LaTaaTn nnhühnanar mrr Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Du 1 Kr. „„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: — auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. 3. k 1 12 2. 59 2„ Irararanr Arhnhnuaranar araganananuannnnananngannaununh rarararan anhnhühnanar ,...„ ran IT Lohnhrcrarhr adar eee SrhnhrhrAcAnnrrarar R e. i London nach China und Ruͤckkehr nach England, mit beſonderer Hinſicht auf den Charakter und die Lebensart der Seeleute;z von * T. F. M. Richter. Dritte verbeſſerte und wohlfeile Taſchenausgabe. Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. 1831. Inhalt. 1. Umſtaͤnde, welche den Verf. waͤhrend ſeines Aufenthalts in London zu dem Entſchluſſe veranlaſſen, eine Reiſe nach China zu machen. Verhaͤltniſſe des Verf. auf dem Schiffe, der Werford genannt, womit er reiſ't. Beſchreibung des⸗ ſelben, ſo wie auch ſeiner Mannſchaft— beſondere Eigen⸗ heiten der indiſchen Seeleute. Abfahrt von den Duͤnen nach der Reede bei Spithead, wo ein nach Botany⸗Bai beſtimmtes Schiff unſere Aufmerkſamkeit erregt. Fluͤch⸗ tige Beſichtigung der Stadt Portsmouth— Bemerkungen uͤber ihren Hafen und die dortigen mit franzoͤſtſchen Kriegs⸗ gefangenen angefuͤllten Blockſchiffe S. 1—8. 2. Abfahrt von Spithead. Wir landen in Madeira, um uns daſelbſt mit Wein zu verſorgen. Fortſetzung der Reiſe— Ankunft bei Teneriffa— ein Vorfall, der Ver⸗ anlaſſung gibt, uns an die Urbewohner der kanariſchen Inſeln, die Guanchen, zu erinnern— wir kommen bei den Inſeln des gruͤnen Vorgebirges voruͤber— Maßregeln, um das Schiff und die Mannſchaft vor den nachtheiligen Wirkungen der zunehmenden Sonnenhitze zu bewahren— beſondere Mittel, die der Verf. zur Erhaltung ſeiner Ge⸗ ſundheit anwendet— wir durchſchneiden die Linie, wo die ſo⸗ genannte Meertaufe vollzogen wird— Urſachen, warum die Oſtindienfahrer zuvoͤrderſt nach Braſilien ſteuern. S. 9— 1. *ℳ Erreichung der Kuͤſte von Braſilien. Man laͤuft in den Hafen von Rio⸗Janeiro ein— maleriſch ſchoͤner Anblick desſelben— die Reize ſeiner Inſeln und des angraͤn⸗ zenden Feſtlandes, wohin der Verf. haͤufig kleine Aus⸗ fluͤge machht. S. 22— 25. 4. Man ſegelt von Rio⸗Janeiro wieder ab, und ſteuert laͤngs der Kuͤſte von Patagonien hin. Zuſammentreffen mit einem Schiffe, deſſen Mannſchaft an dieſer Kuͤſte ein trauriges Schickſal betroffen hat. Wir aͤndern unſere Fahrt und richten ſie quer über den Ocean nach dem Vor⸗ gebirge der guten Hoffnung— es befaͤllt uns ein Sturm und dann eine gefaͤhrliche Windſtille, was jedoch beides gluͤcklich uͤberſtanden wird— Verſuche, die Tiefe des Meeres zu erforſchen, ſo wie auch das Wetter voraus zu beſtimmen— Vorſchlag zu einem Mittel, den Lauf der Schiffe auf eine leichtere Art als die bisherige zu meſſen.. S. 26. 40. 5. Wir erblicken in der Ferne das Vorgebirge der guten Hoffnung, worauf die Reiſe ungeſtoͤrt nach den indiſchen Gewaͤſſern fortgeſetzt wird. Ankunft bei der Inſel Su⸗ matra, und Landung beim Fort Marlborough am Fluſſe Bencoolen. Bemerkungen uͤber den aͤußern Anblick jener Inſel. Ihre Bewohner im Allgemeinen. Zuſtand der dor⸗ tigen engliſchen Beſitzungen. Das Fort Marlborough, Hauptort derſelben— die dabei befindliche Reede. Die nicht weit von Marlborough entfernte Stadt Bencoolen — ihre Beherrſcher— die Bauart und Einrichtung der Haͤuſer— die Straßen der Stadt und ihre Umgebung— Bemerkungen, das Hausgeraͤth betreffend.. S. 41— 52. VII 6. Die Einwohner von Bencoolen— Urſprung derſelben— außeres Anſehen— Kleidung— geiſtige Anlagen und deren Ausbildung— Gewerbe— Gemuͤthsart— Sprache — Speiſen und Getraͤnke— Vergnuͤgungen— herrſchende Religion y. S. 53— 60. 7. Es findet auf dem Werford ein Wechſel der Mannſchaft Statt. Der uͤble Einfluß, den das Klima von Bencoolen auf uns aͤußert, gibt Anlaß, daß wir ſo bald als moͤglich wieder in See zu kommen ſuchen. Unſere Fahrt durch die Straße von Sunda. Ankunft im Sundaſee, wo uns chine⸗ ſiſche Junken begegnen— kurze Beſchreibung ſolcher Schiffe, nebſt Bemerkungen uͤber die Schifffahrt der Chineſen. Ma⸗ laiiſche Fahrzeuge. Wir kommen durch die Straße von Banca. In der Naͤhe der Linie erhebt ſich ein ſtarkes Ge⸗ witter, das aber gluͤcklich voruͤbergeht, worauf wir das chineſiſche Meer ſchnell durchſchiffen. An der Kuͤſte von Cochinchina erhalten wir Zuſpruch von dortigen Einwoh⸗ ern— ihre Geſtalt und Kleidung— ihre Kaͤhne. S. 67— 75. 8. Der Werford langt vor dem Meerbuſen von Canton an, wo er von chineſiſchen Kriegſchiffen in Empfang genom⸗ men wird— Bemerkungen uͤber die Unannehmlichkeiten, welche die Europaͤer in China zu ertragen haben. An⸗ kunft auf der Reede von Macao— Beſchaffenheit derſel⸗ ben. Fortſetzung der Fahrt nach Canton. Erreichung des Fluſſes Tuho, an welchem dieſe Stadt liegt— die Forts an der Muͤndung. Anſicht der Ufer und innern Gegenden — Muͤhlwerke— ein Triumphbogen— Palankine— Thuͤrme— Graͤber. Man ankert, um die Ruͤckkehr der Fluth zu erwarten, bei einem jener Thuͤrme— die dort 2* VIII befindlichen Anſtalten zum Fiſchfang, und ſonſtiges Ver⸗ fahren dabev...... S. 76— 85. 9. Ankunft bei der Inſel Wampo, dem Ankerplatze der nach Canton beſtimmten europaͤiſchen Schiffe— Angabe der damals dort befindlichen. Wir werden unter die Aufſicht einiger chineſiſchen Beamten geſtellt— Function derſelben. Es fuͤhren ſich zwei Chineſen als die Geſchaͤftbeſorger der engliſchen Schiffe, der Fiador und Comprador genannt, bei uns ein. Man erbaut uns auf der Inſel Wampo eine Niederlage— Beſchaffenheit und Benutzung derſelben. Zahlreiche Beſuche von chineſiſchen Schneidern. Es findet bei unſerer ganzen Schiffsmannſchaft ein Wechſel der Kleidung Statt— Urſache davon. Beſuche von Schuh⸗ machern— die Arbeiten, welche ſie liefern. Ein vorneh⸗ mer Zollbeamter, der Opeu, kommt auf unſer Schiff, um es auszumeſſen— Beſchreibung der Anſtalten zu deſſen Empfang und Bewirthung, ſo wie der dabei gebraͤuch⸗ lichen Foͤrmlichkeiten........ S. 86— 95. 10, Wir beginnen die Ladung auszuſchiffen— die vielen Um⸗ ſtaͤnde, die in China mit dieſem Geſchaͤft verbunden ſind, und die Schwierigkeit, verbotene Waaren daſelbſt ein⸗ oder auszufuͤhren. Beſchreibung der Lebensweiſe, die un⸗ ſere Schiffsmannſchaft waͤhrend des Aufenthalts im Tuho fuͤhrt. Erwaͤhnung einiger ſonderbaren Gebraͤuche, welche die europaͤiſchen Seeleute in China beobachten. S. 96— 103. 11. Das Vorzuͤglichſte, was man auf der Fahrt von Wampo nach Canton erblickt, beſonders die Zollhaͤuſer und die ungeheuere Menge Flußſchiffe. Die erſten Gegenſtaͤnde, welche ſich dem Reiſenden bei der Ankunft in Canton dar⸗ 1& 88 —S, IX ſtellen— das Hauptzollhaus— die Factoreien oder Nie⸗ derlagen der Europaͤer— genaue Beſchreibung der eng⸗ liſchen, mit den dazu gehoͤrigen Beamten und Arbei⸗ tern.. S. 104—= 117. 12. Die Stadt Canton uͤberhaupt— ihre Eintheilung und Regierung. Die Vorſtaͤdte— Beſchaffenheit ihrer Gaſſen — Art und Weiſe, Laſten hin und her zu ſchaffen— Ge⸗ brauch und Einrichtung der Palankine— Bauart der Haͤu⸗ ſer— Geraͤth und Verzierung der Zimmer— die Hoͤfe bei den Haͤuſeeernrn. S. 118— 128. 13. Luſtgaͤrten. Pagoden. Marktplaͤtze— Aufzaͤhlung der vor⸗ zuͤglichſten Lebensmittel, die dort zu finden ſind. S. 129— 136. 14. Beſchreibung der Einwohner von Canton— ihre koͤrper⸗ liche Beſchaffenheit— Tracht— Sprache. Die Sprache und die Schrift der Chineſen uͤberhaupt, ihre Art zu ſchreiben und Buͤcher zu drucken, ihr Papier u. ſ. w. S. 137— 148. 15. Einiges uͤber die Staatsverfaſſung des ehineſiſchen Reichs, und uͤber ihren Einfluß auf die geiſtige Ausbildung der Einwohner. Bemerkungen, die in China eingefuͤhrten Religionen und beſonders die des Fo betreffend. S. 149— 159. 16. . Die Fortſchritte der Chineſen in den Wiſſenſchaften und Kuͤnſten. Ihre Kenntniß von der Geographie und Aſtro⸗ nomie. Beſchreibung ihrer Art zu rechnen, nebſt Angabe des Maßes, Gewichts und Geldes. Geometrie. Bau⸗ kunſt. Kriegskunſt. Heilkunde. Apothekerkunſt. Schiff⸗ x runſt. Bildhauerkunſt. Malerei. Muſik. Die Leiſtungen der Uhrmacher, Goldſchmiede, Arbeiter in Elfenbein, Kno⸗ chen, Horn, Perlmutter u. ſ. w., der Tiſchler, Lackirer, Steinhauer, Muͤller, Branntweinbrenner, Eiſenſchmiede und Metallarbeiter, der Seiden⸗ und Baumwollwebe⸗ reien, der Faͤrber, der Hutmacher, der Cantoner Glas⸗ fabrik, der Barbiere u. a. Erwaͤhnung einiger vorzuͤglich wichtigen Gewerbzweige, und Bemerkungen uͤber den Acker⸗ bau— ſorgfaͤltige Bereitung des Duͤngers.. S. 160— 174. 17. Charakter der Chineſen— ihre guten und ſchlechten Eigenſchaften— ihre umſtaͤndliche Hoͤflichkeit im Umgange mit Andern— ihr Betragen gegen Fremde— die Unarten, welche der Poͤbel ſich gegen die Europaͤer erlaubt, und Mittel, denſelben zu entgehen.... S. 175— 180. 18. Lebensweiſe der Chineſen— ihre ehelichen Verhaͤltniſſe — Vielweiberei— Erziehung der Kinder— öffentliche und haͤusliche Vergnuͤgungen— die Speiſen und Getraͤnke, ſo wie die Tiſchgebraͤuche— die beſondern Gebraͤuche bei Gaſtmahlen, nebſt der ausfuͤhrlichen Beſchreibung eines ſolchen, das waͤhrend unſeres Aufenthalts in Canton ver⸗ anſtaltet wurde...... S. 181— 190. 19. Schauſpiele. Karten⸗ und andere Spiele. Beſtrafung der Verbrechen. Beerdigung der Todten. Das Klima von Canton, und die dort herrſchenden Krankheiten.— Kurze Beſchreibung unſerer Ruͤckreiſe nach England, S. 191—198. 1. Umſtaͤnde, welche den Verf. waͤhrend ſeines Aufenthalts in London zu dem Entſchluſſe veranlaſſen, eine Reiſe nach China zu machen. Verhaͤltniſſe des Verf. auf dem Schiffe, der Werford genannt, womit er reiſ't. Beſchreibung des⸗ ſelben, ſo wie auch ſeiner Mannſchaft— beſondere Eigen⸗ heiten der indiſchen Seeleute. Abfahrt von den Duͤnen nach der Reede bei Spithead, wo ein nach Botany⸗Bai beſtimmtes Schiff unſere Aufmerkſamkeit erregt. Fluͤch⸗ tige Beſichtigung der Stadt Portsmouth— Bemerkungen uͤber ihren Hafen und zie dortigen mit franzoͤſiſchen Kriegsgefangenen angefuͤllten Blockſchiffe. De Ausruͤſtung der Schiffe, welche der engliſch⸗oſt⸗ indiſchen Compagnie gehoͤren, iſt in Hinſicht der Be⸗ mannung ſtets mit Schwierigkeiten verknuͤpft, da ſolche Schiffe, wegen ihrer Groͤße und Beſtimmung, ſehr ſtarke Mannſchaften noͤthig haben, und uͤberdem die Seeleute ungern darauf dienen, weil man dort außer dem Ungemach, das eine Reiſe nach Indien mit ſich fuͤhrt, eine ziemlich ſtrenge Behandlung ertragen muß; daher auch die Werbung ihrer Matroſen nicht ſelten durch Mittel, die dem ehemaligen Seelenverkauf in Amſterdam und Hamburg aͤhnlich ſind, betrieben wird⸗ V. 1 Im Laufe des Krieges vermehrten ſich jene Schwierig⸗ keiten noch dadurch, daß es uͤberhaupt an Seeleuten mangelte, und daß ihre Beſoldung auf den Schiffen der einzelnen Kaufleute ungewoͤhnlich ſtieg, waͤhrend ſie auf denen der oſtindiſchen Handelsgeſellſchaft bei der im Frieden beſtimmten Summe ſtehen blieb. Bei ſo bewandten Umſtaͤnden geſchah es, daß ich nach meiner Ankunft in London, im October 1809,— um welche Jahreszeit die Ausruͤſtung der Oſtindien⸗ fahrer beginnt,— vielfaͤltig aufgefodert wurde, mich auf einem derſelben anſtellen zu laſſen. Da ich ſchon lange den Wunſch genaͤhrt hatte, China zu ſehen, ſo begab ich mich auf den Werford, ein nach Canton be⸗ ſtimmtes Schiff, wo man mir das Amt eines dritten Steuermanns anvertraute. Was mein Steuermanns⸗Amt betrifft, ſo war ich ihm nun freilich in Hinſicht der dazu erfoderlichen mechaniſchen Fertigkeiten, welche nur die Frucht einer fruͤhzeitigen und langen Uebung ſein koͤnnen, nicht voͤl⸗ lig gewachſen. Doch gelang es mir, meinen Obern keinen Anſtoß durch dieſen Mangel zu geben, indem ich gleich Anfangs kein Geheimniß daraus machte, ſtets guten Willen zur Arbeit und Empfanglichkeit fuͤr Belehrung zeigte, und es uͤberhaupt den Englaͤndern eigen iſt, den beſcheidenen Schwaͤchern zu ſchonen. Aeberdem faͤllt es Leuten von einiger wiſſenſchaftlichen Bildung nicht ſchwer, ſich in jeder Lage des Lebens nuͤtzlich und geltend zu machen; kurz, ich ſtand vom — — — 3 Anfang bis zum Ende der Reiſe im beßten Vernehmen mit der ganzen Schiffsmannſchaft, was ſonſt bei den Steuermaͤnnern ſelten der Fall iſt, da ſie als Perſonen, die zwiſchen Kapitaͤn und Volk in der Mitte ſtehen, leicht dem einen oder dem andern Theil zu nahe treten.— Unſer Schiff, der Wexford, glich in ſeiner Bauart einer Fregatte. Auf dem untern Deck befanden ſich zweiundzwanzig achtzehnpfuͤndige Kanonen, und ein Dutzend zwoͤlfpfuͤndige auf dem Back und der Schanze. Die obere Kajuͤte wurde vom Kapitaͤn, die untere von den uͤbrigen Offizieren bewohnt; beide waren bequem, beſonders auch zur Aufnahme von Reiſenden eingerich⸗ tet. Das untere Deck, welches wir das Kanonendeck oder die Batterie nannten, diente dem großen Volks⸗ haufen zur Wohnung; auch enthielt es die Kuͤche und mancherlei Vorrathskammern. Der weite Schiffsraum war faſt ausſchließlich fuͤr die Frachtguͤter beſtimmt. Die Mannſchaft zuͤhlte in Allem achtzig Koͤpfe. Sie war ein buntes Gemiſch von verſchiedenen Natio⸗ nen, indem nur ein Drittel aus Englaͤndern, die Mehrheit aber aus andern Europaͤern, aus Negern und hauptſaͤchlich Indiern beſtand. Letztere findet man gewoͤhnlich in ſtarker Anzahl auf den engliſchen Oſtin⸗ dienfahrern, weil dieſelben auf der Reiſe bisweilen einen großen Theil der europaͤiſchen Mannſchaft ver⸗ lieren, und daher in Indien Eingeborne werben, welche die Compagnie von Zeit zu Zeit zuruͤckſenden muß. Dieſe indiſchen Seeleute, die man insgemein Laskaren 1* nennt, erlangen, da ſte von Natur viel Verſtand und einen gewandten Koͤrper haben, ſchnell einige Fertig⸗ keit in der europaͤiſchen Schifferkunſt. Deſſen ungeach⸗ tet veraͤndern ſie ſelten die vaterlaͤndiſchen Sitten. Ihre Kleidung, die in einem hemdartigen Gewand von ſchwarz gefaͤrbtem baumwollenen Zeuge, und in der⸗ gleichen Hoſen beſteht, legen ſie ſelten ab, ſondern ziehen ſie, wenn das nordiſche Klima die europaͤiſche wollene noͤthig macht, vorzugsweiſe daruͤber an. Das ſchwarze Haar tragen ſie in einen Zopf geflochten, der vom Wirbel herab haͤngt. Reiß bleibt unter allem, was die europaͤiſche Kuͤche bereitet, ihre Lieblingſpeiſe, ſo wie das Kauen der Betelblaͤtter und Arekanuͤſſe nie ſeinen Reiz bei ihnen verliert. Gegen das Ende Decembers verließ der Wexford die Duͤnen, um ſich auf der Reede von Spithead, dem vorzuͤglichſten Sammelplatze der engliſchen Flotten, mit den uͤbrigen Oſtindienfahrern zu vereinigen. Auf der Hoͤhe von Beachy⸗Head(Cap Beachy) erblickten wir zwei uns entgegen kommende Schiffe, die in der Ferne das Anſehen franzoͤſiſcher Kaper hatten. Da der Wind zum Fliehen nicht guͤnſtig, auch kein Hafen zur Auf⸗ nahme großer Schiffe in der Naͤhe war, ſo verſaͤum⸗ ten wir keine Zeit, uns zum Kampfe zu ruͤſten. Schon ſtanden unſere Leute mit brennender Lunte bei den ſcharf geladenen Kanonen, als man die ſich naͤhern⸗ den gefuͤrchteten Segel fuͤr engliſche Kauffahrer er⸗ kannte, deren zahlreiche Geſchuͤtzpforten bloß Malerei, 2 — 5 und die hervorragenden Kanonenrohre Holzwerk waren. Hierbei iſt zu bemerken, daß in Kriegszeiten die Han⸗ delſchiffe ſich haͤufig durch ſolches Blendwerk ein furcht⸗ bares Anſehen geben, um dadurch feindliche Ueberfaͤlle abzuhalten, ſo wie die Kaper⸗ und kleinen Kriegſchiffe, zur leichtern Ueberraſchung ihrer Beute, die Geſtalt eines unſchuldigen Kauffahrers anzunehmen ſuchen. Von Schiffen, die man auf ſolche Weiſe unkenntlich macht, pflegen die Seeleute zu ſagen, daß ſie„maskirte“ oder„Masken“ ſind. Bei unſerer Ankunft in Spithead ankerten wir nicht weit von einem großen Transportſchiffe, welches die Beſtimmung hatte, mehre hundert des Landes ver⸗ wieſene Frauen nach Botany⸗Bai zu ſchaffen, daher man es ſchlechthin„das Frauenſchiff“ nannte. Die Regierung hatte naͤmlich die Maßregel ergriffen, nur noch weibliche Verbrecher nach jener Colonie zu ſchik⸗ ken, weil ſie bereits ſo ſtark bevoͤlkert war, daß man, bei fortgeſetzter Vermehrung der maͤnnlichen Einwoh⸗ ner, einen baldigen Abfall vom Mutterlande fuͤrchten mußte. Das genannte Frauenſchiff hatte ſchon auf der Themſe, wo die Verbannten eingeſchifft wurden, durch die große Luſtigkeit ſeines Perſonals allgemeine Aufmerkſamkeit erregt. Noch mehr war dieß in Spi⸗ thead der Fall, indem beſtaͤndig Boote mit Naſchwerk um dasſelbe ſchwaͤrmten, ſingende und jubelnde Stim⸗ men darauf ertoͤnten, und es uͤberhaupt der Schauplatz eines Freudenfeſtes ſchien. Denn dergleichen Verbann⸗ ten geht der Abſchied vom Vaterlande, wo nur Schande und Einſperren in den Gefäͤngniſſen ihr Loos ſind, wenig zu Herzen; vielmehr ſehen ſie der Abreiſe nach ihrem Beſtimmungorte mit Vergnuͤgen entgegen, weil ſie dort, meiſtens unter lauter ihnen aͤhnlichen Men⸗ ſchen, gleichſam wieder zu Ehren gebracht, auf eine hoͤhere Stufe der Freiheit geſtellt, und ſchon auf der Fahrt dahin faſt wie jeder andere Reiſende behandelt werden. Ueberdem beſtehen gewoͤhnlich die Mannſchaften der zu ſolchen Transporten beſtimmten Fahrzeuge, wiewohl man ſie eigentlich zum Dienſte zwingt, großen Theils aus luſtigen Leuten, welche, von den Weibern angezo⸗ gen, ſich freiwillig dazu begeben. Dem obigen Schiffe ſtroͤmten, als es in London ausgeruͤſtet wurde, von allen Seiten Menſchen zu, obſchon damals ein Mangel an Seeleuten herrſchte. Da waͤhrend unſeres Aufenthalts in Spithead taͤglich eine Schaluppe, um friſche Lebensmittel zu holen, nach Portsmouth abgeſchickt wurde, ſo benutzte ich einige Mal die Gelegenheit, dieſen Ort in Augen⸗ ſchein zu nehmen. Unter den Merkwuͤrdigkeiten, die ich hier beobachten konnte, erwaͤhne ich bloß des Hafens, der ſich eben ſo ſehr durch ſeine natuͤrliche Schoͤnheit, als durch die kuͤnſtlich angelegten Kaien und Docken, die weitlaͤuſigen Vorrathshaͤuſer und Werften fuͤr die koͤnigliche Marine, und durch eine große Lebhaftigkeit auszeichnet, wozu die ſtets bei Spithead verſammelten Schiffe Vieles beitragen. Sehr ſehenswerthe Gegen⸗ — 4 ſtaͤnde jener Zeit, die gewiß kein Fremder unbeſucht ließ, waren diejenigen Blockſchiffe“), worauf man franzoͤſiſche Kriegsgefangene in Verwahrung hielt; denn der Geiſt der Betriebſamkeit, der den Franzoſen ſelbſt im Gefaͤngniſſe nicht verlaͤßt, zeigte ſich hier in einem glaͤnzenden Lichte. Dieſe Gefangenen wuͤrden— wie es auch fruͤher geſchehen war,— manchen engliſchen Fabrikwaaren großen Abbruch gethan haben, wenn nicht die Regierung ihre Thaͤtigkeit auf die Verfertigung von Kleinigkeiten beſchraͤnkt haͤtte, mit welchen man, weil die darauf verwendete Muͤhe wenig belohnt wird, in England ſelten ſich befaßt. Ihre Arbeiten begriffen eine große Mannichfaltigkeit von Gegenſtaͤnden aus Stroh, Baſt, Pappe, Glas, Knochen und andern gering⸗ fuͤgigen Beſtandtheilen. Sie wurden von den Englaͤn⸗ dern, ſo ſehr auch dieſe das Dauerhafte und Koſtbare lieben, wegen der kuͤnſtlichen und geſchmackvollen Zu⸗ ſammenſetzung allgemein geſchaͤtzt und als Seltenheiten betrachtet. Zu den geſuchteſten gehoͤrte z. B. eine Art Putzkaͤſtchen von Pappe, die mit ſchoͤn gefaͤrbtem bun⸗ ten Stroh, und zwar in tauſendfachen gefaͤlligen For⸗ men, belegt waren. Da die Arbeiten ſich uͤbrigens durch große Wohlfeilheit empfahlen, ſo fehlte es ihnen **) Blockſchiffe ſind die zum Seedienſt unbrauchbar gewor⸗ denen, abgetakelten Kriegſchiffe, dergleichen es in Ports⸗ mouth ſehr viele gibt; ſie dienen zu Niederlagen fuͤr verſchiedene Beduͤrfniſſe der Marine, und waͤhrend des franzoͤſiſch⸗ engliſchen Krieges wurden einige zu Ge⸗ faͤngniſſen benutzt. um ſo weniger an gutem Abſatze. An zwei Tagen der Woche durfte man dieſelben auf den Schiffen zum Verkauf auslegen, wo ſie dann von den Einwohnern der Stadt und Umgegend in Menge gekauft, und zum Theil im Lande verbreitet wurden. Auch die engliſchen Seeleute pflegten ſolche Waaren einzuhandeln, und in's Ausland zu fuͤhren, was ihnen bisweilen einen bedeu⸗ tenden Gewinn verſchaffte; und ich erinnere mich, daß ein Matroſe, der einige von den erwaͤhnten Putzkaͤſtchen nach Palermo brachte, daſelbſt fuͤr jedes derſelben fuͤnf bis ſechs ſpaniſche Thaler erhielt, wiewohl es ihm nur ſo viel engliſche Schillinge gekoſtet hatte. Das vorzuͤglichſte Stuͤck, welches mir unter den Arbeiten der franzoͤſiſchen Kriegsgefangenen zu Geſichte kam, war ein im Kleinen nachgebildetes Linienſchiff. Es zeichnete ſich nicht nur durch die feine Zuſammenſetzung, die große Vollſtaͤndig⸗ Eeit und das richtige Verhaͤltniß aller ſeiner Theile, ſon⸗ dern auch dadurch aus, daß die zahlreiche Mannſchaft und ihre verſchiedenen Beſchaͤftigungen ſehr natuͤrlich dar⸗ geſtellt waren. Die Seiten, die Verdecke und innern Waͤnde des Schiffes beſtanden aus polirtem Glaſe, daher ſich das Ganze leicht uͤberſehen ließ; alles Uebrige, mit Ausnahme des Tauwerks, hatte man aus Knochen ge⸗ drechſelt. Der Verfertiger dieſes Kunſtwerks hat dasſelbe ſpaͤterhin dem Koͤnige von England uͤberſendet, wofuͤr er mit einer anſehnlichen Summe Geldes, nebſt der Frei⸗ heit, nach Frankreich zuruͤckzukehren, belohnt worden iſt. 2. Abfahrt von Spithead. Wir landen in Madeira, um uns daſelbſt mit Wein zu verſorgen. Fortſetzung der Reiſe— Ankunft bei Teneriffa— ein Vorfall, der Ver⸗ anlaſſung gibt, uns an die Urbewohner der kanariſchen Inſeln, die Guanchen, zu erinnern— wir kommen bei den Inſeln des gruͤnen Vorgebirges voruͤber— Maßregeln, um das Schiff und die Mannſchaft vor den nachtheiligen Wirkungen der zunehmenden Sonnenhitze zu bewahren— beſondere Mittel, die der Verf. zur Erhaltung ſeiner Ge⸗ ſundheit anwendet— wir durchſchneiden die Linie, wo die ſogenannte Meertaufe vollzogen wird— Urſachen, warum die Oſtindienfahrer zuvoͤrderſt nach Braſilien ſteuern. O[.[— Am 3. Januar ging der Werford, mit der erſten Abtheilung der nach Oſtindien beſtimmten Schiffe und unter dem Geleit einer Fregatte, von Spithead ab. Der Wind war weſtlich und das Wetter— wie es in dieſer Jahreszeit dem britiſchen Kanal eigen iſt,— truͤbe und nebelig. Deſſen ungeachtet langten wir in guter Ordnung am dritten Tage auf der Hoͤhe von Breſt an. In dieſer Gegend erhob ſich ein friſcher Wind von Nordweſten, der den Himmel erheiterte, dann nach Norden ſich drehte und uns mit großer Gewalt aus den europaͤlſchen Gewaͤſſern trieb. Acht Tage nach der Abfahrt von England ſtieg die Inſel Madeira, wie 10 ein großer, in den Wolken ſich verlierender Berg, aus dem Meere vor uns auf. 3 Die Flotte lief in die Reede von Funchal, der Hauptſtadt des Eilandes, ein, um ſich mit Wein zu verſorgen, was uͤberhaupt— weil dieſes Getraͤnk eine wohlthaͤtige Staͤrkung fuͤr den Europaͤer in den heißen Erdſtrichen iſt,— von den Oſtindienfahrern nie unter⸗ laſſen wird. Unſer Werford verſah ſich mit mehren Sorten Wein. Außer den geringern, welche die engliſch⸗ oſtindiſche Compagnie ihren Schiffen gibt, und von den Lieferanten zu dem feſtgeſetzten Preiſe von 16 Pfund Sterling die Tonne bekommt, kauften Viele von un⸗ ſerer Mannſchaft auch beſſere fuͤr ihr eigenes Geld. Ich ſelbſt verband mich mit Einigen zum Ankauf einer halben Tonne des ſogenannten Dry⸗(trockenen) Ma⸗ deira, die 20 Pfund Sterling koſtete. Da die Kaufleute in Madeira die Einrichtung ge⸗ troffen haben, den ankommenden Schiffen alle Beduͤrf⸗ niſſe, ſelbſt das Holz und friſche Waſſer, in eigenen Booten zuzufuͤhren, und uͤberhaupt ſie ſchnell zu be⸗ dienen, ſo erhielt ich keine Gelegenheit das Land zu betreten; daher meine Leſer eine Beſchreibung dieſer ohnehin ſo oft geſchilderten Inſel hier nicht erwarten duͤrfen. Ich erwaͤhne nur beilaͤufig, daß ſich mir in der Bai von Funchal, neben den mannichfachen Reizen der Landſchaft, auch derſelbe traurige Anblick darbot, den ich ſchon fruͤher in Liſſabon und andern portu⸗ gieſiſchen Seehaͤfen gehabt hatte, naͤmlich eine Menge 11 mit Lumpen bedeckten Geſindels, das, den ganzen Tag am Strande verſammelt, der anlandenden Fremden harret, um von ihnen etwas zu erbetteln, oder auf andere Art Vortheil zu ziehen. Am 15. Januar ſegelte unſere Flotte, mit allen Beduͤrfniſſen verſehen, von Funchal wieder ab. Der Wind war Anfangs nordweſtlich; aber bald entſtand eine gaͤnzliche Windſtille, und nach einiger Zeit ſtellte ſich ein friſcher nordoͤſtlicher Luftſtrom ein, der Paſſat. Madeira, Porto Santo, ſo wie die Deſiertas, ent⸗ ſchwanden nun ſchnell nach einander unſern Blicken, und am 17. lagen die Kanarien uns zur Seite. Der herrliche Anblick des Pico auf Teneriffa ward uns nicht zu Theil; denn das Wetter war den ganzen Tag truͤbe, und das Eiland bis auf ſeine niedrigſten Bergſpitzen mit Wolken und Nebeln umhuͤllt. Als wir nach Sonnenuntergang bei Santa Cruz voruͤberſchifften, kam ein kleines Fahrzeug vom Lande, um uns Wein zum Verkauf anzubieten. Die Flotte legte bei, und faſt jedes Schiff verſah ſich mit einigen Tonnen Wein, da er weit ſtaͤrker als der von Madeira befunden wurde, und uͤberdem kaum halb ſo viel koſtete. Waͤh⸗ rend die Weinverkaͤufer mit ihrem Schiffe an der Seite des unſrigen ſich befanden, erblickten wir unter ihnen einen Mann, deſſen rieſenhafte Geſtalt um ſo mehr Bewunderung erregte, weil die uͤbrigen von kleinem Wuchſe waren und wie Zwerge neben jenem ſtanden. Noch mehr zog der koloſſaliſche Mann unſre Aufmerk⸗ 12 ſamkeit auf ſich, als er uns zu wiſſen that, daß er ein Abkoͤmmling der Guanchen— Urbewohner der kana⸗ riſchen Inſeln,— ſei. Allein, einer von ſeinen Ge⸗ faͤhrten, der ihm nicht wohlzuwollen ſchien, entdeckte uns, daß er aus der ſpaniſchen Landſchaft Catalonien abſtamme, und die Rolle des Guanchen nur in Gegen⸗ wart von Fremden ſpiele, um ihrer Neugierde und Leichtglaͤubigkeit ein Geſchenk abzulocken, was ihm bis⸗ weilen gelinge; ſo wie er auch verſicherte, daß ſich, außer den in Felſen eingehauenen Grabmaͤlern der Guanchen, nicht die geringſte Spur von dieſem Volke weder auf Teneriffa, noch auf einer der benachbarten Inſeln erhalten habe. Bekanntlich wurden ſie durch die Inquiſition voͤllig ausgerottet. um Mitternacht, wo die Flotte den Weinkauf beendigt hatte, ging ſie wieder unter Segel, und ſteuerte nach den Inſeln des gruͤnen Vorgebirges. Wir er⸗ blickten dieſelben am 23. Januar und ſchifften bei ihnen voruͤber, ohne ſie zu beruͤhren. Wir hatten in der Gegend jener Inſeln noch eine ziemlich gemaͤßigte Luftwaͤrme; erſt nach dem Eintritt in den 14. Grad noͤrdlicher Breite fanden wir es noͤthig, unſere Zuflucht zu den Maßregeln zu nehmen, welche auf Reiſen in den ſuͤdlichen Himmelſtrichen uͤblich ſind, um das Schiff und die Mannſchaft vor den nachthei⸗ ligen Wirkungen der Sonnenhitze zu bewahren. Man begoß z. B. das Schiff taͤglich zu mehren Malen mit Waſſer, ſpannte uͤber dem Verdeck Schirme von Segel⸗ 13 tuch aus, und uͤberſtrich das Holzwerk oft mit Oel⸗ farben, zum Theil mit Fett, ſo wie die Taue mit Theer. Die untern Gemaͤcher wurden, zur Vertreib⸗ ung der uͤbeln Duͤnſte, haͤufig mit Eſſig uͤberwaſchen und ausgeraͤuchert, auch durch Windleiter mit friſcher Luft verſehen. Die Mannſchaft erhielt man zwar ſtets in Thaͤtigkeit, trug aber Sorge, ſie dabei ſo viel als moͤglich den wohlthaͤtigen Schatten genießen zu laſſen, und wenigſtens nicht in den Mittagſtunden den Son⸗ nenſtrahlen auszuſetzen. Daß auf die Reinhaltung des Koͤrpers, beſonders in Hinſicht der Waͤſche— eines ſo weſentlichen Erfoderniſſes zur Erhaltung der Geſund⸗ heit,— ſcharfes Augenmerk gerichtet wurde, glaube ich, von engliſchen Seefahrern ſprechend, kaum erwaͤh⸗ nen zu duͤrfen. Ueberdem ließ der Pflichteifer und die Umſicht unſeres Arztes, um Krankheiten zu verhuͤten, noch andere Maßregeln eintreten, die ſonſt auf Schiffen unbeachtet bleiben. So mußten alle Speiſen und Ge⸗ traͤnke, mit Einſchluß des Waſſers, ehe man ſie aus⸗ theilte, ihm zur Pruͤfung vorgezeigt werden. Er drang ferner darauf, daß waͤhrend der Nacht die wachhabenden Leute ſich warm ankleideten, die von der Wache be⸗ freiten aber nicht, wie die Seeleute in heißen Erd⸗ ſtrichen zu thun pflegen, auf dem offenen Verdeck, ſondern in ihren Gemaͤchern ſchliefen, obſchon die Hitze darin bisweilen druͤckend war; denn in ſuͤdlichen Kli⸗ maten iſt dem Koͤrper nichts zutraͤglicher, als ihn in einer gleichfoͤrmigen Ausduͤnſtung zu erhalten, dagegen 14 Erkaͤltung desſelben und Stockung ſeiner Saͤfte— was die dortige, nach Verhaͤltniß der Tageswaͤrme ſehr kuͤhle und von ſtarkem Thau begleitete Nachtluft leicht bewirkt,— Ruhren und Fieber, oder die Auszehrung nach ſich ziehen. Eine der ungewoͤhnlichſten Einricht⸗ ungen, welche unſer Arzt traf, war die, daß die Leute des Morgens und Abends ſich in Seewaſſer baden, oder wenigſtens am ganzen Leibe damit abwaſchen mußten, indem die zum Waſchen des Verdecks vorhan⸗ denen großen Kuͤbel die Stelle der Badewannen ver⸗ traten. Ich kenne kein Mittel, das auf Reiſen im Suͤden zur Erhaltung der Geſundheit kraͤftiger bei⸗ traͤgt, als ein ſolches Verfahren. Schon im erſten Baͤndchen meiner Reiſen habe ich von der heilſamen Eigenſchaft des Seewaſſers uͤberhaupt geſprochen; hier muß ich hinzufuͤgen, daß es, zum Baden gebraucht, im Suͤden noch in einer beſondern Hinſicht ſehr wohl⸗ thaͤtig wirkt. Der Koͤrper, der durch die beſtaͤndige Ausduͤnſtung ſeine Saͤfte verliert, ſtrebt unaufhoͤrlich, dieſelben zu erſetzen, daher man einen kaum zu befrie⸗ digenden Durſt empfindet. Dieſen durch wiederholtes Trinken zu loͤſchen, iſt eben ſo nachtheilig, als ihn unbefriedigt zu laſſen; denn es hat eine Erſchlaffung der Eingeweide zur Folge, wodurch die Verdauung gehindert und mithin die Abnahme der Lebenskraft beſchleunigt wird. Badet man ſich aber, ſo ſaugt der ausgetrocknete Koͤrper das Waſſer begierig ein, und er⸗ haͤlt auf dieſem Wege die verlorenen Saͤfte wieder, 15 ohne daß man noͤthig hat, den Magen mit Fluͤſſig⸗ keiten zu uͤberfuͤllen und dadurch die Eingeweide zu ſchwaͤchen. Kurz, ich fand, daß mir an ſolchen Tagen, wo ich mich badete, die Haͤlfte des Getraͤnks genuͤgte, das ich außerdem zu mir nehmen mußte; ja, man hat Beiſpiele, daß Seefahrer, welchen es mehre Wochen an Trinkwaſſer mangelte, blos durch Huͤlfe des Bades ſich am Leben erhielten. Da ich hier die Geſundheitpflege beruͤhrt habe, die in den heißen Klimaten unter unſern Leuten im Allgemeinen Statt fand, ſo will ich bei dieſer Gele⸗ genheit die dort von mir gefuͤhrte Lebensweiſe noch beſonders beſchreiben, weil ich hoffen darf, daß dieſelbe, ungeachtet der verſchiedenen Leibesbeſchaffenheit der Menſchen, den Meiſten, die ſuͤdliche Laͤnder beſuchen, zuſagen duͤrfte, indem ſie meinem nicht ſehr dauerhaf⸗ ten Koͤrper die Beſchwerden der Reiſe gluͤcklich uͤber⸗ ſtehen half.— In Betreff der Kleidung befolgte ich gewiſſermaßen das hollaͤndiſche Sprichwort:„Was wider die Kaͤlte hilft, dient auch gegen die Hitze“, worin gewiß viel Wahres liegt. Ich trug auf dem bloßen Leibe Beinkleider und ein Hemd von feinem Flanell, und daruͤber einen Anzug von Nanking. Die Bedeckung des Kopfes beſtand in einem leichten Stroh⸗ hut mit breiter Kraͤmpe. Solchergeſtalt empfand ich die Macht der Hitze weit weniger, als die meiſten⸗mei⸗ ner Gefaͤhrten, die am Tage nur mit duͤnnen, baum⸗ wollenen oder leinenen Hemden und Hoſen bekleidet 16 waren, und gern auch dieſe leichte Huͤlle abgeworfen haͤtten; denn es iſt einleuchtend, daß die Sonnenſtrah⸗ len eine duͤnnere Kleidung leichter durchdringen, als eine dickere. Da ferner die meinige nicht zu ſchwer, in allen Theilen weit und im Winde flatternd war, ſo gewaͤhrte mir dieß eine immerwaͤhrende Kuͤhlung, die jedoch nie zur Erkaͤltung wurde. Ueberdem haben flanellene Unterkleider— ihrer bekannten Heilſamkeit bei rheumatiſchen Zufaͤllen nicht zu gedenken,— auch das Gute, daß man vom Schwitzen faſt nichts gewahr wird, und eben ſo wenig das Unbehagliche fuͤhlt, wel⸗ ches die vom Schweiß durchnaͤßte leinene oder baum⸗ wollene Waͤſche verurſacht, beſonders wenn man in die Zugluft kommt, was auf Schiffen nicht zu vermeiden iſt. Solche Unterkleider muͤſſen jedoch oft gewechſelt werden, weil ſie außerdem bald von dem fettigen Schweiße uͤberzogen ſind, welcher die Ausduͤnſtung des Koͤrpers verhindert, und daher oft ſehr verderblich auf denſelben wirkt. Zu dem Ende legte ich dreimal taͤg⸗ lich reine an, indem die ausgezogenen unverzuͤglich in Seewaſſer abgeſpuͤlt und zum Trocknen aufgehaͤngt wurden, ſo daß ſie nach einer Stunde von neuem zu gebrauchen waren. Betlaͤufig erwaͤhne ich, daß die Oberkleider von gefirnißtem Seidenzeuge, deren man ſich in ſuͤdlichen Laͤndern zur Regenzeit, um die Naͤſſe abzuhalten, mit Vortheil bedient, nicht minder gegen die Hitze ein kraͤftiges Schutzmittel ſind, weil ſie ver⸗ moͤge ihrer Dichtheit das Eindringen der Sonnenſtrah⸗ S8SDS AARÁ— 17 len gaͤnzlich verhindern, auch an ſich die Eigenſchaft zu kuͤhlen, und uͤberdem eine ungemeine Leichtigkeit beſitzen. Da ſie aber große Schonung erfodern, ſo taugen ſie auf den Schiffen nur fuͤr ſolche Leute, die keinen Theil an der Handarbeit nehmen.— Meine Weiſe im Eſſen und Trinken ſtuͤtzte ſich hauptſaͤchlich auf den Grundſatz: Wenig und gut. Des Morgens um vier Uhr nahm ich eine Schale Kaffee und einige Biſſen Zwieback zu mir. Gegen zehn Uhr trank ich, zur Staͤrkung des Magens, ein Glas auf China ge⸗ ſetzten Wein, und aß nachher etwas kalte Kuͤche, oder ein Paar weich geſottene Eier, wenn welche vorhanden waren. Beim Mittagmahl— das gewoͤhnlich erſt um vier Uhr gehalten wurde,— begnuͤgte ich mich, da es nie an Federvieh mangelte, mit einem Teller voll kraͤf⸗ tiger Suppe und dem Viertel einer Henne, indem ich das geſalzene Fleiſch, ſo wie auch den Pudding, die Paſteten und andere bei den Englaͤndern gebraͤuchliche Speiſen, die ſchwer zu verdauen ſind, ſelten beruͤhrte. Auch an der engliſchen Sitte, die Mahlzeit mit Likoͤren zu beſchließen, nahm ich keinen Theil, ſondern ließ es bei einigen Glaͤſern Wein, die ich waͤhrend derſelben trank, bewenden. Zum Abendeſſen genoß ich eine Taſſe nicht allzu ſtarken Thee und ein wenig Zwieback, was ich auch waͤhrend der Nacht, wenn ich die Wache hatte, bisweilen that. Bei dieſer Lebensordnung fehlte mir es nie an Luſt zum Eſſen, die man doch im Suͤden ſo leicht verliert und, obſchon zu großem Nachtheil, oft V. 2 18 kuͤnſtlich erzwingt. Um den im Laufe des Tages oft wiederkehrenden Durſt zu befriedigen, diente mir ein Schluck Wein, oder etwas warme Limonade⸗ Waſſer zu trinken vermied ich in jenen heißen Gegenden, weil es auf dem Schiffe meiſtens uͤbelriechend, lauwarm und folglich erſchlaffend war. Selbſt am Lande und friſch aus der Quelle geſchoͤpft, wollte mir das Waſſer nicht bekommen, weil es, wenn man nicht ein Einge⸗ borner und daran gewoͤhnt iſt, den Koͤrper erkaͤltet, oder in zu ſtarken Schweiß verſetzt; dagegen geiſtige und warme Getraͤnke die Erhitzung desſelben am beß⸗ ten daͤmpfen.— Die Mittel, welche noch beſonders von mir angewendet wurden, um Krankheiten vorzu⸗ beugen, waren eben ſo einfach als in ihrer Zahl be⸗ ſchraͤnkt. Aus dem ſchon oben angefuͤhrten Grunde gebrauchte ich taͤglich das Seebad, ſo wie ich zur Ver⸗ huͤtung der Mundfaͤule,— wovon man auf weiten Seereiſen ſo leicht ergriffen wird,— neben der Ge⸗ wohnheit, mit etwas Taback vermiſchte Salbeiblaͤtter zu kauen, den Mund haͤufig mit Weineſſig und Waſſer auszuſpuͤlen pflegte. Da uͤbrigens der Seemann, wegen Mangel an hinreichender Bewegung, hauptſaͤch⸗ lich in ſuͤdlichen Klimaten, wo der Koͤrper ungemein erſchlafft, mehr als andere Menſchen der Verſchleimung ausgeſetzt, und dieſe unbezweifelt die Urſache der meiſten ihn befallenden Uebel iſt, ſo trank ich, an einigen Ta⸗ gen der Woche, fruͤh nuͤchtern ein halbes Glas Meer⸗ —,——2» 19 waſſer, deſſen aufloͤſende, abfuͤhrende und zugleich ſtaͤr⸗ kenden Kraͤfte ſchon anderwaͤrts von mir geruͤhmt wor⸗ den ſind. Daß ich mich zu dem Ende der kuͤnſtlichen und koſtbaren, auf unſerem Schiffe vorhandenen Arzneien nicht bediente, hatte ſeinen Grund darin, weil ich der Meinung war, daß der Menſch immer zu denjenigen Mitteln ſeine Zuflucht nehmen ſollte, die ihm zunaͤchſt liegen, und daß er dieſelben uͤberall in der Naͤhe ſindet, wenn er ſie aufſuchen will, indem die Natur gewiß jeden Theil des Erdballs mit dem verſorgt hat, was den ihn bewohnenden Geſchoͤpfen angemeſſen und heil⸗ ſam iſt. Ich komme nun zu unſerer Reiſe zuruͤck.— Wir uͤberſchritten ſchon am 2. Februar die Linie. Von dem in dieſer Meeresgegend hergebrachten ſeemaͤnniſchen Ge⸗ brauch der ſo genannten Meertaufe,— der im erſten Baͤndchen meiner Reiſen umſtaͤndlich befchrieben iſt,— bemerke ich bloß, daß er mit allen Foͤrmlichkeiten be⸗ obachtet wurde, und Gelegenheit gab, der Mannſchaft einen ſehr vergnuͤgten Tag zu machen, da zumal die Paſſagiere viel Rum und Wein dabei vertheilten. Von den langen, hoͤchſt gefaͤhrlichen Windſtillen, die unter der Linie ſo gewoͤhnlich ſind, blieben wir be⸗ freit. Die oͤſtlichen Luftſtroͤme fuͤhrten uns, obſchon am Ende mit ſehr geſchwaͤchter Kraft, ungefaͤhr bis zum 2. Grad ſuͤdlicher Breite, worauf ſie allmaͤhlig in einen friſchen Suͤdoſtwind uͤbergingen, 2* 20 Wie bekannt, ſegeln in neuern Zeiten die nach Indien gehenden Schiffe, nachdem ſie das Gebiet des ſuͤdoͤſtlichen Paſſatwindes erreicht haben, nicht gerade nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung, weil dieſer Wind ihnen von dort an voͤllig entgegen weht, und große Schwierigkeiten verurſacht. Sie laſſen ſich von ihm nach Braſilien fuͤhren, wohin er guͤnſtig iſt, und gehen dann laͤngs den Kuͤſten bis uͤber den Wendekreis des Steinbocks hinaus, in die Gegend der veraͤnder⸗ lichen Winde. Hier empfaͤngt ſie gewoͤhnlich ein nord⸗ weſtlicher Luftſtrom, der ſie in kurzem quer uͤber den Ocean und um Afrika bringt, ſo daß eine Reiſe nach Indien und wieder zuruͤck in funfzehn bis zwanzig Monaten vollendet wird, obſchon ehedem, als man ſich an den Kuͤſten von Afrika muͤhſam hinzuarbeiten pflegte, ein Zeitraum von drei Jahren dazu noͤthig war. Aus dieſem Grunde ſchlugen auch wir die eben beſchriebene Laufbahn ein. Auf dem ganzen, wiewohl ſehr betraͤchtlichen Wege von der Linie bis nach Braſilien ereignete ſich nichts Merkwuͤrdiges; und den Leſer mit dem Thun und Treiben der Schiffsmannſchaft zu unterhalten, wuͤrde ihn nur ermuͤden, da er bereits aus meinen fruͤhern Beſchreibungen die gewoͤhnliche Beſchaͤftigung der See⸗ leute kennt, und auch weiß, wie ſie ihre Erholung⸗ ſtunden anwenden, indem ſie z. B. Tropikvoͤgel, flie⸗ gende Fiſche, Delphine u, ſ. w. fangen, oder das Meer —— J—S8SuU—ℳ gé=. — 21 von einem Hai befreien. Uebrigens kann man leicht denken, daß unter einem Haufen Menſchen, die in An⸗ ſehung der Geſtalt, Sprache, Sitten und Denkart ſo ſehr von einander abwichen, mancherlei Neckereien und Streitigkeiten vorfielen, die jedoch, da die gute Ord⸗ nung im Ganzen dadurch nicht geſtoͤrt wurde, keine ſchaͤdlichen Folgen hatten. 22 3. Erreichung der Kuͤſte von Braſilien. Man laͤuft in den Hafen von Rio⸗Janeiro ein— maleriſch ſchoͤner Anblick desſelben— die Reize ſeiner Inſeln und des angraͤn⸗ zenden Feſtlandes, wohin der Verf. haͤufig kleine Ausfluͤge macht. Am 20. Februar bei Sonnenuntergang erblickten wir Braſilien, das aber, da es als ein Hochland in weiter Ferne ſichtbar iſt, erſt nach zwei Tagen erreicht wurde. Bei weiterer Annaͤherung zeigte ſich's, daß wir den Hafen von Rio⸗Janeiro, der den Oſtindienfahrern ge⸗ woͤhnlich zum Ruhepunkte dient, ſchon einige Meilen hinter uns hatten— ein Irrthum, welcher den nicht immer richtig zu berechnenden Meeresſtroͤmen zuzuſchrei⸗ ben war. Wir mußten daher wieder zuruͤckfahren, und kamen erſt am Morgen des 23.— alſo ſieben Wochen nach der Abreiſe von England,— vor jenem Hafen an. Da man, den dortigen Geſetzen gemaͤß, nicht eher in denſelben einlaufen darf, als bis die Ankunft des Schiffes und der Zweck ſeiner Reiſe der Regierung gemeldet iſt, ſo kreuzten wir bei dem hohen Felſen, auf deſſen Gipfel die Feſtung Santa Cruz den Eiingang beherrſcht, einige Zeit lang umher, bis ein 23 Offizier der uns fuͤhrenden Fregatte die noͤthigen An⸗ zeigen gemacht und die Erlaubniß zur Einfahrt aus⸗ gewirkt hatte. Das erhabene und praͤchtige Schauſpiel, welches bei der Einfahrt in den Hafen ſich darbietet, wo man die fuͤnf Meilen umfaſſende Waſſermaſſe, mit den uͤppig gruͤnenden Inſeln und den unzaͤhligen, rege Lebhaftigkeit verbreitenden Fahrzeugen, ſo wie die anmuthigen Ufer des Feſtlandes, worauf Fluͤſſe und Baͤche, Waldungen, Aecker, Wieſen und Gaͤrten, mit Doͤrfern, Landhaͤuſern, Schloͤſſern, Kloͤſtern und Schanzen maleriſch abwechſeln, und endlich, im Hintergrunde, die das Ganze umſchlie⸗ ßenden, wildgeſtalteten hohen Berge erblickt,— dieß Alles machte einen großen und angenehmen Eindruck auf mich und meine Gefaͤhrten. In der froͤhlichſten Stimmung ankerten wir am Abend bei der Inſel Ilheo dos Cobras(Schlangeninſel), wo man außer vielen Schanzen, die, in Verbindung mit der am weſt⸗ lichen Ufer hervor ragenden Citadelle, die Straße nach Rio⸗Janeiro beſtreichen, Vorrathshaͤuſer fuͤr die Schiffe errichtet hat, weil der Ankergrund in der Naͤhe dieſes Eilandes der beßte im ganzen Hafen iſt. Die beruͤhmte Hauptſtadt Braſtliens, Rio⸗Janeiro (eigentlich San Sebaſtiano genannt), ſah ich nur aus der Ferne, in der Geſtalt einer großen, meiſtens hinter Baͤumen und Huͤgeln verſteckten Haͤuſermaſſe. Daß ich ſie nicht naͤher in Augenſchein nahm, lag nicht allein in ihrer betraͤchtlichen Entfernung von unſerer 24 Ankerſtaͤtte, ſondern auch darin, weil mein Amt mich zur beſtaͤndigen Aufſicht bei den Arbeiten unſerer ſtreng gehaltenen Mannſchaft verpflichtete, und uͤberhaupt die engliſchen Seeleute, ſo lange ſie ſich, wenn auch bloß zu ihrer Erholung, in einem Hafen aufhalten, jederzeit volle Beſchaͤftigung haben, und oft weniger als auf dem Meere ſelbſt zur Ruhe kommen. Waͤhrend der ganzen Zeit unſeres Aufenthalts in Braſilien traf mich die Reihe, 24 Stunden am Lande zubringen zu duͤrfen, an einem einzigen Sonntage, und dieſen glaubte ich zum Berichtigen einer Rechnung, die mir viel Sor⸗ gen machte, benutzen zu muͤſſen. An den Wochentagen war man bis gegen Sonnenuntergang beſchaͤftigt, alle Theile des Schiffes von neuem in gehoͤrigen Stand zu ſetzen, und fuͤr die noch uͤbrige Reiſe mit Waſſer und Lebensmitteln zu verſehen. Wenn ich nun vom fruͤhen Morgen an mich theils am Bord, theils in den Maga⸗ zinen auf Ilheo dos Cobras herumgetrieben hatte, war ich am Abend muͤde und daher wenig aufgelegt zu wei⸗ ten Ausfluͤgen, auf welchen ohnehin die Nacht mich uͤbereilt haben wuͤrde. Ueberdem fand ich, als ein Freund der Natur, das Laͤndliche unter dem brafiliſchen Himmel viel zu anziehend, um mich nach einer Stadt zu ſehnen, ſo praͤchtig auch Rio⸗Janeiro mir geſchildert wurde. Deſto mehr benutzte ich jede Gelegenheit, die be⸗ nachbarten kleinen Inſeln und die naͤchſt liegenden Ufer des Feſtlandes zu beſuchen. Bald begab ich mich in 1 25 Waͤlder und Gebuͤſche, wo die erquickende Kuͤhle, der Anblick der ſeltenen Baͤume und Pflanzen, die balſa⸗ miſchen Geruͤche, welche ſie verbreiteten, ſo wie die Stimmen unzaͤhliger Voͤgel und tauſend andere Dinge die angenehmſten Gefuͤhle erregten; bald betrat ich die mit Gras und Blumen reich bedeckten Wieſen, wo gut genaͤhrte Rinder und Schafe ſich muthig tummelten, waͤhrend die Hirten ſich durch Pfeifen⸗ und Lautenſpiel ergoͤtzten; oder ich durchſtrich die Felder und Pflanzun⸗ gen, auf welchen neben europaͤiſchen Gewaͤchſen die tropiſchen in buntem Gemiſch und großer Vollkommen⸗ heit prangten. Oft kehrte ich in den Wohnungen der Pflanzer ein, die mich freundlich empfingen und frei⸗ gebig mit Milch oder koͤſtlichen Fruͤchten bewirtheten. Kurz, die in Braſilien von mir angeſtellten kleinen Wanderungen waren Stunden, die ich zu den genuß⸗ reichſten meines Lebens zaͤhle; da ſie aber, aus Man⸗ gel an Zeit, nur zur Erholung gemacht wurden, ſo geſtatteten ſie nicht, den einzelnen, jeden Augenblick wechſelnden Gegenſtaͤnden eine beſondere Aufmerkſam⸗ keit zu widmen. Sie ließen jedoch in meiner Seele, der ſie noch jetzt wie ein angenehmes Traumbild vor⸗ ſchweben, die Ueberzeugung zuruͤck, daß die Gegend um Rio⸗Janeiro zu den ſchoͤnſten der Erde gehoͤrt, und daß dort die Menſchen weit gutmuͤthiger ſind, als im Mutterlande Portugal,. 1 4. Man ſegelt von Rio⸗Janeiro wieder ab, und ſteuert laͤngs der Kuͤſte von Patagonien hin. Zuſammentreffen mit einem Schiffe, deſſen Mannſchaft an dieſer Kuͤſte ein trauriges Schickſal betroffen hat. Wir aͤndern unſere Fahrt und richten ſie quer uͤber den Ocean nach dem Vor⸗ gebirge der guten Hoffnung— es befaͤllt uns ein Sturm und dann eine gefaͤhrliche Windſtille, was jedoch beides gluͤcklich uͤberſtanden wird— Verſuche, die Tiefe des Meeres zu erforſchen, ſo wie auch das Wetter voraus zu beſtimmen— Vorſchlag zu einem Mittel, den Lauf der Schiffe auf eine leichtere Art als die bisherige zu meſſen. 4 Es war am 14. Maͤrz, als die Flotte, in guten Stand geſetzt und mit den trefflichſten Lebensmitteln verſehen, aus dem Hafen von Rio⸗Janeiro wieder ab⸗ ſegelte. Laͤngs den Kuͤſten ſuͤdwaͤrts ſteuernd, durch⸗ ſchnitt ſie am naͤchſten Tage den Wendekreis des Stein⸗ bocks. In dieſer Gegend begegnete uns ein aus der Suͤdſee kommendes engliſches Schiff. Die Mannſchaft desſelben hatte bei einer Landung in Patagonien das ungluͤck gehabt, den dortigen Wilden in die Haͤnde zu fallen und großen Theils umgebracht zu werden. Die noch lebenden Leute verdankten ihre Rettung einem patagoniſchen Maͤdchen, welches mit ihnen auf das 27 Schiff entflohen war,— ein Fall, der wegen der großen Zuneigung, welche die wilden Amerikanerinnen zu den Europaͤern haben, nicht ſelten iſt und an die bekannte, von Gellert beſungene Geſchichte des Eng⸗ laͤnders Inkle und ſeiner Befreierin Yariko erinnert. Doch iſt die Schoͤne, von der ich rede, nicht ſo uͤbel wie dieſe belohnt, ſondern wohlbehalten nach London gebracht worden, wo der von ihr erkorene Seemann ſie geehelicht hat. Ich ſah ſie daſelbſt im Jahr 1811, um welche Zeit ihr faͤhiger Geiſt ſchon einen ziemlichen Grad von Bildung angenommen hatte. Obgleich von rothgelber Farbe, hatte doch ihre faſt ſechs Fuß hohe Geſtalt viel Anmuth, welche durch die feurigen ſchwar⸗ zen Augen und die freundliche Miene ihres Geſichts noch erhoͤht wurde. Am vierten Tage nach der Abfahrt von Braſtilien legte ſich der Suͤdoſtpaſſat, worauf ein nordweſtlicher Wind ſich erhob, der unſerem Schiffe die Richtung nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung gab. Er verſtaͤrkte ſich immer mehr und ward nach einigen Tagen zum fliegenden Sturm, ſo daß man, unvermoͤ⸗ gend die Segel zu fuͤhren, ſich ſeiner Willkuͤhr uͤber⸗ laſſen mußte.— Wenn auf dem weiten, von Untiefen freien Welt⸗ meer Stuͤrme entſtehen, welche den Matroſen Zeit laſſen, die Segel einzuziehen und uͤberhaupt gegen unfaͤlle, die eintreten koͤnnen, ſich in Bereitſchaft zu ſetzen; ſo iſt ein dauerhaft gebautes Schiff in keiner 28 großen Gefahr, indem es dann von den ungeheuern Wogen zwar abwechſelnd in die Luͤfte gehoben und in den Abgrund geſenkt, jedoch gleichfoͤrmig mit ihnen fortbewegt wird, ohne von den folgenden uͤberſchuͤttet zu werden. Dieß war auch bei dem jetzt entſtandenen Sturmwetter der Fall, und wir ſahen dem Toben des⸗ ſelben mit Gleichguͤltigkeit zu. Da aber in der gan⸗ zen Natur auf jede Anſtrengung eine Erſchlaffung folgt, ſo treten nach Stuͤrmen gewoͤhnlich Windſtillen ein, wo das aufgeregte Meer die wildeſten und unregel⸗ maͤßigſten Bewegungen macht; und dieſes iſt der Zeit⸗ punkt, welchen der Seefahrer am meiſten zu fuͤrchten hat. Auch wir wurden, nachdem der Sturm vier Tage gewuͤthet hatte, von einer ſolchen Stille heimgeſucht, die unſer obſchon großes Schiff in eine tanzende Be⸗ wegung und in nicht geringe Gefahr ſetzte. Gegen das fuͤrchterliche Schwanken desſelben konnten wir nichts weiter thun, als die Kanonen in den Schiffs⸗ raum ſchaffen, und uns mit Aexten an die Maſten ſtellen, um ſie im Nothfall zu kappen.— Auf dieſe Windſtille, welche zwei Tage dauerte, folgten noch einige gefaͤhrliche Naturbegebenheiten, z. B⸗ Waſſerhoſen, Wirbelwinde, die uns viel Unruhe mach⸗ ten. Endlich am 27. Maͤrz traten guͤnſtigeres Wetter und gemaͤßigte Suͤdweſtwinde ein, die geraume Zeit anhielten. Waͤhrend jener uͤbeln Wetterperiode, welche den Eintritt des Winters auf der ſuͤdlichen Halbkugel be⸗ yr-- e zeichnete, waren die uns begleitenden Schiffe, weil ſie in verſchiedenen Richtungen und mit ungleicher Schnel⸗ ligkeit fortgetrieben wurden, aus unſerem Geſicht ver⸗ ſchwunden. Nur das nach Botany⸗Bai beſtimmte fand ſich noch in unſerer Naͤhe, in deſſen Geſellſchaft wir die Reiſe weiter fortſetzten. Uebrigens wurde das uͤber⸗ ſtandene Ungemach, da es von keinen ſehr nachtheiligen Folgen begleitet war, bald von uns vergeſſen; und dieß waͤre noch eher geſchehen, wenn nicht die von den Meeresfluthen gebleichte Farbe unſeres Schiffes, da ſie ein abermaliges Anſtreichen und Theeren desſelben noͤ⸗ thig machte, daran erinnert haͤtte. Auf einer Fahrt quer uͤber den Ocean, wo das Auge viele Wochen kein Land erblickt, kommt man leicht auf die Frage: wie tief wohl die ungeheure Waſ⸗ ſermaſſe ſein moͤge. Auch mir und einigen meiner Gefaͤhrten draͤngte ſie ſich oftmals auf, und brachte den Entſchluß in uns hervor, eine Meſſung des Mee⸗ res zu veranſtalten. Solche Verſuche ſind bekanntlich mit großen Schwierigkeiten verknuͤpft und bis jetzt, ſo oft ſie auch in aͤltern und neuern Zeiten unternommen wurden, fruchtlos geweſen. Denn obſchon das Meer gewiß nicht unergruͤndlich und ſeine groͤßte Tiefe, aller Wahrſcheinlichkeit nach, nicht betraͤchtlicher, als die groͤßte Hoͤhe der uͤber dem Meeresſpiegel ſich erheben⸗ den Berge iſt, ſo fehlt es doch an zuverlaͤſſigen Mit⸗ teln, dieſelbe zu erforſchen. Das Senkblei, welches den Boden der minder tiefen Gewaͤſſer mit großer Ge⸗ nauigkeit anzeigt, laͤßt ſich auf dem Ocean— außer andern Gruͤnden, die ich hier nicht anfuͤhren kann,—- hauptſaͤchlich deßwegen nicht anwenden, weil es auf ſeinem Wege durch die verſchiedenen Waſſerſchichten auf Stroͤmungen trifft, die es, ſammt der daran befindli- chen Schnur, in krummen Linien mit ſich fortreißen. Da uͤbrigens das Schnurwerk eine faſt igleiche Schwere mit dem Seewaſſer hat, ſo muß dasſelbe, wenn es zu einer großen Laͤnge ausgeworfen wird, das ſchwerſte Senkblei aufhalten und es hindern, den Grund zu er⸗ reichen. Daher denn die vielen Berichte der Seefah⸗ rer, daß das Meer nicht zu ergruͤnden ſei. Die Na⸗ turforſcher haben ſchon lange auf die Verfertigung beſſerer, keiner Leine benoͤthigter Werkzeuge geſonnen, die jedoch in der Anwendung noch immer fehlerhaft und unzulaͤnglich befunden wurden. Dem zu Folge ging unſere Bemuͤhung dahin, zwar nicht neue zu erfinden, wohl aber die bereits vorhandenen zu pruͤ⸗ fen und, wo moͤglich, zu verbeſſern. Dasjenige, wor⸗ auf wir vorzuͤglich unſere Hoffnung bauten, war das vom Englaͤnder Hook angegebene. Der Theorie nach beſteht es in zwei Koͤrpern, wovon der eine ſchwerer, der andere leichter als das Waſſer iſt. Beide werden dergeſtalt zuſammengefuͤgt, daß der erſtere, ſo bald er beim Niederſinken den Grund beruͤhrt, den letztern fah⸗ ren laͤßt, der ſofort nach der Oberflaͤche aufſteigt⸗ Der Zeitraum zwiſchen dem Augenblick, wo das In⸗ ſtrument in das Waſſer ſinkt, und demjenigen, wenn 31 der leichtere Theil wieder zum Vorſchein kommt, be⸗ ſtimmt die Tiefe. Dieſe Grundſaͤtze brachten wir auf folgende Weiſe in Anwendung. Den ſchweren Koͤrper bildete eine ſechspfuͤndige Kanonenkugel, den leichten eine mit Luft gefuͤllte, uͤberſtrickte und gefirnißte Schweins⸗ blaſe. Daß wir uns Statt dieſer nicht, wie Hook, einer hoͤlzernen Kugel bedienten, geſchah deßhalb, weil ſie weniger leicht auf dem Waſſer ſchwimmt, und daher, nach ihrem Wiedererſcheinen auf der Oberflaͤche, nicht ſo gut in der Ferne wahrzunehmen iſt. Das von ihm angewandte Bleigewicht mußte aus dem Grunde durch ein minder zweckmaͤßiges eiſernes erſetzt werden, weil jenes Metall uns mangelte. Als Mittel zur Verbind⸗ ung und Trennung der beiden Theile gebrauchten wir eine Zange, die, mit Springfedern verſehen, ſich zu oͤfnen ſtrebt. Sie war an die Kugel mit Schnuͤren befeſtigt. Brachte man ſie nun, ſammt dem daran haͤngenden Kugelgewicht, in eine ſchwebende Lage, ſo wurde ſie von dieſem feſt zugezogen und hielt ſich, wenn man den an der Blaſe angebrachten Zapfen in ihr Gebiß ſteckte, daran feſt, ließ ihn jedoch los, ſo bald das Gewicht auf einem feſten Koͤrper zu ruhen kam, oder von Jemand feſtgehalten wurde, weil in beiden Faͤllen deſſen Schwerkraft aufhoͤrt, auf die Zange zu wirken. Wenn man daher das ſolchergeſtalt zuſammen gefuͤgte Werkzeug in das Meer ſenkt, ſo ſtrebt die Blaſe ſich oben zu erhalten, wird jedoch von der Kugel hinabgeriſſen, bis der Meeresboden oder ein anderer Gegenſtand dem Fallen der letztern Einhalt thut. Vor der Anwendung des Werkzeuges war es erfoderlich, deſſen Geſchwindigkeit im Fallen und Stei⸗ gen oder, mit andern Worten, die Zeit zu wiſſen, die es fallend und ſteigend zum Durchſchneiden eines ge⸗ wiſſen Raums bedurfte. Dem zu Folge ließen wir die Kugel mit der daran befindlichen Zange und Blaſe eine beſtimmte Zeit in das Waſſer hinab ſinken, nach deren Verlauf ſie mittels einer daran befeſtigten, nach Klaftern bezeichneten Leine angehalten wurde, worauf die Blaſe von ſelbſt wieder in die Hoͤhe ſtieg. Aus vielen ſolchen, in mehr und minder großer Tiefe ge machten Verſuchen ergab es ſich, daß das ſinkend Werkzeug zwei Klaftern in einer Sekunde durchſchnitt dagegen der leichtere Theil nur halb ſo viel Zeit zun Aufſteigen brauchte. Nach dieſen Verhaͤltniſſen alſt mußte bei einer Meſſung die Tiefe berechnet werden und geſetzt, die Blaſe waͤre, nach dem Verſchwinden unter die Meeresflaͤche bis zur Wiedererſcheinung ou derſelben, ſechzig Sekunden abweſend geweſen, ſo haͤtt ſie vierzig davon auf dem Wege hinab, und zwanzi wieder herauf zugebracht, folglich jedesmal achtzig Klaftern zuruͤckgelegt. Bei dergleichen Proben uͤber zeugten wir uns auch von der Wahrheit des Grund⸗ ſatzes: daß im Waſſer ſinkende Koͤrper nicht, wi in der Luft fallenden, ihre Geſchwindigkeit vermehren ſondern in gleichen Zeiten gleiche Raͤume durchlaufen⸗ Nachdem wir uns nun mit Werkzeugen von der bi⸗ e die 33 ſchriebenen Art in ziemlicher Menge verſehen und man⸗ cherlei Erfahrungen in Hinſicht ihres Gebrauchs ge⸗ ſammelt hatten, ſtellten wir endlich am 10. April, un⸗ gefaͤhr hundert Meilen vom Vorgebirge der guten Hoff⸗ nung, die erſte Meſſung an, d. i. wir ließen unſere Tie⸗ fenmeſſer, und zwar ohne Leine, in das Meer hinab; aber leider ſahen wir der Ruͤckkehr der Blaſen verge⸗ bens entgegen. Dieß verurſachte uns vieles Kopfzer⸗ brechen. Die Verſuche wurden indeß an jedem guͤnſti⸗ gen ſtillen Tage wiederholt, jedoch nicht mit beſſerem Gluͤck, bis endlich ein bei der Inſel Sumatra gemach⸗ ter uns allen Muth benahm. Wir ſenkten hier auf einer nicht tiefen, zuvor mit dem Bleiloth unterſuchten Stelle einen der noch vorhandenen Meſſer in den Grund. Mit Erſtaunen ſahen wir den leichten Koͤrper viel ſpaͤ⸗ ter, als nach der Berechnung geſchehen ſollte, und in einer weiten Entfernung von dem Orte, wo er ver⸗ ſenkt worden war, zum Vorſchein kommen— beides die Folge einer in der Tiefe befindlichen Stroͤmung, die das Inſtrument in einer ſchiefen Linie fortgefuͤhrt hatte. Hierdurch ward es uns deutlich, daß die zu unſern Meſſungen auf dem hohen Meere gebrauchten Inſtrumente, wenn ſie auf ihrem Wege in ſolche Stroͤme gerathen waren, eine zu große Strecke ſeit⸗ waͤrts getrieben werden mußten, als daß die Blaſen nach ihrem Wiederemporkommen von uns bemerkt wer⸗ den konnten; ſo wie es uns auch einleuchtete, daß die Stroͤmungen des Meeres allein hinreichen, eine Erforſch⸗ V. 3 ung ſeiner Tiefe zu vereiteln. Naͤchſtdem aber erblick⸗ ten wir bei kaͤlterem Nachdenken eine Menge anderer, im warmen Eifer fuͤr die Sache uͤberſehener Umſtaͤnde, welche ſolchen Meſſungen, beſonders mit dem von uns dazu gebrauchten Werkzeuge, hinderlich ſind. Wie leicht z. B. ſtoͤßt es im Fallen auf einen ſchwimmenden Ge⸗ genſtand, einen Fiſch, ein Stuͤck faules Holz und der⸗ gleichen, wo es dann, ohne den Meeresgrund zu er⸗ reichen, wieder in die Hoͤhe kommt, und folglich den Meſſenden zu falſchen Schluͤſſen verleitet; oder es trifft auf einen ſchlammigen Boden, in welchen der ſchwert Theil den leichten hinab zieht, ſo daß dieſer ſich nich erheben kann, ſondern vergraben liegen bleibt. D ferner die Beſtandtheile des Meeres nicht uͤberall i gleichen Verhaͤltniſſen ſtehen, und uͤberdem, wie die da Luft, beſtaͤndig in einer Art von Gaͤhrung, olgi bald auf dieſer, bald auf jener Stelle verdichtet ode ausgedehnt ſind; ſo aͤßt ſich die Geſchwindigkeit der in Meerwaſſer fallenden und ſteigenden Koͤrper, weil d mehr oder minder große Dichtheit desſelben viel Ein fluß darauf hat, nicht mit voͤlliger Zuverlaͤſſigkeit beſtim men. Ich habe daher ſeit jener Zeit den Gedanken die Tiefe des Oceans zu erforſchen, aufgegeben und 9e glaubt, daß dieſes ſpaͤtern Zeiten aufbehalten iſt, wi man nicht auf der Oberflaͤche mit truͤglichen Inſtru⸗ menten dabei zu Werke geht, ſondern, vielleicht dur Bervollkommung der Taucherglocke, oder des Taucher⸗ ſchiffes, in den Stand geſetzt wird, die Eingeweide des Meeres zu durchwuͤhlen. Den Ounſtkreis zu beobachten und daraus Schluͤſſe auf die kuͤnftige Beſchaffenheit des Wetters zu ziehen, iſt eine Beſchaͤftigung, wozu der Seemann durch den Anblick des weiten, unbeſchraͤnkten Horizontes, und uͤberhaupt durch ſeine ganze Lage immerwaͤhrend auf⸗ gefodert wird. Auch auf unſerer Reiſe, beſonders auf der Ueberfahrt von Braſilien nach den indiſchen Ge⸗ waͤſſern, wurden in dieſer Hinſicht unablaͤſſig Beobacht⸗ ungen angeſtellt. Sie zeigten ſich meiſtens richtig, ſo lange die Vorausbeſtimmung ſich auf den naͤchſten Tag beſchraͤnkte; allein Einige gingen hierin auch auf wei⸗ tere Zeit hinaus, und machten dann immer die unan⸗ genehme Erfahrung, ſich geirrt zu haben. Zum Beßten meiner juͤngern Leſer ſei es mir ver⸗ goͤnnt, hierbei eine kleine Bemerkung zu machen. Die Veraͤnderung des Wetters liegt in der phyſiſchen Be⸗ ſchaffenheit der Atmoſphaͤre. Die Sonnenwaͤrme und die anziehende Kraft des Mondes haben darauf den hauptſaͤchlichſten Einfluß. Aber auch die Ausduͤnſtung, die Electricitaͤt, die Entbindung verſchiedener Gasarten und andere, zum Theil vielleicht noch gar nicht bekannte Naturkraͤfte tragen dazu bei. Da nun die Witterung auf einem ununterbrochenen Zuſammenhange von Ur⸗ ſachen und Wirkungen beruht, der uns nicht immer klar iſt, ſo laͤßt ſie ſich ſelten und auf laͤngere Zeit gar nicht voraus beſtimmen; und wer weiß, ob es je dem 3* 36— menſchlichen Verſtande gelingen wird, jenen Zuſammen⸗ hang einzuſehen und ſichere Regeln fuͤr die Meteorolo⸗ gie daraus abzuleiten. Nur aus den einzelnen Zuſtaͤn⸗ den der Atmoſphaͤre, 3. B. aus der Feuchtigkeit und, Trockenheit, der Schwere und Leichtigkeit der Luft, aus der Richtung des Windes, dem Laufe der Wolken, oder den beſondern Dunſtgeſtalten, welche bekanntlich beim Auf⸗ und Untergang der Sonne am deutlichſten wahr⸗ zunehmen ſind, kann man die Witterung mit einiger Sicherheit auf einen oder mehre Tage vorher verkuͤn⸗ digen. Wenn daher Regen durch die blaue Faͤrbung der aufgehenden Sonne, durch die ſtumpfen Hoͤrner des Neumondes, die ſcheinbare Vergroͤßerung der Sterne, den Hof um Sonne und Mond, das ſo genannte Waß ſerziehen der Sonne, das Ausbleiben des Thaues u. ſ. w angezeigt wird; ſo liegt die Urſache davon in der be ſondern Beſchaffenheit des Dunſtkreiſes. Dieß iſt eben⸗ falls der Grund, warum feinnervige Menſchen und ſolche, die an gewiſſen Gliedmaßen leiden, ſo wie auf viele Thiere, die Veraͤnderung des Wetters mehr odet weniger vorher empfinden und letztere dieſelbe durh verſchiedene Aeußerungen andeuten.— Noch iſt A erwoͤgen, daß der Seemann bei ſeinen meteorologiſchen Beobachtungen um ſo mehr Schwierigkeiten ſindet, wel er meiſtens mit großer Schnelligkeit aus einer Gegend in die andere kommt, und die von ihm wahrgenomme⸗ nen Wetterzeichen oft nur auf diejenige, worin er zur Zeit der Beobachtung befand, Bezug haben, d 37 bekanntlich in zwei einander ganz nahe gelegenen ſehr verſchiedenes Wetter herrſchen kann. Ein Gegenſtand, der mein Nachdenken vorzuͤglich beſchaͤftigte, war der Verſuch, ein Mittel aufzuſinden, wodurch der Seemann in den Stand geſetzt wuͤrde, mit geringerer Muͤhe und groͤßerer Zuverlaͤſfigkeit, als durch das ſo genannte Log— welches im II. Baͤndchen, Seite 20. f. beſchrieben iſt,— die Schnelligkeit ſeiner Fahrt oder den Weg, den er zuruͤcklegt, zu beſtimmen. Nach einiger Zeit kam ich auf einen Gedanken, wobei ich, wie bei einem gluͤcklichen Funde, ſtehen blieb. Im Fall, dachte ich, eine offene Roͤhre am Hinterſteven des Schiffes nach dem Kiel hinab und dann, vorwaͤrts ge⸗ bogen, laͤngs dieſem einige Fuß fortlaͤuft, ſo wird, wenn ſie mit dem ſegelnden Schiffe das Waſſer durch⸗ ſchneidet, letzteres gewaltſam in dieſelbe, und darin in die Hoͤhe getrieben. Der groͤßere oder geringere Grad des Steigens zeigt die mehr oder minder betraͤchtliche Geſchwindigkeit der Fahrt an. Wiewohl nun dieſe Idee, ſpaͤterhin durch andere Gegenſtaͤnde verdraͤngt, nie ausgebildet und in Anwendung gebracht wurde, ſo bin ich dennoch uͤberzeugt, daß ſie die Grundlage eines einfachen, ſichern und bequemen Werkzeuges zur Er⸗ reichung des beabſichtigten Zweckes geben kann. Das Naͤhere der Einrichtung und des Gebrauchs werden die allgemeinen Grundſaͤtze der Hydraulik, ſo wie die ein⸗ zelnen praktiſchen Verſuche beſtimmen. Indeſſeniſt es einleuchtend, daß eine bloß glatte Roͤhre, bei ſehr 38 ſchnellen Bewegungen des Schiffes, das Waſſer zu hoch treiben wuͤrde, um den Seemann mit Sicherheit Re⸗ ſultate daraus ziehen zu laſſen; noch mehr muͤßte dieß der Fall ſein, wenn die untere Oeffnung ſich von innen nach außen erweiterte. Allein, eine von der entgegen geſetzten Form wuͤrde den Andrang des Waſſers ſchon ſehr maͤßigen; uͤberdem koͤnnte er durch Schneckengaͤnge, oder Winkelzuͤge in der Roͤhre ſelbſt, in beliebigen Schranken gehalten werden. Die Hoͤhe des Steigens wuͤrde ein in die Roͤhre geſtellter, unten mit einem Kork verſehener und oben mit Graden bezeichneter Draht, von der Laͤnge, daß er beim niedrigſten Waß ſerſtande noch etwas hervorragt, jederzeit von ſelbſt anzeigen. Ja, die Nuͤckſicht auf Bequemlichkeit kam ſogar noch weiter gehen, wenn man z. B. den auf⸗ und niederſteigenden Draht, mittels kleiner Zaͤhne, ein Raͤdchen treiben laͤßt, welches den Weiſer an einen Zifferblatt in Bewegung ſetzt, ſo daß dieſes, gegen de Vorderſeite des Schiffes gekehrt, auf allen Theilen des Verdecks wahrzunehmen iſt; doch wuͤrde das Werk⸗ zeug durch dergleichen Kuͤnſteleien an Einfachheit ver⸗ lieren und um ſo oͤfter einer Ausbeſſerung beduͤrfen. Wenn gleich die voͤllige Einrichtung des Inſtrumentes noch mancherlei Erfahrungen vorausſetzt, die außer dem Kreiſe meiner gegenwaͤrtigen Verhaͤltniſſe liegen, ſo glaube ich doch, daß es einer ſolchen Vervollkommung faͤhig iſt, um zu jeder Zeit und mit geringer Muͤhe die beſtimmteſten Anzeigen dadurch zu erhalten. Dieß —2 AH G A———-„— wuͤrde nicht nur den Seemann des ihm oft laͤſtigen Loggeſchaͤftes uͤberheben, ſondern auch fuͤr die Schifffahrt uͤberhaupt von weſentlichem Nutzen ſein, weil man das Log, wegen der damit verbundenen Umſtaͤndlichkeit, in der Regel nur alle zwei Stunden wirft, obſchon in den Zwiſchenzeiten das Schiff bald ſchneller, bald lang⸗ ſamer geht, und weil man dasſelbe, wegen der Gefahr es zu verlieren, bei ſtuͤrmiſchem Wetter oft gar nicht gebraucht, ſondern ſich begnuͤgt, die Fahrt nach dem Augenmaße zu ſchaͤtzen. Um den wichtigſten Einwuͤr⸗ fen, die man meinem Vorſchlag machen koͤnnte, zu be⸗ gegnen, fuͤge ich noch folgende Bemerkungen hinzu. Den Lauf des Schiffes kann das Werkzeug wenig hin⸗ dern, weil es einen geringen umfang, hoͤchſtens zwei Zoll im Durchmeſſer zu haben braucht, was nicht mehr betraͤgt, als wenn am Schiffsboden die losgegangene Ecke einer Kupferplatte herunter haͤngt, der Kopf eines großen Nagels ſich heraus gibt, oder durch die ſich daran feſtſetzenden unreinigkeiten eine Unebenheit ent⸗ ſteht, welche Faͤlle haͤufig Statt finden, ohne die Se⸗ gelkraft des Fahrzeuges merklich zu ſchwaͤchen. Wenn ferner die Roͤhre aus Kupfer beſtaͤnde, ſo wuͤrde ſie, bei einer maͤßigen Dicke, wenigſtens zehn Jahre dauern; da nun in dieſem Zeitraum der Schiffsboden mehrmals eine Ausbeſſerung bedarf, ſo koͤnnte ſie bei ſolchen Ge⸗ legenheiten ebenfalls in Ordnung gebracht, und folglich, ohne beſondere Stoͤrung zu veranlaſſen, in gutem Stand erhalten werden, In noͤrdlichen Himmelſtrichen, — 40 moͤchte es ſcheinen, wird oft der Umſtand eintreten, daß das Waſſer in dem Werkzeuge gefriert; allein nur dann iſt dieß moͤglich, wenn das Waſſer uͤber die Ober⸗ flaͤche des Meeres ſich erhebt, weil letzteres zu jeder Zeit eine maͤßige Waͤrme behaͤlt und bloß da, wo es dere Theil des Schiffes jederzeit dem hintern eine freie Bahn verſchafft, und uͤberhaupt das Eis, da es ſpeci⸗ ſiſch leichter als das Waſſer iſt, ſich vom Fahrzeuge nicht unter dasſelbe, ſondern bloß auf die Seite draͤn⸗ dann kaͤmen auch alle uͤbrige Theile desſelben in gleich große Gefahr. die Luft beruͤhrt, oder in der Naͤhe des Landes, er⸗ ſtarrt. Auf Reiſen im hohen Norden, wo man fort⸗ waͤhrend die Eismaſſen durchbrechen muß, wird dennoch das Inſtrument wenig Schaden leiden, weil der vor⸗ gen laͤßt. Eine Zerſtoͤrung wuͤrde dem Werkzeuge dro⸗ 3 hen, wenn das Schiff auf den Grund geriethe; aber 4 ———,-„ — 8&— 8* 41 5. Wir erblicken in der Ferne das Vorgebirge der guten Hoffnung, worauf die Reiſe ungeſtoͤrt nach den indiſchen Gewaͤſſern fortgeſetzt wird. Ankunft bei der Inſel Su⸗ matra, und Landung beim Fort Marlborough am Fluſſe Bencoolen. Bemerkungen uͤber den aͤußern Anblick jener Inſel. Ihre Bewohner im Allgemeinen. Zuſtand der dor⸗ tigen engliſchen Beſitzungen. Das Fort Marlborough, Hauptort derſelben— die dabei befindliche Reede. Die nicht weit von Marlborough entfernte Stadt Bencoolen — ihre Beherrſcher— die Bauart und Einrichtung der Haͤuſer— die Straßen der Stadt und ihre Umgebung— Bemerkungen, das Hausgeraͤth betreffend. 2* Ich komme nun zu unſerer Reiſe zuruͤck. Es war am 12. April, als wir das Vorgebirge der guten Hoff⸗ nung zu Geſicht bekamen. Schon zweimal in mei⸗ nem Leben(auf der Reiſe nach Isle de France,) hatte ich dieſes beruͤhmte Vorgebirge aus der Ferne geſehen, ohne daß mein Wunſch darauf zu landen befriedigt wurde. Dasſelbe war auch jetzt der Fall. Da un⸗ ſere Mannſchaft in guter Geſundheit und das Schiff nicht ſchadhaft war, auch kein Mangel an Lebensmit⸗ teln herrſchte, und beſonders das in Braſilien einge⸗ nommene Waſſer noch ſeine trefflichen Eigenſchaften 42 beſaß; ſo ſchien es um ſo zweckwidriger, eine Landung zu unternehmen, weil die neuern, in ihrer Kunſt ſehr fortgeſchrittenen Seefahrer von der Gewohnheit abge⸗ kommen ſind, jenes Cap als einen nie zu verfehlenden Ruhepunkt zu betrachten, und uͤberhaupt ohne drin⸗ gende Noth am Lande zu verweilen. Demnach ſetzten wir die Reiſe ungeſtoͤrt weiter fort. Man ſchiffte unter dem 28. Grad ſuͤdlicher Breite oſtwaͤrts hin, bis wir, am 24. April, den 98. Grad weſtlicher Laͤnge erreichten. Von hier wurde die Fahrt gegen Nordoſten, naͤmlich nach der Straße von Sunda, gerichtet; daher das nach Botany⸗Bai beſtimmte Schiff, welches ſeinen Lauf in gerader Linie verfolgte, von uns ſchied.— Als wir dem Wendekreiſe des Steinbocks naͤher kamen, verließen uns die bisher treuen Gefaͤhrten, die weſtlichen Luftſtroͤme, indem der Suͤdoſt⸗Monſoon an ihre Stelle trat, d. i. derjenige Paſſatwind, welcher die zwiſchen dem genannten Wendekreiſe und der Linie gelegenen Gegenden des indiſchen Meeres, in den Mo⸗ naten Maͤrz bis September, der dortigen Winterzeit, beherrſcht. Da dieſer Monſoon zu Folge der Richt⸗ ung, in der wir ſteuerten, uns von der Seite beſtrich, welche Art zu ſegeln(mit halbem Winde, wie man ſagt,) bekanntlich eine der vortheilhafteſten iſt, ſo ka⸗ men wir ſchon am 1. Mai bei den Kokosinſeln vor⸗ uͤber, und erblickten folgenden Tages die Inſeln Java — 3 1 d 43 und Sumatra, welche durch die Sundaſtraße geſchie⸗ den ſind. Wir nahmen dann unſern Weg nach dem Fluſſe Bencoolen an der Suͤdweſtkuͤſte von Sumatra, um dem dortigen Haupt⸗Comtoir der engliſch⸗oſtindiſchen Handelsgeſellſchaft(welche ſeitdem ihre Beſitzungen auf dieſer Inſel an die Niederlaͤnder gegen andere ver⸗ tauſcht hat,) Auftraͤge zu uͤberbringen, und uns, bei dieſer Gelegenheit, mit den noͤthigen Beduͤrfniſſen fuͤr die noch uͤbrige Reiſe zu verſorgen. Das Schiff an⸗ kerte am 4. Mai in der Muͤndung des Fluſſes, beim Fort Marlborough, dem damaligen Sitze jenes Han⸗ delshauſes. Unſere Geſchaͤfte waͤhrend des dortigen Aufent⸗ halts waren ſo vielfach, daß ich keine Zeit erhielt, die Eigenthuͤmlichkeiten des Landes genau kennen zu ler⸗ nen; doch will ich das wenige, was meiner Aufmerk⸗ ſamkeit nicht entging, kuͤrzlich beruͤhren.— Wenn man die Inſel Sumatra im Ganzen betrachtet, ſo ſtellt ſie ein aus unzaͤhligen Huͤgeln und Thaͤlern be⸗ ſtehendes Land dar, das allmaͤhlich nach der Mitte ſich erhebt, und hier, von Norden nach Suͤden, mit hohen Bergen durchſchnitten iſt, deren Gipfel wie ein blauer Saum am Horizont erſcheinen. Die Landſchaften, ſo weit man ſie vom Meere uͤberſehen kann, ſind zwar mit den, den Suͤdlaͤndern eigenen„ uͤppigen Pflanzen bedeckt, aber auch der bloßen Natur uͤberlaſſen„ohne daß die Kunſt ihr beigeſtanden hat; denn die Kuͤſten⸗ 44 bewohner ſchraͤnken ihre Thaͤtigkeit meiſtens auf Schiff⸗ fahrt und Handel ein, indem der Landbau nur in den innern Gegenden, und uͤberhaupt— weil der Menſch unter einem ſo ſuͤdlichen Himmelſtriche zu ſchwerer Arbeit wenig geneigt und durch die Freigebigkeit des Erdbodens verwoͤhnt iſt,— nicht aͤmſig betrieben wird. Ungeachtet der betraͤchtlichen Bevoͤlkerung, bemerkt man wenig Flecken und Doͤrfer, weil ſie nicht, wie in Europa, mit Feldern, ſondern mit Gebuͤſch umge⸗ ben ſind. Ausgebreitete dichte Waͤlder, welche die herrlichſten fruchttragenden und ſonſt nuͤtzliche Baͤume enthalten, wilde Stroͤme, Waſſerfaͤlle, Seen, mit Schilf und Rohr bedeckte Moraͤſte— dieß ſind die gewoͤhn⸗ lichſten Gegenſtaͤnde, die am Geſtade dem Beſchauer ſich darbieten. Wenn man nun die hier fuͤrchterlich wuͤthende Brandung ſich zu jener romantiſchen Wild⸗ heit der Landſchaften denkt, und ferner erwaͤgt, wie ſehr ſich die Menſchen, die Thiere und alle Dinge von denen unſeres Erdtheils unterſcheiden; ſo iſt leicht zu begreifen, daß Sumatra einen maͤchtigen Eindruck auf mich und meine europaͤiſchen Gefaͤhrten machte. Ganz anders verhielt es ſich mit den in Fort⸗Marlborough lebenden Englaͤndern. Ein langer Aufenthalt auf der Inſel hatte ſie gleichguͤltig gegen die Reize derſelben gemacht, der Mangel gewohnter Beduͤrfniſſe war ihnen fuͤhlbar geworden und erinnerte ſie beſtaͤndig an die Vorzuͤge ihres Vaterlandes, ſo daß ſie, ungeachtet ih⸗ rer großen Vorliebe fuͤr wilde Gegenden, wie die eng⸗ — 8—́——. — 8— 8*— +—4. NX — 8$̃ ð⏑ 82ß 45 liſchen Gaͤrten beweiſen, ein ſehnliches Verlangen nach dem Anblick kuͤnſtlich angebauter Fluren trugen. Sumatra wird von verſchiedenen Voͤlkern bewohnt, welche ſiebzehn große und kleine Staaten bilden. Die vorzuͤglichſten derſelben ſind Menangcabow und Acheen; jener liegt in der Mitte, dieſer am noͤrdlichen Ende des Eilandes. Sie waren meiſtens von den Englaͤn⸗ dern und Niederlaͤndern abhaͤngig. Was die Herr⸗ ſchaft der erſtern betrifft, ſo beſaßen ſie den groͤßten Theil der ſuͤdweſtlichen Kuͤſte, von Indrapoera bis zur Sundaſtraße, aus welchem ſie die Niederlaͤnder ver⸗ trieben hatten, die daher in ihrer Macht auf der Inſel ſehr geſunken waren; außerdem befanden ſich auch an der Nordweſtkuͤſte engliſche Handelshaͤuſer, wie z. B. in Natal und Tappanooly. Sie hatten zwar die in Beſitz genommenen Laͤndereien den eingebornen Fuͤrſten gelaſſen, dieſe aher, entweder durch guͤtliche Vertraͤge, oder durch Zwang, zu Zinſen und beſonders zur jaͤhr⸗ lichen Lieferung einer gewiſſen Menge Pfeffer ver⸗ bindlich gemacht. Von dieſem Gewuͤrze, welches der vorzuͤglichſte Gegenſtand ihres dortigen Handels war, pflegten ſie alle Jahre drei Schiffsladungen nach Eu⸗ ropa zu ſenden; uͤberdem kauften ſie auch Gold, Ben⸗ zoe und manches andere Erzeugniß des Landes ein. Der Verkauf an die Einheimiſchen umfaßte eine Menge Beduͤrfniſſe, wohin hauptſaͤchlich Salz, Waaren von Stahl, Eiſen und Kupfer gehoͤrten. Deſſen ungeach⸗ tet floß aus dem Handel kein hinreichender Gewinn, 46 um die Beſoldung der im Dienſte ſtehenden, auf 4000 ſich belaufenden Leute zu decken. Der Hauptort der engliſchen Niederlaſſung war das Fort Marlborough; es liegt auf der aͤußerſten Spitze am linken Ufer des Bencoolen. Die Beſatzung beſtand in 500 Mann regelmaͤßiger Truppen, wozu noch einige Kriegſchiffe mit ungefaͤhr 300 Seeleuten kamen. Dieſer gut befeſtigte Ort war der Sitz des Gouverneurs und, wie ich ſchon erwaͤhnte, des Haupt⸗- Comtoirs. Die ſechs Vorſteher desſelben fuͤhrten den Titel„Conſul“; ſie nahmen auch an der politiſchen Verwaltung Theil, und vertraten daher beim Gouver⸗ neur die Stelle der Raͤthe. Einige von ihnen wohn⸗ ten gewoͤhnlich, als Reſidenten, in den untergeordne⸗ ten Handelsplaͤtzen, in Moco⸗Moco, Ippoo, Natal, Tappanooly oder andern. Die Reede beim genannten Fort(die Muͤndung des Fluſſes Bencoolen) iſt offen, geraͤumig und von einem tiefen Meer umgeben, daher die Schiffe jederzeit ungehindert aus⸗ und einlaufen koͤnnen; allein, aus eben dem Grunde ſind die hier vor Anker liegenden gegen den Andrang der Wogen, welcher uͤberhaupt an den Kuͤſten von Sumatra heftig iſt, wenig geſchuͤtzt, und kommen bei ſtuͤrmiſchem Wetter leicht in Gefahr zu ſtranden. Gleichwohl war dieſe Reede mit Fahr⸗ zeugen aus vielen oͤſtlichen Laͤndern bedeckt, was mir einen ſeltenen und unterhaltenden Anblick gewaͤhrte Man ſah hier Perſer und Araber, Javaner, Malaien, —„ ͤͤ — 1 1⸗— K Z2 8 N Gæ—— — — K& eit 8 S. —— 2 8Z 47 Malabaren und viele andere Menſchenarten, wovon einige eine faſt europaͤiſche, andere eine ſchwaͤrzliche, braune, oder gelbe Geſichtsfarbe hatten, und die uͤber⸗ dem in ihrer Kleidung, wie in ihren Sitten und Ge⸗ braͤuchen, eine große Verſchiedenheit zeigten. Auch die Schiffe ſelbſt wichen in Anſehung der Bauart, des Segel⸗ und Tauwerks, der Flaggen, ſo wie der Art ſie zu behandeln, von den unſrigen außerordentlich ab, und zogen daher meine Aufmerkſamkeit in hohem Grade auf ſich. Um nur ein Beiſpiel der Art anzufuͤhren, erwaͤhne ich hier eines Fahrzeuges, welches im Gan⸗ zen einer Galeere glich, dennoch aber in vielen Stuͤcken ſehr verſchieden davon war. Es hatte vorn dieſelbe Geſtalt, wie hinten, und folglich zwei Steuerruder, ſo daß es vor⸗ und ruͤckwaͤrts ſegeln konnte. Es fuͤhrte fuͤnf kurze, bloßen Baumſtaͤmmen aͤhnliche Maſten, die dicht hinter einander ſtanden. Ein jeder derſelben wurde nur von zwei Baſtſeilen an den Seiten geſtuͤtzt, trug aber an der Spitze eine Menge bunter Baͤnder, ſon⸗ derbare Wetterfahnen und Flaggen, welche letztere uͤber⸗ haupt an allen Theilen des Schiffes prangten. Die dreieckig geformten Segel beſtanden aus einem Gewebe von Binſen und baumwollenem Garn. Nicht weit oberhalb Marlborough liegt die Stadt Bencoolen, zu beiden Seiten des Fluſſes gleiches Na⸗ mens. Sie iſt die anſehnlichſte an der ſuͤdweſtlichen Kuͤſte der Inſel, daher man auch die ganze, urſpruͤng⸗ lich aus mehren Staaten beſtehende engliſche Beſitzung 48 nach ihr benannt hat. Zwei Fuͤrſten, welche den Titel „Pangeran“ fuͤhren, beherrſchen dieſe Stadt, der eine den am rechten, der andere den am linken Ufer gelege⸗ nen Theil. Beide leben zwar dem Anſcheine nach in Einigkeit, hegen aber im Stillen ſtets eine gewiſſe Ei⸗ ferſucht gegen einander, was auch auf die Unterthanen ſich erſtreckt, ſo daß nur das Anſehen der Englaͤnder den Ausbruch offenbarer Feindlichkeiten verhinderte, Indeß behauptete der Pangeran des ſuͤdlichen Stadt⸗ theils, wegen der naͤhern Lage beim Fort Marlborough jederzeit das Uebergewicht.* Obſchon Bencoolen nach den Begriffen, welcht der Europaͤer von ſtaͤdtiſcher Bauart hat, nur wie ei großes Dorf erſcheint, vortheilhaft vor den elenden Huͤtten aus, die mant vielen indiſchen Wohnplaͤtzen ſindet; uͤberdem ſind ſi dem Klima und dem eingeſchraͤnkten Beduͤrfniſſe do dortigen Menſchen angemeſſen. Steinerne Gebaͤude 9u waͤhren zwar in heißen Laͤndern hauptſaͤchlich den Vot⸗ theil, daß die aͤußere Hitze weniger darin empfunden wird; allein in Sumatra, das den heftigſten Erdbeben auds⸗ geſetzt iſt, wuͤrden ſie gefaͤhrlich ſein, was auch die dor⸗ tigen europaͤiſchen Coloniſten manchmal erfahren haben, da ſie von der Gewohnheit, ihre Wohnhaͤuſer von Backſteinen aufzufuͤhr ten. Aus dem Grunde ſind die Erzeugniſſe des Pflan⸗ zenreichs weit beſſere Bauſtoffe, als Steine, Ziegel und uͤberhaupt erdige Beſtandtheile; und die Einwohner van ſo zeichnen ſich doch die Haͤuſt en, lange Zeit nicht ablaſſen wol⸗ 49 Bencoolen wiſſen den Reichthum ihrer Waͤlder man⸗ nichfaltig zu dieſem Zweck zu benutzen. Die ſaͤmmt⸗ lichen Haͤuſer ruhen auf ungefaͤhr acht Fuß hohen Pfaͤh⸗ len, ſo daß man bequem darunter hinweg, und folg⸗ lich ſtets im Schatten gehen kann, eine Bauart, die man auf der ganzen Inſel und vorzuͤglich deßwegen eingefuͤhrt hat, weil ſie gegen die Ueberfaͤlle wilder Thiere und, da die meiſten Wohnoͤrter, zur leichtern Fortſchaffung der Waaren, an Fluͤſſen und Seen lie⸗ gen, gegen Ueberſchwemmungen ſchuͤtzt. Die Pfaͤhle ſind ſauber bearbeitet, und am Kopfe faſt wie Saͤulen geſchmuͤckt, daher es dem Europaͤer um ſo ſonderba⸗ rer ſcheint, daß ſie kein Fußgeſtell, ſondern vielmehr cben eine groͤßere Dicke als unten haben, was doch den gemeinſten Regeln der Baukunſt zuwider laͤuft. Dieß ließe ſich jedoch entſchuldigen, wenn man das Pfahlwerk nicht als auf dem Erdboden ruhende Saͤu⸗ len, ſondern— was es doch eigentlich iſt,— als ein⸗ getriebene verzierte Keile betrachtete. Um in's Haus zu ſteigen, bedient man ſich weder feſtſtehender Trep⸗ pen, noch Leitern, ſondern eines ſtarken Bambusrohres, in welches Kerben eingeſchnitten, bisweilen auch Pfloͤcke eingeſchlagen ſind. Es wird, ſo oft Jemand ausge⸗ gangen oder angekommen iſt, wieder in die Hoͤhe ge⸗ zogen; daher man von unwillkommenen Beſuchen nichts zu fuͤrchten hat. Da die Europaͤer ſich mit einer ſol⸗ chen Stiege nicht gut zu behelfen wiſſen, ſo pflegen diejenigen Einwohner, welche mit ihnen Verkehr haben, v. 50 hauptſaͤchlich die Gaſtwirthe, beſondere Leitern fuͤr ſie zu halten. Was die Haͤuſer ſelbſt betrifft, ſo haben ſie nur einen Stock, der aber mehre Kammern enthaͤlt. Das Gerippe beſteht aus Zimmerwerk. Die Seiten ſind faſt durchgaͤngig mit Bambusrohr bekleidet, in⸗ dem man dieſes ſpaltet, auseinander biegt und, mit Steinen beſchwert, in der Sonne trocknet, worauf es, zu langen ſchmalen Bretern geformt, quer an die auf⸗ recht ſtehenden Balken mit Naͤgeln befeſtigt wird. Es ſind mir indeß auch Gebaͤude vorgekommen, deren aͤu⸗ ßere Waͤnde mit großen viereckigen Platten aus der Rinde gewiſſer Baͤume bedeckt waren. Die innern Scheidewaͤnde pflegt man aus duͤnnen Bambusſtaͤben zu verfertigen, die mit buntgefaͤrbten durchflochten, ode mit zierlichen Matten behaͤngt werden. Den Fußbt⸗ den bilden ſtarke Stuͤcke Bambus, auf welche man Matten breitet. Auf das Dach, welches die Forn eines abſchuͤſſigen deutſchen hat, verwenden die Bau⸗ leute ihre vorzuͤglichſte Sorgfalt, weil der oft lang an⸗ haltende Winterregen das hauptſaͤchlichſte klimatiſche Uebel iſt. Als Stoff zur Bedeckung dienen gewoͤhnlich Palmenblaͤtter, die, nachdem ſie gleichfoͤrmig zuge⸗ ſchnitten ſind, auf den vom Bambus verfertigten Spar⸗ ren, wie die Ziegel auf unſern Daͤchern, uͤber einan⸗ f der befeſtigt und, zur groͤßern Verdichtung, mit er⸗ woͤrmtem Harz uͤberſtrichen werden. Eine andere, aber 1 koſtbarere Bedachung iſt die, daß man aus ſchwachem t Bambusrohr duͤnne ſtrohartige Staͤbe ſchneidet und h — 51 dann, wie das Stroh auf unſern Bauerhaͤuſern, feſt⸗ bindet. Auf gleiche Weiſe werden bisweilen die den Stamm der Ronupalme umgebenden Faſern verwen⸗ det, welche wegen ihrer faſt unverwuͤſtlichen Dauer⸗ haftigkeit nie einer Erneuerung beduͤrfen. Feuerpläͤtze und Rauchabzuͤge fehlen den Haͤuſern, daher man das Kochen der Speiſen und jedes andere des Feuers be⸗ noͤthigte Geſchaͤft auf freier Straße verrichtet. Die Wohnungen der Pangerans, ſo wie uͤberhaupt der Vornehmen und Reichen, zeichnen ſich wenig vor den uͤbrigen aus, nur daß ſie in einem groͤßern Maßſtabe gebaut und in der Mitte des Stadttheils gelegen ſind. Die zu religioͤſen, gerichtlichen und ſonſt oͤffentlichen Handlungen beſtimmten Gebaͤude beſtehen bloß in einem Dache, das auf Saͤulen ruht, und haben daher Aehn⸗ lichkeit mit den Schuppen, dergleichen in vielen deut⸗ ſchen Doͤrfern zum Sammelplatz der Gemeinde dienen. Uebrigens ſtehen die Wohnhaͤuſer dicht beiſammen. Die Straßen haben eine betraͤchtliche Breite, und die vorzuͤglichſten laufen nicht, wie in den meiſten Staͤdten, die an einem Fluſſe liegen, mit dieſem in gleicher Richtung, ſondern gegen denſelben, damit alle Ein⸗ wohner mit leichter Muͤhe dahin kommen koͤnnen, weil ſie meiſtens ihre Verrichtungen an den Ufern haben und daſelbſt alle Beduͤrfniſſe verkauft werden. Hier findet man alle Waaren und Lebensmittel, welche letz⸗ tere hauptſaͤchlich in Reiß, Fruͤchten und Fiſchen beſte⸗. hen, im Freien oder unter aufgeſpannten Matten aus⸗ 4* gelegt. Gaͤrten und uͤberhaupt kuͤnſtlichen Anbau von Ge⸗ waͤchſen bemerkte ich nirgends; das einzige, was einiger⸗ maßen hiermit in Beruͤhrung ſteht, iſt, daß man in eini⸗ gen Straßen hohe Palmen geſetzt, ſo wie die ganze Stadt, wahrſcheinlich um wilde Thiere davon abzuhalten, mit Dieſelbe Einfachheit, welche die Haͤuſer bezeichnet, findet großen Theils auch in Hinſicht des Geraͤthes Statt. Die Hauptſtuͤcke ſind die Betten. Sie beſtehen in Polſtern, die auf keinem Geſtell, ſondern auf dem Fußboden liegen, ſo wie in Kiſſen und Decken. An letzteren iſt gewoͤhnlich eine Pracht verſchwendet, die mit dem Uebrigen einen auffallenden Abſtich macht; denn ſie werden aus ſchoͤnem Zitz, oder guten ſeidenen Zeugen gefertigt, nicht ſelten Tiſche und Stuͤhle zu den Beduͤrfniſſen, da die Einwoh⸗ ner von ganz Sumatra die Gewohnheit haben, auf den Ferſen zu ſitzen. Das Geſchirr zum Kochen, zum Eſſen und Trinken beſchraͤnkt ſich auf einige eiſerne Keſſel, irdene Toͤpfe, Schuͤſſeln, Kruͤge, Becher, und beſondere Gefaͤße von chineſiſchem Porzellan, um Betel, Arekanuͤſſe, oder Opium darin autzuſetzen. Hecken der ſtachligen indiſchen Feige dicht umgeben hat. auch durchaus geſtickt, und bisweilen an den Kanten mit 4 Figuren von Golddraht, kleinen ſilbernen Glocken oder minder koſtbaren glaͤnzenden Dingen beſetzt. Schraͤnke und dergleichen Geraͤthſchaften ſind nicht gebraͤuchlich, indem jedes Haus eine beſondere Kammer enthaͤlt, worin man die Kleider an den Waͤnden aufhaͤngt und andere Sachen auf den Fußboden niederſetzt. Eben ſo wenig gehoͤren 53 6. Die Einwohner von Bencoolen— Urſprung derſelben— aͤußeres Anſehen— Kleidung— geiſtige Anlagen und deren Ausbildung— Gewerbe— Gemuͤthsart— Sprache — Speiſen und Getraͤnke— Vergnuͤgungen— herr⸗ ſchende Religion. Die Einwohner von Bencoolen, ſo wie uͤberhaupt des ganzen dazu gehoͤrigen Landſtriches, ſind nicht ur⸗ ſpruͤnglich Eingeborne von Sumatra, ſondern ſtammen von Malacca ab. Ob ſie nun ſchon, als Malaien, in Sprache und Sitten betraͤchtlich von den aͤchten Su⸗ matranern abweichen, ſo konnte ich doch in Hinſicht der koͤrperlichen Beſchaffenheit keinen Unterſchied wahr⸗ nehmen. Der einzige, welcher mir bemerklich war, iſt der, daß die Unterthanen des Staates Acheen eine dunk⸗ lere Farbe haben, weil ſie in fruͤhern Zeiten mit afri⸗ kaniſchen Colonieen vermiſcht worden ſind. Deſſen un⸗ geachtet weiß jede dieſer ſumatraniſchen Voͤlkerſchaften die andere bloß am Geſicht genau zu unterſcheiden, ſo wie z. B. die europaͤiſchen Voͤlker eine große koͤrper⸗ liche Verſchiedenheit unter ſich ſinden, obſchon in den Augen der Indier alle einander gleichen; denn jeder Himmelſtrich erzeugt eine beſondere Menſchenart, deren Eigenheiten dem Fremden zu auffaͤllig ſind, um ihn die einzelnen Abſtufungen erkennen zu laſſen. Die Ein⸗ wohner von Bencoolen ſind unter der mittleren Groͤße, von ſchwachem Knochenbau, dabei aber wohlgeſtaltet und kraͤftig. Sonderbar, daß ſie als Menſchen, die der Linie ſo nahe wohnen, eine hellere Geſichtsfarbe, ernden Indier haben; ja, ſie uͤbertreffen hierin die un⸗ tern Volksklaſſen der Portugieſen und Spanier, ſo wie die noͤrdlichen Aſiaten, und ſogar die Bewohner des europaͤiſchen hohen Nordens, die Laͤpplaͤnder. Ihre Geſichtsfarbe iſt ein Gelb, welches nicht den mindeſten Zuſatz von Roth hat, und bei denjenigen, die ſich der Sonne nicht ausſetzen, dergeſtalt in's blaſſe faͤllt, daß man es mit der Farbe eines Erdapfels vergleichen kann. Das Geſicht iſt rund, das Auge braun oder ſchwarz, die Naſe platt und die Scheitel etwas zuge⸗ ſpitzt; die beiden letzten Eigenſchaften ſind jedoch nicht natuͤrlich, ſondern werden, weil man ſie fuͤr Schoͤnhei⸗ ten haͤlt, den Kindern nach der Geburt gegeben, wo bekanntlich die Zartheit der Knochen eine willkuͤhrliche Geſtaltung derſelben erlaubt. Das ſchlichte Haupthaar zeichnet ſich durch beſondere Schwaͤrze und Staͤrke aus; die Maͤnner pflegen es kurz abzuſchneiden, dage⸗ gen die Weiber es lang tragen, und deſſen Wachsthum durch taͤgliches Anfeuchten mit Oel zu befoͤrdern ſu⸗ chen, ſo daß es bisweilen die doppelte Laͤnge der gan- zen Perſon erreicht. Der Bart fehlt den Maͤnnern als andere, ſelbſt die der gemaͤßigten Zone ſich naͤh⸗ —— A 2 8& 8m„ ł 55 gaͤnzlich, weil ſie ihn, durch Einreibung mit unge⸗ loͤſchtem Kalk, fruͤhzeitig auszurotten ſuchen. Die Ge⸗ ſichtszuͤge dieſes Volkes ſind, ungeachtet es ſuͤß zu laͤcheln verſteht, nicht einnehmend; ja, unſern Englaͤn⸗ dern ſchienen die Frauen ſogar haͤßlich. Was die Kleidung betrifft, ſo beſteht ſie bei bei⸗ den Geſchlechtern aus grobem oder feinen, einfachem oder gebluͤmten baumwollenen oder ſeidenen Stoffe, je nachdem der Stand, das Vermoͤgen oder die Eitel⸗ keit es beſtimmen. Der blauen, gelben und rothen Farbe gibt man den Vorzug vor allen uͤbrigen. Die Maͤnner tragen eine Beſte mit ſtehendem Kragen, die bis an den Hals zugeknoͤpft wird, und ein weites Obergewand, das einige Aehnlichkeit mit unſern Schlaf⸗ roͤcken, aber enge, vom Handgelenk bis zum Ellbogen mit vielen Knoͤpfen verſehene Aermel hat. Statt die⸗ ſes Gewandes bedienen ſich die jungen Leute eines an⸗ dern, das einem kurzen, bis auf die Huͤften reichenden Hemd aͤhnlich ſieht. Die Hoſen gehen bis zur Mitte des Schenkels, und laſſen die uͤbrigen Theile des Beins unbekleidet. Obſchon Einige Sandalen an den Fuͤßen tragen, ſo gehen doch die Meiſten ſtets barfuß, daher ſie, wie alle Voͤlker, die an Bekleidung der Fuͤße nicht gewoͤhnt ſind, die Zehen faſt ſo gut als die Finger ge⸗ brauchen koͤnnen, was ihnen beſonders bei Verfertig⸗ ung des Flechtwerks ſehr zu Statten kommt. Den Kopf ziert ein Turban oder, um richtiger zu ſprechen, ein weißes oder buntes Tuch, welches um den Kopf 56 gewunden wird, ſo daß die Scheitel unbedeckt bleibt; doch ſetzen Viele bei heißem Wetter, und beſonders wenn ſie ſich der Sonne bloß ſtellen muͤſſen, einen Strohhut mit breiter Kraͤmpe auf, Um den Leib be⸗ feſtigt man, entweder unter oder uͤber dem Ober⸗ kleide, einen ſeidenen Guͤrtel. Er dient hauptſaͤch⸗ lich, die Seitengewehre, dergleichen alle Maͤnner ſtets bei ſich fuͤhren, dazwiſchen zu ſtecken, oder daran zu haͤngen. Dieſe Waffen ſind ſehr verſchieden, indem ſie, den Verhaͤltniſſen und dem Geſchmack des Beſitzers gemaͤß, die Form eines Saͤbels, eines Jagdmeſſers, oder eines Dolches, und bald ein Heft von Gold, bald von Silber, am haͤufigſten aber von Elfenbein haben; jedoch kommen ſie alle darin uͤberein, daß das Heft immer etwas Unnatuͤrliches, gewoͤhnlich einen menſch⸗ lichen Koͤrper mit einem Vogelkopfe vorſtellt, und die Scheide nur aus Holz verfertigt, obgleich auf man⸗ cherlei Art verziert iſt. Der Guͤrtel hat auch noch die Beſtimmung, das Schnupftuch dazwiſchen zu ſtecken, auch einen Beutel daran zu haͤngen, welcher Opium zum Rauchen, Betel und Areka zum Kauen enthaͤlt, Beduͤrfniſſe, die dem Bewohner von Sumatra unent⸗ behrlich ſcheinen. Uebrigens gehoͤrt zu einem vollſtaͤndi⸗ gen Anzuge noch ein Mantel, den man, wenn er nicht angezogen wird, der Laͤnge nach zuſammen faltet und von vorn nach hinten uͤber die Schulter wirft, oder um den Leib windet und dann den Guͤrtel daruͤber be⸗ feſtigt. Den vorzuͤglichſten Schmuck der Maͤnner ma⸗ 57 chen die Knoͤpfe aus, indem ſie nicht ſelten von Gold, oder mit Golddraht kuͤnſtlich uͤberſponnen ſind. Die Weiber tragen ein die Bruſt und den ganzen Leib be⸗ deckendes Mieder und daruͤber einen Rock, welcher oben bis unter die Arme, unten aber bis auf die Fuͤße geht, und mit einer Binde um die Huͤften befeſtigt wird. Dieſe beſteht aus geſticktem Seidenzeuge, und iſt vorn mit einem breiten goldenen oder ſilbernen Schloſſe ver⸗ ſehen, deſſen Mitte gemeinlich ein Edelſtein, oder eine erhaben gearbeitete Figur ſchmuͤckt. Um den Nacken nehmen die Frauen ein Tuch von duͤnnem Gewebe, deſſen Enden ausgezaut, geſtickt oder mit Franzen be⸗ ſetzt ſind; es dient bisweilen auch als Schleier. Das Schnupftuch tragen ſie in der Hand oder, wie die Maͤnner, zwiſchen der Leibbinde. Mit der Fußbekleid⸗ ung hat es dieſelbe Bewandtniß wie bei den Maͤn⸗ nern. Der Kopfputz iſt kuͤnſtlich, aber der Willuͤhr und dem Geſchmack eines Jeden zu ſehr uͤberlaſſen, um ihn genau beſchreiben zu koͤnnen. Man weiß die langen Haare ſehr geſchickt und mannichfaltig um den Kopf zu winden, ſo wie mit Blumen und Baͤndern, mit goldenen Nadeln und Kaͤmmen von Schildkroͤte zu putzen. Zum Schmuck des weiblichen Geſchlechtes gehoͤren beſonders die goldenen Ohrgehaͤnge, welche oft ſo ſtark und mit Edelſteinen ſo beſchwert ſind, daß dadurch die Ohrlaͤppchen mehre Zoll herabgedehnt wer⸗ den. Goldene Ringe oder mit Golddraht geſtickte Bin⸗ den um die Unterarme und Schienbeine dienen zur Be⸗ 58 zeichnung des jungfraͤulichen Standes. Unerwachſenen Maͤdchen pflegt man Muͤnzen, an eine Schnur gereiht, um den Hals zu haͤngen. Kinder unter fuͤnf Jahren werden gar nicht, oder nur mit einem leichten Ober⸗ gewand bekleidet, das vorn offen iſt; daher man ihnen, im erſtern Fall, zur Bedeckung der Schamtheile, ei⸗ nen baumwollenen Schurz, bisweilen ein ſilbernes Schild um den Leib befeſtigt. Die Mutter traͤgt ihr Kind nicht, wie in Europa, auf den Armen, ſondern — was weit vorzuͤglicher ſcheint,— an der linken Seite in einem Gurt, der die Oberſchenkel und Huͤften des⸗ ſelben umſchließt und an einem Bande uͤber die rechte Schulter der Mutter haͤngt. Solchergeſtalt kann das Kleine ungehindert Haͤnde und Fuͤße bewegen, und die Mutter, welche nur den Oberleib desſelben mit dem linken Arme gemaͤchlich aufrecht haͤlt, hat den rech⸗ ten voͤllig frei und es wird ihr uͤberhaupt das Tra⸗ gen weniger beſchwerlich. Beide Geſchlechter haben die Gewohnheit, ſich taͤglich am ganzen Koͤrper mit balſamiſchen Oelen einzureiben, um der allzu ſtarken Ausduͤnſtung und dem dadurch entſtehenden Uebelge⸗ ruch vorzubeugen. Eine ſonderbare Verſchoͤnerung be⸗ ſteht darin, daß ſie die Naͤgel am Mittelfinger und an der kleinen Zehe lang wachſen laſſen. Eben ſo ſeltſam iſt es, daß ſie die von Natur ſehr weißen Zaͤhne durch Feilen ihrer Glaſur berauben, und mittels einer aus Cocosſchalen gefertigten Beize ſchwarz faͤrben. Ueberdem pflegen die Reichen das Zahnfleiſch mit Ein⸗ σ₰ 2— & ᷣ ͤSGSSDx SZ 8 e 59 faſſungen von Goldblech zu verzieren, welche man nach Belieben einſetzen und heraus nehmen kann. Nach einem kurzen Aufenthalt in Bencoolen wird man gewahr, daß die Einwohner viel Verſtandeskraͤfte beſitzen; gleichwohl ſtehen ſie in den Wiſſenſchaften und Kuͤnſten auf einer niedrigen Stufe, was um ſo auffallender iſt, da ſie beinahe ſeit zwei hundert Jah⸗ ren unter den Europaͤern leben. Das vorzuͤglichſte Hinderniß, welches ſich ihrer geiſtigen Ausbildung ent⸗ gegen ſtellt, ſcheint, wie in den meiſten ſuͤdlichen Laͤn⸗ dern, am Klima zu liegen, weil es durch ſeine Frei⸗ gebigkeit den Menſchen traͤge und zu Neuerungen ab⸗ geneigt macht, ſo daß er, um unthaͤtig zu ſein, gern auf die hoͤhern Bequemlichkeiten des Lebens, welche der Fleiß gewaͤhrt, Verzicht leiſtet. Dazu kommt noch ein ſtolzer Eigenduͤnkel, der ihren Fortſchritten in Kuͤnſten und Wiſſenſchaften hinderlich iſt. Auch haben ſie wenig Gelegenheit ſich die Aufklaͤrung der Europaͤer zum Muſter zu nehmen, weil die dortigen ſich wenig um die Eingebornen bekuͤmmern, ſondern ſie bloß als Werkzeuge zur Erreichung ihrer eigennuͤtzigen Abſichten betrachten. Ueberdem beſteht der groͤßere Theil derſel⸗ ben aus ungebildeten Soldaten und Seeleuten, Men⸗ ſchen, die bekanntlich wegen ihrer Neigung zur Trun⸗ kenheit und zu andern Ausſchweifungen wenig geeignet ſind, ſich Achtung zu erwerben und zur Annahme ihrer ſittlichen und geiſtigen Eigenſchaften aufzumuntern. Ein anderer Umſtand, welcher dem Eingang der europaͤi⸗ 60 ſchen Geiſtesbildung im Wege ſteht, iſt der beſtaͤndige Wechſel der Moden, weil man hieraus den Schluß zieht, daß alle unſere Erſindungen und Kuͤnſte wenig innern Werth haben und daher keine Nachahmung verdienen. Die Einwohner von Bencoolen beſchaͤftigen ſich, wie ich ſchon oben erwaͤhnte, faſt durchgaͤngig mit Handel und Schifffahrt, zu welchen Gewerben ſie von Natur viel Faͤhigkeit beſitzen. Die Handwerke werden großen Theils von Chineſen getrieben, welche die Eng⸗ laͤnder dahin gezogen haben. Man findet indeſſen auch unter den Eingebornen geſchickte Goldſchmiede, Toͤpfer, Hornarbeiter; erſtere uͤbertreffen im Ziehen des Gold⸗ drahtes ſelbſt die europaͤiſchen. Auf kuͤnſtliches Ge⸗ flecht, auf Holzarbeiten, beſonders Schnitzwerk, verſte⸗ hen ſich faſt Alle, machen jedoch ſelten von dieſen Fer⸗ tigkeiten weitern Gebrauch, als ihr eigenes Beduͤrfniß zu befriedigen. Ueberhaupt verrathen ſie bei jedem mechaniſchen Geſchaͤft, das ſie unternehmen, eine vor⸗ zuͤgliche natuͤrliche Geſchicklichkeit, die oft den Europaͤer in Erſtaunen ſetzt. Die meiſten Weiber koͤnnen baum⸗ wollene und ſeidene Zeuge weben, ſo wie kuͤnſtliche Stickereien, Matten und Teppiche verfertigen. Das Temperament der Bencoolener iſt zwar leb: haft, ſcheint jedoch mehr zum Ernſt, als zur Luſtigkeit geſtimmt, obſchon Jung und Alt Muſik und Geſaͤnge liebt, und ſich bei jeder Arbeit durch Traͤllern die Zeit zu verkuͤrzen ſucht. Allen Staͤnden iſt eine uͤbertrie⸗ —— a——— R SZR R R R 64 bene Hoͤflichkeit und die Kunſt eigen, jedes Wort mit einem beifaͤlligen Laͤcheln zu begleiten, was mir mehr⸗ mals Veranlaſſung gab, argliſtige Abſichten dahinter zu vermuthen, und uͤberhaupt den dort lebenden Eng⸗ laͤndern, wenn ſie den Charakter der Einwohner als heuchleriſch und raͤnkevoll ſchilderten, Glauben beizu⸗ meſſen. Der gewoͤhnliche Gruß beſteht darin, daß man, nach oft wiederholtem Verneigen, die Hand des Andern ergreift und nach der Stirn fuͤhrt. Leute, die in ver⸗ traulichen Verhaͤltniſſen mit einander ſtehen, pflegen ſich gegenſeitig die Haͤnde, das Geſicht oder den Nacken zu kuͤſſen, worauf ein Ausrauſch der ſtets in Bereitſchaft gehaltenen Genuͤſſe, des Opiums, des Betels u. ſ. w., folgt. Die Sprache, welche in Hinſicht des Wohlklanges viel Aehnlichkeit mit dem Italieniſchen hat, ſoll von der reinen malaiiſchen, d. i. der in Malacca herrſchen⸗ den, hauptſaͤchlich darin abweichen, daß ſie das am Ende der Woͤrter haͤufig vorkommende A in ein O verwandelt. Im Schreiben bedient man ſich der ara⸗ biſchen Zeichen. 3 Im Eſſen und Trinken ſind die Meiſten ſehr maͤ⸗ ſig. Das gewoͤhnliche Getraͤnk beſteht in Waſſer; doch lieben Viele den Palmenwein, den ich uͤberhaupt in Bencoolen vortrefflicher als irgendwo gefunden habe. Arack und mancherlei ſtarke Getraͤnke aus dem Saft ver⸗ ſchiedener Fruͤchte werden mehr fuͤr die Fremden bereitet. Was die Speiſen betrifft, ſo genießt man das Fleiſch 6² der Buͤffel, Rinder, Schafe und Ziegen, jedoch ſelten, weil dieſe Thiere, da Bencoolen und die umgegend weder Ackerbau noch Viehzucht treiben, aus dem Bin⸗ nenlande herbeigeſchafft werden, und daher koſtbar ſind. Die in vielen Theilen des Landes uͤbliche Sitte, Pferdefleiſch zu eſſen, findet hier nicht Statt. Deſto haͤufiger genießen die Einwohner, außer Fluß⸗ und Seeſiſchen, wilde Eber, Stachelſchweine, Hirſche, Ha⸗ ſen, Kaninchen und mancherlei wildes Gefluͤgel, was alles die nahen Waͤlder im Ueberfluſſe liefern. Die vorzuͤglichſte Koſt beſteht in Reiß, indem er bei jeder Mahlzeit, ſelbſt bei Schmaͤuſen, das Hauptgericht aus⸗ macht, obſchon er bisweilen hoch im Preiſe ſteht, weil er, wie die uͤbrigen durch den Landbau gewonnenen Erzeugniſſe, aus der Ferne kommt. Ueberdem bieten die Waͤlder zu allen Jahreszeiten eine Menge vortreff⸗ licher Fruͤchte dar, ſo daß man zur Bereitung warmer Speiſen nicht genoͤthigt iſt. Dieſe Fruͤchte umfaſſen nicht nur faſt alles, was der Europaͤer unter dem Namen„Suͤdfruͤchte“ verſteht, ſondern auch andere ihm voͤllig fremde, die der Inſel eigenthuͤmlich an⸗ gehoͤren. Da das Kochgeſchaͤft auf freier Straße verrichtet wird, ſo hatte ich mehrmals Gelegenheit, das dabei uͤbliche Verfahren zu beobachten. Gewoͤhnlich baut ſich die Koͤchinn eine Art Kamin aus Ziegeln oder Stei⸗ nen, welche ſie in zwei Reihen uͤber einander legt. Zwiſchen denſelben macht ſie das Feuer an, und oben 22 ch 5F5—, eDe=„—ͤ——„-“— 32 2 — — N8——— ₰ N Q—=2 2 u—n— u—&K&&⏑— 63 quer daruͤber ſetzt ſie die Keſſel oder Toͤpfe. Dreifuͤße und Roſte gebrauchen nur die Reichen. Um Gebratenes oder Gebackenes zu bereiten, macht man eine kleine Hoͤhle von Steinen, uͤberſchuͤttet ſie dicht mit Erde, und zuͤndet dann ein ſtark hitzendes Feuer darin an, worauf die Aſche heraus gekehrt, das Gericht hinein geſchoben, und die Oeffnung wohl verſtopft wird. Das Gericht bleibt ſo lange unberuͤhrt, bis es die Koͤchinn nach Verlauf einer gewiſſen Zeit, welche ſie genau berechnet hat, fertig wieder herausnimmt. Sie ſchneidet ſtets das vorher von den Knochen befreite Fleiſch in kleine Stuͤcke, und richtet uͤberhaupt jede Speiſe dergeſtalt zu, daß ſie bei Tiſche keiner Zerleg⸗ ung bedarf. Auf die Bereitung des Reißes wird vor⸗ zuͤgliche Sorgfalt gewendet. Wenn er fertig iſt, muß er eine milchweiße Farbe haben; die einzelnen Koͤrner muͤſſen unzerkocht, voͤllig trocken und dennoch gehoͤrig weich ſein. Die Kunſt dieß zu bewirken, ſcheint auf dem richtigen Maße des dazu genommenen Waſſers, und auf der gleichfoͤrmigen Unterhaltung eines gelinden Feuers zu beruhen. Uebrigens werden die meiſten Speiſen auf einerlei Art bereitet, naͤmlich mit gewiſſen Gewuͤrzen, worunter Cayenne⸗Pfeffer, Cardamom, Turnerik und Knoblauch die hauptſaͤchlichſten ſind. Beim Eſſen ſelbſt pflegt Jeder den ihm zukommenden Theil noch beſonders mit dieſer oder jener Gattung be⸗ liebig zu vermiſchen. Ueberhaupt haͤngt das Gepraͤnge 64 bei der Tafel vorzuͤglich von der Mannichfaltigkeit und Menge des Gewuͤrzes ab. Was die Tiſchgebraͤuche betrifft, ſo will ich die Mahlzeit, die in meiner Gegenwart ein Gaſtwirth und ſeine Familie hielt, umſtaͤndlich beſchreiben. Man legte mitten in die Stube ein bunt gemaltes Bret, welches die Form eines Kaffeebretes hatte, und ſetzte die vor dem Hauſe angerichteten Speiſen, naͤmlich eine große Schuͤſſel Reiß und eine kleinere, mit Fleiſch gefuͤllt, darauf. Das Geſchirr beſtand aus Toͤpferzeug. Die ganze Hausgenoſſenſchaft kam nun herbei, wuſch ſich unter ſeltſamen religioͤſen Geberden, und nahm dann, einen Kreis bildend, Platz um die aufgetragenen Ge⸗ richte. Die Kinder, ſammt einigen Dienſtleuten, lie⸗ ßen ſich auf die Ferſen nieder. Vater und Mutter nahmen aber eine noch ſonderbarere Stellung an, in⸗ dem ſie auf der linken Haͤlfte des Hintern ruhten und, die Beine nach der rechten Seite eingezogen, ſich auf 2 den linken Arm ſtuͤtzten. Sie ſchoͤpften dann, mittels 2 hoͤlzerner Spatel, etwas von den Gerichten in beſondere Naͤpfchen fuͤr ſich heraus, und wuͤrzten es nach ihrem n Geſchmack. Dem juͤngſten Kinde reichten ſie ſeinen S Theil in einer kleinen Cocosſchale. Die. Uebrigen muß⸗ d h ſi d — Snͤ—— & 8 22&⏑ 22 — f ten gemeinſchaftlich aus den Schuͤſſeln eſſen, und ſich mit der Wuͤrze begnuͤgen, die den Speiſen bei der Zu⸗ bereitung beigemiſcht war. Außer jenen zum Vorlegen beſtimmten Spateln gab es keine beſondern Werkzeuge 2 zum Eſſen. Jeder ergriff mit den Fingern das Fleiſch, d 6 65 und eben ſo den Reiß, welchen man mit dem Daumen ſehr geſchickt in den Mund zu werfen wußte. So oft man einen Biſſen zu ſich genommen hatte, wurden die Finger in den kleinen Waſſergefaͤßen, die zu dieſem Zweck umherſtanden, abgeſpuͤlt. Man aß uͤbrigens aͤu⸗ ßerſt ſchnell, und ohne dabei viel Worte zu wechſeln. Ein Trunk Waſſer beſchloß das Mahl; und dann machte ſich Einer nach dem Andern auf die Seite, um zu ſchlafen. Nur der Hausvater hielt Stand, indem er ſich am Opiumrauchen ergoͤtzte. Hierbei muß ich bemerken, daß man das zu kleinen Kugeln geformte Opium aus duͤnnen Schilfroͤhren raucht; der Dampf wird entweder verſchluckt, durch die Naſe heraus geſto⸗ ßen, oder ſo lange im Munde behalten, bis er ſogar durch die Augen und Ohren hervordringt. Von den Arten ſich zu vergnuͤgen ſind mir bloß Ballſpiele, ſo wie auch ein Hahnengefecht vorgekommen. Die letztere grauſame Beluſtigung fand auf einem freien, mit Schranken umgebenen Platze Statt, hinter welchen eine große Menge neugieriger Zuſchauer ſtand. Die Kaͤmpfer waren mit eiſernen Spornen bewaffnet, die einer Saͤbelklinge glichen. Sie fochten lang und hartnaͤckig, aber keiner trug den Sieg davon, indem ſie alle, mit Wunden bedeckt, faſt zu gleicher Zeit nie⸗ derſtuͤrzten. Dieß hatte wenigſtens das Gute, daß die Beſitzer der Thiere ohne die Streitigkeiten von einan⸗ der ſchieden, die ſonſt das Nachſpiel ſolcher Gefechte Ve 5 66 ſind, weil man dieſe immer mit bedeutenden Wetten verbindet. Von den uͤbrigen Sitten der Einwohner in Ben⸗ coolen kann ich nichts anfuͤhren, weil ich, wegen mei⸗ nes kurzen Aufenthaltes unter ihnen, nur dasjenige bemerkte, was dem Fremden am meiſten in die Augen faͤllt.— Die herrſchende Religion iſt die muhamedaniſche; ich habe aber, außer einigen zum Gottesdienſte beſtimm⸗ ten Gebaͤuden oder Moſcheen, ſo wie der Gewohnheit der Einwohner, ſich taͤglich zu gewiſſen Zeiten zu waſchen, und der großen Ehrerbietung, welche ſie den Begraͤb nißplaͤtzen erweiſen, nichts wahrgenommen, was den entfernteſten Bezug darauf hat. N ðæ 8ARR N 188R 67 7. Es findet auf dem Werford ein Wechſel der Mannſchaft Statt. Der uͤble Einfluß, den das Klima von Bencoolen auf uns aͤußert, gibt Anlaß, daß wir ſo bald als moͤglich wieder in See zu kommen ſuchen. Unſere Fahrt durch die Straße von Sunda. Ankunft im Sundaſee, wo uns chine⸗ ſiſche Junken begegnen— kurze Beſchreibung ſolcher Schiffe⸗ nebſt Bemerkungen uͤber die Schifffahrt der Chineſen. Ma⸗ laiiſche Fahrzeuge. Wir kommen durch die Straße von Banca. In der Naͤhe der Linie erhebt ſich ein ſtarkes Ge⸗ witter, das aber gluͤcklich voruͤbergeht, worauf wir das chineſiſche Meer ſchnell durchſchiffen. An der Kuͤſte von Cochinchina erhalten wir Zuſpruch von dortigen Ein⸗ wohnern— ihre Geſtalt und Kleidung— ihre Kaͤhne. Ich komme nun zu unſerem Werford zuruͤck. Nach der Ankunft in Bencoolen ſchifften ſich die unter der Mannſchaft befindlichen Indier aus, um nach ihrer Heimath zuruͤckzukehren. Es hielt jedoch nicht ſchwer, ſie durch andere zu erſetzen, weil die indiſchen See⸗ leute gern auf engliſchen Schiffen dienen. Da die mei⸗ ſten eben ſo wenig Kenntniß von der europaͤiſchen Schiff⸗ fahrt, als von der engliſchen Sprache hatten, ſo konnte man ſie Anfangs wenig bei der Arbeit gebrauchen. Sie begriffen jedoch beides erſtaunlich ſchnell, obſchon ihre Ausſprache des Engliſchen, weil die kraͤftigen, aber rau⸗ 5* 68 hen Toͤne desſelben ihrem Organ ſchwer ſielen, lange Zeit ein unverſtaͤndliches Lallen war. Unter den Neu⸗ geworbenen befand ſich auch ein ſo genannter Kakerlak oder weißer Neger. Seine Hautfarbe war ein ſchmut⸗ ziges Weiß, ohne alle Beimiſchung von Roth, weß⸗ halb wir Europaͤer ihn ſcherzweiſe den todten Mann nannten. Die europaͤiſche Mannſchaft des Schiffes, welche Bencoolen bei vollkommener Geſundheit erreicht hatte, begann nach einem kurzen Aufenthalte daſelbſt großen Theils zu kraͤnkeln, obſchon der dortige Gouverneur es an nichts fehlen ließ, was zur Erhaltung derſelben beitragen konnte, indem er uns z. B. taͤglich mit koͤſt⸗ lichen Fruͤchten, friſchem Buͤffel- oder Rindfleiſch, oder wildem Gefluͤgel reichlich verſorgte. Die Urſache des Uebelbefindens ſchrieb man nicht den auf der Reiſe aus⸗ geſtandenen Beſchwerden, ſondern einzig dem Klima des Landes zu, weil dieſes, als Inſel und wegen ſei⸗ ner hohen Berge und dichten Waldungen, zwar keiner uͤbermaͤßigen Hitze, deſto mehr aber den ſchaͤdlichen Duͤnſten ausgeſetzt iſt, welche nach Sonnenuntergang aus den vielen Suͤmpfen aufſteigen, und gewoͤhnlich erſt gegen zehn uhr Morgens verſchwinden, ſo daß man ſich, ohne warme Kleidung, in der feuchtkuͤhlen Nachtluft ſehr ſchauerlich fuͤhlt. Wir ſuchten daher unſere Geſchaͤfte ſo viel als moͤglich abzukuͤrzen, und ſetzten am 14. Mai die Reiſe weiter fort. Wir ſchifften, laͤngs den Kuͤſten, ſuͤdwaͤrts nach —&½—— L,ee ☛ 8— —,——,, o...“ — 8+— OD +8—*— 2 N —²⁸ u 69 der Straße von Sunda hin, die wir auch, obſchon der Seewind entgegen war, durch Huͤlfe der ſtarken Land⸗ winde am 19. erreichten. Hierbei iſt zu bemerken, daß es, in Hinſicht des Windes, mit den Inſeln im indiſchen Meere dieſelbe Bewandtniß, wie mit den weſt⸗ indiſchen hat, woruͤber ich im IV. Baͤndchen, Seite 18. f. geſprochen habe. Die Monſoons umwehen, wie dort der Oſtpaſſat, am Tage die Inſeln dergeſtalt, daß ſie die Kuͤſten uͤberall von der Seeſeite beſtreichen, ſich jedoch in ihrer Naͤhe beim Einbruche der Nacht legen, waͤhrend welcher die Luft vom Lande nach dem Meere ſtroͤmt. Unſere Fahrt durch die genannte Straße hatte viel Angenehmes. Die Luftwaͤrme war gemaͤßigt, das Ge⸗ waͤſſer ruhig und in Hinſicht der Lebhaftigkeit mit dem britiſchen Kanal zu vergleichen, indem uns hier, außer mehren europaͤiſchen und amerikaniſchen Schiffen, un⸗ zaͤhlige indiſche begegneten. Ueberdem gewaͤhren die uͤberall zerſtreut liegenden Inſeln, wovon einige bloß ſteile kahle Felſen, andere niedrig und mit Geſtraͤuchen, oder hohen Baͤumen bewachſen ſind, einen unterhalten⸗ den Anblick. Hierzu kommen noch die reizenden An⸗ ſichten von Java und Sumatra, obſchon die Kuͤſten, auf dieſer Seite, an vielen Stellen ſehr niedrig, voll von Moraͤſten und nicht ſelten in Duͤnſte gehuͤllt ſind. Nach dem Eintritt in die Sundaſee, der am 20⸗ Statt fand, begegneten uns zwei von Batavia kom⸗ mende chineſiſche Seeſchiffe oder, wie die Europaͤer ſie nennen, Junken, welche, wegen ihrer ſeltſamen Bau⸗ art und weil ich noch keine geſehen hatte, ein auffallen⸗ des Schauſpiel fuͤr mich waren. Solche Schiffe haben eine Groͤße von hundert bis zwei hundert Laſten. Der Boden derſelben iſt flach. Sowohl das Vorder⸗ als das Hintertheil ruht auf ausgeſchweiften Balken, und ragt, uͤber dem Waſſer ſchwebend, weit hervor. Hin⸗ ten uͤber dem Steuer befindet ſich eine Art Kajuͤte. Die Maſten ſind aus dem Ganzen; jeder wird nur von zwei aus Roting gefertigten Tauen gehalten, die man auf der Windſeite befeſtigt⸗ Das Bugſpriet ſteht nicht, wie es der Sache gemaͤß iſt, gerade vorn heraus, ſondern etwas n ach der rechten Seite hin. Uebrigens iſt alles Holzwerk ſehr grob gearbeitet. Den innern Theilen pflegt man einen rothen Anſtrich zu geben, den außern einen ſchwarzen oder weißen, und an den Bug ſind jederzeit zwei Augen gemalt. Was die Segel betrifft, ſo fuͤhren der Fock⸗ und große Maſt zwei viereckige, als Breite, die obern aber ein entgegen geſetztes Ver⸗ haͤltniß haben. Der hinterſte Maſt hat nur ein ein⸗ ziges Segel; es ſie Schiffen aͤhnlich. An dem Stage, das. vom Fockmaſt ht dem Beſaan auf den europaͤiſchen wovon die untern eine groͤßere Hoͤhe nach dem Bugſpriet herab geht, läuft ein dreieckiges, welches den Stagſegeln der Europaͤer nahe kommt, Am Bugſpriet befindet ſich eine Blinde. Die beiden Unterſegel(des Fock⸗ und großen Maſtes) beſtehen aus ſchmalen Matten, die man der Breite nach und, um c,— ——— e 2⸗ — — ½ 71 ihnen eine groͤßere Feſtigkeit zu geben, dergeſtalt zu⸗ ſammen heftet, daß zwiſchen zweien ein Bambusrohr eingeſetzt iſt. Es leuchtet ein, wie unbehuͤlflich und ſchwer ſolche Segel ſind, daher man auch, um ſie auf⸗ zuziehen, bei jedem Maſt einige Winden anbringen muß, obſchon die chineſiſchen Fahrzeuge ſehr ſtarke Mannſchaften haben. Das uͤbrige Segelwerk iſt von grobem baumwollenen Zeuge verfertigt. Viele Junken haben keine Anker von Eiſen, ſondern von ſchwerem harten Holze. Auch iſt ſelten eine mit Compaſſen ver⸗ ſehen, indem man meiſtens, laͤngs den Kuͤſten ſteuernd, ſich nach den Spitzen des Landes, oder, wenn dieſes aus dem Geſichte verſchwindet, nach dem Stand der Sonne und der Sterne richtet. Eben ſo gebricht es an Seecharten und noch mehr an ſchriftlichen Wegwei⸗ ſern, weßhalb die Schiffer ſich die noͤthige Kenntniß von der Lage der Laͤnder, den Tiefen des Meeres und von allem, was auf ihr Gewerbe Bezug hat, durch eigene Erfahrung erwerben muͤſſen. Wenn ich nun der Beſchreibung dieſer Junken noch hinzu fuͤge, daß ſie die vorzuͤglichſten chineſiſchen Schiffe, und ſogar die zum Krieg beſtimmten, welche uͤbrigens nur zehn bis zwoͤlf Vierpfuͤnder fuͤhren, von derſelben Beſchaffenheit ſind; ſo koͤnnen meine Leſer leicht den Schluß ziehen, daß die Chineſen, ob ſie ſchon in mancherlei Kuͤnſten ſich vortheilhaft auszeichnen, dennoch in der Schifffahrt auf einer niedrigen Stufe, ſelbſt hinter vielen aſiatiſchen 72 Poͤlkern ſich beſinden, und uͤberhaupt nicht die Faͤhig⸗ keit beſitzen, weite Seereiſen zu unternehmen. Die vielen malaiiſchen Fahrzeuge, welche wir von Zeit zu Zeit erblickten, zeichneten ſich durch eine weit beſſere Bauart und beſonders durch außerordentliche Schnelligkeit aus. Ueberhaupt ſind die Malaien ge⸗ ſchickte und kuͤhne Seeleute, die bedeutende Reiſen un⸗ ternehmen, was ſchon der Umſtand beweiſ't, daß ihre Sprache ſich weit in die Suͤdſee verbreitet hat. Sie treiben aber auch viel Seeraͤuberei. Diejenigen, welche die Oſtkuͤſte von Sumatra bewohnen, ſind in dieſer Hinſicht am meiſten beruͤchtigt; ſie ſollen den Chineſen ſehr gefaͤhrlich ſein, ja, ſchon manchmal, da ihre Ga⸗ leeren eben ſo ſchnell rudern als ſegeln, bei einer Wind⸗ ſtille die groͤßten europaͤiſchen Kauffahrer uͤberfallen und genommen haben. Ein ſolches Raubſchiff ſtieß uns an der Suͤdweſtſeite von Banca auf; allein die Fluͤchtigkeit desſelben und die Nebel an der ſumatra⸗ niſchen Kuͤſte, wohin es ſeinen Lauf nahm, entzog es bald unſern Blicken. Am 23. erreichte der Wexford die Straße zwi⸗ ſchen den Inſeln Banca und Borneo, durch die er mit großer Schnelligkeit kam, weil der Suͤdoſtmon⸗ ſoon gerade hindurch und ſehr heftig wehte. Aber am 25., wo wir der Linie nahe waren, verſtummte ploͤtz⸗ lich der Wind. Windſtillen ſind zwar bei der Annaͤ⸗ herung an die Linie keine ſeltenen Erſcheinungen, ſon⸗ dern gewoͤhnlich Vorboten des in der entgegen geſetz⸗ „» 5 SͤͤS80 E—* 8 5 8 —e — XR K 10 73 ten Zone herrſchenden Windes; allein wir wurden bald gewahr, daß die gegenwaͤrtige von ganz anderer Be⸗ deutung ſei, und entweder ein Gewitter oder einen Or⸗ kan verkuͤndige, die beide den indiſchen Gewaͤſſern ſo eigen ſind. Es entſtand, obſchon gegen Abend, eine Hitze, dergleichen wir auf der ganzen Reiſe noch nicht empfunden hatten, und am nordoͤſtlichen Horizont ſtieg ein ſchwarzes, ſich ſchnell verbreitendes Gewoͤlk auf, waͤhrend das Meer in eine wilde Bewegung gerieth. Die Mannſchaft traf eiligſt alle Vorkehrungen, welche die Vorſicht in ſolchen Faͤllen gebietet, zumal da wir uns auf allen Seiten dem Lande ſo nahe befanden. Es verging indeß keine Viertelſtunde nach dem erſten Erſcheinen der duͤſtern Wolke, als dieſe uͤber uns ſtand, und das Ungewitter mit allen ſeinen Schreckniſſen aus⸗ brach. Die erſten Windſtoͤße waren ſo gewaltig, daß ſie unſer Schiff, ungeachtet man alle Segel eingezo⸗ gen und die Staͤngen geſtrichen hatte, voͤllig auf die Seite warfen; die Wellen ſtuͤrzten daruͤber hin, und es ſchien, als ob unſer Untergang beſchloſſen ſei. Aber nach einigen Sekunden erfolgte ein von fuͤrchterlichem Donner begleiteter Blitz, und dann ein Regenguß faſt ohne allen Wind; und nachdem das ganze Gewitter ungefaͤhr zehn Minuten gedauert hatte, trat in der Luft wieder eine voͤllige Stille und eine große Heiter⸗ keit ein, ſo wie auch das Meer ſich beruhigte. In der folgenden Nacht war der Himmel hell ge⸗ ſtirnt, obſchon die Windſtille bis gegen Morgen dau⸗ 74 erte, Um dieſe Zeit erhob ſich der Suͤdoſtmonſoon noch einmal, und fuͤhrte uns in kurzem durch die Linie⸗ Gegen Abend drehte er ſich ploͤtzlich nach Suͤdweſten, und verwandelte ſich alſo in denjenigen Wind, welcher den noͤrd⸗ lichen Theil des indiſchen Meeres in den Monaten April bis September beherrſcht, d. i. in den Suͤdweſtmonſoon. Mit dieſem hoͤchſt guͤnſtigen Luftſtrom durchſchnit⸗ ten wir ſchnell das chineſiſche Meer, und naͤherten uns dem Ort unſerer Beſtimmung. Waͤhrend der ganzen Fahrt ereignete ſich wenig Merkwuͤrdiges. Auf einer der kleinen Inſeln, die an der Nordweſtſeite von Bor⸗ neo liegen, bemerkten wir eine große Verheerung, die ein Orkan in den Gehoͤlzen angerichtet hatte. Nach der Ausſage einiger malaiiſchen Schiffe lfand derſelbe am 22. und zwar laͤngs der ganzen Weſtkuͤſte von Borneo Statt. Sonderbar, daß wir, obſchon an die⸗ ſem Tage ſehr nahe bei der Inſel, nichts davon em⸗ pfunden hatten, dagegen war dort das fuͤrchterliche Gewitter, das uns am 25. traf, eben ſo wenig wahr⸗ genommen worden.— Als wir an der langen Reihe von Klippen und Inſeln, welche vor den Kuͤſten von Cochinchina ſich hinzieht, voruͤberſchifften, kamen an einem ſtillen Morgen einige Einwohner in kleinen Fahrzeugen herbei, um uns Fruͤchte zu verkaufen. Sie verlangten keine Bezahlung in Geld, ſondern uͤberlie⸗ ßen uns fuͤr ungefaͤhr zwei Metzen groben Salzes (das man aus den ledigen Fleiſchfaͤſſern geſammelt, und nachher gewaſchen und getrocknet hatte,) den groͤß⸗ X A e — 9 2 8u—— 2 2 75 ten Theil ihrer Ladung, ſo daß die ganze Mannſchaft ſich daran erquickte. Jene Leute glichen in Anſehung des Koͤrperbaues den Chineſen. Die Kleidung der⸗ ſelben beſtand bloß in blauen, baumwollenen Hoſen, und in Strohhuͤten. Ihre Kaͤhne waren aus Bambus⸗ rohr, wie Korbwerk geflochten, und an der innern und aͤußern Seite mit einem Kitt uͤberzogen, der ihnen eine große Feſtigkeit und Dichtheit gab. Dieſer Kitt wird, wie unſere Malaien verſicherten, von Muſchelkalk und einem gewiſſen Harze bereitet, wel⸗ ches fluͤſſig aus den Baͤumen quillt, nachher aber ſich verdickt und im Waſſer raaufloͤsbar iſt. 76 8. Der Wexford langt vor dem Meerbuſen von Canton an, wo er von chineſiſchen Kriegſchiffen in Empfang genom⸗ men wird— Bemerkung uͤber die Unannehmlichkeiten, welche die Europaͤer in China zu ertragen haben. An⸗ kunft auf der Reede von Macao— Beſchaffenheit derſel⸗ ben. Fortſetzung der Fahrt nach Canton. Erreichung des Fluſſes Tuho, an welchem dieſe Stadt liegt— Die Forts an der Muͤndung. Anſicht der Ufer und innern Gegenden — Muͤhlwerke— ein Triumphbogen— Palankine— Thuͤrme— Graͤber. Man ankert, um die Ruͤckkehr der Fluth zu erwarten, bei einem jener Thuͤrme— die dort befindlichen Anſtalten zum Fiſchfang, und ſonſtiges Verfahren dabei. Am 8. Juni, bei Sonnenaufgang, verkuͤndigten uns die Matroſen auf dem Vormaſt die Naͤhe von China, was die Mannſchaft in große Freude verſetzte, und meine Erwartung von den Dingen, die da kommen ſollten, auf das hoͤchſte ſpannte. Gegen Mittag konnte man das Land zu beiden Seiten des Meerbuſens von Canton deutlich erkennen. Es nimmt ſich in der Ferne nicht gut aus, da es niedrig, an der Kuͤſte ſandig und dieſe meiſtens hinter Klippen und unbebauten Inſeln verſteckt iſt, wovon einige, weil ſie von ſeeraͤuberiſchem Geſindel bewohnt werden, bei den Europaͤern„La⸗ —D—ͤͤ.ßeͤͤöͤ — 771 dronen“ heißen, und nicht mit den ſpaniſchen Ladro⸗ nen oder Marianeninſeln zu verwechſeln ſind. Als es dunkel wurde, befanden wir uns nicht weit von der Halbinſel Macao, am Eingange in den genannten Meerbuſen. Wir legten dann bei, um uns nicht den Gefahren auszuſetzen, welche den Seefahrer zur Nacht⸗ zeit an den Kuͤſten bedrohen. Es iſt bekannt, daß die Europaͤer in China von dem Augenblick an, wo ſie es erreichen, bis zu demje⸗ nigen, wo ſie es wieder verlaſſen, wie Gefangene be⸗ handelt werden, und faſt bei jedem Schritt auf Hin⸗ derniſſe ſtoßen, welche'hnen die laͤſtige Umſtaͤndlichkeit und das uͤbertriebene Mißtrauen der Einwohner in den Weg legen. Dieſe Unannehmlichkeiten fangen ge⸗ woͤhnlich an, ſobald ihre Schiffe auf der Reede von Macao, wo ſie zuerſt landen muͤſſen, die Anker fallen laſſen. Bei uns fanden ſie noch fruͤher Statt. Wir hatten kaum beigelegt, als drei bewaffnete Junken aus dem Meerbuſen kamen, die uns ſtreng ausfragten, wor⸗ auf die eine zuruͤckſegelte, um unſere Ankunft zu mel⸗ den, und uns den Paß zur Einfahrt, ſo wie auch ei⸗ nen Lootſen zu beſorgen. Die beiden andern blieben uns die ganze Nacht zur Seite, um, gleich Spionen, jede unſerer Bewegungen zu beobachten. Ich konnte nicht umhin, mich uͤber den ſtolzen Briten zu ver⸗ wundern, der, obſchon er der ganzen Welt Geſetze vor⸗ zuſchreiben ſucht, ſich dennoch gehorſam in den Willen der Chineſen fuͤgt, eines Volkes, das ungeachtet ſeiner 78 ungeheuern Maſſe nicht vermoͤgen wuͤrde, irgend einer Macht Europa's zu widerſtehen, wenn es nicht durch einige tauſend Meilen von dieſem Erdtheile ge⸗ trennt waͤre. Es war in der That laͤcherlich anzuſe⸗ hen, daß unſer Wexford, der auf offenem Meere ein ganzes Geſchwader von Junken nicht geachtet haͤtte, jetzt von zwei ſolchen elenden Fahrzeugen ſich gleichſam in Beſchlag nehmen ließ. Die beiden Kriegſchiffe fuͤhrten uns mit Tages⸗ anbruch nach der Reede von Macao. Sobald wir hier geankert hatten, eilte ein Mandarin in einer mit vie⸗ len Rudern verſehenen Gondel herbei, der uns aber⸗ mals mit Fragen behelligte, und ſodann mit zwei klei⸗ nen Wachbooten umgeben ließ. Dieſer Mandarin, wie ich ihn nannte, war eigentlich der Hafenmeiſter; allein die Europaͤer pflegen allen chineſiſchen Staats⸗ beamten, ungeachtet es in der Landesſprache fuͤr jeden eine beſtimmte Benennung gibt, ohne unterſchied jes nen Titel beizulegen, was ſie von den Portugieſen, der erſten europaͤiſchen Nation, die China beſuchte, ange⸗ nommen haben. Den chineſiſchen Booten, welche den Schiffen fri⸗ ſches Fleiſch, Fiſche oder Fruͤchte brachten, durften wir zwar abkaufen, mußten jedoch alles mit baarem Gelde bezahlen. Spaniſche Thaler und engliſche Guineen wurden von den Handelsleuten gern genommen. Beim Wechſeln erhielt man lauter Kupferſtuͤcke zuruͤck, welche in der Mitte ein viereckiges Loch haben, um ſie an⸗ nd tht es ſe⸗ iin le, m 8⸗ 79 reihen zu koͤnnen. Sie ſind die einzige in China ge⸗ braͤuchliche Muͤnze, und werden von den Englaͤndern „Caſh(Kaͤſch)“ genannt, was eigentlich jedes Geld bedeutet. Die uͤbrigen Europaͤer haben dieſes Wort unter verſchiedenen Abaͤnderungen in ihre Sprache auf⸗ genommen; die Deutſchen pflegen„Kas“ oder„Ka⸗ ſche“ zu ſagen. Den Portugieſen, welche aus Macao kamen, um Neuigkeiten von uns zu erfahren, wurde die Annaͤhe⸗ rung von den Waͤchtern unterſagt, daher wir bloß ei⸗ nige Worte durch das Sprachrohr mit einander wech⸗ ſelten. Man ſieht hieroas, daß dieſe Nation, ungeach⸗ tet der ihr ertheilten Vorrechte, gaͤnzlich von dem Wil⸗ len der Eingebornen abhaͤngt. Die Reede, welche den Namen„El Taypa“ fuͤhrt, wird von vier Felſen gebildet, die einen ſo ſichern An⸗ kerplatz gewaͤhren, daß man ſelbſt vor Orkanen ge⸗ ſchuͤtzt iſt. Es lagen hier, außer einigen portugieſi⸗ ſchen Schiffen, worunter auch ein Kriegſchiff war, viele große chineſiſche Junken vor Anker, und Boote durch⸗ kreuzten ſich in allen Richtungen. Von der Stadt bekamen wir wenig zu Geſicht, weil ſie auf der Stelle, wo unſer Wexford ſich befand, von einem jener Felſen verdeckt iſt. Doch ſahen wir ſehr deutlich einen Theil der ſo genannten ſchwimmenden Stadt, d. i. derjeni⸗ gen Fahrzeuge, welche von Chineſen wie Haͤuſer be⸗ wohnt werden. Da man dergleichen, und zwar in weit groͤßerer Menge, auch bei Canton findet, ſo will 80 ich das Merkwuͤrdigſte davon weiter unten mittheilen, wo ich uͤberhaupt alle die mir vorgekommenen chine⸗ ſiſchen Hafen⸗ und Flußfahrzeuge, welche der Euro⸗ paͤer insgeſammt„Schampanen“ nennt, nach einan⸗ der beſchreiben werde. Am vierten Tage unſeres Aufenthalts in Macao kam ein Lootſe, begleitet von einem Abgeordneten der engliſchen Factorei, aus Canton bei uns an. Sie brachten uns den Paß zur Einfahrt mit. Da gerade die Fluth eingetreten, und der Wind ſuͤdlich war, ſo drang man in den Lootſen, das Schiff ungeſaͤumt auf⸗ waͤrts ſegeln zu laſſen. Er bequemte ſich dazu, nach⸗ dem er ein angezuͤndetes Schiffchen von Goldpapier in das Waſſer geworfen, und vor dem Bilde ſeines Schutz⸗ gottes Raͤucherkerzen niedergeſetzt hatte, ein religioͤſer Gebrauch, ohne welchen kein Chineſe ein Geſchaͤft von einiger Bedeutung unternimmt. Wir ſteuerten, ohne weitere Hinderniſſe zu erfah⸗ ren, zwiſchen dem linken Ufer des Meerbuſens und den in der Mitte gelegenen Inſeln hin. Von dem Lande konnte man wenig ſehen, weil es von der Fluth uͤberſchwemmt war. Waͤhrend der Nacht lagen wir bei einer kleinen Inſel vor Anker. Am folgenden Morgen fuͤhrte ein heftiger Suͤd⸗ wind, obſchon die Ebbe eingetreten war, unſer Schiff in kurzem nach dem Fluſſe Tuho oder Taa(von den Portugieſen Tigris genannt), an welchem, ungefaͤhr acht deutſche Meilen oberhalb der Muͤndung, die Stadt —=-— ͤ1 & 8& 22—ͤ—,»H„— 81 Cankon liegt. Die Muͤndung iſt ſchmahl, da der Fluß von zwei Bergen eingeengt wird, die ſich uͤber das angraͤnzende Land betraͤchtlich erheben. An dem zur Rechten ſteht, von Baͤumen umgeben, ein niedriges Fort auf einer Inſel. Hier kam ein Mandarin mit mehren Soldaten auf das Schiff, um dasſelbe nach ſeiner Beſtimmung zu geleiten. Ein zweites und drit⸗ tes Fort befinden ſich, nicht weit von dem erſten, auf waldigen Anhoͤhen an der entgegen geſetzten Seite des Stroms. Wir begruͤßten jedes beim Voruͤberfahren mit ſieben Kanonenſchuͤſſen, welche, nach chineſiſcher Sitte, mit dreien erwie ert wurden. Sobald man die Feſtungen im Ruͤcken hat, er⸗ weitert ſich der nun fortwaͤhrend mit Inſeln bedeckte Strom; die Ufer werden flach und geſtatten eine freie Ausſicht uͤber die angraͤnzenden Landſchaften. Es ſtellte ſich nun unſern Blicken ein Schauſpiel dar, das meine ganze Aufmerkſamkeit erregte. Denn es gibt wohl nirgend, als in China, eine ſolche Mannichfaltigkeit voon Gegenſtaͤnden, die der Europaͤer von denen ſeines Vaterlandes abweichend, und auch dann noch neu det, wenn er fruͤher viele Gegenden der Erde durch⸗ reiſ't hat. Zwar tragen alle nicht europaͤiſche Laͤnder ein von unſerem Erdtheil verſchiedenes Gepraͤge, das ihnen vom Menſchen bis zum Wurm, vom Baum bis zum Grashalm herab aufgedruͤckt iſt; allein, ſie ſind entweder von ungebildeten Voͤlkern bewohnt und der Natur uͤberlaſſen, oder haben durch den Einfluß euro⸗ V. 6 — paͤiſchen Kunſtfleißes ein unſerem Erdtheil aͤhnliches Anſehen erhalten. In China hingegen ſcheint nicht nur die Natur nach beſondern Geſetzen zu Werke ge⸗ gangen zu ſein, ſondern auch die weit vorgeſchrittene Kunſt hat einen ganz eigenthuͤmlichen Weg einge⸗ ſchlagen. An den ufern des Fluſſes ſindet ſich eine unun⸗ terbrochene Reihe von Reißfeldern, welche zur ſteten Bewaͤſſerung mit unzaͤhligen Graͤben und Kanaͤlen durchſchnitten ſind. Die niedrigern uͤberſchwemmt die Fluth, daher man ſie mit Cypreſſen eingefaßt hat, de⸗ ren weit um ſich greifende Wurzeln das Fortſchwaͤm⸗ men des Erdreichs verhindern. Hier und da ſahen wir die Landleute in kleinen Nachen auf den Kanaͤlen— fahren, und auf den Aeckern bis an die Kniee im Schlamm waden, um ſich der vom Strome zuruͤckge⸗ laſſenen Fiſche oder Krabben zu bemaͤchtigen. Damit ihnen hierin die herumfliegenden wilden Enten nicht zuvorkommen moͤchten, erhoben ſie von Zeit zu Zeit 2 ein lautes Geſchrei, oder ſchlugen an ein ſo genanntes b Gungung, ein laͤrmendes, unſern Becken aͤhnliches meſ⸗ fingenes Inſtrument, das von den Chineſen bei unzaͤh⸗ t v E 8 n ligen Gelegenheiten gebraucht wird.— Tiefer im Lande wechſeln Huͤgel und Thaͤler, volkreiche Flecken und Doͤrfer, einzelne Wohnungen und Opferhuͤtten mit Waͤldern ab, die aus mannichfaltigen Gewaͤchſen, vor⸗ zuͤglich aber aus Kampher⸗, Bambus⸗, Talg⸗ und Maulbeerbaͤumen beſtehen. Haͤuſig ſieht man auch 83 Muͤhlwerke; ſie ſind meiſtens, auf eine ſehr einfache Art, aus Bambusrohr zuſammengeſetzt. Ungefaͤhr zwei Meilen von der Muͤndung prangt, auf einer Anhoͤhe, ein großer Triumphbogen, dergleichen die Chineſen zum Andenken an wichtige Begebenheiten errichten. Auf den Landſtraßen erblickten wir bald Reiſende, zu Fuß oder auf Eſeln, und meiſtens mit großen Son⸗ nenſchirmen, bald Palankine, worin ſich vornehme Herrn von zwei, vier oder acht Maͤnnern tragen lie⸗ ßen; auch kam ein zweiraͤdriger, von einem ausge⸗ ſpannten Segel getriebener Karren, den der Fuͤhrer mittels einer nach hinten gekehrten Deichſel lenkte, zum Vorſchein. Die hohen Thuͤrme, bei welchen man auf der Fahrt nach Canton vorbeikommt, zeigen ſich ſchon in weiter Ferne; ſie ſind achteckig und beſtehen aus neun Abſaͤtzen, auf deren oberſtem ein Drache, oder ſonſt ein Geſchoͤpf der Einbildung ſteht. Solche Thuͤrme ſollen im ganzen Lande zahlreich vorhanden ſein, und zur Abmeſſung der Wege, ſo wie zur ſchnellen Ver⸗ breitung wichtiger Nachrichten dienen; die hierzu ge⸗ brauchten Zeichen werden nur von den Mandarinen verſtanden. Wiewohl nun aber alle dieſe Anſichten, verbunden mit der ungemeinen Lebhaftigkeit auf dem Strome, den Fremdling ergoͤtzen, ſo wird doch ſeine Freude durch die Erinnerung an die Nichtigkeit deſſen, was er wahrnimmt, ſehr herabgeſtimmt, weil ſich ihm allenthalben eine ungeheure Anzahl von Graͤbern dar⸗ ſtellt, welche, da ſie unverletzlich ſind, ſich ſo angehaͤuft 6* 84 haben, daß ſie bedeutende Landſtrecken einnehmen. Sie liegen an nackten, traurig geſtalteten Erdhuͤgeln, welche die Sonne ganz weiß gebrannt und faſt verſteinert hat; auf einigen ſtehen jedoch einzelne Tannen, Fich⸗ ten, Weymouth⸗Kiefern, oder andere harzige Baͤume, ſo wie auch aus den Ritzen und Spalten Gewaͤchſe hervorragen, dergleichen man bei uns an den Felſen und den Mauern alter Gebaͤude findet. Bei dem erſten der erwaͤhnten Thuͤrme, wo gro⸗ bes Geſchuͤtz aufgepflanzt iſt, mußten wir ankern; denn es laͤuft dort quer uͤber den Fluß eine Sand⸗ bank, von den Seeleuten„Bar“ oder„Barre“ ge⸗ nannt, uͤber welche die groͤßern Schiffe nur mit Huͤlfe der Fluth, zur Zeit ihres hoͤchſten Standes, fahren koͤnnen. Den ganzen Abend und auch die Nacht hin⸗ durch, die wir auf dieſem Platze zubrachten, gewaͤhr⸗ ten uns die Fiſcher eine angenehme Unterhaltung, in⸗ dem ſie ſich hier in großer Anzahl verſammeln, um die von der Fluth herbeigefuͤhrten Fiſche, welche ſelten uͤber die Barre hinaus gehen, aufzufangen. Die Ar⸗ ten des Fiſchfangs ſind mancherlei. Da ſich vor den Ufern Scheren, d. i. von ihnen getrennte Sandbaͤnke befinden, ſo umgibt man dieſelben, wenn ſie waͤhrend der Ebbe trocken ſind, mit Pfaͤhlen, welche mit Netzen von ſchwarz gefaͤrbtem ſtarken Garn umzogen werden, doch ſo, daß eine geraͤumige Oeffnung bleibt. In die Mitte wird altes Fleiſch, oder ſonſt ein anlockender Koͤder gethan. Wenn nun die Fiſche mit der Fluth 85 herbeikommen, ſo ſchwimmen ſie, von der Lockſpeiſe angezogen, ſchaarenweiſe in den eingeſchloſſenen Raum, den aber der Fiſcher, indem er nach einiger Zeit an den Pfaͤhlen des Eingangs ein mit Blei beſchwertes Netz hinab laͤßt, voͤllig verſchließt. Nach dem Ablaufe des Waſſers nimmt er mit leichter Muͤhe ſeine Beute heraus, die nicht ſelten ſo reich iſt, daß ſie mehre Boote fuͤllt. Eben ſo werden gewiſſe Koͤrbe aus Bambus⸗ ſtaͤben dergeſtalt vor dem Strande hingelegt, daß die daran hinſtreichenden Fiſche gleichſam in eine Bucht gerathen, welche man vor Anfang der Ebbe mit aͤhn⸗ lichen Koͤrben verſtopft. Dieſe beiden Arten der Fi⸗ ſcherei gewaͤhren unter allen die meiſten Vortheile. Al⸗ lein, die dazu erfoderlichen Plaͤtze muͤſſen erkauft werden, und ſind mit ſchweren Abgaben belaſtet. Daher die aͤr⸗ „ mern Fiſcher mitten im Strom ihr Geſchaͤft betreiben, woobet ſie auf verſchiedene Weiſe verfahren. Einige ge⸗ brauchen große, an zwei Bambusſtaͤben befeſtigte Ha⸗ men, dergleichen ſich auch die chineſiſchen Seeleute auf dem Meere bedienen; andere kreuzen mit zwei Booten umher, zwiſchen welchen ein Netz befeſtigt iſt. Aale und einige andere Fiſche fangen ſie mit Grundangeln, an welche Wuͤrmer oder kleine Krabben geſteckt ſind. Waͤhrend der Nacht zuͤndet man in den Kaͤhnen ein flammendes Feuer an, weil einige Gattungen Fiſche die Eigenheit haben, darnach zu ſpringen, und daher ſich von ſelbſt ihren Feinden uͤberliefern. 9. Ankunft bei der Inſel Wampo, dem Ankerplatze der nach Canton beſtimmten europaͤiſchen Schiffe— Angabe der damals dort befindlichen. Wir werden unter die Aufſicht einiger chineſiſchen Beamten geſtellt— Function derſelben. Es fuͤhren ſich zwei Chineſen als die Geſchaͤftbeſorger der engliſchen Schiffe, der Fiador und Comprador genannt, bei uns ein. Man erbaut uns auf der Inſel Wampo eine Niederlage— Beſchaffenheit und Benutzung derſelben. Zahlreiche Beſuche von chineſiſchen Schneidern. Es findet 3 bei unſerer ganzen Schiffsmannſchaft ein Wechſel der Kleidung Statt— Urſache davon. Beſuche von Schuh⸗ machern— die Arbeiten, welche ſie liefern. Ein vorneh⸗ mer Zollbeamter, der Opeu, kommt auf unſer Schiff, um es auszumeſſen— Beſchreibung der Anſtalten zu deſſen Empfang und Bewirthung, ſo wie der dabei gebraͤuch lichen Foͤrmlichkeiten. 1 3 Am Morgen des naͤchſten Tages kamen wir uͤber d Barre, und langten bei der Inſel Wampo, drei Mei⸗ len von Canton, an, in welcher Gegend die nach die⸗ ſer Stadt beſtimmten europaͤiſchen und uͤberhaupt alle groͤßere Schiffe, weil ſie wegen der Seichtheit des Fluſſes nicht weiter ſegeln koͤnnen, waͤhrend der ganzen Zeit ihres Aufenthalts vor Anker liegen. Der heutige Tag war der 16. Juni; unſere ganze Reiſe hatte alſo 87 vier Monate und vierzehn Tage gedauert, die man allgemein fuͤr ſehr ſchnell und gluͤcklich hielt. Wir fanden bei Wampo, außer vielen chineſiſchen und einigen japaniſchen Junken— welche letztere den erſtern voͤllig gleichen,— Fahrzeuge aus allen Theilen Indiens, einige Schiffe der nordamerikaniſchen Frei⸗ ſtaaten, ſo wie mehre engliſche aus Madras, Calcutta, Bombay. Aus Europa waren noch keine da. Die mit uns von England abgegangenen Chinafahrer trafen, weil ſie am Vorgebirge der guten Hoffnung verweilt hatten, erſt drei Wochen nach unſerer Ankunft ein. Noch einen Monat ſpaͤter kamen die von der zweiten engliſch⸗oſtindiſchen Flotte an, worunter ſich auch zwei ſchwediſche befanden. Den Beſchluß der Ankoͤmmlinge aus entfernten Welttheilen machten einige Amerikaner, die erſt im September anlangten. Daß keine von den uͤbrigen europaͤiſchen Nationen, die in Friedenszeiten mit China handeln, den Franzoſen, Niederlaͤndern und Daͤnen, ſich ſehen ließen, ſcheint kaum einer Erwaͤhnung zu beduͤrfen. Sobald die Anker geworfen waren„ wurden wir von dem uns begleitenden Mandarin zwei andern uͤber⸗ geben, die ſich mit ihren ſtark bemannten Fahrzeugen dicht an unſer Schiff legten. Der, welcher ſich uns zur Rechten befand, war ein Zollbeamter, und mußte waͤhrend der ganzen Zeit unſeres Hierſeins bei uns bleiben; der zur Linken gehoͤrte zum Militaͤr, und wurde jeden Monat abgeloͤſtt. Dieſe Leute haben hauptſaͤchlich die Beſtimmung, jeden Gegenſtand zu unterſuchen, welcher aus⸗ und eingeſchifft wird. Sie muͤſſen ferner diejenigen, welche von dem Schiffe nach der Stadt oder einem andern Orte gehen, mit Paͤſſen verſehen, ſo wie allen zwiſchen der Schiffsmannſchaft und den Eingebornen entſtehenden uneinigkeiten ſteuern. Beilaͤufig bemerke ich, daß man nicht nur dieſe Wache, ſondern uͤberhaupt die geringſte, den Mandarinen ver⸗ urſachte Bemuͤhung theuer bezahlen muß. Bald nach unſerer Ankunft erhielten wir einen Beſuch von zwei im Dienſte der Englaͤnder ſtehenden Chineſen, dergleichen alle europaͤlſche Factoreien unter⸗ halten, dem Fiador und dem Comprador, wie man ſie, den Portugieſen nachahmend, allgemein zu nennen pflegt. Der erſtere, wozu gewoͤhnlich ein reicher Kauf⸗ mann gewaͤhlt wird, hilft den Ankauf der einheimiſchen Waaren und den Abſatz der eingefuͤhrten beſorgen. Der letztere liefert die Lebensmittel und alle uͤbrigen Beduͤrfniſſe fuͤr das fremde Schiff. Beide vertreten die Stelle der Dolmetſcher, und ſind uͤberhaupt die Mittelsperſonen bei jeder Beruͤhrung mit den Einge⸗ vornen; auch muß der Fiador fuͤr alles Unrecht haften, welches dieſen zugefuͤgt wird. Der Comprador brachte uns friſches Fleiſch, Brod, gruͤne Zugemuͤſe und Fruͤchte, was er nachher jeden Morgen that. Zunaͤchſt war es auch ſein Geſchaͤft, uns ein Bankshall bauen zu laſſen, wozu er ungeſaͤumt Anſtalt machte. Es findet naͤmlich in Canton die Einrichtung Statt, daß die europaͤiſchen zu ie ach ſen aft/ rn. he, er⸗ — nen den er⸗ nan nen uf⸗ hen hen. gen tten die ge⸗ ten, chte hte, es ſen, lich hen 89 Schiffe, um Raum zum Loͤſchen und Laden zu gewin⸗ nen, alles Geraͤth in eine Niederlage am Lande ſchaf⸗ fen, wo ſie uͤberdem ihre Schweine und Huͤhner hal⸗ ten, vor der Abreiſe Rinder ſchlachten, das Fleiſch ein⸗ ſalzen, und andere unſaubere Arbeiten verrichten. Dieß iſt es nun, was die Englaͤnder Bankshall nennen, und die uͤbrigen in China verkehrenden Europaͤer in „Baͤngſal, Bancaſal“ oder auf andere Weiſe veraͤndert haben. Da ein ſolches Haus fuͤr eine kurze Dauer beſtimmt iſt, ſo wird es bloß von Bambusſtaͤben und Matten, in Geſtalt eines Schuppen, aufgebaut. An beiden Enden desſelben befinden ſich Kammern, worin ein Steuermann und einige Matroſen Wache halten. Um waͤhrend der Nacht zu beweiſen, daß ſie munter ſind, rufen ſie einander die gewoͤhnliche Loſung der Seeleute„Alles wohl“ fleißig zu, und zeigen auch durch Schlaͤge auf ein Gungung die Stunden an, ſo wie es mittels der Glocke auf den Schiffen geſchieht. Ertappt man Diebe, ſo werden ſie den Mandarinen ausgeliefert; ehedem durfte man auf jeden Chineſen, der ſich in der Nacht naͤherte, Feuer geben, welche Erlaubniß aber ſchon ſeit langer Zeit aufgehoben iſt. So oft die Mannſchaft am Bord, um Jemanden zu beehren, z. B. einen vornehmen Beſuchenden, oder ein ankommendes Schiff, die Flagge aufzieht, ſo thun die Leute im Bankshall dasſelbe, zu welchem Ende ein Flaggenſtock auf dem Dache ſteht. Die Niederlagen der Englaͤnder, auch der Schweden und Daͤnen, befin⸗ den ſich auf Wampo, wo ein Stuͤck Land durch einen iſt. Die andern Nationen haben die ihrigen auf In⸗ ſeln in der Nachbarſchaft, z. B. die Franzoſen auf einer oberhalb Wampo, welche daher den Namen „Frankreich“ fuͤhrt. Dieſe Niederlagen verurſachen bedeutende Koſten, indem nicht nur die Regierung ſich den Platz zum Gebaͤnde theuer bezahlen laͤßt, ſondern auch der Comprador die Auffuͤhrung desſelben hoch in Rechnung bringt, obſchon er es nach der Abfahrt des Schiffes einreißen laͤßt, und die Bauſtoffe ſich wieder zueignet. 8 Es iſt gewoͤhnlich, daß die Europaͤer, wenn ſie nach China kommen, ähre Kleider wechſeln. Dieß ge⸗ ſchieht hauptſaͤchlich deßwegen, weil ſie in ihren weißen baumwollenen, dergleichen man meiſtens auf der Reiſe traͤgt, wahre Schreckbilder fuͤr die Einwohner ſind, indem bei dieſen die weiße Farbe Trauer, die ſchwarze dagegen Freude bedeutet; auch ſtehen die ſeidenen Zeuge, die uͤberdem wegen ihrer kuͤhlenden Eigenſchaft fuͤr das heiße Klima ſich eignen, in einem niedrigen Preiſe. Es kamen daher, ſobald unſere Ankunft in Canton ruchtbar wurde, eine Menge Schneider herab, bei welchen unſere Mannſchaft große Beſtellungen machte, zumal da ſie das Zeug zu den Kleidern liefern, und ſich mit der Bezahlung bis gegen die Abfahrt des Schiffes gedulden, wo ſie die Rechnung bei der Facto⸗ Kanal, der es von der Inſel trennt, dazu abgeſteckt rei einreichen. Solchergeſtalt erſchien Jeder von uns 91 nach einigen Tagen in ſchwarzſeidenen Unterkleidern, oder wenigſtens dergleichen Weſten. Die der Offiziere beſtanden aus einer Art Atlas, die der Matroſen aus einem groͤbern Stoffe, der ſo wohlfeil iſt, daß z. B. ein Paar Hoſen nicht voͤllig einen Piaſter koſtet. Viele ſchafften ſich auch ſolche Anzuͤge an, welche von den chineſiſchen Seeleuten im Regenwetter getragen werden; ſie ſind aus Binſen verfertigt und ſo dicht, daß das Waſſer wie von den Federn der Voͤgel davon ablaͤuft. Es ergab ſich indeſſen bald, daß Einige fortwaͤhrend bloß deßwegen neue Kleidungſtuͤcke beſtellten, um, aus Mangel an Geld, die Verkaͤufer von Branntwein und Naͤſchereien damit zu bezahlen. Sie kamen z. B., wenn ſie mit dem Boote irgend wohin geſchickt wurden, in weißen Hoſen zuruͤck, ob ſie ſchon in ſchwarzen fort⸗ gegangen waren, woraus man ſchloß, daß ſie letztere uͤber die erſtern angezogen und dann vom Leibe ver⸗ kauft hatten. Man mußte gegen dieſes Verfahren ſtrenge Maßregeln ergreifen; denn ſonſt waͤren nicht nur die Rechnungen der Schneider ſo hoch aufgelaufen, daß ſie den Gehalt der Leute uͤberſtiegen haͤtten, ſon⸗ dern dieſe wuͤrden auch ihrer Neigung zum Trunk freien Lauf gelaſſen und dadurch die gefaͤhrlichſten Auf⸗ tritte mit den Einwohnern veranlaßt haben, des dar⸗ aus entſtehenden Nachtheils fuͤr den Schiffdienſt und fuͤr ihre eigene Geſundheit nicht zu gedenken. Auch die Schuhmacher fanden ſich in großer An⸗ zahl bei uns ein. Die Schuhe, welche ſie zum Ver⸗ 92 kauf bringen, ſind durchaus von Schweinsleder, und unhaltbar, weil man ſie mit baumwollenen Faͤden naͤht, daher die Naͤthe aufſpringen und die Sohlen und Abſaͤtze losgehen, ſo bald ſie naß werden. Sie fanden daher, wiewohl das Paar nur einen halben Pia⸗ ſter koſtete, geringen Abſatz, zumal da die Offiziere einen hinlaͤnglichen Vorrath von engliſchen beſaßen, die europaͤiſchen Matroſen ſich weit dauerhaftere von Se⸗ geltuch machten, und die indiſchen gar keine gebrauch⸗ ten. Deſſen ungeachtet wuͤrde Mancher dieſe Waare nicht verſchmaͤht haben, wenn ſie, wie die Kleider, ſich zum Vertroͤdeln geeignet haͤtte; allein, in dieſer Hin⸗ ſicht war nichts damit zu gewinnen, weil ſie bloß fuͤr die Europaͤer berechnet iſt, indem die Chineſen kein Schuhwerk von der Art tragen. Vier Tage nach unſerer Ankunft kam der engli⸗ ſche Fiador mit, der Nachricht an Bord, daß am naͤch⸗ ſten Morgen der Opeu(Obereinnehmer der Provinz) kommen werde, um unſer Schiff zu meſſen, eine Hand⸗ lung, die jederzeit Statt ſinden muß, ehe man irgend eine Waare aus⸗ oder einſchiffen darf, und die mit großem Gepraͤnge vollzogen wird, Schon in Macao war der Anfang gemacht worden, den Wexrford in je⸗ der Hinſicht aufzuputzen; jetzt eilte man die Arbeit zu vollenden, um ſich bei dieſer Gelegenheit den Chineſen in einer Geſtalt zu zeigen, wie der Stolz und die Prunkliebe der Englaͤnder es verlangen. Wir waren ſogar die ganze Nacht in voller Thaͤtigkeit, beſonders ———,„ —„— &æ ⁸ Al½&——— ☛‿ N u 9A ρᷣ S ⁵ 2 8 93 die Koͤche, welche, unterſtuͤtzt von zwei chineſiſchen, ein koͤſtliches Mahl bereiten mußten. Mit Tagesanbruch wurden auf allen Maſten die ſchoͤnſten buntfarbigen Flaggen aufgeſteckt, es wurde die große, mit eiſernen Gelaͤndern verſehene Treppe ausgehaͤngt, das ganze Verdeck mit blau und weiß geſtreiften Sonnenſchirmen uͤberſpannt, und noch manche andere Verſchoͤnerung angebracht, um Alles in die Augen fallend zu machen. Hierauf eilte die ſaͤmmtliche Mannſchaft, ſich ſelbſt in Glanz zu werfen. Sie erſchien in neuen ſchwarzſeide⸗ nen Unterkleidern, und in Jacken von dunkelblauem Tuch, oder dergleichen Roͤcken. Aller Augen waren nun nach dem obern Ende des Fluſſes gerichtet, woher der vornehme Beſuch kommen ſollte. Endlich gegen zehn Uhr erſchien eine Galeere, umgeben von ſechs bis ſieben kleinern. Erſtere verkuͤndigte durch ihre vielen aufgepflanzten Fahnen und Spieße, wie auch Abbild⸗ ungen von Drachen, daß ſie den Opeu am Bord habe; auf letztern gewahrte man eine Menge von Dienern und von Muſikanten, welche auf dem ganzen Wege ſpielten oder, um richtiger zu ſprechen, einen wilden Laͤrm mit betaͤubenden Inſtrumenten machten. Nach⸗ dem der Zug ſich uns genaͤhert hatte, begruͤßten wir ihn mit Kanonenſchuͤſſen, und der Oberſteuermann wurde in einer glaͤnzenden Schaluppe abgeſchickt, um ihn zu empfangen. Als die große Galeere an die Seite des Schiffes kam, und der Opeu, von drei privi⸗ legirten Großhaͤndlern und dem engliſchen Fiador be⸗ gleitet, an Bord ſtieg, ſtellten ſich ſeine Henker— wie man ſie nennt— in zwei Reihen auf, und ſchrieen: huͤ! ſo daß die ganze Gegend davon wiederhallte. Was die Leute mit dieſem Ausruf, womit ſie faſt jederzeit auf die Erſcheinung der Mandarinen aufmerkſam machen, eigentlich meinen, weiß ich nicht; aber nach dem furchtbaren Tone desſelben zu ſchließen, wollen ſie die Macht ihres Herrn und die Folgen, welche der Ungehorſam und die Vernachlaͤſſigung der ſchuldigen Ehrerbietung gegen ihn nach ſich ziehen, dadurch an⸗ deuten. Es fand zwiſchen dem Opeu und dem Schiffs⸗ kapitaͤn eine lange Bewillkommung und gegenſeitige Hoͤflichkeitbezeigung Statt, waͤhrend welcher auf dem Geſichte des letztern deutlich zu leſen war, wie viel Ueberwindung es dem zwangloſen Englaͤnder koſtet, ſich in die chineſiſchen Foͤrmlichkeiten zu fuͤgen, zumal da jedes Wort vom Fiador uͤberſetzt und hierbei manches mißverſtanden wurde, was zu weitlaͤufigen Erklaͤrungen Anlaß gab. Die eigentliche Handlung ſelbſt, die Meſ⸗ ſung des Schiffes, war ein Geſchaͤft von wenig Augen⸗ blicken. Man maß es, mittels einer durch goldene Knoten abgetheilten ſchwarzſeidenen Schnur, vom Bug⸗ ſpriet bis zum Hauptmaſte, und dann in der Breite. Nach den gefundenen Ergebniſſen wird der Zoll beſtimmt, der fuͤr unſer Schiff gegen fuͤnf tauſend Piaſter betrug. Man fuͤhrte nachher den Opeu in den großen Saal der obern Kajuͤte, wo, auf einer langen Tafel, wenig⸗ ſtens funfzig warme und kalte Speiſen ſtanden, deren K ——„ 2-u—— 99 ⸗ 8 S=SSSENKNE*n ⸗ ne +½ 8 95 Anzahl nach chineſiſcher Sitte nichts weniger als uͤber⸗ trieben iſt. Sein Gefolge ließ ſich nicht lange zum Zulangen noͤthigen. Er ſelbſt begnuͤgte ſich mit etwas Zuckerwerk und einem Glaſe Madeirawein, das er ſehr bedaͤchtig trank. Zugleich zeigte man ihm die zum Verkauf mitgebrachten Seltenheiten, welche an den Seiten des Saales ausgelegt waren. Einige Diaman⸗ ten, ein Fernrohr und ein koſtbares Uhrwerk gefielen ihm ungemein, daher ſeine Begleiter, die Großhaͤndler, dieſe Gegenſtaͤnde kauften und ihm als Geſchenk uͤber⸗ reichten, wie es bei ſolchen Gelegenheiten Sitte iſt, wo ſie oft zu einer Ausgabe von vielen tauſend Piaſtern genoͤthigt ſind, ob ſie ſchon dießmal mit drei tauſend vier hundert wegkamen. Hierauf beſchenkte der Opeu, dem Herkommen gemaͤß, unſern Kapitaͤn mit zwei Rindern, einigen Saͤcken Mehl, einem Dutzend Enten und eben ſo viel Flaſchen Samſu(Reißbranntwein) und fuhr endlich nach einem Abſchied, der eben ſo um⸗ ſtͤndlich als die Begruͤßung bei der Ankunft war, wieder ab, waͤhrend ihm zu Ehren unſer Geſchuͤtz noch einmal abgefeuert wurde, und ſeine Muſikanten ihr unharmoniſches Spiel von neuem ertoͤnen ließen. 10. Wir beginnen die Ladung auszuſchiffen— die vielen um⸗ ſtaͤnde, die in China mit dieſem Geſchaͤft verbunden ſind, und die Schwierigkeit, verbotene Waaren daſelbſt ein⸗ oder auszufuͤhren. Beſchreibung der Lebensweiſe, die un⸗ ſere Schiffsmannſchaft waͤhrend des Aufenthalts im Tuho fuͤhrt. Erwaͤhnung einiger ſonderbaren Gebraͤuche, welche die europaͤiſchen Seeleute in China beobachten. Einige Tage nach der Meſſung des Schiffes behan⸗ nen wir unſere Waaren auszuladen, die hauptſaͤchlich in wollenen Tuͤchern, Gewehren, Glas, Zinn und Blei, in Taback und ungefaͤhr hundert Faͤſſern Wein beſtan⸗ den. Das Geſchaͤft war aber mit ſo vielen umſtin den verknuͤpft, daß es, wiewohl man in manchem euro⸗ paͤiſchen Hafen kaum acht Tage Zeit dazu gebraucht haͤtte, erſt nach ſechs vollen Wochen beendigt werden konnte. Man verfaͤhrt dabei auf folgende Art: Der Fiador ver⸗ fertigt eine Ueberſetzung der in Europa gemachten Waarenliſte, und uͤberreicht ſte dem Opeu, welcher ſo⸗ fort einigen, unter ihm ſtehenden Mandarinen die An⸗ weiſung gibt, die Aufſicht beim Loͤſchen zu fuͤhren. Dieſe kommen dann mit ihren Schreibern jeden Mor⸗ gen an Bord, aber erſt um acht oder neun Uhr, und —. 2.+———2— △‿ 97 entfernen ſich wieder Nachmittags in der fuͤnften Stunde. Sobald ſie erſcheinen, wird die große Luke geoͤffnet, durch welche die Waaren herauf gezogen wer⸗ den. Stuͤck vor Stuͤck, ſei es Kiſte, Ballen oder Faß, wird auf das Verdeck niedergeſetzt, wo man deſſen In⸗ halt beſichtigt, und nach Beſchaffenheit mißt, wiegt m⸗ nd, in⸗ in⸗ ho che an⸗ ich lei, an⸗ in⸗ ro⸗ te, ate. er⸗ ten ſo⸗ Un⸗ en. or⸗ und oder zaͤhlt. Jedes Ergebniß der Unterſuchung wird in chineſiſcher und engliſcher Sprache ausgerufen, und von den Schreibern, die an Tiſchen um die Luke herum ſitzen, ſo wie von einigen Offizieren des Schiffes auf⸗ gezeichnet. Iſt dieß geſchehen und die Kiſte, oder was es ſonſt iſt, wieder zugemacht, ſo druͤckt ein Mandarin den Staͤmpel oder, wie die Chineſen ſagen, das„Tjap“ darauf. Erſt jetzt darf man es in die Frachtboote hin⸗ ablaſſen, welche die Guͤter nach Canton ſchaffen. Wenn ein ſolches Boot, welches gewoͤhnlich zwoͤlf bis ſech⸗ zehn Tonnen faßt, ſeine volle Ladung hat, woruͤber jedoch bisweilen einige Tage vergehen, alsdann begibt ſich ein Steuermann oder ein Cadet des Schiffes hin⸗ ein, um es auf ſeiner Fahrt zu begleiten und Acht zu haben, daß die chineſiſchen Fahrmaͤnner nichts entwen⸗ den, was deſſen ungeachtet oft geſchieht. Bei der Ab⸗ fahrt bekommt er eine geſtaͤmpelte Charte(ebenfalls Tjap genannt). Dieſe muß er bei jedem Zollhauſe, deren es zwiſchen dem Ankerplatze und Canton vier gibt, vorzeigen und ſich es gefallen laſſen, daß man die Staͤmpel der ſaͤmmtlichen Guͤter beſieht, oder wohl dar, wenn der dortige Mandarin neugierig oder bei V. 7 kommen oder davon abgehen kann, ohne bei den hier 98 aͤbler Laune iſt, die Ballen u. ſ. w. noch einmal oͤff⸗ net und unterſucht. Sonach bedarf das Boot oft ei⸗ nige Tage, um nach der Factorei zu kommen, wo beim Ausladen ebenfalls Mandarinen zugegen ſind. Faſt noch mehr umſtaͤndlichkeit ſindet beim Ein⸗ ſchiffen der einheimiſchen Waaren Statt. Um jedoch meine Leſer nicht mit einer langweiligen Beſchreibung der dabei gewoͤhnlichen Foͤrmlichkeiten zu ermuͤden, will ich bloß erwaͤhnen, daß wir mit der Ruͤckfracht, die außer vielen andern Gegenſtaͤnden, in Thee, Porzellan, roher Seide und ſeidenen Zeugen beſtand, von der Mitte Auguſts bis gegen das Ende Oktobers beſchaͤf⸗ tigt waren. Uebrigens wird der Leſer auch die Schwie⸗ rigkeit, in China verbotene Waaren ein⸗ oder auszu⸗ fuͤhren, leicht begreifen, wenn ich noch hinzufuͤge, daß Niemand, zu irgend einer Zeit, bei dem Schiffe an⸗ befindlichen Wachbooten und bei jedem Zollhauſe, wo man vorbei kommt, unterſucht zu werden. Die chine⸗ ſiſchen Beamten ſind zwar nichts weniger, als unbe⸗ ſtechlich; da man aber mit ſo vielen zu thun hat, ſo iſt es unmoͤglich, die Habſucht aller zu befriedigen, und was fuͤnf oder ſechs durchſchluͤpfen laſſen, wird doch vom ſiebenten angehalten. Nur der Schiffs kapi⸗ taͤn iſt einer etwas minder ſtrengen Aufſicht unterwor⸗ fen. Seine Schaluppe hat die Freiheit, die Flagge zu fuͤhren, welche ſie bei den Zollhaͤuſern nur wehen laſ⸗ ſen darf, um nicht aufgehalten zu werden, bis ſie das ᷣ 8 99 letzte, naͤmlich das in Canton erreicht, wo ſie anlegen muß. Wenn daher der dortige Mandarin und die beim Schiffe Wachenden gewonnen ſind, ſo laͤßt ſich, trotz aller Vorſicht der Chineſen, dennoch auf dieſem Wege einiger unterſchleif machen; und ſo geſchieht es, daß z. B. die Amerikaner Ginſeng, die Englaͤnder Opium und andere verbotene Waaren, bisweilen in großer Menge, heimlich an's Land ſchaffen. Die Verpflegung unſerer Schiffsmannſchaft war waͤhrend des Aufenthalts im Tuho von der Art, wie ſie der Seemann in einem fruchtbaren ſuͤdlichen Lande, und zu einer Zeit, wo er bedeutende Schaͤtze fuͤr ſeine Reeder erwirbt, erwarten darf. Jeden Mittag beka⸗ men die Matroſen friſches Rind⸗, Schaf⸗ oder Schwein⸗ fleiſch, oftmals gebraten, und abwechſelnd Reiß, Erb⸗ ſen, Bohnen oder Kohl, Pudding, Pataten, Yams oder andere geſunde Zuſpeiſen; einige Mal erhielten ſie auch Fiſche. An Feſttagen gab man ihnen Obſt zum Nachtiſche. Statt des Zwiebacks wurde taͤglich friſches, mit etwas Reiß vermiſchtes Weizenbrod gegeben. Zum Getraͤnk reichte man des Mittags und Abends Punſch, beſtehend aus gekochtem Waſſer, Arack, Zucker und einer Art Limonen, welche in China die dort nicht wachſen⸗ den Zitronen erſetzen. Der große Theekeſſel ſtand, zum beliebigen Einſchenken bereit, vom Morgen bis zum Abend am Feuer. Zu Zeiten, wo geiſtiges Ge⸗ traͤnk dem Koͤrper heilſam iſt, z. B. bei Regenwetter oder bei anſtrengender Arbeit, wurde auch der reine 7* 100 Arack, oder der Samſu nicht geſpart. Hieraus wird man einen Schluß auf die Lebensweiſe der Schiffs⸗ offiziere machen koͤnnen, da ihr Tiſch, wie bekannt, faſt immer und ſelbſt auf der See gut beſetzt iſt. Un⸗ geachtet dieſes Ueberfluſſes an Lebensmitteln fehlte uns dennoch ein wichtiges Beduͤrfniß, naͤmlich gutes Trink⸗ waſſer. Die aus dem Lande herab kommenden kleinen Fluͤſſe und Baͤche ſind, wegen des lehmigen Bodens, dick und ſchlammig, und nicht viel beſſer iſt das Waſſer des Tuho. Gleichwohl wird letzteres allgemein, ſowohl in Canton als in der umgegend und auf den Schiffen gebraucht; man pflegt es zwei Meilen oberhalb der Stadt zu ſchoͤpfen, weil die Fluth bis dorthin ſteigt. Die Einwohner ſuchen es durch Abkochen und Durch⸗ ſeihen zu derbeſſern, wodurch es jedoch keine voͤllige Klarheit erhaͤlt. Uns erwieſen in dieſer Hinſicht die Filtrirſteine Anfangs gute Dienſte, wurden aber bald unbrauchbar, weil der im Waſſer enthaltene Lehmſtoff die Poren derſelben verſtopfte. Von den Vergnuͤgungen, welche der Seemann am Lande zu genießen pflegt, werden ihm in China nur wenige zu Theil, da ihm die Einwohner keine große Freiheit geſtatten. Ueberdem verlangt der Vortheil der engliſchen Compagnie, ihre Leute von den Chineſen entfernt zu halten, weil es ſich ſchon mehrmals zuge⸗ tragen hat, daß ſie mit dieſen, aus Muthwillen, in der Trunkenheit, oder um die Ehre ihrer Nation zu retten, in gefaͤhrliche Streitigkeiten geriethen, welche faſt den 101 gänzlichen Verluſt des Handels nach ſich zogen, und nur durch Erlegung großer Geldſummen ausgeglichen wur⸗ den. Auf unſerem Schiffe war bloß den Offizieren er⸗ laubt, ſich bisweilen zu ihrem Vergnuͤgen nach Canton zu begeben, wo ſie dann Koſt und Wohnung in der Factorei fanden, und uͤbrigens frei umher gehen konn⸗ ten. Die Matroſen erhielten nie Erlaubniß zu ſolchen Ausfluͤgen; und diejenigen, welche den Kapitaͤn taͤglich nach der Stadt begleiteten, durften ſich, waͤhrend der ganzen Zeit ſeines Aufenthalts daſelbſt, nicht einen Schritt weit von den Graͤnzen der Factorei entfernen. Die uͤbrigen ſahen die Stadt nur im Vorbeigehen, wenn ſie, um Waſſer zu ſchoͤpfen, oder in andern Ver⸗ richtungen, den Strom hinauf fuhren, was immer in Begleitung eines Offiziers geſchah, der ſeine Mann⸗ ſchaft ſo bald als moͤglich wieder an Bord zu bringen ſuchte. Diejenigen, welche man zu ſolchen Verricht⸗ ungen nicht gebrauchte, bekamen Canton nicht einmal in der Ferne zu ſehen. Der einzige Ort, wo die Einwohner den europaͤi⸗ ſchen Seeleuten einige Freiheit laſſen, iſt die oben er⸗ waͤhnte Inſel Frankreich. Sie gehen daher haͤufig da⸗ hin, um ſich zu beluſtigen, d. i. in den Wirthshaͤuſern zu zechen und Laͤrm zu machen. Auch unſern Leuten erlaubte man Anfangs jeden Feſttag, daß ein Theil derſelben einige Stunden dort zubringen durfte. Allein mancherlei unangenehme Auftritte, die von Zeit zu Zeit vorſielen, bewogen den Kapitaͤn, ihnen auch dieſe 10² Beluſtigung zu verſagen. Um ſie aber dafuͤr zu ent⸗ ſchaͤdigen, traf er die Einrichtung, daß ihnen an ge⸗ wiſſen Tagen ihr Punſch in doppeltem Maße, und zwar auf dem freien Platze vor dem Bankshall, ge⸗ reicht wurde, wodurch man ſie auch vollkommen zu⸗ frieden ſtellte, da ohnedem der Aufenthalt unter einem Volke, wie die Chineſen, welches die Weiber eingeſperrt halt, wenig Anziehendes fuͤr ſie hatte. Von dieſer Zeit an wurde das Bankshall ausſchließlich ihr Luſtort. Sie veranſtalteten hier, außer den Gelagen, auch Wett⸗ rennen und andere engliſche Spiele. Ueberdem ließ man haͤufig die ſich einfindenden chineſiſchen Schauſpie⸗ ler und Gaukler ihre Kunſtſtuͤcke machen; denn ſie be⸗ ſaßen eine große Fertigkeit, das Auge des Zuſchauers durch Geſchwindigkeit zu taͤuſchen, ihr Geſicht ſeltſam zu verzerren, oder dem Koͤrper die laͤcherlichſten Stell⸗ ungen zu geben.— So geſchah es denn, daß die Mannſchaft des Wexford von den Unannehmlichkeiten und den Demuͤthigungen frei blieb, welche die Eng⸗ lander in China ſo oft erfahren. Noch muß ich erwaͤhnen, daß die europaͤiſchen Seeleute, waͤhrend ihres Aufenthalts in China, eine Menge ſonderbarer Gebraͤuche beobachten, obſchon bei vielen die Urſache ihrer Entſtehung nicht mehr bekannt, und die Form durch die Laͤnge der Zeit in's Laͤcherliche uͤbergangen iſt. Ich will hier nur einige davon an⸗ fuͤhren. Derjenige, dem z. B. ein Einwohner aus Wohlwollen die Wange ſtreichelt, wird unehrlich, und =— ͤͤ 4—— u G* d8* R 103 bleibt es, bis er ein Schwein gekuͤßt hat.— Wenn man bei einer gewiſſen Stelle am uUfer des Fluſſes, die nicht weit von Canton und durch einen hohen Baum bezeichnet iſt, voruͤber kommt, ſo werden die Huͤte abgenommen, und diejenigen, welche es unter⸗ laſſen, mit Waſſer beſpritzt.— Wenn die Matroſen bei dem Thurm zwiſchen Canton und Wampo vorbei fahren, und mit ihrem Boot an die Stelle des Fluſſes kommen, wo man durch zwei gewiſſe, einander gegen⸗ uͤber ſtehende Fenſter ſehen kann, ſo ſind ſie berechtigt, einen Schluck von dem auf die Reiſe mitgenommenen Branntwein zu thun; außerdem muß das Getraͤnk bis zur Ankunft an dem Orte, wohin ihre Beſtimmung geht, unberuͤhrt bleiben.— So oft auf dem Schiffe ein Schwein ſtirbt, wird es, mit einem Steine be⸗ ſchwert, feierlich in das Waſſer geſenkt. Dieſe Ge⸗ wohnheit, ſagt man, gruͤndet ſich auf den Umſtand, daß ehedem die Chineſen den Schweinen der Europaͤer Pfeffer beibrachten, und dadurch ein großes Sterben unter ihnen bewirkten, um ſich dieſelben, wenn ſie in den Fluß geworfen und nach einigen Tagen wieder auf die Oberflaͤche gekommen waren, zuzueignen. 104 11. Das Vorzuͤglichſte, was man auf der Fahrt von Wampo nach Canton erblickt, beſonders die Zollhaͤuſer und die ungeheuere Menge Flußſchiffe. Die erſten Gegenſtaͤnde, welche ſich dem Reiſenden bei der Ankunft in Canton dar⸗ ſtellen— das Hauptzollhaus— die Factoreien oder Nie⸗ derlagen der Europaͤer— genaue Beſchreibung der eng⸗ liſchen, mit den dazu gehoͤrigen Beamten und Arbeitern. Nachdem ich die Verhaͤltniſſe, worin die europaͤiſchen Seeleute mit Canton ſtehen, beſchrieben habe, will ich dasjenige mittheilen, was in Hinſicht dieſer Stadt und ihrer Einwohner zu meiner Kenntniß kam. Ich muß jedoch beilaͤufig bemerken, daß meine Beobachtungen nicht ſo zahlreich waren, als ich ſie zu machen ge⸗ wuͤnſcht haͤtte und man von einem fuͤnfmonatlichen Aufenthalt wohl erwarten ſollte. Denn ich fand nicht nur, wegen des zuruͤckſtoßenden Betragens der Chi⸗ neſen gegen Fremde, mancherlei Schwierigkeiten, ſon⸗ dern war auch durch meinen Dienſt oft Wochen lang an das Schiff oder das Bankshall gebunden, obgleich mir das Geſchaͤft, die nach der Stadt gehenden oder von daher kommenden Frachtboote zu begleiten, oft aufgetragen, auch die Erlaubniß mehrmals ertheilt —. —Saescchs=o= S2 S=ͤ1“ͤ“—“ = — ſt lt 105 wurde, einige Tage zu meinem Vergnuͤgen am Lande zuzubringen. Das Land, welches man auf der Fahrt von Wampo nach Canton ſieht, enthaͤlt an den Ufern des Fluſſes, die meiſtens niedrig ſind, viele Reißfelder; weiter hinein wechſeln waldige Huͤgel mit fruchtbaren und mannichfach bebauten Thaͤlern ab. Dieſe reizen⸗ den Gegenden werden aber oft von großen Begraͤbniß⸗ plaͤtzen unterbrochen, welche nach der Stadt hin immer mehr zunehmen. Die merkwuͤrdigſten einzelnen Ge⸗ genſtaͤnde, die der Reiſende in der Naͤhe zu Geſicht bekommt, ſind der vo. den Europaͤern ſo genannte Branntweinthurm, der uͤbrigens dieſelbe Beſchaffenheit, wie die oben beſchriebenen, hat, ferner einige auf den Inſeln errichtete Schanzen, ein großer Steinbruch, der unzaͤhlige Arbeiter beſchaͤftigt, und die erwaͤhnten Zoll⸗ haͤuſer. Letztere ſtehen auf Pfaͤhlen dicht am Fluſſe, ſo daß die Vorderſeite in's Waſſer hinein ragt, die noch außerdem mit einer Bruͤcke verſehen iſt, damit die Fanhrzeuge auch zur Zeit des niedrigſten Waſſerſtandes daſelbſt anlegen koͤnnen. An dieſen Haͤuſern haͤngen große Tafeln, worauf die Verordnungen in Betreff des Zolles, mit großen chineſiſchen Schriftzeichen ge⸗ ſchrieben ſind, ſo wie auch nahe dabei eine in die Au⸗ gen fallende Flagge aufgerichtet iſt, daher Niemand ſich mit Unwiſſenheit entſchuldigen kann. Bei einer kleinen Inſel, zwei Stunden vor Can⸗ 106 ton, ſah ich mehrmals einige vornehme Chineſen ſich mit dem Fiſchfang beluſtigen, wobei ſie den Cormo⸗ ran oder Waſſerraben gebrauchten. Sie warfen den⸗ ſelben, ſo oft Fiſche erſchienen, an einer Schnur ge⸗ halten auf das Waſſer, worauf er mit großer Schnel⸗ ligkeit einen nach dem andern im Schnabel heraus⸗ brachte. In der Naͤhe habe ich dieſen Vogel nicht geſehen. Er iſt bekanntlich von der Groͤße eines Huhns, erreicht aber auch die einer kleinen Gans. Nach der Erzaͤhlung der Chineſen laͤßt er ſich dergeſtalt abrich⸗ ten, daß er ſogar, wenn man eine beſondere Gattung von Fiſchen haben will, auf ein gegebenes Zeichen die⸗ ſelbe aus der Menge herausſucht. Damit er ſeine Beute nicht verſchlinge, legt man ihm, waͤhrend des Fiſchfanges, einen dicht anſchlleßenden eiſernen Ring um den Hals, woran die Schnur befeſtigt wird. Ein Waſſerrabe koſtet wenigſtens hundert Piaſter, und ver⸗ pflichtet uͤberdem den Beſitzer zu einer bedeutenden jaͤhrlichen Abgabe. Eine halbe Stunde von Canton nimmt auf dem Strome, der ſchon von ſeiner Muͤndung an ungemein lebhaft iſt, die Menge der Fahrzeuge dermaßen zu, daß man oft Muͤhe hat, hindurch zu kommen. Denn hier befinden ſich nicht nur unzaͤhlige Junken, ſondern es beginnen auch die ſechzigtauſend, an beiden Ufern reihenweiſe liegenden Schampanen, die weit uͤber Can⸗ ton hinausreichen, und, da ſie großen Theils den Be⸗ 107 ſitern ſammt ihren Familien zum beſtaͤndigen Aufent⸗ halte dienen, eine volkreiche ſchwimmende Stadt bilden. Dieſe Schampanen, wie der Europaͤer die chine⸗ ſiſchen Flußſchiffe nennt, gleichen ſich alle darin, daß ſe flach, ohne Kiel und faſt wie Troͤge geſtaltet, mei⸗ ſtens auch bedeckt ſind, weichen aber, weil ſie verſchie⸗ dene Beſtimmungen haben, in der uͤbrigen Einricht⸗ ung und in der Groͤße von einander ab. Die vor⸗ ͤaͤglichſten ſind eine Art Galeeren mit ungefaͤhr zwan⸗ zig Rudern und fuͤnf und zwanzig bewaffneten Leuten. Sie werden vom Staat unterhalten, um die Ruhe des Hafens und uͤberhaupt das Beßte des Landes wahrzunehmen, naͤchſtdem auch bei feierlichen Gele⸗ genheiten die vornehmen Mandarinen zu fahren; da⸗ her man ſie mit vielen aufgepflanzten Fahnen und Spießen, mit Abbildungen von Drachen und andern landesuͤblichen Ehrenzeichen ſchmuͤckt. Vorn und hin⸗ ten haben ſie Huͤtten, koͤnnen aber auch mit Matten, die auf Stuͤtzen und Buͤgeln von Bambus ruhen, voͤllig bedeckt werden. Das Ganze pflegt man weiß, die einzelnen Verzierungen aber ſchwarz anzuſtreichen, einige auch zu vergolden.— Die naͤchſte Stelle unter den Schampanen nehmen die großen Gondeln ein, worauf die Mandarinen gewoͤhnlich ihre Fahrten an⸗ ſtellen. Sie ſind etwas kleiner als die Galeeren, je⸗ doch auf aͤhnliche Weiſe, dem Stand ihrer Herren ge⸗ maͤß, ausgezeichnet und ſtark bemannt. Ihr Anſtrich ² iſt meiſtens roth. Im Vordertheil halten ſich dieje⸗ 108 nigen auf, welche ſich fuͤhren laſſen, dagegen die Ru⸗ derer ihren Platz hinten haben, was der europaͤiſchen Sitte ganz zuwider laͤuft. Die Mannſchaften dieſer Fahrzeuge muͤſſen ſich beſtaͤndig am Bord aufhalten, und zum Fortrudern bereit ſein, ſobald es verlangt wird.— Die Faͤhrboote, welche Jeden, der ſie mie⸗ thet, aus einer Gegend des Fluſſes in die andere brin⸗ gen, haben ganz das Anſehen eines Hauſes, indem ſie bloß an den Enden offen, uͤbrigens aber mit ſechs Fuß hohen Bretwaͤnden eingefaßt, und mit einem Dache von Stroh, Matten oder Bretern verſehen ſind. An den Waͤnden zu beiden Seiten befinden ſich kleine Fenſteroͤffnungen, die man mit Schiebern nach Belis⸗ ben verſchließen kann; an der vorderſten und hinter⸗ ſten iſt eine Thuͤr angebracht. Einen Anſtrich erhab ten die Faͤhrboote nicht, was auch bei den folgendet Schampanen der Fall iſt. Dasjenige, worin ich ein mal von Wampo nach Canton fuhr, hatte zwei Ab⸗ theilungen. Die vorderſte war fuͤr die Reiſenden be⸗ ſtimmt, und enthielt bloß einen Tiſch und einig Stuͤhle. Die hinterſte diente der Familie des Faͤhre manns zur Wohnung. Ihr Geraͤth beſtand in ein paar Tiſchen und Stuͤhlen, einem beweglichen irdenen Kamin, einigen Toͤpfen und Schuͤſſeln, in etwas Bett⸗ zeug, das man Abends auf den Dielen ausbreitete, und endlich in einer kleinen Kapelle, d. i. einem mil Goldpapier ausgeklebten Schranke fuͤr das Bildniß der Schutzgottes, vor dem man haͤufig raͤucherte, a ½ = u 109 Branntwein und andere Lebensmittel niederſetzte. Hier⸗ bei muß ich bemerken, daß die Beſitzer ſolcher Boote, ſelbſt wenn ſie das ganze Jahr lang mit Weib und Kind darin wohnen und wohlhabend ſind, ſich nie mit dielem Geraͤth befaſſen, weil ſie ſonſt weitlaͤufigen Un⸗ terſuchungen bei den Zollhaͤuſern ausgeſetzt, und da⸗ durch in ihrer Fahrt lange aufgehalten wuͤrden. Aus dem Grunde thut auch der Reiſende wohl daran, wenn er ſich in ein aͤrmliches, ganz leeres Fahrzeug begibt; wenigſtens hat er darauf zu ſehen, daß kein fremdes Gepaͤck eingeſchifft wird. Uebrigens reiſ't man mit den chineſiſchen Faͤhrbooten ſehr bequem und, wenn ſie mit der Fluth den Strom hinauf und mit der Ebbe hinab gehen, ſchneller als die Art, wie ſie ge⸗ rudert werden, erwarten laͤßt; denn die Faͤhrmaͤnner gebrauchen keine langen Ruder, ſondern es ſtehen bloß zwei derſelben, am hintern Ende der Schampane, mit kurzen gekruͤmmten Schaufeln, welche ſie, wie der Fiſch ſeinen Schwanz, hin und her bewegen, was je⸗ doch das Fortkommen ziemlich foͤrdert und uͤberdem in einem engen Fahrwaſſer ſehr vortheilhaft iſt. Bei⸗ laͤufig erwaͤhne ich noch, daß ein einzelner, in einem ſchineſiſchen Boote befindlicher Europaͤer klug handelt, ſich verſteckt zu halten, wenn er durch die Schampanen bei Canton faͤhrt, weil ſonſt die darauf befindlichen Leute, um ihren Spott mit ihm zu treiben, ſein Durch⸗ kommen muthwillig erſchweren. Ganz anders jedoch verhaͤlt es ſich mit den europaͤiſchen Schaluppen; vor 110 ihnen weicht Alles aus, weil unſere Matroſen, ob ſie ſchon in China nicht viel zu ſagen haben, dennoch mit den Einwohnern keine Umſtaͤnde machen.— Die Bar⸗ ken, welche den Seeſchiffen die Frachtguͤter zuſuͤhren oder von ihnen abholen, ſind meiſtens vorn mit einer Huͤtte fuͤr die darauf wohnenden Leute verſehen, koͤn⸗ nen aber auch, wenn dieſe nicht mit Loͤſchen oder La⸗ den beſchaͤftigt ſind, durchaus bedeckt werden.— Viele Fahrzeuge haben die Beſtimmung, Enten darauf zu ziehen. Sie enthalten daher, außer einer kleinen Wohn⸗ ung fuͤr die Menſchen, nur Staͤlle fuͤr jene Thiere, die ſich bisweilen auf tauſend Stuͤck belaufen. Sie haben eine bewegliche Bruͤcke, die man auf den Strom laſſen kann, damit die Enten, um ſich auf demſelben von Fiſchen zu naͤhren, bequem hinab und wieder an Bord kommen koͤnnen.— Andere Fahrzeuge gebraucht man, um ſowohl den in der Stadt, als auf den Scham⸗ panen geſammelten Duͤnger aufzunehmen und nach den Feldern zu ſchaffen. Ungeachtet ſie durch ihren An⸗ blick und Geruch den groͤßten Ekel erregen, dienen ſie doch dem Schiffer und den Seinigen unausgeſetzt zum Aufenthalt.— Die Fahrzeuge der Fiſcher ſind lang und ſchmahl, und unter allen die kleinſten. Oft haben ſie nur eine ſchlechte Strohhuͤtte, ob ſich ſchon die Leute mit ihren Weibern und Kindern fortwaͤhrend darauf befinden.— Außer den hier beſchriebenen Schampa⸗ nen gibt es noch viele andere, welche verſchieden von jenen eingerichtet, zum Theil auch nichts anders als +₰ 8 ☛—ͤ——— ☛ —„ pe auf pa⸗ 111 Floͤſſe ſind, worauf man Huͤtten gebaut hat. Die Be⸗ ſitzer derſelben handeln mit Eßwaaren, oder ſind Schmiede, Zimmerleute oder andere Arbeiter. Was uͤbrigens die Bewohner dieſer Waſſerſtadt betrifft, die hier geboren werden, ſich verheirathen, leben und ſterben, ſo bemerkt man unter ihnen, wie uͤberall, einen Unterſchied in den zeitlichen Gluͤcks⸗ guͤtern. Einige geben durch ihr anſtaͤndiges Aeußeres, durch den Ueberfluß an Schweinen, Huͤhnern und an⸗ dern Hausthieren, die ſie unterhalten, oder durch die Blumen und Baͤume, welche, in Toͤpfen oder Kuͤbeln, um ihre Wohnung ſtehen, einen gewiſſen Wohlſtand zu erkennen. Es gibt aber auch viele, welche das groͤßte Elend verrathen, indem ſie in Lumpen gehuͤllt, oder faſt nackt auf ihrer wuͤſten, halb zerfallenen Schampane ſtehen, und die todten Thiere und alles, was Andere in das Waſſer geworfen haben, zu ihrem Unterhalte aufzufiſchen ſuchen. Daß ſie, wie die euro⸗ paͤiſchen Seeleute behaupten, haͤufig das Verbrechen begehen, ihre Kinder zu erſaͤufen, iſt wohl eine unge⸗ gruͤndete Beſchuldigung. Zwar iſt ein ertrunkenes Kind, das auf dem Tuho dahin treibt, keine ſeltene Erſcheinung; allein unter Familien, die beſtaͤndig auf dem Waſſer leben, ſind wohl ſolche Faͤlle unvermeidlich. Ueberdem ſieht man auf den Schampanen ſelten ein kleines Kind, dem die Aeltern nicht einen ausgehoͤhlten von Kuͤrbis um den Hals gebunden haͤtten, um zu verhin⸗ als dern, daß es bei einem Fall in's Waſſer unterſinkt; 112 die Knaben lehrt man fruͤhzeitig ſchwimmen, daher ſie ſich ſchon in einem Alter von vier bis fuͤnf Jah⸗ ren, mit den Enten um die Wette, auf dem Fluſſe tummeln. Den Anfang der Vorſtaͤdte von Canton bildet eine Reihe kleiner Wirthshaͤuſer, die auf Pfaͤhlen im Waſ⸗ ſer ſtehen. Etwas weiter hinauf beſinden ſich auf Inſeln zwei Feſtungen, wovon die eine, wie man ſagt, von den Niederlaͤndern angelegt wurde. Bald nachdem man bei ihnen voruͤber iſt, kommt das letzte Zollhaus zum Vorſchein, welches, als das vorzuͤglichſte unter allen, ſich durch beſondere Inſchriften und Flaggen auszeichnet, und wo jedes ankommende und abgehende Fahrzeug ohne Unterſchied anlegen muß, daher auf dieſer Stelle des Tuho die groͤßte Lebhaftigkeit herrſcht. Nicht weit davon beginnt eine unabſehbare Reihe von Haͤuſern, die zu Niederlagen fuͤr die Kaufmannsguͤ⸗ ter dienen. Sie ſind dicht am Fluſſe, meiſtens auf Pfaͤhlen, von Holz und ungebrannten Ziegeln erbaut. Man nennt ſie insgemein Factoreien. Die chriſtlichen Nationen haben die ihrigen nahe bei dem erwaͤhnten Zollhauſe, auf einem ſchoͤnen Steindamm aufgefuͤhrt. Fuͤr eine große Summe Geldes wurde ihnen erlaubt, der vordern, d. i. gegen den Fluß gekehrten Seite des Gebaͤudes eine europaͤiſche Geſtalt zu geben; das In⸗ nere dagegen mußten ſie auf chineſiſche Art einrichten. Damit eine von der andern zu unterſcheiden iſt, pflegt jede vor ihrem Bezirk die Flagge aufzupflanzen, deren ——————————— 2—— n 113 man damaks, als ich mich in Canton befand, nur drei ſah, naͤmlich die engliſche, ſchwediſche und amerikani⸗ ſche, weil die Factoreien der von England bekriegten Europaͤer geſchloſſen waren. Die engliſche Factorei beſteht in einem viereckigen, ein großes Gehoͤfte einſchließenden Gebaͤude, das ſich, in der Laͤnge, vom Fluſſe nach der Stadt ausdehnt. Es iſt von Backſteinen aufgefuͤhrt, einen Stock hoch, und das abſchuͤſſige Dach mit Ziegeln gedeckt. An der Seite des Waſſers befindet ſich ein großes Thor, und gegenuͤber ein zweites, das nach der Gaſſe hinter den Factoreien und nach der Stadt fuͤhrt; jenes pflegt man das Waſſer⸗, dieſes das Stadtthor zu nennen. Beide werden von engliſchen Soldaten mit gezogenem Saͤbel bewacht, welche Jedem, der im Hauſe nichts zu ſuchen hat, den Zutritt verweigern. Im Erdgeſchoſſe des Gebaͤudes ſind am vordern Eingange Schreibſtuben fuͤr die Factoreibeamten und ein Wachhaus fuͤr das Militaͤr, deren Fenſter ſaͤmmtlich nach dem Fluſſe gehen. Der uͤbrige Theil enthaͤlt, außer einer großen Kuͤche, Niederlagen fuͤr die Waaren. Dieſe letztern Gemaͤcher find ohne Fenſter, und erhalten ihr Licht durch die Thuͤren, welche auf den Hof gehen. Den Fußboden hat man mit großen, flachen Steinen belegt, was uͤbrigens auch im ganzen Gehoͤfte der Fall iſt. Zu den obern Zimmern fuͤhren drei oder vier ſteinerne Trep⸗ pen. Die vorderſten Zimmer beſtehen in großen Saͤlen, Ahein die Factoreibeamten gemeinſchaftlich ſpeiſen, Be⸗ . 8 *— 114 ſuche annehmen und Gaͤſte bewirthen. Die uͤbrigen dienen zu Wohn⸗ und Schlafſtuben fuͤr die Beamten, ihre Diener, Arbeiter und Soldaten, ſo wie auch fuͤr diejenigen, welche von den Schiffen kommen. Die nach dem Fluſſe gerichteten Fenſter der Saͤle ſind laͤnglich viereckig, breit, hoch und mit ſchoͤnen Glasſcheiben ver⸗ ſehen; die der Wohnſtuben, welche auf den Hof gehen, ſind ebenfalls hoch, aber ſchmahl, oben bogenfoͤrmig und, Statt des Glaſes, aus kleinen viereckigen Tafeln von Perlmutter zuſammengeſetzt, die nur ein ſchwaches Licht durchſchimmern laſſen, daher man ſie am Tage gewoͤhnlich oͤffnet. Da das Dach, worin ſich ebenfalls Fenſter von der letztern Art, jedoch von viereckiger Form befinden, unmittelbar uͤber den Zimmern ſteht, ſo haben ſie eine außerordentliche Hoͤhe. Die Waͤnde hat man mit Tapeten von chineſiſchem Papier bekleidet. Der Fußboden iſt gedielt. In jedem Gemach haͤngen ein oder mehre Lampen an ſeidenen Schnuren von den Dachbalken herab. Ueberdem brennt man auch gewiſſe, an der Außenſeite roth gefaͤrbte Lichter. Da die Beamten der Factorei gewoͤhnlich vom Januar bis Juni, der Jahreszeit, wo keine europaͤt⸗ ſchen Schiffe in Canton ſind, ſich in Macao aufhalten, und folglich ihr Hausgeraͤth oft hin und her geſchaftt wird, ſo iſt dieſes zwar der Prachtliebe der Englaͤnder angemeſſen, aber auf die nothwendigſten Stuͤcke be⸗ ſchraͤnkt. Einige koſtbare Spiegel, Sopha's und Stuͤhle, Speiſetafeln und Schenktiſche, einige Schraͤnke mit 115 Glaͤſern und Porzellan beſetzt, ſind faſt alles ,„was in den gemeinſchaftlichen Saͤlen ſich findet. Eine einzelne Wohnung, die in einem oder mehren Gemaͤchern beſteht, enthaͤlt eine eiſerne Bettſtelle, mit baumwollenen Vor⸗ haͤngen, um die Muͤcken abzuhalten, ferner einen Spie⸗ gel, einen Tiſch nebſt Stuͤhlen, und Waſchgeſchirr. Hierzu kommt noch— denn alles obige Geraͤth wird von der Handelsgeſellſchaft unterhalten,— das Eigen⸗ thum des Bewohners, das meiſtens bloß in Reiſekof⸗ fern, Betten und verſchiedenen Kleinigkeiten beſteht. Eine groͤßere Einrichtung findet nur bei den obern Beamten und beſonders dann Statt, wenn ſie, wie es bisweilen der Fall iſt, Weib und Kinder bei ſich haben. Was den Aufenthalt in der Factorei, wie in allen chineſiſchen Haͤuſern unangenehm macht, iſt, daß die Gemaͤcher, obſchon auf die Reinlichkeit derſelben viel Sorgfalt gewendet wird, von allerlei Thieren wim⸗ meln, wovon die Muͤcken und Wanzen die laͤſtigſten ſind. Letztere wuͤrden noch mehr uͤberhand nehmen, wenn nicht da, wo ſie hauſen, auch zugleich ihre Feinde, die Kakerlaken, ſich einfaͤnden. Allein auch dieſe Thiere ziehen andere herbei, von welchen ſie verfolgt werden. Dahin gehoͤrt eine Art kleiner Eidechſen, die mit gro⸗ ßer Schnelligkeit an den glatten Tapeten herumklet⸗ tern; ſie ſind zwar fuͤr den Menſchen ganz unſchaͤdlich, erregen aber Ekel, wenn man an ihren Anblick nicht gewoͤhnt iſt. 3 Die Beamten beginnen ihre Geſchaͤfte des Morgens 8* 116 um neun uhr, und ſetzen ſie bis vier uhr Nachmit⸗ tags fort. Waͤhrend der Zeit haͤlt ſich der Fiador bei ihnen auf, um, wie ſchon oben erwaͤhnt wurde, beim Abſetzen der auslaͤndiſchen Waaren, oder dem Einkau⸗ fen der einheimiſchen, und auch in andern Angelegen⸗ heiten mit Rath und That beizuſtehen. Eben ſo ſin⸗ det ſich der Comprador taͤglich ein, um die nothwen⸗ digſten Beduͤrfniſſe ſowohl fuͤr die Factorei, als fuͤr die engliſchen Schiffe herbeizuſchaffen, die er letztern von hier aus durch ſeine Leute zu uͤberſchicken pflegt. Sehr laͤſtige und ſtoͤrende Beſucher ſind die Manda⸗ rinen, indem außer denjenigen, welche von Amts wegen waͤhrend der Geſchaͤfte zugegen ſein muͤſſen, viele bloß die Neugierde herzu treibt. Um vier Uhr entfernen ſich der Fiador und Comprador, ſo wie die Mandari⸗ nen und Kaufleute. Die Factoreibeamten gehen als⸗ dann zu Tiſche, und wenden die noch uͤbrige Tageszeit zu ihrer Erholung an. An Vergnuͤgungen in der Stadt iſt zwar nicht zu denken; deſto oͤfter haͤlt man Zuſam⸗ menkuͤnfte mit den uͤbrigen chriſtlichen Nationen, welche ſich wegen der ungeſelligkeit der Einwohner an einan⸗ der ſchließen, und es iſt kein ſeltener Fall, daß Eng⸗ laͤnder und Franzoſen, ungeachtet der ſonſt ſo ſtarken gegenſeitigen Abneigung, dennoch in China die beßten Freunde werden. Was die Diener und Arbeiter in der Factorei betrifft, die meiſtens Chineſen oder portu⸗ gieſiſche Meſtizen aus Macao ſind, ſo erhalten ſie eine gute Bezahlung und, nach der Landesſitte, taͤglich vier N NA N NR NR 4 117 Mahlzeiten, naͤmlich einmal Fleiſch und Gemuͤſe, und dreimal gekochten Reiß, der bekanntlich in China die Stelle des Brodes vertritt. Die Arbeit nimmt ihren Anfang mit Tagesanbruch, und ſchließt ſich mit Son⸗ nenuntergang, wofern nicht die Nothwendigkeit, z. B. ein Frachtboot zu loͤſchen oder zu laden, ſie verlaͤngert. Von den mancherlei, die allgemeine Ordnung bezwecken⸗ den Einrichtungen und Gebraͤuchen, erwaͤhne ich bloß, daß man Abends alle Gemaͤcher, Gaͤnge und Treppen des Gebaͤudes mit Lampen, ſo wie die ganze Nacht den Hof mit Hornlaternen erleuchtet, und durch Schlaͤge an ein Gungung zu jeder Tageszeit die Stunden ver⸗ kundigt, auch das Zeichen zum Eſſen und zu jeder ge⸗ meinſchaftlichen Verrichtung gibt⸗ — oef“ 118. 12. Die Stadt Canton uͤberhaupt— ihre Eintheilung und Regierung. Die Vorſtaͤdte— Beſchaffenheit ihrer Gaſſen — Art und Weiſe, Laſten hin und her zu ſchaffen— Ge⸗ brauch und Einrichtung der Palankine— Bauart der Haͤu⸗ ſer— Geraͤth und Verzierung der Zimmer— die Hoͤfe bei den Haͤuſern. Die Stadt Canton(Quangtong, in der Landesſprache Quangtſcheu⸗fu) iſt die Hauptſtadt der Landſchaft glei⸗ ches Namens, und der wichtigſte chineſiſche Handels⸗ platz, indem die reichſten Kaufleute aus dem ganzen Reiche ſich daſelbſt niedergelaſſen haben, weil die Euro⸗ paͤer die einheimiſchen Waaren großen Theils mit Gold und Silber bezahlen, waͤhrend die uͤbrigen mit China handelnden Nationen bloß einen Tauſchhandel treiben. In Hinſicht der Groͤße gehoͤrt Canton zu den Staͤdten des zweiten Ranges in China. Sie beſteht aus der eigentlichen und der Vor⸗Stadt, die man auch„alle und neue“, oder„tatariſche und Schifferſtadt“ nennt. Die tatariſche, welche zwei deutſche Meilen im Um⸗ fange hat, iſt mit einer hohen und dicken Mauer von ungehauenen Steinen umgeben, die man oben mit in⸗ diſchen Feigen und andern Straͤuchern, an vielen Stel⸗ nd 2en 119 len auch mit Wachhaͤuſern und Kanonen beſetzt hat, von welchen letztern jeden Abend um acht Uhr einige abgefeuert werden. Dieſe befeſtigte Stadt iſt der Sitz desjenigen Staatsbeamten, der uͤber die ganze Land⸗ ſchaft gebietet; er fuͤhrt in der Landesſprache den Ti⸗ tel„Tſang⸗tok““, welchen die Europaͤer gewoͤhnlich durch „Vicekoͤnig“ uͤberſetzen. Ihm zur Seite ſtehen zwei andere vornehme Beamte, der Fujenn und der Opeu lauch Hoppo genannt), die ſeinen Rath ausmachen, und ohne deren Einwilligung er nichts von Wichtig⸗ keit unternehmen kann. Naͤchſt den genannten Ober⸗ haͤuptern wohnen auch alle uͤbrige Mandarinen in der tatariſchen Stadt, ſo wie ſie auch der Wohnort der reichen Kaufleute und uͤberhaupt aller angeſehenen Per⸗ ſonen iſt. Da die Europaͤer nur bei außerordentlichen Gelegenheiten, und mit beſonderer Erlaubniß der Obrig⸗ keit, Zutritt erhalten, alsdann aber in einer bedeckten Saͤnfte, folglich ohne die Gegenſtaͤnde betrachten zu koͤnnen, hinein und wieder heraus getragen werden, ſo bleibt ihnen das Innere desſelben unbekannt; ich ſelbſt ſah nur ihren Thurm, und einen Theil ihrer Mauer und Thore, den ich eines Tages umging. Man weiß indeß aus den Nachrichten der Einwohner, daß die ur⸗ ſpruͤnglichen Chineſen in der einen, und die von tata⸗ iſcher Abkunft in der andern Haͤlfte der Stadt woh⸗ nen, und daß dieſe außer einigen Palaͤſten und praͤch⸗ tigen Pagoden, nichts enthaͤlt, als was auch die Vor⸗ ſaͤte dem Beobachter darbieten. 120 Wie weitlaͤuſig die Vorſtaͤdte ſind, koͤnnen meine Leſer ſchon daraus abnehmen, daß ſie drei Viertel der Stadt umgeben, welche, wie ich erwaͤhnte, zwei Meilen im Umkreiſe hat. Sie ſind nicht befeſtigt, aber durch Mauern von einander getrennt, deren Thore jeden Abend um neun oder zehn Uhr geſchloſſen werden, ſo wie man alsdann auch die Gaſſen durch Schlagbaͤume ſperrt. Nur vornehmen Leuten, oder wenigſtens ſol⸗ chen, die genau bekannt ſind, werden die Eingaͤnge waͤhrend der Nacht geoͤffnet, daher dann die tiefſte Ruhe in Canton herrſcht. Die Gaſſen, deren jede von Leuten einerlei Ge⸗ werbes bewohnt wird, ſind ſehr lang, aber ſchmahl, laufen krumm und im Zickzack, welches letztere daher kommt, weil Alle, die ein Haus bauen, dasſelbe zwei oder drei Fuß weiter, als das ihres Nachbars heraus⸗ ruͤcken, um— mehr Gluͤck als dieſer zu haben. Das Pflaſter beſteht aus laͤnglichen Sandſteinen, die hier und da durchloͤchert ſind, damit das Waſſer, in Er⸗ mangelung anderer Anſtalten, ablaufen und in den Erdboden eindringen kann. Ungeachtet auf den Gaſſen Schweine, Huͤhner und Hunde herumlaufen, ſo ſind ſie dennoch ſehr rein, weil beſtaͤndig arme Menſchen auf und nieder gehen, welche den Unrath in kleinen Koͤrben ſammeln und zu benutzen ſuchen. Fuhrwerke ſieht man nirgends. Alles, was die Leute von einem Orte zum andern ſchaffen, packen ſie in zwei Koͤrbe, und tragen dieſe, mittels einer Bambusſtange, an de⸗ 121 ren jedes Ende man einen haͤngt, auf der Schulter. Sie ſind hierin ſo geuͤbt, daß ihnen eine Laſt von hun⸗ dert bis hundert und funfzig Pfund nicht ſchwer faͤllt. Große Laſten, z. B. Faͤſſer, Fiſchzober und dergleichen, werden von Zweien mittels einer Stange, noch groͤßere von Vieren mittels zwei kreuzweiſe gelegter Stangen getragen, ſo daß ſie im Mittelpunkte, und zwar nur einige Zoll uͤber dem Pflaſter haͤngen. Ein Pferd iſt eine ſeltene Erſcheinung, weil nur die Mandarinen dann und wann eins beſteigen. Um ſo haͤufiger ſind die Palankine, eine Art Saͤnften oder Tragſeſſel, welche mit vier Fuͤßen, mit einem Gelaͤnder, einer Decke und Vorhaͤngen, und inwenelg mit Kiſſen verſehen ſind, die man nach Belieben ordnen kann, um ſich darauf zu ſetzen oder zu legen. Innerhalb der Stadt werden ſie gewoͤhnlich nur von zwei, aber außerhalb derſelben und auf Reiſen von vier, bisweilen auch von acht Maͤnnern, die einander abloͤſen, auf den Schultern ge⸗ tragen. Man kann dergleichen in vielen Theilen der Stadt zur Miethe bekommen. Die Enge der Gaſſen und das Gewuͤhl der Menſchen noͤthigen diejenigen, welche etwas zu tragen haben, fortwaͤhrend die ihnen in den Weg Kommenden auf ſich aufmerkſam zu ma⸗ chen, was durch den Ausruf„a⸗hu! a⸗hu!“ oder durch den hoͤflichern„ho⸗a! ho⸗a!“ geſchieht. Die Sitte, daß die herumziehenden Verkaͤufer ihre Waaren ausru⸗ fen, und die Bartſcherer und andere dienſtfertige Leute 122 durch irgend ein laͤrmendes Inſtrument ihre Gegenwart verkuͤndigen, vermehrt noch das Geraͤuſch. Die Haͤuſer liegen in Gruppen von vier bis fuͤnf beiſammen, umgeben von großen Gehoͤften, welche nicht nur Gaͤrten, ſondern bisweilen auch Teiche in ſich faſ⸗ ſen. Die Vorderſeite der Gebaͤude, welche durchgängig ſchmahl, aber nach dem Innern zu lang ausgedehnt ſind, iſt meiſtens von Holz, und ſtets ohne Fenſter; daher man auf der Straße wie zwiſchen zwei oͤden Mauern geht. Es gibt nur zwei oder drei Gaſſen, deren Haͤuſer ſich der europaͤiſchen Bauart einigerma⸗ ßen naͤhern. Die vorzuͤglichſte fuͤhrt den Namen„Por⸗ zellangaſſe.“ Dieſe iſt lang, gerade und breit. Die Haͤuſer an beiden Seiten ſind dicht neben einander ge⸗ baut. Sie beſtehen bloß in einem Erdgeſchoſſe, das eine ſchmahle Vorderſeite, aber eine außerordentliche Tiefe hat. Jedes enthaͤlt eine Reihe nach innen lau⸗ fender Gewoͤlber, wo die reichen Kaufleute ihre Waa⸗ ren auslegen, die aber nicht hier wohnen, ſondern je⸗ den Abend zu ihrer Familie in die tatariſche Stadt zuruͤckkehren. Vor dem aͤußern Gewoͤlbe ruht, auf braunen Stuͤtzen, ein Wetterdach, ſo daß man, laͤngs der ganzen Gaſſe, gegen die Sonne und den Regen geſchuͤtzt geht. Ueber der Thuͤr haͤngt ein ſchwarzes Schild, worauf der Name des Kaufmanns mit gro⸗ ßen chineſiſchen Schriftzeichen, gewoͤhnlich von gelber Farbe, geſchrieben ſteht. Zu beiden Seiten ſind die Waa⸗ renliſten angeſchlagen. Die Thuͤr ſelbſt wird ganz SA .— S= e o.— 123 geoͤffnet, was auch mit denen der innern Gemaͤcher, die ſich alle in einer Linie beſinden, der Fall iſt, daher ſich von außen das Ganze uͤberſehen laͤßt. Im vorder⸗ ſten Gemache ſtellt man, außer Puppen und anderem Spielzeug, ſchlechtes Porzellan auf, welches nur von den Chineſen gekauft wird. In den folgenden finden ſich die feinern, von den Europaͤern geſuchten Porzellan⸗ arten, ſo daß, je weiter man nach hinten kommt, die Schoͤnheit und Koſtbarkeit der Waaren zunimmt. Ei⸗ nige Kaufleute, die man jedoch zu den minder reichen zaͤhlt, befaſſen ſich auch mit andern Gegenſtaͤnden des Handels, z. B. mit ſeidenen und baumwollenen Zeu⸗ gen, mit Thee, Tuſche, buntem Papier, mit Doſen von Perlmutter, von Schildkroͤte oder Schneckenſchalen, mit allerlei Geſchirr von Packfong, einem geſchmeidi⸗ gen weißen Metall, das aus Kupfer, Zink, Eiſen und Nickel zuſammen geſetzt iſt. Auf dieſe Weiſe wird der Beſchauer oftmals durch zehn bis funfzehn verſchiedene Gemaͤcher gefuͤhrt, die beſonders an feſtlichen Tagen, wo ſie ſaͤmmtlich mit Blumen und andern Topfgewaͤch⸗ ſen geſchmuͤckt, und Abends glaͤnzend erleuchtet ſind, einen praͤchtigen Anblick gewaͤhren. 4 Die Haͤuſer ſind von Ziegeln, oft von ungebrann⸗ ten gebaut, die Vorderſeite ausgenommen, welche, wie ich ſchon erwaͤhnte, groͤßten Theils nur von Holz und ohne Fenſter iſt. Wenige haben mehr als Ein Stock⸗ werk, die meiſten aber beſtehen bloß in einem Erdge⸗ ſchoß. Die langen, ſchmahlen Fenſter ſind von Perlmut⸗ 124 ter, bei den aͤrmern Leuten von andern Muſchelſchalen, und das, mit viereckigen Fenſtern verſehene, abſchuͤſſige Dach ruht unmittelbar uͤber den Gemaͤchern, daher ihre Hoͤhe bedeutend iſt. Die nach dem Hofe gehenden Stu⸗ benthuͤren ſtehen meiſtens offen, jedoch pflegt man die Oeffnung, damit die Leute außerhalb nicht in das Innere des Zimmers ſehen koͤnnen, mit einem Vor⸗ hang zu verdecken, welchen oben, in der Mitte und un⸗ ten ein hoͤlzerner, bisweilen metallener Stab der Breite nach ausgeſpannt haͤlt. Oft findet man in der Stube eine Art Chor, worauf die Leute ihre Arbeiten verrich⸗ ten, und von wo ſie, beim Eintritt eines Fremden herabkommen, um mit ihm zu ſprechen. Solche abge⸗ ſonderte Werkſtaͤtten ſind bei den Goldſchmieden und andern Arbeitern, die ſich nicht gern uͤberraſchen laſſen, ſehr gewoͤhnlich. Das Hausgeraͤth begreift ſelten mehr als einige Seſſel, Armſtuͤhle und Tiſche, wozu im Winter noch ein porzellanenes Kohlbecken kommt, um die Fuͤße zu erwaͤrmen. Die groͤßte Zierde iſt eine, an der Wand ſtehende, kleine Kapelle mit dem Hausgoͤtzen, vor wel⸗ chem man Gebete und andere religioͤſe Handlungen ver⸗ richtet, auch Samſu, Reiß und Obſt niederſetzt, wahr⸗ ſcheinlich bloß in der Abſicht, um ſie. von ihm ſegnen zu laſſen, weil man dieſelben nach einiger Zeit wieder wegnimmt und verzehrt. Die Waͤnde ſind immer, wo nicht mit bunten zierlichen, doch mit Tapeten von wei⸗ — 0 SSZ ßem chineſiſchen Papier bekleidet. Zum vorzuͤglichſten — Stadt leben, Volksklaſſen, und zwar von denen des maͤnnlichen Ge⸗ ſchlechts, weil das weibliche in dem entlegenſten Theile Schmuck gehoͤrt altes Porzellan, weil dieſes in China, wo man uͤberhaupt fuͤr das Alterthuͤmliche hohe Acht⸗ ung hat, wie bei uns der Wein, mit jedem Jahr im Preiſe ſteigt. Eine Schale, waͤre es auch nur eine Scherbe, worauf der Staͤmpel ein Alter von tauſend Jahren anzeigt, hat einen unſchaͤtzbaren Werth. Mit ſolchen Koſtbarkeiten pflegt man an feſtlichen Tagen die Tiſche zu beſetzen. Blumen und Topfgewaͤchſe fin⸗ den ſich uͤberfluͤſſig in allen Haͤuſern, da die Gaͤrtnerei das Steckenpferd der Chineſen iſt. Hierbei miſcht ſich jedoch abermals ihre Anhaͤnglichkeit an das Alter⸗ thum, ſo wie auch ihre Liebe zum Unnatuͤrlichen, in das Spiel, daher ſie haͤufeg allerlei Zwerggewaͤchſe, z. B. Tannen, ziehen und dermaßen entſtellen, daß der Stamm, obſchon nur eine Biertelelle hoch, dennoch einem be⸗ moosten hundertjaͤhrigen gleicht. Die Erde und den Topf, worin das Baͤumchen ſteht, pflegt man mit halb verwitterten Steinen zu bedecken, ſo daß ſie das An⸗ ſehen eines uralten Felſen haben. Goldfiſche in Glaͤ⸗ ſern, auf das Fenſterbret oder den Tiſch geſtellt, ſind ebenfalls eine beliebte Verzierung. Was ich hier von der haͤuslichen Einrichtung der Chineſen geſagt habe, kann jedoch nicht auf's Allge⸗ meine bezogen werden. Es gilt, da die vornehmern Einwohner in der fuͤr den Europaͤer verſchloſſenen nur von den Wohnungen der niedern des Gebaͤudes, bisweilen in einem ganz abgeſonderten lebt, wo nicht allein Fremde, ſondern ſogar die naͤch⸗ ſten Verwandten keinen Zutritt erhalten. Sehr wahr⸗ ſcheinlich iſt es, daß die hoͤhern Staͤnde in der Stadt mit mehr Geraͤthſchaften zur Bequemlichkeit, als die Leute in den Vorſtaͤdten, verſehen ſind, da zumal aus Europa bisweilen Hausrath eingefuͤhrt wird, und uͤber⸗ dem die einheimiſchen Tiſchler recht artige Schraͤnke und Kommoden, zum Theil nach europaͤiſchen Muſtern, verfertigen. Eben ſo wahrſcheinlich iſt es, daß die Weiber in China, wie anderwaͤrts, mehr als die Maͤn⸗ ner Putz und Ueberfluß lieben, daher man von den oben beſchriebenen Gemaͤchern, wo die Maͤnner nur am Tage zur Betreibung der Geſchaͤfte ſich aufhalten, eben ſo wenig auf ihre eigentlichen Wohnungen, naͤm⸗ in lich die der Familien ſchließen kann, als ein Chineſe, er der bloß die Schreibſtuben, Werkſtaͤtten und andere ne maͤnnliche Aufenthaltsoͤrter der Europaͤer kennen lernt, ne ſich einen richtigen Begriff von der haͤuslichen Ver⸗ Fl faſſung derſelben zu machen im Stande iſt. Da uͤbri we gens die ohnehin geheimnißvollen Chineſen, beſondern S in Hinſicht deſſen, was ihr Hausweſen und das ander ter Geſchlecht betrifft, ein tiefes Stillſchweigen beobachten, un ſo kann man hieruͤber nicht einmal. muͤndlich einige W Auskunft erhalten. daß Die Gehoͤfte um die Haͤuſer pflegt man, wie die un Gaſſen, mit großen Sandſteinen zu belegen. Ob ſie chi ſchon weitlaͤufig, und dem Anſcheine nach nicht auf Er Ge — = 2 2o——e en r⸗ adt die us er⸗ nke rn, die aͤn⸗ den nur ten, aͤm⸗ ꝛeeſe, dere eunt, Ver⸗ bri⸗ ders der⸗ hten, nige 127 ſparung des Raums berechnet ſind, ſo ſindet man doch jedes Plaͤtzchen zu etwas beſtimmt und, wo moglich, zur Erzeugung von Kuͤchengewaͤchſen und fruchttragen⸗ den oder ſonſt nuͤtzlichen Baͤumen benutzt. Am Ein⸗ gange pflegen, außer verdeckten Abtritten, einige große urinkuͤbel fuͤr die auf der Straße voruͤber gehenden Leute zu ſtehen. Dieß geſchieht nicht um die Gaſſen rein zu halten, ſondern weil der Hausbeſitzer, welcher den ſich haͤufenden Unrath von Zeit zu Zeit verkauft, Vortheil davon zieht, und weil uͤberhaupt auch die Chineſen es fuͤr eine Suͤnde halten, den Urin oder was ſonſt zur Duͤngung der Felder dienen kann, auf der Straße verloren gehen zu laſſen. Viele Hoͤfe ſind mit Roͤhrwaſſer verſehen, das ſich in einen ſteinernen Trog oder in ein gemauertes Becken ergießt. Hierin pflegen die Hausbeſitzer, wenn ſie kei⸗ nen Teich haben, Fiſche zu halten, welche, weil es ih⸗ nen nie an friſchem Waſſer fehlt, faſt ſo gut wie im Fluſſe gedeihen und ſich vermehren. Die Hausthiere, welche man gewoͤhnlich unterhaͤlt, haben ihre Staͤlle, Steigen und Kaͤfiche auf einem Platze beiſammen. Un⸗ ten befinden ſich die Schweine, die Kaninchen, Enten und Gaͤnſe, uͤber ihnen die Huͤhner, Faſanen, Tauben, Wachteln und andere Voͤgel. Hierbei iſt zu bemerken, daß man bisweilen die Schweine, wie bei uns die Katzen e dis und Hunde, in den Haͤuſern herumlaufen laͤßt, da die b ſie chineſiſchen, wider die ſonſtige Art und Weiſe ihres Er Geſchlechts, die Reinlichkeit lieben, was jedoch in der 128 Geſellſchaft mit europaͤiſchen, die mit weniger Sorg⸗ falt behandelt werden, ſich bald aͤndert. Dieß dient zu einem deutlichen Beweiſe, daß auch bei den Thieren 3 viele Eigenſchaften nicht angeboren, ſondern eine Folge der Gewohnheit ſind. Oft befinden ſich die Kuͤchen, welche meiſtens von Maͤnnern beſorgt werden, in einem beſondern kleinen Hauſe mitten auf dem Hofe, um Feuersgefahr zu verhuͤten. Sie ſind eben ſo wenig, als die Wohnhaͤuſer, mit Schornſteinen verſehen, weil man faſt immer Kohlen brennt. Indeſſen ſah ich eines Tages, daß die Kuͤche eines Tiſchlers, wo Holzſpaͤhne zur Feuerung angewendet wurden, nicht nur eine Eſſe, ſondern dieſe auch eine nuͤtzliche Vorrichtung hatte, das Rauchen zu verhindern. Es umſchloß naͤmlich den rund geformten Obertheil eine blecherne Kappe, welche an der einen Seite offen war⸗ Sie ruhte auf einer Spindel, und ließ ſich daher leicht herum drehen. D ſich nun eine Wetterfahne daruͤber befand, ſo brachte ſie der Wind jederzeit in eine ſolche Lage, daß ihrt Oeffnung abwaͤrts von ihm ſtand und der Rauch fre heraus ſteigen konnte. 4 129 13. Luſtgaͤrten. Pagoden. Marktplaͤtze— Aufzaͤhlung der vorzuͤglichſten Lebensmittel, die dort zu finden ſind. — Die Luſtgaͤrten, welche ſehr weitlaͤufig ſind, und es wegen ihrer Einrichtung noch mehr zu ſein ſcheinen, enthalten hauptſaͤchlich ſchmahle Gaͤnge, die an beiden (Seiten mit wild verwac,ſenen Hecken, mit Waͤnden von Bambusſtaͤben und einem buſchigen Immergruͤn, oder mit Mauern eingefaßt ſind, an welchen Weinſtoͤcke, Bohnen und andere kletternde Gewaͤchſe ſtehen, die man an quer uͤber gelegten Stangen, von der einen zu der andern Mauer zieht, ſo daß ſie ein Dach bil⸗ ihr den. Hier und da beſindet ſich eine Ruhebank in einer Wandvertiefung, die mit Blumen in Toͤpfen ausge⸗ ſchmuͤckt iſt. Ein ſolcher Gang fuͤhrt den Wanderer in verſchiedenen Richtungen herum, bis dieſer ploͤtzlich 5. B. an einen Teich mit Bruͤcken, oder an einen Thurm, eine Felſengrotte, einen waldigen Berg, oder an einen Platz kommt, den man mit bunten Steinen in Drachen⸗ oder Blumengeſtalt belegt hat. Es be⸗ ginnt dann ein neues Gewirre von Gaͤngen, die ſich wieder in ein Luſtſtuͤck endigen, das ein neues Laby⸗ V. 9 130 rinth eroͤffnet, u. ſ. f. Uebrigens verlangt der herr⸗ ſchende Geſchmack, daß die Ausſicht uͤberall beſchraͤnkt, d kein Theil regelmaͤßig abgemeſſen, oder dem andern f ähnlich ſei; daher z. B. vier Luſthaͤuſer um einen Teich n nicht etwa ein uͤbereinſtimmendes Viereck bilden, ſon⸗ b dern in ungleichen Entfernungen von einander ſtehen, n waͤhrend das eine niedrig, rund, mit Stroh gedeckt, T das andere dagegen hoch, eckig mit Ziegeln belegt, und u das dritte wieder anders geſtaltet iſt ꝛc. b- Die Pagoden oder Tempel, deren es in den Vor⸗ he⸗ ſtaͤdten von Canton eine große Anzahl gibt, ſind mit weitlaͤuſigen Vorhoͤfen verſehen, welche auch die Wohn⸗ ungen der Prieſter oder Bonzen umſchließen. Di Thore der Vorhoͤfe pflegt man roth anzuſtreichen, und mit Figuren von eingeſchlagenen gelben Zwecken z1 verzieren. An jedem derſelben ſtehen, unter kleinen Wetterdaͤchern, zwei Goͤtzenbilder von rieſenmaͤßigel ſer Groͤße, die von Holz oder von Pappe verfertiget und gr. bemalt ſind. Das Tempelgebaͤude ſelbſt hat entwed eine runde, eine vier⸗ oder ſechseckige Geſtalt, und ein bedeutende Hoͤhe, aber keinen Thurm. Das Dach, nie worauf Drachen ausgeſtreckt liegen, wird meiſtens vo Saͤulen unterſtuͤtzt, die jedoch von Holz und unfoͤrmlich Ge ſind. Selten gibt man den Pagoden Fenſter, ſonder! ro⸗ erleuchtet ſie, um die Feierlichkeit des Gottesdienſtes zei zu erhoͤhen, mit Lampen und Kerzen. Den Eingan hei bildet ein großes, eiſernes Gitterthor. Im Hinter aue rr⸗ t, ern ech on⸗ en, ckt, und vor⸗ mit hn⸗ Die und zu inen igen und eden ein ach, vol nlich der nſte⸗ gang nter⸗ 131 grunde ſteht ein Altar, worauf ſich der Abgott, welchem der Tempel geweiht iſt, gewoͤhnlich in der Geſtalt eines ſitzenden dickbaͤuchigen Rieſen befindet. An der Wand neben und uͤber ihm ſind vergoldete Zierrathen ange⸗ bracht. Der Altar iſt mit rothem Tuche bedeckt, und mit Kerzen beſetzt, waͤhrend an der Vorderſeite eine Trommel und eine Glocke ohne Kloͤppel haͤngen. Rund umher ſind Tiſche geſtellt, worauf die Opfer darge⸗ bracht werden. Von den uͤbrigen gottesdienſtlichen Ge⸗ braͤuchen, ſo wie von der Religion der Chineſen uͤber⸗ haupt, will ich weiter unten Einiges mittheilen. 8u den Merkwuͤrdigkeiten der Vorſtaͤdte von Can⸗ ton gehoͤrt noch der lange gemauerte Kanal, welcher in einem Bogen hin durch geht, und ſie ſowohl mit dem Fluſſe, als unter ſich ſelbſt in eine bequeme Verbind⸗ ung ſetzt. Waͤhrend der Nacht wird er, wie die Gaſ⸗ ſen, in gewiſſen Entfernungen geſperrt. Da die an⸗ graͤnzenden Haͤuſer dicht an ihm ſtehen, und die ſtei⸗ nernen Bruͤcken rechts und links mit Krambuden be⸗ ſetzt ſind, ſo geſchieht es oft, daß er von Fremden gar nicht bemerkt wird. Die Marktplaͤtze haben wegen ihrer winkeligen Geſtalt wenig Auszeichnendes, ſind aber fuͤr den Eu⸗ ropaͤer deßhalb merkwuͤrdig, weil er daſelbſt, wo jeder⸗ zeit ein lebhafter Verkehr herrſcht, die beßte Gelegen⸗ heit ſindet, nicht nur die Menſchen, ſondern beſonders auch die Erzeugniſſe des Landes, mit welchem letztern 9* zeln, Kraͤutern und Huͤlſenfruͤchten, gibt es auch viele, 13² er faſt gar nicht in Beruͤhrung kommt, kennen zu lernen. Da ich nur ein einziges Mal einen kleinen Ausflug außerhalb der Stadt, und dabei wenig Beob⸗ achtungen machen konnte, ſo will ich das Vorzuͤglichſte, was mir von Fruͤchten und andern Lebensmitteln zu Geſichte kam, anfuͤhren. Der Reiß, in ganzen Koͤr⸗ nern, geſchroten oder zu Mehl gemahlen, gehoͤrt zu den hauptſaͤchlichſten Gegenſtaͤnden, weil die Chineſen ihn Statt des Brodes genießen, und in großer Menge erbauen. Auch an Weizen, Gerſte und indiſchem Korn herrſcht kein Mangel, ob man ſchon erſtern nur zu Backwerk, und letztere bloß zu Futter fuͤr das Vieh benutzt. Von Erd⸗ und Baunfruͤchten, die unter den Lebensmitteln der Einwohner die naͤchſte Stelle nach dem Reiß einnehmen, findet eine große Mannichfaltig⸗ keit Statt. Außer den in Europa gewoͤhnlichen Wur⸗ dergleichen in tropiſchen Laͤndern, oder bloß in Chinal wachſen. Hierher gehoͤren die Vamwurzeln, der Ing wer, den man roh oder eingemacht ißt, ferner die jungen Sproſſen am Fuße des Bambusſtammes, welche, in Eſſig mit Salz, Lauch und Pfeffer gelegt, unten dem Namen„Achia“ oder„Achiar“ auch bei uns be⸗ kannt ſind. Guao iſt eine Gattung weißer Wurzeln, von der Dicke der Moͤhren, aber laͤnger, gegliedert viſ Bambusſtoͤcke und inwendig mit Roͤhren durchzogen, ihr Geſchmack hat fuͤr den europaͤiſchen Gaumen nicht Angenehmes. Eine andere, die man Ootao nennt — 2G 8ͤSdD— Sͤee— 133 wird von den Einwohnern geroͤſtet genoſſen, von den Europaͤern aber, wegen ihrer ungemeinen Herbe, nur zu Ragouts und Saucen gebraucht. Die chineſiſche Kartoffel iſt eine ganz beſondere Art, von laͤnglicher Form, hat aͤußerlich eine braͤunliche Farbe, und ſteht keiner andern an Wohlgeſchmack nach. Gurken und mancherlei Kuͤrbiſſe, ſuͤße und Waſſer⸗Melonen ſind ſehr gemein, ſo wie auch verſchiedene Arten Schwaͤmme. An Baunfruͤchten erzeugt die Umgegend von Canton, außer einer Menge in Europa ganz unbekannter Bee⸗ ren, hauptſaͤchlich zwei Arten vortrefflicher Apfelſinen, die eine von rothem, die andere von gelbem Fleiſche; ferner Pompelmuſen, Tomarinden, Piſangs, Mangos, Guajaven, Weintrauben, und einige Arten ſaͤuerlicher Fruͤchte, welche den Zitronen aͤhnlich, aber dennoch da⸗ von verſchieden ſind. Hierzu kommt noch Zuckerrohr, das auch wie Obſt gegeſſen wird. Aepfel, beſonders ſchoͤne Renetten, ſo wie Birnen, Pflaumen und Kir⸗ ſchen, Nuͤſſe, Mandeln und Kaſtanien wurden ebenfalls auf den Maͤrkten verkauft; man hatte ſie aber aus den noͤrdlichen Landſchaften herzu gebracht. Was die Lebensmittel aus dem Thierreiche betrifft, ſo wird man bei dem erſten Beſuche der Marktplaͤtze gewahr, daß die Chineſen das Schweinfleiſch jeder andern Gattung vorziehen. Es iſt ſehr ſchmackhaft, und die geraͤucher⸗ ten Schinken finden in dieſer Hinſicht kaum ihres Glei⸗ chen; ſie wiegen ſelten mehr als acht bis zehn Pfund. Man muß ſich indeſſen vorſehen, kein Fleiſch von ſol⸗ 134 chen Schweinen zu kaufen, die von den Strandbewoh⸗ nern mit Fiſchen gemaͤſtet werden, weil es dadurch einen ekelhaft thranigen Geſchmack bekommt, was ſich ſchon durch den Geruch verraͤth. Naͤchſtdem verkauft man Hunde, Ziegen, Schafe und Kaninchen. Rind⸗ und Buͤffelfleiſch wird nicht ſehr geſucht, daher es auch ſelten zum Vorſchein kommt. Noch eher findet dieß mit dem Fleiſche der Eſel und Pferde Statt, deſſen Gebrauch die Tataren eingefuͤhrt haben. Außer Haſen iſt mir kein Wildpret vorgekommen. Milch und Kaͤſe genießen die Einwohner von Canton nie, daher auch dieſe Nahrungmittel auf den Maͤrkten nicht angetroffen werden. Ich ſah hier zwar eine Maſſe, die dem Anſehen und der Schaͤrfe des Geſchmacks nach dem Kaͤſe gleicht; allein, ſie wird von einer Art weißer Bohnen bereitet, welche man, wie bei uns das Sauerkraut, durch Ein⸗ ſalzen in Gaͤhrung bringt, nachher zu einem Brei ſtampft, und dieſen, in große Kuchen geformt, trocknet. Eine der vorzuͤglichſten Marktwaaren ſind die Fiſche, woran man einen großen Ueberfluß hat. Sie werden theils lebendig, theils getrocknet, geräͤuchert, oder ein⸗ geſalzen, im Ganzen und in Stuͤcke geſchnitten verkauft. Eben ſo ſah ich viele Auſtern, Muſcheln, Schnecken, Krebſe und Froͤſche. Letztere gehoͤren zu den groͤßten Leckerbiſſen der Einwohner; ſie werden, zwei und zwei mit den Hinterfuͤßen an einander gebunden, lebendig in Koͤrben nach der Stadt gebracht. Federvieh iſt, naͤchſt dem Schweinefleiſch und den Fiſchen, jederzeit ft d⸗ ich eß en en ſe ich fen den bt; tet, in⸗ rei net. che, den ein⸗ ift. ken, ten wei ndig iſt, Bewandtniß hat es mit allen Erzeugniſſen, die nicht zeit 135 zu bekommen; wenigſtens fehlt es nie an Enten, Gaͤn⸗ ſen und Huͤhnern, und daher auch nicht an Eiern. Die Gaͤnſe ſind unſern wilden aͤhnlich, dagegen die wilden unſern zahmen gleichen. Von Huͤhnern gibt es man⸗ cherlei Arten. Die mit Kronen auf dem Kopfe ſind die theuerſten, weßhalb die Verkaͤufer denen von der gemei⸗ nen Art die Kopffedern zu kraͤuſeln pflegen, ein Be⸗ trug, der ſich erſt nach einigen Tagen offenbart. Die calecutiſchen hat man nicht einheimiſch gemacht, wie⸗ wohl von den indiſchen Schiffen viele eingefuͤhrt wer⸗ den. Außer den genannten rohen Eßwaaren verkauft man fuͤr die aͤrmern Volksklaſſen auch zubereitete Spei⸗ ſen, beſonders gekochten Reiß und kleine Stuͤcke gebra⸗ tenen Speck, erwaͤrmten Samſu und heißen Thee. Die Theeblaͤtter, welche entweder ganz gruͤn, oder zuberei⸗ tet, d. i. geroͤſtet und gerollt, auf den Marktplaͤtzen feil geboten werden, kommen von der Inſel Honam, die Canton gegenuͤber liegt. Dieſer Theeart bedienen ſich bloß die Einwohner, indem ſie den Europaͤern nicht behagt, ob ſchon ſie ihnen als ein Mittel zur Staͤrk⸗ ung einer ſchwachen Bruſt bekannt iſt. Die uͤbrigen ſinden ſich, als nicht in der Gegend erzeugte Gewaͤchſe, bloß in den Gewoͤlben der Kaufleute, was auch mit dem Arack, der von Goa und Batavia kommt, ſo wie mit den von Indien gelieferten Vogelneſtern und an⸗ dern chineſiſchen Leckerbiſſen der Fall iſt. Dieſelbe 136 zu den eigentlichen Lebensbeduͤrfniſſen gehoͤren, z. B. 4 mit Farbehoͤlzern, mit Kampher, Tuſche, Harz, Fir⸗ niß u. m. a. Dagegen verkauft man diejenigen, welche zwar entbehrlich, aber fuͤr den Chineſen ein Beduͤrfniß find, naͤmlich Taback und Opium zum Rauchen, Betel und Areka zum Kauen, nicht nur auf den Maͤrkten, ſondern auch an allen Gaſſenecken. Der Taback gleicht dem tuͤrkiſchen. & SSSeS S„ g0 137 8 14. Beſchreibung der Einwohner von Canton— ihre koͤrper⸗ liche Beſchaffenheit— Tracht— Sprache. Die Sprache und die Schrift der Chineſen uͤberhaupt, ihre Art zu ſchreiben und Buͤcher zu drucken, ihr Papier u. ſ. w. Jch gehe nun in meiner Beſchreibung zu den Ein⸗ wohnern uͤber. Was ihre koͤrperliche Beſchaffenheit betrifft, ſo gleichen ſie in der Geſichtsfarbe den ſuͤdlichen Europaͤern, diejenigen ausgenommen, welche taͤglich den Sonnenſtrahlen ausgeſetzt, und daher braun gefaͤrbt ſind. Ihr Geſicht iſt breit und flach, doch ſtehen die Kvnocchen uͤber dem Auge etwas hervor, ſo daß ſie mit dem Kinn ein Dreieck bilden. Sie haben eine breite, ſtumpfe Naſe, kleine Augenbraunen, große abſtehende 3 Ohren, und ſchlichte, ſchwarze Haare. Ihr Koͤrper iſt wohlgeſtaltet und von mittler Groͤße. Die Maͤnner ſcheren das Haupthaar ab„ ausge⸗ nommen das auf der Scheitel, welches, in einen Zopf geflochten, hinten herab haͤngt; dieß heißt das Peneſeh. 138 Bejahrte, und uͤberhaupt alle, die wenig Haare haben, durchflechten das Peneſeh mit Band, um es anſehn⸗ licher zu machen, und ſich von den Verbrechern zu unterſcheiden, welchen es zur Beſchimpfung abgeſchnit⸗ ten wird. Nur Hausvaͤter duͤrfen einen Schnurrbart tragen, worauf ſie einen großen Werth ſetzen. Die Naͤgel an den kleinen Fingern pflegt man lang wach⸗ ſen zu laſſen, und ſie ſehr rein und durchſichtig zu halten, auch waͤhrend der Nacht mit Kapſeln von Bambus zu verwahren; dieſen Staat koͤnnen jedoch nur ſolche Perſonen machen, die keine Handarbeit ver⸗ richten. Uebrigens gilt Beleibtheit fuͤr eine Schoͤnheit, und gibt, als Zeichen des Wohlſtandes, einen Anſpruch auf Hochachtung, ſo wie Magerkeit das Gegentheil bewirkt. Was die Kleidung der Maͤnner betrifft, ſo traͤgt man auf dem bloßen Leibe eine Aermelweſte von wei⸗ ßem Zeuge, und dergleichen weite Beinkleider, die uͤber den Huͤften und unter den Knieen zugeſchnuͤrt ſind. Ueber die Weſte werden zwei unſern Schlafroͤcken aͤhn⸗ liche Gewäͤnder angezogen, die weder Falten noch Un⸗ terfutter, Aufſchlaͤge oder Taſchen haben. Das untere ſieht weiß, das obere veilchenblau, dunkelblau oder ſchwarz aus. Erſteres iſt etwas laͤnger, als das letz⸗ tere, und geht beinahe bis auf die Fuͤße. Es hat weite Aermel, die ſich bis uͤber die Haͤnde herab ziehen laſſen. Die des andern ſind zwar auch weit, reichen 139 aber nur bis zum Handgelenk. Dieſe Roͤcke werden von kleinen vergoldeten Knoͤpfen, mittels ſchlingenweiſe feſt genaͤhter Schnuͤre, vorn zuſammen gehalten, ſo daß ſie die Bruſt doppelt bedecken. Hierzu kommt, wenn man einen Beſuch erhaͤlt oder abſtattet, noch ein dritter, der eine andere Farbe als die vorigen, aber dieſelbe Form hat. Der Hals wird bloß gelaſſen. Ob die hier genannten Kleidungſtuͤcke aus Taffet, Atlas oder baumwollenem Stoffe beſtehen, haͤngt von dem Stand und Vermoͤgen des Eigenthuͤmers ab. Die Struͤmpfe ſind jederzeit von ſtarkem buntfarbigen Atlas, wie Stiefeln gemacht, und ihre Raͤnder und Zwickel mit bunter Seite, bei den Vornehmen mit Gold und Silber geſtickt. Die Schuhe, welche biswei⸗ len mit den Struͤmpfen zuſammenhaͤngen, ſind von Schweinsleder verfertigt, und haben Sohlen von ge⸗ oͤlter dicker Pappe, ohne Abſaͤtze; das Oberleder iſt ausgenaͤht. Auf dem Kopfe traͤgt man kegelfoͤrmige, oder auch den ſo genannten Kaͤppchen aͤhnliche Muͤtzen von ſchwarzſeidenem Zeuge, mit einem Gebraͤme von gleichfarbigem Sammet; auf ihrer Spitze, d. i. da, wo die Naͤthe zuſammen laufen, befindet ſich ein Knopf, um welchen man Buͤſchel von rother ungeſponnener Seide befeſtigt, die bis an den Rand frei herab haͤn⸗ gen. Zu einem vollſtaͤndigen Anzuge gehoͤrt noch ein ſeidener Guͤrtel, ein Beutel fuͤr das Geld, ein anderer fuͤr den Taback und das uͤbrige Geraͤth zum Rauchen, was alles an Schnuͤren um den Leib befeſtigt iſt. 140 Stoͤcke ſind nicht gebraͤuchlich, deſto mehr aber Sonnen⸗ ſchirme, welche von Bambusholz und ſchwarzem Wachs⸗ papier gemacht ſind. Im Winter legen die Chineſen wohl ein Dutzend der beſchriebenen Roͤcke an, und zwar ſo, daß unten und an den Aermeln einer vor dem andern hervorragt. Viele nehmen in dieſer Jah⸗ reszeit auch einen mit Pelz gefuͤtterten, ſeidenen Man⸗ tel, oder einen von ſchwarzem Tuche um. Den Hals umwickeln ſie alsdann mit einem ſeidenen Shawl, oder einem Streifen Pelzwerk, der oft einen großen Werth hat. In Ermangelung der Handſchuhe halten ſie, um die Haͤnde zu erwaͤrmen, eine lebendige Wachtel da⸗ zwiſchen. Daß die hier beſchriebene Kleidung nur von den hoͤhern und mittlern Staͤnden getragen wird, be⸗ darf kaum einer Erwaͤhnung. Die niedern Volksklaſ⸗ ſen begnuͤgen ſich mit einem kurzen, ſchwarzfarbigen Rock, und mit weißen Schifferhoſen, beides von baum⸗ wollenem Zeuge. Sie gehen barfuß und oft ohne Kopf⸗ bedeckung. Diejenigen, welche ſich viel in der Sonne aufhalten, z. B. Landleute, oder Fiſcher, gebrauchen niedergekraͤmpte Huͤte von Bambusſtaͤben, auch von Reißſtroh. Tageloͤhner, Traͤger und Knechte— die man insgemein Kuli's nennt,— ſo wie die armen Leute auf den Schampanen, haben oft keine andere Bekleidung, als die Hoſen. Im Regenwetter tragen ſie Anzuͤge von Binſen, und ſuchen im Winter ſich vor der Kaͤlte zu ſchuͤtzen, ſo gut ſie koͤnnen. Uebrigens darf Niemand ſich uͤber ſeinen Stand kleiden, indem 141 Jedem beſondere aͤußere Kennzeichen vorgeſchrieben find. Die Mandarinen von den oberſten Klaſſen tra⸗ gen die Zeichen ihrer Wuͤrde, z. B. einen glaͤnzenden, mit Gold oder Silber geſtickten Tiger oder Phoͤnix, auf der Bruſt und dem Ruͤcken. Andere haben zwei Eichhornſchwaͤnze hinten an der Muͤtze, andere zwei Pfauenfedern. Ueberdem erkennt man die Staͤnde nicht nur an der Zahl der Perlen, und den ſonſtigen Zier⸗ rathen auf dem Guͤrtel, ſondern hauptſaͤchlich auch an dem Knopf auf der Muͤtze, indem er bald von Gold, bald von Perlen, Korallen, oder bunten Edelſteinen verfertigt iſt. Von der Kleidung der Frauen, ſo wie von allem uͤbrigen, was dieſelben betrifft, weiß ich als Augen⸗ zeuge wenig zu ſagen, weil ſie von den vornehmſten bis zu denen der Handwerker ſich nie ſehen laſſen. Ich bemerkte bloß in den Werkſtaͤtten der Schneider, daß die fuͤr die Damen beſtimmten Anzuͤge denſelben Zuſchnitt, wie die maͤnnlichen hatten. Bei den Gold⸗ ſchmieden kam mir bisweilen weiblicher Kopfputz zu Geſicht. Er beſtand meiſtens in Netzen von Silber⸗ draht, die mit mancherlei Figuren von Gold, Edel⸗ ſteinen und Perlen geſchmuͤckt, bisweilen auch mit einem Futter von rothem Sammet verſehen waren. Uebrigens iſt es bekannt, daß die Weiber ſich nur durch den Kopf⸗ putz von den Maͤnnern unterſcheiden, indem ſie das ſchoͤne lange Haar in einen zierlichen Knoten oder Kranz 142 auf dem Wirbel zuſammen winden, und gewoͤhnlich mit goldenen Nadeln, mit Federn, Bandſchleifen oder kuͤnſtlichen Blumen beſtecken, welche letztere, wie die in allen Kauflaͤden befindliche Menge derſelben zeigt, ſtarken Abgang ſinden. Da die Chineſinnen von der weißen Schminke ſtarken Gebrauch machen, ſo wird ihr Geſicht vor der Zeit mit Runzeln bedeckt. Bekannt⸗ lich haben ſie unnatuͤrlich kleine Fuͤße, und daher einen unſichern, wackelnden Gang, bisweilen nicht einmal die Fähigkeit zu gehen, weil ihre Fuͤße von Kindheit an, zu ihrer groͤßten Qual, in enge Schuhe von Eiſen oder Kupfer gepreßt werden, die man ihnen nicht eher wieder abnimmt, als bis der Koͤrper ſeinen voͤlligen Wuchs erreicht hat. Dieſe Verſtuͤmmelung der Fuͤße, die wahrſcheinlich Anfangs bloß durch die Eiferſucht der Maͤnner veranlaßt wurde, iſt der Stolz des weiblichen Geſchlechts, indem es dadurch zu erkennen gibt, daß es muͤßig und im Wohlſtande lebt, ſo wie ſie in den Augen der Maͤnner fuͤr die groͤßte Zierde gilt, ohne welche kein Weib Anſpruͤche auf Schoͤnheit und Achtung machen kann. Dieſe Verdorbenheit des Geſchmacks geht ſo weit, daß die Englaͤnderinnen, welche dann und wann mit ihren Maͤnnern nach Canton kommen, von den Einwohnern ſchon oft mit den Pfauen verglichen wor⸗ den ſind, welche zwar eine ſchoͤne Geſtalt, aber— ſchlechte Fuͤße haben. Diejenigen Maͤdchen, welchen die Armuth ihrer rer 143 Aeltern jene Verſchoͤnerung nicht geſtattet hat, bekom⸗ men nur Maͤnner aus den niedern Staͤnden; und ſolche Weiber ſind die einzigen, welche man auf den Gaſſen in Canton ſieht, obſchon auch nur ſelten, weil viele ſich ihrer großen, d. h. natuͤrlich gebauten Fuͤße ſchaͤmen. Die Weiber auf den Schampanen ſind uͤber dieſes Vorurtheil hinaus, und beinahe zu wenig be⸗ ſorgt, ihre Geſtalt zu verbergen. Oft haben ſie keine andere Bekleidung, als ein Paar zerriſſene Schiffer⸗ hoſen, wozu hoͤchſtens noch ein altes, die Bruſt be⸗ deckendes Tuch kommt. Deſſen ungeachtet unterlaſſen ſie nie, das Haar auf dem Kopfe in einen artigen Knoten zu knuͤpfen und iit ſilbernen Nadeln, mit na⸗ tuͤrlichen oder papiernen Blumen, mit Hahnfedern und andern wohlfeilen Gegenſtaͤnden dieſer Art zu ſchmuͤcken. Bisweilen tragen ſie Strohhuͤte, welche mit Blumen oder mit Band geziert ſind. Eine Frau in ſolchem Anputz, die, mit der Tabakspfeife im Munde und mit einem auf dem Ruͤcken feſtgebundenen Kinde, am Ru⸗ der ſteht, iſt keine ſeltene Erſcheinung. Da Canton der Sammelplatz von Kaufleuten aus allen Theilen des Reichs iſt, ſo wird daſelbſt das Chineſiſche in vielen Mundarten geſprochen; uͤberdem reden die dortigen Tataren, ob ſie ſchon in jeder an⸗ dern Hinſicht den urſpruͤnglichen Einwohnern gleichen, eine ganz beſondere Sprache. Ich ſchraͤnke hier meine Bemerkungen bloß auf die chineſiſche im Ganzen ein. 144 Dieſe Sprache hat mit keiner andern etwas gemein, und gehoͤrt zu den einfachſten und am wenigſten aus⸗ gebildeten. Sie beſteht bloß aus einſylbigen Woͤrtern, die einen Stimm⸗ und einen einzigen vorangeſetzten Mitlaut haben. Obſchon den Mitlauten das B, D, R, X und 3 fehlen, ſo gibt es doch andern Theils einige uns ganz fremde, deren Klang wir nur durch Zuſammenſetzung mehrer einigermaßen nachbilden koͤn⸗ nen; daher es kommt, daß in chineſiſchen Woͤrtern, mit unſern Schriftzeichen geſchrieben, oft zwei bis drei hinter einander erſcheinen. Den Chineſen ſind zwei hinter einander unausſprechbar, und wo ſie dergleichen in auslaͤndiſchen Woͤrtern ſinden, fuͤgen ſie jedem einen Stimmlaut bei. Solche einfache Wurzellaute haben ſie gegen vierhundert. Dieſe vervielfaͤltigen ſie durch eine Menge verſchiedener Betonungen, wodurch ſie ver⸗ ſchiedene Bedeutungen erhalten; daher z. B. das Wort „Tſehu“, je nachdem die Stimme erhoͤht oder vertieft, kurz abgebrochen, etwas laͤnger, oder geſangartig aus⸗ gedehnt wird, bald einen Hausvater, bald ein Schwein, eine Kuͤche, einen Pfeiler und mehr andere Dinge be⸗ deutet. Durch dieſe vielfache Betonung und durch die Aſpiration erhaͤlt die Sprache, nach der hoͤchſten Be⸗ rechnung, in Allem gegen achttauſend Woͤrter, welche, mit Huͤlfe der verſchiedenen Zuſammenſetzung und Stel⸗ ung, hinreichen muͤſſen, die ſaͤmmtlichen Begriffe von ſinnlichen und uͤberſinnlichen Gegenſtaͤnden auszudruͤcken. Da die Wurzeln einſylbig ſind, ſo gibt es keinen Un⸗ 145 terſchied der Redetheile, auch faͤllt alle eigentliche Bieg⸗ ung weg; daher der Ausdruck unbeſtimmt und dunkel iſt. Die mannichfaltigen Bedeutungen der Woͤrter und die feinen Unterſchiede in der Ausſprache aufzufaſſen, koſtet ſelbſt den Eingebornen viel Zeit und Muͤhe; die meiſten ſind kaum mit dem dritten Theile derſelben bekannt, und diejenigen, welche ſie zur Haͤlfte inne haben, machen Anſpruͤche auf Gelehrſamkeit. Die Euro⸗ paͤer koͤnnen nur durch einen vieljaͤhrigen Aufenthalt im Lande einige, wiewohl ſehr unvollkommene Kennt⸗ niß der chineſiſchen Sprache erwerben, weil viele Doͤne unerreichbar fuͤr ihr Ohr und unausſprechbar fuͤr ihre Zunge ſind. Aus dem Grunde ſehen diejenigen Ein⸗ wohner von Canton, welche mit ihnen Verkehr haben, ſich genoͤthigt, die Sprachen derſelben zu erlernen, wo⸗ bei ſie auch eine große Gelehrigkeit zeigen. Nicht nur die im Dienſte der Europaͤer ſtehenden Knechte und Arbeiter, ſondern auch Kaufleute und Handwerker ſprechen engliſch und portugieſiſch, viele auch franzoͤ⸗ ſiſch und hollaͤndiſch, und einige ſogar ſchwediſch und daͤniſch. Deſſen ungeachtet gehoͤrt einige Zeit dazu, ſie verſtehen zu lernen, weil ſie die europaͤiſchen Woͤrter mit fremdartigen Vocalen und Accenten, und eine Sprache mit der andern, beſonders der portugieſiſchen, vermiſchen; uͤberdem haben ſie das Vorurtheil, daß der Europaͤer ſeiner eigenen Mutterſprache nicht maͤch⸗ tig iſt, wenn er die von ihnen gebildete Mundart un⸗ veſiindlih findet. Indeß beſitzen ſie eine vorzuͤgliche . 10 146 Kunſt, in Faͤllen, wo ihre Rede nicht begriffen wird, ſich durch Geberden auszudruͤcken. Eben ſo viel Sonderbares, als die Sprache, hat auch die Schrift der Chineſen. Sie iſt weder eigent⸗ liche Hieroglyphen⸗, noch Sylben⸗, noch Buchſtaben⸗ ſchrift, ſondern ſtellt die Begriffe, und zwar jedes Merkmal derſelben durch ein eigenes Zeichen dar, ohne mit dem Ausdruck in der Sprache verbunden zu ſein. Man kann daher, wenn auch unbekannt mit der letz⸗ tern, dennoch ein chineſiſches Buch verſtehen, wie dieß z. B. mit den Einwohnern von Tunkin, Cochin⸗China und Japan der Fall iſt, welche, weil ſie die Schrift⸗ zeichen der Chineſen kennen, die Buͤcher derſelben leſen ungeachtet ſie nicht ihre Sprache reden. Der chine⸗ ſiſchen Schrift liegen ſechs theils gerade, theils krumm Linien zum Grunde, welche zunaͤchſt die zweihunder und vierzehn Schluͤſſel oder Uͤrzeichen bilden, womi alle uͤbrige Zeichen, deren Zahl ſich auf achtzigtauſen belaͤuft, zuſammengeſetzt find. Dieſe alle dem Gedaͤcht niß einzupraͤgen, reicht kein Menſchenleben hin; indeß ſen ſind ſchon acht bis zehntauſend hinreichend, ein ge⸗ woͤhnliches Buch zu verſtehen. Die Chineſen ſchreiben von der Rechten zur Lin ken, von oben nach unten, und fangen ihre Buͤchen da an, wo die unſrigen aufhoͤren. Ihr Papier wird von der innern Rinde des Bambusbaums und ver⸗ 147 ſchiedener anderer Baͤume, jedoch nur aus der zweiten, ſehr weichen und weißen Schale verfertigt. Es hat ein ungemein großes Format— man macht Bogen von ſechs bis zwoͤlf und mehr Fuß— und, außer der weißen Farbe, keine Aehnlichkeit mit dem europaͤiſchen. Da es ungemein duͤnn, und auf der einen Seite glatt wie ein Spiegel, auf der andern aber rauh iſt, ſo be⸗ ſchreiben ſie nur die erſtere. Hierzu bedienen ſie ſich eines Pinſels von Kaninchenhaaren und der ſchwarzen Tuſche, welche ſie mit Waſſer auf einer marmornen, glatt polirten Tafel, die einen niedrigen Rand und nicht voͤllig die Groͤße einer Theeſchale hat, anmachen. Rothe Tuſche wendet man nur zu Aufſchriften und Titeln der Buͤcher an. Es gibt in Canton aber auch ein ſtaͤrkeres Papier, das ſich zum Schreiben mit Feder und Tinte vortrefflich eignet, und daher von den Eu⸗ ropaͤern gebraucht wird; es fuͤhrt den Namen„Macao⸗ papier“. Das Druckpapier iſt ſo duͤnn, wie eine Ei⸗ haut; weil es durchſchlaͤgt, bedruckt man es nur auf einer Seite. Dieß geſchieht nicht mit beweglichen Schriftzeichen, ſondern auf die Art, wie wir den Kattun drucken, naͤmlich mit ausgeſchnitzten Holztafeln. Das Format der Buͤcher koͤmmt unſerem Regaloctav am naͤchſten. Von dem Reichthum, welchen China an Buͤchern beſtzt, ward ich in den Vorſtädten von Canton wenig gewahr; diejenigen, welche mir zu Geſicht kamen, wa⸗ 10* 148 ren in duͤnnes, weißes Papier geheftet. Deſto haͤu⸗ figer ſind Kalender; man verkauft ſie auf allen Markt⸗ plaͤtzen und Gaſſen. Auslaͤndiſche Schriften ſind nir⸗ gends anzutreffen, mit Ausnahme der engliſchen Zeit⸗ ung, zu deren Druck die dortigen Englaͤnder eine be⸗ ſondere Preſſe unterhalten. 149 15. Einiges uͤber die Staatsverfaſſung des chineſiſchen Reichs, und uͤber ihren Einfluß auf die geiſtige Ausbildung der Einwohner. Bemerkungen, die in China eingefuͤhrten Religionen und beſonders die des Fo betreffend. — Be vor ich in meiner Beſchreibung weiter gehe, ſcheint es mir noͤthig, einige Bemerkungen uͤber die Staats⸗ verfaſſung China's voraus zu ſchicken, weil ſich nur hieraus die Sonderbarkeiten und die Widerſpruͤche er⸗ klaͤren laſſen, auf welche man bei Erwaͤgung alles deſ⸗ ſen ſtoͤßt, was den Geiſt und Charakter, ſo wie die Sitten, Gebraͤuche und mechaniſchen Fertigkeiten der Einwohner betrifft. Obſchon die alte Geſchichte der Chineſen aͤußerſt fabelhaft iſt, ſo geht doch ſo viel daraus hervor, daß fie in den fruͤheſten Zeiten mehre kleine, von eigenen Koͤnigen beherrſchte Voͤlker bildeten, die eine eigenthuͤmliche Verfaſſung und einen fuͤr das ſdamalige Zeitalter hohen Grad des Kunſtfleißes beſa⸗ ben, bis ſie in den noch jetzt beſtehenden großen Staats⸗ koͤrper vereinigt wurden. Die Beherrſcher dieſes Reichs gaben zwar viel gute moraliſche Geſetze, ſuchten aber die Gewalt uͤber ihre Unterthanen auf eine Art zu be⸗ feſtigen, die alle Kunſtgriffe des Despotismus fuͤr erlaubt hielt; es wurden nicht nur den Handlungen, ſondern auch den Gedanken Feſſeln angelegt. Um die Schaͤtze des Volk an ſich zu ziehen, und es beſtaͤndig in Furcht zu erhalten, uͤberſchwemmte man das Land mit Beamten oder Mandarinen, welchen ſogar die Gewalt verliehen wurde, alle Verbrecher, wenn ſie nicht des Todes ſchuldig ſind, auf der Stelle beſtrafen zu laſſen, ohne ſie erſt in Verhaft zu nehmen. Einem vornehmen Mandarin gehen auf der Straße wohl hun⸗ dert Henker voran, welche mit Peitſchen, Bambusroͤh⸗ ren und Ketten verſehen, durch ein wildes Geſchrei die Ankunft desſelben verkuͤndigen. unterlaͤßt nun Jemand, ſich auf die Seite zu ſtellen und die groͤßte Ehrfurcht zu bezeigen, ſo ſetzt er ſich der ſchwerſten Beſtrafung aus. ungeachtet dieſer Macht befinden ſich die Staatsbeamten in keiner viel beſſern Lage, als das von ihnen geplagte Volk, weil jeder von den andern bewacht wird. Läͤßt ſich einer das geringſte Dienſtver⸗ ſehen zu Schulden kommen, ſo iſt er nicht ſicher, von dem Kaiſer ſeines Amtes entſetzt, oder mit der Todes⸗ ſtrafe belegt zu werden. Daher laſſen auch die vorz nehmſten, um ihre Unterwuͤrſigkeit an den Tag zl legen, ſtets die Werkzeuge ihrer Hinrichtung, naͤmlich Ketten und Hirſchfaͤnger, in Koffern vor ſich hertragen Mit den Ketten feſſeln ſie ſich ſelbſt, wenn der Kaiſet es beftehlt. Dieſen maͤchtigen Fuͤrſten verehrt die Na tion wie ein uͤberirdiſches Weſen. Das gemeine Vol darf ihn nicht einmal ſehen. Ueberall, wohin dh 151 kommt— wobei ihm jederzeit 2000 Henker oder Licto⸗ ren vorangehen,— muͤſſen die Leute ſich in die Haͤu⸗ ſer verſchließen, und wer ſich ungluͤcklicher Weiſe auf der Straße befindet, kann dem Verderben nur dadurch entgehen, daß er ſich mit dem Geſicht auf die Erde wirft. Aus dem Grunde hat auch kein chineſiſches Haus Fenſter an der Vorderſeite. Wenn dem Kaiſer die Hofbeamten ſich naͤhern, ſo beruͤhren ſie den Fuß⸗ boden neunmal mit dem Kopfe, und erwarten ſeine Befehle auf den Knieen. Selbſt diejenigen, welche ihn taͤglich umgeben, ſind nicht frei von dieſer Be⸗ zeigung uͤbertriebener Ehrfurcht. Die Miniſter duͤrfen ihm nur dann Rath ertheilen, wenn er ihn verlangt, nie aber, bei Verluſt des Lebens, Vorſtellungen gegen ſeine Befehle machen. Auf dieſe Weiſe erſtreckt ſich die Sklaverei von dem niedrigſten Unterthan bis auf die Prinzen. Neben dieſem groben Despotismus wen⸗ deten China's Beherrſcher auch feine Kunſtgriffe an, ihre Macht zu ſichern. Sie ertheilten jedem Haus⸗ vater eine unumſchraͤnkte Gewalt uͤber ſeine Kinder, und ſelbſt uͤber diejenigen Soͤhne, welche zu einem hoͤhern Stande, als er ſelbſt einnimmt, gelangt find, ſo daß ſie das Leben verlieren, wenn jener ſie verklagt und bei der Anklage beharrt. Daher praͤgt man auch den Kindern von Jugend auf den Grundſatz ein, nie weiſer, als der Vater iſt, werden zu wollen. Durch dieſe und andere Mittel wurde der Zweck, die Menſchen an ſklaviſchen Gehorſam zu gewoͤhnen, jede Einricht⸗ 15²2 ung bei der beſtehenden Form zu erhalten, und dem Geiſte der Neuerung zu ſteuern, welcher uͤberhaupt dem Aſiaten nicht eigen iſt, vollkommen erreicht. Aus demſelben Grunde erließ man, außer den eigentlichen Geſetzen, auch eine Menge Verordnungen, welche die Ceremonieen bei jeder Handlung im buͤrgerlichen und haͤuslichen Leben, z. B. bei Beſuchen, Heirathen, Be⸗ graͤbniſſen u. ſ. w. ausfuͤhrlich beſtimmen. Sie er⸗ hielten in der Folge geſetzliche Kraft; und es wurde ein beſonderes Tribunal niedergeſetzt, um uͤber deren Befolgung zu wachen. Die Regenten ließen es jedoch bei dieſen Beſchraͤnkungen des freien Willens nicht bewenden. Sie fuͤhrten die Religion des Fo aus Indien ein, weil ſie geſchickter, als die des Confucius iſt, die Sinne des Menſchen zu beſchaͤftigen, und ihn vom Nachdenken uͤber das Ueberſinnliche abzuhalten. Ferner verboten ſie alle Reiſen außerhalb des Landes, und erklaͤrten diejenigen fuͤr unehrlich, welche der⸗ gleichen unternehmen, ſo wie ſie auch Schriften ver⸗ breiteten, worin China als das vollkommenſte und gluͤcklichſte aller Laͤnder, die uͤbrigen aber als ungluͤck⸗ lich und verachtenswerth geſchildert werden. Kurz, ſit ſetzten ihre Unterthanen außer aller Verbindung und Bekanntſchaft mit der uͤbrigen Welt, wodurch dem Einfluß fremder Nationen, ſo wie auch dem Auswan⸗ dern vorgebeugt wurde. Die Schifffahrt nach gewiſſen nahe gelegenen Laͤndern und die Handelsverbindung da⸗ mit geſtattete man erſt in ſpaͤtern Zeiten⸗ Die Chine⸗ 153 ſen auf Java und in andern Gegenden Indiens, ſind zur Zeit der Unruhen, waͤhrend welcher die Tataren ſich des Reichs bemaͤchtigten, ausgewandert. Der vor⸗ zuͤglichſte Kunſtgriff, welchen die chineſiſche Regierung zur Erhaltung der eingefuͤhrten Verfaſſung und Ge⸗ braͤuche anwendete, war, daß ſie die Sprache und die Schrift unabaͤnderlich feſtſetzte. Haͤtte man der Aus⸗ bildung derſelben freien Lauf gelaſſen, ſo wuͤrden die Wiſſenſchaften nicht auf der niedrigen Stufe der Ent⸗ wickelung ſtehen geblieben, ſondern von den Gelehrten, trotz aller Bedruͤckungen, erweitert worden ſein, Statt daß ſich dieſe jetzt bis in ihr vierzigſtes oder funfzigſtes Jahr mit der Erlernung der ſo ſchwierigen Schrift und Sprache beſchaͤftigen muͤſſen, um gegen das Ende ihres Lebens die uralten Klaſſiker entziffern zu koͤnnen, die außer der Reichsgeſchichte, den Geſetz⸗ und Cere⸗ monieen⸗Buͤchern, einigen moraliſch⸗religioͤſen, poeti⸗ ſchen, und mehren guten, den Ackerbau und die Kraͤu⸗ terkunde betreffenden Schriften, laͤcherliche Fabeln von fremden Laͤndern und abgeſchmackte Begriffe von den Erſcheinungen in der Natur enthalten. Die Regierung wollte nie Erweiterung der Wiſſenſchaften, da die Staatsverfaſſung mit der Aufklaͤrung des Volks nicht beſtehen kann. Deſto mehr nahm ſie den Ackerbau, die Verfertigung des Porzellans, der Seidenwaaren, und uͤberhaupt mechaniſche Fertigkeiten, die den Reich⸗ thum des Landes und die Staatseinkuͤnfte unmittelbar vermehren, in ihren Schutz. So geſchah es denn, daß, 154 obſchon der Thron des chineſiſchen Reiches mehrmal, beſonders in neuern Zeiten, erſchuͤttert wurde, dennoch die Verfaſſung desſelben ſeit Jahrtauſenden ſich unver⸗ aͤndert erhielt, weil die Herrſcher nie urſache hatten, damit unzufrieden zu ſein. Eben ſo geſchah es, daß die Sitten und Gebraͤuche, wie die Wiſſenſchaften und Kuͤnſte, auf derſelben Stufe ſtehen blieben, waͤhrend das mechaniſche Talent allein ausgebildet wurde. Man ſieht hieraus, daß es nicht, wie einige Schriftſteller behaupten, die natuͤrliche Beſchaffenheit des Chineſen iſt, welche ihn zu geiſtiger Bildung un⸗ faͤhig macht. Nur zu oft beweiſ't er im Handel, daß er uns an Scharfſinn uͤbertrifft, und dieſen auch in andern Faͤllen anwenden wuͤrde, wenn nicht die Ge⸗ ſetze und uralten Gewohnheiten ſeiner Selbſtthaͤtigkeit Feſſeln anlegten. Ueberdem zeigt ſchon ſeine Geſichts⸗ bildung, daß er mit guten Verſtandeskraͤften begabt iſt; wenigſtens verrathen nur wenige, ſelbſt aus den geringern Volksklaſſen, jene Rohheit und Geiſtesar⸗ muth, die man bei andern Nationen ſo haͤufig findet. Bekanntlich gibt es in China drei Hauptreligionen, naͤmlich die des Kong⸗fu⸗tſe(Confucius), zu welcher der edlere Theil der Nation ſich bekennt, ferner die des Lao⸗kiun, und die des Fo, welche die meiſten Bekenner zaͤhlt. Die Hofreligion beſteht ſeit 1644 in der lamaiſchen. Außerdem finden ſich mancherlei heid⸗ niſche Sekten, ſo wie Juden, Mahomedaner und auch Chriſten im Lande. Ich theile hier nur einige Be⸗ 155 merkungen uͤber die Religion des Fo mit, weil ſie in Canton die herrſchende iſt. Sie wurde vom Kaiſer Ming XV. auf Veranlaſſung eines vorgeblichen Traums, daß der wahre Heilige in den weſtlichen Laͤndern zu ſuchen ſei, 65 Jahre vor Chriſti Geburt aus Indien eingefuͤhrt und entſtand aus der bramaniſchen, oder, was wahrſcheinlicher iſt, aus der Lehre des Buddha; denn nach Morriſon haben die Chineſen den Buddha der Indier, weil ſie das B nicht ausſprechen koͤnnen, in Fuhdha oder Fohdha verwandelt, woraus man in der Folge Fo machte. Allein, nach der Behauptung ſeiner chineſiſchen Anhaͤnger war er der Sohn eines Koͤnigs von Kaſchmir, Jafang⸗wang genannt; er ſelbſt hieß Sche⸗kia oder Scha⸗ka, und lebte ungefaͤhr 1000 Jahre vor unſerer Zeitrechnung. Um ſeinen goͤttlichen Urſprung und ſeine Beſtimmung als Erloͤſer des Men⸗ ſchengeſchlechts darzuthun, gibt man in Hinſicht ſeiner Geburt, ſeines Lebens und Todes die wundervollſten Umſtaͤnde an. Unter andern wird behauptet, daß er in dem Augenblick, als er auf die Welt kam, aufrecht auf den Fuͤßen ſtand, dann ſieben Schritte vorwaͤrts that, und, die eine Hand gen Himmel, die andere auf die Erde gerichtet, deutlich ausrief:„Außer mir iſt Niemand, weder im Himmel noch auf Erden, der An⸗ betung wuͤrdig.“ Nach ſeinem Tode erwies man ihm, unter dem Namen Fo, goͤttliche Ehre. Die von ihm verbreitete Lehre zerfaͤllt in die oͤffentliche und die ge⸗ heime. In letztere, welche eine Art Atheismus iſt, 156 ſind nur die Oberhaͤupter der Religion eingeweiht. Die oͤffentliche enthaͤlt die moraliſchen, dem Chriſten⸗ thum ſich naͤhernden Grundſaͤtze. Sie unterſcheidet das Gute von dem Boͤſen; wer Gutes im Leben ge⸗ than hat, wird nach dem Tode belohnt, im Gegentheile beſtraft. Fuͤr die guten und boͤſen Seelen, ſagt ſie, ſeien gewiſſe Plaͤtze nach ihren Verdienſten beſtimmt. Der Gott Fo ſei geboren die Menſchen zu erretten, und die Irrenden auf den Weg zur Seligkeit zu fuͤh⸗ ren; er habe ihre Suͤnden abgebuͤßt, und ihnen eine ſelige Wiedergeburt in der andern Welt erworben. Die vorzuͤglichſten Gebote ſind: kein lebendes Geſchoͤpf zu toͤdten, kein fremdes Gut an ſich zu bringen, Stolz, unreinlichkeit und Unkeuſchheit zu meiden, ſo wie nicht zu luͤgen und keinen Wein zu trinken. Uebrigens em⸗ pfiehlt dieſe Religion, Werke der Barmherzigkeit aus⸗ zuuͤben, Tempel zu bauen, und freigebig gegen die Prieſter zu ſein. Sie lehrt eine Seelenwanderung, und daß boͤſe Menſchen nach ihrem Tode in die un⸗ reinſten und ſchlechteſten Thiere fahren werden. Auch der Glaube an eine Vorherbeſtimmung ſteht mit ihr in Verbindung, daher z. B. beim Ausbruch einer Feu⸗ ersbrunſt keine Anſtalten zum Loͤſchen getroffen wer⸗ den, ſo daß die Vorſtaͤtte von Canton ſchon mehrmals wuͤrden ganz abgebrannt ſein, wenn nicht die Euro⸗ paͤer das Ungluͤck verhuͤtet haͤtten. Ueber die Gottheit nachzudenken iſt nicht erlaubt, weßhalb die Begriffe davon ſehr ſonderbar ſind. Man verehrt ſie unter dem ———* 8& 8¼— 157 Bilde des Fo, und ſchafft ſich auch Untergoͤtter aus den verſtorbenen frommen Kaiſern, aus Naͤnnern, die ſich um das Reich, oder bloß um einige Familien ver⸗ dient gemacht haben. Eben ſo werden die Sonne, der Mond und die uͤbrigen Himmelskoͤrper zu den goͤttlichen Weſen gezaͤhlt. Auch glauben die Chineſen, daß es gute Geiſter, ſo wie Geſpenſter und einen Teu⸗ fel gebe, daher das geringſte Geraͤuſch in ihren Haͤu⸗ ſern ſie in Schrecken ſetzt. An den Teufel richten ſie oft fromme Gebete, damit er ihnen kein Uebel zufuͤge. Der Gottesdienſt beſteht hauptſaͤchlich darin, daß Jeder mehrmal des Tages vor ſeinem Hausgoͤtzen betet, mit Sandelholz raͤuchert, Goldhapier verbrennt„ und Spei⸗ ſen und Getraͤnke niederſetzt. Dieſe religioͤſen Ge⸗ braͤuche verrichten die Leute beſonders auch dann, wenn ſie irgend etwas von einiger Wichtigkeit unternehmen, damit die Gottheit ihnen beiſtehen moͤge. Nur an ge⸗ wiſſen Feſttagen gehen ſie in die Pagoden, um ihre Opfer darzubringen; dem taͤglichen Gottesdienſte der Prieſter wohnen ſie bloß als Zuſchauer bei, indem ſie außen vor dem Gitterthor der Pagode niederknieen. Die zahlreichen Prieſter oder Bonzen fuͤhren ein kloͤ⸗ ſterliches Leben; ſie entſagen der Ehe, und eſſen weder Fleiſch noch Eier. Sie kleiden ſich in graue, bis auf die Fuͤße reichende, mit ſehr weiten Aermeln verſehene Roͤcke. Um den Hals tragen ſie eine große Perlen⸗ ſchnur. Der Kopf iſt ganz geſchoren. Ihre gottes⸗ dienſtlichen Handlungen beſtehen hauptſaͤchlich darin, 158 daß ſie, paarweiſe hinter einander, um den Altar zie⸗ hen, wobei ſie bisweilen ſtille ſtehen, und, die Haͤnde zuſammen gefaltet oder gen Himmel gehoben, ihre Ge⸗ bete herſagen, bisweilen auf das Geſicht niederfallen, und zwar jederzeit dreimal hinter einander. Nachher raͤuchern ſie mit Sandelholz, und bringen ihre Opfer dar. Zu gleicher Zeit wird getrommelt, an Glocken und an ein Gungung geſchlagen, auch werden andere chineſiſche Inſtrumente geſpielt. Dieſe Art Meſſe dau⸗ ert gegen zwei Stunden, und waͤhrend derſelben bewei⸗ ſen die Bonzen eine ſo tiefe Andacht, daß ſie nie ein Auge auf irgend einen Menſchen richten. Bisweilen gehen ſie auch in der Stadt herum und opfern in den Haͤuſern. Außerdem beſchaͤftigen ſie ſich mit Wahr⸗ ſagen und dem Heilen der Kranken. Ihr Einkommen beruht auf den milden Gaben der Gemeine, welche ſie von Zeit zu Zeit einſammeln. Hierbei iſt von ihren Obern die Einrichtung getroffen worden, daß die Sam⸗ melnden ein Regiſter bei ſich fuͤhren, worein ein jeder Geber dasjenige, was er dem Kloſter ſchenkt, aufzeich⸗ net und unterſchreibt, ein Kunſtgriff, welcher nicht nur die Ehrlichkeit des Sammlers verbuͤrgt, ſondern auch die Eigenliebe des Gebers zur Freigebigkeit noͤthigt. Von den Speiſen und Getraͤnken, welche das Volk in den Pagoden opfert, wird ihnen nichts zu Theil, weil es dieſelben nach beendigtem Gottesdienſt wieder nach Hauſe traͤgt. Uebrigens beſchuldigt man die Bonzen, daß ſie unter dem Schein der Selbſtverlaͤugnung und in das andere gehen, um zu opfern. 159 Beſcheidenheit, Stolz und Habſucht verbergen. Die in China gebraͤuchlichen Feſte uͤbergehe ich, da ich bloß dem bekannten Laternenfeſt beiwohnte, welches jaͤhrlich, zur Abwendung der Feuersbruͤnſte, drei Abende hinter einander dergeſtalt gefeiert wird, daß man die Haͤuſer innerlich und aͤußerlich mit unzaͤhligen bunten Laternen und erleuchteten Figuren behaͤngt, waͤhrend aus denſel⸗ ben die Toͤne muſikaliſcher Inſtrumente erſchallen, und die Prieſter, in rothe Roͤcke gekleidet, aus dem einen 160 16. Die Fortſchritte der Chineſen in den Wiſſenſchaften und Kuͤnſten. Ihre Kenntniß von der Geographie und Aſtro⸗ nomie. Beſchreibung ihrer Art zu rechnen, nebſt Angabe des Maßes, Gewichts und Geldes. Geometrie. Bau⸗ kunſt. Kriegskunſt. Heilkunde. Apothekerkunſt. Schiff⸗ kunſt. Bildhauerkunſt. Malerei. Muſik. Die Leiſtungen der Uhrmacher, Goldſchmiede, Arbeiter in Elfenbein, Kno⸗ chen, Horn, Perlmutter u. ſ. w., der Tiſchler, Lackirer, Steinhauer, Muͤller, Branntweinbrenner, Eiſenſchmiede und Metallarbeiter, der Seiden⸗ und Baumwollenwebe⸗ reien, der Faͤrber, der Hutmacher, der Cantoner Glas⸗ fabrik, der Barbiere u. a. Erwaͤhnung einiger vorzuͤglich wichtigen Gewerbzweige, und Bemerkungen uͤber den Ackerbau— ſorgfaͤltige Bereitung des Duͤngers. In Hinſicht der geiſtigen Bildung ſtehen die Einwoh⸗ ner von Canton unter allen ihren Landsleuten auf der hoͤchſten Stufe, indem die Europaͤer ſchon manches Licht uͤber die falſchen Meinungen derjenigen verbreitet ha⸗ ben, mit welchen ſie in Beruͤhrung kommen. Dieſe Aufklaͤrung kann jedoch, weil man ſie vor der Regier⸗ ung geheim halten muß, auf die Wiſſenſchaften und Kuͤnſte im Allgemeinen wenig oder gar nicht einwir⸗ ken. Denn der große Haufe glaubt noch immer, daß die Erde eine viereckige Flaͤche, und China in der Mitteſ 161 gelegen, und mit Laͤndern umgeben ſei, welche von den ſonderbarſten Geſchoͤpfen bewohnt werden; daß auf dem Boden des Oceans ein Ungeheuer ſich befinde, welches durch ſein ſechsſtuͤndiges Ein⸗ und Ausathmen die Ebbe und Fluth bewirke u. ſ. w. So abgeſchmackt, wie die geographiſchen Begriffe, ſind auch die von den Himmelskoͤrpern. Schon drei Tage vor dem Eintritt einer Sonnenſinſterniß werden die Einwohner durch oͤffentliche Bekanntmachungen ermahnt, ihre Goͤtzen an⸗ zurufen und ihnen Opfer darzubringen, damit die Sonne von dem ſie bekaͤmpfenden Ungeheuer nicht ver⸗ ſchlungen werde. Es iſt wahrſcheinlich, daß dieß alles bloß geſchieht, um das geneine Volk in ſeiner Unwiſ⸗ ſenheit zu erhalten, und daß die Gelehrten beſſer un⸗ terrichtet ſind; deſſen ungeachtet hat noch kein chine⸗ ſiſcher Sternkundige die Faͤhigkeit bewieſen, eine Son⸗ nen⸗ oder Mondfinſterniß gehoͤrig zu berechnen. Dieß iſt auch der Umſtand, welcher den chriſtlichen Miſſio⸗ narien den Aufenthalt in Peking ſichert; denn man kann ſie zur Verfertigung eines richtigen Kalenders nicht entbehren. Ihnen liegt das Geſchaͤft ob, den aſtronomiſchen Theil desſelben auszuarbeiten. Die ein⸗ heimiſchen Gelehrten liefern bloß die aſtrologiſchen Zu⸗ ſätze. Von ſolchen Sterndeutungen wimmeln die Ka⸗ lender; bei jedem Tage ſind die Handlungen bemerkt, welche ſich an demſelben gluͤcklich unternehmen laſſen, §. B. das Bauen, das Heirathen, die Heilung verſchie⸗ dener Krankheiten u. ſ. w. Die Jahre zuͤhlt man in V. 11 162 China nach der Regierung des Kaiſers, daher mit je⸗ dem eine neue Zeitrechnung beginnt. Das Jahr ent⸗ haͤlt zwoͤlf Monate. Dieſe beſtehen theils aus dreißig, theils aus neun und zwanzig Tagen; die fehlenden eilf werden allemal im dritten Jahre eingeſchaltet, ſo daß dieſes dreizehn Monate hat. Im Rechnen bedienen ſich die Chineſen, Statt der Zahlen, eines mechaniſchen Werkzeuges, das bei ihnen„Sjaͤn⸗phun“ heißt. Es beſteht in einer hoͤlzer⸗ nen Tafel, welche, der Laͤnge nach, in zwei Haͤlften durch eine Leiſte getheilt iſt, die man mit mehr odet weniger, bisweilen 25 Querſtiften beſteckt, woran Rollen laufen. Letztere bedeuten auf der einen Seite 1, 10, 100 u. ſ. w., auf der andern fuͤnfmal ſo vieh als die gegenuͤber befindlichen. Beim Rechnen wer⸗ den die Rollen hin und her geſchoben. Dieſes Ver⸗ fahren iſt beim Zuſammenzaͤhlen und Abziehen vortheil haft, erſchwert aber jede andere Art zu rechnen. 34 Bruchrechnungen iſt es durchaus nicht geſchickt, dahen auch die Chineſen ſich nie damit befaſſen. Verſtaͤnde ſie mit Zahlen zu rechnen, ſo wuͤrden ſie das Geſchaͤ mit großer Leichtigkeit verrichten, weil ihr Maß, Ge wicht und Geld nach Zehnteln abgetheilt ſind. Dal Ellenmaß(Kubi) iſt ungefaͤhr 15 Zoll lang, und ent haͤlt 10 Pann, ſo wie das Pann eine gleiche Anzah Kandarin. Die Elle wird im Handel bloß zu Ho und gewebten Zeugen angewandt; bei allen uͤbrigeſ Gegenſtaͤnden geht es nach dem Gewicht, daher ma eib de af ent ah 163 auch kein Gefaͤßmaß gebraucht. Ein Pekul betraͤgt un⸗ gefaͤhr 150 Pfund, und ein Katti den hundertſten Theil davon. Dieß macht das ſchwere Gewicht aus. Das leichtere beſteht in dem Tel, welches der ſechzehnte Theil eines Katti iſt; es haͤlt 10 Mes, ein Mes 10 Kandarin, und ein Kandarin eben ſo viel Kas. Mit dieſen Gewichten wird alles Gold und Silber gewogen, und es dient zugleich zu Rechnungmuͤnzen, weil in China, wie ſchon oben erwaͤhnt wurde, nur Ein Kas ſchwere, gleichnamige Kupfermuͤnzen gepraͤgt werden. unter den auslaͤndiſchen Geldarten haben nur die Pia⸗ ſter einen beſtimmten Werth, welcher 7 Mes und 4 Kandarin betraͤgt. Wan ſchlaͤgt den chineſiſchen Staͤmpel darauf, um ſie von den falſchen zu unter⸗ ſcheiden, die bisweilen in Umlauf kommen. In Er⸗ mangelung der Scheidemuͤnze wird das Silber in Stuͤcke geſchnitten, daher die Kaͤufer und Verkaͤufer, nebſt der Wage, auch eine ſtarke Schere bei ſich fuͤhren. In der Geometrie ſind die Chineſen, wie in allen damit verwandten Wiſſenſchaften, ſchlecht bewandert. Ihre Baukunſt hat wenig mit geometriſchen Verhaͤlt⸗ niſſen zu thun. Die Thuͤren der Gebaͤude z. B. ſind fuͤr das Ganze viel zu groß, die Fenſter zu ſchmahl und zu lang. Die Saͤulen haben oben dieſelbe Dicke wie unten, und uͤberhaupt eine zu große Staͤrke; auch ſtehen ſie zu dicht neben einander, ſo daß oft eine, die man mit vielen Centnern belaſten koͤnnte, kaum funfzig Pfund zu tragen hat. Die Feſtungen werden ganz . 1 1 N 164 zweckwidrig angelegt, indem ſie meiſtens einen Kreis bilden. Deſſen ungeachtet kann ich den chineſiſchen Wohnhaͤuſern Bequemlichkeit, und die Eigenſchaft nicht abſprechen, daß ihre Zierrathen, z. B. die großen In⸗ ſchriften und Malereien an dem Mauerwerk, die Dra⸗ chengeſtalten auf den Daͤchern, oder die blaue Glaſur der Dachziegel, einen angenehmen Eindruck auf das Auge machen. Uebrigens weiß man die Steine ſehr dauerhaft mit einander zu verbinden, daher viele der im Lande befindlichen Bruͤcken und Thuͤrme faſt ein gleiches Alter mit den aͤgyptiſchen Pyramiden haben. In der Kriegskunſt ſind die Chineſen ſehr weit zuruͤck. Die Kanonen ihrer Feſtungen haben keine Laf⸗ fetten, ſondern liegen auf der Erde, und ihren Flinten fehlt das Schloß, daher ſie mit der Lunte abgebrannt werden. Die Geſchicklichkeit der Offiziere beſchraͤnkt ſich bloß auf gewiſſe koͤrperliche Fertigkeiten; zu den Aufgaben bei ihrer Pruͤfung gehoͤrt unter andern, daß ſie mit eiſernen, 20— 30 Pfund ſchweren Schuhen durch den Koth laufen koͤnnen. Die Heilkunſt, welche bei allen gebildeten Voͤlkern ein vorzuͤglicher Gegenſtand des Forſchens iſt, wird in China bloß als Nebengeſchaͤft, meiſtens von den Prie⸗ ſtern, nach einem mechaniſchen Herkommen ausgeuͤbt. Um eine gruͤndliche Kenntniß des innern Koͤrperbaues bekuͤmmern ſich die Aerzte eben ſo wenig, als um die tiefer liegenden Urſachen der Krankheiten. Ihrer Kunſt genuͤgt es, an dem Schlagen der Pulsadern, das ſie ——-——— a2— 2 X 165 oft ſtundenlang unterſuchen, zu erkennen, ob das Uebel in dem Magen, in der Lunge, oder den Gedaͤrmen u. ſ. w. ſeinen Sitz hat. Leicht erkennbare Krankhei⸗ ten heilen ſie oft ſehr gluͤcklich, weil die Nation durch ihre Liebe zur Gaͤrtnerei eine ziemliche Kenntniß von den Gewaͤchſen, und von den Wirkungen, welche ſie auf den menſchlichen Koͤrper aͤußern, erworben hat. Noch mehr Nutzen wuͤrde aus dieſen Erfahrungen her⸗ vorgehen, wenn man ihnen allein folgte. Aber nur zu oft miſcht ſich der Aberglaube und die Habſucht der Regierung ein, welche letztere z. B. den Ginſeng— wovon ich im II. Baͤndchen meiner Reiſen ausfuͤhrlich geſprochen habe,— noch immer als ein allgemeines Heilmittel empfiehlt, weil ſie durch den Verkauf des⸗ ſelben, wozu nur ſie berechtigt iſt, anſehnliche Sum⸗ men gewinnt. Das gemeine Volk macht faſt in allen Krankheiten von dieſem Mittel Gebrauch, daher man auch ſelten in eine Apotheke kommt, ohne es verkaufen zu ſehen. Da die Aerzte immer nur einfache Arzneien verordnen, ſo ſind den Apothekern ehemiſche Miſchungen unbekannt. Sie verfertigen nicht einmal Pulver, Pillen, Aufguͤſſe und dergleichen. Ihr ganzes Geſchaͤft beſteht darin, daß ſie die geſammelten Kraͤuter und Wurzeln gehoͤrig trocknen, reinigen, zerſchneiden und in Gefaͤßen von Porzellan aufbewahren. Die Apotheken, deren es in Canton eine große Anzahl gibt, erkennt man an den Hirſchgeweihen, die vor ihren Thuͤren und inner⸗ halb derſelben aufgehaͤngt ſind. 166 Die Schifffahrt der Chineſen iſt bereits oben be⸗ ſchrieben worden; hier fuͤge ich nur noch hinzu, daß ſie nach dem, was ich von den geographiſchen, aſtro⸗ nomiſchen und mathematiſchen Kenntniſſen der Nation geſagt habe, ſich auf keiner hohen Stufe beſinden kann. Was die eigentliche Bildhauerkunſt betrifft, ſo iſt ſie in China kaum dem Namen nach bekannt. Die Abbildungen der Goͤtzen beſtehen, wie ſchon im Vor⸗ hergehenden geſagt wurde, aus Holz, oder aus Pappe⸗ Ueberdem verfaͤhrt man bei der Verfertigung derſelben auf die ſonderbarſte Weiſe. Denn der Kopf, der Leib, die Beine u. ſ. w. werden alle einzeln und von ver⸗ ſchiedenen Arbeitern gemacht, und durch Pfaͤhle, die man durch den Leib ſteckt, mit einander verbunden; das Ganze bekommt dann einen Anſtrich mit Farben und Firniß. Bei einer ſolchen Zuſammenſetzung kann es nicht fehlen, daß die laͤcherlichſten Mißgeſtalten zum Vorſchein kommen, weil die einzelnen Theile ſelten mit einander uͤbereinſtimmen. Eine groͤßere Geſchicklichkeit beſitzen die Gypsbildner, beſonders in Darſtellung der Menſchen und Thiere im Kleinen. Es laſſen ſich da⸗ her viele Europaͤer, die nach Canton kommen, von ihnen abbilden; und ich habe mehre dergleichen Figu⸗ ren geſehen, welche in Hinſicht der Geſichtszuͤge, ſo wie der ganzen Geſtalt und Bekleidung des Koͤrpers eine ſprechende Aehnlichkeit mit den Urbildern hatten. In der Malerei legen die Chineſen den groͤßten Werth auf lebhafte, in die Augen fallende Farben, ᷣ&⏑— u—————— „ V 167 welche ſie auftragen, ohne auf Licht und Schatten, und auf die Hervorhebung des Vordergrundes Ruͤckſicht zu nehmen. Dabei bezeichnen ſie die Umriſſe eines jeden Gegenſtandes durch ſtarke Striche, was vielleicht daher kommt, weil ſie allen Dingen beſtimmte Graͤn⸗ zen geben. Zur richtigen Darſtellung einer Landſchaft find ſie ganz unfaͤhig, da ſie keinen Begriff von der Perſpective haben; entfernte Gegenſtaͤnde werden in die Hoͤhe der Wolken geſtellt. Die Potraitmaler gehen aͤußerſt mechaniſch zu Werke. Meiſtens entwerfen ſie umriſſe zu Bruſtbildern in Vorrath, welche dann, wenn ſich Jemand malen laͤßt, bloß ausgefuͤllt werden; bis⸗ weilen ſind auch zwei oder drei mit Einem Bilde be⸗ ſchaͤftigt, weil derjenige, welcher den Kopf fertigt, ſich mit der Kleidung oder dem Grunde nicht befaßt. Deſſen ungeachtet gelingt es ihnen oft, ziemlich treue Dar⸗ ſtellungen von ihren Landsleuten zu machen, weil dieſe in Hinſicht der Geſichtsbildung faſt durchgaͤngig denſel⸗ ben Zuſchnitt haben. Wenn aber das Geſicht von den nationellen Zuͤgen, womit ſie vertraut ſind, abweicht, ſo laͤßt ſie ihre Kunſt im Stiche; wenigſtens haben ſie noch nie einen Europaͤer ganz getroffen. Die beßten chineſiſchen Gemaͤlde beſtehen in Abbildungen von Haͤu⸗ ſern, Blumen, Schmetterlingen und andern Gegenſtaͤn⸗ den, die keiner vorzuͤglichen Schattirung beduͤrfen. Uebrigens malt man auf Papier, auf Holz, Glas, Porzellan, Horn und Elfenbein. Die Muſik und der Geſang der Chineſen ſind wild 168 und eintoͤnig. Zu den beliebteſten Inſtrumenten gehoͤ⸗ ren das Gungung, das Tambourin, die Trommeln und Pauken, die Querpfeifen, metallene Schalmeien und Trompeten, ſo wie die Zitter, das Brummeiſen, der Triangel und ein Inſtrument, das, gleich dem des Hirtengottes Pan, aus mehren kleinen Pfeifen beſteht. An der europaͤiſchen Tonkunſt ſinden ſie keinen Ge⸗ ſchmack; unſern Geſang, beſonders den der Portugie⸗ ſen, pflegen ſie mit dem Heulen des Hundes, und unſer Violinenſpiel mit dem Geſchrei der Katzen zu vergleichen. Es war eine lange Zeit erfoderlich, ehe die chine⸗ ſiſchen Mechaniker das Getriebe einer Uhr begreifen lernten. Jetzt gibt es in Canton, ſo wie in andern großen Staͤdten des Reichs, ziemlich geſchickte Uhrma⸗ cher. Gleichwohl werden auf den Thuͤrmen der Staͤdte die Stunden noch immer, der alten Sitte gemaͤß, durch Sand⸗ oder Waſſeruhren angezeigt.— Die Gold⸗ ſchmiede ſind als gute Arbeiter bekannt, aber auch als Leute, die mit ihrer Geſchicklichkeit jede Art des Be⸗ trugs verbinden. Ihre Pruͤfſteine haben eine eifoͤrmige Geſtalt.— In Perlmutter und andern Muſchelſcha⸗ len, in Elfenbein, Knochen und Horn arbeiten die Chi⸗ neſen ſo vortrefflich, daß ihnen der Europaͤer nichts von der Art an die Seite ſtellen kann. Die erhabenen Figuren auf den perlmutternen Doſen ſind aͤußerſt fein; man ſollte glauben, ſie waͤren mit Huͤlfe des Vergroͤ⸗ ßerungglaſes verfertigt, was jedoch nicht der Fall iſt. Das Horn weiß man durch aufloͤſende Daͤmpfe derge⸗ —— A — & ᷣ 8△ K 41 8— — * 169 ſtalt zu erweichen, daß es wie Wachs ſich trennen und zuſammenfuͤgen, und mithin in jede beliebige Form bringen laͤßt. In kaltes Waſſer gelegt, erhaͤlt es wie⸗ der die vorige Haͤrte.— Die Tiſchler ſind nicht nur im Stande, alles europaͤiſche Hausgeraͤth, was ihnen zu Geſicht kommt, nachzuahmen, ſondern liefern auch mancherlei huͤbſche Sachen von eigener Erfindung. Gleichwohl gebrauchen ſie weit weniger Werkzeuge, als die unſrigen. In Ermangelung der Hobelbank und der Schraubeſtoͤcke ſetzen ſie ſich, um ein Bret zu beho⸗ beln, auf die Erde, druͤcken dasſelbe gegen den Bauch, und halten es mit den Fuͤßen feſt. Ihre Beile ſind an der linken Seite etwas ausgehoͤhlt; ſie vertreten zugleich die Stelle des Hammers. Ihre Saͤge kommt mit der unſrigen uͤberein, außer daß dem Geſtell, welches ganz von Holz iſt, der Spanner fehlt. Um die Naͤgel aus⸗ zuziehen, bedienen ſie ſich eines eiſernen Stabes, wel⸗ cher einen meißelartig geſchaͤrften Fuß hat; auch wird an den Stab ein weiter Ring geſteckt. Wenn man nun den Nagel zwiſchen dem Fuß und dem Ringe faßt, ſo geſchieht das Herausziehen ohne viel Muͤhe. Zu Schraͤnken, Bureaux, Bretſpielen und dergleichen, neh⸗ men die Tiſchler Eben⸗, Roſen⸗ und anderes koſtba⸗ res Holz. Theekiſten machen ſie aus einer Art weichen Holzes, das von ſeinem Gebrauch den Namen„Tia⸗ mock“(Theebaum) erhalten hat. Zu den Saͤrgen, die man jederzeit in großem Vorrathe fertigt, kommt ein beſonderes braͤunliches Holz; ſie werden vorn und hin⸗ 170 ten von gleicher Weite, und ſo dicht gemacht, daß kein Geruch durchdringen kann.— Die Lackirer haͤlt man fuͤr die beßten in der Welt. Dieſen Ruf verdanken ſie jedoch nicht allein ihrer Geſchicklichkeit, ſondern haupt⸗ ſaͤchlich der natuͤrlich guten Eigenſchaft der ehineſiſchen Firniſſe. Außer der beſtellten Arbeit, haben ſie allerlei Waaren von Holz und Blech, z. B. Schraͤnke, Tiſche, Stuͤhle, Theebreter, Doſen zu Thee und Zucker, Leuch⸗ ter und mehr dergleichen, jederzeit in Menge vorraͤthig. — Die Steinhauer liefern Waſſertroͤge, Grab⸗ und Muͤhlſteine. Von letztern gibt es zwei Arten; die eine gleicht der unſrigen, die andere einem Moͤrſer.— Die Muͤller in Canton, welche meiſtens nur aus Reiß, ſel⸗ ten aus Weizen, Mehl und Gruͤtze bereiten, enthuͤlſen die Koͤrner auf einer Handmuͤhle, und ſtampfen ſie dann in dem eben genannten Moͤrſer. Den Stoͤßel ziehen ſie mit einem in der Hoͤhe befeſtigten Hebebaum auf, und laſſen ihn dann ploͤtzlich herabfallen. Das Geſtoßene laſſen ſie nach und nach durch verſchiedene Siebe laufen, ſo daß man groben und feinen Gruͤtze und auch Mehl erhaͤlt.— Die Branntweinbrenner verfertigen nur eine Art Reißbranntwein, den man Samſu nennt. Er hat einen fuͤr den Europaͤer widri⸗ gen, und ſo ſtarken Geruch, daß die Wirthshaͤuſer ſich ſchon von weitem dadurch ankuͤndigen, und mithin kei⸗ nes Schildes beduͤrfen. Man darf ihn daher nicht fuͤr ein dem Arack aͤhnliches Getraͤnk halten, wozu es ohne⸗ hin den Chineſen an den erfoderlichen Kokosnuͤſſen 171 fehlt.— Die Schmiede liefern keine ſehr dauerhafte Arbeit, weil ſie dieſelben mehr mit Huͤlfe der Hitze, als des Hammers verfertigen.— Deſto geſchickter ſind die Arbeiter in Kupfer, Zinn und mehren zuſammen⸗ geſetzten Metallen, z. B. dem Packfong. Von ihren kuͤnſtlichen Erzeugniſſen, die ſehr mannichfaltig find, erwaͤhne ich bloß eine Art meſſingener Windbuͤchſen, welche die europaͤiſchen uͤbertreffen.— Die Seiden⸗ und Baumwollwebereien werden meiſtens von den Frauen betrieben, daher ſie ſich immer in den hinterſten, gehei⸗ men Theilen der Gebaͤude, und folglich außer dem Ge⸗ ſichtskreiſe des Europaͤers befinden. Ich bekam indeß eines Tages eine Seidenfabrik zu ſehen. Da aber die Weberinnen abweſend und ihre Stuͤhle nicht im Gange waren, ſo blieb mir das Verfahren bei der Arbeit un⸗ bekannt. Der Bau der Stuͤhle war aͤußerſt kuͤnſtlich, und ſchien auf ſehr verſchiedene Arbeiten berechnet⸗ Uebrigens ſind die Seidenwaaren der Chineſen zu be⸗ kannt, als daß die Geſchicklichkeit der Verfertiger mei⸗ nes Ruͤhmens beduͤrfte.— Die chineſiſchen Faͤrber liefern nichts Vorzuͤgliches. Ihre Farben ſtehen, mit Ausnahme der ſchwarzen und violetten, welche bei der Nation die beliebteſten ſind, ſowohl in Hinſicht der Dauer, als der Schoͤnheit, weit hinter den indiſchen.— Die Hutmacher verfertigen feinere und groͤbere Huͤte aus Bambus oder aus Reißſtroh. Mannshuͤte flechten ſie Anfangs wie Matten, und klopfen ſie nachher in der Mitte, ſo daß eine Art Trichter entſteht. Der Kopf 172 zu Weiberhuͤten, welcher hoch iſt, wird uͤber einer hoͤl⸗ zernen Form gemacht.— Die in Canton errichtete Glasfabrik bedarf noch mancher Verbeſſerung; die dor⸗ tigen Spiegel kann man unſern ſchlechteſten nicht an die Seite ſtellen.— Der Schuhmacher und Schneider habe ich ſchon oben gedacht; hier erwaͤhne ich nur noch, daß erſtere bei der Arbeit auf runden Seſſeln, und letztere mit untergeſchlagenen Beinen auf erhoͤhten Stellen zu ſitzen pflegen, ſo wie ihre Handwerksgenoſ⸗ ſen in Europa zu thun gewohnt waren und zum Theil noch thun.— Die Barbiere beſitzen viel Geſchicklich⸗ keit. Sie haben ſehr kleine, krumm gebogene Meſſer. Wenn ſie einem gemeinen Mann den Kopf ſcheren, ſo nehmen ſie dieſen zwiſchen die Beine.— Es gibt auch beſondere Leute, welche die Naſe, die Ohren und Naͤ⸗ gel reinigen, und letztere mit einem Werkzeuge, das dem Hobel gleicht, beſchneiden. Zugleich verrichten ſie an denjenigen, die es verlangen, das Geſchaͤft, den ganzen Koͤrper durch Reiben, Peitſchen u. ſ. w. zu er⸗ hitzen, wozu die Chineſen, um Stockungen des Blutes zu verhuͤten, ſehr oft ihre Zuflucht nehmen. Derglei⸗ chen Leute ſind an einer Kette zu erkennen, welche mit verſchiedenen, zur Ausuͤbung ihrer Kunſt gehoͤrigen Werkzeugen uͤber die Schultern haͤngt.— Ueber die Verfertigung des Porzellans, des Firniſſes, Camphers und Alauns, des Puderzuckers, der Tuſche und vieler anderer Dinge, welche die Einwohner von Canton zum Gegenſtand ihres Gewerbfleißes machen, kann ich keine 173 Bemerkungen mittheilen, weil ich nie Gelegenheit fand, mich davon zu unterrichten. Uebrigens wird dasjenige, was ich von den chineſiſchen Handwerkern geſagt habe, hinreichend beweiſen, daß ſie zwar im Ganzen den unſrigen an Fertigkeit nachſtehen, in vielen Stuͤcken aber auch gleich kommen, und in einigen ſogar uͤber⸗ legen ſind. Was den Ackerbau betrifft, ſo konnte ich keine ge⸗ naue Kenntniß davon erlangen, weil Spaziergaͤnge außerhalb der Vorſtaͤdte von Canton fuͤr den Europaͤer mit Schwierigkeit verknuͤpft ſind. Ich machte nur ei⸗ nen einzigen, und ſah dabei nichts, als daß auf den Reißfeldern die Landleute, tief im Schlamme wadend, bemuͤht waren, die nach der Aernte zuruͤck gebliebenen Stoppeln unter die Erde zu bringen, wobei einige einen mit Ochſen, oder mit Buͤffeln beſpannten Pflug, andere Hacken gebrauchten. Man lernt indeſſen die Sorgfalt, welche in China auf die Bearbeitung der Felder ver⸗ wendet wird, ſchon in der Stadt kennen, weil nicht nur die oben erwaͤhnten armen Leute den unrath auf den Straßen und in den Haͤuſern unermuͤdet ſammeln, ſondern auch wohlhabende ſich mit der Bereitung des Duͤngers kunſtmaͤßig beſchaͤftigen. Letztere kaufen das⸗ jenige, was erſtere zuſammengetragen, auf. Dahin gehoͤren nicht nur der Koth und Urin von Menſchen und Thieren, der Abfall von Fruͤchten, verfaultes Holz und alle Arten Aſche, ſondern auch Knochen, altes Pelz⸗ werk, alte Schuhe, Lumpen, todte Thiere, abgeſchnittene 74 Naͤgel, Bark⸗ und Kopfhaare u. m. a. Alle diefe Dinge werden, nachdem man die im urin nicht aufloͤs⸗ baren zu Aſche verbrannt hat, in ausgemauerte, mit Daͤchern uͤberdeckte Behaͤlter geſchuͤttet. Man pflegt ſie fleißig umzuruͤhren und zu ſtampfen, bis endlich das Ganze aufgeloͤſ't und einem duͤnnen Brei aͤhnlich iſt, was gewoͤhnlich den Zeitraum eines Jahres erfodert. Solcher Duͤnger wird in dichten Faͤſſern an die Land⸗ leute verſendet, und theuer bezahlt. Es gibt aber auch wohlfeilern, den man zwar auf dieſelbe Weiſe behan⸗ delt, aber nicht ſo lange in den Gruben haͤlt, daher er, wie der in Deutſchland gebraͤuchliche, erſt auf den Fel⸗ dern die Faͤulniß vollendet. Es iſt uͤbrigens bekannt, daß die Chineſen zum Beßten des Ackerbaues ungeheure Arbeiten unternehmen und ausfuͤhren. Oft tragen ſie ganze Berge ab, um den Boden zu verflaͤchen, Suͤmpfe auszufuͤllen, oder fruchtbares Erdreich zu gewinnen. Ihre Anſtalten, das Land durch Kanaͤle zu bewaͤſſern, verdienen die groͤßte Bewunderung. Da jedoch ihr un⸗ ermuͤdlicher Fleiß von keinem Eifer, die Kenntniſſe durch Anſtellung neuer Verſuche zu erweitern, geleitet wird, ſondern ſich bloß auf die Ausuͤbung laͤngſt erwor⸗ bener Fertigkeiten beſchraͤnkt, ſo ſind ihnen noch viele Kunſtmittel fremd, dergleichen der europaͤiſche Landmann zur Vermehrung und Veredlung ſeiner Erzeugniſſe an⸗ wendet. So wiſſen ſie z. B. nichts von dem Verſetzen, Beſchneiden und Pfropfen der Baͤume. ——————-———,——.——, A Volke zu erwarten ſind. Der Charakter des Chineſen 17. Charakter der Chineſen— ihre guten und ſchlechten Ei⸗ genſchaften— ihre umſtaͤndliche Hoͤflichkeit im Umgange mit Andern— ihr Betragen gegen Fremde— die Unarten, welche der Poͤbel ſich gegen die Europaͤer erlaubt, und Mittel, denſelben zu entgehen. — 4 Der Charakter der Chineſen iſt im Ganzen nicht lo⸗ benswerth. Ihre vorzuͤglichſten Tugenden beſtehen in der Liebe zur Thaͤtigkeit, und in dem unbedingten Ge⸗ horſam gegen die Aeltern und Vorgeſetzten. Auch iſt ihnen Genuͤgſamkeit im Eſſen und Trinken und eine bewundernswerthe Geduld in Ertragung von Beſchwer⸗ den eigen. Nie ſieht man unter ihnen einen Berauſch⸗ ten. Ein armer Mann, welcher den ganzen Tag die ſchwerſten Arbeiten verrichtet, aͤußert nie Unzufriedenheit mit ſeinem Schickſal, wenn er ſich nur am Abend mit einem Topfe voll Reiß und einer Schale Thee erquicken kann. Gern duldet er alle Bedruͤckungen, wenn er ſo viel eruͤbrigt, um ſich bei Lebzeiten einen Sarg und eine Grabſtaͤtte erkaufen zu koͤnnen. An dieſe guten Eigenſchaften reihen ſich aber auch alle die fehlerhaften, die von einem aberglaͤubiſchen und ſklaviſch behandelten 176 iſt, wie ſeine Haͤuſer, verſteckt, und voll Winkelzuͤge wie die Gaſſen ſeiner Staͤdte. Er ſucht ſein Eigenthum zu verbergen, aus Furcht von den Mandarinen darum gebracht zu werden, und ſinnt beſtaͤndig auf Mittel, um dasjenige, was man ihm mit Gewalt raubt, liſtiger Weiſe wieder zu erlangen. Es iſt unglaublich, wie die Menſchen in China, von den vornehmſten bis auf den niedrigſten, einander druͤcken und quaͤlen. Als Bei⸗ ſpiel erwaͤhne ich nur Folgendes: Die Leute in den Fahrzeugen, welche die europaͤiſchen Schiffe bewachen, haben von dem Waſchen und Ausbeſſern der Kleider und Waͤſche, und von andern Dienſten, die ſie der Schiffsmannſchaft erweiſen, einen betraͤchtlichen Gewinn. Allein, ſie muͤſſen mehr als die Haͤlfte davon ihrem Mandarin abgeben, der ſich jederzeit damit entſchuldigt, daß ſein Vorgeſetzter dasſelbe von ihm verlangt. Sol⸗ chergeſtalt konnte es nicht fehlen, daß Geiz und Hab⸗ ſucht, Liſt, Betruͤglichkeit und Mißtrauen in der Denk⸗ und Handelsweiſe der Nation tiefe Wurzel faßten. Da⸗ her ſchreibt ſich auch ihre große Neigung zum Handel. Der gemeine Mann, welcher den ganzen Tag arbeitet, laͤuft am Abend durch die Gaſſen, um noch etwas zu verhandeln und Gewinn daraus zu ziehen. Die Furcht, worin die Chineſen durch die Strenge der Beamten beſtaͤndig erhalten werden, mußte nothwendig die groͤßte Feigherzigkeit bei ihnen erzeugen. Muth haben ſie ijnur bei Betruͤgereien und beim Diebſtahl. Wenn chineſi⸗ ſche Schiffe auf der See von Stuͤrmen uͤberfallen wer⸗ „ 6 f d 21212—,—,,——— 20 177 ge den, ſo gerathen die Mannſchaften außer ſich vor Angſt, m und erwarten unthaͤtig und auf den Knieen liegend m ihr Schickſal. Die Soldaten— welche, ſo viel ich ge⸗ -l, ſehen habe, bloß durch hohe Muͤtzen ſich von den an⸗ er dern Staͤnden unterſcheiden,— koͤnnen kaum auf die⸗ die ſen Namen Anſpruch machen. Sie dienen bloß zur uf Erhaltung der innern Ruhe. Gegen einen aͤußern Feind ei ſind ſie faſt gar nicht zu gebrauchen, was die gluͤckli⸗ en chen Einfaͤlle der Tataren und die Kriege mit den en, Indiern ſattſam bewieſen haben.— So wurden z. B. der im vorigen Jahrhunderte 100,000 Mann von 25,000 der Birmanen in die Flucht geſchlagen und auf derſelben in. vernichtet. Uebrigens laͤßt ſich die Feigheit des chine⸗ em ſiſchen Volks ſchon aus dem Umſtande erkennen, daß gt, die Soldaten mit keiner andern Waffe, als mit Peit⸗ ol⸗ ſchen Schildwache ſtehen. Man kann behaupten, daß ab⸗ ein Heer von 50,000 entſchloſſenen Europaͤern hinrei⸗ nk⸗ chend iſt, ganz China mit ſeinen 150 Millionen Ein⸗ da⸗ wohnern zu unterjochen; und dieſes wuͤrde ſchon laͤngſt del. von ſeinen Nachbarn zerſtuͤckelt worden ſein, wenn es tet, nicht, außer ſeiner 300 Meilen langen Mauer, an allen zu Seiten entweder vom Meere, von Sandwuͤſten, oder cht, unzugaͤnglichen Gebirgen begraͤnzt und geſchuͤtzt waͤre. iten Da es den Chineſen an Muth gebricht, ſo ſuchen ößte s ſie auf eine heimtuͤckiſche Art Rache zu nehmen. Ver⸗ nm ſoͤhnlichkeit iſt ihnen eben ſo fremd, als Mitleid und neſi⸗ Großmuth. Wohlthaten erweiſen ſie nie ohne Eigen⸗ ver⸗ nutz, ſo wie fie fuͤr empfangene nie wahre Dankbarkeit V.. 12 178 empfinden. Eine ihrer ungluͤcklichſten Leidenſchaften iſt die graͤnzenloſe Eiferſucht, welche ſchon manchem un⸗ ſchuldigen Weibe das Leben gekoſtet, und eine Reihe von Verbrechen nach ſich gezogen hat. Sie gruͤndet ſich nicht nur auf das Mißtrauen, welches ſie in jeder Hinſicht gegen Andere hegen, ſondern hauptſaͤchlich auch auf ihre wolluͤſtige Gemuͤthsart, die uͤberdem nicht ſelten die unnatuͤrlichſten Laſter erzeugt. Bei dem allen benehmen ſich die Chineſen im Um⸗ gange mit Andern ſehr anſtaͤndig, und zeigen Witz und gute Laune, aber auch kleinliche Neugierde, Eigenſinn und Hochmuth gegen Geringere. Den Geſetzen des Landes gemaͤß, ſind ſie voll umſtaͤndlicher Hoͤflichkeit. Die Art der Begruͤßung iſt mannichfach, und richtet ſich nach der Verſchiedenheit der Staͤnde. Die gewoͤhn⸗ lichſte beſteht darin, daß man die Haͤnde geballt und uͤber einander auf die Bruſt legt, dann mit einer Ver⸗ neigung des Kopfes ſenkt, und endlich, ſie wieder auf⸗ hebend, langſam und feierlich„Sin! Sin!“ ſpricht. um Vornehmen die gebuͤhrende Achtung zu erweiſen, fallen die Geringern auf die Kniee. Zwei Freunde, die nach einer langen Trennung wieder zuſammen kommen, umarmen einander, und knieen gemeinſchaftlich nieder, was ſie bisweilen neunmal wiederholen, bevor es zu Worten kommt. Niemand wuͤrde, ohne vollſtaͤndig an⸗ gekleidet zu ſein, ſeinen beßten Freund im Hauſe em⸗ pfangen. An der Thuͤr des Zimmers ſtreiten ſich Wirth und Gaſt wohl eine Viertelſtunde um die Ehre des —— — —ν N RK ERgêg — 6 2& 2+₰ — 179 Vorangehens, obſchon letzter jederzeit nachgeben muß. Nach dem Eintritt nimmt dieſer nicht eher auf einem Stuhle Platz, oder ruͤhrt die dargebotenen Erfriſchun⸗ gen an, bis eine dreimalige Auffoderung an ihn ergan⸗ gen iſt. Auch muͤſſen eine Menge vorgeſchriebener, nichts ſagender Redensarten gewechſelt werden, ehe das Geſpraͤch auf einen willkuͤhrlichen Gegenſtand, oder auf den Zweck des Beſuchs, wenn er auch von der groͤßten Wichtigkeit waͤre, uͤbergehen darf. Noch mehr Foͤrm⸗ lichkeiten erfodern Gaſtereien, wovon ich weiter unten ſprechen werde.. Den Fremden behandeln die Chineſen mit ſchein⸗ barem Wohlwollen, das ſogar in Gaſtfreiheit uͤbergeht, wenn ſie einigen Gewinn von ihm zu ziehen hoffen; daher er gewoͤhnlich von den Kaufleuten, ehe der Han⸗ del beginnt, mit Thee oder Wein, mit Gebackenem oder Eingemachtem bewirthet wird. Deſſen ungeachtet laſſen ſie bei jeder Gelegenheit den Eigenduͤnkel und die Selbſt⸗ genuͤgſamkeit ihrer Nation blicken. Sie ſind z. B. be⸗ reitwillig, Auskunft in Hinſicht ihres Landes zu geben, weil ſie gern von den eingebildeten Vorzuͤgen desſelben ſprechen; aber ſelten aͤußert einer das geringſte Ver⸗ langen, von der Heimath des Auslaͤnders etwas zu hoͤren. Aus dem Grunde duͤrfen auch die Einwohner im Innern des Landes nicht einmal wiſſen, daß die von Canton kommenden Waaren europaͤiſche ſind, denn ſonſt wuͤrde man dieſelben aus Verachtung gegen alles Aus⸗ laͤndiſche nie kaufen. Sie gehen daher unter dem Na⸗ 12* 180 men„Cantoner“, und man glaubt, daß ſie inlaͤndiſche Erzeugniſſe ſind. Von dem Poͤbel in Canton muß der Europaͤer ſich viel Unarten gefallen laſſen, beſonders in den von den Factoreien entfernten Stadttheilen, wo ſeine Erſchein⸗ ung großes Aufſehen erregt. Nicht ſelten wird er dort von den Gaſſenjungen mit einem Regen kleiner Steine bewillkommt. Um auf einer Wanderung durch die Stadt dergleichen Unannehmlichkeiten zu entgehen, iſt es das Rathſamſte, beim erſten Wachhauſe, das am Wege liegt, einen Soldaten mitzunehmen, der ſich ge⸗ woͤhnlich mit einem kleinen Geſchenk fuͤr ſeine Be⸗ muͤhung begnuͤgt. Mit Huͤlfe eines ſolchen Begleiters und ſeiner gefuͤrchteten Waffe, der Peitſche, kommt man unbelaͤſtigt durch die groͤßte Volksmenge, und genießt uͤberdem des Vortheils, kein Mißtrauen zu erregen, und faſt uͤberall freien Zutritt zu erhalten, was außer⸗ dem nicht Statt finden wuͤrde. Außerhalb der Stadt darf der Europaͤer keinen Spaziergang machen, ohne am äͤußerſten Thore von einem Soldaten in Empfang genommen und wieder zuruͤck gebracht zu werden. 181 18. Lebensweiſe der Chineſen— ihre ehelichen Verhäͤltniſſe — Vielweiberei— Erziehung der Kinder— oͤffentliche und haͤusliche Vergnuͤgungen— die Speiſen und Getraͤnke, ſo wie die Tiſchgebraͤuche— die beſondern Gebraͤuche bei Gaſtmahlen, nebſt der ausfuͤhrlichen Beſchreibung eines ſolchen, das waͤhrend unſeres Aufenthalts in Canton veranſtaltet wurde. Ich gehe nun zur Lebensweiſe der Chineſen uͤber, und mache den Anfang mit ihren ehelichen Verhaͤlt⸗ niſſen. Es iſt ſchon erwaͤhnt worden, daß die Vaͤter eine unbeſchraͤnkte Gewalt uͤber ihre Kinder ausuͤben. Dieß ſindet beſonders auch bei der Verheirathung der⸗ ſelben Statt. Man wirbt um eine Gattinn fuͤr den Sohn, ſchließt den Heirathvertrag wie einen Handel ab, und ſetzt den Tag zur Hochzeit feſt. Die Neig⸗ ung der jungen Leute kommt hierbei nicht in Be⸗ tracht; nur der Eigennutz entſcheidet, da zumal die Toͤchter nicht ausgeſtattet, ſondern fuͤr eine gewiſſe Geldſumme verkauft werden. Nicht ſelten verabredet man die Ehen der Kinder, wenn ſie noch klein ſind, ja bisweilen, noch vor ihrer Geburt, ſie moͤgen dann gebrechlich oder geſund, ſchoͤn oder haͤßlich ſein. Bis zu dem Tage der Hochzeit bekommt der Braͤutigam 182 die Braut nicht zu ſehen. Er empfaͤngt dieſelbe an der Hausthuͤr, und uͤbergibt ſie ſeiner Mutter, wor⸗ auf er die eingeladenen maͤnnlichen Gaͤſte in einem be⸗ ſondern Zimmer bewirthet. Bei ſolchen Gelegenheiten iſt das ganze Haus in⸗ und auswendig mit Blumen⸗ kraͤnzen und Fahnen geſchmuͤckt, und toͤnt von dem laͤrmenden Spiel der Muſikanten wieder. Auch auf den Schampanen feiert man die Hochzeiten auf aͤhn⸗ liche Weiſe. Die Vielweiberei findet in der Regel bei den Chi⸗ neſen nicht Statt. Nur den Vornehmen iſt ſie er⸗ laubt; doch duͤrfen diejenigen, welche im vierzigſten Jahre noch keine Kinder haben, neben der rechtmaͤßi⸗ gen erſten Frau, eine zweite oder dritte nehmen, um den Stamm nicht erloͤſchen zu laſſen. In jedem Fall genießt die erſte beſondere Rechte vor den uͤbrigen. Die Soͤhne werden, um ſich mit ihrer Mutter⸗ ſprache, den Schriftzeichen, Sitten u. ſ. w. bekannt zu machen, fruͤhzeitig in die Schulen geſchickt, deren Anzahl in Canton bedeutend iſt. Auch haͤlt man ſie in einem fruͤhern Alter, als es bei den Europaͤern ge⸗ ſchieht, zu nuͤtzlichen Beſchaͤftigungen an. Daher wer⸗ den viele Kuͤnſte, deren Ausuͤbung keine vorzuͤgliche Koͤrperkraft erfodert, großen Theils von Knaben be⸗ trieben. So beſtehen z. B. die Gehuͤlfen eines Ma⸗ lers, oder eines Arbeiters in Perlmutter meiſtens in Kindern unter zwoͤlf Jahren. Die Maͤdchen erhalten den Unterricht im Spinnen und Weben, ſo wie in an⸗ 183 dern weiblichen Verrichtungen von den Muͤttern, welche ſie zugleich mit den Pflichten ihres Geſchlechts be⸗ kannt machen, z. B. die Schwiegeraͤltern zu ehren, dem Manne gehorſam zu ſein u. ſ. w. Aus der Art und Weiſe, wie die Chineſen ſich verheirathen, kann man leicht ſchließen, daß zwiſchen Eheleuten keine wahre Zaͤrtlichkeit und Achtung Statt findet. Der Mann betrachtet und behandelt ſeine Frau wie eine Sklavinn, da ſie zumal durch die Geſetze ſelbſt gegen die groͤßten Mißhandlungen nicht geſchuͤtzt iſt. Zu dieſer Geringſchaͤtzung geſellt ſich noch eine heftige Eiferſucht. Die meiſten Maͤnner leben, um ihre Frau keinem Fremden ſehen zu laſſen, vom Morgen bis zu der Abendſtunde, wo das Haus geſchloſſen wird, ge⸗ trennt von ihren Familien, indem ſie in beſondern Gemaͤchern arbeiten, eſſen und trinken, und ihr Gebet verrichten. Daher es denn kommt, daß ſie von den Ihrigen nie wahrhaft geliebt, ſondern mehr gefuͤrchtet werden. So ſelten in China das haͤusliche Gluͤck iſt, eben ſo wenig wird auch das Leben auf andere Weiſe ge⸗ wuͤrzt. Von oͤffentlichen Vergnuͤgungen weiß man faſt nichts; denn in einem Lande, wo die Zierden der Ge⸗ ſellſchaft, die Frauen, fehlen, haben ſie keinen Reiz. Aber auch Zuſammenkuͤnfte in den Haͤuſern ſind et⸗ was Seltenes, weil nicht nur Eiferſucht, ſondern auch Geiz und die Umſtaͤndlichkeit, welche mit Beſuchen verknuͤpft iſt, alle Geſelligkeit verbannen. Gaſtereien 184 kommen nur bei Hochzeiten, bei der Geburt eines Soh⸗ nes und andern wichtigen Ereigniſſen vor. Kurz, der Chineſe lebt, da er von der Obrigkeit gedruͤckt, von niedrigen Leidenſchaften beherrſcht und in allen ſeinen Handlungen beſchraͤnkt wird, in ſich ſelbſt verſchloſſen; und wenn er auch oͤffentlich die Miene der Heiterkeit annimmt, ſo iſt doch ſeine Seele mit geheimem Kum⸗ mer erfuͤllt. Das gemeine Volk ſcheint in ſo fern noch am gluͤcklichſten, weil es an die uͤbertriebenen Ceremo⸗ nien weniger gebunden iſt. Opbgleich Naturerzeugniſſe aller Art und im Ue⸗ berfluſſe nach Canton gebracht werden, ſo fuͤhren doch die Einwohner eine einfache Lebensweiſe im Eſſen und Trinken. Bei jeder Mahlzeit macht dicker, in Waſ⸗ ſer gekochter Reiß das Hauptgericht aus. Des Mit⸗ tags kommt noch eine kleine Schuͤſſel Fleiſch oder Fiſch, ſo wie eine mit Gemuͤſe hinzu, welches bloß in Waſ⸗ ſer gekocht, und trocken aufgetragen wird. Da man das Fleiſch faſt immer roͤſtet, ſo ſind in der Regel Suppen oder Bruͤhen nicht gewoͤhnlich. Bei den uͤbri⸗ gen Mahlzeiten begnuͤgt man ſich mit Reiß und klei⸗ nen Stuͤcken Speck oder mit Fruͤchten. Eben ſo einfach, wie die Speiſen, iſt auch das Tiſchgeraͤth. Tiſchtuͤcher und Servietten ſind nicht gebraͤuchlich; die Stelle der letztern vertreten die Schnupftuͤcher. Salz und Gewuͤrze werden nicht auf den Tiſch ge⸗ ſetzt. Da alle Fleiſch⸗ und Fiſchgerichte ſchon in der Kuͤche klein geſchnitten, und Suppen oder Bruͤhen nicht — — 185 genoſſen werden, ſo bedarf man weder Meſſer und Gabeln, noch eoͤffel. Auch die Teller wiſſen die Chi⸗ neſen zu entbehren. Sie thun mit einer hoͤlzernen Kelle den Reiß aus der Schuͤſſel in eine Theeſchale, fuͤhren dieſe mit der Linken nach dem Munde, und bringen mittels zweier Griffel von Elfenbein oder Horn, die man zwiſchen den Fingern der rechten Hand haͤlt, den Reiß an den Ort ſeiner Beſtimmung. Auf dieſelbe Weiſe verfahren ſie mit dem gruͤnen Gemuͤſe, das zu gleicher Zeit mit dem Reiß gegeſſen wird. Die Stuͤckchen Fleiſch oder Fiſch, wovon man dann und wann einen Biſſen nimmt, werden mit den Griffeln, wie mit einer Zange gefaßt. Das gewoͤhnliche Ge⸗ traͤnk iſt, ſowohl bei Liſche als zu den uͤbrigen Ta⸗ geszeiten, Thee ohne Milch und Zucker. Man ge⸗ braucht hierzu kupferne Keſſel, welche, um ſie warm zu halten, in hoͤlzernen Faͤßchen ſtehen. Kaffee und Chocolate ſind ganz unbekannt. Waſſer trinken die Einwohner von Canton nie, weil deſſen ſchlechte Be⸗ ſchaffenheit nur durch das Kochen, und durch die Ver⸗ miſchung mit Thee verbeſſert wird. Nach der Mahl⸗ zeit trinken ſie gewoͤhnlich eine Schale gewaͤrmten Samſu, bisweilen auch ſo genannten Mandarinenwein, ein widerlich herbes Getraͤnk, das man aus wilden Trauben bereitet. Die von den Europaͤern eingefuͤhr⸗ ten Weine kommen nur bei den Vornehmen, den rei⸗ chen Kaufleuten, und bei feierlichen Gaſtmahlen auf den Tiſch. Große Speiſetiſche findet man in China 186 nicht; denn Jeder ſitzt, wenn auch Mehre zuſammen eſſen, an einem beſondern Tiſchchen. Von der Sitte, ſich vor und nach Tiſche eine geſegnete Mahlzeit zu wuͤnſchen, wiſſen die Chineſen nichts; doch pflegen ſie einander zuzutrinken. Die armen Leute auf den Scham⸗ panen, welchen es in der Regel an Tiſchen und Stuͤh⸗ len fehlt, haben die Gewohnheit, beim Eſſen zu kau⸗ ern. Sie ſchließen um ihre Toͤpfe, die auf das Ver⸗ deck niedergeſetzt werden, einen Kreis, und verzehren auf die beſchriebene Art eine Schale voll Reiß nach der andern. Die Zuſpeiſe beſchraͤnkt ſich meiſtens auf Stuͤckchen Speck, auf kleine Fiſche, Waſſergewuͤrme, oder rohe Fruͤchte. Uebrigens fehlt es den Chineſen faſt nie an gutem Appetit, weil die Verdauung der Speiſen durch das viele Theetrinken ſehr befoͤrdert wird; daher ſie auch taͤglich vier ſtarke Mahlzeiten halten. So einfach die gewoͤhnlichen Mahlzeiten der Chi⸗ neſen ſind, ſo ſehr lieben ſie Prunk und Verſchwend⸗ ung bei Gaſtereien. Da ich hieruͤber aus eigener Er⸗ fahrung nicht ſprechen kann, ſo theile ich die Beſchreib⸗ ung mit, die unſer Schiffskapitaͤn von einem Gaſt⸗ mahl machte, wozu er, nebſt noch zwei andern Eng⸗ laͤndern, eines Tages vom engliſchen Comprador ge⸗ zogen wurde. Die Waͤnde des Speiſeſaakes waren mit ſchoͤnen, bunten Tapeten bekleidet, und mit Ge⸗ maͤlden und Kraͤnzen von kuͤnſtlichen Blumen geziert. Zu beiden Seiten ſtand eine Reihe kleiner Tiſche, und — 187 hinter jedem ein Armſtuhl, mit der Lehne gegen die Wand gekehrt. Die Tiſche waren an der Vorderſeite mit praͤchtig geſtickten Vorhaͤngen verſehen. Zwiſchen dieſelben hatte man Toͤpfe mit wohlriechenden Ge⸗ waͤchſen, und auf das Erdreich niedliche Figuren von Porzellan geſtellt. Einige der letztern, in deren Naͤhe unſer Kapitaͤn zu ſitzen kam, hatten Aehnlichkeit mit den Bildern, die wir von Adam und Eva nach dem Suͤndenfall zu machen pflegen. In den vier Ecken des Saales befanden ſich Tiſche mit einladenden, zier⸗ lich aufgethuͤrmten Speiſen, die aber, als bloße Schau⸗ gerichte, nicht angeruͤhrt wurden. Der Saalthuͤr ge⸗ genuͤber befand ſich der Eßtiſch des Wirthes, auf ei⸗ nem hohen Fußtritt und umgeben mit Schenktiſchen, worauf Wein und Trinkgeſchirr ſtanden. Der Platz in der Mitte des Zimmers war voͤllig frei. Um das Ganze noch mehr zu erheben und feierlicher zu ma⸗ chen, hatte man, obſchon am hellen Tage, die Fenſter zugemacht und glaͤnzende Lampen angezuͤndet, die an ſeidenen Schnuͤren vom Sparrwerk des Daches herab hingen. Jeder ankommende Gaſt wurde von der laͤr⸗ menden Muſik der Gungungs, Trommeln, Trompeten u. ſ. w. bewillkommt. Bei ſeinem Eintritt nahm ihn der Wirth in Empfang. Die gegenſeitige Bezeigung von Hoͤflichkeiten war ſo umſtaͤndlich, daß ſie wohl eine Stunde dauerte, obſchon die ganze Geſellſchaft nur aus ſieben Chineſen und drei Englaͤndern beſtand. Endlich fuͤhrte der Hauswirth Jeden auf ſeinen Platz⸗ 188 Ein Greis— denn in China gebuͤhrt dem Alter je⸗ derzeit der Vorrang,— erhielt den oberſten, d. i. den naͤchſten an der linken Seite des Wirthes. Nachdem Alle ſich geſetzt hatten, trat der Wirth vor ſeinen Tiſch, und goß mit ernſter Miene und feierlichem An⸗ ſtand etwas Wein auf die Dielen, worauf er der gan⸗ zen Geſellſchaft eine tiefe Verbeugung machte. Gleich nachher gab der Sohn des Hauſes einen Credenzteller mit Theeſchalen voll Wein herum, wobei er ſich vor jedem Gaſt auf das linke Knie niederließ. Die Chi⸗ neſen nahmen ihre Schalen mit beiden Haͤnden, hiel⸗ ten ſie erſt hoch empor, hierauf unter den Tiſch, und tranken ſie ſodann aus. Zu gleicher Zeit uͤberreichten die Diener Jedem zwei elfenbeinerne, mit Silber aus⸗ gelegte Griffel, worauf auch die Speiſen in Schalen nach einander aufgetragen wurden. Man ſchaͤtzte ihre Anzahl auf zwanzig. Die erſte und jede fuͤnfte wa⸗ ren Suppen verſchiedener Art. Die darin befindlichen Schnecken, die Stuͤckchen Fiſch, Krebs, Fleiſch u. ſ. w. nahm man mit den Griffeln heraus, um ſie zuerſt zu eſſen, worauf die Bruͤhe aus der Schale getrunken wurde. Die uͤbrigen Gerichte beſtanden meiſtens aus gebratenem, in ſo kleine Biſſen zerſchnittenen Fleiſche, daß man oft die Gattung desſelben nicht unterſcheiden konnte; daher unſere Englaͤnder nur wenig davon ge⸗ noſſen, aus Furcht, man moͤchte ihnen, neben dem Fleiſche von Schweinen, Hammeln, Enten, Gaͤnſen und Huͤhnern, welches ſie leicht erkannten, auch das + 189 von Pferden und Eſeln, von Hunden, Katzen oder Ratten vorſetzen, welche Fleiſcharten in China fuͤr Lek⸗ kerbiſſen gelten. Ein Gericht, daß ihnen den Appetit gaͤnzlich benahm, waren gebratene, mit einem Teig gefuͤllte Froͤſche, die man, wider die ſonſtige Gewohn⸗ heit, ganz gelaſſen hatte. Beim Zerlegen eines ſol⸗ chen Froſches verfuhren die einheimiſchen Gäͤſte derge⸗ ſtalt, daß ſie ihn an den Beinen faßten, in vier Stuͤcke zerriſſen, und dann jedes einzeln in den Mund ſteck⸗ ten. Die Knochen ſpuckte man in eine beſondere Schale. Den Beſchluß des Mahles machte Reiß, ſo wie auch Thee, Arack und Wein, welcher letztere uͤber⸗ haupt fuͤnfmal gereicht wurde. Die ganze Mahlzeit dauerte gegen vier Stunden. Waͤhrend derſelben ſtan⸗ den der Wirth und ſein Sohn haͤufig vom Tiſche auf, um bei den Gaͤſten herum zu gehen, und ſie zum Eſſen und Trinken zu noͤthigen, die ſich jedes Mal weiger⸗ ten, endlich aber tapfer zulangten. Auch wurden die Gaͤſte die ganze Zeit uͤber nicht nur mit Muſik, ſon⸗ dern auch von Taſchenſpielern unterhalten, die in der Mitte des Saales ihre Kunſtſtuͤcke machten. Ein wuͤ⸗ thender Laͤrm mit den Gungungs, Trommeln ꝛc. gab der Geſellſchaft das Zeichen aufzuſtehen. Der Gaſtge⸗ ber wurde mit ſchmeichelhaften Dankſagungen uͤber⸗ haͤuft, welcher— dem Herkommen gemaͤß,— ganz beſchaͤmt zur Thuͤr hinaus und in den Garten eilte, wodurch er zugleich die Gaͤſte ſtillſchweigend auffo⸗ derte, ihm dorthin zu folgen. Nach der Zuruͤckkunft 190 aus dem Garten fanden ſie in einem, von dem vori⸗ gen verſchiedenen Saale den Nachtiſch aufgetragen, der in Fruͤchten, in Zuckerwerk und Eingemachtem, ſo wie in ſtarkem Thee beſtand. An der einen Seite war der Saal ganz offen, und mit einem Austritt verſehen, auf welchem die Geſellſchaft den Abend zubrachte, um ſich an den Schauſpielen zu ergoͤtzen, die beim Schein der Laternen auf dem Hofe aufgefuͤhrt wurden. Die theatraliſchen Vorſtellungen der Chineſen habe ich ſelbſt geſehen, und werde ſogleich mehr davon ſagen. Vor⸗ her aber fuͤge ich noch ein paar Worte uͤber ihre Gaſt⸗ mahle hinzu. Schon drei Tage zuvor beginnt mittels uͤberſchickter Zettel die Einladung, welche den naͤchſten Tag, und noch eine Stunde vor dem Gaſtmahle wie⸗ derholt wird. Eben ſo laͤßt ſich der Wirth an den drei darauf folgenden Morgen nach dem Wohlbeſinden der Gaͤſte erkundigen, was dieſe jedesmal nicht nur erwie⸗ dern, ſondern auch mit einer weitlaͤufigen Dankſagung verbinden. *ᷣ ₰ — 191 19. Schauſpiele. Karten⸗ und andere Spiele. Beſtrafung der Verbrechen. Beerdigung der Todten. Das Klima von Canton, und die dort herrſchenden Krankheiten.— Kurze Beſchreibung unſerer Ruͤckreiſe nach England. — Faͤr Schauſpiele find die Chineſen ſehr eingenommen; ohne ſie wird kein Gaſtmahl gegeben, und kein Fami⸗ lienfeſt gefeiert. An allgemeinen Feſttagen veranſtaltet man ſogar Schauſpiele auf oͤffentliche Koſten, denen Jeder unentgeldlich beiwohnen darf. Die Buͤhnen be⸗ ſtehen aus drei oder vier von einer Mauer zur andern, bisweilen quer uͤber die Gaſſe gefuͤhrten Balken, die mit Bretern belegt ſind, ſo daß man ungehindert unter dem Geruͤſte weg gehen kann. Die Stuͤcke, welche aufgefuͤhrt werden, ſind kurze, Lachen erregende Auf⸗ tritte aus der Geſchichte, oder dem taͤglichen Leben. Fuͤr den Europaͤer haben ſie nur in ſo fern einigen Reiz, weil ſie ihn einen Blick in die haͤuslichen Ver⸗ haͤltniſſe der Chineſen werfen laſſen, die er außerdem nie kennen lernt. So ſah ich z. B. die Darſtellung eines gebieteriſchen Eheherrn, welcher ſeine Gattinn Anfangs mit einem Bambusſtock zuͤchtigte, nachher 192 anderer wurde von ſeinem ſtolzen und herrſchſuͤchtigen Weibe ſogar mit Ohrfeigen zu den niedrigſten Dienſten gezwungen. Man ſieht hieraus, daß auch die Weiber in China, trotz der tyranniſchen Gemuͤthsart ihrer Maͤnner, viel uͤber dieſelben vermoͤgen, ja bisweilen die Herrſchaft uͤber ſie gewinnen. Die Schauſpieler, welche meiſtens Knaben ſind, berechnen ihre Kunſt hauptſaͤchlich auf das Gelaͤchter der Zuſchauer, daher ſie ſich in narrenhafte Anzuͤge kleiden, und dieſelben nie wechſeln, ſo verſchieden auch die Auftritte ſind. Ein Talent zu komiſchen Darſtellungen kann man ihnen jedoch nicht abſprechen. Jede ihrer Handlungen geſchieht nach dem Takte der Muſtk, ſie moͤgen ſprechen, ſingen, tanzen, fechten oder ſterben. Da es uͤbrigens an Cou⸗ liſſen und theatraliſchen Decorationen gaͤnzlich fehlt, ſo muß die Einbildung des Zuſchauers dabei das Beßte aber durch ihr Schluchzen und Wehklagen ſo geruͤhrt ward, daß er auf den Knieen um Verzeihung bat. Ein thun, und einen Stuhl bald fuͤr einen Berg, bald fuͤr ein Haus oder einen Thurm anſehen. Das Muſikchor be⸗ s findet ſich ebenfalls auf der Buͤhne; es iſt, außer den oft genannten Inſtrumenten, auch mit Klapperhölzern verſehen, um den Takt anzugeben. Die Chineſen lieben bei Zuſammenkuͤnften das Kartenſpiel; doch iſt es durch die Geſetze ſehr einge⸗ ſchraͤnkt. Die Karten, welche, im Verhaͤltniß zu der Laͤnge, nur die halbe Breite der europaͤiſchen haben, ſind aus Papier, Holz oder Horn gemacht. Eben ſ V dienen Wuͤrfel bisweilen zur Unterhaltung. Dieſe wer⸗ den uͤberdem faſt taͤglich gebraucht, wenn man die Goͤtzen um Rath fragt, was zu thun oder zu laſſen ſei. Die Chineſen ſpielen auch Dame, und ein Bretſpiel, wel⸗ ches nur zwei Steine, aber eben ſo viel Ueberlegung, wie das Schach erfodert. Die Kinder beluſtigen ſich mit fliegenden Drachen, mit Voͤgeln und Schmetterlin⸗ gen von Papier, ſo wie mit Baͤllen und auf andere Weiſe. Man uͤbt ſich von fruͤher Jugend an, große Laſten aufzuheben, ſo daß Erwachſene oft 150 Pfund mit ausgeſtrecktem Arm empor halten koͤnnen. Die Juͤnglinge ſuchen ſich Gewandtheit beim Schlagen zu erwerben, indem ſie ſechs und mehr ſchwere, mit Sand gefuͤllte Saͤcke aufhaͤngen, und dann, in der Mitte ſtehend, dieſelben in Bewegung ſetzen, und ihren Stoͤ⸗ ßen auszuweichen ſuchen. Auch uͤben ſie ſich, die Mus⸗ keln zu ſpannen, um die Hiebe, welche ihnen bei ernſt⸗ haften Pruͤgeleien vom Gegner beigebracht werden, we⸗ niger zu empfinden. Solche Leibesuͤbungen ſetzen die „Chineſen oft bis in's ſpaͤte Alter fort, ob ſie ſchon in Faͤllen, die eine Gelegenheit zu ihrer Anwendung dar⸗ bieten, wenig Vortheil daraus ziehen. Verbrechen werden in China ſelten den Gerichts⸗ hoͤfen zur Unterſuchung vorgelegt, ſondern meiſtens von dem erſten Mandarin, welchem ſie zu Ohren kom⸗ men, auf der Stelle beſtraft; auch laͤßt ſich faſt jedes mit Geld abbuͤßen. Die gewoͤhnliche Strafe beſteht in Schlaͤgen mit einer Geißel von geſpaltenem Bambus⸗ V. 13 194 rohr, daher man einen Schlag mit der Elle, weil die⸗ ſes Maß aus demſelben Holze verfertigt wird, fuͤr ſchimpflich haͤlt. Diebe fuͤhrt man uͤberdem mit einem Brete, welches oben den Hals und unten die Haͤnde umſchließt, mehre Tage in der Stadt herum, und ſchnei⸗ det ihnen zur fortdauernden Beſchimpfung den Haar⸗ zopf ab. Geſchaͤndete Jungfrauen muͤſſen ſich gefallen laſſen, auf oͤffentlichem Markte zum niedrigſten Skla⸗ vendienſt verkauft zu werden. Gegen Aufruͤhrer wird mit der groͤßten Grauſamkeit verfahren; man laͤßt ſie z. B. von Pferden zerreißen.— Den Todten erweiſ't man in China vorzuͤgliche Ehre, und begraͤbt ſie mit vielem Geldaufwand und Gepraͤnge. Bei einem gewoͤhnlichen Leichenzuge gehen zuerſt zwei Maͤnner mit Fahnen voraus; dann folgt ein Chor Muſikanten. Hinter dieſen wird das Goͤtzen⸗ bild des Verſtorbenen, welches zu der Feierlichkeit friſch vergoldet worden iſt, auf einem praͤchtigen Pa⸗ lankin getragen, worauf der Sarg kommt, den man auf Bambusſtangen traͤgt. Den Zug ſchließt ein Heer von Leidtragenden, die großen Theils gemiethet werden. Die Verwandten ſind ganz weiß gekleidet, und die Uebrigen haben den Kopf mit weißen Tuͤchern verhuͤllt. Wenn der Todte in das Grab geſenkt iſt, ſetzen die Angehoͤrigen zu ſeinem Unterhalte Reiß, Thee und an⸗ dere Lebensmittel auf den Sarg, ſo wie ſie auch einige Geldſtuͤcke darauf legen. Nach der Zeit kommen ſie oft, bisweilen jeden Morgen, zu dem Grabe, um Opfer 4 4*m—9 195 darzubringen. In Canton haͤlt man auch auf dem Strom Leichenbegaͤngniſſe, indem der Todte, von den Trauernden begleitet, unter Muſik in einem Boote hin und her gefahren wird, welches bis an die Spitze des Maſtes mit bunten Laternen erleuchtet iſt. Dieß ge⸗ ſchieht viele Abende nach einander, und nicht ſelten mehre Jahre nach dem Begraͤbniſſe des Todten. Wenn Jemand auf Reiſen im Lande ſtirbt, ſo laſſen die An⸗ gehoͤrigen ſeinen Leichnam, wenn auch einige hundert Meilen weit, an ſeinen Wohnort bringen. Waͤhrend der ſo genannten tiefen Trauer, welche ſieben Wochen dauert, muͤſſen dieſelben taͤglich fuͤr den Verſtorbenen beten, opfern und ſtets mit Gedanken an ihn beſchaͤf⸗ tigt ſein. Innerhalb der Stadt Jemanden zu beerdi⸗ gen, iſt nicht erlaubt. Die Graͤber werden, wie ich ſchon oben erwaͤhnte, an den Seiten der Berge ge⸗ macht. Sie haben das Anſehen eines Eiskellers; an der Stelle der Thuͤr befindet ſich eine aufgerichtete Steinplatte, in welche die Denkſchrift eingehauen iſt. Ungeachtet Canton im Ganzen ein geſundes Klima hat, ſo ſind dennoch die Einwohner mancherlei Krank⸗ heiten unterworfen. Viele werden blind geboren, oder verlieren nach der Geburt ihr Geſicht; und dieß ſind die einzigen in Canton geduldeten Bettler, welchen man als Gabe einen Loͤffel voll Reiß zu reichen pflegt. Die Meiſten leiden an Kurzſichtigkeit, ſo wie auch Viele triefende Augen oder geſchwollene Augenlider haben. Die urſache dieſer Uebel wird von den europaͤiſchen 13* ben; was jedoch die Chineſen beſtreiten. Eine Menge Menſchen leidet an Geſchwuͤren, die ſo boͤsartig ſind, daß das Fleiſch ſtuͤckweiſe vom Leibe faͤllt. Man ſieht bisweilen ſolche Leidende, weil ſie keine Kleidung ver⸗ tragen koͤnnen, bloß in Matten gehuͤllt. Fieber, Lun⸗ genſucht und Auszehrung, ſo wie auch mancherlei durch Ausſchweifungen verurſachte Uebel, kommen haͤufig vor. Seeleuten dem haͤuſigen Genuſſe des Reißes zugeſchrie⸗ Was die Witterung in Canton betrifft, ſo bewir⸗ ken beſonders die in der Naͤhe wehenden Monſoons, daß man dort zwei Jahreszeiten, naͤmlich die naſſe und trockene hat. Wenn die Sonne im September von der Linie gegen Suͤden geht, wird die Luft nach und nach kuͤhler. Im October und November iſt ſie mit dickem, oft in Staubregen herabfallenden Nebel ange⸗ fullt, klaͤrt ſich aber auf, ſobald der Nordoſtmon⸗ ſoon feſten Fuß gefaßt hat. Nach der Zeit ſindet hei⸗ teres und trockenes Wetter Statt, bis die Sonne, im Maͤrz, auf ihrer Bahn nach Norden durch die Linie geht. Nach dieſer Zeit fallen haͤufig ſtarke, mit Ge⸗ wittern und Stuͤrmen begleitete Regenguͤſſe, die bis in den Juni anhalten, ſo daß man oft vierzehn regne⸗ 3 rige Tage nach einander zaͤhlt. Im Juli und Auguſt iſt das Wetter mehr zur Trockenheit geneigt, im Sep⸗ tember aber ſehr veraͤnderlich. Uebrigens ſind die Som⸗ mer nicht ſo heiß und die Winter ungleich kaͤlter, als 4 in den weſtlichern, unter gleicher Breite gelegenen Q N ☚☛⏑̈N— 197 Laͤndern, was hauptſaͤchlich die hohen chineſiſchen Ge⸗ birge zu bewirken ſcheinen. Ich kehre jetzt zu unſerem Werxford zuruͤck. Er ſe⸗ gelte, von zwei andern engliſchen Schiffen begleitet, am 13. November(1810) von Canton ab. Am 8. De⸗ cember erreichten wir die Reede von Batavia, und gin⸗ gen von da, mit der nach England beſtimmten Flotte, am 18. wieder in See. Die Fahrt nach dem Vorge⸗ birge der guten Hoffnung war, wegen der vielen Ge⸗ witter, Stuͤrme, Waſſerhoſen u. ſ. w., die wir auszu⸗ halten hatten, mit vielem Ungemach verknuͤpft, daher die Schiffe ziemlich beſchaͤdigt und die Mannſchaften großen Theils erkrankt am 27. Februar im Hafen der Kapſtadt anlangten. Obſchon mein lange genaͤhrter Wunſch, dieſes beruͤhmte Vorgebirge in der Naͤhe zu ſehen, jetzt erfuͤllt wurde, ſo konnte ich doch, weil meine Amtsgehuͤlfen meiſtens krank waren, keine Zeit gewin⸗ nen, es genau kennen zu lernen. Was ich in der Kap⸗ ſtadt fluͤchtig bemerkte, iſt ſchon oft von andern Reiſen⸗ den ausfuͤhrlich beſchrieben worden. Die geſunde Luft, der ſtaͤrkende Wein und die uͤbrigen trefflichen Lebens⸗ mittel bewirkten, daß unſere Kranken gegen das Ende Maͤrz voͤllig geneſen waren, daher man am 2. April wieder unter Segel ging. Vier Wochen ſpaͤter erreich⸗ ten wir die Inſel St. Helena, und ankerten in der St. Jamesbai, um friſches Waſſer einzunehmen. Da ich nicht ahnte, daß dieſer Baſaltfelſen in kurzem der 198 1 Aufenthalt eines Mannes werden ſollte, der ganz Eu⸗ ropa in Bewegung geſetzt hatte, ſo ſchenkte ich ihm nicht die Aufmerkſamkeit, die er ſpaͤter auf ſich zog. Wir verließen die Inſel am 7. Mai, und ſetzten die Reiſe ohne erhebliche Widerwaͤrtigkeiten bis an den Ort unſerer Beſtimmung fort. Am 2. Juli 1811 lief unſer Wexford, nach einer Abweſenheit von achtzehn Monaten, gluͤcklich in die Themſe ein. ——— Eraaaagaanaaaaaagaaaaaanauuuanaaunuanuanuanuananmunmuuawumamwuaamaanmaaananun