—— * Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ oen angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 af.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Erſtes Capitel. „Quäle dich nicht länger unnütz, alter Guntram, komm herunter“, rief ein Dienſtmann des Grafen Schafgotſch aus dem geöffneten kleinen Lugfenſter der Thurmwärter⸗ ſtube in der Burg Kynaſt zum Wärter, der ſich oben auf der Zinne befand, hinauf.„Es wird dunkel und in dem Wetter kommt heut nicht Roß nicht Mann mehr den Kynaſt herauf. Darauf kannſt du die Hoſtie nehmen! Wer wird den Hals brechen wollen auf dem ſteilen Wege! Komm herunter und wärme dich mit uns hier am Feuer!“ „Ich komme gleich“, antwortete eine Stimme von dem Thurme der Burg. „Mach' das Fenſter wieder zu, Winfried“, rief ein dritter Dienſtmann, der gleichfalls oben in dem Thürmer⸗ ſtübchen ſaß.„Durch das kleine Loch pfeift der Wind hinein wie eine Kugel aus der Büchſe.— Sieh nur die Menge Schnee, die er in dem einen Augenblick in die Stube ge⸗ trieben hat.“ „Da kommt er ſchon!“ ſagte Winfried, als ſich ſchwere Tritte auf der kleinen Treppe vernehmen ließen, die zur Thurmzinne hinaufführte.„ZJetzt macht er die Fallthür zu!“ Werige Augenblicke nachher öffnete ſich die enge Stu⸗ benthür und ein Graubart, in den dichten Schafpelz wohl eingeknöpft, der alte Thurmwärter Guntram trat ein. „Hier iſt's freilich beſſer als oben auf der Zinne“, ſagte der Alte, ſchüttelte ſich den Schnee aus Haar, Mütze und Pelz, und hing ſein Signalhorn an die Wand.„Für heut iſt mein Tagewerk droben abgethan. Es wird zu finſter. Ich ſehe keine dreißig Schritt mehr über den Burg⸗ graben hinaus. Und wenn der Kaiſer käme, er müßte war⸗ ten an der Zugbrücke, bis wir ſein Signal hören!“ „Trink einen Schluck, Alter“, ſagte Winfried und reichte ihm einen weitgebauchten zinnernen Trinktopf hin;„die alte Barbara hat ihrem Freund Wolf ein warmes Honig⸗ bier gekocht, das der Kaiſer trinken könnte, wenn er, wie du ſagſt, etwa noch heut an der Burg vorſpräche.— Ja, zieh' nur das Maul, Wolf“, fuhr er gegen den Dritten fort, der mit der Zange im Feuer ſtöberte, und bei Winfried's Worten ein verdrießliches Geſicht ſchnitt;„du biſt doch im⸗ mer um ihre Schürze herum, und....“ „Du ſchnatterſt wie die Mädchen am Spinnrade“, ſiel ihm Wolf, des Grafen Büchſenſpanner, ärgerlich ins Wort. „Laßt's gut ſein“, ſagte Guntram, der eben einen zwei⸗ ten Zug aus der Kanne gethan hatte,„ſie iſt eine brave Alte, und eine brave Köchin. Das Bier wärmt und ſtärkt mich herrlich! Ich hatte es nöthig, bei meinem Schutzpatron; man friert durch, bis ins Mark der Knochen, da oben! Und mir war ohnehin nicht recht wohl zu Muthe!“ „Wie ſo? Seid Ihr krank?“ fragte Wolf. „Nicht krank; aber ich habe eine ſchlechte Nacht gehabt!“ Er ſchüttelte ſich, ſchlug ein Kreuz und murmelte: „Vewahre mich in Gnaden, Mein Schutzpatron, vor Schaden!“ — 5 „Was ſoll das heißen, Alter? Iſt dir der.... Gott ſeibeiuns, zu nahe getreten?“ fragte Winfried. „Verſündigt Euch nicht!— Es iſt nicht zum Scherz⸗ treiben“, antwortete Guntram und bekreuzte ſich abermals Stirn und Bruſt. „Spukt's in deinem Hirn, Alter?“ rief Winfried ver⸗ wundert.„Ich weiß du biſt ein ſtrenger Katholik; aber jetzt eben ſind wir doch nicht in der Meſſe, daß du Kreuze ſchlägſt und Paternoſter ſeufzeſt!— Was iſt dir denn be⸗ gegnet!“ „Ich wollte ich wäre aus dieſem Schloß heraus; es wird für einen guten Chriſten immer ſchlimmer hier!“ ſeufzte Guntram. „Oho! drückt's dich etwa, einem ſo guten Herrn zu dienen wie unſer Graf, weil er lutheriſch iſt?“ fragte Winfried etwas in Eifer. „Laßt unſeren Grafen aus dem Spiele!“ fiel auch Wolf ernſt ein;„es ziemt ſich gar nicht für Euch, in ſolcher Art über ihn zu reden!“ „Es fällt mir ja gar nicht ein“, antwortete Guntram, „ungeziemend von unſerem Herrn zu ſprechen!“ „Du meinſt doch, es laſſe ſich hier im Schloß nicht länger aushalten!“ „Aber nicht wegen des Herrn Grafen. Gott ſchütze ihn!“ ſagte der Alte.„Er will mir nur nicht glauben, daß es nicht geheuer hier iſt. Und erſt in der vergangenen Nacht...“. „Der Herr Graf iſt ja ſchon ſeit über acht Tagen in Breslau, was kann er von der vergangenen Nacht wiſſen?“ fiel Winfried halb ſpöttiſch dem Alten in die Rede. „Es war zuvor auch ſchon nicht recht richtig, und damals habe ich's ihm geſagt,—— doch in verwichener Nacht....“ Ein Windſtoß, der plötzlich mit hohlem Sauſen den Thurm faßte, daß die Fenſter klirrten und der Wetterhahn laut kreiſchte, unterbrach ſeine Worte. „Heiliger Gott!“ rief er erſchreckt emporfahrend und bekreuzte ſich abermals. „Alter!“ rief Winfried und faßte ihn bei der Schulter, „fährſt du auch noch zuſammen, wenn der Wind den mor⸗ ſchen Thurm ſchüttelt? Biſt du das in deinen ſiebzig Jah⸗ ren noch nicht gewohnt geworden?— Nun ſetz' dich wie⸗ der und erzähle, was hat's gegeben vor acht Tagen und in voriger Nacht?“* Der Alte legte den Zeigefinger der linken Hand auf den Mund und ſprach kaum hörbar, während er ſich ängſtlich nach beiden Seiten umſah:„Die weiße Frau hat ſich gezeigt.“ „Narretei!“ fuhr Wolf heraus.„Das mögt Ihr der alten Barbara weismachen!“ „Das wäre deine Sache“, ſpöttelte Winfried, der auch ziemlich ungläubig war. „Bewahre mich in Gnaden, Mein Schutzpatron, vor Schaden!“ ſprach der Alte fromm.—„Seid doch nicht ſo ganz ſcham⸗ los und gottlos! Seht ihr, das iſt der neue Glaube! Ihr habt keine Scheu und Gottesfurcht mehr!“ „Keine Geſpenſterfurcht, alter Guntram“, ſagte Wolf ernſthaft.„Aber erzähle endlich was dir begegnet iſt!“ „Ja, fang' an“, ſagte auch Winfried;„ich glaube zwar nicht ſo recht an Geiſtererſcheinungen; doch erzählen laſſe ich mir gern davon. Beſonders im warmen Thurmſtübchen, wenn draußen der Wind ſo heult— hört einmal!— ordentlich als ob er die Orgel ſpielte!— und wenn der Schnee ſo umwirbelt wie jetzt, daß man im Walde nicht von Baum zu Baum ſehen kann!“ 7 „Es war am dritten Tage, nachdem die Gräfin Thurn mit der jungen Gräfin hier eingezogen iſt“, hub Guntram an.„Das Wetter war noch nicht ſo ſchlimm als jetzt; es lag zwar Schnee und wir hatten hübſchen Froſt, aber heitren Himmel bei Nacht und Mondenſchein. Da hielt ich meine Wachtrunde um Mitternacht ab, und als ich über den Burghof ſchaue nach der Mauer, wo die böſe Kunigunde...“ „Ach! bringſt du die alten Märchen wieder auf?“ un⸗ terbrach ihn Winfried,„dann wirſt du uns auch wol von dem Mönch erzählen, und die Geſchichte mit dem Lamm, das der Wolf in der Küche fraß?“ „Das nennt ihr Märchen?— Mein Großvater ſelbſt...“ „Hat die ſtolze Kunigunde gekannt?“ ſcherzte Winfried lachend. „Ich mag gar nicht mit euch reden, wenn ihr ſo un⸗ gläubig ſeid und ſo frevelhaft ſpottet“, rief der Alte zür⸗ nend.„Ich bin nicht der Mann, der Scherz treibt mit Dingen, wo mir's kalt über den Rücken läuft.“ „Laß ihn doch ruhig erzählen, was ihm begegnet iſt“, ſagte Wolf. „Kurz und gut“, behauptete der alte Guntram,„ich habe die weiße Frau geſehen. Auf der Mauer ging das Geſpenſt langſam hin und verſchwand in dem Eckthurm.“ „Und das wollte dir der Graf nicht glauben?“ „Nein!“ „Hm! Ich kann mir's denken!“ meinte Wolf.—„Und in verwichener Nacht...?“ „Hab' ich ſie wiederum geſehen, auf der nämlichen Stelle.“ „Haſt du ſie nicht angerufen?“ fragte er weiter. „Daß ich toll wäre!— Ich zitterte an Händen und Füßen, und ſchlug ein Kreuz, und betete ein Paternoſter.“ „Und wo blieb das Geſpenſt?“ „Es verſchwand im Thurm, mitten in der Mauer!“ verſicherte Guntram. „Unmöglich; die Mauer läuft ja hinterm Thurm herum!“ „Es war wie ich ſage!“ beharrte Guntram.„Sowie das Geſpenſt in den Schatten des Thurmes eintrat, ver⸗ ſchwand es ganz.“ „Du haſt dich geirrt!— Wer weiß was das geweſen iſt“, ſagte Wolf kopfſchüttelnd. „Ein Schneemann!“ ſpöttelte Winfried vor ſich hin. „Und was ſollte die Erſcheinung bedeuten?“ fragte Wolf. „Etwas Gutes gewiß nicht!“ antwortete Guntram. „In jetzigen ſchweren Zeiten, wo ſollte auch das Gute her⸗ kommen!“ ſeufzte er.„Wenn ſich nur der Mönch nicht auch ſehen läßt!“ „Der Mönch?“ fragte Wolf. „Nun freilich!— Er ſpukt ja auch im Schloß!“ „Welcher Mönch denn?“ drang Winfried ungeduldig in den Alten. 3 „Ihr ſeid ja doch ungläubig“, wehrte Guntram die Auskunft ab.„Ihr habt ja ſchon zuvor über die Geſchichte von dem Wolf, der das Lamm fraß, geſpottet.— Doch ich ſage euch, der Mönch, der dem Urgroßvater unſeres Grafen die traurige Endſchaft geweiſſagt hat, iſt damals nicht zum letzten male im Schloß geweſen!— Er hat ſich öfters wieder gezeigt. Und wenn er kommt, hat es alle⸗ mal einen Todesfall in der gräflichen Familie zu bedeuten. Wer ihn ſieht, dem bedeutet es auch Unheil!“ „Du glaubſt an alle Geſpenſtergeſchichten, Alter! Wer hat ihn denn geſehen? Du?“ fragte Wolf. — 9 „Bewahre mich in Gnaden“, betete der Alte ſeinen Spruch.„Wenn ich ihn ſehen müßte, würde ich wol nicht viel Andres mehr auf dieſer Welt ſehen!“ „Nun ſo ſage uns doch, wer hat ihn denn geſehen?“ fragte Winfried, der in ſeinen Zweifeln wankender wurde. „Wir ſind noch nicht lange genug im Dienſt des Grafen und in der Burg, um alle die Geſchichten zu kennen, die ſich ſeit hundert Jahren und darüber hier zugetragen haben ſollen!“ „Ich bin hier geboren, und mein Vater und Großvater auch“, antwortete Guntram.„Wir wiſſen wohl, was ſich hier zugetragen hat, wenn's auch lange geheim gehalten worden iſt!“ „Und dürfen wir's nicht wiſſen?“ fragte Wolf. „Erzähle, Alterchen“, bat Winfried, und hielt ihm das Trinkgefäß hin. „Der ſelige Herr Graf“, ſagte der Alte geheimnißvoll, „hat ihn auch geſehen! Sieben Tage vor ſeinem Hin⸗ ſcheiden war es. Der Herr war friſch und geſund; war in den Forſt geritten, auf die Wolfsjagd im ſpäten Novem⸗ ber. Als er zurückkommt, war's Nacht geworden; der Mond ſchien zwar, ſtand aber hinter Wolken. Bei der letzten Biegung, die der Weg zum Berg hinauf macht, ſcheut ſein Pferd und will nicht vorwärts. Er gibt ihm die Sporen. Es bäumt ſich und tanzt auf den Hinterfüßen. Plötzlich erhebt ſich an dem ſchwarzen Fichtengebüſch vor ihm, wo dazumal ein ſteinernes Crueifix ſtand, eine Mönchsgeſtalt; ein uralter Greis mit ſilbernem Haar und Bart, bis an den Gürtel, der auf den Knien gelegen und vor dem Kreuz gebetet hatte. Das Pferd ſtand mit den Vorder⸗ füßen in den Schnee geſtemmt, wie angewurzelt, zog Hals und Kopf zurück, ſchnob aus den Nüſtern und ſeine Mäh⸗ 1 10 nen ſträubten ſich. Der Graf brachte es mit allen Sporen⸗ ſtößen nicht einen Schritt vorwärts. Er ruft alſo die Geſtalt an:«er biſt du?»“ „Da ſagt der Mönch langſam:„Wir haben uns ſchon geſehen! und wir ſehen uns wieder!» Darauf kreuzt er die Arme über der Bruſt, beugt ſich, wendet ſich um und tritt ins Gebüſch. Gerade beim Umwenden des Alten theilt ſich die Wolke vor dem Mond, und der helle Strahl trifft das Angeſicht der Geſtalt. Da erkennt der Graf ein Bild, das ihm im Traum erſchienen war und ihn gewarnt hatte, nicht lutheriſch zu werden! Es ſchauert ihm durch alle Glieder. Er ſtößt heftig dem Pferde die Sporen ein; jetzt gibt es nach und thut einen mächtigen Satz vorwärts. Der Graf eilt der Erſcheinung nach, ins Gebüſch; doch es iſt ſo dicht, daß er nicht hindurchkönn. In etlichen Galoppſätzen reitet er herum; aber von der andern Seite iſt Niemand zu ſehen. Der Berg ſenkt ſich ſteil ab; auf dem Schnee⸗ abhang, den der Mond hell beſchien, war auch nicht eine Spur von einem Menſchenfuß zu entdecken!“ Der Erzähler und die Zuhörer ſaßen lautlos da. „Herr mein Heiland!“ rief plötzlich der Alte. Ein abermaliger Windſtoß ſauſte um den Thurm, daß die Mauern bebten. Alle Drei fuhren zuſammen. „Habt ihr gehört? Das war ein Stoß ins Horn?“ ſagte Guntram aufhorchend, während er am ganzen Leibe zitterte. „Nicht doch!“ meinte Wolf,„der Windſtoß heulte ſo durch den Schlot!“ Guntram lauſchte ungläubig fort, in der Beſorgniß ſeine Pflicht zu verabſäumen. „Biſt du denn bei der Erſcheinung zugegen geweſen?“ fragte Wolf.„Und haſt du den Mönch auch geſehen?“ — 11 „Gott bewahre mich in Gnaden! Nein!“ rief Gun⸗ tram aus. „Du erzählſt das Alles aber ſo haarklein, als hätteſt du dabeigeſtanden“, ſagte Wolf.„Wer hat's denn mit an⸗ geſehen?“ „Niemand!“ ſprach der Alte geheimnißvoll.„Ich war dazumal des ſeligen Herrn Grafen Büchſenſpanner. Mich und zwei Knappen hatte er mit auf der Jagd. Aber er hatte uns vorausgeſchickt, weil er drunten im Dorfe noch mit dem lutheriſchen Pfarrer ſprechen wollte, den er dort eingeſetzt hatte.“ „Und woher weißt du denn die ganze Geſchichte?“ fragte Wolf. „Wort für Wort aus des Grafen eigenem Munde, — ihr könnt die alte Barbara fragen,— die hat's auch gehört“, antwortete Guntram.„Der Herr Graf ging nämlich ſogleich, als er vom Pferd geſtiegen war, zur Frau Gräfin hinauf, die in dem Erkerthurm wohnte. Dicht daneben in der Kammer ſchlief unſer jetziger Herr Graf, damals noch ein Knäblein von fünf Jahren. Die Barbara hatte ihn eben zur Ruhe gebracht und ſaß an ſeinem Bett, wo er eingeſchlafen war. Ich kam von der andern Seite aus der Gewehrkammer, wo ich das Jagdzeug eingeräumt und aufgehängt hatte. Wie ich leiſe eintrat in die Kam⸗ mer, wo die Nachtlampe brannte, winkte mir die Barbara mit der Hand Stille zu. Ich dachte es ſei, um den Kna⸗ ben nicht zu wecken. Doch jetzt hörte ich im Nebengemach den Grafen zu der Frau Gräfin ſprechen. Die Thür war nur angelehnt. Wir verſtanden jedes Wort. Er erzählte ihr, was ich euch erzählt habe. Bis zu meinem letzten Tage werde ich nicht vergeſſen, was ich gehört habe!— Denn am ſiebenten Tage darauf ſtarb der Herr Graf, 1 38 3 3 4 12 der noch in voller Kraft und Fülle der Geſundheit war, plötzlich an einem heftigen Fieberanfall.“ „Nun? Und hat er den Mönch oder was er geweſen, wiedergeſehen?“ fragte Wolf. „Das vermag ich nicht zu ſagen. Aber als er im Ster⸗ ben lag, redete er als ob er ihn an ſeinem Bett ſähe.“ „Pah! das waren Fieberträume!“ meinte Wolf. „Das war aber doch ein Signal“, fuhr Guntram gleichzeitig auf und ſprang dem Fenſter zu. Der Wind hatte ſich einen Augenblick gelegt, und man vernahm von der Brücke her ſtarke Hornſtöße. Guntram riß das kleine Fenſter auf; da ſchallte es ver⸗ nehmlicher. Er griff nach ſeinem Horn, blies zum Fenſter hinaus, um das Zeichen zu geben, daß er gehört habe, und eilte dann aus dem Gemach, um auch nach der andern Seite des Thurms der Thorwacht im Hofe das Signal zu geben, daß Jemand an der Zugbrücke ſei. Zweites Capitel. Die Gräfin Thurn hatte in dieſer drangſalvollen Zeit mit ihrer Tochter eine Zuflucht auf dem Schloß Kynaſt bei dem Grafen Schafgotſch gefunden, während dieſer und Thurn ſelbſt ſich in Breslau befanden, wohin der un⸗ glückliche König Friedrich geflüchtet war. Schon den ganzen Nachmittag hatte Eliſabeth mit ſchwermuth⸗ voller Sehnſucht in dem Erker ihres Thurmgemachs ge⸗ ſeſſen und in die Landſchaft hinausgeblickt, ſoweit es der wirbelnd umtreibende Schnee zuließ. Sie hoffte Botſchaft — —— 13 von ihrem Gatten zu erhalten, der ihr dieſelbe ſobald als möglich durch irgend einen ganz zuverläſſigen Boten ver⸗ ſprochen hatte. Denn faſt erlag ſie dem Bangen der Schwermuth und Einſamkeit. Zu dem Gram, mit welchem die allgemei⸗ nen ſchweren Schickſale ſie belaſteten, fügte ſich noch die äußerſte Beſorgniß um das geliebte Leben ihrer Tochter. Der Zuſtand des theuren Kindes war jetzt der nächſte bren⸗ nende Schmerz der Mutter. Mit einem durch die äußerſte Seelenanſtrengung errun⸗ genen Aufſchwung ihrer gebrochenen Kräfte hatte Thekla Prag verlaſſen. In muthiger Selbſtbeſiegung trug ſie die Anſtrengungen der Flucht. Doch nach wenigen Tagen ſank ſie zuſammen. Sie fiel in einen ſieberhaften Zuſtand des Körpers und der Seele, der ihr nur in flüchtigen Augen⸗ blicken ein klares Bewußtſein ließ. Sie war meiſt in ſtille Schwermuth verſenkt. Der Verluſt des Geliebten hatte ihr Herz gebrochen. Die Standhaftigkeit, mit der ſie die erſte Schärfe des Schmerzes überwältigte und in ſich zurück⸗ drängte, hatte ihre Kraft deſto tiefer unterhöhlt. Dieſer traurige Zuſtand Thekla's hatte Thurn genöthigt, ſich von den Seinigen zu trennen und den Aufenthalt auf dem feſten einſamen Schloß Kynaſt bei ſeinem Freunde und Anhänger ſeiner Partei, dem Grafen Ulrich Schafgotſch für die Frauen anzunehmen, während er ſelbſt, der Pflicht getreu, welche ihm die Sache auferlegte, für die er kämpfte, mit dem Grafen nach Breslau ging. Denn dorthin hatte ſich der unglückliche König Friedrich geflüchtet, um bei den daſelbſt verſammelten ſchleſiſchen Ständen Hülfe zu ſuchen für eine Fortſetzung des Kampfes, den er in Prag in faſ⸗ ſungsloſer Betäubung allzu leicht aufgegeben hatte. Wie vielfach und lange Eliſabeth ſeit den letzten un⸗ 14 glücklichen Jahren ihre Tage in tiefer Einſamkeit zugebracht hatte, um den Unruhen der Kämpfe entfernt zu bleiben: ſo ſchwer war ihr noch kein Aufenthalt geworden als dieſer jetzige. Bilder der Vergangenheit und Ahnungen der Zu⸗ kunft ſchwebten durch ihre bang bewegte Seele. Sie ver⸗ glich das Jetzt mit dem Damals, den einſamen Tagen auf Schloß Sperlingsſtein, auf Karlsſtein. O wie viel ſchwerer laſtete das Heute auf ihr! Damals ſchwankte ihre Stimmung zwiſchen Sorge und Hoffnung; jetzt war die letzte bis auf ein kaum glimmendes Fünkchen in ihrem Leben erloſchen! Damals war ſie begleitet von Thereſen, dieſer verſtändigen, muthigen, liebevollen Freundin, und Thekla weilte in blühender Jugendfriſche ihr zur Seite! Jetzt war Thereſe fern, in der Stadt voll Unheil und Grauen, abgeſchnitten jegliche Kunde von ihr. Und Thekla, ach, ſie war noch ferner! Eine noch weitere, ſchauerlichere Kluft trennte die Tochter von der Mutter! Denn nur ein⸗ zelne ungewiſſe Lichtblicke des Bewußtſeins ſchimmerten in die Nacht der fieberiſchen Träume! Und mit jedem Tage wurde der, von dieſen ſtummen Schmerzen der Seele ge⸗ folterte Körper ſchwächer. Schon war das holde, blühende Kind einem geiſterhaften Schatten ähnlich, der bleich und ſtumm über die Erde hinzog!—— Thekla lag auf einem Ruhebette hinter Vorhängen, wäh⸗ rend ihre Mutter in demſelben Gemach aus dem Erker die Blicke in das Thal hinunterſandte, um den Boten, auf den ſie hoffte, ſo früh als möglich zu erſpähen. Bisweilen war die Möglichkeit gewährt, den Weg zur Burg ſchon in einiger Ferne, ſelbſt unten im Thal zu über⸗ ſchauen, da das Schneegeſtöber aufhörte und eine winter⸗ liche Klarheit der Landſchaft eintrat. Dann haftete das Auge Eliſabeth's deſto angeſtrengter auf der Straße, woher 15 ihr die Botſchaft kommen ſollte. Sie unterbrach dieſes Beobachten nur durch das der Tochter, indem ſie von Zeit zu Zeit an ihr Lager trat, um zu ſehen, ob ſie wache oder ſchlummere. Erſt als es ſchon zu dämmern begann, ſchlug Thekla das Auge auf, während die Mutter vor ihr ſtand. Ein ſanftes Lächeln ſchwebte auf den Lippen der Kranken, als Eliſabeth die Vorhänge zurückſchlug, um das draußen ſchon faſt erlöſchende Tageslicht hineinſchimmern zu laſſen.— Es war eben ſchauerlich ſtill im Gemach; nur 8 der Holzwurm ließ ſich im Getäfel vernehmen; der Sturm hatte nachgelaſſen. Er zog nur zeitweis mit leiſem, hohlen Ton um die Mauern, und ſtreifte über die Fenſter. „Wie iſt dir, meine Tochter?“ fragte Eliſabeth über ſie geneigt;„du ſchlummerſt heut viel!“ 1 „Ich träume ſo ſüß, meine Mutter!“ ſagte ſie mit lei⸗ ſem, halb irrem Ton.„Er iſt nun ganz geneſen und verklärt! Engel haben ſeine Wunden mit ihren Flügeln gekühlt, und ihm Roſen um die blutende Stirn gewun⸗ den! So ſchwebte er aufwärts mit ihnen von dem Schlacht⸗ felde!“ Eliſabeth's mütterliches Herz brach faſt, im ſtummen Kampf mit ſeinen Schmerzen, bei dieſen irren Worten der Tochter, die ſo ſchöne Luftbilder malten. Doch gelang es ihr das Ausbrechen ihrer Thränen zurückzudrängen. Thekla begann von neuem:„In dieſer Nacht mußte ich ihn wieder recht tröſten und erquicken! Ich wandelte zu ihm, hüllte ihn tief ein, und ſchmiegte mich an ſein Herz; denn er bebte vor Froſt auf dem kalten, beſchneiten Boden!“ Sie ſelbſt bebte indem ſie ſprach. „Du haſt ſo ſchauerlich lebhafte Träume, mein liebes. Kind“, ſagte Eliſabeth ſanft und legte die Hand auf die heiße Stirn der Tochter. 16 Draußen erhob der Sturm wieder die rauſchenden Flügel. Der Schnee wirbelte dichter; das Gemach wurde faſt nächt⸗ lich dunkel. „Iſt es noch immer Winter?“ fragte die Kranke.„Es muß doch nun bald Frühling werden!“ Ach für uns, dachte Eliſabeth, wird der Frühling vielleicht nie wieder anbrechen!—„Möchteſt du nicht ein wenig aufſtehen?“ fragte ſie ermunternd die Tochter,„du haſt ja faſt den ganzen Tag gelegen und geſchlummert!“ „Nein, liebe Mutter, ich bin ſo müde!“— Sie zog das Wort wie einen Seufzer aus tiefſter Bruſt.„Laß mich wieder ſchlafen“, bat ſie nach einigen Augenblicken, das Träumen iſt ſo füß!“— Und ſie ſchloß die matten Augen wieder.—— Eliſabeth ſaß ſtumm an dem Lager des Kindes. Tiefe, unermeßliche Schmerzen hüllten ſie ein, betäubten ſie faſt. Sie bemerkte es kaum, daß es ganz finſter geworden war, daß der Sturm draußen immer heftiger wurde und mit hohlem Sauſen um die Thürme des Schloſſes zog. Eine Dienerin trat mit zwei Kerzen ein.„Ihr habt zwar noch nicht nach Licht geſchellt, gnädigſte Gräfin“, ſagte ſie,„allein es iſt ja ſchon ganz finſter. Ich glaubte Ihr wäret vielleicht eingeſchlafen!“ „Für ewig,....“ zitterte es halb wie ein Wunſch halb wie ein Seufzer in Eliſabeth's Bruſt. Doch ſchwieg ſie, und blieb in ſich verſunken ſitzen. Plötzlich fuhr ſie lebhaft empor.„Das war Hörnerruf!“ rief ſie unwillkürlich aus. „Es täuſchte mich nicht. Es muß Jemand am Thor ſein!“ Sie trat in den Erker, von dem ſie einen Blick bis vor die Zugbrücke hatte. Doch es war zu finſter, der Schnee wirbelte zu dicht, um irgend etwas zu erkennen. Auch brauſte der Sturm zu heftig um die Mauern und im 17 Fichtenwalde, um etwa Schnauben oder Stampfen von Pferden zu vernehmen. Die Hornſtöße erneuten ſich; auch die Antwort des Thürmers ließ ſich hören. Eliſabeth's Herz pochte in ban⸗ ger Erwartung, denn ſie erwartete zu gewichtige Botſchaft und ihre Sehnſucht nach Kunde von Thurn und ihrem Sohn war in dieſer kummervollen Einſamkeit aufs höchſte geſtiegen. Da ließen ſich Schritte von fernher auf dem Gang ver⸗ nehmen; ſie kamen näher. Das Klirren der Sporen und Waffen verrieth einen Kriegsmann. Haſtig eilte Eliſabeth der Thür zu, öffnete ſie, und mit dem Ausruf:„Mutter!“ lag ihr Sohn in ihren Armen! Seine jugendliche Kraft preßte ſie mit feuriger Liebe an ſein Herz. Sie vergoß wieder Thränen, in die ſich Tropfen heiligen Mutterglücks mit denen der bitterſten Schmerzen miſchten. „Meine theure Mutter! Wie biſt du bleich geworden,— wie abgehärmt! Richte dein Herz auf!— Wir haben ja noch Kraft im Arm und im Herzen“, ſagte er muthig und feurig;„wir können und müſſen uns wieder glücklichere Tage erkämpfen!“ So fühlt die Jugend, die von keiner Schwere des Ge⸗ ſchickes gebeugt wird. So hatte Heinrich Thurn auch gehandelt. An der Spitze einer tapfren Schaar, die er zu⸗ ſammengerafft, hatte er ſelbſtändig gefochten, ſich nur mit den Waffen in der Hand aus Böhmen nach Schleſien zurückgezogen.*) Er mußte endlich der Ueberzahl der kai⸗ ſerlichen Truppen weichen, und war mit dem Ueberreſt der Seinigen gleichzeitig mit ſeinem Vater in Breslau angelangt. Von dort hatte dieſer ihn jetzt zur Mutter geſandt, um ihr *) Hiſtoriſch. — m —xxn—— 18 ſelbſt Botſchaft über alle Zuſtände zu bringen und ſie, zur traurigen Fortſetzung der Flucht, zum Vater zu geleiten. Der Sohn küßte und herzte die Mutter wie eine Ge⸗ liebte immer von neuem. Endlich fragte er:„Aber wo iſt Thekla? Ich bringe Nachrichten, die..... Eliſabeth unterbrach ſeine mit freudigem Laut geſprochenen Worte, indem ſie den Finger zum Zeichen des Schweigens an die Lippen legte, auf das Lager Thekla's deutete und hin⸗ zutrat, um die Vorhänge zurückzuſchlagen. Thekla's Haupt lag mit geſchloſſenen Augen auf dem Kiſſen. Heinrich trat mit freudiger Bewegung näher. „Sei leiſe, mein Sohn!“— bat die Mutter.„Schlum⸗ mer iſt ihre einzige Stärkung. Wecke ſie nicht!“ „Darf ich ſie auch nicht mit einer freudigen Bot⸗ ſchaft wecken?“ fragte Heinrich und ſah die Mutter an. „Freudige Botſchaft?“ fragte Eliſabeth;„gibt es noch freudige Botſchaften auf dieſer Erde?“ „Ja, meine Mutter; nebſt vielen düſtren Nachrichten bringe ich eine glückliche. Prinz Chriſtian lebt!“ „Er lebt!“ rief Eliſabeth.„Um Gottes Willen, ſo ſei behutſam!“ ſetzte ſie haſtig erſchreckt hinzu.„Du könnteſt ſie tödten durch das plötzliche Wort!“— Sie ließ, in halb unwillkürlicher Vorſicht, die Vorhänge wieder vor das Kran⸗ kenbett fallen. „Er war ſchwer verwundet in der prager Schlacht“, erzählte Heinrich mit leiſer Stimme, aber in lebhafter Be⸗ wegung;„gerieth in Gefangenſchaft. Mehrere Tage verbarg er ſeinen Rang und duldete die ſtrengſte Behandlung in der Hoffnung, ſich als bloßer Offizier leichter löſen zu kön⸗ nen und dann weiter zu fechten. Doch ein ſpaniſcher Oberſt erkannte ihn. Darauf wurde er ſeinem Rang gemäß 5 19 behandelt, aber ſcharf bewacht, und nach Wien geſendet. Dort iſt er jetzt unter ſtrenger Obhut.“*) Eliſabeth hörte dieſe Nachrichten mit einem dankbaren Blick zum Himmel. Doch in ihrer ſorgenvollen Seele er⸗ wachte ſogleich wieder der Zweifel.„Iſt die Botſchaft auch ſicher?“ fragte ſie. „Unzweifelhaft, beſte Mutter. Fürſt Chriſtian, der Vater, hatte ſogleich eine Nachricht von dem Fürſten Eggenberg über die Ankunft des Prinzen in Wien erhalten. Und vor drei Tagen iſt ein Bote mit Briefen von ihm ſelbſt für ſeine Aeltern in Breslau eingetroffen, den auch ich geſpro⸗ chen habe. Bis dahin war der Prinz ſo ſtreng überwacht worden, doch eben als der Bote abging hatte er die Er⸗ laubniß erhalten, auf ſein fürſtliches Wort frei in der Stadt zu verkehren. Er wird gewiß auch uns unverzüglich ſchreiben, ſobald er nur unſeren Aufenthalt kennt.“ Die ſanfte Freude in Eliſabeth's Zügen hatte ſich während dieſer Worte ihres Sohnes wieder in tiefe Wehmuth verwan⸗ delt.„Ach, mein Sohn“, ſagte ſie,„wir ſind ſo unglücklich jetzt, daß ſelbſt die glücklichſten Ereigniſſe zu den ſchmerzlich⸗ ſten werden! Der Prinz lebt,— für uns, für deine Schwe⸗ ſter bleibt er todt! Ihr Bündniß iſt für ewig getrennt!“ „Nein, Mutter!“ rief Heinrich lebhaft,„ſo denke nicht von ihm! Er bleibt ihr treu! Es trennt ihn nichts von ihr!“ „Mein lieber Sohn; Gott iſt mächtiger als der Menſch! Er hat dies Verhängniß geſandt. Das Bündniß war ſchwierig, in den Tagen unſeres Glücks; es iſt unmöglich jetzt! Ein Sieg, der Böhmens Schickſal glücklich entſchied, hätte vielleicht auch das dieſer Liebenden glücklich entſchieden. Jetzt reißt der furchtbare Sturz Alles in den Abgrund!— *) Hiſtoriſch. Scheidet ſie nicht der Tod“, fügte ſie mit einem Blick auf das Bett der Kranken hinzu,„ſo ſcheidet ſie das Schickſal! Es iſt ebenſo unerbittlich.“ Sie brach in heiße Thränen aus und barg ihr wei⸗ nendes Antlitz an der Bruſt des Sohnes. Er wehrte ſich vergebens mit ſeinem jugendlichen Hoff⸗ nungsmuth gegen die Wahrheit der mütterlichen Worte! Ungläubig gegen ſich ſelbſt verſuchte er es indeß die Mutter zu tröſten.„Gib nicht jede Hoffnung auf, liebſte Mutter“, ſagte er, ſie ſanft umfaſſend.„Das Glück des Kampfes kann künftig wechſeln, wie es jetzt gewechſelt hat. War vor Jahr und Tag Kaiſer Ferdinand nicht in ſo bedrängter Lage als wir jetzt? Wer weiß wie es über Jahr und Tag ſteht! Auch der Vater gibt die Hoffnung nicht auf. Der Verzagte ſtellt ſein Schickſal nie wieder her, der Muthige gibt es nie verloren», ſagte er mir noch beim Abſchied. Wir gehen nach Ungarn. Sein Brief wird dir das Ge⸗ nauere ſagen.— Gewiß, meine theure Mutter, wir ſehen noch glückliche Tage!“ Ungläubig ſchüttelte Eliſabeth das Haupt.— Die Vor⸗ hänge des Ruhebettes bewegten ſich. Sie trat leiſe darauf zu und ſchlug ſie zurück. Thekla ſaß aufrecht; die Flechten ihres Haares hingen ihr gelöſt herab; ſie ſah die Mutter ſtumm, mit einem lei⸗ ſen Lächeln an.. „Wie iſt dir?“ fragte dieſe und gab ihr die Hand. „Sehr wohl und glücklich“, antwortete die Kranke, lehnte den Kopf an das Herz der Mutter und ließ ſich von ihrem Arm umſchließen. Den Bruder hatte ſie noch nicht geſehen. Er trat näher.„Dein Bruder iſt gekommen“, ſagte Eli⸗ ſabeth mit bewegter Stimme. „Iſt er lange fort geweſen?“ fragte ſie irr. 21 „Thekla, erkennſt du mich denn nicht?“ redete Heinrich ſie ſanft an und faßte ihre Hand. Sie ließ ſie ihm ſtill. „Wir haben uns ſo lange nicht geſehen“, ſagte er mit mühſam bekämpften Thränen. „Nicht doch!“ erwiderte ſie freundlich,„wir ſind ja zuſammengegangen!“ Jetzt zerriß die ſchwere Wolke des Schmerzes in des Jünglings Bruſt, und ergoß ſich in heißen Tropfen. Er mußte ſich abwenden. Nun empfand er die furchtbare Wahr⸗ heit in den Worden der Mutter:„Wir ſind ſo unglücklich jetzt, daß ſelbſt die glücklichſten Ereigniſſe uns zu ſchmerz⸗ lichen werden!“ Er konnte ihr nicht von dem Geliebten ſprechen. Leiſe ließ er ihre Hand, wandte ſich ab,— und weinte bitterlich im Stillen. Thekla ſelbſt aber wandte ſich wieder zum Bruder und fragte:„Warum biſt du allein gekommen? Ihr rittet ja ſonſt immer zuſammen?“ Sie nannte den Prinzen nicht. Dem Tieferſchütterten verſagte die Antwort; doch er raffte ſeine Kraft zuſammen und ſagte mit herzinniger Liebe: „Er wird bald kommen; er wird dich aufſuchen, Thekla; er war verwundet, hat lange krank gelegen, doch nun iſt er hergeſtellt!“ Thekla nickte leiſe zu des Bruders Worten. Er ſah ſie erwartend an.— Sie ſchwieg einige Augenblicke; dann brach ſie in Thränen aus und rief:„Warum haben ſie ihn denn begraben?— Sie haben ihn ja in die ſchwarze Decke ge⸗ hüllt und in den Sarg gelegt!— Du mußt das Blut abwaſchen!“— Sie ſchauerte zuſammen, als ſchüttle ſie ein Fieberfroſt.. „Er lebt ja, er lebt!“ betheuerte Heinrich und küßte ſie, faſt einbrechend unter dem Schmerz. Sie erwiderte nichts; zitternd ſank ſie in dem Arm des 22 Bruders zuſammen. Nach langer Pauſe ſagte ſie leiſe: „Ich will zu Bett gehen.— Ich bin ſo müde!“ Heinrich und die Mutter hoben ſie von dem Ruhebett empor und führten ſie in ihr Schlafgemach, wo ihr Mäd⸗ chen ihnen entgegentrat. „Wir müſſen ſie zu Bett bringen und dann allein laſ⸗ ſen“, hauchte die Mutter ihm aus gebrochener Seele zu.— Heinrich ging zurück. „O Gott!“ rief er in heißſtrömende Thränen aus⸗ brechend,„was haſt du über dieſes unſchuldige, heilige Herz verhängt!“ —x—x; Drittes Capitel. Nach einigen Minuten kehrte Eliſabeth zurück. Sie war fromm gefaßt; ſie hatte ihr Herz zum Him⸗ mel erhoben und dort wieder Kraft für die Erde ge⸗ wonnen. 6 „Du haſt mir Briefe des Vaters mitgebracht, mein Sohn“, ſagte ſie zu dieſem;„gib ſie mir jetzt!“ „Der Vater konnte dir nicht Alles ſchreiben. Ich werde ſeinen Brief mündlich ergänzen. Wie es in Böhmen, wie es in Prag ſteht, ſagt dir ein Brief von Olbramowitz an den Vater, den er dir beigelegt hat.“— Er über⸗ gab der Mutter die Briefe. „Der Inhalt iſt tief traurig, ich weiß es“, antwortete Eliſabeth;„dennoch ſehne ich mich, ihn zu kennen!“— Sie öffnete. Thurn ſchrieb: 23 „Meine theure Eliſabeth! Die Hoffnungen, die uns, wenn auch nur mit ſchwacher Flamme, neu ſchimmerten, ſind völlig erloſchen! Sie wa⸗ ren nicht unbegründet, doch ſie ſind wieder zerſtört! Auf Schleſiens Hülfe iſt nicht mehr zu zählen!....“ „Wie?“ unterbrach die Gräfin ſich im Leſen,„die ſchle⸗ ſiſchen Stände haben ihren Vorſatz, ſich zu waffnen, auf⸗ gegeben?“ „Es iſt ſo!“ antwortete Heinrich.„Anfangs ging Alles glücklich; ſie waren bereitwillg. Der König Friedrich ſelbſt hatte wieder Muth gefaßt; er wollte die Schmach von Prag auslöſchen. Die Königin hat eine Zuflucht bei dem Kurfürſten von Brandenburg, deſſen Gemahlin eine Schweſter des Königs iſt, gefunden. Sie hat ſich nach der Feſte Küſtrin begeben, wo ihr das Schloß zum Wohnſitz eingeräumt iſt.*) So der häuslichen Sorgen überhoben, wollte König Friedrich ſich ganz dem Kampf widmen.“ „Und er hat den Muth wieder ſinken laſſen?“ fragte Eliſabeth. „Die Stände haben ihn verlaſſen“, antwortete Heinrich. „An dem Tage, wo ich ſelbſt in Breslau eintraf, war auch, von einem Trompeter überbracht, ein Schreiben des Kur⸗ fürſten von Sachſen eingetroffen, das die Stände zur Unterwerfung auffordert!“ „Und ſie haben ohne weiteres Folge geleiſtet? Iſt es möglich, eine heilige Sache ſo plötzlich zu verlaſſen?“ fragte Eliſabeth ſeufzend. „Sie hatten ſchon Geld und Mannſchaften verſprochen; der Vater hatte ſie mit der ganzen Kraft ſeiner Ueber⸗ *) Hiſtoriſch. 3————— ꝗ% d———.— 8— 24 redung gewonnen. Doch der Kurfürſt verſpricht, falls ſie ſich gutwillig unterwerfen, durch ſeine Vermittelung beim Kaiſer es zu erwirken, daß alles Geſchehene vergeſſen werde!“ „Sie werden ſich bitter täuſchen!“ rief Eliſabeth im zürnenden Schmerz.„Nichts wird vergeſſen und jedes alte Uebel erneuert werden!“ „Die Hoffnung auf Vergebung hat Viele gelockt“, er⸗ widerte Heinrich Thurn,„die nur waffnen wollten, weil ſie dadurch eine günſtigere Capitulation zu erreichen hofften. Durch das Verſprechen derſelben wurden die Meiſten ſogleich wankelmüthig. Der Vater machte ihnen die dringendſten Vorſtellungen. Er hätte ſie auch vielleicht anders geſtimmt; allein da traf die Botſchaft aus Mähren ein, daß auch dort die Stände zur völligen Unterwerfung bereit ſeien.“ „Ueberall, überall der Muth dahin!“ rief die Gräfin aus.„Und leider hat Böhmen das böſeſte Beiſpiel ge⸗ geben!“ 9 „Der Vater“, fuhr Heinrich fort,„hatte den Mark⸗ grafen von Jägerndorf überzeugt, daß mannhafter Widerſtand beſſere und ſichrere Bedingungen bewirken würde; es ſollte wenigſtens der Verſuch gemacht werden. Allein zwei Tage nach dem Schreiben des Kurfürſten von Sachſen langte auch eins vom Kaiſer an, mit den ſchärfſten Dro⸗ hungen. Das nahm den Ständen jeglichen Muth. Sie wandten ſich ſelbſt an den König, legten ihm die Briefe der Beiden, des Kurfürſten und des Kaiſers, vor und be⸗ 3 ſchworen ihn, zu geſtatten, daß ſie, um einen beſſren Frieden— ſowol für ihn ſelbſt als für ſich zu machen, ſich an den Kurfürſten von Sachſen wenden dürften!“*) 7 — *) Hiſtoriſch. 25 „Und er hat eingewilligt?“ „Von allen Seiten gedrängt, gutmüthig, ſchwach, gab er nach. Er iſt nun auch ſchon abgereiſt nach Küſtrin, da⸗ mit er dem Abkommen der ſchleſiſchen Stände mit Sachſen nicht hinderlich ſei.“ „So freilich iſt die letzte Stütze der Hoffnung gebrochen!“ ſeufzte Eliſabeth.„Denn für wen ſoll ſich nun ein einziges Schwert erheben, wenn er ſelbſt, welchem Böhmen ver⸗ trauensvoll ſein Schickſal übergab, dem es die reichſte, herrlichſte Krone bot, es alſo verläßt!— Wenn er ſelbſt, für den wir in Waffen getreten, ſeine und unſere Sache aufgibt, ohne auch nur noch einmal das Schwert dafür zu ziehen!?— Siehſt du nun, mein Sohn, daß uns keine Hoffnung mehr blüht, daß wir zu keinem Glück mehr die Hand ausſtrecken dürfen!“ Unter hervordringenden Thränen blickte ſie wieder in Thurn's Brief. „So ſchreibt auch dein Vater, mein Sohn“, ſeufzte ſie. „Höre an: «Ich habe keine Hoffnung mehr, aber noch Pflichten; ich werde ſie erfüllen. Der König hat beides aufgegeben; auch die Männer in ſeiner Umgebung. Die Furcht vor Ferdinand's Rache beugt Alle danieder. Freilich habe ich ſchon Nachricht, daß in Wien die Achtbriefe bereits abgefaßt werden, gegen den König, den Fürſten Chri⸗ ſtian von Anhalt, den Markgrafen von Jägerndorf, den Grafen Hohenlohe!*) Pater Lamormain hat das durchgeſetzt wider den König, wie man mir berichtet, im Einverſtändniß mit dem Herzog von Baiern; denn *) Hiſtoriſch. Rellſtab, Drei Jahre. V. 1. 2 26 Maximilian verlangt vom Kaiſer den Kurhut der Pfalz zum Lohn für ſeine Dienſte! Friedrich hat nicht nur Böhmen verloren; er muß auch für ſeine Erblande zittern, wo Spinola ſchon jetzt mit ſeinen Spaniern grauſam hauſet.)“ Eliſabeth ließ die Hand mit dem Briefe ſinken und trocknete ſich mit der andern die Augen. Nach einigen Augenblicken las ſie weiter: „«Du kannſt nun ermeſſen, wie es mit uns ſteht, meine theure Eliſabeth! Die Rettung unſeres Lebens iſt das Einzige, was wir hoffen; es zur Rettung unſe⸗ rer Ehre zu verwenden, das Einzige, was wir thun können. Ich habe Bethlen Gabor meine Dienſte an⸗ getragen...„ „Ihm, der uns verlaſſen, verrathen hat?“ unterbrach ſich Eliſabeth mit ſchmerzlichem Ausruf. „Er iſt der Einzige“, antwortete Heinrich Thurn,„der den Kampf fortſetzt. Fechten wir mit ihm, ſeo bleiben wir wenigſtens unſerer Sache getreu!“ „Du kannſt denken“, ſchrieb Thurn weiter,„wie ſchwer Glück ſelbſt vernichtet, Graf Thurn; hättet Ihr den Für⸗ ſten von Siebenbürgen auf den Thron Böhmens berufen — und Ihr hattet Einfluß genug es zu bewirken—, ſo wäret Ihr jetzt Böhmens erſter Kronfeldherr, und Fürſt Bethlen Gabor würde Böhmens Krone muthiger ver⸗ mir dieſer Entſchluß geworden, dem Manne gegenüber, der uns vor Wien ſo bundbrüchig wurde! Doch ich durfte nicht nach mir fragen, nur nach unſerer Sache. Vielleicht 1 hätten wir ſie mit ihm beſſer geführt; denn ſein Unter⸗ händler, Graf Teleli, hat mir jetzt ohne Umſchweif ge⸗ ſagt, was ich ſchon damals muthmaßte:«Ihr habt Euer. 27 walten und ſchützen als König Friedrich gethan!y—— Er mag wol Recht haben. Wäre aber Böhmen unter Bethlen Gabor ein glückliches, freies Land geworden?— Es ſei wie es ſei; uns bleibt jetzt keine Wahl. Die ſichre Zuflucht iſt mir durch Bethlen Gabor zugeſagt. Schicke dich denn an, meine theure Eliſabeth, ſobald es unſere Tochter irgend zu ertragen vermag, hierher zu kommen, um dann mit mir nach Siebenbürgen aufzu⸗ brechen. Schon jetzt wird Schleſien unſicher. Für mein geächtetes Haupt gibt es, ſoweit Ferdinand's Arm reicht, keine Freiſtatt mehr, wo es nur eine Stunde ruhen dürfte von den allzu großen Mühen, Sorgen und Schmerzen! Raffe deinen edlen Muth zuſammen, Eliſabeth, den du mir in der Stunde der Noth und Gefahr ſo oft gezeigt! Wir haben kein Vaterland mehr und werden kein neues finden. Doch wohin wir auch gehen, werden wir unſer Haupt erheben dürfen mit Ehren, wenn es auch ſo ſchwer belaſtet iſt mit Gram, daß wir es tief gebeugt tragen müſſen.— „Bald umarmen wir uns. Unſer einziges Glück ſind jetzt wir einander ſelbſt! Mathias Graf von Thurn.“ „Und auch das bricht zuſammen!“ rief Eliſabeth tief erſchüttert, doch in edelſter Erhebung ihrer Kraft.„Schwer geſchlagener, unglückſeliger Mann, noch iſt das Maß deines Duldens nicht erfüllt! Aber ich will ausharren bei dir, und mit dir tragen, was auch Gottes furchtbarer Arm ſende!“ „Und ich will eure Stütze ſein, meine Mutter!“ rief Heinrich und drückte ſie ans Herz,„ich gebe noch nicht Alles verloren! Der tief verhüllte Stern unſeres Hauſes wird wieder leuchten!“ 2* 28 „Oder groß untergehen, wie die purpurne Sonne“, ſagte Eliſabeth und blickte ſtolz auf den Sohn.—— — Es gab doch noch Tropfen erhebenden Glücks in die⸗ ſem tiefen Meer des Untergangs.—— „Lies du mir den Brief unſeres Freundes Olbramowitz“, bat Eliſabeth.„Lies mir Alles; ich bin gefaßter, ſtärker, wenn ich Alles, auch das Schlimmſte weiß, als wenn mich das Unheil aus ſchauerlichem Dunkel bedroht.“ Heinrich nahm das Schreiben und las: „«Mein theurer Freund und Bruder! Deine ver⸗ traute Botſchaft hat mich getroffen, und ich ſende dir eine gleiche zurück; ſie wird noch ſchwärzer ſein als die deine. Böhmens Freiheit in Glauben und That iſt dahin! Wetterſchwer hängt es über dem Haupte Derer, die dafür gekämpft. Einige ſind geflüchtet, Andre ſind verborgen; Ich bleibe und verberge mich nicht. Außerhalb meines Vaterlandes habe ich keins; es zu retten hoffe ich nicht. So will ich dulden, was es ſelbſt duldet. Meine offene Stirn, mein ungebeugtes Haupt biete ich dem Schlag, der mich treffen ſoll. Dem König habe ich Treue gelobt; er hat uns verlaſſen.... ich halte mein Gelübde, ich bleibe.““ „O dächten Alle ſo muthig, ſo würdig wie dieſer edle Freund!“ rief Eliſabeth mit leuchtenden Augen,„wer wollte Böhmen beſiegen! Sein Beiſpiel gibt mir Kraft. Wir wollen nicht hinter ihm zurückbleiben!“ Heinrich Thurn las mit erhobener Seele weiter: „«Ob wir zu fürchten haben, fragſt du? Der Kaiſer hat kein Schuldig ausgeſprochen, aber auch kein Schuldlos. Verurtheilt iſt Niemand; bewacht ſind Viele, in Schrecken Alle. Einige hat ein grauſames Los getroffen, ohne 29 Urtheil. Leander Rippell, des Königs redlichſter Die⸗ ner, ſitzt gefangen im Weißen Thurm. Er ſoll Bekennt⸗ niſſe thun, Schriften ausliefern, die gegen den König zeugen. Sein treuer Mund iſt ſumm. Ihm droht die Folter!— Martin Frühwein iſt ſein Mitgefangener in demſelben Thurm. Er iſt grauenvoll mishandelt wor⸗ den. Gegen ihn hat ſich der Haß der Genoſſenſchaft Jeſu aerichtet, weil er die Anklagen wider ſie verfaßt habe. Schwer hat er gebüßt, und ſchwerer noch wird er es zu büßen haben, daß ſeine Feder die Wahrheit ſchrieb! Er war verborgen in ſeinem Hauſe. Ein Scheu⸗ ſal, Spürhund im Dienſte der heiligen Genoſſenſchaft, vom Satan greulich gezeichnet, Zaloska....„ „Zaloska!“ rief Eliſabeth in Schrecken und Abſcheu. Heinrich hielt inne. Sie ſtrich ſich wie erſchöpft mit der Hand über die Stirn und athmete tief auf.„Lies weiter“, bat ſie nach einigen Augenblicken. .... Zaloska mit Namen, hat ihn ausgewittert. Er führte Leute von Verdugo's Banden in das Haus des Unglücklichen. Sie finden die Gattin— ſie ſoll ſeinen Verſteck verrathen— ſie verleugnet ihn ſtandhaft—— da fallen die Elenden über die Unglückliche her, mit Mar⸗ tern und ſchmachvoller Mishandlung...„ „Erbarmungsreicher Himmel!“ weinte Eliſabeth. «.... Der Verborgene hört ihr Angſtgeſchrei, bricht her⸗ vor aus ſeinem Verſteck; die Meute packt ihn, entreißt ihm jegliche Kleidung— hält ihn nackt an Händen und Füßen über die langſame Feuerpein einer brennenden Lampe— daß er ſich mit Todesächzen windet.... „Hör' auf, mein Sohn“, unterbrach ihn Eliſabeth und —õ———ᷣ—õ——— „ 30 hielt ſich die Hand vor die Augen.„Iſt der Himmel taub, iſt das allſehende Auge geblendet?“ Es dauerte lange, bevor ſie wieder die Faſſung gewann den Schluß zu hören. Aber ſie mußte ihn hören, es drängte ſie unbezwinglich. «.... Endlich erpreßt die Höllenqual ihm das Geſtänd⸗ niß, wo die geſuchten Schriften verborgen ſind.— Halb entſeelt wird er in den Thurm geſchleppt. Seine treue Gattin darf am Tage ſein Gefängniß theilen.““ Heinrich hielt inne. Auch er mußte neue Kraft ſchöpfen, den Brief zu vollenden. Er kannte ſeinen Inhalt; doch in der Wirkung auf die Mutter erneute und verdoppelte ſie ſich für ihn ſelbſt. Er fuhr endlich fort. „«Dieſen zügelloſen Söldnern ſind die Unſrigen preis⸗ gegeben. Allen droht Gleiches. Heimlich wird die Rotte — ich weiß es ſicher, und du erinnerſt dich, Thurn, daß ich ſtets von Allem wohl unterrichtet war, was im Ge⸗ heimen wider uns geſchah und beabſichtigt wurde— von Denen, die ihre Rache an uns üben, zu ſolchen Thaten angeſtachelt. Die Verbrechen werden nicht geboten, aber auch nicht gehindert und nur zum Schein beſtraft. Unſere Feinde weiden ſich an der Marter der Angſt, die auf Allen laſtet. Denn die Banden verüben ſie auch an harmloſen Bürgern, ſelbſt von ihrer eignen Partei, wenn ſie hoffen, wilde Gelüſte oder Raubgier zu befriedigen. Hat man ſie gegen die Einen gehetzt, laſſen ſie ſich bei den Andern nicht hindern. Tilly, ich muß es ſagen, obwol finſter und ſtreng, iſt ſchuldlos an dieſen Greueln. Er hält Mannszucht, ſoweit ſein Arm reicht, und leiſtet den Mishandelten Beiſtand. Doch Verdugo's Mannſchaft befehligt er nicht; dieſe kann er zur Beſtrafung nur dem 31 Regiment überliefern— und dort gehen ſie frei aus!*) Dieſe Angſt der Stadt ſoll ihre Strafe ſein, ſagen Einige. Ich fürchte, es iſt nur das Vorſpiel— doch ein grauſen⸗ volles! Die Bürger werden geplündert, gemartert, wenn ſie ihre Habe nicht hergeben; auf offenem Markt, am hellen Tage entreißen die Zügelloſen ihnen die Kleidung, ſchleppen ſie nackt durch die Gaſſen.**)— Nicht Alter, nicht Geſchlecht....» „Entſetzlich!“ rief Eliſabeth aus und bedeckte die Augen mit beiden Händen.„So müſſen wir uns noch glücklich preiſen, daß wir heimatlos umherirren!“ „Höre zu Ende, Mutter“, bat ſie der Sohn;„wir wol⸗ len den bittren Kelch bis auf den Grund leeren!“ „Lies denn!“ «.... Nicht Alter, nicht Geſchlecht, nicht Ehrwürdigkeit gewähren Schutz. Die Rotten dringen ein, am lichten Tage, in die Häuſer Derer, die zu uns gehören, und verüben jegliches Unheil der Plünderung und Mishand⸗ lung. In des Pfarrers Lippach Hauſe....» Eliſabeth flog zitternd. «.... ſtürmten Hispanier ein, bedrohten ſein und der Hausgenoſſen Leben, legten Feuer an;— ſchon gaben ſich Alle verloren, als Gottes Gnade Hülfe ſandte. Die Reiter, durch welche Tilly Ordnung zu erhalten verſucht, trafen noch im rechten Augenblick ein, um die Bedrohten zu erretten.) „Dank ſei deiner Gnade!“ betete Eliſabeth mit gen Himmel gerichteten Blicken. *) Hiſtoriſch. *.) Hiſtoriſch. 32 „Du fragſt nach unſeren nächſten Freunden? Sie zit⸗ tern, von ſolchem Geſchick bedroht. Vielleicht ſchützt ſie die Ueberwachung, wenn ſie ſie nicht zu ſchwererem Ver⸗ derben aufſpart. Berka, Wilhelm von Lobkowitz, Paul Reziczan, Raupowa, Johann Smirziczki, Jeſſenius, Wen⸗ zel von Budowa, Kaspar Caplicz(ſein Neffe iſt geflüch⸗ tet, der Greis einſam zurückgeblieben), Vitzthum, Otto von Loß, Czernin, Pietipeski, Tobias Steffeck, Kochan, alle Directoren, die nicht entflohen ſind, ſind überwacht wie ich ſelbſt. Wenzel von Budowa hätte frei flüchten können; er wollte nicht. ⸗Meine Ehre läßt nicht zu, ſagte er, edaß ich das Palladium, Böhmens Krone, die hier zu Prag liegt und zu deren Hüter ich mit Otto von Loß beſtellt bin, verlaſſe.) Darum blieben Beide.»*) „Edler Freund!“ ſeufzte Eliſabeth vor ſich hin. «.... Schlick iſt nach Dresden geflüchtet, doch ich weiß, daß ihm Gefahr droht; des Kurfürſten Hofkaplan, Hoen von Hoenegg, iſt gekauft mit zwölftauſend Gulden.*) — Ja, ſie ſind thätig, unſere Feinde! Pater Thyßka iſt aller Orten in Bewegung. Martiniz und Slawata ſammt ihrem Helfer Fabricius ſind zurückgekehrt. Was ſie ſinnen, brüten und thun.... O, Thurn! die Zu⸗ kunft gebiert noch Grauenvolles aus dunklem Schos!— —— Ich wollte, du hätteſt mich nicht gefragt nach Mansfeld! Ich fürchte, ſein böſer Geiſt iſt Herr über ihn geworden!» Eliſabeth ſeufzte leiſe. «.... Ja, er hätte uns helfen können am Schlachttage! In ſeiner Hand lag Prags und Böhmens Rettung. *) Hiſtoriſch. **) Hiſtoriſch überliefert(Mailäth). 33 wenn er, kühn wie er iſt, losgebrochen wäre im Rücken der Feinde! Er hat zwar deine Botſchaft nicht erhalten; doch er, der Feldherr mit dem Adlerauge, hätte das nicht ſelbſt geſehen? Thurn! Gern möchte ich mir's ſelbſt ableugnen, doch ich vermag es nicht. Sein Mismuth, gerecht zwar, über den König, über Anhalt, ſein Haß gegen Hohenlohe — er hat ihm den Tag von Groß⸗Lasken nicht vergeſſen und wird es in Ewigkeit nicht— ſind größer geweſen als ſeine Liebe zu Böhmen; vielleicht größer als Alles ſein Ehrgeiz! Er hoffte der Retter zu werden, wenn zuvor Alles verloren ſei. Das ſchlug fehl! Es war zu ſpät! Jetzt ſitzt er bis an die Zähne verſchanzt in Pilſen. Er i*ſt ihm noch immer gefährlich. Selbſt Tilly zaudert, ihn anzugreifen. Aber— ſie richten andre Waffen auf ihn als eiſerne. Gebe Gott, daß er ſo feſt ſei gegen Gold wie gegen Erz! «Du hoffſt Auskunft von mir über deine Getreuen, über Nechodom, über Wolodna? Thurn! das Hoffen müſſen wir verlernen! Sie ſind verſchollen, ich weiß nichts von ihnen. Glücklich, wenn Niemand von ihnen weiß, und ſie von Niemand!— Es iſt genug! Leb' wohl! «Wie in glücklichen Tagen Dein getreuer Procop, Dworſchetzki von Olbramowitz.“ «Nachſchrift: Vielleicht iſt dies mein letztes Wort zu dir. Denn ſoeben läßt Tilly mich vertraulich warnen. Auch den Andren hat er ſo gethan.*) Er will nicht hinſehen, wenn wir flüchten.— Komme was da will! Dem Vater⸗ land habe ich meine Treue gelobt; ich breche ſie nicht, bis zum letzten Augenblick. Flüchte wer mag. Ich bleibe!“9“ *) Hiſtoriſch. 2 X* Im Tiefſten ergriffen, im bitterſten Schmerz, aber doch mit erhobener Seele über des Freundes ſtolze, edle Geſinnung, hatte Eliſabeth das Schreiben gehört. Sie ſtand auf, ging in äußerſter Wallung einigemal im Gemach auf und nieder, während Heinrich ſitzen blieb und düſter vor ſich hinblickte. B— „Ich danke es deinem Vater, Heinrich“, begann ſie endlich in edler Erhebung,„daß er mich ganz eingeweiht hat in das namenloſe Elend unſerer Freunde, unſeres ganzen Vaterlandes! Meine Kraft richtet ſich auf an dem größern Unglück Andrer, an der Ergebung und Hoheit, mit der ſie es tragen. Meine Seele erfüllt ſich mit Muth, auch zu tragen, was uns auferlegt iſt. Die Leiden der Erde er⸗ ſchöpfen ſich, mein Sohn; unſer Hoffen und Glauben geht über ſie hinaus, zu dem unerſchöpflichen Quell des Heils, der uns jenſeits labt!“ „O Mutter, wenn wir uns nur nicht ſelbſt verlaſſen hätten!“ brach Heinrich im Ungeſtüm der Jugend wild wei⸗ nend aus.„Wären Alle wie der Vater, wie Olbramowitz, wir wären noch nicht verloren!“ „Und ſind wir es denn? Sind wir es, weil unſere Sache dem Rathſchluß des Himmels noch nicht reif iſt?— Sie wird nie verloren ſein. Was wäre ſie werth, wenn ſie nicht unſerer Opfer werth wäre? Was wären wir, wenn wir nicht dafür zu leiden vermöchten? Du lerneſt früh, mein Sohn, daß ſich die Palme nur durch Opfer erwirbt!“ „O Mutter, ich denke nicht an mich, nicht an uns Männer! Wir können das Schwert führen, bis wir rühm⸗ lich fallen; das iſt ein ſchönes Los! Aber wenn ich auf dich blicke, auf die Schweſter....“ „Sie werden Engel zu den Engeln führen“, ſagte . 35 Eliſabeth mit feucht emporgehobenem Blick.„Und ich“— ihr Auge weilte leuchtend auf dem von edlem Schmerz be⸗ wegten Antlitz des Sohnes—„Und ich? Sendet nicht auch mir der Himmel goldnes Licht in die Nacht der Lei⸗ den? Darf ich nicht eine ſtolze Gattin, eine glückliche, ſtolze Mutter ſein?“ Sie ſah ihn mit einem unbeſchreiblichen Blick an. „Mutter!“ rief Heinrich überwältigt. Sie hielten ſich in unauflöslicher Umarmung. Viertes Capitel. „Bei meinem Schutzpatron, es ſchlägt Mitternacht!“ rief Guntram aus, als die Glocke des Schloßthurms mit tiefem Klang anſchlug.„Wäre der Herr Graf hier, wir (hätten nicht ſo lange müßig zuſammengeſeſſen und ge⸗ ſchwatzt!— Jede Creatur ſchläft jetzt, nur wir nicht; es iſt beinahe gottlos!“ fügte er ärgerlich hinzu und ſchüttelte den ſchneeweißen Kopf.— „Selbſt der Sturm hat ſich ſchlafen gelegt, ſcheint es“, ſagte Wolf aufhorchend,„es iſt Alles todtenſtill draußen!“ „Sonſt hätten wir am Ende auch die Mitternachtglocke überhört“, verſetzte der Alte in demſelben ſorglich misbil⸗ ligenden Ton. „Da liegt der Hund begraben“, ſiel ihm Winfried bei, „wir haben's nur nicht ſchlagen hören, ſonſt lägen wir Alle ſchon auf dem Ohr und ſchnarchten.“ 36 „Es bleibt ſündlich, ſo in die tiefe Herrgottsnacht hinein zu wachen!“ „Alter“, ſagte Wolf und ſchlug ihm gutmüthig auf die Schulter,„du haſt nur Furcht vor der Geſpenſterſtunde und hätteſt ſie gern mit der Decke überm Kopf verſchlafen! Wenn du nun Nachtwache oben halten müßteſt, wie vordem immer geſchah in Fauſtrechtszeiten und noch geſchieht, wenn das Land unruhig und unſicher iſt, was bald wiederkommen kann, falls die Kaiſerlichen noch mehr über die Grenze ſchwärmen? Dann fragt Niemand ob's Mittag oder Mit⸗ ternacht iſt, der Thürmer muß wachen!“ „Hab's auch manche Nacht gethan“, erwiderte Guntram; „aber ein Andres iſt's, trinken und ſchwatzen, noch dazu über Dinge, wovon ein frommer Chriſt beſſer gar nicht redete, als ſeine Pflicht thun. Da bete ich einen Roſen⸗ kranz und empfehle mich meinem Schutzpatron und der hei⸗ ligen Jungfrau. Aber....“ „Gute Nacht!“ unterbrach ihn Wolf.„Sonſt verſchlafen wir am Ende die Sonne, wie wir heut die Mittrnacht verplaudert haben.“ „Nimm deine Büchſe mit“, erinnerte Guntram, da Wolf ſchon die Thürklinke faßte. „Dank, Alter! Ich hätte ſie wahrhaftig vergeſſen; nun ſie konnte dir zum Schutz dienen für die Nacht, wenn dich ein Kobold im Bett kneipen wollte, denn ſie iſt geladen!“ „Bewahre mich vor Schaden, mein Schutzpatron, in Gnaden!“ ſprach Guntram.„Redet mir nicht ſo ruchlos hier! Wehr und Waffen wider Geſpenſter!“ „Laß es gut ſein! Sie ſcheuen ſich doch vielleicht davor“, antwortete Wolf, indem er die Büchſe über die Schulter nahm.„Ich habe meine Kugel nicht gegen einen Keiler los werden können, es ſollte mir lieb ſein, wenn ich 37 ſie noch beſſer brauchen könnte. Und mein Steinſchloß nach der neuen Art iſt immer ſicher, daß der Schuß nicht ver⸗ ſagt.“ Der Alte ſchob die beiden ſpäten Gäſte in ſeiner Thurm⸗ zelle, die er mit allen ſeinen Erzählungen von frühern Erſcheinungen der weißen Frau und des geheimnißvollen Mönchs, ſo verwunderlich ihnen Manches vorkam, nicht von ihren halbſpöttiſchen nach ſeiner Meinung gottloſen Zweifeln hatte heilen können, zur Thür hinaus und rie⸗ gelte hinter ihnen ab. Langſam hörte er ſie mit ſchwer⸗ fälligen Tritten die enge gewundene Treppe hinuntertappen. Sonſt war Alles ſtill wie im Grabe um ihn her. Die Lampe zehrte trüb an den letzten Oeltropfen. Doch der Mondſtrahl fiel hell durch das kleine Lugfenſter nach der Feldſeite der Burg, ſo hell, daß er es mit lichtem Schein ordentlich auf dem Fußboden abmalte. Es war in der Gewohnheit Guntram's, vor dem Schlafengehen noch einmal hinauszuſchauen, ob Alles ge⸗ heuer ſei vor den Schloßmauern, und der Burgfriede keine Störung zu fürchten habe. Die Vorſtellung verließ ihn nicht, daß das Schloß wie in ältern Ritterzeiten einmal plötzlich von feindſeligen Nachbarn angegriffen werden könnte. Sein Großvater hatte ihn zu viel ſolche Geſchichten erzählt vom Kynaſt ſelbſt und von den benachbarten Burgen, dem Bolkowſchloß oder Bolzenſchloß, wie die Landleute es nann⸗ ten, dem Falkenberger Schloß, der Burg zu Lähn, und andern. Zwar hatten die feſten hohen Mauern des Schloſſes Kynaſt, ſeine Gräben und ſtarken Zugbrücken, auch für ſich ſchon jedem feindlichen Ueberfall ſichre Abwehr geleiſtet; doch der alte Guntram meinte, ſein Auge behüte die Burg doch noch ſichrer. So öffnete er denn ſein Lugfenſter und ſteckte den Kopf hinaus. Mit Staunen ſah er, daß der 38 Himmel völlig ſternenklar war; der Sturm hatte ganz auf⸗ gehört, und der Schnee wirbelte nicht mehr in der Luft, ſondern ſchimmerte als blendende weiße Decke, vom Monde beſtrahlt, über der ganzen Landſchaft. Es war wie ein heiliger Gottes⸗ friede draußen, bei friſcher, aber milder Kälte. Der fromme Alte, der ſich unter der Sternenpracht des Himmels ſichrer geborgen fühlte als in den dicken Thurmmauern, und im freien ſanften Licht des Mondes beruhigter als im Halb⸗ dunkel der trüb flackernden Lampe in ſeiner Zelle, wollte noch einmal nach dem Thurm ſelbſt hinauf. Er ſtieg die enge Treppe hinan, hob die ſchneebelaſtete Fallthür mit Kopf und Schultern mühſam auf, lehnte ſie zurück und trat auf die freie, beſchneite Zinne. Da lag die Landſchaft in ihrer weißen Schneehülle unabſehbar ausgebreitet in mitternächtiger Stille vor ihm. So weit er den Kreis überblickte, in welchem Frieden und Sicherheit der Burg der Obhut ſeines treuen Auges anvertraut war, regte ſich kein Lüftchen und kein Geſchöpf. Die alten Fichten ſtanden ſchwarz, die ſchweigenden Häupter mit der Schneedecke ver⸗ hüllt. Nur das Dunkel des Waldes und einzelne ſteil auf⸗ ragende Felſen unterbrachen die weiße Hülle, die über alle Berge gebreitet war. Das Hochgebirge umragte bläulich, nebelumwoben den ſüdöſtlichen Horizont; das umſtürmte Haupt der Schneekoppe ſtand jetzt in felsſtarrer Todesruhe. Ein ſilberner Stern blinkte dicht über ihrer Spitze, der Mond bleichte die Wolkenſchleier, die von ihrer Höhe herab⸗ wallten. Alles menſchliche Leben ſchien tief begraben in dem weiten weißen Leichentuch des Schnees. Es war eine pflichtfrfomme Beruhigung für den alten Guntram, daß rings das Burggebiet ſo friedlich und ungefährdet lag. Er durfte ſich ſagen, du kannſt für dieſe Nacht dein Haupt ruhig niederlegen. Gottes Schutz weilt über der Veſte. —— 2—Z Mit dieſem frommen, tröſtlichen Gedanke wandte er ſich um, um wieder hinabzuſteigen. Da fiel ſein Blick in den Burghof und den Kreis der Burggebäude, die ihre ſcharfen, ſchwarzen Schatten auf den beſchneiten Boden warfen. Plötzlich ſtand er wie ge⸗ feſſelt ſtill und ſtarrte auf den großen dunklen Erkerthurm hin, aus deſſen über die am Abgrund hinlaufende Mauer geworfenen tiefen Schatten eben eine weiße Geſtalt hervor⸗ trat und auf der Mauer langſam hinſchwebte. „Die weiße Frau!“ ſtammelte er auf die Knie ſin⸗ kend.„Zum dritten male!— Gott ſchütze das gräfliche Haus!“ Die Erſcheinung verſchwand hinter dem nächſten Thurm. Erſt jetzt gewann der Alte die halbverlorne Beſinnung wieder. Er erhob ſich mühſam, ſchwankte mit ſchlotternden Knien der Treppe zu und ſtieg wieder hinab in ſein Ge⸗ mach. Haſtig verriegelte er hinter ſich die Thür, ſank vor ſeinem Bett andächtig nieder, faßte den Roſenkranz und begann zu beten. Da pochte es ſtark an.„Zeſus Maria!“ rief er zu⸗ ſammenſchreckend und horchte ängſtlich auf. „Guntram! He, biſt du noch wach? Mach' auf!“ riefen Winfried und Wolf draußen. Froh, daß ſeine Furcht vor geſpenſtiſchen Unholden un⸗ begründet ſei, riegelte der Alte auf. „Was wollt ihr denn ſchon wieder; um aller Heiligen Willen, legt euch doch zur Ruhe und ſtört nicht zur Nacht⸗ zeit ſo gottlos im Schloß umher!“ „Alter!“ redete ihn Winfried ſtaunend an,„du zitterſt ja wie im Fieber! Was Teufel iſt dir widerfahren?“ „Um die Wunden Jeſu! Fluchet doch nicht ruchlos in dieſer Stunde“, rief Guntram und legte Winfried die Hand 40 auf den Mund, als wolle er das Wort„Teufel“, das ihm wie Eis in das Mark gefahren war, zurückdrängen. „Die Thür zu dem offnen Gang um den Burghof muß der Sturm ins Schloß geworfen haben“, ſagte Wolf, „wir können nicht hinaus. Du mußt uns mit deinem Schlüſſel aufmachen, daß wir hinunter in den Hof kommen können.“ „Ich— ſoll euch die Thür zu dem Bogengang auf⸗ ſchließen“, fragte Guntram, als würde etwas Entſetzliches von ihm begehrt. „Nun freilich, Alter! Wir müſſen ja doch die ſtei⸗ nerne Treppe hinunter, wenn wir nicht etwa die Frau Gräfin Thurn aus dem Schlaf ſtören und durch ihre Zimmer in den Hof ſollen. Hurtig, nimm den Schlüſſel, begleite uns hinunter und ſchließ auf!“ „Dort die Thür öffnen— gerade gegenüber der Kuni⸗ gundenmauer! Nimmermehr!“ Er faltete die Hände und betete abermals ein Paternoſter. Mit Mühe erfuhren Winfried und Wolf was den Alten ſo mit Grauſen erfülle. Er gab den Schlüſſel; doch konnte er ſich nicht entſchließen, ob er mit hinuntergehen oder droben allein bleiben ſolle. Endlich tappten alle Drei die Thurm⸗ treppe hinab, bis hinunter in das erſte Stockwerk, von wo eine Thür zu einem offnen Gang führte, der mit ſteinernen Bogen um den innern Hof lief, und von welchem die Treppe hinabging, auf der Wolf und Winfried nur in den Hof und zu ihrer Schlafſtelle gelangen konnten. Wirklich hatte der Wind die Thür ins Schloß geworfen, während ſie faſt immer nur angelehnt war. Mit Mühe öffnete Guntram das verroſtete Schloß und ließ Winfried und Wolf hindurch. e·—— 41 „Bei meinem Schutzpatron“, rief er entſetzt, indem er hinausblickte;„da iſt ſie wieder!“ Eine weiße, geiſterartige Geſtalt ſchritt langſam auf dem Rande der furchtbaren Mauer hin, den Weg zurück, den ſie zuvor genommen. „Alle guten Geiſter loben ihren Meiſter!“ ſtotterte Winfried zähneklappend, der mehr leichtfertig mit der Zunge, als wirklich beherzt war. Guntram ſank auf die Knie, bekreuzigte ſich und rief im Herzen alle Heiligen an. 4 Wolf, der wirklich Muthige und auch gegen Geſpenſter⸗ furcht Feſteſte unter allen Dreien, war doch von ſtummem Staunen ergriffen. Die durch die Sage von der ſchönen Kunigunde berüchtigte Mauer lief hart am ſchroffſten Felſen⸗ abgrunde hin. Wer hinunterſtürzte war zerſchmettert. Den⸗ noch kam ihm der Gedanke, es könne hier irgend ein arges Spiel der Täuſchung getrieben werden; und da noch der breite Burghof ihn von der Erſcheinung trennte, er auch andre Lebende in ſeiner Nähe hatte, gewann er Muth und rief:„Wer ſeid Ihr dort oben!“ „Mein Heiland erbarme dich!“ ächzte Guntram zu⸗ ſammenſinkend.„Biſt du toll“, rief gleichzeitig Winfried und fiel Wolf, der ſeine Büchſe hob, in den Arm. Die Erſcheinung ſchritt ohne ein Zeichen, daß ſie den Nuf gehört hätte, vorwärts gegen den Erkerthurm, deſſen finſtre Schatten ſie gleich erreichen mußte. Wolf ſtieß Winfried zurück.„ Laß mich los und laufe zum Teufel, Memme; ich muß wiſſen, ob das Ding Fleiſch und Blut hat.“ Zugleich legte er die Büchſe an. „Steh' und gib Antwort, oder ich gebe Feuer!“ rief er laut. Die Geſtalt ſchritt unbeirrt weiter; eben glitt ſie in den Schatten des Thurms, der ſie von unten her halb ver⸗ ſchleierte. „Jetzt iſt's Zeit“, dachte Wolf,„ſonſt verliere ich mein Büchſenlicht!“ und nahm ſie aufs Korn. „Sei nicht raſend!“ rief Winfried und wollte wieder auf ihn zu. Doch ehe noch das Wort heraus ar, fühlte er ſich heftig zur Seite geſtoßen. Ein kräftiger Mann ſprang zwiſchen ihm und Wolf herein, riß dieſen mit dem Schrei „Halt ein!“ an beiden Schultern zurück.... doch in gleichem Augenblick krachte der Schuß! „Unglücklicher! Meine Schweſter!“ tönte ein herz⸗ zerreißender Ruf. Es war Heinrich Thurn! Das Entſetzen lähmte einen Augenblick Allen die Sprache; die Wolke des Pulverdampfes verhüllte ihnen das Auge. „Allbarmherziger Gott, ſie iſt hinabgeſtürzt!“ rang ſich der jammernde Ruf mühſam aus Heinrich's Bruſt. Der Rauch hatte ſich verzogen; der Mond ſchien hell; Alle ſtarrten nach der Mauer. Die Geſtalt war ver⸗ ſchwunden, der Burghof leer. Einem Wahnſinnigen gleich ſtürzte der unglückliche Bruder zurück in ſein Schlafgemach. Wolf lehnte, vom Schrecken betäubt, regungslos an der Mauer; Guntram und Winfried folgten unwillkürlich dem Grafen. Er flog, ſeiner Sinne kaum mächtig, in das anſtoßende Zimmer ſeiner Mutter, die todeserſchöpft in den Armen der Wär⸗ terin Thekla's hing. Dieſe war in der Nacht bei der Kranken vom Schlaf bewältigt worden; beim Erwachen findet ſie das Bett ver⸗ laſſen. Eine kleine Thür, die auf einen Gang im Thurm zu einer nach der Mauer hinausgehenden Pforte führt, iſt offen. Von grauſender Ahnung ergriffen, folgt ſie dieſer Spur, gelangt bis zur Mauer— und ſieht den Abgrund vor ſich! Halb beſinnungslos eilt ſie zur Gräfin— Thekla iſt nicht dort,— ſie erzählt halb,— Eliſabeth erräth halb, ſtürzt zu ihrem Sohn hinein— Heinrich, der die Schritte und Stimmen Guntram's, Winfried's und Wolf's auf der Treppe und im Corridor gehört hat, iſt ſchon vom Lager aufgeſtanden— er vernimmt nur halb die verworrenen Worte der Mutterangſt. Von dunkler Vermuthung getrieben, reißt er die Thür zum Corridor auf, ſieht die drei Männer auf dem offenen, den Hof umlaufenden Gang, erblickt unter einer der Bogenwölbungen die weiße Geſtalt auf der Mauer. Ein Blitz erleuchtet ſeine Seele,— er ſieht Wolf die Büchſe anlegen— ſtürzt hinaus, reißt ihn zu⸗ rück— zu ſpät! Alle ſind von dem jähen, furchtbaren, geheimnißvollen Ereigniß wie betäubt. Sie wiſſen nicht, ſollen ſie die Mauer, den Thurm, den Abgrund unterſuchen! Selbſt Heinrich hat jede Faſſung verloren. Beim Anblick ſeiner Mutter reißt die Gewalt des Gefühls den Jüngling hin, er preßt ſie an ſein Herz und ruft verzweiflungsvoll: „Mutter! Mutter! laß uns zuſammen ſterben!“ Da öffnet ſich die Thür zu Thekla's Schlafgemach,— und die weißverſchleierte Geſtalt tritt ein. „Thekla! Thekla!“ rufen Mutter und Bruder; ſie liegt in Beider Armen. Unter den Küſſen und Thränen Eliſabeth's öffnet ſie endlich Auge und Lippe. „Warum reißt ihr mich aus ſeinem Arm?“ fragt ſie irre. Jeder Athemzug der Umſtehenden ſtockt in bebender Spannung. ——] ‧‧— 44 „Wo iſt der fromme Vater, der mich zu ihm geführt hat?“ „Wer, meine liebe Tochter?“ fragt Eliſabeth mit thrä⸗ nenerſtickter Stimme. „Der greiſe Mönch, mit dem Silberbart,— ihr müßt ihn ja doch geſehen haben!“ Guntram ſchauert ins innerſte Mark zuſammen. „Eliſabeth und Heinrich haben nur einen thränenvollen Blick des Mitleids für den wirren Traum der Kranken, keine Antwort. „O bringt mich zu Bett!“ bittet ſie matt. Es geſchah. Es war am letzten Tage des December. Die ſinkende Sonne warf zwiſchen ſchwerem Gewölk hindurch ihre Strah⸗ len in eine wild zerklüftete waldige Schlucht der Karpaten, unfern des Bergpaſſes der Jablunka. Tiefe blaue Schatten fielen über das verſchneite Thal; nur die Thürme eines uralten Kloſters, das auf dem felſigen Vorſprung einer ſteilen, breiten, mit Fichtenwald bedeckten Gebirgswand lag, ſchimmerten im düſterrothen Purpur. Leiſe ſtarb der Abend⸗ hauch an den zackigen grauen Zinnen des Gebäudes hin, bis es, wie ſelbſt erſtorben und ſein eignes Grabesdenkmal, in der ſchauerlichen Einſamkeit daſtand. Die dunklen Wälder trugen das Leichentuch des Schnees auf ihrem Gezweig; tiefe Dämmerung ſenkte ihre grauen Schleier herab. Schwer⸗ müthig tönte die Vesperglocke durch die Todesſtille. Ein ſchwerer Reiſewagen wurde von vier Pferden müh⸗ ſam den tief mit Schnee bedeckten, ſteilen Weg zum Kloſter hinangezogen. Drei Reiter begleiteten ihn. Er hielt an der Pforte der Kloſtermauer. Es war Thurn mit den Seinigen, der, auf der Flucht zu Bethlen Gabor, hier in Ungarn ſein erſtes Obdach jenſeit der ſchleſiſchen Grenze ſuchte. Im Wagen ſaß Eliſa⸗ beth, von Sorgen, Kummer und Anſtrengungen bis auf den Tod erſchöpft; ihr zur Seite Thekla, in Fieberträumen und Fieberglut; ihnen gegenüber die Wärterin. Ein Diener fuhr vom Sattel. Thurn ſelbſt, ſein Sohn und ein andrer Diener waren zu Pferd. Der Letztere ſtieg ab und zog die Thorglocke. Der Bruder Pförtner öffnete das kleine Gitterfenſter im Kloſter⸗ thore. „Frommer Vater“, redete ihn Thurn an,„iſt es mög⸗ lich, daß Ihr uns ein Obdach im Kloſter gewährt? Wir ſind Reiſende, haben uns weit vom Wege verirrt und füh⸗ ren eine ſchwer Kranke bei uns.“ „Ihr werdet ſicherlich Aufnahme finden“, antwortete der Pförtner,„denn wir haben genügenden Raum. Doch muß ich erſt dem Bruder Hausverwalter Meldung thun. Ihr ſeid wie Viele?“ „Sieben. Drei Frauen und vier Männer.“ Das Fenſterchen ſchloß ſich wieder. Nach einigen Mi⸗ nuten kehrte der Pförtner zurück. „Seid im Namen Gottes willkommen geheißen“, prach er durch das Fenſter. Alsbald klirrten die Riegel des ſchweren Thores. Zwei dienende Laienbrüder ſtanden dem Pförtner behülflich zur 46 Seite. Der Wagen fuhr in den Kloſterhof vor die ſteinerne Treppe des Haupteingangs. Thurn und Heinrich waren abgeſtiegen; der Diener hatte die Pferde am Zügel genommen. „Werden wir die Pferde auch unter Dach bringen kön⸗ nen?“ fragte der Graf im Hineintreten den Bruder Pfört⸗ ner, nachdem er ihm die Hand zum Gruße dargereicht hatte. „O ja“, erwiderte dieſer,„wir ſind darauf eingerichtet. Das Kloſter iſt auf viele Meilen das einzige Gebäude, wo Reiſende ein wirthliches Obdach finden; daher wird es oft in Anſpruch genommen, denn die Straßen von Ratibor und Krakau nach Ungarn hinein, auf Tyrnau und Presburg, ſtreifen uns nahe vorbei.“ „Wir wollen nach Neuhäuſel“, antwortete Thurn. „Das bleibt die gleiche Straße mit der auf Tyrnau“, erwiderte der Pförtner. In dieſem Geſpräch waren ſie dem Wagen nachgegangen, der jetzt an dem Eingange zum Wohngebäude hielt. Dort ſtand ein andrer Kloſterbruder, den der Pförtner als den Bruder Hausverwalter bezeichnete, welcher die Reiſenden des Weitern anweiſen werde. Er ſelbſt ging zur Pforte zurück. Eliſabeth und die Wärterin der kranken Thekla ſtiegen aus, wobei Heinrich ihnen Hülfe leiſtete. Der Bruder Hausverwalter neigte ſich gegen ſie und ſprach:„Seid begrüßt im Namen des Herrn und empfanget den Frieden dieſes Daches!“. Eliſabeth beugte ſchweigend ihr Haupt und wandte ſich dann zu Thekla zurück:„Komm, meine Tochter, reiche mir deine Hand!“ Die Kranke ſuchte ſich zu erheben; ſie war zu ſchwach. 47 „Laß mich, liebe Mutter“, bat Heinrich.„Ich hebe ſie aus dem Wagen und trage ſie ſogleich in das ihr beſtimmte Gemach.“ Mit friſcher Jünglingskraft umfaßte er die geliebte Schweſter, hob ſie, unterſtützt vom Vater, aus dem Wagen, nahm ſie ſicher in ſeine Arme und trug ſie die Steintreppe hinauf in das Gebäude. Die Hülfe eines der dienenden Laienbrüder lehnte er ab; dieſer ging daher mit der Wär⸗ terin voran, zu den für die Aufnahme der Reiſenden be⸗ ſtimmten Gemächern. Thurn folgte, mit Eliſabeth am Arm, von dem Bruder Hausverwalter begleitet, langſam nach. Die Gräfin ſtieg in ihrer Ermattung nur langſam die Stu⸗ fen hinan. Im Innern des Kloſtergebäudes war es ſchon völlig dunkel; doch ſpendete eine in der Treppenhalle herab⸗ hängende Ampel ihr trübes im Zugwind flackerndes Licht. Eine breite Steintreppe, mit Kreuzgewölben gedeckt, führte in das obere Stockwerk; dort lief ein Bogengang durch die ganze Länge des Gebäudes. Dieſen zur Seite lagen die Gemächer, in welchen die Reiſenden Aufnahme fanden. „Bewohnen die frommen Brüder dieſes Gebäude gleich⸗ falls?“ fragte Thurn. „Nein, Herr; die Kloſterzellen ſind in den beiden Sei⸗ tenflügeln. Dieſes Haus iſt ganz davon geſchieden; öſtlich durch die Kirche, die ſich gleich dort unten anſchließt, hin⸗ ter uns, weſtlich, durch die Wirthſchaftsgebäude des Klo⸗ ſters.“ Auf der linken Seite des Kreuzganges ſtand eine Thür offen, in welche der Kloſterbruder ſie einzutreten aufforderte; Thekla war bereits hier hineingebracht worden. Mit Ueber⸗ raſchung fand ſich Thurn in einem großen, mit alter⸗ thümlicher Pracht ausgeſtatteten Saale, ſoweit das Licht 48 zweier Kerzen auf einem Pfeilertiſch von Marmor das Ein⸗ zelne erkennen ließ. Der Hausverwalter ſchien die Verwun⸗ derung ſeines Blickes zu verſtehen. „In frühern Zeiten“, belehrte er,„hat der Erzbiſchof von Gran, der geiſtliche Oberherr des Kloſters, in den Sommermonaten öfters hier gewohnt. Daher die Ueber⸗ reſte einer fürſtlichen Einrichtung. Die klöſterlichen Zellen ſind ganz einfach, der ſtrengen Ordensregel entſprechend.“ Au jeder Seite des Saales waren zwei Gemächer für die Reiſenden geöffnet; links die für die Frauen. Die Thür dahin ſtand halb offen, da Thekla ſchon hineingetragen war. Auch Thurn trat zuerſt dort ein. Es waren anſehnliche Räume mit Kreuzwölbungen; die Einrichtung zeigte eine ähnliche, etwas veraltete und verfallene Pracht, wie der Saal. Eine Bettſtatt mit ſchweren ſeidenen Vorhängen, gepolſterte Lehnſeſſel, gewährten reiche Bequemlichkeit. Eine Matrone in weltlicher, volksrhümlicher Tracht war bei der Zurichtung der Lagerſtätten beſchäftigt. Thekla ſaß mit zurückgelehntem Haupt in einem der Lehnſeſſel. —„Die dienende Schweſter Crescentia wird für Alles Sorge tragen, was die edlen Frauen bedürfen!“ ſagte der Bruder Hausverwalter.„Die Glocke am Kamin ſtellt euch die männliche Bedienung zu Gebot.“ Thurn dankte warm für die gaſtliche Aufnahme. Der fromme Bruder verließ ſie. Die Männer begaben ſich in ihre Gemächer jenſeit des Saales. Thekla wurde von der Wärterin und der Schweſter Crescentia zu Bett gebracht. Sie blieb in ihrem unruhigen Fieberſchlummer; die Schweſter Crescentia ſetzte ſich zu ihr. Draußen war es völlig finſter geworden. 49 ¼ Eliſabeth war in ihrem Gemach allein. Sie trat ans Fenſter. Der Kloſterhof, durch den ſie hereingekommen waren, lag vor ihr, abgeſchloſſen durch ſeine hohe Mauer. Jenſeit derſelben erhoben ſich die ſchroffen Waldberge, mit ihrer Schneedecke das nächtliche Dunkel bleich durch⸗ ſchimmernd. Schwarzes, zerriſſenes Gewölk, das nur ein⸗ zelne Sterne durchblinken ließ, zog langſam über den Him⸗ mel. Das Bild der erſtorbenen Landſchaft war das Spie⸗ gelbild der Seele Eliſabeth's. Denn auch ihre Hoffnungen waren erſtorben, und Gegenwart und Zukunft lagen im tiefſten Dunkel vor ihr. Dieſe Uebereinſtimmung der äußern Eindrücke mit ihren Empfindungen gewährte ihr einen ſchwer⸗ müthigen Troſt. Sie ſah das Bild der Ruhe vor ſich, der Ruhe, nach welcher ihre Seele tief ſehnſüchtig verlangte, und wäre es die des Grabes! Die winterliche, einſam ver⸗ lorene Stätte dünkte ſie ein tröſtender, heilender Zufluchts⸗ ort aus den Wirbeln und Stürmen der Welt. Entfernte Klänge eines feierlichen Geſanges ſchwebten durch die tiefe Stille. Eliſabeth's Auge folgte der Rich⸗ tung, woher die Töne kamen, und ſie gewahrte einige er⸗ leuchtete Fenſter der am öſtlichen Flügel des Gebäudes ge⸗ legenen, etwas hervorſpringenden Kirche. Es war der Ge⸗ ſang der zur Vesperandacht verſammelten Kloſterbrüder. Zitternde Schauer ergriffen ihre Seele; Thränen rannen über ihre Wange. „Eliſabeth!“ tönte eine weiche Stimme neben ihr und Thurn's Arm umſchloß ſie ſanft. Sie drückte das An⸗ geſicht an ſeine Bruſt. Beide hielten ſich innig, lautlos umfaßt. Ein erſchütternder Augenblick, der ihnen die ganze e Vere gangenheit vorüberführte und auf das dnntle⸗ ſchauerliche Bild der Zukunft hindeutete!— Rellſtab, Drei Jahre. V. 1. 3 ——ͤ— 50 Die Thür zu Thekla's Gemach öffnete ſich. Die Schwe⸗ ſter Crescentia trat leiſe heraus, ging zur Gräfin und ſagte ihr:„Ich möchte unſeren Bruder, den Arzt, herbeiholen; die Kranke wird unruhiger!“ Eliſabeth erſchreckte und nickte ſtumm; ſie entzog ſich leiſe dem Arme Thurn's und ging zu Thekla hinein. Er folgte. Das unglückliche Kind lag mit geſchloſſenen Augen; doch ihre Lippen waren in ſteter Bewegung; ſie ſprach faſt ununterbrochen, allein ſo leiſe, daß nur einzelne Worte verſtändlich wurden; brennende Fieberglut überflog ihre Wange. Nach kurzer Friſt öffnete ſich die Thür; einer der Mönche trat ein; Crescentia folgte ihm. „Unſer heilkundiger Bruder Aegidius“, ſagte Cres⸗ centia. Thurn trat ihm entgegen, reichte ihm die Hand und ſagte:„O frommer Bruder, wenn Eure Hülfe mein Kind zu retten vermöchte!“ Der Bruder Aegidius ſchien betroffen bei dieſer Anrede; es drückte ſich ein eignes Staunen in ſeinen Zügen aus. Er ſah dem Grafen forſchend ins Geſicht, während er, nicht ohne die Zeichen einiger Verwirrung, die Worte entgegnete: „Nicht auf meine Hülfe, auf die Hülfe Gottes wollen wir vertrauen.“ Eliſabeth fand nicht Kraft zu Worten; ſie ſaß bleich am Bett der Tochter und reichte nur ſtumm dem frommen Bruder die Hand dar. Dieſer wandte ſeine prüfende Aufmerkſamkeit der Kran⸗ ken zu. Er fühlte den Puls und betrachtete ſie lange mit ernſten, ein tiefes Mitleid ausdrückenden Zügen. Leiſe ſchüt⸗ telte er das Haupt. 51 „Die Fieberhitze iſt ſehr ſtark“, ſprach er.„Ich werde der Kranken ſogleich einen kühlenden Trank bereiten. In kurzer Zeit kehre ich zurück.“ „Droht ihr Gefahr?“ fragte Eliſabeth kaum hörbar, indem ſie die Hand auf Thekla's Haupt legte. „Ich hoffe, ſie iſt noch abzuwenden“, antwortete Aegi⸗ dius.„Ruhe wird ihr das Heilſamſte ſein; unſer Kloſter gewährt ſie, ſoweit es irgend möglich iſt.“ Thurn begleitete den Bruder Aegidius hinaus. Im Saale hielt er ihn zurück und ſagte:„Ich bin ein Mann, der die Wahrheit zu hören und ſchweres Unheil zu tragen gelernt hat. Sagt mir die volle Wahrheit, ehrwürdiger Bruder! Mir ſcheint meine Tochter ſehr krank!“ „Sie iſt es.... Graf Thurn!“ „Ihr kennt mich?“ rief Thurn haſtig, beſtürzt. „Ja, Herr Graf. Ihr waret verwundet im Türken⸗ kriege und laget im Kloſter der Barmherzigen Brüder zu Peſth. Dort war ich damals einer der jüngſten pflegenden Brüder. Trotz der langen Zeit erkannte ich Euch auf den erſten Blick, Herr Graf. Nur Euer Haar iſt ſeitdem ge⸗ bleicht“, ſetzte er ſanft hinzu. „Ich hoffte von Niemandem hier gekannt zu ſein“, antwortete Thurn nach einigen Augenblicken, mit ernſt be⸗ wegtem Ton,„doch da Ihr wiſſet, wer ich bin. wohl denn, ich bin bereit, das Kloſter auf der Stelle wie⸗ der zu verlaſſen,— geſtattet nur den Frauen die Zu⸗ flucht.“ „O nein, Graf Thurn“, erwiderte der fromme Bruder ſanft;„das Kloſter iſt jedem Hülfsbedürftigen geöffnet. Unſer Prior, der Vater Chriſtophorus, ein achtzigjähri⸗ ger Greis, kennt nur die Liebe. Unbarmherzigkeit würde eine ſchlechte Stütze unſeres Glaubens ſein.“ 3* 52 „Es iſt ſchwer, Großmuth annehmen zu müſſen“, ant⸗ wortete Thurn, indem er die Hand des Bruders Aegidius faßte;„doch ich habe den Muth dazu, weil ich mir ſagen darf, ich würde gegen Jeden der Eurigen auf gleiche Weiſe handeln. Nennt denn dem hochwürdigen Prior meinen Na⸗ men....“ „Es bedarf deſſen nicht“, unterbrach Aegidius;„wir erfragen Niemandes Namen. Doch will ich gern thun, wie Ihr begehrt.“ „Darf ich dann ſelbſt zu ihm gehen?“ „Der Greis ſpricht ſelten Fremde; heut wol am wenig⸗ ſten, wo er beim Scheiden des Jahres ſich den Tag über ganz der Andacht und einſamen Stille widmet.“ „Morgen denn?“ fragte Thurn. „Ich werde ihn befragen.“ Aegidius ging. In der Thür traf er mit dem eintretenden Heinrich zuſammen, der nach dem Unterkommen der Diener und der Pferde im Hofe geſehen hatte. Sie gingen mit ſchweigendem Gruß einander vorüber. „War das der Arzt?“ fragte Heinrich errathend den Vater.„Gibt er Hoffnungen?“ Thurn ſchwieg düſter. „Hoffnungen, reiche Hoffnungen haben wir gehabt!“ ſagte er, als ihn Heinrich mit forſchender Beſorgniß an⸗ blickte.„Jetzt ſollen wir dulden lernen.— Wir haben Muth gehabt, das Höchſte zu unternehmen, mein Sohn; jetzt müſſen wir den zeigen, jedes Aeußerſte männlich zu ertragen!“ „Und wenn Alles um uns fällt, fechtend ſelbſt zu fal⸗ len!“ antwortete der Jüngling edel aufwallend. „Ja“, entgegnete auch Thurn, ſtolz auf des Sohnes Geſinnung und Wort, mit männlicher Erhebung,„können wir den Sieg unſerer hohen Sache nicht ſchauen, ſo wol⸗ len wir doch ihres Sieges würdig bleiben. Das ſei unſer Gelübde, mein Sohn, jetzt in den letzten ſchweren Stun⸗ den, die dieſes furchtbare Jahr beſchließen! Das gebe uns Muth für die Tage neuer Opferjahre!“ Er reichte ihm beide Hände dar und zog ihn zu ſich. Sohn und Vater erneuten in dem feierlichen Augenblicke das edle Gelübde mit ſtummem Schwur. Es gab ihnen Kraft, die Prüfung der nächſten ſchweren Stunde, die vor ihnen lag, zu tragen.— Leiſe gingen ſie in das Ge⸗ mach der Kranken und geſellten ſich dort der ſchweigenden Sorge und Trauer.—— Bruder Aegidius kehrte mit der Arznei zurück. Er reichte ſie Thekla ſelbſt. Sie ſank nach dem Einnehmen wieder in Schlummer. Lange und aufmerkſam blieb der Arzt am Bett ſitzen. „Sie iſt beruhigter“, ſagte er dann,„der Schlaf wird ſanfter.“ Crescentia beugte ſich über die Kranke und blickte ſie wehmüthig an.„So jungl ſo ſchön!“ ſagte ſie halblaut. Eliſabeth hörte es dennoch. Ihre Thränen floſſen heißer, denn das Wort galt ihr für eine Klage um eine Verlorene! Aegidius gab der pflegenden Schweſter leiſe einige Aufträge.— Sie kehrte nach einiger Zeit zurück, ſichtlich bleicher und beunruhigter als zuvor. Indem ſie dem from⸗ men Bruder reichte, was er von ihr gefordert hatte, hing ſie mit ängſtlich fragendem Blick an ſeinen Zügen. Nach einiger Zeit ſtand dieſer auf, mit den Worten: „Stört ſie ja nicht in dieſem Schlummer! Ich glaube, ———————ͤͤnn— er wird eine Entſcheidung ſein.— Ich komme noch dieſen Abend wieder.“ Mit behutſamen Schritten ging er aus dem Gemach. Crescentia folgte ihm. Im Saale trat ſie ihn beunruhigt an und fragte: 8 1 „Es iſt ein Gerücht unter den Brüdern, der wandernde Einſiedler ſei im Kloſter geſehen worden. Wißt Ihr davon, ehrwürdiger Pater?“ „Ich weiß von dem Gerücht“, antwortete Pater Aegi⸗ dius ernſt. „Der greiſe Bruder Stephanos hätte ihn geſtern er⸗ blickt— in der Kirche, während der hora— kniend am Grabgewölbe! Meint Ihr.... 5“ „Unſer Meinen, unſer Hoffen und Fürchten iſt eitel vor dem Herrn. Betet, fromme Schweſter Crescentia, er⸗ geben in ſeine Fügungen.“ Er ging. Crescentia kehrte zitternd, mit feuchtem Auge ins Kran⸗ kenzimmer zurück. Düſter, ſchwer, mit bleiernem Flügel ſchlichen die nächt⸗ lichen Stunden dahin. Eliſabeth und Crescentia ſaßen am Bett der Kranken, jeden ihrer Athemzüge belauſchend. Thurn und Heinrich hielten ſich entfernter. Nur ein beklommenes Flüſtern der Anweſenden unterbrach von Zeit zu Zeit die tiefe Stille. Draußen zog der Wind hohl rauſchend durch die Wald⸗ kronen. Einige Stunden waren vergangen. Der Bruder Aegi⸗ dius trat wieder ins Gemach. Er zog Thurn auf die Seite und ſagte ihm: „Ich habe dem hochwürdigen Prior Euren Namen und Begehr genannt. Er will Euch nach der nächtlichen hora noch ſelbſt ſeinen Gruß und der Kranken ſeinen Segen bringen.“ „Ich danke Euch, theurer Bruder“, entgegnete Thurn. „Der Segen des frommen Vaters kann ja nur Heil bringen!“ 4 Aegidius trat wieder an Thekla's Bett. Er blickte ſie, über ſie gebeugt, lange an; dann ſetzte er ſich, ſie achtſam beobachtend. Er ließ ihre Hand nicht los und zählte den Pulsſchlag. Seine Züge wurden beſorglicher, die Thekla's unruhiger; ein flüchtiges Roth färbte wechſelnd ihre Wangen. Ihr Schlummer und ihre Träume ſchienen ſüß, denn ein Lächeln umſchwebte zuweilen die halbgeöffneten Lippen. Eliſabeth ſaß ihrem Kinde zu Häupten; nur leiſe Seufzer hoben ihre Bruſt. Plötzlich ließ der Bruder Aegidius Thekla's Hand ſinken; ein Erſchrecken zuckte über ſein Angeſicht. Sie ſchlug das Auge auf, matt, mühſam, doch ſelig lächelnd. Mit leiſer, ſüßer Stimme ſprach ſie:„Zetzt, jetzt will ich mit dir gehen, ehrwürdiger Greis.... Führe mich!“ Ihr verklärt leuchtender Blick ſchien einer Erſcheinung zu folgen. Eliſabeth beugte ſich über ſie. Die Tochter lächelte ſie träumeriſch, irr an. Flüſternd, doch feierlich, fuhr ſie fort:„Er ſchlägt den ſchwarzen Mantel zurück! Sein Silberbart wallt auf den Gürtel nieder! Seht das ehrwürdige Haupt, den goldnen Schein, der es umſtrahlt....“ „Heiliger Gott! Sie ſieht den wandernden Einſiedler!“ zitterte es von den Lippen der Schweſter Crescentia. Alle lauſchten in beklommener Stille. „Nun führt er mich zu ihm!“ hauchte Thekla. 56 Jeder Athemzug war hörbar im Gemach. Da ſchweb⸗ ten ferne, düſtre Accorde durch die Stille der Nacht. Die Fenſter der Kirche waren wiederum erhellt. Die Kloſterbrüder hatten ſich zur mitternächtlichen hora ver⸗ ſammelt. Eliſabeth ſank auf die Knie und drückte ihre Lippen auf die Hand der Tochter. Thurn beugte ſich über ſie. Große Tropfen ran⸗ nen aus ſeinem ſtarren Auge. Kein Laut entfloh ſeinem Munde. Heinrich kniete zu Füßen des Bettes und drückte das Antlitz, jugendlich heiß weinend, in die Kiſſen. Cres⸗ centia und die Wärterin beteten ſtumm mit gefaltenen Händen. Thekla ſtrebte ſich emporzurichten; Crescentia unter⸗ ſtützte ſie. Es war als theile ſich die Wolke verworrener Betäu⸗ bung auf ihrer jungfräulichen Stirn. Ein heiliger Friede wehte aus ihren lieblichen Zügen. „Meine Mutter!“ ſprach ſie leiſe, tiefinnig, Eliſabeth erkennend. Dieſe neigte ſich zu ihr. Ihr Kuß berührte Thekla's bleiche Lippen. Noch einmal athmete ſie auf; dann ſanken ihr die Arme herab,— der letzte Hauch ihres Daſeins war ent⸗ flohen!. Der Geſang in der Kirche verſchwebte. Die Kloſter⸗ glocke ſchlug die Mitternachtsſtunde an. Langſam öffnete ſich die Thür des Gemachs. Ein Greis mit kahlem Scheitel, dem der ſilberne Bart bis auf den Gürtel herabfloß, in den ſchwarzen Mantel der Ordens⸗ tracht gehüllt, trat ein. 57 Thurn warf den Blick auf ihn. Das Blut in ſeinen Adern erſtarrte. Er kannte dieſes Bild!—— Es war der Prior des Kloſters, der Greis Chriſto⸗ phorus. Sein mitleidvolles Auge ſah, was geſchehen war. Er breitete die Arme ſegnend aus und ſprach ſanft:„Pax vobiscum!“ Der letzte Glockenſchlag verhallte. Das Jahr war vollendet. 3** Einunddreißigſtes Buch. Sechstes Capitel. Die durch das Unglück eng verbundenen Freunde, welchen das Haus Lippach's eine Zuflucht gewährt hatte, waren nach dem ſchreckenvollen Ereigniß, das ihnen Allen Tod und Verderben drohte, nicht ferner gewaltſam angegriffen worden. Doch ſchwebte die Gefahr unabläſſig über ihrem Haupt, ſowol weil ſie, Jeder beſonders, Argliſt und Rache von ihren Feinden zu fürchten hatten, als weil alle An⸗ hänger der proteſtantiſchen Gemeinden in der unglückſeligen Stadt faſt ſchutzlos gegen jegliche Mishandlung blieben. Eine Strafe freilich war über Keinen verhängt; doch über Alle die qualvollſte, die der ſteten Bedrohung. Der bangen Sorge geſellte ſich für die Freunde Lippach's und ihn ſelbſt noch der tiefſte Schmerz.— In angſtvoller Ungewißheit über das Schickſal ihrer nächſten Geliebten war ihnen der Januar und die Hälfte des Februar des Jahres Sechzehnhunderteinundzwanzig verſtrichen. Taver und Wo⸗ lodna, ſowie Thereſe und Agathe mußten ſich in tiefſter Ver⸗ borgenheit halten, da, wäre ihr Aufenthalt entdeckt worden, 62 ſie zuverläſſig das ſchwerſte Schickſal betroffen haben würde. Nur einige der vertrauteſten Freunde und Glaubensgenoſſen wußten von ihnen. Für die Männer war dieſe Zeit des Duldens durch die völlige Thatloſigkeit noch erſchwert. Sie konnten die Kraft ihre Lage zu ertragen nur in der edelſten Erhebung der Seele über Leid und Schmerz dieſer Erde erringen. Mit dem würdigſten Beiſpiel ging ihnen David Lippach in feſter Glaubenszuverſicht voran. Noch war kein Verbot wegen der Ausübung ihres Gottesdienſtes gegen die prote⸗ ſtantiſchen Gemeinden erlaſſen. Man hielt ſie nur unter dem Druck der Beſorgniß davor. Die Hoffnung ungeſtörter Glaubensfreiheit war äußerſt gering. Denn, obgleich die katholiſchen Geiſtlichen und zumal die in aller Vollzähligkeit zurückgekehrten Jeſuiten oft lächelnden Mundes hier und dort davon ſprachen, daß der Kaiſer das Geſchehene vergeſſen und gegen Niemanden in Betreff der Religion Zwang aus⸗ üben werde, dafern ſich nur Alle in Demuth und Stille hielten, ſo wußte man doch, daß die Thaten und geheimen Umtriebe anderer Art waren als die geſprochenen Worte. Um ſo mehr, meinte der glaubenseifrige Lippach, ſei es nothwendig die Lehre vor der Gemeinde treu und lauter zu bekennen, keiner menſchlichen Beſorgniß und Furcht Raum zu geben, ſondern nur in der göttlichen Furcht zu handeln. Er ſam⸗ melte daher nicht nur an jeglichem Sonntag die Gemeinde in ſeiner Kirche in gedrängter Schaar um ſich, und erbaute ſie durch Vorträge frommer Zuverſicht und heiliger Wahr⸗ heit, ſondern auch in den Wochentagen hatte er den Gottes⸗ dienſt verdoppelt, und ſprach den Verzagenden Muth und Troſt in die Seele. Die Troſtbedürftigſten fand er freilich in ſeiner nächſten Nähe, in ſeinem eignen Hauſe; und dieſe konnten, um ihren 63 Aufenthalt nicht zu verrathen, am öffentlichen Gottesdienſte nicht einmal theilnehmen! Tief traurige Tage verlebte Agathe, welcher der Himmel ein Herz voll ſolcher Größe und erhabenen Muthes, wie Thereſe es beſaß, nicht geſchenkt hatte. Seit Kaspar's Tode, war ſie faſt ohne jegliche Kunde von ihrem Vater und Margarethe. Denn wer hätte mit ſolcher Schlauheit und Verwegenheit zugleich es gewagt, überall hinzudringen, bald in dieſer, bald in jener Verkappung? Der Einzige, der ihr zuweilen eine Nachricht brachte, war der würdige Wenzel von Budowa, den die frühern Erleb⸗ niſſe in Heidelberg vor allen Bewohnern Prags in die nächſte Freundſchaft und Vertraulichkeit zu ihrem Vater geführt hatten, und dem Margarethens Schickſal eben aus jener Zeit her, wo er Theil an ihrer wunderbaren Rettung hatte, wie das einer eignen Tochter nahe lag. Ihm hatte Lippach vertrauliche Nachricht von Agathens geheimem Aufenthalt in ſeinem Hauſe gegeben. Allein von dem Amt, als Präſident des Appellationsgerichts, das ihm König Friedrich verliehen hatte, entfernt und unter Auf⸗ ſicht geſtellt, war er ſelbſt meiſt ohne Kunde, und nur ſel⸗ ten gelang es ihm, verſtohlen, in der Dunkelheit des Abends, zu Lippach zu gehen, um der unglücklichen Tochter ſeines Freundes eine Nachricht, oder wenigſtens ein Wort des Troſtes zu bringen. Doch Alles, was ſie durch ihn er⸗ fahren konnte, beſchränkte ſich darauf, daß ihr Vater noch immer in geheimer Haft ſei, getrennt von Margarethen, die ſich im Kloſter der Urſulinerinnen in ebenſo ſtrenger Gewahrſam befand und beharrlich für Rippell's Tochter gelten wollte, um der wirklichen die Freiheit zu bewahren. Immer noch hofften die Richter, oder vielmehr Gewalt⸗ haber, dem redlichen Mann Amtsgeheimniſſe abzupreſſen, 64 oder die Auslieferung wichtiger Documente, großer Schätze zu erlangen, von denen ſie glaubten, daß der König ſie ihm vor der Flucht anvertraut habe. Längſt hätte das arme, duldende Mädchen ſich als Rippell's wahre Tochter den Machthabern überliefert; ihr heißeſter Wunſch war, das Gefängniß ihres Vaters zu theilen und Margarethen zu befreien. Allein Budowa's und ſelbſt Lippach's beſon⸗ nener Rath hielten ſie davon zurück, denn ihre hingebende Treue würde ganz vergeblich geweſen ſein; ſie hätte nur ein Opfer mehr in die Hand der Verfolger geliefert und den Schmerz des Vaters verdoppelt, vielleicht ſeinen härteſten Vorwurf erfahren, wenn ein ſolcher Schritt die durch ſie geretteten Briefſchaften preisgegeben hätte. Zugleich wäre damit die letzte Hoffnung, an welche das unglückliche Mäd⸗ chen ſich klammerte, geſchwunden, daß ſie vielleicht von außen her etwas für die Gefangenen thun, oder wenn ſich eine günſtige Gelegenheit darböte, Gnade für ſie erwirken, oder gar, auch damit beſchäftigten ſich ihre Träume, deren Rettung durch die Flucht möglich machen könne. In ſolcher Bangigkeit, Schmerz und Sehnſucht, ver⸗ zehrte ſich ihr Herz. Der Gram nagte tief an der Wurzel ihres Lebens. Das Bild heitrer Jugendluſt, das ſie einſt ſo hold darbot, war erloſchen. Verblüht die Roſen ihrer Wangen! Kaum überſchimmerte ſie noch ein hinſterbender, blaßröthlicher Hauch! Das liebliche Lächeln der Lippe war dahin; nur ein Zug ſchmerzlicher Ermattung umſchwebte ſie; ihr einſt ſo helles Auge blickte trüb verſchleiert! Dennoch war die holde Anmuth aus dem reinen Antlitz nicht ver⸗ ſchwunden; die zarte hinſterbende Geſtalt übte einen hei⸗ ligen Reiz. Denn ſie trug ihren Schmerz mit frommer Ergebung. Ein hohes Bild der Trauer ſtellte Thereſe dar. Niemand 65 empfand tiefer als ſie die Schwere der Schickung, welche auf Allen laſtete. Aber ſie trug ſie mit geſtählter Kraft, denn ihr ahnendes Auge hatte den Ausgang der Kämpfe nie anders als düſter geſehen. Ihre Hoffnungen, ihre Er⸗ hebungen lagen weit jenſeit der Gegenwart; ihr Vertrauen wurzelte in der Zukunft kommender Jahre und Geſchlechter. Sie blickte dahin auf, wie zu den Sternen; ihr Glanz lag jenſeit der Grenze dieſes Lebens. Ein ſichres aber fernes Ziel ſchwebte ihr vor. Dahin richtete ſie ihr Auge un⸗ verwandt, und ſo gewann ihr Fuß die Kraft den Weg durch das Dunkel zu wandeln. Die Schmerzen und Ver⸗ wundungen des rauhen dornigen Pfades wurden ihr da⸗ durch nicht erſpart! Eben jetzt drohten ihr wieder die ſchwerſten Prüfungen. Wie ihr erſter Schritt auf der Bahn des Kampfes für den Glauben durch ein blutiges unver⸗ geßliches Opfer bezeichnet war, ſo wurden immer neue von ihr gefordert. Ihr Schmerz glich darin auch dem Agathens, daß ſie, ſeit der Ausgang der Schlacht auf dem Weißen Berge ſie von Thurn und den Seinigen trennte, von dem Schickſal dieſer Theuren nichts mehr erfahren hatte, als was die öffentlichen Nachrichten meldeten. Und das war nur was ſie gleich anfangs wußte, daß Thurn mit dem unglücklichen Könige nach Schleſien geflüchtet ſei. Denn ſchon war ſein Name ein in den Wogen der Ereigniſſe halb verſunkener! Wer kümmerte ſich um einen Geflüchteten, Geächteten? Er galt für einen Verſchollenen! Thereſe dachte:„Er trägt wol ſelbſt Sorge es zu ſein! Denn je tiefer das Dunkel iſt, das ſein Geſchick verhüllt, je will⸗ kommener mag es ihm ſein.“ Doch ihr Schmerz und der xaver's und Wolodna's wuchs durch dieſe troſtloſe Un⸗ kunde.—— Eines Abends ſaß ſie mit ihnen Beiden allein in dem⸗ ————-— 66 jenigen Gemach in Lippach's Hauſe, wo ſich in den letzten Stunden des Tages alle Mitglieder zu verſammeln pflegten. Die Fenſter deſſelben gingen nach dem Hof hinaus, ſodaß man weder von den Vorgängen auf der Straße etwas vernehmen, noch von dort aus bemerkt werden konnte. Denn in dieſen Zeiten war es gefahrvoll auch nur durch das Licht der Fenſter die Aufmerkſamkeit der wilden, will⸗ kürlich hauſenden Kriegsſchaaren zu wecken.— Agathe ging der Hausfrau in ihrer Thätigkeit zur Hand; es war die einzige Weiſe, wie ſie den hinbrütenden Schmerz ihrer Seele einigermaßen ableiten konnte.— Lippach war zu Georg Dikaſtus, dem Verwalter des Conſiſtoriums der Utraquiſten, beſchieden, der, als der erſte Geiſtliche dieſer Glaubensge⸗ meinſchaft, eine vertrauliche Berathung mit einigen Amts⸗ genoſſen halten wollte über Das, was ſie in den bedroh⸗ lichen Zeiten zu Schutz und Frommen ihrer Kirche für die kommenden Tage vornehmen könnten. Schweigend ſaßen die durch den Gram faſt noch feſter als durch die Liebe Verbundenen beieinander; jeder hing ſeinen düſtren Gedanken nach. Das hohle Sauſen eines feuchten Sturmwindes, und das Geräuſch des ſpitzkörnigen, eiſigen Schnees, den er gegen die Fenſter trieb, erhöhte die ſchaurige Einſamkeit und Stille mehr, als es ſie unterbrach. Der Thürklopfer ertönte. „Es wird der Pfarrer ſein, der nach Haus kommt“, meinte Wolodna. „Es war nicht ſein Klopfen, es war zu leiſe“, verſetzte Thereſe. Die Schrecken der Zeit lagen unter einer ſo dünnen Decke, daß ſelbſt die vorſichtigſte Berührung irgend etwas Unheimliches zu enthüllen drohte. Die bloße Vermuthung, 67 daß ein Fremder ins Haus wolle, weckte eine beſorglich lauſchende Spannung. Man hörte in der tiefen Stille drunten die öffnende Magd einige Worte muthmaßlich durch das Thürfenſterchen ſprechen; dann klirrten die Riegel. Wenige Minuten danach trat die Magd mit einem Zettelchen in der Hand ein und ſagte, indem ſie daſſelbe Thereſen überreichte:„Ein Fremder wünſcht Euch zu ſprechen; er hat mir dieſen Zettel gegeben.“ Thereſe warf einen Blick darauf.„Der Zettel trägt das Zeichen des Kanzlers Budowa“, ſagte ſie. Die Worte darauf lauteten:„Den Ueberbringer dürft Ihr ſicher ein⸗ laſſen.“ Sie waren mit verſtellter Hand geſchrieben, weil die Vorſicht gebot, jede ſchriftliche Mittheilung ſo zu machen, daß dieſelbe ſo wenig als möglich auf die Spur des Mit⸗ theilenden leiten könne. Ein verabredetes Zeichen zwiſchen den Einverſtandenen erſetzte die Namensunterſchrift.„Bittet den Fremden heraufzukommen“, ſagte Thereſe, als ſie ge⸗ leſen. Die Magd ging. Thereſe ſelbſt folgte ihr; aus Vor⸗ ſicht, um zu hören wer der Fremde ſei und was er be⸗ gehre, bevor ſie ihn zu ihrem Mann und Vater einließe. „Nein, Vater Wolodna“, rief Xaver, als Thereſe das Gemach verlaſſen hatte;„ich kann dieſes Verborgenſein, dieſe Unthätigkeit nicht länger ertragen! Ich muß fort,— ich will ſehen, daß ich nach Pilſen zu Mansfeld gelange. Ich will mit ihm fechten, oder wenn auch dort Alles ver⸗ loren iſt, mich verbannen aus meinem Vaterlande und mich anderwärts anſiedeln! Dorthin werdet Ihr mir nach⸗ folgen!“ „Wenn ich dir nur ſogleich folgen könnte“, antwortete Wolodna mit ſchmerzlichem Ton;„doch fechten, das fühle 68 ich, werde ich nicht mehr! Meines Körpers Kraft iſt zu tief gebrochen! Auch von der Seele aus!“ Die Thür öffnete ſich; ein Mann, dicht in einen Reiter⸗ mantel gewickelt, trat ein; hinter ihm Thereſe. Als der Schimmer der Lampe auf ſein Geſicht fiel, erkannten ihn Beide mit freudigem Erſchrecken. Es war Olbramowitz. „O Herr!“ rief Wolodna und ergriff ſeine Hand, „wie labt uns Euer Angeſicht in ſo düſtrer Zeit!— Seid tauſendmal willkommen!“ „Bewillkommnet mich nicht zu früh, mein alter Freund“, unterbrach Olbramowitz finſter.„Wer in jetzigen Tagen kommt, bringt ſelten gute Botſchaft! Ich bringe ſie nicht!“ Seine Lippen preßten ſich zuſammen; man ſah den männ⸗ lichen Kampf in ſeinem Antlitz, feſt zu bleiben; es war ihm unmöglich. Die Thränen drangen ihm gewaltſam ins Auge. „Ich bringe Euch Nachricht von Thurn.... Seine holde Tochter— Thekla....“ „Gott!“ unterbrach ihn der Schreckensruf Thereſens, der ſein Blick und der Ton ſeiner Stimme Alles geſagt hatte. „Gott“, wiederholte Olbramowitz mit tiefem, ſchmerz⸗ gebrochenem Ton,„Gott hat ſie zu ſich gerufen! Wohl ihr!“ Thereſe lag lautlos in Xaver's Armen; der Greis Wolodna brach in bittre Thränen aus und bedeckte das Antlitz mit den Händen. Worte fand der namenloſe Schmerz nicht. Wie ein Grabtuch legte er ſich ſtumm über die Trauernden.— Eine ſchwere Minute zog über ihre Seele dahin! Olbramowitz brach endlich das ſtarre Schweigen. Er erzählte. Thurn hatte ihm einen vertrauten Boten aus 69 Ungarn geſandt; nur mit mündlichen Nachrichten, weil jede ſchriftliche Mittheilung zu gefahrvoll war. In der Tracht eines Franciscanermönches, unter dem Vorgeben ein Gelübde in der Kapelle zu Maria⸗Culm zu erfüllen, hatte der Bote, ein alter Kriegsmann aus Heinrich Thurn's zer⸗ ſprengtem Regiment, die Wanderung nach Böhmen gemacht. „Geſtern“, ſchloß Olbramowitz ſeinen Bericht,„empfing ich die düſtre Nachricht; und heut, zufällig, vielmehr durch die wunderbarſte Fügung, ſprach ich, ſeit vielen Wochen wie erſtorben in tiefer Einſamkeit, Wenceslaus von Budowecz. Von ihm erfuhr ich euren Aufenthalt hier. Ihr thatet wohl, ihn tief verſchwiegen zu halten! Denn wenn mich nicht Alles täuſcht, ſenkt ſich ein ſchweres Geſchick näher und näher auf Aller Haupt herab, die da treu an unſerer Sache gehangen haben.— Es wäre beſſer, ihr hättet Prag hinter euch“— ſetzte er hinzu. Xaver hatte mit einem großen Entſchluß gekämpft. „Unſer edler Graf Thurn“, fragte er,„hat die Hoff⸗ nung alſo nicht aufgegeben? Er will noch weiter kämpfen?“ „Beide, Vater und Sohn“, antwortete Olbramowitz, „denken ritterlich wie ihre Väter. Heinrich Thurn, der wackre Jüngling, hat bis zuletzt mit dem Markgrafen von Jägerndorf vereint in Schleſien gegen Ferdinand's Truppen gefochten. Jetzt hat er den Vater nach Ungarn begleitet. Sie ſetzen ihre Hoffnung auf Bethlen Gabor!— Ich baue nicht auf ihn.— Ich achte überhaupt den Kampf für ver⸗ geblich; aber es iſt rühmlich mit den Waffen in der Hand zu fallen! Gönne ihnen Gott wenigſtens das!“ „Gott leitet die Schlachten“, erwiderte Xaver, und ein dunkles Feuer leuchtete aus ſeinen Blicken.„Sein Arm war gegen uns,— er kann auch für uns ſein!“ —————rͤ— 6 „Er kann!“ ſprach Olbramowitz langſam, ſchüttelte aber nach dem Wort das Haupt. „Er wird!“ rief Xaver. Sein Entſchluß war reif.— Olbramowitz ſah ihn prü⸗ fenden, Thereſe ahnenden Blickes an.— Er faßte den Muth ihn frei auszuſprechen. Lange hielt Thereſe ihn ſtumm umfaßt. Endlich ſagte ſie, mit der ihrer großen Seele eignen Erhebung und mit der Ahnung, daß hier ein Saatkorn für eine Aernte der Zukunft geſtreut werde:„Gehe mit dem Segen des Himmels!“ „Geht, junger Freund“, trat auch Olbramvwitz ihrem edlen Wort bei.„Die Gefahr dort iſt nicht größer als hier, glaube ich“, ſetzte er mit bedeutſamem Blick hinzu.— „Ihr wollt zu Mansfeld?“ hub er nach einigen Augen⸗ blicken an.„Wenn er aufbauen kann, was er einſtürzen ließ.... dann kann er noch der Hort Böhmens ſein. Thurn hofft auch von ihm,— vertraut ihm!“ Er ſchüttelte wiederum zweifelnd den Kopf.„Mag's ſein! Haben wir doch keine andern Stützen!— Der Bote Thurn's an mich ſoll gleichfalls zu Mansfeld. Darum will er ſein Gelübde zu Maria⸗Culm, nahe bei Eger vollführen.— Wollt Ihr ihn auf ſeiner frommen Wallfahrt begleiten?— Dazu ließen ſich die Mittel finden. Allein Ihr müßtet morgen fort!“ „Ich bin ſchon heut bereit!“ „Heut“, rief Thereſe mit einem die Bruſt zerſchnei⸗ denden Laut. Der ganze Schmerz der Trennung, und der Trennung in ſolcher Zeit, ſo nahe, durchdrang erſt jetzt ihre Seele. Sie lehnte ihr Haupt an ſeine Bruſt und erſtickte ihre Thränen an ſeinem Herzen.„Vater meines Knaben, Herr und Führer meines Lebens!“ weinte ſie, „ach, wann wird der Tag kommen, wo wir am Herde 71 des Friedens ſitzen, und uns die Lebensſtätte häuslich bauen und ſchmücken!— Doch gehe hin! Hilf neue Wege bereiten zu dieſem Ziel! Der Ruf ergeht an dich, gehorche ihm!“ Wolodna blickte ſtumm zur Erde.„Alles ſtürzt ein, Alles bricht“, ſagte er endlich und ſeine Stimme brach ſelbſt. Ein tiefes Schweigen trat ein. „Hört, meine Freunde“, brach Olbramowitz den Druck des ſtarren Schmerzes;„Alles wohl erwogen, iſt's noch beſſer heut als morgen. Trennt das Glied raſch vom Körper— es ſchmerzt weniger! Und die Vorſicht gebietet Eile.— Ihr müßt durch das Kornthor die Stadt verlaſſen. Die Wache dort für morgen früh iſt gewonnen. Ver⸗ zögert ſich die Wanderung nur um eine Stunde, ſo könnte Alles fehlſchlagen. Begleitet mich heut nach Haus, Nechodom. Dort trefft Ihr Euren Reiſegefährten; morgen vor Tages⸗ anbrach brecht Ihr von mir aus auf!“ So wurde es beſchloſſen. Thereſe und Naver eilten, das Nöthige zu beſchicken. Siebentes Capitel. Sie hatten kaum das Gemach verlaſſen, als drunten wiederum die Hausthür ſich öffnete. Wolodna vermuthete abermals Lippach's Rückkehr. Doch es ließen ſich mehrere Stimmen vernehmen, und mehrere Tritte kamen die Stiege herauf. Zwei vertraute Freunde des Hauſes traten ein, 72 Jakob Steffeck, der Beſitzer des Weingewölbes am großen Ring, und der Doctor Baſilius. „O, Herr Rath“, redete Jakob Steffeck Olbramowitz an,„welch ein Troſt iſt es für mich, daß ich Euch hier antreffe! Ich bin in großer Angſt um meines Bruders Tobias Willen.“ „Was iſt's mit ihm?“ fragte Olbramowitz. „Er war bisher überwacht....“ „Wie ich.“ „Es durften ihn aber Freunde beſuchen; er konnte aus⸗ gehen....“ „Mit den Schergen hinter ſich,— wenn er ſich den Begleiter nicht abkaufte!“ antwortete Olbramowitz bitter. „Seit geſtern hat die Ueberwachung aufgehört, aber dieſen Morgen iſt er heimlich gewarnt worden, auf ſeiner Hut zu ſein.“. „Er jetzt auch? Hm!“ antwortete Olbramowitz. „Meinem Vetter Valentin Kochan“, begann der Doctor Baſilius,„iſt es ebenſo ergangen. Die Warnung ſoll vom General Tilly kommen. Es ſcheint mir aber, daß man die Gewarnten durch dieſes Verfahren bewegen möchte, Prag zu verlaſſen, vielleicht außerhalb Böhmens zu fliehen. Sollen ſie das wagen? Könnte es nicht gerade zu ihrem Uebel ausſchlagen? Darüber wollten wir Herrn Pfarrer Lippach zu Rathe ziehen. Doch Ihr, Herr Rath, werdet uns noch ſichrer rathen können!“ „Ich nicht“, entgegnete Olbramowitz,„mir hat man ſchon längſt angedeutet, es ſei beſſer, ich ginge. Aber.... ich bleibe.“ „Nun denn, ſo wird's auch wol für die Andren das Beſte ſein“, verſetzte Doctor Baſilius. „Das hab' ich nicht geſagt!“ fiel Olbramowitz raſch ein.„Ich aber, ob das Schwert über meinem Haupte ſchwebt, ob man mir alle Thore öffnet: ich bleibe. Ich theile jedes Geſchick, das mein Vaterland trifft. Es iſt ein Schiff, das ich nicht verlaſſe, auch wenn es in den Abgrund ſinkt!“ „Da iſt Lippach!“ rief Baſilius unterbrechend. Man hörte denſelben in der Hausflur ſprechen und dann die Treppe heraufkommen. Eben trat auch ſeine Gattin Gertrud mit Agathen von der andern Seite ins Gemach; Thereſe und Xaver folgten ihnen. Die ſo zueinander Ge⸗ kommenen hatten nicht Zeit ſich gegenſeitig zu begrüßen, denn eben öffnete Lippach auf der entgegengeſetzten Seite des Gemachs die Thür und trat ein. „Herr unſer Heiland, wie ſiehſt du aus, David“, rief Gertrud erſchreckt und eilte ihm entgegen. Er ſchloß ſie ſtumm in ſeine Arme und hielt ſie lange, lange umfaßt. Dann richtete er ſich auf. Sein Angeſicht war todtenbleich; er ſchien aufs äußerſte erſchöpft. Olbramowitz trat ihm mit Theilnahme näher und wartete geſpannt auf die Erklärung. Aber Lippach reichte ihm nur ſtumm die Hand und blickte nach oben. „O Herr, ſagt uns, was iſt geſchehen!“ bat Thereſe, und faßte theilnehmend ſeine Hand. „Laßt mich einen Augenblick ſitzen, meine Kinder“, ant⸗ wortete er, und ſank in einen Seſſel. Er ſtrich ſich mit der Hand über die Stirn, als ob ihm das Haupt zu ſchwer ſei. Aller Blicke hafteten mit angſtvoller Spannung an ihm. Endlich begann er.„Was geſchehen iſt, fragt Ihr? Fragt, was geſchehen ſoll! O meine Freunde, das tiefe Elend, in dem wir uns beſinden, hat ſeine tiefſte Tiefe noch lange nicht erreicht!—— Ich war beim Adminiſtrator unſeres Conſiſtoriums. Er hatte mich und meine lieben Rellſtab, Drei Jahre. V. 1 4 74 Amtsbrüder Roſacius, Werbensky und Vitus Jakeſch be⸗ rufen, um eine vertrauliche Abſprache mit uns zu nehmen, was wir in der ungewiſſen und ſchwer bedrohten Lage un⸗ ſerer Kirche zunächſt anordnen ſollten. Während wir bei⸗ ſammen waren, meldete der Diener, draußen ſei Jemand, welcher in höchſt wichtiger Sache eiligſt mit dem Herrn Adminiſtrator zu ſprechen habe. Er ließ ihn eintreten. Es war ein junger Mann, den ich ſonſt ſchon geſehen und geſprochen, Volkmar mit Namen....“ „Ich kenne ihn, er hat in des Vaters Kanzlei gear⸗ beitet“, unterbrach Agathe lebhaft die Worte Lippach's, von der Erinnerung an die alten Zuſtände plötzlich ſo ergriffen, daß die hellen Thränen aus ihren Augen floſſen. „Ja wol, ich kenne ihn auch“, bekräftigte Wolodna; „am Tage, wo der König in Prag einzog, gab er der Gräfin Thurn über die Ritter im Gefolge des Königs und der Königin Beſcheid!“ „Dieſer wollte nun“, hub Lippach wieder an,„den Herrn Adminiſtrator insgeheim ſprechen, um ihm etwas Hochwichtiges mitzutheilen, was unſere Kirche betreffe. Der Adminiſtrator erklärte, wenn es die Kirche angehe, ſo gehe es uns Alle an, und er möge es uns Allen mittheilen, die wir eben über die Angelegenheiten der Kirche in Berathung ſeien. Wir verſprachen dem jungen Mann— und ich nehme auch euch das Verſprechen ab, meine Kinder— daß wir ihn wegen ſeiner Mittheilung, die er uns als treues Mitglied unſerer Glaubensgemeinſchaft gemacht hat, nicht in irgend eine Gefahr bringen würden. Darauf berichtete er uns: In der Beſtürzung, die bei der Flucht des Königs herrſchte, ſei er ohne alle Mittel hier in Prag zurückgelaſſen worden. Er wußte zuerſt nicht, woher ſeinen Unterhalt nehmen, fand aber bald vermöge ſeiner ſaubren — 75 Handſchrift bei einem Mann Beſchäftigung, den er uns jedoch nicht nennen wollte. Dieſer hatte ihm dieſen Nach⸗ mittag ein Packet mit Schriftſtücken hingelegt, woraus er Abſchriften fertigen ſollte. Eins mußte aus Verſehen dar⸗ unter gerathen ſein. Es war ein Promemoria des Paters Thyßka.“ „Thyßka!“ tönte es von mehreren Stimmen zugleich! „Der arge Jeſuit! Unſer erbittertſter Feind“, rief Baſilius aus. Olbramowitz horchte, finſterblickend, ſtumm auf. „Es ging aus der Schrift hervor“, fuhr Lippach fort, „daß der Pater ſie auf Geheiß des kaiſerlichen Beichtvaters Pater Lamormain zu Wien verfaßt habe.“ „Weht der Wind daher?“ ſprach Olbramowitz vor ſich hin. „Sie enthielt die Bedingungen, die den ſämmtlichen proteſtantiſchen Geiſtlichen Böhmens, und vorzugsweiſe den Geiſtlichen Prags vorgeſchrieben werden ſollen; ferner auch Vorſchläge über Alles, was ſonſt in Betreff unſerer Reli⸗ gionsübung verfügt werden ſoll!“ „Das wird eine trefflich umgearbeitete Ausgabe des Majeſtätsbriefes ſein!“ ſagte Olbramowitz mit bittrem Spott. „Ach, meine Brüder!“ begann Lippach wieder,„eine ſo ſchreckliche Zukunft, als uns hier bedroht, hatte ich mir doch nicht vorgeſtellt!“ Die Spannung der Hörer wuchs.„Ihr habt die Schrift ſelbſt geleſen? Herr Pfarrer?“ fragte der Doctor. „Nein, ich ſelbſt nicht. Der junge Mann hat ſie durchlaufen und ſich eiligſt das Wichtigſte daraus ver⸗ merkt. Denn er ſah wohl, daß ſie nur durch ein Verſehen zu ſeiner Anſicht gekommen war. Kaum war er mit dem 4* 76 Durchblicken fertig, als auch bereits der Mann, bei dem er arbeitet, haſtig eintrat. Er ſah ſchnell das Packet Schriften, welches vor dem jungen Volkmar lag, durch, nahm das Promemoria heraus und entfernte ſich eiligſt mit dem Schriftſtück, ohne den Schreiber zu befragen, ob er es ent⸗ deckt habe oder nicht. Vielleicht wollte er es nicht wiſſen, um nicht ſelbſt in Verlegenheit zu kommen. Doch der Jüngling fühlte ſich in ſeiner Glaubenstreue gedrungen, dem Herrn Adminiſtrator die Nachricht davon zu bringen. In der Hoffnung, daß, bevor die ſchreckenvollen Vorſchläge angenommen und veröffentlicht würden, es villeicht möglich ſein würde, das Aeußerſte abzuwenden.— Ich fürchte, es wird nicht möglich ſein!— O meine Freunde, unſer Jam⸗ mer iſt unſäglich! Denn was uns hier bevorſteht, iſt der Vertilgung unſerer Kirche und gänzlicher Ausrot⸗ tung unſeres Glaubens gleichzuachten.“ „So möchte es doch am Ende gut ſein, der Warnung zu folgen“, ſagte Doctor Baſilius leiſe zu Steffeck;„denn wenn ſie jetzt mit Gewaltſamkeiten gegen unſere Kirche heraustreten, ſo könnten ſie doch auch gegen die einzelnen Vertheidiger unſerer Sache noch gar Arges im Schilde führen!“ 8 „Wer hier ſichren Rath geben könnte!“ ſeufzte Steffeck. „Heißt aber flüchten nicht Alles, was man beſitzt, preis⸗ geben, und vielleicht erſt recht eine Anklage herbeiführen und zuletzt eine Verurtheilung in Abweſenheit, ſodaß man gar nicht einmal gehört wird?“ Lippach hatte während deſſen ein Blättchen hervorge⸗ zogen, das er mit düſtren Blicken überlief.„Hier“, ſagte er,„habe ich mir das Schwerſte, was uns Pfarrer beſonders anlangt, eiligſt aus Demjenigen vermerkt, was der junge Volkmar mitgetheilt hat. Daraus mögt ihr erſehen, meine 77 Freunde, was der Gemeinde bevorſteht, wenn ſolches ihren Hirten angeſonnen wird!“ Er las mit ſchmerzlichem Ton der Stimme: „«Die proteſtantiſchen Pfarrer zu Prag haben die Krönung des Kurfürſten von der Pfalz öffentlich zu widerrufen!» 4*) „So ſoll Georg Dikaſtus“, rief der Doctor Baſilius aus,„er, der dem Könige die Krone mit eigner Hand aufgeſetzt hat, ſich die Schmach des Widerrufs ſelbſt auf das graue Haupt laden?“ Lippach bejahte mit ſtummem Neigen des Hauptes, und las weiter: „«Die Pfarrer ſollen die alten Gebräuche in den Kirchen wieder einführen.—»“ „Wie?“ fragte Wolodna beſtürzt,„heißt das, man will uns den Kelch des Abendmahls wieder rauben?“ „So iſt es ſicherlich gemeint!“ antwortete Lippach. „O Vater Nechodom!“ rief Wolodna erſchüttert aus und hob beide Hände empor,„biſt du darum zum Märtyrer worden? Aber ich preiſe dich glücklich, daß du ſo unſelige Tage nicht ſiehſt!“ Thereſe ſtand marmorbleich da. „«Die bisherigen evangeliſchen Pfarrer ſollen für ihr Amt alle erſt neu ordinirt werden, durch den katholiſchen Erzbiſchof!““ 1 Ein Schauer durchzuckte alle Zuhörenden, als Lippach dieſe Worte las. „Zur Abtrünnigkeit wollen ſie uns zwingen?“ rief Olbramowitz, und ſein ſtolzes Auge funkelte.„Laſſet ſehen, wer das über mich vermag!“ *) Dieſe und die folgenden Bedingungen hiſtoriſch. 78 Lippach trat vor, mitten in den Kreis.„Meine Brü⸗ der!“ ſprach er feierlich,„hier erhebe ich meine rechte Hand! Ich will keine Kanzel mehr beſteigen, kein Wort von meiner Lippe ſoll ferner mehr in unſeren Kirchen ertönen, wenn ich mich dem unterwerfe! Ihr habt nicht zu fürchten, daß ich euch untreu würde, und die Heerde, die der Herr mir anvertraut hat, durch ſolchen Verrath verließe! Lieber hinaus⸗ wandern ins Elend!“——„Hört jetzt das letzte, entſetzliche, alle Menſchlichkeit verhöhnende Anſinnen, das man uns ſtellt: «Alle Pfarrer ſollen ſich von ihren Ehefrauen ſcheiden!““ „David!“ rief Lippach's Gattin mit einem unbeſchreib⸗ lichen Laut und umſchlang ihn mit beiden Armen.„Nur das Grab trennt mich von dir!“ „Sei beruhigt, meine Gertrud“, ſagte Lippach weich, ſie mit herzinnigen Küſſen an ſich drückend,„nimmermehr werde ich dieſem frevelhaften Gebot gehorchen!— Es hieße ja das höchſte Heiligthum der Menſchlichkeit und des Glaubens zugleich verleugnen, wenn ich von dir ließe, und von unſerer Kirche; denn nichts Andres wäre dieſer Ge⸗ horſam als der verrätheriſche Uebertritt zum Papſtthum!“ Schmerz und Ingrimm brannten in Aller Bruſt. Die Frauen bebten in Thränen, die Männer im Zorn. „Alſo das lauerte unter der Hülle ſüßer Worte und ſcheinheiligen Lächelns— ihr Väter der Societas Jesu!“— rief der Doctor Baſilius eifernd aus.„O würdiger Pater Thyßka, jetzt verſtehe ich den Blick, mit dem du mich aus deinen tiefen Augenhöhlen anſchauteſt, wenn ich dir be⸗ gegnete, in dieſen Tagen! Das brütete in deinem Hirn!“ Olbramowitz' Blick traf auf Xaver. Er trat zu ihm, legte die Hand auf ſeine Schulter und raunte ihm ins Ohr:„Geh'! Fechte! du wählſt das beſte Theil!“ 79 „Wenn man zu ſolcher Abwehr auch nicht das Schwert ergreifen ſollte“, antwortete er,„wofür ſollte man es er⸗ heben! Welches Letzte kann man uns noch anthun!“ „Nun verſtehe ich auch die Warnungen“, wandte ſich Baſilius zu Olbramowitz.„Man möchte Alle fern ſehen, die den Muth hätten, gegen ein ſolches Anſinnen Wort oder Schwert neu zu erheben! Sie fürchten Eure Gegenwart. Das böhmiſche Volk ſoll ohne Führer ſein, damit es nicht neu und furchtbarer aufſteht als jemals!“ Ein bittres Lächeln zog ſich um Olbramowitz' Lippen. Doch er ſchwieg. „Ich habe noch eine Hoffnung, meine Freunde“, ſagte Lippach zu Allen gewendet.„Dieſes Werk unmenſchlicher Unterdrückung aller heiligſten Rechte iſt nur dem finſtren Haß und Eifer einer einzelnen Bruſt entſtiegen. Es wird verworfen werden. Der Kaiſer kann nicht wollen, daß die Hälfte, ja mehr als die Hälfte ſeiner Völker zum ſchwerſten Verbrechen gezwungen oder zum tiefſten Elend verurtheilt werde. Es wäre eine That der erbarmungsloſeſten Grau⸗ ſamkeit.— Allerwegen hat man uns geſagt und zuge⸗ ſichert, daß mit unſerer harten, demuthvollen Unterwerfung, als der Herr das Glück unſerer Waffen wendete, Vergeben und Vergeſſen des Vergangenen eintreten ſolle, ſelbſt von Denen, die das heiligſte Recht, mit dem wir uns zum Schutz unſeres argliſtig angefeindeten Glaubens erhoben hatten, für das ſchwerſte Verbrechen erachteten. Wir ſenkten die Waffen und ergaben uns der Milde des Siegers. Er wird unſere ſchmerzenvolle Demuth nicht verhöhnen! Sonſt wäre es beſſer, daß wir gleich den Kindern Iſrael auswanderten von dem Herde unſerer Väter fernhin in die Wüſte! Nein, ich hoffe zum Allgütigen, ſo ſchwere Prüfung wird er nicht über uns verhängen!— Höre mein inbrünſtiges Gebet, 80 o Herr des Himmels!“ flehte er mit emporgehobenen Händen,„erleuchte den Herrn der Erde, und ſchmelze ſeines Herzens Härtigkeit! Uns aber führe nicht in Ver⸗ ſuchung, ſondern erlöſe uns von dem Uebell? Alle beteten ſchweigend mit. Stumm ſandte Jeglicher das heißeſte Flehen ſeiner ſchmerzzerriſſenen oder empörten Seele aufwärts zu dem allerbarmenden oder— allrächenden Gott! Achtes Capitel. Am folgenden Tage ſaß Thereſe in ſtummer Trauer allein mit ihrem Vater in eben dem Gemach in Lippach's Hauſe, wo ſie geſtern ſo erſchütternde Kunde erfahren hatten. Ihre ſtarke Seele war tief gebeugt, faſt gebrochen unter den zu ſchweren Schlägen, die ſie mit gleichzeitiger Gewalt getroffen. Ein Maß von Schmerz und Unheil, das ein ganzes Leben nächtlich beſchatten mochte, hatte ſich in den Raum einer einzigen Stunde gedrängt. Das Geſchick Thekla's, die ſchwerbeugenden Schreckensnachrichten von Dem, was ihre Glaubensgemeinde bedrohte, und die erneute Trennung von Xaver! Dieſe traf ſie am tiefſten in das innerſte Herz, und doch war ſie es, die zugleich eine er⸗ hebende Kraft in ihre Seele ſtrömen ließ. Denn es war eine große That der Selbſtverleugnung, an welcher ſie An⸗ theil hatte; und Der, den ſie auf Erden am innigſten mit der ganzen Kraft ihrer Liebe umſchloß, erhöhte ſich in ſei⸗ nem Werth für ſie, durch den muthvollen Entſchluß, den er gefaßt hatte, das Letzte für das Letzte kämpfend einzuſetzen.— 81 Doch konnte dieſer Aufſchwung nur auf Augenblicke die Schwere des Drucks überwinden, von dem ihr Herz be⸗ laſtet war. Als ſich geſtern Taver männlich feſt ihrer letzten Um⸗ armung entwand und im Scheiden die Worte ſprach: „Thereſe, wir ſehen uns wieder, wenn wir wieder das Va⸗ terland für Alle, oder doch eine Zuflucht des Friedens für uns erkämpft haben“, hob Stolz und leuchtende Zuverſicht ihre Bruſt. Doch heut, als ſie einſam erwachte, fühlte ſie zwiefach die ſchmerzenvolle Bangigkeit der Trennung, und ihre Seele war in nächtige Schleier gehüllt, unter denen ihre Thränen unverſiegbar floſſen.—— Die Dämmerungsſtunde des Nachmittags war einge⸗ treten; das trübe Zwielicht in dem düſtren Gemach bei dem grauen, winterlichen Himmel draußen mehrte noch die dunkle Beſchattung des Gemüths. Thereſe wiegte das Kind auf ihrem Schos durch ein mit leiſem Ton geſummtes Lied in Schlaf; ſie ſuchte durch den Geſang ihre eigne Bruſt zu beſänftigen. Wolodna war, die Arme über die Bruſt gekreuzt, an das gewölbte Fenſter getreten und ſchaute zwiſchen den hohen Mauern des Hofes zum trübwolkigen Himmel auf. „Wenn ſie die Fußwege richtig getroffen haben, können ſie nun bald in der ſichren Herberge von Rackonitz ſein, die ich ihnen bezeichnet habe“, ſagte Wolodna, der als der Wegkundigſte in Böhmen den beiden verkappten Wanderern die Straße, die ſie nehmen ſollten, ganz genau vorge⸗ ſchrieben hatte. „Wie weit iſt das?“ fragte Thereſe. „Die erſte Tageswanderung wird die längſte ſein; drei⸗ ehn ſtarke Stunden!“ antwortete Wolodna. „Iſt der Weg über Beraun nicht näher nach Pilſen?“ 4**† 82 „Das wol. Allein ich mußte ihnen den Umweg an⸗ rathen, damit ſie länger bei dem Vorgeben bleiben könnten, auf der Wallfahrt nach Maria⸗Culm zu ſein. Von Racko⸗ nitz müßten ſie auf Lubenz, doch können ſie allenfalls auch ſüdlicher gehen, auf Manetin und Netſchetin, dafür können ſie einen glaublichen Vorwand nehmen. Von Netſchetin aus, wo ſie morgen übernachten, gehen ſie gerad auf Pilſen, geben aber alsdann vor, daß ſie von Maria⸗Culm kommen.“ „Du glaubſt alſo ſie werden große Gefahr laufen in der Verkleidung?“ fragte Thereſe beſorglich. „Ohne Gefahr iſt jetzt kein Weg in Böhmen zurück⸗ zulegen. Doch ſchützt die Mönchstracht ſie am ſicherſten.“ „Wenn uns nur erſt Nachricht von Xaver's Ankunft bei Mansfeld zuginge!“ ſagte Thereſe mit einem tiefen Seufzer. „Das wird ſobald nicht möglich ſein, denn die Ver⸗ bindungen ſind zu ſchwierig. Es wäre nur, falls Thurn's Bote wieder hier durch Prag zurückginge. Er gelangt aber leichter nach Ungarn, wenn er ſich der Donau zu⸗ wendet.— Wir ſchreiben heut den zwanzigſten Februar. Vor Beginn des März iſt an Nachricht kaum zu denken!“ „Die Zeit dünkt mich unermeßlich!“— antwortete The⸗ reſe.—„Ich hätte doch ſollen heut in den Nachmittags⸗ gottesdienſt gehen und an heiliger Stätte für ihn beten!“ ſetzte ſie hinzu. „Nimmermehr“, rief Wolodna.„Bedenke welcher Ge⸗ fahr du dich preisgibſt!— Wir müſſen uns verbergen, bis es uns gelingt Prag zu verlaſſen. Solange noch dieſer Thyßka hier weilt, dieſer Zaloska, und vor Allen Slawata ſelbſt, der uns in das Joch ſeiner Leibeigenſchaft zurückzwingen würde, müſſen wir wie im Grabe bleiben. 83 Es iſt ja mit Uns nicht wie mit den Andren, die nur den Zorn des Kaiſers zu ſcheuen haben!“ „Ach ich weiß es!“ entgegnete Thereſe.„Allein ich be⸗ zwinge die Angſt und den Gram nicht mehr. Ich weiß es, daß dem himmliſchen Vater die Stätte gleich iſt, von der ich zu ihm flehe. Allein mein ſchwaches ſterbliches Herz ſucht Troſt und Hoffnung auch in Außendingen, und ich ſehne mich nach Kirche und Altar!“ „Wohl uns, daß wir wenigſtens dem geweihten Lehrer unſeres Glaubens ſo nahe ſind!“ „Wohl, ja wohl!“ bekräftigte Thereſe.„Aber gerade heut ſehne ich mich nach ſeinem Troſt. Meine Seele drückt eine Angſt, wie ich ſie nie empfunden habe.“ „Wer ſollte ſie nicht empfinden nach dem Schmerz, der uns getroffen hat, und bei dem Unheil, das uns wie Allen droht“, ſeufzte Wolodna aus zermalmter Bruſt. „Meine ſüße Thekla dahin!“ rief Thereſe plötzlich heiß weinend;„welche Laſt des Grams wird die Mutter nieder⸗ beugen! O könnte ich an ihrem Herzen weinen!“ „Und du....“ ſie blickte auf den in ihrem Schos ſchlummernden Knaben nieder,„der du den ſchärfſten Pfeil der Sorge und Bekümmerniß auf meine Bruſt richteſt, in deinem unſchuldigen Lächeln! du mein Sohn! Habe ich dich denn geboren, um dich in einen Abgrund zu ſtürzen? Der Arm, der dich ſchützen ſollte,— ſchon wieder iſt er fern, und wer weiß ob er dich jemals wieder umfängt!“ Ihre Beklemmung ſtieg zu lautem, krampfhaftem Schluch⸗ zen; noch nie war die Kraft ihrer Seele ſo tief geknickt. Sie mußte das Kind in die Wiege legen, um es nicht zu wecken.— Wolodna trat im tiefſten Vaterſchmerz zu ihr. „Suche Troſt an meiner Bruſt“, ſagte er voll Wehmuth, „es ſchlägt keine treuer als die väterliche!“ — 84 Thereſe ſank an das Herz des liebenden Greiſes; ſie hielten ſich, als wollten ſie nimmer wieder voneinander laſſen, in ihrem Schmerz. Seine Tiefen waren lange noch nicht erſchöpft!— Während ſie ſtumm ineinander verſunken ſtanden, war Lippach leife eingetreten. Er betrachtete ſie lange ſchweigend, endlich legte er die Hände ſegnend auf ihr Haupt: „Wir müſſen unſeren Muth ſtählen!— Denn die Stunden harter Prüfung nahen uns“, ſagte er mit weicher Stimme. Thereſe beugte ſich mit liebender Ehrfurcht auf ſeine Hand. „Ich komme vom Adminiſtrator“, begann er;„was wir vernommen von den Abſichten wider uns, iſt nur allzu begründet und bedroht uns nahe. Die feindſelige Ge⸗ ſinnung unſerer Gegner wird raſch ins Werk treten. Man iſt der amtlichen Zuſtimmung des Kaiſers gewiß; denn Thyßka hat nur den Stoff in Form gebracht, welchen ihm Lamormain nach des Kaiſers längſt eingeholtem Gutheißen zugefertigt hat. Das Promemoria ſoll einer eigens hierher abgeordneten Commiſſion zur Prüfung und amtlichen Aus⸗ fertigung vorgelegt werden, und ſchon heute iſt ihr Ober⸗ haupt eingetroffen! Es iſt der Fürſt von Liechtenſtein, der erbittertſte Gegner aller Lehren unſerer Kirche! Er wird uns den Kelch bis auf den letzten Tropfen leeren laſſen! Es begleiten ihn noch mehrere kaiſerliche Räthe; der Ad⸗ miniſtrator hat mir manche Namen genannt, doch auch er wußte nicht alle. Dieſen Nachmittag ſind ſie in vielen großen Reiſekutſchen ins Schloß auf dem Hradſchin einge⸗ fahren, und haben dort ihre Wohnung genommen.“ „Mir iſt“, antwortete Thereſe,„als ſähe ich das Gerüſt zu unſerer Hinrichtung aufbauen!“ 8⁵ „Auch neue Mannſchaften ſind in die Stadt gerückt“, erzählte Lippach.„Ich ſah ein Regiment Reiter über die Moldaubrücke kommen; es nahm den Weg nach dem großen Ring hinunter. Die Leute in den Straßen wichen ſcheu aus; ich that das Gleiche. Was ſoll man ſich auch des Guten verſehen von dieſen rohen Kriegsknechten!“ „Sie fürchten“, entgegnete Wolodna,„daß das Volk den Druck und die Schmach nicht ruhig ertragen werde, und bereiten ſich auf Gewaltthat vor!“ „Gewaltthat iſt Alles“, ſagte Thereſe.„Sie üben ſie gegen Seele und Leib! Doch glaube ich nicht, Vater, daß das Volk die Arme zur Nothwehr erhebt. Seine Kraft iſt dahin! Es hat kein Vertrauen mehr!— Ach leider haben Die, denen es oblag, ihm keines einzuflößen verſtanden.— Anders war es, als noch unſer Schutzherr es führte!“ „Der muthvolle Thurn!“ rief Lippach warm aus. „Ja, du haſt Recht, Thereſe“, erwiderte Wolodna. „All unſer Elend verdanken wir der Feigheit! Nach der Schlacht draußen hätte Prag mit ſeinen hundert Feſtungs⸗ thürmen nicht Monate lang Widerſtand leiſten können? Der Feind mußte verderben vor ſeinen Mauern, in der Strenge und Noth des Winters!— Wir hätten unſere Kräfte ge⸗ ſammelt, Graf Mansfeld wäre zu uns geſtoßen, wir hätten den Herzog Maximilian zwiſchen zwei Feuer genommen!“ „Das Alles iſt vorbei!“ ſeufzte Lippach. „So folgte eine Schmach der andern! Daß Karls⸗ ſtein ſich ergab! Zweitauſend Krieger in der wohlbe⸗ wachten Burg! Aber Verräther! Engländer! Noch heute könnte die Veſte in unſerer Gewalt ſein, ſo gut wie Pilſen, wenn ein Mann mit eiſernem Willen, ein Mansfeld, ſie ver⸗ theidigte. Dann wären auch Böhmens Freibriefe noch in unſerer Hand!“ 86 „Und wiſſet Ihr, daß ſie zerſchnitten ſind und ver⸗ brannt durch des Kaiſers eigne Hand?“ fragte Lippach. „Wie?“ rief Wolodna.„Wir wiſſen nur, daß der Kaiſer ſie ſich hat ausliefern laſſen— allein verbrannt! Auch der Majeſtätsbrief ſeines Oheims— auch der ver⸗ brannt?“ 3 „Alle!— Eben jetzt hat der Adminiſtrator mir die Nachricht mitgetheilt. Er hat es bei ſeinen Nachforſchungen über das Promemoria erfahren. Graf Adam von Wald⸗ ſtein hatte den Befehl erhalten ſie nach Wien zum Kaiſer zu bringen. Kaiſer Ferdinand ſaß am Kamin, als der Graf vorgelaſſen wurde. Er hieß ihn herantreten, ließ ſich die Documente einzeln reichen, blickte ein jegliches durch, ſah nach Unterſchrift und Siegel und ſagte dann:«Das alſo ſind die Schreibereien, die unſeren Vorfahren ſo viel Sorgen und Arbeit gemacht!“ Dann zerſchnitt er jedes einzelne und warf es ins Feuer.*) Zuletzt den Majeſtäts⸗ brief! Dieſe Schmach ſeines Vaterlandes ſah der Graf mit eignen Augen!“ „Zu viel, zu viel!“ rief Wolodna aus.„Alle Rechte Böhmens den Flammen übergeben, auf ewig ver⸗ nichtet!“ „Das Maß iſt voll!“ ſagte Thereſe und erhob ſich. „Ich ſtaune über nichts, mich ſchreckt nichts mehr! Er⸗ würgt die Säuglinge zu Prag wie zu Bethlehem! Dort liegt mein Knabe! Trennt das liebe Haupt mit dem Schwert vom Rumpf, es iſt beſſer, als daß ihr ſeine heilige Seele im Keim vergiftet! Davor wird dich deine Mutter ſchützen!“ rief ſie aus und ſank kniend vor der Wiege nieder.—— *) Hiſtoriſch. F 87 Keiner hatte mehr Worte für ſeinen Schmerz.— Es war finſter geworden; unheimliche Stille herrſchte im n Gemach. „Horch!“ unterbrach Wolodna das Schweigen und lauſchte.„Das ſind Reiter! Es zieht ein Trupp am Hauſe vorüber!“— Lippach öffnete die Thür zu einem Gemach, deſſen Fen⸗ ſter nach der Gaſſe hinaus lagen. Jetzt hörte man deutlich den Hufſchlag der Roſſe. Die beiden Männer gingen in das Vorderzimmer. „Ein ganzes Cornet Carabiner“, ſagte Wolodna, der dicht ans Fenſter getreten war.—„Es ſcheinen neu ein⸗ gerückte Truppen zu ſein, ſo weit ich im Halbdunkel er⸗ kennen kann.“ Beide Männer beobachteten ſchweigend den Zug der geharniſchten Reiter. „Auch Fußvolk!“ ſagte Wolodna erſtaunt, da ſich den Reitern eine lange Colonne von Lanzenknechten anſchloß. „Es ſieht aus als wäre dieſer Stadttheil eben vom Feinde eingenommen und würde von ihm beſetzt.“ Ein Zug ſchwenkte links ein und ſtellte ſich an den Häuſern gegenüber auf. „Seltſam!“ rief Wolodna aus. „Wenn nur dieſe wilden Gäſte ganz in unſerer Nähe uns kein Unheil bedeuten!“ ſagte Lippach beſorglich.„Wir wollen das Haus wohl verwahren!“ Auf der Hausflur wurden gemiſchte Stimmen und Schritte mehrerer Perſonen hörbar. Lippach ging hinaus; bald darauf kehrte er mit Jakob Steffeck und dem Doctor Baſilius zurück; Gertrud und Agathe traten mit ein. Die Letzte trug zwei brennende Kerzen. 88 „Neues Unheil droht uns“, begann Lippach.„Hier unſere Freunde ſind in großer Beſtürzung!“ „Ich wollte zu meinem Bruder“, erzählte Steffeck,„doch die Straße iſt von beiden Seiten geſperrt.“— „Ich wollte zum Kanzler Budowa“, berichtete auch Baſilius.„Allein ich wurde am Hausthor zurückgewieſen. Es ſtehen zwei Schildwachen vor ſeinem Hauſe.“ „Ueberall in der Altſtadt“, fuhr Steffeck fort,„ſieht man Truppen. Es ſind fremde Leute eingerückt. Auf dem alten Markt hält eine Abtheilung Küraſſiere, wol an zwei⸗ hundert Mann.— Es iſt ſchauerlich durch die Gaſſen zu wandeln. Der Himmel weiß, welche neue Schrecken uns drohen!“ „Wenn nur das Aeußerſte und Letzte erſt da wäre!“ rief Thereſe,„denn untergehen ſollen wir!“ „Was rathet Ihr mir zu thun, Herr Pfarrer“, fragte Steffeck,„wegen meines Bruders?“ 1 „Ach Freund, ich bin rathlos in irdiſchen Dingen! Wer überhaupt wüßte jetzt Rath!“ erwiderte Lippach.„Auf Gott allein ſteht meine Hoffnung!“ „Was kann man aber mit uns wollen?“ fragte Baſi⸗ lius.„Es iſt doch nichts geſchehen in der Stadt, was zu neuer Gewalt wider uns herausforderte!“ „Was bedarf es der Urſache“, antwortete Wolodna, „wenn man uns verderben will?“ „Wäre der Rath zur Flucht doch wirklich gut geweſen?“ ſeufzte Jakob Steffeck.„Er iſt von Tilly ſelbſt ausge⸗ gangen. Hätte mein armer Bruder ihn befolgt! Was hülfe ihm jetzt aller Beſitz der Welt, wenn ſie ihn ein⸗ kerkern, ihm vielleicht ans Leben gehen!“ „Nein! Nein! So Unerhörtes werden wir nicht zu fürchten haben, ich hoffe es zu Gott dem Herrn“, tröſtete ——— 89 Lippach.—„Vielleicht iſt eure Sorge unbegründet.— Ihr ſeht, dort drüben haben ſich auch Truppen aufgeſtellt. Sie ſollen wol nur die Ordnung erhalten! Wer weiß was man oben gefürchtet hat!— Ich denke mir, was ich euch von den ſchrecklichen Maßregeln in Betreff unſerer Kirche mitgetheilt habe, wird jetzt zur Ausführung kommen. Da beſorgen ſie vielleicht, daß die Verzweiflung gewaltſam aus⸗ brechen könnte; deshalb haben ſie die Truppen in die Stadt kommen laſſen und ſtellen ſie an allen Ecken auf, um die Bürger durch die Furcht zurückzuhalten. Und darum werden ſie auch die edelſten Häupter unſerer Sache ſtrenger über⸗ wachen! Die Heerde ſoll keinen Führer haben!“ „Droht uns denn die Ausführung der ſchrecklichen Be⸗ ſtimmungen ſo nahe?“ fragte Baſilius. Lippach erzählte, was er von der Ankunft des Fürſten Liechtenſtein und der kaiſerlichen Räthe vernommen hatte. So düſter die Erwartungen waren, die ſich daran knüpften, gewährte doch dieſe Erklärung einige Beruhigung; denn ſie entfernte die Furcht vor unmittelbaren Schreckensſcenen und Gewaltthätigkeiten, wie die unglückliche Stadt ſchon ſo viele erfahren, und beſchwichtigte über die nächſte Gefahr, welche verehrten Männern und Großen zu drohen ſchien. Die Freunde hielten es daher für rathſam ſich zu trennen, damit Jeder in ſeiner Behauſung das Kommende ſtill er⸗ warte und gegenwärtig ſei, um Unheil möglichſt abzu⸗ wehren. Von Lippach's Irrthum ſollte erſt der nächſte Morgen den Schleier heben. Was die Nacht Schreckensvolles gebar, deckte ſie noch mit ihrer ſchauerlichen Hülle. 90 Ueuntes Capitel. Am andern Morgen, ſchon in den früheſten Stunden, durchliefen Nachrichten die ganze Stadt, welche Alles in die äußerſte Beſtürzung verſetzten. Es waren Abends zuvor, nach dem Nachteſſen, vielfache Verhaftungen ganz in der Stille vorgenommen worden; und ſie dauerten noch jetzt fort. Jeder hörte von irgend einem Freunde oder an⸗ geſehenen Mann, daß er gefänglich fortgeführt ſei. Ein wirrer Schrecken bemächtigte ſich Aller; denn Niemand wußte, wie weit dieſe Maßregeln reichen, wen ſie Alles noch treffen würden. Keiner war ſeines Hauptes ſicher. Die Gaſſen boten in der erſten Dämmerung einen unheimlichen Anblick dar. Man ſah einzelne Bürger ſcheu, haſtig, an die Häuſer geſchmiegt, hineilen. Begeg⸗ nende hielten einander an, und man las in ihren blei⸗ chen, angſtvollen Zügen die gegenſeitigen Fragen:„Weißt du ſchon? Iſt es wahr? Was ſteht uns bevor?“ Ein ſtummes Nicken, oder ein Ja mit unterdrückter Stimme war die Antwort; oft ein Blick gen Himmel mit thränenden Augen, wenn der Befragte einen Freund oder Verwandten beſaß, den das geheimnißvolle dunkle Los getroffen hatte. In verſteckte Seitengaſſen oder unter den Hausthoren traten kleine Trupps verſtohlen zuſammen, in welchen ein leiſe murmelndes Geſpräch geführt wurde, während die beſorgten Blicke ſeitwärts hin und wieder ſtreiften, ob viel⸗ leicht bewaffnete Diener der Gewalt ſich näherten. Trotz dieſer Zeichen einer ſcheuen Unruhe laſtete doch der Druck ſchwerer, angſtvoller Stille auf den Gaſſen. 91 Jeder ſchlich wie auf den Zehen, als ob er ſelbſt durch den Schall ſeiner Schritte die Aufmerkſamkeit nicht auf ſich lenken wollte. Dagegen hörte man von Zeit zu Zeit die ſchweren, klirrenden Tritte bewaffneter Patrouillen, welche durch die Straßen zogen. Der dumpf ſchauerliche Klang war in der Morgenſtille weithin vernehmbar. Mit drohenden Blicken ſchauten dieſe geharniſchten Schergen unter den eiſernen Pickelhauben hervor, auf die vorübergehenden Bür⸗ ger, die ſich furchtſam zur Seite drückten. Zuweilen hielten Abtheilungen der Krieger vor irgend einem anſehnlichen Hauſe, deſſen Thür gewöhnlich ſchon durch Schildwachen beſetzt war, an. Ein Führer trat mit einigen Mann ins Thor. War es nicht offen, ſo ſtießen die Soldaten mit den Gewehrkolben oder den Schaften der Hellebarden dagegen, daß der Schall erſchreckend durch das Haus und die ſtille Gaſſe dröhnte. Nach wenigen Minuten kehrte der eingedrungene Führer mit einem bleichen, vor Angſt ſchlotternden Gefangenen, der die Spuren des haſtigen Ankleidens zeigte, zurück; er wurde in die Mitte der Leute genommen, welche ihn abführten, gewöhnlich bis zur nächſten Ecke, wo ein angeſpannter Kutſchwagen, deſſen Fenſter durch Vorhänge dicht verhüllt waren, den Unglück⸗ lichen nebſt zwei bewaffneten Begleitern aufnahm.*) Meiſtens nahmen dieſe Wagen ihren Weg durch die Gaſſen der Alt⸗ ſtadt, über die Moldaubrücke zum Hradſchin hinauf.— Jedoch waren auch in das altſtädtiſche Rathhaus ſchon viele Gefangene gebracht. Am frühen Morgen wurden Diejenigen, welche man nicht mehr in der Nacht hatte feſtnehmen können, weggeführt, noch ehe ſie Kunde von dem Los ihrer Schickſalsgenoſſen hatten. Es war die *) Hiſtoriſch. 92 ſchauerliche Aehrenleſe auf dem Felde der ſchauerlichen, nächtlichen Aernte! In Lippach's Haus war die Nachricht von dieſen Vor⸗ gängen noch nicht gedrungen. Er ſaß eben mit ſeinen Hausgenoſſen beim Frühmahl, als die Hausmagd bleich und athemlos in das Zimmer ſtürzte und zitternd berichtete: „Herr Pfarrer, es kommt eine Bande wilder Soldaten die Straße herunter, hierher zu! Wenn es uns nur nicht er⸗ geht wie vor drei Monaten!“ „Das wolle der allmächtige Gott verhüten“, rief Lippach und ſtand beſtürzt auf; Alle am Tiſch mit ihm zugleich. „Sie kommen von unten herauf, von der Tuchmacher⸗ gaſſe her“, ſagte das zitternde Mädchen,„eine Menge Volks wälzt ſich mit heran!“ Die Erſchreckten eilten in das Vorderzimmer, aus deſſen Fenſtern die Gaſſe zu überblicken war. Lippach ſchaute hinaus. Wirklich zog von der linken Seite des Hauſes her ein finſtrer Schwarm von Bewaffneten und Volk die lange Gaſſe hinauf. In der Morgendämmerung war ſo weit hin, in dem verworrenen Knäul von Menſchen, noch nicht Alles genau zu erkennen. Doch ſah man den Wald deerr Piken über den Häuptern der Maſſe hervorragen. „Es wird nur ein anrückender Truppentheil ſein, wie deren geſtern ſo viele die Stadt durchzogen“, wollte Lippach beruhigen. Doch Wolodna, der gleichfalls hinzugetreten war und vorſichtig, daß man ihn nicht von der Gaſſe erkenne, mit einem Tuch vor dem Geſicht, hinausſchaute, ſchüttelte den Kopf und meinte:„Das iſt kein bloßer Marſch der Leute; es muß etwas Andres vorgehen! Aber ich denke nicht, daß ſie auf dieſes Haus, oder eines der Nachbarn eine Abſicht haben; ſie werden hier vorüberziehen.“ 93 Der dunkle Tumult wälzte ſich näher. Jetzt ließ ſich's erkennen, daß die Soldaten Jemand fortführten, daher hatte ſich eine Menge Neugieriger aus dem unterſten Volk an⸗ geſammelt, die von beiden Seiten die Kriegsleute begleiteten und ihnen im langen Schweif nachfolgten. „Wenn mich nicht Alles täuſcht“, ſagte Lippach er⸗ ſchreckend,„ſo iſt es Herr Niklas Diewiß, den die Sol⸗ daten fortſchleppen.“ „Der Stadtſchreiber, Herr Diewiß?“ fragte Wolodna, „der beim Einzuge des Königs der Führer Derer war, die ihn in den Waffenrüſtungen aus Ziska's Zeiten em⸗ pfingen?“ „Der Nämliche!“ antwortete Lippach.„Doch ich will es noch nicht mit Gewißheit ſagen, denn ich habe ihn nur einen Augenblick ganz geſehen; jetzt drängen ſich die Leute zu ſehr vor.— Ja, ja, er iſt es wirklich! Seht Ihr dort, Wolodna? Der im ſchwarzen Kleide, unbedeckten Hauptes!“ „Ja beim Himmel! Ihr habt Recht!“ rief Wolodna theilnahmsvoll aus.„Was mag der Unglückliche verſchuldet haben?“ „Verſchuldet? Ach gewißlich nichts! Sie werden ihn fürchten oder haſſen, weil er einer der Unſrigen iſt! Einer der Eifrigſten; der unſerer Sache vielfach gedient. hat“, erwiderte Lippach in ſchmerzlicher Bewegung. „Und wenn ſie ihm nichts vorwerfen könnten, ſo werden ſie ihn verfolgen, weil er den König empfangen half und mit einer Anrede begrüßte“, ſetzte er mit bittrem Ton hinzu, ſo ſanft und verſöhnend ſonſt ſeine Weiſe war. „Wer es auch ſei! Wehe Dem, der dieſen Banden in die Hände fällt!“ ſeufzte Thereſe. Der Zug kam näher. Er bewegte ſich langſam. Jetzt 94 konnte man jeden Einzelnen deutlich erkennen, obwol der helle Tag noch nicht angebrochen war. „Gott gebe dem Unglücklichen Troſt und Muth“, ſprach Thereſe tief bewegt;„er ſieht bleich aus wie der Tod!“ „Er hält ſich kaum auf den Füßen. Seht nur wie er ſchwankt, wie ſeine Knie ſchlottern“, ſagte Lippach, ſelbſt zitternd. „Ich begreife das“, erwiderte Wolodna, tief erſchüttert. „Man muß es empfunden haben, was es heißt, auf ſolche Weiſe einem grauſenvollen Schickſal entgegengeführt zu werden, ohne daß man weiß, was Einem bevorſteht!.... Da zittern Einem wol die Knie! Gott im Himmel gebe ihm Schutz, und einen Retter wie mir!“ ſetzte er aus tiefſter Seele flehend hinzu und blickte gen Himmel. Sein männliches Auge wurde feucht, da er des treuen Helfers Kaspar Schwarz gedachte, den nun ſchon ſeit drei Monden die Erde deckte! „Ha! Gott!“ tönte plötzlich der halblaute Schrei der Frauen, und ſie wandten ſich voll Schrecken ab. Agathe bedeckte das blaſſe Antlitz mit beiden Händen. Der unglückliche Gefangene, der den Soldaten zu langſam ging, wurde von einem derſelben mit dem Schaft der Hellebarde ſo in den Rücken geſtoßen, daß er faſt zu Boden taumelte.— Unwillkürlich riß Lippach das Fenſter auf; doch ſeine Gattin und Wolodna ſprangen gleichzeitig hinzu und zogen ihn zurück. „Um des Himmels Willen, Herr Pfarrer“, bat Wolodna, „verſucht es nicht, der wilden Horde Einhalt zu thun. Es wäre vergeblich, ſie würde Euch verhöhnen, wenn nicht gar über das Haus herfallen!“ „Es riß mich unwillkürlich hin!“ erwiderte Lippach, tief athmend;„allein Ihr habt Recht!“ 95 Da das Fenſter offen geblieben war, ſchallte der Ruf einzelner Stimmen deutlich herauf.„Ketzer! Hochverräther! Huſſit!“ ſchrie es aus dem Haufen des Pöbels.„Schlagt ihn todt! Hängt ihn!“ „Die Beine gerührt“, rief der Kriegsknecht, welcher den Gefangenen mit dem Hellebardenſchaft geſtoßen hatte, ihn an,„oder ich haue dir über die Glatze! Wir müſſen raſcher vorwärts!“ 1 Diewiß raffte ſeine ganze Kraft zuſammen und ſchwankte mit äußerſter Anſtrengung weiter. Der Soldat drückte ihm dennoch den Stiel der Pike hart gegen den Kopf, hob ſie dann und ſchwang ſie drohend über dem Taumelnden, daß dieſer ſich im Schreck mit beiden Händen ſchützte und vor⸗ wärts ſprang. Ein höhnendes Gelächter erſcholl bei dem angſtvollen Sprung, den er that. „Allſehendes Auge des Himmels, du verſchließeſt dich vor ſolchem Anblick?“ brach Thereſe in Thränen aus und bedeckte die Augen mit der Hand.„Ha!“ rief ſie plötzlich erſchreckend, als ſie wiederum hinblickte, trat einen Schritt zurück und faßte auch ihren Vater raſch am Arm, um ihn zurückzuziehen:„Zaloska!“ „Zaloska?“ wiederholte Wolodna und ſtarrte auf das Getümmel des ſich eben dicht am Hauſe vorüberdrängenden Haufens.„Ja, beim Allmächtigen!“ Das Blut erſtarrte ihm in den Adern, als er dieſen entſetzlichen Menſchen erblickte. Alles, was er durch ihn erfahren, ſtand plötzlich wieder vor ſeiner Seele. Es war ihm als fühle er ſchon die Zähne der Folterräder. Auch Thereſe war wie vernichtet. Sie ſah ſich im Geiſte ſchon in der Gewalt des Scheuſals! Es übermannte ſie, wenn ſie daran dachte, welche Rache dieſer Unmenſch üben konnte. „Solchen Ungeheuern ſind wir jetzt preisgegeben!“ rief ſie aus und ſank erblaſſend in den Seſſel. Zaloska folgte mitten im Pöbel dem Gefangenen. Man ſah, daß er den Hohn und die Wuth deſſelben auf den Un⸗ glückſeligen hetzte. Mit teufliſcher Bosheit ſuchte er die Schrecken ſeiner Lage zu erhöhen und ihm Schmach und Qual zuzufügen, noch bevor ihn der Urtheilsſpruch haß⸗ erfüllter Richter traf. Gleich einem Wüthenden, von Wahn⸗ ſinn Ergriffenen umkreiſte das Scheuſal den Schwarm und ſchrie und brüllte, mit wilder Blutgier in den glotzenden Augen:„Seht den Ketzer, den Verdammten, den Hund von Huſſiten!“ In Thereſen erwachte, gleichwie in Wolodna, die ganze entſetzenvolle Vergangenheit bei dieſem ſchaudererregenden Anblick. Sie ſah das Märtyrerbild Nechodom's vor Augen, wie der Greis von den Keulenſchlägen des Wüthenden ge⸗ troffen in die Knie ſank und von den Biſſen der Hunde zerfleiſcht wurde! Wehe! Und dieſes grauenvolle Unheil, gegen das ſich der verzweifelte furchtbare Kampf erhoben, ſollte jetzt noch grauenvoller wiederkehren? Umſonſt ſollten ſie gefloſſen ſein, die Ströme Bluts! Umſonſt wären die Opfer geweſen, der Brand der in Aſche geſtürzten Städte!— Sie war halb betäubt. Verlangend ſtreckte ſie beide Arme nach ihrem Vater aus und barg das Haupt an ſeiner Bruſt. Das Getümmel des Zugs verlor ſich in die Ferne. Alle ſaßen noch, von Grauen durchbebt, in be⸗ klommener Stille, als ſich haſtig die Thür öffnete und Jakob Steffeck mit bleichem Angeſicht, zitternd am gan⸗ zen Körper, eintrat. Man las in ſeinen fieberhaft zuckenden Zügen, was geſchehen war.. „Mein Bruder iſt ins Gefängniß geſchleppt!“ ſtam⸗ melte er. 97 „Gott beſchütze ihn und tröſte Euch!“ antwortete Lippach.„. „Dorthin! dorthin!“ ſtieß der ganz Faſſungsloſe die Worte haſtig heraus,„wo ſie den dort“— er deutete dem Zuge nach—„hinſchleppen! Unſer Führer in der Ziska⸗Schaar— in den Hradſchin, in den Daliborkathurm, in die feuchten Mauerhöhlen,— auf die Marterbank! Sie werden mich auch fortſchleppen; ich war ja auch dabei!— Ach, mein Bruder, mein Bruder!“ rief er die Hände rin⸗ gend und wandte ſich von Einem zum Andern.„Wer kann ihm jetzt noch helfen!“ Lippach gewann mit Mühe einige Faſſung dem vor Schrecken und Angſt ganz Vernichteten gegenüber. Er zog ihn herzlich an ſich und redete ihm ſanft zu:„Rafft Eure Kraft zuſammen, lieber Freund! Berichtet ruhig, was iſt geſchehen? Euer Bruder iſt alſo wirklich verhaftet?“ „Ihr wißt es nicht? Geſtern Nacht. O wäre er ge⸗ flüchtet! Wären ſie Alle geflüchtet! Nun ſind ſie ver⸗ loren!“ „Alle? Wer? Wer iſt verloren?“ miſchten ſich die Fragen gleichzeitig durcheinander. Der Zitternde ſchöpfte tief Athem. Er vermochte immer noch nicht geſammelt zu ſprechen. „Da iſt der Doctor!“ rief Wolodna. Baſilius trat ein. Er war bleich, verſtört wie Steffeck, doch hatte er ſeine Beſonnenheit bewahrt. „Er hat Euch ſchon erzählt?“ fragte er, auf Steffeck deutend und im Kreiſe umherblickend. „Ja, daß Tobias Steffeck verhaftet iſt“, entgegnete Lippach. 3 „Und auch von den Andern? Von Olbramowitz, Bu⸗ dowa..... Rellſtab, Drei Jahre. V. 1. 5 „Gütiger Gott, auch ſie?“ rief Lippach.— Alle um⸗ ringten den Erzähler. „Graf Harrant, Valentin Kochan, Otto von Loß....“ „Herr des Himmels! Unſer edler Freund!“ unterbrach ihn Thereſens Ausruf. „Alle Directoren“, fuhr Baſilius fort,„alle Defenſoren, wer die Feder, wer das Schwert geführt hat wider unſere Unterdrücker, die Namen zählt Niemand;— über funfzig ſind ſchon in das Rathhaus und in den Hradſchin geſchleppt! Und ſie ſind noch nicht am Ende mit ihrer Wuth,— Nie⸗ mand weiß, wann ſie aufhören werden! Es kann uns Alle treffen!“ Der Kreis der Zuhörenden war wie in Stein ver⸗ wandelt. „Und wer befiehlt dieſe Schreckensthaten, wer vollführt ſie?“ fragte Lippach.„Iſt es Graf Tilly? Oder wer ſonſt, der weder Scheu vor Gott noch Menſchen hegt?“ „Der Kaiſer!“ „Es iſt unmöglich!“ „Wie wäre es möglich, wenn es nicht ſein Wille wäre?“ ſagte Baſilius.„In ſeinem Namen handelt Fürſt Liechtenſtein. Tilly iſt nicht ſchuldig daran. Es iſt ein ganzes Unterſuchungsgericht zuſammengeſetzt.“ „Alſo nicht der Glaubensartikel halber?“ „Das weiß ich nicht. Jetzt aber ſind ſie nur da, um Gericht zu halten. Während wir reden, verſammeln ſie ſich auf dem Hradſchin, um die Verhafteten vor ſich zu be⸗ ſcheiden.“ „Sie werden ſie verhören, aber nicht verurtheilen“, ſagte Lippach beruhigend, mit einem Blick auf Jakob Stef⸗ feck, der noch immer ganz faſſungslos, in bebender Ver⸗ zweiflung daſtand. 99 „Nicht verurtheilen?“ rief Baſilius bitter.„O jetzt wird das ganze falſche Spiel aufgedeckt!— Nur ſicher hat man uns machen wollen! Sie zeigten glatte Geſichter, ſprachen ſüße Worte; aber Alles war Tücke, war Heuchelei! Es waren ihnen zu Viele entkommen— verborgen oder ge⸗ flüchtet— ſie hatten nicht Alle, die ſie verderben wollten, in ihrer Gewalt! Die Flüchtigen ſollten nur heimkehren, die Verborgenen wieder ans Licht kommen— jetzt ziehen ſie das Netz über ihrem Haupte zuſammen! Keiner von uns iſt ſeines Lebens ſicher!“ Er preßte heftig beide Hände gegen die Stirn und ſtarrte wild vor ſich hin. Allle ergriff ein Grauen. Es ſchien, als verlaſſe auch ihn die Beſinnung. „Nein!“ rief endlich der redliche Wolodna aus.„Ich kann's nicht glauben! Wie Räuber ſollten ſie jetzt aus dem Hinterhalte hervorbrechen, nachdem länger als drei Monate verfloſſen ſind!“ „O ſie hätten ſechs Monate, ſie hätten ſo viele Jahre lauernd gewartet“, rief Baſilius mit rollenden Augen,„dieſe Brüder der Geſellſchaft Jeſn! Sie haben nur die Hoffnung verloren, daß noch Mehrere zurückkehren würden! Jetzt faſſen ſie, wenn ſie hier ergreifen können, und ſchleppen ihn in ihre Marterkammern! Weh uns Allen!“ „Es wäre zu argliſtig, zu ehrlos!“ beharrte Wolodna. „Die Gerüchte übertreiben doch vielleicht“, verſuchte Lip⸗ pach nochmals den Eindruck des Schreckens und der Em⸗ pörung zu mildern.„Funfzig Verhaftete!— Und man wäre noch nicht zu Ende!— Nein, Freunde, es iſt nicht möglich!“ 3 „Ich betheure Euch, Herr Pfarrer, es iſt ſo!“ rief Baſilius und erzählte, am ganzen Körper fliegend vor Schrecken oder Zorn:„Geſtern Abend ſchon wurde meiner Wohnung gegenüber Wilhelm von Lobkowitz verhaftet— 5* 100 gleich danach der edle Harrant, der dicht daneben wohnt.“ Er ſchöpfte einige Augenblicke Athem.„Beide wurden in einer Kutſche fortgebracht nach dem Hradſchin“, er⸗ zählte er etwas ruhiger.„Solcher Kutſchen fuhren vor meiner Wohnung allein acht vorüber!— Ich ſah ſie mit Grauen langſam durch die dunkle Straße rollen wie acht Leichenwagen! In einer jeden waren wenigſtens zwei Ver⸗ haftete!— In den andern Theilen der Stadt wurde ebenſo verfahren. Wen ich heut auf der Straße traf, der hatte von Etlichen zu ſagen, Männer, ſo redlich und würdig, daß Einem das Herz über ihr Schickſal blutet.“ „Gott ſei ihr Schutz“, betete Lippach.„Wir vermögen nichts!“ „Nicht Amt, nicht Würde, nicht Alter, nicht Wiſſen beſchützt ſie“, begann Baſilius aufs neue,„und Jeſſe⸗ nius, der Rector unſerer Univerſität!... Gleich einem Verbrecher in den Kerker geworfen!“ „Das Haupt der Viſeenſchaft, die Krone der Bered⸗ ſamkeit und Weisheit!“ fiel Lippach ein. „Und das geſchieht in des Kaiſers Namen!“ rief der redliche Wolodna.„Das iſt Verrath an ihm! Sie ſchänden ihn vor Welt und Nachwelt!“ 3 „Und dennoch iſt es noch nicht der Thaten äußerſte“, fuhr Baſilius fort.„Aus ſeinem Hauſe, das er ſeit Mon⸗ den nicht verlaſſen, vom Siechenſtuhl des ermatteten Alters, haben ſie den ehrwürdigen Caplicz von Sulewicz geriſſen....“ Ein Weheruf drang aus Aller Bruſt— dann ſchauer⸗ liches Schweigen. „Den ſechsundachtzigjährigen Greis“, brach Lip⸗ pach endlich im tiefſten Schmerze aus,„der dem Richter⸗ ſtuhl Gottes vielleicht ſchon näher ſteht als dem eurigen!— 101 Wehe, wehe über euch, die ihr vor nichts Menſchlichem, vor nichts Göttlichem Scheu tragt! Nicht der Tag der Tage darf erſt kommen, euch zu richten! Unſer hülfloſer Jammer iſt euer Gericht! Das Brandmal des Fluchs, das euch trifft, das alle Jahrhunderte nicht löſchen können, ſei unſere Sühne!“ Agathe war in einen Seſſel geſunken; das arme, ſchwache, ſchmerzzerriſſene Mädchen erduldete in jeder neuen Schreckens⸗ botſchaft den Schmerz und die Angſt um ihres Vaters Schick⸗ ſa neu. Lippach's einfache fromme Gattin lehnte bebend das Haupt an ſeine Bruſt und klammerte ſich an ihn als den Träger und Schutz ihres Daſeins, dem ſie Alles vertrauend übergab. „Gertrud!“ rief er mit beklommenem Schmerz und drückte ſie innig an ſich. Thereſe hatte keine Thränen, keine Worte! Nur ihr Blick hob ſich glühend aufwärts bei Lippach's Weheruf, als frage er den Allmächtigen:„Zuckt kein Blitz herab aus deiner Rächerhand?“ Die Augen der Männer wurzelten am Boden oder rich⸗ teten ſich gen Himmel!— Wohin ſie ſich wendeten, Ret⸗ tung und Hülfe ſah Niemand, weder in der Tiefe noch in der Höhe! Das hereinbrechende Unheil mußte ſich vollenden— un⸗ aufhaltſam! 102 Zehntes Capitel. Pater Thyßka ſaß zu Prag in ſeinem alten Wohn⸗ gemach an dem nämlichen Arbeitstiſch, wo ihn am Abend des 23. Mai vor nun faſt drei Jahren die erſte Nach⸗ richt von den Vorgängen auf dem Hradſchin durch Fabri⸗ cius getroffen hatte. Er war ſchon früh bei der Lampe thätig geweſen und der Tag nur ebenſo weit vorgerückt, daß er ſie löſchen konnte. Er that es und nahm dann den vor ihm liegenden Brief, den er eben beendet hatte, in die Hand und trat damit ans Fenſter, wo er ihn bei dem Schimmer des Tages nochmals durchlas. „Ich denke, Pater Lamormain wird zufrieden ſein mit Dem, was ich ihm berichten kann“, ſprach er bei ſich ſelbſt, indem er wieder an den Tiſch ging und das Blatt falzte, um es einzuſiegeln.„Nein“, unterbrach er ſich wieder, „noch nicht! Ich habe ja noch eine Stunde Zeit, ehe Sla⸗ wata's Eilbote abgeht! Es könnte doch noch etwas vor⸗ fallen, was ich zu melden hätte!“ Es pochte leiſe an die Thür. Auf Thyßka's„eraint trat Zaloska ein; ſchmiegſam und gewunden wie eine Katze und mit ebenſo tückiſchem Blitz der grauen Augen, näherte er ſich, ergriff, ſich faſt bis auf den Boden bückend, Thyß⸗ ka's Hand und küßte ſie demüthig. „Heut wird mir der ehrwürdige Herr Pater Lob ſpen⸗ den“, ſagte er mit einer ſo grinſenden Freundlichkeit, daß ſelbſt Thyßka ſich davon angewidert fühlte.„Ich habe wieder gut gemacht, was ich verfehlt hatte vor zwei Jahren in Wien.“ 103 „Wie das?“ fragte Thyßka. „Wir haben ihn gefunden! Jetzt wird er uns nicht wieder entwiſchen!“ antwortete er und ſein Geſicht leuchtete vor hämiſcher Freude.„Er iſt ſchon im Thurm Daliborka der Herr Stadtſchreiber, Herr Diewiß!“ „Iſt er auch verhaftet? Das iſt ſehr gut. Wo iſt er getroffen worden? Er war in ſeiner Wohnung geſtern nicht zu finden geweſen“, entgegnete Thyßka. „Ich, ich“, ſagte Zaloska mit Selbſtbewußtſein;„ich habe ihn dennoch gefunden! Ich dachte mir's gleich, er würde ſich verſtecken wollen, weil ſo Viele gewarnt ſind. Ich ſchlich um das Haus geſtern den ganzen Tag. Als es dunkel wurde, wurde die kleine Hauspforte ganz leiſe geöffnet. Ich paßte auf wie ein Sperber! Nicht lange währte es, da ſchlüpfte ein Mann heraus, dicht eingewickelt in einen grauen Mantel. Ich erkannte ihn ſogleich. Leiſe ſchlich ich ihm nach durch kleine Gäßchen, ich weiß nicht die Namen, und er mochte wol viele Umwege machen, bis an ein Haus, hier gar nicht weit von Sanct⸗Peter, in einer kleinen dunklen Straße. Er klopfte leiſe an einen Fenſter⸗ laden; es ſteckte ſich ein Kopf heraus, ſie murmelten einige Worte und er wurde eingelaſſen ins Haus. Ich merkte mir's genau, und heut vor Tagesanbruch habe ich ſelbſt dem Hauptmann der Verhaftungspatrouille den Schlupfwinkel gezeigt. Sie haben durchſucht Keller und Dach und ihn endlich auch richtig gefunden! Eben jetzt iſt er abgeliefert auf das Schloß... Nun, ehrwürdiger Herr Pater, habe ich meinen Fehler doch wieder gut gemacht!“ Zaloska's Augen funkelten wie die einer Hyäne. Auch ſein ſtruppig borſtiges Haar gemahnte an das des hunger⸗ wüthigen Raubthieres. Die Völlerei, der er ſich ergab, ſeit ihm ſein fanatiſcher Haß und Blutinſtinct ſo reichlichen 104 Ertrag gewährte, entſtellte das Scheuſal täglich mehr und mehr. Ein Gemiſch von Ekel und Schauder durchzuckte ſelbſt den haßeifrigen Thyßka.„Haſt du es deinem Herrn an⸗ gezeigt?“ fragte er. Zuerſt immer dem hochwürdigen Herrn Pater“, ant⸗ wortete Zaloska mit unterwürſiger Augendienerei. 3 „So mache dem Herrn Präſidenten die Meldung“, er⸗ widerte Thyßka. Er zögerte, der nichtswürdigen Dienſtleiſtung einen Lohn zu gewähren. Doch die Erwägung, wie Zaloska zu ge⸗ brauchen geweſen und noch ſein könnte, überwand den beſſern Sinn, aus dem ſein Widerwille entſprang.„Warte noch!“ ſagte er ihm, der ſich ſchon mit mürriſcher Miene halb ab⸗ gewendet hatte, da es nicht ſchien, als ob ſein Dienſt eine außergewöhnliche Belohnung empfangen ſollte. Zaloska wandte ſich raſch wieder um und ſchärfte ſeinen habgierigen Blick. Thyßka ging an den Schreibtiſch, nahm eine Anzahl Goldgulden heraus und gab ſie ihm ohne ein Wort zu ſagen. „Danke, danke ſehr viel, ehrwürdiger Herr!“ rief Za⸗ oska und wollte ihm abermals die Hand küſſen; Thyßka zog ſie zurück. „Ich habe ihm die Hölle brav heißgemacht auf dem Wege bis zur Brücke“, fing Zaloska, um ſeinen Eifer im Dienſte glänzen zu laſſen, wieder an.„Er erkannte mich ſogleich und zitterte an allen Gliedern! Sollſt mir nicht mehr entwiſchen, ſagte ich, wie zu Wien! Sollſt die Folter ſchmecken, Ketzer!“ Der Pater war während dieſer Worte an ſeinen Arbeits⸗ platz zurückgegangen. Da Zaloska wahrnahm, daß ſeine 8 105 ekle Ruhmredigkeit nicht beachtet wurde, wandte er ſich wieder zur Thür. Da richtete Thyßka die Frage an ihn: „Wie kommt es, daß der Stadtſchreiber Diewiß nicht wie die andern Bürgerlichen auf das Rathhaus gebracht iſt, ſondern ins Schloß, wo die Herren und Ritter gefangen ſitzen?“ „Ich weiß es nicht!“ antwortete Zaloska. Thyßka winkte; Zaloska ging. „Es iſt gut, daß ich noch gewartet habe“, murmelte er halb vor ſich hin,„das will ich doch ſogleich noch mel⸗ den.“— Er entfaltete den Brief an Lamormain nochmals zu einer Nachſchrift. Eben hatte er die Feder angeſetzt, als es abermals pochte und der Pförtner Anſelmo eintrat. Er hatte einen Brief in der Hand. „Das Schreiben iſt durch einen reitenden Boten aus Sachſen für den ehrwürdigen Herrn Pater unten am Thore abgegeben.— Der Ueberbringer verlangt einen Empfang⸗ ſchein, weil das Schreiben gar wichtig ſei!“ „Aus Sachſen!“ rief Thyßka und Freude leuchtete aus ſeinen Augen. Er warf einen Blick auf die Adreſſe.„Rich⸗ tig!“ rief er und öffnete haſtig. Im Leſen ſteigerte ſich ſeine Freude ſichtlich. „Der Ueberbringer iſt auch eines Botenlohnes werth!“ ſagte er.„Sendet ihn mir ſogleich herauf, mein guter Anſelmo!“ 3 Der Pförtner ging. „O dieſe Proteſtanten!“ rief Thyßka aus, als er allein war, und ging in lebhafter Bewegung auf und nieder. „Eine häretiſche Sekte haßt die andere giftiger, als ſie ſelbſt uns haſſen! So verrathen ſie einander und thun ſich ſelbſt Feindſeligeres an als wir ihnen! Ich würde es nicht glau⸗ ben, wenn ich's nicht ſchwarz auf weiß hätte!“ 106 Er las den Brief noch einmal durch, als ob er an ſei⸗ nem Inhalt zweifeln müßte.—„Unglaublich!“ rief er noch⸗ mals und ſchüttelte den Kopf. Dann ſetzte er ſich an ſeinen Tiſch, um den Empfangſchein zu ſchreiben. Der Ueberbringer des Briefes trat ein. „Ihr kommt von Dresden, mein lieber Freund?“ fragte ihn Thyßka. „Nur vom Grenzcommando in Berggieshübel. Ein dresde⸗ ner Landreiter hat den Brief bis dahin gebracht mit dem Befehl an unſeren Hauptmann, wie weiter verfahren werden ſollte.“ „Ihr müßt einen ſcharfen Ritt gemacht haben!“ „Vorgeſtern Abend bin ich abgeritten.— Ich hatte Be⸗ fehl, heut vor neun Uhr in Prag zu ſein.— Sechs Stun⸗ den hat der Gaul nur geraſtet auf den ſechzehn Meilen.“ „Ihr habt wacker Eure Pflicht gethan, Freund.— Hier die Beſcheinigung und— nehmt das!“ Der Reiter empfing einen nicht leichten Botenlohn, der ſeinen etwas mürriſchen, von Müdigkeit abgeſpannten Zügen plötzlich neues Leben gab. Er dankte freudig und ging. „Auch das kann alſo Pater Lamormain noch ſogleich erfahren! Es iſt vielleicht das Wichtigſte von Allem!“ ſagte Thyßka, indem er wieder an den Schreibtiſch ging und haſtig noch einige Zeilen ſchrieb. Hierauf ſiegelte er den Brief, nahm ſeine Kappe und den Mantel und beeilte ſich, zu Slawata zu gehen, damit er den Boten, den dieſer abſenden wollte, nicht verſäume. Schnellen Schrittes durcheilte er einige kleine Gäßchen, die an das Ufer der Moldau führten, denn er wollte nicht gern den Weg mitten durch die Stadt nehmen. Eine an⸗ ſehnliche Strecke ging er am Ufer ſtromaufwärts und ließ ſich dann überſetzen, ſodaß er am andern Ufer in der Nähe des Aufgangs zum Hradſchin nach Slawata's Hauſe landete. — 6 107 Dieſer erwartete ihn ſchon „Nun, Pater Thyßka“, redete er den Eintretenden an, „was meint Ihr? Der Streich iſt meiſterhaft ausgeführt! Trotz Tilly's Verrätherei iſt uns auch nicht Einer, auf den es ankommt, entgangen!“ „Und ich bringe Euch Nachricht, gnädigſter Herr, daß auch der Eine, der uns fehlte, heut noch in unſerer Ge⸗ walt ſein wird!“ antwortete Thyßka triumphirend. „Und wer?“ „Graf Andreas Schlick!“ „Wär's möglich!“ „Ich bürge Euch mit meinem Kopf dafür!“ „Hat der Wahnſinnige ſeinen Zufluchtsort verlaſſen? Iſt er bethört genug geweſen, nach Böhmen oder gar hier⸗ her nach Prag zu kommen?“ „Er wird erſt kommen; aber nicht freiwillig“, ſproc Thyßka lächelnd.„Der Kurfürſt von Sachſen ſchickt ihn uns!“ „Unmöglich!“ rief Slawata und trat einen Schritt zurück. „Und dennoch wirklich!“ „Nun wahrlich, wenn das wahr iſt, ſo ſind wir Schü⸗ ler im Unterhandeln gegen Euch und Lamormain, Pater Thyßka!“ „Ueberzeugt Euch!“ antwortete Thyßka und übergab ihm den Brief, den der ſächſiſche Reiter ihm gebracht hatte. Slawata las halblaut: „In aller Eil melde ich Ew. Ehrwürden, daß es mir gelungen iſt, meinen allergnädigſten Kurfürſten von ſeiner wahren Pflicht zu überzeugen! Der Graf Schlick iſt geſtern zu Meißen verhaftet und wird heut noch vor Abend dem kaiſerlichen Grenzcommando überliefert ſein. Gezeichnet D. H.“ O.O———ʒÿ———ᷣ—ÿ—ÿ—ᷣ——————· 108 „Ich erſtarre!“ rief Slawata.„Nein! Nein! das hätten wir doch nicht gethan!— Der Kurfürſt überliefert uns den Grafen, der bei ihm Schutz geſucht hat?*)— ſei⸗ nen Glaubensgenoſſen!“. 3 „O nein“, lächelte Thyßka,„der Lutheraner überliefert nur den Calviniſten! Er thut nur ſeine wahre Pflicht!— Und dann....“ „Und dann?“ „Die Lauſitz fällt für den Herrn Kurfürſten doch viel⸗ leicht ſo ſchwer in die Wagſchale, als zwölftauſend Gulden für den Herrn Doctor Hoe von Hoenegg, und ſechs⸗ tauſend für den Herrn Rath Schönberg.“**) Ein Diener unterbrach das Geſpräch mit der Meldung: „Se. kaiſerliche Gnaden der Herr Obriſtburggraf Bor⸗ 44 zika von Martiniz.“——. „Willkommen, Martiniz!“ begrüßte Slawata den gleich⸗ zeitig Eintretenden.„Nun? Was meint Ihr? Es iſt Alles wohl gelungen!“* „Ja, ich athme endlich wieder auf!“ antwortete der Graf.„Dank ſei der heiligen Jungfrau, die uns beſchützt hat; der Tag iſt gekommen, auf den ich lange geharrt, der Tag der Vergeltung!“ „Es iſt erſt der Anfang“, meinte Slawata. „Aber doch ein Anfang; und einer, der das Ende ab⸗ ſehen läßt!— Ich bekenne Euch, Slawata, mir ſind dieſe vier Monate lang geworden! Ich fürchtete oft einen Umſchlag!“ „Ich nicht“, antwortete dieſer zuverſichtlich; wir wuß⸗ ten doch Alle vom erſten Tage an vollkommen wohl, was *) Hiſtoriſch. zar) Hiſtoriſch. Mailaͤth. géDV———y⁴ 1— — 44 109 wir wollten und ſollten; wir ſahen unſer Ziel ſtets klar vor Augen!— Nicht, Pater Thyßka?“ „O gewiß!“ ſagte dieſer in einer Weiſe, die ſeiner ſelbſt vollkommen ſicher war. „Sagt das nicht, Pater Thyßka!“ bemerkte Martiniz. „Nicht ſo unbedingt! Es ſind Manche, die uns nur zum Schein beiſtimmten und gerade das Gegentheil wollten. Sr. Majeſtät unſerem gnädigſten Kaiſer iſt viel ins Ohr gelegen worden mit Anpreiſung einer großmüthigen Milde! Wären wir nicht eifrig in unſerer Pflicht geweſen.... Schon der lange Aufſchub misfiel mir!“ „Es war doch weiſe Behutſamkeit. Viele Strafwürdige und Gefährliche ſind dadurch in unſere Hand gerathen!“ bemerkte Thyßka. „Verzeiht, ehrwürdiger Herr, ich bin nicht ganz der Anſicht. Es war auch Unſchlüſſigkeit!“ „An unſerem Theil gewiß nicht“, verſicherte Thyßka. „Ich klage Euch nicht an.— Doch in des Kaiſers Umgebung befinden ſich Manche, die im Herzen auch halb utraquiſtiſch ſind. Selbſt der Herzog von Baiern wollte ungern an die Beſtrafung der Aufrührer und Ketzer, und hat ſich ganz davon zurückgezogen. Und der eigenſinnige Graukopf Tilly hätte uns faſt um alle Frucht dieſer ge⸗ fährlichen Zögerung gebracht! Er hat gewiß ganz im Auf⸗ trage ſeines Herrn gehandelt. Hätten die Thoren ſeiner Waynung geglaubt, wir würden heut das Nachſchauen haben. In den letzten Tagen iſt ſogar die Beaufſichtigung der Hochverräther unterblieben, er hat ihnen gleichſam die Thür zur Flucht geöffnet.“ „Darum richteten wir uns gleich ſo ein, daß er erſt dann unſere Abſicht ganz erfuhr, als es unmöglich war, ſie zu hindern!“ 110 „Ihr irrt, Pater Thyßka; er hat den Gefährlichſten, wie zum Beiſpiel dem trotzigen Olbramowitz, ſchon längſt angerathen, Böhmen zu verlaſſen!“ „Nur aus allgemeiner Beſorgniß der Beſtrafung.— Von Dem, was geſtern vorgegangen iſt, erfuhr der Graf erſt vor zwei Tagen.“ „Die hat er freilich gut genutzt!“ bemerkte Slawata. „ Ich begreife ihn und den Herzog gar nicht!“ rief Martiniz aus.„Der Herzog Maximilian iſt ein ſo gottes⸗ fürchtiger Herr, und der Generallieutenant hat eine ſolche Ehrfurcht vor den geiſtlichen Herren, beugt eigentlich vor Niemand in der Welt als vor ihnen den alten Eiſenkopf!— Und hier war er euch Herren ſo entgegen!“ „Er betrachtete wie der Herzog von Baiern die Maß⸗ regel als eine rein politiſche, nicht als eine hauptſächlich kirchliche, und handelte demgemäß im Sinne ſeines Herrn“, verſetzte Pater Thyßka. „Genug“, beharrte Martiniz bei ſeiner Anſicht,„ich bin froh, daß die Sache endlich zum Ausbruch kommt! Sie ſtand gefährlich!“ „Ich glaube nicht!“ blieb Thyßka auch bei ſeiner Mei⸗ nung.„Wir wußten ſtets genau, was vorging, und waren auf der Hut!“* „Und wenn die Gewarnten zum Teufel gegangen wä⸗ ren?“ fuhr Martiniz ungeduldig heraus.„Was hätten wir dann heut! Oder wie hättet Ihr ſie halten wollen?“ „Hm!“ ſummte Thyßka und wiegte das Haupt,„wir ſchliefen nicht. Die Flucht ließ ſich nicht ſo leicht aus⸗ führen. Es war nicht viel Zeit dazu. Auch blieben uns die Güter der Flüchtigen als Unterpfand; im Nothfall ihre Frauen, Kinder, Freunde. Und wohin hätten ſie ſich wen⸗ den ſollen?“ 5 111 „Die ſächſiſche Grenze iſt bald erreicht!“ „Und der Weg auch bald zurückgemeſſen“, antwortete Thyßka lächelnd. „Wie das? Wären die Vögel flügge geworden, wer hätte ſie uns in den Käfig zurückgeſchafft?“ Thyßka gab jetzt auch Martiniz ſchweigend den Brief. Ein Blitz der Freude, des Staunens ſchoß aus den finſtren Augen deſſelben, als er las.„Unglaublich!“ rief er. „Schlick unſer! Ausgeliefert! Unerhört! Aber ein Meiſter⸗ ſtreich von euch ihr Herren!“ „Ihr ſeht nun wohl, Herr Obriſtburggraf“, nahm Thyßka wieder das Wort,„daß Graf Tilly's Anſicht von der Sache uns nicht ſo überaus gefährlich werden konnte.— Die Flucht gelang ſchwerlich Einem; ein Dutzend hätte ſich vielleicht verſteckt, ein paar Monate auf der Folter der Angſt gelegen, und zuletzt wäre dennoch Keiner ſeinem ge⸗ rechten Schickſal entgangen!“ „Einer iſt es doch!“ antwortete Martiniz und ſein Auge flammte.„Und für den Einzigen ließe ich Euch alle die Andern! Thurn fehlt noch!— Thut jetzt, was Ihr wollt, das Haupt habt Ihr der Hydra doch nicht abge⸗ ſchlagen!“ „So wollen wir wenigſtens thun was wir können!“ entgegnete Slawata.„Wir müſſen die Mitglieder der Commiſſion ganz für unſere Meinung gewinnen; ſie ver⸗ ſammelt ſich um elf Uhr, und Fürſt Liechtenſtein iſt pünkt⸗ lich. Wir haben noch anderthalb Stunden. Ich ſelbſt will nochmals mit Liechtenſtein, mit dem Präſidenten von Tallenberg und dem Reichshofrath Läming Rück⸗ ſprache nehmen. Wollt Ihr, Martiniz, es übernehmen, mit Adam Waldſtein zu ſprechen?“ „Der Herr Oberlandhofmeiſter wird uns die meiſten 112 Schwierigkeiten machen“, antwortete Martiniz,„doch es ſei! Ich hoffe ihn zu überzeugen, daß die größte Strenge noth⸗ wendig iſt. Auch mit Wenzel von Fleiſſenbach und mit Rappach will ich reden.“ „Ich bin“, ſagte Thyßka,„mit Wratislaw von Mit⸗ terwitz wohl bekannt....“ „Dem Stadthauptmann der Kleinſeite?“ fragte Sla⸗ wata unterbrechend. „Ganz recht“, antwortete Thyßka;„auch mit den nieder⸗ öſterreichiſchen Regimentsräthen, Kaspar Schwaben und Paul Ello, ſtehe ich mich wohl.“ „Sehr gut! Dieſe wohnen auch im Schloß“, erwiderte Slawata. „Mehr wie Drei ein Jeder, können wir nicht zuvor ſprechen. Das genügt auch. Mit neun Stimmen ſind wir ſchon weit in der Mehrheit, und ſollte Einer oder der An⸗ dre wider uns ſein, ſo haben wir dafür unter den Uebri⸗ gen noch ſichre Anhänger.— Nun aber laſſet uns eilen, ihr Herren, denn es iſt von höchſter Wichtigkeit, daß man gleich in der erſten Sitzung außer Zweifel ſei, welchen Weg die Commiſſion Sr. Majeſtät des Kaiſers einſchlägt.“ Er ſchellte dem Diener nach Hut und Degen. „Dieſe Depeſche“, erinnerte Thyßka und reichte Slawata ſeinen Brief an Lamormain. „Gewiß! Das beſorgt Fabricius!“ Er gab dem eingetretenen Diener, der ihm Hut, Degen und Mantel reichte, das Schreiben mit den Worten:„Zum Herrn Se⸗ cretär von Hohenfall.“ Sie gingen. 113 n 1 Elftes Capitel. In einem düſtren Gefängnißgewölbe ſaß bei trübem Lampenſchimmer ein Mann mit bleichen, abgehärmten Wan⸗ gen und ſpärlichem weißen Haar am Tiſche und las. Er hielt die Hände vor der Bruſt gefalten und ſchaute öfters leiſe ſeufzend von dem Buche zum Himmel auf. Der Blick des matten Auges war von unbeſchreiblicher Güte und from⸗ mer Ergebung. Es war Rippell, der edle, ſanfte, tief⸗ gebeugte Dulder, der Stärkung und Troſt für ſein zu⸗ ſammenbrechendes Herz in der Heiligen Schrift ſuchte. Noch nicht lange war er im Beſitz dieſes Schatzes. Erſt auf vieles Bitten war ihm dieſer Troſt gewährt worden in der Hoffnung, daß er vielleicht dadurch nachgiebigeren Sinnes in Betreff ſeiner Ausſagen gemacht würde, da bisher Alles vergeblich geweſen war, ihn zum Bruch ſeiner Pflicht zu bewegen. Er las im Buche Hiob. Und wo ein Spruch ihm das Herz erhob und erquickte, wiederholte er ihn mit halblauter Stimme vor ſich hin. 3 „Daſelbſt müſſen doch aufhören die Gottloſen mit To⸗ ben; daſelbſt ruhen doch, die viele Mühe gehabt!— Da haben doch miteinander Frieden die Gefangenen und hören nicht die Stimmen des Drängers!“ Mit einem Blick frommer Hoffnung ſchaute er nach oben! Still geſammelt las er weiter: „Siehe, ſelig iſt der Menſch, den Gott ſtrafet; darum weigere vich der Züchtigung des Allmächtigen nicht.“ 114 Er ſtützte das Haupt in die linke Hand und ſtreifte ſich mit der rechten das Haar zurück. Es blinkte feucht im Auge des alten redlichen Mannes. „Meine Agathe!“ flog es mit leiſem Hauch über ſeine kaum bewegten Lippen. Da quoll der volle Thränenſtrom unaufhaltſam hervor; er drückte die Hand auf ſeine heißen Augen und weinte bitterlich.—— —— Die Riegel der Kerkerthür klirrten; ſie öffnete ſich.„Nur hier herein“, ſprach eine rauhe Stimme.„Ihr müßt für dieſe Nacht einen Kameraden aufnehmen, wir haben leinen Platz mehr“, rief die nämliche Stimme dem Rathe zu. Es war die des Kerkermeiſters; die Thür ſchloß ſich wieder. Rippell ſchauerte zuſammen, daß ein Fremder in die heilige Einſamkeit ſeines Schmerzes brach. Doch er be⸗ zwang ſich, ſammelte ſeine Kraft und wandte ſich um. Aus der tiefen Dämmerung im Hintergrunde trat eine gebeugte Geſtalt langſam näher. Allmählich beleuchtete der Lampen⸗ ſchimmer ihre Züge.„Gott im Himmel, Herr Kanzler!“ rief Rippell aus. Es war Wenzel von Budowa, der vor ihm ſtand. „Rippell! Ihr ſeid es?“ tönte der Ruf des Stau⸗ nens auch von Wenzel's Munde.„Allgnädiger Gott!“ Beide Männer lagen einander am Herzen; Ueberraſchung und Staunen verſanken in dem einzigen Gefühl des Glücks und Troſtes einander am Herzen zu halten. „Was führt Euch hierher, wie iſt es Euch möglich ge⸗ worden, bis zu mir zu dringen?“ fragte endlich Rippell. „Zu Euch zu dringen?“ antwortete Budowa und be⸗ wegte ſchmerzlich das Haupt.„Ich theile Euer Los, Rip⸗ pell; bin Euer Mitgefangener! Ich wußte nicht, wem mein Schickſal mich zugeſellte!“ 115 „Ihr, Herr Kanzler? Wie deute ich das?“ Budowa berichtete ihm, was in Prag geſchehen war.—— „Alle, Alle in den Kerker geſchleppt?“ rief Rippell aus. „Und bis dahin waret Ihr auf freiem Fuße?“ „Wir waren es; und täglich hörten wir von glatten Zungen die Verſicherung, Ferdinand, mit ſeinem Siege zu⸗ frieden, wolle nicht Rache nehmen an den Einzelnen, nicht ſeine Gewalt üben an den Beſiegten!“ „Und jetzt— jetzt hättet Ihr zu fürchten?“ fragte Rippell aufs neue, zitternd im Schauder vor der That und in tief ſchmerzvoller Theilnahme um die edlen Häupter, die der Schlag getroffen. „Zu fürchten?“ antwortete Budowa.„Von der Ge⸗ rechtigkeit nichts, von der Rache Alles!“ „O Freund, wie ſehen wir uns wieder!“ rief Rippell. „Wie ſind meine Ahnungen in Erfüllung gegangen ſeit jenen Tagen in Heidelberg!“ „Gott hat es verhängt, wir müſſen es tragen!“ ant⸗ wortete Budowa.—„JIch gebe mich vertrauensvoll in ſeine Hand. Hat mir ſeine Gnade doch ſoeben ſchon ein theures Zeichen gegeben, da er mich auf dieſem dunklen Wege Euch finden ließ! Da in dieſer Schreckensſtunde mir ein Troſt und Glück begegnet, das ich nimmer hoffte!“ Rippell ſah den ſchwer gebeugten Freund einige Augen⸗ blicke ſchweigend an. Dann fragte er zögernd mit unſichrer Stimme:„Ihr waret in Freiheit bis heut— wißt Ihr nicht— wißt Ihr nichts von meiner Tochter?“ brach er plötzlich mit heißen Thränen aus. „Ja, ja, ich weiß“, entgegnete Wenzel ſanft und hielt den ſchmerzgebrochenen Vater warm an ſeiner Bruſt. Er ſchilderte ihm, wie Agathe weine, liebe, bete— 116 wie er ſie noch geſtern geſprochen, wie ſie mit Troſt und Liebe umgeben ſei, ſoweit in der düſtren Zeit die Spende ſolcher Gaben möglich. Rippell weinte Thränen eines namenlos ſchmerzlichen Glückes.„Mir iſt, als ob der Athem des theuren Kindes meine Wange berühre, wenn ich Euch von ihr ſprechen höre, die Ihr noch jüngſt in ihrer nächſten Nähe geweſen ſeid!— O wenn ich ſie nur einmal umarmen könnte!— Nur noch ein einziges mal! Dann wollte ich getroſt dies alte Auge ſchließen— ſo oder ſo— mich hätte der natürliche Lauf des Daſeins ja doch bald von ihr geſchieden! Den alten einſinkenden Winter von der lieblichen Frühlingsblüte! Ach, Freund, die Tiefen des Schmerzes, die ich erduldet, ſind nicht zu ermeſſen! Mein Kind! Mein liebes Kind!“ „O, lieber Freund!“ antwortete Budowa,„ich trage gleichen Schmerz! Auch ich bin ſeit langer Zeit von Weib und Kind getrennt! Ich flüchtete ſie, da Prag fiel. Doch ich ſelbſt kehrte zurück*); denn ich wollte nicht von der Pflicht weichen, da mir nebſt Otto von Loß die Be⸗ wachung der böhmiſchen Krone anvertraut war. Auch an⸗ deres Harte erfuhr ich. Als den Kriegshorden jegliche Willkür gegen uns in der Stadt erlaubt war, wurde mein Haus geplündert, man nahm mir Alles, was ich noch be⸗ ſaß, bis auf die Kleider, die ich trug! Ich verſchmerzte es leicht!«Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es ge⸗ nommen!»**) Nur daß ich fern war von den Meinen, daß das Vaterland in ſolche Nacht des Unglücks ſank— das nagte ſchwer an meinem Herzen!— Das heilige Buch, was ich hier vor Euch aufgeſchlagen erblicke, war auch *) Alles hiſtoriſch. **) Hiſtoriſches Wort Budowa's. 117 mein Troſt. Es war mein Paradies und hat mir ſüße Früchte getragen.“*). So ſprachen die Freunde miteinander; die Genoſſenſchaft des Unglücks ſchmolz ihre Herzen wärmer zuſammen in dieſer flüchtigen Minute, als es das Leben in Glück und Glanz in Jahren gethan. Sie erkannten tief die tröſtende Wohl⸗ that des Himmels in dieſer Begegnung; ſie gelobten ein⸗ ander brüderliche Treue in dem drohenden Unglück, und das Herzenswort des brüderlichen„Du“ floß unbewußt von Lippe zu Lippe. Auch eine glückliche Vorbedeutung ſahen Beide darin, daß ſie in dieſer ſchweren Zeit der Prüfung ſo wunderbarer⸗ weiſe einander nahe geführt waren. „Laß es uns nicht einen Zufall nennen, mein Bruder“, ſagte Budowa,„was Gott ſo gnadenreich gefügt hat. Jeg⸗ licher Verſuch, auch nur einen Augenblick zu dir zu dringen, dir nur ein Wort zukommen zu laſſen, war vergeblich. Und jetzt werde ich von unſeren Feinden ſelbſt zu dir einge⸗ ſchloſſen!— Nur auf eine Nacht— aber wäre es nur auf eine Minute geweſen, ſie wäre eine köſtliche Perle! Das fügte die gnadenvolle Vorſehung Gottes ſelbſt!“ „ Und wir wollen ihm danken von ganzem Herzen und von ganzer Seele!“ erwiderte Rippell.„Er fängt die Wei⸗ ſen in ihrer Liſtigkeit— er hilft dem Armen vom Schwert“, fügte er fromm hinzu mit den tröſtenden Worten der Schrift, die er ſoeben geleſen.—— — Das Geſpräch der Unglücksgefährten wurde unter⸗ brochen durch das Raſſeln der Schlüſſel des Kerkermeiſters an der Thür. Er brachte mit einem Gefängnißdiener eine Bettſtelle herein, die für Budowa beſtimmt war. *) Hiſtoriſches Wort Budowa's. 118 „Nur für dieſe Nacht“, ſagte er kurz und rauh;„mor⸗ gen wird Raum geſchafft.“ Sie waren wieder allein. Rippell fragte nach Mar⸗ garethen. Auch dieſe hatte er ſeit ſeiner Haft nicht ge⸗ ſehen. Budowa konnte ihm nur ſagen, wo ſie ſei, nichts von ihrem Ergehen.“ 3 „Und ich weiß nur, daß dieſes treue Kind ſich beharr⸗ lich für meine Tochter ausgibt, wiewol ich ſelbſt es beharr⸗ lich abweiſe in den Verhören, die ich beſtehen muß.“ „ Sie iſt wahrhaft auch deine Tochter durch ihre Liebe!“ erwiderte Budowa. „Mein Herz jammert um Beide!“ „Was begehren denn die Gewalthaber von Euch?“ fragte Budowa. „Sie begehren“, ſagte Rippell ernſt,„ich ſoll ihnen Dinge überliefern, die nicht mein ſind. Kleinodien, Schrif⸗ ten, Geheimniſſe meines gnädigſten Herrn des Königs. Von Vielem, was ſie muthmaßen, weiß ich gar nichts; Das, was mir zu verbergen gelang, darf ich ihnen nicht über⸗ geben, und was ich weiß, nicht verrathen. So helfe mir Gott!“ „Und das arme Mädchen?“ 3 „O ich fürchte, ſie quälen ſie mit gleichen Fragen, die ſie nicht zu beantworten vermag. Es erbittert unſere Richter und vermehrt ihren Verdacht, daß ſie meine Tochter ſein will und ich ſie doch verleugnen muß. Allein ſie beharrt, um meiner Agathe die Freiheit zu bewahren. Das dank⸗ bare, treue Herz! Ich wollte ja den Tod nicht ſcheuen, wenn ich ſie nur retten und befreien könnte!“ Schweigend ſaßen nach dieſen ſchmerzlichen, aber den⸗ noch tröſtenden Ergießungen beide Männer beieinander in Kummer und Sorge verſenkt. Budowa gedachte der Ver⸗ 119 gangenheit ſeines erſten Begegnens mit Margarethen in dem furchtbaren Ungewitter. Er verlor ſich in ſtaunendes Sin⸗ nen über die wunderbaren Pfade, auf denen die Geſchicke der Menſchen ſich kreuzen, trennen und wieder begegnen, gerade da, wo Niemand es ahnt. Das ewige Auge allein folgt ihrem räthſelhaften Geſpinnſt und ſieht die klare Lö⸗ ſung, wo dem menſchlichen Blick die Verſchlingung der Fä⸗ den am verworrenſten erſcheint.—— „Was iſt das?“ fragte Budowa aufhorchend, als die tiefe Stille des Gefängniſſes durch ein mattes Aechzen, das aus der Mauer zu dringen ſchien, unterbrochen wurde. „Das iſt die einzige Sprache, die mein Nachbar und Leidensgefährte mit mir redet“, antwortete Rippell.„Der unglückliche Martin Frühwein bewohnt dieſe Zelle.“ „Martin Frühwein!“ wiederholte Budowa erſchüttert. „Ja, dort iſt ſeine Marterkammer“, begann Rippell von neuem.„Er leidet noch immer an den entſetzlichen Mishandlungen, die er durch die Soldaten, welche ihn überfielen, erfahren hat. Sein Aechzen und Wimmern dringt oft in der nächtlichen Stille zu mir und weckt meinen Jammer!“ „Siehſt du ihn niemals?“ fragte Budowa. „Ich bin ihm einigemal auf dem Vorſaal begegnet, wenn ich zum Verhör geführt wurde und er davon herkam.. Nur den ſtummen Leidensblick richtete er auf mich. Spre⸗ chen durften wir nicht miteinander!“ „Und hülflos, einſam duldet er ſeine Qualen?“ „Nein, ein Schimmer des Erbarmens iſt in das Herz ſeiner Peiniger gedrungen; ſein treues Weib theilt das Ge⸗ fängniß mit ihm. Sie beſucht ihn jeden Tag.— Oftmals höre ich ſie mit leiſer Stimme fromme Lieder ſingen, die der Arme wol zu ſeinem Troſt von ihr begehrt.— Erſt 120 vorhin geſchah es!— O das muß ein großer Schatz für ihn ſein!“ ſeufzte Rippell aus tiefſter Seele. Budowa drückte ihm ſtill die Hand.„Sie beſucht ihn nur?“ fragte er nach einer Weile,„doch iſt es jetzt ſchon ſo ſpät in der Nacht!“ „Heut hat ſie, wie mir der Schließer erzählt, auf vie⸗ les Bitten die Erlaubniß erhalten, die Nacht zu bleiben, weil der Arme ſo ſehr krank iſt und leidet, daß ſie beſorgt, er könne über Nacht verſcheiden.“ Eine leiſe weibliche Stimme ſang die Melodie des Lie⸗ des:„Jeſus meine Zuverſicht!“ Beide lauſchten.— Das Lied verſtummte.— Sie ſaßen in frommer Andacht.— Ihre Lampe flackerte nur noch matt. „Es iſt wol Zeit, mein Bruder, die Lagerſtatt zu ſuchen“, ſagte Rippell endlich. „Ob wir die Ruhe finden werden?“ fragte Budowa vor ſich hin. „Der Herr wird uns ſeinen Frieden ſenden!“ antwor⸗ tete Rippell. Sie ſchickten ſich zur Nacht an, beteten ſtill und legten ſich nieder. Rippell löſchte die Lampe. Sanfter Schlaf, der Troſt der Gerechten, hüllte ſie ein. 121 * Zwölftes Capitel. Der Schrecken, welchen die Vorgänge in der Nacht und am frühen Morgen des 21. Februar in Prag verbreitet hatte, ſtieg noch durch Das, was im Laufe des Tages allmählich kund wurde und öffentlich geſchah. Doctor Baſilius und Jakob Steffeck hatten Lip⸗ pach's Haus verlaſſen, um ſich in ihre Wohnungen zurück⸗ zubegeben. Der Anblick der Straße hatte noch ganz die düſtre Unheimlichkeit der erſten Frühſtunden. Zwar ſah man keine Verhafteten mehr führen, weder zu Fuß noch in verſchloſſenen Kutſchen, aber die Patrouillen der Kriegs⸗ knechte ſtreiften durch die Gaſſen nach wie vor. In Trupps von zehn bis zwanzig Mann, eiſernen Schrittes, mit dum⸗ pfem Geraſſel der Waffen, zogen ſie ſchweigend und finſter⸗ blickend hin. Die Führer ſandten ihre Späherblicke rechts und links. Das drohende Auge, die gerunzelte Stirn ſchien zu fagen:„Wer ſich regt, fällt uns anheim und büßt ſei⸗ nen Vorwitz in Kerker und Banden!“ Darum wichen die Bewohner auch ſcheu zur Seite in die Nebengaſſen aus, wo eine ſolche eiſerne Häſcher⸗ oder Wächterſchaar anrückte. Man ſah nur bleiche, oft verweinte Geſichter. „Was mögen die dort vorhaben an der Ecke“, fragte Jakob Steffeck den Doctor und zeigte auf einige Gerichts⸗ diener und Bewaffnete, die an der Ecke des altſtädtiſchen Ringes dem Rathhauſe gegenüber eine Gruppe bildeten. „Wer mag es uüſſen, erwiderte Baſilius;„etwas Gutes gewiß nicht“, ſetzte er leiſe hinzu und blickte doch Rellſtab, Drei Jahre. V. l. 6 122 gleich darauf ſcheu um ſich, ob Jemand das Wort gehört haben könne. Ein Mann aus der Gruppe erhob ſich über dieſe. Er ſtieg an einer Leiter gegen die Mauer hinan und befeſtigte ein Papier.. „Sie ſchlagen etwas an, vielleicht eine Kundmachung über Das, was geſchehen iſt“, ſagte Steffeck. „Oder was uns geſchehen ſoll“, ſetzte Baſilius mit unheimlicher Ahnung hinzu.„Laßt uns etwas warten; vielleicht gehen ſie bald weiter; dann wollen wir es leſen.“ Sie verzögerten ihre Schritte. Die Gerichtsdiener und Kriegsleute zogen weiter abwärts von ihnen. Man ſah, daß ein Vorangehender ein ſtarkes Packet mit Papieren trug. Sie bogen um die Ecke nach dem Ring ein. Baſilius und Steffeck gingen auf die Stelle zu, wo der Anſchlag gemacht war; einige Bürger traten ſchon vor ihnen heran. „Seht“, ſagte Steffeck leiſe,„wie blaß ſie ſind; wie ihnen die Lippen beben. Es kann nichts Gutes ſein!“ „Wo wäre jetzt etwas Gutes zu finden und andere Ge⸗ ſichter als ſchreckenbleiche!“ antwortete Baſilius. Er zit⸗ terte ſelbſt. Sie waren unter dieſen Worten herangetreten.. „Gott ſtehe den Armen bei“, ſagte ein Bürger, der das Plakat geleſen hatte, wiſchte ſich die Augen und ging an ihnen vorüber. Baſilius las mit leiſe murmelnder Stimme: „Im Namen Sr. kaiſerlichen Majeſtät werden alle Die⸗ jenigen, welche in ihrem böſen Gewiſſen, weil ſie an den aufrühreriſchen und hochverrätheriſchen Thaten, durch welche das Königreich Böheim von Sr. kaiſerlichen Ma⸗ jeſtät abgefallen iſt, theilgenommen haben, aus dem Lande geflohen ſind oder ſich verborgen halten, hierdurch 123 aufgefordert und vorgeladen, ſich binnen ſechs Wochen vom heutigen Tage an in dieſer Stadt Prag vor dem kaiſerlichen, eingeſetzten Gerichte einzufinden und zu ſtellen, widrigenfalls ſie als Beleidiger der höchſten Majeſtät ihr Hab und Gut, Ehre und Leben verlieren und ihre Na⸗ men durch den Henker an den Galgen geheftet werden ſollen.“*). „Güter, Ehre und Leben!“ wiederholte Baſilius am ganzen Körper bebend.„Alſo das iſt es, was den Un⸗ glücklichen bevorſteht, die in ihre Hand gefallen ſind!“ „Hab und Gut und Leben können ſie nehmen“, ant⸗ wortete Steffeck,„aber die Ehre ſeines Namens werden ſie Keinem rauben!“ „Still, ich bitte Euch“, ſprach Baſilius leiſe, der ſein Auge zur Seite gewandt hatte.„Es kommen dort Leute, deren Geſichter nichts Gutes ſagen!“ Es war Zaloska, welcher mit zwei Soldaten von der Moldaubrücke her die Gaſſe herunterkam. Im Gegenſatz zu den bleichen, ſchweigenden Geſichtern der Bürger Prags, ſtrahlten dieſe in brennender Röthe, und widerliches Lachen und Lärmen erſcholl aus ihrem Munde. Zaloska, der von Thyßka zu Slawata gegangen war und auch dort einen reichlichen Lohn empfangen hatte, war mit ſeinen Genoſſen in einer Schenke geweſen, wo ſie ſich ſchon am frühen Mor⸗ gen durch unmäßigen Trunk erhitzt hatten. „Bei Gott, dabei iſt der Nichtswürdige, der den un⸗ glücklichen Stadtſchreiber ſo verhöhnte“, flüſterte Steffeck dem Doctor zu.„Laßt uns den Leuten ausweichen!“ „Wohl! Ja wohl! Denn dieſem Volke zu begegnen 124 iſt niemals gut“, erwiderte Baſilius. Sie bogen um die Ecke und eilten dann ſo ſchnell als möglich vorwärts, um Steffeck's Haus zu erreichen! Es gelang ihnen. Die Hausthür öffnete ſich ihnen, bevor die wüſten Geſellen den Ring erreicht hatten. „Gott ſei Dank, daß wir ihnen aus dem Geſicht ge⸗ kommen ſind, bevor ſie ſehen konnten, wohin wir gingen“, ſagte Steffeck und half ſogleich die Sicherheitsriegel wieder vorſchieben.— Denn längſt ſchon war das Weingewölbe, wo ſich vordem Bürger und Ritter oft beim Becher begeg⸗ neten und ein heitres Wort ſprachen, ſo gut als völlig ge⸗ ſchloſſen.— Schon die ſchwere Zeit des ganzen Jahres hatte bewirkt, daß die Zahl der Gäſte täglich geringer wurde. Vollends aber ſeit Prag von dem kaiſerlichen Heere genommen war, hatte Steffeck ſein Haus und Geſchäft ge⸗ ſchloſſen. Denn die Kriegsleute würden die Fäſſer bald ge⸗ leert haben, ohne für einen einzigen Trunk zu zahlen. Er war froh geweſen, daß, weil ein würdiger Kriegsmann, der Oberſt von Habernfeld, ſein Quartier daſelbſt genom⸗ men, das Haus nicht geplündert worden war wie viele an⸗ dere. Die ſonſt offene Pforte blieb aber jetzt ſtets ge⸗ ſchloſſen und verriegelt, und nur wer die Zeichen kannte und danach pochte, wurde ohne weiteres eingelaſſen. Der Küfer, welcher auf Steffeck's haſtiges Pochen ihm geöffnet hatte, berichtete ihm, daß einige Freunde in der Gaſtſtube auf ihn warteten, konnte aber die Namen nicht angeben. Als Steffeck mit Baſilius eintrat, ſah er mit ſtaunender Freude den Pfarrer Chlodzek, Holoduk und Czernig. Sie begrüßten ſich herzlich, doch in tiefer Wehmuth. „Ach, wie ſehen wir uns wieder!“ begann der Pfarrer, „wir wollten hier Troſt und Rath ſuchen, weil es uns im 125⁵5 Gebirge ſo kläglich ergeht, und treffen hier neues ſchreckliches Unheil!“ „Es läßt ſich nicht mehr ertragen bei uns“, ſagte Czernig,„wir denken daran, der Heimat den Rücken zu kehren, ſo bitter es thut!“ „Ja“, beſtätigte Holoduk finſter,„die Feſtung iſt nicht mehr zu halten! Wir können nur noch zuſchauen, daß wir beſtmöglichſten Abzug erlangen!“ „Ihr habt Recht, ihr habt Recht, Freunde“, antwor⸗ tete Steffeck.„Wenn es ſo hereinbricht wie hier über uns.... da müſſen wir wandern, und wäre es in die Wüſte.“ „Wir wollten hier darüber Rückſprache nehmen mit un⸗ ſeren Brüdern und dem Herrn Adminiſtrator des Conſiſto⸗ riums, um ſeine Meinung und ſeinen Rath zu hören“, ſagte Chlodzek zu Baſilius.„Denn unſere Kirchen haben ſie ge⸗ ſchloſſen; kaum in den Häuſern, ganz verſtohlen, können wir uns zum Gottesdienſt und Gebet verſammeln. Alles andern Druckes, aller Gewaltthätigkeit nicht zu gedenken, die bei uns verübt wird!“ „ Unſere Kirchen ſind noch nicht geſchloſſen“, antwortete Baſilius,„allein wer kann wiſſen, was heut oder morgen geſchieht?“ „Genug, ich marſchire“, nahm Holoduk das Wort auf. „Ich bin über die ſiebzig und hatte gedacht ins Quartier zu rücken auch auf dieſer Erde, und Ruhetag zu halten, bis ich abgerufen würde ins große Hauptquartier da droben! Allein es ſoll nicht ſein. Marſchordre habe ich wol nicht; aber der Feind gibt ſie mir, denn er treibt mich aus! In Gottes Namen denn noch einmal, Gewehr auf und vor⸗ wärts Marſch, ſolange es die alten Füße aushalten wollen!“ Er hatte ſich dabei geſetzt und ſtützte das graue Haupt ſchwermüthig in die Hand. „Wo ſeid ihr denn abgeſtiegen, Freunde“, fragte Steffeck. „Draußen in der Herberge zum Wolf, nicht weit vom Strahowthor oder Reichsthor, wie Ihr's heißt“, antwortete Holoduk.„Wir kamen geſtern Abend um ſieben Uhr an; als wir in die Nähe des Schloſſes gelangten, fanden wir Poſten aufgeſtellt. Wir durften nicht herein mit dem Fuhr⸗ werk, auch nicht nach der Brücke hinunter. Da mußten wir uns dort oben ein Unterkommen ſuchen!“ „Heut gelangten wir denn zu Fuß ungehindert in die Stadt“, nahm Czernig das Wort auf;„aber es iſt ja als ob man ins Grab ſteigt, ſo finſter ſchauerlich und ſtille!“ „Wir haben“, erzählte der Pfarrer,„uns auch ſogleich zu Herrn Georg Dikaſtus begeben, um namens der Ge⸗ meinde, die uns abgeſandt hat, mit ihm zu ſprechen. Allein es war vergeblich. Er war ſchon mit dem Früheſten aus⸗ gegangen. Wir wollen nun bald einen zweiten Verſuch machen, ihn zu treffen.“ „Gewiß“, meinte Jakob Steffeck,„nimmt der fromme redliche Herr ſich der Verhafteten an und ſucht zu erfahren, was man eigentlich gegen ſie vornehmen will. Jetzt kön⸗ nen wir freilich faſt gewiß darüber ſein, ſeit wir das Pa⸗. tent an der Ecke des Ringes geleſen.“ „Welches Patent?“ fragte Chlodzek.— Baſilius be⸗ richtete ihnen darüber. „Allgütiger Vater im Himmel!“ ſeufzte Chlodzek.„So ſoll gegen die Vertheidiger unſeres Glaubens verfahren werden? Dann kann man denken, was der armen Gefan⸗ genen wartet!“ „Da kommt Herr Magiſter Lippach eben über den Ring“, rief Steffeck, der durch die mit Eiſen vergitterten 127 Fenſter hinübergeblickt hatte.„Ich will zu ihm und ihm erzählen, daß ihr hier ſeid!“ Steffeck eilte hinaus und kehrte nach wenigen Minuten mit Lippach zurück, der tief erſchüttert und bleich ausſah. Er ſchloß die Freunde, die er ſo unerwartet erblickte, mit ſtummer Innigkeit in ſeine Arme. Sie ſchütteten einander die Herzen aus. „Ja“, ſprach Lippach, als er von dem Vorhaben der Angekommenen hörte,„nicht ihr allein, wir Alle werden in die Verbannung wandern müſſen!“ „Alle? Will man denn unſeren Glauben gänzlich aus- rotten?“ fragte Chlodzek;„ich wähnte, nur uns ergehe es ſo hart, da ſie unſere Kirche zu Kloſtergrab, die ja leider mit die Urſache zu dieſen unglückſeligen Kämpfen geweſen iſt, als eine widerrechtlich erbaute betrachten. Ich glaubte nur der Biſchof von Prag, der jetzt wieder ſeine Rechte über uns geltend macht, verfahre ſo unerbittlich gegen uns! Denn hier wird doch der Gottesdienſt geübt nach wie vor?“ „Bis jetzt, ja; allein ſeit geſtern haben wir das Aeußerſte zu fürchten!“— Lippach theilte ihnen mit, was gegen die evangeliſchen Gemeinden und Pfarrer in Abſicht ſei.„Und nach Demjenigen“, ſchloß er,„was ich jetzt eben über die Lage unſerer verhafteten Beſchützer von dem Adminiſtrator erfahren habe——“ „Ihr waret dort?“ unterbrach ihn Chlodzek. „Ich kam eben von ihm her.“ „Und er hat Euch ſo düſtre Nachrichten mitgetheilt?“ „Laßt doch hören?“ fragte auch Holoduk. „Es ſoll ein furchtbares Gericht über uns Alle ge— halten werden“, begann Lippach.„Dem Haupt aller Ver⸗ hafteten droht das Schwert des Henkers!“ „Gott im Himmel!— Entſetzlich! Wäre es mög⸗ 128 lich!“ riefen die Erſchreckten durcheinander. Czernig war auf⸗ geſprungen; das Auge des athletiſchen Mannes rollte wild. Lippach erzählte:„Der Kaiſer hat ein eignes Straf⸗ tribunal für ſie errichtet! Es iſt aus den erbittertſten Fein⸗ den unſerer Kirche zuſammengeſetzt! Der Fürſt Karl von Liechtenſtein, der uns mit unverſöhnlichem Haß verfolgt, iſt das Oberhaupt der Richter, Graf Adam von Wald⸗ ſtein ſein Stellvertreter. Der Präſident des Appellations⸗ hofes hier in Prag, Friedrich von Tallenberg, den ſie uns erſt jetzt gegeben haben, die Reichshofräthe Wolff und Wilhelm Läming, der Rath und Stadthauptmann von Prag, Wratislaw von Mitterwitz, dieſer erbitterte Ka⸗ tholik, ſind Mitglieder; Otho Melander und Daniel Kapper von Kapperſtein...“ „Wie? Dieſe beiden leichtgeſinnten Männer? Dieſe Abtrünnigen?“ rief Baſilius.. „Sie ſollen die Secretäre beim Gericht ſein und das Verhör vornehmen, als der deutſchen und böhmiſchen Sprache gleichmäßig kundig“, erklärte Lippach. „Solchen Männern wird ein Amt übertragen, das die größte Gewiſſenhaftigkeit fordert!“ rief Baſilius nochmals. „Es ſind noch Mehrere, doch werde ich ſie euch nicht Alle nennen können. Zwei niederöſterreichiſche Regiments⸗ räthe, Kaspar Schwaben und Paul Ello; der Reichs⸗ hofrath Wenzel von Fleiſſenbach, dann.... ich wollte ſie Alle aufzeichnen, doch es waren der traurigen Gegen⸗ ſtände ſo viel, die wir zu beſprechen hatten! Mir fehlen noch etliche Namen...“ „Wir haben an dieſen genug!“ fiel Baſilius ein.„Kei⸗ ner, den wir kennen! Dem wir Vertrauen ſchenken! Sie werden in Wien ſchon die rechten ausgeſucht haben für ihre Abſicht! Vae victis!“ 129 „Ja wohl!“ ſtimmte Lippach bei.„Vae victis!— Denn nicht nach gewöhnlichem Rechtslauf, nicht nach un⸗ ſeren Geſetzbüchern ſoll gerichtet werden. Sie haben eine furchtbare Inſtruction erhalten oder vielmehr ſich ſelbſt ge⸗ macht. Es ſoll ganz ſummariſch verfahren werden. Das Ver⸗ brechen des Hochverraths und der Rebellion wider des Kaiſers Majeſtät wird als feſtgeſtellt angenommen. Den agreu⸗ lichen Rebelleny, ſo werden ſie genannt, wird gar kein Ausreden, Weitläufigkeit, dilatoriſche oder andere Exception geſtattet werden. Die Abweſenden dürfen keine Verthei⸗ diger ſtellen!“*)— „Unerhört!“ rief Baſilius. Er wurde immer bleicher und unruhiger. „Ja, es ſollte anfänglich gar keine Defenſion geſtattet werden, doch aus Gnaden!— der Obriſtlandhofmeiſter von Waldſtein hat es, erlangt— wird ein Advocat als Defenſor zugelaſſen ſein. Er darf aber keine Einwendung machen, die irgend einen Aufſchub veranlaßt oder einen Zeugen aufruft; es ſollen, heißt es wörtlich auch hier, gjegliche dilatoriſche exceptiones und Ränke abgeſchnitten werden!»“*) „Man will alſo nicht richten, ſondern nur ver⸗ urtheilen!“ ſprach Baſilius ſchauernd und ſchüttelte ſich wie von einem Fieberfroſt ergriffen.„Wer hätte es auch. anders denken können!“ „Nur der Blutdurſt will ſich ſättigen!“ rief der alte Holoduk. „Der Beiſtand des Herrn wird die Märtyrer nicht verlaſſen“, ſagte Chlodzek mit flehendem Blick zum Himmel. *) Hiſtoriſch. n) Hiſtoriſch. 4 130 „Und wo wird das Blutgericht abgehalten?“ fragte Czernig aus gepreßter Bruſt. „Auf dem Schloß droben“, antwortete Lippach.„Die Reichshofrathſtube oberhalb der böhmiſchen Kanzlei iſt zum Sitzungsſaal beſtimmt. Eben jetzt halten die Mitglieder ihre Verſammlung und werden vereidigt. Der Fürſt Liechten⸗ ſtein nimmt ihnen den Schwur ab, und ihm ſelbſt der Graf Adam von Waldſtein.“ „Schwören ſie auch gerecht zu richten, ſonder Haß und Feindſchaft?“ fragte Holoduk bitter. „Möge der Herr ihr Herz zur Milde wenden“, bat Chlodzek. „Ach, mein theurer Bruder, es hat nicht den Anſchein“, entgegnete Lippach ſeufzend.„Denn der Haß und die Feind⸗ ſchaft hat dieſen ſchreckenvollen Ueberfall längſt im Dunklen vorbereitet und genutzt. Die drei Rachedurſtigen ſitzen zwar im Gericht nicht mit, weil das allzu anſtößig vor allen Fürſten und Herren in ganz Europa geweſen wäre. Allein ſie haben doch im Verein mit den erbitterten Jeſuiten den ganzen Plan geſchmiedet und ſchüren und blaſen in die Flammen! Der Adminiſtrator hatte dieſen Morgen mit dringendſter Bitte nachgeſucht, bei dem Fürſten von Liechten⸗ ſtein vorgelaſſen zu werden. Allein er iſt unverrichteter Sache heimgekehrt, da Slawata über eine Stunde bei ihm geweſen iſt, worauf ſich der Fürſt ſogleich in den Gerichts⸗ ſaal begab. Martiniz kam Arm in Arm mit dem Grafen Adam von Waldſtein den Gang herunter. Auch waren der heimliche Giftſäer von vormals, Fabricius, und der zeloti⸗ ſche Pater Thyßka droben im Schloß; Beide vielfach im Verkehr mit den Mitgliedern des Gerichtshofes.“ „Das ſind freilich ſchlimme Anzeichen!“ entgegnete Chlodzek.„Die drei Hinabgeſtürzten werden ihrer Schmach und Gefahr eingedenk ſein und jetzt zehnfältig Zins nehmen!“ 8 „Oben auf der Burg hat der Adminiſtrator das Alles— ſelbſt geſehen und erfahren, was ich euch hier genau nach ſeinen Worten wieder berichtet habe. Vieles iſt ihm in der Stille, aber aus ſichrem Munde, kund geworden, denn er hat manchen Freund droben in der Kanzlei, und ſelbſt in der Dienerſchaft. Mancher iſt dort, der im Stillen an uns hängt und dem das Herz bange ſchlägt bei Dem, was uns bedroht!“ 3 „So wird Herr Georg Dikaſtus unſerem Rettungs⸗ ſchritt wol beiſtimmen“, ſagte Chlodzek mit leiſem Seufzer, „daß wir eine andere Heimat für unſere Gemeinde ſuchen wollen!“ „Er wird!“ verſetzte Lippach.„Und was kann ſich uns Allen für andre Hoffnung bieten, wenn man unſeren Glau⸗ ben mit Gewalt ausrotten will? Wollt Ihr Ener Weib verſtoßen? theurer Bruder, Eure Kinder verleugnen, wie das neue Geſetz, unter deſſen Joch die Jeſuiten uns beu⸗ gen wollen, fordert?— Wollt Ihr Euch in Euer heiliges Amt erſt neu einſetzen laſſen durch einen römiſch⸗katholiſchen Prieſter und ſolcherweiſe Euren Glauben verleugnen?“ „O Gott der Gnade“, rief Chlodzek aus,„willſt du ſo ſchweren Jammer über uns verhängen? Wende ab. dieſe Trübſal, Herr, und führe uns nicht alſo in Ver⸗ 1 ſuchung!“ Czernig und Holoduk hatten ſich an den Tiſch geſetzt; der alte Kriegsmann ſtützte ſein graues Haupt in die Hand; Czernig blickte ſtarr auf den Boden. Es war ihre heim⸗ liche Hoffnung geweſen, daß der Adminiſtrator ihnen ab⸗ rathen werde, weil er ihnen vielleicht andere Wege öffnen könnte zur Milderung ihrer Noth. Jetzt ſahen ſie, daß in 132 Prag noch größere Trübſal eingebrochen war als in ihre Abgeſchiedenheit im Gebirge. Nun erſt empfanden ſie die ganze Schwere des Opfers, Haus und Hof, die geliebten Stätten der Jugend, die Gräber der Vorfahren zu ver⸗ laſſen, ihnen auf immer den Rücken zu wenden! „Und wenn man uns nur ruhig ziehen läßt!“ begann endlich Czernig, dem auch die Sorge um die Ernährung der Seinigen ſchwer auf das Herz drückte.„Wenn ſie uns nur nicht mit Zwang halten als Hörige der Herrſchaft!“ meinte er ſorglich,. „Auch ich fürchte das!“ ſagte Holoduk.„Habgierig waren ſie immer! Gebt Acht! Jetzt werden ſie uns Hab und Gut nehmen. Mögen ſie! Ich kann mein Haus und Gärtchen doch nicht übers Gebirge nach Sachſen tragen! Und muß ich's laſſen in meinen alten Tagen.... ſo iſt mir's gleich, ob ich mein Haupt auf einen Stein an der Landſtraße lege oder unter eignem Dach ruhe. Je ſchwe⸗ rer die Pilgerſchaft, deſto kürzer!“ „Ihr mögt ſo denken, Hauptmann Holoduk“, antwor⸗ tete Czernig ſorgenvoll das Haupt wiegend.„Aber ich?— Ein treues Weib— ſieben liebe Kinderchen— eine alte kranke Mutter—— die bettet man doch nicht leicht auf der offenen Straße!“ „Drangſal und Kummer überall“, ſagte Lippach theil⸗ nahmvoll,„daß man über dem eignen Leid das fremde faſt vergißt! Und doch haben wir um die Verfolgten, die Theuerſten zu zittern! Denkt, meine Brüder, an die Thrä⸗ nen Derer, denen Väter, Brüder, Söhne in der geſtrigen Nacht entriſſen ſind und in Banden geſchlagen! Ach wir wollen ſchon dem Herrn danken, wenn er uns nicht von den Unſrigen reißt, müßten wir auch mit ihnen ins Elend wandern! Breitet ſich doch Gottes Himmel über die ganze Erde aus! Darum ſeid getroſt und hoffet auf den Herrn!“ Es entſtand eine lange, ſchwer gedrückte Pauſe. Jeder wog die Gedanken in ſeiner eignen Bruſt.— Bajſilius ſchien von Allen am gewaltigſten erſchüttert. Er war bleich wie ein Todter, große Tropfen ſtanden auf ſeiner Stirn. Endlich begann Chlodzek wieder:„Wir werden nun doch noch einmal verſuchen müſſen, den Auftrag unſerer Gemeinde zu erfüllen, und mit dem würdigen Herrn Dikaſtus ſprechen. Meint Ihr, theurer Bruder Lippach, daß wir ihn jetzt antreffen!“ „Ich glaube es gewiß, denn ſoeben verließ ich ihn in ſeiner Wohnung.“ „Laßt uns denn zu ihm!“ Chlodzek, Holoduk und Czernig ſchickten ſich zu dem ſchweren Gange an.— Jakob Steffeck dachte es nochmals zu verſuchen, in ſeines Bruders Haus in der Neuſtadt zu gelangen, ob er dort etwas über ſein Schickſal erführe.— Lippach und Baſilius wollten nach Hauſe. Die Freunde trennten ſich ſämmtlich in ſchwerer Sorge, in tiefem Kum⸗ mer um das Unglück, was Alle bedrohte, wie um das, was Jeden insbeſondere traf. Sie verabredeten, ſich in der Nachmittagsſtunde in Lippach's Hauſe einzufinden, um ein⸗ ander mitzutheilen, was ſie Trauriges oder Tröſtliches er⸗ fahren, und um zu berathen, was ſie thun möchten bei dieſer düſtren Zukunft. Denn immer ſchwerer drückte das Gewölk und jede Bruſt athmete in beklommener Angſt. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.