————————yjji — Band. Zweite Abtheilung. Vierter — 22 7 ₰ — S —₰½ — — — — — — ’D Drei Jahre bon Dreissigen. Ein Roman von Tudmwig Rellſtab. 8 3 4 i ¹ Vierter Band. Zweite Abtheilung. Leipzig: F. A. B r.o dhauzs. 1858. . 8 — Der Verfaſſer behält ſich das Recht der Ueberſetzung ins Engliſche, 3 Franzöſiſche und in andere Sprachen vor. 4 Rellſtab, Drei Jahre. IV. 2. Siebzehntes Capitel. Am Reichsthore war die Straße faſt geſperrt durch Ge⸗ waffnete aller Gattung, die ſich dort in dichten Maſſen zuſammendrängten. Die ganze Abtei Strahow war erfüllt mit Kriegern. Auf dem Kloſterhofe brannten Wachtfeuer, um die ſich die Kreiſe der Gewaffneten in voller Rüſtung, tief in die Mäntel gewickelt, hingeſtreckt hatten. Pferde, meiſt geſattelt und voll aufgezäumt, bedeckten in langen Reihen die Hofräume. Commandorufe, Waffengeräuſch, Gezänk, Fluchen, Stampfen der Roſſe miſchte ſich in dumpf wirren Klängen durcheinander; dazwiſchen tönte das Aechzen und Wehklagen der Verwundeten, die, da die Räume in den Gebäuden und in der Kirche ſelbſt ſchon überfüllt wa⸗ ren, auf dürftigem Stroh längs der Mauern im tiefen Schattendunkel lagerten, meiſt hülflos ſich ſelbſt überlaſſen. Der Mond warf ſein bleiches trübes Licht durch ſturm⸗ zerriſſenes Gewölk auf dieſe kriegeriſchen Nachtbilder. Vor der Abtei, hart am Thor, ſuchten einige Hauptleute die einzelnen Verſprengten zu ihren Fahnen zu ſammeln. Hier war das Getöſe am verworrenſten, das Gedränge am heftigſten. 1* 4 Kaum ein Mann, in voller Kraft und bewaffnet, hätte ſich Bahn gemacht durch dieſe ehernen Wirbel. Da ſchritt eine weibliche Geſtalt, in einen dunklen Man⸗ tel gehüllt, hohen Ganges, eine Leuchte in der linken Hand, auf den verworrenen Knäuel zu und begehrte freie Bahn. „Oeffnet mir den Pfad“, ſagte ſie mit ernſter Stimme und erhob gebietend die rechte Hand. Ein Gefühl, gemiſcht aus Ehrfurcht und unheimlichem Schauer, berührte die Bruſt der Kriegsleute, als ſie die Geſtalt, einer Geiſtererſcheinung ähnlich, dunkel verhüllt, furchtlos auf ſich zuſchreiten ſahen. Zur Rechten und zur Linken wichen ſie zurück, ſoweit es der Raum zuließ, und einen Augenblick begrub eine tiefe Stille das dumpfe Ge⸗ räuſch. Selbſt die Führer blickten verwundert auf die ernſt Dahinſchreitende, die keinen Laut vernehmen ließ, ſondern ihres Pfades vorwärts ging, gleichwie mit gebieteriſcher Macht einer unabweisbaren Nothwendigkeit. Während die Betroffenen ihr und dem flackernden Schimmer des Lichtes noch ſtumm nachblickten, erſcholl es plötzlich vom Thore her wie ein wilder Ausbruch des Jubels. Wer ſollte jubeln in dieſer Nacht des Unheils und des Grauens! Dennoch war es ein Getümmel der Freude, das ſich erhob. Ein ritterlicher Führer, ohne Helm, dem das Haar auf beiden Schultern herabwallte, ritt auf einem ſchweren ſchwarzen Roß daher, und von allen Seiten umdrängten ihn Gewaffnete zu Fuß und zu Pferd, die ihm die Hände ent⸗ gegenſtreckten und ihn mit lautem Jubel begrüßten. Der düſterrothe Schimmer der Wachtfeuer und einiger von Neu⸗ gierigen erhobenen Brände beleuchtete dieſes Schauſpiel. Es war Graf Heinrich Thurn, der, gefangen oder ver⸗ loren geglaubt, dennoch gerettet zurückkehrte vom Schlachtfelde. 5 Durch einen ſchweren Hieb auf den Helm betäubt, war er in dem letzten mörderiſchen Kampf um die Ehre des böhmiſchen Namens vom Pferde geſunken. Lange hatte er bewußtlos unter den Leichen gelegen. Erſt mit dem Dunkel des Abends kehrte ihm das Licht des Bewußtſeins zurück. Die muthige Jugend⸗ kraft zuſammenraffend, keine Erſchöpfung achtend, mit ſpä⸗ hender Liſt den glücklichen Augenblick erhaſchend, jeden Vor⸗ theil nutzend, hatte er, nachdem er ſich mit der Feldbinde eines getödteten Hauptmanns eine leichte Wunde verbunden, unter dem Schutz der Nacht einen Pfad geſucht durch die Blut⸗ und Leichenſtätten des Schlachtfeldes. Sich mühſam fort⸗ ſchleppend und, wo ihm Feinde entgegenſchwärmten, oft ge⸗ nöthigt, ſich wieder anſcheinend leblos auf den Boden hin⸗ zuſtrecken, war über die Hälfte der Nacht vergangen, bevor er in die Nähe des Reichsthores gelangte. Vor dieſem, einige Hundert Schritte vor den Wällen, lagerte der Feind; Wallenſtein's und Tilly's Reiter hauptſächlich, die am wei⸗ teſten in der Verfolgung vorgedrungen waren. Zwiſchen ihnen und den Mauern Prags blieb ein unbeſetzter Raum, weil die Belagerer ſich nicht dem Feuer von den Wällen und aus den Schießſcharten des geſperrten Thores ausſetzen wollten. Ueber dieſen Raum unbemerkt, oder ſo eilig, daß man ihm nicht folgen könne, hinweg zu gelangen, das war die einzige Rettung für den jungen Helden. Verwegen wie Ulyß, da er die Roſſe des Rheſus raubte, ſchlich Thurn ſich an einen Kreis von Reitern, hinter dem ihre Pferde, an Piketpfähle gebunden, theils ſtanden, theils gelagert wa⸗ ren. Er täuſchte die halb ſchlaftrunkenen Wachtpoſten, in⸗ dem er kecken Schrittes zwiſchen die Pferde trat, als ſei er dazu befugt. So löſte er eins derſelben glücklich ab, zog es aus der Reihe, ſchwang ſich auf und ritt hart, aber langſam, anſcheinend ruhig, an den Gelagerten hin, um die 6 freie Bahn gegen die Stadt zu gewinnen. Da erkannte eine Schildwache am Wachtfeuer, als der Wind dem Reiter den Mantel zurückwehte, die glänzende fremde Rüſtung, die den Führer verrieth. Der Ruf„Wer da!“ gebot Halt; doch Thurn, dem jetzt kein andres Mittel blieb als die ſchleu⸗ nigſte Flucht, drückte dem Pferde die Sporen ein, warf es herum, ſprengte mitten durch einen Kreis Gelagerter, über ſie hinweg in der Richtung nach den Wällen zu. Auf⸗ ſchrei des Schreckens, der Wuth, der laute Ruf„Verrath!“ tönte ihm nach; die Schildwache, welche die brennende Lunte neben ſich hatte, that einen Schuß auf ihn; die Kugel fehlte. Andre, die ihm gleichfalls Schüſſe nach⸗ ſenden wollten, wurden bei der ſchwerfälligen Art des Ab⸗ feuerns nicht zeitig genug fertig; ſie hätten aufs Gerathewohl ins Dunkel feuern müſſen. So jagte Thurn unverletzt übers Feld; im wilden Ritt gegen den Sturm gelangte er glücklich ans Thor. Den Musketieren auf dem Wall rief er in böhmiſcher Sprache zu:„Feuert nicht!“ Der Schildwache im Thor nannte er ſeinen Namen. Da öffneten ſich ihm die Riegel, er fand Einlaß, bevor nachſetzende Feinde ihn erreicht hatten; das Thor ſchloß ſich hinter ihm— er war ge⸗ rettet. Jubelnd unringten ihn die böhmiſchen Rriege unter denen viele der Seinigen waren. Mit wild zudringlicher Freude wollte Jeder ſeine Hand faſſen, wenigſtens ſeinen Harniſch berühren. Er mußte ſich mühſam vorwärts kämpfen gegen die Stadt zu. Da wichen plötzlich die ihn Umrin⸗ genden auf beiden Seiten zurück, und halb vom entfernt herüberfallenden Schimmer der Wachtfeuer, halb vom blei⸗ chen Monde angeleuchtet, ſah er in der geöffneten Bahn vor ſich die dunkelverhüllte weibliche Geſtalt. Der Strahl ihrer 6 emporgehobenen Leuchte traf ſein Angeſicht. In demſelben Augenblick rief die Verhüllte mit herzdurchdringendem Laut: „Graf Thurn!“ und Thereſe hing in ſeinen Armen. „Thereſe— du hier!“ rief er voller Staunen, über ſie herabgebeugt, indem er ſie feſt an ſich zog.„Was führt dich hierher mitten in das kriegeriſche Getümmel?“ „Die untrügliche Stimme meines Herzens“, rief ſie aus und blickte ſchwärmeriſch zu ihm auf.„O ſie hat nicht ge⸗ logen— Einen hab' ich gefunden!“ Was ſoll das heißen? Wohin willſt du?“ fragte Thurn. „Dort hinaus!“ antwortete ſie und deutete nach dem Thore. „Unmöglich!“ rief Thurn.„Der Feind lagert dicht vor den Wällen. Jeder Ausgang iſt geſperrt!“ „Und wo fände ich meinen Gatten, meinen Vater, wenn ich ſie nicht dort ſuchte?“ ſagte Thereſe mit Hoheit und Entſchloſſenheit. „Dein Vater— Xaver“, fragte Thurn beſtürzt—„du weißt nichts von ihnen— ſie ſind nicht in Prag?“ „Sie ſind dort, wo ich ſie ſuchen werde“, war Thereſens ſchmerzvolle Erwiderung. „Ach, Thereſe! Xaver war mit dem Prinzen— ſind ſie Beide nicht zurückgekehrt?“ fragte Thurn bekümmert. „Und Wolodna— ich ſah ihn zuletzt im dichteſten Gedränge an meiner Seite, da.... ich ſtürzte beſinnungslos vom Pferde.... Dein Vater kann gerettet ſein wie ich!“ „Iſt er zu retten, ſo rette ich ihn“, antwortete Thereſe feierlich.„Dorthin geht mein Weg!“ ſagte ſie noch einmal und ließ Thurn's Hand los. „Thereſe, es iſt unmöglich— du fällſt in die Hand der wilden Horden— du biſt verloren!“ 8 „Die Engel Gottes breiten Fittiche aus überall— und ich ſelbſt verlaſſe mich nicht!“ antwortete ſie mit edlem Stolz und legte die Rechte an den Dolch, den ſie im Gür⸗ tel trug. „Du willſt das Schlachtfeld durchirren— in Nacht und Sturm?“ „Nicht zum erſten mal ſucht ſich mein Fuß den Pfad durch Leichen; mein Auge durchdringt die Schwärze der Mitternacht, und— rauhere Stürme als die, welche über das Schlachtfeld wehen, haben uns gefaßt!“ ſetzte ſie finſter hinzu.—„Wo war Euer letzter Kampf? Wo verſchwand kaver? Das ſagt mir, wenn Ihr könnt!“ „Vor Sanct⸗Margarethen, gegen den Stern hin, fochten wir;— Xaver weiter unten am Abhange nach Ruſſin“, gab ihr Thurn Auskunft. „Ich danke Euch. Lebt wohl!“ „Bleib noch“, bat er und hielt ihre Hand.„Wo finde ich meinen Vater? Weißt du das?“ „Nicht mehr in Prag!“ „Allmächtiger Gott! Nicht hier?“ „Ihr ſeid der Einzige aus dem Hauſe Thurn, der noch in dieſen Mauern weilt.“ 3 „Die Mutter,— Thekla?“ „Sie ſind auf der Flucht! Verlaſſen iſt die Schwelle— offen ſteht die Pforte— verödet ſind die Gemächer!“ „Heiliger Gott! Und auch der Vater?“ rief der Jüng⸗ ling ſchmerzvoll aus. „Der König flüchtet,— weggeworfen iſt das Schwert! Prag iſt ſeinem Geſchick überlaſſen!“ „Wie? Wir ſollten die Stadt nicht vertheidigen? Dieſe feſten Mauern mit dieſen Kriegerſchaaren!“ Er blickte um ſich 9 auf den Kreis der Gewaffneten, die ſich um ſie geſammelt hatten und ihrem Geſpräch zuhörten. „Wir flehen nur um Gnade!“ antwortete Thereſe im Tone zerknirſchter Schmach.„Ich— ſuche die Todten auf!“ „Und ich die Lebenden, um mich mit ihnen dem Tode zu weihen, mich unter dieſen Mauern zu begraben!“ rief der Jüngling und warf ſich ſtolz empor. „Das zermalmende Rad der Vernichtung hältſt du nicht auf— es zerſchmettert dich nur“, ſagte Thereſe aus tief⸗ ſtem Innern ihrer ſchmerzzerriſſenen Bruſt.„Der Strom des Schreckens reißt Alles hinweg,— folge deinem Vater und rette deine Kraft für künftige Tage! Ich muß dort⸗ hin!“ ſie deutete nach dem Schlachtfelde.„Leb' wohl!“ Schmerzüberwältigt, ſtumm zog Thurn ſie noch einmal ans Herz; ſie drückte lange ihr Antlitz an ſeine Bruſt, dann ſagte ſie noch einmal mit gebrochener Stimme: „Leb' wohl!“ Sie wandte ſich und verfolgte ihren Weg. Alles wich ehrerbietig vor ihr. Thurn zog das Schwert.„Nein“, rief er,„ich will nicht flüchten! Iſt Prag, iſt Böhmen nicht zu retten, ſo fechte ich für meines Namens Rettung!— Schaart euch um mich!“ wandte er ſich den Kriegern zu, die ihn umdrängten und unter denen er viele der Tapferſten von ſeinen eigenen Fahnen erkannte, die ſich vom Schlachtfelde gerettet.„Sind wir gleich überwunden, ſo wollen wir doch nicht feige Flüchtlinge ſein, ſondern uns tapfer mit dem Schwert in der Hand den Rückzug bahnen! Wer will dieſer Fahne folgen!“ Er riß die Feldbinde ab, ſchlang ſie um die Spitze ſeines Schwertes und hob ſie hoch empor. „Wir Alle!“ erſcholl der jauchzende Ruf der Krieger 1** 10 um ihn her; und von neuem Muth erfüllt zogen ſie die Schwerter und umringten den muthentflammten Jüngling. „Auf denn, zu Pferd, wer noch ein Roß hat!“ rief Thurn.„Auf dem Platz vor dem Schloſſe ſammeln wir uns!“ Dorthin ſprengte er mit ſeinen Getreuen. Ein neuer Hoffnungsſtrahl belebte die Entmuthigten. Sie hatten einen Führer gefunden, einen Sammelplatz für ihre Kräfte. Einer rief es dem Andern zu. Die Pferde wurden gezäumt. Das Fußvolk ergriff die Musketen, die Lanzen. Bald drängte die ganze Strömung der dichten Maſſen dem Schloß auf dem Hradſchin zu. Achtzehntes Capitel. Draußen vor den Mauern Prags breitete ſich der Mantel der Nacht über das Gefilde des Todes. Mit hoh⸗ lem Sauſen zog der Wind über das kahle Feld. Der Mond ſäumte das ſturmgetriebene Gewölk mit bleichen Rändern; ſeine Schatten ſchwebten in ſcheuer Flucht über die Erde, als bebten ſie vor den Schrecken, die ſich auf ihren dunklen Tiefen lagerten. Stöhnen und leiſes Wimmern der Verwundeten miſchte und verlor ſich mit dem Windgeräuſch. Todte bedeckten weithin die Ebene. Sie lagen vom Schmerz in ſich ſelbſt gekrümmt, mit den Händen krampfhaft in den Boden ge⸗ graben, oder ſtarr hingeſtreckt in ihrer Erzhülle. Das bleiche 11 Antlitz Vieler ſtarrte mit grauenhaft offenen Augen nach oben, die Züge verzerrt vom furchtbaren Todeskampf. Der Mondſtrahl blinkte in den erloſchenen Augen, er glänzte zurück von den Reihen der im Schmerzenskrampf verbiſſe⸗ nen Zähne. Thereſens tief verhüllte Geſtalt wanderte zwiſchen den Leichnamen hin. Sie ließ den Schein ihrer Leuchte auf das Antlitz der Erſtarrten fallen. Die Lebenden waren, wie in der Stadt, ſo auch draußen in den feindlichen Lagergruppen ſcheu vor ihr gewichen, wie vor einer Geiſtergeſtalt; keine Schildwache hatte einen Anruf gewagt. Die Todten blickten ſtarr zu ihr auf mit ihrem verſteinerten Antlitz und riefen ſie grauſig an mit ſtummer Lippe. Angſtvoll, doch uner⸗ ſchrocken, forſchte das ſpähende Auge, ob ſie unter den ver⸗ zerrten Larven die geliebten Züge eines der Ihrigen wieder⸗ finde! Breite Wunden malten das Gräßliche in die ſchauer⸗ liche Erſtarrung. Dieſem klaffte der Schädel weit auseinander und das bleiche Hirn leuchtete hervorgedrungen im Mondes⸗ ſtrahl; Jenem umgquoll das erſtarrte Blut die geſpaltenen Glieder, oder deckte in breiter, geronnener Strömung An⸗ geſicht und Bruſt. „Ha! dieſer Mantel!“ rief Thereſe unwillkürlich, ton⸗ los zitternd, und heftete das Auge wie gebannt auf einen braunen pelzverbrämten Mantel, wie Wolodna ihn trug. Er bedeckte, vom Winde übergeſchlagen, Haupt und Ober⸗ leib des Todten. Mit bebender Hand hob ſie die Hülle. Entſetzt fuhr ſie zurück. Sie erblickte ein grauenhaft ver⸗ zerrtes Antlitz, einen von der Qual zuſammengekrümmten Körper; die Hände hatten ſich im wüthenden Schmerz in das Haar gekrallt. Das Weiße des Auges ſtarrte ihr, gegen den Mond gerichtet, gräßlich entgegen. „Unglückſeliger!“ ſagte ſie, ihren Schauder mit an⸗ 12 geſtrengter Kraft überwindend, indem ſie den Mantel wieder überbreitete:„Unglückſeliger, den der Tod mit ſo furchtbarem Griff aus dem Leben geriſſen! Auf dieſer Lippe ſchwebte kein Gebet beim letzten Athemzug!“—— Sie hatte jetzt den ganzen Theil des Schlachtfeldes zwiſchen Sanct⸗Margarethen und dem Stern, wo ihr Vater an der Seite des jungen Grafen Thurn gefochten hatte, durchwandert, jeden der ſtarr daliegenden Körper angeleuch⸗ tet, doch Wolodna nicht gefunden!—„Das war ver⸗ gebens! Doch meine Pflicht iſt noch nicht erfüllt!“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt und ſchritt weiter, der Gegend zu, wo Javer unter den Todten liegen konnte. Keine Furcht kam in ihre hohe Seele. Mit dem Irdiſchen hatte ſie abgeſchloſſen; dem Jenſeits wandte ſie ſich gläubig und hoffend zu. „Ach, nur die Unſrigen bedecken das Feld!“ ſeufzte ſie vor ſich hin, indem ſie die Waffen und Trachten der Ge⸗ fallenen anleuchtete.„Du dort oben“, wandte ſie Augen und Gedanken aufwärts,„o du zürnſt uns mit Recht, zeigſt uns deine finſter umwölkte Stirn und läſſeſt deine Stürme über unſerem Haupte dahinbrauſen! Dennoch hoffe ich auf deine Gnade; ſie leuchtet ſanft in jenen blinkenden Sternen, die durch das zerriſſene Gewölk ſchimmern! Fern, fern,— aber gewiß und ewig!“ Eine Regenſchlucht, etwas über Mannestiefe, hemmte ihre Schritte. Der Rand war ſteil; ſie mußte vorſichtig hinabſteigen. Dennoch glitt ihr Fuß aus auf dem ſchlüpf⸗ rigen Schnee; aber ſie hielt ſich aufrecht und erreichte den Grund, ohne zu ſtraucheln. Doch ſchaudernd zog ſie den Fuß zurück; ſie war auf einen menſchlichen Körper getre⸗ ten!— Horch! Ein leiſer, ſeufzender Laut ließ ſich verneh⸗ men. Sie leuchtete hinab. Ein jugendliches Antlitz lag zu ihren Füßen,— die Lippe zuckte, das Augenlid be⸗ 13 wegte ſich, die Augenſterne wandten ſich dem Licht ent⸗ gegen. „Du lebſt?“ fragte Thereſe mit bebender Stimme. Ein matter Seufzer gab ihr Antwort. Sie faßte die Hand des Unglücklichen; es war noch Lebenswärme darin. „O könnte ich ihn retten— ein ſo holder Jüngling!“ zitterte es durch ihre Bruſt. Ein dankbarer Blick des mat⸗ ten Auges wandte ſich ihr zu, da ſie ſich über den Ster⸗ benden beugte. „Gott!“ rief ſie unwillkürlich,„dieſe Züge ſollte ich kennen!“ Der Jüngling blickte ihr mit einer dunklen Ahnung in das beleuchtete Angeſicht. Plötzlich wurden ihre dämmern⸗ den Erinnerungen zur Gewißheit. „Du biſt von Groß⸗Lasken“, ſagte ſie erſchüttert.— Es war der Knabe aus der Köhlerhütte, wo ſie und Xaver Aufnahme gefunden.— Auch er ſchien ſie zu erkennen, wie ein leiſes, ſchmerz⸗ lich lächelndes Zucken in ſeiner Miene verrieth. „Meine Mutter!“ bebte es von ſeiner Lippe. Er ver⸗ mochte die aus ſeinen brechenden Augen ſchimmernde Bitte eines Grußes nicht mehr auszuſprechen.„Mein Heiland!“ hauchte er,— und ſo entfloh ſeine Seele. „So jung, ſo ſchnell wieder, hat dich dein Geſchick auf das ſchaurige Feld des Todes geführt!“ ſprach Thereſe weinend, indem ſie ihm ſanft die Augenlider zudrückte; „und diesmal hat die Obhut des Himmels dich nicht be⸗ ſchirmt! Arme Mutter!— Gott, deine Schickungen ſind furchtbar!“ ſeufzte ſie vor ſich hin, indem ſie, ihre ganze Kraft zuſammenraffend, ſich wieder erhob. Sie ſchwankte erſchüttert weiter. Die Schlucht wandte ſich in einer ſcharfen Krümmung. Da gewahrte ſie plötz⸗ l b 4 14 lich, wenige Schritte entfernt, zwei lebende Männer, be⸗ ſchäftigt, die Gefallenen zu plündern. Sie fuhren auf, da ſie der Lichtſtrahl traf; Thereſe ſah nur wilde, bärtige Ge⸗ ſichter. Ihr blieb nicht Zeit zum Schreck, denn die Plün⸗ derer ſelbſt entſetzten ſich und ſtürzten eilenden Laufs davon, vor der Geiſtererſcheinung, die ſie zu erblicken glaubten. Es waren abergläubige Koſacken von der Hülfsſchaar in dem kaiſerlichen Heer; Halbwilde, die nur Mord, Raub und thieriſche Gier der Sinne kannten; die Schrecken des unglücklichen Landvolks, die Geiſel aller Ueberwundenen. Das Grauen, Dieſen, die keinen Gott kannten und an keinen glaubten, kein Erbarmen übten, in die Hände zu fallen, durchzuckte Thereſen. Aber ſie glaubte an einen Gott und hegte Liebe und Erbarmen in der Bruſt; darum ſchritt ſie bald ermuthigt weiter. Sie gedachte, ſich beruhigend, daß ſie gegen die äußerſte Gefahr die Rettung bei ſich führe. Der jenſeitige Schluchtrand war jetzt nicht mehr ſo ſteil; ſie ſtieg ihn hinan, um die Richtung zu verfolgen, in der ſie das Schlachtfeld, wo Taver gefochten hatte, vermuthete. Einiges Gebüſch bekränzte hier die Höhe und deckte ihre Geſtalt, als ſie wieder emporgeſtiegen war. Sie durchſchritt die entblätterten Geſträuche; weiterhin kam ſie in ein Ge⸗ büſch von Nadelholz, das ſie ganz den Blicken barg; doch waren es nur wenige Schritte, die ſie in demſelben zurück⸗ legte, bis ſie jenſeits hinaus wieder ins Freie trat. Bevor ſie zwiſchen den letzten Geſträuchen hindurchſchritt, ſtand ſie ſtill und lauſchte, denn ſie glaubte außer dem hohlen Brau⸗ ſen des Windes ein Geräuſch von Stimmen zu vernehmen. Sie täuſchte ſich nicht; es war in ihrer Nähe. Sie deckte die Leuchte mit dem Mantel und lauſchte zwiſchen den Zweigen der letzten Fichtengebüſche hindurch, nach dem freien Felde hinaus. Kaum funfzig Schritte entfernt, erblickte ſie 15 zwei Geſtalten, die am Boden miteinander rangen, und von denen wilde zerriſſene Laute ertönten, die durch den Sturm halb verſchlungen, halb weiter getragen wurden. Der eine der Männer wälzte und ſträubte ſich, am Boden liegend, unter halb erſticktem Hülfsgeſchrei gegen den andern, der, kniend über ihn gebeugt, ihn vollends ermorden zu wollen ſchien. Eine dunkle Schreckensahnung ergriff ſie! Wenn hier wiederum eine gräßliche Gewaltthat an einem unglück⸗ lichen Verwundeten verübt wurde? Es konnte ihr Vater, konnte Xaver ſein! Dieſer Gedanke gab ihr einen ſchnellen Entſchluß ein. Sie trat aus dem Gebüſch und ſchritt, die Leuchte unter dem Mantel, haſtig leiſe vorwärts. Den Ringenden, die ſie in ihrem erbitterten Kampfe nicht be⸗ merkten, auf wenige Schritte nahe gekommen, hob ſie plötz⸗ lich das Licht hoch empor, ſodaß der helle Schein auf beide zugleich ſtrahlte. Sie ſtießen einen Schrei aus und fuhren ſchnell auseinander; der Eine ſprang auf. „Jeſus Maria!“ rief er;„ein Geſpenſt!“ und ſtürzte in blinder Flucht fort ins Feld. Die Stimme traf ihr Ohr mit ſeltſam erinnerndem Klang. Doch ehe ſie darüber nachſinnen konnte, hörte ſie auch den Unterlegenen. „Uf!“ ſtöhnte er, als ob ihm ein Felſen von der Bruſt gewälzt ſei, ſuchte ſich aufzuraffen, blieb aber auf den Knien liegen mit grauend vorgeſtreckten Händen, unbeweglich wie ein Erzbild Thereſens Erſcheinung anſtarrend.„Wer biſt du?“ rief er endlich mit zuſammengerafftem Muth, doch von Grauſen geſchüttelt. Thereſe that einen Schritt vorwärts. „Alle guten Geiſter loben ihren Meiſter!“ ſchrie er laut auf und faltete die Hände.„Biſt du ein Geſpenſt oder lebſt du?“ 3 16 Thereſe, die ſich verloren geben mußte, wenn ſie ihn nicht in dem Grauen vor einer höhern Gewalt erhielt, ſchritt langſam feierlich näher. Der Kriegsmann, bebend, entſetzt, ſtarrte ſie an. „Vergib mir mein Verbrechen“, rief er zitternd,„ich habe ja ſchwer gebüßt! Was willſt du hier?“ Der Anruf war Thereſen ſelbſt ſchauerlich räthſelhaft; ſie zitterte, weil der Krieger nicht flüchtete. Noch einen Schritt trat ſie näher und ließ die vollen Strahlen des Lichtes auf ihn fallen. Da ſah ſie ein Geſicht, das ihr verworrene Erinnerungen hervorrief; ſie kannte dieſen Mann, doch wußte ſie nicht, wo ſie ihm begegnet war. Eine dunkle, furchtbare Ahnung durchzitterte ſie. Sie fühlte, daß ſie ihre ganze geiſtige Kraft zu Hülfe nehmen müſſe, um ihn in der Furcht und Ehrfurcht zu erhalten, die ihn ergriffen hatte. „Haſt du bereut, ſo iſt dir vergeben“, ſagte ſie feierlich. In abgebrochenen, verworrenen Sätzen, die er mit klap⸗ pernden Zähnen herausſtieß, antwortete er:„SJa, ja, ich bereue, ich bereue,— ja ich bin ein armer Teufel von Sün⸗ der! Gedenkt mir's nicht, daß ich.... der Soldat iſt einmal ſo wild! Alle guten Geiſter loben ihren Meiſter!“ Thereſe empfand, daß ſie den Unglücklichen nicht länger durch Geiſterfurcht täuſchen könne; ſie entſchloß ſich muthig zur Wahrheit.„Ich bin kein Geiſt“, ſagte ſie,„aber die Gnade Gottes umwebt mich; ich brachte dir Hülfe, ich kann dir Rettung bringen. Wer biſt du? Nenne dich!“ „Ach du Gebenedeite!“ rief er, noch halb irre im Geiſter⸗ ſchauer.„Ein armer Teufel von Reiter, Kaspar Schwarz....“ Ein lauter Ausruf der Freude Thereſens unterbrach ihn. Kaspar Schwarz, der Retter ihres Vaters!— Doch zu⸗ gleich zerriß ſich, wie durch einen Blitz, der Schleier der Vergangenheit und ihre Erinnerung ſtand klar vor ihr. Sie 17 erkannte auch ihren Verfolger aus der Herberge bei Linz, wie er ſelbſt in ſeiner Geiſter⸗ und Gewiſſensangſt ſie ſchon zuvor erkannt hatte. Das Wunder dieſer Fügungen in der Verflechtung der Lebensgeſchicke berührte ſie mit ehrfurchts⸗ vollem Schauer vor dem Walten Gottes. Dieſe Begegnung, an ſolcher Stelle, in ſolcher Zeit, war ihr ein Zeichen, daß der Himmel ihre Schritte leite; ſie fühlte ſich mit neuem, unerſchütterlichem Vertrauen erfüllt. „Fürchte nichts“, ſagte ſie mit ſanfter Hoheit,„dir iſt vergeben! Des Allmächtigen Wunder verkünden ſich auf Erden, auch wenn er keine Geiſter aus den Gräbern ſteigen läßt! Ich lebe!“ Und dabei reichte ſie ihm die Hand und hieß ihn aufſtehen. Kaspar Schwarz wußte nicht, ob er wache oder träume. Er rieb ſich die Stirn, betaſtete ſich und geberdete ſich wie Einer, der an ſeinen Sinnen zweifelt.„Mir geht's im Gehirn um, als wäre ich verrückt! Iſt denn das Alles wahr und wirklich, was ich hier erlebe? Keinen Strohhalm gab ich mehr für mein Leben,— die giftige Beſtie, der Za⸗ loska, hatte mich ja ſchon bei der Kehle!“ „Zaloska!“ rief Thereſe halb erſtarrend. Jetzt wußte ſie, welche Erinnerung der Ausruf des Fliehenden in ihr geweckt hatte. „Ja“, rief Schwarz,„und Ihr mußtet mich retten— Ihr, das iſt ja um des Teufels zu werden! Nein, nein, nein— man möchte weinen und beten!“ „Betet!“ ſagte Thereſe feierlich. „Ja wahrhaftig, ich will Buße thun und beten, beten!“ brach der wilde Menſch halbweinend aus, ſank auf die Knie und flehte aus tief erſchüttertem Herzen:„Gott ſei mir ar⸗ mem Sünder gnädig!“ — 18 Ueunzehntes Capitel. Wenn rohe, gänzlich verwilderte, aber doch im innern Kern tüchtige Naturen eine ſolche Umwandlung erfahren, ſo geſchieht es mit einer Gewaltſamkeit, die ſie in ihrem ganzen Weſen erſchüttert, aufreibt, vernichtet, aber neu gebiert. So war es mit Kaspar Schwarz. Sein Um⸗ wenden und Abſpringen von einem Herrn, von einer Sache zur andern, hatte ihn im Innern wenig angefochten; es waren freilich die erſten Anzeichen ſeiner nach einem andren Ziel durchbrechenden Seele. Allein ſie hatten bis jetzt nur ſeinen Lebenslauf nach außen hin anders gewendet. Hier aber geſchah eine Umwandlung ſeines ganzen Innern. Die übermächtige Gewalt der Fügungen des Himmels, durch welche die Irrwege ſeines Thuns und Treibens ſo wunderbar ineinander verſchlungen, verknüpft und gelöſt wurden, hatte ihn durch und durch erſchüttert. Er empfand Gottes ſicht⸗ barliches Walten, er fühlte, daß ein Auge dort oben alle Pfade des Erdenlebens überwache, und daß Keiner ſeinen eignen Weg gehe, ſondern den, welchen eine höhere Hand ihn leitet. Dieſe neu gewonnene Erkenntniß durchdrang ihn bis ins innerſte Mark. Sie war ein Blitzſtrahl, der ihn getroffen, ſein altes Daſein in Aſche gelegt und ihm ein neues flammend entzündet hatte. Er warf ſich nieder, in demüthiger Zerknirſchung vor einem Weſen über ihm; ſvor einem Richter, dem nichts verborgen ſei, und welcher Ver⸗ antwortung fordere, auch für die geheimſten Regungen der Bruſt. Mit einem zermalmenden Gewicht fiel dieſer Ge⸗ danke der Verantwortlichkeit auf ſeine Seele. Dennoch durch⸗ 19 drang ihn zugleich der der völligen Umkehr von ſeiner bis⸗ herigen Bahn, der Neugeburt ſeines Daſeins, mit aufrich⸗ tender Kraft. Er war wie vernichtet, und doch wie neu geſchaffen. Er weinte laut auf, klagte ſich an, als ein verlorener Sohn und ſchwerer Sünder, und zerſchlug ſeine Bruſt; dann warf er ſich wieder auf die Knie und dankte Gott dem Herrn inbrünſtig und ergoß ſich, über Thereſens Hand gebeugt, in einen Strom heißer, dankbarer Thränen. Thereſe ſelbſt bedurfte aller Kraft und Faſſung ihres klaren Weſens, um nicht mit fortgeriſſen zu werden in dieſen gewaltſam hef⸗ tigen Ausbruch der verwilderten Natur. Endlich gelang es ihr, die ſtürmiſchen Wogen ſeiner Bruſt in etwas zu beruhigen, und ihn ſo weit zu ſich ſelbſt zu bringen, daß er ihr und ſich klare Auskunft geben konnte über Das, was ihn hierher geführt hatte, und was bis hier⸗ her mit ihm geſchehen ſei. Er hatte, ſeit er in Thurn's Dienſte getreten war, viel mit Wolodna und Xaver verkehrt, ohne zu wiſſen, daß jener der Vater, dieſer der Gatte Thereſens ſei, den er nie geſehen zu haben vermeinte. Er wußte, ſowenig wie Xaver ſelbſt, daß ſie ſchon vor Jahr und Tag ſo gewaltſam zuſammengetroffen waren auf ihrer Lebensbahn. Nur wie Xaver mit Wolodna zuſammenge⸗ höre, war ihm bekannt, deshalb war er Beiden in roher Treue und Kriegskameradſchaft ergeben. Stets im Kriegsdienſt beſchäftigt, hatte er Thereſen ſelbſt nie geſehen. In Xaver's und Thurn's Auftrage hatte er jetzt Mansfeld aufſuchen ſollen; doch er fand die Wege überall ſo verlegt durch die Kaiſer⸗ lichen, daß er trotz aller Gewandtheit nicht bis zu ihm durch⸗ dringen konnte. Er ſah ſich endlich genöthigt, da er als kaiſerlicher Reiter gekleidet war, ſich einem Trupp, der dem großen Heere zuzog, als Verſprengter anzuſchließen und 20 förmlich dienſtthuend einzutreten, um nicht Verdacht wider ſich zu erwecken. Auf dieſe Weiſe war er unverrichteter Sache zurückgekehrt und hatte ſich der Schlacht auf Seiten der Verbündeten anſchließen müſſen. In verworenen Reden, von Schluchzen und bußfertigen Ausrufungen unterbrochen, theilte er Thereſen ſeine Schickſale mit. „Und was führte Euch jetzt hierher, mitten in der Nacht auf das Schlachtfeld“, fragte ſie,„und wie entſtand der Kampf, in dem ich Euch ſah?“ 1 „Seht Ihr“, rief Kaspar Schwarz aus,„das iſt es ja eben, wofür ich zerknirſcht und bußfertig in die Knie ſinken muß, vor unſerem allwaltenden Herrgott im Himmel, daß gerade Ihr mich hier erretten mußtet, wo es, bei allen Teufeln, ſchon ſo gut als um mich geſchehen war!“ „Doch was führte Euch hierher— ganz allein?“ „Laßt mich doch nur zu Worten kommen“, antwortete Kaspar tiefathmend.„Das iſt ja eben der Teufel! Wie Gottes Wege— der Himmel verzeih mir's, aber ich habe ſo oft darüber geſpottet— kreuz und quer zuſammenlaufen! Ich hatte mich einem Fähnlein von Boucqoui's Dragonern angeſchloſſen. Wir hielten da oben, und ſahen, wie die Bataille anfing. Wir ſind gar nicht recht ins Gefecht ge⸗ kommen; ich ſchere mich auch den Teufel darum, und danke Gott dafür, denn es war mir nicht darum zu thun, böh⸗ miſche Köpfe zu ſpalten, wir Ihr wol denken könnt. So ſchauten wir denn dem ganzen Betteltanz zu, recht bequem. Der Prinz von Anhalt— ich kannte ſja ſein Regiment, griff an wie der Donner und das Wetter.*⁴) Aber der alte Graubart, der Tilly, hatte aufgepaßt wie ein Habicht. Er hat ſchon ſo einen kahlen Habichtshals, der ganze Kerl. *) Hiſtoriſcher Ausdruck. 21 Nun, wie die Kraatz'ſchen Halunken ihn in der Flanke enterten— den Prinzen meine ich,— da ging's bald drüber und drunter. Es war eigentlich gar keine Action. Die Hundsfötter, die Ungarn ergriffen zuerſt das Haſenpanier und nahmen dort drüben Reißaus nach der Moldau! Der Satan hat ſie Alle erſäuft, hoffe ich,— aber das Laufen ſteckt an, die Böhmen liefen auch....“ Thereſe zitterte vor ungeduldiger Spannung und vor Kälte, bei dieſen weitläufigen Ergießungen Kaspar's.„Sagt mir nur was Ihr hier wollt.“ „Gleich, gleich! Es muß aber doch in Ordnung ge⸗ ſchehen. Seht, ich dachte, ich könnte hier noch einen oder den andern guten Kameraden— denn die Böhmen ſind jetzt meine Kameraden— auffinden, den ſonſt vielleicht der Teufel holte in der kalten Nacht. Ich wußte ja, daß Haupt⸗ mann Nechodom....“ „Er ſelbſt— was wißt Ihr“, rief Thereſe zitternd vor Erwartung. „Nun hier, wo wir r ſtehen, hier herum heißt das, hier hatten ſie ſich ja gefaßt! Vielleicht findeſt du ſogar den Prinzen ſelbſt hier, dachte ich.“ „Den Prinzen? Und Xaver war an ſeiner Seite, hier, hier auf dieſer Stelle?“ rief Thereſe außer ſich. „So laß uns ſuchen! Jedes Angeſicht beleuchten.“ „Verſteht ſich! Ich war ſchon bei der Arbeit. Der Halunke, der Zaloska, hat mich ja nur geſtört! Das verdammte Marodeurzeug fällt ja auf die Schlachtfelder wie die Raben aufs Galgenfeld! Plündern wollte der Hund! Er dachte gewiß auch, gefangen iſt der Prinz nicht, wie ſie erſt glaubten, alſo liegt er hier! Und ein Prinz hat doch etwas an und bei ſich!“ „Naver war an ſeiner Seite!“ wiederholte Thereſe noch⸗ 22 mals und zog Kaspar bei der Hand fort, um die Stellen zu durchforſchen, wo Todte lagen. „Nicht hier hinauf, weiter links müſſen wir uns hal⸗ ten, ich wollte eben dahin, als mich der giftige Höllenhund von hinten niederſtechen wollte. Sein hämiſcher Dolch glitt nur an meiner Halsberge ab. Wir haben freilich noch ſo einen kleinen Strauß miteinander abzumachen, und ich kann's ihm nicht verdenken, wenn er mich nicht vor Liebe auffreſſen will. Nur der Teufel weiß, wie er ihn gerade hinter meine Fährte gebracht hat; allein unſer Herrgott brachte Euch! Es war beim Satan um mich geſchehen, und hätte ich nicht den Schuppenhandſchuh angehabt, daß ich in ſeinen Dolch greifen konnte, er ſtak mir einen Fuß tief in der Kehle. So ſchleuderte ich das Mordeiſen weit ins Feld; aber ich ſtolperte in der Sturzackerfurche, fiel lang auf den Rücken, und nun warf ſich die Beſtie über mich und wollte mich erwürgen. In die Hölle will ich fahren, wenn es nicht die höchſte Zeit war, daß Ihr kamet!— Ja unſer Herrgott macht die Augen auf, auch im Finſtern!“ rief er wieder aus, ſchlug die Hände gefal⸗ ten zuſammen und weinte laut, es war ſchwer zu ſagen, ob jauchzend oder jammernd.—„Nun will ich aber mit Euch das Schlachtfeld recognosciren bis an den hellen Morgen, und jedes abgeſchoſſene Bein will ich wie ein Schweißhund beſchnüffeln, und herauswittern, ob es einem von den Eurigen gehört.“ In dieſem Geſpräch ſchritt er an Thereſens Seite hin, die immer ſuchend vorwärts drang, und half ihr mit ſeiner rüſtigen Kraft und völligen Furchtloſigkeit das grauenvolle Geſchäft vollbringen, die Todten, wo es Noth war, umzu⸗ wälzen und ihnen ins Antlitz zu leuchten. Alles vergeblich! Auf der richtigen Stelle befanden ſie —VQ—ͦ—Z—x—’O—⏑—:QHQ: Fͤ˙˖ñQ:ß2ꝛ2ꝛ·—— ſich, das erkannten ſie an den Harniſchen und Helmen der Gefallenen, und an den Feldzeichen der Hauptleute, die ſie hier und dort auffanden. Doch von dem Prinzen oder von aver keine Spur! „Sollten ſie gefangen ſein“, ſeufzte Thereſe auf, indeß mit einem neuen Anflug von Hoffnung, daß auf dieſe Weiſe ihr Leben gerettet ſei. „Nein, ich glaub's nicht! Wäre der Prinz gefangen worden, das hätten wir erfahren; von ſolch einem Fang ſpricht man. Und Hauptmann Nechodom? Wenn der ſich gefangen nehmen läßt, ſo.... nun ins Teufels Namen, mit geſunden Gliedern wird ihn Keiner erwiſchen. Ich habe mich auch umgeſehen.... Teufel und Wetter! Beinah hätte ich im Schnee gelegen! Man tritt hier auf allerlei Gerumpel, Gliedmaßen und Harniſche und Helme, und weiß der Teufel was! Auf der eiſernen Nachtmütze hier bin ich ausgeglitten!“ Er griff nach dem Boden und hob einen Helm auf, über den er geſtolpert war. Thereſe ließ das Licht darauf fallen. „Gott! Sein Helm“, rief ſie aus,„dieſes Band habe, ich ihm ſelbſt daran befeſtigt!“ Sie entriß Kaspar den Helm und betrachtete ihn nochmals, und ein Strom von Thränen brach aus ihren Augen hervor. Doch als ſchäme ſie ſich der weichen Rührung, jetzt, wo es zu handeln galt, rief ſie ſogleich Kaspar auf:„Nun laß uns hier weiter forſchen; er lebt, oder wir finden ſeine Leiche!“ „Und ſollte ich den Boden durch ein Sieb treiben! Finden müſſen wir ihn“, rief Kaspar eifrig. Der Platz war zerſtampft von Roſſen; Helme, zer⸗ brochene Piken und Schwerter lagen umher; doch keine Leiche. 24 Thereſe blickte verzweiflungsvoll um ſich.„Naver!“ rief ſie in die Nacht hinaus, doch das Brauſen des Windes, das ſich wieder ſtärker erhob, übertönte ihre Stimme. „Nicht ſo laut“, warnte Kaspar Schwarz.„Man weiß immer nicht, ob's geheuer iſt. Laßt uns etwas weiter hin⸗ aufgehen, das Gefecht hat ſich dort hinübergezogen!“ Sie hatten kaum zwanzig Schritte vorwärts gethan, als ſie auf den Leichnam eines Pferdes ſtießen. Bald darauf ein zweiter, und hinter dieſem war das Feld mit Todten bedeckt. Mit fliegender Haſt eilte Thereſe von einem zum andern; vergeblich, und immer wieder vergeblich! Nur fremde, wilde, vom Todeskampf verzerrte Geſichter ſtarrten ihnen entgegen. Ihre Kraft, durch die äußerſte Anſpannung überangeſtrengt, begann zu verſagen. „Hier iſt's bunt hergegangen; Freund und Feind durch⸗ einander, murmelte Schwarz.„Hier verlohnte es noch der Mühe, dabei geweſen zu ſein; hätten ſie ſich überall ſo geſchlagen, wer weiß, wem heut das Schlachtfeld gehörte!“ „Nichts und immer nichts— meine Hoffnung ſinkt dahin“, ſeufzte Thereſe erſchöpft. Sie ſetzte ſich auf einen großen Feldſtein, von dem der Wind den Schnee wegge⸗ weht hatte. „Das iſt ein hartes, kaltes Bett, junge Frau“, ſagte Schwarz gutmüthig,„ſteht auf von dem Stein, es tünt Euch nicht gut ſtill zu ſitzen!“ „Ein hartes, kaltes Bett!“ wiederholte Thereſe ſeine Worte tief aufſeufzend und blickte umher auf den halb beſchneiten, halb ſchwarzfeuchten Boden rings um ſie.„Ja er iſt hart und kalt gebettet worden, wenn er hier ruht— wenn ich ihn hier finde.“ „Steht auf, ſteht auf!“ bat Kaspar und nahm ſie bei der Hand. 25 „Ich bin zu erſchöpft“, antwortete ſie und ſank in ſich zuſammen. „So will ich denn noch Die anſehen, die hier weiter oben liegen; Viele ſind es nicht mehr. Dort muß das Gefecht ſein Ende erreicht haben.“ Er entfernte ſich, die einzelnen zerſtreut liegenden Leich⸗ name nachſehend. Thereſe wollte ihm folgen, ſie vermochte es nicht; ſie war wie gelähmt. Es überlief ſie ſchauernd. „Soll auch ich hier das Ende meiner Tage finden? Mein Xaver!“ rief ſie mit gebrochener Stimme und dachte bei dem Namen ihres Gatten auch an den ihres Knaben.„Nein, ſo iſt es nicht beſchloſſen dort oben“, ſagte ſie ſich muthi⸗ ger aufrichtend,„die Prüfung iſt hart, aber ich werde ſie überdauern! Ich kann meinen Fuß nicht umſonſt hierher geſetzt haben!“ Ihr Blick war hoffend und betend nach oben gerich⸗ tet; das Gewölk theilte ſich und der Mond ſandte einen milden Strahl herab. Der Wind ſchwieg einen Augen⸗ blick. Da war es ihr, als vernehme ſie einen leiſen Seufzer. Sie horchte auf wie ein Reh, das den Ver⸗ folger ſpürt. „Noch einmal! Ja.... hier lebt noch ein Weſen außer mir!“ Sie flog empor, ſie lauſchte mit vorgebeugtem Körper, ihr Fuß folgte dem Ohr, ſie irrte einige Schritte weiter— da lag ein Körper hinter einem Erdrande— ſie leuchtete hinab —„Xaver!“ rief ſie aus und ſank auf die Knie.„Er iſt's, er lebt!“ Und über ihn gebeugt umfingen ihre Arme den Geliebten, ihre heißen Lippen preßten ſich auf ſein kaltes Antlitz.„Xaver, Xaver!“ weinte ſie. Der Todesmatte fühlte eine neue warme Lebensregung, Rellſtab, Drei Jahre. IV. 2. 2 —— 26 ſeine Hand bewegte ſich leiſe, ſein Auge öffnete ſich,„The⸗ reſe“ hauchte ſeine Lippe. Und die himmliſche Blüte heiliger Treue und Liebe öffnete auf dem nächtlichen Felde des Todes ihren lichten Kelch und duftete Seligkeit in zwei Herzen. —— Von Thereſens Armen ſanft umſchloſſen, richtete kaver ſich empor, der warme Hauch des Lebens kehrte in den Erſtarrten zurück und er fühlte, daß die Flamme des Daſeins noch nicht erloſchen ſei. 1ſ Kaspar Schwarz kam zurück.„Nichts, nichts da oben, Alles kalt wie Stein“, begann er von weitem, als er noch nichts weiter ſehen konnte als die matt leuchtende Flamme. Doch plötzlich ſah, ahnte, erkannte er. „Was alle Teufel“, brach er aus,„gelobt ſei der all⸗ mächtige Gott“, änderte er ſich beſinnend das Wort— „Ihr habt ihn? Er lebt?“ Raſchen Schrittes war er heran.„So wahr ich Kaspar Schwarz heiße, eine größere Freude hab' ich in meinem ganzen Leben nicht gehabt“, rief er und faßte Xaver's Hand.„Aber wo ſitzt's Euch? Iſt Euch ein Glied zerſchoſſen? Nun müſſen wir Hülfe ſchaffen.— Ein Hieb über den Schädel! Hm!“ er nahm die Laterne und beleuchtete die Stelle—„Hm! Wird nichts ſein, ſonſt hätte Euch der.... ich meine, Ihr wäret dann ſchon maustodt.“ „Ich habe nur viel Blut verloren— das ermattet“, antwortete Xaver.„Auch der linke Arm iſt verwundet.“ „Zeigt doch! Der Hieb hat gefleiſcht, aber er iſt doch halb flach gefallen!— Iſt nicht der Rede werth!— Sind die Beine noch feſt? Werdet Ihr gehen können? Verſteht 4 ſich, daß ich Euch helfe!“ „Ich hoffe, obgleich ich einen Lanzenſtich bekommen habe.“ „Zeigt doch! Bah! Abgeglitten! Keinen halben Zoll — — 27 tief!— Um das Alles braucht Ihr nicht bange zu ſein, gute Frau!— Da hatte Euer Schuß mich damals zu Linz beſſer gefaßt, Hauptmann! Verbinden müſſen wir Euch aber. Ich habe allerlei im Bruſtlatz unterm Collet. Das deckt immer mit, wenn eine verfluchte Kugel kommt.— Ja, wenn ich meinen Rappen hätte!“ So ſchwatzte Kaspar Schwarz fort, indem er mit der Erfahrung des alten Reiters die Wunden KXaver's unter⸗ ſuchte, während Thereſe die Linnentücher, die ſie fürſorglich mitgebracht, zerriß, um die Wunden zu verbinden. „Alle Donner und Teufel!“ rief er plötzlich,„daß ich dummer Hund nicht daran dachte! Trinkt einmal! Ich habe ja noch einen Reſt Ungarwein in der Feldflaſche! Echten Tokayer! Meine letzte Beute! Geſtern habe ich einem ungariſchen Hauptmann die Piſtolenhalfter ausge⸗ räumt, wo der Kerl ſtatt der Piſtolen zwei Flaſchen ſtecken hatte.— Weiß der Donner, es iſt aber wahrhaftig nur noch ein einziger Schluck!“ rief er ärgerlich, indem er die Flaſche hervorzog und ſie gegen die Laterne hielt.„Ich möchte mir die Zähne einſchlagen, daß ich Alles ſelbſt hinuntergeſchluckt habe; es war aber zu verteufelt kalt.“ Xaver ſog begierig den kleinen Ueberreſt des erwärmen⸗ den, ſtärkenden Weins ein. „Ich fühle neues Leben in den Adern“, ſagte er erquickt. „Mein Xaver! Gewinnſt du Lebenskraft?“ fragte The⸗ reſe glückſelig. „Es iſt bei Gott im Himmel zu wunderbar!“ rief Kas⸗ par Schwarz plötzlich aus und brach wieder in ſein wildes Weinen aus.„Aber ich will auch fromm werden und beten! Ich möchte ein Kapuziner werden und Tag und Nacht auf den Knien liegen!— Doch mit dem Geheul richten wir nichts aus“, unterbrach er ſich ſelbſt.„Wir wollen 2* „ machen, daß wir fortkommen. Der Teufel könnte die Gift⸗ kröte, den Zaloska, wieder herführen! Daß ich überall, wo ich gehe und ſtehe, auf die Klapperſchlange ſtoßen muß! Er iſt zwar ausgeriſſen, wie wenn der Satan hinter ihm wäre, dem er doch nicht entlaufen wird— aber wenn er das Licht ſieht,— blaſt es aus, rathe ich. Der blaſſe Mond leuchtet uns genug und wir haben ja nun, was wir ſuchen!“ „Er hat Recht“, ſagte Yaver mit matter Stimme. Kas⸗ par hatte ſeinen Rath ſchon ausgeführt. „Nun, verſucht einmal, ob Ihr auf den Beinen ſtehen könnt“, ſagte er, indem er Xaver kräftig unter die Achſeln faßte und ihn emporhob.„Geht's?“ „Ich glaube wol!“ „Aber den Harniſch herunter, der kann uns jetzt nichts helfen!“ Er machte ſich eilig daran, ihn Xaver abzu⸗ ſchnallen.—„So! Nun den Mantel über; jetzt mar⸗ ſchirt! Beim Teufel! Es geht prächtig! Gelobt ſei Jeſus Chriſtus! Ich bin ſo vergnügt, als hätte ich die Schlacht gewonnen. Nun folgt mir! Wenn Ihr ein kleines Stünd⸗ chen gehen könnt, ſo bringe ich Euch ſicher unter für die Nacht, uns alle Drei. Und morgen ſchaffe ich Euch nach Prag! Verlaßt Euch auf mich!“ Thereſe drückte dem wilden treuen Kerl mit ſtillem Dank die Hand. Sie gingen; Xaver auf Beide geſtützt. „Halt einmal!“ ſagte Kaspar Schwarz. Wir müſſen hier noch allerlei mitnehmen!“ Er beugte ſich auf einen Todten, der im Wege lag, hinunter und ſagte:„Das iſt Einer von den Kraazern; ein Stück Offizier ſogar. Gebt her Euer buntes Fell, Herr, Ihr könnt es doch nicht mehr gebrauchen!“ Und damit nahm er ihm die Feldbinde ab, zog ihm das Collet aus und raffte den Federhut auf, der daneben lag.—„Das muß Euer Wams werden, Haupt⸗ mann Nechodom, in dem bairiſchen Collet könnt Ihr durch die ganze Armada und in die Stadt, wenn die Kaiſerlichen ſie beſetzen. Und wenn die Böhmen die Stadt hätten, wird Euch wol Euer Name hineinhelfen.“ So ſorgte der umſichtige, kriegserfahrene Reitersmann zuvor. „Hier unten muß ein Brückchen ſein, da kommen wir übers Waſſer“, ſagte er, nachdem ſie einige Zeit vorwärts gegangen waren.„Es iſt daſſelbe, wo Graf Tilly die Reiter übergeſchickt hat. Drüben nehmen wir den Weg rechts am Dorfe vorbei— die Bauern ſind zum Teufel gelaufen, aber die Häuſer ſtecken voll Kaiſerlicher; Ver⸗ wundete und Geſindel, Alles hat dort untergeduckt, denn der Wind pfeift verflucht kühl. Hinterm Dorfe im Walde weiß ich eine verlaſſene Hütte, das Neſt iſt unbeſetzt, ver⸗ laßt euch drauf.“ „Euch ſandte uns Gott zum Retter“, ſagte Thereſe, „was hätte ich allein vermocht!“ Plötzlich ſtand ſie ſtill.„Und mein Vater“, rief ſie weinend.„Er bleibt vielleicht hülflos hier in der rauhen Nacht!“ „Dankt Gott, daß wir Einen gefunden haben“, ent⸗ gegnete Kaspar.„Euren Vater, den alten, kreuzbraven Kerl, helfe ich morgen ſuchen! Jetzt wollen wir froh ſein, wenn wir Den hier ſalviren! Wollten wir's auf alle Beide richten, könnten wir leicht unſern Hauptmann hier wieder drangeben, und den Alten kriegten wir doch nicht. Allzu viel iſt ungeſund.“ So roh tröſtend, aber im Recht, drängte er vorwärts. Sie gingen langſam weiter durch die ſtürmiſche Nacht.— Glücklich kamen ſie auf der kleinen ſchmalen Brücke über den Bach. Kaspar mit ſeinem kriegsgeübten Auge hatte den Weg genau getroffen. IJenſeit der Brücke war eine Feldwacht. Sie mußten hart daran vorbei. Doch keine Schildwache rief ſie an. Die Leute lagen im tiefen Schlaf um das faſt erloſchene Feuer. Leiſe umſchlichen ſie den Kreis und ſtreiften jen⸗ ſeits an den letzten Hütten des Dorfes hin. Alles lag in Todesſtille. Sie erreichten den Wald; der Mond ging unter. Tiefe Finſterniß ſenkte ſich herab. Dennoch tappte Kaspar Schwarz ſich glücklich hindurch bis zu der Stelle, die er ſuchte. Eine verlaſſene Waldhütte, wie denn aus dem ganzen Dorfe und faſt allen Dörfern der Gegend die Bewohner geflüchtet wa⸗ ren, gab ihnen ein erträgliches Obdach. Kaspar, deſſen Eifer ſo wenig ermüdete wie ſeine Kraft, raffte ſchnell Moos zuſammen, aus dem er den Schnee ſchüttelte, und ſchnitt Fichtenzweige von den Bäumen, um ein Lager zu bereiten.„Seht ihr“, rief der wilde, treue Menſch in der Freude, Gutes thun zu können,„das iſt ein Bett, darauf kann ein König ſchlafen. Streckt euch nur hin, hier haben wir Ruhe.“ Sie thaten es alle Drei. Die Ermattung des Körpers bis zum Tode lag jetzt ſchwerer auf Thereſen und Xaver als das ſchwere Verhäng⸗ niß! Die Gnade des Himmels hat dem Menſchen auch ein Maß des Duldens und der Schmerzen gegeben, das nicht überfüllt werden kann. Erſchöpfung iſt die Wohlthat, die jeglicher Qual ihre Grenzen ſetzt; ſelbſt auf der Folter, nach dem höchſten Grade der Martern, beſchleicht den Unglück⸗ lichen der rettende Schlaf. So erlöſte auch hier der erſchöpfte Körper die duldende Seele und gewährte ihr die Wohlthat völliger Bewußt⸗ loſigkeit. 31 Zwanzigſtes Capitel.„ Ein düſtrer Morgen war der ſchreckenvollen Nacht, welche die Bewohner Prags durchlebt hatten, gefolgt. Mit der erſten Dämmerung ſammelten ſie ſich ſchon wieder auf den Straßen, auf dem Großen Ring, um zu vernehmen, was ſich über Nacht begeben habe, wie ſich das Geſchick, das ſie mit angſtvoller Ungewißheit bedrohte, geſtalten werde. In dunklen, leiſe murmelnden Gruppen ſtanden die Bürger beiſammen; Jeder fragte und forſchte, Wenige wußten etwas zu berichten. Das Kriegsvolk war noch immer in zuſammengerotteten Schaaren gelagert auf den Plätzen, in den Straßen, ſogar in den Kirchen, wie ſich's eben traf. Viele hatten auch gewaltſam ganze Häuſer beſetzt und mit gröblichem Unfug alle Räume darin in Beſchlag genommen. Die Soldaten zeigten ebenſo trotzige, drohende Geſichter, wie die Bürger verzagende. Der größte Theil der Mannſchaften hatte rück⸗ ſtändigen Sold zu fordern. Auf ungeſtüme Weiſe verlang⸗ ten ſie dieſen jetzt oder drohten der ganzen Stadt mit Plün⸗ derung. Die Führer gedachten noch Verträge, Capitulationen zu ſchließen gegen Unterpfand. Dem gemeinen Soldaten dünkte das zu unſicher und langwierig. Er wollte ſich ſo⸗ fort bezahlt machen.— Einige ſprachen von Plünderung der königlichen Schatzkammer, der öffentlichen Kaſſen, ja der Kirchen. Die Einzelnen wollten lieber unmittelbar von den Bürgern ihre Forderungen erpreſſen und hatten an manchen Stellen ſchon damit begonnen. Schon ſingen die Bande des Geſetzes an ſich zu löſen. Der Freund wurde 9 32 gefährücher als der Feind! Das Geſchick der Plünderung mit allen Schrecken in ihrem Gefolge ſchwebte zwiefach üher der unglücklichen Stadt: durch die unbefriedigten Söld⸗ ner und durch den eindringenden Feind. Auf dem großen Ring der Altſtadt am Rathhauſe ſam⸗ melten ſich die Hauptmaſſen der Bürger. Am obern, ver⸗ engten Ende des Platzes, nach der Brücke zu, entſtand ein Zuſammenlauf. „Was mag es da drüben geben, Freund“, fragte Mar⸗ tin Frühwein, der mit Tobias Steffeck von der an⸗ dern Seite des Platzes kam, einen ihnen entgegenkommenden Bürger. „Sie ſtreiten ſich um einen Wagen, Herr; er ſoll zum königlichen Gefolge gehüxen, antwortete der Gefragte und wollte weiter. 4 „Vom königlichen Gefolge?“ hielt ihn Frühwein er⸗ ſtaunt fragend an.„Wie das? O gebt mir noch nähere Auskunft, wenn Ihr das könnt, ich bitte Euch!“ „Ach Herr, laßt mich nach Hauſe, und nach Weib und Kind ſehen!“ antwortete der Bürger.„Die Pickelhauben führen greuliche Reden! Der König iſt davon, nun hören Geſetz und Ordnung auf!“ „Der König davon?“ rief Steffeck unterbrechend.„Was ſagt Ihr?“ „Ja, über Nacht! Er läßt uns im Stich! Den Wa⸗ gen haben ſie hier ſtehen laſſen.— Gehabt Euch wohl, ich muß nach Hauſe!“ Der Mann eilte vorüber, verſtörten Angeſichts, wie alle Bürger. „Laßt uns einmal näher dahin gehen“, ſagte Sun wein;„daß der König flüchten wollte, wußte ich freilich 33 33 ſchon. Doch ich hoffte noch, er werde es nicht ausführen— Nun wäre es alſo dennoch geſchehen!“ 88 „Aber wohin?“ fragte Steffeck. „Vielleicht erhalten wir nähere Auskunft dort drüben“ war Frühwein’s Antwort. Sie eilten über den Ring, dahin, wo das Getümmel ſtattfand. Kriegsleute und Straßengeſindel von üblem Aus⸗ ſehen drängte ſich um den Wagen; viele Bürger ſtanden neugierig umher. Das Geſindel und die Bewaffneten lärm⸗ ten durcheinander. „Was gibt es hier, Freunde“, fragte Frühwein. „Sie wollen den Wagen plündern! Mit Mühe wehren die paar Leute, die dabei ſind, dos nichtswürdige Volk ab!“ „Plündern?“ fragte Steffeck asäli „Sie reden freilich nur von Du chen— aber man weiß, was das bedeutet! Wo die(er zeigke auf etliche Sol⸗ daten, die beutegierig auf den Wagen ſchauten) durchſucht haben, da wird ein Andrer nicht mehr viel finden!“ „Doch wie kommen ſie dazu, gerade dieſen Wagen plündern zu wollen?“ „Er gehört zum Hofſtaat des Königs; ſie behaupten, Gold und Juwelen würden darin fortgeſchleppt!“ „Ja“, rief ein zerlumpter Kerl mit erhitztem Geſicht, „ſo iſt's auch! Der König läuft davon und will mit⸗ nehmen, was des Landes Eigenthum iſt!“ Während ſie ſprachen, entſtand lautes Geſchrei und ein Trupp drängte gegen den Wagen. Frühwein und Steffeck wandten ſich dahin um. „Iſt das nicht der pfälziſche Rath dort mitten unter dem Geſindel?“ fragte Steffeck. „Rath Rippell, freilich!“ rief Frühwein erſtaunt. 2** . 4 . 2 Beide hatten ihr Auge auf den redlichen Diener des Königs gerichtet, der mit flehend erhobenen Händen dem wilden Pöbel entgegentrat und ihn abzuhalten ſuchte. Bür⸗ ger und pfälziſche Dienſtleute und einige Bewaffnete leiſteten ihm Beiſtand und wehrten den Andrang gegen den Wa⸗ gen ab. „Erſt müßt ihr mich tödten!“ rief Rippell mit lauter Stimme,„ich habe das Eigenthum meines Königs zu beſchützen!“ „Wir müſſen ihm beiſtehen; der unglückliche Mann wird ſonſt gemishandelt“, ſagte Frühwein und drängte mit Stef⸗ feck durch die Menge. Martin Frühwein war ſo gekannt und ſtand ſo in An⸗ ſehen, daß ſein Erſcheinen ſelbſt bei dieſem wilden Haufen einigen Einfluß übte. „Seht da, Herr Frühwein!“ „Er war einer von den dreißig Directoren!“ „Da iſt der Procurator Martin Frühwein“, murmelten die Stimmen durcheinander. „Was wollt ihr hier für Gewaltthat üben, Freunde!“ erhob Frühwein ſeine Stimme.„Achtet doch Ordnung und Geſetz! Euch ſelbſt trifft es am ſchwerſten, wenn ſie zer⸗ trümmert werden!“ „Ordnung und Geſetz! Der König iſt davon!“ rief ein wilder Kerl aus der Maſſe.„Wo iſt dann Ordnung und Geſetz? Wer hat noch zu befehlen!“ „Liebe Freunde!“ bat Steffeck, der indeß ſchon einige Einzelne, die er erkannte, beſchwichtigt hatte;„haltet doch Frieden und Eintracht! Von außen drängt uns der Feind! Wenn wir jetzt ſelbſt in unſerer eigenen Stadt Zwietracht und Kampf aufkommen laſſen, ſind wir ganz verloren!“ „Ja, wir ſind verloren“, ſchrie der wilde Unhold aber⸗ mals;„aber der König rettet ſich! Und das Gold und die Schätze des Landes will er noch mit davonnehmen!“ „Ich beſchwöre euch, liebe Herren“, bat Rippell zu Frühwein und Steffeck gewandt,„haltet das Volk ab von der Plünderung dieſes Wagens. Er gehört dem König, ich bin für Alles, was er enthält, mit Ehre und Leben verantwortlich, und ich will lieber das letzte laſſen als die erſte einbüßen!“ Indeß hatte ſich eine Anzahl von Lanzenknechten, die ohne für oder wider die Flucht des Königs zu ſein, nur an die Beute dachten, zuſammengeſtellt und machten Miene, einen Angriff auf den Wagen zu unternehmen. „Der Wagen iſt ja aber ohne Beſpannung“, ſagte Steffeck zu Rippell,„haben dieſe Leute ſchon die Pferde ausgeſpannt?“ „Nein, lieber Herr“, antwortete Rippell,„es fehlte bei der Flucht an Pferden, und vom Hofgeſinde waren Viele ſo eifrig bedacht, davonzukommen, daß ſie hier auf dem Markte mitten in der Nacht die Pferde dieſes Wa⸗ gens abſpannten und ihn ſtehen ließen*), um ihre eige⸗ nen ſchweren Kutſchen, die nicht eilig genug vorwärts konn⸗ ten, damit zu beſpannen.— Und in dieſem Wagen“, raunte er den beiden Männern zu,„ſind die wichtigſten Papiere des Königs, die pfälziſchen Kronjuwelen und die der Kö⸗ nigin! Ich bin ein verlorner Mann, wenn dieſe Schätze geraubt werden!“ Der Söldnertrupp erhob ein lautes Geſchrei und ſtürmte mit gehobenen Schwertern und vorgeſtreckten Lanzen gegen den Wagen an. Die wenigen Diener und Soldaten, die *) Hiſtoriſch. Rippell zu ſeinem Beiſtande hatte, ſchloſſen ſich aneinander, um wacker Stand zu halten. Rippell in ſeiner Pflichttreue warf ſich, wiewol ganz unbewaffnet, muthvoll den An⸗ ſtürmenden entgegen. Frühwein und Steffeck ſprangen ihm zur Seite und riefen laut die rechtlichen Bürger auf, die Plünderung zu hindern. Einige folgten der Aufforderung, doch das üble Geſindel benutzte den günſtigen Augenblick, ſich von der andern Seite auf den Wagen zu ſtürzen. Ein halbes Dutzend Habgieriger ſchwang ſich hinauf. Jetzt wa⸗ ren auch die Kriegsleute nicht länger zurückzuhalten. Rip⸗ pell wurde zu Boden geworfen, Frühwein und Steffeck über Seite gerannt, die Andern in die Flucht gedrängt. „Holla! Was gibt's hier“, tönte plötzlich eine Stimme, die das Getöſe mächtig überſchallte, und zugleich ſprengte ein Reiter im ſchwarzen, pelzverbrämten Wams, den Herren⸗ mantel über der Schulter und den Federhut auf dem Haupte, mit gezogenem Schwerte mitten in die Maſſe. Ein Trupp von etwa zwanzig Mann folgte ihm zu Pferd. „Zurück! Oder ihr ſeid des Todes“, rief der Führer mit erhöhter Kraft der Stimme und ſtieß Einen, der ſich ſchon auf den Wagen geſchwungen hatte, ſo mit dem Schwert⸗ griff in den Nacken, daß er ſich überſchlug und hinabſtürzte. Jetzt ſprangen auch die Andern erſchreckt wieder hinunter. Es war der entſchloſſene Olbramowitz, der, ohne zu wiſſen, um was es ſich eigentlich handelte, dieſen zügel⸗ loſen Ausbruch hemmte. „Herr Rath Dworſchetzki“, rief ihn Frühwein an, der ihn ſtaunend erkannte,„Ihr kommt zur rechten Zeit, das Eigenthum des Königs zu ſchützen. Der Wagen gehört Sr. Majeſtät!“ Rippell hatte ſich indeſſen wieder emporgerafft und wandte ſich gleichfalls gegen Olbramowitz.„Ich bin ver⸗ 7 ◻7 antwortlich für das Eigenthum meines Fürſten und bitte Euch um Euren Schutz, Herr Ritter!“ „Ihr habt ihn ſchon!“ antwortete Olbramowitz, dem die hohen Jahre weder den Muth noch die Rüſtigkeit ge⸗ nommen hatten, kurz und kräftig.„Der iſt des Todes, der mit einer Fingerſpitze noch an dieſen Wagen rührt!“ drohte er gegen die Maſſe.„Wie? Seid ihr raſend? Der Feind ſteht vor den Thoren und ihr wollt hier in der Stadt Mord und Plünderung entzünden? Fort, legt den Har⸗ niſch an, nehmt das Schwert, wie ich, eilt an die Thore, auf die Wälle. Dort gibt es zu fechten, ihr Kriegsleute!— Fort, ſage ich euch!“ rief er nochmals, als ſie zögerten und ſich Stimmen murrend erhoben. Er gab dem Pferde die Sporen und ſprengte gegen die Widerſtrebenden an. Die gutgeſinnten Bürger folgten ihm. Die Plünderer prallten zurück und wandten ſich endlich zur Flucht. Schnell war der Platz geſäubert. Nur Frühwein, Steffeck und die rechtlichen Bürger blieben. „Dank Euch, theurer Herr, wärmſten Dank in meines Herrn Namen und für mich ſelbſt!“ ſprach Rippell. „Wohin wollt Ihr den Wagen geſchafft haben, Herr Rath?“ fragte Dworſchetzki. „Ja— wo wäre jetzt Sicherheit“, entgegnete dieſer zweifelhaft.„O daß er aus der Stadt geſchafft worden wäre!“ „Das iſt nicht mehr möglich! Die Kaiſerlichen um⸗ ſchwärmen ſie ſchon von allen Seiten auf dieſem Ufer der Moldau wie drüben!“ „Ins Schloß auf den Hradſchin vielleicht?“ meinte Frühwein. Olbramowitz ſchüttelte den Kopf.„Der Hradſchin wird bald andere Bewohner und Herren haben als bisher“, ant⸗ wortete er. „So bitte ich, Herr Ritter, laßt ihn nach meiner Wohnung ſchaffen— ich will in meiner Behauſung das Wichtigſte verbergen, ſoweit ich vermag.“ „Wie Ihr wollt!— Doch ſeht Euch vor, Herr Rath! Koſtbares wird ſich ſchwer beſchützen laſſen in dieſer Zeit!“ „Ich werde thun, was ich vermag“, antwortete der Pflichtgetreue. Olbramowitz ordnete an, daß vier der Reiter ſeines Gefolges abſaßen und ihre Pferde, ſo gut es möglich war, mit Stricken an den Wagen ſpannten.— Zwölf Mann mußten ihn zu Pferd begleiten. Während dieſe Veranſtaltungen getroffen wurden und Rippell ſie ſelbſt emſig betrieb, da er in großer Sorge war, den Inhalt des Fuhrwerks möglichſt bald in Sicher⸗ heit zu bringen, traten Frühwein und Steffeck zu Olbra⸗ mowitz und befragten ihn über Das, was zu fürchten oder zu hoffen ſtehe. „Zu fürchten Alles, u hoffen nichts!“ war ſeine finſtre Antwort. „Wie? Herr Ritter“, rief Steffeck,„wir ſollten Alles aufgeben, jeden fernern Kampf um unſer Recht, unſer Heil und Leben?“ „Seit der König fort iſt, iſt Allen der Muth gebro⸗ chen!“ war Olbramowitz Antwort.„Es gab noch Einige, die das Schwert nicht weglegen wollten.— Der junge Thurn hatte ſiebzehn Fahnen geſammelt—= Graf Schlick wollte den Kampf, der Greis Caplicz—— es iſt vorbei!“ „Doch Ihr ſelbſt ſeid in Waffen, Herr“, rief Früh⸗ wein mit ſchmerzerfülltem Tone der Stimme,„ſoll und muß denn Prag, muß Böhmen verloren ſein?“ „Es iſt!“ „Die Bürger ſind kampfbereit“, rief Steffeck,„wen ich kenne, wer mich gefragt, Alle wollen ſie die Waffen er⸗ greifen! Das halbe Heer, die Verſprengten aus der Schlacht, iſt in den Mauern der Stadt. Wir können ſie Monden lang halten!“ „O ich weiß!— Gewiß, wir könnten!“ antwortete Olbramowitz bitter.„Dennoch— es iſt zu ſpät! Den unbezahlten Mannſchaften können wir keinen Augenblick trauen — die Führer ſind fort— dieſen Morgen noch die letzten, auch Heinrich Thurn mit ſeinen Mannſchaften— denn dem Herzog Maximilian iſt ja ſchon die Unterwerfung ange⸗ tragen!“ „Die Unterwerfung!“ rief Frühwein erblaſſend.„Durch wen?— Wer hat das beſchloſſen?“ „Ich mag Keinen nennen!“ ſagte Olbramowitz und run⸗ zelte die Stirn!—„Heut Mittag zieht der Herzog von Baiern an der Spitze ſeiner Truppen in die Stadt!“ „Unglaublich! Unmöglich!“ rief Steffeck.„Graf Mans⸗ feld ſteht ihm unbeſiegt im Rücken! Bei Brandeis liegen achttauſend friſche Krieger.— In Prags Mauern haben wir zwanzigtauſend bewaffnete Arme!“ „Und dennoch iſt es zu ſpät!“ blieb Olbramowitz' Ant⸗ wort.„Wir können es nicht mehr retten, nur in einen Aſchenhaufen verwandeln!“ „ und wozu führt Ihr ſelbſt die Waffen, Herr Ritter— weshalb werft Ihr die Feder weg und führt die Reiter⸗ ſchaar.“ „Das Reich der Feder iſt vorbei!“ antwortete Olbra⸗ mowitz ſtolz.„Es kommt das des Handelns, dachte ich! Das iſt nun auch vorbei für Böhmen!— Nur für Prag führe ich noch das Schwert, Unheil zu wehren von den 40 Hülfloſen, zu ſchützen Eigenthum und Leben der Bürger und Ehre der Frauen— ſolange ich noch vermag!— Eben hat es noch genutzt....“ „Und was werdet Ihr ferner thun, was ſollen wir thun?“ fragte Frühwein.„Werdet auch Ihr flüchten— ſollen wir flüchten?“. „Fragt mich nicht“, antwortete der Ritter.„Mir iſt Alles Eins! Da Böhmen Alles über ſich ergehen läßt, ſo mag auch über mich ergehen, was da will!— Ich lege mein Haupt auf den Pfühl meines Lagers oder auf den Richtblock— mir iſt's Eins!“ „Herr des Himmels, ſprecht nicht ſolche Worte!“ rief Frühwein beſtürzt. 2 „Uebergeben wir uns denn der Willkür des Feindes ohne jegliche Bedingung?“ fragte Steffeck voll Sorge. „O nein!“ erwiderte Olbramowitz mit einem bittren Lächeln,„ſie werden dem Herzog eine Schrift mit Be⸗ dingungen überreichen— nachdem ſie das Schwert weg⸗ gelegt und ihm die Thore geöffnet haben!“ „O Wahnſinn der Muthloſigkeit!“ rief Steffeck.„Er verderbt uns, nicht der Feind!“ „So hätten Diejenigen Recht, die geflüchtet ſind!“ ſeufzte Frühwein ſchwer. „Sie haben Recht“, antwortete Olbramowitz.—„Ich aber will bleiben! Ich fürchte Alles— ich hoffe nichts— aber ich bleibe!“ Damit wandte er ſein Roß und ritt hinweg. Steffeck und Frühwein ſtanden erſtarrt. „Was hat uns dieſer Unglücksrabe prophezeit!“ ver⸗ ſetzte Frühwein endlich. „Den Nabenſtein!“ ſagte Steffeck ſchauernd. 3 . 4 41 „Ich glaube, er weiſſagt richtig!“ antwortete Frühwein tonlos. „Wenn Niemand eine Schutzbedingung für unſer Haupt geſtellt hat———— wenn der Kaiſer uns Rebellen heißt—— wenn Slawata, Martiniz, Fabricius heim⸗ kehren voll Rachegedanken“, murmelte Steffeck vor ſich hin....„Nein, nein, ich kann's nicht glauben! Das kann der Kaiſer nicht verhängen über uns, die wir unſere heiligſten Rechte vertheidigten!— Laß uns zum Grafen Wilhelm Lobkowitz, Frühwein, ihn um Rath zu fragen!“ „Kommt dort nicht Diewiß?“ fragte Frühwein. „Ja! Er iſt es“, ſagte Steffeck.„Und Valentin Ko⸗ chan geht mit ihm.— Sie werden ſich uns anſchließen.— Wir müſſen handeln, Frühwein“, fuhr er, ſich ermannend, fort;„da der König entflohen iſt, hat Böhmen kein natür⸗ liches Oberhaupt als die dreißig Directoren, die ihm die Gewalt übergeben hatten. Ich nehme mein Amt wieder auf.“ „Ich auch, und Kochan wird ebenſo denken.“ Dieſer und Diewiß waren herangetreten. Ihre bleichen Züge ſagten, daß ſie Alles wußten. Auf Steffecks Vor⸗ ſchlag, gemeinſchaftlich zum Grafen Wilhelm Lobkowitz zu gehen, erwiderte Kochan:„Was wollt ihr dort? Die Beſchlüſſe ſind ſchon gefaßt. Czernin und Pietipeski ſind hinausgeſandt zum Herzog Maximilian. Die Schrift, die Lobkowitz dem Herzog überreichen will, iſt bereits auf⸗ geſetzt; ich habe ſie geleſen.“ „Und was enthält ſie?“ fragte Frühwein geſpannt. Warum zog man mich nicht hinzu! Ich habe bisher alle wichtigen Schriftſtücke gefertigt; warum...“ „Warum waret Ihr nicht auf dem Hradſchin?“ unter⸗ brach ihn Kochan.„Die dort verſammelt Geweſenen haben die Beſchlüſſe gefaßt! Alles war das Werk des Augenblicks; 42 des Zufalls, wenn Ihr ſo ſagen wollt. Der Augenblick drängte aufs äußerſte. Es iſt das Beſte geſchehen, was ſich thun ließ, nachdem der König uns aufgegeben hatte!“ „Und was enthält eure Schrift?“ fragte Frühwein abermals. „O“, lachte Kochan bitter,„was den Inhalt anlangt, ſo iſt er gut genug! Es fragt ſich nur, was der Herr Herzog davon bewilligt! Wir haben darauf angetragen, daß unſere Religionsfreiheit geſchützt bleibe, daß die Stände ihre Privilegien behalten, ein Generalpardon gegeben, keine Gewaltthat der Soldaten in Prag verübt, noch den Bür⸗ gern Einquartierung aufgelegt wird.*) Unter dieſen Be⸗ dingungen ſoll dem Herzog und dem kaiſerlichen Heere die Stadt übergeben werden; wir unterwerfen uns dem Kaiſer Ferdinand und huldigen ihm als rechtmäßigen König von Böhmen!“ 5 Steffeck und Frühwein ſahen einander ſtaunend an. „Wenn man uns das jemals bewilligt hätte, würden wir ja die Waffen nie ergriffen haben!“ rief Frühwein aus. „Ich glaub' es auch“, antwortete Kochan mit ingrimmi⸗ gem Spott.„Nun, wir werden ja ſehen; ihr könnt's auch ſehen! Geht nur um Mittag aufs Schloß, da wird Wilhelm von Lobkowitz mit vier Andern das Schriftſtück übergeben. Vorläufig rückt der Herzog bis dorthin ein!“ „Die Thore werden ihm geöffnet?“ „Wenn wir ihn mit Kugeln von den Wällen herab begrü⸗ ßen, können wir nicht unterhandeln! Und wer will denn fech⸗ ten? Etliche Führer! Aber ſeid ihr der Leute gewiß? All des geworbenen Volks? Sie wollen Geld! Habt ihr welches? Sie rotten ſich ſchon zuſammen, um Prag zu plündern! Wir haben *) Hiſtoriſch. —— 43 fürs erſte mehr von ihnen zu fürchten als von den Feinden! Sie wollen ſogar dem Herzog von Baiern die Zahlung ab⸗ trotzen. Eben ſagt mir der alte Oberſt Roſenberg, daß die Hauptleute der Lanzenknechte zuſammengetreten ſind und den Leuten den Vorſchlag machen wollen, dem Herzog Ma⸗ rimilian anzutragen, daß ſie gegen Zahlung ihrer Rück⸗ ſtände Stadt und Land verlaſſen, ja, allenfalls in des Kai⸗ ſers Heer treten wollen! Aber wenn ſie kein Geld erhalten, wollen ſie fechten— plündern— brennen!— So ſtehen die Dinge, Freunde! Was vermögt ihr nun Beſſeres als wir?— Das Beſte, was ihr thun könnt, ſage ich euch, iſt, daß ihr heimgeht in eure Häuſer und verſteckt und ver⸗ grabt, was ihr vergraben und verſtecken könnt, und wenn ihr eine Zuflucht wißt, euch ſelbſt mit Weib und Kind dahin rettet. Das thue ich— ich wollte Prag läge tau⸗ ſend Meilen hinter mir! Gehabt euch wohl!“ Mit dieſen Worten eilte er fort; Diewiß, der kein Wort geſprochen hatte, aber bleich ausſah wie eine Leiche und am ganzen Körper zitterte, als ſchüttelte ihn das Fieber, wankte ihm nach. „Wollen wir auf den Hradſchin, Frühwein?“ fragte Steffeck,„oder zu Lobkowitz— oder nach Hauſe?“ „Doch erſt noch zu Lobkowitz“, antwortete dieſer; und ſie gingen. 44 * Einundzwanzigſtes Capitel. Der Landhofmeiſter Graf Wilhelm Popell von Lob⸗ kowitz war mit vielen der frühern Directoren, Mitgliedern der Stände und andern Freunden ſeit Mitternacht auf dem Hradſchin in der Landſtube. Dorthin begaben ſich auch Martin Frühwein und Tobias Steffeck. Volk umlagerte in düſtren Haufen die Zugänge der Burg; Oberſten, Hauptleute kamen und gingen. Die Straßen⸗ ecken und Plätze waren mit ſtarken Wachtpoſten beſetzt; doch die Leute ſtanden läſſig unterm Gewehr, man ſah ihnen an, daß ſie den Dienſt unwillig thaten und jeden Augenblick V ſich davon zu befreien hofften. Es koſtete Mühe in dem Getreibe ſich bis zum Eingang durchzukämpfen. Droben in der Landſtube ſah es ebenſo verworren aus. Ein Bote nach dem andern traf ein, einer nach dem andern wurde haſtig abgefertigt. Jeder, der da kam, brachte eine andere ſchlimme Nachricht, jeder, der fortgeſandt wurde, war der Träger eines andern vergeblichen oder unmöglichen Befehls. Düſtre Trauer, Hoffnungsloſigkeit, Verzweiflung las man in Aller Zügen. Der Greis Caplicz ſaß, von den 5 Anſtrengungen der Nacht und den ſchweren Erſchütterungen des Gemüths ganz erſchöpft, auf einem Seſſel in der Ecke; ſeine Züge drückten Schmerz, doch zugleich Ergebung aus.— Jeſſenius, Budowa und Wenzel von Rupa waren in eifriger Berathung mit vielen Schriften vor ſich. Paul von Reziczan und Johann von Smirziezki ſtanden in lebhaftem Geſpräch in der Brüſtung eben des Fenſters, 1— aus dem ſie vor zwei Jahren die Statthalter mit hinaus⸗ geſtürzt hatten. Ihre Stirn zog ſich in Falten, die die Beſorgniß vor einem gleichen Schickſal für ſie ſelbſt aus⸗ zudrücken ſchien. Wilhelm Graf von Lobkowitz empfing Botſchaften von allen Seiten. Er war in tiefer Beſtürzung und Beſorgniß, denn die Abgeordneten an den Herzog von Baiern waren ſoeben zurückgekehrt. Herzog Maximilian hatte ſie gar nicht vor ſich gelaſſen, ſondern ihnen durch Tilly zu wiſſen ge⸗ than:„Der Waffenſtillſtand ſei abgelaufen; wenn ſie auf Mitleiden hofften, müßten ſie ihm zuerſt ohne weitere Be⸗ dingungen die Stadtthore öffnen. Falls er irgend Wider⸗ ſtand erfahre, werde er die Stadt in Brand ſchießen, und wenn ſie gewaltſam genommen werde, habe Keiner, der am Aufſtand betheiligt geweſen, irgend noch auf Gnade zu hoffen!“„ So niederſchlagend dieſe Antwort war, mußte man ſich ihr dennoch unterwerfen, da es unmöglich war, noch an⸗ dere Beſchlüſſe zu faſſen; denn völliger Zwieſpalt und Auf⸗ löſung herrſchte in der Stadt. Die Bürgerſchaft der Kleinſeite war von jeher im Stillen der kaiſerlichen Sache zugethan geweſen. Sie hatte ſchon für ſich ſelbſt Abgeord⸗ nete an den Herzog geſchickt, ihm unbedingte Unterwerfung angetragen, und gefleht, ſie in Schutz zu nehmen gegen den Druck und die Gewaltſamkeit der Aufrührer, die ſie nun ſchon ſeit länger als zwei Jahren erduldet hätte*) Im Heere waren alle Bande der Ordnung und des Gehorſams aufgelöſt. Es hatte keinen angeſehenen Führer mehr; Fürſt Anhalt, Hohenlohe, Mathias Thurn waren ſogleich geflüchtet; jetzt auch Heinrich Thurn und Andere. **) Hiſtoriſch. Die Uebrigen lagen verwundet danieder oder waren ge⸗ fangen, wie der Herzog von Weimar, der Graf Stirum und Mehrere ſonſt, die, die Flucht verſchmähend, vergeb⸗ lich bis zum letzten Augenblick gekämpft hatten. Die Re⸗ gimenter und Hauptleute beriethen unter ſich. Jeder dachte nur an die eigene Rettung oder an Vortheil. Eben traf Oberſt Roſenberg ein und berichtete: Die Mannſchaften auf den Wällen hätten ihre Poſten verlaſſen!—— Die Führer hatten keine Leute, die Leute keine Führer mehr. So lagen die Dinge, das waren die Botſchaften, welche Lobkowitz empfangen hatte, als Frühwein und Steffeck ſich von ihm Raths erholen wollten. In dumpfer Verzweif⸗ lung erkannten ſie es jetzt, daß es keine andere Hoffnung mehr für das Ganze gebe, als die Gnade des Siegers, und für den Einzelnen die Flucht. Aber ſie war jetzt nach angebrochenem Tage gefährlicher als das Bleiben. Was bei nächtlicher Weile noch möglich, wenn auch gefährlich war, erſchien jetzt unausführbar. Denn ſchon ſtreiften die Feinde auf dem jenſeitigen Ufer der Moldau, eben um den einzelnen Flüchtigen die Straße abzuſchneiden. Die Dörfer dort wurden geplündert, in Brand geſteckt. Lobkowitz hatte mehrere in die Stadt geflüchtete Landleute aus Dörfern am rechten Ufer der Moldau geſprochen. Sie machten ſchrecken⸗ volle Schilderungen. Die treuloſen Ungarn, die ſich aus Feigheit zuerſt aus der Schlacht geflüchtet hatten und frei⸗ lich zum großen Theil im Strome umgekommen waren, hatten die Dörfer jenſeits überfallen, die Einwohner mis⸗ handelt, die Häuſer geplündert und angezündet. Werſcho⸗ witz und Michel lagen in Aſche. Die räuberiſchen Schaaren hatten ſich weiter nach Roſtell, Zabielitz und Straſchnitz gezogen. In der Nacht war ihnen ein großer Schwarm 47 1 von Koſacken, die als Hülfsvölker im kaiſerlichen Heere ſtanden, gefolgt. Sie waren mit den Pferden über die Moldau geſchwommen, dicht oberhalb des Wiſhehrad, bei Podol, wo eine Inſel im Strome ihnen den Uebergang erleichterte. Sie verfolgten die Ungarn, verheerten, was jene nicht vertilgen und zerſtören konnten, und beſetzten die Landſtraßen nach Budweis, Czaslau, Brandeis. Seit Tages⸗ anbruch war jede Flucht dort hinaus unausführbar. Und wer gefangen wurde, den traf das ſchrecklichſte Schickſal ge⸗ wiß; denn dieſe wilden Horden hatten an Mishandlung und Martern der Opfer, die in ihre Hünde fielen, ihre ſchauder⸗ volle Luſt. So war von allen Seiten die Rettung abgeſchnitten und von allen Seiten drohte das Unheil. Die demuthvolle Unterwerfung blieb die einzige Hoffnung das Aeußerſte abzuwenden, die Hoffnung, durch freiwillige Schmach der ſchwerſten Rache zu entgehen! „Wollt Ihr Euch mir anſchließen, Herr Procurator“, wandte ſich Wilhelm Lobkowitz zu Martin Frühwein, „und dem Herzoge, wenn er in die Stadt eingerückt, ent⸗ gegengehen?— Und Ihr gleichfalls, lieber Steffeck?— Es wäre doch gut“, fuhr er, da Beide ſchwiegen, fort, „wenn aus der Vertretung der drei Stände Mitglieder zu⸗ gegen wären!“ „Ihr werdet mich wol entſchuldigen“, antwortete Früh⸗ wein,„wenn ich mich davon zurückhalte. Es iſt Euch be⸗ kannt, wie ſehr es Herzog Maximilian mit der Geſellſchaft Jeſu hält, und gerade ich habe die Anklageſchriften und Verbannungsdecrete abgefaßt, was ihm, wie ich ſicher weiß, bekannt iſt. Es möchte ſeinen Zorn reizen, wenn er gleich bei ſeinem Einzuge in Prag auf mich ſtieße!“ „Wir werden ihm Alle gleich ſchuldig gelten“, erwiderte 48 Lobkowitz;„und ich denke, Diejenigen werden am erſten auf Milde zu hoffen haben, die ſich zuerſt beugen.“ „Exwartet Ihr denn den Herzog ſchon ſo bald?“ fragte Steffeck. „Ihr hörtet, daß die Wälle ſchon von unſeren Leuten verlaſſen ſind. Der Herzog findet kein Hinderniß mehr; ſo denke ich, es iſt das Beſte, ich ſende ſogleich Befehl, ihn einzulaſſen.“ Alles ſchwieg auf dieſen Vorſchlag.„Ja, das iſt jetzt das Beſte“, ſagte endlich der alte Oberſt Roſenberg;„ich will als Parlamentär hinausreiten und dem Herzog die Meldung machen, daß das Reichsthor offen iſt.“ In dieſem Augenblick trat der Hauptmann der Schloß⸗ wache haſtig, in ſichtlicher Beſtürzung ins Zimmer.„Um Gottes Willen, ihr Herren!“ rief er,„beeilt euch zu flüch⸗ ten oder dem Herzog von Baiern entgegenzugehen. Die Wallonen haben die verlaſſenen Wälle überklettert und ihm das Thor geöffnet. Zwei unſerer Reiter ſind eben mit ver⸗ hängtem Zügel vor das Schloß geſprengt, es uns anzu⸗ ſagen.“ „O hätten wir unſeren Beſchluß eine halbe Stunde früher gefaßt!“ rief Lobkowitz aus.— „Mir iſt's auch ſo recht“, murmelte Roſenberg vor ſich hin⸗ „So laßt uns jetzt ſogleich dem Herzog feierlich ent⸗ gegengehen, damit er ſieht, daß wir bereit waren, ihn ein⸗ zulaſſen.— Wo iſt die Schrift, Jeſſenius?“ Jeſſenius übergab ſie ſtumm. Seine Züge waren wie verſteinert; der tiefſte Schmerz drückte ſich darin aus, doch ſein Auge blieb trocken und ſtarr. „Alter Vater Caplicz“, wandte ſich Lobkowitz bittend zu dieſem.„Ihr müßt mich begleiten, Eurem ehrwürdigen 49 Haupt wird der Herzog die Gnade nicht verweigern, die wir von ihm erflehen!“ „Nein, Lobkowitz“, ſagte der Greis mit matter Stimme, aber mit unerſchütterlicher Faſſung.„Ich bitte nichts! Was geſchieht, werde ich ertragen, fügſam in Gottes Rathſchluß. Auch bin ich zu erſchöpft. Mein Fuß würde wanken vor Schwäche und Entkräftung, und dann möchte man glauben es geſchähe vor Angſt oder Zaghaftigkeit.“ Wenzel von Budowa, Jeſſenius, Graf Harrant traten zu Caplicz und wollten ihn durch ihre Bitten bewegen. „Nein, meine Freunde“, ſagte er ſanft,„ich kann nicht. Glaubt nicht, daß ich euch in der Noth verlaſſen wollte! Ich bleibe, ich werde euer Schickſal theilen. Wollte ich Gnade erflehen, das hieße mich ſchuldig bekennen! Ich fühle mich nicht ſchuldig; ich habe gehandelt, wie Ueberzeugung und Gewiſſen mir geboten. Manches billigte ich nicht, doch durfte ich darum das Ganze nicht verlaſſen. Der Herzog, der Kaiſer, ſie haben jetzt die Macht; mögen ſie ſie üben wie ſie es verantworten können. Um ihre Gnade bitte ich nicht; ich hoffe ſie in Demuth von Dem, der dort über Tod und Leben richtet!“ Des Greiſes Geſinnung blieb feſt; ſeine freundliche Milde war unbeugſam. Abermals trat der Hauptmann haſtig ein:„Sie nahen ſchon! Das Volk drängt ſich in Furcht und Beſtürzung um das Schloßthor. Soll ich die Gatter ſchließen laſſen?“ „Nein, nein“, entgegnete Lobkowitz,„laßt alle Thore öffnen!— Kommt mit mir, Freunde; es iſt die höchſte Zeit!“ Er ergriff die Capitulationsſchrift, nahm den Hut und eilte hinaus. Rellſtab, Drei Jahre. IV. 2. 3 50 Nur Wenige folgten ihm. Die Andern verließen das Gemach gleichfalls, jedoch ohne ſich den Entgegengehenden anzuſchließen. Roſenberg gab dem alten Caplicz von Sulewicz den Arm.„Kommt, Vater“, ſagte er weich, obwol ſeine Züge Trotz und Ingrimm ausdrückten;„ich werde Euch führen. Ihr kommt ſonſt nicht durchs Gedränge.“ „Ich danke Euch, lieber Oberſt; meine Diener werden wol unten ſein; Ihr ſollt nicht lange Mühe mit mir haben.“ 1. „Was Diener! Wer weiß wo die Halunken ſich um⸗ hertreiben, jetzt wo alle Zucht und Gehorſam beim Teufel ſind, ſelbſt unter den Soldaten! Verlaßt Euch auf mich, alter Vater! Ich bringe Euch nach Haus, bei des Obriſt⸗ kanzlers Lobkowitz Haus hinunter, den Weg über die Brücke; dort wird der Gang frei ſein. Mögen die Andern nach dem Thor gehen! Wenn's auf die Wälle ginge, zur Ver⸗ theidigung, wäre ich auch dabei. Ich marſchire gern dem Feind entgegen, aber auf dieſe Weiſe nicht!“ Unter dieſem Geſpräch hatten ſie die Treppe erreicht, und vorſichtig geleitete der betagte Kriegsmann den betag⸗ teren Mann des Friedens die Stufen hinunter, und ver⸗ ließ ihn nicht, obwol er drunten ſeine beiden Diener antraf. Zweiundzwanzigſtes Capitel. Der Strom der Andern ging dem Thore zu. „Was iſt das für Glockengeläut?“ fragte Frühwein den neben ihm gehenden Steffeck. „Es iſt von den Kapuzinern!“ antwortete dieſer. „Was?“ rief Frühwein.„Sie läuten die Glocken zum Einzug des Herzogs?— Freilich, freilich, ſie ſind wieder unſere Herren und nehmen ſchnell wieder Beſitz von dem Throne ihrer Macht! So raſch wendet ſich das Blatt! Wir ſehen den Sieger noch nicht, der uns den ehernen Fuß auf den Nacken ſetzt, und ſie begrüßen ihn ſchon!— Steffeck! Es kommen furchtbare Tage!“ ſagte er zuſammen⸗ ſchauernd, im Vorgefühl des eigenen Geſchicks und dem des Ganzen. Wankenden Schrittes ging er, den Arm des Freundes ergreifend, weiter. Obwol die ganze Straße hinab, bis zum Stift Strahow und die aufſteigenden Wege zum Hradſchin, ſo weit das Auge ſie nach dem Thor und nach der Altſtadt zu überblicken konnte, mit düſtrem Menſchengewimmel bedeckt waren, lagerte ſich doch eine ſchauerliche Stille über den Maſſen. Es war als ob ein eherner Himmel auf Prag drücke; nur ein dumpfes leiſes Murmeln wogte durch die Lüfte; ſelbſt kein vereinzeltes lautes Wort ließ ſich vernehmen. Der Klang der Glocken von den Kapuzinern ſchwebte daher, vernehmlich von Allen gehört, über dem finſtren Gewoge hin. Nach eini⸗ gen Minuten erklangen auch die Glocken von dem Spitzthurm 3* 6 52 der Sanct⸗Thomaskirche am Abhang des Hradſchinberges, gegen den Strom zu. „Auch dort— hörſt du?“ ſagte Frühwein zu Steffeck. „Die Katholiſchen läuten zum Feſt ein!“ „Ja, die Glockenzungen, die Scultetus und ſeine calvi⸗ niſtiſchen Eiferer ſo lange gebunden haben, werden ſchnell wieder laut!“ ſagte dieſer. Es währte nicht zehn Minuten, ſo ließ ſich auch jen⸗ ſeits der Moldau, von der Altſtadt herüber Glocken⸗ geläut, das der Wind herübertrug, vernehmen. Es ſchien, als horche das Volk in ſchauerlicher Spannung auf dieſe Klänge. Niemand wußte, was ſie bedeuten ſollten: ob eine Begrüßung des einziehenden Herzogs, oder ein angſtvolles Flehen zum Himmel. Frauen, Kinder, und Viele des Volks faßten es in der letztern Weiſe auf und drängten ſich in die Kirchen, um auf den Knien Abwendung der Schrecken zu erflehen, die wetterſchwer über Prag hingen. — Die Glocken theilen ja die Gewitter! Nach den erſten Botſchaften hatten Alle vermuthet, der Herzog Maximilian werde ſofort in der Stadt eintreffen. Doch ſeine Ankunft verzögerte ſich noch bis Mittag. Nur mehrere Fähnlein Reiter waren eingerückt und hielten den Theil der Straße zunächſt dem Thore beſetzt. Tilly hatte Vorſicht geboten. Niemand im feindlichen Heere wollte glauben, daß die ganze kriegeriſche Macht Böh⸗ mens und des befeſtigten Prags ſo ohne Schwertſtreich dem Sieger den Nacken beugen werde! Der beſonnene Tilly fürchtete einen Hinterhalt, und hatte erſt rechts und links am Thor die Wälle und einige Baſtionen beſetzen und Truppen in die Seitenſtraßen rücken laſſen. Patrouillen der Pappenheim'ſchen Reiter recognoscirten die Straßen bis gegen das Schloß hin. Sie waren für die anrückenden Hauptmaſſen gehalten worden. Gegen zwölf Uhr zeigte ein anwachſendes Gedränge und das unruhiger werdende Murmeln im Volk, daß etwas Wichtiges vorgehe.. „Es iſt kaum über Jahresfriſt, daß wir an eben dieſer Stelle den Freudeneinzug des Königs begrüßten, als er von Waldſaſſen her eingeholt wurde“, erinnerte Steffeck. „Wer hätte gedacht, daß Böhmens glückliche Tage ſo ſchnell vorübergehen würden!“ „Jetzt kommen ſie“, unterbrach ihn Frühwein.„Laßt uns hier links hinübertreten, dann können wir Alles ins Auge faſſen, den Herzog, und die Begrüßung durch die Deputation!“ Sie wandten ſich auf die linke Seite der Straße, wo ſchon viele Tauſend Bürger ein langes, ſtummes Spalier bildeten. Das Kloſter und die Kirche der Kapuziner lag ihnen ſchräg gegenüber. „Wie mögen ſie dort auf Rache brüten!“ raunte Früh⸗ wein Steffeck ins Ohr.„Wißt Ihr, dorthin flüchtete ſich der Geheimſchreiber Fabricius, und von dort ſchafften ſie auch den Grafen Martiniz heimlich aus der Stadt.“ „Man ſagt's“, erwiderte Steffeck.„Aber ſie wollten es nachmals nicht Wort haben. Jetzt werden ſie ſich ein Verdienſt daraus machen!— Daß Fabricius dort ver⸗ borgen geweſen, iſt aber außer Zweifel. Nur die Mittel zum Weiterkommen haben Beiden ihre Frauen verſchafft. Mochten ſie immerhin; ich habe niemals etwas Schlimmes darin geſehen. Wer weiß, ob wir jetzt nicht in gleichen Fall kommen werden!“ „Wer weiß!“ wiederholte Frühwein bekümmert. 54 Trompetenſchall unterbrach das Geſpräch. Drei Trom⸗ peter wurden, über der ſchwarzen Menge hervorragend, ſichtbar. Hinter ihnen drei Reiter, die ſich durch ſtattliche Rüſtungen und Hüte mit Federbüſchen auszeichneten. Es war unverkennbar, daß es höhere Führer ſein mußten. Eine nachfolgende geſchloſſene Abtheilung von Reitern, zwei Cornets Pappenheim'ſcher Küraſſiere, blieb etwa zehn Schritte hinter ihnen. Das Volk drängte ſich ſcheu auf die Seite, als die Trompeter Bahn machten; doch ſtopfte ſich die Straße in der Nähe der Feldherren, auf die Aller Blicke geheftet waren. Einige nahmen in banger Furcht die Barets und Mützen ab. Doch kein Zuruf, kein Laut ließ ſich hören. Tiefe, beklommene Grabesſtille bezeichnete die Ankunft der feindlichen Heerführer. Auch die Trompeten verſtummten jetzt, da die Bahn auf der ganzen Straße offen war. Plötzlich erdröhnten dagegen die Trommeln; betäubend ſchallten die Wirbel zwiſchen den Häuſern wieder. Man ſah, wie die Menge erſchreckte, von einem düſtren Schauer ergriffen, als ſei dies das Zeichen zur Fortſetzung der Schlacht in den Straßen der Stadt ſelbſt. Einige Weiber mit Kindern an der Hand flüchteten angſtvoll; die Kleine weinten laut. Die Einrückenden waren jetzt dicht heran. Man konnte die Züge der Feldherren erkennen. Herzog Maximilian ritt auf einem Goldfuchs mit langer Mähne und Schweif voran; um die Länge eines halben Pferdes zur Rechten hinter ihm Graf Boucquoi; auf der andern Seite, noch etwas beſcheidener zurückgehalten, Tilly. Nur Wenige kannten ſie; doch Herzog Maximilian trug einen fürſtlichen Hut mit weißem Federbuſch; ſein — — 5⁵ ſchwarzer Mantel war mit Hermelin beſetzt, und auf der hellblauen Schabracke ſeines Pferdes ſah man das bairiſche Wappen in Silber geſtickt. Seine glänzende Siegertracht ſtand in herbem Abſtande zu der Scheu, die ſein Erſchei⸗ nen erregte, und den ſchweren Sorgen und„Befürchungen, die ſich daran knüpften. Boucquoi ſah ſtolz und misvergnügt aus. Er ritt einen ſchwarzen andaluſiſchen Hengſt; in ſeiner Kleidung war nichts von Pracht und Feſtlichkeit zu bemerken. Er hatte den dunklen Mantel dicht um ſich geſchlagen und ſah gerad über ſein Pferd hin. Die Schlacht war gegen ſeinen Rath und Willen geliefert und glänzend gewonnen. Der Sieg verdroß ihn halb; er nannte ihn im Innern, und viel⸗ leicht nicht mit Unrecht, einen blinden Glücksfall. Tilly ritt mit unbeweglichen Zügen vor ſich hin. Unter dem breitkrämpigen Filzhut, mit langer, nach hinten bis zur Schulter überfallender rother Feder, ſproßte ſein ſpärliches Haar hervor; den ſpitzen weißgrauen Bart ſtrich er ſich zuweilen mit der linken Hand, indem er ſie mit den Zügeln ſo hoch erhob. Die Rechte hatte er nachläſſig auf ſein Piſtolenhalfter gelegt und ſpielte wie in Gedanken mit dem Griff einer langen Piſtole. Sein ſchwarzes Augen⸗ paar blickte bohrend unter der breiten, gerunzelten Stirn hervor. „Das muß Graf Tilly ſein“, ſagte Steffeck leiſe. „Soweit ich ihn aus der Beſchreibung kenne, kein An⸗ derer“, antwortete Frühwein. „Schau, Bruder“, murmelte die Stimme eines gemei⸗ nen Mannes hinter Beiden,„ſieht der Alte da drüben nicht aus wie ein hungriger Habicht? Ich möchte ihm nicht in die Krallen gerathen.“ „Er muß in der Mauſe ſein“, antwortete der An⸗ 56 geredete,„ſo einen kahlen abgemagerten Hals reckt er aus dem Harniſch heraus.“ Es überlief Frühwein und Steffeck kalt bei dem Anblick des finſtren Mannes. Die Trompeten verſtummten. Das laute Commando⸗ wort„Halt!“ ſchallte durch die Straße. Auch der Herzog und die beiden Feldherren hielten ihre Pferde an. Erſt jetzt bemerkten Steffeck und Frühwein, daß drüben die Pforte der Kapuzinerkirche ſich geöffnet hatte und der Prior an der Spitze der Mönche daraus hervorſchritt.*) Der Zug nahm ſeinen Weg gerad auf den Herzog Maxi⸗ milian zu. Der Platz wurde durch einige vorſprengende Reiter frei gemacht, daß das Volk an den Seiten zu⸗ rücktrat. Der Herzog ſaß ab und ſchritt den Geiſtlichen entgegen. Boucquoi und Tilly thaten das Gleiche. Der Prior beugte ſich ehrfurchtsvoll vor dem Herzog; doch dieſer begrüßte den Pater, indem er ihm die Hand reichte und ſich ſelbſt tief gegen ihn und die frommen Brüder verneigte. Tilly beugte ſich noch tiefer und küßte ehrfurchtsvoll die Hand des Priors. „Laßt uns, würdiger Vater, in Eurer Kirche“, ſprach der Herzog mit vernehmlicher Stimme, ſodaß es bei der tiefen Stille ringsher Alle hörten,„zuerſt unſere Andacht verrichten und Gott dem Allmächtigen danken für den Sieg, den er der heiligen Kirche und der gerechten Sache, für die wir kämpfen, verliehen hat. Eher will ich nicht die Stadt betreten, bis ich mein Knie gebeugt habe am Altar des Herrn.“*) *) Hiſtoriſch. m) Hiſtoriſch. 57 Während ſo der Herzog zu dem Obern der Ordens⸗ brüder ſprach und dieſer ihm ehrerbietige Worte erwiderte, näherte ſich der Landhofmeiſter Wilhelm von Lobkowitz, der mit vier Begleitern in ſcheuer Ferne geſtanden hatte, entblößten Hauptes, um die Schrift, welche die Anerbietung der Unterwerfung und die daran geknüpften Bedingungen, vielmehr Geſuche, enthielt, zu überreichen. Der Herzog bemerkte es, winkte aber, noch bevor Lob⸗ kowitz geſprochen hatte, dieſem mit der Hand zurück. „Alle weltlichen Geſchäfte“, ſagte er kalt abweiſend, „bleiben, bis wir unſere Andacht verrichtet haben!“ Die Abgeſandten vernahmen den Beſcheid Deſſen, der jetzt Herr über ſie war, in tiefer Unterwürfigkeit. Welche Gefühle auch ihr Herz durchſchnitten, ihre Wangen mit dem Roth der Schmach färbten, ſie mußten erdulden was ge⸗ ſchah. Sich ſcheu zurückziehend, traten ſie gegen das Volk hin, das einen Ring um den Vorplatz der Kirche, den die Pappenheim'ſchen Reiter frei hielten, gebildet hatte. Ohne ſie weiter eines Blicks zu würdigen, ging Maxi⸗ milian an ihnen vorüber und trat in die Kirche. Boucquoi grüßte mit einiger Gutmüthigkeit und in der Gewohnheit franzöſiſch⸗niederländiſcher Sitte; Tilly beugte ſein graues Haupt ernſt und langſam, und nahm ſogar auch den Hut ab. Er blickte unbeugſam ſtreng, doch ohne Hohn oder Gering⸗ ſchätzung. Ob er ſein Haupt entblößt hatte, weil er der Thür der Kirche ſchon ſo nahe war, oder weil er es einer Botſchaft von fünf der angeſehenſten und würdigſten Män⸗ ner Böhmens gegenüber für angemeſſen erachtete, blieb frei⸗ lich unentſchieden. Eine halbe Stunde verging in dumpfer Stille. Der Platz vor der Kirche blieb frei; das Volk wurde weit 3 K. — 58 zurückgehalten. Reiter mit behelmtem Haupt und gezogenen breiten Schwertern ritten langſam auf und nieder und wahrten die ſtrengſte Ordnung. Von der Stadt herüber tönte ununterbrochen das Geläut der Glocken. Es war ein Augenblick pochender Spannung. Die unterliegende Partei hatte die Rache der ſiegreichen zu fürchten!— Schrecken drohte Allen; denn wer wußte, ob nicht ein verzweiflungsvoller Kampf doch noch das Aeußerſte wagen würde? Und, wurde erſt die Stadt zum Schlacht⸗ feld, wer fragte dann nach Glauben und Partei? Die entfeſſelten Furien des Kampfes zerriſſen alle Bande der Geſetze, der Menſchlichkeit; der Soldat raubte, verwüſtete, mordete und brannte, ſchwelgte in wilden Gelüſten, wo er irgend Erſättigung fand. Wer hemmt die geſtachelte Gier des Raubthieres, das Blut geleckt? Und entſetzlicher iſt der Menſch im Taumel ſeines Wahnſinns; er vernimmt keine heilige Stimme, nicht die flehende des Erbarmens, nicht die zürnende Gottes!— Und Vorbilder ſolcher Schrecken ſtanden ſelbſt aus den jüngſten Zeiten, wie Piſeks Untergang in Blut und Aſche, in der friſchen Er⸗ innerung Aller!—— Endlich traten die Feldherren, geleitet von dem Prior und mehreren Mönchen, wieder aus der Kirche. Die beiden als Wache an der Thür aufgeſtellten Lanzenknechte traten zur Seite und ſtießen die Spieße aufrecht mit dem Schaft neben ſich gegen die Erde. Der Herzog that einige Schritte auf den Platz, und da man ihm ſein Pferd vorführen wollte, machte er mit der Hand ein abweiſendes Zeichen. Er hatte ſich nach den Abgeordneten umgeſehen und winkte dieſe heran. Martin Frühwein und Tobias Steffeck hatten es nun doch für angemeſſen gehalten, ſich den andern Vertretern 59 anzuſchließen; ſie ſchritten jetzt, Lobkowitz folgend, zu dem Herzog heran. 4 Der Landhofmeiſter wollte ſich auf das Knie ſenken, doch Maximilian verhinderte es.„Nur meinem Herrn und Gebieter, Sr. Majeſtät dem Kaiſer, geziemt es, ſolche Zei⸗ chen der Ehrfurcht zu empfangen“, ſprach er gemeſſen. „Wer ſeid Ihr? Was iſt Euer Begehr?“ Wilhelm von Lobkowitz nannte ſeinen und ſeiner Be⸗ gleiter Namen.„Wir nahen uns“, hub er an,„Ew. her⸗ zoglichen Gnaden in Demuth und mit der dringenden Bitte, die Macht des Sieges, den Gottes Fügung in Ew. hoch⸗ fürſtlichen Gnaden Hand gelegt, milde zu üben und uns die Bedingungen zu geſtatten, die wir als die Stände des Landes in dieſer Schrift, welche wir Ew. Gnaden unter⸗ thänigſt überreichen, aufgeſetzt haben. Wir verhoffen, daß Ew. herzoglichen Gnaden nicht grauſam mit uns verfahren, ſondern die Stimme der Billigkeit und Menſchlichkeit ver⸗ nehmen werden.“ Der Herzog nahm ſchweigend die Schrift und durchflog ſie im raſchen Ueberblick. „Ich muß Euch fragen“, ſagte er, nachdem er die Schrift durchlaufen, während die Abgeordneten und das Volk rings⸗ umher in geſpannter Erwartung harrten,„Herr von Lob⸗ kowitz, wer denn eigentlich der Sieger iſt— die rebelliſchen Böhmen oder die Heere Sr. Majeſtät des Kaiſers? Denn ſolche Forderungen, wie ihr hier ſtellt, hätten wir allen⸗ falls anhören können, wenn wir die Schlacht verloren hätten!“ Lobkowitz erblaßte und trat einen Schritt zurück. „Ich habe weiter keinen Auftrag von Sr. Majeſtät meinem allergnädigſten Kaiſer“, fuhr der Herzog nach eini⸗ gen Augenblicken in ſtrenger Haltung und Rede fort,„als 4 60 den Aufſtand in Böhmen zu dämpfen und die aufrühreriſchen Unterthanen zu Ordnung und Gehorſam zurückzuführen. Da⸗ mit, denke ich, werde ich in der Hauptſache zu Stande ge⸗ kommen ſein. Was die Beſtrafung oder Begnadigung der Schuldigen anlangt, ſo habe ich darüber nicht zu verfügen. Doch bevor davon nur die Rede ſein kann, fordere ich im Namen Sr. Majeſtät unbedingte Unterwerfung.*)— Habt Ihr ſonſt noch ein Anliegen? Denn das hier“— er zeigte mit der Rechten auf die Schrift, die er in der Linken hielt,—„iſt abgethan!“ Lobkowitz war zerknirſcht von der Demüthigung und tiefen Schmach, die er und die Sache, der er angehörte, erdulden mußte. Er fand nicht ſofort angemeſſene Worte der Erwiderung. Da ſah er, wie einer der Reiter, die den Platz frei erhielten, die Volksmenge, welche in ängſt⸗ licher Sorge und Begier, zu erfahren was hier vorgehe, faſt unwillkürlich näher herandrängte und herangedrängt wurde, mit zurückgeworfenem Pferde und rohen Schwert⸗ hieben vom Platze trieb, ſodaß ein plötzliches Angſtgeſchrei und heftiges Hinwegſtürzen entſtand. Dieſer Anblick erin⸗ nerte ihn an Das, was zunächſt für Prag zu fürchten ſei, und was er, wenn auch mit gewaltſamer Ueberwindung des eigenen Stolzes, zu verhindern ſuchen müſſe. „Ew. herzoglichen Gnaden“, ſagte er,„werden wenig⸗ ſtens derjenigen Bitte, die wir im Namen der ganzen Ein⸗ wohnerſchaft Prags thun, Gehör geben, daß dieſe Stadt nicht der Ungebühr und Wildheit des Kriegsvolkes preis⸗ gegeben werde, unter welcher der Unſchuldige mit dem Schuldigen leiden würde.“ ech n werde ſtrenge Mannszucht halten unter meinen *) Hiſtoriſch 61 Leuten“, antwortete der Herzog.„Was zu ihrem Unterhalt und ihrer Pflege gehört, wird aber die Bürgerſchaft, ſo wie die Oberſten und Feldhauptleute es beſtimmen, ohne Wider⸗ ſpruch und Ausflüchte herbeiſchaffen. Der Soldat hat lange genug Mühſal und Elend ertragen in dem Kriege, den euer aufrühreriſches Treiben entzündet hat; er muß jetzt Ruhe und gute Pflege finden.“ Lobkowitz ſtand ſtumm gebeugt. Der Herzog fuhr fort:„Eure Söldner und Kriegsleute dankt ihr ſofort ab und entwaffnet ſie; auch jeder Bürger liefert ſeine Waffen ab. Für jegliche Feindſeligkeit gegen meine Kriegsleute, wie für jeden ſonſtigen Unfug, iſt mir die geſammte Bürgerſchaft der Stadt verantwortlich. Das Uebrige erwartet in Unterwürfigkeit.“ Mit dieſen Worten wandte er ſich um, winkte ſeinen Dienern, ihm das Pferd vorzuführen, ſchwang ſich auf und ritt, wie zuvor von Boucquoi und Tilly begleitet, weiter in die Stadt, um Beſitz von ihr zu nehmen. Gebeugten Hauptes und tiefgebeugten Herzens nahmen Lobkowitz und die andern Abgeordneten denſelben Weg. Das nächſte Schickſal Prags und Böhmens blieb in grauendes Dunkel verhüllt. Dreiundzwanzigſtes Capitel. Ein Mann war es, der in redlichſter Pflichttreue, mit tiefer Schwermuth und Bekümmerniß, den Wechſel der Zeit erduldete; Leander von Rippell, der um ſo weniger von ſeinem Gebieter abließ, je widerſtrebender dieſer ſich den Anſichten und Meinungen des alten getreuen Dieners ge⸗ zeigt hatte. Seinem Muth war es glücklich gelungen, unter dem Schutz der Reiter, welche ihm Olbramowitz gewährt hatte, den Wagen mit den wichtigſten Gegenſtänden, Kronjuwelen, Gold und Documenten, welcher in Folge der Selbſtſucht und verworrenen Beſtürzung der königlichen Dienerſchaft auf dem Ring ſtehen geblieben war, in ſeine Wohnung auf der Kleinſeite ganz in der Nähe des Hradſchin zu ſchaf⸗ fen. Nicht ohne große Gefahr und Mühe. Denn ſchon herrſchte die Zügelloſigkeit in allen Straßen Prags; die unbezahlten Söldner ohne Anführer zogen in Schwärmen beutebegierig umher, und das beſitzloſe Volk trieb ſich, be⸗ denklich zuſammengerottet, in gleicher Weiſe durch die Stadt. Die Moldaubrücke war durch Waffenmannſchaft geſperrt. Nur das Anſehen Rippell's und der entſchloſſene Ton des Führers der Mannſchaften, die ihn begleiteten, öffnete ihnen die Bahn. Vor ſeinem Hauſe angelangt, ließ der Rath den Wa⸗ gen unter das Thor ſchieben, befahl dann ſeinen Leuten das Hausthor feſt zu ſchließen, und beeilte ſich nun, die wichtigſten, auf dem Wagen befindlichen Gegenſtände in Sicherheit zu bringen, ſoweit dies möglich war. Sobald . 00 7 dieſelben abgeladen waren, ließ er den Wagen wieder hinaus⸗ fahren und übergab ſeinen übrigen Inhalt der Mannſchaft, die ihn geleitet hatte, zum Eigenthum, doch mit der Bedingung, daß ſie erſt in der Altſtadt theilten. So fuhr der Wagen zurück. Obwol Rippell ſich auf die Treue ſeiner alten Dienſt⸗ leute verlaſſen konnte, ſo ſchien dem Gewiſſenhaften doch keine Vorſicht überflüſſig. Bei dem Verbergen der koſtbarſten und wichtigſten Gegenſtände nahm er daher nur die Hülfe ſeiner Tochter Agathe und ihrer Freundin, der ihr ſo zwillingsähnlichen Margarethe an. Man durfte wol ſagen, ſeiner beiden Töchter, denn die Waiſe, die ihm von Heidelberg aus nach Böhmen gefolgt war, war ihm ſo lieb geworden wie eine eigene Tochter, hing aber auch mit gleicher kindlicher Innigkeit an ihrem Wohlthäter. Während die Leute einige Fäſſer mit Silbergeld in den Keller trugen, um es dort zu vergraben, brachten die Mädchen ein Käſtchen mit venetianiſchen Dukaten und die Juwelen, die theils dem Könige und der Königin ſelbſt, theils der Krone gehörten, in verſchiedene Verſteckorte in Sicherheit. Rippell ſelbſt barg, als das Wichtigſte, die geretteten Brief⸗ ſchaften und einige andere Schriftſtücke, die er ohne den größten Nachtheil für ſeinen Herrn nicht vernichten, noch weniger aber in die Hände der Feinde fallen laſſen durfte. „Agathe“, ſagte Rippell zu ſeiner Tochter, als ſie Beide allein waren,„dir will ich noch etwas anvertrauen, was ich nirgends ſicherer weiß als bei dir ſelbſt, nicht einmal bei mir. In dieſem Säckchen“, er zog ein kleines verſie⸗ geltes Packet aus der Bruſt,„ſind geheime, wichtige Brief⸗ ſchaften des Königs enthalten. Bei dir ſucht ſie Niemand. Nähe ſie ſogleich in eins deiner Kleidungsſtücke.“ Agathe ging in ihr Zimmer, um dem Vater zu gehorchen. Unter dieſen Beſchäftigungen war der Mittag heran⸗ gekommen. Jetzt vernahm man das Läuten der Glocken. Der feierliche Klang hatte etwas Schauerliches und Weh⸗ müthiges zugleich in dieſer Zeit der ſchweren Beſorgniß. „Man ſieht wohl, daß der Herr Hofpfarrer Prag ver⸗ laſſen hat“, ſagte Rippell mit einem bittren Lächeln, „ſonſt würden wir die Glocken nicht hören!“ „Er iſt fort?“ fragte Margarethe. „Mit allen den Andern“, antwortete Rippell;„er war der Erſten einer, die ſich retteten; und er hat auch Recht, denn er gehört ja der Perſon des Königs zunächſt an!“ „Werden wir nicht flüchten, lieber Vater?“ fragte Agathe,„wenn das feindliche Kriegsvolk die Stadt beſetzt, wenn es Gewaltthat und Plünderung übt?“ Der Rath ſchloß ſeine Tochter ans Herz.„Ich durfte die Stadt nicht verlaſſen; mich hielten Eid und Pflicht. Wir müſſen auf Gottes Gnade hoffen!“ ſagte er bewegt, aber feſt.—„Wer hätte die wichtigen Papiere der Kanzlei in Obhut gebracht?“ fuhr er nach einigen Augenblicken fort;„und nun vollends der ſchwere Unfall, daß dieſe werth⸗ vollen Gegenſtände, die wir jetzt hier nothdürftig verbargen, nachdem ich ſie mit der Arbeit der ganzen Nacht in Sicher⸗ heit gebracht zu haben glaubte, ſo ſäumig und pflichtvergeſſen zurückgelaſſen wurden!“ „Ach, lieber Vater“, erwiderte Agathe bang,„wenn dir nur kein Uebles widerfährt!“ „Was ſoll ich zu fürchten haben?“ „Es ſind doch ſo Viele geflüchtet; wenn ſie nicht fürchteten, würden ſie wol geblieben ſein?“ „Es ſind doch noch Mehrere geblieben“, antwortete Rippell mit gezwungenem Lächeln. Trommelwirbel, der das Geräuſch des auf der Gaſſe — ⏑OQOQO⏑Q:O⏑·—˖—˖:⏑—— 65 vorübertreibenden Volks übertönte, unterbrach ihr Geſpräch. Die Mädchen eilten ans Fenſter und ſpähten durch die dicht zugezogenen Vorhänge. „Laßt euch ja nicht gewahr werden!“ warnte Rippell. „Es iſt eine Zeit, wo Demjenigen am wohlſten iſt, von dem man gar nicht weiß, daß er lebt!— Das Haus iſt doppelt verriegelt und geſchloſſen“, ſetzte er hinzu, um die geängſtigten Mädchen zu beruhigen. „Meinſt du denn, daß die Feinde gewaltſam in die Häuſer brechen werden?“ fragte die bebende Agathe, während Margarethe den angſtvollen Blick auf den Rath geheftet hielt. Sie war bisher ganz ſtumm geblieben, denn ſie hütete ſich auf irgend eine Weiſe Rippell's Beſorgniſſe zu vergrößern. Doch innerlich fürchtete ſie, von düſtren Ahnungen getrieben, vielleicht mehr als Agathe und der Vater. Sie hatte ja ſchon einmal das Entſetzen erfahren, von roher Willkür verfolgt zu werden. Jetzt ſtand ihr jenes Bild der ſchrecklichen Tage, die ſie erlebt, mit er⸗ neuten Farben vor der Seele. „Sch glaube nicht“, beantwortete Rippell Agathens Frage, „daß die Stadt gefährdet iſt; denn das kaiſerliche Heer be⸗ ſetzt ſie für ſeinen Kaiſer, ſie iſt ein Theil ſeines Landes,— er erachtet ſie dafür“, veränderte er ſein Wort—„wie ſollte er der zerſtörenden Wuth hingeben, was ſein Eigen⸗ thum iſt? Es iſt nicht denkbar!“ Beide Mädchen athmeten laichtar auf bei dem ſchwachen Troſt dieſer Worte. „Sieh nur“, rief Agathe,„wie die Leute jetzt eilen! Es muß draußen irgend etwas Drohendes vorgehen.“— „Horch, Vater“, machte Agathe ihn aufmerkſam, und bebte am ganzen Körper.„Der Trommelſchlag kommt immer näher! Sollte das das Zeichen zum Angriff ſein?“ „Nein, nein, mein gutes Kind, gewiß nicht“, beruhigte ſie der Vater.„Es werden nur Mannſchaften einrücken!“ Das Wirbeln der Trommeln wurde ſtärker. Jetzt ver⸗ nahm man auch ſchon den Schall und das dröhnende Schwan⸗ ken der im gleichmäßigen Schritt anrückenden Truppen⸗ maſſen. Den Mädchen ſchlug das Herz immer angſtvoller! „Da ſind ſie“, rief Margarethe erſchreckend. Ein Reiter in ſchwerer Rüſtung wurde ſichtbar. Ihm folgten mehrere, dann in geordneten Reihen zu Fuß, Mann an Mann ge⸗ ſchloſſen, behelmte Lanzenknechte mit mächtigen Spießen, die ſie über der Schulter trugen. „Was ſind das für wilde Geſichter!“ ſagte Rippell und machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand.— Es war Verdugo mit ſeinem Fußvolk. Er hatte den Auftrag die Altſtadt zu beſetzen. Der Marſch der Truppen führte ſie dicht unter den Fenſtern Rippell's vorbei. Der Oberſt hatte ſich bis an die Zähne in den Mantel gewickelt. Nur ſeine dunklen Augen brannten unter der Krämpe des ſpa⸗ niſchen Hutes mit ſchwarzem Federbuſch hervor. Zwei Haupt⸗ leute ritten halb neben, halb hinter ihm. Sie hatten finſtre Züge, dichte ſchwarze Bärte. Die Soldaten ſahen furchtbar verwildert und unrüſtig aus. Die langen Märſche, die Nacht⸗ lager unter Zelten oder an rauchenden Feuern auf offenem Felde, und die jüngſte, ſchwere, blutige Arbeit der Schlacht waren ihnen in Haltung und Tracht anzuſehen. Die Klei⸗ dung und Waffen entbehrten jeglicher Gleichförmigkeit. Die Einen trugen grauſchwarze roſtige Helme, die Andern ſpitze, grobe Filzhüte mit breiten Krämpen, oder ſpaniſche Mützen mit Federn. Die Mäntel und Waffenröcke waren meiſt zerriſſen, oder mit andersfarbigen Tuchſtücken gebeſſert. Vielen hingen ſie ganz in Lumpen um die Schultern. Hohe 3 67 Lederſtiefeln, gelbbraun oder ſchwarz, ſoweit der Koth die Farbe noch erkennen ließ, bedeckten die Füße bis ans Knie, über das die weit aufgepufften Hoſen ſich bauſchten. Die Bruſtharniſche waren ſo verroſtet wie die Helme; nur die nachläſſig auf den Schultern getragenen Spieße hatten lange, blanke Eiſen. Noch verwildeter als die Tracht war das Antlitz der Krieger. Der ſchwarze Bart umſtarrte Kinn, Mund und Backen, das Haar hing lang, unordentlich, ſtruppig unter den Hutkrämpen oder den Helmen hinten und vorn hervor, über Nacken und Stirn. Vom Geſicht ſelbſt war nur dieſe zum Theil, und ein Fleckchen um Naſe und Augen ſichtbar, alles ſonſt unterm Haar verſteckt; überdies die gelbbraune Hautfarbe durch eingegrauten Rauch und Staub ſchmuzig verdunkelt, bei Vielen noch durch friſchen Pulverdampf geſchwärzt, mit kaum verwiſchten Blut⸗ flecken gemiſcht. Das dunkle ſpaniſche Auge rollte unſtet unter den Brauen; die Blicke flogen hin und wieder an den Häuſern hinauf, wie nach Beute ſpähend, oder Zorn und Rache funkelnd. Denn manche Stirn war durch Narben gezeichnet, oder ein um den Kopf gewundenes blutiges Tuch bedeckte eine noch friſche Wunde. „Es iſt als ob die Heerſchaaren der Hölle Beſitz von der Stadt nähmen“, murmelte Rippell ſchauernd vor ſich hin, während die Mädchen mit unwillkürlich verhaltenem Athem bleich und zitternd hinſtarrten auf die wilden Ge⸗ ſtalten, deren jede eine furchtbare Drohung ausdrückte. Agathe brach in Thränen aus, faltete die Hände und betete aus innerſtem Herzen:„Mein gnädiger Herrgott, nimm uns in deinen Schutz!“ Der ſchwere gleichförmige Schritt, das dumpfe Raſſeln der Trommeln, die Stille und Oede, die ſonſt in der Gaſſe herrſchte, erhöhten noch die ſchauerliche Spannung des 68 Augenblicks. Es ſchien als wolle der Zug gar kein Ende nehmen! Endlich unterbrach Trompetenſchall die ſchon in der Ferne ſich verlierenden Trommelwirbel. Ein Reiterregi⸗ ment rückte an. Es waren Wallenſtein's Küraſſiere. Er ſelbſt führte ſie nicht. Er hatte ſich hinauf in die Burg begeben, wo ein Rath der Feldherren berufen war, dem von den obern Führern nur Verdugo nicht beiwohnte, da ihm der Herzog Maximilian einſtweilen die Beſetzung und das Commando der Altſtadt übertragen hatte. Die ganz in Eiſen wie eingeſchmiedeten Reiter auf ihren ſtarken Pferden machten einen ernſten, aber nicht ſo grauen⸗ haften Eindruck als die geſpenſtiſchen Schaaren der Spanier. Man hörte ſie einander deutſch zurufen, manches wilde, aber auch manches ſcherzhafte Wort. Dies löſte ſchon in etwas die ſchauernde Beklommenheit, mit welcher das grabähnliche Schweigen der ſpaniſchen Schaaren die Bruſt gefeſſelt hielt. Da die Soldaten in Reih und Glied blieben, und geordnet vorwärts rückten, ohne in die einzelnen Häuſer einzubrechen, hatte ſich auch hier und da ſchon ein Fenſter, ſelbſt ein Thor geöffnet, und Neugierige fingen an, ſich auf der Gaſſe blicken zu laſſen, den Truppen das müßige Geleit zu geben. In den Wallenſtein'ſchen Reitern erkannte Mancher einen Freund oder Landsmann, den er zuwinkend oder durch Wort und Handſchlag begrüßte. Es waren doch Zeichen von gegenſeitiger Theilnahme und Herzensregungen, die eine Brücke zwiſchen Siegern und Beſiegten zu bauen ſchienen. Den Reitern folgten die ſchweren Geſchützſtücke mit Pferden böhmiſcher Bauern beſpannt, die auf denſelben ritten. Eine eigene Beſpannung der Artillerie hatte das bairiſche Heer nicht; ſie war überhaupt nur ſelten eingeführt, Die Landleute derjenigen Orte, die man eben beſetzte oder 69 ſtreiffe, mußten gewöhnlich die Pferde vor das Geſchütz legen, und man nahm ſie ſo weit mit, bis man ſich Erſatz ſchaffen konnte. Den Geſchützen folgten wiederum ver⸗ ſchiedene Abtheilungen Fußvolk, Musketiere, Lanzenknechte, abwechſelnd mit Reitertrupps. Der Zug ſchien nicht enden zu wollen. Erſt als die Dämmerung einbrach, zogen die letzten vorüber.— Als es eine Viertelſtunde ſtill geblieben war, athmeten Rippell und ſeine beiden Mädchen wieder leichter auf. Denn jeden Augenblick hatten ſie gefürchtet, das Haus werde gewaltſam beſetzt werden. Dieſer Sorge ſchienen ſie glücklich erledigt zu ſein. Sie zogen ſich in ein Stübchen nach dem Hof hinaus zurück; die Magd zündete eine Lampe an; Agathe und Margarethe ſetzten ſich mit Rippell an den Tiſch; ein praſſelndes Feuer in dem plumpen Ofen verbreitete wohlthuende Wärme. „Ach, wenn wir uns hier dieſer friedlichen Stille ruhig erfreuen könnten, wie vormals in unſerer lieben Heimat“, ſeufzte Agathe und ſchlang den weißen Arm liebevoll um den Nacken des Vaters. Margarethe blickte wehmüthig vor ſich hin; ihr konnte die Heimat keine wohlthuenden Erinnerungen bieten; und doch ſehnte ſich ihr Herz dahin zurück! „Ja wol“, antwortete Rippell, der ganz erſchöpft durch die Anſtrengungen und erſchütternden Bewegungen der letzten Tage, und darum ſehr weich geſtimmt war;„ja wol, mein liebes Kind! Ruh und Frieden im Lande, im Hauſe, im Herzen, ſie ſind die köſtlichſten Güter des Lebens, die der Menſch, ſolange er in ihrem Beſitz iſt, nur zu wenig achtet, und ſie in der Unruhe ſeiner Leidenſchaften allzu leicht aufs Spiel ſetzt, gegen Dinge, die viel geringern Werthes ſind!“ Er dachte dabei:„Was iſt der Glanz einer Krone gegen einen warmen, friedlichen Strahl der Abendſonne am Heimat⸗ herde! Was war Böhmens ſtolzer Thron gegen die grünen geſegneten Gefilde, wo der Fürſt wie ein Vater unter ſeinen liebenden Kindern wohnte! Wo weder Neid noch Misgunſt, weder Zwieſpalt noch ungetreuer Wankelmuth die Tage des Vertrauens und des Friedens trübten!“ Eine heilig wehmuthvolle Stille ſchwebte in dem Gemach. Da ſchlug der eiſerne Thorklopfer heftig an, daß es durch das Haus dröhnte. Alle ſchreckten zuſammen. Jeder blickte den Andern an und ſeine Miene fragte:„Was ſoll das bedeuten?“ Sie lauſchten, ob ſich auf der Gaſſe Lärmen hören laſſe; es war Alles ſtill. Der Klopfer ſchlug zum zweiten male an und dröhnte ſtärker als zuvor durch die Hausflur. Die Mädchen zitterten und bebten. Rippell war un⸗ ſchlüſſig was er thun ſolle. Die Hausthür war ſchwer ver⸗ riegelt und verſchloſſen; es konnte, da er ſelbſt die Schlüſſel zu ſich genommen hatte, Niemand von ſeinen Leuten ohne ihn öffnen. Die Magd ſteckte den Kopf durch die Thür des Zimmers und meldete:„Es iſt Zemand an der Thür, Herr Rath, der nach Euch begehrt!“ 4 „Nach mir?“ fragte dieſer beſtürzt.„Wer iſt's?“ „Wer, weiß ich nicht. Als der Klopfer ſo ſtark an⸗ ſchlug, ſchlichen Chriſtoph und ich uns leiſe an die Thür und lauſchten. Da ließ ſich eine Männerſtimme draußen hören, die halblaut, aber dringend, fragte:„Iſt Niemand hier, der öffnen kann? Ich muß den Rath Rippell ſprechen!“ „Nun, in Gottes Namen! So will ich hinunter!“ ſprach Rippell entſchloſſen. „Vater, geh nicht“, bat Agathe und wollte ihn zurück⸗ halten. 71 „Laß mich nur, liebe Tochter“, ſagte er, ſie ſanft ab⸗ weiſend.„Droht uns Gewalt, ſo könnte ich ſie doch nicht abwehren! Vielleicht iſt es ein Freund oder ein Bedräng⸗ ter— ich werde vorſichtig ſein, aber ich will doch hören!“ Der Klopfer ließ abermals ſeinen Schall vernehmen. Rippell ging hinab. Die Magd leuchtete ihm. Drunten in der Hausflur ſtand der Knecht Chriſtoph und lauſchte mit dem Ohr gegen die Thür. „Oeffnet mir, öffnet“, ſagte eine halb unterdrückte Stimme.„Ich bringe wichtige, eilige Botſchaft!“ Auf dieſe Worte trat Rippell an die Thür und fragte: „Wer ſeid Ihr?“ „Seid Ihr's ſelbſt, Herr Rath“, ließ ſich die Stimme draußen vernehmen.„Ich muß Euch ſprechen!“ „Herr Kanzler! Ihr— in dieſer Stunde!“ erwiderte Rippell, der Wenzel von Budowa erkannte. „Nennt um Gottes Willen meinen Namen nicht“, raunte der Kanzler gedämpft durch die Thür,„und finet eiligſt.“ Der Schlüſſel wurde umgedreht, die ſchweren Niegel zurückgezogen, die Thür halb geüſinet Budowa trat haſtig ein. „Ihr werther Herr und Freund!“ begrüßte ihn Rippell erſtaunt und mit dargereichter Hand, während der Knecht das Thor ſogleich wieder ſchloß.„Tretet näher! Was führt Euch her in dieſer nächtlichen Stunde, in ſo gefahr⸗ voller Zeit?“ „Ja wol eine ſchwere, gefahrvolle Zeit!“ antwor⸗ tete er.—„Die Augenblicke ſind gezählt“, fuhr er leiſe, eilig fort;„ich muß Euch ſprechen, doch ich kann nicht näher treten, ich muß ſobald als möglich wieder fort. Entfernt Eure Leute.“ Rippell bedeutete dieſen, ihn mit dem Gaſt allein zu laſſen. „Um Gottes Willen, was bringt Ihr für Botſchaft“, fragte er voll Angſt, als die Magd und der Knecht die Treppe hinaufſtiegen.. „Seid auf Eurer Hut, theurer Freund“, begann der Kanzler,„uns Allen drohen ſchwere Dinge, Euch aber zu⸗ nächſt!“ „Mir?“ fragte Rippell erblaſſend. „Ihr ſollt verhaftet werden!“ „Ich!“ „Ihr habt keinen Augenblick zu verlieren. Rettet Euch! Flüchtet!“ „Ich verhaftet, und weshalb?“ „Es iſt Anzeige gemacht, daß Ihr Geld und Koſtbar⸗ keiten und wichtige Papiere des Königs an Euch genommen hättet.“ „Nur was mir heilige Pflicht gebot zu bergen, habe ich geborgen! Was iſt dabei ſtrafbar.— Und wer kann es verrathen haben?“ „Laßt das jetzt, theurer Freund! Es gibt in dieſem Augenblick Leute, die durch Anſchwärzen und Angeben An⸗ derer ſich zu retten ſuchen. Die Geſinnungen wechſeln ſchneller als die Windfahnen! Ihr ſeid nun gewarnt. Trefft Eure Vorkehrungen— verbergt was Ihr nicht ab⸗ liefern wollt! Am beſten aber iſt's, Ihr flüchtet und ver⸗ bergt Euch ſelbſt! Denn wenn Ihr auch Alles, bis auf das letzte Blatt und den letzten Gulden ausliefertet— wer ſteht Euch dafür, daß ſie nicht doch vermuthen, Ihr verhehltet noch viel mehr?“ „Nichts werde ich ausliefern, was ich meinem Herrn und Könige in Treue zu wahren ſchuldig bin!“ rief Rippell mit edler Wärme. 73 „So flüchtet, flüchtet um ſo mehr,— ich beſchwöre Euch! Sie würden jedes Mittel gegen Euch anwenden! Denkt an den unglücklichen Tengnagel, der auf der Folter befragt wurde!“ Der alte rechtliche Mann ſtand todtenbleich und zitterte wie im Fieber:„Auf der Folter....“ Das grauſen⸗ volle Wort erſtarb ihm im Munde. „Ich muß fort,— nutzt meine Warnung, ſolange es noch möglich iſt! Laßt mich jetzt hinaus, lebt wohl! Gott ſchütze uns Alle!“ Unwillkürlich, kaum noch wiſſend was er that, hatte Rippell den Schlüſſel umgedreht und mit zitternden Händen die Riegel zurückgezogen. Der Kanzler verſchwand eilig im Dunkel der Straße. Faſt unvermögend die Lampe in ſeiner Hand zu halten, ſchwankte Rippell durch die lange Hausflur zurück, der Treppe zu, welche durch eine beſondre Thür abgeſchloſſen war. Er hatte dieſe kaum geöffnet und war die erſten Stufen hin⸗ angeſtiegen, als ihm ſchon Agathe und Margarethe von oben herab entgegeneilten, mit der ängſtlichen Frage auf den Lippen, was geſchehen ſei. „Meine lieben Kinder“, begann er ſo gefaßt als möglich, „wir ſind in dieſem Hauſe nicht mehr ſicher, rafft ſchnell das Nothwendigſte zuſammen und bereitet Euch mit mir zu fliehen!“ „Zu fliehen? Und wohin?“ fragten gleichzeitig Beide. „Noch weiß ich es nicht! Gott wird uns eine Zufluchts⸗ ſtätte zeigen“, antwortete Rippell, und trieb ſie haſtig die Treppe hinauf. Noch waren ſie nicht oben, als donnernde Schläge an der Hausthür ertönten, als ob ſie mit Aexten eingeſchlagen werden ſollte. Rellſtab, Drei Jahre. IV. 2. 4 74 „Gott im Himmel! Was iſt das?“ rief Agathe und faßte den Arm ihres Vaters. „Jeſus! Sie wollen mit Gewalt eindringen. Sie wollen plündern!“ brach Margarethe entſetzt aus! Rippell ſtand wie eingewurzelt. Er hatte keine Zweifel darüber, was das Toben an der Thür bedeute! „Aufgemacht, in des Kaiſers Namen!“ rief eine rauhe Männerſtimme drunten, daß es durch das Haus ſchallte. Der Rath warf einen Blick gen Himmel! Es war als habe er dort Hülfe geſucht und gefunden. Er hatte einen Entſchluß und dadurch ſich ſelbſt wieder gefaßt. „Aufgemacht! Oder wir ſprengen die Thür“, lärmten jetzt mehrere Stimmen, und die donnernden Kolbenſtöße erneuerten ſich. „Geht Ihr hinauf! Nehmt Alles Gold zu Euch“, flüſterte Rippell.„Hier ſind meine Schlüſſel, Agathe! Ich weiß was das bedeutet; ich werde öffnen! Ihr flüchtet! Sucht durchs Hinterhaus aus den Fenſtern über die Hof⸗ mauer zu entkommen!“ Agathe umſchlang ihren Vater.„Ich verlaſſe dich nicht, mein Vater!“ rief ſie. „Du kannſt mir nicht helfen und ſtürzeſt dich mit ins Verderben“, antwortete Rippell haſtig,„und mich vielleicht tiefer, wenn du.... denke an Das, was ich dir anvertraute“, flüſterte er ihr zu;„das in Sicherheit zu bringen, daß es Niemand findet, noch davon erfährt, darauf kommt Alles an.— Flüchtet, flüchtet! ich befehle es Euch, wenn Euch mein Leben, meine Ehre lieb ſind!“ Der Lärmen hatte indeſſen immer zugenommen. Die Thür krachte unter den Schlägen und Stößen; wenn das Toben einige Augenblicke gedauert hatte, wurde es unter⸗ brochen, und die rauhe Stimme ließ ſich wieder hören. 75 „Wird binnen zwei Minuten nicht geöffnet, ſo muß Alles über die Klinge ſpringen, was im Hauſe ſteckt, wenn wir eindringen!“ ſchrie der Führer der Bewaffneten draußen. „Ich komme ſchon“, ſagte Rippell mit feſter Stimme und näherte ſich der Thür.„Wer ſeid Ihr? Was iſt Euer Begehr?“ „Aufgemacht jetzt und nicht lange gefragt, ins Teufels Namen, ſonſt laſſe ich Feuer ins Haus werfen“, donnerte die Antwort. Rippell ſandte ein ſtummes Gebet gen Himmel und öffnete abſichtlich ſo langſam als möglich, um den Flüch⸗ tenden Zeit zu gewinnen. Ein Hauptmann der Lanzenknechte in voller Rüſtung, hinter ihm ein Trupp von zwanzig Mann, drangen in die Pforte und füllten die Hausflur. Zwei trugen Fackeln. „Hier wohnt der pfälziſche Rath Rippell?“ fragte der Hauptmann den Oeffnenden ſcharf ins Auge faſſend.„Ihr ſeid es wol ſelbſt?“ „Ich bin es!“ „So werdet Ihr mir auf der Stelle folgen. Ihr ſeid mein Gefangener!“ ſagte der Kriegsmann rauh und faßte ihn mit der Hand am Arm, ſchob ihn den nächſten Be⸗ waffneten zu und befahl:„Nehmt ihn zwiſchen euch!“ „Weshalb werde ich verhaftet? Auf weſſen Befehl?“ fragte Rippell, alle Kraft zuſammennehmend. „Die Fragen mögt Ihr Andren thun. Ich vollziehe meine Ordre.— Iſt Eure Tochter im Haus?“ „Meine Tochter?“ rief Rippell erbleichend.„O lieber Herr, was hat das unſchuldige Mädchen....“ „Ich habe meine Ordres! Ins Teufels Namen. Auch Eure Tochter iſt meine Gefangene. Führt mich zu ihr, 4* 8 oder ich laſſe ſie im Hauſe ſuchen, und finde ich ſie, ſo ſoll ſie, hol mich der Teufel....“ Rippell zitterte wie im Fieber; er wollte antworten, ſeine Zunge war wie gelähmt. Da flog, noch ehe der Hauptmann ſeinen Fluch ausgeſprochen hatte, die Thür von der Treppe zur Hausflur auf, und Margarethe ſtürzte heraus:„Ich bin die Tochter!“ rief ſie auf Rippell zu⸗ fliegend.„Was wollt Ihr von uns? Was hat mein Vater begangen?“ Unter den Kriegsleuten entſtand bei dem Anblick des ſchönen Mädchens, dem das blonde Haar um die Schultern wallte, ein Murmeln der freudigen Verwunderung. Wilde Begier flammte in den Augen der rohen Geſellen auf. Der Hauptmann faßte Margarethen rauh am Arm und befahl: „Nehmt ſie feſt, es iſt ihr Glück, daß ſie ſich ſelbſt meldet!“ „Um Gottes Barmherzigkeit Willen, Gnade für meinen Vater“, rief Margarethe und warf ſich flehend dem Haupt⸗ mann zu Füßen. Zu gleicher Zeit ſprang Rippell, der von Staunen und Beſtürzung faſt erſtarrt war, hervor und brach in die Worte aus:„Margarethe! Was thuſt du!— Herr! Es iſt nicht meine Tochter!“ wandte er ſich in ſeiner unverbrüchlichen Redlichkeit aufwallend gegen den Hauptmann. „Vater, ſtoße mich nicht von dir! Ich verlaſſe dich nicht!“ rief Margarethe. „Ha, ha, ha!“ lachte der Hauptmann und ſtieß Rippell mit der Fauſt zurück.„Mit ſolchem kläglichen Pfiff dachtet Ihr uns alte Füchſe zu prellen? Fort mit Beiden, Vater und Tochter, auf der Stelle!— Unteroffizier Buttler! Führt die Gefangenen ab.— Jetzt wollen wir das Haus durch⸗ ſuchen“, befahl er den Leuten. Er poſtirte zwei Mann an die Thür; ſechs theilte er dem Unteroffizier zu. Margarethe erſtickte die Worte, welche Rippell noch verſuchen wollte, durch ihre Umarmungen und Thränen. Sie wurden auseinander geriſſen, je zwei Mann nahmen ſie in ihre Mitte; ſo folgten ſie dem Unteroffizier, der auf der Stelle mit ihnen das Haus verließ, während der Haupt⸗ mann mit ſeinen Mannſchaften in das Innere drang. Vierundzwanzigſtes Capitel. „Wie iſt dir, Xaver, du haſt lange geſchlummert“, fragte Thereſe mit liebendem Blick über ihn geneigt. „Meine Thereſe“, antwortete er und aus den zu ihr aufgeſchlagenen Augen leuchtete die ganze dankbare Rührung ſeines Herzens. Er zog ſie zu ſich und preßte einen langen heißen Kuß auf die Lippen des treuen, hochgeſinnten Weibes. „Nun, iſt dir beſſer? Fühlſt du dich erquickt, geſtärkt?“ fragte ſie nochmals, ihn mit ſorgender Innigkeit anſchauend. „O viel, viel.— Wo iſt Schwarz!“ fragte er umher⸗ blickend;„ſind wir Beide allein hier?“ Thereſe bejahte es. „Er iſt nicht zurückgekehrt?“ ſagte Taver mit bedenklichem Ton.„Sollte ihm ein Unglück begegnet ſein— oder ließe er uns im Stich?“ „Das gewiß nicht“, entgegnete Thereſe.„Aber ein Unglück.... Freilich, Gefahr droht ringsumher. Allein er iſt ſo kühn, ſo ſchlau und beſonnen! Ich vertraue ganz auf ſeine Gewandtheit und ſeine Treue!— Ja, er iſt treu wie Gold!“ 78 „Dieſes Feuer“, ſagte Xaver mit einem Blick auf die Kohlenglut,„iſt ſehr wohlthätig, allein ich fürchte, es wird uns verrathen!“ „Beſorge das nicht, Taver. Dieſe Kohlen glimmen ſtill fort und geben faſt gar keinen Rauch. Auch hat Schwarz die ganze Gegend vor dem Walde durchſtreift; es iſt kein Soldat mehr in der Nähe. Mit dem grauenden Morgen ſind ſie Alle aufgebrochen nach Prag zu. Das Dorf, wie die ganze Gegend, iſt verlaſſen. Wir ſind völlig einſam in dieſem Walde.“ „Wenn nur bei dieſer Kälte der Rauch“, antwortete Xaver,„nicht einen zufälligen Wanderer hierher lockt.“ „Das würde doch nur ein obdachlos umherirrender Böhme ſein, oder ein Verſprengter aus der Schlacht, den die Noth herführte; von Beiden wäre kein Verrath zu fürch⸗ ten, ſelbſt wenn ſie wüßten, wer wir ſind.“ „Horch!— Es naht Jemand!“ flüſterte aver und lauſchte mit ſeinem jagd⸗ und krieggeübten Ohr. „Nur der Wind ächzt im Schlot, oder zieht durch die Wipfel der Tannen und kniſtert mit den trocknen Zweigen“, verſetzte Thereſe, ſelbſt aufhorchend. „Der Wind ſchweigt eben“, erwiderte aver leiſe,„es iſt todesſtill in der Hütte und im Walde. Aber ich habe draußen Laute wie von Tritten gehört, und Geräuſch in den Zweigen! Ich täuſche mich nicht, Thereſe! Schon wieder— ganz nahe!“ Thereſe hörte es jetzt ebenfalls. „Es iſt vielleicht Kaspar Schwarz ſelbſt“, ſagte ſie und lugte durch die Ritzen der Bretter, mit denen das kleine Fenſter verſchlagen war. „Er iſt's!“ rief ſie freudig, doch mit gedämpftem Laut aus, und flog dem treuen Genoſſen vor die Thür entgegen. 79 Man hörte ihn draußen feſt aufſtampfen und ſich den Schnee abſchütteln. Dann trat er ein, mit einem großen, durch einen alten Strick und einige Weidenruthen zuſammen⸗ geſchnürten Packen auf der Schulter. „Nun, da bin ich!“ ſagte er rauh, wie er nicht anders vermochte, aber doch freundlich, und reichte Thereſen die Hand.„Uf“ ſtöhnte er und warf den Packen auf die Erde, an deſſen weichem Fall man wahrnahm, daß er, wie man auch von außen ſah, nur Kleidungsſtücke enthielt. „Uf! Es will doch anfangen mir ſauer zu werden!— Aber ich denke, der Gang hat ſich belohnt; er wird euch frommen und Segen bringen!— Ich bringe gute Zeitung mit“, wandte er ſich mit einem frohſtrahlenden Antlitz zu Thereſen, „was meint Ihr, wen ich geſprochen habe?“ Thereſe ſah ihn geſpannt fragend an.„O ſagt es, Lieber, ſagt es gleich!“ bat ſie. „Den alten braven Wolodna.“ „Meinen Vater!“ rief ſie vor Freude erſchüttert und faßte warm ſeine beiden Hände.„So lebt er— ſo hat mich meine Hoffnung nicht getäuſcht,— wo, o ſagt mir ſchnell, wo?“ „Er liegt bei den Verwundeten in Sanct⸗Margarethen und wird gut gepflegt, beſſer wie der dal“ antwortete Kaspar und zeigte auf Xaver. Thereſe, in ihrem dankerfüllten Herzen, ſank an Xaver's Lager auf die Knie; ihre Thränen ſtrömten heiß, Worte hatte ſie nicht, ſie drückte ihr Haupt an Xaver's Bruſt, der ſie ſanft liebkoſte. „Sie haben ein ganzes Hospital dort errichtet“, erzählte Kaspar,„und das muß wahr ſein, Freund und Feind wird dort gepflegt. Es ſind zwanzig Barmherzige Schweſtern und eine Menge frommer Brüder aus Prag dazu hinaus⸗ 80 gekommen, die Kirche und die Kapelle, das Kloſter, die Zellen, ja die Wirthſchaftsgebäude ſelber liegen voll Ver⸗ wundeter. Und Viele ſind ſchon hineingeſchafft nach Prag, denn die Kleinſeite iſt ganz beſetzt von den Kaiſerlichen.“ Thereſe war zu bewegt über die Nachricht von ihrem Vater, um nach dieſen Einzelheiten achtſam hinzuhören, doch Taver konnte ſeinen Schmerz nicht unterdrücken.„Prag ſchon in der Hand der Feinde!“ ſagte er finſter und ſtarrte vor ſich hin. „Wie komme ich zu ihm“, fragte Thereſe,„ſagt mir das, lieber Freund!“ „Nur nicht zu haſtig, ſonſt könnte Alles übel gehen“, antwortete Kaspar Schwarz.„Seht da“, er zeigte auf den Packen am Boden,„das ſind Wämſer, Mäntel und Kriegsabzeichen, die habe ich auf dem Schlachtfelde zuſam⸗ mengeſucht und mit einem alten Halfterſtrick und etlichen Gerten zuſammengebunden. Davon können wir ausſuchen. Wir müſſen Alle als kaiſerliche Verwundete ins Thor. Hier kleiden wir uns um.“ Dabei kauerte er ſich auf das Bündel, löſte den umgeſchlungenen Strick und die Weiden⸗ ruthen und packte einzelne Kleidungsſtücke und Feldzeichen aus, während er immer fort ſprach.„Wenn Ihr nur Kräfte habt, daß wir bis zum Thiergarten kommen; in dem Gebüſch dort flechten wir eine Bahre aus Baunmzweigen. Auf der tragen wir Euch ins Thor.— Wolodna kann gehen. Er iſt nur durch den Arm geſtochen, und hat eine Schmarre auf der linken Backe. An Kräften fehlt's ihm nicht. Er liegt gleich am nächſten an der Mauer beim Eingangsthor. Es iſt keine Schwierigkeit für ihn, herauszukommen. Er, und wir zwei, die junge Frau und ich, wir ſchleppen an der Bahre, ſo tragen wir Euch hinein. Und in Prag wird doch noch ein Loch zum Verſteck für uns zu finden 81 ſein? Noch läßt ſich das ausführen, denn noch iſt Alles in Unordnung und Verwirrung; morgen iſt's vielleicht nicht mehr möglich. Nun ſagt: Habt Ihr Kräfte, Hauptmann? Habt Ihr Muth, junge Frau? Aber was frage ich,— Ihr und Muth! Ihr könntet uns fragen!“ Thereſe half die Kleidungsſtücke ausbreiten. „Das iſt Eure Feldbinde als kaiſerlicher Hauptmann“, rief Kaspar zu Xaver hinüber und warf ihm eine Feld⸗ binde zu. „Ihr müßt in das Reiterwams hier kriechen, junge Frau“, ſagte er munter zu Thereſen und ſchob ihr ein gelbes Collet, mit Schnüren zierlich beſetzt, zu.„Ich hab's einem Junker oder ſo einem Bürſchchen ausgezogen. Das junge Blut lag in einem Hohlweg; der arme Schelm ſah bleicher aus wie ein blaſſes eingeſchlafenes Mädchen. Thereſe that einen Ausruf der Ueberraſchung, denn ſie erkannte das Collet als das Valentin's, des jungen Köhler⸗ burſchen, bei deſſen letztem Seufzer ſie zugegen geweſen. eine tiefe Rührung ergriff ſie.„Mußte er ſo jung dahin⸗ ſcheiden“, dachte ſie, damit du dich und die Deinen retten könnteſt in ſeinen Kleidern! Wie verſchlingen ſich die Fäden, die das Schickſal der Menſchen weben!“ „Beinahe hätte ich die Hauptſache vergeſſen“, rief Kaspar und ſchlug ſich mit der Hand vor die Stirn. „Ich habe gute Beute gemacht!“ Er öffnete ſeinen weiten Mantel und ſuchte in den Taſchen.„Seht her, das wird Euch ſtärken“, ſagte er ſchmunzelnd, indem er ein Fläſchchen aus der Taſche zog,„und hier noch einige Brötchen! Ich hab's gemauſt in Sanct⸗Margarethen; ſie hatten genug dort und werden wol mehr anſchaffen aus Prag!“ Willkommener konnte nichts ſein, beſonders für Xaver, der ſeit dem Morgen zuvor in der Schlacht geweſen 4** 82 war und ſeitdem jeder Speiſe und jedes Tranks ent⸗ behrt hatte. „Du wirſt doch mit uns theilen, wackrer Freund“, ſagte er zu Kaspar, der ſich abwandte und noch nach Kleidungsſtücken ſuchte. „Nichts, nichts da!“ antwortete er,„es iſt kaum genug für Euch. Und ich habe ſchon für mich geſorgt. Glaubt Ihr ich ſei nicht bibelfeſt?„Dem Ochſen, der da driſchet, ſollt du das Maul nicht verbinden!“ Ich hab's mir ge⸗ ſtopft!“ Wahr oder nicht wahr, ſo viel blieb gewiß, daß er von dem Mitgebrachten nichts genoß. „Wahrhaftig!“ rief er ausweichend, als Thereſe noch⸗ mals in ihn drang,„ich bin ein ordentlicher Zigeuner! Ich habe geſtohlen wie ſo ein braungelber Langfinger! Das ganze Schlachtfeld habe ich ausgeplündert. Seht da die Stiefeln, für Euch Frauchen, und das Mützchen mit der Silbertroddel! Setzt es einmal auf, wie es Euch ſteht?— Prächtig! Ihr ſeid zum Cornet wie geboren! Hab' ich einmal ein Regiment, ſollt Ihr mein erſter Fähnrich ſein!“ Thereſe und Xaver hatten ſich erquickt; Kaspar hatte ſeine ſämmtlichen Kleidungsſtücke ausgeſucht und Jedem zu⸗ getheilt was er brauchte.—„Jetzt muß es, denke ich, ein Uhr Mittags vorbei ſein“, begann er.„Nun laßt den da“, ſagte er zu Thereſen und zeigte auf Xaver,„noch eine Stunde ruhen, am beſten ſchlafen, wenn er kann. Dann zieht Ihr Euch und ihn an, und um drei Uhr, denke ich, machen wir uns auf. So kommen wir wenn's anfängt zu dunkeln, beim Thiergarten an, dort weiß ich ſchon ein Gebüſch, das uns deckt, und wenn die Sonne vollends herunter iſt, fangen wir unſeren Marſch mit der Bahre 83 an.— Wir wollen dem Hauptmann Kopf und Geſicht ſo verbinden, daß ſein Zeltbruder ihn nicht erkennen ſollte; und uns desgleich en!— Ein wenig ſtrecke ich auch die Glieder aus; denn müde ſind die ſteifen Knochen.“ Er legte ſich, in ſeinen Mantel gewickelt, quer vor die Kohlenglut, ließ ſich behaglich warm davon anſtrahlen und ſchlief ein.— Thereſe benutzte die Zeit; leiſe und behend kleidete ſie ſich um. Dann bat ſie Xaver liebreich, die Augen zu ſchließen, und wachte bei ihm. Kaspar ſchlief feſt. Doch in ſicherer Soldatengewohnheit wachte er zur rechten Zeit auf. „Schon fertig, junge Wetterfrau?“ redete er Thereſen in ſeiner Art vertraulich an, und ſchlug ihr erfreut auf die Schulter.„Wahrhaftig Ihr ſeht aus zum Verlieben!— Nun wollen wir Beide den da aufſchirren!“ Er zeigte auf Xaver. „In kurzem war dieſer in einen öſterreichiſchen Feld⸗ hauptmann verwandelt. Er fühlte ſich, obgleich er einiges Wundfieber hatte, doch ſo weit bei Kräften, daß er, von Thereſen und Kaspar geleitet, den Weg bis zum Sterne zurücklegen konnte. Sie gingen. Der Himmel hing voll ſchwerer grauer Wolken; Schnee ſtöberte herab. Das war ihnen willkommen, je tiefer ver⸗ hüllt in Dunkel, je ſicherer war ihr Weg. Als ſie aus dem Walde traten, lag der Feldabhang kahl und verödet vor ihnen. Nur die Spuren der Lagerſtätten trafen ſie an; auch die der Feldwacht, an welcher ſie in der vergangenen Nacht vorübergekommen. Ohne Hinderniß gelangten ſie an den verlaſſenen Häuſern des Dorfes vorbei, über die ſchmale Brücke, und gingen dann die Anhöhe hinauf. Obgleich ſie ſich nur ganz all⸗ — ————— 84 mälig erhob, wurde es Xaver doch ſchwer, ſie hinaufzu⸗ klimmen. Die treuen Stützen an ſeinen beiden Seiten halfen dem Ermatteten die ſchwere Arbeit überwinden. Auf dem Wege kreuzten ſie das Schlachtfeld nahe an den Punkten der traurigen Entſcheidung. „Dort griffen wir an“, ſagte Xaver, düſter zur Rech⸗ ten hinüberblickend.„Ihr habt nichts von dem Prinzen erfahren?“ „Man glaubt Whn unter den Todten“, war Thereſens Antwort. „So jung, ein folcher Held“, ſagte Xaver wehmüthig, „und— dahin!“ „Ei wer weiß“, fuhr Kaspar rauh dazwiſchen;„im Kriege heißt's von Manchem, er iſt todt, und nachher ſteht er doch wieder auf und läuft geſund auf ſeinen Bei⸗ nen umher. Mir iſt's ein paar mal ſo ergangen. Er wird vielleicht gefangen ſein! Einem ſo vornehmen Herrn giht man gern Pardon!“ „Es iſt nach ihm gefragt worden; er war nicht unter den Gefangenen“, antwortete Thereſe, das Haupt leiſe ſchüttelnd. „Thut nichts! Kann er nicht irgendwo geſteckt haben, wie hier der Hauptmann ſelber?“ widerſprach Kaspar. „Es iſt möglich! Allein ich hoffe wenig“, antwortete Thereſe.„Geſtern war ein furchtbarer Tag— was hat eine einzige Stunde deſſelben Alles zerſtört!“ „Ei! Es iſt auch noch etwas übrig geblieben!“ ſchalt Kaspar beinahe.„Ihr müßt den Kopf nicht ſo hängen laſſen! Eine Bataille wird verloren, die andere gewonnen. Es iſt ja noch lange nicht der Jüngſte Tag!“ Während dieſer Geſpräche hatten ſie den Rand der Waldung des Thiergartens erreicht. 85⁵ „Nun ruht Euch aus“, befahl Kaspar förmlich, als ſie im Gebüſch waren,„Ihr, Hauptmann, und Ihr auch, Cornet! Sonſt haltet ihr nachher nicht aus. Das ſchwerſte Stück Arbeit kommt noch. Ich will indeſſen für die Trag⸗ bahre ſorgen.“ Ohne weitere Antwort abzuwarten, zog er ſein breites Schwert, ging tiefer ins Holz und fing an, was er an Aeſten und Zweigen brauchte, herunterzuhauen. Es dauerte keine Viertelſtunde, bis er mit einer anſehnlichen Laſt Holz im Arme zurückkehrte. „Jetzt müßt Ihr ein wenig binden und flechten helfen, junge Frau“, ſagte er und legte das Holz auf den Boden. „Die beiden jungen Eichen hier geben uns die Länge; ſie haben reichlich acht Fuß. Seht ihr! Und nun dieſe drei Querhölzer! Das gibt das Gerüſt und das trägt genug.“ Er hatte bei dieſen Worten die zwei längern Stämme in angemeſſener Breite nebeneinander und die drei andern querüber gelegt. Thereſe mußte die Baumzweige feſthalten und er band ſie mit dünneren Gerten. „Das Holz iſt noch nicht morſch; es hat noch etwas Saft vom Sommer. So! Das muß halten!“ Er verſuchte die Stärke des Gerüſtes und fand ſie genügend. „Nun helft mir das Zweiggeflecht einziehen“, ſagte er zu Thereſen;„zweimal oben durch und einmal unten, und der nächſte Zweig umgekehrt, zweimal unter und einmal über die Querhölzer. Das iſt die Kette; dann machen wir den Einſchlag. Ihr verſteht gewiß zu ſpinnen und zu weben. Hier iſt's ebenſo!“ Thereſe begriff das Verfahren leicht, und nach einer halben Stunde war eine ſo feſte Tragbahre hergeſtellt, als man ihrer bedurfte. Während ſie das letzte Geflecht ord⸗ 86 nete, hatte Kaspar ſchon einen großen Arm voller Moos, aus dem er den Schnee ſorgfältig ausſchüttelte, herbeige⸗ ſchleppt und breitete es als Unterlage über die Zweige. „Das Zeug iſt ſo hart und knorrig“, ſagte er,„daß ſchon ein Geſunder mürbe wird, wenn er ein paar Stunden darauf liegen ſoll, vollends ein Verwundeter und Kranker.“ Er deckte jetzt die weiblichen Kleidungsſtücke, die Thereſe mitgenommen, darüber, und was er ſonſt noch von ſeinen Beuteſtücken Taugliches dafür hatte. „So“, ſagte er ſelbſtzufrieden zu Xaver,„ jest könnte eine kranke Kaiſerin weich darauf liegen! Streckt Euch nur einmal zur Probe hin, Hauptmann. Geht's?— Prächtig! Nun vorwärts!“ Sie brachen ſtill auf, bis dicht in die Nähe von Sanct⸗ Margarethen. Dort mußte ſich aver nach Kaspar's An⸗ weiſung auf die Bahre legen und kränker ſtellen, als er war. Er verband ihm Stirn und Kinn mit Tüchern, daß von dem Geſicht faſt nichts zu ſehen war. So trugen er und Thereſe ihn bis vor die Pforte des Stifts. „Jetzt laßt mich machen“, ſagte Kaspar leiſe,„und thut genau nach meinem Wort. Wolodna weiß ſchon Beſcheid. Ich ſchaffe Euch den Vater als Hülfsträger her⸗ aus; doch ehe ich nicht Halt commandire, dürft ihr einander nicht kennen.“ Die Bahre mit Xaver ſtand vor der Pforte. Thereſe blieb dabei. Kaspar ſchellte; der Pförtner öffnete. „Ich weiß, Alter“, redete ihn Kaspar ſogleich an,„daß hier ſchon Alles überfüllt iſt. Aber wir haben einen ſchwer⸗ verwundeten Hauptmann auf der Bahre und ſind nur unſerer Zwei. Er muß nach Prag hinein. Gebt mir noch einen Träger!“ 87 „Seid Ihr toll— wer ſoll hier Euer Träger ſein?“ entgegnete der Pförtner.„Es ſind nur Verwundete hier, und die Pfleger haben mehr zu thun, als ſie beſtreiten können.“ „Ich weiß, ich weiß! Aber es iſt Einer dabei, der noch gut auf den Füßen iſt. In Prag ſchaffe ich ihm ein Unterkommen. Der wird uns helfen. Er liegt hier gleich im Hauſe rechts.“ „Wenn Einer kann und will— wir ſind froh Einen los zu werden“, antwortete Jener. Nach fünf Minuten kam Kaspar mit Wolodna zurück; ſie wurden aus der Pforte gelaſſen, faßten ſtillſchweigend Beide die Bahre an und trugen ſie vorwärts nach Prag zu. Als ſie eine Strecke in banger Beklemmung gegangen wa⸗ ren, ſagte Kaspar leiſe:„Halt!“ Die Wiedervereinigten hingen in ſtummer Umarmung aneinander. Schmerz und Seligkeit rannen in eine Welle zuſammen. Kaspar rieb ſich froh die Hände. Plötzlich fing er wieder an, in ſeiner Weiſe zu weinen, heftig ſchluchzend. „Mir iſt als ſtecke ich in einer ganz neuen Haut und in der Haut mit neuen Knochen“, ſagte er.„Gott iſt mir armem Hund und Sünder wahrhaftig gnädiger geweſen, als ich es verdiene!— Nun aber vorwärts, Kinder, ſonſt macht uns der Satan doch ganz am Ende noch einen Strich durch die Rechnung!“ Langſam, mit Mühe, doch glücklich erreichten ſie das Reichsthor. Kaspar gab das erlauſchte Wort:„Ferdinand der Zweite!“ Es wurde ihm geöffnet. Die Wachen ließen die Bahre mit dem ſchwerverwundeten Offizier ohne wei⸗ teres durch. Von jetzt an fragte ſie Niemand mehr woher und wohin. Die Straßen waren finſter und öde; nur zahl⸗ 88 reiche Wachtpoſten ſtanden aus, und von Zeit zu Zeit ſtießen ſie auf ein Wachtpiket, das am Feuer lagerte. Eine Pa⸗ trouille, die ihnen begegnete, rief ſie zwar an; doch auf Kaspar's rauhe Antwort, der vorn trug:„Seht ihr nicht, daß wir einen Schwerverwundeten tragen? Macht uns lieber Platz!“ gingen die Leute ohne weiteres vorüber. Jetzt hatten ſie den Punkt erreicht, wo ſich die Straßen vom Hradſchin nach dem Moldauufer zu ſenken anfangen. Sie wollten nach des Pfarrer Lippach Hauſe, nahe am Ring, wo Thereſe Allen, wenigſtens für die nächſten Tage, ein Unterkommen verſchaffen konnte. „Ueber die Brücke möchte ich's nicht gern wagen“, ſagte Kaspar, als er ein wenig anhielt, um auszuruhen.„Selbſt einen Verwundeten möchten ſie doch genauer anſehen wollen und nach Namen oder Regiment fragen. Das könnte uns übel gerathen. Wenn wir nur auf andere Art über die Moldau kämen!“ „Ich weiß weiter aufwärts am Ufer wol einen Schif⸗ fer, dem ich ſicher trauen darf“, ſagte Wolodna,„und ich könnte uns durch Nebengäßchen ſicher dahin führen. Falls der Man noch dort wohnt und nicht etwa deitüch⸗ tet iſt. „Wir miſſen's verſuchen“, entſchied Kaspar Schwar. Sie bogen in die nächſte enge Gaſſe rechts ein. Es war ſehr finſter, der Weg ſchwer zu gehen, weil er über ganz vernachläſſigtes Pflaſter führte, wo man bei jedem Schritt ſtrauchelte. Sie wandten ſich oft um die Ecke, gingen durch kleine Quergäßchen, und ſtiegen freilich immer abwärts, hatten ſich aber zuletzt doch ſo verirrt, daß auch Wolodna nicht mehr genau wußte, wo er war.„Wir müſſen endlich doch ans Ufer kommen“, ſagte er,„und dann will ich ſchon den rechten Ort finden!“ 89 „Alle Teufel— da ſind Leute vor uns!“ flüſterte Kaspar, deſſen Adlerauge durch die ſchwarze Finſterniß drang.„Haltet an!“. Sie ſetzten die Bahre nieder und horchten. Kaspar ſchlich allein näher. „Ich bin glücklich herunter“, ſagte eine gedämpfte männ⸗ liche Stimme.„Folgt mir nur dreiſt nach; es geht, der Strick langt. Nur leiſe an der Mauer herab!“ „O Gott, ich wage es nicht— mir fliegen alle Glieder vor Angſt“, antwortete eine weibliche Stimme flüſternd. „So laß mich voran, liebe Suſanne“, ſagte eine andere Frauenſtimme leiſe bittend. „Ich will's in Gottes Namen wagen“, erwiderte die Erſte. „Was Teufel geht hier vor?“ murmelte Kaspar in ſich hinein.„Aber ſo viel iſt gewiß, die werden uns nicht feſt⸗ halten!“ 3 Er trat noch näher und ſah jetzt, daß eine weibliche Geſtalt an einem Seile die Mauer hinabglitt. Gleich darauf folgte eine zweite. „Wohin aber nun— rechts oder links?“ fragte die letzte, als ſie auf dem Boden ſtand. „Ich denke hier hinauf“, antwortete der Mann und tappte gegen Kaspar zu. In dieſem Augenblicke fiel ein bleicher Strahl des Mon⸗ des, der bis jetzt tief in den Wolken verhüllt geweſen war, zwiſchen den Giebeln gerade auf Kaspar. „Herr Jeſus! Ein Kaiſerlicher!“ rief der Mann aus. „Gnade, Gnade— laßt uns gehen, um Gottes Willen!“ flehte die weibliche Stimme, und die Bittende wollte ſich Kaspar zu Füßen werfen. Thereſe, die in angſtvoller Spannung gleichfalls näher 90 gekommen war, trat raſch dazwiſchen und ſagte:„Fürchtet euch nicht— wir ſind nicht was wir ſcheinen. Ich bin deines Geſchlechts; ſei ruhig, armes Mädchen!“ „O Gott, erbarmt euch unſer, laßt uns flüchten! Kai⸗ ſerliche Soldaten haben unſer Haus überfallen!“ Es war Agathe, Rippell's Tochter, die eben mit äußerſter Gefahr durch die Hintergebäude des Hauſes, in welchem ſie wohnten, auf einen Nachbarhof und von dort mittels eines Seiles über die Mauer auf dem Gäßchen angelangt war. Die flüchtige Verſtändigung reichte hin, zu zeigen, daß hier Keiner dem Andern Gefahr und Verderben, ſondern nur Jeder dem Andern Hülfe bringen könne. Als Kaspar deſſen ſicher war, trieb er haſtig vorwärts. Thereſe nahm mit herzlichem Antheil die zitternde Agathe in ihren Schutz. „Gott, der euch und uns ſo weit geholfen hat, wird uns Alle weiter führen“, ſagte ſie vertrauend. Durch die Schrecken ihrer Schickſale einander ſogleich eng verbündet, eilten ſie mitſammen weiter. Der Schutz der Nacht blieb ihnen getreu. Sie erreichten das Ufer. Wolodna fand das Haus mit dem Schiffer; dieſer zeigte ſich bereitwillig, und nach einer Viertelſtunde waren ſie jen⸗ ſeit des Stromes und bald ſo weit geborgen, als in dieſen Schreckenszeiten Jemand geborgen ſein konnte, denn ſie ſtan⸗ den vor Lippach's Wohnung. 3 1 — Fünfundzwanzigſtes Capitel. Herzog Maximilian hatte die Führer ſeines Heeres und eine Anzahl anderer Männer, die, als der kaiſerlichen Sache ergeben, Vertrauen genoſſen, zur Berathung auf das Schloß beſchieden. Boucquoi, Verdugo, Wallenſtein und mehrere andere Oberſten, Thyßka, Pater Dominicus nebſt einigen andern Geiſtlichen waren zugegen. Pappen⸗ heim, in der Schlacht ſchwer verwundet, fehlte. Der Herzog trat, von Tilly begleitet, ein; die Anweſenden erhoben ſich von ihren Sitzen und begrüßten ihn ehrfurchtsvoll. „Seid mir willkommen, ihr Herren“, begann der Herzog,„zum erſten friedlichen Geſchäft in der dem Kaiſer wiedergewonnenen Hauptſtadt Böhmens! Prag iſt nun ganz in unſerer Hand. Wie mir der Generallieutenant Graf Tilly ſoeben berichtet hat, iſt die Entwaffnung der böhmiſchen Truppen, die uns noch Schwierigkeiten machte, glücklich vollendet. Sie haben auf dem freien Felde vor der Neuſtadt ſämmtlich die Waffen geſtreckt.— Im Uebrigen iſt die Stadt ruhig, und die Bürger ſcheinen tiefe Reue über das Vorgefallene zu empfinden. Die Stände haben ſich bereit erklärt, Sr. Majeſtät dem Kaiſer Ferdinand neu zu huldigen, und ihn als rechtmäßig ſuccedirenden König von Böhmen anzuerkennen. Damit haben ſie ihr angeb⸗ liches Wahlrecht, auf das ſich der ganze Act des Aufruhrs ſtützte, völlig aufgegeben.— Auf morgen, als den 10. No⸗ vember neuen Stils, habe ich den erneuten feierlichen Hul⸗ digungsact ausgeſchrieben. Ueber die fernern Maßnahmen gegen die Strafbaren und über alles Das, was zur Be⸗ ruhigung des Landes und zur Herſtellung einer feſten Ordnung in der Zukunft nothwendig iſt, werde ich die Beſtimmungen Sr. kaiſerlichen Majeſtät einholen. Doch erwartet Höchſtderſelbe von hier aus Berichte und Vor⸗ ſchläge, und darüber möchte ich die Meinung der verſam⸗ melten Herren hier vernehmen.— Herr Graf von Bouc⸗ quoi, wolltet Ihr mir gütigſt mittheilen, was Euch zunächſt als das Zweckmäßigſte erſcheinen würde?“ „Ew. herzoglichen Gnaden erlauben mir zu bemerken“, antwortete der Feldmarſchall,„daß ich, was die Maßregeln zur Herſtellung der bürgerlichen Ordnung und Ruhe in dieſen Landen anlangt, nicht in dem Fall bin, eine Meinung geltend zu machen. Wenigſtens für jetzt nicht. Denn wir haben noch ſehr ernſtlich an den Krieg zu denken. Freilich ſind wir im Beſitz Prags, aber doch noch nicht ſo ganz im Beſitz Böhmens, wie mir ſcheinen will. Ich bin überhaupt höchſtlich erſtaunt, daß man uns nur Prag ſo wohlfeilen Kaufs überlaſſen hat.“ Tilly nickte ſtumm. „Es iſt mir ſehr erfreulich, daß die böhmiſchen Mann⸗ ſchaften ihre Waffen niedergelegt haben, aber es iſt mir noch verwunderlicher! Wir haben großes Glück ge⸗ habt.... „Größeres als unſer Verdienſt, wollt Ihr ſagen, Herr Feldmarſchall“, fiel der Herzog etwas empfindlich ein.— „Ich erkenne gern“, ſetzte er beſänftigend hinzu,„die große Gnade Gottes, die uns zu Theil geworden!“ „Ich erkenne ſie mit Ew. herzoglichen Gnaden“, ant⸗ wortete der Marſchall, ſich verbeugend,„und will mich beſtreben, ſie durch Anſtrengung aller meiner eigenen Kräfte zu verdienen.— Mein nüächſter Vorſchlag wäre der, die Veſte Karlsſtein zu belagern. Sie iſt von zweitauſend Mann engliſcher Hülfstruppen beſetzt, die nach der Flucht des Kurfürſten Friedrich wol nicht geneigt ſein werden, ſich lange zu vertheidigen. Uns aber iſt der Beſitz des Karlsſtein nothwendig, weil von dort aus Prag immer wieder beun⸗ ruhigt werden kann.“ „Und weil ſie die koſtbarſten Documente bewahrt für Alles, was wir in Böhmen zu ordnen haben“, bemerkte der Herzog.„Es iſt die wichtigſte Eroberung, die wir machen können; und ich wüßte ſie keiner ſicherern Hand an⸗ zuvertrauen als Euch ſelbſt, Herr Feldmarſchall.“ Boucquoi verbeugte ſich. „Ob der Karlsſtein noch ſo viel wichtige Documente enthält“, antwortete er,„laſſe ich dahingeſtellt ſein. Die Krone und ein großer Theil wenigſtens der Kronjuwelen ſind nach Prag gebracht. Die Reichsſchätze werden wol weder hier noch dort zu treffen ſein. Doch das bei Seite. Was den Krieg angeht, ſo haben wir noch mit wichtigern Dingen zu thun, meine ich. Denn wir haben noch Mans⸗ feld im Rücken und die Ungarn vor uns und in den Flanken. Ais „Mein Rath iſt“, nahm Tilly das Wort,„daß das kaiſerliche Heer ſich nach Karlsſtein und nach Mähren gegen die Ungarn wendet. Mit den Truppen der Liga will ich Prag behaupten und gegen Mansfeld marſchiren.“ „Einverſtanden!“ ſprach Boucquoi kurz, der die Tren⸗ nung der Heermaſſen eifrig wünſchte. „Werdet Ihr beides zugleich ausführen können, Graf Tilly?“ fragte Verdugo.„Mansfeld iſt ein anderer Geg⸗ ner als die, mit denen wir es hier zu thun hattent3 „Ich denke es mit ihm aufzunehmen!“ „Für Prag ſind allein wenigſtens zwölſtanſend Mann Fußvolk und dreitauſend Reiter nöthig“, meinte Verdugo. „Ich begnüge mich mit der Hälfte“, war Tilly's ruhige, kurze Antwort. „Was meint Ihr, Graf Wallenſtein“, wandte ſich Verdug mit Eifer an dieſen.„Ihr kennt den unruhigen Geiſt der Böhmen. Iſt dieſe Stadt mit ſechstauſend Mann in Ordnung zu erhalten?“ „Bei Zucht und Ordnung der Truppen, ja“, antwor⸗ tete Wallenſtein. „Und wenn durch das heilſame Beiſpiel der Strenge“, fügte Thyßka mit finſter blickenden Augen hinzu,„der aufrühreriſche Sinn gedämpft wird.“ „Die Strenge oder Milde iſt Sache Sr. Majeſtät des Kaiſers“, entgegnete der Herzog.„Uns aber liegt die Vor⸗ ſicht ob!“ „Ich habe offene Augen“, ſprach Tilly wocken. „Und die gefährlichſten Häupter ſind entflohen“, ſagte Boucquoi. „Nicht alle“, wandte Verdugo ein. „Leider, leider die meiſten“, rief Thyßka aus. „Wolltet Ihr ſie lieber in der Stadt?“ fragte Bouc⸗ guoi ſpöttiſch. „In unſerer Hand. Zur abſchreckenden Beſtrafung!“ entgegnete Thyßka.„Bedenkt, Herr Feldmarſchall, welche Frevel ſie verübt haben!“ —— 97 „Wir wären der göttlichen Gnade des Sieges nicht würdig“, rief Pater Dominicus eiferglühend,„wenn die Verbrechen, welche dieſe Ketzer gegen die heilige Kirche ver⸗ übt haben, nicht bis an dem letzten Schuldigen beſtraft würden!“ „Strafe und Gnade, ehrwürdiger Pater“, wiederholte der Herzog,„liegen in der Hand Sr. Majeſtät des Kaiſers!“ „Allein“, ſprach Thyßka unterwürfig ſchmiegſam, doch mit dem Blitz unverſöhnlichen Haſſes im Auge,„mich dünkt, gnädigſter Herzog, es müſſe Sr. Majeſtät die Mög⸗ lichkeit der Wahl zwiſchen Strafe und Gnade nicht ver⸗ kürzt werden!“ „Was meint Ihr damit! Herr Pater?“ fragte der Herzog. „Ich meine, wir dürften den Schuldigen nicht die Mög⸗ lichkeit laſſen, ſich der Strafe zu entziehen. Es ſind ſchon Viele geflüchtet, und gewiß werden noch viel mehr, ſie werden Alle flüchten, wenn ſie es vermögen!“ „Deſto beſſer!“ warf Tilly halb unwillig hin. Dominicus fuhr ereifert auf, doch als beſinne er ſich plötzlich eines Andern, unterdrückte er ſeine Aufwallung und ſchwieg. Er gab ferner kein Wort mehr zu den Verhand⸗ lungen. 1 „Ich werde die Häupter des Aufſtandes überwachen laſſen“, ſagte der Herzog,„bis der Kaiſer entſchieden hat. Die Flucht iſt jetzt Allen abgeſchnitten, und bis agf„Dmrn ſind ſie noch Alle in Prag!“** ν 4477⸗777 Rellſtab, Drei Jahre. IV. 2. 5 98 „Ich glaube, Pater Bhiſßßta“, warf Boucquoi ſpöttiſch dazwiſchen,„es ſtünde etwas ſchlechter um Eure Wünſche und Hoffnungen, wenn die Herren hier geblieben wären,— an der Spitze ihrer Truppen!“ „O, es ſind noch Andere geflüchtet, deren Flucht wir tief beklagen müſſen“, entgegnete Thyßka gereizt;„der Frevler, welcher die Hand an des Kaiſers Majeſtät ſelbſt legte, der Verbrecher Tharradel....“ „Die Aufzählung der Geflüchteten kann uns hier zu nichts führen“, unterbrach ihn der Herzog mit Ernſt;„allein Ihr habt vollkommen Recht, ehrwürdiger Pater, daß wir auf dieſe ſchweren Verbrecher das wachſamſte Auge haben müſſen!“ Tilly hatte während dieſes ganzen letzten Theils der Verhandlungen geſchwiegen und ſein finſtres Auge auf den Boden geheftet.—— „Darf ich Ew. herzoglichen Gnaden fragen“, wandte ſich Boucquoi zu einem neuen Gegenſtande,„ob der verhaftete pfälziſche Rath die Angaben gemacht hat, die man von ihm fordert?“ „Er hat eingeräumt, daß er das Eigenthum ſeines Herrn in Gewahrſam gebracht habe, aber mit Entſchieden⸗ heit verweigert, irgend eine Auskunft darüber zu geben.— Allein bei der genauen Durchſuchung des Hauſes haben ſich nebſt mehreren wichtigen Papieren aus der Kanzlei auch Juwelen und anſehnliche Summen im Keller vergraben vorgefunden.“ „Sind auch die wichtigen Briefſchaften des Kurfürſten, deren die geheime Anzeige Erwähnung thut, in unſere Hand gelangt?“ fragte Boucquoi. „Dieſe ſind bis jetzt nicht aufgefunden.“— Bouquoi ſchüttelte unzufrieden den Kopf. 99 „Leugnet der Verhaftete, daß dergleichen noch vorhanden ſind?“ fragte er. „Das nicht. Er beharrt nur dabei, daß er als vereideter Diener ſeines Fürſten nichts von dieſen ihm anvertrauten Gütern oder Papieren überantworten dürfe.“— „Hm!“ murmelte Boucquoi.„Es iſt Schade! Denn aus dieſen Papieren würden vielleicht die wichtigſten An⸗ ſchuldigungen gegen den Kurfürſten von der Pfalz hervor⸗ gehen.— Es iſt zwar ſein Verfahren gegen Se. Majeſtät den Kaiſer männiglich bekannt, und wird daſſelbe alle Maßnahmen der Strenge genugſam rechtfertigen, die gegen den Kurfürſten als Fürſten des Reichs genommen werden dürften; allein zur öffentlichen Rechtfertigung ſind der⸗ gleichen ſchriftliche Beweisſtücke doch immer von dem größten Werth!“ „Das Aufgefundene enthält ſchon viel Wichtiges; die andren Documente kommen vielleicht noch in unſere Hand“, antwortete der Herzog.„Das Verhör der Tochter des Raths Rippell“, ſetzte er hinzu,„hat indeſſen nichts darüber ergeben; ſie behauptet von den Geſchäftsangelegenheiten des Vaters gar keine Kenntniß zu haben.“ „Hat ein peinliches Verhör ſtattgefunden?“ fragte Boucquoi in einem Ton, als ob er dies misbilligen würde. „Nein“, antwortete der Herzog ebenſo. Thyßka fuhr unwillig auf; doch er beherrſchte ſich auf der Stelle wieder und ſchwieg. Seine Züge drückten nur eine ſpöttiſche Verwunderung aus, daß man nicht einmal die Folter angewendet habe zu ſo wichtigem Geſtändniß. Er wandte ſich zu Dominicus, während Boucquoi noch einige andere Fragen that, und ſprach leiſe mit ihm. Doch ihre Geſichtszüge verriethen, daß ihr Geſpräch ſehr eifrig war und ſehr wichtige Gegenſtände betraf. 100 Verdugo war unterdeß zu Wallenſtein getreten und hatte gleichfalls ein leiſes, lebhaftes Geſpräch mit dem⸗ ſelben. Er vertheidigte ſeine Anſichten über die nothwen⸗ dige Stärke der Garniſon von Prag. Dieſer, wie er ſich bei der Berathung in ſtrenger Zurückgezogenheit gehalten, antwortete auch jetzt nur einſilbig. Der Herzog hatte noch einige Worte mit Tilly geſprochen; dann wandte er ſich zur Verſammlung:„Zur gemeinſamen Berathung liegt im Augenblick nichts mehr vor. Der Generallieutenant wird die beſondern Befehle ausfertigen laſſen!“ Damit Fißte er die Verſammlung und ging. Die Andren verli den Saal gleichfalls. Dominicus und Thyßka waren die Letzten. Sie gingen zuſammen hinaus.—— „Alſo, Ihr ſchließt Euch der Meinung des Herzogs mit Vertrauen an, theurer Bruder?“ fragte Dominicus den Pater Thyßka, als ſie ſich allein ſahen. „Reiflich überlegt, ja, verehrter Bruder“, antwortete dieſer,„doch mit andrem Endzweck. Da nicht ſofort die Strafe eintritt, iſt es beſſer, den Anſchein zu nehmen, als begnüge man ſich mit dem Siege im Ganzen und denke nicht an die Einzelnen; ſo wiegen wir ſie in Irrthum.“ „Es werden Viele flüchten!“ antwortete Dominicus, indem er misbilligend den Kopf ſchüttelte. „Aber mehr zurückkommen. Jedenfalls bleiben ja ihre Güter zum Pfande!“ „Für das Leben laſſen ſie ſie doch im Stich!“ „Deshalb müſſen ſie für das Leben zu fürchten aufhören.“ „Es wird ſchwer halten ſie zu beruhigen.“ „Es wird gelingen durch unſere eigene Ruhe“, ſagte Thyßka,„und“, ſetzte er hinzu,„durch Strenge gegen Einige, die Strafbarſten; die müſſen aufgeſucht werden, 101 damit unſer Verfahren nicht unglaublich erſcheint. Zwei von ihnen hat unſer Zaloska ſchon ausgeſpürt, Martin Frühwein und Nikolaus Diewiß; ſie ſind noch in Prag.“ „Die nehmt gefangen; inſonders dieſen Frühwein!“ rathe ich an, rief Dominicus. „O, ſeiner wird der Orden wol gedenken“, erwiderte Thyßka mit ſchneidendem Lächeln. „Der Zaloska ſcheint ein eifriger Diener!“ „Ein Spürhund ohne Gleichen,— beſonders wenn man ihm die Witterung mit Gold macht!“ entgegnete Thyßka. „So verſäumt das ja nicht!“ ſagte Dominicus dringend. „Zuverläſſig nicht“, war Thyßka's Antwort.„Wir dürfen nicht einſchlummern, wir ſchläfern nur ein!“ „Wohl, theurer Bruder, ſehr wohl“, erwiderte Do⸗ minicus. „Ich werde jetzt“, begann Thyßka nach kurzem Schweigen, „den Rath des hochwürdigen Paters Lamormain, den er mir einmal gab, ganz beſonders beachten.„Hände in den Schos; Ohr und Auge offen!»“ „Ich werde ihm erzählen, wenn ich nach Wien reiſen ſollte, wie Ihr ſeine Lehren hochachtet“, verſetzte Domini⸗ cus lächelnd. „Ihr reiſet doch nicht ſo bald, hochwürdiger Vater?“ fragte Thyßka. „Etliche Wochen bleib' ich noch hier. Es wird für mich ſo Manches zu thun geben. Den Eifer der Kriegsleute für die heilige Sache der Kirche darf ich nicht erkalten laſſen!“ „Sie folgen Euch, würdigſter Bruder, wie einem Propheten! Das haben wir beim Beginn der Schlacht geſehen!“ — ——õ —— 102 Unter dieſem Geſpräch hatten die beiden Geiſtlichen den Ausgang erreicht, wo ihr Weg ſie trennte. „Wir bleiben Eins!“ ſagte Dominicus, indem er Thyßka die Hand reichte.. „In alle Ewigkeit! hochwürdigſter Bruder!“ erwiderte dieſer. 4 „Die himmliſche Jungfrau Maria behüte Euch in Gnaden!“ „Und Euch!“ So ſchieden ſie. Sechsundzwanzigſtes Capitel. Als Thereſe ſich aus dem Hauſe Lippach's zu ihrem ſchweren Gange auf das Schlachtfeld anſchickte, vernahm der Pfarrer ihren frommen muthvollen Entſchluß mit Ehr⸗ furcht; er wußte, daß er unerſchütterlich feſt war, und trachtete daher nicht, ihn zu ändern. Er ließ ſie ziehen mit ſeinem Segen, und ſein Gebet begleitete ihre Schritte.— Da ſie in der Nacht und den ganzen folgenden Tag nicht zurückgekehrt war, erfüllte ihn bange Sorge um ihr Ge⸗ ſchick! Mit tiefer Wehmuth betrachtete er ihren Knaben, deſſen liebevolle Pflege ſeine Hausfrau Gertrud über⸗ nommen hatte. Das Kind lag in der Wiege und ſchlum⸗ merte ſüß. Es war um die achte Stunde des Abends. Tiefe Stille herrſchte rings um das Haus. Denn in dieſen Tagen der Beſorgniß war die Straße um dieſe Zeit von den Bürgern ſchon ganz leer geworden, weil jeder ſich doch im Hauſe hinter Schloß und Riegel ſicherer wähnte.— 103 „Da tönte der Schall des Thürpochers durch die ſtille Wohnung. Lippach ſchreckte bang zuſammen; nach einigem Lauſchen, während deſſen das Pochen ſich erneuerte, ging er ſelbſt vorſichtig mit der Leuchte hinab und öffnete das kleine, durch ein Eiſengitter verwahrte Fenſter in der Hausthür. In welcher Freude wallte ſein Herz über, als er There⸗ ſens liebliche, edle Züge von dem Lichtſtrahl angeleuchtet ſah.„Willkommen, Gott ſei gelobt!“ rief er aus. „Ja, Gott ſei gelobt!“ erwiderte ſie unter dankbaren Thränen.„Gott ſei ewig gelobt, denn ich komme nicht allein. Seine gnädige Hand hat mich durch das Dunkel geleitet, mein Vater und Naver, ſie ſind gerettet,— ſie be⸗ gleiten mich!“ „Herr, deine Gnade iſt groß und deine Wunder ſind unerſchöpflich!“ rief der Pfarrer aus tief bewegtem Herzen, und beeilte ſich die Pforte zu öffnen. „Ach, theurer, würdiger Freund“, begann Thereſe mit ſanfter Stimme,„bevor Ihr Euer Haus aufthut, muß ich eine große Bitte an Eure chriſtliche Liebe richten!— Nicht nur, daß Xaver und mein Vater mich begleiten, auch andere unglückliche Glaubensgenoſſen führe ich Euch zu, die auf Euer gaſtliches Dach und Eure Hülfe hoffen!“ 2 „Sie ſollen Alle willkommen ſein“, ſagte der Pfarrer mit Wärme, und im Augenblick war die Thür geöffnet. Sie traten ein. Thereſe ſank tief bewegt an Lippach's Herz. Thränen dankbarer, ſtaunender Rührung füllten ſeine Augen über das Gelingen ihrer kühnen That. Er begrüßte Xaver und Wolodna, als von den Todten erſtandene Freunde, durch Händedruck und Umarmung. Liebevoll empfing er die bebende, kaum der Sprache mächtige Agathe und ihre Begleiter. Mit wenigen Worten erzählte ihm Thereſe deren Geſchick 104 und das wunderhare Zuſammentreffen mit ihnen. Lippach vernahm es mit Staunen und inniger Theilnahme.„Ihr ſeid alſo“, wandte er ſich zu Agathen,„die Tochter des redlichen, wohlwollenden Raths Rippell, der auch den Armen meiner Kirche ſo viele reichliche Gaben zukommen ließ? Und ein ſo biederer Mann iſt verhaftet!— Ihr ſeid ge⸗ flüchtet!— Allgütiger, in welcher Zeit des Grauens leben wir!“ Agathe lehnte ſich tief erſchüttert an Thereſens Bruſt. „Nun, verzaget nicht, habt Gottvertrauen“, tröſtete ſie Lippach mit ſanftem Zuſpruch.„Sehet, welche wunderbare Wege der Herr uns führt! Erhebt euer bangendes Herz an dem Los dieſer treuen Gattin und Tochter, die ihre Lieben faſt aus dem dunklen Schos des Todes ſelbſt wieder ge⸗ wonnen hat. Auch für Euch wird Gott die Auswege finden, die aus der Nacht zum Licht führen.— Tretet ein in dieſes Haus; der Friede Gottes hat bisher darin ge⸗ waltet; er wird ſich auch über Euer junges Haupt breiten.“— Er nahm Agathens Hand und führte das faſt ein⸗ ſinkende, weinende Mädchen ſeiner getreuen Hausfrau Ger⸗ trud zu, die, als ſie Thereſens Stimme erkannt hatte, auch herabgekommen war. Mit mütterlicher Freundlichkeit leitete ſie Agathen hinauf in das Wohngemach. Das Haus war ſorgfältig wieder verſchloſſen worden. Lippach lud die Flüchtigen alle ein, einſtweilen hinaufzu⸗ kommen in ſeine Wohngemächer, bis das geeignete Unter⸗ kommen für ſie bereitet ſei. Einer der Ankömmlinge hatte bis dahin ganz im dunklen Hintergrunde geſtanden; er ſcheute ſich näher zu treten. Es war Kaspar Schwarz. Der wilde Menſch vernahm hier milde Töne, Worte der Menſchlichkeit, des heiligen Friedens, die er in dem verworrenen Getümmel ſeines Lebens, wo das Schlachtgetöſe faſt nie unterbrochen war, kaum jemals gehört oder ſtets überhört hatte. Jetzt weh⸗ ten ſie über das ſchmelzende Eis ſeiner Seele wie ein linder Frühlingshauch hin; er war weich wie ein Kind. Wie darfſt du mit deinem Leben voll Sünde und Frevel, voll Gewaltthat und Mord in dieſe Behauſung des Friedens treten? dachte er, und zögerte der Einladung des Pfarrers zu folgen. Doch Thereſe vergaß ſeiner nicht; in ihrer tief verſtehenden Seele ahnte ſie ſeine Empfindungen, trat auf ihn zu, nahm ſeine Hand, führte ihn zu Lippach und ſagte: „Dieſer Mann iſt unſer Retter und unſere Stütze geweſen! Ein rauher Krieger, aber mit einem treuen Herzen! Ihn bedroht Gefahr wie uns; wir können ſein Schickſal nicht von dem unſrigen trennen.“ Verwirrt trat Kaspar näher. Er war bis hierher einem Geiſtlichen, mochte es ein Prieſter der katholiſchen Kirche oder ein evangeliſcher Diener Gottes ſein, faſt nie anders als mit Spott und Hohn gegenübergetreten; ja, er hatte ſich oft wol noch ſchlimmerer That ſchuldig gemacht! Zum erſten male empfand er jetzt, in der Umkehr ſeines ganzen Wandels, die Ehrfurcht, welche einem dem Frieden und der Liebe geweihtes Leben gebührt. Er fühlte, daß ſein ganzes Daſein, einem ſolchen gegenüber, nur ein frevelndes war; daß es wenigſtens nur zum Unheil der Menſchen auf dem vergifteten Boden blutgedüngter Felder wachſen konnte, und Fluch, Seufzen und Jammer daran hafteten, wie auf dem des Prieſters Dank und Segen ruhten. „Herr“, ſagte er zerknirſcht,„ich bin nicht werth unter Euer Dach zu treten! Laßt mich draußen! Ich bringe Euch am Ende Unheil; und ob mich's einen Tag früher oder ſpäter trifft, das iſt nun doch Alles Eins!“ „. 5** — —— ———— ¾— 106 „Biſt du ein Verirrter, mein Sohn, ſo habe ich doppelt die Pflicht, dich zu mir zu laden und mit Troſt und Liebe des rechten Weges zu führen“, antwortete Lippach freund⸗ lich.„Aber ich vernahm ja, daß du der Retter dieſer unſerer Freunde biſt?“ „Ach Herr! Ich bin ein arger Sünder und Frevler! Mir wäre beſſer, ich wäre nie geboren!“ brach Kaspar wie in Verzweiflung aus.— Der Kampf der Reue und Beſſerung in ſeiner ver⸗ wilderten Seele mit dem alten düſtren Unheil nahm immer wieder dieſe heftigen erſchütternden Geſtaltungen an. Doch Lippach's erkennender Blick, und ſein milder, echt chriſtlicher Sinn verſtanden ſogleich, was in ihm vorging. „Und wäreſt du der Verirrteſten Einer, mein Sohn“, ſagte er und nahm ihn herzlich bei der Hand,„wer da umkehrt und ſich dem rechten Ziele zuwendet, den nehmen die Arme des Herrn immer liebreich auf. Sei mir willl⸗ kommen auf deinem guten Wege und lege dein Haupt nieder unter meinem Obdach, wie alle Dieſe. Du wirſt Segen mitbringen, nicht Unheil und Fluch!“ Dieſe Friedensworte fielen wie ein Sonnenſtrahl, er⸗ leuchtend und erwärmend zugleich, in die dunkle Seele des lange Verirrten. Das rauhe Erz ſeiner Bruſt, ſchon von ſeiner eigenen innern Glut durchdrungen, erweicht, ſchmolz jetzt in weichen Wellen. Er hatte nicht Worte, nur Thränen, in heftigen Ergüſſen ſeiner heftigen Natur; auf Lippach's Hand gebeugt, küßte er ſie in heißer Inbrunſt und demuth⸗ vollem Seelenſchmerz. Endlich ſchluchzte er:„Legt mir auf, Herr Pfarrer, was Ihr wollt für Buße,— fordert mein Leben! Ich thue nach Eurem Geheiß!“ Der Pfarrer beruhigte ihn und hieß ihn mit den An⸗ dren folgen. 107 Mit liebevollem Eifer hatte die Hausfrau ſchon für Erquickungen geſorgt, deren Alle bedurften. Für die Halb⸗ erſtarrten loderte ein wohlthätiges Feuer im Kamin. In den ſtillen Gemächern des Hinterhauſes, zur Aufnahme von Gäſten überhaupt bereit, wurden ſogleich noch einige Lager⸗ ſtätten aufgeſchlagen. Thereſe war mit ſehnſuchtsvoller Mutterliebe in das Schlafgemach des Kindes geeilt und hatte ihren Knaben mit glänzenden Augen der Freude, der Liebe und der Wehmuth betrachtet. Nur einen leiſen Kuß hauchte ſie auf ſeine Stirn, um das Kind nicht zu wecken. Dann ellte ſie, wie angeſtrengt und erſchöpft ſie war, der Hausfrau zu Hülfe. Selbſt Agathe fand eine Stärkung, einen Troſt darin, häuslich behülflich zu ſein. So war es möglich, daß noch keine halbe Stunde vergangen war, und doch ſchon alle die unvermutheten Gäſte, neu erquickt durch Alles, was der Leib bedurfte, nach ſo ſchweren Tagen und Wande⸗ rungen, ſich wieder in Lippach's Wohngemach beiſammen⸗ finden konnten, gemeinſam das Mahl einzunehmen. Sie reihten ſich um den Tiſch, wie eine Familie. Lippach trat an das obere Ende; er ſchickte ſich an, das Gebet zu ſprechen. In tiefer heiliger Stille hingen die Blicke Aller an ihm. Es war das erſte mal, daß Kaspar Schwarz, ſeit den längſt verrauſchten Tagen früher Kindheit, an einem Gebet theilnahm! Er war ängſtlich, ob er wol in dieſen frommen Kreis gehöre, ob er auch das Rechte zu thun wiſſe, und blickte auf Thereſen, die, ihn verſtehend, ihm mit ſanften Augen zuwinkte, indem ſie die Hände über der Bruſt faltete, ihm zur Andeutung, daß er daſſelbe thun möge. Er folgte wie ein Kind, das von der Mutter Unterweiſung erhält. 4 „Vater der Liebe!“ begann Lippach,„laſſe deinen Segen 108 walten über uns und deinen Frieden in uns! Ueber die Erde ſendeſt du jetzo ſchwarze Wolken, daß ſie ſchwer ver⸗ finſtert iſt; doch dein lichtes Auge wacht in reiner Höhe und leitet unſere Schritte. Behüte unſer Herz, daß es in kind⸗ lichem Vertrauen zu dir beharre! Du haſt Großes an uns gethan, und dich herrlich verkündigt an uns Allen, die wir hier verſammelt ſind! Durch düſtre Nacht, wo kein Auge einen Ausweg ſah, haſt du uns geführt zu heiligem Licht! So wollen wir nicht verzagen, auch wenn du ferner unſer Herz prüfeſt durch Schmerzen; denn wo thränenvolle Augen zu dir blicken, da flößeſt du den Balſam des Troſtes in die wunde Bruſt. Du läſſeſt ſchimmern den Stern der Hoffnung den Trauernden, und das Licht der Wahrheit den Verirrten! Dank ſei dir gebracht, Allvater der Liebe, von uns Allen, die du vereint haſt unter dieſem Dach, das du ſchützend über uns breiteſt an dieſem Tiſch, den deine milde Hand gedeckt! „Ueber uns walte dein Segen, und in uns dein Frieden! Gelobt ſei, Herr, in alle Ewigkeit.“ 1 Wie das Gebet des Frommen aus ſeiner tiefſten Seele quoll, ſo drang es in die Seele der Verſammelten. Die Herzen erhoben ſich in Dank und Vertrauen. Eine fried⸗ liche Stille ergoß ſich über das Gemüth Aller. Sie ſetzten ſich nieder zum Mahl, und es erquickte ſie nach ſo ſchwe⸗ ren Stunden, und gab ihnen Muth für ſchwerere— die noch unter dem Schleier der Zukunft lagen! 109 Siebenundzwanzigſtes Capitel. Pater Lamormain ſaß ſchon am frühen Morgen, bevor es tagte, in ſeinen Pelz gehüllt, am Arbeitstiſch, wo er ſich beim Schein der Lampe eifrig mit Brieſſchreiben be⸗ ſchäftigte, als ſein Diener eintrat, und ihm die Botſchaft brachte, es ſei ein kaiſerlicher Lakai im Vorzimmer, der den Auftrag habe, den Herrn Beichtvater zu erſuchen, ſich ſo⸗ gleich zu Sr. Majeſtät dem Kaiſer zu begeben, um einer wichtigen Berathung über neu eingetroffene Nachrichten aus Böhmen beizuwohnen. „Iſt der reitende Bote ſchon fort?“ war die Frage, welche Lamormain that, ſtatt Antwort auf die Botſchaft zu geben. „Er will eben zu Pferd ſteigen.“ „Er ſoll noch warten, bis ich von Sr. Majeſtät zu⸗ rückkehre.— Der junge Benedetto Maschino, den ich um acht Uhr zu mir beſchieden, ſoll ſogleich zu mir herein⸗ geführt werden, wenn er kommt.“— „Ich laſſe“, ſetzte er jetzt nach einigem Beſinnen hinzu, „Sr. kaiſerlichen Majeſtät meine tiefſte Ehrfurcht bezeigen, und werde auf der Stelle bei Höchſtderſelben erſcheinen.— Richte das aus, guter Gregor, und komm dann wieder herein, mich anzukleiden.“ Der Diener ging. „Etwas Neues werde ich nicht erfahren“, ſagte Lamor⸗ main ſelbſtzufrieden vor ſich hin, als Gregor hinaus war. „Denn ich bin, dem Himmel ſei Dank, nicht ſchlechter bedient als Se. Majeſtät. Allein wir werden uns —ʒᷓ ‿— — — — 110 über manches Erfreuliche und Wichtige zu unterhalten haben!“ Er ſetzte ſich wieder an den Tiſch, ſchrieb eifrig weiter und achtete nicht auf den abermals eingetretenen Diener, der die Kleidungsſtücke zurechtlegte, und, die Gewohnheiten ſeines Herrn kennend, ihn durch kein Wort ſtörte. Lamormain faltete den Brief ſorgfältig zuſammen, ſiegelte ihn ſelbſt und machte auch die Aufſchrift ſelbſt.— Jetzt ſtand er auf und ließ ſich ankleiden. Er war eben fertig, als ein leiſes Pochen an der Thür ſich vernehmen ließ. Auf das„Herein!“ Lamormain's trat Benedetto ein, der ſeit einigen Wochen aus Spanien zurückgekehrt war. Der Jüngling ſah ſehr bleich und leidend aus. Sein ſchwärme⸗ riſches Auge war tief eingeſunken und brannte aus der dunklen Beſchattung ſeiner Augenbrauen hervor. „Ihr habt befohlen, ehrwürdiger Vater“, ſagte er, ſich tief verbeugend. „Ja mein lieber Sohn“, entgegnete Lamormain ſehr freundlich.„Ich habe wieder ein Geſchäft für dich!““ Benedetto's Bruſt hob ſich von einem tiefen Seufzer, doch er unterdrückte denſelben, ſodaß nicht der leiſeſte Laut zu hören war. Allein wer ihn genau beobachtet hätte, müßte ihm das bekämpfte Gefühl angeſehen haben. „Du haſt dich bei deinem erſten Auftrage ſo geſchickt und eifrig gezeigt, mein lieber Sohn“, ſagte Lamormain zu ihm,„daß ich dir volles Vertrauen zu einem ebenſo wich⸗ tigen ſchenken darf.—— Laß jetzt den Wagen vorfah⸗ ren“.... wandte er ſich zum Diener,„und erwarte mich draußen!“ Gregor ging. „Sieh, lieber Sohn“, wandte er ſich zu Benedetto, da ſie allein waren,„mit dieſem Schreiben“— er gab ihm den —— —— 111 eben vollendeten Brief—„wirſt du ſogleich nach Prag ab⸗ reiſen, und dich bei unſerm Ordensbruder Thyßka ein⸗ führen. Er wird dir dort deine weitere Thätigkeit an⸗ weiſen. Für mich ſelbſt haſt du wieder daſſelbe zu thun wie in Madrid. Du wirſt mir, diesmal thuſt du es aber in ſpaniſcher Sprache, nicht in lateiniſcher, merke das wohl! ſorgfältige Nachrichten über Alles, was in Prag geſchieht, zukommen laſſen. Du weißt, wie deine Zukunft von der Treue und Sorgſamkeit deiner Berichte abhängig iſt! Der Herzog Maximilian von Baiern, der Graf Tſcherklas von Tilly ſind diejenigen Perſonen, die du nicht aus dem Auge läſſeſt. Ich habe Urſach zu glauben, daß beſonders der Letztere nicht ganz in der Weiſe verfahren möchte, wie es mir richtig ſcheint. Berichte mir alſo genau über jede ſeiner Aeußerungen.— Ferner werden in einigen Tagen die Herren Martiniz und Slawata nach Prag zurückkehren. Auch über dieſe, wiewol ich glaube, daß wir ſehr einver⸗ ſtanden ſind, ſendeſt du mir deine Berichte.— Du reiſeſt heut Vormittag noch ab über Linz und von dort über Budweis. Dieſe Straße iſt uns jetzt ſchon offen. Hoffent⸗ lich auch bald die gerade von hier nach Prag!— Im Uebrigen beziehe ich mich auf Alles, was ich ſchon geſtern Abend mit dir beſprochen und was dir Pater Thyßka für alle einzelnen Fälle anrathen wird.— Hätteſt du noch etwas, was dir undeutlich wäre?“ „O nein, ehrwürdiger Vater“, war Benedetto's kaum hörbare Antwort. „So nimm meinen Segen auf den Weg! Gott und ſeine Heiligen mögen dich in ihren Schutz nehmen.“ Benedetto drückte den Kuß der Ehrerbietung auf La⸗ mormain's Hand und ging ſchweigend. „Hm! Hm!“ murmelte Lamormain;„ich ſehe es dem 112 jungen Menſchen wohl an, daß er mir ungern gehorcht. Einerlei! Noch gehorcht er! Man muß die Zeit ſeiner Schwärmerei nicht ungenutzt verſtreichen laſſen. Er iſt noch am Wendepunkte. Entweder er ſchlägt mir bald um, und dann— ein Strich durch ſein Leben und Thun; oder er ſchlägt ganz ein, und dann werden wir nicht leicht einen feſteren Pfeiler des Ordens haben als ihn.— Doch Zeit war es, hohe Zeit, ihn von der ſchönen Gräfin Alphonſine zu entfernen! Nun, ſie hat mir ihre Dienſte geleiſtet; ich darf nicht undankbar ſein! Jetzt vorwärts, guter Bene⸗ detto! Schmilz im Feuer, oder werde hart wie Stahl!“— Der Diener meldete, daß der Wagen bereit ſei.— Zehn Minuten ſpäter ſtieg Lamormain in der Burg die Stufen zu den Gemächern des Kaiſers hinan. Die Reihe der Vorzimmer ſtand offen; trotz der frühen Morgenſtunde war ſchon eine lebhafte Bewegung im Palaſt. Dicht hinter Lamormain war Graf Trauttmansdorff vorgefahren; er folgte dem Beichtvater des Kaiſers auf dem Fuß. Fürſt Eggenberg war ſchon im Gemach bei Sr. Ma⸗ jeſtät. Im zweiten Vorzimmer hatten ſich Kammerherren und Pagen eingefunden, um dem Kaiſer mit dem Morgen⸗ gruß zugleich ihre Glückwünſche darzubringen. Die Nachricht von der Schlacht bei Prag und ihrem glänzenden Erfolge war ſchon Abends zuvor eingetroffen. Jedoch erſt dieſen Morgen in erſter Frühe die Kunde von der Beſetzung und völligen Unterwerfung der Stadt ohne allen Widerſtand, und von der Flucht des Kurfürſten Friedrich. Denn König war er hier niemals genannt worden, vollends jetzt nicht! Die ganze Burg war von dieſen freudigen Nachrichten erfüllt, welche die völlige Be⸗ endigung des Krieges zu verbürgen ſchienen. Lamormain wurde von allen Seiten umringt und auch ihm Glück⸗ 113 wünſche und Dank dargebracht, da Jedermann wußte, daß vorzüglich er es geweſen, der den Kaiſer in der Beharrlich⸗ keit ſeiner Entſchlüſſe geſtärkt hatte. Mit dem Grafen Trauttmansdorff zugleich trat er ins Gemach des Kaiſers. Beide wurden zum Handkuß zu⸗ gelaſſen. „Wir haben der Gnade Gottes aus tiefſter Seele Dank zu ſagen“, ſprach Ferdinand, als ſie ihm dieſe Ehrfurcht bezeigten, mit feierlicher Stimme, und in einer Bewegung, die ſein ganzes Innere erſchütterte.„Der Sieg, den wir dem Himmel verdanken, hat auch die reichſten Folgen ge⸗ tragen. Durch die Schlacht iſt die Hauptſtadt des empörten Landes nicht nur völlig in unſere Hand geliefert, ſondern die Aufrührer ſind auch reuevoll zur Unterwerfung zurück⸗ gekehrt. Indem wir ſprechen iſt die neue Huldigung in Prag bereits erfolgt. Sie war auf geſtern anberaumt!“ „Heil meinem gnädigſten Herrn und Kaiſer“, erwiderte Lamormain,„der in dieſem Siege endlich die Frucht ſeiner langen, muthvollen, unerſchütterlichen Anſtrengungen für die Sache der heiligen Kirche genießt!“ „Von dem Herzog von Baiern und vom Grafen Boucquoi ſind ausführliche Berichte eingegangen. Es bleibt kein Zweifel mehr! Wir können den Kampf als beendet betrachten.— Er hat große Opfer gekoſtet!“ ſetzte er mit einem ernſten Blick hinzu.—„Geben Ew. Liebden den Herren die Depeſchen ſelbſt zu leſen“, ſagte der Kaiſer zu Eggenberg. Dieſer reichte ſie ihnen. Während Lamormain die Briefe des Herzogs durchflog, las Graf Trauttmansdorff die Boucquoi's. Der Kaiſer hatte befohlen, daß Alle, zu denen er die Nachricht von der Unterwerfung Prags geſendet hatte, ſofort ——————— — 114 zu einer außerordentlichen Berathung in ſein Cabinet einge⸗ führt werden ſollten. Es verſammelten ſich daher bald nicht nur die andern Mitglieder des Conſeils, ſondern auch ſonſt viele Männer von hohem Rang und in bedeutenden Aemtern. Beſonders ſolche, die bei der böhmiſchen Sache vorzugs⸗ weiſe betheiligt waren. Der Cardinal Dietrichſtein, der noch nicht wieder nach Mähren hatte zurückkehren können, der Burggraf Adam von Sternberg, der auch ſeit längerer Zeit in Wien lebte, der ehemalige Statthalter in Böhmen, Oberſt Kanzler Zdenko von Lobkowitz, welcher nach dem Tode ſeiner Gemahlin Polyxena gleichfalls Prag wieder verlaſſen hatte, Martiniz und Slawata, der mähriſche Freiherr von Zierotin, der Fürſt Liechtenſtein und viele Andere. Der Miniſter Graf Fugger erſchien in Trauer, wegen ſeines jüngſt in Böhmen auf dem Schlacht⸗ felde gebliebenen Neffen, des Oberſten Fugger. Als die Herren beiſammen waren, begann die Berathung unter dem Vorſitz des Kaiſers ſelbſt, indem Fürſt Eggen⸗ berg die erhaltenen Depeſchen vorlas. Als er geendet hatte ſtand er auf; Alle erhoben ſich von ihren Sitzen. „Die ungetreue, durch Aufruhr abgefallene Provinz“, redete der Fürſt die Verſammlung feierlich an,„iſt, wie uns dieſe Briefe melden, geſtern wieder zu dem rechtmäßigen Herrſcher zurückgekehrt. Bringen auch wir demſelben unſere erneute Huldigung und unſern Glückwunſch dar, durch ein lautes: „Vivat Rex Bohemiae, Ferdinandus secundus!“ „Vivat Ferdinandus!“ riefen die Anweſenden wie aus Einem Munde, und ließen ſich auf ein Knie nieder vor dem Kaiſer, dem Gottes Schutz und Huld ſo ſichtbarlich zu Theil geworden. Es war ein feierlicher Augenblick, dieſer Ausbruch aus den Schranken alles gewöhnlichen Ceremoniels. Die tiefſte 115 Stille herrſchte nach dem lauten Huldigungsruf. Der Kaiſer blickte bewegt im Kreiſe umher und erhob dann ſeine Augen gen Himmel.„Gott war uns gnädig; ihm allein die Ehre!“ ſagte er bewegt. Er winkte, und die Knienden er⸗ hoben ſich wieder. Die Geſchäfte begannen jetzt in der Ordnung. Es wurden die Vorſchläge und Anliegen, welche in den Depeſchen des Herzogs und des Feldmarſchalls enthalten waren, ein⸗ zeln vorgeleſen und berathen. Man erkannte bald, daß, obgleich Prag unterworfen war, doch der Krieg noch nicht als beendet angeſehen werden konnte, wenn ſich die Gegner nur zu irgend einiger Energie erhoben. Am drohendſten erſchien Bethlen Gabor, der, wie alle Nachrichten lauteten, ſich furchtbar rüſtete. Er hatte, ſo ſchien es, jetzt die Larve ſeines zweideutigen Handelns abgeworfen. Böhmen und König Friedrich, den er beneidet hatte, ſah er mit heimlicher Freude ſtürzen, doch für ſich ſelbſt wollte er jetzt deſto ent⸗ ſchiedener auftreten, und nunmehr ſeine wahren Abſichten mit der ganzen Entſchloſſenheit, Zähigkeit und Schlauheit, die ihm eigen war, verfolgen. Auch waren, bei näherer Betrachtung, noch lange nicht alle unruhigen Elemente in Böhmen ſelbſt gebändigt; Mansfeld konnte noch zähen Widerſtand leiſten; die ungariſchen Hülfsvölker wenigſtens durch Raub und Verwüſtungszüge gefährlich werden und ſtarke Gegenkräfte fordern. Endlich da Thurn, die Seele und kühne Spitze im Beginn des Krieges, ſich gerettet hatte, war es möglich, daß auch um ihn ſich die zerſtreuten Scharen ſammelten und die Beendigung des Kampfes noch lange hinhielten. Lamormain enthielt ſich jeder Aeußerung ſeiner Meinung während der Berathungen. Nur als Martiniz und Slawata in ihrer lang zurückgehaltenen Erbitterung jetzt von der ————— —————— — 116 Strafe, die man gegen die Aufrührer eintreten laſſen müſſe, begannen, ſtand er auf und ſagte ernſt:„Es wird uns Zeit bleiben, in der Zukunft zu thun, ſoviel die ſtrenge Nothwendigkeit fordert; für jetzt rathe ich an, daß wir uns nur damit beſchäftigen, das neuerworbene Beſitzthum ſicher zu ſtellen.“ Er warf dabei einen ſcharfen Blick auf die Beiden ſo ſchwer Beleidigten, der dieſe um ſo mehr in Erſtaunen ſetzte, als ſie bisher nichts Anderes von ihm gehört hatten, als daß man die Frevler unerbittlich beſtrafen und jeden künf⸗ tigen Angriff gegen die Kirche im voraus unmöglich machen müſſe.—— Der Hauptbeſchluß, welcher aus der Berathung hervor⸗ ging, war der, daß Graf Boucquoi Befehl erhalten ſolle, nach Mähren und Ungarn vorzurücken, um Gabor's ver⸗ wegene Unternehmungen zurückzuweiſen und die Hauptſtadt gegen einen Angriff von dort aus zu decken.— In allem Uebrigen wolle man den Vorſchlägen des Herzogs Maxi⸗ milian beitreten. Der Conſeil wurde entlaſſen. Lamormain war der Letzte, der ſich bei dem Kaiſer beurlaubte. Indem er ſich zum Handkuß niederbeugte, bat er leiſe:„Geſtatten Ew. kaiſer⸗ liche Majeſtät, daß ich mir dieſen Morgen noch einmal Gehör erbitte?“ „Ich habe ſchon die elfte Stunde dazu beſtimmt, denn ich muß mich mit Euch insbeſondere berathen, würdiger Vater!“ war des Kaiſers gnädige Antwort. Lamormain ſchied mit zufriedenen Blicken. Im Vor⸗ zimmer traf er Martiniz und Slawata noch an, die unruhig über die Andeutung, welche er ihnen gegeben, auf ihn ge⸗ wartet hatten. Er ſah ihnen an, was ſie wollten, und mit der Geſchmeidigkeit, durch die er alle Verhältniſſe beherrſchte, 117 ging er, den Finger zur leiſen Drohung erhebend, ſcherzend auf ſie zu. „Ei, ei, ihr Herren! Wer wird ſo ungeduldig ſein!— Beachtet doch das alte deutſche Sprüchlein:«Eile mit Weile! Wir gehen den nämlichen Weg, verlaßt euch darauf! Aber wenn wir die Vögel nicht aufjagen wollen, die in unſer Netz müſſen, ſo heißt es leiſe auftreten!“ Beide ſahen ihn verwundert an, da ſie ſich den Sinn ſeiner Worte nicht recht klar machen konnten. Er bemerkte es lächelnd und ſagte:„Wir wollen über Das, was in Prag zu thun iſt, zu einer geſchickteren Stunde ruhig mit⸗ einander ſprechen.— Um elf Uhr habe ich Audienz bei Sr. Majeſtät. Wollen die Herren mir um ein Uhr die Ehre ihres Beſuches ſchenken?“ Beide ſagten ein erfreutes„Ja“. „Wohl denn; und“, ſetzte er im leichten Ton hinzu, „die Abreiſe der Herren nach Prag will ich keinen Augen⸗ blick hindern noch verzögern!“ „Sie reichten einander die Hand. Es war ein lächelnd geſchloſſenes, aber furchtbares Bündniß! Achtundzwanzigſtes Capitel. Um die elfte Stunde ſtand Lamormain in dem Arbeits⸗ zimmer des Kaiſers, ihm ganz allein gegenüber. Er begann feierlich, nachdem er einer mächtigen innern Bewegung Herr geworden zu ſein ſchien:„Welch ein Augenblick iſt für Ew. Majeſtät, welch ein erhabener Augenblick iſt für 118 mich, dem in Demuth hingegebenen Diener unſerer heiligen Kirche, erſchienen! Die Palme des Sieges iſt errungen durch Ew. kaiſerliche Majeſtät und der Kranz des Friedens ſchwebt lohnend über der Stirn, welche ſich allen Stürmen des Kampfes gläubig dargeboten hat!“ „Ich hoffe es, ja“, erwiderte der Kaiſer, durch Lamor⸗ maiw's tiefe Bewegung mit ergriffen,„daß der Friede die Belohnung ſo mühevoller Kämpfe ſein wird!“ „O“, fuhr Lamormain warm fort,„wenn ich einen Blick zurückwerfe auf die vergangenen Tage, wie ſteht die Gegenwart in leuchtendem Glanze vor mir auf jenem dunklen Hintergrunde! Ich gedenke der ſchreckenvollen Tage, die über dem Haupt Ew. Majeſtät, über dieſe Stadt ſelbſt hinzogen? Und ſiehe, das Gewölk iſt zerſtreut durch den Hauch des Allmächtigen, und am heitren Himmel leuchtet ſeine heitere Sonne. Wahrlich, hier kann man mit Recht ausrufen: Afllavit Deus et dissipati sunt!— Ge⸗ ſtatten Ew. Majeſtät, daß ich noch einmal dieſe Hand küſſe und mich verehrend dem Haupt neige, an welchem ſich die göttliche Macht ſo wunderbar verherrlicht hat.“— Ferdinand's Auge glühte; die höhere Bewegung ſeiner Seele ſtrahlte darin wider. 6 „Ja“, erwiderte er,„ich ſinke hin vor dem Allmächtigen, denn ſeine Hand war über mir in ſchwerer Bedrängniß; ſie hat mich geleitet, da ſich mein Weg dicht am Abgrund hinzog!“ „Wahrlich dem iſt ſo“, rief Lamormain aus.„Ew. Ma⸗ jeſtät aber haben den Lohn empfangen der treuen Hin⸗ gebung für die heilige Sache der Kirche. Im weltlichen Kampfe haben Ew. Majeſtät geſiegt, weil der Sieg der Wahrheit und des Glaubens ſtets das erſte Ziel Ihres beharrlichen Kampfes war.“ V 119 „Der Glaube war meine Stütze, meine Hoffnung“, antwortete der Kaiſer.„Als die Flut der Empörung mir bis ans Herz ſtieg, als in dieſer kaiſerlichen Burg die freche Hand des Aufruhrs mich ſelbſt berührte, da war es, ich kann es beſchwören, würdiger Vater, einzig der feſte Glaube an die himmliſche Wahrheit, der mich aufrecht und im zu⸗ verläſſigen Glauben erhielt.“—— „Die Tage der ſchwerſten Prüfungen ſind vorüber“, begann Lamormain nach einer Pauſe mit etwas bedenk⸗ licherem Ton,„doch die Prüfungen ſelbſt ſind nicht zu Ende!“ „Sie begleiten ja das ganze irdiſche Leben!“ pflichtete der Kaiſer bei. „Und erwerben uns das himmliſche“, fiel Lamormain ein.—„Die Kirche, ich komme darauf zurück, hat noch manche ſchwere Forderungen der Selbſtüberwindung an Ew. Majeſtät zu ſtellen! Wie ewig bereit und unerſchöpf⸗ lich langmüthig ſie den Reuigen, den Bußfertigen ihren Schos öffnet: ſo muß ſie gegen die Verſtockten ihre volle Gewalt und Strenge anwenden. Es wird, ich weiß es, Ew. kaiſerlichen Majeſtät ſchwer fallen, Ihre natürliche Milde und Güte zu verleugnen! Allein es wird, ich kann es nicht verhehlen, noch ein unerläßliches Opfer ſein, das der heiligen Sache gebracht werden muß. Das Urtheil der Welt in ſeiner Blödigkeit und in ſeinen ſteten Schwan⸗ kungen wird Ew. Majeſtät vielleicht Vorwürfe machen; doch dafür werden Ew. Majeſtät die Berrlichſtend Krone der Gerechtigkeit erwerben!“ Der Kaiſer wurde nachdenklich.„Mich dünkt, ehr⸗ würdiger Vater“, ſagte er nach längerm Schweigen,„in dieſer Freude des Sieges wären Milde und Vergebung...“ „Den Reuigen und Bußfertigen gewiß“, wiederholte 120 Lamormain ſeine frühern Worte.„Allein deren werden nicht Viele ſein, beſorge ich!“ „Ihr ſelbſt, ſo ſchien mir, waret bei der Berathung gegen die Anwendung der Strenge, und gegen die Ge⸗ nugthuung, nach welcher Martiniz und Slawata, freilich Die, welche am ſchwerſten beleidigt wurden, haſtig drängen wollten!“ „In Demuth bitte ich Ew. Majeſtät“, erwiderte La⸗ mormain, und ſeine Züge nahmen den Ausdruck tiefer Kränkung an,„Das, was ich verlange, weil ich es für Recht und Pflicht erachte, nicht mit der Befriedigung der eigenen Leidenſchaft und Rache zu verwechſeln, welche jene Männer leiten mag. Eben ihre Leidenſchaft wollte ſie hinreißen das Unrichtige zu thun. Die Kirche kennt keine Rache, aber ſie kennt die Strafe, weil dieſer die Beſſerung folgen kann, oder weil ſie die Warnung für Andere, welche ſich der Verirrung zuneigen, bildet. Deshalb muß man weiſe, vorſichtig verfahren, damit die Strafe Diejenigen treffe, denen ſie gebührt, Diejenigen, die am ſchwerſten ſchuldig ſind, vor Allen. Dazu bedarf es der beſonnenen Erwägung!“ „Gewiß, ehrwürdiger Vater. Kein heftiger, blinder Zorn.“ „Aber auch keine That, welche den Strafbaren Anlaß gäbe, ſich, bevor die Vergeltung ſie erreicht, ihrem Arm zu entziehen. Seid ohne Falſch wie die Tauben, ſagt die Schrift, aber ſeid klug wie die Schlangen.“ 3 „Und was meint Ihr damit? Welche Maßregeln ſoll⸗ ten wir vermeiden, welche treffen?“ fragte der Kaiſer. „Doch ſetzt Euch zu mir, ehrwürdiger Vater; ſprecht ganz ruhig und ausführlich Eure Meinung aus.“ Lamormain nahm in ehrerbietiger Weiſe die Aufforde⸗ rung des Kaiſers, ſich auf einen Seſſel ihm gegenüber niederzulaſſen, an.„Wie danke ich der Gnade Ew. Ma⸗ —————,—— 121 jeſtät dieſes Gewähren!“ ſagte er, indem er ſich ſetzte.„Ja, ich vertraue feſt, daß, wenn Ew. Majeſtät mich gehört haben, ſo wird die Kirche auch hier wieder ganz ihre feſteſte Stütze finden und ihren getreueſten Sohn, der das ewige Heil dem vergänglichen vorzieht.—— Es ließe ſich ein leichter Ruhm vor der Welt damit erwerben, daß man jetzt alles Geſchehene als ungeſchehen betrachtete, den Straf⸗ baren die Arme öffnete und allgemeines Vergeſſen und Vergeben verkündete. Allein was wäre die Folge? Wir würden die Saat des Verderbens ſelbſt pflegen, die ſchon ſo giftig gewuchert hat! Daß die Abtrünnigen, Ver⸗ ſtockten zurückkehren ſollten von dem Wege des Unheils, dazu iſt keine Hoffnung. Sie würden nur auf die Stunde harren, wo ſie gewaltſam wieder hervorbrechen und die Herr⸗ ſchaft des Verderbens erneuern könnten!— Wenn wir aber jetzt gleich die gerechte Strafe gegen Diejenigen verfügen wollten, die in unſerer Gewalt ſind, dann würden die mei⸗ ſten ihrem verdienten Lohne entgehen. Denn jetzt, im erſten Schrecken, ſind ſie geflüchtet oder halten ſich verborgen, bis die Gelegenheit zur Flucht günſtig iſt. Wie wachſam unſer Auge nach ihnen ſpähen möchte, ſie würden tauſend Mittel und Ränke finden, uns zu entgehen. Jetzt alſo müſſen ſie zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchweben. Den wahrhaft Reuigen wird dadurch Zeit gelaſſen, ihre Schuld zu be⸗ kennen und Vergebung zu erflehen. Die Andren mögen, wenn ſie in dem thörichten Wahne, ihre Schuld werde un⸗ geahndet bleiben, oder in frecher Annahme, man habe kein Recht, keinen Muth ſie zu ſtrafen, mit ihren Verbrechen belaſtet, ohne Scheu ans Licht treten, die gerechte Strafe erfahren!“ „Wird man uns nicht vorwerfen, wir hätten ſie hinter⸗ liſtig verlockt?“ ſagte der Kaiſer. Rellſtab, Drei Jahre, IV. 2. 6 122 „Der Haß der Gegner, der Leichtſinn oder Blödſinn der wankenden Menge wird uns zuverläſſig dieſen Vor⸗ wurf machen; allein das iſt eben das Kreuz, welches wir der Wahrheit halber auf uns nehmen! Die Gerechten, die Beſonnenen werden uns keinen Vorwurf machen; im Gegen⸗ theil, von dieſen könnte uns, wenn wir es unterließen, ſo zu handeln wie ich anrathe, der Tadel der Unbedachtſam⸗ keit treffen, oder gar der ſchlimmere Vorwurf der Gleich⸗ gültigkeit gegen die heiligen Rechte, für welche der Kampf unternommen worden iſt.“ Der Kaiſer ſchien der Anſicht Lamormain's nicht ſo zu⸗ gänglich, als dieſer gehofft hatte. Seine menſchliche Milde und ſeine innere Redlichkeit wehrten ſich gegen Das, was der Beichtvater ihm als das Rechte, Pflichtgemäße, Chriſt⸗ liche darſtellte.— Lamormain gewahrte ſich deſſen und ſchritt zu neuen Gründen für ſeine Meinung.„Ich wiederhole es Ew. Majeſtät“, begann er,„die Schrift lehrt es:«Seid ohne Falſch wie die Tauben, aber ſeid klug wie die Schlangen.“ Wir ſind ohne Falſch, denn wir geben Keinem eine falſche Verheißung oder Verlockung. Jeder mag nach ſeinem Ge⸗ wiſſen ſeine Schuld und Strafbarkeit abmeſſen. Aber wir handeln klug; denn auch die Umſtände, nicht die Pflicht allein verlangen die größte Vorſicht.— Ich darf es nicht verleugnen, ſo glänzend der Sieg iſt, mit ſo tiefer In⸗ brunſt ich dem Allmächtigen dafür danke: er iſt noch nicht vollſtändig! Wir würden frevelhaft gegen die Gnade Gottes ſelbſt, die uns zu Theil geworden, handeln, wenn wir uns jetzt leichtſinniger Sorgloſigkeit überließen und aufhörten, eifrig und behutſam für das große Werk thätig zu ſein.— Der erſte Schrecken der verlorenen Schlacht, die Flucht des ketzeriſchen, im Bewußtſein ſeiner Schuld verzagten Königs, 123 hat Prag in unſere Hand geliefert, hat die Gegner be⸗ täubt, zerſprengt.— Aber ſie können ſich wieder ſammeln. Ueben wir offene Gnade, ſo wächſt ihr Trotz und ſie deu⸗ ten uns als Schwäche, was nur Milde wäre. Laſſen wir ſogleich die gerechte Strenge eintreten, ſo möchte Ver⸗ zweiflung ſie neu zu den Waffen treiben, bevor wir uns im Beſitz und in der Herrſchaft feſtgeſetzt hätten. Sie würden Alles für verloren achten, und dann nochmals Alles wagen. Ich muß Ew. Majeſtät an einen heidni⸗ ſchen Spruch erinnern:«Una salus victis nullam spe- rare salutem!““—— Der Kaiſer ging unruhig auf und nieder. „Noch hat“, fuhr Lamormain fort, da er die Wirkung ſeiner Worte ſah,„noch hat keines der Häupter die Waffen niedergelegt. Der Kurfürſt iſt nach Schleſien geflüchtet; doch wol nur, um es in vollen Aufruhr zu ſetzen und ſo durch dieſe rebelliſche Provinz das verrätheriſche Böhmen wiederzugewinnen. Die Träger ſeiner Brandfackeln, der Oberheerführer des Ketzerbundes, dieſer Fürſt von An⸗ halt, ſein Genoß Graf Hohenlohe und vor Allen jener erſte Zwietrachtſäer, Thurn, den ewiger Fluch belaſten möge,— ſind ſie nicht Alle noch in Waffen und ſinnen Verderben wider uns?— Wenn ſie ſich dem treuloſen Bethlen Gabor verbünden, der wie der Mond wechſelt, heut Treue ſchwört, ſie morgen bricht, heut Frieden ſchließt und morgen die Kriegsfackel ſchwingt— können ſie da nicht bald aufs neue im offenen Felde und mächtig gerüſtet wider uns ſtehen?“ „Bethlen Gabor, ich leugne es nicht, macht mir jetzt die nächſten Sorgen!“ erwiderte Ferdinand. „Auch an den verwegenen Mansfeld müſſen wir den⸗ ken“, fuhr Lamormain fort.„Er iſt noch unbeſiegt. Im 6* 124 Herzen Böhmens, in dem feſten Pilſen, hat er ein Heer beiſammen, das zu jeder Frevelthat bereit iſt.— Solchen Gefahren gegenüber gibt es kein anderes Mittel als das, welches ich vorgeſchlagen habe, die Beſiegten, ſelbſt die Strafbarſten, zwiſchen Hoffnung und Furcht zu laſſen. Dann werden ſie, dies liegt im Menſchen, keinerlei ſichern Entſchluß faſſen. Vorzeitige Gnade aber brächte ſie zu dem der geheuchelten Buße, und vorzeitige Strafe zu dem des äußerſten, trotzigen Widerſtandes. So gewinnen wir Zeit, aufs neue feſte Wurzeln zu faſſen in dem Boden, aus dem man uns verdrängt hat. Wir begründen den Bau der Herſtellung des Rechten und Wahrhaftigen; und ſtehen ſeine Grundpfeiler feſt, dann werden wir Kraft und Freiheit haben, ihn herrlich zu vollenden! Selbſt um Gnade mit Erfolg üben zu dürfen, müſſen wir erſt die Sicherheit der Macht wiedererwerben!“ 4 „Ich leugne nicht, Pater Lamormain, es iſt viel Rich⸗ tiges in Dem, was Ihr mir anrathet“, antwortete der Kaiſer.„Und doch ſchreite ich ungern dazu. Kennen wir nicht die Schuldigen? Und ſollten wir nicht über ihr Haupt die Strafe entſchieden ausſprechen, um den Andern Verzeihung zu gewähren?“ „Wir kennen ſie freilich, allein wir haben ſie nicht in unſerer Gewalt!“ verſetzte Lamormain. „Doch ihre Güter und Beſitzthümer—“ „Nur die Derjenigen, über welche der Achtſpruch er⸗ gangen iſt, zu dem Ew. Majeſtät als deutſcher Kaiſer be⸗ rechtigt waren, und der ſie an ſich ſelbſt jeder Habe und Berechtigung verluſtig erklärt. Gegen die ſtrafbaren Böh⸗ men, Schleſier, Mähren kann nur ihr König verfahren. Wir würden ohne Rechtsſpruch auch ihre Habe nicht an⸗ taſten können!“ S 125 „Sie bliebe uns doch verpfändet!“ „Das ſoll ſie auch; nur jetzt keine Entſcheidung, damit die Schuldigen ſich der Hoffnung getröſten, Beſitz, Freiheit und Leben durch ſtilles Verhalten zu ſichern!“ „Es müßte alſo, meint Ihr, für jetzt gar nichts gegen die Strafbaren geſchehen?“ „Nicht mehr wenigſtens, als Herzog Maximilian ſehr weiſe vorläufig angeordnet hat— freilich nur, weil er ſich nicht vorgreifenden Rechts anmaßen wollte!— Die Häupter müſſen ſorgſam überwacht werden; Keinem darf die Flucht möglich ſein, doch Keiner erfahre, ob und wie über ſein Verhalten gerichtet werden wird. Sind dann Wochen, vielleicht Monate verſtrichen, ſo können wir, je nachdem die Angelegenheiten im Großen, Krieg und Kampf ſich entſcheiden, ohne Nachtheil mit Wirkſamkeit thun, was die Pflicht gebietet; auch Güte und Gnade ohne Gefähr⸗ dung unſerer Sache üben. Auch träfe uns nicht der An⸗ ſchein, im Zorn zu handeln, ſondern mit beſonnener Ruhe; nicht nach Leidenſchaft und Willkür, ſondern nach Geſetz und Recht.“ „Das freilich iſt unſere Pflicht“, ergänzte der Kaiſer ſehr ernſt.— Er ſchwieg. Lamormain's Auge haftete mit Spannung. an ſeinen Zügen, die ſchwere Sorge ausdrückten. Endlich begann der Kaiſer wieder:„Ehrwürdiger Vater! In meiner Seele iſt es noch unklar. Wenn Ihr die Verantwortung auf Euch nehmt, ſo will ich Eurem Rathe folgen.“ „Ich übernehme ſie“, antwortete Lamormain feierlich. „Wir müſſen noch weiter davon ſprechen“, ſagte Fer⸗ dinand unruhig und entließ ihn. Lamormain verabſchiedete ſich in tiefſter Ehrerbietung. Ueunundzwanzigſtes Capitel. In des Pfarrers Lippach Hauſe herrſchte die Liebe, der Friede des Gewiſſens, aber doch zugleich der Schmerz und die bängſte Sorge. Eine Woche war verfloſſen, ſeit die Bedrängten dort eine Zuflucht gefunden hatten. Ihre Gegenwart wurde ſtreng geheim gehalten, da Alle, in verſchiedener Art, ſchwere Befürchtungen hegen mußten. Xaver und Wolodna hatten ohnehin im Hauſe ver⸗ weilen müſſen, da ihre Wunden ihnen noch nicht geſtatteten, auszugehen. Der Einzige, welcher das Haus verließ, war Kaspar Schwarz, obgleich er, wenn er entdeckt wurde, ſo gut wie vogelfrei war. Nicht nur, daß er als Ueberläufer, falls man ihn ergriff, ohne weiteres gehangen wurde, ſo hatte er auch den erbittertſten perſönlichen Feind an Za⸗ loska; und Pater Thyßka würde ihm die Strafe für den regensburger Streich nicht geſchenkt haben! Vor ihnen mußte er auf der äußerſten Hut ſein. Doch der kühne Geſell mit ſeiner wilden Natur, und in dem feſten Vorſatz, der neuen Bahn, die er verfolgte, der Sache, welcher er ſich zugewandt, und der Erkenntniß, die er gewonnen, treu zu bleiben, fürchtete nichts.— Er war ſo ſchlau als verwegen. Als Soldat blieb er gekleidet, doch hatte er es ſo eingerichtet, daß Niemand ſagen konnte, welcher Truppe er angehöre. Der Krieg mit ſeinen Märſchen, Lagern, Ge⸗ fechten hatte freilich auch in dem ganzen Heere längſt eine Willkür der Trachten eingeführt, bei welcher nur der Be⸗ darf des Augenblicks entſchied. Kaum, daß die Feldabzeichen 127 noch bewahrt wurden. Kaspar mochte begegnen, welchem Feldhauptmann oder Oberſten er wollte, ſie konnten nicht wiſſen, ob er von dieſem oder jenem Regiment ſei. Außer⸗ dem hatte er Geſichtszüge und Haltung ſo weit verſtellt als möglich. Ein Auge und eine tiefe Narbe über die Stirn und linke Backe, die ihn ſogleich verrathen haben würde, bedeckte er mit einem ſchwarzen Pflaſter und einer Binde, als ſei er friſch verwundet. Jeden Tag verſtellte er ſeine Züge auf irgend eine andere Art und änderte ſeine Klei⸗ dung. Bald trug eine alte polniſche Mütze mit verbliche⸗ nen Troddeln; bald ging er in einem hohen ſpaniſchen Hut mit breiter Krämpe, die ſein halbes Geſicht beſchattete; bald trug er einen Helm mit Viſir, unter dem er gar nicht zu erkennen war. Heut hatte er einen kleinen, grauen, zer⸗ riſſenen Mantel über das Lederkoller geworfen, morgen hüllte er ſich in einen weiten, grünen, mit ſtattlichen Bor⸗ ten ein, den er einem ſpaniſchen Hauptmann auf dem Schlachtfelde abgenommen. So war er jeden Tag, jede Stunde ein Anderer, und leiſtete unter dieſen Verkappungen den verborgenen Bewohnern des Hauſes wichtige Dienſte, indem er Alles, was in der Stadt vorging, und ſelbſt Dinge, die nicht gerade öffentlich verhandelt wurden, mit großer Gewandtheit erkundete. Er verließ das Haus ſtets vor Tagesanbruch und kehrte immer erſt bei völliger Dunkel⸗ heit zurück, damit Niemand ihn dort aus⸗ und eingehen ſah. Indem er eines Morgens fort wollte, begegnete ihm Lippach, welcher eben aus der Frühbetſtunde kam. „Schon ſo zeitig wollt Ihr fort, lieber Schwarz?“ redete dieſer ihn an;„Ihr müht Euch allzu ſehr ab und ſetzt Euch doch vielleicht zu großer Gefahr aus!“ Kaspar lüftete grüßend den breitkrämpigen ſpaniſchen Hut, den er heut auf hatte, und antwortete treuherzig: 128 „Gefahr hin, Gefahr her für mich, Herr Pfarrer! Was iſt an mir gelegen? Ich habe meine langen Jahre hin⸗ durch unnütze und böſe Streiche gemacht; wenn ich nun etliche Wochen als ein braver Kerl handle, dem es leid iſt um Vieles, ſo wird mir unſer Herrgott vielleicht meine Sünden vergeben, weil ich's zuletzt doch beſſer gemacht habe! Wenn er mich denn auch nicht mehr lange han⸗ tieren läßt!“ „Euch können noch lange, glückliche Jahre voll nütz⸗ licher Thätigkeit beſchieden ſein, lieber Freund“, entgegnete Lippach. „Ich glaub's nicht, Herr Pfarrer!“ war Kaspar's Ant⸗ wort, indem er den Kopf ſchüttelte.„Ich weiß, daß ich auf glatten Wegen wandle, und der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht!“ „Mögen Eure Vorſicht und Geſchicklichkeit Euch ſchützen! Ich erſtaune oft darüber, was Ihr Alles möglich macht, wohin Ihr ungefährdet geht, was für Nachrichten Ihr ein⸗ ſammelt!“ „Nun, täppiſch dreinſchlagen“, antwortete Kaspar lächelnd und ſtolz auf das Lob, das ihm geſpendet wurde,„macht den Reiter nicht allein! Das kann jeder Dorfflegel; der Ochs mit den Hörnern kann gerad' darauf losrennen. Aber ein ordentlicher Soldat muß ſich auch auf die Schleich⸗ patrouille verſtehen!“ „Ihr verſteht Euch darauf! Allein wie Ihr Alles an⸗ fangt, das begreife ich nicht! Seid nur nicht allzu ver⸗ wegen!“ „Man muß die Augen und die Ohren aufthun, das iſt die ganze Kunſt“, erwiderte Kaspar lachend;„und eine Spürnaſe muß man haben wie ein Schweißhund, um zu wittern, was man nicht ſehen noch hören kann.“ 129 „Wenn man Euch nur nicht einmal entdeckt“, wieder⸗ holte Lippach beſorglich. „Ich will ſchon aufpaſſen! Mein Hals ſteckt freilich immer in der Schlinge. Aber das macht nichts. Ich habe mir's nun einmal vorgeſetzt, jetzt will ich ein ehrlicher Kerl bleiben und den braven Leuten und der frommen Sache die⸗ nen, der ich vordem manchen Schaden zugefügt.— Und faſſen ſie mich einmal, die tückiſchen Schufte da drüben, ſo weiß ich, was ich zu thun habe! Den Spaß, mich wie zehn Hunde abzuſchinden und zu martern, ehe ſie mich ans Galgenholz liefern, ſollen ſie nicht haben! Es iſt geſorgt, daß ſie mich nicht lebendig kriegen! Das wird mir unſer Herrgott wol vergeben, nicht wahr, Herr Pfarrer?“ „Wir wollen beten, daß er es gnädig verhüte“, ant⸗ wortete Lippach. „Das hätte ich gerade heut recht nöthig, Herr Pfarrer. Ich habe da etwas übernommen, ein bischen ein ſchweres Kunſtſtück!“ „Und das wäre?“ „Seht, die arme Jungfer Agathe jammert mich ſo ſehr! Sie möchte gern ihrem Vater Nachricht von ſich geben— und etwas von üm erfahren— ich ſoll ihm ein Zettelchen zuſtellen.“ „Wenn das nur möglich ſein wird?“ ſagte Lippach be⸗ ſorglich. „Schwer— aber ich hoffe doch! Allein gehabt Euch wohl, Herr Pfarrer; ſonſt wird es Tag, ehe ich aus dem Hauſe komme, und ich wollte mich lieber am Galgen ſehen, als daß mich irgend ein ſpionirender Halunke hier heraus⸗ ſchleichen ſähe.“ Er eilte fort. Lippach ging die Stiegen hinauf in ſein Arbeitszimmer. 6*☛* 130 Das Frühmahl, zu welchem Thereſe in allen häuslichen Geſchäften hülfreich den Tiſch gedeckt hatte, verſammelte bald darauf die ſämmtlichen Hausgenoſſen in einem grö⸗ ßern, nach dem Hofe gelegenen Gemach. Alle traten mit ernſten, bekümmerten Mienen ein, denn Jeden drückte Sorge und Gram. Am bemitleidenswertheſten war die unglückliche Agathe. Sie ſchwebte leiſe herein. Das blühende Mäd⸗ chen war in den wenigen Tagen zu einer blaſſen, geiſter⸗ artigen Geſtalt geworden.— Seit ihrer Flucht hatte ſie von ihrem Vater nichts vernommen, als am Abend zuvor durch Kaspar's Ausforſchungen die Gewißheit, daß er im Weißen Thurm des Hraͤdſchins gefangen ſitze. Zu ihrem Schmerz quälte ſie ſich noch mit Vorwürfen, daß ſie ihn verlaſſen habe, obgleich ſie auf ſein eigenes dringendes Gebot gehandelt hatte. Die geretteten Briefe des Königs, die ſie Lippach übergeben, waren ihr einziger Troſt dafür. Von Margarethen wußte ſie, ſeit ſie auf der Flucht aus⸗ einander gekommen waren, nichts. Kaspar hatte das Haus umſchlichen, es war geſperrt; Lanzenknechte, die einander ab⸗ löſten und ſelbſt von nichts wußten, ſtanden Schildwache davor. So ſchwebte Agathe in ſchauerlicher Ungewißheit über das Schickſal ihrer Halbſchweſter, deren muthig aufopfernde That ſie gar nicht einmal kannte. Auf Kaspar's Nachricht, daß ihr Vater zuverläſſig im Weißen Thurm in Haft ſitze, hatte ſie ein kleines Zettelchen an ihn geſchrieben, das nur die Worte enthielt:„Ich bin in Sicherheit, gib mir Nachricht.“ Kaspar hatte ihr Hoffnung gemacht, er werde das Blätt⸗ chen in die Hände des Gefangenen ſchaffen und ſeine Antwort ſpäter empfangen können. Dieſer hoffnungsvolle Dämmer⸗ ſchein war es allein, der mit ſeinem ſchwachen Lichtſtrahl ihre Zukunft erhellte. 131 Thereſe war dem unglücklichen Mädchen die wärmſte Freundin geworden. Stets hatte ſie ein Zeichen der Liebe, ein Wort des Troſtes für ſie. Auch jetzt ging ſie der Eintretenden theilnehmend entgegen, nahm ſie bei der Hand und ſagte:„Du wirſt gewiß heut eine beruhigende Bot⸗ ſchaft erhalten. Kaspar Schwarz iſt ſo geſchickt als treu. Er wird Deinen Auftrag zuverläſſig vollbringen.“ Agathe dankte nur durch einen ſanften Händedruck. Lippach trat ein. Er begrüßte Alle mit liebreichem Ernſt. Nachdem ſie ſtehend ihre Plätze um den Tiſch eingenommen, trat er, der häuslichen Sitte gemäß, an das obere Ende deſſelben und faltete die Hände zum Gebet. Er ſprach nur die Worte:„Unſer täglich Brot, o Herr, gib uns heute; nimm uns in deinen Schutz und ſegne uns durch deinen Frieden.“ Ein leiſes Schluchzen unterbrach die tiefe Stille, welche dem Gebet folgte. Ein Zeder empfand in der drangvollen Zeit, welch eine Wohlthat die Erfüllung dieſer Bitte ſei. Das tägliche Brot, Sicherheit und Frieden! Lippach ſetzte ſich; die Andern folgten.— Düſtre Ah⸗ nungen lagerten drohend über den Verfolgten. Lippach verſuchte ein tröſtliches, Hoffnung weckendes Ge⸗ ſpräch:„Wir leben in harter Zeit“, ſagte er,„allein ich denke, meine Freunde, wir haben das Schwerſte über⸗ ſtanden. Unſere Hoffnungen für Böhmens Zukunft ſind freilich völlig geſunken; doch waren ſie es nicht ſchon vor dieſer Entſcheidung? Konnten unſere Herzen freudig ſein bei den Zuſtänden, in welchen wir lebten? Wir waren rings her bedroht durch Uebel im Innern und von außen her. Jetzt hat ſich's entſchieden, und nun, ſo hoffe ich, wird die Milde des Siegers uns eine beſſere Zukunft bereiten als vielleicht der lange Kampf! Es iſt doch noch keine Strafe oder Rache an einem der Unſeren geübt worden!“ 132 „Bis auf die der Acht und der Verbannung aus der Heimat!“ ſagte Xaver ernſt;— er dachte an Thurn. „Die Acht über die Führer war ſchon zuvor ausge⸗ ſprochen, als wir noch bewaffnete Gegner waren“, wandte Lippach ein,„und die Verbannung haben die Geflüchteten ſelbſt gewählt!— Vielleicht daß der Kaiſer durch ein Wort der Milde, jetzt, da er volle Gewalt in Händen hat, die verfügte Strafe widerruft und den Geflüchteten die Rück⸗ kehr geſtattet!“ „Wenn er es ſprechen wollte, er hätte es ſchon ſpre⸗ Gen köͤnnen!“ meinte Xaver ungläubig. „Uns bleibt doch die Hoffnung“, war Lippach's Ant⸗ wort.— Doch er glaubte ſelbſt nur halb. „Wenn die Milde walten ſollte, weshalb die ſtrenge Beaufſichtigung ſo Vieler?“ fragte Aaver, nachdem eine lange Stille ängſtlich geherrſcht hatte.„Kaspar Schwarz hat mir geſtern erzählt, daß auch vor des alten Caplicz von Sulewicz' Hauſe zwei Schildwachen ſtehen und er es nicht verlaſſen darf.“ „Er darf; allein nur in Begleitung eines Soldaten“, Afwortele Lippach. „So iſt er doch ein Gefangener. Und weshalb, wenn man ihn nicht zur Verantwortung ziehen wollte?“ „Gegen die Directoren ſoll allerdings eine Unterſuchung geführt werden; ſie ſollen ſich wegen einiger Beſchlüſſe ver⸗ antworten!“ gab Lippach zu. „Ich beſorge, nicht die Directoren allein, ſondern gauch die Stände!“ meinte Xaver. Ein haſtiges Oeffnen der Thür durch die Magd des Hauſes unterbrach dieſes Geſpräch. Zitternd am ganzen Körper berichtete ſie:„Ach, Herr Pfarrer, die ſpaniſchen Soldaten brechen in die Häuſer ein und mishandeln 133 die Bürger! Alles iſt in Angſt und Schrecken auf der Straße!“ Unruhig ſtanden Alle von ihren Plätzen auf. „Sie ſchreien, verbrennt die Ketzer!“ fuhr die Magd weinend fort,„und ſtürmen Meiſter Duſſek's Haus.“ Sie bebte ſo, daß ſie ſich nicht mehr auf den Füßen erhalten konnte, ſondern auf einen Stuhl niederſank, wo die Frauen ſie hülfreich umgaben. „Ich werde ſelbſt ſehen, was vorgeht“, ſagte Lippach; „bleibr ihr hier; zeigt euch ja nicht an den Fenſtern“, bat er und ging in ſein Arbeitszimmer. Von dort ſah er, daß ein Trupp von Kriegsleuten unter Lärmen und Geſchrei einige Männer wie gefangene Verbrecher fortſchleppte, während zugleich eine Rotte das gegenüberliegende Haus des Rathzimmermeiſters Duſſek mit wildem Getöſe umringte. Xaver und Wolodna hatten es nicht über ſich vermocht, zurückzubleiben; ſie traten zu Lippach ein, hielten ſich aber ſo weit im Gemach zurück, daß ſie nicht durch die Fenſter geſehen werden konnten. „Gott im Himmel, das iſt der Meiſter Duſſek ſelbſt, den ſie fortführen!“ rief Lippach ihnen erſchreckt zu, als in dem lärmend vorbeiziehenden Schwarm einer der weg⸗ geſchleppten Männer ſichtbar wurde. Dem Unglücklichen waren die Hände auf den Rücken gebunden; Blut über⸗ ſtrömte ſein todtenbleiches Geſicht. Die Soldaten, die ihn forttrieben, ſtießen ihn umbarmherzig mit dem Schwertknauf gegen Kopf und Nacken und mit den Kolben in Seite und Rücken. Zweimal ſtürzte er zuſammen unter den ruchloſen Mishandlungen, doch die erbarmungsloſe Rotte riß ihn wieder empor und trieb ihn weiter. Mit Grauen ſahen Xaver und Wolodna was vorging. 134 „Das ſind die ſpaniſchen Soldaten aus dem kaiſerlichen Heere, die in ihrem fanatiſchen Eifer unſere Glaubens⸗ genoſſen ſo mishandeln“, ſeufzte Lippach.„Die bairiſchen hält der General Tilly zu unſerem Glück in ſtrengerer Zucht!“ „Es iſt leider auch deutſches Geſindel genug darunter; zuſammengelaufenes Volk von allen Enden“, ſagte Xaver. „Der Unglückliche!“ rief der alte Wolodna erſchüttert, „und wir können ihm nicht helfen!“ „Vater im Himmel, erbarme dich ſeiner“, flehte der fromme Lippach, und Thränen netzten ſein Auge. „Sieh den Mönch“, machte Wolodna aver aufmerkſam. „Das iſt der fanatiſche Pater Dominicus“, antwortete dieſer.„Ich ſah ihn ſchon, als ich in der Verkappung bei den Kaiſerlichen war.“ „Iſt es Der“, fragte Lippach,„welcher, wie ſie er⸗ zählten, durch ſeine flammenden Reden die Feldherren zur Schlacht beſtimmt und das Heer ſelbſt mit dem Crucifix in der Hand in den Kampf geführt hat?“ „Der Nämliche“, antwortete Xaver. „Ein ſchauerliches Antlitz!“ ſagte Lippach ihn ſcharf betrachtend.„Wie wild ihm das Haar um das bleiche, hagere Geſicht flattert! Wie ihm die Augen rollen!“. „Er ſtachelt die Wuth der Soldaten an“, ſagte Wolodna. „Ja freilich“, rief Xaver knirſchend,„zur Strafe zie⸗ hen ſie die Schuldigen, wie ſie uns nennen, nicht; aber ſie geben uns der Barbarei der Soldaten preis und hetzen ſie auf uns*), wie vormals die Hunde!— Jetzt haben wir ſolche Tage wieder!“ Er blickte finſter zur Erde.„Wäre *) Hiſtoriſch. 135 3 ich in der Schlacht gefallen, ſtatt ſolche Schauſpiele wieder⸗ zuſehen!“. „Wir müſſen es den Frauen verſchweigen“, ſagte Wo⸗ lodna. „Wenn wir können!— Wiſſen wir aber, ob die nächſte Minute uns nicht Daſſelbe bringt? Die Meute iſt losge⸗ laſſen! Sie martert, mordet, plündert jetzt dort drüben— dann trifft die Nächſten die Reihe!“ „Gnädiger Gott, was iſt das?“ rief Lippach aus, der näher am Fenſter als die Andern, die Straße weiter hinab überſah,„ſie mishandeln auch Frauen!“ Aus dem erſtürmten Hauſe wurden von den Soldaten unter Lärmen und Hohn zwei unglückliche Frauenzimmer geſchleppt, denen die Kleider faſt ganz herabgeriſſen waren.*) Sie ſchrien um Erbarmen; doch die von wilder Begierde entzündeten Kriegsleute riſſen ſie an den nackten Armen vorwärts. Das aufgelöſte Haar fiel den Unglücklichen um die entblößten Brüſte und Schultern. Sie rangen zwiſchen Scham und Angſt, doch die wilde Bande der Räuber hatte nur Spott für ihre Verzweiflung. Mit hölliſchem Jubel rottete ſich das Kriegsvolk um ſie her, und trieb und zerrte ſie, eine gräßliche Augenweide, durch die Gaſſe nach dem großen Ring zu, einem noch ſchrecklichern Geſchick entgegen. Das wiehernde Toben des Gelächters und der Verhöhnung erfüllte die Lüfte, und dennoch durchdrang das Angſtgeſchrei der Unglücklichen es ſo, daß der Ton Ohr und Herz zerriß. Wolodna und Xaver ſtanden bleich, mehr vor Ingrimm als vor Schrecken, und ihre Glieder zitterten. Da donnerten Schläge an die Hausthür und ſie wurde *) Hiſtoriſch. —————— 136 gerüttelt, als ſolle ſie eingeſprengt werden. Die drei Män⸗ ner horchten mit zurückgehaltenem Athem auf. „Sie ſprengen die Thür!“ rief Lippach erbleichend. „So raſch nicht“, antwortete Xaver.„Die Riegel ſind feſt.— Aber wir müſſen hinunter und den Ein⸗ gang ſchützen. Kommt, Vater!“ rief er Wolodna zu, „wir wollen das Thor verrammeln und es vertheidigen; ich will fechten ſo lange ich einen Athemzug in der Bruſt habe. Und ſollten wir ſelbſt Feuer in das Haus werfen! Beſſer, wir enden Alle in Flammen und Aſche, als daß ſolch Entſetzen über uns und unſere Frauen komme!“ Die Kraft der Verzweiflung durchflammte die von Wun⸗ den und Krankheit Ermatteten. Sie eilten hinab, auch Lip⸗ pach, muthig entſchloſſen zum Tode. Dreißigſtes Capitel. Kaspar Schwarz hatte nach ſeiner Gewohnheit die Stadt in allen Richtungen durchſtreift, um zu ſehen und zu er⸗ kundigen, was es etwa Neues und Wichtiges gebe. Es war ihm aufgefallen, daß an verſchiedenen Straßenecken Abtheilungen von ſpaniſchen Kriegern ſich verſammelten. Dieſe waren noch von Boucquoi's Heer in Prag zurück⸗ geblieben, während der Marſchall vor die von zweitauſend Engländern beſetzte Veſte Karlsſtein gerückt war, um ſie zu belagern. „Die führen nichts Gutes im Schilde“, murmelte er vor 137 ſich hin, als er an den Trupps vorüberging.„Das iſt doch kein Kriegsgebrauch, ſich ſo zu verſammeln wie dieſe hier? Man ſieht nicht Rottenmeiſter, nicht Offiziere!— Ich merke wohl, wo ihr hinauswollt, ihr Halunken!— Wenn ich nur könnte, wie käme ich euch über den Pelz! Denn ihr wollt den armen Bürgern übers Fell! Wo es plün⸗ dern, placken und ſchinden gilt, ſeid ihr freilich immer die Erſten geweſen!“ Kaspar hatte mit ſeinem geübten Blick ganz richtig ge⸗ ſehen. Tilly hielt den erbitterten Eiferern zu ſtrenge Mannszucht. Dieſe Spanier, unter Verdugo's Befehl, der ſich aber ſelbſt nicht mehr in der Stadt befand, ſondern mit der andern Hälfte ſeiner Leute Boucquoi gefolgt war, ſoll⸗ ten der Rache der ſiegreichen Partei dienen, doch ohne den Anſchein, als habe man ſie dazu befehligt.*) Man hatte es einzurichten gewußt, daß ſie hauptſächlich bei utraquiſti⸗ ſchen Bürgern im Quartier lagen, wo ſie allen Unfug verübten, den zwar Niemand befahl, aber auch Niemand hinderte. Sie wurden insgeheim ſogar dazu angeſtachelt, und daher wuchs die Wildheit und der Uebermuth der Sol⸗ daten mit jedem Tage. Heut, ſchien es, ſollte ein Hauptſtreich ausgeführt werden. Wirklich war es auf mehrere Bürger abgeſehen, die der utra⸗ quiſtiſchen Partei am eifrigſten angehört und gedient hatten. Jeder Vorwand, dieſe zu mishandeln, war willkommen. Die Rotten ſollten in die Häuſer eindringen unter allerlei Vor⸗ geben; daß man ihnen nicht das Nothwendigſte gebe, ſie alſo ſelbſt für ſich ſorgen müßten, oder weil Verräther dort verſteckt wären, oder indem die Bewohner ſelbſt als ſolche bezeichnet wurden. *) Hiſtoriſch. 138 Mit ſeinem trotzigen, unerſchrockenen Blick muſterte Kas⸗ par im Vorübergehen die zuſammengerotteten Gruppen ſcharf. Er hatte in den Niederlanden lange in den Reihen der Spanier gefochten und kannte daher die Sprache ſo weit, um zu verſtehen, was ſie untereinander redeten. Deſto höher ſtieg ſein Ingrimm, da er hörte, worauf es abgeſehen war und wie man ſie dazu ſtachelte.— „Wartet nur, ihr Hundsfötter“, murmelte er;„ein paar von euch ſollen mir doch daran glauben!— Ablaß auf fünf Jahre hat euch alſo euer Pater Dominicus verſpro⸗ chen!— Hat er euch auch verſprochen, daß euch keine Klinge über den Kopf fahren ſoll?“ Er konnte ſich nicht enthalten, ſeinen Gedanken und murrend hingeworfenen Reden durch einige wilde Blicke Nachdruck zu geben. Die Kerle, an denen er vorüberſtreifte, verhöhnten ihn in ihrer Mutterſprache.„Seht den alten Grimmbart“, rief der Eine;„er muß ſchon früh einen Trunk über den Durſt gethan haben, ſo verrückt geberdet er ſich.“ Ein Anderer ſagte:„Dem muß ſein Hauptmann heut ſchon die Klinge auf den Rippen zerbrochen haben! Er ſieht aus, als wolle er Eiſen freſſen vor Wuth!“ Ein Dritter rief ihn gar mit den Worten an:„Alter Bär, was brummſt du ſo verdrießlich den Himmel an! Glotze uns nicht ſo unverſchämt an, oder du koſteſt meine Klinge!“ Kaspar wollte die Geduld reißen. Faſt wäre ihm die eigene Klinge heraus und dem Vorwitzigen über den Schä⸗ del gefahren. Doch er beſann ſich wieder und zerdrückte ſeine Rache mit der Hand am Schwertgriff, den er packte, als wollte er ihn zermalmen.„Was hülfe es, wenn ich dem Kerle die Glatze bis aufs Maul ſpaltete, ja, wenn ich 139 das ganze Rudel ſo treffen könnte!— Sie ſchlügen mich nieder wie einen Hund und ich könnte keinem guten Freunde mehr nützen.— Wiſſen die ſpaniſchen Hunde doch nicht, daß du ſie verſtehſt, ſonſt würden ſie ihre Zunge wahren!— Zum Teufel denn! Stopfe dir die Ohren zu und geh deines Weges!“ Dieſer führte ihn nach der Brücke und zum Schloß auf dem Hradſchin. Gewandt wie er war, hatte er ſich mit einem großen, verſiegelten Briefe verſehen, den er, als er an die Schloßwache kam, unter dem Mantel hervorzog und auffällig zur Schau trug. Es ließ ſich daraus entnehmen, was er für ein Geſchäft im Schloß habe, und er hoffte, damit der Nachfrage auszuweichen. Ungehindert ging er durchs Schloßthor und quer über den Hof hin. Er hatte die Pforte, wo es zum Verhörsſaal ging, genau ausge⸗ kundſchaftet und ſchritt ſo zuverläſſig hinein, daß der Thür⸗ hüter, der ihn anreden wollte, vor ſeinem barſchen Blicke ordentlich zurückfuhr und ihn als Einen, dem es an der Stirn geſchrieben ſtand, daß er Befugniß habe, hier ein⸗ und auszugehen, ungehindert paſſiren ließ. So gelangte er glücklich in den weiten Corridor, der das Ziel ſeiner Wanderung war. Den großen Brief, der ihm hier nichts mehr nützen konnte, ſchob er in die Manteltaſche und miſchte ſich unbefangen unter Alle, die dort in ihren Ge⸗ ſchäften hin und wieder gingen oder warteten. Die Aus⸗ gänge mehrerer Schreib⸗ und Arbeitsſtuben der Kanzlei lie⸗ fen hier hinaus, ſodaß Schreiber, Gerichtsdiener, Boten, Diener oben beſchäftigter Herren und allerlei Volk, das hierher beſchieden war oder ſich Beſcheid holen wollte, den Raum erfüllte. Auch einige Kriegsleute harrten droben; Kaspar's Anweſenheit hatte alſo nichts Befremdendes. Er ging abſichtlich mit unterſchlagenen Armen, in die Stirn 140 gedrücktem Hut und finſter auf die Erde blickend auf und nieder wie Einer, der ganz voller Gedanken iſt und auf nichts um ſich her achtet. Aber er blickte verſtohlen ſcharf umher, und keine Maus, die über die Diele lief, wäre ihm entgangen. Abſichtlich ſtreifte er ein paar mal an Die, die neben ihm vorübergingen, an und ſah ſich dann mür⸗ riſch um, als ſei ihm ein Unrecht geſchehen. „Der Kerl denkt, er iſt allein hier oben“, murmelte einer der Angeſtreiften zu ſeinem Kameraden;„aber ſo ein Soldat kümmert ſich um nichts heutzutage! Ich glaube, er 1 würde den Kaiſer umrennen und noch lärmen, daß er ihm nicht aus dem Wege gegangen ſei!“ Kaspar hörte und ſah nichts von Allem was er hörte und ſah. Außer was er hören und ſehen wollte! Jetzt hefteten ſich ſeine Augen wie zwei ſcharfe Pfeile auf die ſchmale Thür im Hintergrunde, die in den Gang nach dem Weißen Thurm zuführte. Sie that ſich auf. Ein Gerichts⸗ diener und hinter ihm ein ſchwarz gekleideter, bleicher Mann traten heraus; ein zweiter Amtsdiener folgte dieſem. Kaspar drehte den Kopf gleichgültig zur Seite, ſchielte aber ſcharf auf den Gefangenen hin, den die beiden Be⸗ 1 gleiter jetzt in ihre Mitte genommen hatten.„Er iſt's“; murmelte er vor ſich hin;„er iſt noch blaſſer und elender geworden, als ich ihn letzthin am Thurmfenſter ſah! Ketten oder Handſchellen hat er nicht— ſo wird ſich's machen laſſen!— Es wäre auch eine Schande, wenn man den alten hinfälligen Mann noch mit Eiſen behangen hätte!— Ein verfluchtes waghalſiges Stück bleibt's immer“, mur⸗ 2 melte er in ſich hinein, den Gefangenen und ſeine Begleiter ſcharf betrachtend,„aber es geht nicht anders! Wenn ſie mich faſſen, iſt's freilich um mich geſchehen! Meinethalben, ſo hat er doch den Zettel, wenn's auch meine alte Glatze ☛ 2 2 — —— 141 koſtet! Hab' ich doch Einem genutzt! Und vielleicht geht's auch glücklich ab! Friſch drauf!“ Er war indeſſen, ſcheinbar ganz ohne auf die Kom⸗ menden zu achten, mit ſchweren, plumpen Schritten ihnen entgegen bis dicht an ſie gegangen und hatte ſich dann achtlos umgedreht, ſodaß er vor ihnen herging. Kurz vor dem Ende des Corridors machte er plötzlich wiederum Kehrt und that dabei einen ſo ausgreifenden Schritt, daß er Naſe an Naſe mit dem Gerichtsdiener zur Rechten des Gefange⸗ nen zuſammen und ihn faſt zu Boden rannte. „Oho!“ rief er grob.„Könnt Ihr nicht über die Naſe ſehen?“ Während der verdutzte Tropf nach dem Hut haſchte und ſich wieder feſt auf ſeine taumelnden Füße zu ſtellen ſuchte, hatte Kaspar unbemerkt des Gefangenen rechte Hand gefaßt und den Zettel Agathens hineingedrückt. Ein Blick ſagte ihm, daß er verſtanden ſei. „Ihr Tölpel“, fuhr jetzt der Umgerannte, der ſeine fünf Sinne wieder zurechtgeſetzt hatte, auf Kaspar los. „Ihr Flegel“, donnerte ihn dieſer gleichzeitig an, um durch ſeinen Angriff den des Gegners am beſten zu brechen. „Seht Euch vor, daß Ihr mir nicht zum zweiten mal die Fährte kreuzt! Ich möchte Euch auf den Boden ſetzen, daß Ihr das Aufſtehen vergäßet! Verſteht Ihr mich! Ihr Schwarzkittel!“ Der Gerichtsdiener, der ſich dieſem Sturmangriff Kas⸗ par's gegenüber zu ſehr im Nachtheil fühlte, rief Hülfs⸗ truppen heran.„Jakob!“ ſchrie er nach ſeinem Kame⸗ raden.„Jakob! Hilf den Kerl packen, wir ſchmeißen ihn ins Loch!“ Jakob maß Kaspar mit einem mistrauiſchen Blick und ſchien nicht Luſt zu haben, die erſte Hand an ihn zu legen. 142 Dennoch wäre der Handel gewiß übel für Kaspar abge⸗ laufen, wenn nicht eben ein Tumult auf dem Hofe, nach welchem die Fenſter des Corridors hinausgingen, die Auf⸗ merkſamkeit Aller angezogen hätte. Alles nämlich ſprang an die Fenſter, und ſo wurde der Gerichtsdiener zum zwei⸗ ten male faſt umgerannt, und diesmal von ſo Vielen, daß er nicht mehr wußte, mit wem er deshalb Streit an⸗ fangen ſollte. Kaspar nutzte dieſen günſtigen Augenblick, indem er dem Gefangenen, der plötzlich von beiden Begleitern ver⸗ laſſen war, zuflüſterte:„Seid Ihr der Rath Rippell?“— —„Der bin ich!“„So läßt Euch Eure Tochter Agathe grüßen, ſie iſt wohl aufgehoben beim Pfarrer Lippach!“ Ein Sonnenblick der Freude überflog das bleiche Geſicht Rippell's. Thränen traten in ſeine erloſchenen Augen: „Gott ſegne es Euch! Wer Ihr auch ſeid, Freund!“ ant⸗ wortete er leiſe. Indeß war das Getümmel auf dem Hofe und das Ge⸗ dränge nach dem Fenſter ſtärker gewerden. Die beiden Gerichtsdiener befanden ſich mitten in der Maſſe, und hätte ſie auch nicht ihre Neugier feſtgehalten, ſo konnten ſie den⸗ noch jetzt nicht ohne Mühe zu ihrem Gefangenen zurück. Einen Augenblick dachte Kaspar an die Müäglichkeit einer Flucht mit Rippell. Doch er ſah ſchnell, daß dieſe Hoff⸗ nung vergeblich war. Daher begnügte er ſich mit dem mög⸗ lichen Vortheil, den der Augenblick gewährte. Er ſagte leiſe zu Rippell:„Tretet mit heran hinter mich und ſagt mir Alles ins Ohr, was ich etwa beſtellen ſoll.“ Dabei trat er ſelbſt ſo dicht als möglich zum Fenſter hin, konnte aber doch nicht ſehen, was drunten vorging. „Grüßt tauſend mal mein Kind! Sie ſoll treu bewah⸗ ren, was ich ihr übergeben habe“, flüſterte Rippell ihm ——— 143 von hinten her zu. Ihre Freundin Margarethe iſt im Kloſter bei den Urſulinerinnen. Das treue Mädchen gibt ſich für meine Tochter aus!“ „Denkt Ihr nicht bald freizukommen? Kann Euch Eure Tochter nicht beſuchen?“ fragte Kaspar halblaut. „Nein!“ antwortete Rippell auf beides und trat dann zurück, da er ſah, daß die Gerichtsdiener ſich nach ihm um⸗ ſchauten. „Nandel, komm, wir müſſen fort“, ſagte Jakob und faßte ſeinen Kameraden an die Schulter. Dieſer ſtreifte mit ihm an Kaspar vorbei und warf ihm einen wüthenden Blick zu. Doch ließ er ſich nicht weiter mit ihm ein, ſon⸗ dern eilte mit Jakob zu Rippell, den ſie durch die gegen⸗ überliegende Thür hinausführten. Faſt gleichzeitig öffnete ſich die Eingangsthür, durch welche Kaspar gekommen war, und es drängten eine Menge Leute herein. Kaspar durchfuhr es plötzlich, als habe er auf eine Schlange getreten, da er unter den im Gedränge Hineingeſchobenen Zaloska's grinſende Züge erkannte, und dicht neben ihm den Pater Thyßka; Beiden leuchtete gif⸗ tige Freude aus den Augen. „Donner und Teufel“, murmelte Kaspar vor ſich hin, „wenn du hier erkannt würdeſt— es wäre dein Letztes!— Und die Beiden ſehen aus, als hätten ſie eben beim Satan gefrühſtückt und ſich ganz ſelig geſoffen in ſacramentaliſchen Teufeleien!“ Er hatte nur ſo nach ihnen hinübergeſchielt und drängte ſich jetzt in die Menge, um ſich ihren Blicken zu entziehen. Es ſchoben ſich immer mehr Leute durch die Thür; Kaspar arbeitete ſich dahin, um womöglich den Ausgang zu ge⸗ winnen. So kam er den beiden Gefürchteten näher, aber hinter ihnen weg, ohne daß ſie ihn bemerkten. Nach einigen 144 Augenblicken hatte das Gedränge ſich ſo geſchoben, daß Kaspar Leib an Leib dicht hinter ſeinen beiden furchtbaren Feinden ſtand, während ſie nicht ahnten, wie jedes ihrer Worte durch ihn belauſcht wurde. Kaum hatte er dieſe wichtige, aber aufs äußerſte gefährliche Stellung beſetzt, als die Thür nach der Treppe ſich abermals öffnete und zwei ſpaniſche Soldaten mit ihren Hellebarden eintraten. Hinter ihnen folgten einige Andere, die auf einer Bahre einen Mann trugen, der im Sterben zu ſein ſchien. „Iſt er das?“ fragte Thyßka Zaloska leiſe. „Ja, Herr Pater! Er hat ſein Theil weg!“ antwor⸗ tete dieſer. „Der Ketzer verdient die Strafe; wenn er nur nicht ſtirbt“, erwiderte Thyßka flüſternd. Kaspar ſchauderte. Der Unglückliche, den man herein⸗ trug, ſah aus wie von gräßlichen Qualen gefoltert. Seine Züge hatten ſich ganz verzerrt. Der Mund ſtand ihm halb offen und er ächzte vor Schmerz.„Was die Hunde nur mit dem armen Teufel angefangen haben?“ dachte Kaspar bei ſich, und die Torturanſtalten zu Regensburg ſchwebten ihm lebendig vor Augen. 3 „Bei Gott“, murmelte eine Stimme hinter ihm,„das iſt ja Herr Martin Frühwein!“ „Ich fürchte doch, er ſtirbt“, ſagte Thyßka leiſe.„Ihr habt es zu arg getrieben!“ „Nein, würdiger Herr Pater! Wir haben geſorgt, daß er nicht zu raſch davonkommt.— Es iſt ihm nur die Haut verbrannt!— Nur ein klein wenig Feuer mit der Lampe!“ Kaspar biß vor Grimm die Zähne zuſammen, als er dieſe Worte hörte. Der ſchwer Stöhnende, dem die Hände überdies auf dem Rücken zuſammengeſchnürt waren, wurde vorüberge⸗ 147 und— ich mag nicht ſagen wohin! Er ſchrie, daß es durch Mark und Bein drang, und zuckte und riß die Glie⸗ der im wüthenden Schmerz, daß die Kerle ihn kaum halten konnten.“*) Kaspar lief es kalt und heiß durch die Gelenke. Die umſtehenden Zuhörer waren bleich wie die Leichen, und ihre Züge verzerrten ſich„unwillkürlich, als der Erzähler die Greuelſcenen ausmalte. „Große Brandblaſen ſprangen ihm in der Haut auf, und das Blut ſpritzte heraus. Und daneben ſtand das arme unglückſelige Weib, die ſie auch nackt ausgezogen hat⸗ ten, und jammerte in Scham und Angſt und zerraufte ſich das Haar, als ſie ihren Mann in der Marter ſchreien hörte, die ſie ihr ſelbſt androhten!“ Kaspar ſchüttelte ſich! Es flimmerte ihm vor den Augen, er ſchritt haſtig weiter. Einige der Bürger ſahen ſich um, als ſie ſeinen Schritt hörten, und plötzlich wurde es todtenſtill in der Gruppe. Einer ſtieß den Andern leiſe an und Alle blickten ſcheu ſeit⸗ wärts nach ihm hinüber. „Sie halten mich auch für ſo einen Scharfrichterknecht! Wie ſie die Augen verdrehen— Gott helfe den armen Hunden!— Die tückiſchen Satansbeſtien werden noch die halbe Bürgerſchaft ſo abmartern!— Wenn ſie mich erſt hätten!— Ich weiß, welch ein Brot mir gebacken iſt! Mir iſt als fühlte ich das Fieber in den Knochen!— Aber die Satansfreude will ich euch doch verderben!“ So eilte er haſtig vorwärts vurchſchanart von Dem, was er geſehen und gehört hatte Als er die Moldaubrücke hinter ſich hatte, ſeh er in 3) Liſoriſch(Martyrologium Bohemicum.) 7*. 148 der Altſtadt Reiterpatrouillen durch die Straßen ziehen. Die Zuſammenrottungen der Spanier waren verſchwunden. „Hm!“ dachte er,„der alte Griesgram der Tilly macht wol Ordnung!“— Es ſtieß ihm das Bedenken auf, daß er in ſeiner ſelbſtgewählten Tracht vielleicht auch für einen der Marodeure gehalten und verhaftet werden könnte, um ſich auszuweiſen.„Das wäre eine Teufelsgeſchichte“, dachte er. Er wollte auch nicht in Lippach's Haus zurück, weil es heller Vormittag war. Wo er aber den Abend ab⸗ warten ſollte, wenn es nicht mit Sicherheit im Umher⸗ kreuzen auf der Gaſſe geſchehen konnte, das wußte er nicht. „Hm!“ dachte er,„einmal wird's doch wol nicht gleich Unglück bringen, und morgen muß ich mich anders ein⸗ richten!“ Während er ſo mit ſich zu Rathe ging, ſchien der Pa⸗ trouillenführer aufmerkſam auf ihn zu werden. Drei Mann ſchwenkten ab und ritten auf ihn zu.„Alle Wetter“, dachte Kaspar,„nun wird's Zeit.“ Er ſah ſich nach einem Schlupfwinkel um, entdeckte ſeitwärts ein ganz ſchmales Gäßchen, ſchlüpfte hinein, lief was er laufen konnte, bog wieder in eine Seitengaſſe, dann in eine dritte, bis er für diesmal glücklich der Gefahr entgangen zu ſein ſchien, da er keinen Reiter hinter ſich hörte und auch vor ihm nichts Verdächtiges ſich wahrnehmen ließ. So verfolgte er denn „ ſeinen Weg nach Hauſe ſo eilig und durch ſo abgelegene Gaſſen als möglich. Einunddreißigſtes Capitel. Der Sturmlauf auf Lippach's Haus hatte alle Be⸗ wohner mit tödtlichem Schrecken erfüllt. Xaver und Wo⸗ lodna waren kaum mit den in der Haſt ergriffenen Schwer⸗ tern in der Hausflur angelangt, als auch ſchon die Frauen angſtvoll die Treppe hinabeilten, um zu erfahren, was vorgehe. „Xaver!“ rief Thereſe, die zwar in höchſter Beſorgniß war, aber doch die Faſſung nicht verloren hatte,„droht uns hier Gewalt?“ „Zurück, zurück!“ winkte und rief ihr dieſer entgegen. „Hier wäre die nächſte Gefahr!“ „Ich theile ſie mit dir— ich bleibe an deiner Seite! Ich habe Muth zu fallen!“ rief Thereſe ſtolz.„Was wäre es denn auch werth, noch länger zu leben!“ ſetzte ſie ſchmerz— erſchüttert hinzu. Die donnernden Schläge der draußen tobenden Rotte an das Hausthor überdröhnten ihre Worte. Die andern Frauen, Lippach's Gattin, Agathe, die noch von dem früheren Schrecken ganz kraftloſe Dienſtmagd, waren Thereſen gefolgt und umſtanden mit angſtvoll fragenden Blicken die Männer. Lippach kam jetzt ſelbſt herab; bleich, zitternd, doch mit der Faſſung, die ihm ſeine Frömmig⸗ keit gab. „Was Gott über uns verhängt, wir wollen es mit chriſtlichem Muthe ertragen!“ ſprach er.„Doch Niemand ermißt jetzt die Tiefe der Schrecken, die uns drohen!“ „Wenn ſie nur nicht ſogleich eindringen“, ſagte Xaver, „ſo iſt noch Hoffnung. Die Fenſter des untern Stocks ſind 7**ν 150 ja mit Eiſen vergittert, und dieſe Thür wollen wir ſo feſt verrammeln als möglich.— Wenigſtens müſſen wir unſer Leben theuer verkaufen!— Helft uns Alles heranſchleppen, was das Thor ſperren kann.“ „Im Hofe liegt Bauholz“, ſagte Lippach. „Das werden wir brauchen können“, rief Wolodna und eilte ſogleich dahin. Die Frauen und Lippach folgten ihm. kaver gürtete ſich das Schwert, das er noch, wie er es im Herbeieilen haſtig ergriffen hatte, ſammt der Scheide in der Hand trug, um und zog es. So blieb er zurück und bewachte die Thür. Die Tobenden draußen hatten keine Geräthſchaften, um ein ſo feſtes, eiſenbeſchlagenes Thor zu ſprengen; den Stö⸗ ßen mit Gewehrkolben und Schaften der Spieße wich es nicht. Doch lärmten die Angreifer fort, um die Bewohner durch die Angſt zum Oeffnen zu bringen. Sie ſchrien furchtbar und ſtießen Flüche und Drohungen aus. Einen Augenblick wurde es ſtill. Da trat Xaver entſchloſſen heran und rief hinaus:„Was wollt ihr? Dies iſt ein Haus des Friedens! Hier wohnt der Pfarrer der Kirche. Nie⸗ mand hat das Recht hier einzudringen!“ Wüthendes verworrenes Geſchrei, ſpaniſch und deutſch durcheinander, war die einzige Antwort auf ſeine Worte. „Aufgemacht!“ brüllten zehn Stimmen.„Aufgemacht oder Alles wird niedergehauen!“ riefen Andere.„Der Ketzer⸗ pfarrer an den Galgen!“ überſchrie Einer alle die Andern. Die Thür krachte in ihren Angeln von dem tobenden Andrang. kaver ſann einen Augenblick nach, was er thun könne, um die Rotte vielleicht abzuſchrecken. Er faßte einen Ent⸗ ſchluß. Raſch öffnete er das kleine Auslugfenſter im Thür⸗ flügel und rief hinaus:„Der Erſte, der hier eindringt, iſt des Todes! Ihr ſollt es theuer bezahlen, dieſe Schwelle —— — — — 151 zu betreten! Wir ſind genug, das Haus zu vertheidigen!“ Raſch ſchloß er das Fenſter wieder. Die Wüthenden ſtutzten einen Augenblick. Endlich rief Einer.„Was wollt ihr Umſtände machen? Werft Feuer in das Neſt!“ „Feuer, Feuer!“ erſcholl das Gebrüll draußen. Wolodna, Lippach, Thereſe, Agathe, alle insgeſammt ſchleppten jetzt vom Hofe einen ſtarken Balken heran. Er ließ ſich quer vor das Thor legen; zwiſchen beiden Mauern der Hausflur eingeklemmt, verſperrte er es ſo feſt, daß das Aufſprengen mit gewöhnlichen Hülfsmitteln nicht möglich war. Die Thorflügel mußten zerſchmettert werden. Dies war ſelbſt mit Aexten nicht leicht, und auch dann blieb das Eindringen durch die Trümmer noch ſchwierig. Darauf vertraute Xaver. Der Lärmen mit den Kolbenſchlägen ließ jetzt nach, da die Soldaten ſahen, daß ſie wol ihre Gewehre zerſchlugen, aber nicht das Thor. Dennoch wurden auf Xaver's Rath noch mehrere Balken herangeſchleppt, die theils über den erſten gelegt, theils gegengeſtemmt, die Abwehr noch verſtärkten. Draußen wurde es auffallend ſtill. Es ſchien, daß die raubſüchtigen Soldaten ſich zurückgezogen hatten; doch ließ ein entfernteres Murmeln der Stimmen vermuthen, daß ſie Rath miteinander pflogen. „Gott wird uns über die ſchreckliche Stunde hinweg⸗ helfen“, ſagte Lippach tröſtend zu den Frauen, deren Blicke ängſtlich an den Männern hingen. „Ich kann auch nicht denken“, ſetzte Wolodna hinzu, „daß dieſe mörderiſchen Gewaltthaten fortdauern dürfen mitten in der friedlichen Stadt!“ „Wenn ſie nicht von Denen ſelbſt hervorgerufen ſind, die ſie hindern können!“ ſagte Xaver mit Erbitterung. „Freilich ſind ſie herzempörend, wider allen Kriegs⸗ ———-———— 152 gebrauch und Völkerrecht! Ja, wenn das bei Erſtürmung der Stadt geſchehen wäre, ließe ſich's eher entſchuldigen!“ ſeufzte Wolodna. Thereſe war zu Xaver getreten und, ſich ſtill an ihn ſchmiegend, fragte ſie leiſe:„Was willſt du, Xaver, daß ich thun ſoll!— Freudig will ich jede Gefahr an deiner Seite theilen. Aber was ſoll ich— als Mutter thun?“ Ihre Thränen unterbrachen ſie. „Noch iſt das Aeußerſte nicht da“, antwortete er ſo leiſe wie ſie.„Wenn aber die Gewalt hereinbricht— was ver⸗ mag da die Hülfe deines ſchwachen Armes? Dann......... 6 Ein plötzliches Krachen, Klirren und Schmettern dicht neben ihnen unterbrach ihr Geſpräch, gleich darauf erſcholl wildes Jubelgeſchrei. Alle ſtanden ſprachlos und ſahen ſich fragend, ſtarren Blickes an. „Sie brechen die Eiſengitter aus den Fenſtern!“ rief der Pfarrer. kaver riß die Thür des nächſten Gemachs auf. Da ſah er das Schreckensſchauſpiel vor ſich. Die Soldaten hatten ſich Brechſtangen zu verſchaffen gewußt und eins der Fenſtergitter war ſchon halb aus der Mauer gebrochen. Die losgeriſſenen Steine, der herabgefallene Kalk und Schutt hatten die Scheiben zerſchlagen und das Krachen und Klirren hervorgebracht. Xaver flog in das Zimmer. Einige der Leute waren ſchon von außen auf das Fenſterſims geſtiegen, das ſchwere Gitter hing nur noch halb in den Mauer⸗ trümmern. Zwanzig Arme und Brechſtangen zugleich hatten es gefaßt, im nächſten Augenblick mußte es losgebrochen ſein. Ohne ſich zu beſinnen, flog der muthige Xaver der Gefahr entgegen. Die Verzweiflung ſtählte ſeine gebrochene Kraft und er führte zwei gewaltige Schwerthiebe gegen die Stürmenden, die auch zwei von ihnen niederſtreckten, daß *½ 153 ſie blutend vom Fenſter in die Straße hinabſtürzten. Nun war das Los geworfen! Das Blut ſtrömte, die Rache flammte! Brachen jetzt die Wüthenden ein, ſo war an keine Schonung, noch Rettung zu denken. Alle Martern, die teuf⸗ liſche Bosheit erſinnen kann, waren das Los der Beſiegten; im Kampfe den ſchnellen Tod zu finden, das einzige Glück. Ein grauenvolles Geſchrei der Wuth erſcholl draußen, als die beiden Getroffenen zuſammenſtürzten! In einem Augen⸗ blick war die Rotte an allen Fenſtern zugleich hinaufgeklimmt. „Hier werden wir umringt, vertheidigt euch oben“, rief kaver den Andern zu und ſtürzte, Thereſen fortreißend, hin⸗ aus die Stiege hinauf. Alle folgten in blinder Bewußt⸗ loſigkeit. Kaum hatten ſie die Thür des Gemachs hinter ſich zugeworfen, als das Eiſengitter krachend niederbrach und die Mordbande mit Wuthgeſchrei durchs Fenſter hinein⸗ ſtürzte.„Feuer! Feuer! Mord!“ brüllten ſie durcheinander und ſtürmten durch die Thür in die Hausflur die Treppe hinauf. Oben, am engen Eingang, ſtanden Wolodna und kaver mit gezogenen Schwertern, bereit ihr und der Ihrigen Leben bis auf den letzten Blutstropfen zu ſchützen und es ſo theuer zu verkaufen als möglich. Mit Hellebarden und blanken Schwertern drangen die Stürmenden auf ſie ein. Es begann ein wüthendes Gefecht. Doch nur wenige Augen⸗ blicke dauerte es; die Uebermacht war zu groß. Drei wilde Koloſſe zugleich drangen ein; Wolodna wurde zurückgeſchleu⸗ dert, daß er rücklings auf den Boden ſtürzte, Xaver ſprang vor ihn, um ihn zu vertheidigen. Zwei Schwerthiebe zu⸗ gleich trafen ſein Haupt. Der eine zerſplitterte die Waffe ſelbſt, die er ſchützend vorhielt, der andere aber ſchmetterte ihm den Helm herab, daß er über den Boden rollte. Xaver ſelbſt taumelte halb betäubt zur Seite. Mit einem Angſt⸗ ſchrei warf ſich Thereſe zwiſchen ihn und die Angreifer und 154 fiel ihnen mit verzweiſlungsvoller Kraft in die Arme. Sie ſchleuderten ſie zur Seite.— Jetzt waren Alle verloren! Da erſcholl eine Stimme, die das wilde Getümmel mäch⸗ tig überdröhnte.„In die Hölle mit euch, ihr Hunde!“ und ein ſchmetternder Hieb ſpaltete dem einen der Soldaten den Schädel, den andern ſchleuderten zwei nervige Arme, die ihn von hinten an den Schultern packten, rückwärts auf den Boden. Es war Kaspar Schwarz, der, wie aus der Erde gewachſen, die Rettung brachte.„Wer will ſeinen Schädel noch daranſetzen“, ſchrie er, ſprang vor den Eingang und ſein Schwert flammte wie ein zuckender Blitz.— Ein Augen⸗ blick der Stille trat ein; lauter Trompetenſchall von der Gaſſe herauf unterbrach ſie.— Die Angreifer ſtutzten! „Fort! Hinunter!“ ſchrie Kaspar gegen die Eindrin⸗ genden anſtürmend, und ſeine Schwerthiebe fielen wie Wetter⸗ ſchläge.„Ich oder die Pappenheimer hauen euch in Stücke! — Hündiſche Marodeurs!“ Die Barbaren hörten ſeine Worte und draußen die Trompeten. Es war eine Abtheilung der Pappenheimi⸗ ſchen Küraſſiere, die Tilly zur Herſtellung der Ord⸗ nung und Mannszucht abgeſandt hatte. 3 „Macht, daß ihr fortkommt!“ rief eine Stimme von unten. Die Angreifer wandten ſich und flüchteten. Kaspar drang ihnen noch nach, bis die Letzten auf der Treppe waren. Dann kehrte er um und ſchwankte ins Gemach. Er hielt die linke Hand gegen die Bruſt und ſtöhnte:„Uf!“ und lehnte ſich erſchöpft gegen die Mauer. kaver, Thereſe, Wolodna hatten ſich emporgerafft; noch waren ſie wie betäubt. Lippach war Hülfe leiſtend zu ihnen getreten. Als er ſie gerettet ſah, ſank er auf die Knie und betete:„Dank dir, Allbarmherziger, das war deine Hülfe!“ 4 155 „Ja— für euch“, ſagte Kaspar mühſam und ſtützte ſich ſchwankend auf ſein Schwert—„betet um ſeine Barm⸗ herzigkeit für mich!“ Die letzten Worte erſtarben ihm lal⸗ lend auf der Lippe. „Gott! Ihr blutet“, rief Thereſe, riß ſich aus Xaver's Armen, eilte auf Kaspar zu und ſtützte den Schwankenden. Auch Lippach war ihm zu Hülfe gekommen und umfaßte ihn.„Freund! Nein, das wolle Gott nicht“, ſtammelte er, indem er fühlte, daß der Verwundete unter ihm zu⸗ ſammenbrach. „Es wird wol genug ſein“, ſagte Kaspar und ſank zwiſchen Beiden in die Knie.— Sie ließen ihn ſanft zu Boden gleiten. Das Entſetzen der Gemüther war urplötzlich in die tiefſte erſchütterndſte Wehmuth verwandelt. Alle umringten den Sterbenden, den Getreuen, den Retter! Keiner ver⸗ mochte den Schmerz, der die Seele zerreißen wollte, zu hemmen; in Schluchzen und Thränen knieten ſie um ihn und hielten ihn umfaßt. Er ruhte mit dem wilden Haupt am Herzen der knienden Thereſe; Lippach hielt ſeine er⸗ kaltende Hand in ſeinen beiden. Xaver und Wolodna wa⸗ ren, ſeine Lage erleichternd, um ihn geſchäftig. „Tragt ihn auf ein Bett!“ hauchte Thereſe, kaum des Wortes mächtig. Xaver und Wolodna hoben ihn ſanft empor. Sie trugen ihn in Lippach's Gemach auf deſſen Bett. Sie öffneten ihm das Wams. Das dunkle Blut quoll aus ſeiner Bruſt; Agathe ſuchte vergeblich es mit Tüchern zu ſtillen; das Antlitz des Sterbenden wurde immer bleicher und bleicher, aber auch milder und milder. Er drückte ſeine Rechte fortdauernd auf das Herz, als wolle er damit den Schmerz dämpfen. Nur das Schluchzen der Frauen unterbrach die Grabesſtille. 156 Lippach ſtand tief bewegt ihm zu Häupten. Kaspar's Augen hefteten ſich auf ihn; der Pfarrer las eine heiße Sehn⸗ ſucht und Bitte darin. Er ſprach ſanfte Worte des Segens und der Verheißung zu dem Sterbenden. Sie beruhigten, ſie erquickten ihn, führten ihm noch einen Anflug von Lebens⸗ kraft zurück. Er richtete das Haupt ein wenig auf. Thereſe unterſtützte es mit der Hand. Agathe kniete bleich weinend neben ſeinem Lager. „Euer Vater“, ſagte er, ſie anblickend, mit matter Stimme, „grüßt Euch—— Margarethe“— er ſtockte und ſammelte Kraft,„iſt im Kloſter— der Urſulinerinnen!“ Ein Strom von Thränen rann über das bleiche Antlitz des Mädchens bei dieſer Kunde von dem Vater und der Freundin. Sie ergriff in frommer Demuth und Dankbar⸗ keit die rauhe Hand des Kriegsmannes und drückte einen heißen Kuß darauf. Es war, als ob dieſes Liebeszeichen der unſchuldigen Seele ihn im Innerſten erqnickte.— Bald aber wechſelte der Ausdruck ſeiner Züge. Unruhig wandte er von neuem das Auge zu dem Pfarrer; dieſer, von frommer Zuverſicht durch⸗ drungen, legte ihm die Hand auf das Haupt und ſagte aus innerſter Glaubenskraft: 8 „Du wirſt eingehen zu ſeinem Frieden!“ Wie ein ſeliger Anhauch ſchwebte es über Kaspar's Züge, als dieſe Worte in ſein Herz drangen. Sanft drückte er das Tuch, das Agathe noch immer über ſeine Wunden hielt, zur Seite, faltete beide Hände über der Bruſt und betete mit letzter Kraft der ſterbenden Stimme: „ Gott ſei mir Sünder gnädig!“ Haupt und Arme ſan⸗ ken zurück. Der Hauch des Lebens war entflohen. —··i⸗ſ Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. 4 f 1 1 1 1 4 3