Drei Jahre von Breiszigen. Fünfter Band. Zweite Abtheilung. 2— —————— ——— ——— Drei Jahre bon Dreissigen. Ein Roman von Tudwig Rellſtah. Fünfter Band. Zweite Abtheilung. 2 Leipzig: F. A. Brockhauz. 1858. = — S 229 — — = 8 — 2 — — 5 5 — 2 — · —— 40 8 S — — ☛ —₰ 2 S — 5 5 2 6 Franzöſiſche und in andere Sprachen vor. Zweiunddreißigſtes Buch. Rellſtab, Drei Jahre. V. 2. 1 Dreizehntes Capitel. Mansfeld ſtand, die Arme auf dem Rücken, am Fenſter ſeines Zimmers, ſchaute über den Marktplatz von Pilſen hin und warf öfters ſeinen Blick zum Thurm der Bartho⸗ lomäuskirche hinauf.— Plötzlich wandte er ſich ungeduldig um und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder. Er war mit der Erwägung eines wichtigen Gegen⸗ ſtandes beſchäftigt. Von Zeit zu Zeit trat er an ſeinen mit Briefen bedeckten Tiſch und blätterte in den Papieren. „Man muß ſehen, ob man alle Vortheile geltend ma⸗ chen kann“, murmelte er vor ſich hin.„Tilly denkt mich zu überliſten, aber wer weiß, wer der ſchlaueſte von uns iſt!— So viel iſt gewiß, binnen vierundzwanzig Stunden muß ich Pilſen hinter mir haben und binnen drei Tagen Böhmen.“ Er faßte eine Schelle, die auf dem Tiſche ſtand, und klingelte ſtark. Ein Diener, ein junger, blonder Menſch, trat ein und blieb ehrfurchtsvoll an der Thür ſtehen; Mansfeld maß ihn vom Kopf bis zu den Füßen mit ſeinen blitzenden kleinen Augen. 1* 4 „Kerl! Du haſt kein gutes Gewiſſen!“ rief er ihn an und zog die Brauen finſter zuſammen;„du zitterſt wie ein Espenlaub, Milchbart!“ „Herr General—“, ſtotterte der Diener. „Du ſteckſt mit den pilſener Unzufriedenen, den Katho⸗ liken, zuſammen!— Nimm dich in Acht, Andreas! Ich durchſchaue euch Alle. Denke an Pietro, den Schuft! Er ſteckte lange unter der gleisneriſchen Kappe! Ich habe ihn doch entdeckt! Willſt du hängen wie er?“ „Mein General, ich beſchwöre...“ „Schwöre nichts! Du ſchwörſt dich an den Galgen.— Du haſt mit dem geſtrigen Kurier aus Prag auch einen Brief bekommen!“ „Ja, gnädigſter Herr— er war von meiner alten Mutter“— ſagte Andreas zitternd. „Warum haſt du mir's verſchwiegen?— Dein böſes Gewiſſen trieb dich dazu! Ich ſehe Alles, ich weiß Alles!— Für diesmal biſt du nur gewarnt!—— Wenn der Obriſt⸗ wachtmeiſter Hayd und Hauptmann Nechodom kommen, führſt du ſie ſofort hier herein!“ Er winkte; der Diener ging. „Man muß die Schurken in Furcht halten und ihnen drohen, bevor ſie etwas verbrochen haben, damit ſie die böſen Wege nicht einſchlagen“, murmelte er vor ſich hin. „Noch iſt der Tropf unſchuldig! Aber er könnte leicht wan⸗ kend werden, und es ſollte mir leid um ihn thun, wenn ich mit dem jungen deutſchen Blut ſo verfahren müßte wie mit dem italieniſchen Skorpion, dem Pietro.“—— Er ging wieder auf und ab und warf unruhig von Zeit zu Zeit einen Blick durchs Fenſter über den Markt nach dem Kirchthurm hinauf auf das Zifferblatt der Uhr. „Ich will's ihnen ganz ruhig vortragen! Sie werden ſich 5 verwundern, aber einſehen, daß es ſo ſein muß!“— Er blieb nachdenkend ſtehen und fuhr dann ungeduldig fort: „Jetzt iſt es neun! Jetzt müßten ſie doch hier ſein!“ Er hatte das Wort noch nicht zu Ende gedacht, als Andreas die Thür öffnete und Hayd und Xaver eintraten. „Guten Morgen, mein Jung“, redete er dieſen an, den er im vertrauten Geſpräch ſtets ſo nannte;„guten Morgen, hochgelahrter Obriſtwachtmeiſter!“ ſagte er zu Hayd, und ſchüttelte Beiden die Hände.„Setzt euch!“ Er ſetzte ſich ſelbſt und zog zwei Stühle rechts und links heran.„Ich habe euch rufen laſſen“, begann er, nachdem ſie Platz ge⸗ nommen,„um euch mit meinem nächſten Plane bekannt zu machen. Das Neſt Pilſen wird mir zu eng, hier kann ich die Flügel nicht regen; überhaupt iſt Böhmen wie ein Käfig für uns geworden! Kurz und gut, hier kann unſeres Bleibens nicht länger ſein. Jede Hoffnung, daß wir hier zulängliche Unterſtützung fänden, jetzt, wo der Krieg mit dem Frühjahr wieder angehen muß, iſt vergebens.— In Böhmen iſt der letzte Funke erloſchen; es liegt in Aſche!“ Ein trauriger Blick Xaver's ſagte ein ſtummes Ja zu dieſen Worten. „Tilly iſt in Prag nicht mehr nöthig!“ hub Mansfeld nach einigem Beſinnen wieder an;„er möchte ſelbſt gern fort, denn was dort geſchieht, iſt nicht ſein Werk und ſein Behagen. Ich habe ſichre Nachricht, daß er gegen uns aufbrechen wird. Von drunten her, von Paſſau über Bud⸗ weis rücken neue Mannſchaften an. Wir ſind nicht ſtark genug, hier Widerſtand zu leiſten und ihnen dort den Weg zu verlegen; ſie könnten uns alſo, wenn ſie ſich weſtlich wendeten, leicht hier abſchneiden. Ihr ſeht, ich müßte über kurz oder lang Böhmen gezwungen räumen!— Beſſer, ich thue es freiwillig früher.“ 6 „Hofft Ihr vom Eifer des Grafen Thurn gar nichts, mein General?“ fragte Xaver, als Mansfeld's Auge for⸗ ſchend auf ihm ruhte. „Gerad heraus geſagt, jetzt nichts!“ antwortete Mans⸗ feld.„Bethlen Gabor iſt uns zu fern; ſelbſt ein Sieg dort fruchtet uns hier zu wenig und zu ſpät.— Ueberdies ich habe ihm nie getraut; geht's ihm glücklich, ſo ergreift er den näch⸗ ſten Vortheil, ſchließt einen guten Frieden und kümmert ſich den Teufel um uns.— Und dann..“ er hielt einen Augen⸗ blick inne—„ſoll ich dir's ehrlich ſagen? Ich vertraue auch auf Thurn nicht. Er iſt nicht mehr der Mann, der hier hel⸗ fen kann.— Glaub' mir, mein Jung, er iſt ein guter Feld⸗ herr im Glück, ſolange er volles Vertrauen zu ſeiner eignen Sache und Macht hat... fürs Unglück iſt er nicht zäh genug!“ „Es hat ihn freilich allzu ſchwer getroffen!“ erwiderte Xaver. „Das iſt's!“ fiel Mansfeld ein,„er iſt entzwei, zer⸗ malmt! Er würde fechten, weil er ein Mann von Ehre iſt, doch ohne Hoffnung! Und ein Soldat, der die Fahne der Hoffnung geſenkt hat, der läßt nimmermehr die des Sieges flattern. Er glaubt nicht mehr an den Sieg, darum ſieht er ihn nicht mehr, und wenn er ihm vor den Füßen läge.— Ich glaube noch ein wenig daran“, ſagte er, ſich ſtolz aufrichtend, und ſchlug an ſeinen Degen,„darum, denke ich, ihn noch auf neuer Bahn aufzuſuchen!“ Xaver blickte traurig vor ſich hin. Er fühlte es, Mans⸗ feld's klarer Blick ſah richtig: Thurn iſt zu ſchwer geſchla⸗ gen, er richtet ſich nicht friſch wieder auf... doch er mochte ſich's nicht eingeſtehen. „Ich will dir nicht wehe thun, mein Jung“, fuhr Mans⸗ feld fort,„denn ich weiß, daß dir Thurn wie dein Vater iſt; und mir iſt er wie mein Bruder!“ 7 „Wenn er nicht Hoffnung hat“, ſprach Xaver würdig, „ſo bleibt ihm doch der Muth. Er würde ſich unter den Trümmern dieſer Stadt begraben, ehe er ſie dem Feinde überließe!“ Mansfeld maß Xaver mit ſcharfem Blick. Das Wort traf ihn wie ein Vorwurf; doch er ſah aus Xaver's Mie⸗ nen, daß es ein unwillkürlicher war. Darum ging er dar⸗ über hin und ſagte nur:„Das würde er; es wäre aber nicht das Rechte; darum will ich es nicht. Der unter Pilſens Trümmern begrabene Mansfeld würde dem Könige Friedrich und Eurer Sache nicht viel nützen. Ich habe hier und wo ich in Böhmen feſten Fuß hatte, ausgehalten, ſolange noch ein Vortheil dabei war, und werde es auch ferner ſo halten. Doch liegt die Sache jetzt anders. Iſt noch etwas für den König zu thun, ſo müſſen wir ihm ſeine Erblande vertheidigen helfen. Böhmens wegen haben ſich die deutſchen Reichsfürſten nicht ſonderlich für ihn gerührt, das ſeht Ihr wol. Der Kaiſer hat ihn in die Acht erklärt und ſie haben es ſtill hingenommen, ſo wenig wie ſie ſich um meine Acht gekümmert haben, noch um den Fürſten von Anhalt und die andern kleinen Herren. Aber ich weiß, es wurmt ſie doch. Und wenn man dem Könige Friedrich gar an ſeine Erblande, an die Pfalz, geht, ſo werden ſie wol merken, daß Das, was Einem von ihnen geſchieht, ihnen auch ſelbſt geſchehen kann. Sie hätten ſich ſchon jetzt viel⸗ leicht gerührt, aber ſie haben kein Heer und keinen Muth. Wenn ich mich mit dem Kern meiner Leute in die Pfalz werfe, bekommen wir Bundesgenoſſen; dafür ſtehe ich! Ich habe ſchon unter der Hand meine Erkundigungen eingezogen.— Dort müſſen wir den Sommerfeldzug machen, nicht hier.“ „Bei Gott, das iſt wahr“, rief Hayd aus.„Wenn nur nicht die Spanier ſchon zu mächtig dort ſind!“ 8 8 „Mächtig oder nicht! Wir müſſen es mit Spinola wa⸗ gen. Zudem, in vier Wochen, am 9. April, hört der Waffen⸗ ſtillſtand auf, den die Niederländer mit den Spaniern ge⸗ ſchloſſen haben; dann haben wir auch dort Bundesgenoſſen.“ Xaver's Augen leuchteten hell auf bei dieſen Worten Mansfeld's. „Nun hört meinen Plan. Ich verlaſſe Pilſen und gehe zuvörderſt nach der Oberpfalz. Meine Truppen blei⸗ ben hier. Nur die von der Grenze nehme ich mit, damit ich nicht als Flüchtiger, ſondern als Herr komme. Ich hoffe mich bald zu verſtärken. Dazu gebrauche ich auch euch. Ihr, Hayd, müßt mir in Franken werben, du, Xa⸗ ver, in Sachſen und Böhmen. Jetzt ſollt ihr mich be⸗ gleiten; und wenn wir uns trennen, werde ich Jedem von euch ein Commando mitgeben, das ihr nicht Hungers ſter⸗ ben laßt. Es iſt eure Sache, dafür zu ſorgen, daß ihr bald ſtärker werdet! Du ſollſt dich am böhmiſchen Erz⸗ gebirge immer auf der Grenze halten. Du kennſt Land, Leute, Sprache....“ „Ja, jede Schlucht, jeden Fußſteg“, warf Xaver leuch⸗ tenden Auges dazwiſchen, der ſich des Auftrags, der ſei⸗ nem Muth und ſeiner Kraft ein neues Gebiet öffnete, hoch erfreute. „Du mußt dich bald auf böhmiſcher, bald auf ſächſi⸗ ſcher Seite halten“, fuhr Mansfeld fort,„je nachdem dir hier oder dort Schwierigkeiten oder Gefahr drohen. Sie müſſen dir nirgends beikommen können, und wo ſie dir zu nahe kommen, biſt du über die Grenze und aus dem Netze. Uebrigens was Sachſen anlangt, ſo habe ich guten Grund zu glauben, daß Herr Hans Jörgen dir nichts in den Weg legen wird. Denn im Stillen grollt er doch über Das, was ſie in Böhmen thun, und freut ſich, wenn ein An⸗ 9 drer für ihn die Kaſtanien aus dem Feuer holt.— Wenn ich dich brauche, das heißt wenn du wieder zu mir ſtoßen ſollſt, werde ich dir ſchon Befehl geben.— Ihr, Hayd, begleitet mich vorläufig bis Amberg. Von dort denke ich Euch durch ganz Franken zu ſchicken, nach Baireuth, Nürn⸗ berg, Schweinfurt und hauptſächlich nach Bamberg und Würzburg. Denn ich liege beſonders gern den Biſchöfen im Quartier!“ ſagte er lachend.„Ihr werdet dort nicht umkommen; das Land hat Hafer und Stroh für Eure Pferde, und Brot und Wein für die Leute.— Guten Appetit!“ Er lachte in ſeiner derben Weiſe laut auf dabei. „Ihr wollt alſo Pilſen und Böhmen ganz räumen, General?“ fragte Xaver. „Ja; nach und nach.— Ich merk's wohl, mein Jung, es wird dir ſauer über die Grenze zu gehen. Glaub's dir, und du haſt Recht. Ich thue es auch nicht gern, es geht aber nicht anders. Hier biſt du für dein Vaterland ver⸗ loren und dein Vaterland für dich. Wir wollen aber ſchon mit Ehren herauskommen und— es iſt noch nicht geſagt, daß wir nicht wieder hineinkämen! Vorerſt müſſen wir nur draußen einen Fleck haben, wo wir den Fuß hinſetzen können.— Unter uns geſagt, ich traue auch dem Geſindel hier nicht über den Weg. Wenn ein Schiff leck wird, möch⸗ ten ſie Alle gern hinunter. Sie ſpüren etwas davon. Ich kann mich auf die Leute und auf die Führer nicht verlaſſen — etliche ausgenommen, wie Carpezo, Schlemmers⸗ dorf, euch Beide, die ich aber anders gebrauche. Das Land haben ſie ringsum aufgefreſſen und ausgeſogen, daß kein Halm mehr auszudreſchen iſt. Sie ſehen ſich jetzt ſchon nach einem neuen gelobten Lande um, wo der Rauchfang noch voll Speck und Würſte hängt. Darauf müſſen ſie draußen hoffen, ſonſt laufe ich Gefahr, daß ſie ſich mit 1** 10 Sack und Pack an Tilly verkaufen. Bezahltes Söldner⸗ volk! Es nimmt ſein Handgeld hier oder drüben! Vor mir haben ſie allenfalls noch Reſpect; aber wenn ich fort bin.... Darum müſſen ſie auch von meinem Plane nichts erfahren, bevor ich ſagen kann: Kommt! Bei mir iſt's beſſer!“ „Meint Ihr, General“, ſagte Hayd,„daß ſich die Zurückgebliebenen tapfer hier vertheidigen werden, wenn Ihr ſelbſt fehlt?“ „Nicht allzu tapfer.— Ich will ihnen auch ſchon meine Inſtruction danach geben!— Auf freien Abzug ſollen ſie zur rechten Zeit ſchon Capitulation ſchließen. Ich weiß, daß Tilly uns eine goldene Brücke baute, um uns nur aus Böhmen los zu werden; denn ſein Herr Max möchte ihn anderwärts gebrauchen.— Aber ich will keine Capi⸗ tulation mit ihm ſchließen. Das mag geſchehen, wenn ich fort bin!“ Hayd und Xaver ſahen einander befremdet an. „Gerad heraus, euch Beiden kann ich's ſagen. Ich will nicht anders als mit dem Degen in der Fauſt ihm gegenüberſtehen, aber wo ich mich auch halten kann. Hier müßte ich den Kürzern ziehen, müßte weichen, oder mich wie ein Narr unter den Steinhaufen von Pilſen begraben. Dergleichen hat Alles Ort und Zeit. Hier aber nicht.—— Er ſoll nicht ſagen können, daß er Mansfeld geſchlagen hat. Wir werden uns ſchon anderwärts treffen!— Es gelüſtet ihn auch nicht, viel Leute an uns zu verlieren!— Glaubt mir, er ſieht es gern, wenn er uns ſo bequem los wird als möglich.— Kurz und gut, morgen früh müſſen wir fort. Aber!“——— er legte den Finger auf den Mund.„Nun, auf euch kann ich mich verlaſſen. Hier aus Pilſen nehme ich nur zweihundert von Euren Reitern 11 mit, Hayd. Wir inſpiciren unter Deckung, verſteht Ihr mich?“ Hayd bejahte. „Wählt die Zuverläſſigſten aus; macht Euch gleich daran!“ 3 „Aber zwei Schwadronen von meinen Leuten haben⸗ heut die Wachen gegeben?“ wandte Hayd ein. „Laßt ſie augenblicklich ablöſen. Um ſieben Uhr ſeid zum Rapport hier.“ Hayd ging. „Nun, ſteh mir nur nicht ſo niedergeſchlagen da, mein Jung“, ſagte Mansfeld zu Xaver, da Beide allein waren, und klopfte ihm zutraulich auf die Schulter.—„Ich kann mir's denken, daß du ungern aus Böhmen gehſt. Du bleibſt ja aber nahe genug, und wir verlaſſen auch darum Eure Sache nicht. Im Gegentheil, wir nehmen ſie erſt recht auf. Nur von draußen her kannſt du dir die Heimat wieder erobern— oder im ſchlimmſten Falle eroberſt du dir draußen eine neue!“ „Hier freilich iſt Alles verloren!“ erwiderte Xaver tonlos. „Noch nicht! Faſſe nur Muth! Ich will dich an ein Zahlbrett führen, wo wir noch einmal würfeln können um Böhmen und um König Friedrich's Krone, mit dem alten Iſegrimm Tilly! Ich habe ſchon meine Leute im Auge, die uns zum Einſatz auf das hohe Spiel etwas borgen!— Nun, gehab dich wohl! Morgen früh um ſechs Uhr ſehen wir uns wieder, im Sattel!“ Mit dieſen Worten ging er. „Noch Eins!“ wandte er ſich unvermuthet wieder um. „Willſt du nach Prag ſchreiben an dein prächtiges Weib? Grüße ſie von mir, auch deinen Vater. Und mir gib den Brief. Ich ſtehe dir dafür, daß er richtig ankommt. Tilly ſoll ihn ſelbſt beſtellen!“ ſagte er ſcherzend mit ge⸗ heimnißvoller Miene und ſchloß die Thür hinter ſich. Vierzehntes Capitel. Am andern Morgen in der erſten Dämmerung ſchallten ſchon die Trompetenſignale auf dem Markte von Pilſen, welche die Reiter Hayd's zuſammenriefen. Sie ſtellten ſich in doppelter Linie auf. Hayd hielt auf dem rechten Flügel.— Auf dem linken, etwas abſeit von der Linie, ſammelte ſich eine Anzahl höherer Offiziere, die Mansfeld dorthin be⸗ ſchieden hatte. Mit dem Schlage ſechs Uhr ſetzte er ſich vor ſeinem Quartier zu Pferde; Xaver Nechodom begleitete ihn; zwei Diener im Bruſtharniſch folgten. Er ſprengte quer über den Markt mitten vor die in Front aufgeſtellten Mannſchaften hin und überſah ſie einige Augenblicke. Dann wandte er ſich zum rechten Flügel und ritt von da ab im Schritt an der ganzen Linie hinunter. Mit ſcharfem Blick muſterte er jeden Einzelnen, während Hayd ihm mit halb zurückgezogenem Pferde zur Seite blieb, um ſeine Befehle und ſeine Bemerkungen zu empfangen. „Gut“, ſagte er kurz, als er den linken Flügel erreicht hatte. Er lenkte darauf ſein Pferd zu den dort haltenden Offizieren und grüßte ſie mit leichtem Kopfnicken. „Ich werde auf einige Tage die Truppen in der Um⸗ gegend bis gegen die Grenze hin inſpiciren.— Der Oberſt Frank hat in meiner Abweſenheit das Commando!— Ich empfehle euch ihr Herren pünktlichen Gehorſam, Achtſam⸗ keit im Dienſt— und Vorſicht! Denn es könnte ſein, daß der Feind ſich ſehen ließe. Der Oberſt kennt meine Anordnungen für dieſen Fall.— Oberſt Frank!“ Dieſer ſprengte mit geſenktem Degen einige Schritte vor. Mansfeld winkte ihm noch näher und ſprach leiſe mit ihm. Am Schluß der Unterredung erhob der General die Stimme wieder lauter, daß Alle rings ſeine Worte hören konnten, alſo:„An die Oberſten von Holm, van der Meer und Ma⸗ jor Gualtiero!— Und unverzüglich! Carpezo, Schlemmers⸗ dorf und Sickingen denke ich ſelbſt zu ſprechen. Bin ich in acht Tagen nicht zurück, ſo ſende ich weitere ſchriftliche Ordres!— Guten Morgen, Oberſt Frank!“ Die übrigen Offiziere begrüßte Mansfeld nur durch ein Kopfnicken. „Obriſtwachtmeiſter Hayd! Laßt emſſchwenken und ab⸗ marſchiren!“ Das Commando erfolgte; die Truppen vollzogen die Bewegung und ritten ab. Mansfeld ſetzte ſich an die Spitze und winkte Xaver und Hayd an ſeine Seite. Sie ritten quer über den Platz an der Bartholomäuskirche vor⸗ über; wenige Schritte hinter derſelben begegnete ihnen ein Geiſtlicher in der Amtstracht, der proteſtantiſche Pfarrer. „Guten Morgen, Paſtor Heylmann!“ rief Mansfeld ihn mit heitrem Tone an;„ſchon ſo früh auf?“ „Ich will in die Kirche, die Morgenandacht halten, gnä⸗ digſter Herr Graf“, antwortete der Pfarrer. „Gut. Nun da bitte ich Euch, gedenkt mir's ein wenig bei unſerem Herrgott, daß ich es war, der Euch vor dritte⸗ halb Jahren die ſchöne Kirche für Euren Gottesdienſt erobert hat, und betet wacker für mich, daß der Himmel mir und meinen Unternehmungen jetzt günſtig ſei!“ 14 Der Pfarrer neigte ſich ernſt, nahm das ſchwarze Ba⸗ ret ab und ſprach:„Für wen könnten wir eifriger beten, als für Euch, Herr Graf, den letzten Hort, der unſeren Schutz, unſere Zuflucht bildet in dieſem Lande!“ „Thut denn alſo! Herr Pfarrer!“ winkte Mansfeld freundlich hinüber.„Ihr könnt ſchon ein Uebriges für mich thun; denn ich ſchleppe ja noch an den Folgen meiner Tha⸗ ten für Euch. Die Acht, die mir Kaiſer Mathias aufs Haupt gelegt hat, weil ich ihm Pilſen abnahm, hat mir noch Niemand abgenommen! Ja, ja, ich habe die Stadt nicht geſchenkt bekommen!— Guten Morgen!“ Mansfeld ſchien um ſo friſcheren Muthes, je ernſter er Hayd und beſonders Xaver neben ſich ſah. „Ich hab' es meiner Treu um Pilſen verdient, daß es mein Gedächtniß in Ehren hält!“ hub er im Weiterreiten wieder an.„Es hat mich manchen Blutstropfen gekoſtet! Nun laſſe ich's hinter mir; mein Verlangen, es einmal wiederzuſehen, iſt nicht allzu groß, wenn ich's offen ſagen ſoll. Denn es iſt immer noch ein hartnäckig katholiſches Neſt. Manches Geſicht hier würde ganz anders ausſehen, wenn wir nicht die Thorſchlüſſel führten!“—— Eine halbe Stunde vor der Stadt theilte ſich die Straße.„Laßt Halt machen, Obriſtwachtmeiſter Hayd“, befahl Mansfeld. Es geſchah. „Nun, mein Jung“, wandte er ſich zu Faver,„müſſen wir uns trennen. Ich habe über Nacht anders beſchloſſen. Ich will gerad auf Biſchof⸗Teinitz. Du mußt mit dem erſten Cornet auf Eger reiten. Dort meldeſt du dich bei Oberſt Carpezo, und wirſt noch Geld und Mannſchaft empfangen. Dein Weg iſt ſicher; ich habe genaue Kund⸗ ſchaft. Von Eger rückſt du ſtracks ins Voigtland, wo dir Niemand etwas anhaben wird, und dann gleich rechts am 15 Erzgebirge hinunter; da weißt du Beſcheid. Mit dem Gelde wirbſt du Leute ſoviel du bekommen kannſt. Aber nur Reiter! Ihr könnt kein großes Corps bilden, Ihr müßt leicht und flink ſein wie die Vögel. Du bleibſt immer auf der Grenze, daß du bald her⸗ und bald hinüber aus⸗ weichen kannſt. Alle drei Tage ſchickſt du mir einen Boten, zunächſt immer nach Amberg. Bin ich dort nicht, ſo erfährt er daſelbſt, wohin er ſich weiter wenden ſoll. Ebenſo werde ich dir Nachricht ſchicken.— Ernähren müßt ihr euch ſelbſt; denn jetzt heißt's:„Der Krieg futtert den Krieg!““ kaver, ganz betroffen über die Plötzlichkeit der Tren⸗ nung und den gefährlichen Auftrag, blickte Mansfeld fra⸗ gend, unſicher an. „Nur nicht gezaudert. Ich ſeh dir's an, du trägſt Scheu zuzugreifen. Es geht aber nicht anders. Böhmen wird dir ſchon entgegenkommen, und wenn nicht, ſo iſt es für uns Feindes Land; und Sachſen iſt das gewiß. Legen wir die Waffen nieder, ſo ſind wir ganz verloren; ſie ma⸗ chen mit uns was ſie wollen. Zeigen wir ihnen die Zähne, ſo kommt's noch darauf an, wer zuletzt am beſten zufaſſen wird!“ kXaver antwortete:„Im Namen Gottes! Ich handle auf Eure Verantwortung, General; ich werde gehorſam ſein und hoffe Euren Befehl mit Ehren auszuführen.“ Da⸗ bei wandte er ſein Pferd und grüßte in dienſtlicher Haltung. Doch Mansfeld in ſeinem Wohlwollen für ihn, rief im kame⸗ radſchaftlichen Tone:„Komm her, Jung!“ und ſtreckte ihm die Hand hin.„Nicht viel Abſchied, aber doch einen herz⸗ lichen Handſchlag“, ſagte er, indem er ihm die Rechte kräftig ſchüttelte,„wir ſehen uns bald wieder, denke ich, und dann bei Schwerter⸗ und bei Becherklang!— Das iſt die Ab⸗ wechſelung, die ich gern habe!— Nun, commandire deine Leute!“ Xaver ſchüttelte auch noch Hayd's brüderliche Hand, dann zog er das Schwert, ließ die erſte Abtheilung vor⸗ rücken, die Straße rechts einſchwenken und ritt an ihrer Spitze in geordnetem Zuge ab. Mansfeld ſah ihm noch eine lange Zeit nach.—„Ich habe keine Sorge, Hayd, der ſtößt mit guter Verſtärkung zu uns, wenn ich ihm die Ordres ſchicke. Er hat etwas, was die Leute anzieht. Sie dienen gern unter ihm!“ „Er iſt ein ſo redlicher und edler Mann, wie ich kei⸗ nen zweiten weiß!“ ſagte Hayd mit Wärme.—— Sie ritten weiter.— Mansfeld war ſtill geworden. Er hatte immer noch das Auge auf die Straße, die Xaver ver⸗ folgte, und ſah ihm nach. In ſeinem rauhen Herzen keimte manch weicher Trieb. Er hatte Xaver lieb, wie einen Bruder, einen Sohn. „Was Teufel“, ſagte er plötzlich zu Hayd und zeigte auf die Marſchirenden hinüber.„Da kommt ihnen ja ein Reiter entgegen!— Er meldet ſich bei Nechodom!“ Man ſah einen Reitersmann, der auf Xaver zuritt, dieſen anredete und weitere Weiſung von ihm zu erhalten ſchien. Darauf ſprengte er querfeldein über Aecker und Wieſen auf die Landſtraße zu, wo Mansfeld mit den Sei⸗ nigen ritt. „Der hat etwas für uns!“ ſagte dieſer und behielt ihn im Auge. In wenigen Minuten war der Reiter da und ritt mit einem Briefe, den er aus dem Collet gezogen hatte, gerad auf Mansfeld zu „Vom Obriſtwachtmeiſter von Carpezo aus Eger, Ge⸗ neral“, ſagte er, indem er das Schreiben übergab. „Teufel! Wie ſiehſt du aus, Kerl! Und dein Pferd zittert ja und hält ſich kaum auf den Knochen!“ 17 „Glaub's wohl! Seit geſtern Nachmittag um vier Uhr zehn Meilen geritten!“ antwortete der Reiter. „Geſtern biſt du von Eger weggeritten?“ fragte der General, indem er das Schreiben öffnete. Ein Brief lag im andern. Er las den eingeſchloſſenen zuletzt. Sein blitzen⸗ des Auge drückte Freude aus. Plötzlich lachte er laut auf und rief:„Ha, ha, ha! Gut! Sie ſollen hingehen durch alle Welt!“— Hayd verwunderte ſich ſchweigend. Als Mansfeld zu Ende geleſen hatte, rief er aus:„Das ſoll mir ein gutes Zeichen ſein, daß mich dieſe Depeſche noch gerade auf der Landſtraße getroffen hat!— Ihr ſollt eine gute Neuigkeit erfahren, Hayd! Aber laßt uns etwas vor⸗ wärts reiten.“ Er galoppirte einige funfzig Schritt den Rei⸗ tern voraus; Hayd folgte ihm. „Der alte Carpezo ſendet mir hier einen Brief, den der Herzog Chriſtian von Braunſchweig aus Halber⸗ ſtadt für mich geſchickt hat“, ſagte er, wieder Schritt rei⸗ tend.„Nun, hört einmal, Hayd, was der Herzog ſchreibt.“ Mansfeld las laut: „Graf Mansfeld! Ihr ſeid ein ritterlicher Mann, und ich denke, ich bin es auch. Zu Wolfenbüttel bin ich der unglücklichen Königin Eliſabeth von Böhmen auf ihrer Flucht nach Holland begegnet. Sie iſt das ſchönſte Weib auf Erden, und in Thränen ſchöner als jemals! Als ich ſie weinen ſah, nahm ich ihren Handſchuh, ſteckte ihn auf meinen Hut, zog das Schwert und ſchwur, ich wolle es nicht eher einſtecken, bis ich ihr die Krone wie⸗ der zu Füßen legen könne.*) Ich halte Wort und ſuche ritterliche Männer, die mir helfen. Ihr ſeid Einer, der *) Hiſtoriſch. 18 es vermag. Wollt Ihr, Mansfeld, ſo laßt uns zu⸗ ſammenhalten. Ich werbe ſchon ringsher in Städten und Dörfern. Es wird uns an Leuten nicht fehlen, wenn es uns nicht an Geld fehlt, und das denke ich zu ſchaffen. Die ſilbernen Gefäße und Bildſäulen in den Kirchen, ab⸗ ſonderlich die der Apoſtel, will ich in ſilberne Thaler verwandeln. Denn es ſteht geſchrieben:„Sie ſollen ausgehen in alle Welt!»“ „Ha, ha, ha!“ lachte Mansfeld nochmals auf.„Das nenne ich mir brave Apoſtel! Die predigen ein Evange⸗ lium, was die ganze Welt gern hört!“ Hayd lächelte; Mansfeld las weiter: „Auf die Thaler will ich meinen alten Wahlſpruch ſetzen: «Gottes Freund, der Pfaffen Feind.»“ „Brav, ſo halt' ich's auch“, warf Mansfeld dazwiſchen, „obwol ich ſelbſt ein Stück von einem Geiſtlichen bin; und auf meine Fahne ſchreibe ich:„Für Gott und Sie!»“ „Ihr ſeid der Einzige, Graf Mansfeld, der Böhmens Sache wie ein eiſerner Löwe feſtgehalten hat; ſo werdet Ihr ſie auch jetzt nicht loslaſſen. Wollt Ihr Euch zu ſolchem Kampf mit mir vereinen, ſo laßt mich's ſchleunig wiſſen, und ſeid und bleibt mit mir immerdar:„Gottes Freund und der Pfaffen Feind!» Chriſtian Herzog von Braunſchweig, Adminiſtrator des Erzbisthums Halberſtadt.“ „Das will ich!“ rief Mansfeld.„Der Bundesgenoſſe kommt zur rechten Zeit! Nicht wahr, Hayd? Gottes Freund und der Pfaffen Feind!) das bin ich von jeher geweſen und will's auch bleiben. Und Ihr auch und wir Alle, denke ich!“ „Der Herzog Chriſtian ſcheint mir ſeinen Degen mehr —— -—-— 19 für die unglückliche Königin als für Böhmen zu ziehen“, bemerkte Hayd;„vielleicht eifriger, als dem Könige lieb ſein ſollte!“ „Meint Ihr? Meinethalben!“ rief Mansfeld.„Das mag König Friedrich mit dem Herzog abmachen! Im Grunde“, ſetzte er lachend hinzu,„für eine Krone ließen ſich auch ein paar Hörner in den Kauf nehmen. Nicht Jeder löſt einen ſo guten Preis dafür! Was kümmert das uns!— Heut Abend noch ſoll der Bote in Biſchof⸗Teinitz ſeine Abfertigung haben!— Ich halte mit dem Herzoge zuſammen! Geht es einmal ſo drunter und drüber in der Welt wie jetzt, ſo hat's Der, der die Klinge in der Fauſt feſthält, am beſten. Drum, Hayd, friſch drauf! Wir wollen Krieg führen, ſolange wir im Sattel ſitzen können, und wenn die Welt an allen Ecken zu brennen anfinge! He! Trompeter!“ rief er zurück.„Ein luſtig Stück!“ Er gab dem Pferde die Sporen, und unter fröhlichem Trompetenſchall ritt der Zug friſch im Galopp vorwärts die Straße entlang, bis er im Walde verſchwand. Funfzehntes Capitel. Der Fürſt Karl Liechtenſtein, welcher an der Spitze des für die verhafteten Häupter der böhmiſchen Volks⸗ erhebung eingeſetzten Gerichtshofes ſtand, lag krank da⸗ nieder.— Graf Martiniz war bei ihm und ſaß an ſei⸗ nem Lager.„Ew. Durchlaucht haben ſehr wohl daran gethan, den Doctor Borbonius zu wählen“ ſagte er. „Er iſt zuverläſſig der gelehrteſte und erfahrenſte von allen unſeren Aerzten hier in Prag. Er war ſtets auch mein Arzt. Um ihn iſt es wahrlich Schade, daß er zu der ketze⸗ riſchen und aufrühreriſchen Partei gehört!“ „Nun“, erwiderte der Fürſt,„er iſt zwar leider ein eigenſinniger Anhänger der Irrlehren, allein was die Re⸗ bellion anlangt, ſo hat er doch, wie ich mich aus allen Berichten überzeugt habe, nicht mehr Antheil daran wie⸗ alle ſeine Glaubensgenoſſen.“ „Oder Unglaubensgenoſſen ſollte man eher ſagen“, er⸗ widerte Martiniz.„Sonſt alſo wäre er nicht ſo ſtrafbar? Er iſt doch ſchwerer Vergehen angeſchuldigt!“ „Man darf nur dergleichen nicht verlautbaren laſſen“, antwortete der Fürſt,„allein die Sachen ſtehen wirklich an⸗ ders.— Der Rath Schreppelius, der die ſchwerſten An⸗ ſchuldigungen wider ihn erhoben hat, ſcheint die Dinge ſehr übertrieben oder gefälſcht zu haben, weil er ein etwas zu heftiges Begehr nach einem Eigenthum des Doctors hat. Sein ſchönes Haus auf der Altſtadt möchte er gar gern als Antheil von den mit Beſchlag belegten Gütern er⸗ halten.“*) „So?“ wiegte Martiniz mit gezogenem Ton den Kopf. „Es ſoll mir lieb ſein, wenn gegen den Borbonius nichts Erſchwerendes vorliegt. Allein er ſteht auf dem Verzeichniß Derer, die dem Beil verfallen!“ „Ich habe im Geheim ſchon die Zuſicherung der kaiſer⸗ lichen Gnade für ihn“, antwortete der Fürſt mit merklicher Anſtrengung. Das Sprechen ſchien ihn ſehr zu ermüden. „Es ging auch nicht wohl an“, fuhr er nach einigen tiefen Athemzügen fort,„daß Se. Majeſtät ihn unpardonirt — *) Hiſtoriſch. V —— 21 ließen, da er ſchon als Leibarzt ſeiner Oehme, der ſelig entſchlafenen Kaiſer Rudolf und Mathias fungirt und ſie öfters aus gefährlichen Krankheiten errettet hat.“ „Allerdings!“ pflichtete Martiniz bei.„Wenn man ihn nur bewegen könnte, von ſeinem Irrglauben zu laſſen! Er würde ein hervorragendes Beiſpiel ſein zur Verherr⸗ lichung der heiligen Kirche!— Sind Ew. Durchlaucht nicht der gleichen Anſicht!“ „Gewiß, gewiß!“ antwortete der Fürſt und lehnte ſich in die Kiſſen zurück. „Und dieſer Mann iſt uns unentbehrlich durch ſeine außerordentliche Wiſſenſchaft! Er hat auch in meinem Hauſe Hülfe geſchafft, wo Alles verloren ſchien. Es iſt aber jetzt faſt unmöglich, ihn zum Arzt zu wählen, es ſei denn, daß wir ihn vermöchten zum wahren apoſtoliſchen Glauben über⸗ zutreten! Und jetzt wäre denn wol der günſtigſte Augen⸗ blick, wo zumal Ew. Durchlaucht, unter dem drohenden Schrecken, der über ſeinem Haupte ſchwebt, Dero Einfluß auf ihn üben könnten!“ Der Kranke ſchwieg, wie es ſchien, aus Ermattung. „Es ſcheint, daß Ew. Durchlaucht Unwohlſein zunimmt?“ fragte Martiniz mit dem Tone der Theilnahme. „Ja wohl——— es iſt mir recht übel geworden!— Ich wäre jetzt zu ſchwach, um auf Borbonius einzureden.— Ich wünſchte, er käme bald!“ „Könnten Ew. Durchlaucht ihn nicht ſofort aus dem Gefängniß herbeiholen laſſen?“ „Er iſt nicht dort.— Ich habe ihn ſelbſt beauftragt, die Aebtiſſin des Kloſters Sanct⸗Urſula zu beſuchen, die ſehr ſchwer daniederliegÄt. Er war vor ſeiner Gefangenſchaft auch ihr Arzt.— Da glaube ich ihn zu hören!— Gott ſei Dank!“ 22 Der Kranke ſproch dieſe Worte gebrochen, mühſam und athmete ſehr ſchwer. „Wenn Ew. Durchlaucht es geſtattet, werde ich einmal zu dem Arzt recht eindringlich reden“, ſagte Martiniz. Der Fürſt, zu matt zum Sprechen, winkte nur durch ein leiſes Nicken. Borbonius trat ein. Der Ernſt der letzten Jahre hatte ihn zwar ſchwer belaſtet, doch ſein ehrwürdiges An⸗ ſehen noch erhöht. Sechzig Jahre hatten ſein Haar ge⸗ bleicht, doch ſein Auge war hell, ſeine Stirn hoch, offen. Trotz der Schickung, die ihn getroffen hatte, war er, ſeiner völligen Schuldloſigkeit bewußt, muthigen Sinnes geblieben. Er grüßte Martiniz ernſt, aber ſchweigend, und trat an das Krankenbett.„Wie iſt Ew. Durchlaucht Befinden?“ fragte er, indem er den Puls faßte. „Recht übel!“ „Hm! Ich glaub' es! Das Fieber hat ſehr zuge⸗ nommen!“ Er hielt die Hand des Kranken längere Zeit und ſchwieg. Der Fürſt wurde beſorgt und fragte. „Meint Ihr, Doctor, daß meine Krankheit eine bedenk⸗ liche Wendung nimmt?“ „Wir wollen ſie zu verhüten trachten.— Ew. Durch⸗ laucht haben ſchon verwichene Nacht ſehr unruhig zugebracht; ich will zu bewirken ſuchen, daß dieſe ruhiger werde!“ Er ſprach die letzten Worte mit einem eigenthümlichen Ausdruck und ſetzte ſich dann nieder, um ein Recept auf⸗ zuſchreiben. „Kann ich mich auf den Apotheker verlaſſen?“ fragte der Fürſt mit Unruhe. „Ja!“ ſagte Borbonius feſt und ernſt.„Wie auf mich ſelbſt!“ In ſeiner Haltung lag etwas, was den 23 Verdacht, der in des Fürſten Seele aufzuſteigen ſchien, mit Würde zurückwies. „Wie geht es der Frau Acbtiſſin?“ fragte der Kranke, während Borbonius weiter ſchrieb. „Sie iſt in großer Gefahr.— Allein ich werde ſie nicht wieder beſuchen“, antwortete Borbonius ſehr ernſt. „Wie das? lieber Doctor!“ „Ich darf das Ew. Durchlaucht nur allein anver⸗ trauen“, entgegnete dieſer und wandte ſich zugleich mit dem Freimuth eines Mannes, der ſich ſeines Werths und ſeines Rechts bewußt iſt, zu Martiniz.„Entſchuldigen Ew. Gna⸗ den, daß ich dies frei herausſage; allein die Gefahr iſt dringend!“ „O, lieber Obriſtburggraf“, begann der Fürſt, den das Gefühl ſeiner eignen ernſtlichen Krankheit ganz dem Arzt unterwarf, im bittenden Ton. „Ich gehe ins Nebenzimmer“, unterbrach ihn Martiniz nicht ohne Empfindlichkeit, aber doch raſch bereit;„an einem Krankenbett gibt es nur Einen, der befiehlt“, ſetzte er mit einem ſcharfen Blick auf Borbonius hinzu, der zu ſagen ſchien:„Ich weiche dir hier, aber anderwärts wirſt du von mir abhängen.“ Borbonius winkte auch dem Diener, der im Hinter⸗ grunde ſtand; dieſer verließ gleichfalls das Zimmer. „Ew. Durchlaucht“, ſagte der Arzt jetzt bewegt und feier⸗ lich zu dem Fürſten,„ich muß, von meinem Gewiſſen gedrängt, eine Bedingung daran knüpfen, daß ich die Aebtiſſin wieder beſuche. Sie iſt ſchwer krank; allein ich habe eine noch Kränkere im Kloſter entdeckt.— Eine arme Gefangene!“ Er hielt inne, ob der Fürſt antworten werde. Doch die⸗ ſer ſchwieg.„Die Unglückliche iſt von Leiden der Seele und des Körpers ganz erſchöpft. Ich begegnete ihr, als ſie 24 eben aus einem fürchterlichen Verhör in ihre Gefängnißzelle zurückgeführt wurde. Sie ſank, von ihren Kräften verlaſſen, zwiſchen den beiden Kloſterſchweſtern, die ſie geleiteten, in die Knie. Ich half ſie aufrichten, wollte ihr Hülfe leiſten. Es wurde mir unterſagt!“ Der Fürſt hatte ſchweigend zugehört. War es die Pein der eignen Krankheit und ſeine Beſorgniß, daß ſie eine gefährliche Wendung nehmen könnte, war es die Anklage des Bewußtſeins, war es vielleicht ein auftauchendes menſch⸗ liches Gefühl der Theilnahme— allein er zitterte heftig und ein kalter Schweiß trat auf ſeine Stirn. Borbonius harrte auf ein Wort von ihm. Endlich fragte der Fürſt mit Anſtrengung:„Ihr wollt der Ge⸗ fangenen ärztlichen Beiſtand leiſten?“ „Ich verlange mehr.— Ich verlange, was dieſes Blatt beſagt!“ ſprach Borbonius zwar im Tone der Bitte, aber unerſchütterlich feſt. Er nahm dabei das Blatt, das er geſchrieben hatte, vom Tiſche. „Wie?— Das Recept für mich?“ fragte der Fürſt verwundert. „Es wird dasjenige ſein“, antwortete Borbonius mit höchſtem Ernſt,„was Ew. Durchlaucht die erquickendſte Nachtruhe verſchafft. Ich verſchreibe kein anderes mehr, weder der Frau Aebtiſſin noch Ew. Durchlaucht ſelbſt, wenn ich dieſes nicht ausführen darf. Geſtatten Ew. Durchlaucht, daß ich es vorleſe: „«Dem Doctor Mathias Borbonius iſt unbe⸗ ſchränkte Vollmacht gegeben für die im Urſulinerinnen⸗ kloſter gefangene, ſchwer kranke Tochter des Raths Rip⸗ pell zu verordnen, was ihm irgend heilſam dünkt! Er darf....»“ „Mein Gott!— Was habt Ihr dabei im Hinterhalt“, 25 unterbrach ihn Liechtenſtein in größter Unruhe.„Ihr könntet ihr die Freilaſſung verordnen wollen.“ „Ich hätte es unbedingt gethan“, antwortete Borbonius feſt,—„doch ich fürchte— es iſt zu ſpät!“ ſetzte er ernſt hinzu.„Der Schluß des Blattes lautet:«Er darf ihr Jeder⸗ mann zuführen, ohne alle Ausnahme, der ſie an ihrem Krankenlager noch zu ſprechen begehrt.““ „Doctor!“ rief der Fürſt, in einem Tone, als werde ihm das Unerhörteſte angeſonnen.„Ihr tödtet mich! Fühlt, wie mein Fieber ſteigt!“— Er hielt ihm die Hand hin. Borbonius trat einen Schritt zurück.„So wahr ich auf meines Heilands Hülfe in der Todesſtunde hoffe“, ſagte er,„ich berühre keinen Puls, ich verordne keine Arz⸗ nei, bevor dieſes Blatt nicht durch Ew. Durchlaucht be⸗ ſtätigt iſt!“ Der Fürſt vermochte nicht zu ſprechen. „Ich betheure nochmals, daß ich kein beruhigenderes Arzneimittel für Ew. Durchlaucht ſelbſt habe.— Ich weiß, was meine Nächte im Gefängniß ruhig gemacht hat“, ſprach er nach oben blickend. „Ich— ich darf' nicht verantworten“, erwiderte der Fürſt ſtockend,—„die Unterſuchung....“ „O Durchlaucht, für dieſe iſt nichts zu fürchten! Es werden nur noch Worte des Herzens— ich fürchte, nur noch Abſchiedsworte geſprochen werden“, ſetzte er erſchüt⸗ tert hinzu. „Wenn Ihr mich deſſen verſichern wollt— ſo ſei es!“ ſagte der Fürſt erſchöpft. Borbonius reichte ihm das Blatt und eine Feder. Er unterzeichnete. Rellſtab, Drei Jahre. V. 2. 2 * 26 „Unterſiegelt es ſelbſt!“ ſagte er mit einem Blick auf den Schreibtiſch. Borbonius that es. Dann trat er wieder zu dem Kran⸗ ken, faßte ſeinen Puls nochmals, richtete einige ärztliche Fra⸗ gen an ihn und ſagte: 8 „Ich kann Ew. Durchlaucht jetzt nichts verordnen, als die Tropfen, die ich heut morgen verſchrieben, fortzubrau⸗ chen, aber zehn ſtatt ſechs, und anhaltend den Genuß küh⸗ ler Getränke. Vor Mitternacht beſuche ich Ew. Durchlaucht noch einmal.“ Der Fürſt nickte fiumm. Borbonius ging und ſandte ihm den Kammerdiener hinein. Im Nebenzimmer ſaß Martiniz noch. „Mein lieber Borbonius“, redete dieſer ihn an, als er grüßend vorübergehen wollte,„ich muß Euch auf ein ein⸗ ziges Wort ſprechen.“ „So eilig als möglich, bitte ich Ew. Gnaden, denn mich ruft die dringendſte Pflicht!“ „Nun denn, ohne Umſchweife! Ihr waret einſt mein Arzt. Ihr ſollt es auch fortan ſein. Ich habe Euch ſehr lieb gehabt. Wir Alle lieben und ehren Euch. Ihr ſeht, was jetzt für Euch geſchieht. Nun aber thut auch etwas für uns!“ „Und was?“ „Bekehrt Euch zum wahren Glauben!“ „Wie?“ rief Borbonius ſtaunend. Martiniz fuhr eifrig fort:„O mein lieber Borbonius, wie herrlich könntet Ihr die gute Sache der katholiſchen Kirche und ſo vieler Seelen Heil durch Euer Beiſpiel be⸗ fördern!“*) *) Hiſtoriſch. Borbonius lächelte halb, doch erwiderte er mit ſehr ernſthaftem Ton:„Im Gegentheil, Herr Obriſtburggraf, ich würde Eurer Kirche durch meinen Uebertritt großen Schaden thun!“*) „Wie? Schaden? Wie ſoll ich das verſtehen, lieber Borbonius?“ „Ew. Gnaden“, antwortete dieſer,„dürfen mir glauben, mein Gewiſſen iſt ſo zart, daß es nicht das Leiſeſte zu er⸗ tragen vermag, was wider daſſelbe läͤuft. Wenn ich nun wider mein Gewiſſen überträte zu Ew. Gnaden Kirche, ſo würde es mich ſo foltern und quälen und endlich zur Ver⸗ zweiflung bringen, daß ich allen Andern nur das ab⸗ ſchreckendſte Beiſpiel ſein könnte, den gleichen Schritt zu thun!“*a) Martiniz preßte die Lippen zuſammen. Er fühlte die Schärfe des Ernſtes und die Schärfe des Spottes in der Antwort des hochgeſinnten, unbeugſamen Mannes. Er ſchwieg und trat zurück. Borbonius grüßte ehrfurchtsvoll und ging ſchnell hinaus. Martiniz ſah ihm finſter nach:„Du wirſt es einſt bereuen!“— Mit tief verhaltenem Groll ging er zu dem Fürſten hinein. *) Hiſtoriſch. —a) Hiſtoriſch. Sechzehntes Capitel. Es läutete heftig an der Glocke der Kloſterpforte von Sanct⸗Urſula. Die Pförtnerin trat mit trüber, flackernder Lampe an das Gitterfenſterchen und fragte hinaus. „Doctor Borbonius“, rief es hinein,„öffnet mir 3 ſchwind!“ Er trat ein, dicht in ſeinen Mantel gehüllt, faſt außer Athem, ſo raſch war er gegangen. „Laßt mich ſogleich zu der Gefangenen führen, Schwe⸗ ſter Barbara“, verlangte er haſtig;„und wenn Beſucher kommen, die nach mir fragen, laßt Ihr ſie unverzüglich in den Sprechſaal geleiten. Ich werde dann weiter be⸗ ſtimmen.“ 3 Die Pförtnerin blickte den Arzt, der dieſe Befehle im entſchiedenſten Ton gab, erſtaunt an.„Ich weiß nicht“, antwortete ſie unſicher,„ob die Schweſter Klara, welche die Stelle der Frau Aebtiſſin vertritt....“ „Seid unbeſorgt, fromme Schweſter“, unterbrach ſie Borbonius;„Ihr dürft ganz nach meinen Worten verfahren; hier dieſes Blatt gibt mir die unbedingteſte Vollmacht!“ Er zeigte auf die vom Fürſten unterzeichneten Zeilen.„Vor allen Dingen laßt mir die Zelle der Gefangenen öffnen! Erſt dann kann ich zum Krankenbett der Frau Aebtiſſin gehen!“. Die Pförtnerin führte ihn zu einer andern dienenden Schweſter, der Schließerin, durch welche Borbonius nach der Gefangenenzelle begleitet wurde. Dieſe lag ganz am Ende des langen Kreuzgangs, wo eine gewundene Stein⸗ 29 treppe zu den unterirdiſchen Räumen hinabführte. Die enge eiſenbeſchlagene Thür wurde aufgeſchloſſen; ſie öffnete ein niederes Gewölbe; es war ganz finſter, nur die Lampe der Schließerin beleuchtete es. Borbonius ſchauerte vor der eiſigen Luft, die ihm entgegenwehte und faſt die Flamme verlöſchte. Der Raum war ſo eng, daß die Wände kaum die Länge für eine Lagerſtätte hatten. Ein kleines dicht vergittertes Fenſter in der obern Ecke ließ vermuthen, daß der Kerker am Tage wenig heller ſei als bei Nacht. „Welch ein Aufenthalt!“ rief Borbonius.„Es iſt er⸗ barmungslos!“ „Es iſt die Zelle für alle zur Gefängnißſtrafe verur⸗ theilten Schweſtern des Kloſters“, ſagte die Schließerin, ſelbſt ſchauernd.„Unſer Kloſtergeſetz iſt ſehr ſtreng!“ Auf einer Schütte Stroh, an der Seitenwand zur Lin⸗ ken, lag, in ſich zuſamm ii auen, wol⸗ lenen Decke dürftig eingehü weibliche „Ach!“ preßte ſich ein leiſer Seufzer aus ihrer Bruſt; ſie zuckte zuſammen und ſtarrten den Eintretenden aus ungen angſtvoll forſchend entge 1 „Ihr holt mich ſchon?“ ſtammelte die Unglückliche und faltete verzweifelnd die zitternden Hände.. Borbonius behielt kaum ſeine Faſſung.„Fürchte nichts, du armes Kind“, ſagte er mit dem ſanfteſten Laut, indem er an ihr Lager trat.„Wir wollen dich aus dieſem ſchauer⸗ lichen Ort erlöſen.“ „Zur Marterbank!“ rief die Elende halt beſinnungslos. „Ach Erbarmen, Erbarmen!“ „Nein, nein“, ſagte Borbonius milde und reichte ihr die Hand;„du haſt jetzt nichts zu fürchten, mein armes, krankes Kind!“ 30 Er wußte, daß in dem Verhör zwei Henkersknechte zu⸗ gegen geweſen waren, die ihr die Marterinſtrumente und ihren fürchterlichen Gebrauch zeigen mußten. Für den näch hſten Tag war ihr die Folter ſelbſt angedroht. Seitdem lag ſie in der Betäubung des Entſetzens.- Borbonius ſtreifte ihr ſanft mit der Hand über die von kaltem Schweiß bedeckte Stirn.„Sei ganz ruhig“, wie⸗ derholte er nochmals, ihr liebkoſend,„deine Leiden ſollen nun ein Ende haben.“ Sie ſah ihn ungewiß, immer noch in Angſt an. „Laſſet ſogleich eine s Traghägte mit Kiſſen herabbringen, und in einer erwärmten Zelle droben ein Bett für die Kranke bereiten“, gebot Borbonius der Schweſter Schließerin. „Ich ſelbſt will ſie dahin geleiten.“ Die mitleidige Schließerin eilte; ſie ließ die Lampe zu⸗ rück. Bor alle bei der Gefangenen und ſprach ihr ichſt allmählich „Zittre ſiebes Kind, es wird nun Alles beſſer werden! „Mich friert nur ſo ſehr“, erwiderte f „Du ſollſt bald warm gebettet ſein!“ tröſtete er.—— Die Bahre wurde gebracht. Nach einigen Minuten be⸗ fand ſich die Gefangene in einer wohlerwärmten, hellen, geräumigen Zelle des obern Stockwerks. Borbonius befahl, daß ſie, während er die Aebtiſſin an ihrem Krankenlager beſuche, völlig umgekleidet und in das für ſie bereitete Bett gebracht werde.— Als er ihr zum Abſchied die Hand reichte, fragte ſie kaum hörbar: „Träume ich denn das Alles?“—— „Pflegt die Kranke auf das ſorgſamſte“, gebot er draußen einer der frommen Schweſtern;„gebt ihr zur Er⸗ 31 quickung einen Biſſen Weizenbrot in warmen Wein getaucht, aber nur einen Biſſen; und netzt ihr die Schläfe und die Stirn mit Wein.“ Darauf ging er zur Acebtiſſin. Unter den Kloſterſchweſtern befand ſich eine, die Schweſter Eliſabeth, welche das tiefſte Mitleiden mit der Gefangenen empfand. Dieſe hatte, als Borbonius die Aebtiſſin, der ſie zur beſondern Pflege zugewendet war, zum erſten male beſuchte, ihm geheime Mittheilungen über die Unglückliche gemacht und es geſchickt veranlaßt, daß er ihr, als ſie aus dem peinlichen Verhör zurückgebracht wurde, auf dem Kreuzgange, der zu ihrem Kerker führte, begegnen mußte. Durch den Doctor Baſilius hatte Borbonius ſchon früher von Margarethens Gefangenſchaft im Kloſter, ſowie von ihrem Verhältniß zu Rippell und Budowa, und der in Lippach's Hauſe verborgenen Agathe gehört. Sein menſchenfreund⸗ liches Herz erkannte, daß der Armen kein tröſtlicheres Labſal bereitet werden könne, als wenn ſie die Geliebten, von denen ſie über vier Monate getrennt geweſen, wiederſähe. Wie er ſelbſt voll Dank gegen die Gnade des Himmels war, die ihm den Kerker öffnete, und die Hoffnung der Rettung zeigte, ſo kannte er in ſeiner edlen Geſinnung keine größere Pflicht, als die, das Gück, was ihm zu Theil geworden, ſo weit er vermöchte auch Andern zu bereiten. Mit Geſchick und Entſchloſſenheit hatte er den Weg dazu eingeſchlagen. Der Name des Fürſten öffnete ihm jedes Gefängniß. Er hatte daher ſofort für Rippell und Budowa erwirkt, daß ſie, freilich unter Geleit, nach dem Kloſter gebracht würden; durch Baſilius hatte er Lippach und Agathe benachrichtigen laſſen. Im Vorgemach der Aebtiſſin fand er jetzt die mitleid⸗ volle Schweſter Eliſabeth, die überglücklich war durch Das, 32 was ihr Borbonius über den Erfolg ſeiner Bemühungen mittheilte. „Und habt Ihr Hoffnung die Unglückſelige zu retten?“ fragte ſie. „Es iſt unmöglich zu ſagen, ob eine ſo tief gebrochene Kraft des Körpers und der Seele ſich durch die Gnade Gottes noch einmal erneuern kann!“ antwortete Borbonius. Er ging jetzt zur Aebtiſſin hinein; Eliſabeth folgte. Als nach längerem Verweilen Beide wieder aus dem Kran⸗ kenzimmer traten, ſagte Borbonius:„Möchte ich dort ſo glücklich ſein als hier! Für die fromme Frau habe ich gute Hoffnung!“ „Mein heißeſtes Gebet ſoll ſich Euren Bemühungen vereinen“, erwiderte Schweſter Eliſabeth. Borbonius ging zu Margarethe hinüber. Er fand ſie ſchlummernd. Das weiche Lager und die lang entbehrte Wärme, die Wohlthat friſcher Kleidung, die Erquickung durch die wenigen Tropfen Wein, Alles hatte beigetragen, ihren ermatteten Lebenskräften das ſüße Labſal des Schlum⸗ mers zu gewähren. Borbonius betrachtete ſie lange aufmerkſam; leiſe fühlte er nach ihrem Puls. Er ſchüttelte das Haupt.„Kaum wahrnehmbar“, ſagte er vor ſich hin, und ließ die Hand vorſichtig los.„Behütet ja ihren Schlummer!“ ermahnte er die pflegende Schweſter.„Wenn etwas ſie retten kann, ſo iſt es dieſer!“ Er ſetzte ſich auf einen Stuhl neben dem Bett; ſein Blick blieb auf die Kranke geheftet. Alles war todtenſtill ringsum. Die Lampe brannte hinter einem Schirm. Nur Schatten erfüllte die Zelle. „Durch welche Tage führſt du uns, Herr mein Gott 4, dachte Borbonius, als er einſam in der tiefen, dunklen Stille ſaß.„Gib mir Muth und Standhaftigkeit, mein Herrgott, daß ich ſie überwinde!“ Ein Wagen rollte dumpf von fernher durch die Gaſſen. Er hielt vor der Pforte des Kloſters. Es wurde geöffnet., Nur Rippell und Budowa konnten es ſein. Leiſe verließ Borbonius das Gemach, um den Kommenden entgegenzu⸗ gehen. Er hatte kaum den Kreuzgang betreten, als er den gedämpften Schrei einer weiblichen Stimme hörte. Mehrere Stimmen murmelten durcheinander. Von einer Ahnung ge⸗ trieben eilte er vorwärts. Als er das Ende des Ganges erreichte, ſah er auf der erleuchteten Vorflur einen Greis, den ein Mädchen im krampfhaften Weinen umſchlungen hielt. Es war Agathe in ihres Vaters Armen! Sie war mit Lippach und Baſilius nur einige Augenblicke ſpäter angelangt, als Rippell und Budowa in die Pforten des Kloſters traten. Oben auf der Stiege trafen ſie zuſammen. Das plötzliche, unvermuthete Wiederſehen hatte Beiden die Sprache geraubt. Es gab keine Worte für die Seligkeit und den Schmerz, welche dieſelbe Minute miſchte. Nur die bebenden Herzen, die fließenden Thränen gaben Zeugniß von Dem, was Vater und Tochter bewegte. Keinem Derer, die gegenwärtig waren, blieb das Auge trocken in dieſem Augenblick; ſie Alle empfanden die tiefſte Erſchütterung der Seele, die ſich in ſolchem Schmerzens⸗ glück läuterte und erhob. Eine heilige Stille herrſchte im Gemach. Endlich unterbrach ſie Borbonius mit dem ernſten Wort: „Laſſet uns, meine edlen Freunde, alle Kraft männlicher Faſſung aufbieten, um der Bewegung unſerer Seele Herr zu werden. Das Daſein der Unglücklichen, zu der ich Euch führen möchte, iſt gleich einem Blatt, das nur noch mit den leiſeſten Fäden am Baum des Lebens hängt. Ein 2 i 34 Hauch und es fällt herab! Doch ich weiß, daß Eure Gegenwart es gleich wie mit reinem Himmelsthau erquicken wird! Können wir es nicht abwenden, daß die nächſten Augenblicke die letzten der Kranken ſind, ſo können wir ſie doch zu ihren ſchönſten machen! Ich werde jetzt hinübergehen zu ihr und ſehen, ob ich Euch folgen laſ⸗ ſen darf!“ Borbonius ging.— Er hatte die Thür der Kranken⸗ zelle noch nicht erreicht, als ihm die Schweſter Eliſabeth mit den Worten entgegenkam:„Sie wacht; ſie verlangt nach Euch! Mich dünkt, der Schimmer des Jenſeits leuchtet ſchon in ihren Blicken.—— Sie wird wie eine Heilige von der Erde ſcheiden!“ Er trat ein. Margarethe ſaß halb aufgerichtet in den Kiſſen. Sie lächelte ſelig, als ſie den Arzt erkannte. Es war eine wunderbare Aenderung mit ihr vorgegangen. Eine leichte Röthe färbte ihre Wangen; nicht mehr die Verzerrung der Angſt und der Schmerzen lag auf ihrer Lippe; es lächelte die Freude darauf; aus dem zuvor matt erloſchenen Auge blickte ein milder Glanz der Verklärung. So war ein leiſer Anhauch der holden Reize über das jugendliche Antlitz zurückgekehrt, die es vormals ſchmückten, bevor Angſt, Schmerz, Kerkerſchauer, Krankheit und Entſetzen ſie zer⸗ ſtörten! Borbonius ſah mit Rührung die ſchöne Umgeſtaltung. Doch er erkannte leider, daß es der letzte Aufflug der Seele war, der den Leib verklärte. Sie reichte dem Arzt die matte Hand; ſie drückte die ſeinige ſo leiſe, ſo warm! Ihr feuchtes Auge ſchien eine Bitte auszuſprechen. „Haſt du einen Wunſch, mein liebes armes Kind?“ fragte er fie. —— „Ach“, hauchte ſie kaum hörbar.„Mein Vater dort wird bald mein letztes Flehen erhören!“ „Fühlteſt du wol Kraft genug einen Freund an deinem Lager zu ſehen?“ Ein Zittern der ſeligſten Hoffnung ergriff ſie. „Dein Vater möchte dich begrüßen....“ Ihre Lippe lächelte hold, ihr Auge ſtrahlte. „Deine Schweſter....“ Ein ſeliges„Ach“ entfloh ihrer Bruſt. Borbonius eilte hinaus.—— Der tiefgebeugte Rippell trat zitternd zuerſt ins Gemach, nach ihm Agathe von Borbonius geführt; die Andern folg⸗ ten vorſichtig, blieben ein wenig zurück. Margarethe erhob die Arme, die Freude gab ihr Kraft ſich den Kommenden entgegenzuneigen,„Vater!“ ſagte ſie mit ſüßer, leiſer, in Thränen brechender Stimme. Rippell hatte keine Worte. Er beugte ſich über ſie; ſie lehnte ſich an ſeine Bruſt; er küßte ſie in ſtummen Thränen auf Stirn und Wangen. Agathe brach faſt zuſammen an Borbonius' Arm; er mußte ſie halb tragen. Rippell räumte ihr den Platz; die Schweſtern hielten einander am Herzen. Bis ins Innerſte erſchüttert that Rippell einige Schritte zurück und faßte Borbonius' beide Hände mit dem Druck heißer Dankbarkeit. Es währte einige Minuten, bis die Schweſtern ein⸗ ander ließen. Agathe blieb zu Häupten des Lagers ſtehen und legte leiſe den Arm um Margarethen. Da trat auch der ehrwürdige Budowa hinzu, nahm die Hand der Kranken und fragte ſie ſanft:„Kennſt du mich wol?“ Ihr Auge leuchtete ſelig. 36 „Bin ich denn ſchon dort oben?“ hauchte ſie leiſe, „wo wir uns Alle wiederſehen?“—— Die letzten Worte ſtarben auf ihrer Lippe hin. Sie gleitete matt an Agathen nieder und legte das Haupt in die Kiſſen. Borbonius trat beſorgt zu ihr und faßte ihre herabſinkende Hand.— Seine lauſchende Miene ſagte, mit wie bedenklicher Sorge er dem immer mehr entſchwindenden Pulsſchlag folgte. Er blickte der Zurückgeſunkenen in das halb offene Auge. Da zuckte es ſchmerzlich über ſeine Züge.„Das Auge bricht“, ſagte er leiſe, wehmuthsvoll, und winkte den Umſtehenden mit dem Blick.— Rippell bedeckte ſich das tiefgefurchte Angeſicht mit bei⸗ V den Händen, um ſeine Thränen zu verbergen.. Die am Bett kniende Agathe ahnte noch nicht, daß der letzte Augenblick ſo nahe ſei; ihr gelocktes Haupt lehnte ſanft an der Schulter der Sterbenden. Budowa hatte die Hände über der Bruſt gefalten und die Blicke unverwandt auf die Züge der Hinſcheidenden gerichtet. Tief ſchmerzliche Gedanken erſchütterten ihn. „Mußte ich dich, du liebliche Blüte, in jener ſchrecken⸗ vollen Gewitternacht erretten, um dich ſo jung auf der letzten Lagerſtatt zu erblicken? Wie führt der Allwiſſende die Pfade der Sterblichen! Wer ſah damals das Heut!“— Er ſchauerte zuſammen in der ernſten Betrachtung.— „Die ewige Liebe fügt es gnädig mit dir! Was ſollteſt du ſchuldloſes Kind auf dieſer Welt, in die aller Jammer, alles Grauen hereinbricht!“—— Die Gegenwart ſtand finſter, die Zukunft noch finſtrer vor ihm. Baſilius hatte das graue Haupt geſenkt und heftete den ſtarren Blick auf den Boden. Sein Körper flog in heftigem Zittern.— Lippach betete ſtumm. Im tiefen ſchauerlichen Schweigen nahte der Augenblick der ſchweren Entſcheidung. „Sie hat vollendet!“ ſprach Borbonius. Schauerlich zuckte das Wort durch jede Bruſt. „Mein Kind!“ rief Rippell mit unbeſchreiblichem Laut des Schmerzes. Agathe hing mit leiſem Schluchzen in ſeinen Armen. Borbonius ließ die Hand der Entſchlafenen, die er ſo⸗ lange beobachtend gehalten, ſanft niederſinken, beugte ſich über ſie und drückte ihr die Augen zu. Lippach trat an ihr Lager, breitete die Hände ſegnend über ihr Haupt und ſagte leiſe:„Dir rauſcht die Palme des Friedens!“ Siebzehntes Capitel. Martiniz, Thyßka und Fabricius waren in der Woh⸗ nung Slawata's verſammelt und ſaßen in eifriger Be⸗ rathung. 3 Thyßka war vor einigen Tagen aus Wien zurückge⸗ kehrt, wo er mit Lamormain vielfache Zuſammenkünfte über die Lage Böhmens und die jetzt nothwendigen Schritte ge⸗ habt hatte. Er erſtattete den Bericht darüber. Der Pater Lamormain war der Anſicht, daß das ganze Gerichtsver⸗ fahren durchaus nicht übereilt werden dürfe. Martiniz war in der Ungeduld ſeines Haſſes ganz da⸗ gegen.„Schlag auf Schlag müſſen die Urtheile und ihre ——-—— Vollſtreckung folgen“, behauptete er eifrig.„Ihr wollt zu leiſe auftreten, Pater Thyßka!“ „Ew. Gnaden mögen bedenken“, antwortete dieſer, „daß wir vor allem die Sache des Glaubens und der Kirche führen!“ „Die führe auch ich“, entgegnete Martiniz;„aber ich bin der Meinung, daß Handlungen ihr förderlicher ſind als Worte. Ihr verweilt zu lange bei Euren Beſſerungs⸗ verſuchen; und wenn ſie Euch gelingen, ſo....“ „So wird es ein Sieg für die Kirche ſein, wie wir keinen herrlichern erkämpfen könnten“, fiel Thyßka ein. 4„Ich bezweifle ſehr, daß Ihr etwas erreicht“, entgeg⸗ nete Martiniz;„wenigſtens nicht eher, als bis dieſe ver⸗ ſtockten Rebellen Ernſt ſehen.“ „Er wird nicht ausbleiben.“ „Er läßt ſchon zu lange auf ſich warten. Durch des Fürſten Krankheit haben wir nun eine volle Woche verlo⸗ ren; der ärgerlichen Umſtände, die damit verbunden waren, nicht zu gedenken. Wir ſind nahe am April! Es wäre. unerhört, wenn der dreiundzwanzigſte Mai herankäme ohne Genugthuung für uns!“ „Das wäre es“, murmelte Fabricius, der mit ſichtlicher Ungeduld dem Geſpräch zuhörte. „Ja“, nahm auch Slawata das Wort,„dieſer Tag muß feſtgeſetzt bleiben; der Schimpf, der in der Geſchichte Böhmens an ihm haftet, muß durch die Strafe der Frevler geſühnt werden!“ „Er muß mit Blut gelöſcht werden“, fiel Martiniz ein. Fabricius' finſterer Blick verlangte ſtumm daſſelbe. Doch * beugte er ſich auf die Papiere vor ihm und ſchrieb nur einige Worte für das Protokoll der Berathung nieder. „Es iſt gewiß ganz unerläßlich“, nahm Thyßka das Wort,„daß die Thaten dieſes Tages ſchwer gebüßt wer⸗ den müſſen; der Tag ſelbſt aber darf nicht dazu gewählt werden. Dann würde alle Welt uns anklagen, wir übten nicht Gerechtigkeit, ſondern Rache!“ Martiniz wollte den Pater unterbrechen; doch die⸗ ſer bat: „Geſtatten Ew. Gnaden, ich bitte Euch, daß ich meine Meinung ganz begründe; Ew. Gnaden werden mir dann gewiß beitreten. Alle Anhänger der Ketzer in ganz Deutſch⸗ land“, fuhr er fort,„alle Fürſten, die ſie in Schutz neh⸗ men, öffentlich oder insgeheim, würden Wehe rufen über die blutgierige That!«Nicht den Abfall am Glauben, nicht den Aufruhr gegen den Kaiſer, nicht den Hochverrath ſtra⸗ fen ſies, würde es heißen;«es iſt nur die Rache Derer, die mishandelt und beleidigt worden ſind.“— Bedenkt, ihr theuren Herren, wie es in eurem eigenen Vortheil liegt, daß wir uns mit der Wahl dieſes Tages nicht übereilen. Auch der Kaiſer muß nicht als Beſtrafer des Vergehens gegen ihn ſelbſt daſtehen, ſondern als der Vertheidiger und Schutz⸗ herr der Kirche; alsdann wird ſein perſönliches Gefühl gar nicht betheiligt erſcheinen!“ „Es iſt etwas Wahres darin, Martiniz“, entgegnete Slawata;„wir können in der Wirklichkeit eine ſchwerere Genugthuung gegen uns durchſetzen, wenn wir den An⸗ ſchein möglichſt vermeiden, daß es überhaupt eine für uns iſt!“ „Der Vortheil für Ew. Gnaden und der für die Sache gehen Hand in Hand“, pflichtete Pater Thyßka bei. „Mir iſt darum zu thun“, antwortete Martiniz feſt, „daß man die Beſtrafung des an mir und an uns began⸗ genen Frevels augenſcheinlich erkenne! Auch iſt Se. aller⸗ höchſte kaiſerliche Majeſtät in uns beleidigt und beſchimpft, 40 denn wir ſtanden als Höchſtihre Stellvertreter da. Es iſt wahrlich ſchon übel genug, daß ſo Viele dem wohlverdien⸗ ten Lohn entgehen! Thurn wird ſich höhniſch die Hände reiben.“ „Er würde es noch mehr thun“, bemerkte Thyßka, „wenn er durch Anſetzung der Strafe am 23. Mai recht augenſcheinlich ſähe, daß man den Zorn hauptſächlich auf die Herbeiführer dieſes Tages gerichtet hat und ihrer doch nicht Aller habhaft geworden iſt!“ „Ich habe den Muth, offen zu verlangen, daß die an mir verübte ſchwere That und Beleidigung beſtraft werde“, ſagte Martiniz wie zuvor. „Es fehlen uns von dieſen Thätern wahrlich zu Viele“, wandte Slawata ein,„Smirziczki, Ulrich Kinski, Paul Caplicz, Paul von Reziczan, Wenzel von Raupowa....“ „Ja, leider!“ unterbrach ihn Martiniz.„Sie haben zu gut gewußt, was ihrer harren müßte. Allein es iſt eine Schmach!“— Er ſtand auf und ging unwillig im Zimmer auf und nieder. „Darum eben“, ſagte Thyßka,„muß man gar nicht den Anſchein haben, als ſei es hauptſächlich um dieſe zu thun. Hat doch der Tod ſogar Lien Manchen der Strafe entzogen, wie Colon von Fels....“ „Und wenn wir noch länger zügern, könnte noch Man⸗ cher auf dieſe Weiſe der ſchuldigen Beſtrafung entgehen“, antwortete Martiniz.„Dieſer hochmüthige Bürger, dieſer Procurator Frühwein, der ſeine Hand an mich zu legen wagte, wird auch vor dem Urtheil ſterben!“ „Nun“, meinte Thyßka,„was dieſen anlangt, ſo iſt ſeine Strafe wol geſchärft worden. Und vielleicht gerade bei ihm ließe ſich hoffen, daß er ſein Ketzerthum abſchwöre, denn er iſt ſo elend, daß er wol bald nachgiebig werden 41 wird. Und bedenkt, Herr Graf, welch eine Glorie für die Kirche, wenn er, der die giftige Feder ſeines Amtes ſo hartnäckig gegen uns gerichtet hat, wenn gerade er reuig umkehrte!“ „Ich glaube nur an keinen Erfolg“, antwortete Mar⸗ tiniz.„Habe ich es doch an Borbonius erfahren, wie ſtarr⸗ ſinnig dieſe Ketzer ſind, zumal wenn ſie ſich der Furcht ledig fühlen! Aufſchub gibt ihnen Hoffnung, Hoffnung Starrſinn. Und überhaupt, was Ihr bis zum 23. Mai nicht erreicht— wann hofft Ihr es zu erreichen?“ „In jedem Falle“, beharrte Thyßka,„würde die Wahl dieſes Tages ſchädlich ſein. Was ich bei meiner letzten Anweſenheit in Wien mit Sr. Hochwürden dem Herrn Beichtvater Sr. kaiſerlichen Majeſtät darüber vorläufig geſprochen, läßt mich ſogar die Genehmigung bezwei⸗ feln!“ „Ja, wenn die Sache in Wien ſchon beſchloſſen iſt“, ſagte Martiniz bitter empfindlich,„ſo wird mein Einſpruch freilich vergeblich ſein und ich muß mich fügen!“ „Soll ich demgemäß protokolliren?“ fragte Fabricius und ſetzte die Feder an. Martiniz nickte ſtumm. „Glaubt mir, Herr Obriſtburggraf“, nahm Thyßka ruhig wieder das Wort,„Ihr werdet bald gewahr werden, daß Euer eigener Vortheil in der Wahl eines andern Tages liegt. Auch iſt noch ſo viel Arbeit, daß wir nicht ſo früh fertig werden könnten!“ „Sollen etwa die Urtheile gegen die Flüchtigen auch aufgeſchoben werden?“ fragte Martiniz. „O nein, darüber habe ich geſtern mit Sr. Durchlaucht ſchon geſprochen“, fiel Slawata ein;„ſie werden beſtimmt 42 zu der abgelaufenen Friſt publicirt. Am 2. April werden ſie durch die Herolde an den Straßenecken nochmals auf⸗ gefordert, ſich zu ſtellen. Wenn ſie es drei Tage verſäu⸗ men, wird das Urtheil durch die nämlichen Herolde öffent⸗ lich ausgerufen. Das Decretum desfalls iſt ſchon aus⸗ gefertigt.“ „So geſchieht doch etwas“, ſagte Martiniz. Fabricius ſagte unrnelnde indem er die Notiz nieder⸗ ſchrieb:„Es iſt ein Schwertſtreich durch den Wind.“ „Aber er verbreitet doch Schrecken“, antwortete Sla⸗ wata;„es werden Manchem die ſtolzen Flügel dabei ſinken!“ „Zumal wenn drei Wochen ſpäter die Vollziehung ein⸗ tritt“, ſagte Thyßka,„wenn am 25. April die Namen der ſtolzen Herren am Galgen ſtehen und ihre Güter einge⸗ zogen werden! Ich denke, die ſorgloſe Zuverläſſigkeit der Gefangenen wird dadurch einen Stoß bekommen, der ſie unſern Ermahnungen etwas zugänglicher macht.“ „Ich fürchte immer noch, die Milde Sr. Majeſtät zieht zurück“, bemerkte Martiniz.„Es ſind ihrer zu Viele, die in dieſem Sinn auf den Kaiſer einwirken. Auch die Reichs⸗ fürſten, der Kurfürſt von Sachſen....“ „Ueber den dürfen Ew. Gnaden ganz ohne Sorgen ſein“, antwortete Thyßka mit einer ſpöttiſchen Bewegung; „dorthin ſind wir aufs beſte vertreten. Und wenn Sachſen ſchweigt, wagen ſich die Andren gewiß nicht hervor. Die Gewalt der proteſtantiſchen Union iſt vorüber. Wir ſind darüber ganz genau unterrichtet. Sie wird das Ende des nächſten Monats nicht erleben!“*) enes ſein! Doch der Kaiſer....“ *) Hiſtoriſch. 4 0⁸0 „Se. kaiſerliche Majeſtät verläßt den Weg der Gerech⸗ tigkeit gewiß nicht, da der Weg der Gnade hier ganz un⸗ zuläſſig wäre!“ entgegnete Thyßka.„Ich weiß es aus Sr. Hochehrwürden eigenem Munde, daß Se. Majeſtät in dem Punkte ganz entſchloſſen iſt!“ „Und wenn Bekehrungen erfolgen?“ fragte Martiniz. „Eine Bekehrung, um von der weltlichen Strafe befreit zu werden, würde nicht als ſolche angenommen werden,— nur einige Milderung könnte eintreten. Das weltliche Verbrechen bliebe denn doch immer der weltlichen Be⸗ ſtrafung!“ „Ja, wenn man darin nur feſt bleibt!“ entgegnete Martiniz.„Allein ich weiß doch, daß man Hoffnungen gegeben hat....“ „Hoffnungen!“ erwiderte Thyßka, und zum erſten mal bei dieſer Unterredung ſpielte ein Lächeln um ſeine ſcharfen Lippen— ſchärfer als dieſe. Es entſtand eine lange Pauſe. Man ſchien ſich ver⸗ ſtanden zu haben. „So wäre auch das abgethan“, begann Martiniz wie⸗ der;„allein die wichtigſte Frage liegt noch vor. Was iſt die Anſicht Sr. Hochehrwürden in Betreff des Urtheils über die Verſtorbenen?“ „Darüber“, antwortete Thyßka,„kann ich Ew. Gnaden völlig beruhigen. Für uns iſt Flucht aus dem Leben und Flucht aus dem Lande völlig eins; ja, die erſte noch ſchlim⸗ mer, weil ſie jede Möglichkeit der Rückkehr zum wahren Glauben abſchneidet.“ „So denkt der Herr Beichtvater“, ſagte Slawata.„Aber der Kaiſer?“ „Se. Majeſtät iſt ganz einverſtanden. Warum ſollen auch die Witwen und Waiſen der Geſtorbenen einen Vor⸗ 44 zug haben vor den Frauen und Kindern der Lebenden? Was man dieſen von Gott ſchon vor ſein Gericht gerufe⸗ nen Verbrechern an irdiſcher Strafe noch zufügen kann, darf ihnen nicht geſchenkt werden!“ „So iſt der Herr Pater Lamormain auch einverſtanden mit den Urtheilen, die wir ihm vorgeſchlagen haben und auf welche die kaiſerliche Commiſſion eingegangen iſt?“ fragte Slawata. „Vollkommen! Insbeſondere mit der Einziehung aller Güter und ſonſtigen Beſitzthümer“, antwortete Thyßka. „Die Koſten des Kriegs ſind ja auch ſo groß, daß der Beſitz der bis jetzt vor die Urtheilscommiſſion Sr. Majeſtät gezogenen Rebellen lange nicht ausreichen wird, um ſie zu decken.“ „Und den Beraubten, Gemishandelten muß doch wol Erſtattung und einige Entſchädigung werden?“ fragte Martiniz. „Se. kaiſerliche Majeſtät wird der Aufopferungen und Leiden Ihrer getreueſten Diener gewiß jetzt eingedenk ſein. Se. Hochwürden hat mir darüber die vollſtändigſte Gewiß⸗ heit gegeben; in mehrfältigen Geſprächen die er mit Sr. kaiſer⸗ lichen Majeſtät geführt, hat unſer erhabener, großmüthiger Herrſcher ſich darüber ſo zufrieden ſtellend ausgeſprochen, als es ſich nur irgend erwarten läßt. Auch alle Mitglieder des richterlichen Commiſſoriums werden ihren Antheil erhalten. Die Familien des hohen öſterreichiſchen Adels, deſſen Häup⸗ ter an dem Kampfe theilgenommen haben....“ „Darf ich dem entſprechend zu Protokoll anführen?“ fragte Fabricius, deſſen begieriges Auge bei dieſem Theil des Geſprächs geflammt hatte. „Unbedingt, Herr von Hohenfall“, antwortete Mar⸗ tiniz.„Sind auch die Protokolle unſerer beſondern Be⸗ 45 rathungen nicht als ſtreng amtliche zu betrachten, ſo geben ſie doch einen Anhaltepunkt für manche Fälle.“ „Ich habe es nie unterlaſſen, Sr. Durchlaucht Kennt⸗ niß davon zu geben; auch ſind bereits Abſchriften in Arbeit“, bemerkte Slawata. „Dieſen Mittag hat der Schreiber, den mir der Pater Thyßka zugewieſen, die Abſchrift der drei erſten Protokolle vollendet“, ergänzte Fabricius;„ſie ſind hier zur gefälli⸗ gen Unterſchrift der Herren. Die copia vidimata habe ich bereits atteſtirt.“ „Der Schreiber iſt doch zuverläſſig— daß er nichts unter die Leute bringt?“ fragte Martiniz. „Ganz vollkommen“, ſagte Thyßka;„er iſt mir von dem Kanzleiaufſeher des Herrn Erzbiſchofs Lohelius empfoh⸗ len, wo er ſchon ſeit etlichen Monden arbeitet und der ihm das günſtigſte Zeugniß gibt.“ „So?“ entgegnete Martiniz.„Dann könnte ich ihn auch für mich gerade beſchäftigen, da ich jetzt Mancherlei zur Copie liegen habe. Wie iſt ſein Name?“ „In der That, der Name iſt mir entfallen“, antwortete Thyßka. „Volkmar, Ew. Hochwürden!“ entgegnete Fabricius. „Er copirt deutſch und latein durchaus zuverläſ ſig; böhmiſch auch ganz leidlich.“ „Ihr könntet mir ihn gelegentlich einmal zuſchicken, Herr von Hohenfall“, ſagte Martiniz. Fabricius verbeugte ſich. Er nahm zugleich die Proto⸗ kolle aus ſeiner Mappe und legte ſie Slawata, Martiniz 1 und Thyßka zur Unterſchrift vor. Sie blätterten darin, während Fabricius an dem Pro⸗ tokoll der gegenwärtigen Sitzung weiter ſchrieb. „Fürſt Liechtenſtein“, bemerkte Slawata,„hat mir zu⸗ 46 geſagt, dieſe Abſchriften unſeren Freunden in der Commiſſion mitzutheilen, damit ſie ganz übereinſtimmend von unſeren Anſichten unterrichtet ſind. Außeramtlich, verſteht ſich. Sie ſchließen ſich aber unſeren votis gewißlich an.“ „Um auf den Gegenſtand unſerer heutigen Beſprechung zurückzukommen“, hub Martiniz wieder an,„ſo iſt es un⸗ bezweifelt, daß, wenn die Kriegskoſten ebenfalls durch die in Beſchlag genommenen Güter der Hochverräther mit ge⸗ deckt werden ſollen, der Entſchädigungsantheil, welcher auf Diejenigen fällt, die Blut und Leben für ihre Pflicht im Dienſte Sr. Majeſtät und der heiligen Kirche gewagt haben, nicht ſehr erheblich ſein kann.“ „Ihr irrt, Martiniz“, antwortete Slawata.„Wir haben ſchon vor drei Jahren zu Wien eine Zuſammen⸗ ſtellung der verfallenden Güter gemacht; ſie ergibt einen anſehnlichen Werth. Die Roſenberg'ſchen Güter allein....“ „Ja“, erwiderte unterbrechend Martiniz,„wenn wir bei den Wenigen, die zur Rechenſchaft gezogen ſind, nicht ſtehen bleiben....“ „Ei, daran iſt nicht zu denken!“ fiel Thyßka ein. „Se. Hochwürden hat ſich ſchon darüber geäußert. Wenn nur erſt die Häupter beſtraft ſind, daß eine gewaltſame Er⸗ hebung nicht mehr gefürchtet werden kann....“ „Die fürchte ich ohnehin nicht“, unterbrach Martiniz, „wenn wir mit Feſtigkeit verfahren!“ „Wenn Mansfeld erſt Böhmen geräumt hat, wenn wir Tilly's und der bairiſchen Armada mit ihrer Aufſeherſchaft ledig ſind, dann müſſen die Maßnahmen ins Große aus⸗ gedehnt werden“, ſagte Thyßka. „Nun, der Herren wären wir ja ſchon ledig“, fiel Martiniz dem Pater ins Wort;„Tilly liegt ja vor Pilſen. Wenn er nur nicht zu lange da liegen muß!“ 47 „Der Herr Pater Lamormain“, fuhr Thyßka fort,„hat Sr. Majeſtät dem Kaiſer ſchon Vorſchläge über Das ge⸗ macht, was Ew. Gnaden in Betreff der Entſchädigungen im Sinne haben; ſie ſchließen ſich ganz Dem an, was Se. Majeſtät als Erzherzog von Steiermark in ſeinen Erb⸗ landen gethan. Nicht in Böhmen allein, auch in Mähren, Schleſien, der Lauſitz, werden die großen Maſſen zur Ver⸗ antwortung gezogen werden! Das iſt zum Heil der Kirche und zur Sicherung gegen neue ketzeriſche Ausbrüche uner⸗ läßlich!“ „Unerläßlich!“ bekräftigte Martiniz. „Und nicht mehr als billig“, pflichtete Slawata bei. „Es wird freilich großes Geſchrei darüber erhoben wer⸗ den, auch im deutſchen Reich“, meinte Martiniz,„allein man muß deſſen nicht achten!“ „Es iſt auch ſchon auf eine begründete Zurückweiſung⸗ ſolcher Einmiſchungen, wenn ſie je ſtattfinden ſollten, ge⸗ dacht“, verſetzte Thyßka.„Es darf aber auch hier nichts übereilt werden. Sr. Hochwürden Meinung iſt, daß man die Beſtrafung der Häupter und die Einziehung ihrer Güter erſt ſtill vorübergehen laſſe.— Einige Zeit nachher, wenn die Mitglieder der Stände und die andern ihrer Schuld wohl Bewußten in großer Sorge ſchweben, was mit ihren Beſitzthümern geſchehen möchte, ſodaß ſie ſich ſo unterwürfig halten als möglich, dann muß eine allgemeine Begnadigung veröffentlicht werden.“ „Begnadigung?“ rief Martiniz. „Unter Bedingungen“, ergänzte Thyßka ſogleich.„Es wird ihnen erklärt, daß ſie Alle das Leben verwirkt haben, wie die Häupter, daß man ihnen aber aus kaiſerlichen Gnaden Leben und Ehre ſichern wolle. Ihr Beſitzthum dagegen müſſe dem Kaiſer anheimfallen, weil ſie alle dieſe Unruhen ver⸗ 48 anlaßt hätten, und zur Tilgung der daraus Sr. Majeſtät unvermeidlich entſtandenen Koſten und Schulden große Sum⸗ men erfordert werden.“*) „Ganz in der Ordnung!“ ſagte Martiniz. „Damit aber Niemand ſich über zu harte Strafe be⸗ ſchweren könne, ſo wollen Se. Majeſtät genehmigen, daß die minder Schuldigen im Beſitz ihrer liegenden Güter verbleiben und nur einen Antheil der Koſten tragen ſoll⸗ ten. Es müſſe aber ein Jeder ſich binnen fünf oder ſechs Wochen nach dieſer Bekanntmachung bei Sr. Durchlaucht dem Herrn Fürſten von Liechtenſtein ſtellen und ſchriftlich ſelbſt ſein Bekenntniß einreichen, in welchen Stücken er ſich gegen Se. Majeſtät den Kaiſer vergangen habe.“**) „Gut, ſehr gut!“ beſtätigte Slawata.— Fabricius blinzelte ſcharf aufhorchend über das Papier vor ihm. „Und dann?“ fragte Martiniz geſpannt. „Wer das unterläßt, der ladet die Schuld der belei⸗ digten Majeſtät unverzeihlich auf ſich; wer nicht voll⸗ ſtändig ſeine Schuld bekennt, der geht jeglicher Gnaden⸗ maßregel verluſtig. Wer aufrichtig Alles bekennt, der hat ſeinen Urtheilsſpruch zu erwarten!— Es wird außerdem Allen eine und dieſelbe Formel des Bekenntniſſes und der Abbitte vorgeſchrieben.“**) „Wir werden da, wenn ſie die Wahrheit bekennen, ein gutes Sündenverzeichniß erhalten!“ ſagte Martiniz halb für ſich. „Allein auch eine gute Grundlage zu Urtheilsſprüchen!“ nahm Thyßka wieder das Wort.„Und überall, wo wir *) Hiſtoriſch. *) Hiſtoriſch. vi) Hiſtoriſch. 3 49 nicht die äußerſte Strenge eintreten laſſen, haben die Ketzer noch für Begnadigung zu danken! Werden dann Ein⸗ würfe von außerhalb erhoben, werden Geſuche eingereicht, ſo lautet die Antwort, daß nur Diejenigen beſtraft worden ſeien, welche ſich ſelbſt zum Hochverrath bekannt hätten.“*) „Sehr gut, ſehr vorſichtig“, ſagte Slawata. Martiniz ſtimmte bei:„Ja, wenn wirklich dergeſtalt verfahren wird, läßt ſich eine angemeſſene Genugthuung für die ſchweren Opfer und Beleidigungen hoffen. Könnten wir das als unſeren Antrag mit in unſer Protokoll aufnehmen? Schwarz auf weiß iſt ſehr gut für ſolchen Fall!“ „Ich würde vorſchlagen, der Sache als eines Gerüchtes zu erwähnen“, gab Thyßka zur Antwort,„das aber ganz mit unſeren Hoffnungen und Anſichten übereinſtimme.“ „Gut! Ich bin's zufrieden!“ Fabricius richtete einen fragenden Blick auf alle Drei. Sie nickten. Er ſchrieb. Das Protokoll war vollendet. Fabricius ſtand auf und verlas es. Sie unterzeichneten und gingen.—— Fabricius blickte das Protokoll nochmals durch; als er gegen den Schluß kam, ſpielte ein höhniſcher Zug um ſei⸗ nen Mund. „Das iſt wahr“, ſagte er lächelnd,„die Herren von der Geſellſchaft Jeſu ſind unſere Lehrmeiſter! Vortrefflich, Herr Beichtvater, vortrefflich!“ Er nahm die Papiere zuſammen und verließ gleichfalls das Gemach. *) Hiſtoriſch. Rellſtab, Drei Jahre. V. 2. 50 Achtzehntes Capitel. Seit länger als zwei Monaten ſchmachteten jetzt die edelſten Männer Böhmens in Gefangenſchaft, erſchwert durch die geiſtigen Qualen peinvoller Verhöre und Be⸗ kehrungsverſuche. Getrennt von den geliebten Ihrigen erduldeten dieſe, zu den erſten Opfern Erſehenen, ſchon vor der Entſcheidung ihres Geſchicks eine Marter, die der här⸗ teſten Strafe gleichkam. Ihre Zukunft war in ſchauer⸗ liches Dunkel gehüllt; einzelne flüchtige Schimmer der Hoff⸗ nung, welche ihnen auftauchten, wurden vielleicht nur ab⸗ ſichtlich erregt, um ihre Kraft zum Ertragen längerer Marter der Ungewißheit zu erhöhen. Denn das Schwerſte iſt die Wiege zwiſchen Hoffen und Fürchten! Jeden Tag liefen Gerüchte in der Stadt um, die, wenngleich verſtohlen, doch bis in die Kerker drangen, und bald einen Gnadenſpruch hoffen, bald eine weitere Aus⸗ dehnung und Erſchwerung der Strafen fürchten ließen. Durch Stand und Stellung waren es gerade die erſten unter den Gefangenen, an denen die geiſtigen Qualen am unabläſſigſten verſucht wurden; weil ſie die wichtigſten Bei⸗ ſpiele für das Strafurtheil, die glänzendſten für die Siege der Kirche darboten. Die zwei zur Abhaltung der Verhöre beſtimmten Mit⸗ glieder des Gerichts, die Doctoren der Rechtsgelahrtheit Otto Melander und Daniel Kapper, zwei leichtfertige, vom Glauben abgefallne Männer*), waren es, welche dieſe *) Hiſtoriſch. 51 geiſtige Folter im Namen des weltlichen Gerichtes übten; im Namen der Kirche handelten die Brüder der Geſell⸗ ſchaft Jeſu. Graf Andreas von Schlick, vom Könige Friedrich zum oberſten Verwalter der Lauſitz eingeſetzt, von den Ständen zu ihrem Führer gewählt, der Mann der edelſten Gaben, des reinſten Lebenswandels, heldenmüthig, ſanft, weiſe und fromm, der ununterbrochen das feſteſte Vertrauen ſeiner Standesgenoſſen, des ganzen Volkes genoſſen hatte: er war es, der auch in der Abſchätzung der Feinde am ſchwerſten wog.— Darum hatte ſich ihr begierigſter Eifer auf ihn gerichtet. Der Graf, der die Geſinnung ſeiner Gegner wohl erkannte, war ſogleich nach der unglücklichen Schlacht in das Nachbarland Sachſen geflüchtet. Der Kurfürſt Johann Georg war den Einflüſſen ſeines geiſtlichen Raths und Beiſtandes, des erbitterten und wahr⸗ ſcheinlich auch beſtochenen Hoe von Hoenegg erlegen, und hatte auf deſſen unabläſſiges Andringen den edlen Flüchtling ſeinen Feinden überliefert! Nichts konnte der Graf dieſen mehr entgegenſetzen als die Hoheit ſeiner Ge⸗ ſinnung. Mit dieſer gewaffnet, ſaß er im Gerichtszimmer auf dem Schloß, ſeinen Verhörrichtern Melander und Kapper gegenüber. Eine würdige, männliche Geſtalt, tief gebeugt durch den Schmerz, doch noch in der Kraft der Jahre— er zählte funfzig,— und durch den ungebrochenen Muth, die ſtandhafte Glaubensfeſtigkeit erhoben. Er hielt das Auge ruhig geſpannt auf die beiden Peiniger, die ſcheu durch die letzten hochherzigen Antworten, die er ihnen auf unwürdige Fragen gegeben, verlegen neue zu erſinnen, in den Acten blätterten. Der Fürſt Liechtenſtein, welcher dem Verhör beiwohnte, ging im leiſen Geſpräch mit Thyßka auf und nieder. —,— 52 Nach einer längern Pauſe, während welcher der Graf die Würde ſeiner Haltung gleichmäßig beibehielt, in den Zügen der Richter dagegen die Bläſſe des Verdruſſes mit der Glut des Eifers wechſelte, fragte Kapper: „Angeklagter beharrt alſo dabei, jedes der augenſchein⸗ lichen, ſtrafbaren Motive des verbrecheriſchen Aufſtandes ab⸗ zuleugnen?“ „Ich kann mich zu keiner Schuld bekennen“, antwor⸗ tete der Graf feſt. „Angeklagter hat notoriſch das Schwert hochverräthe⸗ riſcherweiſe gegen ſeinen Kaiſer gezogen“, hielt Melander ihm vor. „Ich und wir Alle haben“, entgegnete der Graf mit Hoheit,„nur von der äußerſten Nothwendigkeit gedrängt, das Schwert gezogen, um die wohlverbrieften Rechte des Landes und unſeren Glauben zu vertheidigen! Es war unſere Pflicht, und wird unſer Ruhm ſein vor Mit⸗ und Nachwelt!“ „Ihr würdet wohlthun, Graf Schlick“, ſagte Fürſt Liechtenſtein, der bleich vor innerer Aufwallung näher ge⸗ treten war,„wenn Ihr, ſtatt Euch Eurer Verbrechen hoch⸗ müthig zu rühmen, einige Reue darüber an den Tag legtet; ſie könnten des Kaiſers Majeſtät bewegen, den Urtheils⸗ ſpruch durch Gnade zu mildern.“ „Fürſt Liechtenſtein“, antwortete der Graf aufſtehend und maß ihn mit einem Blick, der wie ein Schwert in das Herz des erbitterten Verfolgers drang,„ich habe nichts zu bereuen.“ „Dieſe Erklärung wenigſtens dürfte Euch gereuen!“ „Niemals!“ ſprach der Graf ruhig. „Und doch!“ begann Thyßka, der gleichfalls dem Ver⸗ hörtiſch näher getreten war, mit fromm ſüßem Ton.„Wenn 53 Euer Herz durch die Erkenntniß der Wahrheit erſt wieder geläutert würde, wenn Ihr die Wohlthat des reinen, un⸗ umſtößlichen Glaubens der heiligen Kirche wiederum em⸗ pfändet, ſo würde Euch auch in der chriſtlichen Demuth die Reue über Eure Verirrungen zurückkehren.“ Der Graf erwiderte nur durch einen Blick edlen Un⸗ willens.— Thyßka gab die Hoffnung noch nicht verloren. „Die Kirche nimmt jeden Reuigen auf; und eine buß⸗ fertige Abbitte zu den Füßen Sr. Majeſtät des Kaiſers würde Euch vielleicht auch die Gnade des irdiſchen Richters erwerben!“ „Ich habe für nichts Abbitte zu leiſten“, ſagte der Graf in einem Ton, dem man anhörte, daß das Maß ſeiner Geduld erſchöpft war.„Und ich weiß, daß kein Einziger Derjenigen, die mit mir Eure Gewalt dulden, ſich zu einer Abbitte erniedrigen wird, zu der ihn kein Gefühl der Schuld treibt.“*) „O, Ihr ſolltet Euch ſolcher Geſinnung ſchämen“, entgegnete der von innerm Grimm kochende Fürſt Liech⸗ tenſtein. „Schämen?“ rief der Graf mit einem Flammenblick des Unwillens auf alle Anweſende. Doch bezwang er ſeine Aufwallung. Er ſchwieg einige Augenblicke, dann erhob er ſich gleich einem König, blickte rings umher und ſagte ruhig, aber mit ſtarker Stimme:„Zu ſchämen hat ſich hier Niemand als Ihr. Schämt Euch Eurer Erpreſſungen, Eurer Raubgier**) gegen die unglücklichen Bewohner dieſer *) Hiſtoriſch: Keiner bekannte ſich ſchuldig, Keiner bezeugte Reue, Keiner wollte Abbitte leiſten.(Mailaͤth, III, S. 38.) er) Hiſtoriſch. 54 Stadt. Schämt Euch, daß ich hier vor Euch ſtehe. Denn nicht durch den Sieg, den des Himmels Hand Euch verliehen und vielleicht wieder entwindet, durch ſchnöden Verrath und Beſtechung bin ich in Eurer Gewalt. Der Fürſt mag vor Scham erglühen, der an mir, einem Flüchtling und Glau⸗ bensgenoſſen, zum Verräther wurde, weil ihn die Ränke Eurer und ſeiner Prieſter unſtrickten! Euch Alle wird Schmach und Fluch der Mit⸗ und Nachwelt treffen. Wir haben ihre Richterſtimmen nicht zu ſcheuen!“ Die Anweſenden waren wie erſtarrt vor dieſer kühnen Sprache der Wahrheit. Thyßka, der ſich am wenigſten wohl dabei befand, wollte den Fürſten bewegen, den Saal zu verlaſſen. Er wandte ſich zu ihm und ſagte leiſe: „Kommen Ew. Durchlaucht; weichen Sie aus der Gegen⸗ wart eines Menſchen, den die Verzweiflung zum Wahn⸗ ſinn treibt!“ Doch der Fürſt blieb. „Geſtatten Euer Durchlaucht, das Verhör in der Ord⸗ nung fortzuſetzen?“ fragte Doctor Melander;„wir waren dabei den Angeklagten über die augenfälligen Urſachen, die zu der hochverrätheriſchen Rebellion getrieben haben, zu ver⸗ nehmen.— Setzt Euch wieder, muß ich bitten“, wandte er ſich zum Grafen. Dieſer that es.„War es nicht gleich anfänglich Eure Abſicht, Böhmen von dem Hauſe Habs⸗ burg loszureißen?“ Graf Schlick ſchwieg. „Wolltet Ihr nicht den Thron ſeiner kaiſerlichen Majeſtät umſtürzen und Hochdieſelben Ihrer Erbländer berauben?“ Schlick ſchwieg. „Wolltet Ihr nicht die heilige katholiſche Religion im Lande völlig ausrotten und das Ketzerthum überall ein⸗ führen?“ . Da der Graf wiederum nicht antwortete, ſagte der Doctor Kapper:„Ich muß Euch bemerkbar machen, Herr Graf, daß Euer hartnäckiges Schweigen Euch zu nichts helfen, ſondern den Rechtsfall für Euch nur erſchweren kann, da alle dieſe Verbrechen, die Euch zur Laſt liegen, offenkundig ſind und gar keines Beweiſes bedürfen, wie denn auch das Gericht deſſen nicht bedarf, und weder auf Euer Schweigen noch Leugnen Rückſicht nehmen wird. Ich rathe Euch daher, thut die Geſtändniſſe ohne Rück⸗ halt.“ Da erhob ſich der Graf abermals. Edler Zorn glühte in ſeinen Blicken. „Was verlangt Ihr für Geſtändniſſe“, ſprach er mit Hoheit.„Die Geſtändniſſe, welche wir thun konnten, haben wir gethan, ehe wir vor Eurem Gericht ſtanden. Wir haben ſie in öffentlichen Schriften gethan, die wir an des Kaiſers Majeſtät ſelbſt richteten, zur Rechtfertigung un⸗ ſerer That vor ihm und vor ganz Böhmen und Deutſch⸗ land.“ Die Rede floß wie ein Feuerſtrom von ſeiner Lippe. „Wir haben zu den Waffen gegriffen, weil jedes andre Mittel gegen die ungerechten und gewiſſenloſen Statthalter Sr. Majeſtät erſchöpft war. Wir haben zu den Waffen gegriffen, um die uns von Sr. kaiſerlichen Majeſtät ſelbſt verliehenen Rechte in dem Majeſtätsbrief des Kaiſers Ru⸗ dolphus, den Gott ſegne, zu beſchützen. Dieſen kaiſerlichen Brief haben die Statthalter des Kaiſers ſelbſt öffentlich einen Schalksbrief genannt.*) Sie haben uns, die wir in dem von Sr. Majeſtät beſtätigten und anerkannten Glauben dem Herrn dienen, ewig verfluchte Ketzer und *) Hiſtoriſch. 36 Aufrührer geheißen; haben unſere Prieſter Seelenmörder, die der Hölle angehören, genannt. Dieſe, des Kaiſers eigne Landesverweſer und ihre Genoſſen, habe jeden Druck, jede Schmach gegen unſere Glaubensbrüder verübt. Unſeren Kirchen haben ſie die Schlüſſel genommen und die Thüren verſiegelt, unſere Kirchhöfe geſchloſſen, daß keiner unſerer Todten fromm beſtattet werden konnte! Die Herren haben ihren Unterthanen unſeres Glaubens den Beſuch der Kirche verboten, ja ſie bedroht, ihnen das Haupt vor die Füße legen zu laſſen, wenn ſie nur daheim in ihren ſtillen Häu⸗ ſern beteten, wie ihr Gewiſſen ſie hieß.*) Sie haben....“ „Genug endlich dieſer läſterlichen Reden“, unterbrach, Doctor Melander, bleich vor innerer Erregung, den Sprechenden. „Nein! Ich will reden“, entgegnete der Graf mit einer flammenden Entſchloſſenheit, die ſeine Richter ver⸗ ſtummen machte, und edle Zornesröthe färbte ſeine Wangen. „Ihr ſollt meine Geſtändniſſe ganz haben!—— Dieſe Bedrücker haben unſere Ehen durch Zwang gehindert, und die Taufen unſerer Kinder nicht geduldet! Durch jegliche Gewaltthat, jede Buße und Marter haben ſie unſere armen Brüder zur katholiſchen Kirche hinübergezwungen und ſie zu Heuchlern gemacht, oder ihre Seelen durch Abtrünnigkeit verderbt! Mit wilden Hunden hat man die Unglückſeligen in die Meſſe gehetzt! So haben Eure Statthalter des Kaiſers Schutzbrief geehrt und vollzogen! Und darum haben wir uns endlich ihrer Gewaltthat durch gerechte Gegenwehr entledigt. Das ſind die Gründe, weshalb ich die Waffen erhoben habe, und wäre mein Arm frei, ſie immer neu erheben würde. Laßt mich unſere beiden Rechtfertigungs⸗ *) Hiſtoriſch. — 4 —— briefe hier, und vor offenem Gericht, vor allem Volk vor— leſen. Zu allen Gründen, die dort angeführt ſind, be⸗ kenne ich mich. Ich werde keinen verleugnen!“ Dabei richtete er ſich ſtolz empor und erhob die Rechte wie zum Schwur. „Sucht Ihr aber andere Gründe“, fuhr er begeiſtert fort, und riß ſein Kleid auf, daß die nackte Bruſt ſichtbar wurde*),„nun ſo zerreißet dieſen Leib in tauſend Stücke, durchwühlt alle Eingeweide dieſer Bruſt, dieſes Herz, Ihr werdet andere nicht finden!“**) Sein Auge warf Blitze; ſeine Bruſt flog. Seine Rich⸗ ter waren wie erſtarrt; doch ſie zitterten. Der Angeklagte bebte nicht. Die lodernde Flamme ſeines gerechten Zornes ſenkte ſich wieder, aber das Licht der Wahrheit, das aus ihr erglühte, ſtrahlte hell. Ruhiger, erhabener ſchloß er ſeine Rede, indem er den Blick voll Ver⸗ trauen gen Himmel wandte. „Für Freiheit und Glauben mußten wir zum Schwerte greifen. Des Herrn unerforſchter Wille gab Euch den Sieg und uns in Eure Hände! Unſer Los iſt ſchwer, doch des Herrn Wille geſchehe!“ Eine Todtenſtille herrſchte im Saal. „Das Verhör iſt für heut geſchloſſen“, befahl der Fürſt und wandte ſich zur Thür. Thyßka folgte ihm. Die Richter ſtanden auf. Melander winkte, den Grafen wegzuführen. „Ihr habt Eure Lage ſehr verſchlimmert“, ſagte er ihm, als dieſer ungebeugten Hauptes an ihm vorüberſchritt. *) Hiſtoriſch. rmn) Hiſtoriſche Worte. 3* 58. „Sie iſt nicht ſchlimmer als die aller meiner Brüder; denn Keiner denkt anders und Keiner wird anders ſprechen“, antwortete Schlick hohen Sinnes und wandte ihm ſtolz den Rücken. 4 Sein Wort war Wahrheit! Ueunzehntes Capitel. Die beiden Doctoren der Rechte ſtanden einander allein gegenüber. Keiner mochte dem Andren eingeſtehen, was er empfand, wie ſich Jeder vernichtet fühlte vor dem hohen Sinn des Angeklagten und den lebendigen Zeugniſſen der Wahrheit, die aus ſeinen Worten redeten.„ „Se. fürſtliche Durchlaucht hat befohlen das Verhör ſolle für heut enden“, wandte ſich Doctor Kapper zu Me⸗ lander;„wie verſteht Ihr das, werther College? Sollen wir überhaupt heut das Verhör nicht fortſetzen, oder nur das des Grafen Schlick abbrechen!“ „Ich weiß nicht wie es Se. Durchlaucht verſtanden hat“, war Melander's Antwort.„Allein es iſt noch ſo viel zu thun, daß wir wol beſſer thäten, den Tag nicht ganz zu verlieren!“ „Alſo wollen wir die Andren vorführen laſſen?“ „Ich denke ja. Es iſt auch beſſer, daß es geſchieht 8 bevor die Nachricht von dem Vorgang hier von Mund zu Munde läuft; dies iſt bei aller Vorſicht doch nicht zu hin⸗ dern, da man den Gefangenen zu viele Freiheit im Verkehr 1 59 läßt. Und die Hartnäckigkeit der Andren könnte ſich leicht auf das Beiſpiel Schlick's ſtützen, wenn ſie von ſeiner Art der Ausſage hörten.“ „Es ſtehen noch auf der Liſte für heut“, ſagte Kapper und nahm ein Blatt vor:„Der Kammerpräſident Chriſtoph von Harrant, der Freiherr von Bila, Otto von Loß, der Landkämmerer Procopius Dworſchetzti von Olbra⸗ mowitz, und der Schloßhauptmann Dionyſius Czernin.“ „Wir wollen ſehen, wie weit wir mit ihnen kommen“, antwortete Melander.„Ich werde Harrant vorführen laſſen.“ Er gab dem Gerichtsdiener den Befehl. Chriſtoph von Harrant trat ein, in der ihm eignen würdevollen, doch beſcheidenen Haltung. Er ging bis an den Tiſch und blieb ſtehen. Doctor Melander deutete auf den für die Angeklagten hingeſtellten Seſſel, Graf Harrant beachtete den Wink nicht. Er blieb aufrecht ſtehen und ließ das Auge gelaſſen auf dem Verhörsrichter ruhen. Es war etwas Eignes in dieſer ſtill beſcheidenen Ruhe, was die Richter in Verlegenheit brachte. „Euer Name?“ „Chriſtoph von Harrant, Freiherr von Bezdruczicz und Polczitz, Erbherr auf Petzka, Präſident der Reichskammer....“ „Dieſer Titel wird nicht anerkannt, unterbrach ihn Doctor Melander. „Präſident der Reichskammer“, wiederholte Harrant mit Nachdruck,„ernannt von Sr. Majeſtät dem Könige Friedrich dem Erſten.“ „Es gibt keinen König Friedrich von Böhmen“, ant⸗ wortete Melander. Doch Harrant beachtete den Einwurf nicht. „Euer Alter?“ 60 „Zweiundfunfzig Jahre.“ „Ihr ſeid geſtändig Hochverrath an Sr. Majeſtät dem Kaiſer geübt zu haben?“ „Nein!“ „Ihr habt den Eidſchwur, den Ihr Sr. Majeſtät dem Könige Ferdinand von Böhmen geleiſtet, gebrochen?“ „Nein!— Der König Ferdinandus brach ſeinen Eid, da er die beſchworenen Bedingungen nicht erfüllte. Dadurch wurde ich des meinigen ledig!“ „Ihr wollt Eure ſchwere Schuld nicht eingeſtehen?“ „Ich bin mir keiner Schuld bewußt.“ „Geſtändniß und Abbitte könnten Euch Gnade er⸗ werben.“ 3 „Ich hoffe auf die Gnade jenſeits.“ „Ihr hoffet vergeblich“, ließ ſich eine tiefe Stimme ver⸗ nehmen. Es war Thyßka's, der in den Verhörſaal zurück⸗ gekehrt war.„Wollt ihr, würdige Herren“, wandte er ſich zu Kapper und Melander,„mir dieſen Angeklagten über⸗ laſſen? Seine Seele iſt weit verirrt; ich hoffe ihn zum Pfade des Heils zurückzuführen. Gelingt es mir, dann wird er auch euch die geziemenden Antworten geben.“ Mit trübem Ernſt erwiderte Harrant:„Ihr irrt, Herr Pater! Wie die früheren Verſuche, die Ihr gemacht, mich zu einem Abfall zu bewegen, ſo wird auch dieſer vergeblich ſein. Leider weiß ich, daß Ihr an andrer Stelle, wo es meinem Herzen das bitterſte Weh bereitet, glücklicher zu ſein hofft!“ „Wenn Eure würdige Gemahlin“, antwortete Thyßka, „ihr Herz der wahren Lehre öffnet, in den Schos der heiligen Kirche zurückzukehren trachtet, ſo ſollte dies Euer Herz erquicken und erweichen, ſtatt es zu verhärten.“ Eine Thräne glänzte in des edlen Mannes Auge.— ☛ 61 Er überwand ſeinen Schmerz und erwiderte mit ruhiger Faſſung:„Ich habe Europa, Aſien und Afrika durchreiſet*), habe den Glauben vieler Völker geprüft, ihn gegen die Lehre der Heiligen Schrift gehalten, und keine reiner gefunden als dieſe, mit der mein Glaube einer und derſelbe iſt. Ich werde treu in ihm beharren, und mein heißeſtes Gebet wird ſein, daß alle die Meinigen mit mir darin ausharren.“ „Ihr würdet das ewige Verderben über ſie herabrufen, denn verdammt ſind Die, ſo von dem Schos der heiligen katholiſchen Kirche abfallen“, rief Thyßka eifernd. Melander und Kapper, die dem Geſpräch aufmerkſam zuhörten, nickten Beifall. Harrant antwortete mit ſanfter Würde: „Mein Glaube lehrt mich Duldung. Ihr verfolgtet uns; wir nicht Euch! Ich war der treue Sorger für die Lehrer Eures Glaubens, als der unſrige frei geübt werden durfte.**) So hoffe ich auf des Herrn ewige Barmherzig⸗ keit auch für die Meinen, wenn Ihr ſie auf den Weg des Irrthums verlockt.“ Thyßka wußte nichts zu erwidern. Nach langer Pauſe ſagte er: „Eure Verſtocktheit wird Euch die Pforten des Himmels ſchließen und in die der Verdammniß ſtoßen.“ „Bedenkt auch Eure Lage vor dem weltlichen Gericht“, ermahnte Melander.„Ihr habt die mörderiſchen Geſchoſſe auf des Kaiſers Burg, auf ſein heiliges Haupt ſelbſt ge⸗ richtet! Dieſe Anklage ſchreit um Rache wider Euch!“ „Der Kaiſer würde Euch zweifelsohne Gnade gewähren, 1 wenn Ihr Euch nur zuvor die Aufnahme in den Gnaden⸗ 2*) Hiſporiſch. *a*) Hiſtoriſch. ——— — ſſſſ 62 ſchos der Kirche erworben hättet!“ drang Thyßka noch einmal auf Harrant ein. „Ich habe gethan mit Schmerz, was das Gebot des Krieges forderte. Der Flug der Geſchoſſe ſtand nicht in meiner Hand. Gott führt die Kugel ihre Wege. Seine Gnade iſt die einzige, auf die ich hoffe.“ „Führt den Angeklagten in ſein Gefängniß zurück“, gebot Melander mit gerunzelter Stirn.——„Es iſt ver⸗ geblich!“ rief er aus, als Harrant den Saal verlaſſen hatte.„So ſind ſie Alle!— Wir ſtehen wie am Pranger bei dieſen Verhören!“ „Das ließ ſich vorausſehen; allein was kann es ihnen helfen?“ entgegnete Kapper die Achſeln zuckend.„Was bedürfen wir der Geſtändniſſe und der Protokolle wider ſie? Die Thatſachen ſind weltkundig. Der Proceß wird ganz ſummariſch geführt. Wir laſſen uns auf Einzel⸗ anklage und Vertheidigungen gar nicht ein.“*) „Ihr ſeid zu ungeduldig, Herr Doctor“, warf ihm Thyßka ein.„Ich gebe Euch zwar völlig Recht, was den weltlichen Proceß anlangt, daß wir der ſonſt üblichen Rechts⸗ form nicht bedürfen. Allein wir dürfen nicht den Anſchein haben, daß den Angeklagten kein Rechtsſchutz gewährt worden ſei. Der Triumph der Kirche würde um ſo größer ſein, je gewiſſenhafter die weltliche Gerechtigkeit ge⸗ pflegt iſt.“ 3 „Hoffet Ihr denn noch auf einen Triumph der Kirche bei dieſen Hartnäckigen?“ „Es darf nur nichts übereilt werden“, erwiderte Thyßka, „allmählich höhlt der Tropfen doch den Stein.— Iſt es *) Hiſtoriſch. Es ſind keine Proceßacten für die Einzelnen auf⸗ gefunden in den Archiven.(Mailaͤtl.) — — 63 mir doch bei der Gattin Harrant's ſchon faſt gelungen, ſie der Kirche wieder zuzuwenden. Er iſt zwar bei ihrem letzten Beſuch im Gefängniß unter dem Beiſtand des ketze⸗ riſchen Pfarrers Roſacius nach Kräften in ſie gedrungen, nicht abzufallen vom Ketzerthum. Doch es wird Alles ver⸗ geblich ſein; die Kirche ſiegt. Wie viel glanzvoller aber wäre der Sieg, wenn ein Mann von ſo hohem Anſehen wie Harrant gleichfalls überwunden würde! Und ich halte es nicht für unmöglich, wenn wir nur Zeit behalten! Er trennt ſich zu ſchwer von ſeinem Weibe und ſeinen Kindern! Wenn er ſeinen Kopf retten kann durch eine Abbitte beim Kaiſer und Rückkehr in den Schos der Kirche.... Er wird bezwungen!“ „Ich glaube es nicht“, ſchüttelte Kapper den Kopf. „Nun, was meint Ihr? Soll ich noch einen der an⸗ dern Delinquenten hereinführen laſſen?“ fragte Melander. „Etwa Olbramowitz?“ „Nein! Nicht dieſen Tollkopf“, wehrte Thyßka ſelbſt ab.„Er will ſein Verderben!“ „Oder Czernin?“ „Der Verräther!— Den Bannſtrahl auf ſein Haupt!“ rief Thyßka aus.—„Doch möchte ich dieſen lieber in ſeiner abgeſchloſſenen Haft aufſuchen.“ „Was uns anlangt, ſo vermögen wir wenig über ihn“, ſagte Kapper. „Wie?“ rief Thyßka.„Er hat doch die wilden Haufen Thurn's und der Seinigen ins Schloß eingelaſſen, zu der Mishandlung der Statthalter, da er ſie doch als Befehls⸗ haber der Schloßwache mit den Waffen zurücktreiben mußte!“ „Er hat nachgewieſen, daß er auf Befehl des Obriſt⸗ burggrafen gehandelt hat, dem er Gehorſam ſchuldig war“, erwiderte Kapper achſelzuckend. 8 64 „Aber ein Katholik, wenigſtens mit dem Wortbekenntniß, iſt er doch ſtets auf Seiten der Rebellen geweſen! Er iſt heimlich abgefallen!“ eiferte Thyßka. „Das fällt Eurer Gerichtsbarkeit zu, Herr Pater“, zuckte Kapper wiederum die Achſeln.„Indeſſen verurtheilt wird er doch! Es kann Euch aber nur willkommen ſein, da er als Katholik ein Beiſpiel gibt, daß unſer Gerichts⸗ verfahren nicht wegen des Glaubens eingeleitet iſt. Das kann viele Einreden der proteſtantiſchen Fürſten widerlegen.“ „Die Kirche muß ihn deshalb doch am ſtrengſten zur Verantwortung ziehen!“ „Es wären noch Friedrich von Bila und Otto von Loß übrig“, begann Melander nach einer Pauſe. „Ich bekenne Euch“, antwortete Kapper,„dieſer zweite Verſuch mit dem Kammerpräſidenten hat mir die Luſt be⸗ nommen. Wir können gar nicht protokolliren was uns hier geſagt wird; und Geſtändniſſe erhalten wir nicht. Wir müſſen bei einem ganz ſummariſchen Verfahren bleiben.“ „Außer mit dem pfälzer Rath, mit Martin Frühwein, dem Stadtſchreiber Diewiß, und allen Denjenigen, welchen ſonſt noch beſondere Thatſachen zur Laſt liegen“, bemerkte Melander. „So mögen ſie denn Alle wieder in ihre Gefängniſſe zurückgeführt werden“, antwortete Kapper. Er ertheilte dem Gerichtsdiener die nöthigen Befehle. „Es wird das Beſte ſein, ſie in dieſen Tagen Alle vor das ganze verſammelte Gericht zu beſcheiden“, ſagte Melander. „Ich meinestheils und meine Amtsbrüder“, erwidert Thyßka,„wir werden die religiöſe Zuſprache fernerhin nur in den Gefängniſſen ſelbſt an ſie richten; ſie hat dort in der öden Einſamkeit eine ganz andere Wirkung!“ 85 65 „Gewißlich“, pflichtete Melander bei. „Man muß die Gefangenen aber noch eine Zeit lang in unſicherer Erwartung halten; allmählich löſt ſich doch die Macht des Widerſtandes!“ Damit wurde das Verhör für dieſen Tag ganz ein⸗ geſtellt. Zwanzigſtes Capitel: Das graue Haupt in die Hand geſtützt, und ernſt nach⸗ denklich vor ſich hinblickend, ſaß Wenzel von Budowa im Zwielicht des Abends am Tiſch in ſeinem Gefängniß. Sein treuer Diener Thaddäus Zidnowski trat leiſe ein und ging auf den Zehen hinter ihm vorübey. „Warum gehſt du ſo leiſe, lieber Thaddäus?“ fragte ihn Budowa in böhmiſcher Sprache. „Herr, ich glaubte Ihr ſchliefet.“ „Es iſt nicht Schlafenszeit jetzt, mein guter Freund“, antwortete Budowa ſanft,„es heißt vielmehr:«Wachet und betet!)— Nein, Thaddäus, ich ſchlummerte nicht“, fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort,„aber ich dachte über etwas nach, das mir im Schlummer begegnet iſt; über einen Traum, den ich gehabt.— Hör' zu, ich will ihn dir er⸗ zählen*): „Mich dünkte, ich luſtwandelte auf einer ſchönen Wieſe. Ich dachte beſorglich dem Ausgang der ernſten Dinge nach, *) Hiſtoriſch. 66 die mich betroffen haben! Da trat ein Fremder auf mich zu, in einem weiten dunklen Gewande, doch mit ſanft leuch⸗ tenden Augen. Der reichte mir ein Buch. Und als ich es nahm und öffnete, war es voll weißer ſeidener Blätter, und auf jeglichem Blatt ſtanden nur die Worte: Befiehl dem Herrn deine Wege, und hoffe auf ihn, er wird's wohl machen.“— Als ich nun drob ſtaunte, trat noch ein An⸗ drer zu mir, reichte mir ein weißes Gewand und hüllte mich ein!“*) „Das iſt ein ſeltſamer, ſchöner Traum!“ ſagte Thad⸗ däus theilnahmvoll. „War ich zuvor voll Sorgen und gebeugt, ſo überkam mich's nun wie ein erfriſchender Hauch, und meine Seele wurde voll Hoffnung und mein Herz voll Troſt.“ „So ſeid Ihr ja immer geweſen hier in Eurem Ge⸗ fängniß, mein theurer Herr!“ ſerach der Diener und er⸗ griff ſeine Hand. „Nicht immer, guter Thaddäus. Ich hatte auch ſchwere, verzagte Stunden! Als ich vor dem Sterbebett der frommen Margarethe ſtand.“ „Ach, das goldne, goldne Kind!“ rief Thaddäus und brach in heftiges Weinen aus.„Ich muß immer noch daran denken, wie wir's in dem grauſamen Wetter im Walde fan⸗ den!— Ach Herr, wer hätte damals gedacht, daß wir auf ſolche Art ſo wieder zuſammentreffen ſollten!“ Beide ſchwiegen. Budowa drückte dem Redlichen die Hand. „Wenn unſere Sache einen dunklen Ausgang nehmen ſollte, wie ich wohl glaube“, begann Budowa nach einigen *) Hiſtoriſch. 67 Augenblicken,„ſo ſollſt du mein letztes Verſtächtniß zu den Meinigen bringen, Thaddäus. Willſt du das?“ Der treue Menſch konnte ſich nicht faſſen, er ergriff die Hand ſeines Herrn und weinte heiße Thränen darauf. „Nicht doch“, verwies ihn Budowa liebreich,„denke doch an meinen Traum! Befiehl dem Herrn deine Wege. Wer kommt da?“ unterbrach er ſich plötzlich und lauſchte.— „Verbirg deine Thränen, Thaddäus,— es iſt einer von Denen, die uns im Verhör peinigen— oder ein Kapu⸗ ziner— wir müſſen ein getroſtes Antlitz zeigen!“ Es war Pater Thyßka, dem der Schließer des Ge⸗ fängniſſes die Thür öffnete. Der Schmerz des treuen Dieners verwandelte ſich beim Anblick des Paters in Ingrimm; es wurde ihm leicht ſeine Thränen zu unterdrücken, aber ſein Zorn kochte. „Ich komme“, hub Thyßka feierlich an,„in ernſter Stunde zu Euch, Herr Kanzler!“ „Das bin ich nicht mehr! Meine Titel ſind erloſchen—“, unterbrach ihn Budowa.„Was iſt Euer Begehr, Herr Pater?“ Mit einem Blick auf Thaddäus ſagte Thyßka lateiniſch: „Mich führt ein Werk der Barmherzigkeit hierher, hoch⸗ gelahrter Herr; doch möchte ich nicht vor Zeugen zu Euch ſprechen, darum frage ich: Wollt Ihr Euch der lateiniſchen Sprache bedienen, oder können wir allein beieinander bleiben?“ Budowa antwortete:„Der Barmherzigkeit bedürfen wir Alle! Ich danke Euch, wenn Euch dieſe zu mir führt. Allein ich habe nichts Geheimes vor dieſem, meinem treueſten Freunde.“ Thyßka warf einen etwas mismuthigen Seitenblick auf Thaddäus, der ſich im Hintergrunde des Gemachs eine b 68 Beſchäftigung gemacht hatte. Doch begann er:„Zwar kenne ich den Ausgang nicht, den Eure Sache nehmen wird, Herr Kanzler, allein ich beſorge doch, daß es ein ſehr ernſtlicher iſt!“ „Ich bin auf jeglichen gefaßt.“ „Es könnte—“ fuhr Thyßka ſtockend fort,„ein blu⸗ tiger ſein!“ Wenzel von Budowa überwand einen leiſen Schauer, richtete ſich ſtolz empor und ſagte mit ſtrengem Ton:„Euch hat lange nach unſerem Blut gedürſtet! So trinkt es denn! Wiſſet aber auch, daß Gott, für deſſen Sache wir leiden, es nicht ungerächt laſſen wird!*)“ „Ich gehöre nicht zu Euren Richtern, edler Herr“; erwiderte Thyßka mit angenommener Sanftmuth;„mich führt, wie ich Euch ſchon ſagte, ein Werk der Barmherzig⸗ keit in Euer Gefängniß, welches mein Stand und mein Glaube mir auferlegen.“ „Und welches?“ fragte Budowa. „Wenn Euer irdiſcher Weg ſich ſchließen ſollte, möchte ich Euch den zum Himmel öffnen!“ Budowa maß den Sprechenden mit einem ernſten Blick. Dann ſagte er ruhig und fromm:„Ich denke der Weg zum Himmel iſt mir durch meines Heilands Gnade ge⸗ öffnet!“ „Laſſet Euch zum Irrwahn nicht verführen“, entgeg⸗ nete Thyßka und ſuchte den Ton ernſter Mahnung mit dem des Mitleids zu vereinigen. „Das beſorge ich nicht“, erwiderte Budowa wie zuvor. „Denn meine Hoffnung ſtützt ſich nicht auf einen Wahn, ſondern auf das unfehlbare Wort Gottes. Ich habe keinen *⁵) Hiſtoriſch. —, 69 Andren, der mir den Weg zum Himmel öffnet, als Den, der da geſagt hat: Ich bin der Weg, die Wahr⸗ heit und das Leben! Niemand kommt zum Vater denn durch mich!“ wie Ihr im Evangelio Johannis nachleſen möget.“ „Ihr ſeid voll Gelehrſamkeit und Wiſſenſchaft, edler Herr“, ſagte Thyßka mit einer ehrerbietigen Verneigung, „allein verzeihet mir, es dünkt mich, daß Euer Wiſſen von dieſer Welt und von außen ſei, und daß Bande tiefen Irrthums Euch umfangen!“ „Wir irren Alle!“ „Die chriſtliche Barmherzigkeit drängt mich, ſie zu löſen“, fuhr Thyßka eifrig fort,„Ihr vermeint ſelig zu werden, und Euch den Weg zum Himmel zu eröffnen ohne durch die heilige Kirche? Es iſt kein andrer Weg als durch ihre Vermittelung; nur aus ihrem Schoſe könnt Ihr zu den Seligen gelangen!“ In Budowa's Zügen zeigte ſich die Ungeduld. Doch erwiderte er mit ſanfter Beherrſchung:„Ich aber glaube, daß nicht Eure Kirche, nicht Euer Papſt und Eure Biſchöfe die Vermittler ſind zwiſchen meiner Seele und dem Himmel, ſondern der Heiland ſelbſt, der da gewandelt iſt auf Erden zur Erlöſung der Menſchheit, und gelitten hat für ſie.“ „Doch er hat eingeſetzt ſeine Statthalter auf Erden, und ihnen iſt übertragen die Prüfung Derer, die nach dem ewigen Heil verlangen!“ antwortete Thyßka und bekreuzte ſeine Bruſt. Budowa feſt in ſeinem Glauben, tief in ſeinem Wiſſen und ſeiner Kenntniß der Schrift, konnte ſich nicht beirren laſſen, weder durch Thyßka's Worte noch durch ſeine demuth⸗ volle Miene. Doch wollte er, eingedenk wie der Erlöſer jede Schmach und Marter mit Sanftmuth getragen, jede 70 Aufwallung ſeiner Bruſt beherrſchen und nur mit mildem Wort erwidern. „Ich bin ein ſündiger Menſch“, ſagte er,„der des Erbarmens ſeines Heilands bedarf; doch glaube ich, wenn ich in der Prüfung, die er mir auferlegt, beſtehe, des Heils meiner Seele gewiß zu ſein. Ich werde der letzten Stunde getroſt entgegengehen, und wünſche, Ihr, Herr Pater, möget, wenn ſie Euch nahet, ſo vertrauensvoll ſein, als ich mich fühle.“ „Seid nicht allzu zuverläſſig, edler Herr“, antwortete Thyßka,„denn die Schrift ſagt, daß Niemand weiß, ob er bei Gott in Gnaden oder Ungnaden ſtehe!“ „Es ſcheint mir nicht, Herr Pater, daß Ihr gekommen ſeid ein Werk der Barmherzigkeit an mir zu üben, wenn Ihr mich in den Stunden der letzten Prüfung um mein Vertrauen bringen wollt.“ „Nur daß ich Euch die Gewißheit des Heils dafür er⸗ werbe“, fiel Thyßka eifrig ein. Budowa erwiderte kalt mit dem bibliſchen Spruch: „Ich weiß an welchen ich glaube, und bin gewiß, daß er mir kann meine Beilage bewahren, bis an jenen Tag.— Ich weiß, daß mir beigeleget iſt die Krone der Gerech⸗ tigkeit.“ „Ihr ſeid im Irrthum, gelehrter Herr“, unterbrach ihn Thyßka,„wenn Ihr ſolchen Spruch für Euch ſelber anführet. Es iſt der heilige Apoſtel Paulus, der alſo von ſich ſelber ſpricht, nicht aber vom ſündigen Menſchen.“ „Ihr irrt, Herr Pater“, entgegnete Budowa mit Ueber⸗ legenheit,„der Spruch lautet in ſeiner Vollſtändigkeit in der zweiten Epiſtel Pauli an Timotheum:«Hinfort iſt mir beigeleget die Krone der Gerechtigkeit, welche mir der Herr an jenem Tage, der gerechte Richter geben wird; 71 nicht mir allein, ſondern auch Allen, die ſeine Erſchei⸗ nung lieb haben.⸗“*) Thyßka ſchwieg und ſann auf eine widerlegende Ant⸗ wort. Doch Budowa ließ es nicht dazu kommen, ſondern ſagte mit edler Wärme: „Ich ſehe wohl, was Eure Abſicht iſt, Herr Pater; allein Ihr müht Euch vergebens. Ihr und die Euren werden uns rauben, was Ihr rauben könnt, irdiſches Gut und Leben; allein den Troſt und Stab für unſere letzten Schritte, unſeren tiefen heiligen Glauben und ſeine beſeli⸗ gende Kraft ſollt Ihr uns nicht rauben!“ „Ihr habt meinen Willen verkannt“, antwortete Thyßka und beugte ſich;„aber die Stunde der Entſcheidung wird Euch näher treten und dann wird ſich Euer Herz der Er⸗ kenntniß öffnen. Ich gehe von Euch, doch ich kehre wieder, denn die Werke der Barmherzigkeit ſind unermüdlich!“ „Und die Macht des Glaubens unerſchütterlich“, ſagte Budowa, hoch aufgerichtet, indem er dem Gehenden nach⸗ ſchaute. Kaum hatte ſich die Kerkerthür hinter ihm geſchloſſen, als Thaddäus ſich umwandte, ſeinem Herrn zu Füßen fiel und laut ſchluchzend ihm die Hände mit Küſſen bedeckte, in⸗ dem er in ſeiner böhmiſchen Mutterſprache rief:„Herr, theurer Herr! Ihr babt meine Seele auferbaut! Euer Wort iſt feſt wie ein Felſen!“ So erhoben Unglück, Glaubensmuth und Liebe auch des Einfachſten Herz und läuterten es zur Empfänglichkeit für jeg⸗ liches Edle.—— Budowa zog den Getreuen ſanft zu ſich herauf und ſchloß ihn an ſeine Bruſt.——— *.) Hiſtoriſches Wort Budowa's. 72 —— Thyßka verſuchte noch einen zweiten Weg. Er begab ſich zu dem greiſen Caplicz von Sulewicz ins Gefängniß.„Wenn es gelänge, ihn zu gewinnen, der ſo nahe an der äußerſten Schwelle des Lebens ſteht“, dachte er bei ſich,„den keine irdiſche Hoffnung mehr reizen kann, — das wäre der glänzendſte Triumph, den ich erringen könnte!— Ich muß bei ihm andre Wege gehen“, über⸗ legte er, indem er ſich dem Gefängniß des Greiſes näherte —„andre Wege als bei dieſem Gelehrten, der mit allen Waffen der Wiſſenſchaft gegen uns gerüſtet iſt. Das Alter ſchwächt auch; er wird nicht die ſtandhafte Kraft haben, die das Schaffot mit Muth betritt. Reizen ihn die Hoff⸗ nungen der Erde nicht mehr, ſo ſchreckt ihn vielleicht dafür 1 das Bild des Todes deſto tiefer. Und, wie der Menſch einmal iſt— je näher dem Ausgange aus dem Leben, deſto angſtvoller klammert er ſich an daſſelbe.“ Unter dieſen Gedanken gelangte er bis an die Thür des Kerkers. Es war inzwiſchen ſchon dunkel geworden und die Lampen auf den Gängen angezündet. „Pflegt er um dieſe Stunde ſchon zu ſchlafen?“ fragte er den Schließer. „Weiß es nicht, hochwürdiger Herr“, antwortete dieſer. „Das Abendeſſen hat er ſchon genoſſen.“ „Oeffne leiſe und ſiehe erſt zu, ob er ſchon zu Bett iſt; dann komme ich lieber morgen wieder“, gebot Thyßka und wartete auf dem Gange. „Er iſt noch auf“, berichtete der Schließer, der nur die Thür gelüftet hatte;„er ſitzt im Lehnſtuhl am Fenſter.“ Thyßka trat ein. Der ſechsundachtzigjährige Greis ſaß in einem Seſſel mit hoher Lehne, den man der Schwachheit ſeines Alters bewilligt hatte, am offnen Fenſter. Denn es war ein — 73 Maiabend; die laue Frühlingsluft wehte mild durch die ſtarren Eiſengitter. Der Greis athmete ſie mit Erquickung. Es brannte keine Lampe in der dämmernden Zelle, aber das ſilberne Licht des noch halb in Duft am Horizont ſchwebenden Mondes, gemiſcht mit dem verglimmenden Purpurhauch der Abendröthe, ſchimmerte in das Gemach. „Bringt Ihr noch etwas, guter Andreas?“. fragte er, ſich nach der Thür wendend, die ſich im dunklen Hinter⸗ grund der Zelle öffnete, in der Meinung, der Kerkermeiſter habe noch ein Geſchäft. Er hatte die fremde Geſtalt noch nicht geſehen. „Ein Beſuch, Herr Oberlandſchreiber“, meldete der Schließer, indem er Thyßka einließ und die Thür hinter ihm zuzog. „So ſpät? Wer denn?“ fragte Caplicz verwundert. Thyßka war näher getreten.„Ich komme als ein Die⸗ ner der heiligen Kirche zu Euch, werther Herr, um Euch ihr mildes Wort und ihren Troſt in Euer Gefängniß zu bringen.“ Caplicz betrachtete ihn unſicher.„Verzeiht, würdiger Herr, allein mein Auge iſt etwas ſchwach vor Alter, und es iſt ſchon faſt dunkel, ich erkenne Euch nicht!“ Thyßka nannte ſich. Caplicz, der einen Freundesbeſuch gehofft hatte, ſchwieg. „Ich meinte, es ſei der Herr Pfarrer Roſacius, mein Seelſorger, der mir noch einen ſo ſpäten Beſuch ſchenke“, ſagte er nach einiger Zeit. „Die Sorge um Eure Seele, würdiger Herr, führt auch mich zu Euch. Ihr ſeid auf Irrwegen gewandelt, die Euch fernab vom Ziele führen; allein noch iſt es Zeit Rellſtab, Drei Jahre. V. 2. 4 6 4 b 74 einzulenken. Die heilige Kirche in ihrer unerſchöpflichen Milde bietet Euch die Hand, um den Pfad der Reue zu wandeln.“ „Ich habe wol Demuth, allein es drängt mich nichts zur Reue, Herr Pater“, antwortete Caplicz ſehr ſanft. „Ihr täuſcht Euch vielleicht noch über Eure Zukunft, ehrwürdiger Herr“, entgegnete Thyßka;„ſie ſteht auch wol noch dahin. Allein ſo viel iſt mir ſchon bekannt und muß ich Euch eröffnen, daß ſie Euch ſehr ernſtlich be⸗ droht!“ „Meint Ihr, Herr Pater, mein Leben ſei bedroht?“ fragte Caplicz. „Es würde Euren greiſen Jahren ſicherlich Gnade wer⸗ den“, erwiderte Thyßka,„wenn Ihr Euch reuig in den Schos der wahrhaften Kirche zurückwenden und den welt⸗ lichen Richter um Vergebung anflehen wolltet!“ Der Greis erwiderte nichts. Der höher aufſteigende Mond umwebte ſein ehrwürdiges, von weißem Haar ſpär⸗ lich umkränztes Haupt mit mildem Schimmer. Nach einigen Augenblicken ſagte er mit Ruhe: „Sehet, Herr, ich habe ſchon oft und lange meinen lieben Gott gebeten, daß er ſich meiner erbarmen, mich von dieſer Welt hinwegnehmen möge; aber mein Gebet iſt nicht erhöret worden. So meine ich denn, daß, wenn mich jetzt das Schickſal eines blutigen Richterſpruchs be⸗ droht, Gott mich deswegen ſo lange aufbehalten, daß ich in meinem hohen Alter der Welt ein Schauſpiel der Dul⸗ dung gewähre und zu Ehren des Herrn als ein Opfer falle. Sollte ich alſo den Tod von Henkershand erleiden, ſo wird er vielleicht ſchmachvoll und ſchrecklich erſcheinen in den Augen der Menſchen. In Gottes Augen aber, darauf 75 vertraue ich feſt, wird er voll Ehre und Herrlichkeit ſein, denn ich muß ihn ja leiden um der Wahrheit willen.“ „O wie ſeid Ihr doch ſo tief in Irrthum verſtrickt, in den Tagen Eures hohen Alters“, ſeufzte Thyßka,„daß Ihr die Vermittelung der heiligen Kirche verſchmähet und nach einer falſchen Märtyrerkrone trachtet! Seht, Euren Verirrungen in der Welt und im Glauben wird Verzeihung geboten, und Ihr ſchlaget ſie aus?“ „Mein lieber Herr“, entgegnete der Greis in der näm⸗ lichen Weiſe wie zuvor*),„durch Gottes Gnade, denke ich, habe ich mein Gewiſſen rein bewahrt und nächſt Gott dem König und dem Vaterlande Treu und Glauben gehalten. Vier Kaiſern habe ich jederzeit treu und redlich gedient. Auch dem Kaiſer Ferdinandus; denn ich habe warm zum Frieden geſprochen, wo ich es vermochte. Ich ſtelle getroſt meine Sache Gott anheim, der da weiß, daß ich nicht nach Ehre, nach Reichthum geſtrebt habe. Da wir aber die Kränkungen, Bedrückungen und Bedrohungen um des Glau⸗ bens willen nicht länger ertragen konnten, mußten wir das Schwert ergreifen; denn wir wollten lieber ſterben, als ſchuldig werden, daß wir unſeren Nachkommen ein ſo har⸗ tes Joch aufbürdeten aus Verzagtheit.“ „Wie könnet Ihr hoffen“, antwortete Thyßka,„daß Ihr Gottes Gnade erworben hättet, da Euch ſeine Hand ſo ſichtlich ſchlägt? Hat er denn Dem, was Ihr Eure heilige Sache nennt, Beiſtand geſchenkt? Das wollet doch *) Der frei dichtende Romanſchreiber würde vielleicht dieſe län⸗ gern Geſpräche weggelaſſen haben; allein ſie alle beruhen in ihrem Kern auf geſchichtlichen Ueberlieferungen, und das Recht der Geſchichte iſt hier ſo heilig, daß es in nichts verkürzt werden durfte, auch nicht zum größten Vortheil des dichteriſchen Werkes. 4* ja bedenken, würdiger Herr, und Euch der Vermittelung der Kirche zur himmliſchen wie zur weltlichen Gnade be⸗ dienen!“ „O, Herr Pater, gedenket doch des Spruches: Die der Herr liebet, die züchtiget er.“ Daß wir nunmehr im Aeußer⸗ lichen den Kürzern gezogen, darin verehre ich den Willen Gottes, der mich und meine lieben Brüder dazu gewählt hat, daß wir mit unſerem Blut— wenn Ihr es denn vergießen wollt— unſere Standhaftigkeit beſiegeln, die Wahrheit unſerer Lehre verherrlichen ſollen.*) Und ob das Fleiſch zittern möge vor dem Todesurtheil, ſo wird die Gnade des Himmels mir doch hinweghelfen über die Schrecken des Todes!“ „Ihr ſolltet ſie nicht zu empfinden haben, ſage ich Euch, wenn Ihr Euch der Kirche anvertraut, und wenn Ihr Ab⸗ bitte thut vor des Kaiſers ſchwer beleidigter Majeſtät!“ verſicherte Thyßka. Caplicz ſchwieg lange, Thyßka glaubte ſeinen Muth erſchüttert. Doch der Greis begann wieder, nachdem er ſeine Kräfte geſammelt hatte:„Wenn auch hier und da verlautet hat, daß der Kaiſer ſich in ſeinem Gewiſſen be⸗ wogen fühle, nicht ſo hart mit uns zu verfahren, als die ſchreckenvollen Urtheile gegen die Geflüchteten und ſelbſt gegen Diejenigen lauten, welche der Herr während der Jahre des Kampfes ſchon in ſein Reich der Gnade auf⸗ genommen hat: ſo habe ich nach ſolchem racheſüchtigen Bei⸗ ſpiel, vor dem das Gemüth ſchaudert, doch wenig Hoff⸗ nung, daß es uns anders ergehe. Es ſcheint auch, daß die Richter bereits wiſſen, wie hart unſer Spruch lautet. Denn, ich darf es Euch wohl ſagen, meine Muhme Prus⸗ *) Hiſtoriſch. kowia hat mir kund thun laſſen*), daß, wenn ich bei dem Herrn Fürſten Liechtenſtein um Gnade anſuchen wollte, mir das Leben würde geſchenkt werden. Doch ich ließ ſie wiſſen, daß eine ſolche Gnade mir nicht ziemlich ſein würde. Denn wenn ich Abbitte thäte, machte ich mich ja verdächtig, daß ich Strafbares begangen hätte und des Todes würdig wäre!**)— Gnade werde ich ſuchen.... bei meinem Herrgott, wider den ich in meinem Leben vielfach geſün⸗ digt habe*en)— doch nicht bei Menſchen!“ Und wie er alſo geſprochen hatte, gleich einem Heiligen, da theilte ſich das Gewölk und der Mond trat glänzend in den nächtlichen blauen Frühlingshimmel. Seine Strahlen fielen auf das ehrwürdige Haupt mit dem Silberhaar. Es war umglänzt wie von einem Heiligenſchein. Thyßka konnte ſich des heimlichen Schauers nicht er⸗ wehren. Er mußte ſeine ganze Kraft zuſammenraffen, daß er nicht in Verwirrung gerieth. Entſchloſſen ſtand er da⸗ her auf und ſagte: „Wehe Euch, daß Ihr im Irrthum verharren wollet, der Euch die Pforte hier(er deutete auf den Kerker) und dort verſchließt.“ Mit dieſen Worten wandte er ſich und ging. Der Greis aber faltete die Hände und betete ſitzend zu ſeinem Gott, denn er vermochte nicht vor Schwäche die Knie zu beugen. Da wehte es ihn an mit lindem Hauch und der Schlummer ſeligen Friedens ſank auf ſeine Lider. *) Hiſtoriſch. re) Hiſtoriſch. re) Hiſtoriſch. 78 Einundzwanzigſtes Capitel. Martin Frühwein von Podoli lag ſeufzend auf dem Siechbette in ſeinem Gefängniß im Weißen Thurm des Schloſſes. Seine Kerkerhaft war ſtrenger als die der an⸗ dern Gefangenen, weil gegen ihn außer der allgemeinen Anklage des Hochverraths noch der beſondere Haß wegen der Abfaſſung der Anklage gegen die Geſellſchaft Jeſu und anderer Schriften gerichtet war. In ſeinem Elende war ſein einziger Troſt die Pflege, die ihm ſeine getreue Gattin Anna widmete; ſie war auch die Einzige, deren Beſuch er empfangen durfte. Er hatte lange ſchon des geiſtlichen Troſtes entbehrt. Sein Auge war matt eingeſunken; ſein Leib war abgezehrt; nur düſtrer Gram wohnte auf ſeiner Stirn und die Schmerzenspein verzog ſeine Lippen. „Siehe, meine Liebe“, bat er leiſe die treue Gefährtin, „ob du etwas Tröſtliches für mich aufſchlagen kannſt in unſerem Geſangbuche! Mir iſt heut ſo bang— die Angſt ſteigt auf in meinem Herzen— es iſt eine ſo ſchwüle Luft hier!“ 2 1 Seine Bruſt hob ſich ſeufzend bei dieſen Worten. Der Körperſchmerz, den er von den Mishandlungen der ſpani⸗ ſchen Soldaten her ſo lange erduldete, verzog ſein Antlitz. Er verbarg ihn der theuren Frau ſoviel er vermochte; jetzt, da ſie, das Geſangbuch herbeiholend, ihm den Rücken wandte, preßte es ihm die Zähne krampfhaft zuſammen und er wimmerte leiſe. 79 Sie brachte das Buch. Es war das Geſangbuch der böhmiſchen Brüdergemeinde. „Lies mir ein Lied, meine Anna“, bat er. Sie ſchlug das Lied G XVIII auf und las:„Laßt uns unſeren Schöpfer preiſen.“ „O, ſinge es mir, du Gute“, bat er wiederum. Mit leiſer, ſanfter Stimme begann ſie; doch ſchon in der zweiten Zeile mußte ſie abbrechen, da der Laut ihr in Thränen brach. Immer neu verſuchte ſie es in liebender Hingebung. Der Kranke ſeufzte dazwiſchen auf, anfangs mit verhaltenem Schmerz, dann immer ſchwerer.— Da vermochte ſie nicht weiter zu ſingen. Schluchzend legte ſie das Buch nieder, kniete an das Bett des Elenden und bedeckte ſeine herabhängende Hand mit Thränen und Küſſen. „Ich will den Schließer bitten, daß er mir geſtattet, dieſe Nacht wiederum hier zu bleiben und bei dir zu wa⸗ chen“, ſagte ſie, als ſie ſich etwas gefaßt hatte.„Du leideſt wieder allzu ſehr!“ „Nein, nein, du Gute“, ſagte er in abgebrochenen Worten.„Gehe heim! Flehe nicht vergebens! Er darf es doch nicht zulaſſen!— Sie haben mir ja heut wieder ihre Seelenpeiniger geſandt!— Sie hoffen ja—— nur von meiner größten Herzensangſt—— und Körperqual— ihr Ziel zu erreichen, daß ich abſage meinem Glauben— mich zu ihnen bekenne!“ „Wolle Gott dich ſtärken in ſolcher Verſuchung, Mar⸗ tin“, betete das treue Weib ihn bang anſchauend und fal⸗ tete die Hände über der Bruſt. „Ich werde nicht erliegen, meine Anna“, ſagte er und reichte ihr die Hand hinüber zum ſanften Druck.—— —— Er verſank in düſtres Sinnen. 80 Anna weinte leiſe mit abgewendetem Antlitz, daß ſie ihm ihre Thränen verberge. Die Sonne ſenkte ſich ſchon gegen den Horizont; ihr warmer, milder Strahl drang durch die vergitterten Fenſter der Thür und malte das Bild derſelben auf dem Fußboden und der Wand des Gemachs ihm gegenüber. Es war ganz von röthlichem Glanz erfüllt. Eine heilige Stille herrſchte, nur unterbrochen durch die beklommenen Athemzüge der Wei⸗ nenden und des Kranken. Es war, als ſchwebe ein Engel des Jenſeits mit unſichtbaren Flügeln durch den Raum dieſer irdiſchen Leidensſtätte.—— Die Körperſchmerzen des Gefangenen hatten etwas nach⸗ gelaſſen. „Haben wir wol“, ſagte er nachſinnend und indem er vor ſich hinblickte,„etwas ausführen wollen, ſo Gott mis⸗ fällig geweſen?“*) „Laß keinen Zweifel deine redliche, fromme Seele er⸗ ſchüttern!“ erwiderte Anna bittend, da ſie die Unruhe auf ſeiner Stirn las. „Nein, wahrlich, ich glaube es auch nicht“, antwortete er, ſich getröſtend.„Ein kranker Leib erzeugt ein krankes Gemüth, und das fühlt die Dinge nicht mehr richtig.“ Anna trat näher zu ihm. Statt einer Antwort lieb⸗ koſete ſie ihm fanft und ſtrich ihm das ergraute herab⸗ hängende Haar aus der Stirn. Er lag ſtill und lächelte ſie ſchmerzlich an.— Sein Auge wurde unſtet; er fuhr ſich mehrmals mit der Hand über die Stirn, als wolle er die Laſt der Gedanken ver⸗ ſcheuchen.— Er athmete ſchwer! *) Hiſtoriſch. 81 „Mich bedrückt die Luft hier ſo!“ ſagte er mit er— ſchöpfter Stimme.„O, wenn du das vom Schließer er⸗ bitten könnteſt, daß er mich ein wenig in die Vorflur ließe.“ „Ich will es verſuchen“, entgegnete ſie bereitwillig und ſtand auf. Sie pochte an die Thür.— Es wurde geöffnet. „Wollt Ihr ſchon fort?“ fragte eine Stimme hinein. Es war ein Unterwärter.— Anna ſagte ihre Bitte. „Darum müßt Ihr den Schließmeiſter ſelbſt fragen“, beſchied ſie der Wärter und ließ ſie hinaus. Frühwein richtete ſich mühſam auf.— Er blickte ſtarr vor ſich hin.— Es war, als ob die traurigen Gedanken ihm den Athem verſetzten.— Er verließ ſein Lager.— Es wurde ihm ſchwer; allein die Abwechſelung war doch eine kleine Wohlthat.— Er ging zweimal im engen Gemach auf und nieder.„Die Kräfte hätte ich“, ſagte er mit leiſe murmelndem Ton.— Er trat an den Tiſch, wo die Hei⸗ lige Schrift aufgeſchlagen lag. Es war das Buch des Pro⸗ pheten Jeremias, worin er unlängſt zuvor geleſen hatte. Sein Auge fiel auf den Vers:„Was ſchreieſt du über deinen Schaden und deine verzweifelt böſen Schmerzen! Habe ich dir doch ſolches gethan um deiner großen Miſſe⸗ that und deiner ſtarken Sünde willen!“ Er fuhr erſchrocken vor den Worten zurück.— Seine Seele gerieth in große Angſt.— Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner Stirn. Anna kam zurück.„Er hat es geſtattet, Lieber“, ſagte ſie freundlich.—„Komm, ſtütze dich auf mich!“ Er ſah ſie lange dankbar an. Dann legte er ſeinen Arm in den ihrigen. Sie führte ihn aus dem engen Ge⸗ fängniß auf die luftige Vorflur. Am Ende derſelben ſtand ein Fenſter offen, das nicht vergittert war. Die milde Luft des Juniabends wehte herein. Dorthin führte die Ge⸗ treue den Kranken, Muthgebrochenen. Sie trug ihm ſelbſt einen Seſſel dahin. Er athmete die ſüße Luft der Frei⸗ heit!—— Prag lag weit ausgebreitet in der Tiefe vor ihm.— Die Moldau ſchimmerte im röthlichen Strahl der ſinkenden Sonne. Die Vögel zwitſcherten in den Gebüſchen des Schloßgartens. Das liebliche, goldüberhauchte Grün der flüſternden Zweige erquickte Auge und Herz; Blütendüfte ſchwebten herauf. „Es iſt mir, als ob ich im Paradies erwache“, ſagte Frühwein und lehnte das Haupt an die Bruſt ſeiner treuen Gefährtin. Leiſe Thränen floſſen über ſeine abgehärmten Wangen.„Wie dieſe reine Luft mich erquickt!— Auch meine Schmerzen, dünkt mich, werden gelinder“, ſagte er nach einem Weilchen ſehr weich.„Wie danke ich dir, Anna, daß du mir dieſes Labſal erbeten haſt!— Du Getreue!“ Er drückte die Augen wieder gegen ihr Herz, daß ſie ſeine Thränen nicht ſehen möge.—— Die letzten Strahlen der ſinkenden Sonne glühten an den Thürmen Prags; das leichte, flockige Gewölk, welches im Blau des Aethers ſchwebte, färbte ſich purpurn. Es war, als ob der Himmel eine Roſenlaube über die ganze Erde wölbe. „Iſt das die Pracht des Himmelsthrones?“ fragte Frühwein mit träumeriſch irrer Stimme. „Ihr müßt jetzt fort“, brach das rauhe an Anna ge⸗ richtete Wort des Schließers, der unvermerkt hinter ihnen herangetreten war, in das ſüß betäubte Selbſtvergeſſen des Unglücklichen ein.„Es iſt Schlußzeit; ich darf Euch nicht —— länger verweilen laſſen“, ſetzte er nicht ohne Gutmüthigkeit hinzu, da er ſah, wie Beide aufſchreckten. „O laßt ihn die erquickende Luft noch ein wenig ath⸗ men!“ bat Anna. „Hm!“ antwortete der Kerkermeiſter überlegend.„Er kann noch draußen bleiben, ich will ſeine Zelle zuletzt ſchlie⸗ ßen. Doch Ihr müßt hinunter“, wandte er ſich zu Anna, „ſonſt ſchließen ſie vorn das Thor und ich komme in ſchwere Verantwortung.“ Anna ging in die Zelle zurück; zum Wege nach Hauſe angethan kehrte ſie wieder. Sie nahm Abſchied von ihrem Manne. Er ſchloß ſie in die Arme heißer, inniger als jemals; ſie fühlte ihre Wange von Thränen benetzt. „Der milde Frühlingsabend hat ihn ſo bewegt“, dachte ſie.— Er ſprach nur das Wort:„Lebe wohl!“ Der Schließer geleitete ſie hinaus.—— Die Sonne war verſunken; Dämmerung erfüllte die Vorflur. Die Roſenwölkchen lagerten ergraut am Himmel. Frühwein trat ans Fenſter. Er blickte ſtumm in die Tiefe hinab. Ein Schauer durchzitterte ihn.— Er trat zurück, ging mühſam einmal die Vorflur auf und nieder. Schwer ſeufzte er auf in ſeinen unſäglichen Schmerzen.— Wiederum trat er an das Fenſter. Er blickte nach oben. Die Sterne begannen an dem dämmernden Himmel ein⸗ zeln, matt zu blinken. Langſam erhob der Unglückliche ſeine Hände und faltete ſie; ein ſtummes Gebet drang aus ſeiner Bruſt. Sein Auge wurzelte in den Tiefen des Himmels. „Dort!“ ſagte er leiſe wie aus dem Grabe.— Die Hände ſanken ihm herab. In den Gebüſchen am Fuße des Thurmes rauſchte der Abendwind. Der Gefangene beugte ſich weit über die Brü⸗ 84 ſtung des Fenſters— fein Blick gleitete die ſteile Thurm⸗ wand abwärts, bis er in der dunklen Tiefe das Ziel Berlor..... Die Thürriegel des Corridors erklirrten. Der Schließer trat mit dem Wärter wieder ein.„Er iſt ſchon von ſelbſt wieder in ſeine Zelle gegangen“, ſagte er ſich umſchauend, als er Niemand mehr erblickte.„Mach' du das Fenſter zu, ich werde ſeine Thür verſchließen.“—— Er ging an die Zelle, deren Thür nur halb angelehnt war, rief, ohne hineinzublicken, ein gleichgültiges„Gute Nacht!“ hinein, zog die Thür feſt an und ſchob den Riegel vor.—— Zweiundzwanzigſtes Capitel. Lippach ging in der Morgenfrühe bleich und überwacht durch eine entlegene Gaſſe Prags.— Er war ſo in ſich ſelbſt verſenkt, daß er die Außendinge um ſich her gar nicht wahrnahm und es kaum bemerkte, daß eine für den abgelegenen Theil der Stadt ungewöhnliche Volksmenge ſich haſtig an ihm vorübertrieb. „Lippach!“ redete eine bebende Stimme ihn an,„Herr des Himmels, wie ſeht Ihr aus, als ob kein Blutstropfen mehr in Eurem ganzen Körper rollte!“ Der Pfarrer ſchreckte zuſammen bei dem plötzlichen An⸗ ruf; doch, tief Athem ſchöpfend, erkannte er Baſilius. „Ihr ſeid's“, entgegnete er ihm, die Hand hinſtreckend und ſie fieberhaft ſchüttelnd.„Wer ſoll nicht bleich aus⸗ ſehen nach ſolchem Gange“, rief er ſchmerzlich aus.„Aber Ihr ſelbſt, Baſilius, blickt ja ganz verſtört! Ihr zittert!“ 85 Baſilius drückte ſich die Hände krampfhaft vor beide Augen.„Wem ſollte nicht grauſen bei ſolchem Anblick!“ antwortete er mit hohler Stimme.„Ich zittre Tag und Nacht jetzt!— Habt Ihr's denn auch geſehen? Ihr kommt ja dorther vom Kornthor?“ „Was geſehen?“ fragte Lippach. „Frühwein's blutiges Haupt!“ ſtieß Baſilius die Worte grauſend heraus. „Erbarme dich, mein Jeſus!“ rief der Pfarrer.„Sein Haupt! Was iſt damit? Davon weiß die unglückliche Frau noch nichts! Ich komme gerad von ihr her— ſie liegt in Krämpfen und Fieber, ſeit ſie den Sturz ihres Mannes aus dem Fenſter erfahren hat. Geſtern den ganzen Tag hat ſie mit dem Tode gerungen. Sie ver⸗ langte meinen geiſtlichen Zuſpruch....“ Er ſprach dieſe Worte während ſein ganzer Körper fliegend zitterte.—„Und was iſt mit ſeinem Haupt?“ fragte er mit bebender Lippe. „Ich hab's vorübertragen ſehen, blutig—“, warf Ba⸗ ſilius ſchaudernd heraus,„dort, wo die Leute hinſtrömen.“ „Auf dem Roßmarkt?“ „Ich bin fortgeſtürzt wie vom Sturm gejagt! Es geht Alles ringsum mit mir!— Ich ſehe lauter Henkerſchwerter über meinem Haupte!— Lippach, Lippach— wohin retten wir uns— wohin flüchten wir“, rief er außer ſich,„wäre ich nur erſt zur Stadt hinaus!“ Lippach raffte alle ſeine Kraft zuſammen, um den ganz hoffnungsloſen Mann zu beruhigen. Bafilius ſah entſetzlich aus; die immer drohenden, im⸗ mer erneuten Schrecken der Zeit hatten die Kraft des ſonſt trotz ſeiner Jahre, er zählte über ſechzig, kraftvollen Man⸗ nes doch endlich ſo unterhöhlt, daß er ein wahres Bild des Entſetzens darſtellte. Er war hager geworden, bleich, 86 ſein Haar verworren, und jetzt ſtanden ihm Schweißtropfen des Grauens auf der Stirn. Jedes ſeiner Glieder bebte, er ſchwankte auf den Füßen. Lippach wandte alle Anſtrengung an, ihn nur aufrecht zu erhalten.. „Ach, Herr Pfarrer!“ rief plötzlich eine Stimme, und ein junger Mann, der haſtig vom Roßmarkt herkam, faßte Lippach's Arm, als wolle er ſich an ihm feſthalten. Es war Volkmar. „Ach, lieber Herr Pfarrer— es iſt zu grauſenvoll!“ rief der junge Menſch, dem Todesſchrecken auf den Zügen lag, mit zitternder, leiſer Stimme. „Mein lieber Sohn“, erwiderte Lippach erſchreckt und 1 theilnehmend,„was iſt dir? Was haſt du?“ „Der Kopf wird an den Galgen geſchlagen, ſage ich dir“, tönte die rauhe Stimme eines Mannes, der, an dem Arme eines Andern hängend, ſich mit dieſem raſch an ihm vorüberdrängte, dem Roßmarkt zu.„Eile nur, ſonſt kom⸗ men wir zu ſpät!“ Lippach blickte den Vorübergehenden nach; er machte eine Bewegung, ihnen zu folgen. „Geht nicht hinunter, mein lieber Herr Pfarrer, geht nicht!“ bat Volkmar und ſeine Lippen bebten wie im Fieberfroſt. „Aber ſprecht doch, ſagt mir doch deutlich— was gibt es denn?— Was geht denn vor?“ fragte Lippach. „Das wißt Ihr nicht?“ antwortete Volkmar mit leiſer, unterdrückter Stimme.„Das Urtheil über Martin Früh⸗ wein wird vollſtreckt, jetzt iſt der letzte Actus..... f. .„Das Urtheil über Frühwein?— Den unglücklichen Todten?— Haben ſie dieſen Todten auch verurtheilt?“ “ Baſilius hielt ſich kaum auf den Füßen; er war in die 87 Vertiefung eines Thorwegs ihm zur Seite getreten und lehnte ſich dort an. Lippach und Volkmar traten ebenda⸗ hin, der immer heftiger drängenden Baltamenge aus dem Wege. „Der Scharfrichter hat ſoeben den Leichnam auf den Weißen Berg gebracht— ihn dort enthauptet— den Leib in vier Theile gehauen..... 44 Lippach hielt ſchaudernd, wie abwehrend, die Hände vor ſich hin und wandte ſich ſeitwärts. „Die Eingeweide herausgeriſſen und dort vergraben.....“ „Laßt ab! Ich werde wahnſinnig vor Granſen!“ rief Baſilius. „Die Viertel ſind, wie das Urtheil lautet, auf Pfähle geſteckt gegen alle vier Weltgegenden, und der Kopf ſoll jetzt auf dem Roßmarkt an den Galgen geheftet werden.“ Das Grauſen lähmte den Hörenden Sprache und Glieder. „Ich dachte, Ihr wäret auf dem Wege dahin wie alle dieſe Leute hier“, fuhr Volkmar fort und zeigte auf die Vorübereilenden—„aber geht nicht, geht nicht! Ich war auf dem Weißen Berge! Mein Kopf ſchwindelt— es wir⸗ belt Alles mit mir um— ich bin hierher getaumelt, halb bewußtlos mitten in dem Menſchenſteom— es war mir immer, als würde ich ſelbſt enthauptet— Gott ſei Dank, daß ich Euch begegnet bin, lieber Herr Pfarrer!“ Der junge Menſch hielt Lippach's Arm angſtvoll um⸗ klammert. „Die unglückliche Frau muß den Geiſt aufgeben, wenn ſie es erfährt!“ rief Lippach aus.„Wer es vernimmt, dem muß vor Entſetzen das Herz erſtarren!“ Ein wildes Geſchrei ließ ſich hören. Es war eine Rotte des Pöbels mit Kriegsknechten untermiſcht. Sie ſtürmten 88 tobend durch die enge Straße, um das Schreckensſchauſpiel⸗ ja nicht zu verſäumen. „An einem Lebloſen ſolche Greuel üben!“ erhob Lip⸗ pach Wort und Blick gen Himmel!„Iſt denn jede fromme Scheu erſtorben in der Bruſt dieſer Grauſamen!“ „Still, ſtill!“ unterbrach ihn Baſilius ängſtlich flüſternd. „Begrabt Eure Gedanken! Die Luft hat Ohren!“ ſagte er mit ſchauerlich hohler Stimme und mit einem ſcheuen Fun⸗ keln des Auges.—„Bald wird die Reihe auch an uns kommen! O, könnte ich mich in der tiefſten Höhle der Erde verbergen!“ Er blickte ſtarr um ſich her. Mit ſchmerz⸗ vollem Schauer weilte Lippach's Auge auf ihm. Es durch⸗ flog ihn die Ahnung, daß der Geiſt des ſtarken Mannes ſich verdunkle, daß die Schrecken und der Jammer ihn völlig gebrochen hätten! „Kommt mit mir nach Hauſe“, ſagte er mitleidig,„wir wollen im ſtillen Kämmerlein beten! Kommt unter mein Dach des Friedens!“ Baſilius blickte furchtſam um ſich.„Nein... ich komme nicht mehr unter Euer Dach— Euer Haus iſt der Herd der Aufrührer— der Ketzer— ſie werden uns dort fahen!“ „Dann dulden wir, was unſer Heiland duldete, da Judas die Kriegsknechte zu ihm führte“, antwortete Lippach fromm.„Verhängt es Gott— ſo wollen wir es tra⸗ gen.... bis dahin laßt uns beten, daß wir nicht in An⸗ fechtung fallen!“ „Judas!“ rief Baſilius verſtört leiſe.„In Anfechtung fallen!— Still, nicht ſo laut!—— Deine Wege ſind nicht meine Wege, Bruder— fort— fort—!“ und er wandte ſich raſch um, und haſtigen Laufs, als verfolge ihn ein Raubthier, rannte er davon, der ſtrömenden Volksmenge entgegen, in der Richtung nach dem Kornthor zu. 89 „Weh! Eine Wolke der Finſterniß breitet ſich über ſeine Seele!“ ſagte Lippach mit Kummer.„Allgütiger, habe Er⸗ barmen mit ihm!“ „Kommt nach Hauſe, lieber Herr Pfarrer!“ bat Volk⸗ mar,„ach, nehmt mich auf bei Euch! Ich flehe Euch an um Euren Schutz!“ 6 „Du ſollſt mir willkommen ſein, mein Sohn“, erwiderte Lippach;„ich habe keine gewaffnete Schaar, mein Haus zu ſchützen, aber Gottes gnädige Hand wird uns Alle ſchirmen.“ Sie gingen. „Müſſen wir dort hinunter“, fragte Volkmar. „Wir haben keinen andern Weg. Wir ſtreifen nahe an dem Ort des Grauſens hin— doch wir wollen unſer Auge abwenden!“ ſagte Lippach. Volkmar ging ſtumm neben ihm. „Ich habe Euch das Wichtigſte noch nicht geſagt, Herr Pfarrer“, begann er, da es einſamer um ſie her war;„die Urtheile über alle Gefangenen ſind geſprochen!“ „Sind ſie!“ rief Lippach überraſcht.„Nun, das ſind Lebende! Gegen ſie wird man barmherziger ſein als gegen die Flüchtigen und Todten!“ „Ach nein!“ erwiderte Volkmar mit ſchmerzlichem Ton. „Ich habe heimlich einen Blick hineingethan! Einige kenne ich. Sie lauten ſchrecklich!— Allein ich bitte Euch um Gottes Willen, Herr Pfarrer, haltet geheim, was ich Euch ſage. Denn noch ſind ſie den Gefangenen nicht bekannt. Drei Schreiber haben die ganze Nacht daran geſchrieben, da ſie heut nach Wien zum Kaiſer zur Beſtätigung ab⸗ gehen ſollen. „Taſtet man das Leben der edlen Männer an?“ fragte Lippach. 1 90 „Graf Schlick geviertheilt, der Kanzler Budowa...“ „Um Gottes Erbarmung!“ unterbrach ihn Lippach, „ſolche blutige Greuelthaten will man verüben? Das dul⸗ det der Kaiſer nicht, er wird....“ Das Wort ſtockte ihm im Munde. Es tönte ein dumpfes ſchauerliches Geräuſch von Stimmen untermiſcht mit dem wilden Schrei Einzelner. Sie hatten eben die Ausmündung der Gaſſe gegen den Roßmarkt erreicht, den ein dunkles Gewühl des Volkes be⸗ deckte. Unwillkürlich wurde ihr Blick dahin gezogen. Er erſtarrte. Eben war Frühwein's Haupt an den Galgen befeſtigt worden. Es ragte in der Ferne über den Menſchen⸗ ſchwarm hervor. Die Henkersknechte auf der Leiter da⸗ neben.— Voll Entſetzen wandten ſie ſich ab. Ihrer kaum bewußt, eilten ſie hinter der Volksmenge fort der innern Stadt zu. Athemlos erreichten ſie Lippach's Haus. Dreiundzwanzigſtes Capitel. gen, viele Bogen ſtarken Documents beſchäftigt. Vor ihm ein junger Geiſtlicher in der Ordenstracht. Lamormain ſah ſehr ernſt; nur hin und wieder umſpielte der unheimliche Zug ſeine Lippen, welcher ſtets einen innern Sieg oder Triumph ausdrückte, den er über irgend einen Gegner oder eine ſonſtige Schwierigkeit errungen hatte. „Setze dich doch, lieber Benedetto“, ſagte er zurück⸗ gewandt.„Du haſt eine mühſame Reiſe gehabt und biſt Pater Lamormain war mit dem Durchleſen eines lan⸗ ſtand die durch einen Schirm gedeckte Lampe, hinter ihm 91 ſchnell eingetroffen.— Setze dich!— Ich will nur noch einmal den Bericht ſorgfältig leſen.“ Er blickte wieder in die Papiere und las, mitunter leiſe vor ſich hinmurmelnd, wie er es in der Art hatte, wenn er mit dem Gange einer Sache, die ihm vorlag, zufrieden war und nicht beſondere Gründe ihn zur ſorgfältigſten Selbſtbewachung nöthigten. „Hm!“ ſummte er, indem er ſich ſelbſtzufrieden mit der Hand das Kinn ſtrich,„das wäre alſo der Ausgang des wahnſinnigen Schauſpiels!— Oder vielmehr es iſt der Anfang Deſſen, was wir aufzuführen haben werden.— Ich denke, wir werden es mit etwas mehr Verſtand und Beharrlichkeit thun als dieſe fanatiſchen Tollköpfe und blindehrgeizigen Haudegen!— Wie ſahe Prag aus, als du abgingſt, mein Sohn?“ wandte er ſich wieder zu Be⸗ nedetto. „Sehr düſter, ehrwürdigſter Herr, wie all dieſe Mo⸗ nate“, antwortete Benedetto mit einer Stimme, die ſchmerz⸗ liche Theilnahme ausdrückte. „Freilich, ſo ſchön wie der Sommer im ſchönen Spa⸗ nien iſt der Winter in Böhmen nicht!“ ſagte Lamormain mit beziehungsvollem Tone und blickte den Jüngling ſcharf an.„Allein jetzt iſt ja auch hier Sommer“, fuhr er fort; mes war jedenfalls Zeit, Benedetto, daß du Madrid ver⸗ ließeſt; hohe Zeit!“ Der Jüngling, der das innerſte Herz ſeines Lebens durch dieſe Andeutung getroffen fühlte, erröthete hoch. Das Halbdunkel des Gemachs hinderte Lamormain es zu ſehen. „Du ſiehſt“, fuhr er, ſcheinbar achtungslos auf die Wirkung ſeiner Worte, freundlich fort,„die ſchweren Pflich⸗ ten des Ordens belohnen ſich auch! Du ſtehſt nun ſchon auf der Stufe eines wirklich eingetretenen Mitgliedes. Und 92 ich denke dir noch Beſſeres auszuwirken für dieſe neueſten Dienſte. Die Bibliothek des Carolinums iſt ſehr reich; ſie fällt uns natürlich zu. Möchteſt du an der Spitze der⸗ ſelben ſtehn?“ „Ehrwürdiger Herr! Ich würde in dem Drange wiſſen⸗ ſchaftlichen Forſchens Troſt und Stärkung ſuchen für....“ „Für dein Traumunglück oder Traumglück, lieber Sohn!“ unterbrach ihn Lamormain.„Glaube mir, du wirſt das Leben bald richtiger erblicken; die Jahre der Täuſchung ſind nun bald vorüber!— Alſo Prag erſchien dir düſter, als du es verließeſt? Allein von dem Inhalt dieſer Schrif⸗ ten“— er zeigte auf die Papiere vor ſich—„wußte man damals doch noch nicht? Vermuthete man aber?“ „Ich glaube.— Selbſt noch als das Urtheil über die Verſtorbenen veröffentlicht wurde, getröſteten ſich die Mei⸗ ſten einer deſto größeren Milde gegen die noch Lebenden...“ „Eine ſcharfſinnige Logik!“ warf Lamormain mit ver⸗ zogener Lippe hin. „Doch als das fürchterliche Urtheil an der Leiche des Procurators Martin Frühwein....“ „Fürchterliches Urtheil!“ unterbrach ihn Lamormain finſter und ſtand vom Seſſel auf.„Ein fürchterliches Ur⸗ theil nennſt du es, junger Thor— junger Frevler! daß an dem empfindungsloſen Leichnam vollſtreckt wurde, was den Lebenden hätte treffen ſollen? Sei auf deiner Hut, Benedetto! Ich blicke in dein innerſtes Herz! Du haſt Theilnahme für Den, der unſeren heiligen Bund mit der giftigſten Schwärze der Feder beſpritzt, ihn mit allen Brand⸗ flecken der Verleumdung zu bedecken getrachtet hat.— Sei auf deiner Hut! Solche träumeriſche Irrungen ſind Ver⸗ brechen! Verbrechen, für die es keine Vergebung gibt, nicht im Himmel noch auf Erden!“ 93 Benedetto ſtand ſchweigend mit zu Boden geſchlagenen Augen. „Wann biſt du von Prag abgereiſt?“ fragte Lamormain nach einigen Augenblicken kurz. „Am 8. Juni Mittags, ehrwürdiger Herr!“ „Du biſt Tag und Nacht richtig befördert worden?“ „Es geſchah Alles wie es vorbereitet war!“ „Du biſt gewiß, daß die Eilboten zu Pferde an den Kaiſer mit den Abſchriften der Urtheile dich nicht überholt haben?“ „Ich bin deſſen ganz ſicher!“ „Der Kaiſer muß dennoch heut noch Nachricht erhal⸗ ten.— Es iſt gut, daß ich vorbereitet bin!— Sollte ich nicht Zeit haben bis zu deiner Abfertigung dem Herrn Pater Thyßka zu ſchreiben, ſo ſage ihm mündlich, daß ich ſehr zufrieden mit ihm ſei! Sehr zufrieden.“ Benedetto verbeugte ſich tief.„Ich werde Ew. Hoch⸗ würden Befehl genau vollziehen!“ Ein leiſer Seufzer ſtahl ſich aus ſeiner Bruſt. Lamormain ſetzte ſich wieder und blätterte in dem Be⸗ richte.„Fünf— zehn— funfzehn— zwanzig, ſieben⸗ undzwanzig!“ zählte er murmelnd für ſich;„mit Rippell achtundzwanzig.— Du biſt für heut entlaſſen, Benedetto“, wandte er ſich abermals zu dieſem. Benedetto beugte ſich auf die Hand Lamormain's und drückte den Kuß des Ge⸗ horſams darauf. „Sei auf deiner Hut!“ ſagte dieſer ihm nochmals mit Strenge:„Du haſt meine Güte erfahren— zittre vor meinem Zorn!“ Bebend verließ Benedetto das Gemach.— Lamormain ſchloß hinter ihm die Thür. „Nur noch ein einziger Kampf!“ ſagte er tief athmend, als er allein war.„Es wird nicht der leichteſte ſein!“ Er las noch einmal in dem Bericht und zählte die Namen der Verurtheilten.„Es ſollten mehr ſein; doch Thyßka hat Recht, der Schein der Gnade muß dem Kaiſer bewahrt bleiben durch Erlaß einiger Todesſtrafen!“ Das Rollen eines Wagens ließ ſich vernehmen. La⸗ mormain lauſchte.„Ich ahne, der Kaiſer ſendet ſchon nach mir“, ſprach er vor ſich hin. Der Wagen hielt unter ſeinem Fenſter.— Eilig ver⸗ ſchloß der Pater die empfangenen Berichte Thyßka's. Kaum war es geſchehen, als ſein Diener anpochte und ihm die Meldung machte, daß der Kaiſer Ferdinand nach ihm ver⸗ lange und bereits ein Hofwagen vor der Thür halte. La⸗ mormain öffnete. Der Lakai, welcher mit dem Wagen gekommen war, ſtand hinter dem Diener. „Wie? Noch ſo ſpät in der Nacht, mein guter Joſeph“, redete Lamormain dieſen erſtaunt an.„Iſt Sr. Majeſtät etwas Uebles zugeſtoßen?“ „Ich glaube es ſind wichtige Depeſchen, über die Se. Majeſtät mit Ew. Hochwürden zu ſprechen begehrt.“ „Alſo doch kein Krankheitsanfall oder ſonſt ein Unglück, — dem Himmel ſei Dank!“ erwiderte Lamormain.„Aber wie glücklich, daß ich noch nicht zur Ruhe gegangen bin; daß ich ſogleich kommen kann!“ Er nahm ſein Sammetkäppchen und folgte der Auf⸗ forderung unverzüglich.——— Im kaiſerlichen Vorzimmer befand ſich der alte Käm⸗ merer Balthaſar mit einigen Lakaien. Es herrſchte eine ſeltſame Bewegung, die faſt Beſtürzung zu nennen war, unter den Leuten. Der Kaiſer hatte ſpät in der Nacht noch Depeſchen erhalten, welche ein Offizier überbrachte, dem die Weiſung, daß er ſie ſofort und eigenhändig der 95 Majeſtät überliefern müſſe, ertheilt war. Der Kaiſer wurde geweckt; er ſtand auf vom Lager, ließ den Offizier ein⸗ treten, nahm ihm die Depeſchen ab und entließ ihn. We⸗ nige Minuten darauf ſchellte er lebhaft. Balthaſar, den Ferdinand wegen der unverbrüchlichen Treue des redlichen Dieners, von ſeinem Oheim, dem Kaiſer Mathias, her im Dienſte behalten hatte, wiewol dieſer ſich nach Ruhe ſehnte, eilte ins Gemach. Als er eintrat, war er höchſt beſtürzt über den Zuſtand, in welchem er den Kaiſer fand. Halb angekleidet, bleichen Angeſichts, ging er mit einem geöffne⸗ ten, mehrere Bogen ſtarken Briefe in der Hand unruhevoll auf und nieder. „Iſt Ew. Majeſtät ein Uebel zugeſtoßen“, fragte Bal⸗ thaſar erſchreckt,„ſoll ich ſogleich nach Ew. Majeſtät Leib⸗ arzt ſenden?“ „Nein, guter Balthaſar“, antwortete Tendinand,„aber es ſoll auf der Stelle Zemand zu meinem Beichtvater; ich muß den Herrn Pater Lamormain ſogleich ſprechen.— Und laß mir ein Glas warmen Weins mit Gewürz beſorgen; mich friert.“ Balthaſar hörte den letzten Auftrag mit Erſtaunen, da er Schweißtropfen auf des Kaiſers Stirn erblickte, die er mehrmals mit dem Tuche trocknete, und die Nacht überdies eher ſchwül als kühl war. Indeſſen verbeugte er ſich ſtumm und eilte, die erhaltenen Befehle zu vollziehen. „Iſt der Kaiſer erkrankt?“ fragte Joſeph den Heraus⸗ tretenden. „Es ſcheint ſo!“ erwiderte Balthaſar;„doch Se. Ma⸗ jeſtät verlangt des Herrn Pater Lamormain Hochwürden. Beſtelle ſogleich den Wagen und fahre mit.“ Joſeph ging. „Franz“, gebot Balthaſar einem Andern,„geh' eilig ———mõÜmssͤͤ 96 hinunter und wecke den Koch; er ſoll raſch ein Glas warmen gewürzten Weins für Se. kaiſerliche Majeſtät bereiten!“ Selbſt beunruhigt, ging Balthaſar in dem Vorzimmer auf und ab. „Was kann denn vorgefallen ſein, Herr Kämmerer?“ fragte ihn einer der beiden andern noch gegenwärtigen La⸗ kaien. „Die Depeſchen müſſen ſehr wichtig ſein und Se. Ma⸗ jeſtät beunruhigen“, antwortete Balthaſar.„Allein ſei nicht ſo neugierig, mein Sohn!— Du weißt, Ignaz, ich würde dir doch nichts ſagen von Dem, was in Sr. Majeſtät Ge⸗ mach verlautet.“ Balthaſar war aber doch ſelbſt voll unruhiger Ver⸗ muthungen. Er konnte ſich gar nicht erklären, daß ſo wich⸗ tige Depeſchen gekommen ſein könnten. In den beiden letz⸗ ten Jahren bis vor etlichen Monaten wäre nichts dabei zu wundern geweſen. Es kamen faſt täglich Nachrichten, wes⸗ halb mitten in der Nacht der Kaiſer geweckt wurde. Aber jetzt? Der böhmiſche Krieg war ſo gut wie beendigt. In Ungarn ging es auch glücklich. Graf Boucquoi hatte vor wenigen Wochen Presburg genommen, und Bethlen Ga⸗ bor zog ſich immer weiter zurück.— Und dennoch! In dem Laufe dieſer Gedanken unterbrach ihn das abermalige Schellen des Kaiſers. Er eilte hinein. „Höre, Ignaz“, ſagte der andere Diener, als Balthaſar das Zimmer verlaſſen hatte,„es wird dem Alten doch ſchon recht ſchwer. Ich weiß nicht, weshalb er ſeinen Dienſt nicht ganz niederlegt.“ „Er hat's gewollt, Nathanael, gleich nach dem Tode des ſeligen Kaiſers Mathias. Allein da unſer Herr ihn kommen ließ und ihm ſagte:«Du haſt meinem Oheim ſo treu gedient, daß ich gewiß auch für mich keinen treueren Diener finden könnte. Du wirſt mich nicht verlaſſen wollen!“ da hat es ihm das weiche, alte Herz gerührt und er quält ſich nun für den jetzigen Herrn ab wie für den ſeligen.“ „ Es wundert mich aber doch, da er es vordem gar nicht verwinden konnte, wie ſie mit dem ſeligen Kaiſer um⸗ gingen; auch unſer jetziger Herr, da er noch Erzherzog war. Weißt du, damals, als der Cardinal Cleſel ver⸗ haftet wurde?“ „Das ſind vergeſſene Geſchichten! Dem Cardinal geht's beſſer wie zuvor. Und weil ſich der ſelige Herr auf dem Todesbette ſo herzlich mit ſeinem Neffen umarmte, ſo hätte es der Alte für ſündlich gehalten, länger zu zürnen, nach⸗ dem der Kaiſer ſich verſöhnt hatte!“ „Ja, Ignaz! Es iſt eine gute, alte Haut, aber..“ „Still, da kommt er!...“ „Iſt denn der Franz noch nicht mit dem Weine hier?“ eiferte Balthaſar ängſtlich.„Se. Majeſtät begehren ſo ſehr danach!“ Die Thür öffnete ſich. Franz trat mit einem ſilbernen Teller und einem Becher warmen Weins darauf, ein.„Gott ſei Dank!— Das hat aber lange gedauert!“ rief ihm Balthaſar entgegen, nahm ihm den Teller ab und ging hinein zum Kaiſer. Er hatte kaum die Thür hinter ſich geſchloſſen, als Pater Lamormain eintrat. Die Diener neigten ſich faſt bis auf den Boden. Nathangel öffnete ihm eilfertig die Thür des Gemachs, durch die er zum Kaiſer eintreten mußte. Ignaz eilte ihm, obgleich die Neben⸗ zimmer erhellt waren, mit einem Armleuchter voran und ging vor ihm her bis zur Thür des Cabinets, in welchem ſich der Kaiſer befand. Balthaſar trat eben aus dieſer; Ferdinand gewahrte Lamormain durch die offene Thür. Rellſtab, Drei Jahre. V. 2. 5 98 „Seid willkommen, ehrwürdiger Herr, tretet näher!“”“ rief er dem Kommenden entgegen. „Jeſus Maria! Wie ſieht unſer Herr aus!“ ſagte Ignaz erſchreckt zu Balthaſar, als dieſer die Thür hinter ſich geſchloſſen hatte. „St!“ gebot dieſer und legte den Finger auf den Mund. „Wie ein bleiches Geſpenſt!“ ſetzte Ignaz noch ganz beſtürzt hinzu. „Fort, hinaus!“ trieb ihn Balthaſar an. Ignaz ging wieder ins erſte Vorzimmer. Balthaſar kam ihm nach. Im Gehen ſah er ſich noch einmal um und ſchüttelte misbilligend den Kopf, als denke er: „Wenn der da drinnen verkehrt, geſchieht ſchwerlich etwas Gutes!“—— —— Larmormain ſah ſich allein dem Kaiſer gegen⸗ über; dieſer ging noch immer in heftigſter Wallung auf und nieder. „Ehrwürdiger Vater“, begann er, indem er ſeine ganze Kraft zuſammenraffte,„leſet hier. Es iſt das Urtheil über die böhmiſchen Rebellen!“ Er reichte ihm das Acten⸗ ſtück dar. „So, es iſt geſprochen?“ antwortete Lamormain ernſt, feierlich, indem er die Blätter empfing. „Geſprochen iſt es noch nicht; aber gefällt. Ich ſoll es beſtätigen— dann wird es vollzogen werden!“ ſagte der Kaiſer mit einem innern Schauer. „Es iſt das Amt des Richters auf Erden, zeitliche Gerechtigkeit zu üben!“ erwiderte Lamormain ebenſo feierlich wie zuvor. Er that zugleich einen Blick auf die Schrift⸗ ſtücke, die ihm der Kaiſer dargereicht hatte. „Leſet! Leſet genau!— An meinem Tiſch, ehrwürdiger Herr!“ forderte der Kaiſer ihn dringend auf und lud ihn 99 zugleich durch Hindeuten auf einen Seſſel an dem erhellten Tiſche ein, ſich dort niederzuſetzen. Lamormain that es und las.— Es herrſchte eine ge⸗ ſpannte Stille in dem halbdunklen Gemach. Nur die Schritte des Kaiſers auf dem Teppich und ſeine tiefen Athemzüge waren zu vernehmen. „Ew. Majeſtät Richter haben ihr Amt mit Weisheit und Gewiſſenhaftigkeit geübt“, ſagte Lamormain und ſtand auf.„Die Welt wird ein Beiſpiel ſehen, daß Abtrünnig⸗ keit, Aufruhr und Hochverrath ihren Lohn auch ſchon auf Erden empfangen.“ „Kann ich mit gutem Gewiſſen das Blut dieſer Män⸗ ner vergießen, Lamormain?“ fragte der Kaiſer und ſtand voll Erwartung vor dem Beichtvater. Dieſer ſchwieg einige Augenblicke, dann antwortete er: „Das Recht der Strafe und das Recht der Gnade ſteht gleichmäßig in der Hand Ew. Majeſtät!“*) „Allein welches ſoll ich üben!“ rief der Kaiſer faſt mit dem Ausdruck der Verzweiflung in den bleichen Zügen. Lamormain ſchwieg wiederum längere Zeit.„Der Ma⸗ jeſtät auf Erden“, ſagte er langſam,„ſind große Rechte beigelegt, allein auch große Verantwortungen!“ „So ſoll ich dieſe blutigen, ſchreckenvollen Urtheile be⸗ ſtätigen?— Es iſt ohne Beiſpiel, daß auf einen Schlag ſo viele Häupter der edelſten Familien unterm Beile des Henkers fallen!“ „Ohne Beiſpiel wol nicht!“ entgegnete Lamormain in zögernd gemeſſenem Tone;„wir dürfen den Blick nur nach England richten auf die entſchloſſene Königin Eli⸗ ſabeth— nach Schweden, wo Chriſtian der Zweite *) Hiſtoriſch. 5* 100 den doch ſehr gerechtfertigten Widerſtand des Adels blutiger beſtrafte!“ „Hundert Jahre ſind verfloſſen und ſein Name wird mit Abſcheu genannt!“ ſetzte Ferdinand lebhaft entgegen. „Ohne Beiſpiel“, fuhr Lamormain fort, als habe er des Kaiſers Worte überhört,„iſt dieſe Strenge der Fürſten nicht, wohl aber iſt ein ſolcher Aufſtand und Hochverrath, wie die ſtolzen Magnaten Böhmens ihn verübt, eine ſolche Empörung des ganzen Landes gegen die heilige Kirche ohne Beiſpiel.“ Ferdinand maß wiederum in äußerſter Unruhe das Ge⸗ mach mit ſeinen Schritten. Seine innerſte Seele ſträubte ſich, die blutige That gutzuheißen. Die Häupter der edelſten Geſchlechter Böhmens ſollten fallen; das Volk ſah zu ihnen auf als zu ſeinen Beſten, ſeinen Vorbildern in Tapferkeit und Weisheit, Manche waren Freunde des Kaiſer Rudolf, Ferdinand's Oheim, geweſen, Alle aufs höchſte geachtet, ſelbſt auch von ſeinem Oheim, dem Kaiſer Ma⸗ thias. Und jetzt ſollten ſie die Strafen der frevelhafteſten Verbrecher erdulden! Lamormain war in das Halbdunkel einer Fenſterver⸗ tiefung getreten und betrachtete den Kaiſer ſchweigend. „Wie werden die Fürſten des Reichs die That an⸗ ſehen?“ wandte dieſer ſich nach einigen Augenblicken halb fragend, halb ausrufend wieder zu Lamormain. „Es iſt, dünkt mich, keine Angelegenheit des Reichs, ſondern nur eine den Erblanden Ew. Majeſtät ganz ab⸗ geſchloſſen zugehörige, welche hier zur Entſcheidung kommt“, lautete Lamormain's Antwort. „Es ſind furchtbare Bluturtheile!“ rief Ferdinand aus, indem er an ſeinen Tiſch trat, die Hand auf das Acten⸗ ſtück legte und es ſtarr betrachtete. 101 „Dieſe Urtheile“, erwiderte Lamormain in einem be⸗ ſonnenen, gütigen Tone,„beſtrafen die irdiſchen Verbrechen. Allein die Milde unſerer Kirche öffnet einem Jeglichen den Weg der Gnade jenſeits. Wir dürſten nicht nach ihrem Blute, wir dürſten nur nach der Rettung ihrer Seelen.“*) „O, wenn ſie ſich bekehren möchten“, rief Ferdinand aus,„ſo wollte ich ihnen gern Gnade gewähren, daß ſie durch reuige Lebenstage ſich des Heils völlig verſichern könnten!“ „Auf eine Bekehrung der Strafbaren iſt nach Allem, was mir bis jetzt über ſie zugekommen, nicht zu hoffen“, antwortete Lamormain.„Nicht Einer bekennt ſich ſchuldig, weder gegen die Kirche noch gegen Ew. Majeſtät.“ Der Kaiſer ſtand unentſchloſſen, fortdauernd die Blicke auf das Actenſtück geheftet. „Laſſet uns die Urtheile ſämmtlich miteinander durch⸗ gehen“, ſagte er endlich, tief Athem ſchöpfend.„Rathet mir für jeden Einzelnen— ſetzt Euch!— Ich bitte, leſet! Nur die Urtheile, nicht die Anſchuldigungen!“ Ferdinand ſetzte ſich neben Lamormain an den Tiſch. Dieſer las. Er überging mit leiſem Murmeln die ausge⸗ ſprochenen Bezichtigungen wegen Rebellion, Hochverraths— nur bei den Namen und Urtheilen erhob er die Stimme etwas. „Die Freiherren Popell von Lobkowitz und Paul von Reziczan ſollen mit dem Schwerte hingerichtet wer⸗ den.“ Er hielt inne. Der Kaiſer ſchauerte zuſammen und trocknete ſich mit dem Tuche den Schweiß von der Stirn. Da er aber weiter nichts ſagte, fuhr Lamormain fort: *) Hiſtoriſches Wort. ——— 8 102 „Dem Joachim Andreas Schlick von Holeycz, Gra⸗ fen von Paſſaun und Loket, Erbherrn auf Swijani, ſoll zuvörderſt die rechte Hand abgehauen, darauf ſoll er gevier⸗ theilt und auf die Kreuzwege aufgehenket werden....“ Der Kaiſer ſprang auf. Er zog heftig die Schelle.— Lamormain hielt inne. Balthaſar trat ein. Als er ſeinen Gebieter erblickte, leichenblaß, zitternd, mit ſchwankenden Knien, große Schweiß⸗ tropfen auf der Stirn, hielt er die Schritte an. Doch er wagte keinen Laut.. Ferdinand vermochte im erſten Augenblick nicht zu ſpre⸗ chen. Es ſchien, als habe er vergeſſen, weshalb er geſchellt hatte; denn er fuhr ſich mehrmals mit der Hand über die Stirn, als ſuche er einen Gedanken. Endlich ſagte er in oft unterbrochener Rede:„Morgen früh um ſieben Uhr— Fürſt Eggenberg— alle meine Räthe des geheimen Con⸗ ſeils— alle— laßt ſie ſogleich benachrichtigen, Bal⸗ thaſar.— Bei Verluſt des Dienſtes— Niemand darf ein⸗ treten— wenn ich nicht ſchelle!“ Balthaſar verbeugte ſich ſtumm, zitternd. Der Kaiſer winkte ihm zu gehen. „Ew. Majeſtät“, ſprach der getreue Diener furchtſam, im bittenden Tone. „Nun?“ „Darf ich nicht nach dem Herrn Doctor Gisbertus....“ „Nein!— Geh!“ unterbrach ihn die haſtige Antwort des Kaiſers. Balthaſar ging. Die Thür des kaiſerlichen Arbeits⸗ zimmers ſchloß ſich hinter ihm. Er ſchwankte ins Vor⸗ zimmer. „Alter Vater, was iſt Euch?“ fragte Nathanael ihn beſtürzt, als er eintrat. 103 Doch der Greis winkte ihm nur mit der Hand zurück, ertheilte die Aufträge nach den Befehlen des Kaiſers und beſchloß ſie mit den Worten:„Wir müſſen die Nacht über Alle hier wach bleiben.“ Er ſetzte ſich in ſeinen Lehnſeſſel.— Bald übermannte ihn die Müdigkeit— er nickte ein. Die andern Diener ſchliefen gleichfalls.— Die Kerzen brannten trübe. Es regte ſich kein Laut. —— Zwei Stunden waren vergangen. Da ließen ſich Schritte vom Zimmer des Kaiſers her hören. Bal⸗ thaſar mit ſeinem leiſen Ohr vernahm ſie, fuhr aus dem Halbſchlaf und rief die Diener wach. Lamormain trat ein. Alle ſprangen auf. Ernſt, ſchweigend ſchritt der Beichtvater durch das Ge⸗ mach. Die Diener ſtanden tief verbeugt. Balthaſar leuch⸗ tete ihm vor.„Den Wagen für Se. Hochwürden“, befahl er. Ein Lakai eilte voran. Lamormain grüßte mit leiſem Kopfnicken. Man hörte den abrollenden Wagen. Es ſchellte ſtark im Gemach des Kaiſers. Balthaſar eilte dahin. Nach zwei Minuten kam er zurück. „Nathanael!“ rief er haſtig,„ſogleich zum Leibarzt! Zum Doctor Gisbertus. Er ſoll auf der Stelle kommen!“ Dreiunddreißigſtes Buch. — 9 Vierundzwanzigſtes Capitel. Am 13. Juni des Jahres 1621, einem Sonntage, konn⸗ ten die evangeliſchen Kirchen Prags das dichte Gedränge der vielen Tauſende nicht faſſen, die ſich auf die Knie warfen, um das Erbarmen des Himmels anzuflehen, wo menſchliches Erbarmen nicht zu hoffen war; jener Tau⸗ ſende von Schmerz Gebeugten, die ſich an den Wor⸗ ten des Troſtes, welche ihnen ihre würdigen, unerſchrocke⸗ nen Geiſtlichen aus dem Evangelium zuriefen, zu erheben trachteten, da die tröſtende Kraft in der eigenen Bruſt ihnen verſiegte! Mit dem nächſten Morgen aber begann die durch un⸗ beugſamen Rathſchluß über die unglückſelige Stadt verhängte. „Woche des Wehs“. Denn an dieſem Tage verlautete es zuerſt, daß das Urtheil über die Gefangenen ge⸗ ſprochen, und daß es vom Kaiſer beſtätigt aus Wien zurückgekehrt ſei. Nur dunkle Vermuthungen waren bis dahin im Umlauf geweſen über das Schickſal Derer, an welchen zwei Drittheile der Bewohner Prags und Böh⸗ mens den heißeſten Antheil der Liebe und Verehrung nah⸗ men; denen Mitleid und Achtung von allen Uebrigen des 108 ganzen Landes gewidmet wurde. Wenige Haßverhärtete und die niedrigſte Hefe des Volkes ausgenommen! Als letzte bleiche Sterne der Hoffnung ſchimmerten in den Ge⸗ müthern Derer, die in der tiefſten Bekümmerniß um die edlen Angeklagten waren, einige Gerüchte auf von Milde⸗ rungen, welche das Gewiſſen oder die Gnade gewährt habe. Gnade! O ſüßes, ſegensvolles Wort, das noch allein den Regenbogen der Hoffnung in die bitterſten Thrä⸗ nen ſchimmern ließ! Aber war es die Gnade, die mit warmem Hauch die eiſigen Feſſeln der Strenge ſchmilzt und die bangen Herzen großmüthig erlöſt aus der furchtbaren Qual? Durften die in Trauer Gebeugten hoffen, ihre Theuren, Verehrten auferſtehen zu ſehen aus der dunklen Gruft der Gefängnißöde zum freien Licht der Heimatſonne, zur Rück⸗ kehr in die Arme ihrer Lieben? O, wiegt euch nicht in zu ſüße Träume, daß ihr beim Erwachen nicht um ſo furcht⸗ barer in den ſchroffen Abgrund des Entſetzens ſtürzt, der ſich neben euch öffnet!—— Die Gaſſen Prags waren wie erſtorben. Es drückte in den ſchönſten Tagen des Roſenmondes wie ein ehernes Gewölk über der Stadt, unter dem die Bruſt nur mit Be⸗ klemmung athmete. Wo ſich Freunde ſtill hinſchleichend an den Häuſern be⸗ gegneten, hafteten ihre ängſtlich fragenden Blicke anein⸗ ander; doch Keiner vermochte den Schleier des finſtren Ge⸗ heimniſſes zu heben. Die Ahnung, der Schrecken drang deſto tiefer, mit verſteinerndem Grauſen in die Bruſt! Die entſetzlichen Bilder der an Martin Frühwein's Leich⸗ nam vollzogenen Greuel ſchwebten noch vor Aller Augen. Ein fieberhaftes Grauen durchbebte jedes Herz, ſie an Lebenden, an verehrten Theuren ſich erneuern zu ſehen! 109 Wehe, daß Diejenigen, welche das Aeußerſte fürch— teten, der Wahrheit am nächſten waren! Zu ihnen gehörte Lippach, der durch Volkmar's ge⸗ heime Benachrichtigungen einen flüchtigen Blick unter die Hülle, die das Entſetzliche noch verdeckte, gethan hatte. Doch er begrub das ſchauerliche Geheimniß tief in der Bruſt. Die Hoffnung, daß dennoch ein Strahl der Gnade das ſchwarze Gewölk durchzittern könne, bewog ihn, mit keinem Andern die bange Laſt ſeines Wiſſens zu theilen. Doch ſtarb ſein eignes Hoffen hin an Dem, was er wußte, und an Dem, was bereits geſchehen war! Auch ein neuer, bittrer Schmerz nagte an ſeiner Bruſt. Der Sinn des vertrauten, einſt ſo feſten Freundes Baſi⸗ lius war nunmehr völlig gebrochen unter der langen Pein der drohenden Schrecken. Die prieſterlichen Eiferer hatten ſich ſeiner zerrütteten, kranken Seele bemächtigt; er wankte— wankte im Glauben aus Furcht— er war dem Abfall nahe! Das reine Licht ſeines Geiſtes war ver⸗ dunkelt; er taumelte halb irr; ſeine Kraft war unterhöhlt. Kerker, Marter, Hochgericht waren als unverſcheuchbare geſpenſtiſche Bilder ſeiner Zukunft vor ihn hingetreten, und die fanatiſchen Diener der Kirche verſäumten nicht, das bleiche Licht der Schrecken in das verworrene Dunkel dieſer ſchauerlichen Vorſtellungen zu werfen. So war er nach und nach in ihre umſpinnenden Netze geſunken und empfing Unterricht und Lehre durch jeſuitiſche Väter.*)— Lip⸗ pach konnte nicht mehr zu ihm gelangen; der Rettungshand, die ſich ihm durch dieſen unerſchütterten Freund entgegen⸗ ſtrecken wollte, wehrten Mauern und Riegel.— Dies zehrte tief an ſeinem bekümmerten, reingläubigen Herzen. *) Hiſtoriſch. Jeder Tag brachte ein neues, ſchauerliches Gerücht über das Schickſal einzelner Gefangenen, ſowie über das ge⸗ ſammte Los Aller. In der Mittwoche verlautete es mit Beſtimmtheit, daß auf dem Schloß der Gerichtsſaal eingerichtet werde, wo die Gefangenen alleſammt, ſowol die der Gefängniſſe dro⸗ ben auf dem Hradſchin als die im Rathhauſe der Altſtadt ihr Urtheil vernehmen ſollten. Die Angeklagten wurden jetzt abgeſchiedener gehalten als jemals. Frühwein's Flucht aus Kerker und Leben zugleich mochte mit Theil daran haben. Aber auch die Nähe der Richterſtunde! Nur die Abgeſandten der Jeſuiten und der Kapuziner, die die See⸗ len der Verzagenden zum Uebertritt peinigen ſollten, wur⸗ den zu ihnen gelaſſen. Gerüchte liefen emſig verbreitet um, daß die Glaubensfeſtigkeit der Unglücklichen erſchüttert werde. Zu der Angſt und dem Gram der Ihrigen um ihr irdiſches Los geſellte ſich noch die bängere Sorge um ihr ewiges. Die quälende Furcht, daß ein verzagter Abfall von der Wahr⸗ heit zu dem namenloſen Schmerz noch die Schmach fügen könne!— Es gab kein Mittel, dieſe ſchwerſte Befürchtung zu heben. Denn nicht die Gattin durfte den Gatten, nicht der Sohn den Vater, nicht der Bruder den Bruder mehr ſehen! Jakob Steffeck war in ſtarren Tiefſinn verſunken durch zehn Tage der Qual, ſeit welchen er ſeinen Bruder nicht mehr geſehen! Am Mittwoch Abend kam der Rathszimmermeiſter Duſſek in das Haus des Pfarrers Lippach. Seine ver⸗ ſtörten Geſichtszüge verkündigten nichts Gutes, Allein man war gewöhnt an Unheilsbotſchaften. Nur die guten hatte man zu empfangen verlernt! Er verlangte Lippach allein zu ſprechen. Mit herzlich dargereichter Hand wurde er empfangen. 111 „O, Herr Pfarrer“, begann er mit zitterndem Tone, „ich beſorge, jetzt bricht das Schrecklichſte über uns herein!“ „Lieber Duſſek“, erwiderte Lippach ernſt und gefaßt, „hätten wir uns denn andern Loſes zu gewärtigen? Der Gott der Gnade muß unverlöſchlich unſer Licht ſein in dieſer Finſterniß des Todesthals!“ „Wo hätten wir auch noch Troſt als dort!“ entgegnete Duſſek gen Himmel blickend.„Aber auf Erden wird es immer ſchwärzer. Dieſen Mittag bin ich aufs Rathhaus beſchieden worden. Ich ſollte angeben, wie raſch und wie theuer ich ein ſtarkes Gerüſt von vier Ellen Höhe und zweiundzwanzig Schritten im Geviert anfertigen könne...“ „Ich errathe den Zweck!“ ſprach Lippach erſchüttert. „Ich entſchuldigte mich, daß ich keine Geſellen habe in der ſchweren Zeit.... Doch es waren noch mehrere Mei⸗ ſter beſchieden, und jetzt ſchon wird im Zimmerhof hiernächſt auf dem altſtädter Ring daran gearbeitet.— Am Freitag ſchon ſoll es vor dem Rathhauſe aufgeſchlagen werden.“ „Das Schaffot alſo!“ ſprach Lippach tonlos und ſchauerte zuſammen. „Das Schaffot“, wiederholte Duſſek. Die Thränen rollten dem feſten, ſtarken Mann über die Backen. „Dein Wille geſchehe!“ ſagte Lippach ergeben. Sie ſtanden lange ſtumm einander gegenüber. „Am Freitag“, begann endlich Lippach wieder.„Ueber⸗ morgen ſchon! Wird man denn den Unglücklichen nicht ein⸗ mal den geiſtlichen Beiſtand und Troſt geſtatten?— Iſt denn jegliches heilige Gefühl der Menſchlichkeit in unſeren Feinden erſtorben?“ „Ich glaube nicht, Herr Pfarrer“, meinte Duſſek,„daß am Freitag ſchon ein Urtheil vollzogen wird.— Vor dem ſpäten Abend kann das Gerüſt nicht fertig aufgeſtellt ſein. 112 Dann muß es noch mit ſchwarzem Tuche bedeckt werden. So iſt's beſtellt.“ „Alſo Sonnabend?“ „Ich denke, auch Sonnabend nicht“, ſagte Duſſek aber⸗ mals,„denn es werden noch Vorkehrungen auf dem Schloß in der Reichshofrathſtube, wo das Gericht ſtatthaben ſoll, getroffen, die erſt Freitag Abend fertig ſein ſollen. Ein Thron wird aufgeſchlagen für den Fürſten Liechtenſtein, der der Vertreter Sr. kaiſerlichen Majeſtät iſt, und Sitze für alle Richter. Ich denke alſo, es wird wol erſt Sonn⸗ abend der Richterſpruch erfolgen.“ „Der heilige Sonntag kann doch nicht zum Tage des Blutgerichts werden!“ rief Lippach aus. „Montag wäre aber möglich!“ verſetzte Duſſek. „So müſſen wir Geiſtliche Alles thun, um Zutritt zu den gefangenen Glaubensbrüdern zu erhalten“, antwortete Lippach mit Entſchloſſenheit,„daß wir ihnen in der letzten ſchweren Stunde zur Seite ſind!— Ich will auf der Stelle mit meinen Amtsgenoſſen ſprechen.“—— Tief niedergeſchlagen, doch zugleich in glaubensfreudiger Entſchloſſenheit verließ der Pfarrer alsbald mit Duſſek das Haus.—— 3 —— Am nächſten Morgen ſah Prag einer eben er⸗ oberten Stadt gleich, die der Feind mit ſeinen Truppen beſetzt. Das ſcheue Gewiſſen der Blutrichter fürchtete einen Ausbruch der Verzweiflung. Darum wurde die Beſatzung der Stadt, da viele der Kriegsvölker draußen gegen die Grenzen hingezogen waren, durch ſächſiſche Reiter ver⸗ ſtärkt. Es ritten, während die Bürger mit ängſtlichem Grauen zuſchauten, ſieben Cornet ſächſiſcher Reiter in die Stadt ein, die der Herzog von Lauenburg befehligte. Der lange, ſtumme Zug bewegte ſich über die Moldau⸗ 113 brücke und beſetzte die Altſtadt und Neuſtadt. Auf dem Ring der Altſtadt vorm Rathhauſe machte ein Cornet Halt, ſaß ab und hielt den Platz beſetzt. Die andern vertheilten ſich auf andere Poſten und Plätze. Der Verkehr in der Stadt blieb ungehemmt, doch überall von dieſer finſter er⸗ hobenen, eiſernen Fauſt bedroht.. Scheu umkreiſeten die Bürger die kriegeriſchen Schaaren auf dem Markte und richteten die bangen Blicke auf das alte Gebäude des Rathhauſes, hinter deſſen Mauern ſo viele theure verehrte Männer der Stunde ſchwerer Entſcheidung entgegenharrten. 4 Die Herzen Derer draußen ſchlugen angſtvoller als Derer in den Gefängniſſen! Denn dieſe hatten ſich mit dem Entſchluſſe gewaffnet, durch ihren Tod den Ihrigen noch ein höheres Beiſpiel edler Geſinnung zu geben als durch ihr Leben.—— —— Am nächſten Tage ſammelten ſich die Bürger ſchon in der erſten Frühe auf dem Ring. Schreckenvolle Gerüchte hatten ſich am Abend durch die Stadt verbreitet. Während der Nacht ſchon ſolle das Schaffot vor dem Rath⸗ hauſe aufgerichtet werden. Viele fürchteten, dieſer Tag werde der der Vollziehung der ſchreckenvollen Richterſprüche ſein, die noch Niemand mit Sicherheit kannte, die aber in dunklen Muthmaßungen und heimlichen Zuflüſterungen von Ohr zu Ohr liefen. Die mit der Morgenſonne auf dem Markte Eintreffen⸗ den gewahrten mit zitterndem Grauen an der Seite des Rathhauſes, der Theinkirche gegenüber, viele Hand⸗ werker ſchon in Arbeit. Sie legten Zimmergebälk zurecht und fügten es ineinander. Die Arbeit geſchah in dumpfer Stille; nur das Nothwendigſte wurde halblaut geſprochen. Die Meiſter und Aufſeher gingen anordnend, gemeſſen ernſt ——— 114 zwiſchen den Arbeitern umher; auch ſie geboten nur leiſe, was geſchehen ſolle.— Die gleiche bange Stille ſchwebte über den dunklen Schaaren der Männer, die dem Werke von weitem mit beklommener Bruſt zuſchauten. Es wurde nur geflüſtert; verſtohlen deutete zuweilen Einer oder der Andere hinüber zu dem Schauplatz, wo die finſtre Stätte bereitet wurde. Mancher leiſe Seufzer entſtieg der Bruſt, wurde aber ſchnell unterdrückt, wo der Blick dem argwöhniſch ſpähenden Auge der aufgeſtellten Wachen be⸗ gegnete, die mit den Piken über der Schulter an den Bür⸗ gern auf⸗ und niederwandelten und ſie in gemeſſener Ferne von den Arbeitern hielten. Mitten auf dem Platze hatten die Reiter ihre Lager⸗ ſtätte aufgeſchlagen. Allein auch dort war Alles ſtill, und nur das einzelne Stampfen und Schnauben der Pferde, oder dann und wann ein ſtrenges Wort des Dienſtes ließ ſich vernehmen. Jeder Kommende verbreitete unter den Zuſchauenden irgend eine neue, ſchreckende Nachricht oder Muthmaßung. Klein Kreiſe von Männern traten flüſternd zuſammen; in den Zügen las man ängſtliche Fragen und Antworten. Doch ſcheu fuhren ſie auseinander, ſobald ein Gewaffneter dro⸗ hend hinüberſchaute oder mit der gehobenen Pike näher trat. Ein Mann, bleichen Angeſichts, mit verworren herab⸗ hängenden Haaren ſchlich matt durch die Menge hin. Zwei Bürger begleiteten ihn und ſchienen ihm Muth und Troſt zuzuſprechen. Er ſchüttelte immer den Kopf; Thränen roll⸗ ten ihm über die Wangen. Es war Jakob Steffeck. Der Unglückliche hatte ganz den Muth verloren; jede Spann⸗ kraft der Seele hatte aufgehört. Der bittre Schmerz, die Sorge, der Schrecken, die nun ſchon ſo lange andauerten, hatten viele der Kräftigſten erſchöpft. Es war der ſchwerſte 115 Fluch, daß unter dieſer übergroßen Laſt ſelbſt die ſtärkſten Gemüther erlagen und gänzlich gebrochen wurden. So Jakob Steffeck, der, wie betäubt, Alles ſtumpf über ſich ergehen ließ und kaum den nächſten Zuſammenhang der Gedanken bewahren konnte. Er ſchlich von den beiden Bür⸗ gern geſtützt, an ſeinem eignen Hauſe am Ring hin und ſchaute mit ſtumpfen Augen hinüber zu den Zimmerleuten, die das Blutgerüſt aufbauten.„Wo iſt denn mein Bruder?“ fragte er;„iſt er ſchon da drüben?“ „Laßt's gut ſein, Nachbar“, ſagte ihm einer der Be⸗ gleiter,„Euer Bruder wird dort nichts zu ſchaffen haben!“ „Ja, ja!“ antwortete er matt,„ich vergaß nur, daß er noch immer gefangen ſitzt!“— Er blickte von neuem ſtarr hinüber; dann ſchien die Wahrheit wieder klar in ihm aufzuwachen; er faltete die Hände über der Bruſt und ſagte mit gebrochener Stimme:„Ach, ich beſinne mich— ich weiß ja wie Alles ſteht!“ Lippach kam an der Seite ſeines Amtsbruders, des böhmiſchen Geiſtlichen Roſacius, daher. Als Jakob Stef⸗ feck ſie gewahrte, machte er ſich von ſeinen Begleitern los und eilte auf Lippach zu. Dieſer ſchloß ihn liebreich ans Herz und ſagte ihm ſanft:„O, Lieber, wendet Eure Ge⸗ danken zu dem Herrn, der unſer Aller Troſt iſt in dieſer Trübſal! Dort werdet Ihr Faſſung und Kraft gewinnen, was uns auch bevorſtehe!“ Jakob Steffeck brachte nur mit mattem Ton die Worte heraus:„Ach, mein Bruder!“ „Klaget nicht allzu verzagt um ihn, mein Lieber! Er wird die Krone des Heils erwerben! Glaubet mir, keiner von Denen, die für die heilige Sache ſterben, wird Die⸗ jenigen beneiden, die er zurückläßt! Wenn die Stunde kommt, werden ſie voll freudiger Zuverſicht ſein; ſie werden 116 nicht unſeres Troſtes bedürfen, ſondern wir des ihrigen. Darum verzaget nicht, herzlieber Freund, über das Los Eures würdigen Bruders!“ Die ſanften, zuverſichtlichen Worte Lippach's drangen wie ein Strahl von Licht und Wärme in Steffecks gebrochene Bruſt; er fing an heftig zu zittern und brach in einen Strom von Thränen aus. „Nicht hier“, ließ eine tiefe Stimme ſich leiſe hören; es war Duſſek.„Die dort“, er blickte auf die Soldaten, „ſpähen wie die Falken überall hin.— Tretet lieber in Euer Haus, Steffeck!“ „Wie Ihr wollt!“ erwiderte er ſanft und ließ ſich ge⸗ duldig hineinführen.„Ich fühle neue Kraft und Zuver⸗ ſicht durch Eure frommen Worte“, ſagte er zu Lippach und drückte dankbar deſſen Hand.„Wollt Ihr nicht mit ein⸗ treten?“ bat er ihn. Dieſer lehnte ab.„Wir wollen verſuchen“, ſagte er mit Beziehung auf Roſacius,„die Erlaubniß zu gewinnen, noch heut die Gefangenen beſuchen zu können. Dann ſollt Ihr auch von Eurem Bruder vernehmen, lieber Steffeck!“ Sie trennten ſich.—— So wohnte der Schmerz an jedem Herde, in eines Jeg⸗ lichen Bruſt; aber Troſt und gläubiges Vertrauen über⸗ wanden ihn im edlen, erhebenden Siege.—— Am Freitag Abend wurde es ſicher kund:„Morgen iſt der Tag des Gerichts!“ Das Urtheil wird geſpro⸗ chen auf dem Schloß. Die Nachricht flog von Mund zu Munde. Bevor eine Stunde verging, war kein Haus, kein Bewohner der Stadt, wohin ſie nicht gedrungen wäre. Sie traf die Herzen gleichmäßig mit der Erſchütterung des Schreckens und des Schmerzes. Betend ſanken die Fürch⸗ tenden wie die Hoffenden in die Knie und flehten den Himmel 117 an um Barmherzigkeit. In Todesbeklemmung harrte jede Bruſt dem Augenblick entgegen, wo nun endlich der dunkle Schleier ganz gehoben werden ſollte von den geheimnißvollen Schrecken, die ſo furchtbar drohten. Als der Morgen dämmerte, waren der große Ring, die Straßen zur Moldaubrücke und dieſe ſelbſt ſchon mit Bür⸗ gern erfüllt. Männer und Frauen, die in Trauerkleidung, ſtumm, angſtvoll den ſchauerlichen Vorgängen entgegen⸗ harrten. Eine lange Reihe ſchwerfälliger, dichtgeſchloſſener Kut⸗ ſchen, jede von Reitern und Musketieren begleitet, führte die Gefangenen vom altſtädtiſchen Rathhauſe auf den Hrad⸗ ſchin. Die Bürger wurden weit abgehalten. Die Brücke war geſperrt, ſolange der Zug ſich darüber bewegte. Bang heftete ſich der verweinte Blick der Gattinnen, Söhne, Töch⸗ ter, Brüder auf jeden einzelnen Wagen; es hoffte Jeder ein theures Antlitz, wenn auch nur einen einzigen Augenblick, wiederzuſehen! Vergeblich! Wie eine Reihe von Särgen bewegten ſich die dunklen Behältniſſe im langſamen Trauer⸗ zuge dahin; Särge, in denen Lebende eingeſchloſſen waren! Es ſchien als würden ſie ſchon beſtattet, bevor ſie das Auge geſchloſſen hatten— war es doch nur noch eine Spanne Zeit bis dahin!. Die Volksmenge drängte, ſobald die Brücke wieder frei war, dem Zuge nach zum Hradſchin hinauf. Das Schloß, die Räume davor waren abgeſperrt. Der dichte Kreis der Angſtvollen mußte in weiter Abwehr der Entſcheidung harren. Was in den düſtren Mauern Düſtreres vorging, erfuhr Nie⸗ mand, außer den Richtern....... und den Ver⸗ urtheilten! — ᷣ— ——— 118 Fünfundzwanzigſtes Capitel. *) Ein Thron, mit blauem Sammet bezogen, war in dem Gerichtsſaal aufgerichtet und Seſſel für alle Richter zu beiden Seiten deſſelben aufgeſtellt. Der Fürſt Karl von Liechtenſtein ſaß auf dem Richterthron! Zunächſt der Obriſtburggraf Graf Adam von Waldſtein; dieſem zur Seite in zwei Reihen der Präſident des Appellations⸗ hofes zu Prag, Friedrich von Tallenberg; der Reichs⸗ hofrath Wilhelm Läming; Chriſtian Wratislav von Mitterwitz, Rath und Hauptmann der Kleinſeite; der Reichshofrath Johann Wenzel von Fleiſſenbach, Melchior Zünſen von Rappach, die niederöſterreichi⸗ ſchen Regimentsräthe Kaspar Schwabe und Paul Ello. Die beiden Räthe und Doctoren der Rechte, Daniel Kapper von Kapperſtein und Doctor Otto Melander, hatten als die Gerichtsſecretäre beſondere Plätze weiter vorn. Die Angeklagten wurden einzeln in den Saal geführt. Sie ſchritten würdig, ungebeugt daher und nahmen ſchwei⸗ gend ihre Plätze ein. Doctor Melander las die allgemeinen Anklagepunkte in böhmiſcher, Doctor Kapper in deutſcher Sprache vor. Sie wurden in lautloſer Stille angehört. Doch dunkle Falten des Unwillens furchten oftmals die Stirn der edlen Männer bei den Stellen, die ihnen Verbrechen Schuld gaben, die ſie nie begangen— Geſinnungen unterlegten, die ſie nie gehegt hatten.— Jetzt erhob ſich Fürſt Karl Liechtenſtein. *) Hiſtoriſch. 119 Mit finſter gerunzelter Stirn ſprach er die Worte:„Ange⸗ klagte! Ihr werdet jetzt euer Urtheil vernehmen. Die Rich⸗ ter haben ſtrengere Sprüche über das Haupt der Schuldi⸗ gen fällen müſſen. Die unerſchöpfliche Gnade Sr. Majeſtät des Kaiſers hat ſie jedoch gemildert. Mögen die Strafbaren dies in Dankbarkeit anerkennen.— Hofrath Doctor Me⸗ lander, leſet die Urtheile*): Er begann:„Wilhelm Popell von Lobkowitz, Paul von Reziczan. Das Urtheil des Gerichtshofes lautet auf Hinrichtung mit dem Schwert!“ Ein Blick des Unwillens flammte aus dem Auge des ſtolzen Olbramowitz; er ſah ſich um wie ein Löwe, den ein Pfeil getroffen. Ernſt, unbeweglich ſaßen die Uebrigen. Lobkowitz und Reziczan blickten den Richtern feſt ins Auge. „Sr. Majeſtät Gnade“, fuhr Melander fort,„hat den Spruch zu lebenslänglicher Gefangenſchaft gemildert. Die Güter der Schuldigen ſind der Krone verfallen!“ Ein ſtolzes Lächeln ſpielte um die Lippen der Ver⸗ urtheilten bei dieſem Gnadenſpruch! Schmerz und Zorn war in den Zügen der Uebrigen ausgedrückt. Melander, der das Auge über den Kreis der Ange⸗ klagten hinſchweifen ließ und die hohe würdige Haltung derſelben ſah, wurde wankend in der dreiſten Sicherheit, mit welcher er ſein Amt begonnen hatte. Doch fuhr er mit ſtrenger Miene fort: „Joachim Andreas Schlick von Holeycz, Graf von Paſſaun und Loket— der Graf ſtand auf— iſt aller Güter, der Ehre und des Lebens verluſtig erklärt. Auf der Richtſtätte wird ihm die rechte Hand abgehauen.“ Ein Schauer der Empörung durchflog die Angeklagten. *) Sammtlich hiſtoriſch. 120 „Darauf ſoll er geviertheilt und die Theile ſeines Leibes nach den vier Weltgegenden auf einem Kreuzweg aufgehangen werden.“ Starres Grauen und Todesſtille im Saale. Wenzel von Budowa, dem Grafen am nächſten zur Seite, faßte im krampfhaften Schmerz deſſen Hand. Der Graf ſtand in unerſchütterlicher Ruhe und blickte aus mil⸗ den Augen umher. Melander fuhr fort:„Die Gnade Sr. Majeſtät mil⸗ dert den Urtheilsſpruch auf Enthauptung. Doch ſoll des Schuldigen Haupt und die abgehauene Hand auf dem Thurme der prager Brücke im eiſernen Korbe zur ewigen Warnung aufgeſteckt werden.“ Schmerz, Schauder und Empörung wechſelten in den Zügen der Angeklagten. Olbramowitz' Feuerſinn vermochte ſeine Zunge nicht zu zähmen:„Sie fügen zur Grauſam⸗ keit den Schimpf; er wird auf ſte zurückfallen!“ ſagte er zu Schlick gewandt. „Levis est jactura sepulchri“*), erwiderte der Graf mit ſanftem Ernſt.— Er würdigte ſeine Richter keines Blicks, keines Worts; ſchweigend ſetzte er ſich nieder. „Wenzeslaus Budowecz von Budowal!“ rief Me⸗ lander auf. 1 Budowa erhob ſich langſam vom Seſſel. „Wenzeslaus von Budowa“, las Melander,„iſt der Güter, der Ehre und des Lebens verluſtig erklärt. Ihm ſoll zuerſt die rechte Hand, dann das Haupt durch den Scharfrichter mit dem Schwerte vom Rumpf getrennt, ſein Leib geviertheilt und an Pfählen auf die Scheide⸗ wege ausgeſtellt werden.“ *) Hiſtoriſches Wort. 121 Ein tiefer, unbeſchreiblicher Schmerz war in den Zügen aller Mitangeklagten zu leſen, als auch dieſen würdigen Greis, deſſen hohe Gelehrſamkeit in ganz Europa verehrt wurde, der ein Vorbild der reinſten Tugend, des mildeſten Wohlwollens war, ein ſo ruchloſes Urtheil traf. Er aber blieb edel aufgerichtet; ſeine ſanften Züge ver⸗ änderten ſich nicht. „Die Gnade Sr. kaiſerlichen Majeſtät hat den Spruch auf einfache Enthauptung gemildert. Der Kopf des Verbrechers ſoll auf dem Brückenthurm aufgeſteckt wer⸗ den“, las Melander. So folgte Blutſpruch auf Blutſpruch; die hervorragend⸗ ſten Häupter, ſiebenundzwanzig an der Zahl, der Stolz Böhmens in Ritterlichkeit, Gelehrſamkeit, Weisheit und Tu⸗ gend, wurden gefällt durch das unbarmherzige Richtſchwert, deſſen Griff die Rache führte.*) Nur die verruchteſten Grauſamkeiten, zu jeglicher Zeit eine Entehrung der Menſch⸗ heit, hatte des Kaiſers Hand aus den meiſten Urtheils⸗ ſprüchen geſtrichen. Doch nicht aus allen!—— Alle Verurtheilten empfingen den Spruch mit gleicher Ruhe, Würde, Hoheit! Olbramowitz warf den Richtern einen ſo mächtigen Blick ſtolzer Verachtung hin, als das Urtheil ihn vom Viertheilen zur Enthauptung be⸗ gnadigte, daß ſie das Auge verwirrt abwenden mußten. Der gleiche Spruch, mit der gleichen Milderung, war über Bohuslav von Michalowitz, Otto von Loß und *) Haber von Habernfeld,„De Bello bohemico“, p. 61:„Non lmperatore id ipsum jubente, qui nunquam sitibundus hu- mani sanguinis erat, sed istis ipsis qui e fenestra volitarunt sententiam dicentibus.“. Rellſtab, Drei Jahre. V. 2. 6 122 Friedrich von Bila gefällt, drei Männer, die an Ein⸗ ſicht, Kenntniß, Maß, frommer Standhaftigkeit und Hoch⸗ ſinn miteinander wetteiferten. Das Blutgericht über die Freiherren und Ritter war vorüber. Keinem war der Muth geſunken. Alle ſtan⸗ den ſie ungebeugt durch ihr Geſchick und erhoben über ihre Richter.— Nichts gaben ihnen die würdigen Männer des Bürgerthums nach, denen jetzt das blutige Los verkündet wurde. Die gelehrten, geſchäftskundigen Männer Tobias Steffeck, Valentin Kochan; der heldenmüthige Greis unter den verurtheilten Bürgern, der bejahrteſte, Chri⸗ ſtoph Köober, der rechtliche fromme Johann Schultis, Bürgermeiſter zu Kuttenberg, ſein Genoſſe im Amte, Ma⸗ rimilian Hoſchtialek, der von frommer Begeiſterung flammende Johann Kutnaur, Rathsherr in Prag— ſie und Alle ihre Freunde und Genoſſen, ſiebenzehn an der Zahl, nahmen getroſten Muthes das Martyrthum auf ſich. Bei jeglichem Urtheil hatte die Seele der Angeklagten ſich mit edlem Stolz erhoben. Drei Bluturtheile aber er⸗ ſchütterten auch die Stärkſten mit ſchauernder Gewalt. Als der Name Jeſſenius von Jeſſen aufgerufen wurde, blickten ſie Alle auf den Mann hohen Muthes und hoher Wiſſenſchaft, welcher Böhmen mit dem Ruhme ſeines durch ganz Europa ſtrahlenden Namens verherrlichte und der heiligen Sache des Landes die unermüdlichſten Dienſte ge⸗ leiſtet hatte. Auch dieſes ehrwürdige Haupt ſollte fallen! Nicht genug! Unerhörteſte Schmach und Grauſamkeit wollte man darauf häufen; die grollende Rache hatte getrachtet, ſich durch greuliche Mishandlung zu ſättigen. Sein Urtheil lautete:„Es ſoll ihm bei lebendi⸗ gem Leibe vom Henker die Zunge ausgeſchnitten, ſein Leib geviertheilt und die Viertheile an den 123 Scheidewegen beim Hochgericht auf Pfähle ge⸗ ſteckt werden.“ Die Begnadigung! war:„Ausſchneidung der Zunge vor der Enthauptung, danach Viertheilung des Leichnams, Ausſtellung der Körpertheile auf den Kreuzwegen der Richtſtätte, Aufpflanzung des Hauptes ſammt der Zunge auf dem Brücken⸗ thurm von Prag!“ Dieſes ſchaudervolle Urtheil drang mit erſtarrendem Grauen in die Bruſt Aller! Hier konnten die Flügel der Seele ſich nicht erheben über die Schrecken des Todes, über die Nichtigkeit des Lebens; nur ein gräßliches Bild trat vor das innere Auge und lähmte jeden Nerv mit ſtarrer Be⸗ täubung. Jeſſenius behielt ſeine ſanfte Würde; er blickte ver⸗ trauend auf zum Himmel, dann ſchwebte ein hohes Lächeln um ſeine Lippen, das den Richtern ſagte:„Ihr ſeid unglücklicher als ich.“ Gleiches Entſetzen erfüllte die Anhörenden bei dem blu⸗ tigen Marterſpruch gegen Nikolaus Diewiß, den red⸗ lichſten der Männer, den eifrigſten im Dienſte des Vater⸗ landes: „Der Henker ſoll ihn mit der Zunge an den Galgen nageln! Eine Stunde ſoll er die Schmach und Marter erleiden; dann auf ewig in die Kerker von Raab!“ Verſtümmelt, in Ketten, lebendig begraben!—— Keinen unter den Verurtheilten traf der eigne Spruch mit tieferer Erſchütterung als der, welcher über den ſechs⸗ undachtzigjährigen Greis Kaspar Caplicz von Su⸗ lewicz erging. „Enthauptung!— aus Gnade! Das Haupt 6* 124 der blutigen Schauſtellung auf dem Brückenthurm zugeſellt!“ Alſo ſelbſt nach dieſen wenigen Tagen, die dem Pa⸗ triarchen noch beſchieden waren, griff die Rachgier, um den blutigen Durſt zu ſtillen?— Selbſt die ſichtliche Begna⸗ digung des Allmächtigen durch das höchſte Greiſenalter war euch nicht heilig? Auch hier wagtet ihr in gottvergeſſener Vermeſſenheit dem Arme des Ewigen vorzugreifen, der dem irdiſchen Pfade des Greiſes das ſpäteſte Ziel geſetzt hatte? Wähntet ihr ihn, der, an den äußerſten Grenzen der Bahn, ſich längſt ſehnte die ſchwere Wanderung zu vollenden, wähntet ihr dieſen Lebensmüden zu ſchrecken oder zu ſtrafen, daß ihr ihn den Ruf ſeines Schöpfers nicht ſtill erwarten ließet? Sehet da, wie er vor euch ſteht, nachdem er euren ruch⸗ loſen Spruch vernommen! Ein Heiliger, in deſſen Augen ſchon der Glanz des Jenſeits leuchtet, dem ſchon die goldne Glorie des Martyrthums um die Silberlocken duftet! Er blickt betend nach oben zu ſeinem himmliſchen Vater, läbel leiſe auf euch herab— und vergibt euch! Aber die Herzen ſeiner Brüder durchbrennt der tiefſte Schmerz! Sie brechen aus in heiße Liebesthränen! Von euch aber wenden ſie ſich ab mit edlem Zornesſchauer; im Tiefſten zitternd vor ſolchem Frevel und Haß, der nicht urückbebt vor der ſichtlichen, heiligſten Verkündigung des Allwaltenden ſelbſt! Um zwei Uhr Nachmittags war der letzte der furcht⸗ baren Urtheilsſprüche verkündet. Von ſechs Uhr Morgens an hatte das finſtre Strafgericht gewährt. Selbſt die Richter waren bis zur Kraftloſigkeit erſchöpft. Im Wechſel zwiſchen Angſt und Hoffnung harrte drau⸗ ßen auf den Plätzen vor dem Schloß und in den Gaſſen, die hinabführten, die Volksmaſſe; in ihr die Frauen, Kin⸗ der, Brüder, Schweſtern der Angeklagten. Viele weinten, Andere knieten und beteten; die Meiſten waren bleich und ſtumm. Die Harrenden erhielten keine Kunde von Dem, was drinnen geſchah. Erſt als der letzte der Urtheils⸗ ſprüche gefällt war, wurden die Thüren des Gerichtsſaales und der Zugänge zu ihm geöffnet. Nun drangen, wie auf un⸗ ſichtbaren Flügeln, die Schreckensbotſchaften hinaus in den Kreis des Volks von Mund zu Munde weiter! Worauf auch die Herzen gefaßt waren, die fürchterliche Wahrheit brach dennoch mit grauenvoller Gewalt herein! Lautes Weh⸗ klagen erſcholl; die Frauen ſchluchzten in Krämpfen und rangen die Hände; die Kinder warfen ſich weinend in die Arme der Mütter! Selbſt die Männer vergoſſen heiße Thränen und ſtanden bang, zitternd da, gelähmt von dem entſetzenvollen Ereigniß. Auf die Knie warfen ſich Hun⸗ derte, hoben die gefaltenen Hände aufwärts und riefen die Barmherzigkeit des Himmels an.*) **) Hiſtoriſch. 126 Jetzt rollte der erſte der verſchloſſenen Wagen wieder aus der Schloßpforte hervor; bald reihten ſich mehrere an. Denn die Gefangenen aus der Altſtadt wurden wieder in ihre Gefängniſſe dorthin zurückgeführt. Die Menge hätte ſich vor die Pferde geworfen, die Wagen aufgeriſſen, um zu erfahren, welche Opfer ſie enthielten; doch das Spalier der Bewaffneten wehrte ihnen mit vorgeſtreckten Hellebarden oder Schwertern. Niemand ſah wer wieder in den eeinſamen Kerker zu⸗ rückgeführt wurde. Und wohl den Verurtheilten, daß auch ſie nicht ſahen, wie das Volk um ſie jammerte, wie ihre Theuerſten niedergeworfen auf das Pflaſter der offnen Straße knieten und die Hände verzweifelnd rangen! Gott allein ſah Alle! Er ſah auch Die, welche Rechenſchaft zu geben hatten von dem Ungeheuren!—— „Das iſt der Fürſt! Der Fürſt Liechtenſtein! Der Oberrichter!“ flog es plötzlich murmelnd durch die Volks⸗ menge, als ein Wagen, mit vier ſchwarzen Roſſen beſpannt, ſichtbar wurde, der das Schloß verließ und den Weg nach der Altſtadt hinab einſchlug. Von allen Seiten drängten ſich die Volksmaſſen ihm entgegen, um ſich vor die Pferde zu werfen, ſie anzuhalten, und Gnade zu erflehen. Mütter mit ihren Kindern am Arm flogen haſtig über den Weg, Jungfrauen von Thränen bleich, eilten vollen Laufs dahin, die Männer drängten in Maſſen hinzu. Doch mit rauhem Zuruf und wilder That wurden die Andringenden zurück⸗ geſcheucht. Dumpfer Trommelwirbel erſcholl. Reiter ſpreng⸗ ten die Gaſſe hinunter und trieben die Harrenden zur Seite.— Ihr Andrang konnte abgewehrt werden; doch ihr ungehemmter herzzerſchneidender Flehensruf:„Gnade, Gnade!“ drang durch die Lüfte. 127 Der Wagen rollte vorüber!— Dieſem letzten, ver⸗ zweiflungsvollen Ausbruch des Wehs folgte die Er⸗ ſchöpfung.— Langſam, tiefgebeugt wankten die vergeblich zehn lange Stunden geharrt und gehofft hatten, nach Hauſe.—— Anm ſpäten Nachmittage ward ihnen ein Tropfen Balſam in die Schmerzenswunde. Es war den Verurtheilten geſtattet worden, die Ihrigen zu ſehen. Auch erhielten ſie die Erlaubniß den Beiſtand der Geiſtlichen ihres Glaubens zu empfangen. Das war der einzige wahrhafte Gnadenblick, der in die Nacht ihres Schickſals fiel, das einzige Zeichen, daß noch ein Funke der Menſchlichkeit in der finſtren Bruſt ihrer Verfolger dämmerte. Der Erlaß einiger der entſetzenvollſten Martern in der Hinrichtung konnte nicht in Anrechnung gebracht werden, da er mehr geſchah um den Vorwurf der abſcheuwertheſten Grauſamkeit von den Richtern abzuwenden, als aus einem menſchlichen Gefühl für die Verurtheilten. Dieſe wurden alſo nur derjenigen Milde theilhaftig, die Geſetz und hei⸗ liger Gebrauch den ſchwerſten Verbrechern ſeit Jahrhun⸗ derten zuſicherten, nachdem ihr Los entſchieden war.—— Lippach und ſeine Amtsgenoſſen hatten es hauptſächlich erreicht, daß jeder der Gefangenen, je nach ſeiner beſondern Glaubensrichtung, den Geiſtlichen wählen konnte, dem er ſeine letzten Augenblicke anvertrauen wollte. Nur Denen, welche den eigentlichen böhmiſchen Brüdergemeinden angehörten, die ſich in noch viel ſtrengern Satzungen von der katholiſchen Kirche ſchieden als die Utraquiſten und ſonſt Evangeliſchen, war es nicht geſtattet worden, daß ein Pfarrer ihrer Gemeinde ihnen den letzten Troſt ge⸗ währte. 128 Sie nahmen aber ohne Gewiſſenszweifel den Beſuch und Beiſtand der Geiſtlichen jener verwandten Glaubensbrüder an, da ſie trotz einiger abweichenden Meinungen dieſelben doch ſtets als wahre Brüder in Chriſto anerkannt hatten.*) Nur das Abendmahl wollten ſich zwei der edelſten Gefan⸗ genen nicht von jenen reichen laſſen, Wenzel von Bu⸗ dowa und Otto von Loß, auf daß Niemand einen Vor⸗ wand zu ihrer Verleumdung daraus entnehme; ſie getröſte⸗ ten ſich mit den Worten des heiligen Auguſtinus:„Glaube, ſo haſt du gegeſſen!“**)—— — Lippach hatte ſich mit allem Troſt und Muth des Glaubens gewaffnet zu den ſchweren Tagen, die ihm bevor⸗ ſtanden. Zur Abendſtunde des Verurtheilungstages waren er und ſeine böhmiſchen Amtsbrüder Johann Roſacius, Victorinus Werbensky, Vitus Jakeſch, Adam Clemens und Johann Hertvicius theils auf das Schloß, theils in die Gefängniſſe der Altſtadt beſchieden.—— Durch ein ſtilles, einſames Gebet bereitete ſich Lippach auf die wichtigen ernſten Worte ſeines Berufes vor. Als die Vesperglocken läuteten, trat er aus ſeinem Gemach. Er umſchloß mit ſanfter Umarmung ſeine treue Gattin; ſie küßte ihn ſtumm; ihr Gebet erhob ſich für ihn. Dann hatte er einen ſchweren Gang! Zu Rippell's un⸗ glücklicher Tochter! Denn auch ihr Vater war ver urtheilt. Doch nicht mit den Andern. Sein Proceß war abgeſondert geführt, weil er nicht wie Jene des Aufruhrs angeklagt war. Sein Urtheil hatte er im Gefängniß empfangen. Allein es lautete nicht minder grauſam als das ſeiner Unglücksgenoſſen:„Enthauptung, Abhauen beider *) Hiſtoriſch. *r) Hiſtoriſch. „ 129 Hände, und Befeſtigung von Kopf und Händen an die Mauer des altſtädtiſchen Rathhauſes!“ Agathe lag, ſeit dem Wiederſehen mit ihrem Vater an Margarethens Todtenbett, ſelbſt danieder; nicht ſowol krank als tief gebrochen und erſchöpft. Auch ſie wäre noch vor den Richter und in den Kerker geführt worden, wenn nicht Borbonius' Anſehen durch unwiderrufliche Bedingung jede Verfolgung von ihr fern gehalten hätte. Das Los ihres Vaters ahnte ſie zwar, als ein unabwendbares, und war darauf gefaßt; doch die Nachricht, daß es nunmehr entſchieden ſei, hatte ſie noch nicht empfangen. Lippach hatte die Aufgabe, unter deren Schwere ſein mitfühlendes Herz faſt erlag, ſie ihr mitzutheilen. Er hatte Thereſen gebeten, ſie darauf vorzubereiten, noch bevor er ſelbſt von dem ſchmerzlichen Troſt wußte, daß die Verurtheilten die Ihrigen ſehen durften; daher kannte dieſen auch Thereſe nicht. Sie ſaß im ſchwarzen Trauerkleide, das ſie ſeit Thekla's Tod nicht mehr abgelegt hatte, am Ruhebett Agathens. Sie kannte den vollen ſchrecklichen Spruch des Gerichts † auch über Rippell. Allein durch ehernen Entſchluß ſeit Monden gerüſtet, jedes Verhängniß der Gegenwart und Zukunft mit ungebeugter Seele zu ertragen, war ſie feſt in ſich für die härteſte Aufgabe. Dennoch war ihr Herz ſo weich von innerſter Theilnahme, waren ihre Worte ſo milde, daß Niemand der unglücklichen Tochter mit ſanfterer Liebe nahen konnte als ſie. Geharniſcht gegen ſich ſelbſt, war ſie zwiefach weich gegen fremden Schmerz. So hatte ſie denn auch jetzt den unvermeidlichen bittren Pfeil der Wahrheit mit leiſer, liebender Hand in Agathens Herz gedrückt.. Als Lippach die Thür öffnete, trat ſie ihm entgegen V und ſagte flüſternd in böhmiſcher Sprache:„Sie weiß nur —:;:;:B———— — — X 130 von der Enthauptung; das Gräßliche habe ich ihr ver⸗ ſchwiegen!“ Lippach erwiderte ebenſo:„Sie möge es nimmer er⸗ fahren!“ Darauf näherten ſich Beide dem Lager. Agathe ſaß aufrecht, die Hände über der Bruſt gefaltet; ſie blickte die Freunde mit feuchten Augen an, dann ſchaute ſie fromm nach oben. „Du thuſt wohl, meine liebe Tochter, daß du deinen Blick dorthin wendeſt“, redete Lippach ſie an;„dort iſt der Troſt, denn dort iſt das Wiederfinden!“ „Dort!“ wiederholte ſie innig. „Der liebende Vater im Himmel bereitet dir auch ſchon hier ein Wiederſehen, meine Tochter!“ Sie lauſchte. „Denen, über die das letzte Wort geſprochen iſt, iſt es geſtattet, die Ihrigen noch zu ſehen!“ „Wie? Wann?“ fragte ſie, und ein Freudenſchimmer leuchtete in ihren Augen. „Ich darf dich ſchon heut zu deinem Vater führen.“ „O, mein Gott, wie groß iſt deine Güte!“ rief ſie aus. Das ſchmerzlich ſelige Glück, den Vater noch einmal zu umarmen, durchſtrömte ſie mit neuer Kraft. 8 „Wie ſagtet Ihr?“ fragte Thereſe geſpannt zu Lippach gewandt,„iſt es den Verurtheilten allen erlaubt die Ihrigen zu ſehen,— auch ihre Freunde?“ „Jeden, den ſie verlangen!”“ „O, mein theurer Freund!“ rief Thereſe tief bewegt aus,„dann muß auch ich zu ihnen! Es ſind Männer verurtheilt, die ich in beſſern Tagen gekannt und verehrt habe! Ich möchte ſie nicht unaufgeſucht laſſen in der Stunde des Schreckens!“ * „Thereſe“, entgegnete Lippach,„bedenke welche Gefahren über deinem eignen Haupte ſchweben! Nicht Gerechtigkeit, Rache fällt dieſe Bluturtheile! Wilder glühender Haß un⸗ ſerer Glaubensfeinde! Die, deren Haupt jetzt fallen wird, ſind nicht die einzigen. Das Auge unſerer Verfolger ſpäht noch begierig nach neuen Opfern!“ „Sei es, mein Vater! Ich gehe dennoch!“ erwiderte Thereſe mit leuchtendem Blick.„Ich glaube nicht“, fuhr ſie bitter fort,„daß das Auge auf die niedre Tochter des Leibeignen fallen wird! Auch wird Niemand die verfallene Geſtalt in der düſtren Trauerhülle erkennen! Doch wenn auch! Wenn ſolche Männer ihr Haupt auf den Block legen, wer mag noch leben! Sagt mir, mein Vater, iſt es nicht eine Gnade des ewigen Gottes, eine Erlöſung, wenn er uns dieſen Märtyrern zugeſellt? Nein, keine Furcht des Todes ſoll mich zurückhalten, den Weg der Pflicht und Treue zu gehen! Die Freunde zu verlaſſen in der Stunde der Entſcheidung! Und wüßte ich auch nur ihrer Einen darunter, an dem ich ein einziges mal vorübergeſtreift wäre in glücklichern Tagen.... jetzt würde ich ihn aufſuchen, zu ſeinen Füßen niederſinken und ihm die Dankesſchuld be⸗ kennen in heißen Thränen!“ Sie hatte noch nicht das Wort vollendet, als Agathe, die ſich im Aufſchwung ihrer geiſtigen Kraft vom Lager er⸗ hoben hatte, ihr an die Bruſt ſank und weinend, begeiſtert rief:„Mit dir!— Wie du!“ Lippach betrachtete Beide, wie ſie ſich im heißen Schmerz umſchlungen hielten, voll Rührung; doch auch voll tiefen Danks gegen den Himmel, der durch die Schwere der Leiden alſo die Seele erhob und läuterte. Er ſchwieg; denn es gab nicht Worte, nicht Gründe gegen Thereſens hochſinnigen Beſchluß. Wolodna war eingetreten. „Ich bleibe an deiner Seite“, war das einzige Wort, welches er ſprach, als er Thereſens Vorſatz vernahm Somit gingen ſie gemeinſam. Die Zeit jeglicher engen Erwägung eigner Gefahr, eignen Schmerzes war vorüber. Siebenundzwanzigſtes Capitel. Um die ſiebente Stunde des Abends war den Verur⸗ theilten angekündigt worden, daß ſie am Montag in der erſten Frühſtunde das Schaffot beſteigen würden. Von jetzt an gehöre die Zeit ihnen, zum Abſchied von den Ihrigen und zur Vorbereitung ihrer Seelen, je nach ihres Glaubens Richtung, unter dem Beiſtand ihrer Geiſtlichen, auf das Gericht jenſeits. Auf dieſes blickten ſie im Bewußtſein ihrer Treue im Glauben, und ihrer Bußfertigkeit für jeden Fehl ihres Lebens, mit frommer Zuverſicht. Doch noch eine Pein hatten ſie zu erdulden. Sie mußten auch den Beſuch der Diener und Lehrer des Glau⸗ bens annehmen, von denen ſie ſich losgeſagt hatten. Der Eifer der römiſchen Kirche wollte ſich nicht zurückweiſen laſſen; er mußte durch die That zeigen, daß die Sorge um das Seelenheil der Opfer ſeine einzige, der ewige Antrieb alles ſeines Thuns geweſen ſei! Dem Auge dort verſchleiert ſich keine Wahrheit! Auch in dieſer herben Seelenpein bewährte ſich die Stärke und Klarheit der Märtyrer. Nicht einer wurde wankend, obgleich die Lockung goldner Verſprechungen nicht verſäumt wurde! Mancher hätte ſich durch ein einziges Wort des Abfalls den Kerker und eine freie Bahn des Lebens öffnen können! Doch Alle zogen die Treue vor, die ſie den Weg des Todes führte. Denn jenſeit der ſchauerlichen Kluft ſahen ſie das ewige Heil ſchimmern. Jeſſenius vor Allen war es, der mit der Kraft und Schärfe ſeines Geiſtes, welche ihm die offen drohende Pforte des Todes voller Schmach und Qual nicht gemindert hatte, hoch voranleuchtete! Er führte mit zweien Brüdern der Geſellſchaft Jeſu zwei Stunden lang den ſtrengen Kampf der Rede*), gleich als ſtehe er auf ſeinem Lehr⸗ ſtuhl vor der Corona eifriger Zuhörer, und ging mit ſieg⸗ reicher Ueberlegenheit daraus hervor. Seine Gegner trugen verwirrt die Schmach der Niederlage durch Einen, hinter dem das blutbeſpritzte Schaffot emporragte! Nicht das grauenvolle Bild ſeiner nächſten Zukunft, voll Marter und Todesqual ſtörte die Klarheit ſeines hochſin⸗ nigen Geiſtes.— Und ſo kämpften Alle; wenn nicht ihm gleich im Glanz des Wiſſens und der Beredſamkeit doch in der Standhaftigkeit durch glaubensſtarkes Vertrauen. Thyßka gab, nachdem er dies erfahren, jeden Verſuch verloren, auch nur einen einzigen Sieg für den Orden zu erringen.—— —— Rippell, der ſanfte Dulder, ſaß einſam in ſeiner Zelle; wie er pflegte die Heilige Schrift vor ſich. Er hatte nicht verlangt, Agathen zu ſehen, weil er beſorgte, der Haß *) Hiſtoriſch. 134 ſeiner Richter, die ihren Zweck an ihm nicht erreicht hatten, könnte doch auch jetzt noch ihr ſchuldloſes Haupt berühren und ein zweites Opfer fordern! Nur die Gegenwart Lippach's hatte er ſich erbeten, um durch ihn von ſeinem Kinde zu hören, durch ihn zu dieſem zu ſprechen, und in der ernſten Stunde der Entſcheidung noch ſein frommes tröſtliches Wort zu vernehmen. Er hoffte auf ihn zum nächſten Morgen, dem letzten ſeines Daſeins, dem heiligen Sonntage! AWuf dieſen bereitete er ſich vor, im ſtillen, geſammelten Leſen der Schrift.— Es dämmerte; er mußte aufhören. Die Abendröthe ſtrahlte mit ſchon verbleichendem Schimmer durch die Gitter ſeines Thurmfenſters. Er hörte die Riegel ſeiner Gefäng⸗ nißthür klirren. Es war die Stunde des letzten, täglichen Abendbeſuchs durch den Schließer. Da traten im Halbdunkel zwei Geſtalten ein.— „BVater!“ tönte eine weiche Liebesſtimme.— Agathe lag an ſeiner Bruſt. Lippach, der Begleiter Agathens, blieb in der Thür ſtehen, mit in Wehmuth ſchmelzendem Herzen. Welcher Mund vermöchte es auszuſprechen, was Vater und Tochter in dieſem Augenblick bewegte? Welcher Schmerz und welche Seligkeit ihre Bruſt erfüllte? In heißen Thränen und Küſſen ergoß ſich ihre Seele. So befruchtet der erhobene Schmerz den Boden des Daſeins, daß er Blüten treibt, die an der ſteten Sonne des Glücks ſich nie entfalten. Lippach wartete, bis ſie ihres Herzens erſtem Drang voll Genüge gethan. Dann trat auch er mit liebendem Wort zu dem Vater:„Freut Euch Eures Kindes; es iſt Euch ganz gegeben. Ich darf Eure Tochter bei Euch laſſen! Morgen nach dem Frühgottesdienſt kehre ich wieder. b — eöö—1s—s“— 135 Dann...“ ſeine weiche Stimme verſagte ihm. Er ſprach das herbe Wort, daß morgen die Stunde des letzten Ab⸗ ſchiedes da ſei, nicht aus. Beiden drückte er die Hand zum Lebewohl und ging. Die Tochter blieb bei dem Vater.—— „O“, betete der Greis dankbar zum Himmel,„wie iſt deine Gnade ſo groß! Was ſind die wenigen kummer⸗ vollen Tage, die ich erduldete, gegen die ſeligen, heiligen Stunden, die du mir ſchon jetzt bereiteſt! Du ſenkſt mir deinen Himmel herab auf die Erde, bevor du mich in ſeinen Glanz hinauf berufeſt!“—— — Keine Hand hebe den Schleier von dem Schmerzens⸗ glück, welches Vater und Tochter im letzten Wiederſehen genoſſen!—— —— Mit Thereſen und Wolodna gemeinſam ging Lippach jetzt zu den andern Gefangenen des Schloſſes. Dieſe durften nach ihrer Wahl die letzten Stunden ge⸗ meinſam verleben. Einige blieben jedoch einſam in der Zelle ihres Gefängniſſes, um ſich nur mit ihrem Seelſorger in ernſte Betrachtung zu verſenken; Andere weilten dort mit. ihren Nächſten. Otto von Loß, Wenzel von Budowa und Olbra⸗ G mowitz waren beieinander. Zu ihnen trat Lippach mit— Wolodna und Thereſen ein. Olbramowitz erhob ſich freudig überraſcht, und ging ihnen in ungebeugter Haltung entgegen. „Ihr ſeid getreue Freunde“, ſagte er innig liebevoll, doch mit unerſchüttertem Sinn.„Ihr kommt uns zum Abſchied die Hand zu reichen!“ 1 1 ———.— 12 ſſſ— Es war als ob eine höhere Macht Thereſen gebiete; ſie ſank in Demuth auf die Knie und küßte Olbramowitz⸗ Hand. Er wollte es hindern; ſie beharrte. „O, daß es ſo kommen mußte!“ rief ſie und blickte thränenden Auges zu dem willensſtarken Mann auf. „Es mußte! Wir haben auch danach gethan!“ ſagte er ſtreng, indem er ſie emporhob. Lippach hatte Budowa und Otto von Loß begrüßt. Thereſe wandte ſich zu dem Letzten, den ſie, ſeit ſie Karls⸗ ſtein verlaſſen, nicht geſehen.„O Herr“, ſagte ſie weich und der Schmerz hemmte ihr die Sprache. „Die Tage waren ſchöner, in denen wir uns zuletzt geſehen“, ſprach Loß mild⸗freundlich und nahm Thereſens Hand. „Welch ein Wehgeſchick iſt über Euch hereingebrochen“, weinte Thereſe in unbezwinglichen Thränen. „Es leiden Andre ſchwerer!“ antwortete er.—— „Gern hätte ich Thurn noch einmal die Freundeshand ge⸗ reicht!“. „Wohl ihm, daß ſeine Augen nicht ſehen, was wir ſehen müſſen!“ ſagte Wolodna. „Nicht doch, tapferer Alter!“ fiel Olbramoswitz ein, Wolodna die Hand auf die Schulter legend.„Er würde Männer wie Männer ſterben ſehen. Daran erhebt ſich ein muthiges Herz!“ „Er wäre geſtorben gleich ihnen“, rief Thereſe mit neu aufflammender Kraft der Seele,„muthvoll unter dem Richtſchwert!“ „Er wird das Racheſchwert faſſen; und ſo iſt's beſſer“, antwortete Olbramowitz.—„Was wollt Ihr trauern, Freunde?“ fuhr er fort und blickte ringsum.„Weil die Sonne untergeht?— Wird ſie nicht wieder leuchten? Ob morgen, ob über Jahre,— ſie wird! Und wenn nach hundert, wenn nach tauſend Jahren erſt! Denkt, daß vor Ihm tauſend Jahre ſind wie ein Tag!“— Es war eine Stille der Ehrfurcht eingetreten; Alle lauſchten den begeiſterten Worten des mutherhobenen Mannes. „Laufen nicht“, fuhr er fort,„die Sterne, wie uns unſer Freund Keppler oft erzählt hat, ihre vieltauſendjährigen Bahnen? Und dennoch ſteigen ſie ſo ſicher leuchtend wieder auf, als die Sonne Tag für Tag. Deß getröſte ich mich und will freudig, unverzagt an unſerer edlen, heiligen Sache, mein Haupt dem Schwerte bieten.— Uns wird unſer Lohn! Geſteht es euch, ihr Freunde! Wir haben viel verſchuldet! Sollten wir uns jetzt der Zahlung weigern, wo der Tag gekommen iſt, unſere Schuld zu tilgen? Ich wußte, was da kommen würde! Doch hätten ſie mir hundert goldne Brücken der Flucht gebaut,.... hier blieb mein Platz!— Noch eine kleine Spanne Zeit und... ich habe doch etwas gethan für mein Vater⸗ land!“ „O hätten Alle ſo viel gethan als Ihr!“ ſagte Lippach erwärmt. „Wie Viele haben viel mehr gethan“, antwortete er und faßte die Hand ſeiner beiden Gefährten.„Ihr beiden treuen Hüter der Krone Böhmens“, redete er Budowa und Otto von Loß an,„ihr ſeid der ſchönen ewigen Krone werth, die Euch der letzte Augenblick des kleinen Erdenlebens reichen wird.“ „Sie wird euch umleuchten mit dem Schimmer der Heiligen“, ſprach Lippach von der Weihe des Augenblicks gehoben. 138 „O denket nicht an unſer kleines Los, an unſer kleines Verdienſt!“ erwiderte Budowa in frommer Demuth. „Unſerer großen Schuld haben wir zu gedenken! Herr Pfarrer Lippach! Es liegt noch manches ſchwer auf meinem Herzen! Soll ich mich rein mit meinem Gott verſöhnen, ſo muß ich es zuvor mit meinen Brüdern thun! Wollt Ihr mir die Liebe erweiſen, in Eurer Gemeinde für mich Abbitte zu thun, Jeglichem, den ich im Eifer oder Irrthum, oder ſonſtwie, zu viel gethan?“ „Hm!“ murmelte Olbramowitz.„Er hat Recht! Ich bitte Euch das Nämliche!“ „Und ich!“ ſagte Otto von Loß warm und innig. O, ihr theuren Herren“, antwortete Lippach.„Es wird Keiner ſein, der jetzt auch nur einen Tropfen Zorn in das Meer ſeiner Liebe miſcht!“ Eine heilige Stille erfüllte das Gemach in dieſem Augenblick der Herzensverſöhnung. Das Klirren der Riegel an der Pforte unterbrach ſie. Der Schließer trat ein. Die neunte Stunde war da. Das Gefängniß wurde jetzt geſchloſſen. Die Getreuen ſchieden voneinander in ſtummer, un⸗ ermeßlicher Wehmuth, doch erhoben über ihren Sühmners durch die Kraft ihrer Geſinnung. V V 139 Achtundzwanzigſtes Capitel. Die heilige Sonntagsfrühe umleuchtete die Thürme Prags; von allen tönte das Geläut der Glocken, die jetzt wieder ihre Stätte in den Gotteshäuſern fanden. In allen Gaſſen wallten lange Züge von Männern, Frauen, Kin⸗ dern, welche, in tiefe Trauer gehüllt, den Kirchen zuſtrömten. Auch die katholiſchen Gotteshäuſer füllten ſich; denn die großen Maſſen des Volks fühlten menſchlich, und den furchtbaren Ernſt der Tage empfanden Aller Herzen! Sie wandten ſich zu Gott, dem Allerbarmer; denn jeglicher Gute fühlte, wie er ſelbſt ſeiner Barmherzigkeit bedürf⸗ tig ſei. Die Pforten der neuen Salvatorkirche am altſtädtiſchen Ringe waren dicht umdrängt, als David Lippach, die Bibel im Arm, ernſten Schrittes und gebeugten Hauptes, aber hohen chriſtlichen Muthes, dem Gotteshaus ſeiner Ge⸗ meinde zuſchritt, um in der Frühpredigt die Herzen der Tauſende von Schmerzerfüllten und Verzagenden zu tröſten und zu ermuthigen.. Kaum vermochte er ſich ſelbſt durch das dichte Gedränge die Bahn zu dem Eingange zu öffnen. Die an den Thüren Verſammelten konnten nicht mehr hinein, ſo überfüllt war das Innere; Alles flüchtete zu dem Heiligthume, vor den Schrecken draußen.— Da ſich die Troſtbedürftigen feſt an Lippach anklammerten, ſeine Hände ergriffen, ſie mit Küſſen bedeckten, wandte er ſich zu ihnen um und erhob unter offnem Himmel, ohne Zagen vor der düſtren Kriegerſchaar, 140 welche auf dem Platze die eiſerne ſtumme Wacht hielt, das Wort. Sogleich herrſchte die tiefſte Stille ringsum. „Meine Theuren“, ſprach er die Gemeinde an,„uns Alle vereinigt hier ein einziges Gefühl, was jede Bruſt ganz erfüllt. Es iſt die Liebe zu Denen, die als Opfer fallen ſollen für unſere heilige Kirche. Wir Alle wollen für ſie Gottes Gnade erflehen in der ſchweren Stunde, daß er mit ihnen ſei und Muth und Standhaftigkeit in ihr Herz flöße. Was bedarf es dazu der Worte? Es bleibt ſich gleich, ob ihr mein ſterbliches Wort hört oder nicht; unſer Aller Liebe, Hoffen und Flehen iſt daſſelbe. Und wie Gott der Herr allgegenwärtig iſt bei uns, ob wir außerhalb oder innerhalb dieſer Mauern beten, ſo wird mein Wort bei euch und in euch ſein, ob ihr es äußerlich vernehmt oder nicht. Wir beten Alle im Innerſten der Bruſt, ein einziges Gebet!“ Dabei erhob er die Hände und richtete ſeinen flehenden Blick ſtumm hinauf zu dem Allwaltenden. Und die ganze Schaar, von einem Geiſte ergriffen, ſank auf die Knie, und ihr brünſtiges Gebet ſtieg empor in heiliger Stille, zu Gottes helllächelndem Frühlingshimmel, durch den das Glockengeläut feierlich hinſchwebte.—— In der Kirche herrſchte die gleiche Andacht. Mit küh⸗ ner, frommer Erhebung, ohne Menſchenfurcht, gehorchte Lippach nur dem Gebot Gottes und ſeiner ewigen Wahr⸗ heit. Die Gemeinde war wie eine Familie, im tiefſten Schmerz um ihre theuerſten Häupter, doch erhoben durch Verehrung und heiße Liebe. Beklommenes Athmen, leiſes Weinen und Schluchzen waren die einzigen Laute, die durch die Stille des Gebets drangen. 141 Um die neunte Stunde, das war kund geworden, wollte der Fürſt Liechtenſtein in die Meſſe fahren. Ein Gerücht— die Hoffnung glaubte es nur zu gern— hatte ſich durch die Stadt verbreitet, es ſei noch Gnade zu er⸗ wirken; die furchtbaren Richterſprüche ſollten nur durch die Drohung ſchrecken, ſie würden nicht vollzogen werden! Die Frauen, Kinder, Brüder, Angehörige und Freunde der Verurtheilten, ſowie eine große Volksmenge, ſammelten ſich daher auf dem Wege, den der Fürſt nehmen mußte. Die Maſſen wurden zurückgetrieben, die Gaſſen frei gemacht durch Musketiere und Reiter. Doch ein Gefühl der Menſch⸗ lichkeit, die nicht ganz verleugnet werden durfte, geſtattete es, daß den Angehörigen, den nächſten Freunden, ſoweit man ſie kannte, der Weg nicht verſperrt wurde. Bald umdrängte daher eine angſtvolle Schaar mit Thränen der Verzweiflung des Fürſten Wohnung*); ſie harrte darauf, daß er in den Wagen ſteigen ſollte. Die edelſten Frauen, ihre unmündi⸗ gen Kinder an der Seite, Jungfrauen aus den glänzendſten Geſchlechtern, Männer von Würden und hohem Anſehen, waren hier verſammelt und ſcheuten den letzten ſchweren Schritt tiefſter Demüthigung nicht, um ihren Geliebten Rettung zu erflehen! Sie, die ſo ſtolz entſchloſſen waren, den Weg des Todes zu gehen für die Wahrhaftigkeit ihrer Ueberzeugungen, hät⸗ ten dem Flehen vielleicht gewehrt. Allein Die, denen ſie entriſſen werden ſollten, trieb ein anderes Gefühl, der Schmerz unerſetzlichen Verluſtes, die heilige Pflicht der Liebe, die kein Opfer, keine Demüthigung ſcheuen durfte. Es ſtand den Gattinnen, den Kindern, ſelbſt den Vätern, Brüdern und Söhnen der Märtyrer ebenſo an, ſich in den *) Hiſtoriſch. — 8— 2 W88I8.I3ä — —— —— 142 Staub zu werfen und mit Thränen Gnade zu erflehen, als Jenen, mit männlicher Entſchloſſenheit zu dulden. Doch wehe! die Thränen waren vergeblich! Mit ſtren⸗ gem Beſcheid: Gnade ſei nicht zu hoffen, als höch⸗ ſtens für die Beſtattung der Leichen*), wurden die Flehenden zurückgewieſen! Nichts galt das Händeringen und Schluchzen der Frauen, das heiße Weinen der lieb⸗ lichen, ſchuldloſen Kinder,— ſie mußten die Stelle räu⸗ men, wo ſie ſich auf die Knie geworfen hatten! Fürſt Karl Liechtenſtein wollte ihnen nicht begegnen, ſie nicht ſehen. Als ſie verſcheucht waren durch die Hellebarden der Hartſchiere, die Gaſſen rein, fuhr der Fürſt zur Meſſe. Er wagte ſich in den Tempel des Gottes, der das Erbar⸗ men, der die Liebe ſelbſt iſt!—— Nunmehr war der letzte, bleiche Stern der Hoffnung verſunken— der Hoffnung diesſeits; jenſeits leuchtete ſie den Gottergebenen, Glaubensmuthigen mit goldenem Schein! Allen Verurtheilten war es ein theures Geſchenk gött⸗ licher Gnade, daß der letzte Tag ihres Daſeins der hei⸗ lige Tag des Herrn ſein ſollte. Er empfing die Weihe, die ihm gebührte. In ſtillen Gebeten, in gottſeligen Ge⸗ ſprächen wurde er zugebracht. Der Genuß des heiligen Abendmahls beſiegelte die frommen chriſtlichen Uebungen der Andacht. So empfing das letzte, wehmuthſüße Bei⸗ ſammenſein mit den Theuerſten die Weihe; ſie trennten ſich im milden gottergebenen Abſchied, den Blick in feſter Zu⸗ verſicht auf das Wiederſehen jenſeits gerichtet. Zud Vesperzeit wurde in allen evangeliſchen Kirchen ein frommes Gebet für Diejenigen, welche mit der erſten Frühſtunde den letzten Tag antreten ſollten, ge⸗ *) Hiſtoriſch. 143 halten. Alle Beſucher waren in tiefſter Trauerkleidung. Das leiſe Getön des Weinens und halb verhaltenen Schluchzens begleitete das laute Gebet der Geiſtlichen. Auch Georg Hauenſchild, Leander Rippell und der edle Jeſſenius von Jeſſen hatten, um ſich ganz mit ihrem Gott zu verſöhnen, in der letzten Beichte tiefe Reue bekannt über jeglichen Fehltritt ihres Lebens, und ließen Alle, denen ſie je wiſſentlich oder unwiſſentlich zu nahe ge⸗ treten waren, vor verſammelter Gemeinde um Vergebung ihres Unrechts bitten.*) Auch David Lippach richtete mit tiefbewegter Stimme dieſe Bitte von Denen, die ihn dazu beauftragt, an ſeine Gemeinde.. „Ich weiß“, ſagte er, vertrauensvoll die Worte die er ſchon im Gefängniß geſprochen hatte wiederholend,„es wird Keiner ſein, der jetzt in das Meer ſeiner Liebe auch nur einen Tropfen Zorn miſcht!“ Da wurde das leiſe Weinen zu einem lauten Auf⸗ ſchluchzen Aller. Eine Frau, die mit ihren beiden Kindern auf den Knien lag, drückte die Kleinen heiß an das Mut⸗ terherz und rief laut aus:„Und hätten ſie mir dieſe beiden ſüßen Lieblinge getödtet, hätten ſie mir ſieben Kinder er⸗ ſchlagen, ich müßte ihnen vergeben in dieſer Stunde!“ *) Hiſtoriſch. ——————— ——— 144 Ueunundzwanzigſtes Capitel. Als die Sonne untergegangen war und ſommerliche Dämmerung die Stadt einhüllte, wurden die Gefangenen vom Hradſchin in geſchloſſenen Wagen hinuntergebracht zu ihren Schickſalsgenoſſen in das Rathhaus der Altſtadt. Zum letzten mal ſahen ſie die wunderbare Stadt mit ihrem Wald von Thurmſpitzen und Kuppeln, mit ihrem Mauer⸗ harniſch von hundert Feſtungsthürmen, der ſich um die grü⸗ nen Höhen ſchloß, in dem verſchimmernden Duft der Abend⸗ röthe vor ſich. Ein dunkelvioletter Rauch umwebte das Grau der Thürme und Mauerzinnen, gleich einem auf⸗ ſteigenden Nebel aus einem Blutſee! Langſam bewegten ſich die Wagen über das ſchwarze, ſchwere Joch, mit dem die Brücke auf dem Strom laſtete. Sie war öde, abgeſperrt durch die Kriegsleute. Ein finſtrer Rieſe, ragte der Brückenthurm der Altſtadt empor, der die Häupter Derer tragen ſollte, die eben mit umyſem Raſſeln unter ſeinem Bogenthor hindurchrollten. Vor dem altſtädtiſchen Rathhauſe hielt der Zug. Als die Gefangenen die Wagen verließen, vernahmen ſie einen Geſang. Es waren ihre Brüder droben, die ihnen an die Fenſter entgegengetreten waren und ſie durch einen gemeinſam geſungenen Pſalm begrüßten.*) O welch ein Gruß! Und droben, welch ein Umfangen! Alle waren wie Söhne eines Hauſes, ſie umarmten einander und herzten ſich mit inniger Liebe. *) Hiſtoriſch. 145 Die geiſtlichen Tröſter hatten die Opfer nicht verlaſſen. Wie ſie auch den Tag über bald bei ihnen, bald in den Kirchen vor ibren Gemeinden eifrig in der That des Amtes geweſen, ſie waren nicht ermüdet. Sie wollten mit Kraft verharren bei den Verurtheilten, ſie nicht verlaſſen, ſondern geleiten bis auf die Richtſtätte ſelbſt.—— Alle Gefangenen und geiſtlichen Tröſter ſaßen nunmehr bei einander in erbaulichen Geſprächen. Da trat der Wärte des Gefängniſſes ein und zeigte ihnen an, es ſei die Zeit zum Abendeſſen. Einer blickte den Andern verwundert an, und Mancher lächelte im Stillen. Sie bedurften der leiblichen Speiſe nicht mehr. Doch durchdrang ſie der Gedanke, daß ſie hier ein letztes mal in trauteſter Innigkeit miteinander ſpeiſen ſollten, mit wunderbarem Troſt und herzlicher Erhebung. So ſchickten ſie ſich an zu dem Brudermahle. Sie leiſteten ſelbſt dabei die kleinen Dienſte, alle einander gleich an der Ausgangsſchwelle des Lebens. Einige breiteten das Tuch üüber den Tiſch, Andre ſetzten die Teller, noch Andre brach⸗ ten die Gefäße mit Waſſer zur Reinigung der Hände. Einer ſprach das Tiſchgebet.*) Freundlich legten ſie ein⸗ ander die Speiſen vor und würzten ſie mit liebreichem Wort und trauter Zwieſprache. „Es iſt unſere letzte Mahlzeit auf Erden“, ſagte Einer, „morgen werden wir im Himmelreich mit unſerm Herrn und Heiland das Mahl einnehmen.“ Der Gefängnißaufſeher, ein roher Menſch, wagte ein höhnendes Wort des Spottes darüber. Da erhob ſich einer der böhmiſchen Geiſtlichen, Vitus Jakeſch, zu ernſter, aber ſanfter Mahnung, indem er ſprach: *) Genau hiſtoriſch. Rellſtab, Drei Jahre. V. 2. 146 „Wir werden betrübt durch ein ungeziemendes Wort bei unſerem letzten Beiſammenſein in treuer Bruderliebe; allein bedenket, meine Brüder, wurde nicht auch Chriſtus, als er mit den Jüngern zu Tiſche ſaß, betrübt durch Judas?“ Und an dieſes Wort knüpfte er eine andächtige Rede, die Alle im Tiefſten auferbaute.*) Nach manchem frommen Wort beſchloſſen die Brüder das Mahl, indem ſie den ſechsundachtzigſten Pſalm an⸗ ſtimmten**):„Herr, neige dein Ohr und erhöre mich, denn ich bin elend und arm!“ Der Schlußvers ihres frommen Geſanges lautete: „Thue ein Zeichen an mir, daß mir's wohl gehe; daß es ſehen, die mich haſſen, und ſich ſchämen müſſen, daß du mir beiſteheſt, Herr, und tröſteſt mich!“ Da, in begeiſterter Erhebung wie ſie Alle waren, brach der fromme Rathsherr zu Prag, Johannes Kuttnauer, der Jüngſte unter den Verurtheilten, in die Worte aus: „Seid getroſt, ihr Brüder! Gott wird auch dieſen unſeren Ruf erhören und uns ein Zeichen ſenden, das vor aller Welt offenbare, wie wir leiden um ſeiner Sache willen!“**) So floß den zum Tode Geweihten der letzte Abend dahin. In frommer, vertrauender Freude, im heiligen Siegesgefühl erwarteten ſie den Augenblick, vor dem die Schuldbewußten beben!— In das Gefängniß ſtrahlte der Glanz des Jenſeits. Doch über der Stadt ſchwebten die Schauer einer düſtren Nacht!—— *) Hiſtoriſch. **) Hiſtoriſch. *54.) Hiſtoriſch. 147 Als die Abendglocken verhallt waren und Dunkel die Gaſſen bedeckte, ſchritten die Werkleute der blutigen Zu⸗ rüſtungen zur letzten Arbeit. Die Todesbühne war ſo er⸗ richtet, daß ſie nach der Theinkirche hinüberſchaute. Eine Thür vom Rathhauſe führte unmittelbar auf ſie hinaus; durch ſie ſollten die Richter und die Gerichteten den Weg zur blutigen Stätte nehmen. Dieſe wurde jetzt in ihr Trauergewand gehüllt. Der dumpfe Schall der Hämmer auf die Nägel, womit die Decken von ſchwarzem Tuch be⸗ feſtigt wurden, tönte herüber. Einzelne Lampen und Lichter, in deren trübem Schein ſich Geſtalten gleich Schatten hin⸗ und herbewegten, flimmerten durch das Dunkel. Der Platz war rings beſetzt von Bewaffneten. Reiter und Fußknechte bil⸗ deten die eiſerne Mauer, die das Volk abtrennen ſollte von dem Schauplatz der Urtelsvollſtreckung. In leiſer Bewe⸗ gung, dumpf murmelnd, zog ſich der Kreis Derer, die mit eignen Augen ſehen wollten, wie das Haupt der Märtyrer falle, rings dicht an den Häuſern hin. Sie durchwachten die Nacht, um den blutigen Morgen heraufſteigen zu ſehen. Eine weibliche Geſtalt, tief in ſchwarze Schleier gehüllt, ging in edler, emporgerichteter Haltung an der Seite eines ernſt daherſchreitenden Mannes die Straße hinunter. Es war Thereſe an ihres Vaters Arm. Beide traten in Jakob Steffeck's Haus, deſſen Fenſter hinüberblickten nach der Todesbühne. Es war Thereſens unerſchütterlicher Entſchluß, gegenwärtig zu ſein bei der Vollſtreckung des Ur⸗ theils.„Sollte ich nicht den Muth haben, den Tod Derer zu ſehen, die ihn muthig für uns leiden? Es iſt eine heilige Pflicht, dereinſt Zeugniß von ihrem letzten Augen⸗ blick zu geben; ich will ſie erfüllen!“ So war ihr Wort geweſen. 7* 148 Agathe, die holde, gebrochene Blüte, hatte ihrem Vater beim Abſchiede heilig gelobt, in der Stunde ſeines Todes daheim ſtill für ihn zu beten. Ihre Pflicht war die des treu kindlichen Gehorſams; ihrer weichen Seele war ſie die natürliche, die einzige. Das Herz gibt den Beruf des Herzens.—— Um die Mitternachtsſtunde ertönte das Geläut der Glocken von allen Thürmen Prags zugleich. Es währte fort die ganze Nacht. Kaiſer Rudolf hatte die Stadt verflucht. Der Morgen graute, wo der Fluch in Erfüllung ging! Dreißigſtes Capitel. Nirgends in der weiten volkerfüllten Stadt waltete Gottes heiliger Frieden als in dem Gefängniß der Verurtheilten. Draußen waren Schmerz, Angſt, Haß— Gewiſſensqual! Drinnen Troſt, Ruhe, Liebe— Gottes⸗ verſöhnung! 4 Einige der Verurtheilten hatten ſanft geſchlummert, Andre die ganze Nacht in frommem Geſpräch und gegen⸗ ſeitigem Troſte zugebracht, wieder Andre viel gebetet. Jeglichem war der Friede Gottes in andrer Geſtalt ge⸗ worden. Der Tag graute. Sie mußten ſich anſchicken auch zur äußerlichen Vorbereitung für den letzten Gang. Sie thaten es mit würdiger Sorgſamkeit. Ihre Diener, die zu ihnen ge⸗ laſſen wurden, legten ihnen die feinſte Leibwäſche und die Feſtkleider an.*) Von den Kleidungsſtücken, die der Mantel deckte, ließen ſie mit ruhigem Zuſchauen die Kragen herab⸗ ſchneiden, damit das Schwert des Henkers, wenn ſie das Obergewand abgelegt hätten, kein Hinderniß fände. Es ſollte ſie keine unreine Hand berühren auf dem Schaffot. Die Diener, die das Werk verrichteten, zerfloſſen in Thränen; die Dulder, denen es gethan wurde, tröſte⸗ ten ſie. Diejenigen, welche in ihren Zellen geruht hatten, er⸗ ſchienen jetzt; ſie wurden von den Brüdern mit Kuß und Umarmung begrüßt. Als der Greis Caplicz eintrat, neigten ſich Alle ehrfurchtsvoll vor ihm, gleich wie vor einem Heiligen. Er war ſo ſchwach auf den Füßen, daß ſeine Diener ihn in das Gemach führen mußten. Doch ſeine Seele war ſtark und froh. Er blickte auf die Freunde liebreich wie ein Vater. Das konnte er faſt dem Aelteſten ſein, obwol dreizehn Greiſe über ſiebzig Jahre mit ihm das Schaffot betraten! Ueber ſeine Kleider hatte er ſich, gleich einem Todtengewande, ein Hemd von dem feinſten Linnen legen laſſen, das ihm bis zu den Füßen reichte. Lippach trat zu ihm und fragte:„Habt Ihr geſchlum⸗ mert, theurer Vater?“ „Sehr ſüß, doch kurz. Kiſſen ſind dieſem alten Körper nicht mehr weich genug.— Ich erwachte von einem ſchö⸗ nen Traume.*) Zween Engel traten zu mir, trockneten mir die Stirn mit einem Schleiertuch und riefen mir zu: «Stehe auf! Bereite dich! Es iſt an der Zeit!“— Ich vertraue“, fuhr der Greis nach einem kurzen, ſinnenden *) Hiſtoriſch. *) Hiſtoriſch. 150 1 Schweigen fort,„daß dieſe Engel nicht nur im Traume bei mir ſtanden, ſondern annoch mir zur Seite ſind und meine Seele hinauftragen werden in den Schos des Herrn! Denn obgleich ich ein Sünder bin, ſo hat mich doch mei⸗ nes Erlöſers Blut gereinigt. Mag denn die Stunde nahen — ich bin bereit!“ Mit heiligen Thränen hörten die Brüder das fromme Wort des Greiſes. Als Lippach ihn, der in dem weißen faltigen Gewande mit dem weißen Haupthaar und Silberbart wie ein Bote des Herrn erſchien, mit ehrfurchtsvollem Staunen betrach⸗ tete, ſagte er freundlich:„Ich habe mein hochzeitlich Kleid angelegt; ich will doch meinem Bräutigam zu Ehren auch äußerlich geziert ſein.“*) Indem traten ſeine Diener heran und legten noch einen ſeidenen Mantel um ſeine Schultern. So hochfeſtlich gere ſchmückt, erwartete er den Ruf zum Tode.— Jeſſenius trat ein. Von ſeiner hohen Stirn leuchtete der Adel der Weisheit und der Frömmigkeit. Wie ein Herrſcher im Gebiet des Geiſtes blickte er königlich umher. Seine Todesgenoſſen traten mit Ehrfurcht zu ihm; er ſchloß ſie mit Liebe ans Herz. 3 Er hatte von Allen den ſchauerlichſten Todesgang, da er zuvor durch die Schrecken der verſtümmelnden Marter ſchreiten mußte; doch ſein Geiſt hatte überwunden. Er ſprach freundlich zu vielen Freunden. Als Lippach, indem er ihn anblickte, ſeines Schmerzes nicht Herr werden konnte, wandte Jeſſenius ſich mit ſanften Worten zu ihm: 7„Ich habe nicht zu klagen. Da meine Weiſſagung ſich am Kaiſer Mathias erfüllte, mußte Kaiſer Ferdinand — *) Hiſtoriſch. ——Q——BQCℳ———— ˖—nPn—— ——B—ꝛ—ꝛ—ꝛ—xx———-— 151 wol Sorge tragen, daß auch die ſeinige eintreffe:«Jesseni mentiris, mala morte morieris!)“. „O wahrlich! eines harten Todes ſollt Ihr ſterben, theurer Mann!“ rief Lippach überwältigt aus. „Es haben Schwächere viel Härteres überwunden, wür⸗ diger Herr“, antwortete Jeſſenius.—„Man geht grauſam und ſchimpflich mit uns um“, fuhr er mit einem Schatten des Unwillens auf der Stirn fort;„doch der Tag der Sühne wird kommen und unſere beſchimpften Häupter werden rühm⸗ lich beſtattet werden; die Erfüllung dieſer Weiſſagung iſt mir gewiß!“*) Olbramowitz war hinzugetreten. Er ſagte nur mit Stolz:„Auch mir!“ Die Sonne war jetzt über den Horizont geſtiegen. Sie vergoldete die Thurmſpitzen der Theinkirche. Nach der nord⸗ weſtlichen Seite war der Himmel durch die aus dem Moldau⸗ thal aufſteigenden Morgennebel, die ſich zu leichtem Gewölk gebildet hatten, leiſe verhüllt; doch im hellen Blau lag er gegen Oſten und Süden. Da plötzlich erſcholl der Ruf freudigen Staunens: „Seht! Seht! Dort!“ von vielen Stimmen im Gemach. „Gott hat mein Flehen erhört“, rief Johannes Kutt⸗ nauer in frommer Begeiſterung und warf ſich auf die Knie, „ſehet da den Regenbogen!“ Ein herrlicher Doppelregenbogen*s) wölbte ſich über dem weſtlichen Himmel, während der öſtliche im reinſten *) Sie trat ein, ſchon nach einem Jahrzehnd, als Thurn am 11. Nov. 1631 mit dem Kurfürſten von Sachſen in das eroberte Prag einrückte, die Häupter der Märtyrer vom Brückenthurme nahm und in der Theinkirche die Todtenfeier für ſie halten ließ. **) Hiſtoriſch. 152 Aetherblau leuchtete. Alle waren von dem Wunder der Erſcheinung wie von einem flammenden Strahl durchzückt. Viele ſanken auf die Knie und erhoben die Arme betend und dankend gen Himmel. Auch draußen auf dem Markte erhob ſich ein Murmeln des Staunens der harrenden Menge, das bis zum lauten freudigen Ausruf anſchwellte. Allen dünkte der farbig ſtrahlende Bogen ein ſichtbares Zeichen der Gnade Gottes; es war als ob den Märtyrern die Ehrenpforte erbaut würde, um einzugehen in die Herrlichkeit des Himmels. Selbſt die Kriegsleute draußen ſtanden von Verwunde⸗ rung ergriffen und blickten, auf ihre Waffen geſtützt, hinauf zu der herrlichen Erſcheinung.—— Die Verurtheilten waren im Tiefſten bewegt durch dies wunderbare Ereigniß. Sie ſprachen miteinander darüber in Erhebung und Rührung, auch mit ſorgfältig prüfender Erwägung; es wurde der bibliſchen Stellen gedacht, die angeführt werden konnten. 3 Die vielen gelehrten Männer wußten der Beziehungen und Deutungen mannichfache anzugeben. „Siehe den Regenbogen und lobe Den, der ihn gemacht hat, denn er hat ſehr ſchöne Farben“, führte zuerſt Roſa⸗ cius tief bewegt aus dem Buche Sirach an. „Dürfen wir ihn als ein Zeichen göttlicher Gnade auf uns beziehen?“ fragte zweifelnd Czernin, der Schloß⸗ hauptmann, der einzige Katholik unter den Gefangenen. „Wir dürfen es ſicher“, antwortete Budowa, den Mehrere fragend anblickten.„Auch der Kirchenvater Ori⸗ genes ſagt ſchon: Geſtirne und Himmelserſcheinungen ſind die Schriftzeichen Gottes!—«Sidera, adde me- teora, sunt scripturae dei ac mandata tonantis!» lautet der Spruch wörtlich.“ V 153 „Der Regenbogen war das Zeichen des Bundes mit Noah“, erinnerte Vitus Jakeſch,„er wird auch euch das Zeichen des Bundes ſein, den die Gnade des Vaters dort oben mit euch ſchließt!“ Johannes Kuttnauer ſprach in Begeiſterung, indem er nach dem Farbenbogen hinüberdeutete:„Dort iſt der Thron Gottes, der Regenbogen überwölbt ihn, wie ihn Johannes geſchaut hat, in göttlicher Offenbarung. Alſo ſchauen auch wir ihn. Ja, meine Brüder, Gott der Herr winkt uns aus ſeinen Höhen. Er ſelbſt zeigt uns den Weg zum Himmel. Wir glauben feſt, daß wir noch heut durch Chriſtum zu ihm kommen; denn er iſt der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ Seine flammende Begeiſterung zündete in Aller Herzen; in gläubiger Verzückung hingen ihre Blicke an der Himmels⸗ erſcheinung. Allmählich erbleichte ſie,— ſie verſchwand! Heilige Stille ſchwebte über den Häuptern der Betenden.——— Da hallte ein dumpfer Kanonenſchuß durch die reinen Morgenlüfte. Es war das Zeichen vom Hradſchin, daß die Hinrichtungen beginnen ſollten. Draußen erſchallte ein rauhes Commandowort, das ſich vervielfältigt fortpflanzte. Die Kriegerſchaaren ſtanden plötz⸗ lich wie eiſerne Mauern. Das Volk erſtarrte zu Stein. Ein halblauter Weheruf des Erſchreckens tönte von weib⸗ lichen Stimmen— dann Alles todesſtill! Die Blicke hingen wie gebannt an der Pforte des Rathhauſes, die zum Schaffot führte. Noch war ſie ge⸗ ſchloſſen!—— Vor dem Kinski'ſchen Palaſt entſtand eine Bewegung im Volke; es drängte ſich unruhig zuſammen und wich dann auseinander. Einige Augenblicke ſpäter wurde ein Geiſtlicher 154 in der Tracht der Jeſuiten ſichtbar, der von einem andern, jüngern Bruder und von einem Kriegsmann geführt, ſich mit Mühe aufrecht erhielt. „Siehe dort, Thereſe!“ ſagte Wolodna mit gedämpfter Stimme zu dieſer, hinter der er am Fenſter in Steffeck's Hauſe ſtand.„Beim allmächtigen Gott, das iſt der Pater Thyßka!“ Thereſe, die regungslos, den Blick ſtarr auf die Blut⸗ bühne geheftet, zurückgedrückt in der Vertiefung des Fenſters ſaß, richtete jetzt ihr dunkles Auge auf ihn.„Ich leſe das Gericht Gottes auf ſeinen bleichen Zügen!“ antwortete ſie. Thyßka, ſo ſchien es, war erkrankt; denn er wurde lang⸗ ſam weiter geführt und verſchwand mit ſeinen Begleitern in der nächſten Straßeneinbiegung. Dieſe raſch vorübergehende Erſcheinung machte einen ſchauerlich unheimlichen Eindruck.—— Jetzt öffnete ſich die aus dem Rathhauſe führende Thür zum Schaffot. Ein Trupp Soldaten, von einem Offizier geführt, trat auf das Gerüſt; die vier Ecken deſſelben wurden mit vier Schildwachen beſetzt. Darauf erſchienen die Richter in ſchwarzer Kleidung; langſam ſchritten ſie vor und nahmen die für ſie hingeſtellten Seſſel ein. Nachdem ſie ſaßen, betrat der Henker mit ſeinen Gehülfen das Blutgerüſt. 1 In athemloſer Stille ſtarrte die Menge auf dieſe Vor⸗ gänge hin. Das Auge ſah Tauſende; das Ohr vernahm Keinen.. „Graf Schlick!“ floh der unwillkürliche Ruf von Thereſens erbleichter Lippe. Mit leiſem ſchauerlichen Mur⸗ meln lief der verehrte Name von Mund zu Mund durch die Volksmaſſen. Der Graf trat durch die Thür des Nathhauſes, die auf das Schaffot führte, auf dieſes hinaus, im ſchwarz⸗ ſeidenen Kleide, ein Gebetbuch in der Hand, feſten ruhigen Ganges. Lippach begleitete ihn, ein wenig zurückbleibend; ein Diener folgte. Die Morgenſonne ſtrahlte hell und umleuchtete die edle Geſtalt mit ihrem Glanze. Schlick blickte zu ihr hinauf. „Sonne der Gerechtigkeit, Chriſtus“, ſprach er mit erhobener Hand und Stimme,„gib daß ich durch die Finſterniß des Todes zu deinem Licht dringe!“*) Da ertönte auf einen Wink des Offiziers ein lauter Trommelwirbel, daß Worte nicht mehr zu vernehmen wa⸗ ren. Man ſah den Grafen nur, während der Henker ſich zu ſeinem furchtbaren Werk anſchickte, einige mal, wie ernſt nachdenkend, auf⸗ und niedergehen. Dann reichte er Lippach die Hand zum Abſchiede und wandte ſich um gegen das Volk. Mit ernſter Freundlichkeit blickte er rings umher. Ruhig trat er vor den Block. Seine Diener nahmen ihm den Mantel ab; der Henker berührte ihn nicht. Noch einmal richtete der Graf ſich ſtolz empor, ſchaute um ſich mit königlicher Hoheit und Milde, erhob die Hände zum Gebet, kniete nieder, beugte das Haupt— es lag zu ſei⸗ nen Füßen! 5 Der erſte der Märtyrer war gefallen!—— — Ein dumpfer, erſtickter Schrei des Entſetzens drang aus der Menge hervor. Aller Augen verdunkelten ſich in den ſtürzenden Thränen.— Wohl ihnen, daß ſie das grauſe Schauſpiel nicht ſehen konnten, wie das Henkerſchwert den edlen Leib verſtümmelte, indem es die ritterliche Rechte abhieb!—— Das ſchwarze Tuch, auf dem der Graf gekniet hatte, wurde um den Körper **) Hiſtoriſch. 156 geſchlagen, und verhüllt trugen ihn zwei ſchwarzgekleidete Männer hinweg!—— Die Verurtheilten erfuhren den Tod des Bruders, der ihnen als der Erſte vorangegangen war, dadurch, daß der nächſte darauf durch den Boten des Gerichts aufgefordert wurde, ſich bereit zu halten. Es war Wenzel von Bu⸗ dowa. Wehmüthig freundlich blickte er die Genoſſen an, als der Todesbote ihn abrief, reichte ihnen, dicht an ihrer Reihe vorübergehend, die Hand zum Abſchied und ſagte ſanft: „Welch eine Ehre widerfährt meinem grauen Haar, daß eine Märtyrerkrone es ſchmücken ſoll!“*)— Er kam an Rippell.— Sie ſchauten einander mit unbeſchreiblichem Blick an.„Wir ſehen uns bald wieder!“ ſagte Budowa, ihm die Hand drückend. Stumm hielten ſie einander am Herzen. Mit ruhigem Schritt und Antlitz betrat der Greis die Blutbühne. Er betete für das Heil der Kirche, für ſein Vaterland— und für ſeine Feinde.**) Dann kniete er nieder und bot willig das ergraute Haupt dar.—— Nach ihm wurde der edle Freiherr Chriſtoph von Harrant gerufen. Dieſer wandte ſich zu ſeinen Genoſſen und ſprach:„Sehet, wie die Wege Gottes ſeltſam ſind! Ich bin ſo viele Länder durchreiſet, habe auf Meer und Land tauſend Gefahren glücklich beſtanden— und nun muß ich hier in meinem Vaterlande eines gewaltſamen Todes ſterben, durch die Hände Derer, denen ich, wie meine Vor⸗ fahren, Zeit meines Lebens treulich gedient habe! Gott ver⸗ *) Hiſtoriſch. *) Hiſtoriſch. 157 zeihe es ihnen!“*) Mit dieſem Worte der Verſöhnung ſchritt er hinaus. Nachdem ihm, wie Allen, ſein Urtheil abermals von dem kaiſerlichen Procurator vorgeleſen war, trat er ruhig auf das ausgebreitete ſchwarze Tuch vor dem Block, das ſeinen Leichnam umhüllen ſollte, kniete nieder und ſprach laut: „Ich empfehle dir meine Seele, wahrhaftiger, getreuer Gott!“ Der Scharfrichter, welcher evangeliſchen Glaubens war, verrichtete ſein grauenvolles Geſchäft mit frommer Ehrfurcht vor den edlen Opfern. Er wollte das Schwert Keinem zu früh erheben, ſondern Jeden ſein Gebet voll⸗ enden laſſen; darum zögerte er jetzt.*) Eine angſtvolle Beklemmung ergriff die Zuſchauer, da das Schwert nur gehoben über dem Haupte des Verurtheil⸗ ten ſchwebte, nicht fiel. Der Kniende aber wandte ſich zu dem Henker um, winkte ihm mit den Augen und betete abermals laut: „Herr, erbarme dich über mich und nimm meinen Geiſt auf!“ Jetzt, indem das letzte Wort ſeiner Lippe entfloh, traf ihn das Schwert!—— — Abermals öffnete ſich die Pforte, die zum Schaffot führte. „O mein gütiger Himmel!“ flehte Thereſe leiſe, und ihrem Auge, das ſo lange feſt geblieben, entfloſſen heiße Thränen. Es war der greiſe Capliez von Sulewicz, bei deſ⸗ ſen Anblick ihr ſtarkes Herz zuſammenbrach. *) Hiſtoriſch. ) Hiſtoriſch. 158 Von zwei Dienern wurde die ehrwürdige, zitternde Ge⸗ ſtalt geführt. Er zitterte; nicht aus Todesfurcht, nur aus allzu großer Schwäche des Körpers. Schon als er auf dem Wege zur Todesbühne einige Stufen herabſteigen mußte und es vor Altersſchwäche kaum vermochte, hatte er gebetet: „Stärke mich, mein Gott, daß ich nicht falle und den Fein⸗ den ein Geſpött werde!“*) Jetzt ſtand er auf dem Blutgerüſt; der Leib war ganz zuſammengekrümmt vor Alter, die Seele aufgerichtet in heiliger Jugend. Er verſuchte zu knien— doch er konnte es nicht. Seine beiden Diener mußten ihn langſam nieder⸗ laſſen. Mit leiſer Stimme bat er zuvor freundlich den Nachrichter:„Lieber! Sobald ich knie, ſäume nicht mit dem Schwertſtreich, daß ich vor Kraftloſigkeit nicht umſinke und man meine, es ſei in Todesfurcht!“ Als Lippach, der ihn nebſt Roſacius begleitet hatte, dieſe Worte hörte, war es ihm als ſolle ſein Herz vergehen in Wehmuth, und er ſelbſt hinſinken in Ehrfurcht zu Füßen des Märtyrers. Laut rief es in ihm:„Soll denn dieſe Ehrwürdigkeit des höchſten Alters kein Erbarmen ſinden bei euch? Wehe dann euch ſelber, wenn Ihr einſt vor den Thron Deſſen tretet, um deſſen Erbarmen wir. Alle flehen!“ Der Greis kniete jetzt. Doch ſein Haupt war zu tief gebeugt; der Henker wagte nicht den Streich zu thun. Da trat der Pfarrer Roſacius zu dem Knienden und ſagte:„Lieber Herr! Da Ihr Eure Seele Chriſto empfoh⸗ len, ſo bietet auch nunmehr Euer graues Haupt dem Herrn dar und richtet es aufwärts!”“*) *) Hiſtoriſch. ***) Hiſtoriſch. — 159 Der Greis machte die letzte Anſtrengung und erhob es . es fiel!—— Olbramowitz betrat die Todesbühne. Einem Herr⸗ ſcher gleich ſchritt er feſt, trotz ſeiner Jahre, über ihren düſtren Boden hin. Er hörte, ſtolz aufgerichtet, die Vor⸗ leſung des Urtheils an. „Saget eurem Kaiſer“, wandte er ſich mit laut erhobe⸗ ner Stimme, daß alle Umſtehenden ihn hörten, zu den Richtern,„daß wir freudig dulden, was ſeine ungerechte Gewalt über uns verhängt hat. Allein er wird einem ſchwereren Gericht Gottes nicht entgehen!“*) Er legte ſodann ſelbſt, ruhig, die Oberkleidung ab. Dabei entdeckte er an ſeinem Halſe die goldene Denkmünze, welche auf König Friedrich's Krönung geſchlagen war. „Siehe da, mein letzter, einziger Beſitz“, ſprach er und betrachtete das Schauſtück bewegt. Dann wandte er ſich zu Lippach, der ihm zunächſt ſtand, und ſagte:„O Freund! Wenn mein König Friedrich, dem ich den Eid der Treue geſchworen, jemals ſeinen Thron wieder beſteigt, ſo gib ihm dieſe Münze zurück und ſage ihm, daß ich, wie ich ſie bis zu meinem Tode getragen, auch meinen Eid treu gehalten habe. Ich ſterbe freudig, in Gott, für ihn.“**) Darauf kniete er nieder. Stolz und muthig wie ſein Leben war ſein Tod.—— Jeſſenius von Jeſſen! Es war viel edles Blut gefloſſen. Die ſtarrenden Blicke der Menge hatten viel Entſetzliches geſehen. Das edelſte Blut aber ſollte jetzt fließen, das Entſetzenvollſte jetzt geſchehen! Dieſen Edelſten allein unter den Märtyrern berührte die befleckende Hand *) Hiſtoriſch. ur) Hiſtoriſch. des Henkers und ſeiner Schergen. Wie würdig er vor ſei⸗ nen Richtern ſtand— wie hohen Blickes er die Vollſtrecker des Bluturtheils anſchaute,— ihre rohen Hände faßten ihn — die grauenvolle Verſtümmelung geſchah!—— Er gab keinen Laut des Schmerzes von ſich; doch das ſtrömende Blut, das ſein Antlitz bedeckte, rief laut gen Himmel über Trommelwirbel und Drommetenſchall, über den Entſetzens⸗ ſchrei der Volksmenge hinweg! Sein Haupt lag am Boden!—— Der Durſt der Rache war noch nicht geſättigt in die⸗ ſen Strömen adelſten Blutes. Siebenundzwanzig Häupter ſollte die Morgenſonne dieſes Tages fallen ſehen auf der dunklen Bühne des Todes! Otto von Loß, Friedrich von Bila, Valentin Kochan,.... Ha! Welch ein Schrei dringt uns ins Ohr! Wolodna wandte ſich erſchreckt zurück, Thereſe ſprang auf.— Jakob Steffeck war hinter ihnen bewußtlos zu Bo⸗ den geſunken. Sein Bruder trat eben auf das Blut⸗ gerüſt.... Genug! genug!— Der Vorhang falle vor die Bühne des Grauſens und verhülle die Blutſtröme und die Leichen! Die Stadt iſt eine Gruft! Der Fluch hat ſich erfüllt! Wehe! Wehe! 161 Einunddreißigſtes Capitel. Gegen ſechs Stunden, von der erſten Frühe bis zur zehnten Morgenſtunde, hatte das blutige Werk gedauert! Auch der Nachmittag und der nächſte Morgen ſahen noch grauſenvolle Schauſpiele! Allein nur die unterſte Hefe überwand ſich, ihnen zuzuſchauen. Von Schmerz gebrochen blieben die Andern in ihren Häuſern, und wandten das Auge ab von den Thaten der Verruchtheit, die die grauſe Sitte der Zeit gebar. Nur ein wildes, ſelbſt verruchtes Volk begleitete die Henker und Blutſchergen, als ſie die zwölf herabgeſchlagenen, edlen Häupter, welche die ſchauder⸗ volle Krone des Brückenthurms bilden ſollten, in einen großen Korb roh zuſammengeworfen, nach der Moldau hinabführten. Ein gräßlicher Schmuck, dieſer Kranz blut⸗ loſer und blutbefleckter Häupter, der in gegitterten Eiſen⸗ körben das graue Gemäuer umziehen ſollte. Selbſt die Henker ſchienen zu beben, als ſie die heiligen Ueberreſte der Märtyrer berührten, und die offen gebliebenen Augen zuzudrücken verſuchten. Bei einigen vergeblich. Immer 8 wieder zogen ſich die Augenlider auseinander, und die Todten ſchauten die Lebenden an mit gräßlichem Blich. Graf Schlick's Hand ward ihm auf den Mund be⸗ feſtigt!— Zittert! Auch dieſe doppelt geſchloſſene Lippe wird reden, daß es weit über die Menſchengeſchlechter hinaustönt!— Caplicz' Auge war geſchloſſen. Sein Haupt von Silber⸗ haar umkränzt, gleich dem eines Schlummernden. Auf der ſanften Lippe und Stirn thronte der Friede.— Werdet — 162 ihr ihn finden, die ihr dieſem heiligen Haupt die Gruft verſagt?—— Je länger die entſetzliche Arbeit währte, je höher ſtieg das Grauſen der Henkersknechte ſelbſt. Nur noch das letzte Haupt mußte eingeſenkt werden in den Eiſenkorb. Zwei Knechte waren damit beſchäftigt. Sie flogen wie im Fieber während der Arbeit; ſchlotternd und ſich ſchüttelnd ſtiegen ſie endlich wieder hinab. „Mach' jetzt, daß wir fortkommen, Thomas!“ trieb der eine den andern an. „Der letzte Kopf da liegt noch nicht ordentlich!“ ant⸗ wortete dieſer und zeigte hinauf.„Wir ſollten noch einmal hinauf!“ „Nicht um tauſend Gulden!“ rief der andere und blickte ſcheu nur noch einmal halb hinauf, ſchüttelte ſich, raffte ſein Geräth zuſammen und haſtete ſich fortzukommen. Der zweite folgte eilig. Das Volk ſtarrte ihnen grauend nach. Als ſie etwas entfernter waren, fing auch in dieſer Hefe an das Gefühl der Empörung ſich zu regen und kam bald zum rohen Ausbruch. Anfänglich erhob ſich ein grol⸗ lendes Gemurmel, dann als die Knechte ihren Lauf be⸗ ſchleunigten, folgte ihnen verhöhnendes Ziſchen, das bald in ein wildes Geſchrei und gräßlichen Fluch auf die Hen⸗ kersgehülfen überging. So übte die Maſſe, obgleich durch das rohe Gelüſten an dem Grauſen herbeigezogen, zugleich ein Gericht über die Ausführer der That, und ſchüttete ihren Abſcheu über ſie aus.—— —— Nikolaus Diewiß war nicht zum Tode, doch vielleicht härter, zu Schmach und furchtbarer Marter ver⸗ urtheilt. Der Büttel führte ihn an des nächſten Tages 163 Morgen aus dem Gefängniß auf den Ring, zu dem Schand⸗ pfahl am Rathhauſe. Der Unglückliche ſchwankte, mit zit⸗ ternden Knien von zwei Gefängnißknechten gehalten. Drei andre Verurtheilte, Wenzeslaus Boczetzky, Joſeph Kubin, und Johann Schwehla, Redner und Rechtsanwalte, die viel und eifrig das Wort für die Sache der Utraquiſten geführt, mußten der Marter zuſchauen. Kriegsleute über⸗ wachten, wie geſtern, die Richtſtätte; das Volk ſtand fern. Diewiß wurde an den Marterpfahl gebunden. Er ſtand lautlos bleich, zitternd. Vor ſeiner Seele ſtiegen die gräß⸗ lichen Bilder auf, die er mit ahnungsvollem Grauſen ge⸗ rade hier geſehen, als die wilden Horden der Krieger am Tage nach der Schlacht hier ihre Lagerplätze aufgeſchlagen hatten. Die Erinnerung durchrieſelte ihn kalt; ſein Körper ſchlotterte fieberhaft. Die Qualen der Angſt verlängerten ſich für ihn und trieben ihm kalte Schweißtropfen auf die Stirn; denn bevor ſeine eigene Folterſtunde beginnen ſollte, empfingen die andern drei Verurtheilten einen Theil der über ſie ver⸗ hängten Strafe; die Büttelknechte entblößten ihre Körper von den Schultern bis zur Hüfte und banden ihnen die Arme auf den Rücken. Dann erhob der Henker die Peitſche und geiſelte ſie alle drei;*) mit qualverzogenem Antlitz trugen ſie ihre Marter, anfangs ſtumm, doch da die ſchnei⸗ denden Streiche immer wieder auf die blutigen Stellen fielen, und die Qualen ſich immer höher ſteigerten, brachen ſie erſt in leiſes Wimmern, dann in jammervollen Schrei aus. Erſt als dieſe Opfer, erſchöpft, faſt in die Knie ſanken, wandte ſich der Henker zu Diewiß. Zwei Knechte preßten den Kopf des Jammernden gegen den Marterpfahl und *) Hiſtoriſch. 164 öffneten ihm gewaltſam den Mund. Der Henker zog ihm die Zunge mit einer Zange hervor, trieb einen Nagel hin⸗ durch und ſchlug ſie ſo an das Holz des Marterpfahls.*) Der Unglückliche ſtieß einen dumpfen Schrei aus; ein dunkler Blutſtrom quoll ihm über das Antlitz und vorn die Bruſt hinunter. Im krampfhaften Schmerz preßte er ſich gegen den Pfahl; er konnte ihn nicht umklammern, denn ſeine Hände waren auf dem Rücken gefeſſelt. Die Knie brachen unter ihm; er hing halb mit der Schwere des Körpers an dem ſcharfen Eiſen!—— So ließ ihn der Henker; das Volk ſtarrte grauſend zu ihm hinüber. Die drei Gegeiſelten wurden jetzt vom Scharfrichter und den Bütteln weiter geführt, zuerſt nach der Münze, wo ſie ein zweites, dann nach den Grünen Hirſchen, einem ſo bezeichneten Hauſe, wo ſie ein drittes mal die Marter der Geiſelung zu erdulden hatten. Als hier die Sonne plötzlich hinter ein dichtes Gewölk trat, rief Kubin in ſeiner Qual aus:„Sonne! Verfinſtre dich über dem grauſen Unrecht, das an uns geſchieht!“**) Mit dieſen Worten ſank er nieder.. —— Die Strafe war beendet. Das Volk umringte die Blutenden mitleidig. Es geleitete ſie aus der Stadt, denn ihr Spruch lautete auf Verbannung. Sie wurden ins Elend geſtoßen! Doch die Liebe ihrer Brüder ſpendete ihnen Geſchenke und Ausrüſtungen für die Wanderſchaft.— Die Unglücklichen pilgerten dahin, ohne ein anderes Vater⸗ land als die Heimat jenſeit. Doch fromm erhoben in ihrem Gott ſangen ſie heilige Pſalmen:„Eile Gott mich zu *) Hiſtoriſch. **) Hiſtoriſch. 165 erretten, Herr mir zu helfen!“*) Die wehmuthvollen Klänge erhoben ſich in die reinen Morgenlüfte und tönten noch weit aus der Ferne zurück, als die Hinausgeſtoßenen ſchon in der Biegung der Heerſtraße verſchwunden wa⸗ ren!—— —— Auch Nikolaus Diewiß hatte jetzt die Marterſtunde überſtanden! Die Knechte banden ihn los vom Pfahl, der Henker zog den Nagel heraus. Doch die eignen Füße trugen den Erſchöpften nicht mehr; er ſank zuſammen. Dumpf grollte das Murmeln der Theilnahme und der Erbitterung durch die von den Kriegsleuten gegen die Häuſer zurückgehaltene Volksmaſſe, die dem Schauſpiel mit Grauſen beigewohnt hatte. Diewiß wurde von den Bütteln unter die Achſeln ge⸗. faßt, halb fortgetragen. Dicht an der Pforte des Rathhauſes hatten ſich noch einige Verwandte und Freunde eingefunden, die ſich durch Geſchenke die Gunſt erwarben, ihn dort noch einmal zu ſehen und Abſchied von ihm zu nehmen, da er ſchon mit dem nächſten Morgen nach Raab fortgeführt werden ſollte, um in den dumpfen Kaſematten der Veſte, mit Eiſen be⸗ laſtet, für immer begraben zu werden. Die Weinenden und Trauernden nahten ſich ihm; ſie wollten ihm ein letztes Wort ſagen, ihm noch zum letzten mal die Hand drücken! Mit Mühe reichte der Todesmatte den liebenden, zudrän⸗ genden Freunden die Hände hinüber. Zu ſprechen ver⸗ mochte er keine Silbe, nur einige Bewegungen machten die zuckenden Lippen, denen noch immer das Blut entrie⸗ ſelte. Sein Auge dankte mit brechendem Blick und flehte ſtumm aufwärts um Erbarmen zum Himmel. *) Hiſtoriſch. 166 Plötzlich zuckte er wie von einem Krampf gefaßt zu⸗ ſammen und wandte das Geſicht abwärts. Zaloska's Kopf ſtreckte ſich über die Schultern des einen der Henkers⸗ knechte hervor und grinſte den halb Sterbenden an. Er war völlig trunken; ſein Auge glotzte thieriſch ſtumpf unter den borſtigen Brauen hervor.„Haſt geſchworen“, lallte er,„ſo lang deine Zunge ſtammeln kann, wolleſt nicht Ruh halten. Weißt du noch? Zu Wien— hab's wohl gehört, hab's gut behalten,— haſt Wort gehalten; deine Zunge kann nicht mehr ſtammeln!“ Seelengemartert krümmte ſich Diewiß abwärts. Grauen⸗ voll entſchleierte ſich ihm die Vergangenheit, denn jetzt er⸗ kannte er, daß damals Zaloska ſein Geſpräch mit Tharradel, behorcht hatte! Er brach in ſich zuſammen.— Einem taumelnden Thier gleich wollte ſich Zaloska noch näher hinzudrängen. „Fort, Halunke!“ ſchrie ihm der Scharfrichter ſelbſt zu. „Wie kamſt du hierher! Werft das Vieh in die Goſſe!“ Der Angerufene ſprang zurück wie eine ſcheue, wilde Katze. Er fletſchte grinſend die Zähne, erhob ein Geſchrei aus höhnendem Gelächter und wilden Lauten der Wuth gemiſcht, wandte ſich dann raſch um und taumelte halb wie trunken, halb wie toll, über den Platz hin. Hinter Diewiß ſchloß ſich die Thür des Rathhauſes. Bald ſollte ſich die des Kerkers auf ewig hinter ihm ſchließen.*) *) Er lag vier Jahre in den Eiſen; dann wurde er freige⸗ laſſen; verbannt, aller Güter beraubt, wie viele Tauſende ſeines Glaubens, flüchtete er nach Liſſa in Schleſien, wo er als Greis erſtarb. verſta„ Zweiunddreißigſtes Capitel. Die zweite Nacht ſank herab auf die Stadt, die ver⸗ ödet dalag, wie eine einzige ſchauerliche Grabſtätte. Bleiches Mondenlicht, das bald mit leiſem Strahl zwiſchen dem zerriſſen ſchwebenden Gewölk hindurchſchlich, bald die dunk⸗ len Schatten deſſelben über den Boden hingleiten ließ, um⸗ webte die Erde mit dämmerndem Schein. Behutſam, tief verhüllt, traten aus Lippach's Hauſe drei Geſtalten; es waren Thereſe, Agathe, Wolodna. Sie hatten den Entſchluß zur Flucht gefaßt. Prag war ein großes Gefängniß, eine Blutgerichtsſtätte! Nur außer⸗ halb ſeiner Mauern, außerhalb der Grenzen Böhmens, konnten ſie noch hoffen einen freien Athemzug zu thun, eine Freiſtatt zu finden, wo ſie, in nie verlöſchendem Gram, aber doch in tröſtender Friedensſtille, den Tag erwarten mochten, an dem der Herr ſie abrufen werde. Auch Lippach war entſchloſſen die Heimat zu verlaſſen. Denn ſein treuer Glaubensmuth beugte ſich dem Glaubens⸗ zwang nicht. Allein er wollte offen gehen, ſein Bekenntniß ablegen vor aller Welt, zumal vor ſeiner theuren Gemeinde, und Abſchied nehmen von ihr. Die drei Hausgenoſſen, alle von Gefahren, die ſich beſonders gegen ihr Haupt richteten, bedroht, gingen ihm voran. Sie wollten zunächſt zu ihren Freunden, im Ge⸗ birge, um ſich dort der großen Auswanderung anzuſchließen, die dieſe insgeheim vorbereiteten. Agathe hatte ihrem Vater das Gelübde gethan, ſobald ſie es vermöchte die fürchterliche Stadt zu verlaſſen, denn —,— 168 er beſorgte, und wahrlich nicht mit Unrecht, daß neu er⸗ wachender Haß und Begierde dem ſchutzloſen Kinde doch noch verderblich werden könnten. Wolodna und Thereſe waren ebenſo, vielleicht noch gefährlicher bedroht, wenn ihr verborgener Aufenthalt erkundet wurde. Darum wähllen dieſe Drei die Nacht zum Aufbruch, und hatten ihn mög⸗ lichſt beeilt, da für jetzt die Rache der Feinde durch das grauenvolle Blutopfer geſättigt ſchien, und nun wenigſtens einige Augenblicke des Nachlaſſes zu hoffen waren, bis zu neuen, weiterhin bedrohenden und ſtrafenden Thaten ge⸗ ſchritten würde. Das entſetzliche Ereigniß des Augenblicks hatte Diejenigen, gegen welche es gerichtet war, ſowie Die, welche es vollführten, mit gleicher Erſtarrung, ſo ſchien es, gelähmt. Dieſen Augenblick verſteinerter Raſt und Stille mußten die bedrohten Flüchtigen benutzen. So verließen ſie denn das Haus, welches ihnen über ſieben furchtbare Monate hindurch ein ſchützendes Obdach gewährt. Wie Jungfrauen und junge Mütter, die ein Gelübde erfüllen wollen, zu einem Marienbilde zu wallfahrten pflegen, hatte ſich Thereſe und Agathe in weite weißlinnene Pilgergewande gehüllt. Thereſe trug ihren Knaben auf dem Arm. Wolodna, dem der langgewachſene Bart, ſeine Züge verbergend, herabhing, begleitete ſie in der Pilger⸗ kleidung. Nur ſo durften ſie hoffen, in der Stunde der Nacht ungehindert über die Brücke zu gelangen. Mit leiſen, doch raſchen Schritten gingen ſie durch die vom trüben Mondlicht umdämmerten Gaſſen in dem tiefen Schatten der Häuſer hin. Der große Ring war noch von Kriegern bewacht, doch in geringerer Zahl. Sie ließen die Wandernden ungeſtört vorüberziehen. Es war ein Glück, daß die Dunkelheit und die Breite des Platzes Agathen fern 169 genug von der Mauer des Rathhauſes hielten. So ging ſie, ohne es zu wiſſen, an dem dort ſchmachvoll aufgeſteckten, ehrwürdigen Haupte ihres Vaters vorüber. Dennoch ſuch⸗ ten Wolodna und Thereſe, die das Schreckliche wußten und die ſchauerliche Stelle erkannten, ihren Blick und Sinn da⸗ von abzulenken. Wolodna, indem er auf ihrer rechten Seite hinſchreitend, den Ort mit ſeinem Körper zu decken ſuchte, Thereſe, indem ſie durch leiſe Worte Augen und Ge⸗ danken der Unglücklichen gleichzeitig abzuwenden trachtete.— Sie hatten die Brücke erreicht. Schon ragte der Thurm mit den Häuptern der Hingerichteten als ſchwarze Maſſe vor ihnen auf, doch ließ ſich Einzelnes noch nicht unter⸗ ſcheiden. „Blickt nicht hinauf, meine Kinder“, bat Wolodna ſich zu Agathen wendend. Dieſe ſenkte ſcheu gehorchend das Haupt nieder und zog das verhüllende Gewand dichter über die Stirn. Thereſe vernahm ein inneres Gebot:„Du darfſt nicht zagen, das Schreckliche zu ſehen! Du mußt es anſchauen! Das grauſe Bild ſoll fortleben in deiner Seele, daß es nimmer, nimmer verlöſche! Dieſer letzte Blick zu den edlen Häuptern hinauf iſt die letzte Pflicht, die du gegen ſie zu erfüllen haſt!“—— „Halt!“ rief eine rauhe Stimme ſie an, als ſie eben die Brücke betreten wollten. Ein Lanzenknecht hielt ihnen den Speer vor.„Niemand darf hinüber!“ „Freund!“ redete ihn Wolodna, auf das Hinderniß vor⸗ bereitet, an;„wir wollen nach Sanct⸗Iv an, um morgen, am Johannistag, zur Frühmeßzeit ein Gelübde vor den Re⸗ liquien des Heiligen zu erfüllen! Mitternacht iſt nahe, laßt uns hinüber, ſonſt können wir unſer Ziel nicht erreichen.“ „Vom Zapfenſtreich bis Tagesanbruch iſt die Brücke Rellſtab, Drei Jahre. V. 2. 8 geſperrt!“ antwortete der Lanzenknecht und hielt die Lanze abermals vorgeſtreckt. „Ich bitte Euch“, hub Wolodna nochmals an. „Keinen Schritt!“ rief der Soldat rauh und drängte ihn an der Schulter zurück.—„Da kommt ſchon die Runde“, ſetzte er hinzu,„ſeht zu, ob es der Offizier er⸗ laubt.“ Hufſchlag wurde hörbar; es näherte ſich ein Commando. Wolodna erſchrak. Von einem Trupp dieſer rohen Ge⸗ ſellen war Vieles zu fürchten; mindeſtens genauere Nach⸗ forſchung, Aufenthalt, vielleicht Verhaftung... Die Frauen zitterten; ſie durften es noch vor Schlimmerem! „Was gibt es hier?— Wer ſind dieſe Leute?“ fragte der Offizier, der ſeinen Leuten etwas vorangeſprengt war. Wolodna erzählte und bat. „Mögt Ihr laufen!“ antwortete der Offizier.„Es ſind da noch ein paar, die hinauswollen, hinter uns!“ fuhr er zu der Schildwache fort.„Du kannſt ſie paſſiren laſſen. Wir werden ſie drüben melden, daß man ſie dort durchläßt.“ Er ritt vorwärts. Wolodna und die Frauen folgten dicht hinter ihm in der Beſorgniß, es könnte ſonſt doch noch ein Hinderniß für ſie eintreten. Der Offizier bemerkte ſie erſt, als ſie ſchon auf der Brücke waren. „Holla!“ rief er,„nicht ſo voreilig; hinter meinen Leuten folgt ihr!— Trab!“ commandirte er zurück; die Reiter gehorchten; die Wandernden ſprangen eilig auf die Seite, um den Trupp vorüberzulaſſen. „Gott ſei Dank!“ ſagte Wolodna,„daß dieſe Geſellen ſo ſchnell an uns vorbei mußten. Wer weiß, was wir ſonſt noch hier erfahren hätten! Beeilt euch nur, daß wir auch nicht unter die Leute, die nachfolgen ſollen, gerathen. Man kann nicht wiſſen, welcher Art ſie ſind. Am beſten iſt's, wir kommen mit Niemand zuſammen!“ Unter dieſen Worten waren ſie den Reitern raſch nachgeſchritten. Als ſie ſich dem Brückenthurm, der die Häupter von zwölf Märtyrern trug, näherten, überkam ſie ein kaltes Grauſen; zumal Thereſen! Die Empfindun⸗ gen, unter denen ſie durch den düſtren Bogen dieſer Thor⸗ wölbung ſchritt, als ſie Prag zum erſten males betrat, er⸗ wachten mit furchtbarer Verſtärkung in ihr. Sie erhob das Auge zu den aufgepflanzten Häuptern, doch wie durch eine fremde Gewalt erfaßt, ſchreckte ſie zurück; ihr Fuß zit⸗ terte, ihr Blick heftete ſich ſtarr auf den Boden. Agathe that daſſelbe aus weiblicher Scheu und Aengſtlichkeit. Selbſt Wolodna wandte das Auge ab. So ſchritten ſie unter der düſtren Pforte hindurch. Als ſie ſie hinter ſich hatten, trat aus dem dunklen Gewölk, das den ſüdlichen Himmel ſtromaufwärts der Moldau zerriſſen überdeckte, der Mond bleich hervor und warf ſein gebrochenes Bild in die Wellen. „Nein! Es muß ſein!“ rief es in Thereſen.„Zittert auch der bleiche Mondſtrahl ſelbſt vor dieſem Bilde, mein Auge ſoll nicht ſcheu mehr abwärts blicken. Sie wandte ſich um und ſtand tief Athem ſchöpfend ſtill.„Ha!“ rief ſie unwillkürlich, als ſie die Reihe der Häupter über ſich an dem grauen Gemäuer erblickte, die mit blutloſen Wangen und vom Wind verwehtem Haar vom Geiſterhauch des Mondenſchimmers umdämmert herabſtarrten. Sie ſtand wie in Stein verwandelt. Kein Wort ver⸗ mochte ſich von ihrer Lippe zu löſen; kaum ein Gedanke lebte in ihrer Bruſt; nur ein dunkles Ahnen und Grauſen erfüllte ihre ganze Seele. Agathe hüllte ſich dicht in ihre Gewänder und bebte; ſie vermochte nicht aufwärts zu blicken. 8* 172 Wolodna ergriff Thereſens Arm und drängte ſie mit dem leiſen Wort:„Komm, komm, Thereſel weiter.“ Sie beharrte wie gebannt. Die Schritte der Nachkommenden und das dunkle Gemurmel ihrer Stimmen näherten ſich. Endlich raffte Thereſe ihre Kraft zuſammen; eben wollte ſie ſich wenden, um weiter zu gehen, als aus der finſtren Thor⸗ wölbung des Thurms ein gellender Schrei erſcholl und plötz⸗ lich, wie aus der Nacht geboren, eine Geſtalt mit wilden Sprüngen hervorſchoß und einem Wirbelwinde gleich, um ſich ſelbſt geriſſen, vorwärts taumelte. „Sie kommen! Sie kommen herunter!“ ſchrie das Un⸗ gethüm mit gräßlicher Stimme, und ſtürzte gerade auf The⸗ reſen zu. Unwillkürlich zurückſchaudernd hielt ſie das Kind ſchützend an ihrer Bruſt und ſtand emporgerichtet, gleich einem Marien⸗ bilde da; der Luftſtrom ſchlug das Gewand von ihrem Haupte zurück, der Mond ſchien ihr hell ins Antlitz. Das ungethüme Weſen ſtand wie eingewurzelt, heftete die ſtarren Blicke auf ihr Angeſicht, warf ſich dann zu⸗ ſammenbrechend auf beide Knien vor ihr nieder und rief: „Heilige Mutter Gottes, erbarme dich meiner!“ Es war Zaloska. Thereſe erkannte ihn. Sie erſchreckte nicht, ſie bebte nicht vor ihm; doch ſchauernde Verehrung ergriff ſie vor dem Gericht des Himmels, das ſich an dem Nichtswürdigen erfüllte! Der verglaſte Blick, das Zucken der Lippen, die ſchlotternden Glieder, die zuſammenklappen⸗ den Zähne ſprachen das furchtbare Urtheil aus, das Gott über ihn verhängt. „Gnade, Gnade, heilige Mutter Gottes“, wimmerte er. Thereſe ſtand vor ihm, der Himmliſchen gleich. Sie richtete einen Blick der Hoheit auf ihn; in ſich zurückſchauernd ſprach ſie das einzige Wort:„Gerechtigkeit!“ Von Entſetzen geſchüttelt, riß ſich der Wahnſinnige em⸗ por, wankte rückwärts, taumelte um ſich ſelbſt, ſodaß ſich ſein Antlitz wieder gegen den Thurm und die Häupter der Hingerichteten wandte, und ſtarrte zu ihnen hinauf. In die⸗ ſem Augenblick erhob ſich der Wind mit ſtärkerem Auf⸗ ſchwung und ſauſte hohl um den Thurm. Das Haar der aufgeſteckten Häupter umflatterte ſie wild; eins derſelben ſtürzte herab.*) Es rollte zu Zaloska’'s Füßen. Einen Augenblick ſtarrte er es gräßlich an; dann that er einen Schrei des Entſetzens, preßte die Hände vor die Augen, ſtürzte mit gewaltigem Sprung und Schwung dem Ge⸗ länder der Brücke zu und ſchleuderte ſich hinunter in den Strom. Dreiunddreißigſtes Capitel. Die Morgenfrühe des heiligen Johannistages war an⸗ gebrochen. Sonſt der Tag der ſchönſten Feier in der ſchönſten Zeit des Jahres. Von Allen, die an den Herrn glauben, feſtlich begangen, welches Unterſchiedes auch ihre Meinungen geweſen! Diesmal ein Tag der ſchweren Trauer, der tauſendfältigen Thränen! Den Nachgebliebenen der Hingerichteten war es bewil⸗ ligt worden, die Leichname der Ihrigen zu beſtatten. Die Meiſten hatten dieſen Tag gewählt zu der ſchmerzenvollen Feier! Witwen und Waiſen in tiefer Trauer, Freunde, Verwandte, Brüder geleiteten die Särge, in denen die *) Hiſtoriſch. Leichname ohne Haupt ihrer letzten Ruheſtatt gegeben wurden! Die Morgenſonne erblickte auf allen Kirchhöfen der bangen Stadt offene Gräber und ſah Tauſende von Leidtragenden, Unglücklichen ringgum. Das Geläut der Todtenglocken erfüllte alle Lüfte. Einigen folgte der düſtre Schall auf weiten Wanderwegen; denn es wurde auch man⸗ cher Leichnam von den Verwandten hinweggeführt, um auf dem Erbe ſeiner Ahnen, bei ſeinen Vätern zu ruhen. Das Grab dort war das einzige Beſitzthum, das ihnen noch da⸗ von geſtattet blieb!—— So die Frühſtunden des Feſttages! Am ſpätern Vormittag füllten ſich die Kirchen mit De⸗ nen, die den Himmel um Troſt und Hülfe anflehten und ſeine Gnade erbitten wollten für die Dahingegangenen. Nir⸗ gends aber ſchwoll die Volksmenge ſtärker an als vor der neuen St.⸗Salvatorkirche. Nicht der zehnte Theil der An⸗ dringenden fand Raum in der kleinen Kirche. Denn hier hielt David Lippach die letzte Rede vor ſeiner Gemeinde. Lippach weihte ſeine Betrachtungen ganz den ſchweren Ereigniſſen der kaum vorübergegangenen Tage. Er wog das große Geſchick des Ganzen; des Landes, des Volks, des Glaubens; er gedachte ſeines eigenen kleinen Lebens⸗ geſchickes nicht, ſo bitter es ſich jetzt für ihn wendete, indem er von ſeiner Gemeinde ſcheiden ſollte, von dem heimat⸗ lichen Boden. Ja, in ſanfter Frömmigkeit erhob ſich ſeine Seele ſo hoch, daß er zu betrachten und ſeinen Hörern zum Verſtändniß zu bringen vermochte, wie ſich ſelbſt in dem Verhängniß des Schreckenstages nur die Gnade Gottes verherrlichte. Darum ſchloß er an ſeine Rede eine Dank⸗ ſagung*): *) Hiſtoriſch; wörtlich! 175 „Inſonderheit erinnern wir uns jetzt billig“, hub er mit ſanft bewegter Stimme, aber in ruhiger, gläubiger Ueber⸗ windung ſeines Schmerzes an,„deſſen, was der Herr ſagt im funfzigſten Pſalm:«Rufe mich an in der Noth, ſo will ich dich erretten, ſo ſollſt du mich preiſen.) Nun ha⸗ ben wir ihn am vergangenen Sonntage allhier in unſerer Kirche auch öffentlich angerufen, daß ſeine barmherzige All⸗ macht ſich der Gefangenen, beſonders derer, die zur Hin⸗ richtung verurtheilt geweſen, gnädig erbarmen, ihnen ihre Sünde um Chriſto Willen vergeben, ſie mit ſeines heiligen Geiſtes Troſt, Kraft und Stärke erfüllen, ihnen ſeinen väterlichen Willen zu erkennen geben wolle: auf daß ſie durch ſeine Gnade in allerlei Marter geduldig, getroſt, freudig und beſtändig ſich erweiſen, mit feſtem Glauben in Chriſto verharren und endlich die freudenreiche Krone der Ehren und ewigen Seligkeit erringen möchten. Der fromme Gott, der da reich iſt an Barmherzigkeit und erhört gnädig Alle, die ihn anrufen, und thut, was die Gottesfürchtigen begehren, hat auch ſie, die Gefangenen, ſammt uns, gnädig⸗ lich erhört: daß wir augenſcheinlich die Erfüllung ſeiner Ver⸗ heißung an ihrem Glauben und ihrer Beſtändigkeit, ihrer wahren Geduld und Hoffnung, Kraft, Troſt und chriſtlicher Freudigkeit erkennen können. So danken wir nun billig, ſolange wir leben, alleſammt dem großen Gott für ſeine unausſprechliche Wohlthat: daß er die Her⸗ zen vor aller falſchen, irrigen und verführeriſchen Rede ſo gewaltiglich verwahret; mit ſeinem heiligen Geiſt, dem Geiſt der Wahrheit, dem rechten, einigen Tröſter ſie über die Maß, wie die heiligen Märtyrer erfüllet hat: daß ſie nichts gefürchtet, ſondern als der durſtige Hirſch nach dem friſchen Waſſer und wie die wüthigen Löwen zu dem Kampf, alſo auch ſie zu der ewigen Freudenkrone nacheinander geeilet 176 haben!— Der barmherzige Vater Abraham tröſtet ſie jetzt reichlich in ſeinem Schos mit unausſprechlicher Freude, die kein Auge je geſehen, kein Ohr gehöret, und die in keines Menſchen Herze kommen iſt; er verkläret ſie von einer Klar⸗ heit zu der andern, erfüllet ſie mit Freuden und lieblichem Weſen zu ſeiner Rechten immer und ewiglich! Er wolle in der Auferſtehung der Gerechten auch ihre heiligen Leiber ſammt uns und allen Auserwählten zum ewigen Leben auf⸗ erwecken! Inmittelſt ihre hinterlaſſenen Betrübten und uns alleſammt gnädiglich mit göttlichem Troſt erfüllen, daß wir ſeinen göttlichen Willen erkennen und ihm gehorſam folgen in Liebe und Leid, um ſeines heiligen Namens Ehre willen!— Amen.“ Die Erhebung der Seele, die aus Lippach's leuchtendem Auge ſtrahlte, ergriff die ganze Gemeinde. Eine heilige Stille webte über der Schaar der Andächtigen. Ihre gläu⸗ bige Kraft ſiegte über den irdiſchen Schmerz, ſodaß ſie es wahrhaft vermochten, mit innerſtem Gefühl des Dankes gegen den Höchſten, auch dieſe ſeine ſchwer prüfende Schickung zu verehren. Aus dem vernichteten Glück der Erde ſtieg das himmliſche vor ihnen auf, das ihre Mär⸗ tyrer gewonnen, das ihnen ſelbſt troſtreich winkte. „Nun aber, meine theuren Brüder“, begann Lippach von neuem,„muß ich ein Wort zu euch reden, das meine Seele tiefſchmerzlich zerreißt. Der Herr hat mich berufen, ſein Wort zu verkünden iin der lautern Wahrheit, aus der innerſten Erkenntniß und Ueberzeugung meiner Seele. Das darf ich fernerhin auf dieſem uns ſo theuren vaterländiſchen Boden nicht! Uns wird angeſonnen, daß wir die Wahr⸗ heit verleugnen! Das werde ich nimmer! So aber iſt mei⸗ nes Bleibens hier nicht länger. Ich muß hingehen und eine Stätte ſuchen, wo ich des Herrn Wort frei verkünden darf. Ob ich in die Verbannung, ob ich ins Elend irre— ich muß es tragen! Zog doch das Volk Iſrael durch die Wogen des Meeres in die Wüſte, um ſeinen heiligen Tem⸗ pel zu bauen! Und der Herr beſchirmte es! Er wird auch mein Haupt beſchirmen, und das eure, wenn ihr ohne Hirten der Seele hier zurückbleibt.«Denn du biſt mein Hirty, ſingt der Pſalmiſt! Wendet eure Herzen nicht ab von Gott, ſo wird er ſein Auge nicht von euch wenden, ſeine Hand euch führen, ſeine Rechte euch halten.— Ich darf ſein Wort nicht mehr verkünden, ihr aber dürft es heilig bewahren in euren Herzen und ihm in reiner Treue anhängen!— So lebet denn wohl und gedenket meiner in eurem Gebet!“— Da brach ihm die Stimme in Wehmuth und Thränen. Ein lautes Weinen und Schluchzen erhob ſich in der Ge⸗ meinde. Als er die letzte Stufe der Kanzel herabſtieg, um⸗ ringten ihn die Liebenden ſo dicht, daß ſie ihn faſt aus der Kirche trugen. Aus einer Umarmung ſank er in die an⸗ dere; ſie küßten ſeine Hände, er mußte wehren, daß ſie ihm nicht zu Füßen ſanken!—— Am nächſten Morgen war die Gaſſe ſo dicht mit Volk bedeckt, daß ſie für allen Verkehr der Fußgänger wie des Fuhrwerks geſperrt war. Nur ein einziger, ſchlicht länd⸗ licher Wagen, der Lippach und die Seinen hinwegführen ſollte, hielt vor der Thür des Hauſes; die liebende Ge⸗ meinde hatte ihn mit Blumen und Kränzen geſchmückt!— Die Hausthür öffnete ſich. Lippach trat mit ſeiner treu hingegebenen Getrud und ſeinen beiden Kindern, einem Kna⸗ ben und einem Mädchen heraus. Er vermochte kein Wort zu ſprechen; ſtumm ſank er nieder auf die Knie und erhob die Hände hinauf zu dem Blau des Himmels; ſeine fließenden Thränen nur ſtrömten 8** 178 aus, was an Rührung, Dank, Liebe und Gottergebenheit ſeine Seele erfüllte. Die Gattin und die Kinder knieten ihm zur Seite auf der Schwelle ſeines Hauſes. Wie auf einen Schlag ſank die ganze Schaar der Verſammelten auf die Knie. Ein ſtummes, aber inbrünſtiges Gebet ſtieg em⸗ por von den Tauſenden in die blauen, reinen Höhen des Himmels. Finſtren Sinnes ſchauten die Gegner und Herren in der Stadt auf Das, was geſchah; allein ſie trugen Be⸗ denken, es hindern zu wollen, noch gewaltigerem Ausbruch der Herzen, vielleicht die nichts mehr fürchtende Verzweif⸗ lung ſcheuend.——— Lippach weigerte ſich, den Wagen zu beſteigen, dem das Volk das Geleit geben wollte.„Ich gehe, wenn ihr mich geleiten wollt, mitten unter euch, meine Brüder!“ Die Kinder und die Mutter nur, die ſich überwältigt von dem Drange der Gefühle nicht auf den Füßen halten konnten, wurden auf den Wagen gehoben. So bewegte ſich der Zug langſam vorwärts. Zunächſt an Lippach gingen Jakob Steffeck und der alte ſilberhaarige Meiſter Duſſek; dicht hinter ihnen Volk⸗ mar, den es ebenfalls in die Heimat drängte. 3 „Mich bekümmert nur“, ſprach Lippach wehmüthig leiſe zu Duſſek,„wie wir den armen Baſilius zurücklaſſen.“ „Er iſt abgefallen in ſeiner Menſchenfurcht!“*) ſagte Duſſek finſter. „Der Herr erbarme ſich ſeiner Seele!“ ſeufzte Lippach. Sie hatten den großen Ring erreicht, ein furchtbar er⸗ ſchütternder Schauplatz für Alle, für Lippach zumal. Seine Kirche war ihm zur Rechten, die Blutbühne gegenüber. *) Hiſtoriſch. 179 Noch trug die Stelle ſchauervolle Spuren des Hergangs; Rippell's ehrwürdiges Haupt war nicht beerdigt! Mit todesſtummem Grauen wogte die Volksmaſſe vor⸗ bei, hinter den eiſernen Geſtalten der Schildwachen vorüber, die die Richtſtätte noch bewachten und finſtren Auges auf die Vorüberziehenden blickten. Kurz vor der Brücke ſtockte der Zug. Die Gaſſe war durch einen Leichenzug geſperrt quer über dieſelbe hinweg. Schwarze Mönchsgeſtalten begleiteten den Sarg, der der Kirche zugetragen wurde; es ertönte leiſer, ſchauerlicher Chorgeſang. „Das ſind die Jeſuiten!“ flüſterte Duſſek. „Wer wird begraben?“ fragte Lippach theilnehmend. „Der Pater Thyßka!“ „Allgerechter Gott!“——— ——— Ein junger, bleicher Mann in der Ordens⸗ tracht, deſſen Knie ſchwankten, ſchritt, dem Sarge folgend, dicht an ihnen vorüber. „Wer mag das ſein?“ fragte Lippach. „Der junge Pater Benedetto“, verſetzte Duſſek leiſe, „es iſt der neue Bibliothekar des Ordens. Er ſoll ein großer Liebling des Paters Lamormain ſein!“ „So ſieht er nicht aus!“ entgegnete Lippach leiſe den Kopf ſchüttelnd. 3 Die Blicke Beider begegneten einander; ſie ſagten ſich etwas Unbeſchreibliches. Benedetto ſchwankte, dem Umſinken nahe, vorüber.— Lippach ſchritt in ſich gekehrt mit den Seinen weiter. Sie zogen über die Brücke.— Unter dem finſtren Thurm entblößten Alle das Haupt und gingen ehrfurchts⸗ gebeugt an den Häuptern der Märtyrer vorüber. Sie durf⸗ ten dort nicht verweilen, ſie wollten es auch nicht.— 180 Stumm, nur von leiſem Murmeln umrauſcht, bewegte ſich der dichte Strom der Schaaren über den rauſchenden des Fluſſes. Zum letzten male ſah Lippach den erhabenen Hradſchin mit ſeinen Paläſten und Thürmen, ſah er rück⸗ wärts blickend das ſtolze Prag, angeleuchtet von der Morgen⸗ ſonne, verdoppelt im Spiegel des Stroms! Sein Herz wogte hoch empor!„Es ſo zu verlaſſen!“ —— Endlich erreichten ſie an der Strahow⸗Abtei das Thor — das freie Feld— das Schlachtgefilde, wo die Schlacht des Unterganges geſchlagen war! Hier ſtand Lippach ſtill.„Bis hierher, meine Brüder, und nicht weiter!“ ſprach er.„Habet Dank! Lebet wohl!— Der Segen des Herrn über euch!“ Er breitete die Arme ſegnend aus. Alle die Tauſende ſanken unter Gottes Himmel auf die Knie.— Lippach ver⸗ mochte nicht mehr!— Er wandte ſich ab. „Wir folgen bald“, hörte er des alten treuen Duſſek's Stimme, der ſeine Hand noch einmal ergriffen hatte.„Gott geleite euch!“ Er riß ſich los.— Nach wenigen Augenblicken rollte der unſcheinbare Wa⸗ gen mit den bitter Betrübten die Höhe abwärts. Weit tönte ihnen der Geſang nach, den die andächtigen Brüder unter dem blauen Himmelsdom anſtimmten: „Eine feſte Burg iſt unſer Gott!“*) *) Die Prag und Böhmen verlaſſenden evangeliſchen Pfarrer erhielten in ſolcher Weiſe das Geleit ihrer ganzen Gemeinden. 181 Vierunddreißigſtes Capitel. Am ſanften Abhang des Gebirges erhob ſich ein ein⸗ ſames Grab mit grünem Raſen bedeckt, durch ein ſchwarzes Kreuz bezeichnet; es trug den Namen„Nechodom“. Thereſe und Wolodna knieten zunächſt dem Grab⸗ hügel. Ein Weniges hinter ihnen im Halbkreiſe die ihnen verbundenen Freunde, Agathe, Volkmar, der alte krie⸗ geriſche Holoduk mit ſeiner narbenbedeckten, kahlen Scheitel, der kraftſtrotzende Czernig; an der äußerſten Seite ein Jüngling mit bleichen Zügen, die weiße Stirn vom blon⸗ den Haar leicht umgeben. Es war Benedetto! Seine Seele hatte ſich losgerungen aus den Banden, in die ſie ge⸗ ſchlagen war. Das Martyrthum der Bekämpften hatte ihn beſiegt; er war, von neuer Wahrheit durchleuchtet, herüber⸗ getreten zu den Unterdrückten, bereit, ihr Los der Verban⸗ nung, des heimatloſen Durchirrens der Welt zu tragen.— Hinter dieſen hatte ſich die ganze Schaar der Auswandern⸗ den verſammelt; es waren ihrer mehr als hundert, die das Vaterland jetzt verließen. Und Viele, Viele, denen es nicht ſo raſch gelungen war, alle Bande der Heimat zu löſen, wollten ihnen nachfolgen. Hinter dem Grabhügel zu beiden Seiten des kleinen Kreuzes ſtanden der würdige Pfarrer Chlodzek und Da⸗ vid Lippach, beide die Hände gefalten im ſtummen Gebet. Eben hatte Lippach die Worte geſchloſſen, die er an die Gemeinde gerichtet, welche er und Chlodzek nunmehr als treue Hüter auch in die Fremde geleiten wollten, um ſich in neuer Wohnſtätte mit ihnen niederzulaſſen. e EEEEEEREEEEEEE 182 Der Augenblick des Aufbruchs war da. „Wohl! Nun dürfen wir ſagen, daß wir bereit ſind!“ ſprach Lippach zu den Freunden.„Stehet nun auf, meine Brüder! Laſſet uns die Wanderſchaft antreten. Ver⸗ gebung meinen Feinden!) war das letzte Wort des Pa⸗ triarchen, an deſſen Gruft wir hier verſammelt ſind. Laſſet uns ihm nachahmen und mit Vergebung im Herzen jetzt in Frieden dahinziehen, jenſeit dieſer Berge die neue Heimat aufzuſuchen.“ Er wandte ſich um und ſchritt mit Chlodzek voran. Die Knienden erhoben ſich. Thereſe, ihren Knaben auf dem Arme, von Wolodna geführt, Agathe durch Volkmar unter⸗ ſtützt, alle die andern Freunde Paar und Paar, Hand in Hand, Männer, Frauen, Söhne, Töchter und die Schaar der lieblichen, ſchuldloſen Kinder bildeten den Zug. Mit heiligem Geſang begannen ſie den Weg zu den bewaldeten Höhen des Erzgebirges hinan. Dann ſchwiegen die Töne; Jeder wog in der Tiefe und Stille der Bruſt für ſich die Geſchicke, die er zurückließ, die neuen, die ſich ihm eröffnen ſollten. Der Weg erhob ſich allgemach ſteiler bergan. Er ver⸗ ſchwand in dem Dunkel des Waldes.— Am Geyers berg mit ſeiner ſtolzen Burg klimmte er zu dem Kamm des Ge⸗ birges auf. Hierher, auf der belebteſten Straße, die von 1 dem Böhmenlande in das der Sachſen führte, war der Zug der belaſteten Wagen ſchon vorangegangen, um die zu Fuß Wandernden zu erwarten, welche nur zurückgeblieben waren, um ihre letzte Andacht an dem Grabe des erſten Märty⸗ rers zu halten, der in dem Kampfe gefallen war, deſſen unheilvoller Ausgang ſie jetzt hinwegtrieb von dem väter⸗ lichen Herde! Ueber der Burg gewannen ſie eine freie Höhe, die ihnen 183 noch einmal einen Blick über das herrliche Land gewährte, das ſie verlaſſen mußten. Zwei rieſige Bruderthürme rag⸗ ten die blauen Kuppen des großen und kleinen Mileſchau aus der Kette des Mittelgebirges empor; mächtige Herrſcher des Landes, die Schulter mit dem nebelduftigen Wolken⸗ purpur umhüllt. Weithin breiteten ſich die geſegneten Flu⸗ ren aus, eben im vollen Schmuck der reifenden Saaten pran⸗ gend, die die Flüchtlinge ungeerntet zurücklaſſen mußten! Hinter ihnen lag die ſonnenbeglänzte Heimat, ein blühender Teppich der Fluren, der ſchönen Gebirge! Vor ihnen lag die verhüllte Zukunft! Schweres Gewölk zog über den Kamm des Erzgebirges herauf. Lippach ging im Geſpräch mit Chlodzek und dem jugend⸗ lichen Benedetto; die beiden älteren Männer erfreuten ſich des jungen Gefährten und weihten ihn immer tiefer in die Lehre ihres Chriſtenthums ein, das ſich durch Benedetto's Ueber⸗ tritt ſo wunderbar bewährte, der es aufſuchte in dem Augen⸗ blick, wo es ſchien, als wolle Gottes Blitz es zertrümmern. Stumm in ihrem Schmerz, doch lieblich im Reiz ihrer Jugend, wandelte Agathe; Volkmar neben ihr in treuer, warmer Hingebung. Sie Beide wanderten, die Einzigen unter allen dieſen, in ihre Heimat zurück. Wie ſchauer⸗ liche Erinnerungen hinter ihnen lagen, es glänzte ihnen ein lieblicher Schimmer der Hoffnung am fernen Horizont. Und, ſollte nicht, wie ſie nebeneinander hinwandelten, hier ein zar⸗ tes Samenkorn künftiger ſüßer Blüten in ihre Herzen fallen? Schweigend ging Thereſe an Wolodna's Seite; ihr Knabe ſchlummerte; ſeiner unentfalteten Seele hüllte es der Him⸗ mel in gnadenvolles Dunkel, daß dieſe Stunde die ſeiner Verbannung war. Doch Thereſe empfand es ſchwer. Oft blickte ihr dunk⸗ les Auge feucht zurück auf die Fluren, wo ſie die holdeſten Träume der Kindheit geträumt und die grauſen Schrecken des Lebens geſehen! Auf dem breiten Kamm des Gebirges, an einem niedren Waldgebüſch, harrte des Wanderzugs ſchon eine andre kleine Schaar, die aus andern Gegenden des Gebirges und des Landes überhaupt kommend, ſich hier mit dem Zuge ver⸗ einen wollte. Thereſe wandte ihren theilnehmenden Blick auf dieſe Unglücksgenoſſen; jetzt waren ſie einander ganz nahe. Plötz⸗ lich that ſie einen Ruf freudigen Erſchreckens, flog von ihres Vaters Seite auf die Harrenden zu und ſchlang ihren Arm um den Nacken einer Matrone, die, auf ihren Stab ge⸗ ſtützt, am Wege ſtand. „Ihr ſeid's, Ihr, meine Retterin! Ihr, ſeine Ret⸗ terin!“ rief ſie unter ſtrömenden Thränen und bedeckte die Stirn der Staunenden mit Küſſen. Es war die Köhlerfrau von Groß⸗Lasken, die mit ihrem Manne, der ihr zur Seite ſtand, ſich den Auswan⸗ dernden geſellt hatte. „Heiliger Gott“, ſprach Wlaſta zitternd,„Ihr ſeid es, junge, theure Frau! Ach, Ihr lebt— doch unſer Sohn!...“ ſie brach in Thränen aus. 4 „Ich weiß“, ſagte Thereſe tief bewegt. „Ihr wißt?— Was wißt Ihr von ihm?“ rief der Mann in äußerſter Spannung. Thereſe erzählte, daß ſie ſeine letzten Worte empfangen, ihm die Augen zugedrückt habe. Jetzt brachen beide Gatten in ſtrömende Thränen aus. Es war die erſte Kunde, die ſie von ihrem Sohne erhielten, ſeit die Kaiſerlichen ihn gewaltſam geworben und mitgeführt hatten. Verloren glaubten ſie ihn freilich, da ſie nichts wieder von ihm gehört.— Alterseinſam, in ihrem Glau⸗ öͤ ———— 185 ben verfolgt, hatte es auch ſie gedrängt, die Heimat zu verlaſſen. Auf ihrem Wanderwege ſproßte ihnen jetzt die Trauerblume der ſichren Todeskunde!— Doch ſie fanden auch das liebende, dankerfüllte Herz Thereſens. So fiel ein erquickender Thautropfen in den tiefen Kelch ihres Grams!— In heiliger Bewegung der Herzen ſetzten ſie den Stab weiter an Thereſens und Wolodna's Seite. Beide Wanderzüge bewegten ſich gemeinſam vorwärts. „Es iſt ſtürmiſch hier auf der Höhe!“ ſagte der alte Holoduk.„Das Wetter ſchlägt um!— Der Weſtwind treibt ſchwarze Wolkenmaſſen heran.— Es wird auch hinter uns ſchon finſter. Ein Gewitter zieht herauf!“ Böhmen lag jetzt tief beſch attet von Gewölk.— Sie ſchritten ſtumm vorwärts. Wolodna fing an unruhig zur Rechten zu blicken. Sein ſcharfes krieg⸗ und jagdgeübtes Auge war auf ein dichtes Gebüſch, welches ſich in einer Schlucht unweit vor ihnen aufwärts zog, gerichtet. Er ſtieß den alten Holoduk un⸗ vermerkt an und raunte ihm zu:„Dort im Walde geht etwas vor!“ „Hm!“ murmelte der Alte.„Zu trauen iſt nie! Die Grenze ſteckt voll Kriegsgeſindel. Sie könnten Luſt auf unſere belaſteten Wagen haben!“ „Die Schlucht ſchneidet uns oben den Weg quer ab“, bemerkte Wolodna. „Wohl wahr!— Doch in einer Stunde ſind wir jen⸗ ſeit der Grenze.“ Sie zogen ſchweigend weiter. „Seht! Dort kommt ein Wagen über den Kamm uns entgegen“, mäͤchte Holoduk Wolodna aufmerkſam. „Ein Reiſewagen, ſcheint mir; er muß aus Sachſen kommen“, antwortete dieſer.„Er nimmt gerade die Straße, öͤͤͤ111 186 die wir gehen werden.— Wenn er durch das kleine Ge⸗ büſch iſt, muß er auf unſere Wagen treffen.— Wir ſoll⸗ ten uns zuhalten, ihnen näher zu ſein!“ ſetzte er leiſe hinzu; „ich möchte nur keine Beſorgniſſe erregen!“ „Beſſer Vorſicht als Reue“, entgegnete Holoduk. Beide theilten Czernig und einigen andern Männern ihre Beſorgniſſe mit. Die Wanderung wurde beſchleunigt. Wenige Minuten ſpäter kam der Reiſewagen aus dem Gebüſch, in welchem er verſchwunden war, wieder hervor; auf dem freien Raume mußte er die Laſtwagen der Aus⸗ wanderer kreuzen, die ſoeben dieſſeit den Wald verlaſſen hatten. Die Fußwandernden waren noch einige Hundert Schritte entfernt, als der Reiſewagen mit dem Zuge ihrer Habſelig⸗ keiten zuſammentraf. Von beiden Seiten wurde angehalten. Ein Mann, der die Haltung eines Vornehmen hatte, ſprang aus dem Reiſewagen; er redete lebhaft zu dem Führer des erſten Wagens der Wanderer. Von Unruhe getrieben über Das, was ſo nahe der Grenze ihnen noch begegnen konnte, eilten jetzt die Männer vollen Laufs zu dem Wagenzug hinüber quer übers Feld. Die Frauen folgten. Da blitzte es plötzlich am Rande des Waldes auf; ein Schuß fiel, gleich darauf mehrere, und eine Menge Bewaffneter ſtürzten aus dem Walde auf die Wagen zu, augenſcheinlich um ſie zu plündern. Ihr Führer war zu Pferd. Die Auswanderer ſtürzten nun gleichfalls herbei; der Schreckensruf der Frauen ertönte. Da die Fort⸗ ziehenden ohne erhebliche Waffen waren, das Kriegsvolk, welches ſie aus dem Walde überfiel, aber vollſtändig aus⸗ gerüſtet, ſo waren nach wenigen Augenblicken des Tumults die Wagen von ihren Führern verlaſſen, bevor ihnen die unzureichende Hülfe der Fußwanderer nur nahe gekommen 187 war. Doch eilten dieſe hinzu, entſchloſſen das Ihrige zu vertheidigen. Wolodna, Holoduk, Czernig, Volkmar waren die Vorderſten. Der Reiſende, deſſen mit ſechs Pferden beſpannter Wa⸗ gen über Seite gefahren war, mußte ein vornehmer Mann ſein; er ſchien als Befehlshaber der Soldaten aufzutreten gegen die Ueberfallenen. „Laßt keinen Wagen von der Stelle!“ gebot er den Soldaten, indem eben Wolodna mit Czernig als die beiden Erſten herbeiſtürzten,„ich will euch euren Beuteantheil nicht vorenthalten!“ „Herr des Himmels!“ rief Wolodna, als er den Frem⸗ den ſchärfer ins Auge faßte, zu Czernig,„das iſt....“ Er hatte das Wort noch nicht ausgeſprochen, als jener ſich zu ihnen umwandte. Es war Slawata. Im erſten Augenblick hielt ein ſtummer Schrecken Alle, auch Slawata ſelbſt gefeſſelt. Allein er faßte ſich ſchnell. „Ha! Treffe ich euch hier! Wir ſind hier auf böhmi⸗ ſchem Gebiet.— Der dort iſt mein Leibeigener“, rief er, auf Wolodna zeigend, dem Führer der Angreifer zu;„nehmt ihn gefangen. Laſſet dieſe Alle feſthalten“, gebot er. „So ſetzt denn das Leben ein zum letzten male!“ rief Wolodna und legte ſeine Büchſe auf Slawata an. Doch er hatte kaum den Arm erhoben, als die rings her andrin⸗ genden Kriegsleute ihn und Czernig niederriſſen und ent⸗ waffneten. Der Schuß ging in die Lüfte. Er war das Zeichen zum allgemeinen Ueberfall. „Ergebt euch oder wir ſchießen und ſtechen Alles nieder!“ rief der Befehlshaber. Die Meiſten waren unbewaffnet, über die Hälfte Frauen und Kinder; da auf Einige, die fliehen wollten, geſchoſſen ——y— 8 4 3 188 wurde, lähmte der Schrecken bald Alle. Sie ſtanden zit⸗ ternd wie angewurzelt. Auch Thereſe, die ihrem Vater ſo raſch als möglich gefolgt war, wurde ergriffen. Ihr verzweiflungsvoller Blick ſtarrte auf Slawata hin.„Gott! Sende Retter— ſende Rächer!“ flehte ſie mit glühendem Antlitz. Da drang ein lautſchallendes Getön ſeitwärts von der Grenze her. Die Blicke wandten ſich dorthin. Eine dunkle Maſſe von Reitern war eben jenſeit über die leicht an⸗ ſteigende Höhe des Kammes heraufgekommen und ſprengte mit verhängtem Zügel und wildem Kriegsruf über das Blach⸗ feld heran. Slawata ſtutzte; er wurde bleich. Die Kriegsleute blick⸗ ten ſich verwundert um. „Das iſt nichts Gutes!“ rief der Befehlshaber.„Sie ſind zuverläſſig von den Raubſchaaren, die hier an der Grenze umherſtreifen!— Rettet euch ſchleunigſt in den Wald!“ befahl er ſeinen Leuten und ſprengte, ſelbſt der Erſte, dahin. Im Augenblick begann die Flucht. Die ſchon die Wagen Plündernden ſprangen eilig herab. Als ob der Sturm ſie über das Blachfeld jagte, ſtürzten ſie dem Waldſaum zu, um die Deckung des Gebüſches zu gewinnen. Im nächſten Augenblick brauſten die Reiter heran, ihr Führer weit voran. Thereſe blickte hinüber, zitterte, ſtarrte, erkannte— es war Xaver! Er flog vom Roß— hielt ſie in ſeinen Armen. 1 —— Er war der Retter! Der Auftrag Mans⸗ feld's hatte ihn in dieſe Gegend geführt. Seine Sehnſucht zog ihn der Heimatsſtätte zu. Er wollte an ſeines Vaters Grabe beten. Auf dem Wege dahin erblickte er von fern 189 den Zug, ahnte, eilte herbei— Gott ſelbſt hatte ihn geführt. 4 Slawata ſtand ſchreckenbleich. „Richtet ihn!“ flammte Czernig's Zorn auf und ſeine Blicke waren Schwerter.— Hundert Arme erhoben ſich drohend. „Gott wird ihn richten!“ rief Wolodna feierlich und wandte ſich mit bittendem Blick der Abwehr zu den Sei⸗ nigen. „Nein! Wir dürfen die Gnade dieſer Stunde nicht be⸗ flecken!“ bat auch Thereſe in heiliger Dankbarkeit, indem ſie ſich aus Xaver's Umarmung den Erbitterten zuwandte. Czernig ſenkte den erhobenen Arm. Alle waren ſtumm, gehorſam. Tiefe, erſchütternde Stille herrſchte. Slawata ſchwankte hinweg. Durch lautloſes Schieds⸗ cericht war er dem höhern Richter überwieſen.—— Sein Wagen rollte auf der böhmiſchen Seite hinunter. Die Auswandernden blickten ihm lange nach; ſchwere Gedanken im Herzen!—— „Wir müſſen weiter, Freunde“, begann Xaver endlich, „dort unſere neue Heimat zu ſuchen!“ Er deutete nach der Grenze.„Meine Reiter geleiten euch.“ Der Zug ſetzte ſich wieder in Bewegung in dem Schwei⸗ gen heiliger Wehmuth, die jetzt, da der Augenblick da war, auf immer von der theuren Muttererde zu ſcheiden, jede Bruſt mit neuer Gewalt ergriff.—— Die Grenze war erreicht. Die Flüchtenden ſtanden auf dem ſchützenden Boden des Nachbarlandes. Noch einmal wandten ſich Alle ſtumm zurück. Holoduk zerdrückte eine Thräne in den grauen Wimpern! Wolodna's Auge ſchaute umflort hinüber nach den geliebten blauen Bergen! Thereſe barg das Haupt an Xaver's Bruſt. Schmerz 190 und Seligkeit ohne Maß miſchten ſich in dieſen einen Tropfen der Zeit! Lippach und Chlodzek erhoben die Hände zum ſtillen Gebet. 8 4 Betend, dankend, weinend, ſanken Alle auf die Knie.—— Das war der Abſchied!—— Doch der Empfang auf fremder Erde war rauh. Ein ſchwerer Gewitterhimmel deckte das weite Land. Es donnerte dumpf. Böhmen lag in grau wogendem Ge⸗ wölk begraben. Finſter der Blick hinter ihnen; finſtrer der vor ihnen! Das Vergangene ſchauervoll— ſchauervoller das Kommende! — 0. 2 8 S 8 80 2 3 * 2 65 ——— — —