Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 rn 8 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 26. 4 Deih- und Leſebedingungen. 41 Leden Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ een angenommen. 3. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 beuus Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden u⸗ beträgt: her mchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Wek.— Pf. 1 Mrr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. lund Zurückſendung hr ſelbſt zu ſorgen. eene, verlorene und beſchmutzte, ver⸗ n dnuhre ſo iſt etzt und wird †f eiterverleihen eenigen, welche die⸗ eehen haben. Beherrſcher der Eilande ſechs Dichtungen n a ch Walter Scott bearbeitet von F. P. E. Richter. Leipzig, 1822 8 bei Wilhelm Lauffer. —— Der Beherrſcher der Eilande in ſechs Dichtungen. Vorberiche. Die Scene dieſer Dichtung iſt anfaͤnglich im Schloß von Aſtorniſh, an den Kuͤſten der Grafſchaft Argyle; ſodann auf den In⸗ ſeln Skye und Arran, auf der Kuͤſte der Grafſchaft Ayr, und zuletzt unweit Stir⸗ ling. Die Handlung beginnt im Fruͤhling des Jahres 1307, zu der Zeit, wo Bruce, der von den Englaͤndern aus Schottland ver⸗ trieben worden war, aus der Inſel Rachrin zuruͤckkehrt, ſeine Rechte auf die Krone geltend zu machen. Die Mehrzahl der Perſonen und Begebenheiten ſind hiſtoriſch; A die Gewaͤhrsmaͤnner des Verfaſſers ſind vor⸗ nemlich Lord Hailes, den man den Wie⸗ derherſteller der ſchottiſchen Geſchichte, wie Bruce den der ſchottiſchen Monarchie, nen⸗ nen koͤnnte; und der Archidiakon Barbour, welchem man die Geſchichte Robert Bruce 3 in Verſen zu verdanken ht. Einleitung. Der Herbſt entflieht!... aber noch raſtet ſein Blaͤttergewand auf den Hainen des edlen Sommerville; ein purpurfarbner, golddurch⸗ wirkter Schleier breitet ſich uͤber den Tweed und uͤber die ſeinen Wellen zinsbaren Ge⸗ waͤſſer. Von fern her erſchallt die Stimme des Sturms und der Stroͤme; doch auch von der Harmonie des Waldes dringen noch einige ſterben de Toͤne zu uns. Die ſeufzende Holztaube iſts und des Rothkehlchens heller Geſang. Als die Sonne hinter Etricks Ge⸗ birgen niederſank, bot ſie uns noch einige der reichen Sommerfarben dar. Der Herbſt iſt entflohen;... die laͤnd⸗ lichen Geſaͤnge der Ebne von Gala ergoͤtzen nicht mehr unſre Geſtade; kein Freudenlied miſcht ſich in des Baches Murmeln und in den leiſen Windeshauch. Der letzte Schall ⁸ A 2 — 4— iſt entflohn! der laͤrmende Karren ruht un⸗ ter dem Strohdach. Alles ſchweigt auf den einſamen Kuͤſten; nur einige Greiſe ſind noch zu ſehn, die, gekrummt unter der Laſt ihrer Jahre, dem Feſtzug des Herbſtes fol⸗ gend, hier und da die vergeſſnen Aehren nachleſen. Ihr, faͤr die weniger glaͤnzende Darſtel⸗ lungen nicht reizlos ſind, durchzieht Ihr nicht ungern des Herbſtes verbluͤhtes Gebiet, weilt Ihr gern auf des Huͤgels vertrockneter Haide, die ſterbenden Harmonien der Waͤlder zu erlauſchen, vergnuͤget es Euch, das Blatt am Stengel roͤthen und welken zu ſehn, der Sonne letzte Flammen. am Gipfel der Berge zu bewundern, mit Euerm Blick dem Aehrenleſer in die veroͤdeten Fluren zu fol⸗ gen und uͤber die Freuden und Leiden des Lebens nachzudenken? Ach! wenn Ihr ſol⸗ che Scenen liebt, ſo verſchmaͤht nicht den Sang des Saͤngers(Minſtrels). Nein, verſchmaͤhet ihn nicht! Ich ge⸗ ſtehe es, das Girren der Holztaube iſt ſeinen kunſtloſen Accorden vorzuziehn; die b 8* Schoͤnheiten ſeiner Lieder ſind bleicher als das zweifelhafte Farbengemiſch der unter⸗ gehenden Sonne an dem neblichten Himmel des Herbſts, und ſeltner als die vertrockne⸗ ten Blaͤtter, die im Windhauch erzittern, wenn der November ſein Horn erſchallen laͤßt; aber verachtet ſeine Arbeiten nicht! Ein einſamer Aehrenleſer, durchzieht er die Jahrhunderte hindurch gepluͤnderten Gefilde, wo gluͤcklichere Barden einſt uͤberreiche Aern⸗ ten einſammelten. Nicht ohne Theilnahme werdet Ihr eine einfache Geſchichte aus Albyns ruhm⸗ vollen Tagen hoͤren. In den entfernten Laͤndern, die der Suͤdbewohner geringſchaͤtzt, blieben noch einige Fragmente der alten Sage uͤbrig. Wenn die letzten Sonnen⸗ ſtrahlen hinter Coolins Bergrieſen erblaſſen, verkuͤrzen ſie den Propheten von Skye die Abendſtunden. Auch kennt man ſie in den Wuͤſten von Reay, von Harries und in Joniſchen Tempeln, wo der edle Be⸗ rſcher der Eiland e des Lebens Muͤhe vergißt. * — ☛ eneeeee— ——B—Q⏑:—:—O—QOn—:nAA·n·BPnP n—:———— 2 Er ſte Dichtung. „Wache auf, Tochter von Lorn!“ ſangen die Saͤnger, und ihre Klaͤnge hallten wie⸗ der in den alterthuͤmlichen Hallen von Aſtor⸗ niſh. 4 Das Meer, das deine Mauern benetzt, treibt jetzt nur friedliche Wellen ans Ufer, als wollte es des Ozeans Harmonieen mit dieſen Conzerten vermaͤhlen; die Stuͤrme ſchweigen auf den Hoͤhen von Inninmoore, und in den uferhainen des Loch⸗Allins, als wollte Sturm und ⸗Welle dem Sang der Barden lauſchen. Nie hallte das Echo der Gebirge von ſuͤßerm Gleichlaut wieder. Schottland, die Inſel Roſſ, die von Ar⸗ ran, Illay und Argyle hatten ihre B zur Feier des Feſttags vereinigt. Ewige Schmach dem Barden, der den Ruf dieſes 8 — — 7— Tags nicht gehoͤrt haͤtte, der unempfindlich fuͤr Hoffnung, Ruhm und Frauenlaͤcheln geblieben waͤre, dem edelſten Ziel ſeiner Geſaͤnge; ewige Schmach dem Barden, der ſtumm blieb im Schloß von Aſtorniſh!“ „Wache auf, Jungfrau von Lorn!“ wiederholten alle Saͤnger.„Wache auf! denn uns kommt es zu, den Schlaf von dem Lager der Schoͤnheit zu verbannen; alles erkennt ja unſre Gewalt, Luft, Erde, Meer. In Lettermoore weilt der ſchuͤchterne Hirſch, um den Klang unſrer Harfen zu hoͤren; das Seekalb 1) von Heiskar folgt dem Nachen, der den Saͤnger traͤgt; zu Ben⸗Caillach ſah man den ſtolzen Adler von der Wolkenhoͤhe auf ihn nenien. So moͤge denn auch die junge Braut unſer Lied ihrer Theilnahme werth achten! Toch⸗ ter von Lorn! Erwache bei dem Klang unſ⸗ rer Harfen! Erwache! das Feld iſt mit Perlen der Morgenroͤthe bedeckt! Reize bie⸗ die Natur dar, die es wuͤrdig ſind, tt den deinen zu ſtreiten. Sie ermuntert die Droſſel, ihre Stimme hoͤren zu laſſen im Geſang, um mit der Suͤße der deinigen zu kaͤmpfen. Der Glanz, mit dem ſie das Veilchen ſchmuͤckt, buhlt um den Preis mit den Strahlen deiner ſchoͤnen Augen. O, Editha! wache auf, und ſehn wollen wir, ob nicht das Schoͤnſte, das Ruͤhrendſte, was in der Natur iſt, von deinem Liebreiz verdunkelt wird.“ „Sie erſcheint nicht,“ rief der alte Fer⸗ rand,„Freunde! laßt uns ein zaͤrtlicheres Lied, eine ſanftere Melodie verſuchen, mehr den Traͤumen der Schoͤnheit angemeſſen, und geſchickt, die Hoffnung, die ſie ſucht und ſich zu geſtehen fuͤrchtet, in ihrem Herzen zu ermuntern!“ Sprachs, und von den Saiten feiner Harfe ſlohen ſuͤß⸗zaͤrtliche Laute. Einen Sang der Liebe befahl er zu beginnen: „Erwache, Jungfrau von Lorn! die Stunden entfliehen, wo man dich noch Jungfrau nennt, erwache, erwache! Die Stunde der Liebe iſt da, deinen Eid, dein Treugeluͤbd zu empfangen. Um der S willen, die deinen Buſen hebt, um der Hoffuung willen, die bald deine Furcht in Entzuͤcken verwandeln wird, brich die Feſ⸗ ſeln des Schlafs, erwache bei dem Ruf der Liebe. Erwache, Editha, erwache! ich ſehe Fahrzeuge, mit Flaggen bedeckt, dem Ufer nahen, der freudige Pibrock laͤßt ſich hoͤren; ſeidne Baͤnder wehen in der Luft; weſſen Lob ſingt jener denn, welchem Tapfern ge⸗ hoͤrt dieſer den Bannern eingewirkte Helm⸗ ſchmuck? Nicht der Saͤnger darf es ſagen: der Liebe gehoͤrt es, das Geheimniß zu er⸗ rathen!“ Einſam, in der Mitte ihrer Frauen, hoͤrte Editha dieſe Geſaͤnge, und wie haͤtte ihre Gleichguͤltigkeit den Saͤnger gedemuͤ⸗ thigt, waͤre er Zeuge derſelben geweſen!— Ihre Wangen glaͤnzten nicht von jenen Ro⸗ ſen, welche die Schmeichelei hervorruft; und die zaͤrtlichſten Aecorde konnten ihr keinen Seufzer entlocken. Umſonſt hatten ihre Dienerinnen ſie zu ſchmuͤcken gewett⸗ eifert. Cathline von Ulm, du warſts, die ihre langen Rabenlocken flocht, die junge Eva, anmuthig ſich neigend, beſchuhte ihren — 10— leichten Fuß mit ſeidnem Pantoffel, waͤhrend die ſchoͤne Bertha die zarten Formen des Halſes mit einer Reihe von Lochryans Per⸗ len umwand, die ihm an Weiße nachſtanden. Aber Einion, die aͤlteſte und geſchickteſte, hatte die Aufgabe zu loͤſen, kuͤnſtlich den Mantel zu befeſtigen, daß er die Umriſſe bezeichnete, die er zu verbergen ſchien; goldne Franzen, ſeine breiten Purpurfalten umſaͤumend, ſielen bis auf die Erde her⸗ nieder. Giebts wohl eine Jungfrau, die, mit allen Reizen geſchmuͤckt, in allem Glanz ihrer Anmuth, bei der Naͤhe von Amors Sieg, zur Stunde Hymens gleichguͤltig bleibt, wenn der treue Spiegel ihr Bild wiederholt, und nicht durch die geringſte Stoͤrung in ihren Zuͤgen ihres Herzens ge⸗ heime Zufriedenheit verraͤth?... alles, was der Dichter berichten kann, iſt: Es gab eine ſolche in Britanniens Inſel an dem Tage, wo die ſchoͤne Editha von Lorn bei dem Gedanken an Hymen keines Laͤchelns ihn wuͤrdigte. — — Morag, der einſt der Baron von Lorn die Sorge anvertraut hatte, ſeiner Tochter Amme zu ſeyn, die ihre muͤtterliche Zaͤrt⸗ lichkeit belohnt ſah durch die Erwiederung der kindlichſten Liebe— denn dieſes fuͤße Band ward in Schottland ſtets heilig ge⸗ halten— Morag, ſchon vom Alter nieder⸗ gebengt, ſtand ſeitwaͤrts, und forſchte in Edithas Zuͤgen nach dem, was in ihrem Herzen vorging. Vergebens nahmen die Die⸗ nerinnen die Gewandheit und den Eifer der guten Amme in Anſpruch; ſie ſah wohl, daß ihr Kind ſo gleichguͤltig bei ihrer Sorgfalt war, wie die ſchoͤne Statue einer Heiligen, die des Kloſters Jungfrauen wetteifernd ſchmuͤcken; ſie fuͤhlte, daß Edithas Herz nicht bei die⸗ ſem Pomp ſey; und nachdem ſie dieſe lange genug beobachtet hatte, ſchloß ſie ſie an ihr Herz, als ſie mit dem hochzeitlichen Mantel geſchmuͤckt war, und fuͤhrte ſie in einen einſamen Thurm, deſſen ſpitziger Gipfel ſich bis zu den Wolken erhob, und— duͤſtrer Mull ²)! deine tiefe Meerenge beherrſchte, wo gegen einander anſtrebende Fluͤſſe ihre bruͤllende Stimme erheben und die ſchwarzen Huͤgel des Geſtades von Morven ſcheiden. „Meine Tochter!“ ſprach ſie zu ihr, „betrachte dieſes Meer, welches das Ge⸗ ſtade der zweihundert Inſeln 5) beſpuͤhlt, von Hirt an, mehr gen Norden gelegen, bis zu den fruchtbaren Ufern des gruͤnenden Jlay; kehre deine Augen auf das feſte Land, wo ſo viel Lehnsthuͤrme deinen tapfern Bru⸗ der als Schutzherrn erkennen, von Mingary an, deſſen Schloß ſich uͤber die Seen und Waͤlder erhebt bis zu Dunſttaffnage, das den wuͤthenden Connal gegen die Felſen ankaͤmpfen hoͤrt; glaubſt du, daß es im ganzen Umkreis ſeiner Herrſchaft eine Stirn gaͤbe, die ein truͤber Blick an dem Tage entſtelle, an welchem die Tochter des edlen Barons von Lorn ihre Hand des maͤchtigen Sommerled 4) Erben, dem hoch⸗ herzigen Ronald, reicht, der, von Helden⸗ geſchlecht entſprungen, der ſchoͤne, tapfre, zedle Fuͤrſt der Inſeln iſt, deſſen Namen tauſend Barden preiſen, der den Koͤnigen gleich ſteht und den ſtolzen Britten? In — den Schloͤſſern der Großen, in der Huͤtte der Armen, ſpricht jedermann von dieſer gluͤcklichen Verbindung und freuet ſich ihrer. Die Jungfrau ſchmuͤckt ſich mit ihrem Feier⸗ kleide, der Hirt zuͤndet Freudenfeuer an; das Waldhorn toͤnt und die Glocke lautet ſchon in der Fruͤhe des Morgens zu dieſem großen Tag. Der geheiligte Prieſter ſingt am Altar die Hymne des Danks; kein Leib⸗ eigner iſt ſo verduͤſtert, daß er nicht in niedrer Zuruͤckgezogenheit ſeiner Sorgen ver⸗ gaͤße und, von der taͤglichen Laſt der Arbeit befreit, Theil naͤhme an dieſes großen Tages Freude. Nur Editha— Editha, des Feſtes Koͤnigin, iſt traurig, wenn Alles ſich der Freude hingiebt!“ Bei dieſen Worten beſeelt ſich Edithas Blick, unmuthig unterdruͤckt ſie einen Seuf⸗ zer, der ihr entfliehn will, ſchnell trocknet ihre Hand die brennende Thraͤne eines be⸗ leidigten Stolzes. „Laß mich, Morag! geh! verſchwende dein Lob jenen Miethlingsharfen; ruͤhme den jungen Dirnen Pomp und Groͤße! * — 14— Moͤgen ſie doch Tage lang von den ausge⸗ breiteten Bannern, toͤnendem Erz und ſchal⸗ lenden Hoͤrnern, von glaͤnzenden Gewaͤn⸗ dern und reichen Edelſteinen ſchwatzen; aber du, Morag, die du mich kennſt, denkſt du denn, daß alle dieſe nichtigen Gegenſtaͤnde ein Herz zu ruͤhren vermoͤgen, das zu lie⸗ ben weiß und umſonſt eine zaͤrtliche Er⸗ wiederung erwartet? Nein, niemals! Mit wenig Worten kannſt du Edithas Ungluͤck ausſprechen— ſie wird nicht geliebt!— O, entgegne mir nichts... Zu lange habe ich es verſucht, ſeine Aufmerkſamkeiten, ſeine ſtudierte Ehrfurcht Liebe zu nennen; die Verbindung verblendete mich, die mir er⸗ laubte, mich fuͤr die Gemahlin zu halten, die man Ronald von der zarteſten Jugend an beſtimmte. Waͤhrend ſein Arm in Schott⸗ land focht, ſchlug mein Herz, wenn ich ſeinen Namen hoͤrte, er miſchte ſich in die Geſchichte des Ruhms, wie ein ſuͤßer Duſt in den Zephyr des Sommers! Kam je ein Pilger in das Schloß, ohne irgend eine Großthat des tapfern Ronald zu erzaͤhlen? — 15— Welcher Minſtrel feierte auf ſeiner Harfe die Helden, ohne ſeine Tugend zu beſingen? Du ſelbſt, Morag, erzaͤhlteſt nie etwas Ruͤhmliches, ohne deine Erzaͤhlung mit dem Namen Ronald zu beſchließen. Er kam... alles, was ich von ihm und ſeinen hohen Eigenſchaften gehoͤrt hatte, ſchien mir weit unter dieſen zu ſtehn. Der Ruf war kalt, ſchuͤchtern, ungerecht geweſen gegen ihn und mich!— Welchen andern Gedanken haͤtte ſeitdem Editha je genaͤhrt, als den der Liebe, und was war mein Lohn? Kalter Aufſchub, Vorwaͤnde, die ſich ſtets erneuerten, um den Tag unſrer Vermählung verzoͤgern! Jagt er den fluͤchtig⸗ſchnellen Hirſch von Bentalla, oder richtet er in irgend einem geheimen Zufluchtsort an eine leichtglaͤubige Schoͤne den zaͤrtlichen Abſchied? ſchwoͤrt er ihr wohl gar, daß, wenn er Lorns Schwe⸗ ſter 5) ſeine Hand nicht verſagen kann, er wie⸗ derkommen wird, ſie nach der leeren Hoch⸗ zeitsceremonie nie wieder zu verlaſſen?“ „Ende ſolche Rede, meine Tochter! ent⸗ ferne ſo ſchmaͤhlichen Argwohn, und denke edelmuͤthiger von Ronalds Liebe! Wende deine Augen nach dieſem alten Schloß, und ſieh die Flotte, die aus der Bucht von Arros kommt. Sieh die Maſtbaͤume der Galee⸗ ren ſich neigen unter den entfalteten See⸗ geln, die uns das blaͤuliche Geſtade ent⸗ ziehn, wie weißliche Aprilwolken den Azur des Horizonts. Betrachte das erſte von allen Fahrzeugen, deſſen Maſt ſich bieget unter des Herbſtwinds Hauch. Es ſcheint ſeine Banner zu neigen vor der Braut des Fuͤrſten. Dein Braͤutigam kommt, und waͤhrend ſeine Galeere ſchneller als der eiſ⸗ rigſte Renner durch die Fluthen fliegt, be⸗ ſchuldigt er ſie noch der Langſamkeit im Lauf.“ Die ſchoͤne Editha erroͤthete, ſeufzte, und antwortete mit traurigem Laͤcheln: „Schmeichleriſcher und nichtiger Ge⸗ danke! Nein, Morag! bemerke ein kreueres Sinnbild ſeiner Befliſſenheit in jenem ein⸗ zelnen Nachen, der Seegel und Ruder ein⸗ zieht und gegen den Wind ſtreitet. Seit des Tages Anbruch haben unſre beſorgten Blicke den Weg zu kennen geſtrebt, den er verfolgen will; unſer Hafen bietet dem Schiffsvolk eine Zuflucht gegen widrigen Wind an; dennoch verdoppeln dieſe ihre Bemuͤhung, um das laͤrmende Seegel ein⸗ zuziehn und ſtreben die hohe See zu errei⸗ chen, als fuͤrchteten ſie Aſthorniſh mehr, als Sturm und Klippen.“ Die junge Braut hatte wahr geredet. Der Nachen, den man auf dem Meer ge⸗ gen die Fluthen kaͤmpfen ſah, den die Wel⸗ len wiegten, er irrte von Geſtade zu Ge⸗ ſtade. Ein Saͤnger haͤtte den Umfang des Weges, den er durchlaufen, mit der Strecke vergleichen koͤnnen, die der Ackermann in einem Tage durchpfluͤgt. So groß waren die Gefahren, denen der Steuermann zu trotzen verſtand, daß, eh' ſie am Ufer ſtreiften, der Bogſpriet oft des Meers empoͤrte Wel⸗ len, die es mit Heftigkeit uͤber Sandbaͤnke rollte, beruͤhrte; allein die unermuͤdliche Mannſchaft arbeitete unablaͤſſig, um den vorgeſetzten Weg zu verfolgen, ſtatt ſich B 8 nach dem Schloß Aſtorniſh zu richten, oder die Bucht von Arros zu erreichen. Indeſſen nahte ſich Fuͤrſt Ronalds Flotte, von guͤnſtigem Winde gefuͤhrt. Golddurch⸗ wirkte ſeidne Baͤnder flatterten von allen Maſten. Sie trug die edelſten und tapfer⸗ ſten Ritter der Inſeln. Das Meer zuͤrnte und ſiedete um die Galeere, und empoͤrte ſich bei den wiederholten Ruderſchlaͤgen. So ſchaudert der ſtolze Renner, wenn er am Tag des Kampfs unter dem tapfern Ritter ſich baͤumt und in den Zuͤgel beißt, von weißlichem Schaum bedeckt, endlich aber, gebaͤndigt in ſeinem Zorn, der Hand ge⸗ horcht, die ihn leitet. 4 Auf allen Verdecken ſah man den Stahl der Lanzen blitzen, die Goldhelme, Panzer⸗ hemden und geſtickten Schaͤrpen funkeln. Unter dem Getoſe der Brandung und mit wilden Harmonien lief die Flotte im Hafen ein. Triumphgeſaͤnge erhoben ſich aus dem dicken Nebel, der die Ufer von Saline und Seallaſtle bedeckte. Das Echo von Mor⸗ ven bewegte ſich bei dieſen Lauten, und 1 — 19— Duart vernahm, wie die ferne Woge in der dunkeln Meerenge von Mull ſeufzte. So nahte die froͤhliche Mannſchaft. Wenn ihre Blicke zuweilen auf den Nachen fielen, der das Spiel des Stromes war, ſo druͤckten ſie jene veraͤchtliche Gleichguͤltig⸗ keit aus, womit der reiche Stolze den nie⸗ dern Leibeigenen zu Boden wirft, wenn er ihm bei ſeiner ſauern Arbeit begegnet. Wenn ſie wuͤßten, wen dieſer zerbrechliche Nachen traͤgt, nicht haͤtten ihn dieſe trium⸗ phirenden Schiffe ohne Herausforderung vorbeigehn laſſen. Ehe ſaͤh man den Wolf, den der Hunger in die Ebne treibt, den Schafſtall verſchonen, der ohne Ver⸗ theidigung iſt. Und du, Ronald, entferne dich mitten unter den Geſaͤngen der Min⸗ ſtrels. Aber wenn du die erkannt haͤtteſt, bei der du voruͤberzogſt, ſo wuͤrde dein Blick blitzen und eine ſchnelle Roͤthe deine Stirn uͤberziehn, ſtatt mit ſo viel Zwang des Braͤutigams zaͤrtliche Freude zu heu⸗ cheln, der ſich ſeiner Verlobten nahet. Moͤgen ſie ihren Weg fortſetzen... Ich 2 2 ————. — 1 1 V werde den Unglaͤcklichen nicht verlaſſen in ſeinen Seufzern, um denen zu folgen, die triumphiren. Mag die Freude dieſe glaͤn⸗ zende Flotte begleiten, moͤgen die Barden das Feſt durch ihre Romanzen verſchoͤnern, ruhmvolle Geſchichten und Feſtgeſaͤnge nicht 5 ſparen; moͤgen die geraͤuſchvollen Ausbruͤche der Freude das Herz betaͤuben, deſſen Kuͤm⸗ h. merniß ſie nicht zu zertheilen vermoͤgen. Der Saͤnger folgt jenem durch Felſen und Abgruͤnde bedrohten Nachen, dieſen ermuͤ⸗ deten Ruderern, die der Gefahr trotzen, und jener Jungfrau in Thraͤnen. k Die Mannſchaft ſtrengte ſich den ganzen Tag uͤber vergebens an. Als es Abend ward, machte die Naͤhe des Sees die Stroͤmung, der ſie entgegenzufahren hatten, nooch gefaͤhrlicher. Als ſie in die Meerenge ſteuerten, ward das Fahrzeug den brauſend ſich thuͤrmenden Wellen ausgeſetzt. Wie Lanzenſchafte, die mit Blitzesſchnelle das Schlachtfeld uͤberfliegen, erhoben ſie ſich in die Luͤfte. Des Abends letzte Strahlen waren verſchwunden, gewaltig ſeufzte der Suͤdwind in den Felſen von Inninmoore. Das Seegel war zerriſſen, der Maſt ſchwankte, das Waſſer drang durch die breiten Spalten. Der zitternde Steuermann ſtarrte auf das Ruder, das er den Wogen uͤberlaſſen mußte. Jetzt wandte ſich ein Krieger zu ihm, deſſen ſtrengen, ruhigen Blick weder Furcht noch Ermuͤdung uͤberwaͤltigen konnte.„Mein Bruder(ſprach er) hoffeſt du bis Anbruch des Tages der Wuth der Wellen widerſtehn zu koͤnnen? Fuͤhlſt du nicht, daß der Nachen unter unſern Fuͤßen zittert. Seine Seiten ſeufzen unter jedem Stoß der Wellen, und doch— was bleibt uns anders zu thun? Du ſiehſt die ungluͤckliche Iſabelle halb tod vor Furcht und Schreck. Das Meer, die Felſen, der mit dichtem Gewoͤlk bedeckte Himmel, Alles deutet auf Verzweiflung und Tod. Iſabelle allein beunruhigt mich; denn mich koͤnnen die Gefahren, die mich auf Land und Meer verfolgen, nicht mehr er⸗ ſchuͤttern. Ueberall werde ich dir folgen, muͤßten wir dem Orkan Trotz bieten, uns zu dieſem ſeindlichen Thurme wenden, oder -— 22— uns mitten unter jene Flotte ſtuͤrzen, um ihre Freude durch Kriegsgeſchrei zu unter⸗ brechen und mit den Waffen in der Hand zu ſterben.“ Mit feſter Stimme antwortete ihm ſein Bruder: „Oft kommt in der aͤußerſten Gefahr der Himmel den Menſchen zu Huͤlſe. Suche das zerrißne Seegel einzuziehn; ich werde das Steuerruder ergreifen, und unſern Weg unter dem Wind verfolgen; auf dieſe Art werden wir die Bucht von Weſten vermei⸗ den, und uns der ſeindlichen Flotte und einem ungleichen Kampf entziehn. Ich werde unſre Galeere unter die Mauern des Schloſſes richten; denn iſt noch einige Hoff⸗ nung der Rettung fuͤr uns uͤbrig, wir muͤſſen ſie als Ungluͤckliche, die der Sturm ver⸗ ſchlagen hat, aufſuchen und— unverletz⸗ lich als Gaͤſte— eine Zuflucht begehren. Wuͤrde auch die Gaſtfreundſchaft nicht ge⸗ achtet... ſo kommt es unſerm Rang, unſrer Ehre, unſerm Muth zu, nur von edler Hand zu ſterben.“. 2 — 23— Nun ließ das Steuer, in ſeiner kraͤftigen Hand, dem ausgeſpannten Seegel Wind ge⸗ winnen, und in neuer Richtung ſpaltete das Fahrzeug das ſchaͤumende Gewaͤſſer, wie der von ſeinen Feſſeln befreite Windhund ſich auf ſeine Beute ſtuͤrzt. Die gefurchten Fluthen bildeten unter dem Vordertheil des Schiffs 6) Orrſeuer im Ocean, Blitze des Seewaſſers. Funken ſpruͤheten aus den ſich brechenden Wellen, und die Seiten des Fahrzeugs erleuchtete ein magiſcher Wider⸗ ſchein. Einen ſchreckenden Glanz wirft die⸗ ſes blaſſe Licht in die Schatten der Nacht. Man haͤtte ſagen koͤnnen, der alte Oceanus ſchuͤttle dieſe blaͤulichten Feuer von ſeiner Stirn, eiferſuͤchtig uͤber die Meteore, die den naͤchtlichen Horizont um den Berg Hekla durchziehn.— Noch ſichrere Helle leitete das Fahrzeug in der Finſterniß. Aſtorniſh, das auf der ſich emporſchlaͤngelnden Fels⸗ hoͤhe zwiſchen den Wolken und dem Ocean „zu ſchweben ſchien, glaͤnzte in tauſend Flam⸗ men, deren Feuerſtrahl ſich laͤngs dem Lande und dem Meer bis in die Ferne ausbreitete. — 4— Die Galeere richtete ſich nach diefem guͤn⸗ ſtigen Licht, in welches des Mondes blei⸗ cher Strahl ſich miſchte, der ſeine Scheibe uͤber die Huͤgel von Oſten zu erheben anfing, Bald waren ſie dem Geſtade ſichtbar. Oft wiederholtes Freudengeſchrei ertoͤnte zu dem dumpfen Gebrauſe des Sturms, dem Geraͤuſch der Wogen und dem Gepfeife der Nachtvoͤgel, die mit dem Feſtconcert zu ſtreiten ſchienen, wie die Leichengeſaͤnge, die oft ploͤtzlich das Lied der Gelage unter⸗ brechen, oder wie das Schlachtgeſchrei, das der Landmann von ſeinen Berghoͤhen hoͤrt, wenn Sieg, Verzweiflung und Tod uͤber die blutbefleckten Halden ſchweben.— Indem ſie ſich dem Geſtade nahten, er⸗ blickten ſie mitten in Nebel und Sturm den finſtern Thurm vor ſich, der ſeinen Schatten weit hinaus auf den Ocean warf, welcher ſich an ſeinen Felſen brach. Das flackernde Licht vieler Tauſende von Fackeln, die ſich im Meere vervielfaͤltigten, ſchien ſeinen Buſen zu umſpielen, und die ſchnel⸗ len Blitze, die auf den Wogen glaͤnzten, erinnerten an jene eitlen Freuden, die in dieſem Thraͤnenthal einen Augenblick blen⸗ den und dann auf immer verſchwinden. Sie gingen unter den Mauern des Schloſſes in einer friedlichen Bucht vor Anker. Ein im Fels gehauner Durchgang leitete auf einer engen Treppe zur Feſtung. Sie war ſo hoch, daß ſie ein einziger, mit einem Eichenknuͤttel bewaffneter Mann hin⸗ reichend gegen die Lanzen und Streitaͤxte von tauſend Soldaten vertheidigen, und ſelbe in den Abgrund des Meeres zuruͤck⸗ ſtuͤrzen konnte. Der Steuermann ſtieß ins Horn. Die Echos des Thurms, des Meers, der Felſen antworteten ihm. Die Pforte krachte, und drehte ſich in ihren Angeln, bald glaͤnzte die Schiffslaterne des Aufſehers auf den ſchluͤpfrichen Stufen der Stiege. „Seid dreimal willkommen, heiliger Vater! Crief er) ſeit lange ſchon iſt der hochzeitliche Pomp bereit. Eure Zoͤgerung beunruhigte uns, wir befuͤrchteten, der Herbſtwind habe euren Nachen verſchlagen.“ „Aufſeher!(antwortete der junge Frem⸗ de) dein Irrthum koͤnnte an einem Feſt⸗ tag ergoͤtzlich ſeyn; aber in einer finſtern Nacht wie dieſe, wo der zuͤrnende Wind die Meere empoͤrt, ſtehn ſolche Scherze ſchlecht! Wir begehren Beiſtand und einen Ort der Ruhe fuͤr dieſe Jungfrau; was uns betrifft, ſo ſcheinen uns die Bretter des Verdecks eben ſo weich als das Moos⸗ lager, von Weſten im Maimond umkoſt. Nur fuͤr unſern Nachen ſuchen wir einen Schutz gegen die Fluten; und wenn des Tages erſter Schimmer den Oſten erleuch⸗ ten wird, werden wir unſern Weg fort⸗ ſetzen.“ 3 Der Aufſeher fragte:„In weſſen Na⸗ men verlangt Ihr Gaſtfreundſchaft? Wo kommt Ihr her, und wohin richtet Ihr Euren Weg. Sah Erin aus ſeinen Haͤfen Eure geſpannten Seegel ziehn? Fuͤhren Euch Norwegens Stuͤrme herbei? Sucht Ihr Englands fruchtbare Elnen oder Schott⸗ lands Gebirge?“ „Wir ſind Krieger; ein Geluͤbde bin⸗ 1 det uns einige Zeit nur dieſen einzigen Namen zu fuͤhren. Zuweilen laͤchelte uns der Ruhm in Stuͤrmen und in Kaͤmpfen. Dieſe wenigen Worte genuͤgen einer groß⸗ muͤthigen Seele, uns eines Zufluchtsorts und einer bruͤderlichen Aufnahme zu wuͤr⸗ digen. Das iſt's, worauf unſer Verlangen ſich gruͤndet. Gewaͤhrt uns dieſe geringe Wohlthat, und mit Erkenntlichkeit werden wir Eure Rechtlichkeit in fernen Reichen verkuͤndigen. Weigert Ihr ſie uns, ſo ſey Eure geizige Wohnung auf immer von edlen und ſtolzen Seelen verachtet, und Euch vermeide der Pilger, wenn er dieſe Geſtade heimſucht.“ —„Stolzer Fremdling!.. Nein!.. Deiner Bitte kann keine Thuͤr verſchloſſen bleiben, ob Du gleich mehr als ein Koͤnig, denn als ein Bittender ſprichſt; das Schloß von Aſtorniſh ſteht an dieſem Tag des Gluͤcks allen offen. Haͤttet Ihr das Schwert gezogen gegen unſere Verbuͤndeten, Eng⸗ lands maͤchtigen Koͤnig, haͤttet Ihr das Panzerhemd angelegt zum Streit gegen den 8— 23— Laird von Lorn, oder waͤret Ihr als Fluͤcht⸗ linge mit dem wilden Ritter von Elles⸗ ellie umhergeirrt, und haͤttet Theil ge⸗ nommen an dem moͤrderiſchen Kampf, der Comyn fallen ſah unter den Dolchen des Todtſchlaͤgers Bruce: dieſe Nacht wuͤrdet Ihr doch unverietzlich ſeyn! Holla, Lehns⸗ volk, man empfange unſre Gaͤſte, und oͤffne ihnen den Ausfall der dunkeln Stiege. Jetzt ſprangen die beiden Bruͤder aufs Land, die ermuͤdete Mannſchaft aber blieb zur Hut des Fahrzeugs zuruͤck. Beim Glanz der Fackeln, deren von Rauch ver⸗ finſtertes Licht im Meer widerſtrahlte, trug einer der Ritter die faſt vergehende Jung⸗ frau aufs Geſtade. Ihr Haupt neigte ſich auf ſeine breiten Schultern, und die Locken ihres Haares hingen herab, dem Geflecht der wilden Rebe aͤhnlich, der die Berg⸗ eiche zur Stuͤtze dient. Der andre, aͤltere Ritter folgte ſeinem Bruder. Er trug ein Schwert in der Scheide. Wenig Arme konnten ſolch eine Waffe fuͤhren; wenn der Tapfre ſich ihrer bediente, widerſtanden die 4 1 — ¹ feſteſten Helme und die gediegenſten Schilde ihren Schlaͤgen nicht lange. Sie gingen durch ein Pfoͤrtchen, wel⸗ ches das aufgezogne eiſerne Fallgatter ver⸗ ſchloß, in ein langes mit Schießloͤchern ver⸗ ſehenes Gewoͤlbe, in welchem ſich die Streit⸗ aͤrte zum Empfang des Feindes befanden, den Verrath oder Gewalt in dieſe Ver⸗ ſchanzung bringen konnte. Aber heut war jeder Poſten leer, die Eingaͤnge frei und unvertheidigt. Die Fremden gelangten zu einer großen Halle, wo die Knappen und Lehnsmaͤnner, die Pagen und die Knechte das Feſt begingen. „Hier verweilet,(ſprach der nuſſeher) Ich eile unſerm Fuͤrſten Eure Ankunft zu melden; und Ihr, Cameraden, hoͤrt auf die Jungfrau und dieſe Fremden zu be⸗ ſtaunen, als wenn Ihr nie eine ſeekranke Dame oder die maͤnnliche Geſtalt eines Kriegers geſehn haͤttet! Trotz dieſem Vor⸗ wurf Cachins, entfernten ſich weder die Pagen noch die Knechte; ſie einten ſich in großen Kreiſen um die Reiſenden, wie Leute zu thun pflegen, denen der Anſtand fremd iſt. Allein der hitzige Eduard entriß dem, der ihm zunaͤchſt ſtand, mit Heſtig⸗ keit den gewuͤrfelten Plaid, und warf ihn uͤber ſeine Schweſter, ſie den Blicken dieſer rohen Maͤnner zu entziehn. Als aber des Ritters Bruder dem Schotten mißvergnuͤgt die Braunen zuſammen ziehn ſah, richtete er eine kurze, doch ſtrenge Entſchuldigung an ihn. „Lehnsknecht!(ſprach er) wiſſe, daß der Mantel, den dein Laird am Tage die⸗ ſes Feſtes traͤgt, geehrt ſeyn wuͤrde, dieſe Jungfrau zu bedecken!“ Seine Sprache war ſtolz, aber ruhig. Sein Auge ſtrahlte von einer ſo gehaltvollen Wuͤrde, ſeine Haltung war ſo edel und ge⸗ bieteriſch, daß er den gemeinen Seelen Ehrfurcht einfloͤßte. Das Kopfſchuͤtteln, die Blicke, das Hohnlachen, alles hoͤrte auf. Betreten zog ſich ein Lehnsmann hinter den andern zuruͤck, wie eine Heerde ſchuͤch⸗ terner Dammhirſche. Der Hausvoigt er⸗ fchten jetzt. Er hatte vom Baron den Be⸗ fehl erhalten, die Fremden in den Saal zu fuͤhren, wo man das praͤchtige Ehebuͤnd⸗ niß des Fuͤrſten der Inſeln mit Editha, ſeiner ſchoͤnen Braut, begehen wollte. Ihr zur Seite erblickte man ihren tapfern Bru⸗ der und mehrere Ritter, die Blumen und den Stolz der Laͤnder und Meere des Abend⸗ landes. Und hier, Leſer, laß uns ausruhen; hat meine Erzaͤhlung deine Nachſicht ver⸗ dient, ſo verweigre mir nicht einen Augen⸗ blick der Geduld. Bald hebt der Min⸗ ſtrel ſeinen Geſang wieder an. Zweite Dichtung. Faler die Becher, ſchmuͤcket die Taſeln des Feſts, verſammelt alle, die Vergnuͤgun⸗ gen, Ritter und Damen lieben; damit der Freudenerguß und der Harmonieenklang die Flucht der Sorgen und des Kummers an⸗ zeige und fei're. Luͤftet ihn nicht, den be⸗ zaubernden Schleier, fraget nicht, ob das Gluͤck bei dieſem Feſt den Vorſitz fuͤhre? ob dieſe heitern Stimmen des Herzens Gefuͤhle beſtaͤtigen, oder das Lachen muͤh⸗ ſam nur den Schmerz verberge? es genuͤge Euch zu wiſſen, daß in dieſem kurzen Er⸗ denleben kein Ort vor Sorgen, dem Erbe der Menſchheit, ſchuͤtzt! Der Klang der Becher, die ieder der Barden, alle Ergoͤtzlichkeiten dieſer Vorzeit, huldigten dem Hymen des Beherrſchers der Eilande; aber ſein duͤſtres Auge ſpruͤhte blitzende Gluthen. Roͤthe und Blaͤſſe zuck⸗ ten abwechſelnd uͤber ſeine Stirn, und dem Geiſt des Feſtes fremde Regungen wurden ſichtbar auf ihr. Zuweilen erwachte er wie aus tiefen Traͤumen, in denen vergebens der Sang der Minſtrels und ſeines Luſtig⸗ machers poſſenhafte Erzaͤhlungen um ihn laut wurden, und in ſeinen Ohren wie verworrne Toͤne erklangen, die man im Schlafe hoͤrt. Dann erhob er ſich, reizte die Luſt lebhafter an, forderte freudig ſeine Gaͤſte auf, und erregte den Sang der Barden; dann erſchien er als der Geraͤuſch⸗ vollſte, und war vergnuͤgter als Alle. Die Geladenen erblickten nichts Außerordent⸗ liches in dieſen Uebergaͤngen von langem Nachſinnen zur tollen Luſt. Sein zerſtreu⸗ tes Anſehn galt ihnen fuͤr Gefuͤhl ſeiner Entzuͤckung— fuͤr Ahnung ſeiner nahen Seligkeit; die lebhaften Aufwallungen einer ploͤtzlichen Freude ſchienen ihnen der Ausdruck von dem Gluͤck des jungen Gatten. Sie taͤuſchten ſich nicht allein. Der ſtolze Lorn C felbſt, der eben ſo argwoͤhniſch, als hoch⸗ muͤthig und eiferſuͤchtig auf ſein edles Ge⸗ ſchlecht war, und der ſchoͤne Ritter Argen⸗ tine 7), den England nach Schottland ge⸗ ſendet hatte, um das Buͤndniß mit der nordiſchen Ligue zu befeſtigen, glaubten beide in Ronalds Unruhe und ſeiner Laune das Entzuͤcken des Liebhabers zu finden. Aber ein Herz war mit Trauer belaſtet, zwei Augen mit Thraͤnen erfuͤllt, die das Geheimniß durchblickten, und mit ſchmerz⸗ licher Unruhe des neuen Gatten ſeltſame und unbeſtaͤndige Laune erforſchten. Editha beobachtete ihn... allein ſie vermied ſeine Blicke, ſo wie Ronald die der Braut, und wenn ſie einander begeg⸗ neten, ſo haͤtte ihm der Stich einer feind⸗ lichen Lanze nicht weher gethan. Er fuhr zuſammen, dann that er ſeinem Herzen Gewalt an, die ſchwere Rolle durchzufuͤh⸗ ren, zu der er verpflichtet war. Er erhob ſich von der Tafel. „Fuͤllet den großen Pokal 3), der einſt dem koͤniglichen Sommerled gehoͤrte!“ rief — 35— er.„In roͤthlichen Blaſen ſchaͤume der Goldſaft bis an ſeinen kuͤnſtlich gearbeiteten Rand, daß die Perlen, die ihn beſetzen, ſich in ſeinen Purpurfluthen wiederſpiegeln; Euch ſey er gebracht, mein Bruder, tapfrer Ritter, auf Euer Wohlergehn, auf den ruhmgeſchmuͤckten Verein unſrer beiden Staͤmme durch das Band dieſer gluͤckſeligen Ehe!“ „Laßt den Pokal in der Runde umher⸗ gehn!“ antwortete der Gebieter von Lorn; „dieſer Toaſt kommt zu rechter Zeit. Das Horn verkuͤndigt die Ankunft des Abts; Endlich iſt er da— der laͤngſt vergebens erwartete Moͤnch!“ Lord Ronald hoͤrte, wie man ins Horn ſtieß, und der Pokal, den ſeine Lippen noch nicht beruͤhrt hatten, ſiel ihm aus der Hand und rollte zu ſeinen Fuͤßen. Doch als ihm der Aufſeher ins Ohr fluͤſterte, wem das Horn verkuͤndigt hatte, erſchien ſeine Heiterkeit von neuem, wie die Sonne im Mai, ein dichtes Gewoͤlk durchbrechend. Der Fuͤrſt der zwei hundert C 2 Inſeln ſegnete einen Augenblick des Auf⸗ ſchubs, wie der Miſſethaͤter, der ſeine Strafe erwartet in naͤchſter Stunde. „Bruder Lorn!“ ſtieß er eiligſt hervor, „und Ihr, Ihr Edlen! freuet Euch. Um die Zahl der Geladenen zu vermehren, ſchickt uns der Zufall fahrende Abentheurer, die aus fernen Laͤndern kommen, und die — ſo ſagen ſie!— ihren Muth zu Land und Meer erprobten. Man gebe ihnen an unſrer Tafel einen ihres Ranges wuͤrdigen Platz; und ſaget ihnen, daß ſie willkommen ſind.“ Der Hausmeiſter 9), ſeinen Silberſtab tragend, trat mit wuͤrdevollem Anſtande zu den Fremdlingen. Leicht errieth er den Platz, der ihnen zukam. Obſchon das reiche Pelzwerk ihrer Plaids zerriſſen war, ihre Gewänder abgetragen und ihre golde⸗ nen Sporen mit Koth bedeckt, ſo lag doch in ihrer Haltung und auf ihrem Geſicht eine ſo Ehrfurcht gebietende Groͤße, daß ſie der Stelle eines Fuͤrſten, oder des 2 b Throns eines Koͤnigs wuͤrdig ſchienen. Er wieß ihnen die Ehrenſtelle an. Ritter und Damen ziſchelten einander in die Ohren, und ihre eeiferſuͤchtigen Blicke kuͤndigten ihr Mißvergnuͤgen uͤber die Gegenwart der Fremden an, deren Name ſelbſt unbekannt war, und die eine Stelle einnahmen, die dem Thron des Fuͤrſten ſo nahe war. Aber Owen Erraugt ſprach:„Hausmeiſter bin ich ſeit vierzig Jahren und uͤbe das ehrenvolle Amt, den Platz der Gaͤſte zu waͤhlen, in den Hallen und Pallaͤſten; ich erkenne den Rang und die Geburt eines Jeden an ſeinen Blicken, Benehmen und Haltung. Nicht der Reich⸗ thum der GewänNhnich die Stickerei der Guͤrtel entſcheiden— beſtimmen meine Wahl; und ich ſetze meinen Silberſtab gegen einen Eichenknuͤttel, daß dieſe Unbe⸗ kannten oft ſchon ehrenvollere Plaͤtze ein⸗ nahmen, als ich ihnen gegeben habe.“ „Auch ich!“ erwiederte der alte Fer⸗ rand,„die Wiſſenſchaft des Saͤngers er⸗ laubt mir wohl, von Rang und Ehrenſtellen zu urtheilen. Bemerkt, Freunde, den Juͤngſten dieſer Fremdlinge! wie lebendig ſein Blick! wie anmuthig! wie ſtolz! Blitze ſprangen aus ſeinen Augen, als er mitten ins Gewuͤhl dieſer Ritter trat, als wolle er die Edelſten ſuchen, und ſey nur gewohnt, bei ſeines Gleichen zu verweilen. Gleichwohl befremdet mich der ruhige, majeſtaͤtiſche Blick des Andern noch weit mehr, mit dem er dieſe Gaͤſte betrachtet. Er ſcheint einem Weſen hoͤherer Art zu gehoͤren, das mit unpartheiiſchem Geiſt den Unterſchied des Ranges und den Glanz der Groͤße mit einem Mal auffaßt. Und dieſe Jungfrau— ſo eng ſie auch immer der Plaid umſchließ r ihre Geſtalt und ihre Augen verbirg kann ſie uns wohl ihre Anmuth, das ſchoͤne Ebenmaaß ihrer Formen entziehn?“. Die Stirn des Freiherrn von Lorn druͤckte Argwohn und hochmuͤthige Verach⸗ tung aus. Mit truͤb⸗dunkelm Blick ſah er die Fremdlinge an, und murmelte einige Worte, die Argentine allein verſtand. — Dann fragte er ſie laut und mit wenig Worten: ob ſie auf ihren Zuͤgen nicht von den aufruͤhriſchen Schotten haͤtten ſprechen hoͤren, die ſich mit dem landesverwieſenen Haͤuptling von Carrick nach Rath⸗Erin gefluͤchtet haͤtten 1) 2 ob dieſe Aufruͤhrer noch nach dem Winter die Ufer von Ulſter bewohnten? oder ob ſie aufs neue ihre Galeeren beſtiegen haͤtten, um zur Pluͤnde⸗ rung ihres Vaterlandes zuruͤckzukehren? Der Juͤngſte der Fremdlinge, ſtolz und aufbrauſend, ſah den Baron von Lorn ſtarr ins Geſicht, und erwiederte mit Verach⸗ tung:„Wir wiſſen von keinen Aufruͤhrern. Aber willſt du von dem Koͤnig Bruce ſpre⸗ chen, ſo benachrichtige ich dich, daß er ge⸗ ſchworen hat, daß, neun Tage um ſind, die Winde Schottlands ſeinen Banner zum Trotz ſeiner Feinde umwehen werden. Sei⸗ ner Feinde! wer ſie auch immer ſeyn wer⸗ den, trotz der mit Lanzen und Bogen be⸗ waffneten Englaͤnder, trotz Allaſters von Lorn!“ Des Barons Zorn entflammte ſich bei — 40— dieſen Worten; aber Ronald beguͤtigte ſeine aufwallende Wuth, und ſagte:„Es iſt beſſer, mein Bruder, die Nacht mit Fer⸗ rands Liedern hinzubringen, als mitten im Feſt den Haß von neuem zu entzuͤnden, den dieſer ungluͤckliche Krieg gebahr.“ „Ich bins zufrieden!“ ſagte Lorn, und nahm Ferrand bei Seite, das Haupt der Minſtrels. Dann ſagte er leiſe zu Argen⸗ tine:„Irre ich mich nicht, ſo wird die Ballade, die ich gewaͤhlt habe, die uͤber⸗ muͤthigen Herzen dieſer Fremdlinge, die ſo wacker ſcheinen, verwunden!“ Er ſchwieg, und eine allgemeine Stille herrſchte, bis der Saͤnger alſo begann; Lorus Spange. Ballade. Welch eine goldne Spange faßt Von Lorn den ſtolzen Plaid? Es decket ſie der Perlen Laſt, Den Werth noch Kunſt erhoͤht. — 4 1— Auf der Tartane buntgefleckt, Im Regenbogenglanz, Wie Nordens Stern, wenn Nacht uns deckt Blitzt ſie im Zitterglanz. Du ſeltnes Kleinod, unbekannt Auf unſers Schottlands Hoͤh'n! Hat dich der Springbrunn'n Fee geſand t Als Gabe? hat von Seen Najad' dich im Korallenhain Polirt? und Irlands Gnom Geſchmiedet dich aus Edelſtein In ſeiner Schachte Dom? Wenn Menſchenhaͤnde dich gemacht, Waͤrſt du das Friedenspfand, Das Englands Freundſchaft uns gebracht, Die Furcht des Frankenland? Nein! deine Schoͤnheit gleichet nicht Des Fremdlings Kunſt, die Fee Erſchuf dich nie bei Zauberlicht— Beſtimmt warſt du zur Hoͤh Der Koͤnigsbruſt, der ſtolze Bruce 11) Des Haß erfuͤlltes Herz Ihm unter'm Koͤnigsmantel ſchlug, Vermißte dich mit Schmerz, 4 Denn Lorn mit ſieggewohnter Hand Entriß ihm ſeine Pracht, Die Spange ward des Tapfern Pfand— Das Kriegsgeſchrei erwacht': Von Bendouriſh der Wald erbebt und Doucharts Felſen hallt Von ſeinen Seufzern— es enthebt Das Wild ſich dieſem Wald; Des wuͤſten Teyndrum Hoͤh' hinan Sieht man es ſchuͤchtern fliehn, Der todeswunde Waffenmann Sieht nicht der Spange Gluͤhn: Der Mordgewohnte, ſchambedeckt, Schand, Schmerz und Blutes voll, Verlaͤßt das Pfand, das Ruhm erweckt Zu Siegers reichem Zoll; Und Douglas ¹²³) Schwert und Campbells Arm, Kirpatriks 15) Meucheldolch, So oft geprieſen— kampfeswarm Zertreten wie ein Molch! Als leuchtend dieſe Spange ſtrahlt Auf unſers Haͤuptlings Plaid, Barendown⸗Delahaie zahlt Mit Flucht— denn hingeweht, Wie Blaͤtter, iſt der Soͤldner Schaar— Ihr Herrſcher uͤberlaͤßt Sie Hochlands blutiger Gefahr Und Englands Marterfeſt! So irr' von See zu See er fort, Von Comyn's Geiſt verfolgt; Er hoͤr' des Schattens raͤchend Wort, Den meuchlings er erdolcht; Und lange ſchmuͤcke als Trophe“ Die Spange Lorn, den Held— Daß Berg und Thal und Wald und See, Des Tapfern Muth erzaͤhlt!— Wie der Tiger, wenn Pfeile und Bogen ihn umringen, mit blitzenden, zornfunkeln⸗ den Augen denjenigen unter den Jaͤgern ſucht, den er zu ſeiner Beute machen will, ſo ſah Eduard bald den Barden, bald den Freiherrn an. Er ergriff ſein Schwert; aber mit ſtrengem Blick ſprach ſein Bruder: „Halt ein; kannſt du dich ſo wenig ſelbſt beherrſchen, nach ſo viel Pruͤfungen und Leiden, daß du nicht einmal die Geſaͤnge eines gemietheten Barden ertragen kannſt? — 44— Greis! deine Ballade erhebt wuͤrdig genug den, dem du deine Dienſte verkaufſt. Doch warum ſagſt du nichts von jenen drei Va⸗ ſallen des Barons von Lorn, die ſo brav waren als treu? die ihren zur Erde geſtreck⸗ ten Gebieter aus Bruce's Haͤnden riſſen und ſtarben, um ihn zu retten? Ich hielt dafuͤr: daß die Spange und der Mantel in den Haͤnden dieſer ungluͤcklich Sterben⸗ den geblieben waͤre, als von hundert Fein⸗ den, die ſich auf ſie warfen, Bruce das Schlachtfeld lange Zeit nachher verließ, als Lorn ſich gluͤcklich pries, das Leben davon gebracht zu haben... doch genug davon... Minſtrel! nimm dieſe goldene Kette zum Lohn, zum Ehrenſold. Sie leihe dir we⸗ nigſtens den Vorwand, kuͤnftig edler von Bruce zu ſprechen 14).“ „Bei dem heiligen Columba!“ ſchrie mit Wuth der Baron von Lorn,„bei allen Gebeinen der Heiligen, die in ſeiner Kirche ruhn, ſchwoͤre ich, Bruce iſt es ſelbſt. Er ſterbe, um den Tod meines Blutsfreunds zu ſuͤhnen! 14— — 45— „Nein!“ rief Ronald,„ſo lange meine Hand das Schwert traͤgt, werde ich nicht leiden, daß man einen unbewehrten Krieger vor meinen Augen aufopfre! Das Blut des Fremdlings wird mein Schloß nie beſudeln; dieſer alte Sitz meiner Vaͤter dient den Ungluͤcklichen zur Freiſtatt und den Schwachen zu Schirm und Schild; nicht hier ſoll man einen Ungluͤcklichen er⸗ wuͤrgen, den der Sturm verſchlagen hat.“— „Was redet Ihr von ungleichem Streit?“ erwiederte Lorn,„Comyn fiel unter den Eiſen von drei Verworfenen, die ihm das Herz durchbohrten. Bringt mir das Gaſt⸗ recht nicht in Anſchlag. Comyn ſiel in dem Tempel des Hoͤchſten, ſein Blut floß auf den Altar. Sein unverſoͤhnlicher Meuchel⸗ moͤrder trat den ſtarren Leichnam dort mit Fuͤßen.... wie dieſer Barbar traͤgt der den Arm gewaffnet, thront Verachtung auf ſeiner Stirn; ſchlagt zu, vertilgt dieſe aufruͤhreriſchen Verbannten, Ihr, meine Freunde!“— Da erhoben ſich mehrere Lairds von den Baronicen auf dem Conti⸗ nent, der Stimme ihres Haͤuptlings gehor⸗ ſam. Barcaldine bewegte den nervichten Arm, Kinloch⸗Alline zog das Schwert, der ſchwarze Murthock den Dolch; Dermid hatte ſeine derbe Fauſt zum Schlag erho⸗ ben.— Sie forderten gerechte Rache, und wiederholten das Kriegsgeſchrei mit hoch aufgehobenen Waffen, daß erſchrocken die Frauen entflohen! O Schottland, geſchehn war es um deinen edelſten Sohn, er mußte am Morgen ſeines Seyns umkommen, wenn nicht die tapfern, von den Eilanden des Oceans gekommenen Ritter, jetzt um Ronald geſchaart, die Wuth des unbarmherzigen Lorn abgewehrt haͤtten. Das waren der tapfre Torquill, der Laird der winterlichen Hoͤhen von Skye; herabgekommen von den Bergen von Dunvegan; Mac⸗Niel, der alte Tann der wilden Bara; Duant, der Haͤuptling des kriegeriſchen Clans von Gil⸗ lian; Fergus, der Laird der Bucht und des Schloſſes von Canna; Mac Duffilk, der Lord von Colonſay. Als ſie die Schwerter glaͤnzen ſahen, erhoben ſie die Waffen um — 47— ſo ſchneller, als der alte Haß kaum ein⸗ geſchlummert, nie aber erloſchen, ſchon ſeit langer Zeit die Lords von England und die Haͤuptlinge der Hebriden entzweite⸗ Schreckliches Schauſpiel! von allen Seiten glaͤnzten die Waffen, die Locken der Haͤupt⸗ linge flogen wild durcheinander; ſie drohten einander mit den Augen; ſchon kreuzten ſich die Schwerter und die Arme, auf dem moͤrderiſchen Stahl ſpiegelten die Fackeln ſich mit blaͤulichen Blitzen; und Hymens Fackel ſchien eher dazu beſtimmt, ein blu⸗ tiges Schauſpiel, als die Freuden eines Hochzeitfeſts zu beleuchten. Der Kampf war eben im Beginnen. Die Ritter bewegten die bloßen Schwerter, und ſchickten ſich an, ſich gegenſeitig zu erwuͤrgen; aber noch zoͤgerten alle dieſe ſich feindlich einander Gegenuͤberſtehenden aus einem Ueberreſt von Ehrfurcht fuͤr das Recht der Gaſtfreundſchaft. Wuth flammte in ihren Augen, aber jeder ſcheute ſich, den erſten Schlag zu thun, weil die Barden den verfluchten, der des Feſttags Frende ſtoͤrte; auch machte die Gleichzahl der Rit⸗ ter jeder Parthei den Ausgang des Kampfes ungewiß. Drohungen und Geſchrei hoͤrten nach und nach auf, und bald blieb der ganze kriegeriſche Haufe in einem eben ſo tiefen als ruhigen Schweigen verſunken, das, ein Bild des Todes, dem Ungewitter vorausgeht. Englaͤnder und Schotten blie⸗ ben ſaͤmmtlich regungslos, wie die Eiſen⸗ maͤnner der alten Zeit, von denen man ſagte: es fehle ihnen nur der Athem, um den Streit anzufangen. Editha benutzte dieſen Augenblick, um die erzuͤrnten Gemuͤther zu beſaͤnftigen. Mit ihr zugleich ſtuͤrzte die junge Fremde auf Argentinen zu; ihr Schleier war losge⸗ gangen, und zeigte das Feuer ihrer Blicke und ihre ſchwimmenden Haarlocken. „O du,“ ſagte ſie,„ſonſt die Blume der Ritterſchaft und der Hort des Schwachen, der du in Judaͤg uͤberwandeſt nach unſerm heiligen Geſetz, und oft als Sieger im Turnier den Preis davon trugſt, den dieſe ſchwache Hand dir reichte— kannſt du fuͤhl⸗ —— —— — 49— los bleiben beim Ruf der Ehre, die uͤber ſolch ungleichen Kampf erroͤthet, in dem meine Bruͤder, die ſonſt deine Freunde waren, mit Hintanſetzung alles Gaſtrechts, umgebracht werden ſollen?“ Zwar wurden dieſe Worte an Argentine gerichtet; aber die Augen der ſchoͤnen Bit⸗ tenden ſprachen mit dem Herrn der Eilande. Bleich, wie die letzten Strahlen des ſchwindenden Tages, war Ronalds Stirn; er erbebte bei dieſer Rede; wie ploͤtzlicher Krampf ſchauderte es durch ſeinen ganzen Koͤrper. Er warf der ſchoͤnen Flehenden einen Blick voll Unruhe zu, und ſprach mit zaghafter Stimme:„Fuͤrchte nichts, meine Iſabelle... ach! was ſag' ich? fuͤrchte nichts, Editha; nein! fuͤrchte nichts. Ich werde dich zu ſchuͤtzen wiſſen, meine holde Braut. Meine Braut!.... dieſes letzte Wort erſtarb ihm auf der zitternden Lippe. Jetzt trat Argentine hervor, und for⸗ derte als Vaſallen ſeines Koͤnigs und Herrn die beiden Fremdlinge, welche die Waffen gegen ihn gefuͤhrt hatten. Ohne Zweifel D war dieſes Verlangen blos ein Vorwand, um ſie zu retten; denn kein Ritter war rechtlicher und braver als Argentine. Ronald errieth ſeine Abſicht, und widerſetzte ſich nicht, aber der wuͤthige Torquil that es. „Wir haben von Englands Joch ſpre⸗ chen hoͤren,“ rief er,„und der Ruf hat gleichfalls von Bruce's Rechten auf Schott⸗ lands Thron in unſern Inſeln gefluͤſtert, ob ihm gleich ein fremdes Schwert den Beſitzſtand nahm. Euere Forderung ver⸗ dient Ueberlegung; allein ſo gerecht auch die Sendung des engliſchen Ritters iſt, und das Verlangen ſeiner Krone, ſich ihrer re⸗ belliſchen Unterthanen uͤberall zu bemaͤchti⸗ gen, wo ſich ihre Herrſchaft hin erſtreckt, ſo uͤberzeugt Euch dennoch, daß— weil es Verachtung des Geſetzes des Gaſtrechts,— und mitten in einem Feſtgelag, an deſſen Freuden Schottlands Edle Theil zu nehmen geladen ſind— uͤberzeugt Euch— ſage ich! daß Ich nie einwilligen werde, mit anzus ſehn, wie Lorn oder Argentine einen un⸗ 51— gluͤcklichen und tapfern Ritter in Feſſeln ſchlagen.“ 3 Dieſe Rede erneuerte den Streit; die Drohungen und das Geſchrei fingen von neuem wieder an. Die Lehnsmaͤnner und Knechte drangen in die Halle, und miſchten ihre Stimmen in den Aufruhr, als ploͤtz⸗ lich aufs neue das Horn auf dem fernen Ocean erklang. „Das iſt der Abt!“ ſchrien alle auf einmal.„Es iſt der Gottesmann, deſſen Augen heilige Erſcheinungen gehabt haben, der auf ſeiner Durchfahrt zwiſchen der Bucht der Auserwaͤhlten und dem Grabſtein des heil. Columba den Engeln begegnet iſt. Die Moͤnche ſeines Convents hoͤrten ſie ihre Hymnen ſingen mit himmliſcher Stimme auf den Gipfeln von Dun⸗y, um ihn in ſeinen Buͤßungsſtunden zu entzuͤcken, waͤh⸗ rend er niederkniete und am Fuß jedes dort errichteten Kreuzes— dreihundert an der Zahl— den Roſenkranz betete. Er kommt, unſern Streit zu ſchlichten— ein Heiliger von einer heiligen Inſel; er ſoll ſein Frie⸗ 3 D 2 densamt uͤben auf unſer Begehr. Der Abt wird unſern Streit endigen!“ Kaum war dieſes gluͤckliche Ueberein⸗ kommen getroffen, ſo drehte ſich das große Thor in ſeinen Angeln, und hereinwallen ſah man den frommen Zug, mit ſchwarzen Meßgewaͤndern. Es waren zwoͤlf Moͤnche, mit Sandalen beſchuht, Reliquien tragend. Vor ihnen her zogen die Fackeltraͤger und das heilige Kreuz folgte. Bei dieſem An⸗ blick hoͤrten die feindlich Geſinnten auf, einander zu bedrohen, Schwert und Waf⸗ fen gingen in ihre Scheiden zuruͤck, der 2 Anſchein der Fehde ſchwand, wie jene ſchnel⸗ len Blitze, die durch die Wolken ſich ſchlaͤn⸗ geln und ſogleich verloͤſchen. Der Abt ſtand auf der Thuͤrſchwelle ſtill, das Kreuz in ſeinen Haͤnden. Seine Kapuze lag auf ſeinen Schultern zuruͤckgeſtreift. Der Glanz der brennenden Fackeln roͤthete ſeine verbluͤhten Wangen, ſeinen weißen langen Chormantel, ſeine blauen Augen, die nur noch in halb verloͤſchenden Flammen 5 1 glaͤnzten, und die duͤnnen Locken, die ſeine vom Alter bleiche Stirn umſchatteten. „Edle Lairds,“ ſprach er,„der Schutz der Jungfrau und des Himmels Beiſtand ſey bei Euch. Aber— woher dieſe Un⸗ ordnung? Nichts verkuͤndet mir hier den Frieden. Wozu dieſe Waffen und die ent⸗ bloͤßten Schwerter? warum dieſe Ruͤſtung zur Fehde bei einer ſolchen Ceremonie? Ziemt es ſich, daß drohende Waffen einem Prieſter ins Auge fallen, den man herbei⸗ ruft, Herz und Hand zweier jungen Gatten zu vereinen?“ Der ſtolze Lorn, ſeine Wuth unter den Schein eines ſchwaͤrmeriſchen Eifers verbergend, antwortete: „Heiliger Vater! Ihr waret beſchieden, wahre Kinder der Kirche zu vereinen, und gewiß waret Ihr nicht gewaͤrtig, hier einem Elenden zu begegnen, den das Anathem des Biſchofs der Kirche getroffen hat, weil er den Stein des heiligen Altars mit Blut befleckte. Noch beſtuͤrzter waͤret Ihr mit Recht, wenn wir, nachdem wir ſolch einen Feind unter uns entdeckt haben, noch — 54— von Vergleich, von Frieden und Verbindung reden wollten mit Bruce, dem Geaͤchteten, ſtatt ſein ſchuldiges Blut zu vergießen.“ Ronald ergriff des Fremdlings Verthei⸗ digung, und berief ſich auf Rittereid und das Geſetz der Ehre. Iſabelle, vor ihm auf die Knie geſunken, begleitete ſeine Rede mit ihren Seufzern und Thraͤnen. Die großmuͤthige Editha geſellte ſich weinend zu ihr, und flehte ihren Bruder um Mit⸗ leid an. „Weg von mir,“ ſchrie der unbiegſame Lorn,„unwuͤrdige Schweſter! Iſts nicht genug, daß ich dich in Ronalds Schloß brachte 15), wie eine Dirne oder Sclavin, die an die Thuͤr ihres Gebieters kommt, um ſeine Liebeslaunen zu erwarten, oder ſich ſeiner kalten Gleichguͤltigkeit auszuſetzen; der Laird von Cumberland, der edle Clifford, verlangt deine Hand, du wirſt ſeine Ge⸗ mahlin werden. Keine Widerſetzlichkeit! entferne dich von mir, und erſcheine nicht wieder vor meinem Antlitz, bis dieſe un⸗ wuͤrdigen Thraͤnen vertrocknet ſind.“ Mit Bekuͤmmerniß vernahm der ehrwuͤr⸗ dige Abt dieſe Rede; aber nichts erſchuͤtterte die ſtrenge Ruhe ſeiner Stirn! Argentine verbreieete ſich mit ſo viel Stolz uͤber die Anſpruͤche des Koͤnigs von England, ſeines Herrn, daß ſeine Worte in Ronalds Her⸗ zen ein geheimes Feuer erweckten, das ſeit langer Zeit verglommen ſchien. Ploͤtzlich brach ſein Zorn hervor, wie der Funken, der dem Kieſelſtein entſpringt. „Zu lange ſchon,“ ſchrie er,„iſt fuͤr den engliſchen Eduard das edelſte Blut ge⸗ floſſen. Was gabs fuͤr Mord, ſeitdem der große Wallace mit niedertraͤchtiger Verhoͤh⸗ nung mit einer Krone von Laub geziert und getoͤdtet ward, weil er der Vaͤter Erbe vertheidigen wollte! Wo ſind heut zu Tage Nigel Bruce und Delahaye und der tapfre Seton, und der redliche Sommerville und Frafer, die Blume der Ritterſchaft; wo ſind dieſe großmuͤthigen Haͤuptlinge? Hangen ihre Haͤupter nicht am Galgen? ſind ihre zerſtuͤckten Gebeine nicht wuͤthenden Hunden und Raubvoͤgeln zum Fraß worden, und kalt⸗ bluͤtig berathſchlagen wir, ob es zutraͤglich iſt, die Zahl der Opfer zu vermehren? Iſt denn Englands Leopard unerſaͤttlich von Schottlands Blut? Hat denn Athols Leben jenen duͤſtern, durch die Krankheit gereizten Tyrannen nicht zufrieden zu ſtellen vermocht, der auf ſeinem Todtenlager nur von Rad, Mord und Galgen ſpricht? Du falteſt die Stirn, Argentine; da! hier das Pfand meiner Herausforderung!“ „Du ſollſt nicht der Einzige ſeyn, der den Gefahren Trotz bietet,“ rief der tapfre Ritter von Dunvegan.„Nein, bei allen Heiligen, bei dem wilden Wodan 16), dem Eid meiner Vaͤter: moͤgen Rom und England ſich in ihren grauſamen Vorſaͤtzen vereinen; aber wenn je der geaͤchtete, verbannte Bruce ſeine Freunde ſammeln ſollte, um ſein Heil von neuem zu verſuchen, wenn Douglas abermals ſein Schwert naͤhme, und Ro⸗ dolphe von neuem des Krieges Wechſel wieder verſuchte, ſo ſchwoͤre ich, daß der alte Torquil mit zweitauſend Mann ſeines Koͤnigs Lager vergroͤßern ſoll. Und du, ehr⸗ „ wuͤrdiger Prior, tadle nicht meinen Muth. Seit langer Zeit ſchon kennſt du Torquils wilde Laune und ſeinen unerſchuͤtterlichen Willen, des wilden Scandinaviens noch wuͤrdig! Nein, nicht werd' ich die Sache der Freiheit verlaſſen, um Englands Gold, nicht um die Segnungen der roͤmiſchen Kirche.“. Mit ſtrengem Blick vernahm der Abt dieſe unerſchrockne Rede; dann wandte er ſich zum Koͤnig Bruce, und zweimal erſtarb das Wort auf ſeinen Lippen, zweimal ſchlug eer die Augen nieder und ſtammelte ver⸗ worrne Worte; aber nachdem er dieſe An⸗ wandlungen des Schreckens uͤberwunden hatte, ſo redete er ihn feierlich an: „Sag uns, Ungluͤcklicher, womit kannſt du dich rechtfertigen, um zu verhindern, daß ich jenen traurigen Urtheilsſpruch gegen dich ſchleudre, der nach den heiligen Satzungen die Seele der Hoͤlle weiht und ihr den Tod giebt. Dieſes furchtbare Anathem entfernt die heiligen Engel von dem, den es ge⸗ troffen, und haͤuft alles Unheil auf ſein — 58— 25 2 Haupt; die Kirche verſagt ihm ihren Bei⸗ ſtand; der Himmel bleibt taub bei ſeinen Klagen, der Arm der Knechte erhebet ſich gegen ihren Herrn, verflucht ſind die Freunde, die ihm im Kampfe folgen, ſo wie die, deren huͤlfreiche Hand ſein Elend lindert. Dieſer Fluch verfolgt den Strafbaren ſein ganzes Leben lang.... und ſelbſt nach ſeinem Tode ruht er noch auf ſeiner Aſche. Er ſtuͤrzt die Wappenſchilder um, die ſein Grab⸗ mal ſchmuͤcken, macht die heiligen Geſaͤnge verſtummen, die ſich fuͤr ihn emporrichten, und indem er ihn aus der heiligen Erde vertreibt, uͤberlaͤßt er ihn, wie eines Thie⸗ res Leichnam, der Gefraͤßigkeit der Hunde! Das iſt das Schickſal deſſen, den Rom vetdammt, und die gerechte Vergeltung, die deine gotteslaͤſterliche Mordthat ver⸗ dient.“ „ Mann Gottes,“ antwortete Bruce, „es geziemt mir nicht, deine Macht zu beſtreiten; aber wiſſe: daß Comyns Mord nicht die Wirkung einer perſoͤnlichen Rache war. Comyn ſtarb, weil er das Vaterland 4 5— — 59 verrathen hatte. Ich tadle diejenigen nicht, deren unvorſichtiger Zorn dieſen— bald darauf bereuten Mord beging, und eben ſo wenig die, deren treuloſer Mund dieſen un⸗ gluͤcklichen Bannfluch ausſprach; ich ſchreibe mir es bloß ſelbſt zu und meiner durch Schottlands Ungluͤck gereizten Erbitterung; der Himmel kennt die Vorſaͤtze, die ich gefaßt, das Boͤſe, das ich zu thun faͤhig war, ſo weit ich es vermag, zu ſuͤhnen, und er, der gerecht iſt, wird nicht taub bleiben bei dem Gebet eines Flehenden, der wegen der Verdammungen eines Pabſts und der Wuth eines Biſchofs ſich an ſeine Gnade wendet. Wenn ich meine theuerſte und heiligſte Pflicht erfuͤllt— Schottland aus der Sklaverei befreit haben werde, dann wird es Zeit ſeyn, die Kirche um ihre Ge⸗ bete fuͤr Comyns Seele zu bitten; und ich— ich werde als Kreuzfahrer nach Pa⸗ laͤſtina gehn, um, indem ich fuͤr die Sache Gottes kaͤmpfe, dieſen unvorſaͤtzlichen Mord zu verbuͤßen 17). Aber bis dahin begnuͤge ſich die Kirche mit dem Geſtaͤndniß meines — 60— Fehlers und mit dem Verſprechen, mein Unrecht gut zu machen. Jetzt geb ich Ar⸗ gentine und Lorn den Namen„Verraͤther“ zuruͤck, den ſie mir gegeben haben. Ich fordere ſie, und erklaͤre, daß ſie es im Hals gelogen haben. Ich habe Euch weiter nichts zu fagen. Thut, was Euch am rathſamſten ſcheint; ich habe Alles geſagt!“ Wie ein Menſch regungslos fuͤr Be⸗ wunderung vor irgend einem wunderbaren Schaufpiel ſtehn bleibt, ſo ſtarrte der Abt auf den Koͤnig Bruce. Bald malte ſich die lebendigſte Bewegung in ſeinen Zuͤgen, ſein Athem ward immer ſchwerer und kuͤrzer. Duͤſtre, irre Blicke brachen aus ſeinen Augen, ſein Haar ſtraͤubte ſich, ſeine Stirne flammte, ſein Blut floß mit groͤßerer Schnelligkeit durch ſeine Adern; er murmelte unverſtaͤnd⸗ liche Worte, die einzig das entſetzliche Schweigen ſtoͤrten, welches um ihn herum herrfchte; endlich ſprach er alſo: „Bruce, ich wollte meinen Fluch auf dein Haupt ſchleudern; ich wollte dein Blut dem uͤberlaſſen, der es zu vergießen brennt. — 61— Aber dem Midianiten gleich, den Zophim zuruͤckhielt, fuͤhle ich in meinem alterſtarren Herzen eine unuͤberwindliche Gewalt; ſie giebt mir einen Ausſpruch ein, ſie begeiſtert mich— ſie verwirrt meine Sinne! Bruce! deine gotteslaͤſterliche Hand hat deinen Feind am Altar des Hoͤchſten erſchlagen!.. Den⸗ noch— ſeh ich mich gezwungen, dem Geiſt in mir nachzugeben; ich ſegne dich, und allenthalben wird mein Segen mit dir ſeyn.“ Er ſprachs, und ein ehrfurchtsvolles Schweigen herrſchte lange in der erſtaunten Menge. Goͤttliches Feuer flammte abermals in den Blicken des Abts; ſeine Bewegungen gewannen wieder eine uͤbernatuͤrliche Kraft; nicht mehr war ſeine Stimme matt wie die eines Greiſes; mit dem maͤnnlichen Ausdruck des kraftvollſten Alters ſprach er weiter:„Der du dreimal uͤberwunden wur⸗ deſt in den Reihen der Schlacht, deine Freunde in die Flucht geſchlagen, erwuͤrgt oder gefangen ſahſt! du! der du von dei⸗ nem Vaterland fern in der Wuͤſte irrteſt, als dieh blutgierige Hunde verfolgt hat⸗ ten 13).... der du auf fremde Geſtade ver⸗ bannt wurdeſt, vertriebner Koͤnig! verlaſſ⸗ ner— dem Elend preisgegebener Fuͤrſt.... ich ſegne dich!.. Und mein Segen wird dir folgen in den Pallaſt und aufs Schlacht⸗ feld, unter den Purpur und unter das Schild; abwaſchen wirſt du des Vaterlands Schande und ſeine Schmach raͤchen; Bruce! Schottlands rechtmaͤßiger Koͤnig, jetzt ver⸗ ſoͤhnt mit dem Ruhm und mit dem Him⸗ mel, welche Reihe von Ehren ruht auf deinem Andenken! In kuͤnftigen Jahrhun⸗ derten wird der Vater dich dem Sohn als Wiederherſteller ſeiner Freiheit nennen. Der Kindheit erſte Worte werden dein Loblied feiern. Geh jetzt, geh von Eroberung zu Eroberung fort, verfolge deinen Lauf, dein Name gehoͤrt der Nachwelt an. Durch mich ſegnet dich die Macht des Himmels, und ihre Gnade ergießt ſich uͤber dich... Aber nun iſt's geſchehn; ich fuͤhls— die fremde Macht verſchwindet in mir; meine Augen ſchließen ſich vor dem Glanz der — Zukunft. Gott hat geredet, nicht em⸗ pfange ich den ehelichen Schwur der Gat— ten. Meine Bruͤder, unſer Werk iſt voll⸗ bracht, unnoͤthig unſre Gegenwart an die⸗ ſem Ort; laßt uns wieder unter Seegel gehn.“ Die Noͤnche nehmen den ohn⸗ maͤchtigen, kaum noch athmenden Prieſter in ihre Arme. Sie eilen, ſeinem Befehl gehorſam, das Schloß zu verlaſſen, ſchiffen ſich ein, und gewinnen mit aufgeſpanntem Seegel das Meer. — Dritte Dichtung. Habt Ihr nie das tiefe Schweigen beob⸗ achtet, das Waͤlder, Wieſen und Thaͤler beherrſcht, wenn ploͤtzlich der Donner aus den Wolken zuͤrnt und das Echo ſeine ferne Stimme wiederhallt? Nicht beugt dann der Roggen ſein goldnes Haupt in den fruchtbaren Furchen; das geſchmeidige Es⸗ penblatt läßt ſein eintoͤniges Zittern nicht mehr hoͤren; kein Hauch wiegt die gelben Blumenbuͤſche, welche die Ruinen des alten Schloſſes ſchmuͤcken, bis endlich das Unge⸗ witter erwacht, ſich mit dumpfem Getoͤſe nahet und laͤrmend die wiederhallenden Huͤgel uͤberſtreicht. So war zu Aſtorniſh das feierliche Schweigen, welches dem pro⸗ phetiſchen Ausſpruch des ſilberlockigten Prie⸗ ſters folgte! Seinen Beſehlen gehorſam, —— uͤberließen die Moͤnche ihre Seegel dem Suͤdwind, bevor ein einziges Wort im Schloß laut ward. Bald darauf unter⸗ brach ein Murren, das Furcht und Zweifel ausdruͤckte, die herrſchende Stille. Man ziſchelte ſich unrnhig in die Ohren, und ſtarrte mit neugierigen Blicken nach dem Herrn der Eilande, der, in eine Vertiefung zuruͤckgezogen, dem Gebieter von Lorn Vor⸗ ſtellungen zu machen ſchien, deſſen zer⸗ ſtreutes Anſehn und zornige Bewegungen Verachtung und Ungedult zu erkennen gaben. Endlich hoͤrte Lorn auf an ſich zu halten, ſah Ronald mit drohendem Blick an, ſchuͤttelte das Haupt, und entfernte ſich mit grimmer Gebehrde von ihm. „Glaubſt du mich denn ſo biegſamer Art,“ ſprach er,„daß ich eines toͤdtlichen Kampfes vergeſſen, und eine Hand freund⸗ ſchaftlich druͤcken koͤnnte, die mit dem Blut meines Verwandten gefaͤrbt iſt? Wohl ſeh ich die Wahrheit des Sprichworts ein, welches uns vor der unzuverlaͤſſigen Treue der Inſulaner warnt? Aber wenn dem alſo iſt... ſo ſollſt du, glaube mir, bald er⸗ fahren, daß wir uns in unſern Gebirgen zu raͤchen verſtehn... man rufe Editha... Wo iſt die Jungfrau von Lorn? wo iſt meine Schweſter, ihr feigen Sclaven? Sie und ich werden uns nicht laͤnger einer neuen Verachtung ausſetzen... Komm, Argentine, komm; nie werden wir einen Freund von Bruce, einen Feind Englands zum Bundesgenoſſen— zum Bruder haben.“ Doch— wer ſchildert des Haͤuptlings Wuth, als man Editha von der niedrig⸗ ſten Halle des Thurms bis zur Spitze deſſelben vergebens geſucht hatte?„Ver⸗ rath!.. Treuloſigkeit!“ ſchrie er,„Ra⸗ che!... blutige Rache! Dem werde ein reicher Lohn, der mich raͤcht; ich verſpreche ihm eine Freiherrſchaft!“ 3 Kaum beſaͤnftigte es in Etwas ſeine Wuth, als man ihm meldete: daß Morag ſeine Schweſter bei ihrer Flucht begleitet 5 habe; und daß man zwei verhuͤllte Frauen, die man in dem Tumult der Nacht nicht erkannt, ſich heimlich auf das Fahrzeug — 67— des Abts habe begeben ſehn.„Alle meine Galeeren ſollen ſich bewaffnen! Eilt ſie zu verfolgen! Theuer ſoll mir der Pfaff ſeine Treuloſigkeit bezahlen... Bald, hoff ich, werden wir den von Rom beſtimmten Preiß ſeiner vorgeblichen Weiſſagung erfahren!“ So druͤckte der ſtolze Beherrſcher von Lorn ſich in ſeiner Erbitterung aus. Schnell bereit ſeine Befehle auszurichten, ſpannt Cormac⸗Doil ſeine Seegel, und lichtet die Anker; denn als ²9) freier Pirat kam ihm jeder Vorwand aͤußerſt erwuͤnſcht, die Meere zu durchziehn. Die andern Beamten von Lorn zoͤgerten noch und fluͤſterten leiſe einander zu:„Edi⸗ thas erſte Liebe war Ronald, der Inſeln⸗ fuͤrſt; aus Furcht, ihr Bruder moͤchte ſie zwingen Lord Cliffords Hand anzunehmen, wird ſie ſich in dem Kloſter von Jona einen Zuſluchtsort ſuchen, und wahrſchein⸗ lich in heiliger Einſamkeit wohnen, bis der Abt dieſe neuen Streitigkeiten als Ver⸗ mittler beſeitigt haben wird.“ Waͤhrend das Schloß unaufhoͤrlich von E 2 den Ausbruͤchen der Ungeduld und dem Zorngeſchrei des Freiherrn von Lorn er⸗ ſchallte, womit er bald ſein Schild, bald ſeinen Mantel verlangte, bald ſeine Leute zu der ihm ſchuldigen Ehrfurcht aufrief, wendete ſich Argentine zu Bruce mit hoͤf⸗ lichem, doch wuͤrdevollem Ernſt:„Graf,“ ſprach er,„noch willige ich Bruce dieſen Titel, ob er gleich ſeinen Rang und Na⸗ men verlor, ſeit er die Waffen ergriff und ſich zum Rebellen machte; Graf oder Lehns⸗ mann!.. was thuts!.. du haſt dir ſo eben Drohungen erlaubt, die Argentinen angingen... die Ehre verpflichtet mich, dich deshalb zur Rede zu ſetzen. Wir brauchen uns nicht erſt zu ſagen, daß unſre Arme gleich geſchickt ſind, das Schwert zu handhaben; ich verlange einen Gefallen von dir, wie ihn ein Krieger heiſchen kann. Stecke dieſen Handſchuh bei dem erſten Streit, in welchem wir uns begegnen, auf deinen Helm, und ich werde, wie ich immer gethan, behaupten, daß, wenn dich gleich der Ehrgeiz irre leitete, du doch nicht aufgehoͤrt haſt ein tapfrer Ritter zu ſeyn. „Und ich,“ antwortete der Fuͤrſt, truͤg ich Argentines ruhmvolles Schwert, ſo wuͤrde ich es fuͤr Schande halten, es fuͤr einen Tyrannen aus der Scheide zu ziehn; aber dein Verlangen betreffend, ſo rechne darauf, daß man in jeder Schlacht das Pfand, das du mir heute zugeſtellt haſt, auf meinem Helme erblicken wird. Haben dich meine unuͤberlegten Worte be⸗ leidigt, ſo wird deine Ehre eine der Be⸗ leidigung wuͤrdige Genugthuung erhalten. Kein Handſchuh, den mir in den Tagen der Jugend eine Schoͤne verehrt, iſt mir werther, als der, den ich von dir empfing. Und ſo moͤge mein edler Feind, nur das Gluͤck mit dir ſeyn bis zum Augenblick unſers Wiederſehns, und dann..... ge⸗ ſchehe, was der Himmel beſchloſſen hat.“ So trennten ſie ſich.... ſchon be⸗ gaben ſich Lorns Anhaͤnger hinweg, mit dumpfem Gemurr, wie die toſenden Wellen, die die Felſen zuruͤckſtoßen vom Geſtade.— Jeder Haͤuptling begab ſich, von ſeinen Lehnsvaſallen begleitet, auf ſein Bergſchloß, uͤber die Ungewißheit menſchlicher Entwuͤrfe nachdenkend. Indeſſen wurden die Wachen auf Aſtorniſh Waͤllen doppelt beſetzt und die Thore ſorgfaͤltig mit dreifachen Eiſen⸗ ſtangen, Riegeln und Ketten verſchloſſen. Dann erſuchte der Fuͤrſt ſeine Gaͤſte mit Hoͤflichkeit, die Unterbrechung des Feſtes zu entſchuldigen und eine ſichre Zuflucht in feiner Veſte anzunehmen. Haͤuptlinge und Rittet wurden durch Fackeltraͤger zu dem ihnen beſtimmten Lager begleitet. Das Abendgebet war geſprochen und ſchon uͤber⸗ laͤßt ſich jeder dem tiefen Schlaf, der auf die ermuͤdeten Augenlieder das Vergeſſen eines muͤhevollen Tages gießt!— Aber, bald wieder wach, ruft der Herr ſeinem Bruder Eduard zu, der neben ihm ſchlaͤft: „Erhebe dich, mein Bruder!... ich hoͤre eine verborgne Thuͤr knarren, ſehe eine Fackel durch die Diele ſchimmern... Auf, auf, Eduard, ſag ich; es ſchleicht ſich einer zu uns wie ein Nachtgeſpenſt... doch halt!... unſer großmuͤthiger Wirth iſt es.“ Ronald nahte ſich, von dem Haͤupt⸗ ling von Dunvegan begleitet... beide beugen ihre Knie zum Zeichen der Treue vor Bruce, reichen ihm ihre Schwerter, und begruͤßen ihn mit dem Namen von Schottlands rechtmaͤßigem Koͤnig!„O du, der du des Himmels Auserwaͤhlter biſt,“ ſetzte Ronald hinzu,„ſag mir, ob du mir die Irrthuͤmer meiner Jugend vergeben kannſt; die Hinterliſt der Verraͤther wandte mich ab vom geraden Weg der Pflicht, und ich erhob gegen dich das aufruͤhreriſche Schwert.... allein ſelbſt als ich gegen deine Rechte bewaffnet war, hoͤrte ich nie auf deiner hohen Tapferkeit geziemend zu huldigen.“ „Ach, lieber Freund!“ erwiederte Bruce, „dieſe Ungluͤckszeit iſt an Allem Schuld; ich ſelbſt ſtrafbarer als du..!“ Er vollendete nicht— uͤbermannt von tiefem Schmerz bei Erinnerung an die Niederlage von Falkirk 20), ſchwer ſeufzend druͤckte er den Beherrſcher der Eilande an ſein Herz. — 72— Beide Ritter boten ihm ihre Waffen und ihren Einfluß zur Wiedererlangung feiner Rechte an; allein ihre Meinungen waren reiflich zu erwaͤgen, eh das Schlacht⸗ pannier zu erheben, die Truppen zuſammen⸗ zuziehn waren. Englands Gold und Lorns Raͤnke hatten dem ungluͤcklichen Koͤnig eine große Menge Feinde zugezogen. Bruce machte die ſo eben als ihm er⸗ geben Erkannten aufrichtig mit ſeinen kuͤh⸗ nen Vorſaͤtzen bekannt.„Nachdem ich den Winter in der Verbannung zugebracht hat⸗ te,“ ſprach er,„wollte ich mich auf Car⸗ rick's Geſtade begeben; ich trug Verlangen meinen Geburtsort zu ſehn und Zeuge der Feſtgelage zu ſeyn, die Clifford in meinem Schloſſe giebt, zu deſſen Herrn er ſich auf⸗ geworfen hat. Aber ich richtete mich ſo⸗ gleich gen Arran, wo mir der tapfre Len⸗ nox Huͤlfe bereitet. Ein Sturm erhob ſich und zerſtreuete meine Fahrzeuge. So in meinen Plaͤnen gehindert, wuͤrde ich eigent⸗ lich genoͤthigt geweſen ſeyn, mich vom Ziel meiner Reiſe zu entfernen, um feindliche —, 25„ 2 1 Seegel zu vermeiden; die gluͤckliche Einge⸗ bung, die uͤber unſern Willen herrſcht, fuͤhrte mich in das Schloß eines Verbuͤn⸗ deten!“— Torquil nahm nun das Wort.„Die Nothwendigkeit gebietet Eil; Verzug duͤrfte gefaͤhrlich ſeyn; wir muͤſſen in unſern Mo⸗ narchen dringen, die Gefahr einer Belage⸗ rung zu vermeiden. Von Rache entflammt, iſt Lorn mit allen ſeinen Lehnsleuten und Truppen den Thuͤrmen von Aſtorniſh nur zu nahe; Englands leichte Jachten umkrei⸗ ſen die Gewaͤſſer des Clyde, zum Aufbruch bei dem erſten Zeichen bereit, alle Meer⸗ engen und Geſtade zu bewachen. Eh das Lermzeichen gegeben wird, muß unſer Koͤnig auf den Ufern von Skye in Sicherheit ſeyn... Torquil wird ſein Steuermann und Fuͤhrer werden...“ „Nein, tapfrer Haͤuptling!“ ſchrie Ro⸗ nald,„ich ſelbſt werde unſern Monarchen geleiten und die Krieger von Sleate zu den Waffen rufen; du aber, weiſer Tox⸗ „ 7 — 74— quil, wirſt ihre Kuͤhnheit leiten und ihnen durch dein Silberhaar Ehrfurcht einfloͤßen.“ „Wenn meine Rede zu leicht an Ge⸗ wicht erfunden wuͤrde,“ rief Torquil,„wird dieſes ſchwere Schwert die Waage auf unſre Seite ziehn.“ „Der Plan gefaͤllt mir,“ ſagte Bruce; „dennoch duͤrfte es kluͤger ſeyn, daß Iſa⸗ belle und meine Leute ſich zuvor in meinem Nachen eine Zuflucht ſuchten an den gaſt⸗ freien Geſtaden Erins. Eduard, du wirſt ſie geleiten, ihre Unruhe zu beſchwichtigen, ſie noͤthigenfalls zu vertheidigen, und um dich unſre zerſprengten Freunde zu ver⸗ einen.“ Man konnte in Ronalds Biicken leſen, wie wenig ihm dieſer Entſchluß genuͤgte; aber zur Ausfuͤhrung aller dieſer Plaͤne war die groͤßte Schnelligkeit noͤthig; zwei heimlich bemannte Schiffe verließen die Bucht, gingen nach verſchiedenen Orten unter Seegel, das eine nach der Kuͤſte von Skye, das andre nach dem Geſtade von Erin. 34 —, — 75— Wir folgen Bruce und Ronald. Ein guͤnſtiger Wind bließ in die Seegel, bis ſie kaum mehr die dunkeln Hoͤhen von Mull und die blauen Huͤgel von Ardna⸗ muchan erblicken konnten. Dann aber er⸗ griffen ſie die Windſtoͤße, und zwangen ſie die Seegelſtangen beizulegen, um ſich klei⸗ ner Ruder zu bedienen. Tag und Nacht kaͤmpften ſie mit den ſtuͤrmiſchen Wellen, und erſt mit dem Fruͤhroth erblickten ſie die romantiſchen Ufer von Skye. Sie ſahen, wie das aufgehende Licht der Sonne des Coolin wuͤſte Spitzen kroͤnte; allein ſo muͤhſam und gefahrvoll war ihre Schiff⸗ fahrt, daß das Tagsgeſtirn ſeine letzten Strahlen am Abendhimmel ausgoß, als ſie im Begriff waren, in der Bucht von Scavigh einzulaufen. Jetzt ſprach Ronald: „Wenn mich meine Augen nicht truͤgen, ſo ſind dieſes die Wuͤſten, die ſich im Nor⸗ den von Strathnardill und Dunſkye er⸗ ſtrecken a*). Kein Sterblicher nimmt da⸗ hin ſeinen Weg, und was hindert uns, da widrige Winde uns verſchlagen, hier zu landen? Fuͤhrt mein Koͤnig gern des Jaͤgers 8 Bogen, koͤnnten unſre Pfeile nicht einen Rehbock dieſer Gebirge treffen? Allan, mein Page, wird uns begleiten; er weiß mit geſchickter Hand den Bogen zu ſpan⸗ nen, und begegnen wir Wild, ſo ſind wir des Erfolgs ſeiner Jagd gewiß.“ Ein jeder bewaffnet ſich; das Boot wird ausgeſetzt. Sie ſpringen ans Land und uͤberlaſſen den Nachen und ſeine Ru⸗ derer dem Ort, wo ein reißender Strom brauſend in ſeinem Uſer auf dem Felsbette fließt, ſeine Fluthen mit denen des Oceans zu gatten. Sie ſchritten eine Zeit lang ſchweigend vorwaͤrts, wie Beute ſuchende Jaͤger. Endlich ſprach der Koͤnig Bruce zu Ronald: „Heilige Maria! welch Schauſpiel! Ich habe viele Gebirge in meinem Vaterland und in fernen Climaten durchlaufen. Mein Schickſal hat mich oͤftrer eine Freiſtaͤtte, als Vergnuͤgungen ſuchen heißen: auch habe ich manche Wuͤſte durchirrt, manchen Berg erklommen, manchen Strom uͤberſchifft; — — 77— aber, bei dem Dach meiner Vaͤter! nir⸗ gends hab ich ein in ſeinen Schreckniſſen ſo wildes, hochherrlich erhabnes Schauſpiel erblickt, wie dieſes, das ſich meinen Blicken darbietet!“. Wohl konnte der Koͤnig alſo ſprechen:; nie haben Menſchenaugen ein ernſtres Ge⸗ maͤlde erblickt, als dieſen erſchrecklichen See mit dem ihn begrenzenden Felſen⸗ faum. Es ſcheint, ein Erdbeben habe in alten Zeiten einen ſteilen Pfad durch den Schooß dieſer Gebirge aufgethan, und je⸗ der Abgrund, jede Schlucht, jede tiefe Verſenkung ſolle noch von ſeinen Verhee⸗ rungen zeugen. Das unfruchtbare Thal giebt uns einige Merkmale von dem Ein⸗ fluſſe der belebenden Natur; gruͤne Mooße belegen die Gipfel des Benmore, in Glen⸗ coes Tiefen bluͤhet Heide, und Laubgebuͤſch waͤchſt auf dem Cruchan⸗Ben; allein hier wuͤrdet ihr vergebens in die Ferne ſehn, und wohin auch eure Blicke fielen, kein Baum, kein Strauch, keine Blume, nicht die allermindeſte Spur von Vegetation, wuͤrdet ihr erblicken. Alles iſt hier Fels— hingeworfen wie durchs Ungefahr, truͤb⸗ dunkle Woge, wuͤſte Hoͤhe und Steinſitz, als haͤtte der Himmel dieſem Aufenthalt der Sonne Strahlen, des Lenzes ſanften Thau verſagt, die auf den unfruchtbarſten Kuͤſten die verſchiedenartigſten Schattirun⸗ gen hervorbringen. Je weiter ſie vordrangen, je wilder wurden die geſchlaͤngelten Felſen, die tiefen Seen. Ungeheure Stuſen von ſchwarzem Granit wurden zu ſteilen, faſt unzugaͤng⸗ lichen Pfaden. Vom Orkan aus den Rip⸗ pen der Bergrieſen losgebrochne Felstruͤm⸗ mer lagen eins uͤbers andre geſchichtet, in einer Nacht der Schrecken, wo der Rehbock die Flucht ergreift, und der Wolf heult in ſeiner Grube; andre von dieſen Ruinen ſchwebten an ſo unzuverlaͤſſigen Stüͤtzen, daß dieſe Maſſen, die ein ganzes Heer nicht aufzuheben vermocht haͤtte, der Arm eines Kindes erſchuͤttern gekonnt, und in Bewegung geſetzt haben duͤrfte, wie den — — 79— Stein der Druiden, ihren Grundveſten erbebend. In unbeſtaͤndigem Zug deckten bald die Abendnebel die Bergkette, bald verließen ſie ihre kahle Stirn, um den dunſtigen Schleier uͤber die Wellen des Sees auszu⸗ breiten, oder ſich auf den Fluͤgeln der Windsbraut in leichten Kreiſen fortzuſchwin⸗ gen und zu zertheilen. Oft auch blieben ſie, ſich ſchnell verdichtend, unbeweglich ſtehn, Stroͤme entſtuͤrzen dann in ſchaͤu⸗ menden Fluthen ihren halbgeoͤffneten Wei⸗ ten, und rauſchen vom Berggipfel hernie⸗ der, ſobald der Sonne freudige Klarheit wieder erſcheint. „Wie heißt,“ ſprach Bruce,„der Name des dunkeln Sees, deſſen ſchreckende Schlag⸗ baͤume gaͤhnende Abgruͤnde ſind, die dem Dammhirſch keinen andern Weg geſtatten, als den engen Safm, wo ſeine Fuͤße ſtehn 7 Wie nennt ihr dieſe duͤrren Gebirge und dieſe rieſenfoͤrmige Spitze, die ihre entſetz⸗ lichen Schluchten und Kluͤfte— den Wun⸗ den aͤhnlich, die der Blitz dieſen Haͤuptern ſchlug— bis an die Wolken thuͤrmen?—“ Coriskin iſt der Name des Sees, und Coolin der dieſer Gebirge; ſo genannt, ſeit dem Haͤuptling Cuchullin von unſern Bar⸗ den; Cuchullin— ruͤhmlichen Andenkens; vertrauter in unſern Eilanden mit den graͤßlichſten Bildern der Natur, als mit ihren lachendſten Schoͤpfungen, gefallen ſich oft unſre Barden, dem Eigenſinn ihrer Ein⸗ bildungskraft folgend, erdichtete und ſolchen Gegenſtaͤnden angemeßne Namen beizulegen. Ich wollte, der alte Torquil koͤnnte Euch ſeine jungen Toͤchter mit dem ſchneeigen Buſen zeigen, und Euch auffordern den monotonen Geſang ſeiner Amme zu hoͤren. Die Jungfrauen— das ſind ungeheure Felſen mit weißen Schluchten, die Amme — ein Strom mit drohender Stimme. Auch koͤnnten wir Euch den beeiſten Teich von Corryvrekin bewundern laſſen, unter, ü dem Namen der Hexe mit der weißen Kappe bekannt. So hat die Einbildungs⸗ kraft unſrer Inſulaner phantaſtiſche Namen — 31— fuͤr die wilden Orte erfunden, die ſie be⸗ wohnen. „Eine tiefſinnende Seele,“ ſprach Bruce, „koͤnnte hier moraliſche Ideen ſinden. Dieſe erhabenen Felſen, die ihre unfruchtbaren Haͤupter bis zum Himmelsgewoͤlbe ſtrecken, die gegen die Sonnenſtrahlen ſo gleichguͤltig ſind, wie gegen die Bedrohung der Reife, ſind ſie nicht das Bild von dem Schickſal eines Monarchen? Mitten unter politiſchen Stuͤrmen, zu hoch geſtellt, um die ein⸗ fachen Freuden des Alltagslebens zu genießen, gleicht ſeine Seele dem fuͤhlloſen Fels, iſt ſein Herz eine trockne Wuͤſte; ſein gekroͤntes Haupt iſt erhaben uͤber Liebe, Hoffnung und Furcht.. Aber was ſeh ich dort auf dieſer Felſenſpitze? Es ſind Jaͤger, die einen Hirſch getoͤdtet haben. Wer moͤgen ſie ſeyn? Ihr ſagtet ja eben, daß kein Sterblicher in dieſe Inſel draͤnge?—“ „Ich ſagte es.. weil ichs glaubte!“ erwiederte Ronald.„Gleichwohl erblick auch ich fuͤnf Maͤnner.. die uns beobachten.. die auf uns zukommen. Die Rundſchnur, F die ihre Muͤtzen ſchmuͤckt, laͤßt ſie mich als Lorns Lehnsſaſſen erkennen, als Eure Feinde, mein Koͤnig!“ „Thut nichts!“ ſagte Bruce,„ich ſah ſchon oft weit ungleichern Streit— wir ſind drei gegen fuͤnf; aber der arme Page wird uns wenig helfen: laßt uns uͤber unſern Angriffsplan uͤbereinkommen... wenn ſie uns den Durchgang wehren, ſo fallt zwei an, ich nehme die aundern auf mich.—“ „Nein, mein Fuͤrſt, meinem Schwert kommt es zu, drei Feinden zu widerſtehen. Wenn Ronald unterliegt, ſo iſt der Ver⸗ luſt leichter zu erſetzen, als wenn Bruce... doch unſre Inſelbewohner werden leicht zu Kriegern... Allan hat Schwert und Bo⸗ gen, und beſiehlt mein Koͤnig, ſo werden zwei Pfeile die Zahl auf beiden Seiten gleich machen.. 44 „Nein!“ rief Bruce,„ſollte mir's das Leben koſten; ſchon zuviel unnuͤtz vergoſſnes Blut habe ich zu verantworten... bald werden wir inne werden, ob dieſe Leute als Freunde oder als Feinde kommen.“ V Immer naͤher kamen die Fremden, und ihr finſtres Anſehn war nicht geeignet den Monarchen zu beruhigen; ſie nahten mit unentſchloſſnem Schritt, und ſuchten, den Blick zu Boden geſenkt, nicht geſehn zu werden; die beiden Fuͤhrer waren beſſer gekleidet, und hatten das Coſtuͤm der Hoch⸗ laͤnder, Plaid, Waffen, Tartane, Schild, Saͤbel, Bogen und Pfeile. Die drei Nach⸗ folgenden ſchienen Lehnsleute der niedrig⸗ ſten Claſſe; Ziegenfelle und Hirſchhaͤute ſchuͤtzten ihre Schultern gegen den Wind, Arm, Beine und Koͤpfe waren entbloͤßt, der Bart und das krauſe Haupthaar miſchte ſich mit einander: eine Keule, eine Axt und ein verroſtetes Eiſen waren ihre Waffen. Sie ſetzten ſchweigend ihren Weg, der dem Koͤnig und Ronald entgegenfuͤhrte, fort. „Sagt uns, wer Ihr ſeyd!“ ſchrie Bruce,„oder haltet! Wenn man ſich in Wuͤſten befindet, ſo begruͤßt man ſich nicht wie in friedlichen Staͤdten.“ Bei dieſen ernſten Worten blieben ſie & F 2 — 84— ſtehn, gruͤßten ſchnell, und antworteten kurz in rauhem Ton, der bewieß, daß ſie mehr aus Furcht als aus Aufrichtigkeit hoͤflich waren:„Wir ſind Verirrte, viel⸗ leicht wie Ihr, verſchlagen durch Sturm und Wellen; ſeyd Ihr es zufrieden, wollen wir die letzte Beute unſrer Jagd mit Euch theilen.“ „Wenn Ihr Seeleute ſeyd, wo iſt denn Euer Nachen?“ „— Zehn Klaftern tief im Ocean. Wir litten geſtern Schiffbruch, aber Maͤnner wie wir, achten keine Gefahr.. Die Schatten verdunkeln ſich... das Tags⸗ licht iſt entflohn.. wollt Ihr mit in unſre Huͤtte kommen?“ „Unſer Schiff erwartet uns in der Bucht; drum danken wir fuͤr Euer Aner⸗ bieten. Lebt wohl.“— 4 „War das Euer Schiff, das dieſen Abend an der Inſel kreuzte?—“ „— Ohne Zweifel!“ „— Erſpart Euch die Muͤhe, es auf— zuſuchen, wir haben es ſo eben von der Bergſpitze erblickt; ein engliſches Fahrzeug mit der rothen Flagge des heil. Georgs zeigte ſich auf einmal, da lichtete Euer Schiff die Anker, und ſuchte das Weite.“ „Bei dem heiligen Kreuz! das iſt eine ſchlimme Nachricht!“ fluͤſterte Ronald, Bruce ins Ohr.„Es iſt nicht mehr hell genug, um ſich von der Wahrheit zu uͤber⸗ zeugen. Dieſe Leute erſcheinen zwar rauh, aber man findet gute Herzen unter einer har⸗ ten Schaale; laßt uns ihnen folgen; Speiſe und Obdach, die ſie uns anbieten, ſind uns noͤthig; gegen Verrath werden wir auf unſrer Hut ſeyn, und der Reihe nach einer von uns wachen, wenn die beiden andern die Suͤßigkeiten des Schlafes ſchmek⸗ ken.... „Tapfre Männer, wir nehmen Euer Anerbieten dankbar an, und werden Euch belohnen.. Fuͤhrt uns in Eure Huͤtte.... doch ſacht! unſre beiden Horden duͤrfen wir nicht vermengen, zeigt uns den Pfad zwi⸗ ſchen den Felſen, geht voraus, wir werden Euch folgen!“ ſprach Bruce. — 86— Sie kamen an ein von Seegeltuch aus⸗ geſpanntes, am Felſen befeſtigtes Zelt; und als ſie eintraten, trafen ſie einen Juͤngling, deſſen zarter Wuchs und edle Haltung wenig mit dieſem wilden Ort uͤberein⸗ ſtimmte; er trug ein Barett und einen Mantel von gruͤnem Sammt, ſeine uͤbrige Kleidung war ſchwarz, nach der Weiſe der Barden; gelocktes Haar deckte zum Theil ſeine bleiche Stirn, er ſchien in Schmerz aufgeloͤßt zu ſeyn, und Thraͤnen ſchwam⸗ men in ſeinen Augen. „Wer iſt der arme Knabe?“ fragte Ronald. Die Stimme des Beherrſchers der Ei⸗ lande ſchien ploͤtzlich ſeinen Schmerz zu zerſtreuen. Wie aus ſchweren Traͤumen erwachend, erbebte er, hob das Haupt in die Hoͤh, ſtieß einen Schrei aus, und ſah mit verworrnen Blicken rings umher; dann ward er gluͤhend roth, und wandte ſich ge⸗ gen die Wand. „Wer iſt der Knabe?“ fragte Ronald zum andernmal. g „Unſer Kriegsgefangner, und er kann ſogleich der Eurige ſeyn, wenn Ihr Muſik dem Golde vorzieht. Stumm von der Wiege an, ſpielt der Knabe die Laute ſehr geſchickt, und weiß die Stunden mit ſuͤßen Toͤnen zu verkuͤrzen. Was uns betrifft, ſo iſt uns der guͤnſtige Wind, der heulend unſre Seegel blaͤht, tauſendmal melodi⸗ ſcher.—“ „Verſteht er wenigſtens, was man mit ihm ſpricht?“ „Ja, ſo hat uns ſeine Mutter geſagt die beim Schiffbruch umkam, darum weint nun der junge Tonkuͤnſtler. Nehr koͤnnen wir Euch ſelbſt nicht ſagen; denn erſt ſeit geſtern iſt er unſer Gefangner; mitten im Sturm haben wir uns nicht um ihn be⸗ kuͤmmert... doch wozu ſoviel Zeit mit Schwatzen verlieren, theilt unſre Mahlzeit, und legt Eure Waffen ab.“ In dieſem Augenblick drehte ſich der Gefangne um, Ronald einen ſchnellen Blick zuwerfend; der Blick war ſo ausdrucksvoll, daß ihn der Krieger ſogleich verſtand. „Freunde,“ ſprach er,„wir werden Feuer und Mahtzeit ſondern; denn wiſſet, mein Gefaͤhrte, dieſer Page, und ich, ſind auf einer Wallfahrt begriffen. Wir haben das Geluͤbde der Enthaltſamkeit und Wach⸗ ſamkeit abgelegt, und koͤnnen daher weder Plaid, noch Schwert ablegen, noch Theil nehmen an dem Mahle eines Fremdlings, bis unſer Geluͤbde erfuͤllt iſt. Waͤhrend der Schlafzeit wacht einer von uns. Nehmt es alſo nicht als Beleidigung auf, wenn wir uns, nach unſerm Gebrauch, in einen Winkel der Huͤtte zuruͤckziehn.“ „Ein ſonderbares Geluͤbde!“ ſprach der Bejahrteſte der Hochlaͤnder,„und ſchwierig zu halten. Was wuͤrdet Ihr thun, wenn wir Euer Mistrauen, mit dem Ihr unſre gute Aufnahme belohnt, durch die Antwort erwiederten, daß Ihr keinen Theil an unſrer Jagdbeute haben koͤnntet?“ „Wir wuͤrden Euch ſagen; daß unſre Schwerter von tuͤchtigem Gehalt ſind, und daß uns unſer Geluͤbde nicht zwingt, Hungers zu ſterben, wenn wir uns mit Gold oder Eiſen Nahrung verſchaffen koͤnnen.“ — Des Fremdlings Stirn erroͤthete zornig, er knirſchte mit den Zaͤhnen, aber ſeine Wuth erloſch vor Ronalds funkelndem Blick, ſein feiges Herz vermochte nicht des Monarchen ruhige, unerſchrockne Stirn zu ertragen.. „Nun, ſo folge jeder der Sitte ſeines Clans,“ ſagte er mit falſchem Laͤcheln; „Jeder bleibe in ſeinem Winkel, und ſpeiſe und ſchlafe nach ſeinem Gefallen.“ Ein doppeltes Feuer ward angezuͤndet; waͤhrend der Mahlzeit war Bruce, Ronald und der Page abwechſelnd auf der Hut; das Geſicht des alten Hochlaͤnders verkuͤn⸗ dete nichts Gutes; er ſchien uͤber ein ſchwarzes Bubenſtuͤck nachzuſinnen, und hoͤrte nicht auf, mit groͤßter Vorſicht nach ihnen hinzuſchielen. In ſeinen dichten Augenbraunen druͤckte ſich Zweifel und Hinterliſt aus. Der Juͤngre, der ſein Sohn zu ſeyn ſchien, hatte jenes finſtre Ausſehn, welches ſchuͤchternen Seelen Furcht — 90— einfloͤßt; was die hinter ihnen ſich halten⸗ den Leibeignen betraf, ſo war eine Mi⸗ ſchung von Haß und Furcht in ihren Blicken; aber bald ward es finſtre Nacht in der Huͤtte, und alle fuͤnfe legten ſich ſchlafen, oder ſtellten ſich wenigſtens ſo. Selbſt der junge Gefangene, der, ſeiner Sprache beraubt, ſeine Augen nur fuͤr Thraͤnen zu haben ſchien, um ſein Ungluͤck zu beweinen, gab ſeiner Muͤdigkeit nach, und ſtreckte ſich auf den Boden, um zu ſchlummern. Der Monarch, der ſeinen ge⸗ faͤhrlichen Wirthen nicht traute, ließ Ro⸗ nald bis um Mitternacht wachen; dann ſtand er ſelbſt auf, und zuletzt wachte Allan, nachdem er alle Ruhe genoſſen hatte, die das zartere Alter verlangt. Welchen Ge⸗ danken ruft Ronald zu Huͤlfe, dem Schlaf zu widerſtehen? denn nicht genugſam wuͤrde ihn die Furcht vor ſo elenden Feinden be— ſchaͤftigt haben. Ronald denkt an die rei⸗ zende Iſabelle, an den Augenblick, wo ſie zu Argentine's Fuͤßen ſank. Er erblickt ſie von neuem in Woodſtocks glaͤnzendem Tur⸗ — 91— nier, wo ſie ihm mit wohlwollendem Laͤ⸗ cheln den Preiß reicht, der dem Sieger zuſtand. Schoͤn in den Tagen des Ruhms, ſchoͤn ſelbſt noch im Ungluͤck, beſchaͤftigt Bruce's Schweſter nicht allein das Herz des Herrn der Eilande; er erinnert ſich auch Editha's, ſeiner liebenswuͤrdigen Braut.... ach! fuͤr welche ſoll er ſich entſcheiden? Die Eine hat ſeine Liebe und ſein Herz, die andre ſein Wort und ſeinen vor dem Himmel ausgeſprochnen Eid. Die Stunde der Wache faͤllt ihm nicht ſchwer, denn nur ſelten beſucht Liebende der Schlaf. Endlich beginnt die Eule den Sang der Mitternacht, der Fuchs antwortet klaͤffend. Der Koͤnig erwacht und ſeinen anhaltenden Bitten nachgebend, laͤßt Lord Ronald ſich einige Ruhe gefallen. Welch Zaubermittel wandte nun Koͤnig Robert an, um die Beſchwerden des Tages zu vergeſſen? Begeiſterung der Freiheit entflammte ſeine Phantaſie, und hob ſein pochendes Herz. Er traͤumte von dem Gluͤck ſeines Vaterlandes, von den fuͤr daſſelbe zu liefernden Schlachten, zu er⸗ ſtuͤrmenden Schloͤſſern, von den durch Schottlands triumphirendes Kreuz gede⸗ muͤthigten Bannern Englands, von dem Wechſel des Krieges, mit einem Worte von dem, was die Lieblingsgedanken eines Hel⸗ den ausmacht. Darf man ſich wundern, daß der Schlaf das Auge des Monarchen, der in den Entwuͤrfen ſeiner großen Seele ſchwelgte, nicht beſchwerte? Schon kroͤnte ein bleiches Licht die Morgenſeite des Gi⸗ pfels von Coolin.. die Fiſchotter eilte in ihren Schlupfwinkel, die Moͤwe erwachte mit ſcharfem Schrei... Der Monarch entſchließt ſich den noͤthigen Schlummer zu genießen. Die Reihe zu wachen„ kommt an den Pagen.. Schwerer wird es Allans Augen die Wache zu halten, die ſeiner Gefaͤhrten Sicherheit und ſeine eigne erheiſcht. Er belegt den Heerd mit harzigen Aeſten der Fichte, die blaͤulicht flammen; dann be⸗ trachtet er ſeine in ihre Plaids gewickelten Wirthe. Aber ſeine Seele geſtattet der „—— —— —— „ Furcht keinen Eingang, aus einem Helden⸗ geſchlecht entſproſſen, wird Allan— wenn er lebt— eines Tags den tapferſten Rit⸗ tern gleichen. Er denkt ans Schloß ſei⸗ ner Mutter, an die Lieblingslauben ſeiner Schweſtern, an ſeiner Kindheit Spiele. Bald aber ſcheint die Klarheit der Flam⸗ men vor ſeinen muͤden Augen zu erſterben. Er ſteht auf, und betrachtet den See, wo Aurorens erſte Schimmer zu erglaͤnzen be⸗ ginnen. Der Nebel verbirgt den Felſen⸗ gipfel, der Morgenwind kraͤuſelt leicht hin uͤber die Oberflaͤche des Gewaͤſſers, die ſchwach bewegten Wellen ſchlagen mit un⸗ unterbrochenem eintoͤnigem Geraͤuſch ans Ufer. Allan traͤumte von den Maͤhrchen, die ſeine Kinderjahre ergoͤtzten, von der Erſcheinung der Pilgrime, von Geiſtern und Nachtgeſpenſtern, von der ſchrecklichen Hoͤhle der Hexe und von der Alabaſtergrotte der Sirene, die unter dem Ocean wohnt in der bezaubernden Einſamkeit von Strathaire 22). Seine Phantaſie verſetzte ihn in dieſen Auf⸗ enthalt, die Woͤlbungen der Grotte fallen ſtoßen, ein andrer, von ſeinem furchtbaren ihm ſtatt der dunkeln Umgebung des Zeltes ins Auge; er glaubt auf Marmorboden zu wandeln und uͤber ſeinem Haupte funkelt magiſches Schnitzwerk, wie die Sterne des Firmaments!.... Erwache, Ungluͤcklicher! hoͤr auf zu glauben, daß der ſcharfe Schrei, den du hoͤrſt, die Stimme der erzuͤrnten Najade iſt!.... Ach, der huͤlfreiche Schrei des jungen Gefangnen unterbricht zu ſpaͤt Allans Traum. In dem Augen⸗ blick, wo er ſich ſchlaftrunken erhebt, hat der Spieß eines der Raͤuber den Weg ge⸗ funden zu ſeinem Herzen; er hebt ſeine brechenden Augen gen Himmel, murmelt den Namen ſeines Gebieters, und ſtirbt. Bruce's Erwachen ward dem Moͤrder toͤdlich; ſeine Hand hatte einen Feuerbrand 7 ergriffen, als die erſte Waffe, die ihm vor⸗ kam, und ſchon war jung Allan geraͤcht! Der Boͤſewicht ſaͤllt und giebt den Geiſt auf. Der Fuͤrſt der Inſeln eilt dem Mo⸗ narchen beizuſtehn, einer der leibeignen Hochlaͤnder ſtirbt von ſeinem Schwert durch⸗ Arm zu Boden geworfen, erwartet den Todesſtreich; aber waͤhrend ihn Lord Ronald das Schwert in die Bruſt ſtoͤßt, eilt der Haͤuptling der Moͤrder, ihn hinterwaͤrts mit treuloſer Hand zu durchbohren!... warum bleibt er einen Augenblick unver⸗ theidigt, bis Bruce, der nicht zwei Feinde auf einmal ſchlagen kann, den zweiten auf den ſchon ſterbenden erſten geſtreckt hat?... Der Gefangne hat Ronalds Gefahr geſehn, und ſich auf den Arm geſtuͤrzt, der ihn bedroht; er haͤlt ihn; und ſchon liegt der Verraͤther durch den ſiegkuͤhnen Ronald in den Staub geſtreckt! „Niedertraͤchtiger!“ ſchrie der Mo⸗ narch,„da dir noch ein Hauch des Lebens uͤbrig bleibt, ſo laß mich den ſchwarzen Verrath kennen, der dich gegen friedliche Fremdlinge mit dem moͤrderiſchen Eiſen bewaffnet hat?“ „Du biſt kein Fremdling,“ antwortete der Elende mit wildem Ausdruck,„ich kenne dich wohl, du biſt der Feind meines edlen Haͤuptlings, des maͤchtigen Lorn.“— „Nun dann,“ ſagte Bruce,„antworte noch auf eine Frage, und ſo lieb dir das Heil deiner Seele iſt, antworte ohne Aus⸗ flucht..... Wo kommt dieſer Gefang⸗ ne her? Sage mir ſeinen Namen, Geburt und Vaterland, verbeſſre durch dieſes Ge⸗ ſtaͤndniß deinen niedrigen Verrath.“— „Laß mich ſterben— mein Blut wird zu Eis, uͤber den Knaben habe ich geſagt, was ich weiß; wir fanden ihn in einem Fahrzeug, wo wir etwas Anders ſuchten— und ich dachte“— Der Tod verbot ihm fortzufahren; Cormac kam um, wie er ge⸗ lebt hatte, mitten im Blutbad.— Auf ſein blutiges Eiſen geſtuͤtzt, ſprach der tapfre Bruce zu Ronald: „Freund! wir muͤſſen ſchamroth wer⸗ den.... dieſer junge Minſtrel hebt ſeine ſtummen Lippen zum Himmel, und faltet die Haͤnde, dem Allerhoͤchſten fuͤr unſre wunderbare Rettung zu danken, waͤhrend wir es vergeſſen, der Gottheit unſern Dank auszudruͤcken!“ Er nahte ſich dem gefang⸗ nen Juͤngling, und redete ſanft und guͤtig 1 zu ihm; dieſer aber bebte vor ſeinem ent⸗ bloͤßten Schwerte zuruͤck. Der Koͤnig wiſchte das Blut ab, ſo es bedeckte, und ſtieß es in die Scheide zuruͤck. „Ach!“ fuͤgte er hinzu,„armes Kind! wie wenig ſtimmt dein Schickſal mit deiner Zartheit und Schwaͤche uͤberein; Sclav eines Seeraͤubers, gehſt du zu einem an⸗ dern Herren uͤber, deſſen unſtaͤtes Leben nur eine Reihe von Kaͤmpfen und Gefahren iſt!... aber wiewohl Koͤnig ohne Reich und faſt aller ſeiner Freunde beraubt, wird dennoch Bruce dir einen Zufluchtsort zu verſchaffen wiſſen.— Komm, edler Ro⸗ nald, deine edelmuͤthigen Thraͤnen ſind lange genug dem gefloſſen, der nicht mehr iſt. Dein Allan iſt gut gerochen; komm, laß uns dieſe Gegend verlaſſen; der Tag iſt angebrochen, laß uns unſer Schiff ſuchen... denn ich uͤberrede mich, daß der Verraͤther uns betrogen hat, als er uns ankuͤndigte, es habe die Bucht verlaſſen und ſey ins Meer gegangen.“ Allein, eh der Fuͤrſt der Eilande dieſen G Schauplatz des Blutvergießens verließ, nahm er noch ſchmerzlichen Abſchied von Allan: „Wer wird dein beweinenswerthes Ende im Schloß von Donagaile erzaͤhlen?“ ſprach er.„Ach, wer wird der armen Mutter hinterbringen, daß der geliebteſte ihrer Soͤhne in des Lebens Bluͤthe gefallen iſt? Friede ſey mit deinem Schatten, ungluͤck⸗ licher Page! rechne auf meine Sorge dir Meſſen leſen zu laſſen zum Heil deiner Seele! Dieſe Niedertraͤchtigen aber.... Wolfsgeheul und Rabengekraͤchz' ſchalle um ihre unbegrabenen Leichname!“ Schon verbreitete ſich ein goldnes Pur⸗ purlicht uͤber die Morgenſeite des Gipfels von Coolin, und uͤber des Sees ſchiefer⸗ graue Wellen; reicher erglaͤnzte es in gluͤhendem Wiederſchein auf der Lufthoͤhe der Gebirge, bis zu den Schluchten und Abgruͤnden herab.— So eaͤuſcht der Erde Groͤße uns von fern durch ihren Schimmer, und deckt mit Herrlichkeit die Sorgen, die ſie begleiten.— Bruce und Nonald ſchlugen einen un⸗ gleichen Fußpfad ein, der mitten durch die Riſſe eines harten Granits fuͤhrte. Traurig unterhielten ſich die beiden Helden, und ſchweigend folgte ihnen der Gefangne. Vierte Dichtung. Fremdling! wenn du mit verwegnen Schrit⸗ ten die mitternaͤchtlichen Gefilde des alter⸗ thuͤmlichen Caledoniens durchlaufen haſt, wo die ſtolze Koͤnigin der Wuͤſte neben Seen und Catarakten thront; ſo hat deine Seele ein erhabnes Vergnuͤgen gefuͤhlt, aber auch f 3 zugleich Trauer empfunden, wenn du dieſe 1 unbebanten Thaͤler und Berghoͤhen betrach⸗ teſt, und die reißenden Stroͤme hoͤrſt, die ſich aus dem Felſenſchoos hervorſtuͤrzen und ihre bruͤllenden Stimmen mit dem Geſchrei des Adlers, dem Murmeln des Sees und dem Pfeifen des Nordwinds vereinen. Ja, dieſes Schauſpiel hat dir erhaben, aber trauervoll geſchienen... die Einſam⸗ keit hat auf deiner Seele gelaſtet, die Buͤſte deine Augen ermuͤdet; ein feierlich — 41901— ernſtes Gefuͤhl, eine ſonderbare Furcht haben dir das Herz bedruͤckt; du haͤtteſt nicht fern von dir die Huͤtte eines Holzhauers zu treffen gewuͤnſcht, oder die Spur eines menſchlichen Weſens; mit Entzuͤcken haͤtteſt du den Rauch ſich in leichten Flocken uͤber das wirthliche Dach erheben ſehn; und mit Freuden wuͤr⸗ deſt du des Hahns Morgengekraͤh, oder das Geſchrei der Kindheit auf dem Raſen unter den Weiden beantwortet haben. Welches ſind die Orte, deren wilde Groͤße dieſes durch einen Seufzer gemilderte Schrecken erregt? Es ſind die Seen des dunkeln Rannochs, das Thal von Glancoe, oder auch jene vom Schaum des nordiſchen Clima weißlich be⸗ deckten Grotten, wo der zornige Loch⸗Eri⸗ bol brauſet. Aber der Barde urtheile, ob dieſe erhabenen Einſamkeiten dem furcht⸗ baren Geſtade nicht nachſtehn, das des Coolins unfruchtbaren Gipfel aufſteigen ſieht und den Corisken toſen hoͤrt. Die Krieger durchkreuzten die Wildniß, als Hoͤrnerſchall und wiederholter Aufruf in ihren Ohren erklang — 402— „Es iſt Eduards Horn!“ ſprach Bruce, „aus welchem Grund hat er ſich zu ſo ſchneller Ruͤckkehr entſchloſſen? Sieh, edler Ronald,.. ſieh, wie er mit der Leichtig⸗ keit eines Hirſches, den man verfolgt, uͤber die Felſen ſetzt. So beeilt Eduard Bruce ſtets ſeine Schritte, in den Spielen des Friedens, wie in den Tagen der Schlacht!.. Er hat uns erblickt; eh er bei uns iſt, wird uns ſein Ruf die Urſach melden, die ihn herbringt.“ Eduard ſchrie:„Was treibt Euch hier das Reh zu verfolgen, waͤhrend Schottland ſeinen Koͤnig fordert? Ein Schiff von Len⸗ nox, mit dem das Unſrige kreuzte, beglei⸗ tet mich, um Euch in Eil die heilbringende Neuigkeit zu eroͤffnen. Stuart ruft die Thaͤler des Teviot zu den Waffen, und Douglas die ſeiner Geburt. Deine Flotte, o Bruce, iſt trotz der Stuͤrme in der Bai von Brodick eingelaufen. Lennox erwartet nur deine Ankunft und deine Befehle, um ein Heer einzuſchiffen, das aus dir ergeb⸗ nen Tapfern beſteht; aber noch habe ich — 14103— von einer Gunſt des Himmels dich zu be⸗ nachrichtigen: dein grauſamſter Feind, Eduard, iſt auf der Grenze Todes ver⸗ blichen, als er gegen dich an der Spitze ſeines Heeres zu Felde ziehn wollte!“ Bruce blieb ruhig!... ſeine ernſte Stirn verkuͤndete ſelten nur ſeine Freude: aber bald roͤthete ſein Antlitz eine edle Be⸗ geiſterung.„Schottland,“ rief er,„ſo wirſt du denn, mit dem Willen des Him⸗ mels, deine Kinder befreit und geraͤcht an deinen Feinden ſehn! Doch nehme ich den allmaͤchtigen Gott zum Zeugen, daß ſich keine perſoͤnliche Erbitterung in die Freude miſcht, die Eduards Tod mir ver⸗ urſacht! ich empfing von ſeiner Hand das Ritterſchwert, ich hatte ihm meinen Rang und mein Scepter zu danken, und ich kann geſtehn, daß, wenn man aus ſeiner Geſchichte das Blatt herausreißt, auf wel⸗ chem die Schottland angethanen Beleidi⸗ gungen ſtehn, die Nachwelt keinen weiſern, herzhaftern, und von ſeinem Volke mehr geliebten Monarchen erblicken wird!“ — 404— „— Die Buͤrger von London moͤgen den Verluſt ihres Fuͤrſten beklagen, und die Moͤnche von Craydon ſein Loblied ſingen,“ erwiederte Eduard lebhaft,„mein Haß, ewig wie der ſeine, uͤberſpringt des Lebens Schlagbaum, und ſtirbt nicht mit dem, der nicht mehr iſt. So war der Haß unſres Verfolgers auf der Halde von Solway, als er in ſeiner Rache, die faſt ſtarre Hand zuſammenkrampfend, nach Schottlands Erde wieß, und ſeine letzten Worte den Fluch ausſprachen uͤber ſeinen Nachfolger, wenn er eher Bruce's Vaterland verſchone, bis alle vorgeblichen Rebellen auf ihre blutigen Furchen hingeſtreckt laͤgen. So war ſein Haß, als er, der friedlichen Behauſung des Todes entſagend, ſeinem unbarmherzi⸗ gen„Heer befahl, ſeine Gebeine auf unſre Grenzen zu ſchaffen, als ob ſein ſtarres Auge des Schauſpiels unſers Elends noch zu genießen vermoͤchte 25). So war der Haß des Tyrannen; grauſam, entſetzlich, ewig... ſo iſts der Meine!“ „Eduard, uͤberlaß es den Weibern ein⸗ „— — 405— ander anzugreifen mit Worten, und den Moͤnchen Fluͤche zu ſprechen. Nur das Schwert iſt des Kriegers einzige Waffe. Glaub mir, es werden uns genug lebende Feinde uͤbrig bleiben, um deinen Haß und deine Rache zu befriedigen. Blicke nach dem Meere, und ſieh die Galeeren, die uns einladen den guͤnſtigen Wind zu benutzen. Zu Schiff, laßt uns unter Seegel gehn. Richten wir unſern Lauf nach Arran, wo ſich unſre biedern Freunde unter dem tapfern Lennox geſammelt haben, wo of the Haye und a Boyd, die Schlachten⸗ kuͤhnen, weilen. Mich verlangt es dieſe wackern Krieger anzufuͤhren und von neuem ſich mein Banner erheben zu ſehn... Wird der tapfre Ronald uns begleiten, oder zuruͤckbleiben, die Macht ſeiner Ei⸗ lande zuſammenzuziehn? „Geſchehe, was da wolle, Gluͤck oder Ungluͤck“ rief der Fuͤrſt,„Ronald wird nie von Bruce's Seite weichen. Da zwei Jahrzeuge in die Bucht eingelaufen ſind, wird das Meine, mit meines Koͤnigs — 166— Genehmigung, die Clans von Uiſt zu den Waffen rufen, und alle die, die des Minche's Brauſen auf Lang⸗Islands Ge⸗ ſtade hoͤren. Die Bewohner der Nach⸗ barinſeln koͤnnen wir, ohne allzugroßen Verzug, ſelbſt benachrichtigen, indem wir unſern Weg ſortſetzen, und bald wird Ar⸗ rans Kuͤſte den alten Torquil mit einer Flotte anlangen ſehn, wenn die Bewohner von Weſten immer die Befehle ihres Fuͤr⸗ ſten achten.“ Dieſer Plan ward angenommen. Aber eh man unter Seegel ging, hoͤrte Coolin und der duͤſtre Coresken die Klaglieder des Leichenbegaͤngniſſes. Die betruͤbten In⸗ fulaner brachten den Leichnam des ungluͤck⸗ lichen Pagen bis ans Geſtade, und zogen mit langſamen Schritten das Seeufer entlang, das wuͤrdig war, der Schauplatz ſolch eines ſo ſchmerzlichen Schauſpiels zu ſeyn. So oft ſie ſtillhielten, ſtiegen die Geſaͤnge des Coronach bis an die Wolken, und wenn der Zug ſich weiter bewegte, feierten mit gellenden Toͤnen die Dudel⸗ — 107— ſaͤcke und Pfeifen den jungen Erben von Donagaile. Die Grotten und Felſen hall⸗ ten wieder von der Hymne der Graͤber. In dem Nebel der Berge erſtarben dieſe traurigen Akkorde; denn niemals erreichen ſterbliche Klaͤnge die ſteile Hoͤhe, die nur der Schreckensſtimme des Sturms und dem Rollen des Donners antwortet. Schnell theilte das Schiff die Fluten, durch den Wind der Gebirge von Ben⸗na⸗ Darch vorwaͤrts getrieben, der mit ſeinen Seegeln ſpielt. Das Zittern des Tau⸗ werks gleicht dem Gelaͤchter der Luſt; die gefurchten Wellen ſieden und murren, als wollten ſie antworten mit demſelben Ton. Die Seemoͤwe fliegt dem Schiff voraus, und beſtreicht mit leichtem Fittig die feuchte Ebne. Schon iſt des Coolins Gipfel und die Felſen von Sapen ver⸗ ſchwunden. Jetzt laſſen ſich die Kriegs⸗ zeichen erblicken auf den ſchwarzen Thuͤr⸗ men von Dunscaith und dem See von Eiford; bald erheben ſich dichte Rauch⸗ ſaͤulen und ſchweben uͤber Cavilgarrich; bei dieſem Anblick, der ihren Kriegesdurſt und ihre Racheluſt ſchmeichelt, eilen die kriegeriſchen Clans von Slteat und Strath, ungedultig ins Handgemenge zu kommen, zu den Waffen, und decken ſich mit ihren Schildern. Der Haͤuptling von Mac⸗Kin⸗ non, in den Schlachten ergraut, wird beauftragt ſie anzufuͤhren und in die Bai von Brodich zu leiten. Ein andres Zeichen erleuchtet weit von ferne Land und Meer von der Thurmſpitze zu Canna, der wie ein Fallkenneſt uͤber den Abgruͤnden ſchwebt. Trachtet nicht den Felſen zu erklimmen, wo dieſes Schloß thront, um ſeine Ruinen zu betrachten. Nur fuͤr den Rehbock und Dammhirſch iſt dieſe Unternehmung nicht gewagt. Haltet auf dem Silberſand der Duͤnen, und laßt Euch dem Hirten ſeine alte Tradition erzaͤhlen. Er wird dem wilden Gebell ſeines Hundes Schweigen gebieten, auf des Oceans ſandiges Ufer ſeinen bunt gewuͤrfelten Plaid ausbreiten, Euch zum Sitzen einladen, und Euch erzaͤhlen, wie -—,— vor Zeiten ein Haͤuptling eine fremde Dame in dieſen Thurm brachte. Nur ſchwarze Ei⸗ ferſucht allein konnte dieſem ſtrengen Gatten eingeben, eine ſo ſchoͤne Gefangne in dieſen dunkeln Thurm einzuſchließen. Oefters, wenn des Mondes Strahlen auf dem Buſen der Wogen ruhten, neigte ſich die reizende Fremde von den Thuͤrmen der Waͤlle, rechts und links ihre Blicke hin ſendend, und das Clima von Suͤden aufſuchend. Vielleicht gluͤcklichrer Zeiten eingedenk, ſpielte ſie auf ihrer Laute, und ſtimmte Klaggeſaͤnge in ihrer Mutterſprache an. Noch zu unſerer Zeit, wenn die Klarheit des naͤchtlichen Geſtirns ſich auf der Felshoͤhe und in der Bai wiederſpie⸗ gelt, wenn jedes Luͤftchen verſtummt, glaubt mit von Furcht gemiſchten Entzuͤcken der Bewohner der Hebriden das Liſpeln einer Laute und die Stimme der Gefangnen zu hoͤren, die in fremder Sprache ihr Un⸗ gluͤck bejammert... Dieſe Erzaͤhlung iſt ruͤhrend... hat aber ſchon zu oft die Harfe des Barden beſchaͤftigt... ach! wer kann bei dem Felſen und dem verſunk⸗ nen Thurme voruͤberwallen, ohne der Un⸗ gluͤcklichen, deren Andenken dieſer Anblick zuruͤckruft, einen Seufzer zu ſchenken? ²4) Inzwiſchen hat der Steuermann das Schiff gegen die Gebirge von Ronin gewendet; die Voͤlker, die ſie bewohnen, ſind ans Ufer geeilt; losgeſpannt haͤngt ihr Bogen; den Geſetzen des Herrn der Eilande unterworfen, vertauſchen ſie den Jagdſpieß mit dem Eiſen des Kriegers. Bald ruft das Feuerzeichen, das auf Scoureigg erglaͤnzt, alle Bewohner unter die Fahnen des Herrſchers, ein zahlreiches Geſchlecht, bevor der wuͤthige Macleod in dieſe Inſel drang, von Rache erfuͤllt! Die Grotte des Oceans bot umſonſt ſeinen Opfern eine Zuflucht. Der unerbittliche Haͤuptling verſchloß den Eingang mit bren⸗ nender Haide; dicke Duͤnſte erfuͤllten die Hoͤhle; die Drohungen der Krieger, das Gewinſel der Kinder, das Geſchrei der Muͤtter wurden vergebens gehoͤrt; der Haͤuptling, nur den Eingebungen der — 111— Rache Gehoͤr gebend, unterhielt die Flam⸗ men, bis ein ganzer Stamm in ſeinem letzten Aſyl umkam. Die noch in der Grotte angehaͤuften Gebeine beſtaͤtigen dieſe entſetzliche Rache 26). 3 Das Schiff gleitet ſchnell uͤber die Flu⸗ then, der Lerche gleich, die mit Aurorens Erwachen die Luft durchſeegelt, oder dem Schwan, der das Meer an einem Som⸗ mertag durchſchwimmt. Gen Oſten erblickt man die Geſtade von Mult, Colonſay, Ulva, und die Inſelgruppe, die Staffa umgiebt, durch den Tempel des Oceanus beruͤhmt, unter deſſen vergeſſnen Saͤulen der Seerabe einen ruhigen Aufenthaltsort findet; das ſchuͤchterne Seekalb raſtet furcht⸗ los in dieſem bewundernswuͤrdigen Gebaͤu⸗ de, welches die Natur ſelbſt zum Ruhm ihres Schoͤpfers erhoben zu haben ſcheint, um alle von ſterblichen Baumeiſtern errich⸗ tete Tempel zu uͤbertreffen. Fuͤr welche andre Gottheit haͤtten ſich dieſe Saͤulen aufgerichtet, dieſe Boͤgen gerundet? Das iſt der feierliche Gedanke, den der Wogen ſchallende, vom Echo zur Zeit der Ebbe und Fluth mit Donnergeraͤuſch wiederholte Stimme durch ihre gehaltvolle Melodie einfloͤßt. Nicht unwillkuͤhrlich ſcheint es zu ſeyn, daß der Eingang des Gebaͤudes ſich der Fronte nach gegen den alterthuͤm⸗ lichen Tempel von Jona kehrt; die Natur ſcheint dem Menſchen ſagen zu wollen: „Vergaͤnglicher Sohn des Staubes, ein erhabnes und weltberuͤhmtes Denkmal haſt du erbaut; aber betrachte das mei⸗ ne.. 21*³ 26) Das Schiff verfolgte ſeinen raſchen Lauf, wie der Delphin, der dem Tyran⸗ nen der Meere entrinnt, oder der Damm⸗ hirſch, den die Koppel der Hunde verfolgt⸗ Ronald ließ den Loch⸗Tua auf der entge⸗ gengeſetzten Seite des Windes; er gab ſich den Kriegern des wilden Tiry und dem Haͤuptling der ſandigen Inſel Coll zu er⸗ kennen. Nicht weilte er in dem Hafen von St. Columba, obgleich das Erz der Glocken feierlich hallte. Der ſtolze und tapfre Beherrſcher von Lochbuie ſah ſein — 1443— Zeichen, und guͤrtete ſein Schwert; das gruͤnende Iloy vereinte ſeine Braven; mit ihnen bewaffneten ſich die Inſeln von Scarba, von des Corruvreken drohenden Fluthen gepeitſcht, und die einſame Co— lonſay, denen die heut verſtummte Harfe einſt klang! Er hat aufgehoͤrt zu leben, der Euch ſeine Geſaͤnge ertoͤnen ließ; ver⸗ loſchen iſt die Fackel, die in die Ferne der Wiſſenſchaft Helle verbreitete. Ein frem⸗ des Geſtade bewahrt Leydens Aſche. Der Wind war fortdauernd guͤnſtig, aber nicht mehr durchfurcht das Schiff die Gewaͤſſer. Es ſchlaͤgt einen ungewoͤhn⸗ lichen Weg ein, aus Furcht der feindlichen Flotte zu begegnen, wenn es gegen Suͤden die Halbinſel von Cantire 27) unſchiffte; es ſticht im See von Tarbat: das Schiffs⸗ volk muß das Schiff ziehn auf den Iſthmus bis zur Bai von Kilmaconn el. Es war ein ſonderbares Schauſpiel die Maſte uͤber die Wipfel der Baͤume ſtrei⸗ chen und das Schiff laͤngſt der Felſen und am Gehoͤlz hingleiten zu ſehn. Man⸗ H — 414— cher Wahrſager der Gebirge wußte wichtige Prophezeihungen aus dieſem Wunder zu ziehn, die Bewohner dieſer Seeufer an die alten Legenden erinnernd, welche ſag⸗ ten: Wenn ein Koͤnigsſchiff auf dem Moos von Kilmaconnel ſchwimmen wuͤrde, wuͤrde das alte Albion ſiegen in der Schlacht, und ſeine Feinde bleich werden und zittern ſehn bei dem Anblick des weißen Kreuzes von Silber. Zum zweitenmal ins Meer verſetzt, ging die Galeere, ſtolz uͤber dieſe Vorher⸗ ſagung, nach der Inſel Arran; bevor ſie ſich hinter Ben⸗Gloih verlor, dem Ge⸗ birge des Windes, erleuchtete die Sonne mit guͤnſtiger Klarheit die kahlen Felſen⸗ gipfel und den Loch⸗Ranza. Bruce und ſeine Begleiter gruͤßten freudig dieſe Orte; das Eiland ſchien ſeinem Monarchen zu huldigen, ſo glaͤnzend war die Kuͤſte, ſo rein der Ocean. Jede diamantne Welle kraͤuſelte friedlich in der Bucht, wo Gold⸗ farbe und Azur mit Smaragd ſich miſchte. Der Thurm, der Huͤgel, das Thal, das Laubwerk waren reich geſchmuͤckt mit den Purpurtinten der letzten Abendſtunde. Der Winde Liebesſeufzer nur unterbrachen je⸗ zuweilen dieſe reizende Stille. Wer haͤtte ihren Reiz und dieſes zauberiſche Gemaͤlde zu ſtoͤren vermocht durch Unterhaltungen von Streit und Ungluͤck? Wollte denn Ronald vom Kampfe ſpre⸗ chen? Die Noͤthe ſeiner Wangen, ſein ſchuͤchterner Blick, ſein niedergeſchlagnes Auge, das Stocken ſeiner Sprache deuten auf ganz andre Rede; auf Koͤnig Roberts Stirn ſchweben tiefe Gedanken, als. ſey er zweifelhaft, was er auf eine wichtige Frage zu antworten habe; zuweilen lieſt man auch in ſeinen Blicken ein mitleidiges Gefuͤhl, von jenem wohlwollenden Laͤcheln begleitet, mit dem der ernſte Mann von Liebe ſprechen hoͤrt. Lord Ronald traͤgt ſeine Wuͤnſche mit Unruhe vor: „Was meine Verlobte betrifft“ ſpricht er,„ſo weiß mein Koͤnig, wie Editha aus Aſtorniſh entflohen iſt; ſie iſt zu beklagenswerth, als daß ich mir das Recht 2 — 116— anmaaßen ſollte, ſie uͤber ihre ſchnelle Flucht zu tadeln; das Gluͤck begleite ſie!... aber ſie hat die Ehe geflohn, und Lorn ſein Verſprechen zuruͤckgenommen in Ge⸗ genwart der verſammelten Haͤuptlinge. Ich bot meine Hand, um die von unſern Vaͤ⸗ tern entworfne Vereinigung zu erfuͤllen... mit Verachtung zuruͤckgewieſen, wuͤrde ich die Geſetze der Ehre wenig kennen und mein Herz ſehr niedrig ſeyn, wenn ich noch die Rolle eines Bittenden zu Lorns Freude fortſpielen wollte.“ „Freund!“ antwortete Bruce„der Kirche kommt es zu dieſe Frage zu ent⸗ ſcheiden; allein billig waͤr es wohl nicht, da Editha, wie man ſagt, Clifford zum Gemahl annimmt, daß dich das Band, ſo ſie zerriß, noch feſſeln ſollte. Was meine Schweſter Iſabelle betrifft, wer kann fuͤr den Eigenſinn eines Maͤdchens ſtehn? Der Ritter vom Felſen, der Sieger im Turnier zu Woodſtock, der unbekannte Ritter, den ihre Hand bekraͤnzte, hat ihr zu gefallen gewußt, wie ich vermuthe. Allein ſeit 1 — 441— dem ungluͤcklichen Schickſal unſers Bruders Nigel, ſeit dem Verfall unſers Hauſes iſt meine Schweſter traurig und in ſich ge⸗ kehrt, und ſehr veraͤndert. Vielleicht“ fuͤgte der Monarch laͤchelnd hinzu„koͤnnte das, was ich hier vernehme, ſie auf andre Geſinnungen bringen; bald muͤſſen wir es erfahren; dieſe Berge verbergen uns das Kloſter von Sankt Bride, wo Eduard Iſabellen in Verwahrung gebracht hat, dort zu bleiben bis auf beſſere Zeit; da⸗ hin werd ich dein Anſuchen bringen, und ſey verſichert: dein Freund wird deine Sache zu fuͤhren wiſſen.“ Waͤhrend ſie ſo mit einander ſprachen, war der ſtumme Minſtrel bei ihnen, und ſtuͤtzte ſeine Stirn gegen den Maſt; ein Schmerz, den er ſich vergebens zu unter⸗ druͤcken bemuͤhte, entriß ſeiner tiefathmen⸗ den Bruſt ſchwere Seufzer, er druͤckte beide Haͤnde auf ſeine Augenlieder, als wollte er die Thraͤnen zuruͤckdraͤngen, die ſich aber dennoch einen Weg durch ſeine zarten Finger bahnten. Eduard, der in — 148— einiger Entfernung auf dem Verdeck auf und ab ging, ward zuerſt den maͤchtig tobenden Schmerz des Juͤnglings gewahr; eben ſo unbedacht als brav, beeiferte er ſich den tief Betruͤbten mit rauher Gut⸗ muͤthigkeit zu troͤſten. Er riß die ſchwache Hand hinweg, die ſeine bethraͤnten Augen barg; der Gefangne leiſtete Widerſtand.... aber mit einer Derbheit, die der Krieger fuͤr Freundſchaftsbeweiß hielt, trocknete er feine Wangen, und ſagte zu ihm:„ſchaͤmſt du dich nicht zu weinen?... ich wollte, deine ſtumme Zunge koͤnnte ſagen, wer der iſt, der dir ſolche Noth verurſacht. Und waͤr es unſer beſter Matroſe, er ſollte mir Rede ſtehn. Auf, faſſe Muth, troͤſte dich, du biſt zu dem Pagen eines Kriegers taug⸗ lich, du ſollſt der meinige ſeyn. Ich werde dir einen ſchoͤnen Zelter vertrauen, mich auf die Jagd zu begleiten, oder mei⸗ ner Dame Botſchaft von mir zu bringen; denn ich denke doch, daß du den Namen meiner Goͤttin nicht verrathen wirſt.“ Bruce nahte ſich bei dieſen Worten. — 41419— „Du luſtiger Eduard“ ſagte er,„das iſt kein Page, wie du ihn bedarfſt, deinen Bogen aufzubewahren, deinen Becher zu fuͤllen und deiner Dame Kunde zu bringen. Du biſt ein zu rauher, unzarter Gebieter fuͤr dieſe Waiſe. Siehſt du nicht, wie er am liebſten Tag und Nacht allein in einem Winkel bleibt? Gewiß iſt er geeigneter, unſrer Schweſter Iſabelle zu dienen bei des Kloſters ruhigen Beſchaͤftigungen, und dort mit dem Pater Auguſtin zu beten, als auf Abentheuer auszuziehn mit einem Fuͤhrer, wie du biſt.“ „Schoͤnen Dank fuͤr ſo ſchmeichelhafte Rede“ erwiederte der heitre Eduard!„Wir wollen aber einmal ſehn, wer von uns beiden das arme Kind beſſer gebrauchen, oder mehr beſchuͤtzen wird.. unſer Schiff iſt dem Strand nahe, laßt die Chaluppe ins Meer, damit wir ausſchiffen.“ Der Koͤnig Robert ſprang leicht ans Land, und ſtieß dreimal in ſein Horn, daß der Wiederhall von Ben⸗Ghoil er⸗ wachte; nicht weit davon umſtellte Douglas 3* — 420— und of the Haye einen verendenden Hirſch, und Lennox trieb die Koppel⸗Hunde an, die ſeiner Ungedult viel zu langſam waren. „Das iſt der Feind, rief Boyd, der athemlos mit feurigen Augen herbeiſtuͤrzte, das iſt der Feind! Jeder von uns, tapfre Lords, laſſe den Bogen, und ergreife das Schwert.“ Nicht doch“ rief Lord James,„es iſt kein engliſches Horn; oft hoͤrt ich es die Kaͤmpfer anfeuern, zum Sieg ermuntern, oder auf der Flucht anhalten; Douglas erkennt Bruce's Zeichen; jeder von uns begebe ſich an das Ufer des Loch⸗Ranza; es iſt das Horn unſers Monarchen!“ Als dieſe Neuigkeit ſich verbreitet, eilen die Krieger mit dem Ausruf ihrer treuen Huldigung ans Geſtade. Sie draͤngen ſich um Bruce, druͤcken ihm die Haͤnde, und vergießen Thraͤnen. Einige waren alte Krieger, deren Silberhaar der Helm be⸗ deckte, und an deren Streitaxt noch das Blut der Daͤnen roſtete. Andre waren Kinder, deren ſchwache Hand kaum mit . ihren Schwertern gegen die Eifenſchilder zu ſchlagen vermochte. Es gab deren auch, die Narben aufzuweiſen hatten von den in den ungluͤcklichen Kriegen von Albion, in der entſcheidenden Schlacht von Falkirk, bei den Niederlagen von Teyndum und Rethven empfangnen Wunden. Man be⸗ merkte den ſtarken Douglas, den liebens⸗ wuͤrdigen Lennox, Kirpatrick, den furcht⸗ baren Ritter von Cloſeburn, den jaͤhzornig wilden Lindſay, den Erben of the Haye, Opfer eines Moͤrders, den ernſten Boyd und den luſtigen Seton. Alle umringten den ihnen wiedergegebenen Koͤnig, weinten und druͤckten ihn an ihr Herz; Greiſe und Juͤnglinge, Laird und Lehnsmann; der, ſo nie das Schwert gezogen, wie der mit Gefahren vertraute Krieger: Alle ſind ent⸗ ſchloſſen allem zu trotzen, und an Bruce's Seite zu ſiegen oder zu ſterben 28). Krieg! du haſt deine wilden Freuden, deine Freudenſtrahlen, welche blendend glaͤnzen wie Lichtblitze, die das Schild zu⸗ ruͤckwirft auf dem Schlachtgefild. Es ſind ———— 1 1 — 122— die heftigen Bewegungen, die das Geſchrei des Sieges entſtehen laͤßt, oder der Schwur der Rache nach einer Niederlage, wenn das Heer die Namen der Tapfern bekannt macht, die als ſolche gefallen ſind. Land der Britten, immer warſt du das Vaterland der Helden, und deine edlen Krieger wer⸗ den ſtets den Klang von Englands Lyra lieben! O Ihr, denen Ehre theuer iſt, kennt Ihr ſie nicht, jene ernſte Freude, die alle geheime Triebfedern des Herzens erſchuͤttert und das Auge mit Thränen uͤberſtroͤmt? Solltet Ihr Bruce tadeln, daß ſein maͤnnliches Geſicht Thraͤnen zeigte, als er die Krieger zu ſeinen Fuͤßen bemerkte, die ihm ihre Arme entgegen ſtreckten, die tapfern Patrioten, die die erſten Tage ſeiner Regierung begruͤßten? Koͤnnt ihr ihn ta⸗ deln? Sein Bruder unterfing ſich dieß zu thun, ſeine Schwaͤche theilend; aber be⸗ ſchaͤmt wand er ſein Haupt mit ſtolzem Laͤcheln ab, um eilig die Thraͤne abzutrock⸗ nen, uͤber die er erroͤthete. Die Morgenroͤthe erglaͤnzte; die Glocke — 123— der Fruͤhmette erklang ſchon lange nicht mehr in dem Kloſter von Sankt Bride. Da ſtuͤrzte eine alte Nonne in Iſabellens Zelle, und rief: „Eilt, eilt, junge Fuͤrſtin, ein edler Fremdling erwartet Euer am Sprachgit⸗ ter. Die armen Nonnen von Sankt Bride ſahen nie einen wuͤrdevollern Ritter, und er hat geſagt: daß er mit Lady Iſabelle ſprechen will!—8"„ Die Prinzeſſin lag knieend und betete den Roſenkranz, ſie erhob ſich und ſprach: „Er vertraue Euch ſeine Botſchaft an; ich kann mit keinem Unbekannten ſprechen.“ „Dafuͤr behuͤte mich Sankt Bride, Mi⸗ lady“ erwiederte jene ſich bekreuzend;„ich moͤchte nicht um den Titel der Priorinn einen ſo hohen Herrn abweiſen!“ „Wie,“ ſprach Iſabelle„die Groͤße der Erde hat Einfluß auf eine Ordensſchwe⸗ ſter? verblendet Euch denn eitler Glanz wie die Weltfrauen? „Nein, Milady, ſchon ſeit langer Zeit ſind Pracht und Edelgeſtein ohne Werth in meinen Augen; aber ein leeres Gefolge verkuͤndet nicht des Fremdlings Rang, nur ein junger Page begleitet ihn. Sein An⸗ ſehn, Blick und Sprache gebieten Ehr⸗ furcht; ſeine hohe Geſtalt iſt ſo vollkom⸗ men in ihrem Ebenmaaß, daß es ihm we⸗ der an Leichtigkeit noch Anmuth gebricht. Sein Haar iſt ſchwarz wie Ebenholz, und ſchon vermiſcht mit des Alters Schnee, lockt es ſich um ſeine Stirn wie des Wein⸗ ſtocks Ranken. Die Gewohnheit der Schlach⸗ ten hat eine gewiſſe Wildheit des Blicks in ſeinen majeſtaͤtiſchen Zuͤgen zuruͤckgelaſ⸗ ſen; allein es herrſcht ſo viel Wuͤrde in ihnen, daß— waͤr ich eine ungluͤckliche Flehende— ich ſicher ſeyn wuͤrde, bei die⸗ ſem wohlwollenden Krieger Schutz zu fin⸗ den; aber als Verbrecherin wuͤrde ich ihn mehr fuͤrchten, als das Urtheil, das mich zum Tode verdammte!“— „Genug!“ unterbrach ſie die Fuͤrſtin „es iſt Schottlands Hoffnung, ſeine Freu⸗ de, ſein Stolz; nie war die Stirn eines gewoͤhnlichen Sterblichen ſo erhaben, ſo — 14125— wuͤrdevoll; es iſt der Auserwaͤhlte des Himmels, der endlich ſeinem Vaterlande wiedergegeben iſt: eile, Mona, eile meinen theuern Bruder einzufuͤhren: den Koͤnig Bruce!— Bruder und Schweſter umarmten ſich mit jener Empfindung, welche Freunde fuͤhlen, die ſich mit Schmerz trennten und nur mit zweifelhafter Hoffnung wiederſehn. Aber als die erſten Regungen dieſer Zu⸗ ſammenkunft ſich beſaͤnftigt hatten, blickte Bruce in der demuͤthigen Halle umher, auf die kahle Mauer und das Lager des Wachens—* „Arme Iſabelle“ ſagte er,„iſt dies deine Wohnung und dein koͤnigliches Bett? Die reichen Stoffe und Kleinodien, die deinem Rang zukommen, ſind denn alſo erſetzt durch den einfachen Roſenkranz und den haͤrenen Guͤrtel? Statt der Trompeten und Cymbeln, die dir ſonſt die Bankete und Hofſpiele ankaͤndigten, ruft dich der Glocke trauriger Hall zu Gebet und Buße! Ungluͤckliche Schweſter des Erben von des — 126— erſten Davids Rechten! Warum verrieth das Waffengluͤck mein gutes Recht?“ Stelle dieſe eitlen Klagen ein; ſey un⸗ erſchuͤttert, Bruce!“ rief ſie„ich wuͤrde weniger ſtolz ſeyn dem Ohngefehr eine Krone zu verdanken, denn dein Misgeſchick getheilt zu haben, als ſich dein Arm zur Vertheidigung des Vaterlandes bewaffnete. Laß dichs nicht kraͤnken, wenn der truͤge⸗ riſche Traum der Freuden mich nicht mehr von meiner Bahn abfuͤhren kann. Der Himmel hat mich gewuͤrdigt einen Blick der Huld auf meine Unerfahrenheit zu werfen und mich vor Schiffbruch zu behuͤ⸗ ten. Er hat mich gepruͤft mit aller Strenge ſeiner Gerichte! der Ruhm meines Ge⸗ ſchlechts, deine Niederlage, Nigels Tod, haben mich tief gebeugt; nicht mehr kann mich die eitle Groͤße in dieſer ſuͤndigen Welt verfuͤhren. „Nein, Iſabelle“ erwiederte Bruee, „nein, meine Schweſter, eh du dieſe Wahl triffſt, vernimm die Stimme deines Bru⸗ ders... ſinne nach, ob nicht bei den Buͤßungen des Kloſters dich ſuͤßre Gedan⸗ ken zerſtreuen... vielleicht das Andenken an den unbekannten Ritter, den Sieger im Turnier von Woodſtock?.. du erroͤ⸗ theſt; was wuͤrdeſt du ſagen, wenn er einen ruͤhmlichern Lorbeer zu deinen Fuͤßen legte?“ Bruce's ſcharfes Auge hatte Iſabellens fliegende Roͤthe bemerkt, die ſchnell, wie der letzte Strahl des Tages die Wolke faͤrbt, ſie ergluͤhen ließ, und dann— wie die— ſer— verloſch. Allein Iſabelle antwortete mit feſtem Blick: „Ich errathe die Meinung meines Bru⸗ ders; der Ruf iſt bis zu unſers Kloſters Schweigen gedrungen, und hat uns be⸗ nachrichtigt: daß Ronalds Stimme die Bewohner der Eilande unter ſein edles Banner verſammelt hat. Meine Augen haben es laͤngſt erkannt, daß der im Tur⸗ nier ſo ſiegreiche Ritter und der tapfre Lord Ronald eine Perſon ſind. Wenn, je⸗ des andern Bandes frei, er fruͤher um meine Hand geworben haͤtte, ſo haͤtte vielleicht — O.i—ᷓ́ᷓ— ſein Name und meines Bruders Unter⸗ ſtuͤzung.... aber ſchick doch den Pagen fort; ich kann dir ja nicht antworten in ſeiner Gegenwart!“ 3 Der Page hatte ſich, ſoweit es der enge Umfang der Zelle erlaubte, auf die Seite gedraͤngt. Mit truͤben Augen und bewegtem Herzen ſtuͤtzte er ſich auf Bruce's Schwert. Mit ſeinem Mantel gleichfalls belaſtet, bedeckte er ſich das Geſicht damit. „Fuͤrchte nichts von dieſem Zeugen!“ ſprach Bruce„ich danke ihm das Leben. Selten weicht er von meiner Seite; und ſeiner Verſchwiegenheit bin ich gewiß, denn die Natur hat ihn zu ewigem Schweigen verdammt. Seine Sanftmuth iſt ohne glei⸗ chen; er ſoll in der Zelle des Pater Au⸗ guſtin wohnen und ſich dem Dienſt meiner Schweſter Iſabelle weihen. Gieb nicht Acht auf ſeine Thraͤnen, oft ſah ich ſie fließen, wie die Welle, die bei des Lenzes Ruͤckkehr dem Gebirg entflieht; es iſt ein junger Minſtrel, der unſre ganze Theil⸗ nahme verdient, der aber zu ſchuͤchtern iſt, — 129— Gefahren und Fluthen zu trotzen; wer Bruce ſolgen will, muß gegen Unwetter zu kampfen verſtehn: fahre fort, liebſte Iſa⸗ belle, was ſoll ich dem Lord Ronald ant⸗ worten?“. „Nun gut! ſo vernehme Ronald, daß das Herz, das er zu beſitzen wuͤnſcht, nur Gott allein gehoͤrt. Meine Liebe war gleich der Blume des Sommers, die in der Jah⸗ reszeit der Froͤſte verbluͤht; ein Kind des Hochmuths und der Eitelkeit, iſt ſte mit den glaͤnzenden Einbildungen verloſchen, die ſie hervorbrachten. Beharret er dabei, ſo ſag ihm, er ſey an die gebunden, der er ſein Wort gab; der Verlobungsring, ſein Eid⸗ ſchwur auf Kreuz und Schwert ſind unauf⸗ loͤsliche Bande, heilige Feſſeln! Und du, Robert, der du hier fuͤr ihn ſprichſt, ich ſah einſt dich zum Beſchuͤtzer eines ungluͤck⸗ lichen Weibes erklaͤren. Von nahem drohte dir die Gefahr; die Englaͤnder verfolgten dich; Flucht blieb das einzige Mittel deiner Rettung, da hoͤrteſt du das Wehgeſchrei einer Gebaͤhrerin, kehrteſt ploͤtzlich um, und J — 430— ließeſt deine Krieger haͤlten; du trotzteſt allen Anſtrengungen der Feinde, eh du, wie ein feigherziger Ritter, ein Weib im Elend unbarmherzigen Kriegern uͤberließeſt. Wollteſt du denn heut deinen Beiſtand der unterdruͤckten, beſchimpften Braut verſagen, Ronalds Untreue unterſtuͤtzen und mir die Pflicht auferlegen, ſeinen Unbeſtand zu be⸗ guͤnſtigen? Ich rufe den Himmel zum Zeu⸗ gen! waͤren die irrdiſchen Empfindungen, die ſonſt mein Herz erfuͤllt, auch nicht alle der Hoffnung auf ein beſſres Leben geweiht, wuͤrde ich doch Ronalds Huldigungen zuruͤck⸗ weiſen, bis er den Ring der Ehe und ein Schreiben zu meinen Fuͤßen niedergelegt, als Beweiß, daß Editha ihm ſeines Schwurs entlaſſen.“. Einer ploͤtzlichen Heftigkeit nachgebend, ſtuͤrzte ſich hier der Page nach Iſabellen hin, als wollte er ſich an ihre Bruſt wer⸗ fen, dann, zu ſich ſelbſt kommend, neigte er in demſelben Augenblicke das Haupt, bog das Knie, kuͤßte zweimal die Hand der Prinzeſſin, ſprang auf und verließ die Zelle. — 4134— Iſabelle blieb ſtumm vor Erſtaunen, erroͤ⸗ thete, und ſchien erzuͤrnt uͤber dieſe Ver⸗ wegenheit; aber der gute Koͤnig Robert rief:„Vergieb ihm, Schweſter! mein Page ſpricht durch Zeichen... er hat gehoͤrt, welch ein Amt ich ihm beſtimme, und hat die Ausbruͤche ſeiner Freude nicht zuruͤckzu⸗ halten vermocht... aber du, theure Iſa⸗ belle, bedenke wohl die Wahl, die du treffen willſt, und glaube mir: daß ich nicht als Tyrann handeln will, oder dich zwingen deine Hand und Herz zu verſchenken, eben ſo wenig als es leiden, daß Ronald die Jungfrau von Lorn deinetwegen beſchimpft. Ueberlege es alſo genau; es iſt nicht lange her, daß du gern im Stillen ſeufzteſt, und daß immer deine Lieblingslieder die Ge— ſaͤnge ungluͤcklicher Liebe waren. Jetzt, da du frei biſt, iſt das Kloſter der Gegenſtand aller deiner Wuͤnſche! Ach, wenn Bruder Eduard dieſe Veraͤnderung wuͤßte, wie wuͤrde ſeine ſpoͤttiſche Laune ein ſo ſchoͤnes Feld ſinden, ſich uͤber den weiblichen Eigen⸗ ſinn zu verbreiten!“ J 2 à4 — 132— „Mein Bruder“ erwiederte Jſabelle, „Eduards Vitzeleien wuͤrden mir nicht un⸗ erwartet kommen; gut, offen, aber rauh, hat er immer Zwang und Nachdenken ge⸗ haßt; aber du, du biſt andrer Gemuͤthsart; ſo beauftrage ich dich denn Ronald zu ſagen, daß, wenn er nicht den Ring zu meinen Fuͤßen legt, der ſeine Freiheit feſſelt, er davon abſtehn ſoll, um meine Hand zu werben. Freiwillig gebe Editha den Ring zuruͤck. Aber, ſelbſt dann, wenn er frei wuͤrde von dem Bande, das ihn kettet, ſo verſpreche ich doch nicht einen Gatten der Einſamkeit des Kloſters vorzuziehn. Leb wohl, mein Bruder, leb wohl auf einige Zeit; die Glocke ruft mich zu andern Pflichten.“ „Sie iſt verloren fuͤr die Welt!“ ſprach Bruce, die koͤnigliche Jungfrau verlaſſend. „Welch ein Edelſtein wird im Kloſter ver⸗ graben werden! Ach, es iſt des Ungluͤcks grauſame Hand, die in dieſem jungen Her⸗ zen die Gefuͤhle zarter Liebe zerſtoͤrte!... doch— was hab ich mit der Liebe — 133— zu ſchaffen? Ernſtere Sorgen nehmen jetzt mein Sinnen und Denken in An⸗ ſpruch.“ 3 „Wir koͤnnen nicht auf dieſer Inſel wei⸗ len; auch waͤre ſie nicht hinreichend zu unſern Beduͤrfniſſen: gegenuͤber, auf dem feſten Lande, ſind die Thuͤrme von Turn⸗ berry, die mein Heer erwarten... der alte Kapellan meines Vaters, Cuthbert, der immer auf dieſem Geſtade wohnte, koͤnnte er mir nicht durch ein Feuerzei⸗ chen die zur Abfahrt guͤnſtige Stunde mel⸗ den? Laßt uns hoffen; ein treuer Freund wird ihm meine Botſchaft hinterbringen. Eduard mag den Boten aufſuchen. Wenn einmal dieſe Veſte in unſrer Gewalt iſt, wird die Inſelflotte ſich an Carricks Kuͤſte vereinigen.“ „9 Schottland, werd ich endlich deine Schmach raͤchen koͤnnen in der Schlacht, meine ſiegreiche Stirn erheben und die Freiheit deinen Huͤgeln und Thaͤlern wie⸗ dergegeben ſehn? Dies Gluͤck allein erflehe ich von dem Himmel eh ich ſterbe!“ — 134— Mit dieſen Worten ſtieg er langſam den Huͤgel herab, oft nachdenkend ſtehn bleibend. Endlich gelangte er an den Ort, wo ſein Heer das Lager aufgeſchlagen hatte. Fuͤnfte Dichtung. Dee Strahlen des Fruͤhroths umglaͤnzten den ſchoͤnen Loch⸗Ranza. In leichten Wol⸗ ken erhob ſich der Rauch uͤber die einſamen Huͤtten, die eine tiefe Bucht und eine Bergkette von der uͤbrigen Welt ſchied. Der Fiſcher hatte ſein Seegel geſenkt; der Hirt fuͤhrte ſeine Ziegen uͤber den ſteilen Gipfel des Ben⸗Ghoils. Vor der Huͤtten⸗ thuͤr ſitzend, und verjuͤngt von der beleben⸗ den Sonnenwaͤrme, drehte die alte Haus⸗ frau ihre Spindel.. Allenthalben erwachten die Sterblichen zu Arbeit- und Sorgen. Die Toͤne einer bemoosten Glocke riefen die Kloſterfrauen zu andern Pflich⸗ ten.— Die Hora iſt geſungen; das heilige Amt iſt gehalten, jede Schweſter, ihrer Ordensregel gehorſam, geht in ihre Zelle zuruͤck, den Roſenkranz zu beten. Iſabelle kniet nieder, andaͤchtig zu beten; ein Son⸗ nenſtrahl dringt durch das enge Fenſtergit⸗ ter, und faͤllt auf ihren Alabaſterhals und auf das ſchwarze Gelock, welches ihr an⸗ daͤchtig gebeugtes Haupt umſchattet. Ihr Gebet iſt geendet; ſie erhebt die Augen. Ploͤtzlich erblickt ſie auf dem Fuß⸗ boden einen reichen Brillantring, mit einem Seidenfaden, an den ein Papier geheftet, mit der Aufſchrift:„Fuͤr Lady Iſa⸗ belle.“ Sie oͤffnet es und lieſt: „inſt war dieſer Ring das Pfand ſei⸗ ner Treue. Ich gebe ihn zuruͤck, wie ſein Verſprechen; ich trete der ſeine Hand ab, die ſein Herz beſitzt. O du, der eine beſſre Beſtimmung wartet, verſage nicht einen Seufzer des Mitleids der ungluͤcklichen Editha von Lorn!“ Ein Strahl der Freude glaͤnzte in Iſa⸗ bellens verwunderten Blicken, aber bald verloſch er und Schamroͤthe zeigte ſich auf ihrer Stirn, ſie gleichſam beſtrafend fuͤr dieſe Aufwallung der Freude. „Weichet von mir, ihr meines Ge⸗ ſchlechts unwuͤrdige Gefuͤhle, ihr niedern und ſtrafbaren Gedanken, die ihr jetzt mein Herz hebt bei den getaͤuſchten Hoffnungen einer Nebenbuhlerin. Pfand der Schwuͤre, die einſt einen Undankbaren an eine zu leicht⸗ glaͤubige Braur feſſelten, Iſabellen ſollſt du nicht taͤuſchen! Ich werde dich an einen Ort legen, wo alle weltliche Gedanken ver⸗ nichtet werden, wo alle Erdengroͤße ihren truͤgeriſchen Schimmer verlieret. Mit dieſen Worten legte Iſabelle den Ring zu den Fuͤßen des Kreuzes, das in ihrer Zelle ſtand. Bald kam ein andrer Gedanke in ihre Seele.... Fern von dieſem Orte war die, welcher dieſer Ring gehoͤrte. Wie konnte denn dieſes Kleinod durch Gitter und Riegel bis zu ihr gelangen? Aber das Fenſtergitter war halb geoͤffnet, Iſabelle ſah nach; der Morgenthau iſt leicht abgeſtreift; auf der bemoosten Mauer — — 138— folgte ihr Blick dem Eindruck eines Fußes, der im Voruͤberſchleichen das Gruͤn abge⸗ riſſen hatte, und die Epheuzweige waren zu einer Leiter kuͤnſtlich verſchlungen.“ „Wer iſt der kuͤhne Bote, der ein ſol⸗ ches Wagniß unternahm? Ich argwohne ſeltene Dinge! Da iſt Mona, ſie kommt auf mich zu; nichts entgeht ihrem neugie⸗ rigen Auge.— Gute Mutter, ſaget mir, wer ſind die Fremdlinge, die heute in dieſer heiligen Wohnung angelangt ſind? „Milady, es iſt Niemand von Stande gekommen; nur der Page Eures Bruders erſchien vor Anbruch des Tages. Ich lud ihn ein ſich nach der heiligen Kapelle zur Meſſe zu verfuͤgen; aber er entfloh pfeilge⸗ ſchwind. Und in ſeinen Augen rollten Thraͤnen.“* Bei dieſen Worten lag die Wahrheit vor Iſabellens Augen, wie der Sonnen⸗ ſtrahl, der aus den Wolken blitzt. „Edithal iſt es ſelbſt... ihr ſtummer Schmerz, ihr Benehmen, ihre Blicke er⸗ klaͤren mir genugſam dieſes Geheimniß. Aber, liebe Mona, ſendet augenblicklich zur Bai, ich laſſe den Koͤnig bitten in meine Zelle zu kommen, und den ſtummen Pagen mit zu bringen, dem er ſo gewogen iſt.“ „Wie, Milady, wißt Ihr denn nicht, daß der Koͤnig mit Anbruch des Tages das Geſtade verlaſſen hat? Meine alterſchwachen Augen haben vom hohen Thurme herab den Aufbruch der Krieger geſehn. Geſtern wa— ren ſie mitten im Walde gelagert, und mit Aurorens Anbruch erklang das Horn ihres tapfern Fuͤrſten; ſie eilten in ihre Reihen, zwiſchen Baͤumen und Geſtripp erglaͤnzten ihre Lanzen. In ihrer Eil brachen ſie auf, ohne des Himmels Beiſtand anzurufen, den Hirſchen gleich, die des Morgens die Thautropfen abſchuͤtteln, mit denen ſie die Nacht bedeckt hat, ihre mit Geweih ge⸗ ſchmuͤckten Haͤupter hoch erheben und uͤber die Halde fliehn!... —„Aber wohin hat denn mein Bruder ſeine Schritte gewendet?“ „Ich vernahm: er haͤtte ſich nach der Bucht von Brodick gewandt, wo, wie man — 140— verſichert, ihn wohl zwanzig Nachen er⸗ warten, um ihn beim erſten Zeichen an Carricks Ufer zu tragen.“ —„Wenn das ſein Vorhaben iſt“ ſegte die unruhige Iſabelle hinzu,„ſo iſt Eile noͤthig.. Sendet den Paͤter Auguſtin zu mir.“ Die Nonne gehorchte, und bald darauf kam der Moͤnch. „Mein Vater“ ſprach die Prinzeſſin, „eilet, ſo ſchnell ihr koͤnnt, in die Bucht von Brodick, mein Bote zu ſeyn an Bruce. Saget ihm: ich beſchwoͤre ihn um des Him⸗ mels willen, das Ufer nicht zu verlaſſen, bevor ich mit ihm geſprochen. Sollte aber die Ausfuͤhrung ſeiner Plaͤne keinen Verzug leiden, ſo vertraue er Euch den jungen ſtummen Pagen an, der in ſeinem Gefolge iſt; ſaget ihm, daß es eine Gunſt ſey, die Iſabelle ſich von ihm erbittet, und daß ſie Urſachen hat, die ſie nicht ſagen kann. Geht, guter Pater, denkt, daß von Eurer Eil Leben und Tod abhaͤngt.“ Der alte Prieſter nahm die Kapuze — 441— uͤbers Geſicht, ſtuͤtzte ſich auf ſeinen Knoten⸗ ſtock, zeg ſeine Sandalen an, und gleich einem Pilger, den der Jahre Laſt druͤckt, nahm er ſeinen Weg uͤber Sumpf und Heide. Langſam ſind des Alters Schritte, lang und muͤhvoll war der Pfad; aber an dieſem Ort gab es keinen andern, dem man eine wichtige Botſchaft anzuvertrauen wagen durfte. Der Moͤnch wanderte langſam zwiſchen den Hecken hin. Er folgte man⸗ chem Bach in ſeinem Lauf; manchein mit Geraͤuſch vom Gebirg ſich herabſtuͤrzenden Strom, der ſein ſchnelles reißendes Ge⸗ waͤſſer dann brauſend hinrollte und ſich ſchaͤumend uͤber die Felsgekluͤfte brach. Der wilde Brachvogel flatterte furchtlos um den Greis. Er uͤberſchritt Pfade von Abgruͤn⸗ den begrenzt, deren Kruͤmmen ein wachſa⸗ mes Auge und einen ſichern Tritt erheiſch⸗ ten. Der Reiſende legte ſein Haupt auf alte Druidenſteine, Altaͤren unſrer Vor⸗ aͤltern, und murmelte mitten unter den Denkmaͤlern heidniſcher Helden 29) ein — 142— demuͤthiges Gebet fuͤr alle, die ſtarben, eh die Sonne von Siloe fuͤr ſie aufgegangen war. Er kniete nieder vor dem Kreuz von Markfallane, ſeinen Roſenkranz im Schat⸗ ten betend, und ſeinen Durſt loͤſchend aus dem benachbarten Bache. Dann, ſeinen Weg verfolgend, erklomm er, bei Einbruch der Nacht, den Huͤgel, der auf ſeiner gruͤ⸗ nen Hoͤhe die alten Thuͤrme von Brodick traͤgt. Douglas hatte dieſe Thuͤrme mit gewaffneter Hand dem letzten der Haſtings, Englands Vaſallen, genommen. Die hinter dem Eiland unterſinkende Sonne umgoldete ſie noch mit ihren letzten Strahlen. Trotz der Naͤhe der Nacht, war alles in der Bucht von Brodick in Bewegung. Bruce's Krieger hatten ſich am Geſtade verbreitet; die einen loͤſten die Seile der Schiffe und Chaluppen, andre entrollten die Seegel, und bewegten die Ruder. Ihre Augen richteten ſich oft nach einem Lichtpunkt, der am Horizont glaͤnzte, und den man fuͤr einen Stern des Azurdoms gehalten haͤtte, wenn nicht dies Licht min⸗ — 143— der glanzvoll und weniger ausgebreitet ge⸗ weſen waͤre. Dieſes ferne Feuer flammte im Suͤden. Wenn der Tag ſich neigte, ſchien ſeine Helle bleich und ſterbend; aber wenn die Nacht ihren dunkeln Schleier auf die Geſtade von Carrick warf, ſtrahlte die Flamme immer heller. Die ſchweren Schritte des Moͤnches druͤckten das ſandige Ufer; er befand ſich mitten auf einem dem Diener des Altars ganz fremden Schauplatz. Krieger ruͤſten ſich zum Kampf, und beſchaͤftigen ſich mit ihrem Waffengeraͤth; Lanze und Streitaxt bewegen ſich in ihrer Hand; ungewohnte freche Reden ſchallen dem heiligen Mann in die Ohren 30); die Haͤuptlinge beeilen das Einſchiffen, und brauſend, wie die Woge im Sturm, ſprechen ſie mit Ungedult be— zeigenden, gebietenden Worten zu den Kriegern. Der Moͤnch ging durch das Heer, und kam bis zu Bruce. Er fand ihn an eine auf dem Strand im Trocknen zuruͤckgebliebne Galeere gelehnt, welche die ſteigende Meer⸗ fluth mit fortnehmen ſollte ins Gewaͤſfer. Bruce zaͤhlte jede Woge auf dem Sandufer, welche die Seiten des Fahrzeugs benetzte. Er wandte zuweilen ſeine Blicke zu jenen fernen Flammen, betrachtete ſein Wehrge⸗ haͤng, und ſtieß ſpielend ſein Schwert in der Scheide auf und ab. Eduard und Lennor befanden ſich bei ihm. Douglas und Ronald betrieben das Einſchiffen des Heers...... Der Moͤnch nahte ſich dem Koͤnig, ſich verbeugend. „Seyd Ihr ſo weit hergekommen, ſprach der Koͤnig, um uns vor unſrer Abreiſe zu ſegnen?“ „Fuͤrſt, als rechtlicher Unterthan werde ich zum Himmel flehn fuͤr das Gluͤck Eurer Waffen. Aber etwas Anders habe ich von „Euch zu bitten.“ Und er brachte ihm Iſabellens Botſchaft.— —„Bei dem heil. Gilles, Ihr ſetzt mich in große Unruhe!“ rief der Koͤnig„Dieſen Morgen habe ich den Pagen nach Sankt Bride geſchickt, mit ausdruͤcklichem Pefehl daſelbſt zu bleiben.“ 3 —„Er ſey hingekommen, ſagt die Pfoͤrtnerin, aber, Herr! er iſt nicht lange dort geblieben.“— Nun nahm Eduard das Wort: „Ich habe eine wichtigre Sendung fuͤr den Pagen gefunden. Ich ſuchte in meiner Unruhe einen Boten, der ſchicklich ſey, Eure Befehle Cuthbert zu uͤberbringen. Der Zu⸗ fall hat mich mit Tagesanbruch in eine Kapelle gefuͤhrt, wo man Meſſe las; da fand ich den ſtummen Juͤngling auf einem Grabmal ſitzen, und ſeine Jugend beweinen, die ihr zur Finſterniß des Kloſters verdamm⸗ tet. Ich ſchlug ihm dieſe Sendung vor. Sogleich ſtrahlte Freude und Erſtaunen aus ſeinen Augen. Er flog davon in einem keichten Nachen, deſſen Seegel ein guͤnſtiger Wind blaͤhte, und ich ſehe, daß er meine Befehle treulich erfuͤllt hat; denn das Feuer, das am Horizont flammt, kuͤndigt uns an, wie nachlaͤſſig Clifford das Erbe unſrer Vaͤ⸗ ter bewahret.“ 3 „Unbeſonnener!“ rief der Koͤnig„Wie konnteſt du grauſam genug ſeyn, einer ſol⸗ K — — 146— chen Gefahr eine Waiſe, ein Kind, bas nicht entrinnen, das ſich nicht vertheidigen, nicht einmal um Erbarmen bitten kann, auszuſetzen? Ja! wenn mich der Himmel in meine Rechte wieder eingeſetzt haͤtte, eh haͤtte ich meine Krone gegeben, als ſo den wehrloſen Knaben der Gefahr uͤberlaſſen!“ — Mein Bruder und Koͤnig! antwor⸗ tete Eduard, zwiſchen Zorn und Ehrfurcht getheilt, ſolcher Vorwuͤrfe war ich nicht ge⸗ waͤrtig! Ich dachte, ein fremder Bote koͤnne ſich eher in des Kapellans Wohnung ſchleichen, als einer unſrer Ritter, die dort alle bekannt ſind. Seine Gegenwart wird dort nicht bemerkt werden. Er iſt ſehr verſtaͤn⸗ dig, und ſein Ungluͤck wird ihn vertheidi⸗ gen. Wird er entdeckt, ſo wird niemand den Zweck ſeiner Reiſe errathen, ſein Mund verraͤth ihn nicht.... Ueberdies wuͤrde dieſe guͤnſtige Flamme einem ernſtern Fehler Verzeihung verſchaſfen, als es der meinige iſt.. „Dein Benehmen war unklug, verſetzte der Monarch; jetzt aber ſind dieſe Reden — 147— alle uͤberfluͤſſig. Eilen wir abzureiſen. Gu⸗ ter Vater, erzaͤhlt Iſabellen, welcher un⸗ gluͤckliche Zufall mich verhindert, ſie zufrie⸗ den zu ſtellen. Laͤchelt uns der Sieg, ſo werde ich dafuͤr ſorgen, ihr den Pagen wieder zu geben. Geht, bringt meine Gruͤße der Schweſter, und vergeßt uns nicht in Eurem Gebet.“ „Ach! antwortete der Prieſter, ſo lange dieſe ſchwache Hand den Kelch emporheben und das Zeichen des Kreuzes ſchlagen kann, ſo lange meine alterſchwache Stimme noch einige Worte auszuſprechen vermag, wird der Koͤnig Bruce nie vergeſſen ſeyn von dem treuen Auguſtin!“ Jetzt nahte ſich ihm Ronald und ſprach mit leiſer Stimme: „Bringt der Prinzeſſin folgende Worte: Weil ich kaͤmpfe unter Bruce's Banner, fuͤr Schottland und fuͤr Freiheit, erſuche ich ſie ihrem Ritter zu vergoͤnnen, ein Zeichen ihrer Genehmigung zu tragen; es ſolle glaͤnzen auf ſeinem Helm und die tapferſten Ritter Englands zittern machen. K 2 — 14148— Was den Pagen betraͤfe, ſo haͤtten jetzt wichtigere Sorgen Bruce's Aufmerkſamkeit zu beſchaͤftigen; aber Ronald wuͤrde uͤber zum Lager dienen und mein Schild zur Vertheidigung.“ Mit dieſen Worten ſchloß der Ritter ſeine Rede; denn ſchon hatte die Arbeit tauſend tapfrer Arme dreißig Schiffe ins Meer gelaſſen. Jedes trug hundert und achtzig auserleſne Maͤnner; und mit dieſen Streitkraͤften ging Bruce entweder das Reich zu erobern oder den Tod zu finden. Alle Fahrzenge waren nun flott. Sie wiegten ſich auf dem weiten Ocean. Schon kraͤuſelten ſich die getheilten Wellen und warfen Silberfunken vom Schlag der Ru⸗ derer. Die Flotte entfernte ſich. Nur noch ſchwache Blitze ſendete die Ruͤſtung der Krieger ans Ufer; das ferne Gemurmel miſchte ſich mit der Stimme der Barden. „Wuͤrdige ſie deines Schutzes, Gott, mein Herr!“ betet der Prieſter, als er die ſchwimmenden Nachen auf den Fluthen ihm wachen. Mein Mantel wuͤrde ihm — 149— ſieht„Wenn das Schwert gezogen iſt aus der Scheide fuͤr die Unabhaͤngigkeit der Voͤlker und das Recht des Monarchen, ſo gilt es deine eigne Sache; geben, daß die Schlaͤge dieſer Soͤhne der Freiheit doppelt verwunden; ſtuͤrze du die feindlichen Ban⸗ ner, damit die Voͤlker erkennen, daß von Gott allein der Sieg kommt!“ Als Auguſtin die Hoͤhe erklommen hatte, wandte er ſich noch einmal, Bruce's Flotte zu ſegnen. Seine Augen folgten ihr, bis ſie gaͤnzlich verſchwunden war. Dann rich⸗ tete er ſeine Fuͤße nach dem Thurm von Bodric, der ihm fuͤr die Nacht eine Zu⸗ flucht bot. 1 Verloren hatten ſie aus dem Geſicht die bezaubernden Orte, wo die Inſeln von Cumray mit einem gruͤnen Guͤrtel den Waſſerbehaͤlter des Clyde umgeben; das Gehoͤlz von Bute flieht fern auf den Flu⸗ then; die freudigen Matroſen ſchlagen den friedlichen Buſen des Oceans mit ihren Rudern, und die der Lanze vertrauten Ritter miſchen ſich unter ſie. Bleiche und finſtre Strahlen wirft der halb verſchleierte Mond auf die weißlichen Seegel. Die Steuerleute lenken das Ruder nach dem von fern erſcheinenden Licht; oft nach des Koͤnigs Befehl wiederholtes Geſchrei, damit alle Fahrzeuge auf einmal ans Land ſtießen, bedeutete ſie in ihrem Lauf zu eilen, oder nachzulaſſen. Die Flotte nahet ſich den gegen Abend gelegenen Beſitzungen. Bald beruͤhrt ſie die Geſtade von Carrick; ſie ſieht das Feuerzeichen ſchnell zunehmen. Dieſes Licht, welches kaum in der Ferne einem einſamen Stern glich, glaͤnzte jetzt wie eine majeſtaͤ⸗ tiſche, weit hinausblitzende Flamme. Der Schein beruͤhrt die Wolken, und verbreitet ſich uͤber die Fluthen. Die Felſen der Kuͤſte und die benachbarten Inſeln ſchienen in einem Lichtmeer zu ſchwimmen. Der verblendete Seevogel ſtieß ein wildes Ge⸗ ſchrei aus, und verſchwand in den ſchaͤu⸗ menden Wellen. Der Hirſch entfloh in entferntes Gehege; und der Hahn, glau⸗ vend, er begruͤße die Strahlen der Mor⸗ — —— — genroͤthe, kraͤhte ſeinen Fruͤhgeſang. Bald ſchien die ganze Halde in Flammen zu ſtehn, als wenn eine große Feuersbrunſt ein altes Schloß verzehre. „Nun, mein Bruder! was denkt Ihr in Eurer Weisheit von meinem liſtigen Pagen?“ ſprach Eduard. „Vorwaͤrts!“ befahl der Koͤnig„bald werden wir die Wahrheit vernehmen, welche ſie auch ſey; denn ſolche Feuerzeichen ver⸗ mochten der Page und der Kapellan nicht allein anzuzuͤnden!“ Indeſſen nahten die Galeeren der Kuͤſte.— Die von Eduard graͤbt ſich in den Sand. Der ungedultige Ritter ſtuͤrzt ſich ins Meer, und ob ihm auch das Waſſer bis an den Guͤrtel ſteigt, betritt er zuerſt das Geſtade, ob ſich gleich die Krieger jedes Fahrzeugs unter einander die Ehre ſtreitig machen, zuerſt ans Ufer zu ſpringen; ploͤtz⸗ lich durchlaͤuft jenes ſeltſame Licht, das bisher unbeweglich ſchien, wie der Polar⸗ ſtern, die Luͤfte, dem Feuerwagen des Propheten aͤhnlich; Helme, Aexte und — 4152— Lanzen ſpiegeln ſeinen wunderbaren Glanz zuruͤck und die Krieger unterſcheiden die ſchreckenbleichen Geſtalten ihrer Waffenbruͤder. Aber ſchon verſchwindet die Klarheit, und Finſterniß bedeckt das ganze Geſtade. Ronald fleht den Himmel an; der uner⸗ ſchrockne Douglas macht das Zeichen des Kreuzes.„Großer Sankt Jacoh! wache uͤber uns!“ ruft Lennox. Aber mit dem Anſchein der Sorgloſigkeit ſpricht Eduard bei Seite zu Kirkpatrick: „Glaubſt du, Comyns irrende Seele ſey uns in dieſen Flammen erſchienen, und wirſt du nicht mehr wagen den Zweifel an ſeinen Tod in Gewißheit zu verwan⸗ deln?*)“ „Schweig!“ unterbrach ihn der Koͤnig „bald werden wir wiſſen, ob dieſe Feuer eine leere Erſcheinung, oder eine Liſt unſrer Feinde ſind. Der Mond glaͤnzt am Hori⸗ zont; jeder Haͤuptling ſtelle ſeine Leute unf am Strand.“ 4) S. Anmerk. 13. — 153— Des Mondes Zwielicht hatte nur ſchwach den Glanz dieſer uͤberirrdiſchen Erleuchtung in der ſchweigenden Bucht und auf dem feuchten Sande erſetzt. Der Koͤnig Bruce ſchloß die Reihen ſeiner Krieger unter dem Obdach der Felſen, als man den ſtummen Pagen laͤngſt eines Fußpfads, der zum Meer fuͤhrte, daherſchleichen ſah. Ehr⸗ furchtsvoll beugte er das Knie auf den Sand, und uͤberreichte Bruce eine Rolle Papier. „Man bringe eine Fackel her!“ rief der Monarch„Wir wollen ſehn, was Cuthbert uns meldet!“ Cuthbert gab nur traurigen Bericht; Cliffords Heer war zahlreich und auf der Hut; ſelbſt an dieſem Morgen war es durch eine Horde Hochlaͤnder verſtaͤrkt wor⸗ den, die der Baron von Lorn anfuͤhrte. Muth und Treue wohnten nicht mehr in dieſem veroͤdeten Lande, das ſo lange Zeit ſchon ein ſo grauſames Joch trug. Der dumpfe Schlaf der Knechtſchaft lag ſchwer auf Carricks Bewohnern. Cuthbert hatte das Flammenzeichen ge⸗ ſehn, ohne die Urſache zu errathen; aus Furcht vor Verraͤtherei ſandte er den ſtum⸗ men Pagen zuruͤck, um den Koͤnig von der Gefahr zu benachrichtigen, die ihm bei der Landung auf dieſem ungluͤcklichen Geſtade drohe. Die Haͤuptlinge hatten ſich um die Fackel geſammelt. Bruce las mit lauter Stimme dieſe beunruhigenden Nachrichten. „Jetzt, edle Ritter, ſagt, welcher Mei⸗ nung ihr ſeyd. Legen wir uns im Hinter⸗ halt ins Gehoͤlz, einen guͤnſtigen Umſtand zu Ausfuͤhrung unſers Unternehmens zu er⸗ warten, oder muͤſſen wir unſre Fahrzeuge wieder aufſuchen, um in ein neues Exil zu fliehen.“ Der wilde Eduard antwortete: „Geſchehe, was da wolle, die Gebieter von Carrick ſollen zu Carrick bleiben. Ich moͤchte nicht, daß je ein Minſtrel von uns ſagen koͤnnte, wir haͤtten uns vor einem Meteor oder Irrfeuer zuruͤckgezogen. Wenn der Koͤnig ſiegreich uͤber dieſe Waͤlle zieht, — 155— wird dieſer erſte Erfolg die Treue in allen edlen, großmuͤthigen Herzen erwecken“ „Welche Schande“ ſagte Lord Ronald, „wenn Torquil zu der Vereinigung kaͤme, und faͤnde, daß nach ſo vielen leeren Prah⸗ lereien wir dieſe Ufer verlaſſen haͤtten, ohne einen einzigen Schlag gethan zu haben? Nicht kann ich glauben, daß dieſe an groß⸗ muͤthigen Herzen ſo reiche Erde, Bruce und Wallace Ernaͤhrerin, lange Zeit mit Tyran⸗ nen unterhandeln ſollte.“ „Wir muͤſſen unſer Gluͤck verſuchen!“ riefen zu gleicher Zeit Boyd, of the Haye, Lennox und alle Haͤuptlinge. Bruce fuͤgte ſich ihren Wuͤnſchen. „Des Suͤdens ſtolze Bewohner haben ſich in meinem Schloß angeſiedelt,“ ſprach er;„aber nicht fern iſt die Stunde, wo ich an der Spitze meiner tapfern Krieger Clifford zwingen werde ſeine Schuld zu zah⸗ len. Man folge mir, dieſer Wald und dieſe Fußpfade ſind mir bekannt genug, ich will Euch in einen ſichern Verſteck bringen!“ Was ſollte ich Euch nun antworten, — 456— wenn Ihr mich fragtet: woher das wunder⸗ bare Licht kam, deſſen Klarheit unfre Krie⸗ ger taͤuſchte? Nie erfuhr man, wer es an⸗ zuͤndete, aber unſre aberglaͤubiſchen Vor⸗ fahren glaubten, es ſey keine ſterbliche Hand geweſen. Man ſagt auch, daß alle Jahre, in der Nacht, wo Bruce auf der Kuͤſte von Carrick landete, daſſelbe Licht mit roͤthlichem Schein Berge, Thaͤler, und den Strom wie den Oeean faͤrbte. Aber ſey es ein Himmelslicht geweſen, das des Koͤnigs Lan⸗ dung beguͤnſtigte, oder ein der Hoͤlle ent⸗ glommnes Feuer, ſeine Niederlage oder ſei⸗ nen Tod nach ſich zu ziehn; oder auch viel⸗ leicht eins jener ſonderbaren Phaͤnomene, die zuweilen den verirrten 1. Reelſanden taͤu⸗ ſchen, ich weiß es nicht... und Riemand wird es je erfahren 32). Bruce's Heer begab ſich nach einem en⸗ gen Felſenpaß; Ronald, ſeinem Verſprechen treu, gab dem jungen Pagen den Arm, ihn bei dem ſchwierigen Fortklimmen auf dem Fußpfade zu unterſtuͤtzen. Muth, armer Amadine(ſo hatten die —x ——O—O;OCOFV:ej’ʒʒᷓ — — 157— Korſaren ihren Gefangnen genannt), warum ſchlaͤgt dir ſo das Herz? ſtuͤtzt dich nicht mein Arm? waͤrmen dich nicht die Falten meines Plaids? Wird dieſe dreifache Buͤffel: haut nicht fuͤr uns beide ein hinlaͤngliches Schild bilden? Iſt das Schwert des Clans von Calla nicht von gutem Stahl? Schuͤch⸗ terner Knabe, kannſt du noch Furcht em⸗ pfinden? Muth! Muth! ſey nur getroſt! Nie wird Ronald aufhoͤren uͤber dich zu wachen. Oft geſchiehts, daß ein nur aufs Unge⸗ faͤhr geworfner Pfeil das Ziel erreicht, ohne daß es der Schuͤtz beabſichtigte; oft ſchmeichelt oder zerreißt ein unvorſaͤtzlich ausgeſprochnes Wort ein ungluͤckliches, zwiſchen Furcht und Hoffen getheiltes Herz; der Page draͤngte ſich an Ronald. Das Gefuͤhl einer herzbeklemmenden Freude ließ ihm ſeine Angſt vergeſſen, er fuͤhlte weder Ermuͤdung noch Kummer mehr: die Liebe vernichtete alle andere Gedanken. Endlich haben die Krieger die Schlag⸗ baͤume dieſer duͤſtern Strandufer und die — 138— ſteilen Felſengipfel uͤberſtiegen. Auf den Waͤllen des fernen Schloſſes hoͤrt man den Ruf der Wachen; ihre Stimme erſchallt durch die Ebne und uͤber das Meer, und beweißt die Wachſamkeit des Feindes. Bruce hat den weiten Schloßpark er⸗ reicht. Nicht ſuche man hier mehr den erhabnen Schatten, Axt und Pflug haben ihn zerſtoͤrt; nur einzelne Baumgruppen ſtanden noch, die dieſe mit gruͤnem Teppich belegte Erde zierten; ſchoͤnes hohes Farn— kraut bedeckte das Thal, und gewaͤhrte dem ſchuͤchternen Hirſchkalbe eine Zuflucht; ver⸗ ſchiedne erhoͤhte Raſenbaͤnke waren von dichtem gruͤnen Gebuͤſch umlaubt. Rings herum quoll ein ſo weicher Raſen, daß er wuͤrdig geweſen waͤre von Feen betreten zu ſeyn. Die mit leuchtenden Blaͤttern pran⸗ gende Diſtel wucherte uͤppig an dieſen Orten. Der Taxus warf hier ſeinen dich⸗ ten Schatten; alte Eichen, denen die Sichel der Zeit Narben gemacht, breiteten maͤchtig ihre vertrockneten Aeſte aus. Lieb⸗ koſend umſpielte bleicher Mondenſtrahl dieſe herrliche Ebne, dieſe Erhoͤhungen, lichten Stellen und Thaͤler. Bruce ſeufzte bei dem Anblick dieſer Gegend, die ſeiner Kind⸗ heit ſo theuer geweſen war. Er war da⸗ mals noch frei, und jetzt irrte er wie ein Verbannter in dieſen ſchweigenden Hecken. Die Krieger beeilen ihre Schritte: ſie verſtehn den abgemeſſnen Marſch, mit wel— chem ein Heer in geſchloſſnen Bataillonen ſich auf dem Ruͤckzug oder zum Angriff be⸗ wegt. Weh ihnen, wenn die Morgenroͤthe ſie auf der Halde uͤberraſcht! Sie durch⸗ kreuzen Verhaue und Stroͤme, ihre Fuͤße beruͤhren bald Sand, bald Moos; kalte Schweißtropfen rieſeln auf der niederge⸗ ſchlagenen Stirn des jungen Pagen. Kaum ſchleppt er ſich mit muͤhſamen Schritten fort. „Muth! Muth!“ ruft Ronald ihm zu.„Noch einige Anſtrengung! Ich will dir die Beſchwerden tragen helfen. Stark iſt mein Arm; eine ſo leichte Laſt, wie du, wird mir nicht zu ſchwer. Wie! du willſt nicht? ich ſoll dich nicht tragen, eigen⸗ — 160— ſinniges Kind! Nun gut, ſo uͤberlaſſe ich dich deinen eignen Kraͤften... noch dieſe Nacht und ich bringe dich zu einer ſchoͤnen Dame; dort ſtimmſt du deine Laute, um durch ſelbe zu verkuͤnden, wie ſehr Ronald Iſabellen liebet.“ Bei dieſen Worten verließ Amadine, von Muͤdigkeit und Schmerz erſchoͤpft, den Plaid, an den er ſich hielt; ſeine zittern⸗ den Glieder verſagten ihm den Dienſt; er ſank dahin— unter die Thauperlen des Abends. 1 Was war zu thun? der Tag will an⸗ brechen, Bruce's Heer eilt mit ſchnellen Schritten vorwaͤrts, und ewige Schande waͤre es fuͤr Ronald, kaͤmpfte er nicht in der erſten Reihe. 5 „Sieh dieſe Eiche!“ ſprach er,„die Zeit hat ihren Stamm ausgehoͤhlt wie eine dunkle Grotte, geh in dieſen Zufluchtsort, und ruhe daſelbſt, in meinen Plaid ge⸗ wickelt. Ich werde nicht fern ſeyn, daß ſey gewiß; doch das Heer kann ich un⸗ moͤglich verlaſſen. Ich werde den Baum — 4161— wiederkennen, der dich verbirgt, komme ich zuruͤck, dich außer Ge ſetzen. Nun denn, trockne deine Thraͤnen, armes Kind... ſchlafe im Frieden, und erwache zum Gluͤck,“ Nachdem Ronald d engen Verſteck verbor ſeinen Weg fort, und erreichte ſehr bald das Heer.— Auf dieſe Weiſe allein gelaſſen, weinte Page lange Zeit; ; ſiegte die Muͤdig⸗ keit, er ſchlief ein.... Die Toͤne einer rauhen Stimme unterbrachen ſeinen Schlaf. „Ja, hier iſts, bei dem Gehoͤlz, wo das Thier vorbeiging!“ Der alte Ryno blieb ſtehn unt Eiche.„Was ſeh ich! E ges Kind in die Falten deſſelben gewickelt! Heraus, heraus; wie heißeſt du? was machſt du hier?... Wie! er antwortet nicht?... Ha, ha! jetzt errath ich's; du biſt der Spion, den man zu Cuthbert geſandt hat, biſt geſtern Morgen von Arran gekom⸗ L er der in Plaid, ein jun⸗ und bald fahr zu — 462— men... Eilen wir zuruͤck, Kameraden, unſer Lord wird Mittel finden, den ſtummen Spion reden zu lernen... gieb mir den Strick von deinem Bogen, um ihn zu kne⸗ beln. Aber wie er weint!— wahrlich! er ſieht ganz erſchrocken aus; na—— wir wollen dich ohne Bande fuͤhren. Fuͤrchte dich nicht;... Ein ſehr ſchoͤner Knabe.... meiner Treu! fuͤr einen Schotten!“ Die Jaͤger fuͤhrten den Gefangnen ohne Verzug mit ſich fort. Der kuͤhne Clifford bereitete ſich zu der Morgenjagd in dem Hof ſeines Schloſſes. Bald unterhielt er ſich mit Lorn, bald beſchaͤftigte er ſich mit ſeinen Hunden und Rennern. Die Zelter und Schlachtroſſe ſtampften ungeduldig die Erde, die Jagd⸗ hunde bellten.... Amadine hoͤrte jetzt die nur allzubekannte Stimme des Freiherrn von Lorn, die durch den Schall der Hoͤrner erklang, und glaubte, Erſcheinungen taͤuſch⸗ ten ihn, wie ſie uns das Irrſein im Fie⸗ ber bringt; dieſe Toͤne entſetzten ihn, wie die Klaͤnge des Schmerzes, welche die Ein⸗ bildung des einſamen Traͤumers mitten unter — 163— Wellengeraͤuſch und Sturmgeheul zu anter⸗ ſcheiden glaubt. Aber die Rede beider Haͤuptlinge drang bald deutlicher in die Ohren des Pagen. „Auf dieſe Weiſe ward ſie Euch alſo entfuͤhrt?“ ſprach Clifford„Seyd verſichert, daß es den Moͤnch gereuen ſoll. Aber was ſprach er, als ihr ihn daruͤber befragtet?“ „Er geſtand, daß Editha verkleidet auf ſein Fahrzeug kam, und er ſie allein gekannt habe. Er fuͤgte hinzu, daß ein von Loru abgegangner Nachen ihnen denſelben Tag nahte, und Seeraͤuber meine Schweſter gefangen nahmen. Der Moͤnch bot Gold fuͤr ſie zum Loͤſegeld, und ſie nahmen es an; aber eh ſie einig daruͤber wurden, er⸗ hob ſich ein heftiger Sturm, die Wellen thuͤrmten ſich brauſend und trennten beide Fahrzeuge, welche ſich ſeitdem nicht wieder⸗ geſehn haben. Der Sturm war ſo heftig, daß das Schiff, die Equipage, die Fluͤcht⸗ linge, alles in die Fluthen verſank. Gebe der Himmel, daß es alſo ſey, daß Editha die Wogen verſchlungen haben und mit ihr L 2 — 164— die Schande, die ſie ihrem edlen Geſchlecht aufdruͤckte! Es wäͤre beſſer, ſie waͤre nie geboren worden, als den ruhmvollen Na⸗ men Lorn mit Unehre befleckt zu haben.“ In dieſem Augenblicke bemerkte Clifford den Gefangnen. „Wem bringſt du uns da Herbert?“ rief er. „Einen Kundſchafter, den wir in einer hohlen Eiche fanden.“ „Und was ſagt de. Juͤngling?“ „Nichts; er ſpielt den Stummen.“ „So macht eine Schleife an dieſen Strick... wenn ſich nicht etwa der tapfre Lorn der Execution zu Gunſten des Plaids, den er traͤgt, widerſetzt.“ „Es iſt ein Geweb von Colla,“ ſagte Lorn, deſſen unempfindliche Blicke mehr auf den Plaid, als den Menſchen, der ihn trug, gerichtet waren; die Weiber dieſes Clans ſpinnen dieſe Tartanen. Weder der Mantel, noch der, ſo ihn traͤgt, haben An⸗ ſpruch auf meinen Schutz. Wollt ihr mir ſolgen, ſo haͤngt ihn an die alte Eiche und — — — 165— laßt ihn in der Luft ſchweben, bis die Angſt ihm die Zunge entfeſſelt; aber er ſterbe nicht ohne die in ſeinem Clan uͤblichen Kirchen⸗ gebraͤuche... Angus Roy mag bei der Hinrichtung ſeyn, und den Sang des Clans von Colla anſtimmen.“„Immer grauſamer Bruder“ dachte der Gefangne;„aber kein Wort kam uͤber ſeine Lippen; feſt in ſeinem Entſchluß, ſeufzte er: Lebe wohl, ohne es doch auszuſprechen. Wird ſeine Beſtaͤndigkeit beim Anblick des Todes nicht erſchuͤttert werden? Eine einzige Sylbe, ein Wort genuͤgt, ihm Leben und Freiheit zu geben? Wird er ſtumm bleiben bei dieſer Stimme des Inſtinkts, die uns zuruft, alles der Erhaltung des Daſeyns aufzuopfern? Aber die Liebe, nicht minder maͤchtig als der Tod, hat ſeine Seele gekraͤftigt und giebt ſeinem Herzen uͤber⸗ irrdiſche Staͤrke. Er wird nicht unterlie⸗ gen, denn das Wort, ſo er ausſpraͤche, gaͤbe Ronald dem Schwert der Feinde Preiß. Der Todtenſang des Clans von Colla erſchallte von fern: der Vollſtrecker des Ur⸗ — 166— theils iſt bei dem Pagen. Sie kommen in den Park. Sie gelangen zu der alten Eiche, an der er ſeine Strafe zu leiden beſtimmt iſt. Was mag Amadine jetzt wohl denken, deſſen Blicke vergebens uͤber die Flaͤche hin nach Huͤlfe ſpaͤhn? Was mag er denken, als ſein entſetztes Ohr die Sterbegebete ver⸗ nimmt, die man um ihn her murmelt? Wird er ſich entſchließen, dieſen grauſamen Tod zu erleiden, oder wird ſein Geheimniß aus ſeinem Herzen ſich draͤngen? Der Schreck bedeckt ſeine Stirn mit kaltem Schweiß, ſeine Lippen ſind blau. Nein, der letzte Todeskampf eines Sterbenden hat nichts dieſem furchtbaren Augenblicke Aehn⸗ liches. Aber nicht weit davon ſtehn andre Zeu⸗ gen, welche die Furcht verhoͤhnen und den Tod herausfordern. Die Trauertoͤne des Todtengeſanges wurden von Bruce's im Hinterhalt befind⸗ lichen Kriegern gehoͤrt. Der Beherrſcher der Eilande erhebt den Blick, und ſieht.... „Beim Himmel,“ ſchrie er, von Wuth — * — 167— hingeriſſen,„ſie fuͤhren den jungen Pagen zum Tode. Der Leichenſang iſt ein Spott fuͤr Ronald. Theuer ſollen ſie ihn bezah⸗ len!⸗ Bruce hielt ihn beim Arm zuruͤck.„Sie ſollen ihm kein Haar kruͤmmen,“ ſagte er, „aber erwartet meinen Befehl. Douglas, fuͤhre funfzig Mann in das Strombette, laß ſie ſich auf die Erde niederlegen, ſie ſollen den Fluͤchtlingen den Weg verſperren. Eine uͤber das Gebuͤſch erhobne Lanze wird Euch andeuten, daß dieſer Hinterhalt bereit iſt. Du, Eduard mit vierzig Lan⸗ zieren, gehſt quer durchs Holz, und ſtellſt dich ans Schloßthor; und wenn du den Lerm des Kampfes hoͤrſt, gehſt du voraus, den Durchgang zu beſetzen. Bemaͤchtige dich der Zugbruͤcke, ſprenge das Thor, und halte dich im Hof. Die uͤbrigen Krieger ſollen mir laͤngſt den Baͤumen langſam folgen, bis Douglas auf ſeinem Poſten an⸗ gekommen ſeyn wird.“ Dem Schlachtroß aͤhnlich, das kampfes⸗ luſtig und des Zeichens zum Angriff mit — 168— Ungedult gewaͤrtig iſt, zittert Nonald, rach⸗ entbrannt, unter dem Laubwerk verborgen. Er haͤlt ſein Schwerdt gefaßt, deſſen blaͤu⸗ licher Stahl bald vom Blut der Ueberwun⸗ denen geroͤthet ſeyn wird. Indeß folgt Bruce mit unverwandtem Auge den Be⸗ wegungen der Seinen, und mißt den Zwi⸗ ſchenraum, den Douglas durcheilen muß, eh er auf dem bezeichneten Platz anlangen kann. Aber ſchon iſt der Trauergeſeng ge⸗ endet; mit feierlich-ernſtem Schritt naht ſich der Zug der verhaͤngnißvollen Eiche; ein leiſe geſprochnes Gebet bereitet das Opfer zum Tode. Doch— welch ein Blitz glaͤnzt mitten aus der Dunkelheit des Wal⸗ des? Es iſt Douglas Lanze, die das Zei⸗ chen giebt. „Edler Haͤuptling! ich halte dich nicht mehr!“ ruft Bruce,„Ronald, du kannſt losbrechen.“ Bruce! Bruce! dies ſo bekannte Feld⸗ geſchrei wiederhallt das Echo der Felſen und Waͤlder, die den Monarchen geboren wer⸗ den ſahen. Bruee! Bruce! dieſer furcht⸗ „ — 169— bare Schrei iſt das Zeichen tauſendfaͤltigen DTodes. Die betaͤubten Englaͤnder ſuchen den Ort, wo der Sturm ausbrechen ſoll, den dieſer Schreckensname verkuͤndet. Allent⸗ halben ſtuͤrzt er auf ſie herab. Ueberfallen, umringt, werden alle in Stuͤcken gehauen; Bruce eilt mitten ins Gewuͤhl, das furcht⸗ bare Schwert des Clans von Colla richtet Unordnung und Verheerung an. Alle, die ihm widerſtreben, wurden niedergemacht. Wehe auch denen, die die Flucht ergriffen; Douglas Lanze erwartet ſie. Zwei hundert Krieger waren aus dem Schloß geruͤckt, kein einziger kehrte wieder dahin zuruͤck. Ronalds Schwert verfolgte die Fluͤcht⸗ linge, eine zaͤrtlichere Theilnahme nahm ſeine Sorgſalt in Anſpruch. Er hob den Pagen auf, der vor Furcht halbtodt zur Erde ge⸗ ſunken war. Zweimal haͤtte ihn beinahe an dieſem Tag das Erſtaunen ein Geheim⸗ niß entriſſen, welches ſelbſt der Anblick des Todes ihm nicht zu rauben vermochte. Als Amadine ins Leben zuruͤckkehrte, drohte der Name Ronald ſeinen Lippen zu entſchluͤpfen, — 1170— mit Muͤhe erſetzte er ihn durch ein undeut⸗ liches Gemurmel. Noch mehr koſtete es ihm, ſich nicht zu verrathen, als der Fuͤrſt der Inſeln ihm das Gewand uͤber dem ge⸗ preßten Bußen luͤften wollte.... Aber ploͤtzlich erſcholl Bruce's Horn, der Fuͤrſt mußte in den Kampf zuruͤck. Der heftige Eduard hatte einen ſchwe⸗ rern Sieg aufgeſucht; er hatte die Schloß⸗ thore angefallen, ohne das Zeichen zu er⸗ warten. So groß war ſein Muth und ſeine natuͤrliche Verwegenheit; oft kroͤnte dieſe ungeſtuͤme Tapferkeit der gluͤcklichſte Erfolg, und ſeine Tollkuͤhnheit ſiegte da, wo die Klugheit nichts ausgerichtet haͤtte. Er ſtuͤrzte ſich auf die Bruͤcke, zerbrach die Aufzugsketten, ſchlug mit ſeiner Streitaxt die Schildwache zu Boden, deren Leichnam, auf die Thuͤrſchwelle hingeſtreckt, ſich den Bemuͤhungen derer entgegenſtemmte, welche die Thuͤr zu ſchließen verſuchten. Obgleich uͤberfallen, vertheidigten ſich die Englaͤnder mit Tapferkeit; Lorn und Clifford ſchlugen ſich mit Verzweiflung; aber Eduard bahnte ſich einen Weg durch hundert Feinde, bald hoͤrte man das Feldgeſchrei: Bruce! Bru⸗ ce! Keine Hoffnung blieb den Englaͤndern mehr uͤbrig; immer neue Streiter drangen ins Schloß; ermuthigt durch Sieg, von Blutdurſt trunken, jagten ſie von Poſten zu Poſten den Feind vor ſich her. Uner⸗ erbittlich wuͤthete das Schwert der Nache, in großen Stroͤmen floß das Blut, Todes⸗ geheul miſchte ſich dem Kampfgeſchrei, im Hof ſtuͤrzten die Renner, und vom Hunde⸗ gebell wieder droͤhnten die Thuͤrme. Bald waren keine Feinde mehr am Leben, als die, auf den Boden hingeſtreckt, die letzten Wehklagen ausſtießen. Der tapfre Clifford iſt nicht mehr, von Ronalds Schwert troff ſein Blut; aber gluͤcklicher, als er, gewann Lorn den Port mit geringer Begleitung. Sein Schiff war unter der Citadelle unter Dach gebracht; er zerſchnitt den Ankertau, der es feſthielt; es war um ihn geſchehn, haͤtte ihn Bruce in dieſem Augenblick der Wuth und des Blutbades getroffen. Die Ueberwinder — 172— ließen ihr Freudengeſchrei unter den duͤſtern Hallen der Thuͤrme ertoͤnen; auf dem Thurm des Schloſſes ſahen die Bewohner Carricks das Kreuz von St. Andreas in Silber ab⸗ gebildet auf einer großen Fahne wehen. Erobert hatte Bruce das Schloß ſeiner Vaͤter!„Tapfre Freunde,“ ſprach er nun, „Ihr alle meine Gefaͤhrten, laßt uns froͤh⸗ lich ſeyn, Freude und Vergnuͤgen ſey mit uns! Ihr alle ſeyd meine Freunde, der Lord, der Fuͤrſt, der Anfuͤhrer, der Sol⸗ dat, der ſtumme Page. Großer Gott! ſo iſt denn die Wohnung meiner Vaͤter wieder mein worden? Hier wars, wo der Kindheit erſte Schritte dahin glitten! Dies ſind die gewoͤlbten Hallen, deren Echo dem Ge⸗ ſchrei meiner Jugend Antwort gab und ſo oft den Lerm meiner Spiele wiederhallte! Dir, Gott im Himmel! gebuͤhret zuvoͤrderſt mein Dank; dann Euch allen, meine Freun⸗ de!“ Bruce unterbrach ſeine Rede, bekreuzte ſich.. und warf das noch vom Blut der Suͤdbewohner rauchende und bis an den Heft gefaͤrbte Schwert auf die Tafel 32), —.f.— .—— —.— — 173— „Bringt mir,“ ſprach er,„die vier, von meinen Vaͤtern aufbewahrten Becher 33). Laßt ſie um die Tafel kreiſen, und daß ſie das Unterpfand werden zu Schottlands Be⸗ freiung. Fuͤr einen treuloſen Schotten gelte der, deß Lippen nur den Wein beruͤhren, und der in ſeinem Herzen nicht wie ich den aufrichtigen Schwur leiſtet: Gut und Leben nicht zu achten, bis die Freiheit errungen iſt. Ewige Schmach ſey ſein Theil. Nehmt Platz, meine Freunde, eine gluͤckliche Stunde iſt kurz, die man der Freude weihen kann. Heller blitzen die Strahlen der Sonne durch das Ungewitter.“ „Wir haben die Befreiung unſers Vater⸗ landes begonnen; aber noch bleibt uns viel zu thun uͤbrig. Schickt Eilboten in alle Ge⸗ genden; verſammeln wir unſre alten Freun⸗ de, und ſuchen wir deren neue zu erwerben; die Ritter von Lanark ſollen ihre Panzer⸗ homden anthun, daß die tapfern Soͤhne von Teviot⸗Dale ſich zu uns geſellen; daß die Schuͤtzen von Eſtrick ihre Pfeile ſchaͤr⸗ fen: ihre Treue gleiche ihrer Geſchicklichkeit. — 174— Rufet ganz Schottland zu uns, von Reed⸗ wairs Schluchten bis zu des Vorgebirges Wrath wilden Gegenden, damit man allent⸗ halben erfahre: der nordiſche Adler habe ſeine Fluͤgel ausgebreitet. Sechste Dichtung. Wer koͤnnte ſie je vergeſſen, die entzuͤcken⸗ den Empfindungen dieſer Tage voll Begei⸗ ſterung, wo man von fruͤh bis in die Nacht auf dem oͤffentlichen Platz Eilboten ankom⸗ men ſah, die athemlos waren? Des Erzes droͤhnende Stimme, der Klang der Glocken verkuͤndigte uns mit jedem Augenblick neue Siege. Die ſo lange Zeit niedergedruͤckte Hoff⸗ nung nahm endlich einen neuen Schwung. Unſre, mit Tagesanbruch geoͤffneten Augen fahen unſre ſiegreichen Banner die erſten Strahlen der Sonne begruͤßen. Tag des Gluͤcks! du machteſt unſere Ungewißheiten, unſere Schmerzen, unſere Befuͤrchtungen, unſere zwanzig Jahre lang erduldeten Verheerungen, Blutvergießen und Thraͤnen ein Ende. Die Traurigkeit — 176— ſelbſt erhob ſeufzend ihre naſſen Blicke, um ihr Dankgebet in die Entzuͤckungen zu miſchen, welche den Sturz des Despoten, den Frieden und die Freiheit feierten. Auf ſolche Weiſe durchlief der Ruf im Triumph alle Gebirge von Schottland, als das Loos der Waffen die Uſurpatoren daniederwarf und Bruce's Banner ſiegreich auf den Hoͤhen von Loudoun und in den Thaͤlern von Ury wehte. Die Ebnen von Douglas wurden mehrmals mit dem Blut der Feinde geduͤngt. Der unerſchrockne Eduard ſchlug den tapfern Sanct John in die Flucht; die Suͤdwinde trugen das Kriegsgeſchrei von Randolph auf ihren Fittigen; Staͤdte und Schloͤſſer wurden von Bruce erobert; und jeder Tag machte des Helden Ruhm durch neue Tha⸗ ten kund. Das Geruͤcht ſo großer, erfolg⸗ reicher Thaten erſcholl in dem Schloß des Reichen, wie in der Huͤtte des Ackermanns. Auch ermunterte es die Jungfrauen von Sankt⸗Bride in ihren einſamen Zellen. O ſchoͤne Iſabelle, die du der Fuͤrſtin Titel entſagteſt, die des Kloſters Geluͤbde feſſelten 1 —— — 177— und der die Ordensregel gebot den Schleier und das wollne Scapulier zu tragen, und der ſchwarzen Haare reiches Gelock abzu⸗ ſchneiden; richtete dieſe ſtrenge Regel auch das edle Entzuͤcken, welches deine feuchten Augen belebte, wenn der Minſtrel oder der Pilger einen neuen Sieg deines muthigen Bruders erzaͤhlte? Aber wer iſt die junge Gefaͤhrtin, die deine Beſorgniſſe, deine Hoffnungen und deine Gebete theilet? Es iſt keine Kloſterjungfrau. Man erkennt ſie an dem lockigten Haar, an der Roͤthe ihrer Stirn, an ihren Seufzern und unwillkuͤhr⸗ lichem Zittern, wenn ſich des kuͤhnen Ro— nald Ruhm in die Thaten Bruce's miſcht. Nachdem der Koͤnig das Schloß ſeiner Vaͤter wiedererobert, und ſein edles Unter⸗ nehmen gluͤcklich begonnen hatte, war ſeine erſte Sorge geweſen, den ſtummen Pagen nach der Inſel Arran zu ſenden; aber nicht lange konnte die fremdartige Verkleidung die Blicke einer Schweſter taͤuſchen. Die beiden Freundinnen bewohnten eine Zelle. Die zoͤgernde Einwilligung Bruce's erlaubte M — 78— endlich ſeiner Schweſter, den Schleier zu nehmen und ihr Geluͤbde abzulegen. Edi⸗ tha war bei ihr. Unbekannt lebte die hohe Jungfrau von Lorn, und waͤhrend ſich Schottland im Streit bewegte, brachte ſie ihre Tage in friedlicher Zuruͤckgezogenheit zu. Mehrere Jahre waren vergangen, als Nachrichten von großer Wichtigkeit nach St. Bride gelangten. Von allen in Schottland durch Eduard des I. ſiegreiches Schwert gemachten Er⸗ oberungen 34) beſaß ſein Sohn nichts mehr gegen den Norden des Tweed, als das vom Koͤnig Bruce belagerte Schloß Stirling. Ein Waffenſtillſtand ward abgeſchloſſen, und man kam uͤberein, daß, wenn die Be⸗ lagerten keinen Entſatz vor dem Johannis⸗ Abend erhielten, ſie Bruce die Veſte raͤu⸗ men wollten. Ganz Brittanien ward unter die Waffen gerufen. Eilboten und Herolde durchliefen die Provinzen, forderten die Fuͤrſten und Edlen auf, ſich dem Aufruf ihres Herrſchers gemaͤß nach Berwick zu — 179— 8 verfuͤgen, um die Aufhebung der Blokade von Stirling zu bewirken. Das Feſt Jo⸗ hannis nahte.... alle ſuͤdliche Krieger zogen ſich eilig zuſammen, und bereiteten ſich zum Kampf zu ziehn. Alles, was England an edlen Rittern und geſchickten Schuͤtzen beſaß, lief von allen Seiten zu⸗ ſammen. Die Gegenden, durch die ſie zogen, ſchienen entzuͤndet durch den Glanz, der von ihren Schildern und Bannern ſtrahlte; aber nicht allein die kriegeriſchen Englaͤnder gehorchten dieſem Aufruf; auch die Krieger von Neuſtrien und Gascogne ſah man herbeieilen. Das juͤngſt unter⸗ worfne Cambrien ließ ſeine Hochlaͤnder ziehn, und Connoght ſah aus der Tieſe ſeiner Waͤlder und Wuſten hundert Staͤmme kommen, die dem Scepter des duͤſtern O'Con⸗ nar unterworfen waren. Das toſende Ungewitter bedrohet Schott⸗ land, dem es ſich langſam nahet. So weilet in Luͤften ſchwebend ein dunkles Gewoͤlk, und nach und nach ſich herabſenkend, ent⸗ zieht es den Augen des zitternden Pilgrims 3 M 2 — 180— den Gipfel der Gebirge. Aber ohne Furcht im Blick, ſah Koͤnig Bruce das Ungewitter nahen. Entſchloſſen den Anfall auszuhal⸗ ten, ließ er in ganz Schottland ausrufen: daß alle, die ihn als ihren Herren erkenn⸗ ten, die Waffen ergreifen und an ſeiner Seite kaͤmpfen ſollten. O, wer vermoͤchte die edlen Ritter alle zu nennen, die ſich auf dieſes Gebot einfanden, und ſich be⸗ waffneten fuͤr die gute Sache, von Cheviot bis zu den Kuͤſten von Roſſ, von den Duͤ⸗ nen von Solvay bis Marſhall. Die Nachricht von dieſem Kriegszuge ward durch einen Eilboten des Koͤnigs in das einſame Thal von Arran gebracht; aber geheime Auftraͤge waren fuͤr Iſabellen beſtimmt, die ſich beeilte, ſie des andern Morgens der Jungfrau von Lorn mitzutheilen. „Iſts noͤthig dir zu ſagen, Editha, wie ſehr das geheime Band unſrer Herzen deiner Iſabelle werth und theuer iſt? Ur⸗ theile alſo von meinem Schmerz, da ich Abſchied von dir nehmen muß. Des Klo⸗ ſters trauriger Schatten iſt nicht fuͤr dich; * — 181— geh hin, meine Freundin, wo dich ein gluͤcklicheres Loos erwartet; aber glaube nicht, geliebte Editha, daß du verrathen ſeyſt, wenn gleich mein Bruder weiß, daß die Jungfran von Lorn und der ſtumme Page eine Perſon ſind. Bruce kennt den Unbeſtand der Maͤnner, er belauſchte den Eindruck, den auf Ronald Iſabellens letzter Abſchied gemacht hat, die von ihm heiſchte, Editha's gegruͤndete Rechte zu achten und getreu zu bleiben ſeinem Eide.. Ver⸗ gieb ihm, aus Liebe fuͤr deine Schweſter; erhob ſich anfangs in Ronald's Seele un⸗ nuͤtze Reue, ſich felbſt gebunden zu haben, ſo iſt ſie ſchon laͤngſt erloſchen. Er erkennt jetzt, welche Anſpruͤche du auf ihn haſt, und tadelt ſich oft wegen ſeines Treubruchs; o, Editha! vergieb ihm aus Liebe fuͤr dich ſelbſt!⸗— „Nein, nie,“ verſetzte Editha,„nie werd ich Ronald um die Verbindung mit mir anflehn.“ „Unterbrich mich nicht mehr durch die Ausbruͤche deines Unwillens; hoͤre meine Erzaͤhlung bis zu Ende.“ „Der Koͤnig, mein Bruder, wuͤnſchte, daß Editha einwillige wiederum ſein ge⸗ heimnißvoller Page zu werden. Dann koͤnnte ſie ſelbſt und mit eignen Augen von der Reue ihres Verlobten urtheilen... Frei, unter dem Schutz des Koͤnigs, kann ſie zuruͤckkehren, immer noch dieſe Zelle be⸗ wohnen, und, wenn es ihr Wille iſt, bei Iſabellen ihr Leben beſchließen.“ Der Monarch hatte vielleicht bei dieſem Vorſchlag politiſche Abſichten. Dunſtaffa⸗ nage war genommen, das Schloß von Lorn erkannte Bruce's Gewalt. Editha's Bru⸗ der hatte ſich nach England gefluͤchtet, und war in der Verbannung geſtorben; ſein Tod gab der Schweſter das Recht auf ſeine weitlaͤuftigen Beſitzungen, und gern wuͤrde dieſe Bruce in den Haͤnden ſeines treuen Ronald geſehn haben. Editha's unruhvolles Auge, ihre Ver⸗ legenheit, die Gluth auf ihrem Geſicht ver⸗ riethen die Aufwallungen ihrer Freude. Sie ſtellte ſich indes, als wolle ſie wider⸗ ſtehn; hatte ſie nicht ihre Freundin wegen einer Unzartheit zu tadeln, die eine dritte Perſon in ihre ſo wichtigen Geheimniſſe einweihte? wie konnte ſie ſich entſchließen, Sankt Bride's friedlichen Aufenthalt zu verlaſſen? wie ſich von Iſabellen trennen, und das fremde Gewand, das ihr Geſchlecht verleugnete, anlegen, um mitten ins Heer zuruͤckzukehren? Wer wuͤrde ſie auf ihrer Reiſe bewachen? Sie wuͤnſchte wenig⸗ ſtens Aufſchub. Iſabelle laͤchelte, und ver⸗ zieh die unſchuldige Liſt eines jungen Maͤd⸗ chens, welche ſich ſcheuet der Ruͤckkehr eines untreuen Liebhabers allzubereitwillig ent⸗ gegenzukommen. O, tadelt ſie nicht; wenn der Zephir erwacht, durchzittert ſein Hauch das be⸗ wegliche Blatt der Eſpe, wenn die Sonne die Nebel des Aprilmonds zertheilt, bluͤht, durch ihre Strahlen hervorgeruft, das Veilchen;— Liebe, trotz dem Gegenſtreben des beleidigten Herzens, erwacht aufs neue mit der Hoffnung. Editha entgegnete zarte — 184— Gruͤnde dem Murren ihrer Schamhaſtig⸗ keit. Ronald war ihr von ihrer Kindheit an beſtimmt— Ronald hatte die Schwuͤre ihrer Treue empfangen... und mußte ſie nicht Bruce's Willen erfuͤllen, der ihr Koͤnig war, ihr Lehnsherr, von dem ſie ſelbſt und all das Ihre abhingen? Aber ſie gelobte ſich, nur kurze Zeit ihre Verklei⸗ dung als Page beizubehalten, hoͤchſtens einen Tag; Allen, vorzuͤglich Ronald un⸗ bekannt, wird ſie ihn noch einmal ſehn, und— o tadelt dieſe Sehnſucht nicht!— ihm den Namen Editha ſprechen hoͤren. Wenn ſie zuruͤckgekehrt ſeyn wird in ihre Einſamkeit, wird ſie der troͤſtliche Gedanke begleiten: daß ſeine Untreue ihm gereut habe. Iſabelle, die ſchon lange ihre Blaͤſſe und Traurigkeit bemerkt hatte, und ſich zum Vorwurf machte daran Schuld zu 3 ſeyn und, wiewohl ſchuldlos, ihr Ungluͤck veranlaßt zu haben, freute ſich, daß ſie das Mittel gefunden, ihren unvorſaͤtzlichen Fehler „ zu verbeſſern. Mit aufrichtigem Herzen 8 rief ſie:„So wird ſie denn belohnt werden. fuͤr alle ihre Leiden!“ Die Stunde des Abſchieds nahte bald; Editha ſchiffte ſich unter dem Schutz einer hochlaͤndiſchen Trup⸗ penabtheilung ein. Ihr Haͤuptling, Fitz Louis 35), hatte den Befehl erhalten, den ſtummen Pagen, der unter dem Namen Amadine bekannt war, zu dem Koͤnige Bruce zu geleiten, und ihm alle Ehrenbe⸗ zeugungen eines koͤniglichen Guͤnſtlings zu erweiſen.. Der Koͤnig hatte gehofft, daß die ſchoͤne Editha den Tag vor der Schlacht ankom⸗ men wuͤrde, aber ein Sturm und das Un⸗ gefaͤhr hatten das Fahrzeug auf hoher See fern vom Geſtade gehalten. Es war am Morgen des Tags, wo die Schlacht ge⸗ liefert werden ſollte, als Editha auf dem Huͤgel von Gilles erſchien. Der Horizont gluͤhte wie ein Feuerofen; ſo weit das Auge reichte, ſah man Lanzen wogen, den Aehren des Sommers gleich; Bruce's Heer, in vier Abtheilungen getheilt, breitete ſich uͤber die Ebne aus 36). Ein Ruͤckhaltsheer, am Fuß des Berges aufgeſtellt, war beſtimmt, — — 186 6 6— im Fall unvorauszuſehender Begebenheiten, zu Huͤlfe zu eilen; der Reſt des Heeres war zwiſchen dem Bach von Bannock und der Kirche von St. Ninian in Schlacht⸗ ordnung aufgeſtellt; die drei Fluͤgel, wie⸗ wohl durch ihre Stellung vereinzelt, konn⸗ ten ſich gegenſeitig beiſtehn. Weiter hin entdeckte man das engliſche Heer wie einen Lanzenwald, deſſen Um⸗ fang das Auge vergebens zu meſſen ver⸗ ſuchte: eine zahlloſe Menge von Schwer⸗ tern, Hellebarden und Pannieren erglaͤnzte im Strahl der aufgehenden Sonne; und ſelbſt da, wo ſich der Horizont auf die Huͤgel zu ſenken ſcheint, ſah man noch die Waffen unzaͤhlicher Krieger blitzen. Die Jungfrau ſtieg vom Berg hernie⸗ der, von dieſen kriegeriſchen Zuruͤſtungen erſchreckt. Sie gelangte zu der Nachhut; hier fanden ſich vereinigt die Mannen von Carrick und Ayr, von Lennox und Lemark, wie alle die der abendlaͤndlſchen Beſitzun⸗ gen. Zu ihnen geſtoßen waren die tapfern Krieger der Eilande, in Schlachtordnung aufgeſtellt und mit ihren buntgewuͤrfelten Plaids bedeckt. Bruce's ruhmvolle Fahne blaͤhte ſich mit Stolz in dem Mitteltreffen, unfern von Lord Ronalds Banner, deſſen Wappen ein Schiff mit geſpannten Seegeln war. Die Panzerhemden von Bruce's Kriegern bildeten einen ſonderbaren Con⸗ traſt mit dem Plaid und der von einem Federbuſch uͤberwehten Muͤtze der Hebriden; aber was vorzuͤglich die Augen der Jung⸗ frau von Lorn entzuͤckte, das war die hoch⸗ laͤndiſche Tracht, die ſie ſeit drei Jahren nicht geſehn hatte. Einen Krieger unter allen ſuchten ihre Blicke im Gewuͤhl; fern iſt er von ihr, mitten in den Reihen: mit zaͤrtlicher Unruhe betrachtet ſie die fliegen⸗ den Falten ſeines Banners, dann wirft ſie einen Blick auf die Unzahl der Feinde, und ſchaudert, wenn ſie an des Krieges wechſelndes Gluͤck denkt. 3 Fitz⸗Louis fuͤhrt den Pagen bis in die Mitte der Vorhut; da war's, wo man die tapfern Cohorten der Marchs, der Krieger von Lodan, die geringe, aber furchtbare — 14188— Zahl der Streitaͤrte von Lidell und Etrick ſah. Der unerſchrockne Douglas und der junge Stuart befehligten die Mannſchaften von Nith und dem Thal d'Annan, auch die herzhaften Lanziere von Teviot⸗Dale. Bei der Kirche von St. Ninian ſtanden unter des tapfern Randolphs Befehl die Krieger, die Schottland geſendet hatte von Tay bis Sutherland. Der Reſt der Vor⸗ hut, von Eduard Bruce angefuͤhrt, war gen Mitternacht durch die tiefen Graben von Bannock beſchuͤtzt. Hinter ihnen ſtand der tapfre Keith, Lord Marſchall. Ein Blattgewebe deckte ſeine Gewappneten, mit Lanzen und Keulen, Helmen und fliegenden Federbuͤſchen. Dies war die Stellung der verſchiedenen Heerhaufen, die Bruce an⸗ fuͤhrte. Editha und ihr Fuͤhrer nahmen ihren Weg dahin, wo ſie den Mondächen zu treffen glaubten. Angelangt zum erſten Poſten, ſtanden ſte ſtill. Der Koͤnig, eine Lanzenwurfs⸗ weite von der Spitze des Treffens ſtehend, beobachtete den Feind, und ließ ſeine Krie⸗ —— ger ſich reihen. Vom Kopf bis zum Fuß gewappnet, leitete er die Schritte eines leichten Zelters, den Augenblick des An⸗ griffs erwartend, ſein Schlachtroß zu be⸗ ſteigen. Das goldne Diadem glaͤnzte auf ſeinem ſtaͤhlernen Helm, an deſſen Stutz Argentines Handſchuh befeſtigt war, das Pfand ſeiner Herausforderung; die Streit⸗ axt in ſeiner Hand erſetzte den Generalſtab. Drei Lanzenwuͤrfe weiter erſchien das engliſche Heer. Auf ihre Waffen geſtuͤtzt, hielten die Haͤuptlinge Kriegsrath, und fragten ſich, ob man den Streit in der Daͤmmerung beginnen, oder ihn bis zum Anbruch der Morgenroͤthe verſchieben ſolle? Wie ſchoͤn— und zugleich wie furcht⸗ bar iſt das Schauſpiel, welches die erſte Schlachtlinie dieſes Heeres darbietet! Gold und Stahl blitzen da von allen Seiten. Hier iſt Englands Monarch mit allen ſeinen Pairs. Wer iſts, der, wenn er ihn umgeben geſehn von ſeinem ganzen Koͤnigreich, be⸗ waffnet, um ſeine Rechte zu vertheidigen, — 4190— gewagt haͤtte, ihm das traurige Loos, das ihn erwartete, zu prophezeien. Mit An⸗ muth laͤßt er ſeinen edlen Renner anſpren⸗ gen, und in ſeinen Augen erkennt man einige Funken von dem Feuer der Plan⸗ tagenets wieder. Sein von Natur zerſtreuter Blick ſamm⸗ melt ſich neubelebt, als er Schild und Waffen ſieht. „Argemtine, ſpricht er,„kennt ihr den Ritter, der die feindlichen Schaaren in Schlachtordnung ſtellt?“ — Das Pfand, welches uͤber ſeinem Helm emporſteigt, ſagt mir, daß es B Bruce ſelbſt iſt, ich erkenne ihn.“ „Wie hat dieſer Verräther,“ K ſprach Eduard,„die Kuͤhnheit, meiner Gegen⸗ wart und unſren Bannern zu trotzen?“— „Sire,“ antwortete Argentine,„war⸗ um reitet er nicht einen Renner, wie ich, daß der Streit gleich ſey; ich ging eine Lanze mit ihm zu brechen.“ „An dem Tage einer Schlacht,“ er⸗ wiedert der Koͤnig,„werden die Geſetze des — 4191— Ritterthums bei Seite geſetzt. Der Auf⸗ ruͤhrer unterfaͤngt ſich meinen Zorn zu reizen, ſtuͤrzt auf ihn, damit er vor meinen Augen verſchwinde.“ Bei dieſem Befehl des Koͤnigs tritt Sir Henry Boune aus den Reihen. Sir Henry war aus dem edlen Blut der im Ritterthum ſo beruͤhmten Heresford entſproſſen; brennend vor Begier nach der Auszeichnung, vor dem Koͤnig eine ſeiner Ahnen wuͤrdige Großthat zu vollbringen, ſtachelte er ſeinen Renner, ergriff ſeine Lanze zum Ausfall, und ſtuͤrzte ſich auf Bruce. Unbeweglich wie der Fels, den die Brandung der empoͤrten Woge trifft, blieb dieſer feſt im Sattel. Alle Herzen pochten, alle Augen richteten ſich auf die Kaͤmpfenden. Schneller als Blitz, Blick und Gedanke, ſtuͤrzte Henry auf den Koͤnig. Wird der ſchwache Zelter ſolchen Anfall aus⸗ halten? Eher wuͤrde das Rephuhn dem Fal⸗ ken widerſtehn. Des Ritters Zuſammen⸗ treffen im Augenblick ausbeugend, indem er zuſchlagen will, wendet ſich Bruce mit Ge⸗ wandtheit: Sir Henry eilt ſeinen Lauf zu verſolgen... aber er war nicht lang. Bruce, feſt in den Steigbuͤgeln, wirft kraftvoll ſeine Streitaxt, welche den engli⸗ ſchen Ritter mit ſolcher Gewalt traf, daß ſein Helm zerſchmettert ward, wie des Nußbaums Frucht, und die Axt zerbrach. Das Roß ſchrak zuſammen, ſprang, und ließ den lebloſen Koͤrper ſeines Herrn auf dem Sande liegen. Ach, wie ſchnell war Bounes Tod, des erſten Opfers dieſes un⸗ ſeligen Tages! Bruce warf einen mitleidigen Blick auf den Leichnam ſeines Feindes; dann, ſein Roß umlenkend, ritt er ruhig in die ſchot⸗ tiſchen Reihen zuruͤck. Die Haͤuptlinge nahten ſich ihm, und tadelten ihn laut, ein ſo koſtbares und theures Leben dem Schwert eines Abentheurers ausgeſetzt zu haben. Bruce bemerkte erſt jetzt, daß die Axt zerbrochen war in ſeinen Haͤnden, und antwortete mit gleichguͤltigem Blick:„Ja wohl bezahlte ich meine Unvorſichtigkeit theuer genug, meine treue Streitaxt iſt zerbrochen!“ In dieſem Augenblick naͤherte ſich Fitz⸗ Louis dem Koͤnig ehrfurchtsvoll, Iſabellens Auftrag ausrichtend. Die verkleidete Editha ſtand einige Schritte entfernt, und verbarg ihre Roͤthe mit den Haͤnden. Als ſie der Monarch erblickte, warf er die blutige Axt von ſich, und ging auf den vorgeblichen Pagen zu, ſich muͤhend einen mildern Blick anzunehmen. Er faßte Ama⸗ dine's Hand mit ritterlicher Anmuth, und ſein wohlwollendes Laͤcheln verhieß dem ſchuͤch⸗ ternen Pagen die Freundſchaft eines liebenden Bruders. „Fuͤrchte nichts, junger Amadine!“ ſagte er laut, und ſetzte leiſer hinzu:„Behalte dieſen Namen noch jetzt: das eigenſinnige Gluͤck ordnet unſre Schickſale, es ſendet dich in einem Augenblick der Ungewißheit zu uns, welcher uns, wie ich hoffe, außer ſei⸗ ner Gewalt ſetzen wird; denn, ſiegend oder beſiegt, bleibe ich auf dieſem Schlachtfeld. Was dich betrifft, ſteige auf dieſen Huͤgel, das Aſyl derer, die dem Heere folgen und die Waffen nicht tragen koͤnnen. Fitz⸗Louis, N — 194— wache uͤber ihn!.. freudig werden wir uns wiederfinden, wenn das Gluͤck uns be⸗ guͤnſtigt; wenn es anders iſt, ſo kehre in die heilige Behauſung von Arran zuruͤck, lebe bei Iſabellen; denn der tapfre Ronald hat das Geluͤbde gethan: nie die ſchoͤne Jung⸗ frau von Lorn, den zaͤrtlichſten Gegenſtand ſeiner Wuͤnſche, wiederzuſehn, wenn er das Schlachtfeld, oder Bruce's und Schottlands Sache verlaſſen ſollte. Still... der Klang der Trompeten ruft mich, entſchuldigt mein ſchnelles Davoneilen; lebt wohl, lebt wohl!“ und mit leiſer Stimme ſetzte er hinzu:„Lebt denn wohl, liebreizende Editha!“ „Woher kommt dieſe Staubwolke, die ſich auf dem linken Fluͤgel erhebt?“ ſchrie der Monarch dem Lord Moray zu, der ſich neben ihm zu Roß befand.„Was? die Feinde haben ſchon euern Poſten umſchloſſen? Ach, Randolph! Ihr verliert einen Zweig aus Euerm Lorbeerkranz! Da ſtuͤrzte der Lord ſein Viſier herab!“ „Er ſoll wieder gruͤnen,“ ſchrie er,„oder —— mein Leben wie er dahinwelken! Mir nach, Vaſallen Randolphs!“ Und ſie ſtuͤrzten ſich blitzſchnell mit Don⸗ nergetoͤs auf den Feind. „Sire!“ ſprach jetzt der edle Douglas „Lord Randolph hat kaum einen Mann gegen zehn Englaͤnder zu ſetzen. Erlaubt mir, ihm Huͤlfe zu bringen.“ —„Bleibt auf Euerm Poſten! der Lord wird den begangnen Fehler wieder gut machen; wir duͤrfen unſer Hauptcorps nicht verringern.“ Das Geſchrei des Handgemenges erhob ſich ſogleich. Das Herz des großmuͤthigen Dou⸗ glas ſchlug. „Sire, ſoll ich geduldig dies Geſchrei mit anhoͤren, das mir vielleicht Morays Todten⸗ ſang ankuͤndigt?“. „Nun denn, ſo eilt, bald wiederzukommen.“ Douglas ſtuͤrmte fort, von ſeinem Clan begleitet. Auf der Berghoͤhe ließ er die Seinen halten und rief: 3 „Seht ihr die Englaͤnder in Stuͤcken gehauen und in Unordnung gebracht! Der Lord hat zu uͤberwinden gewußt. Freunde, N 2 — 496— laßt uns auf unſern Platz zuruͤckkehren, denn ſiegend weht Randokphs Banner im Gewuͤhl, unſte Gegenwart verringerte ſeinen Ruhm: wir kamen zu ſpaͤt!“ Douglas erreichte das Heer, und die gluͤckliche Neuigkeit verbreitete ſich in den Reihen, daß Dayncourt gefallen ſey von Randolphs Hand, und ſeine Soldaten ent⸗ flohen waͤren. 3 Dieſes Scharmuͤtzel endete den Tag. Beide Heere blieben in ihrer Schlachtordnung, und brachten die Nacht unter den Waffen zu. Es war eine lachende Juniusnacht; durch den wolkenloſen Aether verfolgte der Mond ſeine Bahn, goß ſeine weichſten Lichter auf Demayet und Stirlings alte Thuͤrme; wie Ringe einer ſilbernen Kette folgten die Wel⸗ len des Ufers auf einander! Friedliches Ge⸗ ſtirn! bald ſollſt du ein ganz andres Schau⸗ ſpiel beleuchten!... zerriſſne Fahnen, zer⸗ brochne Waffen, zerſtuͤckte Leichname, Todte und Verwundte unter einander in des Forths blutigen Fluthen! Jetzt vernimmſt du den wilden Laͤrm der 197— Gelage mitten im engliſchen Heer, waͤhrend Schottlands Legionen zum Himmel flehn und das heilige Amt bereiten. Dort ließ die Zahl Anmaßung entſtehn, hier ſetzten Bruce's Krieger ihre Staͤrke in des Allmaͤch⸗ tigen Beiſtand. Die ſchoͤne Editha ſtand auf dem Huͤgel von St. Gilles, deſſen Gipfel das Schlacht⸗ feld beherrſchte. Mit ihr waren die Leib⸗ eignen und Pagen, welche zu jung waren zum Waffendienſt. Mit welch peinlicher Bewegung ſah ſie das Morgenroth den Hori⸗ zont faͤrben! Schon glaͤnzt die Sonne auf Ochills Hoͤhen, und zertheilt die Finſterniſſe des dunkeln Demayet. Iſts der Sang der Lerche, oder der Rohrdommel dumpfer Schrei, der ihr ins Ohr ſchallt? Nein, es ſind ver⸗ worrene Toͤne, die ſich immer wohlklingender entfalten, Trompeten, die ſich dem Wirbel der Trommel miſchen. Schottlands Heer antwortet mit Hoͤrnerklang und Dudelſack 57). Jeder Krieger macht das heilige Zeichen des Kreuzes, und greift nach den Waffen. Des Krieges Anhlick zeigt ſich in ſeinem vollen Glanz. Englands Streitkraͤfte brei⸗ teten ſich in einem weiten Umfang aus, wie des Oceans Wogen, wenn der heftige Mit⸗ ternachtswind durch ſein dumpfes Geheul des Sturmes Naͤhe verkuͤndet. In den vordern Reihen gingen die wackern Bogenſchuͤtzen, hinter ihnen die Gewappneten und mitten unter ihnen erkannte man den Koͤnig, von vielen Rittern umgeben, wovon die einen kriegserfahren, die andern, erſt neuerlich mit Empfang der Sporen beehrt, ſie zu verdie⸗ nen entbrannt waren. Argentine und der tapfre Devalance, Pembrocke's Stolz, ſind an ſeiner Seite, beide erwaͤhlt die Zuͤgel ſeines Renners zu leiten. In dem Augen— blick, wo der Koͤnig das ſchottiſche Heer ins Auge faßte, ſah er mit Erſtaunen, daß alle Banner, Lanzen und Schilder ſich neigten; daß alle Spitzen der Schwerter zur Erde geſenkt und jedes Kriegers Knie gebeugt war. „Die Aufruͤhrer bereuen,“ ſprach er zu Argentine,„ſeht ihr, wie ſie ſich knieend demuͤthigen, um Gnade zu flehn?“ — 199— „Ja; aber ſie beugen ihre Knie vor einer ganz andern Macht; ſie rufen eine andre Vergebung an, als die unſrige. Sehet, Sire, dieſen Prieſter, er iſt baarfuß, und ſeine Haͤnde ſind erhoben, ſie zu ſegnen? 38) Hier werden ſie den Sieg ſinden, oder den Tod. „Nun, ſo laßt uns die Schlacht wagen! Befehlt in meinem Namen dem Lord von Glouceſter den Kampf zu beginnen!“ Im Augenblick, wo ſich die ſchottiſchen Truppen emporrichteten, bewegte Lord Glou⸗ ceſter den Commandoſtab. Auf dieſes Zeichen ſchreiten die engliſchen Schuͤtzen einen Schritt vorwaͤrts, erheben die linke Hand, und naͤhern ihre Bogen dem rechten Ohr; das Schwirren von zehntauſend Sehnen laͤßt ſich hoͤren und zehntauſend Pfeile fallen, wie Decemberhagel, auf den Feind. Nicht das mit dichter Buͤffelhaut gefuͤtterte Schild, welches den Hochlaͤnder deckt, nicht das Panzerhemd, das die Bewohner der Ebne tragen, ſchuͤtzt ſie vor dieſem Sturm. Wehe, wehe dir, ſtolzes Schottland! Bruce's Reiter — 200— ind abgeſeſſen, und ſtehn bei ihren Roſſen. Der hitzige Eduard, den Fuß im Buͤgel, die Hand in des Roſſes Maͤhne gekrampft, ver⸗ mochte kaum ſeine Wuth zu zuͤgeln, die ihn mit Ungedult ſtachelte; endlich ſchritten die engliſchen Schuͤtzen auf der Ebne vorwaͤrts. „Zu Roß, zu Roß, ihr tapfern Krieger!“ ſchrie er, und ſogleich waren die Ritter buͤgel⸗ feſt. Ihre glaͤnzenden Reiherbuͤſche ſpielten wie die Irrfeuer, die dem Erdboden entſtei⸗ gen. So halten ſie, die Bruſt vom Schilde vertheidigt, die Lanze zum Ausfall bereit. „Vorwärts!“ ruft Eduard,„laßt uns auf dieſe Elenden fallen, und die Sehnen ihrer Bogen vernichten.“ Die Sporen graben ſich in der Roſſe Seiten; ſie ſtuͤrzen ſich mitten unter die Schuͤtzen. Ohne Verſteck zum Schutz, ohne Waffen, ſie abzuwehren, koͤnnen die Schuͤtzen mit ihren leichten Ruͤſtungen dem Anfall dieſer ſchweren Keulen, dieſer eiſenbeſchlage⸗ nen Piken nicht widerſtehn. Ihre kurzen Schwerter ſind unnuͤtz gegen dieſe geharniſch⸗ ten Roſſe, gegen dieſe mit Panzern bedeckten — 201— Streiter; ſie verlieren ihre Reihen; das Schwert ſchwebt uͤber ihren Hauptern; das Siegsgeſchrei ertoͤnt und die Wehklage der Sterbenden. Einige Zeit halten die Schuͤtzen mit beharrlicher Tapferkeit den Kampf aus; allein endlich ſind ſie gezwungen, von allen Seiten zerſprengt, ihr Heil in der Flucht zu ſuchen. Springet vor Freude, ihr Hirſche von Sherwod und Dactom⸗Lee, nicht mehr wer⸗ den ſich die zu Bannock⸗Burn zerbrochnen Pfeile gegen Euch richten. A Umſonſt kraͤnzen die Jungfrauen zu Wa⸗ kefield den freudigen Mai mit jungen Blaͤt⸗ tern, unruhig nach Norden ſchauend; ihre Erwartung wird getaͤuſcht! Die ihre Taͤnze belebten, ſehn ſie nicht wieder! Zerſprengt, in Stuͤcken gehauen, von tauſend Wunden bedeckt, unter dem Huf der Roſſe zertreten, decken der Schuͤtzen Leichname die blutum⸗ floſſne Ebne von Bannock⸗Burn. Der Koͤnig von England erzuͤrnt ſich uͤber ihre Flucht. 2 „ Sind das“ ſpricht er,„die tapfern — Eure Tapferkeit; Euch geziemt es den Kampf — 202— Schuͤtzen! Jeder dieſer groben Bauern ruͤhmte ſich ja, das Leben von zwoͤlf Feinden in ſeinem Koͤcher zu tragen 39). Die Feigen! ſie ſind geeigneter unſre Waͤlder zu verwuͤſten, als ſich mit herzhaften Feinden zu meſſen. Fort! ihr Ritter und Edle, vorwaͤrts! zeigt wieder herzuſtellen!“ Zur Rechten des Schlachtfeldes befand ſich ein bequemer, ebner Weg; aber der vor⸗ ſichtige Bruce hat ihn mit Graͤben durch— ziehn laſſen, die, mit Raſen und Geſtraͤuch wiederum bedeckt, eine unvermeidliche Falle bildeten. Zwoͤlf tauſend Ritter ſtuͤrzten ſich auf dieſen Weg, mit geſtreckten Lanzen und rachentbrannten Herzen, von fern den Feind mit fuͤrchterlichem Geſchrei, mit Klarinen⸗ toͤnen vermiſcht herausfordernd; blindlings ſtuͤrzt Mann und Roß aufs Schlachtfeld; ſchon fallen die Erſten in die Abgruͤnde unter 6 ihren Fuͤßen, die folgenden ſtuͤrzen ihnen 9 nach; Helme, Schilder, Panzerhemden, Lanzen und Schwerter, Kraft und Muth, nichts ſchuͤtzt vor dieſem Tode. Mitten aus — 203— den Abgruͤnden erhebt ſich verworrnes Weh⸗ geſchrei, es ſind der Verſcheidenden Stimmen, das Wiehern ſterbender Roſſe 4“0). Sie eilen daher, dem Waldſtrom aͤhnlich, der vom Gebirg herabſtuͤrzt und ſich zwiſchen Felszacken bricht; eine dunkle Hoͤhle ver⸗ ſchlingt ſie, wie die ſchaͤumenden Wogen, Noch ſiedet der Strom, und toſend ver⸗ ſchwindet jede Welle. Aber nicht ſo ſchnell verlaͤßt England das Schlachtfeld; ſeine edelſten Ritter ſtreiten fuͤr das Vaterland, und noch bleiben derer genug uͤbrig, welche nie die Furcht gekannt haben. Der herzhafte Lord von Norfolk, von Brotherton, der erhabne Devere von Opford, Gloceſter, Berkley, Grey, Botte⸗ tourt, Sanzavere, Roß, Montague, Man⸗ ley, der ſtolze Courtenay, Percy lebten noch. Ihre Namen ſind ruhmvoll bekannt in Schott⸗ lands Geſchichte in den Schlachten von Falkerk und Dunbar, in der Folge noch beruͤhmt in dem Streit von Crecy und Poitiers. Argentine und Pembrocke laſſen die Nachhut vorruͤcken; mit Vorſicht betreten 8 — 204— ſie dieſen mit Leichen bedeckten, von Blut ſchluͤpfrigen Boden. Zum Feinde vorgedrun⸗ gen, kreuzen ſich die Hellebarden, Streitaͤxte und Lanzen mit gleicher Wuth. Jetzt konnte Douglas ſeine Kraft und Randolph ſeine beherzte Tapferkeit entwickeln. Wuͤrdig zeigte ſich Stuart an dieſem Tage einſt das Haupt eines koͤniglichen Geſchlechts zu werden. Eng⸗ laͤnder, Schotten, alles kaͤmpfte mit gleichem Muth. Was fuͤr edle Helmbuͤſche bedeckten die Erde, welche glorreiche Ritter empfingen den Todesſtreich! Das blutige Verderben maͤht alle Reihen 41). 4 Die Krieger ſtreiten Mann fuͤr Mann; Schlag folgt auf Schlag; Waffengetoͤſe und Kriegsgeſchrei uͤbertoͤnen die Seufzer der Sterbenden. Wie verſchiedenartig ſind die Beweggruͤnde, die Englands und Schottlands Helden begeiſtern! Der Ritter ſtirbt fuͤr die Ehre, der Buͤrger fuͤr ſein Vaterland, der 4 Juͤngling, ſeinen Muth zu zeigen oder die Liebe fuͤr ſeine Schoͤne. Einige kamen den ſchrecklichſten Blutdurſt zu ſtillen. Gewohn⸗ heit und angeborne Bravour leitete andre; aber welches auch ihr moͤrderiſcher Zweck war, der ehrliche Krieger, Leibeigne und Edle, alle gingen einen und denſelben Weg— ins Grab. Wiewohl der Eifer der Streitenden nach⸗ zulaſſen begann, war der Sieg ungewiß. Schon war die Sonne immitten ihres Laufs. In dichten Wolken erhob ſich der Staub. Douglas ſtüͤtzte ſich auf ſein Schwert, Ran⸗ dolph trocknete ſeine blutbedeckte Stirn. Nicht weniger ermuͤdet ſind die engliſchen Truppen von einem Kampf, der ſeit Tages⸗ anbruch dauert. Der tapfre Egremont ſteht ſtil, um Athem zu ſchoͤpfen, Beauchamp zieht ſein Viſier auf. Aus Lord Montague's Haͤnden entſchluͤpft die Lanze. Und auch du, tapfrer De Vere, laͤßt dein Schwert fallen; die Schlaͤge des ſtammhaften Berkley ver⸗ ringern ſich. Pembrock's, des Unerſchrocknen, Kriegeshorn toͤnt ſchwaͤcher. Dein Arm neigt ſich, Argentine, und nicht mehr hoͤr ich Per⸗ cys Stimme ſchreien: Vorwaͤrts, ihr Waffen⸗ bruͤder. Bruce, deſſen Augen denen des wachſamen — 206— Steuermanns gleichen, bemerkt die Muͤdig⸗ keit der Streiter: „Noch einige Ausdauer, und Schottland iſt frei. Beherrſcher der Eilande, mein Ver⸗ trauen zu dir iſt feſt wie Ailſa's Felſen; ich will mich an die Spitze meiner Lanziere von Carrick verfuͤgen. Vorwaͤrts zum Streit!“ Der Schlachtruf laͤßt ſich hoͤren; Bruce ord⸗ net den Ausfall. „Vorwaͤrts, Lanziere von Carrick! Der Feind wankt! vorwaͤrts, edle Soͤhne von Innisgail. Ihr fechtet fuͤr Eure Weiber und Kinder, fuͤr Euer Vaterland, fuͤr Euer Leben; der Erfolg wird nicht lange zweifelhaft ſeyn!“ — Dieſer neue Ausfall brachte die Englaͤn⸗ der zum Weichen, deren beſte Soldaten im Blute lagen. Nur Argentine erhebt noch ſein mit einem rothen Kreuz geziertes Schild: er eint den Ueberreſt des Heers und ordnet eine neue Schlachtordnung. Durch ſeine An⸗ ſtrengungen erneuerte ſich der Kampf, dauerte aber nur kurze Zeit. Die ſchoͤne Editha hatte das Freudenge⸗ ſchrei der engliſchen Krieger gehoͤrt, und ſah 4 — 1M...J. — 207— ſie ploͤtzlich auf ihrer Flucht wieder umkehren. Der Ton der Klarinen war zugleich ein Schmerzens⸗ und ein Siegeston. Editha glaubt Ronalds Krieger von dem Feinde ganz umringt zu ſehn, und ruft aus: „O Himmel! der Kampf faͤngt wieder an, und keine Huͤlfe? Und ihr, unthaͤtige Zeugen des Verderbens Eures Vaterlandes, ſind denn Eure Herzen von Eiſen?“ Die, ſo von fern dem Kampf beider Heere zuſahen, hatten den Koͤnig Bruce nicht ohne Bewegung fuͤr Schottlands Rechte kaͤmpfen ſehn. Das Feuer der Vaterlandsliebe ent⸗ flammte alle Herzen. Der Juͤngling, der Greis, der Prieſter, der Laie, ſelbſt die Frauen, ſtreckten die Haͤnde nach Art und Schwert aus; aber als Amadine die Sprache erhielt, ſeine Rede vorwurfsvoll an ſie zu richten, bemaͤchtigte ſich eine wahre Wuth der Menge. „Ein Wunder beſchuldigt unſre Schwaͤche; ein Stummer ruft uns zu unſern Pflichten; der dem Stummen die Sprache wiedergab, wird Kraft den Schwachen geben; Schott⸗ land iſt unſer Vaterland, wie Bruce's; es 8A w 284 4 — 298— iſt unſer Aller gelobtes Land, uns kommt es zu, wie ihm, die Schmach unſers Volks zu raͤchen. Gleich ihm, ſollen unſre Herzen zwiſchen Tod und Freiheit waͤhlen. Zu den Waffen! zu den Waffen!“ Unnd jetzt ward alles zu Keule, Lanze oder Schwert: eilig werden Fahnen bereitet, und dies neue Heer faͤllt auf die muͤden Englaͤnder. Schon verſchwinden die ſuͤdlichen Schwa⸗ dronen in der Ebne zerſprengt; weder auf Vorwuͤrfe, noch Bitten, noch Befehle mehr achtend, flohen oder widerſtanden ſie nur leicht; allein als ſie ein neues Heer auf ſich zukommen ſahen, brachen ſelbſt die Kuͤhnſten durch die Reihen. Man muß dem ungluͤck⸗ lichen Koͤnig die Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, daß er ſich ſelbſt mitten ins Gewuͤhl ſtuͤrzte; ſeine Drohungen, ſeine Thraͤnen, ſeine Verzweiflung— alles war vergebens. Endlich wandte Pembrocke den Zuͤgel ſeines Roſſes und zwang ihn ſich vom Schlachtfeld zu entfernen. Argentine folgte ihm bis auf die Hoͤhe des Huͤgels; aber da hielt er an. — 299— „Ich habe meinen Handſchuh als Pfand auf dem Schlachtfeld zuruͤckgelaſſen,“ ſprach er;„die Ehre, die mir theurer iſt als das Leben, gebeut mir ihn zu holen und dort⸗ hin zuruͤckzukehren. Eilt, Euch zu entfernen, Sire, der grauſame Douglas folgt Euch auf den Ferſen, ich erkenne ſein vorruͤckendes Banner. Der Herr gebe meinem Koͤnig Freude und Heil und kuͤnftig beſſres Waffen⸗ gluͤck! Lebt wohl, Sire, lebt wohl!“ Er kehrte aufs Schlachtfeld zuruͤck, und ſah die Englaͤnder fliehend, gefangen, oder todt.„Jetzt,“ ſprach er, ſeine Lanze ein⸗ legend,„jetzt bin ich am Ende meiner Bahn! dieſes Letzte noch— und mein Geſchlecht hat ein Ende!“— Und ſich erhebend im Buͤgel, ſpricht er mit lauter Stimme dieſe Ausforderung: „Sankt Jacob fuͤr Argentine!“ Viere von denen, welche die Fluͤchtlinge verfolgten, wurden entſattelt, aber der tapfre Ritter er⸗ hielt einen Lanzenſtoß, der ihn trotz ſeinem Harniſch traf, und einen Axtſchlag, der ſeinen 9 — 210— Helm ſpaltete. Trotz ſeiner Verwundung, rennte er gegen den tapfern Lord von Colon⸗ ſay und grub ihm ſeine Lanzenſpitze in die Bruſt. Der Hochlaͤnder zappelt an dem moͤr⸗ deriſchen Eiſen, das ihn an die Erde bohrt; er ſchwingt noch einmal ſein Schwert, und trifft ſeinen Feind. Argentine's Blut rieſelt, er wankt in den Buͤgeln, und mitten in der Todesangſt laͤchelt der wilde Colonſay, als er ſah, wie gut ſein treues Schwert ſeiv Ende geraͤcht hatte. Bruce war beſchaͤftigt, die Fruͤchte des glorreichen Sieges einzuſammeln. Er befahl der Reiterei die Nachhut der Englaͤnder zu verfolgen, als Argentine's Kriegesruf von fern her in ſein Ohr ſchallte. Sogleich ſchrie er: „Schont dieſen edlen, tapfern Ritter!“ Die Schwadronen ließen den Monarchen einen freien Durchgang. Er nahte ſich dem Verwundeten; ach! nicht mehr erhob er ſein Schild, mit dem rothen Krenz geziert; ſein Helm, ſeine Ruͤſtung waren mit Blut bedeckt. — 211— Als er Bruce ſich nahen ſah, ſammelte er alle ſeine Kraͤfte, um die Lanze einzulegen; aber vergebens! nicht mehr kann ſein Sporn das Roß ſtacheln. Von Wunden und Be⸗ ſchwerden erſchoͤpft, faͤllt der Ritter auf dem Kampfplatz; der großmuͤthige Bruce eilt her⸗ bei, hebt ihn auf und bemuͤht ſich die Schit⸗ nen ſeines Helms zu loͤſen. „Herr Graf,“ ſpricht Argentine,„der Tag iſt dein. Die Befehle des Koͤnigs, mei⸗ nes Herrn, und das feindliche Geſchick ſind Schuld, daß wir uns ſo ſpaͤt begegnet haben. Der ſterbende Argentine bittet noch um eine Gunſt, die er von dem alten Waffenbruder erwartet: eine Meſſe als Chriſt und ein Grab als Ritter!“ Bruce druͤckte die Hand des Sterbenden, die ihm den Druck der Freundſchaft wieder⸗ geben wollte; aber ſie ward ſtarr und kalt in Bruce's Haͤnden.. „Leb wohl!“ rief der Sieger,„du, der Ritterſchaft Stolz und Blume! Ewig wird man deinen tapfern Arm, dein ritterliches 9 2 — 242— Betragen und Sitte, dein edles Geſchlecht, dein fleckenloſes Wort und den Adel deiner Zuͤge ruͤhmen. Zuͤndet die Fackeln an in der Kirche von Ninian: man bereite Argen⸗ tine's Begraͤbniß; niemals flammten die Fackeln, toͤnten die Gebete der Prieſter um eines tapferern Ritters Sarg!“ Nicht allein um Argentine ließen ſich die Trauergebete hoͤren in der Kirche von Sankt Ninian, und flammten daſelbſt die Fackeln; manche zerbrochne blutige Ruͤſtung, manchen Ueberreſt von Helmen, Huͤllen von Baronen, Grafen und Lairds erleuchtete ihr gelblichter Schimmer. Englands edelſte Soͤhne hatten an dieſer Todtenfeier Theil! Weine nicht, Land des Ruhms, obgleich nie ſeit Wilhelm des Eroberers Einbruch im Streit der Leo⸗ pard in eine ſo traurige Flucht geſchlagen wor⸗ den war; ſo koͤnnen ſich deine Jahrbuͤcher auch mehr als eines uͤber Schottland davon getrag⸗ nen Sieges ruͤhmen. Beneide ihnen nicht ihren Sieg; ſie fochten fuͤr ihre Rechte und Unabhaͤngigkeit. Sind dieſe Rechte, die Aller Herzen ſo theuer ſind, die Freunde der Frei⸗ —— — 243— heit ſich nennen, ſind ſie nicht England am theuerſten 2 Doch zuruͤck zu Bruce; er war jetzt be⸗ gierig von Fitz⸗Louis das Wunder zu erfah⸗ ren, welches geſchehn iſt. Tauſend Stimmen wiederholen um ihn her:„Der Page hat die Sprache wiedererhalten!“ —„Der Page! unterbricht ſie Fitz⸗Louis, ſagt vielmehr ein aus hoͤhern Regionen her⸗ abgekommner Engel, um Englands Joch zu loͤſen. Ich habe ſein federgeſchmuͤcktes Baret herabfallen ſehn. Als wir den Berg herab⸗ ſtiegen, gab ſeine ſanfte Stirn, ſeine lang und anmuthig herabwallenden Locken ſeinen Augen einen neuen Glanz; kaum daß ſein leichter Fuß den Raſen beruͤhrte, als truͤgen ihn unſichtbare Fluͤgel!“— Was ſagte er in dieſem Augenblick?— „Ein einziges Wort drang aus ſeinem Munde, als er den Beherrſcher der Eilande aus dem Kampf zuruͤckkommen ſah!—— „Und was hat ihm der Fuͤrſt geant⸗ wortet?“— „Er iſt auf ſeine Knie gefallen; ſeine Augen haben ſich zur Erde geſenkt; er ſtam— melte unzuſammenhaͤngende Worte mit leiſer Stimme, und ſo ehrfurchtsvoll war ſein Ent⸗ zuͤcken, als haͤtte er zu einem uͤberirrdiſchen Weſen geſprochen.“—— Der Koͤnig Robert vergaß auf einen Augen⸗ blick ſeine hohen, ihm beſchaͤftigenden Gedan⸗. ken, und mußte laͤcheln, ſelbſt mitten auf Bannocks blutiger, mir zerſtuͤckten Leichnamen bedeckten Ebne. „Was?“ ſagte er,„der Page hatte die Anmuth eines Engels, eine edle Stirn, wal⸗ lende Locken und Ronald hat das Knie vor ihm gebeugt! Wenn dem alſo iſt, ſo werden wir die Kirche noͤthig haben! Mein Kapellan ſoll von dem Allen benachrichtigt werden, eh dieſe ſeltſamen Neuigkeiten ſich weiter ver⸗ breiten. Er ſoll ſich nach Cumbuskenneth begeben, und den Altar zum feierlichen Hoch⸗ amt bereiten. Mein Volk wird dem Ewigen Dank ſagen fuͤr ſeine Befreiung, fuͤr das Gluͤck unſrer Waffen; aber noch eine andre 3 — 215— Cermonie feire das Hymen eines Fuͤrſten. In den Tagen unſers Ungluͤcks unterbrachen wir das hochzeitliche Feſt; vor Anbruch der Morgenroͤthe will ich die Hochzeit der Jung⸗ frau von Lorn und des Beherrſchers der Eilande feiern. * * Geh hin, mein Sang! zeuch aus aufs Ungefaͤhr Und tadelt nicht den Saͤnger, daß er ſich Fuͤr dieſes Lied nicht einen Schuͤtzer waͤhlt, Deß Nam' und Ruf ihm ſichert Ehr und Ruhm! Ihm lebte einſt!— o ſchmerzenvolles Wort!— Ein edles Herz in einer Freundin Bruſt! Die haͤtte dir, mein Lied, das Rechs verliehn, Im edlern Liederkreis beſchuͤtzt, empor zu bluͤhn! Ein Engel iſt ſie jetzt, im ſel'gen Chor; Nur wenig fehlt ihr, um es ſchon zu ſeyn Im Lauf der Pilgerfahrt hier auf der Welt! Was ſpraͤch ich hier von hoher Duldſamkeit, Womit ſie, Schmerzen troͤſtend, Schmerz verbarg? Was ruͤhmt' ich jetzt, wie ſchoͤn der Tugend Glanz Und goͤttlicher in ihrer Seele ſtrahlt? Was ſagt ich erſt, daß dieſe Veilchenkrone Nicht ihrer Stirn, nein!— ihrem Sarge throne?! 2 — —— Anmerkungen zur erſten Dichtung. 1) Seekalb.— Die alten Seekaͤlber hat⸗ ten einen entſchiedenen Gefallen an der Muſik. Oft folgten ſie lange Zeit einem Fahrzeug, auf welchem ein Inſtrument, welches es auch war, erklang; der einfachſte Ton vermochte ſie anzu⸗ ziehn. 2) Die Meerenge von Mull.— Sie theilte dieſe Inſel vom Feſtlande von Schottland, und bot eins der ſchoͤnſten Schauſpiele der Hebriden dar. 3 3) Zweihundert Inſeln.— Die An⸗ zahl der occidentaliſchen Inſeln von Schott⸗ land betraͤgt uͤber zweihundert. 4) Sommerled.— Er war Laird von Argyle und Fuͤrſt der Inſeln gegen das zwoͤlfte Jahrhundert. Sein Abkoͤmmling, der Held die⸗ ſer Dichtung, hieß Angus Og. Wir nannten ihn ſtatt deſſen Ronald Euphoniae gratia. — 248— 5) Das Haus Lorn. Es ſtammte, wie das des Beherrſchers der Eilande, von Som⸗ merleds Erben ab. 6) Irrfeuer. Dieſes Phaͤnomen nann⸗ ten die Matroſen ſo, und es iſt eins der ſchoͤn⸗ ſten Schauſpiele, die man auf den Hebriden bewundert. Zuweilen erſcheint der Ocean um die Schiffe her voͤllig erleuchtet, und eine lange Lichtſtraße folgt bis in die Dunkelheit. Dieſe phosphoriſche Helle, deren Urſprung die Natur⸗ forſcher noch nicht genugſam erklaͤren konnten, ſcheint durch die ſchnelle Bewegung hervorge⸗ bracht, wenn die Wellen mit Laich und andern animaliſchen Subſtanzen erfuͤllt ſind. Ran denkt dabei an mehrere Balladen, die von Waſſerſchlangen ſprechen— ich bemerkte ſelbſt eine ſolche, die einen weißlichen Lichtſtreif hinter ſich ließ. Erheben ſie ihre Kronen, ſo verbreitet ſich dieſe phantaſtiſche Flamme wie glaͤnzende Funken uͤber den Wellen. Anmerkungen zur zweiten Dichtung. 7) Egidius oder Giles von Argentine war nach Heinrich von Luxemburg und Robert Bruce der vollkommenſte Ritter dieſes Jahrhunderts. + — — 249— Er hatte die Kreuzfahrt in Palaͤſtina mitgemacht, und ſtarb als Held, nachdem er Eduards Ruͤck⸗ zug gedeckt hatte. Die Barden ſangen lange von ſeinem Ruhm. 3 3) Seit langer Zeit bewahrte man in dem Schloß Dunvegan, einem alten Hauſe Maecleods, des Haͤuptlings eines Clans dieſes Namens, einen alterthuͤmlichen Becher von ſeltner Arbeit. Er mußte, dem Herkommen nach, umherkreiſen, wenn die Haͤuptlinge der Eilande beiſammen waren; denn ſie ſetzten eine Ehre darein, kein Gefaͤß aus der Prunkhalle ungeleert zu laſſen. 9) Der Ober⸗Vorſchneider, dem eher als dem Seneſchal oder Hausmeiſter zukam, die Gaͤſte nach Rang und Wuͤrnden unterzubringen, war ein wichtiger Beamter in der Familie eines Haͤuptlings der Hebriden. 10) Um dieſe Worte zu verſtehn, muß man ſich an die ſchottiſchen Unruhen erinnern/ da das hier Erwaͤhnte geſchichtlich iſt.* 11) Die Geſchichte und die Tradition feiern auf einerlei Weiſe den Kampf, wo Bruce den Stiegern nicht anders entfliehen konnte, als indem er ihnen ſeinen koͤniglichen Mantel ließ, deſſen Spange lange Zeit in dem Geſchlecht der Mac⸗Dougal bewahret ward. Bruce war von außerordentlicher Koͤrperkraft. — 220— Die Fibula oder Spange eines Plaid war ein koſtbares Kleinod, wenn der, ſo ihn trug, ein angeſehner Haͤuptling war. Martin erzaͤhlt von einer ſilbernen Spange, hundert Mark an Werth. 12) Sir James, genannt der Gute, Lord Douglas ward in der Schlacht von Dalry ver⸗ wundet. Sir Nigel oder Niel Campbell, Bruce's Schwager, dabei getoͤdtet. 13) Als Bruce aus der Kirche kam, wo er im Streit Comyn erdolcht hatte, begegnete er James von Linsday und Kirkpatrik.„Was giebts Neues?““ fragten ſie ihn.„Nichts Gu⸗ tes,“ antwortete er,„vielleicht habe ich Comyn getoͤdtet."⁰—„Vielleicht?“ rief Kirkpatrik. „ Es ſoll bald heißen: Gewiß! 14) Es ſcheint, als ſey der ſonſt ſo edle Charakter der ſchottiſchen Barden bald ausge⸗ artet. Die Irrlaͤnder wollten den Geiz der ihrigen durch Geſetze unterdruͤckt wiſſen. Im Hochlande wurden ſie bald, wie die Oratoren, von denen einige auch Dichter waren, verachtet. 15) Es war eine Gewohnheit der Hochlaͤn⸗ der, die verlobte Braut in das Schloß ihres Verlobten zu bringen. Oft mußte ſie viele Mo⸗ nate daſelbſt in Erwartung verleben, und der Braͤutigam hatte immer noch das Recht, ſie zu — 224— verſtoßen, woher oft große kriegeriſche Unruhen entſtanden. 16) Die Hebridiſchen Helden, von denen hier die Rede iſt, waren Seandinaviſcher Ab⸗ kunft, und nur ſehr unvollkommen zum Chriſten⸗ thum bekehrt. 17) Bruece befahl in ſeiner letzten Stunde, zur Suͤhne dieſes in der Kirche begangnen Mor⸗ des, dem Lord James Douglas ſein Herz nach Jeruſalem zu bringen. 18) Ohne Metapher konnte man ſagen: daß die Echos von Schottland wiederhallten vom Gebell der Hunde, die den Monarchen auf ſei⸗ ner Flucht verfolgten. Einer von Lorns Wind⸗ hunden hatte Bruce ſonſt ſelbſt gehoͤrt; nur mit Muͤhe konnte er alſo entkommen. Anmerkungen zur dritten Dichtung. 19) Mehr als ein Haͤuptling der Eilande uͤbte Seeraͤuberei, bis die Civiliſation einige Ideen vom Voͤlkerrecht in den Hebriden einge⸗ fuͤhrt hatte. 20⁰) Die gewoͤhnliche Tradition der Schlacht — 222— von Falkirk, der hier treu geblieben iſt, nimmt dieſes an; aber es iſt unerwieſen, daß Bruce damals gegen Wallace focht. M. ſ. ſeine Recht⸗ fertigung in Haile's ſchottiſchen Jahrbuͤchern. 21) Die außerordentliche Landſchaft, die hier zu beſchreiben verſucht, iſt einzig in Schott⸗ land. Die Epiſode, wo Bruce den Seeraͤubern begegnet, iſt mit den noͤthigen Abaͤnderungen von Barbour entlehnt. 22) Die Phantaſie kann nichts Schoͤ⸗ neres erfinden, als die Grotten und Gegenden, von denen hier in dieſem Geſang die Rede iſt. Eine neuentdeckte Grotte befindet ſich daſelbſt in der Herrſchaft von Alexander Mae⸗Alliſter von Strathaire, deren Beſchreibung der Doctor Mare⸗Leay d'Oban bekannt gemacht hat. Anmerkungen zur vierten Dichtung. 23) Durch den Tod in ſeinen Rachplaͤnen aufgehalten, befahl Eduard der iſte ſeinem Sohn, ihn im Angeſicht Schottlands zu begraben, und die Eroberung deſſelben fortzuſetzen. Aber dieſem lag wenig daran, den Krieg zu verfolgen; er ließ den Leichnam ſeines Vaters nach London — bringen und in einer Gruft der Weſtmuͤnſter⸗ abtei beiſetzen, mit der Inſchrift: Edwardus primus, Scotorum malleus, hie est Pactum serva. 24) Romantiſche Tradition der Inſel Canna oder Cannay. 25) Im Jahre 1745 waͤhrend der Verfolgung des Catholieismus las der Pater Eigg in dieſer Hoͤhle auf einem Felſenvorſprung Meſſe. Der Pater und ſeine Zuhoͤrer, alles Hochlaͤnder, bil⸗ deten, in dieſem Gewoͤlbe verſammelt, ein eines Salvators wuͤrdiges Gemaͤlde. 26) Die Hoͤhle von Staffa, oder der Pallaſt Neptuns, iſt faſt uͤber alle Beſchreibung. Sie erſcheint immer weiter und geraͤumiger und bewunderungswuͤrdiger, je oͤfter man ſie ſiehr. Es iſt nichts maleriſcher, als die Inſel⸗ gruppe, wovon Staffa die romantiſchſte iſt.— 27) Die Halbinſel Cantire iſt mit Knepdale durch einen ſehr ſchmalen Iſthmus verbun⸗ den; um die Gefahren einer wenig bekannten Schifffahrt um Cantyres Vorgebirge zu ver⸗ meiden Cerzaͤhlt Pennant), wurden vor nicht gar langer Zeit Fahrzeuge von neun bis zehn Pfunden Schiffslaſt von Pferden von der weſt⸗ lichen nach der oͤſtlichen Seite uͤber den See gezogen. 28) Bruce's edler Charakter verdiente die hier angefuͤhrte Begeiſterung; Barbour hat ihn in ſeiner Geſchichte, und zugleich den Contraſt zwiſchen ihm und ſeinem Bruder geſchildert. Anmerkungen zur fuͤnften Dichtung. 29) Das Innre der Inſel Arran, wovon hier die Rede iſt, bietet verſchiedne vorzuͤgliche Berganſichten dar. Die felsbedeckten Hoͤhen und die Abgruͤnde, welche Katarakte von erſtaunens⸗ werther Tiefe bilden, erregen Bewunderung, ob ſie gleich beſchraͤnkt ſind. Auf dem Fluß Machrai iſt eine durch das ſeltſame Abentheuer einer armen Frau beruͤhmt gewordne Stelle, die durch die geringe Breite der Erhoͤhung verſucht ward, ſie zu uͤberſpringen; die erſte Bewegung gelang ihr; aber als ſie mit dem andern Fuß nach⸗ ſpringen ſollte, blieb ſie, von Furcht ergriffen, unbeweglich in einer eben ſo beluſtigenden, als gefaͤhrlichen Stellung ſtehn, bis ihr ein zufaͤllig dazu kommender Reiſender aus ihrer Verlegen⸗ heit half.— Man findet auf Arran, wie auf den Inſeln Man und Angleſea, zahlreiche Spu⸗ ren heidniſchen Aberglaubens und wahrſcheinlich auch der Religion der Druiden. 3⁰) Barbour erzaͤhlt mit der groͤßten Einfalt eine Anekdote, welche genugſam beweißt, daß die Gewohnheit zu fluchen und zu ſchwoͤren, die in der Folge in Schottland ſo allgemein ward, damals nur in den Heeren exiſtirte! Nach Bru⸗ ce's Ruͤckkehr nach Schottland ging Douglas durch das Hochland von Tweddale, unweit dem See Line, als er von ungefaͤhr einige Leute in einer Scheune reden und das Wort: Teufel, ausſprechen hoͤrte; aus dieſem kuͤhnen Ausdruck ſchließend, daß dieſes Haus von Soldaten be⸗ wohnt ſey, griff er es auf der Stelle an, und hatte das Gluͤck, den Thomas Randolph ge⸗ fangen zu nehmen, der ſich in Lord Murrays Gefolg befand, wie auch Alexander Stuart Lord Bonkle; beide ſchlugen ſich damals fuͤr Englands Sache, und waren in der Meinung nach Schott⸗ land gekommen, Douglas daraus zu vertreiben: ſie gehoͤrten in der Folge zu Bruce's eifrigſten Anhaͤngern. 31) Was hier folgt, iſt mir durch einen Korreſpondenten mitgetheilt worden, dem ich wegen vieler einzelnen Angaben uͤber Turnberry und ſeine Umgebungen Dank ſchuldig bin.„Die einzige Tradition, die jetzt uͤber Robert Bruce's Landung zu Carrick hinſichtlich des Feuers ſtatt⸗ findet, welches er ſelbſt von der Inſel Arran P — 226— bemerkte, iſt, daß man allgemein erzaͤhlt, und viele wie an eine Religionsſache glauben, daß wirklich dieſes Feuer das Werk einer uͤberirrdi⸗ ſchen Macht war und von der Hand keines ſterb⸗ lichen Weſens erhalten ward. Man fuͤgt hinzu, daß ſeit vielen Jahrhunderten dieſelbe Flamme alle Jahre in der Nacht und zu der Stunde erſchiene, wo der Koͤnig zum erſtenmal ſie ſah, von dem Thurm des Schloſſes von Brodick. Viele gehn ſogar ſo weit, zu ſagen, daß, wenn dieſer Augenblick auf beſtimmte Art bekannt waͤre, man ſie noch heut zu Tage ſehn wuͤrde.“ Auszug eines Schreibens von Sir Joſeph Train, von Newton Stuart, Verfaſſer einer mit Geiſt unternommenen Sammlung erklaͤrender Dichtungen mehrerer alten Traditionen. Edim⸗ burg 1814. 3²) Ich bin der Tradition gefolgt, die be⸗ richtet, daß Bruce nach ſeiner Landung auf der Kuͤſte von Ayrshire ſich ſogleich des Schloſſes ſeiner Mutter bemaͤchtigte. 33) Dieſe Becher hießen mazers. In einem hoͤchſt merkwuͤrdigen Verzeichniſſe der Schaͤtze und Koſtbarkeiten Jacobs III. geſchieht derſelben guch Erwaͤhnung. — 227— Anmerkungen zur ſechsten Dichtung. 34) Eduard I. gebrauchte die Welchen, die er ſich unterworfen hatte, nach einer den Erobe⸗ rern gewoͤhnlichen Politik, in den Kriegen mit Schottland, wozu ſie ihre Eigenthuͤmlichkeiten, als Hochlaͤnder, beſonders eigneten; aber dieſe Politik hat auch ihr Gefaͤhrliches. Vor der Schlacht von Forlsck veruneinigte ſich dieſes Volk mit den engliſchen Waffenmaͤnnern; Blut floß von beiden Seiten, und die Verſoͤhnung war nur mit Muͤhe zu bewerkſtelligen. 35) Die Fiz⸗Louis oder Mae⸗Louis, auch Fullarton genannt, waren ein altes Geſchlecht auf der Inſel Arran. Man ſagt, daß ſie fran⸗ zoͤſſchen Urſprungs waͤren, wie auch ihr Name andeutet. Sie erkannten Bruce an und dienten ihm ſeit ſeiner erſten Landung auf der Inſel. 36) Die vom Koͤnig Bruce in dem entſchei⸗ denden Treffen von Bannock⸗Burn angenommne Schlachtordnung ſchildert Barbour ſehr genau. Sie giebt Taktikern einen nuͤtzlichen Unterricht. Indeſſen ward dieſer wichtige hiſtoriſche Zug im Allgemeinen ſehr durch die Geſchichtſchreiber ent⸗ ſtellt, bevor ihn Lord Lalſe commentirte. P 2 — 228— 57) Nach einer alten Tradition war der be⸗ kannte ſchottiſche Refrain: hey tulli talli Bru⸗ ce’s Marſch in der Schlacht von Bannock⸗Burn. 38) Maurice, Abt von Inchoffray, ſtellte ſich auf eine Anhoͤhe und hielt Meſſe im Ange⸗ ſicht des ſchottiſchen Heers. 39) Roger Aſcham berichtet von einem ſchot⸗ tiſchen Sprichwort, welches ſagt: daß jeder engliſche Schuͤtze vier und zwanzig Schotten am Guͤrtel truͤge. Der gute Lord Douglas fuͤrchtete ſie ſo ſehr, daß er ſeinen Gefangnen die Wahl ließ, ob ſie den Daumen oder das rechte Auge verlieren wollten. 40) Dieſe Stelle verlangt Erklaͤrung und in Wahrheit, wer Zeuge geweſen iſt von der ſtummen Gedult, mit der ſich die Pferde dem grauſamſten Gebrauch unterwerfen, koͤnnte an ihren Klagen in dem Augenblick eines ploͤtzli⸗ chen, unertraͤglichen Schmerzes zweifeln. Lord Erskine verſuchte in einer in der Kammer der Lords vorgetragnen Bill Menſchlichkeit gegen die Pferde vorzuſchreiben. Er machte eine merkwuͤr⸗ dige Thatſache bekannt, die ich durch den bloßen Verſuch, ſie zu wiederholen, um ihr Gewicht zu bringen glauben wuͤrde. Ich ſelbſt habe einmal von Ungefaͤhr ein ſterbendes Pferd einen ſo durchdringenden Schrei ausſtoßen hoͤren, daß ich ihn noch als den traurigſten Ton betrachte, den ich jemals gehoͤrt habe. 41¹) Außer Argentine kamen noch viele Rit⸗ ter aus Englands edelſten Geſchlechtern um. Barbour berichtet, daß man zweihundert goldne Sporen auf dem Schlachtfeld gefunden habe, und ich fuͤge hinzu, daß nicht alle geſammelt ſeyn mußten, weil ich ſelbſt einen ſehr alten und ſeltſam gearbeiteten Sporn beſitze, der in einem Sumpf vor kurzem gefunden ward. Das Reſultat der Schlacht von Bannock⸗ Burn war die ooͤllige Begruͤndung der Unabhaͤn⸗ gigkeit der ſchottiſchen Nation. Druckfehler. — 2 — — 2 S — . 8 — — — OA 5 5 8. lies: Irrfeuer 23.— e ſſſnſnſinſnſſſſinſſſſſſſff ſſſſſſſſſſſiſſnſnnniiim 8 9 10 11 3 13 14 15 16 17 18