4 cdnard eOfureun in Gieße 8 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceih- und Jeſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothe hek ſteht zur Em⸗ pfa duanahme und etihre der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends hr offen. 2. Lesepreis. Wi hu fde eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ p den angenommen 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe bi terlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und deträgt: näentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 —— W f. 1 Monuat: 4 w.— Pf. 1 Mt. 590 z 2 Mr.— 3 5. Auswäürtige Avonnenten, haben für Hin⸗ und d nuseacn der, Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. W beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der adenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ arade. oder Wiht⸗ d de ein mzeir eines Fidheren Wertes, ſo iſt = Bri Jahre von Dreizsigen. Vierter Band. Erſte Abtheilung. BDrei Jahre von Breissigen. Ein Roman Tudwig KRKellſtab. Vierter Band. Erſte Abtheilung. Leipzig: F. A. Brochhaus. 1858. EEERERRERQEEEEREREEEEEEEEEREEEEEEnEQEE;E Der Verfaſſer behält ſich das Recht der Ueberſetzung ins Engliſche, Franzöſiſche und in andere Sprachen vor. Sechsundzwanzigſtes Buch. Rellſtab, Drei Jahre. IV. 1. 1 „ã ————— Erstes Capitel. Lamormain ſaß, wie er gern pflegte, eingeſchloſſen in ſei⸗ nem Zimmer, vor ſeinem Arbeitstiſch. Er hatte eine Landkarte von Deutſchland vor ſich, die er mit ſcharfer Aufmerkſamkeit und in Nachdenken verloren betrachtete. Das unheimliche Lächeln, mit dem er einen innern Triumph zu bezeichnen pflegte, zog ſich um ſeine Lippen.„Von drei Seiten“, dachte er,„greifen wir alſo jetzt den König Friedrich an; hier, hier und hier.“ Seine Finger berührten dabei die drei verſchiedenen Punkte der Landkarte.„In ſeinen Erb⸗ landen, in der Lauſitz und bald, hoffentlich, auch ernſthaft in Böhmen. Ich denke, ehe das Jahr abläuft, werden wir Schach und Matt ſagen können.“ Es pochte an die Thür. Lamormain horchte auf, trat an dieſelbe und fragte:„Was gibt's?“ Es war die Weiſe wie er ſtets mit ſeinem Diener ver⸗ kehrte, der allein das Recht hatte, an die verſchloſſene Pforte zu klopfen. „Seine Ehrwürden der Herr Pater Thyßka“, meldete der Diener. 1* „Er ſoll mir willkommen ſein.“ Lamormain trat an den Arbeitstiſch, that raſch einige Papiere und Briefe in verſchiedene Schubfächer, ſchloß dieſelben ſorgfältig und ging dann zur Thür, um den Riegel zurückzuziehen. Thyßka trat ein. „Seid mir gegrüßt, theurer Bruder in Chriſto“, empfing ihn Lamormain und reichte ihm die Hand entgegen: „Endlich wieder hier! Nun, Ihr habt von Euch hören laſſen; viel Wackres geſchafft, lieber Thyßka, viel Wackres! Ihr kommt gerade von Regensburg?“ „Ich war zuvor noch einige Tage in München, Hochwürdigſter, um Dr. Klesheim und Pater Enſebius zu ſprechen.“ „Sehr gut! Man muß Niemand vernachläſſigen, auch wenn die Angelegenheiten gut gehen!“ „Und ſie gehen gut, denke ich“, erwiderte Thyßka, „wiewol noch Manches zu thun übrig bleibt!“ „Vieles!“ berichtigte Lamormain;„ein Schritt vom Ziel iſt immer noch ein unerreichtes Ziel! Wir dürfen ja nicht in den Fehler unſerer Gegner verfallen und Alles abgethan glauben, weil wir neun Zehntheile gethan! Die Böhmen hatten ſchon mehr erreicht gegen uns, und mehr als wir jetzt gegen ſie! Und dennoch! Ich lobe es ſehr, daß Ihr nach München gegangen ſeid. Aber ſetzt Euch, ich bitte. Ich habe gerade rechte Muße Alles mit Euch zu beſprechen. Was ſagten denn die Herren in München?“ „Sie ſind unſer mit Leib und Leben.... auf die ver⸗ abredeten Bedingungen, verſteht ſich!“ antwortete Thyßka. „Ja wol! Auf die freilich am meiſten, welche ſie ſelbſt betreffen!“ ſagte Lamormain ſpöttiſch.„Was die für den Herzog Maximilian anlangt, ſo würden ſie nach⸗ ſichtiger gegen uns ſein. Indeß, wir werden Allen Wort halten können— und müſſen“, ſetzte er hinzu,„denn wir werden ſie noch ſpäter brauchen.“ „Was meinen geringen Antheil anbetrifft, Hochwürdig⸗ ſter“, ſagte Thyßka ſchmiegſam,„ſo will ich jede Kraft daran ſetzen, die Erfüllung unſerer Verſprechungen möglich zu machen.“ „Sehr gut! Bruder Thyßtal Eifer und Anſtrengung bis zum letzten Augenblick! Noch einige Monate, und ich denke, wird ſind am Ziel!“ „So ſchnell hoffen Ew. Hochwürden?“ feadie Thyßka aufhorchend. „Ich denke, ja. Ihr wißt, ich verliere nicht Muth und Vertrauen, wenn es ſehr übel ſteht, und bleibe vorſichtig, wenn Alles gut zu ſtehen ſcheint. Doch habe ich die Zu⸗ verſicht“, fuhr er mit finſter gezogenen Brauen fort,„daß die böhmiſchen Geſchichtsbücher vom Jahre 1621 von keinem Könige Friedrich mehr zu erzählen haben werden. Wir ſind jetzo im Erntemond, im Auguſt; der November, ſpä⸗ teſtens December, muß unſer Erntemonat ſein. Es iſt auch übergenug mit einem Jahre dieſer ketzeriſchen Uſurpation; ein Jahr reift die Ernte.... der Ver⸗ geltung!“ Thyßka ſchwieg, aber ſah Lamormain ſtaunend an. „Ich kann Euch, verzeiht mir das, lieber Bruder in Chriſto“, fuhr Lamormain heitrer fort,„nicht wohl hier ſitzen ſehen, ohne ein wenig zu lächeln. Wißt Ihr, wie Ihr vor zwei Jahren, nach dem prager Tumult, hier ſaßet? Ihr hattet alle Hoffnung verloren! Ihr meintet, es ſei nun ein für allemal zu Ende mit unſerm Orden in Böhmen! Seht Ihr nun wie ſich das Blatt gewendet hat? Vielleicht könnt Ihr ſchon Eure Neujahrspredigt wieder im Dom zu Prag halten!“ „Noch haben wir nicht feſten Fuß in Böhmen!“ er⸗ laubte ſich Thyßka mit bedenklichem Tone zu erwidern. „Aber ſchon manchen Fußpfad dahin gebahnt“, antwortete Lamormain, indem er Thyßka freundlich auf die Schulter klopfte,„und die heut eingetroffenen Nachrichten eröffnen uns eine breitere Straße! Ihr wißt noch nicht“,— fuhr er, da Thyßka ihn fragend anſah, fort,„Ihr wißt noch nicht, daß der Kurfürſt von Sachſen in die Lauſitz eingerückt iſt?“ „Wirklich! Eingerückt! Iſt's möglich!“ rief Thyßka aus. „Am 20. Auguſt. Er ſteht ſchon vor Budiſſin!“ „Ich hätte es nimmermehr geglaubt!“ rief Thyßka. „Ich auch kaum“, ſprach Lamormain ſpöttiſch.„Aber dieſe Ketzer vertilgen Einer den Andern ſo erbittert wie die Raubhechte!“ „Freilich, der Lutheraner haßt den Calviniſten“, pflichtete Thyßka ihm bei,„allein bis zu dem Grade, daß der an⸗ geſehenſte lutheriſche Fürſt den angeſehenſten calviniſtiſchen bei einer allgemeinen Glaubensſache mit Krieg überziehen ſollte, ſtatt ihn zu vertheidigen,— daß das mächtigſte Mitglied der proteſtantiſchen Union die Waffen ergreift gegen das Haupt derſelben— das hätte ich nimmermehr geglaubt!“ „Es kommt nur darauf an, wie man das Ding an⸗ ſieht“, erwiderte Lamormain mit ſeinem ſchärfſten Lächeln; „wir haben den Herrn Kurfürſten auf den richtigen Stand⸗ punkt geſtellt. Er bekämpft nur den uſurpatoriſchen König von Böhmen, als guter Reichsfürſt und Vaſall des Kai⸗ ſers! Den Kurfürſten von der Pfalz wird er ſogar be⸗ ſchützen.... falls nicht dermaleinſt ſein Gewiſſen— dem der Herr Hofprediger Hoe tagtäglich den vorlauten Mund öffnet— ihm gebietet den calviniſtiſchen Antichriſten zu verſchlingen! Wir wollen ihn nicht daran hindern! Wozu *₰ 7 ſollen wir es überhaupt unterſuchen, ob Neid auf die böh⸗ miſche Krone, oder auf den Vorſitz in der heiligen Union, oder der fromme Ingrimm auf den calviniſtiſchen Moloch⸗ Anbeter den guten Herrn treibt! Oder ob der vorgehaltene leckere Biſſen ihn ſo hitzig macht, daß er mit beiden Kinn⸗ backen in den Angelhaken beißt! Die Lauſitz iſt ein hüb⸗ ſches Grenzländchen, ein fettes Speckſchnittchen— flugs ſitzt das Mäuslein in der Falle!“ „Unbegreiflich!“ rief Thyßka aus,„daß die Herren ſo ganz verblendet ſind in ihrer eigenen Sache!“ „Weil jeder nur ſeine eigene darin ſieht, keiner die allgemeine“, antwortete Lamormain.„Rechnet Ihr heraus, guter Thyßka, ob es treuloſer oder verkehrter iſt, daß Einer uns hilft den Andern bezwingen, damit er uns nachher allein gegenüberſtehe; mir iſt's zu ſpitz. Aber wahr iſt's, und das iſt die Hauptſache! Und der Herr Kurfürſt von Sachſen meint wirklich die Lauſitz zu behalten, nachdem wir mit ſeiner Hülfe dem Herrn Kurfürſten von der Pfalz Böhmen wieder abgenommen haben!“ „Er meint, ſo gut wie Oberöſterreich dem Herzog Maxi⸗ milian für die Kriegskoſten verpfändet iſt....“ „Verpfändet! Ja!“ fiel Lamormain ein,„doch wir werden ſchon finden, womit wir das Pfand auslöſen. Der Herr Johann Georg leiht uns vielleicht ſelbſt einige Gulden dazu!“ ſpottete er bitter.„Es würde ein ſtattliches habs⸗ burgiſches Reich abgeben, wenn wir am Ende des böhmi⸗ ſchen Krieges alle Länder verpfändet und abgetreten hätten, Oeſterreich an Baiern, die Lauſitz an Herrn Johann Georg, Ungarn an Bethlen Gabor, Steiermark an Venedig für Subſidien, vielleicht Böhmen an Spanien, was ſchon ein halbes Verſprechen hat.... Den Herrn König Friedrich ſetzten wir dann wohlbehalten wieder in ſeine Pfalz ein, und uns zwiſchen alle Stühle nieder! Das wäre ein herr⸗ licher Handel! Ich denke aber es wird anders kommen“, ſagte er mit Nachdruck und ſein Auge blitzte ſcharf.„Der Tag der Vergeltung wird erſcheinen! Wenn wir mit des Kurfürſten Hülfe erſt die böhmiſchen Ketzer dahin gebracht haben, daß ſie vor unſeren Fußſohlen um Erbarmen wimmern, ſo haben wir's in der Gewalt, ihre Fäuſte zu zwingen, uns die ſächſiſchen und die andern knebeln zu helfen!“ Thyßka wiegte ſtumm den Kopf. „Heut mag“, fuhr Lamormain fort, und ſtrich ſich das Kinn,„Herr Hofpaſtor Hoe von Hoenegg in Dresden ſeinem Kurfürſten einen Lobpſalm ſingen, daß er die calvi⸗ niſttiſchen Antichriſten vertilgen hilft; dann iſt es aber auch billig, etwas für Herrn Hofpaſtor Abraham Schulz zu thun, damit auch er ein Danklied anſtimmen könne für die Aus⸗ rottung des lutheriſchen Baalsdienſtes!“ „So vernichtet des Herrn Weisheit die Abtrünnigen durch ihren eignen Wahnwitz“, ſagte Thyßka und gab ſeine. volle Zuſtimmung durch dieſen Ausruf kund; nur einen ganz kleinen Gedanken behielt er in ſich zurück, für den ihm der mächtige Beichtvater des Kaiſer Ferdinand keinen ſonder⸗ lichen Dank zugewendet haben würde. Er dachte nämlich: „Pater Lamormain hat ſehr Recht gegen den Paſtor Secultetus, der Pater Lämmermann aber könnte dem Paſtor Schalz wol etwas nachſehen!“ 5 „Werft einmal einen Blick mit mir auf die Karte“, begann Lamormain von neuem und nahm dieſelbe von ſeinem Arbeitstiſch.„Ich denke der böhmiſche Pſeudokönig wird einen etwas harten Stand haben. Hier unten in der Pfalz iſt vielleicht ſchon heut Spinola mit achtundzwanzig⸗ tauſend Spaniern eingerückt. In der Lauſitz ſteht Friedrich's Unionsgenoſſe mit innſehnianſand Mann, und hier, von 4 4 ——— 9 Linz aus werden die Unſrigen unter Herzog Maximilian und Boucquoi vorrücken.“ „Sie ſind bereits ehegeſtern nach Böhmen aufgebrochen“, fiel Thyßka ein,„gerade als ich durch Linz kam, rückte Herzog Maximilian aus.“ „Ehegeſtern; alſo am 21. Auguſt; ſo können ſie jetzt ſchon die Grenze überſchritten haben. Dieſe drei Gewitter ziehen gegen König Friedrich heran“, ſagte Lamormain auf⸗ ſtehend, ſehr ernſt, aber ſehr ruhig.„Bedenke ich nun, was er uns entgegenſtellen kann, bedenke ich der Böhmen Unluſt, Zwieſpalt und Leichtſinn, halte ich ihres Königs Thatkraft, ſeinen leichtfertigen Sinn, der von einer Luſt zur andern taumelt, ſeinen unſchlüſſigen Wankelmuth und dünkelhaften Hochmuth, gegen unſeres allergnädigſten Kaiſers frommen Eifer, muthigen Entſchluß und raſtloſe That: ſo werdet Ihr mich, trotz meiner Vorſicht in Allem, doch wol nicht leichtfertig nennen, Pater Thyßka, wenn ich annehme, dieſes Jahr müſſe der böhmiſchen Hydra das Haupt zertreten! Der Tag der Vergeltung iſt da! Wir müſſen ſchon jetzt darauf denken, wie wir ſie üben, daß die Schuldigen uns nicht entrinnen. Glaubt mir, dazu iſt in dieſem Augenblick größere Vorſicht nöthig, als ſonſt irgendwo. Die Einen können ſchon jetzt die Gier nicht zähmen, über die Beute herzufallen; die Andern werden ſchwaches Mitleid, ſträfliche Nachſicht geltend machen wollen. Dagegen müſſen alſo auch wir ſchon jetzt arbeiten, müſſen ſorgliche Vorbereitungen treffen! Wer uns entflieht, dies müſſen wir bedenken, kann aufs neue wider uns aufſtehen! Das iſt's, was mich jetzt am meiſten beſchäftigÄt. Für den Sieg unſerer Sache habe ich zuvor gearbeitet; nunmehr denke ich darauf, wie wir ihn nützen müſſen, ſoweit irgend unſer Arm reicht!“ 18† 10 Er ſchwieg; auch Thyßka. Dunkle Gedanken der Rache bewegten ſich in Beider Seelen. Lamormain begann wieder:„Wißt Ihr, lieber Pater Thyßka, daß Graf Martiniz und Slawata in Wien ſind?“ „Auf dem Wege zu Ew. Hochwürden begegnete ich dem Geheimſchreiber Fabricius, durch ihn erfuhr ich es.“ „Ganz wohl! Herr Fabricius von Hohenfall. Auf den müſſen wir beſonders achten. Das ſind die drei perſönlich Erbittertſten. Sie können uns am meiſten ſchaden.“ „Schaden?“ „Oder nützen! Je nachdem ihre Erbitterung die rich⸗ tigen Wege geht. Wir müſſen ſie darauf führen. Ich werde heut eine Beſprechung deshalb mit Slawata und Martiniz haben. Ich erſuche Euch derſelben beizuwohnen.“ „Wie Ew. Hochwürden beſtimmen“, antwortete Thyßka, ſich verneigend. „Um die vierte Stunde Nachmittags, hier in meiner Wohnung.“ Thyßka nahm dies für einen Wink, jetzt aufzubrechen, und empfahl ſich. „O ſagt mir doch“, fragte Lamormain, ihm einige Schritte das Geleit gebend,„wie ſteht es denn mit Eurem und Slawata's Agenten— wie heißt er doch gleich— dem gewandten Burſchen, der ſich in Regensburg doch ſo arg hinters Licht führen ließ?“ „Dem Leibeigenen Zaloska?“ fragte Thyßka verlegen erröthend, weil er ſich nicht gern an dieſe fatale Geſchichte erinnern ließ. „Ganz recht, derſelbe!?“? „Die unglückliche Eigenſchaft der Völlerei, welche die meiſten Leute aus dieſen Ständen haben, hat ihm ſeinen Unfall zugezogen und uns die Unannehmlichkeit bereitet.“ 11 „Seinen Unfall? Davon weiß ich ja gar nichts“, ſagte Lamormain. „Nun, das kleine Probeſtück auf der Tortur iſt ihm ſo übel bekommen, daß er lange Zeit gelähmt war; jetzt iſt er wieder auf den Füßen“, antwortete Thyßka. „Tortur? Ihr habt ihn zur Strafe ein paar Grade durchmachen laſſen?“ fragte Lamormain. „O nein.... der Zufall.... vielmehr ſeine Straf⸗ barkeit....“ antwortete Thyßka verwirrt. „Ihr habt mir da wol im Drang der andren Ge⸗ ſchäfte nicht Alles berichtet, lieber Bruder“, ſagte Lamormain mit einem Ton, der den Verweis und zugleich den Be⸗ weis in ſich trug, daß er dennoch ſehr wohl unterrichtet ſei. Thyßka hielt es daher für das Beſte, um Vergebung zu bitten und ganz mit der Sprache herauszugehen. „Ich bekenne, daß ich dies verſäumt habe, hochwürdiger Pater. Ich war ſo beſtürzt über Wolodna's Entweichung, von dem wir viel Wichtiges hätten erfahren können, und es drängten ſich nachmals die Ereigniſſe ſo raſch....“ „Schon gut, ſchon gut, lieber Thyßka, es hat nichts zu bedeuten“, unterbrach ihn Lamormain, erzählt mir nur, was geſchehen iſt.“ Der abtrünnige Reitersmann Kaspar Schwarz hatte nicht nur dem Ketzer Wolodna aus dem Gefängniß geholfen, ſondern ſeine Argliſt hatte auch Zaloska ſchwer trunken ge⸗ macht und ihn in dieſem Zuſtande in Wolodna's Kerker geworfen. Es iſt kein Zweifel, daß der Wein mit irgend einem Arcanum vermiſcht geweſen, welches Diejenigen, welche davon genoſſen, völlig betäubt hat.“ „Und ſo geſchah es, daß der unſchuldige Zaloska ſtatt des Geflüchteten auf die Leiter geſpannt wurde?“ fragte Lamormain mit ſeinem leiſen ſpöttiſchen Lächeln.„Kam —-— 12 er denn da auch nicht ſofort wieder ſo zum Peuuſtiſei, daß er den Irrthum aufklären konnte?“ Thyßka ſtockte etwas.„Ich war ſelbſt nicht zugegen. Sein Geſchrei, er ſei unſchuldig, er ſei heimtückiſch gefangen worden, beachteten weder der Richter noch der Scharfrichter, weil es das gewöhnliche der Gefangenen iſt.“ „Die kleine Verwechſelung wird dem armen Teufel indeſſen übel geſchmeckt haben!— Immerhin! Eine Strafe hatte er verdient!— Und wie entdeckte ſich der Irrthum?“ „Durch mein Erſcheinen im Verſchlag des Richters“, bekannte Thyßka verlegen.„Ich kam, als dieſer eben alle Ausſagen des Zaloska niedergeſchrieben hatte. Er hatte, der Himmel weiß, was Alles geſtanden, was ganz unmöglich für ihn war. Doch da die Schmerzen ihm die Beſinnung raubten und der Arzt urtheilte, die Ohnmacht könne bei fortgeſetzter Folter zum Tode führen, ſo war eine Pauſe gemacht worden. Da klärte meine Gegenwart den Irr⸗ thum auf.“— „Alſo das war der Zuſammenhang der Sache. Nun, es hat nichts auf ſich! Verzeiht, lieber Thyßka, daß ich nach der Kleinigkeit fragte, allein ich bin von Allem gern genau unterrichtet!“ Thyßka verbeugte ſich ſtumm und ging. „Um die vierte Stunde,— aber recht pünktlich, damit wir die Vesper nicht verſäumen“, erinnerte Lamormain ihm nachrufend. ——————— — — —— —— 13 Zweites Capitel. In Jakob Steffecks Weingewölbe ſaßen Martin Früh⸗ wein, Nikolaus Diewiß, Tobias Steffeck, Valentin Kochan und andre angeſehene Bürger, wie häufig, an einem Tiſch beiſammen und tranken ihren Becher. Das Geſpräch war lebhaft, aber nicht heiter. Alle hatten beſorgte Mienen; Wolken lagerten auf der Stirn. „Nun wird's bald jährig werden, daß der König ein⸗ zog“, ſagte Nikolaus Diewiß,„wir ſchreiben heut den ſechs⸗ ten, alſo noch drei Wochen.“ „Etwas darüber“, verſetzte Tobias Steffeck,„es war am 31. October neuen Stils. Wir ſahen damals fröhlicher aus als heut!“ „Wahrlich, Herr Diewiß, wir zumal in unſerer Ziska⸗ Rüſtung“, fiel Jakob Steffeck ein, der als Wirth aufwartend hinter dem Tiſch der Gäſte ſtand.„Ich glaube Ihr hieltet heut keine ſo freudige Begrüßungsanrede wie damals“, ſetzte er hinzu. „Ja, hätte Mancher gewußt, wie Alles kommen würde, entgegnete Diewiß.. „O ſchämt euch“, fiel Martin Frühwein ein,„laßt ihr die Flügel hängen, weil nicht Alles ſo glatt weg geht? ihr habt anfangs den Kopf zu hoch gehoben, ſo müßt ihr euch jetzt etwas bücken! In der Welt geht's nicht anders, es wechſelt Regen und Sonnenſchein.“ „Guten Abend, Herr Doctor“, rief Jakob Steffeck einem Eintretenden zu, und unterbrach damit das Ge⸗ ſpräch. Es war der gelehrte Doctor Daniel Baſilius, 14 der im ſchwarzen Wams, mit dem Mantel darüber, eintrat. Freundlich, aber ernſt grüßend, nahm er Platz unter den Anweſenden. Sie rückten zu, um ihm Raum zu geben. „Habt ihr ſchon die neueſte Zeitung vernommen?“ fragte er.„Aus der Lauſitz? Die Sachſen haben die Stadt Bautzen mit Sturm genommen!“ „Wie? Was?“ riefen die Stimmen durcheinander; „wißt Ihr Näheres? Erzählt doch!“ „Daß ſie ſeit drei Wochen vor der Stadt gelegen, wißt ihr. Die Bürger hatten immer noch Entſatz gehofft, auch von hier aus, allein vergeblich! Vor etlichen Tagen haben die Sachſen geſtürmt. Es iſt ein ſchreckliches Blut⸗ bad geweſen, die halbe Stadt niedergebrannt, Weiber und Kinder niedergemetzelt!“ „Iſt es möglich!“ rief Steffeck.„Und ſie haben keinen Entſatz bekommen?“ „Uns bleiben nicht viele Truppen, um die andren Pro⸗ vinzen zu beſchützen“, ſagte Diewiß;„wenn wir nur ſtark genug ſind gegen Boucquoi!“ „Woher habt Ihr die Nachrichten“, fragte Frühwein. „Ich war auf dem Hradſchin. Dort war die Botſchaft eben eingetroffen. Die Leute aus der Leibwache unterhielten ſich davon! Es ſollen an zwölfhundert Häuſer in Aſche liegen, fünf Kirchen, drei Hospitäler— eine grauſame Verwüſtung und Blutbad.“ Beſtürzung malte ſich in den Zügen Aller. „Das hat der Eilbote mündlich erzählt, der das Schrei⸗ ben an den König gebracht hat.“ „Und wie hat der König die Botſchaft aufgenommen?“ fragte Nikolaus Diewiß. 7 15 „Ich weiß es nicht.— Es wurden große Feſtlichkei⸗ ten auf dem Schloß vorbereitet!“ antwortete Baſilius mit finſtrer Miene. „Feſtlichkeiten! In ſolcher Zeit der Gefahr und Noth! Schon wieder Bankete und Gelage!“ lautete der unzufrie⸗ dene Ruf der Bürger durcheinander. „Nein!“ rief der Rathszimmermeiſter Duſſeck, der bisher ſchweigend am Tiſch geſeſſen hatte,„das iſt frevelhaft und ruft die Rache Gottes hervor! Da hat unſer Pfarrer Herr Lippach wohl Recht, wenn er gegen ſolches Unheil ein ernſtes Wort von der Kanzel herab ſpricht!“ „O, ich kann mir's denken, daß er ſich jetzt gegen Vieles ereifern muß, der redliche muthige Mann“, ſprach Baſilius; „aber er wird ohne Furcht der Menſchen reden, wie er denkt, denn er kennt nur Gottesfurcht.“ „Was hat denn der ehrwürdige Herr dippach geſprochen?“ fragte Frühwein,„ich war Sonntag nicht in der neuen Sanct⸗Salvatorkirche!“ „Er hat von Mancherlei freimüthig geredet, was ein Aergerniß gibt“, antwortete der Zimmermeiſter.„Vorzüglich aber gegen die leichtfertigen Sitten am Hofe.*) Die Frauen gehen faſt mit unbedeckter Bruſt einher. Gleichwie die Töchter Lot's!“ „Ja, es iſt wahr! Selbſt die Königin trägt ſich ſo“, ſprach Diewiß ernſt. „Das iſt in England und Frankreich ſo Sitte“, bemerkte Kochan. „Aber nicht in Deutſchland und nicht in Böhmen; Gott ſchütze uns davor!“ antwortete Hans Duſſeck mit empör⸗ tem Ton. *) Hiſtoriſch 16 „Ja wol! ja wol!“ riefen die Andern. „Es geht am königlichen Hofe her wie zu Sodom und Gomorrha“, fuhr der Alte fort.„Das iſt ein ewiges Ban⸗ ketiren und Reihentanzen, daß die Pauken und Zimbeln die ganze Nacht durch klingen und die Bürger aus dem Schlaf wecken. Herr Lippach hat warm und redlich dagegen ge⸗ ſprochen. Es zieme ſich nicht in ſo ſchwerer Zeit, ſo viele Gelage anzuſtellen! Den ganzen Winter hat das gewährt, wo eine traurige Nachricht auf die andre von dem Heere gekommen iſt, und dauert nun ſchon den ganzen Sommer fort.“ „So iſt es“, bekräftigte Diewiß;„und welche Summen koſtet das! Da ſollen immer die engliſchen Gäſte, die Lords und Herren feſtlich bewirthet werden, aber die Böhmen müſſen es zahlen!“ „Wenn lieber den Truppen der Sold gezahlt würde!“ ſprach Steffeck.„Wollt Ihr das auch gutheißen, Frühwein?“ „Ich heiße nichts gut, was nicht gut iſt“, antwortete dieſer,„allein man muß nicht gleich verzagen, auch nicht das Schlimme ſchlimmer machen!““ „Schlimmer machen?“ fragte Duſſeck.„Ich mache wol nichts ſchlimmer, mein lieber Herr! Ich rede nur von Dem, was wir alle Tage vor Augen ſehen!“ „Wohl“, fiel Baſilius wieder ein; Ihr habt völlig Recht, Meiſter. Alle ehrbare Sitte geht verloren. Und doch ſteht es ſchlimmer beim Heer. Da hat vollends jede Zucht auf⸗ gehört! Geſtern ſprach ich einen armen Bauern aus der Gegend von Pilſen. Dort hauſen die Mansfelder, daß es Einem das Haar ſträubt!“ „Nun ſeht! Unſer eigenes Volk“, rief Diewiß. „Der Graf hält ſonſt die beſte Mannszucht“, warf Frühwein ein. „Vordem wohl! Der Graf Mansfeld iſt auch nicht Schuld“, antwortete Baſilius,„aber ſeine Truppen haben keinen Sold erhalten ſeit fünf Monden. Er muß dulden, daß ſie rau⸗ ben und plündern. Verhungern kann der Soldat auch nicht! Allein wenn's erſt ſo hergeht, dann iſt auch in allem Andern nicht mehr Zaum und Zügel. Der arme Teufel, von dem ich ſagte, war mit Weib und Kind geflüchtet und dankte Gott, daß er das nackte Leben gerettet hat. Sie hatten ſein Haus überfallen und Alles aufgezehrt an Vieh und Frucht, was da war, aber ſie verlangten immer mehr. Da er nichts mehr herbeiſchaffen konnte, packten ſie ihn und ſchraubten ihm die Daumen ſtatt der Steine in die Piſtolen.*) Unter der grauſamen Qual ſollte er nun ge⸗ ſtehen, wo er noch etwas verſteckt halte. Er hatte aber nichts mehr von Lebensmitteln. Sie quetſchten ihm die Daumen, daß er Angſtſchweiß vergoß und vor Qual ſchrie, daß es halbe Meilen weit gehört werden mochte. Da ritt zum Glück ein Offizier in der Nähe vorbei, ein Obriſt⸗ wachtmeiſter, Hayd mit Namen. Der hörte das Jammer⸗ geſchrei, ſprengte heran, jagte die Plünderer davon und befreite den Bauer. Sonſt hätten ſie ihm das Haus über dem Kopf angezündet, und Frau und Kind, die er im tiefſten Keller unterm Holz verſteckt hatte, daß ſie der Wuth der Soldaten nicht preisgegeben würden, wären elendiglich verbrannt. So iſt denn der Alte geflüchtet bis hierher nach Prag, wo er einen Verwandten Pat, bei dem er Untiie kommen gefunden.“ „Gott hat ihm geholfen!“ rief der alte Meiſte Duſſech aus.„Aber daß wir ſolche Greuel im eignen Lande, von unſeren eignen Truppen erdulden müſſen! Die Ungarn und **) Hiſtrriſch Kroaten, die uns Kaiſer Mathias und Ferdinand ins Land ſchicken, haben ja nicht ärger gehauſet!“ „Der Himmel belohne den edlen Retter des armen Bauersmanns“, ſagte Frühwein. „Der Landmann ſprach von ihm wie von ſeinem Schutzheiligen“, fuhr Baſilius fort.„Er hat auch nicht ge⸗ ruht, bis er ſeinen Namen erfuhr, den der entſchloſſene Mann, der der ganzen wilden Schaar allein die Spitze bot, erſt gar nicht nennen wollte. Aber was der arme Flücht⸗ ling ſonſt erzählt hat, wie es im Lande ausſieht, das iſt zum Erbarmen! Alles ausgeſogen, auf Stunden kein Stück Vieh, keine Klaue, keine Feder! Die Dörfer verlaſſen; alle Frucht aufgezehrt. Und Alles von den eignen Leuten, die ſich ſelbſt ernähren, weil ſie Niemand ernährt. Nun denkt euch dazu die Feſtlichkeiten auf dem Schloß!“ „Es iſt gottesläſterlich!“ rief Diewiß. Ein dumpfes Murmeln erfüllte das Gewölbe. Frühwein heftete den Blick ſtarr vor ſich hin, tief ernſter Gedanken voll, denn er konnte die Wahrheit Deſſen, was erzählt wurde, nicht leugnen. „Und was er dann vom Hunger des Bauernvolks redete, daß es ganz in Verzweiflung iſt!“ begann Baſilius wieder. „Sie rauben und plündern nun ſelbſt. Sie haben bei Piſek die Schlöſſer der Edelleute angezündet*) und rein ausgeplündert!“ „Schrecklich!“ ſeufzte Frühwein vor ſich hin. „Und der König ſitzt hier und läßt ſeine engliſchen Gäſte leben, bei der Tafel auf dem großen Saal! Bei Juchhe und Zinken und Poſaunen!“ ſagte Diewiß. „Warum geht er nicht zum Heer?“ fragte Kochan. *) Hiſtoriſch. 19 „Will er nicht mitfechten, wenn die Baiern und Kaiſerlichen einrücken?“ „Er wird hinausgehen“, ſagte Frühwein,„zuverläſſig!“ „Wir wollen's hoffen und abwarten!“ entgegnete Diewiß. „Es iſt auch nicht recht von unſeren Herren aus dem hohen Adel, daß ſie nicht unter die Waffen treten“, ſetzte Früh⸗ wein das Geſpräch fort.„Haben ſie doch dem Könige ſo viel gelobt von ihrem Kriegseifer. Jeder wollte das Schwert ziehen. Und wißt ihr wie viele im ganzen Heere dienen? Neun oder zehn!“ „Pfui!“ rief der alte Duſſeck. „Woher kommt das aber?“ ſagte Diewiß.„Weil ſie nicht unter den fremden Führern dienen wollen. Hätten Thurn und Mansfeld den Oberbefehl behalten, ſie wären Alle gekommen!“ „Ehrfurcht vor dem Grafen Thurn!“ ſprach der Zim⸗ mermeiſter und nahm ſein Baret ab.„Es iſt wahr, er hat den ganzen böſen Handel hauptſächlich angefangen; denn hätte er anders gewollt, es wäre nicht zu ſo argen Tha⸗ ten droben auf der Landſtube gekommen, am 23. Mai, an den Böhmen lange denken wird! Aber das muß auch wahr ſein, im Stich hat er uns nicht gelaſſen! Wenn er den Befehl behalten hätte!“ „Fürſt Chriſtian von Anhalt iſt ein braver Mann und ein erfahrener Feldherr; ſelbſt Thurn gibt ihm das zu“, entgegnete Frühwein. „Aber dieſer Hohenlohe!“ fiel Diewiß ein,„der den tapfern Mansfeld damals bei Groß⸗Lasken im Stich ließ! Wißt ihr, daß wenn Graf Hohenlohe damals ſeine Schul⸗ digkeit gethan hätte, der ganze Krieg anders ſtände? Nur darum mußte Thurn von Wien ablaſſen, weil Boucquoi nach Mansfeld's Niederlage gerade auf Prag wollte. Und 20 wenn hundert Jahre vergehen, das kann Böhmen ihm nie vergeſſen! Unſere Sache war gerettet, ſie war durchgefochten, völlig ſiegreich, behaupte ich, wenn Hohenlohe gethan hätte, was er ſollte! Das war aber der Neid auf Mansfeld, der ihn ſo handeln ließ. Und jetzt wird der weltberühmte Krieger ihm nachgeſtellt, und Thurn dem Anhalt!“ „Ja, es iſt ſchlimm“, pflichtete der Zimmermeiſter bei. „Der Hohenlohe hat einmal gar kein Vertrauen, und der Fürſt Anhalt mag ein wackrer Mann und Feldherr ſein, aber wir haben nicht das Herz zu ihm wie zu Thurn. Den haben wir von Alters her gekannt. Er war unſer Glaubensbeſchützer zur Zeit des Kaiſers Mathias, er war in jedem Kampf voran, noch zu Kaiſer Rudolf's Zeiten! In den Schreckens⸗ tagen, wo das paſſauer Kriegsvolk die Stadt plünderte. Wer war der Erſte zu Pferde und waffnete die Bürger und wehrte dem Greuel, war es nicht Graf Mathias Thurn?“ „Freilich! Allerdings“, murmelten die Andern. „Ich weiß mich des Tages noch zu beſinnen wie heut“, fuhr Duſſeck fort.„Der Graf ritt einen Schecken; er war mit einem Zug Bürger auf der Kleinſeite, von ſeinem Hauſe her vorgerückt, und hatte die Lanzenknechte der Paſ⸗ ſauer angegriffen; gerade vor der Thür meines Meiſters, geg g wo ich damals als Geſell arbeitete. Er hatte ſie ſchon weit zurückgedrängt, da kam ihm ein Trupp Reiter von der Thomaskirche her in die Flanke. Thurn wehrte ſich nach beiden Seiten wie ein Löwe. Doch ſein Fußvolk wurde zerſprengt. Da hieb er ſich mitten durch die Reiter und ſprengte den Weg durchs alte Thor zu dem Hradſchin hinauf. Damals rettete ihn die Gemußlin des Obriſtſtatt⸗ halters Zdenko von Lobkowitz. „Wie?“ rief lebhaft Martin Frühwein,„die nämliche, 21 die vor zwei Jahren Slawata und Martiniz in Schutz nahm,— die edle Freifrau Polyxena, die heut begraben wird?“ „Heut begraben? Sie iſt todt? Was ſagt Ihr da?“ riefen die Stimmen der Anweſenden durcheinander. „Wie ich euch ſage“, ſprach Martin Frühwein.„Um die neunte Stunde wird ſie in der Theinkirche beigeſetzt. Ich war deshalb hierher gekommen, um von hier aus zu dem Leichenzuge zu gehen!“ „Dabei müſſen wir Alle ſein“, rief Duſſeck,„es iſt eine zu ehrenwerthe Frau!“ „Wir können doch nicht in der Tracht, wie wir hier ſind, uns dem Leichenzug anſchließen?“ ſagte Diewiß be⸗ denklich.„Wir müſſen doch ein Trauerkleid anlegen!“ „Wir haben noch über eine Stunde Zeit. Geht der Zug von ihrem Hauſe aus?“ fragte Doctor Bafilius. Frühwein bejahte es. „Nun ſo wollen wir uns dort wieder treffen“, ſchlug Baſilius vor.„Mag Jeder anthun, was er an Trauer⸗ kleidern oder Flor gerade hat; und überdies iſt es Nacht. Einen dunklen Mantel haben wir Alle. Was kommt's auch auf die Kleider an? Unſer Herz trauert. Hätten wir früher davon gewußt! Allein in jetziger Zeit hört alle Ordnung und alle Sitte auf. Wer hat noch einen Kopf dafür! Jeder denkt nur an ſich und an das Nächſte!“ „ Freilich, freilich!“ bekräftigten die Andern.„Die Be⸗ ſtattung wäre ſonſt doch wol feierlich angeſagt worden!“ „Der Obriſtkanzler iſt ja auch erſt vor drei Tagen von Wien eingetroffen; er kam nur noch eben rechtzeitig, um den letzten Abſchied von ſeiner Gemahlin zu nehmen.“ „Iſt er hier!“ rief Baſilius erſtaunt. „Ja; mit kaiſerlichem und königlichem Geleit“, antwor⸗ tete Frühwein.„Herr Zdenko von Lobkowitz iſt ein Gegner unſerer Sache; aber ein ſehr ehrenwerther Mann!“ „Das iſt er!“ gaben ihm Mehrere das Zeugniß. „Und welch eine Frau war die Abgeſchiedene“, ſagte Frühwein.„Sie hat Böhmen nicht verlaſſen wollen; ſie mochte im fremden Lande nicht leben, in fremder Erde nicht ruhen!“ Die Bürger gaben ſich die Hand darauf, in einer Stunde am Hauſe des Obriſtkanzlers zu ſein. Drittes Capitel. Es war noch nicht neun Uhr, als die Bürger ſchon ſämmtlich in ſchwarzer Kleidung und ſchwarzen Mänteln, die Hüte mit Flor umwunden, vor dem Trauerhauſe ver⸗ ſammelt ſtanden. Alle waren ſie von ernſten Empfindungen bewegt, am meiſten unter ihnen jedoch Martin Frühwein. Er betrat jetzt die Stätten, die nämlichen Gaſſen und Häuſer wieder, die vor zwei Jahren der Schauplatz der Thaten geweſen waren, deren Folgen noch jetzt ſo ſchwer auf dem Lande laſteten, immer ſchwerer hereindrohten! Damals war Frühwein unter den Erbittertſten geweſen, zumal gegen Martiniz, an den er ſelbſt Hand gelegt. Er hatte, als dieſer und Slawata nach ihrer wunderbaren Rettung in eben das Haus flüchteten, vor dem er jetzt ſtand, ihre Aus⸗ lieferung gefordert. Wie ganz andere Gefühle bewegten ihn heut als an jenem Tage, wo die Bewohnerin den Geflüch⸗ teten, Bedrohten einen ſo edlen, muthigen Schutz gewährte! 23 Unerträglich dünkte es ihn damals, auch nur einen Tag länger ſo auszuharren wie bis dahin; jetzt mußte er ſich im Innern ſagen:„O es wäre dennoch beſſer geweſen, wir hätten was uns bedrückte nicht gewaltſam geſprengt; wir würden vielleicht mehr erreicht haben, als uns jetzt zu Theil geworden!“ Und hätte er vollends die kommenden Jahre gekannt!— Ebenſo hatte der heftige Haß gegen die Ur⸗ heber der Bedrückungen ſich gelegt.„Wie blind macht uns doch die Leidenſchaft des Zorns!“ dachte er bei ſich.„Da⸗ mals wollte ich Slawata und Martiniz ſelbſt auch noch aus dieſem Zufluchtsorte reißen, den ſie nur durch ein wahrhaftes Wunder erreichen konnten! Und heut könnten ſie hier unter uns ſtehen, ich würde fühlen, daß die Trauer um eine edle Frau uns Alle vereint und verſöhnt. Sie waren uns feind⸗ ſelig, hatten gehäſſige Thaten verübt; aber hatten wir nicht Männer, fähig, ihnen ruhig feſten Widerſtand zu leiſten? Waren Thurn, Schlick, Harrant, Olbramowitz, der würdige Caplicz, Jeſſenius, Budowecz nicht ihnen gleich in Anſehen und Macht? Und waren wir nicht die Ueberzahl? Hätte beſonnener, beharrlicher Widerſtand, ohne gewaltſamen Bruch der Ordnung, ohne Frevelthat und Mord, nicht doch er⸗ reicht, was wir erreichen durften? Und haben wir es jetzt erreicht?— Aus der Kirche unſeres erwählten Königs iſt jegliche würdige Geſtalt des Heiligen Abendmahls verbannt. Wir müſſen das Nachtmahl des Herrn an einem plumpen Holztiſch, mit ſchmachvoll dürftigem Linnentuch bedeckt, neh⸗ men, wie kaum dem Wanderer in der Herberge der Tiſch gedeckt wird! Die Bilder ehrwürdiger Heiligen, frommer Männer, von denen uns die Geſchichte des Glaubens Großes erzählt, ſind aus den Kirchen geworfen! Selbſt unſere Glocken müſſen verſtummen! Von dieſem erhabenen Dome“— er blickte nach der Schloßkirche auf, deren hohe —— 24 Pyramide finſter in den bewölkten Himmel ragte—„ertönt kein Geläut, die Feier dieſer Beſtattung zu ehren!“ —— Die neunte Stunde war herangekommen. Die Verwandten und näheren Freunde der Dahingeſchiedenen, und viele Mitglieder des Herren⸗ und Ritterſtandes, hatten ſich ſchon im Trauerhauſe verſammelt; die Bürger gingen nun auch gemeinſam hinauf. Der offene Sarg, von Ker⸗ zen umgeben, ſtand in dem nämlichen Saale, von deſſen Balcon herab Polyxena mit heldenmüthiger Rede den wil⸗ den Andrang der Erbitterten zurückgehalten hatte. Jetzt lag ſie, ein edles Marmorbild, im Sarge. Das ſonſt flammende Auge war bedeckt von den herabgeſunkenen Lidern; den blaſſen, geſchloſſenen Lippen entfloh kein hohes Wort, kein leiſer Hauch mehr! Doch redete das ſtumme Antlitz lebendig in das Herz!— Vor dieſem Hauſe hatte jüngſt die Zwie⸗ tracht getobt, ihre brandenden Wogen gegen die Pforte ge⸗ ſchlagen. Um dieſen Sarg ſchloß Eintracht den Bund; Verſöhnung ſchwebte über der Bahre. Die drei, in feind⸗ ſeliger Richtung getrennten Söhne des Hauſes Lobkowitz ſtanden, durch die gemeinſame Trauer um die von Allen verehrte Todte wieder in brüderlicher Geſinnung verſchmol⸗ zen, wie ſie den Stammverwandten ziemt, nebeneinander zu Häupten der Entſchlummerten, Zdenko von Lobkowitz, der trauernde Gatte, der Greis Mathias Leopold, deſſen ehrwürdiges Haupt ſchon damals den Zorn der Erbitterten entwaffnete, und Wilhelm von Lobkowitz, der die Fackel der Zwietracht ſo wild geſchwungen hatte, am 23. Mai, dem unſeligen Tage für Böhmen! Es entſtand ein leiſes Murmeln von der Thür Lor) der ſchon um den Sarg geſchloſſene Kreis öffnete ſich. Thurn und ſein Sohn traten ein. Aller Augen wandten ſich auf die beiden einander ſo ähnlichen und doch 25 ſo ungleichen Geſtalten. Graf Mathias Thurn ſah tief ernſt, ja finſter aus. Das Haar war ihm in den letzten beiden Jahren zu Schnee gebleicht. Sein Auge loderte noch in dunkler Glut, die italieniſche Abſtammung verrathend; doch Stirn und Wangen waren tief gefurcht und die Hal⸗ tung gebeugt. Seine ganze Erſcheinung drückte ſchwere, innere Kämpfe aus; die ſchwarze Trauerkleidung erhöhte noch den düſtren Eindruck. Neben ihm war ſein Sohn, Heinrich, ſonſt dem Vater ſprechend ähnlich, das Bild der ſorgenloſen, ſchönen Jugend. Braunes, lockiges Haar umfloß ſeine Stirn; ſein blaues Auge, das Erbtheil ſeiner dent⸗ ſchen Mutter Eliſabeth, ſchaute offen in die Welt, wenn auch in dieſem Augenblicke wehmüthig. Denn ſein weiches junges Herz war tief ergriffen von dem Anblick der entſeelten Hülle der edlen Frau, die er— in beſſeren Tagen!— oft in ſei⸗ nes Vaters Hauſe geſehen. Sanfte Trauer ſprach aus ſei⸗ nem Angeſicht; doch frei war es von den dunklen Schatten der Schwermuth und Sorge. Nur ein leicht vorüberziehendes Gewölk verſchleierte die innere Friſche und Heiterkeit ſeiner Seele. „Thurn iſt um zehn Jahre gealtert, ſeit zweien“, flüſterte der Stadtſchreiber Nikolaus Diewiß dem neben ihm ſtehenden Duſſeck ins Ohr. „Er hatte noch braunes Haar im verwichenen Mai! Wie alt mag er ſein?“ fragte dieſer. „Im Anfang der Funfziger, denk' ich“, antwortete Diewiß leiſe.„Wartet einmal,— wann war es, als er des Burggrafenthums von Karlsſtein entſetzt wurde, was ihn zuerſt ſo erbitterte? Es muß auch im October geweſen ſein. Richtig, vor drei Jahren! Anno domini Eintauſend ſechshundert und ſiebzehn. Nun damals, erinnere ich mich, ſagte er im Unmuth:«Wahrlich, ich bin weder zu jung noch Rellſtab, Drei Jahre. IV. 1. 2 ————-— 26 zu alt, um des Amtes unfähig zu ſein, gerade funfzig— das rechte Mannesalter!“— Er muß alſo jetzt dreiund⸗ funfzig ſein.“ „Doch er ſieht aus wie ein Dreiundſechziger mindeſtens! Trotzdem immer noch ein Mann wie von Eiſen!“ „Nein, das ſagt nicht! Wie von verwittertem Stein ſieht er mir aus“, erwiderte Diewiß.„Er hat wol noch Dauer, aber morſch iſt er doch. Der Sohn dagegen, der ſieht aus wie friſch aus glattem Marmor gehauen!“ „Wahrhaftig, ein ſchöner junger Ritter!“ antwortete Duſſeck.„Der Bart ſproßt ihm kaum ums Kinn. Der Vater war ganz ſo in ſeiner Jugend; aber er wurde noch ſtatt⸗ licher als Mann! Ihr hüättet ihn ſehen ſollen, als er auf dem Schecken in die Paſſauer ſtürmte!“ „Still! Die Prieſter kommen!“ gebot Diewiß leiſe.— Die Freifrau von Lobkowitz, katholiſchen Glaubens, wurde beſtattet nach den Gebräuchen ihrer Kirche. Kerzen umgaben den Sarg; die Geiſtlichen und Chorknaben erſchie⸗ nen mit den Weih⸗ und Rauchgefäßen; ſie ſprachen Gebete und knieten am Sarge. Alle Anweſende ſanken mit auf die Knie. Es war ein erſchütternder Anblick, die drei Männer aus dem Hauſe Lobkowitz, einander ſo heftige Widerſacher im Leben, hier im Angeſicht des Todes gleich drei Brüdern knien zu ſehen an der Bahre einer theuren Schweſter;— und dem Einen war ſie noch mehr geweſen! Der Sarg wurde geſchloſſen; die Träger erhoben ihn, um ihn unter feierlicher Proceſſion nach der Theinkirche hinabzutragen. In der Stille ordnete ſich der Leichenzug. Hier fand kein Unterſchied des Glaubens ſtatt; Alle, die ſich angeſchloſſen, fügten ſich den Gebräuchen der Kirche, welcher die Entſchlafene angehörte. 27 Als der Zug, den zwölf Fackelträger eröffneten und viele an der Seite begleiteten, wenige Hundert Schritte vom Hauſe entfernt war, ſtockte er plötzlich und die Geſänge der Chorknaben verſtummten. „Was iſt das?“ fragten die Nachfolgenden mit Er⸗ ſtaunen. Es lief ein Murmeln von vorn her durch die Kette. „Was gibt es? Warum ſtockt der Zug? Weshalb ſchweigt der Grabgeſang?“ Eine Antwort, düſterer und niederſchlagender als die Trauerhandlung ſelbſt, erfolgte. „Die königlichen Trabanten haben ihn angehalten und den Geſang verboten! Es ſoll, zumal in der Nähe der Schloßkirche, kein entweihender Gebrauch geduldet werden. Genug ſei es, daß man der heimlichen Abgötterei in den Kirchen der Papiſten ſelbſt nicht Einhalt thue!“ Tiefer Unwillle ergriff das Trauergefolge bei dieſer Kunde. „Wie unwürdig! Wie gewaltſam! Sollen wir das dulden?“ murmelten die Stimmen. Doch der Obriſtkanzler Zdenko Albert von Lobkowitz ſprach ein würdiges, gemäßigtes Wort.„ Fügt euch, liebe Herren und Freunde“, bat er,„dieſer Anordnung! Er⸗ dulden wir die Gewalt ohne Widerſtand, damit nicht noch größeres Aergerniß die Feierlichkeit entweihe! Um der Todten willen haltet Ruhe, damit ihre Ruhe nicht geſtört werde auf ihrem letzten Wege!“ So wurde Polyxena, die edle Beſchützerin und Retterin der Häupter wild entbrannter Parteien, von beiden verſöhn⸗ lich zur Gruft geleitet, aber in lautloſer Stille, wie die Gruft ſelbſt. Viertes Capitel. In Thurn's Hauſe zu Prag ſaßen an dieſem Abend Eliſabeth, Thekla und Thereſe in weiblicher Thätigkeit und im vertrauten, aber nicht heitren Geſpräch beiſammen. Sie waren nun ſchon ſeit länger als zwei Jahren gewohnt, ſich die Abweſenheit der Männer zu Krieg und ſchweren Lebens⸗ geſchäften durch inniges Aneinanderſchließen tragen zu helfen. Diesmal waren indeß nur Xaver und Wolodna durch den Krieg entfernt gehalten, da ſie ſich bei dem gegen den an⸗ rückenden Maximilian von Baiern aufgeſtellten Heere be⸗ fanden; Thurn, Vater und Sohn, hatte die Beſtattung Polyxena's von Lobkowitz nach Prag geführt. „Welche Zeit das!“ begann Eliſabeth nach einer län⸗ gern Stille, die beklemmend im Gemach herrſchte.„Mann und Sohn kommen nur zu uns herein von der Stätte des blutigen Kriegs, um an einer Grabſtätte zu weilen!“ „Ich wundre mich, liebe Mutter“, ſagte Thekla,„daß wir nichts von dem Zuge hören. Die Beſtattung ſollte doch mit aller Feierlichkeit geſchehen!“ „Es iſt überhaupt todtenſtill dieſen Abend in Prag!“ ſagte Thereſe. „Auch das Schloß iſt wie ausgeſtorben heut“, bemerkte Thekla;„ich ging vorher noch im Abenddunkel ein wenig unter den entblätterten Bäumen des Gartens auf und nieder und ſah hinauf. Es waren nur einzelne Fenſter erleuchtet.“ „Sonſt ſtrahlt meiſt die ganze Reihe der Fenſter von hellem Kerzenlicht“, ſagte Thereſe bitter;„es war mir lieb, daß der Schimmer nur vereinzelt durch das Laub drang. 29 Jetzt freilich ſind die Bäume lichter— da wird man den Anblick der vollen Pracht haben!“ „Ich bin dankbar“, verſetzte Eliſabeth,„daß wenigſtens heut, an dieſem ernſten Tage, kein Feſt ſtattfindet. Es hätte zu argen Anſtoß gegeben!“ „Kaum könnte es noch ärgeren geben!“ ſeufzte Thereſe. „Und doch ſoll, wie ich gehört, auf Befehl der Königin heut für die engliſchen Herren, die ihr Vater an ſie ge⸗ fandt, ein Abendfeſt ſtattfinden. Es iſt nur auf eine ſpä⸗ tere Stunde verſchoben worden. Vielleicht iſt jetzt ſchon das Schloß wieder erleuchtet im blendenden Glanz der Freude!“ „Ich hoffe nicht, Thereſe“, entgegnete Eliſabeth mild; „wir könnten es aber aus meinem Schlafzimmer ſehen.“ Sie ſtand auf und ging in ihr dicht anſtoßendes Schlaf⸗ gemach, deſſen Fenſter gegen den Garten lagen, in den das Schloß auf dem Hradſchin von ſeiner ſteilen Höhe hinabſchaute. „Mein Gott“, rief ſie überraſcht,—„das ſtrahlt hell, aber wie von einer Feuersbrunſt!“ Thekla und Thereſe ſprangen auf und eilten der Gräfin nach. Ein röthlicher Schein flackerte an den hohen Schloß⸗ mauern auf; ſchwärzliche Dampfwolken lagerten ſich dar⸗ über hin.. „Das wird der Widerſchein der Fackeln von dem Trauer⸗ Zuge ſein“, bemerkte Thereſe. „Ein ſchauerliches Bild!“ flüſterte Thekla vor ſich hin. „Und dennoch ſehe ich es lieber als die von Kerzen leuch⸗ tenden Fenſterreihen, aus denen der Schall der Cimbeln und Hörner ertönt“, ſagte Thereſe ernſt. „Prag iſt eine traurige Stadt“, verſetzte die Gräfin, ſich umwendend,„ob ſie uns Bilder des Schmerzes oder 30 der Freude zeige, ſie ſchneiden ins Herz!— Ach, faſt möchte ich Die, welche zur Ruhe getragen wird, für die Glücklichſte halten“, brach ſie im Schmerzgefühl aus. „Meine Mutter!“ rief Thekla und umſchlang ſie in Thränen. „Nein, nein, mein holdes Kind, ſo war es nicht ge⸗ meint“, ſagte Eliſabeth mit dem Ton der innigſten Mutter⸗ liebe;„ſolange du mich nicht verläſſeſt, möchte ich dieſe Erde nicht verlaſſen! Ich bin ja ſo reich, ſo reich! Wenn bei der Trauer und dem Unglück des Ganzen der Ein⸗ zelne glücklich ſein kann.... wie glücklich iſt dann deine Mutter!“ Ein leiſes Pochen an der offenen Thür unterbrach die⸗ ſen ſüß ſchmerzlichen Erguß der Seele. Es war der Haus⸗ wart Balthaſar, der ſich ehrerbietig verneigte und im Na⸗ men der Dienerſchaft die Bitte ausſprach, dem Zuge zu⸗ ſchauen zu dürfen, der eben von dem Hradſchin herabkomme und ſeinen Weg über die Moldaubrücke nach der Altſtadt nehmen werde.„Ich bleibe natürlich zurück“, ſetzte er beſcheiden hinzu,„denn Einer muß doch des Hauſes warten.“ „Nein, Balthaſar, geh du auch; wir bedürfen jetzt Niemandes. Seid nur zurück, bevor der Graf kommen könnte.“ „In einem halben Stündchen höchſtens bin ich wieder hier“, verſicherte der Greis, der die Erlaubniß gern be⸗ nutzte, und ging. „Man kann aus des Grafen Zimmer den Zug über die Brücke gehen ſehen“, ſagte Thereſe. „Gut, ſo wollen wir hinüber“, antwortete Eliſabeth, „ſo düſter der Anblick iſt; denn auch das Schmerzliche zieht uns oft unwiderſtehlich an!“ — „Ich möchte um Erlaubniß bitten, zu mir hinunterzu⸗ gehen“, ſagte Thereſe halb fragend. „Freilich, freilich! Die Mutter hat die erſten Rechte und Pflichten“, antwortete die Gräfin, Thereſens Abſicht, ihren Knaben zu behüten, errathend.„Du wirſt einen ſüßen Anblick haben, eine Wiege,— wir ſehen einen Sarg!“ Thereſe ging; Eliſabeth nahm ſelbſt einen Armleuchter mit zwei Kerzen und begab ſich mit Thekla in das Wohn⸗ zimmer des Grafen. Der Abend war für die ſpäte Jah⸗ reszeit milde; Eliſabeth trat daher, nachdem ſie das Licht im Hintergrande des Zimmers auf einen Tiſch geſtellt, mit Thekla an ein Fenſter und öffnete es. Ein Theil der Stadt lag vor ihnen; zwiſchen den Häu⸗ ſern konnten ſie den matt blinkenden Strom verfolgen, auch die ſchwarze Maſſe der Brücke, die ſich ſchwer darüber la⸗ gerte, unterſcheiden. Doch hüllte ſich das Bild in tiefe Fin⸗ ſterniß; denn der Himmel war bewölkt, und das trübe Licht einzelner heller Fenſter das einzige, welches auf die dunklen Gaſſen fiel, oder ſich hier und da im Strom abſpiegelte. Nicht lange dauerte es, ſo rötheten ſich die Giebel der nächſten Häuſer zu ihrer Rechten in der Gaſſe, die zur Brücke führte, durch den Fackelſchein des herannahenden Zuges. Hoch über demſelben, auf der Spitze des Lorenzo⸗ berges flimmerte ein einzelnes Licht; es war eine Ampel in der Kapelle droben. Das ferne Rauſchen der Moldau und das dumpfe Murmeln der Stimmen von dem Zuge her, welchen Volks⸗ maſſen auf beiden Seiten umſtanden, waren die einzigen Laute, welche die hehre Stille unterbrachen. Jetzt rötheten ſich die ſchwarzen Thürme am Eingang der Brücke an der Kleinſeite. Ein Stück weiter hin wurden die erſten Fackelträger auf der Brücke ſelbſt ſichtbar. Das nicht zu hohe Steingeländer*) ließ einen Theil der Geſtal⸗ ten ſelbſt wahrnehmen, die ſich im ununterbrochenen Zuge langſam dahinbewegten; die, welche in der Nähe der Fackel⸗ träger gingen, ſprangen röthlich beleuchtet hervor. Der Dampf der Fackeln zog über die Brücke hin. „Sieh, liebe Mutter, wie das Crucifix im dunkelrothen Schimmer widerſtrahlt!“ „Es iſt ſchauerlich! Als ob das Blut, das gegenüber vergoſſen worden, davon herabträufelte!“ „Ach!“ rief Thekla plötzlich erſchrocken aus und ſprang auf.— Eine Männergeſtalt, die, im Halbdunkel des Zim⸗ mers nicht erkennbar, mit leiſen Schritten in daſſelbe ein⸗ getreten war, ſtand faſt dicht vor ihnen. Doch der Schreck durch das Auge wurde ſchnell durch die vollkommenſte Ueber⸗ raſchung des Ohrs geheilt, denn: „Vergebung“, war das erſte Wort des Fremden, und Thekla erkannte die Stimme des Prinzen Chriſtian von Anhalt.„Vergebung, daß ich ſo ganz unvermuthet eintrete; allein ich ſuchte umſonſt im Vorſaal nach einem Diener!“ Thekla in ihrer jungfräulichen Ueberraſchung und Scheu fand keinen Laut der Erwiderung. Doch Eliſabeth, deren Hand der Prinz mit Ehrerbietung küßte, antwortete:„Dies war unſere Schuld, Prinz; wir hatten allen unſeren Leu⸗ ten Erlaubniß gegeben, das Haus zu verlaſſen; ich begreife *) Die prager Brücke trug im Jahre 1620 noch keine Bildſäule des Nepomuk und überhaupt noch keine Heiligenbilder. Erſt die ſpätere katholiſche Zeit ſtellte dieſe auf. Es befand ſich zuvor nur ein Crueiſix auf der Stelle, die jetzt der Schutzheilige Böhmens einnimmt, und gegenüber ein— Hinrichtungsplatz. 33 nur nicht, daß es nicht geſchloſſen war.— Wenn die Plötz⸗ lichkeit Ihres Erſcheinens“, fuhr ſie mit einer geſelligen Wendung fort,„uns etwas erſchreckt hat, ſo iſt die Freude darüber nur deſto wohlthuender.“ „Sie ſind ſtets ſo gütig, Frau Gräfin“, antwortete der Prinz, und der Ton ſeiner Stimme bewies, daß er eine Wahrheit ſeines Herzens ausſprach. Mit ſchüchternen Lippen geſtattete ſich Thekla jetzt die Frage, was ihn aus dem Feldlager ſo unvermuthet herein⸗ führe. „Darf ich ganz aufrichtig ſprechen?“ erwiderte er, mehr zur Gräfin Eliſabeth als zu Thekla gewandt. „Ich wüßte nicht, was uns mehr Werth haben könnte als die volle Aufrichtigkeit unſerer Freunde“, antwortete die Gräfin. 4 Thekla's ahnende Seele ließ ſie ſüß erbeben. „Ich hatte erfahren, daß der Graf Thurn und Hein⸗ rich“— er pflegte ſeinen lieben Waffengefährten ſtets bei ſeinem Vornamen zu nennen—„Urlaub nach Prag ge⸗ nommen hatten, um der Beſtattung der Freifrau von Lob⸗ kowitz beizuwohnen. Da bat ich den Vater, auch mir einige Tage zu geſtatten. Es war nur zu ſpät, um mich dem Grafen anzuſchließen; ich bin erſt vor einer Stunde einge⸗ troffen. Ich wollte....“ Er ſtockte.—„Wir haben“, begann er wieder mit einer andern Wendung,„ leider beim Heere jetzt nichts zu verſäumen. Es kommt zu kei⸗ nem Gefecht; wir ziehen hin und her, um den Feind zu ermüden und aufzureiben, ermüden und reiben uns ſelbſt aber vielleicht mehr auf!“ 3 „Es herrſchen Krankheiten unter den Truppen, hat man uns berichtet“, bemerkte Eliſabeth. „Krankheiten, Mangel, Unzufriedenheit“, antwortete der 2* Prinz.„Man wäre verſucht, zuweilen ſein Leben zu ver⸗ wünſchen,— wenigſtens dieſen ganzen Krieg, wo es zu keiner Schlacht kommt!“ „Ja, lieber Prinz, laſſen Sie uns unſere Wünſche nur gegen dieſen richten“, antwortete Eliſabeth. „Meine Wünſche“, begann er wieder und ſtockte wie⸗ derum;„o Gräfin, Sie kennen ſie ja! Dieſe führen mich hierher; ich habe nur noch ein Ziel des Lebens für mein Herz! Alles Andere iſt nur ſtrenge Pflicht.“ Thekla trat leiſe näher zu ihrer Mutter. „Setze dich, mein theures Kind“, ſprach dieſe zu ihr und zog ſie ſanft nieder auf den Seſſel. Dann wandte ſie ſich zum Prinzen. Dieſer wartete ihre Worte nicht ab.„Es muß einmal Alles vom Herzen, dachte ich. Der Graf Thurn geht nach Prag, Heinrich mit ihm, dann ſind ſie Alle beiſammen. Auch ich will hin und offen reden!“ „Theuerſter Prinz, Sie ſprachen von ſtrenger Pflicht. Wenn dieſe nun Ihren Wünſchen entgegen iſt?— Sie wiſſen, was ich Ihnen geſagt.... Und überdies, wer könnte künftige Geſchicke beſtimmen in dieſen wechſelvollen, ſchweren Zeiten!“ „Laſſen Sie mich ganz ſchlicht erzählen“, antwortete der Prinz mit einem Ton der Ruhe, welcher zeigte, wie groß die Gewalt war, mit der er ſeine wallende Stimmung be⸗ herrſchte.„Ich habe mit dem Vater geſprochen. Er war anfangs ſehr ſtreng, dann ſehr milde; er hat mich nicht ohne Hoffnung gelaſſen. Indeß wendet auch er mir ein, daß die erſchütterte Lage der Länder in Deutſchland keinen feſten Lebensplan zulaſſe. Er ſagte mir:«Zuvor muß ſich dieſer Kampf entſcheiden; Böhmens Schickſal, an welches das unſrige ſich jetzt ſo eng knüpft, muß geſichert ſein!“— 35 Es iſt möglich, daß dies durch eine Schlacht geſchehe,— doch es kann auch noch lange zweifelhaft bleiben!“ „Füge Gott es anders!“ ſprach Eliſabeth mit einem Seufzer. „Dieſe eine Schlacht— ſie ſteht uns bevor, trotz alles Zauderns— ſie muß geſchlagen werden, bald!“ rief der Prinz feurig.„Darum möchte ich dem Grafen Thurn ebenſo aufrichtig mein Herz öffnen wie meinem Vater! Wenn er mir gewährt, was mir der Vater doch nicht verſagt.... o, dann ſoll dieſer Schlachttag mein Daſein krönen— oder enden!“ „Prinz!“ rief Thekla erſchreckend. „O wäre ſie nur da, dieſe Schlacht! Begönne ſie morgen, gleich jetzt! Kann ich bewirken, daß eine Schlacht gewonnen wird, dieſe ſollte ein Sieg ſemn wie noch keiner!“ brach der von der Flammenglut der Liebe und des Helden⸗ muths gleich ergriffene Jüngling begeiſtert aus, indem er die Hand Eliſabeth's ergriff.„Laſſen Sie mich nicht länger bitten, Gräfin, laſſen Sie mich nicht vergebens gekommen ſein! Geſtatten Sie mir, gleich heut, gleich dieſen Abend mit dem Grafen Thurn zu ſprechen! Ach, Sie glauben nicht, wie ein Herz leidet, deſſen Empfindungen in ſo enge Bande der Zurückhaltung geſchnürt ſind als das meinige!“ Er wagte in der Scheu reiner Jugend nicht, ſich an Thekla ſelbſt zu wenden und ihre Fürbitte anzuſprechen. „Haben Sie denn mit Ihrer würdigen Mutter geſpro⸗ chen, Prinz?“ fragte Eliſabeth ſanft erinnernd. „O, meine Mutter, ſie iſt die Güte, die Liebe ſelbſt gegen mich! Was ſie mir ſagt— das weiß ich!“ ant⸗ wortete der Prinz.„Allein geſprochen habe ich noch nicht mit ihr; ſie ſoll nur durch mein volles Glück ſelbſt beglückt werden, nicht mit mir zittern um mein ——————————yö—— 36 ungewiſſes, vollends nicht mit mir weinen um mein ver⸗ lorenes!“ Thekla war überglücklich, ſo edle Worte kindlicher Liebe zu hören. Auch die Gräfin war tief bewegt. Sie wollte eben ant⸗ worten, als ſich Schritte im Vorzimmer hören ließen. Es war Balthaſar, welcher eintrat um ſeine Rückkehr zu melden. Die Gräfin fragte ihn, ob das Hausthor offen geblieben ſei. Der treue Alte antwortete ganz beſtürzt:„Ich wollte erſt nur bis zur Thomaskirche gehen und gleich zurückkeh⸗ ren; allein als ich den Sarg der gnädigen Dame ſah, der ich ſo oft hier die Pforte geöffnet habe, da— verzeihen Ew. Gnaden, da konnte ich mich gar nicht vom Zuge tren⸗ nen und geleitete ihn bis auf die Brücke. Ich bin aber auch Allen voraus zurückgeeilt.“ Es war ein Glück zu nennen, daß dieſe äußerliche Un⸗ terbrechung den Augenblick der leidenſchaftlichen Bewegung mit unterbrach. Thekla konnte einige Faſſung Fewinme Eliſabeth einen Entſchluß faſſen. „Verweilen Sie bei uns“, ſagte ſie zu dem Prinzen, „bis der Graf nach Hauſe kommt; er muß ja bald zurück ſein.“——— O wie ſchnell entfloh die Stunde, bis Thurn zurückkehrte, den glücklich Liebenden im detroüicen Geſpräch! Jetzt hörte man das Thor öffnen und ihn und Hein⸗ rich eintreten. „Der Vater!“ flog es leiſe über Thekla's Lippen; dann verſagte ihr der Athem; ſie konnte nur das eine Wort hauchen. „Ich werde ihm entgegengehen“, ſagte Eliſabeth und ſtand auf. 9 37 In dem Wunſche, Thurn vorzubereiten, vergaß die Gräſin die nächſte Folge dieſes Schrittes, daß ſie Thekla und den Prinzen ganz allein ließ. Doch war ihre Ueber⸗ eilung natürlich. Denn noch wußte Graf Thurn nichts von der Neigung des Prinzen zu Thekla. Dieſe hatte ihr Ge⸗ fühl kindlich in den Buſen der Mutter ergoſſen; allein der Mutter erſchien dieſe Liebe als ein jugendlicher Traum, deſſen Erfüllung in zu dunkler, unſicherer Ferne ſtand, um ihm ein größeres Recht einzuräumen als das, was er in der Tiefe der verſchwiegenen Bruſt ausüben konnte. Eliſa⸗ beth's Mutterherz war beglückt durch die Wahl der Tochter, aber ihre beſonnene Einſicht ließ ſie die Schwierigkeiten, die ſich der Verbindung entgegenſtellten, klar erkennen. Sie hatte daher, als der Prinz am Morgen nach jenem Begegnen mit Thekla auf dem Feſt im Schloſſe bei den Frauen zum Be⸗ ſuch erſchien, ihn allein empfangen. Sein warmes junges Herz ergoß ſich, der Milde Eliſabeth's gegenüber, bald im vollen offenen Strom. Da redete ſie zu ihm mit mütter⸗ licher Theilnahme für ihn ſelbſt, wie für die eigene Tochter. Sie machte es ihm zur Bedingung, ſeinem Herzen die Pflicht der Entſagung aufzulegen, und zu warten, ob eine Zeit kom⸗ men werde, wo der zarte Keim dieſer Liebe ſich dem Blick der Welt enthüllen dürfe. Sie legte es ihm ans Herz, daß ein vorzeitiges Enthüllen die Knospe rauhen Stürmen preisgeben werde, die ſie im erſten Duft brechen könnten. Er ſolle abwarten, bis eine mildere Sonne der Zukunft aus dem dunklen Gewölk der Gegenwart hervortrete. Unter dieſer Bedingung wolle ſie die ſtille Beſchützerin ſeiner Liebe ſein und ihm das Kleinod behüten, das er in Thekla's Gegenliebe beſaß.— Auch Thurn hatte ſie daher das Ge⸗ heimniß nicht mitgetheilt, nur weil ſie beſorgte, es möge mehr Unheil als Heil daraus für die Liebenden erwachſen. 38 Jetzt, da des Prinzen Leidenſchaft und feuriger Muth den⸗ noch die engen Schranken des Geheimniſſes durchbrechen wollte, mußte Thurn durch ſie zuerſt von dem ſtillen, aber unauflöslich innigen Bunde Beider erfahren. Ueberraſcht ſah ſich Thekla zum erſten mal ſeit jenem berauſchenden Augenblick auf dem Feſte allein mit dem Ge⸗ liebten. Beide ſtanden einander beklommen und ſtumm gegenüber; Thekla in bebender Jungfräulichkeit, der Prinz in heiliger Verehrung. Er blickte zu ihr hin wie zu einer himmliſchen Erſcheinung, die kein irdiſcher Wunſch, keine irdiſche Hand berühren dürfe. Doch der zauberhafte Zug der Herzen zueinander wurde mächtiger und mächtiger, die reine Flamme loderte höher und höher, die Schranken, die ſie hemmten, ſanken in leichtverwehte Aſche hinab. Mit zit⸗ ternder Glut ergriff der Prinz Thekla's Hand; ſie ließ ſie ihm. Er zog ſie näher an ſich, ſie widerſtrebte leiſe; ſein Arm umſchlang ſie, ihr Haupt ſank an ſeine Bruſt. Ohne ein einziges Wort thaten Beide hier das unver⸗ brüchliche Gelübde, ewig unzertrennlich Eins zu ſein! Schritte näherten ſich der Thür. Eliſabeth trat ein. Thekla, die ſich den Armen des Geliebten leiſe entzogen hatte, ſank mit ſtummen Thränen in die der Mutter.— Eliſabeth küßte die Tochter mild auf die Stirn. Dann ſagte ſie mit vor innerer Wallung kaum hörbarer Stimme zu dem Prinzen: „Graf Thurn bittet Sie, Prinz, ihn hier zu erwarten. Er wird ſogleich bei Ihnen ſein. Sie erlauben, daß wir auf unſere Zimmer gehen.“ In der Thür ſchon begegneten ſie Thurn. Wehmuth und düſtere Sorge lagen auf ſeiner Stirn; doch begrüßte er Thekla mit einem milden, väterlichen Blick, und indem ſie ſich auf ſeine Hand biegen wollte, um ſie mit Küſſen 39 und Thränen zu benetzen, hob er ſie ſanft empor, ſtrich ihr freundlich die Locken aus der Stirn und ſprach:„Meine Herzenstochter!—— Ich werde ſogleich drüben bei euch ſein!“ Dieſe Worte waren ein linder Hauch des Troſtes und der Hoffnung in Thekla's zitterndes Herz; ſie gaben ihr ein Unterpfand, daß die Liebe der Aeltern die Beſchützerin der Liebe ihres Herzens ſei gegen die dunkle Feindſeligkeit der Schickungen, die ihr drohen könnten.— Ihre Beklom⸗ menheit löſte ſich weich am Herzen der Mutter. Nach wenigen Minuten traten der Prinz und Thurn zu den Frauen ein; Heinrich folgte Beiden. Der Graf nahm den Prinzen an die Hand, führte ihn zu Eliſabeth und ſprach in innerſter Bewegung:„Auf dem ſchwankenden Boden der Gegenwart läßt ſich kein Grundſtein für einen Bau der Zukunft legen. Doch der Tag, der unſerem Vaterlande das Geſchenk des Friedens und der Freiheit bringt, führt uns einen Sohn ins Haus!“ Dabei legte er die Hand ſegnend auf des Prinzen Haupt. Es war ein Augenblick der Glückſeligkeit Aller, den keine Zunge ſchildert. „Ein Segensſtrahl des gütigen Himmels, der durch das Dunkel dieſer Zeit bricht!“ ſagte Llſabeth gen Himmel blickend.—— Er war der letzte, der auf das Haus Thurn fiel! 40 Fünftes Capitel. Das Heer der Verbündeten gegen Böhmen, unter dem Herzog Maximilian von Baiern und dem Grafen Boucquoi, war am Ende des Oectobermonats ſo weit vorgedrungen, daß es bei Rackonitz ſein Lager aufge⸗ ſchlagen hatte. Das böhmiſche Heer ſtand ihm unfern gegenüber. Der Herzog hatte einen Kriegsrath in ſeinem Zelte angeſetzt; die Stunde, in der er beginnen ſollte, war nahe. Diener ſtellten eben die Seſſel in Ordnung und belegten den Feldtiſch mit einer Decke. Ein alter Wachtmeiſter ſetzte ein Schreibzeug darauf, und legte Papier und Fe⸗ dern hin. „Wird denn hier ſo viel Schriftliches abgemacht wer⸗ den?“ fragte einer der Diener.„Das Schreiben iſt ſonſt nicht die Sache der Herren vom Schwert.“ „Wird auch nix damit zu End' gebracht“, antwortete der Wachtmeiſter mürriſch in ſeinem oberdeutſchen Dialekt. „Lob' mir den Pallaſch! Kann doch aber einmal nix ohne Tinte und Feder abgemacht werden!“ „Mit dem Pallaſch macht ihr aber auch nicht viel ab in dieſem Kriege“, meinte der Diener. „Du, Jakob, verwahr' deine Zunge!“ warnte ihn ſein Kamerad. „Iſt genug geſchehen!“ ſagte der Wachtmeiſter.„Am 8. September erſt ſind die Armeen zuſammengetroffen bei Pölla und hier hereing'ruckt nach Böhmen. Und jetzt ——— 41 ſtehen wir zwölf oder vierzehn Stund' von Prag— in der ſiebenten Wochen!“ „Ja, funfzigtauſend Mann“, antwortete Jakob,„ſind faſt zwei Monate hin und her im Lande narſchirt, haben Alles verwüſtet und zerſtört und doch keine Schlacht ge⸗ liefert!“ „Die Märſch und Contremärſch, die Strapazen, Krank⸗ heit und Hunger, freſſen uns mehr auf als drei Schlachten. Und daran iſt all's die Federfuchſerei ſchuld!“ brummte der Wachtmeiſter. 3 „Wäre der Kurfürſt Georg von Sachſen nicht von den Evangeliſchen abgefallen“, fing Jakob wieder an,„und hätte die Lauſitz angegriffen, wär's euch vielleicht noch viel ſchlech⸗ ter gegangen!“ „Jakob! Wahr' dein gottloſes Maul!“ rief ſein Ka⸗ merad abermals. „Iſt's doch wahr! Ich weiß ſchon, was ich ſage, Benedict!“ „Es kann dir aber ſchlecht bekommen!“ „Sagt's doch der Herr Herzog oft genug ſelbſt!— Hat er nicht noch geſtern geſagt: Es iſt eine Schande, daß wir nicht einmal Pilſen in unſerer Gewalt haben!5? Aber das vertheidigt der eiſerne Graf Mansfeld. Da ging es nicht ſo wie zu Piſek!“ Der Wachtmeiſter murmelte etwas Unverſtändliches. „Da habt ihr euch mit eurem Pallaſch auch nicht ſehr rühmlich hervorgethan! Die unglückſelige Stadt ganz in Aſche zu legen, alle Einwohner, Männer, Weiber und Kinder zu morden....“— „Das iſt das katholiſche Geſindel geweſt“, rief der Wachtmeiſter. „Der Herr Herzog war ſelbſt aufgebracht genug dar⸗ über“, fiel Benedict ein. „Hat ja mit dem Boucquoi ſelbſt dreingehauen auf die Schandbrut“, eiferte der Wachtmeiſter. „Warum habt ihr aber den Oberſten Hack, der ſich ſo brav vertheidigt hat, aufgehängt?“ fragte Jakob. „Mag er ſich bedanken dafür beim Herzog Chriſtian von Anhalt. Warum iſt der nicht zum Entſatz gekommen!“ fuhr der Wachtmeiſter, der die That nicht loben konnte, auf. „Darum mußte der Oberſt hängen!“ rief Jakob. „O ihr Leute vom Pallaſch!“ „Mußte einmal ein Exempel ſtatuirt werden! Mußten den Böhmen Furcht einjagen!“ erwiderte der Alte mürriſch. „Furcht? Wüthend habt ihr ſie gemacht! Und hat's euch was für Pilſen geholfen? Ihr hättet nur hören ſollen, Wachtmeiſter, was geſtern der pilſener Deſerteur erzählte, den der Herr Herzog ſelbſt hier ausfragte. Mansfeld hat euch ausgeſpottet!«Laßt ſie nur kommeny, hat er zum Oberſt Schlammersdorf geſagt, als ihr anrücktet,«ich habe die Stadt vor zwei Jahren dem Boucquoi abgenommen, ich weiß wie man ſie gegen einen Angriff vertheidigen muß. Wollen ſehen, ob er ſie mir jetzt wieder nehmen wird!») Elf Tage habt ihr ſie berannt und beſchoſſen! Und was hat euch der Mansfeld ſagen laſſen, als ihr ihn dann auf⸗ gefordert habt, ſich ehrlich zu ergeben?«Mein Wille iſt eiſern wie mein Harniſch. Brecht euch nur die Zähne an meinen Mauern aus, ihr habt ja nichts Andres zu beißen und zu brechen hier in Böhmen!»“ „Sei's Gott geklagt!“ ſtöhnte der Wachtmeiſter.„Aber es wird ein End' nehmen! Das Unwetter ruckt von allen Seiten heran, über's böhmiſche Land und ſeinen König! S'wird immer finſtrer! Kommt's zur Schlacht, dann ſchlagt's ——õõõõ—— ein, daß Alles kracht und bebt!“ Dabei ſchlug er mit der nervigen Fauſt auf den Tiſch. „Laßt uns nur den Tiſch ganz!“ fiel Benedict ein, und ſchob den Alten zurück. „Wenn's nur heut hier die Schlacht beſchließen wollen, daß es morgen losgeht, ſo ſoll....“ „St!“ unterbrach ihn Jakob, und ſtieß ihn in die Seite.„Da kommen die Herren Generale und Oberſten.“ Tilly trat ins Zelt; die Oberſten Haßlang, Graf von der Sulz, Graf Herberſtorf, und Pappenheim folgten ihm. Die Diener und der Wachtmeiſter zogen ſich in den Hintergrund des Zeltes zurück. Tilly entfaltete eine Landkarte, legte ſie ausgebreitet auf den Tiſch und blickte ſtumm darauf hin; Alle ſchwiegen. „Da kommt der Feldmarſchall“, unterbrach Oberſt Pap⸗ penheim die Stille. Die Zeltvorhänge wurden weiter zurückgeſchlagen; vier Kriegsleute trugen ein Feldbett ins Zelt, auf dem Boucquoi lag. Er war in einem der kleinen Gefechte verwundet worden, die den Verbündeten ſchon viele Leute und auch angeſehene Offiziere gekoſtet hatten. Graf Fugger und der Italiener Conte Aquaviva waren geblieben. „Wie iſt Ew. Excellenz befinden?“ fragte Tilly und trat auf die Bahre zu. „Nicht zum beſten, Generallieutenant“, antwortete Bouc⸗ quoi;„ich habe nichts voraus vor unſeren Leuten. Doch wollte ich den Kriegsrath nicht verſäumen.“ Das Eintreten der kaiſerlichen Oberſten Maradas, Dieffenbach, Colalto, Montecuculi und Albrecht Wallenſtein unterbrach das Geſpräch. Gleich nach ihnen kam auch der Oberſt Balthaſar Verdugo, der zwei ſpa⸗ 44 niſche Regimenter befehligte, mit denen er aus dem Mai⸗ ländiſchen durch die Schweiz an die Donau gerückt, und erſt ſeit etlichen Tagen zu dem Heere in Böhmen ge⸗ ſtoßen war. „Ich glaube wir ſind vollzählig“, ſprach Boucquoi, einen Blick auf die Verſammelten werfend,„unſerer Zwölf!“ Bei dieſem Wort trat der Herzog Maximilian durch einen Eingang von der Seite her ins Zelt. Der ganze Kreis der Offiziere begrüßte ihn ehrfurchtsvoll. Er näherte ſich dem Grafen Boucquoi, reichte ihm die Hand, fragte ihn nach ſeinem Befinden und wechſelte dann auch mit jedem der Andren freundliche Worte.„Ich denke, wir ſchreiten ſogleich zum Geſchäft“, ſagte er dann laut. Graf Boucquoi's Feldbett mußte ihm zur Rechten geſtellt werden; dem Herzog zur Linken nahm Graf Tilly Platz. An jenen ſchloſſen ſich die öſterreichiſchen, an dieſen die bairiſchen Kriegsoberſten an. Der Wachtmeiſter und die Diener verließen das Zelt. „Jch brauche euch, werthe Herren“, begann Maximilian, „unſere Lage und den Zuſtand unſeres Heeres nicht zu ſchil⸗ dern. Jeder von euch ſieht ſelbſt, wie Mangel und Krank⸗ heit auf uns eindringen; und der Winter rückt näher und näher. Wir müſſen einen entſcheidenden Schritt thun, damit uns Noth und Seuchen nicht aufreiben!“ „Wenn die Entſcheidung zum Guten führt, ja“, ver⸗ ſetzte Boucquoi, der aufgerichtet im Feldbett ſaß;„allein es iſt nicht rathſam, allzu viel auf einen Wurf zu ſetzen. Leiden wir jetzt ſchon Mangel und ſchleppt der Soldat ſich entkräftet dahin, was ſoll geſchehen, wenn wir nach einer ſchweren Schlacht den Rückzug antreten müßten?“ „Wir ſind der überlegene Theil! Wir müſſen die Schlacht gewinnen!“ antwortete der Herzog. „Die Mehrzahl ſind wir; ja“, bekräftigte Boucquoi, „doch darum nicht der überlegene Theil. Unſere Leute ſind von Anſtrengungen und Mangel erſchöpft, ein Drit⸗ theil beinahe iſt nicht brauchbar im Gefecht.“ „Es ſteht nicht beſſer mit den Böhmen“, erwiderte der Herzog raſch. „Nicht gut; aber beſſer.“ „Das Land iſt allerwegen ausgeſogen. Auch ſie leiden Noth, auch ſie ſind von Krankheit aufgerieben!“ vertheidigte der Herzog ſeine Meinung. „Aber die Böhmen werden unterſtützt vom Lande; es bringt ihnen jede Hülfe, die es vermag. Uns nimmt man, was zu nehmen iſt, flüchtet, entzieht uns das Letzte; den Böhmen wird das Letzte dargebracht“, entgegnete Bouc⸗ quoi mit ſteigendem Eifer. „Wenn wir jetzt nichts Entſcheidendes unternehmen, iſt der Feldzug dieſes Winters verloren. Sagt mir, ihr Her⸗ ren, iſt es anders?“ ſprach Maximilian immer eifriger werdend, und erhob ſich. „Wenn wir jetzt eine Schlacht verlieren“, antwortete Boucquoi mit verſtärkter Stimme,„ſo iſt der ganze Krieg verloren.“ „Wir müſſen ſchlagen, es fordert's unſer Vortheil, un⸗ ſere Ehre“, rief der Herzog feurig.„Ich ſtimme dafür, daß wir morgen mit dem Früheſten aus dem Lager rücken, und Anhalt die Schlacht anbieten. Was meint Ihr, Generallieutenant?“ wandte er ſich zu Tilly. „.... Falls er ſie annimmt“, antwortete der Graf Tilly mit trockner Schärfe, ohne eine Miene ſeines ehernen Angeſichts zu verziehen. „Graf Wallenſtein, und Ihr?“ fragte der Herzog. „Ich theile des Grafen Tilly Meinung!“ „Wir ſchlagen alſo— und morgen?“ rief der Herzog, froh daß ſeine Meinung zu überwiegen ſchien. „Morgen! Wir ſchlagen! Ja!“ gaben die Uebrigen ihre Meinung. „Soweit es von uns abhängt!“ ſetzte der überſtimmte Boucquoi in etwas ſpöttelndem Ton hinzu. „Das wäre alſo entſchieden“, nahm der Herzog wie⸗ derum das Wort.„Allein, wenn, wie der Generallieutenant zu glauben ſcheint, die Schlacht nicht angenommen wird? Was werden wir dann thun? In dieſer ausgeſogenen Gegend, wo auf Meilen in der Runde kein Dorf, kein Haus mehr bewohnt iſt, können wir nicht länger ausdauern. Wir müſſen vorrücken!“ „In dem erſchöpften Zuſtande unſerer Leute“, antwor⸗ tete der bedächtige Boucquoi,„halte ich das für zu gewagt. Wir vertiefen uns immer mehr in Böhmen, werden immer weiter von Zufuhr und Verſtärkung abgeſchnitten, während die Böhmen immer mehr dahin rücken, von wo ſie Ver⸗ pflegung und neue Mannſchaften erhalten können.“ „Auch wir werden neue Zufuhr erhalten, Graf Lon⸗ gueval“, erwiderte der Herzog.„Ich erwarte zweihundert Wagen mit Lebensmitteln. Sie müſſen in dieſen Tagen eintreffen.“ „Wenn Mansfeld ſie nicht abſchneidet!“ bemerkte Tilly ruhig. „Ich würde Ew. herzoglichen Gnaden anrathen“, begann Boucquoi wieder,„der Colonn eeinen Tagemarſch entgegen⸗ zurücken, um ſie gegen Mansfeld zu decken, und dann die Mannſchaften, die Ew. Hoheit aus Bamberg und Würz⸗ burg hoffen, abzuwarten. Sind wir um dieſe achttauſend Mann ſtärker, und ſind unſere Leute wieder beſſer bei 47 Kräften, dann läßt ſich der Krieg mit Nachdruck fortſetzen, und der Erfolg iſt wahrſcheinlich.“ „Wir müſſen gerad an auf Prag rücken!“ rief Maxi⸗ milian lebhaft.„Prag iſt das Herz Böhmens! Was meint Ihr, Graf Wallenſtein, Ihr kennt Böhmen beſſer als wir Alle.“ „Auf Prag“; antwortete der Graf mit kurzer Entſchie⸗ denheit,—„doch nicht ohne ausreichende Macht“, ſetzte er hinzu. „Wir müſſen uns zuvor des Landes hinter uns ver⸗ ſichern!“ wandte Boucquoi mit Nachdruck ein. „Prag iſt Böhmen!“ entgegnete der Herzog. „Mansfeld und Pilſen im Rücken, Anhalt und Hohen⸗ lohe vor uns, Mangel und Elend von allen Seiten! Be⸗ denken Ew. herzoglichen Gnaden, in welche Gefahr wir uns ſtürzen“, fuhr Boucquoi in der Vertheidigung ſeiner Anſicht fort.„Wir müſſen die Böhmen täuſchen, ſie durch unſere Bewegungen ſeitwärts locken, und dann uns zwiſchen ſie und Prag werfen.“ „Wenn ſie ſich täuſchen laſſen“, ſagte Tilly. „Vom Grafen Thurn glaube ich's nicht!“ bemerkte Wallenſtein. „Er hat keine Stimme“, entgegnete Maximilian raſch. „Nicht die entſcheidende, wol aber eine rathgebende“, entgegnete Boucquoi.„Geruhen Ew. herzoglichen Gnaden mich anzuhören“, fuhr der erfahrene Krieger mit Anſtrengung fort.„Im Felde iſt Vorſicht oft wichtiger als Muth. Wir haben es nicht mit unerfahrenen Feldherren zu thun. Es lag nicht an Thurn, daß jetzt Alles anders ſteht. Ich habe eine ſchwere Schule an ihm durchgemacht. Ich muß ihn als Gegner ehren und fürchten. Auch der Fürſt von Anhalt verſteht den Krieg. Er hat mir noch jüngſt bei Eggenburg 48 zu thun gegeben! Ich ſchäme mich nicht, von unglücklichen Gefechten zu ſprechen, wenn ich das Bewußtſein habe, das Meinige gethan zu haben. Denn nicht immer ſteht die Entſcheidung in der Hand der Führer. Der beſte unter⸗ liegt zu Zeiten. Der aber iſt kein guter Feldherr, der den Gegner nicht zu würdigen weiß. Bei Eggenburg, wo ich das Feld räumen mußte, und bei Sitſendorf, wo ich's ſiegreich und mit Glanz behauptete, habe ich geſehen, daß die Böhmen ſehr gut geführt werden. Mir war das Glück hold; ſonſt hätte ich auch vielleicht bei Sitſendorf den Kürzern gezogen; allein Colon von Fels fiel, und der Fall eines Generals wie er, mitten im Treffen, bricht die Feſtigkeit jeder Truppe. Auch verſagte das Fußvolk der Böhmen den Dienſt, weil es ſeit Monaten keinen Sold erhalten. Wenn nun uns Aehnliches begegnete?“ „Herr Graf“, antwortete Marimilian,„ich denke unſeren Truppen fehlt der Sold nicht!“ „Der Sold iſt's nicht allein; es fehlt ihnen Andres, was im Augenblick ſchwerer zu tragen iſt. Soll der Soldat ſich gut ſchlagen, ſo muß er die Möglichkeit des Sieges durch ſeine Kraft ſehen. Er darf nicht im voraus daran verzweifeln. Und das thut er, wenn er ſich matt und krank fühlt, und wenn er bemerkt, daß man ihn in bedenkliche Lagen bringt. Glaubt mir, Herr Herzog, jeder Soldat iſt auch ein wenig Feldherr, durch Uebung und Inſtinct, er weiß bald zu überſehen, ob ſein General ihn in gute oder üble Verhältniſſe führt.“ Der Herzog wurde empfindlich.„Sollen wir den Lan⸗ zenknecht zum Führer machen?“ fragte er. „Wir ſollen nur nicht Fehler begehen, die er als ſolche erkennen muß“, antwortete Boucquoi gleichfalls gereizt. „Ich würde Ew. Hoheit Plan beiſtimmen, allein zur Aus⸗ 3— 49 führung nicht eher ſchreiten, als bis unſere Verpflegungs⸗ mittel und Verſtärkungen eingetroffen ſind.“ Tilly bewegte zuſtimmend das Haupt. Wallenſtein ſagte: „Das iſt auch mein Rath.“ Der Herzog ließ den Blick auf die Oberſten ſtreifen; ihre Zuſtimmung ſchien nicht zweifelhaft. Ein vor dem Zelt wachthabender Offizier trat ein und überbrachte dem Herzog ein Schreiben. Dieſer durchlas es; ſeinen Zügen merkte man an, daß es von großer Wichtig⸗ keit war. Der Herzog faltete es wieder zuſammen, ſteckte es ein und wendete ſich zur Verſammlung: „Unſer Entſchluß, ihr Herren, iſt alſo gefaßt. Wir bieten morgen in der Frühe die Schlacht an. Nimmt der Feind ſie an, ſo wird ſich, denke ich, unſer Los ſchon morgen entſcheiden. Zögert er, ſo dringen wir nicht eher weiter vor, uns zwiſchen ihn und die Hauptſtadt zu werfen, bis wir unſere Kräfte verſtärkt haben!“ Die Oberſten murmelten bejahend. „So erwarte ich die Herren um die ſechste Stunde wieder, um die näheren Befehle für morgen zu er⸗ theilen!— Herr Feldmarſchall“, wandte er ſich zu Boucquoi,„und Ihr, Generallieutenant“, zu Tilly„ich bitte Euch noch zu verweilen“. Die Oberſten entfernten ſich. Als der Herzog mit Tilly und Boucquoi allein war, zog er das Schreiben wieder hervor, und begann:„Bevor wir den Schlachtplan für morgen beſprechen, muß ich Euch den Inhalt dieſes Schreibens mittheilen. Kurfürſt Fried⸗ rich von der Pfalz bietet mir an, in Unterhandlungen zu treten, um weitrem Blutvergießen Einhalt zu thun und Rellſtab, Drei Jahre. IV. 1. 3 50 der Noth des Landes ein Ende zu machen. Iſt das nicht das ſicherſte Zeichen der Schwäche?“ „Der Schwäche des böhmiſchen Königs, ja, nicht des Landes“, ſagte Boucquoi nach einigem Ueberlegen. Tilly ſchüttelte finſter das Haupt.„Unterhandlungen? Jetzt?“ „Was rathet ihr mir? Soll ich darauf eingehen?“ Boucquoi ſchwieg; er überlegte. Tilly ſagte entſchieden: „Nein!“ „Zu Unterhandlungen bedürfen wir vor allen Dingen der Zuſtimmung Sr. Majeſtät des Kaiſers!“ bemerkte Boucquoi nach einigen Augenblicken. „Darin irrt Ihr, Herr Feldmarſchall. Mein Vertrag mit Sr. Majeſtät ſagt ausdrücklich: Der Herzog iſt völlig unbeſchränkt; ſelbſt nicht des Kaiſers Majeſtät darf ihn in Ausübung ſeines Amtes hindern.““ „In der Kriegführung, ja; ſo, meine ich, iſt das zu verſtehen“, erwiderte Boucquoi. „Wer Krieg führt, unterhandelt auch, ſchließt Waffen⸗ ſtillſtand, Frieden!“ antwortete Maximilian mit Entſchieden⸗ heit.—„Im Uebrigen, über meine Vollmacht iſt hier nicht zu verhandeln. Es fragt ſich nur, ob ich auf des Kur⸗ fürſten Vorſchlag eingehe oder nicht!“ „Nein!“ wiederholte Tilly feſt.—„Wenn aber unter⸗ handelt werden ſoll, ſo muß dennoch der Feldzug ſeinen Fortgang haben. Es könnte ſonſt leicht ein Hinterhalt ſein, neue Zeit zu gewinnen, bis die Jahreszeit noch ſchwieriger wird.“ „Der Generallieutnant hat Recht“, pflichtete Boucquoi bei;„uns koſtet jeder Tag Hunderte unſere Leute. Wir müßten wenigſtens als Grundlage die Einräumung einiger größeren Städte, zu guten Garniſonen, fordern.“ N 51 Aus Tilly's Augen flammte ein dunkles Feuer; er ſchüttelte das finſtre Angeſicht und ſtand von ſeinem Feld⸗ ſtuhl auf. „Die einzige Grundlage, auf der ich unterhandeln könnte, iſt, daß der Herr Kurfürſt vorweg dem böhmi⸗ ſchen Thron entſagt. Weshalb führen wir denn Krieg? Um dem Kaiſer die Krone Böhmens und der heiligen Kirche ihre Rechte wiederzugewinnen. Wird uns das nicht zu⸗ geſtanden, ſo iſt jeder Beſchluß eine Erklärung, daß wir der beſiegte Theil ſind.“ „So iſt es!“ bekräftigte Boucquoi.„Ihr habt Recht“, ſagte der Herzog; Beide wie aus einem Munde. „Ja“, fuhr der Letztere fort,„die Bedingungen für die Sicherſtellung der kirchlichen Rechte können die Punkte der Unterhandlung abgeben; die Thronentſagung geht Allem voran.— Der Ordonnanzoffizier!“ rief er laut. Der Hauptmann, der das Schreiben gebracht hatte, trat wieder ein.. „Der Feldkanzlei⸗Secretarius ſoll hierher kommen!“ befahl der Herzog.„Wer hat die Depeſche aus dem böhmi⸗ ſchen Lager gebracht?“ „Ein Feldhauptmann. Er wartet auf Beſcheid!“ „Er ſoll ihn ſofort erhalten.“ Der Herzog ſetzte ſich an den Feldtiſch, ergriff die Feder und ſchrieb einige Worte. Während dieſer Beſchäftigung trat der Secretarius der Feldkanzlei ein. Herzog Maximilian nahm das Blatt, trat an Boucquoi's Feldbett und winkte Tilly gleichfalls heran⸗ zutreten. Der Herzog las den beiden Feldherren den Entwurf ſeiner Antwort: „Ew. Liebden muß ich auf das Schreiben vom heutigen Tage erwidern, daß ich mich nauf keine Unterhandlung ein⸗ laſſen kann, der nicht die feierliche Entſagung Ew. kur⸗ fürſtlichen Hoheit von der Krone Böhmens als Grund⸗ lage vorangeht.“ Beide Feldherren ſtimmten bei. „Mundirt das“, befahl der Herzog und reichte das Blatt dem Secretär,„legt es mir ſogleich zur Unter⸗ ſchrift vor.—— Ich will den Hauptmann ſprechen, der das Schreiben gebracht hat.“ Nach wenigen Augenblicken trat Xaver ein. Er ver⸗ neigte ſich mit Ehrfurcht, aber mit männlichem Stolz. „Ihr kommt aus dem böhmiſchen Lager, Herr Haupt⸗ mann?“ „Zu Ew. herzoglichen Gnaden Befehl.“ „Befindet ſich der Herr Kurfürſt ſelbſt im Lager?“ Xaver ſchwieg. „Ihr habt meine Frage nicht verſtanden?“ „Ich weiß von keinem Herrn Kurfürſten, der ſich im böhmiſchen Lager aufhielte. Das Schreiben, welches ich Ew. herzoglichen Gnaden zu überbringen beauftragt war, rührte von Sr. Majeſtät dem durch die Stände des Wahl⸗ reichs Böhmen erwählten Könige Friedrich dem Erſten her.“ Maximilian biß ſich auf die Lippen und trat einen Schritt zurück. Tilly ſah den jungen Kriegsmann, der dieſe Worte in feſter, aber ehrerbietiger Haltung geſprochen hatte, mit einem ſcharf bohrenden, aber nicht misfälligen Blick an.* Alle ſchwiegen. Der Geheimſchreiber trat mit der Reinſchrift des Briefes ein und breitete ihn zur Unterſchrift für den Herzog auf dem Feldtiſch aus. Maximilian unterzeichnete und drückte ſein Wappen daneben. 4 53 „Verſiegelt das Schreiben ſofort, befahl er, und über⸗ gebt es dem Hauptmann.“— „Eure Antwort!“ ſprach der Herzog kurz, indem der Kanzleiſchreiber den Brief in Xaver's Hand gab. Dieſer las die Aufſchrift, trat an den Feldtiſch und legte das Schreiben ohne ein Wort zu ſagen auf denſelben nieder. „Was ſoll das?“ „Ich habe keine Vollmacht Briefe an den Kurfürſten Friedrich den Fünften von der Pfalz zu beſtellen!“ „Und ich kenne nur den König Ferdinand von Böh⸗ men!“ entgegnete der Herzog.„Nehmt denn Eure Antwort mündlich, daß, bevor der Herr Kurfürſt von der Pfalz nicht der böhmiſchen Krone und dem Königstitel feierlich und für ewig entſagt hat, nur die Waffen zwiſchen uns ent⸗ ſcheiden können.“ Xaver verbeugte ſich ehrfurchtsvoll und verließ das Zelt. „Ein vermeſſener Burſch“, rief Graf Boucquoi. „Als Soldat gefällt er mir“, warf Tilly kurz hin. Der Herzog ſchwieg. Seine Züge verriethen den Zorn, den er bekämpfte. „Wir müſſen“, ſagte er, nachdem auf ſeinen Wink der Geheimſchreiber das Zelt verlaſſen hatte,„die Schlacht⸗ ordnung für morgen beſprechen“, und breitete eine Land⸗ karte auf dem Tiſch aus, den er dicht an Boucquoi's Feld⸗ bett zog. 54 Sechstes Capitel. Die Königin Eliſabeth befand ſich allein in ihrem Wohn⸗ gemach, vor ihrem Schreibtiſch ſitzend, wo ſie verſchiedene Briefe durchſah. Es war ſchon ſpät am Abend; ſie hatte ihre Zofe fortgeſchickt, um, bevor ſie in dem dicht an⸗ ſtoßenden Schlafgemach zur Ruhe ginge, noch einige Zeit ganz ungeſtört zuzubringen. Es war ein Brief des Herzogs Chriſtian von Braunſchweig, den ſie in der Hand hielt. Er hatte ihn ihr unmittelbar nach jenem Feſt geſchrieben; ſie hatte ihn oft geleſen, und überlas ihn wieder mit tiefer Bewegung.„Ach, wenn Friedrich ſo kühn und ritterlich wäre wie der Herzog!“ dachte ſie. Sie mußte ſich ge⸗ ſtehen, daß er zuweilen ſogar zu kühn ſei, daß er es gegen ſie ſelbſt geweſen war! Und hätte er gewußt, wie ſchwach ihr Herz ſich fühlte— ſeine Kühnheit hätte noch größer ſein dürfen! Eliſabeth hatte ein ſtolzes, für große Hand⸗ lungen und Bewegungen des Lebens erglühendes Herz; ſelbſt ihre rauſchenden Feſte waren ihr nur ein Erſatz für das mangelnde Feld eigener Thaten. Für Friedrich bildeten ſie nur die ſüße Berauſchung, wodurch er ſich die ernſten Anforderungen der Zeit aus dem Sinn ſchlug. Eliſabeth ſelbſt hatte ihn gedrängt, ſich zum Heere zu begeben! Sie glaubte mit Recht, er ſei es ſeiner Würde als König ſchul⸗ dig. Allein ſie hatte zugleich ſo das Verlangen nach ſeiner Gegenwart, daß ſie ihn nicht nur zurückwünſchte, ſondern ihn ſogar durch zärtliche Briefe eingeladen hatte, ſie wenig⸗ ſtens zu beſuchen. Gewiſſermaßen fühlte ſie in ſeiner An⸗ weſenheit einen Schutz vor ſich ſelbſt, vor der zu anhalten⸗ den Beſchäftigung ihrer Gedanken mit dem gefährlichen Freunde, deſſen Brief ſie eben wieder durchlas.—„Wie 55 feurig, wie kühn!“——„Friedrich hat ſo feurig nie an mich geſchrieben“, dachte ſie.„Wenn er auch zärtlich iſt. Er würde nichts für mich wagen! Mußte ich ihn doch drängen, die Königskrone zu erwerben, um mein Haupt meiner würdig zu ſchmücken!“— Mit einem halb ſehnſüchtigen, halb ſüßen Ach! legte die Königin den Brief aus der Hand, und nebſt den andern wieder in das Fach ihres Schreibtiſches, wo ſie ſie aufbe⸗ wahrte. Dann ſtand ſie auf, um in ihr Schlafzimmer zu gehen.— Sie hörte ein Geräuſch an der Thür des Vor⸗ zimmers. Erſtaunt blieb ſie ſtehen und lauſchte. Sollte Jemand es wagen, jetzt noch einzutreten... wäre eine wichtige Botſchaft gekommen? dachte ſie und ſah ſich geſpannt um. Da öffnete ſich die Thür und Friedrich trat ein. „Du... iſt's möglich!“ rief ſie, und flog ihm ent⸗ gegen. Er umarmte ſie und küßte ſie mit inniger Zärtlcichkeit. „ Wie überraſcheſt du mich! Was führt dich ſo plötzlich her?“ fragte ſie. „Es war mir unmöglich länger auszudauern, ohne dich wenigſtens einmal zu begrüßen“, ſagte er unter zärtlichen Küſſen,„ich komme gerad aus dem Lager. Aus dem wüſten Kriegsgetöſe und Getümmel!“ „Von Rackonitz?“ fragte ſie.„Iſt etwas vorge⸗ fallen? O verſchweige es mir nicht!“ bat ſie ängſtlich. „Nichts was dich erſchrecken dürfte, Liebe“, erwiderte er. „Wie reizend du biſt, wenn du ſo zitterſt!— Es iſt bei⸗ nahe ein Verbrechen, daß ich dich ſo lange verließ! Vergib es mir!“ bat er mit zärtlichem Blick und küßte ihr die Thränen weg, die ſich ihr ängſtlich ins Auge ſtahlen. „Laß uns Platz nehmen, liebe Eliſabeth“, bat er ſie. „Ich bin von dem langen Ritt ermüdet.“ Er zog ſie auf ihr Ruhebett und ſetzte ſich neben ſie. 56 „Sage mir nur aufrichtig wie es mit unſerer Sache ſteht“, bat ſie innig. „Auf Camerarius' Rath, noch mehr auf den des alten ängſtlichen Rippell“, begann er,„war ich ſo ſchwach, dem Herzog Max Unterhandlungen vorzuſchlagen, um den Feld⸗ zug und das Blutvergießen in Güte zu enden. Es iſt auch wirklich kaum länger zu ertragen, unaufhörlich die Klagen über Noth und Elend des Heeres und des Landes anzu⸗ hören! Ich hatte ein Opfer gebracht, um den Leuten zu helfen, um nur einmal Ruhe zu haben, von der ich, ſeit ich dieſe böhmiſche Krone trage, nichts mehr genieße! Ich ſollte dich faſt darum ſchelten, Eliſabeth, denn du biſt eigentlich am meiſten daran Schuld, daß ich die goldene Laſt auf mein Haupt genommen habe! Nur um das deinige zu ſchmücken!“ ſetzte er liebkoſend hinzu. „Laß das jetzt, lieber Friedrich“, bat ſie—„du wollteſt von den Unterhandlungen ſprechen. Ach wenn wir den Streit gütlich beilegen könnten.... es wäre wol gut!“ „Meine Abſicht war es. Doch der Herzog von Baiern hat ſie vereitelt. Er ſtellte die unerhörte Forderung, ich ſolle zuvor die böhmiſche Krone niederlegen!“ „Wie?“ rief Eliſabeth und erblaßte.„Und was haſt du erwidert?“— Sie erſah zwar ſchon aus der Weiſe, wie ihr Gemahl von dem Antrag ſprach, daß er ihn ver⸗ worfen habe; doch durchſchauerte ſie nicht mit Unrecht ein ängſtliches Gefühl, die Lage Friedrich's müſſe doch gefahr⸗ voll genug ſein, daß man es wagen dürfte einen ſolchen Antrag gegen ihn nur auszuſprechen. „Die Unterhandlungen waren damit ſogleich abge⸗ brochen“, antwortete der König.„Es war ein zu ver⸗ wegener Uebermuth des Herrn Herzogs Max!“— 57 „Haſt du dich mit Lord Sutton darüber beſprochen?“ fragte Eliſabeth. „Nein“, antwortete Friedrich raſch.„Ich bekenne dir, ſeine Gegenwart im Lager iſt mir nicht angenehm; ich achte ihn als den Abgeſandten deines Volkes...“ „Ich dächte auch als den Führer eines anſehnlichen Hülfscorps...“, bemerkte die Königin. „Nein, liebe Eliſabeth, gerade das iſt die Eigenſchaft, die mich verdrießlich macht. Gott weiß wie dieſe dreitau⸗ ſend Mann ſeines Corps zuſammengebracht ſind, allein ſie werden deinen Landsleuten keinen guten Namen machen! Es iſt diebiſches, zuchtloſes Geſindel, das nur Unheil an⸗ ſtiftet.“ „Laß das“, brach Eliſabeth etwas empfindlich ab, die dieſe Schilderung ihrer Landsleute für die Folge neidiſcher Verleumdung hielt.„Ich wollte ja nur wiſſen, was Lord Sutton von der Unterhandlung denkt.“ „Das weiß ich, ohne mit ihm beſonders darüber ge⸗ ſprochen zu haben. Er hat ſich gegen den Fürſten Anhalt darüber geäußert; er denkt wie wir Alle, es ſei nur eine Prahlerei, um die eigene Schwäche und Noth zu verdecken.— Denn das Heer der Verbündeten kommt um in Hunger und Elend. Das zeigte ſich auch gleich am andern Tage. Sie rückten vor das Lager, uns zum Kampf hinauszulocken. Ihre Verzweiflung zwingt ſie Alles an eine Schlacht zu wagen, weil ſie ſonſt alle Hungers ſterben müſſen. Allein Anhalt nahm, ſehr vernünftig, den Kampf nicht an; uns im Lager anzugreifen wagten ſie nicht, obwol nur eine Schlacht ſie retten kann. Sie dachten jetzt an den ver⸗ zweiflungsvollen Ausweg, ſich hinter unſerem Rücken auf Prag zu werfen.“ „Auf Prag!“ rief die Königin erſchreckt. 3* 3 58 „Nur keine Furcht, mein ſüßes Herz“ beruhigte der König ſie und zog ſie liebevoll an ſich.„Wir haben ſie durchſchaut und ſind ihnen zuvorgekommen. Anhalt hat ſich zurückgezogen bis Unhoſcht.. „Unhoſcht, wo iſt das?“ fragte Eliſabeth beſorgt. „Sechs Stunden von Rackonitz...“ „Und von hier?“ „Fünf, vier, ich weiß es nicht genau!“ „Himmel, uns ſo nahe!“ „Ja, Anhalt!“ antwortete der König beruhigend. „Der Feind zog ſich ſeitwärts, nach... Neu⸗Straſchitz, glaube ich, heißt der Ort. Die böhmiſchen Namen zer⸗ brechen mir die Zunge faſt!— Er wollte uns damit täuſchen, als denke er gar nicht an Prag, ſondern habe die Abſicht, ſich weiter nördlich zu ziehen, vielleicht mit dem Kurfürſten von Sachſen zu vereinigen.“ „O, dieſer Verräther!“ rief die Königin faſt weinend vor Zorn.„Aber Scultetus hat ihn auch geſtern in ſeiner Predigt gezüchtigt! Er nannte ihn den verrätheriſchen Ab⸗ ſalon, der die Waffen gegen ſeinen eigenen Vater gewendet habe,— er prophezeite ihm deſſen Schickſal! Schweren Fluch hat er über ihn ausgeſprochen! Möge der Herr ſein Antlitz von ihm wenden und ſeine Waſſerfluten herab⸗ gießen, ihn und ſeine Schaaren zu erſäufen wie den König Pharao und ſein Heer!“ „Scultetus iſt unſer treuer wackerer Freund! Und ein Kämpfer für den Glauben, ſtark, wie nie einer dageweſen“, rief Friedrich dankbar aus. „Ja, er hat eine Rede voll Hetter und Flammen ge⸗ halten“, erzählte die Königin weiter;„ich verſtehe ihn nur nicht ganz, wenn er ſo den vollen Strom der Worte aus⸗ chüttet. Aber ich laſſe mir's nachher wiederholen und er 59 klären. Er richtete diesmal ſein kühnes Wort gegen alle unſere Feinde. Den Papſt hat er bei Namen genannt und verwünſcht.«Dieſer Antichriſty, rief er aus, Lſteuert jeden Monat eine Million, die er den Glaubensverirrten durch den ſchamloſen Ablaß auspreßt, um die Glaubensreinen zu vernichten! Der Fluch der Hölle wird ihn treffen.“— Auch gegen den König von Spanien eiferte er:«Er läßt ſeine blutdürſtigen Söldner aus den Niederlanden auf unſer armes Deutſchland los, auf unſer geſegnetes Land am Neckar und am Rhein, gleich einer Meute grimmiger Hunde! Aber der Herr der Heerſchaaren wird dieſen Spinola treffen und ihn vernichten mit Mann und Roß!» Ich habe mir dieſe Stellen niedergeſchrieben in mein Tagebuch“, ſetzte ſie hinzu. „Es iſt wahr“, ſagte Friedrich nachdenklich,„die Feinde verſchwören ſich von allen Seiten wider mich! Es thut mir weh um meine guten Pfälzer, mein ſchönes Heidel⸗ berg!“— „Und du denkſt“, kam die Königin wieder auf das frühere Wort Friedrich's zurück,„das Heer der Liga werde ſich mit dem des Kurfürſten von Sachſen vereinigen?“ „O nein, das glauben wir nicht; das ſollten wir vielleicht glauben“, antwortete er.„Thurn traute der Sache ſogleich nicht. Er meinte, ſie wollten ſich zwiſchen uns und die Stadt oder auf die Stadt ſelbſt werfen, und kam ihnen zuvor. Er rückte gerad auf Prag; morgen muß er dicht vor der Stadt ſtehen!“ „Allein ich faſſe dich nicht, theuerſter Friedrich“, dann iſt ja der Krieg vor den Thoren! Wir ſind belagert!“ „Nein, nein, du Gute. Das iſt ja eben unſer Vor⸗ theil! Darum konnte ich dich getroſt hier beſuchen. Maxi⸗ milian brauchte den Kampf, um nicht unterzugehen mit 60 ſeinem Heere, er war ſeine einzige Hoffnung. Wir betrogen ihn darum. Jetzt legen wir unſer Lager ruhig in feſter Stellung vor die Mauern Prags. Anhalt will ſich auf dem Weißen Berge verſchanzen....“ „Er will.... aber er iſt noch nicht verſchanzt.... ich fuhr geſtern hinaus über Sanct⸗Margarethen, bis zum Stern, es iſt noch keine Spur einer Schanze zu erblicken!“ „Die Stellung ſelbſt iſt ſchon ſo feſt, daß die Verbün⸗ deten ſie nicht angreifen können. Und ehe ſie ſich nähern,— wenn ſie ſich nicht ganz zurückziehen,— wird Alles gethan ſein. Verlaſſe dich darauf. Binnen vierzehn Tagen haben Hunger, Näſſe, Schnee, Krankheit und Elend das ganze Heer aufgerieben, während das unſere friſch und bei Kräften bleibt. Dann werden ſie unterhandeln wollen, ich aber die Grundbedingung ſtellen! Sie haben mich gelehrt, was ich thun muß: vor jeder Unterhandlung entſagt Kaiſer Ferdinand dem Königsthron von Böhmen!“ „O, wenn wir das erreichten!“ rief Eliſabeth mit einem halb freudigen, halb flehenden Blick gen Himmel. „Wir werden, wir werden! Und bald!“ tröſtete ſie Friedrich.„Alſo du warſt im Stern.... was zog dich dorthin?“ „Ich wollte ſchon immer hinaus; mich an den Freuden⸗ tag erinnern, als wir im vorigen Jahre dort begrüßt wurden. Am 24. October ſelbſt war nur ſo entſetzliches Wetter, und dieſe ganze Zeit her auch, das machte mir die Erinnerung ſchauerlich. Es dünkte mich ein böſes Zeichen. Geſtern war der erſte heitre Tag...“ „Und doch iſt dieſes ſchlechte Wetter mehr unſer Freund geweſen, als es das heiterſte ſein kann! Gerade dieſes Wetter zerſtört die Gewalt unſerer Feinde!“ „Leiden aber nicht auch unſere Truppen?“ —xò — * 61 „O ja! Doch lange nicht ſo ſchwer.— Und von Prag aus,— wie viel beſſer können wir ſie verpflegen!“ ant⸗ wortete Friedrich. „Wirſt du denn im Lager bleiben, wenn der Krieg hierher rückt?“ fragte die Königin beſorgt. „Heut wenigſtens bleibe ich hier“, antwortete er und ſah ſie zärtlich an. Sie erröthete und barg das glühende Geſicht an ſeinem Herzen. Er hielt ſie innig umſchlungen. Sie bebte.„Verbanne nun die Angſt, die Sorgen! Laß uns glücklich ſein, meine Eliſabeth“, bat er ſchmeichelnd. „Und morgen wollen wir einmal wieder ein recht heitres Feſt feiern! Ich ſehne mich ordentlich danach, wieder fröh⸗ liche Geſichter zu ſehen, nach allen den mürriſchen und finſtren im Lager!“ Siebentes Capitel. Es war am 8. November, ein Sonntag; der Morgen graute kaum am äußerſten Horizont; der Himmel lag ſchwer, düſter bewölkt über der Erde; rauher Wind fegte die öden Felder. Fürſt Chriſtian von Anhalt, Graf Hohenlohe, die beiden Oberanführer des böhmiſchen Heeres, Graf Thurn, Graf Schlick, Prinz Chriſtian von Anhalt, Graf Heinrich Thurn und einige andere Feldoberſten ſaßen zu Pferd und beritten die weit ausgebreitete Höhe des Weißen Berges vor Prag, um den zum Lager der 62 Böhmen ausgewählten Platz nochmals nach allen Seiten zu beſichtigen und über die Vertheidigung deſſelben zu berathen. „Mit den Schanzen ſind wir noch ſehr im Rückſtand!“ ſagte Thurn halblaut zu dem Fürſten Chriſtian, dem er zur Linken ritt.„Die Stellung könnte viel feſter ſein.“ „Es iſt nichts geſchehen von Dem, was mir der König verſprochen hatte“, antwortete Anhalt eben ſo leiſe, doch mit dem Ausdruck des Unwillens.„Als er das Heer ver⸗ ließ, ſagte er mir zu, alle Punkte, die ich ihm genau, mit einer Zeichnung angegeben, ſollten verſchanzt ſein, ſobald ich einträfe. Und geſtern Mittag war noch nichts gethan! Alles was wir von Schanzen aufgeworfen haben, iſt ſeit geſtern Abend hergerichtet.“ „Hier zur Rechten decken uns wol der Stern mit ſeinen dichten Gebüſchen, und die ſteilen Abhänge vor Ruſſin, Hlibotz, Wolkowitz und Welleslavin hinlänglich“, ver⸗ ſetzte Thurn.„Aber links hinüber und vor uns, nach den Straßen von Karlsſtein und Eger zu, ſind wir, dies muß ich mir erlauben Ew. Liebden zu bemerken, dem Angriff preisgegeben.“ „Ihr glaubt, Graf Thurn, man würde uns in unſerer Stellung hier auf der Höhe angreifen?“ warf Graf Hohenlohe, der dieſe Worte gehört hatte, halb ſpöttiſch da⸗ zwiſchen.„Ich denke man wird ſich darüber beſinnen.— Nun, vorläuſig iſt der Feind noch nicht da!“ 58 Der Graf ſprengte nach dieſen Worten etwas voran nach einer Stelle, wo ſich das Terrain aufwärts zog. „Das war auch die Antwort des Königs. Wir haben ja noch lange Zeit, lieber Anhalt!»“ ſagte der Fürſt leiſe zu Thurn, als Hohenlohe fort war. „Ich beſorge, man wird uns nicht allzu lange unbehelligt laſſen!“ antwortete Thurn. „Boucquoi allenfalls! Denn Fabius Cunctator iſt haupt⸗ ſächlich ſein Vorbild; aber Herzog Maximilian iſt un⸗ ruhiger!“ „Wären wir nur ſo vorbereitet, als wir ſein könnten“, fuhr Fürſt Anhalt im Weiterreiten fort,„ſo ſollte mir ſeine ſtürmiſche Haſt willkommen ſein. Wann glaubt Ihr, Graf Thurn, daß ſie uns nachrücken?“ „Nach Dem, was mein zuverläſſiger Wolodna, der Land und Wege ſo genau kennt als ich, mir vor zwei Stunden gemeldet, verwundre ich mich faſt, daß die Baiern noch nicht hier ſind.— Boucquoi war noch zurück mit der öſterreichiſchen Armada.“ „So raſch ſollten ſie uns folgen?— Ich glaube es kaum“, erwiderte Fürſt Anhalt. „Vielleicht ſehen wir die Sonne und den Feind zugleich, wenn die Morgennebel, die drüben vom Moldauthal ſich an der Höhe hinziehen, erſt fallen.“ Anhalt ſchüttelte den Kopf; ſie ritten weiter. Es wurde etwas lichter. „Wißt Ihr“, begann der Fürſt von neuem, aber mit vorſichtigem Ton,„daß Bornemiſſa krank in Prag liegt?“ „Ein ſehr ungelegener Zufall in ſo wichtiger Zeit!“ antwortete Thurn. 64 „Wenn es ein Zufall iſt! Allein ich traue dieſen Ungarn nicht“, meinte der Fürſt.„Bethlen Gabor iſt und bleibt ein unzuverläſſiger Verbündeter!“ „Da haben Ew. Liebden völlig Recht“, ſagte Thurn lebhaft.„Ich habe es im verwichenen Jahre vor Wien erfahren! Glauben mir Ew. Liebden! Noth und Mangel und Kälte und Näſſe, obwol ſie uns arg genug zuſetzten, waren doch nur der Vorwand zu ſeinem Rückzug. Er unterhandelte ſchon lange insgeheim mit dem Kaiſer....“ 64 „Er unterhandelt immer“, warf der Fürſt dazwiſchen, „und immer nach doppelter Seite.“ „Ganz recht! damals hoffte er größere Vortheile vom Kaiſer Ferdinand, der in der Bedrängniß war! Jetzt, da der Kaiſer mehr Luft hat, hat ſich das zerſchlagen und er denkt bei uns mehr zu erlangen!“ „So iſt's!“ beſtätigte der Fürſt.„Wer erſetzt Borne⸗ miſſa im Befehl?“ fragte Thurn. „Oberſt Kornis.“ „Dem trau ich auch nicht weit.“ Beide ſchwiegen jetzt. Nachdem ſie eine Strecke geritten waren, begann An⸗ halt:„Ich werde gegen die Straßen von Karlsbad und Karlsſtein noch eine Redoute aufwerfen laſſen, daß wir den Punkt beſtreichen können, wo ſie ſich ſcheiden“, und zeigte nach der Gegend hinüber. „Es wird wohlgerathen ſein“, antwortete dieſer. Graf Hohenlohe kam zurück, ritt zu Anhalt heran und ſagte ihm:„Ich möchte mit Ew. Liebden und dem Grafen Thurn auch auf die Kuppe dort drüben reiten. Graf Schlick iſt ſchon hinauf. Wir überſehen dort den ganzen Raum für das Lager am beſten.“ Die drei Führer ſprengten dahin; die Andren blieben auf einen Wink des Fürſten Chriſtian zurück.—— „Glaubſt du, daß wir heut oder morgen eine Schlacht haben, Heinrich?“ fragte der junge Prinz Chriſtian ſeinen Freund Heinrich Thurn. „Ich wünſchte ſie auf der Stelle“— antwortete die⸗ ſer friſch. „Heinrich!“ rief der Prinz leiſe aus.„Du ſollſt ſehen, daß ritterliches Blut in meinen Adern fließt!“ „Wenn wir nur beieinander fechten könnten!“ ant⸗ 65 wortete Thurn und drückte dem Freunde die Hand.„Doch ich glaube nicht, daß es ſobald zur Schlacht kommt. Sie wollen ſich ja bis an die Zähne verſchanzen! Vielleicht gar nach Prag hineinwerfen!“ „O!“ rief der Prinz und ſeine Hand fuhr krampfhaft ans Schwert.„Wenn ich nur einen Feind vor mir ſähe! Ich ſtürzte mich, ob mit Befehl oder nicht, mit meinem Regiment darauf,—— ich wollte ſie ſchon zwingen ſich zu ſchlagen!“ „Sei beſonnen!“ warnte Thurn.„Aber du wirſt ſo nicht handeln, ich kenne dich“, fuhr er lächelnd fort,„du würdeſt doch nicht die Schlacht verloren machen wollen aus Ungeduld?“ „Ach ich weiß nicht, was ich denke und was ich ſage“, antwortete der Prinz.„Aber es glüht mir in allen Adern! Ich ſehe überall den Feind vor mir, und meine treuen Reiter hinter mir, wie wir im Sturm heranbrauſen. Die ganze Nacht habe ich die Angriffsfanfare gehört! Immer war ich zu Pferd, flog übers Feld wie ein Blitz, dann lag ich wie zerſchmettert am Boden, mein Rappen wälzte ſich über mich!“— „Das iſt das Alpdrücken!“ lachte der lebensfrohe Hein⸗ rich.——„Die Nebel ſinken immer dichter herab; der Tag nähert ſich, und man ſieht weniger“, fuhr er nach kurzem Schweigen fort, während deſſen der Prinz immer gegen das Nebelgewölk, das ſich vor ihnen in einer Senkung zwiſchen den Höhen lagerte, hinſtarrte. „Reitet dort nicht Jemand“, fragte er und deutete mit der Hand nach der Gegend.„Wahrlich! Es iſt ein Mann zu Pferd, der auf uns zukommt.“ „Du haſt Recht!“ beſtätigte Heinrich Thurn.„Wer kann denn aber von dort herkommen? Wir müſſen ihn anhalten.“ 66 „Er nimmt ſchon von ſelbſt den Weg auf uns zu!“ „Ja, jetzt hat er uns geſehen. Er ſetzt ſein Pferd in Galopp!“ Während des Geſprächs war aus der halbverhüllenden Dämmerung und dem Nebelgewölk ein Reiter näher ge⸗ ſprengt, und richtete jetzt den Galopp ſeines Pferdes gerade auf die Gruppe der Führer hin. Man konnte nicht unter⸗ ſcheiden, ob es Freund oder Feind ſei, denn man ſah nur dunkle Umriſſe der Geſtalt, die tief in den Mantel gehüllt ſchien. Auf etwa funfzig Schritte Entfernung hemmte der Reiter den raſchen Lauf ſeines Pferdes etwas und rief mit lauter Stimme hinüber.„Prag und Friedrich!“ „Er iſt von den Unſrigen, er weiß das Loſungswort“, ſagte Thurn;„er ſieht mir aber doch gar nicht wie ein Kriegsmann aus, mit dem breiten Filzhut. Wie ein echt böhmiſcher Gebirgsbauer!“ „Gott zum Gruß Graf Heinrich!“ erklang jetzt die Stimme des Ankommenden. „Es iſt Hauptmann Nechodom“, rief der Angeredete voller Freude und ſprengte ihm entgegen. Sie ſchüttelten ſich kräftig die Hände. „Iſt der Graf Thurn nicht dort unter den Reitern?“ fragte Xaver.„Oder in der Nähe?“ „Er hält dort drüben auf der Kuppe mit dem Fürſten Anhalt, Grafen Hohenlohe und Schlick!“ antwortete Hein⸗ rich.„Sie werden gleich hierher zurückkommen!“ „Ich darf keine Minute verlieren, und bringe wichtige Meldung“, war Xaver's Erwiderung, und ſpornſtreichs jagte er weiter, der bezeichneten Höhe zu, und war ſchnell an Thurn's Seite. „Hauptmann Nechodom!“ wandte ſich dieſer zum Fürſten 67 von Anhalt.„Ich ſandte auch ihn auf Kundſchaft; er wird uns manche Auskunft geben können!“ kaver ſchickte ſich an, dem Fürſten ſeinen Bericht zu erſtatten. 1 „Was Teufel! Verkappt?“ redete dieſer ihn an.„Ihr ſeht wahrlich aus wie ein echter Böhmak, in dem braunen Filzhut und Kittel. Wo kommt Ihr her?“ „Zunächſt von Kladno und Neuhof; dort habe ich die Vorhut der Baiern verlaſſen“, antwortete Xaver ſchnell. „In Neuhof?“ fragte der Fürſt Anhalt raſch dazwiſchen. „So nahe ſind ſie ſchoͤn?“ „Graf Tilly war ſchon weit über Kladno hinaus bis an die Hoſtaue vorgerückt, und Oberſt Pappenheim mit dreihundert Küraſſieren hat Neuhof beſetzt.“ „Wär's möglich! So müßten ſie in zwei Stunden hier ſein können!“ rief Anhalt. „Wie ich vermuthete“, bemerkte Thurn.„Das iſt ganz in Uebereinſtimmung mit den Nachrichten, die ich durch Hauptmann Wolodna empfangen.“ „Ich glaube, Herr Graf“, ſagte Xaver im beſcheidenen aber ſichren Ton,„ſie werden früher hier ſein. Wenn ſich der Nebel theilt und es nur etwas heller wird, muß man von hier ihren Vortrab gewahr werden.“ „Wie ſeid Ihr von Neuhof aus geritten, Haupt⸗ mann Nechodom“, fragte Thurn.„Auf der Straße von Schlan?“ „Nein, Herr Graf, durch Feldwege, Fußſteige, Brüche und Sturzäcker, ſo gerad als möglich auf Hoſtiwitz. Doch ich vermuthe daß die Baiern der ſchlaner Straße folgen werden. Der Weg übers Feld iſt zu ſchwer.“ „Ihr habt wol in der Bauerntracht mitten in der bairiſchen Armada geſteckt?“ fragte der Fürſt Chriſtian. 68 „Anders wäre mein Auftrag freilich nicht ausführbar geweſen!“ antwortete Xaver. „Und habt Ihr etwas über die Abſichten des Feindes erfahren?“ fragte der Fürſt. „Man wußte“, erwiderte Xaver,„daß unſer Heer ſich hier auf dem Weißen Berge feſtſetzen und verſchanzen wollte. Herzog Maximilian drang darauf, den Marſch zu beſchleunigen und uns hier anzugreifen, bevor die Schanzen fertig wären!“ „Seht Ihr wol, Graf Hohenlohe!“ ſagte Anhalt eifrig. „O wenn doch geſtern mehr geſchehen wäre!“ Hohenlohe ſchüttelte ungläubig den Kopf. „Es ging die Rede“, fuhr Xaver zu berichten fort,„daß Graf Tilly für den raſchen Angriff geſtimmt habe; auch Oberſt Pappenheim. Graf Boucquoi ſoll dawider ſein, weil ſeine Armada noch zu weit zurück ſei, und erſt gegen Mittag— als heut— eintreffen könne. Er iſt über⸗ haupt dagegen, unſer Lager in ſeinen Schanzen anzugreifen; er hat angerathen es liegen zu laſſen und ſeitwärts an dem Bach der Scharka hinunter, ganz verdeckt im Thal auf Podvava, und über Bubencz gerad auf Prag anzurücken und die Stadt von der andern Seite zu berennen.“ „Aha! Sie wollen uns von dort überrumpeln!“ rief Hohenlohe.„Ich war gleich der Anſicht, daß ſie uns hier nicht angreifen würden!— Nun, Prag iſt feſt! Die hun⸗ dert Thürme ſeiner Mauern ſind gute Schildwachen!“ „Graf Waldſtein“, begann Xaver wieder,„hat aber davon abgerathen; dieſer Plan ſei zu gefährlich. Man könne in die Flanke genommen oder im Rücken gefaßt werden.“ „Und wie wollten wir ſie faſſen und in die Moldau jagen, wenn ſie den Plan ausführten!“ rief Thurn eifrig. 69 „Und was war der endliche Beſchluß? Wißt Ihr das?“ fragte Chriſtian. „Soweit ich erfahren konnte, hat Herzog Maximilian's Abſicht, den Angriff auf das Lager ſelbſt zu machen, das Uebergewicht behalten!“ „Wir wollen's erwarten“, ſagte Hohenlohe und biß ſich auf die Lippen. 1 „Habt Ihr uns noch Ferneres zu berichten, Hauptmann Nechodom?“ fragte der Fürſt. „Ich konnte nicht mehr erkundigen.“ „Ihr habt Euren Auftrag ſo kühn als geſchickt aus⸗ geführt, Hauptmann Nechodom“, ſagte der Fürſt und ſchüt⸗ telte ihm die Hand. „Ich hätte lieber in offener Schlacht gekämpft“, ant⸗ wortete Xaver. „O laßt Euch den Dienſt nicht leid ſein! Wäre er nicht ehrenvoll, Graf Thurn würde Euch nicht damit beauf⸗ tragt haben.“ „Der Name....“ „Sprecht ihn nicht aus“, fiel der Fürſt ihm ins Wort. „Wer ſich zu ſolchem Dienſt verkauft, und gar vielleicht gegen ſein Vaterland, der mag dafür gebrandmarkt ſein. Der Tapfere, der ſich auch der Liſt bedient, handelt im vollen Recht des Krieges und bleibt ein Ehrenmann. Ihr ſolltet eine goldene Kette dafür tragen.“— Der Fürſt Anhalt wandte ſich hierauf zum Grafen Hohenlohe und ſprach leiſe mit ihm. Thurn zog Xaver bei Seite und ſagte ihm gleichfalls leiſe:„Und war es dir möglich, Xaver, meine Botſchaft nach Pilſen zu fördern?“ „Kaspar Schwarz hat es übernommen. Er iſt als Waldſtein'ſcher Küraſſier verkappt!“ 6 „Wenn es ihm nur gelingt durchzukommen!“ „Es iſt ſehr ſchwierig, Herr Graf. So kühn und ge⸗ wandt der Schwarz auch iſt.“ „Und hat er auch gefaßt, um was es ſich handelt? Wird er Mansfeld überreden können ohne Schriftliches, daß er von mir kommt, daß Alles daran hängt, von Pilſen aus den Verbündeten im Rücken zu operiren, daß Böhmens Rettung davon abhängen kann!“ „ Ich habe ihm ſolche Weiſung gegeben und ſolche Zeichen, daß Graf Mansfeld nicht einen Augenblick zwei⸗ feln kann, daß Ihr den Boten ſendet. „So gebe Gott im Himmel, daß Mansfeld meinen Wunſch erfüllt!“ ſprach Thurn mit feierlichem Ernſt. „Dann iſt noch Hoffnung, daß Alles gut werde für Böhmen.“ „Jagt nicht dort der Graf Heinrich heran?“ fragte Xaver unterbrechend und zeigte auf einen Reiter, der ſich von den abwärts Haltenden getrennt hatte und mit ver⸗ hängtem Zügel heranſprengte. Es war der junge Thurn. Er winkte ſchon von weitem, hoch mit dem Schwert in der Hand. Thurn ritt ihm entgegen. „Vater“, rief er dieſem zu,„wir haben den Feind geſehen! Sein Vortrab wurde durch die Nebelwolken ſicht⸗ bar. Dort drüben, über Hoſtiwitz hinaus!“ „Das iſt der Punkt, wo Pappenheim anrücken muß“, beſtätigte Xaver, der Thurn nahe geritten war. Sie ſprengten mit der Botſchaft zum Fürſten Anhalt zurück. Alle blickten ſcharf nach der Gegend hin. Es war ſchon hell genug, um Truppenbewegungen ſo weit hin zu erkennen. Doch der Nebel zog noch überall ſeine Schleier vor. Da rauſchte der Flügel des Morgenwindes, und plötz⸗ 1 71 lich ſahen ſie zwiſchen der ſanften Senkung der Höhen Reiter in geſchloſſenen Schaaren anrücken. Es war der Feind!— Für Böhmens Geſchick nahte die Stunde der Entſcheidung! Achtes Capitel. Das geſammte bairiſche Heer war ſchon am ganz frü⸗ hen Morgen des 8. November unter Herzog Maximilian's und Tilly's Führung dem böhmiſchen bis auf die Weite einer Stunde nahe gerückt. In waldiger, ſanft eingeſenkter Thalſchlucht, den öſt⸗ lichen Abhängen des Weißen Berges gegenüber, ward vor Tagesanbruch Halt gemacht. Die Leute waren durch den Nachtmarſch zwar angeſtrengt, doch nicht erſchöpft. Einige Raſt war ihnen wohlthätig. Sie lagerten ſich in dichten Kreiſen ſo eng aneinander als möglich, um ſich der eiſigen Novemberkälte zu erwehren. Tiefe Stille lag über den gewaffneten Schaaren. Nur die Schildwachen gingen auf und nieder, und dann und wann hörte man von Einzelnen leiſe murmelnde Worte. Nur ein Zelt ſah man von Tannenzweigen aufgerichtet; es war das des Herzogs Maximilian, in welchem ſich ſo⸗ eben die Generale und Feldoberſten verſammelt hatten, um zu entſcheiden, ob und wie der Angriff auf den Feind ge⸗ ſchehen ſolle. Zwei Schildwachen, ganz im Eiſenharniſch auf ihre Piken geſtützt, ſtanden unbeweglich vor dem Ein⸗ 72 gange des Zeltes und hielten Jeden zurück, der ſich un⸗ berufen nähern wollte. Zwiſchen ihnen war die Fahne des Herzogs aufgepflanzt, die im weißen und blauen Felde das Bildniß der Mutter Gottes zeigte. Auch nur ein Feuer ſah man im Lager; unweit des Zeltes glimmte es, leiſe genährt in dicht umbüſchter Ver⸗ tiefung, damit die Flamme nicht ihren verrätheriſchen Licht⸗ ſchein über die Wipfel der Tannen hinaufwerfe und dem Feinde die Nähe der Gegner kundgebe. Um die Glut ſah man eine Gruppe ſeltſamer Geſtalten gelagert. Es waren Geiſtliche, meiſt Mitglieder der Geſellſchaft Jeſu, die ſich im Lager befanden. Die dienſtfertige Ehrfurcht der Krieger, denen kein Lagerfeuer geſtattet wurde, hatte ihnen in der Eile noch aus Tannenzweigen ein flüchtiges Dach gebaut, um die heiligen Väter, die der rauhen Kriegs⸗ beſchwerde nicht ſo gewohnt waren, noch beſſer zu ſchützen. Sie waren in nicht geringer Zahl beim Heere anweſend. Der Orden Loyola's, wie er vorzugsweiſe der angegriffene Theil in den erſten Ausbrüchen dieſes Krieges geweſen war, hatte ihn auch mit immer neuem Eifer geſchürt. Er ſetzte alle eigenen Kräfte daran und brachte jede mögliche fremde in Bewegung, um die ihm entriſſene Herrſchaft in dem wichtigen Lande wiederzuerringen. Nicht nur böhmiſche Mitglieder deſſelben, ſondern eifrige und befähigte aus ſei⸗ nen vielen Verzweigungen in fremden Ländern hatten die Ordensobern zu Maximilian geſandt, um, ſowie dieſer einen Fußbreit Landes mit bewaffneter Macht gewann, auch ſogleich die geiſtige des Ordens wieder zu befeſtigen und auf die Geſinnung des Volkes durch Drohung und Ueberredung einen Einfluß zu üben, der wiederum die Unternehmungen des Heeres mächtig unterſtützte.— Lamormain hatte Thyßka beauftragt, dem Herzog Maximilian nahe zu bleiben, ihn 73 mit ſeinen Rathſchlägen, gegründet auf die Kenntniß des Landes und der Bewohner, zu unterſtützen und ſogleich ſelbſt jeden Vortheil wahrzunehmen, der ſich für die neuen Be⸗ feſtigungen des Ordens in Böhmen gewinnen laſſe. Der Großinquiſitor in Madrid, Alliaga, hatte in verwandter Abſicht einen hochbefähigten Mann, den Pater Domi⸗ nicus*), einen Karmelitermönch, zu Maximilian geſandt, der, voll heiligen Eifers, die Gabe innerer Erleuchtung mit der der hinreißenden Rede verband. Er war an Thyßka's Seite gelagert; doch die Unruhe ſeiner Seele raubte ihm den Schlaf. Er richtete ſich empor und blickte vor ſich hin in die Flammen. Sein dunkles Auge rollte unſtet unter der gefurchten Stirn. Auch Thyßka floh der Schlummer, ſein Blick begegnete dem des Mönchs. „Ihr wacht, frommer Bruder?“ fragte er ihn leiſe. „Die Sorge läßt mir keine Ruhe. Traumgeſichte um⸗ ſchweben mein Lager. Schlummernd hatte ich kühne Zu⸗ verſicht, erwacht beginne ich zu zagen!“ „Und was macht Euch wachend beſorglich?“ fragte Thyßka ſich emporrichtend. „Ich fürchte den Kleinmuth der Führer!“ antwortete der Pater Dominicus. „Auch ich habe manches verzagte Wort gehört“, er⸗ widerte Thyßka,„doch nicht vom Herzoge“, fügte er be⸗ ſonnen ſogleich hinzu.„Er iſt voll feuriger Ungeduld, das Heer der Böhmen in offener Schlacht zu bekämpfen.“ „Die Krieger ſelbſt ſind es“, entgegnete der Mönch, „auch nur ſo können ſie den täglichen, ſchweren Kampf mit Hunger und Elend beenden!“. „Wahrlich, ich darf ſagen, dahin drängt des Herzogs *) Siſtoriſch. Rellſtab, Drei Jahre. IV. 1. 4 ganzes Sinnen“, verſetzte Thyßka lebhaft,„nur er hat auf dieſen anſtrengenden Eilmarſch von Rackonitz hierher gedrungen, daß Fürſt Anhalt von Unhoſcht aus und Graf Thurn auf Seitenſtraßen uns nur mühſam zuvorkommen konnten. Wäre Thurn nicht geweſen, der das Land ſo genau kennt, wir hätten vielleicht den Vorſprung ge⸗ wonnen und das Heer der Böhmen wäre von Prag abge⸗ ſchnitten!“ „Graf Boucquoi iſt zu bedächtig!“ ſagte Pater Do⸗ minicus den Kopf ſchüttelnd.„Er hat den abwägenden Sinn des Niederländers. O, hätte er den feurigen des Spaniers, dächte er wie Verdugo!“ „Ein kühner Mann der Oberſt Verdugo“, ſiel Thyßka ein.„Habt Ihr von dem ſeltſamen Zeichen vernommen, das in verwichener Nacht auf ſeinem Zelte geſehen wor⸗ den iſt?“*) Pater Dominicus ſah Thyßka geſpannt aufhorchend an. „Hauptmann Feralt von Fugger'’s Lanzenknechten, ein glaubwürdiger Mann, erzählte mir's. Eine rothe Flamme, wie ein feuriger Helmbuſch, hat um Mitternacht auf der Spitze des Zeltes geleuchtet eine ganze Stunde lang! Die Zeltſchildwachen haben es mit Grauſen geſehen.“ „Wunder des Heern überall! Seine Flammen leuchten! Sie durchglühen die Nächte, die Träume!“ rief Dominicus in ſchwärmeriſcher Begeiſterung.„Balthaſar Verdugo muß zu hoher That berufen ſein!— Auch mir, theurer Bruder“, fuhr er leiſer fort,„ſind wunderbare Zeichen ge⸗ worden— Geſichte haben mich im Schlummer umſchwebt!“ Thyßka horchte auf. „Dort drüben“, ſagte er mit unterdrückter Stimme und *) Hiſtoriſch. . 75 deutete mit der Hand auf das Zelt,„berathen die Heer⸗ führer! Ich fürchte Boucquoi's allzu vorſichtiges Zögern! Ich möchte zu den Feldherren, zu dem Herzog reden, wie der Mund des Herrn zu mir geſprochen hat!“ „Um des Herrn Willen thut das, theurer Bruder“, feuerte ihn Thyßka an.„Euer begeiſtertes Wort wird die Gläubigen mit flammendem Muth erfüllen.“ „Sonntag iſt heut“*), fuhr Dominicus mit ſteigender Erregung fort.„Es iſt eine Fügung Gottes, daß ſein hei⸗ liger Tag uns zu dieſem Kampfe leuchtet!“ „Das iſt es, würdiger Bruder!“ „Das müſſen wir in die Herzen der Krieger und der Feldherren rufen! Heut muß der Sieg uns ſtrahlen!“ ſprach Dominicus begeiſtert. „Laßt uns mit einigen der Brüder zum Herzog gehen“, antwortete Thyßka;„wir werden Einlaß finden in ſein Zelt!“ „Nein! Wir müſſen zu ihnen reden vor dem geſamm⸗ ten Kriegsvolke! Der entzündete Muth der Truppen muß die Feldherren zur Schlacht fortreißen!“ „Sie treten heraus!“ ſagte Thyßka überraſcht und zeigte auf das Zelt Maximilian's. „Und dort bricht die Morgenröthe durch das Gewölk und ſtrahlt ihnen flammend entgegen“, rief Pater Domi⸗ nicus, deſſen Eifer immer höher aufloderte. Herzog Maximilian, Graf Boucquöoi, noch krank, von zwei Offizieren geſtützt, Tilly, Balthaſar Verdugo, Pappenheim, Wallenſtein und andere Feldoberſten tra⸗ ten aus dem Gezelt von Tannenzweigen, in dem ſie ver⸗ ſammelt geweſen, hervor.— Maximilian ſah ſehr er⸗ *) Hiſtoriſch. eifert aus; Boucquoi finſter; Tilly's Züge waren wie von Erz; doch ſein Auge rollte und ſpähte blitzend nach allen Seiten; Wallenſtein ſchritt ernſt vor ſich hin, aus ſeinem feſten ruhigen Angeſicht war nichts zu leſen; er ſah ſich immer gleich; auch Pappenheim war verſchloſſen. „Um zehn Uhr alſo, Graf Boucquoi, verſprecht Ihr, daß Euer Fußvolk hier iſt?“ ſagte der Herzog zum Feld⸗ marſchall. „Um zehn Uhr!“ lautete die Antwort.—„Dann werden wir hoffentlich ſehen können, was wir thun“, ſetzte er mis⸗ launig halb für ſich hinzu.„Graf Wallenſtein“, redete er dieſen an,„zieht Euch mit Euren Küraſſieren ſogleich rechts ab bis auf die Straße von Eger. Dort erwartet weitern Befehl!“ Wallenſtein beugte das Haupt bejahend, wandte ſich um und beſtieg ſeinen Rappen, mit dem ein Diener ſchon auf ihn wartete. „Hauptmann Herberſtein“, wandte ſich Bouequoi zu einem der Offiziere, die ihn führten.„Ihr laßt drei Rei⸗ ter mit guten Pferden aufſitzen, die über Neuhof hinaus auf der Straße nach Kladno bis an die Hoſtaue den Infanteriecolonnen entgegenreiten. Sie haben an die Ober⸗ ſten Dieffenbach, Preuner, Fuchs und Fürſtenberg den Befehl zu bringen, daß ſie den Marſch beſchleunigen.“ Herzog Maximilian hatte indeß leiſe mit Pappen⸗ heim und Tilly geſprochen.„Alſo den äußerſten linken Flügel, Generallieutenant, und um zehn Uhr in voller Schlachtordnung“, ſagte er zum Letztern. Tilly verbeugte ſich ſtumm und wandte ſich links. Er ſchritt auf ſeinen Schimmel zu, mit dem ein Knecht am Saume des Gebüſches hielt. Pater Thyßka und Dominicus kamen ihm entgegen; 77 er zog, indem er vorübergehen wollte, ehrfurchtsvoll den Hut vor den beiden Geiſtlichen. „Ich bitte Euch, verweilt noch einen Augenblick, Herr Generallieutenant“, ſprach Thyßka, der ihn von München her kannte, ſtehen bleibend,„Pater Dominicus und ich, wir möchten ein Wort an Se. herzogliche Gnaden richten, bei dem uns Eure Gegenwart, Herr Graf, hochwichtig wäre.“ Tilly grüßte zuſtimmend. Während deſſen war Pater Dominicus näher zum Herzoge getreten, welcher noch mit Boucquoi, der ſich nach ſeiner Sänufte führen ließ, im Ge⸗ ſpräch war. Indem der Graf einſteigen wollte, ſagte ihm der Herzog:„Wenn Ihr Eure Wunde nur nicht verſchlimmert, Herr Feldmarſchall, Ihr ſchont Euch wahrlich zu wenig.“ „Eher zu viel“, antwortete Boucquoi;„allein ich ver⸗ ſichere Ew. herzoglichen Gnaden, ich werde in der Schlacht — wenn es dazu kommt“, betonte er nachdrücklich, „nicht fehlen. Ich bediene mich jetzt noch der Sänfte, um nachher deſto ſicherer zu Pferd zu ſein. Sorgt alſo des⸗ halb nicht, Herr Herzog!“ Maximilian wollte eben antworten, als der Pater Do⸗ minicus ihn antrat. Sein Auge ſprühte Funken, ſeine Wange erglühte, jede ſeiner Mienen verrieth eine innere Wallung, die an Verzückung grenzte. „Ruhmreicher Herzog, tapferer Feldherr“, redete Do⸗ minicus beide Feldherren an,„Beſchützer der Kirche, Waffen⸗ träger des Glaubens! Laßt mich das Wort zu euch reden, das der Geiſt mir eingegeben!“ „Sprecht, ehrwürdiger Vater! Mit Ehrfurcht hören wir Eure Rede!“ entgegnete Maximilian ſtaunend und nahm den Federhut vom Haupte. „Tretet näher ihr Feldherren und Führer“, rief Domi⸗ nieus mit lauter Stimme, von Eifer entzündet, im gebie⸗ 78 tenden Tone und blickte im Kreiſe umher. Deruehnt, was Gottes Mund aus mir ſpricht!“ Alle, obwol ſchon im Fortgehen begriffen, wandten ſich zu dem Redner um, in der Haltung der Ehrfurcht, mit wel⸗ cher allen Geiſtlichen im Heere, ſelbſt von den höchſten Feld⸗ herren begegnet wurde. Tilly näherte ſich Thyßka's Seite. Verdugo, der ſchon einen Fuß in den Bügel ſeines anda⸗ luſiſchen Rappen geſetzt hatte, zog ihn zurück und trat gleichfalls heran. Pappenheim folgte ihm. Nur Wallen⸗ ſtein hatte ſich ſchon weiter entfernt und blickte ſich auch nicht einmal um. Die nächſten Gruppen der gelagerten Krieger, meiſt wach, waren ſchon auf die Bewegung der Geiſtlichen, von denen mehrere dem Pater Dominicus und Thyßka gefolgt waren, aufmerkſam geworden. Einzelne der Leute hatten ſich erhoben und gingen den frommen Brüdern mit lau⸗ ſchender Neugier, doch in ehrerbietiger Entfernung nach. „Tretet näher auch ihr, tapfre Kämpfer!“ rief Do⸗ minicus ihnen zu.„Der Wink des Allmächtigen gilt auch euch, jeder von euch iſt ein Werkzeug ſeiner Macht! Du Hort des Glaubens, gottgeweihter Fürſt, ihr ruhm⸗ geborene Feldherren, ihr Tapfern Alle, die ihr das Schwert führt zum Schutze des Glaubens! Folgt mir nach zu jener Höhe, daß ich euch das Feld zeige, wo eure Siege den Namen Gottes verherrlichen ſollen. Auf, folget mir und dieſem heiligen Zeichen!“ Er zog ein Crucifix, vas er im weiten Gewande trug, hervor, hob es hoch empor und ſchritt einer wenige Hundert Schritte entfernt liegenden, waldentblößten Anhöhe, die einen Blick über die Landſchaft darbot, zu. Der Strom folgte.*) *) Hiſtoriſch. 79 Herzog Maximilian winkte ſeinem Fahnenträger. Dieſer erhob die Fahne mit dem Muttergottesbilde, die vor dem Zelte ſtand, und ging damit zunächſt hinter Pater Domi⸗ nicus her. Dicht an ihr folgte der Herzog. Boucquoi von ſeinen Begleitern geſtützt, Tilly, Verdugo und Pappenheim, alle die andern Oberſten, die Geiſtlichen, die Krieger ſchloſſen ſich dem Zuge an. Er wuchs mit jedem Schritte. Der Funke war zündend in jede Bruſt gefallen. Thyßka rief die auf der andern Seite des Herzogszeltes Lagernden auf; die Soldaten ſelbſt wiederum ihre weiter abſeits ge⸗ lagerten Waffengefährten. Ein Trompeter ließ, ohne Ge⸗ heiß, das Verſammlungsſignal ertönen, daß es weit durch die Morgenſtille ſchallte. Der ganze Wald wurde lebendig, im Blachfelde davor wimmelten die Geſtalten durcheinander. Dominicus hatte die Höhe erreicht und ſtieg auf ein droben liegendes Felsſtück; Thyßka und die übrigen Geiſt⸗ lichen umſchloſſen ihn in dichter Gruppe. Der Herzog und die Feldherren traten ihnen gegenüber, die nachwallenden Schaaren ſammelten ſich in immer dichter anſchwellendem Kreiſe ringsum. Als die ganze Höhe Kopf an Kopf ge⸗ drängt mit Kriegern erfüllt war, winkte der Pater mit der Hand und tiefe, feierliche Stille trat ein, jedes Ohr lauſchte. „Dort“, rief der Begeiſterte,„vom Zorngewölk des Himmels verhüllt, liegt die heilige Stadt, die ihr wieder⸗ erobern ſollt, wie einſt die Kreuzfahrer Jeruſalem! Sie liegt in Banden frevleriſchen Götzendienſtes gleich der hei⸗ ligen Stadt Zion, die da war in der Hand der Ungläu⸗ bigen! Befreien ſollt ihr ſie von dem Joch der Schmach, daß wir herſtellen die umgeſtürzten Altäre und reinigen die befleckten Tempel!— Zu ſolcher großen That hat euch der Allmächtige erſehen! Zögert nicht, das Werk zu voll⸗ 80 bringen! Ein Traumgeſicht, das mir der Himmel geſandt, hat mir des Herrn Willen kund gethan! Die Mutter Got⸗ tes trat hin vor mich, wie ihr ſie auf dieſer heiligen Fahne erblickt!“— Er nahm dem Träger die Fahne aus der Hand und hob ſie hoch empor; ſie flatterte entrolit im Morgenwinde, daß Aller Augen das Bild der Mutter Gottes ſchauten.„Aber nicht ſo ſanft und lächelnd blickte ſie auf mich nieder“, fuhr Dominicus fort,„wie ſie von dieſem Heeresbanner auf uns herniederblickt! Schmerz la⸗ gerte auf ihrer Lippe, Zorn brannte in ihrem Blick!«Was ſäumt ihr zu vollbringen das göttliche Geheiß?» rief ſie mir zu!„Die Kirchen ſind entweiht in der ſündigen Stadt! Die Gebeine der Heiligen verſtreut, mein Bild in den Staub getreten, das Crucifix, das den Heiland, meinen Sohn, trägt, zerſchmettert! Das Haupt der Fluchbeladenen er⸗ hebt ſich wie das des Drachens und fordert die Blitze des göttlichen Zorns herab! Euch ſendet der Herr, ſeine Rache zu vollziehen! Säumet nicht!)—— So rief die Himm⸗ liſche mir zu, und im feurigen Glanz ſchwebte ſie aufwärts den Wolken zu!“ In trunkener Verzückung, beide Hände emporhebend, in der linken die Fahne, in der rechten das Crueifix, richtete er das Auge gen Himmel, als ſchwebe die heilige Erſchei⸗ nung noch über ihm. Die tiefſte Stille herrſchte in dem Kreiſe der Krieger ringsum. „Des Himmels Fügung“, fuhr er, wie aus ſeiner Ver⸗ zückung erwachend, ruhiger fort,„hat euch gerade heut hierher geführt, am Tage des Herrn, am heiligen Sonn⸗ tage! Ihr ſollt nicht thun die Arbeit der Welt an dieſem Tage, das iſt Sünde! Allein ihr ſollt thun die Arbeit Gottes! Merket wohl auf, wie der Herr zu euch redet durch meinen Mund. Welches iſt das Evangelium, das + 7 81 heut gepredigt wird? Es lautet: Gebet dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt.““*) „Was aber iſt des Kaiſers?“ rief er, höher und höher erglühend.„Die Macht und die Ausübung der Gerechtig⸗ keit auf Erden. Entriſſen iſt ſie ihm von aufrühreriſchen Banden! Ihr ſollt ſie ihm zurückgeben! Auf daß er wiederum walte, ein Hort der Wahrhaftigen! Blicket dort⸗ hin! Seht! Ein matter Purpurſtreif nur ſchimmert düſter durch das Nebelgewölk! Wie die Morgenſonne verhüllt iſt von trüben Schleiern, ſo trauert die heilige Kirche, daß ſie verdunkelt wird von dem Frevel der Abtrünnigen! Daß die Macht ihres Beſchirmers in Ketten gebunden iſt von Aufrührern und Abgefallenen! Heut ſollt ihr dieſe Ketten ſprengen! Heut ſollt ihr zurückgeben dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt! Darum hat der Herr euch hierher geführt am Tage ſeines Evangeliums, auf daß ihr erfüllet das Wort Chriſti!— Fürchtet nicht die Schlacht, fürchtet nicht den Tod! Auserwählte ſind Die, welche ihr Lebensblut hin⸗ geben, denn aus der Dornenkrone des Todes wird ihnen die Roſenkrone des ewigen Lebens aufblühen!“ „Seht, ſeht“, rief er in noch höher auflodernder Be⸗ geiſterung und zeigte gen Oſten:„Der Himmel läſſet leuchten ſeine Wunder vor euch! Es öffnen ſich ſeine gol⸗ denen Thore der Pracht! Die Pforten, in die ihr eingehen ſollt! Seht, ſeht! Dorthin!“ rief er nochmals. Seine Züge verklärten ſich, ſein Blick flammte in hei⸗ liger Verzückung. Er wandte das Antlitz gen Oſten; plötz⸗ lich wurde er überſtrahlt vom Purpurſtrom der durch das Gewölk brechenden Sonne. 3 *) Hiſtoriſch. 82² „Der Sturm des Herrn verjagt die Gewölke der Nacht, und ſeine Sonne leuchtet euch zum Siege!“ rief er laut. „Auf! Stürzt euch in die Bahn des Heils! Des Kaiſers Streiter ſind die Streiter Gottes! Denn er waltet an ſeiner Statt auf Erden! Auf! Erkämpft dem Kai⸗ ſer, was des Kaiſers iſt!“: Der Morgenwind wehte über die Felder, das Gewölk theilte ſich, die Sonne trat glänzend hervor; über den Kreis der Hörer, über den ganzen Wald ergoß ſich ihr Licht⸗ ſtrom. Und als die Krieger das Auge gen Oſten, nach Prag wandten, leuchtete der Dom der Schloßkirche auf dem Hradſchin in goldener Morgenglut auf dem finſtren Gewölk, das ſich hinter ihm thürmte. Da ergriff die Verſammelten die Flamme der Begeiſte⸗ rung. Der fanatiſche Jubelruf theilte die Lüfte:„Dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt!“*) Sie ſtoben auseinander zu den Waffen; die Signale ſchmetterten, die Feldherren ſchwangen ſich zu Pferd, Maximilian, ritterlich gewappnet, durchſprengte das ganze Lager. Ueberall hin durchſtrömten es auch die Brüder Jeſu und predigten das Evangelium weiter und fachten die ent⸗ zündete Glut immer höher an.. Bald ſtand das ganze Heer unter Waffen kampfbereit. Bevor die Morgenſonne, die jetzt über den Zinnen des Hradſchin ſchwebte, in der Mittagshöhe ſtand, ſollten die erſten dumpfen Donnerſchläge den Beginn der Schlacht be⸗ zeichnen, die Böhmens furchtbares Verhängniß entſchied. *) Hiſtoriſch. Siebenundzwanzigſtes Buch. Ueuntes Capitel. Leander von Rippell wartete ſchon ſeit dem frühen Mor⸗ gen im Vorzimmer des Königs. Scultetus war bei dem⸗ ſelben. In der letztern Zeit hatte dieſer geiſtliche Rath ein ſo großes Uebergewicht über die weltlichen Räthe erlangt, daß ſeine Vorſchläge faſt allein Eingang bei dem Könige fanden. In allen wichtigen Entſcheidungen folgte Friedrich ihm; Camerarius ſchmiegte ſich den Umſtänden geſchickt an und pflichtete meiſt dem bei, was Scultetus wollte. Rip⸗ pell beharrte in ſeiner treuen Rechtlichkeit und— ſtand wenig in Gunſt! Die letzten Monate hatten die Geſundheit des alten red⸗ lichen Dieners ſchwer erſchüttert; ſein Haar war völlig ge⸗ bleicht, ſeine Züge vergrämt und abgemagert. Nur mit der größten Mühe errang er ſich die Kraft, ſeine vielfachen und ſchweren Arbeiten zu vollenden.— Das würde er mit Heiterkeit getragen haben. Allein, daß ſein König, wenn er ihm auch nicht das Vertrauen entzog, denn dazu war ihm Rippell's Charakter zu durchgeprüft, doch alle Neigung zu ihm verloren hatte, das ſchmerzte ihn tief! Noch tiefer der allgemeine Zuſtand der Angelegenheiten, der ihm einer ſchreckenvollen Löſung entgegenzugehen ſchien! Rippell war in ein Fenſter getreten, welches die Aus⸗ ſicht über einen Theil des Hradſchin und der Altſtadt ge⸗ währte. Seine Gedanken ſchweiften hinüber nach der Hei⸗ mat, nach dem ſchönen Heidelberg!„Ach“, ſeufzte er leiſe vor ſich hin,„wie anders war es dort! Und jetzt wird die Geiſel des Kriegs auch über dieſe friedlichen Bewohner geſchwungen!—— O, hätte damals der Kurfürſt auf mein Wort gehört! Hätte er der Verlockung, König zu ſein, widerſtanden! Iſt er denn glücklicher geweſen, ſeit er aus den Fenſtern dieſes prachtvollen Schloſſes auf die ſtolze Stadt herniederblickt, die er ſein nennt, und die doch nicht ſein iſt! Heidelberg, unſer blühendes Amberg, die Ober⸗ und die Unterpfalz— dieſe Städte, dieſe Länder gehörten ihm, denn dort gehörte ihm jedes Herz! Wer liebt ihn hier in Böhmen?— Ich fürchte, Wenige— Keiner!“— Er legte bei dieſem Gange ſeiner düſtren Gedanken die Hand auf die gefurchte Stirn und ſtützte das ſorgenvolle Haupt. Wohl erkannte er es, daß Friedrich den Böhmen keine der Hoffnungen, die in ihn geſetzt waren, erfüllt hatte; daß er in unbegreiflichem Wahn⸗ und Leichtſinn, verleitet „durch den eitlen Sinn der Königin und durch Scultetus' finſtren Eifer, die Keime der Liebe und des Vertrauens, die bei ſeinem erſten Betreten des Bodens ſo reich hervor⸗ ſproßten, zertreten hatte, ſtatt die Saat zu Wachsthum und Frucht zu fördern!—— „Wankelmüthig“, dachte er weiter,„ſind die Böhmen! Die Hälfte war dem Könige ſchon feindlich, als er kam, und heuchelte nur Liebe aus Furcht vor den Gegnern. Wendet ſich ſein Glück, ſo werden ſie Alle abfallen... ſie ſind ſchon abgefallen, denn es hat ſich ſchon gewendet! Er allein ſieht es nicht! Noch immer träumt er von ſtolzen Gipfeln, zu denen ſeine Wege ihn leiten, und ſieht 87 nicht, daß ſie auf den Abgrund zuführen, ſieht nicht, wie nahe er droht— daß vielleicht der nächſte Schritt.... Und dann?....“ Der Redliche hielt die Arme über der Bruſt gefalten und blickte auf den Boden nieder; eine ſchwere, heilige Thräne tropfte von ſeinen grauen Wimpern herab.— „Und dann wird ihm nicht ein Herz getreu bleiben!— Ja!“ rief er endlich laut aus,„eins wird ihm getreu bleiben, und gälte es den Tod für ihn zu leiden!“ Scultetus trat aus dem Gemach des Königs. Sich aufblaſend in ſeinem geiſtlichen Stolze, jedoch eine dünkel⸗ hafte Herablaſſung erkünſtelnd, ging er durch das Zimmer auf Rippell zu. „Guten Morgen, mein theurer Herr Rath“, redete er ihn mit gemachter Ueberfreundlichkeit an,„Ihr habt wol ſchon längere Zeit hier geharrt? Ja, ich hatte dem Herrn wichtige Dinge vorzutragen. Wir leben in bedeutungs⸗ vollen Tagen, wo des Himmels Macht und Ruhm ſich mehr und mehr an uns verherrlichen wird! Ich habe mit Sr. Majeſtät von meiner heutigen Predigt in der Schloß⸗ kirche geſprochen. Sie ſoll mit Donnerworten das Haupt. der ſtolzen Feinde treffen! Ihr werdet doch in die Kirche kommen, mein würdiger Freund?“ „Wenn es die ſchweren Geſchäfte mir geſtatten“, er⸗ widerte Rippell.. „Sie müſſen! Sie müſſen! Gottesdienſt geht vor Herrendienſt!“ rief Scultetus ſalbungsvoll.„Ihr dürft Euch nicht abhalten laſſen, die Predigt zu hören; der himm⸗ liſche Vater wird, wenn wir ihm unſere Zeit und Kraft weihen, unſer gebrechliches Menſchenwerk ſchon verwalten! Ihr müßt kommen, lieber Rath!“ „Mein Herz kennt kein größeres Verlangen, als ſich 88 in Vertrauen und Demuth zu meinem Herrgott zu wenden“, antwortete Rippell mit echter Frömmigkeit. „So hoffe ich Euch zu ſehen, Herr Rath“, verſetzte Scultetus, grüßte herablaſſend und ging. Rippell hatte während deſſen ſeine Acten genommen, um zu dem König einzutreten. „Doch noch eins!“ wandte Scultetus ſich um.„Ich habe mit Staunen, und ich darf wol ſagen, mit Betrübniß, ja, vergebt es mir, theurer Freund, mit wahrhaftem Aerger⸗ niß an der Sache, vernommen, daß auch hier zu Prag in Eurem Hauſe die Tochter des ungottesfürchtigen, den rei⸗ nen Glauben verſchmähenden Mannes wohnt, den des Herrn Hand vor Jahr und Tag ſo ſichtlich geſchlagen! Die Tochter des Gaſtwirths Walter aus Neckar⸗Steinach meine ich. Fürchtet Ihr nicht, würdiger Freund, wenn Ihr ſolchen mit Fluch Behafteten Obdach in Eurem Hauſe gebt, daß ſich des Himmels Rache auf Euch ſelbſt wenden werde?“ „Ich hoffe, Hochwürden, Gott der Herr in ſeiner Liebe wird es mir nicht zum Frevel anrechnen, daß ich eine Waiſe in mein Haus genommen, die einen züchtigen, frommen Wandel führt.“ „Fromm? Hat ſie ſich etwa reuig bekehrt? Ich wüßte doch nicht...“ „Vergebt, Hochwürden, ich darf nicht länger weilen, Se. Majeſtät würden ungehalten werden“, ſagte Rippell ablehnend, verbeugte ſich und ging, ſeine Schritte be⸗ ſchleunigend, in das Gemach des Königs. Scultetus eiferrothes Angeſicht röthete ſich noch höher durch den geiſtlichen Unwillen beim Empfang dieſer Ant⸗ worten Rippell's und wegen ſeines kurzen Abbrechens. In⸗ deſſen eiferte er nur ſchweigend, ſeinen Verdruß zurück⸗ 5 89 haltend, und verließ in hochmüthiger Haltung das Gemach auf der entgegengeſetzten Seite. Rippell war in das Arbeitszimmer Friedrich's getreten und verbeugte ſich ehrfurchtsvoll vor ſeinem Gebieter. „Es iſt ſchon faſt zu ſpät, lieber Rippell“, redete ihn der König an, leicht von ſeinem Sitz am Arbeitstiſche auf⸗ blickend.„Ich hatte Wichtiges mit dem Oberhofprediger zu verhandeln. Das hat mir viel Zeit genommen.“ „Es ſind nur einige überaus dringende und wichtige Vorlagen...“ „Ja, ja, ich weiß ſchon“, unterbrach ihn der König lächelnd,„Ihr habt ſtets wichtige und dringende Vorlagen! Nun, gebt nur her, ich will raſch unterzeichnen, was Ihr irgend habt.— Ich ſehe Euch heut bei der Tafel, lieber Rippell?“ „Bei der Tafel?“ fragte der Rath, faſt des Worts nicht mächtig vor Erſtaunen. „Hättet Ihr noch keine Ehn anan erhalten? Ich habe große Hoftafel heut befohlen.*) Die Einladung muß ſchon⸗ bei Euch liegen.“ „Allergnädigſter Monarch“, entgegnete der alte Mann zitternd,„der Feind ſteht faſt vor den Thoren— wir dür⸗ fen jede Stunde einer Schlacht hart an den Mauern Prags gewärtig ſein!“ „Nein, nein— damit hat es gute Zeit“, antwortete der König.„Graf Hohenlohe läßt mich verſichern, daß der Feind nicht daran denken kann, uns in unſerer Stel⸗ lung anzugreifen. Er mag vor unſerem verſchanzten Lager liegen und erfrieren, oder vor Hunger umkommen. Des⸗ bals wollen wir indeſſen nicht hungern! Um zwölf Uhr ) Hiſtoriſch. alſo, nach dem Gottesdienſt, ſehen wir uns bei Tiſche, lieber Rippell“, ſagte er und ſchob ihm die unterzeichneten Actenſtücke zu. Der Rath erblaßte, bebte, faßte ſich aber wieder und verſuchte, weil er es für ſeine unerläßliche Pflicht hielt, noch ein Wort:„Den Meinungen anderer Führer zufolge würde die Schlacht heut höchſt wahrſcheinlich ſein, und ich hätte vorzüglich Ew. Majeſtät den Vorſchlag zu machen, auf jeden möglichen Fall die wichtigſten Kleinodien und Do⸗ cumente zu ſichern.“ „Ich glaube, Ihr träumt am hellen Morgen, Rippell“, antwortete Friedrich halb lächelnd, halb unwillig.„Wir ſehen uns wieder, wenn Ihr vollends erwacht ſeid, um zwölf Uhr!“ brach er kurz ab und ſtand auf. „Ew. Majeſtät entſchuldigen gnädigſt“, ſtotterte der ganz Niedergeſchlagene, der kaum die Thränen zurückhalten konnte,„ich beſinde mich ſo unwohl— die letzten Tage waren ſo ſchwer an Arbeit, und dennoch iſt noch ſoviel zu thun, ich würde unterthänigſt bitten....“ „Nun, nun“, fiel ihm Friedrich ſich umwendend ins Wort,„Ihr ſollt nicht gezwungen ſein, lieber Rath. Ihr waret von jeher kein Freund der Geſelligkeit. Die Kirche werdet Ihr aber doch nicht verſäumen. Doctor Scultetus wird eine wahre Feuerrede halten!“ Ehe Rippell antworten konnte, hatte ſich die Thür zu den Gemächern der Königin geöffnet und dieſe ſelbſt trat ein. Sie unterbrach abſichtlich faſt jedesmal die Vorträge Rippell's, ſobald ſie nur wußte, daß er beim König ſei. „Eh bien— my dearest“, ſagte ſie, Franzöſiſch und Engliſch miſchend, wie ſie oft that, und fuhr dann, mit einem Blick auf Rippell, deutſch fort:„Ich glaube, es iſt Zeit, Ew. Majeſtät, daß wir uns in die Kirche begeben.“ — 91 Rippell's ehrfurchtsvolles Verbeugen erwiderte ſie wie immer nur mit einem läſſigen Kopfnicken. Der Rath war ihr ſtets unbehaglich. Seine ſorgenvolle Miene ſchüttete bittre Tropfen in den Kelch ihrer Freuden. Sie drang doch vielleicht mit ernſtem Vorwurf in ihr Herz....... Friedrich ging ihr ſehr freundlich entgegen und ſagte: „Du haſt ſehr Recht, meine Liebe, es iſt hohe Zeit.“ Mit dieſen Worten reichte er ihr den Arm und Beide verließen das Gemach. Rippell ſtand wie in den Boden gewurzelt; ſeine Füße verſagten ihm die Kraft ſich zu entfernen, und faſt die, ihn zu tragen. Er hielt ſich an den Lehnſeſſel des Königs, ſchöpfte einige Augenblicke tief Athem, zog das Tuch, fuhr ſich über die Augen und Stirn damit, und wankte mühſam hinaus. Als er aus dem Portal des Schloſſes trat, ſtand er der Domkirche gegenüber. Die Menge drängte ſich ſchon in dichten Schaaren an der Eingangspforte. Doch es war ein beſorglicher Anblick. Denn die Bewohner Prags theilten die Sorgloſigkeit und die leichtſinnige Zuverſicht des Königs nicht. Sie wußten, daß das vereinigte Heer der Liga und des Kaiſers dicht vor den Thoren ſtehe; ſie ſahen einer Schlacht entgegen, deren Ausgang die Hauptſtadt in die Hand des Gegners liefere, ſie allen Schrecken des Kriegs preisgeben konnte. Die Geſinnung unter den Bürgern ſchwankte. Keiner traute dem Andern. Die eifrig Katho⸗ liſchen hofften, die treu Evangeliſchen fürchteten; die Wankelmüthigen beider Parteien waren zum Abfall bereit; Alle ſorgten! So drängte es Jeden in das Haus Gottes, um mit bangem Flehen ſein Schickſal in die Hand des All⸗ mächtigen zu legen. Alle Kirchen Prags waren mit Beten⸗ den dicht gefüllt. Selbſt in die Schloßkirche, nach der Zer⸗ ſtörung ihrer Heiligthümer nur von Denen beſucht, die dem ſtreng calviniſtiſchen Glauben anhingen, drängten ſich heut noch Tauſende von Andern, die ihre Seele trieb, an ge⸗ wohnter, wenngleich entweihter Stätte zu beten. Freilich betraten ſie den ehrwürdigen Dom mit Trauer! Kein er⸗ habner Glockenton lud zum Gottesdienſte ein! Es ſchauerte ſie leis vor dem Anblick, der ihrer im Innern wartete. Wohl wußten ſie es, daß kein würdig geſchmückter Altar mehr zu ſchauen war, auf dem die heiligen Gefäße in Gold und Silber ſchimmerten! Sie waren zu Hof abgeliefert!*) Nackte Tiſche mit dürftigen Holzgefäßen ſtanden jetzt an nackten Wänden, welche kein die Seele erhehendes Bild, kein Crucifix mehr ſchmückte. —— Traurig ſchaute Rippell auf die ſtumme, dunkle Maſſe, die ſich langſam durch die Pforte in die Kirche zog. Die meiſten trugen Trauerkleider; die Frauen ſahen bleich, verweint aus; auf der Stirn der Männer lagerte die Wolke der ernſteſten Beſorgniß. 2 Dennoch drängte es Rippell, ſich dem Zuge der Kirch⸗ gänger anzuſchließen. Er hieß den Amtsdiener, welcher mit den Papieren hinter ihm ging, dieſelben in die Kanzlei tra⸗ gen und nach Hauſe gehen, um ſeine Tochter wiſſen zu laſſen, daß er erſt nach der Kirche zurückkehren werde. Mit gebeugtem Haupte und ſchwer gebeugtem Herzen trat er in die hohen Domgewölbe ein. Im halbdunklen Eingang ſtreifte er an einem Manne in ſchwarzer Kleidung hin, ſie blickten einander an.... es war der Kanzler Wenzel von Budowal Sie hatten ſich in dem verwiche⸗ nen Jahre wenig, faſt gar nicht geſehen, da Wenzel haupt⸗ . ſächlich in Mähren beſchäftigt geweſen war. Erſt ſeit einigen *) Hiſtoriſch. 93 Wochen war er nach Prag zurückgekehrt, wo ihm nebſt Otto von Loß das Amt der Kronbewahrung aufgetragen war, indem die Krone und die Reichsinſignien ſich gegen⸗ wärtig nicht in Karlsſtein, ſondern um mehrerer Sicherheit willen in Prag befanden.— In dem Drange der Ereig⸗ niſſe und der Geſchäfte hatten die befreundeten Männer ein⸗ ander noch nicht aufſuchen können. Jetzt führte ſie der Zu⸗ fall im ernſten Augenblick zuſammen. Ein ſchmerzlich freudiger, halblauter Ausruf ertönte von Beider Lippen, als ſie ſich erkannten. „So ſehen wir uns wieder!“ ſprach Rippell leiſe ſeuf⸗ zend, indem er dem Kanzler die Hand drückte.„Ach, an welche Stunden erinnert mich Euer Anblick, Herr Kanzler! O, wäre damals mein Wort beherzigt worden!“ „Meint Ihr, daß es ſo ganz übel ſtehe?“ flüſterte der Kanzler.„Noch iſt ja nichts entſchieden! Wenngleich es, wie ich glaube, auch ſo weit nicht hätte kommen ſollen!“ „Gewiß nicht, gewiß nicht! Niemals durfte es ſo weit kommen!“ entgegnete Rippell ebenſo;„Gott wende das Schlimmſte ab!“ „Ich habe noch Hoffnungen! Unſer Heer iſt ſtark, beſſer gepflegt und gerüſtet als das der Gegner! Prag iſt feſt! Wenn nur Muth und Entſchloſſenheit nicht fehlen, könnte es leicht kommen, daß Maximilian mit ſeinen Kriegern eher verdirbt vor dieſer Stadt, als daß ſein Fuß ſie betritt.— Wißt Ihr etwas Neues vom Lager?“ „Nur daß der Feind dicht nachgerückt iſt, daß ſeine Leute ſich in der Frühe auf den Höhen dem Weißen Berge gegenüber gezeigt haben“, antwortete Rippell. „Man glaubt nicht, daß er einen Angriff wagen werde auf die feſte Stellung unſeres Heeres. Doch ſollen die Ver⸗ ſchanzungen nicht fertig ſein“, bemerkte der Kanzler. 94 Rippell machte eine Bewegung, die ein trauriges„Nein!“ ausdrückte. „Nahe lann die Gefahr nicht drohen, ſonſt wäre der König nicht hier!“ fuhr Wenzel fort.„Iſt er doch bisher beim Heere geweſen, als man noch zu Rackonitz der Schlacht gewärtig war. Und jetzt iſt er ruhig im Schloß. Sogar zur Tafel bin ich heut geladen!“ Rippell ſchwieg tief bekümmert. Es entſtand eine Bewegung in der Kirche, die Blicke wandten ſich ſämmtlich nach einer Richtung. Der König und die Königin erſchienen.*) In ihrem Gefolge viele glän⸗ zende Herren und Damen vom Hofe; auch mehrere engliſche Lords, die immer noch als Abgeſandte König Jakob's I. in Prag waren und großen Einfluß übten. „Dieſe Engländer“, ſagte der Kanzler leiſe zu Rippell, „ſind mir nicht ſehr willkommen. Auch Karlsſtein iſt von Engländern beſetzt! Zum Glück iſt die Krone mit den In⸗ ſignien hier. Ich werde ſie nicht verlaſſen und ſollte ich auf meinem Poſten ſterben!“ Rippell drückte ihm ſtumm die Hand. Indeß hatten der König und die Königin ihre Plätze eingenommen, der Hofſtaat, der ſie begleitete, ſetzte ſich gleichfalls. Scultetus erſchien auf der Kanzel in einem ſchwarzen, weiten Talar. Mit ſelbſtgefälligen Blicken ſchaute er aus ſeinen wohlgenährten, ſtolz behaglichen Zügen ringsum in die gefüllte Kirche. Dann erhob er die Hände und ſprach mit ſalbungsvollem Tone:„Demüthiget euch vor dem Herrn! Groß iſt ſeine Güte und Gnade, doch ſchwer ſein Zorn! So fallet nieder auf eure Knien und bekennt, daß ihr allzu⸗ mal Sünder ſeid vor dem Angeſicht des Ewigen! Sonſt 7 *) Hiſtoriſch. 95 wird ſein Verhängniß euch treffen und ſeine Hand euch ſchlagen!“ Mit dieſen Worten kniete er nieder; der König und die Königin und die ganze Gemeinde folgte ſeinem Beiſpiel. Die ſtumme Andacht war eine erhebende. Als aber der eitle Diener Gottes ſich wiederum in Worten ergoß, die in widerſpiegelnder Selbſtgefälligkeit den Stolz auf ſeine eigene Demuth prunken ließen, da ſchnürte es das einfache, redliche Herz Rippell's zu, und er ſagte leiſe zum Kanzler: „Ich gehe, werther Herr, daheim in meiner ſtillen Klauſe mein Herz zu Gott zu erheben und um ſeine Gnade zu flehen. Wir werden ſie nöthig haben! Lebt wohl! Mich dünkt, Jeder müſſe jetzt ſein Haus beſchicken.“ Er wollte gehen. „Kommt Ihr nicht zur Tafel des Königs?“ fragte der Kanzler und hielt die dargereichte Hand mit warmem Drucke feſt. „Ich habe mich entſchuldigt— ich vermöchte es nicht — in ſolcher Zeit!.... Lebt wohl!“ Er machte ſich los und ging raſch. Eben erhob Scul⸗ tetus wieder ſeine Stimme, aber in ſolchem ſalbungsvollen Eifer, daß es auch den Kanzler mit äußerſtem Widerwillen berührte. Er verließ die Kirche gleichfalls. Es ſchienen Viele dieſe Stimmung zu theilen, denn mit leiſem Schritt, um nicht zu ſtören, folgten immer mehrere der Zuhörer, die ihre Andacht nicht erregt, ſondern verſcheucht fühlten durch den dünkelvollen Redner. Draußen vor der Kirchthür auf dem Platze hatte ſich eine Schaar von Männern und Frauen verſammelt, die mit unheimlich leiſem Geflüſter und Murmeln einander ihre Befürchtungen mittheilten, die ſich in den Geſichtszügen Aller ausdrückten. Budowa war kaum durch ſie hindurch⸗ 1 9 96 geſchritten und befand ſich auf einſamerm Raume des tief ſtillen Platzes, als der dumpfe Donner eines fernen Schuſſes herüber durch die nebelerfüllten Lüfte hallte. Die Schlacht hatte begonnen! Zehntes Capitel. Draußen entrollte ſich das Schlachtgemälde. Im Sturme der Begeiſterung waren die Schaaren Maximilian's der Fahne der heiligen Jungfrau gefolgt. Jetzt mußte der brau⸗ ſende, wilde Strom, wie er aus dem Walde hervorquoll, geleitet und gehemmt werden. Jeder Truppentheil ſam⸗ melte ſich zu ſeiner eigenen Fahne und Standarte; die Hauptleute ließen die Mannſchaften antreten und reihten die Glieder zu geſchloſſenen, dichten Abtheilungen. Herzog Maximilian ſprengte, von Tilly und Verdugo begleitet, am Waldſaum hinunter. Er ritt ein hellbraunes Roß von engliſcher Zucht, ſtolz an Wuchs, leicht gebaut, mit lan⸗ gen, flatternden Mähnen. Tilly ſaß auf ſeinem kleinen Schimmel. Auch Boucquoi hatte ſich jetzt, trotz ſeiner Wunde im Schenkel, zu Pferd geſetzt. Ein ſpaniſcher, hochwüchſiger Apfelſchimmel, ein ſtarkes Roß, trug den vollgebauten ſtatt⸗ lichen Reiter, der die Körperſchmerzen mit der Gewalt des Willens bezwang; ein eiſerner Mann, des Kriegs in jeder ſeiner ſtrengſten Anforderungen gewohnt. Neben ihm ritt auf ſeinem andaluſiſchen ſchwarzen Hengſt Oberſt Balthaſar Verdugo; eine hagere blaſſe Geſtalt. Unter der hohen 1 97 ſchmalen Stirn rollte er ein paar tiefliegende ſchwarze Au⸗ gen; ſein langes verknöchertes Geſicht mit gekrümmter Naſe und ſcharfem Kinn wurde durch einen ſpitzen, eine Hand lang herabhängenden Bart noch verlängert. Auf einer Anhöhe hielt Herzog Maximilian ſein Pferd an. Die Generale und Oberſten ſammelten ſich um ihn. Ein Dorf, Ruſſin, dehnte ſich in der Thaltiefe vor ihnen aus. Dahinter ſtieg das Land etwas ſteiler an zu einigen Vorhöhen, die die äußerſten Ausläufer des Weißen Ber⸗ ges bildeten. Auf der Höhe deſſelben gewahrte man das böhmiſche Heer, das ſich in Schlachtordnung ſtellte. Es war neun Uhr Vormittags; die Nebel hatten ſich meiſt ge⸗ ſenkt, doch einzelne Gewölke lagerten noch in den Schluchten und dampften aus den Waldſtrecken auf, ſodaß ein ganz freier Ueberblick noch nicht zu gewinnen war. „Was meint Ihr, Graf Boucquoi“, begann der Her⸗ zog,„wir laſſen die Leute hier in Fähnlein zuſammen⸗ treten, gehen durch das Dorf und ſtellen uns jenſeit in Schlachtordnung auf. Graf Tilly wird mit den bairiſchen Truppen den linken Flügel einnehmen, Ihr ſelbſt, Graf Boucquoi, den rechten bis auf die Straße nach Eger. Wenn Euer Fußvolk heran iſt, beginnen wir den Angriff gegen die rechte Flanke der Böhmiſchen.“ „Vergebt, Herr Herzog“, antwortete Boucquoi, nach⸗ dem er ſich mit ſcharfen Blicken rings umgeſehen,„ich würde anrathen, daß wir uns hier auf dieſen Abhängen in Schlachtordnung ſtellten und das Dorf vor uns behielten. Den Rücken deckt uns der Wald, unſere Flanken die tiefen Thalſchluchten von beiden Seiten und vor der Front ſichert uns das Dorf. Der Feind kann uns nirgends angreifen.“ „Zur Vertheidigung könnten wir keine beſſere Stel⸗ Rellſtab, Drei Jahre. IV. 1. 53 98 lung wählen, Graf Boucquoi“, entgegnete der Herzog,„allein wir müſſen angreifen! Ihr habt das ja ſchon zugegeben“, ſetzte er, da Boucquoi misbilligend den Kopf ſchüttelte, drängend hinzu. „Nach genauerer Ueberlegung und wie ich jetzt bei hel⸗ lem Tageslicht das Schlachtfeld vor uns ſehe, bin ich der Meinung, daß wir heut noch nicht angreifen“, ſagte Bouc⸗ quoi mit ruhigem Ton.„Die Leute ſind zu ermüdet; Ew. Gnaden Truppen haben ſich kaum zwei Stunden ausgeruht nach dem ſchweren Nachtmarſch, und die meinigen werden keinen Augenblick der Ruhe haben. Wie ſollen ſie, ſo ent⸗ kräftet, jenſeits die ſteilen Höhen ſtürmen, wo der Feind bis an die Zähne verſchanzt iſt?— Wir verlieren die Hälfte unſerer Mannſchaft im Geſchützfeuer und gewinnen nichts!“ „Ihr habt geſehen, Graf, wie feurig unſere Leute zum Kampf anſtürmten!“ „Das iſt der erſte Augenblick, aber ſie brauchen nach⸗ haltige Kraft. Wenn ſie jetzt in halbem Rauſch los⸗ brechen, iſt nachher die Erſchöpfung um ſo größer und die Niederlage gewiß.“ „Wenn wir ſie hier wiederum vierundzwanzig Stunden feſthalten im ſchlimmen Wetter, kaum halbgeſättigt, wird aller Muth niedergeſchlagen!“ rief Maximilian lebhaft. „Der echte Soldat weiß auszudauern“, ſagte Bouc⸗ quoi kalt.. „Nicht übers Maß, nicht über jede menſchliche Kraft hinaus“, entgegnete der Herzog mit ſteigender Ungeduld. „Was meint Ihr, Graf Tilly?“ Der Angeredete zeigte mit der Degenſpitze nach dem feind⸗ lichen Heere hinüber und ſagte kurz:„Angriff!— Für meine Leute ſag' ich gut!“ „Oberſt Verdugo?“ fragte der Herzog. 8 — 99 „Ich muß gegen Euch ſtimmen, Graf Boucquoi“, ant⸗ wortete der Spanier.„Wir werden heut mehr im Vor⸗ theil ſein als morgen. Die Höhen jenſeits ſind nicht ſo gar ſchroff, ſie ſteigen mäßig an; ſo matt ſind unſere Leute nicht, daß ſie dort nicht hinauf könnten. Ich habe ſichere Kund⸗ ſchaft“, dabei ſtrich er ſich den ſchwarzen Bart,„daß die Verſchanzungen Anhalt's ſchlecht ſind und nicht fertig ge⸗ worden.“ „Wißt Ihr das ſo gewiß?“ fragte Boucquoi. „Meinen Degen zum Pfand, Herr Feldmarſchall“, antwortete der Oberſt. „Die Leute werden von den kleinen Bächen dort“, ſagte Boucquoi bedenklich und zeigte mit dem Degen nach der Linken, wo das Thal des Scharkabachs mit ſeinen klei⸗ nen Zuflüſſen ſich einſchneidet,„einen ſteilen Marſch auf⸗ wärts zum Angriff haben.“ „Nicht ſo gar ſteil, Herr Feldmarſchall“, verſicherte Verdugo von neuem;„es ſieht ſo aus von hier, allein ich habe mit Oberſt Wallenſtein ſchon darüber geſprochen, der die Gegend genau kennt. Der Berg ſteigt auch von dort nur allgemach an; Reiter und Fußvolk können in guter Frontbreite hinauf.“ „Nun, ſo möge denn der Angriff dort geſchehen.— Ich werde nicht fehlen“, antwortete Boucquoi mit ſtarker Stimme. „So iſt's recht, wackrer Graf, Ihr ſeid der Unſrige“, rief der Herzog freudig. „Ich überlege ſorgfältig zuvor, höre gute Gründe ruhig an und handle dann raſch und zuverläſſig!“ antwortete Boucquoi.„Um zehn Uhr ſteht meine Schlachtlinie! Ver⸗ laßt Euch darauf, Herr Herzog!“ Mit dieſen Worten gab er ſeinem Hengſte die Sporen; das prächtige, feurige Thier warf den Kopf empor, ſchnaubte 5* ——=—— òJ7—J—Jö8Z8—]ö——8—o—oͤͤͤͤͤͤͤſͤ11⸗⸗ 100 aus den Nüſtern und brauſte durchs Feld, daß die Mäh⸗ nen im Winde flatterten. „Laßt zum Anrücken blaſen“, befahl Maximilian. Das ganze Gefilde vor dem Dorfe, welches ſich vom Waldſaum niederſenkte, war ſchon mit den Gewaffneten er⸗ füllt, die ſich um ihre Fahnen geſammelt hatten. Wie eiſerne Redouten bedeckten die Abtheilungen den Abhang. Der dichte Wald der Piken ſtarrte ſenkrecht auf von den enggeſchloſſenen Vierecken; über den Lanzenſpitzen wehten in der Mitte die Fahnen, ſtolz im Morgenwinde flatternd. Die dicht aneinander geſchloſſenen Männer in Harniſchen und Schienen bildeten eine eherne Mauer ringsum; als die Sonne vorübergehend durch das graue Gewölk brach, leuch⸗ tete es hellblitzend von den Panzern und Helmen wider. Sowie das Schmettern der Trompeten durch das Feld er⸗ ſcholl, gerieth die ſchwarze eiſerne Maſſe in Bewegung gleich einem düſtren Meere, das der Sturm aufwühlt. Auf drei Bahnen ergoß ſich der dunkle Strom gegen das Dorf hinab. Der eine umwallte es links, der andere rechts, der dritte brach mitten hindurch. Herzog Maximilian ſetzte ſich an die Spitze des mittlern, damit er als Oberfeldherr den Blick nach beiden Seiten habe. Tilly führte die Schaa⸗ ren, die ſich links um das Dorf zogen, Boucquoi ordnete auf dem andern Flügel die Reiterei, da ſein Fuſßvolt noch nicht heran war. „Oberſt Verdugol bleibt hjer an meiner Seite“, be⸗ fahl der Herzog,„bis Euer Regiment heranrückt und die kaiſerlichen Truppen ſich auf dem rechten Flügel ordnen. Wer vertritt Euch?“ „Mein älteſter Hauptmann, Graf Zuniga!“ war die Antwort. „Ein Sohn des Miniſters?“ — 101 „Sein Neffe, Ew. herzoglichen Durchlaucht zu dienen. Ein Kriegsmann, wie ſein Oheim Staatsmann; mit dem Schwert, was dieſer mit der Feder iſt.“ „Ein Ruhm iſt des andern werth“, entgegnete Ma⸗ rimilian. Zwei Hauptleute und ein Trompeter folgten dem Herzog und dem Oberſten. „Wo habt Ihr das Deutſche ſo gut gelernt, Herr Oberſt?“ fragte dieſen nach einigen Augenblicken der Herzog. „Wir ſind ja lange genug im Lande“, antwortete dieſer lächelnd.„Auch hab ich's ſchon von Jugend auf gehört; der Deutſche dient ja überall. Ich habe mit Deutſchen in Spanien, in Frankreich und im Venetianiſchen zuſammen gefochten. Und zumal in den Niederlanden iſt ja Alles ſo gut wie deutſch!“ „Dort oben rechts von dem Dorfe rückt ja ſchon eine ganze Colonne Reiter vor?— Wer kann das ſein?“ unter⸗ brach der Herzog den Oberſten. „Es muß der Oberſt Wallenſtein mit ſeinen Kü⸗ raſſieren ſein, Hoheit, denn dort läuft die Straße von Eger, die er decken ſoll“, antwortete Verdugo. „Seine Cavalerie muß Flügel haben, daß er die Be⸗ wegung ſchon ausgeführt hat— es iſt keine halbe Stunde her, daß ihm der Feldmarſchall den Auftrag gab.“ „Graf Albrecht Wallenſtein hat's nicht in der Art, auf ſich warten zu laſſen. Die Kriegsbücher werden ein⸗ mal von ihm zu melden haben, glaube ich“, war Ver⸗ dugo’s Antwort.„Die Welt müßte denn im Frieden blei⸗ ben fortan!“ „Das hat nicht Noth“, verſetzte Maximilian und ſchüt⸗ telte den Kopf.„Aber es muß wahe ſein, ich habe ſehr 102 viel Rühmens von dem Oberſten als Soldat gehört!— Man ſpricht aber auch viel von ſeiner Seltſamkeit!“ „Ein Kopf für ſich. Er ſchickt ſich nicht geſchmeidig in die Welt, weil er merkt, daß ſich die Welt in ihn ſchickt, wenn er's verlangt!“ „Er ſoll ſehr reich ſein?“ fragte der Herzog weiter. „Sie ſagen, halb Böhmen gehöre ihm..... das kann uns einerlei ſein, aber er kennt ganz Böhmen; das nützt uns.“ Unter dieſem Geſpräch hatten ſie das Dorf erreicht. Es war verlaſſen; die Landleute hatten ſich nach Prag geflüchtet. Alle Gehöfte ſtanden leer von Menſchen und von Vieh. Die Soldaten, die hier enger zuſammenrücken mußten, waren zum Theil aus dem Gliede gebrochen und kamen in ein⸗ zelnen Trupps zwiſchen Hecken und Häuſern hervor. Die Hauptleute ereiferten ſich mit Geſchrei, die Ordnung wieder⸗ herzuſtellen. „Ihr ſeht, Herr Herzog“, bemerkte Verdugo und verzog ſein hageres Geſicht zu einem höhniſchen Lächeln, „was uns die Schlachtordnung dieſſeit des Dorfes geholfen hätte. Hier iſt ſchon der Teufel los mit Unordnung. Ich glaube, die Halunken hoffen hier noch Beute zu machen, in dem verlaſſenen Neſt, wo nichts zu finden iſt als morſche Lehmmauern, eingeſchlagene Thüren und Fenſter und häll⸗ offene Strohdächer!“ „Dies Bild des Elends iſt leider das des ganzen Lan⸗ des, das wir durchzogen ſind“, antwortete der Herzog.— „Haltet Ordnung, ihr Leute!— Zu euren Fahnen! Ihr dürft nicht vereinzelt jenſeits vorbrechen!“— rief er einem Trupp zu, der ſich ganz abſondern zu wollen ſchien. Verdugo ritt mit einem Fluch dazwiſchen und ließ ſein langes Schwert um die Köpfe der Lanzenknechte ſauſen. 103 Die Hauptleute donnerten und wetterten auch eifrig hinter⸗ drein; ſo wurden die ſchon Auseinanderweichenden wieder geſammelt. Jenſeit des Dorfes hob ſich das Feld in einigen Ab⸗ ſätzen zu der Höhe des Weißen Berges hinan, wo die Böhmen ſtanden. Als Maximilian mit Verdugo und ſeinem Gefolge die nächſte Anhöhe hinangeſprengt war, ſah er das ganze Ge⸗ filde, auf dem der Kampf, wenn es zur Schlacht kam, ſtattfinden mußte, vor ſich. Kaum zweitauſend Schritte vor ihm lag der Stern, jenes Luſtgehölz, wo König Fried⸗ rich zuerſt von den Bewohnern Prags mit freudigem Will⸗ kommen begrüßt worden war. Nur wenige Tage über Jahresfriſt lagen zwiſchen heut und damals! Sollte der erſte Kampf um den Königsſitz im Hradſchin hier zuerſt beginnen, wo Demjenigen, welcher ihn einnahm, der erſte Jubel erſchoͤllen war? Eine wunderſame Fügung Gottes, die ernſte Gedanken in des Herzogs Bruſt erweckte. „Das iſt der Stern“, ſagte er langſam und hielt den Blick auf das nur noch vom letzten ſpärlichen Herbſtlaub geſchmückte Eichenwäldchen gerichtet.„Das Laub iſt welk, der Wind verweht die Blätter“, dachte er bei ſich.„Die Krone des Waldes— die Königskrone— der Hauch Got⸗ tes weht, und nackt iſt das Reiſig— nackt die Scheitel!“ Es überkam ihn wie ein ſchauernder Anhauch, um das Ge⸗ ſchick Friedrich's, ſeines fürſtlichen Vetters, das er ahnte, das ihn in dieſem Augenblicke ernſt erſchütterte, und das er doch ſelbſt zu vollbringen entſchloſſen war! „Da ſieht es bunt aus“, unterbrach Verdugo, der ſcharf ringsum geſchaut hatte, den Augenblick dieſer ſtillen Be⸗ trachtungen des Herzogs. Dieſer dachte bei dem Worte nur an das bunte Herbſtlaub des Waldes und wollte hinzu⸗ 104 ſetzen:„Aber dennoch düſter“, als ihm beim ſcharfen Hin⸗ blicken deutlich wurde, daß der Oberſt etwas Anderes meinte. Der Wald ſteckte voller Leute! „Ich glaube, ſie haben den Teufel und ſeine Groß⸗ mutter in das Holz eingelegt.— Seht nur, Herr Herzog, jetzt, wo der Sonnenſtreifen den Saum beleuchtet. Das wimmelt ja ganz ſchwarz zwiſchen den Bäumen. Pferde, Menſchen, Fahnen, Standarten. Es liegt Reiterei und Fußvolk dort.“ „Wir müſſen die ganze Linie im Auge behalten“, ant⸗ wortete Maximilian.—„Dort rechts hinauf liegen ihre Schanzen. Eine— zwei— drei!“ „Die wird mein Regiment angreifen müſſen. Das kommt dort zu ſtehen!“ fiel Verdugo ein.—„Graf Tilly iſt eifrig dahinter. Es wird zuerſt in Schlachtordnung ſtehen. Es hat ſeinen Flügel ſchon in Ordnung.“ „Auch die Böhmen ſind in Bewegung!“ ſagte Maxi⸗ milian.„Sie breiten ſich rechts und links aus.“ „Sie füllen die Linien zwiſchen den Schanzen. Ich glaube, daß ſie hinter dem Holze noch einen Rückhalt haben.“ „Obriſtlieutenant La Matta“, rief der Herzog dieſem Führer zu, der eben hinter ihnen ſeine Reiter in die Linien einſchwenken ließ,„rückt mit Euren Dragonern gegen das Gehölz vor und ſucht die Stärke der Mannſchaften, die es beſetzen oder die dahinter liegen, auszukundſchaften.“ La Matta trabte vor.— Unter dem Schutze einer Terrainwelle und eines Nebelgewölkes, das ſich zwiſchen dem Stern und ſeinen Leuten hinzog, konnte er unbemerkt eine ganze Strecke vorwärts reiten. „Was Teufel unternimmt General Tilly?“ fragte Ver⸗ dugo verwundert und zeigte nach dem linken Flügel.„Er 7 105 ſchickt ja ſeine Colonnen vorwärts, als wolle er auf eigene Hand angreifen!“ „Wir ſind einverſtanden“, belehrte der Herzog den Ober⸗ ſten lächelnd, indem er die Bewegung gleichfalls aufmerkſam beobachtete.„Ich traute Boucquoi's Bedenklichkeiten nicht. Graf Tilly ſchlug mir vor, er wolle, ſobald die erſten kai⸗ ſerlichen Regimenter auf die Höhe in die Schlachtordnung einrückten, über den kleinen Fluß dort unten gehen, die Scharka, und den rechten Flügel der Böhmen angreifen, damit Boucquoi gezwungen wird ins Feuer zu rücken!“ „Bei Sanct⸗Jago!“ rief der Spanier aus,„wenn die Böhmen den Krieg verſtehen und den Augenblick nutzen, kann es dem Grafen Tilly ſchlecht bekommen! Und uns dazu! Carraccho!“ „Gewiß nicht, wenn Ihr uns nur nicht ohne Succurs laſſet, Herr Oberſt. Das war's hauptſächlich, weshalb ich Euch bei mir behalten wollte, bis die Bewegung in Gang ſein würde.— Thut jetzt Euer Möglichſtes! In Eurer Hand liegt es, die Schlacht zu gewinnen und zu verlieren. Tilly ſprengt das Thor der Stellung, Ihr müßt eindringen und ſie nehmen!“ 1 „So iſt's die höchſte Zeit, daß unſer rechter Flügel in Ordnung kommt“, rief der Oberſt. „Die Zeit, wo er verſprochen hat in Schlachtordnung zu ſein, iſt da!“ „Dann hält Graf Boucquoi von Longueval Wort“, ſagte Verdugo nachdrücklich.—„Dort rückt auch ſein Fuß⸗ volk ſchon an, jenſeit des Dorfes, auf der Höhe rechts! Drei Colonnenſpitzen werden ſichtbar!“ Er zeigte mit dem Schwert hinüber. Sein Falkenauge hatte entdeckt, was der Herzog noch nicht klar unterſchied. Es waren die dünnen Linien der Fahnen und der erſten Lanzen, die ſich über den 5* 106 Saum der Anhöhe erhoben. Wenige Augenblicke ſpäter, da die Truppen höher hinaufkamen, nahm auch der Herzog ſie wahr. „Die erſte Spitze muß das Regiment Teuffel ſein, die zweite meins, und die dritte Regiment Fugger!“ Ein Wald von Piken ſtieg jetzt über dem Kamm der Höhe auf; bald zeigten ſich auch die Helme, dann auch die Leute in voller Geſtalt. „Nun iſt meines Bleibens hier länger nicht, Herr Her⸗ zog“, ſagte der Oberſt.„Jetzt werde ich dort drüben noth⸗ wendig!“ „Freilich, freilich! Reitet, Oberſt Verdugo! Drängt den Feldmarſchall, daß er uns mit Nachdruck zu Hülfe eile!“ „Er wird giftig ſein! Bei Sanct⸗Jago!“ antwortete Ver⸗ dugo mit ſatiriſchem Verziehen der Lippen und ſtrich ſich den Spitzbart.„Er hat nicht Unrecht, die Bewegung iſt teufelmäßig gewagt! Aber nun muß er hinterdrein oder wir ſind Alle verloren!“ „Gebt ihm die Sporen, Oberſt!“ rief der Herzog dem Hinwegreitenden nach. „Wie meinem Rappen, C(arraccho“, rief dieſer und ſetzte dem Gaul beide Sporen ein.— Der ſchwarze Reiter jagte über das Feld, als ob der Schwarze ſelbſt im Sturme dahinbrauſe. Herzog Maximilian ritt mit ſeinem Gefolge die Schlacht⸗ ordnung entlang nach dem linken Flügel. Die Truppen waren ſchon faſt alle in die ihnen angewieſenen Linien ge⸗ rückt. Sie ſtanden in drei Treffen, das Fußvolk abwech⸗ ſelnd mit den Reitern. Graf Tilly ſprengte dem Herzog entgegen. „Nun ſcheint mir's Zeit, Herr Herzog“, ſagte er, in⸗ dem er mit geſenkter Degenſpitze vor Maximilian hielt. 107 „Den Oberſten Anhold habe ich erſt mit dem Vortrab über die Brücke geſchickt. Jetzt will ich ihm den Oberſten Floreville mit tauſend Mann nachſenden, damit der Feld⸗ marſchall ſieht, daß es uns hier Ernſt iſt.— Dann muß aber die Bewegung mit dem Fußvolk nachdrücklich unter⸗ ſtützt werden und zugleich das Geſchütz ſpielen.“ „Ihr ſeid raſch verfahren, Generallieutenant“, bemerkte der Herzog,„Graf Boucquoi iſt noch nicht voll in die Linie gerückt.“ „Er hat genug Leute vorwärts! Das Geſchütz und auch ſchon Infanterie. Die Regimenter Tieffenbach und Breuner ſind die nächſten zum Vorrücken. Damit muß er meine Leute unterſtützen, Verdugo mit ſeinem Regi⸗ ment und Regiment Boucquoi müſſen zum Succurs die⸗ nen, wenn wir gedrängt werden. Thun dieſe ihre Schuldig⸗ keit, ſo ſind die beiden Hauptſchanzen um Mittag mein und die Böhmen auf die Stadt zurückgeworfen!“ „Hauptmann von Arco!“ rief der Herzog,„bringt Befehl an den Feldmarſchall Grafen Boucquoi, daß er, ſobald der linke Flügel dort über die Brücke gezogen iſt und gegen die Anhöhe rückt, die Regimenter Tieffenbach und Breuner auf der Stelle dazuſtoßen laſſe!“ Der Hauptmann jagte die Linie hinunter. Der Herzog und Tilly ritten miteinander weiter auf eine Anhöhe vor der 4 Linie, die die ganze Schlachtordnung überſehen ließ. Wäh⸗ rend deſſen rückte Oberſt Floreville mit ſeiner Colonne ins Thal der Scharka hinab über die Brücke des Flüßchens. Der Hauptmann Graf Arco brachte Boucquoi den Be⸗ fehl des Herzogs. Der Feldmarſchall ſah ihn an, als wolle er ihn mit den Augen durchbohren. „Das iſt Teufelstücke und wider die Abrede, Herr!“ ſchrie er den Hauptmann an.„Ich habe verſprochen, um zehn Uhr in Schlachtordnung zu ſtehen, und da ſtehe ich; nicht aber vor der Zeit verrückte Manöver zu unterſtützen. Will der Graf Tilly den Böhmen ſeine Handvoll Leute in den Rachen werfen, ſo mag er's thun! Ich werde die mei⸗ nigen nicht nachwerfen. Ehe wir heran ſein können, iſt er in die Pfanne gehauen mit ſeiner Handvoll Reitern, oder der Fürſt Anhalt verdient den Galgen!— Reitet zurück und ſagt das dem Herrn Herzog!— Ich bin für meines Kaiſers Heer verantwortlich!“ Der Hauptmann verweilte unſchlüſſig. Verdugo, der ſechs Schritte davon hielt, ſprengte zu Boucquoi vor und ſagte ihm einige leiſe Worte in fremder Sprache. „So? Meint Ihr, Herr Oberſt?“ fuhr Boucquoi ihn zornig an.„Reitet zum Teufel, Herr Hauptmann!“ Verdugo ſprach noch einmal leiſe, aber ſichtlich dringend zum Feldmarſchall und zeigte dabei auf die Bewegungen des linken Flügels. „Wer führt den Befehl? Ihr oder ich?“ rief Bouc⸗ quoi heftig.„Graf Tilly oder ich?“ „Der Herr Herzog“, bemerkte Verdugo gemeſſen, aber mit freieſter Feſtigkeit.. „Ihr ſeid auch im Complot, Oberſt Verdugo!“ brach Boucquoi aus.„Die Mönche machen Euch toll! Ich bin mit meiner Ehre für die Schlacht verantwortlich!— Der Angriff iſt gegen den Beſchluß im Kriegsrath! Vertrete ihn wer will— ich nicht! Die Schlacht iſt ſchon halb ver⸗ loren!“ „Ja“, rief Verdugo,„aber ſie iſt ganz verloren, wenn wir den Generallieutenant ohne Unterſtützung laſſen!“ „Ins Teufels Namen denn, ſo will ich Oberſt Tieffen⸗ bach und Breuner vorrücken laſſen! Reitet zurück, Haupt⸗ 109 mann! Meldet dem Herrn Herzog, ich werde ſeinen Be⸗ fehl vollziehen laſſen. Aber die Verantwortung auf ſein Haupt!“ Graf Arco jagte auf ſchäumendem Pferde zurück. Elftes Capitel. . 1 4 Fürſt Chriſtian von Anhalt hielt, umgeben von ſei⸗ nen Feldherren, den Grafen Hohenlohe, Thurn, Schlick, Hollach, Solms und vielen Oberſten, nebſt einem Gefolge von Adjutanten und Ordonnanzreitern auf einer der Vor⸗ höhen des Weißen Berges. Sie beobachteten das feindliche Heer, wie es aus und neben dem Dorfe hervor auf der Senkung vor demſelben in Schlachtordnung rückte. „Ich bin noch im Zweifel darüber, was dieſe Bewe⸗ gungen bedeuten ſollen“, ſprach der Fürſt zum Grafen Hohen⸗ lohe, ihm der Nächſte im Commando.„Wollen ſie gegen uns anrücken? Oder meinen ſie, daß wir ſie angreifen werden!“ „Daß wir thöricht wären, von dieſer Höhe ins Thal zu rücken?“ antwortete der Graf.„Uns aber werden ſie auch nicht angreifen; unſere Stellung iſt zu ſicher! Zu⸗ verläſſig wollen ſie uns nur herauslocken!“ „Wenn unſere Verſchanzungen fertig geworden wären, könnten wir hier den Angriff wol ruhig abwarten“, be⸗ merkte Anhalt ſorglich. „Wie?“ rief Hohenlohe.„Fünf Schanzen mit den 110 beiden Flügelredouten für das ſchwere Geſchütz! Ich ſollte meinen, das wäre ausreichend für unſere Front!“ „Ich muß den Thiergarten noch ſtärker beſetzen laſſen; es ſcheint, daß die Baiern ſich dorthin ziehen“, ſagte An⸗ halt, nachdem er einige Minuten die Bewegungen des Fein⸗ des beobachtet hatte. „Graf Solms“, redete er dieſen Führer an,„laßt ſofort den Grafen Stirum und die Hauptleute Hof⸗ kirchen, Iſſelſtein und Borſeda aus dem dritten Treffen an die Weſtſeite des Sterns rücken. Sie ſollen ſich den Regimentern Herzog von Weimar und Hohenlohe an⸗ ſchließen.“ Der Graf ſprengte ſogleich fort, um den Befehl aus⸗ zuführen.— Graf Hohenlohe lächelte. Er war der An⸗ ſicht, daß der Feind einen Angriff auf den Stern am we⸗ nigſten wagen werde. „Lieber Graf Thurn!“ wandte ſich der Fürſt Anhalt zu dieſem, welcher ernſten Angeſichts einige Schritte von ihm hielt, und ritt etwas ſeitwärts mit ihm.„Ich traue den Ungarn nicht“, begann er halblaut;„ſelbſt nicht dort hinten im dritten Treffen!“ „Ew. Liebden Beſorgniß iſt gewiß völlig gegründet“, antwortete Thurn.„Sie ſind unzuverläſſig. Seit dem Gefecht von vorgeſtern ſind ſie auch verzagt. Beobachten Ew. Liebden nur, wo ſie jetzt halten. Sie ſind wol noch dreihundert Schritte weiter rückwärts und ſeitwärts gegan⸗ gen, als ſie angewieſen waren. Weit davon iſt freilich gut vorm Schuß!“ „Es ſcheint ſo! Auf einen Angriff durch ſie wäre alſo gar nicht zu zählen!“ „Wenn es nicht Beute zu machen gilt!“ ſprach Thurn achſelzuckend. 111 „Eben dieſe ihre Habgier macht mir Sorge. Sie möch⸗ ten den geringſten Anlaß wahrnehmen, um zu plündern!“ „Das traue ich ihnen auch zu“, antwortete der Graf. „Und die meiſten Führer ſind noch raubgieriger als ihre Leute ſelbſt. Wer weiß, weshalb Bornemiſſa krank in Prag liegt! Allen ihren Oberſten, dem Kokatz, Iſtuan, Fecketi, Peter Chousky— ich traue Keinem. Nur Mon⸗ guy und Homat Januski ſind tapfre Männer.“ „So iſt es!“ rief Anhalt.„Sollten wir, was Gott verhüte, uns auf die Stadt zurückziehen müſſen, wir hät⸗ ten von dieſen Bundesgenoſſen vielleicht mehr zu fürchten als zu hoffen.“ „Wir— und vielleicht noch mehr Prag!“ ſprach Thurn mit Nachdruck. „Ich habe deshalb ein Commando für Euch ausgeſucht, lieber Thurn“, fuhr der Fürſt mit etwas zögerndem Tone fort,„das kein Anderer ſo erfüllen kann wie Ihr. Ihr müßt den Befehl über die Truppen in der Stadt und die Beſatzung des Hradſchin übernehmen.“ Thurn ſah ihn mit betroffenem Staunen an. „Ihr wißt, der Geſinnung da drinnen iſt wenig zu trauen“, ſprach der Fürſt eindringlich, aber faſt mit dem Tone der Bitte.„Es bedarf des zuverläſſigſten Führers, um Zucht und Ordnung zu erhalten!“ Thurn ſah die Wahrheit der Worte ein, doch der Be⸗ fehl traf ihn bitter. „Ew. Durchlaucht fordern von mir, daß ich an der Schlacht nicht theilnehme?“ fragte er mit ſchmerzlichem Tone. „Wenn ſie uns nicht angreifen, iſt ſie noch nicht ge⸗ wiß“, antwortete Fürſt Anhalt.„Und nicht ich, Graf Thurn, Euer Vaterland fordert dieſes Opfer“, fügte er mit 112 Wärme und tiefem Ernſt hinzu.„Ihr könnt die Haupt⸗ ſtadt vor einem furchtbaren Geſchick bewahren und—— den König ſchützen!“ „Ich werde gehorchen“, erwiderte Thurn nach einem Augenblick ſchwerer Selbſtüberwindung. Er hatte Böhmen in dieſen Kampf geführt, er hatte zweimal als Oberfeldherr die Hauptſtadt des Gegners be⸗ droht!— Jetzt ſollte eine Schlacht das Geſchick ſeines Vaterlandes entſcheiden— er hatte das nächſte Recht auf den Ruhm des Sieges— und er ſollte den Kampf nicht einmal theilen! Fürſt Anhalt fühlte, was es ihn koſten müſſe, den Auf⸗ trag zu erfüllen.„Thurn!“ ſagte er bewegt und drückte ihm die Hand,„Euer Vaterland wird es Euch dereinſt danken, was Ihr jetzt dafür thut!“ „Ich könnte mehr thun“— dachte er; doch er ſchwieg. „Ew. Durchlaucht“, begann er nach einer ernſten Pauſe, „meinten, ich hätte des Königs Haupt zu ſchützen. Se. Ma⸗ jeſtät wird nicht beim Heere erſcheinen?“ „Der König glaubt noch nicht an den Angriff. Er hat mir ſagen laſſen— er werde nach Tiſche heraus⸗ kommen!“*) 3 „Nach Tiſche!“ wiederholte Thurn und ein bittres Lächeln verzog ſeine Lippen. Dann ſagte er gemeſſen: „Ich werde Ew. Durchlaucht Befehle erfüllen“, grüßte und wandte ſein Pferd kurz um, der Stadt zu. Anhalt blickte ihm theilnehmend und voll dunkler Ah⸗ nung nach. Er fühlte, daß Menſchen und Geſchick un⸗ dankbar gegen Thurn waren... oder daß dort oben eine *) Hiſtoriſch. 113 harte Vergeltung geübt wurde! Auch konnte der Fürſt ſich des Bewußtſeins nicht entſchlagen:„Thurn wäre berech⸗ tigt an deiner Stelle zu ſtehen.“ Allein dieſer Erkenntniß geſellte ſich ihm nicht die Kraft, ihr gemäß zu handeln. Graf Thurn ritt an dem etwas weiter rückwärts hal⸗ tenden Trupp vorüber, den die Ordonnanzoffiziere und das andre Gefolge der höhern Befehlshaber bildeten. Er winkte ſeinen Dienern; ſie ſchloſſen ſich ihm in einiger Ferne an. Voll ſchwerer Gedanken ritt er vor ſich hin:„Die Stunde iſt da, wo Böhmens Los geworfen wird— wie wird der Würfel fallen?“ Seine Ahnungen ſagten ihm nichts Freu⸗ diges über den Ausgang der Schlacht.„Wenn Mansfeld meine Botſchaft empfangen hat, wenn er ihr nachkommt oder aus ſich ſelbſt ſo handelt! Er muß es ja, falls er die wahre Lage der Dinge kennt! Dann freilich.... wenn wir das Heer Maximilian's zwiſchen zwei Feuer nehmen.... dann freilich kann Böhmens Stern noch leuchten!— Und auch ſo! Iſt die Schlacht denn entſchieden? Können wir ſie nicht ohne ihn gewinnen? Wir können es....“ ſagte ihm ſein Wunſch, doch ſein Glaube wollte nicht das Ja dazu ſprechen! In dieſen Betrachtungen hörte er nicht den Galopp eines nachſprengenden Reiters; doch plötzlich ſchlug der Ruf „Bater“ an ſein Ohr, und ſeine ganze Seele erbebte in einem ſüß ſchmerzlichen Zucken.* „Vater, wohin?“ rief ihm Heinrich Thurn zu, der, als er ihn gegen die Stadt zu reiten ſah, von einer dunk⸗ len Vermuthung getrieben, ihm nachgeſprengt war. „Heinrich!“ wandte Thurn ſich um, hielt ſein Pferd an und reichte dem Sohne die Hand dar. Er blickte ihn lange mit Vateraugen an; ſein Blick wurde feucht.„Ich bin zum Commandanten des Hradſchin ernannt“, ſprach er 114 langſam;„ich erfülle meine Pflicht; erfülle du die deine. Schlage dich wie....“ „Wie ein Graf Thurn!“ rief der Jüngling feurig und hing am Halſe des Vaters. Es war eine lange, heiße Umarmung.— Sie trennten ſich ſchmerzlich.— Ach! Daß ihr Wiederſehen ſchmerzlicher ſein ſollte!—— Fürſt Anhalt war indeſſen zu den Oberſten zurück⸗ geritten. Er überſah ſeine Schlachtordnung noch einmal. „Graf Schlick“, winkte er dieſen zu ſich heran.„Dürft Ihr auch Eurer Mannſchaft vertrauen?“ „Wie mir ſelbſt. Die Mähren führen den Adler im Wappen; er wird dem böhmiſchen Löwen nichts nachgeben.“ „An Euren linken Flügel ſtößt Graf Heinrich Thurn's Regiment. Auch das iſt zuverläſſig“, ſagte der Fürſt.„So laßt noch die ſechs Cornet des Oberſten Stieffen auf Eurem rechten Flügel ins dritte Treffen abrücken. Der Oberſt ſoll“, fuhr er, leiſer ſprechend, fort,„ein Auge auf die Ungarn haben, denen ich nicht feſt vertrauen kann. Dann ſtehen außer dem Fußvolk zwölf Cornet im Hintertreffen; ſechs Bubna und die ſechs Stieffen. Das wird die Ungarn feſthalten.“ Graf Schlick beeilte ſich, den Auftrag zu vollziehen. „Es dünkt mich doch, Graf Hohenlohe“, äußerte der Fürſt Chriſtian ſich wiederum zu dieſem,„daß der Feind auf ernſtlichen Angriff denkt. Seht nur, er entwickelt ſich ganz vollſtändig. Nur der rechte Flügel iſt noch lücken⸗ haft. Das muß die Stelle ſein, nach dem Berichte des Hauptmanns Nechodom, wo Boucquoi wahrſcheinlich ein⸗ rückt. Denn nur er war noch zurück.“ „Möglich!“ warf Hohenlohe hin. „Was meint Ihr, Graf Hohenlohe“, wandte ſich der Fürſt wieder zu ihm,„ich würde es doch für gut halten, jetzt 115 einen Angriff zu machen. Der Feind i*ſt getheilt, Boucquoi ſcheint noch nicht heran, und wenn er kommt, werden ſeine Leute übermüdet ſein. Wir haben es nur mit der halben Macht zu thun!“ „Um des Himmels Willen, nein“, beſchwor ihn Graf Hohenlohe.„Sollen wir ins Thal hinunter? Hier ſtehen wir wie in einer Bergfeſtung! Will Ew. Liebden das ganze Heer, das Schickſal Böhmens, die Krone Sr. Majeſtät auf einen zweifelhaften Wurf ſetzen? In alle Ewigkeit möchte ich ſolche Verantwortung nicht auf mein Haupt laden!“ Fürſt Anhalt widerſprach. Sie geriethen in lebhaften Streit. Man ſah von weitem ihre heftigen Bewegungen. Graf Heinrich Thurn, der indeß zu den Führern zurück⸗ geſprengt war, hielt an des jungen Prinzen Anhalt Seite. „Sieh nur, ſieh“, flüſterte dieſer ihm zu,„wie ſie ſich drüben aufſtellen! Wenn ich jetzt dürfte! Wie ein Berg⸗ ſtrom wollten wir von hier oben über ſie hereinbrechen!“ „Nur Geduld! Wir kommen zum Kampf! Sei ver⸗ ſichert!“ beſchwichtigte Thurn den auflodernden Muth ſeines Freundes, der jenſeit des Siegesfeldes noch einen köſtlichern Preis ſchimmern ſah als den Lorber ſelbſt. Die beiden Oberfeldherren kehrten jetzt zu den andern Führern zurück. Sie beriethen ſich insgeſammt nochmals. Inzwiſchen gingen neue Bewegungen bei den Gegnern vor. Als Fürſt Anhalt ihre Schlachtlinie nochmals über⸗ flog, war das Fußvolk Boucquoi’s ſoeben eingetroffen, und er ſah, wie es über der Saumlinie des Horizonts ſichtbar wurde. „Der günſtigſte Augenblick iſt verſäumt“, murmelte er unwillig vor ſich hin.„O wäre der König ſelbſt hier!“ dachte er.„Er hätte entſchieden und zuverläſſig für mich.“— Allein Fürſt Anhalt hatte nicht Entſchiedenheit genug, etwas ganz gegen Hohenlohe's Anſicht, dem der König unbeding⸗ tes Vertrauen ſchenkte, auszuführen und die Verantwortung allein auf ſich zu nehmen. Graf Schlick, der ſeinen Auftrag für die Anordnung des Hintertreffens vollführt hatte, kehrte jetzt wieder zurück.— Tilly bereitete jetzt auf dem rechten Flügel der Baiern ſeine Bewegungen vor. Sie nahmen die ganze Aufmerk⸗ ſamkeit der böhmiſchen Führer in Anſpruch. „Das kann nur eine Recognoscirung ſein“, rief Schlick. „Sie wären ja ganz abgeſchnitten dieſſeit des Fluſſes!“ „Da bewegt ſich eine ſtärkere Abtheilung nach der Brücke zu!“ machte der Fürſt aufmerkſam und zeigte auf die Mann⸗ ſchaften des Oberſten Floreville, die ſich ſchon der Scharka näherten. Alle verfolgten dieſe Bewegungen mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit. 1 „Sie wollen den Stern in die Flanke nehmen!“ meinte der erfahrene Anhalt.—„Seht da! Es rückt auch Fuß⸗ volk an. Beim Himmel, ich glaube ſie gehen mit der Hälfte des ganzen Flügels über den Fluß. Graf Hohenlohe!“ rief der Fürſt jetzt mit Heftigkeit.„Wollt Ihr nun glauben, daß ſie angreifen?— Wer hat nun Recht?— Und wenn ihr Alle gegen mich ſtimmtet! Jetzt, auf meinen Kopf die Gefahr! Die Schlacht muß anfangen!“ Graf Hohenlohe vermochte dieſen Bewegungen des Feindes gegenüber nichts mehr zu erwidern.— Die Be⸗ fehlshaber ſprengten zu ihren Abtheilungen zurück. „Sie ſind uns ſchußrecht.— Die ſchweren Stücke auf den Flügeln ſollen Feuer geben!“ befahl Fürſt Anhalt. Zwei Adjutanten flogen nach beiden Flügeln. Drei Minuten ſpäter donnerten die erſten Geſchützlagen. Die Kugeln ſchlugen vor den feindlichen Truppenmaſſen 117 in das Erdreich, wühlten ſpritzend den Boden auf und ſetzten noch mehrmals auf. Die Leute ſtutzten und ge⸗ riethen in eine augenblickliche Schwankung, doch war nicht mit Sicherheit zu ſehen, ob die Schüſſe nur Schrecken oder auch wirklichen Schaden verurſacht hatten. Der Wind wälzte den Rauch quer vor die Linien. Die Stücke wurden noch einige male abgefeuert. Da krachte es auch jenſeits und Ku⸗ geln ſauſten herüber.— Die Oberſten hielten jetzt bei ihren Regimentern. Nur Fürſt Chriſtian mit einigen Adjutan⸗ ten, ſeinem Edelknaben Fritz Keydell, der gebeten hatte, ihn in die Schlacht begleiten zu dürfen, und Graf Hohen⸗ lohe waren ſeitwärts vom rechten Flügel, gegen den Stern hin, auf eine Anhöhe geſprengt, von wo ſie das ganze Schlachtfeld überblickten. „Unſere Kugeln treffen ſchlecht! Die drüben nehmen uns beſſer aufs Korn!“ bemerkte der Fürſt unwillig zu Hohenlohe. Er hatte kaum dieſes Wort geſprochen, als zwiſchen ihnen Beiden eine ſchwere Stückkugel hindurchſauſte und etwa zweihundert Schritte hinter ihnen in Hauptmann Borſeda's Reiter einſchlug und einige Pferde niederwarf. „Hauptmann Wonßheimb“, befahl Anhalt,„reitet auf den linken Flügel bis an die Redoute. Sie ſollen nachdrücklicher feuern. Ich muß die Linien locker machen!“ Der Angerufene jagte fort; doch er hatte nicht funfzig Schritte zurückgelegt, als er, von einer Stückkugel getroffen, ſammt dem Pferde zu Boden ſtürzte. Zwei Ordonnanzreiter aus dem Gefolge des Herzogs und der Edelknabe jagten auf den Geſtürzten zu. Dieſer wand ſich ſchon unter dem Pferde hervor. Nur das Thier war getödtet, er ſelbſt unverletzt. Dem Gaul hatte die Kugel die ganze Bruſt weggeriſſen. „Gott ſei Dank, Wonßheimb lebt!“ ſagte der Fürſt; — 118 „aber er hat kein Pferd mehr. Vollführt Ihr meinen Auftrag, Hauptmann Gemmingen!“ Dieſer ſprengte geſtreckten Laufs die Linie hinunter. „Ihr Feuer iſt wirkſam“, bemerkte Hohenlohe, da die Stückkugeln dichter und raſcher aufeinander folgten. „Sie müſſen beſſer ſehen können als wir. Uns hin⸗ dert der verwünſchte Pulverdampf zu ſehr“, verſetzte An⸗ halt.„Der Wind iſt uns nachtheilig.“ Doch jetzt ſchlugen auch etliche ſchwere Kugeln der Böh⸗ men mitten in die Maſſen der von Tilly über die Brücke geſandten Reiter, denen ſich auch eine Abtheilung zu Fuß angeſchloſſen hatte. „Vom Abhang dort rücken wieder Mannſchaften vor“, machte Fürſt Chriſtian den Grafen Hohenlohe aufmerkſam. „Sie wollen die drunten verſtärken. Es ſind wenigſtens zwei volle Regimenter!“ „Das könnten Boucquoi's Leute ſein“, meinte Hohenlehe. „Sei es wer da wolle“, antwortete der Fürſt.„Jetzt kann ich das Zögern nicht länger verantworten. Jetzt muß ich hier angreifen laſſen! Ich kann nicht warten, bis ſie die ganze Macht bequem beiſammen haben.“ „Bedenken Ew. Liebden, was Sie thun“, fiel Hohen⸗ lohe ein.„Wenn der Feind hier gegen uns hinauf will, muß er von unſeren Stückkugeln halb aufgerieben werden, bevor er die Höhe erreicht; und hier oben empfangen wir ihn mit der ganzen Maſſe. Wenn Ew. Liebden vorrücken laſſen, kann unſere ganze Stellung verloren gehen. We⸗ nigſtens fürchte ich Alles für die Angreifer!“ „Nun, wenn Euch für dieſe die Gefahr ſo groß ſcheint“, erwiderte der Fürſt entſchloſſen,„ſo ſoll mein eigener Sohn die Feuerprobe beſtehen und ſeine Sporen verdienen.“ 119 Zwölftes Capitel. Mit dieſem Wort jagte der Fürſt die Linie hinunter bis dahin, wo der Prinz Chriſtian an der Spitze ſeiner fünfhundert Reiter hielt und voll brennender Ungeduld des Augenblicks harrte, wo der Kampf mit dem Schwert ent⸗ brennen ſollte. „Prinz Anhalt!“ rief er ihm ſchon von weitem zu. Der junge Held ſprengte ſeinem Vater und Feldherrn mit geſenktem Schwert entgegen. „Sobald die dritte Salve aus den Stücken des rechten Flügels abgefeuert iſt, werdet Ihr im Sturmritt gegen die Abtheilung des Feindes anſprengen, die ſich hier unten vor der Brücke ſammelt, und ſie zurückwerfen!“ Des Prinzen Auge flammte. Nur die eherne Feſſel des Dienſtes hielt ihn zurück, daß er ſich nicht vor Freude dem Vater an die Bruſt warf. Die Geſchütze auf dem Flügel krachten. „Das war die erſte Salve“, bemerkte der Fürſt. „Sowie die dritte gelöſt iſt, und die Kugeln Unordnung und Schrecken in den Feind geworfen haben, greifſt du an.“ Er war mit den letzten Worten, mit dem vertrauten Du, aus dem Ton des Befehlshabers in den des Vaters über⸗ gegangen. Eine tiefe Bewegung ergriff die Bruſt des alten Kriegers. Es war die erſte Waffenthat, und welch eine entſcheidende, die ſein erſtgeborner Sohn vollführen ſollte. „Chriſtian!“ ſagte er mit bewegter Stimme und faßte die Hand des Sohnes.„Dir wird der Ruhm die Schlacht zu eröffnen— vielleicht zu entſcheiden! Gedenke deines Namens!“ 120 „Vater“, rief der Jüngling feurig.„Jeder Tropfen meines Blutes ſoll dir dankbar ſein, mein ganzes Leben hindurch, für dieſen Augenblick!“ Und ſeine Wange glühte, und ſein Auge warf Blitze. Er flog auf ſeinen Poſten. Der Fürſt ritt die Front des Regiments weiter ab⸗ wärts; er winkte Xaver, der jetzt in Uniform, dem Regi⸗ ment des Prinzen zugetheilt, bei dem zweiten Cornet hielt. „Hauptmann Nechodom— das Regiment wird den erſten Angriff machen.— Habt im Handgemenge ein Auge auf meinen Sohn“, ſagte der Vater im bewegten Ton. Xaver verſtand wie es gemeint war. Die zweite Salve donnerte. Prinz Anhalt winkte ſeinem Standartenträger.„Bleibt mir hart zur Seite!“ Er ſprengte auf dem feurigen Roß, das er von Heinrich Thurn eingetauſcht, einige Schritte vor und wandte ſich zu ſeinen Reitern um. „Beim erſten Schuß dort oben“, rief er und deutete mit dem Degen nach den Stücken auf dem Flügel,„mir nach, wie der Sturm!“ Allen zuckte es kampfmuthig durch das Herz. Der Donner krachte auf der Höhe.„Vorwärts!“ rief der jugendliche Held, und ſein Roß brauſte hinunter. Die Trompeten ſchmetterten, die Standarten flatterten, der Boden dröhnte unter den Hufen, ein ſurhthares Feldgeſchrei theilte die Lüfte. Beſonnen mitten im Feuerdrang warf der Prinz ſein Pferd auf den Flügel des Regiments, und die Maſſen brauſten geſchloſſen heran, einem Bergſturz gleich, der einen Strom von Felſentrümmern donnernd ins Thal rollt. Bevor die feindlichen Reiter ſich entgegenwerfen konn⸗ ten, war der Prinz heran, und der Kühnſte unter den Kühnen ſpornte er ſein Pferd zwiſchen die feſtgeſchloſſenen 121 Reihen der Gegner hinein, und traf mit erſtem Schwert⸗ ſchlag einen Standartenträger, daß der Reiter ſammt dem Feldzeichen ſtürzte. Des Soldaten Glück heftet ſich an die Fahne, ſein Muth hebt ſich und fällt mit ihr. Beſtürzung ergriff die kriegs⸗ gewohnten Schaaren; ſie ſtutzten unſicher. Der Prinz mit ſeinen Tapferen ſtürmte vorwärts, die dichten Maſſen wur⸗ den geſprengt, die Verwirrung wuchs, Einer ſtürzte über den Andern, das Ganze ſchwankte. „Mir nach!“ rief der Jüngling vom erſten Schwung des Sieges begeiſtert, und warf ſich mitten in den eiſernen Haufen. Xaver bewachte ihn mit ſeinen Blicken, er ſtürmte mit geſchwungenem Schwerte nach, ihm in der rings drohen⸗ den Gefahr zur Seite zu ſein. Allein wohin der blühende Jüngling, dem das Haar lockig unter dem Helm hervor⸗ wallte, ſich wandte, war es, als ob ein Cherub mit dem leuchtenden Schwerte erſchiene, und blinder Schrecken riß die erzgerüſteten Krieger in wirbelnde Flucht. „Mir nach! Mir nach!“ rief Prinz Chriſtian immer neu anfeuernd, und wandte das glühende Antlitz zurück zu den Seinigen. Xaver blieb ihm Bügel an Bügel zur Linken, um die unbewahrteſte Seite des Reiters zu decken. In wenigen Minuten war die ganze feindliche Reiter⸗ maſſe zur Flucht gewandt. Sie warf ſich auf das Fuß⸗ volk, das ihr zur Unterſtützung herangerückt war; die Pferde drängten ſich in die Partiſanen der eigenen Hülfs⸗ völker.— Oberſt Tiefenbach ſteuerte vergeblich der Verwirrung. „Werft euch in die Flanke der Küraſſiere“, rief er ſeiner Compagnie zu, und machte eine Bewegung zur Rech⸗ ten, um in die linke Flanke der Reiter des Prinzen einzu⸗ brechen. Dieſer gewahrte die Abſicht, und warf ſich mit Rellſtab, Drei Jahre. IV. 1.. 6 dem brauſenden Strom ſeiner Mannſchaften auf das Fuß⸗ volk. Ein Wald von Piken ſtarrte ihnen entgegen. Dem Hengſt des Prinzen fuhr eine Lanzenſpitze in die Bruſt; er bäumte ſich hoch auf; der Jüngling ſaß feſt im Sattel, beugte ſich vorwärts, drückte die Laſt des Thieres nieder, gab ihm zwiefach die Sporen, und ſprengte mit einem un⸗ geheuren Bogenſatz mitten in die Lanzenknechte. Kaver blieb hart an ihm. Die Schwerter Beider mähten zur Rechten und zur Linken. Ein furchtbares Kampfgetöſe brauſte um ſie her; mit wildem Geſchrei drängte das Fuß⸗ volk heran; mit wilderem warfen ſich Anhalts Reiter in die gedrängten Maſſen. Ihrem eiſernen Strom widerſtand nichts. Plötzlich ergriff Entmuthigung auch die Lanzen⸗ knechte, und ſie wandten ſich zur Flucht.— Wie ſie nach allen Seiten auseinander ſtoben, öffnete ſich dem Angriff eine freiere Bahn. Aber ſchon war ſie abermals geſperrt, durch eine neue wandelnde Eiſenmauer. Oberſt Breuner rückte in dicht geſchloſſenem Viereck mit ſeinem Regiment in die Lücke ein. Die Fahnen wehten hoch, die Piken ſtarrten aufwärts. Denn die Musketiere mit den ſchweren Büchſen bildeten die Vorderglieder. Der Oberſt hielt zwiſchen ihnen. 2 „Feuer“, erſcholl ſein Commando; die Hakenſchützen legten die Lunten an, und hundert Donnerſchläge und Feuerblitze kreuzten die Lüfte; eine ſchwarze Wetterwolke hüllte Freund und Feind ein. Mitten hindurch flog der Prinz, in die dampfende Finſterniß hinein. „Sie ſind verwundet Prinz“, rief Kaver, der das Blut von ſeiner linken Schulter ſtrömen ſah, ihm beſorgt zu. „Ich fühle nichts!— Vorwärts!“ war die Antwort. Es donnerten noch viele verſpätete Schüſſe nach; der 123 Helm des Prinzen fiel herab. Eine Kugel hatte ihn ge⸗ ſtreift und das Kinnband geſprengt. „Das iſt gut! So iſt mir leichter!“ rief er im jugend⸗ lichen Uebermuth des Muthes, und ein Lächeln ſchwebte holdſelig über ſeine Lippen und ſpielte um die erglühten Wangen. Er ſtrich ſich vollends das Haar aus der Stirn, und ſein Auge blitzte freudehell. Durch Kaver's Herz bebte ein Schauer, als er den Jüngling ſo mit unbeſchirm⸗ tem Haupt, lächelnd, in die dunkle Brandung des Todes ſtürmen ſah.. Gerad an auf den Oberſten ſprengte er. Die gefällten Piken ſtarrten ihm entgegen. Sein Schwert ſchlug Zwei mit kräftigen Hieben nieder. Mit kühnem Satz flog ſein Roß in die Lücke und über die ſtürzenden Leute hin. Bevor der bärtige, eiſerne Held Breuner, der ihm gegenüberhielt, das Mögliche der That ahnte, ſchwebte ſchon des Prinzen blitzende Klinge über ſeinem Haupt. Kaum konnte der Oberſt den drohenden Streich durch einen Hieb gegen das Schwert des Prinzen ſo weit abwenden, daß er halb ſeitwärts auf ſeinen Hut glitt und nur der Federbuſch hinunterflog. Mit einem zweiten zornigen Hieb warf der alte Kriegsmann die abermals gehobene Klinge des Jünglings wiederum ſeitwärts; doch in demſelben Augenblick ſchlug Xaver dem Oberſten den Degen aus der Hand. „Ihr ſeid mein Gefangener Oberſt!“ rief Prinz Chriſtian.„Ergebt Euch dem Prinzen von Anhalt!“ „Dem Teufel nicht!“ ſchrie der Oberſt und ſiel ihm mit der Linken in den gehobenen Arm, indem er mit der Rechten ein Piſtol aus der Halfter riß. Doch der Prinz warf den Zügel weg, faßte den Gegner im Ringkragen und zog ihn mit überlegener Jugendkraft vom Pferde; der Schuß des Oberſten ging in die Luft. Die nachdringenden 6* Reiter Anhalt's nahmen den Gefangenen zwiſchen ſich; der Prinz ſtürmte mit dem Ruf:„Sieg! Sieg!“ weiter vor, und das Fußvolk drängte ſich in haſtiger Flucht vor ihm hin.—— 38 —— Graf Tilly hielt auf der Anhöhe jenſeit des Baches. Er ſaß ruhig auf ſeinem kleinen Schimmel und verfolgte die Bewegung der Maſſen und das begonnene Gefecht mit bohrendem Falkenblick. Ihm zur Rechten hielt der Oberſt Kraatz; etwas weiter zurück noch einige andere Oberſten und Hauptleute. „Da wird ſich ein junger Anfänger die Flügel verſengen“, ſagte er kalt, als der Prinz in die Reihen brach. „Soll ich mich ihm entgegenwerfen mit meinen fünf⸗ hundert Dragonern?“ fragte der Oberſt mit ungeduldiger Kampfluſt. „Noch nicht!“ war des Feldherrn ruhige Antwort. „Alle Teufel! Floreville's Mannſchaft geräth in Un⸗ ordnung. Die Reiter geben Feld!“ rief der Oberſt und wurde ſo eifrig, wie ſein unter ihm ſtampfender Rappe. „Dieſe Böhmen packen an wie die Wölfe!“ Tilly erwiderte nichts. Dem Oberſten zuckte es in allen Gelenken. Nach einigen Minuten befahl der General⸗ lieutenant: „Jetzt geht ruhig über die Brücke Oberſt Kraatz; wenn Ihr ganz drüben ſeid, laßt in Zügen rechts einſchwenken. Dann fallt den Böhmen in die Flanke.“ Wie ein Pfeil war der Oberſt an der Spitze ſeiner Reiter, die ſchon weiter abwärts, keine hundert Schritt von der Brücke hielten. Zu Vieren abgebrochen ging er hinüber; jenſeits ließ er wieder in Zügen aufreiten. Tilly wandte kein Auge von ihm. Als die Mannſchaft völlig drüben war, ſchwenkten die Züge rechts ein. —— „Gut“, murmelte der Generallieutenant. Jetzt wogte die ſchwarze Maſſe wie ein Strom, der den Damm zerriſſen hat, ins Blachfeld. „Zu rechter Zeit!“ ſprach Tilly kalt.„Oberſt Pap⸗ penheim! Jetzt rückt nach. Ihr deckt die linke Flanke unſeres Fußvolks. Graf Naſſau! Ihr richtet Euren Marſch gerade auf den Thiergarten; ſchließt Euch dicht an das kaiſerliche Fußvolk! Alle Bewegungen ruhig, genau!“ Er winkte mit der Hand. Die Oberſten flogen an die Spitze ihrer Reiter. Er ſelbſt ritt, immer das Schlachtfeld im Auge, im Schritt der Brücke zu.—— Prinz Anhalt war im Siegesſturm unaufhaltſam vor⸗ wärts gedrungen. Breuner's Regiment war geworfen; die Flüchtigen nach allen Seiten ins Feld zerſprengt. Da hemmte abermals ein eherner Wall den beflügelten Lauf des jungen Helden. Es war Oberſt Verdugo, der mit ſeinem eigenen und dem Regiment Boucquoi in die Linie gerückt war, um Tiefenbach und Breuner zu unterſtützen. Xaver blickte zur Linken hinauf nach den Höhen, ob nicht Ver⸗ ſtärkung anrücke.„Die Ungarn müßten jetzt angreifen und die Kaiſerlichen in die rechte Flanke nehmen“, ſagte er zu dem Prinzen.„Dann wäre die Schlacht gewonnen! Aber ſie regen ſich nicht!“ „So werfen wir die dort allein“, antwortete der Prinz. Er hatte kaum dieſe Worte geſprochen, als hinter ihm ein tobendes Kampfgeſchrei ſich erhob und der Schall von donnernden Hufen und ſchmetternden Trompeten an ſein Ohr ſchlug. Es war Oberſt Kraatz, der jetzt mit ſeiner Dragonermaſſe von hinten her und von der Flanke in die Reihen der Anhalt'ſchen Reiter einbrach. Der Prinz ſtutzte; doch hatte er nicht Zeit einen Entſchluß zu faſſen. Denn eine donnernde Salve der Hakenſchützen Verdugo's ſchlug ihm entgegen, und überſchüttete die Seinigen mit einem bleiernen Hagel. „Drauf! Jetzt reitet ſie nieder! Sie haben ſich ver⸗ ſchoſſen!“ rief er den Leuten zu, ſprengte ſelbſt voran, und die Sturmflut ſeiner Reiter tobte ihm nach. Doch er hatte ſich getäuſcht! Verdugo hatte nur die Hälfte feuern laſſen. Die zweite Salve ſchmetterte verheerend in die Anſtürmenden ein. „Ich bin verwundet“, rief der Prinz leiſe, aber haſtig xaver zu und hielt die Linke gegen die Bruſt. „Um Gottes Willen“, erwiderte dieſer, da er das Ant⸗ litz des Jünglings erbleichen und ihn im Sattel ſchwanken ſah. Er wollte zuſpringen ihn zu halten. Da traf von den einzeln nachkrachenden Schüſſen eine Kugel ſein Pferd in die Stirn; es bäumte und überſchlug ſich. Xaver lag am Boden, das Roß über ihn gewälzt. In dieſem Augen⸗ blick brach aus der Pulverwolke vor ihnen das Fußvoll Verdugo's dicht geſchloſſen, mit eingelegten Piken hervor.— Anhalt's Reiter ſtutzten. Der Prinz faßte krampfhaft die Mähne ſeines Roſſes mit der linken Hand, ſchwang noch einmal das Schwert und rief:„Vorwärts!“ Da drangen zehn Hellebarden zugleich auf ihn und ſein Roß ein; der Stoß eines eiſernen Rieſen traf ſeine Bruſt. Xaver, hülflos am Boden liegend, ſah den Blutſtrom hervorſpritzen, und den Jüngling vom Pferde ſtürzen! Weh und Entſetzen ergriff die Reiter, die ihn umgaben. Die Lanzenknechte drangen auf ſie ein; die Roſſe ſcheuten, wandten ſich, da raſſelten ihnen von der andern Seite die bairiſchen Dragoner entgegen! Tod und Unheil überall! Schrecken über den Fall des Führers, Grauſen vor dem eigenen Geſchick, webten die betäubenden Wirbel um das Haupt Aller. In blinder Haſt ſuchten ſie nach Rettung 127 und ereilten ihren Untergang. Der zermalmende Hufſchlag der Pferde ging über die Gefallenen dahin; im wild toben⸗ den Strom ſtürzte Alles durch⸗ und übereinander. Der Sieg, den die Hand ſchon zu faſſen glaubte, war dahin! Verderben traf die Einzelnen, Verderben das Ganze! Dreizehntes Capitel. Mit jauchzendem Herzen war Fürſt Chriſtian von An⸗ halt der Siegeslaufbahn ſeines Sohnes gefolgt. Mit zu frühem Triumph hatte er die Verwirrung der Feinde ge⸗ ſehen, ohne zu beachten, wie die Rettung und Herſtellung der Schlacht durch die zuvor geordneten und bereit gehal⸗ tenen Maſſenkräfte, gleich der Lavine mit wachſender Schnelle nahte. Der Umſchlag des Glücks war das Werk eines Augenblicks! Er geſchah zu ſchnell, um jetzt die Hülfe zu ſenden, die längſt vorbereitet ſein mußte. Der Vater hatte ſeinen Sohn zuletzt durch die einen Augenblick geöffnete Wolke des Pulverdampfes geſehen, als er unbehelmten Hauptes vorwärts ſprengte. Da bebte ein erſter, ahnender Schrecken durch ſeine Seele! Er gewahrte die anbrauſende Reiterſchar der Baiern, deren ruhigen Aufmarſch der Pulverdampf ihm verdeckt hatte; und wie der Wetterhahn umſpringt, hatte auch Verdugo's Fußvolk das Kampfglück gewendet. Die erſten Flüchtenden der Anhalt'ſchen Reiter gaben das Zeichen für die ganze Linie der Baiern und Oeſterreicher, im Siegesſchritt vorwärts zu dringen. In einem Augenblick war das Schlachtfeld von einem Flügel 128 bis zum andern in mächtig anſtürmender Bewegung. Das Feldgeſchrei Maximilian's„Sancta⸗Maria“ erſcholl, den Donner der Geſchütze, das Raſſeln der Waffen über⸗ tönend. Eine Woge der Begeiſterung erhob ſchwellend die ganze Heeresmaſſe. Jetzt war es nicht mehr möglich eine einzelne Hülfs⸗ ſchaar auf den Punkt, wo das Schlachtenglück ſich gewendet 3 hatte, zu ſenden. Die ganze Heermaſſe der Böhmen mußte gleichfalls kampffertig und muthig anrücken. Fürſt Chriſtian von Anhalt jagte die Linie hinunter; er ſandte die Haupt⸗ leute und Ordonnanzreiter zu allen Regimentern. Er ließ alle Trommeln und Trompeten zum Angriff wirbeln und ſchmettern. Doch wie der Funke des Muthes über die glückliche Wendung im ganzen Heer der Verbündeten gezündet hatte, ſo lähmte der kalte Blitzſtrahl des Schreckens plötzlich das ganze Heer der Böhmen! Verrath durch⸗ brach zuerſt die Schranken der Ehre und öffnete der Feig⸗ heit die Bahn. Einige Söldnerſchaaren im böhmiſchen Dienſt, die ſich dem Krieg ohne Herz für ſein großes Ziel, nur aus Luſt an Plünderung und wüſtem Ausſchweifen ver⸗ kauften, mismuthig über rückſtändigen Sold, ſuchten längſt den Vorwand, ſich der großen, Opfer fordernden Schlacht zu entziehen. Die Einzelflucht der von der Uebermacht verſprengten Reiter des tapferen Prinzen war die Loſung für ſie, das Banner ihrer feigen Hoffnung zu erheben. Noch bevor der Feind in Schußweite nahte, feuerten ſie ihre Gewehre in die Luft ab und ſtürzten in blinder Flucht ins Feld.*) Kein Band des Gehorſams, kein Ruf der Führer hielt ſie. Die halb verrätheriſche, halb verzagte Schaar der Ungarn, *) Hiſtoriſch. 129 außer dem Bereich des Schuſſes haltend, fand ſich dennoch im Bereich des Schreckens und löſte ſich flüchtend auf.*) So gleichzeitig mit den pflichtvergeſſenen Söldnern, daß Niemand wußte, gab ſie das Beiſpiel, oder ahmte ſie es nach.— Fürſt Anhalt ſah Beides mit Entſetzen.„Auf dem Flügel dort verrathen uns die Ungarn, und dieſe feigen Verräther hier brechen mitten aus der Linie!“ rief er außer ſich vor Zorn dem Herzog von Weimar zu, der an ſeiner Seite ritt.„Reiten ſie dort hinauf, Herr Herzog, und halten ſie die Flucht auf! Ich will hier die Schlacht herſtellen!“ Er jagte, daß ſein Roß ſich faſt überſtürzte auf das Fußvolk in der Mitte der Schlachtordnung los, während der Herzog mit verhängtem Zügel nach dem Flügel zurück⸗ ſprengte. Doch noch bevor Fürſt Anhalt die Schuldigen erreichte, hatte das Beiſpiel der Feigheit und des Verraths ringsher gezündet. Ueberall wankten die Reihen; die von ſinnloſem Schrecken Ergriffenen feuerten die Gewehre in die Luft ab und entflohen.) Vergeblich tobten die ehren⸗ haften Führer, ritten die Feigen nieder, durchrannten ſie mit dem Degen. Die Maſſe ſtürzte in raſender Flucht davon. „Heiliger Gott!“ rief Fürſt Chriſtian aus, als er das Unheil ſah,„iſt das dein Strafgericht! Soll Jammer und Schmach mir das Herz brechen!“— Und in dieſem Augenblick traf ihn ein neuer Schlag, gering für das Ganze, für ihn ſelbſt herzzerreißend. Sein Edelknabe, Fritz Keydell, ein Kind von funfzehn Jahren, 83) Hiſtoriſch. W *s) Hiſtoriſch. 6** ———— ———CQC———— 130 blondlockig, blauäugig, den er nur auf ſeine heiße Bitte mit in die Schlacht genommen, wurde hart an ſeiner Seite von einer ſchweren Stückkugel niedergeſchmettert. Der ganze jugendliche Leib wurde zerriſſen; nur eine blutige Maſſe ſtürzte vom Pferde. Ein ſchaudervoller Anblick! Der krieg⸗ gewohnte Fürſt ſelbſt drückte ſich krampfhaft die Hand vor die Augen, in der er das Schwert hielt. „Armes Kind— arme Mutter!“ rief er ſchmerz⸗ voll aus. „Glückliches Kind“, ſagte er dann langſamer mit noch tieferer Empfindung,„daß du dieſen Tag des Verderbens nicht mehr ſiehſt!“ Zorn des Schmerzes und der Scham ergriff ihn. Er ritt mitten in die wirbelnde Flucht! Ein alter Löwe des Kampfes ſchwang er ſelbſt das Schwert gegen ſeine eigenen Leute. Vergebens! Es vermochte keiner mehr Stand zu halten, auch wenn er gewollt hätte. Die Flut riß Alles fort in den Strom des Ent⸗ ſetzens. „Nicht Cäſar, nicht Alexander, nicht der große Kaiſer Karl hielten dieſes elende Volk!“ rief er*) und hieb ſich eine Bahn ins Freie, um nicht ſelbſt als feiger Flüchtling von den Wirbeln fortgeſchwemmt zu werden.—— 1 Der Herzog von Weimar hatte die Ungarn erreicht. Oberſt Kornis, der an Bornemiſſa's Stelle befehligte, war der Erſte, den er traf. Er ſchnitt ihm, quer vor ſein Pferd reitend, die Flucht ab. „Halt Oberſt!“ rief er, ihn am Arm faſſend.„Wohin?“ Der wildbärtige Ungar machte eine unwillige Bewegung und wollte ihn zur Seite drängen. Der Herzog griff ihm *) Hiſtoriſch. — 2 131 in die Zügel.„Sammelt Eure Leute, Oberſt! Greift an! Ich reite mit Euch!“ beſchwor ihn der heldenmüthige Fürſt. Der Ungar ſchüttelte den Kopf und machte Zeichen, daß er das Deutſche nicht verſtehe.„Germani currunt!“ rief er, ſich mit dem Lateiniſchen aushelfend, und deutete auf die flüchtenden Schaaren im Centrum. Der Herzog war der Sprache mächtig. Im glühenden Eifer rief er aus*):„Nolo esse Germanus hodie! Hunga- ricus ero! Maneas tantum mecum!“ Doch der Ungar, dem es mehr unwillkommen als will⸗ kommen war, daß der Herzog ſich mit ihm verſtändigen konnte, riß ſein Pferd herum und jagte mit ſeinen Reitern die Höhe abwärts, nach Motol und der Moldau zu.— Das Verhängniß ereilte Viele mit gerechter Strafe! Wal⸗ lenſtein's Küraſſiere warfen ſich auf die nach dieſer Seite flüchtigen Schaaren. Hunderte fielen unter ihrem Schwert, Tauſende verſchlang ſpäter der geſchwollene Strom.** Verzweiflungsvoll ſprengte der Herzog von Weimar zum Heere zurück. Er ſuchte den Fürſten Anhalt— ver⸗ geblich. Schon wälzte ſich der verworrene Knäuel der Flucht über die ganze Höhe hin, und Verdugo, der die Schlacht hergeſtellt hatte, rückte mit den Seinigen in ſchwarz an⸗ ſchwellender Woge den Berg hinan. Stürmend warf er ſich auf die Schanze in der Front des Böhmenheeres, erbeutete die verlaſſenen Geſchütze, ließ ſie umwenden, und ſandte die eigenen Kugeln in die Flüchtenden, daß ihr Strom in Doppel⸗ ſchnelle den Mauern Prags zubrauſte. Nur ein Eiland der Ehre gab es in dieſem weiten Meer der Schande! Da, wo der Führer der Mähren, der *) Hiſtoriſch. **) Hiſtoriſch. ——— 13³2 edle Graf Schlick, an der Spitze ſeiner treuen Schaaren hielt, und ihm zur Seite Graf Heinrich Thurn, der Jüngling voll Glut und Muth. Als Alle wichen, rings⸗ um, hielten ſie Stand mit ihren Schaaren.— „Hier iſt der Ort wo wir fallen müſſen, Graf Thurn!“ ſagte Schlick mit dem feſten Entſchluß ſeiner Hel⸗ denſeele, zu dem Jüngling.„Weiter bleibt uns nichts für Böhmen zu thun!“ „Nicht hier, dort will ich fallen“, gab der muth⸗ beſeelte Jüngling zur Antwort und zeigte vorwärts auf eine Maſſe geſchloſſen anrückender Reiter. Es war Oberſt Pappenheim, der von dorther den Angriff machte.„Folgt mir!“ rief Thurn zurückgewandt. Vom Heldenmuth des Führers durchflammt, brauſten die Schaaren mit dem Jüng⸗ ling hinaus in die Ebene. Graf Schlick ſchloß ſich ihm hart an. Die eiſernen Gewitter ſtürmten gegeneinander. Harniſch und Helme praſſelten zuſammen. Tauſend Schwerterblitze zuckten. Jeder Einzelne rang um Leben und Ruhm. Es war der letzte Kampf,— jetzt der einzige,— auf dem weiten Schlachtfelde; aber ein Kampf der Helden.— Reihen warfen Reihen nieder. Der Vortheil ſchwankte hin⸗ und herwärts; nicht der Sieg. Es war nichts mehr zu gewinnen aus dem bodenloſen Strudel des Verderbens! Nur der goldene Kranz der Ehre leuchtete noch aus der verzweiflungsvollen Nacht, als letzter einziger Preis hervor. Thurn und Schlick und ihre Getreuen errangen ihn. Die Uebergewalt der Maſſen zermalmte ſie im Kampfgedränge.— Bald galt es nur noch ſich die Bahn frei zu kämpfen durch die Feinde ringsum. Doch immer drei Schwerter waren gehoben gegen eins! „Hier hinaus! Hier wird Luft!“ rief Heinrich Thurn 133 und brach ein wie ein junger Löwe in die erzgepanzerten Gegner. Ein furchtbarer Hieb traf ſeinen Helm, ein zweiter zerſplitterte ſein tapferes Schwert,— er ſank betäubt vom Pferde!- Schlick's Reiter brachen ſich eine Gaſſe, ſie riſſen ihren Führer mit ſich fort. Jetzt gab es keine Wahl mehr. Der Strom ſchlang auch dieſe Tapferen unaufhaltſam in ſeine Wirbel. Die Ehre war gerettet,— mochte die Woge alles Andere verſchlingen! Fürſt Chriſtian von Anhalt war von Schaar zu Schaar geeilt. Alle zerſtiebten wie Spreu vor dem Sturm⸗ winde. Eine Herſtellung der Schlacht war der Gedanke des Wahnſinns. Glücklich mußte der Feldherr ſich preiſen, daß er ſechzehn Reiter aufraffte*), mit denen er ſich durch die ſchwärmenden Feinde und durch die verſprengten eigenen Leute eine Bahn hieb, um dem Neichsthor zuzujagen, damit er, wenn es noch möglich war, die Stadt,— wenig⸗ ſtens den König rette! So endete die Schlacht am Weißen Berge! Böhmens Grab ſtand offen. Vierzehntes Capitel. Der Gottesdienſt in der Schloßkirche war geendet. Die Volksmaſſen quollen, ein dunkler Strom meiſt in Trauer Gekleideter, langſam aus der Pforte der Schloßkirche hervor. Der König und die Königin wurden in prächtigen Sänften, *) Hiſtoriſch. 134 von vielen Pagen in glänzender Tracht begleitet, hinüber⸗ getragen in das Schloß. Ebenſo viele Frauen und Herren vom Hofe, alle in höchſtem Schmuck. Ein ſeltſamer Ab⸗ ſtand der bunten Pracht in dem düſtren Dunkel der Volks⸗ maſſen! Es war die Mittagsſtunde. Schon erſcholl der dumpfe Donner der Geſchütze auf dem Weißen Berge, doch die weite Ferne und das murmelnde Brauſen, welches ſtets über großen Volksmaſſen, ſelbſt in ernſter Bewegung und Stim⸗ mung, ſchwebt, bewirkte, daß Niemand die ſchauerlichen Klänge, die die Todesſtunde Böhmens anſchlugen, vernahm. Im Palaſt ſelbſt übertönte ſie der Klang der Zinken und Hörner!! Der große Hauptſaal war zum herrlichen Banket her⸗ gerichtet.*) In langen Reihen ſtanden die Tafeln gedeckt. Die Tiſche ſchimmerten von Silber⸗ und Goldgefäßen. Die Gäſte hatten ſich bereits verſammelt. Rauſchend öffneten ſich die Flügelthüren zu den königlichen Gemächern, und die Gemahlin am Arm führend, trat der König Friedrich, ein. Ein jubelnder Gruß ſchallte ihnen entgegen, begleitet von ſchmetternder Fanfare. Die Mitglieder des Hofes waren noch des Eindrucks der Rede in der Kirche voll, in welcher Scultetus mit zornigem Eifer die Vernichtung der Baalsdiener und ihrer Heerſchaaren, gleich denen Pharaonis, geweiſſagt hatte. In dieſer Hoffnung waren Viele voller Freude!— Doch nicht Allel! Erhöhte Armſeſſel, von blau und weißen Sammet⸗ teppichen mit funkelnden Goldſtickereien bedeckt, waren für die Majeſtäten hingeſtellt. Das hohe Paar nahm ſeine Plätze ein; alle Geladenen ſetzten ſich. Ein leichtes Murmeln *) Hiſtoriſch. 135 des Erſtaunens lief durch die Reihen der Gäſte beim Anblick der Königin; ſie blendete gleich durch ihre zauberhafte Schönheit und den Reichthum der Kleidung. Ihr zunächſt ſaß der Abgeſandte ihres Vaters, Lord Sutton, mit dem Orden des Kniebandes geſchmückt und mit breitem blauen Ordensbande geziert. An des Königs Seite ſaß der Graf Northumberland, ein Vetter der Königin, der mit einer außerordentlichen Botſchaft und Geſchenken für den Schwie⸗ gerſohn Jakob's des Erſten in Prag eingetroffen war. Dann folgten Herren und Damen des Hofes, in abwechſelnder Reihe, ſowol böhmiſche, mähriſche und ſchleſiſche Magnaten mit ihren Frauen und Töchtern, als auch noch manche Vor⸗ nehme Englands, und die engliſchen Damen der Königin. Die Frauen muſterten leiſe die Pracht, mit welcher Eliſabeth gekleidet war.„Wie reizend ſteht ihr das goldene Diadem mit den Perlen!“ flüſterte die eine der Hofdamen. „Und die Diamanten an der Bruſt! Welch koſtbare Steine!“ bemerkte die andere.—„Sie ſind ein Geſchenk des Königs Jakob“ antwortete die erſte.„Wenn nur dieſes wundervolle Kleid mein wäre! Die Roſenfarbe iſt mir von allen die liebſte. Es iſt aus Paris verſchrieben worden!“— „Wer könnte auch hier ſolche Goldſtickerei ausführen!“ lautete die Antwort.— Die Männer blickten weniger nach dem Putz der Königin als nach ihrer Schönheit ſelbſt. „Sie ſieht heut ſo blühend aus“, flüſterte der Graf Northumberland ſeinem Nachbar ins Ohr,„wie ſie als Braut war!“ Mit bedauernder Miene überſchaute König Friedrich den Kreis der Gäſte.„Es thut mir leid, Graf Northumber⸗ land“, ſagte er zu dieſem,„daß ſo viele der böhmiſchen Herren nicht anweſend ſind, mit denen ich Euch gern be⸗ kannt gemacht hätte; allein Alle, welche den Degen führen, 136 wollten draußen vor den Mauern bleiben. Unſere Arbei hier iſt freilich die leichtere“, fügte er ſcherzend hinzu, „doch mit der dort(er zeigte nach der Gegend des Weißen Berges) wird es auch noch einigen Anſtand haben.— In⸗ deſſen habe ich verſprochen, nach Tiſch einmal hinauszu⸗ reiten.— Wollt Ihr mich begleiten, Sir?“ Der Graf verneigte ſich.„Da werdet Ihr ſehen, daß unſere Gegner zu rauh gebettet ſind auf dem kalten Erd⸗ reich, mit feuchtem Schnee bedeckt, um lange dort liegen zu bleiben. Auch iſt ihre Tafel glaube ich nicht ganz ſo wohl beſtellt als die unſrige! Ich denke, ihre Zahl wird ſich durch die Faſten, die wir ihnen auflegen, nicht ver⸗ mehren!“ „Ich hoffe, daß Ew. Majeſtät Hauptſtadt bald ganz von Feinden befreit ſein werde“, antwortete der Graf. „Darauf wollen wir dieſes Glas Tokayer trinken“, ſagte der König, ſtieß in ſorgloſer Freundlichkeit mit ſeinem Nachbar und der Königin an und leerte das Glas. „Ei, meine Liebe, du nippſt nur! Dann erfüllt ſich der Trinkſpruch nicht“, ſchalt er die Königin lächelnd. „Wenn du auf das Verderben des verrätheriſchen Kurfürſten von Sachſen trinken willſt“, antwortete ihm Eliſabeth mit einem Zug bittren Unwillens um ihre roſigen Lippen,„dann will ich mein Glas bis auf den letzten Tropfen leeren.“ Laß uns daran jetzt nicht denken, verſetzte der König leichthin;„wozu uns die heitre Stunde des Mahls damit vergällen? Die Strafe für ihn wird nicht ausbleiben! Er wird nicht lange warm ſitzen in der Lauſitz“, ſcherzte er. „Scultetus hat ihm überdies heut ſo viel Unheil auf den Hals gewünſcht, daß er daran zu tragen haben wird, wenn ſich auch nur der zehnte Theil erfüllt.“ 7 137 Der Hofprediger ſaß einige Plätze entfernt, der Königin gegenüber; ſein ſtets auf die Worte des Königs lauſchendes Ohr hatte, obwol er nicht die ganze Rede verſtand, doch ſeinen eigenen Namen gehört. Mit einem fragenden Blick und der Miene des geſpannt Aufhorchenden ſchaute er den König an. Dieſer bemerkte es und ſagte neckend: „Wir redeten von Euch, Hochwürden, im böſen Leu⸗ mund!“ Der augendieneriſche Geiſtliche, der ſelbſt bei dieſem Scherz ernſthaft in dem Gedanken beunruhigt wurde, daß irgend etwas an ihm ſeinem hohen Beſchützer misfällig ſein könne, erwiderte mit demüthigem Pathos:„Wir ſind allzumal Sünder und behaftet mit ſterblichen Schwächen! Haben Ew. Majeſtät Nachſicht mit denen eines demuth⸗ vollen Dieners der chriſtlichen Kirche!“ Der König nickte ihm nur leutſelig zu. Die Königin Eliſabeth winkte einem Pagen, der zu ihrer Aufwartung hinter ihr ſtand. „Geht hinauf“, ſagte ſie ihm franzöſiſch,„zu den Mu⸗ ſikern und ſagt ihnen, ſie möchten nicht ſo ernſthafte Stücke ſpielen. Ob ſie nichts von den neuen franzöſiſchen Tänzen hätten?“ Der Page eilte. Ihm begegnete ein Kamerad, der eilig an den Stuhl des Königs trat. „Ew. Majeſtät“, fing er blöde an. „Was giebts mein Sohn?“ fragte der König freundlich. „Es iſt draußen ein Hauptmann mit Botſchaft aus dem Lager, von Sr. Durchlaucht dem Herrn Fürſten von Anhalt“, meldete der Page ehrerbietig. „Daß mich doch der Fürſt nicht einen Augenblick in Ruhe laſſen kann! Auch hier bei Tiſch werde ich geſtört!— Sage dem Kriegsmann, er ſoll warten bis nach Tiſch.— 138 Und laß ihm zu Eſſen und zu Trinken geben“, ſetzte er gutmüthig hinzu. Die Muſik begann einen franzöſiſchen Tanz. „Hörſt du die Chaconne, lieber Friedrich“, ſagte die Königin vergnügt.„Das iſt ein ganz neuer Tanz!“ „Schade, daß wir ihn jetzt nicht tanzen können!“ ant⸗ wortete der König lachend.„Nun morgen vielleicht!“ „Ja, wir wollen ein Tanzfeſt veranſtalten!“ antwortete die Königin freudig. „Die Herren da drüben werden wieder verdrießlich dazu ſehen“, ſagte Friedrich leiſe und winkte mit den Augen quer über die Tafel, wo einige der böhmiſchen Vor⸗ nehmen ſaßen.„Da ſehe ich Herrn Jeſſenius von Jeſſen! Der gravitätiſche Herr Doctor hält nicht viel vom Tanz. Sieh nur, wie ernſthaft er mit ſeinen Nachbarn Budowa und Gersdorf ſpricht.“ „Sie wiſſen nur von Staatsgeſchäften zu reden“, ant⸗ wortete die Königin.„Dieſe Böhmen ſind überhaupt ſo ſchwerfällig in der Unterhaltung! Auch die Fruuen. Die Gräfin Thurn und ihre Tochter ſind auch wieder nicht hier. Sie haben ſich bei mir entſchuldigen laſſen. Die Tochter iſt nicht wohl. Ein ſchönes Mädchen; aber ſehr kränklich:— Es wäre mir leid, wenn ſie morgen nicht unter den Tänzerinnen wäre!“ „Alſo auch bei dir hat man ſich heut vielfach ent⸗ ſchuldigt, wie es ſcheint!“ antwortete der König etwas ernſt⸗ hafter.„Sie haben Alle die übertriebene Sorge wegen des Krieges. Manche glauben, Prag brenne ihnen ſchon über dem Kopf.“ „Sind viele der Herren ausgeblieben?“ fragte Eli⸗ ſabeth. „Rippell zuerſt, wie du denken kannſt.“ 139 „Es iſt mir ganz recht, wenn der grämliche alte Mann fehlt. Du ſollteſt ihn aus deinem Dienſt entlaſſen!“ „Das doch nicht; er iſt zwar eigenſinnig und mürriſch, aber doch ſehr treu. In manchen Fällen iſt er mir unent⸗ behrlich, ich möchte da auch Camerarius nicht zulaſſen. Doch bei Tiſch können wir ohne ihn auskommen.— Der alte Capliez fehlt auch; er iſt zu alt. Doch Czernin und Pietipeski hätten wol erſcheinen können. Sie haben Vorwände gebraucht.“ „Camerarius ſehe ich auch nicht!“ ſagte die Königin ſich umſchauend. „Der hat zu thun. Ich habe ihm wichtige und eilige Briefe an die Fürſten der Union aufgetragen. Da mich der Herr Kurfürſt von Sachſen bekriegt, wäre es doch Zeit, daß die Herren auch das Schwert für mich zögen!“ „Freilich!— Doch Lieber, rede nicht von ſolchen Ge⸗ ſchäften, mir vergeht gleich die Freude!“ „Du biſt alſo recht fröhlich?— Nicht wahr“, flüſterte er ihr zärtlich ins Ohr,„das macht, weil ich dich vorgeſtern Abend ſo überraſchte?“ Eliſabeth erröthete und ſah lächelnd vor ſich nieder. „Ja, es iſt doch beſſer ich bin bei dir als im Lager“, fuhr der König muthwillig fort. 1 „Ew. Majeſtät“, ließ ſich hinter ihm wieder die zag⸗ hafte Stimme des Pagen vernehmen. „Was gibt's?“ wandte ſich der König etwas un⸗ willig um. „Der Hauptmann hat mich beauftragt, Ew. Majeſtät gelhorſamſt zu berichten, daß ſein Anliegen dringend ſei. Der Herr Fürſt von Anhalt vermuthen jede Stunde den Beginn der Schlacht....“. „Schlacht und immer Schlacht! Der Fürſt von Anhalt 140 vermuthet nichts weiter als Schlachten, und vermuthet ſchon drei Wochen falſch“, antwortete der König. „Der Feind habe ſchon angefangen Bewegungen zu machen...“ flüſterte der ängſtliche kleine Page. „Wie?“ fragte Eliſabeth, die das Geſpräch hörte. „Sollte wirklich...“ Der König ließ ſie nicht enden.„Sei ganz ruhig, meine Liebe. Ich kenne das! In Rackonitz war es ebenſo. Der Feind machte alle Tage Bewegungen; aber wir hatten nicht Luſt ſeine Schlacht anzunehmen. Und jetzt haben wir noch viel weniger als damals.— Du darfſt ganz ruhig und heiter ſein.— Geh, ſage dem Hauptmann, wenn er weiter nichts zu beſtellen habe, möge er ruhig zurückreiten— ſo⸗ bald er ſich ſatt gegeſſen hat, denn wir wollen auch hier noch fröhlich bei der Tafel verweilen.“ Der Page ging. Der König wurde immer heiterer. Der reichlich von dem Schenken eingegoſſene Wein machte auch die Gäſte lebhafter. Sogar die anfangs ſehr Beſorglichen wurden in die Stimmung der Andren mit hineingezogen. So ver⸗ ging eine fröhliche Stunde. Scherz und Lachen ließ ſich hören, und die Königin vor Allen war ſehr heiter, ſo heiter, daß ſie auf das leiſe, aber kühne Wort ihres Nachbars, des Grafen Sutton:„Wenn ich an einer engliſchen Tafel nur unter Freunden ſäße, würde ich einen Toaſt auf den tapfren ritterlichen Herzog Chriſtian ausbringen!“ erröthend, aber nicht unfreundlich erwiderte: „Ich danke Euch, Mylord! Thut es nur hier auch, aber im Stillen— ich trinke auch darauf.“ Das über⸗ füllte Herz entlockte ihr das leichtſinnige Wort und die That. Sie nippte mit den roſigen Lippen am Glaſe, und ihr blaues Auge ſtrahlte in ſüßer Verklärung. 141 *) Da wurde plötzlich gerade dem Königspaar gegen⸗ über die Thür des Saales wild aufgeriſſen, und in zer⸗ rütteter Kleidung, ohne Hut und Helm, mit verworrenem Haar, von Blut und Koth beſpritzt, ſtürzte der Hauptmann Wonßheimb herein, mit dem Ruf: „Die Schlacht iſt verloren! Rettet Euch!“ Gleich einer zerſchmetternden Bombe fiel dieſes Wort in die Freude des Feſtes. Der König ſprang auf, leichenblaß, der Laut erſtarb ihm im Munde! Die Königin that einen lauten Schrei und ſank zurück in den Arm des Grafen Northumberland, der ſelbſt wankend, ſie auffing. Alle Gäſte flogen von ihren Sitzen; die Stühle ſtürzten um, die Frauen brachen in Angſtruf aus, den Männern feſſelte das Entſetzen die Zunge. „Die Schlacht verloren?“ rief der König kaum ſeiner Sinne mächtig. „Verloren! Alles ſtürzt in wilder Flucht auf die Stadt! Der Feind iſt uns auf den Ferſen!“ berichtete Wonßheimb athemlos. Die Königin gleitete faſt leblos am Arm des Grafen auf den Seſſel zurück. Ein Augenblick der Todesſtille folgte dem erſten Aufruhr; dann brach der wilde Sturm der Verwirrung wieder mit verdoppelter Gewalt aus. Nicht die Frauen allein, auch die Männer ſtürzten der Thür zu. Scultetus, einem Wahnſinnigen gleich, rief laut mit ge⸗ rungenen Händen:„Herr! dein Arm ſtraft die Sünde des unreinen Glaubens! Herr, verſchone die Gerechten in dei⸗ nem Zorn!“ *) Hiſtoriſch. 142 Es hörte Niemand auf ihn. Die nach der Thür ſtür⸗ zende Maſſe überrannte ihn. Entſetzen war an die Stelle der Freude getreten. „Ich will fort zu dem Heer!“*) rief der König ver⸗ zweiflungsvoll.„Sorgt für die Königin. Ich will zu Pferd!“. Er eilte hinaus; vergeblich war der Verſuch, ihn zurückzuhalten. Eliſabeth wurde in ihre Gemächer getragen. In wenigen Augenblicken war der Saal, in dem noch ſoeben Luſt und Jubel ertönte, leer und todtenſtill— aus der Stätte der Freude in eine Behauſung des Grauens verwandelt! Die Schreckenskunde flog durch den Palaſt, hinaus auf den Platz, durch die Straßen des Hradſchin; ſie flog mit Blitzesſchnelle hinüber in die Altſtadt und Neuſtadt. Angſtvoll lief das Volk zuſammen; es rottete ſich auf den Plätzen, an den Ecken der Häuſer. Eine ſchwarze Maſſe umdrängte den Palaſt und wollte in die Thore. Noch walteten Zweifel an der Wahrheit und ließen einen ſchwachen Strahl der Hoffnung ſchimmern. Aber als jetzt der König, zu Roß, halb gerüſtet, mit fliegendem Mantel, aus der Pforte ſprengte und nur von wenigen Reitern gefolgt mit ver⸗ hängtem Zügel dem Reichsthore zujagte, da erloſch Allen der letzte Funke der Hoffnung und des Muths. Heulen und Wehklagen erfüllte den Platz, ſchallte fort durch die Gaſſen, und in blinder Flucht ſtürzten die Bürger heim in ihre Häuſer, um ihre Weiber und Kinder, um ihre Habe zu ret⸗ ten oder zu bergen. König Friedrich jagte mit verhängtem Zügel dem *) Hiſtoriſch. 143 Thore zu. Noch bevor er es erreichte, ſprengte ihm ein Trupp Reiter entgegen. Es war der Fürſt Chriſtian von Anhalt, ohne Hut*), der eben vom Schlachtfelde kam. „Iſt die Schlacht verloren?“ rief der König dieſem entgegen und ſtreckte wie Hülfe ſuchend die Hand zu ihm aus. „Die Schlacht, die Ehre, Alles verloren!“ rief der ergraute Feldherr, und Verzweiflung ſprach aus ſeinen Zügen. „Iſt keine Rettung mehr?“ fragte der König todten⸗ bleich mit bebender Lippe. „Ja! Es iſt noch Rettung!“ rief eine feſte männliche Stimme dicht neben ihnen— es war Thurn, der vom Reichsthore herbeiſprengte.„Die Schlacht iſt verloren, aber nicht die Stadt. Wir können ſie retten; und kön⸗ nen wir es nicht, ſo wollen wir fechtend uns unter ihren Trümmern begraben und die Ehre retten!“ „Die Ehre?“ wiederholte Fürſt Anhalt bitter.„Sie iſt dahin!“ „Nein“, rief Thurn feurig aus,„ſie iſt es nicht, ſolange wir noch einen Blutstropfen dafür einſetzen können!— Ich habe die Thore ſchließen und beſetzen laſſen, ſonſt dringt der Feind mit den Flüchtigen ein. Ihr habt mich zum Commandanten des Hradſchin und der Stadt ernannt, Fürſt Anhalt! Ich erfülle meine Pflichten. Leiſtet mir Beiſtand! Sammelt Ihr die Mannſchaften am Thore; ich reite in die Stadt und biete die waffenfähigen Bürger auf. Prag iſt feſt, ſolange unſer Muth feſt bleibt!“ „Alſo Ihr hofft noch, Graf Thurn?“ fragte der König mit ungläubigem Ton, in ſeinem Innerſten gebrochen. *) Hiſtoriſch. 144 „Ich hoffe noch Böhmens Ehre zu retten, wenn auch alles Andere verloren iſt“, antwortete Thurn. „So eile ich auch noch in den Kampf“, rief der König verzweiflungsvoll;„laßt mich zum Thore hinaus, ich will in die Schlacht, ich will fechtend ſterben!“ In halber Betäubung jagte der unglückliche Fürſt dem Thore zu. „Ich darf ihn jetzt nicht verlaſſen!“ rief Fürſt Anhalt und folgte ihm. Thurn ritt mit verhängtem Zügel in die Stadt. Auf ſchaumbedecktem Roß erreichte der König das Thor und ſprengte ſeitwärts den Wall hinan. Von dort überſah er das Schlachtfeld— ein Anblick der Scham und des Schreckens! Aufgelöſt war das ganze Heer. Nur wilde Schwärme der Vereinzelten bedeckten das Feld. Ein Strom⸗ arm der Flüchtigen zog ſich nördlich gegen die Moldau, ein anderer ſüdlich; ein dritter brauſte gegen die Stadt an⸗ Eine dichte Maſſe hatte ſich am Thor geſammelt, vergeblich Eingang ſuchend; ſie zerſchlug ſich in ein ſchwarzes Gewim⸗ mel die Mauer entlang. Weiter hinaus im Feld ſchwärm⸗ ten feindliche Reiter in Trupps, verfolgten die Flüchtigen, hiehen ſie nieder. Einzelne fochten verzweifelnd um ihr Leben. Der König ſah das Schauſpiel der Vernichtung, das eine Stunde bereitet hatte, mit ſtarren Augen an; kein Wort kam über ſeine bleichen Lippen. „Das feindliche Fußvolk iſt noch nicht ſo nahe, um Gefahr zu bringen“, ſagte der Fürſt Anhalt.„Sollen wir alle dieſe Leute preisgeben? Der Einzelne iſt nicht mehr ſchuldig, wo die übermächtige Flut Alle fortgeriſſen hat. Wir können dieſe Arme noch gebrauchen!“ „So laßt das Thor öffnen“, ſagte der König erſchöpft. 145 Fürſt Anhalt ſandte den Befehl an die Mannſchaften, die Thurn zur Wacht angeordnet hatte. Die ſchweren Rie⸗ gel wurden zurückgeſchoben und die draußen angeſammelten Flüchtlinge eingelaſſen. Viele ſanken kraftlos zu Boden, er⸗ ſchöpft von der athemloſen Flucht; Viele auch von Wunden blutend. Die Meiſten hatten die Waffen weggeworfen. Sie wollten auch innerhalb des Thores nicht Stand halten; die Bande der Ordnung waren zerriſſen. Mit Mühe wurde ein Theil zum Stehen gebracht, der noch die Waffen führte; die Andern ſchwärmten unaufhaltſam weiter, die Gaſſe hin⸗ unter in die Stadt, vielleicht auf Plünderung der eigenen Mitbürger hoffend. Der König blickte, von tiefer Scham zermalmt, faſſungs⸗ los auf dieſes Schauſpiel grauenvoller Verwirrung und Auflöſung. „Rathet mir, Anhalt, was ſoll ich thun? Was muß geſchehen, was kann geſchehen?“ „Kehren Ew. Majeſtät ins Schloß zurück. Wir wollen die Führer verſammeln, die Stände; wir wollen be⸗ rathen!“ „Wenn aber der Feind hier einſtürmt!— Ich will den Herzog Maximilian um Frieden bitten; ich will ihm einen Vergleich antragen!“ Fürſt Anhalt ſchwieg. Da kam unter den Flüchtenden auch Graf Schlick mit einigen Reitern in das Thor. Das war der Mann der Rettung. Chriſtian von Anhalt ſprengte raſch zu ihm heran.. „Graf Schlick! Ihr lebt! Gedankt ſei es Gott!“ rief er aus.„Helft die Stadt retten! Sammelt hier die Ver⸗ ſprengten, ordnet ſie zur Vertheidigung der Stadt! Ich will mit dem König ins Schloß, wir wollen Rath halten; hal⸗ Rellſtab, Drei Jahre. IV. 1. 7 —— —Q—— 146 tet Ihr hier Wacht. Wir gewinnen jetzt viel, wenn wir nur einen Tag Friſt gewinnen!“ Graf Schlick blutete aus drei Wunden. Er hielt ſich kaum zu Pferd. Doch er antwortete männlich:„Ich werde lieber auf dieſer Stelle ſterben, als ſie verlaſſen! Reitet Ihr mit dem König.“ Das Heldenwort war ein Stab und eine Stütze in die⸗ ſer Erſchütterung, wo der Boden unter den Füßen zu wan⸗ ken ſchien. Fürſt Anhalt eilte mit dem König zurück auf das Schloß des Hradſchin. Funfzehntes Capitel. Die Nacht brach an und vermehrte die Schrecken, welche über Prag ſchwebten. Die meiſten Bewohner hielten ſich in ihren Häuſern eingeſchloſſen und harrten in angſt⸗ vollem Gebet des Kommenden. Andere aber wurden durch die Beſorgniß hinausgetrieben und forſchten nach Dem, was geſchehen, was berathen worden, was der König, was die Heerführer, was die Bürgerſchaft thun werde. Noch Andere mehrten den Schrecken durch den Ausbruch ihres Zorns, der ſich in laute Verwünſchungen gegen den König und die Stände ergoß, Einzelne erbittert anſchuldigte, Drohungen gegen Alle ausſtieß und im aufgährenden Wahne bald Dies bald Jenes verlangte, was zu erfüllen unmöglich war oder das Unheil auf den Gipfel treiben mußte. Der große Alt⸗ 147 ſtädter Ring war der Hauptſammelplatz dieſer unruhigen Rotten, denn in der Altſtadt waren die Zügel der Ordnung und des Gehorſams völlig gefallen, da hier faſt gar keine Truppen ſtanden, ſondern nur die Verſprengten, die ſich zu keiner Fahne ſammeln wollten, umherſtreiften. Die Erſten auf der Flucht aus dem Kampfe waren jetzt auch die Erſten im ſträflichen Tumult. Sie geſellten ſich zu den unruhigen, Zwietracht ſäenden Bürgern, denn ſie hofften reiche Beute heimzutragen aus der allgemeinen Auflöſung der Ordnung und Zucht. Herrſchte innerhalb der Häuſer athemloſe Todesſtille, ſo waren die Gaſſen mit wildem Getöſe erfüllt. Auf dem großen Ring flammten Wachtfeuer, an denen die Kriegsleute, die ihre Fahnen und Führer verlaſſen, ſich gelagert hatten. Sie zechten und ſchmauſten; denn die be⸗ ſtürzten und bedrohten Einwohner hatten Speiſe und Trank herbeiſchaffen müſſen. Sie jubelten, ſangen und brüllten in dieſer Zeit des Schreckens! Wie im Lager trieben ſie allerlei rohe, Schauder und Ekel erregende Kurzweil und fratzenhafte Gaukeleien. Im frevelhaften Scherz ſtellten ſie die Martern dar, die ſie oft im grauenvollen Ernſt dem armen Landvolk angethan, um Geſtändniſſe zu erpreſſen, wo Hab und Gut verſteckt ſei. Der Eine wurde ausgerenkt, wie auf der Folter, dem Andern die Lefzen der Piſtolenhähne als Daumſchrauben angeſetzt, daß er himmelerbarmend brüllte und entſetzliche Geſichter ſchneiden mußte, während der Zu⸗ ſchauerkreis kreiſchenden Jubel und Gelächter erhob. Rotten nichtsnutzigen Geſindels geſellten ſich zu ihnen und ſpielten dieſe Höllenſpiele mit. Andere zogen mit Fackeln in die Stadt, vor die Häuſer der Standesherren oder Ritter, um dieſe zu bedrohen oder ſie zu Beſchlüſſen zu drängen. Ja, ſie würden, um ihre drohenden Forderungen beim Könige 7* 148 ſelbſt geltend zu machen, nach dem Schloß auf den Hrad⸗ ſchin gezogen ſein; allein die Moldaubrücke war durch ſtarke Mannſchaft abgeſperrt, die nur Einzelne, welche auf der Kleinſeite wohnten oder ſich ſonſt für ihr Geſchäft dort aus⸗ weiſen konnten, hinüberließ. Und drüben die zum Schloſſe hinaufführenden Straßen, ſowie dieſes ſelbſt, hielten zwei Cornet Thurn'ſcher Reiter und drei Fähnlein Fußvolk vom Regiment Hohenlohe beſetzt. Dies erhöhte die angſtvolle Sorge in der Altſtadt. Denn nur dunkle Gerüchte kamen von der andern Seite herüber, meiſt ſolche, die den Schrecken ſteigerten. Bald hieß es, der König ſei geflüchtet, bald, der Feind habe ſchon die Burg beſetzt und werde von dort Feuerkugeln in die Alt⸗ ſtadt ſchleudern, Alles durch Brand und Plünderung ver⸗ heeren. Dieſe Schreckensbotſchaften benutzten die Feind⸗ ſeligen und Unruheſtifter, um die Erbitterung der Bürger zu erhöhen. Nahe der Brücke hatte ſich ein Auflauf gebildet. „Uns gibt man preis!“ rief ein Menſch von wildem Ausſehen mitten aus dem Volkshaufen.„Der König wird ſich retten und treulos flüchten! An uns werden die Kai⸗ ſerlichen ihre Rache auslaſſen!“ „Wir laſſen den König nicht fort“, erhob ſich eine andere Stimme aus der Maſſe;„er muß mit uns aushalten!“ „Er hat uns ja längſt verrathen!“ erſchallte eine dritte. „Auf dem Schloß hat er Banket gehalten, während unſere Söhne für ihn bluteten.“ „Mit ihren Engländern hat die verbuhlte Königin unſer Hab und Gut verpraßt, und die Kriegsleute ſind nicht bezahlt worden“, rief der Erſte.„Darum haben ſie auch nicht fechten wollen. Und nun ſollen wir's mit Gut und Blut büßen!“— 149 Einer, der eine Fackel trug, ſprang auf einen Eckſtein, ſchwang die Flamme durch die Lüfte und brüllte:„Hört mich an! Hört meinen Rath! Wir wollen den Pfälzer ausliefern, gegen Pardon für uns!“ „Ja, ausliefern! Ausliefern!“ ſchrieen die Stimmen im Tumult durcheinander. „Zieht auf den Hradſchin, ſtürmt den Palaſt!“ brüllte der Fackelträger. „Ja, wenn die Brücke nur nicht geſperrt wäre; aber ſie haben Geſchütz aufgefahren am Brückenthor!“ wandte ein Beſonnener ein.„Wir wollen ihn aber nicht von dannen ziehen laſſen, wenn er durch die Altſtadt will; und drüben kann er nicht hinaus, da ſteht der Feind.“ „Er wird ſich zu Schiff retten! Wir müſſen die Mol⸗ dau bewachen!“ „An die Moldau! Hinunter an die Moldau!“ ſchrien die Erbitterten, und der düſtere Zug wälzte ſich die Gaſſe abwärts, um das Stromufer zu bewachen. „Welch ein raſendes Volk!“ ließ ſich eine Stimme halb⸗ laut hören, da der Schwarm hinweg war.„Kommt, Diewiß! Laßt uns nach Haus, nach Weib und Kind ſehen!“ „Etwas Wahres iſt doch daran, Frühwein! Der König hat ſich ſchwer an uns vergangen! Ich fürchte, die Wuth bricht allgemein gegen ihn aus.“ „Dann ſind wir vollends verloren!“ antwortete Mar⸗ tin Frühwein.„Denn mit den Fürſten gehen die Fürſten noch ſchonend um; ihresgleichen wollen ſie nicht ganz ver⸗ derben, des Beiſpiels halber. Sind wir aber ohne König, dann werden ſie ohne Erbarmen mit uns verfahren.— Der König muß für uns unterhandeln. Wir wollen ihn alſo ſtützen und halten nach Vermögen!“ 150 Während dieſes Geſprächs gingen ſie weiter in die Stadt, dem Ring zu. „Diewiß, Frühwein! Seid Ihr's?“ ſprach ſie ein Mann leiſe an, der haſtig, in den Mantel gehüllt, hinter ihnen her kam. „Herr Tharradel, Ihr ſelbſt?“ rief Martin Früh⸗ wein erſtaunt.„Ich glaubte, Ihr ſäßet mit zu Rath droben in der Burg!“ „Ich war dort; allein ich habe mich fortgeſtohlen. Für mich iſt keines Bleibens mehr in Prag!“ antwortete Thar⸗ radel leiſe, aber lebhaft. „Wie das? Was habt Ihr Schlimmeres zu fürchten als wir Alle?“ „Das fragt Ihr noch, Diewiß? Ich bin der Erſte, den ſie vors Blutgericht ziehen. Und wenn Alles begnadigt würde — ich nicht!“ „Sind wir denn aber ſchon ſo weit?“ fragte Frühwein beſtürzt. „Wir ſind ſo weit! Ich ſag' es euch als Vorſitzender im Kriegsrath.*) Blindes Entſetzen hat ſie Alle gefaßt, den König zumal. Sie öffnen dem Herzog Max die Thore, verlaßt euch darauf,— vielleicht noch in dieſer Nacht! Und dann iſt's zu ſpät für mich. Ich muß fort, bevor er die Stadt beſetzt, denn auf mich fahnden ſie zuerſt. Sie werden frei⸗ lich noch die Hand nach Manchem ausſtrecken, und ich möchte Manchem rathen, daß er ſich bei Zeiten in Sicherheit brächte“, ſagte er mit Nachdruck.„Lebt wohl, Freunde; ich eile nach Haus, und fort!“ „Seid doch nicht ſo überhaſtig! Wir haben ja gleichen *) Hiſtoriſch. 151 Weg!“ ſagte Diewiß und hielt ihn am Wams.„Was iſt denn beſchloſſen?“ „Sie wollen Waffenſtillſtand auf vierundzwanzig Stun⸗ den ſchließen. Das iſt nur, damit der König Geld und Kleinodien und Papiere retten kann, und Zeit zur Flucht gewinnt. Wir Andern werden preisgegeben!“ „Wie? Sie ſollten die Stadt nicht vertheidigen wollen?“ „Nein, ſage ich euch. Thurn beſtand darauf. Anhalt widerrieth. Er traue der Bürgerſchaft, er traue den Böhmen überhaupt nicht mehr!“ „Da hat er freilich nicht ganz Unrecht!“ bemerkte Frühwein. „Er habe in der Schlacht erfahren, ſagte Anhalt, wie er ſich auf ſie verlaſſen könne!“ 2 „Allein es gibt doch noch Tapfre im Heer! Haben die Böhmen ſich nicht zehnmal wacker geſchlagen? Unter Thurn, unter Mansfeld?“ erwiderte Frühwein. „Ja, wären Die an der Spitze geblieben!“ rief Diewiß. „Da habt Ihr Recht!“ entgegnete Tharradel eifrig. „Thurn hat vor Wien geſtanden zwei mal, wie heut der Herzog von Baiern vor Prag!“ „ und er iſt nicht hineingekommen“, antwortete Früh⸗ wein.„Warum muß der Herzog nach Prag kommen? Wenn wir die Verſprengten ſammeln, wenn wir die Bürger bewaffnen, wenn wir Mansfeld zu Hülfe rufen...“ „Ja, ja! Wenn!“ fiel Tharradel heftig ein.„Wenn wir Muth hätten! Thurn hat das Alles auch geſagt; auch Olbramowitz und Andere, ſelbſt der alte Caplicz, der droben im Rath war, trotz ſeiner vierundachtzig Jahre. Aber Hohenlohe, Fürſt Anhalt....“ . G „Auch Fürſt Anhalt!“ unterbrach ihn Frühwein mit ſchmerzlichem Ausdruck.„Ein ſo alter, tapfrer Kriegs⸗ mann!“ „Er vertraut ſeinem Kriegsvolk nicht mehr, er traut keinem Böhmen,— wie ich euch geſagt habe! Er muth⸗ maßt, die Prager werden den König ausliefern, um ſich günſtige Bedingungen auszuwirken.“ Frühwein und Diewiß ſchwiegen rathlos; ſie konnten darauf nichts erwidern, nach dem wilden Ausbruch der Wuth und Treuloſigkeit, von dem ſie ſoeben Zeuge geweſen waren. „Genug, es iſt wie ich euch ſage“, fuhr Tharradel fort. Anhalt hat den Kopf verloren. Ich vergebe es ihm. Der Feldherr iſt durch den Vater beſiegt; er iſt auch hier zu ſchwer getroffen....“ „Wie? Wodurch? Was meint Ihr?“ fragten die bei⸗ den Andern. „Sein Sohn iſt ja gefallen! Niedergehauen!“ „Wie? Prinz Chriſtian?“ „Prinz Chriſtian! Aber er hat gefochten wie ein Löwe!— Der junge Thurn iſt auch geblieben, wie man ſagt. Der Vater weiß es aber noch nicht!“ Frühwein und Diewiß erſtarrten in tiefer Erſchüt⸗ terung. „Jammer über Jammer!“ brach Frühwein endlich aus. „Ja, es will hart mit uns enden!“ „Lebt wohl!“ rief Tharradel und wollte in eine Seiten⸗ gaſſe einbiegen.„Ich darf nicht länger Zeit verlieren.— Glaubt Ihr“, fragte er, noch einen Augenblick ſtillſtehend, daß ich einen Schiffer finde, der es wagt, mich bei dem jetzigen Wetter die Moldau hinabzuführen? Ich will nach Sachſen, und von dort nach der Schweiz.“ —— ꝗMu-3-————— „Die Moldau?“ fragte Diewiß.„Seht Euch vor! Hier ſtürmte eben eine wilde Rotte vorbei, die ſie ſperren will, um den König nicht fortzulaſſen!“ „Seht ihr!“ ſagte Tharradel.„O hätte ich dieſe Mauern erſt hinter mir! Jede Minute kann das Leben koſten. Lebt wohl!“— FHaſtig eilte er fort und verſchwand im Dun⸗ kel.*) Frühwein und Diewiß gingen weiter. Ihr Weg führte ſie über den großen Ring am Rathhauſe vorbei. Stumm ſchlichen ſie an den Häuſern der Südſeite hin. „Sieh das Kriegsvolk, dort am Feuer unterm Rathhaus! Was treiben ſie denn da? Ich glaube, ſie ſpielen Aufhenkens!“ ſagte Frühwein zu Diewiß. Dieſer ſchüttelte ſich wie im Fieber. „Frierſt du, Diewiß?“ „Sa!“ „Die ſcheußlichen, wilden Kerle! Solche ruchloſe Toll— heiten zu treiben in dieſer Zeit des Jammers!“ ſagte Früh⸗ wein.„Was das für greuliche Fratzen ſind!“ Die wilde Rotte hatte einen der Ihrigen als Delin⸗ quenten an einen Pfahl gebunden; zwei Andere machten die Henkersknechte und ſchlangen ihm einen Strick um den Hals, an dem ſie ihn ſcheinbar aufhingen. Er verzerrte das Ge⸗ ſicht in gräßlichen Zuckungen. Der ganze Kreis brach in wieherndes Gelächter aus. „Die blutigen verzerrten Geſichter in dem blutigen Feuer⸗ ſchein! Es iſt als ob ſie lebendige Teufel aus der Hölle wären“, ſagte Frühwein ſchauernd, indem er auf die Gruppe deutete.„Wie der Kerl die Augen verdreht! Man *) Er flüchtete nach der Schweiz und ſtarb einige Jahre ſpäter zu Genf im Elend. 7* 154 ſollte glauben, ſie hingen ihn im Ernſt auf. Wie er die Zunge heraushängt! Greulich! Da faßt ſie Einer mit der Zange, und der Andere hält einen feurigen Nagel hoch! Verfluchter Höllenſpuk! Mich ſchaudert's!“ Frühwein ſchüttelte ſich. Diewiß ſprach kein Wort. Ihm ſchlotterten die Knie. Er hing ſich wie Blei an Frühwein's Arm, daß dieſer Mühe hatte ihn fortzuziehen. Erſt als ſie wieder im tiefen Schattendunkel der Straße jenſeit des Marktes waren, ſtieß er leiſe ächzend die Worte aus:„Herr mein Jeſus, er⸗ barme dich!“ Waren es Bilder der Zukunft, die er ahnungsgrauend im düſtren, grauſenvoll verzerrenden Hohlſpiegel ſchaute? Sechzehntes Capitel. Es war zehn Uhr Abends, als Thurn aufs äußerſte erſchöpft vom Hradſchin kommend, an die Pforte ſeines Hauſes pochte. Vorſichtig lugte der alte Balthaſar zur vergitterten Oeffnung des Thorwegs hinaus, um zu ſehen, wer dort ſei, bevor er aufriegelte. „Gott ſei Dank! Ihr ſeid es, gnädiger Herr!“ rief er aus.„Ach die Frau Gräfin iſt faſt vor Angſt umge⸗ kommen, Euretwegen.“ „Die Gräfin iſt in ihrem Zimmer?“ „Ja wol! Se. Ehrwürden der Herr Pfarrer Lippach iſt droben“, war des Pförtners Antwort. „Der Pfarrer!“ ſprach Thurn vor ſich hin, und ging an dem Alten vorüber die Stiege hinauf.„Das bedeutet nichts Gutes“, dachte er.„Allein wie wäre auch etwas Gutes in dieſer Zeit des Schreckens zu erwarten!“ Die düſtere Nacht des Unheils war ringsher gelagert. Kein Hoffnungsſtern ſchimmerte hindurch. Im ganzen Hauſe war es todesſtill; es ſchien, daß Niemand zu athmen wagte. Die Ampel, welche die Treppen⸗ flur erleuchtete, brannte im trüben Licht. Sonſt Alles tief nächtlich. Unwillkürlich leiſe auftretend ſchritt Thurn, als fürchte er dieſe Grabesſtille zu unterbrechen, oder einen ſchlum⸗ mernden Kranken zu wecken, über den Corridor hin, und öffnete behutſam die Thür des Vorgemachs. Aus der halb offenen Stubenthür, die in Eliſabeth's Zimmer führte, fiel ein matter Lichtſchein. Thurn vernahm eine männliche, murmelnde Stimme; es ergriff ihn ein Schauer und eine Wehmuth, die ſeine Knie zitternd machten. Er athmete tief; mit aller Kraft des Geiſtes ſuchte er Faſſung zu gewinnen. Da hörte er das leiſe tönende Wort„Mutter“ von den Lippen ſeiner Thekla. Es klang wie die wehmuthvollſte Bitte. „O du mein gütiger Heiland“, ſeufzte er mit hinſter⸗ bendem Laut, den Blick noch oben gewandt, und Thränen unnennbaren Schmerzes erfüllten ſein Auge. Er erhob die Hände gen Himmel, drückte ſie gefaltet gegen ſeine Bruſt, und ſeine Seele ſandte ein Gebet zu Gott empor, deſſen Inhalt Worte nicht bezeichnen. Es war ein Augenblick der Demuth, der Zerknirſchung in dem thatenvollen Leben des ehernen Mannes, der Alles Gewaltige in ihm zerſchmolz wie weiches Wachs. Gottes Hand hatte ihn getroffen! Sein Flehen war Schmerz, Reue, Liebe, Hoffnung, Ver⸗ trauen, Alles in Einem! Er fühlte ſein Nichts, gegenüber — — — — ſſä⅓⅓—= 5 der Allmacht!— Dieſe volle Demüthigung war ſeine Erhe⸗ bung! Ein Hauch des Troſtes, der Gnade, erwachte in ſeiner Bruſt.„Wir werden unſer Geſchick erfüllen“, ſagte er zu ſich ſelbſt,„abſchließen mit der Erde, und den Blick auf das Jenſeits richten!“ So fand er die Kraft wieder, vor die Seinen hinzutreten als Tröſter, Schützer und Retter. Er ſchritt durchs Gemach und öffnete leiſe die halb⸗ offene Thür vollends. Niemand ſah ihn. Thekla lag auf dem Ruhebett mit geſchloſſenen Augen; die Mutter ſaß zu ihren Häupten, liebend über ſie gebeugt. Pfarrer Lippach ſtand zu den Füßen der Duldenden; er hatte die Bibel in der Hand und blickte mit frommer Rührung auf die jugendliche, erblaßte Geſtalt. Im Hintergrunde des Gemachs ſtand Thereſe, regungslos, ſtumm nach oben blickend. Die rechte Hand hatte ſie auf einen mit einem dunklen Teppich behangenen Tiſch geſtützt, gegen den ſie ſich ſanft anlehnte; die Linke hielt ſie gegen die Stirn, als wolle ſie dem Haupt die Laſt der ſchweren Gedanken tragen helfen. „Eliſabeth“, ſprach Thurn leiſe, weich. Sie ſchreckte empor— ſie hing an ſeinem Herzen! Er hielt die einſinkende Geſtalt männlich, feſt umfangen. „Eliſabeth“, ſagte er ſanft, aber mit feſter Stimme. „Lehne dich an mich, ich werde deine Stütze ſein. Ich fühle, daß Gottes Gnade mir Kraft gibt.“ Sie hatte keine Worte der Erwiderung; doch ihre Thränen floſſen lindernd an ſeinem Herzen. Thekla ſandte einen verlangenden Blick aus den halb erloſchenen Augen hinüber zu ihrem Vater. Thurn trat zu ihr, beugte ſich über ſein theures Kind und küßte es auf die Stirn. 157 „Herr Graf....“ begann der Pfarrer mit erſchüt⸗ terter Stimme, aber ſie verſagte ihm wieder, von der Wallung ſeiner Seele überwältigt. Thurn reichte ihm die Hand mit ſtummem Druck. Er wandte ſich um zu Thereſen. Sie hatte die Hand von der Stirn herabſinken laſſen, und ihr Auge, zuvor in dunkler Glut emporgerichtet, war jetzt zu Boden geſenkt; eine Thräne rann leiſe über ihre marmorbleiche Wange. „Thereſe“, ſagte Thurn erſchüttert,„deine ſtumme Lippe fragt mich nach deinem Gatten, deinem Vater! Frage den dort oben! Sein Sturm hat Alles verweht— wir wiſſen nichts, wir ahnen nur, wir hoffen nur!“ b Es leuchtete in Thereſens dunklen Augen wie ein Schimmer des Jenſeits.„Ich frage nicht“, ſagte ſie mit tiefer Wehmuth, aber doch mit frommer Faſſung.„Gottes Hauch gibt Antwort bevor wir fragen! Sein Sturm brauſet dahin, über unſerm Haupt; ſeine gnadenvollen Sterne wandeln über den Stürmen. Seine Hand ſchlägt uns, ſie kann uns aufrichten. Wir vollenden unſer Schickſal. Geſegnet ſei der Allwaltende!“ 2 Es war als ob ein höherer Geiſt dieſe Worte über ihre kaum bewegten Lippen hauchte. Sie drangen in die Bruſt Aller, ſie erhoben das Herz zur Kraft des Erduldens. „Du bringſt uns keine Kunde von den Unſrigen, Thurn?“ fragte nach einer langen Stille die Gräfin Eli⸗ ſabeth mit bebendem Laut. „Nur was ihr wiſſet, oder fürchtet, beſtätigt ſich“, ant⸗ wortete Thurn mit einer Stimme, in der die Erſchütterung die gewaltſam errungene Beherrſchung durchzitterte.„Heinrich hat ſeines Namens würdig gekämpft; ich ſprach viele Reiter ſeines zerſprengten Regiments. Sie haben ihn noch im dich⸗ teſten Handgemenge geſehen, umringt von Feinden....“ .. „Mein Sohn!“ brach Eliſabeth laut weinend aus. „Mein theurer Sohn, in der Blüte ſeiner Jugend. das offenſte, liebreichſte, edelſte Herz.. Thekla erhob die Arme gegen ihre Mutter, als wollte ſie ſagen:„Suche Troſt an meinem Herzen, und gib mir Troſt!“ Thurn ſtand mit verſchränkten Armen und blict zu Boden. „Alle vermuthen, daß er gefangen iſt“, ſagte er mähſum, indem er Eliſabeth's Hand faßte.„Wir werden ihn wie⸗ derſehen!“ „Wiederſehen“, ſagte die Gräfin mit ſüßem Ton, und ihr hoffendes Auge lächelte durch Thränen aufwärts. In Thekla's angſtvollem, mitleidflehendem Blick ſchwebte eine Frage. Das Mutterauge las ſie. „Und.... der Prinz?“ fragte Eliſabeth zögernd. „Gerüchte ſagten uns....“ „Er trägt die ſchönſte Ruhmeskrone dieſes Unheiltages“, unterbrach ſie Thurn und raffte ſeine ganze Mannheit zu⸗ ſammen.„Hätten Alle gefochten wie er und Heinrich, wir lägen jetzt auf den Knien in unſeren Kirchen und jauchzten Dank gen Himmel für das gerettete Vaterland!“ Ein ſeliger Lichtblick glänzte verklärend in Thekla's Auge; doch ängſtlich bange hing es ſogleich wieder an der Lippe des Vaters, ob er weitere Kunde geben werde. „Der Fürſt Anhalt“, fuhr er mit gepreßter Stinme fort,„hat wegen der Auswechſelung anfragen laſſen, doch im Heer Maximilian's— weiß man von keinem gefan⸗ genen Prinzen!“ „Ach!“ tönte ein beklommener Schmerzensruf aus Thekla's Bruſt. Eliſabeth umfing zärtlich ihr zurückſinkendes Kind. *. ——C—C——— 159 Thurn machte eine Bewegung mit der Hand, als wolle er ſagen:„Fragt mich nicht weiter!“ Der Pfarrer verſuchte ein tröſtendes Wort.„Wir dürfen hoffen“, ſagte er fromm vertrauend,„daß Gott ſeine Hand rettend über ihn gebreitet hat. Auch über un⸗ ſere andren Freunde, deren Loos uns noch dunkel iſt“, fügte er mit einem Blick auf Thereſe hinzu. Thurn trat an ſie heran, nahm ihre Hand und ſagte: „Ja, das hoffen wir auch von Xaver und Wolodna!“ Da war es als ob der Klang dieſer theuren Namen das Eis des Grauens um ihre Bruſt mit warmem Sonnenſtrahl ſchmelze. Sie brach in einen Strom von Thränen aus, beugte ſich auf Thurn's dargereichte Hand und küßte ſie mit heißem, innigem Kuß. „Und wären ſie nicht mehr unter den Lebenden, meinſt du, daß ich ſie nicht im Tiefſten beneidete!“ preßte ihm der Schmerz das bittre Wort aus. „Was ſind wir und unſer kleiner Schmerz“, ſagte Thereſe ſich edel wieder aufrichtend,„gegen das unermeßliche Unheil, das über Alle hereinbricht!— Weh' uns, daß unſer Auge dorthin nur eine furchtbare Nacht ſchaut!“ ——„Es wird uns nicht Muße gegönnt für unſeren Schmerz“, begann Thurn nach einigen Augenblicken, deren Todesſtille nur durch die leiſen Laute des Weinens unter⸗ brochen wurde.„Wir werden auf die Bahn der That vorwärts gedrängt.— Meine Eliſabeth“, ſagte er, ihre beiden Hände ſanft faſſend,„wir müſſen abſchließen mit Dem, was geſchehen iſt; nur das Dunkel der Zukunft iſt unſer! Dem, was wir bisher das Unſere nannten, hat ſichdie Gruft geöffnet. Ein Vaterland, eine Wohnſtätte haben wir gehabt; hoffen wir, daß uns eine neue auf⸗ nimmt.“ „Gott im Himmel! Thurn!“ rief ſie, ſeine Worte nur halb faſſend. „Wir haben Rath gehalten!“ fuhr er mit Bitterkeit fort.„Es iſt beſchloſſen worden, Alles zu verſenken, über Bord des Schiffs zu werfen, was wir unſer nannten! Hoffnung, Beſitz, Vaterland, Ehre!“ „Um Gottes Willen, ſo ſteht es mit uns“, rief die Gräfin. „Es könnte anders ſtehen!“ antwortete Thurn mit dem Ausdruck des tiefſten Seelenſchmerzes,„denn noch haben wir nichts verloren, was wir nicht wiedergewinnen könnten! Stand ich ſelbſt nicht drohender vor Wien, als Maximilian jetzt vor Prag?— Doch es iſt vorbei! Die Beſchlüſſe ſind gefaßt, das Haupt der Verzagten hat ſich unters Joch ge⸗ beugt! Jetzt bleibt uns keine andre Wahl, als, da das Ganze verloren gegeben iſt, unſer eigenes Haupt und Daſein zu retten, ſo weit wir vermögen!“ Thereſe war nüäher getreten und horchte mit fieberhafter Spannung in den Zügen; auch Lippach's Auge hing gefeſſelt an Thurn's Lippe. „Der König“, fuhr Thurn düſter fort,„ließ um Waffen⸗ ſtillſtand nachſuchen auf vierundzwanzig Stunden, um zu unterhandeln. Nur ein wahnſinniger Gegner hätte dieſe Forderung gewähren können. Sie wurde abgeſchlagen. Herzog Maximilian geſtattet nur ſo viel Zeit der Waffenruhe, als er ſelbſt unerläßlich braucht für ſein gänzlich entkräf⸗ tetes Heer,— acht Stunden!*)— In dieſen acht Stunden konnten wir ihn vernichten!“ flammte Thurn im Eifer auf, „wenn wir alle Kräfte dieſer Stadt und des zerſplitterten Heeres zuſammenrafften! Draußen lagert er, vorm Reichs⸗ *) Hiſtoriſch. 161 thore! Seine Leute ſind von den Nachtmärſchen, von der Arbeit der Schlacht, von Hunger und Krankheit todeser⸗ ſchöpft. Die unſern, nur heut vom blinden Schrecken fort⸗ geriſſen, brennen, ihren Schimpf auszulöſchen; Prags Bürger wären uns zu Hülfe geeilt; wir hätten im Dunkel des Abends einen Ausfall gemacht, denn in Stift Strahow haben wir ſiebzehn Fahnen geſammelt, fünf allein von Heinrich's Regiment, die ſich im muthigen Kampf durchge⸗ ſchlagen. Paniſchen Schrecken würde ein ſolcher Ueberfall in das Heer der Gegner geworfen haben; es wäre zerſtreut worden auf alle Straßen Böhmens. Und hätte es ſich wieder geſammelt, ſo mußten Hunger und Elend es ver⸗ derben in der Winterſtrenge vor Prags unerſtürmbaren Mauern! Vollends wenn Mansfeld es im Rücken an⸗ griff!“ 5 „Und das Alles geſchieht nicht?“ fragte Eliſabeth die Hände zum Himmel erhebend.— Thereſens Auge flammte Zorn! „Es geſchieht nicht, wie wir auch dafür gekämpft. Ich, Olbramowitz, Caplicz.... Dem König iſt jjede Schwinge des Muthes gelähmt; die Königin ſieht nur Schrecken hier, nur Heil in der Flucht!“ „Und was geſchieht nun“, fragte Lippach zögernd. „Was geſchieht?“ entgegnete Thurn bitter.„Wir haben ja acht Stunden Waffenſtillſtand gewonnen, damit der König Raum habe.... zur Flucht! Vergebens flehte der Greis Caplicz für eine kühne Erhebung, vergebens war mein Rath und Zürnen, vergeblich des kühnen Olbramowitz Feuerworte; der König fürchtet den Verrath der Böhmen! Fürchtet ausgeliefert zu werden an die Feinde, von den Bürgern Prags ſelbſt, um ſich dadurch Erlaß der Strafe zu erkaufen!“ 162 „Dieſer ſchwere Argwohn iſt die Frucht ſeines Schuld⸗ bewußtſeins“, ſeufzte Lippach und dachte an die Tage leicht⸗ fertigen Taumels, und an den hochmüthigen Eifer gegen die Heiligthümer des Volks. „Und wenn der König flieht, worüber unterhandelt er mit dem Herzog?“ fragte Eliſabeth,„bedarf der Flüchtende einer Unterhandlung?“„ „Nur der Zeit zur Flucht! Und ſie iſt gewonnen, denn morgen erſt“— bitterſter Hohn zog ſich um Thurn's Lippen—„werden die Thore der unüberwindlichen Stadt dem Herzog geöffnet. Morgen erſt!“ „O Gott!“ rief die Gräfin und barg das Haupt an Thurn's Bruſt. „Was alsdann unſer Los ſein würde? Was Ma⸗ thias Thurn zu erwarten hätte— ſoll ich es dir erſt ausſprechen?— Die Zeit drängt, Eliſabeth! Dieſe acht Stunden ſind auch uns geſchenkt! Der König flieht noch in dieſer Nacht. Auch uns bleibt nichts Andres mehr! Der Fluch der Verbannung iſt unſer nächſtes Geſchick. Beeilt euch denn zur Flucht. Ehe der Tag anbricht, muß Prag weit hinter euch liegen!“ Worte hatte Niemand,— kaum Thränen! Grabesſtille herrſchte im Gemach. „Ihr geht nach Schleſien“, unterbrach ſie Thurn endlich, „Böhmen hat keine ſichere Stätte mehr für euch.“ „Wie?“ fragte Eliſabeth von einer Ahnung durchſchauert, „wir gehen nach Schleſien?— Und du? Sollen wir uns von dir trennen?“ Die letzten Worte waren ein Angſtruf. „Ich muß beim Könige bleiben; auch er will nach Schleſien. Doch die Flucht mit ihm würde für euch zu be⸗ ſchwerlich und nicht ohne Gefahr ſein.“ Er ſprach dieſe letzten Worte mit einem Blick auf Thekla. 4 163 Dieſe richtete ſich auf.„Nein, mein Vater!“ rief ſie mit zuſammengeraffter Kraft.„Trenne uns nicht! Meine Seele hat überwunden, ſie wird meinem Körper Kraft geben!“ „Trenne dich nicht von uns“, flehte auch Eliſabeth, und klammerte ſich feſt an ihn. Lippach trat tief erſchüttert zu ihm.„Ihr ſollt Freude und Leid gemeinſam tragen, gebietet der Herr“, ſagte er ſanft. „Alles ertrage ich“, flehte Thekla,„nur jetzt nicht die Trennung von dir! Sie wäre mein Tod!“ Thurn ſtand unſchlüſſig. „Alle die wir lieben“, weinte Eliſabeth und hing ſich feſt an Thurn,„ſind verſchlungen von dem finſtren Abgrund der Schlacht. Du biſt der Einzige, der uns bleibt! Von dir ſollten wir uns trennen, jetzt— nein Thurn, das iſt unmöglich!“ Thekla hatte ſich von ihrem Lager erhoben und umwand den Vater mit ihren Armen. „So bleibt denn bei mir“, ſagte Thurn überwunden und ſchloß die Theuren in unauflöslicher Umarmung an ſich. Lippach erhob die Hände und ſagte fromm:„Gottes Segen mit euch!“ Thereſe ſtand allein, ſtumm. „Du trennſt dich nicht von uns“, wandte ſich Eliſabeth mit warmem Wort zu ihr und faßte ihre Hand. „Ich muß!“ antwortete ſie mild, aber feſt, indem ſie ihre Hand ſanft aus der der Gräfin zurückzog.„Die Pflicht, die euch hinwegführt, hält mich hier.— Ich habe eine Schickung zu erfüllen“, ſagte ſie edel emporgerichtet, „die keine menſchliche Hand ändert. Der Ewige wird 164 ſeine Flügel über mein Haupt breiten! Sorget nicht um mich!“ Ihre Worte waren ein ſanftes, aber unwiderſtehliches Gebot, dem ſich Alle fügten. Sie wandte ſich halb ab⸗ wärts, und bedeckte ihre Augen mit der Hand. Ihre Thränen floſſen leiſe. Ein unbeſchreiblich ſchmerzenvolles „Ach“ preßte ſie aus ihrer Bruſt. Raſch umgewendet ſtrecke ſie beide Hände nach Eliſabeth und Thekla aus und ſank überwältigt in ihre Arme. Das Uebermaß des Schmerzes erſtickte jedes Wort. Selbſt die Kraft des felſigen Thurn war gebrochen.— Kein Maß mißt die dunkle Tiefe dieſes Augenblicks. „Bereitet euch zur Abreiſe“, brach endlich Thurn's Geheiß die beklemmenden Bande dieſes ſtummen Duldens.„Unſere Minuten ſind gezählt. In dieſem Hauſe bleibt Keinem eine ſichre Stätte. Es wird das Ziel des Haſſes und der Rache ſein. Auch keiner unſerer Diener darf hier bleiben.“ „Eure Zuflucht, edle Frau“, ſagte Lippach erſchüttert zu Thereſen,„ſei mein Haus. Unter Gottes Obhut erwarten wir dort das Kommende!“ Thereſe legte zuſagend ihre Hand in die ſeinige.— Die Nothwendigkeit drängte zur That.—— Zwei haſtvolle Stunden waren entflohen. Was ſich an Wichtigem und Werthvollem fortſchaffen ließ, war zu⸗ ſammengerafft. „Komm denn meine Eliſabeth“, ſagte Thurn, als Alles zur Flucht bereitet war, und reichte ihr den Arm. Wankend ging ſie an ſeiner Seite die Stiegen hinab, die ihr Fuß zum letzten male betreten ſollte. Lippach führte die bebende Thekla. Es ſanken den beiden Frauen faſt die Knie ein, 165 unter der Schwere des Geſchicks, das ſie aus der Heimat, von der Schwelle des häuslichen Beſitzes drängte. An der Pforte ſtand Thereſe, ihren Säugling im Arm, den Mantel um ſich und ihn geſchlagen, gleichfalls bereit, das Haus, aus dem Alles entfloh, zu verlaſſen. Sie war ohne Vater, ohne Gatten, ohne Kunde von Beiden; nur der Knabe ſchlummerte an ihrem Herzen. „O weckt ihn nicht!“ ſagte ſie bittend mit geiſterhaftem Hauch, als Eliſabeth und Thekla ſie zum letzten male um⸗ armen wollten. So empfing ſie nur noch einen leiſen, be⸗ benden Kuß von Beiden, in welchem das„Lebewohl“ auf der Lippe erſtarb. Alle fühlten in düſtrer Ahnung, es war das letzte. Ein Wagen nahm die Gräfin und Thekla und zwei Dienerinnen auf. Der Graf mit den männlichen Dienern ſetzte ſich zu Pferd. Thereſe blickte ihnen lange nach, und horchte auf die verklingenden Hufſchläge und das dumpf verhallende Rollen des Wagens. „Kommt auch Ihr jetzt“, ſprach endlich Lippach ſanft zu ihr und nahm ihren Arm. Sie gingen ſtumm durch die ſchweigende Finſterniß. Thurn's Haus ſtand verödet. d rockhaus in Leipzig. Druck von F. A. T