Brei Jahre von Breiszigen. DOritter Band. Zweite Abtheilung. Ein Roman von Tudwig Rellſtab. Dritter Band. Zweite Abtheilung. Leipzig: F. A. Brochauz. 1858. —— Der Verfaſſer behält ſich das Recht der Ueberſetzung ins Engliſche, Franzöſiſche und in andere Sprachen vor. Einundzwanzigſtes Buch. Rellſtab, Drei Jahre. III. 2. — ₰)—— — —— Siebzehntes Capitel. Der Tag des Einzugs Friedrich's des Fünften in Prag war feſtgeſetzt. Die Stadt überfüllte ſich mit Gäſten. Alle Großen des Königreichs, außer denen, die in offener Fehde mit der neuen Ordnung der Dinge waren, die ganze Ritterſchaft des Landes und alle Mitglieder der Stände verſammelten ſich in der Hauptſtadt, um ihren neuen, ſelbſt gewählten König zu begrüßen; Tauſende von Bürgern und Landleuten ſtrömten herzu. Wer nur einen Verwandten, einen Freund, einen Bekannten in Prag hatte, der ſuchte ihn auf und ſprach für das Feſt, welches Aller Herzen erhob und mit freudigen Hoffnungen ſchwellte, ſeine Gaſtlichkeit an. Von größern und kleinern Städten des Landes, von Saatz, Laun, Eger, Pilſen, Piſek, Tabor, Kuttenberg, Czaslau, Gitſchin, Leit⸗ meritz, Raudnitz, Lowoſitz, Auſſig, DTetſchen, Teplitz und vielen andern, waren Abgeordnete ge⸗ ſendet, den Fürſten zu begrüßen. Viele kamen in ſtatt⸗ lichen Aufzügen an, mit Roß und Reiſigen, mit zahlreichem, glänzendem Gefolge. Auch die Nachbarländer Schleſien und Mähren, die ſich im Bunde mit Böhmen befanden, . 1* 4 die Städte Breslau, Olmütz, Brünn, Iglau hatten ihre Abgeordneten. Es war als ob ein neuer Tag für das Land angebrochen ſei, eine neue Sonne des Glücks ihm ſtrahle. In allen Straßen bewegte ſich ein buntes, fröh⸗ liches Gedränge. Man ſah nicht das unheimliche Wo⸗ gen wie in den Tagen des Mai im verwichenen Jahre, wo der Kampf ſich vorbereitete und beide Theile ſich dazu rüſteten, die einen offen, die andern insgeheim. Damals waren die Gaſſen Prags bewegt von düſtren Geſtalten, von Männern mit zornblickenden, wilden Augen, oder von Zügen ſchwer Bewaffneter, im Dienſt der Statthalter; da⸗ zwiſchen ſcheu umſchauendes Volk, zumeiſt Männer in un⸗ ruhigen Gruppen murmelnd. Jetzt überall ein lebendiges Treiben und Drängen von Frauen und Männern durch⸗ einander, mit freudigen Geſichtern, im eifrigen Geſpräch. Jeder hatte einen Freund, einen Verwandten am Arm, der ihn als Gaſt beſuchte und dem er die prächtige Stadt Prag ſammt den Anſtalten zum Empfang des neuen Königs zeigte. In Feſtkleidern wallte die Menge durch die Gaſſen, über die Brücke zum Hradſchin hinauf. Kriegsleute ſah man auch, wiewol wenig, da die meiſten draußen im Felde lagen, unter Thurn, Fels, Schlick und Mansfeld; doch ſie boten keinen drohenden Anblick dar, ſondern einen friſch ermuthigenden. Denn ſie waren nicht vom Kopf bis zur Zeh mit Eiſen umpanzert, ſondern zeigten ſich in feſtlicher Tracht mit bunter Feldmütze oder blanken Helmen und Waffen, ohne Bruſtharniſch im ſaubern Koller. Sie marſchirten nicht mit ſchwerem, gleichför⸗ migem Tritt, in ſtarren enggeſchloſſenen Rotten, ſondern miſchten ſich unter das fröhliche Volk. Der ſtattliche Kriegsmann hatte ein ſchmuckes Mädchen an der Seite, oder er ging von Bürgern umringt, Arm in Arm mit 0 ihnen, und froher Muth verkündete ſich durch Scherz, Lachen und Geſang. Die Jahreszeit ließ, da es ſchon mit dem October zu Ende ging, die Erheiterungen im Freien nicht mehr zu. Allein wo nur in der Stadt ein Haus war, in welchem Bier oder Wein geſchenkt wurde, das ſah man dicht ge⸗ füllt, und beim friſchen Krug, beim vollen Becher Herren und Ritter, Bürger und Handwerker im belebten Geſpräch. Vor allen aber war Jakob Steffecks Haus am großen Ring der Altſtadt zahlreich beſucht. Im Kellergeſchoß, wo die Reihen mächtiger Fäſſer lagerten, und im Stockwerk zu ebener Erde, ſammelten ſich hier die Gäſte aus allen Stän⸗ den; ſelbſt Frauen und Jungfrauen, da viele der Fremden an ſolchen öffentlichen Orten ſpeiſen mußten, was dann auch den Beſuch durch die einheimiſchen Familien nach ſich zog. Vielfach erblickte man daher jetzt an den Tiſchen, wo ſonſt nur die Männer ihren Krug leerten, auch ehr⸗ ſame Hausfrauen und ſittige Töchter, und das bunte Leben wurde dadurch noch heiterer, denn der Geiſt der Fröhlich⸗ keit ergriff leicht Alle, wo der Geiſt des Weins ſeine bele⸗ bende Kraft übte. Aber das Hochgefühl dieſer Tage bil⸗ dete den Schutz gegen jede Ausſchweifung. Schon an ſich belebte ein höherer Geiſt der Bildung die Bürger Prags. In den trefflichen Schulanſtalten der Utraquiſten wurden ſelbſt Die, welche ſich den Handwerksſtänden widmeten, forgfältig unterrichtet; es war nichts Seltenes, daß die Handwerksmeiſter eine für jene Zeit ausgedehnte Beleſenheit hatten und ſelbſt das Lateiniſche geläufig verſtanden. In der gehobenen Stimmung der Zeit erhöhte ſich dieſer edle Geiſt noch und Alles Unwürdige war aus den gemeinſamen Zuſammenkünften nicht ſowol verbannt, als es ſich von ſelbſt fern hielt, da ihm nirgends ein Zugang geöffnet wurde. 6 In dem hell erleuchteten Gewölbe Jakob Steffeck's hat⸗ ten ſich denn ſo viele frohe Beſucher geſammelt, daß es ſchwer war noch einen Platz zu finden. Als ein ſpäter Gaſt trat Wolodna ein. Er blickte in dem vollen Ge⸗ wölbe umher, wo er wol einen Bekannten finden möchte, zu dem er ſich ſetzen könnte, als plötzlich ein Mann mit den Worten„Vater Wolodna“ vom Seſſel aufſprang und auf ihn zueilte. „Czernig!“ rief Wolodna, als er ihn freudig überraſcht erkannte.„Mein treuer, wackrer Czernig!“ Die beiden Männer küßten ſich wie Brüder. „Freunde, Ihr da, Herr Pfarrer, Herr Hauptmann Holoduk!“ rief Czernig und ließ Wolodna los,„ſeht doch her, wer hier gekommen iſt!“ Das Wort war kaum heraus, als Wolodna die beiden theuren Freunde, die mit dem Rücken gegen ihn geſeſſen hatten, ſich aber jetzt umwandten, erkannte. Auch ſie hielten einander in den Armen in der herz⸗ lichſten Begrüßung. „Wie freue ich mich, ehrwürdiger Herr, Euch hier zu begrüßen“, ſprach endlich Wolodna zum Pfarrer Chlodzek; „das iſt wacker, daß Ihr hierher kommt zu dem Tage der Freude!— Alter Freund Holoduk!— laßt Euch noch einmal küſſen!“ „Die ganze Welt möchte ich heut küſſen“, rief der alte Haudegen und ſchloß den Freund nochmals kräftig in die Arme. „Daß unſer frommer Vater Nechodom dieſen Tag nicht ſchauen konnte!“ ſagte Czernig. „Er ſchaut den herrlichſten Tag, den Tag aller Tage“, antwortete der Pfarrer mit fromm gehobenem Blick.„Ihm — 7 ward das beſſere Theil!“ Wolodna ſchwieg in ſtummer Rührung. „Werdet nur nicht traurig heut an dem Tage der Freude“, ſagte Holoduk herzlich und klopfte Wolodna auf die Schulter.„Er hat die himmliſchen Freuden; ſo laßt uns der Freude auf Erden genießen!“ „Requiescat in pace!“ ſprach der Pfarrer. „Setzt Euch zu uns, Wolodna“, bat Czernig.„Wir rücken zuſammen. Trinkt ein Glas mit uns! Ihr müßt beiſammen ſitzen, ihr beiden Aelteſten“, wandte er ſich gleich⸗ zeitig zu Holoduk.„Schaut einmal! Ihr ſeht euch ein⸗ ander ähnlich wie zwei Brüder! Und alle Beide habt ihr die Kreuzwege da auf der Stirn!“ „Nikolas Holoduk hat ſeiner Zeit die Türkenſäbel auch kennen gelernt“, ſagte der Hauptmann ſelbſtgefällig. „Und die Türken Euer ſcharfes Schwert, Herr Haupt⸗ mann“, antwortete Czernig. „Kann's nicht leugnen, ich habe mich gewehrt—— das ſind alte vergeſſene Geſchichten. Es iſt vorbei damit! Ich bin zu alt zum Fechten!“ „Nicht ſo ganz!“ ſagte Wolodna lächelnd,„noch in Kloſtergrab damals!“ „Begraben wir das damals!“ rief Czernig.„Es war ein grauenvoller Tag! Wir wollen uns den frohen Abend nicht damit verderben.— Kommt, Kinder, ſetzt euch.“— Sie nahmen Platz an der Tafel. Wolodna ſchaute ſich jetzt erſt recht um. Er ſah man⸗ chen Bekannten, empfing manchen Gruß und Handſchlag. „Ihr erkennt mich wol nicht mehr, Hauptmann Wo⸗ lodna“— mit dieſem Rang war er durch Thurn beklei⸗ det— fing ein Mann in mittlern Jahren, der ihm gerade gegenüber ſaß, das Geſpräch an;„wir haben doch ſchon — 8 hier in Prag miteinander verkehrt; hättet Ihr Nikolas Diewiß ganz vergeſſen?“ „Ei, Herr Stadtſchreiber“, antwortete Wolodna über⸗ raſcht und nahm die dargebotene Hand freudig an;„ich verwundere mich, Euch ſo lange nicht geſehen zu haben, da ich doch ſeit drei Monaten hier in Prag bin!“ „Ich war viel auswärts, auf mancherlei Geſchäfts⸗ reiſen!“ „Ich ſollte Euch auch kennen, Herr Hauptmann“, nahm ein anderer Mann ungefähr in gleichem Alter mit Diewiß, der neben ihm ſaß, das Wort,„ich müßte mich ſehr täu⸗ ſchen, wenn ich Euch nicht im Lager vor Wien beim Grafen Thurn geſehen hätte.“ Wolodna ſah den Gaſt aufmerkſam an. Er hatte bleiche, eingefallene Wangen, etwas unheimlich Unruhiges, faſt Ver⸗ ſtörtes in den Zügen. Sie ſchienen Wolodna bekannt, doch wußte er nicht ſogleich, wohin er den Mann bringen ſollte. „Herr Tharradel von Ebergaſſing“, nahm Diewiß das Wort für dieſen. Jetzt erkannte ihn Wolodna gleichfalls. Der ganze Zu⸗ ſtand der Verwirrung, in welchen Tharradel nach dem plötz⸗ lichen Umſchlag ſeiner Hoffnungen gerathen war, kam ihm wieder ins Gedächtniß, da er ſich noch jetzt in deſſen An⸗ geſicht malte. Es war als habe ihn, der die Hand ſo freventlich an ſeinen Fürſten legte, eine höhere ſtrafende Hand gezeichnet. Wolodna war in Verlegenheit, wie er mit Tharradel ein Geſpräch anknüpfen ſolle, denn er mochte der Vorfälle im Lager nicht gedenken. Da fiel ihm Reubner ein, doch konnte er ſich nicht ſogleich auf deſſen Namen beſinnen.„Ihr habt dort einen redlichen Freund verloren“, ſagte er,„wie hieß doch der Alte, der tapfre Graubart, der in der Schanze blieb!“ 9 „Stephan Reubner!“ antwortete Tharradel mit einem leichten Anflug von Röthe auf ſeinen bleichen Wangen. „Ja, das war ein treues Herz!“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu und die Bläſſe ſeines Angeſichts kehrte, ſo ſchien es, ſtärker zurück. „Wahrlich!“ bekräftigte Diewiß mit einem unruhigen Blick auf Tharradel.„Das war ein wackrer Freund unſerer Sache! Laßt uns anſtoßen, Hauptmann Wolodna, auf Stephan Reubner! Ich danke ihm vielleicht das Leben!“ Und er erzählte jetzt auf die begierige Anfrage Mehrerer, wie gewandt und keck Reubner ihn damals zuerſt in einen Verſteck und dann verkleidet aus Wien geſchafft, als ihm die Späher und Helfer Slawata's ſo hart auf der Spur waren. Die Erzählung war noch nicht zu Ende, als eine Geſtalt eintrat, die, ſowie ſie ſich in der Thür zeigte, Aller Blicke auf ſich zog. „Was Teufel iſt das?“ rief Hauptmann Holoduk. Mitten in das Gemach ſchritt ein gewaltiger Mann in ſchwerer eiſerner Rüſtung; aber nicht in Waffen wie ſie üblich waren, ſondern in uralten, als ob ein Bote früherer Jahrhunderte einträte. Ein ſchwerer, eiſenſchwarzer Harniſſch, mit Roſtflecken und andern Spuren des Alters deckte die Bruſt; Schienen gleicher Art Arm und Schenkel. Den Kopf ein Helm, mit ſtarkem, geſchloſſenem Viſir. In der reechten Hand hatte der eiſerne Verkappte eine Art Lanze ohne Spitze, kurz, ſodaß ſie mit dem Schaft auf den Boden geſtellt, nur wenig über die Schulter hervorragte. Alles war in Erſtaunen über die unvermuthete, ſeltſame Er⸗ ſcheinung. „Nun? Wie gefall' ich euch? Kennt ihr mich?“ fragte eine tiefe männliche Stimme. Und gleich darauf 1 ½*½☚ b 6 10 ſchlug der eiſerne Gaſt ſein Viſir empor und ſah die Ge⸗ ſellſchaft mit lachendem Antlitz an. „Jakob Steffeck“, riefen eine Menge Stimmen wie aus Einem Munde. „Zum Teufel, was treibt Ihr für Mummenſchanz“, fragte einer der Gäſte.„Alſo darum haben wir den Wirth den ganzen Abend nicht geſehen?“ „Ich wollte den werthen Gäſten doch eine Probe geben von unſerm Aufzug“, ſagte der Weinwirth heiter.„So werden wir uns, eine ganze Mannſchaft, am Thor auf⸗ ſtellen. Herr Nikolas Diewiß dort wird uns anführen und dem gnädigſten Herrn Kurfürſten die Anrede halten!“ Eine Anzahl der Gäſte war inzwiſchen aufgeſtanden und umringte den ſo ſeltſam Gerüſteten neugierig. „Was bedeutet denn das eigentlich?“ fragte Holoduk, der ſich die gerüſtete Geſtalt mit verwunderter Aufmerkſam⸗ keit angeſehen hatte,„der Mann ſieht ja aus als ob er von der Leibwache des Ziska wäre? Ich habe in meiner Jugend noch zu Zeiten alte Rüſtungen der Art geſehen!“ „Es iſt beinahe, wie Ihr ſagt, Hauptmann Holoduk“, antwortete ihm Wolodna.„Unter den vielerlei Veranſtal⸗ tungen zum Empfang des Herrn Kurfürſten iſt auch die, daß eine ganze Feldwacht in den Rüſtungen aus den Huſ⸗ ſitenzeiten am Reichsthor aufgeſtellt wird, die ihn mit dem Waffengruß aus alter Zeit empfangen ſoll.“*) Während Wolodna ſeinen Gefährten dieſe Erklärung gab, mußte der Wirth des Hauſes ſeinen andern Gäſten die Art ſeiner Waffen und Rüſtzeug näher zeigen und ihren Urſprung und Gebrauch erläutern.**)„Das war die Pickel⸗ *) Hiſtoriſch. *) Hiſtoriſche Waffenſtücke, deren noch viele im prager Muſeum. — — ☛‿ 11 haube der Kuttenberger“, ſagte er, indem er den Helm abnahm und zeigte.„Und das hier“, er hob die lanzen⸗ ähnliche Waffe empor,„war ein Teufelsinſtrument. Was meint Ihr zu dieſem Dreſchflegel?“ „Das iſt alſo einer von den berühmten Dreſchflegeln?“ fragte Holoduk und griff nach der Waffe. „Davon hat mir mein Großvater noch erzählt! Sein Großvater hatte mit dem Dreſchflegel bei Tabor einen brandenburgiſchen Oberſten vom Pferd gehauen. Auf einen Hieb ſprang der Helm in Stücke und beim zweiten ſtürzte der wankende Reiter, daß er kein Glied mehr regte.— Wetter und Teufel, das ſind aber auch Eiſenzähne hier!“ Die Waffe machte die Runde; ſie beſtand in einem hölzernen mit Eiſen beſchlagenen Schaft, etwa von Manns⸗ höhe; oben war an leichten aber feſten Ketten und zugleich mit Riemen ein bewegliches, armlanges Holzſtück, genau wie beim Dreſchflegel befeſtigt, das nicht nur mit Eiſen beſchlagen war, ſondern ringsum eiſerne Spitzen, von etwa anderthalb Zoll Länge hatte. Durch die gewaltige Schwung⸗ kraft in dieſem beweglichen Theil, wenn der Schaft einen Hieb vollführte, wurden die ſtärkſten Rüſtungen zerſchmet⸗ tert, und manchen Sieg dankten die Huſſiten dieſer furcht⸗ baren Zerſtörungswaffe, welche der Feind nicht beſaß. „Eine mörderiſche Waffe“, ſagte einer der Gäſte,„die ſollte man wieder einführen!“ „Mit Vergunſt“, wandte Holoduk ein.„Das war gut für den damaligen Krieg; für wilde Haufen; heut zu Tage iſt das Ding nicht mehr zu gebrauchen. Seit die Mus⸗ keten und Karthaunen mitſpielen, iſt's aus mit den Dreſch⸗ flegeln.“ „Nun“, meinte einer der Bürger,„ihr habt doch noch Lanzen und breite Schwerter und Säbel!“ „ ſt ganz etwas Anderes, werther Herr“, belehrte Holoduk, der ſich freute, hier mit einigem Anſehen als Kriegs⸗ und Sachkundiger aufzutreten.„Das ſind Waffen, die in geſchloſſenen Reihen gebraucht werden können. Jetzt wird mit Ordnung gefochten. Es geht Alles im Gan⸗ zen, nicht wie jeder Einzelne Luſt hat. In Reih und Glied iſt die Lanze wirkſam, wenn's erſt zum Handgemenge kommt, aber nicht dieſer Dreſchflegel. Damit können nur einzelne Trupps und Leute kämpfen; mit dem Dreſchflegel muß man links und rechts hantieren können, da ſchlüge man in der Front mehr Nachbarn todt als Feinde!“ Ein murmelndes Lachen lief durch den Kreis. „Allein das wundert mich“, bemerkte wiederum Einer, indem er die Waffe genau betrachtete,„daß die Spiitzen hier an dem Flegel ſo ſtumpf und ſo kurz ſind. Wenn ſie länger und recht ſcharf wären, müßten ſie doch noch ganz anders in Fleiſch und Bein dringen!“ „Das meine ich auch“, pflichtete ein Anderer bei,„auch habe ich auf der Rüſtkammer im Hradſchin dergleichen ge⸗ ſehen, wo die Spitzen wol fingerlang waren und dabei ſcharf wie die Dolche!“ „Ganz recht, werther Herr“, docirte Holoduk, der in die Mitte des Kreiſes getreten war, weiter,„das war die alte Art. So rückten die Kuttenberger anfänglich aus. Aber dies iſt die von Ziska verbeſſerte Gattung. Die alten fleiſchten, das iſt nicht zu leugnen, aber der Eiſen⸗ zahn ſaß feſt und der Mann konnte die Waffe nicht zu⸗ rückziehen, da war er mit einem Hieb entwaffnet und fand oft den Tod. Dieſe Spitzen zerſchmettern, aber haften nicht, der Mann kann die Waffe raſch wieder heben; mit dieſen Dingern läßt ſich wahrhaft dreſchen, Schlag auf Schlag!“ — 13 Alle gaben durch beifälliges Murmeln zu erkennen, daß ſie die Richtigkeit der Erklärung einſahen. „Ja“, fuhr Holoduk, der aus einem ganz fremden, kaum beachteten Gaſt durch dieſen Zufall für den Augen⸗ blick gewiſſermaßen der angeſehenſte geworden war, mit leuchtenden Blicken fort,„es war ein ganzer Kriegsmann dieſer Ziska! In kleinen Dingen und in großen; und ſo muß es ſein, denn von den kleinen Dingen hängt das Ge⸗ lingen der großen oft ab im Felde. Eine gebrochene Achſe kann eine Schlacht verloren machen, drum muß man recht⸗ zeitig nach den Achſen ſehen. Eine Waffe etwas kürzer oder länger gibt dem Soldaten den Vortheil über den Geg⸗ ner oder ſtellt ihn in Nachtheil. Und ſteht jeder einzelne Mann im Nachtheil, ſo hat der Gegner die Oberhand in der ganzen Schlacht, im ganzen Kriege! Darum ſieht ein guter Feldhauptmann das Kleine und das Große an; das Kleine vorweg, bei rechter Zeit, denn das muß vorbereitet ſein, und läßt ſich nicht nachholen; das Große aber, wenn's trifft, da muß er die Augen offen haben; das kommt wie die Feuersbrunſt über Nacht, da muß er den Kopf oben halten, ob's auch drunter und drüber geht, und feſtſtehen wenn alles zittert und bebt! So war der Ziska auch. In der Schlacht ſah er nach allen Seiten zugleich mit ſeinem einen Auge; er ſpähte um wie ein Adler, und ſchoß auf den Raub wie ein Stoßvogel! Er wußte wann die Uhr ſchlug zum Anſturm; ein Augenblick zu früh, und die Schlacht iſt verloren! Er aber führte den Schlag wenn's Zeit war, und ſo ſaß denn der Hieb auch!“ Alle hörten geſpannt dem alten begeiſterten Kriegsmann zu. Jakob Steffeck hatte inzwiſchen auch noch einige andere Waffenſtücke hereinholen laſſen, die geprüft worden waren, und aus denen er Das zur Rüſtung ausgewählt hatte, was —.— er eben trug. Es waren Schilde, Helme und Angriffs⸗ waffen mancherlei Art. Alle Gäſte, auch die Frauen und Mädchen umſtanden die Merkwürdigkeiten.— „Was iſt denn das für ein Inſtrument?“ fragte einer der Beſchauenden erſtaunt und nahm eine lange Waffe mit einem Spießſchaft, welche oben aber ſtatt in einer Spitze, mit einer Art von Ring endete, in die Hand. Das Ding ſieht ja aus wie ein Halseiſen!“ „Gebt einmal her!“ ſagte Holoduk. Und bevor ſich's der prager Bürger verſah, rückte Ho⸗ loduk mit dem eingelegten Spieß auf ihn an, drückte ihm denſelben feſt an die Halskrauſe, daß er einen Schritt zu⸗ rücktaumelte, und— der Hals des Angegriffenen ſteckte in dem Ring und Holoduk hatte ihn in ſeiner Gewalt. Der ganze Kreis brach in ein lautes Gelächter aus, wie der Gefangene halb beſtürzt, halb erzürnt hin⸗ und her⸗ taumelte. Dann fuhr er mit den Händen nach dem eiſernen Halsbande, das ihn wider Willen ſchmückte, und rief.„Was ſoll denn das? Das iſt ein ſchlechter Spaß!“ „Es war ein noch viel ſchlechterer Ernſt“, antwortete Holoduk;„wem das Eiſen um den Hals ſaß, dem ſaß bald der Hals nicht mehr auf dem Rumpf! Mit dieſem Eiſenring zog ein Knabe den ſtärkſten Reiter vom Pferde, denn die einſpringenden Spitzzacken hinten drückten ihn beim Anzug ins Genick, daß er herunter mußte, und die Stacheln von innerhalb faßten ihn von allen Seiten! Ver⸗ ſucht doch, ob Ihr einen Schritt rückwärts könnt, oder Euch gegenſtemmen, wenn ich feſthalte! Ihr müßt folgen und führte ich Euch in die Hölle!“ Dabei zog er an dem Fangſpieß und der gefangene Bürger mußte ihm nachgehen; er führte den vergeblich ſich Sträubenden zum Gelächter aller Anweſenden mit leichter Hand durch das ganze Gemach. 15 Dann trat er hinter ihn und löſte mit einem geübten Druck des Daumens die eingeſchnappten Fangzangen.„Seht ihr“, ſagte er, ſich lächelnd umſchauend,„das iſt auch ſo eine Erfindung vom Ziska! Damit hat er manchen Ge⸗ fangenen gemacht!“ Alle beſichtigten jetzt erſt recht begierig den Mechanis⸗ mus des gefährlichen Inſtruments, und Jeder überzeugte ſich, daß ein David damit einen Rieſen Goliath in ſeine Ge⸗ walt bekommen konnte. Der Losgelaſſene athmete frei auf und machte, da ihm Holoduk ſogleich die Hand reichte, gute Miene zum böſen Spiel. Es war Derſelbe, welcher zuvor die erneuerte An⸗ wendung der Dreſchflegel beim Gefecht gewünſcht hatte, er ſagte jetzt:„Kann man denn aber dieſe Beelzebub's⸗ Kneifzange nicht jetzt auch mit Nutzen anwenden, um einen Koſacken oder Türken vom Roß zu bringen?“ „Nichts, nichts, werther Herr, jetzt würde ein Reiter Einem, der ihm ſo zu Leibe ginge, mit der Piſtole den Garaus machen, ehe ihm der Ring an die Halskrauſe ſtreifte. Das Feuergewehr hat alle dieſe Erfindungen todtgeſchoſſen!“— Die Gäſte ſetzten ſich jetzt zum größten Theil wieder, wenn auch noch einige, beſonders Frauen, den geharniſchten Krieger aus Ziska's Heer umſtanden und ſeine Waffen genau beſichtigten. Wolodna wollte aufbrechen.— „Ihr habt ja kaum ein halbes Stündchen mit uns zugebracht, alter theurer Freund“, ſagte der Pfarrer Chlodzek. „Ich hatte es nicht länger in Abſicht, ich wollte nur einen Abendtrunk nehmen nach des Tages Mühen“, erwi⸗ derte Wolodna;„hätte ich gewußt, welche alten Freunde und Heimatgenoſſen ich hier treffen würde, ſo hätte ich mich — ——— —— 6— ——— auf längere Zeit eingerichtet!„Nun ich denke, wir ſehen uns morgen und in folgenden Tagen mit Muße.“ „Was treibt Euch denn aber nach Haus?“ fragte Holoduk. Ihr ſeid doch“, ſagte er ſcherzend„keiner böſen Ehehälfte unterthänig, die da ſchmollt, wenn Ihr zu ſpät kommt?“ „Das nun eben nicht“, antwortete Wolodna,„ aber ſo etwas von häuslichen Pflichten iſt doch dabei“, ant⸗ wortete er ſehr heiter. „Und das wäre“, fragte Chlodzek theilnehmend. „Geſtern ſind es ſechs Wochen, daß meine Tochter Thereſe ein Knäblein geboren hat; ihr erſtes!“ ſagte Wolodna mit leuchtenden Augen. „Wie? Die Thereſe?“ rief Holoduk freudig.„Unſer liebes, theures, heldenmüthiges Mädchen? Und Ihr ſeid Großvater, Wolodna?“ Er nickte freudig. „Das iſt ein Segenszeichen des himmliſchen Vaters“, ſprach der Pfarrer.—„Er beſchenkt Euer Haus für die Zeiten des Friedens und ſchmückt es für die Tage der Häuslichkeit! Das ſoll uns Allen Gutes bedeuten!“ „Ja“, rief Czernig aus,„ſolche Hoffnungen theilt ein Hausvater wie ich. Der Friedensſtern möge leuchten über unſerm Dach!“ „Wie er leuchtete über dem Dach der Hirten, da der Herr geboren“, fiel Chlodzek ein. Dieſe Worte bewegten Alle, die ringsum ſaßen; ſie er⸗ hoben die Gläſer zum leiſen wohltönenden Anklingen; auch Diewiß, Tharradel und Alle am Tiſch, die Wolodna kannten und nicht kannten; denn in Aller Herzen lebte der gleiche Wunſch:„Friede leuchte über unſeren Häuſern!“ Wolodna verabredete, ſich am nächſten Morgen mit den Freunden hier wieder zu treffen, und ging. 17 „Das iſt ein glückliches Zeichen“, ſprach der Pfarrer, als Wolodna aus der Thür war,„ich traue auf dieſes Pfand des Segens, das der Herr gegeben. Es iſt ein Friedenspfand. Es ſoll uns Allen eine Bürgſchaft ſein.— Dem Pfand all unſeres Dichtens und Trachtens“, ſprach er feierlich und erhob das Glas; Alle am Tiſch mit ihm. Das waren die Hoffnungen dieſer Tage!— Anders waren die Erfüllungen! Achtzehntes Capitel. Der 31. October war der hohe Feſttag für Prag, an welchem ſein neuer König einziehen ſollte. Ein ſchöner Herbſttag. Der weiße Morgennebel, welcher in der Frühe das Moldauthal erfüllt hatte, ſenkte ſich wie die Sonne höher ſtieg und ließ zuerſt die Höhen aus leichten, duftigen Schleiern hervorſchimmern, bis ſie ſich ganz klar zeigten. Bald ragten die ſtolzen Thürme der Stadt mit ihren viel⸗ gezackten Spitzen frei in das reinſte Blau empor. Von ihren Zinnen ertönte das Geläut aller Glocken, als ob es aus dem Himmelsdom ſelbſt feierlich herniederſchalle. In der Altſtadt waren alle Gaſſen wie verödet, prangten aber dennoch im feſtlichen Schmuck. Aus den Fenſtern der Häuſer hingen Teppiche herab; Kränze, die das letzte Laub der Wälder in ihrer bunten Färbung hergegeben hatte, zogen ſich quer über die Straße. Doch nur alte Müt⸗ terchen, ſchwache Greiſe, bewachten die Häuſer. Sie ſaßen, — S —— — 18 die allgemeine Freude aus den bejahrten Zügen wider⸗ ſtrahlend, vor den Thüren; um ſie her ſpielten nur die kleinſten Kinder, die noch nicht mit hinaus konnten in das freudige Gedränge und Getümmel auf der andern Seite des Moldauſtroms. Denn dort, vom Hradſchin ab, wim⸗ melte es auf Plätzen und Straßen, bis zum Reichsthor, von drängenden Volksmaſſen, die den Einzug des Königs erwarteten oder ihm entgegenſtrömten, hinaus nach dem Luſtwäldchen, dem Stern.— Die bewaffnete prager Bürgerſchaft zu Fuß hatte ſich im Spalier aufgeſtellt, vom Schloß an, wo der Ein⸗ gang zum großen Saal hinaufführt, bis zu der Abtei Strahow am Thor. Die berittene Bürgerſchaft von der Altſtadt, der Neuſtadt und der Kleinſeite ſollte dem Könige bis auf eine Meile vor die Stadt entgegenreiten und von dem Punkte der Begegnung denſelben bis zum Stern zu⸗ rückgeleiten, wo die Stände ihn empfingen.—— In einem Hauſe der Radnodomska⸗Ulice oder Rath⸗ hausſtraße, welches dem Ritter Friedrich von Biela gehörte, der ein naher Freund Thurn's und mit ihm zugleich Glaubensdefenſor vom Ritterſtande geweſen war, befanden ſich die Gräfin Eliſabeth Thurn, Thekla und Thereſe, um von dort aus dem Einzug zuzuſchauen. Denn da Graf Thurn ſelbſt beim Heere ſtand, das gerade in dieſen Tagen wieder nahe vor Wien rückte, hatte die Gräfin Eliſabeth es angemeſſen gefunden, ſich nicht mit den andern zum Hof gehörigen Damen auf dem Schloß zu ver⸗ ſammeln. Es lag in ihrem Wunſch, jetzt noch nicht als eine Bewohnerin Prags zu gelten, da ſie noch immer zu Karlsſtein weilte und nur zu dieſem Feſttage hereinge⸗ kommen war; ſie betrachtete ſich halb und halb wie im Witt⸗ wenſtande und wollte öffentliches Erſcheinen nach Rang und 19 Würden, was überhaupt nicht in ihrem Sinn lag, ſolange als möglich vermeiden. Doch wollte ſie bei dem großen vaterländiſchen Ereigniß, das ihre ganze Seele beſchäftigte, nicht fehlen. Von den Fenſtern des Hauſes ließ ſich die Straße gegen das Thor hin zwar nur eine kurze Strecke über⸗ ſehen; man gewahrte alſo die Spitze des Zuges erſt, wenn er dicht heran war; doch folgen konnte ihm das Auge bei⸗ nahe bis zum Schloß. Jetzt hatten die Bewegungen noch die umgekehrte Richtung, indem die einzelnen, zur Einholung beſtimmten Abtheilungen ihren Weg nach dem Thore zu nahmen. Auch dieſe boten ein lebenvolles Schauſpiel dar. So weit das Auge reichte, ſtrömten die bunten Volksmaſſen an der lan⸗ gen Linie der aufgeſtellten bewaffneten Bürgerſchaft hin⸗ unter. In der Mitte der Gaſſen war ein Raum freige⸗ laſſen für die Wagen⸗ und Reiterabtheilungen. In funfzig prächtigen Carroſſen, die bald einzeln, bald in Gruppen die Straße hinunter nach dem Thore rollten, fuhren die Stände dem Könige entgegen. Dazwiſchen kamen einzelne Trupps der berittenen Bürgerſchaft, die draußen am Stern ihren Sammelplatz hatten. Großes Aufſehen und ein freudiges Murmeln des Staunens erregte die Schaar von Männern in den Rüſtungen aus der Huſſitenzeit. Zu einem dich⸗ ten Trupp geſchloſſen, zog ſie gleichförmigen, ſchwer dröh⸗ nenden Schrittes in den düſtren Rüſtungen mit den mäch⸗ tigen Eiſenhelmen dahin. Die furchtbaren Dreſchflegel tru⸗ gen die Männer hoch im Arm. Es waren die angeſehen⸗ ſten Bürger Prags unter dieſen zum Scherz gewaffneten Streitern. Allein man hatte zugleich die kraftvollſten aus⸗ ſuchen müſſen, da Niemand mehr darauf geübt war, ſo ſchwere Kriegsrüſtungen zu tragen und ſich darin zu bewegen. Sie 20 fanden ihren Platz hart am Thor, innerhalb deſſelben. Die Feſtordnung hatte den Sinn, daß Vertreter der⸗ jenigen großen Zeit Böhmens, aus der ſich die Glaubensrichtung geboren hatte für die es jetzt kämpfte, die erſten ſein ſollten, welche den König innerhalb der Mauern begrüßten. Denn in dieſer Hauptſtadt war zuerſt das Licht entzündet, das jetzt Allen leuchtete. Die huſſitiſchen Streiter erſchienen daher als Abgeſandte früherer Jahrhunderte, um dem einziehenden Herrſcher Dank darzubringen, daß er die hei⸗ ligen Güter beſchützen wolle, für die ſie ihr Blut geopfert hatten. Dieſe Schaar der ſo eigenthümlich und ſchwer Be⸗ waffneten miſchte dem feſtlichen Anblick einen eigenen düſtern Zug ein. Thekla, die mit einem von ſüßen und heiligen Gefühlen und verſchwiegenen Hoffnungen erfüllten Herzen in die feſtliche Bewegung hinabſchaute, wandte ſich, als ſie vorüberzog, zu ihrer Mutter und ſagte:„Dieſe eiſernen Männer haben etwas Schauerliches für mich!“ „Sie erinnern uns daran“, antwortete Eliſabeth,„daß trotz dieſes heitren Feſtgewandes die Zeit eine ſehr ernſte iſt!“ Thereſe folgte mit ihrem dunklen Auge der Schaar; ihre Züge drückten überhaupt mehr Ernſt als Freude aus. „Es macht mir Grauen“, wandte ſich Thekla zu ihr, „daß man ſich mit ſo fürchterlichen Waffen bekämpfte. Mir ſtehen die entſetzlich Zerſchmetterten vor Augen, die von dieſen Eiſenkeulen getroffen wurden!“ „Ihr Glaube war“, antwortete Thereſe,„wir müſſen mit Blut die Flammen des Scheiterhaufens löſchen, in denen unſer Märtyrer Huß ſtarb— Hätten die Glau⸗ bensverfolger nicht zuerſt das reine fromme Wort der 21 Lehre mit Feuer zu vertilgen geſucht, ſo hätten unſere Väter es nicht mit Blut vertheidigen müſſen!“ „Wie traurig und wie unbegreiflich“, ſagte Eliſabeth, „daß die ſanfteſte Lehre, das heilige Wort der Liebe, zur Entflammung ſolcher Wildheit, ſolchen Haſſes, ſolcher Grau⸗ ſamkeit führen kann!“ Sie ſprach dieſe Worte leiſe, da außer ihnen noch Viele, beſonders edle böhmiſche Frauen ſich in dem Zimmer und der anſtoßenden Reihe von Gemächern befanden, welche von hier aus den Zug ſehen wollten. Das Geſpräch wurde überdies unterbrochen durch den eintretenden Wirth des Hauſes ſelbſt, des Ritters Friedrich von Biela. Er war in feſtlicher Kleidung und kam, wie er ſagte, um Ab⸗ ſchied zu nehmen von den Gäſten, indem auch er jetzt hin⸗ ausfahren mußte, um mit den übrigen Mitgliedern der Stände beim Empfang im Stern zu ſein. „Ich ſprach ſoeben“, wendete er ſich erzählend zu den Anweſenden,„den Grafen Andreas Schlick; er hat mir das Genauere von dem Empfang unſeres jungen Königs zu Waldſaſſen erzählt. Alles iſt entzückt von ſeiner Leut⸗ ſeligkeit und von der holden Freundlichkeit der Königin!“ „Ich habe ſchon viel davon gehört“, nahm die Gräfin Thurn erwidernd das Wort. „Pracht und Herzlichkeit“, fuhr Biela fort,„waren, was ſo ſelten iſt, dort innig verſchwiſtert. Die Schilderung hat mich mit freudiger Rührung ergriffen. Graf Schlick ſelbſt war noch ganz erfüllt von dem Erlebten.— Von Eger zogen die Abgeſandten mit dreihundert Pferden aus.*) Das Auserleſenſte von edlen Roſſen und präch⸗ tiger Ausſchmückung, was man ſeit Menſchengedenken geſehen. *) Hiſtoriſch. 22 Von dort begaben ſich die Abgeordneten in zwanzig Carroſſen nach Waldſaſſen. Sie hatten Schlick zum Sprecher gewählt, wiewol die ausgezeichnetſten, tapferſten und gelehrteſten Männer ſich in der Geſandtſchaft befanden.“ „Graf Schlick vereint alle dieſe Eigenſchaften“, bemerkte die Gräfin. „Wenzel von Rupa“, fuhr Biela fort,„Procop Dworſchetzki von Olbramowitz, Gottlieb Berka von der Daub, waren für Böhmen mit; für Mähren Barthold Bohobud von der Leip und Zſcherka Olbramowitz; für Schleſien Graf Ulrich Schaf⸗ gotſch, für die Oberlauſitz der hochgelahrte Doctor Am⸗ broſius Hadermer und noch viele Andere!“ „Wahrlich“, entgegnete Eliſabeth,„ein Verein von Männern der höchſten Auszeichnung!“— „Der Kurfürſt hat ſie aber auch als ſolche empfangen“, nahm Biela wieder mit freudigen Blicken das Wort.— „Graf Schlick hat ihm die Anrede gehalten und darin die Lage unſeres Landes dargeſtellt. Er ſagte mir ſelbſt, er habe ſo ernſt und doch mit ſolcher Wärme geſprochen, wie zu einem Freunde, ſo wohl ſei ihm ums Herz geworden, als er in das theilnehmende Angeſicht des jungen Fürſten geſchaut.“ „Und wie wohlbedacht, tapfer und freudig hat er die Worte des Grafen erwidert“, ſprach eine andere kräftige Stimme unvermuthet einfallend. Es war Olbramowitz ſelbſt, der eben eingetreten war und Biela abholen wollte, um mit ihm zuſammen hinauszufahren. „O willkommen, theuerſter Freund“, empfing ihn die Gräfin mit frohem Ausruf,„wie lange habe ich Euch nicht geſehen!“ „Mit Thurn war ich deſto häufiger zuſammen“, ant⸗ wortete er, Eliſabeth mit warmem Händedruck begrüßend. „Ich wäre auch jetzt gern bei ihm“, fuhr er in ſeiner kräftig derben Weiſe fort;„denn er braucht ſeinen Degen wieder ſo wacker wie im Frühjahr. Doch hier gibt es auch Fülle der Arbeit, und was wir dort in Waldſaſſen gethan, wovon hier eben geſprochen wurde, das war freu⸗ diges Werk!“ „Ihr habt ſelbſt geſehen und gehört, Dworſchetzli“, ſagte Biela,„ſo könnt Ihr uns recht lebendig be⸗ richten!“ „Ich wollte, Ihr Alle wäret zugegen geweſen! Za, Schlick hat ernſt und wahr geſprochen, dem Kurfürſten das Loos Böhmens beweglich ans Herz gelegt. Aber die Ant⸗ wort des jungen, edelbegeiſterten Herrn drang uns Allen wie Sonnenſtrahl ins Herz. Er iſt voll freudigen Muthes, voll friſcher Zuverſicht! Seine Worte waren uns ein Labetrunk!“ „Hat nicht auch die Kurfürſtin ihre Geſinnungen aus⸗ gedrückt“, fragte die Gräfin Thurn. „Nachdem wir den durchlauchtigſten Herrn begrüßt, begaben wir uns zu der Frau Kurfürſtin“, antwortete Dworſchetzki.„Wenzel von Rupa hielt die Anrede in franzöſiſcher Sprache; die Kurfürſtin erwiderte ebenſo. Was Beide ſagten konnte ich zwar nicht verſtehen, denn ge⸗ läufig ſpreche ich nur mein gutes Böhmiſch, ein wenig deutſch und ein leidliches Wort Latein; damit iſt meine Gelehrſamkeit zu Ende; allein ſehen konnte ich doch, wie die Kurfürſtin ſprach und den Ton ihrer Stimme hören. Sie war ſo freundlich wie der Mai und hat eine Stimme wie eine Nachtigall! Das iſt ein Herrſcherpaar! Mein Herz und mein Leben für Beide! Im Nothfall 24 wollte ich auch ſelbſt das Schwert für ſie führen!“ Die Augen leuchteten dem entſchloſſenen Mann, indem er ſprach. „Alle können nicht genug erzählen“, ſagte die Gräfin, „von der liebreichen Huld des hohen Paares!“ „Eins aber hätte ich ihnen gern erlaſſen!“ fuhr Olbramowitz im Tone ſcherzenden Spottes fort.„Einen geiſtlichen Herrn da, Stultus oder Scultus wie er heißt.“ „Scultetus“, fiel Biela lächelnd ein.„Abraham Schulz, auf deutſch.“ „Meinethalben alſo Schulzetus oder Scultetus; den hätte er im Neckar laſſen mögen!“ „Ei, ei“, hob die Gräfin lächelnd den Finger,„das iſt kein ſehr chriſtlicher Wunſch und gegen einen geiſt⸗ lichen Herrn zumal!“ „So übermäßig chriſtlich“, ſprach Olbramowitz jetzt ern⸗ ſter,„kam mir der Herr Hofpaſtor auch nicht vor. Er predigte aus dem zwanzigſten Pſalm*); wider den Text habe ich nichts, er war gut gewählt.«Der Herr gebe dir, was dein Herz begehrt, und erfülle alle deine An⸗ ſchläge.“— Und weiter:«Nun merke ich, daß der Herr ſeinem Geſalbten hilft und erhört ihn in ſeinem Him⸗ mel.“ Und zum dritten:„Jene verlaſſen ſich auf Wagen und Roſſe, wir aber denken an den Namen des Herrn, unſeres Gottes.““ „Ein ſchöner Text“, ſprachen Thekla und Thereſe, die ſich bisher tief ſchweigend gehalten, wie mit Einem Worte. „Gewiß“, pflichtete Olbramowitz bei;„allein der ge⸗ lehrte Herr gerieth dabei in Eifer gleich einem Bilderſtürmer. *) Hiſtoriſch. 25 gegen Heilige und Heiligenbilder. Das gehörte nicht dahin. Ueberhaupt, es war mir zu arg. Ich bin kein Papiſt; ich nehme das Abendmahl in beiderlei Geſtalt, mit vollem Glauben und von ganzem Herzen, und bete die Heiligen nicht an. Aber deswegen verehre ich ſie doch, da ſie fromm gewandelt ſind und gelitten haben, und Märtyrer gewor⸗ den ſind für die Kirche. Wenn ich ſie nicht anbete, ſoll ich ſie denn deshalb ſchmähen?“ „That er das?“ fragte Biela. „Und wie!— Was ſollte das heißen? Er wird uns doch ihre Bilder und Bildſäulen nicht aus den Kirchen nehmen wollen? Und was hatte er davon zu reden bei dieſem feierlichen Anlaß und bei dieſem Bibeltert? Das gefiel mir nicht, ganz und gar nicht!“ Er ſchüttelte den Kopf.. „Endete die Feierlichkeit mit dem Gottesdienſt?“ fragte die Gräfin. „Wir waren nachmals noch Alle zur Tafel bei dem Herrn Kurfürſten....“ Schmetternder Trompetenklang ſchnitt ihm das Wort ab. „Da rücken ſchon die Kunſttrompeter und Pauker hin⸗ aus“, ſagte Biela mit einem Blick durchs Fenſter.„Jetzt, Freund, wird es hohe Zeit auch für uns; wir kommen ſonſt mit dem Wagen hinter dieſe, und könnten am Ende nicht durchs Gedränge.“ Sie grüßten Beide und eilten hinaus, um ſich in die ſchon im Hofe haltende Staatskutſche zu ſetzen. Die in den Gemächern Anweſenden, welche, um die Erzählung von dem Empfange in Waldſaſſen zu hören, der fünf Tage zuvor dort ſtattgefunden, ihre Plätze verlaſſen und die Berichten⸗ den umſtanden hatten, kehrten jetzt wieder zu ihren Sitzen zurück. Rellſtab, Drei Jahre. III. 2. 2 26 Eine Stunde etwa verging in Erwartung und Geſpräch. Da trat Wolodna ein. Er hatte den ganzen Vormittag auf der Gaſſe zugebracht und war bis zum Stern hinaus geweſen. Er fragte die Gräfin, ob er ihr einen jungen Mann heraufführen dürfe, welcher alle Perſonen am pfälzi⸗ ſchen Hofe, und überhaupt Alle, die am Zuge theilnehmen würden, genau kenne, auch von den jüngſt getroffenen Ein⸗ richtungen ganz genau unterrichtet ſei. Es war ein in der Kanzlei des Raths Camerarius angeſtellter junger Menſch, Namens Volkmar, den Wolodna zufällig auf ſeinem Wege getroffen hatte. Da der Kurfürſt von Waldſaſſen aus nur ganz kurze Tagereiſen machte und am Einzugstage nur von Schlan kam, war ein Theil ſeiner Umgebungen ſchon ſeit zwei Tagen in Prag. Dazu gehörte ein Theil des Kanzleiperſonals, bei welchem der junge Volkmar ſich be⸗ fand; er hatte den Auftrag gehabt, die Schreibſtube dafür in Prag einzurichten und die mitgebrachten Actenſtücke dort zu ordnen. Bei dieſer Gelegenheit waren ihm auch die ſämmtlichen für den Einzug, ſowol von Seiten der Böhmen als von Seiten des Kurfürſten getroffenen ſchriftlichen An⸗ ordnungen zugekommen, ſodaß er darin genau Beſcheid wußte. Das Erbieten war daher den Frauen ſehr willkommen. Wolodna holte den jungen Mann herauf; die Gräſin Eliſa⸗ beth empfing ihn nach ihrer milden Weiſe ſehr freundlich. Doch machten die Vornehmheit der Damen, der Glanz der Umgebung, ſein Fremdſein in der prachtvollen Stadt, ſelbſt die abweichende Mundart, in der er ſprach, ihn anfangs ſo ſchüchtern, daß er kaum ein Wort hervorzubringen wußte und bei jeder Anfrage hoch erröthete. Eliſabeth hatte ihm indeſſen bald freundlich über dieſe Verlegenheit hinweg⸗ geholfen, und er gab ihr nunmehr vielfache Auskunft auf 27 ihre Fragen über die Perſonen in der Umgebung des Kur⸗ fürſten, über die Stellung, die ſie in dem Hofhalt hatten, und Aehnliches mehr. Wolodna ſchilderte dazwiſchen die Vorkehrungen, die zum Empfange vor den Thoren getroffen waren. Er be⸗ ſchrieb das mit Laub und Blumengewinden rings umſpon⸗ nene Rund im Gehölz des Stern, wo die prächtigen Zelte aufgeſchlagen waren, mit Fahnen und Wappen geſchmückt; die für zweihundert Gäſte gedeckten Tafeln in und vor den Zelten auf freiem Grün des Raſens und Anderes. „Iſt die Volksmenge auch dort ſehr zahlreich?“ fragte Eliſabeth. „O gnädigſte Gräfin“, antwortete Wolodna,„es iſt als ob ganz Böhmen ſich draußen verſammelt hätte. Kopf an Kopf umdrängen ſie das Rund. Zu Tauſenden ſind ſie im Gehölz zerſtreut. Viele haben Feuer angezündet, daß der ganze Stern einem großen Luſtlager gleichſieht. Es wird überall geſchmauſt, getrunken. Das Land iſt ja ſo glückſelig, daß von nun an Frieden, Ruhe und Sicherheit herrſchen ſoll, unter dem Schutz und der Liebe des neuen Herrn! Alles erzählt davon, wie er auf ſeiner ganzen Reiſe durchs Land, in allen Städten und Dörfern, zumal wo er genächtigt hat, zu Falkenow, Saatz, Laun, Schlan, von den Bewohnern umdrängt geweſen und mit Thränen der Freude begrüßt worden iſt.*) Wie ſollte es hier anders ſein?— Vom Stern bis zum Kloſter Strahow iſt die ganze Straße mit einem bunten Strom von Menſchen bedeckt; auf allen Höhen ſind ſie in dichten Schaaren verſammelt und ſpähen aus in die Ferne, ob ſich der Reiſezug noch nicht nähert. Sie haben Blumen und *) Hiſtoriſch. —õ— grüne Zweige geſtreut, ſo viel der entblätterte Wald noch hat hergeben wollen, weit über das Kloſter von St.⸗Mar⸗ garethen hinaus, bis zum Rande des Weißen Berges. Dort hält die erſte Abtheilung der berittenen Bürgerſchaft, und viele Tauſende von Männern, Frauen. und Kindern ſind rings gelagert, weil ſie von dort aus die Straße, auf der der König hereinkommt, am weiteſten überſehen können. Viele Meilen weit in der Runde iſt das Landvolk aus allen Dörfern zuſammengeſtrömt!“ „Welch ein erhebendes, rührendes Schauſpiel, ein ſo gutes, ſo treues Volk in der Freude ſeiner Hoffnungen!“ ſagte Eliſabeth und eine Thräne glänzte in ihrem ſanften Auge.— Thereſe legte bewegt den Arm um den Nacken des erzählenden Vaters und lehnte das Haupt an ſeine Schulter. „Am Reichsthor iſt eine hohe Ehrenpforte von grünen Tannenzweigen erbaut“, fuhr dieſer fort;„auf ihren Gipfeln flattern die pfälziſchen und böhmiſchen Fahnen, und am Thore ſind die Wappen beider Länder aufgerichtet, auch mit Fahnen rings umſtellt, die pfälziſchen weiß und blau, die böhmiſchen weiß und roth. Unſer weißer Löwe leuchtet ſtolz weithin aus dem rothen Felde hervor!“ „Es iſt ja auch ein Tag“, antwortete die Gräfin,„auf den Böhmen ſtolz ſein muß, und er wird ebenſo weithin glänzen in der Geſchichte des Vaterlandes!“ Ein Kanonenſchuß, der mit mächtigem Schall die Lüfte theilte, zog die Aufmerkſamkeit wieder der Straße zu. Alles gerieth dort in erhöhte Bewegung, die bewaffneten Bürger im Spalier richteten ſich. „Das iſt das Zeichen, daß der König vom Stern aufbricht“, ſagte Wolodna,„in einer Stunde iſt er hier! Dieſer Schuß iſt am Strahowthore gelöſt worden; weiter u geſchieht keiner, kann.“*) Die Volksmaſſen auf der Gaſſe drängten jetzt dem Thore zu. In der Mitte der Straße wurde es ganz frei, weil jetzt die Ordnung ſtrenger aufrecht erhalten werden mußte. Eine feierliche Stille folgte plötzlich dem unruhigen Brauſen, das zuvor in der Menge herrſchte, und erhob die Bruſt. Im Tiefſten wurde jedes Herz bewegt, als jetzt das hehre Glockengeläute von allen Thürmen Prags herabklang. Es bezeichnete den Augenblick, wo der neue Beherrſcher Böh⸗ mens in das Thor ſeiner Hauptſtadt einritt; der erhabene Gruß der Frömmigkeit und des Friedens ſollte ihn empfan⸗ gen. Von dem zackig emporragenden Thurme der Schloß⸗ kirche ertönte der erſte feierliche Klang der tiefen Glocken; alsbald ſtimmten die ehernen Zungen fern und nahe ein, von diesſeit und jenſeit des Stromes, und alle Lüfte wur⸗ den durchſchwebt von den Klängen, die das menſchliche Herz ſo tief bewegen, deren Schall die heiligſten Erinnerungen weckt, die erhebendſten Stimmungen in der Seele erneuert! Es war als müſſe in dieſem Augenblick die ganze Volks⸗ maſſe auf die Knie ſinken, im Dankgefühl gegen den All⸗ gütigen. weil die Frau Kurfürſtin es nicht vertragen Die feierliche Stille konnte nur wenige Secunden dauern 4 ſie wurde zuerſt aus der Ferne unterbrochen, weil man den jubelnden Ruf vom Thore her vernahm, mit welchem der einziehende Hezrſcher vom Volke begrüßt wurde. Näher und näher ſchwoll der Jubel heran. Jetzt hörte man auch ſchon den Schall der Zinken, Trompeten und Pauken, die den Zug eröffneten; man erblickte die über der Volksmenge *) Hiſtoriſch. 30 wehenden Fähnlein der erſten Reiter; die ſchwarze Maſſe wurde dichter und dichter, wälzte ſich näher und näher; in den Fenſtern wurde es lebendiger, Kopf an Kopf drängte ſich, die Tücher wehten; lauter Ruf erfüllte die Lüfte, über⸗ tönte die Glocken. Kein Auge hielt den Strom der freudi⸗ gen Thränen zurück! Die reiſige Bürgerſchaft aus den drei Städten, der alten und neuen Stadt Prag und der Kleinſeite, ritt hinter dem Corps der Muſik, an der Spitze des Zuges; lauter ſtattliche Männer und ſtattliche Roſſe. Sie trugen ſchwarze Leibröcke mit Gold verbrämt, breite Wehrgehenke und die Führer weiße und rothe breite Schärpen von der Schulter bis zur Hüfte. Viele grüßten freundlich nach den Fenſtern auf beiden Seiten, weil ſie die herabſchauenden Frauen erkannten. Dieſem Reiterzuge folgte eine Abtheilung zu Fuß. „Sind das pfälzer Leute?“ fragte Wolodna, zu Volkmar gewandt, da er die fremdartigen Trachten und Waffen ſah. „Es iſt die Leibgarde zu Fuß des Kurfürſten“, antwor⸗ tete dieſer.„Der Führer mit dem Helmbuſch von weißen und kleinen Federn iſt der Hauptmann von Wonßheimb.— Dort kommt der Fürſt Chriſtian von Anhalt!“ rief er lebhaft und zeigte nach einem ſtattlichen Reiter auf prächti⸗ gem Rappen, der eben ſichtbar wurde. Bei dieſem Namen ſchreckte Thekla freudig zuſammen und ein hohes Erröthen überflog ihre Wangen; doch als ſie den Blick dahin wandte, ſah ſie ſich getäuſcht, denn es war der Vater, der Statthalter des Kurfürſten zu Amberg und ſein und der proteſtantiſchen Unionsfürſten oberſter Feldherr. Er ſaß ſtolz zu Pferd; die reiferen Jahre hat⸗ ten ihm noch nichts von ſeiner Ritterlichkeit genommen. Den Degen ſenkend und das Haupt halb vorbeugend, grüßte er freundlich und ruhig zur Linken und zur Rechten, wäh⸗ — rend er ſeinen andaluſiſchen feurigen Hengſt in den kurzen Galoppſprüngen feſt zuſammenhielt. „Der Fürſt hat ſich wenig verändert ſeit den vielen Jahren, wo ich ihn nicht geſehen“, ſagte die Gräfin, halb zu Volkmar zurückgewendet; nnur Haar und Bart ſind etwas ergraut.— Sind das Pagen, die hinter dem Fürſten reiten?“ fragte ſie und deutete auf einen Trupp von ſechs junger Leuten, in blau und weißem Sammet gelleidet, die Zuge folgten. „Es ſind die Leibedelknaben Sr. kurfürſtlichen Durch⸗ laucht“, antwortete Volkmar,„und von den beiden Rittern hinter ihnen iſt der rechts der Oberhofmarſchall Pleickart von Helmſtädt, auch Oberſt und Ritter und Vicedom zu Neuſtadt in der untern Pfalz.“ „Und wer iſt Der, welcher ihm zur linken Seite reitet?“ fragte Eliſabeth. „Ich kenne ihn nicht von Perſon; doch nach der An⸗ ordnung des Feſtzuges muß es der fürſtlich anhaltiſche Hof⸗ meiſter Burghardt von Erlach ſein.“ Hinter den beiden Herren folgte die Leibgarde des Kur⸗ fürſten zu Pferd, geführt von dem Rittmeiſter Puland zu Schmalendorf, wie Volkmar auf Anfrage der Gräfin erklärte. Zugleich machte er dieſelbe auf den darauf fol⸗ genden Reiter, der in äußerſt prächtiger Kleidung auf einem herrlichen engliſchen Pferde von hellbrauner Farbe ritt, auf⸗ merkſam:„Es iſt Sr. kurfürſtlichen Gnaden Großhofmeiſter, der Graf Johann Albrecht zu Solms.“ Jetzt erhöhte ſich die Aufmerkſamkeit der Zuſchauer, denn nunmehr folgten im langen Zuge die böhmiſchen Directo⸗ ren des Herrenſtandes. Hier war Keiner, den die Gräfin und Thekla und ſelbſt auch Thereſe nicht gekannt hätten. Faſt an jeden Einzelnen knüpfte ſie nähere Theilnahme. Die Män⸗ — 32 uer, welche ſeit Jahr und Tag die Verwaltung des Landes unter ſo ſchwerer Verantwortlichkeit und Sorge übernommen und nur ernſte Züge, tiefgefurchte Stirnen gezeigt hatten, blicken heut freudig umher, und grüßten hinauf zu den Frauen, das Antlitz voll ſtrahlenden Glücks. Wiederum kamen mehrere glänzende Ritter zu Pferde; zunächſt Herzog Friedrich Magnus zu Würtemberg und der ſchleſiſche Herzog zu Münzenberg, die ſich der Sache Friedrich's eng angeſchloſſen hatten. Ein Dritter war etwas hinter ihnen und durch ſie gedeckt; doch ſah man, daß ſein muthiges Pferd einige wilde Sprünge machte und endlich ſteil aufbäumte, ſodaß dem Reiter die Gefahr drohte, ſich mit dem Roß zu überſchlagen. In dieſem Augenblick wurde er durch das Vorbeireiten der Andern völlig ſichtbar. „Gott! der Prinz Chriſtian!“ rief Thekla erblaſſend, mit unterdrückter Stimme, und bebte zurück. Doch ſchon hatte das Pferd ſich unter dem ſichern Reiter, der ihm den Hals ſtreichelte, wieder geſenkt, und mit der Gefahr wich die Leichenbläſſe von Thekla's Wangen und ſie überhauch⸗ ten ſich mit dem dunkelſten Purpur. Nur der Blick der Mutter ſah durch dieſes Wechſelſpiel der Farben bis tief in ihr Herz. Volkmar ſagte arglos auf ihren Ausruf:„Ganz recht, es iſt der junge Prinz Chriſtian von Anhalt!“ Thekla ſcheute ſich zu dem Prinzen hinzublicken, und doch zog es ſie unwiderſtehlich dazu. Eliſabeth ſagte, ihr mit feinem Sinn über die Beklemmung hinweghelfend, freund⸗ lich:„Sieh, der Prinz reitet Heinrich's Pferd!“ Jetzt hatte auch der Prinz Chriſtian die Gräfin und Thekla erkannt. Ein Glanz der Freude, als werde er von einer Sonne angeſtrahlt, überflog ſein Angeſicht. Er mußte ſich zuſammenfaſſen, um einen Ausruf zu unterdrücken. Aber mit dem ganzen Glück der Ueberraſchung und dem warmen Freudengefühl der Jugend grüßte er hinauf und ſenkte dreimal ſeinen Degen vor den Frauen. „Einen ſo trefflichen jungen Herrn, ſo muthig und rit⸗ terlich wie den Prinzen Chriſtian gibt es nicht mehr in der ganzen Welt“, ſagte Volkmar. Er ahnte nicht, mit welchem unſchätzbaren Geſchenk er Thekla durch dieſes Wort beglückte! Ihr Herz jauchzte innerlich und ihr Auge blitzte in einer Thräne. Würden im Leben nur ſo glückſelige geweint! Die Aufmerkſamkeit des Volks wandte ſich jetzt auf einen reichgekleideten Ritter und deſſen Roß, der zunächſt im Zuge folgte. Das edle, aber fremdartige Thier hatte ſo wunder⸗ volle Mähnen, daß ſie auf beiden Seiten bis faſt zur Erde reichten. Alles blickte den noch ganz jungen, fröhlich keck umherblickenden Reiter an. „Das iſt der Herzog Ludwig Philipp, der Pfalz⸗ graf, Bruder Sr. Hoheit des Kurfürſten“, erklärte Volkmar der ihn fragend anblickenden Gräfin. „Der Bruder unſeres Königs!“ ſagte ſie mit dem Aus⸗ druck der Theilnahme. Der Jubel, welcher unmittelbar dem kurfürſtlichen Paare galt, das Wehen der Tücher aus den Fenſtern, war immer näher und näher gerückt. Jetzt ſtieg ein lauter Ausbruch der Freude ringsum in die Lüfte. Der Kurfürſt wurde ſichtbar! Alle Hüte und Baretts wurden geſchwenkt; das Volk drängte ſo herbei, daß faſt das Spalier der bewaff⸗ neten Bürger durchbrochen wurde. Auf einem ſchneeweißen Schimmel mit goldener Zäumung, hellblauer, ſilbergeränder⸗ ter Schabracke, ritt der fürſtliche Herr, in edler, freier Hal⸗ tung. Freude und Güte ſtrahlte von ſeinem Antlitz; er grüßte ringsumher, den Gruß mit dem Wink der Hand be⸗ gleitend. Der Jubelruf:„Es lebe Friedrich der Fünfte! Es lebe der Kurfürſt! Es lebe der König!“ erſcholl in unendlicher Wiederholung. „Er reitet ganz allein“, bemerkte Thekla;„das iſt gut, ſo kann er mit Niemand verwechſelt werden.“ Eine ziemliche Strecke hinter ihm erſt folgte eine An⸗ zahl Trabanten und Lakaien zu Pferde, mit abgenomme⸗ nen Hüten. Nach dieſen kam die Kurfürſtin in einer Prachtcarroſſe, mit acht Schimmeln beſpannt, welche ab⸗ wechſelnd blaue oder rothe Decken mit Silber, um die pfälziſchen oder böhmiſchen Farben zu bezeichnen, trugen. Die Kutſcher und Lakaien hatten violette Sammetröcke, mit Gold und Silber geſtickt. Das Angeſicht der Fürſtin, welches man zwiſchen den innern und äußern Vorhängen des Wagens, die gleichfalls von Gold⸗ und Silberſtickereien blitzten, wahrnahm, zeigte den lieblichſten Ausdruck. Sie lächelte mit roſigem Munde; ihr ſchönes blaues Auge glich einem Spiegel des Frühlingshimmels. Das goldige Blond ihrer Locken umwallte den weißen Nacken; um die Stirn wand ſich ein leichter Bund von blauer Seide, mit Perlen geſtickt und mit leuchtenden Juwelen beſetzt, in der Form zwiſchen Diadem und Krone. Das hellblaue Sammetkleid war mit weißem Hermelinpelz verbrämt und mit Silber geſtickt. Sie glich einer Schönheit aus den Feenmärchen in ihrer holdſeligen Anmuth und dem Zauber der reichen Tracht. Als man ſie zuerſt gewahrte, trat ein Augenblick ver⸗ ehrender, beklommener Stille ein; Alles blickte ſie mit Rüh⸗ rung an. Dann aber brach der Jubel mit verdoppelter Gewalt aus. Die Herzen jauchzten mit! Es war ein be⸗ ſeligender Rauſch der Freude!— O daß ihr nie, nie davon erwacht wäret!—— Alle Glocken hallten jetzt von dem Thurm der Schloß⸗ ,„ 1 — 35 kirche. Auf dem höchſten Knopf derſelben ſtand ein Mann in blau und weißer Kleidung, der eine Fahne von gleichen Farben ſchwenkte; rechts unter ihm noch einer; zur linken Seite ein dritter, der die Heerpauke ſchlug.*) Unter dieſen weitſchallenden Lauten der Freude zog der neuerwählte König ein in das Schloß der alten Beherrſcher Böhmens,— in die Burg, wo die Kaiſer Rudolf und Mathias ge⸗ wohnt hatten, die Ohme und Vorgänger Ferdinand's des Zweiten auf dem Throne, von welchem Friedrich ihn ſtürzen wollte! Das Haus hatte er nun in Beſitz genommen, aus dem der Erbe vertrieben war,— doch den Thron hatte er noch nicht beſtiegen, der goldene Reif berührte noch nicht ſeine Stirn! Einen Schritt nur ſtand er jetzt von der Stelle, wo keine Rückkehr mehr möglich war! Er ſelbſt drängte ſein Verhängniß zur Erfüllung! Dieſer letzte Schritt führte zum Gipfel,— aber des Gipfels Nachbar iſt der Abgrund! Ueunzehntes Capitel. Vier Tage nachdem Friedrich und ſeine Gemahlin als kurfürſtliches Paar eingezogen waren, erfolgte in der Domkirche Prags am vierten November die Krönung des Kurfürſten zum Könige. Pracht, Glanz und Feierlichkeit herrſchten im höchſten Maße bei dieſem Feſte. Die Zugänge vom Schloß zur Kirche waren von beiden Seiten mit Spa⸗ lieren der Leibgarde beſetzt. Eine unabſehbare Volksmaſſe hatte ſich hinzugedrängt und bedeckte den ganzen Hrad⸗ ſchin und die nächſten Straßen und Plätze. Doch nur We⸗ nigen war es vergönnt, ſo nahe zu dringen, daß ſie den Feſtzug ſehen konnten, in dem der König ſich, geleitet von allen Ständemitgliedern, aus dem Schloſſe in den Dom begab. In dieſem ſelbſt erdrückte ſich die Menſchenmenge beinahe. Für die Stände, die Geiſtlichen, die hohen Be⸗ amten des Hofes, des Landes, der Stadt, waren beſondere Sitze vorbehalten. Die Königin und die Damen des Hofes hatten ihre Plätze auf den ſtufenweis aufſteigenden Sitzen der Chöre zunächſt dem Hochaltar. Dieſe Verſammlung der reichſten und edelſten Frauen gewährte einen wundervollen Anblick. Alles funkelte von den koſtbarſten Stoffen, Sticke⸗ reien, Perlen und Edelſteinen. Die ehrwürdigen Wölbungen des ſäulengetragenen Baues, die hohen Bogenfenſter mit den Glasmalereien im brennendſten Farbenſpiel, die Kron⸗ leuchter mit Hunderten von Kerzen, welche an langen Seilen von den Kreuzwölbungen herabhingen, das blendende Licht⸗ meer am Hochaltar, der Reichthum der Ausſchmückungen, von denen das Schiff und alle Kapellen funkelten, die ge⸗ drängte Menge des Volks, der Glanz der geſchmückten Frauen, die Pracht der Kleidung und Waffen, welche die Ritter und vornehmen Bürger zur Schau trugen, dies Alles erzeugte einen überwältigenden Anblick erhabenen Ernſtes und königlicher Pracht. Es miſchte ſich feierliche Erhebung der Seele mit der Betäubung ſchwelgeriſchen Sinnen⸗ genuſſes. Thereſe, ihr Vater und ihre Freunde aus Kloſter⸗ grab, der Pfarrer Chlodzek, Czernig und der alte Hauptmann Holoduk hatten in dem Schiff ſo wohl⸗ gelegene Plätze erhalten, daß ſie die ganze Kirche über⸗ ſehen konnten und den Vorgängen am Altar ganz nahe waren. Die verſammelte Menge harrte ehrfurchtsvoll dem Be⸗ ginn der Feierlichkeit. Nur ein leiſes Murmeln und Flü⸗ ſtern lief durch die weiten Räume, denn die vielfach wech⸗ ſelnden Eindrücke der Spannung, des Staunens, theilte doch jeder Einzelne mit gedämpfter Stimme ſeinen nächſten Nachbarn mit. Zetzt ſchlug die Glocke des Schloßthurmes die neunte Vormittagsſtunde an. Der eherne Schlag tönte feierlich und mächtig bis in die Wölbungen der Kirche hinab. Alles lauſchte in plötzlicher Stille; um neun Uhr ſollte der Kurfürſt das Schloß verlaſſen, der Glockenſchlag war das Zeichen. Eine feierliche Beklemmung ergriff die Bruſt. Man ſah die Königin ihr Tuch erheben, um die Thränen freudiger Er⸗ ſchütterung, die ihre Augen näßten, zu trocknen. Dieſer Anblick trieb Thränen auch in die Augen aller weiblichen Weſen in der Kirche; man hörte ringsher ein leiſes, unter⸗ drücktes Schluchzen; tief bewegte es, als man die ganze Zahl der Frauen im höchſten Glanz, welche die Königin umgaben, das Angeſicht verhüllen ſah, um die Tropfen zu hemmen, welche die heilige Rührung unwiderſtehlich hervordrängte. Die Orgel ſtimmte ihre mächtigen Töne an. „Jetzt hat der König die Schwelle der Kirche be⸗ treten“, ſagte der Pfarrer Chlodzek leiſe zu Thereſen, die, ein Marmorbild, mit tiefftem Ernſt in den Zügen neben ihm ſaß, aber mit geſpannter Theilnahme die Vor⸗ gänge verfolgte, und kein Auge von der Kurfürſtin und der Gräfin Thurn, die mit ihrer Tochter unweit von derſelben etwas mehr im Hintergrunde der Reihen ſaß, verwandte. „Wir werden den Kurfürſten jetzt noch nicht ſehen“, belehrte Chlodzek in ernſter, faſt feierlicher Weiſe, da er be— merkte, daß mehrere Bürger zuhörten, und als er ſah, daß ſie 38 ſowie Wolodna und Czernig ihre Blicke nach der Eingangs⸗ pforte vom Schloß her richteten.„Se. Hoheit wird erſt von den Ständen nach der Kapelle Sancti Vencesilai geführt, wo ihn der Adminiſtrator des Erzbisthums Prag, Herr Georgius Dicaſtus Mirczeovinus, und der Aelteſte des Conſiſtorii, Herr Johannes Chyrillus von Trebitſch, er⸗ warten. Sie ſind es, welche an Stelle des Erzbiſchofs Lohelius das Amt verwalten.“ „Freilich, der Herr Erzbiſchof Lohelius wird ſich heut nicht blicken laſſen“, ſagte Czernig lächelnd. „Und ich denke, nimmer wieder“, entgegnete der Pfarrer. „Vor drei Tagen haben ſämmtliche katholiſche Prieſter dieſer Hofkirche ihre Stellung verlaſſen müſſen.“ „Und was geſchieht in der Sanct⸗Wenzel⸗Kapelle?“ fragte Czernig. „Dort legt der Kurfürſt den Königsornat an. Es ge⸗ ſchieht eben jetzt. Seht Ihr, drüben im Nebenſchiff bewegt ſich ſchon der Zug der Conſiſtorialen, die ihn mit den bei⸗ den genannten Geiſtlichen am Ausgange der Sakriſtei er⸗ warten!“ „So werden wir ihn hier heraustreten ſehen?“ fragte Wolodna. „Gerad vor uns; und von Dem, was geſprochen wird, wird uns kein Wort entgehen.“ „Gebt Acht! Die Thür der Sakriſtei öffnet ſich!“ flüſterte Wolodna. Da trat der junge König heraus, im vollen Ornat, den Hermelinmantel um die Schultern, doch unbedeckten Hauptes. Die Geiſtlichen verneigten ſich tief vor ihm. Er that einige Schritte vorwärts; dann, als er im Angeſicht der ganzen Kirche war, blieb er ſtehen, ſenkte das Haupt tief herab, und der Vicar des Erzbiſchofs, Mirczcovinus, 39 erhob die Hände über ihn, um den Segen zu ſprechen. Alles lauſchte in tiefſter Stille. „Domine Deus“, begann der Adminiſtrator,„benedic huic regi nostro electo!“*)— Hier ſchwebte ein leiſer, aber lange aushaltender Accord der Orgel durch die Kirche; es war als ob die Töne ſelbſt mild ſegnende Flügel aus⸗ breiteten. „Ut ingrediendo et egrediendo in viis tuis, a te in verbo tuo proscriptis, fideliter et constanter ambulet, per Dominum nostrum, Jesum Christum. Amen!“ Nach dem„Amen“ war es als ob die gefeſſelte Bruſt ſich wieder löſte, ein allgemeines tiefes Aufathmen war hörbar; das damit verbundene murmelnde Geräuſch erfüllte die Kirche. „O erklärt mir die lateiniſchen Worte, Herr Pfarrer“, bat Thereſe leiſe. Chlodzek that es: „Herr Gott, ſegne dieſen unſeren erwählten König, daß er, ein⸗ und ausgehend auf deinen Wegen, die dein Wort vorgeſchrieben, getreu und beharrlich wandle, durch unſern Herrn Jeſum Chriſtum!“ Thereſe erhob das große Auge gen Himmel und faltete die Hände über der Bruſt; ihr Blick flehte:„So ſei es!“ Der Zug nach dem Hochaltar begann. Die Conſiſto⸗ rialen ſchritten, je zu Zweien, voran. Ihnen folgten die Vertreter der Erbämter, welche die Inſignien des Reichs trugen. Der Pfarrer erklärte ſeinen Freunden leiſe die Bedeutung, während Jene vorüberſchritten:„Der Erſte, der das goldene und ſilberne Brot trägt, iſt der Obertruchſeß, Supremus Dapifer benannt. Es ſoll andeuten, daß es dem königlichen Tiſche wie dem Lande nie an nährender Speiſe *.) Wörtlich getreu. So das Folgende. 40 fehlen möge. Ihm folgt der Obermundſchenk, Supremus Pocillator. Er trägt zwei Gefäße mit Wein gefüllt, die beiden Tönnelein, gleichfalls das eine gülden, das andre von lauterem Silber. Dies deutet an, daß niemals der edle Trank des Weines, den Gott der Herr ſelbſt den Menſchen als Zeichen der Verſöhnung nach der Sündflut darbot, auf des Herrſchers Tafel fehlen möge!“ Darauf folgten der Obriſtlandhofmeiſter Wilhelm Popel von Lobkowitz mit dem Scepter, der Obriſtlandrichter Wenzel von Rupa mit dem goldenen Apfel; dann der Obriſtburggraf Bochuchwal Berka mit der Krone, die auf einem Kiſſen von rothem Sammet, mit weißer Seide gefüttert und mit Silberfranzen verziert, lag. „Wer iſt das, der Dem mit der Krone folgt, und was trägt er?“ fragte Czernig. „Das iſt der Obriſtkämmerer, Herr Johann von Thalenberg“, antwortete Chlodzek,„welcher die Mitram rubram oder die rothe Haube trägt, ſo den König ſchmückt, wenn er nicht im Ornate iſt.“ Der Träger des Schwertes, der Erbmarſchall, beſchloß den Zug der Großwürdenträger. Ein Laut des Staunens und der Freude murmelte jetzt durch das Volk. Der König erſchien im Zuge. Er ſchritt in edler Haltung dahin, blickte würdig, aber liebreich und freundlich rings umher; neben ihm, ſich ein wenig zurückhaltend, gingen die beiden höchſten Geiſtlichen. Sechs Pagen trugen den lang nachſchleppenden Hermelin⸗ mantel. Als er unter dem Chor vorüberging, auf dem die Damen und vornan die Königin ſaßen, blickte er mit liebendem Auge empor. Ein Lächeln ſpielte hold um die Lippen der Königin und ihre Wange röthete ſich. Dieſe gegenſeitige Begrüßung, nur durch Blicke und Ausdruck der 41 Züge, war wie ein Gruß der Seelen. Alle, welche dieſes Zeichen des Austauſches der Gedanken und Gefühle wahr⸗ nahmen, wurden von freudiger Rührung ergriffen. Der König nahte dem Altar; der Chor der Sänger ſtimmte das feierliche„Domine salvum fac Regem“ an. „Der König kniet nieder“, ſprach Thereſe, von dem Eindruck überraſcht, leiſe und mit Beklommenheit zu ihrem Vater. Die beiden Geiſtlichen knieten neben ihm. Der Ad⸗ miniſtrator erhob wiederum die Stimme zu einem lauten lateiniſchen Gebet: „Omnipotens aeterne Deus! Rex Regum, in cujus potentate et dispositione sunt omnia mundi regna!“ „Gloria in excelsis Deo!“ fiel der Chor ein. Chlodzek erklärte während des Geſanges leiſe ſeinen Freunden die Worte des Gebets:„Allmächtiger, ewiger Gott, König der Könige, der du alle Reiche der Welt in deiner Gewalt haſt!— Die Chorknaben ſingen das:«Ehre ſei Gott in der Höhe!»“ fügte er hinzu. Mirezeovinus betete weiter:„Qui pro tua sapientia et liberrima voluntate, ea transfers quae vis, et confers cui vis, benedic huic Principi PFriderico.“ Er hielt abermals inne und der Geſang fiel ein: „Benedic Principi nostro!“ „Der du ganz nach deiner Weisheit und deinem Willen die Reiche geſtalteſt und die Macht zutheilſt wem du willſt, ſegne dieſen unſeren Fürſten Friedrich!“ überſetzte Cöllodzek leiſe. Der Adminiſtrator ſprach den Schluß des Gebets mit erhobener Stimme:„Benedic huic Principi Friderico in Regem nostrum tua providentia et gratia legitime electo, et nobis dato, ut non recedens a veritate Legis 42 tuae, toto vocationis et vitae suae curriculo, in viis tuis ambulet! Per Jesum Christum, dominum nostrum!“ Der Chor ſang das„Amen!“ Chlodzek erklärte der fragend zu ihm aufblickenden Thereſe auch den Schluß während des Geſanges: „Segne ihn, der durch deine göttliche Fürſorge und Gnade rechtmäßig zu unſerem König erwählt und uns verliehen iſt: auf daß er nimmermehr weiche von der Wahrheit deines Geſetzes in ſeinem Be⸗ rufe und ſein ganzes Leben hindurch wandle auf deinen Wegen, durch Jeſum Chriſtum, unſeren Herrn! Amen.“ „Alſo geſchehe es!“ betete Thereſe innig. Der Pfarrer, Wolodna, Czernig, ſie Alle falteten ſtill die Hände und beteten das Gleiche. Die Großwürdenträger legten die Reichsinſignien auf den Altar, und die beiden Geiſtlichen führten den König auf den für ihn errichteten Thron. Jetzt ſaß er dort, hoch und herrlich, vor allem Volk, und ein inneres Jauchzen erfüllte die Seelen Aller, während zum zweiten male das „Gloria in excelsis Deo!“ mit erhabenen Tönen zum Him⸗ mel emporrauſchte. Und als die Muſik verſtummte, ward es tief ſtill auch im Volk. Denn auf der Kanzel ſtand der Vertreter des Erzbiſchofs und begann die Feſtpredigt in der Sprache des Landes. Er hatte den Text aus der erſten Epiſtel Pauli an den Timotheus, den Anfang des zweiten Capitels bis zum ſiebenten Verſe, gewählt: „So ermahne ich nun, daß man vor allen Dingen zuerſt thue Bitte, Gebet, Fürbitte und Dankſagung für alle Menſchen, für die Könige und für alle Obrig⸗ keit, auf daß wir ein ruhiges ſtilles Leben führen mögen in aller Gottſeligkeit und Ehrbarkeit.“ 43 Die fromme, ſanfte Geſinnung in dieſem Text ſprach ſich auch in der Rede aus. Sie war einfach, würdig, und hob, wozu die folgenden Verſe Anlaß gaben, hervor, daß es die heilige Sache des Glaubens ſei, wofür Böhmen ſich er⸗ hebe und welche es unter den Schutz des neuen Königs geſtellt habe; daß es gelte, die göttliche Wahrheit in ihrer reinen Geſtalt zur Geltung und zur Erkenntniß Aller zu bringen. Nachdem die Litanei geſungen worden, ſchloß die wür⸗ dige Rede mit einem frommen, inbrünſtigen Gebet*): „Herr Jeſus Chriſtus, König aller Könige und ewiger Heiland aller Derer, die an dich glauben, unſer Mittler und Erlöſer, der du zu deinem himmliſchen Reich die Men⸗ ſchen aus allen Ständen und Völkern berufeſt, der du auch fromme Könige zu Pflegern deiner Kirche verordneſt und beſiehlſt, daß wir für ſie bitten ſollen: Wir haben deiner göttlichen Majeſtät für dieſen unſeren König Friedrich, den wir erwählt haben und jetzo krönen wollen, unſer demüthiges Gebet dargebracht, und bitten dich noch⸗ mals, du wolleſt ihn mit deinem heiligen Geiſt regieren und ihm zu dieſer Krönungsfeierlichkeit deinen Segen ver⸗ leihen, welche wir, mit Anrufung deines göttlichen Namens vor und nach Aufſetzung der königlichen Krone, verrichten;— damit wir unter unſerem erwählten König ein friedliches, geruhiges und ſtilles Leben führen mögen, in aller Gottſeligkeit und Ehrbarkeit: durch unſeren Herrn Jeſum Chriſtum!“ So ſtiegen die prieſterlichen Bitten um„ein friedliches, ſtilles und gottſeliges Leben“ empor, und die Bruſt der Hörer ſandte ſie gleichfalls mit heißem Flehen aufwärts. *) Hiſtoriſch überliefertes Gebet. 44 Ein Himmel von Hoffnungen ſchimmerte in die ſehnſuchts⸗ voll bewegten Herzen nieder! Der Chor ſang das feierliche„Amen!“ Thränen floſſen aus jedem weiblichen Auge; auch manches männliche blickte feucht aufwärts. „Jetzt führen der Adminiſtrator und Herr Johannes Cyrillus den König zum Altar“, flüſterte Chlodzek ſeinen Freunden zu, als die beiden Geiſtlichen ſich feierlich dem auf dem Throne Sitzenden näherten. Friedrich trat ihnen entgegen und ſchritt zwiſchen ihnen zum Altar, woſelbſt der Obriſtburggraf ſtand, der ſich tief vor dem Könige verneigte. Dreimal fragte dieſer dem Brauch gemäß, zur ganzen Verſammlung in der Kirche gewendet, die Schaar des Volks:„Wollt ihr, daß Dieſer zu eurem Könige gekrönt werde?“ Und dreimal erſcholl in einem Laut das tauſendſtimmige„Ja!“ Der Obriſtburggraf forderte nunmehr den König auf, den Eid in böhmiſcher Sprache zu leiſten. Es geſchah. Als der Fürſt die erſten böhmiſchen Worte vor der ver⸗ ſammelten Menge vernehmen ließ, waren Alle trotz des Fremdartigen in ſeiner Ausſprache von einer freudigen Rüh⸗ rung ergriffen. „Er ſpricht böhmiſch!“ rief Czernig, von ſeiner Empfindung überraſcht, aus. In der weiten Kirche herrſchte eine Stille, daß man ein Blatt hätte fallen hören; kein Laut des Eides ging den Lauſchenden verloren. Der Adminiſtrator erhob die Hände zum Gebet und flehte des Himmels Gnade an für das heilige Werk der Salbung.— Er vollbrachte es. Nachdem das Haupt des Herrſchers mit dem heiligen Oel benetzt und er ſo geweiht war, um fortan zu ſein 45 „unverletzlich und heilig allen ſeinen Unterthanen“, wurden ihm die Reichsinſignien durch den Adminiſtrator dar⸗ ereicht: „Nimm hin das Schwert zum Schutz der Frommen, zur Strafe der Frevelnden,— den Ring als Sinnbild der Treue und Beſtändigkeit in der Pflicht,— das Scepter, um das Geſetz zu wahren und den Frieden,— den Apfel, daß er dich warnend erinnere an Unbeſtändigkeit, Wankel⸗ muth und Vergänglichkeit,— endlich die Krone, die dir ſei die Krone des Lebens!“ Und der König beugte ſein Haupt in Demuth; die bei⸗ den Geiſtlichen, der Obriſtlandſchreiber, der greiſe Caplicz von Sulewicz, und der Obriſtlandrichter, Wenzel von Rupa, ſetzten ihm die Krone auf. Jetzt führten ſie ihn zum Thron; er beſtieg ihn und ließ ſich nunmehr, geſalbt mit dem hei⸗ ligen Oel, geweiht und gekrönt, als König auf dem Königsſitz nieder. 3 Gleichzeitig ſenkte ſich der Adminiſtrator vor ihm auf die Knie; ihm folgten alle Großwürdenträger, die Stände und— wie von einer höheren Gewalt gedrängt— das Volk. Es war ein Augenblick von erſchütternder Erhabenheit, als plötzlich in der ganzen Kirche Alles auf den Knien lag, ſelbſt die Königin mit allen den hohen Frauen in ihrer Um⸗ gebung! Sie knieten, um dem neuen Herrſcher zu huldigen, ihm innerlich den Schwur der Treue zu leiſten,— ſie knie⸗ ten, um dem allmächtigen Lenker im Himmel zu danken, daß der große Augenblick gekommen war, nach dem ſich Alle ſo lange und tief geſehnt,— ſie knieten, um des Himmels Schutz zu erflehen für Den, den ſie zu ihrem Schützer erwählt.— Unzählbare Thränen floſſen zur Be⸗ ſiegelung dieſer heiligen Gelübde und Gefühle!—— —— 46 Die Stände insgeſammt, aufgefordert vom Obriſt⸗ burggrafen, ſchwuren laut dem Könige Treue und Ge⸗ horſam. Der Adminiſtrator ſprach das letzte Gebet*): „Segen über unſeren König! Er ſei gleich dem Abra⸗ ham, dem Vater vieler Völker, in Hoffnung, Zuverſicht und Treue; dem Moſes an Sanftmuth, dem Joſua an Stärke und Siegen, dem David um den Herrn zu lob⸗ preiſen, dem Salomo um in Weisheit und Frieden zu herrſchen! Er ſei geſegnet mit ſeiner Gemahlin und ſeinem ganzen königlichen Hauſe! Amen.“ Es war der Schluß der Feier.— Böhmen hatte einen König! Ein ſonnenheller Augenblick in der Geſchichte des Landes, im Leben Friedrich's!— Doch ſchwere Wetter⸗ wolken ſtanden nahe! *) Hiſtoriſch überliefert. Zweiundzwanzigſtes Buch. Zwanzigſtes Capitel. Die Stände geleiteten den König zurück ins Schloß, wo ſie alle zum feſtlichen Mahle geladen waren. Der Zug be⸗ wegte ſich wieder langſam durch die Menge dem Kirchen⸗ portal zu. Auch Thereſe, Wolodna und ihre Freunde ſchloſſen ſich der vorwärts ſtrebenden Maſſe an. Vom Chor herab, wie von den Seitenſchiffen mündeten verſchie⸗ dene Strömungen ein, die ſich gegen das Hauptportal der Kirche vereinigten. Während ſie ſo langſam in der Menge fortgeſchoben wurden, hörten ſie ſo manche Aeußerung über das ſoeben Vorgegangene; meiſt Ausbrüche der Freude. Doch Thereſe vernahm dicht hinter ſich eine unterdrückte, aber erbitterte Stimme, welche zu einem Nachbar die Worte ſprach:„Es iſt ein Götzentempel, ſage ich Euch! Ein Baalsdienſt! Es iſt ſo gut als opferten wir dem Moloch!“ „Es ſind einmal die alten geheiligten Gebräuche dieſes Landes“, antwortete ein Anderer mit mildem Tone. Thereſe ſchaute ſich verwundert um. Auf den erſten Blick mußte ſie die Sprechenden nach ihren Aeußerungen erkennen. Der Eine in geiſtlicher Tracht, ein langer, ha⸗ Rellſtab, Drei Jahre. III. 2. 3 50 gerer Mann, mit ſcharf gezeichneten finſtren Zügen und Augen, aus denen die Ereiferung brannte; der Andere, kleiner an Wuchs, von wohlwollendem Ausdruck des Ge⸗ ſichts, mit ſchon bleichendem Haar, in reicher bürgerlicher Amtstracht. „Heilige Gebräuche“, fuhr der Erſte heftig gegen die beſänftigende Rede des Andern auf,„heilige Gebräuche nennt Ihr dieſen Bilderdienſt, Rippell? Ich faſſe Euch nicht! Mein Gewiſſen wird mir nicht Ruhe laſſen, bevor wir dieſen Heidentempel nicht geſäubert haben!“ Voll Staunen maß Thereſe den Mann, der dieſe Worte ſprach; noch Andere hatten ſie gehört; Wolodna, Czernig, Holoduk und Mehrere in der nächſten Nähe. Denn der Eifer des Sprechenden riß ihn hin, daß er den anfangs gedämpften Ton der Stimme verließ und lauter redete, als er ſelbſt gewollt haben mochte. Ein murmelndes Grollen lief rings durch das Volk. „Das iſt der Hofpfarrer des Königs“, ſagte Chlodzek leiſe,„Doctor Abraham Scultetus.“ Rippell, der wahrnahm, welchen Eindruck Seultetus' unbeſonnene, eifernde Worte gemacht hatten, zog dieſen raſch ſeitwärts, und ſie miſchten ſich unter einen Zug anderer Herren und Ritter vom Hofe, der ſich von der Seite her zum Ausgang bewegte, und von dem ſie nur etwas abge⸗ drängt worden waren. Glücklicherweiſe wurden ſie ſo Den⸗ jenigen, die die Aeußerungen des Pfarrers gehört hatten, ſchnell entzogen; denn der Unwille darüber machte ſich ſchon in Worten Luft. „Er will dieſen Tempel ſäubern?“ fragte Wolodna mit erſtauntem Tone zu Chlodzek gewandt.„Und wovon denn? Was befleckt ihn denn?“ „Er iſt ein ſehr ſtrenger Anhänger Calvin's“, belehrte der Pfarrer von Kloſtergrab im Tone der Begütigung; „ich habe ſchon ſonſt von ihm gehört!“ „Mag er's ſein“, fuhr Holoduk derb ſoldatiſch heraus; „er glaube was und wie er will! Allein er wird doch nicht als ein Bilderſtürmer, als eink zweiter Karlſtadt hier ein⸗ brechen und antaſten wollen, was uns heilig iſt?— Jedem ſein Glaube; aber Keiner ſoll dem Andern Zwang anthun!“ Die Sprechenden wurden vom Strome der Maſſen etwas auseinander gedrängt, ſodaß Holoduk's heftiges Wort keine Antwort mehr erhielt. Die Aufmerkſamkeit wandte ſich wie⸗ der andern Vorgängen und Erſcheinungen zu, und ſo ver⸗ wiſchte ſich der augenblickliche Eindruck dieſes Vorfalls bald wieder.— Doch es kam der Tag, wo ſich Alle deſſen nur allzu lebendig wieder erinnerten! Thereſe hatte an ihres Vaters Arm das Freie erreicht. Gleich bei den erſten Schritten trat ein Diener der Gräfin Thurn auf Wolodna zu und meldete ihm:„Die Frau Gräfin wünſcht Euch ſchleunigſt zu ſprechen, Hauptmann Wolodna. Dort drüben ſteht ihre Säufte! Sie will nicht auf das Schloß, ſondern wird ſich nach Hauſe tragen laſſen! Dort erwartet ſie Euch.“ „Eben ſteigt ſie ein“, ſagte Thereſe, und zeigte hinüber nach dem Platze, wo die Sänften für die Damen des Hofes ſtanden. Eliſabeth und Thekla waren die einzigen derſelben, welche man dort ſah, da der Ordnung des Feſtes zufolge ſich jetzt alle auf dem Schloſſe in den Sälen der Königin verſammelten. Eliſabeth hielt ſich von dieſen blos förm⸗ lichen Feſtlichkeiten zurück, während ihr vaterländiſches Ge⸗ fühl ſie doch mit den wirklich großen Ereigniſſen und Be⸗ wegungen innig verband. Es war ſchwer, ſich durch die angehäuften Volksmaſſen zu kämpfen. Indeß brach Czernig mit ſeiner athletiſchen 3* 52 Geſtalt treffliche Bahn; ihm folgten Wolodna und Thereſe; Chlodzek und Holoduk ſchloſſen hinter ihnen den Zug. Erſt als ſie ſchon einen Theil des Berges durch das alte Hradſchin⸗ thor hinabgeſtiegen waren, minderte ſich das Gedränge. Von vort erreichten ſie Thurn's Palaſt ungehindert. „Mein Xaver“, rief Thereſe freudig mit hellſtrahlenden Blicken, als ihr aus der Thür die Wärterin mit ihrem Knaben auf dem Arme entgegentrat. Das Kind ſchlum⸗ merte auf ſeinem Kiſſen. Thereſe nahm es der Trägerin ab und verſenkte ihre Blicke mit mütterlicher Seligkeit in das kleine zarte Antlitz, das mit geſchloſſenen Augen ſo lieblich dalag. Der Pfarrer Chlodzek breitete die Hände ſegnend über das Kind und ſprach fromm: „Möge die Sonne des Friedens deinem Daſein leuchten!“ Allen wurde das Herz wehmüthig bewegt bei dem An⸗ blick des kleinen, ganz hülfloſen Weſens, das inmitten aller wirbelnden Strudel dieſer Welt geſetzt war. Jeder empfand es, wie tauſendfacher Obhut es bedürfe, um nicht den tauſend⸗ fältigen Gefahren zu erliegen, die zwiſchen ihm und dem natürlichen Ziele ſeines Daſeins lagen!—— Wolodna, wie innig gefeſſelt ihn dieſes jüngſte Glück ſeines alternden Lebens hielt, trennte ſich von den Freunden, um zur Gräfin hinaufzueilen. Sie erwartete ihn ſchon in ihrem Gemach. Er fand ſie ſehr bleich, mit Spuren der Thränen auf den Wangen. „Lieber Wolodna“, begann ſie in ihrer freundlichen Weiſe,„ich habe einen dringenden Auftrag für Euch, den mir der Graf Thurn zugeſendet!“ „Ich werde glücklich ſein, meinem theuren Wohlthäter und Beſchützer zu dienen“, antwortete Wolodna. „Setzt Euch zu mir“, lud ihn Eliſabeth ein;—„wir müſſen näher, doch ganz im Vertrauen darüber ſprechen.— „ 5 9 Ich habe geſorgt, daß uns hier Niemand ſtöre! Es bedarf der Klugheit und Verſchwiegenheit!“ „Für die Verſchwiegenheit kann ich einſtehen“, antwor⸗ tete Wolodna. „Sie iſt die Hauptſache; und Eurer Klugheit, vielmehr Vorſicht, darf ich auch völlig vertrauen. Aber Niemand darf davon wiſſen, am wenigſten meine Tochter“, ſetzte ſie mit einem leiſen Seufzer hinzu. „Auch die meinige nicht; keine lebende Seele dieſer Erde“, betheuerte Wolodna. „Der Auftrag“, fuhr die Gräfin fort,„wird Euch aber gerade jetzt in dieſen feſtlichen, glänzenden Tagen aus Prag entfernen!“ „Die Feſte werde ich nicht vermiſſen, gnädigſte Gräfin, wenn es einem Dienſt für den Herrn Grafen gilt; iſt Böh⸗ men glücklich durch dieſe Tage, ſo bin ich es auch; es ſei wo es ſei!“ „Ihr werdet zum Grafen Mansfeld müſſen— und zwar ſobald als möglich!“ ſagte Eliſabeth nach einigem Zögern. 4 „Mit Freuden! Auf der Stelle!“ antwortete Wolodna; „nach Pilſen oder Eger, wo er jetzt gerade verweilt, denn er muß viel wechſeln. Nennt mir nur meinen Auftrag, und in einer halben Stunde bin ich zu Pferd!“ „Redlicher Freund!“ ſagte Eliſabeth mit ſanftem Lä⸗ cheln und reichte ihm die Hand.——„Es betrifft....“ Sie ſtockte.„Nein! Es iſt beſſer ſo“, ſagte ſie nach einem augenblicklichen Beſinnen, nahm einen Brief, der vor ihr auf dem Tiſche lag, und reichte ihn Wolodna hin.„Leſt dieſen Brief! Euch darf ich ganz vertrauen und Ihr werdet ſo am beſten unterrichtet. Ich empfing dieſes Schreiben in dem Augenblick, wo ich zur Kirche 54 wollte, durch den Grafen Kinski, der ſoeben aus Thurn's Lager eingetroffen war.“ Wolodna hatte es während dieſer Worte entfaltet; es war von Thurn. Er las: „Theure Eliſabeth! Ich ſende dir dies Blatt durch völlig ſichere Hand— Kinski nimmt es mit— er hat mir verſprochen, es eher zu vernichten, als es durch irgend einen Zufall in fremde Hände kommen zu laſſen. Du weißt, wie eifrig ich für die Wahl des Kurfürſten Friedrich geweſen bin. Durch ſichere Nachrichten aber, die ich über ihn und ſeine Gemahlin wie über das ganze Verkehren an ſeinem Hofe erhalten, ſteigen mir manche ſchwere Bedenken auf. Ich fürchte, unſerem Glauben wird unter ſeiner Herr⸗ ſchaft die Freiheit nicht zu Theil werden, für die wir den Kampf auf Tod und Leben begonnen. Böſe, fana⸗ tiſche Einflüſſe, unter denen der Kurfürſt ſteht, laſſen mich das beſorgen. Auch die Geſinnungen der Kurfürſtin Eliſabeth, über die ich Manches gehört, erregen mir Be⸗ denklichkeit. Doch das Alles müſſen wir für jetzt der Zukunft überlaſſen. Eins aber droht, was mir ſogleich bittere Tage verurſachen könnte, wenn wir uns nicht zeitig dawider vorſehen. Aus ſehr ſicherer Quelle weiß ich, daß der Kurfürſt dem Fürſten Chriſtian von An⸗ halt, dem er das unbedingteſte Vertrauen als Feldherr ſchenkt, wenn, wie zu vermuthen ſteht, der Krieg nicht nur fortdauert, ſondern ſich weiter ausdehnt, den Ober⸗ befehl übertragen würde. Wie mir nach Allem, was ich für Böhmen gethan, dabei zu Sinn ſein würde, kannſt du dir vorſtellen! Dennoch würde ich neben dem wür⸗ digen Fürſten, deſſen Verdienſte ich nicht ſchmälern will, 55 noch eine Stellung mit Ehren und Freuden ausfüllen können. Denn Alles könnte doch nicht Einer führen. Ich muß auch einräumen, daß der Oberfeldherr der pro⸗ teſtantiſchen Union eine hohe kriegeriſche Stellung einzu⸗ nehmen berechtigt iſt, falls die Fürſten der Union ſich unſerer Sache anſchließen. Allein ich weiß ebenſo ſicher, daß auch Graf Hohenlohe ſich ſchon jetzt des Vertrauens des künftigen Herrſchers in Böhmen zu bemächtigen ge⸗ ſucht hat, und daß es ihm damit gelungen iſt. Wenn er mir den Weg ſtreitig machen ſollte.... Eliſabeth! Was dann geſchehen würde— wage ich noch kaum zu denken!.... Nur ſo viel weiß ich, daß Bitterkeit und Kränkung mich tödten könnten! Dagegen muß ich ſchon jetzt ämpfen. Du weißt, wie gerechte Beſchwerden Mans⸗ feld über Hohenlohe geführt hat! Wir Beide müſſen ge⸗ meinſchaftlich handeln. Mansfeld iſt durch Hohenlohe zu⸗ nächſt in ſeinem abgeſonderten Commando bedroht. Ob er ſchon Vermuthungen darüber hat, weiß ich nicht. Aber er muß davon erfahren. Dies ſchriftlich einzuleiten iſt zu umſtändlich und zu bedenklich; Briefe ſind unſicher; ſie können leicht in falſche, vielleicht in feindliche Hand ge⸗ rathen. Selbſt ſprechen können wir nicht miteinander, denn wir ſind Beide jetzt auf unſeren Poſten ſo wichtig, daß ein Verlaſſen derſelben unmöglich iſt. Wir haben überdies ſo viel zu thun, daß wir kaum zum öftern Schrei⸗ ben die Möglichkeit fänden. Wenn alſo ein ſicherer be⸗ ſonnener Freund zu Mansfeld ginge, ihm mündliche Mit⸗ theilung machte....“ Hier hielt Wolodna, der mit unwilligem Staunen ſo weit geleſen hatte, inne und ſah die Gräfin fragend an. „Wenn ein ſicherer Freund zu Mansfeld ginge, ſchreibt der Graf“, ſprach er fragend. öͤͤ 56 „Ihr würdet der ſicherſte ſein, meine ich“, antwortete Eliſabeth. „Ich? Der ſchlichte Mann? Einem ſo hohen Feld⸗ herrn gegenüber? Würde mir das ziemen? Würde ich mich ſolchen Auftrags vermeſſen können?“ „Er iſt viel einfacher, als Ihr meint, lieber Wolodna“, ſagte die Gräfin.„Allein leſt erſt zu Ende.“ Wolodna las für ſich weiter: „ihm mündliche Mittheilung machte und ihn fragte, was er zu thun gedenke, was er mir anrathe, was wir gemeinſchaftlich thun könnten? Kinski, der dir mein Schreiben bringt, weiß von deſſen Inhalt; doch zu Mans⸗ feld kann er nicht, weil er nicht gut mit ihm ſteht und auch ſofort hierher zurück will, wo wir wichtigen Ent⸗ ſcheidungen täglich entgegenſehen. Nechodom kann des⸗ falls auch nicht von ſeinem Commando. Da dachte ich an Wolodna....„(„Hm!“ murmelte dieſer),„er iſt ſchlicht, aber die Sache iſt auch einfach und er iſt goldtreu. Darum bitte ich dich, unterrichte ihn und ſende ihn auf der Stelle zu Mansfeld, denn jeder Augen⸗ 0 blick des Verzugs iſt ſchädlich. Allein gib ihm den Brief ſelbſt nicht mit, ſondern vernichte ihn. Käme das Blatt — die Straßen ſind oft unſicher— in falſche Hand, ſo wären ich und Mansfeld bloßgeſtellt und der Erfolg un⸗ ſerer Anſtrengungen höchſt erſchwert, wenn nicht völlig vereitelt. Unterrichte ihn alſo mündlich. Ich weiß, meine theure Eliſabeth, mein Schickſal liegt dir am Herzen, es i*ſt vielleicht zugleich das Schickſal Böhmens. Darum darf ich dir nicht erſt Vorſicht und Sorgfalt anempfehlen! Im Uebrigen ſtehen wir hier an der Grenze der Ent⸗ ſcheidung. Glückt es mir beſſer als im Juni, ſo habe ich keine Sorge. Iſt Wien in meiner Hand, ſo ſollen 57 ſie mir auch den Feldherrnſtab nicht entwinden. Doch wir haben harten Stand mit Wetter, Seuchen und Man⸗ gel. Die Ungarn murren, Bethlen Gabor wird ſchwan⸗ kend, und Boucquoi hat ſich mit letzter Kraftanſtrengung hierher geworfen. Ich war im Juni dem Ziel ſchon näher, darum will ich, ſo nahe ich jetzt bin, doch noch nicht ſicher ſein, daß ich es erreiche.— Gelingt mir das— dann!— dann ſollſt du bald von mir hören! Nun, Theure, lebe wohl. Küſſe unſere Tochter! Handle nach deiner Einſicht, nach deiner Liebe; dann bin ich gewiß, daß das Gute für mich geſchieht!“ So lautete der Brief Thurn's. Wolodna gab ihn der Gräfin zurück.„Das ſollte geſchehen können“, rief er aus, „daß man unſern tapfern Herrn, der den ſchweren Kampf ſiegreich durchgefochten, der das Land gerettet hat, von der Stelle drängte, die ihm allein gebührt! Nein, nimmermehr! Freudig will ich meinen Auftrag vollziehen! In dieſer Stunde will ich fort!“ „Wir wußten, wem wir vertrauten“, ſagte die Gräfin mit Wärme und drückte dem alten Redlichen die Hand! „Nun in die Flammen mit dieſem Blatt!“ Sie ſchritt dem im Kamin lodernden Feuer zu und warf das Schrei⸗ ben hinein. Wolodna ſaß in einer halben Stunde zu Pferd. Einundzwanzigſtes Capitel. In einen grauen Reitermantel gewickelt, den Hut tief in die Stirn gedrückt, ſtand Mansfeld auf der Krone der Wälle von Eger; um ihn her mehrere Offiziere und Sol⸗ daten. Er hatte ſoeben den Zuſtand der Feſtungswerke genau beſichtigÄt. Die Leute trugen verſchiedene Geräth⸗ ſchaften, Spaten, Hacken, ein Bündel Pfähle zum Markiren. „Hier noch ein Piketpfahl“, beſtimmte der General und zeigte auf den Punkt, wo er ſtehen ſollte.„So! Damit wären wir fertig für heut!— Ordonnanz! Steigt in den Graben hinunter zum Oberſt Schlemmersdorf, er ſoll nun heraufkommen. Es wird ja dunkel, man kann nicht mehr genau ſehen! Wahrhaftig, es fängt an zu ſchneien“, wandte er ſich zu den Offizieren;„ich hab's wohl vermuthet, der Nordweſt pfiff ſchon den ganzen Nachmittag ſo kalt. Das Fichtelgebirge iſt uns zu nahe; es ſchickt uns den frü⸗ hen Winter herüber.“ „Je nun, General, gar zu früh im Jahre iſt's nicht mehr, wir ſchreiben heut eigentlich den 7. November!“ „Geht mir zum Teufel, Hayd! Wollt Ihr uns vor der Zeit alt machen? Den 28. October ſchreiben wir, und damit Holla!“) antwortete Mansfeld lachend.„Ihr ſollt mich mit der neuen Weisheit nicht ſcheren. Papſt und Kaiſer und Reich datiren heut den 28. October!“ „Nun, General“, antwortete Obriſtwachtmeiſter Hayd lächelnd,„wir ſind doch ſonſt nicht ſo unterwürfig gegen Papſt und Kaiſer und Reich, und ich denke, die Feſtungs⸗ wälle hier ſetzen wir nicht für ſie in Stand!“ „Das iſt ein ander Ding! Wir liegen in Krieg mit ihnen, aber Zeit und Stunde gelten gleich für Freund und Feind! Und damit Punktum!— Wollt Ihr heut Abend am 28. October bei mir eſſen?“ „Mit Freuden, General; wenn Ihr befehlt!“ antwor⸗ tete Hayd lächelnd. „Nun, ſeht Ihr? Da habe ich Euch mit einem mal zum Gehorſam gebracht“, fügte Mansfeld ebenſo hinzu. „Ihr ſeid ſonſt ein ſo guter Soldat, allein ſeit Ihr in Prag da im Hauſe des kleinen, verhungerten Gelehrten im Quartier gelegen habt, wie hieß er doch..... 4, „Kepler meint Ihr, General?“ „Ja, recht! Seht Ihr, der Kerl hat Euch halb ver⸗ rückt gemacht! Ihr wollt den Kalender verdrehen und die Sonne vorwärts ſchieben, die Joſua doch nur ſtill ſtehen laſſen konnte!— Wäre ich der Mann danach, ich könnte Euch und den Kepler als Hexenmeiſter auf den Scheiterhaufen liefern!“ „Ihr werdet's ſo ſchlimm doch nicht mit uns ma⸗ chen, General, wenngleich ich zugeben muß, daß Jo⸗ hann Kepler ein ganzer Hexenmeiſter und vielleicht etwas mehr iſt!“ „Ja, ja, ich glaub's! Er rechnet Euch aus, wann Ihr ſterben werdet, ob die Ernte geräth, ob der Mond ſich ver⸗ finſtern wird, und alle Teufeleien mehr. Er ſollte mir aber nur einmal ſeinen eigenen Todestag ausrechnen, dann wollte ich ihm ſchon einen Strich durch die Rechnung ma⸗ chen! Ich ließe ihn ſofort aufhängen!“ Alle lachten. „Es ſteht aber ſo ſchlimm noch nicht mit Kepler, wie Ihr meint, General“, entgegnete Hayd.„Er iſt kein Aſtro⸗ 60 log, wol aber ein Aſtronom, und aſtronomiſche Dinge rechnet er aus wie kein Anderer.“ „Mag er ausrechnen was er will! Ich weiß doch, daß er des tollköpfigen Wallenſtein Aſtrolog geweſen iſt, der den Feind nicht angreift, wenn er nicht erſt angefragt hat, ob Mars und Jupiter es erlauben!“— „Er muß ſich doch gut mit den Planeten ſtehen, denn er war der Einzige, der im Frühjahr in Mähren ordent⸗ lich Stand hielt!“ „Ja, ja! Dawider habe ich nichts! Er iſt ein guter Soldat! Er hat mir bei Groß⸗Lasken auch die Hölle am heißeſten gemacht. Man braucht ſich nicht zu ſchämen, ihn gegenüber zu haben. Darum begreife ich eben nicht, wie er ſich mit ſolchem gelehrten Hokuspokus abgeben kann. Macht die Augen auf, und ſeht was und wen Ihr vor Euch habt, das iſt die beſte Angriffs⸗ und Schlachtregel. Wenn ich Euch ſonſt nicht als einen Mann kennte, Hayd, der ſattelfeſt iſt im Felddienſt und weiß, was er zu thun hat, wo er den Feind vor ſich ſieht, ich würde Euch kein Ver⸗ trauen mehr ſchenken, weil Ihr Euch ſoviel mit gelehrtem Krimskrams abgebt! Die Feder führe ich auch, und es iſt nicht nothwendig, daß Einer, der den Degen zu führen verſteht, blos ein Kreuz ſtatt der Unterſchrift zu machen wiſſe. Aber Alles mit Maß! Ihr wollt mir zu viel aus⸗ rechnen!— Aha! Da kommt Schlemmersdorf der Maurer⸗ meiſter! Seht nur, er kriecht durch die Schießſcharte wie der Schornſteinfeger durch den Schlot.“ Der Oberſt ſtieg auf einer Leiter, die an die Futter⸗ mauer des Hauptwalls gelehnt, in der Mündung einer Scharte endete, herauf. Er kürzte ſich damit den Weg ab, der eigentlich durch einen gemauerten Gang im Hauptwall führte. „Nun, wie ſteht's, Maurermeiſter“, rief ihn Mansfeld von weitem an,„werden wir viel Arbeit haben?“ „Wenig“, antwortete dieſer;„ein paar Stellen ſind ſchadhaft; mit einem Dutzend Karren voll Steinen iſt Alles in Stand geſetzt.“ „So commandirt Euch die nöthigen Leute und fangt morgen früh an“, antwortete Mansfeld.„Wie lange werdet Ihr gebrauchen?“ „Wenn ich genug Maurer auftreibe, und ich denke, es ſind ihrer hinreichend zu haben, in fünf bis ſechs Tagen.“ „Gut. So lange kann ich freilich nicht hier bleiben.— Aber ich darf mich auf Euch und Hayd verlaſſen.— Wollt Ihr um ſieben Uhr mit mir zu Nacht eſſen, Schlemmers⸗ dorf?“ Der Oberſt verbeugte ſich. Mansfeld gab ihm die Hand und ſagte:„Gut! Aber bei Tiſch ſind wir nicht ſo ſtumm wie bei der Einladung! Wir müſſen ein Glas alten Wein trinken, um uns zu wär⸗ men. Das Wetter fängt an rauh zu werden!“ „Die Zeit iſt da!“ ſagte achſelzuckend Schlemmersdorf. „Ja, unſer guter Hayd ſchreibt ſchon den 7. No⸗ vember heut! Damit hat er uns den verteufelten Schnee auf den Hals geſchafft.— Seht doch, er wirbelt da drü⸗ ben über der Straße nach Karlsbad, als ob wir gar ſchon den 7. December hätten. Dem Reiter wird's ſauer gemacht, der dort aus dem Buſch kommt!“ Der Wind fegte ſauſend über die kahlen Felder und trieb dichte Schneewirbel auf, die den Waldrand umſtöber⸗ ten, aus welchem der Reiter im Mantel hervorgeritten war. Es ſchien ſeinem Pferde ſehr ſchwer zu werden, gegen den Wind anzukommen; die Mähnen des Thieres flogen, ob⸗ gleich er nur kurzen Trab ritt, weit zurück, und der Mantel 62 flatterte bald über die Kruppe, bald wurde er dem Manne über die Zügel und vor das Geſicht getrieben.— Die tiefe Dämmerung, die ſchon über der grauen, öden Landſchaft lagerte, und das ſchwere, vom Sturm gejagte Schneegewölk vollendeten das düſtre Bild. „Das Wetter iſt mürriſch, aber ich hab' es doch gern!“ rief Mansfeld,„da ſchmecken Wein und Eſſen doppelt!— Der Wind mag uns heut den Schnee gegen die Fenſter treiben ſoviel er Luſt hat. Wenn er das Schloß nicht um⸗ reißt, daß es uns überm Kopfe zuſammenſtürzt, und ſo grob wird er doch nicht werden, mag er heulen, was er aus⸗ halten kann.“ „Haſt du Oberſt Carpezo getroffen?“ rief er einem Diener, der eben den Wall heraufkam, zu, und als dieſer bejahte, ſagte er:„Nun denn, Freunde, ſo wollen wir jetzt ins Quartier; auf Wiederſehen in zwei Stunden auf dem Schloſſe.“ Er ging, leicht nickend, in dem ihm gewohnten raſchen Schritt den Wallgang hinunter nach der Stadt zu. Die Andern folgten, nachdem Hayd und Schlemmersdorf den Leuten noch verſchiedene Anweiſungen gegeben hatten. Mansfeld ſcheute kein Ungemach des Krieges; in Ge⸗ fahren und Anſtrengungen war er ſtets der Erſte. Aber er liebte, wo er es irgend haben konnte, auch die behag⸗ lichſte Einrichtung und beſonders die geſelligen Freuden. Er hatte ſich in Eger auf dem Schloß einquartiert, und obwol er nur wenige Tage blieb, hauptſächlich um die Inſtand⸗ ſetzung der Feſtung zu betreiben, war er doch mit allen Bequemlichkeiten verſorgt, welche die kriegeriſche Zeit irgend geſtattete. Um die ſiebente Abendſtunde mußte ſein Tiſch fürſtlich gedeckt und verſorgt ſein. Nach des Tages Arbeit war er mit den Kriegsgeſellen fröhlich; dann ſagte er, be⸗ graben wir den Dienſt bei Fackelſchein und Kerzen und Glockenklang der Gläſer. Aber wehe Dem, der bei ſeiner Auferſtehung am nächſten Morgen wider ihn fehlte! Bei Tiſche war jedes Wort frei; im Dienſte konnte ein wider⸗ ſpenſtiges den Kopf koſten. Es war Mansfeld's Sitte, auch lag es in dem Range, den er einnahm, daß er ſeine Gäſte größtentheils ſich erſt im Saale verſammeln ließ, bevor er ſelbſt eintrat. So war es auch diesmal. Schlemmersdorf und Hayd ſtanden ſchon im Geſpräch am Kamin und wärmten ſich behaglich die Hände; der Graubart Carpezo trat eben ein. „Buona sera“, grüßte er die Kameraden, denn obwol er vollkommen gut deutſch ſprach, hatte er doch die Ge⸗ wohnheit, häufig vorkommende Redensarten, kurze Aus⸗ rufungen und dergleichen immer italieniſch zu ſagen.„Schlech⸗ tes Wetter!“ brummte er, ſich froſtig ſchüttelnd.„Jetzt fängt der Winter an!“ „Der König hat zur Reiſe, zum Einzug und zur Krö⸗ nung noch das letzte gute gehabt, wenn's in Prag ſo ge⸗ weſen iſt wie hier“, antwortete Schlemmersdorf.„Erſt vorgeſtern iſt's umgeſchlagen!“ „Ein altes verdammtes Neſt dieſes Schloß“, brummte Carpezo,„mir iſt immer unheimlich darin zu Muthe!“ „Hier, dächte ich, wäre es doch recht behaglich“, ant⸗ wortete Hayd leicht;„hell, warm, der Tiſch gedeckt!“ „Ja, hier! Aber im Flur, auf den Treppen, in den Corridors, Cospetto! Mir kommt's vor wie ein Gefängniß, eine Räuberhöhle! Gleich vorn am Thor flogen mir drei heiſere Eulen aus dem verfallenen Loche im Thurme ent⸗ gegen. Auch dieſer Saal gefällt mir nicht!“ „Mir ſehr gut! Was habt Ihr dawider?“ „Ich weiß es nicht. Ich denke, die Kreuzgewölbe fallen 64 ein. Die Mauern drücken— genug, es iſt mir unheim⸗ lich hier!“ Die Andern lachten. „Ach, Alter“, ſagte Schlemmersdorf und ſchlug ihm auf die Schulter,„ſeit deiner Gefangenſchaft biſt du ſchwarz⸗ galligt worden, du riechſt überall Unheil!“ „Nicht überall! Aber hier! Das Schloß iſt mir einmal fatal; das ganze Neſt! Eben war ich beim Bürger⸗ meiſter! Der wohnt auch in ſo einer dunklen Raubhöhle!“ „Sind dir da auch Eulen um die Perücke geflogen?“ lachte Schlemmersdorf. „Lache nur! Ich lache ſelbſt! Aber was kann ich da⸗ für?— Es hat bei mir von der Wiege angefangen, daß ich manche Stelle nicht betreten konnte ohne Schauder. Und immer iſt nachher etwas Gräuliches dort geſchehen. Ein Unheil oder eine Blutthat!“ „Freilich! Beim Bürgermeiſter wird Mancher einen blutigen Buckel bekommen können“, ſpottete Schlemmersdorf, machte eine Bewegung mit der rechten Hand und ließ einen pfeifenden Laut hören. „Laßt das!“ brummte Carpezo.„Ihr verſteht davon nichts, und Jeder hat ſeine Art. Cospetto!— Wer kommt noch?“ fragte er abbrechend,„der Tiſch iſt ja für Sechs gedeckt.“ „Ich weiß nur von uns Dreien“, antwortete Major Hayd. „Der Oberſt Gualtiero iſt noch eingeladen“, antwor⸗ tete einer der Diener, die im Hintergrunde des Saales an dem Schenktiſch ſtanden. „Iſt Gualtiero hier in Eger?“ fragte Carpezo ver⸗ wundert. „Er iſt dieſen Nachmittag angetroffen“, antwortete der 65 Diener.„Und dann iſt noch Jemand drinnen beim Herrn General, mit dem er ſich ſchon eine Stunde unterhält. Ein alter Hauptmann, ein Böhme; den wird er wol zur Tafel mitbringen, denn er hat das ſechste Couvert befohlen.“ Die Thür öffnete ſich; Oberſt Gualtiero trat ein. „Eccolo!“ rief Carpezo und trat ihm mit ausgeſtreckter Hand entgegen.„Da biſt du ja, Bruder! Wo kommſt du her? „Wo ſoll ich herkommen? Von Piſek!“ Die Andern begrüßten den Angekommenen gleichfalls. „Das Neſt iſt zäh; dieſes Piſek“, ſagte Schlemmers⸗ dorf.„Wie lange liegt Ihr ſchon mit Eurem Regiment davor?“ „Ich bin erſt ſeit vierzehn Tagen ins Lager gerückt; aber es ſieht doch nicht aus, als ob die Stadt ſich ergeben würde?— Da iſt der General!“ Mansfeld trat ein; ein graubärtiger Kriegsmann, der ſich beſcheiden zurückhielt, folgte ihm. Doch der General nahm ihn, als ſie Beide im Saale waren, bei der Hand, führte ihn vor und ſprach heiter:„Seid beſtens begrüßt, Kameraden; hier bringe ich noch einen unverhofften Gaſt mit, Hauptmann Wolodna; er kommt geradeswegs aus Prag und kann Euch von der Krönung erzählen.— Ihr habt ſeine Bekanntſchaft ſchon früher gemacht!“ „Das ich nicht wüßte!“ ſagte Carpezo. „Du nicht, Alter“, ſagte Mansfeld lächelnd, aber ihr Beide, Schlemmersdorf und Hayd.“ Beide ſahen den General verwundert an.„Ich kann mich doch nicht entſinnen“, ſprach Schlemmersdorf und maß Wolodna vom Kopf bis zu Fuß. „Und es iſt doch keine zwei Stunden her! Das war der Reiter, dem Wind und Schneewirbel ſo zuſetzten. —u 66 Nun, ich denke, mein Rüdesheimer und Tokayer werden ihm die Glieder auswärmen!“ „Und dieſes Kaminfeuer“, meinte Carpezo. „Setzt euch, Freunde“, lud Mansfeld ein. Sie nahmen Platz. Die Diener ſetzten raſch Jedem den Teller mit dam⸗ pfender Suppe hin, die Allen ein ſo willkommenes Labſal war, daß, während ſie dieſe verzehrten, nur wenige kurze Worte des Geſprächs gehört wurden. Nachdem die Teller geleert waren, ergriff Mansfeld, da die Diener während deſſen ſchon jedem Gaſte voll ein⸗ geſchenkt hatten, ſeinen Becher und ſtand auf. „Der König ſoll leben!“ rief er ernſt und feierlich. Alle erhoben ſich raſch von den Sitzen.„Es iſt das erſte mal heut, daß wir uns gemeinſchaftlich zur Tafel ſetzen, ſeit Böhmen ſeinen König gekrönt hat. Er lebe hoch!“ „Hoch!“ erſchallte es wie aus Einem Munde.— Sie klingten an und reichten einander die Hände zum herzlichen Gruß. „Und nun: Euer Willkommen“, erhob Mansfeld noch einmal den Becher und wandte ſich zu jedem Einzelnen. Nachdem ſie die Gläſer geleert, ſetzten ſie ſich wieder. „Wolodna, jetzt erzählt uns was von der Krönung“, forderte Mansfeld auf.„Wir haben den Lärmen und Jubel hinter uns, bei Euch iſt's erſt angegangen. Es ging hier auch fröhlich her, als der Kurfürſt— denn damals war er ja noch nicht König— von Waldſaſſen hereinkam. Eger ſah ſtattlich genug aus, als die Ritter und Stände hier die Cavaleriebeſatzung bildeten. In Prag muß es aber doch noch in größerm Stil hergegangen ſein. Vom Einzuge 67 wiſſen wir ſchon. Ihr ſeid aber der erſte Bote, der uns nach der Krönung zukommt.“ „Ich ſetzte mich eine Stunde, nachdem der König die Kirche verlaſſen hatte, zu Pferd“, antwortete Wolodna; „allein ich verwundere mich doch, daß Euch noch keine Nach⸗ richten zugegangen ſind, Herr Graf, da ich mit meinem Pferde nicht ohne zwei Nachtquartiere herkommen konnte bei den böſen Wegen. Und das war ſchon mit aller Anſtren⸗ gung geritten.“ „Glaub's!“ warf Mansfeld hin.„Aber was die Bot⸗ ſchaften anlangt, ſo müſſen ſie in Prag mehr zu thun ge⸗ habt haben, als uns Beſchreibungen der Feſtlichkeiten hier⸗ her zu ſchicken. Das ändert auch nichts in unſerem Krame hier! Wir laſſen die Feſtungswerke in Stand ſetzen und armiren die Wälle; vor Piſek werfen wir Trancheen auf und campiren im Koth. Die Mannſchaften ſchlottern Nachts vor Kälte oder im Fieber und hungern bei Tage oder laſſen ſich Blei in die Knochen ſchießen. Das bleibt beim Alten, ob in Prag gekrönt und jubilirt wird oder nicht. Alſo er⸗ zählt nur, ſonſt erfahren wir hier nichts; wenn ſie uns brauchen, werden ſie ſchon an uns denken!“ „Cospetto“, fuhr Carpezo heraus.„Jetzt denke ich, da Se. Majeſtät regiert, wird es anders werden. Aber es iſt ſchändlich! Der Bauer will dem Kriegsmanne, der ſich für ihn herumhaut, nicht einmal ein Obdach und ein Stück Brot geben!“ „Ihr verlangt auch, daß er zu viel an ſeine Glaubens⸗ freiheit ſetze!“ lachte Mansfeld bitter.„Aber eine Schande iſt's, daß die dreißig Regenten, die bisher die dreißig Staatsruder führten, uns nicht einmal die Mittel gaben, mit Nachdruck zu verfahren. Wir haben ja nicht die Mann⸗ ſchaften zum Schanzen ausheben können!“ 68 „Glauben ſie denn, zum Teufel“, rief Schlemmersdorf, „daß die piſeker Bürger ihre Wälle abtragen werden, da⸗ mit wir bequem mit der Schlafmütze auf dem Ohre in die Stadt marſchiren können!“ „Nun, laßt das jetzt gut ſein, Herr Bruder“, begütigte Mansfeld;„ſonſt hören wir nichts von der Krönung. Ich hätte von den Hudeleien und Sudeleien gar nicht anfangen ſollen. Es wird nun hoffentlich anders werden!“ „Per Baccho! Es muß!“ rief Carpezo und trank einen derben Schluck. „Ihr ſollt aber hier bei mir wenigſtens nicht hungern wie unſere Lanzenknechte“, ſcherzte Mansfeld.„Ein Mund voll Fleiſch und ein Mund voll Worte ſchieben ſich ſchon ineinander. Da habt ihr eine Probe meiner Heldenthaten hierl“ Er zeigte auf einen großen wilden Schweinskopf, den der Leibdiener Pietro in einer ſchweren ſilbernen Schüſſel auf den Tiſch ſetzte. „Das muß ein gewaltiger Keiler geweſen ſein“, ſagte Wolodna, der als alter Forſtmann das Thier ſachkundig ſchätzte. „Er verdankt mir ſein ſeliges Ende; oder ſein unſeliges, denn ich habe ihn abgefangen ohne Abſolution und letzte Oelung. Auf der letzten Jagd bei Schloß Ellnbogen.— Schade, daß ich's vergeſſen habe, ich hätte ihn zur Krö⸗ nungstafel nach Prag ſchicken ſollen. Aber erzählt, erzählt! Füllt uns die Ohren, Hauptmann, den Mund füllen wir uns ſelbſt; und ihr da(er wandte ſich zu den Dienern) füllt die Becher!“ Wolodna berichtete über die Vorgänge, denen er bei⸗ gewohnt hatte. Er that es mit herzlichem Antheil, in bied⸗ rer, treuer Geſinnung gegen den neuerwählten Herrn, den 6 69 ſich Böhmen geſetzt. Seine ſchlichte Darſtellung machte auf die Kriegsmänner einen guten Eindruck, ſo manche Urſache ſie hatten, ſich über Misſtände zu beſchweren. „Es muß ſehr gut werden in Böhmen“, ſagte Hayd, „wenn ſich die Hoffnungen nur halb erfüllen, die in den Herzen Aller leben!“ „Wollen's abwarten“, warf Mansfeld barſch hin.„Wie behagt Euch dieſer Rüdesheimer, Hauptmann Wolodna?“ fragte er ablenkend. 4 „Ich bin nicht allzu ſehr verwöhnt, was Wein an⸗ langt, Herr Graf“, antwortete dieſer beſcheiden lächelnd, „und daher auch kein Kenner. Aber mich dünkt, ich hätte noch nie ein köſtlicheres Glas getrunken ſo voll gewürzigen Duftes.“ „Das könnte wol ſein“, entgegnete Mansfeld wohl⸗ behaglich;„er iſt mir ſelbſt noch nicht oft ſo gut vorge⸗ kommen. Schmeckt einmal, Gualtiero, Ihr kennt die Quelle, woher er ſtammt! Erkennt Ihr ihn wieder?“ „Ich glaube, daß iſt derſelbe Wein, General, den Ihr uns ſchon im vorigen Jahre zu Bamberg zuweilen vorge⸗ ſetzt habt! Aus dem biſchöflichen Keller.“ „Getroffen! Der Biſchof iſt ſo höflich geweſen, mir ein Fäßchen zu ſchicken. Er hat ſich damit bedanken wollen für die gute Mannszucht, die ich gehalten, als ich mich ſechs Wochen in Stadt und Schloß einquartierte ſehr zum Misbehagen des hochwürdigen Herrn, der mit einem Ketzer wie ich ungern zu thun haben mochte!“ „Vorzüglich, wenn er an der Spitze von ſechstauſend Soldaten ſtand“, ſagte Gualtiero lachend. „Corpo di Baccho, aber ein Kernwein“, rief Carpezo aus und ſchlürfte ihn prüfend ein. „Ich habe ihn ſchon ein halbes Jahr; aber bei unſerm 8 unſteten Leben konnte ich nicht dazu kommen, ihn zapfen zu laſſen. Er lagerte in Pilſen, und ich bin froh, daß Bouc⸗ quoi und ſein Quartiermeiſterſtab ihn mir nicht ausgetrunken haben nach der Affaire bei Groß⸗Lasken. Hätten ſie ge⸗ wußt, daß ſolch ein Fäßchen Weihwaſſer dort begraben liege, ſie wären uns beſſer auf den Ferſen geweſen, um die Stadt zu nehmen!“ „Wie kommt aber der Wein hierher?“ fragte Gualtiero. „Zum Henker, als die böhmiſchen Herren hier gleich zu Dreihunderten einrückten, um den Kurfürſten zu Wald⸗ ſaſſen einzuholen, mußte ich doch etwas für meinen Keller ſorgen? Wenn ich auch nur einen Streifzug hierher gemacht habe! Hundert Flaſchen ließ ich fortſchaffen, heut wollen wir die letzten leeren. Stoßt an, ihr Herren! Der Biſchof von Bamberg ſoll leben!“ Alle tranken die muthwillige Geſundheit fröhlich mit bis auf Wolodna, deſſen ernſtem Gemüth der Scherz nicht zu⸗ ſagte; er hob nur das Glas ein wenig, ohne zu trinken. Niemand achtete darauf. „Da Ihr Groß⸗Lasken genannt habt, General“, hub Gualtiero an, ſo....“ „Ich darf es nennen und werde es nennen; ich habe mich deſſen nicht zu ſchämen!“ fuhr Mansfeld etwas beftig auf.„Hohenlohe mag ſich vor dem Namen hüten!“ „Eben nach dem wollte ich Euch fragen, General“, antwortete Gualtiero ruhig.„Er ſoll ſich ja ſchon ſehr in Gunſten bei Sr. Majeſtät zu ſetzen verſtanden haben.“ Mansfeld und Wolodna wechſelten bedeutſame Blicke. Der Erſte wollte eben erwidern, als die Thür ſich öffnete und eine Ordonnanz mit einem Briefe in der Hand eintrat. „Was Teufel“, fuhr Mansfeld, der ſchon gereizter Laune war, auf,„wer kommt mir denn jetzt am ſpäten Abend, wo ich Ruhe haben will, noch mit Dienſtſachen! Steht etwa der Feind vor Eger? Iſt'’s nichts Wichtiges, ſo ſoll.... „Ein Eilbote von Prag hat das Schreiben gebracht“, ſagte die Ordonnanz ruhig.„Zu ſofortiger Abgabe!“ „Her mit dem Wiſch!“ herrſchte Mansfeld den gelaſſe⸗ nen Reitersmann an und nahm ihm das Schreiben heftig aus der Hand.„Wenn's aus der Kanzlei iſt, hab' ich ſchon genug, bevor ich's geleſen! Was aus dem Tinten pfuhl kommt, möchte meinethalben im Schwefelpfuhl enden!“ Er hatte das Wachsſiegel abgeriſſen, entfaltete den Brief und las mit rollenden Augen. Die Gäſte ſchwiegen während deſſen ernſt.„Gut! Abgemacht!“ rief er der Ordonnanz zu und winkte, daß ſie hinausgehe.„Ich muß euch die De⸗ peſche vorleſen, ihr Herren, ſie geht auch euch an“, ſprach Mansfeld im trocknen Tone, aber mit einem finſtren Blick, der beſonders auf Wolodna haftete, und las: „Se. Majeſtät der König von Böhmen und Kurfürſt Friedrich der Fünfte von der Pfalz haben die Gnade gehabt, mich zum Oberfeldherrn der ſämmtlichen Heere des Königreichs zu beſtellen. Indem ich Ew. Ex⸗ cellenz dies zur Kenntniß bringe, erſuche ich Wohldieſelben zugleich, die begonnene Umſchließung und Belagerung von Piſek nach Möglichkeit zu fördern. Es kommt jetzt Alles darauf an, Böhmen auf dieſer Seite ganz vom Feinde zu ſäubern, und werde ich ſelbſt binnen zwei oder drei Tagen von hier nach Piſek abgehen! Ew. Excellenz wohlgewogener und ergebenſter Fürſt Chriſtian von Anhalt.“ Es herrſchte ein betroffenes Schweigen unter den Ober⸗ ſten; die Nachricht war ihnen zu überraſchend gekommen. 72 „Wir wiſſen nun doch, wer unſer Chef iſt, und haben es nicht mehr mit dem dreißigköpfigen Ungeheuer der Direc⸗ toren zu thun“, ſagte Mansfeld mit ironiſchem, halb unter⸗ drücktem Lachen, das ſeinen Ingrimm durchſchimmern ließ. „Wird denn nun auch Thurn unter dem Fürſten Chriſtian ſtehen?“ fragte Obriſtwachtmeiſter Hayd. „Oberbefehlshaber ſämmtlicher Armeen, das iſt deut⸗ lich, denke ich“, antwortete Mansfeld mit Nachdruck.„Bei alledem, es läßt ſich nichts dawider einwenden. Der Fürſt war Oberfeldherr der Union und des Kurfürſten, und bleibt es. Mit dem alten ehrlichen Haudegen will ich auch wol auskommen,.... wenn aber“, ſetzte er mit einem Ton hinzu, der ein heftiges Wort erwarten ließ, und Alle horchten auf. Doch er hielt inne und rief:„Pah! das ſoll uns den heitren Abend nicht verkümmern!“ Er warf den Brief einem der Lakaien zu. „Auf meinen Tiſch!—— Die weiſe Ermahnung am Schluß hätte der Obergeneral ſich erſparen können. Wir werden ſchon von ſelbſt dahinter ſitzen, Piſek zu nehmen. Ich pflege den Krieg nicht in der Schlafmütze zu führen! Daß wir die Kaiſerlichen hier aus Böhmen zu jagen haben, wiſſen wir auch; ich wollte nur die Herren in Prag hätten es bisher ſo gut begriffen wie wir, und uns nicht immer Blei an die Sohlen gehängt, wenn wir vorwärts wollten!— Aber,— fort mit alledem!“ Er ſchenkte ſich den Becher voll, ſtieß mit ſeinen Gäſten an und ſagte lachend: „Die Pfaffen hol' der Teufel, aber ihre Weine— wollen wir holen!— Wir ſollten einmal einen Feldzug an den Rhein machen! Da iſt gut Quartier nehmen!“ „Ja, beim Kurfürſten von Mainz zum Beiſpiel!“ meinte Schlemmersdorf. „In Schloß Ingelheim“, fiel Gualtiero ein. 73 „Bei unſerem königlichen Herrn in der Pfalz, auf dem heidelberger Schloß, iſt am beſten hauſen“, war Hayd's Anſicht. „Genug! Der Rhein gefällt uns!— Schenkt ein ihr Müßiggänger“, rief Mansfeld den Dienern zu. Sie eilten mit neuen Flaſchen herbei. Die tapfern Trinker leerten die Becher und ließen ſie neu füllen. Nur Wolodna zog zurück. „Wie Alter? Ihr fürchtet Euch ins Feuer zu gehen?“ ſchalt ihn Mansfeld. „Bin's nicht gewohnt, Herr General“, lehnte Wolodna beſcheiden aber feſt ab;„ich habe mein Maß!“ Doch Mansfeld rief:„Pah! Man muß auch einmal übers Maß gehen, und ſich doch im Sattel halten! Iſt das ein Reiter, der immer Schritt reiten will?“ Und Wo⸗ lodna mußte den Becher darreichen. Das Geſpräch wurde immer lauter und fröhlicher. Der ſoldatiſche Uebermuth ließ nichts unangetaſtet. Kein ge⸗ kröntes Haupt blieb verſchont, Kaiſer und Papſt, Fürſten und Prieſter, Pfaffen und Laien, Gelehrte und Frauen, alle wurden durch die Hacheln des Spottes gezogen. Mansfeld war Allen voran mit der Zunge, wie in der Schlacht mit dem Degen. Dennoch hielt er, der das Roß des Uebermuths am wildeſten tummelte, es ſicher im Zügel, und ſteckte auch den Andern Maß und Ziel. Er hatte die Grenzen des Erlaubten weit ausgedehnt, aber dieſe über⸗ ſchritt auch Niemand. Ein warnender Blick ſeines Auges reichte hin, um ſchon beim erſten, allzu kecken Wort die Rede abzuſchneiden.— Zuweilen ging ihm auch das Herz über Der Wein machte ihn eigentlich weich, und ſeine ſatiriſche Schärfe war nur die ſtachelige Schale, mit der er den milderen Kern, den er nicht blicken laſſen mochte, bedeckte. Den alten Carpezo, ſeinen vieljährigen Waffengefährten Rellſtab, Drei Jahre. III. 2. 4 74 hatte er vor Allen lieb. Sowie er das Auge auf ſein er⸗ grautes Haupt warf, mußte er an Groß⸗Lasken und die unerſchütterliche Treue und Tapferkeit des Alten denken. Dieſe Niederlage hatte einen bittern Stoff in ihm zurück⸗ gelaſſen, der ſich durch manche neue Erfahrung, wozu auch das gehörte, wovon ihm Wolodna und der Brief des Fürſten Chriſtian Nachricht gegeben, eher mehrte und ſchärfte, als abnahm und milderte. Carpezo's Schickſal an jenem Tage machte ihn jetzt weich und ergrimmt zugleich. „Alter!“ rief er ihn herzlich an.„Ich freue mich immer wieder, daß wir hier zuſammen bei Tiſch ſitzen! Ich dacht' es kaum, als wir damals Abſchied nahmen! Hätte ich ſie nur alle ſo ranzioniren können wie dich!“ „Ja wol! Die Peſt über die Hallunken, die die Capi⸗ tulation nicht halten!“ eiferte Carpezo. Mansfeld ſchwieg finſter. „Iſt denn die Capitulation gebrochen worden?“ fragte Wolodna. „Sie ſind nichtswürdig mit uns verfahren!“ antwortete Carpezo im Eifer.„Es war Bedingung, daß ſich Jeder gegen einen Monat Sold ranzioniren dürfe. Die Leute wurden aber gleich vom Schlachtfelde, todesmatt von der blutigen Arbeit, von Hitze, Durſt, Hunger und Wunden, abgeführt, ein Trupp hierhin, der andere dorthin. Sie ſperrten ſie über Nacht in die Kirchen der Dörfer, ſo ein⸗ gepfercht, daß Niemand ſitzen noch liegen konnte. Acht⸗ undvierzig Stunden ließen ſie ſie ohne einen Biſſen Brot, . ohne einen Tropfen Waſſer, im Wundfieber, in der Juni⸗ hitze, in Durſt, Peſtgeruch und Unrath,— da nahmen ſie freiwillige Dienſte bei den Kaiſerlichen!“ Wolodna erſtarrte faſt. „Kein Führer konnte für die armen Teufel ſprechen, —— — —'— 75 keiner ihnen Rath geben— denn ſie waren von uns ge⸗ trennt. Ich erfuhr erſt nach meiner Auslöſung, wie man verfahren war! Das heißt eine Capitulation halten! Sie hatten ja alle freiwillig Dienſte genommen! Ha, ha, ha!“ „Pah! Fort damit“, rief Mansfeld, ſtreckte aber Car⸗ pezo die Hand hinüber und ſchüttelte ſie ihm mit einem Blick, in dem ſich Herzlichkeit und verhaltener Ingrimm miſchten.„Wir machen's gut!“ Ein Blitz ſeines Auges bei dieſem Wort war mehr Unterpfand, als ein Schwur, daß er es löſen werde. „Aber fort damit jetzt! Wir ſind vergnügt beim Becher! Da wollen wir nicht an altem Plunder den Aerger nähren! Kommt Zeit, kommt Rath!— Friſches Feuer auf die Zunge! Tokayer!— Im Pokal, zum Rundtrunk!“ Pietro ſtellte einen großen prächtig geſchliffenen Glas⸗ pokal, bis an den Rand mit dunkelbraunem Tokayer gefüllt, vor Mansfeld. „Der ſchlägt doch den Rüdesheimer! Das iſt flüſſiges Feuer!“ Er that einen tiefen Zug und reichte dann den Becher ſeinem Nachbar. Er machte die Runde. Der feuerſprühende Wein erhitzte die Kriegsmänner noch mehr! Hatte vorher der Spott, die Luſt des Uebermuthes ſich freie Bahn gebrochen, ſo loderte jetzt ihr Eifer für die Sache, der ſie dienten, für den Krieg, für Das, was ge⸗ ſchehen war und geſchehen ſollte, auf. Jeder dachte eigener Erlebniſſe, eigener Thaten; nicht ruhmredig, aber ſtolz, und im Bewußtſein und in der Hoffnung neue zu vollbringen. Nur das Vort„Groß⸗Lasken“ wollten Carpezo und Mansfeld nicht mehr hören. „Ihr könnt mir ebenſo. gut einen Becher Blut ein⸗ ſchenken, als von dem hundsföttiſchen Tage ſprechen“, rief Carpezo wild gegen Schlemmersdorf, der wieder davon begann. 1 4* 76 Und Mansfeld ſchlug ſtark mit der Fauſt auf den Tiſch. „Holla! Kein Wort mehr darüber. Ich werde mit der That daran denken!“ Sein funkelndes Auge blitzte ringsum Alle an; es war wie ein Gebot in voller Schlacht. Mitten in der Luſt des Weins galt ſein Anſehen: Plötzlich herrſchte lautloſe Stille. Der Glockenſchlag vom Stadtthurm ertönte mit dumpfem Dröhnen. „Mitternacht!“ warf Carpezo, wie von einem innern Schauer geſchüttelt, heraus und ſtarrte in die dunkle Ecke des Saales ihm gegenüber. Der Sturm brauſte auf und heulte um das Schloß, daß die Scheiben zitterten. „Gute Nacht, ihr Herren“, ſagte Mansfeld und ſtand zuerſt auf.„Es iſt ſpät, und wir müſſen morgen um ſieben Uhr reiten.— Gute Nacht!—“ Sie gürteten die Degen um und gingen, gleich wie im dienſtlichen Gehorſam, doch mit herzlichem Handſchlag ſcheidend.— „Ihr müßt hier im Saal übernachten, Hauptmann Wo⸗ lodna; jede Kammer im Schloß iſt beſetzt“, ſagte Mansfeld. Wolodna verbeugte ſich. „Kann's Euch nicht beſſer anbieten; aber wir haben ſchon ſchlechter gelegen!“ Wolodna lächelte.„Ich denke auch!“ „Nun, der Saal iſt nicht beliebt! Sie fabeln von Ge⸗ ſpenſtern, die umgehen. Aber Ihr ſeid ein alter Jäger, Ihr werdet mit Hexen und Kobolden fertig zu werden wiſſen“, ſcherzte Mansfeld. „Macht das Lager für den Hauptmann zurecht!“ rief er den Dienern zu.—„Eure Briefe findet Ihr morgen fertig. Das Andere wißt Ihr, Wolodna!“ Dieſer bejahte. „Wir reiten dann morgen Alle zugleich, wenn ſich auch unſere Straßen bald ſcheiden. Gute Nacht!“ Mit dieſen Worten ging er der Thür nach ſeinem Zimmer zu; ein Diener mit einem Doppelleuchter ſchritt ihm voran. Die anderen brachten eine Schütte Stroh in den Saal und legten ein paar weiche wollene Decken darüber; das bildete Wolodna's Lagerſtatt.— Sie ließen ihn allein, in⸗ dem ſie ſich leiſe murmelnd, und mit ſeltſamen Blicken um⸗ ſchauend, als ſcheuten ſie gleichfalls die Unheimlichkeit des Orts, entfernten. Wolodna, müde von der Anſtrengung des Tages und noch mehr von dem Wein, machte ſich's raſch bequem, löſchte das Licht und ſtreckte ſich, in den Mantel gewickelt, auf das Lager. Zu ſeinem ernſten, leiſe gemurmelten Gebet heulte der Sturm das ſchauerliche Nachtlied. Aber es wiegte den Gewiſſensruhigen bald ein. Zweiundzwanzigſtes Capitel. Die körperlichen Anſtrengungen der letzten Tage berei⸗ teten Wolodna einen feſten, todtenähnlichen Schlaf; doch die geiſtigen Anſpannungen dieſer Zeit, auch wol die Glut des ungewohnt und ſpät genoſſenen feurigen Weins brachten ihm wilde, verworrene Träume. Sie ſteigerten ſich durch den um das Schloß und in die Kamine deſſelben heulenden Sturm. Bald wähnte er ſich mitten in der Schlacht, vom Roß geſtürzt, während das Getümmel des Kampfes über ihn hinweg brauſte. Er ſah aufbäumende Roſſe über ſeinem Haußt, die ſich auf ihn niederzuſenken drohten; doch ſie verſchwanden wie Nebelgeſtalten, und andere drängten ſich, einer wilden Jagd gleich, im dunklen Gewimmel an ihre Stelle.— Plötzlich ſchwanden dieſe Bilder, und er fand ſich in dem Saal des Schloſſes, wo er zu Nacht geſpeiſt hatte, wieder. Er ſaß an einer langen Tafel, aber außer ihm ſah er nur ſchwarze, tiefverhüllte Geſtalten ringsum ſitzen, in Helmen mit geſchloſſenen Viſiren. Sie reichten, offenbar ein Nachklang aus dem Abendfeſte Mansfeld's, ihm die Becher zu, um mit ihm anzuſtoßen. Allein, wenn die ſchweren Pokale aneinander klirrten, flogen die Helmviſire auf und bleiche Schädel ſtarrten ihn mit leeren Augen⸗ höhlen an. Der Becher in der eigenen Hand wurde ihm dabei centnerſchwer, es war ihm, als ſei ſeine Fauſt ange⸗ ſchmiedet an den ehernen Fuß des Pokals. Ein Grauen durchſchauerte ſeine Glieder, der kalte Schweiß der Todes⸗ angſt trat ihm vor die Stirn. Plötzlich veränderte ſich die Scene. Es dünkte ihn, die Saalthür werde donnernd auf⸗ geſprengt und wilde Geſtalten ſtürzten mit Schwertern und Speeren herein. Ihnen folgten andere, die Feuerbrände ſchwangen; der ganze Saal ſtand in Flammen. Die ſchwarzen Geſpenſter waren verſchwunden, und bärtige Krieger ſprangen ſtatt ihrer von den Sitzen auf. Die Einſtrömenden drangen gegen ſie an, durchſtießen ſie unter wildem Geheul mit den Speeren, hieben ſie mit ihren Schwertern nieder. Ein furchtbarer Kampf begann, Blut floß aus breiten Wunden! Wolodna wollte aufſpringen, es war, als ſei er mit Ketten an den Boden gefeſſelt. Da ſtürzten einige der Eindringenden auf ihn zu, er fühlte ſich 79 an die Schultern gefaßt, ſein Name ertönte von lauter Stimme. Jetzt zerriſſen die Bande des Traumes, er ſprang auf und taumelte empor! „Holla! Was wollt ihr“, rief er, all ſeine Kraft zu⸗ ſammenraffend, und ſtieß die Angreifer zurück. „Wolodna! Was habt Ihr? kommt doch zu Euch!“ hörte er ſich anrufen. Er wußte nicht mehr ob er träume oder wache! Er fühlte die Kraft ſeiner Glieder, fühlte ſich angefaßt von ſtarkem Arm, und ſah doch die ſchwarzen Traumgeſtalten und die Feuersbrunſt um ſich her. „Kommt zu Euch!“ wiederholte eine Stimme.„Ihr ſeid noch ſchlaftrunken!“ Zwei kraftvolle Arme ſchüttelten ihn. Endlich fühlte er ſich ganz erwacht, ſeiner Sinne mächtig, und wußte wo er ſich befand; allein die düſtren Geſtalten, von rothem Blutſchein überflutet, bewegten ſich rings um ihn. Er vermochte Traumbild und Wirklichkeit nicht zu ſondern. „Ihr habt einen Schlaf wie ein Bär“, ſprach einer der Männer, und jetzt erkannte er Mansfeld's Stimme; „erweckt Euch denn der Feuerſchein nicht?“ Wolodna ſaßh erſt jetzt, daß der glühende Schimmer von außen her durch die Fenſter des Saales drang. Jen⸗ ſeit des Walles, ganz in der Nähe ſtanden mehrere Ge⸗ bäude in Brand. „Die Mühle brennt und die Bauerhäuſer umher“, ſagte Mansfeld, dem die Wachen Meldung von der Feuers⸗ brunſt gemacht hatten, und der in den Saal gekommen war, weil man ſie aus deſſen Fenſtern am beſten ſah. „Der Flammenſchein muß Euch im Schlaf ganz ver⸗ wirrt haben“, fuhr er zu Wolodna gewandt fort;„denn 80 Ihr laget in Verzuckungen da. Ich mußte Euch wahr⸗ haftig aus Erbarmen mit Eurem jammervollen Zuſtand aufrütteln laſſen“, ſetzte er ein wenig ſpottend hinzu. „Ich hatte gar zu wüſte, wilde Träume“, antwortete Wolodna und ſpähte in allen Räumen des Saales umher, ob er die Geſtalten ſeines Traumes noch erblicke. Er ſah aber nur die Begleiter Mansfeld's, Diener und Lanzen⸗ knechte, die Erſten in allerlei ſeltſamen Trachten, in welchen ſie vom Lager aufſpringend, herbeigeeilt waren, die Andern von der Schloßwache in voller Uniform. „Wie zum Teufel nur das Feuer ausgekommen ſein mag“, fragte Mansfeld auf die Brandſtätte ſchauend,„alle Baracken in Brand! Es ſtürmt zwar heftig, aber ſo ſchnell kann die Flamme doch nicht von einem Neſt in das andere geſprungen ſein.“ „Der rothe Hahn hat auf allen Dächern zugleich ge⸗ kräht“, antwortete einer der Lanzenknechte.„Ich war gerade unter dem Wall bei unſerem Holzſchuppen, als der Wacht⸗ poſten droben Feuer rief. Keine Minute verging bis ich droben ſtand, und da leckte die Flamme ſchon aus der Mühlenhaube und aus den vier Dächern!“ „Holla! Das ſähe ja aus wie angelegt! Es ſtreifen hier doch keine Kroaten oder Ungarn, von denen man ſich ſolcher Streiche verſehen könnte?— Die Ordonnanz muß aber auch eine Schnecke ſein! Sie könnte ſchon dreimal wieder hier ſein mit dem Rapport!“ „Mit Vergunſt, General“, bemerkte der Lanzenknecht, „der Umweg durchs Thor über die Zugbrücke iſt weit, und draußen ein Koth, wo man bis ans Knie verſinkt!“ „So! Wirklich? Wirſt du mich das lehren, Meiſter Vorwitz? Gelüſtet's dich krumm geſchloſſen zu werden?— 81 Hielte ich dir nicht etwas zu Gute von Pilſen her, du ſollteſt es vierundzwanzig Stunden verſuchen!“ Es war einige Augenblicke ganz ſtill. Da hörte man draußen ein tobendes Raſſeln wie von ſchweren Wagen oder Geſchütz. „Schau zu, Wenzel, ob das die Feuerleitern und Spritzen der Stadt ſind“, gebot Mansfeld dem Lanzenknecht, der ſtumm gehorchte. In der Thür rannte ihn die haſtig ein⸗ tretende Ordonnanz faſt um. „Aha! Da biſt du ja! Nun? Was bringſt du für Nachricht?“ „Der Müller behauptet, das Feuer ſei angelegt. Kein Menſch iſt in der Mühle geweſen. Er hat ſelbſt um ſieben Uhr Alles revidirt. In allen Häuſern hat es zugleich angefangen. Der Rauch hat die Bewohner beinahe erſtickt. Sie haben nichts gerettet als das nackte Leben und das Hemd, mit dem ſie aus dem Bett geſprungen ſind.“ „Und wer ſoll's angelegt haben?“ „Der Müller hat Argwohn auf zwei Kerle, die geſtern Abend um eine Herberge angeſprochen haben, weil das Stadt⸗ thor ſchon geſchloſſen war; die ſind verſchwunden!“— „Hm!“ ſummte Mansfeld; er wandte ſich wieder zum Fenſter und ſah nach den brennenden Gebäuden.„Die Spritzen und Feuerleitern hätten ſie unangerührt laſſen können. Da iſt nichts mehr zu retten!“ warf er hin. „Die Unglücklichen ſcheinen es doch zu verſuchen“, ſagte Wolodna,„ſie ſind geſchäftig um die Glut her.“ Man ſah viele Geſtalten, die ſich im Feuerſchein hin⸗ und herbewegten, gleich ſchwarzen Schatten an der Glut vorüberſtreifen. „Den beiden verdächtigen Kerlen muß nachgeſpürt wer⸗ den“, ſagte Mansfeld nach einer Pauſe.„Schafft mir 4** 82 den Müller oder ſonſt Jemand, der ſie geſehen hat, gleich zur Stelle. Ich will ſie ſprechen, bevor ich außbreche. Ueberhaupt, die Abgebrannten ſollen hier in der Stadt ihr Unterkommen haben. Die Häuſer müſſen ſie doch bis auf den Grund verbrennen laſſen.“ Er befahl, daß die Ordonnanz mit einigen Leuten von der Wache hinaus ſollte, um den Verunglückten dies anzu⸗ ſagen, und ihnen das Wenige ihrer Habſeligkeiten, was ſie hatten retten können, hereinſchaffen zu helfen. Vier Uhr war vorüber. Vor dem Aufbruch nochmals zu Bett zu gehen lohnte nicht der Mühe. Er befahl daher den Die⸗ nern, ihm einen warmen Frühtrunk zu bringen, und ging auf ſein Zimmer, um ſich vollends anzukleiden und noch einige Geſchäfte abzuthun. Wolodna warf ſich auch wieder ganz in die Kleider, und blieb den übrigen Theil der Nacht auf. Nach einiger Zeit kamen mehrere Flüchtige aus der Mühle und den niedergebrannten Häuſern. Auch der Müller war darunter, und trat von der Ordonnanz geführt in den Saal. Dem Unglücklichen war das Haar völlig verſengt, das Geſicht geſchwärzt, und an der Stirn hatte er eine große blutende Brandwunde von einem verkohlten Balken, der ihm auf die Stelle gefallen war. Er war in der kalten Novembernacht halb nackt; ein grobes Hemd, darüber eine ungariſche Decke von langem Ziegenhaar, das nächſte Stück, was er in der Beſtürzung ergriffen hatte, um ſeine Blöße zu bedecken, machte ſeine ganze Kleidung aus. Die Soldaten und Diener umringten ihn, er war der Gegenſtand ihrer Theil⸗ nahme und ihrer neugierigen Fragen. „So ſollſt du nicht zum General hinein“, ſagte ein Diener,„ich will dir erſt ein Paar Hoſen und Schuhe bringen.“ 83 „Laß ihn doch, Benedict“, ſagte ein anderer,„je elen⸗ der er ausſieht, je mitleidiger iſt der General!“ „Haltet uns nicht auf“, erwiderte mürriſch die Or⸗ donnanz,„der General hat nicht Geduld zu warten. Es kommt auf meinen Pelz.“ Unterdeſſen war Benedict ſchon mit den Kleidungsſtücken herbeigeſprungen und nöthigte ſie dem Müller auf:„Du kannſt ja ſagen, daß du ſie von mir haſt! Da bleibt dein Elend daſſelbe. Du ſiehſt auch ſo noch immer jammervoll genug aus.“ Indem der Unglückliche, den Wolodna theilnehmend be⸗ trachtete, die Schuhe angezogen hatte, und, da er vor Froſt ſchlotterte, eben haſtig die Beinkleider überziehen wollte, trat Mansfeld ein. „Seid Ihr der Müller von drüben?“ redete er dieſen ſogleich an, und da derſelbe, erſchreckt, nicht wußte, was er in ſeiner ſeltſamen Lage thun ſollte, fuhr er barſch aber gutmüthig fort:„Nun fahrt ins Teufels Namen nur erſt in die Hoſen! Ihr braucht mir nicht nackt Rede zu ſtehen! Es ſieht ohnehin übel genug mit Euch aus.— Das Feuer, meint Ihr, ſei angelegt?“ „Ja— gnädigſter Herr General“, antwortete der Müller und neſtelte verlegen an ſeinen Hoſen. „Helft ihm doch, ihr Eſel“, fuhr Mansfeld die Diener an.„Soll er auf einem Bein ſtehen wie ein Kranich, während er die Pumphoſen anzieht?“ Die Diener ſprangen hinzu; mit zwei Griffen war der Müller jetzt ſo weit, daß er ſchicklich Antwort geben konnte. „Und wen habt Ihr in Verdacht?“ „Es kamen geſtern Abend, als es ſchon dunkelte, zwei Leute, vom Gebirge der Tracht nach, und wollten Nacht⸗ 84 quartier, weil ſie nicht mehr nach Eger hinein könnten Sie ſahen nicht recht geheuer aus, doch wollten wir ihnen, da es kalt war, ſchneite und ſtürmte, das Obdach nicht weigern. Sie ſchliefen im Schuppen unterm Dach. Um drei Uhr früh brach das Feuer aus. Ich ſah zuerſt den rothen Schein in der Mühle. Und wie ich vom Bett auf⸗ ſpringe, brennt's auch in meinem Hinterhaus; und als ich vor die Thür ſtürze, leckt die Flamme ſchon aus allen Dächern. Die Fremden waren fort!“ „Wie waren die Kerle gekleidet?“ „Wie die Bauern vom Erzgebirge. Braune Kittel, breite ſchwere Filzhüte; der eine hatte ganz ſtarres ſchwar⸗ zes Haar und Bart, breite Backenknochen und ein paar kleine blitzende Augen.“ „Der Burſch ließe ſich ſchon wiedererkennen! Gott ſei ihm gnädig, wenn wir ihn faſſen!“ rief Mansfeld. Wolodna hatte mit geſpannter Aufmerkſamkeit zugehört. „Nach Eurer Beſchreibung glaube ich den Menſchen zu kennen“, ſagte er. „Wißt Ihr etwas Näheres von ihm?“ ſagte Mansfeld. „Wenn meine Vermuthung richtig iſt, kenne ich ihn nur zu gut“, ſagte Wolodna;„die Beſchreibung paßt ganz auf Den, den ich meine.— Doch begreife ich gar nicht, wie er hierher kommen ſollte! Es gibt freilich auch Leute genug, die einander ähnlich ſind in der Welt, und es mag ein ganz Anderer ſein, als ich vermuthe.“ „Den wollte ich unter Tauſenden wiedererkennen!“ meinte der Müller. „Ordonnanz“, befahl Mansfeld,„du gehſt zum Obriſt⸗ wachtmeiſter Hayd; er ſoll auf der Stelle ein Cornet ſeiner Leute ſatteln laſſen und Patrouillen auf alle Landſtraßen ausſchicken, um den Verdächtigen nachzuſetzen.—„Ihr“, ——— —2— 85 wandte er ſich zum Müller,„geht mit zum Major und be⸗ ſchreibt ihm die Leute genau. Danach ſoll für Euch und die andern Abgebrannten geſorgt werden!— Noch Eins!— Habt Ihr keine Muthmaßung, weshalb ſie Euch das Haus überm Kopf angeſteckt haben?“ „Doch, Herr! Wir ſind gut utraquiſtiſchen Glaubens, in Herrn Johannes Huß' Lehre auferzogen. Und die Beiden waren Papiſten. Wir hatten geſtern Abend beim Nacht⸗ eſſen noch viel über das Unheil der Zeit und das Elend, welches Böhmen durch die Papiſten erfährt, geſprochen. Sie hatten ſich nur wenig, aber in unſere Meinung ein⸗ ſtimmend, geäußert.— Aber mein Mühlenknecht, der in ſeiner Kammer unterm Schuppendach, dicht neben ihnen ſchlief, hat gehört, daß ſie auf katholiſche Weiſe beteten und giftig von uns Ketzern ſprachen, die Gott vom Erd⸗ boden vertilgen müſſe!— Wir glauben, ſie haben uns das Haus aus Religionshaß angezündet!“— „So hauſt das fanatiſche Volk überall, wo es nur auf⸗ duckt!“ rief Mansfeld zornig.„Aber laßt die Schurken in meine Hand fallen,— ſie ſollen Hölle und Fegfeuer zu⸗ gleich koſten!“ Mit dieſen Worten wandte er ſich um und kehrte in ſein Zimmer zurück.— Wolodna ging unruhig auf und nieder. Um den Ueber⸗ reſt der Nacht war es geſchehen. Gedankenvoll betrachtete er die Brandſtätte; die hellen Flammen waren eingeſunken; man ſah nur die düſterrothe Glut der Kohlen und den ſchwarzen Rauch, der ſich um die Mauern ohne Dach wälzte und aus den Fenſterhöhlen quoll. „Was ſollte Zaloska hier gewollt haben?“ fragte er ſich;„was könnte ihn bewegen, ſich ſo großer Gefahr preis⸗ zugeben? Hm! Sie haben überall Späher und Kund⸗ 86 ſchafter in Böhmen,— jetzt, da der König eingezogen und gekrönt iſt, könnte es ihnen ganz beſonders um allerlei Nachrichten zu thun ſein!— Aber gerade hier in Eger, wo er hinein gewollt hat,— und weshalb dieſes Brand⸗ ſtiften? Was kann es ihnen nützen, und welcher Gefahr ſetzten ſie ſich aus!“— Solche Betrachtungen wogten auf und ab in ſeiner Bruſt. Seine Sinne wurden immer düſterer.—„Ich weiß nicht was mich ſo bedrückt“, ſagte er leiſe vor ſich hinmurmelnd; „allein mir will kein Funke freudigen Muthes wieder in der Bruſt aufglimmen! Es ſcheint alles ſo gut zu gehen und zu ſtehen, für unſere Sache, für Böhmen,— und den⸗ noch meine Seele wird nicht froh! Nun, Gott wird das Ende verwalten!“ ſagte er fromm und blickte aufwärts, wo zwiſchen dunklem, ziehendem Gewölk die Sterne blink⸗ ten.— Ein inniges Gebet ſtieg aus ſeiner Bruſt zum ewigen Vater empor.—. In einem Lehnſeſſel hatte er den Ueberreſt der Nacht zugebracht. Jetzt nahte der Tag. Es wurde lebendig im Schloß und auf dem Hofe. Man hörte Pferde wiehern, die aus den Ställen geführt wurden, die Zeit des Auf⸗ bruchs, die Mansfeld beſtimmt hatte, war nahe. Wolodna ging hinab zum Stall, um zu ſehen ob ſein Pferd geputzt und abgefüttert ſei. Er fand einen der Stallknechte ſchon beim Satteln. Da dies geordnet war, ging er noch einmal hinauf in den Saal, wo ſich Mansfeld, etliche der Gäſte vom vorigen Abend und mehrere Hauptleute ſchon ein⸗ gefunden hatten und ſich an einem warmen Frühtrunk zu dem kalten Marſch ſtärkten. Eine Viertelſtunde ſpäter wurde aufgebrochen. Ein Cornet von Hayd's Reitern war ſchon ausgerückt und machte den Vortrab auf der Straße nach Piſek. Mansfeld 87 und der Stab ſeiner Offiziere folgten. Die Fußknechte ſollten den Weg in kleineren Märſchen machen, und brachen erſt ſpäter auf. Es waren nur zwei Compagnien, die Mansfeld noch zu ſeinem Belagerungscorps ſtoßen ließ. Hayd, Schlemmersdorf, der alte Carpezo, mehrere Hauptleute und Wolodna ritten hinter dem General. Dieſer ſprach bald mit Dieſem, bald mit Jenem, indem er je Einem oder dem Andern einen Wink gab vorzuſprengen, um an ſeiner Seite zu reiten. Mit Hayd unterredete er ſich zuerſt, indem er ihn nach den ausgeſendeten Patrouillen fragte. Der Weg führte dicht an der Brandſtätte vorüber. Es lag Alles in Schutt und Aſche; von der Mühle ſtand nur der Bock halb verkohlt und geſchwärzt. Zwiſchen den Mauern der Häuſer waren die Beſitzer geſchäftig, theils die Kohlen vollends zu löſchen und ſie ſammt der Aſche weg⸗ zuräumen, theils unter den Trümmern nach Habſeligkeiten, die noch brauchbar wären, zu ſuchen. „Wenn wir die Schufte erwiſchen, laſſe ich ſie zwiſchen dieſen Mauern in Ketten aufhängen und bei langſamem Feuer braten, ſo wahr ich Mansfeld heiße!“ ſagte er er⸗ bittert.—„Daß Ihr ſie nicht entwiſchen laßt, Hayd.“ „Was möglich iſt, iſt angeordnet, ihrer habhaft zu wer⸗ den“, antwortete dieſer;„ſie werden aber wol ſchlau genug ſein, bei Tage nicht aus Wald und Felsſchluchten zu debouchiren!“ „Man muß ihnen auch dahin nachſetzen!“ „Den Leuten iſt es anbefohlen, ſie müſſen abſitzen, wo ſie zu Pferde nichts ausrichten können.“ Mansfeld rief ſich nacheinander Carpezo, dann Schlem⸗ mersdorf, endlich Wolodna. „Nun Alter“, ſagte er dieſem,„es bleibt bei Dem, was wir geſtern beſprochen. Vermeldet Thurn meinen 88 Gruß und ſagt ihm, er könne auf mich zählen.— In einer Stunde ſcheiden ſich unſere Straßen! Dann meldet Euch noch einmal bei mir!“— Wolodna ritt wieder zurück; der Zufall führte ihn an Carpezo's Seite. „Wie habt Ihr geſchlafen in dem verfluchten Schloß?“ fragte dieſer ihn. Wolodna erzählte erſt ſeinen Traum, dann die Unter⸗ brechung durch die Feuersbrunſt, und erklärte durch dieſe ſeine letzten Traumgeſichte. Carpezo rief:„Niente! Nichts da! Feuersbrunſt oder nicht! Der Teufel iſt los in dem Saal und ganzem Schloß. Ich bin nicht furchtſam, noch abergläubig. Aber ich habe von Jugend auf gehabt, was wir ein presagio nennen! Ich konnte ohne Schauder keinen Ort betreten, wo ein blutiges Verbrechen verübt war und wo ſpäter eins geſchah.“ „Das iſt ſeltſam“, ſagte Wolodna verwundert. „Als Knabe ſchon vermochte ich in einer Kapelle bei Vercelli keine Minute auszuhalten vor Schauder und Blut⸗ geruch, obwol mein Vater mir die Narrheit ausprügeln wollte. Sieben Jahre ſpäter, als junger Soldat, kam ich dahin und war ſo vorwitzig, ſelbſt den Verſuch zu machen, ob ich das Gefühl überwunden hätte. Es durchſchüttelte mich aber grauſenvoller als je zuvor! Und drei Tage danach wurde der Geiſtliche dort am Altar von Raubge⸗ ſindel, das der Mutter Gottes ihr Geſchmeide abnehmen wollte, ermordet!“ „Und das Schloß von Eger iſt Euch eben ſo zuwider?“ fragte Wolodna mit Staunen. „Cospetto! Ich mag die ganze Stadt nicht ausſtehen?“ rief der Alte ingrimmig.„Meinethalben hätte das ſchwarze Neſt herunterbrennen können!“ 89 „Ihr habt vielleicht ein Vorgefühl von der Feuersbrunſt in dieſer Nacht gehabt“, meinte Wolodna, der geneigt war, faſt über des Alten Zorn und Aberglauben zu lächeln, und ſich doch eines unwillkürlichen Schauers nicht erwehren konnte. Der alte Carpezo ſah ihn forſchend mit ſeinen ſchwarzen Augen unter den grauen Wimpern an, als wollte er fragen: „Nun, was ſagſt du dazu?“ Er zwang ſich endlich ihm lächelnd zu antworten:„Auch ich habe wüſte, böſe Träume gehabt; aber ich denke doch das Feuer iſt ſchuld; erſt das des allzu reichlich getrunkenen Weins, dann das der brennenden Häuſer!“ „Ihr glaubt mir nicht“, murrte der Alte unwillig, „wartet's ab. Mein Schauder hat ſeinen Grund und be⸗ trügt mich nicht! Der Satan hat Macht über das alte Gemäuer, und ich ſag' es nochmals, ich wollte es wäre heut Nacht niedergebrannt, ſtatt der Mühle da?“ Er zeigte mit der rechten Hand über die Schulter nach der ſchon hinter ihrem Rücken liegenden Brandſtätte. Wolodna ſchwieg. Carpezo gleichfalls. Es war auch kein Wetter und keine Stimmung zum behaglichen Plaudern. Der Wind heulte und trieb ſchweres Gewölk überhin; er ſchnitt eiſig ins Geſicht. Es fing wieder an zu ſchneien; Jeder wickelte ſich in ſeinen Mantel, und man ritt ſtumm nebeneinander fort. 4 „Hauptmann Wolodna!“ rief Mansfeld, nachdem ſie eine gute Strecke zurückgelegt hatten. Wolodna ſprengte heran.„Dort, wo der alte Eichbaum ſteht, ſcheiden ſich unſere Straßen; Ihr könnt dort den Fußpfad reiten, er führt Euch eine halbe Stunde näher.— So will ich Euch jetzt ein letztes Wort ſagen. Ich habe mir Alles nochmals wohl überlegt. Mit dem König, mit Thurn, mit 90 Anhalt,— aber gegen Hohenlohe. Was er mir an⸗ gethan, das vergeſſe ich ihm mein Lebtag nicht. Wir hätten Wien, ohne ſeinen nichtswürdigen Streich gegen mich!— Alſo, dabei bleibt's.— Aber kein Wort ſchrift⸗ lich! Sagt es dem Grafen. Ein Sicgel iſt keine Sicher⸗ heit jetzt in Böhmen; Feind und Freund fangen Briefe auf, und ein unbedachtes Wort behorchen die Feldmäuſe und tragen es weiter.— Das Weitere muß die Zukunft lehren. Jetzt nehme ich zuerſt Piſek, daran ſoll mich kein Teufel hindern. Dann reden wir weiter. Ich wollte Thurn nähme indeſſen Wien,— allein ich traue nicht mehr, ſeit der Geſchichte im Juni! Auch dem Bethlen Gabor traue ich nicht. Das ſollt Ihr Thurn auch ſagen! Dieſer Sie⸗ benbürge müßte mir ſieben Bürgen ſtellen, ehe ich ihm einen Gulden borgte. Er verhandelt ſeine Seele ſiebenmal an einem Tage, an Chriſt und Jude, Papiſt und Satan— wenn bei dem Handel etwas zu verdienen iſt.— Nun wißt Ihr Beſcheid.— Gehabt Euch wohl!“ Er reichte Wolodna die Hand hin, welche dieſer, aus Ehrerbietung zögernd annahm. Sein Pferd etwas zurück⸗ haltend, ſchloß er ſich den Gefährten wieder an. „Der General hat mir geſagt, ich müſſe dort bei der Eiche den Fußpfad reiten“, ſagte er halblaut zu Carpezo; „es ſoll näher ſein.“ „Wenn er's ſagt, iſt's gewiß. Er kennt Böhmen, als wäre er darin geboren“, antwortete der Alte. „Noch beſſer“, entgegnete Wolodna lächelnd,„denn ich bin hier geboren und wußte nichts von dem Fußpfad.“— „Mansfeld kennt jeden Steg, jede Furt, jede Brücke; einen Boden, den er einmal geſehen und betreten, auf dem iſt er zu Haus für immer. Er weiß Beſcheid in der halben Welt; in den Niederlanden, in Ungarn, in Sieben⸗ 91 bürgen, Dalmatien, am Rhein, in Franken. Er braucht nur einen Blick auf eine Landſchaft zu werfen, ſo iſt's als habe er zehn Jahre darin gelebt. Ein Auge hat er wie ein Adler!“ „Wie ein Feldherr“, ſprach Wolodna bekräftigend.— Inzwiſchen waren die Reiter alle einander nahe ge⸗ kommen. Wolodna ſchüttelte den Waffengefährten zum Ab⸗ ſchied die Hand und ſprengte noch einmal im Galopp vor zu Mansfeld, um ihm die dienſtliche Meldung zu machen, daß er jetzt den Trupp verlaſſe.. Mansfeld winkte nur ſtumm und zeigte mit der Hand auf den Weg, der zwiſchen zwei Elsgebüſchen zunächſt über eine Wieſe lief. Als Wolodna das Pferd darauf zugewendet hatte, rief er ihm nach:„Quer durch; dann über den Graben geſetzt, durch den Buſch, und jenſeits zwiſchen die beiden Hütten hinein.— Glück auf den Weg!“— Nach wenigen Minuten, als Wolodna über den Graben geſprengt und im Gebüſch war, entzog ihm dieſes auch den Anblick ſeiner Gefährten, und er trabte in tiefer Einſamkeit raſch vorwärts.— Das Wetter wurde immer rauher. Bald hüllte der großflockige Schnee die ganze Landſchaft ſo ein, daß kaum noch funfzig Schritte weit die Gegenſtände zu ſehen waren; dennoch blieb er auf dem Boden nicht liegen, da das Erd⸗ reich noch ſo warm war, daß es ihn ſchmolz. Nur die Hügelkuppen und einzelne hochgelegene felſige Streifen machten eine Ausnahme. Als Wolodna das Gebüſch hinter ſich hatte, konnte er die beiden Häuſer, die ihm zum Richtzeichen dienen ſollten, nicht ſehen in dem wirbelnden Geſtöber. Sein Pferd ge⸗ rieth auf weichen Boden, ſank ein; er niußte abſteigen, es 92 führen. Mit Mühe brachte er es durch einen Wieſengrund und ſpäter über Sturzacker vorwärts. Erſt nach einer halben Stunde erreichte er die beiden Hütten; von dort aus mußte er die Landſtraße bald wieder treffen. Er war froh ſo weit gelangt zu ſein; der Richtweg hatte ihm für die Zeit wenig Vortheil gebracht, und leicht hätte er im Sumpf ſtecken bleiben können. Da er noch eine weite Strecke vor ſich hatte, mußte er ſein Pferd füttern; er beſchloß den Ver⸗ ſuch zu machen, ob er in einem der beiden Häuſer einen Stall oder Schuppen finden würde, wo er es geſchützt und wärmer ausruhen laſſen könne als in dieſem Wetter unter freiem Himmel. Die nächſte Hütte war halb in die Erde verſenkt. Zu der Thür mußte er einen geneigten Weg hinabſteigen. Sie war geſchloſſen. Er pochte laut. Ver⸗ geblich. Doch mußte das Haus bewohnt ſein, denn er hatte zuvor, als das Schneegeſtöber einige Augenblicke nachgelaſſen hatte, einen leichten blauen Rauch aus dem Schornſtein auf⸗ ſteigen ſehen. Man wollte nicht öffnen. Nichts eben Auf⸗ fallendes in der wilden, unruhigen Zeit. Wolodna ſaß wieder auf und ritt rund um die Mauer von Lehm und ſchweren Feldſteinen, die den Hofraum einſchloß. An einer Stelle, wo der Boden ſich etwas hob, konnte er hinüber⸗ ſehen. Der Hof lag voll Dünger, aufgeſchüttetem Holz und Reiſig. Einige Holzgebäude ſchienen Ställe für kleines Vieh zu ſein, doch hätten ſie wol zur Unterſtellung des Pferdes genügt. Wolodna rief in böhmiſcher und deutſcher Sprache hinüber, ob Jemand im Hofe ſei. Keine Antwort. Da ſah er einen grauen Kater über eins der kleinen Dächer ſchleichen; abermals ein Zeichen, daß das Haus Bewohner habe. Indeß vermochte er nicht einzudringen und wandte ſich um, um weiter zu reiten. Da hörte er eine rauhe Stimme leiſe murmeln. Er lauſchte. Er hatte ſich nicht ge⸗ 93 täuſcht; man ſprach innerhalb des Gehöftes. Jetzt rief er laut, daß Die, welche er gehört hatte, ihn hören mußten: „Könnt Ihr mir nicht eine halbe Stunde Obdach geben, und Waſſer für mein Pferd?“ Ein Kopf ſchaute über die Mauer. Ein breiter brauner Filzhut deckte ihn; ein paar graue Augen blitzten unter demſelben hervor; das Geſicht war nur halb ſichtbar, doch einiges ſpärliche weiße Haar, tiefe Runzeln und die dunkel⸗ braune Farbe der Haut verriethen den Greis. „Wer biſt du?— Allein?“ fragte der Alte. „Ganz allein! Ein Reiſender!“ „Viel ſchlimmes Volk hier herum! Woher? Wohin?“ „Von Eger; ich will nach Prag.“ Der Kopf verſchwand wieder. Wolodna war verdrieß⸗ lich, hielt aber noch ſtill, da er wiederum murmeln hörte. „Nun? Wollt Ihr mich einlaſſen oder nicht? Sonſt ſuche ich andere Herberge“, rief er endlich nach der Gegend hin, woher er das murmelnde Geſpräch hörte. „Will Euch das Thor aufmachen! Hinten bei dem Weidenſtamm!“ lautete die Antwort. Wolodna ritt um das Gehöft, auf einen alten Weiden⸗ baum zu, der an der Rückſeite deſſelben ſtand. Hier ſah er einen ſchweren Thorweg, von ſtarken Balken, der ins Feld führte. Er wurde ihm von innen geöffnet.— Wolodna ritt ein. Aufmerkſam und verwundert ſchaute er um ſich, da er nur den Alten, deſſen weißer Bart ihm bis auf die Bruſt reichte, erblickte. Er hatte erwartet auch Denjenigen zu ſehen, mit welchem er geſprochen hatte. „Steigt ab! Herr! Ich bringe Euer Thier in den Stall!“ „Das kann ich ſelbſt“, erwiderte Wolodna, indem er ſich aus dem Sattel ſchwang. — ——————— 94 Aber noch hatte er den Fuß nicht aus dem Bügel, als er ſich von hinten her heftig gepackt fühlte. Kraftvolle Arme riſſen ihn zu Boden, und indem er um Hülfe auf⸗ ſchrie, wurde ihm eine wollene Decke über den Kopf ge⸗ worfen, und eine rauhe, gedämpfte Stimme rief: „Keinen Laut! Oder wir erwürgen dich, du Ketzer⸗ hund!“ Die Stimme klang ihm bekannt, ſie jagte eine grauen⸗ volle Ahnung in ſeine Bruſt; die Decke, mit welcher man ihn, wie um ihn zu erſticken, umſchlang, öffnete ſich noch einmal unter ſeinem Ringen dagegen. Da erkannte er in dem flüchtigen Augenblick voller Entſetzen Zaloska's gräu⸗ liches Antlitz,— die Sinne vergingen ihm. Dreiundzwanzigſtes Buch. Dreiundzwanzigſtes Capitel. Die Räthe Camerarius und Rippell befanden ſich in dem Arbeitszimmer bei dem Könige Friedrich dem Erſten von Böhmen. Camerarius war beſchäftigt, demſelben mehrere Actenſtücke vorzulegen und die Aufmerkſamkeit des Königs auf Einzelnes darin zu leiten. Rippell ſtand etwas abſeit davon, an einem Tiſch, auf welchem gleichfalls verſchiedene Papiere ausgebreitet waren; er wartete ſeine Reihe des Vortrags ab. Seine Mienen waren nicht heiter; er hatte ſich mit der rechten Hand ein wenig auf den Tiſch geſtützt, ſenkte das Haupt und ſchaute unbeweglich vor ſich nieder. „Die böhmiſchen Herren gefallen mir nicht ganz“, nahm der König das Wort.„Jetzt, da es gilt, alle Kräfte auf⸗ zubieten, um Thron und Land zu ſichern und endlich den Frieden zu erkämpfen, ſind ſie äußerſt ſchwierig mit Be⸗ willigungen!“ Camerarius zuckte die Achſeln. „Was meint Ihr dazu, Rippell?“ wandte ſich der König zu dem Rath Rellſtab, Drei Jahre. III. 2. 5 98 „Die Zeiten und die Umſtände ſind allerdings ſchwie⸗ rig“, entgegnete dieſer.„Wenn Ew. Majeſtät mir aller⸗ gnädigſt einen Rath geſtatten wollen....“ „Und der würde ſein?“ „Ich möchte anrathen, daß man durch die äußerſten Erſparniſſe in Allem, was nicht unerläßlich nothwendig iſt, die Mittel zur Kriegführung zu gewinnen ſuchte“, ſagte der Rath beſcheiden, aber feſt. „Das iſt Euer altes Lied! Kann aber ein König leben wie ein Taglöhner?“ erwiderte Friedrich unwillig.„Bin ich deshalb von dem Kurfürſtenſtuhl auf einen Königsthron geſtiegen, um mich jetzt ſchmaler zu behelfen als vormals? Und wenn die Stadt mich bei der Einholung ſo glänzend empfangen hat, ſollen wir uns jetzt als Geizhälſe zeigen? Wir würden ja zum Spott dieſer reichen böhmiſchen Magnaten!“ „Allerdings muß die Würde des königlichen Hauſes aufrecht erhalten werden“, nahm Camerarius das Wort; „aber mich dünkt, wenn ich Ew. Majeſtät eine allerunter⸗ thänigſte Bemerkung machen dürfte, die böhmiſchen Stände hätten auch etwas vorſichtiger zu Werke gehen ſollen. Der überaus große Glanz des Empfanges, über den wir Alle gewiß hoch erfreut geweſen ſind, hat doch vielleicht der Herzlichkeit einigen Eintrag gethan!“ „Ihr müßt ganz verblendet ſein, Camerarius, wenn Ihr ſo ſprecht“, antwortete der König gereizt;„Ihr habt wol vergeſſen, wie die Gemeinden der kleinſten Dörfer an die Heerſtraße kamen und uns mit Kränzen und Blu⸗ men, ſo viel der Spätherbſt gewährte, überſchütteten; wie die Weiber vor Freuden weinten und ihre Kinder emporhoben, um ihnen den neuen Herrn des Landes zu zeigen!“*) *) Hiſtoriſch. 99 „Gewiß haben Aller Herzen Ew. Majeſtät willkommen geheißen, in der Hoffnung, daß nunmehr dieſem ſchwer be⸗ drückten Lande die Wohlthat der Ruhe und des Friedens zurückkehren werde“, bemerkte Rippell, da Camerarius ſchwieg. „Nichtsdeſtoweniger, geſtatten mir Ew. Majeſtät dies frei⸗ müthig auszuſprechen, regt ſich jetzt hier und da eine Stim⸗ mung....“ „Nun, und welche Stimmung?“ fragte der König ungeduldig, da Rippell inne hielt. „Man glaubt.... man meint....„ hub er wie⸗ der an. „Nun?“ wiederholte Friedrich. „Geruhen Ew. Majeſtät gnädigſt zu vergeben, man meint, daß jetzt überhaupt, in ſo ſchweren Zeiten, die Feſte und Luſtbarkeiten....“ „Ah, vous voilà!“ rief eine helle weibliche Stimme im gereizten Ton. Es war die Königin, die, unbemerkt mahl über die Räthe, die ſich anmaßten, die Aufſicht über ſie zu führen und die Tadler ihres Lebenswandels zu ſein. Friedrich antwortete, wie er ihr gegenüber immer that, begütigend, und küßte ihr die Hand.„Es ſind ja Ge⸗ ſchäfte, die wir hier verhandeln, laß ſie dich nicht küm⸗ mern!“ „Wie gehört unſere Lebensweiſe in die Geſchäfte?“ ent⸗ gegnete die Königin, noch immer in beleidigter Stimmung. „Ich ſtamme aus einem königlichen Hauſe, ich weiß was einem ſolchen geziemt, und ich werde nicht einen Kö⸗ nigsthron beſtiegen haben, um das Geſpött meines Hof⸗ geſindes über die Aermlichkeit der Einrichtungen und der Lebensweiſe zu ertragen.— Es iſt meiner und deiner ganz unwürdig“, ſetzte ſie dieſen franzöſiſch geſprochenen Worten auf Engliſch hinzu,„die vorlauten Bemerkungen dieſer Klein⸗ bürger zu dulden, die ſich anmaßen, uns Geſetze über unſeren Lebenswandel vorſchreiben zu wollen.“ Die Räthe ſtanden betroffen und erröthend vor innerem Unwillen da. Friedrich theilte, aus doppelter Schwachheit, gegen ſeine Gemahlin wie gegen ſeine eigenen Neigungen, ihre Anſicht; doch er fühlte auch im Namen der getreuen Diener, und war daher ſo betroffen und verlegen wie dieſe ſelbſt über die Verletzung, welche ſie erfuhren. Wie immer nahm er ſeine Zuflucht zur begütigenden Bitte, und be⸗ ſtimmte die ſchöne, junge, lebensfrohe, aber leicht denkende Frau durch leiſe Schmeichelworte, ihn jetzt die Geſchäfte allein vollenden zu laſſen. Er gab ihr das Verſprechen, keinen Einſpruch in Betreff ſeiner Lebensweiſe zu dulden, und ſogleich zu ihr zu kommen, um ſich über die Feſte mit ihr zu beſprechen, wodurch eine aus England anweſende Ge⸗ ſandtſchaft ihres Vaters, an deren Spitze Lord Netherſole ſtand, mehr in Erſtaunen geſetzt als geehrt werden ſollte. Mit einem unwilligen Blick auf Camerarius und Rip⸗ pell, und ihre ehrfurchtsvollen Verbeugungen kaum durch ein leichtes Hinwerfen des Kopfes erwidernd, verließ Eliſabeth das Gemach ihres Gemahls. „Ich bin ganz der Anſicht meiner Gemahlin, Rath Rip⸗ pell“, ſagte Friedrich mit Strenge zu dieſem,„daß es Eure Befugniß überſchreitet, ſich in die Einrichtungen unſeres königlichen Hofſtaates zu miſchen. Ich erſuche Euch, ſtreng in Eurem Geſchäftskreiſe zu bleiben.“ 101 Rippell ſchwieg. Er bekämpfte herbe Empfindungen in ſeiner Bruſt,— viel weniger die der Gereiztheit über die ihm widerfahrene Kränkung als die der innerſten Theil⸗ nahme und Beſorgniß für ſeinen königlichen Herrn„ den er mit leichtem Sinn auf gefahrvollen, am Abgrunde hinlei⸗ tenden Wegen vorwärts gehen ſah.— Camerarius empfand die Beleidigung tiefer; doch er hatte die Gewandtheit und Beherrſchung eines Mannes, der den Ehrgeiz und die Vortheile ſeiner Stellung in die erſte Linie ſtellt. Er dachte: Wohl; wenn ihr Den, der euch vor Gefahren warnt, ſchmäht, ſo müßt ihr die Folgen auf euch nehmen. „Ihr habt noch etwas vorzutragen, Camerarius?“ fragte der König nach einer Pauſe. „Nur dieſe Unterzeichnungen erbitte ich gehorſamſt von Ew. Majeſtät.“ Er legte mehrere Actenſtücke vor und ging. „Setzt allen Eifer daran“, rief ihm der König nach, „die Stände zu den nothwendigen Bewilligungen zu be⸗ ſtimmen!— Eure Vorträge, Rippell?“ wandte er ſich zu dieſem. In des alten Mannes treuem Auge ſchimmerte eine Thräne, als er ſich mit den Acten dem jungen König näherte. Friedrich, ſo gutmüthig als leichtſinnig, klopfte ihm auf die Schulter und ſagte:„Die Königin meint es ſo böſe nicht; ſie weiß Eure Treue zu ſchätzen, Rippell, ſo gut wie ich ſelbſt; allein Ihr müßt Euch nicht in Angelegenheiten. miſchen, die Euch nicht kümmern!“ „Tief bekümmern!“ antwortete Rippell mit dem Ton eines Mannes, dem das Gebot ſeines Gewiſſens über Alles geht. Friedrich ſtutzte bei dem ernſten Klang dieſer Worte —j—j————— 102 doch ein wenig. Er wollte eben etwas darauf erwidern, als der Lakai eintrat und den Fürſten Chriſtian von Anhalt meldete. Der König winkte bejahend, nahm die vorgelegten Pa⸗ piere Rippell's entgegen, unterzeichnete eilig, was dieſer ihm bezeichnete, und verabſchiedete ihn ſtumm. Fürſt Chriſtian trat ein. Seine Züge verkündeten nichts Erfreuliches. „Nun, lieber Fürſt“, redete ihn der König mit er⸗ zwungen heitrem Ton an, denn ſeine Stimmung war im Innerſten verdorben,„von Euch werde ich doch wol Gutes hören?“ „Ich will nicht wünſchen, Majeſtät, daß die Räthe ſo Schlimmes berichtet haben, als ich berichten muß. Ich habe Depeſchen von Thurn empfangen; er hält es für un⸗ möglich, ſich länger vor Wien zu halten.“ „Wie? Zum zweiten mal ſollte er vor den Thoren umkehren?“ „Es ſcheint ſo!“ ſagte der Fürſt achſelzuckend und über⸗ reichte dem König ein Schreiben. Dieſer las halblaut: „«An Se. Durchlaucht den Herrn Fürſten Chriſtian von Anhalt.“— So? und nichts weiter? Er ſcheint die Ordre. noch nicht zu kennen, die Ew. Liebden zum Obergeneral „Er hat ſie längſt empfangen“, erwiderte der Fürſt, „doch ich kann mir denken, daß er nicht ſehr erfreut darüber geweſen iſt.“ „Nun! Erfreut oder nicht! Wird der Graf etwa die Befehle des Königs nicht reſpectiren?“ fragte Friedrich höchſt gereizt. „Ich meinerſeits verzichtete gern und für immer auf die ſämmtlicher Heere des Königreichs ernennt.“ 1 Titulatur vom Grafen Thurn“, antwortete der Fürſt Chri⸗ ſtian;„wenn nur der Inhalt ſeines Briefes ein erfreu⸗ licherer wäre. Das Andere iſt Nebenſache!“ „Mir nicht! Und es ſollte Ew. Liebden auch nicht ſo ſein“, erwiderte der König noch gereizter.„Es ſcheint, die böhmiſchen Herren Magnaten möchten mich nicht zu ihrem König, ſondern zu ihrem Diener erwählt haben! Sie neh⸗ men ganz den Ton an, als hätten ſie mir ein Amt über⸗ tragen, das ich nach ihrem Gutbefinden verwalten müßte.“ Der Fürſt ſchwieg, während Friedrich mit dem Brief in der Hand heftig auf⸗ und niederging. „Nun laßt doch ſehen, was meldet denn der Herr Graf?“ rief er endlich mehr unmuthig ſpöttiſch als in ernſter Be⸗ ſorgniß, und fing an zu leſen: „«Ew. Durchlaucht muß ich leider melden, daß meine Hoffnung, Wien einzunehmen, mit jedem Tage geringer wird, dermalen die Stadt mit allem Schießbedarf und mit Lebens⸗ mitteln wohl verſehen iſt, während wir draußen den äußer⸗ ſten Mangel leiden. Die ſchlechte Jahreszeit reibt die Trup⸗ pen auf; unaufhörliche Regengüſſe, erſtarrende Kälte und keine Lebensmittel! Die ganze Umgegend iſt ausgezehrt. Es kann faſt nichts mehr herangeſchafft werden bei den ſchlechten Wegen, ſodaß die Noth mich zwingen wird, nach Böhmen zurückzugehen. Auf den Fürſten von Siebenbürgen kann ich mich nicht verlaſſen...“ „Wie, ſollte Bethlen Gabor uns verrathen?“ rief Friedrich und ſah den Fürſten fragend an. „Geruhen Ew. Majeſtät nur weiter zu leſen“, ſagte Fürſt Chriſtian. Der König that es: „«Es ſind bedenkliche Gerüchte über Bewegungen in Un⸗ garn im Umlauf, die, wenn ſie ihn nicht wirklich zur Rück⸗ 104 kehr zwingen, ihm doch augenſcheinlichen Vorwand dazu geben können. Und dieſer iſt ihm ſicherlich willkommen; denn ſein Heer leidet gleichermaßen an Krankheiten und Noth. Die Hauptſache für uns aber iſt, daß mir die Truppen ſchwierig werden, weil es an Löhnung ge⸗ bricht. Viele haben ſeit langer Zeit rückſtändigen Sold zu fordern, und meine Mittel ſind erſchöpft. Ich erſuche dem⸗ nach des ſchleunigſten um die nothwendigen Geldſendun⸗ gen. v“ „Dachte ich's doch! Alle wollen ſie haben, und Keiner will geben“, rief Friedrich im aufgeregteſten Ton.„Came⸗ rarius berichtet mir, daß die Stände täglich ſchwieriger werden mit Bewilligungen, und auf meine Anmahnungen um außerordentliche Leiſtungen zur Kriegs⸗ und zur Landes⸗ verwaltung ſich ausweichend äußern. Wie wollen ſie denn Krieg führen und Frieden erlangen, wenn ſie die Leute nicht beſolden!“ „Es muß allerdings Rath geſchafft werden“, antwortete der Fürſt.„Wenn es diesmal nicht gelingt, nach Wien zu kommen, können wir in große Bedrängniß gerathen. Denn in Baiern wird mit aller Macht gerüſtet; Herzog Maximilian iſt in voller Thätigkeit, ſowie alle Fürſten der katholi⸗ ſchen Liga; auch viele der evangeliſchen. Denn jetzt, da Ferdinand als Kaiſer waltet und den Streit um die böhmi⸗ ſche Krone als Sache des Reichs behandelt, meinen Manche, ihre Pflicht als Reichsfürſten ſei die, ihm zu Hülfe zu ſein; dies habe mit der Sache der Religion nichts ge⸗ mein. Iſt Wien in unſerer Hand, ſo haben wir das Ueber⸗ gewicht und dann wird ſich Alles auf unſere Seite ſtellen.“ „Was ſollen wir aber thun?“ „Es muß Geld geſchafft, es müſſen Verſtärkungen ab⸗ geſandt werden!“ ſagte Fürſt Chriſtian feſt. 105 „Geld! Woher nehmen? Die Stände wollen nichts bewilligen, ſelbſt keine Aushebungen!“ rief Friedrich faſt verzweifelnd. „Wenn Ew. Majeſtät ſich ſelbſt zu dem Heere begäben, würde es Ehrenſache aller ſtändiſchen Herren ſein, Ew. Ma⸗ jeſtät mit ſo ſtarken Aufgeboten ihrer Leute als möglich zu fol⸗ gen“, erwiderte der Fürſt. „Lieber Friedrich!“ rief die Königin durch die halb⸗ geöffnete Thür.„Du haſt mir verſprochen, zu mir herein⸗ zukommen, und ich warte ſchon ſo lange!“ „Verzeihen Ew. Liebden, ich habe mit der Königin etwas Dringendes zu beſprechen. Ich genehmige Alles was Ihr thut, lieber Fürſt. Sprecht mit Camerarius und mit Hohenlohe, und ſchreibt einſtweilen an Thurn, wir würden alles Mögliche thun, er möge ſich nur gedulden.“ Nach dieſen flüchtig und ungeduldig geſprochenen Worten verließ der König das Gemach und ging zu ſeiner Gemahlin hinein, froh, auf dieſe Weiſe dem immer unbehaglicher wer⸗ denden Geſpräch auszuweichen. Fürſt Chriſtian ſah ihm finſter nach.„O dieſer unglückſelig leichte Sinn! Er wird noch ihn und uns Alle ins Verderben ſtürzen!“ ſprach er für ſich und wandte ſich der Thür zu. ——— Vierundzwanzigſtes Capitel. Die Trinkſtube von Jakob Steffeck am großen Ring war mit zahlreichen Gäſten gefüllt.— „Ei ſieh da, Nikolaus Diewiß! Guten Abend! Setzt Euch hierher zu uns!“ riefen verſchiedene Stimmen dem eben eintretenden Stadtſchreiber zu, während er ſeinen von Regen und feuchtem Schnee naſſen Mantel und das Pelz⸗ baret ausſchüttelte und Beides an die Nägel neben der Thür hing. „Was das ein Wetter iſt!“ ſagte er, mit den Füßen ſcharf aufſtampfend, um auch die Stiefeln von Waſſer und Schnee zu befreien;„und ein Koth draußen, und eine Finſterniß! Man muß faſt Hals und Beine brechen!“ „Wo kommſt du denn her?“ fragte einer der Gäſte, Balentin Kochan, der vordem zu den Glaubensdefenſoren und ſpäter zu den Reichsdirectoren aus dem Bürgerſtande gehört hatte.„Du ſiehſt ja ganz unwirrſch aus! So arg iſt das Wetter doch nicht!“ „Vom Hradſchin herunter komme ich! Das Wetter iſt's nicht allein, das mich unwirrſch macht!“ antwortete Diewiß.„Und dort oben iſt's freilich hell genug von Lich⸗ tern im Schloß! Alle Fenſter ſtrahlen, daß ſie ſich noch in der ſchwarzen Moldau ſpiegeln, und die Muſik ſchallt bis auf die Brücke hinüber. Es geht wieder hoch her dort oben!“ „Ja, das Banketiren verſteht unſer junger König!“ bemerkte Martin Frühwein, der auch an dem Tiſche ſaß. 107 „Und die junge Königin noch beſſer!“ ſetzte der Doctor Baſilius hinzu. „Nun, nichts für ungut, werthe Herren“, ſprach auf dieſe im bittren Ton hingeworfenen Reden der Pfarrer Chlodzek aus Kloſtergrab begütigend,„ſitzen wir doch auch hier in der ernſten Zeit vertraulich beiſammen und genießen ein Tröpflein Freude, das in den Becher unſerer Sorgen und unſeres Kummers fällt.“ „O Herr Pfarrer“, antwortete Diewiß, indem er ſich an den Tiſch ſetzte,„es iſt wol etwas Anderes, in ſchwe⸗ rer Zeit gegeneinander das Herz ausſchütten und ſich auf⸗ richten in vertraulichem Geſpräch, als in wilden Gelagen und Banketen mit Tanz und Muſik die Tage und Nächte zu verſchwelgen. Es thäten jetzt wol andere Dinge Noth! Und das fündliche Vergeuden des Geldes, während es überall am Nothwendigen gebricht!“ „Freilich, freilich,— es iſt unverantwortlich“, bekräf⸗ tigten mehrere Stimmen. „Es iſt nicht löblich“, ſagte der Pfarrer,„allein nehmt es auch nicht zu ſchwer auf. Die Freuden haben in anderen Ständen andere Geſtalten. Was uns ſchwelgeriſch dünkt, iſt einmal an den Höfen und bei den Großen alſo Brauch. Der arme Tagelöhner wird es auch ſchwelgeriſch nennen, wenn wir uns hier beim Glaſe Wein unterreden!— Und zudem, der König iſt jung und lebensfroh, ſeine ſchöne, holdſelige Gemahlin auch! Sie ſehen die Welt mit anderen Augen an als wir!“ „Es möchte Manches hingehen, allein zu viel iſt zu viel“, antwortete Frühwein.„Wir haben ihn doch nicht zum König erwählt, daß hier im Schloß die Schmauſereien und Tänze nicht abreißen ſollen? Er fordert Geld auf Geld von den 108 Ständen, und es wird mehr verpraßt, als ſie aufbringen können.“ „Und die Königin, die nur mit den Engländern ſpricht und verkehrt...“ „Vergeßt nicht, daß ſie des Deutſchen und Böhmiſchen nicht mächtig iſt“, wandte der Pfarrer ein,„das wird künftig anders werden.“ „O es gibt doch eine andere Art!“ erwiderte Frühwein. „Allein ſie ſieht die edlen Frauen unſerer Standesherren und Ritter gar nicht an; immer nur ſind die buntgeputzten engliſchen Lords und die franzöſiſchen Monſieurs um ſie her. Wie nur alle die prahleriſchen und leichtfertigen jungen Gecken hierher gekommen ſind, ſeit ſo wenigen Wochen! Selbſt wenn ſie hinüber in die Kirche geht, iſt die Königin nur von ihnen umſchwärmt.“.* „In der Kirche“, ſeufzte der Pfarrer,„da ſteht es freilich übel! Habt Ihr die Predigt des Hofpfarrers am Sonntag gehört?“ „Ich mag ſie nicht hören!“ ſagte Diewiß unwillig. „Ich möchte auch nicht!“ ſagte der Pfarrer ernſt. „Jetzt liegt mir's oft ſchwer auf der Seele, was ich von dem Herrn Hofpfarrer vernahm, als wir nach der Krönung aus dem Dom gingen....“ „Guten Abend, guten Abend, Freunde“, rief die tiefe Stimme des Hauptmanns Holoduk, der die Thür haſtig öffnete.„Habt ihr ſchon die Neuigkeiten gehört?“ „Was denn? Welche?“ tönten die Fragen durch⸗ einander. „Von Wien! Vom Grafen Thurn. Es ſoll ſchlecht ſtehen!“ „Erzählt, erzählt!“ riefen Alle wie aus Einem Munde. 109 „Ich ſprach den Stallmeiſter des Fürſten von Anhalt, den Eberhardt. Es ſind Briefe gekommen vom Grafen an den Fürſten. Die Geſchäfte gehen ſchlecht!“ „Iſt denn eine Schlacht vorgefallen oder ein Sturm?“ „Es muß wol! Ganz ohne Zweifel!“ antwortete Holo⸗ duk;„das Genauere aber wußte der Eberhardt ſelbſt nicht. Gleich nachdem der Carabinier, den der Graf Kinski aus Kuttenberg geſchickt hat und der die ganze Nacht geritten iſt, eingetroffen war, ging der Fürſt eiligſt zum König. Als er zurückkehrte, war er ſehr finſter; dann wurden eine Menge Befehle abgeſandt an Feldhauptleute und Oberſten, und der Fürſt ſelbſt fuhr zum Grafen Schlick, zum Statthalter Wil⸗ helm Lobkowitz, zum Präſidenten Wenzel von Budowa, und zu vielen andern vornehmen Herren. Es ſollen, wie es heißt, Gelder aufgebracht und Mannſchaften ausgehoben werden.“. „Daraus läßt ſich freilich ſchließen, daß es neuer Kräfte bedarf“, ſprach Frühwein. „Ach haben die Belagerer von Noth und Krankheit, in Folge des üblen Wetters, viel auszuſtehen“, fügte Holoduk hinzu. „Das läßt ſich denken, wenn das Wetter dort iſt wie hier?“ ſagte Diewiß kopfſchüttelnd.„Und dazu ſtimmen die Gaſtereien und Gelage und Tanz und Muſik wahrlich ſchlecht!“ „Der König ſollte ſelbſt zur Armee gehen!“ rief Holoduk.„Wenn ich an ſeiner Stelle wäre, ich ſetzte mich heut noch zu Pferd.“ „Beſſer wäre es freilich“, meinte der Pfarrer. „Es hat auch böſes Blut gemacht, daß der Fürſt Chri⸗ ſtian und der Graf Hohenlohe zu Obergeneralen ernannt ſind“, nahm Holoduk wieder das Wort.„Was haben ſie 110 denn für uns gethan? Und Thurn und Mansfeld haben ſich für uns geſchlagen wie die Löwen!“ „Das macht, weil der Fürſt Chriſtian der Feldherr der Union iſt“, belehrte der Pfarrer Chlodzek,„unſer König als Oberhaupt mußte ſeinen General beibehalten!“ „Ei was, wir haben den Teufel von der Union!“ fuhr Holoduk heraus;„ſie druckſen und knurren, und Keiner kommt zum Loch heraus. Wo ſteckt denn die Armee der Union? Da mag der Fürſt Chriſtian hingehen und ſie commandiren! Aber Mansfeld und Thurn, die das Land gerettet, die Boucquoi und Dampierre aufs Haupt geſchla⸗ gen haben, die müſſen böhmiſche Oberfeldherren ſein und bleiben! Abſonderlich Thurn! Gott gebe, daß er jetzt Wien einnimmt! Aber da ſteckt's eben! Glaubt nur, von hier aus ſind ſie eiferſüchtig auf ihn, ſie helfen nicht nach mit Geld und Leuten. Was Teufel ſoll aber aus einer Armee wer⸗ den, wenn ſie keinen Succurs hat! Pulver und Hunger, Wetter und Seuchen freſſen die Leute auf; da müſſen neue Mannſchaften heran. Ich ließe den zehnten Mann in Böhmen ausheben und Tag für Tag Leute nachrücken! Das ließe ich thun, ſo wahr ich Holoduk heiße, und ſchnallte mir ſelbſt das Schwert um die Hüfte, wenn ich der König wäre!“ Der alte Kriegsmann hette ſich ganz ins Feuer ge⸗ redet. Er ſchlug zur Bekräftigung ſeines Schlußſatzes mit der Fauſt auf den Tiſch, daß die Gläſer klirrten. „So geht es denn nirgends her wie es ſollte“, bemerkte Diewiß traurig, in der Kirche und beim Heere und in der Verwaltung; was ſoll daraus werden?“ „Man muß das Beſte hoffen“, begütigte Chlodzek abermals;„es ſind ja erſt etliche Wochen verſtrichen, da kann noch nicht Alles geſchehen ſein. Der junge König wird - 111 jetzt ſehen, daß es Noth thut, und die Sachen werden ſich bald anders geſtalten, denke ich.“ „Das wolle Gott!“ ſagte Diewiß ſeufzend.„Sorgen und Kummer überall, auch bei den Einzelnen! Wißt Ihr denn, wie es mit unſerem alten Wolodna ſteht?“ „Iſt er denn von Eger zurück?“ „Leider nein! Und die Tochter iſt in äußerſter Sorge“, entgegnete Diewiß.„ZJetzt eben, als ich vom Hradſchin herunterkam, ſprach ich in Thurn's Hauſe an. Frau Thereſe war dort; die Gräfin iſt mit der Tochter auf dem Schloſſe zum Banket.“ „So banketirt ſie auch, während der Graf vor Wien liegt?“ fragte Holoduk. „Wie Ihr ſprecht“, erwiderte Diewiß.„Als ob ſie nicht die frommſte Frau wäre, die in aller Stille und Zu⸗ rückgezogenheit lebt! Allein kann ſie denn ſo wie ſie möchte? Muß ſie nicht auch zuweilen bei Hofe erſcheinen? Es würde ſonſt bald Aergerniß geben, zumal da ſie ſchon Verdacht gegen Thurn haben!“ „Ich glaub's wohl! Sie müſſen wiſſen, wie ſie ihn gekränkt haben. Das böſe Gewiſſen regt ſich!“ ſagte Holoduk. „Laßt das jetzt, lieben Freunde“, bat Chlodzek.„Was iſt's mit dem alten würdigen Wolodna?“ „Sie erwarteten ihn ſchon ſeit über acht Tagen von Eger zurück, und er iſt noch immer nicht eingetroffen. Die Gräfin hat einen zweiten Boten an den Grafen Mansfeld geſendet; der iſt geſtern wiedergekommen und hat berichtet, daß der Alte gleich am folgenden Tage ſeiner Ankunft von Eger zurück nach Prag geritten ſei; er hätte längſt hier ſein müſſen.“ 112 „Und er iſt noch nicht heimgekehrt?“ fragte Chlodzek beſorgt. „Wie ich Euch ſage, würdiger Herr“, verſetzte Diewiß. „Natürlich ſind Alle in großen Sorgen, vornehmlich die Tochter!“ „Sollte unſerem lieben Freunde ein Unglück zugeſtoßen ſein?“ rief der Pfarrer aus. „Es muß doch wol! Vielleicht daß er irgendwo krank liegt!“ meinte Diewiß. „Oder daß Geſindel, Marodeurs, habgierige Bauern ihn erſchlagen haben“, ſagte Holoduk.„Steht gleich der Feind nicht zwiſchen hier und Eger, ſo iſt das Land doch in Kriegszeit nirgends ganz ruhig und ſicher.— Wenn er krank läge, hätte er wol Botſchaft geſchickt!“ „So will ich doch morgen am Tage zu der armen jungen Frau gehen und ihr Troſt zuſprechen“, ſagte der Pfarrer mitleidig.„Ich habe mich noch heute mit meinem lieben deutſchen Amtsbruder dem Pfarrer Lippach über ſie unterredet. Der hat ihre Ehe eingeſegnet. Kein ſchöneres und edleres Frauenbild ſei ihm jemals vor Augen gekom⸗ men, ſagte er. Muth und Sanftmuth, Würde und De⸗ muth, das Herz ſo ſchön wie Antlitz und Geſtalt», ja, ſo ſagte er von ihr.“ „Da hat er Recht“, rief Holoduk,„ſo iſt ſie, das muß Jeder ſagen, der ſie kennt.“ „Ein würdiger frommer Herr, ein rechter Mann Got⸗ tes, der Herr Pfarrer David Lippach“, ſagte Frühwein. „Der hat auch Muth und Sanftmuth zugleich, und Stolz und Demuth, wie ſie ein Führer und Hirt der Gemeinde haben ſoll.“ „Ihr redet aus meiner Seele“, verſetzte Chlodzek und reichte dem Freunde die Hand hinüber. „Horch! Was iſt das?“ rief er plötzlich erſchreckt, und mit ihm ſprangen Alle beſtürzt von ihren Sitzen auf. Ein Kanonenſchuß donnerte, und gleich darauf praſſelte es wie Gewehrfeuer. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte Diewiß.„Das klingt ja wie Gefecht in den Straßen!“ „Wie zur Zeit der Paſſauer Hallunken!“ rief Holoduk und eilte der Thür zu. Dieſe flog auf, noch ehe er ſie erreicht hatte; doch nur der Küfer trat haſtig ein und rief den Gäſten zu: „Kommt heraus, ihr Herren! Der halbe Himmel im Feuer! Das iſt das Feuerwerk auf dem Schloß, desgleichen wir hier all unſer Lebtag' nicht geſehen haben!“ Alle eilten vor die Thür. Mit erſchrecktem Staunen ſahen ſie den Himmel von ſprühenden Funken und Blitzen bedeckt. „Herr Gott!“ rief der Pfarrer mit Entſetzen.„Steht das Schloß in Brand?“ „Nicht doch, nicht doch“, belehrte Holoduk;„das iſt ein Kunſtſtück der Feuerwerkerei. Sie haben einen franzöſiſchen Feuerwerker kommen laſſen!“ „Doch mein Himmel, wozu denn? Was kann das für Unheil geben! Es iſt ja, als ob der ganze Hradſchin im Brand ſtehe,— die Stadt kann ja in Flammen auf⸗ gehen!“ „Nichts da, keine Sorge, Herr Pfarrer! Seht Ihr, die Feuerſchlangen und Blitze und funkelnden Sterne ver⸗ löſchen wieder; ſind eitel Schwärmer, blinde Petarden und Raketen, Fröſche und Leuchtkugeln, oder wie ſie das Zeug heißen. Das iſt in Frankreich ſo Gebrauch. Wenn die Ge⸗ ſundheit eines hohen Herrn bei Tafel ausgebracht wird, dann fügen ſie zum Schall der Zinken und Trompeten — ————— 114 den künſtlichen Kanonendonner und all das knallende Fun⸗ kenwerk.“ „Das iſt aber wahrhaft ein gottloſes Spiel mit dem fürchterlichen Elemente“, ſagte der Pfarrer, der mit Be⸗ ruhigung den Himmel wieder völlig dunkel werden ſah. „Haben wir nicht an der grauſen Kriegsfurie, dem Brand der Städte und Dörfer ſchreckliche Wahrheit genug, daß wir ſie noch wie im Spott nachahmen müſſen?“ Da donnerte ein zweiter Kanonenſchlag, und abermals ſtrahlte der Himmel wie von einer plötzlich auflodernden Feuersbrunſt angeleuchtet, und die ziſchenden Schlangen und raſſelnden Raketen kreuzten ſich auf dem dunkelbewölkten Nachthimmel nach der Gegend des Hraͤdſchins zu. „Heiliger Gott, das Feuer ſprüht ja hoch über die Thurmſpitzen des Doms hinaus!“ rief der Pfarrer immer noch in dem ſchaudernden Gefühl der Gottloſigkeit dieſes ruchloſen Schauſpiels.„Wenn nur der armen Stadt kein Schade geſchieht!“ Das Schauſpiel wiederholte ſich nach wenigen Augen⸗ blicken zum dritten mal. Es war die dreifache Geſundheit, die dem Vater der Königin Eliſabeth, dem König Jakob dem Erſten, auf dem Schloſſe durch die anweſenden engliſchen Grafen und Herren, die zum Glückwunſch nach Prag gekommen waren, dargebracht wurde. Sie überraſchten die liebens⸗ würdige Monarchin durch dieſes neue Schauſpiel, welches die deſſen ungewohnten Einwohner Prags mehr in Schrecken verſetzte, als es ihre freudige Bewunderung erregte. Doch vom Hradſchin herab erſcholl lauter Jubel und Tuſch der Trompeten, Heerpauken, Zinken und Poſaunen, daß man es durch die Nachtſtille bis in die Altſtadt hinunter hörte. Der Pfarrer Chlodzek ſchauerte innerlich vor ſo ruch⸗ loſer Geſtalt der Freude in ſo ſchwerer Zeit, und er mis⸗ — 115 billigte jetzt das eitle Weſen der Luſtbarkeiten am Hofe noch mehr als alle die Uebrigen, obwol auch ſie unmuthig den Kopf dazu ſchüttelten. Fünfundzwanzigſtes Capitel. Im Schloß auf dem Hradſchin waren in der langen Reihe der Säle und Gemächer, welche vom Licht der Kerzen tageshell ſtrahlten, viele Hundert Gäſte verſammelt. Die Räume ſchimmerten in wahrhaft königlicher Pracht. Die Fußböden der Zimmer waren mit koſtbaren Teppichen belegt oder bildeten für ſich durch die Holztäfelung oder den bun⸗ ten Marmor⸗Eſtrich einen reichen Schmuck. Am Gebälk hingen ſchwere Kronleuchter von vergoldetem Erz; in den Ecken der Zimmer ſtanden Armleuchter, auf denen die Kerzen zu einer flammenden Pyramide geordnet brannten. Die Wände waren theils von glänzendem Marmor, theils durch ſchwere Tapeten mit Goldrändern und Stickereien und durch koſtbare Gemälde verziert. In den Sälen ſtanden lange Reihen ſchwerer, in kunſtreicher Holzarbeit geſchnitzter Stühle mit Polſtern und hohen Rücklehnen, auf welchen meiſt die älteren Frauen ihre Plätze hatten, während die jüngeren, an ihrer Spitze die reizende Königin Eliſabeth ſelbſt, an dem Tanze theilnahmen. Alle Standesherren und Ritter, die ſich zu Prag befanden, und viele der Vor⸗ nehmſten aus der Stadt waren geladen; doch ſahen ſich Manche auch in der Einladung übergangen, die es hart verdroß, namentlich die Bürger, welche zu der ſtädtiſchen 116 Vertretung gehörten. Die Königin hatte dies ſo ange⸗ ordnet, weil ſie, der engliſchen Sitte folgend, es nicht ſchick⸗ lich fand, bei ihren Hoffeſten andere Gäſte als vom Adel zu ſehen. Nur für höchſte Beamte und die Räthe des Kurfürſten fand eine Ausnahme ſtatt; und Scultetus genoß eines geiſtlichen Anſehens, noch über das des Adels hinaus. Die Ausſchließung der ſtändiſchen Mitglieder aus dem Bürgerthum verletzte dieſelben um ſo mehr, als ſie ihrer⸗ ſeits ebenſo wie die Herren und Ritter zu dem glänzenden Empfange des Königspaares bei ſeinem Einzuge und den für daſſelbe bereiteten Feſten beigetragen hatten. Sie waren zwar zu der erſten Gegenfeſtlichkeit, welche der König un⸗ mittelbar nach der Krönung veranſtaltete, geladen worden, aber ſeitdem hatte er ſeinen Hofſtaat ſo abgeſchloſſen, daß ſie ausgeſchieden blieben. Die Feſtlichkeit dieſes Abends, welche an Pracht alle früheren übertraf, galt vorzugsweiſe den engliſchen Abgeſandten, durch welche König Jakob ſeine Tochter und ſeinen Schwiegerſohn zu ihrer Thron⸗ beſteigung beglückwünſchen ließ; außerdem auch vielen anderen vornehmen Engländern, welche ſich ſogleich am Hofe des neuen Königs oder vielmehr der Königin eingefunden hatten. Eliſabeth unterhielt ſich auch faſt nur mit dieſen; zum Theil wol, weil ſie der böhmiſchen Sprache gar nicht mächtig war und am liebſten ihre Mutterſprache redete, großentheils aber auch aus einer ſich ſchon regenden Ab⸗ neigung gegen den Adel des Landes, da die böhmiſchen Großen dem von ihnen ſelbſt gewählten König nicht ſo unbedingte Gewalt einräumen mochten, ſondern es durch⸗ blicken ließen, daß er die Stellung ihnen verdanke und deſſen eingedenk bleiben möge. 117 Friedrich ſelbſt zeigte ſich leutſeliger und verbindlicher als ſeine Gemahlin, ſowol aus angeborener Freundlichkeit als auch weil er einſah, daß er die neuen Verhältniſſe und Bande erſt befeſtigen müſſe. Er ging hin und her durch die Säle und ſprach mit allen Gäſten in ungezwungener wohlwollender Weiſe. Zu dem alten Caplicz von Su⸗ lewicz, den er, etwas zurückgezogen, zuſchauend, in einer Ecke ſitzen ſah, trat er heran, und als der Greis ſich ehr⸗ erbietig erhob, wollte er es nicht dulden, ſondern drückte ihn freundlich an den Schultern zurück, reichte ihm die Hand und ſagte:„Nicht doch, ehrwürdiger Vater, Eure Jahre haben ein Vorrecht.“ „O gnädigſter Herr“, erwiderte Caplicz, der dennoch aufſtand und trotz eines leichten Lächelns mit ernſtem An⸗ geſicht hinzufügte:„So ſchwach bin ich doch nicht.“ „Allein Ihr ſcheint nicht' heiter, würdiger Herr“, fragte der König,„behagt Euch unſer Feſt nicht?“ „Die glänzenden Feſte ſind nicht mehr für mich“, er⸗ widerte der Greis.„Es gibt ein Alter und Zeiten, zu denen ſie nicht mehr paſſen“, ſetzte er nachdrücklich hinzu. Der König ging mit einem Zug von Misbehagen weiter. Im nächſten Zimmer ſtieß er auf Jeſſenius von Jeſſen, der mit der Gräfin Thurn im Geſpräche war. Sie traten Beide ehrerbietig zur Seite, als der König vor⸗ überging. „Ihr weicht mir doch nicht aus, gelehrter Herr“, redete Friedrich ihn an,„wie die Gräfin, die ſich faſt ſo ſelten an unſerem Hofe macht wie Ihr.“ Er wandte ſich bei den letzten Worten mit einem verbindlichen Gruße zu Eliſabeth. „Die Zeiten, Ew. Majeſtät, geben uns zu ſchwere Ar⸗ beit“, erwiderte Jeſſenius,„um uns der Luſt mit Muße hingeben zu können.“ 118 „Und mir vergeben Ew. Majeſtät wol“, fiel die Gräfin ein,„als einer halb im Witwenſtande Lebenden, daß ich die häusliche Stille wenig verlaſſe.“ „SIch bin Euch vielmehr zwiefach dankbar, Gräfin Thurn, daß Ihr Euch heut dem Feſte nicht entzogen habt. Ich ſah auch ſchon die ſchöne Gräfin Thekla im Tanz mit dem Prinzen von Anhalt. Das junge Paar ſchien ſehr freudig belebt.“ „Die Jugend behält das Recht zum Frohſinn auch in den ernſteſten Tagen“, antwortete die Gräfin. „Immer und ewig dieſes Echo von ernſten Tagen und ſchweren Zeiten“, dachte Friedrich, und ging mit dem Aus⸗ druck des Unmuths auf der Stirn, etwas obenhin grüßend, weiter. Ein Kammerjunker trat ihn an und ſprach einige leiſe Worte zu ihm. „Iſt's möglich?“ rief er erfreut.„Tauſendmal will⸗ kommen! Ich will ihn ſogleich ſelbſt der Königin zu⸗ führen.“ Er folgte dem voranſchreitenden Kammerjunker, der ihn durch die Reihe der Säle dem Haupteingange zuführte. Nach wenigen Minuten kehrte er Arm in Arm mit einem Manne von kriegeriſchem, faſt wildem, aber ſehr ſtattlichem Anſehen zurück, und ſchritt heitren Angeſichts durch die ver⸗ wunderten Gäſte hin. Die Königin hatte ſoeben einem der Lords von der außerordentlichen Geſandtſchaft König Jakob's den Arm zu einem ganz neuen Reihentanz gereicht, den ein junger polniſcher Edelmann, Graf Sigismund Bernacki, als einen in Polen üblichen, die Damen lehren wollte. Es war die ſpäter mit manchen veränderten Geſtalten ſo allgemein gewordene„Polonaiſe“. Friedrich klopfte die Königin, die mit dem Rücken 119 gegen ihn ſtand, leicht auf die Achſel. Sie ſah ſich er⸗ ſtaunt um und rief noch erſtaunter:„Ah mon dieu!“ als ſie den Herzog Chriſtian von Braunſchweig erkannte. „Ihr, Herr Herzog?“ ſagte ſie freudig überraſcht.„Und was führt Euch ſo unvermuthet her?“ „Was anders als die Pflicht, der verehrteſten aller Königinnen und Frauen meine Huldigung darzubringen!“ verſetzte der Herzog und beugte ſich zum Kuß auf die Hand der Königin, die ſie ihm mit anmuthvoller Hoheit reichte. „Doch auch einmal eine freudige Begegnung hier in Prag!“ ſagte König Friedrich. „Hätten Ew. Majeſtät Mangel an Freuden in die⸗ ſem neuen, ruhmvollen Berufe?“ fragte Herzog Chriſtian. „Wenn auch das nicht“, entgegnete Friedrich,„ſo doch Ueberfluß an unangenehmen Beſchäftigungen und Verdrießlichkeiten aller Art.“ „In ſo glänzendem Feſtſaale laſſen ſie ſich wol ver⸗ geſſen!“ entgegnete der Herzog. In der That wurde durch ihn die Stimmung heitrer und die Unterhaltung lebhafter. Wenigſtens vergaß ſich das mancherlei Störende und Beſorgliche für den Augen⸗ blick. Der ſchwere Ernſt ſtand darum nicht minder düſter hinter dem bunten Flor der Freude; allein das leichte Auge wandte ſich ab von ſeinem Anblick, und vergaß ſein Daſein, weil es ihn nicht ſah. Der Tanz, den Graf Bernacki ſelbſt ordnete, erwarb ſich den Beifall aller Damen; beſonders genoß ein Paar der Tanzenden ein ahnungsloſes Glück der Herzen dabei. Es waren der junge Prinz Chriſtian von Anhalt und Gräfin Thekla von Thurn. Gerade dieſer Tanz ließ ihnen ſo viel Zeit zum vertraulich heitern Geſpräch; ſie ver⸗ 120 gaßen dabei die Umgebung ſo, daß ſie in den verſchiedenen Windungen und Figuren faſt einen einſamen Spaziergang durch den gefüllten Saal machten. Auf einen Wink des Königs führte der Graf gleichſam in ſteigender Luſt und Freude die Reihen der Tanzenden durch alle Säle und Gemächer des Schloſſes. Doch dabei war noch eine ganz eigene Ueberraſchung ſelbſt für die Königin bereitet. Es verhielt ſich damit folgendermaßen. Der Kaiſer Rudolf, welcher ſich in den letzten Jahren ſeiner Regierung ſcheu und düſter in dem Innern ſeines Palaſtes zurückgezogen hielt, ihn endlich gar nicht mehr verließ, hatte im Bereich deſ⸗ ſelben die eigenthümlichſten, das Erſtaunen ſeiner Zeit⸗ genoſſen erweckenden Anlagen gemacht. Außer den Gärten innerhalb der Palaſtmauern, in welchen er die ſeltenſten Pflanzen aus allen Welttheilen pflegte, und den Umzäu⸗ nungen, worin er wilde Thiere aller Gattungen hegte, waren auch mehrere bedeckte Hallen des Schloſſes ſelbſt zu künſtlichen Gärten umgeſchaffen. Dieſe, nachmals in Verfall gerathen, hatte König Friedrich heimlich in großer Eile, aber mit großen Koſten ſo weit wiederherſtellen laſſen, als es in der kurzen Zeit möglich war. Was nur an ſeltenen ausländiſchen und prächtigen Gewächſen in den Treibhäuſern ſich vorfand, war hierher gebracht worden, und zu grünen Luſtgängen, ſchattigen Gebüſchen und dunkel überwölbten Lauben geordnet; bunte Lampen und Kerzen beleuchteten dieſe Anordnung durch ein zauberhaftes Licht. Bis zu die⸗ ſen Räumen, welche bis dahin verſchloſſen geblieben waren, leitete Graf Bernacki im Einverſtändniß mit dem Könige den Zug der Tanzenden. Plötzlich öffneten ſich ihnen die Pforten, und ſie ſahen ſich mitten in den blühenden Som⸗ mer verſetzt. Die Königin war im höchſten Maße freudig überraſcht; der König, welcher ſelbſt am Tanze nicht theil⸗ nahm, hatte ſich, um ſich an ihrem Staunen und dem ſeiner Gäſte zu weiden, ſchon zuvor dahin begeben, und begrüßte jetzt ſeine Gemahlin, indem er ihr einen Strauß der koſt⸗ barſten Blumen aus fremden Zonen überreichte. In liebens⸗ würdiger Freude umarmte und küßte ſie ihn in Gegenwart aller Gäſte, die ſich an dieſem Schauſpiel der liebenden, herzlichen Geſinnung weideten. Herzog Chriſtian, der die überaus ſchöne Frau bis hierher geführt hatte, heftete glühende Blicke auf dieſe Gruppe der Zärtlichkeit. Da indeß die lange Reihe der Tanzenden von hinten her immer vorwärts drängte, bot er der Königin alsbald von neuem den Arm und führte ſie, während der König fröhlich plaudernd an ihrer andern Seite ging, weiter und weiter durch die Irrgewinde dieſer Zaubergärten. Die Ordnung des Tanzes hörte auf; die Paare zer⸗ ſtreuten ſich nach Neigung und Zufall in den gewundenen, grün beſchatteten Pfaden, die einen wahren Irrgarten bildeten.— Thekla war träumeriſch berauſcht durch dieſen feen⸗ haften Anblick. Die erhöhte Stimmung ihres Herzens ließ ihr Alles noch in einem zauberartig verſchönerndem Licht erſcheinen. Der junge Prinz, der ſie führte und deſſen Auge ſich ganz in ihrem holden Reiz verlor, war ebenſo durchwallt von den ſeligſten Empfindungen. Der zauberiſch wiegende Wellenſchlag der reinen Jugend und der reinen Triebe trug Beide in eine andere, ſeligere Welt hinüber. War es Zufall, war es der natürliche Drang der Lie⸗ benden, ſich von der bunten Menge zu entfernen, der ſie bald in einſame vom Halbdunkel grüner Dämmerung um⸗ ſchattete Pfade führte? Die Muſik aus den entfernten Tanzſälen ſchwebte ihnen mit gedämpften, lieblichen Klängen nach und erhöhte den Rellſtab, Drei Jahre. III. 2. 6 122 duftigen Traum ihrer Seele. Ihre Gefühle ſuchten und fanden nicht Worte; es war ein ſüßes Ineinanderverlieren ihrer Herzen, das ſie heilig beglückte. Nur leiſe ſchwebte es über Thekla's Lippen: „Mir iſt, als wäre ich in eine andere Welt getragen, wo der ewige Frühling grünt. So denke ich mir die Blumengänge des Paradieſes!“ „Ach, das Paradies kann nicht ſo ſchön geweſen ſein“, brach des jungen Fürſten glühende Seele aus, und er zog halb unwillkürlich die ſüße Begleiterin näher an ſich. Ihr jungfräuliches Ahnen durchbebte ſie leiſe, ſüß ſchauerlich.„Prinz“, ſagte ſie beklommen,„verirren wir uns nicht in dieſen Laubgängen?“ Er beugte eben die Zweige eines großen Orangenbau⸗ mes zurück, der den dunkelſten Schatten auf ihren Weg warf, wo der Pfad ſich ſchon ganz verloren hatte; ein magiſch roſiges Licht ſchimmerte ihnen von einem etwas freieren Platze entgegen. „Hier kommen wir wieder auf gebahntere Pfade“, ant⸗ wortete der Prinz, deſſen reiner Sinn ſelbſt empfand, daß er die belebten Gänge wieder aufſuchen müſſe. Als ſie ſich durch das Gebüſch geſchmiegt hatten, ſtanden ſie in einer kleinen von Orangenbäumen gebildeten Rotunde, in deren Mitte eine Ampel in purpurner Glasglocke hing, welche das dämmernde Roſenlicht in die Laubhalle warf. Eine Bank von weißem Marmor ſtand in den dunkelſten Gebüſchen; aus einem Becken vor derſelben ſtieg der Strahl eines Springbrunnens leiſe plätſchernd auf. Thekla fühlte ſich den Athem beklommen verſetzt durch den Zauber dieſes tief einſamen Platzes, ſie zögerte vorwärts zu ſchreiten. In dieſem Augenblick ließen ſich leichte Schritte und flüſternde Stimmen von der gegenüberſtehenden Seite hören, 123 von welcher ein breiterer Pfad in das verſchwiegene Rund führte. Halb unwillkürlich trat Thekla in das Dunkel der Umbüſchung zurück; ſie war ſo erſchreckt, daß ſie zitterte. Der Prinz folgte ihrer Bewegung, und zog ſie leiſe an ſich. Die Zweige des Orangenbaumes wichen, indem ſie rückwärts traten, und ſchloſſen ſich wieder vor ihnen. Sie ſtanden von denſelben bedeckt, mit den Augen gegen die Rotunde, und noch ehe ſie umwenden konnten, um den Weg zurückzugehen, den ſie gekommen waren, ſahen ſie durch das Laubgitter ihnen gegenüber zwei Geſtalten in den Raum treten. „Die Königin“, flog es wie ein Hauch über Thekla's Lippen; ſie war es, an der Seite des Herzogs Chriſtian. „Sie führen mich zu weit Herzog“, ſagte die Königin mit ängſtlichem Ton. „Nicht ich; es ſind die Zaubergewinde, die uns wider Willen weiter und weiter ziehen. Sie haben uns ergriffen, wie die Wirbel eines Strudels, wir müſſen ihnen folgen!“ Er führte die Widerſtrebende vorwärts zu der Marmor⸗ bank. Thekla und der Prinz ſtanden athemlos. Sie fühlten ihre Gegenwart war ein unwillkürliches Vergehen. „Laſſen ſie uns umwenden Herzog, ich bin ganz er⸗ ſchöpft“, ſagte die Königin. „Ew. Majeſtät bedürfen eines Augenblicks der Ruhe“, erwiderte er kühn, und zwang die Königin faſt, ſich auf der Marmorbank niederzulaſſen. Er ſetzte ſich zu ihr. „Der König iſt ein Wunderthäter“, begann der Herzog; „ein Zauber folgt dem andern. Dieſes Laubgemach iſt ein geheimnißvoller Tempel der Glückſeligkeit!“ „Wir müſſen zurück“, ſagte Eliſabeth und wollte ſich erheben. 6* —— —yy —y — — ð 124 Der Herzog hielt ſie zurück, indem er keck ihre Hand faßte. Die Königin wollte ſie ihm entziehen und rief auf⸗ geregt, aber nicht zürnend:„Herzog, was thun Sie!“ „Ich beſitze den Handſchuh, den dieſe ſchöne Hand ge⸗ tragen hat“, erwiderte er, ſie feſthaltend mit dem Ton glühenden Ausdrucks; zugleich zog er den zu Heidelberg geraubten Handſchuh aus dem Buſen.„Er begleitet mich, wo ich gehe und ſtehe. Soll ich die Hand, zu der er ge⸗ hörte, nicht einen Augenblick berühren dürfen?“ Er preßte ſie verwegen an die Lippen und drückte einen feurigen Kuß darauf. Die Königin ſtand raſch auf. „Kommen Sie, wir müſſen zurück“, gebot ſie und eilte mit raſchen Schritten dem Wege zu, den ſie Beide ge⸗ kommen waren. 4 Der Herzog ließ ihre Hand nicht los, ſondern folgte ihr und legte ſie in ſeinen Arm. „Bei dieſem ewig unvergeßlichen Augenblick“, ſagte er leidenſchaftlich,„der Handſchuh Ew. Majeſtät ſoll das Panier meines Lebens ſein! Der Welt will ich ihn hin⸗ werfen und ihn im Kampf mit ihr auslöſen!“ Sie verſchwanden in dem Gebüſch gegenüber. Thekla bebte. Selbſt ihre reine Bruſt ahnte, daß ſie geſehen und gehört, was ſie nicht ſehen, nicht hören ſollte. Der Fuß war ihr wie angewurzelt, ihre Knie wankten. Der Prinz unterſtützte ſie, ſelbſt ſprachlos, und führte ſie leiſe vorwärts in das verſchwiegene Rund. Kraftlos ſank ſie auf die Marmorbank nieder, an eben der Stelle, wo die Königin geſeſſen hatte. Der Prinz glühte in fieberiſcher Wallung. Den Handſchuh der Gräfin zu beſitzen, wie der Herzog den der Königin, das war der Gedanke, der ihn wie mit berauſchender Gewalt erfüllte.— Er wollte ihn leiſe ———ỹ—ꝛ—ꝛ—n—— 125 von ihrer Hand ziehen; ſie wehrte es unter einem hinſter⸗ benden„Ach!“ ihrer Lippen, und erhob ſich mit zuſammen⸗ geraffter Kraft. Da fiel eine weiße Atlasſchleife ihres Kleides von ihrer Bruſt zu des Prinzen Füßen nieder. Er hob ſie auf und fragte mit ſüßem Ton:„Darf ich?“ „O Prinz!“ war Alles, was ſie zu erwidern vermochte. Er drückte das Band an ſeine Lippen, verbarg es an ſeiner Bruſt; ſie zitterte, erröthete, erbleichte, ihre Augen ſchwammen in Thränen. Gleich dem ſchüchternen Reh ſchwebte ſie von dannen; der Prinz folgte ihr, nahm ihren Arm wieder. Kaum ihrer ſelbſt bewußt, ſchwankte ſie an ſeiner Seite hin, dem hellen Glanz des Lichts, dem Strom der bewegten Menge zu.— Dieſe eilte in voller, raſcher Bewegung zurück nach den Tanzſälen, denn eine ſchmetternde Fanfare hatte das Zeichen zur Abendtafel gegeben. In den hellen Gemächern erſt fand Thekla ihre volle Beſinnung wieder; ihre Augen ſuchten mit heißem Verlangen— ihre Mutter! Sie fand ſie in dem Saal, wo die Tafel gedeckt war, an dem für ſie beſtimmten Platz, geführt vom Fürſten Chriſtian von Anhalt, dem Vater. Nur Thekla's Auge konnte hier zu der Theuren ſprechen, der ſie das volle Herz auszuſtrömen die innerſte Sehnſucht empfand. Die beiden Paare, Mutter und Tochter, Vater und Sohn hatten hier beiſammen ihre Plätze; die Fürſtin von Anhalt ſaß ihnen gegenüber an der Seite des Fürſten Hohenlohe. Ein ſüßes Nachklingen ihrer Bewegung ſchwebte über Thekla's Zügen, doch ihre Lippe ſchloß es mehr, als es ſie öffnete. Nur ſchüchterne, jungfräuliche Worte ſprach ſie während der Dauer der Tafel; jeden Ausdruck ihrer Ge⸗ fühle ſammelte ſie in der jungen unſchuldigen Seele für— die Mutter. 126 Ein Signal der Zinken und Trompeten erſchallte gegen das Ende der Tafel. Der Abgeſandte Englands, Lord Netherſole, ſtand auf, erhob ſeinen goldenen Pokal, und brachte dem Könige und der Königin von Böhmen im Namen ſeines Herrn und Gebieters, des Königs von Eng⸗ land, das Hoch in lateiniſcher, als der Allen verſtändlichen Sprache mit den Worten aus: 1 „Vivant Fridericus primus et Elisabetha, rex et regina Bohemiae!“ Der Sturm der Ausrufungen erſchallte durch den Saal; alle einzelnen Klänge des Mismuths, der Unzufriedenheit erſtarben in dieſem begeiſterten Aufſchwung, der Volk und Herrſcher wieder in die gemeinſame Strömung der Liebe und des vaterländiſchen Wollens zurückzuführen ſchien. 1 Jetzt erhob auch der König den feſtlichen Pokal und brachte ihn„dem theuren Vater ſeiner Gemahlin, ſeinem erhabnen Schwiegervater, dem Könige Jakob I. von Eng⸗ land“. Das lautſchallende Hoch der Gäſte, welches ſeinen Wor⸗ ten folgte, wurde Allen unvermuthet durch ein donnerndes Krachen übertönt, welches im erſten Augenblick die Frauen erſchreckte, da ſie es aber ſehr bald als eine Freuden⸗ und Ehrenſalve erkannten, die begeiſterte Stimmung nur noch höher erhob. Der König ſtand auf und führte die Königin gegen das große Balconfenſter des Saales, von dem man den Platz vor dem Schloß überſah. Die Güäſte folgten ohne zu wiſſen aus welchem Grunde; jeder Herr führte ſeine Dame. Plötzlich krachte es draußen von neuem, wie das Pelotonfeuer eines ganzen Regiments, und im gleichen Augenblick war der Himmel in ein Feuermeer verwandelt, das von leuchtenden Blitzen und funkenſprühenden Schlangen durchkreuzt wurde. Schreck war die erſte Empfindung, welche ſich in Aus⸗ rufungen der Frauen Luft machte. Doch auch für die Männer war die Ueberraſchung durch ein Schauſpiel, das in Böhmen noch Niemand kannte, groß. Thekla ſchmiegte ſich ſchüchtern an die Seite ihrer Mutter; der Prinz, der ihr den Arm gegeben hatte, beruhigte ſie mit dem Wort: „Es iſt ein franzöſiſches Luſtfeuerwerk!“ Das Erſchrecken war ſchnell vorüber, und die Gäſte ge⸗ noſſen nun mit freudigem Erſtaunen des prächtigen Anblicks. Thekla war wie berauſcht von dieſen ſinnlichen Eindrücken, die ſich der geweihten Stimmung ihrer Seele geſellten. Sie bebte leiſe und ſelig an der Seite des Geliebten, der ſie faſt aufrecht halten mußte, ſo überwältigte die Bewegung ihre zarten Kräfte. Der Anblick war wundervoll, nicht nur durch die ziſchenden Feuerſtröme, Sonnen und ſprühenden Strahlen ſelbſt, welche die Novemberfinſterniß zum hellen Tage mach⸗ ten, ſondern auch durch die zauberiſche Helle, welche die in den höchſten Lüften ſpringenden Feuerkugeln und Raketen auf die Stadt warfen. Aus der tiefen Finſterniß ſtieg ſie plötzlich in Tageshelle vor den erſtaunten Blicken auf; die Thürme und Kuppeln feurig vergoldet, die ſchwarze Moldau ein glühender Lavaſtrom! Drunten in der Stadt freilich wurde dieſes Schau⸗ ſpiel nicht ſo empfunden! Schrecken und Grauen ergriff die Bewohner, und es dünkte ſie ein Unheil herausfordern⸗ der Frevel!— Und ſelbſt auf dem Schloß waren Viele, die das Haupt ernſt ſchüttelten zu dieſer Betäubung in Sinnenrauſch, unter den drohenden Ungewittern der Zeit!—— Mit dem ſchnellen Erlöſchen der letzten Funken war das Feſt zu Ende. 128 Die Lichter des Saales ſchienen bleich gegen das Feuermeer, das die Nacht ebenſo ſchnell verſchlungen als geboren hatte. Die Gäſte eilten zum Ausgang, die breite Treppe hinunter nach den drunten bereitſtehenden Carroſſen und Sänften. Der Prinz führte die Gräfin Thurn und Thekla hinab. Er wagte es, mit einem ſüßen Druck der Hand von Thekla Abſchied zu nehmen, den nur das Beben der ihrigen erwiderte.—— Die Gräfin Thurn hatte eben ihre Zofe entlaſſen und wollte, ſchwerer mit Sorgen belaſtet, als von den Nachklängen des Freudenfeſtes erfüllt, ihre Lagerſtätte ſuchen, als ſich die Thür ihres Gemaches noch einmal öffnete, und Thekla im weißen Nachtgewande, einer Geiſtergeſtalt gleich, herein⸗ ſchwebte. „Mutter,— meine Mutter!“ war das einzige Wort, was ſie hervorzubringen vermochte. Dann hing ſie an der Bruſt der geliebten Verehrten, in ſüß bangen Thränen, und ergoß ihr ganzes kindliches Herz in das der Mutter! Welche Miſchung von Sorgen und Dank, Schmerz und Glückſeligkeit gab dieſe Stunde! Sechsundzwanzigſtes Capitel. Pater Thyßka ſaß vor ſeinem Schreibtiſch und war eben beſchäftigt, einen Brief an den Pater Lamormain zu ſiegeln. „Ich denke er wird zufrieden ſein“, ſagte er vor ſich hin,„die Dinge ſind vorwärts gegangen, und ich darf mir 129 das Zeugniß geben, daß ich etwas dazu beigetragen habe.“ Er ſchellte. Ein Diener trat ein.„Dieſen Brief“, gebot Thyßka,„trage ſogleich zum Herrn Prior der Domi⸗ nikaner; beeile dich, denn das Schiff nach Wien geht noch dieſen Vormittag ab.“ „Es ſteht draußen ein Reitersmann, der Ew. Hoch⸗ würden zu ſprechen verlangt“, meldete der Diener. „Ach, es wird Schwarz ſein“, ſagte Thyßka,„laß ihn hereinkommen.“ Der Diener ging.„Wart einen Augen⸗ blick“, rief ihm Thyßka nach;„erkundige dich doch genau, wie lange die Schiffe von hier bis Wien unterwegs zu ſein pflegen.“ „Das kann ich Euch ſelbſt ſagen, ehrwürdiger Herr“, antwortete der Diener,„denn ich habe die Reiſe oft ge⸗ macht. Sie dauert ſieben bis acht Tage, je nachdem Wetter und Wind ſind, oder die Nebel auf der Donau die Fahrt erſchweren. Heut wird das Schiff noch bis Straubing kommen, denn wir haben Morndſchein bis Mitternacht. Da muß es aber liegen bleiben, weil das Fahrwaſſer zu ſchwierig iſt. Wenn es raſch abgefertigt wird, kann es Donnerstag zu Nacht in Linz ſein, und von dort in drei Tagen bis Wien!“ „Das iſt eine lange Fahrt. Da käme ein Reiter doch wol ſchneller hin!“ meinte Thyßka. „Bei Leibe nicht!“ antwortete der Diener.„Ein Reiter von Regensburg bis Wien muß ſeine zwölf vollen Tage haben! das iſt alter Satz. Und vollends bei den jetzigen Wegen. Fragt nur den draußen, ehrwürdiger Herr! Der ſieht aus!“ 1 „Schick ihn herein“, antwortete Thyßka und entließ den Diener. 6** —— ——— 130 Kaspar Schwarz trat ein. Er ſah nicht ſo mürriſch aus wie immer, ſondern noch mehr wie immer. Sein Wams war naß, die Stiefeln kothig, der Hut triefte, Haar und Bart waren vom Wind zerzauſt. „Die Kerle ſind da, hochwürdiger Herr“, ſagte er nicht in der freundlichſten Weiſe....„Ich bin voraus⸗ geritten, es Euch zu melden. In zwei Stunden treffen ſie ein.“ „Alſo glücklich zurück!“ rief Thyßka.„Habt Ihr Zaloska geſprochen, Schwarz?“ „Nein!“ entgegnete er kurz. „Wie? Nicht geſprochen, und wißt doch daß er zurück iſt?“ fragte Thyßka. „Nun ja, ich habe meine zwei Augen und kann ſehen. Ich habe ihn geſehen, ſammt ſeinen drei Troßbuben.“ „Und weshalb habt Ihr Zaloska nicht geſprochen, Schwarz! Ich begreife das nicht!“ ſagte Thyßka ſtreng. „Es war nicht mein Auftrag!“ erwiderte Schwarz ſo trocken als möglich.„Und, nichts für ungut, hochwürdiger Herr, mit einem ſolchen Kerl wie der böhmakiſche Troß⸗ bube ſpricht ein ordentlicher Reitersmann nicht, wenn er nicht muß. Ihr habt mich beauftragt, mit drei Mann die Straße auf Amberg zu reiten und zu recognosciren, ob er kommt. Das hab' ich gethan und bringe Euch Rapport.“ „Und wie iſt die Unternehmung abgelaufen.... bringen ſie etwas.... bringen ſie Jemand mit?“ „Das weiß ich nicht“, antwortete Schwarz.„In zwei Stunden müſſen ſie hier ſein. Ich ließ ihnen meine Reiter und ritt meines Weges vorweg.“ „Schon gut! Aber weshalb wollt Ihr mit Zaloska nicht ſprechen?“ fragte Thyßka. „Wenn Ihr es durchaus verlangt, hochwürdiger Herr, ſo will ich's Euch ſagen; denn das iſt Dienſtpflicht. Sonſt behalt' ich's lieber für mich“, lautete die rauhe Antwort Kaspar's. „Ich möchte es ſehr gern wiſſen“, betonte Thyßka. „Nun denn! Der Kerl iſt ein Hundsfott! Im Finſtren kann er ſchleichen, Einen hinterrücks niederſtoßen. Wo ihm aber der Feind die Zähne zeigt, da reißt er aus. Er hat mich einmal im Stich gelaſſen; das vergeſſe ich ihm nun und nimmermehr. Ein Feind, der mir zuſetzt im Gefecht, daß ich Blut und Schweiß gebe, mit dem trinke ich, wo ich ihn in der Herberge treffe. Ja, er iſt mir um ſo lieber, je ſchärfer er mir zu Leibe gegangen iſt. Mit dem heim⸗ tückiſchen Halunken, dem Zaloska, tunke ich nicht ins Salz⸗ faß. Es ſei denn Dienſt; den verſteh' ich, da parire ich Ordre.— Darum habe ich nicht mit ihm geſprochen. Das iſt meine Beichte, hochwürdiger Herr!“ „Es wäre aber beſſer für die Sache, der Ihr ange⸗ hört, wenn Ihr nicht ſolche Feindſchaft pflegtet, mein lieber Kaspar Schwarz“, entgegnete Thyßka ruhig.„Der Dienſt der heiligen Kirche....“ „Der Dienſt“, unterbrach der Reitersmann den Pater ohne viele Umſtände“, ſoll darunter nicht leiden. Befehl iſt Befehl! Ich weiß, was Subordination iſt. Ihr ſeid kein Feldhauptmann noch Oberſt, aber ich bin Euch von meinem Hauptmann zugetheilt, darum gehorche ich Euch wie ihm.— Steht noch etwas zu Ew. Hochwürden Befehl?“ „Wollt Ihr ein Glas Wein, lieber Kaspar?“ fragte Thyßka,„Ihr ſeid ſehr durchnäßt!“ „Mein Mantel, den ich draußen gelaſſen, könnte es Euch noch beſſer zeigen. Das iſt nur feucht hier“, dabei — —— ‧ 13²2 ſchlug er aufs Wams, daß Tropfen herausſpritzten. „Darauf kommt's unſer Einem nicht an. Aber ein Glas Wein ſchlägt kein Reitersmann aus, beſonders wenn's draußen ſo ausſieht wie jetzt, Regen, Schnee, Dreck, Alles durcheinander, und der Wind pfeift ſein Lied auch dazu!“ Thyßka ſchenkte ihm aus einer Flaſche, die auf einem Seitentiſch ſtand, ſelbſt ein anſehnliches Glas ein; Kaspar leerte es mit kräftigem Zuge. „Mohren und Türken“, rief er,„das iſt ein Wein! So einer kommt nicht leicht an unſer Einen! Ein echter Würzburger, nicht wahr hochwürdiger Herr?“ „Steinwein iſt ſein Name“, antwortete Thyßka lächelnd. „Das iſt ein Edelſtein! Den Steinbruch möcht ich haben!— Ja, wenn wir einmal ſo ein Kloſter ſtürmten! Da pflegt der Keller wol dergleichen Stückfäſſer zu be⸗ herbergen!“ „Ein Kloſter ſtürmen! Schämt Euch der gottloſen Redensart, Kaspar Schwarz!“ ſagte Thyßka finſter.„Ihr dient der Kirche doch ſonſt mit Eifer.“ „Ja, ehrwürdiger Herr, das wäre aber ein Extrafall!— Da ſteh' ich doch für nichts! Der Kirche allen Reſpect, aber der Keller iſt keine Kirche!“ lachte er. „Es wäre doch Kloſterraub und Kirchenraub, und ich könnte Euch nicht davon abſolviren“, antwortete der Pater ernſt.„Bedenkt dergleichen Dinge beſſer, Freund Schwarz. Wenn die frommen Väter in den Klöſtern gute Weine be⸗ wahren und pflegen, ſo iſt es um Arme und Kranke zu erquicken!“ „Unter uns“, antwortete Kaspar, dem das eine Glas des ſtarken Weins den Verdruß raſch verjagt hatte, ſchmun⸗ zelnd,„die Herren Confraters und Conpaters, oder wie ſie — 133 ſich nennen, verſchmähen doch auch ein gutes Glas nicht! Stand doch dieſe Flaſche Ew. Hochwürden ebenfalls zur Hand!“ Der Pater biß ſich auf die Lippen.„Vergeßt nicht, daß ich Euch damit erquickte, Kaspar, nach dem ſchweren Ritt. Vergeßt das nicht!“ erinnerte er. „Gewiß nicht, Ihr werdet Euch aber auch nicht ver⸗ geſſen haben, ehrwürdiger Herr“, antwortete der Reiters⸗ mann mit unerſchütterlicher Aufrichtigkeit, die aus ſeinem in dieſem Falle ebenſo unerſchütterlichen Glauben ent⸗ ſprang. „Ich danke Euch für Eure Meldung“, brach Thyßka das Geſpräch ab.„Seid morgen früh zum Dienſt wieder hier.“ Kaspar ging. „Ob es gelungen iſt!— Ob ſie ihn gefangen haben! Ihn mitbringen! Es wäre von unerhörter Wichtigkeit!“— ſagte Pater Thyßka zu ſich ſelbſt, als er allein war.„Daß der ſtumpfe Menſch, dieſer Schwarz, auch nicht danach ge⸗ fragt hat... Eil Eil Was denke ich! Zaloska würde es ihm doch nicht geſagt haben! Zumal wenn er ſo übel mit ihm ſteht.— Nun! Es gilt noch zwei Stunden Ge⸗ duld.— Ich will mich durch andere Arbeiten ſelbſt um die Zeit betrügen!“ Unter dieſen Gedanken ſetzte er ſich wieder an den Ar⸗ beitstiſch. Allein bei jedem Hufſchlag, den er auf der Gaſſe hörte,— bei jedem Schritt, der ſich dem Gemach näherte, ſprang er auf und öffnete Fenſter oder Thür. Endlich kam ein Fuhrwerk von einigen Reitern begleitet die Gaſſe herauf. Es war ein ländlicher Wagen mit Leinwand auf Tonnenreifen darüber geſpannt. Er näherte ſich dem Hauſe. Ein Mann zu Pferd ritt etwas voran; es war Zaloska.— „Nun! Iſt es gelungen? Bringt Ihr ihn?“ Das waren die Fragen, mit welchen Thyßka den eintretenden Zaloska empfing, bevor er ihn begrüßt hatte. Dieſer beugte ſich tief faſt zur Erde mit dem Haupt, dann ergriff er die Hand des Paters, küßte ſie mit wider⸗ wärtiger Unterthänigkeit, und ſagte dann halb demüthig, halb kläglich: „Nein! hochwürdiger Herr! Den Grafen Mansfeld haben wir nicht bekommen. Wiewol unſer Anſchlag doch ſo gut gemacht war!“ „Nicht? Alſo mislungen?— Und es war keine Möglichkeit?“ fragte Thyßka,„oder hat es“ ſetzte er ſtreng hinzu,„an Eurer Unachtſamkeit gelegen?“ „Wir haben das Mögliche gethan, gnädiger Herr!“ verſicherte Zaloska.„Die Nachricht war auch richtig, die Euch der Leibdiener gegeben hatte? Allein—“ „Das hoffe ich, denn es koſtet uns Geld genug, des Generals Umgebungen zu beſolden!“ unterbrach Thyßka. „Und dennoch mislungen?“ Zaloska zuckte mit den Achſeln und blickte mit den breit geſchlitzten, glotzenden Augen gen Himmel. „Es war Alles vergebens! Der General war in Eger!“ berichtete er,„nur in kleiner Begleitung, allein ihm war nicht beizukommen! Er verließ die Feſtung nicht! Er ging nicht, wie wir hofften, auf die Jagd, wo wir ihn hätten fangen können. Wir haben ringsum geſpürt. Es ging aber doch nicht länger. Wir konnten nicht Stand halten! Seine Reiter durchſtöberten das ganze Land; waren auch ſchon auf unſerer Spur! Wir mußten äußerſt vor⸗ ſichtig ſein, äußerſt ſc=hlau! Dennoch wagten wir noch einen 135 Verſuch. Weil der General immer ſelbſt der Erſte iſt bei allen Vorfällen, ſteckten wir eine Mühle und ein paar alte Hütten dicht vor der Feſtung in Brand. Wir gedachten ihn damit herauszulocken, und ihn dann in der Ver⸗ wirrung todt oder lebendig zu fangen. Der Brand wurde aber zu früh entdeckt, die halbe Mannſchaft kam aus der Feſtung, wir mußten in unſerem Verſteck geduckt bleiben und froh ſein, daß wir nicht entdeckt wurden. Alles war vorüber, bevor wir herauskommen konnten!“ „Alſo Alles vergeblich!—“ ſeufzte Thyßka mit unwilliger Miene. „Doch nicht ganz, ehrwürdiger Herr“, antwortete Zaloska, und ſeine grauen Augen blitzten ſchlau und boshaft unter den ſtruppigen Brauen hervor.„Wir haben doch einen Fang gethan! Iſt der Fiſch nicht ganz ſo fett, lohnt doch das Netzſtricken!“— „Nun, redet, wen habt Ihr?— Ich kann mich nicht aufs Errathen einlaſſen“, entgegnete Thyßka unwillig. „Wir haben den alten, böſen Schadenſtifter vom Erz⸗ gebirge, der das Unheil mit zuerſt angerichtet hat, den Wolodna!“ ſagte Zaloska boshaft grinſend. „Ach, Den!“ erwiderte Thyßka, welcher ſich nur dunkel auf ihn beſann.„Er iſt ja wol in Thurn's Dienſten ge⸗ weſen!“ „Verſteht ſich, gnädigſter Herr! und iſt es noch. Er iſt Thurn's Vertrauter. Der Menſch weiß Alles, was der Graf thut und will,— kennt allen ſeinen Verkehr! Er iſt ein Stock⸗Ketzer!— Er muß verbrannt werden!“ „Hm!“ ſummte Thyßka.—„Wie gerieth er in Eure Gewalt?“ 1 „Das hatten wir ſchlau gemacht!“ antwortete Zaloska mit ſelbſtzufriedenem Lächeln.„Wir waren in einen Land⸗ 136 hof geritten, wo wir verſteckt lagen! Weil Mansfeld Reiter ausgeſchickt hatte, die Brandſtifter zu greifen, hielten wir uns mäuschenſtill! Da führte ihn der Zufall uns in die Hand; er guckte über die Mauer,— wir ließen ihn vor⸗ ſichtig ein und ergriffen ihn, wie er vom Gaul ſtieg. Drauf haben wir einen Wagen Hanf geladen, unten eine große Kiſte, in der er verſteckt war, gebunden und ge⸗ knebelt. Er durfte uns weder ſterben, noch verrathen. So haben wir ihn, Alle verkappt, über die Grenze bei Eger geſchafft, und dann durch des Pfalzgrafen Land! Wir ſind dicht an ſeiner Stadt Amberg vorbeigefahren. Es war eine ſchwierige Fahrt das! Wir hatten viel Mühe und Gefahr! Doch ich denke wir haben es recht ſchlau gemacht!“ Zaloska rieb ſich die Hände halb fröhlich, halb an⸗ deutend, was er für ſeine Bemühungen hoffe. Thyßka verſtand ihn. Er ging an einen Schrank, nahm einen anſehnlichen Beutel mit Goldſtücken heraus, und drückte Zaloska einen guten Theil davon in die Hand! „Chrwürdigſter, gnädigſter Herr! Möget Ihr geſegnet ſein von der heiligen Mutter Maria!“ rief dieſer aus und ergriff wiederum die Hand des Paters und küßte ſie mit hündiſcher Dankbarkeit. Man ſah es an Thyßka's mühſam gepreßten Geſichts⸗ zügen, daß der Burſch ihn ſelbſt anwidre. „Wo iſt der Gefangene?“ „Noch unten im Wagen.— Hier weiß es noch Nie⸗ mand!“ lautete die Antwort. „So laß den Wagen in den Hof fahren und ſchaffe ihn ſtill in ſichere Gewahrſam, in irgend ein feſtes Gemach oder einen Keller.— Ich will bedenken, was ich mit ihm anfangen kann.“ „Halt! Ehrwürdigſter Herr“, rief Zaloska wie halb erſchreckt,„hier iſt ein Brief von dem Leibdiener Pietro.“— „Von Pietro“, rief Thyßka raſch und griff danach; „haſt du ihn geſprochen?“ „Ja, den letzten Tag, wo wir in die Feſtung ge⸗ ſchlichen waren; da ſagte er mir im Vorbeihuſchen, er habe viele Nachrichten für Euch. Doch hatte er das Schreiben nicht bei ſich, verſprach aber, es nach Maria⸗Kulm an den Pater Franciscus zu ſenden, wo wir Nachtquartier nehmen wollten. Dort empfing ich das Schreiben von dem ehr⸗ würdigen Pater.“ „Gut, gut!“ ſagte Thyßka. „Haſt du ſonſt nichts vom Pater Franciscus zu über⸗ bringen?“ fragte er.. „Nichts, gnädigſter Herr! Er ſagte nur, daß er fort⸗ fahre zu arbeiten!“ „Gut!“ ſummte Thyßka, indem er den Brief öffnete. Dann winkte er Zaloska zu gehen. Dieſer verließ das Gemach. Als der Pater allein war, las er das Schreiben.— „Dieſer Pietro meldet manches Gute, aber auch viel Un⸗ nützes!“ dachte er, nachdem er eine Zeit lang geleſen. „Indeſſen kann er uns noch manchen unbrauchbaren Brief ſchreiben, bis wir quitt mit ihm ſind wegen ſeiner Nach⸗ richten über Groß⸗Lasken! Er hat doch eigentlich dem Kaiſer Wien gerettet. Wäre Boucquoi nicht ſo gut unter⸗ richtet worden...“ Von dieſen Gedanken zog ihn eine Stelle des Briefes plötzlich ab.—„Wie“ rief er unwillkürlich,„Wo⸗ lodna..“ er las haſtig. Raſch ſprang er zur Thür und rief nach Zaloska, da er dieſen noch im Geſpräch mit dem Diener fand, den er nach einem geeigneten Raum im Hauſe für Wolodna's Gefängniß fragte. 138 „Komm noch einmal herein!“ rief Thyßka ihm zu und ſchloß dann ſorgfältig die Thür hinter ihm. „Pietro meldet mir hier, daß dieſer Wolodna wahr⸗ ſcheinlich in ſehr wichtigen Aufträgen vom Grafen Thurn bei Mansfeld geweſen ſei. Habt Ihr nicht Briefe oder ſonſt etwas darauf Bezügliches bei ihm gefunden?“ „Nein! Nichts! ehrwürdigſter Herr!“ „Iſt er auch genau unterſucht worden?“ „Hui!“ lachte Zaloska widrig.„Ich werde doch das verſtehen! Er hatte nichts bei ſich!“ „So weiß er ohne Zweifel deſto mehr!“ ſagte Thyßka. „Wol möglich“, antwortete Zaloska. „Freiwillig wird er nichts ausſagen! Aber es gibt doch noch Mittel.... Vorläufig bringe ihn in die feſteſte Haft, wo er Niemand ſpricht. Auch Nahrung braucht er vorläufig nicht zu haben!“ „Hui!“ rief Zaloska abermals und ſeine Katzenaugen funkelten rachgierig.„Ja, ja, es gibt Mittel hier in Regensburg. Da wird er ſchon den Mund aufmachen, der Alte!— Er weiß viel, kann viel ausſagen, der Alte!“ „Beeile dich jetzt“, drängte Thyßka. Zaloska eilte mit teufliſcher Freude von dannen. „Wolodna!“ ſann Thyßka über dieſen nach,„kann ich mich doch nicht recht klar auf ihn beſinnen. Ein Agent Thurn's—— ja, ja, ich weiß davon. Schade, daß ich dies nicht noch an den Pater Lamormain melden konnte. Vielleicht hätte er.... nein! Es iſt beſſer ſo. Weshalb ſoll Alles durch ihn gehen? Macht dieſer Gefangene wich⸗ tige Geſtändniſſe, entdecke ich durch ihn Einiges, was uns von Belang iſt, weshalb ſollen Verdienſt und Vortheil nicht mir allein bleiben?——— Nur wie fangen wir es am geſchickteſten an? Ich möchte nicht gern Aufſehen 139 machen und mehr Mitwiſſer haben als nöthig!— Die Folter bleibt mir immer noch. Zudem was er dort aus⸗ ſagt,.... ich muß geſtehen, daß ich ſelbſt nicht viel darauf gebe! Er wird unter den Zangen und Schrauben aus⸗ ſagen, was man irgend will!— Beſſer ich verſuche es erſt, ihn durch geiſtige Mittel zu beſtimmen.— Etwas wird doch der Transport und die Angſt auf ihn gewirkt und den Boden vorbereitet haben?“ Mit dieſen Gedanken verließ er das Zimmer, um ſelbſt hinabzugehen und den Gefangenen zu ſehen. Es war ein enger dunkler Hof, in den Zaloska den Wagen, nachdem zuvor die Pferde abgeſpannt waren, durch die tiefe gewölbte Hausflur hatten einſchieben laſſen. Mit zweien ſeiner Genoſſen hob er die große Kiſte, die zu Mansfeld's Gefängniß beſtimmt geweſen, in der er den un⸗ glücklichen Wolodna heimlich durch feindliche Länder trans⸗ portirt hatte, von dem Wagen ab. Die Scheinfracht, der Hanf, war ſchon abgeladen. Es war ein alter, großer Futterkaſten von dem Gehöft, wo Wolodna überfallen wor⸗ den war, den die Böſewichte zu dem unmenſchlichen Trans⸗ port benutzt hatten. Der alte Mann konnte nicht einmal ausgeſtreckt darin liegen; an den Seiten waren Luftlöcher grob mit dem Beile eingehauen. In dieſem Marterbehält⸗ niß hatte der Unglückliche, an Händen und Füßen gebunden, mit einem Knebel im Munde, damit ſein Hülferuf ihn nicht verriethe, jetzt volle zwei Wochen zugebracht! Ein dunkles leeres Vorrathsgewölbe ſollte ihm nunmehr zum Gefängniß dienen.„Hier hinein“, befahl Zaloska und trug mit ſeinen Helfern die Kiſte in die geöffnete Thür des im Erdgeſchoß liegenden Raums. Der Deckel wurde hierauf abgehoben. Wolodna lag ſo erſchöpft da, daß er ſich nicht ſelbſt auf⸗ richten konnte. Mit roher Gewaltſamkeit riſſen Zaloska 4 140 und ſeine Gefährten ihn heraus und ſchnitten die Stricke von ſeinen Füßen. „Jetzt kriech näher, Hund du, auf deinen Knien“, ver⸗ höhnte ihn Zaloska. Doch dem Ermatteten ſanken die Knie ein. Sie hatten durch die lange gewaltſame Krummſchließung die Tragkraft ganz verloren. Er taumelte auf die Erde hin. „Erbarmt Euch doch um Jeſus Chriſtus Willen!“ ſtammelte er mit angſtvoll flehendem Blick, da er die ge⸗ bundenen Hände nicht emporheben konnte. „Warſt doch ſo ſtolz ſonſt auf deinen Füßen, Förſter Wolodna! Hui! Wenn du mit der Büchſe durch den Wald, über das Gebirge ſtiegeſt! Konnteſt uns ſo wild drohen, wenn wir einen elenden Haſen oder ein Wachtelhuhn ſchießen wollten! Oder wenn wir ein Bündel Reiſig im Wald gerafft hatten!— Drohe doch jetzt, großer Förſter!“ Zaloska, der hauptſächlich von Wild⸗ und Holzdiebſtahl im Erzgebirge gelebt hatte, rächte ſich jetzt wegen mehrerer Handlungen, die Wolodna in ſeiner Pflicht als Forſtauf⸗ ſeher damals gegen ihn geübt. Und doch war der wohl⸗ wollende, redliche Mann ſtets ſo milde geweſen, als er irgend durfte! Dem, der das Geſetz übertrat, die Beute abzunehmen, ihn ſtreng zu verwarnen, weiter war er nie gegangen! 3 „Habt Mitleid um des Heilands Willen!“ flehte Wo⸗ lodna nochmals, der das Haupt kaum vom Boden zu er⸗ heben vermochte, da er nicht die Hände frei hatte ſich zu 4 ſtützen, und ſeine Füße den Dienſt verſagten. „Kannſt du auch beten, Ketzer du, Huſſit?“ höhnte ihn Zaloska. Der Schmerz der Seele und des Körpers zuckte tief durch Wolodna's ehrwürdiges Antlitz. „Platz da!“ rief plötzlich eine barſche Stimme; gleich⸗ ———— 4 141 zeitig fuhr ein ſtarker Fauſtſtoß in Zaloska's Rippen, daß er zur Seite taumelte.„Platz da!“ wiederholte Kaspar Schwarz ſeinen Ruf, laßt den ehrwürdigen Herrn Pater ein. Der Reiter war mit einer Meldung von ſeinem Haupt⸗ mann nochmals zu Thyßka zurückgekehrt, hatte dieſen über den Hof gehen ſehen, ging ihm nach und bahnte, da er ſah, daß Zaloska breit in der Thür, dem Pater im Wege ſtand, dieſem den Eingang. Weniger aus gefügiger Höflich⸗ keit für Thyßka, als weil er mit Vergnügen die Gelegen⸗ heit ergriff, Zaloska etwas Unangenehmes zuzufügen. Thyßka, der Schwarz nicht hinter ſich vermuthet hatte, war natürlich ſehr erſtaunt über dieſen plötzlichen Eingriff zu ſeinen Gunſten; Zaloska war es nicht minder, beſonders da er im Stolpern beinahe auf Wolodna trat und faſt zur Erde gefallen wäre. Schwarz wartete nicht ab, bis ſich Beide etwa durch Worte Luft machten, ſondern meldete ſtreng dienſtlich dem Pater, daß ſein Hauptmann anfrage, ob er dieſen Abend noch bei ihm vorſprechen dürfe. Nachdem Thyßka die bejahende Antwort ertheilt hatte, wandte er ſich um, zu Zaloska, und fragte, mit einem Blick auf den elend am Boden Liegenden:„Iſt das der Gefangene?“. „Ja— gnüädigſter Herr!“ antwortete Zaloska. „Bindet ihn los; laßt ihn ſich reinigen und führt ihn zu mir hinauf!“ befahl Thyßka. Indeſſen hatte Kaspar Schwarz ſeine erſtaunten und neugierigen Blicke überall umherſchweifen laſſen. Er ſah die offene Kiſte,— den Wagen,— den Gefangenen,— und fand ſchnell den Zuſammenhang aller dieſer Dinge. „Hölle und Peſt“, murmelte er vor ſich hin, während Zaloska und ſeine Geſährten Wolodna aufrichteten und ſeine Bande löſten,„wir Kriegsleute ſind nicht von Süß⸗ —— — — 5 4 142 holz! Aber einen Menſchen ſo zu tractiren! Und wenn's ein Hund von Bauer wäre, das käme nicht vor!— Der Alte da iſt aber doch ein Soldat! Soll ſo ein feiger Hundsfott und Galgenunflat, wie dieſer ſlowakiſche Hunde⸗ ſohn, einen Reiter dergeſtalt mishandeln dürfen? Ich hätte Luſt ihm auf der Stelle den Flamberg durch die Rippen zu ſtoßen!“ Seine Hand fuhr dabei unwillkürlich an das Schwert. Wolodna wurde jetzt gegen die Thür geführt, ſodaß er in helles Licht trat und ſeine Züge zu unterſcheiden waren. Sie ſtellten ein Jammerbild dar. „Hui!“ ſchüttelte ſich Kaspar,„wenn mir das Geſpenſt im Schwarzwald oder Speſſart begegnete, ich glaube, ich gäbe Ferſengeld! Eine verhungerte Leiche aus einem Peſt⸗ ſpital ſieht ja geſunder aus!— Wart, Halunke du“, drohte er mit der Fauſt verſtohlen gegen Zaloska,„der Teufelei will ich nachſpüren und du ſollſt mir daran zu freſſen haben.“ Seine Augen blieben auf den Schwankenden geheftet. „Ich muß das Jammerbild irgendwo geſehen haben“, ſagte er nachdenklich.„Einerlei, dem hündiſchen Halunken tränke ichs ein!“ 4 Er wandte ſich kurz um und verließ den Hof. Nachdem Wolodna ſo weit gereinigt und ſeine Kleidung geordnet war, daß ſeine Gegenwart von einem Andern nur eben ertragen werden konnte, wurde er in das Gemach des Paters geführt. Der Unglückliche war aber ſo ſchwach, daß er ſich nicht auf den Füßen zu halten vermochte; Thyßka befahl daher, ihm einen Seſſel zu geben, und hieß die Be⸗ gleiter hinausgehen. „Ihr nennt Euch?“ fragte er den in banger Erwar⸗ tung Daſitzenden. 143 „Hauptmann Wolodna; ich diene im böhmiſchen Heer.“ „Im Heer der Aufrührer und Ketzer“, ſprach Thyßka und zog die Brauen finſter zuſammen. „O würdiger Herr“, antwortete Wolodna, indem er ſeine letzte Kraft zuſammennahm,„ ſchmäht uns nicht alſo! Unſere Religionsübung iſt durch kaiſerlichen Majeſtätsbrief anerkannt.“— „Euer Aufruhr hat ihn zerriſſen!“— unterbrach ihn Thyßka ſtreng. „Was Ihr Aufruhr nennt, hochwürdiger Herr, nennen wir gerechte Nothwehr!“ entgegnete Wolodna ſeufzend, mit matter Stimme. Thyßka warf finſtre Blicke auf Wolodna.„Doch“, fuhr dieſer ſich zuſammenraffend fort,„ſei das Recht oder Unrecht auf dieſer oder jener Seite: wir ſind jetzt im offe⸗ nen Krieg, und ich bin höchſtens Euer Kriegsgefangener, obwol ich wider alles Kriegsrecht mitten im befreundeten Lande durch Ueberfall....“ „Genug“, hieß Thyßka ihn ſchweigen.„Glaubt Ihr uns lehren zu dürfen, was unſeres Rechts iſt wider Euch, die Ihr abgefallen ſeid von Eurem Kaiſer und Herrn wie von Eurem wahren Gott und Erlöſer?“ „Bedenkt gleichwol, ehrwürdiger Vater, daß auch von Eurer Seite Gefangene in unſerer Hand ſind, und daß, wenn Ihr ſo grauſam mit uns verfahrt, auch die Eurigen dafür büßen könnten!“ erwiderte Wolodna mühſam, mit ſo feſtem Ton, als ſein beklagenswerther Zuſtand es irgend zuließ. Thyßka, durch dieſen Einwand betroffen gemacht, ſchwieg einige Augenblicke, dann erwiderte er, indem er das Auge gen Himmel richtete:„Sollte unſerer Brüder Einen ſolches Unglück treffen, ſo wird der allgütige Gott, den ſie im —————õ— 144 Glauben anbeten, ihnen Kraft ſchenken, jegliches Martyr⸗ thum zu ertragen!“ Wolodna erhob auch ſein Auge gen Himmel und flehte mit ſtummem Jammer den Gott, den er in der Wahrheit zu verehren feſt glaubte, an, ihm die gleiche Kraft zu ſchenken. „Grauſam zu ſein, ohne Nothwendigkeit“, hub Thyßka wieder an,„iſt nicht in unſerer Art.— Wenn Ihr mich nicht dazu zwingt, ſoll Euch vielmehr Wohlthat und Gnade zu Theil werden.—— Sohn der Sünde“, ſprach er feier⸗ lich und erhob ebenſo die Hand,„du biſt in ſchwerem Irr⸗ thum befangen! Dein Geiſt irrt in blindem Wahnſinn. Wende um von der Bahn, die dich dem ewigen Abgrund zuführt! Kehre zurück zu dem reinen Glauben an die wahr⸗ haftige römiſche Kirche und ihre ewigen, durch alle Jahr⸗ hunderte vom Heiligen Vater und ſeinen Concilien geprüften Satzungen! Wirf weg die Binde, die dein Haupt umhüllt! Glaube an den einigen Gott, ſeinen eingeborenen Sohn, den Heiligen Geiſt, an ihre unvergängliche Dreieinigkeit. Bete an den Herrn, der dich erlöſt, und die gebenedeite Jungfrau Maria, und alle Heiligen ſo für dich gelitten und geſtorben und für dich beten werden, zum himmliſchen Vater! Gib mir deine Hand, lege ſie auf dieſes Crucifix und ſchwöre, daß du zurückkehrſt in den Schos der einzig wah⸗ ren Kirche! Dann ſollſt du frei ausgehen von hier und jegliches Wohl erfahren, das wir auf Erden bieten können, und erben wirſt du das himmliſche Los der ewigen Selig⸗ keit!“— Thyßka's Auge glühte dunkel; die Feuerflamme ſeiner Rede ſchlug hoch empor und ergriff ihn ſelbſt mit der Ge⸗ walt der Begeiſterung. Von fanatiſchem Eifer entzündet, legte er ſeine Hand auf das Haupt Wolodna's und rief: „Entfleuch du Geiſt der Finſterniß aus dieſem ergrauten Haupt! Senke deine Strahlen nieder in dieſe dunkle Bruſt, du reines Licht des Glaubens! Gib dem Reiche des wahr⸗ haftigen Gottes dieſen Verirrten zurück!“ Wolodna verlor faſt das Bewußtſein, ſo erfaßte ihn bei ſeiner körperlichen Schwäche dieſer geiſtige Strom mit betäubenden Wirbeln. Er erhob die zitternden Hände zum Gebet und flehte:„Allbarmherziger Gott ſei mir gnädig, daß ich nicht mein ewiges Theil verliere für mein hinfälliges Zeitliche! Erhalte mich ſtark und feſt— in deine Gnade befehle ich mich!“ Da verließ ihn das Bewußtſein; er ſank ohne Lebens⸗ zeichen von dem Seſſel nieder auf den Boden. Siebenundzwanzigſtes Capitel. Thyßka hatte ſich überzeugt, daß ſelbſt, wenn Wolodna wichtige Mittheilungen machen könne, er doch für den Augen⸗ blick gar nicht im Stande ſei, es zu thun, indem ſeine Todes⸗ ermattung ihn des klaren Bewußtſeins beraubte. Den Sturm⸗ lauf auf ſeine Glaubensfeſtigkeit, obgleich der Pater ihn, vom eigenen Eifer hingeriſſen, faſt unwillkürlich unternommen hatte, hielt er doch für eine heilſame Vorerſchütterung, deren Wirkungen ſich ſpäter ſchon zeigen würden. Er befahl da⸗ her, ihn einige Tage in einſamer Haft, aber doch ſo zu halten, daß ſich der ermattete Körper ſtärke. Dann ge⸗ dachte er ihn durch Ueberredung oder Bedrohung mit Folter und qualvoller Todesſtrafe zu Ausſagen zu bringen, die Rellſtab, Drei Jahre. III. 2. 7 vielleicht von ſolchem Belang wären, daß ſich durch die weitere Mittheilung ein großes Anſehen und Verdienſt bei Denen, in deren Dienſt Thyßka handelte, erwerben ließe. Inzwiſchen erachtete der Pater es für rathſam, Beſuche bei dem Obervoigt, der die Aufſicht über das Rathhaus und die Gefängniſſe und Folterkammern darin führte, und bei dem Bürgermeiſter abzuſtatten, um ihnen ſeine Abſicht bekannt zu machen.— Es wurde ihm bei dem Anſehen, das er genoß, leicht geſtattet, den Gefangenen zur Folte⸗ rung abzuliefern; doch mußten die vorgeſchriebenen Förm⸗ lichkeiten dabei ſtreng erfüllt werden. Sie beſtanden darin, daß dem zur Folter beſtimmten Unglücklichen zuvor die ge⸗ ſetzlichen Vorhaltungen gemacht wurden; daß er die Folter⸗ inſtrumente ſelbſt ſehe; jedoch ohne ihren fürchterlichen Ge⸗ brauch zu erfahren, damit ſeine Phantaſie ſich deſto entſetz⸗ licher mit denſelben beſchäftige und er daher voller Angſt oder Buße in ſich gehe und bekenne, bevor die Martern ihm das Geſtändniß erpreßten. Nur die Friſten, in denen dieſes geſchehen mußte und die in gewöhnlichen Fällen eine Woche wegnahmen, geſtattete der Obervoigt zu verkürzen, ſodaß nur vierundzwanzig Stunden dazu verwendet werden ſollten. Thyßka hatte darum gebeten, weil er ſelbſt ſo ſchleu⸗ nig als thunlich von Regensburg abreiſen wollte. Doch mußte er wegen der völligen Erſchöpfung des Gefangenen noch fünf Tage warten.— Eine am dritten Tage vorgenommene Aus⸗ forſchung, wobei Thyßka ſeine Fragen nur auf die Kunde richtete, welche Wolodna von den Planen Thurn's und Mansfeld's haben ſollte, hatte kein anderes Ergebniß, als daß der Wackere, der Wahrheit getreu, betheuerte, er habe von den Kriegsplanen beider Feldherren gar leine Kenntniß. Als Thyßka wiederum auf die Bekehrung Wolodna's von ſeinem Ketzerthum drang, erneuerte ſich ganz der erſte Vor⸗ gang, der Unglückliche verlor in der geiſtigen Qual das Bewußtſein. Da beſchloß Thyßka das letzte Mittel zu verſuchen, um ihn, wenn auch nicht zu einer Bekehrung, doch zu einer Ausſage über Thurn's und Mansfeld's Plane zu bewegen, von der er ſo wichtige Vortheile für ſich hoffte. Am fünften Tage nach jener erſten Unterredung mit Wolodna war dieſer durch beſſere Pflege und Ruhe im Ge⸗ fängniß ſo zu leidlichen Kräften gekommen, daß er ſeine Ausſagen wenigſtens mit vollem Bewußtſein machen konnte. In der Nacht öffnete ſich die Thür zu Wolodna's Ge⸗ fängniß. Verwundert horchte er auf und richtete ſich auf dem Lager empor. Der Schein einer Laterne fiel in den dunklen Raum gerade auf ihn, und eine Stimme mur⸗ melte:„Er iſt wach!“ Schweigend traten die vermumm⸗ ten Männer ein. Sie näherten ſich ſeinem Strohlager und ergriffen ihn an den Händen. „Um Jeſu Willen, was habt ihr mit mir vor?“ rief er und ſprang auf. „Schweig!“ war das einzige Wort, welches ihm mit dumpfen Tone erwidert wurde. „Wollt ihr mich zum Tode führen?“ wagte der Un⸗ glückliche noch einen Verſuch der Frage. Doch ſtatt der Antwort warf ihm einer der Männer ein ſchwarzes Tuch über den Kopf; die zwei Andern packten ſeine Arme mit nervigen Fäuſten und zwängten ſie auf den Rücken. Sie wurden ihm gebunden und das ſchwarze Tuch um den Hals befeſtigt, daß der Kopf ganz verhüllt war. Die Schergen bekleideten ihn mit dem Nothwendigſten und warfen ihm zuletzt den Mantel über die Schultern. So wurde er fortgeführt. Er vermochte nicht mehr zu ſprechen; die Zähne klapperten ihm vor Froſt und Grauen. 7 Zwei der Leute faßten ihn unter den Achſeln; der Dritte mit der Laterne ging voran. Man führte ihn die Treppe hinab und, wie er durch die Steine, die er unter den Füßen fühlte, wahrnahm, über den Hof zum Hauſe hinaus. Es war ſchaurig kaltes Wetter; Sturm, Schneegeſtöber mit Regen gemiſcht; die Gaſſen tiefkothig, mit halbgeſchmolzenem Schnee bedeckt. Zitternd, mit wankenden Knien, von den beiden Begleitern immer gehalten und zum Theil geſtützt, ſchritt der Unglückſelige vorwärts. Der Weg dauerte etwa eine Viertelſtunde. Da wurde Halt gemacht. Der Ge⸗ ängſtigte, welcher, ſoweit er es vermochte, durch das Ohr zu erſpähen ſuchte, was mit ihm vorgehe, horchte athemlos auf. Keiner ſeiner Führer hatte einen Laut geſprochen; jetzt hörte er nur den heulenden Sturm. Da plötzlich ertönte ein ſchauerlich erhabener Klang hoch über ſeinem Haupte. Es war die mächtige Domglocke, welche Mitternacht an⸗ ſchlug. Der erſte dröhnende Schlag war ihm durch Mark und Bein gedrungen. Doch beim zweiten erinnerte ihn der heilige Glockenton daran, daß Gott der Allmächtige, der Allgütige, auch in dieſer ſchweren Stunde über ihm wache, daß ſein Auge ihn ſehe ſelbſt in dieſer ſchwarzen Finſterniß. Das Gottes haus war ihm ſo nahe, wie ſollte Gottes Schutz ihm fern ſein! Ein frommer, ſtärkender Glaube drang in ſeine Bruſt. Er betete innerlich mit den Worten des Pſalms: „Stricke des Todes halten mich gefangen, und Angſt der Hölle hat mich getroffen! Aber ich rufe an die Stimme des Herrn! Er iſt gnädig und gerecht!“ Der zwölfte Schlag war nochenicht erklungen, als hinter ihm Schloß und Riegel klirrten. Eine Pforte wurde auf⸗ gethan, ſeine Begleiter ſtießen ihn an den Schultern hinein. „Holla? Was iſt denn das? Wen bringt ihr denn da?“ fragte eine barſche Stimme, die Wolodna ſchon ge⸗ hört zu haben glaubte. Die Knechte ſchwiegen. „Wieder Einer für eure Höllenanſtalten da unten?“ fragte dieſelbe Stimme. Während dieſer Worte bemerkte Wo⸗ lodna einen Lichtſchimmer, der durch ſeine tiefe Verhüllung des Kopfes drang; es ſchien ihm, als beleuchte ihn Jemand. „Hm! Hm!“ ſummte die Stimme von zuvor.—„Nun, führt ihn nur ab; wir wollen ſchon die Wache halten.“ Es war Kaspar Schwarz, der mit ſeinen Reitern die Rathhauswache bezogen hatte. Wolodna muthmaßte an dem Klirren der Waffen und den ſchweren Schritten, die er hörte, ungefähr, welcher Art der Ort ſei, wo er ſich befinde. Man ſchleppte ihn weiter; er wurde durch verſchiedene Gänge und Stufen auf⸗ und abwärts geführt, endlich machte man in einem Raume, der mit dumpfer Luft gefüllt war, Halt. Der Strick, welcher Wolodna's Hände auf dem Rücken hielt, wurde jetzt gelöſt, das ſchwarze Tuch ihm abge⸗ nommen. Als er das Haupt frei hatte, ſah er die drei Männer, die ihn fortgeführt hatten, vor ſich ſtehen. Neben ihnen noch ein Vierter in einem ſchwarzen Talar, mit einer ſchwarzen Larve vor dem Geſicht. Der Gefangene befand ſich in einem gedrückten Gemach, an deſſen Decke er faſt mit dem Kopfe ſtieß. „Laßt ihn ins Gefängniß hinunter!“ gebot der Mann im ſchwarzen Talar. Wolodna ſchauerte; er glaubte an dem düſtren Orte, wo er ſich befand, ſchon im Gefängniß zu ſein. Da öffnete ſich zu ſeinen Füßen ein Gitter, das ein kaum eine Elle im Geviert großes Loch bedeckt hatte. Die Führer ſchleiften ihm zwei Stricke unter die Achſeln durch, er mußte vorwärts treten und wurde in den finſtren Raum unter ihm, deſſen Größe und Tiefe er nicht ermeſſen konnte, hinabgelaſſen. 4 150 V Kein Laut, als das angſtvolle Stöhnen des Unglück⸗ lichen, unterbrach dieſe grauſige Handlung. Als er den Boden mit ſeinen Füßen berührte, wurden ihm die Stricke, die ihn getragen, raſch unter den Armen fortgeſchleift, auf⸗ wärts gezogen, und das Gitter ſchlug klirrend über der Oeffnung zu. Nur der Lampenſchein aus dem obern Ge⸗ mach fiel noch mit dämmerndem Strahl hinunter in den Kerker. Doch er verſchwand ſchnell, plötzlich war es ganz finſter, eine ſchwere Thür ſchlug im obern Raume zu und Wolodna ſah ſich wie lebendig in der Gruft, nur von un⸗ durchdringlicher Nacht und Todesſtille umgeben.—— Es waren die Folterknechte und der Verhörsrichter ge⸗ weſen, welche den Unglücklichen an dieſen ſchauervollen Ort, wo noch viel Entſetzlicheres ſeiner harrte, geführt hatten. Sie gingen jetzt die gewundenen Gänge und Treppen wieder hinauf und erſchienen bald wieder in dem Eingangsthorwege, unter welchem die Rathhauswache ſich befand. Ihnen folgte noch ein Fünfter, der Gefängnißwärter, der alle Thüren hinter ihnen geſchloſſen hatte. Die Folterknechte und der Gefangenwärter ſtellten ſich immer ſchweigend, ehrfurchtsvoll in eine Linie. Der Richter trat vor ſie hin, ohne die Larve abzunehmen. „Rolling! Horn!“ es waren die Namen des Gefan⸗ genwärters und des Scharfrichters. Sie traten vor. Mit abgemeſſenem Ernſt ſprach der Richter zu Rolling:„Um fünf Uhr Morgens wird der Gefangene in die Vorkammer geführt. Eine Stunde bleibt er allein auf der Territionsbank.*) Hierauf ermahnt Ihr ihn ſanft zur wahrhaften Ausſage.“ *) Vorgeſchriebene Formen des Marterverhörs.— Ceremonie, Benennungen der Marterarten, Marterinſtrumente, hier und im Fol⸗ genden genau nach der geſchichtlichen Ueberlieferung und den noch jetzt vorhandenen Einrichtungen zu Regensburg. Rolling trat zurück. „Horn!“ redete jetzt der Richter zu dieſem.„Ihr ſchreckt den Gefangenen mit wilder Drohung. Ihr laßt ihn durchs Fenſter in die Marterkammer und auf die In⸗ ſtrumente ſchauen. Dann führt ihr ihn zurück ins Gefäng⸗ niß und macht ihm bekannt, daß er vierundzwanzig Stun⸗ den Bedenkzeit hat, bis ich zum peinlichen Verhör komme!“ Der Scharfrichter trat zurück wie der Gefangenwärter. Niemand ſprach ein Wort, außer dem Richter. Jede Silbe, jede Handlung war ſtarre Unwiderruflichkeit. Die Thür wurde geöffnet, der Richter ging, begleitet von den Folterknechten und dem Scharfrichter. Der Ge⸗ fangenwärter kehrte in ſeine Zelle zurück. Kaspar Schwarz ſah ihnen von beiden Seiten nach. „Wollte ich doch lieber zehn Schlachttage hintereinander durchfechten, und wenn ich bis an die Knöchel in Blut waten müßte“, murmelte er mit zuſammengebiſſenen Zähnen, „als in der Haut des armen alten Hundes da, den ſie in die Drachenhöhle geſchleppt haben, nur eine Stunde ſtecken!— Armer Teufel du, wenn die Schwarzkutten dich ins Gebet nehmen, da wirſt du doch noch blutige Federn laſſen müſſen. Und dieſer räudige Hund Zaloska!“ Er hatte trotz der Verhüllung des Geſichts den Gefan⸗ genen Zaloska's erkannt.——„Wenn ich nur wüßte, wo ich das arme alte Geſpenſt ſchon geſehen habe!“— Seinen Erinnerungen nachgrübelnd, ſtreckte er ſich auf die Holzbank an der Wand hin. Achtundzwanzigſtes Capitel. Als Wolodna ſich in ſchaurige Nacht und Einſamkeit begraben ſahe, ſank er in die Knie; in der Angſt ſeiner Seele flehte er zum Himmel um Gnade und Stärkung. Er⸗ ſchöpft taſtete er nach einer Lagerſtätte; er fand keine. Nur der nackte Boden bot ſich ihm dazu dar in dem feuchtkalten, mit dumpfem Modergeruch erfüllten Raume. Er ſank in eine Ecke zuſammen und verfiel in einen Zuſtand zwiſchen Wachen und Träumen, in welchem ihm die Zeit qualvoll ſtill zu ſtehen ſchien. Fieberhaft horchte er auf den Schlag der Domglocke; allein ihr tröſtender Klang drang nicht hinab bis in dieſe Gruft des Entſetzens. Endlich ſank er mehr in einen Zuſtand der Betäubung als in Schlaf.— Wie lange er ſo gelegen, konnte er nicht ermeſſen. Doch dünkten ihm die Minuten Ewigkeiten.— Endlich klirrte ein ſchwerer Riegel über ihm; er hörte, daß eine Thür ſich öffnete. Ein dämmernder Lichtſchimmer ſiel durch das Gitter über ſeinem Haupte. Er ſtarrte hinauf. Es öffnete ſich. „Holla!“ rief der Gefangenwärter ihn an.„Auf⸗ gemacht! Ihr ſollt heraus.“ Ein Murmeln einiger andern Stimmen ließ ſich droben hören. Wolodna raffte ſich auf und ſchwankte der Oeffnung entgegen; ein Seil wurde herabgelaſſen. „Schlingt Euch den Strick unter die Arme durch; aber ordentlich, denn fallt Ihr, ſo koſtet's Eure Knochen“, rief der Wärter roh. Wolodna that wie ihm geboten wor⸗ den. Ein Arm griff durch die Oeffnung nach dem einen 153 Ende des Seiles, zog es an und gleich darauf wurde der Gefangene ſelbſt daran emporgezogen. Tiefathmend ſtellte er ſich in den obern Raum mühſam auf ſeine Füße; durch das Licht geblendet nach der langen Finſterniß, ſah er ſich ſcheu und blinzelnd um. Es ſtanden einige Männer im Hintergrunde; aber nicht die Marter⸗ knechte wie geſtern, ſondern Kriegsleute. Es waren zwei Mann der Wache und Kaspar Schwarz. Der Gefangen⸗ wärter Rolling beleuchtete Wolodna mit der Laterne von oben bis unten, als wolle er ſich überzeugen, ob er auch der Rechte ſei. „Hölle und Teufel“, rief plötzlich Kaspar Schwarz und trat gegen Wolodna heran.„Haben wir uns nicht ſchon....“ „Still!“ rief Rolling, trat zwiſchen Beide und legte die Hand auf Kaspar's Mund, bevor er die Worté zu Ende ſprechen konnte.„Bei Leib und Leben darf Niemand mit dem Gefangenen ſprechen.“ „Bleib mir mit der Tatze vom Maul“, fuhr Kaspar den Kerkermeiſter an und ſchlug ihm die Hand herunter. „Ihr dürft aber nicht!“ rief Rolling. „Meinethalben!“ polterte Kaspar Schwarz;„ſo ſag', was du mir zu ſagen haſt, aber rühre mich nicht an. Sonſt!“ ſeine Hand fuhr an die Klinge. „Sei doch nicht gleich wie toll“, antwortete Rolling etwas beſänftigter,„ich darf's nicht dulden! Bei meiner Seele, es könnte mir Amt und Freiheit koſten!“ Kaspar ſchien beſſern Rath anzunehmen und verhielt ſich ruhig. Aber ſein ſcharfes Auge haftete bohrend auf Wolodna. „Folgt mir“, gebot Rolling dieſem und ging voran, während Kaspar Schwarz mit ſeinen beiden Leuten den 7** 154 Zug ſchloß. Durch verſchiedene Gänge und Treppen wur⸗ den ſie, abwärts ſteigend, vor eine ſchwere eiſerne Thür geführt. „Hier, halt“, befahl der Gefangenwärter; er zog ſein Schlüſſelbund hervor und öffnete die ſchweren Schlöſſer und Riegel. Mühſam, kreiſchend und knarrend drehte ſich der Thürflügel auf ſeinen Angeln. Eine eiſige Luft wehte aus dem Gewölbe. „Das Loch riecht wie das Grab ſelbſt“, murmelte Schwarz und rollte die Augen, die trotz ihrer Wildheit einen Blick der Theilnahme für den Gefangenen hatten. „Still!“ rief Rolling abermals. „Alter Brummbär, Ihr werdet mir doch meine Ge⸗ danken nicht verbieten?“ antwortete Schwarz halb trotzig, halb ſpöttiſch.„Ich rede weder mit Euch noch mit dem armen Hund hier! Aber wenn Euer Loch da feuchtkalt ausdünſtet, als ob Molche drin heckten, und nach Blut riecht wie eine Metzgerbank: wollt Ihr mir da verwehren, die Naſe zu rümpfen?“ Rolling antwortete nicht weiter. Er hatte aufgeſchloſſen. Alle traten ein. Es war ein dunkles, graues Gewölbe, in dem ſie ſich befanden. An der Hinterwand ſtand eine kleine Bank, durch die Seitenwand rechts daneben führte eine Thür und neben dieſer befand ſich ein kleines Fenſter. „Setzt Euch dort hin“, ſagte Rolling zu Wolodna. „Hierneben iſt die Folterkammer“, fuhr er auf die Thür deutend fort,„eine Stunde hindurch geht wohl mit Euch zu Rathe, daß Ihr Wahrheit reden möget beim peinlichen Verhör!— Dann kehre ich wieder.— Nun kommt“, wandte er ſich zu den Leuten der Wachtmannſchaft. Schwarz zog Rolling bei Seite.„Das iſt die Marter⸗ kammer?“ fragte er leiſe, indem er dahin deutete.„Hört, 155 Alter, ich habe mein Tage noch nicht in ſolch eine Spe⸗ lunke geſchaut. Zeigt mir das Marterloch doch einmal!“ Rolling ſchüttelte den Kopf. „Ich gebe eine Maß von dem Geſtrigen zum beſten“, raunte er ihm ins Ohr. „Darf nicht!“ „Kommt auch auf einen Schluck mehr nicht an. Braucht doch einen Vorwand. So geſcheidt werdet Ihr doch ſein?“ ſprach Schwarz leiſe. Rolling kniff ſaugend die Lippen. Er ſchmeckte noch den köſtlichen Trunk, mit dem ihn Kaspar geſtern auf der Wache bewirthet hatte. Unſchlüſſig murmelte er:„Gerade verboten iſt es nicht!“ Das war genug für Kaspar Schwarz.„Ihr bewacht hier den Gefangenen, daß er ſich nicht rührt“, rief er ſei⸗ nen Leuten zu.„Ich habe da drinnen noch zu thun mit dem Wärter. Schließt auf!“ befahl er in einem Tone, als ob er befehlen dürfe. Rolling halb verlockt, halb verdutzt, ſchloß auf, denn Kaspar nahm ihn ohne weiteres beim Arme und führte ihn der Thür zu. Sie traten in die Folterkammer. „Was ſeid Ihr für ein Kopfhänger, Alter“, ſchalt ihn Schwarz, als er wohlbedächtig die Thür hinter ſich ins Schloß gedrückt hatte,„wer Teufel braucht denn zu wiſſen, daß Ihr mir die Spelunke mit ihren hölliſchen Eingeweiden zeigt? Und vor der Wache thun wir, als müſſe das Ding ſo ſein!— Der ſchwarze Kaſten ſieht greulich genug aus! Und all das Räder⸗ und Stangenwerk! Erklärt mir einmal das Zeug. Sind das lauter Inſtrumente, um einem armen Teufel aus dem Leibe zu ſchrauben, zu guetſchen und zu haspeln, was er drinnen hat und nicht hat?— Was thut Ihr mit der Leiter hier rechts?“ 156 „Hier geſchieht der Anfang des peinlichen Verhörs“, belehrte Rolling in ſchauerlich ernſthaftem Tone, denn der Anblick der Marterwerkzeuge blieb ſelbſt bei ihm, wie ge⸗ wohnt er deſſen war, nie ohne einen Eindruck des Grau⸗ ſens.„Der Inquiſitus wird auf der Leiter feſtgeſchnallt. Hier oben mit den Händen überm Kopf, dort unten mit den Füßen. Dann wird das Rad hier gedreht und die Leiter zieht ſich auseinander. Seht Ihr, dort verſchiebt ſich das Geſtänge.“ „Eine verfluchte Operation!“ rief Schwarz knirſchend. „Und wie lange wird ein Zwerg hier gereckt, bis er zum Rieſen wird.“— „Etliche Zoll ſind ſchon genug, um alle Gelenke und Sehnen auseinander zu ziehen, daß ſie knicken und knacken!“ „Brr!“ ſagte Schwarz und ſchüttelte ſich.„Müßt Ihr das ſelbſt thun?“ „Bei Leibe! Die Folterknechte!“ „Hundsföttiſche Arbeit!— Wozu iſt denn die kleine Walze hier in der Mitte?“ „Das nennen ſie den Geſpickten Haſen.“ „Und was iſt's damit?“ wiederholte Schwarz die Frage, während es ihm eiskalt über den Rücken lief, da er es halb errieth. 4 „Wenn der Inquiſitus aufgeſchnallt wird, kommt er mit dem Rücken darauf zu liegen....“ „Auf die Stumpfſtacheln?“ fuhr Schwarz ihn heftig an. „Freilich! Dazu ſind ſie eben da! Sie preſſen ſich ins Fleiſch, je tiefer je länger der Körper gereckt wird. Bei der Ausdehnung der Leiter dreht ſich die Walze; ſeht Ihr, ſo, ganz leicht, damit allmählich immer mehr Stacheln ſich ins Rückenfleiſch drücken.“ 157 „Hölle und Satan!“ rief Schwarz mit verbiſſenem In⸗ grimm. „Drückt einmal die Hand etwas feſt darauf, daß Ihr fühlt wie das ungefähr thut— ſtechen werdet Ihr Euch nicht, ſo ſpitz ſind die Zähne nicht. Sie quetſchen ſich nur ein, das ſchmerzt anders und dauert länger! Wären die Dornen ſcharf, ſo hätte ſich Inquiſitus in zehn Mi⸗ nuten verblutet. Das darf nicht ſein! Er muß lange aushalten....“ „Bis er crepirt“, ſagte Schwarz die Zähne zuſammen⸗ kneifend. „Bewahre! Auf der Folterbank darf Keiner ſterben! Der Arzt iſt ſtets dabei. Es wird dem Gefolterten immer ſo viel Ruhe gegönnt, daß er neu aushalten kann.“ Schwarz, der ſeine fünfundzwanzig Jahre im Kriegs⸗ handwerk zugebracht, zerhauene und zerſchmetterte Körper zu Tauſenden geſehen hatte, ſchauderte zuſammen. „Dieſe Satansqualen ſoll der arme alte Teufel da drau⸗ ßen aushalten?“ fragte er, und das Mitleid regte ſich mit einer Gewalt in ſeiner Bruſt, die er kaum geahnt hatte. „Ich könnte laut darüber flennen und heulen“, murmelte er vor ſich hin,„wie als Bube, wenn mein Vater mir mit der Karbatſche den Buckel blutig hieb.“— Seitdem hatte er freilich verlernt, was eine Thräne war. „Er wird wol noch mehr aushalten müſſen!“ ſagte Rolling. „Noch mehr? Iſt das noch nicht genug! Glaubt Ihr nicht, daß der Alte beim erſten Recken verreckt, ſchon vor Schmerz?“ Rolling ſchüttelte ungläubig den Kopf.„Das wird allmählich gemacht. Ihr glaubt nicht, was der Menſch aus⸗ halten lernt, wenn's ihm ſo tropfenweis eingelöffelt wird!“ 158 „Und was hilft's Euch! Was könnt Ihr herauszerren und winden mit den Zangen und Rädern? Ich ſagte aus auf der Stelle, was Einer verlangte, und ſollte ich ein⸗ geſtehen, daß ich den regensburger Dom gefreſſen hätte! Nur damit ich wieder herunterkäme von der Höllenmaſchine!“ „Das hälfe Euch auch nichts!“ antwortete Rolling wiederum kopfſchüttelnd,„denn ſtimmen die Ausſagen nicht, daß der Verhörsrichter eine Lüge vermuthet, ſo wird In⸗ quiſitus dafür noch beſonders gefoltert!“ „Höllenhunde!“ ſtieß Schwarz wild heraus!— Als reiße er ſich mit Gewalt von den Vorſtellungen, die in ihm arbeiteten, los, wandte er ſich kurz um und ſprach barſch: „Erklärt mir nun das andere Zeug!— Was bedeutet hier das Stachelbett?“ „Das iſt der Jungfernſchos“, lautete Rolling's Ant⸗ wort, indem er die Hand auf die Stacheln des Bettes legte, welches etwa ſo groß war wie ein Schemelſitz.„Darauf wird der Inquiſit geſetzt, wenn er von der Leiter kommt. In das weiche Fleiſch quetſchen ſich die Stumpfnadeln viel tiefer ein als in den Rücken. Beſonders wenn ihm das Schoskindchen auf den Schos geſetzt wird. Der Stein hier heißt ſo, den muß er auf den Schos nehmen.“ „Welchen Stein?“ fragte Schwarz. „Nun den, neben dem Ihr ſteht!“ „Den Felsblock? Der wiegt ja zwei Centner!“ „Nicht ganz!“ „Da muß ja der Gemarterte auf der Stelle zwiſchen Laſt und Stacheln zerquetſcht werden, daß er in Stücken herunterfällt von dem Jungfernſchos!“ ſtammelte Schwarz beinahe vor Grauen und Wuth. „O nein! Zur Zugabe werden ihm ja noch die Schrau⸗ ben langſam an Daumen oder Zehen angelegt. Es dauert 159 unterdeſſen eine gute Stunde, ehe die Stifte einen halben Zoll tief ins Fleiſch greifen. Dann wird er abgehoben; das koſtet manchmal Mühe, denn die Stifte haben dickere Knöpfchen als der Schaft, wie Ihr ſeht, darum ziehen ſie ſich ſchwer zurück aus dem Fleiſche.“ Schwarz that einen ziſchenden Pfiff, um ſeiner Empfin⸗ dung eine Ableitung zu geben. „Drüben in der Ecke ſteht auch ſo ein Ding; den Spa⸗ niſchen Reiter fürchten die Inquiſiti beinahe noch mehr“, ſagte Rolling und ging mit der Laterne quer durch das Ge⸗ wölbe in eine düſtre Ecke deſſelben.„Fühlt einmal das Brettchen oben an“, forderte er Schwarz auf. Es war von Eichenholz, ſo ſcharf, daß es bei leichtem Aufdrücken der Hand einen rothbraunen Streifen hinterließ. „Wetter! Iſt das ein Sattelbaum!“ rief Schwarz, „darauf müßte ſich Beelzebub einen Wolf reiten!“ „Beſonders wenn ihm dieſe Sporen angeſchnallt wer⸗ den“, ſetzte Rolling hinzu und zeigte auf zwei Steine von der Größe mittlerer Kürbiſſe.„Die werden in Säcke ge⸗ ſteckt und dem Reiter an die Füße gebunden.“ Schwarz, der da wußte, was Reiten und Wundreiten iſt, und wie es thut, wenn man dennoch Tag und Nacht vorwärts muß, krümmte ſich faſt vor Schmerz, den er im Geiſte empfand, und ſtieß unwillkürlich einen ächzenden Laut aus. „Die krähen anders, die hier aufſitzen müſſen!“ ſagte Rolling.„Die Hände werden ihnen auf den Rücken ge⸗ bunden, dann heben die Folterknechte ſie hinauf und laſſen ſie etwas hart niederfallen auf das Holzmeſſer. Beim hei⸗ ligen Franciscus, meinem Schutzpatron, dann lernen ſie beten..... und heulen!“— „Glaub's“, knirſchte Kaspar. 160 „Das iſt noch nichts! Wenn ihnen aber erſt die Spo⸗ ren mit dem Strick um die Knöchel geſchnürt und dann die beiden Steine zugleich von der Unterlage geſchoben werden, daß ſie mit einem ordentlichen Ruck anziehen...“ „Haltet's Maul! Höllenhündiſcher Halunke!“ fuhr Kas⸗ par heraus.„Glaubt Ihr nicht, daß es mir ſchon genug wie Gift in alle Eingeweide ſchneidet?“ „Nun? Ihr wolltet doch die Erklärung?— Habe ich doch das wol hundertmal ſehen müſſen und das Heulen, Brüllen und Wimmern mit angehört. So könnt Ihr Euch doch einmal davon erzählen laſſen!“ „Du haſt Recht, Gevatter Rolling“, begann Schwarz, der ſich zuſammengenommen hatte, wieder;„ich bin wie ein altes Weib, aber blos, weil mich der arme Schuft da draußen jammert. Er hat ſeine ſechzig Jahre und drüber in den Knochen. Da wird Einem ſolch ein Spaß ſchwer— ſolch ein Spazierritt!—— Nun, mach kurz und zeige mir den Reſt, damit ich nicht umſonſt hier geweſen bin!“ „Drüben an der Wand ſteht die Rutſchbrücke— die ſchräg aufgerichtete Leiter dort; die hat auch ſo eine Art Spickhaſen, der ſich hin- und herbewegt. Inquiſitus wird an der Leiter raſch auf⸗ und niedergezogen. Ein Ruck, und die Hälfte der Rückenhaut iſt weg, als ob eine Köchin einen Hecht ſchuppt; und dann faßt der Haſe Fleiſch!“ Schwarz biß nur die Zähne zuſammen.„Und das Gerüſt hier in der Mitte?“ fragte er haſtig vor innerm Grauſen. „Der fünfte Grad der Tortur; verſteht ſich ohne das Feuer zu rechnen! Den fürchten ſie am meiſten!“ „Hat das Ding auch ſo einen hübſchen luſtigen Namen? wie Geſpickter Haſe oder Jungfernſchos?“ fragte Schwarz. „Es muß dem Delinquenten recht vergnügt zu Muthe wer⸗ den, wenn er ſolchen hübſchen Spaß mit anhört, während er Geſichter ſchneidet! Vollends kann ich mir denken, wie Eure charmanten Jungen, die Folterknechte, dabei lachen und jubiliren. Nun ſagt, wie heißt denn dieſe Maſchine?“ „Bei der hat auch der Name ſchon einen kleinen Bei⸗ geſchmack. Es iſt edie Böſe Eliſabetho.“ „Böſe Eliſabeth!“ wiederholt Schwarz.„Hm! Das ſchmeckt ſo ein bischen nach Schwefel und Pech! Wird ein hübſcher Hausdrache ſein die Böſe Eliſabeth! Was treibt ſie denn für Künſte?“ „Gar mancherlei! Seht Ihr die Rolle dort oben? Daran wird Inquiſitus aufgewunden. Die Arme werden ihm rückwärts gedreht und an die OQuerſtange geſchnallt. Dann hebt er ſich ganz allmählich!“ „Mir knacken ſchon die Gelenke vom Hinſehen“, rief Schwarz und ſchüttelte ſich, indem er hinaufſtarrte. „Knacken müſſen ſie auch, das iſt Vorſchrift. Der Richter muß es hören, wie die Armknochen aus der Achſel⸗ pfanne ſpringen; eher darf nicht Halt gemacht werden.“ „Der Richter?“ fragte Schwarz und ſchlotterte wie im Fieber,„ſteht der dabei?“ „Bei Leibe! Nur der Arzt und der Scharfrichter, mein Kamerad Horn; die ſitzen dabei. Der Arzt auf dem Stuhle dort mit der Lehne, der Scharfrichter auf dem Schemel ohne Lehne. Alles geht hier nach Rang und Stand in Ordnung und Geſetz. Den Richter bekommt In⸗ guiſitus nicht zu ſehen. Der ſitzt dort hinter dem Gitter ganz im Finſtern; es brennen zwar zwei Lichter, daß er niederſchreiben kann, was der Gefangene ſagt, aber es ſteht „vor jedem Lichte ein Schirm, damit nur der Schatten auf ſein Geſicht fällt. Kein Inquiſitus darf das Angeſicht des Richters ſehen.“ „Warum nicht?“ „Dummkopf! Könnte er nicht ſpäter Rache an ſeinem Richter nehmen, wenn er ihn kennte?“ „Kommt denn Einer hier lebendig wieder heraus?“ fragte Schwarz erſtaunt. „Gewiß! Hier darf Keiner ſterben“, antwortete Rol⸗ ling.„Wenn's faſt daran iſt, fühlt der Arzt ihm den Puls, und es wird ihm Erholung gegönnt.“ „Damit Ihr recht von vorn anfangen könnt“, fuhr Kaspar ingrimmig heraus.„Aber wenn er hier nicht aus Haut und Leib fährt, ſo verfault er doch im Loche, ehe er wieder über Eure Schwelle kommt. Die Sonne ſieht er nicht wieder ſcheinen!“ Schwarz flog am ganzen Körper; ſein zuvor erſtarrtes Blut fing an zu kochen. „O nein, es ſind doch Etliche, die hier geweſen, wieder draußen auf eigenen Füßen umhergegangen!“ „Und wäre ich Einer davon, ich hätte Richter und Scharfrichter, und Folterknechte und Doctor, wenn ich ſie gefaßt hätte, mit den Zähnen zerriſſen!“ ſagte Schwarz mit rollenden Augen. „Am Ende mich auch!“ verſetzte Rolling. Schwarz, in dem etwas vorging, ſo arbeiteten ſeine Geſichtsmuskeln, ſagte noch einigem Schweigen ganz trocken: „Du biſt verrückt, Rolling!“ Er hatte ſich dabei wie unwillkürlich nach dem linken Fuß gefaßt und klaubte mit den Fingern in dem Riemen, der ſeinen Sporn überm Spann feſthielt.„Sind wir nun bald mit dem Plunder zu Ende?“ „Nun, ich könnte noch Manches an der Böſen Eliſabeth erklären. Sie thut allerlei hübſche Arbeit! Der letzte Grad ſind die Bruſtpflöcke hier. Inquiſitus wird mit nackter Bruſt aufgelegt, die Hände vornüber unten angeſchnallt, die Füße * hinten, mit den Sporen da“, er deutete auf den ſpaniſchen Gaul,„dann wird er aufgewunden und die Folterknechte peitſchen ihn dabei mit Ruthen....“ „Donner und Hölle“, unterbrach ihn Schwarz,„nun hab' ich ſatt und zu viel von Euren Satanskünſten.——— Macht, daß wir hinauskommen!“ „Aber....“, entgegnete Rolling mit gedehnten Zügen, „Ihr haltet Wort? Eine Maß von dem nämlichen wie geſtern.“ „Zehn Maß“, fluchte Schwarz faſt heraus,„lieber, als daß ich noch eine Minute hier in Eurem Satansluſt⸗ garten bleibe!“ Dabei faßte er Rolling an der Schulter und ſtieß ihn hinaus. Die eiſerne Höllenpforte ſchloß ſich hinter ihnen, ſie ſtanden in der Vorhölle. Wolodna ſaß erſchöpft, bleich, zitternd auf der Territions⸗ bank, wie die grauſige Gefängnißſprache ſie bezeichnete. Schwarz ſah ihn, nachdem er jetzt kennen gelernt, was des Unglücklichen wartete, noch mit einem ganz andern Auge an als zuvor. Doch blickte er nur verſtohlen nach ihm hinüber. „Jetzt Alle hinaus“, gebot Rolling,„der Inquiſitus muß noch eine Stunde allein bleiben, bis ich ihn ſpreche.“ Schwarz trat zu ſeinen Leuten.„Vorwärts, marſch!“ rief er und drehte ſich militäriſch kurz auf dem Abſatz um. „Ihr habt ja den linken Sporn verloren“, bemerkte ihm einer von der Mannſchaft. „Was! Donnerwetter!“ rief Schwarz und beſah ſei⸗ nen Stiefel.„Ich bin doch mit zwei Sporen hier herein⸗ gekommen! Nun weiß ich, warum mir's ſo loſe an dem linken Stiefel wurde.“ Er ſah ſich dabei auf dem Boden ſuchend um und ging einige Schritte gegen die Thür zur 8* ———yyͤ *——— 2—y 164 Folterkammer zurück.„Schließt nur noch einmal auf, Rol⸗ ling“, ſagte er zu dieſem,„und gebt mir die Laterne.“ „Nein! Allein dürft Ihr dort nicht hinein. Ich will ſelbſt nachſehen“, antwortete dieſer. „Meinethalben! Aber eilt Euch ins Teufels Namen! Wir haben ſchon zu viel Zeit verloren!“ Rolling ſchloß auf. Schwarz pfiff derweile ein Reiter⸗ ſtückchen und ging auf und ab. Als Rolling hinaus war, ſtreifte er wie zufällig an dem zitternden Wolodna vorbei und raunte ihm leiſe, daß es die beiden Männer von der Wache nicht hörten, zu:„Muth, Alter! Dicht beim Gal⸗ gen iſt lange noch nicht gehangen!“ Pfeifend ging er weiter, kreuzte noch ein paar mal auf und ab, trat dann an die Thür zur Folterkammer und ſchrie ungeduldig hinein:„Nun? Habt Ihr ihn noch nicht ge⸗ funden?“ „Ja!“ ſchallte die Antwort von innen.„Neben der Böſen Eliſabeth lag er.“ Rolling trat heraus, gab Kaspar den verlornen Sporen, ſchloß die Thür hinter ſich wieder zu, öffnete die, welche hinausführte, und Alle verließen den Ort des Hauſes. Wolodna blieb in der ſchaurigen Einſamkeit und Finſter⸗ niß allein. Nur einen lichten Punkt ſah ſeine umdüſterte Seele: die Gnade des Allgütigen! Von dort aus aber drang ein heilig belebender Strahl in ſeine Bruſt, gab ihm die Kraft der Ermannung.„Ja, der rauhe Kriegsmann ſoll mich nicht vergebens ermahnt haben“, dachte er bei ſich ſelbſt.„Ich will Muth faſſen, ich will ſtandhaft bleiben. Ich will nicht wanken im Glauben. O, ſie wollen mich auf ewig verderben, doch ich harre aus. Du wirſt mir jenſeit vergelten, wenn ich hier die Prüfung beſtehe!“— Der Redliche wähnte, es ziele Alles nur dahin, ihn ab⸗ 165 trünnig zu machen. Der Strom ſeiner Gedanken nahm einen andern Lauf. Er führte den Unglücklichen zu ſeinem Sohne Xaver, zu Thereſe— zu Thurn!„Ach, wenn ſie wüßten, in welcher Drangſal ich mich befinde! Sie wür⸗ den mich erretten! Ich weiß es, ſie ſind treu, wie ich ge⸗ treu bin!“— In ſolcher Sehnſucht wurde er weich; Thrä⸗ nen rollten über ſeine Wangen. Dann überkam ihn wiederum die Angſt. Seine Knie bebten, er zitterte am ganzen Körper, die grauſenvollen Bilder der Folter ſchwebten durch die Finſterniß an ihm vorüber. Angſtvoll rief er aus:„Herr, Herr, wenn's möglich iſt, nimm dieſen Kelch von mir!“— Da war es ihm, als trete eine ehrwürdige Geſtalt aus dem Dunkel zu ihm heran. Es war der Greis Nechodom.„Bin ich nicht auch als Märtyrer des Glaubens gefallen?“ ſprach ſeine ſanfttönende Stimme, und ein heiliges Lächeln ſchwebte über ſein Antlitz.„Aber jenſeit iſt mir wohl, und der goldene Strom ewiger Glückſeligkeit umfängt mich mit ſeinen milden, Lichtwellen!“ Es war der zur fieberhaften Wallung geſteigerte Zu⸗ ſtand Wolodna's, welcher ihm alle dieſe Gedanken halb zu Träumen, halb zu Viſionen werden ließ. Da rüttelte ihn die Wirklichkeit rauh wieder auf. Rol⸗ ling trat ein. Der Alte war ein ſeltſames Gemiſch an⸗ geborener Gutmüthigkeit und ſtumpfer Fühlloſigkeit, die Frucht der langjährigen Gewohnheit ſeines Amtes. Er hatte jetzt die Pflicht zu üben, den Gefangenen durch über⸗ redenden Zuſpruch zu bewegen, die verlangten Geſtänd⸗ niſſe zu thun. „Nun, Alter“, ſprach er.„Seid Ihr vernünftig ge⸗ worden hier in der Nachbarſchaft der Folterwerkzeuge? Ha⸗ ben ſie Euch im Traume vorgeſchwebt?“ Wolodna ſeufzte nur. „Folgt meinem Rathe“, fuhr Rolling fort und faßte ihn gutmüthig an der Schulter.„Geſteht Alles— wenn Ihr erſt zwiſchen die Schrauben kommt, beichtet Ihr doch!“ „Gott im Himmel iſt mein Zeuge, ich habe nichts zu geſtehen, und was man ſonſt von mir will, das vermag ich nicht!“ antwortete Wolodna. „Gebt nach! Wenn ſie Euch auf die Leiter ſpannen, thut Ihr's doch!“ „Nimmermehr! Mein Ewiges dahingeben für mein Zeit⸗ liches, es iſt ja nur eine Spanne, nimmermehr!“ rief Wolodna. „So helfe Euch der barmherzige Gott“, antwortete Rolling.„Mein Amt iſt abgethan!“ Er war froh, den Buchſtaben ſeiner Pflicht erfüllt zu haben, und ging. Abermals verſtrich eine Stunde entſetzenvoller Einſam⸗ keit. Da dröhnten ſchwere Tritte draußen, der Kerker öff⸗ nete ſich nochmals. Horn, der Scharfrichter, trat ein, zwei Folterknechte hinter ihm. Alle Drei ſchwarz vermummt vom Kopfe bis zur Zehe. Der trübe Schein der Laterne fiel dämmernd auf ſie. Wolodna ſchauderte zuſammen, das Mark gefror ihm in den Gebeinen, als er dieſe ſchauerlichen Geſtalten wiederſah. „Da ſitzeſt du ja, hartnäckiger Sünder!“ heulte ihn der Scharfrichter mit grauenvoller Stimme an;„wird dein ver⸗ ſtocktes Herz nicht nachgeben? Wirſt du deine Sünden beich⸗ ten! Grauhaariger Ketzer! Oder beharrſt du verſtockt? Dann ſollen dir Marterzangen und der Brandpfahl noch eine Wolluſt ſein gegen die Qualen der ewigen Verdamm⸗ niß, die dich erwarten!“ So ſchloß die mit gräßlicher Stimme herausgeheulte An⸗ 167 rede des Vermummten. Wolodna vergingen faſt die Sinne dabei. Er vermochte nichts als mit zitternden Lippen zu beten:„Herr, Herr! Stärke mich durch deine Gnade, daß ich nicht auf ewig verloren bin!“ Da er ſchwieg, faßte ihn der Scharfrichter grimmig an beiden Schultern und rief: „Ich will dich rütteln, daß deine Zähne zuſammen⸗ klappen! Du bleibſt verſtokktt? Gut denn, du ſollſt die Hölle ſchmecken! Zeigt ihm, was ihn erwartet!“ Die beiden Folterknechte packten ihn an und hoben ihn gegen das kleine Fenſter hinauf. Horn hielt ihm die La⸗ terne über den Kopf, daß ihr düſtrer Schein in die Folter⸗ kammer fiel. Im röthlich trüben Schimmer ſah Wolodna die gezähnten Räder, Walzen, Seile, Leitern, die ſich von hier aus im verworrenen Gemiſch darſtellten. „Hier ſoll jedes Rad dich faſſen, jede Schraube deine Knochen zermalmen, jeder Stachel in dein Fleiſch bohren, daß dein lebendiger Leib in Fetzen um deine zerſplitterten Knochen hängt!“ ſchrie Horn wiederum mit grauſigem Ge⸗ heul in die Ohren des Unglücklichen, Da verließ ihn die Beſinnung. Sein Haupt ſank herab, die ſchlaffen Arme hingen herunter, er ſchien eine Leiche. „Hat's ihn gepackt?“ fragte grinſend der Scharfrichter. „Nun, todt iſt er noch lange nicht! Jetzt ſteckt ihn wieder in ſein Loch. Morgen wollen wir ihn ſchon wecken.“ Die Knechte packten ihn an Händen und Füßen, trugen ihn hinaus, ſchleppten ihn in das Gemach über ſeinem ſchauerlichen Gefängniß und ſenkten ihn, ehe er zum Leben wieder erwacht war, an den Seilen in die unterirdiſche Gruft hinab.—— 168 Ueunundzwanzigſtes Capitel. Kaspar Schwarz war ein Mann, der Wort hielt. So⸗ bald er mit Rolling wieder in der Wachtſtube unterm Thore angelangt war, ſagte er zu ihm:„Nun, Alter! Du haſt mich in die Hölle geführt; ich will dich in den Himmel führen! Brr!“ ſchüttelte er ſich.„Ich ſpüre es noch in allen Eingeweiden! So ein Avnblick wirkt bei mir auf die Gedärme wie Schierlingsſaft! Darauf muß man einmal nachtrinken! Ein voller Humpen von unſerem Bocksbeutel, das iſt mein Himmel! Und gelt, da guckſt du auch lieber V hinein als in die Marterſpelunke!“ „Ihr ſeid das nicht gewohnt! Ich ſehe ſie alle Tage. Ein bischen griſelt's mir wol auch manchmal durch die Kno⸗ chen! Aber deshalb ſchmeckt mir mein Frühſtück doch nicht ſchlechter“, antwortete Rolling und ſchob das ſchwere Schlüſſel⸗ bund an ſeinem Gürtel etwas rückwärts unter den Morgen⸗ pelz, den er anhatte. Kaspar's Augen waren bohrend auf die Schlüſſel ge⸗ heftet. Er ſtrich ſich den Bart. „Höre, Alter“, fing er an,„mein Wort halte ich! Wir wollen etliche Maß Bocksbeutel trinken, daß uns ein Haarbeutel danach wächſt. Aber— jetzt kann ich nicht! Ich muß irgendwo in eine Apotheke, um mir bittre Tropfen geben zu laſſen! Zudem, es iſt frühmorgens! In einer Stunde wird die Wache abgelöſt. Wir haben keine rechte Muße mehr. Kannſt du heut Abend abkommen?“ „Abkommen? Das geht nicht. Ich denke, wir nehmen unſeren Trunk hier in der Wachtſtube“, entgegnete Rolling. 169 „Biſt du geſcheidt?“ fuhr ihn Schwarz an.„Daß die ganze Mannſchaft mitſäuft? Glaubſt du, daß die Beute ſoviel abwirft für einen kaiſerlichen Reitersmann? Und wenn's noch unſere Leute wären! Aber es ſind bairiſche Fußknechte vom Oberſt Hemikhauſen, die uns ablöſen. Dumme Tölpel! Bierſäufer mit Gurgeln wie die Fäſſer! Wenn die einmal an einen guten Wein kommen—“ Doch Rolling ſchüttelte den Kopf.„Abkommen! Das hieße vom Dienſte kommen! Und wenn was paſſirte, ſteck⸗ ten ſie mich noch dazu etliche Monate ins Loch!— Es geht nicht!“ „Nun denn, ins Teufels Namen, heut Abend hier“, gab Kaspar nach.„Vor morgen früh geht's ja doch nicht an mit dem armen Hund. Heut Abend haſt du denn doch wol ein paar Stunden Zeit?“ „Topp, heut Abend!“ Sie ſchüttelten einander die Hände. Rolling ging hin⸗ aus an ſein Geſchäft im Hauſe, Kaspar ſtreckte ſich auf die warme Ofenbank und ſchnarchte, bis die Wachablöſung kam. Sie geſchah in dienſtlicher Ordnung. Schwarz mar⸗ ſchirte mit ſeinen Leuten ab bis auf den Platz am Dom; vort ließ er ſie auseinander gehen. „Heybold— Schärtling— ein Wort!“ rief er Zweien der Leute nach. Sie wandten um und kehrten zu ihm zurück. „Beharrt ihr noch auf eurem Sinn?“ fragte er ſie halblaut. „Wenn du mitgehſt, ja! Es iſt ein Hundedienſt jetzt bei den Kaiſerlichen!“ murrte Heybold. „Ja“, ſagte Schärtling,„die Baiern fangen an das Regiment zu führen! Wir ſind immer Nummero Letzt, wo es etwas Gutes gibt, und Nummero Erſt, wenn's Arbeit und Knochen koſtet!“ „Gut alſo. Es bleibt dabei. Ich gehe mit!“ ant⸗ Rellſtab, Drei Jahre. III. 2. 8 170 wortete Kaspar und reichte Beiden die Hand hin.„Heut Nacht müſſen wir fort. Um zehn Uhr ſattelt ihr eure Pferde und meins und Ulrich's!“ „Geht denn Ulrich auch mit? Er liegt ja krank bei den Franciscanern?“ ſagte Heybold. „Den alten Griesgram brauchen wir nicht, aber ſein Pferd“, ſagte Kaspar lachend.„Erſt als Packpferd, denn ich muß Mancherlei mitnehmen! Und jenſeit der Grenze verkaufen wir das Thier und theilen das Geld. Es iſt ein Beutepferd wie andere auch!“ ſetzte er leichtſinnig hinzu. „Das laß ich mir gefallen“, ſtimmte Schärtling bei. „Wenn aber ein Offizier in den Stall kommt und fragt, warum wir ſatteln?“ „Ich ſorge dafür, daß wir ein Commando auf Bam⸗ berg bekommen. Wir reiten ab in vollem Dienſt.“ „Wie willſt du das anfangen?“ fragte Heybold und ſperrte ſtaunend den Mund auf. „Das laß meine Sache ſein, Gänſekopf!“ brummte ihn Schwarz an.„Ich ſchaffe Parole und Thorzettel. Der Pferdejunge, der Joſeph, ſoll die Pferde um elf Uhr aus dem Stalle führen und beim Dom, an der Thurmſeite, auf uns warten. Er braucht nichts zu wiſſen, als daß wir auf Commando reiten. Aus der Stadt kommen wir dann leicht, wenn nur....“ „Nun, wenn nur?“ „Das ſollt ihr heut Abend erfahren. Wenn die Pferde geſattelt ſind, kommt ihr erſt auf die Rathhauswache. Da wollen wir einen Abſchiedstrunk nehmen.—— Nun, macht fort!“——— Abends punkt neun Uhr ſteckte Kaspar Schwarz den Kopf in die Wachtſtube. Rolling ſaß ſchon am Ofen auf dem großen Lederſtuhl, der ſein Eigenthum war. 4 171 „Hundewetter!“ rief Kaspar und ſtolperte etwas hinein. Er warf den weiten Mantel ab über die Bank. „Schaut einmal her!“ rief er luſtig. Drei Bocksbeutel⸗ flaſchen wurden ſichtbar, zwei hatte er in den Händen, eine ſteckte ihm unter dem Arme. „Da, ſchau Alter!“ er reichte ihm eine Flaſche hin. „Das iſt der rechte! Von geſtern!“ Die Wachtmannſchaft, es waren ihrer acht Kerle, ſahen ihn verwundert an. „Was reckt ihr die Hälſe ſo nach mir?“ ſchnob ſie Kaspar an.„Glaubt ihr, dieſer Wein ſoll eure Gurgeln auswaſchen? Koſten ſollt ihr, damit euch der Kitzel dop⸗ pelt ſticht, und nachher doch durſten!“ Er ſchwenkte ſich dabei auf einem Beine, indem er die beiden Flaſchen in die Höhe hielt. „Der hat ſchon ſeinen Giebel erleuchtet!“ ſagte der Unteroffizier der Wache leiſe lachend zu ſeinem Nachbar. „Paßt auf! Der macht uns einen luſtigen Abend! Wir wollen nicht blöde ſein und zugreifen. Das kommt nicht oft wieder!“ „Du, Rolling“, rief Schwarz und ſeine Zunge lallte ein wenig,„ſchaff Gläſer an oder Becher! Fauler Kerl du!“ „Steh’ mir Sanct⸗Franciscus, mein Schutzheiliger, bei“, antwortete Rolling;„dieſer Immerdurſt iſt ſchon halb be⸗ trunken! Nun, wir wollen ſorgen, daß er nicht Alles allein hinterſchluckt!“ Kaspar hatte ſich geſetzt, die Flaſchen ſtanden auf dem Tiſche, Rolling rief durch die Thür nach dem Gange: „Grete! Zwei Gläſer— die ſchweren vom Großvater!“ „Zwei?“ fuhr Kaspar auf.„Zwanzig, ſag' ich dir, alle die Fußklepper da ſollen mitſaufen!“ „Er iſt voll wie ein Schlauch“, murmelte Rolling und 8* 172 ging ſelbſt hinaus, die Gläſer holen zu helfen.— Kaspar hatte ſich an den großen eichenen Tiſch geſetzt und ſchlug mit der Fauſt darauf.„Setzt euch her! Strolche!“ ſchrie er den Soldaten zu.„Schuhzerreißer! Sohlentreter! Ihr ſollt zu Ehren kommen! Ihr ſollt mit einem Reiters⸗ mann zechen!“ „Er ſchimpft uns“, ſagte ein Soldat unwillig zum Unteroffizier.„Der Hoſenzerreißer! Der Satteldrücker!“ „Halt's Maul, Bärenhäuter du“, antwortete der Unter⸗ offizier leiſe.„Du ſiehſt ja, daß er geladen hat wie ein Schweinfurter Frachtwagen! Laß ihn ſchimpfen! In ſeinem Taumel gibt er uns was zum beſten!“ Rolling und Grete kamen mit den Gläſern. Kaspar faßte das Mädchen und zog ſie zu ſich.„Komm her, Hexe! Sollſt mitſaufen!“ Grete, Rolling's Magd, war ein robuſtes Frauenzimmer zwiſchen vierzig und funfzig Jahren. Sie ſtieß Kaspar von ſich, daß er faſt von der Bank fiel. „Laßt doch den alten Scheuerbeſen“, rief der Unter⸗ offizier. „Hab's immer mit den Mädeln gehalten!“ lallte Kaspar und griff wieder nach ihr. „Ja, mit den jungen, achtzehnjährigen, aber der hängt ja ſchon das graue Geſtrüpp um die Ohren.“ Grete eilte wieder hinauszukommen.— Rolling ſchenkte ein. „Beim heiligen Franciscus, meinem Schutzpatron“, rief er, als er gekoſtet hatte.„Das iſt der nämliche! Schmeckt einmal den Wein“, ſagte er lüſtern mit der Zunge ſchnal⸗ zend zu den Soldaten.„So etwas wird euch nicht ſobald wieder über die Zunge laufen, ihr Schlucker!“ „Schenk mir ein! Saufaus du“, brüllte Kaspar mit 173 grinſendem Lachen, indem er ihn mit dem eben ſtürzend ausgeleerten Glas in die Rippen ſtieß,„willſt du Alles allein durch deinen Schlund gießen?— Dieſe Beutelblaſe iſt leer!“ ſchrie er noch lauter und faßte die erſte ausge⸗ leerte Flaſche und warf ſie gegen die Thür, daß ſie in hundert Scherben zerfuhr.„Schafft mehr Wein an! Alles auf mein Kerbholz! Ein Dutzend, hier geradeüber in der Roſe!— Lauft, ihr Gelbſchnäbel! Holt den Wein! Alles auf Kaspar Schwarz' Kreide!“ Er trieb zwei junge Rekruten zur Thür hinaus, um Wein zu holen. Keine Viertelſtunde verging, ſo ſchallte das Gewölbe der Wachtſtube von Geſchrei, Gelächter, Singen, Brüllen und Fluchen wider. Kaspar vor Allen führte das große Wort. „So geht's in der Welt!“ rief er,„heut weiß, morgen ſchwarz. Schwarz! So heiß ich!“ unterbrach er ſich. „Wir ſind luſtig! Uns ſchmeckt's! Der Hund da, der Ketzer, der Molch im Marterloch heult und nagt an den Knochen!“ „Hui!“ rief Rolling,„morgen wird er heulen! Wenn ihm die Zangen an den Knochen nagen!“ „Hol' Euch die Peſt! Sauft! Daß wir nicht daran denken! Sauf aus!“ rief Kaspar und ſtieß an Rolling's Glas, daß der Wein überſchüttete. „Ihr vergießt ja mehr als Ihr trinkt“, bemerkte dieſer, bedauernd daß der köſtliche Wein auf die Erde floß. „Sauf aus!“ wiederholte Kaspar.„Iſt doch... bra⸗ ver Kerl der Ketzer“, lallte er.„Bei— wie heißt doch das Hundsneſt— hat er mir Pardon gegeben! Es ging heiß her! Einen hatte ich heruntergehauen! Ricks, racks über die Achſel durchs Bruſtbein!“ Er ſtand auf und machte ſolche Fechterbewegungen, daß ihm Alles auswich.„Da — ——;—— 174 lag der Kerl! Mir hieb ein böhmiſcher Hund von hinten über den Kopf!“ Er packte Rolling mit der Fauſt ins Genick und ſchüttelte ihn, daß dieſer ſich kaum loswinden konnte.„Ricks, racks! Da lag ich!— Sie ſchmiſſen uns zuſammen!— Schenkt euch doch ein, faule Pinſel ihr!— Ja, was ich ſagen wollte,— Abends lag ich da—— verblutet— lechzte vor Durſt— kam er angeritten— gab mir zu ſaufen, Kameraden— wäre ſein Gefangener geweſen— ließ mich laufen— morgen geht's ihm ſchlecht — geht nicht anders in der Welt.... heut weiß.... morgen... ſchwar.— ſchwarz“, würgte er heraus. Er ſank mit dem Kopfe auf den Tiſch und lallte in ſeiner Trunkenheit unverſtändlich fort. Die Thür öffnete ſich. Heybold und Schärtling traten ein. Kaspar blinzelte ihnen halb wein⸗ halb ſchlaf⸗ trunken entgegen.„Was wollt ihr Schufte?“ fuhr er ſie an. „Hier geht's luſtig her, wie ich ſehe“, ſprach Heybold. „Du vergißt wol, Kaspar Schwarz, daß wir in einer Stunde reiten müſſen?“ „Reitet zum Henker!“ fuhr Kaspar auf. „O weh“, raunte Heybold ſeinem Kameraden Schärt⸗ ling ins Ohr,„der iſt himmelhageldick! Wie werden wir den auf den Sattel bringen!“ „Das laßt ſeine Sorge ſein!“ erwiderte Schärtling leiſe,„jetzt wollen wir mitzechen! Wir werden doch nicht trocknen Mundes abziehen?— Ruckt a biſſel zuſammen! Gönnt uns auch a Platzl“, fügte er in ſeiner öſterreichi⸗ ſchen Mundart hinzu. „Sauft ihr! Du! Heybold, hierher!“ rief Kaspar Schwarz und zerrte denſelben an ſeine Seite. Das Lärmen, das Jauchzen und Singen begann von neuem. Kaspar ſchrie bald wie toll, bald lallte er mit — 175 ſchwerer Zunge. Er befahl immer neuen Wein heranzu⸗ ſchaffen, ließ ſich immer wieder einſchenken, vergoß aber mehr als er trank, wenn er taumelnd, das Glas in der unſichern Hand, ſchwankte oder mit dem ſchweren Fuß deſſel⸗ ben auf den Tiſch ſtieß. Der Lärmen wuchs; jetzt ſtarrte Kaspar nur noch mit gläſernen Augen halb bewußtlos in das immer toller werdende Getümmel. Da plöͤtzlich wurde er bleich wie Kreide und ſein ſtumpfes Auge ſchoß einen wilden Blitz nach der Thür. Sie öffnete ſich und Za⸗ loska trat ein. Kaspar zitterte vor Wuth; er zog Hey⸗ bold an ſein Ohr und flüſterte ihm etwas zu, wovon Rol⸗ ling nur das Wort ſpioniren verſtand. „Hm! Hm! Schon gut“, murmelte Heybold. Zaloska ſchlich, wie eine lauernde Katze, näher an den Tiſch. Die Soldaten bemerkten ihn nicht. Er aber warf lüſterne Blicke auf die vollen Flaſchen und Gläſer. Kaspar hatte Arm und Kopf auf den Tiſch gelegt; er ſchien ſchla⸗ fen zu wollen. Zaloska war froh darüber, denn Niemand war ihm ſo zuwider als Kaspar, und er fürchtete ihn. Hey⸗ bold, der ihn näher ſchleichen ſah, rief ihm zu:„Setzt Euch her, trinkt mit uns— hier geht Alles frei aus! Schenkt ihm ein, Rolling!“ Dieſer that es. Zaloska ſchluckte begierig. Sein graues fahles Geſicht bekam einen Anflug von Röthe; er trank ein zweites Glas mit gleicher Luſt!„Der iſt noch friſch bei Kräften“, rief Heybold und trank ihm zu. Der wirbelnde Lärm, das Schreien, Singen, Toben ſtieg auf doppelte Höhe. Zaloska zechte mit, gierig wie ein wildes Thier.— Kaspar ſchnarchte! ——— Während in der Wachtſtube das wilde Gelag immer wilder wurde, und die viehiſche Völlerei immer viehi⸗ ſcher, und die niedrige Luſt der Sinne bis zum höchſten Tau⸗ 176 mel ſich ſteigerte, lag der alte treue Wolodna einſam, ver⸗ zweifelnd in ſeiner finſtren Kerkergruft. Ihn umgab lautloſe Stille; nicht der erhebende Klang der Kirchenglocken, nicht das„ ſchallende Getümmel des Gelages drang in ſeine grauenvolle Einſamkeit. Er hatte lange in Ohnmacht gelegen; endlich ſchüttelte ihn der Froſt wach. Er wußte nicht, ob es Tag oder Nacht ſei, denn hier war kein Wechſel der Zeiten. Nur das Bild des ſchauervollen„Morgen“, das ihn erwartete, drängte ſich durch die Finſterniß. Die Marter⸗ werkzeuge ſchwebten ihm vor Augen in dem düſterrothen Schimmer, unter dem er ſie erblickt hatte. Es durchrann ihn eiſig, ſeine Glieder bebten, ſeine Seele verzagte! 8—— Da raſſelte es dumpf klirrend über ſeinem Haupte.„Je⸗ ſus, mein Heiland“, rief er,„ſie kommen, mich zu holen! Iſt die Stunde denn ſchon da!“ er ſank in die Knie und rang die Hände im Gebet.„O, du allmächtiger, du all⸗ gütiger Gott“, flehte er, während ihm die Zähne klappernd 5 gegeneinander flogen,„gib mir Muth, gib mir Kraft, daß ich nicht von dir abfalle in der Stunde der grauſen Marter⸗ angſt!“ Ein fahler Lampenſchimmer fiel durch die Oeffnung über ihm in ſeine Todtengruft. Das Gitter wurde gehoben. „He, holla“, tönte eine rauhe, aber gedämpfte Stimme, indem das Seil hinuntergelaſſen wurde,„ſeid Ihr wach? Faßt das Seil! Raſch, beeilt Euch!“ Wolodna ſtand betäubt vor entſetzenvoller Angſt, er ver⸗ mochte nicht mit ſeinen zitternden Händen das Seil zu faſſen. „Eilt Euch, Alter!“ rief es nochmals. „Ewige Gnade“, wimmerte Wolodna und ſchlang das Seil unter die Achſeln durch,„ſo muß es denn ſein!“ Eine ſtarke Fauſt griff nach dem Seilende; er wurde heraufgehoben. 1 177 Die Sinne ſchwanden ihm faſt; er wurde raſch durch die Oeffnung gezogen, kräftige Arme empfingen ihn und ſtellten den Schwankenden auf ſeine Füße. „Gott ſei Dank“, ſagte die Stimme von zuvor,„daß wir Euch noch bei Sinnen finden! Nur Muth, Alter! Jetzt ſollt Ihr bald geborgen ſein!“ Wolodna wußte nicht, ob er wache oder träume. „Kennt Ihr mich? Wir haben uns ſchon ſonſt getroffen. Wißt Ihr? Droben auf dem Erzgebirge, wo mich die Ha⸗ lunken braten wollten? Ihr halft mir, jetzt helfe ich Euch. Eine Hand wäſcht die andere. Seht mich an! Jetzt mache ich's wett!“ Wolodna ſtarrte den Sprechenden an, die Zunge ver⸗ ſagte ihm den Dienſt. „Ihr kennt mich nicht mehr, aber das thut nichts! Anfangs kannte ich Euch auch nicht! Ich wußte nur, daß ich Euch irgendwo geſehen haben mußte. Nun, ich heiße Kaspar Schwarz! Damit genug! Ich ſchaffe Euch fort, wir deſertiren heut noch Alle. Wenn Ihr Euch nur zu Pferd halten könnt! Könnt Ihr?“ „O himmliſche Barmherzigkeit, Rettung und Befreiung?“ rief Wolodna, und die Thränen ſtrömten aus ſeinen Augen. „St!“ winkte Kaspar.—„Nun die Canaille hier hinunter“, raunte er ſeinen Begleitern zu. Sie packten einen Menſchen, der bewußtlos auf dem Boden lag, bei Kopf und Füßen, ſchlangen ihm das Seil um und ſenkten ihn hinab.„Das verſoffene Vieh können ſie morgen mit der Böſen Eliſabeth wecken“, murmelte Schwarz mit ver⸗ zerrtem Munde. Indem das Geſicht des Hinabgeſenkten in der Oeffnung verſchwand, fiel der volle Schein der Laterne darauf, und Wolodna erkannte Zaloska! Es war ihm, als ſähe er den allgerechten Gott ſelbſt Gericht halten. 1 178 „Sacht!“ gebot Kaspar Schwarz,„die Knochen möchte er zerbrechen! Daß er aber nicht aufwacht aus dem Schlafe und das Haus wach heult!“ Der Bewußtloſe fiel dumpf auf den Boden des Kerkers nieder. Das Seil wurde raſch aufgeſchleift, das Gitter zugeworfen. „Nun fort! Eilig!“ befahl Schwarz. Wolodna wurde ein großer grauer Reitermantel übergeworfen und die Be⸗ gleiter zogen ihn fort, hinaus. Sorgfältig ſchloß und rie⸗ gelte Schwarz die Thür hinter ſich zu.„Sie dürfen nicht zu früh Lunte riechen“, meinte er. Durch gewundene Gänge und Treppen, durch mehrere offene Thüren, die Kaspar alle wieder hinter ſich ſchloß, eilten ſie vorwärts. Jetzt ſtanden ſie in der trüb erleuchteten Wachtſtube. „Sie ſchnarchen um die Wette wie die Bären und Dachſe“, flüſterte Schwarz im Eintreten.„Da Freund Rolling! Stehlen will ich dir deine Schlüſſel nicht!“ ſagte er mit halbunterdrücktem Lachen und hing ihm das ſchwere Schlüſſelbund an den Gürtel. Dann griff er Wolodna unter den Arm, führte ihn, ſeine wankenden Schritte unter⸗ ſtützend, zwiſchen der tief betrunkenen Mannſchaft leiſe hin⸗ durch und ſagte im Vorübergehen:„Ihr dachtet, ich ſähe den Himmel für einen Dudelſack an! Jetzt ſollt ihr euch wundern, wie er ausſieht, wenn ihr ausgeſchnarcht habt!“ Sie traten in den Thorweg. Die Thür war, von Schwarz ſchon zuvor aufgeſchloſſen, nur angelehnt. Leiſe gingen ſie hinaus. Als Wolodna wieder die freie Luft des Himmels V athmete, dünkte es ihn, wie winterlich rauh ſie war, ein neuer Lebenshauch erfülle ſeine Bruſt. Er ſah des Him⸗ mels Sterne zwiſchen ziehendem Gewölk, ſein Auge füllte ſich mit heiligen Thränen. Die Domglocke ſchlug an; ſie klang ihm wie die hehre —'-— — 179 Stimme Gottes ſelbſt. Mitternacht wie geſtern! Was hatte er in dem Zeitraum eines Tages, der ihn ein Jahr dünkte, geduldet an Qual und Angſt! Und nun die Rettung! Ein ſtummes, brünſtiges Dankgebet ſtieg aus ſeiner Bruſt zum Himmel! Wie gern wäre er fromm auf die Knie ge⸗ ſunken!— Allein Schwarz zog ihn haſtig vorwärts. „Der Burſch, der Joſeph, wird doch bei den Pferden ſein, Heybold?“ fragte er. „Freilich; er wartet unterm Thurme auf uns!“ „Du haſt doch meinen Mantelſack nicht aufzuſchnallen vergeſſen auf Ulrich's Pferd, Schärtling?“ „Es iſt Alles in Ordnung!“ Still, haſtig ſchritten ſie durch die finſtren, beſchneiten Straßen. Am Dom ſtand Joſeph und hielt die Pferde. Sie ſaßen auf. In fünf Minuten waren ſie am Thore. Kaspar Schwarz gab die Parole und Runde. Wolodna zitterte bis in die Knie; noch war er nicht gerettet! Doch der Wachtunteroffizier ſagte ſein„Paſſirt“, und eine Mi⸗ nute ſpäter ſchloß ſich das Thor hinter ihnen; die Gefahr für Alle war vorüber. Es war heiteres Winterwetter geworden. „Nun, denke ich“, rief Schwarz,„werden wir an der Grenze ſein, ehe die Schuhzerreißer ihren Rauſch ausge⸗ ſchlafen haben!“ und gab ſeinem Rappen die Sporen. Wolodna aber ſchaute hinauf zu einem funkelnden Sterne über ihm und dachte: „So hell hat Gottes Auge über mir gewacht!“ Dreißigſtes Capitel. Der Graf Thurn ging mit großen Schritten im Zelte auf und nieder. In ſeinen Zügen drückte ſich die heftige Bewegung ſeiner Seele aus. Er ſchien mit ſich ſelbſt nicht einig über wichtige Entſchlüſſe, die in ſeinem Innern gärten. Xaver Nechodom ſtand einige Schritte entfernt vom Grafen, ehrerbietig auf die Befehle wartend, die ihm dieſer ertheilen werde. Auf dem Feldtiſch in der Mitte des Ge⸗ zeltes lagen verſchiedene Briefe und Schriften. Thurn trat noch einmal heran, nahm einen Brief auf, durchflog ihn raſch, aber ſcharf aufmerkſam, und ſagte endlich: „Ich kann nicht daran zweifeln, Xaver, daß wir, Mans⸗ feld und ich, ſo gut wie unſerer Dienſte entlaſſen ſind.— Was mir die Gräfin ſchreibt, ſtimmt ganz mit Dem überein, was ich ihr von hier aus melden mußte.— Mansfeld's Brief verweiſt mich auf Wolodna; aber er iſt unbegreiflicher⸗ weiſe noch immer nicht eingetroffen, während Mansfeld meint, ich müſſe ihn längſt geſprochen haben.“ „Es wird ihm doch kein Unfall zugeſtoßen ſein?“ ver⸗ ſetzte aver mit dem Ausdruck der Sorge und Theilnahme. 184 7 „Ich denke doch nicht!“ war Thurn's Antwort.„Die ſchlechten Wege, beſonders wenn er nicht auf der großen Straße geblieben iſt, halten ihn wol auf!—— Es be⸗ unruhigt mich jetzt Alles. Auch die Lage der Dinge über⸗ haupt ſehe ich ungünſtig an.— Und wenn ich auf meine eigenen Angelegenheiten blicke, ſteigert ſich meine Sorge und mein Unmuth. Der Fürſt von Anhalt iſt ein wacke⸗ rer Mann, ein erfahrener Krieger, allein ich denke nicht, daß ich ihm in irgend einem dieſer Punkte nachſtehe, und was die Verdienſte um Böhmen anlangt....“ „So ſolltet Ihr wahrlich Böhmens König ſein“, fiel Xaver zwar halb ſcherzend, doch mit Wärme ein.„Ihr ſeid ſtets der erſte Führer unſerer Sache geweſen, Ihr habt ihr überall die Bahn gebrochen, habt ihre glänzendſten Siege erfochten! Wahrlich, wenn....“ „Das ſind Träume— Thorheiten“, erwiderte Thurn lächelnd, aber doch ſichtlich erfreut durch Xaver's Meinung. „Ja, mein lieber, junger Freund, wenn es möglich in der Welt wäre, überall nur das Verdienſt geltend zu machen — ich glaube, ich hätte Einiges in die Wagſchale zu legen, was gegen Böhmens Krone nicht allzu leicht wäre! Ich habe, warum ſoll ich's nicht bekennen, im erſten Anflug mei⸗ nes Glücks und meiner Siege auch einmal davon ge⸗ träumt.... als wir vor ſechs Monaten hier vor Wien ſtanden wie jetzt! Wären wir damals hineingekommen!... Nein! Dennoch nicht— nimmermehr“, fuhr er fort.„Wir mußten einen König haben, der ſchon vorweg über Allen ſtand, ſonſt gab es des Unfriedens und Neides gar kein Ende. Auch er wird's ſchwer haben! Er macht es ſich ſelbſt ſchwer, wenn er gegen Alle ſo ungerecht iſt wie gegen mich und Mansfeld!“ „Ich glaube nicht, Graf Thurn“, antwortete Xaver ————— —,— — 185 jetzt völlig ernſt, daß irgend Jemand in Böhmen Euch aus Neid feindſelig geweſen ſein würde. Eure Rechte hätte ein Jeglicher anerkannt.“ „Hm!“ lächelte Thurn bitter und ſchüttelte den Kopf. „Wie jung betrachteſt du die Welt noch, mein Freund!... Wäre denn Graf Albrecht Wallenſtein nicht auf unſerer Seite geweſen?— Allein er wollte ja nicht einmal neben mir befehligen!“ „Er iſt nun einmal von der andern Partei“, antwor⸗ tete Xaver.„Sein Glaube...“ „Glaubſt du an ſeinen Glauben? Ich glaube anders, ich darf ſagen, ich weiß anders! In der Nacht..... Horch! Es kommt Jemand!“ unterbrach ſich Thurn auf⸗ lauſchend,„es wird der Oberſt Redei⸗Ferenz ſein, ich erwarte ihn.“ Der Oberſt wurde gemeldet. Thurn nickte bejahend. „Geh' jetzt, Taver“, ſagte er zu dieſem,„wohlerwogen, ich will dich lieber doch jetzt nicht nach Prag ſchicken. Du biſt mir nützlicher hier. Böhmens Sache, die Sache un⸗ ſeres Glaubens, geht der meinigen vor. Wir müſſen Wien erſt mit aller Kraft angreifen, ich will mein Möglichſtes thun, Bethlen Gabor durch den Oberſten dazu zu be⸗ ſtimmen. Und ſind wir hier glücklich, ſo führt ſich auch meine Angelegenheit beſſer. Bleib alſo hier und führe ſelbſt den Streifzug am Donauufer. Ihr müßt ſogleich aufſitzen.“ kaver ging; der Oberſt Redei⸗Ferenz trat ins Zelt. Er war der Führer des Hülfsheeres, welches Bethlen Ga⸗ bor ſchon in Mähren zu Thurn's Heer hatte ſtoßen laſſen, und mit dem er jetzt über Znaym vor Wien gerückt war. Redei war ein kühner, aber rauher Krieger. Sein Sinn war ſtolz wie ſein Wuchs. Er trug eine rothbraune Wolfs⸗ ſchur über dem Wams; eine mit Pardelfell und Gold ver⸗ 186 brämte Mütze mit ſchwarzen Federn; der Säbel hing ihm an einer goldenen Kette um die Hüfte. Haar, Bart und Auge waren glänzend ſchwarz; eine ſtolze Stirn, gebogene Naſe und blitzend weiße Zähne vollendeten die ſtolze Er⸗ ſcheinung. „Willkommen, Oberſt“, redete Thurn ihn an;„nehmt Platz, bitt' ich.“ „Es iſt kalt und ſtöbert“, ſagte er, die begrüßende An⸗ rede nur durch eine Verbeugung und die dargereichte Hand erwidernd, indem er den Pelz ſchüttelte und ihn dichter zuſammenzog.„Die Leute liegen elend im Lager!“ „Darum iſt meine Meinung, Oberſt“, ſagte Thurn, indem er ſich ſetzte,„daß wir dieſer Lage ein Ende machen.“ Er breitete dabei eine Karte vollends aus, die ſchon halb aufgeſchlagen auf dem Tiſche lag. „Denke auch! Graf Thurn. Und ich bringe gute Zei⸗ tungen. Der Fürſt rückt an! Er iſt uns nahe. Eben brachte mir ein Tatar die Nachricht, daß er Presburg ge⸗ nommen hat; der Erzherzog⸗Palatinus hat ihm vorgeſtern die Stadt übergeben.“ „O, wenn wir dem Fürſten dafür morgen Wien über⸗ liefern könnten“, rief Thurn aus.— „Es könnte Rath werden! Denn noch heut wird Beth⸗ len Gabor hier eintreffen. Geſtern hat er das Schloß Petronel erſtürmt; ein Theil ſeines Heeres muß heut ſchon bei Fiſcherment über die Donau gegangen ſein!“ „Das iſt die dringendſte Aufforderung für uns, unſeren Uebergang hier aufzunehmen, Oberſt Redei⸗Ferenz“, ſagte Thurn lebhaft.„Ich habe den Angriffsplan ſchon ent⸗ worfen“, fuhr er fort, indem er mit dem Finger auf die Karte deutete und die einzelnen Punkte, von denen er ſprach, berührte.„Wir greifen morgen mit dem Früheſten die . V 187 Schanzen der Kaiſerlichen diesſeit der Donaubrücke an. Zu⸗ gleich werde ich einen Scheinübergang über den Strom bei dem Dorfe Fiſcher veranſtalten. Das wird Boucquoi be⸗ ſtimmen, ſein Heer zu theilen; er zieht ſich vielleicht auf das rechte Ufer zurück und dann ſtürmen wir ſeine Schan⸗ zen und die Brücke.— Will das Glück mir wohl, ſo em⸗ pfangen wir morgen Euren Gebieter in der kaiſerlichen Hofburg.“ „Hm!“ erwiderte Redei⸗Ferenz.„Es läßt ſich hören. Wir müſſen angreifen, ſonſt verfaulen unſere Leute im Koth. Sie klappern vor Näſſe und Froſt, und ihr Magen bellt Tag und Nacht. Rückt der Fürſt auch noch vollends heran, ſo ſind wir achtzigtauſend Mann ſtark. Wie ſollten wir die ernähren? Wir müſſen Wien nehmen. Und haben wir es nicht in drei Tagen ſpäteſtens, fo. Horch! Ein Kanonenſchuß! Noch einer!— Ein Ge⸗ fecht!— Wo kann das ſtatthaben!“ „Es wird wahrſcheinlich auf einen Trupp böhmiſcher Reiter geſchoſſen, die ich die Donau aufwärts geſchickt habe, um die Aufmerkſamkeit Boucquoi's dorthin zu ziehen“, er⸗ klärte Thurn. „Alſo kaiſerliche Kanonen!“ ſprach Redei⸗Ferenz vor ſich hin.„Sind Eure Leute nach der Gegend von Fiſcher zu geritten?“ fragte er. „Ja.— Ich will, daß Graf Boucquoi aufmerkſam auf den Punkt wird.“ „Gut, ſehr gut.— Alſo morgen? Und die Stunde?“ „Wir rücken vor Tagesanbruch aus; um ſechs Uhr, denke ich; daß wir dicht vor den Schanzen ſtehen, ehe ſie uns dort vermuthen.“ „Mir ganz recht.“ Ein Klirren von Waffen und Sporen ließ ſich vor dem 188 Zelte hören. Die Ordonnanz trat ein und meldete den Obriſtzeugmeiſter Harrant und Oberſt Berka mit dem Zuſatz, ſie hätten wichtige Nachrichten zu bringen. „Laßt die Herren eintreten!“ beſtimmte Thurn. Nach kurzem Gruß unter den Führern begann Berka in ſeiner ſtürmiſchen Weiſe:„Wißt Ihr das Neueſte?— Der Kaiſer iſt ſelbſt wieder in Wien! Auf die erſte Nachricht von unſerem Anrücken iſt er von Gratz aufgebrochen und hat ſich wieder in ſeine Hauptſtadt geworfen!“ Thurn und Redei ließen ein Murmeln der Anerken⸗ nung hören.„Wäre Friedrich ſo thätig und voll Muth und Eifer für ſeine Sache wie Ferdinand für die ſeinige“, dachte Thurn,„es ſtünde beſſer um uns.“ „Wir werden nun auf ſehr ernſten Widerſtand gefaßt ſein müſſen“, bemerkte Harrant. „Es ſind ſchon Maßregeln getroffen, die darauf deuten 4, fiel der ſtets genau unterrichtete Berka ein;„die Bürger, denen man nicht mehr traut, ſind entwaffnet worden.“ „Vergebt“, fiel Thurn ein,„das iſt ſchon nach unſerem erſtern Abzuge geſchehen, durch den Erzherzog Leopold.“ „Wohl wahr, Thurn, aber allmählich hatten Die, ſo vielleicht uns anhängen mochten, ſich doch wieder mit Waffen verſehen; jetzt iſt's mit größter Strenge unterſagt. Der Kaiſer hat auch mit Boucquoi Kriegsrath gehalten.— Er iſt entſchloſſen, jeden Stein in Wien zu vertheidigen.“ „Entſchloſſen iſt er“, bekräftigte Thurn mit Nachdruck und einem halben Seufzer, der entweder ſagte:„Es wird uns ſchwer werden“ oder„Wäre doch ein Anderer auch ſo entſchloſſen!“ 3 „Alſo angreifen!“ ſagte Redei und faßte an den Säbel.. „Entſchloſſen und ſchlau“, fiel Berka ein.„Auch Pater — ———— 189 Lamormain rührt ſich; es ſind wieder Unterhandlungen im Gange“, fuhr er zu Thurn gewandt, aber mit einem Seiten⸗ blick auf den Oberſten Redei⸗Ferenz, fort;„in München, Re⸗ gensburg, Würzburg, überall hat er ſeine Helfer, die das Netz ſeiner diplomatiſchen Künſte ausſpinnen.“ Das Wort„überall“ hob Berka wiederum ſcharf her⸗ vor und begleitete es mit einem abermaligen Blick auf den Oberſten.„Beſtätigen ſich auch Eure Nachrichten über das Vorrücken Eures Gebieters, Oberſt Redei⸗Ferenz“, fragte er dieſen plötzlich. „Ich habe ſoeben dem Grafen Thurn mitgetheilt, daß der Fürſt Presburg und Schloß Petronel genommen hat und bei Fiſcherment über die Donau gegangen ſein muß.“ „Gegangen iſt, Oberſt“, erwiderte Berka. „Ja, er iſt in vollem Anrücken auf dem rechten Donau⸗ ufer“, bemerkte Harrant. „Die Nachrichten, die mir ein Tatar überbracht hat“, entgegnete Redei,„ſtellen das Letzte nur in Ausſicht.“ „So ſind die unſrigen friſcher“, entgegnete Berka. „Allein der Fürſt wird nur mühſam vordringen können, da alles Land zwiſchen hier und Presburg ausgeſogen iſt. Keine Feder, keine Klaue mehr zu finden. Tiefer Sumpf und Koth, Nachts Froſt, bei Tage Schnee und Regen.“ „Wie hier! Alſo angreifen“, erwiderte Redei lebhaft, „angreifen bleibt mein beſtändiges Wort, damit der Fürſt etwas gethan findet.“ „Wenn es nicht räthlicher wäre“, meinte Harrant,„die Ankunft des Fürſten Bethlen Gabor zu erwarten, damit wir in der Uebermacht ſind.“ „Nein, Harrant“, entgegnete Thurn, der bisher nach⸗ denklich zugehört, aber geſchwiegen hatte,„wir müſſen an⸗ greifen. Jeder Tag hier erſchwert unſere Lage, und wenn das Heer des Fürſten hier iſt, verdreifachen ſich die Schwierig⸗ keiten. Nicht der Feind, der Hunger ſchlägt uns, und Froſt und Seuchen!“ „Angreifen, angreifen, und lieber heut als morgen 4, rief Berka mit ſteigendem Eifer.„Tauſend Gründe für einen; angreifen.“ „So ſind wir einig“, erwiderte Thurn. „Ich ſtehe um ſechs Uhr vollzählig unter Waffen“, ſagte Redei.„Ich will ſogleich ſelbſt die Anordnungen treffen. Hättet ihr noch etwas?“— Da die Andern ſchwiegen, ſagte er nur:„Gute Nacht denn!“ und ſchied mit dieſem kurzen, rauh geſprochenen Wort. „Könnt Ihr Euch auf ihn verlaſſen, Thurn?“ fragte Berka und ſah ihm finſter nach. „Wie ſollt' ich nicht? Alle unſere Vortheile gehen ja zuſammen!“ antwortete Thurn erſtaunt. „Ihm möchte ich auch allenfalls noch trauen. Er iſt ein Kriegsmann, roh— aber nicht falſch!“ erwiderte Berka. „Allein ſein Herr... ich weiß, daß Lamormain ihm wie⸗ der den Italiener Piccolomini entgegengeſchickt hat. Ich fürchte, Bethlen Gabor ſorgt, wenn's zur That kommt, nur für ſich, und rückt allein darum mit Heeresmacht heran, um ſeinen Unterhandlungen mehr Nachdruck zu geben!— Das iſt ein Hauptgrund zum Angriff.“ „Alſo deshalb ſahſt du den Oberſten ſo ſcharf an, als du der Unterhandlungen gedachteſt!“ ſprach Thurn lächelnd. „Nein, glaube mir, daran denkt er nicht. Er will fechten. Ihn lockt der Kriegsruhm, die Belohnung und, ich will's zugeben, die Beute!“ „Mag ſein!— Deſto beſſer!“ warf Berka hin. „Wollt Ihr mit mir zur Nacht ſpeiſen, Freunde?“ fragte Thurn;„ſo ſeid in einer Stunde wieder hier!“ 191 „Ich ſage Ja“, antwortete Berka.„Weiß man doch nie vor der Schlacht, ob es nicht der letzte Abend iſt, an dem man ſich ſpricht.“ „Ich nehme es auch von Herzen gern an, Thurn“, ſagte Harrant offen, ihm die Hand reichend.„Wenn ich meine Befehle gegeben und alle ſchweren Stücke unterſucht habe— denn morgen könnten wir ſie gebrauchen— bin ich wieder hier.“ Sie gingen. Thurn war allein.— Er ging nachdenklich auf und nieder. Es war eine große Veränderung in ſeinem Innern, in ſeinem Gemüth vorgegangen ſeit einigen Monden. Als er damals vor Wien ſtand, flatterte das Banner ſeiner Hoffnungen hoch; ſeine Seele war voll Muth und Ver⸗ trauen. Er glaubte ſich damals ſchon Herr der habsburgi⸗ ſchen Hauptſtadt— und mußte umkehren, da er ſchon einen Fuß im Thore hatte! Jetzt ſtand er wieder vor der Burg Ferdinand's! Bald konnten die Kugeln ſeiner Geſchütze abermals in die Gemächer des Kaiſers ſchmettern. Sein Heer war ſtärker durch ein mächtiges, verbündetes; und ein noch mächtigeres rückte an! Die Verhältniſſe waren ihm günſtiger, die Wahrſcheinlichkeit größer! Und dennoch— er fürchtete auf äußerſter Spitze mehr den Umſchlag des Glücks, als er deſſen Erfüllung hoffte! Seine Ahnungen ſchwebten um die Wahrheit; ein finſtres Bild der Zukunft ſtellte ſich in ſchwankenden Umriſſen vor ihn hin. Wohl ihm, daß er es nicht in ſeinen vollen Schrecken ſah; er hätte entſetzt, vernichtet davor geſtanden wie vor dem Jüngſten Gericht. Jetzt zeigten ſich nur die erſten Flammen⸗ ſpitzen, die aus dem finſtren Abgrund hervorleuchteten! Noch düſtrer blickte Thurn auf ſein Vaterland, auf 192 ſein eigenes Schickſal. War Böhmen jetzt glücklicher? War es ſicherer? War ſelbſt die Freiheit des Glaubens ihres Jochs entledigt? Eliſabeth hatte ihm Manches von den An⸗ ſichten des Königs und der Königin und dem Eifer ihres geiſtlichen Raths Scultetus geſchrieben, das bittere Gefühle in ihm weckte. Und endlich, wenn er den Blick auf ſich ſelbſt richtete, wie hatte ſein Los ſich geſtaltet! Sein Haß gegen Oeſter⸗ reich war finſter erwacht, da ihm Mathias das Burggrafen⸗ thum von Karlsſtein nahm und es Martiniz übertrug. Und was erwartete ihn jetzt? Er, der oberſte Feldherr ſeines Landes, durch deſſen Wahl, durch den feierlichen Beſchluß ſeiner dreißig Verwalter auf dieſen Gipfel geſtellt, er ſollte einem Andern den Platz einräumen, den er durch blutige Schlachten und Siege erkämpft hatte! Er hatte den Feind ſeines Vaterlandes in ſeiner Hauptſtadt gedemüthigt, er ſchwang zum zweiten mal das Schwert dicht über ſeinem Thron, und doch ſollte ein Anderer— ſelbſt wenn er ſiegte, ein Anderer— die Früchte pflücken, dem ſie noch keinen Tropfen Schweiß oder Blut gekoſtet hatten! Von allen Seiten ſah er den Bau ſeiner Hoffnungen zuſammenſtürzen! Und was ihn im innerſten Heiligthum ſeines Herzens und Daſeins bedrohte, welche Schmerzen ſich ihm an der Stätte bereiteten, wo Jeder die Blüten des Friedens, des Troſtes, des Labſals zu pflücken erhofft, nach Sturm und Arbeit des Lebens und der Welt— das ahnte er noch nicht!—— Xaver trat ein. Er berichtete von dem Streifzuge der Reiter am Donauufer, den er ſelbſt geführt. Es ſchien, daß Boucquoi ernſtlich aufmerkſam auf das Unternehmen geworden ſei. Er hatte mehrmals feuern laſſen, ſelbſt Streifcorps ausgeſandt, und andre, ſtärkere Maſſen rück⸗ —— 193 wärts über die Brücke auf das rechte Ufer der Donau gezogen. „Es hat gewirkt“, ſprach Thurn zufrieden. Er lud auch Xaver zum Nachteſſen. Die Diener traten ſchon ein, um die Vorbereitungen dazu zu treffen. Harrant und Berka kamen zurück.— Es war ein kleiner, trauter Kreis; doch wollte kein Lichtſtrahl der Heiterkeit ihn erhellen! Nicht der Blick auf den Kampf am nächſten Morgen verſcheuchte die frohere Stimmung der kriegsgewohnten Männer; allein es bewegte ſich in der Seele Aller etwas von Dem, was in Thurn's Bruſt ſo tief wogte und kämpfte. Nur Xaver war in ſeiner Reinheit nicht von Vorwürfen, in ſeiner jugendlichen Hoffnungskraft nicht von Sorgen bedrängt; doch in ſeiner weichen Bruſt klang mit leiſem, überwälti⸗ gendem Ton die Saite der Sehnſucht an, und ihrem ſchmerzlich ſüßen Laut miſchte ſich ein dunkel murmelnder der Unruhe bei, um Thereſens Vater.— So blieb ein trüb verſchleierndes Gewölk über dem Mahle gelagert. Der helle Gläſerklang mit dem feurigen Tokayer verlor ſich ins Leere, denn er fand in keiner Seele Widerklang. Die Zeit der Nachtruhe war da. Man ſchied mit ſtummem Händedruck. Bald war Thurn allein. Er ſtreckte ſich angekleidet auf ſein Feldbett, nur mit dem Pelzmantel bedeckt. Eine matt brennende, unſtet flackernde Lampe in der Ecke auf dem Tiſch verbreitete ungewiſſes, dämmerndes Halblicht in dem Zelt. Die Nacht draußen war düſter und rauh. Der Wind heulte über die mit naſſem Schnee bedeckten Felder; die Zeltwände waren in ſteter, wallender Bewegung. Der eiſige Strichregen, mit Schnee untermiſcht, geſellte ſein unheim⸗ liches Geräuſch zu dem hohlen Sauſen des Sturmes. Den⸗ noch herrſchte der Eindruck ſchauriger Einſamkeit und Stille; Rellſtab, Drei Jahre. III. 2. 9 194 der ſchwere, klirrende Schritt der Schildwachen vor dem Zelte, und von Zeit zu Zeit ein murmelndes Wort, waren die einzigen menſchlichen Laute, die ſich vernehmen ließen. Thurn war müde; mehr noch, erſchöpft, zerſchlagen. Er fühlte die Ermattung, die von der gedrückten Seele ausgeht. Dennoch floh ihn der Schlaf. Auf Minuten nur verfiel er in den Zuſtand halbwachen Traumes, wo Be⸗ wußtſein und willenloſe Bilder der Phantaſie in ſeltſamen Kampf traten. Sein Kopf war ſchwer, erhitzt. Die äußerſte Abſpannung wechſelte mit einer fieberhaften Wallung. End⸗ lich unterlag die körperliche Kraft, und faſt mit betäubender Schwere ſenkte ſich der Schlaf auf ſeine Augenlider. Der Geiſt arbeitete fort in dem überwältigten Körper. Es jag⸗ ten ſich wüſte Bilder, in ſchwindelerregenden, immer wech⸗ ſelnden, unendlichen Zügen durch das Gehirn des Träu⸗ menden. Bald ſah er ſich in Prag in dem Getümmel des erſten Ausbruchs des Streites auf dem Hradſchin. Er ſah den erbebenden Slawata, den ſteinernen, marmorbleichen Martiniz, den verzweiflungsvoll flehenden Fabricius. Die Worte, die er geſprochen:„Hier habt ihr auch den Andern“, als Slawata die Gewaltthat erdulden mußte, rief er auch jetzt laut aus. Sie erſchallten in einem hohlen, wie aus der Tiefe der Erde dringenden Tone, und ein wildes Ge⸗ lächter folgte ihnen nach. Es dünkte ihn, daß eine Stimme des Abgrundes ſo durch ſeinen Mund rufe. Slawata ſtürzte, Thurn wollte ihn halten, retten, aber er war wie angewur⸗ zelt am Boden, ſeine Füße mit Blei belaſtet, die Arme er⸗ ſtarrt.„Zu ſpät! zu ſpät!“ ſtöhnte er.— Jetzt verfinſterte ſich die Luft. Ein furchtbares Unwetter zog am Himmel auf. Der ſchwarze Qualm der Wolken drang bis in den Saal. Alles war in Nacht begraben. Plötzlich zuckten lohe Blitze. Eine Feuersbrunſt loderte auf, die ihre verzehrenden Gluten 195 weit über die Erde hinwälzte und rings am ganzen Hori⸗ zont emporflammte. Schwarze Klüfte riſſen ſich dazwiſchen auf, und Ströme Bluts floſſen zwiſchen den ausgebrann⸗ ten, verkohlten Ufern. „Wehe, Wehe, Wehe!“ tönte es aus den Lüften herab. Und es dünkte ihn, ein zürnender Geiſt ſchwebe mit breiten ſchwarzen Flügeln, die den ganzen Himmel deckten, über ſeinem Haupte, und entſetzt warf er ſich auf das Antlitz und drückte es in den Erdboden, um dem grauenvollen An⸗ blick zu entgehen. Eine ſanfte Hand richtete ihn auf. Es war Eliſabeth; ſie ſtreifte ihm das Haar von der Stirn und ſprach milde:„Siehe deine Tochter!“ Thekla ſtand im weißen Gewande, das Haupt mit dem Brautkranze ge⸗ ſchmückt, vor ihm. Er faßte ſie, wollte ſie ans Herz ziehen, allein wie er ſie berührte, ſank ſie bleich zuſammen und er hielt eine Leiche in ſeinen Armen. Plötzlich war Alles wieder finſter und öde. Der Mond ſtieg blutigroth am Horizont auf und goß trüben Dämmer⸗ ſchein über die Erde; ſie lag ſtill und todt. Thurn ſah ſich rings unter Trümmern. In Aſche geſunkene Menſchen⸗ wohnungen umgaben ihn. Ein weiter Kirchhof voller Lei⸗ chenſteine, nackter Schädel und Gerippe dehnte ſich vor ihm aus. Aus dem Boden ſtieg eine düſtere Rauchwolke auf, die rieſig bis in den Himmel wuchs. Sie theilte ſich, und der Wunderbau einer hohen, weiten Kirche, deren Thurm⸗ zinnen ſich droben im Aether verloren, ſtand vor ihm. Der Mond, höher heraufgeſchwebt, goß ein ſilbernes Licht des Friedens über den heiligen Bau aus. Die Pforten öffne⸗ ten ſich; in dem hochgewölbten Schiff lagen Tauſende auf den Knien zwiſchen den aufſtrebenden Pfeilern; nur der Glanz der Kerzen vom Hochaltar drang dem Auge mit blendendem Strahl entgegen. 9* ——— — — 196 Eine Geſtalt im weiten, weißen Prieſtergewande trat aus der Pforte. Es war ein ehrwürdiger Greis mit mil⸗ den Zügen; ſein Bart floß ſilberweiß bis auf den Gürtel herab. Er richtete den Blick auf Thurn voll Sanftmuth und doch voll Vorwurf. „Du wollteſt ſie zerſtören“, ſprach er mit geiſterhaftem Ton und deutete auf die Kirche;„ſiehe, mein Sohn, wie ſie ſich in neuer Pracht erhebt! Ich habe ſie auferbaut.“ Die Geſtalt trat näher. Sie faßte Thurn's Hand, daß er zuſammenſchauerte in Furcht und Ehrfurcht. „Wer biſt du?“ fragte er traumverwirrt, aus gepreßter Bruſt.„Von wannen ſtammſt du?“ „Ich bin ſo alt als die Welt; ich werde wandeln auf ihr, bis die Poſaune des Gerichts ſchallt,— ich bin der Glaube!“—— 1 Dröhnender Hall ſchlug an Thurn's Ohr. Er fuhr verſtört auf; rings war Nacht um ihn. Eine Hand hielt ihn,— er wollte ſich losreißen in krampfhaftem Entſetzen. Da tönte eine menſchliche Stimme mild in ſein Ohr: „Erhebt Euch, Graf! Die Signale rufen.“ Es war Xaver; Thurn fühlte den Druck ſeiner war⸗ men Hand. Von innerer Gewalt getrieben, ſank er an des Jünglings Herz und preßte ihn heftig an die Bruſt. Draußen ſchmetterten Trompetenſtöße, dröhnten Trommeln. „Zu Pferd, zu Pferd!“ rief Thurn voll Beſtürzung. Bald ſaßen ſie zu Roß und ritten an der Spitze der Mannen hinaus in den grauenden Tag, zur Schlacht. Einunddreißigſtes Capitel. Kaiſer Ferdinand der Zweite ſaß in der Burg zu Wien in dem Vortragszimmer, mit dreien ſeiner Räthe: Fürſt Eggenberg, Graf Trauttmansdorff und Graf Fugger. Der Beichtvater Lamormain hatte, weil er ſich, wie er ſtets äußerte, aber gerade das Gegentheil that, nicht in die weltlichen Geſchäfte miſchen wollte, ein wenig abſeit Platz genommen. „Ich möchte Ew. Majeſtät dennoch dringend rathen die Stadt zu verlaſſen“, ſagte Eggenberg mit bedenklichem Ton;„der geſtrige Tag iſt zu nachtheilig ausgefallen.“ „Die Angriffe Thurn's und Redei⸗Ferenz' ſind doch abgeſchlagen“, entgegnete der Kaiſer. „Allein mit welchen Verluſten!“ entgegnete Eggenberg. „Funfzehnhundert Todte auf unſerer Seite, viele Tauſend Verwundete; ein entmuthigter Geiſt in den Truppen, ein böswilliger in der Bürgerſchaft!“ „Verließe ich die Stadt“, erwiderte Ferdinand mit Würde, „ſo würden die Truppen noch muthloſer, die böswilligen Bürger noch böswilliger werden! Weshalb wäre ich ſo eilig gekommen, wenn ich nicht ausharren ſollte?“ „Ew. Majeſtät Heldenmuth erfüllt uns mit Bewunde⸗ rung“, ſprach Eggenberg,„allein noch größer iſt unſere Beſorgniß um Ew. Majeſtät theures Haupt.“ Lamormain zuckte unruhig auf ſeinem Seſſel; doch ſprach er nicht, ſondern wandte nur ſein Auge auf den Kaiſer. Seine Blicke begegneten denen Ferdinand's. 198 „Alles wäre verloren“, fuhr Eggenberg fort,„wenn Ew. Majeſtät ſelbſt in die Hand Ihrer Feinde fielen.“ „Wenn ich Wien jetzt verließe, würde ich dieſem Schick⸗ ſal gar nicht entgehen können, glaube ich“, war Ferdinand's Antwort. Lamormain verrieth durch ſeine Mienen ſeine Zuſtim⸗ mung. „Wir würden“, nahm Graf Fugger das Wort,„Wien mit dem letzten Blutstropfen vertheidigen. Und wenn es auch jetzt verloren ginge, ſo würden Ew. Majeſtät doch inzwiſchen Steiermark, Kärnten, Tirol in Waffen bringen, und auch die bairiſche Hülfsmacht würde zu uns ſtoßen können.“ 3 „Muß denn aber Wien fallen?“ rief der Kaiſer höchſt bewegt.„Waren wir nicht im Juni noch viel härter be⸗ drängt und ohne Ausſichten ringsher? Und dennoch ſchei⸗ terte des Feindes Grimm an unſeren Mauern und er mußte umwenden mit Schmach!“ „Es war ein Wunder!“ rief der Graf Trauttmansdorff, „zweimal wird es ſich nicht begeben!“ „Unzählbar ſind die Wunder Gottes!“ rief Lamormain mit erhobener Stimme dazwiſchen.„Ich miſche mich nicht in die weltlichen Anordnungen, würdigſter Graf, noch ver⸗ mag ich ſo ſicher wie Ihr und dieſe hochverehrten Rath⸗ geber Sr. Majeſtät Nachtheil und Vortheil zu berechnen. Allein wenn Ihr des Himmels Macht in Zweifel zieht, da gebietet mir meine Pflicht, immer neu zu verkünden, wie unermeßlich des Ewigen Allmacht, Gnade und Güte iſt!“— Der Kaiſer, ergriffen von den Worten Lamormain's, ſtand auf von ſeinem Seſſel und erhob den Blick andächtig zum Himmel. 199 „Mich dünkt nur“, verſetzte Graf Trauttmansdorff, „es hieße Gott verſuchen, ehrwürdiger Pater, wenn wir uns zum zweiten mal in dieſelbe Gefahr begäben, aus der uns nur ſein Arm erretten kann!“ „Wir haben uns nicht mit frevelhaftem Leichtſinn in dieſe Gefahr begeben“, ſprach der Kaiſer;„Gott hat die Ereigniſſe geſendet. Wir müſſen ausharren!“ Des Kaiſers Worte wurden unterbrochen durch den Geheimſchreiber der Kanzlei, welcher die Thür öffnete und mit den Worten:„Der Bericht Sr. Excellenz des Grafen von Boucquoi“, ein verſiegeltes Papier vor Eggenberg auf den Tiſch legte, welches derſelbe ehrfurchtsvoll dem Kaiſer überreichte. Dieſer öffnete und durchflog es raſch, dann wandte er ſich an den Fürſten Eggenberg: „Ew. Liebden haben ganz richtig geſagt. Der Marſchall gibt funfzehnhundert Todte und zweitauſendſechshundert Verwundete an; der muthmaßliche Verluſt des Feindes wird nur auf ſechshundert Todte geſchätzt.— Wie kommt es doch, daß der angreifende Theil ſo viel geringere Ver⸗ luſte hatte als wir, die wir hinter Verſchanzungen ſtanden?“ „Es liegt wol darin“, entgegnete Eggenberg,„daß Graf Boucquoi anfänglich ſeine Kräfte getheilt hatte, und die Hälfte diesſeit der Donau bei Fiſcher zuſammenzog, wo der Feind einen Uebergang machen zu wollen ſchien. Erſt als ſich die Nebel theilten, ſah man, daß die ganze Kraft des Feindes den Schanzen gegenüberſtand. Die Truppen erhielten Gegenbefehle; inzwiſchen aber waren die Kräfte und das Geſchütz des Feindes uns zu über⸗ legen.“ b „Wer hat den Bericht gebracht?“ fragte Ferdinand nach einigen Augenblicken. —y— —————— —— —-——— 200 Fugger eilte an die Thür, um nachzufragen. Es war ein Adjudant des Marſchalls geweſen, der noch im Vor⸗ zimmer auf Befehle wartete. Der Kaiſer ließ ihn eintreten und legte ihm vielfache Fragen vor. Der Offizier gab umſtändlichen Bericht. „Glaubt der Marſchall ſich auch heut noch in den Schanzen halten zu können?“ fragte der Kaiſer. „Heut, ja“, lautete die Antwort;„allein der Feind iſt uns ſo nahe, daß ſein Feuer die Donaubrücke ſchon ſtark beſchädigt hat. Deshalb will der Marſchall zur Nacht ſei⸗ nen Rückzug über dieſelbe in die Stadt beginnen, bevor er ihm ganz abgeſchnitten würde.“ „Dann würden“, bemerkte Eggenberg,„die feindlichen Kugeln die Burg wieder ſo erreichen wie im Juni. Ew. Majeſtät wären nicht mehr ſicher in Ihren eignen Gemächern.“ „Gott hat mich damals beſchützt“, ſagte Ferdinand, „er wird mich auch jetzt nicht verlaſſen!“ „Ew. Majeſtät“, begann der Offizier,„erlauben mir mitzutheilen, daß die letzten Kundſchafter uns ſoeben die Nachricht gebracht haben, daß der Fürſt Bethlen Gabor mit ſeiner ganzen Heeresmacht anrückt. Er iſt mit zwölf⸗ tauſend Mann bei Fiſcherment über die Donau gegangen, dieſe rücken gegen die Südoſtſeite der Stadt an; auf der andern Seite wird der Fürſt den bei weitem größern Theil ſeiner Armada mit Redei⸗Ferenz und Thurn vereinen.“ Die Räthe erbleichten bei dieſer Nachricht. Lamormain ſah finſter zur Erde. „Habt Ihr ſichere Nachrichten über die Stärke des ſiebenbürgiſchen Heeres?“ fragte Ferdinand.„Die Angaben ſcheinen mir ſehr übertrieben. Es iſt von ſechzigtauſend Mann erzählt worden“* „Es werden nicht viel weniger ſein“, antwortete der Adjutant.„Alle Kundſchafter haben übereinſtimmend aus⸗ geſagt. Auch Türken und Tataren verſtärken die Macht des Fürſten.“ „So führen chriſtliche Fürſten den Krieg gegen die chriſtliche Kirche mit den Völkern der Heiden!“ rief La⸗ mormain aus.„Ewiger Fluch treffe das Haupt Derer, die ſolche gottesläſterliche Miſſethat verüben!“ Der Kaiſer erhob ſich. Lamormain's Worte hatten ſichtlich einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. „Ich werde....“, begann er feierlich, doch ſeine Rede wurde unterbrochen durch den dumpfen Schall eines Kano⸗ nenſchuſſes. Die Fenſter des Gemachs zitterten. Ein Augenblick tiefſter Stille trat ein. „Ich werde dennoch Wien nicht verlaſſen“, nahm Ferdinand ſein Wort wieder auf, indem er feierlich die Hand wie zum Schwur erhob.„Meine Pflicht hat mich hierher gerufen, in der Stunde der Gefahr; meine Pflicht gebietet, daß ich ausharre. Die, welche die Feinde der Chriſtenheit wider ſie ins Gefecht führen, wird der Arm des Herrn treffen. Uns wird er gnädiglich decken mit ſei⸗ nem Schilde.“ Die raſch aufeinander folgenden Donnerſchläge der Ka⸗ nonen gaben dem erhabenen Worte eine erhabene Beglei⸗ tung. „Der Kampf hat ſchon wieder begonnen“, wandte der Kaiſer ſich zu dem Offizier.„Wollte der Marſchall an⸗ greifen?“ „Das nicht; doch wir ſind ſeit Tagesanbruch darauf vorbereitet. Der Feind hat in der Nacht Anſtalten zum Uebergang über die Donau gemacht. Es ſind ihm funfzehn ſchwere Stücke und ſechs große Feldſchlangen und die Fuß⸗ 9*☛* regimenter Fürſtenberg und Dieffenbach entgegengeſtellt. Oberſt Montecuculi ſtreift mit ſeinen Reitern am Ufer auf und nieder. „Wann, glaubt der Marſchall“, fragte der Kaiſer weiter, daß der Fürſt von Siebenbürgen mit ſeinem Heere eintref⸗ fen werde?“ „In zwei bis drei Tagen“, war die Antwort des Offi⸗ ziers;„ſie würden ſchon heut oder morgen hier ſein, wenn nicht der Marſch ſo erſchwert wäre. Die Kanonen und die Pferde können nicht vorwärts in den ſchlechten Wegen, und das Land iſt ſo ausgeſogen, alle Dörfer ſtehen leer, daß ſie ſich weit zur Seite ausbreiten müſſen, um Lebensmittel auf⸗ zutreiben. Das hält ſie auf.“. „Mögen die Wetter des Himmels, der Hunger und die Peſt ſie verderben!“ ſprach Lamormain finſter vor ſich hin. „Wir haben alſo jedenfalls noch zwei, drei Tage, bevor die Stadt eingeſchloſſen iſt“, ſagte der Kaiſer zu Eggen⸗ berg.—„Berichtet dem Grafen Boucquoi“, wandte er ſich wieder zu dem Offizier,„daß ich binnen einer Stunde ſelbſt in die Verſchanzungen kommen werde.“ Er winkte ihm, ab⸗ zutreten. „Mein Entſchluß iſt unerſchütterlich“, redete Ferdinand die Räthe an, als der Offizier ſich entfernt hatte.„Wir werden Wien vertheidigen, ſolange ein Stein auf dem an⸗ dern liegt. Zeigen wir Schwäche, ſo erheben die Unzufrie⸗ denen in der Stadt ihr Haupt, und wir haben die Feinde außerhalb und innerhalb der Mauern zu bekämpfen. Jet hält die Furcht ſie nieder.— Noch ſtehen uns die Wege offen. Ew. Liebden“, redete er Eggenberg insbeſondere an, „werden Botſchafter nach allen Richtungen ſenden, um Hülfe und Entſatz aufzubieten. Wählen Ew. Liebden ſogleich ſichere, — —.— tüchtige Männer aus, mit Vollmachten an die Kreisoberſten und Kreisverwaltungen, überall Mannſchaften ausheben zu laſſen. Von Linz können wir am ſchnellſten Hülfe und Le⸗ bensmittel auf der Donau erhalten; denn noch iſt die Fahrt frei. Es müſſen aber auch Abgeſandte nach Gratz, Laibach, Klagenfurt und Innsbruck geſandt werden. Laſſen Ew. Liebden ein Rundſchreiben abfaſſen an alle Kreisverwaltungen. Wir müſſen überall zugleich arbeiten. Ich ſelbſt will an mei⸗ nen Bundesgenoſſen, den Herzog Maximilian von Baiern, ſchreiben, daß er ſeine Rüſtungen beeile und alle katholi⸗ ſchen Fürſten aufbiete zum Beiſtand wider die Ketzer, die ſich mit dem Erbfeinde des Reichs verbinden! Ja, ich hoffe, die Reichsfürſten alle werden ſich treu bezeigen und ihrem erwählten Kaiſer Hülfe ſenden wider empörte Unter⸗ thanen und wilde heidniſche Völker des Auslandes. So tief werden ſie das Deutſche Reich nicht ſinken laſſen, daß ſie da nicht Hülfe brächten!— Bis Mittag muß Alles ausgefer⸗ tigt ſein! Um ein Uhr verſammeln wir uns wieder hier zum Conſeil.“ „Es ſoll bis zu dieſer Zeit Alles ſo weit geordnet ſein, daß die Beauftragten Wien ſofort nach allen Richtungen verlaſſen können“, erwiderte Eggenberg, ſich tief ver⸗ beugend. Die Sitzung war aufgehoben; die Räthe entfernten ſich. Lamormain blieb. Ehrfurchtsvoll wandte ſich dieſer jetzt zum Kaiſer. „Es iſt meinem Herzen das tiefſte Bedürfniß“, ſprach er,„Ew. Majeſtät meine Bewunderung auszudrücken und meinen Dank zu ſagen für ſo erhabene Geſinnungen in dieſer drangvollen Zeit, und für den heiligen Eifer, den Ew. Majeſtät der Sache des Glaubens widmen.“ Er beugte ſich dabei zum Kuß auf die Hand des Kai⸗ —————. —— ſers, doch dieſer wehrte ihm und faßte dagegen ſelbſt die Hand des Paters mit warmem Druck. „Gott wird mit Ew. Majeſtät ſein! Ich vertraue feſt darauf!“ ſprach Lamormain feierlich.„Noch hege ich die Hoffnung, daß wir ſelbſt Bethlen Gabor's furchtbare Gewalt abwenden! Die Erneuerung unſerer geheimen Un⸗ terhandlungen iſt nicht ganz unglücklich geweſen.“ „Ihr habt Nachricht, hochwürdiger Herr?“ fragte Fer⸗ dinand überraſcht. „Dieſen Morgen empfangen“, antwortete Lamormain. „Graf Piccolomini hat den Fürſten zu Neuhäuſel geſpro⸗ chen. Sein Eifer für Böhmen iſt merklich erkaltet, ſeit die Wahl des Kurfürſten von der Pfalz durchgeſetzt iſt. Das geheime Ziel des ſchlauen Mannes war die böhmiſche Krone ſelbſt. Ich glaube, er hätte ſchon jetzt mit den Aufrührern gebrochen; allein er hält ihre Sache noch für zu ſtark. Er glaubt, ſie werde ſiegen, und dann möchte er ſich in Oeſter⸗ reich oder Ungarn für Böhmen entſchädigen. Bieten wir ihm Sicheres in Ungarn, ſo wird er die Hälfte, das Viertel annehmen, gegen das Unſichere des Kampfſpiels. Was den⸗ ken Ew. Majeſtät? Wenn wir ihm etliche Comitate über⸗ laſſen würden? Nur lebenslänglich, nicht erblich. Dieſer Mann, der nur für ſich ſorgt, könnte für ſo leichten Preis ein Bundesgenoſſe werden aus einem Feinde! Gelingt es nur, ihm die Arbeit hier vor Wien ſchwerer zu machen, als er vermeint, ſo bin ich ſicher, er wird wankelmüthig und tritt zu uns herüber.“ „Hat Piccolomini ſo geſchrieben?“ „Nein, Ew. Majeſtät. Bei der Unſicherheit der Straßen konnte Graf Piccolomini nichts Schriftliches ſenden. Allein er hat mir ſeinen Hauskaplan, einen gewandten, zuverläſſi⸗ gen Mann, geſchickt. Durch ihn gibt er mir dieſe Schilde⸗ — — mir, daß Ungarn ſelbſt uns hilft. Ein wenig habe ich mir erlaubt ſelbſt dazu beizutragen. Unter den vielen kaiſerlich Geſinnten im Lande iſt Ew. Majeſtät Feldoberſter, der Judex curiae Hammonai.“ „Er befehligt nur eine geringe Mannſchaft“, unterbrach Ferdinand;„er wird uns wenig helfen können.“ „Doch vielleicht!“ verſetzte Lamormain mit ſchlauer Miene.„Er iſt Bethlen Gabor's perſönlicher erbitterter Feind, weil er deſſen Treuloſigkeit und Hochmuth in eig⸗ nen Angelegenheiten erfahren hat. Außerdem habe ich einen mir treu ergebenen ungariſchen Geiſtlichen zu ihm geſendet, der ſeinen Eifer anfacht. Hammonai hat ſeine Macht anſehnlich verſtärkt, um Bethlen Gabor's Feldherrn Ra⸗ koczy anzugreifen. Wenn der Fürſt von Siebenbürgen ſo bedenkliche Bewegungen in ſeinem Rücken weiß, wird er hier unſicher werden.“ „Dank, Dank Euch, Lamormain!“ ſagte der Kaiſer erſtaunt.„Euer Scharfblick beachtet Alles! Euer Geiſt hat ſtets ſchon vollbracht, wo ich erſt beginnen will.“ Lamormain ſchwieg einige Augenblicke; er hatte noch etwas auf dem Herzen.„Auch aus Spanien habe ich günſtige Nachricht“, begann er zögernd. „Hat Graf Khevenhüller Euch Berichte geſandt?“ fragte der Kaiſer erſtaunt und faſt verletzt. „Wie ſollte er?“ entgegnete Lamormain demüthig. „Ich warte ſchon längſt vergeblich auf ſeine Depeſchen“, antwortete Ferdinand.. „Ich habe auch nur eine Privatmittheilung; für die amtlichen Depeſchen des Grafen mögen unſere Angelegen⸗ heiten noch nicht reif genug ſein“, entgegnete der Pater. „Mein Brief iſt mir über Frankreich zugegangen, durch rung von Bethlen Gabor's jetzigem Sinn. Auch meldet er einen dortigen einflußreichen Freund, ein Mitglied unſeres Ordens. Er hatte Gelegenheit gefunden, an meinen Agenten in Regensburg, Pater Thyßka, Botſchaft zu ſenden, und von ihm.... „Das Netz Eurer Verbindungen läuft mit ſeinen un⸗ ſichtbaren Fäden doch überall hin“, unterbrach ihn Ferdi⸗ nand, nicht ganz zufrieden damit, daß er noch keine Bot⸗ ſchaft von ſeinem Geſandten empfangen hatte und doch La⸗ mormain ſchon unterrichtet war. „Es iſt ein günſtiger Zufall“, entſchuldigte dieſer halb, „der mich diesmal ſo früh in den Beſitz von ſchriftlichen Mittheilungen geſetzt hat. Allerdings ſtehen die höheren Geiſtlichen, beſonders die Mitglieder der Societas Jesu, in ſteten Wechſelbeziehungen zueinander; reiſende Ordensbrüder vermitteln leichter den Verkehr von Einem zum Andern, als die großen Sendungen auf langen Wegen möglich ſind. Mein junger italieniſcher Zögling, der ſich, wie ich Ew. Majeſtät bereits unterrichtet habe, in der Begleitung des Grafen befindet, hat mir geſchrieben. Natürlich nichts Amt⸗ liches, nur Schilderungen und Berichte über Das, was er zufällig erfahren, ganz zufällig! Indeß laſſen ſich doch manche Vermuthungen daraus entnehmen. Graf Kheven⸗ hüller hat einige Mishelligkeiten mit dem Großinquiſitor Ludwig Alliaga gehabt. Alliaga iſt ein ernſter, der Sache der Kirche eifrig ergebener Mann; doch auch ein eifriger Spanier. Graf Khevenhüller iſt vielleicht etwas zu weit gegangen.... „Wie das?“ fragte der Kaiſer verwundert. „Nur im Eifer des Geſprächs“, begütigte Lamormain. „Alliaga hatte einige Einwürfe gegen den beabſichtigten An⸗ griff der ſpaniſchen Truppen in den Niederlanden auf die Pfalz gemacht.“ „Nun, ich denke, Lamormain, das wird mir mein kö⸗ niglicher Vetter doch wol gewähren, ſo viel wird der aller⸗ katholiſchſte Monarch doch für die Kirche thun!“ „Es leidet keinen Zweifel; doch es waren auch nur, wie ich Ew. Majeſtät bemerkte, einige Bedenklichkeiten, viel⸗ leicht nur über die Art der Ausführung. Aber der Graf, in dem lobenswerthen Eifer für Ew. Majeſtät Sache, ging doch wol etwas zu weit, da er drohte, Ew. Majeſtät wür⸗ den ſich mit Ihren Feinden in Deutſchland verſöhnen und Spaniens Beſitzungen im Auslande mit ihnen theilen.“ „Nimmermehr! Das wäre ja Abtrünnigkeit von der Kirche, Verrath an meinen nächſten Verwandten!“ rief Fer⸗ dinand eifrigſt. „Es war gewiß nur eine Drohung, um raſcher zum Zwecke zu kommen. An die Ausführung hat der Graf ſicherlich nicht gedacht. Allein ſie wurde ernſtlich aufge⸗ nommen. Der Großinquiſitor iſt der Mann der Feſtggkeit; er erwiderte:«Herr Graf, Ihre Worte ſind lebensgefährlich für Sie in Spanien!““*) „Wie? Man ſollte es wagen dürfen, Hand an meinen Geſandten zu legen?“ fuhr Ferdinand auf. „Ich glaube es nicht; aber Worte ſind zuweilen Thaten. Die des Grafen enthielten eine Drohung, die einem An⸗ griff mit den Waffen nahe kam. Ein Friedens⸗ und Bundes⸗ bruch. Es war gewiſſermaßen ein Casus belli, und ein folcher.... „Die Geſandten ſtehen dennoch unter dem Schutz des Völkerrechts!“ ſprach Ferdinand feſt. „Darauf hat ſich der Graf auch ſicher verlaſſen, als er in der erſten Aufwallung antwortete:«Ueber ſolche Rede „ Hiſtoriſ ch. 208 würde ich gern das Leben verlieren. Ich ſtürbe für die Wahrheit und für meine Vaterlandsliebe. Dann möchte ich aber nicht mit Euch tauſchen, denn Ihr würdet den tiefſten Sitz in der Hölle empfangen, tiefer noch als Luther und Calvin, mir aber die ewige Seligkeit werden!»“*) Der Kaiſer ſchwieg. Es dünkte ihn doch, ſelbſt bei allem Patriotismus, zu frevelhaft, daß der Graf ſolche Worte gegen einen der mächtigſten Vertreter der allein⸗ ſeligmachenden Kirche geſprochen haben ſollte. Lamormain hatte ſie abſichtlich mit aller Schärfe hervorgehoben. „Der Eifer für uns hat ihn freilich zu einer unverant⸗ wortlichen Rede verleitet“, ſagte der Kaiſer endlich. „Der Eifer des Grafen hätte leicht ſeinen ganzen Zweck vereiteln können“, bemerkte Lamormain mit hochgezogenen Brauen.„Zum Glück hatte ich, weil ich den Grafen kannte, etwas vorgebeugt für dergleichen mögliche Fälle“, fuhr er mit ſatiriſchem Ausdruck fort.„Ich hatte mich ſchon früher in Beziehungen zu dem Großinquiſitor, zu dem Miniſter Zuniga und zu dem Geſchäftsträger des Herzogs Maxi⸗ milian, dem Rath Leuker, geſetzt. Sie haben die Sache vermittelt, und ich darf Ew. Majeſtät melden, daß der Be⸗ fehl an den ſpaniſchen Commandeur in den Niederlanden bereits ſo gut als ertheilt iſt, daß er ſich gegen die Unter⸗ pfalz in Marſch ſetze.“ „Wirklich?“ rief der Kaiſer freudig aus.„Spinola wird ſich gen Heidelberg in Bewegung ſetzen? Ja, das könnte Rettung bringen, wenn es raſch geſchähe!“ „Ich meine auch“, lächelte Lamormain ſcharf;„die Zähne, die ſich auf Böhmen und Oeſterreich verbiſſen *) Hiſtoriſche Worte. 209 haben, werden wol loslaſſen, wenn ein anderer, ſchärfe⸗ rer Zahn den Körper faßt, zu dem ſie gehören!“ „Lamormain! Welchen Dank bin ich Eurer Thätigkeit ſchuldig!“ rief der Kaiſer gerührt und faßte abermals die Hand ſeines Beichtvaters. „O, keinen Dank!“ erwiderte der Pater;„ich diene in Ew. Majeſtät ja nur dem größeren Herrn, dem ich diesſeits und jenſeits angehöre!“ Der eintretende Kämmerer meldete, daß der. Wagen bereit ſei, den der Kaiſer befohlen hatte, um in des Feld⸗ marſchalls Boucquoi Hauptquartier zu fahren. Der Kaiſer ging, um ſich anzukleiden, in ſein Cabinet. Lamormain blieb allein zurück. Er trat ans Fenſter, von dem er einen Theil des Feldes überſah, wo die Truppen der Feinde und Freunde lagerten. Der Donner der Geſchütze hatte ſich etwas in die Ferne gezogen. Das eigentliche Gefecht war von hier aus nicht zu ſehen; nur der vom Wind herüber⸗ geführte Rauch. „Sie tummeln ſich ſchon wieder wacker!“ dachte er bei ſich ſelbſt.„Wie plump und ungeſchickt iſt aber doch das Schwert für die Entſcheidung der Dinge! Wie fein, wie geſchickt das Wort, die Feder! Wenn eure Schwerter ſich mondenlang ſtumpf gearbeitet haben, löſt ein gewandter Federzug, ein geſchicktes Wort die Knoten, die ihr ver⸗ gebens zu zerhauen ſtrebtet!— Auch diesmal wieder! Gut, gut, Benedetto Maschino! Seht da! Der junge, unſchul⸗ dige Informator der ſchönen Gräfin Alphonſine hat mir, ohne es zu ahnen, diesmal vortrefflich gedient! Dafür mag er ihr ungeſtört noch ganze Bände der Heiligengeſchichte mit ſchönen Initialen abſchreiben! Wenn ich ihn nie von ſchwereren Freveln zu abſolviren habe.... Doch, wer weiß! Jugend iſt Jugend, Blut iſt Blut! Wir wollen ihn denn 210 doch nicht zu früh ordiniren; dem Laienbruder kann man etwas der Art ſchon eher nachſehen.“ Er ſpielte während dieſer Betrachtungen gedankenlos mit den Fingern auf der Scheibe und blickte nach der Gegend hinüber, wo der Kampf ſich bewegte.„Ja, ja! Sie tummeln ſich wacker! Doch ich will nach Haus!“ „Meinen Wagen, Guter“, ſagte er zu dem aus dem Cabinet des Kaiſers zurückkehrenden Kammerdiener;„aber mein Kutſcher ſoll ja recht dicht anfahren bei der Treppe, daß mich der eiſige Zugwind nicht ſo trifft! Mein Diener mit dem Pelz iſt doch ſchon da?“ „Er wartet im erſten Vorzimmer auf Ew. Hochwürden.“ „So ſtützt mich ein wenig; ich will gleich hinaus. Mit dem rechten Fuße will es heut wieder gar nicht recht fort mit mir! Das verwünſchte Podagra!“ So verließ er, auf des Kammerdieners Arm geſtützt, das Gemach. Zweiunddreißigſtes Capitel. „He! Du! Haidvogl! Laufe doch nicht ſo vorbei“, rief eine Stimme im Dunklen den raſch vorübergehenden, tief in den Mantel gewickelten Bürger Wiens auf der Gaſſe an. 4 „Schmerl! Biſt du's wirklich?“ antwortete Haidvogl. „Hab' ich dich doch dreihundert Jahre nicht geſehen? Wo haſt du denn ſo lange geſteckt?“ 211 „Wo ich geſteckt habe?“ ſagte Schmerl weinerlich. „Das weißt du nicht? Du weißt nicht, daß ich im Loch geſteckt habe? Drei Monate lang!“ „Du? Im Loch?“ fragte Haidvogl mit dem Tone äußerſter Verwunderung. „Ja freilich! Im Rothen Thurm! Bei Hunger und Kummer, Weinen und Seufzen, Flöhen und Wanzen, Mäuſen und Läuſen! Es war ein Hundeleben! Erſt vor⸗ geſtern haben ſie mich losgelaſſen!“ „Aber weshalb warſt du denn eingeſteckt? Was haſt du denn verbrochen, Schmerl! Haſt du dein Geld verzettelt mit der ſtumpfnaſigen Marie und ſind dir die Gläubiger auf den Pelz gerückt?“ „Nichts Geld! Nichts Marie! Nichts verzettelt, nichts Gläubiger!“ ſchluchzte Schmerl faſt.„Alles niederträchtige Verleumdung und Klatſcherei! Du hätteſt aber auch mit hinunter geſollt, von Rechts wegen!“ „Ich? Haſt du den Sanct⸗Veitstanz? Macht dich der Vollmond verrückt, oder die Angſt? Freilich, freilich, es iſt wieder eine verfluchte Zeit, wie damals, weißt du, als hier die Granate auf den Platz ſchlug!“ „Das war's ja eben“, heulte Schmerl,„der dreimal verfluchte Abend hat mein Unheil gemacht!“ „Aber wie ſo denn? Erzähle doch?“ fragte Haidvogl. „Ich glaube du ſtellſt dich dumm, Haidvogl! Weißt du nicht mehr wie der Althans, der Stallmeiſter— nun er ſtreckt ſich jetzt im Sarge aus— ich will nichts Schlimmes auf ihn reden—“ „Wie?“ unterbrach Haidvogl,„der Althans ſtreckt ſich im Sarge aus— der iſt todt, der Stallmeiſter des Grafen Thun?“ * 212 „Ja, der hat ſich im Gefängniß aufgehängt! Ich hätt's faſt auch ſo gemacht!“ „Im Gefängniß? Hat der mit dir geſeſſen?— Das Alles ſind ja Geſchichten, von denen ich kein Sterbenswort weiß! Das muß Alles während meiner Reiſe geſchehen ſein. Wann iſt er denn eingeſteckt worden?“ „Wahrſcheinlich mit mir zugleich oder ſo ungefähr, zu Sanct⸗Johannis— denn da faßten ſie mich—“ „Ja ja, da war ich nach Steiermark hinunter! Ich kam erſt kurz vor Bartholomäi zurück“, lautete Haidvogl's Antwort. „Das hat dich geſchützt; ich glaube du haſt Lunte ge⸗ wittert und dich verſteckt!“ „Ich? Wovor denn?— Aber erzähle mir doch— wir wollen bei Trattner eintreten, es iſt hündiſch kalt.“ „Bei Trattner? Lieber wollte ich auf dem Rabenſtein ein Glas Ungar trinken! In der verdammten Weinſchenke iſt ja mein Unglück gebraut worden! Weißt du denn nicht mehr, wie wir dort beiſammenſaßen, und der Althans ſo viel erzählte und ſchwadronirte von der Deputation, die die Stände damals zu Thurn ins Lager geſchickt hatten? Wie er ſein großes Maul aufriß, und auf— auf die Geiſt⸗ lichen ſchimpfte“, flüſterte Schmerl,„auf den Cleſel, und die Jeſuiten! Da haben ſie mich verklatſcht. Niederträchtiges Spionirvolk! Ich ſollte mit auf die Geiſtlichkeit geſchimpft haben. Es iſt eine verfluchte Halunkenlüge! Aber du haſt auch geſchimpft, Haidvogl, du haſt auf die Jeſuiten geſchimpft—“ „Biſt du toll und verrückt“, rief Haidvogl erſchreckt und heftig.„Ich! Auf die heiligen Herren? Auf meine beſten Freunde?“ „Ja, du haſt!“ fuhr Schmerl auf.„CFort mit den 213 Jeſuiten), haſt du gerufen! Als ich rief:«Fort mit Cleſel!?“ „Siehſt du? Du haſt alſo ſo gottesläſterlich gefrevelt!“ ſchoß Haidvogl auf ihn zu und faßte ihn am Wams. „Und du willtt ehrliche Leute ins Unglück bringen?“ „Laß mich doch los! Haidvogl! Kennſt du den armen Schmerl nicht mehr?“ weinte der Schneidermeiſter beinahe vor Schreck. „So ſei vernünftig und rede nicht dir und Andern um den Hals!“ antwortete Haidvogl mit unterdrückter Stimme:„Ach Gott! Ich auf die heiligen Väter etwas Böſes ſagen!“ fuhr er mit kläglicher Salbung fort,„lieber wollte ich ja....“ „Windfahne du“, tönte eine Baßſtimme aus dem Dunkel, und zugleich faßte eine kräftige Fauſt Haidvogl ins Genick, daß er vor Schreck beinahe in die Knie ſank. Es war der Fleiſchermeiſter Muntſch, der eben zu Weine gehen wollte, aber ſchon ein Weilchen im Dunklen das Ge⸗ ſpräch belauſcht hatte.„Windfahnen ihr, du und die Schneiderelle! Dreht ihr euch nicht wie der Hahn auf dem Stephan? Ich weiß wie ihr damals geſchnattert habt— ſticht's euch jetzt wieder? Ihr glaubt wol, der Thurn ſitze ſchon auf der Burg!“ „Jeſus, Maria und alle Heiligen ſollen mir gnädig ſein“, ſtotterte Haidvogl zitternd,„habe ich doch vor Schreck faſt die Beſinnung verloren! Muntſch, Ihr ſeid's! Gevatter Muntſch, wie könnt Ihr Euren Gevatter Haidvogl ſo erſchrecken!“ „Dein böſes Gewiſſen erſchreckt dich, du Sünder!“ ſchnaubte ihn Muntſch an.„Dich und den krähenden Schneidervogel! Haidvogl und Schneidervogl! Ein ſchönes Paar!“ ——Eſſſſſ klug geworden!“ 214 Schmerl war völlig ſtumm geworden vor Schreck; er zitterte nur an allen Gliedern. „Ihr müßt doch gehört haben, Muntſch“, verſuchte Haidvogl ſich zu rechtfertigen,„daß ich jetzt eben als guter katholiſcher Chriſt....“ „Jetzt eben, ja, das habe ich gehört; damals aber auch, wofür dem Haſenfuß hier ſein Lohn geworden iſt. Ihr hättet's ſo gut verdient wie der!“ „Siehſt du? Siehſt du?“ rief Schmerl eilfertig. „Der Einzige, dem ich's beſſer gewünſcht hätte, war der Stallmeiſter“, hub Muntſch wieder an;„ich war nicht ſeiner Meinung, aber er war ein ehrlicher Kerl und brav. Dich Schneiderelle hätten ſie meinethalben an einem Bind⸗ faden hängen mögen!“ Er machte die Pantomime des Aufhängens.„Und ſtell' du dich nur nicht, du Lump“, fuhr er gegen Haidvogl fort,„als wüßteſt du von nichts! Du biſt ausgeriſſen nach Steiermark, oder wo du dich ſonſt verſteckt haſt, weil dir bange wurde, oder weil du Witterung gehabt haſt. Für diesmal ſeid ihr mit dem Schreck davon⸗ gekommen! Aber hütet euch!— Und jetzt, Marſch! in das Weingewölbe! Mir iſt trocken im Hals! Haidvogl ſoll ſich wenigſtens mit ein paar Flaſchen Ruſter oder Tokayer loskaufen, da er ſeiner Strafe ſo glücklich ent⸗ gangen iſt.“ „Ja, ja, das ſoll er“, rief Schmerl vergnügt. „Von Herzen gern!“ ſtimmte Haidvogl bei, dem nun ein Stein von der Bruſt fiel. Sie gingen in die Weinſtube. „Ich will mir mit meiner eigenen Hand das Maul zunähen“, ſagte Schmerl unterwegs zu ſich ſelbſt,„wenn etwas Anderes über meine Zunge kommt als Wein! Kein Wort ſoll mir darüberſchlüpfen, keine Silbe! Ich bin 215 Er ſagte nichts, aber er dachte:„Der Muntſch! Dieſer tückiſche Fleiſcherhund! Das iſt der Schuft, der uns an⸗ gegeben hat!“ Er dachte unrichtig. Muntſch war ein guter Katholik, aber auch eine ehrliche Haut. Es waren andere Horcher und Beobachter im Gewölbe geweſen, die, als das Blatt ſich zu Gunſten der Katholiſchen wandte, die Angeber mach⸗ ten, um ſich dadurch in Gunſt zu bringen. Daher wurden Mehrere ihrer gottloſen und verrätheriſchen Reden halber eingezogen. Darunter der Stallmeiſter, der feſt, ohne Rück⸗ halt ſeine Meinung geſagt hatte und dabei blieb. Er ſah ein böſes Schickſal voraus, vielleicht Tortur, lebensläng⸗ lichen, unterirdiſchen Kerker bei faulem Waſſer und ver⸗ ſchimmeltem Brot— darum erhing er ſich im Gefängniß. Schmerl hatte nicht mehr und nicht weniger verbrochen als Alle, die den Mantel nach dem Winde hängen. Seine Zunge ſtimmte allemal für Den, der die Macht in Händen hatte. Sonſt war er ein eifriger Katholik, bis er in ſeinem Vortheil fand, es nicht mehr zu ſein. Damals hatte er ſich um einige Tage verrechnet! „Hier war's“, ſtieß Schmerl Haidvogl an, indem ſie über den Stephansplatz ſchritten,„hier war's, wo die mör⸗ deriſche Granate uns faſt Alle erſchlagen hätte!“ Muntſch war nicht der Tapferſte; aber er lächelte doch über Schmerl's Ausdruck,„faſt Alle erſchlagen“, wo Keinem ein Haar gekrümmt war.„Es könnte morgen wieder ſo ſein“, antwortete er.„Heut hat ſie uns der Boucquoi noch ein paar Tauſend Schritt weit vom Leibe gehalten! Aber es iſt hart hergegangen.“ „So?— Wirklich“, fragten und riefen Schmerl und Haidvogl, die Beide nicht gern über eine zweifelhafte Inter⸗ —— — 216 pretation hinausgehen wollten, mit ihren Anſichten über Politik und Religion. „Ja, grauſam hart“, wiederholte Muntſch.„An zwei⸗ tauſend Mann haben wir verloren!“ „Zweitauſend!“ rief Schmerl. „ Die Böhmen haben aber auch Blut gelaſſen“, erzählte Muntſ ſch weiter,„der Graf Albrecht Wallenſtein hat ihnen die Hölle heiß gemacht. Das iſt ein Mann! Habt ihr ihn ſchon einmal geſehen?“ „Ich nicht“, ſprach Schmerl betrübt,„ich danke der heiligen Jungfrau, daß ich das Tageslicht wiedergeſehen habe!“ „Ich kenne ihn auch nicht“, ſagte Haidvogl. „Ein Mann, ſage ich euch!“ ſchilderte Muntſch,„der ſieht aus wie ein ſchwarzes Gewitter. Wenn er nur die Augenbrauen zuſammenzieht, da läuft's Einem ordentlich kalt über die Haut. Der Boucquoi ſoll große Stücke auf ihn halten!“ „Horch! Trommelt es nicht dort unten, vom Rothen Thurm her?“ rief Schmerl mit ängſtlichem Ton und ſah ſich nach der Gegend um. „Du zitterſt jetzt, wenn dir nur der Rothe Thurm ein⸗ fällt“, ſpottete Muntſch.„Aber wahrhaftig, es trommelt! Wollen wir einmal hinunter? Sehen, was es gibt?“ „Joſeph Maria“, rief Schmerl,„wozu wollt Ihr Euch in Gefahr begeben? Sie ſchlagen ſich vielleicht da unten! Ich mache, daß ich nach Haus komme!“ Und hui! drehte er um, machte einen Satz wie ein aufgeſcheuchter Haſe und verſchwand im Dunklen. „Das Zipperlein hat er noch nicht in den Beinen“, lachte Muntſch;„dem muß die Angſt ordentlich die Hetz⸗ peitſche geben, wenn er den Tokayer im Stich läßt!“ 217 Haidvogl war auch der Anſicht, daß weit davon gut vorm Schuß ſei, allein er fürchtete ſich vor Muntſch; ſo hielt ihn die Furcht zurück, die Schmerl davonjagte. Es war ihm auch gar nicht nach Ungarweintrinken zu Muth, noch weniger nach Bezahlen! Aber ſein böſes Gewiſſen gab ihn in Muntſch's Hand. „Nun, Haidvogl“, ſprach dieſer,„laß uns erſt ſehen, was es drüben Neues gibt. Trommeln! Es muß ein Regi⸗ ment anrücken!“ „Wenn ſie dort nur nicht handgemein ſind!“ bemerkte Haidvogl ſchüchtern. „Was handgemein! Vor den Schanzen haben ſie ſich geſchlagen. Wie ſollte das Gefecht bis an die Brücke und ins Thor kommen? Und wir müßten ja auch ſchießen hören!“ Haidvogl hätte lieber gar nichts gehört. Ein dumpfes Brauſen von Stimmen lief die Gaſſe herauf. Viele Bürger eilten die Straßen abwärts, nach dem Ort, wo das Ge⸗ räuſch ertönte. „Es iſt ſo eine ſtockfinſtre Nacht“, murmelte Haidvogl, „der Mond ſteht hinter pechſchwarzen Wolken....“ „Ich glaube, ſie erleuchten da unten die Fenſter; es wird ganz hell. Wahrhaftig, ſie rufen ja auch«Licht!»“ antwortete Muntſch und zog Haidvogl vorwärts. Aus dem immer ſtärker anwachſenden Brauſen der Stim⸗ men ließ ſich ganz deutlich der Ruf„Licht ans Fenſter!“ vernehmen. Das Strömen der Bürger, die nach dem Thor zueilten, wurde immer dichter. Fenſter öffneten ſich in allen Häuſern, und Köpfe ſtreckten ſich heraus, um zu ſehen, was es gebe. „Wohinaus ihr?“ fragte ein Mann, der dicht in einen Rellſtab, Drei Jahre. III. 2. 10 218 Mantel gewickelt, eilig aus einer Seitengaſſe kam und die Beiden faſt umrannte. „Spingler, Ihr ſeid es?“ rief Muntſch.„Wir wollen ſchauen, was es drüben gibt.“ „Was es gibt?“ antwortete der alte Brunnenmeiſter. „Die Mannſchaften ziehen herein! Sie werfen ſich in die Stadt. Durchs Fiſcherthor und Schottenthor ſind ſchon die Polen eingeritten und die Regimenter Dieffenbach und Schaumburg. Der ganze tiefe Graben iſt voll Infanterie; das Regiment Verdugo und Boucquoi, dreitauſend Mann ſtark, hat die Walllinie bis hinunter ans Burgthor beſetzt.“ „Aber was ſoll denn das bedeuten?“ fragte Haidvogl ängſtlich. „Sie können ſich nicht mehr länger in den Schanzen hal⸗ ten, gegen Thurn und Redei; ſie werfen ſich in die Stadt.“ „Jeſus Maria! So werden wir wieder beſchoſſen wer⸗ den?“ rief Haidvogl aus. „Es wird wol nicht anders kommen. Der Bethlen Gabor ſoll auch eingetroffen ſein. Sie ſind über hundert⸗ tauſend Mann ſtark jetzt draußen!“. „So ſind wir verloren! Es bleibt kein Stein auf dem andern in Wien!“ rief Haidvogl. „Solange einer auf dem andern liegt“, antwortete Spingler,„will der Kaiſer es vertheidigen, das hat er geſchworen.“ Haidvogl hätte ſich gern mit einer Verwünſchung Luft gemacht über dieſen Entſchuß Kaiſer Ferdinand's, doch er dachte an Schmerl's Schickſal und ſchwieg. Indeß wälzte ſich eine dunkle Maſſe unter dumpfem Brauſen verworrener Stimmen näher. Die Trommeln wurden nicht mehr gerührt, aber man hörte deutlich den dumpfen Schall des Trittes im Takt marſchirender Truppen. 219 Unten in der Straße wurde es hell, denn auf den fort⸗ geſetzten Ruf„Licht, Licht!“ erleuchteten die Bewohner ihre Fenſter. Auch Spingler rief„Licht an die Fenſter“, und alsbald wiederholten viele Stimmen den Ruf, und die Forderung wurde erfüllt, ſodaß die ganze Gaſſe von Lam⸗ penſchimmer erhellt wurde. Der Zuſammenlauf wuchs; die Truppen rückten näher! Es entſtand ſchon wirkliches Drängen. Spingler, Muntſch, Haidvogl traten auf eine Stein⸗ treppe, von der ſie den ankommenden Zug beſſer ſehen konn⸗ ten. Die erleuchteten Fenſter warfen einen hinlänglichen Schimmer auf die Gaſſe, um alles Einzelne, auch die Ge⸗ ſichtszüge in nicht zu großer Ferne zu unterſcheiden. Man ſahe über den finſtren Schwarm einige Reiter⸗ geſtalten emporragen. In der Mitte der Gaſſe marſchirten die Truppen; von beiden Seiten umdrängten ſie die müßig zuſchauenden Bürger. Faſt nur Männer; die Frauen wurden durch die ſtrengere Sitte und die Furcht vor dem Getümmel in den Häuſern zurückgehalten, ſchauten aber doch mit ängſt⸗ licher Begier aus den Fenſtern. Ueberall füllten ſich dieſelben mit Köpfen. „„Es wird Einem ganz ſchauerlich zu Muthe, wenn man die wilden Kriegsleute ſo durch Nacht und Finſterniß anrücken ſieht!“ murmelte Haidvogl. „Und wenn vollends noch gefochten und geſchoſſen würde“, ſetzte Muntſch hinzu.„Kennt Ihr die Reiter, Spingler?“ „Ich kann ſie noch nicht genau genug unterſcheiden. Es müſſen aber ein paar vornehme Offiziere ſein, nach den Federbüſchen zu urtheilen.“ Der Zug kam näher. Es wurden noch mehrere Fenſter gerade in den Häuſern, vor denen die drei Bürger ſtanden, erleuchtet. Dadurch fiel jetzt ein ganz heller Schein auf die Anrückenden. 10 220 „Das iſt der Boucquoi ſelbſt“, ſtieß Spingler Muntſch an,„der hier rechts mit dem weißen Helmbuſch!“ „Er ſieht aus wie ein Eiſenfreſſer!“ flüſterte Haidvogl, der ein Grauen vor jedem lauten Wort bekommen hatte; „jetzt erkenne ich ihn wieder. Ich habe ihn damals, als er zuerſt aus den Niederlanden hier angekommen war, geſehen. Der alte Reubner, der nun ſchon lange verfault, hatte ihn mir gezeigt. Aber wer iſt der neben ihm im grünen Mantel, auf dem Fuchs?“ „Ich kenne ihn nicht!“ ſagte Muntſch. „Es wird der Oberſt Paradeis ſein“, meinte der Brunnenmeiſter. Die beiden Feldherren ritten ſchweigend, ſich ernſt um⸗ ſchauend, die Straße hinauf. „Vergnügt ſieht der auch nicht aus“, ſagte Haidvogl. „Hat ſich auch was vergnügt zu ſein, wenn man das Feld räumen muß“, entgegnete Spingler.„Die Geſichter werden wol noch ernſthafter werden! Wenn Bethlen Gabor ſelbſt erſt angreift.“ „Iſt's wahr“, unterbrach ihn Haidvogl,„daß er Türken und Tataren in ſeiner Armada hat?“ „An die zehntauſend; auch ſchon draußen bei Redei⸗ Ferenz ſtehen welche“, lautete die Antwort,„gräßlich wilde Heiden!“ „Hilf Himmel!“ jammerte Haidvogl.„Wenn die nach Wien hereinkommen— ſie morden und ſchlachten Alles, wie ſie erzählen, Weiber und Kinder!“ „Die Böhmen und Mähren, die Polen und Ungarn, im Kriege machen ſie es Alle nicht anders“, erwiderte der alte Brunnenmeiſter, mit einem beſorgten Blick gen Himmel! „Seht, da ſprengt ein Feldoberſt an der Seite her⸗ unter“, machte Muntſch ſeine Gefährten aufmerkſam und zeigte mit dem Finger dahin,„das iſt— ja wahrhaftig, er iſt es, der Graf Wallenſtein!“ „Wallenſtein!“ wiederholte Spingler.„Das iſt der böhmiſche Herr, der mit ſeinem neuen Küraſſierregiment heut ſo teufelmäßig gefochten hat?“ „Der Nämliche! Ich erkannte ihn gleich an dem ſchwarzen Mantel mit dem Marderpelz und dem ſpaniſchen Hut. Ja, ja er iſt es, jetzt kann man auch das Geſicht erkennen. Er kann nicht durch das Gedränge an der Ecke.— Nun wird Platz, er reitet weiter. Er muß hier ſo dicht an uns vorbei, daß wir ihm den Bügel greifen können.“ Graf Wallenſtein, in den ſchwarzen Sammetmantel gehüllt, ritt einen andaluſiſchen Rappen. Ein ſchwarzer Federbuſch umwallte ſeinen Hut. Seine Miene war noch finſtrer als ſeine Tracht. „Ein Mann wie aus Eiſen gegoſſen; keine Miene ver⸗ zieht er“, ſagte der alte Spingler leiſe zu Muntſch. „Er ſieht aus, als ob er, Gott verzeihe mir's, beim Fürſten der Finſterniß im Dienſt ſtände“, erwiderte dieſer. „Oder wie der Schwarze ſelber“, ſetzte Haidvogl hinzu, und ſtarrte den Grafen mit halb offnem Munde an. Das Gedränge hemmte Wallenſtein's Pferd; es war unmöglich, ſchnell vorwärts zu kommen. Er ritt daher ganz langſam vorüber, ohne einen Blick auf die Menge zu werfen. „Vor dem könnte mir grauen“, hub Haidvogl an und that einen tiefen Athemzug. „Den Böhmen hat auch vor ihm gegraut!“ verſetzte Muntſch.„Schon im Frühjahr, auf dem Rückzug von Mähren, hat er ihnen gezeigt, wer er iſt. Seine Vettern dienen unter den Aufſtändiſchen. Sie wollten ihn auch 222 überreden, aber er hat ihnen ſagen laſſen:«Er wolle ſie mit Prügeln und Ruthen tractiren.)**) „Sie erzählen überhaupt wunderſame Dinge von ihm. Er ſoll“.... Dabei neigte er ſich gegen Spingler's Ohr und flüſterte ihm einige Worte zu. Der Alte fuhr zurück und fragte beſtürzt:„Mit dem Gottſeibeiuns?“ „Jetzt iſt er an Boucquoi heran. Sie reden mitein⸗ ander!“ ſagte Muntſch. „Wie der mit dem Generalfeldmarſchall ſpricht!“ rief Haidvogl nach Art beſchränkter Leute aus, die über die freie Verkehrsweiſe Vornehmer gegen Vornehmere ſtaunen, „als ob er ſein Herzbruder wäre! So mir nichts dir nichts! Wie ich mit Euch rede, Gevatter!“ wandte er ſich zu Muntſch. „Nun, was iſt denn dabei? Er iſt Oberſt!“ „Aber der Boucquoi iſt Generalfeldmarſchall, und denkt einmal ſeine prachtvolle Titulatur. Ich habe ſie bei dem Wappenſtecher am Bauernmarkt geleſen:«Karl Bona⸗ ventura von Longueval, Graf von Boucquoi, das iſt ja doch halb wie der Kaiſer oder Erzherzog!“ „Nun der Wallenſtein oder Waldſtein iſt auch Graf, und ſo reich, daß ſich aus ſeinen Gütern zehn Graſfſchaften machen ließen. Im Titel nehmen ſie einander nichts. Und was das Commando anlangt, wer weiß, wenn Wal⸗ lenſtein es führte, ob ſich unſere Truppen heut nach der Stadt zurückziehen müßten!“ „Jeſus Maria“, ſchrie Haidvogl plötzlich auf, und zu⸗ gleich hörte man einen Kanonenſchuß. Alles wandte die Augen nach der Richtung des Schalls. Da wurde hoch *) Hiſtoriſch. über den Häuſern eine Granate ſichtbar, die mit brennendem Zünder einen flammenden Bogen durch die Luft zog. „Das kommt aus dem böhmiſchen Lager. Sie werfen wieder Feuerkugeln wie im Juni“, ſagte Muntſch und ſtarrte hinauf. „Noch eine! Schon wieder!“ rief Haidvogl erſchreckt. „Man iſt ſeines Lebens nicht mehr ſicher! Joſeph Maria, könnte ich nur nach Haus! Aber wie ſoll man durch das Gedränge kommen?“ Wirklich hatte ſich, ſowie die Schüſſe hörbar wurden, die Straße durch das erſchreckt fortſtür ende Volk in wenig Augenblicken ſo geſtopft, daß ſelbſt die marſchirenden Truppen im Gedränge kaum noch vorwärts konnten. „Ein Glück, daß wir auf dieſer Treppe ſtehen, man könnte ſonſt erdrückt werden“, ſagte Spingler.— Aber ſchon ſuchten auch Andere einen ſichren Platz auf der Treppe. „Heilige Jungfrau, wenn die Kugeln hier herein⸗ ſchlügen!“ jammerte Haidvogl. „Sie fliegen alle dort hinüber nach der Wollzeil zu“, tröſtete Muntſch. Die Soldaten rückten eng aufeinander, Glied auf Glied, und bahnten ſich mit Gewalt einen Weg durch das Volk. Sie theilten Kolbenſtöße rechts und links aus. Geſchrei erhob ſich, die Bürger drängten gegen die Häuſer, ſie ſtürm⸗ ten die Treppe hinauf, wo Haidvogl, Muntſch und Spingler ſtanden. Dieſe wurden gegen die Hausthür und das eiſerne Geländer gepreßt. „Wir werden erdrückt“, ſtöhnte Haidvogl.„Ach wäre ich doch daheimgeblieben.“ Drang und Lärmen wuchſen. Die Soldaten fluchten; die Feldhauptleute brüllten vergebliche Commandoworte; Angſtruf der Weiber erſchallte aus den Fenſtern; doch 224 der Donner der Geſchütze dröhnte übermächtig durch das Getöſe. Das Feuern wurde immer heftiger; die flam⸗ menden Granaten kreuzten in hohen Bogen die Lüfte. „Gnädige Mutter Gottes, ſie ſind dicht vor den Thoren!“ wimmerte Haidvogl.„Das iſt Wiens letzter Tag!“ Muntſch hatte ſich mit ſeinen kräftigen Armen des Ge⸗ dränges einigermaßen zu erwehren gewußt, und dadurch auch für Spingler einen etwas freiern Raum erhalten. Doch gewann auch in ihm die Furcht das Uebergewicht. „Meint Ihr wol, Meiſter Spingler“, fragte er dieſen leiſe,„daß ſie einen Sturm auf die Stadt verſuchen?“ „Ich kann's nicht denken! Die Mauern und Wälle ſind zu feſt“, erwiderte er.„Doch möglich iſt's immer! Wenn die Kaiſerlichen den Muth verloren hätten!“ „So ſtehe uns Gott bei!“ ächzte Haidvogl.„Dann wird es ein Würgen und Gemetzel in den Straßen und in den Häuſern geben, Muntſch!“ „Man muß den Muth nicht verlieren!“ beſchwichtigte Spingler, ohne ſelbſt noch viel Muth zu haben.„Aber freilich, ich glaube es ſteht heut übler mit der Stadt als im verwichenen Juni!“ Haidvogl kreiſchte plötzlich auf:„Ihr erdrückt mich! Hülfe! Hülfe!“ Es kam ein Trupp Reiter durch die Gaſſe, vor dem die Volksmenge ſich durch verdoppelte Eile und Haſt in der Flucht rettete. Alles wollte auf die Treppe, um nicht über⸗ geritten oder unter die Füße getreten zu werden. Auch Muntſch mußte weichen; ſie wurden gegen die Mauer gepreßt, daß ihnen der Athem faſt verging. „Feuer! Feuer!“ ſchallte plötzlich ein heulender Ver⸗ zweiflungsruf mitten durch das Getöſe. „Feuer, Feuer!“ brüllten wiederholend Hunderte von Stimmen. Ein düſterrother Schein flammte über den Dächern, und ein Strom ſprühender Funken wirbelte quer über die Straße. Jetzt überfiel ein ſinnbethörender Schrecken die zwiſchen den Häuſern eingekeilten Maſſen. Mit wildem Geſchrei ſtürmten und drängten ſie vorwärts, als ob Jedem ſchon das Haus über dem Kopf brenne. Die Trommeln wirbelten, Trompeten ſchmetterten, um die Truppen in Ord⸗ nung zu halten, da kein Commandowort mehr gehört wurde. Das Geſchrei übertäubte den Kriegslärmen. Der Funken⸗ regen, der von einem unfern in Brand gerathenen Dach ſtäubte, fiel immer dichter in die enge Gaſſe. Da ſchlug eine Granate mitten in die eingekeilte Menge, hart vor der Treppe nieder. Ein tauſendfacher Angſtſchrei ſchallte durch die Lüfte, die Granate ſprang mit furchtbarem Knall, die Stücke flogen rings in Fenſter und Mauern, daß Alles klirrte und krachte. Muntſch fühlte es wie einen Kolbenſchlag am Kopf, und es ſprühte und ſpritzte ihm heiß ins Geſicht, daß er wie erblindet war. Als er halb wie durch einen Schleier wieder aufſah, that er einen Schrei des Entſetzens. Haidvogl ſtand mit halbem Kopf neben ihm. Ein Stück der Granate hatte ihm den Schädel weggeriſſen, doch im dichten Drang konnte der Körper nicht umſinken. Dreiunddreißigſtes Capitel. „Soeben iſt der Büchſenmeiſter Schweickardt an ſeinen Wunden verſchieden“, berichtete aver dem Grafen Thurn, der, ſchwermüthig den Kopf in die Hand geſtützt, ganz ge⸗ waffnet, vor ſeinem Tiſch im Zelte ſaß. „Iſt er?“ fragte Thurn finſter.„Man könnte ihn be⸗ neiden!“ „Hätten ſie Alle ſeinen Muth gehabt— ich glaube wir ſäßen jetzt in Wien!“ ſagte Xaver mit tiefer Theil⸗ nahme. „Nein, nein, Xaver, ſo leicht wäre es uns nicht ge⸗ worden! Schweickardt war muthig, aber ſein Unternehmen ein Vorwitz. Er hat ſeine wenigen leichten Mörſer nur preisgegeben. Mit Erfolg war nichts zu unternehmen. Wegen etlicher Bomben, die ein paar Dächer einſchlagen, ergibt ſich eine Feſtung wie Wien nicht! Ja, wenn die Beſchießung ſogleich hätte allgemein werden können!“ „Die Beſtürzung in der Stadt ſoll doch ſehr groß ge⸗ weſen ſein!“ erwiderte Xaver beſcheiden. „Im erſten Augenblick. Ein zufälliges Straßengedränge, kein Kriegsereigniß! Boucquoi verſteht das Handwerk auch. Durch etliche Schreckſchüſſe wird er nicht außer Faſſung ge⸗ bracht, und mehr war nicht möglich! Das ganze Bombarde⸗ ment hat zehn Minuten gedauert. Das iſt nicht anders, als ob einige Scharfſchützen aus dem Buſch auf eine Co⸗ lonne gefeuert hätten. Von Dergleichen iſt gar nicht die Rede in Kriegsberichten.“ — 227 Xaver ſchwieg; doch er war der Meinung, daß Schweickardt's That, der ſich in der Nacht, wo ſich die Kaiſerlichen zurückgezogen, mit ſechs leichten Mörſern bis hart an die Stadt vorgewagt und ſie zu bewerfen ange⸗ fangen hatte, mehr werth geweſen ſei als einige Büchſen⸗ ſchüſſe aus dem Hinterhalt. Wenn die Maſſen nachgeeilt wären, wenn man raſch das ſchwere Geſchütz herangeſchafft, einen Sturm gewagt hätte,— es war nicht unmöglich, daß Wien durch einen Handſtreich fiel bei dem ſtarken Bundes⸗ genoſſen, den man in der Bürgerſchaft hatte. Taver gewahrte richtig; Thurn wollte ſich ſelbſt überreden, es ſei nicht wahr, daß dieſes äußerſte Ziel des Ruhmes und des Sieges ihm zum zweiten mal ſo nahe geweſen und doch ent⸗ rückt ſei! „Du ſollſt mich zum Fürſten von Siebenbürgen be⸗ gleiten“, ſagte er abbrechend zu Xaver.„Biſt du zu Pferd hier?“ „Nein, Herr Graf!“ „So reite eins von meinen Pferden; ſie werden ſchon geſattelt.“ Xaver verbeugte ſich. Thurn ſtand auf und ging einigemal im Zelte auf und nieder; man ſah ihm an, daß er eine ſtarke innere Bewe⸗ gung bekämpfte. Xaver beobachtete ihn ſchweigend. „Der Schweickardt“, begann der Graf nach einiger Zeit mit mildem Ton,„war ein braver Soldat und verſtand ſein Handwerk gut! Sein Tod geht mir nahe. Iſt er dem Großzeugmeiſter ſchon gemeldet?“ „Der Conſtabler Baduczek hat die Meldung über⸗ nommen.“ „Wie ſtarb er?“ 228 „Mit vollem Bewußtſein, männlich gefaßt, ganz ſeiner Weiſe getreu“, antwortete Xaver.„Es war rührend, Herr Graf“, fuhr er fort.„Er hatte lange bewußtlos gelegen, wir dachten ſchon, er werde leicht einſchlafen. Da öffnete er noch einmal die Augen, ſah uns herzlich und freundlich an und ſagte, indem er auf die Stümpfe ſeiner beiden abge⸗ nommenen Füße zeigte:„Das Stück iſt demontirt, die Laffette in Splitter, die Seele ausgeſchoſſen! Ich habe manchen gutgezielten Schuß gethan, der manches Lebens⸗ licht ausgeblaſen hat; nun iſt die Reihe an mir.“— Ich redete ihm freundlich zu. Doch er ſchüttelte den Kopf und ſagte matt: Mein Zündlicht iſt ausgebrannt!) Dann faßte er meine Hand, und jetzt trat ihm eine Thräne ins Auge....“ „Nun?“ fragte Thurn, da Xaver, ſelbſt bewegt, inne hielt. „«Ich habe zwei Söhnchen in Prag', ſagte er zu mir, cſie ſind nun Waiſen! Nehmt Euch ihrer an!““ „Das wollen wir, bei Gott!“ ſagte Thurn. „Ich verſprach's ihm auch.«Sagt ihnen», fuhr er mit immer leiſerer Stimme fort, aſie ſollen meine Kunſt ler⸗ nen,— ſie gibt ein wackres Leben und— einen wackren Tod!» Er drückte mir leiſe die Hand, das Kinn ſank ihm auf die Bruſt— er war todt!“ In Xaver's Auge ſchimmerte es naß; Thurn blickte ernſt auf den Boden. Draußen vor dem Zelte ſchnaubten die eben vorgeführten Pferde. „Wir wollen aufſitzen“, ſagte Thurn feſt, zog die Hand⸗ ſchuhe an, ſetzte den Hut auf und ging hinaus. „Dein Pferd wird der Hauptmann Nechodom reiten, Konrad“, beſtimmte Thurn;„ſattle dir Guglielmo's, folge uns und erwarte uns am Zelt des Oberſten Redei⸗Ferenz.“ — Thurn und Xaver ſtiegen zu Pferd. Es war gegen drei Uhr Nachmittags. Den Himmel verhüllte ſchwarzes Gewölk; der Sturm fegte über die halb überſchneiten, halb in Moraſt verwandelten Felder. Feuchter Schnee ſtöberte herab. Wien lag in dunklen Umriſſen im Nebel vor ihnen; der Stephansthurm ragte düſter über die Dächer und andern Thürme empor. „Zum zweiten mal ſo nahe am Ziel—“, dachte Thurn, „und vielleicht ferner davon als je zuvor!“ Sie ritten die Zeltreihen hinunter. Die Krieger bargen ſich vor dem rauhen Wetter unter den halb zerriſſenen Lin⸗ nendächern, oder in Hütten von Tannenzweigen aufgeſchla⸗ gen. Viele hatten ſich Höhlungen in den Boden gegraben und ſie mit Geſträuch und Erde überdeckt. Feuer brannten in langen Reihen mit dick qualmendem Rauch, weil die Näſſe und der Sturm das Brennen hinderten. In zer⸗ lumpten Mänteln umlagerten die Soldaten dieſe Feuer⸗ ſtellen, da ihnen die Flammen am Tage wenigſtens doch noch eine wohlthätigere Erwärmung boten als die Zelte oder Hütten. Das Lager gewährte einen düſtren Anblick. Thurn ritt ſchweigend durch die Reihen; ein Theil der Gelagerten erhob ſich bei ſeiner Annäherung und begrüßte ihn, doch nicht mit freudigem Zuruf, ſondern mit finſtren Blicken; ein andrer Theil blieb, in die Mäntel gewickelt, zuſammengekauert am Boden liegen; aus den bleichen Zügen der Meiſten ſprach Hunger und Krankheit. „Die Noth wächſt mit jedem Tage!“ ſagte Thurn zu Xaver, die Feuerſtellen überſchauend.„Ich ſehe das Fieber in den blaſſen Geſichtern!“ „Die ſchlechte Nahrung, der Hunger ſelbſt, die Näſſe und der Froſt entkräften freilich jetzt auch ſchon die Stärk⸗ 8 8 230 ſten“, antwortete Xaver.„Ueber Nacht ſind ſie ein Raub des Todes. Dort hinten die Hügelreihe iſt ganz mit Leichen bedeckt.“ „Und unbegraben!“ „Der harte Erdboden macht es zu ſchwer“, antwortete Taver⸗ „Boucquoi's Kugeln haben uns nicht halb ſoviel Leute genommen als dieſe letzten Lagertage!“ „Das Gefährlichſte ſcheint mir, daß ſo viele Pferde geſchlachtet werden; die erſchoſſenen ſind längſt verzehrt.“ „Wenn auch heut Bethlen Gabor ſich nicht zu einem allgemeinen Angriff entſchließt“, ſprach Thurn nach einigen Augenblicken,„ſo weiß ich nicht, wie ich die Leute länger in Zucht und Ordnung beiſammenhalten ſoll.“ „Träfe nur die Löhnung richtig ein!“ bemerkte Xaver. „Ja! Geld aus Prag erwarten!“ rief Thurn bitter. „Hätten die Bürger Prags mir nur die funzigtauſend Gul⸗ den geſchickt, die ſie für thörichte Pracht beim Einzuge des Königs aufgewendet! Vergeblich habe ich an die Directoren und jetzt an den König geſchrieben! Die Feſtlichkeiten am Hofe ſind zu theuer! Es bleibt kein Geld übrig für den hungernden und zerlumpten Kriegsmann!“ Während die beiden Reiter ſich ſo beſprachen, ſprengte ein dritter von ſeitwärts über das Feld her auf ſie zu. „Iſt das nicht Oberſt Berka's Schecken?“ fragte Thurn. „Ich denke, ja.“ „Er ſucht uns auf; wir wollen es ihm erleichtern.“ Thurn ſetzte ſein Pferd in Galopp, dem Freunde ent⸗ gegen. „Gott grüß' Euch, Thurn!“ rief der Oberſt ihm von weitem zu.„Ihr wollt zu der Beſprechung mit Bethlen Gabor?“. „Ja. Ihr wißt davon?“ „Ich wollte, ich wüßte nichts!“ entgegnete der ſtets Unglück weiſſagende und Alles ſcharf erſpähende Berka. „Redei⸗Ferenz iſt ſchon ſeit einer Stunde bei ihm. Es ſind ſchlechte Nachrichten aus Ungarn eingelaufen. Der Judex curiae Hammonai hat Bethlen Gabor's erſten Feld⸗ oberſten, den Rakoczy, aufs Haupt geſchlagen!“ „Was!“ rief Thurn auffahrend.„Das fehlte auch noch, um Bethlen wankelmüthig zu machen!“ „Es iſt noch nicht Alles! Geſtern den ganzen Abend ſteckte ein Unterhändler aus Wien bei ihm. Er iſt ſpät in der Nacht mit des Fürſten Geleit zurückgeritten. Ich müßte mich ſehr irren, aber dieſer eine Mann iſt uns gefähr⸗ licher geweſen als die verlorene Schlacht Rakoczy's!“ „Wißt Ihr, wer es war?“ „Nein; aber ich vermuthe, es iſt Einer, der ſchon oft hin⸗ und hergeritten iſt zwiſchen Wien und Bethlen's Nacht⸗ quartieren. Thurn, Thurn! ich ſage Euch, Bethlen Gabor baut die Brücke nicht, über die wir in Wien einrücken! Seit dem Tage, wo Kurfürſt Friedrich die Krone Böhmens mit Sicherheit ſein nennen durfte, ſeit dem 26. Auguſt, hatte Böhmen keinen Bundesgenoſſen in ihm, den es mit Sicherheit ſein nennen durfte!“ „Und doch haben ſeine Abgeſandten, Chriſtoph Erchödy und Steffen Cußlai von Coloswar, in Prag den König beglückwünſcht, haben der Krönung beigewohnt....“ „Wem komme ich ſicherer unvermuthet bei“, unterbrach Berka ihn bitter,„Dem, dem ich freundlich entgegengehe, oder Dem, dem ich von weitem drohe? Lehrt mich Beth⸗ len Gabor nicht kennen!“ „Nein, Oberſt Berka, Ihr irrt! Auch das Bündniß zwiſchen Böhmen, Mähren, Schleſien, der Lauſitz, Ungarn 232 und Siebenbürgen haben die Abgeſandten aufs eifrigſte be⸗ trieben!“ „Und wenn es abgeſchloſſen wäre— ich glaubte nicht daran!“ „Budowecz, Jeſſenius, ſie haben es mir Beide amtlich geſchrieben“, wandte Thurn lebhaft ein. „Jeſſenius, freilich“, lachte Berka bitter,„der muß es wiſſen! Er hat ja ſtets die Unterhandlungen mit Ungarn und Siebenbürgen geführt und— war immer ange⸗ führt!“ „Nein, Berka! Diesmal iſt Eure Beſorgniß ungegrün⸗ det. Das Bündniß wäre algeſchloſſen, wenn die Directoren noch freie Hand gehabt hätten. Allein der König war ſchon gewählt und ſie wollten nicht ohne ihn handeln. Aber Friedrich wird Abgeſandte nach Presburg zum Reichstage ſchicken....“ „Zum Reichstage!“ rief Berka; ein ſcharfer Windſtoß verwehte ſeine Worte. „Er will nur zuvor nach Nürnberg zu der Beſprechung mit den Fürſten der Union!“ Der Wind pfiff den Reitern wiederum ſcharf ins Ge⸗ ſicht, ſodaß ſie kaum ſprechen konnten. „Seht doch“, ſpottete Berka,„wie der Wind mit Reichs⸗ tag und Union ſpielt und die Beſchlüſſe verweht! Wollte Gott, Thurn, daß er Euch gute Beſchlüſſe von dort zu⸗ wehen möge!“ Er zeigte mit der Hand über das Feld nach einem einzelnen Hauſe, wo Bethlen Gabor ſein Quartier genommen hatte.„Reitet nur hinüber! Ich eile zurück und laſſe meine Pferde abfüttern, wenn ich noch ein Maß Gerſte oder Hafer für ſie auftreiben kann, damit ſie einen tüchtigen Marſch aushalten.“— Unmuthig wandte er ſei⸗ nen Schecken und ritt ins böhmiſche Lager zurück. 233 „Wir wollen uns beeilen“, ſagte Thurn zu Xaver und ritt ſchärfer. Sie ſprengten durch Schnee und Moraſt querfeldein, um den Weg abzukürzen. In einer Senkung kamen ſie an einer Menge unordentlich übereinander geworfener Leichen vorbei; alle nackt— ein Anblick des Schauders! Dazwiſchen lagen die greulichen Cadaver gefallener oder geſchlachteter Pferde; das Eingeweide auf dem Boden verſtreut, das Fleiſch von den Knochen gelöſt, daß die nackten Gerippe hervorſtarrten; nur die Köpfe waren unverſehrt geblieben. „Das iſt jetzt die Hauptnahrung“, ſprach Xaver und deutete auf eins der Gerippe. Thurn erwiderte nichts. Sie erreichten das Zelt des Oberſten Redei⸗Ferenz, wo Konrad ihrer wartete.„Der Oberſt iſt ſchon beim Fürſten“, meldete dieſer. Sie ſprengten weiter. Der Wind hatte hier den Schnee in den tiefen Schluchten zuſammengeweht. Die Pferde ſanken oft bis an die Knie ein. Dichte Schwärme von Raben, die ſie von den Leich⸗ namen der Menſchen und Pferde aufgeſcheucht hatten, flat⸗ terten jetzt wieder zurück über ihre Häupter hin. „Unglücksvögel!“ murmelte Thurn. Sie mußten durch ein kleines dichtes Tannengebüſch reiten. Jenſeit deſſelben ſchallte ihnen wildes Geheul ent⸗ gegen. Es kam aus einer Lagerſtätte von Tataren, die, von einem Ausritt nach Beute und Lebensmitteln zurückge⸗ kehrt, einige Gefangene mitgebracht hatten. Sie hatten einen Kreis um die Unglücklichen geſchloſſen und ſtimmten einen wilden Todtengeſang an, weil ſie ſie opfern wollten. Einer ihrer Prieſter mit lang herabflatterndem, ſchwarzem Haar ſtand, in einen weiten grauen Talar gehüllt, inmitten des 234 Kreiſes und ſchwang das Opferbeil. Vor einem breiten Opferſtein knieten die Gefangenen, drei Männer, eine Frau und zwei Kinder, mit gefaltenen Händen. Thurn ſchauerte zuſammen! Er ſah kein Mittel, ſie zu retten. Selbſt Bethlen Gabor's Gebot hätte nichts vermocht gegen die Ausführung dieſer grauenvollen That, die der Prieſter befohlen hatte. Doch Xaver meinte:„Gold bewirkt Alles bei dieſen hab⸗ gierigen Hunden. Laßt es uns verſuchen, Herr Graf!“ Thurn zog ſeine ſchwergefüllte Börſe, ſprengte mit Xaver an den Kreis und ſchwenkte ſeinen Federhut, zum Zeichen, daß ſie inne halten möchten. Sie erkannten in ihm den Feld⸗ herrn und beugten ſich ehrfurchtsvoll. Xaver wußte ſie durch Zeichen zu bedeuten; am verſtändlichſten war ihnen das blinkende Gold, und nach einigen Minuten hatte Thurn die Freude, die Gefangenen losgebunden und ihm übergeben zu ſehen. Sie warfen ſich dankend auf die Knie vor ihrem Retter; es war eine deutſche Familie, Vater, Mutter, zwei erwachſene Söhne und zwei kleine Mädchen. Der Prieſter legte zum Zeichen ſeiner Einwilligung das Beil vor dem Opferſteine nieder; die Häuptlinge gaben Thurn ihren Hand⸗ ſchlag. Konrad erhielt den Auftrag, die Geretteten zurück in das böhmiſche Lager zu geleiten. „Möchte uns das ein gutes Zeichen ſein!“ ſprach Thurn. Jetzt waren ſie der Wohnung Bethlen Gabor's nahe. Er hatte ſie in dem einzigen Hauſe, das von einem halb niedergebrannten, halb niedergeriſſenen Dorfe übrig geblie⸗ ben war, aufgeſchlagen. Ringsum in geordneten Reihen lagerten die Schaaren ſeiner Leibwache zu Pferde. Als Thurn, den ſie als Oberfeldherrn erkannten, in die Zelt⸗ 8 23⁵ reihen einritt, erhoben ſich Alle, die am Feuer lagen, und grüßten ihn mit Ehrfurcht. „Sie haben mehr Achtung vor mir als meine Böhmen“, ſagte er.„Das macht“, fuhr er fort,„der Fürſt übt eine grauſame Strenge. Schwer Schuldige läßt er, wie die Führer der alten Gallier, langſam und martervoll durch Feuer tödten. Minder ſchwere Vergehen beſtraft er mit Abſchneiden der Ohren, der Naſe, Ausſtechen eines Auges oder gar beider!“ Sie hielten jetzt an dem Hauſe, vor welchem zwei Schildwachen ſtanden. Aus dem Innern ſprangen ihnen mehrere Diener entgegen, die ihnen die Pferde abnahmen. „Erwarte mich hier unten, Xaver!“ gebot Thurn.„Ich werde dich, ſobald wir die Beſchlüſſe gefaßt haben, mit mündlichen Aufträgen an die Feldoberſten ſenden. Ich be⸗ durfte eines ſo gewandten und treuen Boten, als du biſt. Denn zu ſchriftlichen Ausfertigungen iſt hier nicht Zeit.“ Er ging die Treppe hinauf zu dem Fürſten, der im obern Stockwerk ſein Zimmer hatte; es war das Gerichts⸗ haus des zerſtörten Dorfes, das einzig zur Wohnung taug⸗ lich gebliebene, mit ganz anſehnlichen Räumen. Xaver blieb unten in der Hausflur, wo die Wachtpoſten ſtanden. Sein Herz ſchlug unruhevoll, in der äußerſten Spannung. Denn in dieſer Stunde entſchied ſich droben das Schickſal Böhmens,— mehr! das des ganzen Deutſch⸗ land, des halben Europa! Draußen begann es zu dunkeln. Es war kälter ge⸗ worden. Der fallende Schnee blieb auf dem Boden liegen; bald bedeckte ſein weißes Leichentuch die ganze ſichtbare Landſchaft. Eine weite Ebene, von wenigen Hügeln unter⸗ brochen, geſäumt von langen ſchwarzen Linien der Wälder; in der Ferne, dann und wann zwiſchen dem Gewölk in 236 dunklen Umriſſen durchſchimmernd, die Vorgebirge der Kar⸗ paten, die Berge an der Donau. Schweres Gewölk lagerte ſich rings über den Himmel. Die Raben zogen mit heiſe⸗ rem Krächzen unter den grauen Wolken dahin. Rings⸗ her loderten düſtre Feuer mit wirbelnden Rauchſäulen auf. Je tiefer ſich das Dunkel auf die Erde ſenkte, je ſchärfer leuchteten die rothen Flammen auf der Schneedecke. Ueber eine Stunde harrte Yaver. Es war jetzt völlig Nacht. Zuweilen hörte er in einzelnen abgeriſſenen Lauten das Geräuſch lebhaft Sprechender. Jetzt öffnete ſich eine Thür; raſche Tritte und klirrende Sporen ließen ſich ver⸗ nehmen. Thurn, und hinter ihm Redei⸗Ferenz, kamen die Stufen herunter. Xaver's Herz ſchlug, daß es ihm faſt die Bruſt zerſprengte. Beim Scheine des in der Eingangs⸗ halle lodernden Feuers beobachtete er Thurn's Geſichtszüge. Er ſah finſtrer aus als die Nacht draußen. Er winkte Xaver nur ſtumm und ſchritt vor die Thür. Beide ſaßen ſchwei⸗ gend auf. „Gute Nacht, Oberſt“, ſprach Thurn zu Redei⸗Ferenz, der einigen Offizieren, die ihn erwarteten, noch Befehle gab. „Lebt wohl, Graf Thurn“, antwortete dieſer. Lebt wohl! Das klang ſeltſam in Xaver's Ohr. Er blickte Thurn an, doch dieſer blieb ſtumm. Sie ritten ſchweigend nebeneinander her, durch die Gaſ⸗ ſen des verwüſteten Dorfes zwiſchen den Feuern, Zelten und Hütten der Gelagerten. Auf einer Anhöhe, die den Ueber⸗ blick der Gegend geſtattete, hielt Thurn und ſchaute ſich um. Eben trat der Mond zwiſchen zwei ſchwarzen Wolken hallbd umſchleiert hervor und warf ſein bleiches Licht über das mit Feuerpunkten beſäete Lagerfeld. „Der Mond hier links? So müſſen wir rechts reiten! Gerade auf die alte Fichte zu; dort lagert unſer erſter Vor⸗ poſten.“ Mit dieſen Worten ſetzte Thurn ſein Pferd in Galopp. Kaver wagte keine Frage. In einigen Minuten hatten ſie, ſcharf gegen den Nord⸗ wind zureitend, die Anhöhe mit der Fichte erreicht, die aus düſtrer Umbüſchung emporragte. Hier hielt Thurn.„Xaver“, ſagte er mit tiefbewegtem Ton, indem er die Hand auf die Schulter ſeines jungen Freundes legte,„Oberſt Berka hat in Allem Recht gehabt! In zwei Stunden brechen wir auf— nach Böhmen.“ „Nach Böhmen!“ rief Xaver faſt erſtarrt—„Und Wien.... „Iſt zum zweiten mal gerettet!—— Auch Beth⸗ len Gabor geht zurück nach Ungarn. Die Morgen⸗ ſonne ſieht zwei verlaſſene Lager. Unſere Leute ſollen ſich nicht noch eine eiſige Nacht hindurch quälen. Der Nachtmarſch ſpart uns viele Opfer. Die Erlöſung von dieſem Elende war nur in Wien oder in Böhmen zu finden. Wir ſuchen ſie in Böhmen!“ „In Böhmen!“ wiederholte Xaver. „Reite zum Großzeugmeiſter, zu Oberſt Berka, Oberſt Hollach, Bubna, und bring' ihnen den Beſcheid, und den Befehl zum Aufbruch um Mitternacht. Fürſt Bethlen Gabor erklärt, er kann das Feld nicht länger halten; wir allein können es auch nicht. Reite rechts am Hügelſaum hinunter, dort liegt zuerſt Bubna mit ſeinen Reitern. Ich reite durch dies Gebüſch gerade nach meinem Zelt. Dort ſehen wir uns um Mitternacht wieder. Leb' wohl!“ Xaver folgte dem Befehl. Thurn war allein. Noch einmal überſchaute er das ganze weite Rund der Lager⸗ feuer rings umher. „Sechzigtauſend Kämpfer lagern hier,— keine Stunde weit ſind die Thore Wiens,— viele Tauſend befreundete Arme würden ſich für uns waffnen in der Hauptſtadt Fer⸗ dinand's,— ſie bleibt uns verſchloſſen, wir verlaſſen ſie!— Wohlan denn! Es ſei!“ Er wandte ſein Pferd. Der Vollmond ſtrahlte jetzt hell zwiſchen den Gewölken hindurch auf die ſchwarzen Fichten⸗ büſche. Er ritt darauf zu. Sein Pferd ſcheute; er ſpornte es. Es ſcheute abermals; es ſchnob aus den Nüſtern, die Mähne flatterte zurück. Er brauchte die Sporen ſtärker; es ſtieg bäumend hoch auf. In dieſem Augenblicke erhob ſich eine Geſtalt im ſchwar⸗ zen weiten Mantel, die am Rande des Gebüſches vor einem ſteinernen Crucifix gekniet hatte, welches Thurn erſt jetzt gewahr wurde, da der Mond den weißlichen Stein hell beſchien. Die Geſtalt— es ſchien ein alter Mönch mit kahler Scheitel und weißem langen Bart— wandte ſich zu ihm um. Der volle Mond ſchien ihm ins Antlitz. Ein ſeltſames Grauen ſchlich durch die Bruſt des kriegsmuthigen Mannes. Es dünkte ihn, die Züge des Traumbildes dieſer Nacht zu ſehen. Sein Pferd war wie in den Schnee gewurzelt, mit den Vorderfüßen angeſtemmt, den Leib und Hals zurück⸗ ziehend. „Wer biſt du?“ ſprach Thurn, ſich ermannend. „Wir haben uns ſchon geſehen, Graf Thurn“, ſagte der Greis langſam,„und wir ſehen uns wieder!“ Er beugte ſein Haupt, kreuzte die Arme über der Bruſt, wandte ſich und verſchwand im Gebüſch. Das Wort erſtarb auf Thurn's Lippe; er wollte nach, ſpornte das Pferd gewaltſam; es bäumte ſich dreimal ſcheu hoch auf. Endlich gehorchte es dem Reiter. Er ſprengte ins Gebüſch; es war zu dicht, um durchzudringen. Er um⸗ ritt es mit wenigen Galoppſprüngen. 239 Jenſeits freies, beſchneites Feld; in deſſen Mitte eine einſame, rieſige Fichte. Von der Mönchsgeſtalt keine Spur; auch der Schnee von keinem Fuß berührt. Es durchſchauerte ihn. G Mit verhängtem Zügel jagte er vorwärts; bald erreichte er ſein Zelt. Um Mitternacht brach das Heer auf.— Wien war ge⸗ rettet,— Thurn ſah es niemals wieder! Fünfundzwanzigſtes Buch. — Rellſtab, Drei Jahre. III. 2 Vierunddreißigſtes Capitel. Die Räthe Ludwig Camerarius und Leander Rip⸗ pell harrten nebſt dem Hofprediger Abraham Scultetus im Empfangszimmer des Königs Friedrich von Böhmen auf dem Hradſchin. Der König war Tags zuvor mit Ca⸗ merarius aus Nürnberg zurückgekehrt, wo die Fürſten der proteſtantiſchen Union nebſt den Vertretern der proteſtanti⸗ ſchen Städte verſammelt geweſen waren, um die Angelegen⸗ heiten Friedrich's und ihre gemeinſamen zu berathen, und woſelbſt Friedrich, unterſtützt von einem Abgeſandten ſeines Schwiegervaters, König Jakob's des Erſten von England, Alles in Bewegung ſetzte, um die proteſtantiſchen Kräfte Deutſchlands für ſeine Sache in Bewegung zu ſetzen. Die Nachrichten, welche über dieſe Verſammlung nach Prag gekommen, waren nicht die günſtigſten geweſen. Scultetus war daher eifrig mit Camerarius im Ge⸗ ſpräch darüber. Rippell in ſeiner redlichen Treue für Fried⸗ rich hörte mit tief erregter Theilnahme an, was Camerarius berichtete. „Meines Bedünkens“, ſagte dieſer,„wollten ſie Alle vor⸗ züglich ihre eigene Ruhe und Sicherheit. Für das Ganze möchte Niemand recht die Hand ans Schwert legen! 11* 244 „Der Krieg iſt allerdings ein ſchweres Unheil“, ſagte Rippell halb vor ſich hin. Doch Scultetus brach in Eifer aus:„O, die mit Blind⸗ heit Geſchlagenen! Sehen ſie denn nicht, daß der römiſche Erzfeind ſeine Tücke gegen ſie Alle richtet! Daß ſie jetzt die Gelegenheit ergreifen müſſen, ſeiner Malochäherrſchaſt ein Ende zu machen?“ „Es wurde ihnen ſo warm und klar als möglich dar⸗ gelegte“ fuhr Camerarius fort,„daß unſeres Herrn Sache auch die ihrige ſei! Daß, wenn ſie ſich auch durch Theil⸗ nahmloſigkeit heut Ruhe bewahrten, morgen die Reihe des Kampfes an ſie und deſto gefährlicher kommen werde. Allein zum Angriff zu ſchreiten hatte Niemand Luſt, nur zur Ver⸗ theidigung wollten ſie ſich rüſten, wenn der Krieg ins Reich geſpielt werde. Vorzugsweiſe die Städte und Kurſachſen waren dieſer Anſicht.“ „O, das treuloſe Sachſen!“ rief Scultetus aus.„Aber ich weiß wohl, wer dort die Drachenſaat ſtreut! Das iſt das Gift des ſtarren Lutherthums, das ich faſt noch mehr ſcheue und verabſcheue als den römiſchen Antichriſt ſelbſt! Das iſt der unſaubere Geiſt des Apoſtels der Finſterniß, dieſes lutheriſchen Zeloten, Hoe von Hohenegg, der den Kurfürſten Herrn Georgen ganz in ſeinen Banden gefangen hält. Hat er doch in ſeinem frevlen Muthe ausgerufen: «Es ſei ein Greuel, daß ein ſo herrliches Land wie Böh⸗ men dem Calvinismus in den Rachen geworfen werde, gleichwie dem Baalsgötzen!»“*) „Der Kurfürſt von Sachſen iſt unſerem allergnädigſten Herrn allerdings nicht ſehr gewogen“, bemerkte Rippell kopf⸗ ſchüliennd. ,0 daß der geiſtliche Uebereifer ſo großen Scha⸗ *) Hiſtoriſch. — —y 1 245 den ſtiftet und den Frieden ſtört, ſtatt ihn zu befeſtigen!“ ſetzte er mit einem unzweideutigen Blick auf Scultetus hinzu. Dieſer aber nahm ihn nicht wahr in ſeinem neu entzündeten heiligen Zorn, oder wollte ihn nicht wahrnehmen. „Ja wohl“, rief er faſt lauter, als es ſich in einem Zimmer des Palaſtes geziemte,„dieſer Eifer der Baals⸗ prieſter, der Götzendiener iſt fluchwürdig zu nennen!— Ach, der wahre, gereinigte Glaube wird noch lange kämpfen müſſen gegen die alten Erbſünden, die ſich von Vätern auf Söhne vererben! Auch in dieſem Lande, welche harte Ar⸗ beit haben wir gegen die alten böſen Wurzeln des römi⸗ ſchen Antichriſtenthums!“ „Ich denke, hochwürdiger Herr“, ſagte Rippell,„was von dieſen alten Wurzeln keinen Lebenstrieb mehr hat, wird bald von ſelbſt verweſen. Wenn man zu wild ausrodet, zerſtört man leicht manches gute Gewächs ringsum!“ „Nimmermehr, nimmermehr, mein theurer Freund Rip⸗ pell! Der Same des Unkrauts wuchert immer neu, wenn er nicht unabläſſig mit Schaufel und Hacke, ja mit Feuer vertilgt wird! Es iſt ſelbſt beſſer, daß der Weizen zugleich mit dem giftigen Unkraut vertilgt werde, damit doch in künftigen Jahren der Acker reine Frucht trage! So denkt auch unſere hochverehrte, allergnädigſte Königin! In ihrem reinen Herzen iſt ſie voller Gewiſſenſcrupel über das kirch⸗ liche Unweſen, das annoch in dieſem Lande herrſcht, und was ſie und ich vermögen auf unſeren gnädigſten Herrn, das ſoll geſchehen, um es mit allen Wurzeln auszurotten!“ „Der König“, rief Camerarius leiſe. König Friedrich trat ein.„Seid mir gegrüßt, werthe Herren“, ſprach er mit gütigem Ton, doch mit nicht ſehr heiterer Miene. Er ging zuerſt auf Scultetus zu und reichte ihm die Hand.„Ich freue mich, Euch wiederzuſehen, ehr⸗ 2 — 46 würdiger Herr; ich habe mich ſchon nach Eurem Rath und Beiſtand geſehnt.“ Scultetus beugte ſich zum Kuß auf Friedrich's Hand und ſprach:„Heil meinem gnädigſten König, Heil dem Haupt⸗ pfeiler der chriſtlichen Kirche, der, ein zweiter Carolus Magnus, berufen iſt, Ungläubige und Abtrünnige zu bekehren.“ Scultetus' Begrüßung ließ den König nur zu einem leichten„Guten Morgen“ für den redlichen Rippell kommen. Da viele Acten auf dem Arbeitstiſch lagen, fragte er zu ihm und Camerarius gewandt:„Es wird wol Vieles vorzutragen ſein?“ Die Räthe bejahten es. „Das wird lange Zeit koſten“, ſagte Friedrich etwas verdrießlich.„Herr Hofprediger, die Königin verlangt nach Euch. Tretet inzwiſchen zu Ihrer Majeſtät ein; ich werde ſobald als möglich nachkommen.“ Scultetus ging durch die Thür, aus welcher der König. gekommen war, nach den Wohngemächern der Königin Eli⸗ ſabeth hinüber. „Nun, Camerarius? Ihr habt ſchon ſo viel vorge⸗ funden?“ fragte Friedrich und deutete auf die Acctenſtöße. „Ich nicht, Majeſtät! Es ſind faſt Alles Vortrags⸗ ſachen des Raths Rippell.“ „Nur das Wichtigſte, was während Ew. Majeſtät Ab⸗ weſenheit....“, begann Rippell. — „So laßt es heut beim Wichtigſten unter dem Wichtig ſten bewenden! Ich habe nicht viel Zeit!“ Rippell bekämpfte ſeine Trauer über des Königs Un⸗„ geduld in oft ſo überaus wichtigen Geſchäften.„Es ſind hauptſächlich Bitt⸗ und Beſchwerdeſchriften eingegangen“, begann er. „Beſchwerden und immer Beſchwerden? Und worüber?“ 247 fragte Friedrich unangenehm berührt.„Läßt ſich das nicht in der Kanzlei ohne weiteres abthun?“ „Ich halte es für Pflicht, Ew. Majeſtät ſelbſt gewiſſen⸗ haft die Beweiſe darzulegen, daß die Stimmung in dieſem Lande während Ew. Majeſtät Abweſenheit ſich nicht ſehr günſtig gezeigt hat.“ „Stimmung und immer Stimmung! Wie kann ich auch darauf Rückſicht nehmen“, rief der König verdrießlich.„Und wie kann man wiſſen, was wirklich die Stimmung iſt? Ein⸗ zelne klagen ſtets. Wenn in Böhmen eine ſchlechte Mei⸗ nung herrſcht, ſo iſt das ſchlechte Kriegsglück Thurn's die Haupturſache. Und da hat das Volk nicht Unrecht. Ich habe aber ſchon geſtern Abend von dem Fürſten von An⸗ halt genug über dieſe ſchlechte Stimmung gehört.“ „Was ich Ew. Majeſtät zu berichten hätte, gehört nicht dahin“, wandte Rippell ein. „Und das wäre? Ein wenig raſch, lieber Rippell.“ Der Rath überwand den Eindruck von Schmerz und Sorge, welchen ihm dieſe Worte machen mußten, und ſagte, indem er ein Actenſtück in die Hand nahm:„Dieſe Schrift⸗ ſtücke hier enthalten ſämmtlich dringende Bitten und Vor⸗ ſtellungen, auch herbe Klagen, wie ich pflichtmäßig ſagen muß, über Beſchränkungen und Kränkungen in Glaubens⸗ ſachen!“ „Wie, Rippell? Das können wol nur unſere Feinde, die Römiſch⸗Katholiſchen ſein, die aus verleumderiſchen Ab⸗ ſichten ſolche Klagen erheben!“ rief der König unmuthig. „Geruhen Ew. Majeſtät zu verzeihen, es ſind auch viele Andere; Utraquiſten, Evangeliſche. Ich darf es Ew. Majeſtät nicht verſchweigen, die Böhmen finden ſich in der Ausübung ihres Glaubens beſchränkt, verletzt.... es iſt das eine ganz allgemeine Klage!“ 248 „Nein, Rippell!“ unterbrach ihn Friedrich heftig.„Das iſt nicht wahr! Und es iſt nicht Eure Angelegenheit. In Glaubensſachen habe ich Scultetus zu hören.“ „Eben des Herrn Hofpredigers übergroßer Eifer....“ „Blaſt Ihr auch hier in dieſes Horn wie zu Heidel⸗ berg?— Zum Schutz des reinen chriſtlichen Glaubens, zur Befeſtigung und Fortpflanzung deſſelben habe ich dieſes auf meinem Haupte ſchwer laſtende Königthum übernommen. Soll ich jetzt dem göttlichen Auftrage untreu werden?“ „Geſtatten mir Ew. Majeſtät ein Wort“, begann Ca⸗ merarius, da Rippell ſchmerzvoll ſchwieg.„Die Böhmen haben die Hoffnung gehegt, daß Ew. Majeſtät ihren Glau⸗ ben beſchützen würden.“ „Und thue ich das nicht? Lege ich ihnen Zwang auf?“ ſagte der König heftig.„Aber in meiner Hofkirche kann ich doch nicht Bilderdienſt treiben? Es ſind auch nur die Katholiken, welche klagen oder die Kläger anſtiften aus Mis⸗ gunſt gegen mich. Ich weiß das beſſer!“ „Vergeben Ew. Majeſtät. Auch die Eoangeliſchen, die Utraquiſten“, ſagte Rippell mit Kummer.„Es geht mir ſo nahe, daß Ew. Majeſtät die Liebe dieſer neuen Unter⸗ thanen einbüßen ſollten....“ „Ihre Liebe einbüßen!“ rief der König und eine dunkle Röthe färbte ſeine Wangen.„Ihr geht etwas weit, Rip⸗ pell! Eurem Alter geſtatte ich manches dreiſte Wort, aber Ihr ſolltet Euch ſelbſt mäßigen!“ Er ging einigemal un⸗ ruhig im Zimmer auf und nieder; Rippell ſchwieg.—— „Und wenn ich die Liebe abtrünniger Unterthanen verlieren müßte! Sollte ich deshalb mein Gewiſſen belaſten?—— Was habt Ihr ſonſt zum Vortrag?“ Rippell nahm ein anderes Actenheft.„Die Noth im Volke iſt groß;— die Kriegsleute, die ihren Sold nicht — 249 richtig empfangen, halten ſich an den Bewohnern ſchadlos — das Landvolk iſt bedrückt durch Plünderung und Mis⸗ handlung von unſerem eignen Heer....“ „Genug, genug!“ rief Friedrich, der immer finſtrer blickte.„Davon hat mir Fürſt Chriſtian ſchon hinlänglich erzählt. Das ſind Alles die Entſchuldigungen Thurn's und Mansfeld's, weil es unter ihrer Führung mit dem Kriege nicht vorwärts will. Es iſt wol eher den Truppen der Sold einige Monate rückſtändig geweſen. Dürfen ſie darum wie die Räuber hauſen? Wenn der Führer das gehörige An⸗ ſehen und Einſehen hätte, ſo würde Alles beſſer gehen!“ „Die Thür des Nebengemachs öffnete ſich. Die Kö⸗ nigin trat halb ein.„O, lieber Friedrich, wenn du etwas Zeit hätteſt! Es ſind ſo viele Dinge zu beſprechen!“ „Auf der Stelle, meine Eliſabeth“, antwortete der Kö⸗ nig.„Ich muß jetzt abbrechen, Rippell. Wenn etwas zur Unterſchrift iſt, legt mir's morgen vor.“ „Ew. Majeſtät, es ſind einige dringend eilige Sa⸗ chen“, bat Rippell. „Nun, Nachmittag denn!“ antwortete Friedrich eilfertig und ging hinein zur Königin. Rippell legte ſeufzend ſeine Actenſtücke zuſammen. Camerarius ſchüttelte den Kopf.„Ich fürchte, ich fürchte“, ſagte er,„unſer Herr ſieht die Lage der Dinge anders als wir, und ſehr anders als ſie iſt!“ „Ich fürchte es nicht mehr, ich weiß es ſeit langer Zeit“, antwortete Rippell.„Gott ſchütze ihn!“ Stumm verließen die beiden Rathgeber das Vortrags⸗ zimmer. Die Königin hatte ihren Gemahl abgerufen, weil Scul⸗ tetus mit dem ganzen Arſenal ſeiner geiſtlichen Waffen auf ſie 11** 250 eindrang, ſie möge ſo eilig und ſo nachdrücklich als möglich auf den König einwirken, daß ſowol die ketzeriſchen und gottes⸗ läſterlichen Misbräuche, wie er ſie bezeichnete, in den böh⸗ miſchen Kirchen im Allgemeinen abgeſtellt würden, ganz be⸗ ſonders und ſofort aber auch in der prager Schloßkirche. Denn er könne es nicht in ſeinem Gewiſſen verantworten, das herannahende Weihnachtsfeſt— man ſchrieb ſchon den 21. December— in einer Kirche zu begehen, die voll gottes⸗ läſterlicher Zeichen des Bilderdienſtes ſei, und in der die Beſucher dieſen immer noch forttrieben. Denn vor den Cru⸗ eifiren beteten ſie den Herrn in leiblicher Geſtalt an, gleich⸗ wie in einem Götzenbilde; und vollends vor den Heiligen⸗ bildern trieben ſie abergläubiſche Abgötterei mit ſterblichen, ſündhaften Menſchen. Friedrich fand ſeine Gemahlin in Folge dieſer zelotiſchen Beſtürmungen in der höchſten Aufregung; die Thränen ſtan⸗ den ihr in den Augen. „Was haſt du, meine Theuerſte“, fragte er ſie mit theilnehmender Beſtürzung, als ſie allein im Nebenzimmer waren.„Was iſt dir? Du weinſt ja!“ „O, mein theurer Friedrich“, entgegnete ſie, in vollen Thränen ſich ergießend,„ſollen wir darum unter Gefahren und Kämpfen einen Königsthron beſtiegen haben, daß wir an unſerer Seele Schaden nehmen, daß die Reinheit un⸗ ſeres Glaubens erſchüttert werde? Du glaubſt gar nicht“, fuhr ſie fort, Scultetus' Worte faſt wiederholend,„welche Greuel hier vorgehen in Prag! Ich kann die Kirche nicht betreten, die ein wahrer Götzentempel iſt! Unſere eigene Schloßkirche, wo ich meinen Gottesdienſt verrichten ſoll, hegt und pflegt den Bilderdienſt und den ſündigen Aber⸗ glauben, der Menſchen gleich Göttern anbetet!“ „Wie kannſt du das ſagen und glauben“, antwortete g — 251 Friedrich, der ſeiner Gemahlin gegenüber gewöhnlich Das bekämpfte, was er vor ſeinen Räthen vertheidigte. „Wie? antwortete ſie.„Sind nicht Heiligenbilder darin aufgeſtellt? Und Crucifixe und Bilder der Mutter Gottes; und flimmert nicht Alles von jenem äußerlichen Tand und gottloſen Spielwerk der Katholiſchen? Von eitel Silber und Gold, Bild⸗ und Schnitzwerk?“ „Die Utraquiſten verehren die Heiligen, aber ſie beten ſie nicht an— ſie laſſen ihnen nur die Stellen in der Kirche, wo ſie von Alters her gewohnt geweſen, ſie zu ſehen und ſich ihres frommen Lebens zu erinnern“, be⸗ gütigte Friedrich ſeine Gemahlin. „Es iſt ein Greuel für mich!— Und du ſollteſt nur Scultetus darüber hören!“ Sie waren indeſſen allgemach bis an das Wohnzimmer der Königin gekommen, wo Scultetus noch verweilte. „O, Geſalbter in dem Herrn“, empfing er den König, aus deſſen wie aus der Königin Zügen er errieth, daß ſchon zwiſchen Beiden von dem Gegenſtande die Rede geweſen ſei, von dem er zu ſprechen beginnen wollte.„Ich bitte de⸗ müthig um Vergebung, daß ich mein volles Herz ausge⸗ ſchüttet habe zu Füßen Ihrer Majeſtät der Königin! Allein weß das Herz voll iſt, deß fleußt der Mund über! Und mein Gewiſſen gebietet mir zu reden!“ „Sprecht es gerad aus, Herr Hofprediger“, entgegnete der König,„was fordert Euer Gewiſſen?“ „Ich beſorge in meinem Innerſten“, begann Scultetus, „daß Ew. Majeſtäten, daß wir Alle Gottes gnädige Allmacht wider uns haben würden, wenn es länger geduldet würde, wie ſein reines Wort entſtellt und der Tempel des Herrn durch ſchmachvollen Bilderdienſt entweiht wird! Ew. Ma⸗ jeſtät haben den ſchweren Königsberuf nicht um eitlen welt⸗ 252 lichen Glanzes willen, ſondern zum Schutz der heiligen Re⸗ ligion auf Ihro Haupt genommen....“ „Gewiß, das habe ich“, unterbrach ihn der König, „doch ich habe gelobt, den Glauben aller chriſtlichen Be⸗ kenntniſſe in dieſem Lande unangetaſtet zu laſſen und zu ſchützen!“ „Wo der Glaube aber Unglaube wird“, fuhr Scul⸗ tetus mit Salbung fort,„wo er Sünde und Gottesläſterung wird, ſoll er auch da beſchützt werden? Und wenn wir Andere— ich will es nicht loben— unbekehrt im Irrthum wandeln laſſen, ſollen wir ſelbſt den Weg der Verirrung gehen? Soll dem Könige des Landes und Denen, die mit ihm in der reinen Lehre wandeln, kein Tempel geöffnet ſein, wo ſie den Herrn anbeten können im Geiſte und in der Wahrheit? Ohne ſchwere Verſündigung wider unſeren ge⸗ läuterten Glauben, durch Greuel des Bilderdienſtes, ja durch wahrhaft heidniſchen Götzendienſt! Hätte der Herr darum ſo hohe Wunder gethan, für uns Alle, da er Ew. Ma⸗ jeſtät berief zum Hort des Glaubens, daß er ſein eigenes Gotteshaus entweihet ſehen ſollte! Za, ja, der Allmäch⸗ tige hat Wunder für uns gethan. Oder iſt es nicht ein Wunder, daß in dieſem Königreich, wo man mit frevelnder Vermeſſenheit Alles zu vernichten, zu unterdrücken trachtete, was nur nach dem heiligen Evangelio ſchmeckte, daß über und wider vieler Menſchen Gedenken der freie Lauf dem Evangelio wiedergegeben worden? Iſt das nicht ein Wun⸗ der über alle Wunder, daß wir einen evangeliſchen König in Böhmen haben?*) „O, gewiß, gewiß!“ pflichtete der König bei und erhob ſeinen Blick gen Himmel. Die Königin faltete die Hände. *) Hiſtoriſch. „Eben das iſt ein Wunder“, fuhr Scultetus, den jetzt der Eifer der Selbſterhitzung ganz hinriß, fort,„daß ich hier in Prag auf der Kanzel ſtehen und von der innerlichen Herrlichkeit der Kirche Gottes predigen kann! Darum rufe ich aus:»Gott iſt unſer Gott, und unbegreiflich iſt es, wie er regiert.“*)— Aber wie er für uns war, wird er auch wider uns ſein und uns ſchlagen mit ſeiner Ge⸗ walt, wenn wir von ihm abfallen! Die Heiden hat ſein Blitz getroffen, die Feinde hat ſein Wort zermalmt! Sein Wort wird auch uns zermalmen, wenn wir ſeine Kirche heidniſch entweihen!— O, darum flehe ich Ew. Majeſtät an, in meinem heiligen Beruf als ein getreuer Diener Got⸗ tes, daß ein Ende werde dieſen Greueln! Das höchſte chriſtliche Feſt, die Weihnacht, die Geburtsnacht unſeres Herrn Jeſus Chriſtus, iſt nahe! Sollten wir zu dieſer heiligen Feſt⸗ zeit annoch in einem Götzentempel knien und beten?“ „Nein, nein! Es muß den Zorn des Herrn auf uns laden!“ brach die Königin weinend aus. „Und was verlangt Ihr?“ fragte der König ganz er⸗ ſchüttert und beſtürzt. „Und wenn der Götzendienſt geduldet wird im Lande, wenn er geduldet wird in den Kirchen dieſer ſfündigen Stadt, wenn die Finſterniß ſich noch lagert rings umher: in der Kirche, wo Ew. königlichen Majeſtäten ihre Andacht verrichten, wo ich ſelbſt des heiligen Amtes warte, da dürfen länger nicht die Götzenbilder geduldet werden! Ich darf ſie nicht dulden! Ich bin der geweihte Diener der Gottesverehrung im Geiſte und in der Wahrheit! Meines Berufes, meiner Pflicht iſt es, ſie zu vernichten, und müßte ich ſie mit eigner Hand zertrümmern! Hinaustreiben muß *) Hiſtoriſch. — 254 ich den läſterlichen Unfug aus dem Tempel Gottes, wie der Herr die Schächer auswies! Ich kann nicht die Kanzel betreten, nicht das reine Wort predigen am Weihnachts⸗ feſte, wenn dies Gotteshaus nicht zuvor gereinigt iſt!“ „Darf ich zerſtören, was ſeit Jahrhunderten her un⸗ angetaſtet die heilige Stätte ſchmückt? Soll ich zertrümmern, was Die verehren, welche mich zum Schutz ihres Glaubens hierher berufen?“ fragte der König in ſchwankender Seelen⸗ angſt.„Soll der König dieſes Landes das den Be⸗ wohnern dieſes Landes thun?“ „Ja, das darf er, das ſoll er für ihr wahres Heil thun!“ rief Scultetus fanatiſch aus.„Ich nehme es auf mein Haupt! Wenn dem irdiſchen Könige die That Be⸗ denken erregt, der Diener des himmliſchen Herrn iſt bereit, ſie zu vollführen!“ Friedrich ſtand im heftigen Kampfe mit ſich ſelbſt.„Ich kann das nicht befehlen“, rief er endlich verzweiflungsvoll. Die Königin ſchluchzte; ſie wollte ſich dem Könige zu Füßen werfen; er zog ſie an ſein Herz. „Ich nehme es auf mein Haupt“, rief Scultetus noch⸗ mals flammend vor Eifer.„Wenn nur Ew. Majeſtät Dem nicht wehren, was ich im Drange meiner heiligen Pflicht vollführen will, ſo ſoll das Haus des Herrn noch heut ge⸗ ſäubert ſein und ſein Feſt begangen werden an gereinigter Stätte!“ „So geſchehe denn, was Ihr verlangt! Aber Euer iſt die That und ihre Verantwortung, nicht meine!“ gab der König in wankender Schwäche nach. „Alſo will ich!“ rief der Geiſtliche mit eiferglühendem Antlitz.„Dann wird Gottes Antlitz wieder gnädig leuchten über uns!“ Fünfunddreißigſtes Capitel. Die Gräfin Thurn ſaß mit Thekla in einem Erker ihres Palaſtes zu Prag; Thereſe ſtand neben ihnen und blickte auf die Gaſſe hinaus. Plötzlich that ſie einen lauten Schrei.„Der Vater! Der Vater!“ rief ſie und flog an die Thür. Mit überraſchtem Staunen ſahen auch Thekla und Eli⸗ ſabeth aus dem Fenſter; vier Reiter, unter ihnen Wo⸗ lodna, der ſeit ſo langer Zeit Vermißte, ritten auf das Haus zu. Wolodna ſchwang ſich vom Pferde, Thereſe flog aus der Thür, ſie lagen einander in den Armen. In we⸗ nigen Augenblicken waren Beide oben im Gemach. .„Wolodna! Ihr ſeid es wirklich! Gott ſei geprieſen!“ Mit dieſem Ausruf begrüßte ihn Eliſabeth.„Welche Sor⸗ — gen haben wir um Euch gehabt! Wo waret Ihr ſo lange?“ Wolodna fand keine Worte, er hing in den Armen The⸗ reſens, die ihn mit Küſſen faſt erſtickte.„Ach, mein Kind, mein Kind!“ rief er endlich,„was habe ich erduldet!“ „Endlich doch ein Augenblick des Glücks in dieſer Zeit ſchwerer Trübſal“, ſeufzte die Gräfin vor ſich hin. „Erduldet?“ fragte Thereſe.„Um Gottes willen, was iſt Euch begegnet, Vater!“ „Mir iſt noch Alles wie ein Traum.— Ein Wunder Gottes iſt an mir geſchehen!“ rief er aus und blickte mit feuchten Augen gen Himmel.„Ja, ein Wunder!“ wieder⸗ holte er fromm und ſank erſchüttert in die Knie.„Dank, „ Dank, du Allgütiger, daß du mich zurückgeführt haſt zu den Meinen!“ 256 „Auch Xaver iſt hier“, ſagte Thereſe mit thränen⸗ glänzenden Augen über ihn gebeugt.„Auch der Graf Thurn!“ „Der Vater wird eine unbeſchreibliche Freude haben, Euch wiederzuſehen, lieber Wolodna“, ſagte Thekla mit herzlichem Tone. „Der Herr Graf iſt hier?“ ſagte Wolodna freudig. „O, gnädigſte Gräfin“, wandte er ſich zu Eliſabeth,„dann ſprecht ein Wort für mich zu ihm. Die Reiter dort unten waren meine Retter, ſie möchten in des Grafen Dienſte treten, verwendet Euch für ſie für mich, daß er ſie nicht zurückweiſe!“ „Gewiß, gern“, antwortete Eliſabeth;„aber erzählt doch, Wolodna. Was hielt Euch ſo lange ab? Wie ſeid Ihr gerettet?“ Wolodna wollte eben berichten, als die Gräfin, die das Auge nach den Reitern und ſomit nach den Fenſtern ge⸗ wendet hatte, äugſtlich ausrief: „Mein Gott, was iſt denn das? Seht doch, wie die Leute unruhig laufen! Sie eilen nach dem Hradſchin hinauf!“ „Was kann das ſein?“ fragte auch Thella ängſtlich. „Ach, welch eine Zeit iſt das! Jeden Augenblick droht ein Unheil!“ Alle traten ans Fenſter. Es ließ ſich jenes ſchauerliche Geräuſch hören, welches aus einer unruhigen Menge hervor⸗ geht; dumpfes Brauſen verworrener Stimmen, einzelne hef⸗ tige Ausrufe, der Schall haſtiger Schritte. „Das muß etwas ſehr Eigenthümliches ſein, und wie es ſcheint, nichts Erfreuliches“, ſagte Wolodna. Ein Diener öffnete haſtig die Thür und trat beſtürzt ein. „Um Gottes willen, gnädigſte Frau Gräfin“, rief er, 257 „auf dem Hradſchin in der Domkirche geſchehen ſchreckliche Dinge!“ „Was denn? Was gibt es?“ tönten ihm die Fragen entgegen. „Die Kirche iſt von ruchloſen Menſchen erfüllt, die Alles zerſchlagen und zerſtören!“ „O Himmel!“ rief Eliſabeth aus.„Das ſind gewiß Ausbrüche des blinden Religionseifers, vor denen Thurn ſchon den König gewarnt, ihm die dringendſten Vorſtellungen darüber gemacht hat!“ „Sie wollen die Heiligenbilder zerſtören, die Crucifixe herabreißen“, erzählte der Diener bleich vor Grauen über den Frevel. „Unmöglich, unerhört!“ rief Thereſe, die, wie ſtets bei großen Ereigniſſen, von höherem Geiſte ergriffen wurde, der ſo wunderbar in ihr flammte.„Das wäre eine That, die um Rache gen Himmel riefe! Für unſeren Glauben, für unſere Kirche, für das höchſte Heiligthum unſerer Herzen, haben wir den furchtbaren, blutigen Kampf begonnen, der jeden Tag ſchwerer auf uns laſtet, uns jeden Tag mit neuen Schrecken heimſucht! Und dieſes Heiligthum wollte man frevelnd antaſten? Unmöglich! Das dürfen wir nicht dulden!“ „Ich will zu Thurn ſenden— er iſt im Kriegsrath beim Fürſten Anhalt“— rief Eliſabeth. „Wir müſſen ſelbſt hinauf! Mit unſeren Leibern die Heiligthümer zu ſchützen!“ rief Thereſe begeiſtert. Draußen wuchs das ſchauerliche Getöſe. Ein dunkler Strom von Menſchen trieb ſich am Hauſe vorbei nach den Aufgängen zum Hradſchin hin. Thereſe, die in ſolcher Stimmung nur dem Gebot des Geiſtes gehorchte, der ſie erfüllte, war ſchon hinausgeeilt. 258 Wolodna folgte ihr. Bald waren ſie mitten in dem Strom der Menge, die zum Hradſchin hinaufeilte. Droben fanden ſie die Schloßkirche von dichtem Gewimmel umgeben. Es war nicht zu unterſcheiden, wer hier feindſelig oder wohl⸗ geſinnt war. Die Meiſten hatte die Neugier hinaufge⸗ trieben. Thereſe drängte ſich durch die Menge. Wolodna folgte ihr, um ihr ſchützend zur Seite zu bleiben, nicht um, was unmöglich erſchien, dem begonnenen Frevel Einhalt zu thun. Gleichzeitig mit ihnen trafen Abtheilungen von Soldaten ein, welche die Kirche umſchloſſen und den Andrang des Volks abwehrten. Ein Augenblick ſpäter und ſie würden nicht mehr hineingedrungen ſein. O wären ſie um dieſen Augenblick ſpäter gekommen! Ein Schauder und Empörung weckendes Schauſpiel wäre ihnen erſpart worden! Rohe Banden mit Aexten und Häm⸗ mern, Brechſtangen, Sägen, richteten, nach Scultetus' An⸗ ordnung, eine ſchauerliche Verwüſtung in dem heiligen, wundervoll majeſtätiſchen Gebäude an! Der ſtreng calvi⸗ niſtiſche Eiferer hatte ſeinen ganzen Zorn gegen die Heiligen⸗ bilder, die Crucifixe und alle andern Ausſchmückungen der Kirche ausgegoſſen!„Das Abendmahl!“ hatte er aus⸗ gerufen,„ſoll nicht mehr mit ſündigem Prunk genoſſen werden! Am einfachen Tiſche, wie der, an welchem der Herr ſaß, ſollt ihr es empfangen! Zertrümmern wollen wir die Götzenbilder, die Bilder ſündhafter Menſchen, die ihr als Heilige verehrt!“ Dieſe Worte fachten den fanatiſchen Eifer der Calvi⸗ niſten zur Flamme an. Und ob die rohe That den rohen Sinn aufſtachelte und ihm die Feſſeln jeder frommen Scheu abſtreifte, oder ob umgekehrt der rohe Sinn die rohere That gebar: mit taumelnder Zerſtörungswuth hatte das ruchloſe 259 Werk begonnen. Die Wahnerhitzten miſchten das ſchärfſte Kennzeichen der Seelenniedrigkeit, den Hohn und ſchnöden Spott in ihre Wuth. Mit lärmendem Getöſe riſſen ſie die Bilder der Heiligen herab und riefen:„Ihr Armen! Hat man euch doch ſtets gequält mit dem Geſchrei:«Betet für uns», nun ſollt ihr Ruhe haben.“*) Thereſe ſchauderte— und erbleichte, als ſie dieſe ruch⸗ loſen Reden hörte. Die Schreine der Reliquien wurden zertrümmert, der koſtbare, unerſetzliche, von Tauſenden verehrte Inhalt hinaus⸗ geſchleudert. Viele Gläubige, die aus angſtvoller Beſtürzung, wie Thereſe und Wolodna, in die Kirche gedrungen waren, rafften die auf dem Boden verſtreuten Gegenſtände der Ver⸗ ehrung und Anbetung auf, um ſie zu bewahren. Die Scher⸗ gen entriſſen ſie ihnen und riefen:„Ihr ſollt euren Götzen⸗ dienſt nicht ferner üben!“ Die Frommen boten Gold, um die Kleinodien der Seele anzukaufen. Das reizte die Habgier der Zerſtörer. Doch Scultetus trat dazwiſchen und zürnte:„Wollet ihr die Hand bieten zur Fortdauer des Bilderdienſtes? Eure See⸗ len ſind auf ewig verloren, wenn ihr ſolchen Frevel begeht! Es ſoll kein Götzendinſt mehr geduldet werden! Erlöſchen für ewig ſollen dieſe brennenden Kerzen am Altar, aufhören das ſündige Kniebeugen, das Kreuzſchlagen, der Sang und Klingklang, und all das eitel ſinnliche Gepränge! Fort mit dem Geläut, das Tag und Nacht ſinnlos das Ohr betäubt! Nieder dort mit dem gottloſen Altarbilde, das der lutheri⸗ ſche Sünder gemalt und der katholiſche Aberglaube ſich nicht entblödet hat in ſeinem Götzentempel aufzuhängen! Gott *.) Hiſtoriſch. ſelbſt, der Gott des Geiſtes und der Wahrheit, befiehlt die Zerſtörung der ſchnöden Werke des Sinnenreizes!“ Eine Schaar der Bilderſtürmer drang auf dieſes Wort gegen das herrliche Altarbild, von Lukas Cranach gemalt, an und riß es herab, daß es über den Altar hinſtürzte. Der Goldrahmen wurde zerſchmettert; mit dem Schwerte fuhren pfälziſche Kriegsknechte durch die Leinwand und ſchnit⸗ ten die Häupter der Heiligen, der Mutter Gottes und des Erlöſers ſelbſt, die darauf abgebildet waren, heraus.*)—— „Allmächtiger!“ rief Thereſe aus, die an ihren Vater gelehnt ſtarr auf den Frevel blickte.„Sie legen auch die verruchte Hand an den Heiland ſelbſt!“ Eine Rotte war zu dem großen Crucifix über dem Altar hinangeklettert; ſie ſchlangen Seile um daſſelbe und zerrten es herab. Es zerſchmetterte mit einem, die ganze Kirche erfüllen⸗ den, und das lärmende Geſchrei der Zerſtörer mächtig über⸗ ſchallenden Getöſe auf den Boden nieder und brach in Stücke. „Biſt du Gottes Sohn“, rief ein Ruchloſer höhnend, „ſo hilf dir ſelbſt!“ Das war der Gipfel des äußerſten Verbrechens! Die Frevler ſelbſt bebten zurück von dunkler Ahnung entſetzt. Ein Augenblick tiefer, ſchauerlicher Stille herrſchte im Tem⸗ pel des Herrn. Da erhob ſich Thereſe in der Kraft ihrer gottdurch⸗ glühten Seele. Sie trat auf die Altarſtufen, daß ſie die Menge überragte, hub ihre Rechte gen Himmel und rief: „Wehe über euch! Dieſen Frevel wird der Herr rächen! Wehe der Lippe, die ihn gebot, wehe der Hand, die ihn be⸗ ging, wehe der Zunge, die dieſe Läſterworte ausſprach!“ *) Hiſtoriſch. Von der Erſcheinung wie durch Wundergewalt ergriffen, ſtand die Menge gefeſſelt, auf die Begeiſterte hinſchauend. Das dunkle Haar wallte ihr herab auf die Schultern, ihr Auge flammte. Sie rief mit erhobenem Ton: „Dieſer Boden iſt entweiht! Fluch fällt auf dieſe Stätte! Des Himmels Zorn trifft dieſe Stadt, trifft die⸗ ſes Land! Wehe! Wehe! Wehe!“ Laut tönte der Ruf durch die ſchauerliche Stille in den Hallen der Kirche! Mit gebrochener Kraft ſank Thereſe zuſammen in die Arme des Vaters. Der wahntaumelnde Frevel erhob aufs neue ſein Haupt, und immer weiter drang der ungehemmte Strom verruchter Zerſtörung. Doch die Weiſſagung erfüllte ſich! Brockhaus in Leipzig. A. 5 * 5 ——— — “ 3— 5 15 3 —y— 5 ———