und die Faͤhigkeit der Bewegung ver⸗ loren haben, oft von den Ameiſen uͤberwaͤltigt. Dieſe finden wieder an den Ratten furchtbare Feinde ihrer Eier, welche bisweilen mehre Zoll hoch unter der Oberflaͤche des Erdbodens aufgeſchichtet liegen. Die jenſeit des Moraſtes beſindlichen Berge, wohin von Fort⸗Royal breite Daͤmme fuͤhren, gewaͤhren einen reizenden Anblick. Die obern Gegenden bedeckt wildes Gehoͤlz, durch welches anmuthige Landhaͤuſer ſchimmern, die bemittelte Einwohner der Stadt, der geſuͤndern Luft wegen, hier aufgefuͤhrt haben. Die Abhaͤnge ent⸗ halten anſehnliche Pflanzungen, welche meiſtens Zucker⸗ rohr und Kaffeebaͤume, aber auch Baumwollſtauden und Indigo, ſo wie viel Maniok, Bataten, Bananen und andere Fruͤchte erzeugen. In einer der Garten⸗ anlagen ſah ich zwei Sorten Weinſtoͤcke, wovon die eine aus Madeira und die andere aus Frankreich ſtammte. Beide trugen beinahe dreimal im Jahre, und waren jetzt voll koͤſtlicher Trauben, obſchon der Eigenthuͤmer mit letzterer Anfangs viel Muͤhe gehabt, — „.--“ —,,———2,— — 22— — à&——J9— 2— 163 und ſie nur dadurch, daß er aus den Kernen der un⸗ vollkommenen Beeren neue Stoͤcke zog, nach und nach mit dem Boden und dem Klima befreundet hatte. Faſt jede Beſitzung iſt mit den Stauden der indiſchen Feige umgeben, die wegen der Eigenſchaft, ſich ungemein zu vermehren, eine faſt undurchdringliche Umzaͤunung ge⸗ ben. Uebrigens bietet dieſe Landſchaft, wie alle weſt⸗ indiſchen, dem Europaͤer vielfaͤltigen Stoff zur Be⸗ wunderung dar, indem alle Gegenſtaͤnde, von den run⸗ den kegelfoͤrmigen Bergen— die man auf den Antil⸗ len„Mornes“ nennt,— bis zu dem fetten, ſchilfar⸗ tigen Grashalm, eine ganz andere Geſtalt als in ſei⸗ nem Erdtheile haben. Die Einwohner von Fort⸗Royal weichen, wie es die Beſchaffenheit des Landes mit ſich bringt, in ihrer Lebensart betraͤchtlich von der franzoͤſiſchen ab. Beſon⸗ ders iſt dieß der Fall in Hinſicht der Speiſen und Ge⸗ traͤnke. Die meiſten begnuͤgen ſich mit Brod aus dem Mehle von Maniok, das man Kaſſave nennt. ie gewoͤhnlichſten Getraͤnke ſind der Ouycou und der Maby, deren Bereitung von den indiſchen Urbewohnern, den Karaiben, erlernt wurde. Die des Ouycou beſteht darin, daß man Maniokwurzeln, Bananen, Bataten und Syrup in ein Gefaͤß mit Waſſer thut, einige Tage gaͤhren laͤßt, und endlich die auf der Oberflaͤche ent⸗ ſtandene Schaumdecke abnimmt. Der Maby wird aus rothen Bataten, ſauern Pomeranzen, Syrup, und uͤbri⸗ 11* 164 gens wie der Ouycou gewonnen. Er gleicht an Ge⸗ ſchmack und Farbe dem Birnenmoſt, und hat ſehr betaͤubende Kraͤfte; dagegen jener dem Braunbier aͤhn⸗ lich ſieht, und zwar ebenfalls ſtark, aber weniger ſchaͤd⸗ lich und im Gegentheil nahrhaft iſt. Außerdem gibt es noch andere Getraͤnke, die man mehr des Wohlge⸗ ſchmacks wegen genießt, z. B. die Weine aus dem Safte des Acajou⸗Apfels, der Ananas und anderer Fruͤchte. Selbſt die reichern franzoͤſiſchen Einwohner hatten, ſeit einiger Zeit, zu den genannten Lebensmit⸗ teln ihre Zuflucht nehmen muͤſſen, weil die Zufuhr vom Mutterlande ſehr beſchraͤnkt geweſen war. Ueberhaupt befand ſich die Kaufmannſchaft in ſehr unguͤnſtigen Verhaͤltniſſen, und trug deutlich das Gepraͤge des ge⸗ ſunkenen Wohlſtandes. Ueberall ſah man feine und koſtbare, jedoch abgenutzte Kleider, Meubles u. ſ. w. Am wenigſten ſchienen die Sklaven bei den Bedraͤng⸗ niſſen der Colonie gelitten zu haben, und ich muß zur Ehre ihrer Gebieter anfuͤhren, daß ich jene Menſchen, obſchon großen Theils nackt oder in Lumpen gehuͤllt, nirgends ſo wohlbeleibt, ſorgenlos und froͤhlich, als auf Martinique gefunden habe. Sie verſammelten ſich jeden Abend in zahlreichen Gruppen vor den Haͤuſern, und verweilten unter Singen, Tanzen und Scherzen bis ſpaͤt in die Nacht. Ihr Geſang, der ſehr eintoͤnig, durch lange Pauſen unterbrochen und mit Seufzern untermiſcht iſt, verſetzt in eine melancholiſche Stimm⸗ 4 8—ꝛ 8 N ung. Um ſo lebhafter zeigen ſich die Taͤnzer; ihre Bewegungen ſind unbeſchreiblich ſchnell und mannich⸗ fach, und druͤcken abwechſelnd alle Leidenſchaften aus, obſchon die Muſik dazu nur in dem einfachen Ton einiger Schellen, eines Triangels, auch wohl bloß darin beſteht, daß man mit Stoͤcken an einen Keſſel, ein altes Faß, oder an die Thuͤr des Hauſes ſchlaͤgt. Die Herrſchaft der Englaͤnder verbreitete bald einen neuen Geiſt und neue Thaͤtigkeit uͤber die Colonie. In kurzem langten von den benachbarten britiſchen Inſeln, den nordamerikaniſchen Freiſtaaten und ſelbſt von England Handelſchiffe an, die das Land mit den nothwendigen Beduͤrfniſſen verſorgten, und die aufge⸗ haͤufte Menge der einheimiſchen Erzeugniſſe ausfuͤhrten. Die erſten Vortheile des wieder hergeſtellten Verkehrs floſſen der Stadt Fort⸗Royal zu, weil alle ankommende Schiffe ſich dorthin wendeten, ſo lange die britiſche Kriegsmacht daſelbſt verſammelt war; ſpaͤterhin aber behauptete St. Pierre ſein altes Recht, der Stapel⸗ platz des Eilandes zu ſein. In der Mitte des Maͤrz kam man mit den An⸗ ſtalten, die franzoͤſiſche Beſatzung in ihr Vaterland zu fuͤhren, in Ordnung. Am Tage des Einſchiffens zog das Militaͤr aus der Feſtung Bourbon— die es zu⸗ folge der Capitulation bis jetzt in Beſitz behalten hatte,— mit allen ihm bewilligten Kriegsehren ab, naͤmlich mit klingendem Spiel, fliegenden Fahnen und brennen⸗ 166 der Lunte, ſo wie mit Feldſtuͤcken und Artilleriſten an der Spitze. Auf dem Glacis ſtreckte es die Waffen; die Offiziere behielten das Seitengewehr. Der große Haufe wurde dann auf Transportſchiffe, und der Ge⸗ neral Villaret nebſt ſeinem Gefolge, nachdem ihm die Englaͤnder ein glaͤnzendes Abſchiedsmahl gegeben hat⸗ ten, auf ein Linienſchiff gebracht. Die ganze Maſſe der Eingeſchifften belief ſich kaum auf 4000 Koͤpfe, worunter 300 Seeleute, die Beamten aller Art, und die ſaͤmmtlichen Weiber, Kinder und Diener mit be⸗ griffen waren. Eben ſo befanden ſich— denn es ward allen unzufriedenen Einwohnern ein freier Abzug ge⸗ ſtattet,— Pflanzer und Kaufleute dabei. Einige hun⸗ dert Kranke und Verwundete blieben, unter der Auf⸗ ſicht franzoͤſiſcher Aerzte, bis zur Geneſung zuruͤck. Auch bekamen mehre Ofſiziere und Beamte, welche Eigenthum im Lande beſaßen, die Erlaubniß, zur Be⸗ ſorgung ihrer Angelegenheiten drei bis ſechs Monate laͤnger zu verweilen. Nach dem Einſchiffen erhob das franzoͤſiſche Militaͤr allerlei Klagen, weil ihm die eng⸗ liſche Bekoͤſtigung nicht behagte, auch viele Offiziere die Transportſchiffe nicht bequem genug fanden, und daher auf die zur Bedeckung beigegebenen Kriegſchiffe verſetzt zu werden wuͤnſchten. Da jedoch die Artikel der Capitulation alles genau beſtimmt hatten, ſo ging der Transport, ohne daß die getroffene Einrichtung im mindeſten abgeaͤndert wurde, ab, und iſt mit Ausgang Aprils gluͤcklich in Morlaiyx eingetroffen. 167 Meine Leſer koͤnnen leicht denken, wie den auf dem Neptun befindlichen Gefangenen zu Muthe war, als ſie die Garniſon von Martinique abſegeln und dem fernen Vaterlande zueilen ſahen. Ihre Sehnſucht nach Freiheit wurde nun doppelt groß, und um die⸗ ſelbe zu erhalten, nahmen ſie ihre Zuflucht zu man⸗ cherlei Mitteln. Einige beſtuͤrmten den Admiral mit Bittſchriften, andere ſuchten ſich Goͤnner und Fuͤr⸗ ſprecher am Lande zu erwerben. Da aber wenige dadurch zu ihrem Zweck gelangten— denn man war⸗ tete bloß auf eine Gelegenheit, die Gefangenen nach Barbados zu bringen,— ſo verſuchten viele zur Nacht⸗ zeit durch Schwimmen nach dem Lande zu entfliehen, wovon aber die meiſten, da die Entfernung dahin eine Viertelſtunde betrug, entdeckt, eingeholt und beſſer ver⸗ wahrt wurden. Nach der Abfahrt der franzoͤſiſchen Beſatzung von Martinique ſuchten die Einwohner und ihre neuen Ge⸗ bieter ſich einander immer mehr zu naͤhern, indem man Zuſammenkuͤnfte, Gaſtmaͤhler und mancherlei Fei⸗ erlichkeiten anſtellte. Auch unſer Neptun war einmal der Schauplatz eines ſolchen Feſtes, das der Admiral einigen Familien aus der Stadt, ſo wie den Offizieren des Schiffes gab. Nach geendigter Tafel wurde ein glaͤnzender Ball, und zwar auf der Schanze gegeben. Es war keine Muͤhe geſpart worden, dieſen Platz zu verſchoͤnern, und ſeine kriegeriſche Geſtalt in eine freund⸗ lichere umzuſchaffen. Man hatte ihn an allen Seiten mit koſtbaren Flaggen behaͤngt, die Kanonen mit ſuͤß duftenden gruͤnen Straͤuchern umgeben, und eine praͤch⸗ tige Beleuchtung angebracht; der untere Theil des großen Maſtes war, mit den herrlichſten Blumen um⸗ wunden, in eine Freudenſaͤule verwandelt. 16. Die engliſche Flotte ſegelt ploͤtzlich nach der Inſelgruppe les Saintes, um eine dort eingelaufene franzoͤſiſche Es⸗ cadre anzugreifen. Sie kommt mit derſelben in's Ge⸗ fecht, und verfolgt ſie auf ihrer Flucht bis in den Canal zwiſchen St. Domingo und Jamaika, wo ein Linienſchiff erobert wird. Hierauf trennt ſich die Flotte und geht nach verſchiedenen Beſtimmungen. Der Neptun kehrt allein nach Martinique zuruͤck— wir bekommen auf dieſer Fahrt eine Menge der antilliſchen Inſeln zu ſehen— Be⸗ merkung uͤber den aͤußern Anblick derſelben. Anfangs Mai, wo die Verwaltung der Colonie be⸗ reits auf einem feſten Fuße ſtand, und der großen Kriegsmacht nicht laͤnger bedurfte, war die Flotte im Begriff, aus einander und nach verſchiedenen Beſtimm⸗ ungen zu gehen; die Gefangenen erwarteten jeden Tag nach Barbados geſchafft zu werden, und ich ſah meiner Entlaſſung ſehnlich entgegen. Da ging eines Nachmittags die Nachricht ein, daß in den Gewaͤſſern bei Guadeloupe ein feindliches Geſchwader angekom⸗ men ſei. Es war nach Baſſe⸗Terre, der Hauptſtadt jener Inſel beſtimmt, hatte aber, weil große Schiffe nur waͤhrend der Springfluthen dort einlaufen koͤnnen, einſtweilen ſeine Zuflucht in den Hafen der Inſel⸗ 170 gruppe genommen, die man„les Saintes oder die Heiligen⸗Inſeln“ nennt. Dieſe Inſeln, zwiſchen wel⸗ chen der Hafen ſich befindet, ſind kahle Felſen, die aus dem Meere zwiſchen Guadeloupe und Dominique auf⸗ ſteigen. Die Franzoſen hatten ſie waͤhrend des Krie⸗ ges befeſtigt und mit einer Garniſon beſetzt. Kaum war die Neuigkeit zur Kenntniß des Admirals gelangt, als ein Kanonenſchuß und eine aufgezogene Flagge der Flotte das Zeichen gaben, ſich ſegelfertig zu machen, um den Feind in ſeinem Schlupfwinkel zu uͤber⸗ raſchen. Es iſt unglaublich, mit welcher Schnelligkeit das engliſche Seevolk ſolche Befehle auszufuͤhren pflegt. Die Schiffe gleichen dann einem Ameiſenhaufen, wo Alles durcheinander wuͤhlt, und dennoch herrſcht dabei die groͤßte Ordnung. Kurz, nach Sonnenuntergang befand ſich die ganze Flotte unter vollen Segeln. Sie beſtand noch— denn es war ein großer Theil, z. B. durch den Transport nach Frankreich, davon getrennt worden,— aus acht Linienſchiffen, nebſt einigen Fre⸗ gatten, Brigs und Kuttern. Wir kamen waͤhrend der Nacht bei Martinique und Dominique vorbei, und er⸗ reichten, als der Morgen graute, die Felſengruppe les Saintes, aus welcher die Maſten des franzoͤſiſchen Ge⸗ ſchwaders, das aus drei Linienſchiffen und zwei Fre⸗ gatten beſtand, hervorragten. Bevor ich jedoch in meiner Erzaͤhlung fortfahre, muß ich das Weſentliche in Hinſicht der Lage, worin die feindlichen Schiffe ſich befanden, voraus ſchicken. 0—a& Se k — ⸗ ᷣ ☛ 0 ES 2 171 Der Hafen les Saintes war zwar durch die auf den Felſen errichteten Batterien in guten Vertheidigung⸗ ſtand geſetzt; allein der voͤllig unfruchtbaren und oͤden Gegend gebricht es an friſchem Waſſer, und dieſes unentbehrliche Beduͤrfniß mußte der Garniſon von Gua⸗ deloupe aus zugefuͤhrt werden. Letztere konnte daher bei einer Blocade keinen langen Widerſtand leiſten, wo⸗ fern nicht die Schiffe, welche ſie beſchuͤtzte, mit großen Waſſervorraͤthen verſehen waren. Wie die Sache ſich jetzt verhielt, werden wir in kurzem ſehen. Was die Englaͤnder betrifft, ſo hatten ſie von dieſen Verhaͤltniſſen noch keine Kundſchaft eingezogen. Um aber bei Ueberwaͤltigung der feindlichen Schiffe ſicher und ſchnell zu verfahren, ging ihr Plan dahin, mit der Flotte geraden Weges in den Hafen und auf die feindlichen Schiffe einzudringen, und zugleich die Batterien mit Landtruppen zu ſtuͤrmen. Um letztere herbei zu holen, waren bereits, von Martinique aus, Transportſchiffe nach den benachbarten britiſchen In⸗ ſeln abgegangen. Fuͤr jetzt begnuͤgte ſich der Admiral, die Ausgaͤnge des Hafens, deren es zwei gibt, zu be⸗ wachen, nachdem er eine Brig zur Recognoscirung des Feindes hinein geſchickt hatte, die auch, trotz des fuͤrch⸗ terlichen Feuers, das ſie dort empfing, gluͤcklich wieder heraus kam und Bericht erſtattete. So kreuzten die engliſchen Schiffe unablaͤſſig un⸗ ter den Kuͤſten umher. Bald nahte ſich dieſes bald jenes den Batterien, oder man machte verſtellte Ma⸗ 172 noͤver, als ob die ganze Flotte im Begriff ſei, in den Hafen zu ſegeln. Dieß geſchah bloß, um den Feind zu aͤngſtigen und ihm ſeine Munition verſchießen zu laſſen, womit er auch ziemlich verſchwenderiſch war, indem er haͤuſig Bomben warf. Die erſte von allen war ſo gut eingerichtet, daß ſie auf das Linienſchiff „der Royal York“ gefallen ſein, und es gewiß in Brand geſteckt haben wuͤrde, waͤre ſie nicht gerade uͤber den Maſten zerſprungen, wobei nicht einmal Je⸗ mand verwundet wurde. Es iſt mir aber nicht erin⸗ nerlich, daß nachher ein einziger Schuß ſeine Beſtimm⸗ ung erreicht haͤtte. Denn es iſt uͤberhaupt ſchwierig, ein ſegelndes Schiff mit Bomben zu treffen, weil es durch eine geringe Verſtaͤrkung oder Verminderung des Windes in ungleiche Bewegung geſetzt wird, und da⸗ her in dem Augenblick, wo die Kugel niederfaͤllt, nicht auf dem berechneten Standpunkte ſich befindet. Ueber⸗ dem verfolgten die Englaͤnder mit Argusaugen dieſe Feuerkugeln auf ihrem langen bogenfoͤrmigen Zuge, und wußten denſelben durch eine geſchickte Wendung mit dem Schiffe auszuweichen. Sie ſelbſt thaten, um das Pulver nicht unnoͤthiger Weiſe zu verſchießen, kei⸗ nen einzigen Schuß. Nachdem wir auf ſolche Weiſe ungefaͤhr acht Tage gekreuzt hatten, ward eines Abends der erwartete Militaͤrtransport in der Ferne wahrgenommen. Zu gleicher Zeit erfuhr man durch einen an der Kuͤſte uͤberraſchten Fiſcher, daß die franzoͤſiſchen Schiffe be⸗ 173 reits Mangel an Waſſer litten, und daher, um in ei⸗ nen andern Hafen zu entkommen, Anſtalt zum Aus⸗ laufen machten. Der Admiral ſchickte dann zur Re⸗ cognoscirung derſelben eine Brig ab, die auch bald durch Zeichen die erhaltene Nachricht beſtaͤtigte. Kaum war es Nacht geworden, als der Feind untey vollen Segeln aus ſeinem Schlupfwinkel hervorkam. Ich habe erwaͤhnt, daß dieſer zwei Ausgaͤnge hat. Der eine oͤffnet ſich gegen Norden, der andere gegen Weſten. Erſtern waͤhlten die beiden Fregatten, um ſich nach dem gegen uͤber liegenden Hafen Baſſe⸗Terre— wo fuͤr ſie das Waſſer zum Landen tief genug war,— zu fluͤchten, was ihnen auch gelungen iſt. Durch letztern ſegelten die drei Linienſchiffe, die, auf gutes Gluͤck, ihren Lauf ſuͤdweſtwaͤrts richteten. Sogleich gab der Admiral den Befehl, ſich zum Treffen vorzubereiten, den man der Flotte durch Auf⸗ ziehung der großen Schlachtlaterne bekannt machte. Auf allen Schiffen wirbelten nun die Laͤrmtrommeln. Auf unſerem Neptun ſchloß man vor allen Dingen die Gefangenen in den Raum ein. Die bereits vom Ver⸗ deck abgenommenen Hangmatten wurden wieder hinauf gebracht und, auf die oben beſchriebene Weiſe, als Bruſtwehr aufgeſtellt, zum Theil auch an den Wand⸗ tauen befeſtigt, um ihnen zum Schutze zu dienen. Einige raͤumten das wirthſchaftliche Geraͤth in den Raum, waͤhrend Andere die Ragen mit Ketten um die Maſten befeſtigten, auch eine Anzahl Segel, Taue 174 und ſonſtige zum Takelwerk gehoͤrige Dinge auf dem Verdeck niederlegten, um ſie, im Fall dergleichen zur Erſetzung erlittener Schaͤden gebraucht wuͤrden, bei der Hand zu haben. Der Zimmermann und ſeine Gehuͤlfen ſchafften hoͤlzerne Pfropfen, Haͤmmer und anderes Werk⸗ zeug in den Raum, ſo wie der Konſtabler mit ſeinen Leuten das Geſchuͤtz beſichtigte, und Patronen, Kugeln und uͤberhaupt das ganze zu den Kanonen gehoͤrige Geraͤth herbeibrachte. Die Lieutenants vertheilten ſich auf den Batterien, und ermunterten die Mannſchaft zur Thaͤtigkeit. So war Alles nach einer kleinen Vier⸗ telſtunde in gehoͤriger Ordnung. Mittlerweile waren wir den franzoͤſiſchen Schiffen ziemlich nahe gekommen, und der Befehl„zu den Waf⸗ fen!“ rief Jeden an ſeinen Poſten. Die Seeleute eilten nun zu den Kanonen, luden dieſelben, und ruͤck⸗ ten ſie aus. Die Soldaten zogen auf dem Back, der Schanze und Kampanje auf, bereit, den Feind mit Granaten und dem Feuer des kleinen Gewehrs zu em⸗ pfangen. Es trat dann eine tiefe, bedeutungvolle Stille ein, und jedes Ohr horchte auf das fuͤrchterliche Com⸗ mandowort„Feuer!“ Ich hatte beim ganzen Hergang dieſer Dinge den muͤßigen Zuſchauer gemacht; denn ich war noch zu unerfahren, um zu wiſſen, daß es auch fuͤr mich Ar⸗ beit gab. Jetzt ſtand ich eben, das große Schauſpiel der fliehenden und verfolgenden Schiffe bewundernd, auf der Kampanje, als der Sekretaͤr mich aufſuchen 1 175 und zu ſich rufen ließ. Ich fand ihn aͤmſig beſchaͤf⸗ tigt, die Schriften zu ordnen und in einige, mit Eiſen beſchlagene Kiſten zu packen, um ſie im Raume zu verwahren, daher ich, ohne ſeine Auffoderung zur Huͤlf⸗ leiſtung abzuwarten, das Geſchaͤft beſchleunigen half. Wir waren gerade fertig und die Kiſten fortgeſchafft, als die tiefe Stille von dem Geraͤuſch eines Manoͤ⸗ vers mit den Segeln unterbrochen wurde; denn der Neptun hatte ein feindliches Schiff erreicht, und man zog eben, wie es im Gefecht geſchieht, die untern Segel ein, um bloß die weit lenkſamern oberen zu gebrau⸗ chen. In dem Augenblick ertoͤnten einige fuͤrchterliche Kanonenſchuͤſſe, und zu gleicher Zeit fuhr eine Kugel vorn durch des Sekretaͤrs Kammer, und hinten wieder hinaus, worauf ſie die Gemaͤcher des Admirals eben⸗ falls durchbohrte. Der Sekretaͤr, den die Kugel bei⸗ nahe getroffen haͤtte, warf bloß einen Blick nach den Stellen, woher ſie gekommen, und wohin ſie gegan⸗ gen war, und blieb uͤbrigens kaltbluͤtig auf dem Stuhle ſitzen, auf welchen er ſich nach der Arbeit geworfen. hatte. Ich beſaß noch nicht einen ſolchen Grad der Geiſtesruhe, ſondern ſprang nach der erſten Beſtuͤrzung hinaus auf's Verdeck, um zu erfahren, was vorginge. Ich ſah in einiger Entfernung vom Neptun ein franzoͤſiſches Schiff. Dieſes hatte, als jener ihm von hinten nahe kam, aus ſeinem Hintertheil ſchwere Ku⸗ geln abgefeuert. Weil aber gerade der Wind abzu⸗ nehmen begann,— was jederzeit den leichtern Schif⸗ 176 fen zu Statten kommt,— ſo gewann er einen Vor⸗ ſprung, ohne daß man ihm einen einzigen Schuß bei⸗ bringen konnte. Von den vielen Ungluͤcklichen, die, in einer Reihe auf dem Back ſtehend, von einer Ku⸗ gel getroffen worden waren, ſah ich nichts, als die Spuren des von den Dielen bereits abgewaſchenen Blutes. Aber eine weite Oeffnung im Bord des Bugs zeugte von der Groͤße und Gewalt des toͤdtlichen Ge⸗ ſchoſſes. Der Wind wurde nun immer ſchwaͤcher, unſer Schiff blieb, als das ſchwerfaͤlligſte, immer mehr zu⸗ ruͤck, und endlich konnte man Freund und Feind nur mit Fernglaͤſern noch unterſcheiden. Die Mannſchaft durfte daher, jedoch in Kleidern und auf den Dielen, abwechſelnd ihre Ruhe halten. Auch ließ man die Ge⸗ fangenen wieder aus dem Raume. Bei Sonnenaufgang erblickten wir am weſtlichen Horizont unſer Geſchwader, im Verfolgen des feindli⸗ chen begriffen, das weit voraus war. Der Grund die⸗ ſer uͤberlegenen Geſchwindigkeit der franzoͤſiſchen Schiffe lag hauptſaͤchlich darin, daß es ganz neue waren, welche, wegen ihres reinen Bodens, jederzeit beſſer als aͤltere ſegeln. Ueberdem kennen die Leſer ſchon aus dem drit⸗ ten Baͤndchen meiner Reiſen die vortreffliche Bauart der franzoͤſiſchen Fahrzeuge, und wiſſen, daß dieſe den engliſchen nichts nachgeben, wenn man ſie geſchickt zu behandeln verſteht, was gegenwaͤrtig der Fall war. —, h„.— S& S 0 —, 8 f f. ͤ A 177 Gegen neun Uhr Morgens verſtaͤrkte ſich die Kraft des Windes von neuem. Unſer Neptun, der die Maſten mit Segeln bis zum Brechen beſpannte, gerieth jetzt in eine Bewegung, gleich dem Flug eines Vogels. Gegen Mittag hatte er die andern Schiffe eingeholt. Nachmittags wehten nur gelinde Luͤftchen. Die meiſten engliſchen Linienſchiffe blieben ſehr zuruͤck; da⸗ gegen die franzoͤſiſchen ſich immer mehr nach Weſten entfernten. Doch am Abend wurde das hinterſte nach und nach von einer Corvette, einer Brig und einer Fregatte eingeholt. Dieſe unterhielten die ganze Nacht ein lebhaftes Kanonenfeuer, waͤhrend jenes wenig Widerſtand that, ſondern bloß auf ſeine Flucht be⸗ dacht war. Gegen Morgen, wo die beiden andern Fluͤchtlinge gaͤnzlich verſchwunden waren,— ſie ſind nach den nord⸗ amerikaniſchen Freiſtaaten entkommen,— verlor das bedraͤngte Schiff alle Kraft, indem es nicht nur an den Maſten, Segeln und Tauen ſehr gelitten, ſondern auch viele Menſchen verloren hatte. Es wurde daher, als wir uns zwiſchen St. Domingo und Jamaika be⸗ fanden, von einem Linienſchiffe, dem Pompey, erreicht und zum Streichen der Flagge gezwungen.— Man ſieht hieraus, daß die Kriegsflotten, wenn ſie Jagd auf einander machen, nach denſelben Grundſaͤtzen ver⸗ fahren, wie die Truppen auf dem Feſtlande bei Ver⸗ folgung des Feindes. Die leichten Schiffe beunruhigen, IV. 12 178 wie die leichte Reiterei, die Fliehenden und halten ſie auf, bis endlich die ſchweren Schiffe, die man mit dem Hauptcorps vergleichen kann, Zeit gewinnen, herbei zu kommen und der Sache den Ausſchlag zu geben. Die ganze Flotte legte, mit dem beſiegten Schiffe in der Mitte, bei. Der Pompey nahm ſogleich von dem⸗ ſelben Beſitz. Die Gefangenen wurden großen Theils auf den Neptun gebracht, wo man ſie, als brave Krie⸗ ger, mit Achtung behandelte und, da ſie ſehr entkraͤf⸗ tet waren, augenblicklich mit Wein erquickte. Gegen Mittag ſegelte man mit der Priſe, um ſie wieder in Stand zu ſetzen, ſo wie mit den Verwundeten nach Jamaika ab. Der Pompey, und die uͤbrigen im Ge⸗ fecht geweſenen Schiffe, die alle einiger Ausbeſſerung bedurften, gaben das Geleit. Hierauf wurde der Reſt der Flotte nach verſchiedenen Plaͤtzen abgeſandt, und der Neptun kehrte, bloß von ſeinem Kutter begleitet, nach Martinique zuruͤck. Ein Admiralſchiff hat naͤmlich ſtets ein ſolches Fahrzeug bei ſich, das ihm dieſelben Dienſte, wie der Adjutant dem General leiſtet; es uͤberbringt in der Schlacht, wo der Pulverdampf die Signale nicht erkennen laͤßt, die Befehle nach den ver⸗ ſchiedenen Schiffen. Obſchon die Fahrt nach Martinique gegen den herrſchenden Oſtwind ging, ſo wurde ſie doch dadurch etwas beſchleunigt, daß wir nicht geraden Weges uͤber das Meer, ſondern laͤngs der bogenfoͤrmigen Antillen⸗ — 179 gruppe ſteuerten, wo waͤhrend der Nacht die Landwinde uns beguͤnſtigten. Der Anblick dieſer Inſeln machte mir große Freude. In der Entfernung erſcheinen ſie zwar in einer duͤſtern melancholiſchen Geſtalt, zeigen ſich aber, wenn man in die Naͤhe kommt, als reich bewaltete Berge, anmuthige Pflanzungen, und reizende Wohnoͤrter. Freilich ragen auch haͤufig kahle ſchwarze Felſen hervor. Sie ſind es, die den Naturforſcher vermuthen laſſen, daß die Antillen nicht immer Inſeln, ſondern eine Bergkette waren, welche durch die zerſtoͤ⸗ rende Kraft der Vulkane von dem Feſtlande abgeriſſen wurde.— Bei der ſchwediſchen kleinen Inſel St. Bar⸗ thelemi lagen wir einen ganzen Tag vor Anker. Der Admiral ſtattete dem Gouverneur einen Beſuch ab, der ihn erwiederte. Auch erhielten wir einen Ueber⸗ fluß an vegetabiliſchen Lebensmitteln, ſo wie einige lebendige Rinder. Zur Ergaͤnzung meiner Beſchreibung des Neptun fuͤge ich noch hinzu, daß dieſes Schiff nie hin und her ſchwankte, was mir, an das beſtaͤndige Schaukeln der Kauffahrer gewoͤhnt, ſehr auffallend war. Dennoch hat mich die Mannſchaft oft verſichert, daß ſolche ko⸗ loſſale Schiffe, wenn ſie bei ſtuͤrmiſchem Wetter in's Schwanken gerathen oder, wie die Seeleute ſagen, „ſchlechtes Wetter ſpielen,“ in einer weit ſchrecklichern Lage als kleine Fahrzeuge ſich beſinden. Auf dem Nep⸗ tun waren einmal faſt alle Kanonen losgebrochen, und 12* 180 von einem Bord zum andern geworfen worden, was nicht nur die Bewegung des Schiffes noch vermehrte, ſondern auch die Seiten desſelben zu zerſchmettern drohte. Die Leute hatten endlich dem Uebel dadurch abgeholfen, daß ſie die aufgeknuͤpften Schlafmatten abſchnitten, und damit das Geſchuͤtz im Hin⸗ und Her⸗ rollen hemmten. „ 17. Der Neptun langt wieder in Martinique an. Man ſchafft nun die darauf befindlichen Kriegsgefangenen nach Bar⸗ bados. Der Verfaſſer wird voͤllig in Freiheit geſetzt, und begiebt ſich, um nach England zu reiſen, auf einen Kauf⸗ fahrer. Einige Bemerkungen uͤber deſſen Mannſchaft, die einer friedlichen Familie gleicht. Abfahrt des Schiffes— ein Vorfall, der es in Gefahr ſetzt, in die Luft geſprengt zu werden— bald darauf wird es ſo leck, daß man genoͤ⸗ thigt iſt, zu deſſen Ausbeſſerung in den Hafen von Morant, einem Flecken auf Jamaika, einzulaufen. Gegen das Ende Mai erreichten wir Martinique und gingen auf der Reede von St. Pierre vor Anker. Gleich nach der Ankunft unterwarf man die ſaͤmmtli⸗ chen, nun auf 400 angewachſenen Kriegsgefangenen einer beſondern Muſterung, um ſie alsdann nach Bar⸗ bados abzuſchicken. Bei dieſer Gelegenheit gaben ſich die Offiziere viel Muͤhe, Rekruten fuͤr den Marinedienſt zu werben, die auch nicht vergeblich war. Ich bemerke hier, daß uͤberhaupt zu jener Zeit auf den engliſchen, wie auf den franzoͤſiſchen Kriegſchiffen, viele Leute von der entgegen geſetzten, ja von jeder Nation ſich befan⸗ den und, wegen des Mangels an Seemaͤnnern, ſehr willkommen waren. 182 Was mich betrifft, ſo fuͤhlte ich weder Luſt noch Beruf zum engliſchen Kriegsdienſte, und hielt den ein⸗ getretenen Zeitpunkt fuͤr ſchicklich, den Admiral an ſein Verſprechen wegen ſeiner Entlaſſung zu erinnern. Sie erfolgte auch am 10. Junius, und zwar auf eine Art, die mich meinen Obern ſehr verpflichtete, und deren naͤhere Beruͤhrung ich nicht unterlaſſen darf. Der Admiral belohnte mich mit einem nicht unbedeu⸗ tenden Geſchenk fuͤr die geleiſteten Dienſte, ſo wie er mir einen Antheil an den, waͤhrend meiner Dienſtzeit, gemachten Priſen zuſchreiben ließ, der mir auch, obſchon nach Jahren, in England bezahlt wurde. Der Sekre⸗ taͤr verſah mich mit einigen, vom Admiral unterzeich⸗ neten Empfehlungſchreiben an Perſonen in London, die mir in der Folge manchen Nutzen geſchafft haben. Ue⸗ berdem war mir auf einem engliſchen Kauffahrteiſchiffe, das ſich in St. Pierre befand, freie Ueberfahrt nach London ausgewirkt worden. Ungeachtet dieſer freundlichen Behandlung muß ich offen bekennen, daß mir das Herz leichter und der Athem freier wurde, als ich aus dem Kriegſchiffe auf das Verdeck des Kauffahrers trat, wo ſich mir in der Mannſchaft das Bild einer zwangloſen, einfachen und friedlichen Familie darſtellte. Es war Mittag, und die geſammte Schiffsmannſchaft befand ſich, unter dem Sonnenzelte, auf dem hintern Deck beim Eſſen. Der Kapitaͤn und ſein Steuermann ſaßen bei dem Beſaan⸗ maſt, an einem kleinen, reichlich mit Speiſe und Trank 8 * 183 beſetzten Tiſche. Zwei Knaben, die Kajuͤtewaͤchter, hat⸗ ten ihren Platz auf den Dielen und zwar neben dem Kapitaͤn genommen, der ihnen tuͤchtige Portionen auf den Schoß hinabreichte. Einige Schritte nach vorn lagerte ſich das Schiffsvolk, gleichfalls auf den Dielen, um die zugedeckte, etwas erhoͤhte Hinterluke herum, die ihm zum Tiſche diente. Es ſtanden zwei große hoͤl⸗ zerne Schuͤſſeln, die eine mit Fleiſch, die andere mit Pudding gefuͤllt, und ein Korb voll Zwieback darauf. Jeder griff nach zwei ganzen Zwiebacken, wovon er einen Statt des Tellers, den andern, auf den Knien zerbrochen, zum Eſſen vor ſich hinlegte. Dann nahm der Bootsmann die Fleiſchſchuͤſſel auf den Schoß und ſchnitt ſich ab, was ihm beliebte. Auf gleiche Weiſe verfuhr er mit dem Pudding; und ſo wanderten die Schuͤſſeln im Kreiſe herum, und Alle, in der linken Hand einen Zwieback mit Fleiſch und Pudding darauf, und in der rechten ihr Taſchenmeſſer, ließen ſich's wohl⸗ ſchmecken. Zum Nachtiſch reichte man eine Kanne mit Rum und Waſſer herum, zu welchem Getraͤnk die Zwiebacke gegeſſen wurden, welche zuvor die Stelle der Teller vertreten hatten. Auch darf ich eines kleinen Affen, der Katzen, Hunde und Huͤhner nicht vergeſſen, die von dem Einen zu dem Andern liefen, geliebkoſ't und gefuͤttert wurden. Selbſt die Schweine kamen bisweilen, durch den Geruch der Speiſen angelockt, aus ihrer Huͤtte auf dem Back herbei, welchen jedoch die Hunde den zutritt verweigerten, Nur der Koch 184 machte, weil er wahrſcheinlich ſchon fruͤher geſaͤttigt war, eine Ausnahme von dieſer allgemeinen Befrie⸗ digung des Magens. Ueber und uͤber beruſ't, ſtand er in der Kuͤche und ſteckte, ſein Pfeifchen rauchend, den Kopf durch die Thuͤr, um ſich an dem guten Appetit ſeiner Gaͤſte zu ergoͤtzen.— Gegen Abend trat das Schiff die Reiſe nach Gno- land an, und ſteuerte, wie alle zuruͤckkehrende Weſtin⸗ dienfahrer, nach dem mexikaniſchen Meerbuſen hin. Das Gluͤck war uns nicht guͤnſtig; denn ſchon am naͤchſten Morgen geriethen wir in große Gefahr. Man hatte in die Proviantkammer, weil es an einem ſchick⸗ lichern Behaͤltniß dazu fehlte, etliche Faͤßchen Schieß⸗ pulver gelegt, ein Artikel, womit die engliſchen Kauf⸗ fahrer in Kriegszeiten, zumal wenn ſie ohne Geleit ſegeln, ſich reichlich zu verſorgen pflegen. Ein unbe⸗ ſonnener Junge ſteigt, um Lebensmittel zu holen, mit einem brennenden Talglicht hinab, klebt dasſelbe— auf einem Pulverfaſſe feſt und laͤuft endlich, ohne weiter an's Licht zu denken, wieder fort. Zufaͤllig ward es noch zur rechten Zeit entdeckt; ſonſt waͤren wir unaus⸗ bleiblich ein Opfer dieſer Unbeſonnenheit geworden. So wie wir am Morgen Gefahr liefen, durch Feuer umzukommen, ſo drohte am Abend das entgegen geſetzte Element unſerm Leben ein Ende zu machen. Das bisher ganz dichte Schiff ward, obſchon bei ge⸗ lindem Wind und vortrefflichem Wetter, mit einem Male ſo leck, daß die Mannſchaft dem Eindringen des — 185 Waſſers kaum Einhalt thun konnte. Man hat nach der Zeit gefunden, daß die mit dem geladenen Zucker an Bord gekommenen Ratten, da ſie den Vorraͤthen an friſchem Waſſer nicht beikommen konnten, ein Loch durch den Schiffsboden gefreſſen hatten, um zu dem rauſchenden Meerwaſſer zu gelangen. Dergleichen Un⸗ faͤlle ereignen ſich oft, daher man auf vielen Schiffen die Vorſicht gebraucht, taͤglich ein Gefaͤß mit Waſſer fuͤr dieſe Thiere hinzuſtellen, wenn die Ladung ſie zu vertilgen hindert. Am dritten Tage verſchlimmerte ſich der lecke Zu⸗ ſtand des Schiffes dergeſtalt, daß es zu ſinken drohte. Wir thaten deßhalb am Abend, wo die oͤſtliche Spitze von Jamaika nicht fern war, einige Nothſchuͤſſe, worauf uns ein Lootſe gluͤcklich in den Hafen von Morant fuͤhrte, obſchon die eingetretene Dunkelheit es ſchwierig machte, durch die Korallenbaͤnke zu kommen, womit Jamaika umgeben iſt. 18. 4 Der Verfaſſer entſchließt ſich zu einem Ausflug in das Innere des Landes— der Flecken Morant— Schoͤnheit der Landſchaften— gute Beſchaffenheit der Straßen und ihre Lebhaftigkeit— einige Bemerkungen uͤber die Schwar⸗ zen auf Jamaika— Gaſtfreiheit der Einwohner dieſer Inſel— ihr vaterlaͤndiſcher Stolz— Ankunft und Aufent⸗ halt in Kingston— kurze Beſchreibung dieſer Stadt. Von hier unternimmt der Verfaſſer eine Wanderung nach den Ligany⸗Gebirgen— wo er die Bekanntſchaft eines anſaͤſſigen Deutſchen macht. Da der Kapitaͤn zur Unterſuchung und Ausbeſſerung des Schiffes, was die Fracht auszuladen erfoderte, wenigſtens vierzehn Tage noͤthig zu haben glaubte, ſo entſchloß ich mich, eine Reiſe in das Innere des Landes zu unternehmen. Ich begab mich am naͤchſten Morgen nach dem Flecken Morant. Auf der Fahrt dahin uͤberraſchte mich die Klarheit und Durchſichtigkeit des Meerwaſſers, die ſo groß war, daß ich in einer Tiefe von 20— 30 Klaf⸗ tern nicht nur den felſigen Boden, ſondern auch die darauf befindlichen Gewaͤchſe und Thiere, beſonders große Schildkroͤten, deutlich erkennen konnte. Auch ſetzte mich die große Menge Haifiſche in Erſtaunen, die unſer Boot bis an den Strand verfolgten. 187 In dem Flecken Morant, der nur einige Reihen Haͤuſer und Huͤtten zaͤhlt, verweilte ich nicht, ſondern wanderte nach Kingston. Die Landſtraßen in Jamaika gleichen, was man ſonſt nirgend in Weſtindien ſindet, den europaͤiſchen Chauſſéen. Ich wich jedoch oft, wie dieß auf Landreiſen meine Gewohnheit iſt, haͤufig auf Seitenwege ab, wenn irgend ein Gegenſtand meine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Bald befand ich mich zwiſchen Gruppen von Kohlpalmen, von Cedern, Ko⸗ kos⸗ und Piſangbaͤumen, dann wieder bei Pflanzungen von Zuckerrohr, Kaffeebaͤumen und einer Menge an⸗ derer trefflicher Gewaͤchſe. Bald zeigten ſich Kakao⸗ und Zuckermuͤhlen, oder Wohngebaͤude reicher Kolo⸗ niſten, ſo wie Huͤtten duͤrftiger Neger, waͤhrend an allen Seiten die reizendſten Ausſichten in die Ferne ſich eroͤffneten, und im noͤrdlichen Hintergrunde die ſo ge⸗ nannten blauen und die Ligany⸗Gebirge majeſtaͤtiſch emporſtiegen. Ueberall ſchwaͤrmten Schaaren ſchoͤn ge⸗ flederter Voͤgel umher, balſamiſche Duͤfte ergoſſen ſich uͤber die ganze Gegend; und am Abend erſchienen die Sterne in einem dem Europaͤer auffallenden Glanze. Doch— ich muß abbrechen; denn auch die treueſte Schilderung der von Fruchtbarkeit ſtrotzenden Landſchaf⸗ ten, die ich durchwanderte, wuͤrde nicht vermoͤgend ſein, einen deutlichen Begriff von der Schoͤnheit und dem Reichthum der Natur unter dem weſtindiſchen Himmel zu geben, welche die Sinne auf die mannichfachſte und angenehmſte Weiſe beſchaͤftigen⸗ 188 Auch das rege Leben auf der Straße gewaͤhrte mir viel Unterhaltung. Bald kamen mir Kutſchen oder Reiter, bald wandernde Neger und Negerinnen entge⸗ gen, letztere gewoͤhnlich mit Kindern, die ſie in Saͤcken auf dem Ruͤcken trugen, ſo daß bloß der Kopf heraus ragte. Bei dieſer Gelegenheit bemerke ich von den Schwarzen auf Jamaika, daß ſie gut und reinlich ge⸗ kleidet, aber nicht ſo heiter wie die auf Martinique ſind, auch daß ſie, wie die Weißen behaupten, eine tuͤckiſche und boͤsartige Gemuͤthsart haben, wovon der Grund in der harten Behandlung ihrer Gebieter zu liegen ſcheint. Gegen die zahlreichen Einwohner von ſchottiſcher Abkunft hegen ſie große Abneigung, und betrachten ſie als grauſame Wuͤthriche. Obſchon es wenig oͤffentliche Wirthshaͤuſer gibt, ſo vermißt man ſie doch in einem Lande nicht, wo die groͤßte Gaſtfreiheit herrſcht, und jedes Haus dem Frem⸗ den, beſonders dem Europaͤer, offen ſteht. Ueberall, wohin ich mich wendete, war ich willkommen bei Tiſche und erhielt Nachtquartier. Jeder Hausvater, dem ich zu Geſichte kam, lud mich freundlich ein, bei ihm ein⸗ zuſprechen, um wenigſtens ein Glas Rum— den man mit Waſſer, Zucker und dem Saft einer Art kleiner Limonien zu vermiſchen pflegt,— in ſeiner Geſellſchaft zu trinken. Dabei pflegte man die guten Eigenſchaften dieſes Getraͤnks herauszuſtreichen, und es als ein ſicheres Schutzmittel gegen die herrſchenden Krankheiten, z. B. das gelbe Fieber u. m. a. zu empfehlen, weil es nicht 189 nur die Hitze des Koͤrpers niederſchlage, ſondern den⸗ ſelben auch in kuͤhlen Naͤchten und bei naſſer Witter⸗ ung in gleichfoͤrmiger Ausduͤnſtung erhalte; und ich habe mich auch zum Theil von der Wahrheit dieſer Behauptung uͤberzeugt. Trotz aller Gaſtfreiheit laſſen jedoch die Eingebornen dem Europaͤer einen gewiſſen Stolz merken, und fuͤhren im Geſpraͤche mit ihnen beſtaͤndig das Sprichwort im Munde,„daß in Jamaika Gold auf den Baͤumen wachſe.“ Da ich ſonach an mehren Orten aufgehalten wurde, ſo kam ich erſt am vierten Tage meiner Wanderung in Kingston an.— Man haͤlt dieſe Stadt fuͤr die reichſte und lebhafteſte in Weſtindien, ob ſie ſchon von einigen andern an Schoͤnheit uͤbertroffen wird. Die Straßen ſind zwar regelmaͤßig angelegt, aber auf den Bau und die Verzierung der Haͤuſer iſt nicht die Sorg⸗ falt gewendet, wie z. B. in St. Pierre und Fort⸗Royal. Der Grund davon liegt darin, weil die engliſchen Kauf⸗ leute ſich nicht ſo einheimiſch, als die franzoͤfiſchen machen, und ihr Aufenthalt immer nur darauf berech⸗ net iſt, Vermoͤgen zu erwerben, um dann im Vater⸗ lande bequem leben zu koͤnnen. Der an einer Anhoͤhe etwas aufſteigende noͤrdliche Theil der Stadt iſt der anſehnlichſte. Der am Hafen gelegene ſuͤdliche hat das Eigene, daß die Gebaͤude vorn auf Saͤulen ruhen, was ſehr angenehme kuͤhle Spaziergaͤnge gewaͤhrt. Der ſichere und geraͤumige Hafen iſt ſtets voll Schiffe, und uͤberdieß der Standpunkt einer Escadre.— Die 190 Lebensmittel ſtehen in hohem Preiſe, und ſelbſt die vorzuͤglichſten Landesproducte, z. B. Zucker, Kaffee, Rum u. ſ. w. ſind, im Kleinen gekauft, theurer als in England. Nach einem Aufenthalte von zwei Tagen, waͤh⸗ rend welcher ich die Hitze, die durch das Zuruͤckpral⸗ len der Sonnenſtrahlen von den Haͤuſern ſehr vermehrt wird, weit heftiger als in andern Theilen des Landes empfand, beſchloß ich eine Wanderung nach den Ligany⸗ Gebirgen. Der Weg dahin fuͤhrt von der Nordſeite der Stadt uͤber eine unbebaute Gegend, dergleichen man dort Savanna nennt. Dieſe Landſtrecke naͤhrt zahl⸗ reiche Heerden Schafe und Rinder, welche die benach⸗ barten Pflanzer hier in Huͤrden halten. Jenſeit der⸗ ſelben erhebt ſich die Flaͤche, die nach und nach in jene hohen Berge uͤbergeht. Die untern Gegenden derſel⸗ ben prangen mit den herrlichſten Pflanzungen. Hier erblickte ich auf einigen Feldern eine ungeheure Menge Heuſchrecken, welche die reiche Aernte vernichteten; dieſe Thiere ſind, ſo wie auch die Ratten, eine große Beſchwerde des Landes. Auf den hoͤher liegenden Ge⸗ birgstheilen findet ſich eine große Mannichfaltigkeit an Baͤumen, die, je hoͤher man kommt und je kaͤlter die Luft wird, an Groͤße und Vollkommenheit abnehmen. Ich beſtieg den einen Gipfel des Gebirges, und hatte hier eine treffliche Ausſicht uͤber die benachbarten Land⸗ ſchaften, nach den blauen Bergen und uͤberhaupt der ganzen Gebirgskette, welche das Eiland von Oſten 8* 191 nach Weſten durchſchneidet und, gleich einer Scheide⸗ wand, den ſuͤdlichen Theil von dem noͤrdlichen trennt; beide werden nur durch zwei Wege mit einander in Verbindung geſetzt. Die blauen Berge, deren Hoͤhe, wie die Einwohner des Landes behaupten, nicht viel uͤber 7000 engliſche Fuß betraͤgt, ſchienen hier ganz ſchwarz; denn die Luft um dieſelben war voͤllig rein, und nur die Nebel, womit ſie faſt immer umgeben ſind, verurſachen, daß man ſie von weitem in jener Farbe erblickt, welche die Veranlaſſung zu ihrem Namen ge⸗ geben hat. Beim Hinabſteigen vom Gebirge nahm ich meine Richtung nach Morant. Es begegnete mir auf dieſer Wanderung ein unfall, der ſehr nachtheilig haͤtte wer⸗ den koͤnnen. Ich wich naͤmlich, meiner Gewohnheit nach, von den gewoͤhnlichen Wegen ab, und verlor mich in ein enges Thal, das zwar nicht angebaut, aber dennoch von der Natur nicht vernachlaͤſſigt war. Die maleriſchen Anſichten der Felſenwaͤnde und der Baumgruppen, ſo wie die angenehme Kuͤhle, verlei⸗ teten mich, zu lange Zeit darin zu verweilen. Nach Sonnenuntergang zeigten ſich auf der einen Seite, uͤber einem mit Schilf bedeckten ſtehenden Waſſer, tanzende Flaͤmmchen, welches Schauſpiel meinen Aufenthalt noch verlaͤngerte. Nach einiger Zeit empfand ich, daß in mei⸗ nem ganzen Koͤrper eine große Veraͤnderung vorging. Es beſiel mich eine Mattigkeit in den Beinen, ein Froͤſteln und Schneiden im Unterleibe, der Athem wurde beengt und der Kopf ſchwer und eingenommen. Bald kamen mir auch allerhand ſonderbare, geſpenſterartige Geſtal⸗ ten vor die Augen. Ich behielt indeß ſo viel Beſinn⸗ ung, mich zu uͤberzeugen, daß dieß alles in der zu ſchnellen, den Umlauf des Blutes hemmenden Abkuͤh⸗ lung, und hauptſaͤchlich auch in den eingeſogenen ſchaͤd⸗ lichen Duͤnſten ſeinen Grund habe. Ich bot daher alle meine Kraͤfte auf, die ſteile Anhoͤhe zu erklimmen. In der Mitte machte ich vor Muͤdigkeit einen kurzen Still⸗ ſtand, oͤffnete meine Reiſeflaſche, that einen tuͤchtigen Schluck Rum, und ſprang dann vollends hinauf. Hier bekam ich einen heftigen Schweiß und eine Uebel⸗ keit, die mit ſtarkem Erbrechen ſich endigte, worauf mir— wieder voͤllig wohl wurde. Der Himmel hatte ſich ganz mit Gewoͤlk umzogen, wodurch die groͤßte Finſterniß entſtand. Ich mußte in der Huͤtte eines armen Negers, die mir ein ſchwa⸗ cher Lampenſchein anzeigte, uͤbernachten. Ihre durch⸗ ſichtigen Schilfrohrwaͤnde und das aus Palmblaͤttern beſtehende Dach ſchuͤtzten mich waͤhrend der Nacht, die ich auf einer Baſtmatte zubrachte, wenig vor dem ein⸗ getretenen regenhaften und ſtuͤrmiſchen Wetter. Dennoch befand ich mich am Morgen im beßten Wohlſein, und erblickte freudig das helle Blau des heitern Himmels und das friſche Gruͤn der erquickten Pflanzen. Mein gutmuͤthiger Wirth fuͤhrte mich in ein be⸗ nachbartes reizendes Thal, zu einem dort anſaͤſſigen Deutſchen, welcher ſein Gluͤck in Weſtindien gemacht, 8₰8½ NR t, 193 d. h., durch Verheirathung mit einer wohlhabenden Negerin, ein anſehnliches Vermoͤgen erworben hatte. Weſtindiſche Gaſtfreiheit und das nicht ganz erloſchene Gefuͤhl fuͤr Landsmannſchaft bewogen ihn, mich mit Guͤte zu uͤberhaͤufen. Er wuͤnſchte, mich fuͤr immer in der Naͤhe zu behalten, und mir ein gleiches Loos zu bereiten, weßhalb er ſich erbot, die Stelle eines Brautwerbers zu uͤbernehmen. So gern ich ſeine wohl⸗ meinende Geſinnung durch Annahme dieſes Anerbietens belohnt haͤtte, ſo war dieß doch meinen Anſichten, Nei⸗ gungen und meinem entworfenen Lebensplan entgegen. Seine zunehmende Zudringlichkeit veranlaßte mich daher, fruͤher, als vielleicht außerdem geſchehen waͤre, nach Morant abzureiſen. IV. 13 Der Verf. kommt nach Morant zuruͤck, findet aber, daß ſein Schiff ſchon abgeſegelt iſt— er begibt ſich daher auf ein anderes Handelſchiff, das nach Leith in Schottland ab⸗ geht. Eine Bemerkung uͤber den weſtlichen Paſſatwind und den ihn begleitenden Meeresſtrom. Ankunft in Leith. Kurzer Aufenthalt in der nahe gelegenen Hauptſtadt Edinburgh. Von hier reiſ't der Verf. zu Lande nach Lon⸗ don, und begibt ſich dann nach der von den Englaͤndern genommenen Inſel Walcheren, von wo er aber in kur⸗ zem nach London zuruͤckkehrt. Nach einer Abweſenheit von zwoͤlf Tagen langte ich in Morant an. Ich fand, daß mein Schiff ſich bereits vor drei Tagen wieder in See begeben hatte; denn die Ausbeſſerung desſelben war unerwartet ſchnell von Statten gegangen. Dieſer Umſtand ſetzte mich Anfange in große Verlegenheit, weil ich die freie Ueberfahrt ein⸗ buͤßte, und uͤberdieß meine Habſeligkeiten fuͤr verloren hielt. Allein, letztere waren einem ſichern Mann uͤber⸗ geben worden, der mir Alles richtig uͤberlieferte. Da kein nach England beſtimmtes Schiff im Hafen ſich be⸗ fand, ſo entſchloß ich mich, mit einem ſchottlaͤndiſchen nach Leith, und von dort nach London zu gehen. Fracht' und Bekoͤſtigung bedung ich fuͤr zehn Pfund Sterling, deren Bezahlung jedoch, wei ich an den Arbeiten Theil nahm, mir nach der Zeit erlaſſen wurde. Der Schottlaͤnder verließ am naͤchſten Tage den ——— 195 Hafen, und vereinigte ſich in Negril⸗Head, einer Bai an der Weſtſpitze des Eilandes, mit der Convoi, welche bereit war, die nach dem Norden abgehenden Schiffe zu geleiten. Die Fahrt wurde am folgenden Morgen begonnen. Wir ſchifften um die Inſel Cuba in den Golf von Mexiko, wo wir von unſern bisherigen Fuͤh⸗ rern, dem oͤſtlichen Paſſatwind und der ihn begleiten⸗ den Meeresſtroͤmung, verlaſſen, bald aber von den ihnen entgegen geſetzten empfangen wurden. Fuͤr meine juͤngern Leſer bemerke ich, daß der Paſſat an den Kuͤſten des mexikaniſchen Meerbuſens ſich bricht, dann ſeine Richtung nach Nordoſten nimmt, und oft bis nach Europa ſich erſtreckt. Dieſelbe Be⸗ wandtniß hat es mit der beſtaͤdigen, durch jenen Wind erregten Bewegung des Meeres von Oſten nach Weſten. Das im Golf angehaͤufte Waſſer draͤngt ſich zwiſchen Elorida und den Bahama⸗Inſeln wieder heraus, und Aldet einen reißenden Strom, der laͤngs den nordame⸗ dkaniſchen Kuͤſten bis nach den Baͤnken von Newfound⸗ land fortlaͤuft, wo er ſich ausbreitet und nach und nach ſeine Kraft verliert. Der Zweck alſo, warum jedes von Weſtindien nordwaͤrts gehende Schiff zuerſt in den Golf von Mexiko ſegelt, iſt, jenen Wind und Strom aufzuſnchen, um von ihnen nach den newfound⸗ laͤndiſchen Baͤnken, und ſobann quer uͤber den Ocean geleitet zu werden. Auf dieſe Weiſe geſchah es, daß wir, nach einer Fahrt von drei W. en, die irlaͤndiſche Kuͤſte zu Ge⸗ 13* 196 ſicht bekamen. Es trat dann eine achtßtaͤgige Stille ein, waͤhrend welcher das Land deutlich vor uns lag, ohne daß wir es erreichen konnten. Endlich erhoben ſich ſehr heftige, aber widrige Winde, daher wir erſt um die Mitte des Auguſt in Leith eintrafen. Kaum waren die Anker geworfen, als uns die Neuigkeit von dem Abgange der engliſchen Expedition nach der Inſel Wal⸗ cheren, wovon man ſich große Dinge verſprach, uͤber⸗ bracht wurde. Ein Wink des Schiffkapitaͤns, daß bei ſolchen Gelegenheiten viele Leute gebraucht wuͤrden, und daß ich, wofern meine Abreiſe nach London ſich nicht verzoͤgerte, gewiß eine gute Anſtellung bekommen wuͤrde, brachte mich zu dem Entſchluß, mich ohne Ver⸗ zug auf den Weg zu machen. Da das Londoner Pak⸗ ketboot erſt in einigen Tagen abſegelte, und eine Waſ⸗ ſerreiſe jederzeit von Wind und Wetter abhaͤngig iſt, ſo fand ich fuͤr gut, der groͤßern Koſten ungeachtet mit der Landkutſche zu reiſen, die noch am ſelbigen Tage von Edinburgh abging. Meine Sachen gab ich auf dem Packetboote ab. Ich ſelbſt eilte, durch die anmuthig und lebhafte Stadt Leith, nach dem angren⸗ zenden, auf einer Anhoͤhe gelegenen Edinburgh.— Mein kurzer Aufenthalt in dieſer ehemaligen Reſidenz ſchottiſcher Koͤnige ließ mich, in Hinſicht der Stadt ſelbſt, bloß bemerken, daß ſie eine Menge praͤchtiger Gebaͤude, und uͤberhaupt im Style der Bauart Vor⸗ zuͤge vor den meiſten engliſchen Staͤdten beſitzt. Was die Einwohner betrifft, ſo entging mir die Feinheit in ihren Manieren nicht, die man ſelten unter den Eng⸗ laͤndern ſindet. Auch waren mir die Damen auffal⸗ lend, welche ſich in großer Zahl nach dem Strande begaben, um ſich, ungeachtet des ſehr rauhen Wetters, im Meere zu baden. Sie ließen ſich in beſondern dazu eingerichteten Wagen eine Strecke in das Waſſer fahren, und ſprangen, nachdem der Kutſcher die Pferde abgeſpannt und ſich entfernt hatte, herzhaft hinein. Nachmittags um vier Uhr ſaß ich, in Geſellſchaft von zehn andern Reiſenden, auf der ſchoͤnen Landkut⸗ ſche, die, von acht Pferden gezogen, auf der Straße dahin rollte. Ich uͤbergehe die Beſchreibung einer ſol⸗ chen Flugreiſe, wo man Tag und Nacht durch Fluren, Staͤdte, Doͤrfer und uͤber Gebirge mit gleicher Schnel⸗ ligkeit gleichſam fortgeriſſen wird, wo man nur mit den Wirthshaͤuſern in kurze Beruͤhrung, und uͤber⸗ haupt nicht zur ruhigen Beſinnung kommt. Da ich kuͤnftig einen laͤngern Aufenthalt in Eng⸗ land zu beſchreiben habe,— ſo ſage ich nichts von dem maͤchtigen Eindruck, den der Anblick der Groͤße, Pracht und Herrlichkeit London's auf mich machte. Ich erwaͤhne bloß, daß ich daſelbſt, kraft der mitgebrachten Empfehl⸗ ungſchreiben, ſchon nach einigen Tagen von einem Herrn Duncan, der in Vließingen militaͤriſcher Proviantver⸗ walter werden ſollte, zum Gehuͤlfen angenommen wurde. Wir reiſ'ten zu Anfang Septembers von Chattam nach Vließingen ab. Der ungluͤckliche Zuſtand, worin die engliſchen Truppen und die Einwohner von Wal⸗ 198 cheren ſich befanden, iſt gewiß den meiſten meiner Le⸗ ſer nicht unbekannt geblieben. Das Militaͤr wurde haufenweiſe von einer ſchrecklichen Seuche hingerafft, die theils durch das ungeſunde Klima der Inſel, theils durch den Genuß des unreif abgenommenen Obſtes ſich erzeugte. Die Einwohner kaͤmpften zwar noch mit dem uUngluͤck, das ſie durch die Beſchießung und Zerſtoͤrung ihrer Stadt betroffen hatte. Dennoch ſah man ſie hier und da— mit langen Schlafpelzen und weißen Muͤtzen, mit thoͤnernen Tabakpfeifen im Munde, eine Taſſe Kaffee oder ein Glas Genever vor ſich auf dem Tiſche,— gemaͤchlich bei einander ſitzen, und zum Lobe der Englaͤnder ſprechen, weil ſie durch dieſe einigen Vortheil im Handel erhalten hatten. Nur be⸗ dauerten ſie, daß der engliſche Befehlhaber, Lord Cha⸗ tam, durch ſein Zoͤgern— das ihm bei den Franzo⸗ ſen den Spottnamen„J' attends“ zuzog,— die guͤn⸗ ſtige Gelegenheit verſaͤumt habe, ſich in den Beſitz von ganz Holland zu ſetzen. Da die Geſundheit des Herrn Duncan ſehr ſchwaͤch⸗ lich, und BVließingen nicht der Ort ſie zu befeſtigen war, ſo ſah er ſich in kurzem genoͤthigt, ſeine Stelle aufzugeben, um nach England zuruͤckzukehren. Wir verließen daher jenen traurigen Schauplatz— der von den Englaͤndern, nach einem großen Menſchenver⸗ 5 luſte, vor Ausgang des Jahres voͤllig geraͤumt wurde, — ſchon gegen Anfang Octobers, und kamen nach ei⸗ ner kurzen Fahrt gluͤcklich auf der Themſe an. Niiſſſniſiſſſiiſſſſnſſfffſſſſſ ſuunſnſnmmmmmmhimm 7 8 9 10 11 12 1 3 14 15 16