7,———== „ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4—— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 4 Wer— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 7— 7 7—„ 7r.—„ 5. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. L ſe 1 1 Onkel Cäſar. Novelle von Mme. Charles Reyband. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. C. Büchele. — S Stuttgart. Franckh'ſche V erlagshandlung. 1859. Oruck ber K. Hofbuchbruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. I Die kleine Stadt O... iſt eine jener exceptio⸗ nellen Oertlichkeiten, welche durch ihre geographiſche Lage verurtheilt ſind, ewig außerhalb des allgemei⸗ nen Fortſchritts zu bleiben. Die nächſte Eiſenbahn geht dreißig Meilen an dem ſehr hohen Plateau vor⸗ über, wo dieſelbe gelegen iſt, und mit den großen Bevölkerungs⸗Centren ſteht ſie nur durch einen ziem⸗ lich ſchlecht eingerichteten Poſtwagendienſt in Ver⸗ bindung. Auch haben ſich die alten Provincialge⸗ wohnheiten in dieſem Erdwinkel beſſer erhalten, als in irgend einem andern Theile Frankreichs; Jeder⸗ mann ſpeist daſelbſt um zwölf Uhr zu Mittage, wie unter dem alten Régime, und die Portchaiſen ſind noch nicht gänzlich aus der Mode.. Einige edle und durchaus nicht wohlhabende Häu⸗ ſer, eine große Anzahl bürgerlicher Familien und die ziemlich beſchränkte Gruppe von Regierungsbe⸗ amten bildeten vor einigen Jahren die gute Geſell⸗ ſchaft von O... Dieſe ehrlichen Leute hatten theils mäßige Beſoldungen, theils kleine Einkünfte, wovon ſie ganz genau lebten, ohne ſich jemals außer dem ſtreng Nothwendigen eine Ausgabe zu erlauben. Man würde nie zu O.. getanzt, nie bei Wachskerzen nach Mitternacht an einer Tafel von ſechszig Ge⸗ decken ſoupirt haben, wenn nicht eine bürgerliche Familie, die einzige, welche unter dieſer eſchrantten 4 Mittelmäßigkeit reich war, ihre Salons geöffnet und jedes Jahr mehre Bälle, wozu die ganze Stadt ein⸗ geladen wurde, gegeben hätte. Eine vielleicht beiſpielloſe Sonderbarkeit knüpfte ſich an dieſe Familie, ſeit mehren Generationen— eine Anzahl von Notariats⸗Inſtrumenten beſtätigte es— hatten die Fauberton niemals Nachkommen⸗ ſchaft in gerader Linie gehabt, und es war immer ein Neffe, welcher nach Antritt der geſammten Erb⸗ ſchaft dieſe wieder, wenn die Reihe an ihn kam, auf einen Seitenverwandten ſeiner Wahl übertrug. Im Jahr 1815 war der Oberſt Achille Fauber⸗ ton, der Stolz der Familie, zu ſeinem Herde mit Halbſold und ſiebzehn Wunden, die ihn beträchtlich entſtellt hatten, zurückgekehrt. Der würdige Mann war nicht ohne Beruf zur Che, jedoch klug genug, es wie ſeine Großoheime zu machen; er blieb Jung⸗ geſelle und rief ſeinen einzigen Neffen zu ſich, den er mit Ausſchluß aller übrigen Glieder der Familie zu ſeinem Erben einſetzte. 3 Cäſar Fauberton ſtand damals in einem Alter von achtundzwanzig Jahren; es war ein ſchöner Mann, ein ſuperber Reiter, wie die alten Bürger⸗ frauen von O.. ſagten; er hatte regelmäßige Züge, friſche, weiße Geſichtsfarbe, große, ſchwarze, hervor⸗ ſtehende Augen und die ſchönſten Zähne von der Welt. Seine moraliſchen Eigenſchaften entſprachen ſeinen phyſiſchen Vorzügen: er beſaß, wie er ſich deſſen ſelbſt rühmte, den Geiſt, welcher den Frauen gefällt; er war luſtig und aufgeweckt, galant, dienſtfertig, keck zu rechter Zeit, und von einer natürlichen Geckerei, welche ſich durch Nichts aus der Faſſung bringen ließ. 5 Der Oberſt beeilte ſich, ſeinem Erben zu erklä⸗ ren, er denke darauf, ihn zu verheirathen, in Be⸗ tracht daß, wenn er Junggeſelle bliebe, das Ver⸗ mögen der Fauberton auf entfernte Verwandte über⸗ gehen würde, die er nicht kannte und von denen er nicht einmal reden gehört hatte. Cäſar machte keine Einwendung und verſicherte den Oheim einfach ſeines vollkommenen Gehorſams. Dieſer ſchickte ſogleich Meiſter Signoret, ſeinen Notar in’s Feld, einen Mann, welcher aus der Tiefe ſeines Amtszimmers einen klaren Einblick in den Stand eines jeden Ver⸗ mögens hatte und jedes Heirathsgut mit der Hand wägen konnte. Es handelte ſich darum, eine Partie zu finden, welche zu den dreißigtauſend Franken Rente, die der Oberſt ſeinem Neffen hinterlaſſen ſollte, in rich⸗ tigem Verhältniß ſtände. Da Nichts dergleichen in O... exiſtirte, ſo ſuchte Meiſter Signoret im ganzen Umfang des Departements. Er präſentirte ſich in eige⸗ ner Perſon, um die Negociationen anzuknüpfen, und unterhandelte, mit Vollmacht von dem Oberſt aus⸗ gerüſtet. Anfänglich ging Alles auf's Beſte; es ſchien, man war über alle Punkte einverſtanden, und es bedurfte nichts weiter, als des Abſchluſſes; aber ſobald Cäſar um Rath gefragt wurde, kamen die Schwierigkeiten in Maſſe: während er mit guter Miene ſeine Einwilligung gab, verſtand er die Kunſt, eine Menge Einwendungen aufzuwerfen, welche die Sache zuerſt ſchwierig und bald unmöglich machten. Ohne jemals ſeinen ſehr entſchiedenen Beruf zum Cölibat einzugeſtehen, wußte er auf ſolche Weiſe jede eheliche Verbindung auf's Unbeſtimmte zu entfernen; aber der Oberſt ließ ſich nicht ſo leicht abſchrecken: 6 ſobald ein Heirathsprojekt geſcheitert war, rückte der alte Notar wieder in's Feld und begann eine neue Unterhandlung. Dieß dauerte ſo fünf Jahre lang. Im Verlauf dieſer Zeit hatte der ſchöne Cäſar unerhörte Erfolge bei den Frauen. Keine Tugend widerſtand ihm; er compromittirte mehre Mädchen von guter Familie, brachte Unfrieden in ein halb Dutzend Haushaltungen und trieb durch ſeine Treu⸗ loſigkeit eine Griſette zum Selbſtmord. Dieſes un⸗ ordentliche Leben erregte jedoch keinen Skandal. Man war ſehr nachſichtig gegen den ſchönen Jungen, die beſte Partie in der ganzen Gegend. Die Mädchen insbeſondere, welche ihren Heirathsroman machten, entſchuldigten alle ſeine Leichtfertigkeiten und waren blos gegen die armen Verlaſſenen ohne Mitleid. Der Notar hatte eben ſeine zehnte oder zwölfte Unterhandlung eingeleitet, als ein unvorhergeſehenes Ereigniß dieſen beharrlichen Verſuchen ein Ziel ſetzte: der Oberſt verfiel in eine Krankheit und war bald in Todesgefahr. Er war bereits ein Greis, wie⸗ wohl er kein hohes Alter hatte. Durch vieles Aus⸗ ſetzen ſeines Lebens auf den Schlachtfeldern hatte er es abgenützt, und von dem erſten Tage ſeiner Krank⸗ heit an begriff er, daß das verhängnißvolle Ziel für ihn im Anrücken war. Noch an demſelben Tag, nach einer Kriſe, die ihn ſehr geſchwächt hatte, ſprach er zu ſeinem Neffen: „Cäſar, wir haben zu viel Zeit verloren... ich bin in Gefahr, abzuſcheiden, ohne Dich verheirathet zu ſehen... das iſt für mich ſehr bedauerlich... wenn Du auch ſterben ſollteſt, käme mein Vermögen an Leute, die ich nicht kenne... das will ich nicht, Neffe... Du mußt einen Stamm anfangen... verheirathe Dich, verheirathe Dich... jetzt handelt es ſich nicht mehr um das Wählen, das Berechnen des Heirathsgutes, der wahrſcheinlichen Hoffnungen, der gewiſſen Laſten, wie Du immer ſagſt... wir haben zum Warten keine Zeit mehr... an braven und gut erzogenen Mädchen fehlt es hier nicht... Nimm, welche Du willſt: ſelbſt wenn ſie Nichts hätte, gebe ich meine Einwilligung, aber in des Himmels Namen, entſcheide Dich...“ „Ja, Onkel, ſogleich,“ antwortete Cäſar nieder⸗ geſchlagen.. „Wohlan! ſo wähle.“ „Ja, Onkel, auf der Stelle, weil Sie es wollen. Ich hätte jedoch ein wenig Ueberlegung nöthig, denn ich befinde mich in großer Verlehendeit, da mein Herz von jeder Neigung frei iſt.“ 24. „Nimm auf's Gerathewohl,“ fiel der Oberſt mit beinahe gebieteriſcher Miene ein;„Nichts iſt im Wege, da Du Niemand liebſt...— Dann ſich eines Andern beſinnend, ſetzte er hinzu:—„Man hatte mir geſagt, Du wäreſt in die ſchöne Emmeline verliebt...“ 2 „Ah! bah!...“ murmelte Cäſar. „Du biſt den ganzen letzten Winter um ſie her⸗ umgeſtrichen,“ fuhr der Oheim fort;„ich habe Man⸗ ches geſehen... gewiß liebt ſie Dich...“ „Bah! bah!“ wiederholte der ſchöne Cäſar. „Ihre Mitgift iſt äußerſt gering, zehntauſend Franks vielleicht Alles in Allem,“ ſprach der alte Fauberton weiter, ſeine Idee hartnäckig verfolgend; „hat nichts zu ſagen! Empfindeſt Du einige Neigung 8 zu ihr, ſo wünſche ich ſehr, daß Du ſie heiratheſt... Laß ſehen, biſt Du entſchieden?... Wir könnten noch dieſen Abend anfragen laſſen und in zehn Tagen Hochzeit halten...“ „Ja, Onkel, es iſt nirgends ein Hinderniß,“ ant⸗ wortete Cäſar beſtürzt;„ich will thun, wie Ihnen beliebt. Nichts deſto weniger erlauben Sie mir zu bemerken, daß man wohl, da Mlle. Emmelinens Vater abweſend iſt, ſeine Rückkehr wird abwarten müſſen.“ „Man kann immerhin der Mutter die nöthigen Eröffnungen machen,“ erwiderte der Oberſt, hart⸗ näckig darauf beſtehend.„Zum Unglück iſt Signoret nicht hier; aber das iſt gleich, Du wirſt ſelbſt an⸗ anfragen, ſchon morgen...“ „Wie!l ich ſelbſt, in Perſon?“ „Warum nicht?... Geh, geh, ſei ruhig, Du wirſt nicht abgewieſen werden.“ „Ich glaube wohl!“ murmelte der ſchöne Cäſar mit einer Geberde ſtolzer Geckenhaftigkeit und in ſeinem Geiſt nach einem Mittel ſuchend, dieſer drin⸗ genden Gefahr zu entgehen. Der Oberſt fiel erſchöpft auf ſein Kopfkiſſen zu⸗ rück und murmelte, von einem plötzlichen Schauder ergriffen: „Da kommt der Fieberanfall ſchon wieder... ich fühle mich ſehr ſchlecht... Cäſar, vergiß nicht, was ich Dir geſagt habe... Es iſt unnütz, die Rückkehr des Balebs abzuwarten; Du wirſt morgen die Anfrage ſtellen...“ „Ja, ja, Onkel,“ wiederholte Cäſar;„quälen Sie ſich deßhalb nicht, Alles wird nach Ihrem Willen gehen.“ —— Der Oberſt hatte eine ſehr ſchlechte Nacht; er wurde ſichtbar immer ſchwächer und ſeine Züge ver⸗ änderten ſich auf erſchreckende Weiſe. Gegen Morgen rief er, von einer Ahnung ſeines nahen Endes er⸗ griffen, ſeinen Neffen, der auf einem Seſſel ſchlum⸗ merte, heran und ſprach, mit dem Finger auf die Uhr deutend: „Dieſen Vormittag wirſt Du um die Kleine zur Ehe anhalten... wir haben keinen Augenblick mehr zu verlieren...“ „Ach! Onkel, es iſt heute Freitag und der drei⸗ zehnte des Monats!“ rief Cäſar. 4 „Ich hatte es vergeſſen!“ flüſterte der Oberſt, deſſen Wille gegen dieſen Einwurf nicht Stand hielt. „Wohlan! ſo ſoll es morgen ſein... morgen früh... ich werde das Eheverlöbniß ſehen, aber nicht bei der Hochzeit ſein...“ Cäſar ſchrie bei dieſen traurigen Ahnungen laut auf und affektirte die vollkommenſte Sorgloſigkeit deßhalb; jedoch hatte ihm der Arzt kurz zuvor er⸗ klärt, daß ſein Oheim nicht mehr zweimal vierund⸗ zwanzig Stunden zu leben habe. Meiſter Signoret kam Morgens an und brachte einige Augenblicke allein mit dem Kranken zu. Nach dieſer kurzen Unterredung verließ der alte Contract⸗ hüter das Zimmer, um Cäſar Fauberton aufzu⸗ ſuchen. Dieſer kam ihm mit den Worten entgegen: „Nun wie! Es ſteht nicht mehr ſo ſchlecht, ich habe große Hoffnung; ſind Sie nicht auch ſehr be⸗ ruhigt, mein lieber Herr Signoret?“ Der Notar zuckte die Achſeln, faßte Cäſar bei der Hand und ſprach mit einem Seufzer: 10 „Das Teſtament befindet ſich in meinen Händen; der arme Mann hat es gerade ſo wie ſein ſeliger Oheim, Denis Fauberton, und ſein Großoheim, Juſtin Fauberton gemacht, von denen ich auch ihren letzten Willen in Empfang genommen habe: wiſſen Sie, daß Sie der dritte Neffe ſind, den ich in dieſem Hauſe erben ſehe?“ Der Zuſtand des Kranken verſchlimmerte ſich von einem Augenblick zum andern; gegen Abend ſprach er nicht mehr und ſchien in einen lethargiſchen Schlum⸗ mer verſunken. Die Diener begannen, Gebete an ſeinem Lager herzuſagen; Cäſar ſaß bei Seite neben Meiſter Signoret, die Stirne auf ſeine Hand ge⸗ ſtützt und ein trauriges Stillſchweigen beobachtend. So verſtrich der ganze Abend. Es ſchien außer Zweifel, das Leben des Oberſts werde in dieſem ruhigen Todeskampf erlöſchen; jedoch nach einigen Stunden bewegte er ſich plötzlich, ſtreckte dumpfe Klagen ausſtoßend die Arme aus, und ſiel dann wieder auf die Kiſſen zurück. „Ach! großer Gott!... er iſt am Abſcheiden!.. 2 flüſterte Cäſar ſchaudernd, indem er den Arm von Meiſter Signoret faßte. „Nein, nein,“ rief dieſer,„richten Sie ihm den Kopf auf... laſſen Sie ihn Luft ſchöpfen... geben Sie ihm Eſſig zu riechen... das wird ihn zu ſich bringen...“ Wirklich ſchien der Kranke ſich wieder zu erholen. enſat näherte ſich ihm, faßte ſeine Hand und ſagte anft: 4 „Ich bin hier, lieber Onkel...“ In dieſem Augenblick ſchlug die Uhr. Der Oberſt — — 11 öffnete die Augen wieder und ſprach mit ſchwacher aber deutlicher Stimme: „Wie viel Uhr iſt es?“ „Zwölf Uhr, Oberſt,“ erwiderte der Kotarie nwie befinden Sie ſich?“ Er gab keine Antwort auf dieſe Frage, ſondern ſprach, die Augen auf ſeinen Neffen richtend, zu dieſem: „Wir haben jetzt Samſtag... Kleide Dich an, Signoret wird Dich begleiten.. Ihr werdet zu⸗ ſammengehen, um die Hand der lleinen Emmeline anzuhalten... geh ſchnell, die Zeit drängt.. Darauf machte er noch ein Zeichen, daß er ſich beeilen müſſe, und eine Viertelſtunde ſpäter ſtarb er. Sein Erbe beobachtete eine ſehr ſchickliche Hal⸗ tung nach dieſem Ereigniß. Er lebte ſehr zurückge⸗ zogen und trug Trauer ein ganzes Jahr lang. Nach dem erſten Jahreswechſel erſchien er wieder in der Welt, oder, beſſer zu ſagen, er zog die Welt an ſich. Nach dem Beiſpiel ſeines Oheims und ſeiner Groß⸗ oheime hielt er ein gutes Haus, gab oft ein Diner unnd machte Prachtaufwand bei allen officiellen Feſten. Noch mehr und um gleichſam auf's Gewiſſenhafteſte den Familien⸗Traditionen zu folgen, quartirte er einen kleinen Neffen ſeines Namens im Hauſe ein, von deſſen Exiſtenz der Oberſt nicht einmal eine Ahnung gehabt hatte. Von da an war es Jedermann augenſcheinlich, daß Cäſar Fauberton nicht heirathen würde, und man behandelte ihn demgemäß: die Familienmütter nah⸗ men ſeine Artigkeiten mit Vorſicht auf; die jungen Damen verdoppelten ihre Koketterien in Beziehung 12 aauf ihn, und die Griſetten, gewöhnt jeden Hage⸗ ſtolz als eine Beute zu betrachten, umſchwärmten ſeine elegante Perſon noch mehr als je. Der von Cäſar entdeckte kleine Fauberton ge⸗ hörte, einem anderen Familienzweige, der in einer andern Gegend anſäſſig war, an. Der Vater dieſes Knaben, ein armer Zollbeamter, war ſeit einigen Jahren todt und hatte ſeine Wittwe beinahe in Dürftigkeit zurückgelaſſen. Sie wohnte auf dem Lande und hatte nie den Gedanken gehabt, ſich an ihre reichen Verwandten zu wenden, von welchen ſie nur den Namen kannte, und welche wahrſcheinlich niemals von ihr reden gehört hatten. Cäſar bewog die arme Wittwe, mit ihrem Sohn zu ihm zu ziehen und ſeine Junggeſellenwirthſchaft zu führen. Hermance Fauberton war damals eine Frau von etwa fünfunddreißig Jahren, ſchwächlich, kränklich, ohne alle Anmuth und Schönheit, gealtert von lan⸗ gen Sorgen und ausgemergelt von einer materiell peinlichen Lebensweiſe. Sie hatte außerdem eine ſo beſcheidene Haltung und ein ſo ſtark ausgeſpro⸗ chenes Weſen einer alten Frau, daß ihre Gegenwart im Hauſe eines noch jungen und nicht ohne Grund für einen Verführer geltenden Mannes ſeinem Ruf keinen Eintrag that. Um dieſe Zeit wurde Cäſar Fauberton zum Maire von O... ernannt und bald hernach zum Mitglied des großen Raths ſeines Departements erwählt. Sein Ziel hätte noch höher gehen können; er hatte Einfluß genug, um ſich zum Staatsmann außzu⸗ werfen und zur Deputirtenwürde zu gelangen, aber er zog es vor, die wichtigſte Perſon in der kleinen 13 Welt, wo er lebte, zu bleiben, und erklärte bei ſeiner Einſetzungsrede, daß die Auszeichnung, der erſte Mu⸗ nicipalbeamte ſeiner Vaterſtadt zu ſein, ſeinem Ehr⸗ geize genügend wäre. Das Hotel Fauberton, wie die Leute von OQ... emphatiſch zu ſagen pflegten, lag im Mittelpunkte der Stadt auf einem kleinen Platz, von dem es eine der Seiten bildete. Dieſes Gebäude war urſprüng⸗ lich ein ungeheures, viereckiges Haus von zwei Stock⸗ werken geweſen, mit einem rothen Ziegeldach gedeckt und ſauber mit Kalk angeſtrichen. Der Oberſt, der aus ſeinen italieniſchen Feldzügen gewiſſe Ideen von Kunſt mitgebracht hatte, unternahm es, dieſes große Wohngelaß, das in Wahrheit wie eine Mahlmühle ausſah, zu verſchönern. Nach ſeinem Befehl wurde die Fagade gelb bemalt, mit Einrahmungen, welche verſchiedene Marmorarten vorſtellten; er ließ grüne Sommerläden an alle Fenſter machen und die Ein⸗ gangsthüre vergrößern, deren zwei Flügel ſich hin⸗ fort aufthaten, ſo oft er ausfuhr. Das Veſtibule wurde mit Gypsſtatuen geſchmückt; Diana, die Jäge⸗ rin figurirte am Fuß der Treppe, und der Ruheplatz des erſten Stocks wurde von einem coloſſalen Her⸗ kules bewacht. Nach dem Tode des Oberſt vervoll⸗ ſtändigte ſein Erbe die Veränderungen und ließ von Paris Möbeln kommen, welche allgemeines Erſtaunen erregten. Der große Salon wurde als ein Wunder von Reichthum und Eleganz genannt. Die ganze Stadt O... wußte, daß der Kronleuchter zwölf⸗ hundert Franken koſtete, und die verwittweten Damen, welche an Balltagen acht bis neun Stunden nach einander an einer Stickerei arbeiteten, hatten hundert⸗ 14 mal berechnet, wie viel Ellen karmoiſinrothen Da⸗ maſtes man zu den hohen Fenſtervorhängen und zum Ueberziehen der vierundzwanzig an der Wand ſtehenden Seſſel gebraucht hatte. Die innere Façade des Hauſes ging auf einen ſehr großen Garten. Wenn die große Thüre mit den beiden Flügeln geöffnet war, machten die Vor⸗ übergehenden Halt, um von ferne dieſen Luſtort zu betrachten, wo es Raſenbänke, Hagebuchen, mit Buchs eingefaßte Rabatten und in der Mitte einen Springbrunnen, mit Rothfiſchen in ſeinem Becken, gab. Madame Hermance und ihr Sohn hatten die alte Wohnung des Oberſt inne, drei Gemächer, deren Ausſtattung man nicht verändert hatte und wo ſich noch alle die Kriegs⸗Reliquien des alten Officiers befanden. Dieſer Theil des erſten Stockwerks ging auf den Garten und ſtieß an eine Art Glasgallerie, welche als Gewächshaus diente, wo der Oberſt ſonſt mit einer Hand auf ſeinem Krückenſtock, mit der an⸗ dern auf der Schulter ſeines Erben auf⸗ und ab⸗ ging. Dieſer hatte bei des Oheims Tode mit ſeiner Wohnung nicht gewechſelt; es war ihm lieber ge⸗ weſen, in ſeinem Neffen⸗Zimmer zu bleiben, wie er ſcherzend zu ſagen pflegte. Dieſes Zimmer, auch im erſten Stock gelegen, zwiſchen dem großen Salon und der Gallerie, erregte die Bewunderung der guten Geſellſchaft von O... im höchſten Grade. An Ball⸗ oder großen Geſellſchaftstagen, wenn der Salon zum Tanzſaal umgewandelt worden war, ließen ſich die Spieler im Schlafzimmer nieder, um ihre Partie Boſton, zu einem Sou die Marke, zu machen; die armen Leute bekamen einen Nebel vor die Augen, 15 wenn ſie die Seſſel mit vergoldeten Nägeln, die himmelblauen Vorhänge, die Monumental⸗Standuhr und alle die andern Herrlichkeiten dieſes Aufenthalts betrachteten. Sie ermangelten nicht, auch einen Blick in das Boudoir zu werfen, welches die von Cäſar Fauberton ſich vorbehaltene Wohnung vervollſtändigte. Dieſes zweite Gemach, ſehr klein, erhielt ein freund⸗ liches Ausſehen durch eine Tapete mit großblumigen Roſen; ein Divan von demſelben Stoff lief rings herum, und gegenüber von der Thüre befand ſich eine Art Schreibtiſch von Mahagoniholz, mit ver⸗ goldeter Bronze geſchmückt und durch ein Geheim⸗ ſchloß verwahrt. Dieſes Möbelſtück, das man unter dem erſten Kaiſerreich ein bonheur du jour*) nannte, zog insbeſondere die Aufmerkſamkeit der geladenen Gäſte an, welche es mit geheimnißvollem Lächeln beaugenſcheinigten: man behauptete, es enthalte un⸗ ſichtbare Fächer, unauffindbare Verſtecke, und in deren Tiefen verwahre der galante Junggeſelle die Urkunden ſeiner Liebesabenteuer. Der glückliche Mann erdrückte natürlich alle Welt durch ſeine Ueberlegen⸗ heit; Niemand konnte gegen Vortheile, wie er ſie beſaß, ſich in einen Kampf einlaſſen. Er ließ ſeine Kleider, ſeine Handſchuhe, ſogar ſeine Pomaden von Paris kommen; er allein in der Stadt O.. hatte Glanzſtiefel und trug am kleinen Finger einen Siegelring. Dieſe Reichthümer und Putzſachen äußerten auf die weibliche Einbildungskraft größere Wirkung, als anz anders begründete natürliche Gaben; die Jüng⸗ ſten und die Schönſten wurden von Cäſar Fauberton *) Glück des Tages. A. d. U. 16 in Schatten geſtellt, und ohne Nebenbuhler verfolgte er die Bahn ſeiner glücklichen Liebeshändel. So ging es eine Reihe von Jahren fort; der zweideutige Zeichen ihn belehrt, daß ſeine Vortheile ſich verminderten: er hatte außer ſeinen Uhrgehängen ein Toupet, das ſich ohne Federn oder Eiweiß an⸗ ſchloß, gefertigt hatte. Der ſchöne Cäſar gelangte ſo, ohne daran zu denken, in den Zuſtand eines alten Jungen. Wäh⸗ rend er alt wurde, wuchs der Knabe, welchen er zum einſtigen Empfang ſeines Erbguts berufen hatte, zum Manne heran. Zum Glück für beide wurde es weder der Eine noch der Andere gewahr. Der Erſte bewahrte ſeine Haltung als wohl⸗ wollender Beſchützer und äußerte ſich noch, wenn er von ſeinem Neffen redete: 44791 „Es iſt ein zartes Kind: ich hätte es gerner, er wäre lebhafter, machte mehr Lärm, ſonſt aber bin ich zufrieden mit ihm.“ 3 Der Zweite, dem Einfluß von ſeiner ganzen Um⸗ gebung unterliegend, fühlte ſich von ſeinem Oheim vollſtändig verdunkelt und ſagte ſich in aller Demuth ſelbſt, daß er es niemals dahin bringen würde, ihm gleich zu werden. 17 Wirklich beſaß Theodor Fauberton keinen der traditionellen Vortheile des Stammes, zu deſſen letz⸗ tem Repräſentanten er beſtimmt ſchien. Seine Züge waren fein und das Enſemble ſeiner Perſon ange⸗ nehm, aber Nichts von ihm erinnerte an die vor⸗ nehme Tournüre des Oberſts, oder an die ſchöne Figur ſeines Oheims Cäſar. Auch gingen ihm ganz und gar die ſtolze Geckenhaftigkeit, die raffi⸗ nirte Galanterie und alle die andern Mittel der Verführung ab, welche dem Letzteren zu ſo vielen Eroberungen verholfen hatten. Seine Manieren waren zurückhaltend, beinahe ſchüchtern; es kam ihm vor, als ob die Perſönlichkeit ſeines Oheims ihn auf ein Nichts herabſetzte. Wiewohl ſeine Lehrer keine ſehr geſchickten Leute waren, hatte er doch eine genügende Erziehung erhalten, und von ſeinen claſſiſchen Studien blieb ihm ein gewiſſer Fonds der Wiſſenſchaft und der Geſchmack an litterariſchen Dingen; aber wie die meiſten jungen Leute, welche ſich wegen ihrer Zukunft nicht zu beunruhigen brau⸗ chen, arbeitete er nicht mehr, ſeitdem er aus dem Collége getreten war. Eine lange Gewohnheit des Müſſiggangs hatte ihn unfähig zu einer anhaltenden Anſtrengung gemacht; er liebte nur die Werke reiner Einbildung und las nichts, als die Dichter und Ro⸗ manſchriftſteller. Seine Mutter, deren wenn auch übermäßige Zärtlichkeit doch nicht blind war, tadelte dieſe Entwöhnung von der Arbeit, aber ſie wußte nicht, wie derſelben abzuhelfen. Zuweilen hatte ſie unruhige Ahnungen und ſprach zu ihm mit ſanfter Strenge: „Geh, wären wir nicht in einer Gegend, wo es Reybaud, Onkel Cäſar. 2 abſolut nichts zu thun gibt, ich würde Dich ſchon zum Arbeiten zwingen.“ II. Eines Morgens, zu ſeiner Aufſtehenszeit, warf Cäſar Fauberton zufällig ſeine Augen auf den Kalen⸗ der und überzeugte ſich beinahe wider Willen, daß er gerade an dieſem Tag ſein neunundfünfzigſtes Jahr zurücklege. Dieſe Zahl ſchlug ihn nieder gleich einer ſchlech⸗ 4 en Kunde; er wandte den Kopf mit einem Seufzer ab und ſprach zu Caſcarel, ſeinem Kammerdiener, einem ehrlichen Burſchen, der ſeit zwanzig Jahren dieſen Poſten bei ihm bekleidete: ö„Ich habe nicht gut geſchlafen, ich finde, daß ich dieſen Morgen ſchlecht ausſehe.“ 1 Monſieur ſcheint mir friſch wie eine Roſe,“ ant⸗ woortete Caſcarel ohne die geringſte ſpöttiſche Abſicht. Dieſes Wort erheiterte den alten Jungen wieder auf der Stelle; er warf ſich in ſeinen Schlafrock, knüpfte die ſeidene Schnur, welche ſeine Taille um⸗ ſchloß, fuhr mit der Hand in ſein Toupet und mur⸗ melte nach einem Blick in den Spiegel: „Meiner Treul ich war mit dreigig Jahren nicht 4 1 „Dieß iſt Jedermanns Meinung,“ ſagte Caſcarel lebhaft;„Monſieur iſt immer derſelbe, dieß beweist ſein Hoſenbund; ſeitdem ich in ſeinen Dienſten ſtehe, hat dieſer ſich nicht um ein Centimetre verändert.“ 19 Dieſe tiefe Bemerkung verſetzte den alten Löwen vollends in gute Laune; er nahm den Kalender wieder, krazte mechaniſch das Datum, welches er vergeſſen wollte, heraus und ſprach, indem er mit einem roſigen Nagel, glänzend und lang wie der eines Kaiſers von China, noch etwas weiter fuhr: „Entſchieden gebe ich meinen erſten Ball in zehn Tagen, auf das Feſt der heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Artilleriſten; die Nationalgarde wird geſchmeichelt ſein; die Kanoniere kommen in Uniform: das wird von hübſcher Wirkung ſein.“ „Monſieur wartet alſo nicht den Karneval ab?“ fragte Caſcarel erſtaunt. „Was willſt Du? Ich habe Eile, mich zu unter⸗ halten,“ antwortete er, ſich in ſeinen Seſſel zurück⸗ werfend und mit kleinen zufriedenen und glorreichen Kopfſtellungen in ſeinem Toilettenſpiegel betrachtend; „ich habe nach Paris um einen Rock nach der neue⸗ ſten Mode geſchrieben. Ich halte darauf, an jenem Feſttage nicht für den Erſten Beſten genommen zu werden; ich habe auch ein ſehr elegantes Gilet und alle weitere Zubehör, ſelbſt einen Flacon von eau de verveine*) zu dem Taſchentuch beſtellt.“ „Monſieur wird Senſation machen,“ ſagte Caſ⸗ carel mit aufrichtiger Ueberzeugung. „Ich glaube es,“ antwortete Cäſar Fauberton ernſthaft. Noch am Morgen marſchirte Caſcarel, begleitet von einem Stadtdiener in Uniform, von einem Hauſe zum andern, um die Einladungen des Herrn Maire *) Heliotrop. A. d. U. 2* 20 zu vertheilen und überall die bereitwilligſten Zuſagen in Empfang zu nehmen. Wiewohl an kleinen Orten die Etikette alle Beziehungen regelt, und Jeder ſtreng auf ſeinen Rang hält, ſo ſind doch in Bezug auf geringere Leute gewiſſe Vertraulichkeiten geſtattet; Caſcarel ließ gewöhnlich den Municipal⸗Boten im Hausgang, der als Vorſaal diente, ſtehen und drang, ſeinen Brief in der Hand, bis in den Salon. Man ſtand nicht auf, ihn zu empfangen, man bot ihm keinen Sitz, aber die Hausfrau rief: „Guten Morgen, Caſcarel; es freut uns alle ſehr, Sie zu ſehen. Wie befindet ſich der Herr Maire? Immer ganz vortrefflich, nicht wahr? Sie bringen ein Einladungsſchreiben von ihm? Danke. Was für ein Mann, um ein Feſt zu veranſtalten und die Honneurs in ſeinem Hauſe zu machen! Gewiß nehmen wir an, und mit großem Vergnügen. Sagen Sie ihm, daß er auf uns zählen kann, und daß wir zu guter Stunde erſcheinen werden. Caſcarel vertheilte ſo bei vierzig Einladungen. Nachdem er in dem ſchönen Stadtviertel ſeine Runde gemacht hatte, blieb ihm nur noch ein Brief. „Dieſer iſt für die Signoret,“ ſagte er, ihn dem Stadtdiener zeigend;„es iſt das erſte Mal, daß der Herr ihnen eine Einladung zuſchickt.“* Die Familie Signoret bewohnte ein altes Haus an dem Wall, am Ende der düſtern und krummen Gaſſe, welche längs des Hotels Fauberton hinlief und auf den Hauptplatz ausmündete. Caſcarel wollte eben den kleinen eiſernen Klopfer heben und ſachte anſchlagen; aber in dieſem Augenblick ging die Thüre auf und Madame Signoret trat heraus. 21 Sie nahm das Einladungsſchreiben ſelbſt in Em⸗ pfang. „Gut, ich danke Ihnen,“ ſagte ſie einfach zu dem Kammerdiener. Dann ließ ſie den alten ſchwarzen, an ihren ſchwarzen Strohhut gebundenen Schleier herab und ging ihres Wegs weiter. Einen Augenblick nachher ſchritt Theodor Fau⸗ berton langſam an dem Signoretſchen Hauſe vor⸗ über und gelangte bis zu dem nahen Kreuzweg, wo er anhielt, um einen ſchon ſeit vierzehn Tagen dort befindlichen Maueranſchlag zu leſen. Dieſe Beſchäftigung nahm ihn ſo vollſtändig in Anſpruch, daß er nicht einmal Caſcarel und ſeinen Akolythen*) bemerkte, welche beſſer als er geſtellt, um Alles, was im Hauſe der Signorets vorging, zu ſehen, hinter einem Fenſter des erſten Stocks das reizende Profil eines jungen Mädchens unterſchieden, deſſen Hand eben verſtohlen die Läden halb geöffnet hatte. Sie ſtreckte den Kopf zwiſchen zwei Levkojen⸗ Stöckchen, welche die Ausſicht verſperrten, vor und blieb unbeweglich, die Augen auf den Kreuzweg gerichtet. „Hel he!l die verliebten Leute!“ ſprach der Stadt⸗ diener mit lautem Lachen. „Ich ſehe jetzt klar hinein,“ murmelte Caſcarel; „Herr Theodor hat die Idee zu dieſem Einladungs⸗ ſchreiben gegeben. Er unterhält ein Liebesverhält⸗ niß mit Mlle. Camilla; ſein Oheim ahnt nichts davon.“ *) Nachtreter. A. d. U. 22 „Es iſt unnöthig, es ihm zu ſagen,“ bemerkte das Gemeinde⸗Factotum. „O! gewiß,“ antwortete Caſcarel, die Achſel zuckend,„wer weiß, wie er die Sache aufnehmen würde? Geſtern noch ſagte er zu mir:„ndie jungen Leute von Heutzutage ſind wie der keuſche Joſeph, die Frauen flößen ihnen Furcht ein. Es iſt zum Bemitleiden, was ſie in deren Nähe für eine Hal⸗ tung annehmen. Mein Neffe verſteht nichts, als ihnen ſeinen Reſpect zu vermelden; was mich be⸗ trifft, ſo iſt es mir ſehr lieb, ihn ſo vernünftig zu ſehen, aber die Welt findet ihn gewiß lächerlich.““ Die Familie Signoret gehörte zu der guten Bürgerſchaft der Gegend. M. Scipio Signoret, wiewohl einfacher Schreiber auf der Mairie, war der eigene Neffe des alten Notars, welcher ſich einſt ſo viele Mühe gegeben hatte, Cäſar Fauberton zu ver⸗ heirathen. Madame Signoret war ſeit vielen Jah⸗ ren geſtorben, indem ſie hunderttauſend Franks zur Vertheilung unter einen Schwarm von Seitenver⸗ wandten hinterließ. Scipio Signoret bekam zu ſei⸗ nem Antheil das angeſtammte Haus und ein kleines Landgut, das etwa hundert Thaler eintrug. Nun verheirathete er ſich noch, obgleich er bereits unter die Klaſſe der alten Jungen gezählt wurde. Seine Frau ſtand auch nicht mehr in der erſten Jugend; dennoch beſchenkte ſie ihn mit fünf Töchtern, welche man im Hauſe wie in einem Kloſter erzog. Die älteſte hatte das ſiebzehnte Jahr zurückgelegt, und ihre vier kleinen Schweſtern ſpielten noch mit der zuppe. Camille Signoret glich einer von jenen Cactus⸗ —2 ³G 86=—ß—— 82 23 blüthen, welche lange Zeit in blaßgrüne Knospen eingeſchloſſen, in einer einzigen Nacht ihre prächtigen Blumenblätter entfalten. ährend ihres zarteren Alters konnte ſie kaum für hübſch gelten; darauf war ſie beinahe ohne Uebergang ein vollkommen ſchönes Mädchen geworden. Ihr Geſicht, ihr Wuchs, ihre ganze Perſon waren von fehlerloſer, glänzender, unvergleichlicher Schönheit, der man nicht gegenüber treten konnte, ohne ſich geblendet zu fühlen; aber es war nicht leicht, dieſes Wunder mit Muße zu be⸗ trachten, oder auch nur einen Augenblick aus der Ferne zu bewundern. Die Familie Signoret verließ niemals das Haus, außer Sonntags, um in die Kirche zu gehen, oder zuweilen an Orten, die am wenigſten beſucht waren, einen Spaziergang zu machen. Man ſah wohl bei der Pfarrmeſſe die ſchöne Camilla mitten im Kirchenſchiff auf den Knieen liegen; aber ihr Vater, ihre Mutter, ihre kleinen Schweſtern, und Suſette die Hausmagd bil⸗ deten eine Art von Wall rings um dieſelbe, und da ſie mit vieler Sammlung dem Gottesdienſt beiwohnte, ſo erblickte man nichts, als die Garnirung ihres Huts, welcher beinahe den Rand ihres Gebetbuchs berührte, und die Spitze ihrer behandſchuhten, aus den weiten Aermeln ihres Kleides hervorragenden Finger. Bei der Promenade ging ſie neben ihrer Mutter, ohne ſich einen einzigen Schritt von ihr zu entfernen, und führte dabei ihre jüngſte Schweſter. Es gab kein Mittel, ſich ihr zu nähern oder mit ihr zu ſprechen, denn Niemand hatte Zutritt im Hauſe, und ſie erſchien niemals allein auf der Straße. Dieſe Hinderniſſe hatten jedoch Theodor Fauber⸗ 24 ton nicht entmuthigt. Er hatte das erſte Mal, da er Camilla ſah, eine heftige Leidenſchaft zu ihr ge⸗ faßt, und da er keinen Vorwand finden konnte, um in ihre Wohnung einzudringen, entſchloß er ſich, ihr à l'espagnole*) auf der Straße, unter den Fenſtern, bei Nacht, bei Tag, trotz Wind, Schnee und Regen den Hof zu machen, indem er durch die Beweiſe emſiger Aufmerkſamkeit ſeine Liebe erklärte und ſich mit dem Glück begnügte, zuweilen durch die Fenſter⸗ ſcheiben hindurch eines unbeſtimmten Profils, halb verborgen zwiſchen den leichten blonden Locken, an⸗ ſichtig zu werden. Es dauerte nicht lange, ſo ver⸗ ſtand Camilla die ſtumme Sprache dieſer Liebe und ihr Herz wurde bald gerührt. Während Theodor die alten Maueranſchläge las, wußte ſie verſtohlen auf ihr kleines Zimmer zu gelangen und beobachtete ihn mit lebhafter Aufregung und klopfenden Herzens, hinter den Läden verſteckt. Der junge Mann errieth ſchnell, daß ſie da war, und von da an begründete ſich eine Art Einverſtändniß zwiſchen ihnen. Sie gaben ſich ſtillſchweigend Stelldichein, ſie hatten ſtumme Unterhaltungen, und mehr als einmal ließ Camille kleine Bouquets auf die Straße fallen, welche Theo⸗ dor aufzuraffen und, nachdem er ſie geküßt hatte, in ſeinem Gilet zu verbergen ſich beeilte. Glücklicher⸗ weiſe war das Stadtviertel, wo dieſe unſchuldige Intrigue vor ſich ging, faſt öde; die armen Leute, welche es bewohnten, gingen Morgens früh auf das Feld und kehrten nur zurück, um ſich zu Bette zu legen. Ueberdieß bildete das Signoret'ſche Haus die *) Nach ſpaniſcher Weiſe. A. d. UM. 25 Ecke der Gaſſe, und die Fenſter des Salons, wo ſich die Familie aufhielt, hatten keine Ausſicht auf den Kreuzweg. Dank dieſem Zuſammentreffen von Umſtänden wurden die verliebten Verſuche Theodor's nicht ruchbar, und Madame Signoret ſelbſt bemerkte Nichts, was ihren Verdacht erwecken konnte. Seit etwa drei Monaten, daß ihre Liebſchaft den Anfang genommen, hatten die beiden Liebenden ſich nur ein einziges Mal wenige Minuten geſehen. Es war an einem Sonntag Nachmittag; die Familie Signoret hatte einen langen Spaziergang gemacht und kehrte auf wenig betretenen Fußpfaden, be⸗ grenzt von Hage⸗ und Schlehdorn⸗Hecken, deren Laub der erſte Froſt ſchon gebräunt hatte, heim. Auf halbem Weg machte man Halt, um ein wenig aus⸗ zuruhen und mit Spritzkuchen das Veſpereſſen zu halten. An dieſer Stelle verengerte ſich der Fuß⸗ pfad zwiſchen zwei grünenden Böſchungen, welche gleichſam lange Roſendänke, an große Hagedornhecken gelehnt bildeten, hinter welchen man das Blöken der auf der Waide zerſtreuten Heerden vernahm. „Sier iſt es recht,“ ſprach Madame Signoret, indem ſie die Kuchen vertheilte, welche Suſette in ihrem Korbe getragen hatte;„da kommt keine lebende Seele vorüber.“ Beinahe in demſelben Augenblick kündigte ein Geräuſch von Schritten an, daß mehre Perſonen näher kamen. „Oh! großer Gott! da ſind Leute!“ nahm Ma⸗ dame Signoret wieder das Wort, indem ſie ſich bei⸗ nahe erſchrocken umwandte;„gehen wir weiter.“ „Meiner Treu, nein,“ antwortete der ehrliche 26 Signoret, die Beine über einander ſchlagend;„die Kleinen ſind müde und ich bin es auch. Was macht es uns überdieß, wenn uns ein paar Bauern be⸗ gegnen?“ Er hatte noch nicht ausgeſprochen, als Cäſar Fauberton und ſein Neffe unten am Wege erſchienen. Madame Signoret und ihre Töchter erhoben ſich plötzlich bei lhrem Anblick, und der Municipalbeamte zog ſeinen Hut, indem er ganz beſtürzt murmelte: „Es iſt der Maire... Nun, nun, ſeid nicht ſo gar verſtört... er kommt gerade an uns vorüber; macht ihm eine Verbeugung.“ Aber Cäſar Fauberton, anſtatt ſeines Wegs nach einem leichten Gruß weiter zu gehen, hielt kurz an, indem er mit angenehmem Weſen ſprach: „Guten Tag, mein lieber Signoret, wie befinden Sie ſich? Und Madame Signoret? es freut mich ſehr, Sie zu ſehen. Da iſt Ihre kleine Familie; die⸗ ſes ſchöne Fräulein iſt Ihre Aelteſte, nicht wahr? Ich mache mein Compliment; ſie iſt entzückend.“ „Sie ſind ſehr gütig, Herr Maire,“ ſtammelte Signoret, einen Kratzfuß nach dem andern machend. Während dieſes Austauſches von Höklichkeiten war Theodor zwei Schritte hinter ſeinem Oheim ſtehen geblieben, das Herz klopfend vor Ueberraſchung und Liebe. Camilla ſchlug die Augen nieder; ſie war blaß vor Erregung und ihre Kniee zitterten. Die aus der Faſſung gebrachten kleinen Mädchen drückten ſich mit einer furchtſamen Bewegung hart an ſie an, und Madame Signoret, aufrecht am Rande des Weges ſtehend, ſchien verſteinert. „Auh Wiederſehen, mein lieber Signoret; meine -—— 27 Damen, ich wünſche Ihnen guten Tag,“ nahm der Oheim wieder mit vertraulichem Kopfnicken das Wort, „halten Sie ſich nicht lange auf, ich glaube, wir werden vor Abend Regen haben.“ „Ich glaube auch, Herr Maire,“ antwortete Sig⸗ noret, ſeine Bücklinge erneuernd;„wir wollen ſo raſch als möglich heimkehren. Herr Maire, meinen gehorſamſten Reſpekt!“ Die beiden Liebenden hatten nichts geſprochen, nicht einmal mit den Augen, ſo lebhaft war ihre Erregung. Nichts verrieth ſie, und Niemand ahnte, was in ihrer Seele vorging. Als die Fauberton in einer Wendung des Wegs verſchwunden waren, wandte ſich Signoret barſch gegen ſeine Frau um und ſprach zornig zu ihr: „Weißt Du, Liline, daß Du von einer lächer⸗ lichen Schüchternheit biſt? Wie! Da ſtehſt Du kerzen⸗ gerade, ohne mit einem Wort dem Herrn Maire zu antworten! Es iſt doch keine ſo große Sache darum, vor Leuten, die Dich anreden, einige Höflichkeiten auszukramen. Du haſt geſehen, wie ich mich heraus⸗ gezogen habe!“ „Eben deßwegen habe ich Dich reden laſſen,“ erwiderte ſanft die arme Frau. Ungefähr einen Monat ſpäter dachte Cäſar daran, ſeinen erſten Ball zu geben, und das Einladungs⸗ ſchreiben war gewiſſermaßen die natürliche Folge jener Begegnung. Scipio Signoret's Angeſicht ſtrahlte vor Freude, als er daſſelbe aus den Händen ſeiner Frau empfing. „Endlich werden wir wieder unſerem Rang ge⸗ mäß erſcheinen!“ rief er;„es ſind ja ſchon viele 28 Jahre her, daß ich mich nicht habe in der Welt ſehen laſſen, und daran biſt Du ſchuld, Frau Signoret. Du haſt Dir in den Kopf geſetzt, daheim zu bleiben und mich daran zu hindern, Beſuche zu machen, in den guten Häuſern aus und einzugehen, wie ich zur Zeit meines Oheims gethan habe; aber das wird ſich ändern, ſage ich Dir.“ „Du willſt auf dieſen Ball gehen?“ fragte Ma⸗ dame Signoret, ohne einen Ton der Herausforde⸗ rung oder des Widerſpruchs. „Gewiß gehe ich!“ rief er,„und Du ſelbſt wirſt hingehen, und Camilla auch; ich will es...“ Madame Signoret zuckte unmerklich mit der Achſel und entfernte ſich ſeufzend, während ihr Gatte mit einer Geberde von Autorität, die er ſich daheim zu eigen gemacht hatte, wiederholte: „Ja, ich will es und rechne darauf, Gehorſam zu finden.“ 1 Scipio Signoret war von ſo niedrigem Wuchs, daß man ihn trotz ſeines reifen Alters noch immer den kleinen Signoret nannte. Wie beinahe alle Männer von ſchmächtigen Verhältniſſen, nahm er gern ein gebieteriſches Weſen an, runzelte bei dem geringſten Widerſpruch die Stirne und redete in der Regel laut; aber im Grunde hatte er gewöhnlich nichts, als eine gewiſſe Doſis ſtarrköpfiger Citelkeit, und ſeine Frau regierte ihn ſeit zwanzig Jahren, ohne daß er eine Ahnung davon hatte. Abends beim Souper war von Nichts die Rede. Als Suſette das Tiſchtuch weggenommen hatte, über⸗ ließ ſich M. Signoret nach ſeiner Gewohnheit einem kleinen Schlummer in der Kamin⸗Ecke; Madame Sig⸗ ——— 29 noret und ihre älteſte Tochter ſetzten ſich ſtillſchwei⸗ gend zu ihrer Arbeit an den Tiſch, und die vier kleinen Mädchen nahmen etwas weiter zurück ihren Platz, das Strickzeug in der Hand. Niemand ſprach ein Wort, alle Stirnen ſchienen ruhig; wer jedoch in der Lage geweſen wäre, zu beobachten, was in dieſem kleinen, ſchwach erleuchteten, ſchlecht möblirten Salon vorging, hätte bald bemerkt, daß alle Glieder der Familie Signoret ſich unter der Herrſchaft eines lebhaften vorgefaßten Gedankens befanden. M. Signoret pfiff halbſchluͤmmernd die Melodie zu einem Contretanz, der unter der Reſtauration in der Mode geweſen war, und ſchlug den Takt dazu mit ſeinem kleinen Fuß, trocken wie der einer Mumie. Madame Signoret unterbrach von Zeit zu Zeit, das Geſicht ſorgenvoll und nachdenklich, ihre Arbeit, um die Augen auf Camilla zu werfen, welche ſchweigend und bewegt die Schäden an einem alten Kattun⸗ kleide mechaniſch auszubeſſern fortfuhr. Die kleinen Mädchen ſelbſt beſchäftigten ſich im Geiſte mit der Vorſtellung, daß ihre große Schweſter auf den Ball gehen könnte, und verſuchten es, ſich ein Bild von den Salons des Herrn Maire zu machen. „Mama,“ ſagte plötzlich die jüngſte,„biſt Du auch jemals auf einem Ball geweſen?“ * Dieſe ſo einfache Frage machte auf Madame Sig⸗ noret einen tiefen Eindruck: ſie ließ ihre Arbeit fallen, faltete ihre Hände auf der Bruſt, indem ſie die Augen ſchloß, als wollte ſie einen Augenblick ausruhen; aber es war nicht die Ermüdung, welche das Blut in ihre blaſſen Wangen trieb und alle Fibern ihres Herzens zittern machte. Als dieſe ſchmerzliche Auf⸗ 30 regung ſich gelegt hatte, nahm ſie ihre Nadel wieder auf und ſagte ruhig: „Ja, meine Tochter, ich bin einmal auf einem Ball geweſen, ein einziges Mal.“ „Und haſt Du Dich recht gut unterhalten?“ frag⸗ ten mit einer Stimme die Kinder. „Nein,“ antwortete ſie mit ſchwacher Stimme. Dann ſetzte ſie, wie um neue Fragen kurz abzu⸗ ſchneiden, ſogleich hinzu: „Es iſt ſhon ſo lange her, daß ich mich deſſen nicht mehr erinnere.“ Die Stille begann wieder, eine Stille ſo tief, daß man das Tictac der alten an der Treppe be⸗ findlichen Wanduhr und die gedämpften Laute einer Drehorgel, welche irgend ein wandernder Muſikant vor den Kaffehäuſern am Hauptplatze in Bewegung ſetzte, hören konnte. M. Signoret ſchlief noch immer, die Hände bis an den Ellenbogen in die Tiefen ſei⸗ ner Taſchen verſenkt, denn die beiden Scheiter, welche ſeit dem Morgen in der Aſche glimmten, waren bei⸗ nahe verzehrt und es fing an, kalt zu werden. Madame Signoret ſchlug den kleinen Chale, der ihre Schultern bedeckte, über einander und befahl Piſtile ,ein wenig kleines Holz im Kamin zuzu⸗ egen. 3 4„Wir werden alſo dieſen Abend aufbleiben?“ fragte M. Signoret, ohne die Augen zu öffnen. „Wie viel Zeit iſt es?“. Er hatte ſeine Frage noch nicht vollendet, als die alte Wanduhr, als wollte ſie ihm Antwort geben, Acht ſchlug. „Schnell, meine Lieben, ſagt uns gute Nacht und 31 geht dann ſchlafen,“ ſagte Madame Signoret, ſich zu den kleinen Mädchen wendend. Sie ſtanden folgſam auf, packten ihr Strickzeug zuſammen und gingen in der Reihe an der Familie herum, indem ſie ihre roſigen Wangen darboten; dann, nachdem ſie alle Welt umarmt hatten, zogen ſie mit fröhlichem Lächeln ab, Suſette nachlaufend, welche, um ſich warm zu machen, die Stufen, vier um vier, hinaufſtieg. „Die lieben Kleinen, ſie ſind munter!“ murmelte Madame Signoret mit einem Seufzer und unwill⸗ kürlich Camilla betrachtend, welche, die Augen auf ihre Arbeit geſenkt und in ſich ſelbſt verſchloſſen, ver⸗ wirrten Hoffnungen, welche die Einladung des Herrn Maire in ihrem Geiſt erweckte, ſich hingab. Einen Augenblick nachher klopfte man an die Hausthüre. R. Signoret fuhr aus dem Schlafe auf, indem er rief:„ein Beſuch!“ „Es iſt Tante Dorothee,“ ſprach Madame Sig⸗ noret;„ich habe ſie bitten laſſen, dieſen Abend zu kommen.“ Camille war ſchnell hinweggegangen, um zu öff⸗ nen, und indem ſie Tante Dorothee durch den düſtern Hausgang, welcher die Stelle des Vorſaals ver⸗ trat, führn, ſagte ſie ihr, wie in den Feenmährchen in's Ohr: „Ach! meine gute Pathin, ich möchte gern auf den Ball gehen!“. Die Tante Dorothee war eine alte Jungfrau, auf die man in der Familie große Stücke hielt, wie⸗ wohl ſie ihren Erben nur ſehr wenig Vermögen hinterlaſſen ſollte. Sie war Geſchwiſterkind mit der 32 verſtorbenen Frau Signoret und hatte auch einen Theil von der Hinterlaſſenſchaft, ſo etwa zehntauſend Francs, mit einigem Silbergeſchirr und allen den alten Nippſachen erhalten. Dieſe beſcheidenen Hülfs⸗ quellen genügten ihr; ſie lebte von ihren kleinen Renten, in ihrem kleinen Hauſe, allein mit ihrer kleinen Magd, und ſchon ſeit langer Zeit war ſie nicht mehr in der Welt erſchienen, wo ſie einſt ge⸗ glänzt hatte. „Nun, was gibt's Neues hier?“ fragte ſie, ſich des ſchwarzen Strohhuts entledigend, den ſie über ihrer Haube aufzuſetzen pflegte, und in der Ecke des Kamins Platz nehmend;„als ich erfuhr, daß Suſette da geweſen war, um mir zu ſagen, daß Ihr mich dieſen Abend erwartet, fürchtete ich, es gebe hier einen Kranken.“ „Nein, dem Himmel ſei Dank!“ antwortete Ma⸗ dame Signoret;„ich wünſchte bloß über eine ver⸗ drießliche Sache, die uns begegnet, mit Ihnen zu ſprechen.“ 4 Mit dieſen Worten ergriff ſie das Einladungs⸗ ſchreiben und legte es Tante Dorothee vor Augen. M. Signoret hatte ſich mit einem Sprung erhoben. „Eine verdrießliche Sache!“ wiederholte er un⸗ willig;„ei! und warum, ich bitte Dich? Was liegt Verdrießliches in einer Einladung von dem Herrn Maire? Wodurch kann ſie uns unangenehm ſein? Er thut mir die Chre an, mich zu bitten, dem Ball, dem großen Souper, welches er der ganzen Stadt gibt, anzuwohnen: aus welchem Grunde ſollte ich mich weigern, dabei zu erſcheinen?“ 33 „Aus dem Grunde, weil Du keinen Rock haſt,“ antwortete Madame Signoret einfach. Der Beamte blieb einen Augenblick beſtürzt vor dieſem gemeinen Hinderniß, dann antwortete er phi⸗ loſophiſchh „Ich habe meinen Hochzeitrock, einen ſchwarzen noch ſehr ſaubern Frack und vom ſchönſten Tuche. Er iſt nicht mehr nach der Mode, ich gebe es zu; aber ich bin nicht mehr jung, und darum wird ſich natür⸗ lich Niemand wundern, daß ich einen alten Rock trage.“ „Es mag ſein, Du haſt Recht,“ erwiderte Ma⸗ dame Signoret mit einiger Lebhaftigkeit;„aber ich habe mein Hochzeitkleid nicht mehr.“ „Ein ſehr ſchönes ſeidenes Kleid, mit Bandgar⸗ nituren verziert,“ bemerkte der Municipalbeamte, in⸗ dem er mit Wohlgefallen auf dieſe Erinnerung zurück⸗ kam;„Du hatteſt auch einen Gürtel mit wallenden Enden und eine gleiche Schleife am Halskragen.“ „Ich habe ſchon lang allen dieſen Eitelkeiten entſagt,“ antwortete die arme Frau ſeufzend,„aber ich geſtehe, es würde mir peinlich ſein, mit meinem kaſtanienbraunen Merinokleid und floretſeidenen Chale auf den Ball zu gehen; und doch iſt dieß das Beſte, was ich für meine Toilette habe. Und das Fehlende zu kaufen, da weißt Du ſo gut als ich, daß daran nicht einmal zu denken iſt.“ Dieſe Bemerkungen waren von ſo augenſchein⸗ licher Richtigkeit, daß M. Signoret keine Antwort darauf gab; er begnügte ſich, die Hände in ſeinen leeren Taſchen zu bewegen, indem er die Augen zur Decke emporſchlug, gleich einem Manne, der ſich über Etwas beſinnt. Reybaud, Onkel Cäſar. 3 34 Camilla, die bereits alle Hoffnung verlor, ließ traurig den Kopf ſinken und nahm ihre Nadel wie⸗ der auf. „Wir wollen doch ein wenig ſehen,“ ſprach dar⸗ auf Tante Dorothee, zu Madame Signoret gewendet; „ich weiß Ihnen ein altes ſchwarzſeidenes Kleid, das für den Fall neu herzurichten keine Unmöglichkeit wäre; Sie tragen einfach Ihre Haare, die noch ſehr ſchön ſind; ſo kann man ſich ganz ſchicklich ſehen laſſen.“ „Ol gewiß,“ rief Camilla. 4 Madame Signoret hatte ſich darauf gefaßt ge⸗ macht, eine Bundesgenoſſin in Tante Dorothee zu finden; ſie betrachtete die alte Jungfrau mit einer unmerklichen Bewegung des Erſtaunens und Vor⸗ wurfs; darauf ſagte ſie ſeufzend: „Und Camilla? Sie wiſſen, worin ihr ſchönſter Putz beſteht; denken Sie, es gebe Mittel, aus ihrem Kleide von weißem Perkal und der Pelerine von ſchwarzem Taffet ihr einen Ballſtaat zurecht zu machen?“ „Die Einfachheit ſteht jungen Mädchen gut,“ fiel M. Signoret ſententiös ein. Niemand beachtete dieſe abgedroſchene Phraſe. M. Signoret, der begriff, daß er den Berechnungen ſeiner Frau Nichts entgegenzuhalten vermochte, war jetzt mit ſich ſogleich im Reinen und beeilte ſich mit halb ärgerlicher Reſignation beizufügen: „Ich hatte das Kapitel von dem Putze nicht vorausgeſehen. Sehr gut, wir bleiben alle in der Kaminecke, denn es wäre nicht ſchicklich, daß ich für mich allein die Einladung des Herrn Maire annähme.“ „Das läßt ſich Alles wohl machen,“ ſagte dar⸗ auf Camilla, indem ſie ſich beſtrebte, ihren Kummer zu beherrſchen;„ſofern Mama ein ſeidenes Kleid hat, wird ſie Dich begleiten, ich bleibe zu Hauſe.“ „Nein wahrhaftig!“ ſagte Tante Dorothee;„ich will, daß Jedermann zufrieden iſt; auch Du, meine kleine Camilla, wirſt auf den Ball gehen...“ „Sie beſtehen darauf!“ rief Madame Signoret bitter und die alte Jungfrau feſt anſehend;„Sie wollen, daß wir bei dieſem Feſte erſcheinen? Aber das iſt unmöglich!“ „Unmöglich! nein,“ erwiderte ruhig Tante Doro⸗ thee;„es handelt ſich einzig darum, für Camilla einen paſſenden Anzug zu haben. Wohlan! das iſt meine Sache; ich verſpreche ihr ein Ballkleid, einen hübſchen Aufſatz, ein Bouquet, an die Bruſt zu ſtecken, und einen ſchönen Fächer.“ „O! Pathin, iſt es wirklich wahr?“ rief Camilla, vor Freude erbleichend. „Wir haben noch acht Tage vor uns, fuhr das alte Mädchen fort;„das iſt gerade die Zeit, die ich brauche. Ihr werdet nicht zu mir kommen, und ich werde hier auch nicht mehr erſcheinen, bis zu der Stunde, wo Ihr euch zum Ball ankleiden müßt. Ihr treffet eurerſeits eure Vorkehrungen; Du, meine kleine Camilla, beſchäftigſt Dich damit, die Schuhe von ſchwarzem Sarſch, welche ich Dir vergangenes Jahr gab, zu überziehen, und machſt zwei Paar hübſche Filet⸗Klapphandſchuhe, eines für Deine Mut⸗ ter, das andere für Dich.“ „Das wird ſehr elegant ſein, meine Tochter,“ rief M. Signoret;„ich kaufe mir ein Paar weiße Handſchuhe.“— Dann ſetzte er, zu ſeiner Frau ge⸗ wendet, mit einer Geberde des Triumphes hinzu: 3* 36 „Nun, Liline, dießmal haſt Du kein Mittel, Dich zurück⸗ zuziehen, Du wirſt wieder in der Geſellſchaft erſcheinen.“ Die arme Frau richtete auf Tante Dorothee einen ſchmerzlichen Blick und ſagte dann dumpf: „Es geſchieht wider meinen Willen.“ M. Signoret begann ſofort die Erzählung von den Erfolgen, welche er einſt in der Welt gehabt hatte. „Ich war ein guter Tänzer,“ ſprach er, die Spitze ſeines Fußes vorſetzend;„Die Frauen fanden, daß ich aus lauter Anmuth zuſammengeſetzt war; Cäſar Fauberton ſelbſt ſtrich die Flagge vor mir. Seine Pas waren fehlerlos, er war kräftig in der Kniebeuge: in der Allemande hob er ſeine Tänzerin mit fort; aber ich, ich flog mit der meinigen dahin, ich war eine Feder, ein Geiſt... Du erinnerſt Dich, Liline, des Balls, welchen der arme Oberſt einige Zeit vor ſeinem Tode gab?“ Madame Signoret machte eine Bewegung mit dem Kopf, welche einer verneinenden Geberde gleich kam, und ſtammelte einige unverſtändliche Worte. „Wie, Du erinnerſt Dich jenes Balls nicht mehr?“ rief M. Signoret;„Du biſt doch darauf geweſen. Wie! Du erinnerſt Dich nicht mehr, daß ich die Gavotte tanzte? Du erinnerſt Dich nicht mehr des Unfalls, der nach dem Souper ſich ereignete, als der große Kronleuchter im Salon gerade mitten im Contretanz herabfiel?“ Sie ſchüttelte den Kopf. „Das haſt Du vergeſſen? Das iſt ein wenig ſtark!“ erwiderte M. Signoret achſelzuckend.„Ich erinnere mich deſſen noch, wie wenn es heute wäre,“ fuhr er fort, ſich an Tante Dorothee wendend;„alle 37 Kerzen waren im Herabfallen erloſchen; es gab einen brandichten Geruch; man glaubte, unter den Bänken ſei Feuer ausgebrochen, und Alles ſtürzte aus dem Salon. Die Damen ſtießen ein jämmerliches Ge⸗ ſchrei aus; die Tänzer zogen ihre Tänzerinnen nach der Treppe. Der Frau Poſtdirectorin wurde übel, und es brauchte über eine halbe Stunde, um ſie wieder zu ſich zu bringen. Während dieſer Verwir⸗ rung befand ich mich an der Seite des Oberſts, wel⸗ cher den Salon nicht verlaſſen hatte. Was für ein Mann! welche Geiſtesgegenwart! welche Kaltblütig⸗ keit! Er gab ſeine Befehle, um die Schnur des Kron⸗ leuchters wieder anzuknüpfen und die Kerzen wieder anzuzünden; dann ging er, alle Eingeladenen zu be⸗ ruhigen, und führte die Damen in den Salon zurück. Damals habe ich die Gavotte getanzt; man ſtieg auf die Bänke, um mich zu ſehen; ich hatte einen wunderbaren Erfolg.“ „Ich mache Ihnen mein Compliment deßhalb!“ fiel die alte Jungfrau ungeduldig ein;„reden wir von etwas Anderem.“ M. Signoret erhob ſich mit beleidigter Miene und zündete ſtillſchweigend eine kleine Glaslampe an, welche ihm ſtatt eines Handleuchters diente. „Gute Nacht, ſchlafen Sie wohl,“ ſagte er,„ich will zu Bette gehen.“ „Du auch, mein Pathchen, Du mußt auch ſchla⸗ fen gehen,“ ſagte Tante Dorothee, indem ſie Camilla umarmte;„ſchnell jetzt zu Bette und morgen früh zu guter Stunde an die Arbeit!“ „Ja, liebe Pathin,“ antwortete das Mädchen fröhlich. —— ᷑—‿— 38 Sie beeilte ſich, ihr kleines Nähzeug in Ordnung zu bringen, und entfernte ſich, an den Arm ihres Vaters gehängt, indem ſie zu ihm ſagte: „Ol lieber Papa, wie vergnügt bin ich! es iſt alſo feſt entſchieden, beſchloſſen, wir gehen auf den Ball?“ „Hil hil ich bin auch ſehr vergnügt!“ ſprach er hüpfend,„wir werden uns gut unterhalten.“ Als ſie die Thüre hinter ſich geſchloſſen hatten, als man ſie nicht mehr auf der Treppe ſchwatzen hörte, verbarg Madame Signoret den Kopf in ihren Händen und brach in Thränen aus. Tante Dorothee näherte ſich ihr und ſprach, nachdem ſie dieſelbe einen Augenblick ſtillſchweigend betrachtet hatte, ſanft: „Iſt es möglich, liebe Emmeline, daß dieſe Er⸗ innerung Dich noch jetzt beunruhigt?“ „Ich habe dieſen Abend eine grauſame Pein gelit⸗ ten,“ ſagte die arme Frau, indem ſie ihr Taſchentuch hart auf die Augen drückte, um den wider ihren Willen überfluthenden Thränenſtrom zurückzuhalten. Einen Augenblick darauf ſetzte ſie ein wenig ruhiger hinzu: „Ich hatte mich auf das, was kommt, nicht ge⸗ faßt gemacht.“ „Meiner Treu!l ich auch nicht,“ murmelte die alte Jungfrau. „Und Sie ſind auch gegen mich geweſen!“ fuhr Madame Signoret mit einem Ton des Vorwurfs fort;„Sie ſind der Meinung geweſen, daß ich dieſe Einladung annehmen müſſe.“ „Ich habe meine Gründe,“ erwiderte Tante Do⸗ rothee.„Haben Sie Vertrauen zu mir?“ „Ol gewiß, und ich habe es Ihnen deutlich be⸗ wieſen,“ antwortete lebhaft Madame Signoret.„Sie 1 39 allein, Sie allein in der Welt, ſehen auf den Grund meiner Seele.“ Tante Dorothee ſammelte ſich einen Augenblick; dann nahm ſie die Hände von Madame Signoret in die ihrigen und ſprach zu ihr mit einer Miſchung von Sanftmuth und Autorität: „Meine liebe Emmeline, die Zeit iſt gekommen, zu vergeſſen, was das Unglück Deines Lebens aus⸗ gemacht hat...“ „Ich kann es nicht, ich kann es nicht!“ fiel ſie mit erſtickter Stimme ein;„ich flehe Sie an, ſetzen Sie nicht ein Wort hinzu: Alles, was Sie mir ſagen könnten, habe ich mir ſelbſt tauſend Mal geſagt und vermochte nicht, den geheimen Schmerz, der mir am Herzen nagt, zu überwinden... Es gibt Dinge, welche ich nicht ohne Schauder hören kann; es gibt Namen, die mich beben machen.“ „Ich muß jedoch mit Ihnen von Cäſar Fauberton ſprechen,“ ſagte entſchloſſen Tante Dorothee.„Hören Sie mich, beruhigen Sie ſich um's Himmel willen: es handelt ſich um Camilla.“ „Um Camilla!“ wiederholte Madame Signoret erſtaunt. „Hören Sie, was vorgeht,“ nahm die alte Jung⸗ frau wieder das Wort, indem ſie näher trat und mit halblauter Stimme ſprach:„Geſtern Abend, da ich eine freie Stunde hatte, habe ich Madame Hermance einen Beſuch gemacht. Ich fand ſie allein in der Ofenecke mit Marcelle, welche ihr Honig⸗Tiſane ein⸗ gab, denn die arme Frau hatte ſich Nachmittags Halsweh zugezogen, während ſie die Arbeiter beauf⸗ ſichtigte, welche bereits mit den Voranſtalten für den 40 Ball am nächſten Samſtag begonnen haben. Ma⸗ dame Hermance hat viel Freundſchaft für mich und läßt ſich zuweilen ein wenig gehen. Trotz ihrer Zu⸗ rückhaltung konnte ich verſtehen, daß ſie im Hauſe ihres Vetters à la mode de Bretagne*) kein glückliches Leben geführt hat. Doch laſſen wir das. Geſtern nun nahm ich auf der Stelle wahr, daß ſie mir Etwas zu ſagen hatte, denn ſie machte Marcelle ein Zeichen, ſich zu entfernen, und rückte ihren Seſſel ganz nahe zu dem meinigen. Darauf, um ſie zu ermuthigen, ſagte ich zu ihr: ‚Sie ſcheinen erregt, liebe Madame, ich finde, daß Sie übel ausſehen.“ — Ach! ja, ich bin ſehr unruhig,“ antwortete ſie mir ſogleich.„Mein Sohn hat mir heute ein Ge⸗ ſtändniß abgelegt, das mir viel Sorge macht: er iſt verliebt. Das iſt ein großes Unglück!le— ‚Das wird mit ihm vorübergehen,“ ſagte ich ganz natür⸗ lich. Das Unglück, von dem Sie ſprechen, paſſirt alle Tage; aber es gibt ſo viel Mittel dafür!’— „Eben über dieſe Mittel wollte ich Sie um Rath fragen, erwiderte Madame Hermance, ees iſt vorerſt die Abweſenheit...— Und die natürliche Unbe⸗ ſtändigkeit der Männer, ſetzte ich hinzu.— ‚Theodor iſt nicht wie ſein Oheim, ſagte Madame Hermance, traurig den Kopf ſchüttelnd, ich kenne ihn wohl. Er wird ſich hartnäckig in ſeiner Leidenſchaft beſtärken. Mein liebes Fräulein, wenn Sie ihm nicht zu Hülfe kommen, fürchte ich, er bleibt ſein lebenlang verliebt. —„Ei, wie vermag ich ihn daran zu hindern?“ rief ich. Madame Hermance zögerte ein wenig, dann *) d. h. Sohn eines Geſchwiſterkindes. — —I: 41 fuhr ſie mit gedämpfter Stimme fort: ‚Sie allein ſind im Stande zu verhindern, daß dieſe Liebe ge⸗ theilt wird. Bei dieſem Wort ging mir ein Licht auf. Ich fiel Madame Hermance in's Wort. Alſo, ſagte ich, iſt Ihr Sohn in Camilla verliebt?⸗— „Ach! ja,“ antwortete ſie ſeufzend; ‚er hat es mir heute erklärt. Wohin das führen ſoll, weiß er nicht, allein er hat mir geſchworen und es hundert Mal wiederholt, daß er die ſchöne Camilla liebe, daß er ſie ewig liebe, und müßte er dreißig Jahre warten, um ſie zu heirathen, auch warten werde. Sie be⸗ greifen, wohin dieſe Thorheit führen wird... Mein liebes Fräulein, mein Sohn hat nur von ſeinen eige⸗ nen Gefühlen geſprochen; ich hoffe, daß er noch nicht geliebt wird. Bis jetzt hat er noch nicht Gelegen⸗ dei gehabt, mit Fräulein Signoret zu ſprechen; aber in acht Tagen werden Sie ſich auf dem Ball ſehen.⸗ — ‚Man hat alſo eine Einladung an die Familie Signoret geſchickt!“ rief ich ganz erſtaunt und verwirrt. — Man wird ſie morgen ſchicken, antwortete ſie mir; zich kann es nicht verhindern: Theodor hat die Sache mit ſeinem Oheim abgemacht. Er hoſſt, die Familie Signoret werde die Einladung annehmen, und die Vorſtellung, mit der ſchönen Camilla zu tan⸗ zen, verſetzt ihn in Entzücken. Er hat mir in einem Augenblick des Vertrauens Alles geſtanden, denn ſein Herz war voll bis zum Ueberlaufen. Ich war er⸗ ſchrocken, aber es fehlte mir an der nöthigen Kraft. Er ſchien ſo glücklich, daß ich ihm keinen Einwurf machte... Mein liebes Fräulein, ich wende mich jetzt an Sie, um das junge Mädchen in Obacht zu nehmen und meinen Sohn zur Vernunft zurückzuführen. 42 Sie können ſeine Vermögensumſtände: wir beſitzen Nichts als eine kleine Rente, welche mit meinem Tod erlöſcht. Theodor's Zukunft hängt von ſeinem Oheim ab. Ich habe wirklich ein Teſtament in Händen, welches ihn zum Univerſalerben von M. Fauberton einſetzt; eines Tags wird er reich und Herr ſeines Thuns ſein, aber wir können keine gehäſſigen Berech⸗ nungen machen... Mein liebes Fräulein, ſprechen Sie mit Ihrer Pathe; unterrichten Sie dieſelbe von der Gefahr, welche ſie läuft; rathen Sie derſelben, ihr Herz wohl zu wahren, die Liebe meines Sohnes zurückzuweiſen, ihm durch ihre Gleichgültigkeit allen Muth zu benehmen...—“ Die gute Frau hatte Thränen in den Augen, als ſie ſo zu mir redete. Ich war ein wenig geärgert, und antwortete ſchnell: „‚Seien Sie ruhig, liebe Madame, wir wollen die ſchöne Camilla hindern, ſich von Ihrem Sohn lieben zu laſſen. Sie hat noch nicht auf ihn Acht gegeben, vielleicht kennt ſie nicht einmal ſein Geſicht. Ueber⸗ dieß iſt ſie ein geſcheides Mädchen und weiß, daß die Fauberton nicht heirathen.— ‚Sie ſind mir böſe ‚wegen meines Vertrauens und meiner Freimüthigkeit,“ ſagte mir darauf Madame Hermance, indem ſie mich bei der Hand faßte, um mich zurückzuhalten, denn ich war aufgeſtanden.— Nein, antwortete ich ihr, nein, ich verſichere Sie, aber es hat mich eine kleine Em⸗ 4 pfindlichkeit angewandelt. Doch das iſt ſchon vorüber, und ich verſpreche Ihnen gern, nach Ihren Abſichten zu handeln. Ich bin ganz und gar Ihrer Meinung: es wäre ein großes Ungluck, wenn dieſe Kinder Liebe zu einander faſſen ſollten, denn Cäſar Fauberton würde gewiß ſeinen Neffen enterben, wenn er bei i — ie —, S===—V—G== g=Z=SS 43 eine Neigung zur Heirath vorausſetzte...—: Dar⸗ auf verließen wir uns, und ich kehrte nach Hauſe zurück, feſt entſchloſſen, zu unterſuchen, was auf dem Grunde von Camilla's Herzen vorgeht, und ihren Vater zu hindern, ſie auf dieſen Ball zu führen...“ Madame Signoret hatte dieſen Bericht, die Hände über den Knieen gefaltet, die Augen halb geſchloſſen, die Lippen zuſammengezogen, gleich Jemand, der einen ſcharfen Schmerz muthig über ſich ergehen läßt, angehört. Als die alte Jungfrau ſchwieg, öffnete ſie die von Thränen gerötheten Augenlider ein wenig und ſprach mit Anſtrengung: „Ach! warum haben Sie nicht gethan, wozu Sie entſchloſſen waren?“ „Ja, ſehen Sie,“ antwortete Tante Dorothee, nachdem ſie langſam eine kleine Priſe Tabak genom⸗ men hatte,„ich hatte alſo die Abſicht, von der ich Ihnen eben ſagte, und war dieſen Morgen ausge⸗ gangen, um direct hieher zu kommen; aber das Wetter war ſo ſchön, es that Einem ſo gut in der Sonne, daß ich mich verführen ließ: anſtatt geraden Wegs auszugehen, wandte ich mich nach den Wällen und bin beinahe um die ganze Stadt herumgekommen. Da ich nicht mehr meine Beine von zwanzig Jahren habe, ſetzte ich mich auf eine Bank, um ein wenig auszuruhen. Es ging Niemand vorbei; aber nach einer Viertelſtunde ſah ich Cäſar kommen, welcher ſeiner Gewohnheit gemäß allein nach dem Frühſtück eine Promenade machte. Er ging mit aufgeräumter Miene dahin, ſein Spazierſtöckchen in der Hand und ein Röschen im Knopfloch. Es iſt erſtaunlich! Aus der Ferne hielt ich ihn für jung; und doch iſt er 44 älter als ich, und doch iſt es ſchon lang her, daß ich ein altes Mädchen bin! Als er mich ſah, verließ er die Straße und kam gerade auf mich zu, indem er den Hut zog und mir einen guten Tag bot. Es ſind wohl zehn Jahre her, daß wir einander ſo nicht begegneten; aber ich gerieth nicht außer Faſſung. Nachdem ich ſeinen Gruß erwidert hatte, zog ich mich an das Ende der Bank zurück und nahm mein Kleid zuſammen, um ihm Platz zu machen, ganz wie ſonſt, wenn wir uns auf dem Spaziergang trafen. Er lächelte mir Dank zu und ſetzte ſich an meine Seite mit den Worten: ‚Immer reizend!:—„Behalten Sie Ihre Complimente für die, welche ſchön und jung ſind, mein lieber Cäſar,“„antwortete ich ihm vertraulich; ich habe nichts Reizendes mehr; ach! es iſt ſchon lange her, daß Sie mich in ſehr galanten Reimen mit einer wilden Blume verglichen!“— „Wild! das waren Sie!...„antwortete er unver⸗ ſchämt. Dann ſetzte er ſogleich hinzu:— ‚Sie haben ſich von der Welt zurückgezogen, Sie gehen nirgends mehr hin; das kränkt mich, denn ich hätte das Ver⸗ gnügen gehabt, Sie in acht Tagen bei mir zu ſehen“ —„Auf dem Ball?“ rief ich, ‚ach ja wohl, nein; aber an Nachmittagen treffen Sie mich, wenn Sie wollen, zuweilen bei Madame Hermance; ich habe dieſelbe immer beſucht.“— ‚Meine arme Couſine befindet ſich jetzt in ſehr ſchlechten Geſundheitsumſtän⸗ den, ſagte er mit einem Seufzer; ſie ändert ſich zuſehends. Ich habe große Beſorgniß für ſie.— „Ach! mein Gott!““ rief ich, Sie glauben, dieſelbe ſei ſchwer krank? Aber ſie hat ihr Leben lang ge⸗ huſtet.“— ‚Sie iſt niemals ſo krank geweſen wie — ¹„13 8———ri———e-—.,—————,—. — ä„n0 — 8= 2 ʒ—V ————— —————— ◻8— 45 jetzt, antwortete er mit einem neuen Seufzer; ‚wenn ſie ſterben ſollte, wäre es ein großer Verluſt für mich: ſie iſt es, die mein Haus regiert. Wir Män⸗ ner verſtehen nichts von der Haushaltung. Was ſollte aus mir werden, großer Gott! wenn ich mich jetzt mit allem dem befaſſen müßte!... Dieſe ſorgliche Klugheit empörte mich; ich erkannte an dieſen Berechnungen den Egoismus des ſchönen Cäſar; und da ich ihm denſelben nicht ohne Umſchweife vorhalten konnte, ſagte ich ihm ziemlich ſpitzig, mit der Abſicht, ihm Mißvergnügen zu machen: ‚wenn das Unglück, das Sie ſo aus der Ferne ſehen, eintreffen ſollte, ſo hätten Sie nur eine Partie zu ergreifen, nämlich die, Ihren Neffen zu verheirathen.“— Ah! ich möchte es von ganzem Herzen,„antwortete er mir. Dann ſetzte er mit zuverſichtlicher Miene und vertrau⸗ lich ſeinen Arm unter den meinigen ſteckend, als wollte er mich zum Aufſtehen veranlaſſen, hinzu“: ‚Sehen Sie, meine liebe Dodo! es gibt Nichts wie eine Frau für gute Ordnung und Annehmlichkeit im Hauſe. Gehen wir fort von hier; die untere Luft iſt kalt und wir könnten uns einen Schnupfen holen, wenn wir ſo neben einander auf der ſteinernen Bank ſitzen. —„Ich war vor Erſtaunen ſo außer mir, daß ich, ohne ein Wort zu ſagen, aufſtand, kam aber bald wieder zu mir, faßte ihn an einem Rockknopf und ſagte, ihm feſt in’s Geſicht ſehend, mit zweifelnder Miene:„Wie! Sie würden Theodor heirathen laſſen?““ —„Gewiß,„antwortete er mir.— ‚Und ſogar, wenn er ein Mädchen ohne Mitgift zur Gattin nehmen wollte, würden Sie Ihre Einwilligung geben?““— Ich würde ſie geben und noch Etwas dazu,„ant⸗ 46 wortete er ohne Zögern,“ das erkläre ich Ihnen und übernehme die Verpflichtung dazu vor Ihnen; aber Sie fühlen, daß es für den Augenblick unnütz iſt, davon zu ſprechen.—„Seien Sie ruhigs„rief ich, ſſeien Sie ruhig, ich werde kein Wort ſagen, es würde doch Niemand daran glauben wollen!.. n „Er brach in ein Gelächter aus und wir gingen ein Stück Wegs mit einander, indem wir von Regen und ſchönem Wetter ſprachen, dann grüßte er mich, freundſchaftlich hinzuſetzend:„Auf Wiederſehen. „Ich kehrte nach Hauſe zurück, um über das, was ich eben gehört hatte, nachzudenken, und habe dieſen Abend abgewartet, um Sie allein zu ſehen und Ihnen Alles zu erzählen. Jetzt, meine liebe Emmeline, ſehen Sie, warum ich der Anſicht geweſen bin, daß Sie dieſe Einladung annehmen und Ihre Tochter auf den Ball führen ſollen?“ Madame Signoret ſeufzte tief, nur Eins war ihr aufgefallen. „Alſo der junge Mann liebt meine Tochter?“ ſagte ſie bitter.„Aber ſie? Gewiß liebt ſie ihn nicht; wenn ſie ihn liebte, wüßte ich es.“ Tante Dorothee ſchüttelte den Kopf. „Ahl Sie nehmen an, daß ſie ihn liebt?“ rief Madame Signoret beunruhigt;„Sie wiſſen es viel⸗ leicht 2... „Ich weiß Nichts, als was mir Madame Her⸗ mance geſagt hat, ich ſchwöre es Ihnen; aber es iſt immer noch wie zu unſerer Zeit: die Liebenden be⸗ dürſen des Sprechens mit einander nicht, um ſich zu verſtehen. Als Madame Hermance mir ihre Beſorg⸗ niſſe anvertraute, habe ich mich ſtolz für Camilla's — 9— äe 58 ͤ— — A ——-— ₰4—8 &☛ᷣꝙ Herz verbürgt, und es hätte wohl ſo kommen können, daß ich das Wort halten mußte, das ich gegeben habe; aber es würde ſie Etwas gekoſtet haben, glaube ich. Zum Glück ſtehen wir nicht auf dem Punkt. Wenn meine Pathe Theodor Fauberton liebt, einen char⸗ manten Reiter und die beſte Partie des Bezirks, nun! um ſo beſſer! Nach dem, was mir dieſen Mor⸗ gen Onkel Cäſar ſelbſt erklärt hat, kann dieſe Neigung keine traurigen Folgen haben. Der junge Mann hat keinen Zutritt im Hauſe, das Mädchen iſt wohl bewahrt: es iſt alſo Nichts zu befürchten. Glauben Sie mir, laſſen Sie dieſe gegenſeitige Zärtlichkeit nur erſtarken. Ueberwachen Sie Camilla, laſſen Sie die⸗ ſelbe nicht aus dem Auge und beunruhigen Sie ſich nicht über das, was in deren Herzen vorgeht. Auf jenem Ball, wo die Liebenden ſich in der Nähe ſehen, wird Theodor Fauberton ſich gewiß erklären, und wer weiß? wir könnten vielleicht nach dem kommenden Oſterfeſt ſchöne Hochzeiten ſehen.“ „Wolle Gott!“ murmelte Madame Signoret; nich bin reſignirt.“ III. Acht Tage ſpäter, Abends erſchien Tante Dorothee bei den Signoret in Begleitung von Miette, einer kleinen Bäurin, welche ſie zu den Functionen eines Dienſtmädchens mit zwanzig Thalern Lohn erhoben hatte. Miette trug auf dem Kopf einen großen, mit einer weißen Serviette bedeckten Korb. 48 „Guten Abend Allen, groß und klein,“ ſagte die alte Jungfrau, in den Salon tretend, wo die Familie verſammelt war. „Da kommt mein Kleid!“ rief Camilla im Ent⸗ zücken närriſcher Freude, indem ſie ihre beiden Arme um den Hals ihrer Pathin warf. „Wir wollen ſehen! erſticke mich nicht,“ erwiderte dieſe, nachdem ſie ein halbes Dutzend derber Küſſe empfangen hatte;„es hat eben Sieben auf der Stadt⸗ uhr geſchlagen, wir haben keine Zeit zu verlieren. Zeige mir, was Du gemacht haſt.“ „Ol ich habe recht gearbeitet,“ antwortete Camilla, indem ſie aus ihrem Arbeitskorbe ſchwarze Klapp⸗ handſchuhe, deren Netz wie von Spitzen war, und ein Paar Schuhe von grünem Satin zog, neben denen der berühmte Pantoffel der Aſchenbrödel wie die Schlappe einer Auvergnatin ausgeſehen hätte. Das arme Kind hatte dieſe niedliche Fußbekleidung aus einem jener ungeheuren Arbeitsſäcke verfertigt, welche die Frauen ſonſt an ihren Arm hingen. „Ei, das iſt ja vollkommen!“ rief Tante Dorothee, „Du haſt Deine Schuhe von dem Ridicule überzogen, welchen ich Deiner Mutter zur Zeit ihrer Heirath gegeben habe; das nenne ich einmal einen Einfall!“ Die kleinen Mädchen umringten den Korb mit Seufzern der Neugier und hoben verſtohlen die Ser⸗ viette. Madame Signoret, ſchon zum Ball gekleidet, ſtrickte in der Kaminecke; in der andern probirte M. Signoret ſeine weißen Handſchuhe und brummte mit einem Blick auf ſeine Frau: 5 „Wie Du doch gekleidet biſt!... Du würdeſt Dich viel beſſer ausgenommen haben, wenn Du einige 49 Stückchen Band zu Deinem Kopfputz, eine kirſchrothe oder himmelblaue Schleife genommen hätteſt. Du ſiehſt wahrhaftig aus, als wäreſt Du in tiefer Trauer mit Deinem ſchwarzen, bis an's Kinn zugehäkelten Kleide und den über die Schläfe hereingeſtrichenen Haaren!“ „Laſſen Sie doch ſie ruhig; ſie macht ſich ſo ſehr gut,“ rief Tante Dorothee;„ihr Kleid ſieht neu aus; ſie iſt ſehr ſchön friſirt, und dieſe Einfachheit ſteht ihr vortrefflich. Anſtatt uns Eure Lappalien vor⸗ zuſchwatzen, geht an Eure Toilette. Auch Du, Ca⸗ milla, beeile Dich, in Dein Zimmer hinaufzugehen, und nimm Deine Schweſtern mit. Wenn ſie recht brav ſind, erlaube ich ihnen, ſobald ich Dich ankleide, mir die Stecknadeln zu reichen. Geht, ſchnell fort, meine Lämmchen.“ Sobald Madame Signoret mit Tante Dorothee allein war, ſagte ſie zu ihr: „Sie ſehen, ich bin bereit. Jetzt handelt es ſich nicht mehr um mich, ſondern um Camilla. Ach! Sie haben ſich nicht getäuſcht, ſie liebt dieſen jungen Mann.“ „Was iſt daran Erſtaunliches?“ erwiderte die alte Jungfrau;„ſie träumt, was wir alle geträumt haben... laſſen wir die Sachen gehen. Theodor iſt wahnſinnig verliebt; ſeine Mutter will Nichts als ſein Glück, und Sie wiſſen, was mir ſein Onkel er⸗ klärt hat; es gibt alſo kein ernſthaftes Hinderniß. Couſine, ich ſehe den Augenblick kommen, wo man in der ganzen Stadt die Heirath von Camilla mit dem jungen Fauberton ausrufen wird. Welches Er⸗ ſtaunen! Welcher Triumph! Ich habe ſchon manch⸗ Reybaud, Onkel Cäſar. 4 50 mal geſagt, die Familie Signoret wird ſich eines Tags wieder erheben.“ „Ach! ich bin ſehr unruhig,“ flüſterte die arme Frau. „Es iſt Zeit, meine Pathe anzukleiden,“ fuhr Tante Dorothee fort,„kommen Sie, liebe Emmeline, und unes Himmels willen, laſſen Sie keine Vorein⸗ genommenheit, keine Traurigkeit merken. Erſcheinen Sie auf dem Ball mit ruhiger Miene, und wenn Cäſar Fauberton Sie begrüßt, ſo zeigen Sie ihm ein gutes Geſicht.“ „Es muß wohl ſein!“ antwortete die arme Frau wöllig reſignirt. Sie ſtiegen unter Vortritt von Miette, welche triumphirend den Korb trug, den man noch nicht aufgedeckt hatte, in Camilla's Zimmer hinauf. Camilla war bereits friſirt; ein ſicherer Inſtinct von Koketterie hatte ſie errathen laſſen, was ſie noch mehr verſchönern konnte. Ihre ſchönen, blonden Haare fielen, leicht gekräuſelt in langen Spirallocken bis auf ihren graziöſen Hals herab und bildeten hinten am Kopfe ein dichtes, einfach mit einem Horn⸗ kamm befeſtigtes Gewinde. Sie trat auf Tante Dorothee zu und ſprach lächelnd zu ihr: „Iſt es ſo recht?“ „Nicht übel, nicht übel,“ antwortete dieſe mit geheimer Bewunderung;„komm her, daß ich die lehte Hand an Deinen Kopfputz lege.“ Darauf nahm ſie aus dem Korb eine kleine Guirlande von Laubwerk, mit Beerchen von lebhaftem 51 Roth untermiſcht, und ſetzte ihn Camilla auf den Kopf, indem ſie hinzufügte: „Ich habe dieſen Kranz aus einem Epheuzweig und einer Handvoll wilder Beeren, welche Miette im Walde ſammelte, gemacht. Da iſt ein ähnliches Bouquet.“ „Ach wie ſchön!“ riefen die kleinen Mädchen, in die Hände klatſchend.„Und das Kleid, Tante Doro⸗ thee, das Kleid?“ „Hier iſt es,“ antwortete ſie, eine weiße Robe entfaltend, deren lockeres und wohlgeſtärktes Gewebe durchſichtiger und leichter als Mouſſelin war. „Ich glaube nicht, daß es in der Welt eine in⸗ duſtriöſere Perſon gibt, als Sie!“ rief Madame Signoret;„Sie haben dieſes Kleid aus dem großen Gaſevorhang herausgeſchnitten, der unſerem Oheim, als er zur Zeit der Emigration in Venedig wohnte, als Moſfitonetz diente?“ „Ja, ſo iſt es,“ ſagte Tante Dorothee ſelbſtzu⸗ frieden;„nachdem der Fetzen, welcher ſchon ſeit vier⸗ zig Jahren in der Tiefe eines Schranks vergelbte, eingeſeift und hergerichtet worden war, machte ich daraus, was Sie hier ſehen.“ „Sie ſind eine Fee!“ rief Camilla entzückt;„wie dieſe Buffärmel ſo ſchön ausſehen! und dieſer Rock mit den großen Falten, wie elegant er iſt!“ „Halte Dich doch ruhig!“ ſiel Tante Dorothee ein,„ich kann Dein Kleid nicht einhäkeln.... Jetzt handelt es ſich nur noch, Dein Bouquet an der Bruſt zu befeſtigen... Kinder, gebt mir Nadeln.... So, jetzt iſts gethan!... Nun, Pathchen, ſchau Dich an... Findeſt Du, daß es ſo raht iſt?“ 52 Camilla warf einen einzigen Blick auf den kleinen Spiegel in der Mitte eines Holzgeſtells, das ihr ſtatt eines Putztiſches diente, wandte ſich ſtrahlend vor Freude um und flüſterte: „Ja, ich bin ganz vergnügt.“ „Da iſt Dein Fächer,“ fuhr die alte Jungfrau fort, indem ſie ihr einen ſchönen Fächer Louis quinze überreichte, welcher gleichfalls aus der Hinterlaſſen⸗ ſünin der alten Notarsfrau, Madame Signoret, her⸗ rührte.. „Meine Damen, ſind Sie fertig?“ rief M. Sig⸗ noret vor der Thüre.„Wir ſind auf acht Uhr ein⸗ geladen, gehen wir, gehen wir!“ Seit Einbruch der Nacht waren alle Müßiggänger, welche die Kaffeehäuſer am Platze beſuchten, in Grup⸗ pen vor dem Hotel Fauberton verſammelt, um die über der Hauptthüre angebrachten Lampen, das durch Feuertöpfe, welche den Namenszug von Cäſar Fauberton darſtellten, erleuchtete Veſtibule und die mit Guirlanden von Buchszweigen und Roſenpapierblumen geſchmückte Treppe zu betrachten. Gegen acht Uhr erhellten ſich gleichzeitig alle Fenſter. Jetzt ſtellten ſich die Neugierigen in Reihe und Glied, um die Eingeladenen vorübergehen zu ſehen, und die Straßen⸗ jungen ſtiegen auf die Bäume am Platz, um wo möglich das, was in dem Ballſaale vorging, durch die Fenſter zu ſehen. Das Feſt ſollte ſeinen Anfang nehmen. Cäſar Fauberton, im höchſten Schmuck, ſtand aufrecht vor dem Kamin des Salons und warf einen letzten Blick auf die Geſammtheit ſeiner Toilette. Der ſchwarze Rock zeichnete genau ſeinen noch eleganten Wuchs NK— 8 8K —₰— — 53 ab; er trug enganſchließende Beinkleider, ſeidene Strümpfe à jour, lackirte, bis auf die Zehen ausge⸗ ſchnittene Schuhe. Madame Hermance, in einem Kleid von braun⸗ gelbem Satin, ſtand mit ihrem Sohn an der Thüre, um die Honneurs zu machen, und die vier Muſiker, welche das Orcheſter bildeten, machten ſich zur Auf⸗ gabe, ihre Inſtrumente zu ſtimmen. Von ihrer Eſtrade herab hatten ſie die Ausſicht auf die Treppe und ſignaliſirten von fern die Eingeladenen. „Da kommt der erſte Adjunct und ſeine Familie,“ ſagte der Baß, ſein Contretanzheft ſuchend;„ſobald Damen genug da ſind, um eine Quadrille zu bilden, wird der Herr Maire uns anfangen heißen und den Ball mit der Trénitz*) eröffnen; das iſt ſein Triumph. Voriges Jahr hat er ſie mit Madame Michalet ge⸗ tanzt, und ſein vis-A-vis war M. Theodor mit der Frau Poſtmeiſterin.“ „Madame Nichalet wird nicht zwei Jahre nach einander dieſelbe Ehre haben,“ antwortete die Bratſche; „der Herr Maire, welcher vergangenen Winter ihr beinahe nicht von der Seite kam, beſucht ſie jetzt nur noch en cérémonie.“ „Er rangirt ſich,“**) flüſterte der Baß. „Glaubet das nicht,“ ſiel die Bratſche ein,„das habe ich nicht ſagen wollen.“ „Kein Weibergeklatſch, meine Herren,“ nahm die Flöte mit wichtiger Miene das Wort;„ich bin ziem⸗ lich auf dem Laufenden mit dem, was in der ſchönen —) Eine Fiaur in der franzöſiſchen Quadrille. A. d. U. **) d. h. er wird jetzt ordentlicher, ſolider. A. d. U. 54 Welt vorgeht, und ich kann Sie verſichern, daß Ma⸗ dame Michalet nicht erſetzt worden iſt; alles macht ſich fein da unten!“... 3 „Ausgenommen die Jugend des Herrn Maire,“ erwiderte die Bratſche. „Da kommen noch weitere Damen,“ rief der Baß;„die beiden Mädchen des Herrn Friedensrich⸗ ters und die vier Fräulein des Herrn Steuereinneh⸗ mers, im Ganzen ſechs Tänzerinnen. Man könnte jetzt zwei Quadrillen machen. Auf wen wartet denn der Herr Maire noch, um den Ball zu eröffnen?“ „Vielleicht fühlt er ſich in der Kniebeuge nicht mehr geſchmeidig genug, um das Solo in der Tré⸗ nitz zu tanzen;“ ſagte die Flöte halblaut;„ſpielen wir die Paſtourelle,*) das wird ihn beſtimmen.“ Das Quartett ſtimmte rinforzando**) die erſten Takte des Contretanzes an; aber M. Fauberton machte den Muſikern ſogleich ein Zeichen, einzuhalten. Eine Fluth Eingeladener mündete jetzt in dem Ballſaal aus. Hinter ihnen langte die Familie Sig⸗ noret an, welche nach der Begruüßung von Madame Hermance ſich bemühte, unbemerkt nach der hinterſten Bank ſich zu ſchleichen; aber während ſie dieſes Manöver ausführte, kam M. Fauberton gerade auf Madame Signoret zu und ſagte, ihr galant den Arm bietend: „Erlauben Sie, ſchöne Dame, Sie zu führen. Wie glücklich bin ich, Sie mit Ihrer reizenden Tochter bei mir zu ſehen! Hieher, ich bitte Sie; ich ſehe 1**) Eine Fiaur im Contretanz. A. d. U. en) Hier ſo viel als: unmerklich. A. d. U. 55⁵ da unten einen Seſſel, auf dem Sie ſich beſſer befinden werden, als auf den Bänken.“ Die arme Frau fühlte ihre Kniee wanken und ihren Blick ſich verwirren; ſie vermochte kein Wort hervorzubringen und ließ ſich, ihre zitternde Hand auf Cäſar Fauberton'’s Arm ſtützend, an einen der Ehrenplätze nahe am Kamin führen. Das Ueber⸗ maaß ihrer Erregung ſelbſt gab ihr einen Anſchein von Ruhe; ſie hatte den Saal, den Kopf aufrecht, die Augen feſt, die Miene ſtarr, durchwandelt und ſetzte ſich gleich einem Automaten, welchen eine ver⸗ borgene Feder in Bewegung ſetzt. Allmälig kam ſie jedoch zu ſich, und ihre Augen wandten ſich nach ihrer Tochter um. Camilla ſaß an ihrer Seite, ſtrahlend, ein Lächeln auf den Lippen; ſie hatte ihr Kleid auf der Bank ausgebreitet und handhabte mit linkiſcher und reizender Geberde den ſchönen Pompadourfächer, welchen ihre Pathin ihr gegeben hatte. Von Zeit zu Zeit richtete ſie einen verſtohlenen Blick auf Theodor, der ſie aus der Ferne mit verliebter Miene betrachtete und ſeine gelben Handſchuhe anzog, ehe er ſie um den erſten Contretanz bitten wollte. Die Haltung der Liebenden beunruhigte Madame Signoret; es kam ihr vor, als würden ſie das Ge⸗ heimniß ihres Herzens verrathen, und ſich anſtrengend, ihre eigene Aufregung zu überwinden, ſprach ſie zu Camilla: „Was fehlt Dir, mein Kind? Du ſcheinſt ver⸗ wirrt.“ „Ja, weil die ganze Welt mich anſchaut,“ ant⸗ wortete ſie naiv. 56 Wirklich waren alle Augen auf ſie gerichtet. Ihre Schönheit erregte die Bewunderung der Männer, und ihre Toilette das Erſtaunen der Frauen. Die älteren Fräulein ſprachen, die Lippen zuſammenknei⸗ pend, ſie wäre noch ſo jung, um eine ſo elegante Robe zu tragen; die jüngeren beneideten den maje⸗ ſtätiſchen Umfang ihres Rocks, bei welchem in der That Tante Dorothee den Stoff nicht geſpart hatte, und die Damen, im Spalier an der Tapete angereiht, flüſterten unter einander: „Die Kleine darf ſich wirklich wohl ſehen laſſen. Wo mag wohl Madame Signoret dieſes hübſche Kleid gekauft haben? Es gibt nichts Aehnliches bei unſern Modehändlern.“ Der Steuereinnehmer, ein dicker Mann, der ſich auf Litteratur Etwas zu Gute that und kleine Verſe machte, ſchluͤpfte hinter ſeine Frau, um ihr in das Ohr zu ſagen: „Schau' doch, Frau Chapuſot, den kleinen Sig⸗ noret an; könnte man nicht ſagen, er komme aus biner kleinen Lade, wo er zwanzig Jahre geſchlafen at?“ „Er iſt gekleidet, wie an ſeinem Hochzeittage,“ antwortete die Dame;„ich kenne ſeinen Rock und ſeine Schuhe. Seine Frau hat ſich ſehr verändert, nicht wahr?“. „Ihre Tochter iſt eine vollendete Schönheit,“ nahm der Steuereinnehmer wieder feurig das Wort; „welche Augen! welches Haar! welches göttliche Profil!...“ „Bah!“ erwiderte Madame Chapuſot mit einem Blick auf die vier Fräulein Chapuſot, welche in einer — 57 Linie auf der erſten Bank ſaßen;„bahl ein ziemlich hübſcher Teint, ziemlich niedliche Züge, aber keine Phyſiognomie, keine Tournure.“ Der erſte Takt der Trenitz ſchnitt dieſes Zwie⸗ geſpräch kurz ab. Die Damen ſchwiegen ſtill; eine Art Gemurmel durchlief die Reihe der Tänzerinnen, welche inſtinctartig den Tänzer ihrer Wahl betrach⸗ teten. Camilla ſenkte die Augen auf die Spitze ihres kleinen grünen Schuhes, entfaltete ihren Fächer und wartete mit klopfendem Herzen. „Platz zum Contretanz,“ rief Cäſar Fauberton; „meine Herren, fordern Sie Ihre Damen auf.“ Die Männer, in der Mitte des Salons vereinigt, zerſtreuten ſich jetzt; die unerſchrockenen Tänzer wand⸗ ten ſich an die älteren Fräulein, welche ihre Auffor⸗ derung mit einer gewiſſen unbefangenen und koketten Art ſich zu benehmen empfingen; die jungen Frauen ſchickten die Cavaliere, um welche ſie ſich nicht mehr kümmerten, an die jungen Mädchen, und die Damen von reifem Alter ſtanden bereits auf, um das Solo der Trénitz beſſer zu ſehen. Jetzt war Cäſar Fauberton damit fertig, ſeine Handſchuhe anzuziehen, gab ſeinem Neffen ein Zeichen, eine Tänzerin zu wählen, um ſein vis-A-vis zu ma⸗ chen; dann trat er auf Camilla zu und ſprach mit einer Verbeugung die claſſiſche Formel aus: „Mademoiſelle, wollen Sie mir die Ehre geben, mit mir zu tanzen?“ „Ja, Herr Maire,“ antwortete ſie erröthend vor Ueberraſchung, Freude nnd Stolz. Als die Tochter des Mairiebeamten, von ihrem 58 Cavalier geführt, durch den Saal ſchritt und ihren Platz in der Ehrenquadrille einnahm, gab es in der Verſammlung eine Art von Gemurmel der Betäu⸗ bung. Nie war eine ſolche Auszeichnung einem Mäd⸗ chen aus der niedern Bürgerſchaft zu Theil geworden, vielmehr war es immer eine der jungen Damen der hohen Geſellſchaft geweſen, welche die Ehre hatte, mit dem Herrn Maire den Ball zu eröffnen. „Welche Neuerung!“ murmelte Madame Chapuſot, insgeheim empört und ihre Töchter betrachtend, welche alle vier auf ihrer Bank ſitzen geblieben waren. „Ich tadle den Herrn Maire nicht, daß er den Ball mit einem Fräulein eröffnet; aber ich finde, er hätte eine andere Wahl treffen können.“ „Er macht es wie der Hirte Paris; er hat die ſchönſte gewählt,“ ſprach halblaut M. Chapuſot. „Es gibt da unten eine Intrigue von dem kleinen Signoret,“ ſprach mit dem Auge blinzelnd der erſte Adjunct, welcher den Municipalbeamten nicht liebte. „Sie ſind nicht recht daran, meine Herren,“ ſagte darauf eine alte Dame, deren Köchin viel Güte für den Stadtdiener hatte;„Sie ſind durchaus nicht richtig daran; ich will Ihnen zu der Sache verhelfen. Wiſſen Sie denn, daß der junge Fauberton dieſe Gunſt auf die kleine Signoret gelenkt hat: er iſt ſehr verliebt in ſie, und macht Kranichfüße*) unter ihrem Fenſter.“ „Davon hat man in der Stadt kein Wort geſagt,“ rief Madame Chapuſot mit ungläubiger Miene. „Weil noch Niemand Etwas davon weiß,“ erwi⸗ *) D. h. ſteht lang auf einem Fleck. A. d. U. 59 derte die alte Dame;„aber nehmen Sie es für gewiß, ich habe die Einzelnheiten davon erſt dieſen Morgen erfahren. Ueberdieß ſehen Sie, was paſſirt: heute Abend ſtehen die Signoret hoch am Brette, und nach der Haltung von dem Herrn Maire bin ich nahe daran zu glauben, daß dieſe Liebelei zu einer Heirath führen könnte.“ „Ahl ja wohl,“ rief Madame Chapuſot, ihre großen fahlrothen Augäpfel rollend. „Mama, ſieh' doch, ich bitte Dich,“ ſagte mit kindiſcher Miene die älteſte der Fräulein Chapuſot, ein Mädchen von dreißig Jahren, trocken und dünn wie eine Heuſchrecke;„ſieh' doch, wie der Herr Maire leiſe mit ſeiner Tänzerin ſpricht.“ „Er erklärt ihr die Figuren der Trenitz,“ ant⸗ wortete höhniſch Madame Chapuſot. „Ich bin überzeugt, ſie bringt den Contretanz in Unordnung,“ nahm das Fräulein von dreißig Jah⸗ ren wieder das Wort. „Sie hat keine Haltung,“ ſetzte die jüngſte Cha⸗ puſot hinzu.„Haſt Du bemerkt, wie ſie die Ver⸗ beugung machte?“ „Nachſicht, Fräulein,“ fiel mit lauter Stimme Madame Chapuſot ein;„die junge Perſon hat keine glänzende Erziehung wie Ihr erhalten; ſie hat keinen Tanzmeiſter zu zwei Francs die Marke, wie Ihr, gehabt.“ Nun exekutirten auf den Bällen des Herrn Maire die Tänzerinnen die Figuren der Paſtourelle oder der Trenitz nicht, indem ſie nachläßig mit ihren kleinen Schuhen am Boden hinfuhren. Der Einfluß von Cäſar Fauber⸗ ton hatte in der Stadt O.. die choregraphiſchen 60 Ueberlieferungen des erſten Kaiſerreichs bewahrt; die Damen wagten complicirte Schritte, wo ſie alle ihre Grazie entfalteten, und die Fräulein hüpften unbe⸗ fangen, die Ellenbogen rückwärts, und die Füße vor⸗ aus. So nahm, als der Chef des Orcheſters, ſeinen Bogen ſchwingend, mit lautſchallender Stimme rief: „Ein Cavalier und ſeine Dame vor!“— die ſchöne Camilla mit den Fingerſpitzen die Falten ihres Gaze⸗ kleides auf, hob ſich auf die Zehen, leicht wie ein Vo⸗ gel und exekutirte einen ſchwierigen Pas mit einer un⸗ vergleichlichen Leichtigkeit, Correctheit und Grazie. „Sie tanzt!“ flüſterte Madame Chapuſot beſtürzt. „Ihr Vater hat ihr Unterricht gegeben,“ ſagte die alte Dame, die ſich plötzlich erinnerte, daß ſie einſt die Gavotte mit Scipio Signoret getanzt hatte. „Die Kleine iſt durchaus nicht links; ſiehe, da macht ſie ihrem Capalier eine kleine Verbeugung vor dem Traverſiren. Der Herr Maire ſcheint entzückt... Und bemerken Sie die Phyſiognomie von Theodor Fauberton: kommt er Ihnen nicht ganz erregt vor?“ „Aeußerſt erregt,“ erwiderte Nadume Chapuſot mit concentrirtem Aerger;„die kleine Signoret er⸗ röthete, als ſie die Halbkette machte: ich bin über⸗ zeugt, daß er ihr die Hand gedrückt hat.“ 1 „Da iſt der Maire, der tanzen will!“ rief die alte Dame, indem ſie aufſtand. Es war der Augenblick des famoſen Solo's. Man machte einen Kreis um die Ehrenquadrille; die an⸗ dern Contretänze waren unterbrochen worden, und alle Paare blieben unbeweglich auf ihrem Platze. Das war eine Schmeichelei, welche ſich erneuerte, 61 ſo oft der Herr des Hauſes den Ball mit dem Tan⸗ zen der Trenitz eröffnete. Camilla war ihrem Cavalier gegenüber auf der⸗ ſelben Seite wie Theodor ſtehen geblieben. Es war das erſte Mal, daß ſie einander ſo begegneten. Als ſie ſich in ſolcher Nähe fanden, daß es ihnen ſchei⸗ nen konnte, ſie wären in einer Art von téte⸗à- tste begriffen, erbleichten beide vor Bewegung und ſchauderten, als ſollten ſie beinahe dem Uebermaß ihres Glücks erliegen. Zum Glück machte die Er⸗ wartung des Solo's eine Diverſion; alle die neu⸗ gierigen und übelwollenden Blicke hatten ſich von den beiden Liebenden abgewendet und blieben mit einem Ausdruck lebhaften Intereſſe's und antieipirter Bewunderung auf dem Herrn Maire haften. Der ſchöne Cäſar warf einen Blick um ſich, lä⸗ chelte mit ſiegreicher Miene und begann mit höchſter Grazie zu tanzen, wie man zur Zeit tanzte, da er noch nichts als der präſumtive Erbe ſeines Oheims, des Oberſts war. Die Kniebeuge geſpannt, den Arm leicht gerundet, den Mund verzogen, exekutirte er ſehr glänzende Pas und ſchlug zum Schluß einen Entrechat de six*) mit einer unvergleichlichen Leichtig⸗ keit, Kraft und Geſchmeidigkeit. Während er ſo pirouettirte, machte der glückliche Theodor der ſchönen Camilla eine Liebeserklärung. Dieſe etwas ungeſtüme Art, ſeine Gefühle an den Tag zu legen, war durch die Lage ſelbſt geboten; die Gelegenheit konnte ſich lang nicht mehr finden, 9 Wobei man die Füße ſechs Mal in der Luft Keuzt. A. d. 62 er mußte ſich beeilen. Camilla verſtand ihn ſo gut, daß ſie, ehe das unerbittliche Ritornell ſie an ihren Platz zurückführte, Theodor geſtanden hatte, ſeit dem erſten Tage, da ſie ihn geſehen, habe ſie ihm ihr Herz geſchenkt. Die letzten Worte dieſer verſtohlenen Unterhal⸗ tung verloren ſich in dem Momente der Bewunde⸗ rung und in den Beifallsbezeugungen, welche das Ende des Solo's erzeugte. Riis „Schöne Camilla, Sie tanzen wie eine Sylphide,“ ſagte Cäſar Fauberton, ſie an ihren Platz zurückfüh⸗ rend und ihr die Hand küſſend;„wahrhaftig, der Himmel hat Sie mit allen Vollkommenheiten begabt.“ „Sie ſind ſehr gütig, Herr Maire,“ antwortete ſie, die Augen niederſchlagend. Theodor war näher getreten und hatte ſeinen Arm unter den ſeines Oheims geſchoben, welcher gern mit ihm eine ſolche kamaradſchaftliche Stellung annahm und ſogar von demſelben verlangt hatte, im Geſpräch mit ihm ganz vertrauliche Formeln, wie man ſie nur unter Leuten von demſelben Alter ſich geſtattet, zu gebrauchen. 4 3 „Ich ſehe, was Dich herführt,“ ſagte er;„Du willſt Fräulein Signoret bitten.“ „Ja, wenn Du es erlaubſt,“ antwortete Theodor. „Schöne Camilla,“ ſagte M. Fauberton,„da iſt mein Neffe, der den zweiten Contretanz in Anſpruch nimmt; ich will eine der Damen auffordern, um Euer Gegenüber zu machen, und hernach Sie um die Gunſt eines Walzers erſuchen.“ 8 „Verzeihen Sie, Herr Maire,“ antwortete ſie ver⸗ wirrt,„ich kann nicht walzen.“ ——».—“— 63 „Wirklich,“ ſprach er mit zuverſichtlichem Ton, gwohlan! da muß man es lernen. Ich will Ihr Lehrer ſein. Theodor, der ſo gut walzt, wie ich, wird mir ſekundiren, und damit es Ihnen keine Störung verurſacht, Ihre Lectionen zu nehmen, kom⸗ men wir zu Ihnen in'’s Haus, wenn Ihre Mama es erlaubt.“ Bei dieſem unerwarteten Vorſchlag wandte Ma⸗ dame Signoret unwillkürlich den Kopf weg, mit einer unmerklichen Geberde der Weigerung; aber M. Fauberton ſetzte, als ob er dieſe Bewegung nicht verſtanden hätte, hinzu: „Alſo abgemacht, Sie ſind meine Schülerin, und ich erkläre Ihnen, daß ich, um Ihre Fortſchritte be⸗ urtheilen zu können, auf den Neujahrstag einen Ball geben werde.“ Darauf entfernte er ſich. Scipio Signoret war hinter den Seſſel ſeiner Frau geſchlüpft. „Nun, Liline,“ ſprach er mit vor Vergnügen klopfendem Herzen,„bedauerſt Du, hergekommen zu ſein? biſt Du nicht zufrieden mit dem, was Du ſiehſt? Geh, geh, ich hatte Recht: ein Mädchen, wie das unſrige, iſt nicht gemacht, um im Hauſe zu ver⸗ ſchimmeln. Nun, mein Herzchen,“ ſetzte er, ſich zu Camilla's Ohr neigend, hinzu,„mein Herzchen, ich bin zufrieden mit Dir; Du haſt vortrefflich getanzt. Doch habe ich Deine Haltung ein wenig kalt gefun⸗ den. Denk' an meine Ermahnungen: Du mußt den Kopf mit angenehmer Miene wiegen, wenn Du gegen Deinen Cavalier zuruͤckkommſt, und ihm jedes Mal, V 64 wenn er Dir die Hand reicht, eine kleine graziöſe Verbeugung machen.“ Nach den beiden erſten Contretänzen machte M. Fauberton die Runde in den Sälen, indem er nach allen Seiten mit ſtolzer Leutſeligkeit grüßte und den Damen, die ſich bei ſeiner Annäherung mit Bücklin⸗ gen und Zierereien erhoben, Complimente machte. Als er vor der Familie Chapuſot ſich befand, hielt er an. „Immer friſch und elegant!“ ſprach er mit halb⸗ deöſfueten Munde, nachdem er die vier Schweſtern etrachtet hatte, alle ganz gleich mit Kleidern von zartem Grün angethan und zum Kopfputz eine Fülle von Waſſerblumen, mit Schilf untermiſcht, tragend; „immer auf eine diſtinguirte Art geſchmückt. Das iſt ſehr originell, dieſe Toilette! Man ſollte Sie heute Abend die Quadrille der Najaden nennen.“ „Ahl Herr Maire, was Sie ſagen, iſt ſehr lie⸗ benswürdig!“ riefen alle mit einer Stimme, indem ſie ſich in ihren engen Korſetten brüſteten. Madame Chapuſot dachte, er würde eine der Fräulein zum Tanze auffordern, und ſagte, plötzlich beſänftigt, in vertraulichem Ton, den ſie ſich zu an⸗ dern Zeiten wohl hatte erlauben können, zu ihm: „Mein lieber Fauberton, ich mache Ihnen mein Compliment, Sie übertreffen ſich ſelbſt; nie haben Sie uns ein ſo glänzendes Feſt gegeben.“ 3 „Ich nehme es auf mich, noch Beſſeres zu lei⸗ ſten,“ antwortete er, mit graziöſer Geberde ſeine ehe⸗ malige Eroberung grüßend; dann ging er weiter. Nadame Chapuſot folgte ihm mit den Augen, während die Najaden mit getäuſchter Miene unter n, er 65 einander ziſchelten. Der Herr Maire machte noch einige Schritte, indem er ſeine Gäſte mit der Kopf⸗ haltung eines Monarchen grüßte, der die Huldigun⸗ gen ſeines Hofes empfängt; dann wandte er ſich plötzlich ab, reichte vertraulich dem Municipalbeam⸗ ten die Hand, welcher ſich ſtolz unter dem Kronleuch⸗ ter, ſeinen Hut unter dem Arm und den linken Dau⸗ men in dem Armloch ſeines Gilets, aufgepflanzt hatte. „Da ſagt er dem kleinen Signoret Höflichkeiten,“ murmelte Madame Chapuſot ſtirnrunzelnd;„ich glaube allmälig, daß Etwas an dem iſt, was man mir ſo⸗ eben erzählt hat.“ Einen Augenblick nachher ſagte die alte Dame, welche ihr bereits Aufklärung gegeben hatte, indem ſie die Augen nach dem Eingang der Gallerie richtete: „Sehen Sie da unten? Theodor Fauberton tanzt mit dem Gegenſtand ſeiner Liebe, und der Herr Maire figurirt mit heiterer Miene in derſelben Quadrille. Noch mehr, da ſetzt ſich eben Madame Hermance neben Madame Signoret und ſpricht auf gefällige Weiſe mit ihr: iſt es jetzt klar?“ „He! he! Das weiß ich nicht,“ erwiderte Ma⸗ dame Chapuſot mit einem leichten Lachen,„dagegen erſcheint mir klar, daß Onkel Cäſar im Zug iſt, ein Komödien⸗Onkel zu werden.“ Nur in kleinen Städten, wo an andern Zer⸗ ſtreuungen kein Ueberfluß iſt, vergnügt man ſich wirklich auf dem Ball. Es gab dieſen Abend im Hotel Fauberton junge Leute, die im Stande waren, von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang dem be⸗ rauſchenden und anſtrengenden Vergnügen, nach dem Takte auf der Zehenſpitze auf⸗ und abzuſpringen, ſich Reybaud, Onkel Cäſar. 5 66* hinzugeben; es gab Fräulein, deren nerviger, feſter, zug 8 unermüdlicher Fuß alle Eigenſchaften einer beſaß. Dieſe unerſchrockenen Tänzer thaten Wunder; die Contretänze folgten ſich ohne Unterbrechung. Ihrerſeits hatten die Spieler in dem Schlafzim⸗ mer feſten Fuß gefaßt; Boſton⸗ und Ecarté⸗Partieen hatten ſich gebildet, und vier Regierungsbeamte ris⸗ kirten ſogar in dem Boudoir in aller Stille eine Bouillote. Die achtbaren Frauen, welche dem Tanze ihrer Töchter zuſahen, die, deren Gatten fünfzig Cen⸗ tahlfeder time beim Ecarté ſetzten, hatten von Anfang an die Lage in's Auge gefaßt und ſich muthig darein er⸗ geben, bis zum Tagesanbruch wach zu bleiben. Gegen Mitternacht hörte der Tanz auf, das Or⸗ cheſter verſtummte und die Spieler verließen ihre Karten. Einen Augenblick nachher gingen die Thü⸗ ren des Speiſeſaals auf und Caſcarel erſchien im Staatsanzuge eines Mundkochs auf der Schwelle. „Herr Maire, es iſt ſervirt,“ ſprach er. — Alle Augen richteten ſich auf den Herrn des Hauſes, und Madame Hermance trat einen Schritt vor, in der Erwartung, daß er ihr mit einem Blick den Begünſtigten anzeige, welcher zu ſeiner Rechten ſich niederlaſſen ſollte. Gewöhnlich war es eine der Standesperſonen des Orts, der Herr Friedensrichter, oder der Herr Adjunkt, welcher dieſe Ehre hatte; aber dießmal ſagte M. Fauberton, ſich über den her⸗ kömmlichen Gebrauch hinwegſetzend, mit lauter Stimme: „Couſine, bitten Sie Herrn Signoret, Sie zu führen,“ ging dann auf Madame Signoret zu und bot ihr den Arm, um nach dem Speiſeſaal ſich zu begeben.— 67 Madame Signoret ſtammelte einige Worte, welche er nicht beachtete, und ließ ſich an den Chrenplatz führen, gefolgt von Camilla, welche ſchüchtern hinter ihr herging. Jedermann ſtand aufrecht um den Tiſch herum, Jedermann hatte ſeinen bezeichneten Platz; aber es blieb noch ein leerer Sitz zur Linken des Hausherrn. „Mademoiſelle!“ ſprach er, ſich mit einer auffor⸗ dernden Geberde zu Camilla wendend. Dann ſetzte er, gegen ſeine Gäſte gerichtet, hinzu:„Meine Damen, meine Herren, ſetzen Sie ſich, ich bitte,“ und nahm, dieſes ſagend, ſelbſt ſeinen Platz ein. Es herrſchte einige Minuten Stillſchweigen; die ganze Verſammlung war wie von einem plötzlichen Schrecken betroffen. Für die Stammgäſte des Hotel Fauberton hatte das eben Vorgefallene alle Propor⸗ tionen eines wichtigen Ereigniſſes; es ſchien ihnen von nun an klar, daß M. Fauberton irgend einen geheimen Plan entworfen hatte, und die Gerüchte, welche umzulaufen anfingen, nicht ganz ohne Grund waren. Viele Leute gingen ſogar ſo weit, zu denken, Onkel Cäſar habe mit allen ſeinen Familien⸗Ueber⸗ lieferungen gebrochen und bereits die Einwilligung zur Heirath ſeines Neffen gegeben und würde nicht ſäumen, ſie öffentlich zu erklären. Madame Chapuſot zweifelte allein noch. „Dieſe Eindringlinge reißen alle Ehren an ſich,“ ſprach ſie zu einem dicken, ehrlichen Notar, welcher an ihrer Seite ſaß,„aber im Grund hat dieß nicht viel zu bedeuten. Ich kenne den ſchönen Cäſar gut: die Idee, Theodor zu verheirathen, kann ihm nicht . 5* 68 in den Kopf gekommen ſein; er hat einen Abſcheu vor der Ehe für ſeinen Neffen, wie für ſich.“ „O! das iſt Thatſache,“ antwortete der Notar; „mein alter Patron, Meiſter Signoret, bei dem ich zehn Jahr gearbeitet habe, ehe ich ſeine Stelle kaufte, hat mir hundertmal erzählt, welche Mühe er ſich ge⸗ geben habe, noch zu Lebzeiten des Oberſts dieſen un⸗ verbeſſerlichen Hageſtolz zu verheirathen. Ich glaube, alle Fauberton haſſen das eheliche Band.“ „Um ſo ſchlimmer, Meiſter Chardacier, um ſo ſchlimmer für Sie, der Sie der Notar der Familie ſind,“ fiel ein kleiner magerer Mann ein, mit einem alten ſchwarzen Rock bekleidet, deſſen allzukurze Aermel zwei lange Hände von räuberiſchem Ausſehen ſicht⸗ bar werden ließen;„was für einen ſchönen Heiraths⸗ contract hätte es da zu machen gegeben... Als Notar würde ich mich begnügen, alle zwei oder drei Jahre einen ſolchen zu errichten.“ „Ja wohl, Meiſter Beaumoulin, das würde Ihrer Schreibſtube wieder aufhelfen!“ erwiderte der dicke Mann, indem er ſeine goldene Brille auf der Naſe zurecht ſetzte;„ich habe nicht ſo viel Chrgeiz.“ „Ich glaube es wohl, ſein Glück iſt gemacht,“ ſagte halblaut der mißgünſtige College. Dann ſagte er, einen Zlick über die Tafel wer⸗ fend, zu Madame Chapuſot: „Der kleine Signoret iſt bis in den Himmel ver⸗ zückt, aber Madame Signoret ſieht nicht aus, als ob ſie ſich ſehr unterhielte.“— „Das iſt eine ſehr unbedeutende Perſon,“ ant⸗ wortete geringſchätzig Madame Chapuſot., 69 „Sie muß ſehr ſchön geweſen ſein, das ſieht man noch.“ „Bah!“⸗antwortete Madame Chapuſot mitleidig; „ſie war eine alte Jungfer, als ſie ſich entſchloß, den kleinen Signoret zu heirathen, der gleichfalls nicht mehr jung war.“ „Hi! hi! es gibt alte Jungfern, welche nicht zu verſchmähen ſind,“ erwiderte Meiſter Beaumoulin, indem er die Augen unwillkürlich auf die älteſte der Fräulein Chapuſot richtete. Das Ausſehen des Speiſeſaals war prächtig; die mit Kerzen belaſteten Candelaber erleuchteten ihn a giorno; das Silber⸗ und Kriſtallgeſchirr erglänzte auf der Tafel, die mit Früchten und Obſt ganz be⸗ laden war. Gigantiſche Maſſen von Backwerk, Py⸗ ramiden von Leckereien kantonirten auf dem Tafel⸗ aufſatz und begleiteten andere ſolidere Gerichte, aus welchen das appetitliche Arom der Trüffel duftete. Im erſten Augenblick wandte ſich die Aufmerkſamkeit der Gäſte allen dieſen Unterſuchungen zu. Man be⸗ wunderte die gaſtronomiſchen Produkte, die an dem⸗ ſelben Tag mit einem Packwagen der Poſt aus der Hauptſtadt angelangt waren, das Silbergeſchirr, wel⸗ ches direkt von Paris kam, die Blumen, welche vor zwei Tagen in den Gärten von Genua, der Marmor⸗ ſtadt, gepflückt worden waren; aber als die erſte Bewegung der Neugierde vorüber, die erſten Stücke von dem Feſteſſen einmal angeſchnitten, die erſten Weine ſervirt waren, wandten ſich von Neuem alle Blicke nach Camilla. Man beobachtete ihre Phyſiog⸗ nomie und ihre Haltung und bemühte ſich, irgend ein Zeichen deſſen, was in ihrer Seele vorging, zu 70 erhaſchen. Offenbar hatte ſie ein Bewußtſein von der Empfinduug, welche ſie erregte, denn ſie ver⸗ ſchloß ſich plötzlich in ein Stillſchweigen und eine Zurückhaltung, welche Nichts errathen ließen. Ihre Blicke ſuchten Theodor nicht mehr; ſie unterdrückte die innere Bewegung, welche auf Augenblicke ihre Geſichtsfarbe mit einer zarten Röthe belebte, und lächelte mit geſenkter Stirne, indem ſie den liebens⸗ würdigen Reden von Cäſar Fauberton zuhörte. Zwei oder drei Mal erkühnte ſie ſich ſogar, ihm zu ant⸗ worten, und die neugierigen Leute, welche das Ohr offen hielten, hörten ſie rufen: „O ja! Herr Maire, dieſer Mandelkuchen ſchien mir vortrefflich.“ Und ein wenig nachher, als ſie es ablehnte, ein Glas Champagner zu trinken: „Danke, Herr Maire; man ſagt, daß dieſes gute weiße Weinchen in den Kopf ſteigt: ſehen Sie alle die Damen, wie ſie ſchwatzen, ſeitdem ſie davon ge⸗ trunken haben.“ „Ol ſie ſchwatzten auch ohne dieß!“ erwiderte Cäſar Fauberton. Am Ende des Soupers erhob ſich der dicke No⸗ tar, indem er einen Augenblick Stille begehrte, und ſprach dann, das Glas in der Hand, mit feierlichem Tone: „Auf die Geſundheit unſeres Amphitryon! Er lebe lange Jahre zum Ruhm ſeiner Vaterſtadt und zum Glück ſeiner zahlreichen Freunde!“ 3 „Es lebe unſer Amphitryon!“ widerholten im Chor die Gäſte. 71 M. Fauberton erhob ſich ſeinerſeits, nachdem er ſein Glas gefüllt hatte. „Ich trinke auf das Wohl der Damen!“ ſagte er galant,„auf's Wohl der Damen, welche das Leben verſchönern.“ „Bravo! Bravo!“ rief man von allen Seiten; „es lebe der Herr Maire!“ Der Steuereinnehmer zog ein Stück Papier aus der Taſche und ſagte Madame Chapuſot in's Ohr: „Ich glaube, es iſt jetzt an der Zeit, meine klei⸗ nen Verſe zu leſen...“ „Verſe, Cäſar Fauberton zu Ehren! Das wäre eine Niederträchtigkeit,“ ſagte ſie unwillig;„ſchau um Dich, was vorgeht, und bedenke, daß Du vier Töchter zu verheirathen haſt.“ „Du gibſt alſo zu, daß die Dynaſtie Fauber⸗ ton jetzt einige Ausſicht hat, ſich in gerader Linie fortzupflanzen?“ ſagte der Steuereinnehmer, indem er ſeine Verſe wieder in die Taſche ſteckte. Um zwei Uhr nach Mitternacht war man noch an der Tafel und die feinen Weine hatten nicht auf⸗ gehört zu cirkuliren; aber die ungeduldigen und aus⸗ geruhten Tänzer ſchlugen den Takt mit den Füßen, das Orcheſter präludirte in dem Ballſaale und die Bouillote⸗Spieler gähnten vor Ungeduld. M. Fauberton ſtand endlich auf, dießmal bot er den rechten Arm Madame Signoret, den linken Camilla und führte ſie ſo triumphirend in den Salon. Madame Hermance folgte mit M. Signoret, und der Reſt der Gäſte kam paarweiſe nach ihnen. „Es iſt fertig, die Heirath iſt entſchieden!“ ſagte M. Chapuſot zu ſeiner Frau.. 72 „Nein, nein, noch nicht;“ erwiderte ſie;„Ma⸗ dame Signoret würde ein anderes Geſicht machen.“ „Sie ſcheint ſehr ermüdet,“ bemerkte der Steuer⸗ einnehmer;„es iſt hier ſchrecklich heiß, und eben hat es halb drei Uhr geſchlagen.“ Madame Signoret hatte ihren Platz wieder einge⸗ nommen, und die Arme auf ihren Seſſel geſtützt, in ſich ſelbſt zuſammengeſunken, folgte ſie mechaniſch mit den Augen der ſchönen Camilla, welche zum dritten Mal mit ihrem Liebhaber tanzte. Seit dem Anfang des Abends duldete die arme Frau eine Qual, welche über ihre Kräfte ging. Trotz ihrer Selbſtverleug⸗ nung konnte ſie doch ohne inneres Beben nicht die Gegenwart deſſen ertragen, welcher ſie ihr Leben lang zu der tödtlichen Marter verurtheilt hatte, in ihren eigenen Augen erröthen zu müſſen. Es war eine ſtolze, zarte Seele, welche es nicht dahin bringen konnte, ihre geheime Demüthigung zu vergeſſen, und welche Nichts zu tröſten vermochte, nicht einmal das Glück ihrer Tochter. Gegen drei Uhr entfernte ſich ein Theil der Ein⸗ geladenen; aber die Tänze dauerten ohne eine Leere in den Quadrillen fort: es war jetzt die Reihe an den Damen von einer gewiſſen Häßlichkeit, und an den ältern Fräulein. Man organiſirte die Quadrille der Najaden, und da es an Cavalieren fehlte, mußte ſelbſt Scipio Signoret mit der älteſten der Demoi⸗ ſelles Chapuſot antreten. Die Neuangeworbenen hatten ein Feuer, welches dem Ball eine Fortdauer bis zu Tagesanbruch verſprach. 5 „Theure Geliebte,“ ſprach Theodor, indem er Camilla an ihren Platz zurückführte,„wir können ————— 1 73 noch einen Contretanz mit einander machen: dieſe glückliche Nacht nimmt noch kein Ende.“ „Jetzt muß ich noch mit Ihrem Onkel tanzen,“ ſagte ſie, ihm die Hand drückend. Ein Wenig nachher ſetzte ſich Madame Hermance neben Madame Signoret und ſprach mit Abſicht: „Wenn Fräulein Dorothee hier wäre, würde ſie gewiß ſich freuen; dieſe vortreffliche Seele nimmt vielen Antheil an meines Sohnes Glück.“ „Ich weiß es, Madame,“ erwiderte einfach Ca⸗ milla's Mutter. Bis jetzt hatte ſie mit unruhigem Mißtrauen die Zeichen des Wohlwollens geſehen, womit Cäſar Fauberton ihre Tochter überhäufte; ſie machte ſich Sorgen darüber, daß dieſer alte Junge, ſelbſtſüchtig und launenhaft, der ſouveraine Richter über Camilla's Schickſal war. Die Worte von Madame Hermance verurſachten ihr eine mit Bitterkeit gemiſchte Freude: ſie ſah mit einem Blick eine Verbindung, Triumph, Wohlſtand, Dinge, die ſie nie zu träumen gewagt hatte, und ihre eigene Ruhe zerſtört durch die Noth⸗ wendigkeit, ſich alle Tage dem gegenüber zu befinden, deſſen Verrath ihr Leben mit Scham und Schmerz erfüllt hatte. Dieſe moraliſche Erſchütterung überſtieg ihre Kräfte; ſie wurde äußerſt blaß, und indem ſie ſich einer Ohnmacht nahe fühlte, ſagte ſie zu Madame Hermance mit einem ſchwachen Lächeln: „Mir ſchwindelt; es kommt mir vor, als ſollte ich ohnmächtig werden...“ „Das rührt von der Hitze, dem Duft der Blumen her!“ rief die gute Frau, indem ſie aufſtand und ihr 74 den Arm reichte;„kommen Sie, gehen wir fort von hier... Sie bedürfen der freien Luft...“ Der Contretanz war aus; Camilla kam zu ihrer Mutter zurück und fragte ſie ängſtlich. „Es iſt Nichts,“ ſagte die arme Frau;„ich fühle mich bereits beſſer...“ „Die Hitze verurſacht Ihnen das Uebelbefinden,“ nahm Madame Hermance wieder das Wort;„treten wir einen Augenblick bei mir ein, das wird Ihnen zur Erholung gereichen...“ „Komm, meine Tochter,“ ſagte Madame Signoret, Camilla's Hand nehmend. Theodor folgte, nachdem er ſeinem Onkel, der eben von der Runde an den Spieltiſchen zurück kam, haſtig geſagt hatte: „Madame Signoret iſt übel geworden... Be⸗ mühen wir uns, daß dadurch nicht dem Feſte ein plötzliches Ende gemacht wird.“ „Laß ſie ausruhen, aber nur daß ſie ihre Tochter nicht bei ſich behält,“ antwortete Onkel Cäſar lebhaft. Die Wohnung von Madame Hermance war durch die lange Gallerie, welche einſt Oberſt Fauberton zur Winter⸗Promenade gedient hatte, von dem großen Salon getrennt. Letztere war in eine prächtige Orangerie umgewandelt worden, angefüllt mit exoti⸗ ſchen Bäumen und ſeltenen Pflanzen, und man konnte daſelbſt unter einer Allee von Pomeranzenbäumen, die zu einer Laube geſchnitten waren, auf und ab⸗ gehen. Im Nittelpunkt der Gallerie und an die ganz mit Schlingpflanzen bedeckte Mauer gelehnt, be⸗ fand ſich eine Fontaine, geſchmückt mit Muſcheln, aus welchen das Waſſer in kleinen Caſcaden ſich 7⁵ über Miniature⸗Felſen ergoß und ein halbrundes Baſſin ſpeiste, das mit Waſſerpflanzen eingefaßt war. Eine ländliche Bank befand ſich der Fontaine gegen⸗ über, und der Boden war überall mit feinem Sand, ſo trocken und weich unter den Füßen, wie ein tür⸗ kiſcher Teppich, bedeckt. Das Ende der Gallerie lief in einen Halbkreis aus und bildete einen kleinen Sa⸗ lon von lachendſtem Ausſehen. Ein Epheu bedeckte das Getäfel mit einer natürlichen Tapete und ver⸗ längerte ſeine geſchmeidigen Zweige bis zum Plafond, der in naivem Styl gemalt, die Attribute des Mars darſtellte. Dieſes Kunſtwerk war unter Eingebung des Oberſts ausgeführt worden und man hatte es aus Achtung für ſein Andenken beſtehen laſſen. Die Möblirung des Salons beſtand aus einem Guéridon, einem großen Seſſel und einigen Stühlen; ein großer Vorhang von rothem Brocatell bedeckte die Thüre, welche nach der Wohnung von Madame Hermance ging und eröffnete ſo die Ausſicht bis in den Hinter⸗ grund einer Art Allee, welche der ganzen Länge der Gallerie nach die Pomeranzen⸗ und Citronenbäume bildeten. Dieſe Nacht erzeugten unter dem Laubwerk verborgene Lampen ein bläuliches und transparentes Mondlicht; alle Schattirungen floſſen in dieſer zarten Dämmerung zuſammen, außer das reine Weiß und dunkle Grün der Blüthen und Blätter der Pomeran⸗ zenbäume. Auf der Schwelle der Gallerie angekommen, machte Madame Signoret Halt. „Ich fühle mich beſſer,“ wiederholte ſie,„bleiben wir.“ Aber Madame Hermance drängte ſanft. „Wir wollen uns einen Augenblick da unten, am Ende der Gallerie, ſetzen,“ ſagte ſie;„ich habe dort einen kleinen Salon eingerichtet, wo ich die beſten Stunden meines Tages zubringe; ich will Ihnen denſelben zeigen.“„ Sie ſteckte den Arm von Madame Signoret unter den ihrigen; die beiden Liebenden folgten einige Schritte entfernt. Sie wagten nicht zu ſprechen, aber ihre Hände waren ſich begegnet. Theodor drückte die kleine Hand, welche in der ſeinigen zitterte, an ſein Herz, dann preßte er mit ſtillem Entzücken ſeine Lippen darauf. Camilla warf ihm einen trunkenen Blick zu, dann machte ſie ſich ſogleich los und ſchloß ſich ihrer Mutter an, welche ſich mit den Worten umwandte: „Biſt Du da, meine Tochter?“ Man trat in den kleinen Salon, und Madame Hermance beeilte ſich, Madame Signoret in dem Seſſel Platz nehmen zu laſſen. „Wie iſt Ihnen jetzt, theure Madame?“ fragte ſie liebevoll. „Beinahe wieder gut,“ antwortete ſie;„allein ich fühle noch ein wenig Beklemmung und Schwäche.“ „Das wird vorübergehen, ſobald Du ein wenig ausgeruht haſt,“ fiel Camilla ein.„Willſt Du, daß ich dem Vater etwas ſage, damit er zu Hauſe Dein Melliſſenwaſſer hole?“ „Danke, mein Kind, ich werde bei der Rückkehr einige Tropfen nehmen.“ 3 „Aber wir gehen doch noch nicht!“ rief Camilla mit dem naiven und grauſamen Egoismus von Kindern und Verliebten. 77 „Ol liebe Mama, ſprich, was willſt Du? Was ſoll geſchehen, um Dir Erleichterung zu verſchaffen?“ „Es iſt ein nervöſes Uebel,“ ſprach nun Madame Hermance,„ich kenne das. Theodor, geh' ſchnell und bitte Marcelle, mir meine Hoffmann'ſchen Tropfen zu bringen.“ Theodor verſchwand hinter dem Thürvorhang und kam beinahe ſogleich wieder mit einem Mädchen, welches auf einer ſilbernen Platte Zucker und einen Flacon Aether brachte. „Das iſt ein ſouveränes Mittel,“ nahm Madame Hermance wieder das Wort, indem ſie Madame Sig⸗ noret ihr kleines Präparat reichte. Marcelle hatte die Platte auf den Guéridon ge⸗ ſtellt und blieb mit niedergeſchlagenen Augen ſtehen. Es war ein Mädchen von etwa zwanzig Jahren, mit einer ausnehmend ſanften und zurückhaltenden Phyſiognomie. Sie war ohne irgend etwas Geſuchtes wie eine kleine Arbeiterin gekleidet und ihr Geſicht ſtand in Harmonie mit dieſem einfachen Coſtume. Sie hatte weder Schönheit noch Friſche; ihr Teint war blaß und ihre Formen ſchwächlich bis zur Ma⸗ gerkeit. Madame Signoret und ihre Tochter kannten ſie vom Sehen und wußten, wie alle Welt, daß ſie im Hotel Fauberton wohnte, wo ſie etwa die Dienſte eines Kammermädchens verſah, ohne jedoch mit den übrigen Domeſtiken in eine Claſſe geworfen zu werden. So trat auch Camilla ohne Verlegenheit auf ſie zu und ſagte zu ihr mit leiſer Stimme: „Mademoiſelle, ich hätte wohl Luſt, Sie um einen kleinen Dienſt zu bitten; ſehen Sie, was mir begeg⸗ net iſt...“ —— 78 Und ſie ein Wenig bei Seite führend, breitete ſie ihr Gazekleid aus und zeigte ihr einen Riß, der vom Gürtel bis zum Saume ging.„Ich habe ver⸗ ſucht, es mit Nadeln zurecht zu machen; aber ſie halten nicht,“ ſetzte ſie mit einem Seußzer hinzu. „Wollten Sie die Gefälligkeit haben, einige Stiche hier zu thun, ſo wäre ich Ihnen ſehr verbunden.“ „Das wird im Augenblick geſchehen ſein,“ ant⸗ wortete Marcelle, auf die Thüre zugehend;„kommen Sie, Mademoiſelle.“ Sie traten in ein an die Gallerie ſtoßendes Ge⸗ mach. Es war eine Art Cabinet, wo Marcelle ſich gewöhnlich aufhielt. Die Arbeit, die ſie eben ver⸗ laſſen hatte, lag auf ihrem Nähtiſchchen neben einer Lampe, deren Oel faſt erſchöpft war. Camilla hob einen ihrer Arme, um ihr den beträchtlichen Schaden zu zeigen, den ſie vor Kurzem an ihrer Toilette ent⸗ deckt hatte. Dieſe Haltung deutete den Umriß ihrer eleganten Taille an und entdeckte das reine Oval ihres Geſichtes, indem ſie dadurch genöthigt wurde, die langen, halb aufgelösten Locken ihres blonden Haares zurückzuſchlagen: ſie war ſo von wunderbarer Schönheit. Marcelle betrachtete ſie einen Moment mit feſtem Blick; dann nahm ſie ihre Nadel und ſagte mit der beſcheidenen und ruhigen Miene, welche an ihr ge⸗ wöhnlich war: 3 „Drehen Sie ſich gefälligſt um, Mademoiſelle.“ Und ſie ging ſogleich an's Werk, das leichte Ge⸗ webe auszubeſſern, welchem Tante Dorothee wohl den Glanz, die Weiße, aber nicht eine gewiſſe Soli⸗ dität zurückzugeben vermocht hatte. Während ſie die — ——— Gazewogen wieder geſchickt zu Faden ſchlug; warf Camilla einen Blick auf den Tiſch und ſagte mit einem leichten Accent des Mitleids: „Sie haben dieſe Nacht gearbeitet?“ „Was hatte ich Beſſeres zu thun?“ antwortete das Mädchen. „Sie hätten ſich an den Eingang der Salons ſtellen ſollen; Sie hätten den Ball mit angeſehen... er iſt ſo ſchön.“ Und da Marcelle dießmal keine Antwort gab, ſetzte ſie hinzu: 3 „Sie ſind alſo nicht neugierig? Eil wenn ich an Ihrem Platze wäre, ich bekäme das Fieber; anſtatt mich ruhig hier zu halten, wäre ich überall herum⸗ gegangen, hätte Alles ſehen wollen.“ „Ich habe es geſehen!“ antwortete Marcelle dumpf. „Iſt es ſchon lange her, daß Sie bei Madame Hermance ſind?“ fragte Camilla weiter. „Beinahe fünfzehn Jahre.“ „Dann ſind Sie immer glücklich geweſen. Wo hätten Sie auch beſſer als in dieſem Hauſe ſein können, bei Madame Hermance, welche ſo gut iſt, bei Herrn Fauberton, bei Herrn Theodor?“... Sie hatte nur, um dieſen Namen auszuſprechen, die Unterredung angefangen; jetzt ſchwieg ſie plötzlich und erröthete, durch ihre eigenen Worte verwirrt. Marcelle war niedergekniet, um ihr Geſchäft zu verrichten und arbeitete mit geſenktem Kopf. Nach einer Minute Stillſchweigen fuhr Camilla wieder fort, ihren Gedanken laut verfolgend: „Sie werden immer in der Familie bleiben, nicht wahr?“ 80 „Ach vielleicht,“ murmelte das Mädchen. Und aufſtehend, nachdem ſie Camilla's Kleid wieder in gehörige Falten gelegt hatte, ſprach ſie:„Ich bin fertig, Mademoiſelle, Sie können auf den Ball zu⸗ rückkehren.“ Dieſen Augenblick ſchlug eine Standuhr im näch⸗ ſten Zimmer Vier. „Schon!“ rief Camilla zuſammenfahrend;„wie dieſe Nacht ſo kurz geweſen iſt!“ „Kurz für Sie!“ ſagte Marcelle mit einem er⸗ ſtickten Seufzer und ihr mit dem Blick folgend, wäh⸗ rend ſie ſich eilig entfernte, nachdem ſie ihr mit einer Miene freundſchaftlicher Superiorität gedankt hatte. Bei der Rückkehr in die Gallerie fand Camilla Madame Hermance und ihre Mutter neben einander ſitzend und gleich alten Freundinnen mit einander ſchwatzend. Sie waren allein; Theodor hatte ſich wieder in den Saal begeben.„Er wird zurückkom⸗ men!“ dachte Camilla. Sie ſetzte ſich erſchöpft, aber mit fröhlichem Geſicht neben ihre Mutter. Dieſe fuhr ihr mit der Hand über die Stirne, mit einer Bewegung von Bekümmerniß. „Du biſt ermüdet,“ ſprach ſie zu ihr;„Du mußt noch ein wenig hier ausruhen.“ „Iſt es hier nicht gut?“ ſetzte Madame Hermance hinzu;„man verſengt ſich die Augen nicht von dem Lichte der Kronleuchter, und dieſer leichte Ton von der fernen Muſik iſt dem Ohr angenehm.“ Camilla athmete tief auf, als wollte ſie die an⸗ enehme Friſche, womit die Atmoſphäre verſetzt war, is in ihr Herz eindringen laſſen; dann verließ ſie —.— 81 ihren Platz und ſetzte ſich etwas entfernter hin, die Augen nach der Thüre der Gallerie gewendet. „Sie können nicht an einem Platze bleiben, liebes Kind,“ ſagte lächelnd die gute Madame Hermance zu ihr;„machen Sie einen Gang durch die Orangerie, dann wird Ihre Mama Sie auf den Ball zurückführen.“ Camilla beeilte ſich, von dieſer Erlaubniß Gebrauch zu machen, und begann die Allee zu durchwandern; ſie war ſo glücklich in dieſem Augenblick, ihre Seele, trunken von Liebe, hatte ein ſolches Bedürfniß nach Ausdehnung, daß ſie im Gehen ganz leiſe den Blu⸗ men, den Blättern, dem murmelnden Waſſer, der in ſanften Schimmer gebadeten Luft wiederholte: „Ich liebe, ich liebe!... ich werde geliebt. Theodor iſt mein Geliebrer...“ Madame Hermance und ihre Mutter folgten ihr mit den Augen, die eine an das Glück ihres Sohnes denkend, die andere ein wenig beruhigter durch die Hoffnungen, welche ſie für die Zukunft ihrer Tochter faßte. Beide hatten ſo lang gezittert, die erſte, daß Theodor wie ſeine Vorgänger leben und ſterben ſollte, die zweite, daß Camilla ihre Schönheit in der Langen⸗ weile des eheloſen Standes, oder in den armſeligen Sorgen des niedrigſten Haushaltes verwelken ſehen würde. „Da kommt Jemand,“ ſagte plötzlich Madame Signoret, nach einem Schatten deutend, der aus den vergitterten Mauerwänden, einige Schritte von Ca⸗ milla, hervorzutreten ſchien. „Es iſt Herr Fauberton,“ antwortete Madame Hermance ruhig:„ohne Zweifel ſucht er uns.“ Er war es wirklich; er war durch eine Seiten⸗ Reybaud, Onkel Cäſar. 6 82 thür eingetreten und näherte ſich auf den Zehenſpitzen. Camilla ſtieß bei ſeinem Anblick einen kleinen Schrei aus. „Ach! Herr Maire, Sie haben mich erſchreckt!“ ſagte ſie,„ich ſah Sie nicht kommen.“ „Ich wußte, daß Sie hier waren,“ antwortete er,„und wollte Sie in meinem Wintergarten herum⸗ führen. Werden Sie mir die Gunſt erweiſen, meinen Arm anzunehmen?“ „Sehr gern,“ ſagte ſie, ihre reizende Hand auf den Aermel des galanten Junggeſellen legend. Sie machten einige Schritte zwiſchen den Pome⸗ ranzenbäumen, und im Gehen pflückte M. Fauberton kleine blühende Zweige, welche er Camilla darbot; als ſi ein Bouquet davon hatte, ſagte er lächelnd zu ihr: „Jetzt, ſchöne Camilla, nehmen Sie dieſen länd⸗ lichen Strauß von der Bruſt und erſetzen Sie ihn durch die Orangeblüthen.“ „Aber dieß iſt ein Bouquet für eine Braut!“ flüſterte ſie erröthend. „Eben deßwegen biete ich es Ihnen,“ antwortete Cäſar Fauberton. Das unſchuldige Mädchen war nahe daran, ſich ihm in die Arme zu werfen, indem ſie ihn ihren zweiten Vater nannte; aber ſie unter⸗ drückte dieſe Regung von Dankbarkeit, und drückte ihm, ohne ein Wort zu ſagen, zärtlich die Hand. Der ſchöne Cäſar war über dieſe ſtumme Gunſt⸗ bezeugung keineswegs erſtaunt; er richtete ſich mit, Siegermiene in die Höhe, mit der Miene, welche er zur Zeit ſeiner ſchönſten Eroberungen gehabt hatte, und führte Camilla weiter, indem er ihr Abgeſchmackt⸗ „— 83 heiten ſagte und ſeine ſeltenen Pflanzen zeigte. So langten ſie wieder bei der Fontaine an. „Setzen wir uns einen Augenblick,“ ſagte M. Fauberton, einen Blick um ſich werfend;„ich habe dieſe Perſpective gerne. Sehen Sie die ſchöne Wir⸗ kung, welche dieſe großen Perlmuttermuſcheln oben an der Fontaine hervorbringen; ſie haben Lichtreflexe wie die Edelſteine!“ „Das Alles iſt ſo ſchön, daß ich ganz davon ge⸗ blendet bin!“ antwortete ihm Camilla;„ach! Herr Maire, Sie leben in einem Paradieſe!“ „Stellen Sie ſich einen Augenblick vor, daß dieſes Paradies Ihnen gehört,“ ſprach er lächelnd und ſetzte, plötzlich entſchieden, ſich zu erklären, hinzu:„Verſtehen Sie mich, reizende Camilla?“ „Ich verſtehe, daß Sie mein Glück wollen,“ antwortete ſie ihm bis zu Thränen gerührt. Er betrachtete ſie einen Augenblick, entzückt von dieſer offen eingeſtandenen Verwirrung, und nahm dann wieder mit einer zweifelnden Miene, die nicht aufrichtig war, das Wort: „Aber werden Sie den lieben, welcher ſein Herz und ſein Vermögen Ihnen zu Füßen legt?“ „Ich liebe ihn ſchon!“ antwortete ſie naiv. „Wirklich wahr, meine anbetungswürdige Camilla?“ rief Cäſar Fauberton, mehr entzückt als überraſcht von dieſem Geſtändniß, und ſeine großen vorſtehenden Augen mit leidenſchaftlicher Miene rollend.„Ach! ich bitte, wiederholen Sie dieſes reizende Wort!“ „Ich liebe ihn,“ wiederholte Camilla gehorſam, zich liebe ihn, und er liebt mich auch ſchon lang, ſeit einem halben Jahr..“ bü 1 6* 84 „Ah!“ rief Cäſar Fauberton, wie von einem plötzlichen Lichtſtrahl getroffen;„erzählen Sie mir das.“ „Sie wiſſen ſchon Alles; Sie haben Alles er⸗ rathen,“ antwortete ſie vertrauensvoll.„Ich glaubte, unſere Liebe wäre ein Geheimniß!... Theodor hatte ſich nicht erklären können; erſt dieſen Abend haben wir uns zum erſten Mal geſprochen. Bis jetzt hatten wir keine Hoffnung; aber Sie haben ſich ſo gut gezeigt, daß Theodor Muth gefaßt hat. Mor⸗ gen wird er Ihnen ſeine Gefühle entdecken... er wird Sie um Ihre Einwilligung zu unſerer Heirath bitten... Ich weiß wohl, daß wir ſie ſchon haben. Ach! wenn Sie wüßten, wie dankbar wir ſein werden, wie wir Sie glücklich machen werden! Sie würden ſich niemals mehr ſo langweilen, ganz allein und verlaſſen wie die alten Leute; wir werden immer da ſein, um Sie zu zerſtreuen und zu unterhalten. Es wird unſere Aufgabe ſein, da wir jung ſind, das Haus zu erheitern. Daheim bei Ihnen wird es im⸗ mer feſtlich ſein; wir werden Sie mit kleinen Auf⸗ merkſamkeiten umgeben; wir werden nur eine einzige Familie ausmachen!... Mein Vater, der ein ſo ehrlicher Mann, Mama, die ſo gut iſt, werden Sie von ganzem Herzen lieben! Meine kleinen Schweſtern werden Ihnen Pantoffeln ſticken. Gehen Sie, Sie werden gar nicht bemerken, daß Sie alt werden; Sie werden ſo ruhig ſich befinden, ſo fröhlich, ſo glücklich, daß Sie über hundern Jahre leben!...“* Während ſie ſo, von der Situation und dem natürlichen Ungeſtüm ihres Charakters fortgeriſſen, ſprach, wandte Cäſar Fauberton, bleich, unbeweglich, außer ſich, die Augen ab und zerriß mechaniſch ſein Batiſt⸗Taſchentuch. Ein innerer Schauder durchlief ſeinen ganzen Körper, er zitterte unmerklich und der Schweiß trat ihm auf die Stirne; aber das unbe⸗ ſtimmte Licht, welches durch das Laubwerk ſich brach, verbarg die Bläſſe und Veränderung ſeiner Züge. Camilla gewahrte die ſchreckliche Wirkung, welche ihre Worte hervorgebracht hatten, nicht, und als ſie zu Ende war, beugte ſie ſich mit einer Geberde von Unterwürfigkeit, töchterlicher Zärtlichkeit vor, wie um eine Antwort zu bitten. Der ſchöne Cäſar drehte ſich ungeſtüm zu ihr um, faßte ihre beiden Hände, küßte ſie mit einer Art von Wuth auf die Stirne und ſprach mit er⸗ ſtickter Stimme: 18s iſt gut... ſuchen Sie Ihre Mama wieder auf. Sie gehorchte ein Wenig erſtaunt, aber die heftige Aufregung, worin er ſich befand, nicht ahnend. Ihre Unterhaltung hatte nur eine Viertelſtunde gedauert. Als ſie zurückkam, ſagte Madame Hermance mit einem Blick auf ihr Orangeblüthen⸗Bouquet: „Eil liebes Kind, wie ſind Sie geſchmückt!“... „Der Herr Maire hat mich ſo herausgeputzt,“ ſagte ſie lächelnd, indem ſie ſich ihrer Mutter zu Füßen ſetzte. M. Fauberton war in den Balſſaal zurückgekehrt. Man tanzte la Boulangdre, und Scipio Signoret führte die Ronde. Theodor, wider ſeinen Willen hineingezogen, ſchwenkte ſeine Tänzerin im Kreiſe herum, während er mit zuckender Ungeduld nach der Gallerie ſchaute. Die Spieler hatten Boſton und Bouillotte aufgegeben, um eine Partie Landsknecht zu machen. Cäſar Fauberton ſchritt raſch durch den Ballſaal. Auf der Schwelle ſeines Zimmers begeg⸗ net er Meiſter Beaumoulin und Herrn Chapuſot. Der letztere, betroffen von ſeiner Bläſſe, hielt ihn an, indem er ſagte: „Sollten Sie unwohl ſein, Herr Maire? Sie ſcheinen leidend.“ „Es iſt Nichts,“ antwortete er,„ich fühle mich nur ein Wenig unbehaglich.... meine Nerven ſind gereizt.“ „Eil! ei! werther Sybarite, es iſt die Falte im Roſenblatt!“ rief der Steuereinnehmer, bei Seite tretend, um ihn vorbei gehen zu laſſen. Der Ball dauerte fort. Scipio Signoret und die älteſte der Fräulein Chapuſot hielten ſich gut an der Spitze der Boulangère, aber ſie zogen nur ein halbes Dutzend athemloſer Paare nach ſich; die ſchläf⸗ rigen Muſiker kratzten mechaniſch die populäre Ronde herunter, und die Kerzen erloſchen, indem ſie ihre Einſetzdillen zum Zerſpringen brachten. Theodor war es gelungen, zu entwiſchen; er hatte ſich wieder in den kleinen Salon begeben. Eine Viertelſtunde ſpäter kam Cäſar Fauberton wieder zum Vorſchein und machte einen Gang durch den Ballſaal. Er ſchwatzte einen Augenblick in einer Fenſtervertiefung mit Madame Beaumoulin, und ging dann auf die Thüre zu, um ſich von der Familie Chapuſot und der Familie Signoret, welche gerade abgingen, zu verabſchieden. Camilla hätte ihm gern die Hand gegeben, aber wagte es nicht, weil Madame Chapuſot ſie mit ſardoniſchem Lächeln betrachtete. 87 Der Tag war im Anbrechen, als die Thüre des Hotels Fauberton ſich hinter M. Signoret, der zuletzt herausging, verſchloß. Es war ſchlecht Wetter; der Himmel war düſter, ein feiner, eiſiger Regen näßte das Pflaſter, und die Wetterfahnen, die auf den Dächern knarrten, kündigten an, daß der Nordwind ſich erhob. „Nehmet den Schirm, Ihr ſeid dann beide ge⸗ ſchützt,“ ſagte M. Signoret, indem er den alten Rock zuknöpfte, der ihm als Ueberzieher diente, und die kleine Blendlaterne anzündete, die er in der Taſche hatte;„zum Glück habe ich mich vorgeſehen. Caspidieu! es iſt hier nicht ſo gut wie in den Salons des Herrn Maire. Gehen wir ſchnell, damit wir uns nicht den Schnupfen holen.“ Er marſchirte voraus, indem er das Auge der kleinen Laterne, deren kupferner Handgriff ihm die Finger erwärmte, auf die ſchlüpfrigen Steine des Pflaſters fallen ließ. Camilla und ihre Mutter folg⸗ ten, in ihre wollenen Chales gehüllt und ſich an ein⸗ ander drückend. „Du mußt in Deinem Gazekleid erfrieren, mein Kind,“ ſagte Madame Signoret unruhig. „Nein, Mama, es iſt mir nicht kalt,“ antwortete Camilla, nicht bemerkend, daß ſie ſchnatterte. Zum Glück war der Weg nicht lang. Bei der Heimkehr beeilte ſich Madame Signoret die Lampen ußinden, ſchob Camilla die Treppe hinauf und rief: „Halte Dich nicht auf. Es war Dir ſehr heiß beim Abgehen, und jetzt biſt Du wie Eis... wenn Du nur morgen nicht krank wirſt!“... 88 Camilla begab ſich folgſam nach ihrem kleinen Zimmer; aber anſtatt ſich niederzulegen, trat ſie vor ihren kleinen Spiegel und begann ihre Haare zu ordnen. Als ſie dieſelben hinaufgenommen hatte, erſetzte ſie ihren Epheukranz durch die Orangeblüthen und flüſterte, ſich ſelbſt zulächelnd, mit einem Ent⸗ zücken der Freude, der Zärtlichkeit und des Stolzes: „Ja, ſo werde ich bald ſein.... bald... an unſerem Hochzeittage!“... IV. Am andern Tag, präcis zwölf Uhr begaben ſich Madame Hermance und ihr Sohn nach ihrer Ge⸗ wohnheit in den Speiſeſaal, denn M. Fauberton war ein pünktlicher Mann, der ſein Mahl immer zu derſelben Stunde einnahm und nicht die mindeſte Zögerung ſeiner Perſon gegenüber geſtattete. Die Diener waren ſchon auf ihrem Poſten, die Serviette unter dem Arm und bereit zu ſerviren. Marcelle ging ab und zu, damit beſchäftigt, das ſchöne Silber⸗ geſchirr und prächtige Porcellan, das bei dem Souper ſigurirt hatte, zu ordnen und unter Verſchluß zu bringen. Nach einer Viertelſtunde Wartens ſagte Theodor zu ſeiner Mutter, welche in einer Fenſtervertiefung das Tagblatt las: „Der Onkel kommt nicht, das iſt zum Verwundern. Wo iſt Caſcarel?“ „Er hat ſich auch noch nicht gezeigt,“ antwortete 89 die gute Frau, ohne den Kopf zu drehen;„wahrſchein⸗ lich iſt er ſo ſpät aufgeſtanden, wie ſein Herr, oder hat er ſich wohl nicht gerührt, aus Furcht, ihn zu wecken.“ Caſcarel ſchlief in einem an M. Fauberton's Zimmer ſtoßenden, und mit demſelben Schlüſſel zu öff⸗ nenden Cabinet. Er allein war im Beſitz der Toi⸗ lettengeheimniſſe des alten Jungen und ihm be⸗ hülflich bei den kleinlichen Operationen, welche die Sorge für ſeine Perſon erforderte. Seine Geſchick⸗ lichkeit, ihn anzukleiden, war unvergleichlich; er legte ihm einen ſehr engen Halbſtiefel an, ohne ihn zum Schreien zu bringen, und er beſaß die Kunſt, ſeiner Taille immer einen Schein von Feinheit zu geben, ohne daß er ſich durch den Hoſenbund beläſtigt fühlte. Gewöhnlich brachte er den ganzen Morgen in dem Zimmer ſeines Herrn zu und ging ihm nur wenige Augenblicke voran, wenn man zum Frühſtück klingelte. „Man muß nachſehen, warum der Onkel nicht kommt,“ nahm Theodor wieder das Wort, indem er auf die Standuhr ſah, welche beinahe halb Eins wies;„ich will an ſeine Thüre klopfen.“ „Warte noch ein Wenig,“ antwortete Madame Hermance;„es iſt kein Grund, ſich zu beunruhigen: wäre M. Fauberton unpäßlich, ſo wäre Caſcarel gekommen, es uns anzuzeigen.“ Marcelle öffnete die Thüre des großen Salons, welcher vor dem Schlafzimmer lag, und horchte einen Augenblick. „Man hört Nichts,“ ſagte ſie;„aber es iſt nicht zu verwundern, es ſind überall doppelte Thürvorhänge, und die Wände ſind dick.“ 90 Beinahe in demſelben Augenblick erſchien Caſcarel und ſchritt durch den Salon wie ein Wirbelwind. Beim Eintritt in den Speiſeſaal rief er den Dienern zu: „Schnell hinunter, ihr... ſagt daſelbſt, man ſolle zwei weichgeſottene Eier und eine Cotelette richten. Dann ſetzt Ihr beides auf eine Platte und bringt es hieher, ſchnell, ſchnell... Marcelle, mein Kind, mache mir auf einem Teller einiges Obſt und Kuchen zurecht.“ 3 Nachdem er ſeine Befehle gegeben hatte, fiel er auf einen Stuhl, als ob ihm der Athem ausgegangen Kuäte und flüſterte, die Augen zum Himmel aufſchla⸗ gend: „Ach! Madame, ach! Monſieur Theodor, ich weiß nicht mehr, wo ich bin.... ich habe den Kopf verloren...“ „Erkläre Dich, um's Himmels willen!“ rief Theo⸗ dor,„iſt der Onkel krank?“ „Nein, dem Himmel ſei Dank! er verlangt, zu frühſtücken.“ „Iſt er etwa närriſch geworden?“ fragte Madame Hermance mit einem unbeſtimmten Schrecken. „Nein, nein, er urtheilt ſehr vernünftig; aber, großer Gott, welche Veränderung iſt mit ihm vorge⸗ gangen!“ 1 4 Caſcarel ſchlug ſich die beiden Hände vor die Augen, gleich einem Menſchen, welcher fürchtet, einer Verblendung zum Raub zu werden; dann ſprach er, ſeine Rede mit Seufzern und Ausrufungen miſchend: „Geſtern nach dem Ball kehrte Monſieur ſogleich in ſein Zimmer zurück, und wie gewöhnlich verſchloß 5* 2 91 ich die Thüre, nachdem ich den Riegel vorgeſchoben hatte. Darauf richtete ich die Nachttoilette. Sie kennen die ganze beſondere Sorgfalt, welche Monſieur auf ſeine Perſon verwendet. Ich reichte ihm alſo ſein mit Lau de Portugal parfumirtes Kopf⸗Foulardtuch und den kleinen Spiegel, vor welchem er ſich nach Gewohnheit fertig macht. Nun! jetzt wirft er, ohne ſich anzuſehen, ohne ein Wort zu reden, ſein Toupet in eine Ecke, nimmt ſeine falſchen Zähne heraus, trocknet ſich das Geſicht nachläſſig und ſorglos mit einer Toilettenſerviette ab, die ihm gerade unter die Hände kommt.— „Seit zwanzig Jahren bediene ich ihn, ich ſchmeichle mir, ſein Vertrauen zu beſitzen. Wohlan! Ich erkläre hiemit, noch niemals habe ich ihn etwas dergleichen thun ſehen! Im erſten Augenblick glaubte ich, es wäre Zerſtreuung, und kehrte ihm beſcheiden den Rücken zu, indem ich mir den Schein gab, als richte ich die Nachtlampe zu. Darauf legt er ſich zu Bette und fordert mich gleichfalls auf, ſchlafen zu gehen. Ich zog mich zurück, indem ich die Thüre des Cabi⸗ nets offen ließ. Monſieur hatte ſeine Kerze ausge⸗ löſcht; aber er ſchlief durchaus nicht, denn ich hörte, wie er jeden Augenblick aufſtand und ſein Fenſter öffnete, wie um friſche Luft zu ſchöpfen. Doch blieb er, als es heller Tag war, ruhig. Präcis eilf Uhr trat ich in ſein Zimmer. Er war wach und ſaß auf⸗ recht, die Hände über die Bettdecke ausgeſtreckt. Ich hätte beinahe einen Schrei ausgeſtoßen bei ſeinem Anblick: im Zeitraum von einigen Stunden war er um dreißig Jahre gealtert. „O Gott! Großer Gott! iſt es möglich!“ rief . —— 92 Madame Hermance, die Hände zum Himmel erhe⸗ bend. „Das iſt noch nicht Alles,“ nahm Caſcarel wieder, halb ſtöhnend und Thränen in den Augen, das Wort. „Ich öffnete den Vorhang, wie ich ſonſt zu thun pflegte, indem ich Monſieur ſagte, wie viel Uhr es ſei, und ihn fragte, welchen Rock er anziehen wolle. „„Ich habe Dir keine Befehle mehr wegen meiner Toilette zu geben,“ antwortete er mir; ‚ſchließe alle Schränke, alle Schubladen, und gib mir meinen Schlafrockl⸗ „Darnach ſtand er auf und begann kreuz und quer im Zimmer herum zu marſchiren; dann ſetzte er ſich an das Feuer in ſeinen großen Seſſel. Ich machte das Bett und ordnete das Zimmer; hernach, als ich zwölf Uhr ſchlagen hörte, wagte ich es, ihm zu ſagen: „Welche Schuhe oder Stiefel darf ich richten? Denn Monſieur wird gewiß nicht in Pantoffeln ſein Zimmer verlaſſen. 1 „Auch nicht mehr in Schuhen, mein armer Caſ⸗ carel,“ antwortete er mir.„Höre wohl, was ich Dir jetzt ſage, höre, ohne mich zu unterbrechen, ohne mir irgend eine Bemerkung zu machen. Ich bin gelang⸗ weilt von dem Weltleben, von Allem, was auf Erden exiſtirt. Ich habe mich entſchloſſen, von nun an jede Gelegenheit zu Luſt oder Bekümmerniß zu meiden, indem ich mit mir ſelbſt allein bleibe. Dieſes Zim⸗ mer iſt die Ruheſtätte, welche ich gewählt habe, und Niemand wird dieſelbe betreten außer Dir. Ich werde dieſe Thürſchwelle nicht mehr überſchreiten; ich will nicht mehr von dem, was um nich vorgeht, reden hören. Mag es in dem Hauſe Tod oder Heirath, —,— 1 93 Taufe oder Beerdigung geben; ich will es nicht wiſſen, und ich verbiete Dir, mich auch nur indirect davon in Kenntniß ſetzen zu wollen. Zur Beſorgung meiner Affairen habe ich Meiſter Chardacier; er wird ſie nicht in Gefahr kommen laſſen. Mein Einkommen werde ich durch Deine Hände in Empfang nehmen und nichts weiter zu thun haben, als meine Unter⸗ ſchrift unter die Quittungen zu ſetzen... „Jetzt kennſt Du meinen Entſchluß, meinen aus⸗ drücklichen Willen; es iſt darüber nichts weiter zu reden. Lege Holz in's Feuer und gib mir meinen Fußwärmer: es friert mich in die Füße.: „Ich war in ſo gänzlicher Verwirrung, daß ich ihm Nichts zu antworten wußte. Es kamen mir eine Menge Sachen in den Kopf, aber ich fürchtete mich, ihm ungehorſam zu ſein, indem ich fragte, wie es hinfort im Hauſe gehen, wie man die Haushaltung führen ſollte. Endlich entſchloß ich mich, ihm zu ſagen: wird Monſieur vielleicht eſſen?—„Ach ja! ich vergaß,“ antwortete er mir nachläſſig, das muß ein für alle Mal in Ordnung gebracht werden. Morgens bringſt Du mir zwei weichgeſottene Cier und eine Cotelette; Abends eine Suppe, ein gebra⸗ tenes Huhn und eine Schüſſel Gemüſe, mit ein Wenig Obſt zu meinem Deſſert... und dieß alle Tage des Jahrs, ohne Etwas daran unter irgend einem Vorwand zu ändern. Ich bin Willens, ebenſo ſehr meine Gewohnheiten zu ändern: keine Citelkeiten mehr, nichts Ausgeſuchtes, keine unnützen Sorgen mehr. Du wirſt mir einmal in der Woche den Bart abnehmen und Sonntags werde ich das Weiß⸗ zeug wechſeln. Jetzt hole mir mein Frühſtück.“ 94 Caſcarel unterbrach ſich bei dieſen Worten.„Das Frühſtück muß jetzt fertig ſein,“ rief er, nach der Klingel laufend.„Wenn man nur da unten die Cotelette nicht hat verbrennen laſſen!“... „Da iſt ſie,“ ſagte Marcelle, welche die Platte ſchon gerichtet hatte;„die Eier ſind auch da unter der Serviette. Nehmen Sie Alles ſchnell fort.“ Theodor und ſeine Mutter folgten Caſcarel bis in die Mitte des Salons.— „Wie!“ ſagte Madame Hermance weinend,„er hat nicht einmal den Namen ſeines Neffen ausge⸗ ſprochen... er trennt ſich auch von uns ohne Be⸗ dauern, ohne Beweggrund!... Aber es iſt unmög⸗ lich!... Nichts berechtigte zu der Vorausſetzung, daß er auf ein ſo außerordentliches, für uns ſo grauſames Vorhaben dachte!“ „Es iſt unbegreiflich!“ rief Theodor.„Er war dieſe Nacht ſo fröhlich, ſo glänzend!... Es kommt mir wie ein Anfall von Wahnwitz vor.... Es iſt unmöglich, daß mein Onkel auf ſeiner Idee beharrt!“ „Nun, ich weiß es nicht,“ antwortete der ehrliche Caſcarel.„Wenn er Etwas im Kopf hat, ſo iſt es aus: er ſteht nicht mehr davon ab... Ich will ihm unterdeſſen ſein Frühſtück bringen.“ Madame Hermance kehrte ſogleich mit ihrem Sohn nach ihrer Wohnung zurück. Beide waren in eine Art von Betäubung verſunken. „Ich will den Onkel aufſuchen,“ ſagte Theodor mit plötzlicher Entſchloſſenheit. 7 „Nein, nein, das iſt unnütz!“ antwortete traurig Madame Hermance.„Ich kenne ihn beſſer als Du; je mehr man verſucht, ihn von ſeiner Idee abzubrin⸗ — 1 9⁵ gen, deſto mehr wird er ſeinen Kopf darauf ſetzen. Ich habe ihn mit unglaublicher Feſtigkeit auf Ent⸗ ſchließungen, die von einer Laune dictirt waren, be⸗ harren ſehen. Wer weiß jetzt, welches der wahre Begweggrund iſt, der ihn antreibt, ſich plötzlich aus der Welt zurückzuziehen? Vielleicht iſt es eine Wunde, die ſeiner Eigenliebe geſchlagen wurde, irgend ein ſatyriſches Wort auf ſeine Perſon, das er zufällig gehört haben wird.“ „Es hat nicht den Anſchein davon,“ antwortete Theodor.„Die ganze Nacht hindurch war er von einer Lebhaftigkeit und Munterkeit, welche Jedermann auffiel. Er hat mehre Contretänze gemacht, und als der Ball beinahe zu Ende war, ſprach er noch davon, die Thüren ſchließen zu laſſen, um ſeine Gäſte bis zu Tagesanbruch zurückzuhalten.“ „Ich habe ihn, ſo zu ſagen, nicht aus dem Ge⸗ ſicht verloren,“ fuhr Madame Hermance fort, indem ſie ihre Erinnerungen noch einmal durchging.„Wäh⸗ rend man la Boulangdre tanzte, kam er in die Orangerie und ging dort einen Augenblick mit Fräu⸗ lein Signoret auf und ab; darauf kehrte er in den Ballſaal zurück und, als Alles fortging, war er noch unter der Salonthüre, um ſich als Wirth von ſeinen Gäſten zu verabſchieden. Beinahe gleich darauf habe ich mich zurückgezogen und ein wenig ſpäter biſt auch Du auf Dein Zimmer gegangen. Wo war er da⸗ mals? Hat er Etwas gehört, wovon wir Nichts wiſſen? Iſt noch Jemand da geweſen, der mit ihm hätte ſprechen können?“ 1 „Nein, Madame,“ antwortete Marcelle, welche ganz bewegt und niedergeſchlagen ſich in der Ferne 96 hielt.„Nach dem Ball hat Monſieur mit keiner lebenden Seele mehr geſprochen. Als Alles den Saal, wo man tanzte, verlaſſen hatte, wollte ich nachſehen, ob Caſcarel nicht vergeſſen habe, das Feuer in den Kaminen auszulöſchen. Ich hörte Stim⸗ men auf der Treppe, die Stimme von Herrn Theo⸗ dor, der die Damen hinunter geleitete. Einen Au⸗ genblick nachher wurde die Thüre des Hotels geſchloſ⸗ ſen, und er ſtieg in ſein Zimmer hinauf. In dem⸗ ſelben Moment drehte ſich Monſieur, den ich nicht geſehen hatte, weil er in einer Fenſtervertiefung, das Geſicht an die Scheiben gedrückt, geſtanden war, um, indem er ſich die Hände rieb und ganz laut und mit einer Art hellen Gelächters ſagte:„He! he! es iſt aus!... Ich fürchtete mich; ſein Geſicht war bleifarbig und ganz verſtört, wie das eines Menſchen im Todeskampfe. Er ging hart an mir vorüber, ohne mich zu ſehen, ſo ganz war er außer ſich, und trat ſogleich in ſein Zimmer. Dann entfernte auch ich mich.“ „Du haſt mir Nichts davon geſagt,“ bemerkte Madame Hermance mit einem Ton des Vorwurfs. „Ich wagte es nicht,“ antwortete Marcelle, Thrä⸗ nen in den Augen;„den ganzen Morgen haben Sie insgeheim mit Herrn Theodor geſprochen, und Sie beide ſchienen ſo vergnügt...“ „Großer Gott! Was fehlt alſo Deinem Onkel?“ murmelte Madame Hermance, jetzt lebhaft erſchrocken. „Dießmal verſtehe ich ihn nicht.“ „Wir werden es entdecken,“ antwortete Theodor; „inzwiſchen darf das Publikum nichts von dem, was hier vorgeht, erfahren. Mutter, wenn Du meinem g7 Rathe folgen willſt, ſo wollen wir vermeiden, davon zu reden; wir werden einfach ſagen, daß der Onkel krank iſt und Niemand ſehen will.“ „Das kann zwei Tage dauern,“ ſagte die gute Frau mit einem Seufzer;„Nichts iſt ſo geheim, was in kleinen Städten nicht bald ruchbar wird.“ Sie täuſchte ſich nicht; ſchon am nächſten Tage redete man auf allen Kreuzwegen von dem Verſchwin⸗ den des Herrn Maire. Am Nachmittag kam Tante Dorothee mit bekümmertem Geſicht zu den Signoret. Madame Signoret befand ſich allein im Saale unten; Camilla hatte einen Vorwand ergriffen, in ihr Zim⸗ mer hinaufzugehen, und zum hundertſten Mal viel⸗ leicht ſeit zwei Tagen ſchaute ſie zwiſchen ihren Lev⸗ kojenſtöcken hinaus, ob Theodor nicht an der Ecke der Straße vorübergehe. „Ich bin ſehr unruhig,“ ſprach die alte Jungfrau, ſich ſetzend;„gewiß geht im Fauberton'ſchen Hauſe etwas Außerordentliches vor. Nach dem, was auf dem Ball geſchah, ließ ſich glauben, Herr Fauberton werde am nächſten Morgen hieher kommen, um die Hand Ihrer Tochter für ſeinen Neffen anzuhalten: das wäre auch ganz natürlich geweſen, nicht wahr? Nun, wer weiß jetzt, ob er jemals kommen wird? Seit dem Ball hat er ſich zu Hauſe eingeſchloſſen; Niemand hat ihn geſehen.“ „Das iſt unbegreiflich!“ murmelte Madame Sig⸗ lre⸗, indem ſie die Arbeit auf ihre Kniee fallen ieß. „Vorgeſtern hatte man bemerkt, ohne der Sache große Wichtigkeit beizulegen, daß er ſich nirgends zeigte; aber geſtern, als man wahrnahm, daß er Reybaud, Onkel Cäſar. 7 98 zwiſchen zwölf und ein Uhr nicht ausging, ſeine ge⸗ wöhnliche Promenade längs der Wälle zu machen, dachte man, er wäre abweſend oder krank, und Herr Chapuſot, der Herr Adjunkt und mehre andere Per⸗ ſonen erſchienen noch in dem Hotel, um ſich nach ſeinem Befinden zu erkundigen. Man hat ihnen die Ant⸗ wort gegeben, der Herr Maire ſei unpäßlich und empfange keine Perſon. Das hat einiges Erſtaunen verurſacht, beſonders da man weiß, daß der Doctor Gorgelaine, ſeit dreißig Jahren der Arzt des Hauſes, nicht gerufen worden war. Dieſen Morgen war man in ängſtlicher Erwartung; zwanzig Perſonen ſtanden auf der Promenade aufgepflanzt: Cäſar Fauberton iſt nicht ſichtbar geworden. Dann ging man zum zweiten Mal hin, Erkundigungen einzuziehen, und man erhielt dieſelbe Antwort. „Theodor bleibt auch in ſeinem Zimmer eingeſchloſ⸗ ſen; ſeit zwei Tagen trifft man ihn nirgends. Ich habe das Alles vor einer Stunde von Madame Chapuſot erfahren, die mich auf der Straße ge⸗ ſtellt hat. Die gute Frau machte Beſuche, um mit dieſen Neuigkeiten hauſiren zu gehen. Ich gab mir den Schein, als glaube ich, Cäſar Fauberton hüte das Bett wegen eines Schnupfens; aber in Wirklich⸗ keit bin ich der Meinung, daß dieſe Unpäßlichkeit eine Lüge iſt. Der ſchöne Cäſar iſt niemals krank gewe⸗ ſen, er kann es nicht ſein. Es iſt ein Eiſenkörper. Sobald ich mich von Madame Chapuſot losgemacht hatte, lief ich ſelbſt nach dem Hotel Fauberton, um Madame Hermance zu beſuchen. Die arme Frau war mit ihrem Sohn im Garten; beide gingen mit freundlicher, aber nicht ganz offener Miene auf mich 99 zu, und der junge Mann kam meinen Fragen zuvor. „Mein Ontkel iſt unpäßlich und hütet das Zimmer; ſagte er mir, wir ſehen ihn nicht, er duldet Nie⸗ mand als Caſcarel in ſeiner Nähe.— Das macht uns großen Kummer, ſetzte Madame Hermance hin⸗ zu; ‚aber wir hoffen, daß er bald wieder hergeſtellt ſein wird.—„Das iſt ein ſeltſamer Kranker,“ rief ich; ‚glaubt er etwa, ohne Arzneimittel und ohne Arzt geneſen zu können? Man nahm dieſes Wort nicht auf, und ich ſah deutlich, daß ein Geheimniß darunter ſteckt. Einen Augenblick nachher entfernte ich mich und bin nun hier.“ „Ol meine arme Camilla!“ murmelte Madame Signoret, welche halb ahnte, daß es um das glän⸗ zende Loos, welches ihre Tochter hoffte, bereits ge⸗ ſchehen war. „Wer weiß, was in Cäſar Fauberton's Geiſt vorgeht?“ fuhr Tante Dorothee fort.„Nach den Zeichen von Wohlwollen, womit er die Familie öf⸗ fentlich überhäuft hat, wie um Jedermann ſeine Ab⸗ ſichten zu erkennen zu geben, durfte er nicht ſo han⸗ deln. Ich kann nicht begreifen, daß er wegen eines Gehirnſchnupfens Ihnen kein Lebenszeichen gibt. Seine Stimmung hat ſich geändert, das iſt offenbar; aber warum? warum? man muß Camilla fragen; ſuchen wir ſie auf.“ Sie ſtiegen geräuſchlos die Treppe hinauf und hielten an, ehe ſie eintraten. „Sie ſchreibt,“ ſagte ganz leiſe Tante Dorothee, nachdem ſie durch das Schlüſſelloch geſchaut hatte. „Ohne meine Erlaubniß!“ ſprach Madame Sig⸗ noret, die Augen zum Himmel uhebend., 100 „Wir haben auch geſchrieben,“ antwortete die alte Jungfrau mit nachſichtiger Miene.„Laſſen wir ihr Zeit, das Papier zu verbergen.“ Einen Augenblick nachher traten ſie ein. „Guten Tag, mein Herzchen,“ ſagte Tante Doro⸗ thee, ihre Pathin umarmend.„Haſt Du dieſe Nacht nicht gut geſchlafen? Am Morgen nach dem Ball ſahſt Du ſo gut aus; heute finde ich Dich etwas blaß.“ „O! es iſt Nichts, ich bin durchaus nicht krank,“ antwortete Camilla erröthend, indem ſie ſich beeilte, die kleine halb zerbrochene Taſſe, welche ihr als Schreibzeug diente, zu verbergen. „Dieſes Bouquet erfüllt Dein Zimmer mit Wohl⸗ geruch,“ nahm Tante Dorothee wieder das Wort, indem ſie ſich am Fuß des Bettes niederſetzte und die Orangenzweige betrachtete, welche ſorgfältig in einem jener alterthümlichen Fayence⸗Blumentöpfe, deren oberer Theil wie ein Schaumlöffel durchbrochen iſt, an einander gereiht waren;„wahrhaftig, das iſt ein Brautbouquet. Erzähle mir doch ein Wenig, wie es der Herr Maire Dir gegeben hat.“ „Ich habe es Ihnen ſchon geſagt, Pathe,“ ant⸗ wortete Camilla mit einer gewiſſen Verwirrung, denn es gab einige Auslaſſungen in ihrer Erzählung. Sie hatte ſich wohl gehütet, zu ſagen, daß ſie ein Ge⸗ ſtändniß ihrer Liebe abgelegt und dem ſchönen Cäſar ihre Dankbarkeit bezeugt hatte, indem ſie ihm naiver Weiſe die Projecte von Glück auseinander ſetzte, welche ſie und Theodor für ſein Alter entwarfen; aber Tante Dorothee beſtand darauf.* „Es geſchieht,“ erklärte ſie,„weil ich mich nicht — 7* 101 genau mehr der Worte des Herrn Maire exinnere. Hat er Dir Complimente gemacht, als er Dir das Bouquet anbot?“ „Ja, Pathe; er hat mir geſagt, es ſ bouquet.“ „Und hernach, mein Kind?“ „Hernach habe ich ihm gedankt.“ „Und er ſchien zufrieden?“ „So zufrieden, daß er meine Hände faßte und mich auf die Stirne küßte. Dann erhob er ſich ſo⸗ gleich mit den Worten:„Suchen Sie Ihre Mutter wieder auf... und kehrte unmittelbar in den Tanz⸗ ſaal zurück.“ Während Camilla dieſer Art Verhörs unterworfen wurde, war Herr Signoret von der Mairie zurückge⸗ kommen. Er hatte heute ſein Bureau eine Stunde früher, als gewöhnlich verlaſſen, ſo beunruhigt war er in ſeinen Einbildungen. „Sie wiſſen nicht, was vorgeht!“ ſprach er beim Eintritt, die Arme zum Himmel erhoben;„das iſt der dritte Tag, daß der Herr Maire nicht im Stadt⸗ hauſe erſcheint.“ „Wir wiſſen es; weil er an einem Schnupfen leidet,“ antwortete, ohne darüber in Bewegung zu gerathen, Tante Dorothee. 8 „Seit ſiebenundzwanzig Jahren, da er im Amte ſteht, iſt ſo etwas nie vorgefallen,“ fuhr M. Signo⸗ ret geſtikulirend fort.„Ich bin nach dem Hotel Fauberton gegangen, um Erkundigungen einzuziehen; man nimmt Niemand an: ich habe mich einſchreiben laſſen. Es bilden ſich Gruppen auf dem Platze; die Aufregung iſt allgemein; der Herr Maire iſt überall ei ein Braut⸗ 102 ſo beliebt! Er gibt ſo ſchöne Feſte!... Was ſoll in der Stadt O... werden, wenn er dieſen Kar⸗ neval krank iſt!“... „Man wird zu Hauſe bleiben und am Mardi- gras Trauer tragen,“ antwortete Tante Dorothee philoſophiſch. Als Camilla allein war, brach ſie in Thränen aus, das Herz geſchwellt von tödtlichem Kummer. Sie hatte eben begriffen, warum Theodor nicht unter ihrem Fenſter vorüber ging, warum M. Fauberton nicht kam, ſeinem Verſprechen gemäß ſie das Walzen zu lehren. Sie ſchöpfte keine weitere Unruhe daraus, die Schmeicheleien des Onkels Cäſar, die Verſiche⸗ rungen Theodor's hatten ſie berauſcht, und in ihrer Unerfahrenheit hegte ſie kein Mißtrauen gegen das Schickſal; aber ſie empfand die Qual feuriger Seelen: das aufgeſchobene Glück war nichts für ſie; eine ſchmerzliche Ungeduld bewegte ſie; ſie empfand eine Art Verzweiflung, wenn ſie daran dachte, daß dieſe Lage ſich vielleicht noch zwei, drei Tage, ja wohl die ganze Woche verlängern könnte. Zum Glück bemerkte ſie gegen Abend, in dem Momente, da ſie mit troſt⸗ loſem Blick die Gegend um den Kreuzweg erforſchte, Theodor, welcher längs des Walls herankam. Der arme Verliebte mußte gerade unter Camilla's Fenſter, die Mauer ſtreifend, vorüberkommen. Sogleich ſchwebte Etwas wie ein langer Seidenfaden in der Luft und ſtrich ihm über das Geſicht; er bemächtigte ſich im Flug deſſelben und knüpfte ein Billet daran, welches unmittelbar ſammt dem Faden, den eine un⸗ ſichtbare Hand ſchnell aufwickelte, in die Höhe ſtieg. Dieſe einfache Erfindung verſchaffte den beiden Lie⸗ 103 benden ein ſicheres und leichtes Communikations⸗ mittel, denn in dieſer Umgegend waren die Vorüber⸗ gehenden ſelten, und die Straßenlaternen ſehr ent⸗ fernt. Theodor ſchrieb auf ein Blatt Roſenpapier, das einen Sandelholzgeruch aushauchte: „Angebetete Camilla! Wäre die Erinnerung meines Glücks nicht ohne Unterlaß meinen Gedanken gegenwärtig, ſo würde ich mich ſehr unglücklich fühlen. Seit jenem Ball, wo ich die drei ſchönſten Stunden meines Lebens in Deiner Nähe zugebracht habe, bin ich in Unruhe: mein Onkel iſt krank und verurſacht uns große Sorge. Adieu, meine theure Geliebte; bewahre mir Deine Liebe, welche all mein Glück ausmacht.“ Ihrerſeits hatte Camilla auf ein Stück grobes Papier, das einzige, welches ſie im Hauſe gefunden hatte, geſchrieben: „Lieber Theodor! Seit zwei Tagen warte ich ungeduldig. Wenn der Abend anbricht, ermangle ich nicht, mich an das Fenſter zu ſtellen, aber Niemand erſcheint. 3 Doch ziehe ich mich wirklich bald zurück, aus Furcht, man möchte unſer Einverſtändniß arg⸗ wohnen. O mein Geliebter! wann kommt der glückliche Augenblick, wo wir unſere Liebe ge⸗ ſtehen dürfen! Adieu! Mein Herz ſagt noch einmal: Liebe und Treue für's Leben!“ Das arme Kind war nicht im Stande, ſeine Ge⸗ fühle in einem ſchönen Style auszudrücken; aber der 104 verliebte Theodor las nichts heſto weniger das ſüße Billet mit Entzücken. Tante Dorothee kehrte am nächſten Morgen in das Hotel Fauberton zurück. Dießmal kam Madame Hermance einer unvermeidlichen Erklärung entgegen. Sie ſchloß ſich mit der alten Jungfrau in ihr Zim⸗ mer ein und erklärte ihr weinend die ganze Wahr⸗ heit. Darauf ſetzte ſie hinzu: „Unſere Lage iſt höchſt peinlich. Im erſten Augenblick hatte ich gehofft, dieſer unerhörte Ent⸗ ſchluß ſei nichts als ein wunderlicher Anfall; aber onſieur Fauberton bleibt dabei und ich finde in ſeinem Benehmen etwas Drohendes. Mein liebes Fräulein, er iſt gewiß närriſch, ſonſt iſt er ein gott. loſer Menſch.“ „O! er iſt nicht närriſch!“ antwortete Tante Dorothee halblaut. Dann ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu: „Alles das ſchiebt das Glück der armen Kinder ſehr weit hinaus.“ „Ach! ſo lange mein Couſin in ſeiner neuen Lebensweiſe beharrt, kann von nichts Anderem die Frage ſein,“ antwortete traurig Madame Hermance. Die alte Jungfrau ging nun, Madame Signoret von dieſer Unterredung Rechenſchaft zu geben, und ſchloß mit den Worten: „Trotz Allem behält Madame Hermance noch einige Hoffnung, ich ſehe wohl; aber ich glaube, ſie irrt ſich... Ich argwohne Etwas...“ Bei dieſen Worten unterbrach ſie ſich plötzlich und ſchlug die Augen zum Himmel auf; dann ſetzte ſie mit gedämpfter Stimme hinzu:. 105 b„Wenn das, was ich vermuthe, wahr iſt, ſo hat Cäſar Fauberton unwiderruflich mit ſeiner Familie, mit der Welt gebrochen, und ſo lang er am Leben iſt, wird ſein Neffe Camilla nicht heirathen...“ „Was argwohnen Sie denn?“ „Ich argwohne, daß er ſelbſt heirathen wollte, daß er im Begriff war, es öffentlich zu erklären, und daß es Camilla war, welche er zur Frau zu nehmen im Sinn hatte.“ „Meine Tochter!... o! es iſt unmöglich!“ rief Madame Signoret, ſich das Geſicht verbergend. V. Wie Madame Hermance vorausgeſagt, kam das Ereigniß, welches man zu verheimlichen geſucht hatte, bald unter die Leute. Am Morgen nach dem Ball hatte man geſagt, Monſieur Fauberton ſei krank und kaſſe ſich, außer Caſcarel, von Niemand ſehen. Die ganze Stadt hatte ſich ſofort an ſeiner Thüre ein⸗ geſchrieben; bereits gerieth man in Erſtaunen und machte Commentare zu dieſer plötzlichen Unpäßlich⸗ 1 keit. Am nächſten Tage hatten die Nachforſchungen angefangen. Eine Menge Leute auf dem Haupt⸗ platze ſtellten Betrachtungen an; die Neugierigſten lauerten den Domeſtiken im Vorübergehen auf, um ſie auszufragen, und in allen Kaffeehäuſern ſprach man von Nichts als dem Verſchwinden des Herrn Maire. Alberne Gerüchte begannen zu cirkuliren; man ging ſchon ſo weit, zu behaupten, Monſieur * 106 Fauberton ſei eines plötzlichen Todes verſtorben, gleich einem Ballerino von Profeſſion, weil er zu viel getanzt habe, und heimlich im Garten des Hotels beerdigt worden. Vier Tage ſpäter waren die Sachen bis zu dem Punkt gediehen, daß Ma⸗ dame Hermance ſich entſchließen mußte, einige Per⸗ ſonen zu empfangen und ihnen das, was vorgefal⸗ len war, mitzutheilen, indem ſie ihre Erzählung auf das Zeugniß Caſcarel's ſtützte. Eines Nachmittags fanden ſich Herr und Frau Chapuſot, der Notar Meiſter Chardacier, der erſte Herr Adjunkt und einige andere angeſehene Perſo⸗ nen zuſammen im Hotel Fauberton. Madame Her⸗ mance war erſchienen, ſie in einem Zimmer vor dem großen Salon zu empfangen, ſo daß man nur zwei Thüren zu öffnen brauchte, um Onkel Cäſar gegen⸗ über zu ſtehen. Ehe die Beſucher alle da waren, hatte Theodor hinter ſeiner Mutter Platz genommen, und als Herr und Frau Chapuſot eintraten, war wie durch Zufall auch Caſcarel gegenwärtig. „Ach!“ ſprach Madame Chapuſot zu ihm, in Thränen ausbrechend,„Ihr armer Herr iſt todtkrank, oder hat den Kopf verloren, weil er Freunde wie uns nicht mehr ſehen will.“ „Monſieur iſt geſund an Körper und Geiſt,“ antwortete der ehrliche Burſche;„Eſſen und Trinken ſchmeckt ihm, er urtheilt vollkommen vernünftig über alle Dinge, aber es liegt Etwas in ihm wie Lange⸗ weile, ein Widerwille gegen die Welt, was ihn an⸗ treibt, einſam zu leben.“ „Adoniſirt er ſich wie gewöhnlich, um ſo ſich 1 „ 107 ſelbſt gegenüber zu leben?“ fragte Madame Cha⸗ puſot ironiſch. Caſcarel ſchüttelte ſeufzend den Kopf. „Im Gegentheil,“ antwortete er,„Monſieur trägt keine Sorge mehr für ſeine Perſon; ſeine Pomma⸗ den und ſeine wohlriechenden Waſſer liegen tief in einem Schranke, unter einander mit ſeinen falſchen Toupets, und er hat mir nicht geſtattet, ſeine Toi⸗ lette in Ordnung zu bringen. Zuweilen räumt er nach ſeiner Manier auf; dieſen Morgen zum Bei⸗ ſpiel hat er den bonheur-du-jour geöffnet und die Schubladen geleert.“ „O! ol“ riefen gleichzeitig Herr und Frau Chapu⸗ ſot, während Meiſter Chardacier ſein Erſtaunen durch eine Kopfbewegung bezeugte, welche das Gleich⸗ gewicht ſeiner Brille zerſtörte. „Es gab da drinnen eine Maſſe Bagatellen,“ fuhr Caſcarel fort,„Briefpakete, Haare von allen Schattirungen, wenigſtens zwanzig Paar Hoſenträ⸗ ger, ebenſo viele Börſen und griechiſche Mützen, Portefeuilles, geſtickte Uhrkiſſen zu Dutzenden und über fünfzig Portraits.“ „Fünfzig Portraits!“ rief Chapuſot erſtaunt. „Ueber fünfzig,“ wiederholte Caſcarel;„Mon⸗ ſieur hat nach und nach alles dieß in den Kamin gelegt und Feuer darunter gemacht. Darauf warf er unter einander gewöhnliche Ringe, Haarringe, Ringe mit Deviſen, Ringe mit geheimer Feder auf den Tiſch und ſprach zu mir: ‚Da nimm, es iſt Dein... Ich habe noch die ganze Hand voll hier in meiner Taſche.“ 108 Bei dieſen Worten zog er mehrere Hände voll Ringe ohne Werth aus ſeinem Hoſenſack. „Es ſind ihrer wenigſtens dreihundert,“ rief Ma⸗ dame Chapuſot mit empörter Miene. „Verzeihung, Madame, dieſe Zahl ſcheint mir übertrieben,“ bemerkte Meiſter Chardacier, als ob es ſich darum handelte, ein Inventarium einzutragen. „Es liegt in dieſem Allem etwas Unbegreifliches!“ rief Madame Chapuſot mit Abſicht.„Was mich betrifft, ſo wurde mir, das erkläre ich, ſchon am Ball⸗ tage von Anfang an deutlich, daß Herr Fauberton nicht ſeinen gewöhnlichen Einſichten gemäß handelte.“ „Es kommt mir nicht zu, ſeine Handlungen zu beurtheilen,“ antwortete Madame Hermance;„aber ach! ich kann nicht umhin, zu finden, daß er meinen Fuhi und mich in eine ſehr peinliche Lage verſetzt at. ² Die Thränen überwältigten ſie und ſie ſchaute Theodor mit einem ſehr ſchmerzlichen Blick an. Die⸗ ſer machte ein Zeichen mit dem Kopf, um ſie zu tröſten, und küßte ihr ſchweigend die Hände. Herr Chapuſot nahm Rerahr das Wort und ſprach im Ton eines Orakels: „Betrüben Sie ſich nicht, werthe Madame; ich getraue mir, Ihnen vorherzuſagen, daß Ihre Beſorg⸗ niſſe ſich bald zerſtreuen werden. Ich bin mit mir im Reinen über das Ereigniß, das uns alle beküm⸗ mert, und das ich erklären zu können glaube. Ich habe zuerſt die Veränderung wahrgenommen, welche mit dem Herrn Maire in moraliſcher und phyſiſcher Hinſicht vorgegangen iſt, eine Veränderung, wovon ich mich in jener Nacht kurz vor dem Ende des 109 Balls überzeugte. Als ich Herrn Fauberton begeg⸗ nete und ihm gegenüber zu ſtehen kam, wurde ich von ſeiner Bläſſe ſo betroffen, daß ich ihn fragte, ob er krank wäre.„Es iſt Nichts,“ antwortete er mir; ich habe gereizte Nerven⸗... Sie begreifen jetzt; er hat Vapeurs gleich den Frauen. Das iſt eine Krankheit, an der noch Niemand geſtorben iſt und von der man ohne Arzt geneſen kann. Laſſen Sie alſo den lieben Mann ruhig; bekümmern Sie ſich ſeinetwegen nicht. An einem ſchönen Morgen werden Sie ihn aus ſeinem Zimmer herauskommen ſehen, friſch raſirt, ganz geputzt und parfümirt, wie ſonſt immer, und bereit, ſeinen gewöhnlichen Lebens⸗ lauf wieder einzuſchlagen.“ „Das wolle Gott!“ murmelte Madame Her⸗ mance. Meiſter Chardacier ſchüttelte den Kopf, als ob er dieſe Hoffnung nicht ganz theilte, und verab⸗ ſchiedete ſich bald. Beim Abgehen machte er Caſ⸗ carel ein Zeichen, ihm zu folgen, und ſagte ihm, da ſie im Vorzimmer allein waren: „Du biſt ein braver Burſche und kennſt die An⸗ gelegenheiten vom Hauſe hier; deßwegen ſpreche ich mit Dir. Antworte mir ohne Umſchweife. Monſieur Fauberton iſt es, der den Beutel im Hauſe führt; wie will man es jetzt hier anſtellen?“ „Das weiß ich nicht,“ antwortete Caſcarel mit einem Seufzer.„Monſieur benimmt ſich, als wüßte er gar nicht, daß es ein Dutzend Perſonen in ſeinem Hauſe zu ernähren gibt; wenn er nur ſein Frühſtück und Mittageſſen hat, ſo genügt ihm das; um das Uebeshe bekümmert er ſich nicht.“ „Weißt Du, ob er Geld in ſeinem Beſitz hat?“ „Ja, und ſogar viel. Erſt geſtern ſagte er mir, auf mehrere in ſeiner Kommode aufgehäufte Geld⸗ ſäcke deutend: ‚am erſten Tage trägſt Du dieſes Geld zu Meiſter Chardacier und bitteſt ihn, daſſelbe gut anzulegen.“ „Armer Mann! Ich beſitze immer ſein Ver⸗ trauen,“ murmelte der Notar gerührt;„macht Nichts, man muß auf Alles gefaßt ſein. Caſcarel, Dein Herr iſt in einer Gemüthsſtimmung, die mich zittern macht. Ich weiß wohl, daß ein Teſtament exiſtirt, das in doppelter Urſchrift und allen erforderlichen Formen abgefaßt iſt: das eine dieſer Aktenſtücke be⸗ findet ſich in den Händen von Madame Hermance, das andere in meinem Bureau; aber wir ſind deß⸗ wegen doch vor einem von dem Erblaſſer ganz mit eigener Hand abgefaßten Teſtamente nicht ſicher.“ „Ich habe daran gedacht,“ antwortete Caſcarel. „Nach dem, was jetzt vorgeht, iſt Alles zu erwarten; aber ſeien Sie ruhig, Monſieur kann nicht ſchreiben, ich habe ihm ſeinen Naſenklemmer genommen.“ Von dieſem Tage an ſprach man offen von dem, was Madame Chapuſot beharrlich die Myſterien des Hotel Fauberton nannte. Die freiwillige Abſper⸗ rung von Onkel Cäſar erregte im höchſten Grad die öffentliche Neugierde; es war ein unerſchöpflicher Gezenſtond der Unterhaltung und der Controverſe. Gab es auch nicht, wie bei berühmten Proceſſen, Mörder in Rechtshandel und Opfer, welche Rache forderten, ſo folgte man doch mit leidenſchaftlichem Intereſſe den Vorfällen dieſes Familiendrama's, wo alle Schauſpieler eine paſſive Rolle hatten. Jeden Tag gab Caſcarel eine Art vertraulichen Bulletins, — 111 welches von Mund zu Mund ging und den Stoff zu allen Geſprächen in dem Laden des Modebar⸗ biers, wie in den Kaffeehäuſern des Hauptplatzes lieferte. Der Gegenſtand wechſelte übrigens durch⸗ aus nicht. An einem Tag war Monſieur Fauberton um Mittag aufgeſtanden; er hatte ſein gewöhnliches Frühſtück zu ſich genommen, war dann etwa drei Viertelſtunden auf⸗ und abgegangen und hatte damit geendet, daß er in einer Ecke am Feuer einſchlief. Beim Diner hatte er ſich darüber erzürnt, daß der Braten ſich etwas trocken fand. Des Abends hatte er mit Vergnügen der Vorleſung ſeines Journals zugehört und in der orientaliſchen Frage ſich ſehr ſtark gegen den Paſcha von Aegypten erklärt. Am andern Tag hatte er ſich noch einmal erzürnt, daß eine Drehorgel unter ſeinen Fenſtern ſpielte, und Caſcarel befohlen, ihm eine ſchwarzſeidene Mütze zu kaufen. Tags darauf wurde in ſeine Exiſtenz durch Ereigniſſe von derſelben Wichtigkeit Abwechslung ge⸗ bracht; aber eine Thatſache herrſchte bei dieſen kin⸗ diſchen Einzelheiten vor: Onkel Cäſar wurde zu⸗ ſehends dicker. Die Stammgäſte vom Hotel Fau⸗ berton wurden bis zu Thränen gerührt, wenn ſie von dem traurigen Wunder redeten, welches aus einem ſo anſehnlichen, ſo glänzenden, ſo geehrten Mann plötzlich eine Art von Wahnſinnigen, einen unglücklichen Einſiedler gemacht hatte, deſſen Gefan⸗ genſchaft, wenn auch freiwillig, darum doch nicht weniger ſchrecklich war. Oft blieben ſie auf dem Haupt⸗ platze ſtehen, betrachteten die grauen Sommerläden ſeines Zimmers, welche ſich auf dem dunkeln Grund der Gaſſe ſchief abzeichneten, und hoben die Augen 8 112 zum Himmel, indem ſie Gelübde dafür thaten, daß dieſer vorzugsweiſe liebenswürdige Mann der Ge⸗ ſellſchaft wieder zurückgegeben würde, deren Seele er war, wie die verwittweten Damen, mit denen er gleichen Alters war, zu ſagen pflegten. Etwa einen Monat, nachdem Cäſar Fauberton ſolcher Art aus der Welt verſchwunden war, faßte Madame Hermance einen großen Entſchluß: ſie be⸗ ſchränkte die Ausgaben der Haushaltung und ver⸗ abſchiedete die Domeſtiken. Caſcarel und Marcelle blieben allein mit dem Dienſte beauftragt. Dieſe Maaßregel erregte große Senſation: alſo handeln, hieß erklären, daß man Onkel Cäſar's Rückzug als definitiv betrachtete. Die Aufregung war allgemein; man vermuthete, Madame Hermance und ihr Sohn würden das Hotel Fauberton verlaſſen. Der erſte Herr Adjunkt, welcher in der Hoffnung, Maire zu werden, die Abberufung von Onkel Cäſar veranlaßte, erſchien, um ſeine Beileidsbezeugungen abzuſtatten. Die gute Dame erklärte ihm ſofort die Situation; es war eine ſtolze, verſtändige Frau; ſie ſagte einfach dem Herrn Adjunkten: „Mein Couſin iſt immer noch in derſelben Ge⸗ müthsſtimmung; ſeine Geſundheit iſt weder ſchlim⸗ mer, noch beſſer. Es läßt ſich nicht errathen, was er in Zukunft thun wird; aber für den Augenblick entſagt er dem Genuß ſeines Vermögens und läßt ſeine Einkünfte bei dem Notar ſich anhäufen. Ich habe mich nach ſeinem Willen richten müſſen. Mein Sohn iſt ſein Erbe von Rechtswegen und durch ſeine Wahl'; ſo lang er kein neues Teſtament gemacht hat, müſſen wir an als den Nutznießer der Güter be⸗ 4 u —y—— 113 trachten, welche eines Tags Theodor gehören wer⸗ den. Trotz des Stillſchweigens, das er gegen uns beobachtet, trotz ſeiner Härte werden wir hier blei⸗ ben; das iſt unſere Pflicht und unſer Recht. Unſere Exiſtenzmittel ſind ſehr beſchränkt, aber wir werden uns mit dem ſtreng Nothwendigen begnügen; wir werden uns Alles verſagen, wenn es ſein muß, denn niemals, niemals werden wir von dem Erbe Herrn Fauberton's vor der Zeit. Etwas in Anſpruch nehmen.“ Der Adjunkt ging hin und wiederholte dieſe Er⸗ klärung überall. Von da an trat die Reaction ein; man fand Monſieur Fauberton weniger intereſſant und läutete nicht mehr ſo oft an der Thüre des Hotels, um Erkundigungen über ihn einzuziehen. Dieſer ganze Umſchlag machte keinen ſo großen Eindruck auf die, welche ſich am lebhafteſten damit hätten beſchäftigen ſollen, weil ihr künftiges Glück davon abhing. Theodor und die ſchöne Camilla hatten keine Zeit, über ſich ſelbſt hinaus zu ſehen, ſo gänzlich ſtanden ſie unter dem Einfluß der gegen⸗ wärtigen Stunde. Sie geriethen wechſelsweiſe in Verzweiflung oder Entzücken, durch eine Menge von Vorfällen, welche für jeden Andern als für ſie un⸗ bedeutend waren, und verzehrten ſich in den Auf⸗ regungen eines anſcheinend ruhigen, aber in Wirk⸗ licheit durch eine bis zum Wahnſinn gehende Lei⸗ denſchaft geſtörten Lebens. In den erſten acht Tagen nach dem Ball hatten Madame Hermance und Madame Signoret ihre Karten gewechſelt; darauf hatte ſich Alles beſchränkt. Die beiden Liebenden hatten keine Gelegenheit mehr Reybaud, Onkel Caſar⸗ 8 114 gefunden, ſich, außer durch Zeichen, zu ſprechen. Aber ſie ſchrieben ſich und ſahen ſich mehrmals des Tags aus der Ferne. Ihre Liebe war kein Geheimniß mehr; von einem Ende der Stadt bis zum andern wußten Groß und Klein, daß Theodor Fauberton und Fräulein Sig⸗ noret ſich bei der Meſſe, auf der Promenade, überall, wo ſie zuſammentreffen konnten, ſich Stelldicheins gaben. Scipio Signoret war vielleicht der Einzige, welcher von dieſer Liebesintrigue nichts wußte. Madame Signoret hatte nicht verſucht, Camilla vorzupredigen, denn ſie wußte, daß ihre Ermah⸗ nungen unnütz ſein würden; die arme Frau lebte in fortdauernder Bekümmerniß. „Ach!“ fprach ſie eines Tages zu Tante Doro⸗ thee,„welches Unglück, daß dieſe Kinder einmal mit einander ſprechen und ſich ihre Liebe geſtehen konn⸗ ten! Wie jetzt dieſer Liebe ein Ende machen? Wie ſie hindern, ſich insgeheim zu ſchreiben, ſich in der Kirche zu ſehen, ſich durch das Fenſter Zeichen zu machen und vielleicht Nachts durch die Hausthüre ſich einige Worte zuzuflüſtern?“ „Bah!“ murmelte die alte Jungfrau,„das Fen⸗ ſter iſt hoch und die Thüre wohl verſchloſſen.“ „Aber wozu kann dieſe Neigung anders führen, als zum Unglück meiner Tochter?“ rief Madame Signoret weinend.„Der junge Mann kann jetzt nicht heirathen; ſeine Stellung verbietet ihm ſogar, eine andere Verbindung für die Zukunft einzugehen.“ „Camilla iſt jung,“ antwortete Tante Dorothee; la iſt keine Gefahr im Verzug, wie die Advokaten agen.“ — 115 Madame Hermance war in gleicher Sorge wegen ihres Sohnes; ſie wußte nicht, wie ſie dieſe zärtliche, leidenſchaftliche Seele beſchwichtigen, wie ſie ihm Stärke und Muth geben ſollte, das Glück, welches einen Augenblick ſcheinbar ſo nahe geweſen war, vielleicht noch in langer Ferne zu erwarten. Theo⸗ dor war von ſeiner Leidenſchaft völlig verſchlungen; man hätte ohne Uebertreibung ſagen können, daß er nur für Camilla athmete. Der Aufenthalt in kleinen Städten prädisponirt beſonders zu dieſem ſchrecklichen Liebesweh, über welchem Einzelne ſchon das Leben, und noch Mehre den Verſtand verloren haben; die Leidenſchaften ha⸗ ben ſchönes Spiel an einem Orte von ſechs tauſend Seelen, wo Alles müßig geht. Da die jungen Leute ihre Thätigkeit weder in geiſtigen Arbeiten, wozu ſie durch Nichts angetrieben werden, noch in Geſchäfts⸗ angelegenheiten, deren es in ihrer Nähe keine gibt, zu verwenden im Stande ſind, ſo vegetiren ſie läßig dahin, oder leben auch wohl in idealen Regionen. Die Erſten bringen ihr Leben im Kaffehauſe zu; ſie bringen es im Billard und Domino zu vorzüglicher Fertigkeit und dienen gewöhnlich als Vertraute den Zweiten, welche ſich in eine doppelte Kategorie thei⸗ len: die Don⸗Ivans auf kleinem Fuße, von welchen Cäſar Fauberton das vollkommene Muſterbild war, und die Verliebten von Werther's Schlage. Theodor wäre im Stande geweſen, wie Göthe's Held zu en⸗ den, wenn Camilla ihn ſchwach genug geliebt hätte, um ſich an einen ehrlichen, Vater Signoret geneh⸗ men Burſchen verheirathen zu laſſen. Der junge Fauberton war von allzuſchüchterner 8 8 und zurückhaltender Gemüthsart, um ſeine Liebes⸗ bekenntniſſe den ihm vom College her befreundeten, jungen Leuten anzuvertrauen: ſeine kluge Mutter vermied ſorgfältig die Herzensergießungen, welche ihn nur erxaltirt hätten, und beſchränkte ſich auf die Verſuche, ihn durch indirecte Vernunftgründe zu be⸗ ruhigen; aber zum Glück für ihn hatte er unter der Hand eine diſcrete Freundin, mit welcher er mit der unverſieglichen, Verliebte charakteriſirenden Weit⸗ ſchweifigkeit von ſeiner Leidenſchaft für Camilla ſprechen konnte. Dieſe Vertraute war Marcelle. Das geduldige Geſchöpf verſah dieſe Rolle, ſeit Theodor zum erſten Mal ſeine Augen auf die ſchöne Camilla geworfen und zu ihr an einem Sommerabend, da ſie ihm in dem Garten des Hotels ein Bouquet machen half, geſagt hatte: „Meine gute kleine Marcelle, ſeit zwei Tagen ſchlafe ich nicht mehr... ich habe immer ein himm⸗ liſches Geſicht vor Augen, einen Jungfrauenkopf, in einen kleinen Strohhut eingerahmt. Ach! Marcelle, ich bin verliebt, wahnſinnig verliebt... Kennſt Du Mademoiſelle Signoret? Sie wohnt da oben, am Ende der Gaſſe.“ „Ja, ich kenne ſie,“ hatte Marcelle erbleichend und den Kopf abwendend geantwortet, als hätte ſie eben einen kalten Stich, der ihr durch das Herz ging, empfunden. Marcelle war eine Waiſe, welche in ihren Kin⸗ derjahren der öffentlichen Wohlthätigkeit anheimge⸗ fallen wäre, wenn nicht Madame Hermance dieſes gute Werk auf ſich genommen hätte. —y,——, —— 117 Eines Tags— es war vor etwa fünfzehn Jah⸗ ren— erſchien eine in der Gegend fremde Frau, eine Bäuerin im Hotel Fauberton und begehrte Ma⸗ dame Hermance zu ſprechen. Sie hielt ein kleines, übel ausſehendes, wenig hübſches und in Trauer ge⸗ kleidetes Mädchen an der Hand.* „Ich bringe die Kleine da ihrem Oheim, dem reichen Fauberton,“ ſprach ſie mit der groben Zu⸗ verſicht niederer Leute, welche ſich in ihrem Rechte glauben,„es iſt die Tochter von Jean Jorin, der zu ſeinen Lebzeiten in der Gemeinde B... wohn⸗ haft war. Hier ſind ſeine Papiere.“ „Meine gute Frau, Ihr irrt Euch; Herr Fauber⸗ ton hat keine Nichte in der Gegend hier,“ antwor⸗ tete Madame Hermance, indem ſie den abgegriffe⸗ nen, beſchmutzten, beinahe zerfetzten Briefumſchlag nahm, welchen ihr die Bäuerin hinſtreckte. „O! o!“ rief dieſe mit ungläubiger Miene;„die Mutter von Jean Jorin war doch eine Fauberton.“ „Ja, wirklich,“ ſagte Madame Hermance, nach⸗ dem ſie einen Blick auf die Papiere geworfen hatte; gaber dieſe Fauberton da ſind nicht von derſelben Familie, wie wir; das iſt leicht nachzuweiſen, und überdieß ſchreibt ſich der Name auch nicht gleich.“ „Ei ſeht doch!“ rief die Bäuerin, aus der Faſ⸗ ſung gebracht und ohne weitern Wortwechſel ihren Gedanken aufgebend,„wie man ſich auch irren kann, wenn man ein gutes Herz hat. Ich habe ſiebzehn Meilen gemacht, um die Kleine da herzubringen: eher hätte ich ſie gerade in das Hoſpital führen ſollen;... aber da ihre Eltern nicht Leute wie ¹ 118 unſers Gleichen waren, ſo habe ich auf das geachtet, was man mir geſagt hat.“ „Ihr Vater war vielleicht ein Handwerker,“ fragte Madame Hermance. 1,70 war ein Künſtler,“ antwortete die Bäuerin ſtolz.. „Ahl“ murmelte Madame Hermance ein wenig erſtaunt. „Künſtler,“ wiederholte die Bauersfrau;„eigent⸗ lich verſtehe ich nicht genau, was das für ein Stand iſt! Jean Jorin war der Sohn eines Bürgers aus unſerem Orte, der ihm eine Erziehung, nur allzuviel Erziehung hatte geben laſſen, denn dieß wurde ihm bei ſeinen Geſchäften furchtbar läſtig. Der junge Mann hatte ſich lange Zeit in Paris aufgehalten, hatte ſich daſelbſt verheirathet; aber da ſeine Frau ſtarb, ſahen wir ihn vergangenes Jahr mit dieſer Kleinen wieder in die Gegend zurückkehren. Er war nicht mit Geld beſchwert, doch konnte er, da ſein Vater mit Tod abgegangen war, einige Schollen Landes verkaufen und bekam ſo etliche Thaler unter die Hände. Doch reichte dieß nicht weit, weil er Schulden bezahlte, und zuletzt, als er an einem Fluß auf der Bruſt ſtarb, hatte er nicht mehr eines Hellers werth. Das iſt die ganze Geſchichte. Ver⸗ zeihung, meine gute Dame, daß ich Ihnen zur Laſt gefallen bin. Geh, Mareelle, ſtehe auf; mache der Frau einen Bückling und laß uns fort.“ Die Kleine hatte ſich auf den Teppich geſetzt, und da ſie einen Strang Wollengarn, welchen der Wachtelhund von Madame Hermance eben in einen unförmlichen Knäuel verwandelt hatte, wahrnahm, —— —ô.·— 119 ſich an's Werk gemacht, ihn zu entwirren und ge⸗ ſchickt aufzuwickerln. Auf das Gebot ihrer Führerin erhob ſie ſich wie bedauernd, beugte die Kniee, indem ſie die Ecke ihrer Schürze in die Höhe nahm, und ſprach mit ſanfter Stimme:„Gott behüte Sie, Madame!“ „Wohin führt Ihr dieſe Kleine?“ fragte Ma⸗ dame Hermance, ſie mit gerührter Miene auſchauend. „Ich gehe auf die Mairie, um zu hören, was man mir dort ſagen wird,“ antwortete die Bäuerin; „wenn man ſie ſogleich in einem Armenhaus auf⸗ nähme, wäre ich ſehr froh, und es hinderte mich dann Nichts, noch dieſen Abend heimzukehren.... Aber wenn man ſie unglücklicher Weiſe im Hoſpital nicht aufnehmen wollte, ſo wüßte ich nicht, was mit ihr anzufangen.“ „Laßt ſie hier, ich will mich ihrer annehmen,“ ſprach Madame Hermance aus eigenem Antrieb. „Ol meine gute Dame, Gott vergelte Ihnen das Gute, das Sie an ihr thun!“ rief die Bäuerin. Dann umarmte ſie die Kleine mit Entzücken, indem ſie zu ihr ſagte: „Da habe ich Dich untergebracht! Ich habe Dein Glück begründet; ſei nicht undankbar, wenn man Dich eines Tags braucht. Adieu.“ So kam alſo Marcelle in das Hotel Fauberton, und ſeit dieſer Zeit hatte ſie Madame Hermance nicht mehr verlaſſen, bei welcher ſie zu gleicher Zeit die Functionen eines Kammermädchens und einer Geſellſchafterin verrichtete. Das arme Mädchen hatte an dem Tage ſehr geweint, da Theodor ihr das Geheimniß ſeiner ent⸗ klug und beſonnen war, bemerkte der junge Mann nichts von der unwillkürlichen Zuneigung, die ſie für ihn empfand, und ſelbſt in den Augenblicken, wo er ſie mit ſeinen grauſamen Bekenntniſſen zu Boden ſchlug, hatte er keine Ahnung von dem Schmerz, welchen er ihr verurſachte. Mehre Wochen verfloſſen; man war in den letzten Tagen des Karnevals, und Nichts hatte ſich in der Lebensweiſe des alten Jungen geändert. Er be⸗ harrte bei dem Programm, das er am erſten Tage ſo deutlich entworfen hatte. Jetzt begann die öffent⸗ liche Meinung ſich gegen ihn auszuſprechen: man nannte ihn nicht mehr Onkel Cäſar, vielmehr gin⸗ gen Einige bereits ſo weit, ihn für einen blödſinni⸗ gen Alten auszugeben. Vollſtändig war die Reac⸗ tion zur Zeit des Mardi-gras. An dieſem Tage be⸗ ſonders wurde das Geſchrei allgemein. Die düſtere und ſtumme Phyſiognomie des Hotels Fauberton reizte die ganze Welt. Die, welche ſo viele Feſte und Galla's mitgemacht hatten, empörten ſich bei dem Gedanken, daß dieſes Mal ein ſo fröhliches Jahresfeſt vorüber gehen ſollte, ohne daß in den öden Sälen des Herrn Maire der geringſte Schmaus gehalten wurde, der leiſeſte Geigenſtrich ſich hören ließe. Monſieur Signoret ſelbſt legte offen ſein Be⸗ dauern an den Tag und äußerte gegen alle die, welche kamen: „Es gibt keine Fröhlichkeit in unſerer Stadt, ſeit der Herr Maire die ihm untergeordneten Beamten nicht mehr empfängt. Sein Rückzug iſt ein öffent⸗ liches Unglück!“ ſtehenden Leidenſchaft entdeckte; aber da ſie ſtolz, 121 „Man muß demnach wohl ſeinen Entſchluß faſ⸗ ſen,“ antwortete ihm Tante Dorothee;„es hat mich Jemand verſichert, daß Cäſar Fauberton ſich nicht mehr den Bart abnehmen laſſen will: das iſt ein ſchlimmes Zeichen. Er iſt im Stande, bis an das Ende ſeiner Tage in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen zu bleiben, aus Furcht, man möchte ihn ſehen, wie er jetzt iſt, ganz gebrochen und runzelig, häßlicher noch, als er ſchön geweſen iſt; alt, mit einem Wort, wie der König Herodes!“ Mehre Monate vergingen ſo. Onkel Cäſar war in der Meinung ſeiner werthen Mitbürger, wie er ſie zu nennen pflegte, auf's Tiefſte gefallen. Man hatte ihn ſeiner Functionen enthoben, und ſein erſter Adjunkt thronte an ſeiner Stelle bei den Gemeinde⸗ Feſtlichkeiten der Stadt O.... Man fing ſogar an, ihn zu vergeſſen, und wenn Caſcarel ſich auf dem Platze zeigte, was ſelten vorkam, ſo erkundigte man ſich nur mit gleichgültiger Neugierde nach ſei⸗ nem Herrn. „Er iſt immer noch derſelbe,“ antwortete Caſcarel ſeufzend;„der Schlaf iſt gut, der Appetit hält ſich und die Laune iſt nicht allzu finſter. Abends leſe ich die Zeitung ganz laut; deſſen bin ich ſehr über⸗ drüßig, aber Monſieur kümmert ſich nicht darum. Er iſt fortwährend gegen den Paſcha von Aegypten: das iſt zum Erſtaunen, denn am Ende hat jener Mann ihm doch nie Etwas gethan.“ Das läſterſüchtige und neugierige Publikum be⸗ ſchäftigte ſich viel mehr mit der Liebſchaft von Theo⸗ dor und der ſchönen Camilla. Die Dinge ſtanden immer noch auf demſelben Punkte. Trotz der Hin⸗ 122 derniſſe ſchrieb man ſich alle Tage, ſah ſich von fern auf der Promenade, wenn es ſchön Wetter war, und zuweilen hatte der junge Fauberton das Glück, dreißig Schritte auf der Straße mit Scipio zu machen, der nicht ermangelte, ihm mit höflicher Miene zu ſagen: „Man ſieht Sie niemals in unſerem Viertel. Es iſt ſo fern und ſo hoch! Aber wenn Sie zu⸗ fällig einmal über den kleinen Platz Join⸗Vert kom⸗ men ſollten, ſo erweiſen Sie mir die Ehre, bei mir auszuruhen.“ Zum Unglück erfuhr der gute Mann endlich, daß jener hübſche Junge, welcher vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren nicht an das Heirathen denken konnte, mit ſeiner älteſten Tochter in eine Liebes⸗ intrigue verwickelt war. Es erfolgte eine Erklärung, bei deren Ausgang der arme Liebende in Verzweif⸗ lung nach Hauſe zurückkehrte. Anſtatt wie gewöhn⸗ lich ſich zu ſeiner Mutter zu begeben, ſuchte er Mar⸗ celle; ſie war in der Orangerie damit beſchäftigt, die koſtbaren Pflanzen zu begießen, welche ohne ihre Sorge zu Grunde gegangen wären. „Ach! Marcelle, ich bin ein verlorener Mann!“ rief er ganz außer ſich;„Herr Signoret weiß Alles und hat mir eine Erklärung abverlangt. Was konnte ich ihm ſagen? Ach! daß ich Camilla anbete, daß ich ſterben werde, wenn ich ihr entſagen muß.... „‚Wohlan! Monſieur, Sie kommen alſo zu mir, Ihre Abſichten mir zu erklären, erwiederte er mir ſtolz. Und als ich ihm zur Antwort gab, daß ich in mei⸗ ner Lage ſeine Tochter nicht von ihm zur Ehe be⸗ gehren könnte, behandelte er mich als Verführer, verbot mir in ſchrecklichen Ausbrüchen, mich ſeinem * 123 Hauſe zu nähern oder zu verſuchen, ſeine Tochter zu ſehen. ‚Gehen Sie!⸗ Gehen Sie!’ rief er mit wü⸗ thender Miene, Sie ſind ganz von demſelben Blut, wie Ihr Onkel Cäſar; Sie ſind im Stande, es wie er zu machen, zu verſuchen, heimlich bei einer Thörin Eingang zu gewinnen, welche Ihnen ihr Herz ge⸗ ſchenkt hätte; aber ich werde Ta und Nacht wachen, und wenn ich Sie in der Umgebung meines Hauſes herumſchwärmen ſehe, ſo ſind Sie ein Mann des Todes!“ „Ach! Heiliger Gott!“ murmelte Marcelle,„es fehlte nichts mehr als dieſes Unglück!“ „Siehſt Du, Marcelle? Ich bin in ſolcher Ver⸗ zweiflung, daß der Tod mir nicht bange macht,“ nahm Theodor wieder das Wort;„dieſer letzte Schlag wirft mich zu Boden!... O meine liebe Camilla, mein angebeteter Engel, mein einziges Glück, mein Leben! was ſoll aus uns werden?... Ach! es wäre tauſendmal beſſer, mit einander zu ſterben, als ſo getrennt zu leben!...“ „Da Sie dieſelbe lieben und von ihr wieder ge⸗ liebt werden, dürfen Sie ſich nicht den Tod wün⸗ ſchen!“ flüſterte die arme Marcelle.„Wohlan, faſ⸗ ſen Sie wieder Muth!“ „Was auch geſchehen möge, ich werde dieſen Abend bei unſerem Stelldichein nicht fehlen!“ rief Theodor.„Zwiſchen elf und zwölf Uhr wird ſie mich an ihrem Fenſter erwarten, um mir ein Billet zu⸗ zuwerfen... Wenn ihr Vater dazu kommt, nun, ſo kann er mich tödten, wenn er will!“ Marcelle hob die Hände zum Himmel und ſagte einen Augenblick darauf: 124 „Der Mond wird dieſen Abend nicht ſcheinen, und die Witterung iſt trübe.“ „Ja, das iſt ein glücklicher Umſtand,“ antwortete Theodor. 3 „Beſonders wenn Sie nicht zu früh zu Ihrem Stelldichein gehen.“ „Ich werde bis elf Uhr hier bleiben,“ ſagte er ſeufzend.„Großer Gott, wie wird mir die Zeit ſo lang vorkommen!“ 3 „Nein, nein,“ bemerkte traurig Marcelle,„Sie werden ſich mit ihr beſchäftigen, Sie werden ihr ſchreiben.“ „Das iſt wahr!“ rief Theodor,„ich muß ſie be⸗ nachrichtigen, damit wir über ein neues Nittel, Etwas von einander zu hören, uns verſtändigen... Aber wie es jetzt anſtellen? Wie etwas voraus er⸗ fahren von der Anwendung ihres Tages, ob ſie in die Kirche gehen ſoll, oder ob ich ſie etwa auf der Promenade längs der Wälle treffen werde?“ „Sie werden doch zuletzt irgend ein Mittel aus⸗ findig machen,“ ſagte Marcelle melancholiſch;„ihrer⸗ ſeits wird ſie auch darauf bedacht ſein...“ „Wie würdeſt Du es machen, wenn Du an ihrer Stelle wäreſt?“ fragte Theodor.. „Ich!“ rief das arme Mädchen erröthend und ſich abwendend, um ihre Verwirrung zu verbergen; „ei! weiß ich das? Ich habe nie daran gedacht.“ Sie begann jetzt, ein kleines Bouquet von Re⸗ ſeda und azoriſchem Jasmin zu binden, und gab es ſodann Theodor mit den Worten: 3 „Schreiben Sie jetzt, und Ihren Brief ſtecken Sie mitten in die Blumen hinein.“ —— —— 125 „Danke, danke, gute Marcelle!“ rief er, den Strauß nehmend, und entfernte ſich. An demſelben Tag nach dem Abendeſſen waren Theodor und Madame Hermance noch auf in dem kleinen, an die Orangerie ſtoßenden Salon. Draußen war es kalt, wiewohl die Jahreszeit noch nicht ſehr vorgerückt war; große ſchwarze Wolken rollten am Himmel hin und zu Zeiten rieſelte der Regen an den Fenſterſcheiben herunter. „Der Winter iſt dieſes Jahr früh daran,“ ſagte Madame Hermance ſeufzend;„zum Glück läßt Dein Onkel uns den Genuß ſeines Wintergartens: wir werden hier warm haben, wärmer als in Deinem und in meinem Zimmer.“ „Wenn Du meinem Rathe folgen willſt, Mutter, ſo nehmen wir in Zukunft nur noch dieſen Winkel des Hotels ein: die Traurigkeit übermannt mich, wenn ich mich in dem Speiſeſaal niederſetze, an jenem allzugroßen Tiſch für uns beide...“ „Und wenn man Dir auf einer ſilbernen Platte gebratene Kartoffeln vorſetzt,“ ſetzte die gute Frau hinzu, indem ſie zu ſcherzen verſuchte.„Ja, ich bin auch Deiner Meinung, der Contraſt iſt zu ſchmerz⸗ lich: wir ſind logirt und möblirt gleich großen Her⸗ ren, wir ſpeiſen auf Silbergeſchirr, und unſere All⸗ tagskoſt iſt magerer als die eines geringen Bürgers; wir haben anſcheinenden Luxus und wirkliche Ent⸗ behrungen. Ach! ich bedaure jetzt, daß Du keinen Stand haſt.“ „Das iſt meine Schuld!“ murmelte Theodor, ſeinen Kopf in die Hände ſtützend;„ich hätte arbei⸗ ten ſollen.“ 126 „Du könnteſt Dir noch eine Carridre machen,“ antwortete Madame Hermance, indem ſie ihn etwas forſchend anſah. Dann ſetzte ſie in leiſerem Ton hinzu:. „Freilich müßteſt Du Dich wenigſtens auf drei Jahre von hier entfernen, die Zeit, um Deinen Rechtscurſus zu machen.“ Theodor gab keine Antwort und ſeufzte. „Du haſt nicht den Muth dazu, mein armes Kind!“ fuhr Madame Hermance mit einem Tone fort, worin mehr beſorgte Zärtlichkeit als Tadel lag. „Es wird ſpät,“ ſagte Theodor nach einigem Stillſchweigen;„um welche Zeit mag es wohl ſein? Ich höre die Uhr auf der Treppe nicht ſchlagen.“ „Sie iſt vielleicht ſtehen geblieben,“ antwortete Madame Hermance;„die Standuhr in meinem Zim⸗ mer geht auch ſeit Kurzem nicht mehr; man muß auf der Uhr im Salon ſehen.“ Der junge Mann ſtand auf, ging durch die Orangerie und trat in den großen Salon, ſeine Kerze in der Hand. Die Standuhr, welche den Kamin ſchmückte, wies auf zehn Uhr. „Ach!“ murmelte er,„ich glaubte, es ſei ſpäter.“ Wieder umkehrend durchlief er mit den Augen dieſes ungeheure Gemach, wo vor nicht ganz einem Jahre fröhliche Quadrillen tanzten, und etrachtete ſeufzend die Stelle, wo Camilla geſeſſen war; dann ging er langſam nach der Thüre, welche den Salon von dem Zimmer ſeines Onkels ſchied. Da hörte er durch den dichten Thürvorhang Caſcarel, welcher näſelnd die Zeitung las, und einen Augenblick dar⸗ auf die Stimme von Cäſar Fauberton, welcher auf 127 den Tiſch ſchlug und mit lebhafter Erregung rief: „So ſehe ich die orientaliſche Frage nicht an! Die Miniſter haben Unrecht! Ich möchte, dieſes Mini⸗ ſterium würde geſtürzt!... Fahre fort, Caſcarel.⸗ „Er beſchäftigt ſich mit Politik, er ſpricht von den Miniſtern, und von uns niemals ein Wort!“ dachte Theodor gepreßten Herzens, ſprach aber bei der Rückkehr zu ſeiner Mutter kein Wort von dem, was er eben gehört hatte. Einen Augenblick nachher trat Marcelle ein; ſie war noch bläſſer als gewöhnlich, und ihre feuchten Haare klebten an der Stirne; mit der einen Hand reichte ſie verſtohlener Weiſe Theodor ein kleines Papier, mit der andern ſchob ſie den Gueridon zu⸗ rück, indem ſie mit der Miene ſanften Unwillens ſagte: 4 9„Madame, Sie haben jetzt genug gearbeitet, es iſt beinahe Mitternacht.“ „Ach, großer Gott! ich dachte nicht daran!“ rief die gute Frau, indem ſie ihr Strickzeug verſchloß; „die Uhren zeigen alſo dieſen Abend alle falſch, die eine geht um eine gute Stunde zu ſpät, die andere gar nicht!“ Sie kehrte ſogleich in ihr Zimmer zurück. Theo⸗ dor hielt Marcelle am Kleide zurück. „Ei! armes Kind, was haſt Du gethan?“ rief er. „Etwas ſehr Einfaches, ich bin an Ihrer Stelle hingegangen,“ gab ſie zur Antwort;„Sie hatten den Brief und Strauß in die Schublade Ihres Schreib⸗ tiſches gelegt; ich habe dieſelben an ihre Adreſſe überbracht. Seien Sie ruhig, die Nacht war ſo * — 128 ſchwarz, daß wenn Herr Signoret auch um ſein Haus herumſtreifte, er mich nicht erkannt haben würde. Ich hatte ſie kaum an ihrem Fenſter wahr⸗ genommen, ſo warf ſie mir an dem Bindfaden ihr Billet zu. Sie glaubte ohne Zweifel, Sie ſeien da.“ „Du haſt ſie geſehen!“ rief Theodor gerührt, nicht von Marcelle's Aufopferung, ſondern von der Gefahr, welcher ſich gewiſſermaßen die ſchöne Ca⸗ milla ausgeſetzt hatte;„arme Geliebte! ich werde Abends nicht mehr unter ihr Fenſter gehen, um zu warten, bis ſie ihr weißes Geſicht zwiſchen den Blu⸗ mentöpfen zeigt!“ Er las das Billet, küßte das kleine feuchte und erknitterte Papier mit Entzücken und legte es in ſein Porecfeuile⸗ dann ſagte er zu Marcelle: „Danke, liebes Kind, danke für ſie und für ; 4 Von dieſem Tage an überwachte Monſieur Sig⸗ noret die Umgebungen ſeines Hauſes ſo gut, daß Theodor weder bei Tag noch am Abend demſelben nahe zu kommen vermochte; das älteſte der kleinen Mädchen ſchlief im Zimmer der großen Schweſter, und Tante Dorothee brachte zu deſto größerer Sicher⸗ heit bei Abſperrung der kleinen Gartenthüre das rieſige Vorhängeſchloß, womit einſt die Kaſſe des Notars, Meiſter Signoret's, verwahrt geweſen war. Die beiden Liebenden mußten zu ſcharfſinnigen Kunſt⸗ griffen, zu alten Kriegsliſten, die außer Gewohnheit gekommen waren, ſeitdem in Gefangenſchaft gehaltene Mündel und eiferſüchtige Vormünder nicht mehr in der Mode ſind, ihre Zuflucht nehmen. Camilla hatte weder Tinte noch Papier mehr zu ihrer Ver⸗ 2 —— —,— 129 fügung, und war überdieß beſtändig von ihren vier kleinen Schweſtern umgeben, welche ſie, ohne daran zu denken, beſſer als eine portugieſiſche Duenna überwachten; aber man gab nicht darauf Acht, was ſie that, wenn ſie bei Seite ſitzend und ein Blatt des Lütticher Kalenders in der Hand, mit einer großen Nadel Worte im Zuſammenhang ſtichelte und ſo Liebesbriefe entwarf, welche Theodor hernach zu entziffern ſich bemühte. Die Antworten des armen Liebenden ſtiegen nicht mehr durch das Fenſter, ge⸗ langten aber nichts deſto weniger an den Ort ihrer Beſtimmung; er warf ſie über die Mauern des klei⸗ nen Gartens, in einen Knäuel eingeſchloſſen, welchen Camilla ſuchte, ſobald ſie aufgeſtanden war. Mehr als einmal geſchah es jedoch, daß Scipio Signoret, wenn er ihr bei der Morgenpromenade zuvorgekom⸗ men wak, ſchon mit dem wollenen oder baumwolle⸗ nen Knäuel in der Hand auf ſie zuſchritt, indem er in ärgerlichem Tone ſprach: „Da, Nachläßige, Du läſſeſt Alles herumfahren.. eben finde ich dieſen Knäuel da außen, gerade an der Stelle, wo Du geſtern arbeiteteſt.“ „Ich habe ihn wohl fallen laſſen,“ antwortete Camilla mit einem Zittern in der Stimme, welches ihren Vater auf der Stelle beſänftigte. „Geh!“ fuhr er dann fort, zufrieden, ſich ſo ge⸗ fürchtet und reſpectirt zu ſehen,„ich verzeihe Dir für dießmal; aber in Zukunft ſei ſorgfältiger.“ In der Geſellſchaft von O.. fing man an, die Liebenden zu beklagen. „Die arme kleine Signoret magert zuſehends ab,“ ſagte heuchleriſch Madame Chapuſot;„wenn Reybaud, Onkel Cäſar. 9. 130 die Dinge ſich nicht ändern, bekommt ſie die Aus⸗ zehrung. Theodor Fauberton ſieht auch. nicht mehr ſo gut aus, er iſt trocken wie ein Paket Zünd⸗ hölzchen.“. „Das iſt gleich!“ antwortete Monſieur Chapuſot, „Camilla iſt immer ſchön, und ich ſtelle mir vor, 4 bei Onkel Cäſar's Tode werden die Signoret trium⸗ phirend in das Hotel Fauberton zurückkehren.“ „Alles iſt möglich,“ murmelte Madame Chapuſot aochſelzuckend. VI. Fünf Jahre verfloſſen auf dieſe Art; während dieſer langen Zeit ging keine bemerkenswerthe Ver⸗ änderung in der moraliſchen und phyſiſchen Lage der Perſonen vor, deren Geſchichte ich zu erzählen un⸗ ternommen habe. Onkel Cäſar hatte ſein Zimmer nicht verlaſſen, und man ſagte im Publikum, daß er an Dicke immer zulege. Für die meiſten Leute war er in den Zuſtand eines blödſinnigen Alten übergegangen; man erkundigte ſich nicht einmal mehr nach ihm. Zuweilen jedoch fragte Monſieur Cha⸗ puſot Caſcarel, was ſein Herr mache. „Nichts,“ antwortete aufrichtig der ehrliche Burſche. „Aber er ſpricht vielleicht Etwas?“ rief Monſieur Chapuſot mit beinahe ſpöttiſcher Miene. „Ja, mein Herr, er ſagt, die orientaliſche Frage 3 131 habe noch einen Schritt gemacht,“ erwiederte Caſca⸗ rel unbefangen. Madame Hermance war ſehr gealtert, und ihr Sohn hatte die Tournure junger Leute, welche ihr dreißigſtes Jahr erreicht haben: er fing an, eine leichte Fülle zu bekommen, und ſeine Züge hatten weniger Feinheit. Was ſein Herz betraf, ſo war es immer daſſelbe. In den Gewohnheiten der Familie Signoret hatte ſich Nichts geändert. Camilla, ſchöner als je, wurde nicht müde zu warten. Nichts konnte ihre Standhaftigkeit erſchüttern, weder die enge Abſper⸗ rung, worin man ſie hielt, noch die Drohungen ihres Vaters, welcher ihr davon ſprach, Theodor den Kopf zu ſpalten, wenn er ihn in der Umgebung des kleinen Platzes Join⸗Vert herumſtreichen ſehe. Dieſe Großprahlereien, welche der gute Mann außerhalb ſeines Hauſes ſich nicht erlaubte, jagten ſeinen jün⸗ gern Töchtern ein Zittern ein; auch ſagte die nächſt⸗ ältere, die ſchon ziemlich groß und ſehr hübſch war, ſie möchte wohl auf der Stelle einen Mann nehmen, aber einem Liebhaber würde ſie niemals, niemals Gehör ſchenken. Die gute Geſellſchaft von O... lebte, da ſie keinen Vereinigungspunkt mehr hatte, zerſtreut. Doch veranſtaltete man jedes Jahr am Mardi-gras ein Pickenik im Gaſthauſe zu der ſchwarzen Traube und tanzte auf einem ungeheuren, zum Ballſaal umge⸗ wmandelten Speicher bis Tagesanbruch. Es war je⸗ doch, darf man wohl ſagen, nur eine dem Gedächt⸗ niß zu Hülfe kommende Feierlichkeit: man ſprach von Nichts, als der Vergangenheit, von ben Klänzenden Galla's im Hotel Fauberton und vornehmlich von jenem Feſte, wo der ſchöne Cäſar gewiſſermaßen der Welt Lebewohl geſagt hatte. Die Familie Chapuſot war über dieſen Gegen⸗ ſtand unerſchöpflich. Beim Eintritt in den mit weißem und rothen Kalikot behängten Saal, in deſ⸗ ſen Mitte einige ſchnatternde Paare den erſten Contretanz machten, ermangelte Madame Chapuſot nicht, auszurufen: „Welche armſelige Dekoration! Das war einſt ein anderer Anblick, wenn man die Salons des Herrn Maire betrat!“— Hatte ſie dann an einem der Ehrenplätze auf dem mit Heu gepolſterten Kanapee, welcher der Thüre gegenüberſtand, ſich niedergelaſſen, hatte ſie ihre Töchter auf der Bank vor ſich angereihl, ſo ver⸗ folgte ſie mit unauslöſchlichem Feuer denſelben Ge⸗ genſtand. Wiewohl ſie weit entfernt war, die Wahr⸗ heit zu ahnen, errieth ſie doch vermöge einer Art geiſtiger Anſchauung, daß Camilla einigermaßen an der verhängnißvollen Revolution ſchuldig war, welche von einem Tag auf den andern aus dem Hotel Fauberton einen Wohnort, einem Karthäuſerkloſter vergleichbar gemacht hatte. Sie erinnerte ſich noch, große Seufzer ausſtoßend, des letzten Balles und ſeiner Folgen.„An jenem Tage wurden alle Hon⸗ neurs den Signoret zu Theil,“ ſagte ſie mit Bitter⸗ keit;„aber am folgenden Tage waren ſie in ihr Nichts zurückgefallen. Seitdem trifft man ſie nir⸗ gends mehr. Man ſagt, der junge Fauberton ſei noch immer in die älteſte Schweſter verliebt. Sicher⸗ lich macht dieſes zarte Gefühl nicht das Glück der —— 133 jungen Perſon; ſie iſt ſeit dem letzten Jahr ſehr ab⸗ gemagert. Man ſieht wohl, daß ſie ſich verzehrt. Die Schuld liegt an den Eltern, welche von An⸗ fang an dieſe Neigung hätten brechen ſollen. Weit entfernt davon, führen ſie die Kleine auf den Ball, wo ſie die ganze Nacht mit Theodor tanzt, wo die ganze Stadt ſie mit einem Orangeblüthen⸗Bouquet im Gürtel geſehen hat... Es war klar, daß eine ſolche Unklugheit ihre Früchte tragen würde... Aber nicht alle Mütter handeln gleich Madame Signoret: Etwas dergleichen kann meinen Töchtern gewiß nicht begegnen. Und Theodor Fauberton, was der für ein ſeltſames Leben führt! Man ſieht ihn nicht mehr in der Geſellſchaft. Unlängſt begegnete ich ihm beim Eingang in die Vorſtadt, wie er von fern die Leute beobachtete, welche auf der Promenade her⸗ kamen. Er iſt immer noch ſauber von Perſon und mit Geſchmack gekleidet, aber ich finde, daß ſeine Phyſiognomie traurig und wie zerſtört iſt. Man ſieht, daß er Etwas in ſich hat, was ihn außzehrt... Doch iſt ſeine Stellung nicht von der Art, daß ſie Mitleid erregt: er wird früher oder ſpäter reich werden, denn Onkel Cäſar wird ſein Gut nicht in die andere Welt mitnehmen.“ Nach dieſem Schluß holte ſie einen Augenblick Athem, dann ſetzte ſie hinzu: „Das letzte Mal, da ich Caſcarel ſah, hat er mir geſagt:„Monſieur befindet ſich wohl; er trinkt ſeinen Wein beim Eſſen rein aus und läßt Nichts auf ſeinem Teller. Gegen Eintritt des Winters be⸗ fand er ſich ein Wenig unpäßlich: er ſchleppte beim Gehen ſeine Füße, aber ſeitdem ſind ſeine Beine wieder feſt geworden. Jetzt tritt er beim Auf⸗ und Abgehen im Zimmer ſo ſtark auf, daß die Ferſen ſeiner Pantoffeln krachen.“. „Er würde viel beſſer daran thun, ſeine Salons wieder zu eröffnen, anſtatt wie ein wildes Thier ſich alſo in ſeinem Käfig zu drehen!“ riefen die Gegen⸗ redner;„dann würde man von ihm reden...“ „Er könnte vielleicht noch ein Blatt der Ge⸗ ſchichte ſeiner Siege und Eroberungen beifügen!“ rief Monſieur Chapuſot in ſpöttiſchem Ton. Es war etwas über fünf Jahre, daß Onkel Cäſar ſich aus der Welt zurückgezogen hatte, als Madame Hermance, deren Geſundheit ſeit langer Zeit im Abnehmen war, plötzlich in Todesgefahr verfiel. Die arme Frau glaubte ſich dem verhäng⸗ nißvollen Ziel noch nicht ſo nahe, und ihre Umge⸗ bung theilte deren Illuſion; da man keine Unruhe deßhalb hegte, hatte ſich Nichts in den Gewohnhei⸗ ten ihres Sohnes geändert, und er ging alle Tage zur Stunde der Promenade aus. Eines Nachmittags war Marcelle allein bei der Kranken; dieſe ſchlummerte, öffnete aber von Zeit zu Zeit die Augen und ſchaute um ſich, wie Jemand, der mitten aus einem Traum erwacht. Plötzlich be⸗ wegte ſie ſich und wandte den Kopf dem jungen Mädchen zu. „Höre,“ ſagte ſie zu Marcelle, indem ſie dieſelbe an ihr Bett heranrief,„höre mein Kind, wenn ich ſterben ſollte, verlaß das Haus nicht, ſorge für Theodor... Ach! indem ich ihn hieher brachte, in⸗ dem ich für ihn die Erbverſchreibung ſeines Oheims annahm, habe ich ihm eine ſehr elende Exiſtenz be⸗ —y———— —̃ᷓᷓ⸗ —— 13⁵5 reitet... Er hätte gearbeitet, er wäre glücklicher geweſen, wenn wir da geblieben wären, wo uns ſein Vater gelaſſen hat! Wenn ich nicht mehr da bin, ſo nimm meinen Platz ein, und wenn er vor dem Tode dieſes Mannes, der uns ſo großes Leid an⸗ gethan hat, heirathen wollte, ſo hindere ihn daran in meinem Namen... verſtehſt Du, Marcelle, hin⸗ dere ihn, eine Thorheit zu begehen!“... „Ach! Madame, welche Gedanken kommen Ihnen heute!“ rief das arme Mädchen, in Thränen aufge⸗ löst;„Sie ſind nicht kränker...“ 3 „Im Gegentheil, ich fühle mich ſeit dem Mor⸗ gen beſſer,“ antwortete ſie, den Kopf gegen die Wand drehend;„ziehe den Vorhang zu, ich will ein Wenig ſchlafen.“ arcelle gehorchte und ſchickte ſich an, geräuſch⸗ los im Gemach aufzuräumen. Von Zeit zu Zeit öffnete ſie halb den Vorhang und da ſie ſah, daß Madame Hermance ruhig war, kehrte ſie weniger beſorgt zu ihrer Arbeit zurück. Eine Stunde ſpäter trat Caſcarel ein: er wollte Weißzeug für ſeinen Herrn haben. „Eile zum Schrank, meine kleine Marcelle,“ ſagte er mit leiſer Stimme;„ich bleibe da, im Fall Madame Hermance Etwas brauchen ſollte.“ Als Marcelle hinausgegangen war, trat er zu dem Bette und ſchob, erſtaunt, nicht den leiſeſten Athemzug zu hören, den Vorhang zurück: Madame Hermance war todt. Als Marcelle zwei Minuten ſpäter zurückkehrte, fand ſie Caſcarel weinend dem lebloſen Körper ge⸗ genüber, nicht wiſſend, ob der letzte Athemzug ſchon vorüber ſei, und nicht wagend, ſich davon zu über⸗ zeugen. Das Mädchen ſtürzte auf das Bett zu, nahm die ſchlaffen Hände, welche auf der Decke aus⸗ geſtreckt lagen, und fuhr plötzlich zurück, indem ſie mit einem unbeſchreiblichen Ton von Schmerz, Schrecken und Mitleid ausrief:„O! ihr armer Sohn!“ Eine Viertelſtunde nachher kehrte Theodor zu⸗ rück; Marcelle eilte ihm entgegen und hinderte ihn am Heraufſteigen durch eine ſo raſche Geberde, mit einem ſo ſchmerzlich erregten Geſichte, daß er ſein Unglück begriff, und ehe ſie ein Wort geſprochen hatte, brach er in lautes Schluchzen aus. Er war eine von jenen lebhaften und zärtlichen Naturen, welche der Schmerz auf den erſten Stoß bricht; in ſeiner Verzweiflung klagte er ſich an, nicht liebevoll, nicht folgſam genug gegen die, welche nicht mehr war, geweſen zu ſein. Die Liebe zur Familie be⸗ lebte ſich wieder in ſeinem Herzen: er erinnerte ſich deſſen, was Cäſar Fauberton für ihn geweſen war, und nach ſeinem eigenen Herzen jenes dürre, gefühl⸗ loſe, bis zur Grauſamkeit egoiſtiſche Herz beurthei⸗ lend, ſprach er zu Caſcarel: „Ich will meinen Onkel ſehen; wenn er den unerſetzlichen Verluſt, welchen wir erlitten haben, erfährt, wird ſich ſeine Seele erweichen, er wird mich nicht ſo allein in der Welt laſſen wollen.“ „Denken Sie daran nicht!“ antwortete Caſcarel ſeufzend;„es ſind jetzt fünf Jahre vorüber, daß er mir ſeinen Entſchluß erklärt hat, Niemand mehr ſehen zu wollen, daß er mir ausdrücklich verboten hat, ihm ein einziges Wort von dem, was um ihn — vorgehe, zu ſagen. Seit jenem Augenblick iſt er ſich nicht untreu geworden; er hat nicht ein einziges Mal den Mund geöffnet, um zu fragen, wie es im Hauſe gehe, was man in der Nachbarſchaft mache. Folgen Sie meinem Rath, laſſen Sie ihn ruhig in ſeinem Winkel, weil er es ſo haben will.“ Die ganze Geſellſchaft von O... bezeigte Theo⸗ dor den Antheil, den ſie an ſeinem Schmerz nahm. Selbſt Herr Signoret diſpenſirte ſich nicht von die⸗ ſer Pflicht. Madame Chapuſot und Tante Doro⸗ thee kamen zuſammen: die Erſte weinte die Treppe heraufſteigend, die Andere ſchaute tief betrübt um ſich und gedachte des Tages, wo Madame Her⸗ mance mit ihr zum erſten Mal von ihrem Sohne und der ſchönen Camilla geſprochen hatte. „Ach! ach!“ dachte ſie,„die arme Frau hatte Recht; man hätte Berge und Meere zwiſchen die beiden Liebenden legen ſollen.“ Als die beiden Frauen auf dem Ruheplatz vom erſten Stock angekommen waren, ſagte Madame Chapuſot, eine Thüre aufſtoßend: „Treten wir durch den großen Salon ein.“ Es war dunkel in dieſem ungeheuren Gemach. Die karmoiſinrothen Vorhänge waren vor den Fen⸗ ſtern, von denen man nur einen Laden halb offen gelaſſen hatte, herabgelaſſen. Der Strahl des Ta⸗ ges, der dort eindrang, fiel eben auf einen ſorg⸗ fältig geſchloſſenen Thürvorhang. Madame Chapu⸗ ſot ging gerade darauf zu und ſprach, vor dem dichten Vorhang, der in großen Falten auf den Bo⸗ den fiel, anhaltend: „Dahinten iſt Cäſar Fauberton.“ 138 Sie hatte das ganz laut geſprochen. Sogleich antwortete eine heiſere und wüthende Stimme: „Wenn es Jemand wagen ſollte, bei mir einzu⸗ treten, ſo wiſſe er, daß ich Piſtolen zur Hand habe.“ „Ach! Großer Gott! er hat mich gehört!“... rief Madame Chapuſot entfliehend. „Wäre der Himmel gerecht, ſo wäre nicht Ma⸗ dame Hermance jetzt auf dem Kirchhofe!“ ſprach Tante Dorothee bitter. Meiſter Chardacier brachte gleichfalls Theodor ſeine Tröſtungen dar, Tröſtungen eines Rechtsman⸗ nes, der mit den Geſchäften des Hauſes auf dem Laufenden war. „Sie haben Ihre Mutter verloren, das iſt ein ſehr großes Unglück,“ ſprach er zu ihm,„aber Sie konnten vernünftiger Weiſe nicht hoffen, daß dieſelbe Sie überleben würde. Dieſes traurige Ereigniß kann keinen Einfluß auf die Verfügungen Ihres Onkels haben, denn es bleibt demſelben unbekannt. Wir haben übrigens bezüglich der neuen Teſtaments⸗ Beſtimmungen nichts zu befürchten; Caſcarel bürgt für Alles; ſein Herr kann allein nicht eine Linie ſchreiben; es iſt ſchon Alles, wenn er nur lesbar die Aktenſtücke, die ich ihm zuſende, mit ſeinem Namen unterzeichnet.... Er iſt im beſten Zug, ſein Ver⸗ mögen durch Aufhäufung ſeines Einkommens zu ver⸗ doppeln, und Sie erben eines Tages dieß Alles... Wenn Sie indeſſen etwas Geld brauchen ſollten...“ „Nein, nein, werther Herr, ich danke Ihnen,“ antwortete Theodor;„ich werde nicht das thun, was meine arme Mutter zu ihren Lebzeiten niemals thun wollte. 4 —— —— 139 „Es gab eine lebenslängliche Rente, und Sie werden nur ein ſehr kleines Einkommen haben,“ be⸗ merkte der Notar, darauf beſtehend. „Macht nichts, wir werden von dem Wenigen, was ich habe, leben... nicht wahr, Marcelle?“ ſetzte er gegen das Mädchen gewendet hinzu, welches ihm ſeinen mit einem breiten Flor beſetzten Hut brachte. „Ja, Herr Theodor,“ antwortete ſie ihm muthig, „es wird Ihnen an Nichts fehlen.“ „Das iſt ein braves Mädchen!“ rief Meiſter Chardacier.„Sie hat ihr kleines Kapital bei mir angelegt, beinahe zwei tauſend Francs, welche Ihre Mutter ſie von ihrem Lohn erſparen ließ. Mit dieſer Mitgift kann ſie einen guten Arbeiter heirathen.“ „Sie wird aber nicht heirathen,“ antwortete Theodor. „Ei, und warum denn?“ fragte Meiſter Char⸗ dacier. „Weil ſie aus der kleinen Bürgerſchaft ſtammt und ſich nichts vergeben möchte. Es iſt keine große Hoffnung, daß eine beſſere Partie ſich zeigt, weil ſie nicht hübſch iſt; ſo glaube ich denn, ſie wird als Mädchen ſterben, und ich nehme an, ſie hat denſel⸗ ben Gedanken, wie ich.“. Als Tante Dorothee ihrer Pathin ankündigte, daß Madame Hermance beinahe plötzlich geſtorben ſei, begann das arme Mädchen zu weinen und zu ſchluchzen. Ihr erſter Gedanke war, Theodor würde, in ſeinen Schmerz verſunken, vielleicht auf lange Zeit ſie nicht aufſuchen; der zweite, es wäre ſehr 140 verdrießlich, daß nicht Onkel Cä alten Frau geſtorben ſei. ſar anſtatt der guten Am folgenden Sonntag erſchien ſie bei der Hoch⸗ meſſe ſchwarz gekleidet. Das fiel ſehr auf. „Sie trauert um Madame Hermance,“ ſagte man auf allen Seiten. „Ja, das iſt wahrſcheinlich ihre Abſicht,“ ant⸗ wortete Madame Chapuſot;„ſie hat es mit wenig Koſten ausgeführt. Ich kenne ſchon ſeit drei Jahren dieſen wieder aufgefärbten Strohhut an ihr; was das Kleid betrifft, ſo rührt das aus ferner Zeit her: es iſt das nämliche, welches Madame Signoret für den Ball von Onkel Cäſar hatte neu herrichten aſſen.“ VII. Theodor litt lange unter dem Druck des Un⸗ glücks, das ihn ſo plötzlich betroffen hatte. Der Schmerz, den er empfand, hatte ſeinen andern Em⸗ pfindungen Einhalt gethan, und mehre Monate lang ſchlief ſeine Liebe zu Camilla gewiſſermaßen auf dem Grunde ſeines Herzens; aber mit der Zeit milderte ſich dieſe heſtige Betrübniß, eine melancholiſche Er⸗ innerung trat an die Stelle des verzweifelten Kum⸗ mers; die brennende, unbefriedigte Leidenſchaft ge⸗ wann ihre ganze Gewalt wieder, und der junge Mann begann wieder ſeine Bekenntniſſe gegenüber von der armen Marcelle. Um dieſe Zeit trat ein ſehr glückliches und un⸗ 141 erwartetes Ereigniß in der Familie Signoret ein. Juliette, die nächſt älteſte Schweſter von Camilla, heirathete Caſimir Brindorge, einen Dorfbürger, für welchen ſie nicht Zeit gehabt hatte nur die geringſte Neigung zu faſſen, in Betracht, daß ſie ihn erſt zum zweiten Mal ſah, als er ſie zur Ehe begehrte. Ju⸗ liette Signoret hatte keine Mitgift, war aber bei⸗ nahe ebenſo ſchön, als ihre ältere Schweſter, und der junge Brindorge hatte ſich ſterblich in ſie ver⸗ liebt, als er ſie eines Tages, da er auf den Markt gekommen war, um den Ertrag ſeiner Ernte zu ver⸗ kaufen, über den Hauptplatz gehen ſah. Aus Veranlaſſung dieſer Heirath gab es einige Luſtbarkeiten in der Familie Signoret; nach der Ceremonie ſervirte man im Salon Chokolade und ein Glas friſchen Waſſers; darauf ging man ab, um das Hochzeitfeſt auf dem Lande, bei dem Bräu⸗ tigam zu begehen, der auf ſeinem Gut lebte, wie die Leute zu O... ſagten. = Theodor hatte von Caſſimir Brindorge, der ſein Schulkamerade geweſen war, eine Einladung erhal⸗ ten und befand ſich bereits dort, als der ganze Hochzeitszug ankam. Scipio Signoret ärgerte ſich nicht allzuſehr bei ſeinem Anblick und erwiederte höflich ſeinen Gruß. Jedoch affektirte er einen gewiſſen Hochmuth gegen ihn und wich dem Geſpräch mit ihm aus. Madame Signoret, ganz beſchäftigt mit der Neuvermählten, verlor Camilla oft aus den Augen; aber Tante Dorothee war da, hellſehender und wachſamer, als der hundertäugige Argus. Sie gab auf ihre Pathin ſo genau Acht, daß Theodor nicht einmal in dem 142 Tumult, welcher dem Mahle voranging, ſich in ihre Nähe ſchleichen konnte, und bei Tiſch erhielt er ſei⸗ nen Sitz weit ab von ihr, zwiſchen den kleinen Signoret, Kindern von zehn oder zwölf Jahren. Doch wandte die alte Jungfrau ein wenig den Kopf ab und ſchloß das Ohr, als nach dem Diner, welches fünf Stunden gedauert hatte, die beiden Liebenden ſich neben einander mit dem Ellenbogen auf die Ba⸗ luſtrade einer Terraſſe ſtützten, wo man ſich anſchickte, im Freien zu tanzen. Es war in den erſten Tagen des Juni; ein Duft von Geißblatt und reifen Erd⸗ beeren erhob ſich von den ländlichen Parterres, Züge von Tauben kehrten mit Flügelſchlag zu dem Tau⸗ benhaus zurück, und jenſeits der friſchen Hecken grünte das Getreide in der untergehenden Sonne. „Theure, theure Camilla!“ flüſterte Theodor, in⸗ dem er verſtohlen die kleine, ſich auf die Baluſtrade ſtützende Hand küßte. „Ol mein theurer Theodor!“ ſtammelte das rei⸗ zende Mädchen. Und ſie ſprachen nicht weiter, ſo groß war ihr Glück, und ſo ſehr fürchteten ſie ſich vor dem alten Signoret, der in den Parterres herumſtrich und ſich den Schein gab, als rauche er eine Cigarre. End⸗ lich fand Theodor wieder das Wort: „Meine liebe Seele, ich bitte Dich nicht um den Contretanz,“ ſagte er, einen Blick auf ſeine ſchwar⸗ zen Kleider werfend. „Auch ich bin in Trauer und tanze nicht,“ ant⸗ wortete ſie ihm mit einem ſo ſanften, ſo eindringen⸗ den Blick, daß er davon wie berauſcht wurde. Sie trug ein weißes Perkalkleid mit ein wenig 143 dünner, zerknitterter Gaze um den Hals. Einige Schleifen ſchwarzen Bandes ſtanden gut zu ihren blonden Haaren, und an die Bruſt hatte ſie einen kleinen Strauß von weißen Roſen geſteckt. Theodor betrachtete ſie ganz entzückt und von Liebe verzehrt; nie hatte er ſie ſo blendend geſehen. Wirklich war ſie damals in der vollen Entfaltung ihrer ſeltenen Schönheit; keine Vergleichung konnte den ſanften Schimmer ihres Teints, die ſouveräne Grazie ihrer Perſon wiedergeben. Bei ihrem Anblick erinnerte man ſich unwillkürlich ſeiner Mythologie, einer Hebe, Venus und des ganzen Gefolges junger Göttinnen, zu deren Füßen ſich das heidniſche Alterthum nie⸗ derwarf. Es gab viele junge Leute bei dieſem Hochzeit⸗ ball; mehre derſelben hätten gern das Beiſpiel von Caſimir Brindorge befolgt, mehre hätten, von plötz⸗ licher Leidenſchaft für Camilla ergriffen, ſchon am nächſten Morgen ſie zur Ehe begehrt; aber Alle hielten ſich in der Entfernung, weil ſie ihr Liebes⸗ verhältniß mit Theodor kannten. Tante Dorothee ſeufzte im Grund ihrer Seele, wenn ſie das liebende Paar betrachtete, deſſen Glück noch ſo lang hinausgeſchoben werden konnte. Wie⸗ wohl ſie nicht ohne einige romanhafte Ideen in ihrer Einbildungskraft war, bedauerte ſie doch lebhaft, daß ihre Pathin eine ſo unbeſonnene Verpflichtung ein⸗ gegangen hatte. Auch unterbrach ſie bald das téte⸗ a-téte der beiden Liebenden, die nun darauf be⸗ ſchränkt waren, ſich bis an's Ende des Balls aus der Ferne zu betrachten. 144 Anm andern Morgen ſprach Theodor, ganz fieber⸗ krank vor Liebe, mit einem Seufzer zu Marcelle: „Geſtern war ich im Himmel... heute bin ich wieder auf die Erde zurückgefallen.... Wie lang mir die Stunden erſcheinen!... Was dieſen Abend hier anfangen?... Fern von ihr verzehrt mich die Langeweile, ich lebe nicht... Ach! Marcelle, wenn Du ſie geſtern auf dem Hochzeitball geſehen hät⸗ teſt!... Wie ſchön ſie war!... Ich hätte mich vor ihr auf die Kniee werfen und mit gefalteten Händen ſie betrachten und anbeten mögen. Sie hat mir wiederholt, daß ſie mich liebt, daß ſie nur mir gehören, daß ſie warten wird; aber ich glaubte in ihr einen gewiſſen Grad von Traurigkeit und Ungeduld zu bemerken. Ach! wie unglücklich, wie unglücklich bin ich!... O! wie grauſam iſt unſer Loos! o!l die ſchönen verlorenen Jahre!... Während dieſer Tirade legte Marcelle das Cou⸗ vert auf den kleinen Tſch, woran Theodor ſaß. „Ach!“ ſagte ſie,„iſt es möglich, ſein Schickſal zu ſchelten, wenn man geliebt iſt? Sie wiſſen wohl, daß ein Tag kommt, wo Sie der glücklichſte Menſch auf Erden ſein werden.“ 9 „Werde ich ſo lang leben?“ murmelte Theodor, ſich mit dem Ellenbogen auf den Tiſch ſtützend, wo Marcelle ihm eben ſein Frühſtück vorgeſetzt hatte. „Nun, eſſen Sie ein Wenig,“ ſprach ſie ſanft, wie wenn ſie mit einem eigenwilligen und kranken Kinde redete;„ich finde, daß Sie dieſen Morgen ſchlecht ausſehen; man erkennt wohl, daß Sie nicht zu Bette geweſen ſind. Es wird nöthig ſein, dieſen Nachmittag, wenn es geht, ein Wenig zu ſchlafen. Halt, da ſind gute friſche Eierchen, die ich in dem Neſte des ſchwarzen Huhns geholt habe, wiſſen Sie, das bis an die Gartenthüre kommt und dem Sie immer Brodkrümchen geben.“ ue daf Du Caſcarel geſehen?“ fragte er Mar⸗ celle. „Ja, erſt vor einem Augenblick.“ „Was ſagt er?“ „Nichts Beſonderes; ſein Herr iſt gegenwärtig ſehr beſchäftigt.“ „Ah!“ rief Theodor erſtaunt. „Sehr beſchäftigt mit zwei Sperlingen, welche in einem Mauerloch gerade ſeinem Fenſter gegenüber ihr Neſt gemacht haben. Den ganzen Tag iſt er da, hinter dem Sommerladen, ihnen zu zuſchauen. Es macht ihm viel Unterhaltung, ſie mit dem Futter im Schnabel kommen zu ſehen und die Jungen zu hören, welche am Rande des Neſtes ſich herumzan⸗ ken, wenn Vater und Mutter draußen ſind.“ „Ach! mein armer Onkel!“ murmelte Theodor mit aufrichtigem Mitleid. Acht Tage ſpäter, während Theodor gerade beim Frühſtück war, kam Caſcarel ganz beſtürzt. „Es iſt ein Unglück geſchehen,“ ſagte er;„die Sperlinge ſind davon geflogen.“ „Wie! Wie!“ rief Theodor. „Monſieur iſt ſelbſt daran ſchuldig,“ antwortete Caſcarel;„dieſen Morgen ſah er, wie die ganze Brut herumflatterte, um ihre Flügel zu verſuchen, und ſagte zu mir voll Unruhe: ‚Schnell, ſchnell! hole eine Leiter, einen Käfig; ſie gehen davon, wenn wir ſie nicht wegfangen.— ‚Aber es wird bald Reybaud, Onkel Caſar. 10 146 ein anderes Neſt da ſein,“ antwortete ich ihm, ‚die Sperlinge brüten den ganzen Sommer; außerdem ſind die Jungen ſchon groß und laufen Gefahr, zu ſterben, wenn man ſie in einen Käfig ſperrt.— „Thue, was ich Dir ſage!’ rief er ungeſtüm. Ich holte alſo die Leiter und den Käfig und ſtieg auf der Gaſſe hinauf. Alle Gaſſenjungen auf dem Platz liefen mit lautem Geſchrei herbei, da ſie nicht wuß⸗ ten, was ich thun wollte. Monſieur ſtand hinter dem Sommerladen und ſchaute zu. Die Sperlinge maren in dem Neſte; ich ſtreckte ganz ſachte meine Hand aus, aber ſie ſind ſchlau, dieſe kleinen Beſtien; ſie ſchlüpften mir zwiſchen den Fingern durch, und der ganze Schwarm flog davon, Vater und Mutter voran... Jetzt iſt es aus, man wird ſie nie mehr ſehen: die Sperlinge kommen niemals wieder an einen Ort, wo man ſie beinahe gefangen hat. Als ich zurückkehrte, fand ich Monſieur in Verzweiflung; er weinte beinahe und wollte nicht frühſtücken.“ „Aber da kann man ihn auf der Stelle leicht tröſten,“ ſagte jetzt Marcelle;„es handelt ſich nur⸗ darum, ihm ſo ſchnell als möglich ein Neſt Nachti⸗ gallen, oder auch eine Amſel, oder einen Papagei zu kaufen.“ „Das würde ihn durchaus nicht tröſten,“ ant⸗ und vor meinen Augen ſich liebkoſen würden.— Dann wagte ich ihm zu ſagen: ‚wenn Monſieur „ 147 einen Zeiſig wollte? das wäre gewiß eine Zer⸗ ſtreuung für ihn.— ‚Nein! nein,' ſchrie er noch heftiger, zich will um mich weder Turteltaube, noch Zeiſig, noch Hund, noch Katze, noch irgend Etwas! Wenn ich Luſt habe, mich zu unterhalten, wohlan! ſo werde ich Spinnen aufziehen.— Als ich ſah, daß er alſo tobte und ſchalt, unterſtand ich mich nicht, weiter zu reden, ſondern ſchickte mich an, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Einen Augenblick nachher ſetzte er in etwas beſänftigtem Tone hinzu: „Halte immer den Käfig bereit, ich glaube, daß die Sperlinge wieder kommen!— Darauf ging er an das Fenſter und ich ließ ihn dort, das Geſicht an den Sommerladen gedrückt, unverwandten Blicks ausſchauend, ob die Brut nicht wieder in ihr Loch zurückkehre.“ Theodor und die ſchöne Camilla fuhren fort, ſich aus der Ferne zu lieben, indem ſie immer irgend eine neue Liſt erfanden, um ihre Correſpondenz zu unterhalten und ſich wenigſtens einmal täglich aus der Ferne zu ſehen. Madame Signoret, ſchmerzlich betrübt über dieſe Beharrlichkeit, ſagte oft zu Tante Dorothee: „Die Zeit vergeht; Camilla magert ab und ver⸗ zehrt ſich... Wenn ich daran denke, daß wir ſie gleich ihrer Schweſter hätten verheirathen können l.. Ach! es ſtand geſchrieben, daß ein Fauberton auch das Unglück meiner Tochter machen ſollte!...“ „Glauben Sie nicht, daß Camilla unglücklich iſt!“ antwortete lebhaft Tante Dorothee;„ſie hat ein ſtolzes Herz; die Hoffnung, ſich eines Tags als Dame und Gebieterin im Hotel Taubauton zu ſehen, gibt ihr Kraft zu warten. Sie bedauert die mittel⸗ mäßigen Partieen nicht, welche ſich ihr möglicher Weiſe geboten hätten, weil ſie überzeugt iſt, früher oder ſpäter eine glänzende Stellung zu erlangen. Ich weiß wohl, daß wenn Theodor vor ſeinem Oheim ſterben ſollte, ſie eine alte Jungfer bliebe, aber glauben Sie nicht, daß die Fräulein Chapuſot und noch viele andere ſich gern einer ſolchen Mög⸗ lichkeit ausſetzen würden? Gehen Sie! Ihre Toch⸗ ter bedauert nicht, was ſie gethan hat: ſie liebt Theodor, ſie iſt ſeiner Beſtändigkeit gewiß und faßt ſich in Geduld, indem ſie an den Tag denkt, wo ſie als die Erſte unter den Damen von O... auftre⸗ ten wird.“ Wirklich ertrug Camilla die Traurigkeit, den Verdruß der Gegenwart, weil ſie in der Zukunft lebte. Wenn ſie, um Sonntags auszugehen, ihr ärmliches Kleid von grünem Merino anzog und ihren groben Strohhut auſſetzte, ſo ſprach ſie bei ſich: „Was macht es? Eines Tags werde ich Sammt⸗ kleider, Federn, Spitzen haben; werde ich mich in Paris kleiden laſſen.“ Im folgenden Jahr hatte Scipio Signoret das Glück, ſeine dritte Tochter, die hübſche Helene zu verheirathen. Sie nahm gleich ihrer Schweſter Juliette einen Mann, der beim erſten Anblick derſelben Liebe zu ihr gefaßt hatte. Es war ein Zollbeamter, genö⸗ thigt, ein mehr ſitzendes Leben zu führen; eine Be⸗ förderung rief ihn aus dem Departement ab, und ſeine Frau mußte beim Austritt aus der Kirche mit ihm die Reiſe antreten. 149 Ungefähr um dieſelbe Zeit machte eine andere Heirath großes Aufſehen in der Stadt O... Der Notar, Meiſter Beaumoulin nahm die älteſte der Fräulein Chapuſot zur Ehe. Bei dieſer Gelegenheit erhielten die Signoret eine Cinladun und mußten den Neuvermählten einen Beſuch machen. Die Fa⸗ milie ging zuſammen, nur Mlauonn Signoret blieb unter dem Vorwand einer Unpäßlichkeit zu Hauſe, aber ihre Stelle war durch Tante Dorothee erſetzt worden, welche dergleichen Frohngängen nicht abge⸗ neigt war. Die alte Jungfrau ſah voraus, daß Theodor ſich eine ſo ſchöne Gelegenheit nicht entſchlüpfen laſſen würde, dem Gegenſtand ſeiner Liebe zu begegnen, und war nicht ärgerlich darüber, daß ihm dieſes Vergnügen zu Theil werden ſollte: es gefiel ihr, daß der Erbe von Onkel Cäſar die triumphirende Freude der Chapuſot ein wenig ſtören würde, indem er ſier ſehen ließ, wie ſein Herz noch immer der ſchönen Camilla treu war, wie dieſe noch immer die beſte Partie des Bezirks und vielleicht des ganzen Depar⸗ tements in Ausſicht hatte. Es war ein Sonntag; der Municipalbeamte hatte einen neuen Oberrock von ſchwarzer Alpaca auf dem Leibe und marſchirte ſtolz wie ein Monarch an der Seite von Tante Dorothee, welche ſeinen Arm nicht hatte annehmen wollen. Camilla folgte zwiſchen ihren beiden jüngern Schweſtern, zwei be⸗ reits ſchönen Kindern, welche nach dem energiſchen Ausdruck des alten Signoret eine Mitgift von hun⸗ derttauſend Francs in ihrem Geſicht trugen. Die Familie Chapuſot empfing die Beſuche, im 150 Halbkreiſe in dem Hintergrunde des gelbtapezirten Salons ſitzend, welcher nur an feſtlichen Tagen ſich öffnete. Die Neuvermählte, in einem weißen Mouſ⸗ ſelinkleide und mit allen ihren Hochzeitgeſchenken ge⸗ ſchmückt, lächelte mit niedergeſchlagenen Augen und brachte jeden Augenblick ihre lange trockene Hand, an welcher der Chering glänzte, zum Vorſchein. Der glückliche Beaumoulin, im Amtscoſtüme, ſchwarzem Rock, weißer Kravatte und den Buſenſtreif mit einer Nadel von ächten Perlen geſchmückt, ſaß neben ihr. Die drei Fräulein Chapuſot, zu beiden Seiten ihrer Mutter angereiht, hatten eine heitere Phyſiognomie, die lebhaften Hoffnungen verrathend, welche durch die Spätheirath ihrer ältern Schweſter in ihnen an⸗ geregt worden waren. Tante Dorothee hatte recht gerathen; Theodor war die erſte Perſon, welche ſie bei der Ankunft er⸗ blickte. Er hatte den ihm von Madame Chapuſot angebotenen Sitz noch nicht genommen, ſondern ſtand aufrecht vor ihr, ſeinen Hut in der Hand. Als die Familie Signoret eintrat, ſprach die gute Frau, mit den Augen blinzelnd, zu ihm: „Das iſt ja ein glücklicher Zufall!“ „Ja, Madame, und ich danke dem Himmel da⸗ für,“ antwortete er, ohne in Verlegenheit zu kom⸗ men, indem er den alten Signoret grüßte, der ihm eine kleine Verbeugung machte, 5 keinen Blick ſchenkte. Tante Dorothee trat zuerſt vor, um ihren Bück⸗ ling anzubringen; Alles hatte ſich erhoben, ihren Gruß zu erwidern; ſie umarmte der Reihe nach die Neuvermählten, Herrn und Frau Chapuſot, die drei 151 Fräulein Shaßuſst und ein halb Dutzend von Ver⸗ nandto wacche anweſend waren. Camilla und ihre jüngern Schweſtern beglückten gleichfalls alle Damen und die Neuvermählte mit einem Kuß: ſo dauerten Umhalſungen und Complimente eine gute Viertel⸗ ſtunde. Endlich ſetzte man ſich, immer nach derſel⸗ ben Ordnung, die Fräulein Signoret auf der einen, die Fräulein Chapuſot auf der andern Seite in Linie: wie drei glänzende Blumen vom ſanfteſten Schimmer gegenüber drei Diſteln. Dieſer auffallende Contraſt entlockte Madame Chapuſot einen Seufzer, dem alten Signoret ein Lächeln, und um die Unter⸗ haltung einzuleiten, fand derſelbe nichts Beſſeres, als daß er ſich an M. Chapuſot mit den Worten wandte: „Eil! Ei! Herr Steuereinnehmer, wir ſtehen jetzt auf demſelben Punkt; jedem von uns bleiben noch drei Töchter zu verheirathen.“ „Hat keine Eile, wenigſtens bei uns,“ erwiderte Madame Chapuſot trocken;„ich muß Zeit haben, wieder zu mir zu kommen, ehe ich auf andere An⸗ träge höre: eine Heirath macht im Hauſe eine ſchreck⸗ liche Verwirrung!“ „Wirklich! Das finde ich nicht!“ rief Scipio Signoret mit ungezwungener Miene;„ich habe zwei meiner Töchter in einem Zeitraum von anderthalb Jahren verſorgt, und ich verſichere Sie, daß es bei uns nicht die geringſte Störung gegeben hat.“ „Das hängt von der Art ab, wie man die Dinge einrichtet,“ murmelte Madame Chapuſot. „Nicht die geringſte Störung!“ wiederholte Scipio Signoret.„Als Madame Brindorge ſich 152 verheirathete, ſo haben wir bei ſohn die Hochzeit gehalten: ein ſolche Lande iſt ſehr heiter. Was Helene betraf, d iſt ſie, ſo zu ſagen, gar nicht nach Hauſe znrückgekehrt: mein Schwiegerſohn, der Zollinſpector, hat ſie ſo⸗ gleich nach der Trauung mit fortgenommen.“ „Arme kleine Frau!“ murmelte Madame Cha⸗ puſot, die Augen zum Himmel erhebend;„ſo mit einem Mann abreiſen, den ſie nicht eher, als auf der Mairie und in der Kirche geſehen hat!“ „Ich wäre darüber geſtorben!“ ſagte Madame Beaumoulin. „Ich glaube es wohl!“ riefen zu gleicher Zeit, nder in verſchiedenen Tonarten die Fräulein Cha⸗ puſot. „Dieſe kurz abgemachten Heirathen ſind die glück⸗ lichſten,“ fuhr mit unzerſtörbarer Ruhe der alte Sig⸗ noret fort;„ſo ſollte man immer dabei verfahren.“ „Ich bin ganz und gar dieſer Anſicht,“ fiel Tante Dorothee mit einem unwillkürlichen Blick auf Theo⸗ dor ein.— „Es gibt zuweilen Rückſichten, welche Liebenden lange Zeit hinderlich ſind, ſich zu erklären,“ ant⸗ wortete er mit ernſtem Ton. „Aber ich ſehe das nicht ein,“ erwiederte Tante Dorothee kalt;„Rückſichten auf Vermögen, Stellung? Das iſt bald überlegt, bald berechnet. Und rechnet man außerdem überhaupt, wenn man liebt?“ „Sie ſind romanhaft geſinnt, mein werthes Fräu⸗ leine bemerkte Madame Chapuſot mit ſpöttiſchem one. „Solche Ideen ſind nicht aus unſerer Zeit,“ 153 ſetzte Monſieur Chapuſot unbeſonnen hinzu;„heut⸗ zutage heirathet man nur aus Intereſſe.“ „Meine Tochtermänner haben das Gegentheil bewieſen,“ entgegnete mit glorioſer Miene der Mu⸗ nicipalbeamte;„ſie haben nicht die geringſte Mitgift erhalten, und doch ſagte mir Brindorge Tags dar⸗ auf: ‚Ich bin der Glücklichſte der Menſchen; Sie haben mir einen Schatz geſchenkt.:“ Meiſter Beaumoulin neigte ſich zu dem Ohr ſei⸗ ner Frau, in der Abſicht, ihr zu ſagen:„Auch ich beſitze einen Schatz,“ aber er hatte nicht den Muth, eine ſolche Ungeheuerlichkeit auszuſprechen, und be⸗ gnügte ſich, zärtlich zu flüſtern: „Iſt es indeſſen nicht am beſten, wenn Neigung und Intereſſe mit einander im Bunde ſind?“ Während dieſes Geſprächs hatte Theodor ſo ge⸗ ſchickt manövrirt, daß es ihm gelungen war, ſeinen Platz neben Camilla zu nehmen. „Mademoiſelle Dorothee hat Recht,“ ſagte er zu ihr halblaut;„wenn man recht liebt, ſollte man ſein Glück nicht Rückſichten auf Vermögen, Stellung opfern.. „Das iſt auch meine Anſicht,“ antwortete ſie ſeufzend, indem ſie einen Blick, ſo ſchmachtend, ſo voll Leidenſchaft und Duldung auf ihn heftete, daß er davon im Grunde des Herzens erbebte. Tante Dorothee hatte diſcret den Kopf abgewen⸗ det, um den armen Verliebten die Geleg endeit zu vergönnen, ſich einen Augenblick zu ſprechen; aber Madame Chapuſot ſagte ihr, nachdem ſie dieſelbe durch ein Zeichen, welches ſie nicht verſtehen 154 wollte, darauf aufmerkſam gemacht hatte, mit leiſer Stimme: „Da iſt ja Ihre Pathin im Geſpräch mit Herrn Theodor.“ „Ich ſehe es wohl,“ antwortete ſie ruhig,„aber was macht das, da er ſie heirathen wird!...“ „Früher oder ſpäter!...“ fiel Madame Chapu⸗ ſot mit leiſem Lachen ein;„Onkel Cäſar kann noch zwanzig Jahre leben!“ „Es gibt viele Mädchen, die gerne ſo lang Ge⸗ duld haben würden!“ erwiderte Tante Dorothee mit einem Blick auf die Fräulein Chapuſot. An demſelben Tag ſuchte Theodor bei der Rück⸗ kehr nach Hauſe Marcelle in ihrem Zimmer auf, wo ſie vom Morgen bis zum Abend, eine Näharbeit in der Hand, verweilte. „Mein Kind,“ ſagte er zu ihr ohne Einleitung, „ich habe die Abſicht, mich bald zu verheirathen.“ „Ah!“ rief ſie, ihre Arbeit fallen laſſend. „Ich weiß wohl, daß es große Schwierigkeiten dabei hat,“ fuhr er ſeufzend fort.„Ich habe kaum zu leben, und riſkire das Vermögen zu verlieren, das ich einſt bekommen ſoll, denn ich kann meinen Onkel nicht um ſeine Zuſtimmung dazu bitten, und er würde mir nie verzeihen, mich darüber hinwegge⸗ ſetzt zu haben; aber dieſem Allem läßt ſich vorbeu⸗ gen. Meiſter Chardacier wird mir nicht abſchlagen, was er mir erſt kürzlich noch anbot, einigen Vor⸗ ſchuß auf die acht bis neunmal hunderttauſend Francs, in deren Beſitz ich einſt kommen muß. Auf der andern Seite iſt es beinahe gewiß, daß 3 meine Heirath dem Vntel ſtets unbekannt bleiben —— wird.. Achl er weiß noch nicht einmal, daß meine arme Mutter todt iſt.“ Bei dieſer Erinnerung wurde Theodor plötzlich erweicht und Thränen kamen ihm in die Augen. Jetzt brach Marcelle in ein Schluchzen aus und rief, die Hände zuſammenſchlagend: „Ach! Herr Theodor, Sie können ſich nicht ver⸗ heirathen... nein, warten Sie noch... es iſt der Wille Ihrer Mutter...“ Und jetzt entdeckte ſie ihm ohne Zögern die letz⸗ ten Anempfehlungen von Madame Hermance. „Warum haſt Du mir früher davon Nichts ge⸗ ſagt?“ rief Theodor faſt ungeſtüm. „Weil ich es für unnütz hielt,“ antwortete ſie, „weil es mir ſchien, Sie ſollten von ſelbſt zu dieſer Einſicht kommen und ſich in Geduld faſſen.“ „Wenn ich allein litte, ſo hätte ich mehr Erge⸗ bung,“ ſagte er traurig,„aber Camilla verzehrt ſich in dieſem grauſamen Warten.... Wenn Du ihr ſchönes blaſſes Geſicht, ihre ſchmachtende Miene ſäheſt... Heute konnte ich ſie ohne ein Zittern der Unruhe nicht anſchauen... Sie liebt mich, Mar⸗ celle, und ſiehſt Du, ſie könnte daran ſterben...“ „O! Seien Sie ohne Furcht!“ rief das arme Mädchen mit tiefgefühltem Ton,„ſeien Sie ohne Furcht, aus Liebe und Kummer ſtirbt man nicht.“ „Meine Lage iſt doch höchſt traurig!“ nahm Theodor nach einigem Stillſchweigen wieder das Wort;„meine arme Mutter hatte Recht, als ſie einen Mann aus mir machen wollte, der fähig wäre, für ſich und ſeine Familie das Brod zu verdienen. 156 Hätte ich jetzt einen Beruf, ſo könnte ich Camilla heirathen.“ „Hören Sie,“ ſprach Marcelle lebhaft,„es hängt ganz noch von Ihnen ab, einen Stand zu erlangen; wenn Sie wollen, ziehen wir in eine Stadt, wo Sie die Rechte ſtudiren könnten. Das war die Idee von Madame, wie Sie wiſſen. In drei Jahren werden Sie als Advokat aufgenommen, und hängen dann nur noch von Ihrer Arbeit ab: reden Sie, wollen Sie? wollen Sie?“ „Ich müßte mich von ihr entfernen!“ antwortete Theodor, indem er mit einer Geberde der Entmuthi⸗ gung und des Widerwillens den Kopf in ſeinen Händen hielt. „Arme geplagte Seele!“ murmelte Mareelle, von edelmüthigem Mitleid ergriffen.„Ach! wenn ich ſie mit meiner Arbeit ernähren könnte, ſo wollte ich, daß ſie morgen heiratheten!“ Das treffliche Mädchen ſagte Theodor nichts davon, daß ſie ſeit dem Verluſt ſeiner Mutter wie durch ein Wunder von Sparſamkeit ihn mit Allem verſorgte, indem ſie für ſich ſelbſt mit trockenem Brod und klarem Waſſer ſich begnügte. Von ſeiner Ab⸗ geſchiedenheit aus regierte Onkel Cäſar ſtillſchweigend ſein Haus; er hielt den Beutel immer feſter geſchloſ⸗ ſen, und oft rief Caſcarel ſeufzend: „Monſieur iſt ein Geizhals geworden, er, der ſonſt ſo freigebig war! Er händigt mir gerade nur ſo viel Geld ein, als für ſeine Alltagskoſt nöthig iſt, und man könnte ſagen, er lege es darauf an, uns alle auszuhungern. Ohne den kleinen Theil, den ich vorweg von ſeinem Mittageſſen abzuziehen Sorge trage, wäre Monſieur Theodor oft auf die magere Suppe und den Gemiſeſalat beſchränkt. VIII. Seit langer Zeit erregte der ehemalige Maire der Stadt O... weder Neugierde noch Theilnahme mehr: ſeine ehemaligen Tiſchgenoſſen gingen unter den Fenſtern ſeines Zimmers vorüber, ohne die Augen aufzuſchlagen; wenn Caſcarel auf dem Platze erſchien, dachte Niemand daran, ſich nach ſeinem Herrn zu erkundigen. Jener liebenswürdige, unwi⸗ derſtehliche Mann war noch zu ſeinen Lebzeiten zu einer Art Wehrwolf, Geſpenſt geworden, und die Kinder fürchteten ſich vor ihm, wenn ihre Mutter ſie mit den Worten bedrohte:„Sei brav! ſonſt kommt Onkel Cäſar!“— Wenn jedoch zuweilen irgend eine alte Dame zufällig dem treuen Diener begegnete, ermangelte ſie nicht, mit einer Miene diſereten Mit⸗ leids zu ihm zu ſagen: „Ei! Caſcarel, wie geht es Deinem armen Herrn?“ „Immer gleich,“ antwortete Caſcarel.„Der Appetit hält ſich, der Schlaf iſt gut; aber Monſieur langweilt ſich ein wenig, beſonders am Abend; es paſſirt ihm oft, daß er einſchläft. Wenn wir nur das Glück hätten, daß dieſe orientaliſche Frage wie⸗ de zum Vorſchein käme! Das zerſtreute ihn ein enig.“ Dieſer letztere Wunſch wurde erhört, einige Mo⸗ 158 nate ſpäter begann der Krimkrieg. Als die erſten Nachrichten anlangten, ſagte Caſcarel zu Theodor: „Monſieur iſt jetzt ſehr vergnügt; geſtern iſt er bis Mitternacht aufgeblieben; ich habe ihm alle Bulletins vorgeleſen. Er iſt nicht mehr ſo einge⸗ nommen für die Türken, weil der Sultan ſich nicht in Perſon an die Spitze ſeiner Armee ſtellt. Was den Paſcha von Aegypten betrifft, der ihm wie Gift war, ſo ſpricht er gar nicht mehr von ihm. Ich denke, er iſt geſtorben.“ „Alſo nimmt mein Onkel großen Antheil an die⸗ ſem Krieg, er will alle Neuigkeiten erfahren?“ fragte Theodor. „Er ſpricht von gar nichts Anderem; vom Mor⸗ gen bis zum Abend ſchwatzt er in's Blaue hinein von dem Uebergang über den Pruth, von dem ruſ⸗ ſiſchen Kaiſer, von dem König Otto, von.... ich weiß nicht was.“ „ Und von ſeinen alten Freunden, von mir, von dem, was um ihn vorgeht, nie ein Wort?“ „Nie, nie. Einmal nahm ich es auf mich, mit ihm von dem kleinen Tagblatt zu ſprechen, welches von Monſieur Chapuſot herausgegeben wurde, aber auch alsbald wieder fiel. Sie wiſſen, von der Galliſchen Trompete. Er gab mir gar keine Antwort. Darauf wagte ich beizuſetzen: Viel⸗ leicht will Monſieur ſich darauf abonniren, um ſich mit den Neuigkeiten unſerer Stadt auf dem Laufenden zu halten?...— Nicht im Minde⸗ ſten, rief er zornig; ‚ſprich mir nicht ein Wort mehr davon. Um das, was in O. geſchieht, 159 kümmere ich mich ebenſo viel, als um das, was im Monde vorgeht.”“ Theodor führte beſtändig das einförmige und unruhige Leben eines Menſchen, der in eine einzige Leidenſchaft verſunken iſt. Dieſe Liebe, welche durch die Hinderniſſe bis zum Wahnwitz gereizt wurde, verſetzte ihn wechſelsweiſe bald in die höchſte Ueber⸗ ſpannung, bald in die tiefſte Niedergeſchlagenheit. Wenn es ihm, nachdem er vom Morgen bis zum Abend in der Umgegend des kleinen Platzes Join⸗ Vert herumgeſtrichen war, endlich gelang, Camilla's anſichtig zu werden, ſo war ſein Herz vor Freude entzückt und er kehrte, ſein Geſchick ſegnend, nach Hauſe zurück; aber die meiſte Zeit hätte er wie ich weiß nicht welcher Dichter ſagen können: „Die Hoffnung, ſie am Abend aufzuſuchen, Macht oft das Glück vom ganzen Tage aus.“ Die hohe Geſellſchaft von O... beſchäftigte ſich in hohem Grade mit den Liebenden. Man hatte über die Zeit ihrer Heirath Wetten eingegangen; die Mädchen führten gern ein ſo ſchönes Veiſgiel der Treue an, die Frauen von reſpectabelm Alter er⸗ ſtaunten immer mehr, daß ein Mann vom Blute der Fauberton einer ſolchen Beſtändigkeit fähig wäre. Eines Abends, als Geſellſchaft bei dem erſten Ad⸗ junkten war, ließ ſich Madame Chapuſot über Ca⸗ millas Erſcheinen in der Welt, über Theodor's be⸗ ſondere Lage gründlich aus, und faßte die Geſchichte ihrer Liebe in folgender Weiſe zuſammen: „Da dauert nun dieſe Liebelei bald neun Jahre; in dem erſten Jahr ſind Beide abgemagert, darauf iſt Camilla lange Zeit bleich und matt geweſen; 160 jetzt legt ſie an Fülle zu und Theodor ſchmilzt ſicht⸗ lich zuſammen. Daraus ziehe ich nun den Schluß: ſie haben mit der Empfindung einer gleichen Leiden⸗ ſchaft angefangen; nach Verfluß einer gewiſſen Zeit war ſie es, die am heftigſten liebte; jetzt iſt er es, den allein die Liebe verzehrt: nichts klarer als das.“ Genau um dieſelbe Zeit gab es wieder eine Heirath in der Familie Signoret. Dießmal verlor Scipio Signoret beinahe den Kopf vor Stolz und Vergnügen: es war ein Regiments⸗Adjutant, in Gar⸗ niſon zu O... der ſeine vierte Tochter, die kleine Aline, wie man ſie noch immer nannte, obwohl ſie ſechszehn Jahre alt war, heirathete. Nach dieſer Verbindung machte der Municipalbeamte jeden Tag ſeine Promenade auf dem Hauptplatze, um die Freude zu haben, allen Vorübergehenden ſagen zu können: „Ich erwarte meinen Tochtermann, den Kapitän Regiments⸗Adjutanten. Er hat mich vor das Kaffe⸗ haus beſtellt, um zuſammen einen Gang über die Wälle zu machen. Das iſt ein Mann, der die Dinge unter dem Trommelſchlag abmacht. Am Sonntag, bei der Regimentsmeſſe, wohin wir zufällig gegangen waren, ſieht er unſere kleine Aline; am Dienſtag begehrt er ſie von mir zur Ehe, und zehn Tage nachher heirathet er ſie auf der Mairie und in der Kirche. Das iſt noch beſſer als bei meinem Toch⸗ termann Brindorge und meinem Tochtermann, dem Zollinſpector, welche vierzehn Tage geträndelt haben.“ Solche Aeußerungen und Großthuereien erbitter⸗ ten M. Chapuſot dermaßen, daß er, wenn er den alten Signoret nur von fern ſah, einen Umweg machte, nur um ihm nicht zu begegnen. 161 Nach der Heirath von Aline blieben in Signo⸗ ret's Hauſe nur noch die älteſte und die jüngſte der fünf Schweſtern. Die, letztere, Alphonſine heißend, war ein Mädchen von vierzehn Jahren, aber ſchon wunderbar ſchön. Madame Signoret beunruhigte ſich bei dem Gedanken, auch dieſes Kind würde viel⸗ leicht gleich den drei älteren Schweſtern lang vor Erreichung der Volljährigkeit heirathen, während Camilla wahrſcheinlich noch mehre Jahre warten müßte. Als ſie dieſe Beſorgniſſe Tante Dorothee mittheilte, ſprach die gute Jungfrau mit Verſtand: „Nun! um ſo ſchlimmer! Indeſſen iſt meine Pathin nicht die erſte, welche ihren Heirathsvertrag nicht mit dem ſchönen Beiſatz: minderjährig, unter⸗ zeichnen kann. Und was macht das außerdem, da die Sache ihrer Verſorgung nicht ſchaden kann!“ Camilla war verletzt, als man ſie ein derartiges Mitleid fühlen ließ, und antwortete ſtolz: „Ich beklage mich nicht über mein Schickſal!“ Indeß hatte ſie doch Augenblicke bitterer Trau⸗ rigkeit; ſie weinte im Stillen und es war ſo weit gekommen, daß ſie fürchtete, vor Onkel Cäſar zu ſterben, ehe ſie ſich endlich reich und geehrt geſehen hätte, ehe ſie Frau und Gebieterin im Hotel Fau⸗ berton geweſen wäre. Eines Morgens trat Caſcarel ganz außer Athem und die Hände zum Himmel emporhebend in Theo⸗ dor's Zimmer. „Etwas Neues!“ rief er.„So eben hat Mon⸗ ſieur beim Aufſtehen gehört, daß man unter ſeinen Fenſtern die Eroberung von Sebaſtopol verkündigte. Reybaud, Onkel Caͤſar. 11 162 Sogleich ſetzte er ſich aufrecht im Bett und rief mir, ſeine Nachtmütze in die Höhe werfend, zu: „Es lebe die franzöſiſche Armee!... Caſcarel, beſtelle ſogleich für fünfhundert Francs Feuertöpfe und Lampen. Ich will, daß heute Abend das Hotel bis unter das Dach beleuchtet und ein ſchönes Transparent mitten an der Facade angebracht wird.“ „Das iſt vielleicht eine Rückkehr in die Welt,“ ſagte Theodor erregt;„wenn er dieſen Abend in den großen Salon käme!...“ Caſcarel ſchüttelte den Kopf. „Nein, Herr Theodor,“ antwortete er,„ſchmeicheln Sie ſich damit nicht! Es ſind jetzt neunundzwanzi Jahre, daß ich in Monſieurs Dienſten ſtehe; i kenne ihn gut und weiß, warum er nicht den Ge⸗ danken hat, dieſen Abend ſich zu zeigen: ſeine Pe⸗ rücken ſind alle von den Würmern zerfreſſen, ſeine Eſſenzen und Pommaden ſind ranzig; er hat nur verdorbene und altmodiſche Kleider! Niemals wird er einwilligen, ſich alſo ſehen zu laſſen, ſchlecht an⸗ gezogen, ohne Toupet, die Wangen hohl, dick um den Leib, den Fuß groß und uübel bekleidet, kurz ſo wie er jetzt iſt; nein, er wird nicht erſcheinen, deſſen dürfen Sie gewiß ſein!“ Als man ſah, wie Arbeiter in aller Eile die Fagade des Hotels Fauberton dekorirten, gab es eine wahre Revolution in der Stadt O...; in einer Viertelſtunde verbreitete ſich die große Neuuig keit bis in die Vorſtädte, und als der Abend an⸗ brach, lief die ganze Bevölkerung auf den Haupt⸗ platz. Die hohe Geſellſchaft hatte ſich auf dem Balkon des Stadthauſes, welches dem Hotel Fau⸗ 163 berton gegenüber lag, aufgeſtellt und die Familie Chapuſot ſtolz ihren Platz in der erſten Reihe ein⸗ genommen. Ein Hoffnungsſchimmer erheiterte alle Herzen. Man fragte ſich, ob Onkel Cäſar nicht vom nächſten Tage an ſeine Salons wieder eröffnen und wie ſonſt ſeine Untergebenen bei einem glänzenden Ball bewirthen würde. „Wir werden ihn noch einmal die Trénitz tanzen ſehen!“ rief M. Chapuſot mit prophetiſchem Ton. „Ei! Eil er iſt achtundſechzig Jahre alt,“ be⸗ merkte Meiſter Chardacier. „Was macht es?“ fiel Madame Chapuſot ein; „er iſt ein Herkules, ein Simſon, ein Mann, der das Zeug zu hundert Jahren hat.“ „Welches Glück, wenn wir noch einmal in ſeinem Hauſe die Najaden⸗Quadrille tanzten!“ rief Madame Beaumoulin. „Welches Glück!“ wiederholten die drei Fräulein Chapuſot. „Er würde wieder Maire,“ ſetzte Madame Beau⸗ moulin mit ihrer Kinderſtimme hinzu. „Ich würde vor Freude weinen!“ ſprach Ma⸗ dame Chapuſot gerührt. „Da iſt Caſcarel, der noch vier Lampen hinter das Transparent ſetzen läßt!“ rief die jüngſte der Demoiſelles Chapuſot, indem ſie aufſtand, um beſſer zu ſehen.„Mein Gott, wie ſchön!“ Ein Murmeln der Bewunderung erhob ſich unter der Menge und man beklatſchte den Balkon der Mairie: ein Namenszug in feurigen Buchſtaben kam am Giebel des Hotels zum Vorſchein, der Namens⸗ zug von Cäſar Fauberton, und die Veleuchiung ver⸗ 164 breitete einen Schimmer, gegen welchen die dreißig Lampen der Municipalität in Nichts verſchwanden. Gegen neun Uhr verließ die Familie Signoret das Haus, um ſich auf den Platz zu begeben. Scipio Signoret reichte Camilla den Arm; Tante Dorothee folgte mit dem Mädchen von vierzehn Jahren, das bereits ſchöner als ihre große Schweſter war. Wie gewöhnlich hütete Madame Signoret mit Suſette das Haus. Auf der Gaſſe angelangt, ſtand Mon⸗ ſieur Signoret ſtill und ſagte zu Tante Dorothee: „Welche Menſchenmenge! Halten Sie ſich ruhig hier; ich will ein Wenig nachſehen...“ Einen Augenblick nachher kam er zurück und rief: „Das iſt prächtig!... Die Stadt und die Vor⸗ ſtädte ſind da... Das Gerücht geht, daß um Mit⸗ ternacht auf dem Balkon des Hotels ein Feuerwerk abgebrannt werden ſoll... Auch ſpricht man von einem Faß Wein zum Getränke für das Volk.... Jetzt hört mir wohl zu: Ihr wartet hier, ohne Euch einen Schritt zu entfernen; ich will verſuchen, über den Platz zu gelangen, um meinen Tochtermann, den Kapitän Regiments⸗Adjutanten aufzuſuchen, der auf dem Kaffeehauſe zu den drei Sultaninnen ſein muß; er wird Tante Dorothee und Herminie den Arm bieten; ich werde Camilla auf mich nehmen, und ſo wird es uns gelingen, dieſe Menſchenmaſſe zu ſpal⸗ ten und das Stadthaus zu erreichen.“ „Wir riſtiren, den Abend hier zuzubringen,“ ſprach Tante Dorothee, indem ſie ſich philoſophiſch auf einen Weichſtein ſetzte. Die junge Herminie ſtützte ſich mit einer Hand an die Mauer und hob ſich auf die Zehenſpitzen, um möglicher Weiſe zu 165 ſehen, was auf dem Hauptplatz vor ſich ginge, und Camilla blieb aufrecht mitten in der Gaſſe ſtehen, die Hände über ihrem ſchwarzen Mäntelchen gekreuzt, in der Haltung eines ſchönen Portraits von Velas⸗ quez. Wiewohl ihre Züge Etwas von der jugend⸗ lichen Zartheit verloren hatten, war ſie doch noch von großer Schönheit; ihre Taille, weniger ſchlank, hatte mehr Eleganz; eine noch mehr verführeriſche Anmuth hatte ſich über ihre ganze Perſon verbreitet. In dieſem Moment erhellte ein Wiederſchein von der Beleuchtung ihr reizendes Geſicht, auf beiden Seiten von blonden Haaren überwallt, welche aus einem kleinen, zurückgeworfenen Hut entſchlüpften, und auf Augenblicke bewirkte ein lebhafterer Schim⸗ mer, der ſie völlig traf, daß dieſe blendende Geſtalt auf dem dunkeln Grund der Straße ſich nur um ſo beſſer hervorhob. Während Camilla unbeweglich hier ſtand und mit einer unbeſtimmten Neugierde ihre Augen um ſich warf, betrachteten zwei Männer ſie verſtohlen, der Eine von fern den Augenblick erſpähend, um ihr einen Brief von vier Seiten in die Hand ſchlü⸗ pfen zu laſſen, der Andere ſo nahe bei ihr, daß er ihre Worte hören konnte. Sie dachte wohl, daß Theodor da wäre, unter der Menge verborgen, aber ſie ahnte nicht, daß Onkel Cäſar, auf ſein Fenſter geſtützt, ſie durch die Sommerläden betrachtete. Nach einer Viertelſtunde Wartens rief Tante Dorothee: „Habe ich Euch nicht geſagt, wir würden den Abend hier zubringen? Zum Glück iſt es ſchön... 166 Ermüdet es Euch nicht allzuſehr, ſo aufrecht zu ſtehen, meine lieben Kleinen?“ „Nein, Pathe,“ antwortete Camilla. „Wir können wohl noch ein Wenig warten,“ rief Herminie, welcher es gelungen war, auf einem wackelnden Stein Fuß zu faſſen und ſich ſo um zwei Zoll höher zu machen. Einen Augenblick darauf ſetzte ſie hinzu: 4 „Ich ſehe Herrn Theodor hieher kommen.“ Wirklich rückte er näher, indem er ſich mit großer Mühe einen Weg durch die Gruppen bahnte, welche ſich das Verſprechen gaben, vor dem Hotel Fauber⸗ ton Stand zu halten, bis die letzte Lampe erloſchen wäre. Als er die Gaſſe erreicht hatte, hielt er an, um Tante Dorothee zu grüßen. Sie antwortete ihm vertraulich: „Ich wünſche Ihnen guten Abend, mein Herr; wo wollen Sie denn eben jetzt hin?“ „Nirgends,“ antwortete er; nich gehe ſpazieren... Und Sie ſelbſt, Mademoiſelle? Sie haben ſich wohl verſpätet, ſcheint mir.“ Darauf wandte er ſich zu Camilla, und blieb, nachdem er ſehr geſchickt einen Brief in die Falten ihres Mäntelchens hatte ſchlüpfen laſſen, bei ihr ſtehen, ohne ein Wort zu reden, aber ſie mit leiden⸗ ſchaftlicher Miene betrachtend. Sie warf ihm ein melancholiſches Lächeln zu und legte eine Hand auf das Herz, als wollte ſie ihm zu verſtehen geben, daß ſein Bild immer daſelbſt wäre. Während die⸗ ſer ſtummen Scene öffnete ſich der Sommerladen zur Hälfte, und ein unartikulirter Laut, etwas das mit einem höhniſchen Gelächter und einem Seufzer 167 zugleich Aehnlichkeit hatte, ließ ſich vernehmen. Die beiden Liebenden fuhren zuſammen, indem ſie den Kopf erhoben. „Ei! Eil“ rief Tante Dorothee, ohne ſich ſtören zu laſſen,„Onkel Cäſar iſt da.“ Beinahe in demſelben Augenblick drehte ſich Her⸗ minie um und ſagte haſtig: „Papa kommt, Papa kommt zurück.“ Theodor entfernte ſich ſogleich und verſchwand in der Tiefe der Gaſſe. „Der Kapitän Regiments⸗Adjutant befindet ſich nicht in dem Kaffeehauſe,“ ſagte der alte Signoret, als er ganz außer Athem anlangte;„er hat ſeine Frau deboli um ſie in das Stadthaus zu führen; ich habe ihm ſagen laſſen, er ſolle ſogleich hieher kommen: man muß auf ihn warten.“ „Der Abend iſt friſch und es wird ſpät,“ be⸗ merkte Tante Dorothee. „Was liegt daran?“ rief der Municipalbeamte; „alle Damen ſind in großer Toilette auf dem Balkon. Es iſt ein prächtiger Anblick.“ 3 „Vielleicht gibt es dort keinen Platz für uns,“ erwiederte die alte Jungfrau dringend. „Ja wohl! keinen Platz!“ fiel Scipio Signoret ein:„der ganze Regimentsſtab iſt da, und die Herren Officiere werden ſich beeilen, ihre Sitze abzutreten. Camilla hat ihren neuen Hut, Herminie iſt auch ſehr ſauber gekleidet; ich will, daß man ſie dieſen Abend unter der guten Geſellſchaft ſieht, zuſammen mit den Fräulein Chapuſot; das wird uns Chre machen.“ „Wir könnten ein Wenig entfernter warten,“ 168 ſagte Camilla, indem ſie die Augen auf den noch halb offenen Sommerladen richtete. „Komm, mein Kind,“ ſagte Tante Dorothee zu ihr, ſie in eine Ecke der Gaſſe führend;„Du haſt einen Schrecken bekommen, Du biſt noch ganz blaß.“ Es dauerte nicht eine Viertelſtunde, daß ſie da ſtanden, ſo öffnete ſich heftig der Sommerladen und Caſcarel erſchien am Fenſter ganz außer ſich mit dem Geſchrei: „Zu Hülfe! Zu Hülfe!... Monſieur will ſter⸗ ben!.. Maonſieur iſt todt!...“ „Ach! Pathe!“ rief Camilla, indem ſie mit einer ewegung unwillkürlicher Freude die Arme zum Himmel empor hob. „Beten wir zu Gott für dieſe arme Seele!“ ant⸗ wortete die alte Jungfrau, die Hände faltend. Zehn Minuten ſpäter war die Nachricht von dieſem Ereigniß in der ganzen Stadt herum. Theo⸗ dor erhielt ſie auf der Straße durch eine alte Frau, welche, als ſie ihn anſichtig wurde, ihm zurief: „Gehen Sie ſchnell nach Hauſe, Herr Theodor! Es geht die Sage, Ihr Oheim liege im Sterben!“ Der große Salon war bereits von Menſchen angefüllt; die ganze auf dem Balkon des Stadt⸗ hauſes verſammelte Geſellſchaft war herbeigeeilt. Es waren ungefähr dieſelben Perſonen, welche Cä⸗ ſar Fauberton einſt zu ſeinen Feſten eingeladen hatte, und die gewiß nicht erwarteten, ſich noch ein letztes Mal auf ſolche Weiſe in ſeinem Hauſe zuſammen zu nden. Die beiden auf dem Kamin angezündeten Kerzen erhellten kaum das ungeheure Gemach, das ſonſt 169 a giorno erleuchtet geweſen war, und die Geſellſchaft bot ein klägliches Ausſehen. Die Frauen ſtießen Seufzer aus und nahmen eine beſtürzte Haltung an; die Männer ſprachen ſchon von der Erbfolge und den teſtamentariſchen Verfügungen. Madame Cha⸗ puſot ging, das Taſchentuch in der Hand, von einer Gruppe zur andern und ſagte: „Es iſt noch nicht alle Hoffnung ganz und gar verloren... Er athmet noch... Man will ihm eine Ader öffnen... Ach! mir wurde ganz ſchwach um's Herz, als ich hier eintrat!... Das iſt ein ſehr ſchmerzliches Schauſpiel!“ „Er iſt noch nicht zum Bewußtſein gekommen, bei ſeinem Alter erholt man ſich in einem ſolchen Fall nicht ſo leicht!“ murmelte der Steuereinnehmer. „Welcher Verluſt!“ riefen im Chor die Fräulein Chapuſot. „So lang er athmet, iſt noch nicht Alles aus,“ bemerkte Madame Chapuſot energiſch, als ob die Hoffnung, wovon ſie beſeelt war, den Tod hätte verſcheuchen können;„Cäſar Fauberton ſteht in einem Alter, um noch lang zu leben. Doctor Gorgelaine, der eben mit ſeinem Stock und ſeinem Hut unter dem Arm, gleich einem jungen Mann gekommen iſt, iſt wenigſtens um zehn Jahre älter als er, das iſt Thatſache.“ 8 e trat Theodor ganz außer ſich ein, mit dem ufe:— „Mein Onkel! mein armer Onkel!“ Man umringte ihn ſogleich. „Nun, nun, Muth gefaßt!“ ſprach M. Chapuſot zu ihm, ſeine Hände ergreifend. 170 Da lag Onkel Cäſar, auf ſeinem Bette ausge⸗ ſtreckt, mit ſtarren Zügen und erloſchenen Augen. Sein glänzender Schädel war weiß wie Wachs; eine Fluth von grauem Bart verbarg den untern Theil ſeines Geſichtes und fiel auf ſeine breite Bruſt. 1 „O Gott! wie iſt er verändert!“ murmelte Theo⸗ dor, indem er ihn kaum anzuſehen wagte. Doctor Gorgelaine kam auf ihn zu. Es war ein kleiner, vertrockneter Greis, mit abſprechendem Wort und ruhig gebietender Geberde. „Ihr Onkel athmet noch,“ ſagte er zu Theodor; gaber es iſt keine Hoffnung mehr, ihn zu retten. „Es iſt ein Schlag, der ihn ſo zu ſagen gleich dem Blitz etfoffen hat.“ „Verlaſſen Sie ihn nicht, ehe Alles vorüber iſt, ich flehe Sie darum an!“ rief Theodor, indem er ſich auf Caſcarel ſtützte, der in völliger Verwirrung 65 unter Thränen ihn beiſeite auf einen Stuhl etzte. „Ja, ja, ich bleibe,“ antwortete ihm Doctor Gorgelaine;„ich will Ihnen denſelben Dienſt er⸗ weiſen, den ich Cäſar Fauberton leiſtete, als er vor mehr als fünf und dreißig Jahren ſeinen Oheim, den Oberſt verlor. Wir wachten die ganze Nacht mit ſeinem Notar, Meiſter Signoret, einem würdi⸗ gen Mann, der ſeinen Beruf gewiſſenhaft ausübte, der, ſobald der Oberſt ſeinen drien Seufzer ausge⸗ ſtoßen hatte, das Teſtament eröffnete, um zu ſehen, ob der Verſtorbene wegen ſeines Leichenbegängniſſes Verfügungen getroffen hätte. Iſt Meiſter Charda⸗ cier hier?“ .„Ich weiß nicht,“ antwortete Theodor, indem 171 fr unwillkürlich die Augen im Salon herumlaufen ieß.— Die beſten Naturen ſind nicht frei von ſolchen ſelbſtſüchtigen Bewegungen, und Theodor fühlte ſich wie geblendet, als ihm plötzlich in den Sinn kam, ddaß er jetzt endlich reich, ſein eigener Herr ſein, daß es ihm frei, frei ſtehen würde, Camilla zu heirathen; aber dieſer Eindruck ging ſogleich vorüber und mit aufrichtig betrübtem Herzen ſprach er zu Caſcarel: „Ich war nicht im Mindeſten auf das Unglück gefaßt, das uns da trifft!“ „Wer konnte das vorausſehen?“ rief der arme Burſche;„um neun Uhr verlaſſe ich Monſieur ganz munter und auf die Straße ſchauend; um halb zehn Uhr kehre ich zurück und finde ihn in ſeinen Seſſel zurückgefallen, die Arme herunterhängend, das Ge⸗ ſicht entſtellt. Bei dieſem Anblick erſchrak ich und ſchrie um Hülfe.“ Sommerladen; ich war auf der Straße und hörte ihn,“ ſagte Theodor, indem er ſich jenes verzweifel⸗ ten wüthenden Schreies erinnerte, der Camilla in Schrecken geſetzt hatte...„Er hat einen Moment ſchrecklichen Zorns gehabt...“ „Ja, ich glaube ſo,“ antwortete Caſcarel, be⸗ troffen von dieſen Worten.„Ich fand ſein Foulard⸗ tuch ganz zerknittert und wie ausgezackt, und er hatte Blut auf der Bruſt, wie wenn er ſeine Nägel dort eingegraben hätte.“ „Was vermochte ihn in einen ſo heftigen Zu⸗ ſtand zu verſetzen?“ murmelte Theodor.„Ohne Zweifel hat er einen Anfall von Wahnſinn, eine „Als Du ihn verließeſt, blieb er alſo hinter dem 172 Gehirnverrückung gehabt, was die Urſache ſeines Todes iſt.“ Von einem Augenblick zum andern kam man aus dem Salon, um Erkundigungen einzuziehen. Einige Perſonen drangen ſogar in das Zimmer, richteten ihre alltäglichen Tröſtungen an Theodor und zogen ſich zurück, nachdem ſie einen Blick auf den Sterbenden geworfen hatten. Zwei oder drei alte Frauen verweilten bei dem Bette und vergoſſen Thränen. Die Eine von ihnen trat in das Bou⸗ doir und betrachtete einen Augenblick den bonheur⸗- du-jour, der ſo viel Liebesgeheimniſſe verſchloſſen hatte; dann entfernte ſie ſich mit geſenktem Kopfe und für ſich murmelnd:„treuloſes Herz!“ Von der Familie Signoret zeigte ſich kein Mit⸗ glied; aber Tante Dorothee eilte nach der Pfarrei und ſchickte einen Prieſter, um am Bette des Ster⸗ benden Gebete zu leſen. Gegen Mitternacht zog ſich alle Welt zurück, außer dem Doctor Gorgelaine, Meiſter Chardacier und M. Chapuſot. Die beiden Letztern blieben im Salon und ſchliefen bald ein. Zwei Stunden lang herrſchte ein düſteres Stillſchweigen in dem Zimmer, wo Onkel Cäſar im Sterben lag. Auch vor dem Hauſe ließ ſich kein Geräuſch mehr vernehmen, und Niemand befand ſich mehr auf dem Hauptplatze. Die Menge war aus einander gegangen, nachdem ſie die letzten Lampen hatte erlöſchen ſehen. Mitten in der Nacht fragte Theodor plötzlich: „Wo iſt Marcelle?“ „Sie iſt da, hinter der Thüre,“ antwortete Ca⸗ ſcarel. 173 Onkel...“ 4„Ach!“ rief ſie mit convulſiviſchem Schluchzen, „daß ich nicht an ſeiner Stelle ſterben kann!“ Wirklich hätte das arme Mädchen gern ihr Le⸗ ben für die Rettung von dem Mann hingegeben, deſſen Daſein hienieden Theodor hinderte, ſich mit Camilla zu verheirathen. Ihr Schmerz kam zum Ausbruch trotz der Herrſchaft, welche ſie über ſich ſelbſt hatte, und unglückſelige Entſchlüſſe ſtellten ſich ihrem Geiſte dar. Derjenige, welchem ſie mit ſo zärtlicher, ſo ergebener, ſo zurückhaltender, ſo tiefer Liebe zugethan war, ahnte nicht einmal den Beweg⸗ grund dieſes übermäßigen Schmerzes und ſagte er⸗ ſtaunt zu ihr: „Beruhige Dich, gute Marcelle, die Zeit bringt Troſt für Alles... Ach! wir haben uns über den Tod meiner armen Mutter getröſtet!...“ Mit Tagesanbruch gab Onkel Cäſar den Geiſt auf. Jetzt verließ Jedermann das Zimmer, mit Ausnahme des Prieſters. Man führte Theodor in den kleinen Salon am Ende der Orangerie, und Meiſter Chardacier begab ſich nach Hauſe, um das Teſtament zu holen. Zwei Stunden ſpäter erſchien Meiſter Beaumou⸗ lin im Hotel Fauberton. Er hatte die wichtige und geheimnißvoll bewegte Miene eines Mannes, der be⸗ ordert iſt, einen Act zu erfüllen, deſſen ganze Trag⸗ weite er nicht einmal kennt. Beim Eintritt in den kleinen Salon, wo Theodor mit Meiſter Chardacier und einigen andern Perſonen ſich befand, legte er ein verſiegeltes Papier auf den Gusridon nieder und ſprach, zu ſeinem Collegen gewendet: „Hier iſt ein Umſchlag, der mir von Herrn Cä⸗ ſar Fauberton mit dem Auftrag übergeben worden iſt, denſelben nach ſeinem Abſcheiden in Gegenwart ſäne Familie zu eröffnen; ſeinen Inhalt kenne ich nicht.“ „Wir wollen ſehen!“ bemerkte Meiſter Chardacier mit einer leichten Erregung in der Stimme. Meiſter Beaumoulin erbrach das Siegel und zog aus dem Umſchlag ein vierfach zuſammengelegtes Papier hervor, mit der Auſſchrift: „Mein Teſtament.“ Es herrſchte einen Augenblick Stillſchweigen, und alle Augen wandten ſich auf Theodor, der leicht er⸗ blaßt war. Meiſter Beaumoulin entfaltete das Papier und las mit lauter Stimme: O.. den 5. December 18... um Fünf dreiviertel Uhr Morgens. „Ich Jules Cäſar Fauberton, Maire der Stad ..., ſetze zu meinem Univerſal⸗Erben ei Armand⸗Tiphaine Perrache, Sohn von Frangois Perrache und Madeleine Martin, und bei ſeinem Ableben das älteſte ſeiner legitimen Kinder oder ſeinen nächſten Verwandten. „Dieß iſt mein ausdrücklicher und letzter Wille. Ich beauftrage Meiſter Beaumoulin, Notar in 175 dieſer Stadt O..., mit der Vollziehung deſ⸗ ſelben.“ „Cäſar Fauberton.“ Meiſter Beaumoulin legte das Papier wieder auf den Gusridon und hielt ſeine lange, trockene Hand auf das wichtige Dokument, als wollte er es für den Fall der Noth ſich bewahren. Jedermann ſchwieg; man ſah ſich mit Erſtaunen an. Theodor blieb ruhig, war aber ſehr bleich. Meiſter Chardacier brach zuerſt das Still⸗ ſchweigen. Wer hat jemals von dieſem Armand⸗Tiphaine Perrache Etwas gehört?“ bemerkte er achſelzuckend. „Das iſt eine nichtexiſtirende Perſon!“ murmelte Caſcarel;„ſeit dreißig Jahren bin ich hier im Hauſe zund habe niemals dieſen Namen noch den der Mut⸗ ter Madeleine Martin ausſprechen hören.“ „Ich auch nicht! Ich auch nicht!“ riefen alle Anweſenden einſtimmig. „Er iſt jedoch vorhanden,“ ſprach Theodor, ſich beſtrebend, ſeine Unruhe und Beſtürzung zu über⸗ winden;„Armand⸗Tiphaine Perrache iſt ein Vetter der Fauberton, aber in ſo entferntem Grade, daß es nicht leicht iſt, ausfindig zu machen, woher dieſe Verwandtſchaft kommt. Er iſt nicht reich und lange Zeit hat meine Mutter ihm Gutes gethan ohne Wiſſen des Onkels, der nie Etwas von ihm hören wollte. Er iſt niemals hier geweſen, und ich glaube, eer wohnt in Marſeille.“ „Wir werden ihn aufzufinden wiſſen,“ murmelte Meiſter Beaumoulin, kaum im Stande, die ſchmutzige Freude zu unterdrücken, welche die Ausſicht, alle 176 Geſchäfte bei dieſer wichtigen Erbſchaftsfrage in den Händen zu haben, bei ihm erweckte. Monſieur Chapuſot trat jetzt hinter ſeinen Schwie⸗ gerſohn und ſagte ihm mit leiſer Stimme: „Jetzt fällt es mir wieder ein. Ich war zehn Schritte von Ihnen, als Cäſar Fauberton Ihnen dieſes eigenhändig geſchriebene Teſtament übergab, das er, wie man an dem Datum erkennt, den Au⸗ genblick zuvor abgefaßt hatte. Sie befanden ſich in der Fenſter⸗Vertiefung zunächſt ſeinem Zimmer, und er ſprach, Ihnen die Hand drückend: „Bewahren Sie das bei Ihren Acten.“ „So iſt es,“ antwortete Meiſter Beaumoulin, „aber der tückiſche Menſch hat mir nicht geſagt, was es war.“ Meiſter Chardacier hatte ſich zu Theodor geſetz und redete leiſe mit ihm. Der würdige Mann wa wie zu Boden geſchmettert, doch bemühte er ſich, die Hülfsmittel, welche die Situation noch bot, in E wägung zu ziehen. „Da iſt eine ſchöne Partie verloren!“ ſprach er „aber es wird vielleicht noch ein Mittel geben, vo jenem Erben noch Etwas herauszubringen... J werde ihn aufſuchen, ich werde ihn mit einem Pro ceß bedrohen— wenn es immer möglich, eine Proceß anzufangen— er wird Angſt bekommen un wir ſchließen einen Vergleich... Beunruhigen Si ſich nicht in Ihrem Gewiſſen... Gehen Sie, Ih Oheim war wahnſinnig, als er jenen elenden Fetze von Teſtament geſchrieben hat.“ „O! ja, er war wahnſinnig,“ murmelte Theodo mit Ueberzeugung und ſogar zum Mitleid mit ihm 177 ſggerührt;„wäre er bei voller Vernunft geweſen, ſo hätte er mich nicht ſo behandelt... Ach! ich muß ihm meinen Untergang vergeben.“ „Sie ſind ein Menſch ohne Haß und Bitterkeit!“ rief Meiſter Chardacier. Eine Stunde ſpäter wußte man in der ganzen Stadt, daß Theodor enterbt war. Wiederum brachte Tante Dorothee dieſe Nachricht den Signoret. 4 Camilla war allein in dem kleinen Salon des Erdgeſchoſſes, mit geſenktem Kopfe und ihre Arbeit in der Hand; aber ſie hatte davon abgelaſſen und ſchien in einen leichten Schlummer verſunken: die ganze Nacht hatte ſie gewacht, den Ellenbogen auf ihr Kopfkiſſen geſtützt, die Phantaſie erfüllt von ſchö⸗ nen Träumen, das Herz berauſcht von ſeinem Glück. Schmeichelnde Vorſtellungen, welche ſich ihres Geiſtes bemächtigt hatten, kehrten ihr unbeſtimmt wieder, denn ſie lächelte und öffnete auf Augenblicke halb die Augen. „Wo iſt Deine Mutter?“ fragte die alte Jung⸗ frau ſich ſetzend. „Sie iſt mit Alphonſine in der Kirche,“ antwor⸗ tete ſie, erſtaunt über den kurzen Ton und das be⸗ wegte Weſen ihrer Pathe. Darauf ſetzte ſie zögernd hinzu:„Man hat ſeit fünf Uhr Morgens die Todtenglocke geläutet...“ 4 Tante Dorothee ſammelte ſich einen Augenblick; darauf faßte ſie ihre Pathin an der Hand und ſagte mit einem Seufzer: „Mein Kind, Theodor iſt enterbt.“ „Ganz enterbt?“ rief ſie erblaſſend. „Ja, er hat nicht ein Juwel, nicht einen Ring, Reybaud, Onkel Cäſar. 12 178 nicht das geringſte Legat, mit einem Wort Nichts,“ antwortete Tante Dorothee faſt ſtöhnend.„Ach! man hätte Onkel Cäſar mehr mißtrauen ſollen!... Es war ein Menſch ohne Glauben, ohne Recht, ohne Herz im Leibe!... Eine ſelbſtſüchtige Seele, welche das Weltall geopfert hätte, nur um ihre Launen zu befriedigen; ein Ungeheuer, das Nichts geliebt hat, nein, Nichts auf Erden!“ 1 Darauf unterbrach ſie ſich ſelbſt, faltete die Hände 1 und ſetzte mit leiſer Stimme hinzu: „Aber ſprechen wir nichts Böſes von den Todten!“ Camilla weinte nicht; ſie war wie vernichtet. „Theodor iſt enterbt,“ wiederholte Tante Do thee;„man muß jetzt ſeinen Entſchluß faſſen; Du liebſt ihn, er hat Dir genug bewieſen, daß ſein Herz für immer Dir gehört; Ihr könnt noch glücklich ſein ſiehſt Du, es iſt ſehr wahr, wie es in Romanen heißt: je mehr Geld, deſto mehr Sorgen.“ Camilla gab keine Antwort und ging, nachdem ſie ihre Pathe umarmt hatte, in ihr Zimmer hinauf. „Ach!“ murmelte die alte Jungfrau, ihr mit den Augen folgend,„gut, daß ich ſie kenne, ſonſt müßte ich beſorgen, es geſchehe ein Unglück.“ 3 Gleich nach dem Leichenbegängniß Onkel Cäſar verließ Theodor das Hotel Fauberton und quartirte ſich mit Marcelle und dem treuen Caſcarel in einem alten Häuschen ein, das nicht fern von dem klein Platze Join⸗Vert lag. Er hatte tiefe Trauer ange⸗ legt und ging in den erſten Tagen nicht aus de Hauſe. Wiewohl ſeine Mittel nur ſehr gering w ren— er beſaß Nichts als eine kleine Summe Ge des und ungefähr ſechshundert Francs Rente— wiewohl er noch nicht die Möglichkeit gewahr wurde, mit Nutzen zu arbeiten, beunruhigte er ſich doch wenig wegen der Zukunft, weil Marcelle ihm täglich wiederholte: „Ei! Herr Theodor, quälen Sie ſich nicht; es wird Ihnen niemals Etwas abgehen; mit einiger Sparſamkeit werden wir uns hinausbringen, ohne irgend Jemand beſchwerlich zu fallen.“ Die ganze Stadt machte Theodor ihren Beſuch; der Neid, den er erregte, war von dem Tage an, da er ſich für immer arm ſah, plötzlich in allen Herzen erloſchen. Selbſt Madame Chapuſot bezeugte ſün viel Theilnahme und ging ſo weit, öffentlich zu agen: geWiewohl er jetzt eine ſehr geringe Partie iſt, würde ich doch Niemand rathen, einen Tochtermann wie ihn auszuſchlagen.“ Theodor ſprach von ſeinem Oheim, als ob er nie aufgehört hätte, ein guter Verwandter, ein edel⸗ müthiger Wohlthäter für ihn zu ſein. „Ich verdanke ihm viel,“ ſagte er;„er hat mich erzogen und meine erſte Jugend glücklich gemacht; es war ein Stück von Wahnſinn, daß er mich ent⸗ erbt hat. Hat er ſich nicht außerdem ſelbſt beſtraft für ſein Unrecht gegen meine arme Mutter und ge⸗ gen mich? In welcher Verlaſſenheit, in welcher angenweile, in welcher ſchrecklichen Oede hat er die letzten Jahre ſeines Lebens zugebracht! Ja, er iſt ſehr unglücklich geweſen, und wenn er mir übel ge⸗ than hat, ſo vergebe ich ihm von ganzem Herzen!“ Meiſter Chardacier wollte ſeinem Pollogen die 180 Sorge um den beinahe völlig unbekannten Erben von Onkel Cäſar nicht ganz überlaſſen; er reiſte nach Marſeille, um ihn wo möglich zu entdecken. Acht Tage darauf war er wieder zurück und begab ſich auf der Stelle zu Theodor. Marcelle öffnete ihm die Thüre, und ſie erkannte ſogleich an ſeinem Ausſehen, daß er nicht befriedigt heimkehrte. 8 „Ach! arme Kleine,“ ſagte er zu ihr im Vorbeis gehen,„ich fürchte ſehr, es wird niemals viel Gel in dieſem Hauſe einkehren.“ „Ei! deſto beſſer!“ ſagte ſie mit einem Ausdru von Freude, welche dem ehrlichen Notar großes Er⸗ ſtaunen erregte. „Nun!“ rief Theodor bei ſeinem Anblick,„welche Nachrichten bringen Sie mir von meinem Vette Armand⸗Tiphaine Perrache?“ „Ich habe ihn nicht geſehen, in Betracht, da er ſchon ſeit fünf Jahren todt iſt,“ antwortete Mei ſter Chardacier. „Aber Sie haben ſeine Erben geſehen, meine klei nen Vettern und Baſen im dritten Grad?“ „Ich habe ſeine Erbin geſehen,“ erwiederte de Notar ernſt,„ein Mädchen, das noch nicht ach Jahre alt iſt. Was läßt ſich gegenüber einem un mündigen Kinde machen, das man nicht einmal hei rathen kann, wiewohl es weder Vater noch Mutte hat?“ „Und wer nahm ſich bisher dieſer Waiſe an?“ fragte Theodor. „Meiner Treu! die Vorſehung. Ich habe ſie bei einer Frau gefunden, welche im Hafen Kran 181 waaren verkauft, unter einem Schirm, der ihrer Boutique zugleich als Dach dient. Das Kind be⸗ ſorgte ihr Aufträge; es ſieht ganz kränklich und elend aus, iſt ziemlich häßlich und ſcheint mir wenig Gaben zu beſitzen.“ „Arme Kleine!“ murmelte Theodor. „Ich rathe Ihnen, ſie noch zu beklagen!“ rief Meiſter Chardacier. „Sie wird eigennützigen Leuten zum Raub wer⸗ den, welche ſich um die Vormundſchaft ſtreiten und vwon ihrem Vermögen mehr Nutzen haben als ſie.“ „Das iſt bereits geſchehen! mein College Beau⸗ moulin iſt an der Arbeit, ein halb Dutzend Ver⸗ mandte von mütterlicher Seite abzuwehren, welche won der Exiſtenz dieſes Kindes Nichts zu wiſſen ſchienen, als man es aus Barmherzigkeit hätte er⸗ ziehen müſſen, und die jetzt alle mit Anſprüchen auf⸗ treten, indem ſie es ihre liebe Nichte nennen. Aber ees iſt mir darum nicht leid; Beaumoulin iſt aus dem Holze geſchnitten, um ihnen allen die Spitze zu bieten: er wird Jahre daran ſetzen, die Erbfolge zu regeln. Was für ein guter Fund für ihn!“ Theodor überlegte einen Augenblick und ſagte dann zu dem Notar: „Jetzt muß ich arbeiten, mein werther Charda⸗ cier; es wäre lächerlich, in meinem Alter bei fünf⸗ unddreißig Jahren noch Medicin ſtudiren, oder mich auf die Bänke einer Rechtsſchule ſetzen zu wollen! Ueberdieß geſtehe ich meine Schwäche; es würde mich allzu viel koſten, von hier wegzugehen. Das iſt nun meine Lage; geben Sie mir einen Rath: was ſoll ich thun? Was kann ich mit einiger Aus⸗ ſicht auf Erfolg unternehmen?“ „Sie müſſen auf meiner Schreibſtube arbeiten,“ antwortete aus eigenem Antrieb der würdige Mann, „und in einigen Jahren, wenn Sie die Fähigkeit err langt haben, mich zu erſetzen, werden Sie mein Nach⸗ folger.“ ich das nöthige Geld auftreiben, um Ihre Stelle zu bezahlen?“ „Sie bezahlen dieſelbe nach und nach von Ihrem Verdienſte, wie ich es auch einſt gemacht habe, als ich in Meiſter Signoret's Stelle trat, bei dem ich zehn Jahre lang Oberſchreiber geweſen bin.“ „Zehn Jahre!“ dachte Theodor ein Wenig ent⸗ muthigt, aber er faßte ſogleich wieder Hoffnung und ſagte, Meiſter Chardacier die Hand reichend: „Von Morgen an werden Sie mich am Geſchäft ſehen, mein werther Patron!“ IX. Noch an demſelben Tage zu einer ſpätern Stunde kleidete ſich Theodor an, als wollte er Beſuche ma⸗ chen. Als er beim Ausgehen durch das kleine Zim⸗ mer ſchritt, wo Marcelle arbeitete, hielt er einen Augenblick an. „Wohin gehen Sie denn ſo?“ fragte ſie mi ihrem fanften, traurigen Ton. 4 „Du wirſt es bald erfahren, liebes Mädchen,“ „Ah! ſehr gern!“ rief Theodor,„aber wo werde antwortete er mit glücklicher Miene, ihr die Hand drückend. Das Wetter war düſter und der Herbſtwind fegte am Himmel bleigraue Wolken hin; die kleinen Vögel flatterten da und dort herum, eine Zufluchtsſtätte ſuchend; auf der Straße beſchleunigten die Vorüber⸗ gehenden ihre Schritte, und die Hunde gingen mit enitem Schweife und ſcheuem Blick an den Mauern ſr ifend ihres Wegs. Marcelle ſtreckte unruhig den Kopf zum Fenſter hinaus und horchte einen Augen⸗ blick auf das dumpfe Geräuſch, welches dem Sturm vorangeht. „Wie es regnet, und Herr Theodor iſt ausge⸗ gangen,“ ſagte ſie zu Caſcarel, der eilig heimkehrte. „Ich weiß es,“ antwortete er,„eben begegnete hich ihm nach dem Platze Join⸗Vert zu; er ging ſchnell. Hätte er mir geſagt, wohin er wollte, ſo. würde ich ihm jetzt einen Schirm bringen.“ „Er macht ohne Zweifel einen Spaziergang,“ murmelte Marcelle ſeufzend;„ſeit er in Trauer iſt, hat er das nie gethan.“ „Zum Glück hat es da oben einiges alte Ge⸗ mäuer, wo er unterſtehen kann,“ ſagte Caſcarel, nachdem er das Fenſter geſchloſſen hatte.„Jeſus Chriſtus, was für ein Wetter!“ Der Sturm war zum Ausbruch gekommen: über zwei Stunden grollte der Donner ohne Unterlaß, und Regengüſſe ſpülten die Straßen von O... aus; gegen Abend erhellte ein Sonnenſtrahl den Horizont, und die muntern Vögel begannen wieder, an dem aufgeheiterten Himmel herumzufliegen. Theodor war nicht zurückgekehrt und ließ ſich, 184 ſelbſt als es Nacht wurde, nicht ſehen. Marcelle war am Fenſter und ſchaute ängſtlich nach den Vor⸗ übergehenden, welche in der Ferne die Straße her⸗ kamen, und glaubte jeden Augenblick Theodor zu erkennen. Ihre Unruhe war ſo lebhaft, ſo traurige Vorſtellungen drängten ſich ihrem Geiſte auf, daß ſie zu Caſcarel ſagte: „Es hat dieſen Nachmittag mehrmals eingeſchla gen... Haben Sie nicht ſchon ſagen hören, daß es gefährlich iſt, zur Zeit eines Sturms ſpazieren zu gehen?“ „Beruhigen Sie ſich,“ antwortete Caſcarel;„es 4 ſteht eine Einſiedelei auf jedem der drei hohen Berge, welche die Stadt O... umgeben, und ſo viel iſt gewiß, daß der Blitz daſelbſt noch niemals eine menſchliche Kreatur erſchlagen hat; aber da der Re⸗ gen dort die Leute durchnäßt, wie überall ſonſt, ſo will ich ein gutes Feuer machen, um Herrn Theo⸗ dor's Kleider zu trocknen.“ Es war ſchon lange Nacht, als Theodor hein kam. Marcelle, welche ihn erkannt hatte, ehe er auf der Schwelle des Hauſes angekommen war, eilte, ihm die Thüre zu öffnen. 5 „Großer Gott im Himmel! was iſt Ihnen ge⸗ ſchehen?“ rief ſie, als ſie ihn ganz bleich und er⸗ ſchöpft mit verwirrten Haaren und mit Kleidern vom Regen ſo durchnäßt, als wäre er eben über einen Fluß geſchwommen, eintreten ſah. Er gab ihr keine Antwort, ſondern ſtieg die Treppe hinauf, indem er ſich mit der einen Hand auf ſie ſtützte, mit der andern an dem dicken Seil ſich hielt, welches ſtatt eines Geländers diente. Caſ⸗ 3 185 carel ging voran und hielt ihn, denn ſeine Kniee wollten einbrechen. „Ach! meine guten Freunde, ich fühle mich ſehr unwohl!“ ſagte er mit ſchwacher Stimme, oben an der Treppe Halt machend. „Das wird nicht viel zu bedeuten haben,“ ant⸗ wortete Caſcarel, indem er ſich mit ihm eifrig zu ſchaffen machte;„kommen Sie nur ſchnell und ruhen Sie aus. Die Näſſe iſt Ihnen bis in die Knochen gedrungen. Ich will Ihnen ein gutes Glas war⸗ men Wein mit Zimmt machen; Nichts thut bei Er⸗ kältungen ſo gut wie das.“ Als Theodor neben dem Feuer in ſeinem Zim⸗ mer ſaß, erneuerte Marcelle ſanft ihre Fragen. „Ach! ich bin ſehr unglücklich, armes Mädchen!“ antwortete er ihr mit einer gewiſſen Ruhe oder viel⸗ mehr Erſchlaffung;„meine Hoffnungen ſind zerſtört, mein Herz iſt gebrochen... Ich weiß nicht mehr, ob ich lebe...“ willen!.. „Etwas, das Du nicht wirſt glauben können!“ ſagte er, ſein Geſicht in den Händen verbergend; „heute bin ich hingegangen, um Camilla zur Ehe zu begehren, und habe eine abſchlägige Antwort er⸗ halten!...“ „Herr Signoret hat Ihnen die Hand ſeiner Toch⸗ ter verweigert?“ rief Marcelle. „Nein, nein, nicht er! Sie, ſie ſelbſt, ſie allein hat mich abgewieſen!“ antwortete er, jedes Wort betonend,„und hat das erklärt in Gegenwart ihrer Familie, im Angeſicht ihrer Mutter und ihrer Pathe, welche beide weinten. Ich habe mich ſo weit gede⸗ müthigt, mich ihr zu Füßen zu werfen, um ſie zu erweichen, denn ich liebe ſie und kann nicht leben ohne ſie... Ich habe ſie angefleht, wenigſtens ihren Entſchluß aufzuſchieben... Mit welchem Stolz, mit welcher unempfindlichen Gelaſſenheit hat ſie mich angehört! Mit welcher grauſamen, unverſöhnlichen Feſtigkeit hat ſie mir geantwortet, daß Alles aus ſei, daß ſie niemals meine Frau werde!... Ja, ſo hat ſie zu mir geſprochen, zu mir, der ich ohne Miß⸗ trauen ihr mein Herz und mein Leben geſchenkt hatte... O! welcher Verrath!...“ Während ſie ſo die tödtliche Wunde entdeckte, welche er eben erhalten hatte, fühlte Marcelle in ihrer Seele ein verwirrtes Gefühl, aus Betrübniß und Freude gemiſcht, entſtehen, ein geheimes Ent⸗ zücken, das ſie zu gleicher Zeit veranlaßte, den Him⸗ mel zu ſegnen, daß er ihr den grauſamſten Schmerz erſpart hatte, und aufrichtig Theodor's Leiden zu bedauern. Sie weinte ſehr, als er ihr erzählte, daß er beim Weggehen von dem Signoret'ſchen Hauſe blindlings fortgelaufen und auf das Feld gekommen ſei, ohne nur zu bemerken, daß der Sturm ausge⸗ brochen war. „So bin ich ſehr weit fortgekommen,“ fuhr er ſchaudernd fort,„die Blitze blendeten mich, das Waſ⸗ ſer vom Himmel rieſelte an mir hinab, aber der kalte Regen that mir gut: es ſchien mir, er kühle mein Gehirn ab und beruhige mein Blut; allmälig kam ich wieder zu mir ſelbſt und weinte dann.... Jetzt bin ich ruhig, wie Du ſiehſt...“ 187 Er lächelte bitter und ſchwieg einen Augenblick ſtill, dann rief er: „9 Camilla, Camilla!“— und brach in Thränen aus. Wollen Sie dieſelbe fliehen? Wollen Sie fort von hier, recht weit fort?“ fragte Marcelle, welche ſich kein anderes Mittel für einen ſolchen Schmerz vorſtellen konnte. KCbheodor ſchüttelte den Kopf. MNein,“ ſagte er,„ich bin zu feige dazu... Es gibt für mich nur einen Troſt, da zu bleiben, wo ſie iſt, wo ich ſie zuweilen ſehen kann: dieſes Glück wird ſie mir nicht rauben können...“ 188 ihr zu ſprechen wagte. Tante Dorothee war da⸗ mals über ihre Pathin ernſtlich böſe. „Ach!“ ſagte ſie,„die Welt hat ſich ſehr ver⸗ ändert! Sonſt waren die Frauen nicht ſo: wenn es unbeſtändige und treuloſe Herzen gab, ſo kam es nicht unter uns vor. Ach! werther Herr Theodor, wenn ich in meiner Jugend einen ſolchen Liebhaber, wie Sie, getroffen hätte, ich wäre ihm treu bis in den Tod geblieben!“ Eines Tages ſagte Theodor ſeufzend zu ihr: „Glauben Sie, wenn mein Onkel mich nicht ent⸗ erbt hätte, Camilla würde untreu geworden ſein?“ „Nein,“ antwortete ſie offen;„ihre Seele iſt nicht gemein und eigennützig, aber ſie iſt eitel; die äußere Stellung eines Mannes verführt und ſtößt ſie ebenſo ſehr ab, als ſeine Perſon. Ohne es zu ahnen, liebte ſie in Ihnen das Hotel Fauberton.“ „Sie könnte mich alſo noch lieben, wenn ich reich wäre?“ rief Theodor. „Das wäre nicht unmöglich, meiner Meinung nach,“ antwortete die alte Jungfrau. Theodor erholte ſich ziemlich ſchnell; aber in dem Maße, als ſeine Geſundheit ſich beſſerte, ſchien die im Grunde ſeines Herzens blutende Wunde ſchmerz⸗ licher zu werden. Marcelle erkannte, daß er das Vermögen, deſſen ſein Oheim ihn beraubt hatte, lebhaft bedauerte. Er konnte am Hotel Fauberton nicht vorüber gehen, ohne einen Seufzer auszuſtoßen, und oft ſagte er zu dem treuen Diener, den Onkel Cäſar in ſeinem letzten Teſtament vergeſſen hatte: „Ach!l mein armer Caſcarel, die haben ſehr Un⸗ recht, welche behaupten, Vermögen mache das Glück 189 nicht aus! Wäre ich reich, ſo wäre ich glücklich... Welche Freude, wenn ich Geld verdienen könnte! wenn ich durch meine Arbeit reich geworden, das Haus wieder an mich kaufen könnte, welches mir gehören ſollte!...“ „Ach! Herr Theodor, das iſt ein ſchöner Traum, dem Sie ſich da überlaſſen,“ rief Caſcarel mit der Miene eines Mannes, welcher mit einer chimäriſchen Hoffnung ſich zu ſchmeicheln fürchtet;„ich ſehe wohl, daß Sie immer an die vergangene Zeit denken. Nunl ich bin wie Sie: ich kann es in dieſem Hauſe hier nicht aushalten, wiewohl es ſauber und ange⸗ nehm iſt. Es thut mir um's Herz weh, wenn ich an dem Hotel vorübergehe und alle die geſchloſſenen Fenſter und jene Thüre ſehe, von welcher man glau⸗ ben ſollte, ſie ſei ſchon ſeit hundert Jahren nicht ge⸗ ffnet worden, ſo viel Grünſpan hat ſich am Klo⸗ pfer angeſetzt.... Ich bin überzeugt, der Kron⸗ leuchter im Salon iſt mit Spinngeweben bedeckt l... Sehen Sie, Herr Theodor, ich würde mich zu Allem verſtehen, ich würde Alles in der Welt thun, wenn ich nur einmal mit dem Beſen dort hin⸗ und her⸗ fahren könnte!...“ Meiſter Beaumoulin war damit beauftragt wor⸗ deen, die Erbſchaft Onkel Cäſar's zu regeln und pro⸗ viſoriſch zu verwalten; aber das große Vermögen befand ſich zum Theil in den Händen ſeines Colle⸗ gen, Meiſter Chardacier, der, geſchickter als jener, unermeßliche Schwierigkeiten erhob, um es nicht her⸗ ausgeben zu müſſen. 5 Ich habe meine eigenen Gedanken dabei,“ ſagte er zu Theodor.„Muß man es am Ende ausliefern, 190 nun! ſo thun wir es; inzwiſchen aber dulde ich nicht, daß dieſer Federfuchſer zu ſeinem Vergnügen ſtörend an Dingen herumtappt, die in ſo guter Ordnung ſind.“ Theodor ſuchte nicht offen nach Gelegenheiten, um Camilla zu ſehen, und ſie beſtrebte ſich auffal⸗ lend, ihm auszuweichen, ſeitdem ſie ſich geweigert hatte, ſeine Frau zu werden. Sie lebte zurückgezo⸗ gener als je, denn die Welt war in dieſem Fall gegen ſie. Im Allgemeinen dachte man, der arme Verliebte ſei von ſeiner Leidenſchaft für die Undank⸗ bare geheilt. Marcelle allein wußte wohl, daß er ſie noch immer liebte und daß auf dem Grund ſei⸗ nes Herzens noch eine hartnäckige Hoffnung zurück⸗ blieb. „Du wirſt ſehen,“ ſagte er manchmal zu ihr, „ich werde reich und fordere ſie dann noch einmnal von ihrem Vater zur Ehe. Ich habe ſie ſo ſehr geliebt, ich habe ſo viel gelitten, daß ſie von meiner Standhaftigkeit gerührt werden und mir ihre Liebe wieder ſchenken wird... Ja, ich bin davon über⸗ zeugt, ich werde ſie heirathen... Du antworteſt mir nicht, Marcelle; Du biſt entrüſtet? Geh, Du haſt Recht, ich bin ein Feigling!... Ich hätte ſie vergeſſen ſollen; aber wider meinen Willen liebe ich ſie; wider meinen Willen iſt ſie meine Freude, meine Plage, die einzige bewegende Kraft, das einzige In tereſſe meines Lebens. Ach! wenn unſer Herz ſich ſo hingegeben hat, ſo ſollte man es brechen, um es wieder zurückzunehmen!“ „Ich weiß es, antwortete Mareelle ſchmerzlich 191 Zuweilen ſagte ihr Theodor, von einer vorüber⸗ gehenden Entmuthigung ergriffen, bitter: „Wie ſchwer iſt es, reich zu werden! Ich be⸗ greife jetzt die, welche ihr Leben daran ſetzen, auf einmal zu Vermögen zu gelangen. Wäre ich jün⸗ ger, ich ginge nach Californien!...“ Dann kam er wieder auf ſeine fixe Idee zurück und ſuchte in ſeinem Geiſt nach Mitteln, bald zu einer guten Stellung in der Welt zu gelangen: zum Anfang arbeitete er muthig auf der Schreibſtube von Meiſter Chardacier. Eines Nachmittags begegnete Madame Chapuſot Theodor auf dem Hauptplatz. Die gute Frau hatte einen Federnhut, mit ihrem Ternaux⸗Chale auf den Schultern, und Ringe an allen Fingern. „Guten Morgen, werther Herr Theodor,“ ſagte ſie ſtillſtehend,„es freut mich, Sie zu ſehen. Zu Hauſe beklagt man ſich über Sie; Ihre Beſuche ſind zu ſelten. Wir unterhalten uns jetzt viel; ich empfange alle Donnerſtage. M. Chapuſot wird es Ihnen noch beſonders ſagen. Sie ſehen mich gerade im Zuge, zum Zweck meiner Einla dungen Beſuche zu machen. Jetzt gehe ich da neben an, nach der Ecke des Platzes.“ „Erlauben Sie mir, Ihnen bis dahin meinen Arm zu bieten,“ ſagte Theodor höflich. „Nein, nein!“ rief ſie mit ihrem ſcharfen Lächeln; „ Sie können mich nicht begleiten; ich gehe zu dem Herrn Kapitän Regiments⸗Adjutanten, um der Frau Adjutantin einen Abſchiedsbeſuch zu machen, ſie reiſt dieſen Abend ab; das Regiment wechſelt die Garni⸗ ſon, es geht nach D..“ 192 Sie ſchwieg einen Augenblick, wie um ihre Zunge zu ſchärfen; dann ſetzte ſie hinzu: „Die ſchöne Camilla geht mit ihrer Schweſter; man ſagt, der Oberſt mache ihr den Hof.“ „Ahl ſagt man das?“ murmelte Theodor die Farbe wechſelnd. Es war das erſte Mal, daß der hölliſche Pfeil der Eiferſucht ihn in's Herz traf. Bis dahin war es ihm nicht in den Sinn gekom⸗ men, daß ein Nebenbuhler es verſuchen könnte, Ca⸗ milla zu gefallen, und noch weniger, daß ſie ihm ihre Liebe ſchenken könnte. Sein Schmerz war un⸗ endlich und um ſo tödtlicher, als er denſelben in ſich verſchloß. Von dieſem Augenblick drängte er auf den Grund ſeines Herzens Alles zurück, was ihm von ſeiner Liebe blieb, das heißt, eine dürre, ver⸗ zweifelte Leidenſchaft, eine finſtere Eiferſucht. Er ſprach Camilla's Namen vor Marcelle nicht mehr aus, und als ſie in größerem Schrecken, ärgerer Bekümmerniß über ſein Stillſchweigen, als über ſeine Schmerzensausbrüche, indirect ſich wieder in ſein Vertrauen zu drängen bemühte, ſagte er zu ihr mit traurigem Lächeln: „Geh, liebes Mädchen, ich verberge Dir nichts; mein Geiſt iſt ruhig, mein Herz iſt todt.“ Aber Marcelle glaubte es nicht. Ein halbes Jahr ſpäter kehrte Camilla in die väterliche Wohnung zurück. Sie war nicht verhei⸗ rathet. Madame Chapuſot, die mit einer Frau vom Regiment in Correſpondenz ſtand, verſicherte, ſie hätte beinahe den Oberſt geheirathet. Wie dem auch ſein mochte, ſie war immer noch ſchön und ſtolzer als jemals. 1 3 —5 193 „Doch geht ſie ihren dreißig Jahren entgegen!“ ſagte Madame Chapuſot, nachdem ſie ganz laut alle Daten berechnet hatte. „Ich kenne Mädchen, die viel ſpäter geheirathet haben,“ antwortete eines Tags Tante Dorothee. Etwa drei Jahre nach dem Tode von Onkel Cäſar erfüllte Theodor, deſſen Ehrgeiz ſich ganz und gar beruhigt hatte, die Functionen eines Oberſchrei⸗ bers bei Meiſter Chardacier, mit der Ausſicht, in nicht gar ferner Zeit ſein Nachfolger zu werden. Sein Heimweſen glich dem eines alten, gut einge⸗ richteten, wohl verſorgten Junggeſellen. Marcelle eerte das Haus. Caſcarel genoß eines ruhigen Alters bei ihm. Er hatte eine ſtille, bequeme, wenn nicht glückliche Exiſtenz. Wiewohl das Aeußere die⸗ ſer Wirthſchaft die beſcheidenſte Mittelmäßigkeit an⸗ kündigte, ſo herrſchte daſelbſt doch eine ſo ſchöne Eintheilung, eine ſo vollkommene Ordnung, daß Tante Dorothee oft dahin kam, um, wie ſie zu ſagen beliebte, ſich in den Möbeln zu ſpiegeln, und dar⸗ auf zu ihrer Pathin ſagte: „Wahrhaftig, Armuth iſt nicht häßlich! Wir be⸗ ſitzen nicht Reichthum, ſo viel wir ſind, und doch thut, was uns umgibt, den Augen nicht wehe! Da iſt es aber noch viel beſſer bei Theodor Fauberton: in ſeinem Hauſe herrſcht eine gewiſſe Eleganz aller rten.“ „CEi! um ſo beſſer,“ antwortete Camilla kalt; „es iſt um ſo mehr Verdienſt für ihn, als für ei⸗ nen Andern, ſich mit Wenigem zu begnügen. Vor einigen Tagen ſah ich im Vorbeigehen die Blumen⸗ töpfe vor ſeinen Fenſtern ſtehen; man muß bekennen, Reybaud, Onkel Cäſar. 13 194 das hat durchaus keine Aehnlichkeit mit der Oran⸗ gerie im Hotel Fauberton.“ Eines Morgens, als Theodor auf die Schreib⸗ ſtube kam, fand er Meiſter Chardacier ſeiner war⸗ tend. Der gute Alte machte ein ganz beſonderes Geſicht: ſeine kleinen grauen Augen flammten; er warf den Kopf triumphirend hin und her und be⸗ merkte nicht einmal, daß ſeine goldene Brille ihm auf die Naſenſpitze herabgefallen war. Er zog Theodor in ſein Kabinet und ſagte, ihn vor Freude umarmend: „Mein lieber Freund, wir werden in das Hotel Fauberton zurückkehren; Sie erben dieſes Mal, Sie erben von Rechtswegen... Ich habe mir immer vorgeſtellt, daß es ſo kommen würde!“ „ Ich erbe!“ wiederholte Theodor betäubt. „Nun jal Das arme Kind iſt geſtorben; eben erhalte ich die Nachricht davon. Es war ſo elend, ſo kränklich! Das hat mich nicht überraſcht. Die Hälfte der Erbſchaft fällt auf Sie zurück, weil Sie allein den väterlichen Zweig repräſentiren; die vier⸗ zehn Verwandten mütterlicher Seite werden ſich in die andere Hälfte theilen... Das iſt ungefähr ſo viel, als Ihr Onkel zuſammengeſpart hat. So ſind Sie nicht im Mindeſten beeinträchtigt: der letzte Neffe der Fauberton wird das Familien⸗Vermögen vollſtändig erhalten.“ Der kleine Schreiber, gewöhnlich saute-ruisseau) genannt, welcher die Aufträge vom Bureau beſorgte, befand ſich hinter der Thüre; er ſchlüpfte ſogleich hin⸗ *) Wörtlich: Springbach. 195⁵ aus und verbreitete die Neuigkeit in der Stadt. Weder der Triumph der Signoret am Balltage, noch der Rückzug von Onkel Cäſar, noch ſein Tod, noch die Bekanntmachung des Teſtaments, worin Theodor enterbt wurde, hatten eine Senſation her⸗ vorgebracht, ähnlich der, welche dieſes letzte Ereigniß erzeugte. Dießmal kam die ganze Stadt, mit Aus⸗ nahme der Familie Signoret, um Theodor in Aus⸗ drücken, welche nichts Trauriges an ſich hatten, ihre Beileidsbezeugungen darzubringen. Er empfing den Tag über wenigſtens zwanzig Beſuche. Meiſter Beaumoulin kam unter den Erſten mit Herrn und Frau Chapuſot. Die gute Frau umarmte Theodor mit wahrhafter Zärtlichkeit und ſagte, ihm die Hand drückend: 3 „Wenn es nur zu Ihrem Glück ausſchlägt!“ Er verſtand dieſe bezeichnende Einſchränkung, dieſe unbeſtimmte Andeutung und antwortete mit einem Lächeln: „Sie werden ſehen!...“ Caſcarel war außer ſich; gegen ihn beobachtete man einigermaßen dieſelbe Höflichkeit, und er gab naiv zur Antwort: „Ich will Trauer anlegen, wie ich es bei dem Tod meines armen Herrn gethan habe, wiewohl er mir Nichts hinterlaſſen hat; aber ſehen Sie, ich ge⸗ höre doch wie zur Familie!“ An demſelben Abend, als ſich Theodor allein bei Marcelle befand, ſetzte er ſich an den kleinen Tiſch, woran ſie arbeitete, und ſagte ſanft zu ihr: „Du ſprichſt gar nicht mit mir; Du haſt Dich — 43*½ 196 ben ganzen Tag bei Seite gehalten, und jetzt weinſt „Ich weine vor Freude,“ antwortete ſie,„Sie mußten reich werden, um glücklich zu ſein; wohlan! der Reichthum iſt gekommen.“ Und da er keine Antwort gab, ſetzte ſie mit An⸗ ſtrengung hinzu: „Jetzt werden Sie heirathen können.“ „ Ja,“ ſprach er halblaut;„ja, ich werde heira⸗ then; aber Camilla werde ich nicht zur Frau neh⸗ men.“ Marcelle betrachtete ihn mit erſtaunter Miene. „Du zweifelſt?“ fuhr er fort,„wohlan! Du wirſt es ſehen... Du wirſt es ſehen... bald.“ Darauf drückte er ihr die Hand und zog ſich in ſein Zimmer zurück. Am andern Tage reiſten Meiſter Chardacier und Theodor nach Marſeille ab, um die Angelegenheiten wegen der zweimal ſo unerwartet auf eine andere Seite übertragenen Erbſchaft in Ordnung zu brin⸗ gen. Ihre Abweſenheit dauerte einen Monat. Bei ſeiner Rückkehr fand Theodor, daß Alles zu ſeiner Aufnahme im Hotel Fauberton bereit war: bereits hatte ſich Caſcarel daſelbſt einquartirt; aber Marcelle war in dem kleinen Hauſe geblieben. Eine Viextelſtunde nach ſeiner Ankunft machte Theodor ihr einen Beſuch. „Nicht wahr, gute Marcelle, Du warſt ein Wenig erſtaunt, als ich Dir ſchrieb, Du ſollteſt hier blei⸗ ben?“ ſagte er liebevoll zu ihr. „Ja,“ antwortete ſie ſanft,„aber ich dachte, Sie hätten einen Grund dazu.“ 197 „Und Du haſt ihn gewiß nicht errathen!“ rief er;„Marcelle, Du wirſt noch einige Wochen hier blei⸗ ben; dann, wenn Du willſt, kehrſt Du wieder zu⸗ rück... kehrſt Du wieder zurück am Tage unſerer Heirath, wenn Du Madame Fauberton biſt!...“ Das arme Mädchen drückte die Hand, die er ihr reichte, und weinte ſtill. Aber er begriff wohl, daß er nicht nöthig hatte, ſie zweimal um ihre Einwiilli⸗ gung zu befragen. Einen Monat ſpäter heirathete Theodor die be⸗ ſcheidene Marcelle. Man wagte nicht zu ſagen, daß es eine Mißheirath ſei. Jedermann wußte, daß ſie von niederem Bürgerſtande entſproſſen und ihr Va⸗ ter ein Künſtler geweſen war. Die Trauung er⸗ folgte ohne alles Gepränge, weil Theodor noch als Erbe Trauer trug; aber die hohe Geſellſchaft diſpen⸗ ſirte ſich nicht davon, der ehelichen Einſegnung bei⸗ zuwohnen. Beim Herausgehen aus der Kirche fanden ſich Tante Dorothee und Madame Chapuſot einander gegenüber.. „Da hat ſich endlich doch ein Fauberton verhei⸗ rathet,“ ſagte Madame Chapuſot;„Sie haben es immer vorausgeſagt, mein werthes Fräulein!“ „Ja,“ antwortete die alte Jungfrau;„aber ich habe mich zur Hälfte getäuſcht... Zum Glück hei⸗ rathet Camillg in einem Monat, an demſelben Tage wie ihre Schweſter Alphonſine!“ „Beide vermählen ſich mit Officieren!...“ rief Madame Chapuſot. „Ja, ſie machen ziemlich ſchöne Heirathen,“ ant⸗ Ende. Humoriſtiſche Lektüre, 3 beſonders für Kaufleute und Handlungsreiſende. Freuden und Leiden eines Commis Voyageur. Dritte Auflage. Eleg. geh. mit Titelbild. 20 Ngr. od. fl. 1. rhein. Allen Freunden einer heitern und angenehmen Lek⸗ türe wird ein Buch willkommen ſein, in welchem ein bekannter deutſcher Dichter ſich ein Exemplar des „deutſchen Commis Voyageur“ aus der ſocialen Ordnung der Welt zum Vorwurf ſeines Studiums machte und auf ſolch' originelle Weiſe charakteriſirte, daß das Werk gewiß jeden Leſer vollkommen befriedigen wird. Reiſende können ſich keine angenehmere Beſchäf⸗ tigung auf ihren Reiſen gewähren, als die Lektüre die⸗ ſes Buchs. Kurzer Auszug aus dem reichen Inhalt des Buchs: Zacharias Hartmann.— Scheiden und Meiden thut weh. Die Revolution im Omnibus.— Küſſe und Stoßſeufzer.— Moraliſcher Katzenjammer.— Die Abfütterung.— Der Blick in das Paradies.— Die Bergſtraße.— Heidelberg und ſein Schloß.— Der Frankfurter.— Der Heimgang vom Bier und der Einzug zum Wein.— Ein Bachusfeſt und deſſen Folgen. — Die Fulder.— Sohlechte Geſchäfte.— Die Schwaba⸗ mädle.— Die Reichsſtädter.— Stuttgart.— Degerloch.— Der Lieutenant.— Nachtwandler oder Dieb.— Abſchied von Stuttgart.— Der Ehninger Congreß.— Die Ehninger Krä⸗ mer.— Gaſthaus zur Traube.— Der goldene Ochſe in Reut⸗ lingen.— Urach.— Die rauhe Alp.— Blaubeuren.— Ulm. — Ein Weinreiſender.— Der glückliche Bräutigam.— Günz⸗ burg.— Die Schinkengeſchichte.— Die ſchöne Wäſcherin.— Augsburg.— Trinkgelder.— München.— Der Männerſang. — München, Liebe und Rüböl.— Münchens Sehenswürdig⸗ keiten.— Der Wiſcher.— Bräutigam.— Das Räuſchchen.— Handgemenge und Prügel.— Der fatale Mantel.— Wirth und Fremdenbuch.— Die Geſchichte vom Frack.— Das Ren⸗ dezvous.— Die ſchöne Proceſſion.— Der Brief mit einer Naſe.— Das Sängerfeſt.— Der Berliner.— Die Baroneſſe und der Schnurrbart.— Das Vielliebchen.— Auf dem Ball und nach dem Ball.— Eine Mutter.— Darmſtadt.— Krä⸗ merſeelen, merkantiliſche Thiere, Geldſäcke und wahre Kauf⸗ leute.— Frankfurt.— Frankfurt, ein klein Paris.— Hom⸗ burg.— Die aufgezwungene Braut.— Die Hochzeit ꝛc. ꝛc. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. ſſſſiinſſnnſſſinſſſiſſſſiſiſſſſiſſiiſſſſſſiſiſſſſſſſſifſſſſſſſſ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 1